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Full text of "Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen"

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Nachrichten 



von der 



Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften 

zu Göttingen. 



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Philologisch-historische Klasse 

ans dem Jahre 1906. 



THIS ITEM HAS BEENNflCROFILMED Bv 

STANFORD UNIVERSITY LIBRARIES 
REFORMATTINGSECnONl994 CON<:titt 
SUL CATALOG FOR LOCATION 



Serlin, 

Weidmannsche Bachhandlang. 

1906. 



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J, 



Register 

über 

die Nachrichten von der Eönigl. Gesellschaft der Wissenschaften 

philologisch-historische Klasse 

aus dem Jahre 1906. 



Frensdorff, Katharina ü. von Rußland und ein G-öt- 
tingscher Zeitungsschreiber. Nachtrag S.242 

Frensdorff, Studien zum Braunschweigschen Stadt- 
recht. Zweiter Beitrag „ 278 



B. Eeil, Ueber ein megarisches Gfrabepigramm .... 

F. Kielhorn, Epigraphic Notes (19) 

R. Laqueur, Untersuchungen zur Textgeschichte der Bi- 
bliothek des Diodor 

Leo Meyer, Etymologische Mitteilungen 

Leo Meyer, lieber den Namen Gröttingen 

W. Meyer, De scismate Grandimontanorum (vier lateini- 
sche Rythmen von 1187) 

W. Meyer, Die rythmischen Jamben des Auspicius . . 

L. Morsbach, Zur Datierung des Beowulfepos .... 

B. Niese, Neue Beiträge zur G-eschichte xmd Landeskunde 
Lakedämons. (Die lakedämonischen Feriöken) . . . 

R. Reitzenstein, Ein Bruchstuck des Philochoros . . 

W. Rüge, Aelteres kartographisches Material in deutschen 
Bibliotheken. Dritter Bericht über die Jahre 1904 
und 1905 

E. Schwartz, Ueber ein megarisches Grabepigramm . . 

E. Schwartz, Die Acren von Gerasa und Eleutheropolis 

J. Wackernagel, Wortumfang xmd Wortform . . . 



231 
143 

313 
185 
331 

49 
192 
251 

101 
40 



1 
240 
340 
147 



W. Wiederhold, Papsturkunden in Frankreich. L ü. Beiheft. 




f 



•• •• •• 



Aelteres kartographisches Material 
in deutschen Bibliotheken^). 

Dritter Bericht über die Jahre 1904 und 1905. 

Von 
W. Rüge -Leipzig. 

Vorgelegt von H. Wagner in der Sitzung vom 23. Dezember 1905. 

Vorwort. 

In den Jahren 1904 und 1905 habe ich besonders den Westen 
nnd einen Teil der Mitte Deutschlands bereist und dabei in den 
Bibliotheken von Helmstedt, Dresden, Bamberg, Frank- 
furt a./M., Darmstadt, Marburg, Gießen, Düsseldorf, 
Cöln, Bonn, Coblenz, Cassel gearbeitet. Auch diesmal habe 
ich wieder das frexmdlichste Entgegenkommen und die bereitwil- 
ligste Unterstützxmg gefunden, ohne die es mir nicht möglich ge- 
wesen wäre, in der kurzen mir zur Verfügung stehenden Zeit so 
viel zu erledigen. Es ist mir eine angenehme Pflicht für diese 
Hilfe auch hier meinen aufrichtigsten Dank auszusprechen. Im 
Folgenden werde ich, wie das letzte Mal, nur über Karten xmd 
Globen berichten; alles andere, sowie auch einige häufiger vor- 
kommende Sparten und Atlanten, bleibt für den Schlußbericht 
aufgespart. Die Einrichtung des Ganzen und der Gang der Be- 
schreibung ist genau wie im ersten Bericht ; nur mochte ich einmal 
ausdrücklich darauf hinweisen, daß die Zahlen für den Maßstab 
nur ganz ungefähr richtig sein können. Bei großer Di£P<erenz 



1) Vgl. Nachrichten d. K. Gesellschaft der Wissenschaften zu Qöttingen, 
phU.-hi8t. Klasse 1904, 1—66. Aus diesem Bericht (dtiert I. Ber.) maß nr. 66 
ausgeschieden werden, da es keine selbständige Kurte ist, sondern aus Dan. 
Cellarias, Specnlom orbis terramm 1678 stammt 

Ifl. Qm. d. Wi«. Nftckriebtea. PhUolof.-Uftor. KImm 190«. H«ft I. 1 



2 W. Rüge, 

zwischen dem aas dem Gradnetz und dem aus dem Meilenmaßstab 
oder der Zeichnxmg der E[arte selbst berechneten Maßstab habe 
ich den ans dem Gradnetz ange^^en. 

. •••• ••' 

Zu den schon frühef • be&ut^ieii Abkürzungen (I. Ber. p. 2) kommt noch 
hinzu : Hantzsch, ^ndluiiiiM^c^^ = XXVIII. Beiheft z. Centralbl. f. Biblio- 
thekswesen 1904!*/'/'.**-.* 

.■••■•: \ ■■••••■ 

I. Handschriftliche Karten. 

a. Portulanlcarten und Seeatlanten. 

1. Pero Femandez, Portnlankarte von Westeuropa und 
Nordwestafrika, 1528; ca. 1:13.876000. 

Handzeichnxmg auf Pergament. Nach der Inschrift in Afrika 
und dem Namen des Aequators nach N, nach dem Namen des 
Verfassers nach NW orientiert, die Zeichnung steht schief, eben- 
falls nach NW, im Bahmen. 604(580) x 870(864)'»'", (914«»'«» 
in der am obern Rand befindlichen Zunge). Ben Verfasser gibt 
folgende Inschrift an: Feroffernamdez afez || eno porto era (?) de 
1528. 

Nordwestafirika bis zum Oolf von Guinea und der Mündung des Kongo, 
Manicongo, c : da padram, R da perra, R. damadanda. Westliches Becken des 
Mittelmeeres bis Italien, atlantische Küsten von Europa bis Holland, Großbri- 
tannien. Am linken Rand ein Stück Südamerika. Die Küsten sind mit einem 
schmalen, grünen Streifen umrandet. Ohne Innenzeichnnng, nur in Afrika sind 
vier ungeheure rotbraune Berge mit W&ldem angegeben, dazu die Bemerkung: 
Sera dos montes: craros em affirica : partes de libia. Die Breitenkreise sind an 
drei Meridianstücken angegeben. Nördlich von Südamerika 6*S — 48^N, östlich 
Ton Südamerika 6^ S — 17^ S (die Linie ist gebrochen, damit sie das Land nicht 
trifft), in Afrika 23*S — U^N; 10* = 80™™. Das Ganze ist von 328trahligen 
Kompaßrosen übersponnen, die Centralrose liegt fast genau in der Mitte des 
Blattes, nördlich vom Cap Palmas. Drei unbenannte Meilenmaßstäbe, oben in 
der Mitte, links und rechts unten. Der obere besteht aus zwei Teilen = je 
28™™ lu 6 Unterabteilungen, die abwechselnd durch Punkte wieder in 5 Teile 
geteilt sind; die beiden andern ans 13 Teilen, 74»"», die ebenfalls abwechselnd 
durch Punkte in 5 Unterabteilungen zerlegt sind, 10 Teile = 57™™, 10*^ = IS 
Hauptteile -f 4 Unterabteilungen = 69 Mitten. Gibraltar— Spartivento (1900>^) 
= 179™"; Genua— Spartivento (956^™) = 87™™; Tarifa— C. Finisterre (826»™) 
— 70™™. 

Dresden, Kgl. BibL Mscr. f, 17 Tab. geogr. A. 2005. 

Litt : Schmidt, Eurfürst August yon Sachsen als Geograph, 
Dresden 1898, 17, Anm. 46. — Hantzsch, Landkartenbestande 
nr. 281. 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 3 

Pnbl. : Hantzsch und Schmidt , Kartographische Denkmäler, 
Leipzig 1903, Taf. I (verkleinert). 

2. Pero Fez, Portnlankarte des westlichen Mittelmeers und 
der atlantischen Aoßenküsten, o. J. ; ca. 1 : 6 Mill. 

Handzeichnxmg auf Pergament. Nach den Zahlen der Brei- 
tenskala nach S orientiert; am nördlichen Rand ist das Zeichen 
. IHS- von S zu lesen, also nach N orientiert. 642(630) x 
785(776)"™, in der nördlich angesetzten Zunge 876™°". Unten 
links: PERO • FEZ • 

Westliches Mittelmeer bis ungefähr zum Oolf da Lion, Nordwestafrika bis 
zum c. domedam, südl. von boxador, Holland, Deutschland, Ostsee, Skandinavien. 
Großbritannien. Die Küsten sind grün umrändert, ohne Innenzeichnung, viel 
Fahnen und Wappen. In der Nähe des westlichen Bandes eine Breitenskala 
26®— 70<»'N, W = 177™™. Das Ganze übersponnen von 32strahligen Kompaß- 
rosen, die Centralrose liegt bei den SciUy-Inseln. Zwei unbenannte Meilenmaß- 
stäbe, am untern und linken Band (184™™) zu 15 Teilen, die wieder durch 
Punkte in 5 Tefle zerfallen. W = 14 Hauptteile + 2 Unterabteilungen =: 720 
Miglien. C. Finisterre— Tarifa (826^«») = 140™™. 

Dresden, Kgl. Bibl. Tab. geogr. A. 2006. 
Litt. : Schmidt , Enrfürst Angnst von Sachsen als Geograph, 
Dresden 1898, 17, Anm. 45. 

3. Nicolas Desliens, Weltkarte, 1641 ; ca. 1 : 26 Mill. 
Handzeichnnng anf Pergament , zwei Blatt neben einander. 

Die Ländernamen nordlich vom Aeqnator sind von N, die südlich 
von S her zu lesen. 1070(1065) X 590(586)™™. Die Benennung 
des Aeqoators -EQVINOCTIAL ist von N her zu lesen, und im 
Golf von Guinea südlich von 0^ steht ein Schiff mit der Basis 
nach N, den Masten nach S, ebenso westlich von Amerika; da- 
gegen reicht die nach N gerichtete Orientierung der südlichen 
Halbkugel niemals auf die nördliche, sodaß die Hauptorientierung 
doch die nach S ist. Links oben, in bandförmigem Ornament, so- 
daß die Buchstaben von N her zu lesen sind: FAICTE'A' 
DDEPPE • PAR • NICOLAS • DESLIENS 1541. 

Weltkarte. Im W Amerika. In Nordamerika: LA • NO WELLE • || TERRE • 
FRANCEZE. Kalifornien fehlt Die WestkOste von Nordamerika ist im Bogen 
nach NO gezogen, daran : TERRE SEPTENTRIONALE INCONEVE. In Süd- 
amerika : Terre da peroa, LA TERRE * || DY BRESIL. Unterlauf des Ama- 
zonenstroms. Im Südkontinent : LA TERRE • AVSTRALLE • INCONNEVE, sie 
reicht mit laua la grande bis 6^ S. Die Küsten sind grün gerändert, Innenzeich- 
niing fehlt bis aof einige Flüsse und Berge. Ländernamen, viel Wappen. Auf 
einem Meridian zwischen Afrika und Amerika ist eine Breitenskala angegeben, 
57» S — 79« N, jeder Grad numeriert, 10* = 42""°. Ebenso ein Meridian durch den 
Golf von Bengalen bis zum Südkontinent, 20* N — 45* S. Aequator und Wende- 
kreise ausgezogen. Das Ganze von Kompaßrosen übersponnen. Die 82strahlige 

1* 



4 W. Rüge, 

Centralrose steht im Hinterland des Qolfes von Guinea. MeilenmaBstäbe oben 
und unten links, oben und unten rechts, 76nuii, 6 Abteilungen, deren Hälften wie- 
der in 10 Teile geteilt sind, ohne Beischrift, das Ganze = 1200 Miglien. 
10^ = ca. 650 Miglien. Gibraltar— Spartivento (1900*^) = 82™™ ; Spartivento— 
Constantinopel (llöO^"") = 67™™; Cap der Guten Hoffnung — C. Guardafui 
(6100"^™) = 263™™. 

Dresden, Kgl. Bibl. Geogr. A. 52", unter Glas und Rahmen. 

Publ. : W. Hantzsch und Schmidt , Kartographische Denk- 
mäler. Leipzig 1903. Taf. H— IV (verkleinert). 

Litt. : S. Rüge, Peterm. Mitt. Erg.-Heft 106, 61 ff. 

4. Banet Panades, Portulankarte des Mittelmeers, 1657 ; 
ca. 1 : 8V4 Mill. 

Handzeichnung auf Pergament. Nach der Lischrift mit dem 
Namen und den Zahlen der Breitenkreise nach W orientiert. 
520(507) X 711(762)"»"», in der westUch angesetzten Zunge 905™«. 

Am Westrand, rechts unter dem Bild der Jungfrau Maria: 

banet • panades • mallorqui • en • massina • any • 1557 • 

Mittelmeer mit den atlantischen AuBenküsten, im N bis c. finib^ terra (Fi- 
nisterre), im S an der afrikanischen Koste bis Jebedich, ca. 28^ N. Zeichnung die 
gewöhnliche der Portalankarten. Einige Städtevignetten, besonders groi die von 
Genua, Venedig, Cairo. Viel Fahnen. Durch das östliche Mittelmeer geht ein 
Meridian, mit Breiten von Grad zu Grad, 29<^N — 43^ N. Die Linie ist noch 
weiter gezogen, aber nicht eingeteilt. IQfi = 134°^. Das Ganze ist von 32strah- 
ligen Eompaftrosen übersponnen, die Centralrose liegt im Tyrrhenischen Meer. Je 
zwei Meilenmaßstäbe am Nord- und Südrand, ohne Beischrift. Die größeren 
zu 24 Teilen, die kleineren zu 14, die abwechselnd durch 4 Punkte in 5 Unter- 
abteilungen zerfallen. 10 große Teile = 94™««». W = 14 große + 1 kleiner 
Teil = 710 Miglien. Gibraltar— Spartivento (1900*^) = 292««»™ Spartivento— Con- 
stantinopel (1150*"") = 190"™; Constantinopel— Ostende des Schwarzen Meeres 
(1050^™)= 200™™; Spartivento— Issischer Meerbusen (2160*™) = 290™™; Genua— 
Spartivento (955'^) = 149™™; Ostende des Schwarzen Meeres— C. Finisterre 
(4120*^) = 705™™. 

Dresden, Kgl. Bibl. Mscr. f. 15. Tab. geogr. A. 2306. 

Litt.: Schmidt, Eurfürst August von Sachsen als Geograph, 
Dresden 1898, 17, Anm. 45. 

6. Diegus Hörnern, SeeaÜas, 1568. 

Pappband mit Leder überzogen, geschlossen 290 x 423°^, 
29 Blatt 285 x 405™™ bestehend aus zwei dünnen Pergament- 
blättem, die an einander geklebt sind. Handzeichnung, außeror- 
dentlich fein mit viel Farben und Gold, Wappen, Fahnen. Mit 
Ausnahme der letzten sind alle Karten mit Kompaßrosen. Alle 
nach N orientiert. Auf dem 2. Bl. v. : Diegus home Cosmogra- 
phus Lusitanus fecit venettis äno apartu virginis {| • 1568. In ita- 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 5 

lienischer Sprache. Auf den Karten nr. 1 — 13 Breitenskala; 
Aeqaator und die Wendekreise sind ausgezogen , soweit sie in 
Frage kommen, 10^ = 84,B°°> ; nr. 14—21 ohne, nr. 22 wieder mit 
Breitenskala, Aequator, Wende- nnd Polarkreisen, 10® = 19,25"". 
Es sind vier verschiedene Maßstäbe angegeben. 1) nr. 2—13. Die 
Meilenmaßstäbe, die überall unbenannt sind, bestehen aas großen 
Teilen zu 6"", die wieder abwechselnd in 5 Unterabteilungen zer- 
legt sind. Nimmt man diese kleinen Spatien zu 10 Miglien (zu 
1480™"), so ergibt das ca. 1 : 12V8 Mill. ; nach der Breitenskala 
aber ca. 1 : 13 MilL V = ca. 70 MigUen. 2) nr. 14—19. Die 
großen, abwechselnd in 5 Unterabteilungen zerlegten TeUe der 
Meilenmaßstäbe sind = 19,3"", das gibt, die Unterabteilung 
= 10 MigUen zu 1230", ca. 1 : 3,19 Mül. 3) nr. 20. 21. Vier- 
teiliger Maßstab, 1 Teil = 33"" = 50 Miglien zu 1230", ca. 
1 : 1,86 MiU. 4) nr. 22. Hier besteht der Meüenmaßstab = 74,5"°* 
ans 13 Teilen zu 4 Unterabteilungen. Setzt man die letzteren 
= 25 Miglien zu 1480" , so ergibt das ca. 1 : 52 Mill. , nach der 
Breitenskala (s. o.) aber ca. 1 : 5772 Mill. ; 10" = ca. 680 Miglien. 
Inhalt: 1. 61. leer. 2. Bl. r. a. y. Abhandlang über die Kreise. S. Bl. r 
Sphäre der Himmelskugel. Nun folgen die Karten. 1) (3 v. a. 4 r.), Central- 
amerika bis mit Califomien. Breitenskala 5® S — 86^ N. Der für den Meüen- 
maßstab gezeichnete Rahmen ist leer geblieben. — 2) (4 v. u. 5 r.) Nordwesten 
von Südamerika von G. de santa Maria 42^ 8 bis R. del pra^el and c. del rio 
gegenüber den kleinen AntiUen. Im Innern der Amazonenstrom in großen eckigen 
Windungen von W nach 0. Breitenskala von 46® S — 15® N. Panama— Ostspitze 
von Latrinidad (2100kn>) = 209™™. — 3) (5 v. a. 6 r.). Oestücher Teü von Süd- 
amerika. Im S bis Estrecho de magalhones, ca. 52® S. Breitenskala 53®S — 7®N. 
Mündang des Amazonenstroms bis zar Magalhaesstraie (6050^™) = 460™™. — 

4) (6 V. a. 7 r.) Atlantische Küsten von Nordamerika, nordöstliches Südamerika, 
Kleine Antillen. Nördlich von Nordamerika: Mare leparamantiam. Breiten- 
skala 3®— 64® N. Ostecke von Trinidad— Ostecke von Haiti (1100^™) = 107™™. — 

5) (7 V. a. 8 r.) Atlantische Küsten von Earopa, bis mit Skandinavien. Im W. 
die nordöstlichen Teile Nordamerikas. Breitenskala 35 — 76® N , Oeffhang des 
Golfes von Biscaya, von C. Finisterre — St. Mathiea (700*'™) = 60™™, Lissabon- 
Hamburg (2160 ^) = 180™™. — 6) (8 V. a. 9 r.) Earopa ohne den äußersten 
Norden , Nordrand von Afrika, Kleinasien. Breitenskala 26—67® N. Oeflfhang 
des Golfes von Biscaya (700k™) = 60™™, Lissabon— Hamburg (2160^^™) = 180™™, 
Gibraltar— Spartivento (1900*'™) = 164^™. — 7) (9 v. u. 10 r.) Teü vom At- 
lantischen Ocean, Westküste von Afrika bis etwas über c. mesurado, Spanien, die 
östlichen und südlichen kleinen Antillen, ein Stück Nordamerika. 5® — 46® N, G. 
Finisterre — C. Tarifa (825*^™) = 65™™. — 8) (10 v. u. 11 r.) Teü vom At- 
lantischen Ocean, Golf von Guinea, Teü des nordöstlichen Südamerika. Auf zwei 
verschiedenen Meridianen ist die Breitenskala angebracht, im Golf von Guinea 
23® 8 — 0®, und nördlich von Südamerika 0®— 18® N, C. Palmas— Kongomündung 
(2600^) = 220™™. — 9) (11 V. u. 12 r.) Südafrika mit Madagaskar, der nord- 
östlichste Teü von Madagaskar fehlt Im Innern Berge und Flüsse. Breiten- 




6 W. Rüge, 

Skala 70—480 S. Nadelkap — südl. Ende von Madagaskar (2650^™) = 233"ODa, 
Nadelkap — Kongomündung (33001^°») = 250™™. — 10) (12 v. u. 13 r.) West- 
licher Indischer Oceao. Breitenskala 38^ S >3o N. Länge von Madagaskar (1700^m) 
= 135™™. — 11) (13 V. u. 14 r.) Nordwestlicher Indischer Ocean, Arabien bis 
mit Vorderindien. Breitenskala 8« S — 33® N. — 12) (14 v. u. 15 r.) Südost- 
asien mit Inselwelt. Im SO Nooa goinea. Breitenskala llo S — 30® N, lava 
(1050k™) = 75inin. — 13) (15 v. u. 16 r.) Oestlicher Teil der asiatisch- 
australischen Inselwelt. Breitenskala 15o S — 44oN. — 14) (16 v. u. 17 r.) Nord- 
westküste Europas von Frankreich bis Jütland, Großbritannien. Irland NO— SW, 
(490*^™) = 210™™. - 15) (17 V. u. 18 r.) Pyren&enhalbinsel. C. Finisterre — 
C. Creus (1025^™) = 330™™, Gibraltor— C. Creus (1000^™) = 300™™. — 16) 
(18 V. u. 19 r.) Westliches Mittelmeer bis Salerno. Gibraltar— C. Creus (1000*^™) 
= 300™™. — 17) (19 V. u. 20 r.) Mittelstück des Mittelmeeres. Nordküste von 
SicUien (270^™) = 83™™, Rom - Spartivento (520^™) = 169™™, Venedig — 
Otranto (755''") = 247™™. — 18) (20 v. u. 21 r.) Ostteil des Mittelmeeres. Greta 
(260''™) = 81™™, Küste von Syrien von Alexandrette — El Arisch (640^™) = 
180™™. ~ 19) (21 V. u. 22 r.) Schwarzes Meer. Bosporus — Phasis (1050^™) = 
375™™. — 20) (22 V. u. 23 r.) Adriatisches Meer. Venedig - Otranto (755'^™) 
= 428™™. — 21) (23 V. u. 24 r.) Aegäisches Meer. Greta (260*^™) = 138™™. 
— 22) (24 V. u. 25 r.) Weltkarte. Breitenskala nördlich von Südamerika und süd- 
lich von Westofrika 0®— 90® N, 0®-90® S. — Auf den letzten Blättern stehen Ka- 
lender (26 V. u. 26 r.) , Listen der Sonnenaufgänge (26 v. u. 27 r.) , Planeten- 
sphären (27 V. u. 28 r.), Darstellung der Zonen und Klimate (28 v. u. 29 r.). 29 v. 
ist weiß. 

Dresden, Kgl. Bibl. Mscr. F. B9». 

Publ. : Hantzsch and Schmidt , Kartographische Denkmäler, 
Leipzig 1903. Taf. V— XVU (= Karten nr. 1—6,7—13, 22). 

Litt. : W. Rüge, Zschr. f. wissensch. Geogr. VTEI, 1891, 404. 

6. Anonymus, Weltkarte, Anfang des 17. Jahrhunderts, 
ca. 1 : 19 Hill. . 

Handzeichnong aof Pergament, 3 Blatt neben einander. Nach 
N orientiert. 2200 x 1150™™. Oben in der Mitte in verziertem 
Rahmen: NOVA ORßlS TERRARVM GEOGRAPHICA || ac 
flydrogr. Tabula, Ex optimis in hoc opere auctoribl desampta. 

Weltkarte. Südeuropa sehr in die Breite gezogen, ebenso Kleinasien. Italien 
fast nach statt nach SO gerichtet. Skandinavien verh&ltnismäftig richtig. Von 
NOVA ZEMLA die Westküste bis Waygats im S. Dazu die Legende: Nova 
Zemla a peritisaimo Navarcbo Qulielmo Berner || di F. Amsterodamensi, cui hoc 
onerii ab AmpUisimb No||biliBS.i« Dominis ordinibus (?), ut viam per Septen- 
trionem ad Bcgna {| C-Athäy et Ohinarü indagaret, iniüctü erat : annis 1594 . 95 . et 
96 II prinium der^ctii «sr et partim etiam lustrata. lAPAN erstreckt sich ost- 
westlkh. Auf den INSm.^^ PHlLIPPINiE ist manilla angegeben. Der Nord- 
ratid TOD Aekri liegt nngefilltr unter 68— 70<> N. Asien ist durch el streto d'Anian 
von Amerika gt;trtiuiit. In den beiden Teilen von Amerika steht: AMERICA 
SKl'TENTB ION ALIS uud AMERICA MERIDIONALIS , zwischen beiden der 
S117Vä MEXICANVS. Die Lemairestraße und C. Hoom sind noch nicht ange 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 7 

deatei Die TERRA DEL FVOGO ist ein halbinselartiger Vorsprang des Süd- 
kontinentes. An der Westküste von Nordamerika gehen die Namen bis 61® N> 
im nordöstlichen Nordamerika steht: NOVA FRAKCIA mit Norombega. Terra 
Nova (Neufondland) ist eine geschlossene Insel. Zwischen GROENLAN||DIA 
ondTERRA DE LABRADOR das Fretom Davis, aber von Baffinsbai undHudsonsbai 
noch keine Ahnung. Die Südpolargegend ist von einem großen Kontinent be- 
deckt, der im S von Neu-Quinea bis 22<>S, und S von Bomeo bis 15® S nach N 
reicht Dort steht: Beach pro||vincia aurifera || quam pauci ex alienis || regionib^ 
adeunt propter || gentis inhumanitatem. || Maletur regnum || in quo maxima est || 
copia aromatum. Westlich davon in demselben Yorsprung Lucach || regnum. Oest- 
lich davon ein tief einschneidender Meerbusen bis ca. 35® S, dann springt das 
Land wieder bis ca. 2® S vor. Darin NOVA || GVINE^ || PARS. Hier schneidet 
der Ostrand der Karte durch. Am Westrand ist der NOVA || GVINEiE || PARS 
nicht an den Südkontinent angeschlossen, die Frage ist unentschieden. Das 
spricht auch eine im einzelnen allerdings nicht ganz sicher zu lesende Inschrift 
aus. OestHch davon INSVLJS SALOMONIS. In der TERRA AVSTRALIS 
INCOGNITA kommt die PSITTACORÜM REGIO vor. 

Die ganze Karte ist reich mit mäBig schönen Bildern verziert In jedem 
Erdteil ist eine große Landschaft, in den vier Ecken Frauengestalten, die Asien, 
Europa, Afrika, Amerika darstellen. Im Meere Schiffe und Ungeheuer. Die In- 
nenzeichnung beschr&nkt sich auf einige Flüsse und Bergzüge. Dazu konmien 
einige Ländernamen. Die Namen an den Küsten stehen wie bei den Portulan- 
karten. Breitenskalen sind angebracht links , rechts , in der Mitte , von 66Vs® S 
—75® N, 10® = 58"™. Längen sind nicht angegeben, (rechtwinklige Plattkarte ?). 
Dazu Kompaßrosen, 2 Centralrosen, eine im MAR DfIL ZVR, die andere südlich 
vom Kap Guardafui. Links und rechts unten , über den Darstellungen der Erd- 
teile, die nördliche und südliche Halbkugel in Polarprojection bis 50®. Unten 
links in schön verziertem, breitemJRahmen eine Scala Longitudinum. 880 Russica 
Milliaria (800 = 10®) » 660 ItaUca M. (600 =^ 10®) =: 220 Anglica et Galliae 
M. (200 = 10®) = 192Vs Hispanica.M. (176 = 10®) = 165 Germanica mill et 
Gkksconica (150 » 10®) = 64,75°uii; 90 Suecica (?), Sc&dica, Suedica (98 = 10®) 
= 53"™. Venedig— Hamburg (9151^"») = 70™™; C. der Guten Hoflfeung— C. Blanco 
(8000k«n) = 423™™ ; C. der Guten Hofl&iung— C. Guardafui (ölOOkm) = 345™™ ; 
Gibraltar— Spartivento(1900kin) = 137™™; Lissabon— Hamburg (2160km) = 107™™ 
Marseille— Algier (750kin) « 45™™ ; Bosporus— Phasis (1050^™) == 105™™ ; Riga— 
StraBe v. Kertsch (1550km) « 200™™. Die Karte ist 1617 für die kurfürstl. 
Kunstkammer in Dresden erworben worden (Hantzsch s. u.). 

Dresden , Kgl. Bibl. Mscr. A. 207™ Tab. geogr. A. 257. Im 
allgemeinen gat erhalten, nur ist die Schrift an vielen Stellen 
anleserlich geworden. 

Litt.: Hantzsch und Schmidt, Kartographische Denkmaler, 
Leipzig 1903. Einleitung. — Hantzsch, Landkartenbestände nr. 260. 

7. Vicenzo .... atiilia, Portolankarte des Mittelmeeres, 
Anfang des 17. Jahrhunderts ; ca. 1 : SVt Mill. 

Handzeichnnng auf Pergament. Nach N orientiert. 870 (in 
der Zunge 1000) x 660"«". Am linken Rand steht : VICENZO 



i 



8 W. Rogc, 

ATINIA [FECIT] IN CIVITATE NEAPOLITANA 

ANNO DOMINI 

EüBten des Mittelmeen and ein Tefl der atlAiitischen Kästen Afrikms und 
Europas. Im Innern einige Flosse, sonst viele Bilder Ton Fürsten, Reitem, 
Tieren, dazu einige große Städtevignetten. Am linken Band Breitenskala, deren 
nnterer Teil abgerissen ist, sie reicht jet«t von 22» N — 57«N., 1» = ca. 13"™. 
Kompaßrosen, die Centralrose liegt in Sidlien. Rechts zwei Meflenmaistäbe, der 
eine, 49°^, besteht aas 5 Teilen, von denen zwei wieder in 5 Unterabteilangen 
zerlegt sind, der andere, 138^°^, aas 14 Teilen. Es kommen also angeflihr 66 
Miglien aaf 1». Gibraltar— Spartivento (1900^») = 287«™; Spartivento— Issischer 
Meerbasen (2160*^) = 285«" ; Genua— Tanis (850kni) ^ iso»». 

Berlin, BibL der Gesellschaft für Erdkunde. 

litt. : H. Wagner, Leitfaden durch den Entwicklungsgang der 
Seekarten (XI. deutscher Geogr.-Tag, Bremen 1896) nr. 132, wo 
der Maßstab zu 1 : 6.000000 angegeben ist. 

b. Weltkarten. 

8. Henricos Olareanus, Weltkarte, 1510; ca. 1 : 74 Hill. 
Handzeichnung auf Papier. Nach N orientiert 426 x 297™" 

(Blatt), 416 X 248™" (Gradnetz). Am oberen Rand Zuschrift an 
den Leser, mit dem Schluß: Vale Glareanum studiosum lectorem 
ama. Agrippin^ ex Gymnasio Aristotelico nostro. Anno ab he- 
rici jn||fantis incamatione M . D . decimo. Calendas April, tertio. 

Weltkarte. Land verschiedenfarbig übermalt, Meer weiB. Im Innern Ge- 
birgszüge und Flüsse. Die Namen lateinisch. Zweite Ptolemäische Projection ; 
280»— 280^0, 10: 10»; 10» am Aequator = 11,6—12,5™™; 60» S — ca. 70» N, 10:10»; 
10» = ca. 15™™ am Mittelmeridian, schwer erkennbar. Kein Meilenmaistab. Die 
Karte ist eine Kopie der großen Weltkarte Waldseemüllers von 1507. 

Bonn , üniversitätsbibl. in einem Ptolemaeas von 1482 (Da 
1596), zwischen dem Register [e»] und: Non me fugit aj. 

Anderes Exempl. : München. 

PnbL: Elter, De Henrico Glareano. Bonnae 1896. — Ober- 
hnmmer, Jahresber. d. geogr. Ges. München 1892. — J. Fischer 
und Fr. v. Wieser, Die älteste Karte mit dem Namen Amerika. 
Innsbruck 1903, 10. 

9. H(enricus) GKlareanus), Weltkarte, (IBIO) ; ca. 1 : 80Mill,, 
resp. 160 MilL 

Handzeichnung auf Papier. Durchmesser der nördlichen Eblb- 
kugel 260"'°, der südlichen Halbkugel 140"". Links unten über 
einer Legende : H(enricus) 6(lareanus) H(elvetiu8) Lectori. Sal. 

Den größeren Teü des Blattes oben nimmt die nördliche Halbkugel ein, den 
untern die (kleinere) südliche Halbkugel. Ausführung wie in nr. 8. 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 9 

Polarproj., lOilO« ; die Meridiane am Aeqnator sind 22,6—24 resp. 12,5™"" 
die Breitenkreise ca. 14 resp. 7,b^^ von einander entfernt, vielfach so schwach, 
dafi sie nicht leicht zu erkennen sind. Ohne Meilenmafistab. 
Bonn, Universitätsbibl. (s. nr. 8). 
Publ. : Elter (s. nr. 8). 

c. Länderkarten. 

10. Ghristophoros Schissler, nördliche Halbkugel mit einem 
Tea der südlichen, 1BB8; ca. 1 :296 MiU. 

Auf der Außenseite einer Horizontalsonnenohr ans vergol- 
deter Bronce eingraviert. Durchmesser 67,B ™". Außen herum am 
sclimalen Rand des achteckigen Instruments : MAGISTER || CHRI- 
STOPH0RV||S SCHISSLER || ME FECIT || AVGVSTE || VINDE- 
LICOR VM II ANNO DOMINI || • 1BB8 • 

Europa in ganz rohen Umrissen, die Nordpolarländer sind dnrch Zeiger and 
Kreise verdeckt, die am Pol angebracht sind. In Nordamerika, das in seiner Zeich- 
nung der Mercatorkarte von 1638 (F. A. XLIII) sehr ähnelt, BACCALEARVM, die 
Westküste reicht bis 266<>. CVBA liegt unter 23 Vi^* Im nördlichen Südamerika PA- 
RIAS, im Nordostvorsprang CANIBALES, im Ganzen AMERICA. Im S reicht die 
Darstdlong bis 23 Vj® S. Der NW von Afrika erinnert an Ptolemäas. Persischer 
Golf sehr groß, Vorder- and Hinterindien recht gut,. Oestlich davon noch eine 
vierte Halbinsel. Im Innern der Länder einige Flüsse, Länder- and Völkemamen, 
Berge, Gestalten. Das Meer gewellt, dunkelfarbig (Silber), darin Schiffe und Un- 
geheuer. Breitenkreise von 10 : 10^, die vom Pol nach dem Aequator zu immer 
größere Abstände haben. Die Längenkreise von 10 : 10®, am Außenrand, also am 
südlichen Wendekreis, von 0^^—360® numeriert. Am Aequator 10* = 3,75 "">». 

Dresden, Mathem.-physik. Salon C. 39. 

11. Ghristophoros Schissler, Dentschland, 1668; ca. 1:11 
Hill. 

Eingraviert auf dem inneren Deckel desselben Instruments 
wie nr. 10. Nach der Schrift nach S orientiert. Ein Kreisrund 
von 68 ™" Durchmesser. 

Deutschland im N bis WERDEN (Verden), bis SCHEINNTTZ (Schweid- 
nitz), TROPPAV, S bis FVESSE, KEMPTN, W bis NAMVR. Gebirgs- und Fluß- 
reichnung, Ortszeichen. Der Rhein von COSTNITZ bis CLEFF (Cleve) ist recht 
gut, ebenso Werra, Fulda und Weser, Elbe mit Saale, Eger, Moldau und Havel. 
Die Spree mfindet nicht in die Havel, sondern fließt nordwärts. Die Oder von 
PRESSLAW bis FRANCKFORT, die Donau bis LINTZ. Ohne Gradangaben 
und Kompaßrosen. Am Außenrand sind 12 Himmelsrichtungen STD, SYDWGST, 
WESTSYD, WEST u. s. w. angegeben. Ohne MeilenmaßsUb. Cöln— Straßburg 
(270k») = 26"™ ; Dresden— Stuttgart (410^'™) = 34"™ ; Nürnberg— Aachen (380 ^db) 
= 36""; Cöln— Chemnitz (420l»") = 86"™. 

Dresden, Mathem.-physik. Salon C. 39. 

12. Ghristophorus Schissler, Mitteleuropa, 1566; ca. 1:13V8 
Mill. 



10 W. Rüge, 

Eingraviert aaf der Innenseite des 2. Deckels einer Horizontal- 
sonnenuhr von vergoldeter Bronce. Nach S orientiert. 87 x 98 ™™. 
Am Außenrand des viereckigen Instruments: CHRISTOPHORVS 
SCHISSLEE II FACIEBAT AVGVSTAE || VINDELICORVM 
ANNO II DOMINI 1566. 

Mitteleuropa. Im N bis SLETZBIG (Schleswig), bis DANTZWICK, 
CRACAW, OFFEN; S bis TER VIS, MAILAND, W bis PARIS, BRVGGE. Im 
SO und am Nordrand ein wenig Meer. Danzig liegt an einer außerordentlich 
breiten Halbinsel, an deren Wurzeln Gamin und Thom angegeben sind. Donau 
verhältnismäßig richtig bis zum Knie bei Waitzen. Der Rhein hat zwei Quell- 
flüsse NW von Bern. COSTNITZ liegt am Ostende des Bodensees. Rheinknie 
bei Basel schlecht. Weser mit Aller, Elbe mit Eger, Saale, Havel ziemlich gut, 
Spree mündet bei SYNDEN in die Ostsee. Die Zeichnung stimmt nicht durch- 
aus mit 1558 (s. o. nr. 11). Silberne Flüsse, Seen, Städtezeichen, gemaltes Meer 
mit Schiffen und Ungeheuern. Ohne Gradangaben, Kompaßrosen, Meilenmaßstab. 
Straßburg-Cöhi(270km) = 20«»™; Dresden— Stuttgart (410*™) = 27«»™; Nürn- 
berg-Aachen (380"™) = 26,75"™ ; Nürnberg— Brandenburg (345''™) = 29,76™™; 
Hamburg— Münster (280*™) = 23,5™™. 

Dresden, Mathem.-phy8ik. Salon. C. 9. 

13. Hiobus Madeburgos, Sachsen und Thüringen, 1566; 
ca. 1:235000. 

Handzeichnnng auf Papier, 9 Teile aof Leinewand gezogen. 
Nach N orientiert. 952x1320°"". Oben links in verziertem 
Rahmen: ILLVSTßISSIMO PRINCIPE || ET DVCE D. AVGVSTO 
II ELECTORE SAX : etc. || MANDANTE || HIOBVS MADEBVRG VS 
ANNE „ II BERGI VS • S • et D • M • DESCRIPSIT || MISENiE IN 
SCHOL A PRINCIPIS || M • D • LXVI • Am obem Rand in band- 
artigem Ornament: Daringische vnd Meisnische Landtaffel. 

Sachsen und Thüringen. Im N bis Magdeburgk, Zosse, bis Sittau, S bis 
Elbogen, W bis Eisenach. Ortschaften mit Vignetten, grüne Wälder, blaugrüne 
Flüsse, hellbraune Hügel. Links und rechts am Rande Breiteneinteilung, aber 
ohne Zahlen (wohl von 1 : 1'), mit der Beischrift unten rechts : JLATITVDINIS 
GRADVS, 3 Teile = ca. 27,5 ™™, 60 T. = 572 ™™. Für die Längen nur oben 
eine ähnliche Einteilung, aber ohne Beischrift. Unten rechts Meilenmaßstab, in 
10 Teile geteilt, ohne Zahlen, mit der Inschrift: Abteilung der meilen. 1 Meile 
= ca. 33,5™™, 10 Meüen = ca. 338™™. Darüber Kreis mit NORT, OST, SVD, 
WEST, lieber dem Meilenmaßstab Kompaßrose mit den 4 Himmelsgegenden. 
Leipzig— Dresden (100 *'™) = 430™™; Strehla— Joachimstal (1 12 1»™) = 460 ™™. 10 
Meilen = 36 Abteilungen am Rande. 

In der linken unteren Ecke ein Kreis mit Ranken verziert und mit der In- 
schrift: Fümemsten Berge vnd Stette || dauon die abtheilung dieser Q Landtaffel 
genomen. Oben MITTERNACHT, rechts AVFQANGK, unten MITTAG, links 
NIDERQANG. Darin das ganze Gebiet in kleinerem Maßstab wiederholt, ca. 
1 : IVi MilL, da Leipzig— Dresden (100*^™) = 75™™. Der umfassende Ring ist 
4 mal in 90« geteilt. 

Um die ganze Karte in breitem Rand die Ahnen des Kurfürsten August 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. H 

Dresden, Kgl. Bibl. Sax. A. 90. Unter Glas und Rahmen. 
Stellenweise stark beschädigt und undeutlich in Zeichnung und 
Schrift. 

liitt.: S. Rüge, Zschr. f. wissensch. Greogr. 11, 1881, 228. — 
Lippert, Neues Archiv f. Sachs. Geschichte XTT, 1891, 80. — 
Schmidt, Kurfürst August von Sachsen als Geograph, Dresden 
1898, 7. 

14. Amoldus Mercator, das obere Erzstift Trier, 1667; 
ca. 1:68000. 

Handzeichnung auf Papier, 6 Blatt in 2 Reihen übereinander 
auf starke Pappe aufgeklebt. Nach WNW orientiert. 1300 (1304) 
X 864 (864) "™. Unten rechts in verziertem Rahmen : Anno ab 
incamatione Do||mini 1667 absoluta est h§c || tabula 17 Julii per 
Amol« II dum Mercatore. 

Das obere Erzstift Trier. Mosellanf von Wasserbillich bis za dem Bach, 
der unterhalb Garden von N her in die Mosel mündet. Am untern Rand (also 
OSO) bis Mittelstremmich (Mittelstrimming) an einem ZufluB der Mosel, die 
Vloim (Flaombach), der Garden gegenüber bei Treis mündet. Rechts (ONO) 
Müllenbach, Wismescheid (Wiesemscheid), Barweiler, oben (WNW) Birgell, Ober- 
hettingen, Müllebom, nngef&hr der Lauf der Kyll von Birgel bis Densborgh 
(Densbom). Dieser wird durch das große kurtrier'sche Wappen unterbrochen und 
beginnt erst wieder bei Huttinghen (Hüttingen). Weiter am obem Rand Bidtborg 
(Bitburg), Stall, Berteigen (Birthingen) , Bettinghen, Stockum. In der linken 
oberen Ecke eine große Darstellung der Igeler Säule mit stark verwischter In- 
schrift, die sich auf die Säule zu beziehen scheint Links die Saar von Echter- 

nach bis Wasserbillich, Gunin (GGnen), Vill (Wiltingen). In der linken untern 

Ecke : DAS * AMPT || SARBVRGH. Weiterhin bUdet ungefähr die Mosel die Grenze, 
über die die Darstellung nur im Gebiet zwischen Winterich-Gom . . . en (Gom- 
hausen) und Bemcassell herüberreicht. Die Karte ist sehr reichhaltig, gibt fast 
alle Flüsse und Bäche, Dörfer, Gehöfte, Mühlen, Wälder, Straßen. Die Zeichnung 
der Flußläufe ist außerordentlich genau, speziell bei der Mosel kann man alle 
Windungen verfolgen, wenn sie auch vielfach nicht so genau sind, wie auf 
den modernen Karten. Die Flüsse sind hellbraun, die Straßen rotbraun, die 
Wälder grün, die Orte, je nach ihrer Bedeutung, mit verschiedenen Vignetten. 
Ohne Gradnetz. Am untern Rand rechts eine 32teUige Kompaßrose. Außen 
herum die Namen der 32 Himmelsrichtungen, Noordnoordoost u. s. w., innen die 
12 Windrichtungen nach Art der Griechen und Römer. Links unten ein Meilen- 
maßsUb, SCALA MILIARIORVM GERMAN: in drei Stufen 3000, 4000, 5000 
übereinander. Die dazu gehörige Inschrift ist beinahe gänzlich verwischt. Es 
liegt nahe, die drei Strecken als die kleine, mittlere und große deutsche Meile 
luizusehen. Sauermündung— Saarmündung (4,8 1"») = 90 ™™ ; Saarmündung— Brücke 
von Trier (7 J™)— 120 ™™; Brücke -Mündung des Föhrenbachs (11,6 J'"') = 180 ™™; 
Mündung d.F.-B.-Mündung des Salmbachs (7,26 >^) = 134 "md; Mündung d. F.- 
B.-Mündung des Lieserbachs, oberhalb Bemkastel. (14,1 km) = 261 «"»j Mündung 
d. L..B.— Garden (30^^) =, 507 min. Bernkastei— WitHch (16,5 k™) = 263 «n™. 



12 W. Rüge, 

Coblenz , Staatsarchiv. Karte A I la nr. 3. Im ganzen gut 
erhalten, nur die Schrift vielfach unleserlich. 

Litt. : Hansen, Mitteil, aus dem Kölner Stadtarchiv 1899, 141. 



II. Gedruckte Karten, 
a. Einzelkarten. 

15. Anonymus, Neapolitanisches Reich, 1567; ca. 1:1V4 Mill. 
Kupferstich auf Papier. Links oben TRAMONTANA, rechts 

oben LEVANTE, rechts unten OSTRO, links unten [P]ONENTE. 
471 (468) X 337 (336)°™. Am obern Rand in bandartigem Orna- 
ment: REGNO DI NAPOLI. Unten links: ALLA LIBRARIA 
DELLA STELLA || IN VENETIA 1B57. 

Unteritalien von der Linie Ancona bis ein wenig nördlich von Rom, und 
die Nordosthälfte von Sicilien. Das Meer ist in unregelmäßigen Reihen gestrichelt, 
das Land mit H&gelreihen, Flüssen, Ortsvignetten gezeichnet. Ohne Gradnetz, 
Kompaßrosen, Meilenmaßstab. Tarent— Capo d'Otranto (115 J™) = 79 ™n» ; Tarent— 
Rom (426 k™) = 367™°»; Ancona-Rom (220 ''™) = 203 ™™ ; Tarent— Neapel 
(256km) = 256™™; Ancona— Neapel (320^™) « 237™™; Tarent— Reggio(300 km) 
= 238™™; T.— Ancona (470 k™) = 360™™. 

Dresden, Kgl. Bibl. Tab. Georg. ItaJ. D 821B. Ziemlich stark 
beschädigt, besonders an einem ehemaligen Bruch von oben nach 
onten, und unten rechts. 

Vgl. unten nr. 29, 29. 

Anderes Exempl.: Br. Mus. 112889, Regno di Napoli . . . 
Venetia 1BB7. 

16. Heilrich Zeell, Deutschland, 1660; ca. 1:1,8 Mill. 
Holzschnitt auf Papier, 4 Blatt auf Leinewand gezogen, mit 

breitem schwarzen Rand rings herum. Nach N orientiert. 731 (733) 
X5B7(BB4)"™. Oben links in bandartigem Ornament: Ein neuwe 
vnd eygentliche Beschreibung || des Teutschen Lands/da^|rinnen 
die fömemen Pürstenthum/Her||8chafften, Graffschafften vnd Stett 
Teutscher Nation/auch die vmb»||ligenden anstös andern Herschafften 
vnd Königreich || auff das fleißigest verzeychnet werden. || Durch 
Heilrich Zeellen zu Straßburg. || Im jar Christi. M. D. LX. Rings 
herum läuft eine breite, bunte Zierleiste mit Wappen. In deren 
linker Ecke in kleinem Kranz : HEIL||RICHVS || ZEELLIVS ||, 
rechts: FACIEBAT || ARGEN- 1| TINA[E]. 

Deutschland mit den angrenzenden L&ndern. Im N bis Schleßwig, bis 
^önigßberg, S bis Brixen, W bis Nieport, westlich von Ostende. Hohe braune 
Berge, breite, graue Flüsse, blaugrüne Seen, grüne Wälder, gelbe und rotbraune 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 13 

OrtSYignetten. Das Meer grün mit Wellenzeichnung, mit Schiffen und einem Un- 
geheuer, auf dem ein gepanzerter Ritter reitet, in Nord- und Ostsee. Rhein, 
Weser, Elbe, Weichsel, Donau verhältnismäBig gut. Aber die Spree geht bei 
Stralsund in die Ostsee, die Havel kommt von S, Eisenach liegt am linken Ufer 
der Werra. Westlich der unteren Weichsel sehr hohe Berge. Links unten, noch 
in der inneren Umrahmung der Karte, in omamentalem Rahmen: OEORGIVS 
FABRICIVS E*||AD LECTOREM. || Quas urbes populosqj habeat Germania regum 
II Patria, et Imperij hello animisq^ potens || ZeeUius in parua dat conspicienda tabella, 
n Cui grates toto pectore Lector age. || Unten rechts ebenso : MICAELVS TOXITES 
R.||AD H. ZEELLIYMJI. Justiciaqj grauis, belliq5 insignis ob usum, ||Laesit ubi 
sanctam nulla cupido fidem, || Clausa est exiguis ä te Germania chartis, || At non 
exigna hinc gloria parta tibi. Ohne Gradangaben, unten in der Mitte ein Kom- 
paß. Am untern Rand Meilenmaßstab, links: Gemein teutsche meilen, von Y:V 
gezählt bis XXX, = 125,5"™, bis [88] eingeteilt = 139™". Rechts: XX Groß 
teutsche meilen = 105 "" ; noch weiter rechts : Klein [XX] teutsche meilen, 
= 60""; eingeteUt bis [25] = 74"". Cöln—Dresden (475 *'") = 230 "" ; Cöhi— 
Straßburg (270^") = 145""; Regensburg— Berlin (400''o>) = 218"" ; Hamburg- 
Berlin (250>^") = 131""; Breslau— Posen (140^") = 106""; Basel— Straßburg 
(llö''") = 65""; Leipzig— Dresden (lOO^^") = 54,6""; Hamburg— Münster 
(280'^") = 145"". 

Dresden, Kgl. Bibl. Tab. geogr. B. Germ. 1052. 

17. Tilemannus Stella, Mitteleuropa, 1560; ca. 1:4 Hill. 

Holzschnitt anf Papier, 2 Blatt übereinander. Nach S orien- 
tiert. 378 (375) X 549 (552) "", die kreisförmige, innerste Umrah- 
mung 283,5 (auf 50"25'N) x 286""". Oben in einfachem Rahmen, 
mit deutschen Buchstaben, ausgenommen den Namen des Verfassers 
und das Wort Anno: Die gemeine Landtaffel des Deut|lschen 
Landes / Etwan durch Herrn Seba«||stianum Münsterum geordnet / 1[ 
Nun aber vemewert vnd gebessert / durch || TILEMANNVM 
STELLAM, von Sigen. Unten steht: DEm Durchleuchtigen vnd 
Hochgebornen || Fürsten vnd Herrn / Herrn Johann Albrechten 
/ Hertzogen zu || Mechelnburg / Fürsten zu Wenden / Graffen zu 
Schwerin/ || der Lande Rostock vnd Stargard Herrn / seinem gne* 
di^llgen Herrn / hat diese Landtaffel dedicirt Tile»|lmannus Stella, 
von Sigen. Anno 1560. 

Der Inhalt der Karte ist = I. Ber. nr. 49. Außer den dort angegebenen 
Entfernungen noch folgende: Dresden— Leipzig (100^™) = 20™™; Basel— Straß- 
burg (115*™) = 26™«»; Cöln— Straßburg (270*™) = 66™™; Breslau— Posen 
(140 km) = 37inin. Hamburg— Münster (280 ^^o) = 60™™. 

Dresden, Kgl. BibL Germ. 1050. 
Litt. : S. Rüge, Globus LX, 4. 

18. Anonymus, Gebiet von Rom, 1660; ca. 1:326000. 
Kupferstich auf Papier. 2 Blatt neben einander. Nach 

orientiert. 440 (438) x 316 (313) ™™. Oben in der Mitte in einfachem 



14 W. Rüge, 

Rahmen: PAESEDIROMA. Unten rechts unter dem päpstlichen 
Wappen die Jahreszahl 1660. 

Im N bis C. castellana, spoleti, bis Taglacozo, oleuano, S bis ciprano, 
W bis znm Meer. Hügel, Flüsse, Wälder, Städteyignetten. Das Meer unregel- 
mäßig gestrichelt mit vielen Schiffen und Schiffchen. Ohne Gradnetz und Kom- 
paßrosen. Rechts unten Meilenmaßstab: Cinque migla = 27°*™. M. Circeo— 
Spoleto(180km) == 440"™; Bracciano-Olevano {76^^) = 360"™; C. Vecchia— 
Bracciano (30 km) = 80—85™™. 

Dresden, Kgl. Bibl. Tab. Gteogr. Ital. F. 14670. 
Vgl. I. Ber. nr. 67,40.41. 

19. Oiacopo di Gastaldi, Italien, 1561 = I. Ber. nr. 61. 
Vgl. nnten nr. 29, 24. 

Dresden, Kgl. Bibl.; eingeklebt in Antiq. Rom. 116^ Hantzsch, 
Landkartenbestände nr. 589. 

20. HCiob) M(agdeburg), Sachsen, 1562; ca. 1 : 1.860000. 
Holzschnitt auf Papier. Nach N orientiert. 132x106™". 

Oben über dem Rand: MISNIA. In einem breiten Band rechts 
oben innerhalb des E^rtenrahmens steht die Zahl 1562 nnd das 
Monogramm von Hiob Magdeburg. 

Das heutige Sachsen. Im N. bis Calbia, bis badisina und leutmericiü, S 
bis Joachimstalü, W bis mäsfeldü. Flüsse, Berge, Städtezeichen. Längen und 
Breiten sind am Rande angegeben, oben und unten 86 — 38, aber in sich und im 
Vergleich zu einander ungleich eingeteilt, rechts und links, ebenso unregelmäßig, 
61,62, (ca. 60» 45' bis 62« 10'), V = 68(72)™". MeUenmaßstab rechts unten, 
1,2,8,... 12 Miliaria = 60'°'°. Oben rechts unter der Jahreszahl eine EompaB- 
rose. Lipsia— dresda (100 k") = 52™"; strela— Joachimstalfl (112*^™) = 58"™ 

Dresden, Kgl. Bibl. Sax. A. 85, nnter Glas nnd Rahmen. 

Publ.: Schmidt, Knrfiirst Angnst von Sachsen als Geograph, 
Dresden 1898. Taf. I. 

Litt. : S. Rüge, Zschr. f. wissensch. Geogr. 11, 1891, 228. — 
Schmidt, a. a. 0. 7. 

21. Paulo Porlani, Savoyen, 1562; ca. 1:926000. 



Kupferstich anf Papier. Nach orientiert. 436 (435) x 320' 



der nntere Rand ist abgeschnitten. Am rechten Rand in orna- 
mentiertem Rahmen: DESCRITTIONE DEL B DVCATO DI 
SAVOLA II NOVAMENTE POSTO || IN LVCE IN VENETIA|| 
L'ANNO a. M 4- D 4. LXII a.. Darüber: Ferando Berteli libraro 
exe. Oben links in verziertem Rahmen: AI Molto.Mag? et Ecce*? 
Sig7 Luigi Balbi, Sig? et padron mio ossernanT || Mi pernene 
alle mani questi di addietro Mag? Sigf Loigi il Dncato di 
Saaoia, cosa || non piü nednta in qneste • nf e • parti, per la qnal 
cosa per lo raritd sna, mi risolnci ci || commune ntilitd di coloro 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 15 

tatti, chi della honorata, et dilettenole, G^ografia si dilettano, 
con H ogni mia diligenza intagliarlo, et darlo faori, et parendomi 

appresso 'D* 'V* 'M* Prontissimo seroitore, Paulo For- 

lani, Veronese. 

Deckt sich mit Ortelias 1571 nr. 12. bis La soorce du rosne, S bis 
Tarin und Nre dame des plans südlich von Montelimart, W bis Digion, N bis 
Straesbourg. Hügelketten, Wälder, Flüsse. Hier und da kleine Legenden, z. B. 
bei Mäcon an der Sa6ne: .Tutti quei, ch' uano insu et giü per || questo fiume, 
diiamano la riuiera || di qua, riuiera del R6 df franza, et || quella df lä,« || rfufera 
dell' Imperatore. Ohne Oradangaben. Rechts über dem Titel Scala Miliaria, 
1, 2, 3 ... 10 = 66"m Lyon— Turin (230»'™) = 322™°» ; L.-Basel (286>™) = 
248""; L.-Genf (110^^) = 121"". Die Karte ist offenbar nach Aegidius Bu- 
lionius (I. Ber. nr. 42) gearbeitet 

Dresden, Kgl. Bibl.,' eingeklebt in G^ogr. A 145. Hantzsch, 
Landkartenbestände nr. 624. 

Anderes Exempl. : Lafreri nr. 22. 

22. Paulo Forlani, Gebiet von Rom, 1563 = I. Ber. 
nr. 67, 41. 

Dresden, Kgl. Bibl., eingeklebt in Qteogr. A 145. Hantzsch, 
Landkartenbestände nr. 620. 

23. Paulo Forlano, Frianl, 1564 = I. Ber. nr. 67, 35, wo 
unter den anderen ExempL noch nachzutragen ist : Lafreri nr. 49. 

Dresden, Kgl. Bibl. Ital. B. 4110. 

24. Ferrando Bertelli, Mailand, 1567 = I. Ber. nr. 67, 
38, wo Dncato in Dncado zu ändern ist. 

Dresden, Kgl. Bibl., eingeklebt in Geogr. A 145. Hantzsch, 
Landkartenbestände nr. 611. 

25. Ferrando Berteli, Sicilien, o. J. ; ca. 1 : 790000. 
Kupferstich auf Papier. Nach N orientiert. 428(426) x 

330(329)"". Ohne Titel. Oben links in ornamentiertem Rahmen 
die antiken und modernen Namen der Orte Siciliens mit der 
Ueberschrift: LI NOMI ANTICHI E MODERNI DE LISOLA 

D SICILIA. Darunter : Ferrando Berteli Excudebat. 

Sicilieo mit der äußersten Südwestspitze Italiens und einigen Aeolischen In- 
seln. Im Innern H&gelketten, Flüsse, Ortsvignetten. Rechtw. Plattk.; unten 
und oben (86^34') 37^— 40^ (22^), nur ist die Scala oben ein wenig nach rechts 
verschoben, 36«33-40^21', 1^ = 113""; links und rechts (36^42')87<»— SS^CSO, 
10 = 140"". Meilenmafistab unten, Scala delle miglia d'Italia 25, 50, 75 
= 122"". 1« = 86 miglia. Messina— Syracus (130*™) = 186""; M.—Palermo 
(190*™) = 260""; M.-Mar8ala (270>™) = 866""; M.-C. Passaro (172^") = 
240"^ ; Palermo— Girgenti (92^") = 182"" ; P.— Cefalü (bef^m) = 67"" ; C. P.— 
Marsala (270^") = 846"" ; Palermo— Syracus (205^") = 258""- 

Dresden, Kgl. Bibl., eingeklebt in Gteogr. A. 146. YgL 
Hantzsch, Landkartenbestände nr. 633. 



16 W. Rüge, 

26. Pietro Oopo, Istrien, 1569 ; ca. 1 : 240000. 
Kupferstich auf Papier. Nach N orientiert. 497(493) x 317 

(320)"". Unten links in verziertem Rahmen : AI S' Aldo Ma- 
nutio II Molto hon^ S' mio, Mio desiderio fn sempre 1 di giouare 
agli uirtuosi, et insieme rendermi grato || a persone di ualore il 
che mi 6 paruto hora de poter con«||seguire asai conuenientemente 
nel mandar in luce il pr€te || Disegno dell* ISTRIA di M. Pietro 
Copo : et mandarlo sotto la || protettione di* V. S. laquale h adoma 
di tante belle quantitä quftte || diffidlmente unite , in altro si ri- 
trouano. Goda adunque questojjmio picciolo dono ; credendo, che 
io glie lo porgo cö diuot^ || affetto di cuore, et uiua lieta che N. 
S. Dio la conserui || Di Y. S. molto humS^ Seruitor || Ferrando 
Bertelljl569. 

Istrien, die Halbinsel liegt von KW nach SO. Breite Flüsse, Hügelreihen, 
Wälder, Ortsyignetten. Ohne Gradnetz, Kompaßrosen und Meilenmaßstab. Triest — 
Pola (90>™) = 465™™ ; Fiume— Pola (12^ = 210«™ ; Fiume— Triest (60^™) = 
330miD. Ortelias 1571 erwähnt die Originalkarte: Petras Coppas, Hystriam, ati 
Leander Albertas Aactor est 

Dresden, Kgl. Bibl. Hung. 1120. 

Anderes Exemplar: Lafreri nr. 51. 

27. Qiacomo Oastaldi, ItaUen, 1569; ca. 1: 1700000. 
Kupferstich auf Papier , 2 Blatt neben einander. Nach N 

orientiert. 762(763) X 523(522)"™. Unten rechts in omamen- 
tiertem Rahmen: AI Molto Mag"^ et Eccell"' SigV Carlo Vicen«i| 
tino suo Sig*.' sempre osserT || Tra le piü belle e piu perfette 
opere di 'M'G-iacomo Grastaldi pre«{|stantis8imo Cosmografo, al- 
cuna n5 6, che mai s'habbi possuto cö^{|parare alla sua ITA- 
UAy come ha molto ben il mondo conosciuto; || poi che le stampe 
p.""* d'hora all* intaglio ridotte si sono del tutto p{|löghissimo uso 
consumate ; io ueramete desideroso della restauratione || di cosi 
rara fattura, accio che no restin gli huomini priui di cosa täto || 
bella e pretiosa, hö di nouo uoluto intagliarla et istamparla: . . • 
. . . endigt: Di Venetia il pr dell'Anno Mj-Do-LXVmi. || D . V . 
S.E~ AfiT ser'* Paolo Forlani Veronese. || 

Italien mit den amgebenden Meeren, Inseln and Festlandstücken. Im K 
bis Qradisca, bis Nordwesth&lfte von Corfa, S halb Sardinien, der NO von Si- 
cilien, W bis Antibes. Die Zeichnang deckt sich fast völlig mit dem Nachdrack 
bei Ortelias 1571, nr. 32. Flüsse, Hügelreihen, Ortsvignetten im Innern. Das 
Meer in anregelmäßigen Reihen gestrichelt, ohne Schiffe and Ungeheaer. Tra- 
pezf. Proj.; anten (28<>7') 29'*— 44^ (ca. 20'), 1** = iVmni; oben (27'*45')28**-45<> 
(nicht ganz). 1" = 44,6m«n ; rechts (37** ca. 30') 38«— 45« (ca. 40') ; links (37« 
ca. 26') 380— 45* (ca. 35'), 1« = 63««». Im MAKE DI TOSCANA eine ISstrah- 
lige Kompaßrose. Ueber dem Titel anten rechts ein Meilenmaßstab, 10, 20, . . . 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 17 

50, = 45mm mit der Inschiift Scala di miglia; 70 miglia = 1®. Rom — Tarent 
(425kni) = 240niin ; Genua— Tarent (SlO^ni) = 477mni ; Venedig— Ancona (225km) = 
174mm j Tarent— Capod'Otranto (U5km) = 74mm ; Ancona— Rom (220km) = isomm. 
Das Original L Ber. nr. 51. 

Dresden, Kgl. Bibl. Ital. A 127. Die Karte ist früher viel- 
fach gebrochen gewesen, an diesen alten Brüchen ist sie mehrfach 
beschädigt. 

Vgl. Br. Mus. I 1474 , Furlani, Nova Carta dellltaUa. 1B69. 

28. Anonsrmus, Sachsen und Thüringen, 0. J. ; ca. 1 : 700000. 

Kupferstich auf Papier. Nach N orientiert. 469 X 326mm, 
auf der Mittellinie des ovalen Kartenrahmens gemessen. Am 
Obern Rand: CflOROGRAPHIA NOVA MISNLE ET TflV- 
RINGLE. • . 

Sachsen und Thüringen in ovalem Rahmen , der rechts und links den vier- 
eckigen fast berührt. Die Ecken sind mit Wappen und Wappentieren ausge- 
füllt. Rechtw. Plattk. ; oben und unten zwei Längengradskalen über einander, 
die um 4Va^ differieren. Sie sind aber nicht bezeichnet Die innere Skala reicht 
von (27«)30'— 32030', die äußere von 32o— 37»; l« = 94™™, diese wieder in 
10 : 10' eingeteilt. Rechts (öOnoO 20'— 52^10'(ir), von 10 : 10' eingeteilt ; die 
Bezeichnung am linken Rand ist verwischt, 1** = 166™™. Am Ostrand: Sitt, 
Baüczen, Spremberck, Sprott, Beske; Nordrand: Halberstatt, Gloster Letzka, 
Luckenwalt ; Westrand : Werra Aus , Isenach , Schmalcalden ; Südrand : Egra. 
Oben rechts drei Meilenmafistäbe über einander, Scala kleine meile, Mittel m, Qrose, 
je fünf = 51, 55, 61™™; danach P = ca. 16 V* kleine, 14 Mittel, I2V4 Grose. 
Leipzig— Dresden (lOO''™) = 140™™ ; Strehla— Joachimsthal (112km) = 164™™. 
Nach einer Mitteilung von L. Rosenthal in München an die Egl. Bibl. in Dres- 
den ist die Karte genau so ausgeführt, wie eine in seinem Besitz befindliche 
Chorograpbia nova Franciae orientalis von Sebast. Rotenhan, 1571 neu aufgelegt 
und gestochen von Balth. Jenichen. Andrerseits stimmt die Art der Zeichnung 
genau mit I. Ber. nr. 67, 6. Hantzsch (s. u.) hat schon auf die engen Bezie- 
hungen zwischen dieser und der vorliegenden Karte hingewiesen ; ob der Ano. 
nymus die Vorlage, wie H. meint, oder der Nachdruck ist, wage ich noch nicht 
zu entscheiden; manches spricht für das Letztere. 

Dresden, Kgl. Bibl. Sax. A. 125. Stellenweise sehr abge- 
schabt. 

Litt. : flantzsch, Landkartenbestände nr. 387. 



b. Sammelbände. 

29. In der ehemaligen Universitätsbibliothek za Helmstedt 
befindet sich nnter der Signatur T. fol. 4B ein in dünnes Per- 
gament gebundener Sammelband , geschlossen 310 x 470°^, 
von derselben Art wie der im I. Ber. nr. 67 beschriebene Ro- 
stocker Atlas. Außen trägt er den handschriftlichen Vermerk: 

Kfl. Gm. d. WiM. NMlurieht«n. Pbiloloff.-hiaior. KImm 1900. H«n 1. 2 



18 W. Rüge, 

X Figuren der Mappen sampt || etlicher fömeme (!) stette". Alle 
Blatter sind Eopferstiche, sie sind mit wenigen Aasnahmen gut 
erhalten, und handschriftlich von 1 — 75 numeriert. 

1. Antonius Florianus, Nördliche Halbkugel, o. J.; ca. 
1 : 51Vt MilL 

Nordpol im Mittelpunkt der Karte. 411(407) x 463(457)™". 
Ohne Titel; vgl. folgende nr. 

Nördliche Halbkugel. Amerika von Asien getrennt. Um den Nordpol eine 
grofte Halbinsel, die an der Grenze Asiens und Europas ansetzt, von Amerika 
durch einen ganz schmalen Sund getrennt ist. In Nordamerika steht: A ME- 
RZ || GAE, im nördlichen Südamerika: PARIAS. Im Innern Flüsse und Hügel- 
reihen. Das Meer ist punktiert. Links oben ein verziertes Medaillon: CLAY- 
DIVS.PTOLOMaEVS, unten ein ebensolches, aber leer. Rechts oben und unten, 
Tom Rande durchgeschnitten, zwei verzierte Rahmen für Titel u. s. w., aber leer. 
Vom Nordpol in der Mitte gehen 36 Segmente zu 10® aus; 10® = 21,5™™ am 
Aequator. Die Breiten von 10 : 10°, ebenfalls = 21,5™™. Ohne Meilenmaßstab. 

Publ. : F. A. 81 nr. 48 (in kleinerem Maßstab). 

Litt.: S. Buge, Peterm. Mitt. Erg. -Heft 106, 70. — Piorini, 
Sfere Terrestri e Celesti 1899, 160; dort sind auch die bisher be- 
kannten Exemplare zusammengestellt. — S. Grünther, Erd- und 
Himmelsgloben 1895, 87. 

2. Antonius Florianus, Südliche Halbkugel, o. J. ; ca. 1 : 
61V« MiU. 

Südpol in der Mitte der Karte. 412(416) x,4BB (464)""". Ohne 
Titel. Rechts oben in verziertem Rahmen ein Medaillon: AN- 
TONIVS PLORIANVS • VTIN. 

Südliche Halbkugel. Afrika reicht bis 86^ S, Amerika bis 62<> S. Das unbe- 
nannte Südland reicht westlich von Südamerika bis 84® S ; nördlich davon liegen 
die Insulae infortu || natae. In Südamerika: AMERI||CAE—BR£SILIA— REGIO 
GIQANTVM. Zwischen 0® und 10® S, 305® und 315® 0: ARVACAS. Am West- 
rand : PERV, unter O** : TVMBES, an der Westküste : Tangarara, uel || S. Mi- 
chaelis— Turicarami fl. Zeichnung und Gradnetz wie in nr. 29, 1. Rechts oben 
und unten verzierte Medaillons, das untere ist leer. Am linken Rand sind die 
rechten Hälften der Rahmen von nr. 29, 1. Die L&ngenkreise sind von 10 : 10 
numeriert. Ohne Meilenmafistab. 

Publ. : 8. nr. 29, 1. 

3. Ant(oniu8) Sal(amanoa) , Weltkarte, o. J.; ca. 1 : 
65V4 Hill. 

B12 (B14) X 327(326)"'°, Pol— Pol = 309°»°». Am untern Rand 
in kleiner Schrift: ANT • SAL • EXC- 1| Romae. 

Nördliche und sfidliche Halbkugel. In Zeichnung und Schrift = Lafreri im 
F . A . 91 nr. 64. Gradnetz doppelherzförmig. Breiten von 10 : 10^ 10® = 17™". 
Die Längen sind am Aequator angegeben, sie fehlen, wo kein Platz ist Ohne 
MeUenmaßstab. 



Aelteres kartographisches Material in deutsrhen Bibliotheken. lg 

Anderes Exempl. : Kohl CoUection nr. 71. — Vgl. Br. Mus. 
II 3626: Hie vides Orbis imaginem . . . A.S.exc. [1600?]. 

4. Jacobus Qastaldi, Weltkarte, 1B60; ca. 1 : 78 Mill. 
Nach N orientiert. B13 (anf dem Aequator gemessen) x 291°™ 

(auf dem Anfangsmeridian). Links oben in dem Zwickel zwischen 
Kartenamrandnng and dem äußeren Rand : Paulas de furlanis 
Veronensis opus || hoc ex . "* Cosmograpbi • Dm |l Jacobi gastaldi 
Pedemontani || Instaurauit, et dicauit ex*^ || Jur. Vt Doct . et 
aurato || -Equiti Dno || Paulo michae*||li Vincentino. || Unten links : 
VENETIIS II Joan. Fran*||cisci Camo«||tii aereis formis || Ad signum 
Pyxamidis || Anno || MDLXji. 

Weltkarte. Amerika und Asien hängen zusammen, der nördlichste Eüsten- 
pnnkt im Verlauf des Continentalzusammenhanges liegt 40® N, dort die Stadt 
zangar und Gegend ZANGAR. Halbinsel Califomien. In Nordamerika : TIERA(I) DE 
LABORADOR, 66<> N ; TIERRA DE BACALAOS, ÖO« ; TIERRA DE LOS || BRE- 
TOHES(I), 50<>; TIERRA DEL LICENIICIA DOS AVLLOH, 35*»; NOVA ISP ANIA, 
23\/,«; MEXICO, 20«. In Südamerika nördlich von 0«: CASTILIA DE L'ORO 
II 00 VERNATION • DE || BASTIDAS ; GOVERNATION || DELA CÖPAGNIA DE|| 
LOS BELZARES, 5« S ; GOVERNATION DE || P'» DE HEREDIA, 10° ; GOVER- 
NATION DE II FRANCESCO jj PIQARO || EL PERV, 12* ; COLAO || PRO^ 28« ; 
QVITO II PROVIN, 36'' S. Der Amazonenstrom läuft von S nach N ; östlich : 
TIERRA II DEL || BRASIL. Um den Nordpol herum eine kleine Insel bis 80® N ; 
um den Südpol die TIERA (I) DEL FUEGO INCOGNITA. Das Meer ist ge- 
strichelt, darin Ungeheuer, Schiffe. Die Innenzeichnung der Länder gibt Flüsse 
Hügelreihen, Ländernamen, Städte. Längen- und Breitenkreise sind von 10 : 10® 
ausgezogen; die Distanz der Längenkreise am Aequator beträgt 14— 14,5oim. 
Eingeteflt sind sie von 1 : 1®, numeriert von 5 : 5°. Der Nullmeridian ist der 
mittelste ; er steht senkrecht auf dem Aequator , von dort nach - 180 ; vom 
Westrande bis zur Mitte 180—860®. Die Entfernung der Breitenkreise nimmt 
nach den Polen hin ab, 0-10® = 21idid, 80—90® = 9a>". Im südlichen Stillen 
und Indischen Ocean je eine 32strahlige Kompaßrose, mit den Buchstaben an den 
acht Hauptwinden. Ohne Meilenmaßstab. Die Karte ist ein Nachstich von der 
Weltkarte, UNIVERSALE von 1546. 

Anderes Exempl. : Br. Mus. 1, 647 : A map of the World . . . 
J. F. Camotii aereis formis. 1560. I, 1497 : A Map of the World, 
Opus J. G. 1560. 

Vgl. S. Rüge, Peterm. Mitt. Erg.-Heft 106, 79, 80. — Remar- 
kable Maps IV, 2. 

5. Anonymus, Spanien und Frankreich, 1554 ; ca. 1 : 5 Mill. 
Nach N orientiert. 481 x 378"°. Oben rechts: La uera 

descritione , di tutta la Francia, & la Spagna || & la Fiandra, 
doue si ueggono Le Citta, confini, || Mari, Fiumi, & Porti, che in 
esse si contengono || Le altre Parti de essi circonstanti ui son' 
poste II solo per dimostrare I termini di esse con ogni || diligentia 
fatte, & misurate, ^MaD^LUIIa 

2* 



20 W. Rüge, 

Im S Stretto di gibilterra und PARTE DE AFRIGA, im N der Südrand 
von INGILTERA, im Oberitalien bis Ancona. Im NO geht die Zeichnung in 
der Hauptsache bis zum Rhein, einige Angaben gehen darüber hinaus. Norunberg 
liegt an demselben (unbenannten) Fluß wie Fräcfordia. Im Innern Flüsse mit 
nicht gefüllten Doppellinien, Hügelketten, Städte. Das Meer ist reihenweise in 
weiten Abst&nden gestrichelt Einige Schiffe. Ohne Kompaßrosen, Gradnetz und 
MeilenmaBstab. Lissabon— Santiago (470linn) = TSmm; Paris— Antwerpen (310km) 
= 68™"; Paris— Toulon (695*^™) = 140ma> j Paris— Bayonne (G65km) = 122™«»; 
Mündung des Guadiana— Oporto (460kin) = lOömm ; C. Finisterre -Tarifa (826ltm) 
= 173mm. 

Anderes Exempl.: Lafreri nr. 16. 

6. Anonymus, Irland, o. J. ; ca. 1 : 2,9 Mill. 

Nach N orientiert. 226(227) >< 320 (321)'»'». Oben in der 
Mitte : . HYBKRNIA • NVNC • IRLANT. 

Nur Irland mit den allernächsten Inseln, ohne £ngland und Schottland. 
Flüsse, Seen, Wälder, Hügelreihen, Städte und Vignetten. Das Meer unregel- 
mäfiig in Reihen gestrichelt. Zwei Meeresungeheuer, ein Schiff. Rechtw. Plattk. ; 
Gradangaben am Rand. Unten (9**3') 20'-14*20'(36'), oben (ein wenig nach links 
verschoben) (9«6') 40'— 14O40', von 20 : 20' eingeteilt P = 40,5inni. Links 
(49'*56') 60^—50* 20' (24'), 20 : 20' numeriert, 2 : 2' eingeteilt. V = 37,6— SSmni, 
b^ = 189<Da> ; die Breitenkreise sind also näher aneinander als die Längenkreise. 
Unten rechts MeilenmaBsUb ohne Inschrift, 10, 20, ... 80 = 64mm ; also 1® = 47,5 
Miglien. Galwey— Dundalk (196*"») = 94n»m; Dublin— Teelin Head (226kin) = 156min ; 
Dublin— Donegal (190km) = I40min; die Insel von NO ~SW (490km) = 260mm. 

Anderes Exempl.: Br. Mus. I 1995: Hybemia nunc Irlant. 
[Venice? 1B70?]. Vgl. I. Ber. nr. 67, 8. 

7. Sebastianus aBegibus, Großbritannien, 1558 = I.Ber. 
nr. 67, 2. 

8. Anonymus, Großbritannien, 1556 ; ca. 1 : 3 Mill. 

Nach N orientiert. 343,5"°» x 477 (478)°»". Links oben, ohne 
Umrahmung im Meer : BRITANNIA ^ INSVLA ^ Q VAE x D VO || 
REGNA a CONTINET ^ ANGLIAM . ET^ SCO || TIAM x CVM x 
HIBERNIA X ADIACENTE x. : Rechts in einfachem Rahmen : 
BRITANNIA Insularum ... schließt: CVN . PRIVILEGIO . S VMI . 
PONTIFICIS . M . D . LVI. Unten rechts in der Ecke fl^S. 

Qrofibritannien mit den nmliegenden Inseln, und einem Teil des europäischen 
Festlands, von Brest— Antaerpia. Im Innern Flüsse, Hügelreihen, Wälder, Orte 
mit and ohne Vignetten. Das Meer dicht gestrichelt, in der Nordsee ein Schiff. 
Trapezf. Proj. ; Gradangaben am Rand. Unten 11— 26* (27«) 0, oben 9—23^(24'») 
0; rechts und links 49-62''N, 1* = 35,6- 36,6mm. Ohne MeUenmaEstab. Süd- 
wosterko Englands— Dover (620kin) = I90inni; Duncansby— I). (88ökm) = 322iDm. 

Anderes Exempl.: Br. Mas. I 1646: Britannia Insnla, qnae 
dao Kegna continet, Angliam et Scotiam, cnm Hibemiä adjacente. 
[Roine?] 1BB6. 

Publ. : Remarkable Maps V, VI, 10. 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 21 

9. Dommicos Zenoi, Spanien, 1560; ca. 1: 2^8 Mill. 
Nach N orientiert. 541(539) x 431"°>, der unterste, 28"™ 

breite Rand ist angeklebt. Oben in der Mitte: HISPANIAE 
DESCRIPTIO. Unten rechts in verziertem Rahmen : Hispania 

qaQ & Iberia in vlteriorö dinidit9 ac citeriorem Darunter : 

Dominicus Zenoi Venetus Restituit. Venetijs || MDLX* 

Pyrenäenhalbinsel, südlich yom ESTRECHO DE GIBRALTAR, ein Stück 
Africa bis Arger, in N: GALLIAE PARS, Balearen. Im Innern Flüsse, Hügel- 
ketten, Städtevignetten, das Meer unregelmäßig eng punktiert. Seeungeheuer und 
Schiffe. Im SO Wappen, zwei Säulen, PLYS YLTRA auf bandartigem Ornament. 
Darunter das Distichon : Aleiden perhibent hie erexisse columnas II Atlas spectabit» 
magne Philippe tuas. Trapezf. Proj. ; die Qrade, nicht ganz gleichmäßig, am 
Rande angegeben. Unten (3*^28') 40'— 20o(12'); oben (P 50') 60'— 22^50', Yon 
8<>30'— 15«20' durch den Titel eingenommen. Links (36'»5') 10,— 46<> (H') 20', 
1« = 42««. Am linken Rand Meilenmaßstab: SCALA LEVCARVM HISPANI- 
CARVM, von Meile zu Meile eingeteilt, 5, 10, 16, .... 70 numeriert, = 167««. 
18Leucae=R Lissabon— Coimbra (185^«) = 63««; Lissabon - Santiago (47U«) 
== 180««; Finisterre— Tarifa (825k«) = 345««; Mündung des Guadiana-Oporto 
(460k«)= 185««; Toledo— Valencia (315^^«) = 140««; Almeria— Valencia (345^«) 
= 143«« ; Girona— Valencia (390*^«) = 160«« ; Girona— Bilbao (490k«) = 220«« 

Anderes Exemplar: Lafreri nr. 17. — Br. Mus. 11 3873, 
Hispaniae descriptio, a. d. Zenoi. 1660. — Vgl. I. Ber. nr. 67, 3. 

10. Orontius P(inaeus), Frankreich, 1B61; ca. 1:3.700000. 
Nach N orientiert. 490(488) x 363"". Oben rechts, ohne 

Rahmen: TOTIVS GALLIG DESCRIPTIO, || Cum parte Angliae, 
Germaniae, Flandriae, Brabantiae, Italiae, Ro*||mam usque || Orontio, 
F, Delph' autore ^): || Venetijs Ad Signum, Bibliothecae , Diui 
Marci, || Dominicus Zenoi, Venetus Excidebat, MDLXI. 

Inhalt der Karte deckt sich mit dem Original (vgl. Gallois, de Orontio Finaeo, 
1890, Taf. 1—4). Frankreich, kleiner Teil von Spanien, England; im NO bis 
zum Rhein, Ober- und Mittelitalien bis Rom. Die Namen sind stellenweise lati- 
nisiert, für Hyspaigne steht Hispania pars, für Biscaye BISCAIA, für Gascongne 
GVASCONIA. Trapezf. Proj. ; das Gradnetz ist am Rande angegeben. Unten (15<>) 
160—37® 0, 1« = 22niin ; oben (12*) 13»— 39^ 1* = 18rom ; links und rechts (41«) 
42*— 63''N, 1* = 29,5-30,5mro. Unter dem Titel eine 12strahUge Kompaßrose 
mit SEPT., ORIE., MERl. , OCCI. Ohne Meüenmaßstab. Paris— Antwerpen 
(310km)— llSmm; P.— Toulon (695kin) = 225iDin ; P.-Bayonne (6651"«)= 210min; 
Lyon— Genf (110km ) ^ 520110 . p._London (350km) = i27mn> ; L.— Turin (230km) = 
108mm ; L.— Basel (285km) = lOSmm ; Bayonne— Basel (b35kro) = 297miii ; Narbonne — 
MarseiUe (190km) = 70min . N.— Nizza (350km) = I46mm ; Marseille— Ronen (760km) 
= 250mm. — Dieser Nachstich ist nicht erwähnt bei Gallois , de Orontio Fi- 
naeo, 1890, 79. 



1) Das a steht als Spiegelbild. 



22 W. Rüge, 

Anderes Exempl. : Br. Mus. 11 4635: Totius Galliae descriptio, 
cam parte Angliae . . . . D . Z. excidebat. 1661. 
Vgl. F. A. 104 nr. 15. 

11. Pyrrhus Ligorius, Belgien, 1558 = I. Ber. nr. 45, 
wo Romae in ROlOl zu ändern, in der 2. Zeile des Meilenmaß- 
stabes das erste et zu streichen, und in der 4. Zeile statt Ardaen 
za schreiben ist Ardnea. 

12. Anonymus, Belgien, 1558 ; ca. 1 : 800000. 

Nach S orientiert. Kein eigentlicher Rand, 496(497) x 350 
(347)""". Am rechten Rand über der Mitte in einfach verziertem 
Rahmen: GALLLE || BELGICHiE || ROKE || oo B LVIII. Links 
oben, in einfach verziertem Rahmen: Habes hie, candide Lector, 
Galliam belgicam cnm snis Regionibas, Opidi8(!), Castellis, flomi- 
nibns, || ac sylnis diligenter expressam : adiectis homm omninm 
locomm interse (!) distantiis, qnas, || facile inuenies, si perspecta 
miliarinm differentia, super pincta(!) in omnibus descripta circinü 
II aptabis Haec antem descriptio cnm ad alia permolta, tum ad 
Commetariorum Caesaris intel||lig6tiam plurimum conferet, Yale. 

Inhalt deckt sich genau mit nr. 29, 11; sehr ähnlich I. Ber. nr. 67, 9. Im In- 
nern Flüsse, Wälder, bei Namur einige Hügelketten. Das Meer gestrichelt. Ohne 
Gradangaben. Oben links Meilenmaßstab, mit yier verschiedenen Meilen über 
einander : 5 Miliaria (I) gallicae = 24mni • 5 Pro brabantiae bannoniae parte || et 
pro Ca)|mpa = 31,5««; 6 Pro flandriae occi : leodiolnxemburgo et arduzeysala(?) || et tre- 
ueris = 89,5™™; 5 Pro inferiore germaniae Campiiya Clm*)ae geldriae = 47,5™™. 
Paris— Antwerpen (3 lOk™) = 335™™; P.— Luxemburg (285k™) = 390™™; P.— 
Trier (325km) = 4300101. 

13. N(icolau») Stopius, Flandern, 1BB9; ca. 1 : B60000. 
Nach N orientiert. 486(491) x 401(403,6)'°°^. Unten rechts 

als Aufschrift auf ein altarähnliches Ornament : EXACTISSIMA 
FLANDRIAE DESCRIPTIO- || Flandria, CaroH V. Aug. Imp. 
max. natione Illu8tris8i«||ma, Belgien Prouinciae est Comitatus 
longfe nobilissimus , || . . . . Huius igitur tä inclyt§ Regionis 
desislignationö, iä receter süma diligetia expressä, Cosmogra«||phi^ 
cädidatis, oper§ pretium duximus impertire. || Venetijs • M • D * 
LVmi • . Unten in der Mitte : AD CORDATVM LECTOREM, 
N • STOPIVS • II Flandria parua loco , sed nomine maxima et est 
re, II In qua Mauortis uis animosa uiget ; ' Omnimodae hie artes 
florent priscaeq, nouaeqj || Singula sunt alijs, haec bona cuncta 
tenet. 



1) Das i ist offenbar ausgefallen. 2. 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 23 

Belgien in SW bis GRAVELINQA, S • OTHOMARVS (S. Omer), LILERS, 
DVACVM (Donai), VALENTIANAE, bis BRVXELLA, MACLINIA, HANDO- 
YERPIA, allerdings geht die genaue Zeichnung nur ungefähr bis TENERA- 
MVNDA (Dendermonde) , im N bis Ylissinghen. Innenzeichnung gibt Flüsse, 
W&lder, Orte mit Vignetten, viel fein geschriebene Namen. Im unregelmäßig 
punktierten Meer zwei Schiffe. Rechtw. Plattk. ; die Grade sind von 10 : 10' 
ausgezogen. Unten (22«54') 23o— 26o50' (52'), oben _ 26<>50'(530, 1<» = 122»«. 
Links (49<»47') 50^— 5lo40' (60'), !<> = 196»». Links oben im Meer eine 32- 
strahlige Kompaßrose, rechts darüber drei Wappen« Unten links Meilenmaßstab, 
Justa miliaria Flandrica itineris unius horae 1-13 = 166,5»»; 15,5 = 1®; 
darunter Miliaria maiuscula 9 = 123»»; 14,5 = 1»; darunter Miliaria magna 9 
= 132»»; 13,5 = 1^ Antwerpen— Oravelingen (165*») = 433»» ; Brügge— Toumai 
(70k») = 187,5»». 

Vgl. Remarkable Maps Y, VI, 19, das in der Zeichnung ganz 
gleich ist; nur ist bei Stopius unten ein etwiEis breiterer Streifen 
angesetzt für die Distichen n. s. w. — Br. Mus. I 1348, Ex- 
actissima Plandriae Descriptio. Venetiis, 1559. 

14. Michaelis Trameziiii, Brabant, 1558; ca. 1 : 400000. 

Nach N orientiert. 384 x 502™™. Unten rechts in ver- 
ziertem Rahmen: BRABANTIAE BELGARVM || PROVINCIAE || 
REGENS EXACTAQVE || DESCRIPTIO || MICHAELIS TRA- 
MEZINI FORMIS || Ex Pontificis Max. ac Veneti senatus in 
proximum || decenmiun (I) priuilegio. c» ö LVIIIx Unter dem 
Rahmen ganz klein: Jacobus Bossius Belga in aes incidebat. 
Oben in der Mitte: BRABANTIA. 

Belgien und Holland ungefähr bis zur Maas im und N, und Sambre im S. 
W bis TENERAMYNDA (Dendermonde). Innenzeichnung wie in nr. 29, 13. Maas- 
und* Rheinmündung wellig. Unter der Ueberschrift drei Wappen. Rechtw. 
Plattk.; Gradnetz am Rande. Unten und oben (26«26') 30'-28<>20' (28,5'), 
10 = ld6,7ömm ; links und rechts (ÖO^IS') 20'— 52^0' (12'), 1° = 268™^. Links 
unten ein Meüenmaßstab , 4 MILIARIA BRABANTIGA = 56,5>om, 19 = 1<>. 
Namur—Venlo (135km) == 346mra ; Aachen— Antwerpen (127k«n) = 316inm; Herto- 
genbosch— Namur (140ka>) = 340rom. 

Anderes Exempl. : Br. Mas. II 4121 : Brabantiae Belgaram 
Provinciae .... descriptio . M . T . formis. Vgl. I. Ber. nr. 57. 

Publ. : Eemarkable Maps V, VI, 18. 

16. Michaelis Tramezini, Geldern u. s. w. 1668; ca. 
1 : 460000. 

Nach N orientiert. 336,5 X 486,5 (486)»°^. Links nnten in 
verziertem Rahmen: GELKIAE CLIVIAE IVLIAE ||NEC NON 
ALIAEVM II REGIONVM ADIACENTIVM || NOVA DESCRIP- 
TIO II MICHAELIS TRAMEZINI || FORMIS || Ex Pontificis Max. 
ac Veneti Senatas jj in proximom decemnion (!) priuilegio || oo • D 



24 W. Rüge, 

LVII'Ia- Darunter ganz klein: Jac. Bossius Belga, in aes in- 
cidebat. 

Die Karte reicht im N bis CAMPI (Ostufer des Zayder Sees), bis BE- 
RICK (Berg) und VESEL, S bis NVESTADT, westl. von AQVISGRANVM, W 
bis MONTFORT und EEDAM. Im Innern Flüsse, Hügelländer, Wälder, Orte 
teils mit Ortskreisen, teils mit Vignetten. Rechtw. Plattk. ; Gradangaben am 
Rande. Unten und oben (24H9') 60'— 27<»10' (12'), 1** = 158«™; links und rechts 
(510)55'— 53057', P = 239mm. Meilenmaßstab unten rechts: Milliaria Qelria 
minora 1 -4 = 69^10, Mediocria milliaria quinqs milium passuum 1—3 (nicht 
numeriert) = ca. 62inni, Milliaria magna passus quinq5 pedes continet 1 — 3 = 
72mni. 1« = 14, resp. 12, resp. 10 Milliaria. Edam— Cleve (lio"'«) = 290mni; 
Roermond— Cl. (65kna) = 173"™ ; Montfoort— Nijmegen (67^01)= (175mn»); Aachen— 
N. (llOkoB) = 256a«n; Hertogenbosch— Deventer (87^™) == 226,5aim; Zwolle— D. 
(28knj) = 77mm; Zutphen-D. (14kni) = 36aiiD; Doetichem— D. (34^«) = 81,5«nm. 

Anderes Exempl. : Br. Mns. II 4121 , Gelriae, Cliviae, Inliae 
nee non aliarnm regionom adiacentinm nova descriptio M. T. for- 
mis. 1558. Vgl. I. Ber. nr. 43, das vermntlich das Original des 
Nachstiches ist. — Lafreri nr. 27. 28. 

Publ. : Remarkable Maps V, VI, 17. 

16. Michaelis Tramezini, Holland, 1558; ca. 1 :230(X)0. 

Nach N orientiert. 362,5(365) x 510(508,5)'°'". Links in 
verziertem Rahmen : HOLLANDIAE BATAVOßv^f!) || VETEßlS 
INSVLAE II ET LOCOßVM ADIACENTIVM || EXACTA DES- 
CRIPTIO II MICHAELIS TRAMEZINI || EORMIS || Ex Pontificis 
Max. ac Veneti senatns || in proximnm decenmion (!) prinilegio !| 
00 • • LVni • Unten rechts nnter dem Meilenmaßstab ganz 
klein: Jac. Bossius Baelga, in ae(!)incidebat. 

Holland. Im N bis SCELLIN6IA, Ton dem aber die nördlichste Spitze fehlt, 
bis CAMPI, S bis SEVENBERGA. W bis ZEELANDIAE || PARS. Im In- 
nern Flüsse, Hügelreihen, Wälder, das Meer gewellt, mit vielen Schiflfen, oben 
links und rechts je ein Wappen. Die Zeichnung deckt sich mit I. Ber. nr. 66, 
aber die Anordnung der Ornamente, Wappen und Schiffe ist anders. Rechtw. 
Plattk.; Gradangaben am Rande, unten und oben (20^58') 27ö-27<»öü' (öS'), 
]^ = 363««; links und rechts (52«13') 20'— 5i^lO' (17'), l'' = 478,5««». Unten 
rechts MeilemnaSstab, Milliaria minor HoUandica 1—5 = 69inm ; darunter : Me- 
diocria milliaria passus quinq3 pedes continet, 4 (die aber 2—5 numeriert sind) 
= 68«"; darunter Milliaria magna quinq^ milium passuum, 3 (numeriert 2 — 5, 
der erste nicht vollständig) = 61,5«« ; 34,5 Mill. mi. = 27 Mill. med. -= 23,25 
>lill. mag. = P. Dordrecht— Leiden (40li«) = 102«« ; Utrecht— Leiden (45^«) = 
114««; ü.— Herzogenbasch (46,5km) = 120,5«"; U.— Edam (46,5kni) = 122««. 

Anderes Exempl.: Br. Mns. II 4121, Hollandiae Batavorum 
Veteris insnlae et locoram adiacentinm exacta descriptio . M . T . 
formis 1558. 

Pabl.: Remarkable Maps V, VI, 15. 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 25 

17. Mich(aelis) Tramezini, Friesland, 1558; ca. 1:400000. 

Nach N orientiert. 374,5 x 477, 5"°*. Links unten in ver- 
ziertem Rahmen: PRISIAE ANTIOVISSIMAE(!) || TRANS RHE- 
NVM PROVINC- II ET || ADIACENTIVM REGIONVM || NOVA 
ET EXACTA || DESCRIPTIO || MICHAELIS TRAMEZINI || FOR- 
MIS II Ex Pontificis Max. ac Veneti Senatns || in proximnm de- 
cenmiun{!) priuilegio. || • oo • B • || • LVIII * || Darunter außer- 
halb des Rahmens in ganz kleiner Schrift: Jac. Bossius Belga, in 
aes incidebat. 

Friesland. Im N Meer, bis oldersum an der Ems, stromauf yon EMDA, 
S bis LOCHEM, W bis HORJJA (Hoorn), Flüsse, yiel Ortschaften, die kleinen 
mit Kreisen, die großen mit Vignetten. Im gewellten Meere Schiffe, links oben 
Wappen. Rechts w. Plattk ; Gradangaben am Rande. Unten und oben (27®35')40', 
— 29<>20'(27'), 1^ = 202,5a>a>; links und rechts (52<>22') 30'— 54<>(7'), 1* = 272»nm. 
Meilenmaßstab imten in der Mitte: Milliaria Phrisia minora 1— 4 = 76™™, 
darunter: Mediocria milliaria Passus quinqj pedes continet 1 — 4 = 88,5—93°»™, 
darunter: Phrisia milliaria magna 6500 passuum 1— 4 = 108,5™", V = 14,5, 
resp. 12, resp. 10 Milliaria. ZwoUe— Deventer (28^™) = 78,5™™ ; Groningen— D. 
(Ulk™) = 278™™; Gr.— Leuwarden (52^™) = 135"»™. 

Anderes Exempl. : Br. Mus. II 4121, Frisiae Antiquissimae 
.... descriptio . M . T . formis. 1558. 

Publ.: Remarkable Maps V, VI, 16. 

f~ 

18. Michaelis Tramezini, Dänemark und die umliegenden 
Länder, 1568 = I. Ber. nr. 67, 16, wo der Druckfehler decen- 
nium in decenmiun zu ändern ist. 

19. Ant(onius) Sa(lamanca) , Mitteleuropa, 1548; ca. 1 : 
4 MiU. 

Nach N orientiert. 494(497) X 365°". Oben, über dem 
Rahmen, querüber : > TABVLA MODERNA ►POLONI^*) ^ VN- 

GARLE*) ^ BOEMI^*) | GERMANLE*) >RVSSI^ ►L1TH\E*). 
Unten links in der Ecke: Ant. Sa Exeu., weiter rechts 1548. 

Mitteleuropa, im S bis Oberitalien mit Mantoa, nördliche Balkanhalbinsel 
bis Narent an der Mündung der Narenta, und Galipoli; bis Riua in Klein- 
asien , Mundung de^ Boristenes - fl. oder Neper * fl., N bis Riga, SV VEVl^^ 
PARS (ohne Innenzeichnung), ANGLUE PARS (ebenso), W bis Ostende. Im 
Innern Flüsse, Hügelreihen, Wälder, Ortsvignetten, das Meer gewellt Der Rhein 
fließt Tom Bodensee aus ziemlich genau nach N, in diesen fließt er von WSW. 
Lidau liegt am Südwestufer, 8. Gallen nördlich von Constantia, Dubigen (Tü- 
bingen) Straßburg gegenüber, in derselben Entfernung wie dieses yom Rhein. 
Als Oberlauf des Elbis fl. ist die Saale gezeichnet, aber an ihr liegen Praga, 
Misna, Leybezig. Spree fehlt. Odra fl. von S. nach N. Danubius ganz falsch. 

*) IM und im letzten Wort ANlJi} sind in enge Ligatur zusammengezogen 



26 W. Rüge, 

Bechtw. Plattk.; Gradnetz am RaniL In den 4 Ecken 6(rada8). Unten 
und oben (24<>) 25'>— 58« 0, P = 14,5""; links und rechts (44*100 45»— 56S/ 
(30'), V = 29,5-30™", W = 298"". Ohne Kompaßrosen und Meflenmafistab. 
Infolge der falschen Zeichnun^^ ergeben die Distanzmessungen ganz yerschiedene 
Maßstäbe. Cöln-Dresden (475km) = 143""; Basel— Straßburg (115^«) = 23""; 
Cöln— Str. (270k") = 90""; Breslau— Posen (140*'")= 65""; ßr.— Krakau (236^) 
= 70""; Leipzig— Dresden (100*™) = 13,5""; Hamburg— Münster (280<^) = 
55*^" ; Nikopolis— Vama (255km) = 77min ; Linz— Wien (156«'") = 47"" ; Pest— W. 
(220'wi)=67""; Belgrad— W. (500l^) = 105""; B.— Krakau (600*™) = 107"". 

Anderes ExempL: Lafreri nr. 133: 0,50 x 0,38. Tabula 
Modema Poloniae, Ungariae, Boemiae, Germaniae, Rassiae Litt- 
uaniae. Ant. Sa(lomon) exe. — Br. Mus. U 3626, Tabala mo- 
dema Poloniae, Ungariae . . . A. S. exen. [1560?]. — Die Jah- 
reszahl ist vermutlich an beiden Stellen übersehen. 

20. Anonymus 9 Oesterreich- Ungarn, 0. J. = L Ber. 
nr. 67, 30. 

2L Jacopo di Oastaldi, Deutschland, 1552; ca. 1:4.400000. 

Nach N orientiert. 347(280) x 243(240,5)"""". Oben rechts, 
außerhalb des Rahmens, noch auf der Platte: 11 uero ritratto 
di II tutta rAlama^lIgna. Links unten, innerhalb des Rahmens, in 
einfacher Umrahmung: Opera di Jacopo di || Crastaldi Cosmo^li 
grafo In Venetia, |j 1552 Cü priuileg. Oben links , außerhalb des 
Rahmen? : In Venetia appres* || so Gi-abriel Giolito jj al segno della 
Fe« II nice. Darunter : Enea Vico jj Parm. f. 

Deutschland , im S bis Lago di || Genneoa und Draoa * f , bis Varadin 
(Gr. Wardein) und Fraunberg (Frauenburg i. Ostpr.), N bis Sclesuich; W bis 
Ciugni und Cambray. Rhein uemlich gut, nur die üiegung bei Basilea nicht 
stark genug. Spree f. in die Ostsee. Danubio f. bis Vatia (Waitzen) gut, von 
da an aber direkt nach SO gezeichnet. Sehr viele Namen verschrieben, z. B.: 
Lim • f • (Inn), Tufsten (Kufstein), Brunet (Bruneck), Hildsen (Hildesheim). Es ist 
ein außerordentlich feiner, zierlicher Kupferstich, Flüsse, Ortsvignetten, Hügel- 
reihen, Wälder. Das Meer gewellt. . Trapezf. Proj. ; Gradangaben am Rande. 
Unten und oben (23*») 24^—45°, V = 16»"; resp. 13""; links und rechts (46*) 
470.600(12»), 10 ^ 23"", 100 _, 236"". Ohne Kompaßrose und Meilenmaßstab. 
Cöln— Dresden (475^")= 1 10"" ; Berlin— Hamburg (250l'") = 70"" ; B. — Regens- 
burg (400^")= 107""; Cöln— Straßburg (270^") = 87""; Str.—Basel (115^") = 
20"" ; Breslau— Posen (140>^) = 36"" ; Br.— Krakau (23^) = 62""; Wien— Pet- 
tau (200^") = 42"". 

Anderes Exempl. : Lafreri nr. 132. — Grande, notizie 44. — 
Br. Mus. 11 1496, Jl vero ritratto di tutta TAlamagna. Opera 
di J. di G. 1BB2. 

22. Michaelis Tramezmi, Deutschland, 1663; ca. 1:2.600000. 
Nach N orientiert. 693(699) x 443,6 (446)'"'», Oben Unks in 



Aeiteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 27 

verziertem Rahmen: NOVA GERMANLE DESCRIPTIO- 1| CVM 
ADIACENTIBVS ITALLE • GALLLE • BRITANNIiE • || PO- 
LONLE • ET PANNONLE • PARTIBVS • ILLVSTRISS || PRIN- 
CIPI • D • OTHONl • A • TRVCHSES CARD • AVGVSTANO|| 
DICATA II APVD MICHAELEM TRAMEZINVM || CVM PRIVI- 
LEGIO PONT MAX ET SENATVS VENET || M D LIH. 

Deutschland mit den Grenzländern. Im N bis RIEL (Kiel), GONEGEN (Tön- 
ning?), W bis BVRGES, LIMOGES, S bis ALEXANDRIA, PARMA, RAGVSIA, 
bis GRODNA, BELGRADVM. Im Innern Flüsse, Orte z. T. mit Vignetten, 
Wälder; das Meer unregelmäBig gestrichelt. Im allgemeinen ist es ein grober 
Stich. DANVBIVS • F, RHENVS • F, ALBIS • F sehr gut ; SVEVVS • F • (Spree) 
geht ohne Markirung der Uayel in die Eibe. Gradnetz am Rand, nur die Breiten 
sind angegeben, (45 Vs^) 46<^ — 66(*/8)^ 1** = 88,5o»m. Meilenmaßstab links oben 
miter dem Titel: MILIARIA ITALICA, 20, 40 ... 120 = 75raoa; 60 Mill. = V, 
Für die nr. 29, 21 genannten Orte, Göln — Dresden u.s.w., betragen die Distanzen 158, 
88, 166, 108, 40, 73, 93, 73"™. 

In der Mitte ein wenig beschädigt. 

Anderes Exempl. : Br. Mus. II 4121 , Nova Germaniae 
descriptio . . . apad M. T. 1653. 

23. Ant(onius) Salamanca, Schweiz, 1556; ca. 1 : 930000. 
Zwei Blatt neben einander. Nach N orientiert 598(600) 

X 433,5"°". Unten links in reich verziertem £ahmen: Jodoco k 
Meggen Lncernati || Praetorianorom Praefecto || Ant. Salamanca * 

5 * II Helnetios olim, nir clariss. nonc Suiceros, Gallorom gentem 
bellicosissimam foisse , . . . . unquam desit Yale * || Romae * cx> * 

6 * LV * . Ganz unten links außerhalb des Rahmens in kleiner 
Schrift: Jacobus Bossius Belga, in aes incidebat. 

Schweiz. Im N bis MYLHVUSIA, bis Brenner, Tridentom, S bis Ale- 
xandria in Oberitalien, W bis QRATIAIlNOPOLIS (Grenoble). Die Karte erfüllt 
von Bergen. Gradangaben rechts und links; (ca. 44^2') 45« — 47<> (ca. 47^55'), 
10 = 119""»™. Meilenmaßstab links unten: Müiaria Heluetica 1, 2, ... 10 = 
81™™, cä. 14»/8 Miliaria = V, Mailand— Basel (265'^") = 379™™ ; Genf— Leuk 
(115^™) = 180™™; Bern— Schaflfhausen (125^™) = 175™™. 

Anderes Exempl.: Lafreri nr. 23, — Br. Mus. II 3626, A 
Map of Switzerland. [By] A. S. 1B5B. 
Publ.: Remarkable Maps V, VI, 21. 

24. Qiacopo di Oastaldi, ItaUen, 1561 = I. Ber. nr. 51, 
wo dttk in citta, und am Ende ex in Ex zu ändern ist. 

Vgl. oben nr, 27. 

26. Jacomo Oastaldo, Piemont, 1556; ca. 1 : 390000. 
Nach N orientiert. 496(491) x 366(368)"". Links am Rand 
in der Mitte in ganz einfachem Rahmen: Opera de Jacomo ga- 



28 W. Rüge, 

staldo piamontese CosmograUpho In Venetia, nella quäle fe descritto 
la regione || dil piamonte, et quella di Monferra, con la maggs||ior 
parte della riuiera di Genoa , et il teritorio || Astesano (?) , Ale- 
xandrino, Tortonese, Nouarese, || et la piu parte del Paaese, et 
parte del Milanese, || . . . . || M^D^L'^ VI || . Unten links in der 
Ecke in ganz einfachem Rahmen: In Yinegia appresso Ga||briel 
Giolito de'ferrari || Con prinilegio del Som||mo Pontefice Panlo Illl || 
e della lUostriss . Sig- 1| Di Yinegia. Unten rechts, außerhalb des 
Eartenrahmens : Fabio || licinio || . f . || . 

Piemont, im W bis Monaco, N bis Osta (Aosta) und MILANO, bis Bobio, 
S das Meer. Inhalt der Karte deckt sich mit Ortelias 1571 nr. 34. Flüsse, 
Hügel, Ortsvignetten, das Meer in anregelmäßigen Reihen gestrichelt. Trapezf. 
Proj. ; Gradangaben am Rande, unten (28'>6') 29^—30° (40'), V = lOiram j oben 
(28<»)— 30« (ca. 43'), 1« = 186™™; links und rechts (42050') 430-44ö (ca. 15'), 
10 = 263™™. Unten rechts yor der Küste eine 32 strahlige Kompaßrose. Mei- 
lenmaßstab unter der Jahreszahl: Scalla(!) di miglia, 5,10 = 38,5™™; 68 Migl. 
= P. Monaco— Genua (1451^™) = 400™™; Mailand— G. (120kn») = ssemm. 

Anderes ExempL: Bibl. d. Königs von Italien (Atti R. Acc. 
d. Scienze di Torino 1881, 858). — Br. Mns. I 1497, La regione 
del Piamonte . . . Opera de J. Gastaldi. 1556. Vgl. I. Ber. nr. 
38 ; nr. 67, 37. 39. 

26. Jo(aim6s) Frandscus Camodj, Lombardei, 1560; ca. 
1 : 625000. 

Nach N orientiert. 479 (475) x 291 (295r". Oben querüber : 
LA -^ VERA -^ DESCRITIONE ^Dl^TVTTA ^ LA ^ LOMBAR- 
DIA^M^D^LX. Unten in der linken Ecke in einfachem Rah- 
men : VENETIIS || Jo. Francisci || camocij || aereis Formis. 

Lombardei« Im N bis Chianena, W bis Canobio (am Lago Maggiore), S bis 
ALEXANDRIA; bis zum Meer. Flüsse, Hügel, Bäume, Städtevignetten, das 
Meer reihenweise gestrichelt, ein grober Stich. Ohne Gradnetz ; ein System 
senkrecht sich schneidender Linien ist unbenannt, die W-0 laufenden sind ca. 
82™", die N-S laufenden ca. 102™™ von einander entfernt. Meilenmaßstab links 
und rechts am obem Rande, ohne Inschrift, 6, 10, ... 40 = 109™™- Como— 
Venedig (255^™) = 400™™ ; Bergamo— Piacenza (75^™) = 150™™; Verona -Modena 
(92km) -, 162™™; Alexandria— Ravenna (290^™) = 367™™. 

Anderes Exempl. : Br. Mus. I 647: La vera descrittione di 
tntta la Lombardia . J . F . Camotti aereis formis . 1560. 

27. Ant(onius) Sal(amanca), Toskana, o. J.; ca. 1:620000. 
Nach N orientiert. 545 x 392™™. Oben rechts dicht nnter 

dem Rand: ANT • Sal- EXC • || En candidi Lectores, elegantioris 
Italiae partis, Tnsdae scilicet Topogra || phiam, aeneis nfis formis 
excnssam in hac Tabella vobis denno dfiunas, || . . . . Qnae omnia 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken« 29 

ab his qai oculata fide || nobis aacta retuleront didicimus 

desideratis. Darunter Anweisung zum Entfemongsmessen. 

Toskana. Im N bis Parma, Faenza, Vrbino, bis ROMA, S his zum Meer 
mit Elba und PARTE Dl CORSIGA, W bis Mulazo (nördlich von Spezia). Flüsse, 
Hügel» Bäume, Ortsvignetten, im unregelmäßig reihenweise gestrichelten Meer 
Schiffe. Rechtw. Plattk.; Oradangaben am Rande. Unten und oben (32<^30') 
33«— 360 (83' j^ 10 = 135,6®"; links und rechts (41^3') 42«- 43« (35'), 1« = 
178,5°*°^* Meilenmaßstab rechts am Rande, ohne Inschrift, 6 Teile, von denen 
der erste in 5 Unterabteilungen zerlegt ist ; hier allein steht eine Zahl, 5. Das 
Ganze = 84"™, ca. 63 Teile = 1«. Rom— Pisa (275^") = 425""; Perugia- 
Pisa (175^") =290"" ; Perugia— Florenz (120»'") = 208"" ; P. -Ostia (160^") = 
253"". Vgl. Ortelius 1571 nr. 36, wo allerdings im N ein Streifen fehlt. An- 
drerseits hat er oft mehr Namen, z. B. am Nordrand S. Lorenzo, Ronta, Onda ; 
an der Küste Porto Baratto ol- Populoniü Prom.: während bei Salamanca nur 
steht Populonia. 

Anderes Exempl. : Br. Mus. II 3626, en candidi lectores, ele- 
gantioris Italiae partis, Tnsciae scilicet, topographiam, etc. [1560?). 

28. Anonymus , Umgegend von Rom , o. J. , = 1. Ber. 
nr. 67, 40. 

29. Anonymus, Neapolitanisches Reich, 1657; ca. 1 : 
IV2 MiU. 

Links oben in der Ecke: TRAMONTANA, rechts oben : LE- 
VANTE, rechts unten, nicht genau in der Ecke, OSTRO, links 
unten [P]ONENTE. 461(460) x 333 (332)°»™. Am obern Rand in 
bandartigem Ornament : REGrNO DI NAPOLI. Unten links, ganz 
verschwommen und matt: ALLA LIBRARIA DELL A STELLA(?)|| 
IN VENETIA 1557. 

ünteritalien von der Linie ROMA— ANCONA an und ein Teil von Sicilien. 
Flüsse, Hügelreihen, Ortsvignetten, Meer unregelmäßig, weit gestrichelt. Viel 
Schiffe. Die Zeichnung stimmt weder zu I. Ber. nr. 64, noch zu nr. 67, 49. 
OLue Gradnetz und Kompaßrosen. Unten in der Mitte ein Meilenmaßstab : 8cala 
delle Miglia 20, 40, 60, 80 = 68"»"- Taren t— Neapel (255*'") = 255«nni ; Ancona- - 
N. (320*^™) = 235""™; Tarent— Reggio (300*^«») = 235°»" ; T.— Ancona (470'^) = 
845™«; Ancona— Rom (220^™) = 195™™; Tarent— R. (425^™; = 350™™. 

Vgl. oben nr. 15. 

30. Pabius Licinius, Sardinien, 0. J.; ca. 1 : 935000. 
Nach N orientiert. 199(201) x 301(302,5f". Links oben in 

verziertem Rahmen : Sardinia insola inter Africü et Tyrr« || he- 
nom pelagos sita • magnitndine , || 562 mill . pas : fertilis ad- 
modnm, ani^Hmaliamq^ narij generis abondans* || metallis , argen- 
tarijs, stagnis, fontib>||as, salabris, prestantisima (!). Darunter, 
außerhalb des inneren Rahmens im Ornament : • fabias * licinins * f . 



30 W. Rüge, 

Sardinien (SARDEGNA) mit den allernächsten kleinen Inseln, unregel- 
mäßig gestricheltes Meer mit Schiffen und Fischen. In der Insel Flüsse, Berge, 
Bäume, Ortsvignetten. Ohne Gradnetz, KompaBroscn und MeilenmaBstab. GröBte 
Länge der Insel von SW nach NO (270^^™) = 290""; Sassari— Terranoua (SO*™) 
= 85"". 

Vgl. I. Ber. nr. 67, 51. 

31. F(abius) L(icinius), Corsica, o. J. ; ca. 1 : 625000. 
Nach N orientiert. 199 x 301,5(302,6)"". Oben links in 

einfach verziertem Rahmen : ClRNVS sine CORSICA insula est 
in mari || lignstico, circnitas est 322 mil' pas<||sna, nini et anima- 
linm feracissimi, et gi»||gnit homines fortes, ad labores, et militiä. 
Darunter zwischen den Linien des Doppelrahmens : • F ' L ~ . 

Corsica (CORSICA). Am Südrand der Karte die äußersten Spitzen von Sar- 
dinien. Die Insel ist W-0 zu breit. Flüsse, Berge, Wälder, Ortsvignetten, un- 
regelmäßig gestricheltes Meer mit Schiffen. Ohne Gradnetz, Kompaßrosen und 
Meüenmaßstab. Bonifacio— C. Corse (180^™) = 225™™; Ajaccio— Bastia (105**™) 
= 180™™; Calvi— C. Corse (73^™) = 150™™. 

Vgl. I. Ber. nr. 67, 48. — Br. Mus. H 2357, Llsola di Cor- 
sica .. . F. L. exe. [1560?]. 

32. Anonymus, Elba, o. J.; ca. 1 : 155000. 

Links oben, aber nicht genau in der Ecke, TRAMONTANA, 
dem entsprechend stehen LEVANTE, MEZODI(!) und PONENTE. 
187(188) X 256(257)™". Links oben in einfach verziertem Rah- 
men : ILBA seu IL VA Insula est || in Mari Tusco continet (!) 
dis*||tans • x • mill' pasuü(I) nascü* | tur minerales metalli bene mus|| 
nita et forti situ impetui Tur«||carum resistit. 

Elba, am Nordostrand ein Stück Festland mit Populonia und PIOMBINO. 
In der Meeresstraöe (9^^™ = 34™™) liegt Palmarola. Hügel, Bäume, große Orts- 
vignetten, unregelmäBig gestricheltes Meer mit Schiffen. Grober Strich. Im SW : 
MARK TOSCO. Ohne Gradangaben, Kompaßrosen und Meilenmaßstab. Ferrajo— 
Piombino (20*™) = 130™™; F.— Senfosa (13*™) = 85™™. 

Vgl. I. Ber. nr. 67, 62. 53. — Br. Mus. I 11B3, Ilba, sive 
llva insula . [Venice ? If 80 ?]. 

33. (Gastaldi), Sicilien, o.J. = I. Ber. nr.67, 50, wo vtili- 
tatem fiir utilitatem zu schreiben ist. Die Zeichnung stimmt 
auch, von geringfügigen Unterschieden abgesehen, mit I. Ber. 
nr. 39. 

84. Namensr^fister. Es ist das in der Legende von nr. 29, 33 
erwähnte Verzeichnis, mit der Ueberschrift : Siciliae locorum no- 
mina, antiquis recentioribusq^ temporibus vsurpata. Sie beginnt 
Acis fl. — f. Freddo und hört auf: Vulcanus-Vulcano. Die Or- 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 31 

thographie stimmt nicht mit der Karte. Dieselbe Liste steht 
unter I. Ber. nr. 39. 

35. Antonius Lafreri, Malta, 1B51 = I. Ber. nr. 67, 64. 

36. 37. Leere Blätter. 

38. Franciscus Salamcmca, Griechenland, o. J.; ca. 1 : 
3 Mill. 

Nach N orientiert. Zwei Blatt neben einander, die nicht ganz 
genau an einander passen. 609 x 403 (402)™™. Oben in der Mitte : 
Graeciae chorographia. Unten links in reich verziertem Rahmen : 
FRANCISCVS SALAMANCA LECTORI . || HAEC est GRAECIA 

illa II Damus autem nouam haue GR^CTAM eo accuratias 

delineatam, quo recetins. || ISTam multa correximns ; nonnulla addi- 
dimus ; plurima in meliorem forma mutaui«||mus. Nam praeter ea, 
quae ex antiquis scriptoribus, Pausania, Ptolemgo, Strabone || et 
cet: mutauimus; ex recentioribas quoq. (praecipu^ ex Sophiano, 
cui totum quicqd || hoc est, acceptum referendum est) : excerpsimus 
quae ad rem facere videbantur : & || ne tibi fucum factum, verbdq. 
data existimes , rem ipsam inspice , accurat^q . primü || cum alijs 
huius modi confer, deinde iudica • Vale || Darunter : Sebastianus a 
Regibus Clodiensis incidebat. 

Griechenland nnd die Balkanhalbinsel. Im N bis Mesebria am Schwarzen 
Meer, nnd ein wenig über die Donaolinie, W bis Jadera und ITALIAE || PARS 
bis TaraSy S bis mit GRETA, Kleinasien bis zur Linie Armena (östlich von 
Carabis p.)~Magy||da8. Ptolemäische Zeichnung. Deckt sich fast genau mit Re- 
markable Maps Y, VI, 25, ganz anders wie Ortelins 1571, nr. 40. Antike Namen. 
Flüsse, Hügelreihen, Ortsrignetten, gewelltes Meer mit Schiffen. Gradeinteilung 
nur links (34<0 35<»— 45» N, 1^ = 36,5— 37,5n»m. MeilenmaSstab unten rechts, 
MILLIARIA 20, 40 ... . 100 = 63,5«™. Rechts davon STADIA 200, 400 
. . . . lOO (sUtt 1000) = 73«"; ca. 60 Mill. = ca. 500 Stad. = V. Constan- 
tinopel (43020')— Thessalonice (40<»25') (510*^«) = 200°»"»; C— Athen (37020') 
(665k") = 233"»oi; Cnidus (36nO')— Prusa (4P45') (415^^) = 213""; Constan- 
tinopel— Zara (43*45') (1160*") = 400"". Taenarum p. 3405O' N. 

Die Karte ist unten rechts ein wenig eingerissen. 
Anderes Exempl. : Lafreri nr. 86. 

39. Anonymus, Corfa, 1B37; ca. 1 : 140000. 

Nach SW orientiert. 375 x 264"". Oben links in ver- 
ziertem ßahmen: Lettori mi e parso per piu dichiaratione della 
Citta di Corfa || metterla alquanto maggiore cÄ nö conueniua 
dl8no(l) II loco, Ma tutto el resto della isola e proportionata || et 
misnrata Con tutti 8ua(!) porti, scogli, Secche fiomi, Cas|{telli Ca- 
sali et lor' nomi deligetemente posti et approbati || . P . (F und S) . 
1537. 



32 W. Rüge, 

Corfu. Die Zeichnung stimmt mit Ortelias 1571, nr. 38. In dem schmalen 
Festlandssaum steht: EPIROa. PARTE DI GRECIA. Flüsse, Hügel, Orts- 
vignetten, wellenartiges Meer mit SchifiFen. Ohne Gradnetz, Kompaßrosen, Mei- 
lenmaßstab. C. Bianco— P. Cassopetto (53^") = 372n>ni; p. C— Gardiki (in der 
Nähe der Südwestküste) (37,5<'">) = 278""». 

40. Jacopo Gastaldi, Westasien, 1661; ca. 1 : 7.900000. 

Zwei Blatt nebeneinander die allerdings nicht genau an- 
schließen, da das östliche oben und unten ca. 1°" zu groß ist. 
Nach N orientiert. 722(723) x 415(417)"»™. Oben rechts in ein- 
fachem Rahmen: LA DESCRITTIONE DELLA PRIMA PARTE 
DELL' ASIA. II Con i nomi antichi & modernj • jj Di Jacopo Ga- 
staldi Piemontese cosmografo. || . . . . Restituita da Antonio La- 
frerj. || L'ANNO - oo - B - LXI • Unten in der rechten Ecke des 
Rahmens ganz fein: Jacobus Bossius Belga incidebat. 

Westasien. Arabien bis zu den Bagaren (Bahrein-Inseln), Armenien, Persien, 
GVZARATE pro in der Südostecke, Kaspisches Meer, Schwarzes Meer. Flüsse 
Hügelreihen, Städtevignetten, im gewellten Meere Schiffe. Trapezf. Proj. ; Grad- 
angaben am Rande. Unten (59^)60°— 11 8<> 0, 1« = 12,2™"; oben (51«) 520— 
126<'0, 10 = 9,5-10""", 10« = 96,5°>o>; links und rechts (26°) 270— 55« (40'). 

10 = I4innj. 32 strahlige Kompaßrose im Kaspischen Meer. Meilenmaßstab 
oben unter der üeberschrift, 50, 100 ... . öOOmiglia Italiani = 102™", 70 Migj 
= 1«. Alexandrette— El Areisch (645^™) = 95"" ; AI— Trapezunt (585^") = 
95""; Scutari-Tr.(900*'") = 162""- 

Anderes Exempl. : Lafreri nr. 93. — Br. Mns. I 1496 , La 
descrittione .... dell'Asia .... Di J. Gr. 3 parti 1561. 
Publ. : Periplus, Taf. LIV (etwas kleiner). 
Litt.: Grande, notizie 45. 

41. Leeres Blatt. 

42. Giacomo di Castaldi, Südwestasien, 1561; ca. 1 : 
7V« MiU. 

Zwei Blatt neben einander, die aber nicht ganz genan an- 
schließen, da das ostliche oben und unten ca. IV2"" größer ist, 
also grade umgekehrt wie Periplus Taf. LV. 737(742) x 471(469) 
472(471)"". Unten rechts in einfachem Rahmen: IL DISEGNO 
DELLA SECONDA PARTE DELL'ASIA || II quäle principia . . . . 

11 AI' ill** sig il sig Marcho fucharo , Barone di Kirchberg e d' 
Waißenhoren :- 1| Giacomo di Castaldi Piamontese cosmographo in 
Venetia : 1561 || Con gratia et priuilegio del Sumo Pontifice Papa 
Pio üij p anni x || E del serenissimo senato di Venetia per Anni 
XV. Unter dem Rahmen: fabio licinio. f. 

Ganz Arabien, Palästina, Sadpersien, Westküste von Vorderindien. AosfOh- 
rang wie in nr. 29, 40. Trapezf. Proj.; Gradangaben am Rande. Unten (64<> 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 33 

2O0 66<>— 114«(20'), 1° = 14,5—15«™ 10« = 147,5nwii; oben 68<>— 1240(30'), 1° 
= ll,5inm 100 = 116,5™™; links (3*35')4*-36<>(400, (die 6 beim Ö.» steht im 
Spiegelbüd), V = 14,6™™, 10« = 143,5™™; rechts (3^30') 40-36<>(10'), 1° = 
14,5™« \0^ = 143™™. Der TROPICO DI CANCRO ist ausgezogen. Meilenmaß- 
stab unten, rechts der Mitte, Scalla (!) de milia 500 italiani, 50,100 .... 500 
= 104™™; ca. 70 mil. = P. Suea— Aden (2300*™) = 302™™; Calicut— Aden 
(3260^™) = 467™™. 

Anderes Exempl. : Lafreri nr. 97. — Br. Mus. s. nr. 41. 
Publ. : Periplus, Taf. LV (etwas kleiner). 
Litt.; Grande, notizie 46. 

43. Giacomo de Gastaldi, Namenliste, 1661. 

I NOMI ANTICHI E MODERNl DELLA SECONDA PARTE || 
Dell'Asia . . . AU* Illustrissimo Signor il Signor Marcho Pncharo 
dignissimo Barone di Kirchberg e di Weissenhoren .... Gia- 
como de Castaldi Piamontese, Cosmographo in Venetia 1661. Die 
Liste enthält die Namen in dreifachen Colnmnen, mit Lange nnd 
Breite , von Anthedon Larissa 67.9 39.30 bis Zigaena insola 
Muchi Isola 73.26 23.0. Darunter : Con gratia priuilegio del 
snmmo Pontifice Papa Pio || quarto per anni X ' Et dal Serenis- 
simo Senato || di Venetia per anni XV. 

Vgl. Grande, notizie 47. — Br. Mus. s. nr. 41. 

44. Giacomo di Gastaldi, Südostasien, 1661; ca. 1 : 
12 MiU. 

Nach N orientiert. 2 Blatt neben einander. 720(729) x 
470(472)™™. Unten links in einfachem Rahmen: IL DISEGNO 
DELLA TERZA PARTE || DELL'ASIA. || All' ülv Sig. ü s'. 
Marcho Pucharo Barone Di || Kirchberg c'(!) d' Waißenhoren : — || 
Giacomo di Castaldi Piamötese Cosmographo in Venetia || . Rechts 
unten in einfachem Rahmen: Congratia et priuilegio del sumo 
pontifice || papa pio iiij per Anni * x • || E Del' serenissimo senato 
di Venetia p An«||niXV- Unter dem Rahmen: fabius licinius 
Excudebat. 

Vorder- und Hinterindien, Nordh&lfte von Sumatra. Südasien, Innerasien mit 
dem DISERTO DE || LOP. Zeichnung und Inhalt decken sich genau mit Periplus 
Taf. LVI, nur daß dort noch ein schmaler Teil im Süden (bis 16^ S) angesetzt 
ist, der in Helmstedt nicht vorhanden ist. Die Längengrade sind nur unten an- 
gegeben, von 5 : 5» numeriert, (110<»30') 115^— 190<>, ö» = 46"« W = 92,5""") 
links (ca. V S) ö« N- 50« (5P) N, 5» = 45"", W = 90,5"" ; rechts (ca. V 8; 
60 N— 50« (30*) N, 5« = 45,5"". 10« = 91,5"". Unten rechts Scala de miglia 
300 itatiaoe (!) = 42"", 66 miglia = 1«. Gangesmündung— Ganton (2500^) = 
285"";C.Comorin— Gangesmündung (2000^1") = 225"". 

KffL Qm. 4. Wi«. MMluriehteii. PUloloc-histor. KUim IdOS. Htfl 1. 3 



34 W. Rage, 

Anderes Exempl. : Lafreri nr. 90. — Br. Mm. s. nr. 29, 41. 
Publ.: Periplns, Taf. LVI (aber kleiner). 

45. Panlo Forlani, Afrika, 1562; ca. 1 : 19 MilL = L Ber. 
np. 67, 69. 

46. Ant(onias) Sal(ainanca), Palastina, 1548; ca. 1 : 
575000. 

NachO orientiert. 488,5(487,5) x 291"^. Oben über dem 
Rand: 4 TABVLA MODERNA TERR^ SANCTiE ^ Unten 
links über dem Rand im Meer: Ant. Sal. Exe üeber der Mitte 
der Küste- 1648. 

Palästina. N bis Sidon, S bis Gaza, dann biegt die Küste nach W um, 
his^osra. Flüsse, Hügelreiben, Städtevignetten, Wälder. Gewelltes Meer. Rechtw 
Plattk. -, Gradnetz am Rande. Unten und oben (00)5'>— 82«, 5*" = 29,5""; links 
und rechts (40^) 35®— 6<^ , 5<* = 31,5"". Am obem Rand rechts zwischen 76 und 
80 : Habitätes sub || hoc parall : hnt |{ die maiore ho : 14. Zwischen 35 und 40 : 
Habitates sub hoc || parall : hut die || maior6 bor 14\e* Zwischen 0^ und 5^ ganz 
links: Hltätes sub hoc || parall : habens(!) || die maiore || hör UV*. Die Gradein- 
teilung ist völlig unTerständlich. Ohne KompaSrosen und Meilen roaftstab. Sidon — 
flaza{250>^) = 445""; Joppe— Jerusalem (55'^) = 82""; Sidon-Tiberias(89^) 
= 182"". 

Anderes Exempl. : Br, Mus. II 3626, Tabula modema Terrae 
Sanctae . A . S. exe. [1B48]. Die Zahl ist wahrscheinlich über- 
sehen worden. 

47. Joannes Frandscos della Gatta, Palästina, 1567; 
ca. 1 : IV2 Mill. 

Nach N orientiert. 517(514) x 356(358)"". Oben in der 
Mitte in reich verziertem Rahmen: PALESTINiE SIVE TERR^ 
II SANCTE DESCRIPTIO. Links oben in reich verziertem Rah- 
men: APP^LLATIONES VARIAE LOCORVM BIBLICORVM. 
Am Ende der sechs Columnen mit Namen: M.D.LVII., und zwi- 
schen eigentlichem Rahmen und Ornament : ROMAE || APVD 10- 
ANNEM FRANCISCVM VVLGO DELLA GATTA. 

Pal&stina mit den angrenzenden Teilen von Afrika und Arabien. Die Zeich- 
nung erinnert etwas an Ortelius 1571 nr. 51, vor allem der Küstenverlauf von NO-SW. 
Im N bis Biblus, bis HEHMON MONS und ARABIAE FELICIS PARS, 8 bis 
Sinaibalbinsel, W bis zum (Os) SEBENITICVM des NUs. Flüsse, Bergereihen, 
Ht&dteansicbten , Bäume, Tiere, Heerhaufen der Israeliten, gewelltes Meer mit 
einem Schiff. Rechtw. Plattk. ; Gradangaben am Rande. Unten und oben (61^5') 
Oa'^-TOo, 10 = 62,6""; links und rechts (290)80^-34«, V = 71,5"«. Oben vor 
der Küste von Sidon eine 48trahlige Kompaßrose mit Angabe der Mißweisung. 
Unten MeilenmaßsUb, MILLIARIA || GERMANICA 3, 6, 9 . . . 30, || ITALICA 
«, 12, 18 ... . 120, 126. 80 M. G. = 120 M. It. = 161""; 14, resp. 56 = P. 
Sidon- Gaia noua (260^") = 210""; 8.-Tiberia8(89''") = 82""; Joppe— Jeru- 
salem (66k«) s= 66"". 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 35 

Anderes Exempl. : Lafreri nr. 96. — ßr. Mus. II 3146, Pa- 
lestinae, sive Terrae Sanctae descriptio. Apud J. Franciscium, 
vulgo Della Gatta : Romae, 1557. 

48. Nicollo del dolfinatto, Atlantischer Ocean, 1560 , ca. 
1 : 39V« MiU. 

Nach N orientiert. 347 x 228(230)mni. Unten rechts: opera 
di BQ^ nicollo del dolfinatto || cosmographo del xpanissimo Re. 
Oben links: IN VENETIA per Gio . Francs Camocio || M^D^ 
LX 4 n Nauigationi dil mondo nono. Am rechten Rande unter 
dem Aequator: Paulo di forlani da Verona Fecit. 

Atlantischer Ocean mit Küstenländern. Südamerika bis 15^ S, Centralamerika, 
Ostküste Ton Nordamerika, Nordwestafrika, West- und Mitteleuropa, QroBbritan- 
nien. Rechtw. Plattk. ; Gradangaben am Rande. Unten und oben (243<^) 250^ 0— 
42*> O, 5® = 10,5—11"«»; Hnks und rechts 16« S — 65« N, 5« = 14«Dm Der 
Aequator ist breit unter 2^2^ ^ ausgezogen. KompaBrosen. Oben links ein Mei- 
lenmaßstab, ohne Inschrift, in 5 große Teile, zu 4 Unterabteilungen, mit den 
Zahlen C,CC, . . . V, = 86°»"", 162\/2 = 10«. Faial— Cuba (5660"^™) = 155"»"». 
Das Original ist wohl die Karte in L'art. de naviguer de Maistre Pierre de Me- 
dine, Lyon 1554. Vgl. Hantzsch, Landkartenbestände nr. 282. 

Anderes Exempl. : Br. Mus. I 1061 , Navigationes dil mondo 
novo . . . opera di N. del D. etc. 1560. 

Vgl. I. Ber. nr. 67, 77. 

PubL: Periplus, Taf. XXVH (etwas kleiner). Vgl. dazu Text 
p. 183, nr. 172. 

49. Paulo di Forlani, Südamerika, o. J.; ca. 1 : 20 Mill. 

Nach N orientiert. 353(365) X 509,5"°^. Oben in verziertem 
Rahmen: AI Molto Mag«? Sig*.' Q-io : Pietro Contarini del || Cl"«Sig«' 
Bemardo Sig«.' et patron mio sempre oss?' || Le molte et infinite 

cortesiei • Di • V • M • prontissimo Seruitore || Paulo di 

Forlani da Verona. || LA. DESCRITTIONE. || DI TVTTO. IL. 
PERV. 

Südamerika, im S ein Stück TERRA DEL FVOGO, N der östliche Teil von 
Centralamerika, und am oberen Rande ragt noch hervor: PARTE DE FL||0- 
RIDA. Flüsse, sehr viel Berge, Ortsvignetten. Trapezf. Proj.; Gradangaben am 
Rande. Unten (115«) 113« W— 11« (12«) 0, aber beim Nullmeridian beginnt die 
Z&hlung nach und W mit 2, während sonst die Meridiane von 8 : 3 numeriert 
sind; 3« = 8«™, 30« = 82«". Am Aequator 83« W — 20«(17«) W, von 3 : 3« 
numeriert, 1 : 1« eingeteUt, 1« = 5,5»", 10« = 55,5"". Oben (91«) 89« W — 
14«(I1«)W, 3« = 13,5"", 30« = 137"". Die Breiten sind nur links angegeben, 
59« S — 33« N, von 1 : 1« numeriert, 1« = 5,6"", 10« = 56"". Aequator und 
Wendekreise, sowie 17« W und 83« W sind ausgezogen. 32strahlige Kompaßrose 
im SW. Ohne Meilenmaßstab. 

Anderes Exempl. : Lafreri nr. 102. — Br. Mus., I 1474, La 
Descrittione di tutto il Peru . . . di P . di F . [1560?]. 

3* 



36 W. Rüge, 

Publ. : F. A. 127 nr. 80. 

Litt. : S. Rüge, Peterm. Mitt. Erg.-H. 106, 83. 

50. Leeres Blatt. 

51. Anonymus, BOLOGNA IN FRANCLA. Ansicht. 

62. „ CHALES (Calais). 1668. Ansicht. 

63. „ GVINES (bei Calais). Ansicht. 

54. „ S.QVINTIN0.1667. Ansicht. 

55. Ant(onia8) Sal(amanoa), 1632. üebersicht ftber den 
Kriegsschauplatz in Ungarn und Oesterreich vom Feldzag Karls Y. 
gegen Soliman. 

56. Leeres Blatt. 

57. Anonymus, NIZZA, 1644. 

58. „ Ostia und Porto, 1567 = I. Ber. nr. 67, 46. 
69. Sebastianus, VICOVARO, 1557. 

60. Anonymus, CIVITELLA. Plan. 

61. A(ntonius) S(alamanoa), ALGERI, 1641. Vgl. I. Ber. 
nr. 67, 68. 

62. Anonymus, Tonis, 1635. 

63. , Insel Gerbi, o. J. = I. Ber. nr. 67, 71. 

64. Anonymus, Tripoli = I. Ber. nr. 67, 72. 
66. „ Gerbi, 1660. 

66. „ Antwerpen, Ansicht. 

67. Fabius Licinius, Antwerpen. 

68. A(ntonius) S(alamanca), Mirandola. Mittelding zwi- 
schen Plan, Karte, Ansicht. 

69. Anonymus, Genua. 

70. S(tefano) duperac, HIEßVSALEM. 

71. Sstefano (!) d'perac, LA • FESTA • DI • || TESTACCIO • 
FATTA • II • IN • ROMA • 1531. 

72. 73. Fehlen. 74. Leeres Blatt 

III. Qloben. 

30. Johannes Schöner, Globus, (1616) « I. Ber. nr. 68. 

Frankfurt a./M., Historisches Museum des Stadt. Archivs. 
Stellenweise beschädigt. 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bibliotheken. 37 

31. Anonymus, Globassegmente , (nach 1638); ca. 1 : 
148 Mill. 

Kupferstich auf Papier, 12 Segmente nebeneinander za 30^. 
Länge des Aequators 272""», Entfernung von Pol zu Pol 134"°". 
Ohne Verfasser und Jahr. Im linken Randsegment ein leeres 
Schild. 

Die Zeichnung stimmt fast genau überein mit der Mercatorkarte von 1538 
(F. A. KL III), Ein den Nordpol bedeckender Continent geht breit vom asiatisch- 
europäischen Grenzgebiet aus. Asien zeigt im S vier Halbinseln mit dem Sinus 
Qangetius und Sinus Sinarum zwischen den beiden östlichsten. In Nordamerika 
steht : Baccalearü || regio. Femer : Deuicta ann || 1530 || Hispania maior. An der 
Westküste: Hispania nova. Im Meer zwischen Asien und Amerika unter 255*^ die 
Insel Sipannge. Im Atlantischen Ocean: ^Insu 6 ciuita||tum. In Südamerika an 
der Nordküste Lacus || pop ; südl. von 0<* Peru || Prou[incia]. Ferner : Noua Terra 
in B Venta anno 1492 || — Canibales— Tropophagi ; im östl. Yorsprung Bresilia; im 
S Gigantum II regio. Ueber ganz Südamerika verteilt AMERICA. Im Innern der 
Festländer sind Bergreihen und Flüsse gezeichnet, im fein punktierten Meer 
Schiffe und Ungeheuer. Die Breitenkreise ßind von 10 : 10^ gezeichnet und am 
äußeren Rande des rechten Segments von 2 : 2^ markiert, 10*» = 7™™ ; die Län- 
genkreise von 15 : 15® gezeichnet, aber von 10: 10** numeriert, 15** =» 11,25"™ 
der Aequator ist von 2 : 2** eingeteilt. Ohne Meilenmaßstab, Die Uebereinstim- 
mung mit der Mercatorkarte verweist die Segmente in die Zeit nach 1538, ein 
terminus ante quem läßt sich nicht bestimmen, da sich diese Zeichnung lange ge- 
halten hat, so z. B. noch auf der Globusuhr von G. Roll und J. Reinhold 1586 
und der Horizontalsonnenuhr von Tobias Volchkmer 1589, die beide im Mathem.- 
physik. Salon in Dresden sind. 

Darmstadt, öroßherzogl. Hofbibl. G 270/BOO fol. Nach einer 
Bemerkung im Katalog der Bibliothek hat Nordenskiöld die Seg- 
mente für die englische Ausgabe des F. A. aufnehmen lassen, aber 
dort findet sich keine Reproduktion. 

32. Caspar Vopelleus, Globus, 1542; ca. 1 : 44 Mill. 
Druck auf Papier, 12 Segmente zu 30^ Umfang 919°"- 

Nordlich von Südamerika in einem von zwei Löwen überragten 
Rahmen: CASPAR. VO|[PELLEVS. MEDEBACH || GEOGRA- 
PHICAM SPBLE(1)|| RAM HANG FACIEBAT || COLONLEA 1642^ 
OestUch von Afrika in ebensolchem Rahmen : NOVA & INTE||GRA 
VNIVERJISI ORBIS DESCRIl|PTIO. 

Asien und Nordamerika hängen breit zusammen, der nördlichste Punkt der 
Verbindung ca. 18<> N. In Südamerika steht : AMERICA || inuenta 1497 und : 
NOVA TERRA. An der Westküste endigen die Xamen mit Cattigora pro unter 
10** S. Im Innern das Beuteltier gezeichnet (vgl. nr. 34). Um den Südpol herum 
eine große TERRA AVSTRALIS || recenter inuente sed nondum ple^|ne cognita 
Anno. 1499. Die REGIO PATAI^IS zwischen 265 und 210<>, sowie 170 und 105<» reicht 
bis ca. 27« S. Asien hat drei Halbinseln, die östlichste INDIA alta || & maior (Hin- 
terindien) hat eine ähnliche Gestalt wie Vorderindien. Land und Meer sind leicht 



38 W. Rüge, 

getönt, nur der Südkontinent, Europa und viele Inseln sind dunkel. Im Innern 
Pltisse, Gebirge, Namen, Schiffe und Seeungeheuer. Auf dem Aequator sind 360^ 
von 0—360 1 : V eingeteilt, von 15 : 15*» ausgezogen und numeriert, 15<» = 38o»in ; 
die Breitenkreise auf dem Nullmeridian 1 : V eingeteilt, 10 : 10<> ausgezogen und 
numeriert ; 10^ = 25a>in. Außerdem sind dort noch die Tagesl&ngen und Kli- 
mate angegeben. Ohne MeilenmaBstab. 

Cöln, Historisches Maseum in der Eigelsteiner Thorburg. 
Ohne Gestell, im ganzen gut gehalten, nur am Nord- und Südpol, 
wo der Globus ursprünglich befestigt gewesen ist, sind jetzt 
Löcher. Einige Teile, besonders die dunkel gefärbten, sind schwer 
erkennbar. 

Publ.: Michow, Festschr. d. Hamburg- Amerika-Feier 1892, 
Taf. I. n (teüweise). 

33. Ghristianus Heiden, Globus, ca. 1560; circa 1 r 
186 MiU. 

Eingraviert auf einer vergoldeten Broncekugel, deren beide 
Hälften durch Scharniere mit einander verbunden sind. Im In- 
nern der Hohlkugel ist ein Himmelsglobus angebracht, umfang 
der Erdkugel 216"™. Auf dem außen herumgehenden Meridian- 
ring steht: CHRISTIANVS HEIDEN F. 

Asien und Amerika hängen zosammen, die Küste erreicht unter 190^ mit 
23Vt^^ ihren nördlichsten Punkt. Die pacifische Küste von Centralamerika reicht 
unter 225—2350 bis 6^ S und 250— 255<> bis 2« S. In Centralamerika steht 
PARIAS, in Südamerika AMERICA. Für Nordamerika kein einheitlicher Name. 
Im NO Bachaleos, östlich anschließend Gronlandia, laponia und weiterhin Ver- 
bindung mit Asien, sodaB also das Polarmeer geschlossen ist. England und 
Schottland getrennt. Spanien, Italien zeigen ptolemäischen Einfluß. Vom Asow- 
schen Meer breiter Fluß oder schmaler Meeresarm nach der Ostsee, östlich von 
Liuonia. Straße von Gibraltar ca. 10^ 0, Küste von Palästina ca. 72^ West- 
küste von Vorderindien ca. 115^, Hinterindien, das einigermaßen erkennbar ist, 
zwischen 156 und 180^. Der Südkontioent reicht unter 360^ bis 52^ S. In einem 
großen Vorsprung, der von 105®— 195<> und bis 23 \/ S reicht, steht BRAS- 
SI|ILIA, jenseits eines tief einschneidenden Meerbusens läuft die REGIO PA- 
TA ||LIS zwischen 210 und 255^ bis ca. 23\,<' S. Oestlich davon das Mare 
congelatum. Die Innenzeichnung gibt Flüsse, Hügelreihen, Ländernamen, und in 
Europa und Asien einige Städtenamen. Das Meer ist wellenförmig, mit einigen 
Schiffen und Ungeheuern. Die Breitenkreise sind von 10 : 10® = ca. 6'''''', die 
Längen von 15 : 15® = ca. 9°*°^ gezogen. Im Innern der Kugel ist ein Ka- 
lender eingraviert für die Zeit von 1560 — 1587, danach kann man die Abfassung 
ungefähr auf 1560 ansetzen. 

Dresden, Mathem.-physik. Salon C. 182. 

Litt. : Drechsler , Mittheilangen über die Sammlangen des 
Kgl. mathem.-phy8ik. Salons zu Dresden. Dresden 1873, 27. 29. — 
Wieser, Magalh&es-Straße, Innsbruck 1881, 70. 



#k 



Aelteres kartographisches Material in deutschen Bihliotheken. 39 

34. Johannes Praetorius, Globus, 1568 ; ca. 1 : 45»/* Mill. 

Eingraviert in vergoldete Bronce. Der Horizontalring, der 
um den Grlobus herumläuft, ruht auf einem verzierten, aus drei 
Sirenen gebildeten Messinggestell. Umfang 876"*°. Auf der süd- 
lichen Halbkugel steht zwischen 130 und 150® in stark ver- 
ziertem Rahmen : JOHANNES || PRAETORIVS || lOACHIMIC VS || 
Norinbergae F. || Darunter in Bandornament 1568.^ 

Asien und Amerika hängen zusammen, Scheitelstrecke der Küste zwischen 
180 und 200^ unter ca. 18^ N. Die padfische Küste von Centrahunerika sen- 
det keine Halbinseln über den Aeqnator nach S , wie es in nr. SS der Fall ist. 
In Centralamerika PARIAS. In Nordamerika unter 40<> N ASIA y ORIENtalis, 
unter 23»/»^ N HISPANIA NOVA. Die BACCALEARVM R. läuft unter S37<» 
und 60^ N im C. rasü aus. GRÖNLAND ist Insel. Engroneland Halbinsel nörd- 
lich von Skandinavien. Umrisse von Europa teilweise etwas roh. Boemia von 
Bergen umrahmt. Die (unbenannte) Spree fließt in die Ostsee. Straße von 
Gibraltar 12<> 0, Küste von Palästina 66^ Westküste von Vorderindien 116— 117^ 
Hinterindien ganz unkenntlich. In Südamerika AMERICA || INVENTA 1497. Im 
NO zwischen Monte fregoso und Porto real BRASILIA. Der Amazonenstrom 
geht in breiten Windungen südlich des Aequators. Im Innern das Beuteltier ge- 
zeichnet, das auf der Carta marina Waldseemüllers von 1516 zum ersten Male 
erscheint, (Ratzeigedenkschrift 816), nach links schreitend. Darunter Cusco. Der 
La Plata riesig breit bis 15^ S. Der Südpolarkontinent reicht unter 860® bis 
60« S. unter 80-90o und 50-60« S P8ITAC0RVM || TERRA. Zwischen 90 
und 190« Vorsprung nach N, der fast bis 23V2° S reicht. Darin unter 80« S 
BRASIELUE REGIO. Dann östlich davon REGIO PATALIS bis 255«0 und 
25« S, zwischen beiden ein tief einschneidender Vorsprung. Unten 66 Vi^ S und 
190-250« AVSTRALIS TERRA || NONDVM PLENE COGNITA. Die Innen- 
zeichnung der Continente gibt Flüsse, Hügelreihen, Länder- und Städtenamen. 
Das Meer ist schraffiert, mit viel Schiffen und Ungeheuern. Längen- und Brei- 
tenkreise von 10 : 10«, 10« = 24,25™™. Am Aequator sind alle Längen-, und 
am 360. Meridian alle Breitenkreise markiert. 

Dresden, Mathem.-pliy8ik. Salon C. 194. 

Litt. : Drechsler, Mitteil, über die Sammlangen des £gl. Ma- 
them.-physik, Salons zu Dresden. Dresden 1873. 27. 29. — Wie- 
ser, Magalhäes-Strasse, Innsbruck 1881, 70. — Hantzsch, Land- 
kartenbestände nr. 8. 




Ein Bruchstück des Philochoros. 

Von 

B. Beitzenstein (Straßbarg i. E.). 

Vorgelegt in der Sitzung vom 17. Februar 1906. 

In einem von Valentin Rose entdeckten nenen Bruchstücke 
des Lexikons des Pbotios, dessen Heransgabe er mir zu übertragen 
die Güte hatte, ist unter dem Lemma 'A\LfifG^y ein Fragment des 
Philochoros (170), das Athenaios (XIV 645a) nur dem Inhalte nach 
bietet, in vollem Wortlaute erhalten und dem Werke icepl i^(up&v 
zugewiesen. Da sich die mancherlei Folgerungen nicht in dem 
kurzen Apparat einer editio princeps^) ziehen lassen, sei es gestattet, 
das kurze Stück hier etwas eingehender zu besprechen. 

Die Vorstellungen, die man sich bisher von dem genannten 
Werke des Philochoros machte, scheinen durch die Zufallsfügung 
beeinflußt, daß der größere Teil der Fragmente dem Kommentar 
des Proklos zu dem Schluß der TEpifa xal iQ|iipat entstammt, also 
einer Besprechung der Monats tage nach ihrem sakralen Cha- 
rakter. Proklos, der in diesem Teil besonders stark von Plutarch 
abhängig ist, wird ihm auch diese Angaben verdanken, Plutarch 
aber fand die Lehre des Philochoros schon mit der eines anderen 
„Exegeten" verbunden (vgl. unten Fr. 5); sein Zeugnis wird, wo 
es den Angaben der Grammatiker widerspricht, weniger Gewicht 
haben. 

Fr. 1. Eine Buchzahl bietet das Scholion zu Piatos Apologie 
19c: ol Y&p Tstp48t ']f6vv<i>{i.6vot icovouvtec £XXoic xapwoöadat icap^xoootv, 
<t>C xal ^iXö^opoc ^v r{] icpcbng icepl i^iupcov lotopet * ta&tiQ hh xal ^Hpa- 
xXi) ^aot ifevvY]*1Jvat. Hiermit verbindet sich Photios: TetpdSt ^i- 
Yovoc* iffl TÄv äXXotc icovo6vTCDV. xal ifap töv ^HpaxXda tetpASt ifevvT]- 



1) Die Aasgabe (nach cod. Berol, graec. od, 22) wird demnächst im Verlag 
von Teabner erscheinen. 



R. Reitzenstein, ein BruchBtück des Philochoros. 41 

d^vra E&poodei toXaticcopi^oat. ^iXdxopoc S* a&rj]v xal hd ^Ep[uob 86- 
voodat X^eodat, Statedetodat 8^ 'HpaxXel rJjv i^fiipav, Iv Ta6nQ elc 
d€o&c iLeraoxdvTt. Der Schluß scheint verkürzt. Pausanias, den wir 
nach Wentzels Untersuchungen (vgl. Nachr. d. Ges. d. Wiss. zu 
Göttingen 1896 S. 309 ff.) mit einiger Wahrscheinlichkeit als Quelle 
des Photios betrachten dürfen '), fand bei Philochoros Aehnliches 
wie bei andern Parömiographen, trug aber aus ihm nach, daß 
der Tag auch als dem Hermes heilig gelten könnte; zu seiner 
parömiographischen Quelle zurückkehrend, fügte er hinzu, daß 
einige die ,,Geburt^ des Herakles auf die Geburt als Gott, d. h. 
auf die Apotheose, bezogen hätten*). 

Fr. 8. Schol. Od. 20,156: die Ivtj xal vda halten einige für ein 
Fest aller Götter toö S" 'AäöXXcdvoc tabnjv elvat vojttCetv i^{i.dpav (to&c 
'A*7]vaiooc) elTtÖTCöc, tö icpc&tov cpwc tcp alzmx&xt^ tod icopöc (^cötöc?)... 
IxdXoov te a&TÖv N60(ii^vtov. i^ latopla icapa OiXoxöpcp. 

Beide Fragmente verbindet Proklos zu Hes. 768 ^tXöxopo? 8k 
h T(p «epl i^itspcdv 'HXtoo xal ' A« öXXwvoc ') Xl^st a&rijv (t-^v Ivtjv xal 
vdav). 1^ Sk zBzApvq ^HpaxXiooc xal 'Ep{i.oö iattv. i^ S& IßSöitT) 'AicdXXo)- 
voc* iv a&rg ifap it^dij, 8tö xal lircdtovoc aötoö i^ xtddpa. i^ tetpoc 
'HpaxXdooc* iv a&rg ^ap it^^Yj, xal XI7011.8V Zxi 'tsTpdSt xoopoc iTfsvto 
xal oßicote ÄÄifxaxoc Satat'. 

Fr, 3* Das nächste Fragment ist nur durch eine bis zur 
Sinnlosigkeit entstellte und verstümmelte Angabe des Proklos er- 
halten (zu Hes. 778): lotdjtevov jtfjva lax; elxdSoc IXs^ov, jteta Sk 
tODto 9cp(bry]v ^dtvovtoc» SeoTdpav ^dlvovtoc. ^iXö^opoc S& icdoac tac 
tpeic lepac X^et tfjc 'Adtjvac. Worauf das Fragment sich bezieht, 
zeigt Photios Tpttoifdveta und Schol. B zur H. 8,39: ^ 8« tplriQ 
y*lvovtoc St^x^ und Tf) 8tt icapa Tpttcovt tcp icoTa{i.(p AtßÖYj? lifSVVTfjftY] 
('S) 8ti tpitiQ) ^dlvovToc, a)C xal 'AdTjvatot a^oDoiv. Also fand 
Proklos, der nach jungem Brauch von der elxdc weitererzählt 
Kpobrv] ydtvovToc, Seordpa ^fttvovtoc, tpltY] ydlvovtoc und zunächst 



1) Vgl. Enstatb. 1358,5 dvccxeixai U auxcj) (dem Hermes) xal <«; S^x^ 'J/'^you, 
9aa{, Trrpa7(K>v({> 1^ Terprfc, dfXXov Tp'5;:ov f^rep xqi *HpaxXeI, 1? ou Tiapoi'Ji^a tä iv TttprfSi 
Y^ovac, ^yoüv Iv drocppiSc i^^fiip^, ir.ii xal * HpaxX^c Iv 'coia6TTj yevvijÖtlc xaxov 5t/^dX« 
ß(ov. Das Sprichwort ist hier aas der Erinnerong, dagegen 1534,34 aus der 
Quelle erklärt : SoxeT yotp ifj Trrpa« Ix**"^ "^^ ßap^Ttjxoc, cbc V) xaxa tov * HpaxX^a laxopfa 
^TjXol. 8c 4(^^P? xtxflfpxTQ Yfwr^i^elc Suaxu*/))« aTr^ßr). ^dtv xal Tiapoefjiia x6 xtxpcf^i yiyova, 
f joüv lx£pou iiovÄ • ol ydp iv xauxiQ, tpaa{, x J f/p-^p? YfYOvixe«, die * HpaxX^; laxopcixai, 
pVXou SoxoOcft xaXa(iru)ptTv. 

2) Vgl. Miller Melanges 866 (paal U, Zzi xal xexpoESt ^oc <vo{ji{a0T). 

3) Proklos ließ sich dadurch irre führen, daß Philochoros Apollon als 
Sonnengott erklärt hatte. 



42 ^ Reitzenstein, 

nur die Einteilmig des Monats erklären will, zur tpltifj ^^tvovtoc 
(freilich nach altem und echtem Sprachgebrauch) die Bemerkung, 
daß dieser Tag der Athene heilig sei, Philochoros aber icdaac ta? 
Tpt48ac (bezw. tac tpkac) lepac Xl^et tijc 'Adtjvdc. Das erklärt sich, 
sobald wir auf Harpokration blicken: Tptto|i.Y]v{c • AoxoöpYoc Iv tip 
icspl Ispetac. t^]v tpttYiv toö (jltjvöc TptTO|i.Y]vtSa IxdXoov, Soxei S& ^e- 
viftXtoc tfj? 'A*T]vdc. ^aTpoc S^ xal tpitoY^vstav a&n^v ^Tjot 8ta 
TOÖTO Xfrjfsoftat, rJiv a&rijv SsXtjviQ (codd. osXtJvtjv) vo{uCo(x.^t]v. Wer 
hiernach annehmen will, daß Philochoros auch dem Apollo und 
Hermes (bezw. Herakles) je drei Tage des Monats zuschrieb, wird 
schwerlich widerlegt werden können. 

Fr. 4. In die Besprechung der Zahl Drei, die hierbei nötig 
war, gehört wahrscheinlich das vermutlich aas Pausanias ent- 
nommene Fragment bei Photios Tpttoc xpaTijp • At&c teXeCoo acoT^poc ' 
«pÄTOc Tfap tdXetoc ipt^öc 6 tpta, 8u ^bi apx'^v xal tiXoc xal (liaov 
(jiioa cod.), &c OtXöxopoc ^v tcp ^cepl i^(t6pd^v. Die Worte des Philo- 
dioros sind voller erhalten im Scholion zu Piatos Charm. 167a: 
TÖ tpltov T(p Oö)tf)pt • iid Töv TsXslcoc ti TcoiobvTcov. tdc ifap tpltac otcov- 
8ac xal TÖv tpltov xpatf)pa Jxtpvcöv tcp Att tip oa>tf)pL TdXeioc T^^P 
6 Tpta ipidfiöc, iiceiS'J) xal ipx'^^ *«l (jl^ogv xal TdXocSxst 
xal icpcbTOc o5toc td^v &ptd(töov ipttoir^ptttoc* 

Fr. 5. Die bisherigen Angaben gelten für alle Monate. Da- 
gegen scheint das nächste nur von Proklos erhaltene Fragment 
mit Recht von A. Mommsen (Feste der Stadt Athen im Altertum 
486,3) nur mit den Kallynterien am 19. Thargelion verbunden: 
Proklos zu Hes. 808: rf]v IvvsaxatSsxdtifjv &c xal rJiv öxtcoxatSexdtiQv 
ta «dtpta zm 'Adijvaicöv xadap(toic iico8l8ö)Ot xal aicotpoicalc, &c OtXö- 
XOpoc Xl^et xal 'Aptfotepöc*) ifiTjTTjtal mv icatplcov $v8psc. 

Fr. 6. Weist dies auf eine Besprechung des ganzen Jahres, 
so noch mehr eine von Photios*) "AXxoovlStc i^(iipat erhaltene An- 
gabe, daß Philochoros deren Zahl auf Neun bezifferte. Ein an- 
deres Werk des Philochoros, auf welches wir diese Angabe be- 
ziehen könnten, wird sich kaum erweisen lassen, und Pausanias, 
dem sie entlehnt ist, benutzt die Schrift icspl i^|upd^v. Dagegen 
wird die in den Pindarscholien (zu Nem. 3,1) erhaltene Angabe 
des Philochoros, die Athener hätten den ganzen Monat Demetrion 
als Fest betrachtet, besser mit den von Athenaios XY697a aus 



1) xal ... dlfi^($T(|>oi Siebeiis. t&v TrotTpCuiv '\%r^saiio^ Br. Keil zweifelnd. 

2) Vgl. Bekker A. 0. 877,26 und Soidas, aas Pausanias, ygl. fiastath. 776,33, 
Schwabe p. 101. 



ein Rrachstück des Philochoros. 



43 



der Attbis berichteten Ehrungen des Demetrios verbanden; für 
die Rekonstruktion nnseres Baches scheidet sie aas. 

Fr. 7. Das neae Brachstück, welches dessen Charakter am 
klarsten erkennen läßt, lantet: 



Photios a. d. W. 

xol *Apxi^iSi ^epd(t6V0C9 So^Sla iv 
xöxXcp icepixatöfisva ^) Sx<dv. 



^iXö^opoc äv T^ «epl i^i^epcdv: 
IxtiQ*) iicl 86xa: xal todc xoXoo- 
(livooc S& vov dt(i^t^VTac tabtiQ 
rg i^iiip(f lyö{i.iaav ol ip^aiot tpi- 
petv filc ta Upa rjj 'Apt^jitSt xal 
Itt sie*) tac tptöSooc. tabtig ifAp 
<30|tßaiv6t lirtxataXaiißdveodai^) rijv 
osXi^vTjv l«l^ täte Soofialc oäö tijc 
avatoXi^c toö i^XCoo. 



Athenaios XIV 64Ba. 

'A(i^tf 6^v • icXaxoöc 'AptdjttSt 
dvax8((i.6V0Cf ^6t S* Iv x&xX(|> xaö* 
(uva S(fSta. 

<I>iXiij(ta)v Iv nTOxtl ^ To8£flt* 
''Aptejit, ^CXt] S^OTCotva, toötöv aoi 
^dpa>, & 9cötvi\ &(tfi96ÄVTa xal 
oirovSii^at|ia. p.V7](i.ov6&st a&toö xal 
AlytXcx; iv 'Exdra*). 

^tXöxopoc 8* 

&(i^t9d>VTa a&TÖv xX^j^f^ai xal 

sie ta tijc 'ApTdjttSoc iepÄ ^dpe- 
o^at Stt TS xal sie tac tpiöSooc* 
iicel iv ixslvQ rj i^|iip(f licixata- 
Xa(i.ßdv6tai i^ ceXiJvY] licl talc So- 
0|taiC o«ö tijc toö i^Xloo ivatoXiJc 
xal 6 o&pav6c ift^if ü)c Ttvs- 
tat. 
Das Verhältnis beider Aatoren zn einander ist ähnlich wie 
z.B.: 

Photios a. d. W, 
'Avti^ovlc* IloX^ticov 4v c' töv 
«pöc 'AvtiYovov. oStcoc ^aolv 6vo- 
|iaodf}vai £x9ca)|ia iicö 'Avti^övoo 
too ßaaiX^coc, xaddicep &9c6 £sXe&- 
xoo HsXsDxlSa xal inb IIpoooloD 
IlpoooiSa '). 

1) 7cep(xc{fxeva cod. 

2) Das Zitat erkl&rt, warum im Eingang bei Photios auch Hekate er- 
wähnt ist. 

3) Sc cod. 

4) iTi eis] ln\ cod, 

5) ircptxaToXafjLßcSvcadac cod. 

6) icp<k cod. 

7) Die falsche Form stand schon in der Photios und Athenaios gemein- 
samen Quelle. 



Athen. XI783e. 

' Avttifovlc ' 5x7Cö)|ia iirö toö ßa- 
aiXdcoc 'Avti^övoo, &c ^^ö £6X66- 
xoD £6X6oxl(; xal inb npooaloo 
npooolc. 



44 R- Reitzenstein, 

Vergleicht man hiermit Athen. XI 497 f.: leXeoxic* 8ti inb 
ZeXebxoo toö ßaotX^c t-^v icpoaijYOptav So^ev t6 $xira)|ia icposCpiQTai, 
btopoövToc toöTo xal ^AicoXXoScopoo toö 'A^vateo. noXi|uov 8' Iv 
9cp<&T(|> TÄv ffp&c 'ASaiov (Fr. 57 Pr.) icon^pta, ^tjot, «apaicXi^oia SeXeoxic» 
ToStdc, 'AvTi^ovlc* 80 erkennt man leicht, daß die Photios und 
Athenaios gemeinsame Quelle beide Stellen noch im Zusammen- 
hang bot; ob das Fragment des Polemon dem ersten oder dem 
sechsten Buche angehört, bleibt unentschieden. 

Den Namen der gemeinsamen Quelle gibt Photios in folgender 
Glosse an: ^'Afi.ßpoTTot xal 'A|jLßp6tTtot iy[lyoi' ol 8h «^pac i«68ooav, 
hf* &y ^) ^oxta «^oxev ImicoXfJc. E&pt«C8ooc 84 elicövtoc »ßpoTTÖc(?) Jiirac^ 
Ttvfec 'C'Jiv TsXeotatav Sta toö t) Ypd^ooatv, o&x dpd^&c» (^c) ttapxopsi 
"HpcpSiavöc. 'AptOTOt^XYjc 8i iv tote «epl C4>ö>v (h.a. 4,5) icXsto) t^vt]^) 
9T]ol T6bv lx^^^^9 ^^ i^ '^^ iadi(i(t6vov, Iv (p zoL Xe^öiuva u^ä (tsYdXa 
Yivetat xal i8(S>8i{i.a 6[i.otaK ^ (teiCovt xal IXdttovt' xal ^ip e&^c Stt 
(uxpol Svtsc 8x®^^^ taöta. äXXa Sk Sbo y^vtj tö te täv oicatdif ^cöv ') xal 
t&v xaXoo(t§vü>v &{i.ßp&TTO>v ^). Yivovtai 8^ oStoi iceX^Yiot xal oicdvtoi. 
97)01 8^ 6 ^Hp(|>8tav6c Stt 'AptotoTdXTjc xal 8ta toö o xal 8tat>XXdßa>c 
rJiv Xdfitv «po^dpstaf ßpoooooc ifap aitoöc Xl^et. Man vergleiche hier- 
mit Athenaios 11191b: 'AptototdXYjc 8^ ^yjoi täv Ix^^^^ «XeC© Y^vifj 
elvat* §v (jL^v t6 lodtö{i.evov, iv (p t& xaXo&(t6vd lottv ^d, SXXa 8& 8&o 
TÖ te TÄv aicatdYYCöv xal tö töv xaXoo(t^(i>v ßpooocov. [i.V7]|iOV66ei twv 
oicatd^Ycov xal Zco^pcov xal 'AptotoydvTjc ^ ^OXxdtotv xtA. Den 
Schluß bietet wieder Photios u. d. W. SicatdtYYaf l^Wsc ttv^c*). 
ol 8fe To5c jteif^Aooc ^x^vooc, oßtoc 'AptotoydtvTjc. Beide Glossen 
fehlen bei Suidis, beide finden sich verkürzt bei Hesych wieder; 
er benutzt, wie sich zeigen wird, durch Diogenian den Pcunphilos, 
Photios denselben durch Herodians Vermittelung. Die Schrift 
Herodians aber war sachlich, nicht lexikalisch oder rein gramma- 
tisch orientiert. 

Den Beweis ergänzen zwei in einem Nachtrag neben einander 
stehende Glossen des Photios: 'Aft&Xooc xal t6v S{i.oXov iposvtxdic 
X^TfODOf (TT]X6xXet8T]c) (Fr. 32) „x^^P^ Xa^cpotc^ hc' iL\ib\ip xadtj- 
jiivoic". Stpdrttc KaXXwrf8iQ • „86? vöv töv i[toXov icpcotov aötcp tootovl". 
'AptOTO^dvYjc Nijootc' „äjtoXoc, tipt^oc, icodc'), loxd8ec, ^axfj". — 



1) «J) cod. 

2) Y^ei cod. 

3) Traxdywv cod. 

4) Lies ßpuaacöv. 

5) Bis hierher wohl aus anderer Qaelle. 

6) xal fnofokioiz cod. 

7) 7101(^5 cod. 



ein Bruchstück des Philocboros. 45 

'AtiOYSoX-fJ • «eptoicätai tö 8§v8pov, 'AjtoYSdtXYj 8h 6 xapicöc «apoCötovet- 
xat. E6«oXtc nöXsatv „&98tX'0 Tdxtvdoc iiro^avelv <&ä'> ip^SoXt)". 
'AiLO^SoXa 8^ Jk i^(t6lc t6v xapicöv xal ^p(tticicoc ^op[i.oföpoic (Fr. 
63, 20) xal ^tXi5{Mov h M6att8t xal AttptXoc TeXea^ (Fr. 79) ^tpcoYdtXta, 
{iopTiSec, icXaxooc. ifh^Saka^. Wieder fehlen beide Glossen bei 
Soidas. Bei Athenaios XIV648e finden wir nach einer offenbar 
lexikalischen Quelle auf die Frage tlc &(X'&Xoo (iv/jitovsosi die stark 
verkürzte Antwort : toö 8h &(t6Xoo {i.v7](i.ov66st TYjXexXetStic iv Steppolc 
otmool X^cov „fiXoÄ icXaxoövta dep(töv, &XP^^^^ ^^ fiXob, x^^P^ Xa^cpoic 
4x' &|i6X(|> xa*T]|i.dvoic". Der ersten Glosse entspricht in umgekehrter 
Ordnung der Anszng ans Athenaios I162e: 8ti xal o&Sstdpcoc dt(t&Y8aXa 
Xi^fitau At^iXoc „Tpa>7diXia ^), (toptiSec« icXaxoöc iiio^SaXa". Stt 9C6pl 
T^C «poyopÄc TOö TÖvoo tfjc ipT^dtXifjc ndjif iXoc ^hy ifitol ßapovsiv 
6(LoUi>^ T(p dt(i.078dX(|>. t6 (livTOt S^Spov ^dXst iceptoicäv, iftoYSoXf] J>c^ 
po8>J. Unmittelbar vorher wird Herodian zitiert. Ich hatte 
schon in meiner Geschichte der griechischen Etymologika (S. 373) 
die von Wilamowitz beanstandete Stelle in Schatz genommen and 
aaf das Symposion Herodians bezogen. Ich hoffe, die Glosse ""Aii.- 
ßpottoi gibt jetzt den Beweis: das Symposion Herodians ist so- 
wohl von Athenaios wie auch von Photios benatzt worden*). Es 
war ja bis in die Zeiten des „großen Grammatikers" Symeon noch 
erhalten (vgl. Gesch. d. griech. Etym. 371), der seinerseits, wie 
ich jetzt hinzufügen kann, das Lexikon des Photios benutzte. Wir 
dürfen hoffen, durch planmäßige Yergleichang der beiden abhän- 
gigen Werke nicht unbeträchtliche Reste dieser im Wesentlichen 
atticistischen Schrift zurückzugewinnen. 

1) i^Ckv* u^xtvdot cod. 

2) So GE. Mit Unrecht setzt, wie Photios zeigt, Kaibel aus XIV 640d Tpc^fTjfxa 
ein, wenn auch Diphilos so geschrieben haben mag. 

3) Kai C 84 E, verb. v. Kaibel. 

4) Freilich nicht von Photios allein, sondern ebenso schon von seiner Haupt- 
qaelle, der großen Sammlang, welche außer ihm noch Soidas and der Verfasser 
des VL Lexikons Bekkers benutzen. Es steht genaa so mit Herodian wie z. B. 
mit Phrynichos, der in den Zusätzen des Photios nicht minder stark wie in der 
HaaptqueUe erscheint. Die Berührungen mit Athenaios sind bald so eng, wie 
z.B. in der Glosse 'AyxuXrj (Nacbr. d. Ges. d. Wiss. Gott. 1896 8.320,23 = 
Athen. XI 782de, von Wentzel yerkannt), bald so frei wie in der Glosse 'AxoXVJ^t) 
(= Bekker An. Qr. 370,18, Suidas == Athen. III 90a). Ihre Gesamtheit weist 
zwingend auf die Benutzung eines sachlich geordneten Symposions. Gewiß ver- 
raten sich die Herodian entlehnten Sätze sowohl bei Athenaios (II52e) wie bei 
Photios (u. d. W. 'AfjLßpuTToi) als billige ZufUgungen zu einem schon von andern 
gesammelten Stoff. Aber weil sie bei beiden Autoren begegnen, müssen wir sie 
fiir die gemeinsame Quelle, also für jenes Symposion in Anspruch nehmen. Auch 
Herodian hat nur wenig Eigenes zu dem tralaticischen Gut hinzugefügt. 



46 ^' Reitzenstein, 

Ich kehre endlich zu dem Fragment des Philochoros zurück. 
Photios hat dieser von ihm selbständig nachgeschlagenen Nebenquelle 
zu Liebe eine entsprechende Bemerkung seiner Hauptquelle unter- 
drückt. Sie bietet Suidas in den Glossen 'A(i^t9&v und 'Avdotatot, 
die auf Pausanias zurückgehen. Auch er scheint den Philochoros, 
freilich wohl nicht unmittelbar, zu benutzen. Der Wortlaut weist 
mit ihm kaum noch Berührungen auf, vgl. unter 'Avdtotatot ^) : 61 
Sk dt(i^tf (ovtec Yivovtai Moovo^icovoc (t^ivöc Sxtig inl Sdxa, 6t xal sie t6 
Moovoxi^c lepöv xf^Q 'Apt^|ii8oc xo(t(CovTat. 6vo{idCovTat Sk &|jLf tf d^vtec 
d)c |iiv Ttvec, Stt TÖts ifivovtat, Zxb ^Xtöc ts xal oeXi^vt) icpm bzkp iffjc 
f a(vovtat, a>c S^ 'AicoXXöScopoc* Stt xo(tiCo(K3iv a&tooc So^Sla ii^^b^a icept- 
in)7v6vtec ^'c' a&twv und 'A(if tf (övtec * icXaxoövtoc stSoc, ofevsc Sif Cvovto, 
Ste 6 ^Xtoc xal i^ osXtJvtj «pcat oic^p iffjc yaivovtat. Tf) 5ti ixöjttCov a&toöc 
Se^SCa i^jtjiiva iceptmjYvovtec iic' a&toÄv, ßc ^ifjatv 'AicoXXöSwpoc. Als 
Ansicht des Pausanias gibt Eustathios bekanntlich 1165,12: xal 
Sri ol ^if]^dvTsc a|if if d)Vtec SXXcoc te oota>c ixaXoövto &9c6 i^XCoo xal 
asXnJvYjc xal Stört lxö[i.tCov a&tooc SoffiCa i^(i.{i.^a iC6ptin)7v6vTec ^' ait&v. 

Der Unterschied ist klar. Pausanias spricht nur von dem 
offiziellen Fest und daher nur von dem Heiligtume der Artemis 
Munichia, Philochoros nur von dem Privatkult, wie er sich wohl 
in ganz Attika vollzog. Dadurch unterschied sich offenbar das 
Werk Äspl i^^ftepo^v von dem «epl loptwv, ja vielleicht auch von der 
Schrift «spl *oatü)v. 

Dennoch werden wir diesen privaten Brauch zeitlich nicht 
von dem allgemeinen Feste trennen können; nicht in allen Mo- 
naten, sondern nur an der Ixttq inl Sdxa des Munychion wurde das 
Opfer der ijiytfÄVTec dargebracht*). Die Ueberschrift Sxrj inl 
Sixa erklärt sich sofort, wenn wir an die inschriftlich erhaltenen 
Opferkalender einzelner Heiligtümer und Gemeinden denken. Die 
Namen der Monate bilden die Hauptüberschriften ; dann folgen als 
Untertitel die Angaben der einzelnen Tage. Als Probe wird eine 
Stelle aus dem kölschen Opferkalender (Paton-Hicks 37), auf den 
mich Er. Keil aufmerksam machte, genügen: Ix dt St* ßoDc 6 xpideU 
d&etat ZtjvI IIoXtTjt . ,, za^ ahzö^ &^ip(H' 'A^avaiof IloXtbtSt olc xodoooa^. 
Dem würde entsprechen rj a&rg i^(iipG(' 'AptdjttSt &(i^t7<ovTec* Die 



1) Nor den Anfang der sehr langen Glosse hat Photios ans der gemeinsamen 
Quelle in sein Lexikon ühemommen. 

2) Freilich scheint es nach den Worten des Philochoros später an mehreren 
Tagen dieses Monats dargebracht. 

3) Etwas anders angelegt ist der Opferkalender der attischen Tetrapolis 
(Prott-Ziehen Leges Oraecorum sacrae p. 46), auf den mich ebenfaUs Br. Keü 
aufmerksam machte. Da er der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts angehört, 



ein Bruchstück des Philochoros. 47 

Worte des Philochoros zeigen nur eine leichte literarische XJm- 
gestaltung; man erkennt wie diese archaisierende nnd erklärende 
Kalender-Literatur aus der Inschrift hervorwächst. Etwas jünger 
mag der Versuch des Simmias von Rhodos sein, den dorischen 
Elalender in poetischer Form und mit ähnlichen Erklärungen zu 
bieten. Als Titel wählte er bekanntlich MtJvsc. Die hellenistische 
Literatur wächst hier aus der attischen, die poetische aus der 
prosaischen hervor. 

Die in jedem Monat wiederkehrenden heiligen oder doch be- 
deutungsvollen Tage müssen in einem solchen Werk bei dem 
ersten Monat besprochen werden; es ist nur natürlich, wenn 
Philochoros die Bedeatung der tstpdc im ersten Buche auseinander 
setzte (Fr. 1). Genau so verfährt ja Verrius in den Fasli Prae-- 
nestinij an die wohl jeder Leser schon gedacht hat; auch er wird 
in der Buchausgabe, die ich mit Mommsen annehme, weit mehr 
auf das Privatleben eingegangen sein, als in der offiziellen In- 
schrift. Den Beweis bietet Ovid. Daß wir den Zusammenhang 
dieser römischen Kalenderliteratur mit der griechischen jetzt einiger- 
maßen erkennen, scheint mir der Hauptgewinn aus dem neuen 
Philochoros-Fragment. 

Eine Einzelheit, welche vielleicht beleuchtet, wie die ganze 
Technik der Erklärung von dem griechischen Vorbild mitbeeinflußt 
ist, sei es erlaubt, herauszugreifen, um ein vernachlässigtes Frag- 
ment des Varro dabei zu erläutern, welches sich bei Johannes 
Lydus de mens, IV 2 (p. 64,18 Wünsch) findet: 6 8h Bdppa>v iv rg 
TsoaapeoxatSsxdtig xm dstcöv icpa^jidttcöv yifjalv aötöv (den Janus) «apa 
Oo&oxotc o&pavöv Xl^eodat xal Scpopov irdoTjc irpdSeox;, xal UoicdlviDva 
StA zb Iv täte xaXdvSatc iva^ ^peo^at icönaya. Den lateinischen Neunen 
hat Agaid (Jahrbb. f. Phil. u. Paed. Supplem. XXIV 120) richtig 
erkannt; er kann, da das icöicavov des Janus den Namen lanual 
führt, nur lanualis sein. Die Verwendung des Namens zeigt Ovid 
Fast. 1,125: 

praesldeo foribus caeli cum mitibus Horis^ 

it redit officio luppiter ipse meo, 
inde vocor lanus, cui cum Ceriale sacerdos 

imponit lihum^) farraque mixta scde, 
nomina ridebis^ modo namque Patulcius idem 

et modo sacrifico Clusius ore vocor. 



hilft er weDigstens die Existenz derartiger Inschriften in der Zeit vor Philochoros 
bezeugen. 

1) Also das ianual. 



48 R- Reitzen stein, ein Bruchstück des Philochoros. 

Die Gtebetsformel bei diesem ersten Opfer war also (lane) Ja- 
vualis Patulci Clusi. Hierfür spricht auch Verrius, der in den 
Fasti Praenesfini den Monatsnamen lanuarius von dem Beinamen 
des Oottes lantMlis ableitet : — (appeUa()ur in Latio — {saer%f%c)at 
libo, quod (ianual vocatur). Weil die griechischen Exegeten den 
runden Opferkucben mit dem Himmel verglichen, war Varro fiber- 
zeugt, daß sich selbst in der durchsichtigen Formel lanualis Por 
tulci Clusi das erste Wort nur auf den Himmel und sein Abbild, 
den £uchen, beziehen könne. So löste er es von den folgenden, 
eng anschließenden Worten los, was Verrius wenigstens nicht 
ganz getan hat, wenn er auch die Deutung auf die Himmels- 
türen mit annahm. Wie dann Janus als Himmelspfortner dem AU&v 
angeglichen ward, muß ich an anderer Stelle auszuführen suchen. 




De BciBmate Grandimontanornm 

(vier lateinische Bythmen von 1187). 

Von 

WflkelB Heyer aas Speyer 
Professor in GiyttingaL 

Yorgdegt in der Sitznng sm 17. Mftn 1906. 

Die von Sduneller 1847 herausgegebenen, sogenannten Carmina 
Barana, d. h. die aas dem Kloster Benedictbeaem nach M&nchen 
gekommene lateinische Handschrift 4660 (13. Jahrh.), enthalten 
den reichsten and wichtigsten Schatz mittelalterlicher weltlicher 
Lyrik in lateinischer Sprache. Dieses Gold mittelalterlicher Lyrik 
ist zar Zeit etwas verdankelt darch den ünfog, welcher seit 
Giesebrecht in diesem Literatargebiet mit den ^Vaganten' getrieben 
wird: doch jedenfalls bringt ans diese Sammlang viele herrlichen 
lyrischen GUdichte in herrlichen Formen, üeber die Handschrift 
and die ganze Sammlang dieser Lieder, wie fiber ihre schonen 
Formen habe ich schon Mancherlei geschrieben, — vgL die Frag- 
menta Barana in der Festschrift der Gesellschaft d. TViss. 1901, 
dann den Lidex meiner Ges. Abhandlangen zar mittellateinischen 
Bythmik 11 S. 394, — allein immer schmerzlicher habe ich em- 
pfanden, wie anzalanglich die öfter nachgedrackte Aasgabe 
SchmeUers ist. SowoM far die Gestaltang des Textes wie far 
das Yerständniß der (Gedichte ist theilweiBe Vieles theilweise 
Alles noch za than. Die Aafgabe des Philologen ist es, das 
Gestrüpp za beseitigen, welches die Jahrhanderte hier haben 
wachem lassen, and fBr jedes Lied sowohl den Plan möglichst 
klar za machen, nach dem es einst entworfen worden ist, wie die 
Art, wie dieser Plan im Einzelnen aasgeffihrt ist. Diese Aafgabe 
ist schSn, aber bei den Carmina Barana ist ihre Aasfahrang 

Ifl. Gm. 4. Wi«. HMkiiektM. tm^UgykMn. Mhmm IIOC BWIl. 4 



50 Wilhelm Meyer, 

angemein mühsam imd schwierig. Jedes dieser Lieder ist ein 
Einzelwesen; der ürsprong wie die IJeberlieferang eines jeden 
Liedes kann ganz anders sein als der ürspmng und die üeber- 
liefenmg aller anderen. 

Gut der 4. Theil dieser Lieder kommt auch in anderen Hand- 
schriften vor: aber wie gewohnlich bei Volksliedern, so weichen 
auch bei diesen Liedern die verschiedenen Abschriften oft gewaltig 
von einander ab. Nicht nur kommen viele verschiedenen Fassungen 
einzelner Ausdrücke zum Vorschein, sondern in den einzehien 
Abschriften sind oft Zeilen oder Strophen weggelassen oder zn- 
gesetzt oder umgesetzt; oft sind 2 Gedichte wie eins geschrieben, 
oft ist 1 Gedicht in 2 getrennt. Deßhalb ist eine Vergleichung 
der verschiedenen Abschriften die unentbehrliche Grundlage für 
weitere Untersuchungen. Hier besonders gilt der Satz, daß eine 
gute Handschrift mehr werth ist als der Scharfsinn vieler Gelehrten. 

Die hier zusammengestellten Lieder besingen weltliche Gegen« 
stände jeder Art : die meisten besingen die Liebe, viele Wein und 
Wirthshaus, etliche das Vagantenleben; andere betreffen die Launen 
des Glückes, Geiz, üeppigkeit, Hof leben, Simonie und Verderbtheit 
der Geistlichen, Ereuzzüge; dazu gesellen sich Schauspiele über 
Christi Geburt oder Leiden und Auferstehung. Ebenso bunt 
sind die Formen der Lieder, für welche der Sammler ganz be- 
sonderes Literesse hatte: schlichte Lieder in gleichen Zeilen und 
Reimpaaren, Lieder in kunstreich aufgebauten Strophen, Sequenzen, 
Leiche, ja Singspiele, zusammengefügt aus ganz verschiedenen 
Strophen und Liedarten. Allein diese Sammlung ist nur eine 
Auslese, die gewiß durch viele Zufälle bestimmt worden ist. Wie 
vom Archipoeta nur die Confessio ganz und aus anderen Liedern 
nur einige Bruchstücke hier vorkommen, welche ohne Kenntniß 
der Göttinger Sammlung nur halb verständlich wären, so steht 
es mit vielen Gedichten dieser Sammlung. Das Verständniß ihrer 
Formen oder ihres Inhalts ist vielfach bedingt durch die Kenntniß 
der anderen weltlichen ßythmen aus dieser Blüthezeit der mittel- 
lateinischen Dichtung« Deßhalb ist zum Verständniß der Samm- 
lung der Carmina Burana vielfach nothwendig die Eenntniß der 
übrigen mittellateinischen weltlichen Lyrik, welche ja von Wright^ 
Mone und Dum^ril nur theilweise bearbeitet worden ist. 

Die derartigen Lieder sind freilich meistens ohne Namen der 
Dichter oder mit Decknamen wie Golias, Primas, Archipoeta in 
die Handschriften geschrieben, und meistens, um diese oder jene 
leere St^e zu füllen. Deßhalb ist es zunächst mühsam und 
schwieritfBybp Handschriften-Katalogen die einzelnen Abschriften 




De sdsmtte Grandimontanomm. 51 

aufzufinden, dann wird es der freundlichen und nachsichtigen EQlfe 
der BibliotheksYorstände bedürfen, am die einzelnen Abschriften 
ausnützen zu können. 

Welch verschiedene Verhältnisse oft bei dieser Arbeit inein- 
ander greifen, dafür können die folgenden vier Rythmen ein 
Beispiel geben. 

(I) Die Handschrift der Carmina Bnrana, der Codex latinns 
Honacensis 4660, enthält anf BL 6^ ein Gedicht 'In Gedeonis area', 
6 Strophen über einen Streit im Orden von Grandmont. Dasselbe 
Gedieht findet sich in der Handschrift in Oxford, Bodleianns 
Add. 44 BL 126« als no 77; doch fehlt hier eine Strophe und 
eine andere Strophe ist umgesetzt. In der Historia prolixior 
priorom Grandimontensinm (Martene, Ampi. CoUectio VI Sp. 128/9) 
ist zu 1217 gesagt, dies G^cht, von dem eine sonst unbekannte 
Schloßstrophe (bei meinem Abdruck, die 7. Strophe) ausgeschrieben 
ist, sei damals gedichtet worden; darnach haben manche Neueren 
den hier berührten Streit um das Jahr 1217 gesetzt. 

(TV) Da der Inhalt des eben erwähnten Rythmus mir vielfach 
dunkel blieb, freute ich mich zu sehen, daß B. Haurteu in den 
Notices et extraits des manuscrits de la Bibliothique Nationale 
XXXn, pari I p. 279 (= Haur^au, Notices et extraits VI 1893 
p. 303) einen andern Rjthmus über denselben Streit im Grand- 
montenser Orden veröffentlicht hat: 'Bespidat Emanuel': no. IV 
unten. Haurteu hat nur die pariser lat. Hft Nouv. Acquis. 1644 
(16. Jahrh.) BL 89 abgedruckt, aber er dtirte, nach den Monu- 
menta Germ, historica, Scriptores XX 106, eine andere Abschrift 
aus dem 13. Jahrh. auf dem ümschlagblatt der römischen Hft 
Casanatensis A. m, 29. Auf meine an den Leiter des preußischen 
Instituts in Bom, Paul Kehr, gerichtete Bitte hat das Mitglied 
dieses Instituts Herr Dr. Fedor Schneider diese Hft verglichen, 
wobei viele und treffliche Besserungen des von Hauräau gedruckten 
Textes sich ergaben. Solche Besserungen hätte Hauräau freilich 
näher haben können. 

(n m IV) Hauröau citirt nemlich selbst, daß Guibert in 
dem Werke 'Destruction de Tordre de Grandmont' 1877 p. 104 
aus der 'Complainte satirique sur la quereile des dercs et de 
convers, qui paratt remonter aux demiferes ann^es du XU* siftcle', 
in der pariser latein. Hft 16009 BL 267^ und 258*, Bruchstücke 
gedruckt hat. Freilich hatte schon die Histoire lit^raire de la 
France XV 141 citirt: on trouve dans un manuscrit de Saint- 
Victor quatre complaintes (no IV Z. 63 — 93 ist als neues Gedicht 

4* 



62 Wilhelm Meyer, 

gerechnet) sor cet äv^nement (1186/1188), compos^es des rythmes 
diffärents. Voici deax stances de la seconde, qui nous parait la 
meilleore (folgen die Zeflen m 1 — 20). Durch die besondere 
nnd oft bewährte Gute H. Omont's erhielt ich die photographische 
Copie der beiden Seiten. Da fand ich nnter der üeberschrift 
'De scismate grandimontanornm' zonächst an letzter Stelle (no IV) 
den schon von Haaren gedruckten Rythmns 'Bespiciat Emanuer, 
mit trefflichen Lesarten, welche freilich fast alle schon die, Casa- 
natenser Abschrift mir geboten hatte; voran aber 2 Rythmen: 
no n *Nabes fallax' nnd HI 'Fleant omnes', von denen die 
Histoire lit. nnd Q-oibert nur einzelne Zeilen veröffentlicht hatten. 

Diese 4 Rythmen betreffen offenbar denselben Streit im 
Grandmontenser Orden: aber welcher Streit ist dies von den 
vielen, die in diesem Orden sich abgespielt haben? Die Histoire 
litäraire denkt an den von 1186/88; Ghiibert spricht von les der- 
ni&res annäes du XIT* siide; der Chronist des Ordens aber nennt 
ausdrücklich 1217 als Entstehungsjahr des ersten Rythmus. 
Aber es galt nicht nur, die Entstehungszeit dieser Rythmen fest 
zu bestimmen, sondern auch ihren Inhalt klar zu stellen. Die 
frühe Geschichte des Grandmontenser Ordens, besonders aber die 
Geschichte des Streites von 1186/88, hat noch manche verborgene 
Falte; ich habe mich bemüht, die Ursachen des Streites und die 
Einzelheiten seiner Entwicklung deutlicher zu machen. 

Historische Gedichte betrachtet man mit Argwohn; meistens 
kommt entweder die Dichtung oder die Geschichte zu kurz. Ein 
gutes historisches Gedicht soll nicht möglichst Viel erzählen, 
sondern die Stimmxmgen und Empfindungen ausdrücken, welche 
sich an Ereignisse knüpfen und welche am geeignetsten durch 
Sede und Gegenrede ausgedrückt werden. Am Beispiel des Wal- 
tharius habe ich das nachzuweisen versucht (Zft. f. deutsches 
Alterthum 43, 1899, S. 116). Solch kleineren historischen Gedichte 
sind besonders geeignet, die Vox populi über ein Ereigniß aus- 
zudrücken. Das thun diese Rythmen. Aber auch das Ereigniß 
selbst, welches diese Rythmen hervorgerufen hat, ist nicht nur 
wichtig gewesen in der Entwicklung des Grandmontenser Mönchs- 
ordens^), sondern es hat auch in sich ein allgemeines Interesse. 



1) Das wichtigste Werk der ftlteren Zeit, J. Levesqae, Annales ordinis 
Grandimontis, Trecis 1662, war mir nicht zugänglich. Ich benützte besonders: 
Lonia Goibert, Destniction de Fordre et de Fabbaye de Grandmont, 1877; er hat 
reiches geschriebenes nnd gednicktes Material verarbeitet. Dann benfitzte ich 
von Quellenwerken, für Urkunden besonders: Martene-Durand, Thesaurus novus 



De sdamate Grandimontanomm. 53 

A. Der Ordo eztraordinarios. 

Ende 1187 nnd Anfang 1188 hat Stephan von Tonrnai, ein 
Sachkenner in diesen Dingen, in 2 Briefen (no 166 und 167 ed. 
Desilve 1893) den Orandmontenser Orden den ordo 'extraordinarins' 
genannt. Auch die 4 Rythmen sind dnrch dies Extraordinariom 
hervorgemfen. Deßhalb will ich versnchen, vorerst dies Beiwort 
ZQ erklären. 

Stephanns von Thiers hatte 1076 die päbstliche Erlanbniß er- 
halten, denselben V ersnch zn machen, den damals so Viele machten, 
and mit Andern unter neuen, besonderen Regeln zusammen zu 
leben; er erwählte sich dazu die Einöde Muret nah bei Limoges. 
Als er 1124 starb, hatte er schon viele Genossen. 6 Monate später 
zog die Genossenschaft mit Stephans Gebeinen in eine andere be- 
nachbarte Einöde, Namens Grandmont. Darnach ist der Orden 
benannt worden. Besonders von den englischen Königen be- 
günstigt, blühte er rasch auf. Er hat sich weit in Frankreich 
und etwas in England verbreitet und hat seine Existenz bis zur 
französischen Revolution gefristet. 

Stephanns sagte selbst zu seinen Genossen: vestri mores ab 
moribus virorum alterius religionis plurimum differunt (Regula 
§ 40). Er faßt die Hauptsachen seiner Regel am Schlüsse § 64 
selbst zusanunen: Propositum et praeceptum nostrae religionis 
est, nt ecdesias et res ad eas pertinentes (Regel § 6), et quos- 
libet honores, qui sxmt extra religionem nostram, nee non terras 
(§ 4), bestias (§ 6 7), decimas (§ 32), certos reditus (§ 23), fora 
(§ 46 ?) nundinas (§ 16) , visitationem cognatorum (§ 34) , causas 
sive iudicia tam pro nostris quam pro alienis (§ 31), quaestum 
etiam, quamdiu una die quoquomodo vivere poterimus (§ 9 12), et 



Aaecdotomm I 1727; Migne, Corsiui l&tin. Bd. 204 Sp. 1875 (ürban III.) und 
214 Sp. 946 (Iimocenz III.); für die Begel, welche Bicb so gibt, als sei sie von 
Stephan in seinem letzten Lebensjahre 1124 abgefaßt (§ 14 qainquaginta fere 
anni trandenint . . me manente in eremo sab hmiuniodi voto) und welche wahr- 
scheinlich in der von Clemens m. 1188 pablidrten Fassung uns vorliegt, benützte 
ich Iftigne 204 Sp. 1138/62; für die Ordenschroniken, für die Tita und die Mira- 
cnla des h. Stephan: Martene-Durand, veterom scriptomm . . Amplissima Gol- 
lectio VI, 1729, Sp. 113—148; 1046—1087—1118—1132. Dazu Nigelli Wi- 
reke Specnlom stoltoram, zuletzt gedruckt bei Wright, the Anglo-Latin satirical 
Poets . . of the twelfth Century, I p. 87, denen böser Text jedoch mit den alten 
Ausgaben unter dem Namen Bumellus oder Brunellus und mit Martene, Ampi. CoU. 
VI Sp. 6 verglichen werden muß; dann la Bible des Guiot de Provins Y. 
1446—1581 bei San-Marte, Pardval-Studien I S. 75; endlich Jacob us de Vi- 
triaeo, Historia ocddentalis cap. 19. 



54 Wilhelm Meyer, 

caetera, qoae amore dei reliqaimns, nnnqaam recaperemos, sed 
potios in eremo (§ 4 46 65) tamqoam mortui et abiecti a mnndo 
QSqne in finem perseveremns. Dazu bemerken die Heraasgeber 
trocken, die Worte: 'Terras etc.* sunt sublata per Innocentinm 
lY 1247 in concilio Lugdxmensi. Aber nicht nur diese, sondern 
auch andere Bestimmungen der Q-randmontenser Regel sind ver- 
hältnißmäßig bald aufgehoben worden. 

Die Hauptfrage für all diese Vereinigungen war stets, wie 
man Gott am besten dienen könne. Die Art, wie die Benediktiner 
in der ersten Hälfte des Mittelalters diese Frage zu lösen ver- 
suchten, indem sie Gottesdienst und geistliche Verrichtungen mit 
geistigen Studien vereinigten und ihren Mitmenschen in jeder Art 
Führer und Lehrer zu sein suchten, hat sie zu Wohlthätem £u- 
ropa's gemacht. Dagegen hatten schon vor ihnen Viele ge- 

meint, sie könnten Gott am besten dienen, wenn sie sich von den 
andern möglichst absonderten und in der Einsamkeit alle Be- 
dürfnisse des Körpers auf das geringste Maß herabsetzten. Das 
Treiben dieser Väter in der Wüste schildern die mancherlei Samm- 
lungen der Vitae patrum. Daselbst (ed. Roswey III 56 und VIO) 
findet sich auch die Geschichte von dem jungen Johannes, welche 
Fulbert in launige Verse gebracht hat, wie derselbe leben wollte 
sicut angelus, trotz der Warnungen des älteren Hüttengenossen 
nackt in das Innere der Wüste ging^ aber, als er hungernd und 
frierend nach einigen Tagen wiederkam, sich sehr mußte hänseln 
lassen. Diese Väter der Wüste waren das Ideal des Stephanus: 
er nennt sich und seine Genossen Eremiten (§ 46) und ihr Leben 
eremus (§ 4 und 64); ja er möchte die richtigen Brüder angeli 
nennen (§ 59) ; § 55 erklärt er ausdrücklich : quid sancti patres in 
Aegypto, quorum vestigia sequi debemus, nisi vigilüs, ieiunüs et 
orationibus et laboribus insistere ex more postulabamt^)? Daher 
die harte Lebensweise der Grandmontenser ; sie sollten keinerlei 
Vorräthe sammeln, nie Fleisch essen und auf das einfachste sich 
kleiden ; fast immer Stillschweigen beobachten *). Daher das Verbot, 



1) Stephanus Toni. (Lettres par Desüye 1898) no 1 sagt: S. 4 hominibus 
placent et Christi senri sunt; Boni homines appellantar ; S. 14 Grandimontensibas 
heremitiB . . Bonos homines esse dicnnt; nam et in proyinda illa, nnde originem 
habent, abi et capat et sedes est eorom, cellole ipsorom Bonammie appellantar. 

2) *Nalla silentia servant' läßt Wright den Nigellas sagen, dagegen Martene 
'Nota s. s.': es muß wohl heißen *malta' oder mit poetischer Ausmalung 'muta 
silentia servant'; vgl. Ovid Met VU 184 muta silentia noctis. Freilich schon 
Guiot hatte die Lesart 'nuUa' vor sich: 1517 il ne tiennent pas silence. 



De sdsmate Grandimontanoram. 56 

aoBerhalb der anfanglichen engen Grenzen des Ellosterbesitzed Güter 
zu erwerben oder zu deren Bewirthschaftong Vieh zn halten. 

Eine egyptische Wüste war nnn in Frankreich nicht zn haben: 
aber die solitndo wnrde doch anf alle Weise erstrebt. Die 
SlSster sollten fem von den Menschen in einsamen Wäldern an 
wüsten Plätzen angelegt sein (weßhalb ihnen auch erlaubt wurde 
zu Zeiten des Interdiktes dennoch zu läuten, da ja die andern 
Menschen den Glockenschall nicht hörten). Der Prior und die 
geistlichen Brüder sollten fast nie, die Laienbrüder so selten als 
möglich die Slostermauem verlassen; draußen sollten sie weder 
predigen noch Predigten hören, und selbst in der Nahe befind- 
lichen Verwandten, Kranken und Sterbenden sollten sie nur dann 
beistehen, wenn kein anderer Geistlicher zu haben war; Fremde 
sollten sie nur selten in das Innere des Klosters gelangen lassen. 
So sprechen unsere Bjthmen von dem G^heimniß, mit welchem 
triplex murus oder murorum alta soliditas das verhülle, was darin 
geschehe; und noch um 1220 schreibt lacobus de Vitriaco: adeo 
monasteriorum suorum septa dausis semper ostiis diligenter obser- 
vare student, quod non nisi magnis et authenticis personis et fa- 
miUaribus ordinis facile patet ingressus; nee ita daustrum suum 
et interiora habitationis suae exponunt hospitalibus, sicut Cüster- 
denses et alii reguläres. 

Wie fest diese ^solitudo' den Grandmontensern eingeprägt 
war, das lehrt eine fast spaßhafte G^chichte, wdche ein Prior 
im 1190 aufgeschrieben hat (Martene, Ampi. Coli. VI Sp. 1071 
= Sp. 117; vgl. Sp. 1093). Als Stephan's Nachfolger 1125 nach 
Gtrandmont übergesiedelt war xmd die Gebeine Stephan's vor dem 
Altar dasdbst bestattet waren, bewirkten sie solche Wunder, daß 
die Gläubigen in Schaaren zum neuen Kloster strömten. Da trat 
der Prior an das Grab des Stephan und hidt ihm eine Straf- 
predigt: uns hast du stets die Einsamkeit gepredigt: aber jetzt 
bist du auf dem besten Wege, hier in der Einsamkeit Markt und 
Hallen einzurichten. Uns verlangt nicht Wunder von dir zu sehen; 
wir glauben schon so an deine Heiligkdt. Nimm dich also zu- 
sammen und xmterlasse es Wunder zu wirken, welche vidldcht 
den Ruf deiner Heiligkdt erhöhen, aber sicher unsere Demuth 
untergraben. Denke mehr an unser Sedenheil als an deinen Ruhm. 
Das befehlen wir dir, das verlangen wir von deiner Liebe zu uns. 
Thust du das nicht, so erklären wir dir und geben wir dir bd 
allem Gehorsam, den wir dir gdobt haben, hiemit die bestimmte 
Verdcherung: wir werden deine Gebeine aus dieser Gruft nehmen 



56 Wilhelm Meyer, 

und in den Flnß werfen ^). Der Erfolg blieb nicht aas ; denn 
der Chronist berichtet: ab hoc tempore paucissima facta snnt ad 
sancti viri tomnlom miracnla. 

Innerhalb der Mauern scheinen schon diese Franzosen des 12. 
Jahrhunderts die i^galitä verkündet zu haben. Wohl waren 
Alle dem Vorstand zom Gehorsam verpflichtet; allein dieser hieB 
nur prior, nicht abbas, nnd schlief in demselben Baom wie die 
Andern. Sonst gebietet die Regel (§ 40) : noUos nisi vosmet ipsos 
habetis famnlos; xmd in einer 1187 vor dem König geschlossenen 
Uebereinkunft (Martene, Thes. I 630) heißt es ausdrücklich: com- 
munitas et aequalitas erit omnibus, tam dericis quam laids, in 
cibo in potu, in refectorio et in dormitorio; et de aeque bonis 
pannis vestientur. 

Diese i^galitö der einzelnen Brüder war in andern Orden 
sehr beschränkt; Stephanus scheint durch sie zu einer andern Ein- 
richtung geführt worden zu sein, wodurch dieser Orden von allen 
andern abwich. Sein Ideal war die Existenz der Engel, welche 
nur Q-ott dienten und ihn verehrten. Bei Menschen ist die Sorge 
für Essen, Kleidung xmd Wohnung unvermeidlich xmd diese 
zwingt zum Umgang mit andern Menschen. Stephan wollte nun 
unter den Brüdern wenigstens eine Anzahl Idealmenschen 
haben; diese sollten von allem Umgang mit der Außenwelt ab- 
geschlossen sein und im Kloster sollte ihnen Essen, Kleidung, 
Wohnung imd, was nur möglich war, von Andern besorgt werden, 
so daß sie möglichst Engeln gleich nur Gott imd der Contem- 
plation leben könnten. Von den Brüdern waren für diesen Beruf 
natürlich nur die gebildeten und geweihten, die derid und litterati, 
geeignet. Auf die andern, die laid oder conversi, fiel also die Axif- 
gabe, nicht nur für sich sondern auch für die clerid alle jene 
TemporaUa zu besorgen und, soweit es imvermeidlich war, mit 
den andern Menschen zu verkehren. Die Clerici waren glatt ge- 



1) Serve dei, tu ostendisti nobis paapertaÜB Tiam et toto conamine tao do- 
cuisti no8 incedere per eam: nmic vero de arcta et ardaa via, quae dacit ad 
vitam, ad latam et spatiosam, qaae dacit ad mortem, tois nos miracolis vis re- 
Yocare. Praedicasti solitudinem: nunc in Bolitadine fora nondinasque vis congre- 
gare. Non dadmar cnriositate, ut toa miracnla yidere yelimos; satis tnae credi- 
mns sanctitatL Cave igitnr de eetero ea miracnla facias, qnae tnam extoUant 
sanctitatem et nostram destmant hnmilitatem ; non sie landi tnae provideas, nt 
nostrae ns immemor salntis. Hoc tibi praecipimns, hoc a tna poscimns caritate. 
Qnod ri aliter feceria, dicimns tibi et per obedientiam, qnam tibi promisimns, 
constanter asaerimna, qnia ossa tna inde extrahemns et spargemns in finmen (oder 
gar, wie derselbe Antor znr Abwechselang Sp. 1093 sagt : ab isto loco inhoneste 
omnino exdadam te et proidam te in aliqnem locom vilissimam et inhonestam) 



De sdsmate Grandimont&nornin. 57 

gehören und rasiert, die Laien tmgen Barte, womach sie auch 
barbati hießen. 

Die Regel sagt hierüber in § 64 : De cnra dericornm et con- 
versonim: Optimam partem, qoae a domino praecipne landator 
in Maria, clericis ab omni cnra temporalinm liberis solam in- 
ixmgimas; sicqne divinis laudibos et contemplationi solmnmodo in- 
tendentes sibi inyicem et aliis fratribns delicta sna confitentibas 
spiritnalia ministrent. Et ne colloqoio secnlarinm aat sollicitudine 
ezteriomm divinum officinm interrnmpator et mens eommdem 
satietatis internae dnlcedinis obliviscator, ob hoc sdlicet tempo- 
ralem coram cellae solis conversis committimos; qoi, com in 
labore et in ceteris agendis aliis fratribns, clericis videlicet et 
conversis, non dominatione sed caritate praecipiant, costos omninm 
virtntam, hnmilitas, illaesa conservetor. Vemmtamen omnibns, 
tarn clericis qnam conversis, expediret, ne deinceps, si fieri posset, 
secnlnm viderent, qaandoqnidem illad reliqnernnt. Sed, qoia neqnit 
fieri, saltem clericos in reqnie divinae dilectionis volnmos retinere; 
conversi vero tam pro illis qnam pro semetipsis exeant coUoqni 
cnm gente exteriori. 

In den Aagen der Grandmontenser mnßten eigentlich die 
Clerici viel höhere Wesen sein als die Laici. Doch, sei es znr 
Entschädigong, sei es, nm ja jede Befleckung der Clerici durch 
irdische Dinge zu vermeiden, die Laienbrfider besorgten ihre welt- 
lichen Geschäfte völlig unabhängig von den Clerici und standen, 
der ^galitä entsprechend, ihnen gleich ; wurde z. B. ein neuer 
Prior gewählt, so besorgte das eine Commission von 6 Klerikern 
xmd 6 Laienbrüdern. 

So war ein merkwürdiger Fall geschafPen. Ueberall, wo der 
gebildete Geist und die starke arbeitende Hand zusammentreffen^ 
dirigirt der Geist die Hand. Im Mittelalter, wo die Bildung beim 
geistlichen Stande war, befehligten zunächst in den Klöstern und 
den Kirchenverwaltungen die geistlichen Mitglieder die Laien ; im 
bürgerlichen und im staatlichen Leben, abgesehen natürlich vom 
Elriegswesen, standen überall die Studierten, die Clerici, an der 
Spitze; sie waren nicht nur Geistliche, sondern auch Aerzte, Notare 
und Brechtsgelehrte, Künstler, Schriftsteller, Kanzler u. s. w. 
Dagegen im Orden von Grandmont sollten die Gebildeten sich um 
die Arbeitenden nichts kümmern ; diese aber sollten den Gebildeten 
alles Nothwendige erarbeiten xmd in die Hand geben. 

Das war das Außerordentliche an diesem Orden. Frei- 
lich zunächst nur in der Theorie, in der Regel ; wie Wenige aber 
hatten ein InterejBse für solche Theorie? Aber auch in der Praxis 



Ug Wilhelm Meyer, 

der ersten Jalir«elmte nach dem Tod des Ordensetifters (1124) 
hielt die Ordnung im Ordm zusammen. Es wurde die von der 
Eegel gebotene paupertas festgehalten und das Minimum von Be^ 
Bits nicht überschritten. Die Laienbrüder hatten nicht zu viele 
Wirthschaftsarbeiten und konnten daneben gewiß noch reichUch 
fromme Hebungen unter der Leitung der Kleriker abhalten, so 
dafi diese wirkUch eine geachtete, ja höhere SteUung inne hatten. 
Allein viele Verhältnisse begünstigten den geistHchen Orden 
den Erwerb von Klostergut, ja drängten sie dazu. Ist ja sogar 
die Frage, ob der Bettelorden Gut besitzen dürfe, eine Str^t- 
frage für die Juristen geworden. Der Stifter des Grandmontenser 
Ordens hatte von seinen Regeln gesagt 'corrigendas esse doctorum 
arbitrio concedo', und von dieser Freiheit wurde später fleißig 
Gebrauch gemacht. Der Orden wurde in der 2. Hälfte des 
12. Jahrhunderts beliebt und berühmt ; Geschenke strömten ihm zu ~ 
und wurden angenommen. Vielleicht mit etwas Uebertreibung sagt 
kurz vor 1182 Stephan^), der spätere Bischof von Tournai, von 
dem Orden: ibi salutationes principum, visitationes regum, oo- 
cursus populorum, dona omnium. ibi dicitur aquiloni 'da' et austro 
*noli prohibere'. eis conferunt, afferunt, oflterunt et inferunt omnes 

1) Stephan war von 1176—1192 Abt des Klosters Ste-Genevi^ye der rega- 
lirten Chorherren in Paris, von 1192— 120S Bischof von Tournai. Auch im ca- 
nonischen Rechte war er tüchtig und angesehen. Offenbar war er ein sehr leb- 
hafter Geist, welcher sich um alles Mögliche kümmerte. Sein Stü liebt im höchsten 
Grade Pointen, Wortspiele und Antithesen; der rythmische Satzschluß ist ihm 
Mode, aber nicht Gesets; besonders liebt er die Schlußform öculis prosequätur: 
rKrr>jf>Ji r\jf>jr>jr>j' Den oben dtirten I.Brief oder vielmehr den Begleitbrief 
dam (in der Ausgabe von Desilve 1893, no 85) setzt Delehaye in Bevue des 
queetions historiques 49 (1891) p. 66 in die Jahre 1179 — Jan. 1182. Dieser 
1. Brief hat einen ganz andern Charakter als jene Briefe, welche Stephan 1187 
als Sachwalter der Grandmontenser Kleriker geschrieben hat. Dagegen in diesem 
1. Briefe wiO er 2 Mönche, welche den Grandmontenser Orden verlassen haben 
und in den Gisterdenser Orden eingetreten sind, überzeugen, daß sie damit keine 
Sünde begangen hätten. Zuerst schildert Stephan die beiden Orden (S. 1—8), 
dann behandelt er mindere Fragen, endlich (S. 16/16) vergleicht er die Lebens- 
weise beider Orden, als Anhang zu dem Satze, daß man von einem milderen 
Orden lu einem strengeren übergehen dürfe. Stephan ist hier für den Cistercienser 
Orden begeistert und sein lebhaftes Naturell hat ihn deßhalb in der Anschw&rzung 
des Grandmontenser Ordens wohl zu weit fortgerissen. Das gilt wohl besonders 
für die Schilderung (ep. 1 S. 16/16), wie bequem, ja üppig die Grandmontenser 
labten: blanditur tibi memoria prave quietis et loquendi licencia lods et hoiis 
induha. sompnus prolixior, vestis mollior, dbus delicatior adolescenciam tuam 
revocare oontendunt. plura ibi fercula, pocula plura, que nonnunquam citra esuriem 
iitimque capiuntur et ultra, ibi fomenta pellium rigorem frigoris expellunt; Uni 
ant cannabis occulta blandides lanam temperat superiectam. 



De scismate Gnuidimontanoram. 59 

qniqae terrigene ei filii hominom, simtd in nnam dives ei paaper. 
Freilich scheinen dazu im Gegensaiz zu stehen vorangehende 
Aenßernngen desselben Stephan in demselben Briefe (S. 4): ora- 
tiones eornm nee balantes greges impediont nee mngientia tnrbant 
armenta nee nnmerose familie strepitns interrnmpit; panpertas 
premit'; doch vielleicht schildert Stephan hier nur das Leben der 
Sleriker, zu denen natürlich die Abtrünnigen gehört hatten, an 
welche er schreibt. Ebenso oder als Versifikation der geschriebenen 
Regel, nicht der Wirklichkeit, ist es wohl zu erklären, wenn der 
Satiriker Nigellns Wireke (Wright, Satirical Poets I 87) nach 
1190 die Armnth dieses Ordens schildert: 

Hi com nil habeant nee se patiantnr habere, 

ex nihilo semper snffidenter habent. • 
Non fnndos nee agros nee pascna lata reqnirnnt. . 

nee facinnt pingues in nemns ire snes. 
Denn Gniot von Provins, welcher in seiner Bible die Verse 
des Nigellns nicht viel später verarbeitete, hat hier ganz Anderes 
eingesetzt (San-Marte, Pardval-Studien I 75) V. 1453-146B: 

M^ d'itant lor ordre remuent, xnolt las vi seignors des barons; 

qu'fl ont or vaches et jumenz molt par est granz d'aus li renons. 

et de berbis plus de deos cenz. Mestres les vi, ice fa voirs, 

Oni-U si lor ordre tenae, et des princes et des ayoirs; 

qae tex beste ne fast vdae? ü avoient plus commandises 

Mte li orgaeilz les abessa, qae toates les aatres eglises. 
orgaeülooz farent-fl mont ja. 

Ja 1223, als das Ordensgat, welches über das von der Begel ge* 
setzte Maaß hinansging, alles beseitigt werden sollte, da geschah 
Folgendes (Martene, Anecdota I 907): conversi et clerici einsdem 
ordinis, qni in ordine ipso mnlto tempore fnerant, testificati snnt 
publice, qnod n nmq n am vidernnt, qnod r ega 1 a ipsa, sicat scripta 
est, faerit observata. ceteri. . dixemnt, qnod non crednnt or- 
dinem praedictnm aliquo modo posse snbsistere sine bonis, qoae 
obtinent extra metas. 

Die von der Begel gebotene panpertas wurde also aufgegeben 
und das Elostergut wuchs rasch und stark. Die Verwaltung dieses 
Slostergutes erforderte große Thätigkeit : die Erhaltung eiaes be- 
trächtlichen Viehstandes, viele Käufe und Verkäufe, mancherlei 
Anlagen und Bauten u. s. w. Das Alles besorgten die Laienbrüder 
allein xmd selbständig ; dazu bedurfte es nicht nur fleißiger Hände, 
sondern auch Klugheit xmd mancherlei üeberlegung. Den Laien- 
brüdem gelang ihr Werk wohl. Erfüllten sie neben dieser viel- 
seitigen und erfolgreichen praktischen Thätigkeit auch die reli- 



60 Wilhelm Meyer, 

giSsen Pflichten, so durften sie mit Befriedigung auf ihr Tagewerk 
schauen und sich sagen, daß sie Tüchtiges leisteten. 

Neben diesen thatigen, tüchtigen und selbstbewußten Laien- 
brüdem, welche Rolle mußten da die Kleriker spielen? Neben 
dem Gottesdienst sollten sie außer dem bischen Seelsorge haupt- 
sächlich beten und meditiren. In Betreff der Elosterwirthschaft 
durften sie den Laienbrüdem nicht hineinreden, aber alle Noth- 
dürft des Leibes mußten sie aus deren Händen empfangen, hingen 
also von deren Güte ab. Natürlich verwalteten die Laienbrfider 
nicht nur das Klostergut, wie sie wollten, sondern sie verlangten 
auch von den Klerikern, daß sie mit ihren geistlichen Verrichtungen 
den Bedürfnissen, der Tätigkeit oder auch der Bequemlichkeit der 
Laienbrüder sich anpaßten, und behandelten sie überhaupt oft mit 
G^ringschätzxmg. 

So hatte das Extraordinarium des Grandmontenser Ordens 
sich in eine bittere Wirklichkeit verwandelt; hier wurden die G^ 
bildeten und Geweihten von den ungebildeten Laien nicht nur be- 
herrscht, sondern mitunter mißhandelt, und das zum Theil im 
Einklang mit der Ordensregel. Als dies merkwürdige VerhSltniß der 
beiden Klassen der Brüder 1186 — 1188 in einem heftigen Streit 
offenkundig wurde, da erhob sich allgemein Entrüstung und Klage 
bei der Geistlichkeit Frankreichs über diese ungeheuerliche Miß- 
achtung ihres Standes. 

Da dies Verhältnis der Kleriker zu den Laienbrüdem im 
Grandmontenser Orden das Literessanteste ist an der Entwicklung 
dieses Ordens und zugleich die Grundlage unserer 4 Rythmen, so 
will ich noch einige Zeugnisse von Zeitgenossen an- 
fuhren. Merkwürdig richtig beurtheilte Stephan Tom. (1. Brief) 
diese Verhältnisse schon 4 — 6 Jahre vorher, ehe sie offenkundig 
wurden; s.S. 58 Note. Die Grandmontenser gestatteten keinen 
Eintritt in ihre Kloster (S. 4 xmd 8); die Laienbrüder seien in 
der Mehrzahl xmd in bevorzugter Stellung: S. 14 et plures nu- 
mero et prelatione maiores non derid sed laid, non litterati sed 
sine litteris existunt. Lifolge dessen fehle dort die Disdplin (S. 4). 
Man kenne zwar nicht genau die Zänkerden innerhalb der Sloster* 
mauern : S. 4 testimonia secretorum intus operum suorum invicem 
aocusantium aut defendentium. 

Ja damals schon sagt er im Gegensatz von den Cisterdensem 
S. 6 : iUic nee bobus prefertur aratrum, nee capite deorsum pendet 
domus, nee idiota docet dericum, nee laicus imperat sacerdoti. 
Diesdben und ähnliche Bilder gebraucht Stephan noch 1187 öfter 
von diesem Extraordinarium des G^randmontenser Ordens : ep. 164 



De scismate Grandimontanoram. 61 

nec Eliezer dominetnr Abrahe nee Saram contempnat Agar nee 
idiota doceat clericom nec laicos imperet sacerdoti. ep. 166 
subingale sit obediens et rnntiim, Ozias sacerdotalia non nsnrpet; 
ep. 167 conversi converso ordine ministris dominantor altaris, ita 
nt oapite deorsnm domus pendeat, bobas aratrnm preferatnr, idiota 
doceat dericnm; laicns imperet sacerdoti; ep. 174 ne contra 
sessorem mormoret asina, ne glorietnr serra contra eom qni tenet 
eam, nec idiota doceat clericom litteras, nec laicns imperet sacer- 
dotalia sacerdoti. Ich habe diese Stellen ansgeschrieben, weil 
sie das beste Licht werfen anf das hauptsächliche rhetorische 
Ennstmittel unserer Sythmen : die Hänfnng von Bildern, nm Ver- 
kehrtes zu bezeichnen. Nur ein Bild möchte ich hier deutlich 
stellen: Stephanns gebraucht 2 Mal das Sprüchwort 'bobus pre- 
fertur aratrum' ; eben dahin gehört Rythmus I, 1, 8/9 nec redit 
bos ad horrea, sed sequitur carpentum; in 41 ante boves ara- 
trum ponitur; IV 24 plaustrum vadit ante boves (vgl. noch Carm. 
Bur. 139, 2, 4 neque bubus aratrum preficiam d. h. eine Frau höher 
stellen als einen Mann); dann Ghiiot von Provins, Bible V. 1677 
L& va li chars devant li buäs. 

Nigellus Wireke (bei Wright, Satirical Poets I 88) geht 
flber dies Extraordinarium rasch weg: 

Nam vice conversa laico dictante sacerdos 
exhibet officii vota sacrata sui 
Dagegen Guiot von Provins hat seine Vorlage hier stark 
erweitert (San-Marte, Pardval-Studien I 77). V. 1B42— 1666 malt 
er zuerst die Laienbruder, dann ihr Verhaltniß zu den Klerikern: 
La naity qoant il doi?ent coachier, D n'osent chanter aa xnoBtier 

86 fönt bien la?er et piDgnier ne nol Service commencier, 

lor barbes et enveloper iusque li convers le commandent, 

et en trois parties bender et por ice gnaires n'amandent; 

per estre beles et loisanz. iä nol servise n'i feront 

qoant il yienent entre les genz, fors tel com il commanderont. 

molt les croUent, molt les apleignent Li priors an mestre demande : 
M^ li clerc darement s'enplaingnent qne dirons-nos? et il commande. 
et li provoire et li prior: Et s'ü antrement le fa^oient, 

il 8ont k molt grant deshonor; li convers molt bien les batoient 

\k n'ont-il nole seignorie, maistre et seignors sont li convers. 

nol pooir ne nole baillie. icist ordres va en travers. 

Lk sunt li barbaran greignor. 
Mit grellen Farben ist das Treiben der Laienbrüder gegen 
die Kleriker gemalt in einem Schreiben der Grandmontenser Kle- 
riker an einen Pabst J. (Martene, Anecdota I 845); doch ist mir 
dessen Zeit und Art unsicher. Da fast alle Angaben von wirk- 
lichen Personen oder Ereignissen fehlra, so ist es wohl nur ein 



62 Wilhelm Meyer, 

rhetorisches Schaastück, statt eines rythmischen Elagegedichtes 
ein fingirtes Klageschreiben in rythmischer Prosa. 

Da die Quelle des üebels nicht bald nnd nicht energisch ver- 
stopft wurde, so hielt der Mißstand sich noch längere Zeit, und 
deßhalb konnte noch Jacobus de Vitriaco um 1220 in seiner 
Historia occidentalis cap. 19 beide Parteien ihre Klagen also vor- 
bringen lassen: (Clerici dicebant,) quod eos laid contemne- 
bant et eis dominari non solum in temporalibus, sed plerumque in 
spiritualibus praesumebant. cum enim sacerdotes eorum proprium 
diei officium vellent regulariter celebrare, laid missas de beata 
Maria vel de spiritu sancto vel pro defunctis volebant audire, et 
secundum varias^ eorum occupationes quandoque dtius quandoque 
tardius postulabant sibi divina celebrari. Si autem sacerdotes re- 
nuerent, indignabantur eis laid et irascebantur contra monachos 
murmurantes, et, quoniam ea quibus indigebant non nisi per lai- 
corum manus redpiebant: monachis necessaria petentibus, surdis 
auribus praetereuntes et dissimulantes laid frequenter ipsos mo« 
nachos molestabant. Econtra laici monachos ingratitudine ar- 
guentes, asserebant monachis in sua pace et contemplationis quiete 
commorantibus se portare pondus diei et aestus et temporalis ad- 
ministrationis sollicitudine praegravari, ut monachis quibus servie- 
baut necessaria non deessent. et, quoniam contra Martham Maria 
non legatur murmurasse, eis suMcere deberet, quod possent aliis 
exeuntibus in daustro quiescere et lectionibus et orationibus vacare. 

Die Armuth war gegen die Regel aufgegeben worden. Die 
Kleriker fühlten, wenn sie eine erträgliche Lage gewinnen 
wollten, so müßten sie die Leitung der Verwaltung des Ordens- 
gutes ganz oder zum Theil erlangen. Allein die Laienbruder 
fühlten sich sehr wohl in ihrer unabhängigen Führung der ganzen 
Klosterwirthschaft ; ja sie konnten mit Spott darauf hinweisen, 
daß ja der Gründer des Ordens selbst den Klerikern die Theil- 
nahme an der Klosterwirthschaft verboten hätte. Stephanus 
hatte seinen Klerikern einen engelgleichen Zustand schaffen 
wollen: statt dessen waren sie in eine jämmerliche Lage ge- 
rathen. Sie rangen darnach, aus derselben sich zu befrden: alldn 
die Laienbrüder verthddigten hartnäckig ihre regelrechten Vor- 
rechte. So waren lange Kämpfe unvermeidlich. Stephan Tom. 
deutet schon um 1181 auf vielen Zank innerhalb der schwer zu- 
gänglichen Kloster; allein das große üebel wurde erst offenkundig, 
als 1186 — 1188 die bdden Partden dch nicht nur in den Klöstern 
heftig bekämpften, sondern vor weltlicher und geistlicher Obrigkdt, 
ja vor dem Pabste sich gegenseitig verklagten. 



De sdsmate Grandimonttnomm. 68 

B. Der Streit im Ghrandmontenser Orden 1185—1188. 

Die geistliche Welt hatte das Emporblfihen des Grandmon- 
tenser Ordens seit 1124 bewundert nnd hinter den streng ge« 
schlossenen Mauern ein besonders heiliges Leben vemmthet. Um 
so mehr wurde sie im Jahre 1185 und besonders 1187 überrascht 
durch die Nachrichten von seltsamen und bösen Streitigkeiten 
innerhalb dieser Mauern und staunte über das, was bei den vielen 
Verhandlungen vor weltliehen und geistlichen Behörden und Ge- 
richten und vor der Curie in Rom offenkundig wurde: daß die 
sonst wenig geachteten Laienbrüder hier herrschen wollten und 
die Elleriker schlecht behandelten, daß der Prior mit vielen Kle- 
rikern das Mutterkloster Grandmont verlassen hatte und daß die 
dort herrschenden Laienbrüder sich einen andern Prior gewählt 
hatten. Noch etwa 10 Jahre später dichtete darüber Nigellus 
Wireke in dem Speculum stultorum, das schon vor 1600 xmter 
dem Namen des Brunellus öfter gedruckt worden ist und zuletzt 
(aber nicht eben gut) von Wright in the Anglo-Latin Satirical 
Poets . . of the 12f^ Century I p. 87 (Rer. Brit. Script, no 59): 
Quod fit in occulto, raro sine suspicione 

esse potest homini nee licet absque nota . • 
Litibus et causis variis fora publica vexant 

et teritur longo tempore causa brevis. 
Sumptibus insistunt, nil proprietatis habentes, 

fitque trilustralis causa sepulta diu. 
Li duo divisi multumque diuque laborant 

atque supervacuis sumptibus usque vacant. 
Nam vice conversa laico dictante sacerdos 

exhibet officii vota sacrata sui. 
Motus ob hanc causam Mons^) est Bomamque profectus; 

sed nee ibi meruit sumere causa modum. 
Plurima fnderunt, sed Mons est pinguis et über, 

qui de lacte suo cuncta ministrat eis • . • 
Ergo quid est, quod homo, qui vivit ut angelus intus, 
pulsatur totiens exteriore foro? 

G-uiot von Provins hat in seiner Bible (herausgegeben 
und fibersetzt von San Marte, Parcival-Studien I 1861) V, 1446 — 
1681, dem Nigellus Wireke folgend, wenig später ebenfalls die 
Grandmontenser geschildert. Darin finden sich folgende Verse: 



1) Sehr yerbreitet ist die Yftri&Dte *moz'; dann müßte sacerdos Subjekt sein. 
Doch *Mons' = Grandismons ist mOgUch. 



64 



Wilhelm Meyer, 



V. 1466—1471 

Lor yie tindrent molt corerte; 

mhs il Font aaqoes descoyerte 

per la guerre qni entr'els fiL 

Ge a moat l'orgaeü abata. 

Tpocrisie molt cuevre, 

molt en pou d'ore se descuevre. 

V. 1612 

Encor cueTrent-ü molt lor estre. 



V. 1670-1681 

Gest ordre, Bome lor consent, 
por qoi de Tor et de l'argent 
estoient seisi li convers, 
qant il mistrent les ders en fers. 
Tant en donerent qa'ä Grant-Mont 
derc et proToire songiet sont 
ce fa ans commandemens na6i, 
1& va li diars devant 11 buäs. 
Les piors covignes don mont 
et tooz les leiz pediiez qni sont 
et tooz le desordenement 
consent bien Rome por argent 

Die Historia prolixior priornm Grandimontensinm (Martene, 
Ampi. ColL VI Sp. 127) berichtet ungefähr Folgendes : G^egen den 
6. Prior Wilhelm empörten sich die Laienbrüder; sperrten ihn 
nnd die Kleriker ein xmd mißhandelten sie; endlich setzten sie 
ihn ab nnd wählten einen Kleriker Namens Stephan als Prior. 
Doch 2 Sendboten des Pabstes Lncins HI. (f 24. Nov. 1185), der 
Bischof von Chartres xmd der Prior von St. Victor in Paris, 
setzten den Stephan ab nnd den Wilhelm wieder ein. Aber nach- 
her floh Wilhelm dennoch vor den Conversi nach Paris, wo vor 
König Philipp eine Eintracht zu Stand kam Als aber der Streit 
wieder ausbrach, zog der Prior Wilhelm zum Pabst Lncins nach 
Bom, erlangte die Bestätigung verschiedener Ordensprivilegien, 
starb aber auf der fleimkehr. Ihm folgte Gerald als 7. Prior. 
Diese Erzählung wird gewohnlich wieder erzählt und benützt. 
Doch sie ist voll von Irrthümem oder Unwahrscheinlichkeiten 
und scheint hauptsächlich aus mißverstandenen Notizen zusammen- 
gedichtet zu sein. Zudem ist sie viel später zusammengeschrieben, 
als die besonderen Vorrechte der Laienbrüder glücklich beseitigt 
waren, ist also durchaus parteiisch gegen dieselben. 

Gkmz anders ist der Bericht der Brevis historia (Martene, 
Ampi. ColL VI Sp. 118/9); doch dieser ist nichts Anderes als ein 
wortliches Excerpt aus einer Schrift des 7. Priors Gerald 
(Martene, Ampi, CoU. VI Sp. 1087—1118 = Migne 204 Sp. 1045 
—1072). Darin hat Gerald 1192 oder kurz darauf (s. Sp. 1110) 
die Wunder beschrieben, welche bei und nach der Heiligsprechung 
des Stephan 1189 geschahen. In der Einleitung Sp. 1087—1094 
berichtet er über den Streit; Freilich, 1188 durch Compromiß zur 
Versöhnung beider Parteien gewählt, nimmt Gerald bei jedem 
Worte peinliche Bücksicht auf jede Partei. Dennoch will ich einen 
kurzen Auszug geben über die Ereignisse bis zum Schreiben des 



De sdsmate Orandimontanonim. g5 

Pabstes Clemens III. vom 25. Juni 1188: ultimo anno pa- 
patus Lacii III (f 24. Nov. 1185) oborta est gravis dissensio in 
ipso ordine nostro. . . Dens permisit terram lerosolymitanam ea 
tempestate . . in manibos AUofilonun transferri. . . Cum ista 
dissensio fere per trienniom graviter perdorasset, ibant ad cnriam 
fratres saepissime et revertebantnr, parom aut nihil proficientes, 
nsque ad tempns Clementis, qui (25. Jnni 1188) itemm . . regolam 
institntionesqne confirmavit, privilegia innovavit duosque priores, 
qoi tone temporis invicem erant contrarii, destitnit et licentiam 
eligendi priorem indolsit. 

Dieses sehr magere Gerippe müssen wir uns ausfüllen mit 
Notizen aus verschiedenen päbstlichen Schreiben und be- 
sonders aus den Schreiben des Stephan, des späteren Bischofs 
von Toumai, welche ich bei dem 2. Abschnitte dieses Streites 
näher charakterisiren werde. Denn die Geschichte dieses Streites 
läßt sich in 3 Abschnitte theilen: 1) der Prior Wilhelm wird 

von seinen Laienbrüdem bekämpft, bis zum Schreiben Urban's III 
vom 7. Juli 1186; 2) der Prior Wilhelm und ein neu ge- 

wählter Prior Stephan bekämpfen sich, bis zum Tode Gregors VIII 
(17. Dez. 1187); 3) Prior Wilhelm ist verschwunden; Prior 

Stephan wird bekämpft, besonders von der franzosischen Geist- 
lichkeit und den franzosischen Behörden; bis zur Entscheidung 
des Pabstes Clemens' III vom 25. Juni 1188. 

I. Von dem ersten Abschnitte des Streites bis zum 

7. Juli 1186 wissen wir nur wenig, fast nur das, was die unter 
diesem Tag ausgefertigte Bulle ürban des III (Martene Anecdota 
I 628) uns lehrt: in dem Orden sind heftige Streitigkeiten aus- 
gebrochen (wie andere Zeugnisse beweisen, schon vor dem Tode 
des Lucius HI, f 24 Nov. 118B), welche beizulegen den Bemühungen 
Vieler nicht gelungen ist. Jetzt sind Brüder beider Parteien in 
Rom erschienen und führen Klage über Einrichtungen des Ordens 
und über gegenseitig verübte Unbild. Zur Abhilfe wird außer 
unbedeutenden Verordnungen, z. B. über die Aufnahme neuer Brüder 
und über Strafen , hauptsächlich verordnet : priori tam in 

spiritnalibus quam in temporalibus plenam concedimus . . pote- 
stätem: ita ut uni conversorum, qui magis idöneus fäerit, in 

cellis vestris temporälia disponända committat, qui de ipsius pri- 
öris manddto eleemosynas depositdque recipiat et eas in pios usus 
ac necessitatem domus provida consideratiöne convärtat. Cara 

vero spiritualium libere de mandato prioris circa cl^ricos fpsos 
resfdeat, ita quod nullus laicorum fratrum in confessionibus, peni- 
tentiis, divinis offidis celebrindis et corrigendis exc^ssibus deri* 

KfL Gm. d. Wlu. N»ekriel&teB. PliUolog.-bffltor. KImm. 1906. U«fl 1. 5 



66 Wilhelm Meyer, 

c6ram nllam sibi anctorit^tem nsürpet, sed haec omnia per priörem 
iam dictum vel de mandato ipsios per clöricos expledntor. Hier 
werden also nur die Befugnisse der Laienbrüder und jene der 
Kleriker genauer abgegränzt. Es ist keine Rede von einer 
Aenderung der Regel selbst oder der späteren Einrichtungen. 
Der ganze Streit wird zwischen den beiden Ständen der Brüder 
gekämpft; die Person des Priors Wilhelm wird durchaus nicht 
berührt. 

n. Der zweite Abschnitt des Streites bis zum Tode 
des Pabstes eregor Yin (17. Dez. U87): der Prior WiHielm 
und der Gegenprior Stephan. Den Charakter dieses 2. Ab- 
schnittes des Streites im Grandmontenser Orden bezeichnet Cle- 
mens III. (25. Juni 1188) treflFend mit den Worten *contro- 
versia de abrenunciatione Guillelmi quondäm prioris vestri et 
substitutione Stephani prioris', mit etwas mehr Farbe Gerald 
^priores tunc temporis erant contrarii'. Etwas genauer berichtet 
dann Clemens HE.: certa ratione ratiöne comp^rimus, memoratum 
Guillelmum prioratus honorem coram delegatis a sede apostolica 
iudicibus se abrenuntiaturum ad certam diem iuramento praöstito 
promisisse; et postmodum alia vice in manibus dilecti filii nostri 
Oetaviani, sanctorum Sergii et Bacchi didconi cardindlis, tunc 
apostolicae s^dis legdti, et venerabilis fratris nostri Petragori- 
c^nsis epfscopi et dilecti filii dbbatis de Corona sine iuramento 
viva voce renuntiasse. De alterius vero, videlicet Stephani, sub- 
stitutione, licet eins electio memorato Guillelmo abrenuntiante 
canonica ^sse pot&erit, intelleximus quibusdam ex vobis, videlicet 
clericis, grave scdndalum generäri. 

Viele Einzelheiten über den Verlauf dieser Kämpfe bieten 
die Briefe des Sachwalters der Elerikerpartei, des Stephanus 
Tomacensis; allein sie sind durchaus parteiisch gegen die Laien- 
brüder. So gilt ihm bis zum Tode Gregorys Vm. (17. Dez. 1187) 
der Prior Stephanus als Eindringling, dagegen Wilhelm als der 
rechtmäßige Prior, qui nee cessit nee decessit. 

Aus dem Schreiben Clemens des m. sehen wir, daß die 
Streitigkeiten im Grandmontenser Orden durch das Schreiben des 
Pabstes Urban III. vom 7. Juli 1186 nicht beigelegt worden sind, 
sondern im Gegentheil heftiger entbrannten und sich auch gegen 
die Person des Priors Wilhelm selbst richteten, ürban lU. 
sandte eine Untersuchungskommission nach Grandmont und vor 
dieser erklärte Prior Wilhelm, daß er bis zu einem bestimmten 
Termin seiner Würde entsagen werde. Das geschah dann in 
Oegenwart des Eardinal-Legaten Octavian und Anderer. Nachher 



De sdsmate Grandimontanonim. 67 

wurde der Prior Stephan erwählt und jetzt begann erst der er- 
bittertste Kampf der beiden Prioren und Parteien. Für all diese 
Ereignisse haben wir fast keine Daten. XJm einige chronologische 
Sicherheit zu gewinnen, gab ich mir Mühe, wenigstens die Zeit 
zu bestimmen, in welcher der £ardinal-Legat Octavian in diesen 
Streit eingriff. 

Das Eingreifen des päbstlichen Legaten Octavian. 
Fabst Clemens lU. schreibt nnter dem 26. Juni 1188, der Prior 
Wilhelm habe 'in manibns dilecti filii nostri Octaviani, s. Sergii 
et Bacchi diaconi cardinalis, tnnc apostolicae sedis legati, et vene- 
rabilis fratris nostri Petragoricensis episcopi et dilecti filii abbatis 
de Corona sine ioramento viva voce rennnciasse. Die beiden letzt 
genannten Orte liegen nicht sehr weit von Limoges; also gab 
Wilhelm diese Erhlärang ab, als der Legat Octavian in Frankreich 
weilte. 

Wann weilte nnn Octavian als Legat in Frankreich und wann 
in der Gegend von Limoges? Znr Beantwortung dieser Frage 
nützen wenig die bei Migne Cnrsns Bd. 202 gedmckten ürkonden 
ürban des m., mehr die bei Pflngk - Härtung (Acta) und am 
meisten die von £ehr seit 1896 in diesen Nachrichten gedmckten 
Urkunden mit den Unterschriften der anwesenden Kardinale. 
Boger de Hoveden (ed. Stnbbs II 317) berichtet nach dem ein- 
gehenderen Bericht der Bedicti Gresta Heinrici 11 (ed. Stubbs II 4): 
post natale domini (1186) Urbanas papa misit in Angliam Octavi- 
anom s. sedis Bomanae ecdesiae snbdiaconum cardinalem, et com 
eo Hagonem de Nunant, qoibns ipse commisit legatiam in Hybernia 
ad coronandnm ibi lohannem filixmi regis^); sed dominus rex co- 
ronationem illam distulit et praedictos legatos dnxit secom in 
Kormanniam ad colloqninm inter ipsnm et Philippnm regem Fran- 
dae. Transfretavit itaqne rex Angliae et applicuit apnd Witsand 
in Flandria et praedicti legati cum eo (17. Febr. 1187). Die Be- 
sprechungen mit Philipp finden Ende März und Anfang April bei 
Nonancourt, westlich von Paris statt; es ist natürlich, daß der 
Legat dabei war. 

In den Unterschriften der päbstlichen Privilegien, welche 
alle in Verona ausgestellt sind, tritt im Jahre 1186 Octavian zu- 



1) Das leider inhaltslose Schreiben des Petras Bles. an Octavian (Bligne 
Corsas 207 Sp. 86), welches die Simonie schildert and gipfelt in den Worten: 
'Ta igitar, amantissime pater, qoi a latere sammi pontifids missas es, ot legatione 
fongaris pro Christo, sarge in exstirpationem exsecratissime pestis haias', ist 
jedenfalls ein Begr&ßangsschreiben, f&Ut also in den Dezember 1186 oder in den 
Januar 1187. 

5* 



68 Wilhelm Meyer, 

erst am 12. and 22. April anf (Pflagk-Hartang, Acta lU und I). 
Dann unterschreibt er noch zuletzt am 1., 4. and 12. Sept. 1186 
(Kehr 1904 S. 185; Migne Bd. 202; Kehr 1900 S. 187). Seine 
Unterschrift fehlt schon in Urkunden vom 20. September (Migne), 
vom 25. Sept. (2 Urkunden bei Kehr 1901 S. 23) und vom 26. Sept. 
(Kehr 1897 S. 384 und 1901 S. 24). Demnach ist Octavian 1186 
zwischen dem 12. und dem 20. September von Verona abgereist. 

Octavian fehlt im Jahr 1187 noch in den Unterschriften vom 
23. Juni (Acta III) und vom 80. Juni und 2. Juli (Migne). Da- 
gegen findet Octavian's Name sich wieder in den Urkunden vom 
25. August 1187 (Kehr 1903 S. 627); vom 31. August (Kehr 1901 
S. 265) und vom 4. September (Kehr 1900 S. 188). Demnach ist 
Octavian zwischen dem 2. Juli und 25. August 1187 wieder nach 
Verona zurückgekehrt. 

Die Hinreise nach England von Mitte September bis Weih- 
nachten 1186 führte Octavian schwerlich so weit südlich, daß er 
in die Nähe von Limoges kam, auch strebte er natürlich zunächst 
dem Ziel seiner Sendung zu. Im Januar und Februar des Jahres 
1187 war er in England. Dann auf dem Festland mußten die 
beiden Legaten gevnß den wichtigen Verhandlungen der beiden 
Könige im Nordwesten Frankreichs beiwohnen. Diese zogen sich 
in den April hinein. 

Ende Mai 1187 zogen sich die Heere in Mittelfrankreich zu- 
sammen. Ende Juni kam es bei Chateauroux, in der Mitte zwischen 
Orleans und Limoges, statt zur erwarteten Schlacht zu einem 
Vertrag. Jetzt war die Vermittlung der Legaten entbehrlich. 

Damach sind wir berechtigt, als sehr wahrscheinlich zu 
folgern: die Verhandlungen zwischen dem Legaten Octa- 
vian und den Grandmontensern haben im Mai oder 
Juni 1187 stattgefunden. 

Das Chronicon Bemardi Iterü (bei Duplfes-Agier, Chroniques 
de S. Martial p. 62) gibt unter dem Jahr 1187 den allerdings sehr 
gekürzten, aber wichtigen Bericht : G-randimontenses gravi dissen- 
sione periclitantur, ita quod W. prior cum ducentis clerids et 
TTTTT laicis de domo sua prosiliens Rome obiit peregrinus ^). Ego 
presens fui in capitulo, cum hoc fieret, et Octavianus episcopus 
Ostiensis et Hugo de Nonans et Lotharius, qui postea Innocentius 
III. papa meruit nuncupari. Der nemliche sagt zum Jahre 1218 
(p. 102): annus iste XXXIIus est, ex quo Willelmus prior exierat. 



1) Wie unten (S. 71 Note) gezeigt wird, lebte er noch, als Clemens III. 
am 26. Juni 1188 seinen Sprach fUlte. 



De scismate Grandimontanorain. g9 

Also (im Mai oder Juni) 1187 hat in Grandmont eine feier- 
liche Verhandlung stattgefunden zwischen den feindseligen Parteien. 
Dieser wohnten bei die beiden päbstlichen Legaten nnd der noch 
jugendliche Lotharias, der spätere Pabst Innocenz III. ^), dann 
der episcopus Petragoricensis nnd der Abt von Corona. Bei den 
Verhandlungen hat Prior Wilhelm feierlich seine Würde nieder- 
gelegt (in manibus Octaviani . . viva voce abrenuntiavit), freilich 
ohne es zu beschwören (sine iuramento). Jetzt waren die 

Grandmontenser berechtigt, ja verpflichtet, einen andern Prior zu 
wählen. Das konnte kaum schon in jener Versammlung in Gegen- 
wart der päbstlichen Legaten geschehen, sondern dazu wurde eine 
neue Versammlung der zur Wahl befugten Ordensbrüder nach 
Grandmont berufen. Gewählt wurde, also etwa im Juni 1187, 
Stephan. Er war ein eifriger Verfechter der Kechte der Laien- 
brüder und behandelte die erregten Kleriker jedenfalls unsanft. 
War dies Alles ein Sieg der englischen Interessen (s. S. 74 Note 1)? 

Nach dem Tag seiner Entsagung oder wahrscheinlich erst 
nach der Wahl Stephans verließen Wilhelm und viele Kleriker 
nebst wenigen Laienbrüdem das Kloster Grandmont und zogen 
nordwärts in Klöster, die im französischen Gebiet lagen, und in 
welchen natürlich jetzt sie die Oberhand hatten. Sie mögen durch 
rücksichtslose Behandlung von Seiten der Laien dazu veranlaßt 
worden sein : doch sicher hat das Chronicon Bernardi Iterii Recht 
mit den Ausdrücken 'prosiUens' und 'exierat'. Aber die Kleriker 
natürlich und ihre ganze Partei, auch die 4 Rythmen, sprechen 
nur mit Ausdrücken, wie *eici, expelli' usw. Ja die Historia pro- 
lixior sagt, die Laien hätten die Stube des Priores und die Kirche 
erbrochen, den Prior und die Kleriker eingesperrt und mißhandelt, 
endlich den Prior Wilhelm abgesetzt (Martene, Ampi. Coli. VI 127). 
Für die ganze Partei der Kleriker — und das war fast die ganze 
Geistlichkeit Frankreichs — wurde dies das Feldgeschrei: der 
geheimnißvoUe Grandmontenser Orden hat sich jetzt enthüllt; 

1) Ich kann nicht finden, daß dieses Datum aus der früheren Lebenszeit 
Innocenz des III. in den Werken über sein Leben schon notirt und benützt w&re. 
Der etwa 26 jährige Lothar tritt hier in glänzender Umgebung auf. Gehörte er 
zum Gefolge des Octayian, mit dem er verwandt war, und hat er ihn auf dieser 
ganzen Gesandtschaftsreise begleitet? Es wäre das ein wichtiges und lehrreiches 
Jahr seines Lebens gewesen. DeBhalb wäre es wichtig, wenn noch andere Notizen 
gefunden würden, welche in der Zeit von Mitte September 1186 bis Juli 1187 
den Lothar entweder so vereint mit Octavian oder so von ihm getrennt zeigen, 
daß die obige Yermuthung, er sei in dieser Zeit Gesandtschaf tsattach^ des Octa- 
vian gewesen, entweder bewiesen oder sicher widerlegt würde. Gewiß ist, daß 
Lothar noch als Pabst den Octavian sehr geehrt hat. 



_. Wilhelm Meyer, 



dort woUen die nngebüdeten Laienbrfider die Herren der gebüdeten 
Kleriker Bein, und bo haben sie jetzt ihren Prior sammt den 
Krtn "^handelt nnd verjagt und einen Pn^r ihrer Partei 
gesetzt. Hierin lag für die Zeitgenossen das Extraordinarinni 
Ss Ordens. Diese Anschaunng erfallt anch nnsere 4 Rythmen 
nnd die übrigen Schriftstöcke. .^ , -xx j ox u 

Der weitere Verlauf dieses zweiten Abschnittes des Streites, 
dos Kampfes zwischen dem Prior Wilhelm nnd dem Prior Stephan 
Z uns nar in Briefen des Stephan von To^. dama^« no^ 
Abt der regnUrten Chorherm in Pans, geschilderte no 1^ 149 
1R2 164 und 166. Diese Schreiben sendete Stephan theds in 
einem eigenen Namen, theils hat er sie für Aiidere verfaß: knrz. 
erlt der eigentUche nnd fast fanatische Sachwalter der Klenker- 
partei des Grandmontenser Ordens. Gegenüber dem 1 Briefe 
foben S 68 Note) ist seine Rolle stark gewechselt. Dort wollte 
er dl CisLri Jer erheben nnd hat deßhalb die Grandmontenser 
mehr als richtig getadelt: hier hat er übernommen die Grand- 
montenser Kleriker gegen ihre Laienbrüder zu T^^tt^digen -d 
diniie Anfaabe führt er mit semer ganzen Leidenschaftlichkeit 
aus M^ m^ also auf sehr parteüsche Angaben nnd UrtheUe 

RAinerseits ctdf&ßt sein« 

Als Prior Wilhelm außerhalb des Klosters Grandmont in 
Sicherheit war, hat er bald seine 'sine iuramento' erklärte Ent- 
sagung widerrufen; mit welcher Begründung, das ist mcht Mar. 
BTEumTode Gregors gegen Ende dieses Jahres 1187 nennt seme 
Partei Wilhelm den rechtmäßigen Prior (qm nee cesserat nee de- 
cesserat), den Stephan dagegen einen frevelhaften Eindrmglmg 
Der Pabst ürban UI. ernennt 5 Schiedsrichter«), welche d^ 
Stephan excommmiiziren und der Klerikerpaxtei vorderh«id 20 
Collen als Wohnsitze anweisen. Doch die Laienbrnder in Grand- 
mont kümmern sich nichte darum, und der Pabst, welcher noch 2 
weitere Schiedsrichter ernennt, scheint den Spruch der 5 Schieds- 
richter selbst nicht anerkannt zu haben. (Stephan's Tom. Briefe 

148 und 149). ^ , ^ x •• i.i- u • r«-x 

Die Klerikerpartei fand Aufnahme hanpteachlich m Cister- 

cienserklSstem. Stephan's Tom. 152. Brief ist ein Dank W an 

Wilhelm den Abt der Cistercienser, welchen er dem PnorWilhehn 

diktirt hat. Nach der später anzuführenden Stelle des Radulfus 

NiÄ^x war^n dies nur CistercienserklSster auf franzosischem 



M 



1> r>» Moli»« VW «l^t. CXIXV) neut die Nwwsn dieser 5 Schiedmchter, 



De sdsmate Orandimontanoram. 71 

Gebiete and die Aufnahme geschah auf Anregung des Königs 
Philipp. 

ürban m starb (20. Oct. 1187), ohne eine Entscheidung ge- 
troflFen zu haben. Sein Nachfolger Gregor VIII (21. Oct.— 17. Dez. 
1187) war mit Stephan Tom. persönlich bekannt. Sofort wurde 
er mit Bitten für die Grandmontenser Kleriker bestürmt. Zu- 
nächst diktirte Stephan Tom. dem Prior Wilhelm ein Schreiben 
an Gregor VIII (154. Brief), welches schließt mit der Aufforderung 
'deiectum restituite'. Dann bestimmte Stephan noch 2 andere hohe 
pariser Geistliche, sich mit ihm gemeinsam an Gregor zu wenden 
(166. Brief). Sie verlangen für den Prior vollständige Wieder- 
einsetzung; weiterhin daß der Pabst nicht ruhig zusehe, wie 
weltliche Fürsten die Einrichtungen des Grandmontenser Ordens 
änderten; sondern selbst solle er das in die Hand nehmen. Damals 
also hielt der Prior Wilhelm sich sicher noch in Frankreich auf. 

Diese 2. Periode des Streites reicht bis nach den 2 eben er- 
wähnten Briefen an Gregor YUI. Nach diesen beiden Schreiben, 
aber natürlich vor der nachher zu besprechenden Conventio des 
Königs, also, wenn diese Conventio wirklich noch im Jahre 1187 
geschlossen ist, etwa Anfangs Dezember 1187, verschwindet 
der Prior Wilhelm. Der Erlaß des Pabstes Clemens III vom 
25. Juni 1188 zeigt, daß er damals noch lebte ^): allein schon die 



1) tarn Ouilelmum, qoi abrenantiasse dignoscitor quam Stephanom . . a 
prioratas regimine duximus amovendos; auch der nachfolgende Prior Gerald 
schrieb einige Jahre sp&ter : Clemens III . . duos priores, qoi tone temporis in- 
vicem erant contrarii, destitoit. Die Brevis historia prionim (Martene, Ampi. Coli. 
VI Sp. 118) sagt: Romam adiit, onde rediens in itinere obiit 18^ prioratas sui 
anno, eins ossa in Grandimontem translata sunt. Wohl dieselbe Notiz liegt dem 
Bericht der Prolixior historia (ebenda Sp. 127/8) zu Grande (bessere 'in itinere' 
statt 'feliciter') ; doch sind hier thörichte Sachen dazu construirt, wie z.B. daß 
Wilhelm nach der Conventio (1187/88) Rom aufgesucht and yom Pabst Ladas lU 
(gestorben 24. Nov. 1185!) besondere Freiheiten für das Kloster erlangt habe. 
Auch die oben (S. 68) citirte Stelle des Chronicon Bemardi Iterii zu 1187 'de 
domo sua prosiliens Rome obiit peregrinus' zeigt, daB Wilhelm wirklich nach Rom 
gegangen ist Aber die Conventio und der (174.) Brief Stephan's Torn. an Pabst 
Clemens III zeigen, daß Wilhelm seiner eigenen Partei nicht mehr als Prior galt 
Aach der Brief des pariser Abtes Guarin an König Philipp (Martene, Ampi. ColL 
VI 266) nennt öfter die pauperes clerici oder ecclesiae ministri von Grandmont, 
aber nie den Prior. Mit dem einzel stehenden Mirakel bei Martene, Anecdota 
I 604 = Migne 204 Sp. 1179 kann ich nichts anfangen. Da heißt es: domnos 
Willelmas prior Orandimontis, ut fere omni mundo notum est, pro iniuria quam 
a fratribas suis patiebatur, exul et peregrinus Romae migravit ad Christum, cuius 
sanctitatis virtutisque praeconium omnium nostrum novit ecdesia, quod etiam 
crebra testantur miracula. Frater autem iam dictus Bemardus de Rocha, ab 



72 Wilhelm Meyer, 

Conventio des Königs Philipp wie das 174. Schreiben des Stephan 
Torn. kennen nar einen Prior, den ihnen feindseligen Stephan in 
Grandmont. 

III. Der 3. Abschnitt des Streites: das Eingreifen des 
Philipp Augusts und die Entscheidung Clemens des in. Der 

König Philipp hat einen Vertrag zwischen den Streitenden vermittelt 
(Martene, Anecd. I 630), welcher in der Hft mit 'Actum anno 
MCLXXXVII' unterschrieben zu sein scheint und z. B. bei Delisle, 
Catalogue des Actes de Phil. S. 48 datirt ist *du 1187 au 16 avril 
1188'. Ich glaube, daß diese Conventio entweder in den 2 letzten 
Monaten von 1 187 oder im Anfang von 1188 zu Stande gekommen ist. 

Die Schreiben des Stephan Torn. sprechen oft von Bestechnngen, 
mit welchen die Laienbrüder sich Gönner gewännen (148. 149. 
164. Brief); ebenso deuten sie auf die Einmischung weltlicher 
Großen: ep. 149 fautores, qui corrumpuntur pecunia. iudiciarias 
vigor nee minas principum timens. Ep. 154 (conversi) armant et 
animant principes seculi huius; per potentiam secularium, quos in 
sui favorem illicitis artibus et pecuniario questu conciliare non 
cessant. 

Hiezu tritt im 166., an Gregor VIII gerichteten, Brief noch 
ein bestimmtes Ziel, welches diese Gönner der Laienbrüder er- 
strebten: quoniam error simulationis in illo extraordinario ordine 
in tantum convaluit, ut secta potius quam religio dici possit, videat 
sanota paternitas vestra, ut non per principes seculi neque per 
potentes laicos (quod conversi summopere fieri petunt) quasi sub 
specie pacis et concordie deformis aliqua reformatio fiat inier 
eos, ne forte, si facta fuerit, fiat novissimus error peior priore: 
haue pocius soUicitudinem et curam correctionis et emen- 
dationis ordinis illius per vos ipsum si licet assumite, aut viris 
religiosis et qui regularibus disäplinis eruditi sint id iniungite, 



occidentalibas partibos Romam pergens eias videre sepulcnun, ibi similiter de- 
fimctOB est Dieser erscheint dann einem Orandmontenser Kleriker in einer Ymoa 
und auf die Vngp *qaomodo est domno QuiUelmo priori?' antwortet er 'ipse est 
com domino lesu Christo in regno celorom et deos in celis coronarit eom'. I>as 
wird ersahlt, quia preconia sanctitatis domni WiUelmi prioris nulJas soonun 
discipolorom debeat reticere. SoUte mit dem Bemardus de Bocb« gemeint sein 
Bemardus du Coudrai, auch genannt de Br^ oder de BoschiÄC? Vgl. die Briefe 
bei Migne 204 Sp. 1166. Qanz halUos ist die Vermuthung der Histoire lit de h 
France XV Ul und 406, daß dieser Wilhelm die dem Petrus Bles. xugeschriehene 
derbe Satire über die Simonie etc., an den König von EngUnd gerichtet gegen 
die Bischüti? von Süntes und Limoges, 'Quales muV (Mipie 207 Sp. Iöö5--i05i;i 
in Rom verfaßt habe. Ich fand Stticke dixaus unter dem Namea 'KricÜaa. 



De sdsmate Orandimontanoram. 73 

inter quos, si placet, abbas sancti Victoria . . aut precipuus ant 
inter precipaos sit onus . ., quormn ope et opera inordinatis ho- 
minibas Ulis certa forma ordinis imponatnr. Dabei: dericorum 
libertas non pereat! 

Also potentes und principes secnlares unterstützten nicht nur 
die Laienbrüder, sondern sie dachten sogar daran, die Einrichtung 
des Ordens selbst zu ändern. Das Letztere ist in der unter 
Philipp's Schutz geschlossenen Vereinbarung geschehen : gehört er 
also zu den bezeichneten potentes und principes seculi? Zu- 
nächst ist sicher: auch, wenn wirklich in dem 166. Brief auf Phi- 
lipp's Conventio angespielt wäre, so war dieselbe damals, also im 
November/Dezember 1187, nach Stephan's Worten erst geplant, 
noch nicht geschlossen. Allein Stephan Tom. war Abt in Paris 

und ein getreuer und oft berufener Diener seines Königs, in dessen 
Namen er viele Schreiben verfaßt hat : er konnte also dessen Vor- 
gehen nicht beim Pabste so verdächtigen und durchkreuzen. Femer 
hat Stephan Tom. in dem 174. Brief, also höchstens 3 Monate 
später, jene von Philipp August begünstigte Reformation auf das 
Eifrigste vertheidigt: ohne besondere Beweise darf man ihm also 
nicht zutrauen, daß er 3 Monate vorher beim Pabst eben diese 
Absichten seines Königs verdächtigt habe. 

Vielmehr ist eine andere Verkettung der Interessen die wahr- 
scheinliche. Das Haupt des Grandmontenser Ordens und viele 
Gellen des Ordens lagen im englischen Gebiet und wurden von 
den englischen Königen durch mancherlei Schenkungen begünstigt. 
Viele Gellen aber lagen im französischen Gebiet ; die in Vincennes, 
bei Paris, gelegene Celle hatte Berhard du Gondrai zum Vorstand, 
einen beim König sehr beliebten Mann, der sogar selbst schon 
1161—1168 in Grandmont Prior gewesen war. Nun wurden die 
Brüder in 2 Parteien gespalten : die mächtigen Laienbrüder blieben 
in Grandmont selbst und behielten die Oberherrschaft in vielen 
Gellen; die Elerikerpartei und der Prior flohen in das franzö- 
sische Gebiet und hatten dort zuerst Gellen des Ordens inne. 

Natürlich nahmen bei dem langen Streite die euglischen Macht- 
haber sich ihrer Angehörigen an, d. h. der Laienpartei ; die franzö- 
sischen dagegen nahmen sich der bei ihnen Weilenden an, d. h. 
der Klerikerpartei. Wenn Stephanus von potentes und principes 
seculi spricht, welche den Laienbrüdern günstig seien, so sind die 
englischen Gewalthaber bei Limoges gemeint. Die Haltung beider 
Könige im Grandmontenser Streit schildert eine der Notizen bei 
Radulfus Niger (Mon. Germ. Scriptores 27 S. 337): Henricus II, 
si aliquid occurreret, . . acdto legato (apostolico) ad suum arbitrium 



74 Wilhelm Meyer, 

per apostolicam demum aactoritatem implebat suam yolnntatem. 
TJnde cum per huinsmodi legationis officiam in Grandimonti vellet 
laicis dericatnm eins ordinis subicere ^), confugenmt omnes fere 
derici ad gloriosum Philippum regem Franciae; qui eos sascepit 
benigne et honorifice, et pro eomm optione commendavit ad tempos 
per abbatias in Cisterciensi ordine (s. Stephan's Tom. 162. Brief). 

Bei der langen Yerzögernng der päbstlichen Entscheidung 
gingen die Laienbrtider mit Hilfe ibrer Ordenssatznngen gegen 
die widerspenstigen Kleriker vor. Das ging leicht auf dem engli- 
schen G-ebiet. Auf französischen Gebiet hätte man sich gern der 
Kleriker gegen die Laien angenommen: allein nach den Ordens- 
satznngen war das schwierig. So brach die üeberzengung sich 
Bahn, wenn der vor dem Streit so hochgeachtete Orden wieder 
gedeihen solle, so müsse an seinen Satzungen und Einrichtungen 
gebessert werden. Diesen Gedanken suchte man, nach meiner 
Ansicht, auf englischer Seite auszuführen im November oder De- 
zember 1187, und einen solchen englischen Versuch besprechen und 
bekämpfen die 3 pariser Gastlichen in ihrem an Gregor VIII. ge- 
richteten Schreiben (Stephan's 166. Brief). 

Gegen diesen englischen Versuch machte Philipp August einen 
Gegenzug ') ; er versuchte zunächst die Verhältnisse der in seinem 

1) Ist damit vielleicht gerade auf die oben (S. 69) besprochene Verhandlung 
in Grandmont gedeutet, wo in Gegenwart der beiden päbstlichen Legaten, ron 
denen Hugo ein Engländer war, der Führer der Grandmontenser Kleriker, der 
Prior Wilhelm, zur Abdankung gebracht wurde, — offenbar gegen seinen Willen ? 

2) Ja, yielleicht wurde dies Yorgehn Philipp's eben von pariser Prälaten, 
also auch von Stephan Tom., einem ihrer Führer, veranlaßt. Guarin, der Abt 
von S. Victor in Paris, hat an König Philipp einen Brief gerichtet (Martene, 
Ampi. Coli. VI 266); in diesem ziemlich unbeholfenen Schriftstück schildert 
Guarin die unglückliche Lage der Grandmontenser Kleriker (vom Prior schweigt 
er) und das anmaßende Vorgehn der Laienbrüder. Dann schreibt er : ut credimus, 
vestris temporibus est reservata correctio, ut tantum tamque excellens dei opus 
vos regis aeterni ministrum in bono et cooperatorem fidenter habeat. Celsitudini 
igitur vestrae supplicamus attentius, ut illam {carr. viam) recti consilii, quam a 
principio divina vobis ut praediximus pietas inspiravit, felici exitu consummare 
velitis, malignantium linguas . . declinando, quae . . fructuosam sanctae religionis 
correctionem, quam vestris diebus Spiritus sanctus reservare disposuit, maligni 
hostis arte nituntur destruere. Das ist derselbe Guarin, welchen Stephan Tom. im 
166. Brief dem Pabst Gregor zur Leitung einer Reformation des Grandmontenser 
Ordens empfohlen hatte. Anderseits, wenn Guarin und Genossen den König so, 
wie eben gesagt, zu einer Reformation des Ordens gedrängt hatten, waren sie, 
als diese Reformation zu scheitern drohte, um so mehr genöthigt dieselbe so zu 
vertheidigen , wie dies im 174. Brief des Stephan Tora, geschehen ist, den 
Stephan verfaßt und den außer 2 andern pariser Aebten auch Guarin unter- 
schrieben hat. 



De scismate Grandimontanorum. 75 

Gebiet gelegenen Grandmontenser Klöster zu ordnen. Darüber 
unterrichtet uns Stephan's Tom. 174. Brief und die von Martene, 
Anecdota I 630 gedruckte Uebereinkunft. Es war freilich eine 

sonderbare Conventio; nicht beide Parteien verhandelten nnd be- 
schlossen, sondern nur die 2 Abtheilungen der einen, der Kleriker- 
partei : einmal die sämmtlichen aus Grandmont geflohenen Kleriker 
(es sollen über 200 gewesen sein) und viele aus andern, im engli- 
schen Gebiet gelegenen, Klöstern geflohenen Kleriker ; zum Andern 
die S^leriker der im französischen Gebiet gelegenen Klöster, die 
eigentlichen fratresGallici. Diese letztem standen unter der 
Führung des hochangesehenen (s. S. 73) Bernard Coudrai. Von 
den Laienbrüdem aber waren gewiß viele aus den französischen 
Klöstern von ihren geistlichen Brüdern mitgebracht worden; aus 
den im englischen Gebiet gelegenen Klöstern mögen einige wenige 
Laienbrüder mit ihren geflüchteten Klerikern erschienen sein. 
Dagegen die eigentlichen fratres Anglici, die in Grandmont 
und in den andern Klöstern des englischen Gebiets mächtigen 
Laienbrüder, waren weder erschienen noch vertreten. 

Die Kleriker dominirten also weitaus in der Versammlung 
und hätten gewiß gern scharfe Beschlüsse gefasst gegen die Laien- 
brüder. Doch sie durften sich selbst die Rückkehr nach Gfrand- 
mont nicht verschließen und mußten die Rechte der anwesenden 
Laienbrüder aus dem französischen Gebiet schonen. Die Be- 
stimmungen der Uebereinkunft suchen deßhalb besonders die Be- 
fugnisse der Kleriker gegen die Einmischung der Laien zu sichern. 
Weiter geht der 10. Punkt: Prior spiritualia cum clericis, tempo- 
ralia cum conversis ordinabit. verumtamen in ordinatione tempo- 
ralium poterit clericos advocare quos voluerit, et eorum consilium 
habere licebit priori. Dieser Punkt öffnete den Klerikern eine 
Hinterthür, durch welche sie zur Betheiligang an der Verwaltung 
des Klosterguts gelangen konnten. Diese Uebereinkunft hat 

später mehr Beachtung gefunden als man erwarten sollte; in 
manchen päbstlichen Schreiben tauchen Sätze dieses Vertrages auf 
(so Coelestin lU, 8. Kai. Aug. 1191); besonders viele in dem 
großen Schreiben Honorius' UI vom 1. März 1219, welches für 
den Grandmontenser Orden einen neuen Rechtsboden zu schaffen 
suchte. Hier wird dieser Vertrag ablehnend erwähnt; allein seine 
meisten Sätze sind aufgenommen. Auch der Verfasser der Historia 
prolixior von Grandmont (Martene, Ampi. Coli. VI 127) hat den 
Vertrag benützt aber seltsam mißverstanden. 

Einen eigenthümlichen Weg zur Ausführung dieser Beschlüsse 
entwirft der Schluß. Die versammelten Kleriker versprechen dem 



76 Wilhelm Meyer, 

Prior Stephan Gehorsam, wenn er dasIJebereinkommen annehme nnd 
ihnen selbst völlige Straflosigkeit für die Vergangenheit gewähre. 
Falls aber Stephan diesen Vertrag nicht annehme, so verpflichten 
sich die Brüder Bernhard et qai cum eo erant (d.h. die fratres 
Gallici), daß sie % partem dericorom bona fide cedent et eomm 
super his eront adintores* d.h. daß sie gemeinsam mit den ge- 
flohenen Klerikern den Prior Stephan und seinen Anhang (d. h. 
die fratres Anglici) offen bekämpfen werden, was sie, freilich 
etwas zurückhaltend, schon bisher reichlich gethan hatten. 

Die weitere Entwickelung dieses Streites bis zur Entscheidung 
Clemens' III vom 25. Juni 1188 können wir nur nach sehr ein- 
seitigen Zeugnissen, 2 Briefen des Stephan Tom., beurtheilen. 
Der erste, no 167, ein persönliches Schreiben Stephans an den 
Pabst, ist im März oder kurz nach dem März geschrieben, da er 
den im März in Paris beschlossenen Kreazzagszehnten bespricht. 
Dieser Brief enthält nur allgemeine Klagen und Bitten für die 
Grandmontenser Kleriker ; die gesammte französische Geistlichkeit 
(omnes Gallicane ecclesie clerici) bäten, daß die Grandmontenser 
Kleriker nicht der früheren Sklaverei sich wieder unterwerfen 
müßten. 

Je allgemeiner der 167. Brief spricht, um so deutlicher und 
persönlicher der 174. Dieses Schreiben richtet Stephan mit 3 
andern hochstehenden pariser Aebten an den Pabst in ihrem Namen, 
aber gewiß im Auftrag des Königs Philipp. Stephan erzählt 

zunächst den Abschluß des Vertrags und betont stark, daß Philipp 
dessen Anhänger in seinen königlichen Schutz genommen habe, 
dessen Gegner aber wie seine Feinde des Landes verweise. Der 
Vertrag sei im Grandmontenser Kapitel verlesen worden *et a 
priore . . in manu Bituricensis archiepiscopi (Heinrich von Sully, 
Primas von Aquitanien) in verbo veritatis sub periculo anime sue 
firmata et ab omnibus tam clericis quam laicis sub attestatione 
consimili firmantibus hoc promissum. Dann aber hätten diese Leute 
plötzlich ihr gegebenes Wort gebrochen und widerrufen. Sehr 

wahrscheinlich ist dieser Bericht nicht. Prior Stephan, gedeckt 
von der englischen Regierung und unterstützt von der Mehrzahl 
seiner Ordensbrüder, konnte an die Ordensregel sich haltend es 
ruhig abweisen, die Beschlüsse der privaten Versammlung in Paris 
an-^unehmen. 

Als der Prior Stephan jene Conventio abwies, that Bernard 
von Vincennes mit etwa 500 Brüdern den schon in der Conventio 
angekündigten Schritt: laicorum fraudem non sequitur. Das kann 
doch nur heißen: Bernard und die Fratres Gallici und die in das 



De scismate Orandimontanoram. 77 

französische Gebiet geflüchteten Kleriker kündigten dem Prior 
Stephan den G-ehorsam. Gegen sie wurde beim päbstlichen Stuhle 
£lage erhoben : aber sonderbarer Weise nicht vom Prior Stephan, 
sondern von 'quidam conversi'. Die Kleriker erhoben (pro se et 
pro fratre Bernardo) Gegenklage bei der Kurie. Der Prior, der 
bei seinem Vorgehen von einem Philippus de Belmonte und Ge- 
nossen (complices eins) unterstützt wurde, verhängte Strafen über 
seine Gegner. Es stand also sehr bedenklich um die Annahme 
der von König Philipp eifrig protegirten Convention Aber viel- 
leicht war das vorausgesehen und Anderes beabsichtigt. 

Denn den wichtigsten Punkt haben sich die 4 pariser Aebte 
für das kräftige Ende aufgehoben. Der König verlange jetzt vom 
Pabste, daß er jene Uebereinkunft anerkenne und ihre Durch- 
führung fördere, daß er die in Rom gegen Bernhard von Coudrai 
erhobene Klage abweise, ebenso die vom Prior über denselben 
ausgesprochene Sentenz inhibire, und endlich, daß die im franzö- 
sischen Gebiete gelegenen Klöster des Grandmontenser Ordens 
der Leitung (ordinationi) eben dieses Bernhard und des 
pariser Bischofs unterstellt würden. Die letztere Maß- 

regel wäre der 1. Schritt gewesen , daß der Grandmontenser 
Orden in 2 Zweige zerlegt oder daß dessen Oberleitung aus 
Grandmont nach Vincennes verlegt wurde. Würde die For- 

derung des Königs Philipp erfüllt, so werde das der Kirche 
Philipps Gunst und Segen bringen, das Gegentheil sicher Philipps 
Ungnade und damit sieher großen Schaden; den Wunsch des Königs 
theile aber in dieser Sache die ganze französische Kirche. 

(Die Entscheidung Clemens des III. 1188). Der 

Streit im Grandmontenser Orden drohte also noch unheilvoller zu 
werden und eine wirkliche Spaltung des Ordens in einen franzö- 
sischen und einen englischen Theil herbeizuiühren. Für den Pabst, 
der damals die christlichen Reiche zum geplanten Kreuzzug einigen 
wollte, war die Entscheidung schwierig. Er schlug nach alter 
Praxis den Mittelweg ein; sowohl der König von England, wie 
der von Frankreich mußte ein Opfer bringen. Unter dem 

25.-27. Juni erließ er 3 Gebote (Migne Cursus 204 Sp. 1375, 
abgedruckt aus der Gallia Christ. II, Instrumenta S. 191): 
1) setzte er den Prior Stephan ab und ordnete die Wahl eines 
neuen Priors an — das war ein Schmerz für die Laien und 
Englisch-Gesinnten, Freude für die Kleriker und die Französisch- 
Gesinnten — ; 2) gebot er den nach Frankreich geflüchteten 
S^lerikem unverzüglich nach Grandmont zurückzukehren und die 
bisher von ihnen besetzten Klöster nach der Ordensregel den 



78 Wilhelm Meyer, 

Laien zur Instandhaltnng and Führung des Haashalts zurückzu- 
geben; 3) befahl er, die Ordensregel, wie Urban HI. sie ver- 
bessert hatte , in Zukunft festzuhalten ^). Diese beiden letzten 
Punkte waren für die Laien eine Freude, für die S^leriker aber 
zuDächst ein Schmerz. 

G. Die innere Entwicklung des Grandmontenser Ordens 
nach dem Streit von 1185/88. 

Dieser erste Streit im Grandmontenser Orden wurde im Jahre 
1188 äußerlich beigelegt. Nach dem Bericht des Gerald selbst 
(Martene, Ampi. Coli. VI Sp. 1091—1094) wurde er Michaelis 1188 
als Compromiß-Prior gewählt von 220 Klerikern und 260 Laien- 
brüdem. Zur Besänftigung der Gemüther beschleunigte dann der 
Pabst die schon zur Zeit XJrban's III. angeregte Heiligsprechung 
des Ordens-Stifters Stephan. Als diese am 28. August 1189 in 
Grandmont mit vielem Glänze vor sich ging, kamen nach Geralds 
Bericht: etiam clerici, qui usque ad tempus illud discordes ex- 
titerant, ad pacem redeunt et in capitulo obedientiae nostro iugo 
humiliter coUa submittunt et in osculo pacis a nobis et a fra- 
tribus devote suscipiuntur. 

Innerlich aber war der Streit nicht beigelegt. Die Quelle 
alles Hebels war ja die, daß nach der Grandmontenser Regel die 
Laien die ganze Elosterwirthschaft allein und selbständig betreiben 
sollten, während die natürliche Ordnung ist, daß der Gebildete 
die Arbeit des Ungebildeten leitet, und während dementsprechend 
in den übrigen Orden, ja in der ganzen mittelalterlichen Gesell- 
schaft die Clerici die Laici dirigirten. Die Conventio des Königs 
Philipp hatte zunächst versucht, die Befagnisse der Laici und der 
Clerici scharf abzugrenzen, dann aber gewagt, den Clerici Be- 
theiligung an der Leitung der Klosterwirthschaft zu eröffiien. 
Clemens III. hat bei der allgemeinen Erregimg der Gemüther 
nicht gewagt, an der Elosterregel so sehr zu rütteln; deßhalb 
setzte er dieselbe wieder in Kraft (der uns überlieferte Text 
scheint der von Clemens III. damals publicirte zu sein) und spricht 
nicht von den reformirenden Bestimmungen der Conventio. Viel- 
leicht ho£Fte er auch, dieser Streit habe nur eine zufällige Ur- 
sache gehabt, und der vom h. Stephan gepflanzte Kern sei doch 
gesund und es sei richtig zuzusehen, ob diese plantatio novella 



1) Diese von Clemens III. pablidrte Fassang scheint seit 1646 gedruckt zu 
werden. Denn die Bolle bei Migne Corsas 204 Sp. 1376/7 ist gleich Sp. 1137 
anten ond Sp. 1161 onten. 



De srismate Grandimontanorum. 79 

nicht nach dem Streite sich wieder so prächtig weiter entwickle, 
wie vor demselben in den Jahren 1124 — 1185. 

Die Hoffnung war eitel. Dieselben Ursachen hatten dieselben 
schlimmen Folgen. Die Streitigkeiten erneuerten sich immer 
wieder *), so daß z. B. Honorius III. 1221 drohte, den Grandmon- 
tenser Orden aufzuheben (Martene, Anecdota I 883). In Wahr- 
heit gab es nur 2 Wege: entweder mußte, wie das die Regel 
gebot, die paupertas vollständig aufrecht erhalten, also fast auf 
jeden Besitz verzichtet werden, oder, wenn gegen die Kegel die 
reichen Besitzungen fest gehalten wurden, so mußte das Vorrecht 
der Laien, das ganze Ordensgut allein und selbständig zu ver- 
walten, sehr beschränkt werden, was freilich ebenfalls gegen die 
Begel war. Ein Versuch, die regelrechte paupertas wieder 
herzustellen und dem Orden allen Besitz zu nehmen, wurde 1223 
gemacht; allein dieser nahm einen fast komischen Verlauf; vgl. 
Martene, Anecdota I 907—911. 

Da also das reiche Klostergut festgehalten wurde, so mußte 
eben auch im Grandmontenser Orden dieselbe Vertheilung der 
Kräfte hergestellt werden, welche sonst überall galt, d. h. der 
Gebildete mußte befehlen, der minder Gebildete gehorchen. Dies 
Endziel erkannten die S^leriker klar. So sagt um 1220 Jacobus 
Vitr. (Historia occid. cap. 19): videbatur monachis, quod in Om- 
nibus praeesse debuissent laicis, non subesse; quemadmodum fit in 
aliis religionum congregationibus, qui capitella, non bases in summo 
culminis consueverant ponere (s. Rythmus I Str. 2). Ebenso 

deutlich bezeichnet dies Ziel der späte Grandmontenser Chronist, 
wenn er (Martene, Ampi. Coli. VI 128) von dem 9. Prior (um 1217) 
sagt: clericorum exaltatione ferventissimus. Hie secundus pro 
clericis persecutionem sustinuit a conversis, exaltatique sub eins 
tempore clerici in singulis domibus correctores eflFecti, et conversi, 
qui dominari consueverant clericis, humilitati (humiliati?) fuerunt 
sub clericorum correctione omnino redacti a. 1217. Der Chronist 
hat hier allerdings die Verhältnisse seiner Zeit in jene frühere 
versetzt. Denn um 1217 herrschten noch böse Verhältnisse im 
Orden und gerade in diesen und den nächsten Jahren bekämpften 
Kleriker und Laien sich noch heftig. 



1) Ich weiß nicht, woher stammt, was die Note im Becneil des Historiens 
XIX 289 meldet: a. 1190 die festo lohannis Baptistae rex Philippas lerosolimam 
profectoms denno dissidentibos Orandimontensibiis monachis pacem inter eos 
factam teneri inssit, adhibitis gravioribos minis, in celebri conrenta ad s. Diony- 
siom vel Parisüs habito (cf. Rigordnm). 



80 Wilhelm Meyer, 

Ein deutliches Zeugnis gibt eine Scene aus der Geschichte 
des Dominicaner-Ordens. Auf dem großen Concil der Brüder in 
Bologna 1220 wollte Dominicus, daß die weltlichen Sorgen den geist- 
lichen Brüdern abgenommen und ganz und gar den Laienbrüdern 
aufgeladen würden; doch die Brüder widersprachen dringend und 
führten als Hauptgrund das warnende Beispiel an, welches der 
Grandmontenser Orden gebe : ut fratres fortius intenderent studio 
et praedicationibus , voluit dictus fr. Dominicus, quod conversi 
eins ordinis illiterati praeessent fratribus literatis in administra- 
tione et exhibitione rerum temporalium. Sed fratres clerici no- 
luerunt, quod conversi praeessent eis, ne contingeret eis, sicut con- 
tigit fratribus Grandimontensis ordinis de suis fratribus (so lautet 
bei Mamachius, Annales ord. Praedicatorum I 17B6 Append. S. 117, 
die Zeugenaussage, welche im Text S. 590 verschönert ist). 

Allein die Kleriker hatten das ihnen gesteckte Ziel erkannt 
und bemühten sich, es zu erreichen. Dazu führten z. B. die aus- 
führlichen Statuten des Pabstes Honorius vom 1. März 1219, 
welche neben, oder besser vor der Eegel allein gelten sollten; in 
ihnen ist zwar von der Conventio des Königs Philipp gesagt *cum 
statutis apostolicae sedis in pluribus adversetur, ideo eam vires 
nullas volumus obtinere', allein in Wahrheit sind fast alle Satze 
jener Conventio in diese Statuten aufgenommen. 

So schwand immer mehr das Extraordinarium des Grandmon- 
tenser Ordens und immer mehr stellte sich auch in ihm die Ord- 
nung ein, welche in den andern Orden und im sozialen Leben 
überhaupt galt, daß die Kleriker, die Gebildeten, herrschten und 
die Laien, die minder Gebildetep, gehorchten. 



D. Die vier Bythmen. 

Die vier Rythmen betreflFen ofltenbar ein und denselben Streit 
im Kloster und Orden von Grandmont. Die Gleichheit der An- 
gaben, der Anlage der ganzen Gedichte und einzelner Ausdrücke 
beweist dies. Aber in Grandmont haben viele Kämpfe stattge- 
funden: welchen von diesen schildern die 4 Rythmen? Nach 
der Historia prolixior der Grandmontenser Prioren ist der I. 
Rythmus 1217 gedichtet worden, als der Prior Caturcinus schwere 
Kämpfe mit den Laienbrüdern bestand und zeitweilig das Kloster 
verließ; s. die kritischen Noten zur 7. Strophe des I. Rythmus. 
Doch die daselbst citirte plumpe Strophe ist ein später Zusatz 
und ihr Lihalt widerspricht deutlich dem der 6 alten Strophen. 
Die Angabe, daß der Prior und die Kleriker geflohen seien, hilft 



De scismate Grandimontanoram. 81 

idcht zur Sicherheit. Denn das ist nicht nur 1187 geschehen, 
sondern auch 1218. Das besagt dentlich das Chronicon Bemardi 
Iterii in den von DnpUs- Agier 1874 edirten Chroniqnes de St. 
Martial de Limoges S. 101 : Anno 1218 prior Ghrandis Montis 
Caercis prima die Maii com cxl dericis exivit de domo sna et a 
nobis cmn processione soscipitnr ; qaem per Vll dies procoravimns 
cnm suis et per totom annom. Annas iste xxxnos est, ex quo 
Wülelmns prior exierat. 

Daß die 4 Bythmen 1187 gedichtet sind, dafür ist Folgendes ein 
geringer Beweis. Die Ansdrücke 11 16 gens perversa . . priorem 
deposoit und lY 42 electom ab eis proiectum und IV 60 habent in 
despectom priorem vocare denten anf die Absetzung des Priors : 
eine solche wird ans dem Jahr 1187 gemeldet, aber nicht ans 1218. 

Dagegen gibt Folgendes genügenden Beweis. Von 1186 ab 
hörte die Welt gut 4 Jahrzehnte lang von Streitigkeiten im 
Orden von Grrandmont; Innocenz III. (Epist. V 109) hielt sie Andern 
als abschreckendes Beispiel vor: hie sicnt Grandimontenses in de- 
risnm et fabulam incidatis', nnd Honorins m wollte noch 1221, 
des ewigen Zankes müde, den ganzen Orden aufheben. Nun be- 
ginnen aber unsere Rythmen mit dem Gedanken: endlich sei das 
Gteheimniß enthüllt; der Orden von Grandmont sei bis jetzt be- 
liebt und berühmt gewesen, so daß man in ihm besondere Frömmig- 
keit und Liebe vermuthet habe ; statt deren sei — zu Aller üeber- 
raschung — jetzt Zuchtlosigkeit, Haß und Feindschaft und ein 
ganz närrisches Yerhältniß der beiden Brüderklassen zum Vor- 
schein gekommen^). Diese Gedanken können nur beim Aus- 
bruch des ersten Streites ausgesprochen sein. Also sind diese 4 
Byfhmen in der zweiten Hälfte des Jahres 1187 unter den oben 
S. 69ffl geschilderten Verhältnissen entstanden. 

Die 4 Bythmen sind von Klerikern verfaßt. Freunden der 
Grandmontenser Elleriker und Feinden der Grandmontenser Laien- 
brüder. Ein Grandmontenser Kleriker war der Verfasser des 



1) Die wichtigsten Stellen sind folgende: 12,1 Ezit rumor discriminis de 
GrandimontiB cella; 6,7 ordinis plantado novella movet in se bella; 8,1 clausa 
quondam religio vel otium secretom nunc subiacet opprobrio. II 2 cnins Tita 

nunc est nota, diu volpes latoit. Glaostra, nemos, moros triplez . . Grandimonti 
profoit Est apertom, qood opertom dio mansit et incertom : fratrom scelos et 
odiom. III 6 Grandimontis ordinati torpiter sont mancipati barbatorom po- 

testati nostris in temporibos. 17 barbata gens dominator litteratis hodie. 71 Mons 
pregrandis dio florens moltis prevaloit, incognitos qoamdio latoit . . 76 Set nonc . ., 
dom detectos yisos est omnibos, obprobriom factos hominibos. lY 44 scelos 

est detectom, qood solent celare. 

Kft O«. d. Win. NMkilektoD. Pkilolof .-blit. Klant 1906. H«ll 1. 6 



82 Wilhelm Meyer, 

4. Byfhinns, die der 3 ersten waren aoswärtige Kleriker. Der 
1. Bythmos ist geistreich geschrieben, der 2. hitzig, der 8. breit 
und gründlich, der 4. täppisch. Die Bythmen haben sich wohl 
selbst forterzengt: einen Rythmns lesend oder hörend wnrde ein 
anderer Kleriker angeregt, einen neuen Bythmas zn schreiben. 
Daher die ähnliche, fast gleiche Anlage der Bythmen, die Gleich- 
heit der Gesichtspunkte und vieler Bilder und Bedewendungen. 

Ich will hier nur noch 2 Dinge notiren: 1. die in den 

4 Bythmen gebrauchten Ausdrücke für die 2 Klassen der Brüder, 
2) die für die Austreibung oder den Auszug des Priors und der 
Kleriker gebrauchten Ausdrücke. 

Die Fratres (boni homines 11 12?, nomen bonae gentis JJI 96/96; 
heremite lY 10?) zerfallen in 2 Klassen: die Kleriker heißen 
oft clerici; dann derus III 66 104, sanctum cleri collegium 11 18; 
sacerdos IV 27, ordinati in 2, ministri ecciesie m 16; sancti do- 
mini 11191; litterati III 20,(1); sie werden mit Abel verglichen 
ni 53, IV 3, und heißen iusti U 62 (pü IV 60?). Der andere 
Theü der Brüder heißt laici IH 32 54. IV 17 28 (62), wozu gehört 
laicalis nil05 (? I 4, 6 und m 110); conversi IV 16 21; barbati 
[I7]ni9. in4. rV79; gens barbataini7, (barbarum densa 
prolixitas HE 106), barbarini 11 50 (wohl nach dem altfranzosischen 
barbarin oder barbaran); vulgus indiscretum I 3, 4; rustici HI 38; 
non fretum litteris I 3, 9 ; indoctus III 46 ; mit Cain werden sie 
m 53 und IV 4 verglichen. 

Der Abzug des Prior Wilhelm aus Grandmont wird bezeichnet: 
(I 6, 7 toUatur?); excussere de talamo 1136; proiectus est foras 
ni 82 ; ab eis proiectum IV 43 ; priorem deposuit IE 15 ; faga senis 
opus nefarium fugientis m 99. Von den Klerikern wird gesagt: 
exit flendo de monasterio clericorum conventio IH 86; eos foras 
iadunt IV 20; verberati IV 82. 



V 



De ecismate GrandimontanomnL 



83 



L 



In Gedeonis area 

vellas aret extentnm; 
et demolitur tinea 

regale vestimentom; 
saperabimdat palea, 
6 qae sepelit fmmentom; 6 

et loqnitor imnentnin; 
nee redit bos ad borrea, 
9 set seqnitor carpentnm. 9 



Ezit nimor discriminis 

de Grandimontis cella, 
que tarn sancte dolcedinis 

late fandebat mella. 
preposteratnr ordinis 
6 plantado novella, 6 

dum movet in se bella, 
bases in snmmo cnlminis 
9 ponens, non capitella. 9 

3. 

Clausa qnondam religio 

vel oeinm secretnm 
nunc snbiacet obprobrio 

per ynlgns indiscretiun, 
qnod tali tyrocinio 
6 non erat assnetnm, 6 

nee confirmat Decretnm, 
non legis patrocinio 
9 nee literis est fretom. 9 



Qnod sanctnm sacerdotinm, 

qnod nnetio regalis 
se cnrvet ad imperinm 

et vocem snbingalis, 
divinum est misterinm 

an furor laicalis? 

favor tamen venalis, 
qui non intrat per ostium, 

fovet eos sub alis. 

5. 

Ye ve, qui regis filiam 
das in manum lenonis, 

ve, qui profanas gloriam 
taute devotionis, 

qui cellam pigmentariam 
et opus Salomonis 
fraude rapis predonis, 

si certius inspicias, 
ad rem conditionis. 

6. 

Sub brevi doctns tempore 
stultus dum incappatur, 

pleno prophetat pectore, 
ruetans interpretatur 

et disputat cxmi rhetore, 
qui tacet et miratur, 
qnod vir iustus toUatur 

et assumptus de stercore 
sentencias loquatur. 



Lesarten der Handschriften. Bur. Fol. 6^ B, Strophe 1—6; 
gedrackt bei Scbmeller no 16, S. 18; = Bodleiana Add. foL 126 no 77; die 
Strophen sind anders gestellt :1.2.4.6.8. 15 superbabondat pelea B 
8 B (non) orrea 9 set II 9 ponit III, 8 obprobrio B : im- 
perio 5 tali B : stare 7 neque forma 8 nee 1^ IV 2 
qnod B : et 5 humanom 6anB:etO 8tn ostiiun tind die Bueh- 
ttabm ost mM lesbar. YI 2 dorn ine. B: nt incapatur 8 prophetans 
5 retore 0. 

6* 



84 Wilhelm Meyer, 

.7. 
[Jam iam barbati taceant 

et derlei loqnantnr! 
atriqae deo serviant 
et Utes finiantnr! 
est enim christns vera pax, 
6 qiii mandat, at dicantrir 
misse et deponantrir 
per dericos, nt did^nm est, 
9 et asini pascantur.] 

n.>) 

De cismate Grandimontanoram. 
I Nnbes fallax est remota. 

cxdas vita nunc est nota, 

8 diu vnlpes latnit. 
Clanstra, nemns, triplex moros, 
pallor voltos, sermo porös 

6 orandimonti profoit. 

Est apertom, qood opertom 
dio mansit et incertom, 

9 fratrom scelos et odiom. 
Ovis lopos fit croentos, 
homo Simplex fraodolentos ; 

12 malom bonos indoit. 

G^ns perversa, plebs scelesta, 

dora, ferox, inhonesta 
15 priorem deposoit. 

Die 7. Strophe habe ich hergesteUt aus der bis 1818 laufenden Historia 
prolizior priomm Grandimontensiam, welche von Martene-Dnrand, Yetemm scrip- 
tomm amplissima collectio YI 1729 8p. 128 gedruckt ist: domnos Gatordniu 
prior DL . . Hie secundns pro clericis persecutionem sastinnit a conversis; exal- 
tatique sab eins tempore derid in singulis domibns correctores effecti, et con- 
▼ersi, qoi dominari consueverant clericis, htimilitati (homiliati?) faemnt sab de- 
ricoram correctione omnino redacti anno domini MCGXYIL Unde de dericorum 
exaltatione et conversoram homiliatione et subiectione qaidam frater dericus 
canticom säum composoit, quod indpit: InGedeonis areavellas aret 
extentam etc., ad ultimum dicens : lamjam Barbati taceant et derid loquantur, 
utrimque deo serriatur, et Utes finiantur: est enim Christus vera pax, qui man- 
dant ut dieantur missae et deponantur per clericos, ut dictum est, et asini pas- 
cantur, iuxta Ulud quod legitur Ecdesiastid XXXTIT: dbana et yirga et onus 
asino; panis et disdplina et opus senro. 

1) Aus Codex Paris latin. 15009 f. 257^. 



i 

1 



De scismate Orandimontanomm. g5 

Fena tristi premnnt isti 
precursores Antichristi 
18 sanctnm deri coUegiam. 

n Barbatonun gens iniqua, 

deo semper inimica, 
21 virus latens evomnit. 

Mundoin Indit, instos trudit, 

vinclis ledit, virgis cedit; 
24 judea dici mernit. 

Domns dei fei draconnm 

et spelunca fit latronom: 
27 lioc Christus pati potoit? 

Ad quid latent, quornm patent 

pravi mores et errores? 
80 hec sibi vita placoit? 

TTT Yirmn iostnm et venostom 

doms laude plenus fraude 
83 orandimontis grex infamis, 

Vt plus vacent voluptati 

nee prioris iugo dati, 
86 excussere de talamo. 

IV Respice, pater eIoü 
effrenes nunc piritoi 

89 intus frequentant nupdas. 

Nunc sciphos, lances iaciunt, 

nunc pugnis sese quaciunt 
42 et cedes miscent varias. 

V Actus probant, negant dicta: 
Christum fide colunt ficta 

45 infideles additi. 

Qui rebelles et inpuri 

more vivunt spicuri, 
48 voluptati dediti. 

VI Ignis pena sibi detur, 
barbarinos qui tuetur, 

51 et cum illis pereat. 

Qui iustorum fovet iura, 

post hanc vitam in futura 
54 cum beatis gaudeat. 



88 Wilhelm Mejrer, 

I Fleant oomes litteratil 

orandimontis ordinati 
torpiter sunt mancipati 
barbatonim potestati 
5 nostrifl in temporiboB. 
Fleant aorom obscnratom 
et colorem immatatam, 
templom dei violatom, 
anro christom coronatmn, 

10 sanctom datnm canibtis. 
n Stapet celnm scelns terre, 

stupet terra gentem ferre, 
qae sit ausa se preferre 
temereque yim inferre 

15 ministris ecdesie. 
Admirentor nniversa, 
qaod barbata gens perversa, 
gens in malnm tota mersa, 
dominator vice versa 

20 litteratis hodie. 
m Obstapesdt et natara, 

qaod precednnt capnd crora, 
orandimontis dorn gens dura 
dericomm tenet iura 

25 ritn temerario. 
Sic ancilla dominatnr. 
et domina famolator, 
sponsa ohristi violator, 
donv regenda mandpator 

80 eins adversario. 
IV Yersipellis gaadet hereticos, 

dum derico presidet laicas. 
lamentetnr omnis catbolicos. 
ordo perit ecdesiasticas 

85 bis diebos. 

Antiqaoram perit traditio, 
dorn divino preest offido 
rosticomm radis conventio. 
ingeritor nova confasio 

40 mnndi rebus. 

« 

1) Au Oete Piuris Utin. 15009 fol. 257^». 



I 

1 



De scismate Grandimontanoram. gf 

y Ante boves aratram ponitor, 

et capiti caada preponitor; 
retroversis pedibns graditor, 
et a tergo Inmen deducitor. 
45 res stapenda! 

Doctor tacet, indoctos loqnitur. 
bonos iacet, malas erigitnr. 
ab iniusto iostos argoitnr, 
et a ceco videns dedndtnr. 
50 res pndenda! 

VI Lamentare, ta Sion fOial 

destranntor lex et iasticia. 

Abel perit caim malitia, 

dorn laico dator potencia 
55 snper deram. 

In edipsi labitor pietas. 

refrigescit et langaet Caritas. 

regnat anri ceca capiditas. 

debaccator cum sevit falsitas 
60 contra vemm. 

Vn A deformi formosa spemitnr. 

a fratribus frater distraitor. 

rex ininstns iostnm perseqnitnr. 

ab impio servns occiditnr 
65 fraudolenter. 

A milite miles transfigitor. 

a filiis mater affligitor. 

mrsnm Christas cmci configitar. 

orandimontis ordo detegitor 
70 inpadenter. 

Vin Mons pregrandis diu convalnit; 

diu florens maltis prevaloit, 

incognitas qoamdin latoit. 

plnrimomm gratiam memit 
75 sie protectos. 

Set divisis contra se fratribns, 

nunc iorgiis intercurrentibns, 

dum detectas visas est omnibns, 

obprobriom factns hominibns, 
80 est despectas. 



88 



Wilhelm Meyer, 



IX 



XI 



Quid innecto 
prior magnns 
vir sapiens, 
conpaciens 

85 nt patatnr. 
Exit flendo 
dericomm 
pii patris 
circumqaaqae 

90 lamentatur. 

Effrenatnr 
gens effera, 
non deferens 
sei ingerens 
95 bone gentis. 
Bonitatem 
manifestat 



longiores moras? 
proiectos est foras, 
honestns, hamilis, 
sanctas, amabilis, 

de |f. 268 1 monasterio 
feryens conventio, 
folta solatio. 
vicina regio 

in sanctos domini 
non parcens criminii 
deo vel homini, 
macolam nomini 



cecorom cordinm 
fratemnm odiom, 
promta manns ad fratricidiom, 
fhga senis, opas nefarinm 
100 fugientis. 

gens seva, tristis, pestifera, 

si tn potesi modo delibera, 

qne lex inbet, qne docet littera, 

qnod ins deri 
105 laicalis. 

Qoid barbaram 

vobis prodest, 

qnid mnromm 

dnm depasdt 
110 laicalis? 



teneat plebs fera 

densa prolixitas 
qnid vestis vilitas, 
alta soliditasi 
animam feritas 



TV, Lesarten der Handschriften Dieser Rythmos ist überliefert in 
den Handschriften : P = Paris lat. 15009 (St. Victor, 18. Jahrh.) f. 258» C 
■3 Born, Casanatensis A. IH 29 auf dem 1. Blatt. In G ist vor dem Gedichte 
der hübsche Sprach mit Noten zn lesen: 

Paradisi porta, per qoam lax est orta, natam taam ora, 

üt nos mandet a peccatis et in regno claritatis, 

Qao lax lacet sedala collocet per secala. Amen. 

Ich kann den Sprach nicht in Dracken wieder finden. A = Paris, Noav. 

Acqaisitions 1544, 15. Jahrh. EL 89 ; hier nach dem (hoffentlich genaaen) Ahdrack 
Hanrdaa's in seinen Notices et extraits VI 1898 p. 808 (== Not. et Extr. de la 
Biblioth^ae Nationale XXXU part 1 p. 279). 2 percipit PC, prospidt A 

8 patitur PA, percipit € 4 Caim P, Cayn C, Cain A 5 ridet lia A 




De sdsmate Qrandimontanoram. 89 

IV 

I Kespiciat Emannel, 

qoi soIqs cxmcta percipit: 

qnomodo patitar Abel 
4 et adhnc caim desipit; 

ua ridet, plorat Bachel, 

formosam lippa dedpit; 

captivüs servit Israel, 
8 sicat pharao precipit. 

n Qxii non andistis, andite, 

orandimontis heremite 
11 quid volunt tenere rite, 

ignorantes viam vite, 

sab pedibns quorom trite 
14 sancte iaeent margarite. 

III Conversi tenent clericos 

sab pedibas et manibas. 

sie dominari laicos 
18 est sanctom dare canibns. 

Priori nolant sabici; 

set eos foras iaciant, 

sint conversi, sint clerici, 
22 qoi eis non obedinnt. 

rv Pastores sunt et non oves. 

planstrum vadit ante boves. 

plus est corpus quam anima 
26 et ancilla fit domina. 

Si sacerdos est cum gente 

fratre laico presente, 

Balaam pasdt gramina 
80 et txinc loqnitor asina. 

6 formosam lippa PA: mandragoras qnas C 7 captivüs servit PA: lacob 

snpplantat C 8 s. Ph. prec: cum fallax iostom decipit € 9 aadistis 

andite CA: anditis nunc andite P Z. 10. 11 (PC) sind in A umgtsetgti 11. 

10 10 heremite C 11 qoi P 12 ignorantes PC: respnentes A 

viam CA : legem P 13 trite P : certe C, Terre A 16 manibns et pe- 

dibns P 18 sanctnm est P Die Zeilen 19—22 fehlen m C 19 priori 

A: doctori P 21 si conversi A 21 laicierici in P von der 1, Band^ 

weicht dann lai geHlgt und ci tu cl geändert hai 23 non A: nos P, om. C 

26 fit PC, qnam A 27 Si PC: et A 28 fratre PC, sicnt A laico 

tnnc P 80 tnnc CA: sie P. 



90 Wilhelm Meyer, 

V Manns inpnra 
sine mensnra 
toUit secnra 
dericis inra, 

85 ocnlos ceds. 

Gens nimis dnra, 

cni non est cnra 

lex vel scriptnra, 

spemens fntnra, 
40 inmemor necis. 

VI Talamns flet lectnm 
et led;ns electnm 
ab eis proiednm. 
scelns est deted^nm, 

45 qnod solent celare. 

Hominem perfectnm 

hnmilem et rectnm 

in nnllo snspednm 

habent in despectnm 
50 priorem yocare. 

Vn deridy gens honesta, 

nnlla dies vobis festa; 

58 tot ingemnt yobis mesta. 
set tn, dens, tois presta 
vires padende 

56 contra cor snperbie! 
Snperba gens et infesta, 
non celestis, set scdesta, 

59 si tn potes, manifesta: 
in quorum priomm gesta 
tibi datnr hodie 

62 potestas ecdesie. 

DU Ver$e 81—62 tind in jeder Handseh^ anders gestdU: in P stehen, me im 
Drueky die Strophen in folgender Ordnung: Str. Y manos, VI talAmiis, YU derid; 
tn C stau Str.YUderid vor Str.Y und VI; tn A sUht Str, YU swisahen Strophe 
V und VI 85 occolis P 89 spernens futora C, spemens soa iura P, 

om. A 42 lectas om, C 46 perfectnm CA, honestom P 48 in n. 

s. fMt tn A Z. 53 fehit in C, steht vor 52 tn A 55 inre pade C 

57 snperba gens inf. P 60 priomm PC, om, k. 



De Bcismate Grandimontanomiit 91 

La$HentaHo clericarum pro mdlis a laicis perpetroHs. 

Vni Armaria fracta, 

yestimenta tracta, 
illidta tacta 
66 monstrant mala facta. 
Jesa christe, tracta, 
ne yerba sint facta, 
set sna sint pacta 
70 in nicbil redacta. 

Quod nimis snavis 

sit dominus pravis, 

monstrat contradavis 
74 in domini domo. 

Set nobis ignavis 

videtor plus gravis, 

qoi confixus clavis 
78 per nos foit homo. 

IX Coniorati sunt barbati 
et nos pati preparati 

81 qnos male tractant et premnnt. 

Yerberati sunt beati; 

set prelati timorati, 
84 nbi non est timor, tremnnt. 

Veritati sunt ingrati, 

qui peccati perpetrati 
87 ad corrigendum se demunt. 

X Non est lex, perit grex, 
contempnitur celorum rex. 

90 ante vinum bibitur fex. 

Pro dolor, desolor. 

mutatur optimus color. 
98 nil emendandum prestolor. 

Die Uebersthrift vor 68 steht nur in P; die Hittoire liUr. begann hiermit 
ein neuee Gedüht, und aUerdmga elM in P vor Annaria außerhalb der Columne 
ein S, nur etwas kleiner als vor Z. l Respid&t 66 male A 68 facta 

PC: acU A 69 sint soa A 70 ad nichü A Die Zeäen 71—78 

fehlen m P 72 dominoB sit A 74 domo domini C Die Zeilen 

85 86 87 stehen in A swischen 81 und 82 86 non sunt graÜ veritati A 

87 ad corigendom P, ad emendandum C, correctioni A 88 m P Mi vor Non 

ffi anderer Sthrift Jam, dann vor perit Über der Zeile et sugesetst, wM um 8 
Siiben su gewinnen 90 fax A Zeile 93 fehU in C. 



92 Wilhelm Meyer, De scismate Grandimontanoinm. 

Noten zam L Rythmns. 

Form. Die Strophenform ist einfach: der Achtsilber mit 
steigendem und der Siebensilber mit sinkendem Schluß sind zu 
einer Langzeile vereinigt: 8u-. + 7 — u (der politische Vers der 
Byzantiner); diese Langzeile ist 4 Mal gesetzt; dazn wird vor der 
letzten Langzeile die 2. Halbzeile als Korn eingeschoben; die 
Sinnespaasen haben ihre natürliche Stelle am Schloß der Lang- 
zeilen, besonders der 3.; doch sind ihrer so viele, daß sie alle nicht 
streng beobachtet werden; also : 8u-.a + 7 — üb, 8u — a + 7 — üb, 
8u_-a + 7 — üb; 7 — ub + 8cr--a + 7 — üb. Der Reim ist zwei- 
silbig and rein; nar in 5, 8 steht ias statt iam. Hiatas ist 
gemieden. Taktwechsel stehen 7 in den 24 Zeilen zu 8u^, 

aber 12 in den 30 Zeilen za 7-:.w, jedoch nie so, daß die beiden 
sich folgenden Senkungen Wortschloß bildeten, wie z.B. öptimos 
cölor. Die spät zugesetzte 7. Strophe kümmert sich feist nichts 
am den Beim der Halbzeilen 8 u _, hat einen Hiatas misse et and 
1 TaktwechseL 

Inhalt. I Alles ist verkehrt, n Wie man hört, wird 

auch in Grrandmont Alles auf den Kopf gestellt, m Das einst 
geheime Ordensleben wird jetzt verspottet, wegen des Treibens 
de^ rohen Haufens darin, iv Leider begünstigen diesen geistliche 
und weltliche Vorgesetzte, v Wehe denen, welche Gottes Sache 
verweltlichen, vi Ein ungebildeter Emporkömmling schwätzt die 
Klagen nieder. Die Strophenfolge der Oxforder Handschrift 
giebt keine gute Entwicklung der Gedanken. Da die grobe 

7. Strophe mit tacent und loquantur an den Schluß der 6. an- 
knüpft, so hat der Verfasser der Chronik nicht mehr als diese 
7 Strophen vor Augen gehabt. Der Dichter der 6 Strophen 

war kein Grandmontenser Kleriker. Er war ein feiner Kopf. 
Denn er behandelt nur die Hauptpunkte und diese von hohem Stand- 
punkte; höchstens die 6. Strophe ist persönlich gegen den neu 
gewählten Prior Stephan gerichtet. Der Dichter gebraucht viele 
Bilder oder hohen Ausdrücke: aUein nur sehr wenige lassen sich 
in der Vulgata oder sonst nachweisen; weitaus die meisten scheint 
der Dichter erfunden zu haben. 

I Z. 1 und 2 sind schwierig. Jud. VI, 36—40 verlangt 
Gedeon von Gott 2 Beweise: 1) daß des Nachts das Fell feucht 
werde, aber ringsum der Boden trocken bleibe, 2) daß in der 
nächsten Nacht der Boden feucht werde, aber das Fell trocken 
bleibe. Der 2. Fall wird in keiner Weise als etwas Verkehrtes 
bezeichnet: aber hier gilt er dafür; denn all die folgenden Bilder 



Noten zum I. Rythmos. 93 

bezeicimen Verkelirtes. 3 tinea demolitur Matth. 6, 19 und 20 ; 
regale vestimentom Esther 6, 1. 6/6 der gewöhnliche Gegensatz 
ist paleae und grana; vgl. Bnr. 2, 4, 8; 19, 11, 7; 139, 3. 7 vgl. 
Balaam's Eselin Nnmer. 22,28; dazu Stephan's Torn. 166. Brief 
'snbingale sit obediens et mntum' nach 2. Petri 2, 16 8/9 aber 
das Sprichwort s. oben S. 61; aber 'redit' verstehe ich nicht: 
mnß nicht 'trahit' geschrieben werden? U, 1 discrimen = Streit. 
3/4 d.h. es war wegen des frommen Lebens weithin berühmt. 
6 Psalm 143, 12 novellae plantationes 8/9 bases and capitella 
werden in der Vnlgata oft bei den Säulen erwähnt; also ist cnl- 
minis = colnminis, colxmmae ; Jacob de Yitry, Historia occid. cap. 
19 (oben S. 79) citirt diese Zeilen so : capitella, non bases in summo 
colminis consneverant ponere. III, 1 clausa: vgl. oben S. 66, 

63/64 und 81. 2 man möchte ändern 'odium secretum', wie 

II 9 von ^opertum fratrum scelus et odium' spricht; doch kann im 
Gegensatz zu religio, der strengen Befolgung der Regel, otium das 
müßige, bequeme Leben lässiger Mönche bezeichnen. 3 obpro- 

brio : vgl. HE 79 Mons detectus . . obprobrium factus hominibus ; 
auch von Stephan Tom. werden die Kleriker 3 Mal genannt 'sa- 
turati opprobrüs'. 4 vulgus etc. bezeichnet die Laienbrüder. 

6/6 'welches für solche Lebensweise nicht abgerichtet war* 7/9 
diese schwierigen Verse verstehe ich so : die Laienbrüder kümmern 
sich nichts um das kanonische Recht, das Decretum, nichts um das 
staatliche Recht, die leges, und als illiterati nichts um Bildung 
und Gelehrsamkeit; vielleicht ist III 103/6 zu vergleichen. IV 
'sanctum sacerdotium' könnte freilich die Kleriker des Ordens 
bezeichnen; allein dazu paßt nicht 'unctio regalis' und was folgt. 
Vielmehr muß der Sinn sein: daß die sancti sacerdotes d.h. vor- 
gesetzte Praelaten und die uncti reges d. h. die englischen Fürsten 
und Machthaber die Laienbrüder begünstigen, ist das seltsame 
göttliche Schickung oder von den Laien durch Bestechung und 
ähnliche Mittel erreicht ? Hier, wie im ganzen Gedicht sind die Les- 
arten der Oxforder Handschrift schlechter oder wenigstens nicht 
besser als die der Benedictbeurer. 4 subiugalis : s. zu Str. I 7. 

6 mysterium dei, Christi etc. ist häufig in der Vulgata. 7 — 9 

*qui non intrat per ostium' ist = impius; vgl. Joh. X 1 — 9: qui 
non intrat per ostium in ovile ovium . ., ille für est et latro. 
'venaUs' betrifft die Bestechungen, durch welche die Laien sich 
sollen geschützt haben; s. S. 72. V. Diese Strophe, welche 

in ganz fehlt, scheint eher den Haufen der Laienbrüder als die 
bestochenen Gewalthaber anzusprechen. 1 regis filia = ecclesia ? 
3 d.h. den als fromm berühmten Orden. 6/6 opus Salomonis 



94 Wilhelm Meyer, De sdsmate Grandimontanonim. 

deutet wohl auf den Tempel, 'cella pigmentaria' dentet wohl auf 
die 'cella aromattun et odoramentornm et ongnenti optimi' des 
Ezechias bei Jes. 89, 2. 7 — ^9 in diesen dunkeln Zeilen scheinen 
die Worte *ad rem conditionis' mit 'rapis' zu verbinden zu sein 
und zu bedeuten: du bringst Gottes Haus in die Lage weltlicher 
Abhängigkeit. YI. Die Anspielungen in dieser Strophe sind 

zu speziell als daß man sie so allgemein fassen durfte, wie z. B. 
m 46 doctor tacet, indoctus loquitur u. s. w. Dann aber können sie 
nur den neu gewählten Prior Stephan (s. oben S. 69) angehen, 
vor dem der bisherige Prior Wilhelm floh. 2 incappatiur: so 

vieldeutig cappa ist, so selten ist 4ncappare'; könnte es hier die 
Tracht des Priores in Grandmont bezeichnen? 3 prophetare, 
interpretari und disputare scheinen Synonyma zu sein und zum 
Theil aus der Schule zu stammen, ebenso 5 rhetor = ein bered- 
ter Mann. 7 vir iustus = Prior Wilhelm. 8 die Vul- 
gata sagt 'de stercore elevare oder erigere' und hat 'assumere' oft 
in dem hier nothwendigen Sinne. 9 Proverbia 26, 16 sapientior 
sibi piger videtur septem viris loquentibus sententias\ VU 
Diese spät zugesetzte Strophe ist derb und deutlich 7 de- 
poüantur d. h. mortui 9 asini i. e. laici per clericos pascantur. 

Noten zum 11. Rythmus. 

Dies Gedicht steht nur in der pariser lateinischen Handschrift 
15009 saec. XIII aus St. Victor, Bl. 257^. Darüber 'De cismate 
grandimontanorum', mit einem Accent über dem 2. Striche des 
letzten n, als ob der Schreiber niorum hätte schreiben wollen. 

Form. Das Gedicht besteht aus verschiedenen Strophen; da 
jede Strophe aus mindestens 2 gleichen Stücken besteht, also ein 
Paar bildet, so könnte man das Ganze eine Sequenz nennen. Das 
Hauptelement ist die Stabatmater-Strophe ; denn ihre Bestand- 
theile, ein Paar sinkend schließende Achtsilber (8 — v^) und eine 
steigend schließende Zeile (hier 7u. oder 8u_) beherrschen 
Z. 1—30, 43—54. Die Doppelstrophe 1—9 = 10—18 ist ge- 
baut und gereimt: 8— ua-|-8— ua-f 7u^b; 8— uc-|-8— uc-|-7u— b; 
8-^w;e-|-8— vye-|-8u-^y. Die nächste Doppelstrophe 19—24 = 
25— 30 ist gebaut: 8-.v^a + 8-vya+8u-.b; 8-uc+8--v^c+8w-b. 
Die beiden letzten Strophen 43—48 und 49 — 54 sind reine Stabat- 
mater-Strophen: 8— ua + 8— vya + 7vy-»b; 8— uc + 8— vyc7u — b. 
Von den dazwischen stehenden Strophen besteht die erste, 31 — 36, 
nur aus Achtsilbem (8 _ v^) mit sinkenden, die zweite, 37—42, aus 
Achtsilbem (8o.) mit steigendem Schlüsse, beide gereimt zu aab, 
c c b. Also 34 Knrzzeilen zu 8 _ u, 12 zu 8 u ^ und 8 zu 7 o 



Noten zum I. und n. Rythmiu. 95 

Alle Zeilen zu 8_u sind zerlegt zn 4_u + 4_u; die 12 Zeilen 
zu 8u^ haben 5, die 8 Zeilen zu 7v^_ haben 1 Taktwechsel; doch 
nie bilden die beiden Senkungen den Schluß eines Wortes. 
Hiatus findet sich nie in den Kurzzeilen, 4 Mal zwischen solchen. 
Die Reime sind zweisilbig xmd rein; der mangelnde Reim in 36 
entspringt wohl aus einer Yerschreibung. 

Inhalt. I Das Geheinmiß ist enthüllt! In den Mauern 
Grandmonts vermuthete mlGui große Heiligkeit; doch jetzt ist die 
Bosheit und Zwietracht an den Tag gekommen. Der verruchte 
Haufen hat den Prior abgesetzt und mißhandelt die Kleriker, 
n Die gottlosen Laienbrfider mißhandeln die Gerechten und treiben 
es im Gotteshaus wie in einer Räuberhöhle. m Den Prior haben 

sie vertrieben, um ihrer Lust zu fröhnen. iv Drinnen gehts zu, 
wie bei der Hochzeit des Pirithous. v Die Gottlosen leben, 

wie ihr Lehrmeister Epicur. vi Fluch denen, welche sie schützen; 
Segen denen, welche die Gerechten schirmen! Der Dichter 

ist kein Grandmontenser ; er schreibt wenigstens lebhaft, ja leiden- 
schaftlich. 

4 vgl. oben S. 66 ; nemus : die Klöster der Grandmontenser 
sollten in öden Wäldern angelegt werden; triplex murus: so III 
108 murorum alta soliditas 6 sermo purus Job 11,4; Prov. 
16, 26 12 bonus : vgl. die Namen Boni-homines und Bonummie 

oben S. 64 (Note), dann III 96/96 16 deposuit : wohl übertriebener 
Ausdruck; s. oben S. 69 u. 82 26 fei draconum Deut. 32, 33. 
26 Jerem. 7, 11 spelunca latronum facta est domus (dei) 31 was 
soll 'venustum'? Es ist wohl zu schreiben 'honestum' = HI 83. 
32 'durus laude' ist wohl als Gegensatz zu 'plenus fraude' zu 
ändern in 'nudus laude' 36 wohl = damit sie, dem Befehl 
eines Priors nicht unterworfen, mehr der Wollust fröhnen könnten; 
von äppigem Leben in Grandmont sprechen nur wenig Stephan 
Tom. (oben S. 68 Note) und Guiot de Provins (oben S. 61) 36 
des Reims halber ist wohl zu schreiben xmd, was das Fremdwort 
gestattet, zu betonen : taldmis. 37 vgl. lY 1 Respiciat Emanuel 
und viele Stellen der Yulgata 37 Marc. 16, 34 Eloi . . quod est 
interpretatum : deus mens 38 wie die Kentauren und Lapithen 
bei der Hochzeit des Pirithous mit einander kämpften, schildert 
z. B. Ovid Metam. XTT 210 ffl. 40 ciphos hat die Hft, wie cisma 
statt scisma etc. etc. sich finden, besonders in Frankreich 43 
nach dicta habe ich : gesetzt, weil Z. 44 das enthält, was sie 
leugnen 44 I. Tim. 1, 6 conscientia bona et fide non ficta. 

46 'additi' verstehe ich nicht; ist vielleicht 'abditi' zu schreiben? 
= die versteckten, heimlichen Qt)ttlo8en 60 die Hft hat bar- 



96 Wilhelm Meyer, De scismate Qrandimontanoniin. 

barinas oder barbarinos. Gaiot V. 1566 (oben S. 61) sagt von den 
Barbati: Li sunt li barbaran greignor. Das altfranzösische Wort 
barbaran oder öfter barbarin bedeutet eigentlich 'Barbar, Berber' ; 
doch soll eine Münze von Limoges Barbarinos ihren Namen von 
dem anfgeprägten bärtigen Kopf haben. 

Noten znm lU. Rjthmas. 

Dies Gedicht steht nnr in der pariser lateinischen Handschrift 
15009 BL 257^ Form: Das Gedicht besteht ans 2 Theilen, 
Z. 1—30 und Z. 31—110. Der erste Theil besteht aus 3 er- 
weiterten Stabatmater-Stropben: 8 — uaaaa + 7w— b; 8 — v-'cccc 
+ 7u-.b. Der zweite Theil besteht ans 8 Strophen von Zehn- 
silbern (4 + 6u_) mit der Zeile 4~v^ als Nachschlag, also: 
10u^aaaa + 4«ub; 10— v^cccc + 4 — v^b. Die Z. 1—30 ent- 

halten 24 Zeilen zu 8— u nnd 6 Zeilen zu 7u« Die Zeilen zu 
8-.U zerfallen stets in 4— u + 4— u; nnr 27 *et domina' bildet eine 
anjBPällige Ausnahme, da dieselbe durch 'dominaque' leicht zu ver- 
meiden gewesen wäre. Von den 6 Zeilen zu 7 c hat nur eine 
Taktwechsel Die Zeilen 31 — 110 bestehen aus 64 Zehnsilbern 
und 16 Viersilbem. Die Basis der 64 Zehnsilber (4 + 6u— ) schließt 
15 Mal steigend: et Ingerens. Dagegen die 16 Viersilber, welche 
die Strophenstücke schließen, enden alle sinkend: sie protöctus. 
Von den 64 Kurzzeilen zu 6«^— beginnen 15 mit einer Senkung: 
Indöctus loquitur. In den 49 Zeilen, welche mit einer Hebung 
beginnen, wie d^nsa prolixitas, bilden, was ja hier strittig ist 
(s. meine Ges. Abhandlungen 1 267), in 7 Zeilen die beiden Senkungen 
den Schluß eines Wortes, wie pr^sldst l&icus. Hiatus findet 

sich nicht in den Kurzzeilen, 2 Mal zwischen denselben. Die 

Keime sind zweisilbig und rein; nur in 55 reimt pietas auf itas; 
dann stehen in 81 — 84 zwei Paare verschiedener Reime statt 4 
gleichen Reimen, und die 2 Wörter möras und föras sind viel- 
leicht nach der Quantität auf der Endsilbe zu betonen ; vgl. meine 
Qtes. Abhandlungen, bes. I S. 255. 

Inhalt I Alle Studirten sollen beklagen, daß in Grand- 
mont die Laien die Kleriker unterjocht haben; n m der Himmel, 
das Universum und die Natur staunen darüber, daß die Kleriker 
Sklaven der Laien geworden sind. iv Die Irrgläubigen freuen 
sich, daß hier die richtige Ordnung des Gottesdienstes gestört ist. 
V Alles ist hier verkehrt, vi Die Tugenden unterliegen, die Laster 
siegen, vm Alles wird zum Bösen verkehrt und Grandmont kommt 
in Schande, vm Sonst so blähend und hochgeachtet, ist es jetzt 
durch diese Zwietracht in Verachtung gerathen. ix Kurz : die 



Noten zum m. Rythmus. 97 

Prior und die Kleriker sind vertrieben, x Gegen sie toben die 
bösen Laien, zur Schande ihres Beinamens 'Boni-homines'. 
ZI Besinnt euch, was Recht ist und was eore Ordenspflicht ver- 
langt. Der Dichter war nicht ein Grandmontenser. Sehr breit 
spricht er die gangbaren Gedanken ans; aber, so sehr er die Laien 
angreift, wirft er ihnen doch Ueppigkeit und Wollust nicht vor. 
Vor Fleant ist der £and so stark beschnitten, daß von dem 
Zeichen §, welches den Beginn des Gedichtes anzeigte, nur noch 
eine dünne Spitze des Kopfes übrig ist. I, 6/7 Jerem. Lament. 
4, 1 obscuratum est aurum, mutatus est color optimus ; vgL Ryth- 
mus IV 92 mutatur optimus color 8 I Cor. 3, 17 si quis 
templum dei violaverit 9 vielleicht nach Hebr. 2, 9 videmus 
lesum . • gloria et honore coronatum 10 und IV 18 sanctum 
dare canibus: Matth. 7, 6 nolite dare sanctum canibus. 12 ter- 
ram? oder es ist 'se' zu ergänzen 16 da Z. 11 stupet und 
Z. 21 obstupescit steht, so muß wohl dazwischen admirantur, nicht 
admirentur, stehen 17 statt quod hat die Hft q mit einem 
Strich durch den Schafk d.h. qui gens perversa = U 13. 
24 vgl. Z. 104 26 vgl. IV 26 ancilla fit domina 28 d. h. 
ecdesia 31 versipellis = Prov. 14, 25 36 vgL Marc 7, 3 
und 5 traditio seniorum 37/8 vgl. oben S. 61/62 38 conventio 
hier und Z. 87 = conventus 41 über dies Sprüchwort s. S. 61. 
44 =- das Licht fallt nicht vor die Füße, sondern in den Rücken? 
46 so findet sich in der Sequenz 'Laetabundus exultet' als Strophen- 
schluß der Ausruf: res miranda! 46 vgl. Rythmus I Str. 6 
und in IV 19 priori nolunt subici die Lesart 'doctori', dazu oben 
S. 61 die Citate aus Stephan Tom. 'idiota doceat dericum' 63 
vgl IV 3 patitur Abel et adhuc Caim desipit 67 Matth. 24, 12 
refrigescet Caritas multorum 61 vgl. IV 6 loa ridet plorat 
Rachel, formosam lippa decipit 62 d. h. Joseph 63/64 welches 
sind die biblischen Beispiele? Sollte der rex iniustus = Saul sein? 
66 miles = commilito? 76 vgl. Clemens III (Migne 204 Sp. 
1376) ut Grandimontenses factis partibus velut acies hinc inde 
consisterent 79 s. zu Rythmus I 3, 3 81 Statins Thebais 
5, 743 plures moras innectere 84 I. Petr. 3, 8 compatientes. 
86 ut putatur, wohl = ut mihi dicunt 87 fervens = fervens 
dolore?; oder ist *frequens* zu bessern? 93 Deuter. 28, 60 non 
deferat seni 96/96 bone gentis und Bonitatem s. zu U 12. 
99 soll wohl heißen: die Flucht des greisen Priors, welcher das 
abscheuliche Treiben verabscheute. Die Worte würden zeigen, wie 
z.B. 82 proiectus est foras zu verstehen ist 104 ins deri 
teneat muß doch wohl hier wie Z. 24 bedeuten: die Vorrechte der 

Kfft Oet. d. Wtei. VMltfiekUi. PkUolof.-Uctor. KImm 190«. Htfl 1. 7 



98 Wilhelm Meyer, De scismate Grandimontanonun. 

Kleriker für sich beanspruchen. Da es aber sonderbar klingt, 
daß die gens saeva aufgefordert wird, zu bedenken, daß die plebs 
fera laicalis, d. h. eben die gens saeva, den Klerikern ihre Rechte 
nimmt, so ist vielleicht zu andern: qaod ins deri teneas, plebs 
fera laicalis 106 nach Gniot de Provins, la Bible (oben S. 61) 
y. 1642 — 1548 verwendeten die Laienbrfider Bartbinden und viele 
Pflege ffir ihre Barte 108 vgl. 11 4 triplex mnms 110 lai- 
calis bildet zu 105 laicalis falschen Reim; in Z. 110 ist laicalis 
sehr matt und wohl mit einem Worte wie 'bestialis' zu vertauschen. 

Noten zum IV. Bythmus. 

Form Der ziemlich täppische Dichter wollte viele Kunst 
beweisen durch verschiedenartige Strophenformen und durch Fülle 
gleicher Reime. Strophe i = Strophe m: je 4 Paare von Acht- 
silbern mit steigendem Schluß, aber mit gekreuzten Reimen, also 
8c- ab, ab, ab, ab Strophe n: 6 Achtsilber mit sinkendem 
Schluß, alle mit demselben Reim: 8_uaaaaaa Die Strophe 
IV ist aus sinkenden und steigenden Achtsilbem zusammengesetzt: 
8 — ua + 8— .ua, 8«j — b + 8u-^b; 8 — uc + 8— uc, 8u — b-|-8u-»b 
Strophe v: 10 sinkende Fünfsilber (5^u), und Strophe vi: 10 sin- 
kende Sechssilber (6~ u): durch Reim und Sinnespause in je 2 
G-ruppen zerlegt : aaaab ; aaaab Strophe vn ist aus sinkenden Acht- 
silbem und steigenden Siebensilbern zusammengesetzt und mit be- 
sonders vielen gleichen Reimen ausgestattet: 8-.uaaaa+7<j_bb; 
8.uaaaa + 7u.bb vm. Strophe: 2 Strophen von je 8 

sinkenden Sechssilbem, welche durch die Sinnespause in je 2 
Gruppen zu 4 Zeilen zerlegt sind (vgl. Strophe vi): zuerst mit 
besonderer Reimfülle 6.uaaaa; aaaa; dann 6.ucccb; 
c c c b Die ix. Strophe besteht aus 3 gleichen Ghruppen zu 

je 3 Zeilen; die Zeilen sind eigentlich alle sinkende Achtsilber; 
doch sind die beiden ersten Zeilen jeder Gruppe in 2 Yiersilber 
mit dem Reim ati zerlegt. Also besteht die Strophe aus drei- 
maligem: 4_oa+4_ua, 4u.ua-h4_ua, 8^ub, wobei alle 12V 
mit ati und die 3'b' mit emunt reimen. Die z. Strophe soll 
ein Kunstst&ck von Reim xmd Rythmus sein; die ersten 3 Zeilen 
reimen steigend mit einsilbigen WSrtem auf ex; die letzten 
8 Zeilen reimen sinkend auf olor. 

Hiatus ist gemieden: er findet sich nur in der Z. 22 qui 
eis, sonst 7 Mal zwischen den Kurzzeilen« Die Reime sind 
rein xmd zweisilbig; nur in Z. 25 reimt ima auf ina, xmd in der 
I. Strophe bilden die hebräischen Wörter auf el eine erlaubte 
Ausnahme. 



Noten zum IV. Bythmus. 99 

Dagegen der innere Ban der Zeilen weicht von dem der 
andern 3 Rythmen und fiberlianpt von dem damals ablieben ab. 
Dieser 4. Rythmos bietet 81 Zeilen zn 8^u, 20 Zeilen zn 8u_, 
4 Zeilen zu 7u_, 26 Zeilen zn 6_u nnd 10 Zeilen za 5_u. 
Die 20 Zeilen zu 8u^ enthalten 5, die 4 Zeilen zu 7v^. 1 Takt- 
wechsel; sonst ist Nichts darüber zusagen. Von den 26 Zeilen 
zn 6^u enthalten 15 Zeilen Taktwechsel, nnd von den 10 Zeilen 
zn 6^u beginnen 9 mit einer Hebnng: hiebei kamen 2 Senkungen 
neben einander zn stehen. Diese 2 Senkungen werden in nicht 
weniger als 4 Sechssilbem und 3 Fünfsilbem durch die beiden 
letzten Silben eines Wortes, durch daktylischen Wortschluß, ge- 
bildet wie d^rlcls iAra oder armdriä fr&cta. Schlimm ist be- 
sonders der Bau der sinkenden Achtsilber (8_u). Sonst in dieser 
Zeit sind dieselben fast immer in 2 sinkende Viersilber zerlegt, 
4-.u-h4~u: si tu pötes manif^sta. Das geschieht hier na- 
türlich in den 6 Zeilen mit Innenreim, 79/80, 82/83, 86/86: coniu- 
r&ti sunt barbdti. Von den übrigen Achtsilbem sind nur 

etwa 10 wie gewöhnlich zerlegt in 4.u+4^u. Dagegen in 6 
Zeilen schließt der 1. Viersilber steigend, wie 13 sub p^bus 
quorum trite, und 8 Zeilen sind überhaupt nach der 4. Silbe nicht 
zerschnitten, wie 9 qui non audistis, aucUte. Unter den 14 Fällen 
der beiden letzten Arten finden sich 4 (13 61 63 92), wo die 
beiden Senkungen den verbotenen Wortschluß bilden, wie 53 tot 
ingdrfint vöbis mesta oder 92 mutatur öptimtis cölor. So roh ge- 
baute sinkende Achtsilber kommen in den andern 3 Rythmen 
nicht vor (nur m 27 et dömlnä fämulatur) und sie sind in dieser 
Blüthezeit der Dichtungsformen überhaupt sehr selten. 

Inhalt I Gott, sieh, wie Alles übel steht. n Ghrand- 
mont's Mönche handeln bös. m Die Laien unterjochen dort die 
Kleriker. iv Sie wollen Seelenhirten sein. y und vi Sie nehmen 
den Klerikern ihre Rechte und verjagen den Prior. vn Arme 
Kleriker, Gott steh euch bei! Ihr Laien, was hat euch zu solchem 
Frevel berechtigt? vm XJebel haben sie gehaust: Gott strafe 
siel Gott hat in unserm Hause den Gtegenprior aufkommen lassen. 
IX Wir sind auf Leiden gefaßt; die Prfilaten fürchten sich; die 
Frevler wollen sich nicht bessern. x Recht xmd G^etz ist 
dahin xmd Besserung nicht zu erwarten. Eine Entwicklung 
der Gedanken ist hier schwer zu finden; auch im Einzelnen ist 
der Ausdruck oft stumpf oder undeutlich. Wenn auch die Zeilen 
68 — 87 zunSohst, wie die üeberschrift vor 63 andeutet, den 
Klerikern in den Mund gelegt sind, so macht doch gerade dies 
und auch der Ton des übrigen G^chtes wahrscheinlich , daß ein 
G^randmontenser Kleriker diesen Bythmus verfaßt hat. 



100 Wilhelm Meyer, De scismate Qrandimontanonim. 

1 Kespiciat: s. zu U 37 Eespice 3 and 4: vgl. m 53* 
6 and 6: vgl. III 61 11 rite scheint nicht recte zu. bedeaten, 
sondern 'gewöhnlich, in der Regel' 13 vgl. Matth. 7,6 neqae 
mittatis margaritas vestras ante porcos, ne forte concalcent eas 
pedibos snis 18 s. in 10 19 zu der Lesart 'doctori' vgl. 

m 46 24 über das Sprüchwort s. oben S. 61 26 s. m 26 
and z. B. Jes. 24,2 sicnt andlla, sie domina eins 27 nnd 28 
scheinen zn sagen: wenn der Örtliche zur Gemeinde (den oves) 
zählt, indem der Laienbruder vorsteht (presens als Partidp von 
presnm), so ist das ebenso als wenn Balaam Gras frißt and sein 
Esel Reden hält (vgl. zu I 1,7) die Zeilen öl— 62, die Anrede 
an die Elleriker and die an die Laien, scheinen hier nach 50 am 
besten zn stehen; sie schließen die Erörterung Z. 1 — 60 pathetisch 
ab and leiten hinüber za der noch pathetischeren Rede der Kle- 
riker 66 in der Vnlgata findet sich wenigstens Psalm 36,11 
non veniat mihi pes saperbiae 60 — 62 scheinen za sagen: 

gegen welche Handlangen der bisherigen Frieren dir jetzt ein 
(kirchliches) Vorgehen zusteht. Die Handschriften haben porum 
d. h. priorum ; natürlicher wäre *piorum' = dericorum, welche ja 
Z. 61 gens honesta genannt werden (U 18 sanctum dei coUegium, 
62 iustorum. HI 91 sanctos domini) 63 Es ist möglich, daß 
der Dichter selbst geschmacklos genug war, den Gang des Ge- 
dichtes mit dieser üeberschrift zu erklären 63 Kur der sehr 
unzuverlässige Bericht der Historia prolixior (Martene, Ampi. 
ColL VI Sp. 127) spricht von Aehnlichem: conversi ipsius prioris 
cameram et Grandimontensem eorum matrem ecdesiam ausu sa- 
crilego infringentes Z. 68 scheint sagen zu woUen: daß ihre 
Worte nicht Thatsachen werden 73 der 'Nachschlüssel' im 

Gotteshaus scheint Stephan, der von den Laien aufgestellte 
Q^genprior, zu sein Die Z. 76 — 78 können doch nicht den ver- 
folgten Prior Wilhelm bezeichnen; sie scheinen vielmehr zu sagen: 
aber uns scheint wichtiger als dieser Gegenprior Stephan, d. h. 
uns kümmert nicht dieser Prior Stephan, sondern der, welcher 
durch unsere Schuld als Mensch am Kreuze litt, d. h. Christus. 
Aber was soll dann 'ignavis'? 82 beati bezeichnet wohl die 
Kleriker, prelati die auswärtigen Kirchenförsten, welche die Kle- 
riker nicht so schützten, wie sie verlangten 87 der abhängige 
Genitiv peccati spricht für die Lesart 'correctioni' ; doch auch 'se 
demunt = sich entziehen' ist seltsam genug 90 ob ante 'statt' 
bedeutet, wie für = vor? 92 vgl. zu m 7 93 wohl = 
ich erwarte nicht, daß Etwas besser werden wird. 



Neue Beiträge zur Geschichte uud Landeskunde 

Lakedämons. 

Von 

Benedlctas Miese. 

Vorgelegt von F. Leo in der Sitzung vom 19. Mai 1906. 

Die lakedämonischen Periöken^). 

Die Landschaft Lakedämon zerfiel bekanntlich in zwei, örtlich 
und rechtlich streng geschiedene Teile, das Stadtgebiet Spartas 
nnd die Periöken. Diese Periöken sind das was ihr Name %bqIoixoi 
sagt, die Umwohner, d. h. sie wohnten um Sparta nnd sein Gebiet 
hermn. Ihr Name ist durch ihr Verhältnis zn Sparta bestimmt 
worden, nnd vielleicht ist überhaupt der Begriff der Periöken zu- 
erst in Lakedämon geprägt und von da auf andere hellenische 
Landschaften und ähnliche Verhältnisse übertragen worden. 

Sie waren in einer größeren Zahl kleinerer Ortschaften ver- 
theilt, die besondere Gemeinden bildeten und von den maßgebenden 
Zeugnissen als Städte, ndksig bezeichnet werden*). Die Bürger 
dieser Städte, die Periöken, waren freie Männer und hatten an 
allen Rechten und Ehren der Freien ihren Antheil; sie dienten 

1) Was die Litterator anlangt, so verweise ich vor aUem auf K. 0. Müller, 
Dorier U* 16. Auch K. H. Lachmann, die spartanische Staatsverfass. S. 179 ent- 
hält einiges beachtenswerthe. Femer ist zu nennen SchGmann-Lipsius, Griech. 
Alterthümer I 208 ff. und die sonstigen Lehrbücher. Eine kurze Skizze habe ich 
früher gegeben in Sybels histor. Zeitschrift N. F. 26 S. 75 f., wo meine Grund- 
gedanken zum Teil schon angedeutet sind. 

2) Xenophon Hell. VI 5, 21 xoh^ filv IhtaQtuitas &niXv6ep oPnadSy tohg dl 
«epio/xovff it(pfl%sv sls täs iavxAv nöXng. Isocrat. Panath. § 179. Ebenso werden 
sie von den Geographen St&dte, nicht etwa Dörfer (h&imci) genannt. 

Kfl. Qm, d. Wias. NMhriehtra. Philolof.-hiii. KImm 1906. Hafl 8. 8 



102 Benedictus Niese, 

im lakedämonischen Heere als Schwergerüstete und als Reiter^), 
wurden gelegentlich zu wichtigen Aufträgen verwandt und ge- 
langten zu Führerstellen ^. Sie haben Zutritt zu den großen 
hellenischen Festen und Spielen "). Es gibt unter ihnen, wie 
überall, vornehme und geringere*), begüterte und ärmere. 

Da die Periöken in ihrei^. ebenen Städten oder Gemeinden 
lebten, so hatten sie an det .GT^niemde Sparta keinen Anteil und 
konnten, so lange jgie'JföjjJ^ken blieben, nicht spartanische Bürger 
werden. In SpJÖftÄ.^hören sie rechtlich zu den Fremden i^ivoi) % 
Jede Pjeri^keftfiifeaät hat ihr besonderes Bürgerrecht und Indigenat, 
u;i^*jofeX ^^riöke führt daher neben der Stammesbezeichnimg La- 
* kcsdämonier auch des Ethnikon seiner Stadt. Die Beispiele sind 
nicht selten: Myson, einer der sieben Weisen, heißtnach seiner 
Heimat, einer Periökenstadt, Chenier oder Eteier^, Kytherier 
waren die Dichter Xenodamos und Philoxenos ^), die Dichterin Erinna 
war eine Bürgerin der Periökenstadt Tenos^, Aulon hat seine 
Bürger, die Auloniten % und ebenso Gytheion ^®). Bürger verschie- 
dener Periökenstädte, Epidauros Limera, Pellana, Akreai, Helos 
werden gelegentlich bei Schriftstellern und in Inschriften erwähnt*^). 
Endlich haben die Periökengemeinden ihre eigenen Gottesdienste 
und Feste, an denen wir auch die Spartaner teilnehmen sehen. 
In der sogen. Damononinschrift ^*) aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. 



1) Herod. IX 11. Thukyd. IV 8, 1. Xenophon HeU. HI 6, 7. V 1, 33. 4, 39. 

2) Thukyd. VIII 6, 4. 22, 1. Doch hat man es selhstverständlich vermieden, 
Sparüaten unter den Befehl eines Periöken zu stellen. 

3) Pausan. III 22, 5 nennt einen mehrfachen Olympioniken Nikokles aus 
Akreai. Unter den Olympioniken aus Lakedämon mögen noch manche andre Pe- 
riöken sein. 

4) xaiol xiiya^o/. Xenoph. Hell. V3,9. Vgl. Plutarch. Oleom. 11. 

5) Plutarch, Oleom. 10 f. Arat. 88. 

6) Plato Protag. 343 A Steph. Byz. s. X-f^v, K. 0. Müller a. 0. S. 24. 

7) Ephoros hei Athen. VIII 352 0. I 6 £. Plutarch de mus. 9. 

8) Steph. Byz. s. Tflvog. 

9) Xenoph. Hell. UI 3,8. 

10) Liv. XXXIV 29, 3. 

11) Vgl. das Proxeniedekret von Keos aus dem 4. Jahrhundert v. Ohr. in den 
Athen. Mittheil. IX (1684)273, wo nach U. Köhlers Ergänzung auch ein Bürger 
aus Kyphanta erwähnt sein würde. Bei Pellana tritt allerdings die Konkurrenz 
der gleichnamigen achäischen Stadt ein, so daß nicht zu entscheiden ist, oh die 
dort und IG II 2 n. 652 z. 33. VII n. 3055 genannten Pellanier Lakonen oder 
Achäer waren. Dagegen der Polyh. XVIII 17 genannte Pellenier Timokrates war 
sicherlich ein Lakone. Bürger aus den Periökenstädten Akreai, Epidauros, Helos und 
vieUeicht Ohenia IG VII 415. 1765. 2936. *Ef9J[\k, kq%ukol, 1884 S. 204. 

12) IGAnt. 79. Samml. Griech. Dialektinschr. III 2 n. 4416. 



Neue Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Lakedämons. 103 

werden Siege an den Spielen in Thnria nnd Helos erwähnt. Be- 
kannt ist das Fest der Artemis in Karyai, wo die spartanischen 
Mädchen den Reigen tanzten^). Die Gottesdienste der Periöken 
sind übrigens den spartanischen gleich, nnd in einigen Fällen nach- 
weislich von Sparta den Periöken mitgeteilt*). 

Aber die Städte waren nicht selbständig oder autonom, son- 
dern den Spartanern durchaus Untertan^. Unter einander hatten 
sie keine politische Gemeinschaft, weder im ganzen noch teilweise, 
auch von einer Zusammenfassung der benachbarten Städte zu Be- 
zirken gibt es keine Spur*); eine solche würde den Interessen der 
spartanischen Herrschaft durchaus nicht entsprochen haben. Jede 
Stadt stand für sich; nur durch den gemeinsamen Herrn und 
Mittelpunkt Sparta waren sie unter einander verbunden. Was ihre 
Größe anlangt, so gab es einzelne ansehnlichere % aber die meisten 
waren kleine *^), offene Orte '), nur die Seestädte waren, wenigstens 
zum Theil, befestigt. Aus der Zeit des peloponnesischen Krieges 
wissen wir es von Mothone*) und später von Gytheion, das die 



1) Pausan. IIL 10, 7. Bucolic. Oraec. relliquiae ed. Ahrens II S. 4. 

2) Hermes 26 S. 14. Diese Materie behandelt Sam Wide, Lakonische Culte, 
Leipzig 1893. 

3) Als ein Zeichen der Untertänigkeit könnte man ansehen, daß die Periöken 
beim Tode eines der Könige zur Totenklage Abgeordnete nach Sparta schicken muiten. 
Herod. VI 58. Doch ist zu bemerken, daß auch die Spartiaten und Heloten dabei 
mitwirken mußten. Im übrigen kann man die Verhältnisse der Periöken zu den 
Spartanern recht wohl mit dem der attischen Untertanen oder Bundesgenossen zu 
Athen vergleichen, die in ähnlicher Untertänigkeit gehalten wurden und doch eigene 
Stadtgemeinden blieben. 

4) Die Bezirkseinteilung, die Ephoros fr. 18 (FHG I 237) bei Strabo VIII 364 
den ersten spartanischen Königen zuschreibt, ist etwas ganz anderes und begreift 
auch das Spartiatenland. Auch ist diese Nachricht wahrscheinlich nur eine anti- 
quarische Fabel ; schon der nächste König Agis soll die Bezirke wieder abgeschafft 
haben. Lachmann und Schömann wollen aus den in einer Nachricht (Schol. Pindar 
Ol. 6, 154) erwähnten 20 lakedämonischen Harmosten auf 20 Bezirke der Periöken 
schließen. Wer das Scholion im Zusammenhange liest, wird den Schluß nicht für 
wahrscheinlich halten. Selbstverständlich ist es möglich, daß man in Sparta zu 
Verwaltungszwecken das Periökenland gelegentlich in Bezirke gegliedert hat, die 
sich dann mit der Einteilung der attischen Bundesgenossen in den Tributlisten 
würden vergleichen lassen. 

5) Thyrea war so groß, daß es den vertriebenen Aegineten, also einer nicht 
ganz kleinen Zahl, Obdach und Unterhalt gab. Thukyd. II 27. Später war Gy- 
theion recht bedeutend. Liv. XXXIV, 29. 3. 

6) Isocrat Panath. § 179. 

7) Xenoph. Hell. VI 5, 32. z. B. Thyrea scheint unbefestigt gewesen zu sein, 
als es die Athener einnahmen. Thukyd. IV 57. 

8) Thukyd. II 25. Wenn aber früher die Athener unter Tolmides die lake- 

8* 



10^ Benedictus Niese, 

Thebaner glücklich abwehrte ^) und unter Kabis erst nach längerer 
Belagerung fiel. Der herrschenden Gemeinde mußten die Periöken 
vor allem Heerdienst zu Fuß und zu Roß leisten, wahrscheinlich 
auch Abgaben und Lieferungen, die ihnen nach Bedürfnis auferlegt 
wurden. Sie trugen femer die Hauptlast der Seemacht, die in 
den Rahmen der spartanischen Verfassung ursprünglich nicht ge- 
hört, aber seit den Perserkriegen nothwendig ward. Ohne Zweifel 
bauten die Periöken die Schiffe, gaben die Steuerleute und einen 
großen Teil der Rudermannschaft'). Die Seehäfen, die Schiffs- 
häuser und sonstige Marineanlagen befanden sich ausschließlich in 
den Periökenstädten, wurden aber von Sparta aus geleitet und 
verwaltet. Wenn eine Seerfistung unternommen ward, kamen von da die 
nötigen Anordnungen und Beamten. Ueberhaupt erhielten die Pe- 
riöken spartanische Befehlshaber zugeschickt^, doch wissen wir 
nicht, ob es bei allen und ob es regelmäßig geschah oder etwa nur 
in Eriegszeiten ^). Kythera, das durch seine insulare Lage aus- 
gezeichnet war, hatte einen ständigen, jährlich wechselnden spar- 
tanischen Beamten, den Kytherodikes ^). Ln übrigen versteht sich 
von selbst, daß Spartiaten, also spartanische Bürger, in den Peri- 
ökenstädten weder wohnen durften noch Landbesitz hatten; auch 
ist kein derartiger Fall überliefert. Nur die Gemeinde Sparta 
muß wenigstens in einigen Periökenstädten Grundbesitz gehabt 
haben, wie in Thyrea, wo zu Anfang des peloponnesischen Krieges 
die vertriebenen Aegineten angesiedelt wurden^ ; denn es ist nicht 
glaublich, daß man damals die eingeborenen Thyreaten zu Gtmsten 
der Aegineten von ihrem Grund und Boden vertrieben habe ; dies 
würde dem sonstigen Verfahren der Spartaner durchaus wider- 
sprechen. Thyrea gehörte zu den jüngsten Eroberungen Spartas, 
und man kann sich wohl denken, daß die Spartaner bei der Er- 



dämonischen SchiffiBhäaser verbrennen konnten (Thokyd. I 108,5), so scheint der 
Hafenort, in dem sie lagen, nicht befestigt gewesen zu sein. 

1) Xenoph. HeU. VI 6,32. 

2) Die Trierarchen sind wohl in der Regel Spartaner gewesen, wie z. B. 
Brasidas (Thakyd. lY 11,4). Im Bedürfhisfall hat man aber gewii auch Periöken 
genommen. 

3) Man vermutet, daß die Harmosten in ihrer ursprünglichen Bedeutung 
für die Periökenstädte bestimmt waren. Vielleicht, aber nur vielleicht, sind solche 
auch bei Xenoph. Hell. UI 3, 5 unter den in der Geschichte Kinadons erwähnten 
einzelnen spartanischen Befehlshabern gemeint. Gilbert, gr. Alterthümer, I* 89. 

4) In Thyrea hatten die Aegineten einen spartanischen Vorsteher. Thukyd. 
IV 67, 3. 

6) Thukyd. IV 63, 1. 

6) Thukyd. II 27. IV 66, 2. 



Neue Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Lakedämons. 105 

Werbung ein Stück des Landes für ihre Gemeinde einzogen ^). Wir 
wissen femer, daß aucli die Könige in vielen Periökenstädten 
Grundbesitz hatten, aber nicht übermäßig großen, wie Xenophon *) 
sagt. Vermutlich wurden diese Besitzungen an Periöken ver- 
pachtet und stellt diese Pacht den Zins dar, den nach Piaton ^) 
die Lakedämonier ihren Königen zahlten. Endlich müssen auch 
einzelne Heiligtümer im Periökenlande als Eigentum der herr- 
schenden Gemeinde angesehen worden sein. Sicher ist dies vom 
Poseidontempel bei Tainaron anzunehmen, der durchaus als ein 
gemeinsames Heiligtxun des ganzen Landes galt und ohne Zweifel 
von Sparta aus geleitet ward^). 

Im übrigen müssen die Städte ihre eigene Verwaltung, ihre 
Beamten u. s. w. gehabt haben ^). Die ihnen auferlegten Pflichten 
und Lasten, vornehmlich die Dienstpflicht, setzen ein geordnetes 
Gemeinwesen, Census, Bürgerverzeichnisse u. s. w. voraus. Aber 
sie standen unter strenger Aufsicht der herrschenden Gemeinde, 
die mit ihnen nach Belieben schaltete^). Im übrigen scheinen die 
Periöken, vorausgesetzt, daß sie sich nicht verdächtig machten, nicht 
eigentlich bedrückt oder willkürlich mißhandelt zu sein, sondern 
sich der Sicherheit ihrer Person und ihres Eigentums erfreut und 
in materieller Hinsicht nicht schlecht befunden zu haben. Sie hatten 
vor den Spartiaten voraus, daß sie in ihrem Erwerb viel weniger 
beschränkt waren; der Handel und das freie Handwerk muß in 
Lakedämon durchweg in den Händen der Periöken gewesen sein, 
die das Recht hatten, sich in Sparta niederzulassen und ihre Ge- 
schäfte zu betreiben^. 



1) Die alten Besitzer, etwa solche, die es mit Argos gehalten, maßten dann 
natürlich weichen. 

2) Resp. Laced. 15,3. 

3) Alcib. I 123 A. 

4) Womit nicht gesagt ist, daß die Priester Spartiaten sein maßten. 

6) Ob die in der spätem Zeit, als die Periökenst&dte selbständig geworden 
waren, in ihnen vorhandenen Ephoren (Samml. Griech. Dial. I. III 4543 f.), die 
ersichtlich aas Sparta entlehnt sind, schon in der spartanischen Zeit existierteni 
wissen wir nicht. 

6) Isocrat. Panath. § 181. Xenoph. Hell. III 3, 8 berichtet, wie die sparta- 
nischen Behörden einige Aaloniten verhaften ließen. Aebnliche Befugnisse nahmen 
aach die Athener ihren Untertanen gegenüber in Anspruch. 

7) Dagegen solche Gewerbe and Beschäftigungen, die einen Theil der spar- 
tanischen Gemeindeordnung bildeten, wurden sicherlich von Spartiaten versehen. 
Ich meine die Flötenblftser, die erblichen Köche und Schenken nnd vor allem die 
Herolde, die Talthybiaden. Irrig hält K. 0. Müller sie für Periöken. Kurz sei 
hier noch die jüngst von Kromayer (Klio, Beiträge z. alt. Gesch. lU 179 ff.) ent- 



106 BenedictUB Niese, 

Im ganzen macht die Stellung der Periöken den Eindruck eines 
durch Vertrag oder Gesetz befestigten und geheiligten Verhält- 
nisses. Uns ist bei aller Willkür im einzelnen doch kein Fall 
bekannt, wo die Spartaner eine Periökenstadt zerstört oder auf- 
gehoben hätten. Selbst Thuria, das sich doch den aufständischen 
Messeniem angeschlossen^), also die Rache der Spartaner heraus- 
gefordert hatte, blieb was es war bis in die späteste Zeit. Die 
Periöken waren eben ein wesentliches Stück der spartanischen 
Staatsordnung, so wesentlich, daß noch in späterer Zeit Agis sie 
mit in seine agrarischen Beformen einbegriff und neben den 
4B00 Spartiatenlosen 15000 Periökenlose zu schaffen unternahm*), 
was dann Eleomenes durchgeführt zu haben scheint.. Die wich- 
tigsten Dinge waren den Periöken wenigstens in ihrer großen 
Mehrzahl mit den Spartiaten gemeinsam, Nationalität, Sprache^ 
und Religion. Das ganze Lakonien war in dieser Hinsicht ein- 
heitlich, und zwar ist der Charakter der Landschaft und ihrer 
Bewohner durchaus bestimmt von Sparta, das im Verlauf der 
Jahrhunderte seine Art den Periöken einimpfte, wie es in 
weiterer Feme die peloponnesischen Bundesgenossen beeinflußte. 
Wir dürfen annehmen, daß die spartanische Herrschaft unter den 
Periöken viele ergebene Freunde hatte, daß namentlich die Begü- 
terten ihr durchweg anhingen. Während die Heloten sich öfters 
empörten und die Spartaner inmier vor ihnen auf der Hut waren, 
ist von Aufständen der Periöken nie die Rede. Im 3. messenischen 
Kriege machten von ihren vielen Städten nur zwei, Aithaia und 



wickelte Ansicht erwähnt, wonach viele Periöken als Grundbesitzer und Dienst- 
pflichtige auf dem Spartiatenlande wohnten und neben den Kontingenten der Pe- 
riökenstädte einen ansehnlichen Theil des lakedämonischen Heeres bUdeten. Diese 
Meinung halte ich aus mehreren Gründen für verfehlt. Es gab natürlich viele 
Periöken in Sparta, aber diese waren rechtlich Fremde, hatten nur in ihren 
Städten Heimatsrecht und konnten von den spartanischen Behörden jeder Zeit 
ausgewiesen werden. Grundbesitz durften sie auf dem spartiatischen Gebiet ohne 
Zweifel nicht erwerben. Kromayer ist auf seine Vermutung gekommen, weil er 
ein vermeintliches Defizit in der Berechnung der spartanischen Heereszahlen da- 
mit decken will. In Wirklichkeit bedarf es einer solchen Vermutung nicht, und 
jedenfalls halte ich die Kromayerschen Periöken, die keine Periöken sind, für 
keinen glücklichen Gedanken. Vgl. die treffenden Ausführungen von G. Busolt, Hermes 
40, 387 ff. 

1) Thukyd. I 101, 2. 

2) Plut. Agis 8. 

8) Den Ausführungen R. Meisters, der zwischen dem Dialekt der Spartaner 
und dem der Periöken Unterschiede nachweisen will, kann ich mich nicht anschließen. 
Vgl. unten S. 137. 



Neue Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Lakedämons. 107 

Thuria, mit den anfständischen Heloten gemeinsame Sache ^). Auch 
ist kein Beispiel bekannt, daß sich etwa im peloponnesischen Kriege 
eine Periökenstadt den Athenern angeschlossen habe. Nar Kythera 
trat bei der Landung des Nikias 424 v. Chr. den Athenern bei; 
doch ist hier zu bedenken, daß die Kytherier sich gegenüber den 
weit überlegenen Athenern in einer harten Zwangslage befanden 
und mit gänzlicher Vertreibung bedroht waren. Auch so hielt 
Kikias es zu größerer Sicherheit doch für nötig, einige Kytherier 
als Geiseln mit sich zu nehmen *). Als dann später 370/69 v. Chr. 
beim großen Angriff der Thebaner und ihrer Verbündeten Lako- 
nien von den Feinden überschwemmt ward, haben sich wohl viele 
Periöken den Feinden angeschlossen und sind viele Städte erobert 
worden; es waren ja überhaupt nur die Seestädte Widerstand 
zu leisten fähig. Jedoch dauernd sagten sich, abgesehen von 
Messene, nur die arkadischen Grenzorte von Sparta los ; die übrigen 
Städte kehrten nach dem Abzüge der Feinde in ihr altes Ver- 
hältnis zurück, in dem sie in der Hauptsache blieben, bis sie nach 
dem Sturze des Nabis (195/4 v. Chr.) in ihrer großen Mehrzahl 
von der alten Metropole getrennt wurden. Das Band zwischen 
Sparta und den Periöken ist also erst durch äußere Gewalt ge- 
löst worden. Auch in der Trennung blieben die Periöken, wie die 
inschriftlichen Zeugnisse lehren*), in engen Beziehungen zu der 
früheren Herrin, die durch vielhundertjährige Herrschaft und Ge- 
meinschaft sie zu dem gemacht hat was sie waren. In der römi- 
schen Zeit gibt es keine Periöken mehr, ebenso wie die Helotie 
erloschen ist*), aber schon vorher scheint die Tyrannenherrschaft 
ausgleichend gewirkt und den Unterschied zwischen der füh- 
renden Gemeinde und den Beherrschten stark gemildert zu 
haben. 

Politisch betrachtet ist also Lakedämon ein eigentümliches 
Gebilde. Es ist die Gemeinschaft der Stadt Sparta mit einer 
größeren Zahl untertaner Gemeinden und gleicht damit den 
Stämmen, z.B. den Böotem und Thessalern, die aus einer An- 
zahl von Städten mit einer gemeinsamen Stammesverfassung 
bestehen. In diesem Sinne kann man die Lakedämonier einen 



1) Thukyd. I 101. 

2) Thukyd. lY 53. 67, 4. Aeholich ward die Insel nach der Schlacht bei 
Knidos Yor&bergehend besetzt. Xenoph. Hell- lY 8,8. 

3) Xenoph. HeU. YI 6,26. 32. YII 2,2. Plut. Pelop. 24. Ygl. K. 0. Müller 
Dorier 11 21. Schömann-Lipsius 1 210. 

4) Michel, recueil 184. Samml. griech. Dial. Inschr. 111 2, 4544. 
6) Strabo YDI 366. 



108 Benedictus Niese, 

Stanun (l^og) nennen, und hat sie so genannt ^). Aber in Bootien 
und Thessalien sind die Städte unter einander gleich und nehmen 
an dem gemeinsamen Ganzen selbständigen Anteil, während in 
Lakedämon die politischen Rechte und die Macht ausschließKch 
bei einer einzigen Stadtgemeinde sind, nämlich bei Sparta, das die 
ganze Landschaft beherrscht und vertritt. Lakedämon hat keine 
gemeinsame Verfassung. Man hat die römischen Municipien, die 
cives sine suffragio und ihr Verhältnis zu Rom mit den lakedä- 
monischen Periöken verglichen. Li der That bestehen manche 
Aehnlichkeiten, aber zugleich starke Unterschiede, so daß der 
Vergleich doch nur ein unvollkommenes Bild gibt. Denn die Mu- 
nicipien sind keine eigene Gemeinden oder Städte, sondern ge- 
hören zu Rom, ihre Bürger sind Römer, dagegen die Periöken 
gehören nicht zu Sparta, sind nicht Spartiaten, sondern stehen 
für sich. Lakedämon ist überhaupt einzig in seiner Art, etwas 
was es meines Wissens sonst nirgendwo gegeben hat. Am ehesten 
ließe sich Elis vergleichen; denn auch Elis hatte stammverwandte 
Periöken, die besondere kleine Städte bildeten und der Gemeinde 
Elis Untertan waren. Aber den Eleem fehlt wieder die straffe, 
städtische Concentration, die für Sparta so wesentlich und so 
charakteristisch ist, und so kann auch dieser Vergleich nur zum 
Teil genügen. 



Verzeiclmis der Periökenst&dte des alten Lakedämon ^. 

Wenn man von der Bedeutung der Periöken für das sparta- 
nische Staatswesen und ihrem Verhältnis zu Sparta sich einen 
ausreichenden Begriff machen will, wird es weiter nötig sein, die 
Zahl ihrer Städte und den Umfang ihres Gebietes festzustellen 
und in Erwägung zu ziehen. Es bestehen darüber noch immer 
unklare und unrichtige Vorstellungen*). Ein Verzeichnis lakedä- 
monischer Orte hat Clinton*) gegeben, aber es ist ungenügend, 



1) Skylax peripl. 46: Aa%Bda£fuov i^vog, 

2) Für das Topographische and alle Einzelheiten yerweise ich im nachfol- 
genden Abschnitt auf die bekannten geographischen Werke von E. Cortias, Pelopon- 
nesos II 121 ff. Barsian, Geographie von Griechen!. II 102 ff. Lolling in J. Müllers 
Handb. d. klass. Altertumswiss. III 180 ff. Hier findet der Leser auch leicht die 
nötigen Belege, von denen ich hier nur das für meinen Zweck notwendige geben 
kann. 

3) So bei G. GUbert, Handb. d. griech. Staatsalterth. 1« S. 38, wo „alle 
Landstädte des Eurotasthaies ** unter den Periöken genannt werden. 

4) Fasti Hellen. U 491 Anm. y. 



Nene Beiträge zur Geschichte und LaDdeskonde Lakedämons. 109 

beräcksichtigt nor das spätere Lakedämon im engem Sinne and 
macht keinen Unterschied zwischen Spartiaten- und Periökenland. 
Diese beiden Bestandteile Lakedämons müssen aber scharf ge- 
schieden werden; hbqioixCq und das spartanische Bürgerland 
schließen sich aas ; es kann also von Periöken auf dem Spartiaten- 
gebiet keine Rede sein^). Dieser Satz ergibt sich aas dem Be- 
griff des Wortes und wird, wie es nicht anders sein kann, durch 
den statistischen Befund durchaus bestätigt. 

Die Zahl der Periökenstädte war sehr groß*), sie belief sich 
rund auf hundert, und es ward daher in Sparta regelmäßig für das 
Land eine Hekatombe geopfert^). Es versteht sich, daß neben 
einzelnen ansehnlicheren, wie schon bemerkt (S. 103), die meisten 
unbedeutend und klein waren. Obwohl sie Städte hießen, sagt 
Isokrates^), so waren sie doch nicht mehr als attische Demen, 
glichen also den vielen kleinen Nestern, die vor der Gründung 
von Megalopolis im westlichen Arkadien lagen und gleichfalls für 
Städte, d.h. eigene Gemeinden galten^). 

Wenn von hundert Städten in Lakonien gesprochen wird, so 
gilt das nur für die ältere Zeit, die Zeit der Größe Spartas, wo 
der Name Lakonien den ganzen Süden des Peloponnes, auch das 
spätere Messenien mit umfaßte^, und ich will nun versuchen die 
in dieser Zeit vorhandenen möglichst vollständig zu ermitteln. 
Allerdings ein Verzeichnis aus älterer Zeit besitzen wir nicht, wohl 
aber manche wertvolle und nützliche Einzelnachricht; das meiste 
erfahren wir erst aus späteren Jahrhunderten, wo nun schon 
vielerlei Veränderungen sich vollzogen haben, tmd viele Periöken- 
städte von Sparta getrennt und an die Nachbarn übergegangen 
sind. Dies geschah zuerst nach der Schlacht bei Leuktra, nachdem 
die Thebaner und ihre Bundesgenossen in Lakonien eingefallen 
waren und das ganze Land verheert hatten. An der Nordgrenze 
fielen damals die Periökenstädte teils den Arkadern zu, vielleicht 
auch den Argivem, teils wurden sie mit dem neugegründeten 
Hessene vereinigt. Die Seestädte am messenischen Golf blieben 



1) Ueher die davon abweichende Ansicht Kromayers habe ich soeben S. 105 
Anm. 7 gesprochen. 

2) Herodot. VII 234. 

3) Strabo VIII 362. Steph. Byz. s. At^aiUy 'Av^va, Ai>X&v, Tijvog u. a. St. 
0. Müller, Dorier IV 17. 

4) Panath. § 179. 
6) Thukyd V 33, 2. 

6) Dies erkennt man aus Stephanos v. Byz., wo Aolon, das an der triphy- 
tischen Grenze lag, als eine der hundert Städte aufgeführt wird. 



110 Benedictus Niese, 

zanächst noch lakonisch; aber ihre westliche Gruppe ward später 
den Messeniern angegliedert, wahrscheinlich durch Philipp von 
Makedonien, der bekanntlich zugleich die von Epaminondas gegen 
Arkadien gesetzten G-renzen Lakedämons wieder herstellte, auch 
Argos auf Kosten Lakedämons erheblich erweiterte und damit 
neue Stücke des Periökenlandes von Sparta ablöste. Ein Teil 
der lakonischen Städte ist also später arkadisch, argivisch oder 
messenisch geworden. Die messenischen Küstenstädte wurden dabei 
nicht etwa in Messene einverleibt, sondern blieben eigene Ge- 
meinden, die im nächsten Jahrhundert sich eine nach der andern 
dem achäischen Bunde anschlössen, die letzten 182 v. Chr. nach 
der Unterwerfung Messenes*). 

Der Umfang Lakedämons war also in der makedonischen Zeit 
erheblich zurückgegangen; gemäß den Wandelungen des Kriegs- 
glücks schwankte er namentlich an der arkadischen und argivi- 
schen Grenze gelegentlich hin und her. Unverändert in ihrem 
bisherigen Verhältnisse blieben die südlichen Seestädte ; sie wurden 
erst durch die Römer nach der Ueberwältigung des Nabis von 
Sparta getrennt und dem achäischen Bunde zugewiesen^. Auch 
kamen sie nach dem Ende des achäischen Bundes nicht an Sparta 
zurück, sondern blieben eigene Gemeinden. Ob sie damals schon 
eine Gemeinschaft bildeten wissen wir nicht ; dagegen wissen wir, 
daß Augustus eine solche eingerichtet hat*). Sechs der ehemaligen 
Periökenstädte gab der Kaiser den Spartanern zurück, die andern 
achtzehn vereinigte er zur Gemeinschaft der Eleutherolakonen*), 
und diese hat bis zum Ende des Altertums bestanden. 

Außer diesen Veränderungen sind noch andere zu bemerken. 
Einige Städte sind erst nach dem Fall der spartanischen Macht 
entstanden, also nie spartanische Periöken gewesen; einzelne Pe- 
riökenstädte sind untergegangen oder mit benachbarten vereinigt, 
zuweilen auch in Sparta aufgegangen. Der Friede mit Nabis, die 
Ordnung Griechenlands nach dem achäischen Kriege, das Zeitalter 
Cäsars, der Triumvim und des Augustus hat hier wahrscheinlich 
manche Aenderungen gebracht. Die UeberUeferung freilich, die 
ja sehr dürftig ist, schweigt, aber die Betrachtung der einzelnen, 
die nun folgen soll, läßt derartige Veränderungen mit hinreichender 
Sicherheit erkennen. 



1) Meine Gesch. der griech. u. makedon. Staaten II 411. in 55. Polyb. 
XXIII 17 (XXIV, 14 Hultsch). 

2) Livius XXXVIII 31, 2. 

3) P. Foucart bei Le Bas Voyagt archMogique II 1 explic. 110 ff. 

4) Pausan. lU 21,6. 



Neue Beiträge zur Geschichte and Landeskunde Lakedäroons. Hl 

Mit all diesen Umständen maß bei der Ermittelung der Pe- 
riökenstädte, wie sie vor 370 v. Chr. bestanden, gerechnet werden. 
Wir haben dazu zunächst die Nachrichten der altem Historiker 
und Geographen, sodann alles was wir über den Bestand an selb- 
ständigen Stadtgemeinden aus jüngerer Zeit wissen ; denn die spä- 
teren Städte Lakoniens und Messeniens sind, wie schon bemerkt, 
mit wenig Ausnahmen aus den frühem Periöken hervorgegangen. 
Der Unterschied zwischen Spartiaten- und Periökenland ist nie 
verwischt worden, sondern für die ganze Folgezeit von entschei- 
dender Wirksamkeit geblieben. Neben den Historikern kommen 
vor allem natürlich die Geographen in Betracht, wie Skylax, 
Strabon, Plinius, Ptolemäos und der Perieget Pausanias. Das bei 
diesem ^) erhaltene Verzeichnis der Eleutherolakonen kann gleichsam 
als fester Kern des nachweislichen Bestandes dienen. Wichtig 
sind die Zeugnisse der Inschriften und Münzen, die ebenfalls durch- 
weg aus jüngerer Zeit stammen, aber immer deutlich erkennen 
lassen, ob ein Ort eine selbständige Gemeinde war oder nicht; 
denn nur solche selbständige Gemeinden können mit Sicherheit 
als ehemalige Periökenstädte angesprochen werden*). Eine besondere 
Erwähnung verdient das Ortslexikon des Stephanos von Byzanz, 
das trotz starker Verkürzung für die gegenwärtige Untersuchung 
von großem Wert ist. Mehrmals bezeichnet er einzelne Städte 
als eine der Hundert, (lia r&v ixatöv^ und wenn wir ihn in voll- 
ständiger Gestalt hätten, würden wir den Beisatz wohl noch öfter 
finden. Es muß also ein Verzeichnis der hundert lakonischen 
Städte gegeben haben, aus dem eine Anzahl Namen in das Lexikon 
übergegangen sind. Einmal unter AhmkCa^) citiert Stephanos den 
Androtion, den Verfasser der Atthis mit folgenden Worten: i6ti 
xal jllxfDUa ndXig nsXonowrlöov, i)v övyxaraXiyH tatg Aaxfovixatg 
nöXsöiv ^Avdgorimv xal^) ^Atd'idog, woraus man erkennt, daß 
Androtion bei Gelegenheit ein Verzeichnis lakonischer Städte ge- 
geben hat. Androtion war ein älterer Zeitgenosse des De- 
mosthenes, der noch das alte Sparta gekannt hat und jedenfalls 



1) Pausan. UI 21, 7. 

2) Die Inschriften im ClOr. vol. I, bei Le Bas, Voyage archiologigue, in- 
scriptianSf vol. II mit der ExpliccUion Foucarts, femer in der Sammlung der 
Oriech. Dialektinschriften III 2 S. Iff. Die Münzen bei Eckhel, doctr. num. II 276 ff. 
Mionnet, description des midaiUes II 212 ff. Suppl IV 209 ff. Head, historia num- 
morum 361 ff. Catalogue of Oreek coins in ihe Brit. Mus. Peloponnesus S. 113 ff. 
Journal cf Hellen, studies VII 57 ff. 

3) S. 65, 13 Mein. 

4) h B%ttp Meineke. 



112 Benedictus Niese, 

im Stande war, sich darüber zuverlässig zu unterrichten. Daß er nun 
das ganze Verzeichnis der hundert Städte gegeben habe, kann natür- 
lich nicht behauptet werden^). Immerhin sehen wir, daß auch der 
Jüngern Zeit über den altern, später so stark veränderten Zustand 
noch gute Nachrichten zur Verfügung standen. 

Da es sich zunächst um die Ermittelung der Periökenstädte 
handelt, so ist das Gebiet der Stadt Sparta, das nachher besonders 
besprochen werden soll, von diesem Kapitel ausgeschlossen. Es 
können femer nur solche Orte in Betracht kommen, die Städte, 
nöXsig^ d.h. besondere Gemeinden sind und als solche bezeichnet 
werden, worin die antike Terminologie selbst bei spätem Autoren, 
wie Stephanos von Byzanz, bei einzelnen Ausnahmen doch in der 
Hauptsache zuverlässig und genau ist*). Nicht jede Ortschaft 
Lakoniens kann also ohne Weiteres für eine Periökenstadt gelten, 
auch muß manches zweifelhaft bleiben, doch die meisten lassen 
sich mit guter Sicherheit bestimmen. 

Wir beginnen unsre Aufzählung im Osten an der argivischen 
Grenze, wo in der Landschaft Kynuria die Städte Anthana und 
Thyrea lagen ^). Bekanntlich war die Kynuria seit etwa B50 
V. Chr. den Argivem dauernd abgenommen*), erst später, wie es 
scheint durch Philipp, kam sie vsdeder an Argos *). Es folgt weiter 
an der Ostküste Prasiai, eine alte Stadt, die schon vor der la- 
kedämonischen Eroberung bestand, wie die Zugehörigkeit zur ka- 
laurischen Opfergemeinschaft zeigt ^). Sie gehört zuletzt zu den 
Eleutherolakonen. In der Nähe war Kyphanta 219 v. Chr. 
argivisch'); später ist es eingegangen; denn Plinius®) kennt es 
nur als Hafen, ebenso Ptolemäos, der es außerdem noch einmal 
unter den binnenländischen Städten anführt*'). Ein Bürger dieser 



1) 0. Müller, Dorier IV 14 ist der Meinung, daß Androtion die 100 Städte 
aufgezählt habe. 

2) Auch eine Landgemeinde kann eine n6Xig sein, wie die Skiritis zu den 
n6lHe gehört, obwohl ihr Hauptort nur ein Dorf, eine %6>(iri war. 

3) Thukyd. V 41, 2 Herod. VI 76. Steph. Byz. 'Av9^dva fiia x&v {%at6v. 

4) Herod. 1 82, Thukyd. T 41, 2. 

5) Pausan. II 88, 5. Pausanias hat außer Anthana und Thyrea noch die 
Orte Neris und £ua, von denen Neris bei Stephan. Byz. s. v. (nach Nikolaos 
Dam.) als Stadt bezeichnet wird. Pausanias nennt sie beide Dörfer, wie auch Thyrea 
und Anthana zu seiner Zeit Dörfer waren. Es ist möglich, daß auch jene einst 
Periökenstädte waren. 

6) Strabo VIII 874. 

7) Polyb. IV 36, 5. 

8) h. n. IV 17. 

9) Ptolem. Geogr. III 14, 32 und 43 (p. 552. 558 Müller). 



Xeae Beiträge zur Geschichte and Landeskunde Lakedäroons. 113 

Stadt scheint in einer Inschrift ans Keos vorzukommen^). Be- 
kannter sind Zarax und Epidaaros Limera, später beide 
Elentherolakonisch und sonst nicht selten erwähnt*). Im Hinter- 
lande sind Marios, Grlympeis (Glyppeia), Selinus und Po- 
lichna za nennen. Glympeis und Selinus waren später mit Ma- 
rios vereinigt, das seinerseits den Eleutherolakonen angehörte^. 

Hier kann die Insel Kythera mit den Städten Skandeia 
und Kythera angegliedert werden. Thukydides zählt sie aus- 
drücklich zu den Periöken*). Nach 146 v. Chr. war Kythera eine 
Zeitlang selbständig^), ward aber von Augustus nicht den Eleu- 
therolakonen zugeteilt, sondern wie es scheint den Spartanern 
gegeben. 

Nach dem bekannten Zeugnis Herodots^) gehörte die ganze 
östliche Küstenlandschaft Lakedämons und ebenso Kythera einst- 
mals zu Argos, und auch später ist ein guter Teil der genannten 
Städte zeitweilig argivisch gewesen^), seit wann jedoch und auf 
wie lange ist unbekannt. 

Am Vorgebirge Malea erwähnt Pausanias^ den gut bevöl- 
kerten Hafenort Nymphaion. Ob dieser jedoch jungem Ur- 
sprungs ist oder zu den alten Periökenstädten gehört, läßt sich 
nicht entscheiden. Sicher periökisch ist hingegen das bekannte 
Boia (oder Boiai) nebst drei andern Städtchen Etis, Aphro- 
disias und Side. Diese drei waren zu Pausanias' Zeiten in 
Boiai aufgegangen ®), bestanden aber früher als selbständige Städte *®). 
Hier schließt sich die Halbinsel Onugnathos an, die vielleicht 
ebenfalls früher eine Stadtgemeinde beherbergte. Aber ein Zeugnis 



1) Oben S. 102 Anm. 11. 

2) Bürger aus Zarax (Zapa^io^ Samml. d. Griech. Dialektuischr. 8 n. 4547. 
Epidaaros z.B. bei Thak}'d. IV 56. VI 105,2. Stephanos Byz. nennt es eine 
der Hundert. 

3) Polyb. IV 36, 5. V 20, 4. Pausan. III 22, 8. 

4) Thukyd. IV 64, Pausan. III 23,1. Skandeia wird schon bei Homer 
H. 10, 268 erwähnt. 

5) Aneient Or, inscr, in (he Brit. Mus, II 143. 

6) I 82. 

7) Polybios IV 36, 5 bezeugt es für 219 v. Chr, also nach der Schlacht bei 
Sellasia. 

8) m 23, 2. 

9) Pausan. HI 22, 10 f., ygl. VIII 12,8. Der Synoikismos ist erst in jü:> 
gerer Zeit yor sich gegangen. Pausanias freilich schreibt ihn schon dem Herakliclcn 
Boios zu. 

10) Für Side bezeugt es Skylax § 46, für die beiden andern Stephanos Byz. 
8. *AtpQodicid9 und ^Hxig, 



114 Benedictus Niese, 

liegt nicht vor. Weiter nördlich lag Kyparissia, das seine 
Qaalität als eigene Stadt dnrch Münzen dartat ^); Pansanias 
kennt es nicht mehr. Weiterhin in geringer Entfernung folgt das 
später zum Bunde der Eleutherolakonen gehörige Asopos^) und 
nicht weit davon Leukai'). In derselben Gegend, aber im 
Binnenlande, muß Kotyrta gelegen haben, das zusammen mit 
Aphroditiavon Thukydides *) genannt wird. Kotyrta ist außerdem 
durch einen Volksbeschluß ^) aus der Zeit nach 146 v. Chr. als 
Stadt beglaubigt, wird dann aber in einen der benachbarten Orte 
aufgegangen sein. In der Eeihe der Eleutherolakonen fehlt es, 
und Pausanias kennt es nicht. Nicht weit entfernt, ONO von 
Asopos, beim heutigen Finiki befand sich ein Heiligtum des 
Apollon Hyperteleatas, dessen Heste vor einigen Jahren ent- 
deckt wurden^. Es ist möglich, daß sich in dem Beinamen des 
Gottes die Erinnerung an einen Ort, eine Periökengemeinde, etwa 
Hyperteleia erhalten hat; auch Pausanias kennt den Namen in 
dieser Gegend'). 

An der Küste folgt auf Asopos eine Stadt, die bei Ptolemäos, 
der sie allein erwähnt, Biandyna heißt; aus einer Inschrift 
scheint sich der Neune Biadinupoliszu ergeben ^) ; femer A k r eai 
(Akriai) eine bekanntere Stadt; sie gehörte später zum Verbände 
der Eleutherolakonen. In dieser Gegend, im südöstlichen Lakonien 
mag auch Chen oder Chenia gelegen haben, die Vaterstadt des 
weisen Myson^®). Hier sei ferner aus dem Binnenlande das wohl 
bekannte Geronthrai angeschlossen, das später eleutherolako- 
nisch war, also ohne Zweifel früher zu den Periöken gehörte"). 



1) Head, bist. num. 864. Vgl. Strabo VIII 363. Pausan. III 22, 9. 

2) Pausan. III 22, 9. Strabo VIII 364. 

3) Polyb. IV 36, 5. V 19. Liv. XXXV 27, 3. Nach Strabo VIII 363 ist 
Leoke der Name des Gefildes. 

4) IV 56. 

5) Samml. d. griecb. Dialektinschr. III n. 4544. Michel recueil 184. 

6) 'Etp, &QX(^M^' 1884 S. 197. 1900. S. 153 ff. 

7) Paasan. III 22, 10 tb 9h xtoqiov^ iv9'a %b 'JauXriTti^iov, 'TntiftiXiaxov 
xaXcira». Für TneQxeXiaxov vermathet Pantazides {'E<pri(i, ^^;i;aiol. 1885 S. 58 ff.) 
TnsQtsXBaxov ; noch näher liegt ^TnsQXiXsax&v. 

8) Ptolem. Geogr. III 14, 32. CIG I 1336. 

9) Nicht weit davon entfernt muß P 1 e i a i gelegen haben, das Liyius XXXV 
27, 2 zusammen mit Akreai erwähnt. Jedoch nach einer späteren Inschrift (CIG 
I 1444) scheint Pleiai zu Sparta zu gehören; es wird eine Spartiatin erwähnt, die 
Priesterin der Artemis Patriotis in Pleiai war. 

10) Plato Protag. 343 A. Steph. Byz. s. JTijv. Vgl IG VII 2936. 

11) Pausan. 1112,6. 22,6. Samml. gr. Dial. III 4530ff. Das nach Pausanlas 




Neue Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Lakedämons. 115 

Wenden wir nns wieder der Küste zu, so folgt auf Akreai 
die Hafenstadt Helos, die bekanntlicli nach der Meinung antiker 
Antiquare den Heloten ihren Namen gegeben hat. Strabo nennt 
es ein Dorf^), früher war es eine Periökenstadt ^). "Weiterhin 
kann man vielleicht Trinasos, bei Pausanias') ein Kastell, mit 
dem nötigen Vorbehalt als eine alte Periökenstadt in Anspruch 
nehmen. Unter allen dortigen Küstenstädten war die bedeutendste 
Gytheion, seit den letzten Jahren des peloponnesischen Krieges*) 
Spartas eigentlicher Kriegshafen, eine ansehnliche, bevölkerte, feste 
Stadt, die noch 195 v. Chr. den römischen Verbündeten sehr 
kräftigen Widerstand leistete *). Später gehörte es zu den Eleu- 
therolakonen. In der Nähe lag Aigeai, das man für das home- 
rische Augeiai hielt; Pausanias rechnet den Ort zum Spartiaten- 
lande ; sollte er also früher periökisch gewesen sein, so müßte er 
später in Sparta einverleibt worden sein^). Sehr wahrscheinlich 
ist dies von dem benachbarten Krokeai, das zu den hundert 
Städten gerechnet wird^), aber bei Pausanias^ ein zu Sparta ge- 
höriges Dorf ist. Auch Migonion, das zu Pausanias' Zeiten nur 
noch in Gottesdiensten weiterlebte, kann einst eine besondere Ge- 
meinde gewesen sein®). Vor Gytheion lag die Insel Kranae, die 
nach ihren Münzen zu schließen, trotz ihrer Kleinheit dennoch 
zeitweilig eine eigene Stadtgemeinde gebildet zu haben scheint ^^). 
Weiter fortschreitend kommen wir zu Las, einer alten, schon 
von Homer ^^) erwähnten Stadt, die noch im B. Jahrhundert ein 
wichtiger Hafenort war^^). Sie hat bis in die Kaiserzeit gedauert. 



zwischen Akreai und Geronthrai belegene Palaia Korne kann vielleicht der 
Best einer älteren Periökenstadt sein. £. Curtius, Peloponn. II 328,71 denkt an 
Pleiai. 

1) üAnri. Strabo VIII 363. 

2) Thukyd. IV 64, 4. Xenoph. Hell. VI 5, 32. Strabo VDl 366. Eine In- 
Schrift aus dem 5. Jahrhundert erwähnt das dortige Poseidonfest. lOAnt. 79. 
Ein Bürger aus Helos, *EXs£trig, IG VII 1765. 

3) III 22, 3. Vgl. Ptolem. IH 14, 32. 

4) Xenoph. Hellen. I 4,11. Eine frühere Erwähnung bei Diodor XI 84,6 
ist verdächtig, da Thukydides an der entsprechenden Stelle (I 108,5) Gytheion 
nicht nennt, das er überhaupt nicht erwähnt 

5) Xenoph. Hell. VI 5, 32. Liv. XXXIV, 29, 3. 

6) Strabo VIII 364. Steph. Byz. s. A^iia, Pausan. III 21, 5. 

7) Stephan. Byz. s. KQo%8a£. 

8) m 21, 4. 

9) Pausan. III 22, 1. 

10) Pausan. III 22, 1. Head. histor. num. 365. 

11) II. II 585. 

12) Thukyd. VIII 91, 2. 92, 3. Strabo VIU 864. 



116 Benedictns Niese, 

WO sie als Mitglied des Eleutherolakonenverbandes eigne Münzen 
schlugt). 30 Stadien entfernt an der Grenze des spartanischen 
Gebietes lag der Ort Hypsoi, der jedenfalls später nicht mehr 
za den selbständigen Gemeinden zählte'). Weiter südlich sind 
Pyrrhichos und Teuthrone durch Inschriften und Münzen, 
wie durch das Zeugnis des Pausanias als Teilnehmer am Ver- 
bände der Eleutherolakonen bezeugt'). Dagegen Amathus^) 
oder Psamathus^) fehlt in der Reihe der Eleutherolakonen, 
doch ist es zweifellos zu den alten Periöken zu zählen, ebenso 
wie das hier befindliche Asine^), das E. Curtius') irrthümlich 
für gleichbedeutend mit Las ansieht. 

Jenseits des tänarischen Vorgebirges folgen eine ganze Reihe 
von echten Periökenstädten®), zuerst Tainaros (später Kainepolis), 
eine alte, später eleutherolakonische Stadt®), ferner Hippola, 
das zur Zeit des Pausanias in Trümmern lag. Derselbe Autor*®) 
erwähnt daneben einen andern Ort Messa. Bekanntlich wird 
ein Messa schon bei Homer im Schiffskataloge**) erwähnt; doch 
konnten die alten Erklärer eine Stadt dieses Namens nicht mehr 
nachweisen und verfielen daher auf allerlei Vermutungen**). Unter 
diesen Umständen ist das Messa des Pausanias als ein jüngerer 
Ort anzusehen. Vielleicht hat man das zerstörte Hippola unter 
dem homerischen Namen wieder aufgebaut. Weiter nördlich liegt 
Oitylos, auch Bitylos, Beitylos oder Baitylos genannt, schon 
dem Homer und altem Historikern als Stadt bekannt, zuletzt 



1) Head. bist. nom. 365. 

2) Pausan. III 24, 8. 

3) Le Bas II n. 228. Pausan. DI 25, 1 ff. 

4) Strabo VIII 363. 

5) So Skylax § 46. Plin. h. nat. IV § 16. Pausan. III 25, 4. Stephaoos 
Byz. 8. Y. 

6) Bezeugt von Thukyd. IV 64,4. Steph. Byz. s. v. 

7) Peloponnesos II 274. 324. 

8) Ob der Achilleshafen 'AxOXuog It/i^y (Skylax § 46. Steph. Byz. 
«. 'AxiXUiov) am Vorgebirge Tainaron Stadtgemeinde war, ist zweifelhaft, aber 
möglich. 

9) Pherekydes fr. 88 (FHG I 93) Pausan. in 25, 4 und 8. CIG 1 1393 f. Le 
Bas n n. 258 ff. 

10) Pausan. III 25, 9. 

11) II. 2,582. 

12) Strabo VIII 364 nnd die Schollen zur Ilias 2, 582. Aus Strabo folgt mit 
{Sicherheit, daß es zu ApoUodors Zeit ein Messa hier noch nicht gab, was L. Heide- 
mann (die territoriale Entwicklung Laced&mons und Messeniens, Diss. Berlin 1904. 

7) verkannt hat. 




Neue Beiträge zur Geschichte and Landeskunde Lakedämons. 117 

eleutherolakonisch^), ferner Thalamai, Pephnos und Leuktra, 
von denen Thalamai und Leoktra in den Bond der Eleuthero- 
lakonen aufgenommen wurden *). K a r d a m y 1 e ist ebenfalls alt •) ; 
es muß seit 146 n. Chr. zu den lakonischen Freistädten gehört 
haben, bis es Augnstus zu Sparta schlugt). In dieser Gegend 
müssen auch einige von Strabo^) genannte Ortschaften gelegen 
haben: Charadra, eine Gründung des Pelops, femer Poiaessa, 
Echeiai und Tragion, die von dem lakedämonischen Könige 
Teleklos besiedelt sein sollten •). 

Es folgen die beiden, später eleutherolakonischen Städte Ge- 
re nia (G^rena) und Alagonia^. Weiterhin die Eästenlandschaft 
bis zum Pamisos wird von drei Städten eingenommen, Abia (Abiai), 
Pharai und Thuria, die wahrscheinlich auch nach 370 y. Chr. 
noch eine zeiÜang bei Sparta blieben und erst von Philipp mit 
Messene vereinigt wurden, von dem sie 182 v. Chr. der achäische 
Bund wieder trennte. Nachher scheinen sie nicht wieder zu 
Messene gekommen zu sein^). Abia ist wahrscheinlich dauernd 
selbständig geblieben^). Pharai und Thuria wurden von Augustus 
zu Sparta geschlagen ^^). Pharai ist ja schon dem Homer bekannt 
und auch als Periökenstadt wohl bezeugt ^^). Thuria wird zur 
Zeit des 3. messenischen Krieges von Thukydides ^') ausdrücklich 
als solche bezeichnet und etwa gleichzeitig in einer Inschrift unter 
der Form SsvQia erwähnt^'). Zusammen mit Thuria nennt Thu- 
kydides eine andere, wahrscheinlich benachbarte, sonst unbekannte 



1) Hom. n. 2, 585. Pherekydes fr. 89 (FHG I S. 93). 

2) Paosan. III 26, 1 f. Thalamai ward bei Theopomp im 32. Bach der Phi- 
lippika genannt (FHG I 311, fr. 192), wo von Lakonien und seinem VerhältniB zu 
Messene die Rede war. Steph. Byz. s. y. Vgl. Polyb. XVI 16, § 2 und 8. Ueber 
Pephnos ygl. Steph. Byz. s. v. 

3) Homer n. 9, 292. Herodot VHI 73. 

4) Paosan. HI 26, 7. 
6) Vin 860. 

6) Poiaq^sa erinnert an das Homerische 7^v noii^soeav (II. 9, 292) ; denn 
hier nahmen einige £rklärer Ilon/isccav für den Eigennamen und l^v als Ad- 
Jektiyum. 

7) Strabo VHI 360. Pausan. III 26, 9 ff. 

8) Polyb. XXm, 17, 2. 

9) Le Bas-Foucart n. 296. 

10) Pausan. IV 30, 1 ff. 31, 1 f. 

11) Homer D. 5, 543. 9, 293. Odyss. 3, 488. 15, 186. Xenoph. HeU. IV 8, 7. 
l^epos Conon 1. 

12) I 101, 2. 

13) IGAnt. n. 79. 

XfL Gm. d. WiM. MMkrickUa. PkUoloff.-Uitor. Dmm 1906. H«fl 8. 9 



X18 Benedictns Niese, 

Stadt Aithaia^). Ein Dorf des Gebiets von Thuria war später 
Ealamai^, aber früher hatte es eine eigene Gemeinde gebildet^. 
Weiter im Binnenlande östlich von Pharai gegen das Gebirge zu 
lag Denthalioi, eine Gemeinde, deren Besitz gelegentlich 
zwischen Sparta und Messene streitig war. Hier lag ein in Anlaß 
dieses Streites mehrfach genanntes Heiligthnm der Artemis lim* 
natis *). 

Jenseits, westlich vom Pamisos bis zxmi Abschluß des messe- 
nischen Golfs sind nns aus späterer Zeit drei Städte bekannt, 
Eorone, Asine und M o t h o n e ^). Nachdem sie eine Zeitlang 
messenisch gewesen waren, traten sie mit eignem Recht in den 
achäischen Bund ein und geben sich ebenso in der nachachäischen, 
römischen Zeit durch ihre Münzen*) als autonome Gemeinden zu 
erkennen^). Asine und Mothone sind als alte Periökenstädte gut 
bezeugt *), beide gelten für Gründungen der Lakedämonier , von 
denen aus Argos vertriebene Asinäer und Nauplier dort angesiedelt 
wurden. Hingegen kann Eorone, wenn Pausanias recht berichtet^ 
daß es erst nach der Wiederherstellung Messenes von den The- 
banem gegründet worden sei, den alten lakedämonischen Periöken 
nicht zugerechnet werden. Doch kann man vermuten, daß an seiner 
Stelle eine ältere Periökenstadt lag*). Zweifelhaft ist die SteUung 
von Eolonides oder Eolone, das zwischen Eorone und Asine 
lag ^% In der Geschichte des Jahres 183 v. Chr. nennt es Plutarch 
ein Dorf, es war also wohl zu Eorone geschlagen ^^). Dagegen 

1) Außerdem noch erwähnt von Philochoros bei 8teph. Byz. s. At^aut %6li^ 
t^q Aanmvi%1i9 (Ua xAv q, 

2) Paosan. lY 81, 3. 

3) Le Bas-FoucÄTt n. 294». Vgl. Polyb. V 92, 4. 

4) Stephan. Byz. 8. /S^v^dlioi. Tadt ann. lY 48. Vgl Strabo Vni 8C2. 
Pansan. IV 4,2. 31,3. Daß es sich bei diesem Streit zugleich um Thoria und 
Pharai gehandelt habe, wie R. Weil Athen. Mittheil. Vn 216 annimmt, glaube 
ich nicht. 

5) Pausan. IV 34,4ff. Strabo VIII 859 f. 

6) Head, bist num. 362. 862 f. Catalogne of gr. coins. Peloponn. 118 ff. 

7) £. Curtius, Arch&ol. Zeitung XDI (1866) S. 86. 

8) Asine bei Thuk. IV 13, 1. Xenoph. Hell. Vn 1, 26 (zweifelhaft ist He- 
rodot VIII 78), Mothone bei Thukyd. II 26, beide bei Skylax § 46. 

9) Korone müßte sogar alt gewesen sein , wenn der von £usebiu8, chron. I 
p. 196 als Sieger der 12. Olympiade genannte Koronier Oxythemis wirklich von 
da stammte. Da jedoch Philostratos (II p. 267, 11 Kayser) daf&r einen Kleonfter 
nennt, so ist das Zeugniß des Eusebios anfechtbar und muß daher ruhen. VgL 
Busolt, Qriech. Gesch. I* 280«. 

10) Pausan. IV 34, 8. Ptolem. geogr. DI 14, 81 S. 649 Müller. 

11) Plutarch Philop. 18. Vgl. Liyius XXXIX 49, 1. 



L k^ äl 



Neue Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Lakedämons. 119 

spater, nnter den römischen Kaisern, bildet es, wie die Münzen 
bezeugen^), eine besondere Gemeinde *). 

Zu den bisher genannten kommen femer noch einige Namen 
Yon untergegangenen, später nicht mehr nachweislichen Orten, 
die in der cQteren G-eschichte Messeniens, wie sie Ephoros nnd 
nach ihnen andere erzählten, als Hanptorte erscheinen, also da- 
mals bekannt gewesen sein müssen, nämlich Rhion etwa am 
Akritas Tainaron gegenüber, Mesola an der Küste östlich vom 
Pamisos, und Hyameia^. Ich halte es für wahrscheinlich, daß 
diese Namen wenigstens zum Teil verschollene alte Periökenstädte 
bedeuten. Auch Ampheia, das Pausanias^) in der Geschichte 
des 1. messenischen Krieges als lakonisch -messenische Grenzstadt 
erwähnt^), wird zu ihnen geseUt werden können. Denn wenn 
auch jene Geschichte ohne Gewähr ist, so muß doch in der 
Zeit, wo sie entstand, die Stadt als solche bekannt gewesen sein. 
In der Periegese erwähnt sie Pausanias nicht, sie scheint also 
später nicht mehr existiert zu haben, und auch sonst ist sie 
meines Wissens unbekannt*). Endlich ist es als möglich ins Auge 
zu fassen, daß sich in dem ApoUon Argeotas, der ,80 Stadien 
von Korone ein Heiligtum besaß, der Name einer untergegangenen 
Stadt erhalten habe^. 

Nachdem wir im vorigen den Küstensaum Lakoniens begangen 
haben, sind jetzt noch die an der Landgrenze gegen Arkadien 
und Elis hin vorhandenen Periöken aufzuzählen. 

Nahe bei Sparta wird ihnen bereits Sellasia angehört 
haben; es scheint, daß man dieses als Grenzstadt, aber noch nicht 
zu Sparta gehörig ansah*). Die Grenzstadt nach Tegea ist das 



1) S. 118 Anm. 6. Imhoof-Blomer, monnaies grecques p. 170. 

2) £s ist möglich, daB die der Akritashalbinsel Torgeltgerten Inseln, die 
Oinnssen (Plin. b. n. lY 65. Mela II 110) ebenfalls eine Periökengemeinde 
ausmachten. 

8) Strabo Vni 360 f. Steph. Byz. s. *iYoy, MkoXa, *T<^m<. 

4) IV 6,9ff. 

5) Wir müssen sie ans also in der Gegend Ton Abia, Pharai und Thuria 
denken. 

6) Stephanos Byz. s. 'Aiupiut schöpft aus Pausanias. 

7) Paosan. IV 84,7. Vgl. das S. 114 über den ApoUon Hyperteleatas be- 
merkte. 

8) 405/4 y. Chr. dürfen die athenischen Gesandten, da noch Kriegszustand 
herrscht, Sparta nicht betreten und müssen in Sellasia bleiben. Xenoph. Hell. II 
2, 18 f. Bei Stephanos Byz. heißt Sellasia einmal Ort, einmal Stadt (s. Ztlacia 
und ZiXXaeia), 

9* 



X20 Benedictas Niese, 

bekannte Karyai*). Es gehorte 370 v. Chr. zu den ersten, die 
sich den eindringenden Thebanem anschlössen^), ward damals von 
der spartanischen Herrschaft befreit und zn Arkadien geschlagen, 
in welcher Weise, wird nicht überliefert. Wahrscheinlich ward 
es an Tegea angegliedert '). Philipp von Makedonien bestätigte 
diese Anordnung*) und Karyai ist nur vorübergehend auf kurze 
Zeit wieder im Besitz der Spartaner gewesen*). Erst später, 
vielleicht durch Augustus, ist es den alten Herren wieder zuge- 
fallen®). Westlich an Karyä stößt die Skiritis, dadurch von 
allen Periöken unterschieden, daß es keine Stadt, sondern eine 
Landgemeinde ist, deren Hauptort Oion nur ein Dorf war '). Die 
Skiriten hatten in der spartanischen Heerverfassung eine beson- 
dere Stellung und stellten ein recht ansehnliches Kontingent^). 
370/69 V. Chr. gingen sie zu den Arkadem, ihren Stammverwandten, 
über und wurden später wahrscheinlich zu Megalopolis geschlagen^. 
Soviel bekannt, sind sie nicht vneder zu Sparta zurückgekehrt^^. 
Im^obern Eurotasthaie liegen mehrere, leider nur theilweise 
bestimmbare Periökengemeinden. Zunächst bei Sellasia Pellana 
oder Pellene"), das auch nach 370 v.Chr. bei Sparta verblieb**) 



1) Thukyd. V 55,3. 

2) Xenoph. HeU. VI 5, 25. 

8) Der tegeatische Bezirk (Demos) Karyai, den wir aus Pausan. VIII 45, 1 
kennen, ist wahrscheinlich nichts als die ehemalige lakedämonische Periökenstadt. 

4) Polyb. IX 28,7. XVIII 14,7, wo ausdrücklich gesagt wird, daß den Te- 
geaten spartanische Grenzstriche zufielen, was für die Einverieibung Karyai's in 
Tegea spricht. 

5) 867 y. Chr. eroberte Archidamos Karyai und ließ dabei alles was er le- 
bendig antraf über die Klinge springen. Xenoph. Hell. VII 1,28. Dies ist ein 
Racheakt, keine dauernde Besitzergreifung, wie man wohl gemeint hat; Archi- 
damos zog gleich wieder ab. Um 200 und 195 v. Chr. ist Karyai nicht lakonisch 
(Polyb. XVI 87, 4 f. Liv. XXXIV 26,9), aber 192 v. Chr. scheint Nabis es im 
Besitz zu haben (Liv. XXXV 27, 18) , was sich so erkl&ren kann, daß es ihm die 
Römer im Frieden zur Entschädigung für seine sonstigen Verluste bewilligt haben. 

6) Pausan. ni 10,7 kennt es als zu Sparta gehörig. 

7) Xenoph. Hell. VI 5,24. 26, oben S. 112 Anm. 2. 

8) Thukyd. V 67, 1. Xenoph. Hell. V 4, 52 f. Laced. resp. 12,8. 18,6. 

9) Pausan. VHI 27,4 ist, wie ich schon früher yermutet habe, HiuQit&v 
Olov zu schreiben för das überlieferte 2%iQt6>viov. 

10) 865 y. Chr. waren sie arkadisch. Xenoph. HelL VU 4,21. 

11) Pausan. III 21, 2. Strabo VIII 886. 

12) Wie aus Diodor XV 67, 2 hervorgeht, wo die Eroberung und Plünderung 
der Stadt durch die Arkader erzählt wird, die darauf wieder abzogen. Der aus 
den Inschr. yon Olymp, n. 174 und Pausan. VI 8, 5 abgeleitete Schluß, daß Pel- 
lana an der Grenze des 8. und 2. Jahrh. y. Chr. zu Arkadien gehört habe, ist 



Nene Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Laked&mons. 121 

und noch zar Zeit des Nabis spartanischer Grenzort ist^). Die 
Gegend führte den Namen der Tripolis *), woraus folgt, daß außer 
Pellana es hier früher noch zwei andere uns unbekannte Stadtchen 
gab. Hundert Stadien aufwärts von Pellana lag Belmina^ und 
sein Bezirk, die Belminatis, an den Quellen des Eurotas^). Der 
Ort fiel wahrscheinlich schon 370/69 v. Chr. den Arkadem an- 
heim^), galt in der makedonischen und achäischen Zeit für mega- 
lopolitisch, ward aber von den Spartanern immer wieder in An- 
spruch genommen und zeitweilig besetzt*). Nach 146 v. Chr., 
vielleicht auch erst unter Augustus, muß es mit andern Grenz- 
bezirken wieder an Sparta gefallen sein^. Es folgt in der an- 
gefangenen Richtung die Landschaft Aigytis. Sie leitet ihren 
Namen ab von einer Stadt Aigys, die nach Ephoros zunächst 
nach der dorischen Wanderung einer der Hauptorte des ältesten 
Lakoniens war^), aber schon eine Generation nach Lykurg, also 
im 9. Jahrhundert von den Königen Archelaos und Charillos zer- 
stört worden sein soll*). In bekannter Zeit gab es eine Stadt Aigys 
nicht, sondern nur die Landschaft Aigytis ^^) und ihre Bewohner, 
die Aigyten, zu denen Pausanias^^) sogar Behnina rechnet, femer 
die Städte Malea, Eromnos (Kromoi) und Leuktron, von 
denen das letztere, oberhalb der Maleatis gelegen, die Grenze des 
alten Lakedämon nach dem westlichen Arkadien hin bildete, also 



sehr unsicher. Paosanias bezeichnet den Arkader Philippos als Uiäv i% nsUdvagf 
was auf alle Fälle fehlerhaft ist ; denn Pellana kann nicht den Azanen zugerechnet 
werden, die vielmehr Psophis, Pheneos und Kleitor einnahmen. 

1) Polyb. XVI 87, 6. 

2) Polyb. IV 81, 7. Li?. XXXV 27, 9. Stephanos Byz. kennt auch in Mes- 
senien eine Tripolis. 

3) Die Schreibung ist nicht ganz sicher; Belbina, Blemina und Blenina 
kommen als Varianten vor. 

4) Polyb. n 64, 3. Pausan. III 21, 3. Strabo VIII 343. Stephanos Byz. s. t. 

5) Nach Pausan. VIII 35, 4 müßte man freilich glauben, die Thebaner hätten 
Belmina bei Sparta gelassen, allein derselbe Autor läßt kurz zuvor VIII 27,4 
Blenina, d. h. Belmina, zu Megalopolis geschlagen sein. 

6) Polyb. II 46, 5 54, 3. Plot. aeom. 4. Liv. XXXVIII 34, 8. Vgl. Ditten- 
berger syll. I' 304. Zu Belmina gehörte das Kastell A t h e n a i o n , das in der 
Kleomenischen Zeit öfters genannt wird. 

7) Pausan. VID 35,4. 

8) Strabo VIII 364. Vgl Stephan. Byz. s. Alyvg. 

9) Pausan. UI 2, 5. 

10) Polyb. II 54,3. 

11) Vm 27,4. 



122 Benedictus Niese, 

am weitesten vorgeschoben war^). Einen andern aigytischen Ort, 
Karystos, nennt gelegentlich einmal Strabo*). Die ganze 
Aigytis ward bei Gelegenheit des ersten thebanischen Feldznges 
in den Peloponnes 370/69 v. Chr. den Spartanern genommei^ und 
spater mit Megalopolis vereinigt "). Ihre Q-emeinden gingen also 
ein, nnd es ist nicht mehr von ihnen die Rede. Nor vorüber- 
gehend haben nnter Kleomenes die Spartaner wieder von der 
Landschaft Besitz genommen^). Westlich von der Aigytis ist 
uns an der Nordgrenze nur noch eine Periokengemeinde bekannt, 
Aulon, die Grenzstadt nach Elis (Triphylien) hin^). Stephanos 
Byz. nennt sie eine der Hundert. Später, nach 370 v. Chr., ist 
sie verschwunden, doch erhielt sich ihr Name in einem AsUepios- 
heiligtume ^. An ihre Stelle scheint der von Strabo ^ erwähnte 
Ort Olura (oder Oluris) getreten zu sein, der von den Antiquaren 
für das homerische Dorion gehalten ward. Möglich ist, daß dieses 
Olura schon zur Zeit der spartanischen Macht bestand, und daß 
der Aulon, das Thal, mehrere Ortschaften umfaßte, also eine aus 
mehreren Dörfern zusammengesetzte, ländliche Gemeinde bildete. 
Zwischen der Aigytis und Aulon klafft in der Reihe der 
nachweislichen Periökenstädte eine Lücke. Diese Gegend ist eben 
sehr abgelegen und wird von der Geschichte kaum berührt. 
Gewiß hat auch hier Periökenland den Grenzstrich gebildet, aber 
wir haben keine Namen; denn die aus späterer Zeit genannten 
Ortschaften sind nicht ohne weiteres zu brauchen und können 
späteren Ursprungs sein; denn die Gründung der neuen Stadt 
Messene, der dies ganze Gebiet einverleibt ward, hat hier, wie 
das Beispiel Aulons lehrt, alles gründlich geändert. Was hier an 
Periökenstädten vorhanden war, ward zum messenischen Stadt- 
gebiet geschlagen, das, wie wir bestimmt wissen, unmittelbar an 
Arkadien, an Megalopolis und Phigaleia grenzte. Wenn man indes 
nach lakedämonischen Periökenstädten suchen will, so liegt es 
nahe, Andania ins Auge zu fassen, den späteren messenischen 
Grenzort an der Straße nach Megalopolis. Angeblich, nach Pau- 



1) Thukyd. V 64, 1. Xenoph. HeU. VI 6,24, vgl. VU 1,28, wo das über- 
lieferte MriSia oder Midia von £. Cortius in Mrilia verbessert wird. Ueber 
Eromnos vgl. Stephanos Byz. s. K^fAftva. Xenoph. Hell. YII 4, 20 ff. 

2) X 446. 

3) Pausan. VIII 27,4; fürLeoktron wird es bei Plntarch Oleom. 6 bezeugt. 

4) Polyb. II 64,3. 

6) Xenoph. HeU. III 2,26. 3,8. 10. Strabo YIII 360. Plin. h. n. lY 14. 

6) Pausanias lY 36, 7. 

7) VIU 350. 



Neae Beiträge zur Geschichte und Landeskunde L&ked&mons. 123 

sanias, war es eine nralte Stadt, die yordoriscbe Eönigstadt des 
ganzen Landes, auch die Heimat des Aristomenes, und spielte bis 
znm Ende des 2. messenischen Krieges eine ganz ansehnliche 
Rolle ^). Von den Homerikem wird sie mit Oichalia identifidert, 
das der Schiffskatalog in dieser Gegend za nennen scheint*). Auf 
der andern Seite ward sie von Ephoros unter den wichtigsten 
messenischen Städten nicht genannt, und ihre früheste sichere 
Erwähnung stammt erst ans dem makedonischen Zeitalter"). Damals 
gehörte sie ohne Zweifel zum messenischen Gebiet und bildete 
einen Theil der Stadt Messene; später, vielleicht nach 182 v.Chr. 
scheint sie einmal an Megalopolis übergegangen zu sein; denn 
Strabo nennt sie überall wo er sie erwähnt^) arkadisch; später 
ist sie wieder messenisch, und als solche kennt sie Pausanias, sie 
lag aber zu seiner Zeit in Trümmern^). Es befand sich in An- 
dania ein namhaftes Heiligtum der eleusinischen Grottheiten; wahr- 
scheinlich stammte der Kultus aus der spartanischen Zeit; die 
spätere Sage setzte ihn freilich in die graue Vorzeit und ließ ihn 
nach Messenes Wiederherstellung wieder erweckt sein^. In der 
bekannten Mysterieninschrift aus dem Jahre 93 v. Chr. liegt uns 
von diesem Kultus noch ein Zeugniß vor ^. Der selbständige 



1) Pausan. IV 8,7 und 10. 14,7. 16,6. 17,10. 26,6. 27,1 und 3. Stephanos 
Bjz, 8. 'Avdavkt, 

2) Hom. n. 11 596. Strabo VIU 889. 850. 860. X 448. 

8) Liy. XXXVI 81, 7, wo die Hss. Evidamam geben. Nach einer Coigector 
Schweighäusers steht sie auch bei Polyb. V92,6, wo Miucv überliefert ist. 

4) oben S. 112, Anm. 2. 

5) Pausan. lY 38,6. Er erwähnt nicht einmal das Heiligtum der großen 
Göttinnen. 

6) Pausan. lY 1, 2. 8 f. 2, 6. 26, 8. 

7) Dittenberger, syll. II* n. 653. Das Datum, das 55. Jahr der Pronnzial- 
ära findet sich s. 10. Ich stelle hier zur Erw&gung, ob nicht die Inschrift ans 
der 2^t stammt, wo Andania su Arkadien, d. h. zu Megalopolis gehörte. Es er- 
scheinen in ihr eine ganze Anzahl von Beamten und CoUegien, Damiorgen, die 
Synedren mit ihrem Schreiber, eine Qerusia (s. 46) ein ttciUag^ ^yo^oWfM)« und 
yvvaiwop6itog. Die Gemeinde, yon der dies Tempelgesetz gegeben ist, muß recht 
ansehnlich gewesen sein. Andania war aber nur ganz klein (pammm qppuhtm 
nach Livius 86, 81,7) und wahrscheinlich nicht einmal selbständig, das Gesetz 
muß also yon der Stadt herrühren, in deren Gebiet Andania lag, d. h. entweder 
Messene oder Megalopolis. FOr Megalopolis spricht, daß wir dort die Beamten 
und Collegien der andanischen Inschrift wieder finden, wie die letzten Aus- 
grabungen lehren, Damiorgen, Synedren und ihren Schreiber, eine Gerusia, Tamias 
und Agoranomos, und daß wahrscheinlich wie in Andania nach ach&ischer Weise 
die Monate beziffert waren. ExeavaHoru at Megalopolis S. 126 ff. n. lY. YII. 
YIII. XYII Le Bas-Foucart, inscripHons n. 831. Aus Messene kennen wir hin- 



124 Benedictus Niese, 

Eultiis würde für eine lakedämonische Periökenstadt ebenso an- 
gemessen wie gewöhnlich sein. Schließlich könnte man in diesem 
Znsammenhange noch Polichna erwähnen, das westlich von An- 
dania am Wege nach Eyparissia lag^). Doch kann dieser Ort 
schwerlich für eine alte Periökenstadt gelten; er lag wahrscheinlich 
schon anf dem Spartiatenlande. 

Das ganz mythische Oichalia nnd die bei Homer im Kataloge 
der Pylier*) genannten Städte, darunter das schon erwähnte Do- 
rion'), muß ich hier übergehen. Ich bin überzeugt, daß diese 
Orte in der Zeit vor der lakedämonischen Herrschaft wirklich be- 
standen, aber sie sind verschollen; die spätem wußten nichts mehr 
von ihnen, und es ist nicht wahrscheinlich, daß sich irgend eine 
unter der spartanischen Herrschaft wirklich erhalten habe. Die 
erste und vornehmste, Pylos, werde ich unten noch erwähnen. 
Auch die in neuerer Zeit öfters behandelten sieben Städte, die 
in der Uias^) Agamemnon dem Achill verspricht, kommen nicht 
in Betracht, außer zweien, Pharai und Kardamyle, die ich schon 
genannt habe. Die übrigen sind unbekannt, und da nur der Dichter 
sie nennt, so läßt sich nicht einmal behaupten, daß sie wirklich 
existierten. Nur eine von ihnen, Ire (Igii), ist später als Eira 
bei Pausanias^) wieder erstanden und hat sich auch in unsern 
Zeiten einen anscheinend gesicherten Platz in der Geschichte und 
Geographie Messenes erworben. Es ist nach Pausanias eine Burg 
am Nedon an der arkadischen Grenze, in der sich die Messenier 
bis zuletzt behaupteten. Ich glaube, daß es eine Burg dieses 
Namens in der Gegend nie gegeben hat und daß wir es mit einem 
erdichteten Ort zu thun haben ^. Es ist bezeichnend, daß Pausa- 
nias in der Periegese nichts mehr von Eira weiß. Wie man 
aber auch darüber denken möge, der Ort gehört jedenfalls nicht in 
das Verzeichnis der lakonischen Periökenstädte. 

Zum Schluß seien noch einige Orte erwähnt, von denen wir 
zwar den Namen kennen, aber nicht wissen, wo sie lagen. Die 



gegen, wenigstens in Mherer Zeit (Polyb. IV 81, 2 Le Bas n 810). Ephoren als 
leitende Beamte. GUbert, Griech. Staatsalt. II 98. Freilich kann der Eintritt in 
den ach&ischen Bond den Messeniem eine andere Verfassung gegeben haben; 
nach einem inschriftlichen Zengniß gab es anch hier Damiorgen. Michel recneil 186. 

1) Pausan. IV 88,6. 

2) Ilias 2, 591 ff. 

3) Pausan. IV 88, 4 ff. 

4) 9, 160 ff. 

5) IV 17, 10 ff. 

6) Näheres habe ich im Hermes 26, 27 ausgeführt 



Nene Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Lakedämons. 125 

meisten werden von Stephanos von Byzanz anfgefülirt, und mehrere 
sind mit Gewißheit unter die alten Periökenstädte zu reclinen. 
Leicht kann die eine oder die andre in die soeben bemerkte 
Lücke gehören, die zwischen der Aigytis und dem Aulen noch 
für einige Städte Platz läßt. Ich zähle die Namen in alphabetischer 
Ordnung auf. 

Aigila wird von Pausanias^) in der Geschichte der messeni- 
schen Elriege als Sitz eines Demeterkultns genannt, und erscheint 
als solcher noch in der oben erwähnten Mysterieninschrift von 
Andania*), wo der Priesterin von Aigila ein Ehrenplatz in der 
Procession zugewiesen wird. Die Heiligtümer Aigila und Anda- 
nia waren also verwandt und verbunden, wonach es walirscheinlich 
ist, daß sie nicht allzuweit von einander entfernt lagen, daß also 
Aigila westlich vom Taygetos anzusetzen ist. Li der Periegese 
übergeht es Pausanias. Es kann recht wohl Periökenstadt ge- 
wesen sein. 

Aitolia ward nach Stephanos Byz. von Androtion unter den 
lakonischen Städten aufgeführt"), hat also einen guten Gewährs- 
mann. 

Ataia, nur bekannt aus dem Artikel des Stephanos. 

Athenai, ebenfalls nur von Stephanos angeführt^). Man 
könnte an eine Verwechselung mit Anthana oder Anthene denken, 
das oben erwähnte kynurische Städtchen*). 

Dyrrhachion von Stephanos als eine der hundert Städte 
verzeichnet ^. 

Genese, nur aus Stephanos bekannt; desgleichen Etaieis 
(Etaistg) und Litaiai. Für letzteres wird Apollodor im 7. Buch 
seines Kommentars zum Schiffskatalog als Autor genannt. Viel- 
leicht ist jiitaicu aus Alyaicu {AlyBaCj verderbt, das dem homeri- 
schen Ai>'yBial entsprechen sollte (oben S. 115). 

las OS (oder lason) von Pausanias^) in der Geschichte des 
Jahres 148 v. Chr. als Periökenstadt bezeichnet. Der Name ist 
vielleicht corrupt. E. Curtius^ wollte darin das skiritische Oion 

1) IV 17, 1. 

2) Dittenberger, syll. IP 653 z. 81. 

3) Steph. Byz. p. 55,18 Mein.: icxi %al AlxmXCa n6Xi9 TlslonowijcaVy fjv 
0vy«cirTaZ^fi tai^s AaiMovinais nSlBCiv 'AvSgoximv xal *Ax^C9o£, Die Bachzahl 
des Atthis ist yerdorben; ygl. S. 111. 

4) s. 'Ai&fivai p. 34, 7 Mein. 

6) Die Hss. des Pausanias II 36, 6 überliefern 'A^vr^ för 'Av^vr\, 

6) s. jOv^dxiop p. 244,4 Mein. 

7) VU 13, 6 f. 

8) Peloponnesos n 822 Anm. 5B. 



126 Benedictas Niese, 

sehen; aber die Skiritis war damals schon lange Zeit nicht mehr 
lakonisch. 

Oinus war nach Stephanos, der sich auf Androtion nnd Di- 
dymos beruft, der Name eines lakonischen Städtchens ^). Bekannt- 
lich war es auch der Name des Flusses, der kurz oberhalb Spartas 
in den Eurotas fallt. 

Phia (9i£) wird von Stephanos*) als eine der zwischen 
Messene und Sparta streitigen Städte genannt. Doch hat der 
Artikel durch Verkürzung und Einmischung des homonymen 
eleischen Phea gelitten. Immerhin ist es nicht wahrscheinlich, daß 
lediglich eine Verwechselung mit der eleischen Ortschaft vorliegen 
sollte. 

Tenos (I^og), von Stephanos als eine der hundert Städte 
und Heimat der Dichterin Erinna genannt. Die Stadt ist also 
sicher periokisch. Ein Tenos wird in einer lakonischen Inschrift 
erwähnt, die beim Tempel des Hyperteleatischen Apollon ge- 
funden ist. Sie stammt aus der Zeit nach 146 v. Chr. und 
scheint, nach der Ergänzung des Herausgebers, Richter aus Tenos 
zu erwähnen, die in einen Grenzstreit eingriffen^. Sollte dies 
das gesuchte Tenos sein, so würde es wohl im östlichen Teil La- 
koniens zu setzen sein. Zum Schluß sei noch Tyros erwähnt, 
nach Stephanos Byz. der Name eines lakonischen Ortes. Sonst 
ist es unbekannt. E. Curtius^) setzt es an die Ostküste Lakoniens 
nördlich von Prasiai beim heutigen Eap Tyrä, ob mit Recht, ist 
mir zweifelhaft. 

Es sind im Vorstehenden etwa 90 Namen aufgezählt, von denen 
gegen 80 mit genügender Sicherheit als Periökengemeinden be- 
zeichnet werden können; von den zweifelhaften wird der eine oder 
der andre gleichfalls hinzuzunehmen sein. Erwägen wir ferner, 
daß unsere üeberlieferung sehr lückenhaft ist, daß wahrscheinlich 
manche Ortschaft eingegangen ist, ohne daß auch nur ihr Name 
auf die Nachwelt gekommen wäre , so erhalten wir als Ergebnis, 
daß die Nachricht von den hundert Städten Lakoniens nicht 
übertrieben ist. Die Zahl wird abgerundet sein, aber es kann 
ebenso gut einige mehr als weniger gegeben haben. Als selbst- 
verständlich betrachte ich es ferner, daß an der Spitze jener 
Hundert, für die in Sparta die Hekatombe geopfert ward, Sparta 



2) 9td n6Xig tSv «e^i^x^«^ Mteeripioig xol Adnmeip. Vgl. 8. Jap^dlun. 
8) SammL d. griech. Dialekt-Inschr. m 2 n. 4547. 
4) Peloponn. II 305 f 332. 



Nene Beiträge zur Geschichte and Landeskunde Laked&mons. 127 

selbst stand, wie denn auch das gleich zu erwähnende Amyklai 
dazu gehört hat. 

Zar Zeit der spartanischen Oberherrschaft bis zar Schlacht 
bei Leoktra nahm also das Periokenland von den vier Seiten La- 
koniens drei, nämlich den Norden, Osten und Süden vollständig 
ein ; denn die Lacke, die in unserer Kenntnis zwischen der Aigytis 
und Aulon vorhanden ist, sind wir nach dem vorliegenden Bestände 
vollauf berechtigt, mit Periökenstädten ausgefüllt zu denken. Dazu 
ist die Zahl der Städte so groß, sie liegen so dicht, das zwischen 
ihnen für Spartiatenland kein Platz ist, und die Periöken einen 
zusammenhängenden ansehnlichen Streifen eingenommen haben 
müssen. Wenn wir einmal eine neue politische Karte des alten 
Hellas erhalten sollten, so wäre es erwünscht, wenn der Karto- 
graph dieses Verhältnis auch für das Auge zum Ausdruck brächte. 
Man würde dann mit einem Blick von der eigentümlichen Bildung 
Lakoniens eine Anschauung gewinnen. 

Aus unsrer Uebersicht folgt weiter, daß das Periokenland 
einen sehr ansehnlichen umfang hatte und daß sein Flächeninhalt 
dem Spartiatengebiet mindestens gleich kam, wenn es auch an 
Güte weit nachstand. Die hundert Städte zeigen uns, daß wir uns 
die periökische Bevölkerung als zahlreich und zum Teil sehr dicht 
vorstellen müssen, wenn auch eine genauere Berechnung nicht 
möglich ist^). Damit stimmen denn die bekannten Nachrichten über- 
ein aus denen hervorgeht, daß Lakonien zu den best angebauten und 
bevölkerten Landschaften Griechenlands gehörte. Daraus ergibt 
sich weiter, welche Bedeutung in politischer und wirtschaftlicher 
Hinsicht die Periöken für Sparta hatten; sie schlugen nicht nur 
die Schlachten der Spartaner mit, sondern mußten auch die füh- 
rende Gemeinde zum guten Teil ernähren. 



Das Spartiatenland. 

Die Periöken, von denen bisher gehandelt ward, finden ihre 
Ergänzung und zugleich ihren Gegensatz in Sparta und seinem 
Gebiet. TJm daher unsere Anschauung zu vervollständigen, müssen 
wir auf dieses noch einen Blick werfen. 

Es liegt eingeschlossen von dem Ringe der Periökenstädte und 
umfaßt das beste Stück des Landes, und zwar zu beiden Seiten 



1) Mit Bestimmtheit l&it sich behaupten, dai die Berechnungen Belochs 
(Die Berölkerung der griech.-röm. Welt S. 145) hinter der Wirklichkeit weit zu- 
rQckbleiben. 



128 Benedictus Niese, 

des Taygetos. Auch Messene gehört dazu; denn dieser Name be- 
zeichnet unter' der spartanischen Herrschaft das Spartiatenland 
westlich vom Taygetos^). Auf diesem Gebiet gab es nur eine 
Stadt, Sparta, wo alle Bürger zu wohnen gezwungen waren. Alles 
übrige ist das platte Land, die spartanische Feldmark, wo die 
dauernde Bevölkerung aus Heloten bestand, Ackerem und Hirten, 
die in ihren zahlreichen Ansiedelungen oder Dörfern zerstreut 
lebten ^. Die Spartaner durften sich nur vorübergehend auf dem 
Lande aufhalten. Natürlich ward es von ihnen häufig besucht; 
es kamen die Eigentümer, die Herren oder auch die Frauen*), 
xmd es gab ohne Zweifel Häuser und Anstalten zu ihrer Beher- 
bergung. Dazu kamen die Aufseher und Streifwachen ; denn be- 
kanntlich wurden die Heloten von staatswegen scharf unter Ob- 
acht genommen. Auch steht nichts im Wege anzunehmen, daß 
gelegentlich sich andere Leute, Halbbürger, einzelne Feriöken oder 
andere Fremde mit obrigkeitlicher Erlaubnis ansiedelten*). Aber 
städtische Ansiedlungen gab es, wie schon bemerkt, auf sparta- 
nischem Gebiet nicht. Dies folgt nicht nur mit Notwendigkeit 
aus der Natur der städtischen, insonderheit spartanischen Ver- 
fasssung, sondern auch aus den topographischen Tatsachen. Auf 
dem eigentlich spartanischen Gebiet fehlt es gänzlich an irgend- 
wie nennenswerten Ortschaften etwa von der Art der attischen 
Demen oder böotischen Landstädte. Wir kennen nur einige wenige 
Dörfer und Fluren, und namentlich Heiligtümer, die auch den He- 
loten nicht fehlen durften und ja meist von einer Ansiedlung um- 
geben waren. Darin bildet das Spartiatenland einen sehr auf- 
fallenden Gegensatz zu dem Periökengebiet mit seinen zahlreichen, 
oft dicht aneinander liegenden Städtchen. Bei Gelegenheit des 
großen thebanischen Einfalls im Winter 370/69 v. Chr. nennen 
unsere Berichte außer dem gleich zu erwähnenden Amyklai keinen 
Ort des spartiatischen Gebietes*). Polybios, wo er den Feldzug 
Philipps erzählt, nennt südlich von Amyklai das Pyrrhoslager 
(üiiggov x^9^)^) ^^^^ weiter das Karnion (rö Kagviov); Städte- 

1) Vgl. Hermes 26, 19. Wilamowitz, i. d. Abhandl. d. Götting. Ges. d. 
Wissensch. 1900 S. 98. 

2) Strabo VIII 365. 

3) Aristot poUt. II 9 p. 1269 b 31. 

4) So erbielten die freigelassenen Brasideer die Erlaubnis, ihren Wohnsitz 
aufzuschlagen wo sie wollten. Thukyd. V 34. 

5) Xenoph. HeU. VI 5, 27 ff. 50 f. Plut. Pelop. 24. Diodor XV 65. 

6) Ein zweites Pyrrhoslager {Pyrrhi eagtra) nennt Livius XXXV 27, 14 
nördlich von Sparta. Beide Orte sind Andenken an den Angriff des Königs Pyrr- 
hos Ton 273/2 t, Gut. 



Neue Beiträge zur Geschichte und Landeskonde Lakedämons. 129 

namen erscheinen erst, als Philipp an die Küste und in den 
Bereich der Periöken kommt ^}. Pausanias kennt in seiner Topo- 
graphie außer der nächsten Umgebung des weitläuftigen Sparta, 
außer der Vorstadt Therapne, dem Menelaion, dem Mühlenweiler 
am Enrotas (Alesiai), in der ganzen Landschaft nur das Eleusinion, 
Derreion, Harpleia, das Lapithaion und das Heiligtum des Zeus 
Messapeus bei Messapeai^), zuletzt zwischen Pellana und Sparta 
ein Charakoma *), d. h. eine Landwehr, die zwar Clinton zu den 
lakedämonischen Städten rechnet, die aber schon durch ihren 
Namen andeutet, daß es ebensowenig wie die andern soeben an- 
geführten Orte eine Stadt ist. Sonst kennen die Landesbeschrei- 
bungen, besonders Pausanias, nur die alten Namen des Schiffs- 
katalogs*), Pharis, Bryseiai und Amyklai, die Homer der Ver- 
gessenheit entrissen hatte. Einst waren dies ohne Zweifel Städte, 
ebensogut wie Helos, Las und Oitylos , die zusammen mit ihnen 
genannt werden. Aber während diese sich bis in die späteste 
Zeit erhielten, da sie Periöken wurden, sind jene verschwunden. 
Von Pharis scheint keine sichtbare Spur mehr vorhanden gewesen 
zu sein; man kannte nur die Stätte, wo es einst gestanden. Bry- 
seiai ward durch einen Tempel des Dionysos bezeichnet, die Stadt 
gab es nicht mehr^). Eine Ausnahme bildet Amyklai, es blieb ein 
bewohnter Ort. Es verdankt seine Erhaltung dem berühmten 
Landesheiligtum des ApoUon, das zu ihm gehörte, hatte noch ge- 
wisse Ehrenrechte und bewahrte sich eine Scheinexistenz, so daß 
es mit zu den hundert Städten gerechnet ward^. In Wirklichkeit 
war es nur ein Dorf oder Ort') des spartanischen Stadtfeldes. 
Die Amykläer waren Spartiaten ^). Amyklai ist in der historischen 



1) Polyb. y 19,4. Auch lY 36 gibt Polybios auf dem Periökenlande eine 
ganze Fülle Ton Städtenamen. 

2) Pausan. III 20, 2 f. Stepb. Byz. 8. v. 

3) Pausan. III 21, 2. 

4) lUas 2, 582 ff. 

5) Pausan. III 20,3. Vgl. Strabo ¥111363. 

6) Stepb. Byz. s. 'Ayi^nÜMi, Man kann damit die sakrale Geltung yergleichen, 
die z. B. Alba Longa und Lavinium neben Rom bewabrten. Mythisch begründet 
werden die Privilegien Amyklai's durch die Qeechichte Ton Philonomos, den Freund 
der spartanischen Gesetzlichkeit, der bei der Einwanderung der Dorier zu ihnen 
übergeht, den Inhaber von Amyklai dazu bringt, mit den Achftem gutwillig ab- 
zuziehen, und dafür die Stadt nebst Bezirk erh&lt. Strabo VIII 364 f. Nicol. Dam. 
fr. 36 (FHG UI 375). 

7) lulbfif] oder xonog Polyb. Y 19, 2. Pausan. III 19, 6. 

8) Xenoph. Hell. IV 5,11. Vgl. Histor. Zeitschr. N. F. 26,79. Dies bleibt 
auch später. Durch eine Inschrift aus der Kaiserzeit sind sie als eine spartanische 



130 Benedictus Niese, 

Zeit nur das Heiligtum mit der Ansiedlong, wie sie um jeden 
größeren Tempel sich zu bilden pflegte. Die Gemeinde Sparta 
hat bei ihrer Bildung alle früheren Städte ihres Gebiets in sich 
aufgenommen und die Bürger gezwungen, sich nach Sparta zu- 
sammenzuziehen ^). 

Nicht anders steht es in der Landschaft westlich vom Taj- 
getos, soweit sie dem Stadtgebiet Spartas angehört, in Messene; 
Ortsnamen aus älterer Zeit gibt es fast gar nicht. Die bei Homer 
genannten pylischen Städte oder Orte^), die etwa hierher ge- 
hören, sind wie oben bemerkt, frühzeitig untergegangen, ohne 
Zweifel durch die spartanische Eroberung. Nur Ithome mit seinem 
Heiligtum, dem Ithomatas, wird genannt "), wo später das neue 
Messene entstand, das den alten Namen noch lange bewahrte. 
Herodot nennt Stenyklaros ^) , das nach der jüngeren Erzählung 
die Residenz des Eresphontes und seiner Nachfolger war^). Später 
existierte es nicht mehr % Die im nördlichen Theil der Landschaft 
später nachweislichen Ortschaften lagen, wie S. 122 bemerkt, 
vielleicht schon auf dem Gebiet der Periöken. 

In Messene reichte der Spartiatenacker westlich bis ans Meer; 
denn was zwischen Mothone und der triphjlischen Grenze oder auch 
Aulon ') lag, ist der einzige Küstenstrich Lakedämons , der nicht 
von Feriökenstädten eingenommen war. Dieser Strich, den wir 
durch die Geschichte der Kämpfe um Pylos kennen^), war da- 
mals (426 V. Chr.) ohne jede nennenswerthe Ansiedelung. Da- 
durch eben ward es den Athenern möglich, sich festzusetzen. Pjlos 
oder Eoryphasion, ebenso die Insel Sphakteria waren unbewohnt, 



Obe bezeagt. Dittenberger syll. IP 451. Damals hielten die Spartaner tn Amy- 
klai einen Epimeleten. CIQ I 1888. 

1) Vgl meine Bemerkungen in Sybels Histor. Zeitsch. N. F. 26, 77 ff. 

2) li. 2, 691 ff. 

3) Tyrtio« fr. 6,9. Thukyd. I 101 f. 

4) Herod. IX 64. Vgl. Paosan. lY 16, 6. Welche Bewandtnis es mit dem 
Ton Herodot IX 35 genannten Isthmos hat, ist unbekannt. Unsere Ausgaben 
lesen dafür nach einer Vermutung von Palmerius Ithome; aber dies ist eine 
willkürliche Besserung. Wilamowitz Aristotel. u. Athen n 296. Abb. d. Qötting. 
gel. Qes, 1900 S. 100 Anm. 

5) Ephoros bei Strabo VUI 861. Pausan. lY 8, 7. Steph. Byz. s. v. 

6) Nach Pausan. lY 88, 4 lag das Feld von Stenyklaros etwas nördlich von 
Ithome. 

7) Wenn nftmlich Aulon das Meer berührte. 

8) Thukyd. lY 8. Es ist zu erwähnen, daß die Laked&monier, als sie für 
die beabsichtigte Bebigerung Holz brauchten, nach Asine schickten, um es zu holen. 
Thuk. lY 18. 



Neue Beiträge zur Geschichte und Landeskrmde Lakedämons. 131 

die TJmgebimg verlassen*), z. Th. von Wald bedeckt. Von einer 
großem Ortschaft ist an der ganzen Küste keine Spnr. Wahr- 
scheinlich haben die Spartaner den Küstenstrich zu Weideland 
gemacht; denn ihr Vieh weidete in Messene'). Die beiden Städte 
Pylos nnd Ejparissia, die es hier später gab, sind erst nach 
der Befreiung Messenes entstanden, offenbar zunächst als Hafenorte 
des nenen Messene*). Im Jahre 36B/4 v. Chr. werden sie zuerst 
erwähnt^). Sie teilen seitdem das Schicksal der übrigen messe- 
nischen Seestädte. Durch den achäiscben Bund werden sie von 
Messene gelöst und bleiben auch nacb 146 v. Chr. und in der rö- 
mischen Zeit besondere Gremeinden ^). Wie weit das ältere home- 
rische Pylos, über dessen Lage ja in alter und neuer 2ieit viel 
gestritten worden ist, dem spätem entspricht, hat uns hier nicht 
zu beschäftigen. Es ist jedenfalls von den Lakedämoniem zerstört 
worden und hat der späteren Nachfolgerin wenigstens den Namen 
hinterlassen. Hier ist nur festzustellen, daß weder Pylos noch 
Kyparissia*) in spartanischer Zeit zu den Periöken gehörte, son- 
dern zum Spartiatenlande , und das gleiche hat von dem eben- 
falls erst später erwähnten Erana (^ava) zu gelten, das zwischen 
jenen beiden lag ^. Ob es zeitweilig eine eigene Gemeinde bildete 
oder von jeher, wie später, den Eyparissiem attribuiert war, 
wissen wir nicht. Zu Pausanias' Zeit war es bereits verschwunden. 
In der nacbspartanischen Zeit befand sich auch auf der Insel 
Prote vor der Küste zwischen Eyparissia und Eoryphasion ^) 
eine kleine städtische Ansiedlung^, aber auch sie ist spätem 
Datums; im 5. Jahrhundert existierte sie ebensowenig wie Pylos, 
Eyparissia und Erana ^^). Auch in Messene haben also die Spar- 
taner auf ihrem Gebiet Städte nicht geduldet und die früher 



1) Thukyd. IV 3,2 ip^si naffttffbp Zp %al iffljiiov ait6 ti *ai inl noXh 
tfjg z^^ff- 

2) Plato Alcib. I p. 122 D. 

8) Nach Paasan. IV 27, 7 wurden bei der Orüodnng Messenes anch andere 
Pl&tze erbaut Vgl. £. Curtius, Peloponn. 11 184 f. 

4) Diodor XV 77, 4. Eyparissia allein bei Skylax § 45. 

5) £. Curtius, Archäo). TeU. 18 (1855) S. 86. Meine Geschichte d. griech. 
u. makedon. Staaten U 411. Vgl oben S. 110. 

6) Ob dieses, wie man meist aniunehmen scheint, aus dem homerischen 
Eyparitseeis herrorgegangen ist, halte ich fibr außerordentlich zweifelhaft Ky- 
parissia ist eine ganz neue Stadt 

7) Strabo YIII 848. 861. Steph. Byz. s. Kvna^i^üia. 

8) Skylax $ 45. Ptolem. m 14, 44 S. 560 Müller. 

9) Strabo Vm 848. 

10) Nach Thukyd. IV 18 war Prote unbewohnt 



132 Benedictas Niese, 

vorhandenen aufgehoben. Es blieb hier, wie schon gesagt, nor 
die für Ackerban, Viehzucht und den sonstigen Bedürfnissen nötige 
Bevölkerung von Heloten mit ihren Dörfern und Heiligtümern. 
Und dieser Stand der Besiedelung ist schließlich auch für das 
spätere Messene maßgebend geworden. Zwischen Messene und der 
Küste von Pylos und Eyparissia, auf einer Strecke von 3 bis 6 
deutschen Meilen gibt es keine nennenswerte antike Ortschaft. 
Die Stadt Messene mußte eben Spartas Erbschaft übernehmen, 
und besser besiedelt ist nur die Nordgrenze und die Küstenland- 
Schaft, das ehemalige Periökenland. 



Sohlussfolgerongen. 

Ich kann jetzt zu der Frage übergehen, wie der eigenartige 
Zustand Lakedämons, die Absonderung des rein ländlichen sparti- 
atischen Gebiets von dem städtereichen Feriökenlande entstanden 
und historisch zu erklären sein mag. Die Ueberlieferung bietet 
uns hierüber zwar nicht viel, aber doch etwas. Wir wissen, daß 
ein großer Teil des Spartiaten- wie des Periökenlandes durch 
Eroberung unter spartanische Herrschaft gelangt ist. Die Ost- 
küste Lakoniens von der Kynuria bis zum Vorgebirge Malea mit 
Einschluß Kytheras haben die Spartaner, wie glaubhaft erzählt 
wird*), den Argivem abgenommen. Ebenso ist Messene erobertes 
Land, und das gleiche gilt wahrscheinlich von den arkadischen 
Grenzdistrikten, wie Karyai, der Skiritis, Belminatis und Aigytis, 
wenn es auch hierüber beglaubigte Nachrichten nicht gibt *). Diese 
letztgenannten Landschaften können sich recht wohl gutwillig an 
Sparta angeschlossen haben; wenigstens machen die bekannten 
Vorrechte der Skiriten den Eindruck einer durch Vertrag be- 
gründeten Ordnung. 

Lidessen Eroberung und Unterwerfung geben allein noch keine 
ausreichende Erklärung der in Rede stehenden Erscheinung, der 



1) Herodot I 82. 

2) Vgl. £. Cartius, Peloponnesos II 264. In den spätern Qrenzstreitigkeiten 
zwischen Sparta und Megalopolis wird behauptet, daß zur Zeit der dorischen 
Wanderung die Skiritis und Aigytis arkadisch geworden seien. Dittenberger syll. 
V 804. £in Beweis ist diese Behauptung ebenso wenig, wie der Abfall der ar- 
kadischen Grenzlande zu den Thebanem im Jahre 870/69 ▼. Chr. Nach Pausa- 
nias in 2, b, war Aigys zur Zeit seiner Zerstörung durch Archelaos periökisch, 
nicht arkadisch, und auch Ephoros (bei Strabo Ym 864) rechnet es zum ur- 
aprOnglichen Laked&mon. 



Neue Beiträge zur Geschichte und Landeskunde L&kedämons. X33 

Periökie; denn diese findet sich ja ebenso auf dem alten, or- 
sprünglichen Grebiete Lakedämons, wie es vor den Erobemngen 
bestand and wie es ans der homerische SchifPskatalog zeigt. 
Waram, so maß man weiter fragen, haben die Spartaner denn 
nicht das eroberte Land, so wie es mit Messene geschah, ihrer 
Stadt and Bürgerschaft einverleibt and daraaf eine helotische 
Bevölkerang sitzen lassen, sondern den Periöken eine besondere 
Stellang belassen oder geschaffen? Es maß ihnen doch vorteil- 
hafter oder zweckmäßiger erschienen sein, aaf diesem Lande eine 
größere Anzahl kleinerer Gemeinwesen za haben. Die Eroberang 
hat also das Gebiet Lakedämons wohl vermehrt and die Bedingang 
für den spätem Zastand geschaffen, aber dieser Zastand selbst 
kann sich erst nachher entwickelt haben. Wenn man femer die 
Gesammtheit der Erscheinangen überblickt, so kommt man zar 
Erkenntniß, daß der Aasbaa von Sparta aas, daß er femer syste- 
matisch and mit bewußter Absicht erfolgt ist. Und hiefür gibt 
ans die Ueberlieferang einige belehrende Nachweise^). Sie be- 
zeichnet die Periökenstädte als Gründangen oder Kolonien der 
Spartaner. Eythera wird von Thakydides aasdrücklich als lake- 
dämonische Kolonie and Periökeninsel bezeichnet^). Von Pharä 
wird dasselbe gesagt^), bekannt and allgemein angenommen ist 
die Nachricht, daß Asine and Mothone von den Spartanern mit 
argivischen Flüchtlingen aas Asine and Naaplia besiedelt worden 
seien ^). Eine Stadt wie Anlon an der triphylischen Grenze kann, 
wenn man ihre Lage and die Schicksale der benachbarten messe- 
nischen Landschaft erwägt, nar den Spartanern ihre Existenz 
verdanken. Die oben erwähnten Orte Foiaessa, Echeiai and Tra- 
gion warden nach Strabo^) für eine Gründang des spartanischen 
Königs Teleklos angesehen. Nach einer spätem Nachricht ist 
Geronthrai von den Doriern in Sparta erobert and nach Yer- 
treibong der früheren Bewohner besiedelt worden^, wodarch 
jedenfalls bezeagt wird, daß man diese Feriökenstadt für eine 
spartanische Kolonie ansah. Ganz ähnliche Yorstellangen maß 
Isokrates gehabt haben, wenn er allgemein die Ferioken von 



1) Vgl. Schömann, Griech. Alterthümer I* 208. 

2) Thukyd. IV 63, 2. VII 67, 6. 

3) Nepos, Conon 1. 

4) Pausan. IV 24, 4. 34, 9. 36, 2. Strabo VIII 373. Man kann damit die 
spätere Ansiedlung der Aegineten in Thyrea vergleichen. (Thukyd. II 27, 2). 

6) Vra 360. 

6) Pausan. HI 22, 6. vgl. 2, 6. 
Sgl. Qm. d. Wi«. NMkriektoo. PhUolog.-hifior. KluM 1906. H«ft i. 10 



134 Benedictus Niese, 

dem ans Sparta durch die Oligarcben vertrieben Demos ableitet ^). 
Bekannt ist femer die Nachricht Theopomps'), wonach die Spar- 
taner in älterer Zeit viele Fremde ins Land gezogen und dort 
angesiedelt haben, womit maa füglich verbinden kann was Ephoros 
erzählte'), daß nämlich die ersten spartanischen Könige zur bessern 
Bevölkemng des eroberten Landes den Periöken gestattet hatten, 
Fremde ins Land zu ziehen^). All diesen Nachrichten liegt 
deutlich die Vorstellung zu Grande, daß die Periökenstädte von 
den Spartanern, und zwar zum Teil mit auswärtigen Kolonisten, 
angelegt oder besiedelt worden sind. 

Die Spartaner haben sich aber nicht begnügt, die außerhalb 
des eigoitlichen Stadtgebietes befindlichen Städte, namentlich die 
auf dem eroberten Lande befindlichen^) mit eigenen oder fremden 
Kolonisten zu besiedeln; sie müssen auch die Zahl der Städte er- 
heblich vermehrt haben. Denn es ist sehr unwahrscheinlich, daß 
die hundert Städte schon in alter Zeit alle bestanden; wenn auch 
einige durch das Zeugniß Homers und andere Umstände als alt 
erwiesen werden*), so sind doch die meisten gewiß erst durch die 
Spartaner geschafften, entweder durch Neugründung oder durch 
Zerstückelung der vorhandenen. Am weitesten geht die Zersplitte- 
rung, wie wir oben gesehen haben, im ältesten Lakonien, besonders 
am Südrande mit Einschluß der Tänaronhalbinsel, geringer ist sie, 
soweit unsere Nachrichten ein Urteil gestatten, an der messenischen 
Küste. Aus welchem Grunde die Zerteilung geschah, ist nicht 
schwer zu erkennen; die Lakedämonier wollten hier größere, 
leistungsfähige Gemeinden nicht haben, sondern bildeten eine große 
Zahl kleiner, die jede für sich schwach und von Sparta vollkommen 
abhängig sein mußten. 

So liegen diese vielen kleinen Städte rings um das Spartiaten- 
gebiet herum und bilden einen Ring, der stellenweise eine ganz 
ansehnliche Breite hat. Sie schließen das spartanische Bürgerland 
von den Nachbarn ab, mit denen es sich nirgendwo berührt^» 



1) Isocntt. Panath. 177 f. 

2) Bei Strabo Vin 37S. 

3) Strabo Vül 364. 

4) Hiermit kann man weiter die Geschichte Ton den Minyem bei Herodot 
lY 145 vergleichen, die in Sparta aufgenommen werden. 

6) Wozu Kythera gehört. 

6) Dazu gehört Prasiai, das schon vor seiner Einverleibung in Laked&mon 
bestanden haboi muß, oben S. 112. 

7) Wobei vorausgesetzt wird, daß auch die messenische Nordgrenze gans 
von Periökenstftdten eingenommen ward. Oben S. 122 ff. 



Neue Beiträge zur Geschichte und Landeeknnde Lakedftmons. 135 

aber auch vom Meere; denn die ganze Küstenlandschaft ist peri- 
okisch; nnr Messeniens Westküste macht eine Ausnahme. Auch 
hierin dürfen wir nicht Zufall, sondern wohl überlegte Absicht 
sehen. Das Periökenland bildet zunächst einen Schntzwall des 
Spartiatenlandes gegen feindliche Angriffe und Plünderungen, und 
leistet dazu noch einen andern wichtigen Dienst. Wir wissen, 
ein wie unentbehrliches Stück der spartanischen Verfassung die 
Helotie ist, und welche Sorgfalt die Spartaner darauf verwandten, 
die Heloten in ihrer Knechtschaft zu erhalten. Durch die Peri- 
oken wurden die Heloten, die nur auf dem spartanischen Gebiet 
bestanden, von der Berührung mit dem Auslande abgeschnitten, 
und es ihnen unmöglich gemacht oder doch sehr erschwert, sich 
mit den G-renznachbam zu verbinden oder über die Grenze oder 
über das Meer zu entfliehen. Nur die Westküste Messeniens 
bildete, wie gesagt, eine Ausnahme. Diese ohnehin abgelegene 
Küstenstrecke ward aber durch die Verödung, durch die Zerstörung 
der älteren Städte und Hafenorte des Seeverkehrs gänzlich beraubt 
und konnte somit als genügend abgeschlossen gelten. Welche 
Bedeutung die Abschließung des Spartiatengebiets und der He- 
loten hatte, zeigte sich nach der Besetzung Koryphasions und 
den weiteren Angriffen der Athener. Zahlreiche Heloten liefen 
zu den Feinden über, und die Spartaner gerieten in ernste Sorgen ^). 

Es bleibt noch zu bemerken, daß die Spartaner durch den 
Bing der Periökenstädte zugleich ihr eigenes Gebiet fest begrenzt 
und ihrer territorialen Ausdehnung Schranken gesetzt haben. 
Auf weitere Eroberungen haben sie seitdem verzichtet. 

So bildet die Landschaft Lakedämon, in der Mitte das spar- 
tanische Stadtgebiet mit der Bürgerschaft und den Heloten, rings- 
herum das städtereiche, in hundert Gemeinden zerteilte Periöken- 
land, ein wohlgefügtes, einheitliches Gtmzes, in dem die Periöken 
ein sehr wichtiges Stück bilden; denn der Staat legte ihnen 
einen großen Teil der Lasten auf, um so mehr, je kleiner im 
Laufe der Zeit die spartanische Bürgerschaft ward. Das ganze 
System braucht nicht auf einmal entstanden zu sein, sondern 
ist wahrscheinlich nach und nach, an der Hand der politischen 
Erfahrung ausgebaut worden. Mit Bestimmtheit läßt sich be- 
haupten, daß die Bildung der Gemeinde Sparta und ihres Terri- 
toriums, die Vereinigung der ganzen Bürgerschaft in der Stadt 
und die Ausbildung der kriegerischen Demokratie, das was man 
kurz als die lykurgische Verfassung bezeichnen kann, eine Vor- 



1) Thukyd. IV 41,3. V 14,3. 35,7. VD 26, 2. 

10^ 



136 Benedictas Niese, 

bedinguDg der Periökie ist, also ihr zeitlich vorangeht. Da ferner 
die ganze Ordnung auf das erweiterte Lakedämon berechnet ist, 
und namentlich Messene in ihr als wesentlicher Teil des sparta- 
nischen Stadtgebietes erscheint, so kann sie erst nach der Erobe- 
rung Messenes, wahrscheinlich also erst nach dem zweiten messe- 
nischen Kriege, zur Reife gediehen sein. 

Man pflegt gewöhnlich seit E. 0. Müller^) die Einrichtung 
der Helotie und Periökie als die Folge der dorischen Wanderung, 
und die Heloten und Periö'ken als die Reste der vordorischen 
Bevölkerung, als sogenannte Achäer anzusehen. Dies ist jedoch 
nicht etwa alte Ueberliefernng; die Alten lassen im Gegenteil die 
Achäer nicht im Lande bleiben, sondern auswandern und wissen 
nichts von zurückgebliebenen*); sondern es ist eine moderne Ver- 
mutung, wie man sie heutzutage mit einer gewissen Einförmigkeit 
überall da anzuwenden pflegt, wo man politisch und social ge- 
schiedene Bevölkerungsklassen findet. Ich halte diese Hypothese 
für ungenügend und fehlerhaft; denn sie wird dem historisch Ge- 
gebenen, den beobachteten Tatsachen nicht gerecht, sondern steht 
mit ihnen in Widerspruch. Weder erklärt sie die streng örtliche 
Scheidung zwischen Heloten und Periöken und die eigenartige 
Verteilung der letzteren, noch die gleichmäßige Ausdehnung beider 
Ellassen auf das viel später eroberte Messene, auch läßt sie die 
verhältnismäßig alten und guten Nachrichten von der spartanischen 
Kolonisation gänzlich außer Augen. Alles was wir beobachtet 
und festgestellt haben, führt auf einen ganz andern Hergang. 
Wir sehen deutlich, daß der eigenartige, politische Bau Lakoniens 
nicht durch das Eindringen eines fremden Volkes in mythischer 
Urzeit, nicht von außen her begründet worden ist, sondern in 



1) Dorier II 16. Für Müller ist diese Annahme ndtig, da er die Helotie 
und Periökie für eine allen dorischen Staaten des Peloponnes gemeinsame Ein- 
riebtang hält, die in allen dann die gleiche Ursache, nämlich die Einwanderung 
der Dorier haben würde. Seine Voraussetzung trifft aber nicht zu. In Argos 
und Nachbarschaft haben die spartanischen Heloten und Periöken keine Analogie. 
Auch E. J. Neumann in seinem jüngsten Versuche teilt die von Müller u. a. be- 
gründete und ausgeführte Ansicht. Sybels histor. Zeitschr. N. F. 60 (1906) S. 1 ff. 

2) Herodot VIII 73. Strabo VUI 364. 383. Pausan. UI 2, 6. Nur Theopomp 
fr. 134 bei Athen. VI 265 C (FHG I 300) macht die Heloten (nicht die Periöken) 
zu unteijochten Achäern; aber dies ist, wie aus dem Wortlaut ersichtlich, nur eine 
Vermutung. Die einzigen Achäer, die in Lakonien erwähnt werden, die von 
Pausan. UI 22,9 genannten 'A%atol IlaQaKvnoiQÜfcioi an der Küste bei Kyparissia 
(oben S. 114), stammen ohne Zweifel, wie ich schon in der Histor. Zeitschr. N. F. 
26 S. 76* bemerkt habe, aus der Zeit des achäischen Bundes. 



Neae Beitrage zar Geschichte und Landeskunde Lakedämons. 137 

bestimmter politischer Absieht von der Mitte, von Sparta ans 
sich entwickelt hat. Nicht die in völliges Dunkel gehüllte do- 
rische Wandemng, sondern die Bildung der (xemeinde Sparta und 
ihrer Verfassung ist der Ursprung der Helotie wie der Periökie. 



Dorier oder Achäer. 

Vor kurzem hat R. Meister*) durch eine dialektische Unter- 
suchung nachzuweisen unternommen, daß die lakedämonischen He- 
loten und Feriöken nicht dorisch, sondern achäisch gesprochen 
hätten, und dadurch die herkömmliche Annahme über den achäischen 
Ursprung jener Bevölkerungsklassen neu stützen wollen. Nach 
seiner Meinung haben in Lakedämon nur die Spartaner dorisch 
geredet, die übrigen, Beloten wie Feriöken, achäisch, und ebenso 
die lakedämonischen Kolonien Tarent und Herakleia am Siris, bei 
denen die Mehrzahl der Kolonisten Feriöken gewesen seien. Aebn- 
liche Verhältnisse sucht er ferner in Argos und auch auf Kreta 
festzustellen, und was Messene anlangt, so sollen da überhaupt 
keine Dorier gewohnt haben, sondern nur Achäer. Schließlich 
kommt er zu der Behauptung, daß das Gremein-Dorische überhaupt 
in Wahrheit achäisch sei, d.h. die Sprache der im Feloponnes vor 
der dorischen Wanderung angeblich wohnhaften Achäer. 

Was Argos und Kreta anlangt, so können sie hier bei Seite 
bleiben; ich beschränke mich auf Lakedämon, und kann nur sagen, 
daß Meisters Beweisführung in allen wesentlichen Punkten fehler- 
haft und zugleich unvollständig ist. Wenn er Tarent und Hera- 
kleia berücksichtigt, so hätte er auch Thera, Melos und Knidos 
heranziehen müssen, die ebenso Kolonien der Lakedämonier sind^). 
Irrtümlich wirft er das Feriökische und Helotische zusammen und 
vergißt die strenge örtliche Trennung der beiden; auch hat er 
nicht bedacht, daß wir vom Dialekt der Heloten überhaupt nichts 
besitzen, und die Annahme, sie hätten anders geredet als die Spar- 
tiaten, ganz ohne Beweis ist. Aber nicht minder haben wir vom 
Dialekt der Feriöken aus spartanischer Zeit nur geringe Reste; 
was vorliegt, ist mit wenig Ausnahmen jünger und stammt frü- 
hestens aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert, also aus einer 
Zeit, wo, wie Meister selbst treffend bemerkt, das Gemeindorische, 



1) R. Meister, Dorier und Achäer, Abbandl. d. sächs. Qesellsch. d. Wiss. zu 
Leipzig 1904 S. Iff. 

2) Vielleicht gehört er zq denen, die der Meinung sind, daß diese Kolonien 
in Wahrheit nicht von den Lakedämoniem ausgegangen seien. 



138 Benedictus Niete, 

d. h. die dorische Litteratorsprache bereits im ganzen Peloponnes 
dnrchgednmgen war. Dies Material ist also für den zn beweisen- 
den Satz ohne Belang. Hingegen ans den wenigen altem Denk- 
mälern ergibt sich Uebereinstimmong mit den ans Sparta stam- 
menden Dialektproben. Meister sncht (S. 44) diese TJeberein- 
stimmnng, nm sie ihrer Bedeutung zn entkleiden, durch Einwan- 
derung, verwandtschaftliche Beziehungen und sonstige störende 
Einflüsse zu erklären ; allerdings, wenn man zu solchen Auskunfts- 
mitteln greift, kann man alles beweisen. Schließlich setzt sich 
Meister mit seiner Hypothese, wie er selbst zugiebt, in Wider- 
spruch zu den Vorstellungen und TJeberliefemngen des Altertums. 
Die Alten wissen nichts von einem dialektischen Unterschied 
zwischen Spartiaten und Perioken; es gibt nur einen Lakonischen 
Dialekt, keinen Spartanischen. Wie in politischer Hinsicht, so 
bildete Lakedämon auch sprachlich eine Einheit, und erhebliche 
Dialektunterschiede kann man nicht empfunden haben. Qanz La- 
konien, wie Messene und das argivische Gebiet redet einen Dialekt, 
den Dorischen; die Messenier, ehemalige Heloten, sind nach Thu- 
kydides auf der einen Seite den Lakedämoniem gleichsprachig, 
auf der andern den Ambrakioten, den Kolonisten Korinths ^). 
Wie nun Meister gegen diese klaren Zeugnisse auf Grrund eines 
sehr dürftigen Materials die PeriSken und Messenier als Achäer, 
und ihren Dialekt statt dorisch für achäisch angesehen wissen 
will, ist mir um so weniger verständlich, als das achäische bei ihm 
ein ganz imaginärer Begriff ist. Die Achäer in ihren verschiedenen 
Gruppen, im südlichen Thessalien, im Peloponnes, auf Zakynthos 
und in Italien haben von ihrem Dialekt nur wenige Proben hinter- 
lassen. Wir können nach dem was vorliegt wohl vermuten, daß 
sie den Doriem sehr nahe gestanden und mit ihnen der gleichen 
Yölkergruppe angehört haben, und dies darf auch aus andern 
Anzeichen geschlossen werden. Aber es ist nur sehr wenig was 
wir von ihrem Dialekt wissen, und diesen in Gegenden zu suchen, 
die als dorisch bezeugt sind, scheint mir ein verwegenes Unter- 
nehmen. 

Die Agis- Schrift. 

Mit dem Namen Agis-Schrift belegt K. J. Neumann in einer 
jüngst erschienenen Abhandlung^) eine vermutete, von Isokrates 
und Ephoros angeblich benutzte Quelle. Beide Schriftsteller leiten, 



1) Thukyd. lU 112,4. IV 8,8. 41,2. VH 67,6. 

2) Sybels histor. Zeitschrift N. F. 60 (1906) S. 55 ff. 



Neae Beiträge zur Geschichte and Landeskunde L&ked&mons. 139 

wie oben bemerkt ward (S. 133 f.), die Periökenstädte aus dem do- 
rischen Sparta ab und lassen sie erst einige Zeit nach der do- 
rischen Wanderung and anabhängig von ihr entstehen. Während 
sich der erstere^) anbestimmt aasdriickt, nennt Ephoros^ als den 
Urheber der Periökie Agis, den zweiten spartanischen König, der 
überhaupt bei ihm als der wahre Begründer des spätem Zostandes 
der Landschaft erscheint. Da nnn dies der schon erwähnten, von 
Neamann geteilten Ansicht widerstrebt, wonach die Periöken and 
Heloten von den Doriem unterjochte Achäer sind, so glaubt Neu- 
mann in der Nachricht des Isokrates und Ephoros eine absicht- 
liche Entstellung zu erkennen. Urheber derselben und Verfasser 
der Agis-Schrift sei kein anderer als der König Pausanias, der 
nach der Schlacht bei Haliartos verurteilt ward, in die Verbannung 
ging*) und dort eine politische Streitschrift ausgehen ließ, die sich 
mit der spartanischen Verfassung beschäftigte. Aus ihr hätten 
sowohl Isokrates wie Ephoros ihre oben bezeichneten Anschauungen 
genommen. 

Ueber die Schrift des Pausanias ist in letzter Zeit mehrmals 
gehandelt worden. Nachdem zuerst U. v. Wilamowitz-Möllendorf ^) 
darauf aufmerksam gemacht, hat ihr später Ed. Meyer ^) einge- 
hendere Betrachtung gewidmet und den Pausanias als Publidsten 
von ausgesprochener Tendenz charakterisiert. Er vermutet, daß 
zuerst Pausanias die nach Meyer um 400 v. Chr. entstandenen, 
delphischen Orakel veröffentlicht habe, von denen die spartanische 
VerfiEtssxmg ihren göttlichen Wert herleitete, daß später diese 
Orakel von Pausanias zu Ephoros und von diesem zu uns ge* 
kommen seien ^. Auch die bekannte Nachricht vom jungem Ur- 
sprünge des. Ephorats^) gehe vielleicht auf Pausanias zurück, 
und Meyer äußert endlich, obwohl nur schüchtern, die Ansicht, 
daß audi die lykurgische Ackerverteilung in der Schrift des Pau- 
sanias zuerst aufgetaucht und dadurch in die Litteratur gelangt 
sei. Rechnet man nun zu dem Gesagten noch hinzu was E. J. 
Neumann dem Pausanias zugeschrieben hat, so folgt, daß dieser 
ein recht wichtiger Schriftsteller gewesen sein und die verfassungs- 



1) Isoer. Panath. § 177 f. 

2) bei Strabo Vm 364 f. 
8) Xenoph. Hell, m 5, 25. 

4) Homerische ünteranchangen 272. 

6) Fonchongen zur alten Geschichte I 230 ff. 

6) a. 0. 222. Mit einer nachträglichen Einschränkung in Bezog auf die bei 
Eosebiot praep. erang. V 25 erhaltenen Orakel. 

7) bei Plntarch Oleom. 10. 



140 B«nedictu8 Niese, 

geschichtliche nnd staatsrechtliche Tradition Spartas entscheidend 
beeinflußt haben maß, vorausgesetzt, daß Meyers nnd Neumanns 
Vermutungen das richtige treffen. Es darf daher gefragt werden, 
ob wir wirklich berechtigt sind, dem Pausanias dieses alles zar 
Last zu legen. 

Zunächst muß gesagt werden, daß die Schrift des Pausanias 
wirklich existiert hat. Wir haben darüber eine kurze Nachricht 
bei Strabo % die vielleicht aus Ephoros stammt. Darin wird sie 
Xöyog genannt, also eine Rede oder Schrift; es geht ferner aus 
dem leider verstümmelten Text hervor, daß Pausanias über Lykurg 
und die ihm zu Teil gewordenen Orakel handelte. Die Schrift 
scheint also die spartanische Verfassung und ihre Ursprünge berührt 
zu haben. Sie war nicht die einzige, die sich damals mit diesem 
Gregenstande beschäftigte ; auch der bekannte Thibron, Zeitgenosse 
des Pausanias, ließ einen Traktat ausgehen, worin er, wie Aristo- 
teles bezeugt, den Lykurg hoch pries*), und noch mehrere an- 
dere haben sich auf diesem Gebiete versucht; am bekanntesten ist 
Xenophon mit seiner noch erhaltenen Schrift über den lakedämo- 
nischen Staat. Verwandten Inhalt muß femer die Rede gehabt 
haben, die nach Ephoros Lysander, der Gegner des Pausanias, 
sich von dem Redner Kleon von Halikamass ausarbeiten ließ, um 
den Spartanern die von ihm erstrebte Verfassungsänderung plau- 
sibel zu machen^. Gewiß verfolgte Pausanias ganz andere Ab- 
sichten als Lysander, er kann aber mit ihm gemeinsam gehabt 
haben, daß er, wie dieser, seine Rede durch einen Schriftsteller 
von Beruf ausarbeiten ließ. Ln übrigen ist außer der Straboni- 
schen Stelle von ihrem Inhalt nichts bekannt. Von vornherein 
wird anzunehmen sein, daß Pausanias seine eigene Sache führte 
und gegen seine heimisch^en Widersacher loszog*). Aus Strabo, 
dem einzigen Zeugen, geht hervor, wie schon gesagt, daß er von 
Lykurg und den Orakeln sprach, also in die Vergangenheit zurück- 
ging. Leider ist die Strabonische Stelle wegen ihrer Verstümme- 
lung nicht mit Sicherheit herzustellen. Die Heraasgeber nehmen 
an, daß Pausanias den Lykurg tadelte und ergänzen darnach den 
lückenhaften Text, Ed. Meyer vermutet das Gegenteil, und man 



1) vm 366. 

2) Aristot. Polit. IV 14 p. 1383^ 18. Thibron muB darnach Tor dem Starz 
der lakedämonischen Hegemonie geschrieben haben. 

3) Platarch Lys. 25. 30. 

4) £s ist denkbar, da£ die vermeintlichen Umstarzpl&ne des Pausanias, die 
Aristoteles (PoUt V 1 p. 1301b 20. Vm 14 p. 1333«» 34) erwähnt, aber nicht 
Xenophon, im letzten Ende aus der Schrift des Pausanias abgeleitet sind. 




Nene Beiträge zur Oescfaichte and Landeskunde Laked&mons. 141 

muß zugeben, daß die Ergänzungen der Heransgeber nicht ein- 
wandfrei sind. Auf jeden Fall sehen wir, daß wir nns anter 
diesen Umständen von dem Inhalt der Schrift des Pansanias 
keinen bestimmten Begriff machen können, nnd also die Vermu- 
tungen, die Meyer und Neumann an seinen Namen geknüpft 
haben, eine äußerst schwache, fast verschwindende Grundlage 
haben. Daß irgend etwas von den vermuteten Dingen bei Pansa- 
nias gestanden habe, daß Ephoros ihn bei seiner Darstellung be- 
nutzt habe, ist gänzlich unerwiesen. Man könnte, wenn man 
wollte, mit demselben Eechte andere Schriften, z.B. den schon 
erwähnten Thibron, heranziehen. Auch scheint es nicht, daß die 
Rede des Pansanias bei der Mit- und Nachwelt erheblichen Ein- 
druck gemacht habe; wenigstens Aristoteles, der doch sonst 
manche Autoren nennt, erwähnt sie nicht, und es ist daher nach 
meiner Ansicht nicht einmal wahrscheinlich, daß sieh Ephoros oder 
Isokrates im Panathenai'kos von ihm hätte inspirieren lassen. 

Was Isokrates anlangt, so ist dies um so weniger glaublich, 
als dessen Worte auf einen ganz anderen, wohlbekannten -Autor 
hinweisen, den auch sonst benutzten Thukydides; denn wenn man 
bei Isokrates Panatb. § 177 liest: ötaeidöat {idv q>a6iv aincbs ot 
tixsivtov ijiQißoihnBg i}g odddvag äXXovg tänf 'EXXi^ov so erinnert 
das lebhaft an Thukydides I 18: ^ yäQ Jaxadaiiimv futä^) ri^v 
xti0iv t&v vvv ivoixovvttov cdriiv dtOQumv inl nkBlütov &v a0fisv 
X(f6vov 0ta6i>d6a0a u. s. w. Isokrates erzählt ja mehr als der 
Historiker ihm bot; er berichtet noch etwas über den Inhalt der 
politischen Kämpfe in Sparta, die er sich nach der Weise seiner 
Zeit zwischen Oligarchie und Demos ausgefochten denkt, und er- 
zählt, wie die obsiegende Partei ihre Q^gner, den Demos, ver- 
jagte und zu Periöken machte; er läßt also die Periökenstädte 
aus den von Thukydides berichteten Unruhen hervorgegangen sei. 
Dies kann recht wohl eine erweiternde Vermutung des Redners 
sein^, aus der wir jedoch ohne Bedenken entnehmen können, daß 
man zu seiner Zeit die Periökenstädte aus Sparta hervorgegangen 
sein ließ. Jedenfalls liegt kein Omnd vor, hier die Schrift des 
Pansanias heranzuholen, und von den strabonisch-ephorei'schen 
Nachrichten über Agis gilt das Oleiche. Die von Isokrates und 
Ephoros bezeugte Anschauung darf also nicht für eine tendenziöse 



1) Vgl. Herodot I 66. 

2) In denelben Rede (Panath. 48) hat er den Thukydides I 4 benatzt nnd 
zugleich in die Anscfaaanngen eeiner Zeit übertragen. 



142 B. Niese, Neue Beititge z. Geschichte o. Landeskunde LakedAmons. 

Erfindung angesehen werden. Dafür fehlt an jedem Anzeichen; 
denn sie steht weder mit den tatsachlichen Verhältnissen nnd 
Zuständen noch mit älteren üeberlieferangen in Widersprach, 
vielmehr mit beiden in Winklang (S. 133 f.). Ein solches Zeogniß 
durch das Luftgebilde einer Agis- Schrift zu beseitigen, kann ich 
nicht für richtig halten. 



Epigraphic Notes. ^) 

By 
F. Klelhorn. 

Presented os 19th May 1906. 

19. — Yasantga^h inscription of Varmaläta of the [Vi- 
krama] year 682; and the age of the poet Mägha. 

Mr. Gkkurishankar Hirachand Ojha of üdaipnr in Rajpatftna 
again has kindly sent me impressions of a nomber of inscriptions 
which have lately been fonnd in Rftjputäna and Central India. 
So far as I can jndge at present, the most important of them is 
one of the reign of a king Varmaläta, dated in the [Vikrama] 
year 682. When Mr. Ojha first informed me of the discovery 
of this inscription , by a letter of the 24th December 1906, he 
snggested that it wonld perhaps 'settle the date of the poet 
Mägha'. My snbseqnent examination having confirmed this yiew, 
I hasten to giye a short acconnt of the contents of the inscription, 
reserving the publication of the fall text, for which the materials 
at hand are not qnite safficient, for another occasion. 

The stone which bears this record was recently fonnd near 
a temple of Devl (Dnrgä), on a hill in the proximity of Vasant- 
ga^h in the Sirohi State of Räjpatäna, and is now, I nnderstand, 
at the town of Sirohi. It contains 16 lines of generally well 
preseryed writing which Covers a space of about 1' l*/*" long by 
1' high. The characters, which are well engrayed, are prictically 
identical with those of the Udaipnr inscription of the Gxihila 
Aparäjita of the [Vikrama] year 718, edited by me with a facsi- 
mile in Ep. Ind. Vol. IV. p. 29 ff. As in the inscription of Apa- 
räjita, we here, too, find the tridented form of the letter y, and 



1) Continaed from the Nachrichten for 1905, p. 471. 



144 F. Kielhorn, 

a separate sign for b. We also have the signs of the jihvämältt/a 
and upadhmätiiya, and special iorms of final X;, t and n, which do 
not occar in the other inscription. The langaage is Sanskfit, not 
always grammatically correct. Lines 1 — 12, after the words örk 
namah, contain 12 verses in the Anashtxibh, Rathöddhatä, ^rdü- 
lavikri<}ita, Sragdharä and Aryä metres ; lines 13 — 16 seem to be 
thronghoat in prose, bat the impressions of these fonr lines are 
not dear enongh to allow me to speak with absolute confidence. 
The inscription opens with two verses invoking the blessings 
of the goddess Dnrgä, who in verse 2 is called Eshemakari. 
The text then, in verse 3, proceeds thns: — 

Jayati jayalakshmalakshita-vakshasthala-saihärita-äriy- 

ädhärah') [I*] 

äri- V armmaläta *)-nripatib«patir»avaner*adhika-balaviryyah || 
^^ Victorions is the king, the glorions Yarmaläta, the 

holder of (the goddess of) Fortnne who clings to bis breast 

marked with the marks of victory, a lord of the earth of 

excessive might.*' 
There is no indication here as to which family Yarmaläta 
belonged to; and similarly verse 4, which also is devoted to his 
glorification, merely records, in general terms of double meaning, 
that he mied the various kings in the manner of a sorcerer 
(nar&ndra) '). 

According to verse 5, Yarmaläta had a subordinate or feu- 
datory named Yajrabhata Satyääraya, able to guard 'the 
son of Himavat*, t. e. the well-known mountain Arbuda*) (the 
modern Abu). And his son, again, according to verses 6 and 7, 
was the chief (nripä) Rftjjila, who by his generosity to Brah- 
ma^s and others constantly at Yata*) *played the part of the 
god of riches* (Vaiärava^a, i. e. Eubera). During the rule of this 



1) Incorrect for 'iry-ädhärah, which woold not have soited the metre. 

2) The va of Varmmaläta is qaite distinct, so that the name cannot pos- 
sibly be read Charmmaläta. 

3) Compare äihipaLavadha II. 88; Ind. AnU Vol. XIX. p. 60, note 49. 

4) Compare Ep. Ind. Vol. I. p. 234, verse 6. 

5) Vafa may be identical with Vasantgadh in the proximity of which the 
inscription was foand, or may be a place very near it. It is mentioned several 
times, as Vc^apura and Vaianagara^ in the Vasantgadh inscription of Porvapäla 
(of A. D. 1042), No. 64 of my Northern List. And the name Vafanagaraf denoting 
apparently the same place, also oceurs in an earlier anpublished inscription which 
was foond at the village of Sftmoli in the Bhomata district of Mevftd, and of 
which Mr. Ojha has sent me impressions. I regret that no good map of the 
Sirohi State is accessible to me. 



Epigraphic Notes. 146 

Chief (rajan) the göshfhJ^) of the place at Yatäkarasthäna^) 
founded the temple of the goddess (Dargä) at which the inscription 
was engraved, entmsting the actnal boilding of it to Satyadeva'), 
the son of Pitämaha, who by birth was a merchant. The time 
when this was done is recorded in verse 11, in the foUowing 
terms: — 

Dviraäity-adhike käle shap^äm varshaäat-Ottare [{*] 
jaganmätoh . . . ^) s[thä]nam sthäpitaih gö8hth[i]-puikgavai];i || 
The wording of the first half of this verse is curiously un- 
grammatical ; bnt there can be no donbt whatever that the year 
intended is 682, and that this year mnst be referred to the 
Yikrama era and corresponds therefore rooghly to A.D. 626. 

According to verse 12, the enlogy here presented to us 
(iyath pürvä)^) was composed by the Brähmaii Dhürtarääi, the 
son of Diväkara, and engraved by NägamaQ^in. — Lines 
13 — 16 contain a nomber of names which probably denote the 
individnal members of the göshthl by which the temple was foun- 
ded^; onfortunately the impressions at my disposal have not 
enabled me to make out the fall text of these lines. 

The value of this inscription chiefly consists in this, that it 
is of the reign of a king Yarmaläta, who apparently was a 
ruler of some importance, and that for this king it farnishes an 
absolately certain date in the Vikrama year 682. The name Var- 
maläta has not been found in any other epigraphic record, but 
is not altogether unknown to us. According to the concluding 
verses of the jSisupcUavadha Mägha'), the author of that poem, 
was the son of Dattaka S^rväSraya, the son of Suprabhadeva. 
This Suprabhadeva is stated by the poet to have been minister 
of a king whose name the published editions give as either Dhar- 
manäbha or Varmalakhya (Yarmala), while the manuscripts of the 

1) Compare Ep. Ind. Vol. IV. p. 309, note 5. 

2) This seems to be another name of VcUa, Vafanagara. 

3) He is described as the käräp<ika; the same term occurs in the Kapaswa 
inscription, Ind. Änt. Vol. XIX. p. 59, 1. 16. 

4) Two syllables are illegible here in the impressions. I woald suggest 
sur(Mthänam. 

6) Compare Ep, Ind. Vol. IV. p. 32, line 11 of the text and note 4. 

6) The last words in line 16 seem to be evameshä göshfhi käräpayaftäm?], 

7) For the foUowing compare especially the papers of Prof. Jacobi and the 
Ute Dr. Klatt in WZKM. Vol. III. p. 121 ff., and Vol. IV. p. 61ff. and 236 ff. 
According to Prof. Jacobi Mägha must be placed in the middle of the 6th Cen- 
tury A. D., according to Dr. Klatt at the end of the 9th Century. 



146 F* Kielhorn, Epigraphic Notes. 

poem for these names yield the additional readings Dharfnaläfa, 
Dhartnaläbhaj Dharmanätha, Dharmad^va, Varmaläta, VarmanOmaj 
Charmaiäta and Nirmalänta. Now that we have the name Vamfa- 
lata dearly engraved in a contemporaneous inscription, it becomes 
at once dear that of all the forma of the name in the mannscripts 
of the SiSupalavadha only Varmaläta is the correct one, and it 
is easy to see how this nnusnal name shoold have given rise to 
the varions forms employed by writers in different parts of India. 
It appears to me, moreover, reasonable to assmne that the king 
Varmaläta of onr inscription is the very king of wbom Mägha's 
grandfather Snprabhad^va was minister. We have seen above 
that Varmaläta's fendatory Yajrabhata Satyääraya is described 
as gaardian of the moontain Abu, which must have belonged to 
tiie king's dominion; and Mägha is reported to have been an 
inhabitant of the town of Srl^m&la (Bhinmal), which is only 
abont 40 miles north-west of Abu. The Varmaläta of the inscrip- 
tion may actnally have been at the time the rnler of Srimäla^); 
however this may be, there can be no donbt that both he and 
Mägha belong to exactly the same part of India. And since the 
date fomished for the former corresponds to about A.D. 625, 
the inevitable condnsion in my opinion is, that Mägha, the 
grandson of a minister of his, mnst be placed in abont 
the second half of the 7th Century A.D. 



1) It is well knowD that in the l^aka year 550 « A. D. 628 ^rimäla was 
nüed by the Chftpa king Vyftghramakha. 



Wortumfang und Wortform. 

Von 

J. Waekernagel. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 19. Mai 1906. 

I. 

Längst festgestellt ist der Gebrauch des Altarmenischen das 
Augment nur dann zu setzen, wenn die betr. Präteritalform ohne das 
Augment einsilbig wäre; also z.B. eher „er trog" ^ZtM„ er verließ" 
etu ^er gab". Man pflegt diese Bedingtheit des Augments durch den 
Wortumfang als etwas spezifisch Armenisches zu betrachten; tat- 
sächlich ist sie fast in allen indogermanischen Sprachen zu tre£Pen, 
die vom Augment noch etwas wissen. Belehrend ist zunächst das 
Germanische, wenn anders die Zuruckfährung gewisser ihm an- 
gehöriger Präteritalformen auf indogermanische Präterita zu Recht 
besteht; einerseits got. iddja „er gieng" aus ig. e-yU, anderseits die 
dezidiert unaugmentierten ahd. t^ aus ig. dhidhet, scrirun aus -^. 
Vor allem gilt es aber diejenigen indogermanischen Sprachtypen 
näher zu untersuchen, in denen das Augment fakultativ ist: zu- 
nächst das homerische Griechisch und die vedische Sprache; dann 
das Mittelindische ^). 

Daß Homer von der Freiheit das Augment wegzulassen im 
Ganzen keinen Gebrauch macht im gnomischen Aorist, hat Platt 



1} Keine Spar yon Bücksicht auf den Umfang der Yerb&lform zeigt der 
iranische Gebrauch und Nichtgebrauch des Augments: von den Mundarten, in 
denen es yermöge Bewahrung des alten Pr&teritaltypus überhaupt vorkommen 
kann, führen es Altpersisch und Yaghnöbi (Qeiger Iran. Qrundr. II 840 f.) strikt 
durch; umgekehrt hat das Avestische zwar fakultativen Gebrauch, aber der vor- 
herrschenden Neigung zur Abwerfung sind auch die Einsilbler zum Opfer ge- 
fallen, und Formen wie c(Hi „du hast yersprochen*' e(Hit „er hat versprochen*' 
gatts gewöhnlich. 



148 J- Wackernagel, 

Journal of Philul. 19, 217 £P. festgestellt (vgl. meine Stadien zum 
griech. Perfektum, G-ottingen 1904, S. 8 A.). Man scheint bisher 
nicht daranf geachtet zu haben, daß neben diesem semasiologischen 
Moment auch Rücksicht auf den Wortmnfang beschränkend wirkte. 
Nie angmentlos erscheinen bei Homer in der Regel solche Präterita, 
bei denen ohne Augment ein knrzyokalisches Monosyllabmn ent- 
stände. Daher neben «ix« zwar iis, aber neben iöx^ (ohne die 
Komposita zehnmal) iöxeg (1 mal) iöiov (3 mal) kein *^x^> *^Z^'ffj 
*6x6v. Ebenso zwar xdXB{v) (11 mal) aber nur ixXs M 44, was 
indeß durch die konstante Anwendung des Augments im Medium 
InkBto (40 mal) Inieo inXsv (6 mal) neben niXovto (4 mal) etwas an 
Beweiskraft verliert. Ebenso ixxa (7 mal) und ixxav III pl. (2 mal). 
Abweichend nur die gleich naher zu besprechenden 6xav und fpdv, 
deren Auftreten durch die zugehörigen langvokalischen Singular- 
formen bedingt ist. Oder man wird vielleicht besser sagen, daß^ 
absolute Abneigung gegen Einsilbigkeit nur bei kurzvokalischem 
Auslaute bestand und i^xovy ixxav von iöx^, &ra (wie auch inXsto 
von IxXs) nachgezogen wurden. — Wie fest in den betr. Formen 
das Augment saß, zeigen^^die mit ihnen gebildeten Komposita. Sie 
haben das Augment ausnahmslos. Wol könnte man z. B. xavixrccv 
als jüngere Schreibung eines echthomerischen *xatdxTav fassen; 
aber bei dem dreimaligen vnsQiöx^ ist dieser Ausweg abgeschnitten. 
Danach darf man aus dem ausschließlich üblichen iniönov inB6XBv 
auch auf ausschließliches *i6xov *i6xsv (nicht *67c6v *07cdv !) schließen ; 
vgl. unten S. 150 über ixXa, Und umgekehrt erklärt sich das 
augmentlose Präteritum ivi^xeg iviöxs daraus, daß das zugehörige 
Simplex längst verschollen war. 

Einsilbige Präterita mit langem Vokal wurden nicht gescheut ; 
daher ist bei solchen das Augment sehr oft weggelassen. Immerhin 
stellt sich bei näherem Zusehen heraus, daß der Gebrauch der 
augmentlosen Form doch nicht ganz frei war. Erstens ist eine 
ganze Anzahl auch dieser Präteritalformen nur augmentiert be- 
legt. So kommt nur iyvoiv vor (4 mal), kein *yv&v, ebenso nur iyv(o$ 
(4 mal), Idw (2 mal), i6ßn{2mB,\), icttig (y 179), hXfiv (5 mal), itXtig 
(8 mal), hXav (9 608), Itp^tis (X B8), i(pw (2 mal). Zweitens scheint 
mir sehr bemerkenswert die fast völlige Beschränkung der aug- 
mentlosen Formen auf den Satz- oder Versanfang. Bei ötijv ötfl 
6tdv gilt diese Beschränkung absolut. tfT^v beginnt an seiner 
einzigen Belegstelle ^744 den Vers (allerdings nicht den Satz), 
tfri} steht 76 mal am Versanfang und zugleich hinter Interpunktion, 
H 225 und ^ 458 zwar am Versanfang , aber so daß noch ein 
Satzstück vorausgeht. Endlich ötdv steht viermal am Versanfang 



Wortnmfang and Wortform. 149 

hinter Interpanktion ; A 216 {i(ytvv^ri d\ ^i%% fStäv VivtCoi) hinter 
Interpunktion, aber nicht am Versanfang. 

Nicht ganz so fest ist der Gebranch bei den andern hier in 
Betracht kommenden Yerben; doch nicht so, daB er das an tft^ 
gewonnene Gesetz imistieße : dv steht am Versanfang hinter Inter- 
punktion Z 416, am Versanfang ohne Interpunktion 118, bloß 
hinter Interpunktion P218, aber S 85 ßiXo^ d'slg iyxitpaXov dv\ 

— tA^ beginnt dreimal den Vers nach Interpunktion, aber 78 
heißt es ivff oM Idofisveifg tXfl iii^vsiv. — <p^ steht ganz streng 
A 451, ebenso (p^av ^61, aber % 91 iXX^ &Qa fiiv (p^fiJjitiUiiaxog. 

— (pfiv g)^g [nicht (pfjg^ z. BJ t} 239] q>ii sind ganz streng bloß am 
Versanfang nach Interpunktion gesetzt (2 mal, Imal, 10 mal). 
Ebenso (pdv in der Ilias Z 108. Aber in der Odyssee treffen wir 
nicht bloß legitimes q>dv im Versinnern nach Interpunktion 842 
((päv ydQ iiiv äXri^ia ^vd'iiöaö^ai), sondern ß 3^7. rj 343 &g (pdv. — \ ^ 
Endlich bei /3f|rai folgen der Regel die seltnem Formen ßfjv : viermal 

am Versanfang mit Interpunktion, i> 196 am Versanfang ohne Inter- 
punktion, und ßdv: 21 mal am Versanfang mit Interpunktion, ^56 
am Versanfang ohne Interpunktion. Etwas mannigfaltiger ist der Ge- 
brauch bei dem häufigen /3i) : 1) 100 mal steht es am Versanfang hinter 
Interpunktion; 2) B 665. 77 221. P 213 g 3. ^604 am Anfang des 
Verses, aber nicht eines Satzes; 3) B 16. J 292. 364. 7iri49. 2:416. 
468. X 137. X 563. o 62. q 348. 551. 574 hinter Interpunktion, aber 
nicht am Versanfang: also im ganzen 117 mal der allgemeinen 
Eegel gemäß. Daneben aber dieser widersprechend zugleich im 
Satz- und Versinnern 1) 15 mal in der Phrase aitctQ 6 /J^, 2) //439 
ix dl XQV0rjllg tnjbg /3^ novtonÖQOiOy U 702 XQlg ^iv in^ iyxätvog 
ßfl Tsixeog hlnjXolo, T 397 tm^Bv di xoQv^ödfüvog ßrj 'AxiXXs^gj 
y 468 -=■ ^ 163 ix ^ a0a^iv^ov /3^ diiiag d^avdtoiöiv biiotog, (p 51 
1^ if&Q' ig>* {firrjXfig 0ttvidog ß fj ivbd ts... — Entschieden widerspricht 
der Regel bloß <pv, das an allen elf Belegstellen im Satz- und 
Versinnern steht; aber es bandelt sich dabei um eine einzige 
Phrase: iv li&Qa ot (pi> %biqL 

Diese eigentümliche Stellung der augmentlosen Monosyllaba, 
an der mit größter Strenge auch das einer zweisilbigen Neben- 
form entbehrende i} »sagte" teilnimmt, ist wohl begreiflich. Sie ist 
nicht durch metrische Nötigungen bedingt. Von den augmentierten 
Formen waren allerdings manche vom Versanfang ausgeschlossen, 
aber die augmentlosen durchaus nicht vom Versinnern. Die Ur- 
sache liegt tiefer. Das erste Wort des indogermanischen Satzes 
ist voller (stärker? höher?) betont als andere Satzteile. Als 
solches kam ein Monosyllabum am deutlichsten zur Geltung, wäh- 

KfL Om. d. WiM. Naekrieht«». Philolof .-biitor. KUiM. 190«. Uf A i. 11 



160 J. Wackemagel, 

rend es sich bei Setzung an späterer Stelle gewissermaßen im 
Satzgefüge verlor. 

In der hohem poetischen Sprache der Folgezeit, die von 
Homer die Weglaßbarkeit des Augments geerbt hat, tre£Pen wir 
den Einsilblem gegenüber teils ähnliches teils noch strengeres Ver- 
fahren. Ein *xtd *nXi *0%i kennt auch sie nicht {inUv Find. N. 
6, 61). Die langvokalischen hat zwar Findar, und erst noch ohne 
Beschränkung in der Stellung: 0. 6, 49 0o£ßov yäg cdnbv (pa y€ydxBi.v. 
N. 6, 68 6yy€Xog ßäv{Bo Hermann für unmetrisches ißav). I. 2, 11 5^ 
(pä. 8 (7), 68 ^Ehxaviat xag^ivoi, \ fStiv. Aber den Tragikern 
scheinen sie völlig fremd zn sein, vgl. die Beispiele für Weglassung 
des Augments bei Oerth in Curt. Stud. 1, 2, 259 ff. und bei Lautensach 
G-rammat. Studien (1899) S. 165 ff. — Einsilbler, die bei Homer nicht 
vorkommen, finden sich nach Homer nur mit Augment : Hesiod Th. 
30 xal iioi> öxilxtQov Idov. Demeterhy. 111 oid* lyvov. Find. F, 
9, 79 iyvov xatB .... Silßai. Kallim. Hy. 1, 49 xrigiov ißgag und 
Epigr. 30, 2. 6 iyvmv. Besonders mache ich aufinerksam auf 
Diodoros Sardianos Anth. Fal. 9, 219, 7 ixXm und Krinagoras ibid. 
11,42, 7 InXiog (beide 1. Jahrh. a. Ch.): das Augment ist korrekt 
abstrahiert aus Homers ixixX(o ininXmq xaQdxXm, Hesiods ixixXcov 
(vgl. oben S. 148 über *i6xov). 

Auch imEigveda sind zahlreiche Fräterita,'die ohne Augment 
einsilbig wären, nur augmentiert belegt: 2 sg. akt. äpäm „ich trank^ 
10,119 dreizehnmal; — 1 sg. med. akri 10,159,4*. 174,4«, avri 
3, 51, 5^ (dreisilbig zu lesen I), ähve zehnmal (ein- bis zweimal drei- 
silbig zu lesen, vgl. die Nebenform -oÄwre) ; — 2 sg. ägan 8,37,10* 
(dazu nach dem Fadatext 'gan 10,29,4*), äghas 5,29,8». 8,12,8^ 
ajais, 9, 72, 6*^, änaf „du hast zu Stande gebracht" 7, 7, 7« , dyäs 
8, 29, 16«. 9, 82, 5^ ataf führtest" 10, 85, ll^ eures 8, 54, IV. 6, 33, 2»» ; 
— 3 sg. akrant 6, 59, 1* und akrän 3, 11, S\ 9, 69, 3« (zu krand-), 
aJc^är 9, 43, 5*, acet „sammelte" 10, 102, 2*, acaü „ließ sichtbar Wer- 
der" 6,44,7S acchan 6,28,5* 10,34,1*, ajais 8,40,11*, aton 6, 
61,9*, atsar 10,28,4«, ädyaut vierzehnmal, ddhok 4,19,7»«, äpOt 
„trank" fünfmal, apräs „füllte" sicher sechsmal [dazu nach dem 
Fadatext 'prOs 1, 115, 1«. 4, 14, 2«. 53, d\ 9, 72, 5« ; vgl. unten], äbkrof 
1,66,6'. 4,6,5^ ämyak 1,169,3% äyOt 10,85,7« [vgl. got. iddia 
oben S. 147], aydw viermal, draik 1,113,1*. 2M6«. 124,8'. 8,31,2% 
asrot 1,39,6«. 7,32,5«, dstar 3,11,20\ 7,18,44^ 10,111,6% asyän 
9,89,1% asräk 4,53.3« u. 4«, dsvar 10,148,5«, dhvat 1,106,6% 
8, 8,9^ (1,24, 12« u. 13« dreisilbig zu lesen); — 3 pl. äkran zwölf- 
mal, dvyan 8,49,7^ Ivyan angeblich FB. 34,1,91], asur (zu sä-) 
1, 179, 2«, ahyan 6, 40, 2*. 9, 26, 4». 9, 26, 3' 'hiyan oder hiyan). Also 



Wortnmfang und Wortform. 151 

im ganzen 39 Formen an 114 Stellen, oder mit Aasschlnß der 
Fälle mit dreisilbiger Messung 38 Formen an 109—110 Stellen. 
Nicht gerechnet sind dabei die Stellen, wo ein vom Padatext ge- 
setztes Augment durch den Sandhi unsichtbar geworden ist, nämlich 
(außer 'präs 'hiyan oben) 'tan 6,67,6^ 'dar 10,121,10^, 'präs 
»fülltest« 1,62,13« und 'vart 7,59,4«. 10,124,4« hinter d, 'dham 
10, 145, 6» und 6^ hinter -e und -ä, 'päs „trank" 5, 29, 8^ und >er 
„tranken" 1,164,7« hinter -ö: wiewohl ich überzeugt bin, daß in 
allen diesen Fällen der Padakära die Absicht des Verfassers ge- 
tro£Pen hat. 

Diesen ausschließlich augmentierten Präterita stehn entgegen 
zwei Oruppen. Erstens die wenig zahlreiche solcher einsilbiger 
Präteritalformen, die nur augmentlos vorkommen. Aber von diesen 
widersprechen in Wirklichkeit nur die präterital gebrauchten, 
weil nur für diese die Augmentform als mögliche Nebenform in 
Betracht kommt : 1 sg. däm 10, 49, 1«(?); — 2 sg. dhas 6, 32, 5«. 8, 85, 
16« und vielleicht 8,30,3« (39 mal ist die Form injunktivisch ; 
1, 63, 1^ und 1, 72, 7^ kommen wegen der Möglichkeit 'dhah zu lesen 
[siehe unten] nicht in Betracht); bhet „spaltetest" 7,18,20« (in- 
junktivisch 1,104,8«), reirÄ- 1, 63, 7«, ves „brachtest" (?) 1, 63, 2» 
(sonst ist vesj soweit überhaupt Verbalform, injunktivisch); — 
3sg. dhat 4,27,5« = 5«(?), bhäk 7,18,13«, vd „wußte" 10,53,9» 
(Graßmann : „konmie"), $at 5, 46, 2» (injunktivisch 7, 28, 4«), adhirskdn 
10, 61, 7» [skan VS. 1, 26 f. und skün Käth. 1, 9 (p. 4, 13). MS. 1, 1, 10 
(p. 6,3) injunktivisch); — därt 2.3 sg. 1,174,2\ 6,20, 10«. 27,6«; 
— 3 sg. med. dpi gdha 1, 188, 5«. — Also im ganzen bei vollster 
Rechnung 12 Formen an 17 Stellen, in bezeichnendem Mißver- 
hältnis zu den vorgenannten augmentierten 38 Formen an 110 
Stellen. 

Nicht in Betracht kommen einmal die bloß injunktivisch oder 
zeitlos gebrauchten Einsilbler 1 sg. sthäm (1 mal)'; 2 sg. jes (6, 4, 4«), 
dhak (von dagh-, 2 mal), hhak (3 mal), yQt (10, 61, 21«), yms (3, 32, 2«), 
Star 8,3,2^; 3 sg. dhak (von rfa^Ä-, 2mal), nat (7,104,23') und 
prä-nak (4 mal), pdt „hüte" 4,65,5«. 8,31,2«, rd^ 6, 12, 5«, 5^an 
10, 92, 8«. — Sodann die Fälle, wo zwar der Padatext eine aug- 
mentlose Form gibt, aber ein mit dem Auslaut des vorausgehenden 
Wortes kontrahiertes Augment vorausgesetzt werden kann. Das 
gilt nicht bloß für Stellen, wie 10, 8, 9« pdra vark, wo niemand 
die Möglichkeit p&rävark aus pAra avark zu schreiben bestreiten 
wird (anders 8, 65, 11*, wo pdrä varg Injunktiv ist), sondern auch 
für 6, 26, 3^ dOsü^ vark, 10, 28, 7« däsu^e vam, das den einzigen 
Beleg für vam bilden würde. Ich stehe nicht an, hier 'vark 'vam 

11* 



152 J. Wackernagel, 

anzusetzen. Bartholomaes Versuch, den Abhinihitasandhi aus der 
Eiksamliitä zn eliminieren (Studien zur indogerm. Sprachgesch. 
I 81 fF.) ist gescheitert. Wenn Oldenberg in seiner schlagenden 
Widerlegung (ZDMG. 44, 321 ff.) Bartholomae auf S. 323 das Zu- 
geständnis macht, daß er fiberall da möglicherweise recht habe, 
wo im Padatext Schwnnd des Augments hinter -e und -o ange- 
nommen sei, so sehe ich umgekehrt nicht ein, warum vor anstehen 
sollen, selbst gegen den Padatext solchen Schwund gegebenen 
Falls als möglich ins Auge zu fassen, da nun einmal der Abhini- 
hitasandhi für den Rigveda feststeht. 

Sehr zahlreich dagegen ist die zweite abweichende Gruppe 
einsilbiger Präteritalformen : die derjenigen, die sowol mit als ohne 
Augment vorkommen. Wer sie nur oberflächlich durchmustert, 
wird geneigt sein, daraus Beliebigkeit der Augmentierung auch 
bei Einsilbigkeit in weitestem Umfang zu folgern. Aber zunächst 
scheiden hier aus, um sich als weitere Beweisstücke der obigen 
Liste anzureihen, die Formen, bei denen mit präteritaler Bedeu- 
tung Augmentierung zusammengeht, Augmentlosigkeit an injunk- 
tivische Bedeutung geknüpft ist. Ich glaube auf diese Fälle einen 
sehr starken Nachdruck legen zn dürfen. Es gehören hieher : 1 sg. 
äkhyam dreimal: khyam 7, 86, 2^; — 2 sg. dkhyas 7, 13, 3*: khyc^ 
fünfmal, adäs 10, 15, 12« : das dreißigmal (mit Einschluß von 7, 100, 2^• 
6, 20, 7^ ist das präteritale däsü^e dah gegen den Padatext als ^däh 
zu fassen), ddyant S, 1, 8»: dyaut 4, 4, 6^ (injunktivisch Geldner Ved. 
Stud. 3, 92), äpos „trankst" dreimal : pOs 4, 20, 4*", aspar 5, 15, 5^ : 
spar 9, 70, 10* ; — 3 sg. dgan sechsmal (dazu nach dem Padatext 
fünfmal 'yan): gan 7, 50, l^ adhäk 3, 16, 4*: dhök 1, 168, 4", dnat 
13 mal: wa/ 1, 104, 23* ; — 3 pl. aÄ'^a/i „aßen" viermal: Z'^anlO, 95, 
16**, asan „waren" nexmzehnmal : san 5, 19, 6«. — Hieher nach dem 
Padatext a'gam 6, 2, 8*. 10, 32, 6*: gam 10, 128, 4^ 

Nicht weit hievon ab liegt die Gestaltung der Präterita von 
Sri' und stha- und der 3 sg. und pl. von khya-, insofern hier .'nur 
ganz vereinzelt präteritaler Gebrauch augmentloser Form zu treffen 
ist. Wir finden äkhyat siebzehnmal : khyai injunktivisch 7, 36, 7^. 
8, 68 [791, 2**, präterital nur 10, 63, 2»; dkkyan zweimal: khydn in- 
junktivisch 1, 162, P. 7, 93, 8«. 10, 10, 2^ präterital nur 8, 31, 12^ 
dsret 18 mal: Sret präterital 1, 174, 7^; dsthäs einmal: sthäs injunk- 
tivisch 6, 24, 9«, präterital 4, 30, 12«; dsthai 48 mal: sthät injunk- 
tivisch 2, 3, 10». S, 15, 6*. 36, 9». 5, 53, 9% präterital nur 1, 68, l\ 
3, 15, 7\ 7, 87, 6»; dsthur 26 mal: sthur injunktivisch 1,24,7«. 167, 
%\ 5, 15, 3*. 10, 57, 1 ; präterital vielleicht 7, 18, 3^ 

Bei andern Verben ist die ursprüngliche Norm weniger deutlich 



Wortnmfang und Wortform. 163 

erkennbar. So 2 sg. akdr 6, 83, 10^ (dazu 6, 29, 10^ nach Padatext): 
Hr injunktivisch achtmal; präterital 6,29, B** und 7, 21, 3» [Geldner 
Ved. Sind. 3, 37] (i, 63, 7*. 6, 20, 5«. 6, 26, 5» ist die Lesung Vcar 
möglich); ägOs zweimal (dazu viermal hinter a, wo gas oder 'gas 
[so der Padatext] möglich): gas fünfmal injunktivisch, aber 1, 67, 6^. 
7, 12, 2\ 10, 1, 2^ vieUeicht präterital ; apräs „füUtest" 1, 52, 13« 
i(mit d verschmolzen I) : prds injunktivisch oder präterital 6, 46, B*" ; 
dbhüs 3 mal: bhus injunktivisch siebenmal, präterital 1,52,13^. 

91, 2» und vieUeicht 6, lo, 3\ 7, 21, 6» (1, 187, 7\ 6, 20, 77». 6, 64, B* 
kann 'bhäh gelesen werden: 10, 46, B* ist korrupt); ävar 5 mal: 
vdr injunktivisch 1, 63, B®, präterital 1,62, B*. 6,32,1«; dÄan 18 mal 
(ohne die Stellen, wo hart gelesen werden könnte): han präterital 
6, 32, 1^. 6, 18, 5«. 6, 20, 2^. 10^ 26, B«, vielleicht auch 6, 29, 2«. 
10, 22, 7^. — 3 sg. dkar achtmal (dazu nach dem Padatext 'kar 
1, 24, 8«. 2, 38, 8^. 4, 18, 5K 10, 67, 4^. 169, 4«: Hr injunktivisch 
fünfmal, präterital neunmal, vielleicht auch 1, 72,1» (4, 21, 10^ 9, 

92, B* kann 'kar gelesen werden) ; ägät 39 mal : gät injunktivisch 
zehnmal , präterital fünfmal , vielleicht auch 1, 104, B* (7, 67, 8*. 
10,B,6Mst 'gm möglich); ddat neunmal (dazu 1,30,16^ 'dät 
nach Padatext): dat injunktivisch siebenmal, präterital 1,121, 12«, 
vieUeicht auch 7, 4B, 2*. 9, 97, B2^. 10, 80, 4* (6, 63, 10\ 6, 63, 9*^ ist 
^dat möglich); ddhät zweimal (dazu fünfmal hinter ä): dhat injunk- 
tivisch 14 mal, präterital 1, 67, 3*. 71, B^. 6, 30, 2^ vieUeicht auch 
1,63,2\ 3,31,13*. 6,3,B^ 10, 132, B« (6,4,2\ 19,2* ist 'dhat mög- 
lich); ahhar (bhar möglich) 10, 20, 10^: bhär präterital 1, 128, 2»; 
dbhüt 2Bmal: bhiU injunktivisch 9 mal, präterital 13 mal sicher, 
16 mal vieUeicht (1, 178, 4^ 4, 17, 4\ 2B, 7*. 6, 30, 2^ 34, 2*. 7, 20, 2^. 
10, 29, 3». 48, 9» kann 'bhm gelesen werden); abhet 1, 33, 13^ (so der 
Padatext; Grassmann bhet): bhet präterital 1,69,6''. 10,68,6»; 
c^an 21 mal: han injunktivisch 10, 182, 1*, präterital 6, 29, 4''; — 
3 pL agur 10, 61,10* (sowie nach Padatext siebenmal mit -ä ver- 
schmolzen) : gur injunlrtivisch 1, 120, 8^ 4, 37, 2^. 7, 21, B*, präterital 
vieUeicht 8,7,7«. 7,93,3». 10,12,3^ (1,6B,3\ 104,2». 6,4B, P 'gitr 
mögUch) ; dgntan 24 mal : gman injunktivisch 10, 182, 1^ präterital 
zehnmal, dazu vielleicht 8, 64, 14^. 4, 43, 6**; adur (nur in tvädur 
1, 86, 36«): dür injunktivisch 10, 161, 4«, präterital 6, 49, B». 8, 3, 21» 
und vielleicht 1, 127, 4»; ddhur 2 mal: dhur injunktivisch 4, 6, 6«« 
6, 11, 6«. 7, 34, 18^ 36, 9% präterital 9 mal inkl. 10, 74, 1« (8, 38, 3« 
und 7, 40, 4i 'dhur zu lesen); äyan „sie giengen** 32 mal: yan viel- 
leicht präterital 8,4,6**; avrati 4,61,2«: vran präterital 3 mal, 
vieUeicht auch 4, 6, 8*. 

SoU man den vedischen Gebrauch in Form roher Statistik 



154 J- Wackernagel, 

zQsammenfassen, so sind bei prateritaler Bedeatung 70 Einsilbler 
an 496 Stellen angmentiert, 38 an 136 Stellen angmentlos. Dabei 
sind Stellen, wo o- mit dem Anslant des vorangehenden Wortes 
verschmolzen sein kann, auf keiner Seite in Rechnung gesetzt, ob 
ntm der Padatext o- schreibt oder nicht; und sind alle Stellen, 
wo präteritale Bedentong anch nur denkbar ist, als praterital 
gerechnet. Wenn man nicht erweisen kann, daß anch sonst bei- 
präteritaler Bedeutung Augmentierung drei- bis viermal so beliebt 
ist als Augmentlosigkeit, wird man zugeben müssen, daß auch in 
der vedischen Sprache eine gewisse Abneigung gegen präteritale 
Einsilbler bestand. Vielleicht nicht gleichmäßig gegen alle. Auf- 
fallig ist die Häufigkeit des präteritalen bhot gegenüber der Selten- 
heit z. B. von sthaty die mit dem homerischen G^egensatz zwischen 
9t> und 0tfl (obenS. 148 f.) merkwürdig aber doch wol nur zufallig 
zusammentrifft. 



n. 

Dankbarer und über den bisher innegehaltenen Gesichtspunkt 
hinausführend ist eine Betrachtung des Mittelindischen. Zwar 
fast alle Präkrits haben die alten Präterita mit Ausnahme von 
asi „er war** (nebst Zubehör) eingebüßt. Aber die Ardhamägadhi 
macht von solchen reichlich Gebrauch ; ebenso die älteren Schichten 
des Mittelindischen: Päli und Aäoka. und das Merkwürdige ist, 
daß in allen drei Typen das Augment zwar bekannt, aber seine 
Anwendung fakultativ ist. 

Nach welchen Gesetzen im Mittelindischen augmentierte und 
nicht augmentierte Formen mit einander wechseln, ist, soviel ich 
sehe, bisher nicht festgestellt. Für das Päli lehrt Kaccäyana 
6, 4, 38 (p. 263 Sen.) einfach, daß das syllabische Augment im 
Präteritum arbiträr sei; der Kommentar setzt es in den präteri- 
talen Beispielen zu Buch VI immerhin konstant. Noch weniger 
helfen die Präkritgrammatiker. Zunächst kommt in Rücksicht 
auf das eben bemerkte unter ihnen nur Hemacandra in Betracht 
als der einzige, der die Ardhamägadhi überhaupt berücksichtigt 
(Pischel § 36 p. 38). Und auch er begnügt sich, ein paar Formen 
mit Augment, ein par ohne solches aufzuführen: einerseits ahosi 
„war" (3, 164), ahbavi „sagte" (Komm, zu 3, 162), anderseits käsf 
lähi „machte" fhäsl fhahJ „stand*' (3 , 162). — Die meisten mo- 
dernen Darsteller mittelindischer Sprachen (auch Oldenberg in 
seinen Bemerkungen zur Verbalflexion des Päli KZ. 26, 319 ff.) 
äußern sich zu der Frage gar nicht. Die kurzen Bemerkungen 



Wortamfang and Wortform. 155 

von Henry (Pröds de Grammaire Pälie S. 88 [§ 220] and S. 9B 
[§ 277 f.]) sind insofern nicht zutreffend, als er den vedischen G-e- 
branch vergleicht und die Weglassang des Augments vorzugsweise 
der Poesie zuschreibt. Eine fordernde Beobachtung^) bietet da- 
gegen die nächst Colebrooke älteste europäische Arbeit über Mittel- 
indisch: Bumouf und Lassen Essai sur le Pali S. 127 f. 134; vgl. 
unten S. 160. Die Verfasser schöpften eben direkt und ausschließ- 
lich aus den Texten. Aber auch was sie bieten, bedarf sehr 
wesentlicher Ergänzung und Berichtigung. Sehen wir zu, ob 
sich nicht Gesetze finden lassen'). 

Zunächst geht das Mittelindische mit dem Armenischen darin 
völlig zusammen, daß wo die Yerbalform ohne Augment einsilbig 
wäre, das Augment ausnahmslos eintritt. Bei Asoka aho „war^ (?) 
in Felsedikt 4 (Z. 3 Gim., 13 Dh., 9 Kh., 7 Sh., 13 Maus.). — Im 
Päli ahü ahu „war*' überaus oft: im Suttanipäta 139^ und noch 
zwölfmal, 949^ nähu), Dhammap. 228, Therag. 18^ und noch achtzehn- 
mal, Therig. 26^ und noch neunmal (mähu 67^. 190^), Dighanik. 
2,157,12.15.166,6, Jät. 8,43,13 usw.) 4,389,28 usw. 5,68,28 
usw. ahuni Jät. 8,411,5. 413,20 Therag. 316^ 889* Therig. 159». 
225^. 252*. — Ferner von andern Verben: akani »ich machte^ Jät. 
6,161,1 und akä „machte" J. 6,29,2. 184,5.; aga „gieng" Suttan. 
538*. Jät. 8,256,13. 6,27,23. 161,6, Therag. 340*.; affha „stand*' 
Suttan. 429*; adatfi „ich gab** Jät. 8, 411, 10. Car. Pit. 1, 9, 30; odo „du 
gabst« J, 6, 161, 12 ; adä „gab** Suttan. 303 f. 305*. J. 8, 231, 20 ; addaffi 
„ich sah" (!) Jfit. 8, 380, 6. 18 ; assurp „ich hörte" Jät. 8, 542, 1. — Alle 
diese Beispiele gehören dem ältesten, poetischen Päli an. Die Prosa 



1) Von Burnoaf in seinen Nachträgen zum „Essai** (Journal asiat. 1 9 
[1826] p. 271) allerdings zurückgenommen unter dem Eindruck des regellosen 
Gebrauchs des Mahävaipsa. 

2) Den nachfolgenden Mitteüungen über den Gebrauch des Päli liegen teils 
die Grammatiken von Kuhn und Ed. Müller und Cbilders Dictionary teils eigene 
Sammlungen zu Grunde, die sich auf Suttanipäta [wofür Fausbflls Index mit- 
benutzt wurde], Dbammapada, Thera- und Theri-Gäthäs, JäUka V 1—800, zahl- 
reiche andre Stücke des Jätakabuches, einzelne Sutta- und Yinaya-Texte er- 
streckten. Außerdem verdanke ich Herrn Dr. Ed. Thommen in Basel Mitteilungen 
aus Jätaka III. — Grundsätzlich von der Behandlung ausgeschlossen sind die 
nachkanonischen poetischen Texte, da hier alte, junge und frei erfundene Formen 
durch einander gehen. Das Jätaka und alle Prosatexte sind nach Seiten und 
Zeilen dtiert; die poetischen Texte aufterhalb des Jätaka nach Strophen und 
Padas. — Injunktirische Präterita mit tnä sind nur berücksichtigt, wenn das 
Augment gesetzt ist, nicht wenn es in Uebereinstimmung mit der altindischen 
Regel fehlt. 



156 J- Wackernagel, 

des Pälikanons scheint von diesen kurzem Bildungen nur noch ahu 
za kennen z. B. Dighan. 3, 82, 3. 9. 83, 2, ygl. Childers s. y. ahnde va. 
Der nachkanonischen Prosa fehlt auch dieses. — In der ArdhamägadhI 
abhü in einem Verse '). — Ans keinem der erwähnten Sprachtypen 
sind mir Gegenbeispiele mit einsilbiger Verbalform ohne Augment 
bekannt. 

Soweit besteht völlige Uebereinstimmong mit der armenischen 
Weise. Während sich aber im Armenischen das Augment nur bei 
den Einsilblem findet, ist es im Mittelindischen außerhalb der 
Einsilbler vielfach zu treffen. Zunächst das temporale Augment 
ist zwar preisgegeben bei fast allen vokalisch anlautenden Verben, 
z. B. lautet das Präteritum von iccJuUi bei Aäoka ichisu^ im Päli 
icchi, nicht *ecchi gemäß ai. akchat (vgl. ijjhiritsu Therag. 60*); 
aber wird streng festgehalten bei as- ; daher vom Päli an a$i usw. 
(oben S. 164). Beim syllabischen Augment sind die Tatsachen 
komplizierter. Wir beschränken uns zunächst auf das Päli. Um 
dem Tatbestand gerecht zu werden, muß man sorgfaltig sondern: 
einerseits zwischen den verschiedenen Sprachschichten, anderseits 
zwischen zweisilbigen, drei- und mehrsilbigen, zusammengesetzten 
Verbalformen (die Silbenzahl ohne das Augment gerechnet}. 

Unter den zweisilbigen sind wieder zwei Gruppen zu unter- 
scheiden. Konstant bis ins jüngere Päli wird das Augment ge- 
setzt bei den zweisilbigen Präteritalformen, die ein Imperfektum, 
einen asigmatischen Aorist oder einen -5-(nicht -J-!)-Aorist des 
Altindischen fortsetzen. 

Zunächst an augmentierten asigmatischen Bildungen bietet 
Päli der alten poetischen Texte 

akara^ß „machte** J. 6, 70, 17, 2 sg. alarä J. 6, 69, 13 , 1 pl. akamha 
J. 8,47,4; agamarn „gieng" Therag. 258^ 2B9^ 2.3 sg. agamä 
Suttan. 292^ 976^ J. 8,226,17 usw. 6,251,77, agami Therig. 399% 
3 pl. agamufß Suttan. 290; acchidä „zerhieb" Suttan. 357% acchidda 
Dhp. 351«; adada „gab" J. 5,161,8. 6,571,20,1 pl. Aor. adamha 



1) Dazu wol noch zwei weitere Beispiele. Mit Recht erklärt Pischel Prä- 
kritgr. § 466 p. 830 AMg. accht „may strike" dtibht „may cut" als alte Aoriste 
des Indikativs, die potential gebraucht wurden. Der Bedeutungswandel beruht 
auf dem an den Potential erinnernden Ausgang e der auf altes -chet (zu vedisch 
ektdma) -bhet (v. abhei) zurückgehenden Formen. In o- sieht Pischel das Präverb 
ä. Aber bhidr wird fast nie mit ä yerbunden. So werden wir in aceke abbhe 
lieber Angmentformen erkennen, analog mit ahhü^ und die Doppelung des bbh in 
<Mh€ aus dem Parallelismus mit dem gesetzmäßigen accht erklären, einem Pa- 
rallelismus, der überhaupt für diese beiden Yerba bestand und daher auch sonst 
bbh statt hh bewirkte: so pä. athhida (unten S. 157). 



Wortnmfang und Wortform. 157 

J. 3,71,4; addasam „ich sah** Suttan. 837^. J. 3,411,7. 6,41,21 
UBW. , adassitß Car. Pit- 1, 2, 2, 3 sg. addasä Suttan. 211*. J. 8, 
484,24. 6, 42, 10 usw.; ahravifß „sagte ** Car. Pit 3,6,8^ 3 sg, 
abravf Suttan. 3B5* 986*. J. 6, 1B3, 3. 2B1, 31. Therag. 430*. Therig. 
366* usw. und abruvi J. 2,62,8.20,3 pl. abravunt J. 6,112,30. 
Therag. 720*; abhhidä „spaltete" J. 1,247,29, dbhida J. 8,29,17. 
Dighanik. 3,107,5; amafifiani „meinte" J. 6,216,6; amarä „starb" 
[Fortsetzung einer im Altindischen vorklassischen Präsensbildung !] 
J. 8, 389, 18. Therag. 779*, 1 sg. amarini J. 6,205, 14; avararß 
„sagte" Therig. 429«, 2.3 sg. avaca J. 8,484,17. 6,183,1 265,27. 
Therig. 109«. 415% 3 pL avacutß J. 6,260,4.10; avoca „sagte** 
Therag. 870«. Therig. 494*. Dighanik. 3, 128, 12, 3 pl. avocuTri Suttan. 
691«; ahumha „wir waren" Therig. 30B». 520». (mit dem Auslaut 
von candäla verschmolzen J. 4, 397, 5). — Die Mehrzahl dieser 
Formen findet sich später nicht mehr. Aber addcisarß avocatß mit 
Zubehör sind auch der altern und jungem Prosa sehr geläufig. 
Vereinzelter belegt sind, im Kanon z. B. 2 sg. avaca (Yinaya 4, 
223, 12. 16. 25), später avacafß Dhp. p. 242,5, ahumha Dhp. p. 
205,12; 2 pl. adaUha „ihr gabt" J. 3, 166,21. 

Ebenso die auf dem altindischen IV. Aorist beruhenden For- 
men. Im Singular gehn ahasi „machte") aüMsi „erkannte" affhäsi 
„stand" adasi „gab" adddkkhi „sah^ asakkhi „konnte" assosi „hörte" 
ahosi „war" nebst der zugehörigen 1 sg. auf -iV in überaus zahl- 
reichen Belegen durch alle Texte. Ebenso alattha „nahm" und 
die dazu gebildete 1. sg. alatthatri (z. ß. Therig. 747*=). Dazu 
kommen im Kanon z. B. acchecchi „schnitt ab" Suttan. 355*. Therag. 
1276% 1277«. Ang. Nik. 1,134,6 (Prosa); adhosi ^schüttelte ab" 
Suttan. 787*; ahasi „nahm" Suttan. 469*. 470» Dhp. 3\ 4\ J. 6, 
204,23. 3 pl. in allen Texten: alarfisu (z. B. Therig 1190 adavisu 
atthanisu ahesuni (im Vers z.B. J. 8,393,19); femer addakkhum 
Dighan. 3, 256, 6 (Vers), ahanisu „sie nahmen" J. 6, 200, 6 (Vers), 
assosuTß (häufig in der kanonischen Prosa) aMiriisu „sie erkannten" 
J. 3, 303, 17 (Prosa). — Dazu in später Prosa 1 pl. assumha „wir 
hörten" J. 3, 400, 19. 

Hier überall ist Augmentierung Gesetz. Sichere Ausnahmen 
giebt es fast keine. In den poetischen Texten ^äsi Suttan. 471^ 
dakkhi J. 5, 251, 14, daUhirp, Therig. 146°, hravi J. 6, 204, 28 {^bravl 
205,2. 250,26), sesini „lag" J. 6, 70, 14, seUha „lagst^ Suttan. 970\ 
(während jahutß J. 3,19,23 wol als Rest des Perfekts gefaßt 
werden darf): hier wirkt wol die Freiheit der Augmentweglassung 
aus der vedischen und epischen Poesie nach. Die Prosa ist konse- 
quent: na lattha J. 3,6, 16 kann aus der V.L. {na alattha , nälad- 



158 J- Wackernagel, 

dhafii) verbessert werden; salkhij. 3,47,5424,7 ist wol einfach in 
{a)sakkhi zu ändern, nesi „führte" J. 5, 281, 23 in a<wm>. Oder 
liegen hier erste Anfänge eines jungen Gebrauchs vor? vgl. die 
Ardhamägadhi. — brüvi (Dbg. 133, 18) ist nach S. 159 zu beur- 
teilen. 

Ganz anders die zweisilbigen Präterita auf 1 sg. -im, 2.3 sg. 
'l ohne s davor, die auf den altindischen Y. Aorist zurückgehen, 
mit dem die altindiscbe 3. sg. Passivi auf -i zusammengeflossen 
ist. In den kanonischen Schriften kann hier das Augment beliebig 
gesetzt oder weggelassen werden, immerhin so daß die Augmen- 
tierung stark überwiegt. In den Versen des Kanons sind aug- 
mentiert belegt akarJ Digh. 3, 157, 13 [aus akarä oben S. 166 um- 
gebüdet]; aJchädi „aß** J. 6,203,26; aggahl „ergrifft J. 5,91,4. 160, 
20. Therag. 897% aggahim Therag. 97«. 862«; acari „ wandelte ** 
Suttan. 344«. Therag. 1264«, acarini J. 5, 10, 16. 70, 4. Therag. 423*. 
Therig. 134«, acäri Suttan. 3B4». Therag. 1274»; ajäni „erkannte" 
Suttan. 536»»; ajayi „wurde geboren" Car. Pit. 3,5,1; ajini „ver- 
gewaltigte" Dhp. 3^ 4»»; atari „überschritt" J. 8,453,16. Ang. 
Nik. 1, 133, 11, atari Suttan. 355«. Therag. 1275«; anodi „schrie*^ 
J. 6,49,15; apucchi „fragte" Suttan. 698«. 1037*. J. 8,401,7. 5, 
141, 9. Therag. 4S2\ 949*, apucchitß Car. Pit 2, 6, 5*; aphari „brachte 
in Schwingung" Therag. 18*; aphäli „barst^ J. 6,55,17, apphali 
3,8,21; aphtmtii „erreichte" Therig. 212*; abandhi „band" J. 8, 
232,6; abhafiji „brach" J. 5,204,24; abhanirik „sprach" J. 8,394,3; 
ahhasi „sprach" Therag. 368«; abhuiijl „aß" Therig. 110*; amami 
„meine" Samyuttanik. 1 169, 17; ayäci „bat" Therag. 869*; arakkhim 
„hütete" Car. Pit. 2,6, 12^- dabhitii „nahm" Therag. 198^ 218»». 
Therig. 78»; avadht „schlug" Dhp. 3^4 ^ J. 6,159,24; avandi{^) 
Therag. 869«; avasim „wohnte" Therag. 365*. Therig. 420»; avedi 
„hat erkannt" Vir. 1,2,16; asamsi „lehrte" J. 8,426,6. 6,51,17; 
asiinifii „hörte" Therig. 338*»; asevi „diente" Therig. 93^ — Dazu 
die 3 pl. auf -mi?i, wie acaruTp. Suttan. 289*, ataratfi Suttan. 1045*, 
anaccufß „tanzten" Therag. 164«, avindur(i „fanden" J. 1, 109, 15. 

Diesen augmentierten Formen stehn in denselben Texten fol- 
gende augmentlose gegenüber : kari(fp) J. 6, 205, Ikhaditfi ; Therag. 284« 
gatfiki [in der Form der Wurzelsilbe imursprünglicher als die aug- 



1) Besondrer Art ist vedi „weifi" mit schwankender Quantität des Aaslauts 
(Suttan. 467k. 643». 647«. [= Dhp. 428*]. 878«. 1148^. Therig. 63«). Es ist aus 
ai. und p&. -vidi (Nom. sg. zu 'Vedin-) „wissend** verselbständigt, als Prädikat 
Yerbal konstruiert (ygL pä. disvä aus ai. c^ä) und formal in die Analogie 
obiger Präterita getreten, ohne Präteritalbedeutong anzunehmen, vgl Chüders 
8v.; doch beachte man avedi oben 



A^ 



Wortomfang and Wortform. J59 

mentierte^Form!] J. 6,168,8; cäri Therlg. 79\ 123^ cavi „fieP J. 
6,168,8; chupi „berülirte*' Therig. 614^; jukini „opferte" Therag. 
341'*; dhovi „wusch" Therag. 897% dhovirß Therlg. 412**; pucchi 
Suttan. 98«; bhasi Vir. 1,7,6; bhufiji Therig. 88*; yajini opferte" 
Therap. 341*; labhi Suttan. 994*; vadhl J. 6,51,10; vasi Suttan. 
977«; mnditß „fand" Therig, 79*. — Nicht können zählen die Fälle, 
wo -a -e '0 oder wo -a im Auslaut eines Mehr silblers yorausgehn; 
das triflPt gacchi „gieng" Therig. 129», ganhi Therag. 1024*, carirß 
Therig. 107% pati „fiel" Snttan. 1027*, pucchi Suttan. 1024% 1031*, 
yäci Therig. 516% vandi „grüßte" Suttan. 252«, vasi J. 8, 14, 4). 

Die wenigen Beispiele, die ich aus der kanonischen Prosa zur 
Hand habe, erweisen für diese ein ähnliches Schwanken ; augmentiert 
apäyi „trank" Dighanik. 3,139,26; apucchi Suttan. p. 93,19. 94, 
16. 96,10. 96,6; abhäsi Dighanik. 3,167,2.7. 11.17; — nicht 
augmentiert cari Majjh. Nik. S, 78, 6, pucchi Suttan. p. 92, 24 ; 
vasi Vin. 1, 79, 28 ; \iandi Dighanik. 3, 163, 29 hinter -ä). 

In der nachkanonischen Prosa hat dieses Schwanken aufge- 
hört. Weglassung des Augments ist durchaus Regel geworden *) : 
Jcampi „erzitterte" J. 8,491,10. 6,162.24 usw.; k^i „spielte" J. 
8,301,9. 5,193,16 usw.; kujjhi „ward zornig" J. 8,16,12; khadi 
„ass" J, 8, 10,23 usw. 6,162,12, „aßest" 8,640,6, khadi^i J. 8, 
640,9; khayi „schien" J. 6,289,16; khipi „warf« J. 1,136, 9 usw. 
8, 298, 16 usw. 6, 187, 6 usw.; ^önAi „ergriff" J. 8, 28, 11. 30, 12.296, 10 
usw. ; garahi „schalt* J. 6, 252, 9 ; gayi „sang" J. 6, 289, 10. 20 ; chindi 
„zerhieb" J. 3,41, Uff. 184,8ff.; jäni „erkannte" J. 5, 281, 19; 
jayi „ward geboren" J. 3, 1,13 ff. 6,247,10; dubbhi „kränkte" J. 
8, 13, 16 ; dhovi „wusch" J. 8, 10, 18; nadi „ließ ertönen" J. 1, 64, 2 ; 
paii „fiel" J. 3, 231, 27. 5, 248, 23 ; passi „sah" J. 3, 140, 9 usw. Dhp. 
p. 316, 5; pivi „trank" J. 6, 162, 13; pucchi „fragte" unzähligemal ; 
phari „erregte" J. 6, 293,6; phali „barst* J. 3, 8, 16; hhassi „stürzte 
herab" (zu bJuissaii ai. bhrarßi-) J. 8, 62, 16 ; bhijji „wurde gespalten" 
J. 8, 231,26. 6, 199, 10; muüci „Ues los" 5, 288, 6. 289,4; yoci „bat" 
J. 8,183, 17 usw. 5, 286, 9 usw. Dhp. p. 194, 18; rodi „weinte^ 
J. 4, 126, 25 f.; io^pi „blieb stecken" J. 8,26,2; labhi „nahm" 
J. 8, 19, 20. 366, 24. 424,28 usw., labhini J. 8, 424, 23. 26; 
vaddhi „wuchs (?)" Dhp. p. 316,30; vandi „begrüßte" J. 6,286,12; 
vasi „wohnte" sehr häufig; vasirß J. 3,11,19; sayi „lag" J. 1,297, 
26. 8,40,6. 6,263,2; sari „erinnerte sich" J. 5,248,21. 261,24; 



1) Belehrend Jftt. 2, 8, 16 hadayatj^ phali Prosafassung fOr t, 8, 21 hadayam 
. . . apphali des Verses; ebenso S, 401, 4 pucchi in Prosa; 8,401,7 apucchi im 
Vers; S, 538, 19 khadi in Prosa: S,539, 1 akhOdi im Vers. 



160 J* Wackernagel, 

auni „hörte" J. 3,43,18, sunim 8,44,1. 18; soci „trauerte" J. 4, 
125, 26. 

Wirkliche Ausnahmen giebt es nicht. Das alabhi^ das für J. 
5, 262, 7 die singhalesische Überlieferung bietet und Fausbell in 
den Text setzt, muß, wie der Zusammenhang zeigt, entweder durch 
das na labhi der birmanischen Überlieferung ersetzt oder in deren 
Sinn mit privativer Bedeutung des a-(! ?) verstanden werden. Frag- 
lich wird asumhiy was Kern Verhandel. 1888, 10 für J. 3,436,21 
vorschlägt. Ist wirklich das überlieferte ä-sumhi nicht zu dulden, 
weil sunth' stoßen so wenig als ai. sutubh- mit a verbunden vor- 
kommt, so muß är gestrichen, nicht in a- verändert werden. — 
Die Formen auf -*, in denen a- feststeht, sind alle besonderer Art. 
Das fast auf jeder Seite begegnende abhas-i „sprach^ verdankt 
die konstante Augmentierung seiner Ähnlichkeit mit den normal 
augmentierten -^i-Aoristen (S. 157) dkäsi adäsi affhasi ahäsi usw. Die 
par andern auf -s-i ausgehenden , wie passi bhassi vassi hatten ä 
und doppeltes ss und lagen vermöge dessen von jenen Formen 
zu weit ab, um auch unter ihren Einfluß zu geraten. Ein par 
andere Präterita sind mit der S. 156 besprochnen Gruppe ver- 
wandt und nehmen in Folge dessen an ihrer Augmentienmg teil: 
so dkarim Dhp. p. 97, 5 und amaMi Dhp. p. 315, 14 [wenn hier 
der Überlieferung zu trauen ist], sowie agami J. 6, 288, 26 [wofür 
indessen wol die Variante agamäsi in den Text aufzunehmen ist]. 

Woher stammt aber der wachsende Gegensatz in der Be- 
handlung der Aoriste auf 4{m) und derer auf 'Si{m\ den schon 
Burnouf und Lassen Essai S. 127 f. bemerkt haben (vgl. oben 
S. 155)? Weder in den Formen selbst noch in den altindischen 
Grundformen ist ein Anlaß zur Unterscheidung gegeben. Der 
Anlaß kam vom Plural: neben 'Si{rn) standen von Haus aus die 
Ausgänge 1. pl. -m/«a 2. pl. -ttha 3. pl. -sum -fßsu^ es folgten also 
auch im Plural auf das Augment nur zwei Silben. Dagegen dem 
'i{fii) antworteten im Plural von Rechts wegen 1. -imha 2. -ittha 
{'iffha) 3. 'ifßsu ; es folgten also da auf das Augment drei Silben. 
(Ebenso in der ursprünglichen 1. sg. auf 'Ls[s]ain: Oldenberg KZ. 
25,321, vgl. unten S. 162). Daß die ältere Sprache im Widerspruch 
zur altindischen Grundlage Formen wie acaruni Suttan. 289**, 
atärn{m) Suttan. 1045^, avindum ;,fanden" J. 1, 109, 15, anu-ssarufß 
Therig. 120**, upävisuni Therlg. 119*, n'mnadutn J. 5,49, 16, pa-klcan- 
dufß Suttan. 310% in der Prosa abhi-nanduni Majjh. Nik. 3, 247 fin. 
(und sonst ibid.) atirkkamurii (Oldenberg EZ. 25, 322) bildete, kommt 
nicht in Betracht. Nun aber zog, wie sich gleich erweisen wird. 
Dreisilbigkeit frühzeitig Augmentschwund nach sich. Dies wirkte 



Wortumfang und Wortform. 161 

auf den Singnlar zurück: weil man z. B. pucchiriwt sagte^ bevor- 
zugte man pucchi vor apucchi. 

Bei di'ei Gruppen von drei- und mehrsilbigen Präterita 
sitzt das Augment allerdings fest. Erstens bei den bis in die 
späte Prosa üblichen Erweiterungen von agam- und addas-, ka- 
nonisch belegt z. B. in agamasl J. 8, 226, 23. 6, 166, 29. 264, 22. 
Therag. 49(H, agamartisu J. 5,54,14, addasosi J. 5, 168,16, Therlg. 
309«, addasasiffi J. 3,256,22. 5,165,23. 173,5. Therag. 287«. 622». 
912» {addasami 1253«. Therlg. 135») , addasanisu J. 8, 80, 26. Vin. 
1, 23, 11. Richtig lehrt Kuhn Beiträge 114 „Anlehnung an die 
geläufigere Analogie der Formen auf -si -stirii^. Man wird speziell 
die Formen von da- fhä- als Vorbild betrachten, mit deren kür- 
zerer Bildung die Verba gam- dass- in der 1. pl. reimten (adassäma 
J. 3, 355, 17 (Vers) Majjh. Nik. 3, 140, 13). Das zog einerseits 
ä für ä in der 3. sg. und 2. pl. {adassdtha im Vers J. 5, 55, 23) 
nach sich ; anderseits, weil ada : adasi und adum : adamsu neben ein- 
ander lagen, -äst -arnsu für -ä 'tifß in der 3. sg. und pl. Vereinzelt 
haben auch avacatfi und avocam eben solche Erweiterung erfahren : 
avacäsi Therag. 14*, avocOsi Suttan. 680**. 685«. Dagegen avacasmi 
„ich sagte^ in dem Vers Jät. 5 , 166, 27 muß für avac{ain) asnü 
stehen mit asmi im Sinne von aham. Vgl. apttcchasi (l) „du 
fragtest" Suttan. 1050*. Diese verschiedenen Erweitrungsformen 
nahmen an der konsequenten Augmentieruug der unerweiterten 
Form teil. — Ebenso ist die Augmentierung üblich bei solchen 
drei- und viersilbigen Formen, die zu alten Imperfekten oder pri- 
mitiven Aoristen mit dem Eennlant ä gehören. Dahin aus der 
Poesie: addasänia addusätha (s. oben); adahyata ;,brannte" J. 5,252,9; 
adissatha „wurde gesehen" Therag. 172^; apaccatha „wurde gekocht" 
Therag. 1187^ 1188^ ahhäsatha „sprach" Suttan. 30^. 409< 419^ 
Therag. 460^. 483^. 630^; amaMatJui „meinte(st)" J. 5, 71, 17. 21. 
284,29; ahlratha „wurde genommen" J. 5,253,2; alaramhase „wir 
machten" tmd ahiivamhase „wir waren*^ J. 8, 26, 18. In kanonischer 
Prosa außer adassäma (Majjh. Nik. 3, 140, 13) agamittha „geht" (mit 
mä) Vin. 1, 21, 4 und ahuvattha Dighanik. 3, 147, 16. Letzteres auch 
nachkanonisch Dhp. 105, 13. Vgl. avacuitha aus Pät. 5 bei Kuhn 
113. Abweichend in Versen chijjatha „wurde zerschnitten" Therag. 
1055^ und dadamhase „gaben" J. 8, 47, 3. — Nicht bloß formal 
charakterisiert ist die dritte Gruppe. Beim Kondizional scheint, 
wie auch £. Thommen bemerkt hat, das Augment obligatorisch 
zu sein; in der 1. sg. war nur so sichere Scheidung vom Futurum 
möglich. So z. B. Vin. 1, 3, 20. 25. 38 abhavissa „wäre(8t)", 1, 13, 31 
ahhavissariisu „wären**; J. 8, 30, 6 sacc . . . abhavissaj . . adassatn 



162 J* Wackernagel, 

^weim du wärest, würde ich geben*', J. 8, 35, 10 sace aiahhissätna 
„wenn wir nähmen*^, J. 5, 264, 1 sace so idha abhavissa, na me . , . 
adassa ,,wäre er hier gewesen, so hätte er mir nicht . . gegeben" ; 
Dhp. p. 292, 11. 12 asakkhissa „könnte" alabhissa ;,nähme". 

Im übrigen zieht Ausdehnung auf drei und mehr Silben von 
früh an den Verzicht auf das Augment nach sich. Im Suttanipäta 
ist er noch selten; achtzehn augmentierten Formen an zweiund- 
zwanzig Stellen stehn nur vier sicher nicht-augmentierte gegen- 
über. In der übrigen kanonischen Poesie scheinen sich beiderlei 
Formen ungefähr die Wage zu halten. Der Tatbestand ist im 
Einzelnen folgender: 

a) Bei den zum altindischen Y. Aorist gehörigen Formen auf 
'is{s)ani in der 1. sg. (Oldenberg KZ. 26, 321; Belege außer im 
Nachfolgenden auch bei den Komposita S. 165 ff.), auf -imha in 
der 1. pl., auf -ittha in der 2. pl. (vom Medium ans auch als 

2. 3. sg. und mit -arß als 1. sg.), auf -isutii -itßSii in der 3. pl. : 
Augmentierung in cyacchisarn „gieng" Tberag. 258*, apaccisarß 
„wurde gekocht" Therig. 436^, apucchissatri „fragte" Suttan. 1116% 
ahhufijisarn ^genoß** Therag. 1056*, ama9ifiissani „meinte^ Therag. 
765'*; ajTvimha „wir lebten" J. 8,47,3, adosimha „wir gaben" 
J. 8, 120, 11. Therig. 518^ apucchimha „wir fragten" Suttan. 875*. 
J. 6,120,15 (Fausb. -amha), avasimha „wir wohnten" J. 4,397,4; 
adissittha „wurde gesehen" Therag. 170», amaMütha ^^denke" Therag. 
280*, alabüthani „nahm" Therag. 217*; acärisutß „betrieben" Suttan. 
284*, acarirßsu 1128% atärirßsu „überschritten" Suttan. 1046*. 1080f, 
apucchiffisu „fragten^ Therig. 417% abhosisutß „sagten" Therag. 3*, 
abhufijifßsu „genossen" Therag. 922*'. 923% amaMisutß „meinten" 
Suttan. 286% avattifßsu „befanden sich" Suttan. 298*; — Nicht- 
augmtetierung in maMisarri Therag. 342«. 424*, vandissarß „grüßte" 
Therag. 480*. 621*; carimha Therag. 138*; vanimhase „sollen wir 
wünschen'' J. 2,137,28; pajjMha Therig. 396»» ; Uninisu „kauften" 
Snttan. 290% canntsu Suttan. 289*, dhävifßsu „liefen" J. 6, 49, 18, 
nayifßsu „führten" J. 6,173,2, pucchiriisu J. 6,55,21, phusinisu 
„berührten". Therag. 725% ruccitßsu „gefielen" J. 6, 70, 7. — Formen, 
denen -a -e -o oder -a im Auslaut von Mehrsilblem vorausgebt, 
sind unverwertbar. So dahJchisam Therag. 84*; khädinisu „aßen" 
J. 6, 255, 22; jinimsu „besiegten" J. 3, 409, 14; tandifpsu Therig. 
121*; vijjirßsu „waren" Therag. 439*; haninisu „töteten" Suttan. 
295 f. 297*. J. 1, 256, 7. — Seltsam jäyetha im Sinne von jäyitßsu 

3. 5, 72, 2. 

b) Bei denen auf -ayi -ayim -ayütha -ayurit -ayhfisu Augmen- 
tierung in akappayi „veranstaltete* Suttan. 978*, aJcütayl „erklär- 



lest' Suttan. 87a«: oftiafi .fiog' J. 2,22.23: o^ji^Ha^i ^lieS 
toten, tötetest' Svttan. BOB«. J. i, 69, 13; gct^^i ,trieb an« 
J. 5, 112, 14: aeAedmfi .zendmitt^ J. S, 43, 2. &. 144. 3: at^rm^ 
,bnchte8t hhifiber* Suttan. 539^. 540^: ato.<a^i .bcnilugte' Tberig. 
292^; a<i»iyi ^ehrte* Svttan. 233«. 234V Tlierag. 9Q2<: n^Xass^ 
,erreklite« TWig. 322«. 323^. 324'; abkäsa^i .sagte« Tberag. 338^; 
ayüjayf .Keß opfern* J. 8, 518, 6; — akärofim ^übte ans* X S, 373. 17. 
Therag. 914^; adhar^tfim ,tnig' Tlierag. 283^; apikass^fim Tberig. 
433*: aloaifim .aah' Therag. 283^ ; — nfnokaj^ttha .betörte* Sattan. 
332*; arücafHÜM ,£uid 6e£dlen' Snttan. 252*; — akafpaw^m Sottaa. 
295*; — akafpayhmsH Snttan. 458^. 1043*; aroanfimsH «fukden Ge- 
fallen' Therag. 724. — Nichtangmoitierung in fhäduwi ^de^e^ 
J. 5, 49, 11: dkwiiyi .schnitt ab* J. S, 42, 6. 11; fdniyi .ök* J. 
8, 141,4; deutfi Therag. 902*; dhärayi .hielt' J. 8,380, 11. Ä, 15a 14. 
Therag. 897*; ra/nyl ,farbte' Therag. 897*; vattofi .ließ rollen* 
J. 5, 158, 18: c«feyi .yerstand' Snttan. 251*; — rkadJa^m ,ver- 
sichtete' Therag. 512*; ph*tsatfim .erreichte* Therig. 149*. 155*; 
södiffim .madite zn nichte' Therag. 284*. (Hinter ä oder Mehr* 
silblem aof a, wo ' denkbar: jana^i .gebar' Therig. 162*; ;>i/<i¥i 
.drückte' J. 6, 204, 10: lampafim „erschntterte' Therag. 1164*. 
1192*. 1194*; päiafimsH ^brachten zn Fall' Therag. 262*; «•«,»- 
tfim^ .losten' J. 6, 166, 17). [ciniesim J. 6, 570, 19]. 

c) Bei denen anf -esi -eshsi -tsum Angmentiemng in afthaiifsi 
^errichtete' Therag. 38»; adesesi .lehrte' Suttan. 1137». Therag. 
1254». Therig. 43« nsw.; avodesi J. 1, 293, 23 [inschriftl. mit ava^si 
citiert!]; aräsesi .beherbergte' J. 5,33,18; — agpahe^um .er- 
griffen'' Snttan. 847«. J. 5, 166, 26: — mit -osi st -<.^i atoikaisi 
„betrog' J. 5, 143, 23. — Nicht angmentiemng in kappesi .be- 
reitete' Therag. 367*; dniesi .dachte* Car. Kt. 1, ai«; ttkhsi 
.trieb an' Therag. 376*; fhapesi Therig. 25*; desesi Therag. 767*. 
995*. Therig. 306*. 317*; pujesi .ehrte* J. 5, 107, 17; vaiittsi Snttan. 
356*; — bhakkhesini .ich aß«* J. 5, 70, 7. (Hinter -d -r -o oder 
Mehrsilblem anf -a iopesi .erzürnte' J. 5, 182, 30; desesi Therig. 
201«; dkäresi .hielt' J. 5, 158, 13; pOesi .drückte" J. 8, 62, 8; 
posesi .ernährte' J. 8,484, 15; vedesi J. 3,43,4; khanibhest^ .be- 
festigte' Therig. 28«.) 

d) Endlich titikihim .erduldete' J. 5, 173, 3; fionuissi , verehrte' 
Therig. 87* ; natnasshfnsu Therag. 628*. (Hinter -€ cankamim .wan- 
delte*' Therag. 272«; namassintsu Snttan. 287*.) 

In der kanonischen Prosa scheint Nichtangmentiemng vorso- 
herrschen. Anßer abhasittha .sprach' (in den Nachworten zn den 
Strophen der Therag. nnd Therig.), akampittha .erzitterte' Dighan. 



164 J. Wackernagel, 

1, 46, 29, asayUiha „ruhtest** Ang. Nik. 1, 136, 27, -tthatn 1, 136, 28 ff. 
habe ich nnr Beispiele ohne Angment zur Hand, a) näharii sak- 
Tchissatß „ich konnte nicht" (V. E. nasakkhissaw) Ang. Nik. 1, 139, 1.28. 
140, 22, dahyimsn „wurden verbrannt '^ Dighan. 3, 164, 14, pucchimsti 
Vin. 4, 223, 27, phalimsu „barsten** Dighan. 3, 106, 23. 107, 10. 
1B6, 37, vandimsu Dighan. 3, 163, 32, harimsu „nahmen** Dighan. 
3,166,29; c) kathesi Majjhiman. 3,145,4. Vin. 1,15,36 usw., 
kappest „richtete her** Dighan. 3, 134, 30, düsesurp. „kränkten** Vin. 
1, 79, 22, desesim „lehrte*' Dighan. 3, 75, 27, pothesurn „bewegten** 
Dighan. 3, 96, 22, vefhesum „hüllten ein** Digh. 3, 161, 35 ff., und 
dandapestirn „straften** Vin. 4, 224, 8. 14, handhäpesuni „ließen 
binden** Vin. 4, 224, 12. 14, vanddpesi „ließ begrüßen** Dighan. 
3, 148, 27; d) sussusiTiisu „horchten** Vin. 1, 10, 8 [carirnsu Majjh. 
Nik. 3, 76, 26, käresi -sum 3, 78, 3 f. 23]. 

Es versteht sich, daß die nachkanonische Prosa das Augment 
nun ganz ausschließt. Beispiele aus Gruppe a) sind (außer den 
schon kanonischen nayirßsu pucchimsu) labhimha „wir nahmen** J. 
5, 163, 15. Dhp. 236, 10; vaficimha „ynr wurden getäuscht** Dhp. 
194,4; sarimha „wir erinnerten uns** Dhp. p. 188,20; karimsu 
„machten** J. 8, 6, 2 usw. Dhp. p. 129,17 usw.; küimsu „spielten** 
J. 1,54, 14; khadimsH „aßen** J. 1, 368, 11. 5,288,25; ganhiyisu 
„ergriffen** J. 4, 125, 11; gamimsu „giengen** J. 8, 62, 4; garahinisu 
„tadelten** J. 8, 27, 18. 6,280,18; gäyivmi „sangen** J. 8, 62, 6. 
5, 249, 11 f. ; jänirnsu „erkannten** J. 8, 2, 19 ; jlvimsu ^lebten** Dhp. 
p. 335, 21 ; paeiriisu „buken** J. 6, 288, 23; bhaminisu „irrten umher** 
Dhp. p. 315, 15; yujjhimsu „kämpften** J. 8, 400, 27; labhimsu 
„nahmen** J. 8, 3, 19 usw. Dhp. p. 129, 17 usw.; vadimsu „sagten** 
J. 8, 1, 74 usw. Dhp. p. 129, 3 usw. ; vaddhinisu „wuchsen** J. 6, 263, 6. 
282,3; vasimsu „wohnten" J. 8, 1, 7 usw. Dhp. p. 129,5; sakkhirfisu 
„konnten** J. 5, 289, 15; hasimsu „lachten** J. 5, 292, 9. — Beispiele 
aus Gruppe b) sind dhümäyl „rauchte** J. 1,360,15 (zweimal); ka- 
thayiriisu „erzählten** J. 8,63,20; cintayiifisu J. 5,229,23. Dhp. p. 
226,23; vattayimsu ;, verrichteten** J. 5, 261, 23; värayimsu „hielten 
zurück** J. 1, 360, 9; sajjayirnsu „machten bereit** J. 8, 10, 7. 446, 15. 
— Beispiele aus Gruppe c)^) sind (außer den schon kanonischen 
kathesi kappesi cintesi cintesim) kathesirp, J. 8, 369, 16, -sum 3, 256, 16. 
8, 14, 1 ; käresi „ließ machen** J. 3, 2, 7 usw. 8, 317, 9 usw., -sim 
8, 11, 21, 'Suni 8, 1, 10 usw. 4, 129, 31; khepesum „verlebten** Dhp. 
p. 129, 16; Jiäteshri „tötete** J. 5, 262, 13; glwsesurß „proklamierten** 



1) Daß in denen auf -tsi das Augment fehle, bemerkten Burnouf und Lassen 
Essai 134. 



Wortnmfang und Wortform. 165 

J. 8, 445, 5; ff^pesi „stellte auf" J. 8, 3, 2 usw., -sifß J. 8, 366, 26 
tqjjesi „drohte" J. 4, 124, 22; dassesi ^zeigte" Dhp. p. 315,20 usw 
J. 8, 10, 24. 5, 286, 15, -suffi 8, 30, 20; dapesi „ließ geben*' J. 8, 3, 1 
Dhp. p. 236, 16; pOtesi „warf nieder" J. 8,231,26; püresi „füllte* 
J. 8, 5, 2 f. 4, 130, 10 usw. ; pothesi „schlug" J. 1, 297, 23. 8, 231, 14 
Ihojesi „ließ essen" J. 8, 301, 6. 6, 290, 14; makkhesi „rieb" J. 8, 10, 19 
mantesi „gieng zu Rat^ J. 5, 263, 17; maresi „tötete" J. 8, 801, 7 flP. 
niocesi „machte los" J. 8, 183, 24 f.; yäpesi ;,lebte" J. 6, 152, 11 
162, 11; väresi „hielt zurück" J. 8, 16, 11. 13. 5, 193, 13; vOsesi 
„ließ wohnen" J. 8, 229, 6, -suip^ J. 8, 1, 12; und nach dem Typus 
-apeti karäpesi „ließ machen" J. 5,286,28; hhamOpesi „erwirkte 
Verzeihung" J. 8, 16, 12. 369, 17 usw. 5, 160, 37 usw., -suni J. 
8,427,23; ganhäpesi „lehrte" J. 6, 228, 26 ff.; fhapOpesi „ließ 
aufstellen" J. 1, 54, 1; bhäyäpesi „setzte in Furcht" J. 8, 99, 21 ; 
nie^si „bereitete" J. 6, 280, 24; vaddhapesi „erhöhte" J. 8, 9, 25. 27; 
vasapesufß „machten wohnen" J. 8, 366, 11 ; vassapesi „machte regnen" 
J. 5, 201, 14; sukkhapesi „trocknete" J. 3, 491, 11. — Sichere Bei- 
spiele von Augmentierung giebt es nicht. Die Variante aggalieai 
für das vom Herausgeber vorgezogene ganhi J. 8, 246, 26 ist ohne 
Belang. Und akarimha im Kommentar J. 8, 26, 21 f. ist entweder 
durch die dort glossierte Gäthäform akaramhase bedingt oder 
durch die afcar-Formen, vgl. oben S. 160. 

Endlich die Präterita zusammengesetzter Verba. Unter 
diesen kommen die mit ä und die, wo hinter einem Präverbium 
auf -a eine mit Doppelkonsonant beginnende Verbalform steht, als 
nach keiner Seite entscheidend in Wegfall. Soweit die Formen 
klare Auskunft geben, ist auch hier eine wachsende Neigung das 
Augment wegzulassen bemerkbar. Ganz selten ist Augment hinter 
mehrfachem Präverbium, und für Augment hinter abhij ni, pi^) 



1) Also z. B. J. 8, 11, 2 pi-landhi von pi-landhaü „(als Schmuck) anriehen*'. 
Durch die yon Chüders ingeniös erkannte Abstammung aus ai. pi-nah- „anbinden, 
anziehen^ ist dieses Verbom für ans zwiefach lehrreich. Erstens liefert 
'landhaH für das im P&li hinter o bewahrte -nandhaii einen weitem Beleg fGUr die 
bes. von Schulze KZ. 83, 226 A. und Qrammont Dissimü. 66 ff. besprochene Dissi- 
milation von n zu 2 vor einem in derselben Sübe folgenden und einem andern 
Konsonanten vorausgehenden Nasal und reiht sich damit sehr schön an pS. Mi- 
linda: gr. Mivavdffog an. Zweitens ist dieses -nandhoH -kmdhati auch beleh- 
rend für das ai. näh-. Offenbar ist es bandhoH „bindet*' nachgeformt. Als Qrund 
für diese NachbUdung genügt aber nicht die Gleichartigkeit des -to-Partirips der 
beiden Verba (ai. naddhci- pinaddhch von näh-: baddha- pi-bitddha- von bandk-), 
da im Päli -addha- auch bei andern Verben vorkam, wie in laddha- von labhaH, 
passaddha- von passambhati, also von -naddha aus auch ein Pr&sens *'nabhati 
oder ^-nambhati h&tte gebUdet werden können. Vielmehr muß , damit -nandhoH 

Kft 0«. d. YTim. Naohriekton. PhUolor.-kiitor. Umm 190S. Htfl S. 12 



166 J. Wackernagel, 

habe ich keinen, für solches hinter ava (o), nir, vi nur je einen 
Beleg znr Hand. 

Zunächst die kanonische Poesie zeigt hier folgenden Gebranch ') : 
Mit ati Angmentierong in acc-iigamä Snttan. 8^, -agä Snttan. 368^ 
Dhp. 413^ Therag. 1278«, -atari Suttan. 948% -avattatha J. 8, 484, 
27, -^isarini J. 6, 70, 1, -<isari Snttan. 8\ 13% -ahäsi J. 8, 484, 16. 28; 
up-acc-agä Snttan. 333*. 636^ 641^ 827«. Dhp. 315«. 412^ 417*^. 
Therag. 403^ 653«. 1004«. 1005«. Therig. b\ J. 5, 40, 18, -agani 
Therag. 18P, -aguni Therig 4^ Ang. Nik. 1, 142, 21 ; Nichtaugmen- 
tiemng in atirnämayi Therag. 366^ — Mit adhi Angmentiernng 
in ajjh-agacchi J. 5, 265, 19, -agant Therag. 406«. Therig. 67«. 339^ 
'ogama Snttan. 5*. 379«. Therag. 893^ 1218«. 1265\ J. 8,415,22, 
'ogamhß Therag. 117«. 349«, -agä Snttan. 204«. 22b\ 723«, -agäkayi 
J. 6, 255, 16, -a^ö Snttan. 330«. J. 1, 256, 7. 8, 38, 7, -^ibhasi J. 5, 51, 8, 
-aväsayi Dighanik. 3, 157, 14 (= Therag. 906^) ; sam-ajjh-agani Therag. 
260«; Nicht -Angmentiernng in adhi-gafß Therig. 122«, -gacchirß 
Therig. 221«, -gacchissani Snttan. 446«. — Mit anu Angmentiernng 
in anv-akasi Therag. 869^, -agaüchim J. 6, 166, 23, -agä J. 5, 258, 7 
= 25, -agü Snttan. 586«. Therag. 469^; Nichtaagmentiernng in 
anu-bandhiTji Snttan. 446**, -modi J. 6, 568, 12, -yufijisafii Therag. 
167^ -rakkhini J. 2, 6, 12», -sosayirß Therag. 914', -säsi Therig. 44^ 
'Ssarirß Therag. 165« nsw. Therig. 100^ usw., -ssaruifi Therig. 120^ — 
Mit apa Angmentiernng in apanudi Dhp. p. 96,21 (Vers), by-apä- 
nudi Therig. 62«, 131«. 162«. 318«; Nichtangmentierang nirgends. 
— Mit ahhi Nichtangmentiernng in abhi-jjhäyiffisu Snttan. 301«, 
-nOdayi J. 2, 8, 19, -ramini Snttan. 1086% -vädesm Therag. 425«. 427«, 
'Saifisütha J. 6,174,1, -härayirß Therig. 146«. (Ist für Mhi-häsi 
J. 5,169,23 abbh-ahäsi zn lesen, als einziges Beispiel von Ang- 
mentiernng hinter abhi?) — Mit ava (o) Angmentiernng in avä- 
hayi J. 2, 364, 25 (zn o-hadati |,bescheißen" Kern Verhandel. 1888, 5); 
Nichtangmentierang in avormaMatha Snttan. 314«, okkamitii Therig. 



za Stande kam, aoch die begriffliche Verwandtschaft von nah- und bandh- wirksam 
gewesen sein. Wenn diese aber im Päli wirksam war, kann sie es auch im Alt- 
indischen gewesen sein , und püandhaH stützt die Annahme, daß ai. naddha- und 
aberhaapt der Dental in Formen von nah- auf dem Vorbild von bcmdh- beruhe 
(vgl meine al Gramm. I 250. § 227 aA). Die jetzt beliebte Rückführung von ai. 
ndk- auf ig. nidfh, also von ved. nähyämi zunächst auf *nddhyäm% widerspricht 
den bekannten Lautgesetzen. Eine grundsprachliche Wurzel nedh- ist auch sonst 
nicht zu erweisen; osk. neasitruw samt Zubehör gehört begrifflich zu ai. nidiyäs 
und ist wol auch lautlich mit ihm zu vereinigen ; vgl. Planta Gramm, der oskisch* 
umbr. Dial. 1 878. 

1) Formen von paläyati wie palitiha J. 5, 258, 14 lasse ich bei Seite. 



Wortmnfang und Wortfonn. 167 

436*. 438^ 'tarifß Therag. 345«. Therig. 236^. 237^ 244^, -dahi Therag. 
774*, -dhesim Therag. 995*, -Ukhiffi Therig. 88^ -lokayJ J. 6, 47, 26, -vadf 
Therag. 626*, -vodirp, Bnddhavamsa 26, 4\ — Mit u d Angmentiertmg in 
ud-acchida Suttan. 2\ 3% -atärini Snttan. 471». J. 3, 317, 16, -apajjcUha 
Therag. 269^ 1254*, -apcUta („flog auf") J. 8,484, 22 nach Kern Ver- 
handeL 1888, 45, -apattha (id.) J. 6, 255, 17 nach Fansb. [die Handschr. 
-3 {ani)patva] -apadi J. 8, 29, 5. 5, 23, 12. 49, 21, -oWodAl (?) Suttan. 4*; 
Nichtaugmentierung in uggacchifji Therag. 181^, uf-fho^n^ Therig. 96« ; 
sam-uc-chindi Therag. 1184«, sam-tif-fhäsi J. 5,70,29. — Mit upa 
Augmentierung [abgesehen yon upägam- u. ähnl., wo upa-än yor- 
liegen kann] in upavisi Suttan. 418*. J. 6, 264, 28, -i^ Therag. 34*. 
317*. 408«. 517*. Therig. 70\ 115*. 136^ 148\ 154*. 178*, -utß 
Suttan. 415^ Therig. 119* ; Nichtaugmentierung in uporkasini Therig. 
39«, -gacchifii Therig. 31«, -gaücU Car. Pit 2, 6, 9*, -ga^hitß J. 8, 85, 11. 
Car. Pit. 2,6,2*, -gamini Therig. 410^ -danisayi Therag. 335^ -wfl- 
mayt Therag. 1055^. J. 5, 170, 4, -nämayufß Therag. 474*, -nesi J. 
5,54,24, -pajjatha Therag. 30*, -pajjimha Therig. 519«, -vassii) 
Suttan. 402». — Mit ni Nichtaugmentierung in ni-patt Suttan. 
310*. J. 6, 170, 7, -patim Therig. 17*, -patifusu J. 6, 72, 1 , -mantayi 
Suttan. 581*, -mimhase J. 3, 369, 17, -^ojayi Therig. 125*, -väresi 
Suttan. 139«. 288«, -sfdayi J. 5, 169, 25, 'Sfd(ifpi) Therag. 565*. Therig. 
44«; nl^arini Car. Pit. 2,6,7«; porni-patirß Therag. 375«, san-ni- 
tdlayifii J. 6,71,9, safn-ni-vüresi Therig. 366«. — Mit nir Augmen- 
tierung in nir-agama Suttan. 695*; Nichtaugmentierung in nikkhamim 
Therag. 1123«, ninnaduni J. 6, 49, 16, nibbayi Suttan. 354«. The- 
rag. 1274«, nibbindi(ni) Therig. 26». 86% nimmini Car. Pit. 2, 6, 
11*; upornikkhamifn Therag. 271*. 406*. Therig. 42*. 161*. — Mit 
pa Augmentierung in pOdäsi Therag. 764«, pänudi Suttan. 476*. 
Therag. 7\ 768«, papatani J. 5, 70, 12, papaUha J. 5, 255, 20, pamintsu 
Therag. 469», päyäsi J. 5, 251, 11, pävassi Suttan. 30*, pävisi Suttan. 
979*. Therag. 366*. 477*, -iV Therag. 60*. 197*. 1054*. Therig. 68*. 
80*. 115*. 141«, -Mi?i J. 3, 402, 2, pavekkhi J. 6, 267, Ib.pähesi Therag. 
564*; Nichtaugmentierung in pa-kOsayi Suttan. 251«, -käsesi Suttan. 
378*, 'tarayi J. 8, 210, 15, -dälayini Therag. 627^. Therig. 173*. 180*, 
-ufß Therig. 120^, -^ämesi Therag. 557«, 'pajjini Therag. 69«, 'peUirii 
Therag. 271*, -mocesi Therig. 157«, 4okayl J. 6, 166, 22, -lobhayi J. 

6.158.20, -vaddhatha Suttan. 306*, -vapani Therig. 112*, -vahayifß 
Therag. 349*, -vesayi Therag. 559*, -savini Therig. 111% särayi 
J. 3, 317, 15, 'saresifii Therig. 44» -sidimha Therag. 1254«, -hari J. 

8.231.21, 'hasi Suttan. 1057«. J. 8,85,12 (pd-?), -ifß Therig. 99«. 
101«, 'hini J. 6, 158, 11. — Mit pafi Augmentierung in pacc-apajjatha 
J. 6,264,30, 'ObyadhifßSH Therag. 1161«, -avekkhini Therag. 172*. 

12* 



168 J- Wackernagel, 

395«, -aveTchhisam Therag. 169^. 347*. 765*, -asäri Suttan. 8*— 13*; 
Nichtaugmentierung in pafirggahi Therag. 565*, -ggahUtha The- 
rag. 566*, -nayinisu Therig. 419* (Kern Verhandel. 1888, 21), 
'Pädesirri Therag. 561«. 910«, -lacchirp, J. 5,71,4, -vijjhi Suttan. 90», 
Ani Therig. 182«. 189«, -vedayi Suttan. 415*, -vedesi J. 5,264,18; 
sam-pati-vijjhiirfi) Therig. 149*. — Mit pari Augmentierung in ann- 
pariy-aga Suttan. 447» ; Nichtaugmentierung in pari-carifß Therag. 
219*, 'devesi J. 6. 92, 22, 'pucch{irp) Therig. 170*, -vajjayirii Therag. 
284*, -vaUisani Therag. 215*, sodhayi Dhp. p. 87, 5, pali-ssaji J. 
5, 158, 7. — Mit V i Augmentierung in hy-aga Therag. 170* ; Nicht- 
augmentierung in virkappayi Car. Pit. 2, 6, 10*, -cari Therig. 92«. 
J. 6, 70, 23, 'Carimha Therag. 1253% -cäri Therig. 133*, -äni Therag. 
897*, 'jayi J. 8, 426, 18. 28, -jayissani J. 6, 179, 8, -dMvuni J. 5, 53, 4, 
{-nassatha Therag. 1004«?), -mucci Therag. 182*. 270\ 477*. Therig. 
17*. 30*. 81*, -mocayl Therag. 290«, -rajji Therig. 93* (Kern Ver- 
handel. 1888, 39 A), rajjiirp) Therig. 26*. 86*, -raminisu Therag. 
724«, 'vajjayi Suttan. 407*. J. 8, 481, 2, -varini J. 6, 77,22. 80, 1. 82, 
22, -sodhayi Dhp. p. 87, 4. 6 (Vers), -sodhayini Therig. 173*. 179*, 
-sodhayuni Therig. 120*, -haririi Therag. 10», -harim Therag. 863*. 
Therig. 174*. 187*. 194*. 202*, -hnsim Therag. 66«. 513*. 561*. 903*, 
'himsu (st. -harrisu) Therag. 925*. — sam Augmentierung in sani- 
akampatha J. 6,570, 12, -^cintesi J. 5,215,10, -aiärayi J. 8,373,1, 
-apajjatha J. 6, 71, 30, -abhajjisarit J. 5, 70, 13, -arocayi Suttan. 
405*. Therig. 322*. -arocayum Suttan. 290*. 306*; Nichtaugmen- 
tierung in san-dhävissafti Dhp. 153*, sam-modi Suttan. 419». J. 5, 
264, 27, sarfi'sari Therig. 159*, sowie in uparsarjt-Jcami J. 5, 264, 26. 
Therag. 169*. 901*, -kamhii Therag. 564*. 623*. Therig. 102*. 

Nach obigen Beispielen sind auch hinter Präverbien ausschließ- 
lich aga (hinter atij upa-aii, adhi, anu-pari-, vi)j agü (hinter orfÄ?, 
awa), sowie agamä (hinter ati^ adhij nir\ acchidä (hinter t^, apatarp, 
(hinter pa\ apatta (hinter ud)j apattha (hinter ud [?] pa) üblich, nie die 
augmentlose Form, entsprechend dem S. 155 ff. festgestellten. Sehr 
auffällig ist Therig. 122» adhi-garß (auch durch den Kommentar 
gesichert) gegenüber 67* ajjhragaifi. Die Wage halten sich pacc- 
apajjatha santrapajjatha acc-avattatha einerseits, avanna^ifiatha upa- 
pajjathu porvaddhatha anderseits. Bei allen andern Kategorien 
(bes. in den Formen auf -imsu und -esi) überwiegt die Nicht-Aug- 
mentierung z. T. sehr stark. 

In der kanonischen Prosa findet sich Augmentierung hinter 
Präyerbium nur noch in einigen wenigen zugleich durch ihre Kürze 
und ihre Häufigkeit geschützten Formen. Ich habe zur Hand ajjh- 
aga Vin. 1, 9, 23, ajjh-abhosi häufig z. B. Vin. 1, 7, 3. 8, 16, ud-apodi 



Wortnmfang und Wortform. 169 

häufig z.B. Suttan. p. 61,15. Vin. 1,11, 2 ff„ payinisu Dighan. 3, 
%, 24 , pävisi häufig z. B. Majjhiman. 3, 266, 25, pacoaMasini Vin. 
1,11,24, pacc-apOdi Majjhiman. 2,146,14, pacc-asosi -suin häufig 
z.B. Suttan. p. 21,22. 51,5. 113,3. Majjhiman. 8,276,22. 

In der nachkanonischen Prosa ist, außer daß udnipadi weiter- 
geführt wird (J. 6, 162, 2), Augment nur noch in einigen dreisilbigen 
Formen mit pä- zu treffen: sehr häufig pävisi (aber z. B. pävisitfisu 
J. 3, 2, 5, pävesesuf$i J. 5, 248, 191); dazu pävassi Dhp. p. 233,25, 
päyäsi z. B. J. 3, 347, 7. 6, 157, 25 usw. Dhp. p. 162, 32. 194, 6. 
335, 12, payirßsu J. 3, 39, 23. pahesi J. 3, 104,5 und pähesutfi Ind. 
Stud. 5, 422, 26 (aber pähini z. B. Dhp. p. 237, 22. J. 6, 283, 8, 
pahininisii z. B. J. 5, 285, 28. 286, 2). Das ä wurde hier kaum 
mehr als Zeichen des Präteritums empfunden ; daher trifft man bei 
pahinati in späten Texten pO- auch außerhalb des Präteritums 
(Childers s. v.). 

Zu dem, was uns das Päli über mittelindisches Augment lehrt, 
stimmen die andern Zeugen auch außerhalb der Einsilbler (S. 155). 
Aäoka bietet als Simplicia zu Anfang des achten Felsenedikts 
einerseits a-huriisu (Girnar 8, 2) orbhavasu (Shähb.) anderseits humsu 
(Ehalsi) husu (Maus.), weiterhin im 7. Säulenedikt husu und 
zweimal vadhithä] und als Komposita ebenfalls zu Anfang des 
achten Felsenedikts einerseits ü-ayäsu (Girnar), anderseits «i- 
Tchamisu bezw. nirkami{tha) (Dh., Kh.), ni-krami^a nirkrami (Mans.j. 
— Die Ardhamägadhl (Pischel Prakrit p. 359 ff.) kennt bei den 
Komposita das Augment nicht mehr. Unter den Simplicia werden 
die Zweisilbler oft augmentiert: a-käsi, a-nfiesi, a-hesif a-d^dyikkhu 
-ö, a-bbavJ a-cärl] aber daneben wie im jungem Päli bhuvi^ und 
über dieses hinaus vom IV. Aorist kasi, fhäsl; dazu a-hottJia 
poetisch vereinzelt neben üblichem hoUha. Bei den dreisilbigen 
überwiegt die Augmentlosigkeit durchaus. Aber die 1. sg. o- 
karissatfi neben puchiss\ und die 3. pl. a-karirfisii a-tarirßsu a- 
bhaviffisu neben viel häufigerem augmentlosem -iifisu erinnern an das 
ältere Päli, während vaydsf [zu ai. vad-] dem gleichartigen a-gamosi 
noch des Jüngern Päli widerspricht und zu den eben erwähnten 
käsi, thäsi stimmt. 

Nach diesem allem ist das Verhalten des Mittelindischen zur 
Augmentierung klar. Bei den Einsilblem ist und bleibt das 
Augment obligat. Bei allen andern Formen fakultativ, aber mit 
sichtlicher Zunahme der Augmentlosigkeit: Sattanipäta, Thera- 
und Therigätbäs, kanonische Päliprosa, nachkanonische Päliprosa, 
Ardhamägadhl bilden eine klar erkennbare Stufenfolge. Und be- 
stimmend ist auch da wieder die Silbenzahl: die Drei- und Vier- 



170 J. Wackernagel, 

silbler werden früher and allgemeiner angmentlos gelassen, als 
die Zweisilbler, nnd diese zunächst nur anter dem Einflaß zage- 
höriger Dreisilbler. Entsprechend bei den Komposita, bei denen 
aber auch die Irrationalität dieses mitten in der Wortform auf- 
tretenden Bildangsmittels aaf Beseitigung des Augments hindrängte. 

Der durch das jüngere Päli und die Ardhamägadhi darge- 
stellte Zustand bleibt nur um ^ine Stufe hinter dem Armenischen 
zurück, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß hinter armenisch etu 
usw. gerade die Entwicklung liegt, die wir im Päli beobachten 
können. Ja es wird sich fragen, ob nicht auch die Vorgeschichte 
der das Augment ganz entbehrenden Sprachen, wie Italisch und 
Slavisch, aus dem Mittelindischen Licht empfange. Man beachte, 
daß das Neuarmenische schließlich auch in den Einsilblem das 
Augment eliminiert hat (Karst, Histor. G-ramm. des Elilikisch- 
Armenischen S. 324). 

Was ist aber der Ausgangspunkt der mittelindischen Ent- 
wicklung? Das Verfahren des Altindischen, das in jeder Art 
nichtpoetischer Rede und klassisch auch in der poetischen Rede 
die Präterita konsequent augmentiert, scheint sich zunächst schlecht 
als Grundlage zu eignen. Auch einer starken Abneigung gegen 
übergroße Vielsilbigkeit konnten notwendige Bestuidteile der 
Formen nicht geopfert werden. Es drängt sich fast der Gedanke 
auf, daß auch hier die vorgeschichtliche Grundlage des Mittelin- 
dischen vom Altindischen abwich, und daß einst auch auf indischem 
Boden die Augmentierung der Präterita (wenigstens der zwei- nnd 
mehrsilbigen) zwar vorwiegend üblich, aber doch fakultativ war, 
also ein ähnlicher Zustand herrschte, wie man ihn jetzt etwa für 
die Grundsprache vorauszusetzen pflegt. Ich will diese Möglich- 
keit nicht völlig ausschließen. Vielleicht aber ließen sich die Er- 
scheinungen doch auch begreifen, wenn wir vom Sanskrit aus- 
gehen. Einmal bot dieses die Präteritalformen augmentlos als 
sogen. Injunktive, hinter mä und ma sma. Das Päli hat die prin- 
zipielle Scheidung zwischen Injxmktiv und Präteritum fast ver- 
loren, und hat nach ma (auch in abhängigen Finalsätzen) häufig 
Augment. Ist dies nicht erst Folge des angmentlosen Gebrauchs 
der Präterita (was allerdings möglich wäre), so könnte man denken, 
daß Empfindungslosigkeit für den begrifflichen Unterschied zwischen 
Injunktiv und Präteritum zu präteritaler Verwendung der in- 
junktivischen Formen geführt hätte. Zweitens sind ün Altindischen 
und noch mehr im Mittelindischen manche Formen, die prinzipiell 
augmentiert waren, auf rein lautlichem Wege äußerlich augmentlos 
geworden. Im Altindischen und Mittelindischen außer den mit ä 



Wortomfang und Wortfonn. 171 

anlautenden Verben die mit a- angmentierten hinter den Auslauten 
-e -0 -ä. Im Mittelindischen außerdem die Präterita der mit a- vor 
Konsonantengruppe und der mit e- o- anlautenden Verba wie aüjati 
appeti edhati esati: speziell aus der Nachahmung solcher Präterita 
begreift sich der fstst völlige Untergang des temporalen Augments 
(S. 166). Weiterhin wurden mittelindisch scheinbar augmentlos die 
Präterita aller komponierten Verba, bei denen ein auf a ausgehendes 
Präverbium mit einem ursprünglich mehrkonsonantisch anlautenden 
Verbum zusammengesetzt war z. B. ai. apäkramU von apdkramati 
wurde mi. apdkkami, und von pa-kkosati porkkhipati aus ai. pro- 
hroSati pra-k^ipcdi konnte man nur pakkosi pakkhipi mit pa- für ai. 
pra- bilden. Endlich honnte sich der Einfluß des vokalischen 
Sandhi immer wieder von neuem geltend machen; wie dieser zur 
bleibenden Apokope des Anlauts gewisser sonstiger Wortformen 
führte (Kuhn Beiträge 36. Kern Verhandel. 1888,64 [über pä. 
vamheti „auslachen^ : ai. ava-smayate]), so konnten auf diesem Wege 
Augmentformen habituell des Augments verlustig gehen. — So- 
bald nun eine größere Anzahl Präterita vorhanden war, die auf 
diesem oder jenem Wege phonetisch augmentlos geworden waren, 
so besaß man ein Vorbild, nach welchem man sich erlauben konnte 
bei unbequem großem Wortumfang auf das Augment zu ver- 
zichten. 

Daß man übrigens, um die mittelindischen Tatsachen zu be- 
greifen, nicht von ursprünglicher Beliebigkeit der Augmentsetzung 
auszugehen braucht, scheint auch das Griechische nahezulegen. 
Wir treffen hier Erscheinungen, die stark an die besprochenen 
des Mittelindischen erinnern. Erstens eignet dem Ionischen^) und 
danach z. T. dem spätem Griechisch die Tendenz, auf das tem- 
porale Augment zu verzichten; eine Tendenz, die bei einigen 
„attisch^ reduplizierten Plusquamperfekta auch dem Attischen 
nicht fremd gewesen zu sein scheint (Bamberg Ztschr. für G^ymn.- 
Wesen 28 [1874], 18 ff). — Zweitens finden wir mannigfache Belege 
für Nichtaugmentierung in Komposita. Was bei Meisterhans' 
p. 172 [§61,18.19] aus attischen Inschriften des vierten Jahr- 
hunderts angeführt wird, i^ita^sv (IG. II 835* 16) und 6vvtQi,riQaQXH 
(IG. II 809^ 16), mag angesichts der sonstigen so festen und so 
viel bezeugten Augmentierung als Schreibfehler gelten. Aber die 



1) Daß die handschriftliche Cberlieferang des Herodot hier in der Haupt- 
sache den Tatsachen entspricht, scheint durch 9vvdioC%ii99v auf der ephesischen 
Inschrift 5589,5 Coli. (= Dittenb. Syll.* 186, 5) erwiesen zu werden ; Tgl. Bechtel 
z. d- St. p. 672. 



172 J» Wackernagel, 

Zeugnisse späterer Zeit sind ganz sicher (vgl. Hatzidakis Einleit. 63 
und für inschriftliche Belege ans der Eaiserzeit Schweizer Gramm, 
der Fergam.-Inscbr. 169): ich verweise, am nur das nächst za: 
Hand liegende zu nennen, auf Avavaoiho in Z. 35 der tabula Ro- 
settana, wozu Dittenberger Orientis gr. Inscript. Or. I 160 A. 101 
Parallelen aus Fapjri nachweist, und auf &q)idiri in einem Senats- 
konsult von 133 a. Ch. (Dittenberger ibid. II no. 436 Z. 9), das 
zu iipi^öav in der LXX Ps. 31, 1 und ivd^ Apostelgesch. 16, 26 
(Blaß, Grammatik des neutest. Griech.^ 40) frappant stimmt; auch 
auf das allerdings besonders geartete &vaX<o6ay das in Delos und 
Amergos schon im III. Jahrhundert begegnet. Für die Plus- 
quamperfekta zusammengesetzter Verba scheinen wir noch in 
ältere Zeit zurückgewiesen zu werden. Bei Herodot sind ein- 
stimmig bezeugt I 84, 20 (Holder) ivaßsß'^s, YII 6, 11 AvaßsßiixB' 
6av, m 61,3 uataX6loC%BB , VII 170,19 xaxaXiXe^mo, VU 95,4 
xaQa-xBxdxixxo (vgl. Stein Praef. p. LXX; über dessen weitere Bei- 
spiele gleich nachher). AehnUches bieten an vier Stellen die besten 
Platohandschriften (Schanz, Piatonis opera XII p. XII.f.). TJnd gar 
kein Zweifel kann sein, daß^für die litterarische Form der hellenisti- 
schen Sprache Augmentierung des Plusquamperfekts in der Zu- 
sammensetzung nahezu fakultativ war (Verf. Anzeiger IF. 5,59; 
Crönert Memoria Hercul. 209 nebst Anm.; Kaiserzeit: Schmid 
Attizismus 4,28. 591). — Endlich drittens kann das syllabische 
Augment auch außerhalb der Zusammensetzung fehlen. Zunächst 
im Plusquamperfektum. Zwar was Stein aaO. aus Herodot bringt, 
hat keine Gewähr: dem xixBkevti^Bs I 165,8 geht ^dij voraus, es 
kann also \$tiXB%nifpuB geschrieben werden, und für iiöoxto IX 
74,6 bietet die Handschriftengruppe ß iSidoxto. Auch auf die 
angeblichen attischen Beispiele, wie Plato Phaedo 89 A S nBXÖV' 
^Bi\jLBv und Rep. II 374 B S XBifüxB^ will ich nicht bauen, wiewol 
der Vorschlag von Schanz (Piatonis Opera XTT p. XIII) hier 
Aphärese anzunehmen in dieser Fassung ungeheuerlich ist. Aber 
sicher steht nicht-augmentiertes Plusquamperfektum für die helle- 
nistische Sprache. Bei Polyb. freilich ist 3, 60, 3 xBxakmnmQ'fpcBi 
vereinzelt und darum unsicher. Aber nBnoi^ifpui^öav Inschr. von 
Magnesia 93* 24 (= Dittenb. SyU.« 928, 57) [bald nach 200 v. Gh.], 
öbSAxbb auf einem Turiner Papyrus von 139 a. Ch. (Crönert Me- 
moria Herach. 209 A.) lassen keinem Zweifel Raum. Im Neuen 
Testament ist Nicht- Augmentierung des Plusquamperfektums RegeL 
Auch Autoren wie Strabo, Josephus usw. bieten dafür Belege 
(Crönert aaO., und für die Kaiserzeit Schmid Attiz. 4,691)). — 



Wortumfang und Wortform. 173 

Eben solches außerhalb des Flusqaamperfektoms in der Eaiserzeit: 
Schweizer G-ramm. der Pergamen. Inscbr. 169 f. 

Die Aasgangspunkte dieser drei Arten von Angmentweg- 
lassang und die darin wirksamen Triebkräfte liegen klar vor 
Aagen. Für die beiden ersten wird niemand die vorgeschichtliche 
Beliebigkeit der Angmentierong in Ansprach nehmen; soweit das 
Verschwinden des temporalen Augments nicht phonetisch ist, kann 
es dem phonetischen Schwand nachgebildet sein. Dagegen bei der 
dritten Art (««^0^1^17 a. dgl.) glaubt Brugmann Grandriß U 867. 
Ghriech. Gramm.* 267. Kurze vergleich. Gramm. 486 etwas Ur- 
altes erkennen zu dürfen. Dem widerspricht das verhältnismäßig 
späte und zuerst ganz sporadische Aufkommen dieser Formen. 
Vielmehr entsprang die Möglichkeit der Nichtaugmentierung teils 
den des temporalen Augments entkleideten Fräterita teils dem 
Sandhi: Ahrens hat gezeigt, in welchem ümfEkng gerade das 
Augment der sogen. Aphärese ausgesetzt war. Der Drang aber 
von dieser Möglichkeit der Nichtaugmentierung Gebrauch zu machen 
beruhte z. T. gewiß auf dem von Hatzidakis (Einleitung 62 ff. 7Bf.) 
hervorgehobnen Moment, daß man zusammengehörige Formen nicht 
durch eine neben den Endungen überflüssige Zutat oder Vokal- 
modifikation sondern wollte. Beweisend hiefür die Fälle, wo um- 
gekehrt das Augment als integrierender Bestandteil des Verbal- 
stanmis empfanden und auf nicht-präteritale Formen übertragen 
wird z. B. ixofi^iöaiikivrj Orientis gr. incr. 308, 17 u. dgl., wofür das 
Mittelindische Parallelen liefert (oben S. 168). Daneben kommt für 
die Komposita das oben S. 169 für die entsprechenden indischen 
Erscheinungen Bemerkte in Rechnung. Am bedeutsamsten ist für 
uns hier aber, daß sowol in der Zasammensetzung wie als Sim- 
plicia die Plusquamperfekta den andern Präterita vorangehen. Im 
Anzeiger IF. 6, 89 habe ich dies daraus zu erklären versucht, daß 
bei den vokalisch und den meisten mehrkonsonantisch anlautenden 
Verba der Anlaut des Plusquamperfektums mit dem des Perfek- 
tums von vom herein übereinstimmte: '^kXixsiv wie i^kkaxa, itIfS'ö' 
öiir^v wie i^ltsvöiuci. Aber nun werden wir, ohne diese Momente 
ganz auszuschließen, vor allem auf die große Silbenzahl der Plus- 
quamperfekta Gewicht legen*). 



1) Ähnlich beorteüt Battmaim Sprachlehre * II 392 (' 382) das Fehlen 
des Augments in den sogen. Iteratiyen wie (it9ü%ov iXdcit^m, Cortins Verb. ^ 
II 379 stimmt ihm bei. Ganz anders Bnigmann Indog. Forsch. 13, 268 ff. So- 
lange der Ursprung dieser rätselhaften Bildungen nicht wirklich aufgeklärt ist, 
wage ich kein Urteil 



174 J* Wackemagel, 

In der jungem Entwicklung des Griechischen haben sich diese 
Tendenzen gesteigert. So ist es gekommen, daß in den nördlichen 
Mundarten des Nengriechischen nor betontes i- geblieben, sonst 
überall das Augment geschwunden ist (genaueres Hatzidakis, Ein- 
leit. 69 f. Thumb, Handbuch der neugriech. Volksspr. § 145 p. 73 ff.) 
Zur Erklärung verweise ich besonders auf Hatzidakis *A&i/p;mov 
X 101 und Meyer-Lübke, Simon Portius p. 216. 102 f. Wir haben 
hier einen Tatbestand, der dem des jungem Päli nabekommt. Die 
Übereinstimmung ist gewiß nicht zufallig. Nur ist Einfluß des 
Akzents auf Schutz des Augments für das Indische nicht an- 
zunehmen, wiewohl man versucht sein konnte ahü u. dgl. (S. 156) 
so zu fassen. Der ältere indische Akzent trifft das Augment 
auch der längsten Formen, und der (dem lateinischen gleichartige) 
jüngere würde, wenn überhaupt in diesem Falle wirksam, zu Hosi 
*ßa8i *dasi usw. gefuhrt, altes *akkhipi *apati usw. erhalten, also 
einen Zustand gerade entgegengesetzt demjenigen herbeigeführt 
haben, der wirklich besteht. 



III. 

Wenn bei den Präterita dergestalt eine Abneigung gegen Ein- 
silbigkeit (und zwar besonders gegen solche mit kurzem Auslaut- 
Yokal) besteht und bei Setzung und Nichtsetzung des Augments 
auch sonst auf den Wortumfang Rücksicht genommen wird, so 
muß dieser überhaupt auf die Form der Wörter mit vollem Be- 
deatungsgehalt Einfluß gehabt haben. In der Tat scheint z. B. 
das Griechische und audi das Latein sichere Beispiele von Ver- 
meidung und Beseitigung einsilbiger Wörter oder wenigstens kurz- 
vokalischen Auslauts bei solchen zu liefern. 

So bequem wie bei den Präterita der homerischen und der vedi- 
sehen Sprache, wo von vornherein eine Auswahl von Doppelformen 
gegeben war, lagen die Dinge nur selten. Aber doch beim grie- 
chischen Pronomen für „jener^ , wo sich das Schwanken zwischen 
den Ac- und den x-Pörmen von Homer bis ins Attische verfolgen 
läßt, und da macht sich die uns hier beschäftigende Sprachneigung 
deutlich geltend. Während z. B. Sophokles x€tvog xstes xbI^b und 
ixetvog ixstös ixstd'S neben einander braucht, sagt er nur ixet. 
Ahnlich Hippokrates. ixet ist überhaupt die gemein gültige Form. 
Für das einsilbige xet kannten schon die Alten keinen andern Beleg 
als Archilochos fr. 170, während freilich fürs Aolische entsprechend 
seinem gänzlichen Vermeiden der ^x- Formen dieses Stamms nur 
xH bezeugt ist. 



V 



Wortamfang und Wortfonn. 176 

Oder aber — und das ist eine zweite Möglichkeit — jene 
Neigung macht sich etwa eine nahe liegende Formübertragang 
dienstbar and verhilft ihr zxim Siege. Die normale Imperativform 
6%i (nnr belegt in dem schlecht gebauten Orakelvers bei schol. 
Eurip. Fhoen. 638 ys. 7 x^vit ei) ^snöva 6%^ negitgiitto^o xils^ 
d^ov) wurde ähnlich unbequem empfunden wie *6xi „er hielt** (oben 
S. 148). Hier half man sich, indem man trotz der sonstigen 
Herrschaft des Imperativausgangs -e zu 6xit<o nach d'ig: d'ixm^ Sg: hm 
ein 6xig bildete*), wol schon früh, obwol Homer für diesen Impe- 
rativ keinen Beleg' liefert. In den Komposita machte '6%b keine 
Schwierigkeit. Daher zwar im Anschluß an das Simplex Aeschyl. 
Ch. 896 iniöxeg (metrisch gesichert I), aber daneben Eurip. Or. 1337 
(litaöxB und Hek. 842 Jtigaöxf, allerdings ohne durch das Metrum 
gesichert zu sein. Vgl. auch Plato Prot. 348 A. Xen. Symp. 8, 4. — 
Ein entsprechendes Simplex *6nig wird durch das bei Homer neben 
ivi'6%B gebräuchliche ivi-öjcsg vorausgesetzt. 

Ein in jeder Beziehung analoges Beispiel aus dem Pronomen: 
Der Nom. sg. mask. des im G-riechischen und Deutschen zum 
Artikel gewordnen Pronomens lautetete grundsprachlich so. Eine 
Nebenform sös war in Pausa üblich. Denn einerseits lautet der 
Nominativ griechisch in Pausa 9^: attisch ^ ifSg und xal Sg an 
Stellen wie Plato Symp. 173 A xal Sg' ^^ ex&xt' itpr^. Ander- 
seits tritt altindisch für sd vor Interpunktion immer sah ein, 
während das sah im Satzinnem, das die indischen Grammatiker 
aus so für sd a- z. B. sobhavat und aus dem Hiatus von sd 
vor sonstigem vokalischem Anlaut folgerten, nur scheinbar ist. 
Zur Erklärung dieser Nebenform ig. sos genügt der Hinweis auf 
das s der meisten andern Nominative nicht: daß diese Analogie 
auf das so bloß im Satzauslaut ihre Wirkung ausübte, ist nur 
verständlich, wenn eine Abneigung dagegen bestand ein voU- 
toniges Monosyllabum an besonders in die Ohren fallender Stelle 
auf kurzen Vokal ausgehen zu lassen. 

Besonders lehrreich aber ist für uns die Verwendung dieser 
ererbten Nebenform sös im Griechischen. Während bei proklitischem 
Gebrauch als Artikel 6 trotz aller Analogien ungestört erhalten 
bleibt, dringt bei vollem Ton 9^ immer mehr vor. Die Ilias hat es 

1) Wenn Bmgmann Griech. Gramm. " 382 Recht h&tte in ^xis einen alten 
Injonktiy za sehen, so wäre dessen Bewahrung eben auch durch Abneigung gegen 
die Lautform axi bedingt und axig dann unten S. 179 neben ipdanmp ip^eag ein- 
zureihen. Die Vermutung Brugmanns würde die Möglichkeit gew&hren, 9ig zu 
Terstehen, da dieses dann umgekehrt Nachbildung nach 9%^ (und weiterhin Muster 
fOr d6g) sein könnte ; so eventuell zutreffend Hirt Griech. Laut- und Formenl. 427. 



176 J* Wackernagel, 

hinter steigendem xal and ^rjH und hinter kopulativem ovil : 9 198 
iJiiä xal bg (der vorerwähnte Okeanos) diüfoixs ^ibg iieydXoio xc- 
Qawöv. Z 69 fiijd' Zvxiva yaötigi fii^i^p xoDpov itftnra q>iQoij /li 17 ^ 
8^ 9)t^o^. X 201 &g 6 tbv ai Sivaxo iidgifcu noölv oiif bg iXviai. 
Die Odyssee bietet es vor ydg (gegenüber 6 y&Q A 581 = B 769. 
o 462] and xsVf vor ydg aach Hesiod: a 286 bg yäg dsikatog 
I^Mbv 'Ajat&v %akKO%i%Av(ov. q 172, xal tits dij if^iv &iarc Midarv ' 8 ^ 
ydg fa ^laXi^öta i^viavs xriQvxcov. Hesiod. E429 bg y&g ßovölv &qovv 
dxvQäxaxög iöuv. d 389 x6v '/stxiog 6v dvvaio Xo%rfiifuvog Xskccßde- 
d-aiy bg xiv xoi sünjiöiv 6dbv xal (idtga xakcvi^ov (so alle Hand- 
schriften; wogegen Ladwich [mit Payne Elnight!!] &g xsv). — In 
andern Fällen kann bg j,d6r^ weiterfahrendes Relativnm sein. 

Neben Homers ot^d* 8^ stellt die attische Prosa xal bg z. B. 
Plato Pbaedo 118 B xal bg tä bfAiucta iöttjöBv. Xen. Anab. 1,8, 16 
xal 8^ i^avfiaöB. 6,6,22 oidslg ivriisye xal 8g fiyitto. Anders, 
aber gleichfalls hergehörig Herodots (4, 68, 5) tag ßaöiX^qiag lözCag 
immQXfixs bg xal bg. Ein xal 6 oder 6 xal 6 wäre völlig andenkbar, 
während, wo das 6 an folgendem (lev oder Sd eine Art Stütze 
hat, die kürzere Form üblich blieb. Immerhin nicht aasschließlich. 
Bekannt sind die alten Sprüche jcal töds 9(oxvkidsa' Mqioi xaxoi, 
aix b (aIv bg d^oü and xal töds ^r^fAoiöxov Xtoi xoxoi, ovx 6 fi^r 
8 ff *'o(5. Daza Lakillios Anth. Pal. 4,105,1 tbv ^dyav igijrow 
EifAi^xiov' bg fdxdd'svdsv. Bab. 30, 2 ff. tbv yf^yöga^ov ßvÖQsg, bg 
fiiv Big eti^X^qv . . . 6 di x^'^Q^h^VS ^S ^^bv Tca^iigvö&v. (Vgl. 
aach Batrachom. 216, wo Ladwicb za G-ansten des Metrams 8^ d* 
für 6 d* einsetzt). Ja eine gewisse Verbreitang von bg fidv .. . bg 
öd ist von folgender Erwägang aas wahrscheinlich. Vom vierten 
Jahrhandert ab (nicht früher! wie zaerst F. W. Reiz De ac- 
centas Graeci inclin. sab) finden sich bekanntlich beliebige Formen 
des Eelativams vor ficV . . . dd bei Entgegensetzang indefiniter 
Begriffe, and zwar sowol bei jungem Attikern (Demosth. 18, 71 
xöXsig 'Ekkr^viSag cig (ihv &vai.Q(bv, slg &g Sh toi>g tpvydSag xatd- 
ymv) als aaf dorischem Gebiete: Tafeln von Heraklea I 86 äxd- 
Xovtag dii dXXdXmv ii fi^v tQidxovta %6Sag ai öh J-Cxati. Der 
hellenischen Gemeinsprache ist dies ganz geläafig (aach nach den 
Inschriften z.B. Epidaaros IG. 4, 944, 5 ff. fi fiiv . . . fi di . . . 
tivd dl xaC. Pergamon 163 B Z. 21 ff. [et fiiv . . .] fi dd: Wil- 
helm ArchäoL-epigr. Mitteil. 20, 61)^). Der Gebraach hat sich 



1) Vgl. Lucian Soloec. 1. Thomas Mag. p. 28,10. Sturz De dial. Alex. 206 ff. 
W. Schmid Attiz. 8, 61 A. — Vgl. das von Diodor an belegte 2broti yiikv ... 2brov 




Wortumfang und Wortfonn. 177 

klärlich ans dem genaa entsprechenden des Artikels mit (Aiv . . . 
di abgezweigt, wofür man besonders einerseits solche Stellen 
beachte wie Babr. 35,3 &XX Sv fi^v air&v id^litjg M sivoitjg . . . 
ixonviyBiy tbv d^&g negvöehv %aL fidtmov ixßdkXei , wo Relativnm nnd 
Artikel parallel stehen (vgl. Storz 206), anderseits solche Stellen, 
wo Gegenüberstellung stattfindet, aber nicht in eigentlich indefini- 
tivem Sinne, wie z. B. Polyb. 7, 17, 3 XQoöts^sie&v dh 8vstv xXiiidxmv 
d i^ ^g [ilv diovvöCfo^ SC ^g 8% jiayöga ngibtov xoQSvoiidv<ov oder 
Onestes AP. 9,292 1 naldtov bv (isv lnuxisv ^Jgiötiovy &v d* iöixovös 
vavfiyöv. (Ebenso die angeführte Stelle des Babrins). Besonders schla- 
gend nach beiden Richtungen ist Theokrit. 22, 109 ff. iXX 6 fi^lv ig 
ötii^ög t€ xtd l^irv xstgag iv(b(uc aixiva t' &Qxriyhg Beßgvxmv* 
6 8^ äsixdöi xXifyatg näv 6wiq>vQS ngöömnov ivixr/tog noXv8BV' 
xr^g. edgxsg 8*^ (ilv [8q&u 6wCl^avov, ix fieyäXov 8i ciiff* bXCyog 
yivB-i &v8Q6g' 6 d' alel niööova yvla &Jct6(ASvog tpogisöxe. — Nnn 
ist aber das Eintreten von bv (aIv — bv 8i usw. für tbv fihv — 
xbv 8d usw. viel leichter verständlich, wenn vor itiv und 8i nicht 
bloß im Nom. sg. fem. und Nom. pl. mask. und fem. eine mit dem 
Eelativrmi lautlich zusammenfallende Form vorkam (i^, of, aQ, 
sondern auch im Nom. sg. mask., und da eine solche, die von der 
gewöhnlichen Form des Artikels (6) abwich (9^). Genau in dieser 
Weise ist schon in viel älterer Zeit aus bg yccQ „denn dieser" ein 
neutrales 8 yig „denn dieses ** abstrahiert worden: M 344 S ydg 
TiZjl &Qi6tov &nivtmv BÜri und W 9. m 190 8 yäg yigag iötl d-a- 
v6vtmv an Stelle des älteren %h yäg yigag iöxl ^av6vx(ov^ das sich 
n 467. 675. (o 296. CIA. 1,470,2 gehalten hat. Vgl. Brugmann 
Kurze vergl. Grammatik § 898 A. (p. 659). 

Teils mit ixBt teils mit 6xig -öxag 5g gehören gev^se Ge- 
brauchsweisen der griechischen Präpositionen zusammen. J. Schmidt 
hat in seiner ausgezeichneten posthumen Abhandlung EZ 38, 5 ff. 
Einwirkung der Proklise auf die Wortform sicher festgestellt und 
hat speziell für die Präpositionen jedenfalls das erwiesen, daß wo 
durch Elision oder durch Haplologie oder durch das Dasein eines 
Synonymums eine kürzere und eine längere Ferm neben einander 
vorhanden und zwischen beiden die Wahl gegeben war, proklitische 
Stellung zu Bevorzugung der kürzeren Form führte. Das halte 
ich auch gegenüber Günthers neulichen im Einzelnen vielfach be- 
rechtigten Einwendungen (IF. 20, 54 ff.) fest. Das Gegenstück 
und Komplement zu dieser proklitischen Kürzung ist die wachsende 



dl „bald . . . bald . . ,^ (auch Herodian zu A 388, wozu Lehn Herodiani scripta 
tria p. 885). 



178 J* Wackernagel, 

Abneigang gegen Einsilbigkeit der Präpositionen bei vollem Ton 
and selbständiger Stellung ^). Homer kann l| ivv n^d, ^^ 137 sogar 
ig, dem angehörigen Easos nachstellen, also als yolltonig behandeJn: 
die Spätem nnr die zweisilbigen Präpositionen. (Soph. OR. 525 
rot; ngbg d'itpiv^ ist ganz fraglich). Und der bereits gnmd- 
sprachliche anch dnrch Yeda nnd Ayesta bezeugte Gebrauch*) die 
sogen. Präpositionen als Prädikat funktionieren zu lassen wird im 
G-anzen nur bei den Zweisilblem i%i iiixa xdga xigi vxo (vgl. 
Cumae 6269 Collitz-Bechtel imb th xXivsi toikei kBvbg üxv) fest- 
gehalten; einsilbig in diesem Sinn findet sich außer iv nur xdg, 
zweimal bei Homer (143 xig roi 6d6g und y 325 xäg di toi, vUg) 
gegenüber zwanzigmaligem ndga in gleicher Funktion. — Dazu 
stimmt der Hiatus, den Sophokles für 6va „auf!*' aus Homer über- 
nommen hat: Aias 193 &XX &va ii iigdvmv nach 247 &XX 6va sl 
ndfAovdg ys. Das imperativische &va wird überhaupt nie elidiert, 
im Gegensatz zum prädikativen ndga z. B. A 174 xdg ifiotys xal 
&kXoi, 

Der eigentümlichste Fall ist aber der von iv: ivi. Schon bei 
Homer beginnt die zweisilbige Form die einsilbige aus der ihr 
von Haus aus zukommenden Funktion als volltoniges Adverb zu 
verdrängen. Ganz aus der Anastrophe. In dieser gilt nur ivi^ 
und zwar nicht bloß vor der bukolischen Cäsur, wo iv aus metri- 
schen Gründen xmmoglich war (Schulze Quaest. ep. 217 A.), sondern 
auch sonst z. B. Z 39 Z^ip ivi ßkatp^ivxs ^vgixivq^, S 220 ^ ivt 
ndvxa x6tBv%a%ai. Fast ganz aus der Funktion als Prädikat. In 
dieser kennt Homer iv nur mit unmittelbar folgendem di^ ^iv, 
yig als Stütze: E 740 iv d^igig^ iv 8*0x1^, iv dh xgv6s66a Imxif^, 
iv di te rogysiri xsfpaXii. O 632 iv di ta tf,6i voi^cög. i21 iv i^tigog 
ainfj. i 132 ff. iv i^lv yäg Xei^i^&vsg . , iv it &go6ig ksifi . . • iv 
dl XifAipf sHogfiog. t 176 ff. iv fihv 'Axaioi, iv S* ^Ersixgfitsg i^e- 
yttki^togeg, iv dl KidmvBg. 77 630 iv yäg xsgöl ziXog noXifiov. 
Dazu V 244 iv (ihv ydg oC ettog id'iöqxxtogj iv de ts olvog yly- 
vetcuj falls ytyvetai bloß zum zweiten Gliede gehören sollte. In 
freier Stellung ist bloß ivi üblich z. B. V 104 dtäg tpgivsg oix 
Ivi ndfixav. T 248 noXiag ä* ivi [ivd'oi usw. Nachhomerisch ist 
die Scheidung beider Formen eine völlige, iv rein proklitische 



1) Doch findet sich nQ6g „außerdem" selbst in pansa: Aesch. £am. 288. 
Eurip. Or. 622. Aristoph. Fax 19. Ran. 415. PI. Gorg. 489 B. Enthyd. 294 A. 
Meno 90 E. 

2) Delbrück Vergleich. Synt. I 647. 662. Scheftelowitz ZDMG. 67, 117. 
Bartholomae ZDMG. 59,775. Meillet M^. Soc. Ling. 14, 13 f. 




Wortform und Wortumfang. 179 

Präposition, in nur Prädikat. *) — Mit dieser Sondernng der ein- 
nnd zweisilbigen Formen der Präpositionen kann man Homers 
Gebrauch von oi: oixi zusammenhalten, oi kennt er nur prokli- 
tisch, ovxi nur vor Interpunktion , zugleich auch immer außer T 
255 im Versausgang. Ob O 176. il 762 oix^ \u^iH festzuhalten, 
oder dafür mit BenÜey o(h:i zu schreiben sei, will ich offen lassen. 
Seltsamer Weise ist dem nachhomerischen Griechisch jene Sonde- 
rung der beiden Formen der Negation fremd. 

Drittens kommt etwa beim Verbum die Möglichkeit einen 
Tempusstamm auf mehrerlei Weise zu bilden zur Verwertung. 
Das Griechische, speziell das Attische, hat zwar einsilbige Verbal- 
formen (mit langem Vokal I), die es entweder von Haus aus sind 
oder durch Eontraktion geworden sind, in Menge z.B. 6%f^j ^ „er 
sagte" einerseits, ^ „ich war" nXstg nXal usw. anderseits. Auch 
im Infinitiv und Partizip: 6%bIv xXstv lfi\v, q>iiq (so im Nominativ 
Soph. OR. 1184. PL Rep. 5,461 A.), 6iAv (so im Nominativ Thuk. 
5,2,2. Lysias, Demosthenes), yvovg z.B. PI. Theaet. 151B. Polyb. 
5,52,11) SvQ (z. B. PI. Phaedo 113 C). Aber q>ag, das Homer, 
die lonier (auch auf der Inschrift von Zeleia 5532 CoUitz-Bechtel, 
Z. 18) .und auch Aristoteles {nagt igfi. p. 18^7 6 q>ag: 6 &xoq>cig) 
brauchen, ist dem strengen Attiker fremd; er sagt ausschließlich 



1) Durch diese seine Beschränkung bekommt ivi in höherem MaaBe als 
etwa ndga den Charakter einer Yerbalform; ygl. die ausgezeichnete Darlegung 
von Pemot Mäm. Soc ling. 9, 178 ff. Mit ivsati völlig gleichwertig gebraucht, 
nimmt es an dessen jüngere Bedeutung „es ist möglich** teil, gerade wie die lonier 
beim prädikativen iLdxa die alte, homerische Bedeutung „ist inmitten** nach 
ILhtcti (und andern mit (letä komponierten Verben) durch die Bedeutung „es 
kommt als Anteil zu** ersetzt haben. Dann wächst iv^ über ivtcti hinaus, indem 
die Bedeutung „ist darin** zu simplem „ist** abblaBt Treffend vergleicht Pemot 
französisch il y a, in dessen heutiger Verwendung ganz^analog das durch y ge- 
gebene lokale Bedeutungsmoment eliminiert ist. Vollzogen hat sich dieser Be- 
deutungsübergang, dessen moderne Nachwirkung in neugriech. tlyai vorliegt, in 
einer jungem oder vulgäreren Form der hellenistischen Sprache. Während bei 
Polyb lyi noch „es ist möglich** bedeutet (z.;.B. itgivi, puiUcra 16,20,7 u. sonst), 
hat es bei Sirach 87, 2 sicher die jüngere Funktion. Die Zweifel Psicharis an 
der Verwendbarkeit dieses Beleges (l^tudes de Philol. n^grecque 369), sind jetzt, 
da man das hebräische Original kennt, nicht mehr berechtigt. Nicht bloß sichert 
dieses die Lesung der ersten Hand der Unzialhandschriften o^l I6xri ivi f^tog 
(^apdxav MxmQog nal <pßios tQin6iuvog ilg i%9ffuv [lies H^q6v\ gegenüber dem 
schwächer bezeugten iLivn\ sondern es ergiebt auch schlechthin „ist** als Sinn 
von ivi. Die Wiedergabe von IW* mit inui in der lateinischen Bibel (Psichari 
aaO.) ist einfach falsch. [Dies alles nach gütiger Bütteilung von R. Smend]. 
Danach braucht man sich nicht zu quälen, um in das neutestamentliche ivi. einen 
lokalen Nebensinn hinein zu interpretieren. 



180 J- Wackernagel, 

ipaöxcav. <pdvteg im Plnral konnte daneben gestanden haben, wird 
aber dnrch Aesch. Ch. 418. Ps.-Plato Alkib. 11 p. 139 C und 146 B. 
(vgl. Aristot. Soph. El. 178*2. 181*23 q>civtog) nicht genügend als attisch 
verbürgt. — Ahnlich bei q>^dv(D im Aorist. In den finiten Formen 
und im Infinitiv hält sich im Mande des Attikers die ältere ein- 
fachere Bildung neben der jungem auf '6a. Aber im Partizip 
ist nar tp^iöug üblich, nicht das noch von Herodot gebrauchte 
tp^dg. Es stimmt zu diesem attischen Grebrauch und kann gewisser- 
maßen als dessen Vorstufe gelten, wenn hier wiedenmi Herodot 
im Partizip zwischen tp^ug und q>&d6<tg wechselt, die andern For- 
men ausschließlich nach dem II. Aorist bildet (Eühner-Blaß II 661), 
während freilich in den hippokrateischen Schriften bereits die 
attische Weise zu gelten scheint. — Vielleicht darf man in gleichem 
Sinne den merkwürdig abgestuften Gebrauch des Mediums von 
q>ri[i£ verwerten. Dem Präsens Ind. Eonj. Opt. anscheinend ganz 
fremd (f 200 und x B62 tpaö^e) sind gemäß M 830. X 331 als 
Imperfekta zu fassen), im Imperativ durchaus und im Imperfekt über- 
wiegend dichterisch (doch vgl. für das Imperfektum Hdt. 6, 69, 7 H. 
Lys. fr. 8 S.[!?]) delph. Inschr. 261B,6 CoU.-Baunack [270/260 
a. Ch.] ; Kaiserzeit: Schmid Attiz. 3, 44), ist es im Partizip im Ioni- 
schen häufig, bei Xenophon belegt, in der Keine von Aristoteles an 
gemeinüblich; vgl. z. B. außer den zahlreichen Belegen Veitchs 
Pap. Leid. U. 3, 20. [1 124 Leem). Pap. Flinders Petr. II 209, 35; des 
Mädchens Klage 1 11 ; Antigenes Brief an die Teier Dittenb. Syll.^ 
177,114 usw. Das stammt aus dem Ionischen, ist aber am ver- 
ständlichsten, wenn Bedürfnis nach einer Ersatzform für q>dg be- 
stand *). 

Viertens opfert man sogar die Genauigkeit des Ausdrucks 
und ersetzt den verpönten Einsilbler durch eine sinnverwandte, 
aber nicht gleichbedeutende Form des Paradigmas, ffiefür liefert 
das Latein einen Beleg. Bekanntlich wird im Imperativ von scire 
seit ältester Zeit ausschließlich scUo, nie sd gesagt, was alsdann 
die Bevorzugung von scitote vor scite zur Folge gehabt hat. Wol 
kann man mit scUo Ausdrücke wie putato, hahetOj sie habeto zu- 
sammenhalten (Neue- Wagener Formenlehre 3, 222 f.) und damit das 
scito begrifflich motivieren. Aber damit ist das völlige Fehlen 
von *sci nicht motiviert; putato habeto haben puta habe neben sich. 
Auch der Hinweis auf die einsUbigen scis seif ist ohne Belang. 



1) Vergl. Karst Histor. Grammatik des Küikisch - Armenischen S. 324 und 
Meillet M^m. Soc. ling. 18, 859 über den Antritt des ursprünglich passivischen 
-av in der 8 sg. einsUbiger Aoriste im Neuarmenischen. 



Wortamfang und Wortform. 181 

Erstens sind diese Formen lantlieh voller als sn, zweitens standen 
hier keine zweisilbigen Ersatzformen nach Art von scüo za 
Gebote. Eher könnte die Existenz sonstiger einsilbiger Imperative 
bedenklieb machen. Aber bei den ebenfalls vokalisch anslantenden 
f „gehe*'! da „gieb^! lagen die Fntnrformen des Imperativs wol 
begrifflich weiter von den Präsensformen ab als bei scire. Bei 
die duc fac es „sei^ nnd es „iß^ kommt zndem der konsonantische 
Anslant in Betracht gemäß dem für ex^S- ^z^ festgestellten. End- 
lich, and das ist entscheidend, werden im spätem Latein auch 
es „sei^ und T eliminiert- Und zwar es auf dieselbe Weise, wie 
im alten Latein *sci. In der lateinischen Bibel kommt es „du 
bist** überaas oft vor, es ,,sei^ schlechterdings niemals. Es heißt 
dafür immer (nach meiner Zählang 32 mal) esto. Unter dem Ein- 
fluß des Singulars ist im Plural este unerhört, ausschließlich estote 
(44 mal) gebräuchlich. Daß an manchen Stellen der Imperativ 
wirklich futurisch verstanden werden, in andere eine sophistische 
Exegese dies hineintragen kann, vermindert die Bedeutung dieser 
Tatsache nicht. Man möchte wissen, wie lange e^s* „sei^ tatsächlich 
belegt ist ; aber hiefür versagen natürlich die grammatischen Hilfs- 
mittel (Neue -Wagener 3,595 beschäftigt sich bloß mit der vor- 
klassischen Prosodie der Form)*). 

Die Beseitigung von f kann als ein lateinischer Beleg für 
diejenige fünfte Weise sich unbequemer Einsilbler zu entledigen 
gelten, die Meillet M^m. Soc. ling. 13, 369 aus ganz anderm Sprach- 
gebiet, nämlich mit neuarmen. khenoQ als 3 sg. von kha^ nguig" 
belegt hat: ich meine ;den Tausch mit einem synonymen Stamm. 
Der Vulgata ist % unbekannt; sie kennt nur vade^ das nicht 
weniger als 181 mal belegt ist. Und daß an diesem Ersatz eben 
nur die Einsilbigkeit schuld ist, wird einmal durch den Plural 



1) Übrigens kennt die SeptoaginU Ar^* nicht, sondern setzt, wo sie nicht 
das Futoram anwendet, yivw ytvoü, Ardi ProT. 8, 8. 6 ist Fehler für t^i, was 
6 als Variante vorliegt, an beiden Stellen durch das Original ^) and das sfo- 
ifi^üv der andern Übersetzer gefordert wird. Auch iets fehlt (Deuteron. 14, 1 
v£o/ Uti nvifütv ro6 dso4) {>f»Av ist Indikativ trotz des lateinischen filii estote) ; 
dafür yCv9o9i yhic^i. Für das NT. hat Blaß Gramm.* 58 das Fehlen des 
Imperativs icti (wofür eben auch yCvu^i eintritt) bemerkt Im Singular wird 
von den Meisten, bes. auch Paulus, Ar^* gemieden und durch yCifw yai^o« ersetzt ; 
aber seltsamer Weise liest man Ar^* Matth. 2, 18. 5, 25. Mc. 5, 84. Was liegt 
dem allem zu Grunde? und wie lang ist sonst Ardt lebendig? — Blaß aaO. 6 
bemerkt „der Imperativ (von oldu) lautete nie anders (als Anri)" : in Wahrheit ist 
weder dieses noch Ar^i in der Bibel belegt, und sind ^d-Formen von olda über- 
haupt erst wieder im Gefolge des Attizismus eingedrungen (2. pl. ind. f<9rt 8 Macc. 
d, 14. Hebr. 12, 17 ; tcan Acta 26, 4). 

KgL Qm. d. Wl«. Maektlektoa. PkUoloff.-hittor. IUmm. 1906. H«ll 2. 13 



182 J* Wackernagel, 

erwiesen: er lautet 68 mal ücj nie vadite. Sodann dadorch, daß 
anch sonst in der Vnlgata- Flexion von „gehen" die einsilbigen 
Formen von ire, aber im Ganzen eben nur diese, vor Formen von 
vadere gewichen sind. Es heißt nie is, immer (lOmal) vadis] nie 
üf immer (21 maJ) vadit. Zum Teil sind hievon auch die mit e vor 
Vokal beginnenden, also mit i consonans gesprochenen und dadurch 
einsilbig gewordnen ursprünglichen Zweisübler des Formensystems 
betroffen. Wenn die Vulgata nie iens sagt, sondern stets (16 mal) 
vadens gegenüber konsequentem euntis (1) euntem (4) eunte (3) euntes 
(23) euntibiis (4), so ist für andere Benrteilang kein Raum. Ebenso 
gegenüber vadunt (dmal): me eunt. So wird auch verständlich, wa- 
rum in der 1. sg. Präs. Ind. neben zwanzigmaligem vado bloß zweimal 
eo vorliegt, und warum im Konjunktiv des Präsens die 1. und 2. 
Plural ausschließlich aus ire gebildet {eamus 29 mal, ecUis 3 mal), 
in den andern Formen vad- bevorzugt wird {eam 2 mal: vudam 
4mal, e<is Imal: vadas 7mal, eat 4mal: vadai 16mal, eant 2mal: 
vadant 6 mal). Den dezidiert zweisilbigen und den dreisilbigen 
Formell von ire macht vadere fast keine Konkurrenz. Außer auf das 
bereits Angeführte verweise ich auf den ausschließlichen Gebrauch 
von ire, eundo, ibam usw. und den der Formen des Perfektstamms. 
Das vereinzelte vadimus ludic. 19, 18 gegenüber imus Matth. 13, 28 
darf auf den Einfluß der zugehörigen Singularformen und der 
3 pl. vadufU zurückgeführt werden; ebenso im Futuram vadam 
29 mal): ibo (8 mal), vades (Imal): ihis (5 mal), vadet (2 mal): ibit 
(14 mal), vadent (2 mal): ibunf (19 mal), gegenüber alleinherrschendem 
ibimtis (12 mal) und ibitis (4 mal) auf den des Konjunktivs Prä- 
(sentis. — Wie durchaus diese eigenartige Mischung von i- und 
vod-Formen im lebendigen volkstümlichen Gebrauch begründet 
war, zeigen die romanischen Sprachen : Fortsetzungen von Formen 
von vado sind hier im Ganzen nur innerhalb der di». sem Verbum in. 
der Vulgata gezognen Grenzen zu treffen, also nur da wo das Latein 
ursprünglich eine einsilbige oder darch Konsonantierung von e- 
einsilbig gewordne Form von ire besaß. Für die richtige Bear- 
teilung dieser Erscheinungen hat bereits Wölfflin Archiv f. lat^ 
Lex. 4, 261 im Anschluß an Entsprechendes in der Peregrinatio 
Silviae den Weg gewiesen. Die Anfänge gehören gewiß schon 
älterer Zeit an ; Marius Plot. GL. 6, 460, 16 ff. bringt als Beispiele 
unrichtig gebrauchter Adverbien und Präpositionen neben einander 
ite intus und aptid ülum vado. Petronius hat zwar vadere nichts 
aber außer in Versen keine einsilbigen Formen von ire. In der 
ciceronischen Zeit ist vado der strengklassischen Sprache fremd, 
fehlt daher sowohl bei Caesar als in Ciceros Reden. Aber da- 



Wortuinfang und Wortform. 183 

neben ist es nicht bloß poetisch nnd daher dann auch den Histo- 
rikern geläufig, sondern anch der läßlichen Sprache eigen (vgl 
vadU Cic. Att. 14, 4, 2, vadeham 4, 10, 2). 

IV. 

Die gelegentliche Abneigung gegen einsilbige Formen ist längst 
beobachtet. Schon von den alten lateinischen Grammatikern. Man 
liest bei Grellins 12, 13, 7 f.: „tres istae voces intra cUra ultra, 
qnibns certi locoram fines demonstrantnr, singolaribns apnt veteres 
syllabis appellabantnr in eis uls. flaec deinde particnlae qnoniam 
parvo exiguoqne sonita obscurias promebantor, addita est tribos 
Omnibus eadem syllaba." Mit Berufung auf eben diese Stelle des 
GeUius erklärt Lobeck Faralip. I 130 die geringe Zahl der No- 
mina yerbalia radicalia des Griechischen und ihre stetige Abnahme 
unter anderm auch daraus, daß die unmittelbare Folge mehrerer 
Monosyllaba als unangenehm empfunden worden sei Neuerdings 
spricht Karst Histor. Grammatik des Eilikisch- Armenischen S. 321 
von einem „durch die ganze armenische Sprachgeschichte sich hin- 
durchziehenden Abneigungsprinzip gegen einsilbige Verbalformen*', 
das im Mittel- und Neuarmenischen noch stärker wirksam gewesen 
sei als im Altarmenischen. Insbesondere aber hat MeiUet wieder- 
holt auf die Bedeutung dieser Tendenz für die Gestaltung des 
Formenbaus hingewiesen (M^m. Soc. ling. 11 , 16. Zeitschr. für 
armen. Pbilol. 2,21) und in den M^moires de la Soc. de ling. 13, 
369 geradezu den Satz ausgesprochen: „Les mots autonomes de 
la phrase tendent dans presque toutes les langues k n'^tre pas 
monosyllabiques ; seuls demeurent ou deviennent monosyllabiques 
les mots accessoires, qui, le plus souvent, s'unissent dans la pro- 
nonciation k des mots voisins.^ 

Wenn ich versucht habe die Nachweise aus dem Armeni- 
schen und dem Latein, womit der ausgezeichnete französische 
Forscher jenen Satz belegt, durch Beispiele aus den beiden 
klassischen Sprachen und für das Augmentpräteritum auch durch 
solche von anderwärts zu ergänzen, bin ich nicht der Meinung 
das Problem erledigt zu haben. Eher möchte ich zum Auf- 
merken auf diese Erscheinung veranlassen, damit ihr die richtigen 
Grenzen gewiesen und sie auf ihre eigentlichen Gründe zurück- 
geführt werden kann. Unzweifelhaft sind in ihr rhythmische 
Tendenzen wirksam (vgl. Paul in seinen und Braunes Beiträgen 
6,181). Aber anderseits scheinen nicht bloß manche Sprachen, 
vor iJlem die modernsten, von dieser Abneigung gegen voUtönige 
Einsilbler frei : auch in den Sprachen, wo die Abneigung sich gel- 

13* 



Ig4 J. Wackernagel, Wortamfang und Wortform. 

tend macht, werden nicht alle Bedeteile gleich behandelt. Auf 
die Sonderstellung des Imperativs hat Meillet hingewiesen: (wie- 
wohl wir gerade aoch bei diesem in Griechisch nnd Latein Beseiti- 
gong teils von Einsilblem überhaapt teils von überknrzen Ein- 
silblem getroffen haben). Im griechischen Fronomen giebt es sogar 
solche volltonige Formen, die aas einer auf knrzen Vokal aus- 
gehenden Silbe bestehen, wie 6^6^ ei und das noch bei Flato belegbare 
reflexive f. Einsilbige Formen eines Systems stützen sich offenbar 
gegenseitig. Daraas ergiebt sich aber auch für das Umgekehrte, 
für die Vermeidung der Einsilbigkeit, Systemzwang als eines ihrer 
Motive. Ghriechisch 16%$ wurde vor *6xi nicht bloß aas rhythmischen 
Gründen bevorzugt, sondern auch darum, weil Präterita und über- 
haupt Verbalformen so viel häufiger zweisilbig sind als einsilbig 
und der Aorist von Ixa in der Regel parallel mit zwei- und drei- 
silbigen Verbalformen gebraucht wurde. Der Trieb nach Gleich- 
silbigkeit gleichwertiger oder zxmi gleichen System gehöriger 
Formen ist vielfach zu beobachten. Ich verweise hiefür besonders 
auf Solmsen E2. 29,79 und Bezzenb. Beitr. 17, 333 ff., daneben 
auf Meillet M^m. Soc. ling. 9,367. — Ist schließlich nicht die 
konsequente Trilitteralitat der semitischen Wurzeln durch einen 
derartigen Ausgleichungstrieb bedingt? 

Nicht vermag ich vorläufig das der Ausscheidung der Ein- 
silbler Entgegengesetzte, die Vermeidung überlanger Wortformen, 
außerhalb der AugmentpräteritaJ zu belegen, wiewohl sie sicher 
auch sonst vorgekommen und analog wie die Vermeidung der Ein- 
silbler zu erklären ist. Und ebenso will ich an die Bedeutung 
der Silbenzahl für diejenigen Formveränderungen, die man als 
rein phonetisch zu betrachten gewohnt ist, eben nur erinnern. 




IX 



Etymologische Mittheilungen. 

Von 

Leo Heyer. 

Vorgelegt in der Sitzung ^om 16. Jani 1906. 

Dieb. 

Wrede führt in seinem gothischen Wörterbach auf: thiufs 
st. m. yDieb'. Das ist ungehörig. Das Wort ist viermal im Nomi- 
nativ belegt und lautet thiubs: thiubs ni qvimUh (Joh. 10, 10), thiNÖs 
vas (Joh. 12,6), svi thiubs in nctht sva qvimith (Thess. 1,5,2) und 
ei 8a dctgs ievis sve thiubs gafahai. Die Ansetzung thiufs beruht 
auf moderner Willkürlichkeit. 

Der Plural thiubös (Matth. 6, 19 und 20 : tharei thiubos ni uf 
gräband nih stüand; Joh. 10,8: thiubös sind jah vaididjans) erweist 
thiuba- als Grundform des Wortes. Der Fluralgenetiv lautet 
thiubi (Luk. 19, 46 : du ßigrja thiube). Das abgeleitete thiubja- 
(nur Markus 7, 22 im Pluralnominativ thiubja) ist ,Diebstahl'. 

Das Wort thiuba- gehört unmittelbar zum griechischen tvipkö-g 
,blind'. Das Blinde ist das ,Nicht-sehende', bedeutet dann aber 
auch in manchen Verbindungen das „Nicht-gesehene, das nicht ge- 
sehen wird oder auch nicht gesehen werden will." Auch das ab- 
geleitete gotbische thiuhjo ,heimlich' weist auf die letztgenannte 
Bedeutung: es steht Joh. 11,28 {vöpida Marjan svistar seina^ thiuljö 
gviihafidei) für griechisches Xäd-ga, Joh. 18, 20 {thiubjo ni rödida vaiht) 
für iv XQvxt^, 

Die Verbindung ömXadig tixploci in der Anthologie bezeichnet 
Felsen, die man nicht sieht, die vom Meere bedeckt sind. Plutarch 
nennt (Rom. 18) ein tdXfAa ßa^ xtd twpköv^ einen Sumpf tief und 
unsichtbar. AehnHch heißt es bei ihm (SuUa 20) vom Fluß Melas 



186 Leo Meyer, 

ilg li(iv€cg tvq>las (, unsichtbare, versteckte Seee') xal H6dsig iq>avi' 

Weiter mag aus Platarch noch angeführt sein Mor. 983, D, 
wo es heißt, daß das Nest des Meereisvogels so geschickt angelegt 
werde, daß es totg d' &Hoig tvtplbv (^unsichtbar') dvai nivxxi 
xal XQikpiov Syyeiov. 

Es mag genügen hier noch anzaführen, daß wir beim Karten- 
spiel von einem „Blinden** sprechen, das heißt dem Mitspieler, den 
man nicht sieht. Weiter pflegt man den Passagier einen „blinden** 
zu nennen, der nicht bemerkt zu werd^n wünscht, ja, der geradezu 
ein Dieb ist. 

Kaum. 

Unser adverbielles kaum^ mhd. küme, ahd. kuniOt lehnt sich 
an eine adjectivische Form, die im weiten deutschen Sprachgebiet 
nur hie und da und zwar namentlich im Niederdeutschen sich 
lebendig erhalten hat, im Gothischen aber *kümj€h gelautet haben 
wird. Georg Schambach führt das Adjectiv in seinem vortreff- 
lichen Wörterbuch der niederdeutschen Mundart der Fürstenthümer 
Göttingen und Grubenhagen als kume auf und erklärt es ,von 
geringer Lebenskraft, matt, leidend, kränklich, schwach, hinfällig*. 
Er belegt es mit den Sätzen hei süt kiime üt; hei was sau Imme^ 
dat he knappe upstän könne; Se gät ja sau küme. 

Nächster Zusammenhang besteht offenbar mit qvimen ,kränkeln, 
hinwelken, hinsiechen', neben dem die Wörterbücher auch ein gleich- 
bedeutendes qvinen auffuhren (Schambach giebt dazu als Beispiel 
de Kartuff ein quint), das mir aus dem Leben nicht bekannt ist. 
Ln Grimmschen Wörterbuch (7, Seite 2370) ist die Form mit 
innerem m gar nicht aufgeführt. Auch Schiller und Lübben haben 
nur guinen ,hinsch winden, allmählich abnehmen, kränkeln', das sie 
reichlich belegen. 

Selbstverständlich gehört das innere n hier ebenso wenig wie 
dort das innere m und auch das m in dem erschlossenen gothischen 
Hümja- einer alten Verbalgrundform an, sondern sie können nur 
suffixal sein. 

Das innere ü von Hun^a- hat sich ebenso aus altem t; mit 
nachbarlichem gedehntem A- Vokal entwickelt, wie zum Beispiel 
im gothischen süfja ,süß, lieblich, ruhig' (Tim. 1, 2, 2 für griechi- 
sches iiövxiov) neben altindischem svädü- ,süß, angenehm'. 

Die zu Grunde liegende Verbalform läßt sich über das deutsche 
Gebiet hinaus noch weit zurückverfolgen. 

Wir finden sie im altindischen pind- ,alt, bejahrt' und gjd' 



Etymologische Mittheilangen. 187 

^altern' nebst gjäni- ,Schwxuid, Verlust', ^Gebrechlichkeit, Alters- 
schwäche'. 

Im Lateinischen gehört dazu: viescere ,yerschrampfen , welk 
werden' (viiscentem ficum bei Colomella) nebst vietus ,welk, ver- 
schrompft' (Ter. Eon. 4, 4,21: Mc est viStas, vetus, vetemosus senex; 
Cic. Cato m. 2: sed tarnen necesse fuü, esse cUiqvid extrimum et, 
tiinqvam in arborum bäds terraeqve fnuMmSj mätüritäte tempestivd 
qvcisi vietutn et cadücum] Cic. div. 2,16: susjncäri contractum aitqvQ 
Morbo bovis exile et exiguum et viitum cor et dissimile cordis fuisse). 

Bas Lautverhältnis ist dasselbe wie zum Beispiel im alt- 
indischen ytcd' ,lebendig' gegenüber dem lat. vivtAS^ gothischem qviva- 
und unserem queck (in Quecksilber ,argentum vfvum') und er-quicken. 

HohL 

Nach weit verbreiteter Ansicht, die auch Kluge wenigstens 
des Anfuhrens für werth gehalten hat, schließt sich unser hohl 
an hehlen „umhüllend verbergen,^ während doch in zahllosen 
Fällen, wie etwa ,hohle Hand, hohle Wangen', von hohl gesprochen 
wird, ohne daß dabei irgendwie an „Hehlen* oder „Verhüllen*' 
gedacht würde und auf der andern Seite hundertmal von „Hehlen* 
oder „Verhüllen* die Rede ist, ohne daß dabei irgendwie der 
Begriff von „hohl* in Frage käme. Die angeführte Ansicht ist 
ohne Zweifel ganz und gar verfehlt. Unser hohl entspricht, wie 
es auch anderwärts schon ausgesprochen worden ist, genau einem 
gothischen "^hulu-, das mit Sicherheit aus goth. us-hulön ,aushöhlen' 
(nur Matth. 27, 60 : galagida ita in niujamma seinamma hlaiva thatei 
nshulöda — jHccT6(iTj66v^ — ana staina) und weiter auch aus hulundjd- 
,Höhle' (nur Joh. 11,38: vasuh than huhindi jah staina ufarlagida 
vas ufaro) entnommen werden kann. Solches hula- aber ist durch 
dasselbe suffixale la gebildet, wie zum Beispiel unser faul, das 
gothische füla- ,faul, stinkend' (nur Joh. 11,29: ju füls ist\ fidur- 
dogs auk ist), das in engstem Zusammenhang steht mit lat. pü-tSre 
jfaul sein, stinken', gr. x{>^e6^ai ,faulen', xvo^ ,Eiter', altind. pü'- 
'jati ,er wird faul, er stinkt', pü^-ti- ,faul, stinkend'. Das in Frage 
stehende hula- steht in nächstem Zusanmienbang mit lat. cavo-s 
,hohl', dem gleichbedeutenden griechischen xorAo-^, das bei Homer 
noch xd/iAo-g (nur Od. 22, 386 steht %otkov mit Vocalzusammen- 
ziehung versbeginnend) lautet, und weiterhin mit altind. fünja- 
4eer', gü'-na-m ,Leere', ,Mangel', günä- ,ge8chwollen, aufgedunsen', 
die sämmtiüch zu altind. gm-: giäjati ,er schwillt an' gehören. 



188 J-'CO Meyer, 



Waare. 



Die homerischen zn infiBO^ai, ,im Kaufgeschäft sich verschafPen, 
kanfen' gehörigen Formen haben kein anlautendes /, so erweisen es 
Od. 14,202: i^kk d' &vi]tii xitu {k^nQ^ IL 21,41: t;f6^ 'Ii/^6ovo$ &vov 
idusnuvy n. 23,746: vlog Sh IlQiaiioio Avxdovog &vov idmtuv^ Od. 
15,388 = 429: 8 *' S^^ov &vov idanuv, Od. 15,445: ixeiysti 9* 
äyifov bdcUmv und Od. 15,452: 8 (f ifilv {ilvqCov &vov äktpoi. Nach 
bekannter Regel: denn ursprünglich hatte dyvieö^cci anlautendes fj 
wie noch aus zahlreichen augmentirten und reduplicirten nach- 
homerischen Formen hervorgeht, wie 

ifovo'öiiriv (aus Hj-mvovuLttii) Eup. 2,505; Andok. 1,134; 

iiovif^eaxo Plut. mor. 176, C. Plut. Cic. 3 ; Earystios bei Athen. 
12,60; 

imvi/i^ Xen. mem. 2, 7, 12; iüvrjftai. (iftis ^feFdnftjftai) Ar. Friede 
1182; 

imvrifiivov Ar. Plut. 7. 

Aus dem Lateinischen gehört hierher vhm* oder veno- ,Eauf- 
geschäft' (nur im Accusativ venum und Dativ venui oder venö\ 
das am Häufigsten in den Verbindungen venire (aus vinum Ire) ,in 
Kaufgeschäft gehen', d. i. ,verkauft werden' und vendere (aus venum 
dare) ,in Kaufgeschäft geben' d. i. „verkaufen^ gebraucht wird. 

Daß im Ghriechischen wie im Lateinischen die gedehnten inneren 
Vokale — dort a>, hier i — ihre Entwicklung dem Ausfall eines 
alten Zischlauts vor unmittelbar folgendem Nassal verdanken, 
wird durch das Altindische erwiesen, das die durchsichtige Form 
vasnd" ,Kaufpreis' als zweifellos nächstzugehörige bietet. So Rv. 
4, 24, 9 : bhü'jasä vasndm acarat kdnijas „für sehr viel wollte er ge- 
ringen Kaufpreis^. Dazu gehört das Particip vasnqjdnU ,feilschend', 
wie Rv. 6, 47, 21 : dhan ddsd' vrshabhds vasnajdntd ,der stierkräftige 
tödtete die beiden feilschenden (Miethlohn verlangenden) Dd8a\ 
Weiter gehört noch dazu vdsnia «verkäuflich', wie Rv. 10,34,3: 
dfvasja iva gdratas vdsniasja ,wie eines alten verkäuflichen (werth- 
losen) Pferdes'. Deutlich löst sich suffixales na ab und daneben 
stellt sich ein vas als Verbalgrundform heraus. 

Dazu aber wird unser Waare gehören mit der Bedeutung 
,zu kaufendes, Eaufmaterial, Handelsmaterial'. 

Das innere r wird sich aus altem Zischlaut entwickelt haben 
und so läßt sich als gothische Form ein *va£fd muthmaßen. Kluge 
sagt allerdings „Gothisches *war6 (aber nicht ^waeS) muß voraus- 
gesetzt werden:^ für dieses „muß^ aber fehlt bei ihm jede nähere 



Etymologische Mittheflungen. 189 

Begrtindaxig. Er kennt ja keine Etymologie des Worts and die 
Erklärung, die er yermnthet, tangt nichts. 

Die alte Form mit innerem Zischlaut nnserm Waare und znm 
Beispiel dem entsprechenden englischen wäre gegenüber vergleicht 
sich unmittelbar dem aus unserm baar und englischem bare zu er- 
schließenden gothischen ^baza-^ dessen innerer Zischlaut durch das 
entsprechende altslavische bosü und litauische bdsas ,barfiißig' er- 
wiesen wird. 

Speck. 

In Bezug auf die Etymologie des Wortes Speck beschränkt sich 
Kluge auf die Bemerkung, daß diese ^^urgermanische Bezeichnung^ 
gern mit dem altindischen pivan- und griechischen xtov in Zusam- 
menhang gebracht werde, die doch besser unausgesprochen ge- 
blieben wäre, da sie gar keinen Werth hat. 

Das adjectivische in't?an- = gr. nlov-^ alt xt/ov- ,fett' schließt 
sich an eine alte Verbalgrundform pi oder pjä, die sich sehr weit 
verfolgen läßt. Zu ihr gehört unter anderm unser feucht ^ weiter 
das substantivische Fichte] ferner das lateinische pinu-s ,Fichte', 
eigentlich „die fettige, die harzige", das griechische nCxv-g »Fichte' 
und weiterhin zum Beispiel auch unser Fisch, goth. fiska-, lat. pisci-, 
eigentlich ,der fettige, der schleimige', das sich an altind. pichär 
(aus *pigcä') ,Schleim' und pichaia- ,schleimig, schlüpfrig* anschließt. 

Bas Wort Speck weist nach einer ganz und gar andern Seite. 
Es entspricht dem griechischen 6ii6yyO'gy das den „Schwamm^ be- 
zeichnet, mit dem man abwischt, dann aber auch ,schwammartiges, 
schwammiges', wie denn zum Beispiel Hippokrates (3, S. 614 bei 
Kühn, zweimal) 6n6yyoi, von (schwammigen, porösen) ,Halsdrüsen' 
gebraucht. Fett lost sich leicht auf, setzt kleine Theilchen ab, 
macht schmutzig, während Speck, wenn auch schwammig und be- 
weglich, doch eine zusammenhängende Masse zu bleiben pflegt. 

Der Nasal des griechischen Wortes fehlt dem deutschen, wie 
gelegentlich auch das Umgekehrte vorkommt, wie wenn unserm 
Ring^ das in gothischer Form *hriggs lauten würde, das griechische 
TtQixo-s gegenüber steht. 

Qe- (gothisch ga-). 

In Bezug auf die inWörtern möglichen Consonantenverbindungen 
oder, wie maus wohl gewöhnlich nennt, consonantischen Gruppen 
gilt für die indogermanischen Sprachen im Allgemeinen die Regel, 
daß die meisten sich im Innern von Wörtern, das heißt also 



190 Leo Meyer, 

zwischen je zwei Vokalen finden, weniger im Anfang von Wörtern, 
die wenigsten wortabschließend: doch giebt es davon auch manche 
Ausnahmen, wie wenn zom Beispiel die lateinischen arx und merx 
die dreilantige Verbindung r-k-s im Auslaut zulassen, die doch 
in mersi (aus *mercsi\ und tnersus (zunächst ans *mercsus)f ursus 
(zunächst aus *urcsu8) und sonst vermieden ist. 

Im Gothischen findet sich £d am Wortende in hujed ,Schatz*, im 
Wortinnem zum Beispiel im Dativ huzda oder zum Beispiel in 
miedö ,Lohn' und mit einem noch weitem Consonanten verbunden in 
huzdjan ,Schätze sammeln' (Kor. 2,12,14; hujsdjaith Matth. 6,19 und 
20). Wortbeginnend aber begegnet kein sd, wie anlautendes s in 
echt gothischen Wörtern überhaupt — weder vor Consonanten 
noch auch vor Vocalen — nicht vorkommt. 

Wortschließendes eg ist möglicher Weise vereinzelt im Gro- 
thischen vorgekommen, im Wortinnem, also zwischen Vocalen, findet 
sichs nur in cusgö (Matth. 11,21; Luk. 10,13; Jobanneserklärung 
III c), dem althochdeutsches asca^ unser Äsche entspricht. Daß eg 
kein gothisches Wort beginnt, wurde indirekt eben schon aus- 
gesprochen, daß es aber einst so vorhanden gewesen ist, kann 
nicht bezweifelt werden. Als bestimmtes Beispiel dafür darf 
*£ga angeführt werden, aus dem das Präfix ga hervorgegangen 
sein wird. 

Daß das alte e kein sehr widerstandsfähiger, sondern ein sehr 
schwacher Laut ist, das zeigen ein paar Wörter, in denen es, aller- 
dings noch nicht auf gothischem Boden, vor unmittelbar folgendem 
Consonanten, auch inlautend, ganz erloschen ist, so das althoch- 
deutsche iwara (Graff* 1,573— B77), mittelhochdeutsche iuioer^ unser 
etier, die in gothischer Form noch izvara- lauten. Dem gothischen 
miedö ,Lohn', das dem griechischen (ii^ö^og ,Lohn* ganz nahe steht, 
entspricht ahd. mieta, mhd. miäey unser Miethe, in denen der 
Zischlaut erloschen ist. Auch unser zunächst niederdeutsches 
Hede wird hier noch angeführt werden dürfen, da es mittelnieder- 
ländischem herde «Flachsfaser' und angelsächsischem keorde gegenüber- 
steht und gothisch wohl *haedjö gelautet haben wird und wohl zu 
unserm Haar (goth. ^keea-?) gehört, weiterhin vielleicht zu lat. 
tärere .kräuseln' (aus cäsere?), gr. xo^i] ,Haupthaar' (aus KoöiAtj?). 

Das aus ga entnommene ältere ega entwickelte sieb ohne 
Zweifel unter starker Betonung seines Schlußvocals aus ursprüng- 
licher Zweisilbigkeit in ganz ähnlicher Weise wie zum Beispiel 
das gothische ba- ,beide' neben dem unmittelbar zugehörigen 6i 
,um', eigentlich ,auf beiden (Seiten*), die eine alte ganze erste Silbe 
einbüßten, da sie unmittelbar zu altindischem ubhä- ,beides' gehören 



Etymologische BCittheilongen. 191 

und zn dem griecbschen äiupo- ,beide8' und iiiq>i ,iim\ Nur in der 
letzten Form erhielt sich die alte Betonong, die in fft^o- einer 
jüngeren nachgab. 

Das noch yorgothische — wie man es nennen kann — £ga 
entspricht genau dem altindischen sahd- (ans *saghd), das ,zasammen' 
(eigentlich ,an demselben , an äinem Ort' ; Ry. 6, 62, 1 : daga gatd 
sahd tasihus zehnhondert standen zusammen; 6, 63, 14: sid^ma . . scthd 
jwir mögen beisammen sein') bedeutet und dann auch für ,mit' ge- 
braucht wird , welches letztere ursprünglich der Instrumental 
allein bedeutet, den Ewald deshalb auch lieber als ^^Comitatiy^ 
bezeichnet. Der erste Theil yon stihd ist dasselbe mit dem sa-, 
wie es zum Beispiel in 8d'ni4a'' ^demselben Nest, demselben Wohnsitz 
angehörig' enthalten ist und das als einfaches i in griechischen 
Formen wie Sloxog ^demselben Lager angehörig, äinem Lager ange- 
hörig' noch entgegentritt. 

Ein dem altindischen sahd entsprechendes griechisches *ixd 
findet sich, wie es scheint, nirgend mehr, sein Schlußtheil aber ist 
noch enthalten in dixa ,in zwei Theile' (11.18,610; 20,32; 21,386), 
xQiia ,in drei Theile' (11.2,665; Od. 8,606; 9,167), thgaxa ,in 
vier Theüe' (Plat. Gorg. 464, C), xivxaxa ,in fünf Theüe, in fünf 
Abtheilungen' (xoönri^ivteg ib. 12, 87), intaxoc ,in sieben Theile 
getheilt' (Od. 14,434). Wie sich die scheinbar ganz gleichwerthigen 
Formen dix^d ,in zwei Theile' (IL 16,436; Od. 1,23), xQtx^a ,in drei 
Theüe' (IL 2,668; 3,363; 16,189), nrQax^d ,in yier Theüe' (D. 
3, 363 ; Od. 9, 71) zu den angeführten auf j;a etymologisch yer- 
halten, ist mir noch unverständlich. 



Die rythmiBchen Jamben des AuBpicius. 

Von 

Wilhelm Meyer aus Speyer. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 16. Juni 1906. 

Seit einigen Jahrhunderten ist hie und da ein Briefgedicht 
gedruckt worden, welches ein Freund des Dichters Sidonius, der 
Bischof Auspicius von Toul, um 460 an den Arbogast, Comes 
in Trier, gerichtet hat. Wilh. Brandes in Wolfenbüttel wurde 
auf dies Gedicht aufmerksam und hat es zum Jahresbericht des 
Herzogl. Gymnasiums 1905 herausgegeben unter dem Titel: Des 
Auspicius von Toul rythmische Epistel an Arbogastes von Trier. 
Darin bespricht er 1) die Handschrift, den Codex Vaticano-Pala- 
tinus in Rom, no. 869 (aus Lorsch, IX. Jahrb.), wo Bl. 19*, 19*^ 
und 20* dieses Gedicht überliefert ist; dann die sehr ungenügenden 
Ausgaben, von denen die letzte, Monumenta G. H. Epistolae III, 1892, 
S. 136, sich fast auf einen Abdruck der Handschrift beschränkt. 

Zweitens gibt Brandes den Text des Gedichtes mit einem 
Commentar. Hiebei hat er ziemlich viele Stellen sicher gebessert. 

Drittens bespricht Brandes 'Zeit und Menschen', wobei er 
zu dem Schluß kommt, der Brief sei im Jahre 475/6 geschrieben. 

Viertens untersucht Brandes den 'Rythmus'. Er kommt dabei 
(S. 32) zu *dem wiederholt betonten Nachweise W. Meyer gegen- 
über, daß es eine frühe Stufe des rythmischen Hymnus gegeben 
hat, auf der man thatsächlich und bewußt nach ganz bestimmten 
Gesetzen an die Stelle der vom Yersaccente getroffenen langen 
Silben der quantitier enden Vorbilder die mit starkem Wortaccent 
gesprochenen Silben und an die Stelle der nicht vom Versaccent 
getroffenen langen oder kurzen die mit schwachem Wortaccent 
gesprochenen gerückt hat'. 



Wilhelm Meyer, Die rythmischen Jamben des AoBpicius. 193 

Brandes hat S. 26 Feiice Ramorino erinnert, daß er das 
Gedicht des Anspidas nicht so für seine Zwecke (betr. Ursprung 
der lateinischen rythmischen Dichtung) aasgenützt habe, wie er 
konnte und sollte. Ramorino gibt jetzt in der Rivista Storico- 
Critica delle Sdenze Teologiche, Anno ü, Fase. Y, einen Bericht 
über die Arbeit von Brandes. Er gibt zuerst kritische Vorschläge 
zu etlichen Versen. Dann bespricht er, Brandes folgend, kurz 
den Zeilenbau des Gredichtes und findet hier eine Bestätigung seiner 
und vieler Anderer Ansicht, daß in der späteren Eaiserzeit bei 
dem Verderb der quantitirenden Aussprache ira i verseggiatori 
di volgo si composero addirittura versi modellati sempre sui tipi 
classid, ma con sostituzione dell' accento all' idus prima connesso 
con la pronuncia quantitativa'. Er schließt: la cosa mi pare cosi 
evidente e chiara che io non capisco come uomini eminenti, quali 
Gruglielmo Meyer di Gottinga, della cui amici^ia pure mi onoro, 
persistano ad affermare della ritmica latina come della greca un' 
origine Orientale. 

An unseren verschiedenen Theorien über den Ursprung und 
über die Anfänge der rythmischen Dichtung ist zuletzt wenig 
gelegen. Allein damit steht in engem Zusammenhang die Frage, 
ob die rythmischen lateinischen Gedichte nach einer mechanischen 
Schablone gesprochen wurden, so daß je eine betonte und eine 
unbetonte Silbe sich folgten, oder ob sie durchaus nach dem Wort- 
accent vorgetragen wurden, so daß der Mensch hier im Liede 
ebenso sprach wie sonst im wechselvollen Leben. Die mittel- 
lateinischen Lieder waren aber hauptsächlich zum Vortrag bestimmt. 
Deßhalb berührt jene Frage über den Ursprung der rythmischen 
Dichtung nach meinem Gefühl zugleich die Seele dieser formen- 
schönen Dichtung. Und deßhalb möchte ich hier Klarheit haben. 

Als Brandes seine Arbeit mir gesendet hatte, habe ich in 
einem längeren Brief geantwortet. Nachdem jetzt auch Ramorino 
auf den Plan tritt, scheint es mir im Interesse der Wissenschaft, 
das Gedicht, an welches sie ihre Untersuchungen und Sätze ge- 
knüpft haben, noch einmal zu prüfen. Ich schicke den Text 
voran, zu dem ich eine Photographie benütze, welche ich der be- 
währten Güte P. Ehrles, des Vorstands der Vatikanischen Biblio- 
thek verdanke^). 

1) Es ist eine Freude, wie heutzutage die Technik der Wissenschaft hflft. 
An einem Mittwoch schrieb ich an P. Ehrle und bat um die Photographie: am 
nächsten Mittwoch hatte ich die 3 Blätter schon in Händen. 



194 



Wilhelm Meyer, 



Epistula auspici episcopi ecclesiae tüllensis 
ad arbogastem comitem treverorum. 



Praecelso et spectabili 

bis Arbogasti comiti 

Aaspidns, qai diligo, 
4 salutem dico plarimam. 

Magnas caelesti domino 

rependo corde gratias, 

qnod te TüUensi proxime 
8 magnnm in urbe vidimus. 9 

Mnltis me tnis actibns 

laetificabas antea; 

sed nunc fecistp maximo 
12 me exnltare gaudio. 10 

Maior et enim solito 

appamisti omnibas, 

nt potestatis ordinem 
16 inlustri mente vinceres. 11 

Cni <hic> honor debitns 

maiore nobis gandio, 

nondmn delatas nomine, 
20 iam est conlatus meritis. 12 

Plus est enim laadabile 

vimm falgere actibns, 

qnam praetentare lampadem 
24 sine scintillae lumine. 13 

Sed tu qnod totis gradibns 



plas es qnam esse diceris, 
erit, credo. velocins, 

28 nt (nomen) reddant merita. 
8 Clams et enim genere 
clarns et vitae moribns 
instns pndicns sobrins 

32 totns inlnstris redderis. 
Pater in cnnctis nobilis 
fnit tibi Arigins: 
cnins tu famam nobilem 

36 ant renovas ant superas. 
Sed tnns honor novns est 
einsque tibi permanet, 
et geminato lumine 

40 sie tu praeluces omnibus. 
Cuiusque nemo dubitet 
felidtati praestitum, 
ut superesset genetrix 

44 tibi laudanda omnibus. 
Quae te sie cunctis copiis 
replet et omat pariter, 
ut sis babundans usibas 

48 et sis decorus actibns. 
Congratulandum tibi est, 
Trevirorum civitas, 



T = Codex Vaticano-Palatinufl 869 (saec. IX f. 19»): XXm EPISTULA etc. 
1 et spect. : expect. Y 13 solito Brandes (subito Ramorino) : solitas T m. i, 

solus m. 2; am Rand m, 2: t (7 = require, d. h, ein anderes Exemplar) 16 in- 
Instrae T m, 1, illostri J m. 2 17 Cui hie Brandes: cui T, cui sie vel cnique 
Chmdlaeh, sie cui Ramarino 20 collatus Y m. 2 21 laudabile Meyer-, lau- 
dabilem T (le mü einem Strich, wekher van 1 atisgehend mit einem Haken über 
e endet) ; *d piü lodevole che un uomo risplenda per gli atti suoi, anzi che portar 
avanti una lampada spenta' Ramorino 28 lampadem oder lampadam Meyer 
(T lampadae mü demselben, van d ausgebenden Striche, mit dem oben laudabilem 
gesehrieben ist): lampada sonst 24 fine T m. 1: sine Y m. 2-, scintille Y 
25 quod oder quia Brandes : qui Y, was mü Anakbluih Ramor. billigt 26 plus 
est Y m. 1, pl. es Y m. ^ diceres Y m. i, diceris Y «. ^ 28 nomen Brandes: 
fehlt in Y 37 novus oder vivus Ramorino: eius Y 40 praelucis Y ffi. 1, 

praeluces Y m. 2-, am Rand Y m. 2: uel pcluis, doch praecluis wäre ryihmisch 
falsch 41 mit Cuius beginnt f. 19i> in Y 41 Cuius, dasu q; m. 1 Über der 
Zeile, Y 60 Treverorum Brandes, wie in der Uebersehrift. 




Die lythmischen Jamben des Anspicios. 



195 



qnae tali viro regeris, 
52 antiqnis conparabili. 

14 De magno, credo, semine 
descendit sai nominis. 
carte virtntis eins est, 

56 nt Arbogastes legitnr. 

15 Scribantnr in annalibns 
hnins trinmphi pariter, 
sicnt et eins scripti snnt, 

60 qnem snpra memoravimns. 

16 Sed hoc addamns meritum 
hnic, qno vere maior est, 
qnod Christi nomen invocat 

64 religioni deditas. 

17 Fnit in armis alacer 

ille antiqnns — vernm est — : 
sed infidelis moritnr 
68 et morte cnncta perdidit. 

18 Hie autem noster strennns, 
belligerosns, inclitns 

et) qnod his cnnctis mains est, 
72 cnltor divini nominis. 

19 Nnnc antem, fili sapiens, 
qnaeso, dignanter accipe 
tni cnltoris paginam, 

76 qnam ex amore porrigo. 

20 Primnm deposco, copias 
conlatas tanta gratia 

in te conseryes integras 



80 et bonis mnltis afflnas! 

21 Unnm repelle vitinm, 
ne corda pnra inqainet, 
qnod esse sacris scribitnr 

84 radix malomm omninm: 

22 Cnpiditatem scilicet, 
qnae in alnmnos '^'desaevit 
nee saeva pardt rabie, 

88 qnornm amore pascitnr. 

23 Hos, inqnam, semper devorat, 
famem edendo proferens, 

et velnt ignis addito 
92 snccensa crescit pabnlo. 

24 Sed haec non ita dixerim, 
qnod te hoc damnem crimine ; 
tamen deposco diligens, 

96 nt nee scintilla vnlneret. 
26 Qnam si forte inprovidns 
qnandoqne inescaveris, 
dto flagrabit niminm 
100 angendnm in incendinm. 

26 Tende per mnndnm ocnlos, 
ceme primates saecnli 
aut interire cnpidos 

104 ant in periclis vivere. 

27 Conradnnt, qnaernnt, inhiant, 
velnt sagaces avidi; 

et haec nee ipsi possident, 
108 sed nee relinqnnnt posteris. 



52 conparabili Freher: conparabilem T m. 1, lis Y m, 2 54 sui Bamo- 
rino: im Y, ortus Brandes 56 Arbogastis Y 57 scribentur? Brandes 

59 scripta Y m. i, scripti Y m. ^ 62 quo Brandes: quem Y m, 1, qoi Y m, 2 
maior est Y m. 2, maiorem Y m. 1 77 copias Brandes: copias Y 78 gratias 

Y m. 2 80 afHuas Meyer: affines Y 86 qnem Y m. i, dann ist m aus- 
radirt 86 desaenit ist rt/thmisch falsch und vor nee saeva häßlich 87 rabie 
Brandes: rabiem Y 89 Haec? Brandes 90 edendo proferens Brandes: 
edendum perferens Y (edendam Y m. 2) 91 nnd 92 addito . . pabnlo Y m. 2: 
additnm . . pabulnm Y m. 1 93 non ita non dix. Y m. 1; das 2, non tilgte 

Y m. 2 96 uulnere Y m. i, t seUte mu Y m, 2 99 scito Y m. 1, doch ist 
das s halb getilgt] Chtndlach cito flagranit Y m. i, flagrabit Y m. 2 

100 augendi rem Brandes; vgl Bcdes, 11,84 a scintilla nna angetur ignis 

101 mit Tende beginnt f. 20* in Y 102 cemes? Brandes 102 primate 

Y m. 1; s setzte zu Y m, 2 105 Corradunt Y m. 2 105 iniant Y m. 1^ 
inhiant Y m. 2 106 Über sagaces schrieb Y m. 2 vel canes. 



196 



Wilhelm Mejer, 



28 Tarnen non generaliter 35 
ista de cimctis dixerim, 

sed nt pancomm dedecns 
112 sit multis emendatio. 

29 Ta antem, vir eximie, 36 
iadex multorum providus, 

tni repente pectoris 
116 secreta iudex perspicel 

30 Huius si ullam senseris 37 
parvam veneni gattalam, 

dulci perfonde oleo, 
120 ne serpat in visceribas. 

31 Nee hoc ignoras olemn 38 
pro taa sapientia, 

qnod est conctorom paapemm 
124 mercatnm elemosinis. 

32 Eis te exerce studiis, 39 
haec concta bona perage, 

ut mera tibi maneant 
128 et perseverent gandia. 

33 Nam parum esse noveris, 40 
si qnisqaam nolla rapiat 

et obdurato pectore 
132 soa praeclndat miseris. 

34 Non moltum sibi consnlit, 41 
qui sie evitat rabiem 
cupiditatis, ut simul 

136 incurrat avaritiae. 



Nam ista dno crimina 
velut cognata genere 
et geminata specie 

140 nimis conioncta permanent. 
Haec qni sectantnr vitia, 
hoc nno distant miseri: 
qaod onus horom malus est 

144 et ille alter pessimns. 
Unde, mi cara dignitas, 
tu, quaeso, fili unice, 
sie alienis abstine, 

148 ut tua sanctis tribuas! 
Illudque super omnia 
memor in corde retine, 
quod te iam sacerdotio 

152 praefiguratum teneo. 

Hanc, quaeso, serva gratiam 
et illis cresce meritis, 
ut praelocuta populi 

156 vox caelo sacra veniat. 

Sanctum et primum omnibus 
nostrumque papam lamblichum 
honora, corde dilige, 

160 ut diligaris postmodum. 
Cui quidquid tribueris, 
tibi in Christo praeparas: 
haec recepturus postmodum, 

164 quae ipse seminaveris. 
Explicit. 



111 dedecus 1 m. 2: deditus Y m. i 112 emendatio Freher: emanatio T 

113 eximiae Y 118 ueni hcU Y m. 1 zu ueneni geändert 119 dulce Y m. 1. 
dulci V w. 2 122 tua Brandes: tui V 127 mea V, mera Brandes^ uera 

Bamorino 130 uullam Y sOy daß das m zum Theil ausradirt ist 131 pec- 
tora Y m. i, pectore Y m, 2 182 recludat Y m. 1: precludat Y m. 2 

138 cognota Y m. 1: cognata Y m. 2 141 und 142 schrieb so Brandes S, 13, 
Y hat: Haec qui sectantur miseri hoc unum distat uitium; Brandes S. 6: Haec 
qui sectantur, miseri; hoc uno distat vitium; Z, 142 schreibt Bamorino: hoc uno 
distant vitio 146 unicae Y 147 sie ab alienis Y 152 teneo =r pro 

certo credo 155 praelocuta, d. h. voce 157 omnium? Brandes 158 in 
que hat die 2. Hand unter dem 1, Strich des u einen Strich iibwärts gezogen und 
unter dem 2, Strich einen kleinen Querstrich gezogen, als wolle sie que zu q; 
ändern und hdbe vergessen^ das e zu tilgen 158 iam lychum Y 162 pre- 

paras Y, reparas Freher-, tibi d. h. futuro episcopo. 



Die rythmischen Jamben des Aaspicios. 197 

Aufbau des Gedichtes Brandes bespricht (S. 8 — 13) den 
Inhalt des Gredichtes in folgenden Abschnitten: Z. 1—4. 6—32. 
33—48. 49-72. 73—100. 101—124. 12B— 144. 145—164. 

So viel ich sehe, entwickelt Anspicius seine Gedanken in 
folgender Weise: 18 Strophen (Lob). 1 Strophe (Uebergang). 
18 Strophen (Warnung vor der Cnpiditas, 9 Strophen, und vor 
der Avaritia, 9 Strophen). 4 Strophen (Schluß). 

Strophe 1—18: Lob des Arbogast : Str. 1 Grruß Str. 
2 nnd 3: mit Freude habe ich dich neulich in Toul begrüßt 
denn (Str. 4 — 8) du, der Comes, verdienst in allen Stücken (totus) 
schon jetzt den Titel des Vir inlustris, besonders wegen deiner 
Abkunft (Str. 9—12) und wegen deiner eigenen Verdienste (vitae 
mores = actus, Str. 13 — 18). 

Uebergang: Str. 19: Nimm, weiser Sohn, eine liebevolle 
Ermahnung freundlich auf. 

Strophe 19—37: Ermahnung: Möge Gott deinen Besitz 
dir erhalten und mehren; doch hüte dich vor ^er Cupiditas, welche 
so viele hohe Herrn befleckt (Str. 20—28); anderseits übe Mild- 
thätigkeit und meide ihre Kehrseite, die Avaritia, die Schwester 
der Cupiditas (Str. 29-37). 

Strophe 38—41: der wichtige Schluß: halte dich so, be- 
sonders deßhalb, weil nach meiner Ueberzeugung du selbst noch 
Bischof werden wirst; ehrst du deinen Bischof Jamblichus, so 
hast du als sein einstiger Nachfolger um so mehr gleiche Ehr- 
furcht zu erwarten. 

Die Strophen und deren Bythmik Die Zeilen sind in der 
Handschrift so geschrieben: 

Multis me tuis actibus laetificabas antea 
Sed nunc fecisti maximo me exultare gaudio. 
Ebenso sind sie in den Monumenta gedruckt. Brandes hebt hervor, 
daß er das Gedicht in Kurzzeilen zu je acht Silben drucken lasse, 
und gibt dafür S. 26 auch folgenden Grund: ^Drittens fallt, wie 
zwischen die Lang-, so auch zwischen die Halbzeilen durchgehends 
ein syntaktischer Einschnitt, soweit dies bei so kleinen Abschnitten 
möglich ist'. Damit ist eine wichtige rythmische Frage mehr 
versteckt als gestellt oder beantwortet. 

Es ist eine merkwürdige Erscheinung, vde die christliche 
Dichtnng von ihrem ersten Auftreten an es liebt, die Kurzzeilen 
zu Langzeilen und die Langzeilen zu Gruppen oder Strophen, ja 
später sogar mehrere Strophen in wiederkehrende Strophen-Gruppen 
zusammenzufassen (vgl. meine Ges. Abhandlungen, Register unter 

KgL Qm. d. WIM. MMkrIektoa. PkUoloff.-blrtor. KImm. 1906. Htft 2. 14 



198 Wilhelm Meyer, 

Korzzeilen, Langzeilen, Strophengruppen). Dieses Streben steht 
wohl in Verbindung mit dem Eirchengesang. Schon Commodian 
setzte in dem Apologeticnm nach jedem 2. Hexameter eine stärkere 
Sinnespanse (Ges. Abhandinngen 11 39), und Augostin kennzeichnete 
die nach jedem 2. Achtsilber eintretende Sinnespaase noch durch 
den Eeim auf e. Die jambischen Achtsilber treten in Gruppen 
oder Strophen von je 4 Zeilen gebunden auf bei Prudentius, Am- 
brosius, Sedulius und ihren Nachfolgern; in den Dimeter-Beihen 
bei Ausonius fand ich keine regelmäßige Gruppirung, weder zu 2 
noch zu 3 noch zu 4. Ich habe (Ges. Abhandlungen 11 119 
Note) aufmerksam gemacht, daß Ambrosius diese vierzeilige Strophe 
in 2 Gruppen von je 2 Eurzzeilen zerlegt hat, indem nach der 
2. Eurzzeile fast immer eine stärkere Sinnespause steht als 
zwischen der 1. und 2. oder zwischen der 3. und 4. Zeile. Die- 
selbe Kegel befolgt schon Prudentius, dann Sedulius und Fortunat. 
Ennodius baut zwar auch Hymnen von je 8 Strophen, wie Am- 
brosius; allein die \feise, wie er jene Wohlklangsregel mißachtet, 
macht deren Herrschaft bei jenen andern Dichtem um so deutlicher. 
Diese Zerlegung der Strophen in kleinere Absätze ist beim 
Studium aller mittelalterlichen Strophen eine wichtige Sache. 
Allein es ist nur eine Wohlklangsregel, d.h. aus wichtigen 
Gründen kaim sie verletzt werden. So ists ja auch in unsern 
Liedern, z. B. : 

Wenn dich aber hoch beflecket 
deiner Weisheit stolzer Witz, 

sich alsdann vor dir verstecket 
wahrer Wahrheit klarer Blitz; 

wenn der Buchstab dich gefangen, 

kannst du nicht zum Geist gelangen. 
Hier ist naturgemäß nach jeder 2. Eurzzeile oder nach jeder Lang- 
zeile eine mittelstarke Sinnespause; ebenso sind noch 2 andere 
Strophen des Liedes gegliedert. Dagegen in der ersten Strophe des 
Lieds kann sich der Dichter nicht so schicken, sondern theilt: 

Klein und arm an Herz und Munde 
mußt du sein, wenn Christus soll 

gehen auf in deinem Grunde; 
denn die Rose und Viol 

wächst im Thal der niedern Seelen, 

die nichts Hohes sich erwählen. 
Ebenso klar und natürlich ist die Yertheilung der Sinnespausen 
z. B. in Gerhards Passionslied: 



Die rythmischen Jamben dee Anspicins. 199 

Wenn ich einmal soll scheiden, 

so scheide nicht von mir! 
wenn ich den Tod soll leiden^ 

so tritt du dann herfiir! 
Wenn mir am allerbängsten 

wird nm das Herze sein, 
so reiß mich ans den Aengsten 

krafft deiner Angst nnd Pein. 

Und dennoch, neben dieser Strophe nnd ihren Genossen steht die 
Strophe: 

Dn edles Angesichte, 

dafür sonst schreckt und scheut 
das große Weltgerichte, 

wie bist du so bespeit! 
wie bist du so erbleichet! 

Wer hat dein Augenlicht, 
dem sonst kein Licht mehr gleichet, 
so schändlich zugericht? 
Ein Hexiuneter darf nie 5 Fuße haben, nie 7: aber solche Wohl- 
klangsregeln dürfen hie und da verletzt werden. Aber dennoch 
waren die Dichter sich ihrer bewußt, und ohne ihre Eenntniß 
würde die Formschönheit der rythmischen Dichtung nicht gewür- 
digt werden. So wird auch in den ambrosianischen Strophen die 
schon durch die Melodien angedeutete stärkere Sinnespause nach 
der 2. Eurzzeile von Ambrosius selbst vernachlässigt in etlichen 
leichteren Fällen, wie Hymnus II 3 oder VIII 3 (bei Dreves 1893), 
und in den schweren Ausnahmen im Hymnus VII 1, X 2, XI 1. 7, 

XIII 7, xvn 8, xvni 3. 

Auspicius will zunächst seine Strophen mit einer starken 
Sinnespause schließen; diese Regel vernachlässigt er nur im 
Schlüsse der 21. Strophe. Eine schwächere Sinnespause soll in 
der Mitte jeder Strophe stehen. Der 2. Theil der Strophen be- 
ginnt deßhalb so oft mit den Wörtern: sed et tamen ut quod. 
Häufig ist die Sinnespause anders angedeutet. So nennt in der 
1. Strophe der 1. Theil den Adressaten, der 2. den Absender: 
Praecelso et spectabili his Arbogasti comiti 
Auspicius, qui diligo, salutem dico plurimam. 
Oder der 1. Theil enthält das Yerbum, der 2. das Objekt, wie in 
Strophe 19: 

Nunc antem, fili sapiens, quaeso, dignanter accipe 
tui cultoris paginam, quam ex amore porrigo. 

14* 



200 



Wilhelm Meyer, 



Einige Strophen sind minder regulär gebaut: 

77 Primom deposco, copias conlatas tanta gratia 
in te conserves integras et bonis moltis aMaas. 
Wenn 'in te' za conlatas gehört, so fehlt die Pause in der Mitte 
ganz. Die Grliederung der Strophe wäre noch schlimmer, wenn 
die Lesart der Handschrift 'affines' richtig, also vor 'et', als dem 
Folgesatz, einzuschneiden wäre. 

Die 22. Strophe, welche schon oben als auffallend bezeichnet 
wurde, hat die Nebenpause nach der 1. Eurzzeile. Auffallender 
ist die Grliederung der 34. Strophe: 

133 Non multum sibi consulit, qui sie evitat rabiem 
cupiditatis, ut simul incurrat avaritiae. 
Die 35. Strophe hat keine Nebenpause, und die 36. Strophe wäre 
sehr bedenklich mit der Lesart: 

141 Haec qui sectantur, miseri; hoc uno distat vitium, 
quod unus herum malus est et ille alter pessimus. 
Diese wenigen und milden Ausnahmen erschüttern nicht die 
Regel: Auspicius wollte seine Strophen am Ende durch 
eine starke Sinnespause beschließen und durch eine 
schwächere Sinnespause in der Mitte in 2 gleiche 
Theile gliedern. 

Richtig ist die Bemerkung Eberts, Geschichte der Literatur 
des Mittelalters I S. 649, 'daß Beda die jambischen Dimeter der 
ambrosianischen Hjrmnen als Tetrameter betrachtet und so auch 
nennt, so daß er die Verse der vierzeiligen jambischen Strophe 
nur als versiculi — bei ihm gleich Hemistichen — ansieht, von 
denen zwei erst einen versus bilden'. Ebert hat sich freilich nicht 
um den Sinn der Zeilen gekümmert. Diese jambischen Acht- 
silber sind in den oben genannten Fällen als Langzeilen gedacht; 
ebenso die der Angelsachsen und ihr Nachbild bei Otfrid. Diese 
Zeilen sind auch in den alten Handschriften als Langzeilen ge- 
schrieben. 

Wie sollen min diese Zeilen gedruckt werden? Wer mehr 
auf den Sinn gibt, muß gie in Langzeikm drucken lassen j wer 
mehr auf praktiBche Zwecke gibt, in KurjBEeilen. Es ist die 
Fraj^e, die fast alle Herausgeber — ^^^^-^Uerliclier lyrischer Ge- 
ditilitt^ peinigt* Beso nders schwiad "i bei Sequenzen; vgL 

a« B- nmm <tp litiiiH*«J ^'* Praktiker» wie 

MoM und Di^ T&i* die RorzEeUsn« 




Die rythmischen Jamben des Anspidos. 201 

Der Zellenbaa des Anspleiiis. 

HIatas Gab es schon im Alterthom Prosaiker, welche 
darauf achteten, ob einem Vokal im Wortschloß ein Vokal im 
Wortanfang folge ¥de in 'magno ansu', so ist es kein Wnnder, 
daß auch in der rTthmischen Dichtung, welche nach meiner An- 
sicht nur eine verfeinerte Prosa sein sollte, darauf geachtet wurde. 
Das geschah in der groben Zeit der Rythmik grob, in der feinen 
fein, d. h. in der Blüthezeit, im 12. und 13. Jahrhundert, war die 
häufige Zulassung des Hiatus ein Fehler, in der alten war seine 
seltene Zulassung ein besonderer Vorzug. Auspicius läßt in 
seinen Achtsilbem 20 Mal schließenden und anfangenden Vokal 
zusammenstoßen: geht also weit in der Zulassung des Hiatus. 

Daktylischer Wortschlnss Wörter, wie corpSrä konnten 
schon in den quantitirenden Jamben und Trochaeen der Lateiner 
nur schwer ihre beiden letzten Silben unterbringen; diese beiden 
schließenden Kürzen durften eigentlich weder eine zweisilbige 
Senkung noch eine Hebung bilden. 

Die Rolle dieser daktylischen Wortschlüsse in der Rythmik 
ist noch nicht ganz erhellt. Gaston Paris hat zuerst hervor- 
gehoben, daß in der Blüthezeit der mittellateinischen Dichtung 
Zeilen, ¥de firröä voce fr^mitans oder t^te söspitöm sördibus, ge- 
mieden wurden. In der alten Zeit finden sie sich etwas häufiger, doch 
war die IJnschönheit dieser daktylischen Wortschlüsse nie ganz 
vergessen. Ja, auch im rythmischen Satzschluß wurden zu allen 
Zeiten die gleitenden Formen 'mdgna perföcit und magna per- 
f^rat' den abstürzenden 'mdxima f^cit und mdxima f^cerat* weit 
vorgezogen. 

Auch Auspicius kannte und achtete diese RegeL Deßhalb 
ist in dem Verse: 40 sie tu praeluces Omnibus die Aenderung 
'sie tu pra^düls omnibus' schon aus diesem rythmischen Grunde 
falsch; und schon deßhalb dürfen die Zeilen 13 und 29 nicht be- 
tont werden: Mäior ^tSnlm sölito oder Clärus ^tSnlm g^nere. 

Die Jambisehe Schablone oder blosse Silbenzihlang 
Brandes findet (S. 28 und 29) in den Zeilen des Auspicius 'die 
Herrschaft des Wortaccents und zwar in dem Sinne, daß dieser 
sich durchgehends an die Stellen des metrischen Versaccents ge- 
setzt hat' oder 'Oberstes Prinzip ist die üebereinstimmung des 
Versaccents mit dem Wortaccente'. 

Um klar zu machen, daß die Zeilen des Auspicius nicht, wie 

ich sage, Prosa mit einem bestimmten Schlüsse seien, sondern daß 

Auspicius mit Absicht die Wortaccente in die Versikten gerückt 

abe, zählt Brandes ab, wie oft bei den Dichtern quantitirter 



202 . Wilhelm Meyer, 

Jamben, Pradentins, Ambrosias und Sednlios, die naturlich nicht 
auf den Wortaccent geachtet, sondern in dieser Hinsicht Prosa 
geschrieben hatten, der Wortaccent mit dem Versictns zusammen- 
fällt. Seine Statistik ergibt, daß bei jenen Dichtem die Wort- 
accente viel seltener mit den Versaccenten zusammenfallen als 
bei Auspicius ; daß bei Auspidus Wort- und Versaccent viel häufiger 
zusammen fiele, müsse also die Folge seiner bewußten Absicht 
gewesen sein. Doch diese Statistik ist unrichtig. Ver- 
gleichen darf man nur Gleichartiges; aber während alle ryth- 
mischen jambischen Achtsilber nur mit Wörtern von 3 oder mehr 
Silben schließen, zählt und verrechnet Brandes (S. 29 und 30) bei 
jenen Dichtem die vielen mit zweisilbigen Wortern schließenden 
Verse, wie 'coniunxit aequales viroä' oder gar 'talis decet partus 
deum'. Solche Zeilen ergeben eine Fülle von Widersprüchen der 
Vers- und Wortaccente, und sie ließen seine Statistik anschwellen. 
Wenn Brandes nur jene Verse dieser Dichter, welche mit einem 
Wort von 3 oder mehr Silben enden, als rythmische liest und 
abzählt, so wird seine Statistik zwischen jenen Versen und zwischen 
denen des Auspicius keine wesentlichen Unterschiede feststellen. 
Sind jene, abgesehen von der Quantität, reine Prosa, so sinds auch 
die Zeilen des Auspicius. 

Ich habe stets als Ergebniß meiner Untersuchungen behauptet : 
die Zeilen der lateinischen und griechischen rythmischen Dichtung 
sind Prosa mit einer bestimmten Schluß c ad enz. Diese Cadenz 
bildet die Caesur- und Zeilenschlüsse der wenigen nachgemachten 
Vorbilder der quantitirenden Dichtung nach, wenigstens so gut 
die lateinische Sprache kann; dabei ist ebenso wie in der quan- 
titirenden Dichtung verboten, in den Schluß ein einzelnes ein- 
silbiges Wort zu stellen (außer den Formen von esse). Da nun 
die lateinische Betonung nur 2 Arten von Wortschlüssen kennt, 
dominus und multus, so werden durch mältus, rO rv, die trochae- 
ischen und spondeischen Schlüsse nachgebildet, durch dominus, 
r\/ u rv, all die Schlüsse, deren vorletzte Silbe kurz ist, also die 
jambischen, anapästischen, dactylischen und choriambischen: <^— , 
ou— , - uu, -.v>u — Vor diesen Schlüssen werden nur Silben 
gezählt. Ein jambischer Caesur- oder Zeilenschluß kann also nur 
durch ein mindestens dreisilbiges, proparoxytones Wort, wie 
nübibus, rythmisch nachgebildet werden. Dieser accentuirten dritt- 
letzten Silbe kann nur eine nicht accentuirte Silbe vorangehen, 
da eben kein lateinisches Wort auf der letzten Silbe den Accent 
hat, also in der lateinischen Rede überhaupt nicht zwei Accent« 
Silben neben einander zu stehen kommen können. 




Die rythmischen Jamben des Auspicios. 203 

Die SchlaßwSrter der Zeilen des Auspicios sind alle Pro- 
paroxytona; desaevit in Z. 86 ist sicher verderbt. Also den 
Zeilenschlnß hat Auspicins rythmisch richtig gebaut, wie es 
die besseren Dichter zu allen Zeiten gethan haben. Da der be- 
tonten drittletzten Silbe nur eine unbetonte Silbe voran gehen 
kann, so stehen also die letzten vier Silben der Zeilen des Au- 
spicius zunächst außerhalb dieser Untersuchung. 

Der Tonfall in den ersten 4 Silben der Zeilen des 
Auspicius. Der jambischen Schablone entsprechen die häufigen 
Zeilen salutem dfjco plurimam ; ihr widersprechen die Zeilen iAstus 
pudl|cus sobrius und ärit cr^do | velocius. Es gibt nodi eine 
dritte Klasse, an welche man gewöhnlich nicht denkt: die Zeilen- 
anfänge 'faciebd|mus, tunc faci£|bam, hoc tunc fedsjsem, plus es 
quam ^s|se' haben außer auf der 4. Silbe sicher noch vorher einen 
Accent: aber Niemand kann sagen, ob auf der 1. oder auf der 
2. Silbe; das ist Geschmacksache. Also ist die Betonung solcher 
Anfange unsicher und sie dürfen nicht verrechnet werden. 
Gemieden sind, wie oben (S. 201) gesagt, auch von Auspicius die 
daktylischen Wortschlüsse, also Zeilen wie 'höstitim dä|mat spicul^ 
oder fntrat vlrgl|nls uterum'. 



Die jambische Schablone 'salutem df|co plurimam' 



e\j rsj r\j f\j, 



also die Betonung der 2. und 4. Silbe, findet sich oft bei Au- 
spicius befolgt. Sehr oft hat er auch dieselbe verletzt, wie in 
Hustus pud{|cus sobrius* oder in '^rit er Mo | velocius', d. h. Au- 
spicius hat die 2. und die 4. Silbe, aber auch die 1. und die 4. 
oder gar die 1. und die 3. Silbe mit Wortaccenten belegt. 
Brandes hat nun darauf aufmerksam gemacht, daß Auspicius die 
letztere Art nur in den 5 Versen zugelassen hat: 21 plus est 
^nim I laudabile , 27 ^rit cr^do | velocius , 34 f&it tibi | Arigius, 
97 quam si forte | inprovidus, 161 ciäi quidquid | tribueris, während 
er die erstere Verletzung der jambischen Schablone 'm&gnas cae- 
l^lsti domino' in 49 Versanfängen zagelassen hat. Da nun diese 
2. Art die jambische Schablone viel stärker verletzt als die erste, 
so hat Brandes geschlossen, Auspicius habe die Accentuierung der 
(1. und) 3. Silbe eben deßhalb gemieden, und diese Thatsache sei 
ein neuer Beweis, daß die Nachahmung der jambischen Schablone 
sein oberstes Prinzip gewesen sei. Da ferner in den spätem 
rythmischen Achtsilbem mit jambischem Schlüsse die 3. Silbe sehr 
oft accentuirt wird (wie schon bei den Angelsachsen, Mon. G. Hist. 
Epist. III 240 ffl., massenhaft und z. B. noch in no. 165 *Prata 
iam rident* der Carmina Burana, wo nur 10 Zeilen wie 'Dülcis 
appäjres omnibus' stehen gegen 13 Zeilen wie 've vIb mfser | quid 



204 Wilhelm Meyer, 

fadam'^)), so constroirt er eben deßhalb S. 32 'eine frühe Stufe 
des rythmischen Hymnus, auf der man thatsächlich und bewußt 
nach ganz bestimmten Gesetzen an die Stelle der vom Versaccent 
getroffenen langen Silben der quantitirenden Vorbilder die mit 
starkem Wortaccent gesprochenen gerückt hat'. Für diese frühe 
Stufe der lateinischen Rythmik hat er allerdings keinen andern 
Vertreter beizubringen als eben den Auspicius. 

Die Thatsache ist richtig, daß Auspicius es ziemlich meidet, 
die 3. Silbe seiner Achtsilber mit Wortaccent zu belegen. Hat 
er das wirklich deßhalb gemieden, weil dadurch die jambische 
Schablone besonders stark verletzt wurde, dann allerdings wäre 
meine Behauptung, die rythmischen Dichter hätten vor dem 
Schlüsse nur Silben gezählt, sehr erschüttert. Denn natürlich 
wäre Auspicius nur ein Beispiel seiner ganzen Brüderschaar, und 
ftir den alten Glauben, daß die rythmischen Dichter die Füße 
ihrer quantitirenden Vorbilder nachgemacht haben, wäre dann 
endlich ein Beweis beigebracht. Daran könnte sich dann die 
interessante Frage knüpfen, ob wirklich die von Brandes ent- 
deckte frühe Stufe der rythmischen Dichtung mit Beobachtung 
der quantitirenden Füße existirt hat, und wann und wie später 
die von mir behauptete reine Silbenzählung eingetreten ist. 

Doch all diese Mühe wäre vergeudet. Die Thatsachen liegen 
ganz anders. Zunächst möge Brandes des Prudentius Periste- 
phanon V prüfen. Es sind 576 Zeilen, also 3Vt Mal so viel, als 
Auspicius geschrieben hat. All diese Zeilen, auch jene mit zwei- 
silbigem Schlußworte, welche gewiß den Wortaccent oft verletzen, 
lese er nur nach dem Wortaccent durch. Er wird unter den 576 
Zeilen nur 3 finden, in welchen die 3. Silbe, d. h. die Senkung 
des 2. Jambus mit Wortaccent belegt ist: 190 vindex 6vii \ volä- 
minum, 350 d^nsae sp^um | caliginis, 482 rubrum sdlum | dehiscere. 
Also bei dem strengen Metriker Prudentius stehen 573 Zeilen, in 
welchen die 2. oder die 4. Silbe Wortaccent hat, gegen nur 3, in 
welchen die 3. Silbe Wortaccent hat: der Rythmiker Auspicius, 
dem Beobachtung der jambischen Schablone, d. h. die Accentuirung 
der 2. und 4. Silbe oberstes Prinzip sein soll, accentuirt in seinen 
164 Zeilen 5 Mal die 3. Silbe. Sollte Prudentius ein verkannter 
rythmischer Dichter gewesen sein, welcher wie Johannes Damas- 
cenus (Christ, Anthologia p. XL VI) das Kunststück versuchte, in 
seinem Verse zugleich Quantität und Wortaccent zu beobachten? 



1) Wie h&afig solche BUdoog sich von selbst ergibt, teigt auch im Anhang 
die Tabelle aas Caesar, no SO— 48. 



Die rythmischen Jamben des Auspidus. 205 

Doch scheint uns so die Scylla zum Wortaccent zu reißen, 
so reißt uns anderseits die Charybdis vom Wortaccent weg. In 
dem 16. Gedichte der Carmina Barana *In Gedeonis area', welches 
ich eben in der Studie 'de scismate Grandimontanomm' wieder 
habe drucken lassen, haben von den 64 Zeilen 36 den jambischen 
Tonfall; von diesen 36 Zeilen haben nicht weniger als 11 den 
Tonfall 'et disputät | cum rhetore', d. h. die letzte Silbe eines 
Proparoxytonons bekommt den Nebenaccent und bildet so die be- 
tonte 4. Silbe. Das ist durchaus erlaubt, und dieser Tonfall bietet 
sich unendlich oft von selbst. Von den 50 Beispielen, welche ich 
aus Caesar ausgeschnitten habe (s. Anhang), haben 24 im Anfang 
jambischen Tonfall (no 1—9, 15 — 29): aber von diesen 24 Fällen 
ist in 13 Fällen die 4. accentuirte Silbe durch die Endsilbe eines 
proparoxytonen Wortes gebildet: conviciis | a sua; ac förtitir | sen- 
tentias. £s ist klar, will man rythmische Achtsilber mit jam- 
bischem Schluß machen, so bietet sich diese Schlußcadenz oft von 
selbst: will man aber gar die jambische Schablone schon vor dem 
Schluß mit Wortaccenten ausmalen, so drängt diese Bildung des 
2. Fußes, wie 'Auspici&s | qui diligo' oder 'aut r^noväs | aut su- 
peras' sich massenhaft auf. 

Aber Auspicius hat unter seinen 164 Zeilen nur die eben 
genannten 2 Verse. Also der Mann, dessen oberstes Prinzip beim 
Zeilenbau die Nachahmung der jambischen Füße sein soll, meidet 
gerade die Bildung, welche ganz natürlich und richtig war und 
ihn einfach zu seinem Ziele führte! Aber auch hier ist der 
Metriker Prudejitius wiederum dem Rythmiker Auspicius voran. 
Unter jenen 576 Zeilen des Prudentius haben nur 4 diese Bildung 
des 2. Fußes : 3 quo sanguinis | merces tibi ; 466 Eumörphiö | nomen 
fuit; 473 o pra^pot^ns I virtus dei, 475 quae tiirgidAm | quondam 
mare. 

Caesar In den Jambischen Achtsilbern Die eine von 
Brandes und die andere von mir nachge¥desene Figenthümlichkeit 
der rythmischen Achtsilber des Auspicius, beide habe ich schon 
bei Prudentius nachweisen können. Also können beide Eigen- 
thümlichkeiten nichts zu thun haben mit dem Wortaccent, sondern 
müssen andere Gründe haben. Sie haben beide denselben Orund. 
Beide Erscheinungen haben ein und dasselbe Charakteristikum: 
es wird vermieden, daß die 4. Silbe durch die letzte Silbe eines 
Wortes gebildet wird. Oeschieht dies, dann werden die 4 Jamben 
in 2 völlig gleiche Theile zerschnitten: ^-/.o-c+j^-t-o-t.. Pru- 
dentius hat also gemieden, die jambischen Dimeter in 2 völlig 
gleiche Metra zu zerschneiden. Die Frage ist nun, ob er die Yer- 



206 Wilhelm Meyer, 

meidung dieser sogenannten Diaerese erleichtert hat dadurch, daß 
er einen andern Einschnitt regelmäßig angebracht hat, mit an- 
dern Worten, ob er in dem jambischen Dimeter eine Caesar be- 
obachtet habe. Die Antwort ist : ja, Prudentins hat auch im jam- 
bischen Dimeter Caesar beobachtet, and zwar dieselbe, welche 
nach der Caesar des Trimeters za erwarten ist. Der Trimeter 
wird im 3. oder im 4. oder in beiden Füßen zagleich zerschnitten : 
mox adfataro • conistraens iter deo 
amans qaod saspica|tar * vigilans somniat. 
amans iratas ' mal|ta ' mentitar sibi. 
Werden vom and hinten je 2 Silben abgeschnitten, so bleiben 
übrig 4 Jamben mit den bei Pradentias vorkommenden Caesarea : 
minister ' aljtaris dei 
fias deojram ' pontifex 
servire • san|xit • omnia. 
Doch kommt die Caesar nar nach der 3. Silbe weniger häafig vor 
als jene nach der 5. Silbe oder nach der 3. and 6. Silbe zagleich. 
Diese Caesar darf natürlich nicht darch ein einzelnes einsilbiges 
Wort gebildet werden, sondern nar darch trochaeische oder spon- 
deische Wörter oder Wortschlüsse, selten darch 2 einsilbige Wörter; 
wohl aber darf sie hie and da darch Elision verdankelt werden: 
qaae corporali ergastalo. 

Wichtig ist es, des Wesens dieser Caesar sich bewaßt za sein : 
sie ist kein Gesetz, wie in den späten Zeiten die Caesar des Tri- 
meters oder des Hexameters, sondern sie ist eine Wohlklangs- 
regel, deren Beobachtang verschiedenen Schwankungen anter- 
liegt. Dafür ist Pradentias selbst ein Beleg. Im Peristephanon Y 
(576 Zeilen) bilden eine Aasnahme die S. 204 citierten 3 Verse, wie 
vindex erit volaminam, and die S. 205 citirten 4 Verse, wie o prae- 
potens virtas dei ; daza kommen die 3 Verse (2. 55. 124), wie diem 
triamphalem taam, za welchen 454 corpas qaod intactam iacet za 
rechnen ist, weil nach 'qaod* keine Caesar stattfinden kann: also 
von den 576 Zeilen des Peristephanon V sind 11 caesarlos. 
Aber von den 564 jambischen Dimetem, welche Cathemerinon 
I n XI XII and die Praefatio der Apotheose enthalten, sind 25 
caesarlos; ja, von den 584 Zeilen des Peristephanon U sind 44 
caesarlos. 

Da die Caesar im jambischen Dimeter noch nicht antersacht 
za sein scheint*), will ich hier Einiges notiren: Horaz hat 

1) Sehen kl sagt in seiner Ansonius-Aosgabe im 3. Index unter 'caesora': 
in dimetris iambicis semiquinaria {ablativua amparationis?) usitatior est dihaeresis 




Die rythmischen Jamben des Auspicios. 207 

unter den 226 Dimetern der Epoden 24 caesnrlose (davon 16, wie 
meae laborarint manns) nnd 13 mit ungenügenden Caesoren. 
Ansonins hat unter 844 Dimetern 23 ohne Caesur und 10 mit 
schlechter Caesur. Paulinus Nol. hat unter 623 Dimetern 
57 caesurlose und 7 mit schlechten Caesuren. Ambrosius, 
der ja nicht viel wußte von poetischer Technik, hat unter 484 
Dimetern gar 81 ohne Caesur und 21 mit schlechter Caesur. 
Sedulius hat unter 92 Dimetern 9 ohne Caesur und 4 mit 
schlechter Caesur. Fortunat hat in den 92 Dimetern des 
scherzhaften Gedichtes I 16 nicht weniger als 12 Verse ohne 
Caesur und 9 mit schlechter Caesur, dagegen in dem Hymnus II 6 
unter 32 Zeilen nur die 2 caesurlosen : fulget crucis | mysterium 
und tendens manus | vestigia. Ennodius endlich, der arm- 
selige Hymnendichter, hat unter 352 Zeilen nur 15 caesurlose und 
6 mit schlechter Caesur. 

Auspicius hat richtig gebildete Caesur 14 Mal nur nach 
der 3. Silbe, 100 Mal nur nach der 5. Silbe und 42 Mal nach der 
3. und 5. Silbe zugleich. Caesarlos sind bei Auspicius die S. 203 
genannten Verse 21 27 34 97 und 161; in den Versen: 3 Au- 
spicius I qui diligo und 36 aut renovas | aut superas, dann in 
109 tamen non generaliter (non tamen | g.?) ist zwar nach der 
5. oder 3. Silbe eingeschnitten, allein so, daß auch hier von 
einer Caesur keine Rede ist. Bei Auspicius stehen also 156 
regelrechte Caesuren gegen 8 Ausnahmen. 

Hieraus erhellt: den jambischen Dimeter durch Caesur im 
2. oder im 3. Fuße zu theilen, war nicht ein metrisches Oesetz, 
sondern eine Sache des Geschmacks; ja kunstlose Versmacher, 
wie Ambrosius, verzichteten ganz darauf. Auspicius hat in einer 
Schule gelernt, wo die Beobachtung dieser Caesur ziemlich em- 
pfohlen worden war. 

Dieser Auffassung entspricht ja auch die Stellung der Acht- 
silber in der Metrik wie in der Rythmik. Die Zeilen von 7 und 
weniger Silben sind unbedingt Eurzzeilen, d. h. bei ihnen ist nie 
die Rede von einer Caesur. Die Zeilen von 9 und von mehr 
Silben sind zu lang als daß sie mit ^inem Athemholen gesprochen 
werden ; deßhalb werden sie wenigstens in der Rythmik als Lang- 
zeilen behandelt und nach der Regel durch Caesur in 2 Eurzzeilen 
zerlegt. So ist wahrscheinlich der berühmte mittellateinische 



po8t priorem dipodiam, intercedente nonnamqaam ellsione, cf. III 2, 3—9. praeter 
semiqainariam etiam post tertiam inciditur syllabam. Also nach der 3. oder 4. 
oder 5. Silbe, also alles Mögliche! 



208 Wilhelm Meyer, 

Zehnsilber, 4 + 6u., entstanden ans der im frühen Mittelalter 
beliebten daktylischen Zeile — uu — uu — uurv: sede pia procnl 
exigitnr; die Bythmiker wollten eine feste Caesnr nnd setzten 
sie nach der 4. Silbe (vgl. Ges. Abhandinngen I 301 Note). An 
der Q-renze der Knrzzeilen nnd der Langzeilen stand die Zeile zu 
8 Silben. Es ist längst bemerkt, daß die schwerere Zeile von 8 
Silben mit sinkendem Schiasse, 8..^, zn allen Zeiten häufiger in 2 
Yiersilber mit sinkendem Schlüsse zerlegt anftrat, daß aber daneben 
zn allen Zeiten Achtsilber mit sinkendem Schlüsse ohne diese 
Caesnr vorkommen: 

Stabat mater | dolorosa. Caius ani|mam gementem. 

Becordare | Jesu pie. Donom fac rejmissionis. 

Jeder Viersilber mit sinkendem Schlüsse kann nur den Tonfall 
riß rsj rsj f\j haben , also haben diese zerlegten Achtsilber voll- 
kommen die Schablone des trochaeischen Dimeters. Deßhalb sind 
Manche hier ähnliche Wege gegangen, wie Brandes, nnd haben die 
Wirkung für die IJrsacbe genommen und gesagt: da diese so 
häufigen sinkenden Achtsilber (die erste Kurzzeile des trochae- 
ischen Septenars) genau die Füße des trochaeischen Dimeters 
wiedergeben, so haben wir hier, was man sucht, den Uebergang 
der quantitirenden zur accentuirenden Dichtung, wo die Wort- 
accente in die Stellen der Versikte eingetreten sind; die ryth- 
mischen Achtsilber, welche diese Schablone nicht befolgen, sind 
Ausnahmen. Abgesehen von dem Complex der Erscheinungen 
ist schon im ältesten Denkmale der lateinischen Bythmik, im Psalm 
des Augustin, von trochaeischen Füßen vor dem Schlüsse keine 
Bede, und auch nachher wird zu allen Zeiten im Achtsilber mit 
sinkendem Schluß so oft die Caesnr und der trochaeische Fall der 
Accente vernachlässigt, daß man sieht, hier hat es sich nicht um 
das Grundgesetz der rythmischen Zeilen oder auch nur dieser 
rythmischen Achtsilber gehandelt, sondern um eine Wohlklangs- 
regel, eine von den Bythmikem eingeführte Caesnr, deren Befol- 
gung bei der Eintönigkeit des lateinischen Wortaccents unvermeid- 
lich Zusammenfall der Wortaccente mit der trochaeischen Schablone 
bewirken mußte. 

Beim Achtsilber mit jambischem d.h. steigendem Schlüsse (8w— ) 
hat man bis jetzt nicht von Caesnr gesprochen. Bei den nächsten 
Nachfolgern des Auspicius, den Westgothen, Iren (Antiphonar von 
Bangor) und Angelsachsen (MGU Epistolae III) ist von dieser 
Caesnr nichts zu verspüren, ebenso nicht im guten Mittelalter. 
Das ist kein Wunder. Denn diese Caesnr ist selbst in der Zeit 
des Auspicius Geschmacksache gewesen; er hat sie in der Schule 




Die rythmischen Jamben des Auspicios. 209 

gelernt und angewendet; andere Zeitgenossen, deren Gedichte 
verloren oder noch nicht festgestellt sind, können genug solcher 
rythmischen Achtsilber ohne Caesar gemacht haben. 

Die rythmischen Dichter haben bei Nachbildung der gewöhn- 
lichsten römischen Zeilenarten sorgfältig die Caesar beachtet. So 
wurde der rythmische Trimeter nach der 5. Silbe sinkend getheilt: 

Tua qui iussa * nequivi ut condecet 

pangere öre • styloque contexere 

recte ut v&lent * edissere metrici 

scripsi per prösa • ut oratiunculam. 
(Wie hier 697 der Magister Stephanus seine rythmischen Verse 
Prosa genannt hat, so ist es nicht selten von Andern geschehen!). 
In den Versen, die man gewöhnlich Alexandriner nennt,' 

A tauro torrida | lampade Cynthii 

fundente iacula | ferventis radii, 
zeigt eben die Caesur, daß sie dem Asklepiadeer nachgebildet 
sind, wie 

Maecenas atavis edite regibus 

Multos castra iuvant et lituo tubae. 
Freilich gab und gibt es auch Deutsche genug, welche diese mittel- 
lateinischen Verse für Jamben gehalten und darnach die abscheu- 
liche Zeile von 3-f-3 Jamben fabricirt haben: 

Die Folgen dieses Worts, ich seh sie klar voraus: 
ich sehe einen Mann und Kinder und ein Haus. 
Die mittellateinischen Dichter haben diese Zeile nie für jam- 
bisch angesehen; ebenso nicht ihre mittelalterlichen Nachahmer, 
die altfranzösischen Dichter. 

Welche Wirkung hat die Caesur auf den Accent- 
fall der Achtsilber mit jambischem Schluß? Eine 
sinkende Caesur, wie d^us oder conlätas, bindet 3 Silben: denn 
auch vor der betonten Silbe kann nur eine nicht accentuirte stehen. 
Die Folge ist, daß bei Caesur nach der 3. Silbe der Tonfall des 
ganzen Achtsilbers gebunden ist: antlquis * compardbili; conr&dunt ' 
quaörunt * inhiant; und daß bei Caesur nur nach der 6. Silbe die 
letzten 6 Silben gebunden sind, also nur in den 2 ersten Silben 
kleine Freiheit der Accente bleibt, d. h. bei Caesur nur nach der 
5. Silbe steht entweder auf der 1. Silbe voller Accent 'idstus 
pudfcus • söbrius ; darus et vltae ' möribus', oder die beiden ersten 
Silben haben unklaren Accent : cupiditätem * scflicet ; haec recep- 
tiirus * pöstmodum ; haec qui sectintur * vitia ; et haec nee f psi * 
pössident. Sobald ja auf der 2. Silbe voller Accent steht, muß 



210 Wilhelm Meyer, 

nach der 3. Wortende sein, also kann man von Caesnr nach der 
3. Silbe Sprechen, wie oben : conrddant ' qna^rnnt ' fnhiant. 

Also jede lateinische Silbengrappe, deren 6. Silbe Wortaccent 
hat, mnß, wenn die 3. Silbe sinkenden Wortschloß bildet, dorch- 
aus jambischen Tonfall haben; bildet nur die 6. Silbe sinkenden 
Wortschlnß, nicht auch die 3., dann hat der Anfang der Gruppe 
entweder daktylischen Tonfall oder es ist da nur von unsichern 
Nebenaccenten die Rede. All das kann nicht anders sein. 

Damit nun klar werde, wie bei der Mechanik der lateinischen 
Rede die Wortaccente fallen müssen, wenn man eine propar- 
oxytone Gruppe von 8 Silben nach der 3. oder nach der 5. Silbe 
mit sinkendem Wortschluß einschneidet, nehme ich aus Prudentius 
Peristephanon V 156 Zeilen (zwischen Z. 1 und 217), welche, wie 
die Zeilen des Auspicius, mit einem Wort von mindestens 3 Silben 
schließen, dann entweder nach der 3. oder der 5. Silbe Caesur haben 
und nicht durch Elision zu sehr verdunkelt sind. Von diesen 
156 Zeilen haben 14 nur Caesur nach der 3. Silbe: sie schließen 
also mit einem Wort oder einer Wortgruppe von 5 Silben und 
haben stets durchaus jambischen Fall der Wortaccente: Quam 
töstis • indomdbilis; 40 Datiäne • confit^bimur; 41 Hie llle • idm 
commötior. Die übrigen 142 Zeilen des Prudentius haben alle 
sinkende Caesur nach der 6. Silbe, also die 4. Silbe hat vollen 
Accent. Es fragt sich nun, ob die 1. oder die 2. Silbe Accent 
hat. In 41 Fällen ist das unsicher : 143 refrigeräti * sanguinis ; 
93 his intondntem * mdrtyrem ; 136 ars et dolörum * vlncitur; 
401 quin si qua cldngens * inprobe. Zur sichern Beurtheilung 
bleiben von den 142 Zeilen also 101. Von diesen ist in 60 Zeilen 
die 2. Silbe mit sicherm Accent belegt; so in Z. 1 6 8 14 15 17 
18 21 22 usw.: 1 Bedte • mdrty r • pröspera ; 17 ac v^rba • prlmum • 
m611ia. Dagegen in den übrigen 41 Zeilen hat die 1. Silbe den 
sichern Wortaccent und zwar in 38 (12 24 36 48 56 68 usw.) in 
der Form : 12 rlvis cruöris • läveras ; 24 prfsds deörum • cältibus, 
und nur 3 Mal (77 85 und 151) in der Form: 77 ddsunt et illic • 
Spiritus. 

Auspicius und die jambische Schablone Prudentius 
kümmert sich nichts um den Tonfall der Wortaccente. In dieser 
Hinsicht gelten seine Zeilen wie Prosa. Vergleichen wir nun die 
Zeilen des Auspicius, welcher nach meiner Ansicht Prosa mit 
einer bestimmten Schlußcadeuz schreiben wollte, nach der alten 
Ansicht aber Accentjamben. Auspicius hat 8 caesurlose Verse. 
Seltsam ist schon, daß er von der Art, bei welcher die jambische 
Schablone durchaus gewahrt ist 'Ausplciös qui dUigo', nur 2 Zeilen 



Die rythmischen Jamben des Aaspicius. 211 

hat, dagegen 5 oder 6 (109?) von der Art, bei welcher die jam- 
bische Schablone verletzt werden mnß. Von den übrigen 156 
(auch bei Pradentias 156) haben zunächst 14 (auch bei Pradentios 
14) die Caesar nnr nach der 3. Silbe; dann schließt ein Wort 
oder eine Wortgruppe von 5 Silben mit Proparoxjrtonon auf der 
6. Silbe; zwischen der accentuirten 2. und 6. Silbe liegen 3 Silben, 
von denen also die mittlere, die 4., einen Nebenaccent erhält: 
1 praec^lso * ^t spectdbili; 62 antfquis * cönpardbili; 57 scribäntur ' 
inanndHbus; ebenso 60 98 100 112 113 120 122 124 136 151 164. 
In diesen Zeilen hätte Auspicius jambischen Tonfall nicht ver- 
meiden können, selbst wenn er gewollt hätte. 

Von den übrigen 142 Zeilen (auch Prudentius 142), welche 
nach der 5. Silbe Caesur haben, sind nicht weniger als 52 (bei 
Prudentius 41) unsicher: wie 64 religiöni * d^ditus ; 23 quam 
praetentäre * lämpada ; 76 quam ex amöre * pörrigo ; 26 plus es 
quam ^sse * diceris. Hier kann Niemand entscheiden, ob auf die 
erste oder auf die 2. Silbe Accent oder Nebenaccent fällt. 

Es bleiben also 90 (bei Prudentius 101) Zeilen, in welchen im 
Bereiqh der beiden ersten Silben ein fester Wortaccent sich findet. 
Eier allein kann sich nun entscheiden, ob Auspicius 
jambische Accent-Füße bilden wollte oder ob er nur 
Silben zählte. Hat er wirklich accentuirte Jamben bilden wollen, 
so mußte er hier immer die 2. Silbe accentuiren, nie die erste. 
Bei Prudentius haben von 101 Zeilen 60 die 2. Silbe betont, also 
jambischen Schablonentakt; 41 haben die 1. Silbe betont; aber er 
hat ja an Wortaccente und an Accentfüße nicht gedacht. A u- 
spicius, dessen oberstes Prinzip die Uebereinstimmung des Wort- 
accentes mit dem Versaccent gewesen sein soll, hat von den 90 
Zeilen, in denen er seine Absicht zeigen mußte, nur 42 auf der 
2. Silbe accentuirt: z. B. 4 6 16 18 28 37 38 haben jambischen 
Tonfall, wie 41 quae tili * viro * r^geris ; 78 conlätas * tdnta ' grdtia. 
Aber in nicht weniger als in 48 Zeilen hat Auspicius die 1. Silbe 
accentuirt, also die jambische Schablone verlassen, und zwar 29 
Mal in der Art von 5 mdgnas coel^sti * dömino (vgl. 22 24 31 32 
44 55 usw.) und 19 Mal in der Art von 8 mdgnum in ürbe ' vi- 
dimus (vgL 9 13 29 30 33 35 usw.). 

Also der Mann, welcher beabsichtigt haben soll, jambischen 
Tonfall der Wortaccente zu fugen, hat an der einzigen Stelle, wo 
er dies zeigen konnte, denselben öfter verletzt als eingehalten. 
Ja, er müßte das fast mit böswilliger Absicht gethan haben. 
Denn fast alle jene Verletzungen der jambischen Schablone hätte 
er leicht vermeiden können: 



212 Wilhelm Meyer, 

Aospicms Schablone 

5 mdgnas cael^sti domino cael^sti mdgnas domino. 

8 mdgnom in urbe vidimus in ürbe mägnum vidimus. 

9 mdltis me tuis actibus me mältis tdis actibus. 
13 mdior et ^nim solito et ^nim müor solito. 
19 n6ndnni deldtns nomine delätns nöndom nomine. 
22 virnm folgere actibns folgere viram actibns 

nnd so weiter; es ist kinderleicht, fast alle Verse des Anspicius 
mit Taktwechsel zu jambischen Klapperversen zu machen. Was 
soll das heißen, wenn dem Anspicios die Accent-Jamben wirklich 
das oberste Prinzip gewesen sind? 

Brandes hatte das Caesnrgesetz des Anspicins nicht erkannt, 
also auch nicht, daß für Anspicius die beiden ersten Silben der 
Zeile die einzige Stelle waren, wo er zeigen konnte, daß er mit 
Absicht Jamben baue. Aber selbst Brandes empfand bei Anspicius 
die häufige Mißachtung der Schablone im 1. Faße so schwer, daß 
er nach einem Grunde suchte. Nicht ohne Heiterkeit las ich, daß 
er (S. 30) nur eine ästhetische Ursache für diesen Widerspruch 
in seiner Rythmik des Anspicius fand, gerade das, was ich schon 
vor 20 Jahren (Ges. Abhandlungen I 273, auch II 130—136) als 
unbewußte Folge des ursprünglichen rythmischen Zeilenbaus ange- 
geben habe. Doch der Bischof von Toni um 473 war kein ästhe- 
tisirender Rythmiker, auch nicht seine Vorgänger, wie Augustin. 

Schablone oder Prosa? Anspicius hatte in der Schule 
von Caesur im jambischen Dimeter gehört und hat diese in seinen 
rythmischen Achtsilbern mit jambischem Schluß festzuhalten ge- 
sucht. In Folge dessen blieb nur der Tonfall der 2 ersten Silben 
frei; nur hier konnte er zeigen, ob er Accent-Jamben bilden 
wollte. Er hat hier gezeigt, daß er Accent-Jamben nicht hat 
bilden wollen. Er hat in Wahrheit nur Zeilen geschrieben, wie 
Prudentius in den oben besprochenen Versen sie geschrieben hat, 
wenn wir bei ihnen die Quantität vergessen, d. h. Gruppen von 
je 8 Silben, deren 6. Silbe Wortaccent hat, und* welche nach der 
3. oder 5. Silbe, mit sinkender Caesur durchschnitten sind. Die 
Caesur in jambischen Dimetern war aber nicht einmal von allen 
quantitirenden Dichtern anerkannt. Vielleicht haben schon frühere 
oder zeitgenössische Dichter, sicher aber haben die Nachfolger 
des Auspicius in Achtsilbem mit steigendem Schluß sich nichts 
um Caesur gekümmert, und so treten denn bei ihnen allen die 3 
überhaupt möglichen Tonfalle (s. Ges. Abhandlungen I 263) auf : 



Die rytfamischen Jamben des Auspicios. 213 

b Pldngit cor m^om mfsere, 
c qufa cäret soMtio. 
a si volles höc cognöscere, 
c b^ne pösses, ut s^ntio. 
c tu virgo piJchÄrriina, 
c 81 non a&diä me misermn, 
c mihi mors est asp^rrima. 

Die Behanptang von Brandes und Ramorino, daß Auspidus 
mit Bewußtsein jambische Ftiße gebildet habe, ist unrichtig. Mein 
alter Satz, daß die lateinischen rythmischen Zeilen, wie später 
so schon von Anbeginn, silbenzählende Prosa mit einer bestimmten 
Schlußcadenz gewesen seien, bat sich auch bei den Achtsilbern 
des Auspicius von etwa 476 als richtig erwiesen. 



Der Sehlass der rythmischen Zeilen. 

Vor dem Schlüsse der rythmischen Zeilen sind, wie bisher ge- 
zeigt, nur die Silben gezählt worden. So bleibt den Anhängern der 
gewöhnlichen Lehre als Zuflucht nur eben dieser Schluß der Zeilen. 
Bier ist mit Hilfe der allein zu Grebot stehenden 2 Schlüsse der 
lateinischen Wörter, des sinkenden mälta d^us, und des steigenden 
plürima pepulerant, der Schluß der gewöhnlichsten quantitirenden 
Zeilen nachgemacht, so gut es eben ging. In diesem Schlüsse 
haben die rythmischen Dichter Accentfüße gebildet: also, lautet 
die Folgerung, haben sie auch vor diesem Schluß Accentfüße ge- 
wollt. Diese Folgerung ist nichtig, und die Thatsachen zeigen 
unerbittlich, daß schon die frühesten Rythmiker vor dem 
Zeilenschlusse keine Accentfüße gebildet haben. Die steigend 
schließenden Achtsilber: 

Aethereus qui omnia mundi herus molimina 
verbi tantum cum numine formasti in origine 
mihi nova qui nutibus adgredior nutantibus 
nennt z. B. vor 706 der Angelsachse Aethilwald (Monumenta G-. H. 
Epistolae in 239): non pedum mensura elucubratos, sed octonis 
syllabis in uno quolibet versu conpositis . . cursim calamo pera- 
rante caraxatos. Diese Dichter mußten doch besser wissen, was 
sie wollten, als die modernen Theoretiker; sie gaben wenig auf 
den Accentfuß im Schluße und bezeichneten ihre Zeilen a parte 
potiori als Prosa oder als prosaische Silbengruppen. 

Die Thatsache ist sicher: die rythmischen Dichter waren des 
Accentfußes im Schlüsse sich wohl bewußt ; da sie aber vor diesem 
Schlüsse höchstens daktylische Wortschlüsse meiden, sonst sich 

Kffl. Om. 4. Wi«. Nftckriehtra. PhUoloc.-hiitor. KImm 190«. Hefl S. 15 



214 Wilhelm Meyer, 

nichts um Accentfasse kummem, so beweist das, daß sie hier wie 
dort mit Konstbewaßtsein arbeiteten^). 

Aber, wenn die frühesten rythmischen Dichter der Lateiner 
die Silbenzählnng als Prinzip ihres Zeilenbanes wählten, weßhalb 
sind sie nicht dabei stehen geblieben, weßhalb haben sie nicht bi^ 
ans Ende ihrer Zeilen nur Silben gezahlt? Das haben doch z. B. 
die Semiten gethan und jedenfalls der griechische üebersetzer des 
Ephrem (s. Ges. Abhandlangen I 8): 

n&g iyh &nccQr(oXbg iisötbg srAi^fififAi^fichrcDV 
dwrfiBlviv i^BixBlv xa ifiol insgoyxa; 
Weßhalb haben die lateinischen Rythmiker die abgezählten Silben- 
reihen mit einer bestimmten Schloßkadenz versehen? 

Früher hatte ich hiefür nur allgemeine Gründe beizubringen: 
Dichtungen sind zum Gesang oder mindestens zur declamirenden 
Recitation bestimmt ; sie sollen also schön klingen ; bei allem Vor- 
trag aber, besonders in den romanischen Sprachen, ist der Klang 
des Schlusses vor Sinnespausen wichtiger als der des Lmem der 
vorangehenden Wörterreihe ; die Ohren der Lateiner, welche durch 
fast 600 jährige Kunstübung verfeinert waren, mußten beleidigt 
werden, wenn kurze, sonst ganz gliche Silbenreihen in wildem 
Durcheinander steigend und sinkend ausklangen. 

(Der rythmische Satzschluß). Nachher habe ich 

nachweisen können, daß ich mit diesen allgemeinen Sätzen auf dem 
richtigen Wege gewesen war. Seit etwa 250 bis etwa 1400 nach 
Christus bestand für die feine lateinische Prosa die Regel, daß 
man die Schlüsse vor Sinnespausen in bestimmten Cadenzen formen 
solle (Ges. Abhandlungen II 236 — 286). Diese Cadenzen be- 
herrschten das letzte Wort und wesentliche Theile des vorletzten 
Wortes. Natürlich durfte die Form nicht eine einzige sein, son- 



1) Das, was Brandes S. 31/32 von der Entwicklung des rythmischen ZeUen- 
banes sagt, schüdert nur dessen roheste Auswüchse im 7.-9. Jahrhundert, 
durchaus nicht die wirkliche und schulmäßige Rythmik. Auch in den Garmina 
Burana finden neben den vielen formschönen Qedichten sich einige, deren Formen 
roh sind — oder von uns noch nicht verstanden werden. Wenn z. 6. in Bur. 22 
S. 24 'Fides cum Idolatria' Achtsüber zu 8<^^ und Siebensilber zu 7—^ einander 
gleich gesetzt sind : Novissimus fit primus Et primus fit novissimus (Str. 3, 6 
bessere *ad faeces usque sceleris' nach Jes. 51, 17 und nach Ezech. 23, 24)t so 
kann nach der damaligen deutschen Art 7-^v^ = 8^ul- gesetzt sein ; wenn 
man femer in dem verderbten Text von Bur. 17 (S. 14) In huius mundi patria' 
die wenigen Zeilen zu 5_w, zu 8-^u oder zu 9 Silben bei Seite l&ßt, so ist 
vielleicht in ähnlicher Weise der Wirrwarr von 6— u, 7u— , 7^u undSv-' — 
als Nachahmung des mittelhochdeutschen Baus der vierhebigen Zeile zu erklären 
/s. . Oes. Abhandlungen 1 256). 



Die rythmischen Jamben des Anspicins. gl5 

dem sie maßte Abwechselung ermöglichen. Von etwa 250 — 400 
waren diese Schloßcadenzen nach der Quantität gebaut, in fol- 
genden 3 Grundformen : — u r\j] ^^ u^^»; <%-»uru+_u — u 

oder ^N^urv + u rsj^ also: magna cürämus; magna curävlmus; 

maxima rexörämus oder mazima rägebämus. Diese 3 Grundformen 
konnten, besonders durch Auflösung der Längen, mannigfedtig 
ausgestaltet werden. Diese Grundformen wurden seit kurz vor 
400 mit Schablonen der Wortaccente ausgedrückt : rl^ rsj rsj rlj r>j - 
Ajr\j f\j risjyjf^'j rOuru + r^rv»^ru; also konnten etwas später, 
als hier jede Nebenrücksicht auf die Quantität geschwunden war, 
folgende Schlüsse als regelrecht gelten: d^us pet^bat; döus pe- 
tferat; tötiens faci^bam. 

Schon von Anfang an haben viele christliche Schriftsteller , 
wie schon Minudus und der Meister Cyprian, die quantitirende 
Art dieses kunstreichen rythmischen Satzschlusses angewendet, 
und zwar häufiger als die heidnischen Schriftsteller; nachher im 
6. und 6. Jahrhundert ist die Accentform des rythmischen Satz- 
schlusses von der Mehrzahl der christlichen Schriftsteller ange- 
wendet worden. Also den Christen und schon denen des 4. Jahr- 
hunderts galt es als wünschenswerth, daß feine Prosa vor den 
Sinnespausen ganz bestimmte Cadenzen habe; diese wurden bis 
etwa 380 nach der Quantität, später hauptsächlich nach dem Wort- 
accent gebaut. Um 380 begannen auch die Griechen, ihre Prosa 
mit dem Satzschluß zu zieren. Sie haben fast dieselben Grund- 
formen, kennen aber nur den Bau nach dem Wortaccent; also 
haben sie denselben wahrscheinlich den Lateinern abgelernt. 

(Eintritt des rythmischen Schlusses in die ryth- 
mische Dichtung). Die rythmischen Dichter sind von An- 
fang an Christen gewesen; ein von einem Heiden geschriebenes 
rythmisches G^edicht in lateinischer oder in griechischer Sprache 
gibt es nicht. Die dichterischen Zeilen dieser christlichen ryth- 
mischen Dichter sollten abgezählte Silbengruppen, also Prosa, 
sein: da aber jedes Gedicht etwas Feineres sein will, so war es 
fast selbstverständlich, daß die rythmischen Dichter auch für die 
Schlüsse ihrer abgezählten prosaischen Silbengruppen bestimmte 
Cadenzen annahmen, wie solche in der Prosa allgemein üblich 
waren. 

Die Sätze der Prosa waren von verschiedener Länge und die 
Schlußformen mußten einige Abwechselung ermöglichen. Dagegen 
die rythmischen Dichter hatten in jedem Falle eine bestimmte 
und ziemlich kleine Silbenzahl in ihren Zeilen: also setzten sie 
auch für jede einzelne Eurzzeile von tiner bestimmten Silbenzahl 

15* 



216 Wilhelm Meyer, 

nur ^ine bestimmte Scfalaßform fest and ließen diese so knrz sein 
als möglich : r\j r\j rsj oder rsj rsj : föcerat oder föcit. 

Also haben die lateinischen Christen , welche die Sätze ihrer 
feinen Prosa mit bestimmten Cadenzen schlössen, anch die silben- 
zählende Prosa ihrer rythmischen Zeilen mit bestimmten Cadenzen 
geschlossen, und zwar eine bestimmte Zahl von Silben mit einer 
bestimmten Cadenz. Die Knrzzeilen aller Dichtung sind nur 
wenige: 4 5 6 7 oder 8 Silben. Die rythmischen Dichter der 
Lateiner wollten mit ihrem eigenen Zeilenban die geläofigsten 
Zeilen der qnantitirenden Dichtimg, trochaeische Septenare, jam- 
bische Trimeter and Dimeter, ja sogar Hexameter, nachbilden. 
Deßhalb haben sie von deren metrischer Norm die Caesar, die 
Silbenzahl der dadnrch entstehenden Knrzzeilen und die Cadenzen 
der Schlüsse copirt, so gat es eben ging. 

Kampf und Sieg des Wortaccents 

Ramorino meint (S. 9) die Verseggiatori di volgo' hätten die 
rythmische Dichtung eingeführt. Wir sehen allmählich ein, daß 
onsere sogenannten Volkslieder zum größten Theil nicht von dem 
Volk gedichtet, sondern nar von ihm übernommen and verbreitet 
worden sind. Der größte Theil dieser Volksdichtang ist von 
Lenten gedichtet, welche für ihre Zeit oder Umgebang gebildet 
oder sehr gebildet waren; ein anderer großer Theil besteht aas 
mehr oder minder dentlichen Umformangen oder Nacbahmnngen 
von Liedern der 1. Art. Was ist z. B. das Oberammerganer 
Passionsspiel Anderes als ein dürftiger Rest and Aaszag? and 
anch dieser Rest ist nicht vom Volk selbst, sondern von Pfarrern 
and Schalmeistern aas einem großen Ganzen aasgeschnitten and 
ängstlich hergerichtet worden. Es ist geradeso, wie wenn man 
die herrlichen, feinen Lieder der Carmina Barana von sittlich 
verderbten and verrohten and bettelnd im Land nmherziehenden 
Mönchen oder Geistlichen gedichtet glanbt. 

Femer arbeitet sich allmählig doch eine andere Vorstellnng 
darch von der Knltar and insbesondere von der Literatnr des 
4. Jahrhanderts. Das steht längst fest: im 4. Jahrhnndert ist 
die römische Gesetzgebang and die Verwaltnngsform gefestigt 
worden, welche dann all die siegreichen Germanenstämme besiegt 
and beherrscht hat. Allein anch die Literatar ist im 4. Jahr- 
handert gewaltig amgestaltet worden. Das mag zanächst veran- 
laßt worden sein darch das Bedürfniß, die christliche Lehre fest- 
znsetzen, and dabei mögen vielfach die Formen der heidnischen 
philosophischen Erörternng geführt haben. Aber dabei ist doch 
eine Fülle nener Gedanken and, wie schon die Sammlang der Ge- 



Die rythmiscben Jamben des Anspicins. 217 

dichte des Prudentins lehren kann, auch neuer Gattungen der 
literarischen Produktion empor gekommen. Damals aber ist 

auch die römische Schule nicht ausgestorben, sondern sie hat im 
Gegentheil damals all die Provinzen des Reiches umklammert^ 
und mit ihrer Hilfe hat bald die römische Kirche ihre starke 
Kette um die europäischen Nationen gelegt. Ich selbst habe bei 
Arbeiten über die späte lateinische Metrik hervorgehoben, wie 
auch hierin im 4. Jahrhundert ein starker Aufschwung sich zeigt. 
Die Anfertigung von Hexametern ist damals verfeinert worden 
und ist dann bis in das 16. Jahrhundert lebendig geblieben. Die 
Schule herrschte damals und noch lange in Italien und in den 
Provinzen. Allein die Sprache erlitt eine starke Veränderung, 
indem die Quantität, deren mühsame Kenntniß die quantitirende 
Dichtung fortan zur Schuldichtung machte, einen mächtigen Gegner 
gefunden hatte. 

Im 4. Jahrhundert trat in der Aussprache der Wörter bei 
den Lateinern der Wortaccent stark hervor. Die alte römische 
Aussprache der Wörter muß ein rythmisches Kunststück gewesen 
sein. In läbörlösös die Länge und Kürze jeder Silbe hervortreten 
zu lassen und zugleich den Wortaccent: das muß eine Kunst ge- 
wesen sein, welche z. B. diejenigen von uns würdigen können, 
deren Zungen in unsem Schulen ein schwacher Nachhall dieser 
Cantilena hat angequält werden sollen. In dem Hexenkessel des 
römischen Reiches breitete das Lateinische sich aus und wurde in 
manchen Theilen zur Reichssprache. Den so verschiedenen Zungen 
der Germanen, der Kelten, der Semiten war die fein abwägende 
Aussprache der Römer vielfach unmöglich. Hier mußte erleichtert, 
d. h. vereinfacht werden. Nun mußte man bei der quanti- 

tirenden Aussprache von läbörlösös die Eigenschaften von 6 Silben 
kennen, bei der accentuirenden nur die eine Thatsache, daß die 
vorletzte Silbe zu betonen sei: labori6sos. Beim Massenbetrieb 
siegt das Einfachere: gewiß ist nicht die schwierige deutsche 
Sprache zur Weltsprache geeignet, sondern die abgeschlifPenste. 
So war es natürlich, daß in den Zeiten, wo das römische Reich 
hauptsächlich in den Provinzen bestand, die Aussprache nach dem 
Wortaccent siegte und man sich weniger und weniger um die 
Quantität kümmerte. Die verschiedensten Provinzen lieferten 
weitaus die Mehrzahl der durch Geist oder Thaten hervorragenden 
Männer; diese konnten weder die Aussprache nach der Quantität 
erlernen noch ging es an, sie deßhalb auszulachen. So wurde die 
Aussprache nach dem Wortaccent im römischen Reich allgemein. 



218 Wilhelm Meyer, 

Diese ganze Entwicklang wurde, sozusagen, durch Naturgewalt 
herbei gefuhrt. 

Die Entwicklung solchen geheimen Schaffens ist meistens 
schwer zu fassen; erst an den Früchten kann man sie erkennen. 
Dazu glaube ich einen Weg gewiesen zu haben. Ich habe nach- 
gewiesen, daß um 400 der qaantitirende Satzschluß überging in 
den accentuirten (Gres. Abhandlungen II 261—266). Wenn Ammian 
um 390 Schlüsse, wie escäs effüdit, 6rät stäturae, sälüs et gloria, 
welche quantitirend falsch sind, häufig gebrauchen konnte, so 
sieht man, daß damals der accentuierte Satzschluß schon fertig 
war. In denselben Jahrzehnten ist auch bei den Griechen, bei 
welchen noch keinerlei quantitirender Satzschluß nachgewiesen ist 
und welche höchst wahrscheinlich hierin die Lateiner copirt haben, 
zuerst der accentuirte Satzschluß nachzuweisen (Ges. Abhand- 
lungen II 214 ffi.) Es wäre zu wünschen, daß die von mir ge- 
zeichneten Umrisse dieses Uebergangs durch gewissenhafte Einzel- 
forschung deutlicher nnd sicherer ausgeführt würden. Denn diese 
Thatsache ist wichtig. Es handelt sich hier nicht um ein 

Gassenlied, sondern um den Satzschluß der Prosa, also um gelehrte 
und gezierte Prosa, von welcher die Plebs keine Ahnung hatte. 
Als es dem Wortaccent gelang, hier einzudringen, sich zunächst 
neben die Quantität zu setzen, dann sie hieraus zu vertreiben, da 
war sein Sieg erreicht; er war offiziell anerkannt in den Kanz- 
leien und von Gelehrten und Schulmeistern. Das ist, wie gezeigt, 
in der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts geschehen. 

[Das Abnehmen zweisilbiger Wörter im quanti- 
tirenden jambischen Zeilenschluß. Der Schluß der 

Zeilen fitllt besonders ins Ohr; deßhalb wurde er auch von den 
quantitirenden Dichtern besonders beachtet. Nun ist es sicher, 
daß die späten quantitirenden Dichter es mehr und mehr gemieden 
haben, den jambischen Zeilenschluß, wie in jambischen Dimetem und 
Trimetern und in trochaeischen Septenaren, durch ein zweisilbiges 
Wort zu bilden; also selten: grande virtutis genas, sondern fast 
immer: quisque dextram porrigit oder prodigam pecuniae oder 
ferre supplicantibus. Da die rythmischen jambischen Schlüsse 
nur durch Wörter von 3 oder mehr Silben, nicht durch zweisilbige 
Wörter gebildet werden können, so fanden Manche in jenem Ge- 
brauch der quantitirenden Dichter einer geheimnißvollen Zusammen- 
hang mit der rythmischen Dichtung. 

Nach meiner Ansicht steht diese Erscheinung nur in Zu- 
sammenhang damit, daß der Wortaccent offidell gesiegt und auch 
den rythmischen Satzschluß sich unterworfen hatte. Aus Gründen, 



Die rythmischen Jamben des Aaspicios. 219 

die hier nicht zu erörtern sind, fielen seit Ovid in den beiden 
letzten Füßen aller Hexameter die Wortaccente mit den Vers* 
accenten zasammen: noctisque fngdnte; ümida siirgant; Mavörtis 
in nrbe; Schloßworter von 4 und mehr Silben sind verboten. Da- 
gegen in dem jambischen Zeilenschloß finden sich Wörter von 2 
bis 6 Silben: antiqna fanornm parens; iam Roma Christo dedita; 
caeteris praestantior ; miles invictissime. Das Eindringen des 
Wortaccents in die Bildung des rjrthmischen Satzschlnsses hatte 
das Ohr für den Accentfall der Schlüsse geschärft; die quanti- 
tirenden Dichter fanden nan, daß in den Hexameterschlfissen Wort- 
accent und Versictns immer zusammenfielen, im Pentameter immer 
sich widersprachen, in den jambischen Schlüssen bald zusammen- 
fielen, wie in dedita; praestdntior ; invictissime, bald sich schroff 
widersprachen, wie in dictis virum oder fanorum parens. Durch 
die große Neuerung, die Einführung des Satzschlusses, waren 
sie ohnedies an Eegelmäßigkeit in den Schlüssen gewohnt; in 
diesen widerspruchsvollen jambischen Schlüssen war leicht durch 
eine kleine Neuerung zu helfen: wie im Hexameter Schlußwörter 
von mehr als 3 Silben und im Pentameter Schlußwörter von 
mehr als 2 Silben verboten waren, so verboten sie im jambi- 
schen quantitirenden Zeilenschluß die zweisilbigen Schlußwörter- 
Wie im Hexameter fielen dann auch in den jambischen Schlüssen 
Wort und Versikten der 2 letzten Füße zusammen. Diese Neue- 
rung tritt erst nach dem Siege des Wortaccents auf und ist nur 
für wenige Dichter mehr gewesen als eine Wohlklangsregel]. 

(Der Eintritt des Accent-Schlusses in die silben- 
zählende Dichtung). Mit der Erkenntniß, daß erst in der 
zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts der qaantitirende Satzschloß 
der schönen Prosa sich in den accentuirten wandelte, läßt auch 
die Entwicklung der rythmischen Dichtungsweise sich erkennen. 
Zwei Entwicklungsstufen sind natürlich. Zuerst hatte man im 
lateinischen Sprachgebiet nur das Ziel des Silbenzählens vor Augen 
und mißachtete deßbalb die quantitirenden Füße im Innern der Zeile. 
Wollte man nach dem Vorbilde des einheimischen Satzschlnsses 
der Prosa auch in den neuen Dichtungszeilen bestimmte Schluß- 
cadenz bilden, so konnte, da noch Niemand an eine accentuirte 
Form des Satzschlusses dachte, auch die Schloßcadenz der neuen 
Zeilen nur eine quantitirende sein, d. h. natürlich die der nachge- 
machten einheimischen Zeilen. Auf dieser ersten Stufe der Ent- 
wicklung steht Commodian. Nach der Mitte des 4. Jahrhunderts 
errang die Aussprache nach dem Wortaccent sich officielle Aner- 
kennung und drang in den bisher nur quantitirenden Satzschliiß 



220 Wilhelm Meyer, 

der Prosa ein; ja der Satzschloß, welcher in dieser Zeit in die 
griedusche Prosa eingeführt wurde, kennt überhaupt keine Spur 
von Quantität. Hatten die rythmischen Neuerer früher den aus- 
landischen Silbenzählem zu Liebe die qnantitirenden Füße aufge- 
geben und nur, dem einheimischen qnantitirenden Satzschluß zu 
Liebe, am Ende der Zeilen den qnantitirenden Schluß der nachge- 
bildeten Zeilen festgehalten, so war es jetzt, nachdem der Wort- 
accent emporgekommen und sogar im Satzschluß der Prosa aner- 
kannt war, selbstverständlich, daß auch die rythmischen Dichter 
diese Neuerung mitmachten und jetzt ihre rythmischen silben- 
zählenden Zeilen mit einem der beiden allein möglichen Accent- 
schlüsse schlössen: ficiat oder fäcit. Auf dieser Entwicklungs- 
stufe steht der Psalm des Augustin. 

[Dem Commodian, der nach neueren Forschem nicht schon 
im 3., sondern in der 1. Hälfte des 4. Jahrhunderts gelebt hat, 
war die Hauptsache die Bildung des Caesur- und des Zeilen- 
schlusses. Die letzte SUbe ist anceps, aber die vorletzte so gut 
wie immer quantitirend richtig ; so haben von den 490 zweisilbigen 
Schlußworten! des Carmen apologeticum nur 2, die und magum, 
die 1. Silbe kurz. Je mehr vom Schlüsse nach vorn, desto mehr 
werden die Silben nur gezählt. Der Wortaccent fallt, wie bei 
allen Hexameterdichtern seit Ovid, in dem 6. und 6. Fuß mit den 
Yersikten zusammen, sonst ist nicht von ihm die Rede. YgL 
meine Ges. Abhandlungen II 32. 

Bei dem griechischen Hymnas des MethodiusMartyr ist 
der Text sehr unsicher. Unsicher ist sogar die Abtheilung der 
Zeilen, so daß eine Untersachung der Zeilenschlüsse hier nichts 
ergibt. Sicher sind hier quantitirende Jamben, aber oft ist die 
Quantität verletzt. Da die Jamben ohne AußösuDg gebaut sind, 
so ergibt sich von selbt bestimmte Silbenzahl. Vom Wortaccent 
ist nichts zu merken. Vgl. Ges. Abhandlungen II 46. 

Von den beiden Denkmälern der 2. Entwicklungsstufe sind 
die beiden Hymnen des Gregor von Nazianz (Ges. Abhandlungen 
II 48 und 144) vor 389, der Psalm des Augustin gegen die 
Donatisten (Ges. Abhandlimgen 11 20) um das Jahr 393/394 ver- 
faßt. Von Quantität ist keine Rede mehr, auch nicht von Füßen ; 
Augustin sagt selbst (Retractationes I 20): ideo non aliquo car- 
minis genere id fieri volui, ne me nesessitas metrica ad aliqua 
verba, qnae vulgo minus sunt usitata, compelleret. Die Silben- 
zahl schwankt bei Gregor in den Langzeilen von 14 zu 16; bei 
Augustin ist die Bestimmung der Silbenzahl sehr erschwert; doch 
scheint sicher, daß neben der großen Mehrzahl von Kurzzeilen zu 



Die rythmischen Jamben des Aüspicius. 221 

8 Silben etliche von 7 oder von 9 Silben ursprünglich sind. Im 
Zeilenschlnß und bei Augnstin auch im Caesurschloß regiert der 
Wortaccent fast schon vollständig; fast immer ist die vorletzte 
Silbe accentuirt. Innerhalb der Kurzzeilen meidet nur Gregor 
die 5. Silbe zu accentuiren ; sonst stehen die Accente wie's der 
Zufall gibt; besonders bei Augustin führen vor dem Schlüsse die 
Wortaccente einen wilden Tanz auf, aus dem auch ein Fanatiker 
nicht den trochaeischen Takt heraushören könnte]. 

Bei Augustin und Gregor ist die Quantität gänzlich aufge- 
geben und ihre Füße. In den Zeilen herrscht die Silbenzählung, 
im Schluß der Wortaccent. Bei diesen beiden Dichtern verräth 
noch einiges Schwanken die Neuheit der Kunstübung. Es war 
natürlich nur geringe Thätigkeit noth wendig, dann war die reine 
Form der rythmischen Zeile fertig : gleiche Silbenzahl und gleicher 
Accentfuß im Schlüsse. Das Vordringen imd der Sieg des 

Wortaccents ist durch die Allgewalt der Verhältnisse, durch das 
Bedürfniß einer einfachen Verkebrsausspracbe herbeigeführt. Das 
eine Hauptstück der rythmischen Zeile, der Accentfuß im Schlüsse, 
ist eine Nachahmung des durch Wortaccente gebildeten Satz- 
schlusses der feinen Prosa. Dieses Stück hat also nichts zu thun 
mit der Plebs oder mit ihren Sangeskünstlem und Bänkelsängern, 
sondern hier haben Schule und Gelehrsamksit geholfen. Es bleibt 
die Frage: woher stammt das ältere Hauptstück des rythmischen 
Zeilenbaues, das Silbenzählen? 

Woher stammt die SUbenzShliing tu den rythmischen Zellen I 
Ich gehe nun über zu meinem größten Verbrechen: ich habe be- 
hauptet, der merkwürdige Gedanke, die Zeilen nicht mehr mit 
quantitirenden Füßen auszubauen, sondern nur Silben zu zählen, 
sei in den griechischen oder den lateinischen Christen geweckt 
und dann gestärkt worden dadurch, daß sie einige Kenntniß davon 
erhielten, daß ihre semitischen Glaubensbrüder, besonders die 
Syrer, schöne christliche Gedichte schufen, indem sie nicht lange und 
kurze Silben und daraus zusammengesetzte bestimmte Füße zu 
Zeilen zusammenfügten, sondern indem sie Kurzzeilen von je 4 
oder 6 oder 6 oder 7 oder 8 Silben bildeten und dann solche Kurz- 
zeilen in verschiedener Weise zu Langzeilen, zu Gruppen oder zu 
Strophen zusammensetzten. 

Man erwäge die Thatsachen ! Durch 600 Jahre hatte die latei- 
nische Dichtung sorgfältig lang und kurz abgewogen und Füße 
gebaut und hatte eine so vielgestaltige Metrik geschaffen, daß 
wir noch jetzt nicht behaupten dürfen, die metrische Kunst des 
Ausonius oder des Prudentius in allen Stücken wieder erkannt zu 



222 Wilhelm Meyer, 

Laben. Eine äußere Nothwendigkeit, die Quantität aufzugeben, 
lag nicht vor. Denn die Quantität hat in der lateinischen Dich- 
tung nachher noch 1000 Jahre bestanden; gerade der Bedarf der 
Kirche ist nicht nur von Prudentius und Ambrosius, sondern bis 
zum Jahre 1000 von der Mehrzahl der Dichter mit quantitirenden 
Gedichten befriedigt worden, und z. B. von den Achtsilbem der 
Westgothen (Liturgia Mozarabica bei Dreves, Analecta hynmica 
Band 27) wollen sehr viele qnantitirend sein, und von den *ryth- 
mici versus iambici dimetri\ welche der Index des 2. Bandes der 
Poetae aevi Carolini (S. 721) aufzählt, ist in Wirklichkeit nur 
ein Gedicht rythmisch (S. 197); die andern sind quantitirend (auch 
das S. 296 mit dem dort nicht erkannten Akrostichon: ijius 
MAMMETis). Also Natumothwcndigkeit ist es nicht gewesen, wenn 
einige Dichter um 300 nach Christus die Quantität bei Seite schoben. 

Anderseits hat nicht die Naturgewalt des vordringenden Wort- 
accents den rythmischen Zeilenbau geschaffen. Denn die Anfänge 
der neuen Dichterweise fallen früher als der Wortaccent in der 
Literatur und im Satzschluß der Prosa bekannt ist, und diese 
Anfänge kümmern sich bei Commodian und bei Methodius gar 
nichts um den Wortaccent. Nachdem später in der 2. Hälfte des 
4. Jahrhunderts der Wortaccent im Satzschluß der feinen Prosa 
anerkannt ist, wird der Wortaccent auch in den rythmischen 
Zeilen nur im Schlüsse der Zeilen eingeführt; der Innenbau der 
rythmischen Zeile kümmert sich nichts um den Wortaccent, weder 
bei Augustin oder Gregor von Nazianz, noch fast 100 Jahre 
später bei Auspicius. Und doch wäre es, wie gezeigt, kinderleicht 
gewesen, genau wie dies im Satzschluß der Prosa geschehen ist, 
so auch in den rythmischen Zeilen die Wortaccente in die Stelle 
der Versikte zu rücken, also auch im Innern der Zeile regelmäßig 
wiederkehrende Accentfüße zu bilden. Das ist aber weder vor 
noch nach 400 geschehen. 

Wenn also der tief eingewurzelte und noch lang lebende 
quantitirende Zeilenbau von christlichen Dichtern des 4. Jahr- 
hunderts verlassen ist und wenn der Wortaccent diese Abtrünnig- 
keit nicht veranlaßt hat, was denn hat jenen Dichtem die Kühn- 
heit, ja auch nur den Gedanken zu einer so auflMlenden Neuerung 
eingegeben ? Wo im griechischen oder im lateinischen Sprachgebiet 
spielt das Abzählen der Silben eine solche Rolle, daß man auf 
den Gedanken kommen konnte, darch dieses Abzählen das Gewe be 
der langen und kurzen Silben zu ersetzen? Wenn Jemand diese 
dunkle Macht im Gebiet dieser Sprachen nachweisen kann, werde 
ich ihm zustimmen. Bis jetzt hat dies noch Niemand vermocht. 



Die rythmischen Jamben des Aoapicios. 223 

Einflüsse der syrischen oder gnostischen theologischen Lite- 
ratur auf die griechische oder lateinische anzunehmen, wird kein 
Theologe sich sträuben. Christliche Dichtungen des Bardesanes 
hatten schon vor 300 Aufsehen erregt. Im griechischen und latei- 
nischen Occident gab es, wie bezeugt, fanatische Christen genug, 
welche besonders die alten heidnischen Dichter haßten, da ihre 
einschmeichelnden schönen Formen das Gift des Heidenthums, be- 
sonders des Götterglaubens, leicht in die Seelen der Volksgenossen 
einflößten. Von diesen erfuhren einige, daß ihre syrischen Glau- 
bensgenossen schöne christliche Dichtungen schrieben, daß aber 
deren Formen nichts zu thun hatten mit den Formen der gehaßten 
heidnischen Dichter, dagegen wahrscheinlich nicht sehr fern ständen 
dem Bau der biblischen Psalmen. Neue, die bisherigen Bahnen 
verlassende G^anken haben die griechischen und lateinischen 
Christen im 3. und 4. Jahrhundert viele gefaßt ; nicht der kühnste 
wäre der Plan Einiger gewesen, christliche Gedichte nicht in der 
heidnischen quantitirenden Form zu schreiben, sondern sich der 
Form ihrer semitischen Glaubensbrüder zu nähern. 

Trotzdem solche Versuche sehr schwierig waren und wie die 
des Conmiodian und Methodius daran krankten, daß sie nicht ganz 
brachen mit der Quantität, wurden sie doch nicht bald aufgegeben. 
Wie die Aufinerksamkeit der Griechen auf diese Formen gelenkt 
war, zeigt die Thatsache, daß in den syrisch-griechischen Grenz- 
landen noch vor Ephrem^s Tod ein Grieche es wagen konnte, be-" 
rühmte Dichtungen desselben in Versen zu übersetzen, in denen 
absolut nur Silben gezählt werden, in denen aber keine Spur von 
Rücksicht auf Quantität oder Wortaccent sich findet: 
T6xs ^QtivsV dsiv&g l)^ov näöa t^ff xal öXBvdisi 
Stav ndvtsg' ^Bdöovtai ^klifiv ina-ga^v^tov 
ti^v nBQii-xovöav ccifxo'bg vihctoQ xb xaV (iBff ii^igaV 
xal (yddcciiov* Bvgiöxovöiv i(inXfi6^fjvai,' t&v ßQ(0(idta}v, 
Diese umfangreiche griechische Uebersetzung ist gewiß weit ver- 
breitet worden. Bis jetzt haben wir kein Zeugniß, ob im Occident 
ein Grieche oder Lateiner jener Zeit es gewagt hat, ähnliche, nur 
silbenzählende Zeilen zu schreiben. Allein ein wichtiges Zeichen 
der Zeit sind diese rein silbenzählenden Zeilen. 

In der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts wurde der Wortaccent 
im rythmischen Satzschluß der Prosa anerkannt. Damit war die 
Möglichkeit geboten, von den bisherigen rythmischen Zeilen den 
fremdartigen Bestandtheil , die quantitirende Schlußcadenz , abzu- 
streifen und an ihre Stelle den in der Prosa herrschenden Wort- 
accent zu setzen. So waren im Anfang des 5. Jahrhunderts die 



224 Wilhelm Meyer, 

beiden Elemente des ryihmischen Zeilenbanes vereinigt, das Silben- 
zählen nnd der geregelte Accentscbloß. Woher das Silbenzählen 
eigentlich stammte , dessen waren vielleicht schon damals nur 
Wenige noch sich bewoßt. Allein die beiden Theile paßten jetzt 
doch gut zusammen. Denn sowohl der Anfang nnd die Mitte, wie 
das Ende der rythmischen Zeile wurden wie Prosa mit den ge- 
wöhnlichen Wortaccenten betont. Damit komme ich zn dem Pnnkte^ 
welcher mich einst zu all diesen Studien veranlaßt hat. 
Wie wurden die rythmischen Zellen vorgetragen? 
Diejenigen, welche behaupten, daß die Achtsilber mit jam- 
bischem Schlüsse nach der jambischen Schablone gedichtet seien^ 
müssen auch behaupten, daß die Dichter selbst ihre Zeilen jam- 
bisch betont wissen wollten, müssen also auch selbst sie so be- 
tonen (vgl. dagegen oben S. 212/213) : 

Planglt cor m^um mlsere, 

quid car^t solätio. 

si volles höc cognöscere, 

ben^ poss^s, ut s^ntio. 

tu virgö pulch^rrima, 

si n6n audis me miserum, 

mihi mors ^st asp^rrima. 
Diese ZeUen sind nicht quantitirend gebaut; aber die Worter plangit 
quid, car^t ben^ poss^s virg6 audis mihi wären auch nicht nach 
dem Wortaccent betont. Aber nach was denn? Nach der einge- 
bildeten Schablone. Wenn man auch in diesen Dingen Alles er- 
lebt (vgl. meine Ges. Abhandlungen, die Noten zu I 184, II 8 
und 136), so geniren sich doch die meisten Theoretiker, die Blöße 
ihrer Theorie so nackt zu zeigen, und suchen dieselbe mit dem 
Feigenblatt der ^schwebenden Betonung* zu decken. 

Was ist 'schwebende Betonung'? Bamorino erklärt 
S. 10 zu den Zeilen des Auspicius: In principio di verso awiene 
talvolta (una cinquantina di casi su 164 versi — vgl. aber S. 211) 
che, usandosi una parola bisillaba, questa non possa essere pro- 
nunziata con forte accento suUa prima sillaba a motivo del ritmo 
giambico, es. : magnum in ürhe vidimus ; niidtis me tüis dctibus. In 
tali casi lapronunzia sorvolava sulT accento del primo 
bisillabo, restando pressochi atona fino alla quarta 
sillaba, colla quäle il ritmo ripigliava il $uo impero. 
Nehmen wir als Beispiel die 8. Strophe des Auspicius: 

Claras et önim g^nere, 

clarus et vitae möribus, 

iustus, pudicus, s6brius 

totus inliistris rödderis. 



Die rythmischen Jamben des Aospicius. 225 

Hörte Anspicios diese Zeflen vorlesen (dazu waren sie ja bestimmt) 
nach Bamorino's Anweisung, er wärde heftigen Einspruch erheben : 
iustus sei ihm völlig so wichtig als pudicus; clarus habe er eben 
des Nachdrucks halber rhetorisch wiederholt, und auch totus sei 
ihm ein wichtiges Wort, da es die 3 ersten Zeilen zusammen- 
fasse; wenn diese 4 Anfangswörter mit einer pronunzia sorvo- 
lante e pressoch^ atona vorgelesen würden, geschehe ihm, dem 
Dichter, bitter Uiirecht. 

Aber noch schlimmer ist Folgendes : in Zeilen, wie ^erit crMo 
velocius*, wie weit flattert da die Stimme? Auspicius hat nur B 
solche Verse: allein. die ganze Folgezeit hat sehr viele; z. B. in 
der oben citirten Strophe Tlangit' haben von 7 Zeilen 5 vollen 
Aecent auf der 3. Silbe. Besonders viele finden sich schon bei 
den Angelsachsen, also nur gut 200 Jahre nach Auspidos; z. B. 
begann Aldhelm ein Gedicht an Aethilwald (Mon. G. H. Epist. 
111 246; vor dem Jahr 706) mit den Zeilen: 

Vale, vdle, fidissime philochriste carissime, 

2 quem in cördis cubiculo clngo amoris vinculo. 
Have, hdve, altissime, olim s6des sanctissime, 

4 salutätus supplicibns, Aethilwälde, cum vodbus. 
Tete h^rus in omnibus cldrum creavit actibas, 

6 Forma et visu virilem, facto et dicto senilem. 
Tuam primam propaginem per profdndam indaginem 

8 curi6se conicere mentis dtque inspicere 

nullus vdlet volucribus summi c^li sub nubibus. 
Man beachte hier zunächst die bewußte, starke Alliteration, die 
ebenso den vordem wie den hintern TheU dieser Zeilen belegt, 
welche klingen als seien sie von Erz. Diese Zdlen widersprechen 
1.) sämmÜich der jambischen Schablone; denn von all den 77 
Zeilen sind 2 ganz unsicher (13 a und 22 b), 2 haben jetzt jam- 
bischen Tonfall (36 b robüstum per suffragium und 37 b cael^stis 
sceptri gremium): allein alle 73 übrigen beginnen mit einer Silbe, 
die vollen Aecent oder Nebenaccent hat*). Die vielen Zeilen, 
welche auf der 1. und 4. Silbe Aecent haben, müßte man bis zur 4. SUbe 
mit unsicherer Stimme lesen; aber in denen, welche auf der 3. 
Silbe Aecent haben, also in den meisten, müßte man die 5 ersten 
Silben mit leiserer Stimme sprechen und dürfte erst der 6. Silbe 
den gewöhnlichen Nachdruck geben. Mir kommt ein solcher Vor- 
trag dieser wie Erz tönenden Zeilen vor, als wenn Sarastro in 

1) Die andern Achtsilber dieser Angelsachsen beginnen oft mit einer He- 
bung, aber nicht regelmäßig, wie diese des Aldhebn. Sollte Aldhelm hier angel- 
sächsischer Vortragsweise gefolgt sein? 



226 Wilhelm Meyer, 

der Zanberflöte seine ernsten Verse so vortragen sollte, wie Papa- 
geno und der Mohr, als sie einander zuerst sehen, eine Reihe von 
nnterdröckten AngsÜanten schnell hervorstoßen und diese immer 
mit einem schrillen Anfschrei schließen. 

Noch klarer wird die IJnnatar dieser Theorie, wenn man 
einen Blick wirft anf die beiden wichtigsten Zeilenarten der 
Blüthezeit des Mittelalters, des 11. — 13. Jahrhunderts, anf den 
Zehnsilber nnd auf den Alexandriner: 

Vltam pötest de mörte fdcere, 

qui mörtuös iubet resurgere. 

Höstis insidians cunctis mortälibas. 

hie m^ntem dnxiat et c6git s^dulo. 
Im 2iehnsilber ist ein meistens sinkend, oft steigend schließender 
Viersilber verbanden mit einem steigend schließenden Sechssilber 
(4+6u_); im Alexandriner folgen sich 2 gleiche, beide steigend 
schließenden Sechssilber (6u-_ + 6u— ). 

Der Bau and Vortrag dieser Sechssilber ist nach meinen 
Regeln einfach: vor dem schließenden Proparoxytonon hat bald 
die 1. bald die 2. Silbe der Zeile vollen Wortaccent: 

tötum calcäverat mundum sub pädibus, 

ut cunctis iustior probätis m6ribus, 
bald ist unsicher, ob der Nebenaccent auf der 1. oder auf der 2. 
Silbe der Zeile liegt: 

inestimdbilis plus commendäbilis. 

et ad neg6cii et quem sub p^bus. 
Also im Anfang der Sechssilber Abwechselung, im Schlüsse Gleich- 
förmigkeit der Accente. 

Die Theoretiker, welche aach hier nach einer bestimmten 
Schablone Accentfüße haben wollen, kommen hier in bittere Ver- 
legenheit. Denn dazu muß man wenigstens wissen, was das quan- 
titirende Vorbild ist; allein beim Zehnsilber ist das quantitirende 
Vorbild noch heute strittig; den Alexandriner sah man bisher als 
eine Vereinigung von 3 + 3 Jamben an. Wahrscheinlich ist das 
Vorbild des Zehnsilbers die Reihe von 3^» Daktylen: — v^o-.uo 
— v^u— urbe potens populis locuples; hier also wäre der Sechs- 
silber gleich v^u-^uu— gesetzt. Das quantitirende Vorbild des 
Alexandriners ist der Asklepiadeer : Maecenas atavis edite regibus ; 

also wäre uu— das Vorbild des 1., — ou — u— das Vorbild 

des 2. Sechssilbers. Allein weder v^u-_uu— noch — ^.-.v^v^ — 
kann rythmisch genau wiedergegeben werden. 

Den Schablonenfreunden bleibt nichts übrig als die rythmi- 
schen Sechssilber mit Proparoxytonon zu schließen und im An- 



Die rytbmischen Jamben des Anspidns. 227 

fang entweder einen Accent-Daktylns oder einen Accent-Jambns 
anzunehmen. Welchen von beiden Anfangen sie sich erlesen, stets 
werden sie beim Alexandriner ebenso viele schablonenwidrige, als 
schablonenmäßige Sechssilber haben, werden also den Anfang 
der Hälfte sämtlicher Knrzzeilen im Flüsterton sprechen müssen. 

Ein merkwürdiges Monstrum würde die schwebende Betonung 
ans dem Vortrag des Zehnsilbers machen. Denn ob man nnn den 
sinkend oder den steigend schließenden Yiersilber, ob man den 
mit Hebung oder den mit Senkung beginnenden Sechssilber für 
regelmäßig erkläre, in jedem Falle wird der Zahl der regel- 
mäßigen Kurzzeilen eine fast ebenso große Zahl unregelmäßiger 
entgegen stehen. Beim Vortrag werden nun alle unregelmäßigen 
Viersilber ganz im Flüsterton gesprochen werden müssen und 
dann der Anfang etwa der Hälfte der Sechssüber. Wenn z. B. 
als schablonenwidrig gilt der Viersilber qui mArtuös und der 
Sechssilber iäbet resurgere, so wird beim Vortrag des Zehnsilbers 
qui mortuos iubet resörgere die Stimme die ersten 7 Silben 
flüstern und erst die 8. Silbe wie gewöhnlich sprechen. 

Von dem Sequenzengesang ausgehend, haben die Nordländer, 
besonders die Franzosen, seit dem Beginn des 12. Jahrhunderts 
die Musik neu gestaltet; im 14. und 15. Jahrhungert haben diese 
Nordländer, besonders die Flamen, die päbstliche Kapelle und dann 
viele neu gegründeten fürstlichen Kapellen beherrscht, und Leute 
wie Palestrina waren ihre Schüler. Es ist mehr als ein Unrecht, 
den Vorgängern und Brüdern dieser Musiker, den mittellateinischen 
Dichtem Frankreichs, Deutschlands und Englands im 11., 12. und 
13. Jahrhundert, deren Dichtungen voll Wohllaut sind, zuzutrauen, 
daß sie ihre Dichtungen so unnatürlich und abscheulich vortrugen 
oder vorgetragen haben wollten, wie die Schablonenfreunde ihnen 
zumuthen. 

'Man lese nach den Accenten' hat Lachmann schon 1829 
gemahnt (s. meine G^s. Abhandlungen 11 297), und ich sagte mir 
dasselbe, als ich allmählich der schönen Formen der mittellatei- 
nischen Dichtung mir bewußt wurde, und deshalb hauptsächlich bin 
ich zu den vieljährigen Studien über die lateinische Rjthmik ge- 
kommen, weil ich die Art und den Ursprung dieser merkwürdigen 
Erscheinung verstehen wollte. Die mittellateinischen und die 
modernen Dichtungsformen packen uns moderne Menschen deshalb 
mehr als die antiken quantitirend gebauten, weil wir hier in der 
Dichtung die Worte ebenso betont hören, wie wir im Leben und 
im Verkehr sie betonen, wenn uns die Gefühle bewegen, denen 
der Dichter in seiner Dichtung schönen Ausdruck gibt. Allerdings 



Wilhelm Meyer» 

fallen im Anfang und in der Mitte der lateinischen und der ro- 
manischen Zeilen die Wortaccente bald aaf diese bald auf jene 
Silbe, doch wenigstens in der mittellateinischeu Dichtung sind 
die 80 entstehenden Accentwellen stets wohlklingend, da nie 2 
Hebungen zusammenstoßen. Die vorn mannigfaltig tonenden Zeilen 
klingen stets in die gleiche Schlußcadenz aus. Wer diese Schönheit 
der mittellateinischen Rythmik durch schabloneDhaftes Lesen oder 
durch schwebende Betonung zerstört, begeht nach meiner lieber- 
Zeugung starkes Unrecht an diesen Dichtern , welchen die schöne 
Form und der richtige Vortrag weit wichtiger waren als sie es 
den modernen Dichtern sind. 



Anhang. 

Die Wenigsten von denen, welche über mittellateimsche Hjtlitiiik ur- 
theilen, hallen sich gebührend vor Augeu, wie mechanisch die baiytotte 
lateinische Wortbetonung ist und wie beachräukt die Zahl der möglichem 
Variationen des Accentfalls. Damit ftir die Untersuchungen auf S. 203^-213 
diese unerbittliche Mechanik im Anfang der ateigend aehließenden Acht- 
silber deutlicher vor Augen gestellt sei, habe ich am dem Anfang von 
Caesar de hello civili alle Silbengruppen ausgeacltnitton^ welche, viie jene 
Achtsilber, auf der 6. Silbe vollen Accent Laben. Ich habe nur die zur 
Untersuchung unbrauchbaren weggelassen^ d. h, jene unsichem, wo man 
nicht weiB, ob die 1. oder die 2. Silbe Nebenaocent hat, wie *et retiiw^re 
eas'; 8. oben S. 203 und 211. Außer diesen unsichem habe ich alle Silben - 
gruppen, welche die 6. Silbe accentmrt haben, hierher gesetzt, aber sie nach 
den Einschnitten im Anfang geordnet. 

No 1 — 9 sind nach der 3. Silbe sinkend eingeschnitten ; s. S. 209 fil. 
no 10 — 14 sind nach der 5. Silbe sinkend eiDgeschnitten und haben einen 
festen Accent auf der 1. Silbe; s. S. 209 ffl. no 15 und 16 sind aowohl 
nach der 3. als nach der 5. Silbe sinkend eingeschnitten; s. S. 209 fifl. 
no 17 — 43 sind nach der 4. Silbe eingeschnitten (a. S, 205), und ^wat 
no 17 — 29 so, daß die 2. Silbe vollen Accent hat (vgl S* 205), no 50 — 43 
so, daß die 3. Silbe vollen Accent hat, S. 203. Daktylischen Einschnitt 
(s. S. 201 und 203) haben no 44—48 (und 10) nach der 3„ no 49 nach der 
5. Silbe. no 50 ist nur nach der 2. Silbe eingeschnitten, 

No 10,44 — 49 wären des daktylischen Wort Schlusses halber (vgl. S. 201) 
bei allen guten Rythmikem verboten; no 17 — 43 und 50 wären bei Au- 
spicius, weil die Caesur fehlt, verboten; aber no 1 — 9, II — 43 und no 50 
wären für die mittellateinischen Ryihmiker alle regelrecht. 



Die rythiidBchen Jamben des Auspidot. 



229 



1 est sAmma tri-|lraiionim 
rec^ptnm in | eandem 

8 de^eee ei | aenatoB 

aequ^tnr ai | conctetor 

5 in iahe hi-|bebatnr 
f 
ief<&rri quim \ ddeetoa 

7 cenaAMit At \ Pompeina 
f 
dnAbna l^|g^onibua 

9 Pomp^ua vi-|deretnr 
rMditia a^lgre ab hia 

11 öre Pomp^|i mitti 
äaaet ann6-|nim canaa 

18 catiaa tim^|re Caeaarem 
före mati-|tia rebna 

15 conctetor dt-|qtie agat 
conacHpti ^-|aent qno 

17 aendtni | reique 

ac förtit^r | aententiaa 

19 si Ca^aar^ | respiciant 

f 
tempöribüa | ae aibi 
f 
21 conaHi^ | capttinim 
• 
anxlli^ I ai poatea 

28 convicÜB | a ana 

aent^ntito | ttt primo 

25 ex&rcihia | conacripti 



et Ubei^ I aenatna 
27 decdrner^ | änderet 

aentäitito | Calidü 

29 pert^rrit^ | oonvidia 

impeträtnm | eat anmma 
f 
81 impetriri | non potnit 

81 audicter | ac fortiter 

88 in e^dem | aententiam 
ai aenätna | aeqnatnr 

85 Sdpiönia | oratio 

quod aentoiB in nrbe 
f 
87 leniörem | aententiam 
f 
ad aenätmn | referri 
f 

89 ne qua äaaet | armorum 

ne ad ^na | periculmn 

41 pa^cia fiäre | mntatia 

sequebitor | hi omnea 
f 

48 se omnino | negavit 

litteria ad | aenatmn 
45 cönaulea de | repnblica 

Aderat ex | ipeina 

47 ^iqnia le-|niorem 

bdbiti et | exercitoa 
f 

49 quo prae8idi-|a tato 

• 
pl^bia conten- tione 



Uebenlekt S. 194 Text S. 197 Aufbau des Gedichts. Strophenbaa. 
S. 201 Zeilenbaa: Hiatus. Daktylischer Wortschloß. Jambische Scha- 
blone oder Sflbena&hlong? S. 203 Accente der ersten 4 Sflben. S. 205 Caesar 
in So—. (S. 208 Caesnr in 8 — u). S. 209 Caesnr und Accente in So—. 
S. 218 Zeilen-Schluß. S. 214 quantitirender rythmischer Satzschluß, 8. 215 
in den rythmischen Versen. S. 216 Wortaccent, S. 21S im rythm. Satzschlni. 
(8. 219 zweisflbige Wörter im quant jambischen Zeilenschluß). S. 219 Wort- 
accent im rythm. Yersschlnß. S. 221 Ursprung der Sflbenzfchlung : Semiten. 
S. 224 Vortrag der rythmischen Zeflen, schwebende Betonung. 



Cffl. Gm. d. WiM. NMkriöktra. Plüloloff.-bift. KltMt 190S. Htfl 8. 



16 



^ 



Ueber ein megarisches Grabepigramm. 

Von 

Bmno Keil. 

Vorgelegt von E. Seh wart z in der Sitzung vom 28. Juli 1906. 

Ad. Wilhelm hat soeben in den Ath. Mitt. 1906 XXXI 89 ff. 
eine Inschrift aas Megara veröffentlicht, welche in den allein eine 
Lesung gestattenden vier letzten Zeilen das Schloßdistichon eines 
G-rabepigramms enthält. Die in Stoichedonschrift gegebenen Zeilen 
lauten^): 

2 KAETON n>OK 

ABp^TA lABN PIAS 

4 ^A i TBKAAAE-KAI K 

AAE©A>t^ENTE'ABT> 

6 OPO I POiiii 

Wilhelm liest und ergänzt: 

Aa]xXfl tbv ügoxliog' täi ö^ivxCÖB^^ aly ts xä &Xri' 
xol xaXfl^aifev tflds tgöxoi x6[kto]g. 
„ Tai bezieht sich auf die in dem verlorenen Teil des Gedichtes 
erwähnte Mutter oder Frau des Verstorbenen ; sie lebt in Aengsten 
— ach! (al als Ausruf des Schmerzes) — und in Verzweiflung.^ 
Dabei wird ivxideg, „der Verbindung mit &kti wegen, . . . von den 
bangen Gedanken trauriger Zukunft^ verstanden. 

Das Verständniß der Verse hat der Herausgeber sehr durch 
die Erhenntniß des xä als vorvokalischer Form von x<d und die 
Deutung von ivnidßg = iXnideg gefördert, wenn ich auch der 

1) E hat die Form ^, in der 2. Zeile etwas nach rechts geneigt, sonst 
senkrecht. N liegend, der untere Winkel schwebt über der Linie. Vom P ist die 
rechte Vertikalhasta sehr tief herabgezogen , namentlich in der 6. Zeile , wo sie 
der linken fast gleich ist. Das Beta ist durchgehends eckig, das Rho groß >, 
das Omikron rund. 

Kffl. GM. d. Wi». Nachrichten. Phllolof .-hift. KImm. 1906. Mtfl 8. 17 



232 Bruno Keil, 

Form «NPtdcff sehr starkes Mistrauen entgegenbringe; denn des 
Verdachtes kann ich mich nicht erwehren, daß die genau über 
den beiden fraglichen Bachstaben stehenden gleichen Zeichen NP 
ein Versehen des Steinmetzen in der unteren Zeile veranlaßt haben. 
Doch die Hauptsache bleibt die Deutung des Wortes. In diesen 
beiden Punkten sowie in der darch die Stoichedonanordnung ge- 
sicherten Ergänzung Ä6[Ato]5 folge ich ganz Wilhelm ^). Im übrigen 
vermag ich mir seine Lesung und Erklärung nicht anzueignen. 
Der Autorität einer der ersten Epigraphiker gegenüber muß ich 
meine Bedenken formulieren. 

1) Die ionische Form &Xri^) ist in diesem alten dorischen Ge- 
dichte unmöglich; Wilhelm selbst setzt es mit eingehender paläo- 
graphischer Begründung in die ersten Jahrzehnte des 5. Jhdts. 



1) WUbelms Ergänzung des Eigennamens zu Aa]yiXfjg ist sehr wahrsclieinlicb ; 
die schräge Hasta vor alrig ist auch auf dem FaksimUe zu erkennen. Fehlen für 
diesen Namen auch noch die Belege, so ist drifio%Xijs gute Parallele. Solche würde 
bei Fa-xX^ (Weihename an Ffi, wie rdttfiog : Bechtel-Fick, Griech. Eigenn. S. 83) 
fehlen, nicht so bei dQu-nifls (zu dQ&vai, Bechtel-Fick, a. a. 0. S. 103), wo Jgo- 
lio%Xfls (ebda S. 104) und J(fofio%l£^das (Delphi oft) vorhanden sind; aber der 
Stamm dga- ist zu selten in der Eigennamenbildung. — Hierbei eine Frage. 
0. Uoffmann hat eben in seinem Buche über „Die Makedonen** S. 131 den Nameu 
neffd^riKag mit nigdt^ zusammengebracht. Ich glaube, man hat vielmehr negdt- 
als regelrechte makedon. Vertretung von ÜBg^i- zu fassen und in dem zweiton 
Bestandteil -xxa; die Kurzform zu '%gdTrig zu sehen, wie Hoffmann selbst (S. 225) 
Bigi'%-Mcg sicher richtig als makedon. Kurzform zu ^Bgi'%gd%rig nach Analogie 
von dodonäischem 'Av6g6'%%ag und dyrrhach. MBvi-%%ag erklärt Also üegSi-xnag 
= Ileg^i - xgdtrig, Präsensbildung wie in üsid't - xXfjg u. s. w. ; zur Bedeutung 
Tlavöi-Ttgatrig, 'Ovaöi-%gdxT\g. Der Stamm itsg^- erscheint m. W. hier zum ersten 
Male in griechischen Personennamen, was natürlich nicht gegen die Herleitung 
spricht ; denn von dem mythischen Tlogd'dav, IIogd-Bvg ist füglich abzusehen. Viel- 
leicht gelingt es noch ein zweites Beispiel nachzuweisen. Bechtel-Fick, a. a. 0. 
S. 240, erklären den ersten Bestandteil von Ilogtsoi-Xaog: „nog^'sei'^ nogxBCi' 
kretisch für itgocBöi- zu ngoö^rifU'^ vgl. ftfrftfi-". Das Vorkommen des Namens 
auch auf Samos (Dittenberger, Syll. *673; nachmakedonischer Zeit) beruhe auf 
Import. Ich möchte den Namen lieber zum Stamme ntgt- stellen. IIogQ'föC-Xaog 
hat bei dieser Analyse reichliche Bedeutungsparallelen: Ni>%aai-noXig^ Ninriöi-Xag, 
Nin6-drifiogf AvaC-noXtg, AvaC-druiog, Avöi-Xs(og. Es ist ein aristokratischer 
Eigenname. Schwierigkeit macht , wie mir J. Wackemagel mündlich einwandte, 
der starke Stamm: man erwartet ÜBgtBai-Xaog Allein hier hat ein synonymes epi- 
sches Epitheton adliger Helden eingewirkt : ÜBgd'Bai-Xaog ist dasselbe wie n(x)oX£' 
nog^og (r\j AvaiXBtogy AvclnoXig) und mit Umkehrung (SB6tpiXog r\j ^tX6^Bog, 
KXBoyivrig r\j rBvo-nXfjg vl a.) darnach gebildet; daher das unregelmäßige o im 
IIogd'Bai'Xaog, 

2) Da£ Wilhelm nicht einen Plural äXri von einem, wenn auch unbelegten, 
doch wohl denkbaren tb &Xog verstanden wissen will, ¥rie der parallele Plural ivnidsg 
vermuten lassen könnte, zeigt seine Interpretation S. 91. 



über ein megarisches Grabepigramm. 283 

2) Die Lesung alti erfordert die Verlegenheitsannahine eines 
örixog (leiovgog; denn für das Substantiv läßt sich der unten zu 
besprechende lange Stamm äl nicht so ohne weiteres ansetzen, was 
übrigens Wilhelm auch nicht tut. 

3) x€ schwebt in der Luft; man darf Parallelen dafür fordern, 
daß das Enklitikon von seinem Stützwort durch eine Interjektion 
getrennt werden kann. 

4) Ein xdX{X)ä {i^a^Bv) kann mit seinem kurzen Schluß-a nicht 
Synalöphe mit dem s des folgenden Umlautes eingehen, so daß 
xaA(A)l}da^6v entstünde, sondern mußte elidiert werden, womit der 
Vers in die Brüche geht. Denn die Berufung auf Lucius, De crasi 
et aphaeresi (Diss. Argent. IX) p. 371 ist hinfallig; das hier aus 
Selinus angeführte Beispiel x'fycißAk{k)ovta ist bis auf den einen 
Buchstaben o eine ganze freie Ergänzung Roehls (JGrA. 515). 
Sonst führt Lucius (p. 372) nur aus der lokrischen Bronze ti}v 
Na%mdxt<oi (JGrA. 321,23) an, ein Beispiel, welches für den mega- 
rischen Dialekt nicht in Betracht kommt, ganz abgesehen davon, 
daß mau ebenso gut tiv lesen kann; da.s ^vI&l des „ältesten 
griechischen Briefes" zeigt ja die Verbreitung der Aphärese beim 
Artikel in der älteren Sprache auch über das Eleische hinaus. 
Im Uebrigen ist eine Elrasis zwischen Artikel und dem folgenden 
Worte nicht ohne weiteres mit der zwischen zwei selbständigen 
Worten zu vergleichen, von denen das eine nach gemeingriechischem 
Brauche elidierbaren Schlußvokal hat. 

5) Die Lesung xdk(X)H^ai>6v verlangt femer, daß man das 
E als € faßt ; dies kurze 6 wird tünfmal mit B gegeben ; mit E ist 
dagegen in xA^ 2 das 17, in xEde 5 sicher eine Länge bezeichnet. 
Ich drücke mich jetzt noch absichtlich so vorsichtig aus. 

6) Die Anknüpfung des Pentameters mit xal befriedigt nicht ; 
ebenso klingt das xdX{X)a wie Versfüllsel; die Prädicierung ist zu 
wenig individuell. 

7) Die Stilisierung der zweiten Hälfte des Hexameters kommt 
mir wenigstens für ein so altes Gedicht ganz fremdartig vor. 
Das ist mehr gestammelt als gesprochen; besonders verletzt — 
ganz abgesehen von der unangemessenen Stellung — die Inter- 
jektion al an sich. Das Otfioi d)Qxdda(i€ ho Ilv^ia I^Xivovvuog 
(SQ-DJ. 3044) klingt ganz anders. Aus römischer Zeit finden sich 
Beispiele mit alat] allein — und das sind gewichtige Unterschiede 
— im Anfange des Verses und in dieser Doppelung {alat Aeiifv- 
dQiov). Wenn von Wilamowitz in dem alten Diokleasepigramm 
aus Pharsalos (Hoffmann, Syll. Epigr. Gr. n. 55, 3) alat Jio]xXia hat 
herstellen wollen, so widerlegt sich m. E. dieser Versuch durch die 

17* 



234 Bruno Keil, 

Beobachtnng, daß der ädsXqfsog, der in dem gleichen Verse erwähnt 
ist, nicht ohne Namen bleiben kann. Q-anz gleich, ob -xXda Yoeativ 
oder Grenetiv (des Namens des Vaters) ist: im Anfang mnß der 
Name des Bruders ergänzt werden, unser Gedicht erhält durch 
das schneidende al ein grelles Pathos; weniger Pathos, mehr 
Ethos wäre nach meinem Empfinden stilgerechter. 

Das Gewicht und die Zahl dieser Bedenken gegen Wilhelms 
Lesung wird es rechtfertigen, wenn ich eine andere Deutung zur 
Diskussion stelle. Ich wurde es zufrieden sein, wenn ich damit 
der endgültigen Deutung den Weg geebnet hätte. 

Ich gehe davon aus, daß atts^) richtiges episches Relativ ist, 
welches sich also auf ivnläes bezieht und demgemäß einen Neben- 
satz eröffnet, in welchem eine Aussage über die „Hoffnungen ** 
gemacht war. Es fragt sich, wie weit dieser Relativsatz ging. 
Sicher schloß er vor ^a^Ev\ denn -xA^ xhv ÜQoxXiog ist ersichtlich 
von diesem Verb regiert. Mithin steckt in den Worten ans xa 
aXtj xcuTcaXi] der Relativsatz; unsicher bleibt nur, ob sie ganz zu 
ihm gehören, oder ob etwa die den Pentametereingang bildenden 
Silben schon zu dem Hauptsatz mit ^cctlfEv zu ziehen sind. Die 
Entscheidung bringt sofort die Frage nach dem vermutlichen In- 
halte des Relativsatzes. Was tun die Hoffnungen? Sie um- 
schmeicheln den Menschen: Aeschyl. Ch. 194 öaivofiat d* M 
iXntdog, vgl. Bakchyl. 1, 163 ff. 6 S" si igömf d^soi}g iXnidv xvdgo- 
tiga öaivst xiag. Dasselbe besagt der Eingang des Pentameters: 
xalxAXe steht mit archaischer Haplographie des X und Krasis für 
xol alxdXXe. Bei den Lexikographen ist öaivstv die solenne 
Erklärung von aixdXXsiVj wofür die Belege in Steph. Thes. ; 
deshalb auch die ebendort angeführte Verbindung bei Athenae. 
99 E alxdXXetv . . . ngoööoUvsiv. Hiermit ist zunächst die Schlußstelle 
des Relativsatzes gewonnen. Es folgt weiter aus dem xol vor 
aixdX{X)e , daß dieser Relativsatz zweigliedrig gebaut war , d. h. 
ein anderes, dem €clxdX{X)£ parallel stehendes Verb enthielt. Das 
kann dann nur in AAE stecken. Dieses Verbum muß entweder 
ein Synonym zu alxdXXsiv sein oder eine zweite Qualificierung der 
iXnläsg bringen. Vom *Trug' der Hoffnung ist oft die Rede : x€v(«)i}, 
xovq>ifi {doX6\a66a Bakchyl. 3, 76) sind nicht seltene Epitheta zu 
iXiiig. Wie es von der yXvxata . . . xagälav itdXXoiöa . . . iXnig 
heißt, daß sie fuiXiöta ^ar&v itoXv6tgofpov yvAfiav xvßsgv^ (Pind. 



1) Die PsUose bietet keine Gegeninstanz. Beispiele für oder wider bieten 
bis jetzt die meganschen Inschriften nicht. Selinus beweist nichts, aber auch 
hier schon frühes Schwanken (Bechtel zu SGDJ. 3045 B 2). 



über ein megarisches Grabepigramm. 235 

frg. 214), 80 wird die falsche HoffQung den Sinn der Menschen 
betören gleich der dok6(iriTtg änaxa^ von der Aeschyl. Fers. 98 
sagt (piX6(pQa}v yäg (3CSQi)öaivov6a tb ng&tov \ nagdysL^)] vgl. 
Soph. Ant. 616 & yäg di) xoXvxXayxtog ikxlg xokXotg fihv Svccötg 
ivdQ&Vy xoXXotg d' indta xovg>ov6(ov igdmov. Sie täuscht so die 
Menschen: n6XX iXnidsg ifsvdovöt xal Xoyoi ßgoxotig Enrip. firg. 
660, sie ;,läßt sie irren^. aXaofMci heißt irren; die Q-rammatiker 
haben dazu das Transitivnm: Et. M. 67,8 äXaög' ... xccgä tb &X&j xb 
xXav&. Diese Form ist vielleicht nur Grammatikerfiktion, aber nichts 
hindert, daß es in den Dialekten tatsächlich ein Transitivnm za 
iXdo(UKi gab , wie z. B. die kretischen Inschriften ein xsii^m za 
Ttwd'dvoiiai kennen gelehrt haben. Wenn nun, in iXi ein solches 
Transitivnm vorliegt, welche grammatische Formation hat man 
ihm zu geben? Dafür ist zunächst eine korze paläographische 
Bemerkong von nöten. 

Es handelt sich um die Bedeatnng des E in unserer Inschrift. 
Ihr Alphabet zeigt das korinthische B = 6; man hat also alles 
Recht zu fragen, ob die Aehnlichkeit der Schriftgebung in diesem 
6-Zeichen sich auch auf das andere e-Zeichen erstrecke. In Korinth 
wird E wie für unechtes so auch für echtes st geschrieben : z. B. 
üoxEddvy JFE.viag (altatt. AEhtag), Ich meine, nichts hindert aXE 
auch als aXst zu lesen, wie sich ja auch in xEde der alte dor. 
Locativ xetds erkennen läßt. Man wende nicht ein, in der alten 
megarischen Inschrift JGr VII 36 sei AvxBlo = AvxBlfo geschrieben. 
Die korinthischen Weihtäfelchen zeigen ebenfaUs gelegentlich TIo- 
xB\ädv statt iloiBdav (vgl. Fränkel zu JG IV 244). Und auch der 
Unterschied bildet keine Gegeninstanz, daß B kor. = b und % in 
unserer Inschrift B nur = b sei. Die megarische Inschrift JG YU 37 
mit t&v dBxccra[i/] d^i/B^Bxon; zeigt, daß auch in Megara B =: c und 
fl gebraucht werden konnte. Diese Unterschiede soll man nicht 
urgieren; die Schriftgebung ist in so verwandten Zeichen nach 
Zeiten und Personen leicht willkürlich. Haben doch die korinthi- 
schen Kolonieen den Unterschied, den die Mutterstadt zwischen 
E = «t und B und B = « und i^ machte, nicht übernommen. Die 
Ursache muß in der etwas verschiedenen Aussprache gesucht werden, 
wie das auch von Kretschmar geschehen ist. Bezeichnete man in 
Megara das gedehnte b mit dem gleichen Buchstaben wie das alte 
1], d. h. mit E, so konnte die Bezeichnung des echten Bt mit E ein- 



1) Die Rechtferdgong meiner Lesung der Stelle kann ich hier nicht geben; 
ich halte die Behandlung, die die Strophe wie Antistrophe bisher erhalten haben, 
für verunglückt, weil z. T. für viel zu gewaltsam. 



236 Bruno Keil, 

treten, wenn das gedehnte i, d. b. das anechte eij ebenso wie das echte 
st in der Aussprache dem i] sich stärker näherten als in Korinth, 
wo man s und rj durch B von e und sv = E zn scheiden noch für 
nötig befand. Wir haben somit die Wahl aXsi oder aXri ^^ lesen. 
In jenem Falle liegt ein Indikativ vor, in diesem muß man den 
alten vom Indikativ noch nicht beeinflußten Konjunktiv auf -r^g, 
-ri erkennen, wie er besonders im Arkadisch-Kyprischen (Hoffmann, 
Griech. Dial. I 260), vereinzelt auch im Böotischen und Argolischen 
(Meyer , Ghriech. Gramm. * S. 538) erhalten ist. Die Entscheidung 
wird sich weiterhin aus dem Inhalt ergeben; hier zunächst noch 
von der Form. 

Die Länge der ersten Silbe in ike ist hier durch das Metrum 
gefordert; daher ist das einfache Aktiv zu ccAacfiai, dessen Stamm- 
silbe kurz ist, ausgeschlossen, wenn auch die Form iXfj (= iXUi) 
ans iXdfi erklärbar wäre. Es giebt aber auch den langen Stamm äl 
neben äl. Er liegt in drei Bildungen vor. 1) Die Wurzel erscheint 
in ((pQivag) i}A^ (Hom. 128) ; '/jX-aiv-a scheint nur alexandrinische 
Analogiebidung zu dem alten aXaiva nach '/jXäöxo) u. s. w. zu sein 
(Theokr. Thal. 23; Kallim. III 261). 2) Einen Stamm 4A-a- setzen 
ifXd-öxOy '/jXa'öX'dico voraus. 3) Den Stamm 4A«- {^Xs-) zeigten 
'^Xböq aus '^Xs'i-ög (Hoffmann, a. a. 0. II S. 136) und '^Xs-fi-ato-g 
mit doppeltem Superlativsuffix (wie ißd-o-fi-aro-g, jcv-fi-ato-g), wie 
auch seine Bedeutung „ganz elend" (vgl. von Wilamowitz, Text- 
gesch. der griech. Bukoliker S. 48, 1) beweist. Wurzelverben mit 
ä, woneben die schwache Stufe mit a, sind bekannt {Xäd^a : iXa%ov\ 
aber meines Wissens kein solches mit dem Wurzelausgang auf A, 
wie &X(o (woneben aXri in schwacher Stufe) es wäre. Diese Er- 
klärung fällt also. Ob das aus iiXAöxm zu erschließende hX-am 
hier vorliegt; hängt davon ab, ob überhaupt der Konjunktiv iA^ 
hier stehen kann. Von dem Stamme äXs- kommen wir auf keine 
einfache Weise zu einem äXBl oder &Xf^ : denn da dieser Stamm allein 
adjektivisch für uns erscheint, kann man füglich nur ein &Xb'6(o 
davon bilden. So bliebe nur hXfi von *hXa(o, Allein wir sind nicht 
auf diese drei Eventualitäten, welche der lange Stamm bietet, 
angewiesen. aXa kann wie aixdX{X)'i mit Haplographie für ein 
&X{K)b stehen, welches dem Metrum genügte. £AAcd (aus fiA-j^-G?) 
neben dem Nominalstamm äX-a (mit fehlendem vokalischen Stamm- 
ausgang) ist durchaus regelrecht gebildet. Es steht alsdann 
%aXifi : ^aAAcD (setze in Schwingung) = fiAi^ : fiAA© (setze in Irrtum). 
Dieses &X{X)b kann nun sowohl der Indik. £AA£i wie der Konjimkt. 
RXXri sein; wir sind hier nicht, wie bei der Ableitung von *ÄAaai 
nur auf den letzteren (iXf() beschränkt. — Diesen formalen Er- 




über ein megarisches Grabepigramm. 237 

läuterimgen ist endlich noch die syntaktische zuzufügen, daß in der 
Verbindung ivTcideg aits . . . &Xe xccl aCxdXi der Singular des Verbs 
zum Plural des Subjekts nach dem sog. ffxfifia IlivdaQtxov getreten 
ist. Diese Annahme kann Bedenken erregen, weil der Singular 
des Verbs unmittelbar an das pluralische Subjekt stoßt; allein 
auch Pindar frg. 75, 18 ixst t b^upaC, Zudem sind in Gelegenheits- 
dichtung, zu der die Grabepigrammatik gehört, stilistische Härten 
eine Konsequenz der Mache. 

Die Worte xca.8 bis alxdXs bilden auf alle Fälle eine Paren- 
these, wie schon Wilhelm im Prinzip erkannte; denn -xXij tbv 
ÜQOxXiog hängen notwendig von d'a^fEv ab. Sie wird gebildet von 
einem Hauptsatze tatÖ ivnläsg und dem ihn präcisierenden relativi- 
schen Nebensatze oIxb xxk. Wie ist der Hauptsatz zu verstehen? 
Tai d* ivnidBg kann man nicht mehr lesen, nachdem der Relativ- 
satz gewonnen ist; denn die beiden Worte al und äXf}, in deren 
Verbindung dieses Substantiv die Bedeutung gewinnen kann, welche 
Wilhelm dafür in Anspruch nimmt, sind jetzt teils in den Relativ- 
satz verschlungen teils ganz beseitigt. So bleibt also nur die 
Lesung tal d* oder rcUS* ivicCösg^ wobei Ellipse der Kopula auf der 
Hand liegt. Natürlich trifft nur die zweite Diastixis zu; dem 
Relativ aXta entspricht das Demonstrativ xoCÖb. Also wörtlich 
„dieses (sind) Hoffnungen^ oder „so sind Hoffnungen^. xalÖB ist 
gleich einem prosaischen xo^axh^a. Dann kann der Relativsatz 
nur die in der Natur der Hoffnungen liegende Folge ausdrücken, 
so daß das Relativ den Sinn 'eines &6xb gewinnt: xoiovxovg yQccqxo 
koyovg^ oi xal xijv x6Xiv ßXanxov6v xaL xoi>g vsandgovg diatp^sigovöi 
(Isokr. XV 56) ~ xaCS* ivitCdag aXxe xa{l) ßX(k)6i xaixaX{X)Bi. So 
wäre denn das E der beiden Verben tatsächlich als £t zu lesen. 
Dabei verkenne ich nicht, daß dieser Relativsatz sich auch kon- 
junktivisch ausdrücken ließe. Aber der Sinn wird dann ein anderer ; 
aus dem adjektivischen Satze vnrd dann ein attributiver, dessen 
Bestimmungen nur eintreten können, nicht als tatsächlich an 
dem Beziehungsworte vorhandene erscheinen; und das, meine ich, 
verlangt hier der Sinn. Wii* brauchen so hier auch nicht den 
alten Konjunktiv zu erkennen, dessen Annahme bei seiner Selten- 
heit außerhalb des arkadisch -kyprischen Dialektgebietes immer 
etwas von einer Notlesung an sich hätte. Das xa aber darf man 
nicht für die Lesung als Konjunktiv anführen; denn wenn ein 
Hiat im allgemeinen gerade an dieser Versstelle sich wohl recht- 
fertigen ließe, die Partikel xa an sich und die Kollision zweier ganz 
gleicher Vokale in xa aXai schließen hier den Hiat aus. Ich halte 
an Wilhelms xä =^ xal fest. Endlich spricht für die vorgeschlagene 



238 Bruno Keil, 

Lesung noch dies: xal SXXei xal alTcaXXec ist ein Wortspiel, ob ein 
hier zuerst gebildetes oder ein sprichwörtliches, muß unentschieden 
bleiben. Das Elangspiel kommt am reinsten in eben dieser Lesung 
heraus. 

d'o^Ev faßt man zunächst leicht als d-aifsv. Es spricht dafür die 
Typologie der Qrabepigramme ; dagegen spricht die dann nötige 
Wertung des E als 6. Das E zwingt ^«^^ zu lesen ; und diese Auf- 
fassung wird durch das ivnidsg des Hexameters begünstigt. Nicht, 
daß von diesem Substantiv selbst der Infin. Fut. abhinge ; das ver- 
bieten mehrere Gründe. 1) Die Wortstellung: Der Sinn könnte 
dann nur sein: „nicht das waren die Hoffnungen, welche so 
täuschten, daß er (sie) den Sohn des Prokies begraben werde". 
Li diesem Falle müßte die Negation direkt vor taiÖs stehen, 
müßte femer ivitidsg in dieser einfachen Sprache dem abhängigen 
Akk. tbv IIqoxUos voraufgehen: o^ taids (latiQi (fiii) iimidsg tbv 
ÜQOxXiog ^aifiiv. 2) Der Relativsatz könnte nicht im Präsens 
stehen ; das Lnperfekt wäre erfordert. 3) Die Ellipse eines Imper- 
fekts bei iimidss wäre recht hart. Aber wenn es heißt „so sind 
die täuschenden Hoffnungen" und gar in einer Parenthese, so muß 
vorher schon von andern Hoffnungen die Rede gewesen sein. Also 
war der Sinn: ;,nicht das hatte er, der (sie, die) in dem Einde 
eine Stütze sah, erwartet, daß er (sie) ihn — so sind die Hoff- 
nungen mit ihrem täuschenden Schmeicheln — begraben werde". 
So hat das E in d-cntn^v die regelmäßige Deutung gefanden. 

Aus seinem täids hatte Wilhelm erschlossen, daß in dem ver- 
lorenen Anfang des Gedichtes die Mutter oder Frau des Ver- 
storbenen genannt waren. Dieser Grund ist mit der Lesang tccids 
beseitigt. Grleichwohl, denke ich, hat er recht gesehen. Hätte 
der Vater die Stele aufgestellt, so wäre tbv ügoxkiog unnatürlich. 
An einen Bruder lassen die ivnidsg noch weniger als an die G-attin 
denken. Wo eine solche ihren Mann begräbt, spricht sie in dieser 
Epigrammatik gemeinhin nicht von den Hoffnungen, die sie ent- 
täuschten, sondern von dem Liebesglück, das nun vernichtet ist. 
Die Eltern setzen die Hoffnung auf die Kinder; nach welcher 
Richtung hin besonders, sagt — die Beispiele dafür sind ja fast 
unzählig — jenes schon (S. 234) herangezogene Pindarfragment (214) 
yXvxitd oC xccQÖia itdXXoiöa (vgl. alxdXXsi) ytiQOXQÖtpog öwccogst 
iXnig, & (läXiöta xtX. Ist der Vater hier ausgeschlossen, so be- 
klagt also die Mutter, daß die Hoffnung sie betrog und daß sie 
ihren Sohn hier begraben mußte tgonoi n6[XLo]gj d. h. &g id'og 
(v6(iog) tat noXi. Dieser Sitte entsprach sie durch die Errichtung 
der Stele: so werden Bürger bestattet. 



über ein megarisches Grabepigramm. 239 

Ich verstehe aJso: [„Nicht das hatte die Mutter (Name) er- 
wartet, daß sie ihr Kind (xcctda), das ihres Alters Stütze und 
Stolz sein sollte, Lajkles den Sohn des Frokles — so sind Hoff- 
nungen, die da täuschen and schmeicheln — begraben werde hier, 
wie es Brauch in der Bürgerschaft. 

jia]KXij tbv ÜQOxXdog — taiif iimidag, atts xä &k{X)Bi, 
X€UxaX(X)6i — ^o^v tstds tQÖxmv jt6[lio]g. 

Straßburg i.E. 



Ueber ein megarisches Grabepigramm 

Von 

E. Schwartz 

Vorgelegt in der Sitzung vom 28. Juli 1906 

Die alte megarische Inschrift, die Wilhelm in den Athen. 
Mitthlg. 31, 90 ff. veröffentlicht hat, hat Keil in der vorstehenden 
Mittheilung anders und in vielem glücklicher als der erste Heraus- 
geber gedeutet. Zur Bequemlichkeit meiner Leser setze ich den 
Text der Inschrift noch einmal her: 

KARTON PPOK 
ABO^TAIA^N PI AB 
^A ITBKAAAe-KAlK 

^^^®^>v^u^^ abtp 

opoinoiii^ 

Daß die Doppelconsonanz nicht geschrieben wird und ^ nur 
12 oder si, sei es echter Diphthong sei es ?, bedeutet, nicht aber 
Sj wird Keil jeder zugeben ; er hat mit diesen beiden Erkenntnissen 
der Deutung erst bestimmte Grenzen gewiesen. Aber seiner eige- 
nen Lösung, die man bei ihm selbst nachlesen möge, kann ich mich 
nicht anschließen. Ich vermisse in der Correspondenz von ta(S* 
ivTcidsg . . . alrs die einfache Schärfe der alten Sprache, und komme 
über das <fxrifia IIvvdaQixöv nicht hinweg. Es hat im megarischen 
Dialect sicher Wörter gegeben, die dem uns bekannten Sprach- 
schatz fehlen; es ist nur fraglich, ob gerade solche dialectischen 
Wörter in ein Epigramm gesetzt wurden. 

d'ccfifsv kann, wie Keil betont, nur Inf. Fut. sein; ob man 
ihn d'dttfBLVy ^a^BlVy d'cnt^fiv ausspricht, ist einerlei. Der Infinitiv 
schließt sich am natürlichsten an ivTciösg = iXjcCq iött an. Damit 
ist die Deutung von aixs = alte unmöglich; es steht aber nichts 



£. Schwartz, über ein megarisches Grabepigramm. 241 

im Wege atts dor. = stte ion. att. darin zu sehen. Es war nicht 
gut zu postuliren, daß {nQo)xXil von d'difsiv abhängt. Das führt 
zu gezwungenen Deutungen von ivxiäsg . . . ^d^Biv, Da der An- 
fang verloren ist, kann auch das Yerbum regens verloren sein, ja 
es muß einst dagestanden haben. Es lassen sich nämlich ivjtidsg 
und ^a^Biv nur dann verbinden, wenn der Satz ein logisches Sub- 
ject hat; das steckt in TAlA = x&v d*: (i7(»o)xAi} muß von einem 
Verb, mit femininem Subject abhängen. So weit führt das logisch- 
grammatische Raisonnement ; es bleibt übrig die bösen Zeichen 
AITBKAAA^ : KAIKAA^ so zu deuten, daß sie in den erschlossenen 
Rahmen passen. Ich schlage vor zu trausscribiren : 



/7(»o]xA^ xhv ügoxliog* rät d* ivicCäag atts xcc(l) &X{X)6l 
xal x&X ^ ^a^Biv tstde tgönov (oder tgöxmi) nöhog. 

Ein Distichon fehlt oder nur ein Hexameter, wenn die Q-rab- 
schrift der älteren Weise folgt. Darin war ein weiblicher Name 
genannt, der Mutter oder Frau des Todten ; das Verb mag iötaöe 
oder so etwas gewesen sein. Die erhaltenen Verse sagen was auf den 
Grabstein gehört, daß das Grab ein Eenotaph sei; in merkwürdiger 
Verschiedenheit von den sentimentalen Klagen späterer Zeiten wird 
an Stelle der Aussage die Hoffnung gesetzt den Todten entweder 
anderswo und dann auf anständige Weise oder in der Heimat nach 
dem Brauch zu bestatten. 



Katharina II von Rußland und ein Göttingscher 
Zeitungsschreiber. 

Von 

F. Frensdorff. 

Nachtrag. 
Vorgelegt in der Sitzung vom 25. November 1905. 

Dem unter vorstehendem Titel in den Nachrichten Jahrgg. 
1905 S. 305 ff. veröffentlichten Aufsätze habe ich einen Nachtrag 
hinzoznfiigeny weil sich nnter den Briefen der Kaiserin Katharina 
an den Leibarzt Zimmermann, die die Königliche Bibliothek in 
Hannover besitzt, das früher vermißte Original des Briefes ge- 
funden hat, der von mir in jenem Aufsätze nur nach einer deut- 
schen üebersetzung aus dem Cod. ms. Heyne n. 132 der Göttinger 
Bibliothek mitgetheilt werden konnte, und inzwischen in der Aus- 
gabe des „Briefwechsels zwischen der Kaiserin Katharina von 
Rußland und Joh. Georg Zimmermann*' (Hannover 1906) von E. 
Bodemann unter Nr. 57 S. 120 veröffentlicht ist. 

Der jetzt vorliegende französische Text des Briefes vom 4./15. 
Januar 1790 widerlegt den Verdacht, den ich gegen die Treue 
der deutschen Üebersetzung in meiner Abhandlung S. 314 geäußert 
habe. Zimmermann hat in der That nichts von dem Seinigen 
hinzugethan. Die lebhaften Ausdrücke, die mich mistrauisch 
machten, sind Eigenthum der Kaiserin. Man muß im G^gentheil 
anerkennen, daß Zimmermann das Original getreu und zugleich 
gewandt wiedergegeben hat. Er hat den Brief der Kaiserin aller- 
dings nicht vollständig nach Göttingen mitgetheilt, sondern nur 
etwa die erste Hälfte. Doch das rechtfertigt sich durch den 
ganzen Zweck der Correspondenz. Es kam damals nur darauf 
an, das zu berichtigen, was die in Göttingen erscheinende »Poli- 



Katharina II von Rußland und ein Göttingscher Zeitungsschreiber. 243 

tische Staatenzeitang'' Irrthümliches über Suwarow und seine 
Herkunft gemeldet hatte. 

Von Interesse wäre allerdings die Mitteilung des Satzes ge- 
wesen, der sich unmittelbar an die Berichtigung anschließt. Der 
Göttingsche Zeitungsschreiber hatte behauptet, Suwarow sei der 
Sohn eines Hildesheimer Schlachters. Daran anknüpfend fährt 
die Kaiserin fort : il me paroit que la viUe de Hildesbeim est une 
ville k pretention; denn wie jetzt Suwarow, so hatte sie vor 
kurzem den General Michelson für sich in Anspruch genommen. 
Das hatte allerdings nicht die politische Staatenzeitung gethan, 
sondern wahrscheinlich niemand anders als — der Correspondent 
Katharinens, Zimmermann. In seinem Briefe vom 8. September 
1789 hatte er der Kaiserin für die Mittheilung der Erfolge ge- 
dankt, welche die russischen Waffen im Kriege gegen Schweden 
durch den General Michelson errungen hatten, und dem Namen 
des Generals hinzugesetzt: natif du pays d'Hanover (S. 108). 
Das hatte die Kaiserin sofort in ihrem Briefe vom 6./17. October 
1789 widerlegt (S. 111). Im folgenden Januar kam sie darauf 
zurück (121). Vermuthlich warf sie in ihrer Erinnerung Hildes- 
heim und Hannover zusammen. Sonst müßte noch von anderer 
Seite eine solche Aeußerung über Michelsons Herkunft der Kaiserin 
begegnet sein. Das wäre dann ein weiterer Beweis der Verbrei- 
tung jenes Gerüchts. In jedem Falle war es grundlos. Der Ge- 
neral Iwan Iwanowitsch Michelson (1735 — 1807) war ein gebomer 
Livländer, dessen Vater schon in russischen Kriegsdiensten ge- 
standen hatte. Er war besonders in dem großen Kosakenauf- 
stande des J. 1774 bekannt geworden und hatte das Beste zur 
Niederwerfung Pugatschews und seines Anhangs gethan. Das 
Argument, das die Kaiserin der griechisch-katholischen Religion 
des Generals zur Widerlegung seiner niedersächsischen Herkunft 
entnimmt (111. 121), klingt befremdlich, wenn man sich der eigenen 
Geschichte Katharinens erinnert, ist aber gerechtfertigt, wenn 
man erwägt, daß die Fremden, die in russische Staatsdienste 
traten, nicht zum Uebertritt zur russischen Kirche genöthigt 
wurden. Die Zugehörigkeit Michelsons zur griechisch-katholischen 
Kirche konnte daher als ein Zeichen seiner Eigenschaft als In- 
länder geltend gemacht werden. 

Die Aenßerungen der Göttingschen Zeitung wie Zimmermanns 
zeigen, daß damals in Norddeutschland Gerüchte in Umlauf waren, 
welche hervorragende Persönlichkeiten des russischen Staatslebens, 
insbesondere auch des Heeres, Rußland streitig machten und ge- 
wissermaßen einen Theil ihres Ruhmes für das Land ihrer angeb- 



244 F. Frensdorff, 

liehen Herkunft reclamierten. Woher stammten alle diese falschen 
Nachrichten? Oder vielmehr: was führte zn ihrer Erfindong? 
Man muß sich zunächst erinnern, wie sehr das russische Reich 
seit dem Anfange des 18. Jahrh. die Aufmerksamkeit der euro- 
päischen Welt und namentlich Deutschlands fesselte. Ist es in der 
Gegenwart das russische Volk, dem sich erst in der Litteratur, 
dann in der Politik das öfltentliche Interesse zuwandte, dessen 
wirtschaftliche, religiöse, geistige Zustände studiert werden, so 
war es im 18. Jahrh. der Staat und seine Herrscher, neben 
ihrem Streben, europäische Cultur in diese halbbarbarischen Lande 
zu verpflanzen, ihr erfolgreiches Bemühen, einen Platz unter den 
Großstaaten, avoir voix en chapitre, wie K. Katharina II sagt, 
zu gewinnen. Nicht weniger als von diesen prinzipiellen Gesichts- 
punkten aus mußte das Pablicura beschäftigt werden durch den 
dramatischen Wechsel auf der politischen Bühne, das Ringen der 
Parteien am Hofe, namentlich der Fremden mit den Einheimischen, 
die Palastrevolutionen, die Verflechtung deutscher Fürstenhäuser 
in die dynastischen Geschicke, die Herrschaft der Frauen und das 
davon unzertrennliche Auf- und Niedersteigen der Günstlinge. 
Nicht zuletzt waren es die großen Persönlichkeiten der rnssischen 
Geschichte, auf die sich die Augen Aller richteten. In einem Jahr- 
hundert hat sie zwei eminente Herrschercharaktere aufzuweisen : 
einen Mann und eine Frau, einen Originalrussen und eine Frau 
deutschen Geblüts. Mit ihrem Uebertritt zur griechisch-katho- 
lischen Kirche identificierte sich Katharina mit der russischen 
Nationalität. Aber sie eignete sich zugleich die ganze Bildung des 
18. Jahrhunderts an. Ihre Memoiren erzählen, wie sie die Zeit 
unter der Kaiserin Elisabeth neben allen Anforderungen, die das 
Hofleben an sie stellt, nützlich mit Leetüre verbringt. Sie liest 
viel und vielerlei, Tacitus und Plato und Montesquieu, nachdem 
sie ein ganzes Jahr hindurch nichts als Romane verschlungen 
hatte. Es liefert zugleich einen BegriflP ihrer Consequenz und 
Geistesstärke, wenn sie sich systematisch in zwei Jahren durch 
das Baylesche Dictionnaire, alle sechs Monate einen Band, durch- 
arbeitete, und einen Beweis ihrer Geduld, wenn sie die zehn Bände 
des Pere Barre über deutsche Geschichte, denen auch Friedrich 
der Große seine historische Kenntniß von Deutschland 'verdankte, 
hier allerdings alle acht Tage einen Band, durchlas. Vor allem 
war es aber Voltaire, den sie sich zu eigen machte^). Ihn ver- 
ehrt sie als ihren Meister und Lehrer. Sie trat in Briefwechsel 



1) Memoiren Katbarinas % 67, 98, 180, 204 ff. 



Katharina II von Rußland und ein Göttingscher Zeitungsschreiber. 245 

mit den G-rößen der Zeit. Baron Grimm, den sie persönlich kennen 
gelernt hatte, als er in Begleitung der Landgräfin Caroline von 
Hessen 1773 Petersburg besuchte, hielt sie durch seine fortlau- 
fende Correspondenz in Kenntniß von allen Vorkommnissen des 
französischen Lebens. Ihre Briefe zeigen die Kraft und Anmuth 
ihres Geistes und auch was deutsch in ihrem Wesen geblieben 
war. Unter allen Fährlichkeiten des Lebens bewahrt sie sich 
ein fröhliches Herz. Wie sie sich selbst ihrer in Braunschweig 
verbrachten Mädchenjahre nicht anders erinnert als : j'etois alors 
une ^tourdie de profession, mais fort gaie (Briefw. mit Zimmer- 
mann S. 16), so feiert sie Voltaire bei seinem Tode: c'^tait lui 
qni ^tait la divinitä de la gait^ (Brückner, Katharina S. 573). 

Die kleine Prinzessin von Anhalt-Zerbst die Gebieterin des 
heiligen Rußland! Vor eine gigantische Aufgabe gestellt, geht 
sie mit festem Vorsatz an ihre Lösung und führt sie mit Kunst, 
mit Verschlagenheit, mit Kraft durch. Eine Gestalt nach dem 
Herzen des 18. Jahrhunderts! Mit der Kraftfülle des aufgeklärten 
Despotismus herrscht sie über ein Land von ungeheuren Dimensionen, 
das sich unter ihren Kriegen und Siegen noch nach allen Seiten 
erweitert. Das imponirte namentlich in Deutschland mit seinen 
zerrissenen Territorialfetzen. In einer der angesehensten deutschen 
Zeitschriften, dem deutschen Museum v. Boie und Dobm heraus- 
gegeben, erschien 1776 ein Aufsatz unter der Ueberschrif t : Katha- 
rina II ein Gemäld ohne Schatten^). „Sie entwarf den kühnsten 
Plan, der in die Seele eines Monarchen gekommen, ihre Nation aus 
dem Stande der Unmündigkeit, Abhängigkeit und Nachahmung 
anderer Völker zu ziehen, ihr einen eigenthümlichen beständigen 
Charakter zu geben, ein Originalvolk zu bilden. Die Majestät in 
der Hülle der erhabensten Menschenliebe. Zugleich die höflichste 
Frau des ganzen Hofes ^. Der Erfolg ihrer Bemühungen für ihre 
Hauptstadt wird zusammengedrängt in die Worte: „sie hat Pe- 
tersburg hölzern gefunden und wird es steinern hinterlassen". 

An den Vorgängen in Rußland nahm man in Deutschland 
nicht blos als unparteiischer Zuschauer Theil. Wie deutsche 
Fürstenhäuser in die Familiengeschicke verflochten waren — Hol- 
stein-Gottorp, Anhalt-Zerbst, Braunschweig -Wolfenbüttel — so 
hatten auch zahlreiche deutsche Private dort ihre Angehörigen. 
Unter den Günstlingen der ersten Kaiserinnen waren nicht wenige 
Deutsche gewesen. Deutsche waren zahlreich herangezogen zu 
den Arbeiten, die auf die Erziehung des russischen Volkes oder 



1) S. 383. Mai. 



246 F. Frensdorff, 

anf die Hebimg der Coltor des Landes berechnet waren: als In- 
stmcteure und Officiere für die Armee, als Ingenieare für die 
Erbanong von Straßen und Kanälen, als Aerzte für die nen ge- 
wonnenen Gebiete. Der Briefwechsel Eatharinens mit Zimmer- 
mann lehrt uns eine ganze Reihe von deutschen Aerzten kennen, 
die sich 1786 u. ff. in Rußland niederließen (S. 34 ff.). Rußland 
galt als das Land, wo man sein Gluck machen konnte. Schon in 
den Zeiten der Hansa war das Contor von Nowgorod dafür be- 
rühmt, daß man dort am leichtesten mit geringem Gelde zum Manne 
gedeihen könne'). 

In dem interessanten Bruchstück einer Selbstbiographie, in 
der Schlözer seinen Aufenthalt in Rußland, die Jahre 1761—65, 
schildert, in denen er geschmiedet ward vom Schicksal und sich 
schmiedete, wie Therese Huber sein stolzes „nosmet fortunae 
nostrae fabros" wiedergiebt *), datiert er vom J, 1760 die Zeit 
da das Laufen and Rennen nach Rußland, sonderlich von Stu- 
dirten, inmier stärker wurde'). Er exemplificirt dabei auf den 
Grafen Ostermann. „Die Toren wänten*' — so schrieb Schlözer, 
der selbst zu den Thoren gehörte — „nirgends ließe sich leichter 
Fortune machen als da; vielen stak der aus Jena relegirte Stu- 
diosus Theologiä Ostermann, der zuletzt russischer Reichskanzler 
geworden war, im Kopf. Sohn eines Pastors in Bochum, hatte 
er als Jenenser Student seinen Gegner im Duell getödtet und 
war nach Holland geflüchtet, wo er durch einen holländischen 
Admiral Feter dem Großen empfohlen zunächst in den russischen 
Seedienst kam. Alsbald zu wichtigen politischen Geschäften ver- 
wandt, stieg er unter der E. Anna zum Minister der auswärtigen 
Angelegenheiten auf, wurde in den Grafenstand erhoben und 
stürzte, als EUsabetb 1742 den Thron bestieg. Zum Tode verur- 
theilt, wurde er auf dem Blutgerüst zur Verbannung nach Sibirien 
begnadigt, wo er 1747 starb. In dem Artikel der Patriotischen 
Fhantasieen, in welchem Justus Moser zu einer Biographie für 
Westfalen anregen will *), heißt es : die Geschichte solcher Landes- 
leute, die sich durch eigne Verdienste haben heben müssen, bleibt 
allemal angenehm und nützlich; und das Leben eines Grafen von 
Ostermann ist wichtiger als die Sammlung aller Thaten von man- 



1) Hansische Geschichtsblätter 1893 S. 92. 

2) Geiger, Th. Huber (1901) S. 26. 

8) A. L. Schlözer, öffentl. and Privatleben von ihm selbst beschrieben (Gott. 
1802) 8. 31. 

4) Sämtl. W. I 439, (geschrieben 1770). 



Katharina II von Baßland und ein Oöttingscb er Zeitongsschreiber. 247 

ehern gebomen Beichsfürsten. — Gleichzeitig mit Ostermann war 
Mann ich nach Raßland gekommen, ans einer oldenbnrgischen 
Deichgräfenfamilie stammend, Officier in Diensten des Landgrafen 
Karl von Hessen, in denen er sich durch Leistungen des Krieges wie 
des Friedens auszeichnete, u. a. die Hafen und Canal-Anlagen um 
Karlshafen forderte. Auch in Rußland, wohin er als Ingenieur- 
officier gieng, machte er sich zuerst durch Wasserbauten bekannt. 
Er erbaute den großen Ladogakanal, wurde Organisator der russi- 
schen Truppen und ihr siegreicher Führer in den Kämpfen gegen 
Polen und Türken. Ihn ereilte das gleiche Geschick wie Oster- 
mann: als Anhänger der gestürzten Regentin Anna wurde er auf 
Befehl der Kaiserin Elisabeth verhaftet, zum Tode yerurtheilt 
und nach Sibirien geschickt. Nur daß er lange genug lebte, um 
1762 unter Peter DI und Katharina rehabilitirt zu werden. — 
Aehnliche Wechsel des Schicksals erlebte Joh. Herrmann TEstocq, 
der aus einer niedrigeren Schicht emporstieg als die Genannten. 
Er war 1692 in Celle als Sohn eines Baders geboren und war 
selbst Bader. Die Familie stammte aus Frankreich, yon wo sie 
um der Religion willen vertrieben war. Hermann l'Estocq kam 
1713 an den russischen Hof zu medicinischen Hülfsdiensten. Unter 
Elisabeth, deren Gelangung zum Thron nicht zum wenigsten ihm 
zu danken war, wurde er erster Leibarzt und Geheimer Rath, 
bis er, nachdem er eben eine Ehrendame der Kaiserin, Fräulein 
von Mengden, unter Theilnahme des Hofes geheiratet hatte, Ende 
1748 durch die Partei der Einheimischen unter Bestuscheff ge- 
stürzt und in die Verbannung geschickt wurde. Peter III setzte 
ihn wieder in Freiheit. Er lebte dann bis an sein Ende (1767) in 
Petersburg, wo ihn Büsching als Mitglied der französisch - refor- 
mirten Gemeinde kennen lernte*). 

Die Beispiele dieser aus Niedersachsen und Westfalen stam- 
menden Männer, die in Bußland zu hohen Ehren gekommen waren, 
werden sich noch vermehren lassen. Auch der nachherige Graf 
General v. Bennigsen, der, früher hannoverscher Officier, 1773 in 
russische Dienste übergetreten war, würde hierher gehören; doch 
fällt seine große Zeit erst nach dem J. 1790. Die Laufbahn dieser 
Männer prägte sich trotz des Mißgeschicks , das den meisten von 
ihnen bei allen Erfolgen begegnete, dem Yolksgemüth tief ein, 
und so mochten die Gerüchte entstehen, wenn ein Staatsmann 
oder General in russischen Diensten die öffentliche Aufmerksam- 



1) Botermund, gel. Hannover I S. CXXXXVUI; Memoiren Katharinas S. 91; 
Koser, Friedrich d. Q. I 467 u. 632; Büsching, Magazin f. d. Historie H 435 ff. 

Kfl. Gas. d. WiM. Naohriehtan. Philolofr.-hiftor. KIum 1906. Heft 3. 18 



248 F. Frensdorff, 

keit erregte, er sei kein Rnsse, stamme aus Norddeutschland und 
sei womöglich von niederer Herkunft. 

Ich habe in dem früheren Aufsatze die Beziehungen erwähnt, 
die sich zwischen der Universität Göttingen und der Kai- 
serin Katharina anknüpften und um derentwillen die Verbreitung 
jener unwahren Nachrichten über Suwarow dnrch eine Gröttinger 
Zeitung ihren vollen Unwillen hervorrief. Auch dazu läßt sich 
jetzt ein Nachtrag liefern. Der früher angeführte Artikel Heyne's 
in den Götting. Gel. Anzeigen über die wissenschaftlichen und die 
gesetzgeberischen Unternehmungen der Kaiserin (1785 Dec. 19) 
war nicht ganz ohne Nebenabsicht geschrieben. Wie sich aus 
einem Briefe Heynes an Zimmermann vom 22. Dec. 1785 ergiebtM, 
war es im Plane, die Kaiserin zu einer werkthätigen Unterstützung 
der Gelehrten Anzeigen zu bewegen. Heyne schrieb damals: ,,68 
macht mir keine geringe Freude , mein theuerster Herr Hofrath, 
daß Sie das Blatt der Gelehrten Anzeigen nicht ganz zweckwidrig 
gefunden haben. Der Gedanke, der Kaiserin einzugeben, daß sie 
eine Anzahl Exemplarien der Gelehrten Anzeigen kaufen und 
vertheilen möchte, ist vortrefflich, und ich bitte inständig den 
Versuch zu wagen, und wenn es auch nur 50 Exemplarien wären, 
es würde immer das Seinige bey tragen und helfen". Bei der 
Wichtigkeit, die Heyne dem Vertrieb der Gelehrten Anzeigen für 
das Ansehen der Universität namentlich nach außen bin beilegte, 
ist dieser Schritt erklärlich. Ob er von Erfolg war, läßt die 
weitere Correspondenz nicht erkennen. Ich fürchte, sie würde den 
Antrag, wenn er an sie gelangt wäre, zu akademisch gefunden 
haben; Voltaires Werke in hundert Exemplaren zu vertheilen, 
wäre sie bereit gewesen*). 

Zu den deutschen Gelehrten, die ihr Heil in Rußland ver- 
suchten, hat auch Göttingen sein Contingent gestellt. Außer 
Schlözer und Büsching gehören Grellmann und Buhle hierher, 
jene der Zeit nach 1760, diese dem Anfange des folgenden Jahr- 
hunderts angehörig: Grellmann, der 1804 als Professor der Sta- 
tistik aus einer ordentlichen Professur der Philosophie, die er seit 
1794 in Göttingen inne hatte, nach Moskau gieng, wo er aber 
schon im Jahre seiner Ankunft starb; Buhle, der sein Nachfolger 
wurde, war gleichfalls seit 1794 Ordinarius in Göttingen gewesen, 
hatte sich durch eine Ausgabe des Aristoteles in der Zweibrücker 



1) Ans Zimmermanns Nachlaß mitgetheUt von £. Bodemann in der Ztschr. 
des histor. Vereins f. N.-Sachsen 1878 S. 227. 

2) Lettres de Catherine k Grimm hg. ▼. Grot (Petersbg. 1878) S. 104. 



Katharina II von Baßland und ein Göttingscher Zeitungsschreiber. 249 

Sammlang und eine Geschichte der Philosophie bekannt gemacht 
und wirkte in Moskau bis z. J. 1814, wo er an das Carolinum in 
ßraunschweig kam. Einen Göttinger, der zu den am frühesten 
nach Rußland gekommenen gehörte, traf ein fürchterliches Ge- 
schick. In den fünfziger Jahren wurde eine Colonie von Gelehrten 
von Nürnberg nach Göttingen gezogen, um die Studien der Mathe- 
matik, Astronomie und Geographie zu fördern. Der berühmte 
Mathematiker und Astronom Tobias Mayer hatte ihnen Bahn ge- 
macht. Er zog seine beiden Collegen aus dem Homannschen Land- 
karteninstitut, Franz und Lowitz, nach sich; der erste wurde 
Professor der praktischen Mathematik, der andere der Geographie. 
Die kosmographische Gesellschaft, die nach Göttingen verpflanzt 
wurde, von Franz und Lowitz dirigirt, setzte sich zur beson- 
dem Aufgabe, neben der bisher gepflegten kartographischen Dar- 
stellung der Erde und ihrer Theile eine plastische in Gang zu 
bringen und zu verbreiten. Auf die Herstellung von Erd- und 
Himmelsgloben wurde eine große Subskription eröffnet, und die 
hannoversche Regierung bewilligte einen zinsfreien Vorschuß von 
2000 Thalem. Die Mitleidenschaft, in welche Göttingen durch 
den siebenjährigen Krieg gezogen wurde, die ausbrechende Theue- 
rung, der Tod von Tobias Mayer und von Franz, dazu häusUche 
Verhältnisse brachten Lowitz in eine schwierige Lage. Er hatte 
sich in Göttingen zum zweitenmal verheiratet, mit einer Tochter 
des Bürgermeisters Riepenbausen , aber das dadurch erworbene 
Vermögen gieng für die Rückzahlung der gewährten Vorschüsse 
darauf, das Kugelwerk, wie man es nannte, gerieth ins Stocken, 
und die Pränumeranten hofften vergebens auf ihre Globen. Lo- 
witz, ein Mann , dessen großen Fähigkeiten die sachverständigen 
Zeitgenossen volle Anerkennung zollen, der leicht viel versprach ^), 
konnte sich nicht halten, legte erst die Direction der Sternwarte, 
dann die Professur nieder. Im Jahre darauf, 1764, gieng er nach 
Rußland, wo er eine Anstellung bei der Akademie und den Auf- 
trag, astronomische Ortsbestimmungen auszuführen, erhielt. An 
der Wolga in der Nähe von Dimitriewsk im Gouvernement Astra- 
chan mit Aufnahmen beschäftigt, gerieth er im Sommer 1774 den 
aufständischen Kosaken in die Hände und wurde, nachdem man 
ihn vor Pugatschew gebracht hatte, am 13./24. August erst ge- 
spießt und dann gehangen. Die Nachrichten über den Hergang 



1) Vgl. Lichtenberg, Briefe I 103. Der Bd. II 125 vorkommeDde Lowitz 
ist sein Sohn, der auf öffentUche Kosten erzogen wurde und eine Zeitlang auch 
in Qöttingen studirte. 

18* 



250 F. Fr en sdorf f, Katharina IIt. Baßland u. ein Oöttingsch. Zeitungsschreiber. 

gelangten dnrch den Begleiter Lowitzens, den Adjnncten der 
Petersbarger Sternwarte Inochodzow, der einst selbst in Q-ottingen 
stndirt hatte, an seinen alten Lehrer Kästner, der den Brief im 
Deutschen Masetun, Februar 1776 veröffentlichte. Die allzu große 
Gewissenhaftigkeit Lowitzens, der sich in der Genauigkeit seiner 
Untersuchungen nie genug thun konnte, scheint das traurige Ende 
herbeigeführt zu haben. Kästner hat von ihm geurtheilt: Lowitz 
hat viel gearbeitet und wenig vollendet. Daran war zum Theil 
sein Bestreben nach der größten Vollkommenheit schuld^). 



1) Deutsches Museum I (1777) 8. 257 als Berichtigung gegen Büsching 
wöchentL Nachrichten ▼. neuen Landcharten m (1775) St. 8, wo die frühe- 
sten Nachrichten über Lowitz gegeben waren. 



Zur Datierung des Beowulfepos. 

Von 

Lorenz Morsbueh. 

Vorgelegt in der Sitzung vom SO. Juni 1906. 

Die Frage nach dem Alter des uns in einer einzigen Hand- 
schrift aas dem Ende des 10. Jahrhunderts überlieferten Beowulf- 
epos ist meist mit der Entstehongsfrage des Gedichts verknüpft 
worden, üeber die letztere gehen aber die Ansichten sehr 
auseinander. Ten Brink setzte die erste Beowulfredaktion um 
das Jahr 690, die zweite um das Jahr 710 an. Die Gesamt- 
redaktion, durch welche beide kontaminiert wurden, gehöre ver- 
mutlich noch dem achten Jahrhundert an, und in dasselbe Jahr- 
hundert fielen wohl auch die Zusätze des letzten nennenswerten 
Interpolators (Beowulf , Untersuchungen, B. LXII der Q. F. 1888 
S. 235). Nach Sarrazin sollen dem ae. Beowulf direkt oder in- 
direkt Lieder zu Grunde liegen, die von Starkadhr herrührten, 
also um 700 verfaßt wären (Engl. Stud. XXIII S. 247). Die letzte 
Bearbeitung des Beowulf rühre von Eynewulf , dem Dichter des 
Andreas her (S. 266 a. a. 0.). Die meisten übrigen Forscher (ich 
nenne nur Arnold, Trautmann, Barnouw, Brandl, Holthausen) setzen 
das Epos übereinstimmend in das 7. Jahrhundert, entweder nur 
allgemein oder meist mit der Beschränkung auf die zweite Hälfte 
dieses Jahrhunderts. 

Leider geben uns die vereinzelten historischen Anspielungen, 
die wir aus anderen Quellen sicher datieren können, keinen Auf- 
schluß. Das Beowulfepos enthält zwar ohne Frage eine Menge 
geschichtliches Detail, vornehmlich aus der skandinavischen Ge- 
schichte, aber es erzählt nur von längst vergangenen Zeiten und 
nimmt auf die Gegenwart nicht den mindesten Bezug. Es nützt 



252 Lorenz Morsbach, 

uns für die Datierungsfrage des uns überlieferten Epos (oder wie 
einige lieber sagen würden, der uns erhaltenen Fassang oder Re- 
daktion) gar nichts, daß der Kampf Hy5eläcs (= „Chochilaicns") 
mit den Friesen und Franken in die Jahre 512 — 520 fällt. Aber 
auch die Erwähnung der fränkischen Könige als Merowinger 
(v. 2921 Merewioin^e), deren Dynastie 752 ein Ende hat, giebt uns 
keine obere Grenze (terminus ad quem) für die Datierung, wie 
man vielfach behauptet hat. Auch dies Kriterium muß gänzlich 
ausscheiden, da der Dichter dort nur von Ereignissen erzählt, die 
sich zur Zeit der Merowinger abgespielt haben, nicht aber sagt 
oder andeutet, daß sie zu seiner Zeit noch regierten. Dazu kommt, 
worauf mich der Kollege Edward Schröder hinweist, daß derartige 
Namen oft noch lange nach dem Aussterben der Dynastie gebräuch- 
lich blieben. So werden die Franzosen in der deutschen Dichtung 
noch bis ins 13. Jahrhundert Karlinge genannt. Und bekanntlich 
heißt es in den Annales Quedlinburgenses (ca. 1003): olim omnes 
Franci Hugones vocabantur a suo quodam duce Hugone. 

Da die historischen Anspielungen für die Datierungsfrage 
versagten, so hat man längst versucht, durch sprachliche und 
metrische Kriterien der Sache beizukommen. Die bisher auf 
diesem Wege angewandten Kriterien haben aber für die Chrono- 
logie der ae. poetischen Denkmäler nicht einmal zu festen rela- 
tiven Zeitabschätzungen geführt. Auch ist ihr Wert vielfach 
übertrieben worden. In der folgenden Abhandlung soll nun der 
Versuch gemacht werden, dem Problem auf anderem Wege bei- 
zukonmien. Freilich sind es auch sprachlich- metrische Kriterien, 
aber sie sind doch gänzlich anderer Art und wie ich glaube, 
durchaus zuverlässig. Ich gehe von gewissen Lautgesetzen (lieber 
möchte ich mit Jespersen Lautregeln sagen) aus, die sich um 700 
in England durchgesetzt haben und einen Spracbzustand schufen, 
den wir mit Hülfe der metrischen Technik im Beowulf als dort 
vorhanden nachweisen können. Es handelt sich um folgende 
Fragen: 1) Wann ist auslautendes -u nach langer Tonsilbe im 
ae. geschwunden ? 2) Wann ist postkonsonantisches -h- vor Vokal 
verstummt? 3) Wie stellt sich unser Beowulftext zu den beiden 
Lautgesetzen, die wir trotz der verhältnismäßig dürftigen Ueber- 
lieferung genau datieren können? Diese Datierung hat zwar schon 
Bülbring in seinem ausgezeichneten Elementarbuch des Alteng- 
lischen auf Grund eigener und anderer Forschung vorgenommen. 
Es wird sich zeigen, daß auch ich im Q-anzen zu demselben Re- 
sultat gekommen bin. Da jedoch hieraus die weittragendsten 
Konsequenzen gezogen werden können, besonders für die Datie- 



zur Datierung des Beowulfepos. 253 

rang des Beowulfepos, so habe ich es doch für notwendig ge- 
halten, auch diese Fragen noch einmal genan zu ontersnchen, 
zomal da ein so angesehener Forscher wie Chadwick, der sich ein- 
gehend mit diesen Dingen beschäftigt hat, zu wesentlich anderen 
Schlüssen gelangt ist. 



Die erste Frage, die uns hier beschäftigen maß, ist also die: 
Wann ist arenglisch aaslaatendes -u nach langer Wurzelsilbe in 
ursprünglich zweisilbigen Wörtern verstummt? Läßt sich dafür 
ein einigermaßen sicheres Datum ermitteln? Diese Frage ist 
zuletzt von Chadwick, Studies in Old English (Transactions of 
the Cambridge Philological Society Vol IV Part II) London 1899 
S. 166 ff. und von Bülbring in seinem Altenglischen Elementar- 
buch Heidelberg 1902 (§ 358. 529 Anm. 2) beantwortet worden. 
Beide setzen den Abfall des -u in das 7. Jahrb., Bülbring in das 
Ende des siebten Jahrhunderts (§ 351), Chadwick bedeutend 
früher und mit einer Einschränkung: „On the whole it seems prob- 
able that the loss of final -u did not take place very long be- 
fore 650, while the loss of -u at the end of the first member of 
a Compound can scarcely fall before 700. Eine nochmalige Prüfung 
der Ueberlieferung bat mir jedoch die üeberzeugung aufgedrängt, 
daß der fragliche Schwund des -m, wenigstens nach langer haupt- 
toniger Silbe, nicht vor Ende des 7. Jahrb. stattgefunden hat. 
Betrachten wir zunächst die Fälle, in denen -u nach langer 
Wurzelsilbe in der ältesten üeberlieferang noch erhalten ist. 
Ich schließe natürlich die Composita mit ein. Folgende Belege 
kommen in Betracht: 

1) scanmödu auf sehr alter Münzinschrift, vielleicht nicht 
später als Ende des 6. Jahrb., doch nicht ganz sicher zu deuten; 
s. darüber Chadwick a. a. 0. S. 156. 

2) flodu nom. sing, auf dem Bunenkästchen. Der betr. Vers 
lautet: fisc flödu ahöf on fergenberig {= den Fisch erhob die Flut 
auf den Berghügel bez. die Waldhöhe). Die Form flödu ist völlig 
gesichert (v. die übereinstimmenden Lesungen von Wadstein in 
The Clermont Runic Casket 1900 und Vietor, das ags. Runen- 
kästchen (Heft 2) 1891; bes. Napier in FumivaU Miscellany Ox- 
ford 1901 S. 337 f. und Holthausen, Anglia Beiblatt XVI S.229f.) 
und fügt sich auch trefflich in das Metrum. Wir haben einen 
D-Typus von der Art -£./-«.xx-i, der auch im Beowulf gesichert 
ist (v. Sievers Beitr. X 301). Holthausen (Lit. Blatt 21 Sp. 212) 
sieht darin eine — allerdings recht frühe — Neubildung nach 



264 Lorenz Morsbach, 

Analogie der knrzsilbigen Stamme. Doch kann von einer solchen 
keineswegs die Rede sein, da die gesamte ae. Ueberliefemng kein 
anderes Beispiel einer derartigen Keubildong aufweist. Und wozu 
überhaupt die Annahme? Die Inschrift ist alt genng, wie wir 
später sehen werden, um die Erhaltung eines -u zu rechtfertigen. 
Chadwick a. a. 0. S. 156 will die Form für einen Archaismus 
halten, und zwar wegen des Fehlens von -u in tinnej und wahr- 
scheinlich auch wegen der falschen Bildung liupeasu (^^probably also 
by its wrong Insertion in yußecisu^ S. 166). Dem ist aber ent- 
gegenzuhalten, daß wir in unnd^ keinen Abfall von -u anzunehmen 
haben, wie auch das alts. näh zeigt, über das man Holthausen 
Alts. Elementarbuch § 361 Anm. 2 vergleiche. Yergl. übrigens 
auch Bülbring Elem. § 466A., Holthausen Alts. El. § 166 b und 
Schlüter in Dieters Laut- u. Formenlehre der altg. Dial. 1898 
S. 276. Aber selbst wenn man Chadwicks angeblichen Abfall von 
-M hier zugeben könnte, wäre unn^i noch kein Gegenbeweis gegen 
flödu^ da in letzterem Falle das auslautende -m in einem zweisil- 
bigen Worte unmittelbar nach langer Tonsilbe steht, in unns^ 
aber das -u in einem ursprünglich dreisilbigen Worte nach langer 
nebentoniger Silbe abgefallen wäre. Es ist sehr gut denkbar und 
wird auch durch die freilich spärliche Ueberliefemng nahe gelegt 
(s. weiter unten), daß das -u nach langer nebentoniger Silbe etwas 
früher] abgefallen ist als unmittelbar nach der Tonsilbe. Was 
aber das angebliche yupeasu betrifft, so liegt gar kein zwingender 
Grund vor, das u der Inschrift zum Worte yupeas zu schlagen, 
ja es liegt viel näher an einen genit. ^iupea zu denken und die 
Buchstaben su als den Anfang eines unvollständig gelassenen Wortes 
zu betrachten. Die Vermutung Bradleys, daß ursprünglich vielleicht 
pußea sutnce da gestanden habe, ist jedenfalls sehr ansprechend. 
Napier bemerkt zu der Stelle (S. 370 a. a. 0.): j^Oiupeasu is an 
impossible form ; if a nom. pL, we should expect giupeaSj 'the Jews'. 
The most plausible explanation is fumished by Mr. H. Bradley's 
very ingenious Suggestion that we should read giußea sumce ^some 
of the Jews , a portion of their army' I The giupeasu stands at 
the end of a division in the inscription, and the carver, proceeding 
to the next, might easilyl forget the mce^. Noch ansprechender 
scheint mir die Vermutung v. Grienberger's (Z. f. d. Phil. 23; 
Anglia 27 S. 447 f.) , welcher liußea sufnaj vorschlägt. Dagegen 
Burgs Deutung des u als latein. uftj, wodurch sich dann der Kon- 
junktiv Jugiant" der darauf folgenden lat. Worte erkläre, scheint 
mir deshalb weniger glaubwürdig, weil die ae. Sicilen sich durch- 
weg als gute Verse lesen lassen, allerdings z. T. mit einer auf- 



zur Datierong des Beownlfepos. 255 

fölligen Yemachlässigimg der Beimstäbe (v. auch Vietor und v. 
Q-rienberger a. a. 0.)< Sehr beachtenswert aber ist die Beobach- 
tung von Binz (Lit. Blatt 25 Sp. 154), daß su von yupea anch 
deshalb zn trennen sei, weil es dnrch ein sich anch sonst findendes 
Trennungszeichen von dem Einritzer der Runen davon abgesondert 
werde. Da die Inschrift sonst keine Fälle enthält, in denen mög- 
licherweise ein -u abgefallen wäre, so bleibt allein das obige flödu 
als unanfechtbares Zeugnis für Erhaltung des -u nach langer 
Tonsilbe, während fär den Abfall eines -u auch nach langer 
nebentoniger Silbe sich kein sicheres Beispiel findet. Es liegt 
daher auch nicht der mindeste Grund vor, mit Chadwick flödu als 
einen Archaismus zu betrachten, der an und für sich auch mehr 
als unwahrscheinlich wäre. Napier a. a. 0. S. 380 Anm. 2 bemerkt 
mit Recht: „I attach great weight to to the preservation of u in 
flodu. This form cannot have been copied from an older original, 
as the inscription on this side was evidently composed for the 
occasion, viz. the stranding of the whale". Welcher Zeit gehört 
nun flödu an ? Binz und Symons setzen die Inschrift aus sprach- 
lichen Gründen in die Zeit vor 750, Wadstein nicht nach 760, 
doch ist dieser Endtermin schon wegen des flödu ganz unmöglich. 
Vigtor setzt sie (gleichfalls aus sprachlichen Gründen) um 700 an 
(a. a. 0: S. 11 f.). Napier , der die Frage am besten erörtert hat 
(a. a. 0. S. 380 f.) , setzt die Inschrift (ebenfalls aus sprachlichen 
Gründen) in den Anfang des 8. Jahrhunderts. Es fragt sich 
aber , ob wir wegen des abgefallenen -n in sefu und des f (statt h) 
in wylif, sefu soweit heruntergehen müssen. Wie wir unten (S. 259. 
265. 269) sehen werden, wird man die Inschrift wohl am passend- 
sten in das Ende des 7. Jahrh. setzen, da flödu stärker ins Gewicht 
fallt als die übrigen Kriterien. Denn das b für f ist früher auf- 
gegeben worden als i und Beda hat wohl schon zwischen b und f 
geschwankt (Sievers, Anglia XIII S. 16). Obwohl die ältesten 
Texte mehr oder minder regelmäßig b haben, „kommt daneben 
von Anfang an, obwohl zunächst selten, auch schon die jün- 
gere Schreibung f vor**; v. Chadwick S. 232 ff. und Bülbring 
Elem. § 484 nebst der dort verzeichneten Literatur. Auch der 
AbfaU des -n ist schon durch die ältesten north. Texte bezeugt, 
obwohl es dort daneben „noch in größerem Umfang erhalten** ist; 
vergl. Bülbring El. § 657 Anm. und Wuest, Zwei neue Hand- 
schriften von Caedmons Hymnus (Z. f. d. A. N. F. XXXVI 1906 
S. 219 ff.). Vergleiche ferner Napier (OE. Glosses Oxford 1900 
S. XXXII) zu den Vatic. north. Glossen aus dem Anfang des 
8. Jahrh. (sifu). Was aber die Lokalisierung der Inschrift betrifft, 



256 Lorenz Morsbach, 

80 gehört sie ohne Zweifel dem northumbrischen Gebiete an, wie 
vor allem der Abfall des -n sicher bezeugt. Vergl. auch Napier 
S. 379 f. und Vietor S. 12. 

3) olwfwolpu, wie man früher las (angeblich für wolfwolpu), 
auf der Säule von Bewcastle ist durch Victors North. Runensteine 
Marburg 1895 S. 15 beseitigt. Dagegen könnte das „fast un- 
zweifelhafte^ -^är für Abfall eines -u nach langer Wurzelsilbe 
sprechen, doch ist wieder zu beachten, daß hier das -u nicht un- 
mittelbar nach der langen haupttonigen Wurzelsilbe, sondern nach 
dem Nebenton stand. Andererseits könnte man das „wahrschein- 
liche" Alcfriäu (nach Bülbring Anglia Beiblatt 9, 77 wohl für 
Alhfridi4\ obwohl es sich hier um einen kurzsilbigen Stamm handelt, 
für Erhaltung des alten auslautenden -u geltend machen, da das 
'U in dieser Stellung seit dem 8. Jahrh. auch in Northumbrien 
geschwunden ist (v. Müller, die Namen des north. Liber Vitae, 
Palaestra IX § 90, 8). Aber weder das auslautende -u der In- 
schrift ist völlig gesichert, noch auch der casus (vielleicht liegt 
der Dativ vor), so daß wir in diesem Falle kein sicheres Zeugnis 
besitzen. Wenn Müller a. a. O., der Vietors Schrift übersehen hat, 
sich außer auf olwfwolpu und alcfriäu auch noch auf ecgfnäu beruft, 
so hat auch hier Vietor a. a. 0. S. 16 gezeigt, daß diese Namens- 
form auf der Säule von Bewcastle nur erraten war. Die Säule 
von Bewcastle bietet also keinen sicheren Fall von Erhaltung 
eines urae. -u nach langer haupttoniger Wurzelsilbe, aber einen 
sehr wahrscheinlichen Fall von abgefallenem auslautendem -u nach 
langer nebentoniger Wurzelsilbe. Da die Säule von Bewcastle 
nach Vietor (S. 46) aus inhaltlichen Gründen nicht vor 664 oder 665 
errichtet worden sein kann, da Alcfridu nach Beda um diese Zeit aus 
der Geschichte verschwinde, aber andererseits die Wahrscheinlich- 
keit vorliegt, daß sie wie das Kreuz von ßuthwell in die Zeit 
der Regierung Aldfrids des Weisen (685—726) fällt (Vietor S.48f. 
und Bülbring, Anglia Beiblatt IX S. 66), so kann man das Datum 
der Inschrift mindestens bis hart an das Ende des 7. Jahrh. hin- 
unterrücken. Jedenfalls liegt kein zwingender Grund vor, wie 
Stephens und Vietor vermuten, daß das Denkmal »gegen 670 oder 
doch nicht viel später" , also schon einige Jahre nach dem Tode 
Alcfrids errichtet sei. Den Tod dieses Fürsten setzt Plummer 
(Beda II 1896 S. 119) zwischen 664 und 672 an. Schließlich mag 
noch bemerkt werden, daß seit den Lesungen Vietors nichts mehr 
darauf hinweist, daß wir es, wie Sievers noch auf Grund der vielen 
alten falschen L^ '•mutete, mit einer jüngeren Kopie der Bew- 

castler Säule *^^ Anglia Beiblatt IX S. 66. 



W^. 



zur Datierung des Beowulfepos. 267 

4) aetiaru im Erfurter Glossar ist nach Chadwick (S. 157) 
wahrscheinlich Schreibfehler für das in den Epinaler und Corpus- 
glossen überlieferte aetiaeru (< *'gaiziu). Diese Annahme ist aber 
unnötig, da es sowohl einen urae. nom. sing. m. *aetiam als auch 
einen nom sing. n. *aet}fleri (vgl. auch Müller, Liber Vitae § 82 I) 
geben konnte. Dann wäre aet^aru in Erf. als nom. sing., dagegen 
aet^aeru in Ep. und Corp. als nom. pl. zu fassen. Somit ist das 
überlieferte aet-^aru in Erf. nicht unwahrscheinlich. Da aber die 
erwähnten Glossensammlungen auf einen gemeinsamen Grundstock 
zurückgehen (Chadwick S. 248 setzt den Archetypus I zwischen 
680 und 720 an), so kann das aet^aru des Erf. Glossars noch aus 
dem Ende des siebenten Jahrhunderts stammen. Es würde dann 
freiUch der einzige Fall eines erhaltenen auslautenden -u nach 
langer Wurzelsilbe in den erwähnten Glossaren sein. Doch darf 
man aus diesem Grunde allein die überlieferte Form nicht ver- 
dächtigen. 

5) audubcUdi in Bedas Kirchengeschichte M. II, 10, 11 stellt, 
wie schon der Diphthong au zeigt, keine englische Namensform 
dar; man vergleiche auch die dort daneben überlieferten englischen 
eadbaldi^ eadbcddum. Vergl. auch Chadwick S. 158. 

6) äweoru nom. s. f. im mercischen Vesp. Hymnus 7, 8. 39 aus 
der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts (vergl. auch Max Förster, 
Anglia Beibl. XTT S. 358 f.) kann natürlich nicht als diveoru gelesen 
werden. Auch Chadwicks Deutung eines kurzen äweoru aus äl- 
terem *dweorhu mit Erhaltung des alten -u, nachdem das inlautende 
-A- schon vor der Ebnung („palatal-Umlaut") und ohne Dehnung 
des ^ geschwunden sei, widerspricht nicht nur den übrigen Ver- 
hältnissen dieser Mundart, sondern auch allem was sonst über die 
Zeit der Ebnung auf anglischem Boden bisher ermittelt ist. Die 
unzweifelhaft richtige Erklärung des eo in dweoi-u hat schon Zeuner 
(die Sprache des kent. Psalters Halle 1882 S. 85 Anm. 1) gegeben 
und das daneben stehende dweoran^ das Chadwick ebenso wie äweoru 
deutet, ist von Sievers Gram.* § 295 A. 1 und Bülbring Elem. 
§ 230 Anm. (abgesehen von der Dehnungsfrage durch Ausfall des 
-A-) ganz in Zeuners Sinne erklärt worden. Das eo in äweoru^ 
äw^oran beruht auf m- bezw. a* -Umlaut eines e durch Ebnung, der 
noch nach dem Schwund des inlautenden -A- gewirkt hat. Wenn 
in äw^oran das ausgefallene -A- keine Dehnung erzeugt hat, so ist 
das der Einwirkung der Formen mit erhaltenem -A (z. B. äwcrh nom. 
s. m.) zuzuschreiben. Dagegen die Form äweoru kann nur eine 
Neubildung sein, durch Anlehnung an die sonstigen kurzsilbigen 
Nominative fem. gen. wie wonu , micelu etc. (Zeuner S, 137 f.) , da 



258 Lorenz Morsbach, 

das ärmere. *dwerhu zxx äwerh werden mußte, welches aach im 
Psalm 100, 4 {heorte äwerh) tatsachlich bezeugt und nicht als eine 
unflektierte Form anzusprechen ist. Die Analogie lag um so näher, 
als seit dem Ausfall des -/t- die analogischen Kurzformen, wie 
dw^an zeigt, die herrschenden geworden waren. Es ist anzu- 
nehmen, daß die seit dem Ausfall des -A- zwischen Kons, und 
Vokal entstandenen analogischen Kürzen in der Nominalflexion im 
Altenglischen immer häufiger geworden sind. Das me. setzt hier 
fast nur Kurzformen voraus ; vergl. meine Bemerkong zu Björkman, 
Loanw. S. 105 Anm. 1 und Koeppel im Archiv CIV S. 9 f. 

In äw^u ist also auslautendes -u auch nicht nach kurzer 
Tonsilbe erhalten, sondern analogisch angetreten. Die Form 
scheidet also aus unserer Untersuchung über den AbfaU eines 
auslautenden -u aus. Ja sie gehört überhaupt nicht hierher und 
ich würde sie unerwähnt gelassen haben, wenn nicht Chadwick 
aus ihr die weittragendsten Schlüsse gezogen hätte. 

7) Auch in nSolädanj nioweste des Vesp. Psalters will Chadwick 
(S. 158) Erhaltung des -u nach langer Wurzelsilbe im ersten 
Kompositionsgliede bis über den Schwund des -h- hinaus annehmen. 
Chadwick betrachtet also die Silbe n^o- als eine Kontraktion aus 
*n€hu- (S. 150), was unmöglich richtig sein kann, da das auf h 
ursprünglich folgende tv (v. got. nehw, nthwa) in dieser Umgebung 
schon in vorae. Zeit abgefallen, nicht aber urae. im Auslaut zu u 
vokalisiert ist. Vergl. das oben bei unn^i unter 1) Gesagte und 
die dort verzeichnete Literatur. Auch Bülbring hatte Anglia 
Beibl. IX S. 107 noch dieselbe Ansicht wie Chadvdck vertreten, 
bringt aber in seinem Altengl. Elementarbnch § 146 die richtige 
Lösung dieses schwierigen Problems, indem er mercisches nöoliedan 
und neowest durch Brechung aus anglischem € < westg. ä hervorgehen 
läßt, also westg. *naxlaikian ansetzt. Der Schwund des h vor l 
fallt dann vor die Zeit der Ebnung (Bülbring § 528). Auch Sievers, 
Zum ags. Vokalismus (Dekanatsprogramm Leipzig 1900) S. 37 
Anm. 1 giebt die Entwicklungsreihe: urangl. *nehlcec- > *nBohl€eC' 
> nSoTäC'. 

n€ol€Böan und nSoweste scheiden also für unsere Frage gleich- 
falls aus. 

8) das northumbrische tiu-f tto-, in Eigennamen bei Beda 
{tiouulfinga ccestir U, 16, Moore Ms.) und im Liber Vitae (z. B. 
tioicald) will Chadwick (S. 158 und 142 f.) ebenfalls durch Vokali- 
sierung des auslautenden w > u und nachfolgende Kontraktion 
erklären, da wohl sicher altes tlwa-e zu Grunde liegt. Doch ist 
zu beachten, daß es sich hier um eine besondere Lautgruppe (-ftc^-) 



zur Datierung des Beowolfepos. 259 

handelt y die im Liber Yitae als iu, io erscheint; B. Müller, über 
die Namen des north. Liber Yitae (Palaestra IX 1901) § 46 und 
§ 14, 3b. Aber auch sonst noch ist iu für Jtoa bezeugt, wie in 
sliu (für *8titca') bei Napier O.E. Glosses (Oxford 1900) 53, 36 in 
Hs. aus dem 11. Jahrb., aber nach einem mercischen Original aus 
dem Anfang („early part**) des 8. Jahrh. (Napier S. XXII). Vergl. 
ferner in den Glossen bei Wright-Wiilker slSow 447 j 37 and ^faw 
(für *3fM;a-) Geier 284, 5. Neben den Nominativen Jw (durch An- 
lehnung an die flektierten Easus) muß es also auch solche gegeben 
haben, die für -iw ein iuw, low hatten und sich wie diese Laut- 
gruppe im Englischen weiter entvdckelten ; v. auch Oxf. Dict. 
unter bree. Die obigen Namen beweisen also nichts für längere 
Erhaltung eines -u nach langer Wurzelsilbe. 

9) Anders als mit dem vorhergehenden Namen tio- verhält es 
sich mit dem im Moore Ms. von Bedas Eirchengeschichte und in 
der northumbrischen Eönigsliste derselben Hs. stets gleichlautend 
überlieferten Namen Omti; vergl. Beda M II, 5. III. III 11, 12, 
21, 22 etc. Die north. Eönigsliste hat einen Beleg. S. Sweet's 
Oldest E. Texts. Die Deutung von -wiu ist unsicher; vergl. auch 
Müller, Liber Vitae § 82, I (S. 133) und § 30, 2 a. Falls hier 
-titu tatsächlich .auf älteres *wihu bezw. *wihiva zurückgeht, wäre 
nach dem Schwund des intervok. -h- regelrecht Eontraktion zu Tu 
eingetreten. 

10) Wohl aber könnte man das einmal belegte Inguburg im Liber 
Vitae 19 für Erhaltung des -u nach langer Tonsilbe in Anspruch 
nehmen, da hier der Stamm ingwa- gesichert scheint. Vergl. auch 
Müller, Liber V. S. 106. Es ist ja sehr wahrscheinlich, daß sich 
grade in Eigennamen, im Gegensatz zu den appellativen, derartige 
nicht synkopierte Formen etwas länger traditionell erhalten haben. 
Sonst aber ist im liber Vitae -u sicher geschwunden in den zahl- 
reichen Eigennamen mit '^ar oder j^ar-^ v. Müller' L. V. S. 120. 
Dagegen die dort gleichfalls von Müller auf Grund des unächten 
olwfwolpu als -u Stämme angesprochenen Eigennamen mit -wald 
oder wald' sind zweifellos alte a-Stämme. 

Mit diesen teils ächten teils angeblichen unächten Zeugnissen 
für die Erhaltung eines ausl. -u nach langer Tonsilbe in unserer 
ältesten Ueberlieferung ist die Reihe geschlossen. Wir fanden nur 
einen einzigen unanfechtbaren und sprachlich völlig gesicherten Fall 
von Erhaltung des -u vor, und zwar in flödu auf dem Bunen- 
kästchen, dessen Inschrift kaum früher als in das Ende des 7. Jahrh. 
gesetzt werden darf. Die übrigen Belege, soweit sie bloß wahr- 
scheinlich oder möglich waren, widersprechen dieser Datierung nicht. 



260 Lorenz Morsbach, 

Nehmen wir nun die Kehrseite und fragen wir: In welchen 
Fällen erseheint das ausl. -ii in der fraglichen Stellung in unserer 
ältesten Ueberlieferung als abgefallen und welchen Schluß dürfen 
wir daraus für die Datierung ziehen? Die Belege sind folgende: 

1) '-^är als zweites Glied eines Compositums auf der Säule 
von Bewcastle haben wir oben unter 3) besprochen und die Lesung 
mit Victor als ;,fa8t unzweifelhaft" bezeichnet. Da die Inschrift 
nicht vor 700 geschrieben sein muß, kann der Abfall des -w nach 
langer nebentoniger Silbe für diese Zeit Zeugnis ablegen. Dagegen 
unne-^ auf dem Runenkästchen mußten wir als nicht beweisend ab- 
lehnen. 

2) eoh auf der Inschrift von Kirkheaton, die nach Chadwick 
S. 116 möglicherweise noch in die 1. Hälfte des 7. Jahrh. fällt. Doch 
hat das Wort auch für Chadwick mit Recht (S. 156) keine Beweis- 
kraft. Er sagt darüber : . . . . „since the syncope here is irregulär, 
it is not certain that -w after long syllables was already lost." 

3) Tidßrth (= 'früh) auf dem Steine von Monk Wearmouth 
(Victor, N. Runensteine S. 18), doch ist die Datierung unsicher. 
Vergl. auch Bericifrid (north.) in einer Hs. des 9. Jahrb., wahr- 
scheinlich nach einem Original aus dem Anfang des 8. Jahrh. bei 
Napier, Old English Glosses Oxford 1900 S. XXXII. 

4) Die kleineren Runendenkmäler (Sweet, Oldest Engl. 
Texts S. 127 ff.) sind nicht genau zu datieren und daher für unsere 
Frage belanglos. Das Kreuz von Ruthwell (Victor, North. Runen- 
steine S. 2ff.) hat keine beweisenden Formen, weder für Erhaltung 
noch für Abfall des fraglichen -m. Die Inschrift ist nach Victor 
(S. 48 f.) sehr wahrscheinlich jünger als die Säule von Bewcastle, soll 
ihr aber zeitlich nahe stehen, lieber das Alter der letzteren s. oben 
S. 255. Brandl (Sitz, der k. preuß. Akad. d. Wiss. zu Berlin, 13. 
Juli 1905) setzt das entsprechende Gedicht in den Anfang des 
8. Jahrhunderts, Cook (in Ausg. The Dream of the Rood etc. 
Oxford 1906) bedeutend später, da es Cynewulf angehöre. Vergl. 
auch Klaeber, Anglia Beibl. (1906) S. 98 ff. Da das Gedicht wohl 
sicher erst dem 8. Jahrh. angehört, verzichte ich darauf zu unter- 
suchen, ob sich darin Fälle des apokopierten -m metrisch nach- 
weisen lassen. 

5) uuidmundesfelt in einer Urkunde aus Essex von 692 oder 
693 (Sweet, Oldest Texts S. 426). lieber ^ für d in -feit vergl. 
Sievers Gr.® § 224. Da das Wort feld noch häufiger Reste der 
alten w-Deklination im ae. zeigt (Sievers Gr.' § 272 f.), so haben 
wir hier einen sicheren Fall von geschwundenem -w nach langer 
nebentoniger Silbe aus dem Ende des 7. Jahrh. 



zur Datierung des Beownlfepos. 261 

6) hreyiniford in einer Urkunde ans Middlesex von 693 — 731 
(Sweet Oldest Texte S. 427). Es gilt von diesem Worte (-ford) 
dasselbe, was wir unter 5) von feld gesagt haben, doch ist die 
Urkunde nicht genau zu datieren. Jedenfalls ist der Abfall von 
-H hier vor 731 bezeugt. 

7) Die ältesten ae. Glossare haben außer dem oben als mög- 
lich bezeichneten aetxiäru kein auslautendes -u mehr. Wir dürfen 
daraus schließen, daß das fragliche -u im Anfang des 8, Jahrb. in 
Südmercien schon geschwnnden war. 

8) Das etwa 737 geschriebene Moore Ms. von Bedas Kirchen- 
geschicbte enthält (abgesehen von den früher besprochenen Eigen- 
namen tiouulfinga-y Osuiu) nur apokopierte Formen, die zahlreich 
belegt sind; vergl. die Ortsnamen mit -ford („vadum") in herut- 
ford IV, 5, hreutford IV, 16, Stanford V, 19; lyccidfeUh, IV, 3, 
hefenfelth HI, 2, haethfeUh II, 20. IV, 17 und die Personennamen 
Htghard, HI, 29, IV, IV, 1; auch stets -frid (friä), sehr oft belegt. 
Auch die north. Königliste in derselben Hs. hat nur -frid in Eigen- 
namen (3 mal belegt). Anderweitige Belege (außer Osuiu, s. oben) 
finden sich dort nicht. 

9) Hetfled (= Hcethfeld = ne. Hatfield); es steht unter den 
ags. Namen in der Vita s. Gregorii I, die von einem Northumbrer 
in Streoneshealh, dem späteren Whitby c. 700 — 731, wahrscheinlich 
vor 713 verfaßt und in Hs. Sankt Gallen 567 (in fränkischer Mi- 
nuskel) um 825 überliefert ist. Vergl. Liebermann, Northumbrische 
Laute um 710 im Archiv f. n. Spr. 108 S. 370 f. 

Wir haben also nur sicher datierbare Fälle für den Abfall eines 
-w nach langer nebentoniger Sübe nnd zwar in uuidniundesfelt 
(Essex 692-693) und hrex^untford (Middlesex 693—731); auch das 
-jor auf der Säule von Bewcastle (Northumberland 664—725) sowie 
Hetfled (wahrsch. vor 713) fallen sehr ins Gewicht. Wir dürfen 
daher den Abfall des -w nach langer nebentoniger Sübe wobl für 
das gesamte englische Gebiet spätestens in das Ende des 7. Jahrh. 
verlegen. Mit diesem Resultate stimmen völlig die ans den ältesten 
Glossen nnd dem Moore Ms. (ca. 737) gewonnenen Ergebnisse, 
welche uns zugleich zeigen, daß der Abfall des -w sowohl nach 
haupttoniger wie langer nebentoniger Silbe im Anfang des 8. Jahrh. 
auf anglischem Boden schon vollzogen war. 

Fassen wir die positiven und negativen Zeugnisse zusammen, 
so ergiebt sich also als Gesamtresultat: Das ausl. -t* schwindet 
nach langer haupttoniger Silbe nicht vor Ende des 7. Jahrb., da- 
gegen nach langer nebentoniger Silbe wahrscheinlich schon etwas 
früher. Der Abfall scheint sich auf dem ganzen englischen Ge- 



262 Lorenz Morsbach, 

biete gleichzeitig vollzogen zu haben, obwohl die Zeugnisse nicht 
für alle Gegenden aasreichen ; am besten ist er fiir das Anglische 
bezeugt. 

n. 

Die zweite ans hier interessierende Frage ist die: Wann 
schwindet postkonsonantisches h vor Vokal? Chadwick (S. 106 ff., 
bes. 117) setzt den Schwand des intersonantischen -h- überhaupt 
etwa zwischen 650 and 680 oder etwas später an (doch vor dem 
Ende des 7. Jahrh. Chadw. S. IIB). Bülbring El. § B26. B28. 
529 unterscheidet die einzelnen Fälle genauer und nimmt auch, 
wie wir gleich sehen werden, verschiedene Zeiten für den Schwund 
des -Ä- an. 

Die Fälle, in denen intersonantisches -A- schwindet, sind nun 
die folgenden: 

1) -A- am Anfang zweiter Glieder von £ompositis, sobald diese 
nicht mehr als solche empfunden wurden: örettan^ önettan. Der 
Schwund datiert z. T. schon seit ,,frühester urenglischer Zeit, aber 
auch später wiederholt sich derselbe Vorgang noch oft** (Bülbr. 
El. § 526). 

2) -A- zwischen Vokal und stimmhaftem Konsonanten : nSoläöan. 
Der Ausfall des -ä- ist urenglisch und fallt noch in die Zeit vor 
der Ebnung. Bülbring § 528. 

3) 'h' zwischen Konsonant und Vokal. Bülbring (§ 529) setzt 
den Schwund des -h- in die Zeit nach der Ebnung und zwar bei 
Beginn unserer Ueberlieferung (ums Jahr 700). 

4) -A- zwischen Vokalen. Bülbring § 529 setzt den Schwund 
des -A- in dieselbe Zeit wie den von nr. 3), also ums Jahr 700. 

Die Fälle 1) und 2) sind für unsere Frage belanglos. Uns 
interessiert eigentlich nur der Fall 3). Da aber nach Bülbring 
der Schwund des -A- in 3) zeitlich mit dem von -A- in 4) zusammen- 
fallt, so müssen wir diesen Punkt mit untersuchen. Ich knüpfe 
dabei an Chadwick an, welcher (S. 115 ff.) die älteste Ueberliefe- 
rung darüber schon durchmustert hat. 

a) -A- zwischen Vokalen: 

1) Schon in den ältesten Urkunden ist -A- geschwunden. So 
heißt es in einer Urk. aus Kent schon vom Jahre 679: terram in 
tenid quae appellatur uuestanae^ d. h. uuestan ae. Das ac, das auch 
später noch vorkommt (neben S) ist dativ zum nom. ea (got. ahuHi). 
Chadwick sagt mit Recht von diesem ae: ;,apparently a case of 
contraction** (S. 115). Dagegen spricht nicht, daß dieselbe Ur- 
kunde noch erhaltenes postkonsonantisches A in uelhisci hat, denn 



/iV 



zur Daderong des Beowolfepos. 263 

der Schwand des intervokalischen und postkonsonantischen h braucht 
zeitlich nicht zusammen zu fallen. In einer anderen ürk., gleich- 
falls aus Kent, die zwischen 700 und 715 fällt, heißt es: fluminis 
quae appellatur liminaea, also limin + aea (nom.) Auch die späteren 
Urkunden haben keinen Fall von erhaltenem -A-, wohl aber gegen- 
teilige Fälle. 

2) Das Ranenkästchen hat keinen Beleg, ebensowenig die 
north. Runensteine. 

3) Das Moore Ms. (ca. 737) von Bedas Kirchengeschichte hat 
zahlreiche Fälle von geschwundenem -A-; ich gebe nur eine Aus- 
wahl: selceseu (= ^insula vituli marini") IV 13; farne („in insula") 
IV 29 u. s. w. Vergl. auch Pogatscher, Engl. Stud. XIX 347 A. 2 
und Chadwick S. 116. Darnach war das -A- im Anfang des 8. Jahrh. 
durchaus geschwunden. 

4) Die alten north. Fassungen von Caedmons Hymnus haben 
Uad(e (< *tihod(e) bezw. tiade] vgl. Wuest, Z.f.d. A. N.F. XXXVI 
S. 219. Der Beweis gilt nur für die 1. Hälfte des 8. Jahrh. 
Bedas Sterbegesang hat keinen Beleg. 

6) In den ältesten Glossensammlungen ist das -A- noch viel- 
fach erhalten (bes. in Epinal.). 8. Näheres bei Chadwick S. 229 ff. 
Daneben ist es freilich auch schon in ziemlichem Umfang ge- 
schwunden (bes. in Corpus). Chadwick schließt aus der überein- 
stimmenden Schreibang einiger („severaP) Glossen, daß der 
Archetypus I (ca. 680 — 720) schon kontrahierte Formen ohne h ent- 
halten habe. Doch ist dieser Schluß nichts weniger als zwingend. Da 
zur Zeit der Abfassung unserer Glossen das -h- geschwunden war, 
wie die zahlreichen Fälle ohne -/»- zeigen, die ursprüngliche Vor- 
lage (Archet. I) aber noch -A- hatte (auch intervokalisches), wie 
die in den Glossen traditionell erhaltenen -h- zeigen, so kann die 
gelegentliche tibereinstimmende Schreibung mit -h- sehr gut auf 
Zufall beruhen. Da die Glossen etwa um 700 (Bülbring £1. § 19) 
oder spätestens Anfang des 8. Jahrh. zu datieren sind, so muß 
der Archetypus I früher fallen, also noch in das 7. Jahrhundert. 
Da er noch intervokalisches -A- hatte, müßte man ihn, wenn hier 
intervok. -A- wie in Kent um 680 geschwunden war, schon vorher 
ansetzen. Doch die Ueberlieferung der Glossen scheint dafür zu 
sprechen, daß im südl. Mercien intervok. und postkonson. -A- zu 
gleicher Zeit verstummt sind, da -A- in beiden Stellungen hier in 
gleicher Weise noch z. T. erhalten ist. Wollten wir dagegen mit 
Chadwick annehmen, daß im Archetypus I schon Formen mit und 
ohne -A- (wenn auch im letzteren Falle selten) gestanden haben, 
so würde der Arch. I aus der Zeit stammen, wo auch postkonso- 

Ktl. Oflt. d. Wte. NMhriebUB. PhUolosr.-hiator. KImm lOOe. H«fl 8. 19 



264 Lorenz Morsbacb, 

nautisches -A- za schwinden begann. Diese Annahme verwickelt 
nns nicht nur in die größten Schwierigkeiten, sondern widerspricht 
auch dem, was wir unten über die längere Erhaltung des post- 
konsonantischen 'h' gegenüber dem späteren Schwund des -u nach 
langer Tonsilbe ermitteln werden. Damit stimmt aufs beste über- 
ein, daß in den Glossen zwar noch -h- in beiden Stellungen viel- 
fach erhalten, aber -u (mit Ausnahme des fraglichen cetiaru) völlig 
geschwunden ist. 

6) Die Namen des north. Liber Yitae, die noch manche alte 
Schreibung erhalten haben, enthalten nur Fälle mit geschwundenem 
-A- (Müller, G, V. § 30, 2 a). Eine genauere chronologische Fixie- 
rung des fraglichen Lautgesetzes läßt sich hieraus nicht gewinnen. 

Aus dem gesamten angeführten Material dürfen wir nur den 
Schluß ziehen, daß das intervokalische -A- in Kent um 680 schon 
geschwunden war. Dagegen im südl. Mercien können wir den 
Schwund erst um 700 konstatieren und dasselbe gilt auch für 
Northumbrien. Daneben bleibt die Möglichkeit bestehen, daß auch 
hier intervokalisches -A- etwas früher geschwunden ist als post- 
konsonantisches. 

b) Postkonsonantisches -A vor Vokal: 

1) Die ältesten Urkunden haben nur einen Beleg und zwar 
für Erhaltung des fraglichen -A- in dem oben schon erwähnten 
uelhisci 679 (Kent). 

2) romwalus und reumwalus auf dem Runenkästchen, für die 
lat. Namen Romulus imd Remus. Pogatscher Engl. Stud. XIX 
347 sieht darin eine allerdings „etwas befremdliche Umdeutung^ 
nach dem Muster von ae. Rümtcälas = Römer, und nimmt daher 
für unser Denkmal (das „kaum vor 700 entstanden sein wird") 
schon den Schwund des postkons. -A- an. Wadstein (a. a. 0.) ver- 
mutet in diesen Namen volksetymologische Anlehnung an ae. 
Namen auf -wealh. Retnulus statt Remus komme auch sonst vor. 
V. Grienberger (Anglia 27, 447) sagt, diese Umbildungen der 
beiden römischen Namen müßten natürlich der intern ags. üeber- 
lieferung angehören und seien auf Grund von älteren Entleh- 
nungen *Romul(u) und *Eeniul(u) (= lat. Remulus, das er mehrfach 
nachweist) nach der Kategorie der ags. Personennamen auf -walh 
geformt. Doch könne sehr wohl auch *Reumu (mit u-Umlaut) aus 
einfachem R^nus erklärt werden und die sekundäre Umformung 
dieses zu einem Compositum mit -tccUhj -walus als ags. Analogie- 
bildung nach dem ersten Namen des Brüderpaares gefaßt werden. 
Die Umschrift von germ. -tcalh in lat. -tcalus finde sich auch auf 
dem Continent, so westfränk. BemvcUus 9. Jahrh. Pol. Irm. So- 



zur Datierung des Beownlfepos. 265 

viel steht also fest : Rotnwalus and Reumtcalus sind latinisierte ags. 
Umbildungen von Romains and Remnlas (gleichviel ob Remalas 
erst ags. Angleichnng an Romalas ist oder als solches schon über- 
liefert war) and zwar im Sinne der ags. komponierten Namen mit 
'Walh (vielleicht anter gleichzeitiger Anlehnung an Rumwalas 
„Römer" and Br etwalas „Kelten in Wales"). Doch brauchen 
Romwalus und Reumtcalus darum noch keine direkten Latinisie- 
rungen von umgebildetem *Romwalh und *ReumwaIh zu sein (so 
Grienberger, der gleichfalls Synkope des h annimmt), sondern es 
können ebensogut Kreuzungen vorliegen , d. h. Mischformen aus 
*Romwälh und Ttomulus mit dem Resultate Romwalus; und ebenso 
Reumwalh+ Reumulus > Reumwalus] also -walh + -ulus > walus. Uebri- 
gens ergab ein latinisierter Name auf -walh auch später noch im 
ags. ein -walhus (mit Anhängung von -us an den nom. -walh), wie 
Dunuualhi (genit.) in einer Urk. von 740 (Sweet, Oldest Engl. Texts 
S. 429 oben) zeigt. Es braucht also in Romwalus und Reumwalus 
kein Ausfall eines -Ä- vorzuliegen. Auch werden wir unten sehen, 
daß postkons. -Ä- erst nach dem Abfall von -m nach langer Ton- 
silbe geschwunden ist. Da das Runenkästchen aber, wie wir 
früher gezeigt haben, das fragliche auslautende -u noch kennt, so 
kann postkonsonantisches -Ä- in dieser Zeit noch nicht geschwun- 
den sein. 

3) Das Moore Ms. von Bedas Kirchengeschichte. Auch die 
postkons. -A- sind hier durchweg geschwunden. 

4) Die ältesten Glossen; s. das Nähere oben bei intervok. -Ä-. 

5) Die äußerst spärlichen Vatican North. Glosses, die Napier 
in den Anfang des 8. Jahrh. setzt, haben zweimal geschwundenes 
-A- in selaes, selas, sonst überhaupt keine Belege; v. Napier OE. 
Glosses (Oxford 1900) Nr. B4. 

6) Die XJeberlieferung von Caedmons Hymnus hat einen Fall: 
flrum] vergl. auch Wuest a. a. 0. S. 219. Dagegen Bedas Sterbe- 
gesang enthält keinen Beleg. 

Schlußfolgerung : In Kent ist postkons. -A- noch 679 erhalten. 
Für die späteren Dezennien haben wir keine Belege. Dagegen 
aus der mercischen und north. Ueberlieferung ergiebt sich unter 
Berücksichtigung des oben über die ältesten Glossen Gesagten für 
den Schwund des postk. -A- das ungefähre Datum 700. Einen 
weiteren Anhaltspunkt und zugleich eine Bestätigung dafür er- 
giebt uns aber die Erwägung, daß postk. -A- erst nach dem Abfall 
des -u nach langer Tonsilbe geschwunden ist. Dasselbe nimmt 
auch Chadwick im allgemeinen an. Bülbring El. § 529 schließt 
aus Formen wie ws. feorh und ä^oh (nom. acc. pl.),' daß der 

19* 



266 Lorenz Morsbach, 

Schwnnd des -A- wahrscheinlich später eintrat als der von -ti. 
Ein anderer Schluß scheint mir überhaupt nicht möglich zu sein, 
ja ich gestehe, daß ich ihn für absolut zwingend halte. Denn die 
Einwände, die Chadwick (S. 167) für gewisse Fälle dagegen geltend 
gemacht hat, beruhen auf falschen Voraussetzungen. Die angeb- 
lich längere Erhaltung des -u in ätoearu im Vesp. Ps. haben wir 
oben schon zurückgewiesen. Die nom. Formen die Chadwick (S. 
157) für den Vesp. Ps. lediglich auf Grrund des äw&oru voraussetzt: 
♦/iirw, *feoru, *fu>ras (^fearas) gegenüber ws. /iirÄ, feorh, north, fitas, 
sind schon deshalb hinfallig. Aber wir hatten oben auch schon 
im Vesp. Ps. einen nom. s. fem. duerh {<*duerhu) nachgewiesen; 
dazu gesellt sich ein anderer unzweifelhafter Beleg aus dem 
Frühmercischen , nämlich mid-ferh (= iuventus) in den Corpus 
Glossen 1164. Auch ist nicht einzusehen, warum der Vesp. Ps. 
hier eine andere Entwicklung voraussetzen sollte, als in den übrigen 
Denkmälern bezw. Mundarten stattgefonden hat. Für Chadwick 
hängt die Frage freilich noch mit einer andern zusammen, näm- 
lich mit der Dehnungsfrage nach dem Schwund des postkons. -A-. 
Er sagt auf S. 167: ^Again there is nothing to show that the 
loss of -Ä- ("X") after -r- involved lengthening of the preceding 
vowel. Such was not the case with -JA-, though here the loss of 
-Ä- was subsequent to palatal umlaut.** Als einziger Beweis für 
den ersten Fall gilt ihm das oben besprochene ätoeoru, für den 
zweiten Fall führt er die nach seiner Meinung unzweifelhaft kurz 
zu lesenden feie, filed (zum inf. -fealan bergen) an; v. S. 100. Wir 
wollen daher auch diese Frage noch kurz erledigen. Wegen der 
Literatur vergleiche ich auf Sievers Beitr. X S. 487, femer 
Sievers Gram.' § 218 und Bülbring Elem. § 529. Dehnung des 
vorhergehenden kurzen Vokals oder Diphthongen (durch Sievers 
in zahlreichen Fällen auch metrisch gesichert) ist nach Schwund 
des postkons. -A- lautgesetzlich die Regel. Die Regel wird be- 
stätigt: 1) durch die ae. festen Längen, wie fk-as, stclra, s%aU>ra 
{stveorajy ^5, bei denen Analogiewirkung von vornherein entw. 
ausgeschlossen oder femliegend war; daher auch nachweislich keine 
Doppelqnantitäten hier; 2) durch das me. Ein me. mere „Stute*^ 
hat nur enges e, kann also nur auf ae. m&re beruhen; femer me. 
ne. fvy. 3) durch die zahlreichen Doppelqnantitäten in der Nominal- 
fiexion. Die Längen stellen, wie Sievers längst richtig gesehen 
hat, die lautgesetzliche Dehnung dar, die daneben sich früh ein- 
stellenden Kürzen dagegen die durch die Flexionsformen mit aus- 
lau t. -h entstandenen Analogieformen. Es ist schon früher (bei 
dweoru) gesagt worden, daß das me. hier fast nur Kurzformen 



t^ 




zur Datierung des Beowolfepos. 267 

voranssetzt. Die Analogieformen haben daher allmählich im ae. 
die Oberhand bekommen. Es wäre wünschenswert einmal die ae. 
poetischen Denkmäler darauf hin alle durchzusehen. So scheint 
z. B. Cynewulf gegenüber Beowulf nur Kurzformen zu haben; v. 
Trautmann, Kynewulf, Bonn 1898 S. 27; femer Mürkens, Unters, 
über die altenglische Exodus (Bonner Beiträge 11 1899 S. 103 f.). 

Gegen die allgemeine Regel scheinen jedoch allerlei Ausnahmen 
zu sprechen, die aber bei näherem Zusehen sich doch erklären 
lassen und mithin die Regel bestätigen; sie zerfallen in folgende 
Gruppen: a) Geschwundenes -ä- im Anlaut zweiter verstümmelter 
Glieder von Compositis. Hier finden sich in manchen Fällen feste 
Längen, in andern zweifellose Kürzen. Feste Längen haben z. B. 
önetian und örettan (Bülbr. El. § 626). Das spätws. örrettan hat 
mit unserer Dehnungsfrage nichts zu tun ; vergl. Bülbr. El. § 349. 
l^ftg^eii zweifellose Kürze haben wir in eofot und eofdsian (Bülbr. 
El. § 230 Anm. § 377, b und § 424). Warum also in einem Falle 
Länge, im andern Kürze? Die Gründe sind offenbar die fol- 
genden : Wir haben von der Tatsache auszugehen, daß es für der- 
artige Compositionen oft nebeneinanderliegende Doppelformen mit 
und ohne h- gab (z. B. llchama und llcuma, Bülbr. El. § 526); 
neben dem verdunkelten Compositum der naiven Volkssprache 
lagen offenbar z. T. noch die volleren Compositionen der gebildeten 
und gehobenen Sprache. Da die Bedeutung in beiden Fällen die- 
selbe war, konnte die verstümmelte Form wieder durch die vollere 
lautlich beeinflußt werden, wie z. B. das a von d)hat in den Epinal. 
Gl. gegenüber eofot deutlich zeigt. Es konnte also die Kürze der 
volleren Form (mit erhaltenem -A-) auch in die geschwächte Form 
(mit geschwundenem -A-) durch Analogiewirkung eindringen, so 
daß sich entweder Doppelquantitäten ergaben oder sich die Kürze 
trotz des verstummenden -Ä- von vornherein festsetzte, b) Auch 
in der Verbalflexion konnten durch Analogiewirkung Kurzformen 
entstehen. So im ws. beßolan (got. fUhan) durch Anlehnung an 2. 
3. sing. *ßlhsf, *filhd. Dagegen die anglischen Formen dieses Zeit- 
worts machen einige Schwierigkeit. Der Vesp. Ps. hat unzweifel- 
haft kurzes fealan inf. (mit a^. Umlaut), sehr wahrscheinlich auch 
kurzes ßed 3. sing, und feie 1. s. opt. Zum Teil hat dort schon 
Uebertritt in die Klasse stelan stattgefunden; daher praet. (cet)- 
ßlun. Zeuner, Die Sprache d. Kent. Ps. S. 105 will den Ueber- 
tritt in die andere Ablautklasse von dem praes. feolu, files^ filed 
etc. aus , in dem h lautgesetzlich geschwunden sei, erklären und 
Sievers Beitr. X 489 sagt gleichfalls, daß das Verb nach Verlust 
des h wenigstens teilweise übergetreten sei. Dann müßten wir 



268 Lorenz Morsbach, 

aber doch wohl die Möglichkeit annehmen, daß postkons. h ohne 
Hinterlassung von Dehnung schwinden konnte, denn die Analogie- 
wirkung, die wir oben für das Ws. annahmen, versagt für das 
Anglische, da hier das praes. nicht synkopierte Formen hat. Es 
muß der XJebertritt also schon vor dem Schwund des Ä erfolgt 
sein und das läßt sich durchaus wahrscheinlich machen; zugleich 
werden dann auch die Kurzformen verständlich. Ich setze also 
folgende Entwicklungsreihen an, wobei ich die Formen, von denen 
die Analogiewirkimg ausging und in denen sie sich vollzog, durch 
den Druck hervorhebe. 



*felhan, . 


*falh. 


*fuliun. 


*fol^€en 


yelhan 


falh 


felun 


[folen] 


*felan 


falh 


felun 


[folen] 


fealan 


falh 


felun 


[folen] 



Ps. 

Das part. folen ist zufallig im V. Ps. nicht belegt, aber sonst 
gut bezeugt. Die Analogiewirkung vollzog sich also vor dem 
Schwund des h vom praesens und partic. pt. aus. — Das von 
Sievers Gr.' als kurz angesetzte {dwyrian <*pwiorhjan) würde der 
allgemeinen Dehnungsregel widersprechen, falls man nicht An- 
lehnung an äwe(o)rh annehmen will. Doch Napier OE. Glosses 
(Oxford 1900) setzt wohl richtiger ein pwyrian mit Länge an; cf. 
Anm. zu 4492. Das Verbum kommt in der poetischen Literatur 
nicht vor und ist überhaupt erst spät belegt. lieber ptceorian zu 
pweorh s. Schuldt, die Bildung der schwachen Verba im Alteng- 
lischen (Kieler Studien N. F. 1) 1905 § 131. c) Einige besondere 
Fälle in der Nominalflexion: Das mercische äw^ru haben wir 
früher schon klar gestellt. Es bildet keine Ausnahme, da Sweoru 
Neubildung ist. Schwieriger ist ae. moru f. Möhre zu erklären. 
Das Wort flektiert schwach; der nom. s. lautet noch in der äl- 
testen UeberUeferung auf -ce (e) aus, wie auch sonst die schwachen 
Feminina (Sievers Gr.' § 278 Anm. 1), später haben wir moru, 
dessen -u Sievers durch Anlehnung an die kurzsilbigen ä-Stämme 
erklärt. Dagegen Kluge Et. W. setzt ae. *morhu voraus, das uns 
leicht zu einem kurzen moru führt. Ein urae. *morhu vorausgesetzt, 
würde die Flexion zunächst die folgende gewesen sein: nom. s. 
*morh (mit Schwund des -«), gen. dat. mSran mit doppelter Quan- 
tität (wie feorh, ßores). Zu dem kurzen möran hätte sich dann ein 
neuer nom. s. auf -m gebildet nach Analogie der übrigen schwachen 
kurzsilbigen fem. wie cinu, fadu, hosu etc. Wie sich auch die 
Sache verhalten mag, dieser eine zweifelhafte Fall, in welchem h 
ohne Hinterlassung von Dehnung ausgefallen scheinen könnte, ist 
nicht im stände die allgemeine Regel umzustoßen. 



i 




ZOT Datierung des Beowolfepos. 269 

m. 

Unsere üntersachung hat gezeigt, daß das auslaatende -u nach 
langer Haupttonsilbe nicht vor Ende des 7. Jahrh. , nach langer 
nebentoniger Silbe wahrscheinlich schon etwas früher geschwunden 
ist; und femer, daß das postkonsonantische -A- vor Vokal kurz 
nach dem Schwund des -u nach haupttoniger Silbe etwa um 700 
ausgefallen ist. Hiermit gewinnen wir aber zugleich ein unzweifel- 
haftes Kriterium für die Datierung unserer ältesten ae. poetlsehdn 
Denkmller, und zwar eine obere Grenze (terminus a quo), inso- 
fern sich aus ihnen durch die Metrik nachweisen läßt, daß die 
genannten Lautgesetze der Sprache schon ihren neuen Typus auf- 
geprägt hatten. In erster Linie wird die Frage für die Datierung 
des „Beowulf" entscheidend werden. Doch will ich vorher kurz 
die ältesten kleineren poetischen Denkmäler, die aus sprachlichen 
Gründen der Ueberlieferung noch vor 750 geschrieben sein müssen, 
von diesem Gesichtspunkt aus beleuchten. 

Ich beginne mit Caedmons Hymnus. Nur in einem Worte 
kann es sich eventuell um auslaut. -u handeln, nämlich in öt v. 4b, 
das auch durch den neuesten schönen Fund Wuests (Z. f. d. A. 
XL Vni 1904 S. 205 ff.) gegenüber der anderen Ueberlieferung ord 
gesichert ist. Dieses dr, das sich bei Pogatscher nicht findet, 
führt Holthausen im Glossar zu seiner Beowulf- Ausgabe mit Recht 
auf lat. öra zurück ; es erscheint im Beowulf 3 mal und zwar als 
st. n. der a-Dekl. Nach Pogatscher (Lehnworte S. 157 f.) treten 
die lat. feminina auf -a entweder in die starke Dekl. (nom. urae. 
-M, das nach langer Tonsilbe entfällt) oder in die schwache Dekl. 
über. Für Caedmons Zeit wäre also noch ein *öru vorauszusetzen 
und der Halbvers müßte lauten: öru ästalde als Typus A mit 
2silbiger Mittelsenkung, was durchaus korrekt wäre (Sievers Beitr. 
10, 226 f.) , wenn man die Technik des Beowulf hier gelten läßt, 
woran in diesem Falle wohl nicht zu zweifeln ist. 

Für die -Ä-Frage haben wir gleichfalls nur einen Beleg : ffrum 
(s. oben) ; hierfür hat jedenfalls früher *firhum gestanden, wodurch 
das Metrum freilich nicht verändert wird. 

Bedas Hterbegesang enthält für die f^-Frage 2 Belege : 1) pan 
him tharf sie v. 2 b. Wenn wir das ältere *parfu einsetzen, hätten 
wir, wenn wir sie Isilbig lesen, einen guten B-Typus; wenn wir 
sie 28ilbig lesen, einen A-Typus mit 2silbigem Auftakt und 1 sil- 
biger Mittelsenkung, was der Beowulf- Technik widersprechen 
würde (Sievers Beitr. X 234 f.). Wie der Halbvers überliefert ist, 
ergiebt er einen geläufigen C-Typus (mit 2silbem sie). Dieser Fall 
kann also nichts beweisen. Dagegen der Halbvers B a aefter dioth- 



270 Lorenz Morsbach, 

dce^e würde, wenn wir *deothudce}^e einsetzten, wohl einen unmög- 
lichen Vers ergeben. Damach wäre für Beda, falls die Verse tat- 
sächlich von ihm herrühren, der Abfall des -u gesichert, was zu 
Beda's Lebenszeit (673 — 736) vortrefflich passen würde. 

Für die -A-Frage findet sich kein Beleg. 

Das Leidener BitseL Sievers AngliaXIU S. 16ff. hat schon 
gezeigt, daß einige der Rätsel bis in die erste Hälfte des 8. Jahrh. 
zurückgehen und Rätsel 24 wahrscheinlich sogar bis in den Anfang 
dieses Jahrhunderts. Es wäre daher interessant, auf sämmtliche 
Rätsel einmal unsere Kriterien anzuwenden, besonders aber die 
Zahl der eventuellen Kurzformen wie ßares etc. Da das Leidener 
Rätsel der überlieferten Sprachformen wegen noch in die 1. Hälfte 
des 8. Jahrh. fallt, wollen wir es hier nicht übergehen. Für die 
-A-Frage findet sich kein Beleg, für die «-Frage nur ein einziger 
Fall : V. 1 a mec se wSta toon^, ein korrekter und geläufiger B-Typus. 
Setzen wir dafür ein älteres *ujoniu ein, so erhalten wir einen 
A-Typus, der für den Beowulf sehr zweifelhaft ist (s. unten zu 
Beowulf V. 1950 a ofer fealone flöd). Will man diesem Falle Be- 
weiskraft zusprechen, so kann das Rätsel nicht vor 700 gedichtet 
sein. Natürlich wird man nur mit dieser Methode völlig sicher 
operieren können, wo es sich um größere Denkmäler handelt, 
deren metrische Technik sich bis ins kleinste ermitteln läßt. 
Damit kommen wir zu unserer Hauptfrage, der Datierung des uns 
überlieferten Beowulfepos. 

Beowulf. Für die t<-Frage wird es nicht nötig sein, sämt- 
liche hier in Betracht kommenden möglichen Fälle zu untersuchen, 
sondern an einer ausreichenden Anzahl sicherer Belege den Beweis 
für den Schwund des ausl. -u nach langer Tonsilbe imd des post- 
konsonantischen 'h' zu erbringen. Ich habe bei der M-Frage mein 
Augenmerk ausschließlich auf solche Wörter gerichtet, die sich 
auch aus andern Gründen als alte t/-Stämme im Ae. erweisen 
lassen (v. Sievers Gramm.' § 272. 273). Sehr viele Fälle im Beo- 
wulf geben uns natürlich auf unsere Fragen keine bestimmte 
Antwort, ich führe daher nur solche an, in denen die metrische 
Technik des Dichters uns sicheren Aufschluß bietet. 

Ich beginne mit der u-Frage: 

flöd: V. 1950a lautet ofer fealone flöd; wenn wir *flödu ein- 
setzen, bekommen wir einen A-Typus mit 2silbigem Auftakt und 
1 silbiger Mittelsenkung. Solche Halbverse sind uns im BeowuK 
allerdings an 8 Stellen scheinbar überliefert, aber Sievers hat 
Beitr. X, 273 f. gezeigt, daß diese Halbverse falsch sind und mit 
kleinen Aenderungen, die nicht nur zur sonstigen metrischen Technik, 



zur Datierung des Beowulfepos. 271 

sondern auch zu der alten Sprache des Dichters stimmen, anders 
gelesen werden müssen. Daher hat Holthausen in seiner neuen 
Ausgabe hier überall das Richtige durch diakritische Zeichen an- 
gedeutet oder eingesetzt. 

V. S13Sa flöd fceämian. Wenn wir *flödu läsen, hätten wir 
einen gesteigerten D-Typus (Beitr. X 302 ff.)- Kes^r hat aber 
im Beowulf stets einen deutlichen Nebeniktus auf der 2. Silbe des 
2. Fußes oder auf der Schlußsilbe des 2. Fußes (ich behalte natür- 
lich die Sieverssche Terminologie bei). Fälle mit der Betonung 
von fceämian kommen nicht vor. Entsprechende Halbverse mit 
maäehde können nicht verglichen werden, weil -ode hier einen stär- 
keren Nebenton hatte. Auch in zweiten Halbversen dieses Typus 
wie 840 und 3032 ist zu lesen : toundqr scdaician (so auch Holthausen). 

hond: v. 686 a on swa hwceßere hond. Setzen wir *hondu ein, 
so bekommen wir denselben Fall wie flöd 1950. 

V. 2575 b Hond üp äbrcbd und v. 2609 b hcmd rond j^efeng. Bei 
Einsetzung von *hondu hätten wir eine Erweitenmg des Unter- 
typus D (-t./-/. X >k) die sonst in diesem Halbvers nicht vorkommt 
(Sievers Beitr. X 257 ff.). Und ebenso zu beurteilen ist der v. 983 b 
hand scSawedon (Beitr. X 264 unten); femer v. 2405b purh äces 
tneldan hand] wenn wir *hondu läsen, hätten wir A-Typus mit 
28ilbigem Auftakt, der hier nicht vorkommt (Beitr. X 234). 

häd: V. 1297 a on yMes had. Derselbe Fall wie oben flöd v. 1950 a. 

eard: v. 104ih* ftffilcynnes eard; setzen wir *eardu ein, so be- 
kommen wir einen ganz unmöglichen Halbvers, wie er im ganzen 
Beowulf und auch wohl sonst nirgends belegt ist. 

Nehmen wir noch einige Falle von ursprünglich auslautendem 
-M nach langer nebentoniger Silbe hinzu, v. 367 b ^fcedmöd Hröd^är. 
Die Einsetzung eines *nröd^äru würde einen der metrischen Technik 
unseres Dichters fremden Halbvers hineinbringen, der nicht mit 
gesteigerten D- Typen wie Beowulf Scyldinia^ dohtor Hröd^ares 
verglichen werden darf, weil die unbetonte Silbe nach der ersten 
Hebung keinen starken Nebenton hat (Sievers Beitr. X 255). Auch 
die öfter wiederkehrenden Hröd^är maäelode, Wulf^ar madtlode 
(Beitr. X 303) würden mit *Hröd^aru, * Wulf}^aru von der Beowulf- 
technik abweichen. Man könnte sie zwar rhythmisch mit Halb- * 
versen wie selllce scedracan^ fyrdsearu füllte a vergleichen (Beitr. 
X 304 oben), doch haben die letzteren stets Doppelalliteration, 
was bei *Hröd}yäru madelode etc. nicht der Fall wäre. 

Diese Beispiele werden genügen. Wer den ganzen Beowulf 
in der angegebenen Richtung durchforscht, wird ohne Zweifel 
noch eine ganze Reihe gleicher oder ähnlicher Fälle finden. Nun 



272 Lorenz Morsbach, 

werden manche skeptische Gemüter einwenden (und der ernste 
Forscher soll ja eine gate Dosis Skepsis besitzen), daß die hypo- 
thetischen Halbverse vielfach nur geringe Abweichungen zeigen 
und daß man trotz der feinen Sieversschen Ermittlungen über die 
Verstechnik des Beowulf einen gewissen Spielraum lassen müsse, 
da selbst ein so umfangreiches Epos wie der Beowulf nicht die 
gesamte Yerstechnik eines Dichters wiederspiegele und andere 
Möglichkeiten nicht ausschließe. Dem ist aber folgendes entgegenzu- 
halten. Mag man auch über die prinzipielle Auffassung des alten 
Alliterationsverses denken wie man will, das Verdienst wird man 
Sievers nicht bestreiten können, daß er zuerst gezeigt hat, inner- 
halb welcher Grenzen sich die Verstechnik im Beowulf bewegt 
(und im ae. Vers überhaupt) und ferner, worauf ich das größte 
Gewicht lege und was Sievers' Aufstellungen innere Beweiskraft 
verleiht, daß Verstechnik (oder Versrhythmus) mit dem Wort- und 
Satzaccent aufs feinste und innigste verknüpft ist. Gewiß lassen 
die Sieversschen Typen noch einen gewissen Spielraum und gewisse 
Möglichkeiten im ein-zelnen zu, aber es giebt auch feste Grenzen, 
die der Dichter nicht überschritten hat, weil er sie nicht über- 
schreiten wollte. Die Einführung der hypothetischen Halbverse 
würde die Verstechnik des Beowulf völlig über den Haufen werfen 
und eine große Anzahl von Halbversen in die Dichtung bringen, 
die sowohl ihr selbst sonst völlig fremd wie zum größten Teil der 
gesamten ae. Verstechnik unbekannt sind. Ja, wir dürfen den Spieß 
getrost umkehren: Wären die hypothetischen Verse erlaubt bezw. 
richtig, warum kehren sie dann sonst im Beowulf nirgend wieder ? 
Wie richtig Sievers' Aufschlüsse über die Verstechnik sind, hat sich 
nicht zum wenigsten auch darin gezeigt, daß er auf Grund der 
Verstechnik eine ganze Reihe von ae. Quantitäten feststellen 
konnte , die sich z. T. auch durch anderweitige sprachliche Kri- 
terien als richtig herausgestellt haben. Mag man daher auch einen 
oder den andern der obigen Fälle vielleicht anzweifeln wollen, 
an dem gesamten Resultate wird man darum doch nichts ändern. 
Der Beowalf - Dichter hat also das fragliche ausl. -u nicht 
mehr gehabt. Wie steht es nun mit der andern Frage? Hat er 
auch zu einer Zeit gedichtet, wo das postkonsonantische -ä- vor 
Vokal schon verstummt war? Die Frage läßt sich unbedingt mit 
„Ja" beantworten. Denn das Epos hat, wie Sievers längst er- 
mittelt hat, einige metrisch gesicherte Kurzformen und zwar in 
ganz verschiedenen Teüen des Epos: v. 73b o» ßorum ^umena, 
V. 933 b tö widan fvore und v. 1848 a on swä ^eonium ßare (Beitr. 
X 488). Wollte man hier *feor]ie (bezw. ^ferh(B) einsetzen, so 



zur Datierung des Beowolfepc^s. 273 

kämen wir zu denselben Konseqnenzen wie oben bei den hypothe- 
tischen ti- Versen. Es ist aber oben (im Anschluß an andere For- 
scher und in üebereinstimmnng mit ihnen) gezeigt worden, daß 
solche Kürzen wie f^e nur durch Analogiewirkung nach dem 
Schwund des -ä- entstehen konnten. Zugleich aber hatten wir 
gesehen, daß das postkons. -h- erst nach dem Schwund des ausl. 
-t« verstummt ist. Da von den beiden Lautgesetzen das letztere 
kurz vor Ende des 7. Jahrb., das erstere etwa um 700 (keines- 
wegs früher) eingetreten ist, so ist der Beweis erbracht, daß der 
Beowulf, in welchem jene Lautgesetze sich schon als wirksam 
gezeigt haben, erst nach 700 verfaßt sein kann. 

IV. 
Haben wir somit für die Datierung des BeowuK eine feste 
obere Grenze gewonnen, so fragt es sich weiter, ob es nicht mög- 
lich ist, auch eine ebenso feste untere Grenze (einen terminus ad 
quem) für die Dichtung zu ermitteln. Es muß von vorn herein 
gesagt werden, daß wir uns hier in einer weit weniger günstigen 
Lage befinden, falls nicht unvorhergesehene Dinge sich ereignen. 
Denn im 8. Jahrh. (später ist der Beowulf sicher nicht entstanden 
und nach den Einfällen der Wikinger in England, die 787 be- 
ginnen, doch wohl kaum denkbar) sind keine sprachlichen Verän- 
derungen im ae. eingetreten, die auf die metrische Technik wesent- 
lichen Einfluß ausüben konnten. Es fehlen uns also solche Kri- 
terien, wie wir sie oben für den terminus a quo geltend machen 
konnten. Man wird also hier zunächst nur auf eine gewisse Ab- 
schätzung angewiesen sein, die sich auf allerhand Dinge stützen 
könnte. Das verläßlichste Kriterium ist noch immer der Gebrauch 
des bestimmten Artikels. Aber auch hiernach ist die Altersab- 
schätzung noch wenig sicher, trotz der sorgfältigen aber metho- 
disch unzureichenden Arbeit Barnouws. Vergl. Schücking in den 
Götting. gelehrt. Anzeigen Nr. 9 (1905) S. 730 ff. Eine genauere 
Datierung mit Hülfe dieses Kriteriums hat Brandl im Anschluß 
an Guthlac A versucht (Herrigs Archiv und Sitzungsberichte der 
Berliner Akad. philol.-hist. Kl. XXXV 1905 S. 718 f.). Dieses 
Gedicht setzt Brandl etwa um die Mitte des 8. Jahrh. an, weil 
der Dichter von dem 714 gestorbenen Heiligen noch durch Augen- 
zeugen, die zu des Verfassers Zeit noch lebten, Kunde habe. Die 
betr. Stellen hat Forstmann in den Bonner Beitr. XII S. 3 f. zu- 
sammengestellt, von denen aber nur zwei streng beweisend sind, 
nämlich die Verse 124 b ff. und 724 ff. Ich setze die beiden Stellen 
hierher : 



274 Lorenz Morsbach, 

He ^ecostad weard 
in gemyndiya monna tldum, 
dära ße nä j^na ßurh yesüicu 
wundoi' weordiad J his toTsdömes 
Ulsan healdad, pcet se halia peow 
eine yeode^ 

Hwcet! WS pissa wundra ^ewUan sindon: 
call päs yeodon in üssera 
tlda timan; 

Daß es sich hier um noch lebende Zeitgenossen des verstor- 
benen G-athlac handelt, zeigen besonders dentlich die Praesens- 
formen weordiad und healdad. Es war also ein guter Gedanke 
Brandls, den Gruthlac A, weil er einigermaßen genau zu datieren 
ist, zu einem festen Ausgangspunkt zu machen. Nur eine Schwie- 
rigkeit blieb bestehen. Wie weit sollte man den Abstand zwischen 
Gruthlac A und Beowulf an der Hand des Artikel-Kriteriums ab- 
schätzen? Brandl nahm einen großen Abstand an, indem er den 
Beowulf ins 7. Jahrh. setzte, der aber wegen seiner christlichen 
Elemente nicht vor die Mitte des 7. Jahrhunderts zurückzudatieren 
sei. Zu andern Resultaten gelangte Barnouw (Textkritische Unter- 
suchungen nach dem Gebrauch des bestimmten Artikels und des 
schwachen Adjektivs in der altenglischen Poesie, Leiden 1902), in- 
dem er den Beowulf um 660 und den Guthlac A sogar zwischen 
800—830 ansetzte. Und Trautmann (Kynewulf , der Bischof und 
Dichter, Bonn 1898 S. 121 f.) machte auf Grund von allerlei sprach- 
lichen und metrischen Beobachtungen folgende Ansätze : 640—660 : 
die Hauptmasse des Beowulf; 700—740 Gudlac der Einsiedler 
(d. h. Guthlac A). Aus diesen verschiedenen Angaben kann man 
so recht den relativen Wert der bisherigen Kriterien entnehmen. 
Da wir nun gesehen haben, daß der Beowulf keinesfalls vor 700 
datiert werden kann, der Guthlac A mit Brandl aber nicht aus 
sprachlich-metrischen sondern aus einem andern äußeren Grunde 
etwa um 750 oder auch etwas später anzusetzen ist, so werden 
wir den Beowulf, da er doch wohl sicher einige Dezennien älter 
sein dürfte als Guthlac A zwischen 700 und etwa 730 datieren müssen. 
Von diesen beiden Zahlen darf die erstere als sicher gelten, die 
letztere nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit beanspruchen. 

V. 

Der Beowalf fällt also in eine erheblich spätere Zeit als die 
meisten neueren Forscher bisher angenommen hatten. Dadurch 



zur Datierung des Beowulfepos. 276 

ergeben sich aber völlig neue Perspektiven, sowohl für die Beur- 
teilung des Epos selbst wie auch für die Chronologie der poe- 
tischen ae. Denkmäler überhaupt. 

Ich will davon nur einiges kurz andeuten. Für die Datierung 
der meisten poetischen Erzeugnisse der ae. Zeit hatten wir bisher 
nur wenig sichere Anhaltspunkte. Namentlich die Chronologie der 
umfangreichen geistlichen Epik schwebte z. T. fast völlig in der 
Luft. Zu den sicher datierten oder leicht zu datierenden Gedichten 
gehörten vor allem die sogenannten historischen und Annalisten- 
gedichte, die aber alle in eine späte Zeit fallen, von welcher ge- 
nauere Rückschlüsse auf die früheren Jahrhunderte schwer zu ge- 
winnen waren. Für andere Dichtungen hatte Sievers aus sprach- 
lichen Grründen festere Ansätze ermittelt , indem er z. B. von 
einigen Rätseln nachwies, daß sie noch vor etwa 750 verfaßt sind 
und vor allem, daß die dichterische Tätigkeit Cynewulfs nicht 
vor die Mitte des 8. Jahrhunderts fallen könne. Die Datierung 
des „Traumgesichts vom Kreuze Christi" , auf Grund des Stein- 
kreuzes zu Ruthwell hat zwar Cook wieder in Frage gezogen, sie 
kann aber durch Victors Runensteine und Brandls erwähnten Auf- 
satz (vergl. auch oben S. 256 und 260) als ziemlich gesichert gelten. 
Und schließlich hatte Brandl dem Guthlac A ein festes Datum zuge- 
wiesen. Zu allem diesem kommt nun die neue und wie ich zuver- 
sichtlich hofiPe auch sichere Datierung des Beowulf. Da dieses Epos 
ohne Zweifel mit zu den ältesten uns überlieferten poetischen Denk- 
mälern gehört und wegen seines großen Umfangs reiches Beob- 
achtungsmaterial bietet, so haben wir nun auch für die ältere Zeit 
überhaupt einen festen Boden gewonnen, dessen weitere Bestellung 
auch für die Chronologie anderer bisher nur schlecht datierbarer 
Gedichte reiche Früchte tragen kann. Das hat natürlich zur Vor- 
aussetzung, daß der Beowulf in Sprache und Metrik ein durchaus 
einheitliches Epos darstellt, das zu einer bestimmten Zeit von 
einem Manne nicht aus älteren ae. Dichtungen zusammengeschweißt 
ist, sondern (abgesehen vom Inhalt) seine persönliche Schöpfung ist. 
Die neueste Forschung hat sich ja auch von den Traditionen Lach- 
manns, MüUenhoffs, ten Brinks mit vollem Rechte abgewandt. 
Der in Sprache und Metrik einheitliche Guß des Epos wird von 
den meisten heute unumwunden zugegeben, selbst wenn ältere ae. 
Lieder zu Grunde liegen sollten, was ich jedoch nicht glaube, da 
der Dichter wohl nur aus nordischen Quellen geschöpft hat. 
Bei dieser Voraussetzung rückt das Epos nun auf Grund der an- 
gegebenen Datierung in eine völlig neue Beleuchtung. Es ent- 
stand zu einer Zeit, wo die geistliche Epik, deren Aera nach 



276 Lorenz Morsbach, 

Bedas unanfechtbarem Zeugnisse Caedmon eröffiaet hatte, kräftig 
aufgeblüht war; steht doch auch die Exodus, wie die sprachlich- 
metrischen Kriterien wahrscheinKch gemacht haben, der Zeit 
des Beowulf-Dichters äußerst nahe. So erklärt sich denn auch 
der breite epische Stil, dessen Erfindung Heusler aus anderen 
Gründen den Angelsachsen zuschreibt (A. f. d. A. XXX S. 34 ff. 
und „Lied und Epos" , Dortmund 1905). Man wird die neue 
epische Weise den geistlichen Dichtern zuweisen dürfen, die für 
die eindringliche Schilderung so gewaltiger Stoffmassen, wie sie schon 
Caedmon in Angriff genommen hatte, mit dem hergebrachten knap- 
peren Liedstiel nicht mehr auszukommen glaubten. Brandl (Herrigs 
Archiv 108 S. 155) hat schon vermutet, daß das Herauswachsen 
über die Rhapsodie zum Epos dem Einfluß und Vorbilde der Bibel 
zuzuschreiben sei, die ja in gewissem Sinne, altes und neues 
Testament, große epische Gebilde darstellt. Es ist sehr gut mög- 
lich, ja wahrscheinlich, daß der Beowulfdichter , nicht durch die 
Bibel selbst, sondern durch die geistlichen Epiker angeregt worden 
ist, ein größeres Epos im neuen Stile zu schreiben. Die letzteren 
aber knüpfen ihrerseits vielleicht z. T. wieder an die noch ältere 
mitteUateinische Epik an, so daß auch hier die Brücke zum klas- 
sischen Altertum geschlagen würde. Vielleicht wollte der welt- 
liche Sänger, der zwar Christ war, aber für ritterliche Mannes- 
tugenden erglühte , wie sie die heidnische Zeit so großartig ver- 
körpert hatte und wie sie an den Höfen trotz des Christen- 
tums weiter gepflegt wurden, der geistlichen Epik ein Q-egen- 
stück setzen, an dem auch der christliche Held sich noch er- 
quicken durfte. Die Feindschaft, mit der die Kirche die heid- 
nischen XJeberlieferungen auszurotten suchte (»Quid Hinieldus cum 
Christo?"), wird in den Kreisen des Adels auf harten Widerstand 
gestoßen sein. Das Beowulfepos könnte sehr wohl als eine lite- 
rarische Reaktion gegen die geistliche Epik aufgefaßt werden. Der 
besondere Inhalt des Epos hat freilich noch andere Voraussetzungen. 
Denn das Interesse an der skandinavischen Vergangenheit, wie es 
hier zu Tage tritt und sich bis in Einzelheiten verliert, mußte 
den Engländern damals durchaus fremd sein. Das Epos ist weder 
ein nationales Epos im Sinne des Nibelungenliedes, noch hat es 
(nach Edw. Schröder) wohl überhaupt jemals eine zentrale Stellxmg 
in der ae. Literatur eingenommen, wie man das aus den zahl- 
reichen Parallelstellen anderer Dichtxmgen^erweisen wollte. Auch 
das wird man jetzt in anderem Lichte sehen dürfen. Wie ein 
angelsächsischer Dichter in jener Zeit zu diesem Stoffe kam, läßt 
sich einstweilen nur vermuten. Da es ein höfisches Epos ist, so 



zur Datierung des Beowulfepos. 772 

liegt der Gedanke nahe, den auch Brandl schon angedeutet hat, 
daß das Epos an einem (northumbrischen) Fürstenhofe entstanden 
ist, wo vielleicht durch verwandschaftliche Beziehungen zu Däne- 
mark skandinavische Traditionen sich zäh erhalten hatten. Denn 
nach der spätüberlieferten Hrölfssaga kraka, „worin gute alte 
Tradition gerettet ist" (Olrik und Heusler), war Hröarr (= 
Bröd^är) mit einer Königstochter aus England vermählt (Sarrazin, 
Engl. Stud. XXTTI S. 228 ff.)- Die Prinzessin wird daselbst zu 
einer Tochter eines Königs Nordhri gemacht, der in Nordhymbra- 
land wohnen soll. Zwar soll nach Sarrazin hier ein Mißverständnis 
vorliegen; die Königin entstamme in Wirklichkeit dem Nordfolke 
(Noräfolc in England); aus dem Namen dieses Volkes wäre der 
Name eines mythischen Königs konstruiert, wie Nor aus Norwegen 
und Dan aus Dänemark. Doch scheint mir diese Annahme trotz 
der vorgebrachten Gründe unnötig. Da das Beowulfepos aus 
sprachlichen Gründen, wie Sievers gezeigt hat, sehr wahrscheinlich 
aus Northumbrien stammt, (die spärlichen lexikalischen Momente, 
die R. Jordan, Eigentümlichkeiten des anglischen Wortschatzes 
— Heft 17 der angl. Forsch, herausg. von Hoops — Heidelberg 1906, 
S. 64 f. für Mercien in die Wagschale wirft, haben weniger Beweis- 
kraft), so liegt es nahe, hier die Fäden des sprachlichen Beweises 
und der skandinavischen sagenhaften Ueberlieferung zu verknüpfen. 
Und dies um so mehr, als der Name der Königin im ae. Epos, 
WealhpeoWj gar kein ags. Name ist, sondern aus der skandina- 
vischen Quelle entlehnt sein muß. Edward Schröder hat mich 
freundlichBt darauf hingewiesen, daß dem Ags. Namen dieser Bil- 
dungsweise fremd sind. Der Beowulf enthält außer Wealhßeow als 
Frauennamen noch die beiden Männemamen Ecipeow und Onienpeow, 
die gleichfalls in Skandinavien bezeugt sind^). 

Mit diesen Ausblicken will ich schließen; sie sollten nur zu 
weiterer Forschung anregen. 

1) Wie mir Schröder mitteilt, lauten die Namen im Altnordischen: Eggp^r 
(auch Eggdir) aas runisch -bewaR (Noreen' §350, 4. 233, 2) = ae. -peow; An- 
gant^r (mit Anlehnung an den Gott T^-Ziu); Val-pjöfr mit einer wunderlichen 
Entstellung, worüber zuletzt Bugge, Arkiv 6, 225 ff. gehandelt hat. Schröder fügt 
hinzu: „Die Namen Ec^peow, On5en])6ow, Wealhpeow scheinen auf ags. Boden die ein- 
zigen ihrer Bildungsweise zu sein. Bei Searle, Onomasticon Anglo-Saxonicum S. 445 
sind auschließlich diese Formen und nur die Beowulf-Belege gegeben. Die Bildungs- 
weise ist aber jedenfalls in England niemals lebendig gewesen. Schwerlich haben 
sie die Einwanderer überhaupt mitgebracht." Der Name On5endtheow findet sich 
auch Widsith y. 31 als Name eines schwedischen Königs. Und wenn in der ags. 
Chronik (BC a. 626. A 755) in den mercischen Königslisten auch ein An5eltheow 
aufgeführt wird, als Vorfahre des mercischen Stammkönigs Creoda, so haben wir 
es hier nicht mit einem alten ags. Namen, sondern (wie Schröder urteilt) mit 
einer gelehrten Bildung des 8. Jahrb. zu tun. 



Studien zum Braunschweigschen Stadtrecht. 

Von 

F. Frensdorff. 

Zweiter Beitrag. 
Vorgelegt in der Sitzung vom 14. Juli 1906. 

Die Jura Indaginis. 

Man pflegt Braonschweig eine weifische Stadt zu nennen nnd den 
Städtegründungen der Zähringer im Süden die der Weifen im Norden 
gegenüberzustellen. Aber schon ein Jahrhundert bevor die Weifen 
in Norddeutschland Fuß faßten, existierte ein Ort Braunschweig. Er 
gab dem weifischen Geschlechte den landesfürstlichen Namen, nnter 
dem es in der Geschichte bekannt wurde : das Haus Braunschweig, 
und in weiterer XJebertragung dem Gebiete, das es beherrschte, 
den Namen des Landes Braunschweig. 

Die geschichtliche Ueberlieferung hat der Stadt Braunschweig 
vielfach ihre Gunst erwiesen. Dazu gehört, daß sich in ihrem 
Archiv eine Originalarkunde erhalten hat, die das Bestehen eines 
Orts Braunschweig im J. 1031 und die Einweihung der Magni- 
kirche daselbst bezeugt. Dieses Document, erst in neuerer Zeit 
aus dem Staatsarchiv in das der Stadt zurückgelangt, eröffnet das 
städtische Urkundenbuch ^). Lange bleibt es einsam. Ein Jahr- 
hundert hindurch schweigt die Sammlung. Als sie wieder zu reden 
beginnt, beschränkt sie sich auf die Verzeichnung von Urkunden, 
die durch ihre Zeugennamen eine Beziehung zu Braunschweig ver- 
rathen, aber für die Geschichte des Orts nicht mehr austragen, 
als daß sie einen advocatus de Brunswic erwähnen *). Daß die 

1) ÜB. der Stadt Braunschweig bg. y. L. Hänselmann Bd. II (1900) Nr. 1. 
Diese Urk.-Sammlg. ist nachher immer schlechtweg mit U6. bezeichnet. 

2) 1130 und 11S4 ÜB. U n. 4. und 6. 



J 



i 



Studien zum Braonschweigschen Stadtrecht. II. 279 

Unterbrechung der orkondlichen Ueberlieferang nicht die Folge 
späterer Verluste ist, zeigt die zu Ende des 13. Jahrhunderts 
entstandene Braunschweigsche Beimchronik , deren Verfasser sich 
sorgsam nach alten Quellen umgesehen, aber doch nicht mehr als 
die genannte Urkunde von 1031 ermittelt hat ^). Als Jacob Grimm 
die Chronik in der Ausgabe des unfähigen und unglücklichen 
Scheller 1826 kennen lernte, schalt er sie ein dürres und lang- 
weiliges Gedicht '). Poetischer ist sie in der fünfzig Jahre jün- 
geren Ausgabe Weilands nicht geworden "); aber die Mühe, die er 
auf sie verwandt, wird durch die guten geschichtlichen Nachrichten 
belohnt, die sie neben manchem Ungeschichtlichen bringt. Zu den 
werthvollen Bestandteilen dieser der Geschichte des Fürstenhauses 
Braunschweig gewidmeten Chronik gehört, was sie über die Ent- 
stehung und lokale Entwicklung der Stadt Braunschweig zu er- 
zählen weiß. 

Die älteste Form des Stadtnamens ist nach jener Urkunde 
von 1031 Brunesguik. Er weist auf ein Herrengeschlecht, das zur 
Zeit in diesen Gegenden mächtig war. Zu Ende des 11. und zu 
Anfang des 12. Jahrhunderts starben nach einander wie die Bru- 
nonen die Billunger, die Northeimer im Mannsstamme aus; der 
große AUodialbesitz sammelte sich wiederholt in weiblicher Hand, 
und die aus Schwaben stammenden Weifen wurden durch Heirat 
die Erben der großen sächsischen Geschlechter. Zuerst Heinrich 
der Schwarze, der um 1107 die Tochter des letzten Billungers und 
mit ihr die Feste Lüneburg und reichen Besitz im östlichen 
Sachsen gewann; zwanzig Jahr später sein Sohn Heinrich der 
Stolze, Herzog von Baiern, der die Erbin der brunonischen und 
northeimschen Güter, Gertrud, die Tochter Kaiser Lothars, hei- 
rathete und von seinem Schwiegervater mit dem Herzogtum Sachsen 
belehnt wurde. Von dem Sohn dieser Ehe, dem großen Löwen, 
wie ihn die Beimchronik nennt{^), sagt Heim*, v. Herford prägnant: 
„ex patre obtinuit ducatum Bajoariae et Saxonie , ex matre heredi- 
tatem Bruneswic^. Die politische Wirkung dieser Machtstellung 
zeichnet nicht minder treffend Albert von Stade in den Worten : „et 
quia potens et dives erat, contra imperium se erexit^ *). 



1) V. 1688 ff. 

2) Gdtt. gel. Anz. 1826 St. 96 S. 946 ff.; wiederabgedmckt in Kl. Sehr. IV 
(1869) S. 886. 

3) M. 0. histor., deutsche Chron. II (1877) 8. 480 ff. 

4) V. 2634. 

6) Chron. ed. Potthast (1869) S. 147. — M. G. SS. XVI 846. 

XfL Gm. d. Wi«. NftckriekUn. Philolof .-U«t. KImm. 1906. Utft 8. 20 



276 Lorenz Morsbach, 

Bedas unanfechtbarem Zeugnisse Caedmon eröffiaet hatte, kräftig 
aufgeblüht war; steht doch auch die Exodus, wie die sprachlich- 
metrischen Kriterien wahrscheinlich gemacht haben, der Zeit 
des Beowulf-Dichters äußerst nahe. So erklärt sich denn auch 
der breite epische Stil, dessen Erfindung Heusler aus anderen 
Gründen den Angelsachsen zuschreibt (A. f. d. A. XXX S. 34 ff, 
und „Lied und Epos" , Dortmund 1905). Man wird die neue 
epische Weise den geistlichen Dichtern zuweisen dürfen, die für 
die eindringliche Schilderung so gewaltiger Stoffmassen, wie sie schon 
Caedmon in Angriff genommen hatte, mit dem hergebrachten knap- 
peren Liedstiel nicht mehr auszukommen glaubten. Brandl (Herrigs 
Archiv 108 S. 155) hat schon vermutet, daß das Herauswachsen 
über die Rhapsodie zum Epos dem Einfluß und Vorbilde der Bibel 
zuzuschreiben sei, die ja in gewissem Sinne, altes und neues 
Testament, große epische Gebilde darstellt. Es ist sehr gut mög- 
lich, ja wahrscheinlich, daß der Beowulfdichter , nicht durch die 
Bibel selbst, sondern durch die geistlichen Epiker angeregt worden 
ist, ein größeres Epos im neuen Stile zu schreiben. Die letzteren 
aber knüpfen ihrerseits vielleicht z. T. wieder an die noch ältere 
mittellateinische Epik an, so daß auch hier die Brücke znm klas- 
sischen Altertum geschlagen würde. Vielleicht wollte der welt- 
liche Sänger, der zwar Christ war, aber für ritterliche Mannes- 
tugenden erglühte , wie sie die heidnische Zeit so großartig ver- 
körpert hatte und wie sie an den Höfen trotz des Christen- 
tums weiter gepflegt wurden, der geistlichen Epik ein Gegen- 
stück setzen, an dem auch der christliche Held sich noch er- 
quicken durfte. Die Feindschaft, mit der die Kirche die heid- 
nischen XJeberlieferungen auszurotten suchte („Quid Hinieldus cum 
Christo?"), wird in den Kreisen des Adels auf harten Widerstand 
gestoßen sein. Das Beowulfepos könnte sehr wohl als eine lite- 
rarische Reaktion gegen die geistliche Epik aufgefaßt werden. Der 
besondere Inhalt des Epos hat freilich noch andere Voraussetzungen. 
Denn das Interesse an der skandinavischen Vergangenheit, wie es 
hier zu Tage tritt und sich bis in Einzelheiten verliert, mußte 
den Engländern damals durchaus fremd sein. Das Epos ist weder 
ein nationales Epos im Sinne des Nibelungenliedes, noch hat es 
(nach Edw. Schröder) wohl überhaupt jemals eine zentrale Stellung 
in der ae. Literatur eingenommen, wie man das aus den zahl- 
reichen Parallelstellen anderer Dichtxmgen^erweisen wollte. Auch 
das wird man jetzt in anderem Lichte sehen dürfen. Wie ein 
angelsächsischer Dichter in jener Zeit zu diesem Stoffe kam, läßt 
sich einstweilen nur vermuten. Da es ein höfisches Epos ist, so 



Stadien zum Braonschweigschen St&dtrecht. II. 281 

gange als Jura et libertates Indaginis bezeichnet. Eine 
Zusammenstellung von 15 Rechtssätzen in lateinischer Sprache, 
meist kurz und schlicht, aber von hohem Interesse. Erst vor etwa 
sechzig Jahren nach langer Verborgenheit durch den Fleiß eines 
Sammlers, dem manch schöner Fund zur Braunschweigschen Stadt- 
geschichte geglückt ist, den Begistrator Sack am Ereisgericht 
Braunsohweig , wieder entdeckt, hat die Urkunde großen Werth 
nicht blos für die Greschichte dieser Stadt, sondern für die deutsche 
Städtegeschichte überhaupt. Deshalb ist sie denn auch Gregen- 
stand mannigfacher Erörterung, und, wie unvermeidlich, mannig- 
facher Controverse geworden. Ihr Alter, ihre Entstehung und 
ihr Inhalt: alles das hat im Laufe der Jahre Anlaß zur Debatte 
gegeben. Meine Beschäftigung mit dem alten und nicht genügend 
gewürdigten Stadtrechte Braunschweigs , von der ich im letzten 
Jahre zwei Proben vorgelegt habe*), mußte mich auch auf die 
Jura Indaginis führen. Im Folgenden soll zuerst die Rechtsauf- 
zeichnung selbst (I) ^, dann ihre Stellung in der städtischen Rechts- 
geschichte, insbesondere ihr Yerhältniß zum Ottonianum (II) unter- 
sucht werden. 



Die Jura Indaginis sind nicht so gut überliefert wie die Ur- 
kunde von 1031 ; aber doch immer noch durch ein Document von 
hohem Alter: den äußern Merkmalen zufolge eine Urkunde aus 
der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, mit einem Siegel versehen, 
das Herzog Otto I (f 1252) angeHört. Also in der äußern Er- 
scheinung der Ueberlieferung des Ottonianum ähnlich. Die Facsi- 
miles der beiden Stadtrechte in den ;, Urkunden aus dem Stadt- 
archive zu Braxinschweig^ ") bestätigen dies Urtheil. Hänselmann 
hat die Herkunft des Ottonianum aus der städtischen Kanzlei und 
aus der Feder des Lutbert scriptor, der den Innungsbrief der 
Altstädter Goldschmiede von 1231 schrieb und als Zeuge beur- 
kundet*), wahrscheinlich gemacht*). Er nennt deshalb die Jura 



1) Nachrichten v. d. Kgl. Qes. der Wise. 1905 S. 1 ff. Zeitschrift der 
Sayigny-Stiftang f. Rechtsgesch. Bd. 26 (1905) S. 19ö. 

2) Abgedruckt ist die ürk. auBer im ÜB. bei Gengier C. jur. munic. (1863) 
S. 286 und bei Keutgen, ürk. e. st&dt. Yerf.-Gesch. (1901) Nr. 151 S. 177. 

3) Hg. durch George Behrens' Kunstanstalt (Brschwg. 1889) Nr. lY (Hagen- 
urkunde), V (Ottonianum). 

4) ÜB. I n. 3. 

5) bie ältesten Stadtrechte Braunschweigs (Hans. (^ch.-Bl. 1892 S. 63). 
Diese Abhandlung ist im folgenden schlechthin mit Hänselmann citirt. 

9n* 



282 F. Frensdorff, 

Indag. und das Otton. zwei Schwesterarknnden. Man mag das 
insoweit zugeben, als die Kiederschrift der beiden Docomente, wie 
sie jetzt vorliegen, zu gleicher Zeit erfolgt ist, ihrem Inhalte 
nach können sie nicht gleichzeitig entstanden sein. Ist das Otto- 
nianum im J. 1227 aufgezeichnet, so sind die Jura Indaginis damals 
nur nach vorhandenen Vorlagen neu zusammengestellt worden, um 
die Bestätigung des Herzogs Otto zu erlangen. Sprache und 
Inhalt begründen zwischen beiden Urkunden einen Abstand von 
mindestens einem halben Jahrhundert. Die Gleichzeitigkeit ist 
schon durch die Sprache ausgeschlossen. Die Jura Indaginis sind 
lateinisch, das Ottonianum ist deutsch abgefaßt. In dem einen wie 
dem andern Falle haben wir die originale Fassung vor uns. Das 
Ottonianum ist nicht aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt, 
die Jura Indag. sind nicht aus dem Deutschen ins Lateinische 
zurückübersetzt. Begründet schon das Idiom eine Präsumtion 
für das höhere Alter der Jura Indag., so wird sie durch Ver- 
gleichung des Inhalts^) zur Gewißheit erhoben. 

Indago heißt das nordöstlichste der fünf Weichbilde, aus denen 
Braunschweig erwuchs. Das lateinische Femininum Indago ist 
früher in den Braunschweigschen Quellen bezeugt als das deutsche 
Hagen, zu dessen üebersetzung es dient. Beide Worte drücken 
zunächst eine Umzäunung aus, wie sie eine lebendige Hecke be- 
wirkt; dann den eingehegten Raum, die eingehegte Stätte. Hag, 
Hagen für Städte und Stadtheile ist nichts ungewöhnliches. Außer 
den bei Grimm Wb. lY, 2 Sp. 151 beigebrachten Beispielen sei 
an Hagen in Westfalen, 's Graven Haag in Holland, an einen in 
Hildesheim mit Hagen bezeichneten Stadttheil') und an die zahl- 
reichen mit -hagen zusammengesetzten Ortsnamen erinnert. Ein 
älterer Beleg für Indago in Braunschweig als unsere Urkunde ist 
nicht vorhanden. 

Die Aufzeichnung giebt als Urheber der in ihr verbrieften 
Rechte den „illuster vir Heinricus dux Saxonie atque Bawarie^, 
und als die Entstehungszeit die ;,a prima fundatione ipsius civi- 
tatis^ an. Civitas ist in dem gisoizen Schriftstück Bezeichnung 
für den Stadttheil, das Weichbild. Daß Heinrich der Löwe auch 
der Begründer des Weichbilds war, ist nicht direct ausgesprochen. 
Beides schreibt aber ein altes urkundliches Zeugniß Herzog Hein- 
rich dem L. zu. Als Herzog Albrecht I, der Sohn Ottos des 

1) Hassebrauk (Z. des histor. V. f.NS. 1896 S. 172) yennisst für eine solche 
VergleichuDg das tertiun comparationis. Daß die deutsche Stadtrechtsgeschichte 
dafür genug Mittel bietet, wird das folgende zeigen. 

2) midesh. ÜB. I n. 365 vom J. 12SB. 




Stadien zum Braonschweigschen St&dtrecht II. 283 

Kindes, 1268 den Lakenmachern des Hagens ihr Innangsrecht er- 
weiterte, berief er sich auf die Aussagen alter und erfahrener 
Männer des Hagens, daß Herzog Heinrich ;,Indaginem Bruneswich 
primo fnndaret et construeret ac ei jura burgimondii et libertates 
daret " ^). B u r g i m u n d i u m ist ein eigentümlich gebildetes, sonst 
nicht belegbares Wort. Die deutsch denkenden und lateinisch 
schreibenden Urkundenverfasser haben zu mancherlei lateinischen 
Wortbildungen greifen müssen, um den deutschen technischen Aus- 
druck wiederzugeben: so wenn der Redactor des ältesten Soester 
Statuts Grondstück durch predium faudale oder der der ältesten 
Läbischen Statuten : torfaht egen durch cespitalitatum proprietas 
übersetzt. „Jura burgimundii^ wollen besagen, daß dem Hagen 
nicht schlechthin jura et libertates, sondern speciell stadtrechtliche 
Rechte gewährt worden sind. Ein chronikalisches Zeugnis, das zu 
dem urkundlichen hinzutritt, bestätigt die Gründung des Weich- 
bildes durch Herzog Heinrich und erläutert das ;,fundaret et con- 
strueret** der Urkunde: 

„von dhissem vursten gar gemeyt 

wart gewidet und gebreyt 

dhe veste zo Bruneswich, 

went her uzgab daz blich, 

daz geheyzen ist dhe Hage^ ^). 
„Dat blek utgeven** , wie die entscheidenden Worte wieder- 
zugeben wären, bedeutet: eine Grundfläche zur Ansiedelung aus- 
thun und unter Colonisten vertheilen. In dem Weichbild des 
Hagens gab es nachmals ein Wendenthor und eine Wendenthor- 
Bauerschaft. Obschon das früh mit porta Slavorum übersetzt 
wird und auch eine platea Slavorum hier vorkommt, ist doch nicht 
an eine wendische Bewohnerschaft zu denken, sondern der Name 
hier wie anderwärts blos zu deuten auf die ins Wendenland füh- 
renden Straßen undThore'). Als erste Anbauer werden wir viel- 
mehr Flanderer zu denken haben, da wir durch einen Hildesheimer 
Rechtsbrief v. J. 1196 wissen, daß vom dortigen Moritzstift eine 
Colonie von Flandrem am Damme angesiedelt war und Rechte 
erhielt, deren Einzelaufzählung sich die Urkunde durch Verwei- 
sung auf das „jus aliorum Flandrensium qui morantur Brunswic 
vel circa Albim***) erspart. 

1) ÜB. I n. 7. 

2) Brschwg. Reimchronik Y. 2678 ff. (S. 493). 

8) Heinr. Meier, die Straßennamen der Stadt Braonschweig (Qa. a. Forscbgn. 
z. Braunschw. Qesch. I, 1904) S. 107 ff. 
4) ÜB. II n. 27 S. 11. 



284 F. Frensdorff, 

Den oben ausgehobenen Worten der Urkunde von 1268: ^j^""* 
burgimundii et libertates daret" schließt sich der Satz an: sicut 
fieri solet. Wie bei anderen Gründungen von Städten ihnen 
zugleich ßechtsausstattungen zu Theil werden, so ist auch bei 
der Q-ründung des Hagens verfahren. Doch unterscheidet sich die 
Hagenurkunde in einer Beziehung von andern Urkunden gleicher 
Art. Sie enthält nichts über die Q-ründung selbst, die neue An- 
lage, die Auftheilung und Anweisung von Grund und Boden, über 
das Verhältniß des Grundeigenthums zum Stadtherm ^). Im Uebrigen 
sind die Sätze des Indago einfach in ihrer Form, behandeln die- 
selben Gegenstände wie in städtischen Anfangsprivilegien üblich 
ist und weisen auch gleich jenen Sätze aus den verschiedenen 
Theilen des Bechts neben einander auf. 

Wann Heinrich der Löwe den Hagen gründete, ist nirgends 
angegeben. Man wird die Zeit um 1160 dafür ansetzen können, 
wo der Herzog, aus Italien zurückgekehrt, seine Thätigkeit den 
innem Verhältnissen seiner Länder zuwandte. Es war keine Neu- 
schöpfung auf jungfräulichem Boden, was hier entstand, wie wenn 
„gebure en nie dorp besettet von wilder wortelen*^ (Ssp. III 79, 1). 
Es gab in der nächsten Nachbarschaft schon eine städtische Nieder- 
lassung. Die Hagenurkunde erwähnt selbst „Bruneswic** (2); die 
Urkunde H. Albrechts von 1268 nennt den Hagen Indaginem 
Bruneswich; die Reimchronik sagt a. a. O., Heinrich der L. habe 
durch die Anlage des neuen Bleks die „Veste zo Bruneswich'' 
erweitert und ausgebreitet. Was verstand man in allen diesen 
Aeußerungen unter dem Namen Braunschweig, was umfaßte er 
von den fünf spätem Weichbilden? Als er zum erstenmal ge- 
braucht wurde, galt er von der Gegend am östlichen Okerufer, 
in der die Magnikirche 1031 errichtet wurde (oben S. 278)*). Sie 
hieß später Altenwik, in veteri vico, urkundlich zum erstenmale 
1196'): ein Name, der erst nach dem Entstehen neuer Stadttheile 
aufkommen konnte, die jene Anfangsstätte überflügelt hatten. Der 
Name Braunschweig blieb deshalb auch nicht an ihr haften; sie 
hieß das alte Dorf, wie das in andern niedersächsischen Orten, in 
Göttingen *), in Alfeld *) wiederkehrt. Der Name Braunschweig 



1) Vgl. Freiburger StR. 1120 init. (Keutgen, S. 117) und die eben citierte 
Hildesbeimsche Ansiedlungsurkunde v. 1196. 

2) Rietschel, Markt und Stadt (1897) S. 95. 

3) Uß. U n. 24. 

4) G. Schmidt, Hans. Gescb.-Bl. Id78 S. 6. 

5) Mithoff, Kunstdenkm. u. Alterth. 111 (1875) S. 12. Auf eine „autiqua 
Villa" gleicher Bedeutung in Stendal macht Rietschel S. 120 aufmerksam. 



Stadien zum Braunschweigschen Stadtrecht II. 285 

gieng über auf die am linken Okerufer entstandene Stadt; die 
dortige Michaeliskirche wird als „in Bmnswic" gelegen 1158 ur- 
kundlich bezeichnet'). Seit 1160 beginnt die Ausstellung herzog- 
licher Urkunden in Bruniswik, in civitate nostra Bruneswich 
(1175)*). Burgenses nostri de ßruneswic, cives nostri de civitate 
nostra de Bruneswic kommen zum erstenmal in den Urkunden 
K. Otto IV von 1199 und 1204 vor»). Kann an der ersten Stelle 
die Bezeichnung eine generelle Bedeutung haben, so sind an der 
zweiten die Bürger gemeint, die zur Pfarrei von St. Martin ge- 
hören. Das ist der Theil der Stadt, der als der Haupttheil gilt; 
wie denn seine Kirche Marktkirche zubenannt wird (que forensis 
dicitur)*). „Altstadt" konnte er erst heißen, seitdem es eine Neu- 
stadt gab ; in Urkunden finde ich die Bezeichnung „antiqua civitas" 
nicht vor 1227 oder 1231 ^). Zu der Zeit als der Hagen gegründet 
wurde, bestand schon die Altstadt, ob auch die Neustadt ist frag- 
lich. Es spricht für die Reihenfolge: Altstadt Hagen Neustadt, 
daß in der Urkunde von 1269 über die Einigung der drei Weich- 
bilde die gleiche Ordnung beobachtet wird % und ebenso auch in 
andern Urkunden^). 

Der aus den Urkunden dargelegten lokalen Entwicklung der 
Stadt und der damit verbundenen Wanderung und Ausdehnung 
des Namens Braunschweig entspricht die Darstellung der Reim- 
chronik »), die Herzog Ludolf (f 1038) für den Erbauer der Stadt hält : 

1) ÜB. II n. 10. 

2) Das. n. 12, 13 ; n. 19, 24. 

3) Das. n. 30 und 33. 

4) n. 33. Dazu vgl. m. Aufsatz: Die Stadtverfassong Hannovers (Hans. 
Gesch.-Bl. 1882 S. 12). 

6) ÜB. II n. 76. I n. 3. 

6) ÜB. I n. 8. Gelegentlich sei bemerkt, dass sich auf diese Einung nicht, 
wie Hänselmann (ÜB. II 696), Mack (Braunschwg. Jahrb. III [1904] S. 7 ange- 
nommen haben und Hassebrauk S. 176 wiederholt, der Satz der Statuten beziehen 
kann: der stat ghemene ne mach nicht vorjaren. Er kommt zuerst in der Aus- 
fertigung des Brschwg. R. für Duderstadt v. 1279 vor (ÜB. II n. 294 a. 75) und 
heißt weiter nichts als: an Gemeindegut der Stadt kann keine Verjährung ein- 
treten. In anderen Städten wurde dasselbe dadurch erreicht, daB in jeder Bur- 
sprake die libertates civitatis durch „Bisprake" d. h. Einspruch gegen Verjährung 
geschützt wurden, vergL Techen, Bürgersprachen der Stadt Wismar (Hans. 
Gesch.-Qu. N. F. HI [1906] S. 58 ff.). Es ist bezeichnend, daB auch in Braun- 
scbweig der Satz später nicht in den Statuten, sondern im Echtding seinen Platz 
erhielt, zuerst ED. II a. 95 (ÜB. I S. 69). Mit der richtigen Auslegung des 
Braunschweigschen Statutensatzes fallen auch die Consequenzen zusammen , die 
darauf gebaut sind. 

7) ÜB. II n. 173, I n. 23, 24, 26. StR. v. 1402 a. 221. 

8) V. 1401—1410. 



286 F. Frensdorff, 

dher ze ersten, als ich las, 

dbe veste buwen began, 

daz den namen Bnineswich sint gewan. 

dhe borch men do Thanqaarderode jach. 

en dhorph dha nahe bi lach, 

dha nn ist dhe Aide Wich, 

daz heiz men do Broneswich. 

darnach de aide stat began, 

dhe nuwe nnde dhe Haghe, daz sint gewan 

dhen namen, als ich gesprochen han« 
Der 'Reimchronist unterscheidet also veste und borch. Veste 
ist ihm die Stadt als Ganzes; so aach oben dhe veste zo Brones- 
wich (S. 283), die erweitert wird dorch die Erbaoong des Hagens. 
Die ;,Borg'' ist das alte „castrom illod Tanqoarderoth^, wie es in 
dem Privilegiom Kaiser Lothars für das Aegidienkloster von 
1134 heißt ^). Der Name Tanqoarderode verschwindet dann ans 
den Urkonden, die einzelnen Teile der Borg treten an seine Stelle : 
in palatio nostro Broneswich 1219, 1223 *) ; in domo nostra Brons- 
wich 1224, Broneswich in nostra kemnata 1224^). Aoch nrbs 
wird für Borg gesetzt. So in der Stelle der Annales Stadenses 
z. J. 1166: Heinricos dox soper basem leonis effigiem erexit et 
orbem fossa et vallo circomdedit^), wo die Zostammenstellong 
mit der Errichtong des Lowenbildes ^) beweist, daß die Borg ge- 
meint ist. Die coria, das Gerichtshaos in der Borg^ erwähnen 
die libert. Indag. (4); der herren höve in der borch, de herren 
ote der borch das älteste Echtding (88. 89) 0. 

Bestand demnach zor Zeit, als der Hagen gegründet worde, 
der nachher als Altstadt bezeichnete Stadttheil, so gab es aoch 
ein Recht, das hier galt. Urkonden sind ons aber nicht erhalten, 
ond wenn je solche existirt haben, so waren sie schon om 1340 
verschollen. Ein altes ans dieser Zeit überliefertes Urkonden- 
verzeichniß ^) führt keine ältere Urkonde als vom Ende des 12. 



1) ÜB. n n. 7. 

2) ÜB. n 8. 687, n. 60. 

3) ÜB. II n. 62, 63. 

4) M. G. SS. XVI 345. 

5) palatiam, in quo qoievenmt sponsus et sponsa (K. Wühelm v. Holland ond 
Elisabeth, die Tochter Herzogs Otto I) in Bronswich jnxta leonem penitus ezarsit 
1252 Jaun. 25. Ann. Stad. das. S. 373. — Reimchronik v. 2895 ff. 

6) Bethmann S. 544. 

7) ÜB. I n. 39. S. 48. 

8) ÜB. m n. 622 S. 501. 



Studien zum Braunscbweigschen Stadtrecht. II. 287 

Jahrhunderts auf: den Anfang machen die Privilegien K. Ottos IV 
von 1199 und 1204^). Von Stadtrechten (jura civitatis) erwähnt 
es nur das Ottonianum und das Albertinum. Gegen die Voll- 
ständigkeit des Verzeichnisses ließe sich geltend machen, daß es 
der Jura et libertates Indaginis nicht gedenkt. Aber als das 
Recht blos eines Stadttheils wurde es wohl in der Kiste nicht mit 
aufbewahrt, deren Inhalt das Verzeich niß beschreiben will. 

Die Urkunde, die das Hagenrecht überliefert, ist eine Auf- 
zeichnung über das Recht, nicht die Rechtsgewährung selbst, her- 
vorgegangen aus der Hand ihres Urhebers. „Notum sit omnibus 
haue paginam videntibus^ lautet ihr Eingang. Die Zusammenstel- 
lung dieser Notitia ist durch die bevdrkt, zu deren Gunsten die 
aufgezählten jura et libertates bestimmt sind und die sie jetzt 
zum Zweck der Anerkennung durch den Stadtherrn vorlegen. 

Der Text der Urkunde ist nicht fehlerlos. In Art. 2, der von der 
Freiheit der Schiffahrt zwischen Braunschweig und Bremen han- 
delt, heißt es von den aufwärts fahrenden Schiffen: Bruneswic 
deposita earum sardna et soluto ibidem absque omni impedimento 
libere descendant. Gengier hat darauf aufmerksam ge- 
macht, daß nach soluto ein Wort für eine zu entrichtende Gebuhr, 
etwa denario oder theloneo fehle ^). Art 12 handelt von dem 
Fatronatrecht, das den Bürgern des Hagens für die Kirche ihres 
Weichbilds, die Eatharinenkirche , zustehen soll: burgenses jus 
habeant sacerdotem eligendi et dominus civitatis jus eundem in- 
vestigandi et presentandi. Gemeint ist doch offenbar: inve- 
stiendi, wie eligere und investire regelmäßig bei den Verleihungen 
des Patronatsrechts wiederkehren: 1204 Kaiser Otto IV für die 
Martinskirche: jus eligendi sacerdotem, jure tamen ipsum inve- 
stiendi nobis conservato*); 11B8 Bischof Bruno v. Hildesheim für 
die Michaeliskirche: debent cives presbyterum . . eligere et decano 
s. Blasii investiendum offerre ^). Der niederdeutsche Schreiber der 
Hagenurkimde schob seiner Mundart gemäß ^) zwischen die zusam- 
mentreffenden Vocale sein g ein wie in Klages, und da ihm bei 
seiner Kenntnis des Lateinischen investigendi zu befremdlich er- 



1) U6. II D. 30 und 33. 

2) Codex j. manic. S. 296. Da die völUge Zoll- and Abgabenfreiheit als 
ein Recht der Bürger Braonschweigs hervorgehoben wird (vgl. Priv. f. Hannover 
V. 1241, Doebner, die Städteprivil. H. Ottos [1882] S. 23), so ist vielleicht die 
Correctur in „solata" (sc. navi, nachdem das Schiff gelöscht hat) vorzuziehen. 

3) ÜB. II n. 33 S. 15». 

4) ÜB. II n. 10 S. 6»o. 

6) Mnd. Wb. II S. 1. Lübben, Mnd. Gram. (1882) S. 56. 



288 F. Frensdorff, 

schien, machte er daraus investigandi. Das Glossar des Urkimden- 
bachs erklärt investigare mit Bezug auf unsere Stelle durch aus- 
findig machen*); aber wie wäre ein solches Recht des Stadtherm 
mit dem den Bürgern zugestandenen Wahlrechte in Einklang zu 
bringen? In dem Ottonianum heißt es denn auch an der entspre- 
chenden Stelle, die Bürger sollen den von ihnen gewählten Priester 
„vor unsen herren bringen unde he sal ime de kerken lygen" 
(54). Die bezeichneten Fehler legen die Vermuthung nahe, daß 
die Hagenurkunde nicht die erste Zusammenstellung der Rechte 
des Weichbilds enthält, sondern die Abschrift eines Originals ist, 
die man zum Zweck der Vorlage im J. 1227 anfertigte ^). 

Wenn auch nach dem Zeugniß des fl. Albrecht von 1268 (oben 
S. 283) sein Ahnherr Heinrich der Gründer des Hagens und der 
Schöpfer seines Rechts war, so stellt doch, wenn auch beides 
zeitlich zusammengetroffen sein sollte, das uns überlieferte Hagen- 
recht nicht das Recht dar, wie es den Bürgern bei Gründung des 
Hagens gewährt wurde. Denn einmal sagt die Urkunde selbst, 
sie enthalte die Rechte, welche die Bürger nicht bei, sondern seit 
der Gründung, von der Gründung ab vom Herzog erhalten haben 
(libertates quas burgenses a prima fundatione ipsius civitatis ab 
illustri viro Heinrico obtinuerunt). Außerdem weicht der Schluß- 
satz der Urkunde nach Form und Inhalt von den voranfgehenden 
ab. Während sie von dem Stadtherrn in dritter Person reden, 
läßt ihn der Schlußsatz in erster Person sprechen: den Bürgern 
wird Zollfreiheit in Lüneburg gewährt „et alias quocunque ad 
nostram juris dicionem declinaverint" (16). Auch der vorletzte 
Artikel kann nicht von dem Alter sein, daß er in die Gründungs- 



1) ÜB. II S. 705. Hegel, Entstehung des deutscheu Städtewesens S. 165 
übersetzt investigare mit prüfen; wäre prüfen gemeint, so hätte ein anderes la- 
teinisches Wort näher gelegen. 

2) .^uch das Ottonianum hat einzelne Fehler. Zweimal setzt die Urkunde 
nach einem Comparativ statt wan (als) von (14 und 31), beidemale in der Wen- 
dung bat behalden, von. Das Albertinum wiederholt die beiden Fehler, was um 
so mehr auffallt, als es sich sonst kleine Verbesserungen anzubringen bemüht 
(Schottclius, d. Otton. Stadtrecht [Gott. 1904] S. 30). Audi die Urkunde f. Duder- 
stadt v. 1279 (I) 32 = 0. 31) liest von statt wan; der Artikel 14 ist nicht in 
D aufgenommen. Die spätem Statutenredacfionen haben an beiden Stellen richtig 
wan (wen, wenne) : S. 30, N 29; L(eibnit.) I 12 und 26; St. v. 1402 Art. 38 und 
40. — Ein zweiter Fehler in ist overvest statt vorvest (29); auch das kehrt 
im Albert, wieder, während die jungem Redactioneu meistens richtig vorvest, vor- 
vestet lesen , S. 29 overvestit. Die Verwechselung von over und vor passirt den 
Schreibern auch sonst vgl. D 43 und ebenso S 41. Das Mnd. Wb. III 284 ver- 
zeichnet ein overvesten nur nach den Stellen des Brschwg. Stadtrechts. 



Studien zum Braunschweigscben Stadtrecht. II. 289 

zeit des Hagens oder die nächsten Jahrzehnte hinaufreichte : „Bar- 
genses suos consoles habeant, sicut habere consneverant, qnoram 
consilio civitas regatnr" (IB). Für die Altstadt Braunschweig ist das 
Vorkommen eines Raths nicht vor 1231 nachweisbar ^). Selbst wenn 
man die 23 cives de Bmneswic in der Urkunde K. Otto IV von 
1204^ als Rathmannen der Altstadt ansehen will, wird man dem 
Hagen nicht schon 1160 oder 1180 eine Rathseinrichtung zuschreiben 
können. Die Stellung der beiden Sätze am Schlüsse des Ganzen 
macht es höchst wahrscheinlich , daß sie der Aufzeichnung* erst 
zugefügt wurden, als sie Herzog Otto 1227 vorgelegt wurde. Die 
Worte im vorletzten Satze ;, sicut habere consueverunt" nöthigen 
nicht zu der Annahme, die Rathsverfassung im Hagen sei damit 
als eine schon von Alters her bestehende Institution anerkannt. 
Eine Wendung dieser Art verträgt sich im mittelalterlichen Ur- 
kundenstyl auch mit Einrichtungen verhältnismäßig jungen Datums. 

Die beiden eben behandelten Sätze bilden den Schluß der 
Aufzeichnung. Nicht blos aus diesem Grrunde ist es abzulehnen, 
wenn Gengier einem weiter nach vom stehenden Artikel gleich- 
falls den Charakter eines Zusatzes beilegen will ^). Er beanstandet 
das Alter des Art. 11,' in dem die Kirche des Hagenweichbildes, 
die Katharinenkirche , vorkommt, weil sie nicht vor 1224 in Ur- 
kunden nachgewiesen werden könne*). Damit ist aber noch nicht 
ihre frühere Existenz ausgeschlossen. Ich mag mich nicht auf 
Botho berufen, der Heinrich dem Löwen mit der Gründung des 
Hagens auch die Erbauung der Katharinenkirche zuschreibt *). Das 
kann sehr wohl nachträgliche Weisheit des 15.* Jahrhunderts sein. 
Wenn aber schon 1252 ein Neubau der Katharinenkirche vom 
Pfarrer und den Pfarreingesessenen opere sumptuoso ins Werk 
gesetzt war, so wird man annehmen dürfen, daß der erste Bau 
schon geraume Zeit vorher bestanden hat®). 

Unter den Sätzen der Hagenurkunde kann man drei Classen 
unterscheiden. Nur wenige unter ihnen haben einen rein lokalen 
Charakter (12,4). Die Mehrzahl ist so beschaffen, daß sie ebenso- 
wohl für andere Städte, jedenfalls für jedes der übrigen Weich- 



1) ÜB I n. 3. 

2) ÜB. II n. 33 S. 16 

^) Gengier a. a. 0. S. 286 A 4. 

4) Nach Dürre, Gesch. der Stadt Braunschweig (1861) S. 456. Gemeint ist 
wohl ÜB. II n. 70 von 1226, unter deren Zeugen sich ein plebanus sancte Kate- 
rinae in Bruneswic findet 

5) Leibnitz Sb. rer. Brunsvic. III (1711) S. 349 z. J. 1172. Oben S. 2öü. 

6) ÜB. n n. 142, 143. 



290 F. Frensdorff, 

bilde Braunschweigs hätte bestimmt sein können. Das trifft zu 
für die strafrechtlichen Sätze (5. 6. 8), für die Ausschließung des 
Zweikampfs (7), für die Erwerbung der persönlichen Freiheit durch 
unangesprochenen Aufenthalt von Jahr xind Tag (9), für den ge- 
sicherten Erwerb von Grundeigenthum durch gerichtliche Auf- 
lassang und ruhigen Besitz von Jahr und Tag (10). Eine dritte 
Kategorie bilden Sätze, deren Aufnahme in die Hagenurkunde nur 
den Sinn haben kann, ihre Geltung auf dies Weichbild auszudehnen. 
Sätze wie die Gewährong von Zollfreiheit in den Gebieten des 
Herzogs (16), die Freiheit der Schiffahrt zwischen Bremen und 
Braunschweig (2), die Beseitigung der Grundruhr (3) können nicht 
für den Hagen entstanden sein. Sie enthalten alle Vergünstigungen 
des Stadtherrn für Handel und Schiffahrt seiner Bürger. Wie 
hätten sie den Ansiedlem des Hagens zu Theil werden können, 
wenn sie nicht längst den Bürgern der Altstadt zugestanden 
hätten? Das was für „Bruneswik" galt (2), ward also auf die 
Bewohner des Hagens ausgedehnt. Urkundliche Privilegien, durch 
die sie den Bürgern der Altstadt eingeräumt worden wären, haben 
sich nicht erhalten, und schon in der Mitte des 14. Jahrhunderts 
besaß man keine ältere Gewährung zu Gunsten von Handel und 
Schiffahrt der Stadt als die K. Ottos IV. von 1199, durch welche 
er „familiäres burgenses nostri de Bruneswic** von allen Zöllen 
und Abgaben im Reich befreite '), eine Urkunde , von Otto ausge- 
stellt, als er nach seiner Elrönung und dem sich anschließenden 
Feldzuge zum ersten Mal (Janaar 1199) heimkehrte. Daß aber 
ältere Bechtsgewährungen ähnlichen Inhalts existirt haben müssen, 
ist aus der Hagenurkunde zu schließen. 

Das Vorkommen dieser allgemein gültigen Privilegien in der 
Specialurkunde des Hagens führte mich zu der früher vorgetra- 
genen Ansicht, das Hagenrecht sei ein einzelnes Exemplar des 
auch für die übrigen Weichbilde geltenden Rechts, das, da die 
Ueberlieferung bei diesen versage, für uns den Anschein eines be- 
sondern Rechts erlangt habe •). Die Ansicht hat bei R. Schröder *) 
und K. Hegel ^) Beifall gefanden. Nach den obigen Ausführungen 
muß ich meine Meinung dahin modificiren, daß das Hagenrecht uns 



1) ÜB. n. 30. Oben S. 285, daB darin keine Bedefreiheit, sondern nur Zoll- 
freiheit gewährt ist, zeigen die Worte „per universos imperii fines" nnd eine Ver- 
gleichong etwa mit dem kaiserlichen Privüeg forHagenaa v. 1164 (Keatgen S. 134 
a. 2 und 4). 

2) Hans. Qesch.-BU. 1876 S. 123. 

3) Lehrb. der deutschen Rechtsgeschichte* (1902) S. 683. 

4) Entstehung des Städtewesens (1898) S. 165. 



Stadien zum Braonschweigschen Stadtrecht. IL 291 

eine Yorstellang von dem Recht zu geben geeignet ist, das für 
das Braonschweig des 12. Jahrhunderts galt : also für die Altstadt 
und den Hagen. Nicht alles, was die Hagenurkande enthält, war 
Gemeingut ; aber doch der größere Theil ihrer Sätze, ein kleinerer 
galt nur für den Hagen. Dahin gehören der von der Pfarrwahl 
handelnde Satz, wie schon Hänselmann monirt hat ^), und die ver- 
fassungsrechtlichen Bestimmungen. 

Die weitreichenden Rechte, die den Bürgern (burgenses 1. 4. 
11 ff., illi de Indagine ÜB. I n. 7, burgenses de Indagine das. n. 10) 
des Hagens in Staat und Kirche, in Gericht und Verwaltung ein- 
geräumt sind, hat Hegel aus dem Bestreben erklärt, das neue 
Weichbild zu einem Anziehungspunkt für Ansiedler zu machen*). 
Und es trifft z.B. mit dem Gründungsprivileg für Freiburg zu- 
sammen, dafi auch dort den Bürgern das Recht der Wahl für 
Vogt und Priester eingeräumt wird'). 

Die Bürger des Hagens haben das Recht, für die Kirche ihres 
Weichbildes , die Katharinenkirche (oben S. 289), den Priester zu 
wählen, den gewählten investirt der Stadtherr und präsentirt ihn 
dem Bischof von Halberstadt, zu dessen Diöcese die rechts der 
Ocker, während die links derselben gelegenen Stadttheile zur Diö- 
cese Hildesheim gehören^). Mit der Gründung der Kirche im 
Hagen zumal auf seinem eigenen Grund und Boden hatte Herzog 
Heinrich die patronatischen Rechte erworben. Von den ihm zu- 
stehenden Rechten übertrug er das Recht der Pfarrwahl auf die 
Bürger, während er sich selbst die Belehnung des Gewählten vor- 
behielt. Aebnliche Hergänge ans andern Städten zeigen die Ur- 
kunden für Freiburg, Holzminden 1245, Lübeck für die Marien- 
pfarrkirche 1160, Frankfurt 1219 (Lüb. ÜB. I n. 7 S. 10. Böhmer, 
C. dipl. Moenofr. S. 28. Gengier, Stadtrechte S. 206 § 1. Hinschius, 
Kirchenrecht n (1878) S. 638). 

Zur Verwaltung ihrer Gemeindeangelegenheiten haben die 
Bürger einen Rath (consules, ob. S. 289). Auch wenn das erst 
im 13. Jahrhundert zugefügt ist, mußte die Bürgerschaft schon 
vorher eine Organisation, eine irgendwie geartete Vertretung be- 
sitzen. Das zeigt die Bestimmung, wonach erbloses Gut während 
eines Jahres „in potestate burgensium^ aufbewahrt werden soll 
(11). Von Beamten werden erwähnt judex (B. 6), advocatus (4), 



1) Hänsebnann S. 40. 

2) Städte and Qüden 11 (1891) S. 415. 
8) Eeutgen S. 118 a. 4. 

4) Hänselmann in St&dtechron. XVI S. XII. 



292 ^\ Frensdorff, 

bodellas (13). Schwierigkeit macht der advocatus selbst and sein 
Verhältniß zum judex. Zum advocatus sind die Bürger berechtigt 
einen aus ihrer Mitte zu erwählen (4) *). Seine Thätigkeit wird 
bezeichnet, als judicare „judicia". Die Einkünfte, die er dabei er- 
zielt, hat er zu einem Drittel an die „curia" abzuliefern d. h. das 
herzogliche Gerichtshaus (oben S. 286), zwei Drittel werden „ad 
usus et necessitates civitatis" d. i. des Weichbildes verwendet. Damit 
ist ein Zusammenhang der „judicia", welche der Vogt hält, mit dem 
Weichbild des Hagens, seiner Gemeinde, gesichert. Eine gleiche 
Vertheilung der Gerichtseinktinfte zeigt das Privileg Heinrichs 
des Löwen für Lübeck hinsichtlich der Strafgelder, auf welche 
die Rathmannen wegen Uebertretung der Rathsstatute (köre) er- 
kennen: duas partes civitati, tertiam judid exhibebunt (consules). 
Eine Verwendung gewisser Gerichtseinkünfte für das Beste der 
Gemeinde und ein gleich bemessener Antheil der Gemeinde bestand 
also in Braunschweig und in Lübeck. Man darf folgern, die „ju- 
dicia^ des Hagenvogts, durch welche die Einkünfte gewonnen wer- 
den, waren ähnlichen Inhalts, dienten ähnlichen Aufgaben, wie die 
amtliche Thätigkeit der Rathmannen in Lübeck. Judicium, judi- 
care hat im mittelalterlichen Latein eine weite Bedeutung und 
umfaßt alle Beamtenthätigkeit. Nicht umsonst wird der unge- 
wöhnliche Ausdruck per judicia conquirere (4) gewählt sein. Dem 
Vogt des Hagens ist vermuthlich eine Gerichtsbarkeit beigelegt, 
wie sie der Bauermei^ter des Sachsenspiegels übt, „over unrechte 
mate und unrechte wage, over valschen kop" und kleinen Dieb- 
stahl (11 13, 1 u. 2). Die Anfänge der städtischen Selbstgerichts- 
barkeit werden in diesem Gerichte wahrgenommen sein ; und seine 
Thätigkeit wird sich insbesondere auf XJebertretungen der Markt- 
polizei u. dgl. bezogen haben. 

Von diesem gewählten Vogt ist unterschieden der belehnte 
Vogt, der judex der Hagenurkunde*). Er ist der vom Herzog 
bestellte Richter. Die ihm zu zahlende Wette von 60 Schillingen 
erweist ihn als den den £önigsbann handhabenden Richter (5). 
Die in seinem Gericht erkannten Strafen werden zwischen ihm 
und dem Verletzten getheilt (5 und 6). Als vor sein Gericht ge- 
hörig erwähnt die Urkunde Verletzungen an Leib und Leben und 
Realinjurien. Er ist der Richter des Stadtherm für den ganzen 



1) In dem Satze: burgenses advocatum unnm de suis conciyibas eligant ist 
offenbar unnm mit de s. conciv. zu verbinden. 

2) So richtig Varges, Oerichtsverf. der St. Braunschweig (1890) S. 18. Hegel, 
Entstehung S. 165 h&lt sie nicht auseinander. 



Stadien zum Braunschweigschen Stadtrecht. 11. 293 

Stadtbereich; der gewählte Vogt ist nur für das eine Weichbild 
zuständig. 

Hänselmann hat zur Erklärung der Rechtsstellung des Hagens 
das Privileg für die bei Hildesheim angesiedelten Flandrer (oben 
S. 283) herangezogen ^). XJebereinstimmungen zwischen den beider- 
seitigen Rechtsaufzeichnungen vermag er aber nicht anzuführen *). 
Nur eine Bestimmung der Hildesheimer Urkunde verdient für un- 

sem Zusammenhang Beachtung: advocatus secundarium 

advocatum eis non constituet, set magistrum civilem habebunt 
quem elegerint^. Dem Vogte des Moritzstifts wird also unter- 
sagt, den Ansiedlern der Dammstadt einen Untervogt zu setzen; 
vielmehr erhalten sie das Recht sich einen magister civilis zu er- 
wählen. In Hildesheim besteht demnach wie im Hagen ein Recht 
der Gemeinde, sich selbst einen richterlichen Beamten untergeord- 
neter Stellung zu setzen. Im Hagenrecht heißt er advocatus im 
Gegensatz zum judex; in Hildesheim magister civilis. Im Schwe- 
riner Stadtrecht konunt ein Beamter in ähnlicher Stellung unter 
dem Namen magister civium vor. Ebenso in Hannover*). Daß 
diese Bezeichnungen nicht auf einen Bürgermeister zu beziehen 
sind, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Die Titel sind 
vielmehr mit Bauermeister wiederzugeben, wie die später vorkom- 
menden magister civium in Indagine, magister civium de via la- 
pidea zeigen*). Hat aber der advocatus der Hagenurkunde mit 
diesen etwas gemein? Gewiß nicht mit den Bauermeistern, die in 
allen Weichbilden Braunschweigs als lokale Unterbeamte der städti- 
schen Verwaltung vorkommen, entsprechend den Gliederungen der 
Weichbilde in Bauerschaften. Den advocatus des Hagens dagegen 
mit dem magister civilis von HUdesheim, dem magister civium von 
Schwerin und Hannover auf eine Linie zu stellen, bestimmt mich 
einmal seine Bestellung durch die Gemeinde, zweitens seine Wahr- 
nehmung communaler Functionen, die ich aus der Vorschrift über 
die von ihm vereinnahmten Strafgelder folgere. Wie der advo- 
catus des Hagens haben die Rathmannen von Lübeck, der magister 
civium von Schwerin und von Hannover den Ertrag ihrer Gerichts- 



1) Hans. Gesch.-Bl. a. a. 0. S. 86. 

2) S. 38 ff. sind lauter Verschiedenheiten angegeben ; auch Yarges führt trotz 
seiner Behauptung einer „großen Verwandtschaft'' zwischen beiden nur Ab- 
weichungen an (S. 18 ff). 

3) ÜB. II n. 27 S. 11. 

4) Priy. v. 1241, (Doebner S. 23). Stadtverf. Hannovers (oben 8. 286) 8. 9. 

5) 1239 ÜB. II n. 92. 



294 F. Frensdorff, 

barkeit an andere Berechtigte, den Richter and die Stadt , abzu- 
liefern and haben selbst keinen Antheil daran *). 

Die citirte Stelle der Hildesheimer Urkande bietet noch ein 
anderes Interesse. Das an den Vogt gerichtete Verbot eioen ad- 
vocatos secandarios zu ernennen berührt sich mit einer in den 
Stadtrechten dieser Zeit wiederholt begegnenden Beschwerde. 
Gerade die Braonschweigschen Stadtrechte beschäftigen sich mit 
dem Mißbrauch der Substitutionsbefugniß der Stadtvögte, die 
Stellvertreter fangieren ließen und hintennach dem Anerkennung 
verweigerten, was vor ihnen rechtmäßig zu Stande gekommen 
war*). Wirksamer als durch das Verbot solches Verfahrens, das 
der oft wiederholte Eingang des Ottonianums ausspricht, wurde 
dem Mißbrauch begegnet, wenn dem Vogte die Substitutions- 
befugniß ganz entzogen wurde. 

Nach alledem wird man den advocatus der Hagenurkunde als 
einen Vorgänger der spätem Unter- oder Theilvögte aufzufassen 
haben, über denen der herzogliche Vogt für die Gesamtstadt steht ^. 
Das Besondere liegt aber darin, daß dem Hagenvogt eine Com- 
petenz communaler Art zukommt, bis die Rathsbehörde entsteht, 
die die Befugnisse der Marktpolizei in die Hand nimmt und ent- 
wickelt*). Die weitere Aufklärung über diesen Punkt hängt mit 
der Lösung der schwierigen Fragen zusammen, die sich an die 
Vogtei der Stadt Braunschweig knüpfen und meüies Erachtens 
noch nicht befriedigend beantwortet sind*). 



U. 

Solch grundlegende Bestimmungen des Verfassungsrechts wie 
die Hagenurkunde bietet das Ottonianum nicht. Es bedurfte ihrer 
nicht. Es setzte sie voraus und konnte auf ihrer Grundlage sich 
mit der Ordnung anderer Materien und der Aufstellung detail- 

1) Böhlau Z. f. BQ. IX S. 283. Priy. f. Hannover v. 1241 : magister civiom 
corriget omnes indebitas mensoras 5 solidis', quorum tercia pars cedit adyocato, 
dae vero cintati. 

2) Die gleiche gegen den Vogt gerichtete Tendenz spricht sich in den Artt 
0. 44, 64, 22, 15 ans. Es ist schwer einzusehen, wie Hassebraok S. 173 das 
verkennen kann. 

3) Vgl. ühlirz in Mittheilongen des Instituts f. oesterr. Geschichtsforschung 
XVn (1896) S. 337. 

4) Die duo magistri der Urk. v. 1268 (ÜB. I n. 7), an die Yarges S. 18 als 
Fortsetzer des Hagenvogts denkt, sind nichts als die Innungsmeister der Laken- 
macher des Hagens. 

5) Vgl. unten. 



Stadien zum Braunschweigschen Stadtrecht. II. 295 

lirterer Rechtssätze beschäftigen, als sie dort möglich gewesen 
wäre. Zeigt schon die allgemeine Yergleichnng des Inhalts der 
beiden Rechtsdenkmäler diesen Unterschied, so wird das noch 
verstärkt, wenn man Sätze, die denselben Gegenstand behandeln, 
neben einander stellt. Ich habe früher im Einzelnen nachgewiesen, 
wie sich in wiederkehrende Sätze des Ind. darch bessere logische 
Anordnung, größere Abstractionsfahigkeit und durch ihr Streben 
zu vervollständigen tmd zu verallgemeinern auszeichnen '). Hänsel- 
mann hat den Unterschied nicht verkannt, aber ihn aus dem ver- 
schiedenen Maß der Fähigkeit, mit welcher die Redactoren der 
beiden Urkunden verfuhren, erklären wollen*). Eine genauere 
Vergleichung wird aber zeigen, daß der Redactor von Ind. nichts 
weniger als ein unkundiger, im Aufstellen und Formuliren von 
Rechtssätzen ungeschickter Mann war; daß seine Arbeit sich in 
Form und Inhalt, in Kraft und Präcision des Ausdrucks sehr wohl 
mit dem Nachfolger messen kann. Den Ausschlag in unserer 
Streitfrage muß jedoch die inhaltliche Vergleichung der Rechtssätze 
in Ind. und geben. Zunächst kommt in Betracht, daß Sätze 
aufweist, die einen sachlichen Fortschritt, eine Weiterentwicklung 
des Rechts bekunden, während sich in Sätzen von Ind. Anzeichen 
einer größern Alterthümlichkeit behaupten. Weiter dann, daß wo 
Ind. einen Rechtssatz in seiner einfachen Gestaltung vorträgt, 
sich in einer Differenzirung ergeht. Regelmäßig wird in Folge 
dessen umständlicher sein als Ind., aber das ist nicht immer 
der Fall: so wenn es gelingt, das Wesentliche eines Rechts- 
satzes herauszuschälen und praktisch zu verwerthen, wo Ind. auch 
unwesentliche Voraussetzungen mit in die Rechtsbestimmung auf- 
nimmt. Die Vergleichung wird zugleich ergeben, daß die Ver- 
schiedenheiten zwischen Ind. und auch nicht durch rechtliche 
und wirthschaftliche Verschiedenheiten unter den beiden Stadt- 
theilen hervorgerufen sind, wie immer wieder behauptet wird. 
Solche Verschiedenheiten mögen bestanden, in Standes- und Grund- 
besitzverhältnissen sich geäußert haben, Rechtsbestimmungen, in 
welchen sie zu Tage getreten wären, hat noch niemand gezeigt. 
Es gilt hier ganz dasselbe wie von den sg. Sonderstatuten der 
Weichbilde, die man in den Aufzeichnungen, die das Stadtrecht 
(0) in den verschiedenen Degedingsbüchem erfahren hat, erblicken 
will '). Die wahre Bedeuttmg, die ihnen zukommt, habe ich früher 



1) Hans. Gesch. BU. 1876 S. 124 fif. 

2) Hänselmann S. 40. 
S) Hassebrauk S. 180. 

Kgl. Om. d. Wi«. MaohriohioiL PkUolog.-hiifcor. KImm 1906. H«fl 8. 21 



296 F. Frensdorff, 

nachgewiesen. Wären sie Sonderstatute, so würde doch ihr Inhalt 
einmal eine besondere Beziehung auf das besondere Weichbild dar- 
bieten. Statt dessen ist der Inhalt der allgemeinsten Art, für die 
ganze Stadt so gut brauchbar wie für den einzelnen Theil. Sie 
sind ja auch zum Tbeil später in die großen Statutensammlungen 
übergegangen. liest man diese, so merkt man kaum etwas von 
einer Scheidung der Stadt in fünf Weichbilde. Nur in wenigen 
Bestimmungen, namentlich solchen die den Gewerbebetrieb an- 
gehen, findet man sie beachtet^). 

Die Unterschiede zwischen Ind. und 0. sollen zunächst an 
drei wichtigen Bechtsbestimmungen dargelegt werden, an denen 
über erbloses Gut, über die Festnahme säumiger Schuldner durch 
den Gläubiger und über den Erwerb der Freiheit durch ruhigen 
Besitz während Jahr und Tag. 

1. [Erbloses Gut.] Die Materie des erblosen Nachlasses 
hat alle alten Stadtrechte beschäftigt'). Der lebhafte Fremden- 
verkehr in den Städten, die Zuflucht, welche einzelne, familienlose 
Personen in ihnen fanden, richterliche und fiskalische Ansprüche, 
welche sich an Vermögen knüpften, für die keine Erben vorhanden 
oder bekannt waren, machten es früh nothwendig, über diesen 
Gegenstand Bestimmungen zu treffen. 0. und Ind. behandeln beide 
den Gegenstand, gehen aber von verschiedenen Voraussetzungen 
aus und treffen abweichende Vorschriften. Ind. 11 behandelt Gut, 
das ein im Weichbilde verstorbener „exul sive advena", ein Ver- 
bannter, der sich nach Braunschweig geflüchtet hat, oder ein 
Fremder hinterläßt. Auf exules in Braunschweig nimmt auch die 
Urkunde v. 1158 Rücksicht, welche die Michaeliskirche (oben S. 285) 
zur Grablege bestimmt für : perigrini tantum et exules et prorsus 
inopes*). Die Voraussetzung, daß keine Erben anwesend seien, 
brauchte Ind. nicht hervorzuheben, da es sich um Nachlässe von 
exules oder advenae handelte. Der advena ist der Fremde, der 
inkomen man des Ssp. I 30*). Sein Erbe erwirbt die Erbschaft 

1) z. B. St. 147, 153. Außerdem 221, 69. 

2) K. Fr. Eichhorn in Z. f. gesch. Rechtswiss. XUI (1846) S. 341, ein auf- 
fallend selten in dieser Lehre beachteter Aufsatz. £r gieng aus einem auf Er- 
fordern des Preußischen Justizministers v. Mühler 1840 erstatteten Gutachten 
hervor, ob der Stadt Greifswald das von ihr nach lübischem Recht beanspruchte 
Heimfallsrecht zustehe (v. Schulte, K. F. Eichhorn (1884) S. 242 u. 252). 

3) ÜB. n n. 10 S. 6. 

4) Der advena kehrt überall wieder; in Lüneburg 1247 vir advena und ad- 
vena, deutsch: welik eilende man (Kraut, StR. v. Lüneburg [1846] S. 6 und 7); 
Urk. für die Ansiedler in Eschershausen um 1133 (A. imp. sei. II [1870] n. 1129): 
eodem advena populo assensum praestante, das. sacerdos eorundem advenarum. 



Stadien zum Braonschweigschen Stadtrecht. II. 297 

„secundum justiciam", seil, civitatis, wie der inkomen man des Ssp. 
,,erve ontveit na des landes rechte unde nicht na des mannes''. 
Nachlässe solcher Personen werden zunächst der Bürgergemeinde 
zur Aufbewahrung überwiesen. Kommt während eines Jahres ein 
Erbe und erweist sein Recht, so wird ihm der Nachlaß ausge- 
händigt ; wenn nicht, so wird der Nachlaß nach Dritteln unter die 
Katharinenkirche, den Richter und die Armen vertheilt^). — Das 
Ottonianum (43) behandelt den Fall, daß für ein herewede kein 
berechtigter Erbe in der Stadt oder im Lande vorhanden ist'). 
Auch hier Uebergabe „in gemene haut" und Aufbewahrung während 
Jahr und Tag. Nach unbenutztem Ablauf dieser Frist muß das 
Herwede ganz dem Vogte (des Stadtherrn) ausgeantwortet 
werden, nur soll er den Harnisch den Erben des Verstorbenen 
übergeben, damit sie ihrer städtischen Wachtpflicht genügen können. 

Für die Fortbildung des Rechts genügte die Bestimmung in 
nicht. Es gab doch nicht blos erblose Herwedes. Die Ergänzung 
entnahm man aus Ind., nachdem man dem Artikel eine verall- 
gemeinernde und modernere Fassung gegeben hatte. Die exules 
xmd advenae verschwanden ; sie wurden ersetzt durch : swelich 
mensche sterft ane erve; die Katharinenkirche durch die Kirche 
des Kirchspiels, in dem der xmbeerbte Erblasser gestorben war. 
Die Vorschriften über Aufbewahrung und Vertheilung des Nach- 
lasses wurden beibehalten. Die 1279 für Duderstadt gemachte 
Statutenzusammenstellung zeigt zuerst den Artikel in der neuen 
Passung (41)^), und alle folgenden haben ihn in gleicher Weise 
übernommen*); auch mit dem Zusatz, der ihm in D (Duderstadt) 
gegeben ist und dem Fortschritt entspricht, den das Recht in den 
hundert Jahren seit dem Ind. gemacht hat: hat der Erblasser 
eine letztwillige Verfügung über seinen Nachlaß getroffen, so geht 
sie dem Gesetze vor. 

Die Bestimmung über die Aufbewahrung erbloser Nachlässe 
steht im Zusammenhang mit deren endlichem Schicksal. Die Städte 



Vgl. Waitz, Verf.-Gesch. V« S. 314. Die cit. ü. f. Eschershausen erwähnt auch 
die exules: in causis secularibus discutiendis advocatum accipient, quem discretio 
episcopi utpote exulibus providerit 

1) Eine Dreitheüung unter die fast gleichen Adressaten auch im ältesten 
Freiburger StR. (Keutgen S. 118). 

2) Auch das Priv. K. Friedrichs L für Bremen v. 1186 behandelt nur den 
Fall des erblosen Herwedes, bestimmt aber nichts über dessen endliches Schicksal, 
sondern nur über dessen einstweilige Aufbewahrung (ÜB. der St. Bremen I n. 65). 

3) ÜB. n S. 131. 

4) Rh. der Neustadt 39, des Sackes 39, Leibnitianum II 39, StR. t. 1402 
art. 122. 

21* 



298 F- Frensdorff, 

suchen durch das Anfbewahrnngsrecht einen Einfluß auf die Dis- 
position über den Nachlaß zu gewinnen. Wo das Recht auf den 
Nachlaß zu den fructus jurisdictionis gerechnet wird wie im 
Sachsenspiegel I 28, kommt dem Richter auch Recht und Pflicht 
der Aufbewahrung zu. In Braunschweig wird erbloses Erbe und 
Herwede in gemeine Hand zur Aufbewahrung genommen. Das 
Gemeindeorgan liefert dann die Antheile an die Berechtigten aus. 
Auch beim Herwede trifft das zu. Der Vogt hat keinen Anspruch 
auf die gesamten zur Herwede gehörigen Gegenstände, ein beson- 
ders wertvoller Theil, der Harnisch, wird an Erben ausgeant- 
wortet, die zwar nicht in das Herwede, aber in das übrige Erbe 
des Verstorbenen zu succediren berechtigt sind. Sachlich erinnert 
die Bestimmung, als deren Zweck angegeben wird: de stat mede 
to hodene, an die in Zunftstatuten vorkommende Vorschrift, daß 
der Harnisch, den sich der Handwerksmeister beim Meisterwerden 
unter Aufsicht der Aelterleute anschaffen muß, bei seinem Tode 
„schal in dat ampt sterven^*). 

2. [Das Besetzungsrecht des Gläubigers.] Für die 
Berücksichtigung eines Artikels des Ind., den 0. unbeachtet ge- 
lassen hat, durch eine spätere Rechtsredaction, findet sich neben 
dem eben besprochenen ein zweites Beispiel. 15: swelich man 
deme anderen sculdich is, unde begeit he ene binnen deme wicbilde, 
he mot ine wol ophalden mit sinen borgeren, hebt eine wesentliche 
Voraussetzung des dem Gläubiger gegebenen Rechts seinen Schuld- 
ner festzunehmen nicht ausdrücklich hervor, nemlich daß es sich 
um einen auswärtigen Schuldner handeln muß. Ind. 13 hatte 
das nicht vergessen, denn hier heißt es ausdrücklich: quicumque 
extra civitatem manens alicui burgensium teneatur in debito. 
Das Albertinum von 1266, das sonst nichts als eine hin und wieder 
stilistisch verbesserte Abschrift des Ottonianum ist, greift auf Ind. 
zurück, wenn es betont: swelic vromedhe man sculdich is*). 
Die spätem Statutenredactionen wiederholen den Worlaut von 0, 
da sie vermuthlich jene Voraussetzung für selbstverständlich hielten. 

Das Besetzungsrecht (detinere, ophalden) des Gläubigers ist 
in zwei Artikeln des Ind. (13. 14) behandelt: zuerst für den Fall, 
daß der Schuldner ein Auswärtiger (13), dann für den daß er ein 
„miles, clericus aut rusticus^ ist. In 0. sind daraus vier geworden 
(15. 17—19). Am wenigsten ist Ind. 13 verändert; sachlich ist 
nur die Bemerkung hinzugekommen, daß der Gläubiger durch seinen 

1) Lübecker Kistenmaker 1608 bei Wehrmann, Zunftrollen 8. 255. Gierke, 
Genossenschaftsrecht II 903 n. 4. 

2) ÜB. I n. 6 a. 16. 




Stadien zum Braunschweigschen Stadtrecht IL 299 

Gebranch der Selbsthiüfe das Recht des Vogts nicht verletzt und 
ihm keine Wette schuldig wird^). Formell ist aber beachtens- 
wert, wie concret sich Ind. ausdrückt, und wie sehr sich 0. um 
eine abstracte Formulierung des Satzes bemüht. Der Gläubiger, 
der seinen Schuldner antrifft, darf „ine wol ophalden mit sinen 
borgeren, of he des richtes nicht heblen ne mach to dere tit*'. In 
Ind. (der Gläubiger) „assumet secum bodellum et eum (debitorem) 
detinebit; si autem bodellum habere non possit^ cum duobus suis 
concivibus eum poterit detinere". Ebenso auch was über den Zweck 
des detinere in Ind. gesagt wird: „eum poterit detinere et ad 
Judicium pertrahere", im Otton.: „wante he ime vorgelde ofte 
rechtes plege". Endlich zeigt sich auch der Fortschritt in der 
Kunst umsichtiger Redaction in der lokalen Begrenzung. Ind. 13 
si viderit eum (den Schuldner) in civitate ist in 0. 15 zimächst 
wörtlich wiedergegeben durch : begeit he ene binnen deme wicbilde ; 
aber zugleich ist das Bedürfiiiß der Erweiterung erkannt. Es 
wird ihm implidte entsprochen in dem neu eingefügten Artikel 
0. 16. Er handelt von einem Gläubiger, dem der zahiungsxmfähige 
Schuldner „binnen wicbilde oder binnen der muren vor gerichte* 
zugesprochen ist (16). Ich verstehe das so: mag der Gläubiger 
den Schuldner in seinem Weichbilde oder in einem andern Theile 
der Stadt vor Gericht gebracht und für seine Forderung „er- 
worben" haben, er kann ihn jetzt in seine Were bringen und bis 
zu seiner Befriedigung in Schuldhaft halten. Binnen der muren 
ist der Gesamtumfang der Stadt. Das zeigt auch 0. 44 in seinem 
Gegensatz: binnen der muren und'^buten der stat. 

Der zweite das Besetzungsrecht behandelnde Art. hat es mit 
Schuldnern zu thun, die zwar nicht Fremde, aber doch einer andern 
Gerichtsbarkeit als die Bürger unterworfen sind. Von den drei 
Ständen des Ind. 14 übergeht 0. den rusticus völlig. Den miles 
und den clericus behandelt es in gesonderten Artikeln imd ab- 
weichend (17. 19). Ind. hatte nur einseitig die Klage des Bürgers 
gegen den Dienstmann behandelt; ergänzt das und ordnet in 
einem neuen Artikel auch den umgekehrten Fall (18). Gemäß dem 
Grui^satze actor forum rei sequitur verklagt der Bürger seinen 
Schuldner vor dem Marschalk, der Dienstmann vor dem Vogte 
nach Stadtrecht (17. 18). Das Besetzungsrecht des Gläubigers 
erkannte Ind. gegenüber allen drei Classen von Schuldnern gleich- 
mäßig an : er durfte ihre Person wie ihre Habe festhalten, bis sie 
ihre Schuld bezahlt hatten oder vor Gericht freigesprochen waren 



1) Oben S. 294 Anin. 2. 



300 F. Frensdorff, 

(14). 0. erkennt ein Becht des bürgerlichen Grläubigers den schuld- 
nerischen Ministerialen festzunehmen gar nicht mehr an, sondern 
giebt ihm nur noch als ein Zwangsmittel gegen den Marschalk, 
der ihm das Recht verweigert, die Befugniß den in der Stadt an- 
getroffenen Wagen des Dienstmanns solange anzuhalten, bis er 
wegen seiner Forderung befriedigt ist (17). 

Ist der Schuldner des Bürgers ein Pfaffe, so geht das Recht 
weniger rücksichtsvoll zu Werke. Hier gestattet 0. wie Ind. dem 
Gläubiger, den Schuldner, seinen Wagen oder seine sonstige Habe 
zu besetzen und fügt hinzu, dadurch erspare sich der Gläubiger 
das Anrufen des geistlichen Gerichts, des Sendgerichts (19)^). Es 
stimmt das ganz mit dem entschiedenen Auftreten des Braun- 
schweigschen Raths gegen die Geistlichkeit, das Hänselmann be- 
obachtet hat*). 

Die Bestimmungen des Braunschweigschen Stadtrechts und 
zwar in ihrer altern Fassung haben weithin gewirkt. Amira hat 
in seinem „nordgermanischen Obligationenrecht" Bd. I (1882) S. 168 
darauf aufmerksam gemacht, daß sich das schwedische etwa um 
1300 aufgezeichnete Bjärköaraetten in seinem das Besetzungsrecht 
behandelnden § 40 ^) die Bestimmungen der Jura Indag. hat zum 
Muster dienen lassen. In dem Satze des schwedischen Stadtrechts 
steht allerdings noch mehr als in Ind. und 0., aber eine Ueber- 
einstinmiung in dem Grundzuge ist vorhanden, tmd der „miles 
clericus aut rusticus*^ kehrt in dem „hofman prestaer aeller bonde" 
wieder. 

3. [Erwerb der Freiheit.] Ind. enthält einen der be- 
kanntesten Sätze des Stadtrechts: quicumque annum et diem in 
civitate manserit sine alicujus impetitione, de cetero liber per- 
manebit (9). 0. wiederholt das in der Form: sweUch man to 
Bruneswich is jar unde dach borgere sunder ansprake, dene ne 
mach neman gevorderen (42). Die Aufnahme des Rechtssatzes in 
Ind. ist eins der frühesten Zeugnisse seiner Gelttmg. Ungefähr 
gleichen Alters ist seine Anerkennung in Lübeck, da er in dem 
Theil des Privilegs v. 1188 vorkommt, der aus dem alten Freibrief 

1) Vor dem Sendgericht standen nicht bfos Geistliche zu Recht (Has^brauk 
178); ebenso ist es irrig, daB die Statuten nach dem Albertinnm 19 sollten 
weggelassen haben; der Art. findet sich nicht nur D 20, N 17, S 19 wieder, son- 
dern diese Sammlungen haben noch einen neuen das Sendgericht anerkennenden 
Artikel aufgenommen: D 46, N 43, S 44. ÜB. II n. 453 enthält ein Weisthum 
über die Competenz des Sendgerichts von c. 1300. Die von Hassebrauk ange- 
rufene Urkunde von 1256 (ÜB. I n. 70) hat hiermit nichts zu thun. 

2) Stftdtechron. XVI S. XI ff. 

8) Schlyter, Corpus juris Sueo-Gotorum antiqui VI (1844) S. 183. 



Stadien zum Braunschweigschen Stadtrecht. II. 301 

Herzog Heinrichs stammt^). Da das Schweriner Stadtrecht den- 
selben Rechtssatz kennt und auch dieses auf Heinrich den Löwen 
zurückgeführt wird ^)f so hat Hegel den Herzog zum Vater dieses 
städtischen Grundrechts machen wollen. Nicht daß er es erfanden 
hätte: er soll es in England, dem Lande seines Schwiegervaters, 
K. Heinrichs II. (1154 — 1184), kennen gelernt und nach Deatsch- 
land verpflanzt haben'). So viel Besprechungen auch das Buch 
Hegels gefunden hat*), diese merkwürdige Hypothese ist wenig 
beachtet worden. Die Recension Belows in den G. G. Anzeigen 
äußert sich zweifelnd^). Der einzige, der Hegel zugestimmt hat, 
ist, soviel ich sehe, Uhlirz *). Die Hypothese Hegels muß m. E. 
in ihren beiden Gliedern zurückgewiesen werden: der Satz stammt 
nicht aus England, und Heinrich der Löwe ist nicht sein Urheber. 
Die Aufstellung Hegels ist weder bewiesen noch beweisbar. 

An Uebertragungen aus dem Ausland hat es im deutschen 
Städtewesen nicht gefehlt. Hegel hat selbst in seiner berühmten 
Schrift, die die Herleitung der deutschen Städteverfassung aus 
dem römischen Rechte beseitigte, es wahrscheinlich gemacht, daß 
der Consultitel aus Italien stammte und unter Vermittlung Hein- 
richs des Löwen sich nach Deutschland verpflanzte^). Das mag 
mitgewirkt haben zur Aufstellung dieser neuen Hypothese, mit 
der Hegel hier wie dort sein Werk schließt. Was sind ihre 
Stützen? Hegel beruft sich auf die Anerkennung des Grundsatzes 
in den Gesetzen Wilhelms des Eroberers und in dem Tractat 
Glanvillas de legibus et consuetudinibus Angliae *). Die unter dem 
Namen Wilhelms des Eroberers laufende Rechtssammlung ist 
nicht älter als aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts und eine aus 
privater' Thätigkeit hervorgegangene Aufzeichnung. Was sie als 
Gesetz vorträgt, ist eine Abstraction ihres Verfassers aus den 
Rechten einzelner Städte, denen ihre Herren durch Privileg diese 
Freiheit gewährt hatten % Nicht anders ist es mit GlanviUa. In 

1) Lüb. ÜB. I n. 7 S. 11. Frensdorff, Lübecks Stadt- u. Gerichtsverf. 8. 32. 
Die Bedenken von Dhlirz (Mitthlgo. S. 334) gegen die Zugehörigkeit dieses Satzes 
zu dem Privileg Heinrichs (Keutgen S. 185 a. 16) theile ich nicht. 

2) Böhlau S. 285 a. 23 vgl. S. 267 

3) K. Hegel, Städte und OUden II (1891) S. 507. 

4) Litt. Centralbl. 1892 8. 516; Deutsche Litt- Ztg. 1892 S. 55 (0. Gierke); 
Sybels histor. Ztschr. 1892 S. 483 ff. (Ugen). 

5) 1892 S. 420. 

6) Mittheilungen des oesterr. Instituts XYII (1896) S. 334. 

7) Gesch. der St&dteverf. von Italien II (1847) S. 464. 

8) Städte und Gilden I 58, 64, 67. 

9) Liebermann, über die leges Anglorum saec. XIU iueunte Londinii coUectae 
(1894) S. 36. 






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Studien zum Braunschweigschen Stadtrecht. II. 303 

sie kein festeres Datnm anzageben, so ergänzt das die Eeore von 
Nieuport vom J. 1163, die von dem Grafen Philipp von Flandern 
herrührt und die Anerkennung des Rechtssatzes außerhalb des 
von Heinrich dem L. beherrschten Machtbereichs bezeugt^). 

Nachdem eine große Zahl von Städten darch Privileg die 
Sicherstellung ihrer Einwohner gegen die Abforderung ihrer bis- 
herigen Herren oder gegen Leistung von Abgaben an sie erlangt 
hatten, mochte der Grundsatz, den man heute mit den Worten: 
die Luft in den Städten macht frei, ausdrückt, als selbstverständ- 
licher Bestandtheil des Stadtrechts gelten, und eine Stadt sich 
für befugt erachten, einen entsprechenden Artikel in ihre Statuten 
aufzunehmen, auch wenn sie den Erwerb eines solchen Bechts 
durch Privileg nicht nachzuweisen im Stande war. 

In Braunschweig liegt beides vor: die Gewährung durch 
Privileg (Ind. 9) und die Wiederholung durch Statut (0. 42). Die 
Aufnahme des Satzes in das Hagenprivileg bedeutete kein Sonder- 
recht für den Hagen; er gehörte zu denen, die nur für dies 
Weichbild wiederholten, was schon für die Altstadt Rechtens war 
(oben S. 290). Aber es ist bezeichnend, daß Ind. die ältere, 0. die 
jüngere Form des Rechtssatzes wiedergiebt. Gengier hat in seiner 
Sammlung von Belegen auf den Unterschied aufmerksam gemacht^, 
daß nach den altern Quellenstellen zur Sicherung gegen Rück- 
forderung der ungestörte Aufenthalt während Jahr und Tag ge- 
nügt, nach den jungem der Erwerb des Bürgerrechts hinzukommen 
muß. Darin liegt einmal ein Zeichen der weiter entwickelten 
innem Organisation der Städte und der Abschließung ihrer Ein- 
wohnerschaft zu einem Bürgerthum. Aber es kommt auch der 
Umstand in Betracht, daß der Unfreie sich nicht blos seinem 
Herrn entzogen hat, sondern auch von einer Gemeinschaft zu ihrem 
MitgUede aufgenommen und ihm entzogen ist. Sie ist also an der 
Verletzung der Herrenrechte betheiligt; und die Rückforderung 
des Herrn richtet sich jetzt auch gegen die Gemeinschaft, die 
seinen Leibeigenen zum Bürger aufgenommen hat. Beide, die 
Stadtgemeinde und der ehemals Unfreie, werden durch das Privileg 
und eventuell das Stadtrecht gegen die Ansprüche des Herrn ge- 
sichert. 

Aus diesem Zusammenhange wird es auch erklärlich, daß in 
der Stadt Braunschweig Laten und Eigenleute, wie das Stadtrecht 

1) Warnkönig, Flandr. Staats- u. Rechtsgesch. II 2 (1837) S. 88 (ÜB.) art. 
10: quiconque hie per annum unam et diem uuum manserit, Über erit. Auf die 
Stelle hat Branner, Grandzüge' (1903) S. 89 aufmerksam gemacht. 

2) a. a. 0. S. 420 ff. 



304 F. Frensdorff, 

zeigt, vorkamen. Das sind nicht etwa blos solche Einwohner, für 
die die Rückfordernngsfrist von Jahr und Tag noch nicht ab- 
gelaufen war, sondern auch solche, die nicht Aufnahme in das 
Bürgerrecht erlangt hatten. Sie waren Zurücksetzungen im Recht 
unterworfen, vor allem unfähig zum Besitz von Grundstücken. War 
einem Unfreien ein Grundstück zu Theil geworden, so mußte er 
es binnen einem Vierteljahr wieder verkaufen, widrigenfalls der 
Rath es einzogt). Die spätem Echtdinge und Statuten wieder- 
holen diesen Satz nicht. Vermuthlich weil der Besitz eines Grund- 
stücks in der Stadt nur Bürgern gestattet war, und der Weg, 
auf dem einem Unfreien ein Grundstück zu Theil werden konnte, 
das Erbrecht, abgeschnitten wurde durch die seit dem 14. Jahrh. 
aufkommende statutarische Bestimmung, daß „eyn lath eft eyn 
eghen ne mach nycht nemen herwede noch erve enes borgheres 
in der stat". Diese Beschränkung der Erbfähigkeit der Unfreien 
setzte sich bis in die Reformation des Stadtrechts fort^). 

Um den Verwickelungen mit auswärtigen Herren zu entgehen, 
verfuhr man vorsichtig bei der Aufnahme in das Bürgerrecht und 
strafte den, der sich bei der Aufnahme als frei und niemanden 
zugehörig ausgegeben hatte, wenn er hinterdrein des Gegentheils 
überführt wurde ^). Dieser Satz des ältesten Echtdings, der sich 
als eine Neuerung ankündigt, gieng in alle folgenden über ^). Ein 
Unfreier war nicht imfähig, Bürger in Braunschweig zu werden; 
es sollte nur niemand unter Verschweigung seines frühem Standes 
sich in die Bürgerschaft einschleichen dürfen. Wurde er nach 
Erwerbung des Bürgerrechts binnen Jahr und Tag von einer 
Herrschaft angesprochen, so sollte die Stadt ihn nicht weiter für 
einen Bürger halten, wenn er sich nicht mit seiner Herrschaft 
verglichen hatte % Diese Bestimmung gieng aus dem ersten Hulde- 
briefe in alle folgenden über. Ein Beispiel eines Vergleichs, der 
mit dem Herzog über seine eigenen Leute abgeschlossen wurde, 
liefert ein Vorgang von 1314, wo die Stadt eine Anzahl von 



1) Echtding 1 8 (ÜB. I n. 39 S. 44). 

2) Der Art. kommt zuerst in dem Braunscbweig-Celler R. (Stud. I S. 26) vor, 
ist dann in L II 6 und in St 130 wörtlich, in Ref. 131 modificirt übergegangen. 

3) ED. I 30 (ÜB. I S. 46). 

4) we na desser tyd use borghere wert unde sprikt vor deme rade, wanne 
be de burscap wint, he si vry noch he en besta nemende, wert he des dama be- 
draghen (überführt), dat he iemendes lat eder eghen si, de rad wel eme volghen 
mit ener vestinghe. ED. II 34; IH 28 (ÜB. I S. 65, 130). VgL Ssp. II 16, 1: 
vor sinen heren, dem he bestat. 

5) Huldebrief H. Ottos v. 1318 (ÜB. I n. 23) a. 4 S. 31. 



Stadien zum Braonschweigschen Stadtrecht. II. 305 

Bürgern und Bürgerinnen vom Herzog freikaufte ^). Einen Erwerb 
der Freiheit durch ein Privatrechtsgeschäft sah die Stadt selbst 
als einen besonders gesicherten Besitz an. Auf eine Anfrage von 
Duderstadt, wo der Herzog jemanden als eigen angesprochen hatte, 
antwortete Braunschweig: swelk use borghere mit uns sit jar 
unde dhach ane ansprake, dhene hebbe we vor enen vryen borg- 
here; na dem male aver, dat he sik fry kofte, so is sin recht 
diste betere^). 

Der Erwerb der Freiheit durch unbehelligten Besitz des 
Bürgerrechts und Wohnen in der Stadt muß trotz seines Alters 
in der Folge noch mannigfachen Anfechtungen ausgesetzt gewesen 
sein. Das ergiebt sich aus dem dauernden Bestreben der Stadt, 
Anerkennungen dieses Rechts zu erwerben und aus dem Inhalt 
dieser Anerkennungsurkunden. Nicht genug an den Bestätigungen 
der Huldebriefe und einem besonders mit diesem Gegenstande sich 
beschäftigenden Privileg Herzog Ottos v. 1314, das sich in die 
Form einer Freilassung der gegenwärtigen Bürger und ihrer Nach- 
kommen kleidet *), erwirkte die Stadt durch ihren nach Constanz 
entsandten Vertreter von Kaiser Sigmtmd eine feierliche gewiß 
mit schwerem Gelde erkaufte Urkunde*), worin der Aussteller 
den alten Grundsatz, daß wer in Braunschweig unangesprochen 
Jahr und Tag „offenlich huslich oder heblich gesessen und ge- 
wonet" habe, „von eygenschaft embunden fry und ledig" sein solle, 
bestätigt und ihn theils auf die Gewohnheit „in ettwevil des richs 
steten und landen", theils auf „keyserlich gesetzt" stützt*). 

Die bisher angestellten Vergleichungen reichen aus zur Er- 
kenntniß des richtigen Verhältnisses zwischen Ind. und 0. Ich 
füge noch einige Gegenüberstellungen mehr formeller Art hinzu, 
um einer Ansicht entgegenzutreten, die ein genetisches Verhältniß 
zwischen Ind. und 0. zwar anerkennt, aber es gradezu umkehrt. 
„Das Ottonische Stadtrecht war das Vorbild, wonach die Jura 
Indaginis ausgestaltet sind", so drückte sich Hänselmann aus®). 
Ich würde auf die Ansicht nicht mehr einzugehen für nöthig 
halten, wenn sich nicht Mack noch neuerdings für sie erklärt 
hätte ^. 

1) ÜB. 11 n. 752 S. 415. 

2) Das. n. 843 (um 1318) S. 481. 

3) 1314 ÜB. I n. 22 S. 29. Die Urkunde ist erst durch Drucke seit dem 
17. Jahrh. überliefert und weist mehrere völlig entstellte Zeugennamen auf. 

4) Städtechron. VI S 220 ff. 

5) 1417 ÜB. 1 n. 75 S. 204. 

6) Hans. Qesch.-BU. 1892 S. 39. 

7) Z. des histor. Y. f. NS. 1904 S. 450. 



306 F. Frensdorff, 

Ind. enthält karze klare Rechtssätze; auch 0. kennt solche 
(11. 13. 59), daneben aber auch Artikel, die sich in detaillirten 
Unterscheidungen und Auseinandersetzungen ergehen, wie der über 
den Anfang (23, 24) oder der über das Verfahren gegen den ein- 
heimischen säumigen Schuldner (21). Ueber gerichtliche Auflassung 
handeln Ind. 10 und 64. Was mehr enthält als Ind., läßt 
erkennen: der einfache Satz des alten Rechts genügte schon nicht 
mehr, der Vogt weigerte sich wohl einmal, dem Erwerber eines 
Grundstücks Friede zu wirken. legte deshalb dem Rathe die 
subsidiäre Befugniß bei, Friede zu wirken und erklärte die vor 
dem Rathe vorgenommene Auflassung für ebenso rechtswirksam 
wie die vor dem herzoglichen Vogte. Dieselbe Richtung schlägt 
22 ein, der die „vor den borgeren" vorgenommene Verpfändung 
eines Hauses für ebenso rechtsbeständig erklärt wie die vor dem 
Vogte. Hier wie dort benutzte man Erfahrungen und suchte sich 
durch neue Rechtssätze, die das städtische Organ, den Rath, 
heranzogen und dem Vogte an die Seite rückten, für die Zukxmft 
zu schützen. Der gleichen Art ist die dem Artikel über Selbst- 
hülfe angehängte Bemerkung: wer gegen seinen Schuldner in 
legalen Formen Selbsthülfe übt, verletzt damit das Recht des 
Vogts, des Wahrers der Rechtsordnung, nicht und kann von ihm 
nicht mit einer Wette belegt werden (0 IB). 

Das Verfahren der Diff^erenzirimg, das oben S. 298 an den 
die Verhaftung stadtfremder Schuldner behandelnden Artikeln 
verfolgt ist, wiederholt sich bei den Bestimmungen über das 
Strafrecht. Ind. 5 und 6 entsprechen in 5 — 10. Ind. handelt 
blos von Wunden, denen Blutvergießen gleichgestellt ist, und 
Ohrfeigen. unterscheidet: Lähmung (5) und Verwundung ohne 
Lähmung (6) und schiebt ähnlich wie oben S. 299 die Erörterung 
verwandter Materien wie Verwundung im Raufhandel (7), Haus- 
friedensbruch (8), Ueberfall in der Straße (9) ein, um zuletzt 
wieder zu Ind. (6) und seiner Realinjurie (10) zurückzukehren. 
Auch hier hat erweitert: dem orslach (alapa) ist der duntslach 
an die Seite gestellt und als Bedingung der Strafbarkeit hervor- 
gehoben: der Geschlagene müsse „en gut man** sein. Während 
Ind. sich begnügt, die Bedingung allgemein zu formulieren: nisi 
forte se per justiciam valeat expurgare (6), gibt concret an, 
welche Einrede der Beklagte wirksam vorschützen könne. Die 
Forderung, die im mittelalterlichen Sinne nicht moralisch, sondern 
social zu verstehen ist, kehrt ähnlich in anderen Zeugnissen wieder 
z. B. im Brünner StR., das zwischen dem gueten menschen (bonus 
homo) und dem geringen oder unersamen menschen (levis vel in- 




Stadien zum Braunschweigscben Stadtrecht. II. 307 

honesta persona) unterscheidet. Beweist der Thäter, daß der 
Geschlagene „es .verdient" hat, so bleibt er straflos ^). 

Bezeichnend ist die Behandlung des Zweikampfs. Ind. 7 
schließt seine strafrechtlichen Normen mit dem prinzipiellen Aus- 
spruch: nuUus alium pro aliquo excessu ad Judicium duelli vocare 
aut cogere poterit. 5 verflicht das Verbot des Zweikampfs in 
den Artikel über die Lähmung, da in dem bei diesem Delict be- 
obachteten Verfahren das Beweismittel des Zweikampfs seine 
wichtigste Rolle spielte: Ssp. I 48, 2; 68, 3^). spricht deshalb 
das Verbot in der Form aus: der Verletzer hat seine Hand ver- 
wirkt, die jedoch durch Zahlungen an das Gericht, die Stadt und 
den Kläger abgekauft werden kann, und muß dem Verletzten seine 
Bnße bezahlen; der Kläger kann den Thäter nicht zum Kampfe 
grüßen, sondern muß sich an seiner Buße genügen lassen. 

Beide Urkunden behandeln die Freiheit von der Grundruhr, 
Ind. 3 im unmittelbaren Zusammenhange mit der Freiheit der 
Schiffahrt zwischen Braunschweig und Bremen, 56 in einem für 
sich stehenden Satze, getrennt von dem Artikel, der Handel- xmd 
Schiffeihrtsfreiheit in sich aufgenommen hat (0 60). Die Formu- 
lierung des Grundsatzes ist dem Verfasser von in knapper und 
kurzer "Weise gelungen: wer zwischen hier und der „salten se" 
schiffbrüchig wird, bleibt Herr seines Gutes ; was er bergen kann, 
ist sein, und niemand hat ein Recht etwas von ihm zu fordern. 
Der Wortlaut, in dem Ind. den Gegenstand behandelt, hat nichts 
von dieser volksthümlichen Kürze, sondern bewegt sich in ab- 
strakten und gekünstelten Wendxmgen, die unmittelbar dem latei- 
nischen Privileg nachgeschrieben sein könnten. 

So spricht aus überall ein gereifterer, auf eine längere 
Erfahrung sich stützender gesetzgeberischer Wille und eine ver- 
feinerte Handhabung der Rechtsredaction, wo die Jura Indaginis 
einen jugendlichen Charakter zeigen und Rechtssätze aufstellen, 
die sich erst in der Anwendung bewähren sollen. 

Unverkennbar ist der verschiedene juristische Typus. Ind. ist 
ein Privileg, ein Statut. Ind. hat seinen Ursprung in dem 
Gesetzgebungsrecht des Stadtherrn, in der Autonomie der Stadt. 
Die Form, in der Ind. überliefert ist, hat von der eines Privilegs 
viel eingebüßt ; es ist eine Notitia über geltendes oder beanspruchtes 
Recht. Wie in die städtischen Privilegien manches aufgenommen 
wird, was nicht erst kraft der Gewährung des Stadtherrn gilt, 

1) Rößler. Stadtrechte v. Brunn (1852) S. 365. 

2) Schröder, Rechtsgeschichte* S. 761. Homeyer, Richtsteig Landrechts 
8. 446. 



308 F- Frensdorff, 

sondern ans dem eigenen Grewohnheitsrecht der Stadt stammt 
oder dem anderer Städte entlehnt oder nachgeWldet ist, so ist 
auch hier verfahre^. Aber es bleibt genug an Rechten übrig, die 
dem Weichbild des Hagens nur deshalb zustehen, weil sie ihm 
vom Stadtherm eingeräumt sind. Der Stadtherr ist in diesem 
Falle zugleich ein mächtiger Landesherr nnd kann seiner Stadt 
Rechte verschaffen, die weit über ihre Mauern hinausreichen. 

Am 28. April 1227 starb der letzte Sohn Heinrichs des Löwen, 
Pfalzgraf Heinrich, der im Juli 1223 seinen Neffen Otto dux de 
Luneborch, wie er ihn nennt, zu seinem Erben eingesetzt und ihm 
„cupheo nostro a capite dempto" *) die Stadt Braunschweig samt 
allem Zubehör an Dienstmannen, Schlössern und Grütem übergeben 
hatte *). Die ihm mit dem Tode des Pfalzgrafen angefallene Erb- 
schaft in Besitz zu nehmen, bedurfte es für Otto noch eines harten 
Kampfes mit den staufischen Parteigängern, zu denen sich selbst 
bisherige Dienstmannen des Pfalzgrafen geschlagen hatten, während 
die Stadt Braunschweig den Weifen treu blieb. Aber Otto siegte 
in dem Kampfe, der selbst noch innerhalb der Stadt fortgesetzt 
wurde, und nahm Braunschweig ein. Daß damit auch Rechts- 
gewährimgen an die Bürger verbünden waren, bezeugt die Reim- 
chronik ausdrücklich : 

sus quam daz kint von Luneborch 

mit menghem ritter worch 

in de borch zo Bruneswich 

und wart dha gar weldich 

und gaph den borgeren gnade vil*). 
Die Worte sind schon früher auf das Ottonianum, das man damals 
allein kannte, bezogen worden. Sie passen auch auf die Hagen- 
urkunde. Nach dem Bericht der Reimchronik hatten sich die 
Bürger des Hagens bei der Einnahme der Stadt im J. 1227 be- 
sonders ausgezeichnet: Otto „wart ingelazen zo dhem Hagen"*). 
Billig ward ihnen dafür die Belohnung des Herzogs zu Theil. 
Ausdrücklich bezeugt sein Sohn Albrecht 1268, daß „cum pater 
noster felicis memorie intraret civitatem Bruneswich", er den 



1) ÜB. U n. 60. Diese Stelle ist die in Grimms RA. I 204 (Symbol des 
Huts) aus Ducange nachgetragene. 

2) Winkelmann, Kaiser Friedrich 11. Bd. 1 (1889) S. 504 ff. 

3) V. 7515—21, S. 552. üeber worch, das die Reimchronik gern als Reim 
auf borch verwendet, vgl. J. Grimm, Kl. Sehr. IV (oben S. 279) S. 889. Der Sinn 
lässig, mangelhaft paftt hier wie an manchen andern Stellen der Reimchronik 
nicht. Strauch im Glossar S. 707. 

4) V. 7500 (S. 552). 



Studien zum Brannschweigschen Stadtrecht. IL 309 

Bürgern des Hagens eine von Altersher den Lakenmachern ge- 
währte Gnade bestätigt habe *). Es spricht also alle Wahrschein- 
lichkeit dafür, daß damals beide Urkunden, die ihrer Schrift nach 
einer Zeit angehören, die Anerkennung Herzog Ottos erhielten. 
Nur bestand der Unterschied, daß ein Recht des Hagens längst 
und in schriftlicher Form vorhanden, das Recht der Altstadt neu 
zusammengestellt war. Dort wurde ein Privilegium erneuert und 
vermehrt ; hier einer statutarischen Aufzeichnung die Bestätigung 
des Stadtherrn ertheilt. 

Für diese Anerkennung steht nur ein kurzer Zeitraum des 
J. 1227 zur Verfügung. Eine genauere Datirung der Einnahme 
Braunschweigs durch Otto ist in Ermangelung aller weitern An- 
gaben der Quellen nicht möglich. Ein terminus ad quem wird 
durch die Theilnahme Ottos an der Schlacht bei Bornhöved 
(22. Juli 1227) gesetzt. An der Seite seines Oheims, des Königs 
von Dänemark, fechtend, gerieth er in Gefangenschaft, in der er 
bis zu Ende des folgendes Jahres blieb *). 

Für die Gleichzeitigkeit und Datirung der beiden Urkunden 
ihre Siegel heranzuziehen, ist immer mißlicher geworden. Die 
beiden Ottonischen Siegel dieser Urkunden sind die einzigen ihrer 
Art, kehren an keiner andern Urkunde Ottos wieder •) und zeigen 
unter sich selbst kleine Abweichungen*). Für die Datirung der 
Urkunden ist deshalb mit ihnen wenig anzufangen *); sie ist jedoch 
durch den historischen Zusammenhang hinreichend gesichert, und 
der Inhalt der beiden Urkunden ist der Art, daß ein Verdacht 
der Fälschung nicht aufkommen kann ^). Als 1265 das Albertinum 
zusammengestellt wurde und die Herzöge Albrecht und Johann 
ihre Siegel daran hiengen, waren das Ottonianum und, wie oben 
S. 298 gezeigt, das Hagenrecht die Vorlagen, die man benutzte "O- 

Unter die den Bürgern 1227 gewährten Gnaden außer Ind. 
und noch eine dritte Urkunde zu zahlen, nemlich die über die 
Vogtei der Altstadt % halte ich für unzulässig, solange wir über 
diese Gewährung nichts sicheres wissen. Sicher ist, daß eine 

1) ÜB. I n. 7. 

2) Winkelmann Bd. ü (1897) S. 63. 

3) HäDselmann S. 23. 

4) HänselmaiiD , das.; Mack, Deutsche Litt-Ztg. 1891 S. 1537; Keutgen, 
Aemter und Zünfte (Jena 1903) S. 197. 

5) So auch Uhlirz in Mittheüungen a. a. 0. S. 337. 

6) Von einem unechten Stadtrechte (Keutgen S. 253) l&ßt sich deshalh nicht 
sprechen. 

7) ÜB. I n. 6. 

8) Hänselmann S. 21. 



310 F. Frensdorff, 

Urkunde des Herzogs Otto I „super advocacia" existiert hat. 
Das oben S. 286 erwähnte Urkunden Verzeichnis von 1340 fiiliirfc 
sie auf*). Darunter aber die in einer schlechten Abschrift des 
16. Jahrh. überlieferte Urkunde des H. Otto von 1227^ zu ver- 
stehen^, ist nach Form und Inhalt bedenklich. Besonders auch 
weil sie nicht dem entspricht, was das Yerzeichniß über den Inhalt 
der herzoglichen Urkunde angiebt ; denn vollständig lauten dessen 
Worte: littera ... super advocacia consulibus censualiter 
data. Die Statute des 13. und 14. Jahrh. enthalten zahlreiche 
Beweise für die Fortdauer der herzoglichen Vogtei. Nach der 
angeblichen Schenkung der Vogtei an die Altstadt wurde 1279 
das Braunschwg. Recht zum Zweck der Mittfaeilung an Duderstadt 
zusammengestellt. Von einem Uebergang der Vogtei an den Rath 
ist nichts darin wahrzunehmen, eher noch eine Verstärkung der 
herzoglichen Vogtei. Wiederholt wird betont: vor unsis herren 
vogede^). Huldebriefe, Einzelstatute und Urkxmden bestätigen 
das Verbleiben der Vogtei in der Hand des Herzogs*). Nur die 
Einnahmen aus der Vogtei oder ein bestimmter Theil derselben 
wurden an die Stadt überlassen: eine wichtige Seite in dem 
Rechtsgeschäfte Ottos mit der Stadt, welche die Urkunde nach 
der Ueberlieferung des 16. Jahrhundert gar nicht erkennen läßt. 
Vielleicht wurde um den Anschein einer wirklichen Abtretung der 
Vogtei zu erwecken, die Urkunde des 16. Jahrh. hergestellt und 
die ächte des 13. Jahrh. bei der Gelegenheit beseitigt. 

Die statutarische Aufzeichnung nimmt wiederholt Bezug auf 
Rechtsgewährangen früherer Stadtherren, namentlich dessen, den 
sie „den alden herren'* nennt (60. 66), eine Bezeichnung, deren 
Deutung auf Heinrich d. L. Hänselmann sehr wahrscheinlich gemacht 
hat, und schließt sie alle mit in die Geltung des Ganzen ein. Eine 
directe Hinweisung auf das Hagenprivileg erblicke ich in den 
Worten : also gedan recht alse de borgere von Bruneswich hadden 
bi unses alden herren tiden an lande unde an watere, dat 
selve recht hebbe we nu von unses herren genaden (60). Haben 
diese "Worte ursprünglich den Schluß von gebildet und die Artt. 
61 — 66 die Natur von Zusätzen, so wäre damit an sehr passender 
Stelle auf die Jura Indaginis mit ihren Privilegien zu Gunsten 
der Schiffahrt und des Landhandels hingedeutet. 

1) ÜB. III S. 501. 

2) ÜB. U n. 75. 

8) Wie Heinemann I 308 und Hänselmann in der städtischen Festschrift v. 
1897 S. 5 thun. 

4) ÜB. II n. 294 art. 42. 43. 

5} Eine nähere Ausführung behalte ich mir für eine spätere Gelegenheit vor. 



lÜ 



Stadien zum Braunscbweigschen Stadtrecht. IL 311 

Nach ihrer juristischen Natur bilden Ind. und Gegensätze, 
aber sie ergänzen einander. Das Hagenrecht repräsentirt uns das 
12., das Ottonianum das 13. Jahrhundert. Darin liegt der große 
Werth der Jura Indag., und man giebt die ganze Bedeutung dieses 
Fundes, dieses werthvoUen Besitzes der Braunscbweigschen Rechts- 
geschichte, Preis, wenn man es zu einem Erzeugniß des 13. Jahr- 
hunderts herabdrückt und seinen Charakter in einer Nachbildung 
von erblickt. Aus dem eine Rechtsur künde wie Ind. „aus- 
zugestalten^, dazu hätte übrigens, beüäufig bemerkt, eine mindestens 
so große geistige Kraft gehört, als die Gegner dem Verfasser des 
zugestehen wollen und dem des Ind. absprechen. 

In der Fülle der deutschen Stadtrechte nehmen die beiden 
Braunscbweigschen Urkunden eine bevorzugte Stellung ein. Darf 
das Ottonianum als das älteste Stadtrecht in deutscher Sprache 
gelten, so kann das Hagenrecht zwar nicht den gleichen Platz 
unter den lateinischen Stadtrechten beanspruchen, aber unter den 
für niedersächsische Städte unternommenen Rechtsaufzeichnungen 
ist wohl keine, die ihm den Rang streitig machen könnte. In 
Westfalen geht ihm Soest vor, während das Privileg für Mede- 
bach von 1165^) ihm xmgefahr an Alter gleichsteht. 

Kann, um zum Anfang zurückzukehren, auch nicht die ganze 
Stadt Braunschweig als eine weifische Gründung gelten, so ist 
doch der Hagen eine solche, und es ist bezeichnend, daß sich für 
dies Weichbild ein Privileg, das sich auf den Gründer, Heinrich 
den Löwen, zurückführt, erhalten hat. 

1) Gengler, Stadtrechte S. 282; Keutgen S. 145. 



Untersuchungen zur Textgeschichte der Biblio- 
thek des Diodor. 

Von 

B. Laqueor. 

Vorgelegt von E. Schwartz in der Sitzung vom 27. October 1906. 

I. Der Parisfnus 1659 und der NeapolKanue III. B. 16. 

In seiner grundlegenden Ausgabe der Bibliothek Diodord 
teilte Wesseling Collationen des damaligen Parisinas 2062 mit. 
De La Barre hatte die Handschrift antersacht, wie Wesseling in 
der praefatio berichtet, nnd auf diesen Collationen beruhten auch 
weiterhin die Angaben Dindorfs in der großen Ausgabe (1828 ff.). 
Dindorf identificierte richtig den Parisinus 2062 Wesselings mit 
dem heutigen Parisinus 1659 und nannte die Handschrift E. Eine 
eingehende Untersuchung stellte sodann Jacob mit dem Codex an 
und veröffentlichte deren Resultate in den M^langes G-raux S. 626 ff. 
Aus diesem ihm zur Verfügung stehenden Material konnte Vogel 
(I. S. XU) den richtigen Schluß ziehen, daß E zu Beginn von 
Buch I und in Buch V in letzter Linie auf den Vindobonensis D 
zurückgehe, während in den dazwischen liegenden Partieen eine 
dem Vaticanus C nahe stehende Handschrift benutzt sei ^). Eine 
Erklärung fiir diese eigentümliche Tatsache konnte Vogel nicht 
geben und darum möchte ich hier auf dieses Problem eingehen, 
dessen Lösung für die Textgeschichte der historischen Bibliothek 
von besonderer Bedeutung ist. 



1) Der Text der 5 ersten Bücher Diodors hat sich anfzubauen auf dem 
Vindobonensis D, dem Vaticanus C und dem Vaticanus 996, den ich S nenne. 
Second&r muß für einige Partieen auch der Lanrentianos LXX, 1 herangezogen 
werden. 

Kf I. Qm. d. WIM. HMhriehtMU Plülolof.-kifUr. Umm 1906. Heft 4. 23 



314 ' ^ Laqnenr, 

£ ist eine Papierhandschrift des XVL Jahrhunderts, omfassend 
die Bficher 1 — 5, g^chiieben mit schwarzer Tinte, 30 Zeilen aof 
der Seite, von einem Schreiber. Rote Tinte ist verwandt zu 
den TJeberschriften, den Anfangsbuchstaben der ersten Worte der 
Argomente nnd zn den diesen beigeschriebenen Zahlen. Anf dem 
Deckblatt: di^odA^av ötxsXidnov tötoQÜci b' at MoXov^uvai flißlio- 
%i/pcri. Der Codex besteht ansschließlich ans Qninionen, nnd zwar 
im ganzen 22; doch ist der letzte, welcher die Folien 211 — 220 
nmfaßt, nur bis 218^ beschrieben, wo das 5. Bnch schließt. Eigen- 
tümlidier Weise setzt nnn die Stählung dieser Qninionen erst bei 
dem 4. ein. Anf FoL 31' steht a, 41': /5, 51': y . . . . 211': i». 
Die drei ersten Qninionen sind also weder gezahlt noch auch bei 
der Zahlnng der spateren berücksichtigt. Diese Beobachtung führte 
auf die Lösung der von Vogel au%edeckten Aporie. Es zeigte 
sich nämlich, daß gerade zwischen den Folien 30^ und 31' der 
Umschlag der Quelle eingetreten ist, von dem wir oben sprachen. 
Zum Zweck des Beweises lege ich das notwendige Material vor, 
indem ich, einem späteren Resultat unserer Untersuchung vor- 
greifend, außer den Collationen von £ auch die seiner Quelle, des 
Marcianus 374 = V, anführe^). 

Vogel L 98. 6. xtxvxa] taütag EV 

10. tiiv] fehlt EV 

11. &qv^b] &Qviav EV 
18. Tov] Tovrov EV 

20. fC/teroff] i^ßaxog EV 

21. 8v66fpo8an(ixri] 8v6eq>o8e6xaxti EV 

23. vevov6av\ ßkinov6av xal vevovöav EV 

99.11. nrjxmv] xrixiorv EV 

13. TOT)] fehlt EV. 

16. ain&v\ fehlt EV 

26. xa^Axi] xa^iTCBQ EV 

27. xfi^] fehlt EV 

6ag 
100. 14. SC iQstijv] 8i ixäcrig yf}g V 8C &nd6ag yi^gE. 

Mit den Worten ocal nagä rotg &XXoig (100, 24) beginnt in E 
Folio 31' und sofort trennen sich die beiden Handschriften: 
100. 27. ro6(wto W toöovrov WY 
101. 3. tiiv ISCav elxöva E r^v slxdva xijy ISiav V 

1) Wenn ich bereits in Paris auf diesen Weg gewiesen wurde, so Terd&nke 
ich das Tor allem Herrn Professor Bethe, der mir seine reichen Notizen über 
italienische Diodorhandschriften in freigebigster Weise zur Yerfugong stellte. Ihm 
sei auch an dieser Stelle mein herzlichster Dank ausgesprochen. 



UntersQcbongen zur Textgeschichte der Bibliothek des Diodor. 316 

4. ngb tilg rot) E xgbg iri} V. 

4 a. 6. 6B6A6XQidog E. esöomöiog V. 

4. iQxuQsifg E CsQBifg V. 

6. inBQtd^sncu E* imBQßißrpiB E"V 

8. i^iT^fl^ xol £i&9>pay^£l$ E fi6f^Blg V 

8. 6novda6Bw E* 6%ovdA6<o E*V 

9. XBiffd-Bifi xal ivaicoiiB^vri E Xsig>^Biri Y 

19. nach xoivmviav interpoliert E ^irv9>A(6di7 yÄp 
xol ^x^rvo^; in V fehlt diese Interpolation, die 
dann auch von E' getilgt wurde. 

20, iiv&oXoyov6i. E xad'oiioXoyovCi, V 

21/22. tb y&Q ^Bi^fia xatrixövttf^B W iv & xBiiia^öiisvög 
noxB xb ipBQÖiiBvov ^Br^fia xaxrpcövxi^B E^V. 

25. i^ipakBiag E noXvcogiag Y. 
Wir sehen also, daß E von den Worten xal xagä xotg äkkoig an 
auf eine andere Handschrift zurückgeht, und daß Y nur noch zu 
Correcturen herangezogen wurde ^). Wenn mithin mit Folio 31' 
ein Quellenwechsel eintritt, und eben der die Folien 31 — 40 um- 
fassende Quinio die Zahl a trägt, so mußte geschlossen werden, 
daß einstmals der Codex mit den Worten xal nccgä xotg &XXotg 
einsetzte und nachträglich erweitert wurde. Freilich sind auf 
Folio 30^ nicht solche Spuren nachzuweisen, wie man sie sonst 
wohl findet, wenn ein Schreiber auf gegebenem Raum bis zu einer 
bestimmten Stelle kommen muß, aber die ganze Partie ist gleich- 
mäßig enger geschrieben , als die folgenden Folien ') , und der 
Schreiber hat sich geschickt einzurichten gewußt. — 

Mit den inmitten eines Satzes stehenden Worten xal nagä 
xotg &XXoig konnte ein Schreiber seinen Codex nur dann beginnen 
lassen, wenn die von ihm als Quelle benutzte Handschrift eben 
bis zu diesen Worten zerstört war. Eine Handschrift, welche diese 
Bedingungen voll und ganz erfiillt, liegt uns nun tatsächlich noch 
vor, und zwar in dem Neapolitanus IIL B. 16. Ich nenne diesen 
bisher unbekannten Codex N. N ist eine Bombycinhandschrift 
des XIY. Jahrhunderts, geschrieben mit schwarzer Tinte, 27 Zeilen 
auf der Seite. Rote Tinte ist wie in E verwandt zu den Ueber- 
schriften, den Anfangsbuchstaben der ersten Worte in den Argu- 
menten und zu den diesen beigeschriebenen Zahlen. Auf dem 



1) Diese Correcturen finden sich, ziemlich zahbreich, bis Folio 60^ ; hier hören 
sie plötzlich auf. 

2) Unter Zugrundelegung der späteren Schrift hätte der Schreiber etwa 33 
Folien gebraucht, während er in Wirklichkeit mit 30 auskommt. 

23* 



316 R- Laqueur, 

heutigen Folio 1 beginnt N mit den von uns postulierten Worten 
xal^) nagä tolg Rkkotg (Vogel I. 100. 24), während er auf Folio 
201' mit den Worten xotilöai y^iy^iutza alg t^v (Vogel II. 81. 27) 
abbricht. Aber auch in der Mitte hat die Handschrift an 3 Stellen 
Verluste erlitten: 

1) Zwischen Vogel I. 175. 9 und I. 180. IB sind 2 FoUen 
ausgefallen; die dadurch entstehende Lücke wurde von 2. 
Hand auf 1 Folio (32) ergänzt. 

2) Zwischen Vogel I. 3B2. 20 und I. 411. 4 sind 24 Folien 
ausgefallen; der fehlende Text wurde von 2. Hand auf 14 
Folien (104—117) nach^tragen. 

3) Zwischen Vogel I. 485. 16 und I. 487. 26 ist ein Folio 
ausgefallen, die Lücke wurde von 3. Hand auf einem Folio 
(150) ergänzt. 

Also umfaßte die Handschrift ursprünglich von den Worten xal 
xagä totg &Xkoig bis xof/il^av ygäiiiiata alg r^ 212 Folien, von denen 
185 (31 + 71 + 32 + 51) erhalten und 27 (2 + 24 + 1) verloren sind. 
Diese 212 Folien verteilen sich auf 26 Quaternionen (1 —208) 
und ein Gebilde von 4 Folien (209 — 212), über dessen Wesen sich 
jedoch bei der Zerstörung des Codex nichts ausmachen läßt. Spuren 
einer Zählung der Quaternionen habe ich nicht aufdecken können. 
Da N erst mit den Worten xal xagä totg äkkoig einsetzt, so fehlen 
zu Beginn der Handschrift rund 2640 Zeilen des Vogelschen 
Textes. Ein Folio von N entspricht etwa 66 Zeilen, also ver- 
teilen sich die 2640 Zeilen auf 40 Folien, d. h. 5 Quaternionen. 
Wo diese Rechnung so glatt aufgeht, dürfen wir nicht daran 
zweifeln, daß N ursprünglich den Text von Beginn des 1. 
Buches gab, und daß durch mechanischen Verlust von 5 Qua- 
ternionen der heutige Zustand der Handschrift herbeigeführt 
worden ist*). 

Ueber den Wert von N spricht sich Cyrill mit folgenden 
durchaus treffenden Worten aus: Saepe textus corruptus depre- 
henditur ob frequentes notas, quae ex margine in textum ipsum 
irrepserunt; quod praecipue animadvertere debet quicumque hunc 



1) Wenn Cyrill im Catalog der griechischen Handschriften Neapels (U. 818) 
die Handschrift mit den Worten nagä toig &llots einsetzen läilt, so ist zu sagen, 
dail %al jetzt zwar stark verwischt ist, aber seine Spuren noch deutlich sind. 

2) Das Argument vor Buch I, das in allen Ausgaben steht, ist eine mo- 
derne Fiction. In N stand es natürlich eben so wenig, wie in allen andern Hand- 
schriften. Aber es ist bezeichnend für die Kenntnis der Diodorüberlieferung 
wenn Yogel zu dieser Erfindung des XYI. Jahrhunderts bemerkt: haec omnia 
desunt in D, argumentum aliud finxit A. 



Untersuchungen zur Textgescbichte der Bibliothek des Diodor. 317 



codicem alinnde minimam spernendum consulere velit. Die 
guten Lesarten, die Cyrill aufgefallen sind, stammen dnrcliweg 
aus dem Yaticanus 130 =? C, dessen bisher bekannte CoUationen 
in keiner Weise genügen, und darum erörtere ich zunächst das 
Verhältnis von N zu C, ohne auf £ Rücksicht zu nehmen. 

Die engen Beziehungen zwischen N und C erhellen aus einer 
großen Zahl von Stellen, wo diese beiden Handschriften gegen- 
über der gesamten Ueberlief erung *) zusammenstehen"). 



Vogel L: 
105. 6. rov xüQtcdsdoiidvov fehlt 

110. 10. itBQoi CN. [CN. 

110.12. tvdgaiva CN. 
111. 16. ngo^sritaxfo CN. 
164. 16. iiivmog CN. 

171. 15. nk€{6tovg CN. 

172. 16. eovöaviav CN. 

259. 13. diaXdttovtag CN. 

260. 26. tiiyBei}g{QtB.ttiid6ov) CN. 
262. 6. t&v (statt h&v) CN. 
262. 7. di,ag>vil CN. 
263. 25. nokXä rb xa»6Xov CN. 
270. 8. 6vyxivdwsve(u CN. 
528.22. inbtflgCN (tilg die ühT.) 

530.11. diaxoölovg fehlt CN. 
530. 22. diaXAtxovxa CN. 



109. 6. 81 fehlt CN. 

110.11. %oul6^m CN. 

110. 25. xov fehlt CN. 

162. 19. fufAmv (statt 6vUq<ov) CN. 
169. 17. ivsyQdifaiisv CN. 

172. 12. iidxQi' fehlt CN. 
258.29. xataetQiifav CN. 
260. 3. dl fehlt CN. 
261. 10. 6wdyovr6g CN. 

262. 8. fig i^'Stav CN. 

263. 2. d^ccvfiaöiav CN. 
270. 6. xcc^yoviiivov CN. 
273. 6. alQBtaL CN^ 

529. 23. inoiovvto y&Q CN. 
530. 15. vvv CN. 
630. 28. ÜQ&n^ CN. 



1) Füglich darf ich den Vaticanus Palatinus 423 aus dem XVI. Jahrhundert 
bei Seite lassen. In diesem aus mehreren Einzelhandschriften bestehenden Sammel- 
codex trägt Diodor die Spezialnummer 414. Im ganzen sind von Diodor erhalten 
3 Quatemionen, auf welchen der Text von Buch I bis ixal^ toh£ (Vogel I. 94. 8) 
steht, und dann noch ein einzelnes Folio, enthaltend die Worte ^ataiikvciLo^ 
(Vogel II. 115. 16) — %al xoig &lXoig %a%B%kriQo^%ric%v (ebda. 119. 12). Diese 
Handschrift, die uns also in sehr trümmerhaftem Znstand vorliegt, geht selbst- 
ständig auf den Vaticanus C zurück. Interessant ist die Tatsache, daß sich 
in dieser Handschrift die Trennung des Vorworts der Bibliothek (Cap. 1—5) und 
des eigentlichen Textes, wie wir sie in C finden, noch erhalten hat. Sollten vielleicht 
diese Bruchstücke nichts anderes sein, als Ueberreste der Ergänzungsblätter, die 
ursprünglich für den Neapolitanus bestimmt gewesen und dann hierher verschollen 
wären? (vgl das weiter unten Bemerkte). 

2) Das Material stammt aus den ersten und letzten Capiteln eines jeden 
Buches, die ich in allen Handschriften collationiert habe. Nur wo besondere 
GrüiMe vorlagen, wurden auch Stichproben aus der Mitte der einzelnen Bücher 
entnommen. 



318 ß Laqneur, 

531. 3. diffvwv CN. 531. 7. x£xxriiUvf(v CN. 

533. 4. XQOBxJ&iiuvov CN. 533. 8. pLci iyaxXvtbv CN. 

Vogel n. 1. 22. xotA rauriyv CN. 4. 4. Ixii^yraiir CN. 

6. 20. dl xavtas CN. 6. 22. oQMayiig nai xf^g CN. 

6. 8. iwdgog CN. 8. 18. ^ fehlt CN. 

Das durch diese Auswahl bewiesene enge Verhältnis der beiden 
Handschriften laßt sich genauer dahin bestimmen, das N in di- 
rekter Linie auf C zurückgeht. Indem ich vorausschicke, daß N, 
von einigen unwesentlichen Orthographica abgesehen, gegenüber 
C nie die ursprüngliche Lesart bewahrt hat, dagegen häufig ver- 
dorben ist, wo C die alte Lesart erhalten hat, gebe ich einige 
Fälle, die zeigen sollen, daß in N die Correcturen berücksichtigt 
sind, die in C von jüngerer Hand stammen. 

Vogel L 260. 1 hat C iaunig ausgelassen ; ein Leser conjiderte 
am Band ^ivhg^ das N in den Text aufnimmt. 

L 265. 20 lesen alle Handschriften, inclusive C\ duiqfvlitxBL] 

C* corrigiert dies in diccqyuXdxxov und so liest auch N. 
I. 273. 26 ist die allgemeine Ueberlieferung xavxti 81 fii^h 

In C wurde dh ausradiert und darum fehlt es auch in N. 
I. 267. 7 liest C^ mit der übrigen Ueberlieferung iQocßtxbv, 

C verändert in igQaßixbv, das auch N aufiiimmt. 
I. 104. 26/27 xoikov dl xagadedoiidvov C^D; xovxov dl naga- 

dedoiidvov C^ ; 
I. 260. 2/3 liest C xcd xa^dxsQ imnX6xidag cebxatg ixxeqnmdvtUj 
diese unverständlichen Worte strich ein Leser in C aus, und 
so fehlen sie auch in N. 
Wir werden bei der Besprechung der Literpolationen von N wahr- 
scheinlich machen, daß die durch diese Fälle bewiesene Abhängig- 
keit des Neapolitanus vom Vaticanus keine directe ist; minde- 
stens eine, inzwischen verlorene, Handschrift muß das Mittelglied 
gebildet haben,. Daß auch der Ergänzer der in N verlorenen 
Partieen, also N*, in letzter Linie auf C zurückgeht, wird durch 
folgende Fälle bewiesen: 

Vogel I. 175. 10 hat der Schreiber von C nach oivf indem 
sein Auge auf das ovv von Zeile 9 übersprang, xal fia^övxag 
xiiv ulxCav hinzugefügt und fuhr darauf richtig mit abxb 
xoiiiöavxag . . . fort. C nahm an diesem unsinnigen Satz 
mit Recht Anstoß; um ihn zu heilen, corrigierte er xol in 
xomovg und interpolierte nach aixiav: xccl, C* liest also 
si^vg oiv xoikovg {ucd'övxag xi[v alxCav xal ainh xofiiöavxag 
und diese auf Grund des verdorbenen Textes von C durch 
Conjectur gewonnene Fassung nimmt N* auf. 




UntersuchUDgen zur Textgeschichte der Bibliothek des Diodor. 319 

177. 9 hat C nach Xifiivog ans Zeile 8/9 tß iivQiidag txitBtg 
dh livgiovg xal dt6xiXiovg interpoliert. Ein Leser nahm an 
der Wiederholung Anstoß nnd tilgte tnxetg 81 iivgiovg xal 
ii^xiXiovg, ließ aber iß fivQtddag stehen, weil in C tstga- 
xo6iag (die Zahl der_ Schiffe) ausgefallen war. N* liest wie 
C i^ ivbg Xiiidvog iß iivQtädag. 

178. 23 liest C nQ&tov iihv oiv xoXXS>v 6dbv (liXkovöa diaxo- 
Q6iiB6^aiy C nahm richtig an noXX&v Anstoß nnd schrieb 
darüber ii(i8Q&v ^ TCoXXiiv d. h. er läßt dem Leser die Wahl, 
ob er noXX&v f^fUQ&v 6dbv oder TCoXXijv 6dbv lesen will. N' 
entscheidet sich für letzteres, während die richtige Fassung 
TCoXX&v i^iBQ&v 68bv ist. 

Daß auch N^ nur durch die Vermittlung eines inzwischen ver- 
lorenen Codex auf C zurückgegangen wäre, wie wir es von N* 
annehmen müssen, läßt sich nicht nachweisen. Im G-egenteil spricht 
vielleicht für die unmittelbare Abhängigkeit des Ergänzers 
eine interessante Randnotiz in C. Zu den Worten oi {lövov nagä 
totg [bqsvöiVj iXXä xal na^ä xolg äXXoig alyvnxloig (Vogel I. 100. 24) 
schrieb eine jüngere Hand: &%qi Tdd'(I) [bqbvciv. Das ist eine 
Anweisung an einen Schreiber, den Text von C bis tBQBv6iv abzu- 
schreiben. Da nun N mit xal xagä totg äXXoLg einsetzt, so paßt 
die Randnotiz für einen Ergänzer von N, und es ist wohl nahe- 
liegend, dies mit späteren Ergänzungen von N zu combinieren. 
Man müßte nur etwa annehmen, daß die zur Ergänzung dienenden 
Blätter verschlagen wären. (Vgl. S. 5 Anm. 1). Sicher ^) ist diese 
Combination nicht; es bleibt die Möglichkeit, daß C zur Ergänzung 
eines Apographons von N herangezogen werden sollte, so wie wir 
es von V nachweisen werden , und daß N* dasselbe Apographon 
von C zu Grunde gelegt hat, wie N*. 

Ist somit die Abstammung des Neapolitanus N von dem Vati- 
canus C festgelegt, so wenden wir uns jetzt seinem Verhältnis 
zum Parisinus E zu. Wir haben bereits oben festgestellt, daß 
der Parisinus E ursprünglich mit den Worten Tcal Tcagä rotg &XXoig 
begonnen hat, mit denen N einsetzt, seit er auf mechanischem 
Wege Quatemionenverlust erlitten hat. Schon in dieser Tatsache 



1) Herr Professor üülsen teüt mir gütigst mit, daß die Endpunkte der 
in N ergänzten 3 Partieen in C dadurch kenntUch gemacht sind, daß bei toig 
ßacUstoig xal xanenevaeev (180. 15) am Rand li<og &de steht, während 411. 4 und 
487.26 im Text resp. am Rand ein Strich gezogen ist. Dadurch ist die im Text 
ausgesprochene Vermutung, daß der Ergänzer yon N den Vaticanus selbst benutzt 
hat, bestätigt. [Nachschrift bei der Correctur]. 



320 R- Laqueur, 

liegt der Beweis, daß E ans N stammt. Zam Ueberfioß wird das 
ans der G-eschichte von E gewonnene Resultat dnreh die Einzel- 
nntersnchnng der beiden Handschriften bestätigt. Der Text von 
N ist, wie Cyrill hervorhob, durch das Eindringen zahlreicher 
Interpolationen entstellt worden. Ich gebe Proben: 

ilCd'slg] fjö^slg xal sifpQov^Blg. 
ksifp^eirl] XBLq>^sCri xal ivanoiieivq, 
xoivcovicev] %OLvmvCav' ixvtpkd}^ yä(f xal 

ixBtvog. 
il^Uaexöiisvog] i^ikaöxöiisvog xomiöxiv ei- 

(isvlg xovto TCBifi iavxbv noiovfisvog. 
vt^s^d'cu] vllB6%tti xai 7ck'6vB6^ai. 
XQtiönbv] %Qri6\ihv xaL xi[v iiavxsiav. 
{msQ<mxix&g] xmaQOXxtx&g Ttal ikcti/ovix&g. 
iflLvva6%m\ ifiiivaed'ai xal ti,fi<DQii6aC^(u. 
XSLQm^dvtog] xsiQfo^dvxog xal xgaxrfi'dvxog. 
inuix&g] imsix&g xal nffdcog. 
xoifg iivxxrigag'] toig iivxtUQag xal tag ^Ivag. 

Diese Interpolationen wurden von einer jüngeren Hand ge- 
tilgt; aber die Striche, mit welchen N' die Interpolationen unter- 
resp. durchgestrichen hat, sind teils sehr stark, teils so fein ge- 
zogen, daß nur ein scharfes Auge sie erkennen kann. Ich habe 
mir in Neapel vor der Handschrift notiert, daß von den eben an- 
geführten Interpolationen diejenigen von S. 101,8; 101, 9; 102, 2; 
102, 9; 102, 17; 103, 6 sehr fein durchgestrichen sind^), während 
bei den andern ein sehr starker Strich gezogen ist. Und nun 
zeigt sich, daß von den Interpolationen, die sich im Text von N 
finden, diejenigen in E übergegangen sind *), welche in N nur fein 
durchgestrichen oder unterstrichen sind, während alle andern, 
welche deutlich in N vernichtet sind, auch in E fehlen. 

Im weiteren Verlauf des Codex verschwindet der Unterschied, 
den wir zu Anfang constatieren müssen. Die Tilgungszeichen in 
N werden gleichmäßig, und die Folge davon ist, daß nunmehr 
regelmäßig alle die Interpolationen von'N in E übergehen, welche 
in N nicht getilgt sind, während alle andern fehlen. Ich gebe 



L. 


101 


. 8. 

9. 

19. 

24. 




. 102 


. 2. 
9. 
17. 
20. 
24. 
26. 




103. 


6. 



1) Bei der Stelle 101. 19 bin ich mir vor der Handschrift nicht darüber 
klar geworden, ob die Interpolation getilgt ist; ich führe das an, am zu zeigen, 
wie fein die Linien gezogen sind, 

2) Natürlich kommt nur E' in Betracht; nachträglich worden die Interpo- 
lationen in E auch getilgt, aber auf Grund der Yergleichung mit dem Marcianus V. 



UntersnchimgeD zur Textgeschichte der Bibliothek des Diodor. 321 

Beispiele aas den verschiedenen Teilen der Handschriften, begin- 
nend mit den in N getilgten Interpolationen. 

Vogel I. 165. 18. vea xal tbv vabv W vshv N«E. 

166. 14. d tatst Qitpivai xtd diatgi^at N^ diatstifi- 

<pivai N«E. 

167. 1. xcctaxaiv(D6t xal xaxax6^m6i N^ xataxaC- 

V(D6L N^E. 

170. 23. SiioQov xal yeitova N^ SfioQov N'E. 
17h 22. inlQQoia xal iniggoii W iniggota N*E. 

171. 28. exaöta xal xatä iiigog N' ixaöta N'E. 
174. 11. ngoöxöifaöav xal %go6xgo'66a6av N^ ngoö- 

x6Hfa6av N'E. 
176. 3. ivtavöiov dl xal xQOvtaiovJi^ iviavöiov dh 

N«E. 
176. 5. ^«oxv4{;ovtfa$ xal xontoiiöas N^ inoxvi' 

tov0as N«E. 
inavtövtag xal igxofiivovg N ^ ixaviivtag N*E. 
ya^iBlv xal Big ydfiov Xafißdvsiv N^ yafietv 

N»E. 
naigalBtui, xal doxtfidlBtat W itBigä^Btai N'E. 
cU^iOJt^ag fjyow itjföyovg N^ al^toxflag N*E. 
Xi^itbg xal %^B6i,v6g N^ %f^il6g N*E. 
yLBtä datta Tcal Big datta N^ fiBtä datta N*E. 
Bxovto xal i^xoAovO'otn/ N* Bxovto N*E. 
Xaßövtag tovti^tiv inb l^ivov dovXa)d'ivtag N^ 

Xaß6vtag WE. 
niXoig xal xBvtovxXoig N^ niXotg N'E. 
ixtix&g xal xaff il^iv xal did^B6iv l^(iovov N^ 

£xtix&g N*E. 
ßaöilda fjyow xgoxgivBi N^ ßaeiXia N'E. 
atgBi^Blg xal xgoxgii^Blg N^ atgBi^Blg N'E. 
diccitri tB xal diayayij N* diaitri ts N*E. 
i^T'X^/ifvov xal xviyöfiBvov N^ iyxö^iBvov 

N«E. 

Ich lasse nunmehr die Stellen folgen, wo in N die Interpo- 
lation nicht nachträglich getilgt warde, nnd wo sie sich daher 
anch in E findet. 

Vogel I. 166. 3. nach xax&v: Sti t& ävdgl fiBVBkdm didanuv 
fl iXivri q)dg(iaxov dt^ oi imXiffifuxnf yiyovB 
ndvt(ov &v ixa^B dt' ainifpf NE. 
166. 13. nBÖiov fjroi y^v tiva NE, 



175. 


7. 


262. 


10. 


263. 


9. 


269. 


26. 


269. 


27. 


269. 


27. 


269. 


27. 


270. 


3. 


271. 


19. 


272. 


26. 


273. 


6. 


273. 


9. 


273. 


9. 


273. 


28. 



322 K- Laquenr, 

170. 11. iXxifL€ov xai l6%vQ&v NE. 
170. 13, inr^Xw ml ^vov NE. 

173. 10. itegöfirixeg xal iitiXXay^iivov t& fiijxsi NE. 

174. 6. tifisvog xal vab$ NE. 

263. 13. xsQivavtia xal IXiyyov fisfftä NE. 
263. 16. XrlfifiatSi xal g)Q0vii(ia6iv NE. 

263. 23. iiiitätsig ocal diaöxdösig tov üdccrog NE. 

264. 4. ivaidriv xal iXev^iQog NE. 

264. 14. aAxoyidxfov fjyow xaöxdvayv xagiianf xal t&v 

Xoix&v NE. 
264. 21. ööxQioig fjyovv rrj xoyxvXrj NE. 
266. 1. xBvayAdsig xal ßoQßogmdBvg NE. 

269. 3. in^XvSBg xal livoi NE. 

270. 26. IXvog xai övQtpsxov NE. 

271. 20. nBQUönBiQa^kivoig xdi jtBQiiCBnXsyiiivoig NE. 

272. 8. öwri^Xtfii^ivrig^ tovxiötiv inh xifonf^g xai tii- 

n(ov idi(ov xiv&v &xofivrifiovsvoiiivaiv totg 
xäöi xad'^ ixdötip/ Stä xoivöxrixa NE. 

272. 26. avayivAöxovöij tovxi^xiv^ Znag ^iXovöi diy- 

liavetv xai xaQaärjX&öai 8iä rfjg öwri^eiag, 
^g i%ov6L %bqI tijv xön/ gcicoi/ Idiöxrixa, bIxb 
fpavXri bIxb iya^if^ iöxtvaüxt]^ xaiha ivaQy&g 
Stä ygafpfig fjxot Bixövog xön/ £(6g}i/ nagvö- 
tööi. NE. 

273. 4. x<ofidfi(ov xal öviixoöidicDv NE. 

273. 19. fiB^iöxfjöiv ' Söoi y&Q il^cDQiiovxOy tilg diä xov 

^avdxov xi^iimgCag iXvovxOj ixaxoxfxovvxo dh 
xij i^OQLa NE. 

274. 1. fiBLio) xov nXrifi^BXi/lfiaxog, dt' o6 ifiBXXBv Big 

i^OQiav öwBXa&fjvai NE. 
631. 1. öwayxBiag xaL 6vvriQBq>Cag xoiL nvxvöxrixog 
divÖQOiv NE. 

ivBifidvov xal dvaxBi^ivov NE. 
lö^libv Sg iöxi öxBvij xig yf^ xBiyLivq fidöov 
Svo ^aXa66&v NE. 
dvaQQayfjvM xal ixoxoxfivai NE. 
ivaxBnxa^dvov xal '}iicX(Ofiivov NE. 
dxQaxi/JQLOv j xovxiöxi %&6at, xal Big yf^v iiBta- 
^Bttl^aij 5itBQ ^ ^dXccööa ngöxBQOv NE. 

Vogel U. 3. 10. %BtQi6ii,& xal ^Bxa%Bt,Ql6Bi NE. 
ö. 11. ivi^QOxa xal &vaQOXQCa6xa NE. 



631. 


2. 


532. 


8. 


532. 


10. 


532. 


17. 


532. 


19. 



UntersuchoDgen zur Textgeschichte der Bibliothek des Diodor. 323 

6. 12. jtvQol xol ettoi NE. 

5. 13. iQi6xAqyvkov xal ixb (isydkmv etagyvk&v yivö- 
lisvov NE. 

5. 13. äiiBi xal oü^h NE. 

6. 9. inötofiog xal ixoTCixo^iivog NE. 
6. 11. &X6fi xal xata(pvtovg tönovg NE. 
6. 12. XHfißyiHxg xal xoQadsieovg NE. 

6. 12. €krj xal xadiiyQovg töxovg NE. 

Die Interpolationen verteilen sich, wie man sieht, gleichmäßig 
über den ganzen Codex N, aber nur, soweit N^ vorliegt. Weder 
N* noch N' interpoliert, und da auch E in den Partieen, in wel- 
chen die Ergänzer von N gearbeitet haben, keine Interpolationen 
hat, so ist bewiesen, daß^E ans N abgeschrieben worden ist, nach- 
dem in N die Lücken ausgefüllt waren"). 

Im Anschluß hieran sei noch auf einige Fälle hingewiesen, die 
zeigen, wie E seine Quelle N benutzt hat. In der Vorlage von 
N war zu nvQafiidmv (Vogel 1. 106. 12) am Rand notiert: t&v 
dCxTjfv nvQog i%ov0S)v tiiv xaxa07CBvi^v &nb na%vtiQ(ov &Qxofiiv(ov xal 
slg fJi'b i)g tb xvq kviyov0&v xal ix roO xvQbg XQo6ayoQ6vo(iivmv 
xvQa(iCd(ov. N interpoliet*te dieses Scholion in den Text und zwar 
an falscher Stelle nach intd, N' strich, um die Interpolation zu 
tilgen, die Worte bis kriyov6&v durch, während er das folgende 



1) Die meisten Interpolationen von N bestehen darin, daß ein Synonjmon 
oder eine Umschreibung durch xal an das überlieferte Wort angeschlossen worden 
ist. Wahrscheinlich standen - und das ist der Grund, weshalb ich eine Mittel - 
quelle zwischen C und N annehmen möchte — über einzelnen Worten in der von 
N benutzten Handschrift Scholien. An einigen Stellen sind diese Verhältnisse 
auch in N rein erhalten, so in dem Karkinoscitat (V. 5)', wo über düvai: ^hv- 
bX^bCv^ über (isXaiKpasCg: cnoteivohg u. s. w. notiert ist. Einige Scholien lassen 
sic:h bereits in C nachweisen. Zu Xiiniueoiv (I. 268. 16) ist am Rand notiert: 
Ifiltp^cc tb tpQ6vfiiucy Ifjpiuc tb d&Qov. N macht daraus Xi/ifuiaci xal tpifovi/ii/kaöiv. 
Zu &%Qodifioa)v (I. 264. 13) notierte C: ijtoi naatdvmv lucQvmv. N interpoliert 
nach aiftofidtmv : f^yovv macxdvtov naQ^mv %al t&v loin&v. Zu nCXois notiert C 
am Rand: nClov tb xoivdff %ivtw%Xov (I. 271. 19). K liest nCXotg %aX %Bvto{f%ko^. 
Den Worten cxvtdXoiq {vl^troi?, wie C* liest, resp. c%vxdXai9 ivXivaig^ wie C* 
verbessert, (1 276. 16) ist am Rand von C das Scholion beigeschrieben : oi>% öitoiois 
ttj Xanovinij «ntvraXtj* iM^vri ya^ ^vXov ^v nBQintnXtyiiivov CH^ei xal diQiiatiy 
dies steht in N im Text nach ducyoav^ovtai. Was N an Interpolationen bietet, 
die nicht in Scholien von C ihren Ursprung haben , ist durchweg wertlos. — Für 
eine Mittelquelle z¥rischen N und C sprechen vor allem auch Fälle, wie der oben 
zu I. 165. 3 notierte, wo eine kurze Inhaltsangabe, die sich nicht in C findet, 
in den Text von N geraten ist. Diese Notiz muB einmal am Rande gestanden 
haben, und da es nicht in C der Fall ist, so bleibt nichts übrig, als ein Mittel- 
glied zwischen C und N anzunehmen. 



324 ^' Laqaear, 

darch unterstreichen beseitigte. E verstand dies nicht nnd liest: 
nvQafiidatv t&v iv tots inxä xal ix xov nvgbg XQ06ayoQ€voiiivmv xv- 
Qa^kCdtav tols inifpavB6xAxotg igyotg igi^fiovfiivayv. 

Vogel n. 5. 19/20 läßt E t6 XQCjtstov — 8h tag aus; diese 
Lücke füllt in N gerade eine Zeile und zwar die letzte von Folio 
171^. Diese Beispiele werden genügen, um die Abhängigkeit des 
Parisinus vom Neapolitanus, die wir oben aus der Greschichte der 
Handschriften erschlossen haben, voll zu erhärten. Wie N gegen- 
über C, so ist E gegenüber N wertlos. Ich bemerke noch, daß 
irgend welche brauchbare Conjecturen weder in N noch in E 
stehen ^). 

Wenn der Schreiber von E seinen Text mit den Worten be- 
gonnen hat, mit denen N einsetzte, so hat er diese Handschrift 
doch nicht so weit benutzt, als es möglich war. Daß zu Beginn 
von Buch 5 N noch Quelle von E war, folgt aus den oben ange- 
führten Collationen. Der Quellenwechsel wird vorgenommen, als 
E mit Folio 200 an das Ende eines Quinio gelangt war und be- 
merkte , das N bald darauf abbrach. Vogel 11. 61. 9 läßt E mit 
N die Worte di — inxA aus, auf S. 62. 1 liest er ^SQivbg mit der 
D Elasse, wo N x^^M^P^^^^ bietet. Zwischen diesen beiden Stellen 
beginnt E mit den Worten aix&v iv (S. 61. 26) seinen neuen 
Quinio und greift zu einer andern Handschrift. 

Man wird es von vorn herein als wahrscheinlich bezeichnen, 
daß E wieder zu derselben Quelle greift, die er am Anfang be- 
nutzt hat, um den Text der in N fehlenden 100 ersten Teubner- 
seiten zu ergänzen. Dazu stimmte die allgemeine Lage der Hand- 
schrift und der Lesungen ; denn E stellte sich am Schluß , genau 
wie am Anfang, als eine der von D direkt oder indirekt abhän- 
gigen Handschriften da. Die Folgerung, welche ich aus diesen 
Tatsachen zog, erhielt eine ganz unerwartete Bestätigung in 
Venedig. 

Aus der Bibliothek des Bessarion kam im Jahre 1468 der 
heutige Marcianus 374 in den Besitz der Bibliothek von S. Marco. 
Vorn trägt die Handschrift die Notiz: 

öiodaQOv dix^Aot) Cöxoqlxov ßtßXia xivxe xä XQ&xa &v xb a?^ 

diUiQstxai Big dvo. itfxtv i^iov ßrfiöaQiayvog xagätiPiXecog rot) 

x&v xovöxkcDV. 



1) Auf eine allerdings schlechte Coiyectur von N sei hingewiesen, um Vogels 
Apparat zu der Stelle richtig zu stellen. I. 176. 1 lesen alle Handschriften: %al 
To^ äXXovg vo(ietg iv t& cx6yMti. Ein Leser von N fügte nach vo^L^ti üher der 
Zeile Un6vxa9 hinzu, das denn auch in E eingedrungen ist. 



Untersuchongen zur Textgeschichte der Bibliothek des Diodor. 325 

Diodori Sicali historici libri qainqae primi. est meas b. card. 
Tnscolaiii. 

Es ist eine Papierhandschrift in klein 4^, mit schwarzer Tinte 
geschrieben in der ersten Hälfte des XV. Jahrhunderts. 29 Zeilen 
auf der Seite. Rote Tinte ist verwandt zn den Ueberschriften, 
Snbscriptionen , den Initialen der Argamente und den diesen bei- 
geschriebenen Zahlen. Die Handschrift — ich nenne sie V — be- 
steht aus 31 Qnatemionen; diese sind gezählt und zwar finden 
sich die Zahlenangaben aaf Folio 1' und 8^ eines jeden Qnaternio. 
Vom 31. Qnaternio sind nur 2 Folien beschrieben, so daß der 
Text auf Folio 242' schließt. Ueber die allgemeine Stellung, die 
V in der Geschichte der Ueberlieferung einnimmt, muß an anderer 
Stelle gehandelt werden, hier hebe ich nur dasjenige hervor, was 
zur Beurteilung von E nötig ist. 

Wir haben gesehen, daß E von den Worten 9cal jtagä totg 
äkkoig (I. 100. 24) bis Qit&v xal Söa (ihv (II. 61. 26) sich der Hand- 
schrift N als Quelle bedient, während in den vorausgehenden und 
folgenden Teilen eine Handschrift der D Klasse zu Grunde gelegt 
war. Und nun finden sich in V gerade an diesen beiden Stellen 
eigentümliche Linien eingeritzt,, die weitläufig an die modernen 
Setzerzeichen erinnern. Die Linien sind nicht mit Tinte einge- 
tragen, sondern, wie ich. vermute, mit dem Fingernagel einge- 
drückt. Auf Folio 35', 6. Zeile welche Vogel I. 100. 24 entspricht, 
steht ikXä (xal nagä totg &lXoig] entsprechend erkenne ich auf 
Fol. 222^ 10. Zeile, welche den Text Vogel II. 61. 26 enthält, 
t&v ^if^(bv xal Zöa fihv) air&v iv iya^ yfj xifpvxBv, Wir sehen 
also, daß der Text von V, soweit E aus N schöpfte, gleichsam 
eingerahmt ist; wir haben mithin offenbar die Zeichen vor uns, 
welche dem Schreiber von E Anweisung geben sollten, bis zu 
welchem Punkte, resp. von welchem Punkte ab der Text von V 
abzuschreiben war. Schon in diesem umstand glaube ich den 
sicheren Beweis dafür erkennen zu dürfen, daß V Quelle von E 
gewesen ist, soweit nicht N seine Grundlage darstellt. An sich 
wäre ja auch die Möglichkeit denkbar, daß V zur Ergänzung 
eines zweiten Apographon von N bestimmt gewesen sei. Aber 
wir müssen diesen Gedanken deshalb sofort wieder fallen lassen, 
weil wir oben constatierten, daß E den Neapolitanus N nicht ganz 
ausschöpfte, sondern nur soweit, als er ganze Quinionen mit ihm 
anfüllen konnte. Das Zeichen auf Fol. 222"" kann in der Tat nur 
mit Rücksicht auf E eingetragen sein. 

Und zu diesem aus der Geschichte der Handschrift gewonnenen 
Resultat stimmen die Collationen vollständig. Ich nahm bereits 



326 ^' Laqueur, 

oben Veranlassung, darauf hinzuweisen, wie eng die Lesungen von 
E und die von V zu einander stehen, ehe E zu dem Neapolitanus 
gegriffen hat'). Dieselbe Beobachtung machen wir am Schluß, 
wo ich einiges hervorhebe. 

Vogel II. 62. 1. ^sQivbg EV. 

11/12. rotavT« fehlt EV. 
27. olxitcu EV. 

63. 18. ix tovrov EV. 

64. 4. xaporat EV. 

8. olxEtav xiiv XQÖtfotlfiv EV. 

12. 7tdxB6t xal fisydkoLg EV, 

21. in' i6i&xmv EV. 

24. xaJ ylvxikriTi tehlt EV. 

Endlich weise ich noch auf eine ganz schlagende Stelle hin. 
Vogel IL 117.12 steht V mit seiner Lesung der gesamten übrigen 
Ueberlieferung — den engsten Verwandten von V, den Ambrosianus 
J 110 sup.^), eingeschlossen — gegenüber, indem er liest: iviov 
äi (paöiv avtäg fiaxaQODv vilöovg ävoiidöd^av iicb Maxccgiog xal "Imvog 
TcaCS(ov tä)v dwa6t£v6dvt<ov avr&v^). So war der Satz sehr unklar 
und ein Leser von V fügte darum nach iitb ein t&v über der 
Linie hinzu, wodurch zwar der Inhalt ganz anders wurde, die 
Construction aber gewann: In E lesen wir, ebenso wie in A^), 
den Text von V mit dem von jüngerer Hand zugefügten röv. 



1) Zur Ergänzung trage ich Folgendes nach. Jacob a. a. 0. S. 527 hatte 
richtig beobachtet, daß E und der Coislinianus A, über den ich an anderm Orte 
berichten werde, Brüder sind. Ihre gemeinsame Quelle, den Marcianus V, kamite 
er aber nicht, und so wurde sein Urteü über den Wert der Genauigkeit beider 
Handschriften schief. E schreibt genauer ab, als A, welches vielfach, mitunter 
gut, conjiciert. &notayiuit€ov I. 2. 13 ist nicht Fehler von E, denn auch V liest 
so ; vielmehr ist änoxsvyfidtoDV gute Conjectur von A. tfjs insivtov I. 3. 6 hat V 
ebenso wie E. A conjiciert ra? iiis^vmv. roig almviov I. 5. 13. lesen E und V. 
A verbessert richtig rijg altovlav. intßovXljg und inißovXTiv I, 6. 26 und 28 
VE AS verbessert von A*; xQriain6tSQov I. 8. 8. VEA», slg noXX&v xgdvoiv 1.9.8 
VEA*; in beiden Fällen verbessert von A*; iiaxi(i6tata I. 9. 27 VE; A ist frag- 
lich. Also E giebt den Text von V reiner wieder, als A. Ich bemerke weiterhin, 
daß die von Jacob S. 529 angeführten, ebenso wie sämtliche andern Varianten, 
die E und A gemeinsam sind, sich in Y in gleicher Weise finden. 

2) In dem soeben ersrhienenen Katalog der griechischen Handschriften von 
MiirtiTii und BaRsi fuhrt er liiV Xr oöL 

B) al^rSv, waa au^er V und seinen A|>ographa, keine HaiidscLril't h^tt, viif- 
liankt «einen Unprung wohl dein Umstände ^ daß die Ueberlicferunf? zwischen 
^vva^fvedvjtov und Svvaijtw6prmp schwankt. Aus einer übergeBchriobeneö Virt- 
uole mag «e#r&v entat^uden sein. 

4) Ygl 3. m$ Antn. 1. 




Untersachongen zur Textgeschichte der Bibliothek des Diodor. 327 

So bestätigen denn die Lesungen von EV, was wir ans der 
Geschichte der Handschriften erschlossen haben, nnd ich darf es 
wohl als ein sicheres Resultat unserer Untersuchung betrachten, 
wenn ich zusammenfassend sage: E benutzte als Quelle den 
Neapolitanus N von Vogel I. 100.24—11. 61. 26, und zwar 
hatte damals N bereits dasselbe Aussehen, wie heute: d. h. die 
mittleren Partieen waren von jüngerer Hand, so weit sie fehlten, 
ergänzt. Für den Beginn von Buchl und für das Ende 
von Buch y bildete der Marcianus V die Grundlage 
von E. 

Der Parisinus E wird zum ersten Mal erwähnt in dem im 
Parisinus graecas 3064 erhaltenen Katalog der 50 Handschriften, 
die Hieronymus Fondulus im Jahre 1529 an Franz I nach Fon- 
tainebleau sandte '). Hier wird unter Nr. 18 unser Parisinus E 
mit den Worten: diodAgov öixekiAtov nivxB xä ngSna angeführt. 
Wir finden den Codex wieder unter Nr. 9 in dem Katalog der 
Handschriften von Fontainebleau, der zwischen 1544 und 1546 
gemacht wurde'). Auch die späteren Kataloge erwähnen durch- 
gehends unsem Codex. Ich hebe daraus nur hervor, daß der 
Hauptkatalog von Fontainebleau, der E unter 159 anführt, ihn 
außerdem als diödwQog /l bezeichnet ~ dies J steht noch heute 
auf dem Deckblatt der Handschrift. Als schließlich bei der Ver- 
legung der Bibliothek von Fontainebleau nach Paris unter Karl IX 
die Handschriften von neuem katalogisiert wurden, erhielt E die 
Nr. 521 \ — Wir wissen, daß Hieronymus Fondulus, dem Franz I 
unsern Diodorcodex zu verdanken hat, fast ausschließlich in Ve- 
nedig tätig war^). Da wir nun oben festgestellt haben, daß E 
aus dem Marcianus V stammt, der seit 1468 nachweislich in Ve- 
nedig ist, so wird man wohl vermuten dürfen, daß Hieronymus 
Fondulus die Copie anfertigen ließ. Tatsache ist jedenfalls, daß 
um die Zeit, in welcher Hieronymus in Venedig weilte, oder 
doch nur kurz vorher E in Venedig geschrieben wurde. Daraus 
folgt aber weiterhin, daß auch der Neapolitanus N, der in gleicher 
Weise wie V von E benutzt wurde, um das Jahr 1500 in Venedig 



1) Ueraosgegeben von Omont, Catalognes des manuscrits de Fontainebleau 871. 

2) Aach dieser ist erhalten im Parisinus 8064 und von Omont herausgegeben 
worden (a. a. 0. 355 ff.). 

8) Omont (a. a. 0. 447). Dem gelehrten Herausgeber des Katalogs ist ein 
Versehen bei der Identification der Diodorhandschriften unterlaufen, das ich hier 
berichtigen möchte. Der ^iMdta^oi T ist = 158 des großen Katalogs; B = 157; 
A = 156; ä = 159. Bei Omont sind aUe diese Ziffern um 1 SteUe zu hoch. 

4) Vgl. Boivin bei Delisle, Cabinet des manuscrits I. 151. 



328 R- Laqueur, 

war. Allerdings ist es mir nicht gelungen, in den alten Kata- 
logen von Venedig den Neapolitanas nachzuweisen. Tomasini, 
dem wir unsere Kenntnisse von Venedigs Bibliotheken im we- 
sentlichen verdanken ^), führt außer den jetzt in der Marciana be- 
findlichen Diodorhandschriften nur zwei an. Die eine (Tomasini 
S. 99) : „Diodorus Siculus 4. membran.^ war im Besitz des Alexander 
Ziliolus (l. Hfte des XVU. Jahrhunderts). Sollte wirklich hier 
ein griechischer Codex ^) gemeint sein, so war es sicher nicht der 
Neapolitanus , der eine Bombycinhandschrift ist. Die zweite, von 
Tomasini S. 110 erwähnte Diodorhandschrift war im Besitz des 
Vincentius Grimani, unter dessen Büchern „Diodori historia et 
Apollodori bibliotheca graec. fol.^ angeführt wird. Diodor und 
Apollodor erscheinen, zu einem Codex verbunden, nur in dem 
Parisinus 1658, und auch hier ist die Verbindung keine organische, 
sondern ein aus dem 16. Jahrhundert stammender Diodorcodex ist 
mit einem Apollodor aus dem 16. Jahrhundert rein äußerlich zu- 
sammengesetzt worden*). Ich vermutete sofort, daß die Hand- 
schrift des Grimani und der Parisinus 1658 identisch seien. Der 
Parisinus 1658 stammt aus dem Besitz des Triebet du Fresne, 
der als Bibliothekar der Königin Christine von Schweden in Italien 
reiste. Seine Handschriften, die in die Nationalbibliothek ge- 
kommen sind, findet man zusammengestellt von Omont (Inventaire 
des manuscrits grecs XCII). Vergleicht man den Tomasinischen 
Katalog der Handschriften des Vincentius Grimani und den Omont- 
schen Katalog der Triebet du Fresne's, so kann an der Identifi- 
cation der beiden Sammlungen kein Zweifel sein, wenn auch einer- 
seits einige Handschriften Grimanis bei du Fresne fehlen, anderer- 
seits bei diesem Codices nachweisbar sind, die Grimani nicht hatte. 
Ich führe Grimanis griechische Codices an und setze die ent- 
sprechenden Nmnmern im Katalog du Fresne's und in dem Omonts 
in Klammern bei. 



1) Tomasini, bibliotbecae Venetae manascriptae Utini 1650. Die Indices 
sind vollkommen ungenügend und vor ihrer Benatzung ist eindringlich zu warnen. 

2) Ziliolus besitzt im übrigen ausschließlich lateinische und itaUenische 
Bücher. Dazu kommt, daß wir von allen erhaltenen Pergamentcodices nachweisen 
können, wo sie zu Beginn des XYII. Jahrhunderts waren. Daß aber nachher 
noch eine Handschrift verloren gegangen sein sollte, glaube ich nicht recht. 
Wahrscheinlich besaß Ziliolus eine Uebersetzung Diodors. 

3) Mit dem Beginn des Apollodortextes setzt eine neue Quatemionenzäh- 
lung ein. 



Untersuchungen zur Textgeschichte der Bibliothek des Diodor. 329 

Paulas Aegineta [10. 221B] 

Evangelia cum comment. Chrysost. Titi et alioram [5 — 6. 201] 

Theophil, in Matthae. [3. 205] 

Galeni opera [12. 2156] 

De terrae motu et reb. metheor. [8. 1991] 

Nicolai Calconditae histor. Turcarum [13. 1726] 

Theodori Staditae opera [11. 891] 

Demosthenis orationes [36. 2935] 

Polybü fragmenta [31. 1650] ^) 

Maximns Monachns [47.' 886] 

Emannelis Moscopuli, Synesii Theoduli et Cyprii opera 

[23—27. 2629] 

Scolarii orat. et alia [28. 1191 1 

Photii bibUotheca [32. 1226] 

Photii de rebus eccles. in membr. [34. 1324 (?)] 

Diodori historia et Apollodori bibÜotheca [20. 1658] 

Heronis Spiritalia et alia [14—18. 2428] 

lamblichus: ^sbg 6 t&v = de mysteriis [9. 1978] 

Astrologia diversorum [52. 2397] 

Strabonis geograph. [38. 1408] 

Psalmista graec. lat. [48. 31] 

Acta concilii Florent. [29—30. 423] 

Vita Euripidis [44. 2808] 

Officium recitand. in festis [43. 335J 

Themistius [40. 2050] 

Die übrigen von Tomasini [als griechisch^) aufgeführten Co- 
dices sind entweder zu ungenau beschrieben, um sie bestimmt 
identificieren zu können (opera diversorum graeca; opera Jo. Chry- 
sost.), oder doch für uns verschollen, wie ein Libanius. Jedenfalls 
ist deutlich, daß die Handschriften der G-rimanischen Bibliothek 
nur in Paris zu finden sind*); der in Venedig gesuchte Neapoli- 
tanus ist dort nicht nachweisbar. Moglicherweise war er in der 
Mardana, aus der manche Handschriften verschwunden sind ^), aber 



1) Das bei Toroasini hinter Polybü historia gedruckte antiqaas bezieht sich 
aof die vorangehende Demostheneshandschrift (XI. Jahrhundert). 

2) In dem Katalog erscheinen griechische und lateinische Handschriften, 
Originale und Uebersetzungen durcheinander. 

3) Es sei hier darauf hingewiesen, daß nachweislich der Parisinus 1668, 
soweit er Diodor enthält, aus dem Marcian. append. VIL cod. VH (ehemals in 
S. Giovanni e Paolo) abgeschrieben ist — d. h. eben in Venedig. 

4) Castellani. Atti del R. Istituto Yeneto di Scienze lettere ed arti 1896/7 
811 ff. 

KffL Qaf . d. WiM. NMhriohtott. PkUolog^kiitor. EUot 1906. H«ft 4. 24 



330 R- Laqueur, Untenachangen z. Textgeschichte d Bibliothek d. Diodor. 

aach eine der zahlreichen kleinen Bibliotheken, über deren Unter- 
gang wir eben so schlecht unterrichtet sind, wie über die Be- 
stände der in Keapel zusammengeflossenen Bibliotheken, mag den 
Codex geborgen haben ^). 



1) Da N nach gütiger Mitteilung von Herrn Martini zu den von Paul III. ge- 
sammelten Handschriften gehört, so steht auch Ton dieser Seite unserer Annahme 
nichts im Wege. 



Ueber den Namen Göttingen. 

Von 

Leo Heyer. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 24. November 1906. 

In dem weiten Gebiete indogermanischer Wortbildong machen 
in Bezng anf etymologisches Verständniss im Allgemeinen die 
größesten Schwierigkeiten die Eigennamen, das heißt die Be- 
nennungen einzelner Individuen. Dabei aber handelt sichs vor- 
wiegend mn Personennamen und um Ortsnamen. Gar manche 
unter ihnen erscheinen auf den ersten Blick allerdings etymolo- 
gisch ganz verständlich, daß damit aber die wirkliche Erklärung 
durchaus noch nicht gegeben ist, das zeigen beispielsweise Personen- 
namen wie Kaiser ^ König, Papst ^ Bischof , Hereog, Graf und andere^ 
die durchaus nicht etwa erweisen, daß der betreffende Stammvater 
wirklich Kaiser, König und so weiter gewesen sei. Man darf im 
Allgemeinen behaupten, daß von wirklicher Erklärung eines Eigen- 
namens nur die Rede sein kann, wenn sich feststellen läßt, zu 
welcher Zeit und von wem ein Eigenname gegeben worden ist. 

Doch aber läßt sich nach vielen Sichtungen auch eine mehr 
oder weniger große Wahrscheinlichkeit der Erklärung von den 
Eigennamen gewinnen. Bei umfangreicherer Betrachtung von 
Eigennamen ergeben sich wohl manche mehr oder weniger reiche 
Gruppen von Bildungen, deren Gleichartigkeit sich gar nicht ver- 
kennen läßt und die in dieser Gleichartigkeit auf ganz bestimmte 
Bildnngsgesetze hinweisen. 

Neben zahlreichen Ortsnamen mit dem Schlußtheil -feld, wie 
Zdlerfeld, Elberfeld, Dransfeld, Kreftld, JUatisfeld, giebt es auch 
manche, deren Schlußtheil -felde lautet, wie Bursfelde, Bodenfelde, 

24* 



332 Leo Meyer, 

Mollenfdde, Leinefelde, Lichter felde, Barfelde, Heiligenfelde, Bartol- 
feldej Friedrichsfdde, Oebisfelde, Blanhenfelde, Grafeide (im Kreise 
Alfeld), Lasfelde, Rehfelde^ Hasselfelde, Siptenfelde, Parsfelde (im 
Harz), Heisfelde (bei Leer), Eothenfdde (bei Osnabrück), Birken- 
felde, Langenfelde (unweit Altona), Marienfelde, Honigfelde, Obern- 
fdde, Steinfelde, Mentedsfelde (unweit Lippstadt), Neuenfdde, Oestring- 
felde (bei Jever), Vorsfelde, Hirschfelde, Bochsfelde und andere. 

Ganz ähnlich wie solche Bildungen auf -felde und -fdd liegen 
neben einander solche auf -berge und -berg, wie zum Beispiel Heidel- 
berg, Andreasberg, Hereberg, Königsberg und auf der andern Seite 
Lippoldsberge, Wittemberge, Baalberge (bei Köthen), Weinberge (bei 
Liebenwerda), Günthersberge (im Ostharz), Finkenierge, Hoberge (bei 
Bielefeld), Cadenberge, Kälkberge (bei Berlin), Hereberge (bei Berlin), 
Hausberge (bei Minden). 

Und weiter lassen sich hier auch noch Doppelformen anfuhren 
auf -^ald und -toalde, wie beispielsweise Greifswald, Osterwald, 
Steuerwald und auf der anderen Seite Gierswalde, Eberswalde, 
Ärnswalde, Rügenwalde, Julienwalde, Heinrichswalde (in Preußen), 
Hauswalde (anweit Elbing), Finsterwalde, Freienwalde, Friedrichs- 
walde, Neuenwalde, Stefanswalde, Gottswalde (in Ostpreußen), Eich- 
walde, Königswalde, Altenwalde (im Lande Hadeln), Friedewalde, 
Regenwalde (in Pommern), Sonnenwalde, Fürstenwalde, Ringenwalde, 
Neumittelwalde, Leisenwalde, Sommerswalde, Tillwalde, Lichtenwalde, 
Kaiserswalde, Steffenswalde, Hertigswalde, Luckenwalde, Grünewalde 
(bei Schönebeck). 

Warum im einzelnen Fall die einfache Wortform oder die 
Form auf e sich endgültig festgesetzt hat, wird sich schwer be- 
stimmen lassen, und vielfach wird sicher auch ein Schwanken nach 
der einen oder andern Seite vorgekommen sein, wie zum Beispiel 
neben Greifswald aus alter Zeit die Nebenform Grippiswalde bei- 
gebracht wird. Uns genügt hier auszusprechen, daß die ange- 
führten Formen auf e nicht etwa bewahrte alterthümliche Formen 
auf einen auslautenden Vocal sind — Feld würde auch schon 
gothisch einsilbig lauten *ßth, Berg gothisch *bairgs — , sondern die 
Wortschlußtheile -felde, -berge, -walde sind dativische Formen, die 
aus dem lebendigen Gebrauch der Sprache entnonmien und so 
gleichsam erstarrt sind. 

Es kann ja ausgesprochen werden, daß alle Ortsnamen , mag 
man sie auch an und für sich in ebenso mannichfaltigen Satz- 
gestaltungen wie beliebig andere substantivisch selbständige Wörter, 
also in jedem verschiedenen Casus, denken können, doch natürlicher 
Weise tausendmal häufiger, als irgend wie anders, in localer Be- 



über den Namen Göttingen. 333 

deutnng gebraacht werden. Dabei aber überwiegt im Deutschen 
durcbaas die dativische Form, das heißt immer inVerbindong mit 
Präpositionen. Während der Römer sagt Romam proficisd, RonMe 
viverCy Roma vinit, heißt es im Deutschen „nach der Stadt Rom 
reisen, in der Stadt Rom leben, er kam von der Stadt Rom^. 

Besonders hänfig and besonders deutlich tritt diese dativische 
Bildung bei den Ortsnamen entgegen, die mit einem Adjectiv an 
erster Stelle zusammengesetzt sind, wie zum Beispiel im Namen 
Rothenburg, Man kam eben „von der rothen Burg, weilte auf der 
rothen Burg, begab sich nach der rothen Burg^. Andere Beispiele 
sind Weißenburg ^ Blankenburg, Oldenburg, ÄUenburg^ Liebenburg ^ 
Wittenburg , Langenburg , Hohenburg , Festenburg , Neuenburg ; — 
Schwär eenberg, Lichtenberg^ Schar feriberg^ Oldenberg, Ältenberg^ Lan- 
genberg^ Hohenberg^ Heiligenberg (in Hessen), Wittenberg, Altenberg, 
Liebenberg; — Rothenkirchen, Neuenkirchen, Hohenkirchen (bei Cassel), 
Obemkirchen, Ältenkirchen; — Heiligenstadt, Seligenstadt; — Weißen- 
fds, Lichtenfels, Hohen fels; — Lichtenstein, Altenstein, Breitenstein, 
Scharfenstein^ Hohenstein, Dürrenstein] — Gelbensande; — Breiten- 
bach] — Großenhain; — Langendamm, Heiligendamm; — Blankenheim, 
Langenheim; — Langenfeld, Breitenfeld, Neuenfelde, Heiligenfelde, 
Rothenfelde; — Neuenwalde, Altenwalde, Freienwalde, Heiligenwald, 
Lichtenwalde; — Rothenbrunnen (inG-raubünden), Weißenbom, Kalten- 
bom, Lichtenborn, Schwär eenborn; — Rothenmoor; — Neuenhaus; — 
Lichtenhagen, Langenhagen, Freienhagen; — Kaltenweide; — Rothen- 
ditmold] — Neuenhof; — Langenbrügge ; — Großenrode; — Heiligen- 
see, Langensee, Weißensee; — Hohendorf, Altendorf; — Hoheneiche; 
— Langensalza; — Altenbruch; — Weißenthumt; — Lautenthal, 
Deutschenthal; — Altenwied] — Alteneaun (in der Altmark); — 
Grünenplan; — Heiligenhafen; — Hannover, das in hochdeutscher 
Form Hohenufer lauten würde; — Neuendettelsau, }Mttenau, Altenau. 
Als ich einst mit zwei lieben Freunden im Harz auf dem Wege 
von Clausthal nach Altenau war, fragten wir eine begegnende 
ältere Frau, ob wir auf dem richtigen Wege nach Altenau wären, 
und sie erwiderte: „ja dort kommen Sie nach der alten Au^. Sie 
gebrauchte also den Namen nach ganz nach der alten lebendigen 
Weise. 

Besonders deutliche dativische Formen liegen auch noch vor 
in den zahlreichen Ortsnamen auf -hausen. Woher diese Form, 
die in unserer Flexion des Wortes Haus, das in jenen Namen doch 
gar nicht verkannt werden kann, gar nicht mehr vorkommt? In 
weitestem Umfang nehmen unsere einsilbigen neutralen Substantive 
zur Bildung des Plurals ein suffixales er an, das ursprünglich mit 



334 Leo Meyer, 

der Flnralbildimg als solcher gar nichts zn thnn hat, sondern von 
einer kleinen Grrappe mit jenem Snffix gebildeter Nominalformen 
aasging, später aber immer weiter nm sich griff nnd geradezu 
plaralbildend aufgefaßt wurde, ganz ähnlich wie zum Beispiel 
Pluralformen wie Ochsen, Grafen, Buben und andere uns wohl den 
Eindruck machen, in dem en ein pluralbildendes en zu enthalten, 
in ihm aber ursprünglich vielmehr ein nominales Suffix enthalten, 
neben dem die Suffixe des pluralen Casus früh eingebüßt wurden. 
Im Mittel- und Althochdeutschen haben die einsilbigem Neutral- 
substantive im Nominativ (nnd Accusativ) in der Regel gar kein 
Casuszeichen mehr und so lautet zum Beispiel zu unserm Kind 
der althochdeutsche Plural auch Kindj der mittelhochdeutsche Kint 
(daneben auch schon Kinder). 

Das allmähliche weitere Umsichgreifen des suffixalen er in den 
Pluralformen findet seine natürliche Erklärung in dem Bedür&ifl, 
den Nominativ (und Accusativ) des Plurals von dem des Singulars 
in der Form deutlicher zu unterscheiden. 

Der plaraldativische Ausgang -hausen entspricht seinem Inhalt 
nach genau unserm Häuseru, so daß also zum Beispiel der Orts- 
name Friedrichshausen (im Solling) für uns seine Erklärung findet 
in Wendungen, wie „er kam von Friedrichs Häusern, er war in 
Friedrichs Häusern, er begab sich nach Friedrichs Häusern^. Das 
'hausen aber weist in die sehr alte Zeit zurück, wo die Pluralform 
zum Substantiv Haus noch ohne das suffixale er gebildet zu 
werden pflegte. 

Daß die Ortsnamen auf -hausen im Allgemeinen schon sehr 
alt sind, ergiebt sich wie insbesondere aus der soeben erläuterten 
Form an und für sich, weiter auch deutlich daraus, daß die meisten 
nicht ihre Erklärnng gleichsam deutlich an der Stirn tragen, wie 
es zum Beispiel das oben angeführte Friedrichshausen thut. In 
ihm ist ganz deutlich der Ort nach einer Persönlichkeit genannt 
und ebenso, darf man vermuthen, wird es überhaupt bei den Orts- 
namen auf 'fuxusen der Fall gewesen sein. An solchen, in denen 
dieser Ursprung noch ganz deutlich ist, wird man anführen dürfen: 
Wiebrechtshausen (bei Northeim) , Waltershausen , Sieboldshausen, 
Cruntershausen , Wolframshausen , Lippoldshausen , Landolfshausen, 
Hüdburijhausen^ Älbrechtshausen (bei Catlenburg), Wollbrechtshausen, 
BadolfsJiausen, Lutterhausen^ Deppoldshausen , Wolbrandshausen, Lu- 
dolfshausen und andere. 

Besonders zahlreich ist diese Art der Ortsnamenbildung in 
der engeren und weiteren Umgebung Göttingens vertreten, wie in 
Herherhausen, Ellershausen, Ediehausen, Hetjershausen, SeUmarshausen, 



über den Namen Göttingen. 385 

Mengershausen, Bishausen^ Eddigehat^sen, JReyershausen, Giershausen, 
Stockhausen, Beinhausen, Ballenhausen, Sudershausen, Bülingshausenf 
Bösiehausen, OeUiehausen, Benniehausen, Bischhausen, Bittmarshausen, 
Sattenhausen, Grermershausen , Wüeenhäusen, CHeboldehausen , Bits- 
hausen, Elvershausen, Schwiegershausen, Wollershausen, Thüdinghausen, 
Volpriehausen, Wachenhausen, Berwartshausen, Bdliehausen, Uessing- 
hausen, Werliehausen, Bernshausen, Reifenhausen, Ateenhausen, Dinket- 
hausen, Allershausen, Reitliehausen , Sievershausen, Dankershausen, 
Embshausen und anderen. 

In manchen Formen ist das alte -hüsen zu einfachem sen ver- 
kürzt, wie in Hardegsen, Adelebsen, Hettensen, Bollensen, Lödingsen, 
Bennigsen, Holtensen, Pattensen, für das, wie mir von befreundeter 
Seite mitgetheilt wird, ein altes Pattenhüsen nachgewiesen ist. 
Doch verfolgen wir das hier nicht weiter. 

Ans Ernst Förstemanns Altdeutschem Namenbuch (Band 2, 
zweiter Auflage, 1872), dieser reichsten Fundgrube für deutsche 
Namenforschung, die aber nur die Namen verzeichnet, die bis zum 
Jahre 1100 nachgewiesen sind, ergiebt sich, daß die zahlreichsten 
deutschen Ortsnamen die mit dem Schlußtheil -heim sind, wie 
Hildesheim, Mannheim, Eüdesheim, Oeisenheitn und die übrigen. 
Die Namen mit dem hüs (Haus) im Schlußtheil stehen in Bezug 
auf ihre Häufigkeit erst an dritter Stelle. An zweiter aber stehen 
die Ortsnamen auf ingen, von denen noch einiges zu sagen ist. 

Wörter mit suffixalem ingen — von geringeren Schwankangen 
in den Formen sehen wir hier ganz ab — giebt es im Deutschen 
nicht, abgesehen eben von den Ortsnamen und hier und da aus 
ihnen auch wieder hervorgegangenen Personennamen. Im Gebiete 
der Ortsnamen aber sind die Formen auf ingen ursprünglich ebenso 
wie die auf hausen (hüsen) plurale Dative, mit ihnen aber werden, 
während in den Namen auf hausen deutlich Oertliches bezeichnet 
wird, ursprünglich Persönlichkeiten bezeichnet. 

Das plorale ingen führt auf ein singulares ing zurück, von 
dem im Allgemeinen zu bemerken ist, daß es, abgesehen von den 
im Allgemeinen nur sehr modernen Formen auf ling, wie LiMing, 
Flüchtling, Feigling, Wüstling, Neuling und anderen, in neuhoch- 
deutschen gewöhnlichen Wörtern sehr selten ist, etwas häufiger im 
Mittelhochdeutschen, wieder etwas häufiger, aber im Ganzen doch 
auch nicht übermäßig häufig, im Althochdeutschen, wie Jacob Grimm 
im zweiten Theile seiner deutschen Grammatik (Seite 360 und 
352) nachweist. 

Sehr beachtenswerth aber ist, daß das suffixale ing außer- 
ordentlich häufig in Personennamen auftritt und zwar bis ins 



336 Leo Meyer, 

neuhochdeutsche Gebiet hinein. So führt zum Beispiel das Adreß- 
buch der Stadt Hannover für dieses Jahr ihrer über 600 auf. 
Das muß seinen Grund in besonderer Bedeutung der Wörter auf 
ing haben, es muß diese Bedeutung sich vorwiegend auf persönliche 
Verhältnisse beziehen. Und so ist es am deutlichsten noch der 
Fall im Angelsächsischen, wo das suffixale ing gai^ gewöhnlich 
patronymiscb gebraucht wird« Jacob Grimm führt als Beispiel 
unter andern die Reihe an: ida väs eopping (das ist ,Ida war der 
Sohn Eoppa's'), eoppa esing (,Eoppa war der Sohn Esa's'), esa inging, 
inga angenvitingf angenvit alocing, aioc h'eonocing, beonoc branding, 
brand baeldäging, baeldäg vödening y vöden fridhovulfing , fridhovtdf 
siuning^ siun godvulfitig, godvulf geäting (,der Sohn des Gedt oder 
Gedta'). 

Es kann nicht wohl bezweifelt werden, daß die patronymische 
Bedeutung des suffixalen ing nicht auf das Angelsächsische be- 
schränkt, sondern in früherer Zeit auch über das weitere ger- 
manische Gebiet ausgebreitet gewesen ist. So darf man als Grund- 
lage für alle die zahlreichen Personennamen auf ing und damit 
auch für die aus ihnen hervorgegangenen Ortsnamen auf ingen also 
auch Personennamen muthmaßen. 

Dabei aber ist noch ein besonderes zu bemerken. Als Haupt- 
regel für alle echten deutschen Personennamen, wie dann auch 
für alle indogermanischen Personennamen überhaupt, gilt, daß sie 
aus je zwei Theilen zusammengesetzt sind, wie man es auch noch 
in der großen Fülle der neuhochdeutschen Namen erkennen kann, 
wie Oottfridj Friedrich^ Wilhelm, Konrad, Ludtvig, Rudolf, Gerhard, 
Hartmann, Otfried, Bernhard, Herbert, Hermann, Albert, Helmbrecht, 
Arnold, Berthold, Dankwart, Reinhard, Wolfgang, Siegfried, Crünt-her, 
Walt'her, Reinhold, Oswald, Roderich, Robert, Erhard, Erwin. 

Während so die Mehrzahl der oben schon kurz besprochenen 
Ortsnamen mit dem Schlußtheil -hausen an der ersten Stelle mehr-, 
in der Kegel, zweisilbige Formen, weil alte Personennamen, ent- 
hält, scheint es sehr aufilQlig, daß die Personennamen auf ing 
und die von ihm ausgegangenen Ortsnamen auf ingen vor diesem 
Suffix in weitaus den meisten Fällen, obwohl ihre Grundlagen in 
der Regel als Personennamen werden gelten dürfen, nur einsilbige 
Wortformen enthalten. Mehrsilbige Formen an dieser Wortstelle, 
wie Sigmaringen, Göderingen, Hemelingen, Hösseringen und andere, 
sind selten. 

Die Einsilbigkeit der Stammformen in der Mehrzahl der 
Namen auf ing und ingen beruht auf eigenthümlicher Formenver- 
kürzung. Franz Stark hat in einer Abhandlung unter dem Titel 



über den Namen Qöttingen. 337 

„die Kosenamen der Germanen^, deren erster Tbeil im 62. Bande 
(Heft 4, Jahrgang 1866 April), der zweite im B3. Bande (Heft 3) 
der Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 
in Wien, philosophisch-historische Classe, veröffentlicht worden 
ist, eingehend darüber gehandelt. Er zeigt im weitesten umfang, 
wie anch in solchen Verkürzongen Gesetz und Ordnung za erkennen 
ist. Anch bei ans finden sich noch ganze Gruppen bestimmt ge- 
kennzeichneter Namen Verkürzungen, wie zum Beispiel die auf e, wie 
Frite (aus Friedrich), Oötjs (aus Gottfried), Heine (aus Heinrich), 
Diea (aus Dietrich), Kum (aus Konrad), Setz (aus Seifried = Sieg- 
fried), Walz (aus Walter), Lutz (aus Ludwig), Utz (aus Ulrich). 
Wie alt diese Art der Verkürzung schon ist, zeigt beispielsweise 
die Anführung aus einer Urkunde des zehnten Jahrhunderts, die 
Förstemann (Personennamen Seite 781) bietet: Uodalricum ob 
lepörem vocäverunt Uozdnem. Seite B19 bringt Förstemann die 
Form Gislezo bei als von Giselbert ausgegangen. Noch mögen aus 
Stark angeführt sein Henz (aus Heinrich 1,319), Sizo (aus Sieg- 
fried 1,326), Bezdo (aus Heinrich 1,333), Opizo (aus Otbert 2,467). 

Zahlreiche Namen auf o sind alte verkürzte, so Benno (aus 
Bernhard), Hugo (aus Hugbert), Otto (aus Ottmar oder irgend einer 
andern Zusammensetzung mit Ott), Udo (aus Udalrich, Ulrich, 
Stark 1, 291), Bodo^ Ado (aus Adolf), Heino (aus Heinrich), Bruno ^ 
Theudo (aus Theodorich; Stark 1,272), Kuno (aus Konrad), Fredo 
(aus Fredibert; Stark 1,273), Gundo (aus Gundfrit; Stark 1,274), 
Bucco (aus Burchard; Stark 1,280), Immo (aus Ermenfrid; Stark 
1,280), Ebbo (aus Eberhard; Stark 1,292), Reino (aus Reimund; 
Stark 1,2%), üffo (aus Liudulf, mit Assimilation von If zu ff ; 
Stark 1, 271 und 270). 

Viele haben neben der Verkürzung auch noch deminutivische 
Suffixe angenommen, so Liideke und noch weiter verkürzt Luke 
(aus Ludwig), Reineke (aus Reinhard), Meineke (aus Meinhard), 
Gödeke (aus Gottfried; Stark 1,303), JSöldeke (aus Arnold), Löseke, 
Pinneke, Steineke, Seineke^ Henke (aus Heinrich; Stark 1, 31B), 
Brunke (aus Brunhard; Stark 1,32B), Giseke (aus Giselbert ; Stark 
1,303), Gercke (aus Gerhard; Stark 1,303), Wüke (aus Wilhelm). 

Noch andere verkürzte Namen erhielten das deminutivische 
Suffix el, wie Göbel^ Geibel, Seidel^ Riedel, Oerdely Runimelj Henkel, 
Jenkel, Bökel, Siebel (aus Sigbold; Stark 2,473), Abel (aus Adel- 
bold; Stark 2,473), Ebel (aus Eberhard). 

Und so ließe sich noch manches anführen. Es mag hier genügen, 
aus Franz Starks Anführungen noch die folgenden zu entnehmen: 
Rode (aus Rudolf; 1,273), Wolf (aus Wolfhard; 1,274), Lampe 



338 Leo Meyer, 

(aus Lampert = Landpert; 2,442), Evert (aas Eberliard); 2,455), 
Gert (aus Gerhard ; 2, 456) , Bernd (aus Bernhard ; 2, 456), Ärnd 
(aus Arnold; 2,465), DtVcÄ (aus Dietrich; 2,468), Curt (aus Konrad; 
2,460), Rolf (aus Rudolf; 2,461), Lüder (aus Liudhard: 2,491), 
Gerber (aus Gerbrand; 2,496). 

Wir beschränken uns im üebrigen darauf, noch ein paar 
Formen auf ivg zusammenzustellen, in deren erstem Theil alte 
Verkürzungen vorliegen : Henning (zu Heinrich), Oetting (neben Otto 
zu Ottmar), Gerding (zu Gerhard), Reining (zu Reinhard), Dier- 
hing (zu Dietrich), Gering (zu Gerhard), Nölting (zu Arnold), 
Frerhing (zu Friedrich), lieinking (zunächst aus Reineke, weiter 
aus Reinhard), Meineking (zu Meinhard), Rühling (zu Rudolf). 

Aus der großen Fülle der Ortsnamen auf ingen^ die, wie oben 
schon angeführt, aus Personennamen auf ing hervorgegangen sind, 
mögen hier noch genannt sein: Oettingen (zu Otto), Wiäfingen (zu 
Wolfgang oder irgend einer andern Zusammensetzung mit Wolf-), 
Heringen (zu Hermann), Meiningen (zu Meinhard), Heiningen (zu 
Heinrich). 

Zu solchen zahlreichen Namen auf ingen gehört nun auch 
unser GöUingen. Ohne Zweifel schließt es sich an das Wort Gott, 
dabei ist aber zu bemerken, daß es daraus durchaus nicht ohne 
Weiteres hervorgegangen sein wird. Vielmehr liegt in der Bil- 
dung des Wortes eine besondere Verkürzung vor. Das Gott darin 
ist der Rest eines alten mit Gott als erstem Tbeil zusammenge- 
setzten Personennamens, wie deren vorliegen in Gottfried, Goitwald, 
Gotibald, Gotthard, Gottbert^ Gottwin, Gottwart und andere (Förste- 
mann Personennamen Seite 531 ff.). Es ist nicht unwahrscheinlich, 
daß der zu Grande liegende alte volle Namen ohne weitere Um- 
bildung einfach zu Gott verkürzt worden ist, ganz ähnlich wie zum 
Beispiel der noch lebendige Familienname Volck nicht unmittelbar 
aus dem Worte Volk entnommen sein wird, sondern aus einen dar 
mit gebildeten zusammengesetzten Personennamen, wie etwa Volk- 
mar, Volkbrecht (daraus Vollhrechl), Volkwart, Volkwin. 

In meinem Geburtsort Bledeln unweit Hannover hieß früher 
der wohlhabendste Landbesitzer Gott — sein Sohn August Gott 
war mein erster Spielgenosse — , dessen Ahnherr gewiß nicht ge- 
radezu als „Gott" bezeichnet sein wird, sondern seinen Namen 
als Abkürzung aus irgend einer Zusammensetzung mit Gott-, 
wie oben einige angeführt worden sind, erhalten haben wird. 

Aus dem so durch Verkürzung entstandenen Namen Gott 
wurde zunächst abgeleitet Götting, das noch als Familienname 
geläufig ist, das ursprünglich den „Sohn'' und dann auch gewiß 



über den Namen Götüngen. 339 

allgemein den „Nachkommen eines Gott-" bezeichnet haben wird. 
Ans dem Plural dazu aber wurde das dativische Cröttingen ge- 
bildet: „Man kam von den Göttingen , fuhr zu den Göitingen, war 
bei den Göttingen^j und aus solchen und ähnlichen Wendungen ent- 
wickelte sich nach und nach der Ortsname, wie ganz ähnlich 
zum Beispiel auch Landesnamen, wie Sachsen, Schwaben, Franken, 
Hessen und andere sich aus alten Yolksnamen entwickelt haben. 

Mit der Verschiebung der Bedeutung vergaß sich der ur- 
sprüngliche Werth der Form vollständig, so daß man nun auch 
von der Umgebung Gvttingens sprechen kann und Ableitungen 
bilden, wie Göttingische gelehrte Anzeigen, Göttinger Mettwurst 
und andere. 

Sprachwissenschaft ist keine Mathematik, und so kann auch 
niemand behaupten wollen, daß die gegebene Erklärung des Kamens 
Göttingen mathematisch sicher und absolut richtig sei, sie ist aber 
die einfachste und natürlichste, die sich geben läßt. Eine etwa 
ganz abweichende Muthmaßung ihr entgegen stellen zu wollen, 
würde nur dann als berechtigt gelten können, wenn nach irgend 
einer Richtung hin bestimmt orientirendes Beweismaterial beschafft 
werden könnte. 



Die Aeren von Gerasa und Eleutheropolis 

Von 

E. Schwartz 

Vorgelegt in der Sitzung vom 23. November 1906 



Griechen and Körner datieren nach eponymen Beamten oder 
Priestern; erst die gelehrten Geschichtsschreiber bringen die Sitte 
auf von einer bestimmten Epoche an die Jahre durchzuzählen, 
und diese Sitte ist nur spät nnd vereinzelt in die officiellen Da- 
tierungen eingedrungen. Anders im Osten: da bietet die s. g. 
Selenkidenära das älteste nnd imposanteste Beispiel einer Dnrch- 
zählong; sie dürfte ans der Weiterzahlung der Regienmgsjahre 
des Seleuhos entstanden sein ^). Die bithynisch-pontische Eönigsära 
sowie die parthische des Arsakes sind Contrafacturen der seien- 
kidischen. Und wie sich in diesen Nachahmungen ausprägt, daß 
die Partherkönige und Mithridat Großkönige sein wollen wie 
die Seleukiden, so setzt der römische Senat für die Provinzen 
Makedonien und Asien nach dem Aufhören der hellenistischen Dy- 
nastien neue Zählungen fest; eine Rechnung von einer bestimmten 
Epoche an documentiert so präds wie nichts anderes den Beginn 
einer ^neuen Aera'. In buntester Mannigfaltigkeit wuchern femer 
aus der Seleukidenära die Jahreszählungen hervor, mit denen die 
Städte des verfallenen Seleukidenreichs den Beginn ihrer Freiheit 
feiern, mag diese selbständig gewonnen oder, was sehr viel häu- 
figer, von den[ Römern geschenkt sein. Das große Aufräumen das 



1) Auf den babylonischen astronomischen Tafeln [Zeitschr. f. Assyr. 8, 108 ff.] 
steht regelmäßig neben der Ziffer der Aera der Name des regierenden Königs* 
Das ist offenbar die älteste und legitime Form der Aera. 



die Aeren von Gerasa und Eleutheropolis 341 

Fompeius in Syrien unter den einheimischen Dynasten anrichtete, 
wnrde von den hellenistischen Städten die die barbarischen Herr- 
scher nicht liebten, freudig begrüßt und hat in den Daten der 
Münzen und Inschriften zahlreidie Spuren hinterlassen. Man redet 
daher noch inuner von einer pompeianischen Aera, obgleich der 
Name die Sache nicht trifft und leicht zu falschen Vorstellungen 
führt ^). Denn jene Jahreszählungen, die man mit diesem Namen 
zusammenfaßt, sind einander nicht gleich und sind weder zur 
selben Zeit noch von Fompeius eingeführt. Es sind alles Stadt- 
ären, geschaffen zum Andenken daran daß die Städte ,die Auto- 
nomie' erhalten hatten, d. h. darch die Neuordnung des Fompeius 
als autonome üntertanenstädte der römischen Frovinz Syrien zu- 
gewiesen waren. Sie sind nicht von den Römern, sondern von den 
Stadtgemeinden selbst eingeführt, natürlich nachdem die römische 
Regierung ihre Zustimmung gegeben hatte*). Eine syrische Fro- 
vinzialaera giebt es nicht. 

Das Aerenjahr einer Stadt ist zugleich das des in ihr gel- 
tenden Kalenders; der Epochentag fallt mit dem bürgerlichen 
Neujahr zusammen. Am klarsten zeigt sich das an dem s. g. 
arabischen Kalender und der arabischen Frovincialaera : sie hängen 
bis in späte Zeit fest und unauflöslich miteinander zusammen. 
Damaskus hat den arabischen Kalender, zählt aber die Jahre se- 
leukidisch: daher ist hier die Epoche der Seleukidenära nach der 
julianischen Reform nicht der 1. October 312 v. Chr., sondern, ge- 
mäß dem Neujahr des arabischen Kalenders, der 22. März 311^. 

Es ist so gut wie sicher, daß in den weitaus meisten Städten 
der Frovinz Syrien der lunisolare makedonische Kalender in G-e- 
brauch gewesen ist, dessen Neujahrstag bei richtiger Schaltung 
der Neumond nach der Herbstnachtgleiche war. Die Schaltung 
wurde offenbar mangelhaft und unregelmäßig gehandhabt; es ist 
daher unmöglich die vorjulianischen Epochentage der syrischen 
Stadtären exact zu berechnen, und man muß sich begnügen im 
Allgemeinen den Herbst eines Jahres als Anfang zu bezeichnen. 
Fompeius kam im Frühling 63 nach Damaskus und eroberte Je- 



1) Das Richtige steht bei Kubitschek, Archäol.-epigr. Mitthlg. aus Oester- 
reich 13, 200 ff. 

2) Ob nach dem Jahr 1 immer schon wirklich datiert ist, bezweifle ich; 
die Epochen werden öfter durch Rückzählung festgesetzt sein. Für die Rechnung 
macht das um so weniger aus, als es sich nie um mehr als wenige Jahre handeln 
kann. 

3) Vgl. Clermont-Ganneau, Recueil d'arch^ol. Orient 1,10 und schon vor 
ihm Gutschmid bei Euting, nabataeische Inschriften 86. 



342 E. SchwartE 

rnsalem im Sommer desselben Jahres ; Scanms , dem er 62 die 
Provinz übergab, schloß in diesem oder dem folgenden Jahre den 
Frieden mit dem' Kabatäerkönig Aretas [los. A. I. 14,81]. Die 
Freiheitsären laafen fast alle auf das Jahr der Befreiung von 
jüdischer oder nabatäischer Herrschaft znrück; nimmt man hinzu 
daß sie, gemäß dem makedonischen Kalender, im Herbst beginnen 
müssen, so ergiebt sich, daß das Jahr 1 einer solchen Freiheitsära 
frühestens = Herbst 64/63 sein kann. 

Die jnlianische Ealenderreform hat auch die syrische Zeit- 
rechnung umgestaltet ; aber wie die Acren dort ein buntes Durch- 
einander bieten, so aach die Kalender. Die römische Regierang 
hat offenbar auf der Einführung des julianischen Jahres bestanden, 
es aber den einzelnen Stadtgemeinden überlassen, wie sie den 
lunisolaren Kalender dem Sonnenjahr von 366V4 Tagen accommo- 
diren wollten. Die Hemerologien *) zeigen, daß dabei in verschie- 
dener Weise verfahren ist. Es kommt zweierlei in Betracht: die 
von der Dauer der einzelnen Monate abhängige Construction des 
Kalenders, die ohne Schwierigkeit aas den Hemerologien ent- 
nommen werden kann, and der Neujahrstag, den sie nicht bezeichnen. 

Was die Construction des Kalenders anbelangt, so wurden von 
Antiochien, Seleukeia, Sidon und Tyros die römischen Sltägigen 
Monate übernommen, so fremd sie den Griechen und Orientalen 
waren, und zwar so, daß die ersten drei Städte an den römischen 
Monaten nichts änderten als die Kamen, Tyros aber den einen 
Monat zu 28 Tagen aufgab, und die 7 Monate vom Loos [beginnt 
20. August] bis Peritios [beginnt 16. FebruarJ zu 30, die B vom 
Dystros [beginnt 18. MärzJ bis Fanemos [beginnt 20. Juli] zu 31 
Tagen zählte ^. Dagegen acceptirten Gaza und Askalon die aegyp- 
tische Art das Jahr in 12 Monate zu 30 Tagen und fünf Epa- 
gomenen zuteilen. Ueber die Schaltung ist nichts überliefert; sie 
ist aber eigentlich nur im tyrischen Kalender zweifelhaft. Die 
Namen der Monate sind durchweg die makedonischen in der üb- 
lichen Reihenfolge, nar in Seleukeia sind sie seltsam durchein- 
ander gerathen und mit anderen untermischt. 

Der Neujahrsmonat des hellenistischen makedonischen Ka- 
lenders war der Dios; das zeigt am deutlichsten die aegyptische 



1) Leider ist man noch immer auf die gänzlich ungenügende Ausgabe Ton 
St. Croix in Histoire de Pacad^mie royale des inscriptions et belles-lettres t. 47 
[1809], 66 ff. angewiesen. Eine Publication mit getreuen Facsimiles der Hss. ist 
unbedingt notwendig. 

2) Niese Herrn. 28, 208 f., nach selbständiger Abschrift des florentiner He- 
merologs. 



die Aeren von Gerasa und Eleutheropolis 343 

Gleichung Bios = Thoth [Strack, Rh. Mus. B3, 419]. Wenn nnn 
die Sidonier den Dios so von seiner ursprünglichen Stellung im 
Kalender wegrucken, daß sie ihn dem römischen Januar gleich- 
setzen, so kann das nichts anderes bedeuten, als daß sie das rö- 
mische Neujahr annehmen; die Ljkier haben es ebenso gemacht 
[Kubitschek, Jahresh. d. oesterr. archaeol. Inst. 8, 118]. Dagegen 
setzten die Gkkzaeer das Neujahr auf den 1. Dios = 28. October 
= 1. Athjr des julianischen aegyptischen Jahres ^). Auch in den 
übrigen syrischen Kalendern ist der Dios vom Herbstaequinoctium 
mehr oder weniger weit abgerückt; in Antiochien ist er = 1 
November, in Tyros = 18. November, in Askalon == 27. No- 
vember (== 1. Choiak aegypt.). Der Grund kann nur der sein, 
daß in Folge zu starker Schaltung in den lunisolaren Kalendern 
das Neujahr von seiner legitimen Stelle, dem Neumond nach dem 
Herbstaequinoctium, sich entfernt hatte'), und man andererseits bei 
der Einführung des julianischen Kalenders die Monate möglichst 
an der Stelle lassen wollte, die sie gerade einnahmen. Die Con- 
struction des gazäischen Kalenders steht zu diesem altmake- 
donischen Neujahrstag des 1. Dios in einem seltsamen Widerspruch, 
aus dem sich wichtige Schlüsse ziehen lassen. Die dreißigtägigen 
Monate der Gazaeer entsprechen genau denen des julianischen 
aegyptischen Kalenders : der 1. Gorpiaeos ist gleich dem 1. Thoth 
und fällt wie dieser auf den 29. August; dadurch sind auch die 
übrigen Gleichungen mit den römischen und aegyptischen Daten 
bestimmt. Die Epagomenen sind an der Stelle geblieben, die sie 
im aegyptischen Kalender einnehmen, zwischen Mesore und Thoth 
[24 — 28. August]. Da nun aber die Gazaeer das makedonische 



1) Das Zeugniß des Marcos Diaconus, Vita Porphyr. 19, ist seit Ideler oft 
angefahrt. 

2) Es maß aaffallen, daß in Tier syrischen Kalendern vor der jalianischen 
Reform za stark geschaltet ist: wenn die Gemeinden in der Regalierang des 
lanisolaren Jahres aatonom waren, sollte man erwarten, daß aach der entgegen- 
gesetzte Fehler sich einmal geltend macht. Das legt doch den Gedanken nahe, 
daß die Schaltung in der Provinz Syrien Tor der jalianischen Reform einheitlich 
regolirt war; die yerschiedenen Ansätze des 1. Dios in den reformierten Kalen- 
dern lassen sich auf einen Statas des lanisolaren Kalenders zorUckfÜhren, in dem 
dorch anrichtige Schaltang der 1. Dios darchschnittlich bis in die erste H&lfte des 
Novembers vorgerückt war. Merkwürdig ist allerdings, daß bei der Einführong 
der Reform den Gemeinden verstattet warde selbständig vorzagehn: das scheint 
wiederam voraaszasetzen daß die Regalierang des lanisolaren Kalenders den 
Städten überlassen war. Beides läßt sich vereinigen darch die Hypothese daß 
der Schaltcyclas von der römischen Provindalverwaltang geregelt wurde, der Gang 
des Kalenders im Einzelnen Sache der monidpalen fidiörden war. 



344 



E. SchwartE 



Neujahr am 1. Dios beibehalten, verlieren die Epagomenen ihren 
natürlichen Platz am Ende des Jahres nnd unterbrechen in nn- 
logischer Weise den regelmäßigen Lauf der SOtägigen Monate. 
Ebenso roh ist der Kalender von Askalon aus dem makedonischen 
nnd aegyptischen zusammengeflickt. Auch hier sind die Monate 
des festen aegyptischen Jahres beibehalten, nur werden sie anders 
genannt als in Gaza: der 1. Thoth ist in Askalon nicht gleich 
dem 1. Gorpiaeos, sondern gleich dem 1. Loos. Die Epagomenen 
liegen aber an derselben Stelle, und das Neujahr fiel sicher nach 
dem Gorpiaeos, wahrscheinlich ebenfalls auf den 1. Dios, der aber 
nicht = 28. October, sondern = 27. November ist [Herm. 19, 417 AT.] 
Zur besseren Ilebersicht füge ich eine Tabelle bei: 



Aegyptisch 


Guza 


Askalon 


Tyros 


julianisch 


1. ecDd 


1. roQXtatog 


1. A&og 


10. A&og 


29. August 


1. Oaa}(pi. 


l/Tjt€Q߀Q6Tatog 


1. roQXtatog 


10. roQTCicctog 


28. September 


1. 'AdVQ 


1. Jtos Neujahr 


1. 'TTteQßsQBtatog 


lO.TxsQßeQetatog 


28. October 


1. Xo^ax 


1. 'ATCsXXatog 


1. ^roff Neujahr? 


10. Jtog 


27. November 


1. Tv/Jt 


1- Aidwatog 


1. An;€Xkatog 


10. AxsXXatog 


27. December 


1. MB%BiQ 


1. nsQvuog 


1. Aidwatog 


10. AidwäCog 


26. Januar 


1. 0aiit6V(od' 


1. AiöXQog 


1. IIsQhiog 


10. ÜSQiriog 


2B. Februar 


1. tfapftoi^t 


1. Sccv^i^xög 


1. AiiötQog 


10. JiiöTQog 


27. März 


1. na%ayv 


1. ^AQT6(Ai6l,0g 


1. Sav^ixög 


9. Sav'&txög 


26. April 


1. Ilawi 


1. Aaiöiog 


1. 'AQXB^lötog 


8. AQre(Ai6i,og 


26. Mai 


1. 'Ejts^ip 


1. ndvti(Aog 


1. Aaiötog 


7. Jaiövog 


2B. Juni 


1. MsÖOQfi 


1. A&og 


1. ndvri(iog 


6. ndvtji^og 


25. JuU 


^Exayönevai. 


^E7Cay6(A6vcu 


*E7tay6(ABvai 


B— 9. A&og 


24.-28. August 



Aus diesem Widerspruch, in dem das wirkliche Neujahr der 
Grazaeer und Askaloniten zu dem virtuellen Neujahr steht, das 
durch die Epagomenen angedeutet wird, erhellt daß das julianische 
aegyptische Jahr in Gaza und Askalon einfach recipiert und ihm 
unorganisch das makedonische Neujahr aufgepfropft wurde. Dann 
aber ist es ausgeschlossen, daß das vorjulianische aegyptische 
Wandeljahr in Gaza und Askalon vor der Beform, etwa als ein 
Rest der ehemaligen ptolemaeischen Herrschaft, existierte : wäre 
das der Fall gewesen, so hätte sich jenes Jahr genau so fixieren 
lassen, wie es in Alexandrien und Aegypten geschehen ist. Viel- 
mehr muß dort ebenso wie im übrigen Syrien der lunisolare make- 
donische Elalender gebraucht sein ; als die Gtizaeer und Askaloniten 
vor der Frage standen wie sie diesen julianisieren wollten, griffen 



die Aeren von Gerasa und Eleutheropolis 345 

sie lieber zu dem aegyptischen als zum römischen Kalender. Auch 
auf die tyrische Modification des julianischen Kalenders hat die 
aegyptische Art Einfluß gehabt *) : die Tyrier rechnen vom Loos 
an, der bei ihnen zu zwei Dritteln dem Thoth gleicht, die Monate 
zu 30 Tagen wie die Aegypter, aber sie verteilen die B Epago- 
menen auf die 5 Monate die ihnen vorangehen, so daß dieser 
Kalender eine in ihrer Art vollendete Musterkarte aus makedoni- 
schen, aegyptischen and römischen Elementen ist. 

Die Elalender der beiden Philisterstädte sowie die von Sidon 
und Seleukeia sind schwerlich über die, z. Th. allerdings recht 
ausgedehnte, Feldmark dieser Gemeinden hinausgedrungen. Anders 
steht es mit dem von Tyros und der Provinzialhauptstadt Anti- 
ochien. Dieser war zu Anfang des 4. Jahrhunderts sicher in 
Caesarea recipiert, wie die Daten in Eusebius palaestinischen Mär- 
tyrern beweisen; ebenso steht fest, dass die edessenischen Syrer 
ihn angenommen haben. Nach dem tyrischen Kalender datiert 
losephus; da er das nie sagt, sondern als selbstverständlich vor- 
aussetzt, muß diese Form des julianischen Kalenders in Judaea 
eingeführt sein, wie ich vermuthen möchte, schon von Herodes'). 
In Syrien und Judaea treten an Stelle der makedonischen Monats- 
namen die babylonisch-aramäischen. 

Das antiochenische Neujahr war, bis, nicht vor dem 7. Jahrb., 
das Indictionsneujahr des 1. September eindrang, der 1. Hyper- 
beretaeos = 1. October. Hier galt die Stellung die der Monat 
bei der Einführung der Beform unmittelbar nach dem Aequinoc- 
tium einnahm, mehr als der Name. Den durchschlagenden Beweis 
liefert der syrische Kalender, in dem der Hyperberetaeos w;aL 
^^ 'erster TeSri', der Dios w;^^ wptL zweiter *Te§ri' heißt : die 



1) Im Wesentlichen richtig von Kubitschek beobachtet, Jahresh. d. österr. 
arch. Inst. 8,96. 

2) Vgl. Abhdlg. VIII, 6 cap. 9. Meine Recensenten, die mir den Talmud 
entgegenhalten und von dem Glauben an einen doppelten Kalender bei losephus 
nicht lassen wollen, fordere ich auf sich die Gleichungen zwischen den Daten 
des losephus und der Megillat Ta*ntt genauer zu überlegen als sie es zu tun für 
n6thig gehalten haben: das ist wirklich jadische Ueberlieferung , aus den juristi- 
schen Speculationen des Talmud ist für die' {üdischen Institutionen "^vor der Kata- 
strophe unter Hadrian nichts zu lernen. Daß die jüdischen Mondfeste keinen 
lunisolaren bürgerlichen Kalender verlangen, bezeugt die von mir gefundene Oster- 
tafel unwiderleglich. Es ist wohl zu beachten, daß im N. T. die Opposition 
gegen die römischen Steuern sich vernehmlich äußert; von einem Widerstand 
gegen die bürgerliche Zeitrechnung ist nicht die leiseste Spur zu finden, weil es 
keinen ,heiligen* Kalender neben dem profanen gab. 

KgL Gag. d. Wia. Nftdirichten. Phflolor.-I&ittor. KUva 190«. Haft 4. 26 



346 E. Schwartz, 

Namen mächen es unmöglich den Jahresanfang zwischen Hyper- 
beretaeos und Dios zu legen. Freilich behauptet der Kaiser lulian 
einmal [Misopogon p. 361^], die Antiochener nennten ja wohl ihren 
10. Monat Leos, und Eubitschek [Jahresh. d. oest. arch. Inst. 8, 104] 
ist kühn genug gewesen daraus zu schließen daß erst nach lulian 
das Neujahr vom 1. Dios auf den 1. Hyperberetaeos verlegt sei. 
Der edessenische Kalender ist aber älter als lulian; das s. g. 
syrische Martyrologium genügt zum Beweis. Einen Irrtum des 
Kaisers anzunehmen macht um so weniger Schwierigkeiten als 
die Stelle deutlich verräth daß lulian an den Kalender von Asien 
dachte, wo er aufgewachsen war: dort war der Loos der 10. 
Monat, dort wurden aber auch die Monate oft nur gezählt und 
nicht benannt, was in Antiocbien nicht vorkommt. 

Auch in Tyrus muß das Neujahr auf den 1. Hyperberetaeos 
= 19. October gelegt sein. Denn losephus gleicht den Pascha- 
monat Nisan, den der Pentateuch den ersten nennt, mit dem 
makedonischen Xanthikos; dann ist der siebente Monat des Pen- 
tateuchs, der aramaeische Teäri, dessen 1. das Neujahr ist, gleich 
dem Hyperberetaeos. Niese [Hermes 28, 212] hätte das bürger- 
liche Neujahr der Juden nicht auf den 1. Xanthikos setzen sollen. 
Der Versuch des nachexilischen Priestercodex den babylonischen 
Jahresanfang im Frühjahr einzuführen, ist gescheitert, schon unter 
Nehemia fäUt das bürgerliche Neujahr auf den 1. Tiäri, in den 
Herbst*) und ist immer drauf geblieben, auch in dem von den 
ßabbinen erfundenen Kalender, der jetzt noch gilt. Aus den 
Darstellungen des s. g. Mosaiks von Kabr Hiram, das einst die 
Christophoruskirche bei Tyrus schmückte , folgt für das tyrische 
Neujahr nichts. Kubitschek [Jahresh. d. österr. arch. Inst. 8, 98 ff.] 
setzt die auf dem Mosaik vorhandene Anordnung der Monatsnamen, 
die über das Neujahr nichts besagt, in eine hypothetische Reihen- 
folge um und zieht dann aus dieser Hypothese weitere Schlüsse; 
das ist mir zu verwegen. Wer will außerdem bestreiten, daß das 
Zeichen des Mosaiks einer Vorlage folgt, die nicht speciell den 
tyrischen, sondern den hellenistischen Kalender überhaupt dar- 
stellte: er hatte doch dem Prindp nach zu den Jahreszeiten ein 
festes Verhältniß. 

Von den syrischen Kalendern sind noch zwei übrig, die ge- 
sondert betrachtet werden müssen]: der von Heliopolis und der 
s. g. arabische , der in Damaskus und der Provincia Arabia galt. 
Sie haben das Gemeinsame, daß beide von aramaisirten Arabern 



1) Wellhausen, Israelit, und jüd. Gesch. 175. 




die Aeren Ton Gerasa und Eleatheropolis 



347 



gebraucht werden. Die Provinz Arabien deckt sich fast genau 
mit dem ehemaligen Reich der Nabatäer [itsis], eines arabischen 
Stammes, der, nach den Inschriften zu urteilen, aramaeisch, 
allerdings mit einem deutlichen arabischen Einschlag, sprach. Araber 
waren es auch, die im 1. vorchristlichen Jahrhundert in die Sen- 
kung zwischen Libanon und Antilibanon eingedrungen waren und 
dort Raubfurstentümer gegründet hatten, wie das *Haus des Ly- 
sanias* um Chalkis am oberen Barada ^) und die Herrschaft des 
Sampsikeramos in Homs. Dazwischen liegt Heliopolis-Baalbek, 
dessen Kalender verräth, daß aramaisierte Araber in der alten 
kananäischen Cultstätte dominierten. Die Hemerologien bieten ihn 
in folgender Form: 



Heliopo] 


liB 


jnlianisch 


Provinz Asien 


1. uiß 


30 T. 


23. September 


1. KalOttif = ä 31 T. 


1. 'IXovX 


30 T 


23. October 


31. Kataaff 


l.'^y 


31 T. 


22. November 


30. '^«eXüalog = MO T. 


1. esgQiv*) 


30 T. 


23. December 


31. Aidvatog = y 31 T. 


1. TEAQN ») 


30 T. 


22. Januar 


30. üsgirios = * 31 T. 
(J^TQog 28 T.) 


1. Xocvov 


31 T. 


21. Febrnar 


1. Sav»ix6s = c 31 T. 


1. £oßa» 


30 T. 


24. März 


1. yiQXBitieimv = { 30 T. 


1. 'AduQ*) 


31 T. 


23. Aprü 


1. Jaigiog = Ä 31 T. 


1. Neittav 


31 T. 


24. Mai 


1. Ildvfinog = «• 30 T. 


1. 7«p») 


30 T. 


24. Juni 


2. J&og = r 31 T. 


1. 'ßgw«) 


30 T. 


24. JuU- 


1. roQXiatog = Ic 31 T. 


1. Bafiiia 


31 T. 


23. Aagost 


31. roQxiatog 

(T^KSQßsQstatog 30 T.) 



Die Monatsnamen sind bis auf zwei, Uy und rEAQN, die 



1) loseph. AI 15,344 tbv otnov tbv Avcaviav^ das ist deutlich das semi- 
tische 1^13 = Herrschaft. 

2) 6E<C>PIN ist aus 60PIN ZQ emendieren, vgl. Wellhansen, Skizzen 
und Vorarbeiten 3,97. 

3) Auch TTEAQN ist überliefert. Der Name ist noch nicht gedeutet und 
wahrscheinlich verdorben. 

4) So für 'Adad zu lesen , die Verschreibung erklärt sich aus dem aramaei- 
sehen Alphabet. Also hat der ursprüngliche Verfasser des Hemerologions für 
den Kalender von Heliopolis eine aramaeische Vorlage gehabt. 

5) Für laf^if, 

6) Das ist der edessenische ^^. 

25* 



348 E. Schwartz 

aramäischen. It4y, = ^^ nav^yvgig^ ist der Festmonat des Ssbs 
li.iyi.6tog ' HkiojCüUrtig. Das ist arabisch; bei den Nabatäern be- 
gegnet ein gleicher Monatsname, und im mnhammedanischea Ka- 
lender giebt es ebenfalls einen jü^J^ ^^9 d. i. der Monat des Hagg, 
der Pilgerfahrt nach Mekka ^). So wird Wellhansen [Skizzen und 
Vorarbeiten 3, 97] Recht haben, wenn er auch in FEAQN einen 
arabischen Namen vermuthet. Die aramaisierten Araber haben 
dem griechischen Wesen kräftiger widerstanden als die eigentlichen 
Aramaeer; daher haben sich die nichtgriechischen Monatsnamen 
in Heliopolis behauptet, wie ja auch nur wenig griechische In- 
schriften dort gefunden sind^). 

Der Kalender selbst ist freilich alles andere als echt arabisch 
oder aramäisch, sondern genau so künstlich construiert wie die an- 
deren julianischen Kalender Syriens. Dadurch daß der 28tägige 
Monat vermieden und B Monate zu 31 Tagen eingesetzt werden, be- 
rührt er sich mit dem tyrischen : nur sind diese Monate hier über das 
ganze Jahr hin verstreut, so daß jede sichtbare Beziehung zum 
aegyptischen Kalender verschwunden ist. Das Neujahr ist nicht 
überliefert, aber es ist kaum Zufall, daß der 1. Oct. auf den 23. 
September, den G-eburtstag des Kaisers Augustus fällt. Der war 
in Asien zum Neujahr gemacht, und es ist um so eher zu ver- 
muthen, daß in Heliopolis das gleiche geschehen ist, als sich die 
asiatische, den Syrern fremde Gewohnheit die Monate zu zählen 
hier wiederfindet. Vgl. die Inschrift die Clermont-Gtmneau [Etudes 
d'arch^ol. or. 2 (= Bibl. de Töcole des hautes ötudes 113), 147] 
veröffentlicht hat: 

Kt(6(ia tcöqI 

6\)v %m y 1^1 Ma 

xBÖAvmv 

Ivdl ^ I gji*^ 

Unter t/ [d. i. der Abkürzungsstrich] kann nichts anderes ver- 
standen werden als der 10. Monat der Makedonen. Die Bezifferung 
heißt 'makedonisch' im G-egensatzj zu den aramäischen Monats- 
namen. Das Jahr 947 Sei. ist = 1. Oct. 63B/6, die IX Indiction 
= 1. Sept. 63B/636. Wenn die Ziffern der Monate ebenso laufen 
wie in Asien, ist der 26. Juni 636 gemeint. Wie die Priester- 



1) Vgl. auch Waddington 2370 4 ^0^ t&v .SoaSriväiv [= es- SuwM& = 
Dionysias im Haor&n] äfitm t& ^8& AAov X [nach dem arabischen Kalender =: 
18. August]. 

2) Jahrb. d. arch. Instit. 16, p. 21 des Sep.- Abdrucks. 




die/Aeren von Qerasa und Eleutheropolis 349 

scliaft von Baalbek darauf gekommen ist, sich den asiatischen 
Kalender theilweise zDm Master zu nehmen, weiß ich nicht. 
Wellhansen stellt a. a. 0. mit Recht den 'Ay mit dem ersten Tiäri 
der Syrer zusammen ; es folgt ans dem Abstand vom Nisan. Setzt 
man ihn als den alten Nenjahrsmonat gleich dem makedonischen 
Dios, so zeigt sich die gleiche Verschiebung wie in den jnlianisirten 
Kalendern (von Gaza, Askalon, Tyros, Antiochien: das ist ein 
neuer Beweis, daß, wenn auch nicht der gesammte Innisolare Ka- 
lender, so doch wenigstens der Schaltcyclas in der Provinz Syrien 
bis znr jnlianischen Reform einheitlich geregelt war. 

Der s. g. arabische Kalender war folgender Maßen constmiert; 
die Angaben der Eemerologien werden dorch die Datierungen der 
neu gefundenen Inschriften von Bi*r-es-Seba* bestätigt: 
Savf^ixög beginnt 22. März = P''3^) 30 Tage 

= n^Ä 30 „ 

= Ziovav^ 30 „ 

= noch nicht nach- 30 „ 

gewiesen 
= a« 30 „ 

= bnb« 30 „ 

= -»rnDn 30 „ 

= noch nicht nach- 30 ;, 

gewiesen 
= *0D 30 „ 

= nM») 30 ^ 

= OOT 30 „ 

= m« 30 „ 

= noch nicht nach- 5 „ 
gewiesen. 

Das Neujahr ist bezeugt durch die berühmte, von Ideler ci- 
tierte Stelle des Simplicius, an der er die verschiedenen Neujahrs- 
tage als Beispiele der igxal ^iösi anführt [comment. in Aristot. 
phys. £p. 87B, 19 ed. Diels]: &g 81 f^fiBlg notoii(is^a ägxäg ivcavtoi^ 
Hhv jcbqI ^SQiväg rgoxäg &g 'Ad'tivatot, ^ icsqI (ABtoiCfOQiväg &g oC 



^AqtBikCöiog 


n 


21. April 


JaCöiog 


7) 


21. Mai 


ndvfi(Aog 


f) 


20. Joni 


ji&og 


n 


20. JaH 


roQXiatog 


r> 


19. August 


TxsQßsQStatog 


» 


18. September 


^tog 


n 


18. October 


'Amkkatog 


T> 


17. November 


A'bdvatog 


n 


17. December 


IlsQixiog 


jj 


16. Januar 


JiiöXQog 


f) 


IB. Februar 


'Exay6(A6vai 


» 


17. März 



1) Die aramäischen Monatsnamen die auf den nabatäischen Inschriften vor- 
kommen, hat Clermont-Ganneau [Ätudes d'arcb^ol. Orient. 2 (= Biblioth. de 
Pdcole des hautes Stades 113), 62 nnd Recueil d'arch^ol. 2,226] zusammengestellt. 

2) BrOnnow-Domaszewski, Provincia Arabia 1, 222 1%W9 Qva [arabische Pro- 
Tinzialära] iirtph^ Ikovav %<: = 15. Juni 256. 

3) Palestine Exploration Fond Quarterly Statement 1895, 57 nr. 42 ist za 
lesen [T]sß[sd' Zahl] %al %a^ TEUtjvaff A[4fS}vlvaüiv] d. Das zweite Datum war 
nach antiocbenischem Kalender gegeben. 



350 E. Schwartz 

^bqI tijv vvv KaXov(iivfiv ^Aötav^ ^ xbqI xsL(ieQLväg &g ^PiogiatoL^ ^ 
jcegl iagiv&g bg "Agaßag xcd ztcciiaöxrivoij iirivbg di st nvag igxiiv 
ti^v TCavoiXrjvov Xdyovöiv ^ r^ vdov^), d'iösi. iöovxai aintu. Es ist 
nach dieser Stelle nicht za bezweifeln, daß der 1. Xanthikos-Nisan 
= 22. März das 'arabische' Jahr begann, und daß dies Datnm 
für das des Frühlingsanfangs gelten sollte. Das ist babylonisch; 
dort beginnt das Jahr mit dem Nisan, ond eine auf das Frühjahr 
311 V. Chr. gestellte Modification der Selenkidenära ist auf 
astronomischen Eeils.chrifttexten hellenistischer Zeit aufgetaucht^: 
nach ihr wird in Damaskus datirt [s. o. S. 341]. Der Nisan wird 
dem Xanthikos, der TiSri dem Hyperberetaios geglichen, wie in 
Antiochien und Tyros; den Prindpien des altmakedonischen Ka- 
lenders hätte es mehr entsprochen, wenn der Nisan zum Arte- 
misios, der TiSri zum Dios gemacht wäre. So muß, obgleich die 
Verschiebung nicht so stark zu sein scheint, wie in den syrischen 
Kalendern, doch auch für das 'arabische' Jahr eine lunisolare 
Vorstufe angenommen werden, die ebenfalls durch zu starke 
Schaltung den Dios vom Herbstaequinoctium weggeschoben hatte. 
Das ist kein zwingender Beweis, aber doch ein nicht zu ver- 
achtendes Anzeichen dafür daß der s. g. 'arabische' Kalender 
nicht außerhalb der Grenzen der römischen Provinz Syrien ent- 
standen ist. 

Wo das nun aber auch gewesen sein mag, jedenfalls zog man 
dort die aegjptische Art das Jahr zu teilen der römischen vor, 
weil sie einfacher und praktischer war. Im arabischen Kalender 
sind auch die Epagomenen an das Ende des Jahres gestellt, nicht 
in unorganischer Weise, wie in Gaza und Askalon, an dem Platz 
gelassen, den sie im aegyptischen Kalender einnahmen. Auch hier 
aber ist das feste aegyptische Jahr das Vorbild gewesen, und es 
ist ebenso wenig wie in Gaza und Askalon daran zu denken, daß 
ein aegyptisches Wandeljahr durch den arabischen Kalender fixirt 
sei. Man braucht diesen {Einfall nur einmal bis in seine Conse- 
quenzen zu verfolgen um zu sehen, daß er falsch ist. Es müßte 
dann außer dem aegyptischen noch ein zweites Wandeljahr an 
dem Ursprnngsort des arabischen Kalenders gegeben haben, mit 
einem gänzlich verschiedenen Neujahr, das zur Zeit der julianischen 

1) Wahre Mondmonate gab es in den bürgerlichen Kalendern zu Simplicios 
Zeit längst nicht mehr ; aber die christlichen Ostertafeln operierten mit Neu- und 
Vollmonden. Sollte er an diese gedacht haben? 

2) Epping, Astronomisches aus Babylon. Ich entnehme das Citat ans Strack, 
Rhein. Mus. 63,417; das Buch fehlt hier. Mit der Aera natu XaldaCovg , die 
vom Herbst 311 v. Chr. ab läuft, ist diese nicht identisch. 



die Aeren von Gerasa und Elcutheropolis 361 

Reform auf die Frühlings cQ^htgleiehe gerückt war. Und trotz 
dieser Differenz glich dies Jajir mit seinen SOtägigen Monaten 
nnd seinen 6 Epagomenen dem aegyptischen wie ein ^i dem andern. 
Ganz davon zu schweigen, daß das aegyptische Jahr von 365 Tagen 
eine so merkwürdige, für das conservative aegyptische Wesen 
charakteristische Form der Zeitrechnung ist, daß uur eine über 
alle historische WahrscheinUchkeit hinwegspringende Specu^atio^ 
annehmen kann, es habe dies Jahr auc^ anderswo, unabhängig 
von den Aegyptern, gegeben, ^lle Schwierigkeiten verschwinden, 
so bald man annimmt daß das julianische aegyptische tfahr nach- 
geahmt ist. 

£s sind noch zwei Kalender bekannt^, die ebenfalls das Jahr 
nach der aegyptischen Weise teilen, der des kyprischen Salamis 
und der kappadokische. Für jenen ist ein Neujahr api 4. Sep- 
tember mit ziemlicher Sicherheit erschlossen; offenbar ist das 
aegyptische julianische Jahr aus jrgend welchen Gründen lejcht 
verschoben, wie ja auch die Reihenfolge der aegyptischen Monate 
etwas verändert ist, vielleicht weil einzelne zu Ehren des Augußjiu^ 
umgenannt waren *). TJeber den kappa4o]tischen Kalender ist 
wenig bekannt. Die Hemerologien sind entstellt, stimmen auc|^ 
mit Epiphanius nicht überein ^). Es scheint freilich so als hajbe der 
von ihnen tabulirte Kalender 12 Monate zu 30 Tagen und 5 Epa- 
gomenen gehabt, mit einem Neujahr am 12. Dezember. DJe Mo- 
natsnamen sind iranisch, zeigen aber eine junge Stufe der Sprache : 
wie diese iranische Anleihe zu beurteilen ist, lehren der fabricirte 
Stammbaum der kappadokischen Könige und die Inschriften des 
Königs Antiochos von Kommagene, der von den makedonischen 
und persischen Königen zugleich abstammen will und die griechi- 
schen und iranischen Götter identificirt. Die iranischen Monats- 
namen sind ebenso in hellenistischer Zeit einem lunisolaren Ka- 
lender angeklebt, wie die Monate zu 30 Tagen bei der julianischen 
Reform dem aegyptischen Kalender nachgebildet sind. Es ist eitel 
Schwindel von einem uralten Zusanunenbang des kappadokischei). 
Jahres mit dem fabelhaften altpersischen zu phantasieren, von 



1) Für (las Einzelne vgl. Kubitschek Jahresh. d. österr. archäol. Instit. 8, 114. 

2) Die Hemerologien zählen vom 7.— 31. December ^naY{6fiBvai) 5 — h«, 
vom 1. — 10. Januar Xvxavoa (corrupt) %a-X. Danach setzt man gewöhnlich das 
Neujahr auf den 12. December, die Epagomenen auf den 7.— 11. Epiphanius 
gleicht den 6. Januar mit dem 13. Atafftaßa (also ist der 1. dieses Monats = 
25. December), den 8. November mit dem 15. 'jQatatciy was als 1. den 25. October 
ergiebt. Dann muß dieser kappadokische Kalender 31 tägige Monate gehabt 
haben. 



352 E. Schwartz 

dem niemand etwas weiß^). Solche Combinationen werden schon 
durch die nicht wegznraisonnirenden Thatsaclien widerlegt, daß 
der Kalender des Achaemenidenreichs nach Ausweis der Inschriften 
des Darios der aramäische war, daß die dort den aramäischen 
gleichgesetzten altpersischen Monatsnamen mit den kappadokischen 
nichts zn tnn haben und daß die Verwaltungssprache der kappa- 
dokischen Satrapie aramäisch, nicht persisch war, wie die Münzen 
lehren. Es war also zur Zeit ^der Achaemeniden in Eappadokien 
gar keine altpersische Zeitrechnung da, die sich durch die helle- 
nistische Periode hindurch bis zur Kaiserzeit hätte erhalten können. 
Der arabische Kalender hatte officielle Gültigkeit in der 106 
n. Chr. von Traian eingerichteten Provinz Arabien. Er behielt sie 
auch in dem Teil der Provinz der später abgetrennt wurde und 
an Falaestina Salutaris kam, und ist wahrscheinlich auch in den 
Districten eingeführt, die erst nach 106 zur Provinz Arabien 
geschlagen wurden. Es sind das die Batanaea, die Trachonitis 
und der nördliche flaurän. Sie gehörten Agrippa II., wurden 
nach seinem Tode eingezogen rmd der Provinz Syrien einverleibt. 
Während hier im 2. und 3. Jahrh. nach Kaiserjahren datiert wird, 
herrscht vom Ende des 3. Jahrh. ab die arabische Provinzialära: 
daraus ist schon von Waddington ^) mit Recht gefolgert, daß sie 
später zur Provinz Arabien gehörten. Die Aera setzt aber den 
Kalender voraus *). Dagegen haben einzelne Städte die eine ältere 



1) Aas den klaren und nücbteroen Berichten AI Bironi'e geht hervor, daB 
die persischen Astrologen der muhammedanischen Zeit eine Aera gebrauchten, die 
mit dem 16. Juni 682, dem Datum der Thronbesteigung des letzten Sassaniden, 
begann und aus Wandeljabren Ton 865 Tagen bestand. Das ist ohne alle Frage 
eine Contrafactur der Königsära nach der die griechischen Astronomen rechnen. 
Was die Perser dann von einer Periode von 120 Jahren erzählen, nach deren 
Ablauf ein Monat geschaltet sei um das Wandeljahr von Neuem zu fixieren, ist 
Speculation; man braucht die Berichte bei AI Biruni nur zu lesen um zu sehen 
daß das keine geschichtliche Ueberlieferung ist. Ob unter den letzten Sassaniden 
unter astrologischem Einfluß wirklich ein Wandeljahr gebräuchlich gewesen ist, 
mögen Berufenere entscheiden; eine altpersische Institution war es auf keinen 
Fall. 

2) Ich begnüge mich vorläufig auf Waddington zu nr. 2081 und Wright in 
Palest. Fxplor. Fund. Quarterly Stat. 1895, 74 £f. zu verweisen; an anderer Stelle 
werde ich ausführlicher über die Datierungen nach Eaiseijahren handeln. 

8) Die Herausgeber von datierten Inschriften reducieren öfters falsch nach 
dem antiochenischen statt nach dem arabischen Kalender. Z. B. Dussaud und 
Macler, nouvelL arch. d. missions sdent. 10, 678 nr. 108 ['Anz, Haurän] iv h cvq 
J^OQOv [so] c = 20. Febr. [nicht 5. März] 862. p. 693 nr. 155 = Rev. bibL 
1905, 698 [et-Tajjibeh] (tri AAov b %q. i] [M.] xoif itovg vns = 24. Juli 690 
[ind. Vm = 1. Sept. 589/590]. p. 694 nr. 163 [Kharabä] kt o%y ^Tns^ß m] = 



die Aeren von Gerasa luid £leutheropoli8 353 

Aera hatten, nicht nur diese sondern anch ihren Kalender beibe- 
halten dürfen, als sie der Provinz zngeteilt wurden: ein sicheres 
Beispiel ist Gerasa. 

Außerhalb der Provinz galt der Kalender sicher in der Stadt 
Damaskus und deren, recht ausgedehntem, Gebiet'). Das ist ans 
der Stelle des Simplicius längst erschlossen, an der für jeden 
Jahresanfang ein Kalender genannt wird und dem ^aiiaöxrivol xal 
^jdgaßsg in den übrigen Gliedern nur je ein Subjekt entspricht. 
Damaskus war seit Pompeius römisch *) und hat jedenfalls ebenso 
wie die übrige Provinz Syrien seinen Kalender julianisiren müssen. 
Bei dieser Gelegenheit werden die aegyptischen SOtägigen Monate 
an Stelle des alten Wechsels von hohlen und vollen Mondmonaten 
getreten sein. Die makedonischen Namen blieben, auch das baby- 
lonische Neujahr, nur daß es jetzt nicht mehr mit dem Neumond 
nach der Frühlingsnachtgleiche hin und her ging, sondern auf das 
Aequinoctium selbst fixirt wurde. Die ganze Reform ist hier so 
sachktmdig und verständig durchgeführt, daß der Gedanke nahe- 
liegt*, daß Chaldäer d. h. Astrologen dem damaskenischen Ge- 
meinderat gehoKen haben; war doch schon das vom makedonischen 
abweichende Neujahr, das gewiß älter als die julianische Reform 
ist, das 'chaldäische'. 

Bei den Nabatäem werden schon in der Königszeit, vor 106, 
durchweg die aramäischen Monatsnamen gebraucht. Dagegen be- 
zeichnete das Hemerologion aus dem Epiphanias [61, 24 p. 446^. 
447*] die Entsprechiingen zum 6. Januar und 8. November abge- 
schrieben hat, die Monate mit anderen, nicht aramäischen Namen. 
Es setzte den 6. Januar = 21. AACQN*): die Reduction paßt nur 
auf den nabatäischen 21. j^iSvatog = 21. HM. Der 8. November 



6. October 328. p. 717 JJUjC^ 7 ^^ 223 sü/jjt^ das Todesdatum vom Imm 'Iqais 

= 23. November [nicht 7. December]r328. Dussaud und Macler, voyage arch^ol. 
au Saf& p. 177 nr. 46 [Pnäk = 'Ivaxog] It* ^ß Usgitiov %a = 5. Februar. 

1) Dussaud und Macler voyage arcb^olog. p. 209 nr. 102 hovg d^x -Aitov 
ß% SS 10. Aug. 318. nr. 103 hovg (ov Savdi%oi^ ty [so deutlich das Facsimile] 
= 3. April 166 [nicht 167]. nr. 103^*« itovg l... Iligitiov * = 25. Jan. 

2) Daß Kaiser Caligula die Stadt an die Nabatäer geschenkt hätte, ist ein 
falscher Schluß aus 2. Kor. 11,32. Ich komme darauf zurück. 

3) So der alte Marcianus, dXcoojt» nur in der Basler Ausgabe. Der Monat 
liegt allerdings an derselben Stelle wie der fEAQN in Heliopolis, aber ein plau- 
sibler Name auf den sich beide Schreibungen zurückführen ließen, ist noch nicht 
gefunden. Wo eine Controlle möglich ist, ergibt sich, daß die Namen bei Epi- 
phaniQs besser überliefert sind als in den Hemerologien ; man muß also von 
AACQN ausgehen. 



35 4 E. Schwartz 

war in demselben Hemerologion = 22. AfAGAABAeiÖ^), worin 
Fleischer längst v;>oLJi ä^ erkannt hat. Das ist in Ansdrnck ond 
Sache arabisch nnd bedeutet die Panegyris des (heiligen) Hanses, 
d. h. des Heiligtums das den als Gott verehrten Stein umschließt 
oder zu dem dieser Stein, wie in Mekka, erweitert ist [Wellhausen, 
Skizzen und Vorarb. 69 ff.]. Wahrscheinlich galt der Hagg nach 
dem der Monat hieß, dem Du Sarä = Jovödgrjs in Petra. Das 
war ein schwarzer, viereckiger, unbehauener Stein, Ka 'bu ge- 
nannt, wie sein S.ival im Higäz, der es soviel weiter in der Hei- 
ligkeit bringen sollte; er stand in einem kostbaren Tempel*). 
Seine Panegyris wird durch Inschriften römischer Zeit bezeugt, 
die Leute von Adraa ernannten dafür einen eigenen TiavfiyvQidgxfig 
der die Festpilger anzuführen hatte [Brünnow-Domaszewski, Prov. 
Arabia 1, 220]. Leider hat der aramäische Name den die Nabatäer 
für den Festmonat, ihren Pu '1 Higga, um mekkanisch zu reden, 
verwandten, sich bis jetzt nicht gefunden, was um so mehr zu 
bedauern ist, als grade dieser Monat in den aramäischen Kalendern 
verschieden genannt wird : "p» in Palmy ra, ptDmtt bei den Juden, 
die Edessener haben keinen Namen für ihn, sondern nennen ihn 
den zweiten TeSri. Er ist im arabischen Kalender gleicji dem 
makedonischen Jtog, 

Zu diesen hemerologischen Zeugnissen ist noch ein inschrift- 
liches ^ gekommen, Corp. inscr. sem. 2 nr. 349 , auf der Basis einer 



1) Im Marcianus ist überliefert äyaG'acißaBid'y es braucht nur ein \ als A 
gelesen zu werden, dann ist alles richtig. 

2) Die Hauptstellen sind Epiphan. 51,22, wo die Deutung äaaJ' = J^^QV 
ein im Arabischen naheliegendes Mißverständniß ist, und Suidas Sevcdgrig] aus 
gelehrten Katalogen Clem. protr. 46, 2. Max. Tyr. 8, 8 p. 142 Reiske. Vgl. Well- 
hausen , Skizzen und Vorarbeiten 8, 46. Den Sonnengott konnte Domaszewski 
ruhig aus dem Spiele lassen [Provincia Arabia 1, 189]. 

3) Gildemeister [Zeitschr. d. deutsch. Palästina- Vereins 11,43] glaubte einen 
arabischen Monatsnamen zu erkennen auf der Inschrift in Zeizün bei Tell-eS-Sihäb 
(nicht weit von Der*a = "ASgaa, Karte : Zeitschr. d. Pal.-Vereins 20) , die von 
G. Schumacher [Across tbe lordan 240] und Fossey [Kuli, de cor. hell. 21,44] 
abgeschrieben ist: itov [so] nx (iri 'TnBgßtQBtiov « [22. Sept. 485] AYEIZIZIOYC- 
Richtig transscribieren die Herausgeber der Inscr. gr. ad res. Rom. pertin. 3,1165 
a{$£i Zi^LOvg. a^^i = a^^oi, (uiuat crescai floreat) findet sich auf syrischen 
Inschriften nicht selten und ist zuerst der Sache nach von Clermont-Ganneau 
[Recueil d'arch^ol. Orient. 4,119 und bei Dussaud und Macler, voyage archdol. 
au Safä 191] richtig erklärt; es ist nur kein Imperativ, sondern Optativ, sowie 

auch xccgri = xccgs^ri zu setzen ist. Die Kritzeleien auf der von Dussaud a. a. 0. 
abgeschriebenen Inschrift lese ich a-ßjt *PoyaTo[ff] und [6] G'sdg fiov ['A']iß[o]v 
a[^]^aiag [= a^^eag = a^^eiag]. Wadd. 2130 erkennt Dussaud a^^i Atßsa 
noXXd und faßt Asßsa vielleicht richtig als Ortsnamen; ibid. 2415, besser Nouv. 



die Aeren von Gerasa und Eleutheropolis 355 

Statue die dem König der Nabatäer Rab'el gesetzt und später 
erneuert ist: als Datum der Restauration wird angegeben nn^^a 
Ksbtt nnnnb 16 [niö] «nT«^) *in *1T *0S, 'im Monat XüöbXbv^ welcher 
ist fiWnü, Jahr 16 HaritaVs des Königs, 

Leider ist gerade diese Inschrift besonders schwierig zu da- 
tieren. Der König Kab^el, dessen 24. Jahr auf einer Inschrift 
[C. I. Semit. 2, 161] mit dem Jahr 405 der damascenischen Seleu- 
kidenära [= 94/95, vgl. Gutschmid bei Euting, Nabat. Inschr. 86] 
geglichen wird, kann nicht gemeint sein; denn die Dynastie der 
Nabatäer hörte schon 106 auf zu regieren. In der Herrscherreihe 
die von Obädas, dem Zeitgenossen Herodes d. Gr. bis zu dem 
eben genannten Rab'el lückenlos bekannt ist, kommt kein zweiter 
Bab'el vor, und wenn auch zwisclien Aretas 0ikdXXtiv der 62 v. 
Chr. mit Scaurus Frieden schloß, und Malchos, der zuerst im Jahre 
47 vorkommt [vgl. Gutschmid a. a. 0. 85], Platz genug für einen 
König ist, der Bab*el gehießen haben kann, so ist doch von diesem 
nichts bekannt. Clermont-Ganneau [Rec. d'archöoL 2, 221 ff.] hat 
den König Rab'el herangezogen, der nach Uranius [Steph. Byz. 
Mmd'O)] den ^Makedonen Antigonos' in Motbo tödtete^): das kann 
richtig sein, hlKt aber auch nicht weiter. Denn Gutschmids Ein- 
fall [a.a.O. 84], es sei unter dem *Makedonen Antigonos' der 
letzte Seleukide, Antiocbos Dionysos, gemeint, der allerdings auf 
einem Feldzug gegen die Nabatäer fiel, ist ohne jede Frage falsch. 
Man könnte sich die Aenderung jlvxiyovog in ^AvxCo%og gefallen 
lassen, aber es ist mit Kecht darauf hingewiesen, daß der Zusatz 



arch. d. miss. scient. 10,647 nr. 18 ist AYEONIMAKAP = «^Jov ^ yM%uQ. 
Nouvell. Archiv, des miss. scientifiques 10, 654 nr. 82 a^girco (= a^ioito) Avdri 
%\ Jßißa&f ebenso Clermont-Ganneau Rec. d'arcb. 7,209 [Inschrift aus Asdod] 
a^^itm 6 %6iirig Ji[oyivrig], Richtig vergleicht Cl.-Q. a. a. 0. den syrischen GruB, 
mit dem man den Bischof anredet ^po^cct^oi d. i. a^^vg = cc^ioig: o^ trans- 
scribirt v. Anders ist die Transscription in den Kephalaia zu den Festbriefen 
des Athanasius, vgl. Nachr. 1904, 345. — Wadd. 2081 ^Avndog JaSov inoirios xfj 
*A^v& CeNNOTOY a^ ist CeNNOTOY weder rUlT, wie Waddington meinte, 
noch ein Monatsname, woran Gildemeister denkt, sondern N. pr. das von r^t 
'A^vai abhängt; über solche Gen. poss. bei Göttern vgl. Nöldeke zu Euting, 
Nabat. Inschr. 47. 63. 

1) Oder i<1DB^; das nabatäische Alphabet unterscheidet nicht zwischen ^ 
und •). 

2) So transscribiren die Makkabäerbücher. 

3) MeA'ta %d>iiri 'jQaߣag, iv fn iG'avsv *Avxiyovog 6 Maxsdav ^nb ^Pttß^ov 
toü ßcicdi(og t&v 'Jgaßiciv, cbff Obgaviog iv nifintmi. Z hxi tfjt 'Agdßmv qpooy^t 
t6nog d'avdtov. 





366 ^- Schwartz 

6 Muxs86v nicht auf einen König paßt, ferner stimmt die Geo- 
graphie nicht*). 

Nun ist freilich die Inschrift nicht nach dem König Rab'el, 
sondern nach Rarität = ''Agira^ datirt, aber anch dies Datum ist, 
theoretisch wenigstens, doppeldeutig, da zwei nabatäische Könige 
dieses Namens in Frage kommen. Der jüngere kam in den 
letzten Jahren des Her ödes zur Herrschaft*); das letzte Re- 
giertmgsjahr das sich auf den nabatäischen Inschriften findet, ist 
das 48. Er führt regelmäßig den Beinamen T\üP Dm 'der sein 
Volk liebt', im Gegensatz zu Herodes und seinen Nachfolgern, 
die nicht müde werden sich (piXoTcaiöageg und (piXogAiiaioi^ zu titu- 
lieren. Clermont - Ganneau hat daraus daß auf dieser Inschrift 
der Beiname fehlt, geschlossen daß der ältere Aretas gemeint 
sei, dem nach dem Tod des Antiochos Dionysos das Diadem der 
Seleukiden angeboten wurde imd der 62 mit Scaurus Frieden 
schloß. Der Schluß ist sehr kühn: denn es gibt keine nabatäische 
Inschrift die mit Sicherheit der Zeit vor dem jüngeren Aretas 
Zugewiesen werden könnte, und das will um so mehr sagen als 
sie unter diesem in Massen gesetzt sind. Es sieht ganz so aus, 
als habe dieser Herrscher dem es glückte den allmächtigen Vezier 
seines Vorgängers zu stürzen, für die Cultur und Civilisation 
seines Landes ebensoviel getan wie sein Nachbar Herodes: das 
plötzliche Auftreten einer Menge Inschriften die nach ihm datiei*t 
sind, während die Regierung *Obädas' nie vorkommt, kann kein 
Zufall sein. Es ist daher sehr gewagt zu leugnen daß eine In- 
schrift die nach dem Namen des Aretas den Beinamen wegläßt, 
auf den jüngeren bezogen werden könne. Er fehlt auch C. I. Sem. 



1) M(oG'(o ist das heutige Mo'ta [Brünnow und Domaszewski, Provinz Arabia 
1, 104. 2, 328] in der Moabitis. Antiochos zog aber längs der Meeresküste gegen 
Petra [los. AI 13, 390 f. B. I. 1,99 f.], und man sieht nicht, wie er dazu konunen 
sollte rund um das Südufer des Todten Meeres nach Moab zu marschieren. 

2) Genau läBt sich das Jahr nicht bestimmen. Gutschmid gab selbst an, 
daß das von ihm berechnete Jahr 9 v. Chr. nur approximativ sei [a. a. 0. 85] ; 
man sollte also nicht immer wieder mit den Regierungsjahren des Aretas wie mit 
sicheren Daten operieren. Uebrigens glaube ich an die s. g. dritte Reise des 
Herodes nach Rom nicht. los. A. I. 16, 270 ist in dem Satz inoti/jcaro dh %al 
cvv^nag Big *P<S}firiv iX^itv mindestens xhv 'JXi^avdgov ausgefallen, wie die 
Parallelstelle B. I. 1,510 lehrt, wo einer Reise des Herodes mit keinem Wort 
gedacht wird. 16, 217 ysvofiivai dh iv 'P6>fiTii ti&xbC^bv inain/jxovti bezieht sich 
auf die zweite Reise, wie aus 273 deutlich hervorgeht; ich habe nie begriffen, 
wie losephus diese dritte Reise so summarisch, um nicht zu sagen undeutlich hätte 
erzählen können. Springt aber 16,271 die Erzählung auf 16, 90 ff. zurück, so 
stürzen die Combinationen Gutschmid's zusammen. 




die Aeren von Gerasa und £leatheropoIi8 367 

2f 442, die auf den älteren za beziehen kein Grund vorliegt, and 
es ist sehr fraglich ob nr. 160 Raum genug da ist um TXüiP Dm 
zu ergänzen. Der jüngere Rab'el führt den Beinamen '^'^nÄ ''l 
nw awi (etwa = Zbrijp), und doch gibt es Inschriften die un- 
zweifelhaft ihm zugehören und den Ehrentitel weglassen [Clermont- 
Ganneau, Recueil d'archiol. 4, 177J. 

Wenn aber die Inschrift in die Zeit des jüngeren Aretas 
gesetzt werden kann, ja muß, dann ergiebt sich die Erklärung 
des doppelten Monatsnamens leicht und von selbst. Es war ein 
neuer Kalender eingeführt, der die aramäischen Monatsnamen an 
Stelle der einheimischen setzte. Eine Ealenderreform aber, die 
um den Anfang unserer Zeitrechnung auftritt, muß mit der Ein- 
führung des julianischen Kalenders in Zusammenhang stehn, und 
ich wage die Vermuthung, daß Qaritat Rähem-^ammeh den juliani- 
sirten Kalender von Damaskus in seinem Reiche angenommen hat. 
Die Nabatäer waren ein Handelsvolk, das auf den Verkehr mit 
dem römischen Reich angewiesen war: es wäre töricht und un- 
praktisch gewesen, wenn sie den Vorteil der dort eingeführten 
festen Zeitrechnung sich hätten entgehen lassen. Die aramäischen 
Monatsnamen die in fester Gleichung den makedonischen ent- 
sprachen und im semitischen Orient überall verstanden wurden, 
wurden mit den einheimischen identificiert und verdrängten sie 
rasch: außer der behandelten Inschrift sind jene bis jetzt auf den 
Steinen nicht aufgetaucht, und das Hemerologion des Epiphanius 
das sie aufführt, muß in früher Zeit zusanmiengestellt sein. Als 
die Römer das Nabatäerreich zur Provinz machten, ließen sie den 
damascenischen Kalender bestehn. 

In Palmyra wird nach aramäischen tmd makedonischen Mo- 
naten datiert. Man reducirt die Daten jetzt auf den antiocheni- 
schen Kalender; es ist aber sehr zu erwägen ob nicht Clermont- 
Ganneau [Etudes d'arch^ol. Orient. 2,75] Recht hat, wenn er die 
Möglichkeit betont, daß die Daten auf den arabischen Kalender 
gestellt sind^). Ein Datum mit der Ziffer 31 ist noch nicht ge- 
funden, freilich auch keins mit einer Epagomene. Die Frage ist 
also noch offen; sollte sie zu Gunsten des arabischen Kalenders 
entschieden werden, so ist dieser auch nach Palmyra von Damaskus 
gekonmien. 



1) Damit habe ich nicht gesagt daB ich die Speculadoneo des geistvollen 
französischen Orientalisten über den yorjolianischen palmyrenischen Kalender 
für richtig halte; im Gegenteil leugne ich entschieden, daft auf diesem Wege vor- 
w&rts zQ dringen ist. 



358 K. Schwartz 



losephus zählt A. I. 14,75 [= B. L 1,155 f.] die Städte anf, 
die durch Pompeius von der Herrschaft der Hasmonäer befreit 
wurden; z. Th. wurden sie *nea aufgebaut'. Im Binnenlande lagen: 
Gadara [Mukßs], Hippos fSüsijah], Skythopolis [B^sän], Pella [Ta- 
baqät Fahl], Dion, Samaria, Marisa [Teil Sandabanna bei Beth 
Gibrin, vgl. Mitthlg. d. deutsch. Paläst.- Vereins 1902, 40], Asdod, 
lamnia und Aretbusa *) ; am Meer Gaza, loppe, Dora, Stratons- 
türm, das Herodes später zu Caesarea umgründete. 

Die Aera von Gaza ist nach der julianischen Reform auf den 
28. October 61 v. Chr. gestellt [Clermont-Ganneau, Archeol. Re- 
searches in Palestine 2, 41 9 ff.]; soweit die bis jetzt zuverlässig be- 
kannten Münzen ein Urteil verstatten, beginnen die Acren von 
Dora und Raphia in etwa derselben Zeit*). Pompeius verließ 
Syrien Herbst 63 oder Frühjahr 62; seine Anordnungen wurden 
en bloc erst 69 unter Caesars Consulat durch einen Volksbeschluß 
bestätigt. Trotzdem müssen diese Jahreszählungen, die nur als 
Freiheitsären gedeutet werden können, irgendwie' mit den Ver- 
fügungen des Pompeius zusammenhängen ; sollte ein Senatsbeschluß 
des Jahres 60, der sich speciell auf diese Küstenstädte bezog, da- 
hinter stecken? 

Von den Städten des Binnenlandes die losephus aufzählt, 
zählen Gadara, Hippos, Skythopolis, Pella und Dion auf den 
Münzen ihre Jahre nach einer Freiheitsära, die zu den s. g. pom- 
peianischen gehören muß. Genauer bestimmen läßt sich das Jahr 1 
zunächst nur für Gadara. Es gibt gadarenische Münzen Neros 
[de Saulcy, num. de la terre sainte 295 ff.] mit der Ziffer AAP. 
Nach dem was ich eben über die Kalender ausgeführt habe, muß 
für Gadara eines der in Syrien üblichen, mit dem Herbst be- 
ginnenden Jahre angenommen werden. Setzt man Jahr 1 = 
Herbst 64/63 v. Chr. , so fallen jene Münzen in das letzte Jahr 
Neros 67/68 n. Chr. Mit dem Kopf Elagabals zusammen tritt 
die Jahreszahl ATTC auf; auch dies ist richtig, wenn das Jahr 1 



1) Unbekannt, aber nicLt mit dem Aretbusa zu feiwccfaseliii dai ^^tigcheli 
Hamatl] tiDd tloma lag. 

2) Deber Bora weiß ich nithtß bessereB lu sagen aJi was bei Kubttnehek, 
&reb&oL epigr, Mitthlg. au« Oesteir. 13^ 209 itebi. Für Raf^hia kommc*n in Be* 
triebt eine Münze [de Saulc)-, duid. de la Terre sainte 238] mit ATTO KOMO* 
AOC 'UJ*1 ZAC tind eine Elagabals [a, a. 0* 239] mit ATTC l jo^iß verhteißi Jalir l 
Tor Herbst t)i;60t diese nach Herbst 60/59 iüsutietzen. Mit Gabiui^e Procomilil 
hat dio Aera nichts ixl toiu 



j 



die Aeren von Gerasa nnd Elentheropolis 359 

erst im Herbst 64 begann. Dann ist 281 = 217/8 v. Chr. ; Elagabal 
wurde Kaiser im Juni 218. Im Britischen Museum befindet sich 
unter den Münzen von Gadara eine des Antoninus Pius mit der 
Ziflfer TKC und eine des Marcus aus dem folgenden Jahr AKC [Cata- 
logue of Greek coins, Galatia, Cappadoda and Syria 304J. Pius 
starb am 7. März 161. Die Gleichung 1 = 64/63 v. Chr. ergiebt 
die Jahre Herbst 1B9/160 und 160/161. Es wäre in diesem Falle, 
sowie bei den erwähnten Münzen Elagabals, auch möglich von 68/62 
V. Chr. auszugehn; das wird durch die Münzen Neros aus dem 
Jahr AAP ausgeschlossen. Denn das Jahr Herbst 68/69, das dann 
herauskäme, ist für Nero schon zu spät. Ich erwähne nebenbei, 
daß die Stadt den Beinamen Pompeia erst seit Antoninus Pius 
auf die Münzen setzt. 

Eine mit dieser identische oder wenigstens ihr sehr ähnliche 
Aera erscheint auf einer Inschrift, die in Tell-el-AS^ari ^) ge- 
funden ist und am besten von Clermont-Ganneau [Recueil d'arch^ol. 
5,23, in Majuskeln bei Fossey, bull, de corr. hellen. 21,47 = 
Inscr. gr. ad res Rom. pert. 3, 1164] veröffentlicht ist: 
Z*) ßXg inig xr^q Ai>xoxQi\xoQOs Eeßa 
ötov Mdgxov 'Ü^covog öcatrjlgiag *AxoX 
Xoq)[dv]rig /fioydvovg xatiiQ 7c\6Xe(Dg ti^v 
6xoäv 6i)v [t\alg Sv6l tljaXCöi olx^oSdyi'qöBv 
ix [x&v ISCiov BiöBlßCag xagtv t . . . 
Otho hat nur vom Januar bis April 69 regiert ; die Gleichung 
Jahr 1 = Herbst 64/63 v. Chr. erfüllt auch hier alle Bedingungen. 
63/2 ist ausgeschlossen. Es muß also unter dem Tell-el-A§*ari 
eine Griechenstadt gelegen haben, die durch Pompeius 'befreit' 
wurde. Der Ort liegt da, wo die jüdische Peräa und Batanäa 
aneinander stoßen, und die Vermutung ist erlaubt, daß die Has- 
monäerherrschaft von Alexander lannäus bis hierher ausgedehnt 
ist ■). Unter den Städten , die durch Pompeius den Juden ge- 



1) Karte: Zeitschr. d. deutsch. Palästina-Vereins 20. Beschreibong : ebenda 
167. Schumacher, Across the lordan 203. Die Schrift desselben Verfassers 
Abüa of the Decapolis, London 1889 fehlt auf der hiesigen Bibliothek. 

2) Die alezandrinische Abkürzung von hovg ist zu beachten; sie findet sich 
auch auf nr. 9 der gerasenischen Inschriften , zufUlig mit derselben Ziffer zu- 
sammen: LßlQ, in Damaskus [Clermont-Ganneau, Rec. d'archäol. Orient. 4, »8], im 
Haur&n [Bull, de corr. heU. 21,41]; man wird noch mehr zusammenbringen 
können. 

3) Vgl. Eus. onom. 136, 2 NivBvri . . . iöti dl %al lovdaimv iig hi 9^ 
%6XiQ Nivivfi xuXovfiivri mgl tfjv yanflav r^; 'Jgaßücf. Hieronymus setzt hinzu 
quam nunc eorrupte Nauen uoeant. Nawä liegt ca. 20 Kilometer n. von TeU-d- 
Ai'aA. 




360 E. Schwartz 

nommen wurden, ist bis jetzt Dion niclit bestimmt: ich glaube 
daß dies auf dem Tell-el-AS'ari gelegen hat. losephus erwähnt 
die Stadt außer der schon dtirten Stelle noch A. I. 14, 47 =: B. I. 
1, 132 ^). Aristobul und Hyrkan sind in Damaskus bei Pompeius 
gewesen; in Dion verläßt Aristobul Pompeius, der gegen die Na- 
batäer ziehen will, und kehrt nach Judäa zurück. Da Pompeius 
sofort den Krieg gegen Judäa beginnt und über Pella und Sky- 
thopolis ins Jordanthal marschiert, muß Dion nördlich, nicht weit 
von Damaskus gelegen haben; sonst hätte der Anmarsch des 
Pompeius eine andere Richtung genommen. In dem Krieg, den 
Herodes vor der Schlacht bei Actium gegen die Nabatäer lührte, 
fand die erste Schlacht, in der Herodes Sieger blieb, bei Dion 
statt*), die Nabatäer sammelten dann ein neues Aufgebot bei 
E^anata [el Qanawät]. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß die 
beiden Orte am w. und ö. Rand der Ebene von Batanäa, einander 
grade gegenüber liegen. Damascius im Leben Isidors [Phot. bibl. 
242 p. 347^ 29] beschreibt diese Ebene mit den Worten nadlov tf^g 
^AQaßCaq ivTptXa)(idvov inb tijg eoD fidxQi^ ^Cag r^g igi^iiov nöXsiog. 
Er schildert dann wie diese Ebene plötzlich in ein steiles, tief 
eingeschnittenes Wädi [aöAciv] übergeht, das weiter unten sehr 
fruchtbar ist; in ihm sei ein großer Wasserfall. Sw. und w. von 
Tell-el-AS*ari sind zwei hohe Wasserfälle, bei Tell-eS-Sih&b und 
bei Zdzün [vgl. die Beschreibungen bei Schumacher, Across the 
lordan 29. 32]: die Umgegend von Tell-eS-Sihäb wird wegen 
ihrer Obstgärten tmd Weizenfelder [xilnoi 9ud yecoQyiai Damascius 
a. a. 0. p. 347** 38] gerühmt. Die Namensform Jia ist in nach- 
constantinischer Zeit die gewöhnliche [vgl. Geizer zu Georg. Cypr. 
p. 203]: daß ^fia und Jtov identisch sind, beweist das Excerpt 
aus loseph. A. I. 13, 395—397 bei Georg. Syncell. 559, 1 wo Jiav 
[überliefert Aiav] unter den Städten steht, die Alexander lannäus 
eroberte; in der arg zerstörten Stelle des losephus ist der Name 
ausgefallen'*). Schumacher [Across the lordan 207] bemerkt über 



1) Der Name ist an beiden Stellen durch die z. Th. verkehrten Correkturen 
einer Verschreibung entstellt. In der Archäologie ist überliefert Big AHAION 
%6Uv: das führt auf AION> das teils in AION» teils in HAION corrigiert wurde. 
Im B. I. geben die Hss. AIOCHAIOY ndXsm oder AlOC n6X8mg: hier ist aus 
AIOY sowohl AlOC als HAIOY gemacht. 

2) Die griechische Ueberlieferung giebt auch hier an beiden Stellen A. I. 
15,111 und B. I. 1,366 Jt6cnoXtv: aber der Lateiner hat in der Archäologie das 
Richtige dio ciuüatem erhalten. 

3) Dagegen ist A. I. 13,393 AIAN falsch; im B. I. 1,104 steht richüg 
nillav. Denn daß Alexander lannäus über Tell-el-AS*ari nach Gerasa und von 



die Aeren von Gerasa und Eleutheropolis 361 

die Ruinen : the extent of the remains praves that the ruins of Teil 
el AslCari must be the site of what was an impartant cüy in an- 
cient dnys, with an acropolis on the hill above, lying north of the 
toten, Ausgrabungen werden sich um so mehr lohnen, als die 
Stadt im 5. Jahrhundert, zur Zeit des Damascius, verlassen 
war, altes also erhalten sein kann. Die wenigen Münzen von 
Dion [de Saulcy 378 ff.; Catalogue of Greek coins, Galatia, Cappa- 
docia, Syria 303] zählen die Jahre nach einer Aera, die auf 64/3 
zurückgeführt werden kann. Die von de Saulcy angeführte, sehr 
häufige Münze AKT- AIOY- A hat mit Dion nichts zu thun; sie ist 
parthisch, jdtog bedeutet den Monat und das Jahr ist nach der 
Arsakidenära auf 24 v. Chr. zu reducieren. 

Als nach dem Tode des Antiochos Sidetes [129 v. Chr.] das 
Seleukidenreich sich auflöste, setzte sich in Philadelphia = Rabbath 
Amman ein Fürst arabischer Abstammung, Zenon Kotylas fest 
[los. A. I. 13,235]; ihm folgte sein Sohn Theodoros. Das Fürsten- 
tum breitete sich aus, Gerasa [A. I. 13, 393 = B. I. 1, 104] und 
Amathus [A. I. 13, 356. 374 = B. I. 1, 86. 89] gehörten dazu. 
Jenes wurde von Alexander lannaeus erobert, aber nicht behauptet: 
denn unter den Städten die Pompeius von der jüdischen Herrschaft 
befreite, zahlt losephus [s. o. S. 19] es nicht auf. Trotzdem be- 
weisen die Aeren von Philadelphia und Gerasa, die, wie sich her- 
ausstellen wird, übereinstimmen, daß auch diese von Pompeius 
'befreit' sein müssen : wahrscheinlich hat losephus die Erfolge des 
Hasmonäers übertrieben und war es diesem nicht gelungen das 
Fürstentum des Theodoros zu zertrümmern. 

Die Epoche der Aera von Philadelphia war nach dem Chron. 
pasch, p. 351, 16 ol. 179, 2 = 63/2 v. Chr. 0. Nach der gerase- 
nischen Aera wird vielfach auf Inschriften von Gerasa datiert. 
Nach Lucas freilich, der in den Mitthlg. und Nachr. des deutschen 
Pal.- Vereins 1901, 50 ff. eine sehr nützliche Sammlung dieser In- 
schriften veranstaltet hat, und den Herausgebern des 3. Bandes 
der Inscr. graecae ad res Rom. pertinentes hätte in Gerasa ein 
bunter Wirrwarr von Aeren geherrscht: der muß zunächst be- 
seitigt werden. 

Lucas nimmt die Seleukidenära an in nr. 8, eine genaue Ab- 
schrift in Maiuskeln steht bei Brünnow-Domaszewski, die Prov. 
Arabia 2,253 nr. 2: 

da ins G61än gezogen wäre, ist onglaubUch; der normale Weg nach Qerasa ist 
über Skythopolis-Pella. CTTIAIAN ist ans l9rl<TT€A>AAN verschrieben. 

1) Die Consnlate sind in diesen Partien des Chronicon paschale wertlos, 
▼gl. Paoly-Wissowa R£ 8, 2464. 
Xfl- <}•■• ^ Wlv. KMkrioktM. Fldloloff.-hirtor. KImm 1906. H«fl 4. 26 



362 E. Schwartz 

Ssßaöx&v 6(o\xYiQiag xal xrig zov di^iiov 
6fio\voiag ZaßöCmv lAgtötondxov \ Csgaöä- 
lAsvos Tißsgiov KcUöoQog \ TOEITETOYZ 
iniä(ox6v ix x&v \ ISCmv sig xiiv oixodofiriv 
xov tsQ\ov dgaxiiäg xUiag siföeßsiag \ Svbxsv. 

Ein Datum steckt sicher in der nicht transscribierten Stelle, 
vgl. die Inschrift von Laodicea Inscr. gr. 3, 1011 [sQuöaiiivTiv tö 
älg ixBi [= 116/7 n. Chr.] xf^g xvgCag 'Jgxiiiidog. Nach der Seien- 
kidenära wäre es 3/2 v. Chr. Dazu paßt weder ein Priestertum des 
Tiberins noch der Plural Ueßaöxoi, der unter Augustns unerhört 
ist und nur Tiberius und Livia bezeichnen kann. Die französischen 
Herausgeber der Inscr. gr. [3,1344] schlagen daher vor xo{v) b% 
ixovg zu transscribieren und treffen damit den Nagel auf den 
Kopf. Nimmt man nach der Aera von Philadelphia an, daß das 
Jahr 1 = 63/62 war, so kommt 22/23 n. Chr. heraus. 

Am Anfang von Lucas nr. 70 = Dittenberger Inscr. Orient. 621 

'Jya^^ xvxi]]l, ''Exovg diiQ[ .... xfi]g Zeßaöxfig 
€lQi^v[rig inl x]ilg igxvg ^AnoXX(Dvio[v j4gi6]xiG)' 
vog ngoiSgov xal . . . ov JrnirjftgCov Sexaxg}^) 
\8iä ß\iov 7i6Xs(Dg xal ^^vxi6x[ov . . . .] mvog 
&gx6vx(ov xal !SBg[... X\aigiov yga(ifiatB'6ovxog 

ergänzten die früheren Herausgeber inb tilg UBßaöxfig Blg'^vqg und 
redeten von der 'actischen' Aera. Das wird schon durch sachliche 
Gründe verboten; denn in Syrien ist die s. g. actische Aera, das 
ixog xflg vCx'qg der Münzen, nur ein Name für die Zählung der 
Regierungsjahre des Augustns, die in den ersten Jahren des Tibe- 
rius aufhört [Mommsen , Staatsrecht 2, 803, 2]. Außerdem wird 
nach dem Text der Inschrift nicht von der Schlacht bei Actium, 
sondern von der Fax Augusta an gezählt, und Dittenberger ver- 
sucht wirklich die Aera auf 9 n. Chr., das Jahr in dem die Ära 
Pacis dediciert wurde, zu reducieren, wundert sich freilich über 
diese singulare Rechnung. Ich hatte längst statt inö ergänzt 
{mig, als ich fand daß Kubitschek an einer versteckten Stelle, 
die sogar Dittenbergers Späberaugen entgangen ist [Mitthlg. der 
k. k. geogr. Gesellsch. zu Wien 43, 370], auf denselben Gedanken 
gekommen war. Auch hier liegt die Freiheitsära vor; gemeint 
ist, wie sich noch zeigen wird, das Jahr 66/67 n. Chr. 



1) Abkürzung ftir dtncati 




die Aeren von Qerasa und Eleotheropolis 363 

Am unglücklichsten ist die Aera von Gerasa von F. Allen 
[American Journal of philology 6, 192] behandelt; man brauchte 
nicht viele Worte darüber zu verlieren, wenn ihm nicht die Heraus- 
geber der Inscr. gr. gefolgt wären nnd ein Nebeneinander einer 
speciellen Aera von Gerasa und einer 'Pompeiusära' construiert 
hätten, das einen schweren historischen Fehler enthält. Eine s.g. 
Pompeiusära ist nie etwas anderes als eine Freiheitsära einer 
einzelnen Stadt, und es ist undenkbar, daß die Gerasener zwei 
Freiheitsären durch einander gebrauchten. Allen basiert seine 
Hypothese auf einer sehr schlecht abgeschriebenen Inschrift, nr. 29 
bei Lucas = Inscr. gr. 3, 1356 

i[xovg tiXq {;(«i)p rfjg tdbv Ufßaöt&v öarijQiag 
PAlAN HITHEPANnYAH [ix 

tdb]y IdCmv iv(d)^xav xal 

..EIQNOY KOM . . OYnPr 
In der letzten Zeile ergänzt Allen j^vrcivsivov Ko(i6dov XQ[oxQitov 
x^g vs6xfitog](\) f behauptet, das wäre der Kaiser Commodus, tmd 
schließt 'we have good reason for fixitig^ provisioYudly at least, the 
era of Gerctsa in the spring (l) of 44 A. D. Wenn aus dem Tenor 
der Inschrift etwas mit Sicherheit hervorgeht, so ist es das, daß 
in der letzten Zeile kein Kaiser und am allerwenigsten der Kaiser 
Commodus gemeint ist. Die letzten Buchstaben fähren auf ngeö- 
ßsvtoi> kgati, und der Name Kbl(ov{()ov Kofiödov ist nicht zu ver- 
kennen. Reduciert man das Jahr 138 auf 75/76 n. Chr., so stellt 
sich heraus, daß von dem Consul des Jahres 78, L. Ceionius Com- 
modus, die Rede ist. Er kann freilich 76/76 nicht Legat von 
Syrien gewesen sein, wenn er erst zwei Jahre nachher zum Con- 
sulat gelangte, außerdem steht durch Münzen fest, daß 76/7 der 
Vater des späteren Kaisers Traian Statthalter von Syrien war 
[Catalogue of Greek coins. Galatia, Cappadocia nnd Syria 180]. 
Aber nichts hindert anzunehmen, daß Ceionius Conmiodus damals 
leg, leg. war. 

An und fiir sich wäre es nicht undenkbar, daß in späterer 
Zeit die arabische Provinzialaera [Epoche = 22. März 106 n. Chr.] 
in Gerasa herrschte, wie sie in Kanatha eine Freiheitsära abge- 
löst hat. Die Stadt wurde nach 151 [vgl. Lucas nr. 16] aber 
noch unter Antoninus Pius [Lucas nr. 12 vgl. CIL VI 1383] von 
Syrien abgetrennt und zu Arabien geschlagen^); nach 195 scheint 



1) Antoninos Pias war im Winter 155/156 in Syrien, weil von den Parthem 
Krieg drohte, Tgl. Abhdlg. YIII 6,184. Damit wird die Aenderong der Pro- 
Tindalgrenzen zusammenhängen. 

26* 



364 E. Schwartz 

sie eine Zeit lang zu Syria Phoenice gehört zu haben [Perdrizeti 
Eev. d'archtol. 1899, 39 ff.] , wurde aber nachher wieder mit 
Arabien vereinigt [Gteorg. Cypr. 1063. Hierocl. 722,7]. Aber 
anch diese Aera wird ausgeschlossen durch mehrere Bauinschriften 
später Zeit, auf denen neben der Jahresziffer die Indiction steht. 
Sie stimmt nicht zu der Reduction nach der arabischen Aera, 
vortrefflich dagegen zu der Epoche 63/62 v, Chr. 

Lucas nr. 28. Irovg dq> roQXidov ivdexdxtig ivdtx, ind. XI = 
1. Sept. 442/3. 

nr. 25. r& Tqp in JCov %q6v(ov iCQ&xrig Ivd. ind. 1 = 1. Sept. 
447/8. 

n 

nr. 30. xaQLU rov ^v i^siisXiAd'fi [toiko tb ii]aQtijQiov fi ^ica 

tflg [xq] y Ivd x/ äv^l^sv rä {m^Q]&vQa iv (i ^im ttig s 
[iv]d rot) a^ h. ind. V = 1. Sept. 496/7. 
nr. 32. t& ixq> itsi xQ Y ivd. ind. lU = 1. Sept. 464/5. 
Der Vergleich zwischen nr. 28 und 25. 30 zeigt , daß das 
Neujahr in die Zeit zwischen Gorpiaeos und Dios, also in den 
Herbst fallen muß. Damit ist der arabische Kalender ausge- 
schlossen; ich halte es für das weitaus Wahrscheinlichste, daß in 
Grerasa der antiochenische Kalender gebraucht wurde, so da£ nr. 
28 in den Sept. 442, nr. 25 und 30 in den November 447 und 
496^) gehören. Wie dem aber auch sei: die Acren von Gerasa 
und Philadelphia können höchstens um 1 — 2 Monate differiert 
haben: ihr Jahr 1 ist Herbst 63/62 v. Chr. 

Auf dieses Jahr sind sämtliche Daten gerasenischer Inschriften 
und Mfinzen zu reduderen. Man soll sich durch paläographische 
Ghrände, die bei Inschriften des Orients immer ein sehr gefähr- 
liches Argument sind, nicht irre machen lassen. Nr. 7 Lucas = 
Inscr. gr. 3, 1343 Itovg ßi6 ^cueiov ä ist wahrscheinlich am 1. Juni, 
sicher im Jahre 160 gesetzt, trotz der Ligaturen, und nr. 5 « 
Inscr. gr. 8, 1363 

!Aya9il irt^ijt. TStovg ßfLQ imlg ti^g t(bv Ikßa6v(bv 6anriQtag 
^AQtifLiii, xvQÜK tiiv 6toäv iniifiöav ix %(bv litmv ot ösßö" 
(iivoi^j X€ct tbv kixxov iv tib ß^^ hsi 



1) Theoretisch möglich ist die Reduktion nach sidonischem Kalender; de 
ergiebt für nr. 28 den November 442 , für nr. 25 und 80 den Januar 448 und 
497. Aber ich sehe nicht wie die Gerasener dazu hätten kommen soUen, denlo- 
calen Kalender Ton Sidon zu gebrauchen. Dann könnte man eher an den tyrischen 
denken. 

2) So nach Puchsteins Abschrift. 




die Aeren von Gerasa und Eleutheropolis 365 

gehört in die Jahre 79/80 und 69/70: die Schreibung iicvriöav ist 
den Beispielen bei Blaß, Ansspr. d. Griech. 70 hinzuzufügen. 

Das Epochenjahr der Aeren von Gerasa und Philadelphia ist 
später als das der Aeren von Gadara und Dion: der Raubstaat 
des Zenon Eotylas und des Theodoros ist erst nach der Erobe- 
rung Jerusalems zertrümmert, wahrscheinlich nicht von Fompeius 
selbst. Gerasa und Philadelphia hatten mit Gadara und Dion 
nichts gemein als daß alle vier Griechenstädte waren, denen die 
römische Herrschaft lieber war als die der semitischen Orientalen. 
Sie sollen freiL'ch alle vier zur s. g. Dekapolis gehört haben, und 
grade an der s. g. pompeianischen Aera haftet immer noch die 
unbestimmte Vorstellung als sei sie von dem ,Städtebund^ der 
Dekapolis gemeinsam eingeführt. Diese Vorstellung wird noch 
unbestimmter, nachdem der Beweis geführt ist, daß die Städte 
der Dekapolis keine gemeinschaftliche Aera gehabt haben, und 
sich von Neuem herausgestellt hat, daß es keine pompeianische 
Aera gibt, sondern nur Freiheitsären einzelner Städte, die von der 
römischen Regiertmg die Erlaubniß erhalten haben ihre Jahre 
statt nach der Seleukidenära, von dem Jahr an zu zählen, in dem 
sie, direct oder indirect, durch Fompeius autonome Unterthanen- 
gemeinden des S. P. Q. R. geworden waren. Es lohnt sich aber 
einmal schärfer zuzusehen, was denn die s. g. Dekapolis eigentlich 
gewesen ist. 

Die Hauptstelle steht bei Plinius 5,74; sie ist leider stark 
verdorben : 

iungitur ei (nämlich ludaeae) latere Syriae Dccapolitana 
regio a numero oppidorumy in quo non omnes eadem obseruatUj 
plurimum tarnen Damascum epoto riguis amne Chrysorhoa ') fer* 
tilem, Philadelphiam , Rhaphanam^) , omnia in AraUmm rece- 



1) D. i. der Barada. XiivaoQ6ag wird öfter in Syrien für Flüsse gebraucht, 
die durch Irrigationscanäle für ein Gebiet nutzbar gemacht werden; auch der 
FluB von Gerasa heißt so und noch jetzt giebt es ö. von Aleppo ein Wftdi ed- 
Dahab, ^daa aeinm Namen „Oddbach'^ durch die immense Fruchtbarkeit seines 
Flußgebietes rethtfertigC [M. von Oppenheim, Byzant. Zeitschr. 14,6]. Ueber das 
W&di ed-Dahab in der südlichen Batan&a bemerkt Schumacher [Zeitschr. d. d. Pal. 
Vereins 20,92]: ^Naeh einer alten Tradition rüihrt die Benennung *Ooldniederung* 
davon her, daß es ewischen *Otamän und el-Oharijät 6 Tage lang OcHd regnet,..,; 
richtiger dürfte es jedoch sein , die Benennung auf die Fruchtbarkeit der Gegend 
Murüeksu/ Uhren*. Vgl. die Einzelschilderung 187 ff. Der griechische Name des 
ZarafSan, des Flusses von Samarkand, Ilolvtiftfitogf dürfte ähnlich zu erklären sein. 

2) D. i. *Pt<pAv 1 Makk. 5, 87, an einem x'H'^99^^ (W&dl) gelegen. Es 
ist noch nicht wiedergefunden. Der Name dürfte mit D^Hfi") zusammenhängen. 



366 £• Schwarte 

dentia, Scytkopolim, antea Nysam a Libero patre sepuUa nutrice 
ibi, (post) ^) Srythis deductiSy Gadara Hieromyce praefluenie, et tarn 
didum [B, 71] Hippon^ Dion^ Fellam aquis diuitem , Gerasam 
\paJasam codcL], Canathatn. intercurrunt cinguntque has urbes 
ieirarchiae, {quae)^ regnorum instar singulae ad [et codd.]') 
regna contribuuntur, Trachonitis, Panias in qua Caesarea cum 
supra dicto [5,71] fönte [des lordan], Abila arca^) ampeloessa^ 
Gabe. 

üeber Damaskus hat am besten P. y. £ohden [De Palaestma 
et Arabia. Berl. Diss. 1885,5] gehandelt; auch in dem Benzinger- 
schen Artikel der Pauly - Wissowaschen RE ist das Material gut 
gesammelt. Die Stadt war der Herrschaftssitz der letzten Seleu- 
kiden: Demetrios mit dem Spitznamen "Axaigog [loseph. A. 1. 13, 
870] und Antiochos Dionysos [los. a. a. 0. 387] haben dort residiert. 
Nach des letzteren Tod wurde von Damaskus aus dem Nabatäer- 
könig Aretas Philhellen das Diadem der Seleukiden angeboten 
[los. a. a. 0. 392 B. 1. 1, 103] ; es sind dort auch Münzen mit der 
Legende Ba6iXBC3g ^Agixa 0tXikkip/og /Iq (^Agäßtov?) geprägt. Doch 
ist seine Herrschaft nie mehr als nominell gewesen und hat keines- 
falls lange gedauert. Er hatte Damaskus gegen den ebenfalls 
arabischen Fürsten Ptolemaeos Menneu, der am oberen Barada 
und um Chalkis einen Raubstaat gegründet hatte, [vgl. oben S. 347] 
schützen sollen: wenn bald nachher die hasmonäische Königin 
Salma ihren Sohn Aristobul nach Damaskus schickte um diesen 
Schutz zu leisten, so sieht man darin mit Recht ein Anzeichen 
dafür daß Aretas damals nichts mehr in Damaskus zu sagen 
hatte ^). Ein weiterer Beweis liegt darin daß Damaskus, als es 
durch Pompeius römisch wurde, keine Freiheitsära einführte, son- 



vgl. Gen. 14,5. Deut. 3, 13. los. 12,4. Sebr weit von Der'a wird die Stadt nicht 
gelegen haben. 

1) Die Er;?änziing ist unsicher, aber der überlieferte Text muß etwa in 
dieser Weise verständlich gemacht werden. 

2) So glaube ich die sinnlose Ueberlieferung emendieren zu können, vgl. 
5, 77 Dtcapoiitana regio praedictae cum ea tetrarchiae und 5, 82 praeUr tetrarMas 
in regna discriptas. Diese Stelle zeigt, daß tetrarchiae allein Subject und der 
Gattungsbegriff für die folgenden Namen ist ; von diesen ist aber keine Tetrarchie 
jemals isoliert gewesen, sondern sie haben stets Teile eines Reichs, sei es des 
Herodes, sei es des Philippus oder der beiden Agrippa gebildet. Aus diesem Ge> 
dankengang ergeben sich die leichten Verbesserungen von selbst. 

3) Verdorben, s. u. 

4) Die Münze mit Jafuccx, L ai^y [Frühjahr 68,9] darf man für die Auto- 
nomie nicht anführen ; sie ist nur durch Sesüni bezeugt [de Saucy, numism. de 
la Terre sainte 31 nr. 9]. 



die Aeren von Gerasa und Eleutheropolis 367 

dern fortfuhr nach der babylonischen Seleakidenära zu datieren, 
deren Epoche nach der Einführnng des jolianischen Kalenders aof 
den 22. März 311 v. Chr. normiert wurde [vgl. oben S. 341]. Die 
Nabatäer in dem benachbarten Pm6r nennen diese Zählung ge- 
radezu die ,römische^^), und am Gebrauch der Seleukidenära läßt 
sich erkennen y ob ein Ort zum Stadtgebiet von Damaskus gehört 
hat*), wenigstens nach S. hin: im W. versagt das Kennzeichen, da 
in der Abilene ebenfalls die Seleukidenära sich behauptet hat. 

Seit Pompeius ist Damaskus römisch geblieben. Für das erste 
nachchristliche Jahrhundert wird das, außer durch gelegentliche 
Erwähnungen bei losephus, durch die Münzen bewiesen, die unter 
Tiberius und Nero geschlagen sind [Saulcy, nnmism. de la Terre 
sainte 36]. Sie fehlen aus der Zeit des Gaius und Claudius, durch 
Zufall oder weil die communale Prägung damals unterblieben war. 
Man würde diesen ganz gleichgültigen Umstand, für den sich un- 
zählige Analogien beibringen ließen, nicht beachtet haben, hätte 
man ihn nicht unglücklicher Weise mit einer Stelle des zweiten 
Korintherbrief es combiniert [11,32]: iv j^a^aöxm 6 idvägitiQ l/dgita 
tov ßa6iXd(og iq>Q0VQSi f^v x6kiv /Ia{ka6xriv&v xidöai (i€ xal diä 
^vgiöog iv öaQydvrii ixaka6%riv diä tov tsixovg xal i^dtpvyov tag xstgag 
aitov. Es ist ein grobes Mißverständniß daraus zu schließen daß 
damals Damaskus nabatäisch war. Hätte der Ethnarch des Nabatäer- 
königs in Damaskus die obrigkeitliche Gewalt gehabt, so konnte 
er Paulus ohne Weiteres festnehmen lassen; es hätte ihm anch 
die heimliche Flucht durch ein Fenster in der Mauer nichts ge- 
nutzt, da mit der Stadt auch die Feldmark den Nabatäern gehört 
haben müßte. Der Ethnarch hatte eben in Damaskus nichts zn 
sagen. Darum grifip er zu dem Mittel, an den Wegen die aus Da- 
maskus hinausführten, Beduinen in den Hinterhalt zu legen, die 
den Apostel aufheben und über die nahe Grenze schaffen sollten; 
Pmer war ja nabatäisch. Panlus erfuhr davon und entkam auf die 
angegebene Weise. Daß dies der Sinn der Stelle ist, ergiebt die 
Fassung in der derselbe Vorfall in der kanonischen Apostelge- 
schichte erzählt wird [9, 23 ff.]. Die Juden planten Saulus zu 



1) c. I. Sem. 2, 161 «^Sd Sn^S 24 ruu' "»n n K^DiniK yiD2 'i^^'* nm 

Im Jähr 405 [Frühjahr 94/95 n. Chr.] nach dtr j^ähtunt/ der Mkomärr , wdchiM 
ist das Jähr 24 des Königs Bab'el CleriiKmt*GanD@Au [U^^, d'ärcbi^ol orionl, 
1,42 ff.] meint mit der ^QW^riaig ^PmiMt^mv ä€i der juJianitdio KaieiidcT i^omdüt, 
bat aber mit Recht keinen Beifall gefunden: denn ca werden J^brif fogllc 
und nicht Monate. Außerdem ist M'^^Ü ~ &^£^finmg dm tecknitidia Wn 
Aramaeiscben für Aera. 

2) Vgl. unten S. 885. 



368 ^- Schwartz 

tödten; er erfahr aber iliren Plan: xccQsxrjgovvto dh xal tag xiiXag 
'IjfidQag XB Tucl vvxtbg Snog avtbv ivdXmöiv Xaßövteg dh oC fiad'fital 
[d. h. die Christen, aitov ist ein falscher Zusatz] vtnctbg diä tov 
xeixovg Ka^rpiav aixhv xakiöavxag iv önvglSi. Ob die Apostelge- 
schichte aas purer Judenfeindschaft den Nabatäer ausgelassen hat 
oder ob er wirklich von den Juden aufgehetzt war, mag dahin- 
gestellt bleiben. Aus der Stelle folgt also das grade G-egenteil 
von dem was aus ihr gefolgert wird. Es ist auch gar nicht aus- 
zudenken, wie Damaskus im 1. nachchristlichen Jahrh. , in der 
Zeit in der die römische Herrschaft in ungeschwächter Kraft da- 
stand, in den zeitweiligen Besitz der Nabatäer hätte kommen 
sollen. Von einem Krieg der für die Römer so unglücklich ab- 
lief, daß sie eine ihrer wichtigsten Städte verloren, ist in der 
TJeberlieferung keine Spur zu finden. Man sagt, Kaiser Gaius 
hätte sie verschenkt. Ich traue Gaius viele Dummheiten zu; dies 
ist aber doch auch für ihn ein zu starkes Stück. Die Nabatäer 
waren nicht tpUoxaiöaQeg und (piXogüiiaioi wie die Dynastie des 
Eerodes, der die Römer übrigens auch nicht Tyrus oder Antiochien 
schenkten; das arabische Reich war selbständig, trotz gelegent- 
licher, bloß formaler Huldigungen, und man stellt sich diese Selb- 
ständigkeit sowohl wie die Bedeutung einer heUemschen Groß- 
stadt wie Damaskus zu gering vor, wenn man meint, die Stadt 
hätte beliebig verschenkt und wieder eingezogen werden können, 
als wenn das gar nichts wäre. Es bleibt noch die Frage zu be- 
antworten übrig, in welcher Beziehung der nabatäische Ethnarch 
zu der römischen Stadt stand. Man könnte an den nabatäischen 
Beamten denken, der in Pmer saß, würde dann aber den Titel 
ötgarriyög erwarten, der auf den nabatäischen Inschriften und grade 
in Pmdr [C. I. Sem. 2, 161j vorkommt. Ich halte eine andere Lö- 
sung für wahrscheinlicher. Damaskus war ein wichtiger Platz für 
den Handel der Nabatäer mit dem römischen Reich: Kaufleute 
und Karawanenführer, die nabatäische Untertanen waren, müssen 
in großer Zahl sich dort aufgehalten haben. Um diese flottante, 
wegen ihrer Beziehungen zu den Beduiaen nicht ungefährliche 
Bevölkerung bequemer im Zaum zu halten und eine verantworte 
liehe Person zur Hand zu haben , constituierte die römische Re- 
gierung die nabatäischen Fremden in Damaskus als l^vog Naßa- 
taicDv (oder 'Agiß^ov) und verlangte von dem Nabatäerkönig, daß 
er einen Ethnarchen ernannte, der ihr die unmittelbare Aufsicht 
abnahm und an den sie sich in schwierigen Fällen halten konnte. 
Zu den schwierigen Fällen wird es kaum gehört haben, wenn ein 
solcher Ethnarch einem jüdischen Missionar Hinterhalte legte; um 



die Aeren von Gerasa und Eleatheropolis 369 

solche Spaße kümmerten sich die römischen oder die communalen 
Behörden nicht. 

Kanatha ist das Qanät Busrä der arabischen Historiker, das 
heutige el Qanawät im westlichen Hanrän. Das semitische n wird 
bald mit x, bald mit ^ transscribiert, wie 'AQixag and 'Agi^aq für 
nmn stehn: Waddingtons Hjqpothese, daß zwischen Kdvaxa und 
Kävad'a onterschieden werden müsse , ist von Schürer [2, 129 ff.J 
und Dussaud- Macler, voyage archiol. au Safä 197 ff. widerlegt. 
Die Stadt gehörte wahrscheinlich zum Reich des Herodes, sicher 
zu dem Agrippas II [Wadd. 2329], und dem entsprechend wird 
dort, nachdem sie zur Provinz Syrien geschlagen war [vgl. die 
von Wadd. p. 53B angeführte Inschrift], nach Kaiserjahren datiert 
[Wadd. 2330: 8. Jahr Traians; 2331 : 10. Jahr des Marcus, NouvelL 
archives des miss. seien tifiques 10,647 nr. 18 Ixovg la xvgiov Sb- 
[y^Qov^. Daneben findet sich auf den commanalen Münzen eine 
Freiheitsära [Numismat. Zeitschr. 12, 68 ff.]. Es kommen in Be- 
tracht: eine Münze des Claudius mit der Legende Kavarriväbv' ßt.Q, 
eine Domitians mit Kdvata {;i/p, und zwei des Commodus mit Fa- 
ßiiv Kava^tiv oder Faßsiv • Kavad" yvö. ^). Gesetzt daß in Ka- 
natha der arabisch -damasceni sehe Kalender galt, ist das Jahr 1 
aus historischen Grüüden frühestens = Frühling 64/63 v. Chr.; 
als untere Grenze bestimmen die Commodasmünzen 62/1. Die 
Freiheitsära ist die officielle der Stadt gewesen, doch hat im pri- 
vaten Gebrauch die in diesem Theil von Syrien allgemein üb- 
liche Datierung nach Regierungsjahren die Oberhand behalten. 

Von jüdischer Herrschaft sind die Kanathener durch Rom 
nicht ,befreit^: auch Alexander lannaeos ist nicht bis zum Haurän 
vorgedrungen. Vor der Schlacht bei Actium war die Stadt in 
den Händen der ,Araber* [los. A. I. IB, 1 12. B. I 1, 366]; man darf 
danach vermuten, daß sie vor 62 v. Chr. den Nabatäern gehört hat. 
Aber eine Griechenstadt muß es gewesen sein, das beweist die 
Freiheitsära. 

Die Namen der , Vierfürstentümer*, die Plinius aufführt, be- 
zeichnen Landschaften; bei der Trachonitis und Panias'^) ist das 



1) Es folgt daraus erstens, daB die Transscription mit t die ältere, mit d 
die jüngere ist, wie bei ^Agitag und 'jlQi^g, und zweitens daß Kanatha den Bei- 
namen Qabinia erst spät annahm, sowie in Gadara der Zusatz Pompeia nicht vor 
Antoninus Pius auftaucht. 

2) Der correcte Name von Caesarea Panias oder Caesarea Philippi war nach 
Ausweis der Münzen KaufdQua intb Tlavtim. Eusebius [KQ 7, 17, 1 vgl. den 
Index zum Onomastikon] nennt die Stadt mit dem 'phoenikischen^ Namen der 
Landschaft Ilavidg ; bei losephus ist Panias Name der Landschaft [A. I. 17, 189 



370 E. Schwarts 

deaÜich. Sie gehörten zum Reich des Herodes und kamen nach 
seinem Tode an Philippos. Zu dessen Herrschaft ist anch Gktbe 
zu rechnen; das beweisen die Münzen mit der Umschrift KXavdt. 
^ikiit. Faßi^v&v. Philipps Yierfürstentmn wurde nach seinem 
Tode von Tiberins eingezogen, dann von Gains an Agrippa I. ge- 
schenkt, von Claudias wiederum eingezogen, dann aber an Agrippa U. 
verliehen. Dieser wird der Stadt den Beinamen Clandia gegeben 
haben. Die Freiheitsära auf den communalen Münzen der Kaiser* 
zeit läuft deutlich von der Zeit des Pompeius ab; nach einer 
Münze Hadrians mit der Ziffer ioQ ist das Jahr 1 frühestens = 
60/59 V. Chr. Wenn sich das bewähren sollte, so ist das julisehe 
Gesetz das Pompeius Anordnungen bestätigte, das für die Epoche 
maßgebende Datum gewesen. Mit dem galUäischen Gabai [los. 
A. 1. 15,294. B. I. 3,36] = V^y am Karmel, das noch in nachcon- 
stantinischer Zeit vorkommt {vgl. Georg. Cypr. 1037 mit Geizers 
Anmerkung], hat dies Gabe, das zur Tetrarchie des Philippus ge- 
hörte, nichts zu thun : es ist vielmehr {t>^^^ der Syrer, )iJJi^ der 
Araber, dessen Ruinen bei dem gleichnamigen Teil n. w. von Nawä, 
ö. von der Legä [Trachonitis] wiedergefunden sind *) ; ein Tor von 
Damaskus heißt bei den Arabern .das Tor von G&bija^ Es muß 
also dort eine Grieebenstadt gelegen haben, deren epichorischer 
Name zugleich den umliegenden Teil der Batanäa bezeichnete; sie 
gehörte vor der römischen Eroberung wahrscheinlich zu dem 
Fürstentum des Arabers Ptolemäos Menneu*). 

Das von Plinius beschriebene Königreich, zu dem die Tracho- 
nitis, Paneas und Gabe gehören, muß das Agrippas II sein [los. 

A. I. 20, 138]. Er erhielt von Claudius [vgl. los. a. a. 0. B. I. 
2, 215] noch hinzu die Herrschaft Abila die zum Unterschied von 
dem Abila der Dekapolis [s. u.J "AßiXa Avöaviov ^) genannt wurde : 

B. 1. 1, 168] und der Stadt [A. I. 15, 360. 18, 28]. Diese wurde von Philippus un- 
mittelbar nach seinem Regierungsantritt ausgebaut und mit Stadtrecht ausge- 
stattet [los. A. 1. 18,28. B. 1. 1, 168] ; die Stadtära läuft nach einer Münze Ma- 
crins mit %o [Catalogue of Qreek coins, Qalatia etc. 299] von 4/3 oder 8/ 2 v. Chr. 
an. Nach ihr sind die Daten auf den Inschriften Brünnow-Domaszewski, die 
ProYincia Arabia 2,249 qv und ..n auf 146—148 und ca. 76 zu reducieren; 
die Ergänzung [ri]n kann wegen des Anfangs ^hg oayrriQÜig xAp %vqüov aifto- 
nQardQtov nicht richtig sein. Vielleicht it n, 

1) Vgl. die ausgezeichnete Abhandlung von Dussaud, Nouvell. arch. d. miss. 
scient. 10, 444 ff., der nur an das classische Oabe nicht gedacht hat. 

2) Vgl. los. A. I. 15,344. 360 B. I. 1, 898 ff. über die Verbindung Zenodors 
mit der Trachonitis. Mit der Schilderung der unterirdischen Schlupfwinkel A. I. 
15, 347. Strab. 16, 756 vgl. den Bericht Schumachers über die 'unterirdische Stadt' 
bei Dei'ä Across the Jordan 135 ff. 

3) Ptolem. 5, U.S'jißiXa ininaXovnivti Av^aißhv, los. A. I. 19,275 'ApOav 



die Aeren von Gerasa und Eleutheropolis 371 

sie lag am oberen Barada bei dem hentigen Saq Wädi Barada ^) 
und war keine Stadt, sondern ein Bezirk. Pompeins ließ das 
Ranbfürstenthom des Ptolemäos Mennea bestehen [los. A. 1. 14,39]; 
sein Nachfolger Lysanias wnrde von Antonius hingerichtet und 
Zenodor mnßte es pachten, bis Angnstns es ihm entzog und an 
Herodes gab [los. A. I. 15,343fiP.]. Dem entspricht, daß in Abila 
nach der Seleukidenära datiert wird*). 

Dorch Kero kam noch ein zweites Abila an Agrippa U, ') das 
zam Unterschied von dem Abila des Lysanias Abila der Dekapolis ^) 
hieß. Der Name gilt sowohl dem Bezirk als anch der Stadt, die 
sich officiell auf ihren Münzen [de Sanlcy , nnmism. de la Terre 
sainte 308 ff.] ZsXevxsia 'JßiXtjv&v nennt. Ihre Lage steht fest, 
es ist das heutige Abil, zwischen Makes = Gadara und Der'ä := 
Adraa gelegen. Der offidelle Name beweist, daß es eine Grie- 
chenstadt war, und die Jahresziffem auf den Münzen führen auf 
eine Freiheitsära, die zur Zeit des Pompeius anfieng. Genaueres 
läßt sich, bis jetzt wenigstens, nicht sagen. Es ist auch nicht be- 
kannt, in wessen Besitz dies Abila vor der Zeit des Pompeius 
war : unter den von der hasmonäischen Herrschaft befreiten Städten 
zählt losephus es nicht auf. 



tijv Avaap^ov. Dasselbe iat gemeint 20, 138 ü4}v 'AßiUm, AvaavCa Ifavxri yBy6irn 
tiXQaQx^a : der Zusatz ist nur eine Umschreibung des Oenetivs. Ebenso sind 
B. 1. 2, 215 itioav (iaoiXiCav x^v ÄvaavUtv %aXov(iivriv und 2, 247 tijv Avaa- 
vCav ßaailtüiv zu verstehn. Aus dem geographischen Ausdruck 'Aßila AvaavCov 
tSTQOifxov ist die vielberufene , falsche Datierung Luc. 8, 1 hervorgewachsen ; 
denn es hat nur einen Tetrarchen Lysanias gegeben, der von Antonius hinge- 
richtet wurde [los. A. I. 15, 92. Dio Cass. 49, 32]. Das zeigen deutlich die am 
besten von Renan publicierten Inschriften [M^m. de FAcad. des inscr. 26,2 
p. 66 ff.], auf denen Lysanias durch den Zusatz xitQaQxris von anderen Lysanias 
unterschieden wird. Daß dies Abila unter Tiberius Philippus gehörte, kann gar 
keinem Zweifel unterliegen; man muß es nur immer wieder sagen, weil die 
Apologetik immer wieder die historischen Thatsachen verwirrt. 

1) Außer Renan a. a. 0. 49 ff. vgl. Glermont-Ganneau Rev. d*arch^ol. Orient. 
2, 35 ff. 

2) Vgl. die Inschriften von D6r Qanun Wadd. 2557*. Bei D6r-el- ASä'ir 
[Brünnow-Domaszewski, Prov. Arabia 2, 247. Wadd. 2557»>], Rahle [Brünnow- 
Domaszewski a.a.O. 247. 248], Kefr Qüq [Bull, de corr. hell. 21,65], wo eben- 
falls nach der Seleukidenära, nicht wie Fossey meint, nach *der Pompeiusära' 
datiert wird, kann man zweifeln, ob sie zu Abila oder zu Damaskus gehören. 

3) los. B. I. 2,252 rfl* 9'AyQinna ßaatUiai tiwaQag n6Ut9 ngoat^aip 
ühv taCg xonaQziaig^ 'AßiXa (i,lv %al lovUdSa [in G61an B.L 2,168, an 
Stelle von Bethsaida, bei der Mündung des Jordan in den See von Gennezar] 
%ata djv IIsQaiav, TaQiz^iag dl %al TißeQuida tf^ raUXaiag. 

4) Dittenberger, Inscr. gr. orient. 631 Uya^dpyelog 'Aßdrivbg t^g Jexan6Umg. 
Auf den Münzen steht Koi{Xrig) Sv{f^Cag) als Distinctiv. 



372 K. Scliwartz 

Das Verzeichniß der Tetrarcbien bei Plinias umfaßt laater 
Distriete des Seiches das kaiserliche Gnade nach und nach 
Agrippa II. übertragen hatte. In diesen Katalog paßt das phoe- 
nikische Area = Caesarea ad Libanum nicht hinein; es liegt viel 
zu weit nördlich und geht weder Agrippa noch überhaupt die 
idumäische Dynastie etwas an. Ferner ist ampeloessa so wie es 
jetzt dasteht, unverständlich : es kann nicht das N. pr. einer Land- 
schaft sein. Eusebius bemerkt daß Abila der Dekapolis die 'wein- 
reiche* genannt wurde ^), und die Stadt Seleukeia der Abilener 
ließ auf ihre Münzen eine Traube setzen. Beide Abila gehörten 
seit Nero Agrippa II. ; ich vermuthe daher, daß ampeloessa distinc- 
tives Epitheton zu dem einen Abila ist, und daß in arca der Zu- 
satz steckt, der das andere differenziert : Äbila arca ampeloessa ist 
verdorben aus Abila {Lysanine tetr)arc?iae {Abila} ampeloessa. 

Caesarea Paneas ist wohl erst durch Philippus zur Stadt er- 
hoben : Polybius [16, 18, 2. 28, 1, 3] kennt dort nur rö Udviov, den 
heiligen Bezirk des Pan an der lordanquelle. Aber Seleukeia der 
Abilener und Gabe in Batanaea sind hellenistische Städte; und 
wie es von jenem feststeht, daß es zur Dekapolis gehörte, so wird 
es auch von diesem gelten. 

Steph. Byz. bemerkt in dem Artikel über Gerasa: FdgaöcCj 
nöXig rfig KoCXrig SvQiaq^ rijg rsööagsöxaidsxccnöXscDg, So ist über- 
liefert; die Schlimmbesserung von Saumaise dsxaxöXsog verdient 
den Beifall nicht, den sie gefunden hat. Plinius bemerkt ja aus- 
drücklich, daß die Zahl der Städte in der regio Decapoliiana ver- 
schieden angegeben werde. Wie diese Differenzen und wie die 
Namen selbst zu verstehen sind, lehrt die Analogie der Tetra- 
polis an der Orontesmündung , über die Strabo bemerkt [16,749]: 
fj dh UBkavxlg igiötri fidv iön tfbv ksx^siö&v (isgidav^ xaXsttai dh 
TetQccjcoXig xal iöti xaxä tag i^B%ov6ag iv avti]i itöksig^ ixsl xkstovg 
yi Ü6i * yiiyifixai 6\ xizxagtg^ ^Avxi6%Bia ij ixl jdd<pvriL xxl Ssksiixeia 
fj iv JIiSQicci xcd ^^ndfisia öh xal Aaodixsia, ainsQ xal iXiyovxo ik- 
XrjXcDv adsXq>al diä xijv 6fi6voiccv^ ^sXsvxov xov NixAxoQog xxlö- 
(iccta. Auf diese 'Eintracht' bezieht man mit Recht die Münzen, 
die unter Alexander Balas mit der Aufschrift idsXq)&v di^fimv ge- 
schlagen sind [Catalogue of the Greek coins. Galatia etc. lölff.], 
aber mit diesem ephemeren Städtebund hat der Name nichts zu 
schaffen. Das zeigt der Context der Strabostelle ebenso deutlich 
wie die Grammatik. Ein Bund von vier Städten heißt griechisch 



1) Easeb. onom. 32, 16 äXlri n6Xi£ inicriiiog, 'AßtXa oivofp6Qog %aXov(i>ivrif 
Snöt&aa radagtov aTifis^oig t/f totg itQÖg dcvatoXaCg. 



die Aeren von Gerasa und Eleutlieropolis 373 

aC xdööaQsg nöXaig ') oder rö r&v tsööaQfov nöksfov xoivöv: ri xBXQi" 
nokig und ^ daxdnolig sind Adjective, zu denen im Seleukiden- 
reiche ii^aglg zu ergänzen ist, die officielle Bezeichnung für Pro- 
vinz*). Tetrapolis war der vulgäre Name, der abusiv die vier 
Q-roßstädte heraushob; eigentlich hieß die Provinz, die das Cen- 
trum des Reiches bilden sollte, LsXavKCg^), Genau so ist die De- 
kapolis zu beurteilen. Wenn Plin. 15, IB die Notiz eines grie- 
chischen Botanikers über die kleinen Oliven wiedergiebt, die Deca- 
poli Syriae wachsen, so ist klar, daß der Name eine Provinz und 
nicht einen Städtebund bedeutet. In Decapolitana regio 5, 74 schim- 
mert noch 1^ dsxdnoXig fiSQ^g durch, und wie Strabo von der Se- 
leukis bemerkt daß sie mehr als vier Städte umfaßt habe, so 
schwankt hier das Zahlwort in dem zusammengesetzten Adjectiv. 
Es läßt sich auch noch errathen wie die Provinz officiell hieß. 
Abila der Dekapolis führt auf Münzen den differenzierenden Zusatz 
KoiXrig IJvQiag, ebenso Philadelphia, das Plinius zur Dekapolis rechnet. 
Damaskus war die Hauptstadt; sie steht mit Recht bei Plinius 
an erster Stelle. Durch den Streit zwischen Antiochos G-rypos 
und Antiochos dem Kyzikener zerfiel das Reich in Sjo'ien = 
Seleukis, und in Coele^yrien [Porphyr, bei Eus. chron. 1,260]; die 
Hauptstädte waren Antiochien und Damaskus. Von Damaskus 
aus wurde dem Nabatäerkönig die Krone des *hohlen Syrien* an- 
geboten [los. A.L 13,392 B. I. 1,103]: Strabo zählt [16,749] 
Coelesyrien neben der Seleukis, Kommagene, Phoenicien und ludäa 
unter den fisgidsg Syriens auf. 

Fast für alle Städte der Dekapolis läßt sich ein makedoni- 
scher oder griechischer Name nachweisen. Dion, das auch Ste- 
phanus mit PeUa zu Coelesyrien rechnet, wollte Gründung Alexan 
ders sein; Pella führt Appian. Syr. 57 auf Seleukos zurück. Hippos 
hieß officiell Antiocheia am Hippos^); Seleukeia der Abilener, 
Skythopolis = Nysa sprechen für sich. Gerasa grub in der 
Kaiserzeit seinen hellenistischen Namen wieder aus, Antiocheia 
am Chrysorhoas^); G^dara hat Antiocheia und Seleukeia gehießen 
[Steph. Byz.]. Nur Raphana, Gabe und Kanatha haben ihre grie- 



1) tag h xfii SvQiai Sixa 7e6lHg los. Vita 346. 410 ist affectierte Phrase 
fOr JBTuinoUg vgl. u. 

2) Vgl. 1 Macc. 10, 65 %al id6iaatp aiftbv 6 ßaaiUhg xal iyQatptp aiftbv 
tätv nodtttov (pClatv xal i^tto aiftbv otQmriYbv xal (tSQidaQXfl^^' 

8) Vgl. die Inschriften Dittenberger, Inscr. gr. orient. 219. 229. 

4) De Saolcy, Numism. de la Terre sainte 344 ff. 

5) Lucas nr. 54 [Bütthlg. d. d. Palftstma-Yereins 1901,68] 4 7c6Xig *Avti- 



374 E. Schwartz 

chis eben Namen, die sie gehabt haben müssen, sparlos eingebüßt ^), 
dafür ist noch jetzt im Golän das Selüqija^) erhalten, das nur 
ans losephns [Vita 187. B. L 2,574. 4,2] bekannt ist. Eigen- 
tümlich liegt die Sache bei Damaskus, dem Darmsuq der Aramäer ; 
da ist der epichorische Name beibehalten, aber dnrch eine Dio- 
nysoslegende oder einen eponymen Heros legitimiert [Steph. ßyz.]. 
Die im Seleukidenreich übliche Weise den Städten makedonische 
oder griechische Namen beizulegen mnß vom Gesichtspunkt des 
Staatsrechts ans betrachtet werden; nur eine makedonische oder 
griechische Stadt kann Stadtrecht erhalten; sie muß eine make- 
donische Mutterstadt oder einen Heros oder Heroine haben, die 
ihr den Namen geben, der sie sofort von den x&fiai der Barbaren 
oder den tpQovQia und yaf^otpvXäxia unterscheidet, in denen kein dfjfio? 
wohnt, sondern nur Soldaten und königliche Beamte. Die helle- 
nistische Partei in Jerusalem macht sich anheischig [2 Macc. 4, 9] 
toi)g iv ^QOöoXvnoig ^Avtioxstq ävaygdifai, d. h. an Stelle des l^og 
'lovdcclmv soll ein graecisierter dijuog Idvtioxiav treten : der Namens- 
wechsel gehört zur Hellenisierung, weil er das griechische Stadt- 
recht anzeigt. Der römischen Oligarchie waren die seleukidischen 
Erinnerungen gleichgültig; sie gab den Griechenstädten Autonomie 
um sich auf sie gegen die Orientalen zu stützen, hatte aber kein 
Interesse daran, die hellenistischen Namen wieder herzustellen, 
die in der Zeit der orientalischen Reaction gegen die Seleukiden- 
herrschaft den einheimischen hatten weichen müssen'). Dagegen 
setzt die idumäische Dynastie die Politik der Seleukiden fort und 
charakterisiert sich zugleich als die unterwürfige Dienerin der 
augusteischen Monarchie, wenn sie ihre Gründungen nach ihren 
eigenen Mitgliedern oder denen des julisch-claudischen Kaiser- 
hauses nennt. 

Die seleukidischen Gründungen der Dekapolis sind zu massen- 
haft, sie verrathen zu deutlich den großen colonisatorischen Zug 



1) Steph. Byz. Uini6xsuc . .'. nsxa^h KoiXrig SvQiag xal ^Qaßüig, Zifu- 
Qa^itdog wird auf eine dieser Städte zu beziehen sein. 

2) Vgl. Schumacher^ Zeitschr. d. Pal. Vereins 9, 347. Es gehörte Agrippa IL 
Daß es an der Grenze lag, wie Schumacher behauptet , steht los. B. I. 4, 2 nicht 
zu lesen. Zu losephus Zeit war es eine %A(iri\ aber der griechische Name be- 
weist, dai es einmal eine Stadt gewesen ist. 

3) Vgl die bekannte Stelle des Ammianus Marcellinus 14, 8, 6 : (Seleukos) 
ex agresitbus habitacuiis (= n&iuci) urbes constrvxit muHis apibus firmas et 
uiribMS, guarum ad praesens pleraegue licet Oraecis nomintbus appeUentur^ quae 
isdem ad arbitrium impasita sunt conditoris [Ammian verstand den Sinn der 
Namengebung nicht mehr], primigenia tarnen ncmina non amittunt, quae eis As- 
syria lingua [d. h. die syrische] instüutores ueteres indiderunL 



die Aeren von Qerasa and Elentheropolis 375 

der die Politik des Seleukos Nikator und Antiochos Soter charak- 
terisiert, als daß ich mich entscUießen könnte sie diesen abzu- 
sprechen nnd in das zweite Jahrh. zn setzen, in dem die Dynastie 
zwar Coelesyrien den Aegyptern abgenommen hatte, aber durch 
Rom und die Parther zu schwer bedrängt war um den Erfolg 
auszunutzen. Mag Antiochos Epiphanes dies oder jenes Anti- 
ocheia gegründet oder erneuert haben: in der Hauptsache müssen 
es seine großen Vorfahren gewesen sein, deren kraftvolles Wirken 
in diesen Städten ihre Sparen hinterlassen hat. Und die Namen 
Philadelphia = Rabbath Amman, Philotereia ^) am See Gennezar 
erzählen noch von der Eroberung des südlichen Coelesyrien durch 
Ptoleroaeos Philadelphos ; der nördliche Teil des Landes ö. vom 
Jordan ist wohl erst durch Euergetes I ptolemaeisch geworden. 
Ja ich vermnthe daß die Seleukidenstädte der Dekapolis gedacht 
sind als eine große Festung des syrischen Reichs gegen den aegyp- 
tischen Rivalen, der vom Mittelmeer in die asiatische Monarchie 
Alexanders vorzustoßen drohte. Die ptolemaeischen Städte Sky- 
thopolis , Philotereia , Ptolemais sollen den U>T\ Tül beherrschen, 
der schon im A. T. eine Rolle spielt, den ,Meerweg' der von Da- 
maskus, dem Emporium des Karawanenhandels, parallel dem larmuk 
ins lordantal läuft, dies bei Skythopolis durchquert und dann 
durch die 'große Ebene' ans Meer führt : um ihn kämpften in alter 
Zeit die Aramäer von Damaskus mit den Königen von Israel ') und 
jetzt lebt er in der geplanten Eisenbahn Damaskus - Haifa wieder 
auf. Philadelphia dagegen will den Syrern den Weg nach dem 
Rothen Meer und durch das Nabatäerland nach Aegypten verlegen. 
Ein Städtebund ist die Dekapolis nie gewesen. Als das Se- 
leukidenreich zu Grunde gieng, fielen die Städte verschiedenen 
Herren zur Beute, und daß sie die pompeianische Aera durch ge- 
meinsamen Beschluß eingeführt hätten, ist eine schlechte Hypo- 
these der Modernen. Von einem Koivöv der Dekapolis in der 
E^aiserzeit fehlt jede Spur : es giebt den provinzialen Kaisercult 
Syriens und die Kaiserculte der einzelnen Städte, aber keinen der 
Dekapolis. Der Name der alten seleukidischen Provinz war zum 
geographischen Begriff geworden : so stellt Ptolemaeus die Städte 
der Dekapolis und von Coelesyrien zusammen [6, 14, 18]; historisch 
ist die Liste unbrauchbar. Bei den Juden bildete sich ein be- 
sonderer Sprachgebrauch aus. Sie rechnen zur Dekapolis speciell 



1) Steph. Byz. Polyb. 5, 70, 4. Es gehörte zu den £robenuigen des Alexander 
lannaeos, Synkell. 559,2. 

2) Auf diesen Zusammenhang bat mich B. Smend aufmerksam gemacht 



376 E. Schwartz 

die Städte der Peraea, die in der Hasmonäerzeit jüdisch gewesen 
waren nnd in denen später noch eine zahlreiche jüdische Bevöl- 
kerung wohnte. So kommt losephos zn der Behauptung [B. I. 
3,446] daß Skythopolis die größte Stadt der Dekapolis sei; er 
schließt, gegen den ursprünglichen Sinn des Namens, Damaskus 
aus. In den Evangelien ist die Dekapolis der District der durch den 
Jordan imd den See von Gennezar von Galiläa getrennt wird: er 
ist im Wesentlichen mit den Feldmarken von Antiocheia am Hippos, 
Gadara und Pella identisch^), wie Eusebius richtig erklärt [Onom. 
80,16]; demselben Sprachgebrauch folgt Epiphanius [29,7 p. 123*. 
de mens, et ponder. 15]. 

m 

Wie die Neuordnung des Pompeius, so haben auch die Grün- 
dungen der idumäischen Dynastie und die Verleihung des Stadtrechts 
durch die Römer *) eine Menge von neuen Aeren hervorgerufen. 
Selbst im Haurän, an der äußersten Grenze der Cultur des Im- 



1) Mc. 5,20. 7,81; am deutlichsten Mt. 4,25 xal ijnolo^^aap a4ft€bi öxloi 
%olXoi Scnb xf^g FaliXaCas xal J$%an6XsiDg %al ^JiQoaoX^funv %al 'lavSaücg «al 
ytigap toü 'loQSdpov. Hier ist die Dekapolis die nördüche, xiQUp toü ^JoQÖdvav 
die südliche Peraea, das Land jenseit des unteren Jordan. Gadara ist als BU- 
dungscentrum bekannt, aber auch Antiocheia am Hippos rühmt sich hellenistischer 
Weisheit, vgl. das von Perdrizet [Rev. archdol. 1899, 49] richtig verstandene Epi- 
gramm das Clermont-Ganneau £tud. d'archdol. Orient. 2,142 publiciert hat: 

tb ^^ol^yofi' ietlv ^Aneüov, ncttglg Si fiav 

Kttl näai xoit^ rddaga xi^rictoiiovaüi ' 

üotpfjg S^&tp^ "Innov iatlv ^ f**{^P ^doüg. 
Ein größerer Culturgegensatz ist nicht denkbar als der zwischen der Vaterstadt 
Meleagers und Philodems und dem Westufer des Sees von Gennezar, wo die 
Predigt Jesu begann. Dagegen ist Pella eine Judenstadt geworden, ursprünglich 
durch Gewalt [los. A. I. 18, 897] : es gab dort eine sehr alte christliche Gemeinde, 
die behauptete dai sie die legitime Fortsetzung der Urgemeinde sei [Eus. KG 
3 p. 196,16]. Die Legende ist nach der Gründung von Aelia entstanden; wer 
sie gl&ubig nacherzählt, hat sie nicht verstanden. 

2) Von älteren 'Gründungen' nenne ich Flavia Neapolis und Gapitolias, das 
heutige B£t-er-R&s. Dort sind zwei datierte Inschriften gefunden und von Allen 
[American. Joum. of Philology 6,208] veröffentlicht, die zweite noch einmal, 
nach einer besseren Abschrift von Clermont-Ganneau Recueil d'arch^l. orient 1,18 
nr. 28 : nr. 25 itavg natä %tüf^v rlig %6Xiatgf die ursprüngliche Ziffer ist von einem 
späteren Usurpator des Grabes radiert und dafür %i eingesetzt, und nr. 26 kovg Qc 
[so bei Clermont-Ganneau, is bei Allen] ««tä «T^^tir tilg n6Xio[g']. Nr. 26 ist in 
Irbid, dicht bei B^t-er-Räs gefunden, da wird eine ndtfiri [Arbela?] gelegen haben, 
die Capitolias attribuiert war. Die Aera von Capitolias beginnt nach einer Münze 
Macrins mit ^% 97/98 oder 98/99. 



die Acren von Gerasa und Eleutberopolis 377 

periwn Rontanum finden sich Städte, die ihren Stolz darein setzen, 
sich in der Jahreszahlung autonom zu gerieren. In Saqqa, dem 
Zaxuaia des Ptolemäos [5, 14, 20], bestand wahrscheinlich schon 
eine Aera, als die Provinz Arabien von Traian geschaffen 
wurde ^), und es ist begreiflich, daß diese geschont wurde; aber 
es wurden noch nach 106 neue eingeführt; schwerlich hat die ro- 
mische Regierung das vor dem Araberkaiser Philipp gestattet. 
Unter ihm hat sicher Philippopolis mit dem Namen auch eine 
Jahreszählung erhalten'), aber es ist nicht die einzige: wahr- 
scheinlich hat damals auch Buräq, im s. ö. Winkel des Haurän'), 
und eine andere Stadt, deren antiker Name nicht bekannt ist und 
die an der Stelle des heutigen Scheich Miskfn in Batanäa^) lag, 
die Erteilung irgendwelcher Titel oder Privilegien benutzt, um 
eine 'neue Aera' zu beginnen*). 

In Palaestina selbst macht ]£poche der Besuch des Kaisers 
Septimius Severus^). Schon lange stand aus den Münzen von 



1) Waddington zu 2159. Ein neues Datum ist durch die Inschrift Dussaud 
und Macler, voyage arch^ologique au Safä p. 145 nr. 4 binzugekonunen. Daß es 
verschiedene Aeren dort gegeben hätte, glaube ich nicht; wenn die Indictionen 
nicht mit einander stimmen, so ist ein Datum verschrieben oder verlesen. 

2) Waddington 2072 ht^Q aanrigüig t&p xvqCiov M. ^JovUmv ^iUnnmv Zb- 
§aav&p . . . itovs n^Arov tfjg n6Xea>g. Leider ist Waddingtons schöne Identifi- 
cation von Kft|jw [Suhba] mit 9iUnn6noXiq auf der Fischer-Gutheschen Karte von 
Palaestina ignoriert und Philippopolis immer noch falsch bei *Ormän angesetzt. 

3) Waddington 2587» ixwjg " %rfs n6lBaig ^AmUiav i^ Dussaud, nouvelles 
archiv. d. missions sdentifiques et litt^aires 10, 659 nr. 50 Bs^Qmxavo . . . ., am 
Schluß steht kein Datum, gar der Seleukidenära , sondern iT[€]Z[(]o>tf[av] ; auch 
nr. 48 ist ü^ kein Datum, sondern eine Chiffre, wohl Q^ = &(n/ivf vgl. Glermont- 
Ganneau Uecueil d'arch. or. 6, 84. 7, 225. Dagegen ist 51 eins erhalten : hovg 9" 
|ft7][ir]l *TnB[X]X (statt ^AnBlXaüoi). Der Herausgeber transscribiert und reduciert 
falsch. 

4) Waddington zu 2418 'lovUov ^iXCnnov tb i^vtukBiov intiüBv hovg d xfjg 
n6lBa>g, Der Name hängt sicher mit dem Kaiser zusammen. 

5) Ein Räthsel ist bis jetzt das Datum auf der christlichen Bauinschrift, 
die in der Stadtmauer von Amida [Dij&rbekr] steckt, itovg ^(iv [Byz. Zeitschr. 
14,62 nr. 99]. Die Lesung steht fest; nach der Seleukidenära kann nicht re- 
ducirt werden. Daß Amida in nichtrömischer Zeit eine eigene Aera sich ange- 
schafft hätte, ist sehr unwahrscheinlich ; da der Stein nicht aus Amida zu stammen 
braucht, ist es unmöglich zu rathen, was für eine Zeitrechnung hier vorliegt. 

6) Hist. aug. 10, 17, 1 in üinere (von Syrien nach Alexandrien) PalaesUnis 
plurima iura fundauit ludaeos fieri sub graui poena uetuU, idem etiam de 
ChritHanis satixU. Falsch ist die Reise nach dem Consulat des Kaisers und 
seines Sohnes [202] angesetzt; sie fällt nach den Aeren von Eleutheropolis und 
Diospolis ins Jahr 200. Aber gut paßt die Nachricht des Eusebius [KG 6,2,2], 

KCU OM. d. WiM. NMliriehteii. PUlolof .-UbI. KImm. 1906. Heft 4. 27 



378 S* Schwartz 

Diospolis und Eleatheropolis fest, daß diese Städte den Namen 
lu Scptimia Seuer. anßer ihrer griechischen Bezeichnung ange- 
nommen und eine Aera eingeführt hatten, die nicht weit von 2U0 
abliegen konnte. Eine Wiener Münze Macrins [Knbitschek, Jahresh. 
d. österr. arch. Inst. 6,58] trägt das Datum td; also muß Jahr 1 
= 199 oder 200 gewesen sein. Genauer läßt sich die Jahrzähltmg 
bestimmen dnrch die zahlreichen Grabinschriften des 6. und 7. 
Jahrhunderts, die in den letzten Jafiren in Bi'r-es-Seba*, dem bib- 
lischen V no "^Kn zu Tage gekommen und von den französischen 
Dominicanern in Jerusalem vortrefflich publicirt sind. Ich lege 
zunächst das Material, soweit es mir bekannt geworden ist, vor: 

1. Rev. bibl. 1903, 428. 

+ xatsxdd'ri 6 (lax ZökXsog r^ jdsöiov rgittj tvdo Va hovg + 
^. 23. Mai [arab.] B18. ind. XI = 1. Sept. 517/518. 

2. BrCv. bibl. 1904, 261. Jerusalem. Die Provenienz ist nicht 
unbedingt zuverlässig ^). ^Sur le mont des Oliviers . . au- 
dessiis de ce qu^on nomme Tonibeau des Prophetes*. 

daß im 10. (alexaDdrinischen) Jahre des Severus [29. Aug. 201/2] die Christen- 
Verfolgung in Alexandrien ausbrach; sie folgte unmittelbar auf den Besuch des 
Kaisers. 

1) Die Fundberichte differieren etwas. Nach dem Brief des P. Prosper an 
Glcrmont-Ganueau [Recueil d'arch^ol 6, 144] ists so zugegangen : depuis gudgue 
temps an travaihe au mur de döture des terrains que la Custodie franciscaine 
posshde 8ur Vemplacement iraditionnel de Bethphagi. L'entrepreneur char.i dt 
ces travatix emploie comme tnateriatix de constructian des hlocs extraits gä et läy 
par les fellahs, des ruines qui couvrent lemontagne. ün de cetuc-ci, gut exploUaü 
ainsi en carrihre le terrain ouaqouf situi sur le sommet sttd, au-dessus de la 
Chrotte des Prophetes, y a decouvert une grande pierre d'autd et une daüe par- 
tant une inscription grecque [eben die Grabschrift der Diakonissin Sophia]. Les 
deux monuments sont aussitöt passis en de mains Hrangbres. Toutefois^ le P, 
Prosper a pu chtenir de Vouvrier meme qui Cavaü trouvee, une copie de Vinscrip- 
tion. Dagegen Rev. bibl. a. a. 0. : dans la matinie du 8 dScembre demier [also 
1903], un de nos professeurs auxiliaires Grecs- üniSj M. Pabbi Batagher, se pro- 
menait avec un Phre Blanc sur le Moni des Otiviers, quand au-dessus de ce qu'on 
nomine le Tombeau des ProphHes, il rencontra un groupe d'ouvriers indighnes 
qui itaient en train de deterrer des pierres dun monument ancieny et venaient 
d^exhumer les dibris dune grande daile couverte dicriiure. Rajuster les fragments, 
lire, iransscrire Vipitaphe et revenir en toute hdte ä Sainte-Anne, fut pour le 
jeune archtologue Vaffaire de moins d'une heure. La copie parut si interessante 
que Phres Planes et auxiliaires Grecs-unis se cotisbrent afin d*acquirir sans di- 
lai le pricieux documeni, qui constitue un des omements de notre petit musie bibli- 
que. Man würde sich auf diesen Doppelbericht zweier Patres verlassen, wenn 
nicht eben in der Kev. bibl. 1905, 245 sehr bewegliche Klagen über das Ver- 
schleppen grade der Steine von Bi'r-es-Seba* geführt und die bedenkliche Ge- 
schichte erzählt würde, die zu nr. 10 zu berichten sein wird. 



die Aeren von Gerasa and Eleatheropolis 379 

iv^ids 7(1% ai ii dovkti \ xal v'6nq>ri rot) Xqiöxov \ Zotpia 1} did- 
xovog ii Ö£v\T^Qa ^oißri [Rom. 16, 1], 1^ xoifii^töa \ iv ^piji/ij 
tH xa tov^ MccqIuov ftijvög Ivd/ la \ [h] dtr^) x^Qiog 6 
»ebg I <ov jcqbö .... 21. März 518. Vgl. Nr. 1. 

3. Revue bibl. 1903, 275. 

V 
+ ivd'ddi xstxB 6 (icexagiog Kaiovfiag ^AtXijöiog ^ ivena [soj ii$ 

Jsöiov tc ivdl c hovg xatä 'Elsv^SQcoxokitocg dfit +• 5. Jxmi 

[arab. Kalender] 543. ind. VI = 1. Sept. 642/543. 

4. Revue bibl. 1903, 426. 

iv^ids XBtxai ii ptaxagia Nöwa Ztstpdvov Alktiöia, xatBtijd"q 
dh iv (ifiv IIsqltI iß ivd i. 27. Januar. 

5. Revue bibl. 1904, 268. 

+ iveitde fi (laxagia 0iXadriXq>ia ixSyv Btxo6i iv (itjvl '7?X6Q' 
ßsQsrdov X xatä "Agaßag^ ivd Tä, hovg tfig 'EXsvd'SQonokitöv 
tfJLtl. 7. October 647. 

6. Acad. des inscr. et bell, lettr. Comptes rendus 1904, 209 
= Rev. bibl. 1905, 248. pl. IX 1. 

ivd'ide xatetdd'ri 6 fiaxägiog IlixQog iv (irivl l4(^Bni6iov a 
ivöl y + ivxav^a xsttcu x{al) 6 fiax liß^^ccdfiiog laxQ ivanaBlg 
tH rj (iriv Maiov j^QtBfiriöiov Trj ivd iß hovg t|«. 18. Arte- 
misios [arab. Kai.] = 8. Mai. 564. ind. XII = 1. Sept. 
663/664. 

7. Rev. bibL 1904, 268. 

V 
+ ivBxdti 6 fiaxigiog *l(odwfig Eiloyiov iv fi ^dBötov 9 ivd 

iß itovg xcctä *EkBv^BQOXokBitag xI^b + xal ivBxdti 6 [utxäQiog 

'Hkiag 6 vlbg av[tov] iv (irivl */lQtBiiri6i . . [lv]d y Itovg toa. 

Folgt eine Verwünscbungsformel. 24. Mai 564 und < 

Apr.— 20. Mai) 670. lU = 1. Sept. 669/570. Vgl. Nr. 6. 



1) Von dem ist auf der Autotypie nur der obere Bogen zu sehen, fT 
sind onverkennbar. Die Lesung des Herausgebers, P. Grä, ^^cd giebt keinen 
Sinn und stimmt nicht zu der Abbildung. Daß ein Datum in der Stelle steckt, 
sah auch Glermont-Ganneau. 

2) Die Schreibung AIAHCIOC wird durch den Herausgeber ausdrücklich 
bezeugt, beweist aber nichts für die. Aussprache; so wird p. 425 428 tpSinrl, 427 
t^tßovifa^ vtd geschrieben. Aus griechischen Handschriften ist jedem das X be- 
kannt. Unzweifelhaft kann AiXiijüiog Aelensis *aus Aila* oder Ailana am Rothen 
Meer bedeuten , wie Glermont-Ganneau [Recueil d'arch^l. Orient. 5, 869 f.] aus- 
führt, aber sicher ist das nicht; denn et kann auch = Aeliensis sein, wie in 
den Rescripten Gonstantins Eus. KQ 10, 5, 18 tbv ^ittwanov xt^s Xagt ayirtioüop 
n6Umg als Uebersetzung von episeopum urbis Carthagmiennum steht. 

27* 



380 E. Schwartz* 

8. Rev. bibl. 1904, 267. 

V 
+ ivd'dds Tuttai 6 (laxägiog Osödogog FiQuavovj ivanaelg fi 

*AitQLkXiov xy, xatä di "Ag aßag *AQt€fii6iov y V*P_C &Qccv ß 

Ivd c itovg xatä ^EXsvd'eQ ^3rt, t'^öag hti 1 (li^vag f. ivd^sfia 

dh löTO) &nh rot) icgg xj xov vtov xj xov ayiov %vg nag 

iviyfov xb nvHiia rovro, insidij yi^iai + Freitag 23. April 

588 1). ind. VI = 1. Sept. 587/588. 

9. Acadämie des inscr. et bell, lettr. Comptes rendus 1905, 
541 = Clermont-Gannean, Becueil d'arch. 7,184. 

ivBn&ri iv xcö ^HkCag Ilgöfiov öxgtv ^rivbg *IavovaQiov elxASi 
Ivd fi ixovg xatä ^Elsv^sQonokixag (^v. 20. Januar 605. ind. 
Vm = 1. Sept. 604/5. 

10. Rev. bibl. 1903, 427. ' 

+ ävBn&B 6 (laxl imdvvtig 6 xgtßowö [so, statt P stellt R 

n _ 

da] fi j^'üöxQfo xs vvd a ix vl'd (statt T V, zwischen t und 

d ein Abkürztingshaken, der nichts bedeuten kann^)). 11. 

März [arab.] 613. ind. 1 = 1. Sept. 612/613. 

11. Rev. bibl. 1902,438»). 

a n 

'Icodwov (darüber fixagl) (i Savd'ix/ ä Ivd s xatä 'Eksv^egox/ 
vnn^ 22. März 647. ind. V = 1. Sept. 646/647. 



1) Datierungen nach Wochentagen sind auf Inschriften sehr selten, mir fällt 
grade ein Beispiel in die Hände aas £1 Kafr im Haorän [Palestine Exploration 
Fond Quarterly Statement 1896, 277 nr. 153] tfj Ssytiga tfjs ißd ti^v [so] o^; 
[so] f*»] (= ikrivbg) i<f(xd)Trig t(oO) An xqI * ^vSj ix 9^^. = Montag 30. Aprü 
652 (die Ziffer nach arabischer Provinzialära). ind. X = 1. Sept. 651/652. 

2) Ich habe ihn auf den Inschriften aus Syrien und Mesopotamien wieder- 
gefunden, die Lukas Byzant Zeitschr. 14, 1 ff., meist nach Abschriften und Ab- 
klatschen Oppenheims, Teröffentlicht hat: nr. 38 G*(a), nr. 52 6'*''^MA) ^f- ^^ 

n 

i]%ovg i^cTA {^ 'AQtsnui^ov % [20. Mai] Ivd] 9]. Nach den Ausführungen Clermont- 
Ghmneau's [Recueil d'archäol. Orient. 7, 221 ff.] kann kaum etwas anders als 916 
[= 604/605, ind. YIII = 1. Sept. 604/5] gemeint sein; die Stellung der Ziffern 
ist allerdings falsch, aber doch wohl durch die Sprach weise di%a intd zu ent- 
schuldigen. Lucas Gerede von dem umgedrehten !F ist nichtig. Trennungsstriche 
zwischen hovg und der Zahl kommen auch vor: BuU. de corr. hell. 21,65 nr. 76. 
Byz. Zeitschr. 14,46 nr. 64 (wo natürlich 6 ^[n]B[Q]%ifu(y)og U&og zu lesen ist, 
wie nr. 68 auch). Neu?, archiv. des missions scientif. 10,640 nr. 1 (zu lesen 
itovg i(p). Vielleicht auch Wadd. 2638; das Datum ist ?on Lucas Byz. Zeitschr. 
14, 17 richtig hergestellt und darum wichtig, weil hier das seleukidische Jahr 
schon seinen alten Anfang am 1. Oct. verloren und den byzantinischen am 1. Sept. 
angenommen hat. 

8) Ueber die Provinienz wird Rev. bibl. 1905, 246 berichtet: Au mois de 
juiUet 1902^ la BS. publiaä [437 88.] une inseripHon trouv6e, affimMU-on, ä Ji- 




die Aeren von Qerasa and fileutheropolis Sgl 

12. Kevue bibl. 1905, 2B3 pl. X 13. 

Reste von Versen. Dann iv€nd[fi iv fiji^vl Pogniov T^ ivd 
ß ixovg vXy 5. Sept. 638. vXy der arab. Provinzialära = 
22. März B38/B39. ind. H = 1. Sept. 538/539. 

13. Acad. des inscr. et bell, lettr. Comptes rendns 1904, 304 

= Revue bibl. 1905, 266 pl. IX 21. 

V 
2k6g> (mit dem Abkürzongsstrich durch das g>) diax iv fi 

J60 Lt Lvd y ix v%y, 8. Juni [arab. Kai.] (570). v\y der 

arab. Provinzialära = 22. März 568/569. ind. III = 1. Sept. 

569/570. {y%y der Aera von Eleutberopolis = 662. ind. UI 

= 1. Sept. 659/660). 

Die Lesung der Zahlen steht fest, aber sie enthalten 

einen Fehler, da die Indiction zu keiner der beiden Aeren, 

die in Bi'r-es-Seba* gebräuchlich waren, stimmt. Der Fehler 

steckt in der Aerenzahl; die Indiction war schon damals das 

wichtigste und maßgebende Element der Datierung, so daß 

sie auch allein vorkommt, z. B. Rev. bibl. 1903, 425 nr. 1. 

1905, 249 nr. 3. 250 nr. 4 und hier Nr. 4. 17. 18. Der 

Steinmetz hat in seiner Vorlage YEE in YEf verlesen. 

Einen ähnlichen Fehler weist Clermont-Ganneau [Archeol. 

Researches in Palest. 2,424] auf einer Inschrift von Gaza 

nach; auch da möchte ich den Fehler in der Aerenziffer, 

nicht in der Indiction suchen. 

14. Acad. des inscr. et bell, lettr. Comptes rendus 1904, 304 
= Revue bibl. 1905, 257 pl. X 35. 

n - 

+ «ar«Ti{dij . . x%fiQ, X)Xßiov iv fi Savttxov a ivd id Itovs 
voc:. 6 tsbg ivanaiiiffi d^ vtöv, 22. März [arab. Kalender] 
581. voc: der arabischen Provinzialära =- 22. März 581/582. 
ind. XIV = 1. Sept. 580/581. 
16. Acad^mie des inscr. et bell, lettr. Comptes rendus 1904, 64 
= Revue bibl. 1905, 253. 

+ ^jipsxdti 1^ pkcocaQia j^vaöraöia ixayo^iivmv d ivd y Itovg 
vq*. 20. März [arab. Kai.] 600. xAd der arab. Provinzial- 



rusälem, Pour la premüre fois on reneontraity dans Vepigraphie funSraire de 
PaluHne la mention d'une hre d^Eleutheropolia, Plus tard d^autres textes, ceux-lä 
trauvis ä Bersdbie, cffrirent la mSme formule. Quelques parHculariUs teehniques 
suggSraient ä un examen cUtentif que le texte soi-disant de Jirusalem Hau de 
fnime famille que ceux de Ber sohle, üne petite enquHe, dont les details ne 
peuvent guhre figurer tct, nous a donnk lacertitude qu'il est venu en effet 
de cette localiti. 



B82 £• Schwarte 

ära = 22. März 599/600. ind. in = 1. Sept. B99/600. Die 
Aera ist richtig erkannt von Clermont - Gannean, Recneil 
d'arch^ol. or. 6, 125. 

16. Kev. bibl. 1903, 427. 

&vB%Ari 6 ficcxAQLog UgoxÖTtiog iv ^i AAov i rot) Qotp Itovg Ivi 
&, 8. Aug. [arab. Kalender] 681. (lotp der arabischen Pro- 
vinzialära = 22. März 681/682. ind. IX = 1. Sept. 680/681. 

17. Revue bibl. 1903, 426. 

n 

ivsTtdti 6 iiaxaQiog 'Imdvvrjg 6 idaXipbg ÜOQtpvQ iv fi Socvd'ix 
s ivd u i^Tig iötl xc MoqxCov arab. Kalender. 

18. Revue bibl. 1904, 268. 

_ n 

+ ivsndfi 6 fucTcdQiog Ti^iöd'sog tf} ib fi Ilavifiov xatä "AQoß 

Ivd iß. 4. Juli. 
Die Inschriften stammen sämmtlich aus Bi^r-es-Seba* oder der 
nächsten Umgebung, nur nr. 2 soll bei Jerusalem auf dem Oelberg 
gefunden sein. Die früheste [nr. 1] gehört in das Jahr 518, die 
späteste [nr. 16] ist 681 geschrieben; außer ihr fällt noch nr. 11 
in die Zeit der muhammedanischen Herrschaft. Das ist keines- 
wegs unerhört. Wadd. 2028 [Malah-es-Sarrar , Haorän] ist vom 
Jahr g>X» [= 644/Ö], 1997 [Salchad, Haurän] vom Jahr g>l; [665/6], 
Palestin. Explor. Fund Quarterly Stat. 1895, 277 nr. 163 [El Kafr, 
Haurän] vom Jahr 652, 275 nr. 150 [ebenda] gar von xu [= 720] 
datirt. Es ist eben falsch den jungen, genuin arabischen Islam 
der intoleranten Culturfeindschaft anzuklagen: der Religionskrieg 
galt dem rhomaeischen Kaiser, nicht einer einzelnen christlichen 
Gemeinde, der es im Orient unter den Statthaltern des Propheten 
meist besser gieng als unter der chalkedonischen Orthodoxie von 
Constantinopel. Allerdings hören die griechischen Inschriften auf, 
weil die dünne Schicht die in der arabischen Provinz und dem 
östlichen Syrien Griechisch lernte, jetzt verschwand, als es nicht 
mehr Reichssprache war; es fehlte auch an Gelegenheiten incor- 
rectes Griechisch auf Stein zu schreiben, als das Bauen von 
Kirchen, Kapellen und Klöstern zurückgieng. Ob man dies aber 
als einen Rückschritt der Cultur ansehen muß, darüber dürften 
die Anschauungen geteilt sein. 

Die Inschriften von Bi'r-es-Seba* zeigen femer, daß der Ge- 
brauch des arabischen Kalenders sich bis ins 7. Jahrhundert be- 
hauptet hat, nicht nur im Zusammenhang mit der Provinzialära, 
sondern auch mit der von Eleutheropolis, die, wie sich noch her- 



die Aeren von Qerasa and Eleutheropolis 383 

ausstellen wird, nach einem anderen Kalender läuft; vgl. nr. 10. 
11. 16. 16. Auf anderen Inschriften erscheinen Daten des arabi- 
schen Kalenders bis zum Ende des 6. Jahrb.: ich habe mir notirt 
Nouvell. Arch. des missions sdentif. 10 nr. IBB [aus Et-Tajjibeh 
= Rev. bibl. 1905, 598 nr. 6 mit der Provenienz 'westl. von 
Gizeh'] fwj ji6ov b %q ri ivd rot) itovg vns [= 24. Juli 590]. Dtts- 
saud und Mader, voy. arch^ol. au Safä nr. 92 [el Grharijjeh eS- 
Sarqijjeh] fitivl JiiöTQ ito vöc [entweder iös oder vöc, = 581 oder 
582]. Daneben dringen freilich, wie auch anderwärts, die römischen 
Daten im 7. Jahrh. ein, von Constantinopel aus. Ein Wechsel 
des Neujahrs ist auf Inschriften die nach der arabischen Provin- 
zialära datieren, bis jetzt nicht nachgewiesen. 

Endlich bestätigen die neu aufgefundenen Inschriften von 
Neuem, daß die arabische Provinzialära vom 22. März 106, nicht 
von 105 ab läuft, was leider immer wieder behauptet wird. Die 
Angabe des Chron. pasch, p. 472, 8 zu ol. 221, 1 Jlstgatoi xcd 
BoötQTivol ivtsvd'sv tovg £avt&v xQÖvovg ägid'fiovöi ist vollständig 
richtig: der Epochentag der Aera liegt thatsächlich zwischen 
dem 1. October lOö und dem 30. September 106. Eine glänzende 
Rechtfertigung der Waddingtonschen Reduction liefern zwei von 
Dussaud und Macler im Haurän entdeckte Inschriften [Nouv. arch. 
d. miss. scient. 10, 652 nr. 27 und 678 nr. 108]. Die eine , aus 
£1 Kafr, trägt das Doppeldatum iv ixatsCa ^Xa ZigyäCov xal OX 
NiyQivianrov t&v XapLTCQOtdttav hovg öfii ti^g '/IxäQxsCag. Es sind 
die Consuln des Jahres 350; das Jahr 851 ist Postconsulat. Und 
wenn hier es noch möglich wäre öfis = 22. März 349/350 zu 
setzen, so ist es bei der anderen Inschrift aus *Anz (unmöglich, 
die ich um so lieber hersetze, als sie ein erhebliches geschicht- 
liches Interesse bat: 

*Exl XQutiiöBcog 0X. KX, ^lovXiavov 

jiinoxQdzoQog AiyovfStov 

icvC^ (= iveittj) tä Csgn xal ivoixodo- 

fAijdij, xal &(pt6Qd>^fi 6 va- 

bg iv it. 6v<: J'60rQov c. 

Das kann nur am 20. Februar 362 gewesen sein; die franzö- 
sischen Herausgeber führen mit Recht die Facta aas der Ge- 
schichte des Athanasius an, die in der s. g. Historia acephala er- 
halten sind [hrsg. von BatiflPol, M^langes de littir. et bist. reK- 
gieuses publi^s 4 Toccasion du jubilö episcopal de Mgr. de Cabri- 
fcres p. 109]: proximo uutem die meihyr X. die mensis post cons. 
Tauri et tlorenti [4. Februar 362] luliani imp. preceptum propositum 



384 £• Schwartz 

set quod iuhebatur reddi idolis et neochoris et publice rationi que 

preteritis temporibus Ulis ablata sunt. 

Es darf nicht irre machen, wenn ab und zu die Synchronismen 

von Aera nnd Indiction nicht stimmen. Ein solcher Fall liegt 

vor nr. 13; aaf zwei andere hatte schon Waddington aufmerksam 

gemacht zu 1959^ nnd 2028. Neben der gewaltigen Menge von 

Inschriften auf denen Indiction und Aera sich widerspruchslos 

znsammenfügen, wollen diese wenigen Falle in denen die Aerenzahl 

verschrieben ist, nichts besagen, umso weniger als Wadd. 1969'^ 

V 
nur auf einer Abschrift Seetzens beruht und nr. 2028 i]v (i M.iov 

iß [Ivd] y hovg (pkt die Lesung MaCov nicht sicher ist. Liest 
man MoQtiov (in Ligatur geschrieben), so ist alles richtig: tpX9' 
= 22. März 644— bis 21. März 64B; ind. lU = 1. Sept. 644/64B. 
Auf der von Brünnow-Domaszewski [Prov. Arabia 2, 94] heraus- 
gegebenen Inschriffc ist nar die Indiction erhalten: 

'Eni OX Ilavkov ivdol^loß 

dovxög, 0%ovdij nitQo[v] 

r&v tönov [&Q]xovtogi \i]%b 

Xafing XQt6[t]oy[6]vov iv^ 

. . fo]5i xIq] ^ 'v*/ [^]^- 

Die Chiffre am Schluß bedeutet (ifiiji/, s. o. 

Auf den bis jetzt veröffentlichten Inschriften von Bi*r-es-Seba*^) 
wird die arabische Provinzialära nicht besonders bezeichnet, da- 
gegen steht bei der anderen Aera öfter xatä 'EX€%}^SQ07toXitag 
[nr. 3. 8. 11] oder t^g 'EXßv^sQonoXit&v [nr. 6], nämlich igitfii^ösiog 
dabei. Eine solche ausdrückliche Benennung der Aerenziffer ist 
verhältnißmäßig selten und hat fast immer einen besonderen Grund. 
Ich stelle die Fälle zusammen, soweit sie mir aufgestoßen sind, 
da die Erscheinung meist nicht beachtet wird. 



1) Im Beriebt des Directors der Amerikanischen Schule in Palaestina von 
1904/5 [American Journal of Archeol. 2ser. 9, 1905], 36 wird mitgeteilt: Äi 
Bu^eibeh (beiBi'r-es-Seba*), the important discovery was made cf moft ihan (hirty 
Greeh inscripHons, Some of ihem are dated hy tndtcfton, day, manih and year. 
The stones wert all left in situ [ob sie da bleiben, ist sehr die Frage] exc^t two 
(hat were handed aver to the Qaimmäkam \of Bir-thSebd and the discovery was 
reported to him and to the Mutassarif of Jerusalem. It is to be hoped thai they 
wiü find their way to the municipal museum in Jerusalem, which is (he proper 
place for snch finds. We secured good squeezes of the inscriptions ... p. 37 
At Bvr el'Sd>d a numher of Qreek inscriptions were found, different from those 
published by the Doniinicans, and squeezes taken. Möchte dieser Aufsatz dazu 
beitragen die Wichtigkeit der Funde einzuschärfen und ihre Publikation be- 
schleunigen, die, meines Wissens wenigstens, noch nicht erfolgt ist. 



die Aeren von Gerasa und Eleutheropolis 386 

Seleukidenära von Damaskus [Epoche: 22. März 311 v. Chr.]. 
Clermont-Gannean, Eecueil d* arch^ol. orient. 1 , 8 nr. 6 
[Copie Loeytveds], El-Mugaidel bei Tell-el-Hära ^). 

itQovCa 
d'BOv 'Pbvtpos 
M<iyvo[g ix t]öv lÖC 
01/ nvgyov sitv 
X&g i[t]iX66sv 
xatä JofLaöxov [so] 

hovg 9%% 22. März 378/9 

ix^ iyad'otg jrpö, 
(piXöxtiöta ^). 
Palestine Exploration Fand. Qoarterly Statement 1896, 62 
nr. 30. 'Aqraba. 

fitovg ' AyLQB" 'Povtpog tä Xtd- 

^a^iae kig^) Oka M&yvog d(fia & 

22. März xov // ^ bCov olxod/ lxu06v xb Ein 

401/2 iß ififig. 

Dazwischen Monogramme, die ich weggelassen habe. 
Tell-el-Hära liegt aaf damascenischem Gebiet, aber an der 
Grenze der Provinz Arabien, in der eine andere Aera herrscht. 
Freiheitsära von Gaza [Epoche: 28. October 61 v. Chr.]. 
Clermont - Ganneau , Archeologiccd Researches in Palestine 
2, 410 nr. 13. Gaza. 

+ ivd'äd£ xax 

ov 

«Tijdij fi X ^v do- 
vltj Oiöia d^rydt 
1JP Tifiotiov iv 
__ ov 
fA ^aiöiov ai, t xa- 6. Jnni 663 

T« Faf/ yxx Iv 
dl S" 

1) SSW. von Damaskus, vgl. die Karte Zeitschr. d. Pal. Vereins 12 oder 
Nonv. arch. des missions scientif. 10. 'Aqraba liegt nach der Karte an dem- 
selben Teil. 

2) Vgl. Byz. Zeitschr. 14,54 nr. 83 xA nvgm MXaXüo <pdo%tiatri tb xecXbif 
Itncc noXXo{^) %a(idto(vs), 

8) JtHfiXiSy nicht "JtutiXig steht auf dem Stein, vgl. Noav. arch. d. miss. 
scient. 10, 701. Ebenda nr. 166 'Aiu^QtiXog, p. 678 Ui^ßQiX^av Siodv, ov^ d. i. 
BtoSo^Xav. Dossand und Macler voyage arch^ol. an Safä p. 178 nr. 87 ^J^iQiXCavy 
Mitthlg. d. Pal. -Vereins 1901, 54 nr. 14 ^JhqbiUov, ebenso Wadd. 1907. Der Name 
ist arabisch, bK^lQK» ItStt ist ein beliebtes erstes Element theophorer Namen 
vgl. Wellhaasen, Skizzen und Vorarbeiten 3, 8. 



886 K Schwartz 

Neben den zaUreichen Daten nach gazaeischer Aera haben 
sich drei gefunden, die nach ganz anderer Zahlweise berechnet 
sein müssen [vgl Clermont-Gannean a. a. 0. 420] : 

n 

1. iv (i Jaiöim di rot) yX hovg Ivd ßi 

ij ov 

2. iv fi ^iov ^ t d'X itovg lv8\ y 

^ n — _ 

3. fi Jim ^ Tov ipt ix ivÖj 5- 

Nach der Bnchstabenform und dem stehenden Gebrauch die 
Indiction hinzuzufügen gehören diese Grabsteine der gleichen Zeit 
wie die übrigen an, dem 6. Jahrhundert: die Liste der gazäischen 
Daten bei Clermont-Gunneau a. a. 0. 420 beginnt mit 505 und hört 
mit 609 auf. Er versuchte die Ziffern so zu erklären, daß die 
Hunderte weggelassen, und sie mit Ergänzung von 9 auf die 
Aera von Askalon zu reduciren seien: das ist unglaubhaft und 
von Schürer [Sitzungsber. d. BerL Akad. 18%, 1086 f.] mit Recht 
bestritten. Die Epoche der Aera deren Kalenderjahr dem gazäi- 
schen gleichgesetzt werden darf, liegt offenbar am Ende des 5. 
oder in der 1. HäKte des 6. Jahrhunderts: welche Jahre möglich 
sind, mag folgende Tabelle veranschaulichen: 

U. Daesios = 8. Juni 83 ind. XII = (503) 504 (518) 519 (533)534 (548)549 

7. Di08 = 3. October 39 ind. 111 = 509(510) 524(525) 539(540) 554(555) 

29. Di08 = 25. October 88 ind. VII = 558 (559) 573 (574) 588 (589) 603 (604). 

Das würde als Jahr 1 ergeben: 471/2 486/7 BOl/2 516/7. Es 
kann m. E. nur an eine Aera von Maiuma-Constantia, der Hafen- 
stadt von Graza, gedacht werden. Sie hatte von Constantin Stadt- 
recht und damit zugleich nach seiner Schwester den Namen Con- 
stantia erhalten [Eus. Vita Const. 4, 38]; es ist interessant zu 
sehen wie das Prinzip daß barbarischer Ortsname und Stadtrecht 
sich ausschließen, hier noch im 4. Jahrh. wirksam ist. Unter 
lulian wurde die neue Stadt von Gaza verklagt und von dem 
Kaiser der älteren G-emeinde wiederum attribuirt [Sozomen. 5, 3, 7] ; 
doch blieben die Bistümer getrennt. Sozomenos schrieb unter 
Theodosias II.; seine Darstellung schließt mit dem Jahr 411. Ich 
halte den Schluß für berechtigt, daß einer der späteren Kaiser 
die Anordnung Constantins wiederhergestellt und die Gemeinde 
Maiuma-Cunstantia, um die Gazaeer zu ärgern, eine eigene Aera 
eingeführt hat. Unter diesen Umständen ist es motivirt, daß eine 
Inschrift die auf dem Gebiet von Maiuma gesetzt, aber gazaeisch 
datiert war, dies ausdrücklich bemerkte. 



^ 



die Aeren von Qerasa und Elentheropolis 387 

Caesarische Aera von Antiochien [Epoche : 1 . Hyperberetaeos 
= 1. October 49 v. Chr.]. Littmann, Semifdc inscriptions [= PubK- 
eations of the American Archeological Expedition to Syria in 
1899—1900 parii. IV] 15 nr. 6 Khirbit Hasan: 

Im Jahr 556 nach der Rechnung von Antiochien = 1. October 
507/8. 

31 nr. 12 Khirbit il Khatib: 

Im Jahre 581 nach der Zählung von Antiochien = 1. Oct. 532/3. 

34 nr. 14 Babisqä JJinoi^tt^ Ibui^t &^o ^jval.o (Jbojuaju Kta^ 

Außerdem ist noch eine nach der antiochenischen Aera da- 
tierte Inschrift [nr. 10] der gleichen Zeit [12. Daesios (Juni) 696 = 
647 n. Chr.] in dieser Gegend gefunden, sie ist zweisprachig und 
hat den Zusatz ^ach der Zählung von Antiochien' nicht. 

Ich kann über die Lage der Fundorte nichts genaueres sagen, 
da leider dem Bande kein Orientierungskärtchen beigegeben, son- 
dern auf die Karten des 1. Teils verwiesen ist, der, ebenso wie 
der dritte Teil mit den griechischen Inschriften, entweder noch 
nicht erschienen oder hier nicht vorbanden ist. Kur so viel läßt 
sich aus Littmanns Angaben S. 4£P. entnehmen, daß die ange- 
führten Inschriften alle in eine Gegend geboren, in der das Ge- 
biet von Antiochien mit dem von Beroea [Aleppo] und Chalkis 
zusammenstößt. Dort wird seleukidisch datiert: es ist auch hier 
die Grenze, die dazu führt die Aera bestimmt zu bezeichnen. 

Weitaus am häufigsten werden die Daten der arabischen Pro- 
vinzialära als solche charakterisiert. Von nabatäischen Inschriften 
der Art sind mir bekannt geworden: 

C. L Sem. 2, 964. Sinaihalbinsel. 

«^Dncnb 85 r\:m tn 
'Das ist das Jahr 85 der Provim' = 22. März 190/1. 

Revue bibl. 1905,692 = Clermont-Ganneau, Kec. d'arch^ol. 
Orient. 7, 155 ff. Bostra. 

[«^DnjDjnb 42 n:« 
^Jahr 42 der Provine' = 22. März 147/8. Die Ergänzung Cler- 
monts • Ganneaus ist wohl sicher; ob die vorhergehende Zeile 
wirklich lautete ^am 1. Nisan\ mögen Berufenere entscheiden. 

Die Nabatäer datieren vor der römischen Eroberung nach Jahren 
ihrer Könige: in der Bezeichnung 'Jahr der Provinz* steckt ein 



388 £• Schwartz 

historischer Gegensatz^). Wenn die safaitischen Beduinen die 
Aera der benachbarten Provinz auf ihren Graffiti nennen, so 
thun sies, weil sie selbst, als freie Wüstenkinder , keine Jahres- 
zählung haben*). 

Littmann , American Journ. of Archeology 1905, 407 : the 
date of at hast a large numher of the Safaitic vtscriptions is now 
setÜed by the words ycr\ nn«T "püD TOO Hhe year 18 of the Romans' 
[= 123/124] 'found at ü-tsawt [wo?]. Another date, not quite certain 
however, is the ^year 3 in the province* (3 Kü nb^ÄD). 

Die griechischen Inschriften zerfallen in zwei Klassen. Auf 
denen der Trajanischen Provinz Arabien, für welche die Aera ur- 
sprünglich eingeführt war, wird sie nur selten bezeichnet: 

Waddington 1908 Bostra: itovg tfjg iicaQx]B{ag ixaroötov xquc- 
xoötov xstdQxov = 22. März 239/240. 

Waddington 1995 Salchad: iv ix rq/J ri)g inaQ%iag Ivd s = 
22. März 497/8.' ind. V = 1. Sept. 496/7. 

Nouv. arch. des miss. scient. 10, 656 nr. 34 Salchad : ixovg . . . 
xiji\g inaQXsiag. 

Ebenda 673 nr. 92 Teil Ghärijeh: iv ix[e]i 0(: rijg ^oq = 
22. März 311/2. 

Dagegen erscheint die Benennung der Aera sehr häufig im n. 
Haurän in der Legä [Trachonitis] , sowie in der Nuqra [Ba- 
tanäa]'), d. h. in dem Gebiet das abwechselnd Herodes und seinen 
Nachfolgern gehörte oder römisch war; im 2. und 3. Jahrh. bil- 
dete es einen Teil der Provinz Syrien und wurde wahrscheinlich 



1) Nicht ausdrücklich bezeichnete Daten der Provinzialära finden sich C. I. 
Sem. 2,963 (Sinaihalbinsel) ^inD^p HnSn ^V )^1 b]f HKO fOB^ «»* Jahre 100 
(= 22. März 205/206) ^gleicherweise unter drei Ka%8em\ Die irea Augg. sind von 
Clermont-Ganneau, Rec. d'arch^ol. Orient. 4, 184 ff. erkannt, sollte man nicht ^^ 
^aojT s= 6yLoC<o9 verstehen und dies auf HH /H beziehen können ? Ferner Acad. 
des inscr. et bell, lettr. Compt. rend. 1904, 292 (*Abdeh) 99 nitt^ 3M HTD *»»» 
Ah Jahr 9ff = 20. Juli— 18. Ang. 204. 

2) Einmal scheint die Provinzialära ohne Zusatz vorzukommen : Nouv. arch. 
d. miss. scient. 10,587 nr. 742 n^ rUD '^^ J^'hr lOCf nach Littmann, Semitic 
inscr. 113. Dagegen zeigt sich der Mangel der Zählung in der Bestimmung des 
Jahres durch das £reigniß: Ldttmann, Sem. inscr. 144 nr. 45 ^^ 3*)^ f^Q 'm 
Jähr des Krieg des Nabatäer^ (ca. 105), Nouv. arch. 10, 565 nr. 554 vgl. Litt- 
mann, Sem. inscr. 112 01 Sh ^*10n Din tMÜ *•"* *^^^ des Kriegs der? des? 
[gewifi nicht 'der Meder\ vgl. Wellhausen, G^iA 1905, 681] gegen die Rhomaeer'. 
Amer. journ. of Arch. 1905 , 407 ^j; ^^ nSoH ü^p HiD *»»• *^^^ »w dem der 
der König 'fined the tribe 'Awidh\ 

8) Karten: Zeitschr. d. d. Palästina-Vereins 12. 20. Palestine Exploration 
Fund Quarterly Statement 1895. Nouv. arch. d. miss. scient. 10. 




die Aeren von Gerasa und Eleutheropolis 389 

erst von Diodetian zur Provinz Arabien geschlagen. Hier wurde 
vor dem Ende des 3. Jahrh. nicht nach der arabischen Aera, 
sondern nach Kaiser jähren datiert; später herrscht die Aera all- 
gemein, wird aber noch oft bezeichnet, weil das Bewußtsein einer 
Aendernng nicht geschwanden ist. 

Wadd. 2261 S&lä [vgl. 2254 ZaXafiavijatioi] iv hrj .gv tfig 

inaQ%Cag = 566 — 575. 
Wadd. 2238 BÜsän [vgl. 2242. 2261 B60ava] itovg 01% ri}? 
inoQiiov = 22. März 322/3. 2239 ixovq cl r^^ in = 365/6. 
2251 ixBi, vo^ ri)g inaQx^Caq ivdixr sc = 22. März 582/3, 
ind. XV = 1. Sept. 581/2. Datienmg nach Kaiserjahren 
Wadd. 2237. 
Nouvelles archives d. miss. scient. 10, nr. 27 El Kefr. Die 
oben [S. 383] schon angeführte Inschrift vom Jahr 350. Da- 
tierung nach Jahren Agrippas and Kaiserjahren Palest, 
explor. fand. Quart. Stat. 1895 nr. 135. 136 [= Wadd. 
2865] und nr. 154 [= Wadd. 2286»]. 
Wadd. 2088 *Amrä. inl trjg a Ivd xatä BöötQa hovg vXy = 

22. März 538/9. ind. 1 = 1. Sept. 537/8. 
Wadd. 2110 El H^jät. iv hi voy xfjg inccQX ivd ia = 22. März 
578/9. ind. XI = 1. Sept. 377/8. 
Die oben aufgeführten Fundorte liegen im Haurängebirge ; znr 
Nuqrä gehört 

Wadd. 2412'" Nächite fiip/ög Nos^ßg y . . . ro[t)l irovg (pctj tfig 
ixagx = 22. März 623/4. 
Aus der Legä stammen: 

Sür [Quart. Stat. 1895, nr. 61 UavQov tb xotvöv] Nouv. 
arch. des miss. 10 nr. 8 iv ixv öni xf^g inaQ%Cag = 22. 
März 392/3. Quart. Stat. 1895, nr. 60 ixovg diaxoöötaötov 
Bixoötov TtQ^xov xijg inaQXBlag = 22. März 326/7. nr. 66 
inl xfig iß Ivdj ixovg w& xijg inag = 22. März 564/6. 
ind. XTT = 1. Sept. 563/4. Datierung nach Jahren 
Agrippas und Kaiserjahren ebenda nr. 65. 61. 
Diese Skizze lehrt daß die ausdrückliche Bezeichnung einer 
Aera in der Regel einen Gegensatz andeutet, sei es zu einer 
früher üblichen Jahresrechnung, sei es zu einer die in der Nach- 
barschaft gebräucUich ist. Es ist drittens auch der Fall denkbar 
und in der angeführten Inschrift von Gaza wohl wirklich einge- 
treten, daß eine Aera angewandt wird, die nicht die ortsübliche ist. 
Dieser Fall scheint bei den Datierungen der Grabsteine von Bi'r- 
es-Seba* vorzuliegen. BriQoeaßa [Eus. Onom. 166,21. Not. dign. 
34,6. 18], BfiQo06aßa pSfosaikkarte von Madeba], BtQO0aßa [Georg. 



390 ^- Bchwartz 

Cypr. 10B2]*) gehörte in der nachconstantinischen Zeit zur Pro- 
vinz Palaestina Tertia, die znm weitaus größten Teil von der alten 
traianischen Provinz Arabien abgetrennt war nnd das nabatäische 
Petra zur Hauptstadt hatte. Die arabische Provinzialära ist dort 
legitim; sie braucht nicht näher bezeichnet zu werden. Dagegen 
gehört die Jahreszählung von Eleutheropolis dort nicht hin ; denn 
Eleutheropolis lag in Palaestina Prima und ist stets eine palästi- 
nische, nie eine arabische Stadt gewesen. 

Es ist also ganz in der Ordnung, daß die Aera von Eleuthe- 
ropolis wenigstens häufig durch einen Zusatz bezeichnet wird: sie 
hatte in BiV-es-Seba* keine officielle Greltung. Merkwürdig ist 
nur, daß sie, nach den bis jetzt gefundenen Inschriften zu urteilen, 
sogar öfter vorkommt [nr. 1 — 3. 5 — 11] als die Provincialära [nr. 
12 — 16]; die beiden Zeitrechnungen lösen sich auch nicht etwa 
ab, sondern haben offenbar neben einander bestanden. Man ist 
zwar jetzt sehr bereit, bei inschriftlichen Datierungen, wenn eine 
Reduction nicht glaublich erscheint, auf irgend eine beliebige, von 
der ortsüblichen abweichende Aera zu rathen und sehr leicht 
damit bei der Hand ein verwirrendes Nebeneinander verschiedener 
Jahresbezeichnungen anzunehmen^). Dabei werden aber nicht nur 
die Forderungen des praktischen Lebens, sondern auch die staats- 
rechtlichen Grundsätze außer Augen gelassen. Die Regel ist, daß 
die Weise das Jahr zu bezeichnen staatlich vorgeschrieben wird 
wie bei den Provinzialären, oder auf staatlicher Duldung beruht, 
wie bei den Freiheits- und Gründungsären der Städte. Concurrenz 
der Aeren oder der Jahresbezeichnung ist selten und als Aus- 
nahme zu behandeln. Auf antiochenischen Münzen kommen Glei- 



1) Auf den Wechser der Schreibangen zwischen ri und t, tf und ac kommt 
nichts an; wichtig ist das o, weU in ihm die arabische Aussprache des Namens 
dentlicb hervortritt. 

2) So bei (ierasa; s. o. S. 861 ff. Nach dem Beiheft der Jahresh. d. österr. 
archäol Inst. 3,30 soll in Homs [1], wo nur seleiüddisch datiert wird, die arabische 
Provinzialära plötzlich aaftaachen. Auf der einen Inschrift [nr. 31] ist v nur un- 
deutlich zu erkennen and ip möglich, auf der anderen ist die Zahl ZZP ^o^^ 
ans ZE<t> [= 255/6 n. Chr.] verlesen. Gegen Strzygowski [Zeitschr. d. d. Pal. 
Vereins 24, 163] ma£ entschieden betont werden, daß das Datum des Mosaiks 
der Christophoruskirche bei Tyrus unmöglich nach der arabischen Provinzialära [t] 
berechnet werden kann: Renan [Mission de Ph^nicie 613] hat richtig nach der 
tyrischen Aera reduciert, iv ii^rivl Jsc£ov toü 'tpa hovg M ^ = 19. Juni — 19. 
Juli 576 n. Chr. Es ist leider auch immer noch nötbig daran zu erinnern, daS 
im Orient nie nach Jahren Christi datiert ist; wenn ein frommer Mann einmal 
den Abstand eines Datums von der eagntoatg berechnet, so ist das noch lange 
keine Datierung. 



k. 



die Acren von Gerasa und Eleutheropolis 391 

changen zwischen der antiochenischen Aera und Regiernngsjahren 
Neros vor [Mommsen, Staatsr. 2, 803, 2], da stößt eine commnnale 
Aera mit einer Jahresbezeichnung zusammen, die, wenigstens 
zeitweilig, in der Provinz Syrien officiell war. Auf der schon 
[S. 28] erwähnten nabatäischen Inschrift von Pm^r wird das Jahr, 
der 'römischen Zählung', d. h. der damascenischen Seleukidenära 
durch ein nabatäisches Regentenjahr erklärt: in dem Grenzdistrict 
concnrrieren die Zählungen der römischen Großstadt und der von 
Rom xuabhängigen Nabatäer. Singular sind die Datierungen auf 
einer Inschrift von Medaba [Revue bibl. 189B, B90 = Inscr. gr, 
ad res. Rom. pert. 3, 1381 ; vgl. Clermont-Gunneau Recueil d'archiol. 
Orient. 2,13]: 

xovto S[xxC\6sv [ix r]öv IdCayv ^s- 

[lidkia xaxaßodöfisvos] ixaxiQto- 

d'sv, Ixxiöev &(ia ocal [o]qov xagfid- 

[xcav], ixovg 7TT . . . [xov] ^ xaxa- 

öxdösog g ^AvxmvBiv 

[ov] KaCöoQog ixovg tÖ*. 
Der Herausgeber, Germer Durand, nimmt mit Recht an, daß 
hier drei Datierungen zusammenstoßen. Die erste ist vermuthlich 
in Jahren der Provinz Arabien ausgedrückt gewesen, zu der Me- 
daba gehörte und die auf späteren Inschriften ausschließlich vor- 
konmit^); die Datierung nach Kaiser jähren , die im 2. und 3. 



1) Inschrift auf einem Mosaik : Rev. bibl. 1902,426 kn\ toO 6tfio); %al ayta>/ 
ZtQy^ov Inianj itiXiMri 6 ayios tönog t&v &noüt6Xmv iv xq[ovI Mj^os T In] 
väy = 22. M&rz 678 9, ind. X = 1. 8ept. 677/8. Eine zweite Inschrift steht 
auf einem anderen Mosaik; da mir die Rev. bibl. von 1897 nicht zag&nglich ist 
kann ich nur die Abschrift Mosils Jahresh. d. oest archaeol. Inst, in Wien 8, 
Beiheft 22 mit den Correcturen Rev. bibl. 1902, 108 benutzen : [f] 6 xdcris &V' 
^Qwttirfis tp^sas hthiiiva <p9'0Q&s ('mcI) röv UegoLtiUtriv labv xaltpayrnyi/icas 
nQbg &Xij^Hap ^[ioeeßBi} fij^, ^HUag 6 ngotpi/itris, ^xfj cwsgyi^caSf %a\ tbv 

a 
XiQinaXXIj] [v]iöv iSiifuito i[nia%onavvty Asovt^ov toü ngavt tsgimg «al tCgiirug 

t 
yvficiov igatnoü %6%ovg ti &iiti[ß]oii, Ztgyiov to^ 9'to(pt[Xfatat]ov <pQOvtiOto^f 
dAga ngoadtxwiiiv Mriv& UainpClov {%al) S(o9o6£av ddtXqxp [vox]agüov ßoi^tut 
yivo[v to]vTois XB «al tö xanHv& &9xm rovro* yiyoviv iv hsi tpß Ivd^ tä s= 
22. M&rz 607/8, ind. XI = 1. Sept 607/8. Zu den &diX(pol voxdgtoi, vgl. die Ge- 
schichte des lohannes v. fiphesos von den voxdgioi tuxI c^iuUoi des Metropoliten 
von Amida [Land, Anecd. Syriaca 2, 104 ff.]. Die kleinere Inschrift desselben Mosaiks 
ist nach besserer Abschrift jetzt Rev. bibl. 1906, 131 publiciert. In der Krypte dieser 
Kirche des Elias befindet sich ebenfalls ein Mosaik mit Inschrift, die ich nur aus 
Clermont-Ganneaa Recueil d'arch. Orient. 2,175 kennp Xg 6 9's t6v otxov xoi^xov dtrifyai- 



392 E. Schwartz 

Jahrhundert in Batanaea und der Trachonitis häufig ist nnd eine 
ältere nach Jahren des Königs Agrippa fortsetzt [s. o. S. 389], 
ist wahrscheinlich der Rest früherer Sitte, die sich nach der Ein- 
führung der Provinzialära vereinzelt noch eine Zeit lang behauptete. 
Dagegen ist das in der Mitte stehende Datum ein Säthsel; das 
Wort nach xcctaördöemgj das Aufklärung schaffen könnte, ist ver- 
loschen. 

Das 19. Jahr des Kaisers Antoninus kann, auf den arabischen 
Kalender gestellt, entweder 156/7 oder 179/80 sein, je nachdem 
Pius oder Marcus gemeint ist ; also ist das 1. Jahr der unbekannten 
Zählung etwa 184/3 oder 161/0 v. Chr.; da vor ptt ein Einer fehlen 
kann, ist die Rechnung nicht bis aufs Jahr genau. Medaba wird 
allerdings von Uranius [Steph. Byz.] xöXig x&v NccßaxaicDv genannt 
und hat in spätrömischer Zeit Stadtrecht gehabt ^); daß es im 2. Jahrh. 
V. Chr. sich eine Aera der Autonomie zugelegt hätte, ist undenkbar: 
dann würde es einen griechischen Namen erhalten haben. Schon 
das spricht gegen die von Clermont-Ganneau a. a. 0, vorgeschlagene 
firgänzung xataerdesog tijg nöksmg, ganz abgesehen vom sprach- 
lichen Aasdruck: es heißt bei Stadtären hovg tiig nöksmg, nicht 
hovg xata6td0€a}g tflg nöXemg. Unter dem Nabatäerfürsten Aretas 
Philopatris residierten dort erbliche Strategen: das Haus ihrer 
Herrschaft [»ntDb« n*»!] wird auf einer Grabschrift [C.I. Sem. 2,196} 
ausdrücklich erwähnt. Ich will wenigstens die Vermutung riskieren, 
daß Abdallah, der sicher ein nabatäischer Araber war, einem Ge- 
schlecht [jT| von Scheichs angehorte, die im 2. vorchristlichen 
Jahrhundert sich in Medaba festsetzten, als 'Tyrannen*, wie die 
Griechen sagen*), und dann als Strategen in die Dienste der Dy- 



Qtv inl ZBQflov xov 6<ntDi htKt%6nov axovdil £s(fy{av ngj toü äyiov Mlucvoü ir Td> 
vQ hn = 22. März 595/6. Die Daten die z. Tb. dieselben Personen nennen, schließen 
so zusammen, daS ein Zweifel an der Aera ausgeschlossen ist Auch auf der 
Mosaikinschrift der Marienkirche dürfte nur die Reduction nach der arabischen 
Aera zulässig sein; da mir das Facsimile Rev. bibl. 1898,424 unzugänglich ist, 
wage ich keine Vermutung und bemerke nur, daß die vorgeschlagene Lesung der 
Jahresziffer iiivfi <^sßQ<nfaQiio itavs Ihod Mi% b [nach Clermont-Ganneau Rec. 
d'arch. 2, 53, vgl. ebenda 403. Eubitschek, Mitthlg. d. Geogr. Gesellsch. in Wien 
43, 368 f. Keil Zeitschr. d. deutsch. Pal. Vereins 24,163] schon darum unmöglich 
ist, weil, wie Cl.-G. und Eubitschek richtig bemerken, der Februar von 974 sei. 
ins Jahr 663 n. Chr. fällt, die Indiction aber die vom 1. Sept 662 an läuft, die 
6. und nicht die 5. ist. 

1) Eus. onom. 128, 19 [vgl. 112, 15] n6Us %al fiixQt p^ hti, vf^ 'jQaßütg 
Mtidaßa sk hl vijv xaZov^^ nXrieütv ^Eüceßiop. HierocL 722 , 6 Georg. Cypr. 1062. 

2) Vgl. oben S. 22 über das Fürstentum von Zenon Eotylas und den 
hypothesenreichen, aber anregenden Aufsatz von Clermont-Ganneau, les Nab<Uiens 
dans le pays de Moab Recueü d'arch^ol. Orient. 2, 185 ff. 



die Aeren von Gerasa und Eleutheropolis 393 

nastie von Petra traten. In dem Geschlecht sind dann die Jahre 
der xatietae^g dwaötsiag gezahlt, und die römische Provinzial- 
regienmg hat die adelsstolzen Araber in ihrem harmlosen Ver- 
gnügen nicht gestört. Wie dem aber auch sei, jedenfalls liegt 
hier eine private Jahreszahlnng vor, die keine weitere historische 
Bedentxmg hat. Von diesen Doppeldatiemngen ist das Nebenein- 
ander zweier Aeren, wie es sich in Bi'r-es-Sebrf findet, verschieden: 
hier stößt die officielle Provincialära mit einer ortsfremden Stadtara 
zusammen. 

Es ist in der Ordnung, daß in Bi'r - es - Seba' der arabische 
Kalender gebraucht wird, merkwürdig ist dagegen, daß der römische 
daneben recht oft vorkommt und daß der arabische, der doch der 
ortsübliche war, dreimal [nr. B. 8. 18] ausdrücklich bezeichnet 
wird. Das geschieht nach, meiner Erfahrung auf den griechischen 
Inschriften des semitischen Orients ungemein selten*). Noch ist 
der Zasatz xatä "Agaßag außer in Bi'r-es-Seba , in keiner der zahl- 
reichen Datierungen aufgetaucht, mit denen die Inschriften der 
alten Provinz Arabien versehen sind, und ich weiß nur zwei Fälle 
anzufahren, in denen die Monate näher charakterisiert werden: 
die Inschrift von Heliopolis wo MoxbÖ&vov wohl den Gegensatz 
zn den aramäischen Namen der heüopolitanischen Monate bezeichnet 
[s.o. S. 348], und das kümmerliche Bruchstück von £$-Sanamein, 
[S. 349, 3] auf dem, wie es scheint, ein arabisches Datum mit einem 
antiochenischen geglichen wird. Prägnant ist der Zusatz xar "Agaßag 
auch amf den Inschriften von Beersaba; er weist in nr. 8 unzwei- 
deutig auf den römischen Kalender als den concurrierenden hin. 
Zu diesen beiden Fällen tritt noch das Doppeldatum in Nr. 17 
hinzu, auch dies eine Rarität ersten Ranges. 

Unter diesen Umständen erhebt sich die Frage auf welchen 
Kalender die Aera von Eleutheropolis gestellt ist. 

Ihre Zifltem verlangen stets die Addition von 199 um mit der 
Indiction zusammen zu treffen : also muß mindestens der größte 
Teil des Jahres 1 = 200 n. Chr. gewesen sein. Der 22. März 
2U0 kann als Epochentag oder, was dasselbe ist, als Neujahr des 
m Eleutheropolis gebrauchten Kalenders nicht angenommen werden : 
denn dann müßte in nr. 10 statt viÖ dastehn vty. Es hat also 



1) Aas dem hellenischen Osten ist mir grade das Beispiel der Inschrift von 
Attilia [Inscr. gr. ad res Rom. pert. 3,785 = Jahresh. d. oesterr. arch. Inst 
M06] zur Hand ; ich f&hle mich aber in der kleinasiatischen Epigraphik zu un- 
Mer um ein ürteü darüber abzugeben, ob solche Fälle häufiger vorkommen 
wr nicht. 

»I*. G» i. Wtofc N»tliridit«i. PlüL-lüfk KluM 1906 H«n 4. 28 



394 E Schwartz 

seinen guten Grrund, wenn in nr. 5 und 8 aosdrücklich bemerkt 
wird, daß das Monatsdatam nach dem arabischen Kalender ge- 
geben ist: der war zwar der ortsübliche, aber er stimmte nicht 
zur Aera von Eleutheropolis. Thatsächlich war es auch nicht zu 
erwarten, daß in Eleutheropolis das damals zu Palaestina Prima, 
früher zu Sjnria Palaestina gehörte, der Kalender der Provinz 
Arabien galt. 

Abel [Kev. Bibl. 1904, 270] hat den richtigen Schluß aus nr. 10 
schon gezogen, und ebenso richtig aus nr. B gefolgert, daß der 
Epochentag später als der 7. October liegen müsse, da, wenn Jahr 
1 = 1. October 199/200 sein soll, die Aerenziffer dort nur tfity 
nicht TfÄ^ lauten konnte. Er vermuthet, daß die Aera vom 1. Ja- 
nuar 200 ab gelaufen sei, ich glaube mit Recht, trotz Kubit- 
scheks [Jahresh. d. österr. archäol. Inst. 8, 89] Widerspruch. Denn 
nunmehr erklären sich die zahlreichen römischen Datierungen auf 
die einfachste Weise: der lateinische Kalender war auch der von 
Eleutheropolis. 

Nach den Münzen muß angenommen werden, daß dieselbe Aera 
wie in Eleutheropolis, auch in Diospolis galt. Umgekehrt steht 
durch eine Inschrift für Diospolis fest, wie dort früher, vor 200, 
das Jahr bezeichnet wurde; sie ist von Euting [Sitzungsber. d. 
Berl. Akad. 1886, 686 nr. 81 taf. XII] und Clement-Granneau [Re- 
cueil d*archiol. 7, 17BJ veröflFentlicht. Ich setze nur die Datierung 
am Anfang hin, die allein sicher ergänzt werden kann: 

^Tot;^ iß j4{>tox[QdtoQog 

K]ai0aQog KofiAlßov 

^ji]vxa)V£iV6iv[ov Ze so 

ß'\a6tov. 
Die alte Art nach Kaiserjahren zu datieren, die in der pro- 
curatorischen Provinz Judäa im 1. nachchristlichen Jahrhundert 
üblich war, hat also in der Provinz Syria Palaestina bis auf Sep- 
timius Severus fortgedauert. Ob auch der tyrische Kalender bei- 
beibehalten wurde, wissen wir, bis jetzt wenigstens, nicht. 

Eleutheropolis muß von Severus zu einem wichtigen Stütz- 
punkt im Süden von Palaestina erhoben sein, eine große Anzahl 
Ortschaften war der Stadt attribuiert und ihr Grebiet reichte bis 
nah an die Grenze der später eingerichteten Provinz Palaestina 
Prima ^). So ist es nicht wunderbar, wenn die Eleutheropoliten 
einen starken Procentsatz der Bevölkerung in und um Bi'r-es-Sebrf 



1) Das hat Knbitschek [Jahresh. d. oesterr. arch. Inst. 8, 91 ff.] namentUch 
ans Ensebs Onomastikon erwiesen. 



die Aeren von Gerasa und Eleutheropolis 395 

ausmachten, und man wird annehmen müssen, daß sie dort ein 
eigenes noklrsvfia bildeten ^), an das sich anch Leute anschlössen, 
die nicht aus dem Gebiet von Eleutheropolis stammten, wie der 
AiXilötog von nr. 3. Dies nokitsvfiM behielt die Aera von Elleu- 
theropolis bei; daß der Provinzialkalender sich stärker geltend 
machte als die Provindalära , erklärt sich aus den praktischen 
Rücksichten des täglichen Lebens leicht. Wenn nr. 2 wirklich 
in situ auf dem Oelberg gefunden und nicht verschleppt ist, so 
liegt die Vermuthung am nächsten, daß die fromme Dame zu 
einem Kloster der Eleutheropoliten bei Jerusalem gehörte, wie es 
z. B. ein Kloster der Edessener in Amida gab [Land anecd. Syr. 
2, 19B]. 



1) üeber solche TCoXtti^iJMta vgl. den vortrefflichen Aufsatz von Perdrizet 
ReT. arcch^ol. 1899, 42 ff. 



\ 



Papsturkunden in Frankreich. 

I. 

Franche-Gomte. 

Von 

Wilhelm Wiederhold. 

Vorgelegt in der Sitzung am 18. Januar 1906. 

Die Reise, deren Ergebnisse ich hier in einigen Berichten 
vorlege, hat die Zeit von Ende März 1904 bis Ende April 1905 
in Ansprach genommen. Sie wurde ermöglicht durch die Monificenz 
des Herrn Ministers, der mir einen einjährigen Urlaub dazu be- 
willigte. Während dieser Zeit habe ich alle Archive und Biblio- 
theken des ehemaligen Arelat und des Herzogtums Burgund 
sjrstematisch nach Urkunden der Kaiser und Päpste durchsucht, 
mit einem uns ganz unerwarteten Erfolge. Allein für die Franche- 
Comt^ kann ich hier über achtzig Papsturkunden im vollen Texte vor- 
legen, die bis jetzt entweder ganz ungedruckt oder doch nur in 
kurzen Notizen oder Auszügen bekannt waren. Für eine ganze 
Reihe von alten Archiven haben wir die verloren geglaubten 
Stücke selbst oder doch genauere Nachrichten über sie wieder 
zusammenbringen können, und so dürfen wir wohl ho£Pen, daß 
diese Berichte allen willkommen sein werden, die sich mit der Ge- 
schichte jener Lande beschäftigen, daß sie vielleicht sogar der 
einheimischen Forschung eine Stütze werden bei der mühevollen 
Arbeit, die alten Zeugen der Landesgeschichte wieder zu sammeln 
und vor dem Untergange zu bewahren. Es wäre für uns der 
schönste Lohn, wenn es unseren Nachfolgern gelänge, die Voll- 
ständigkeit der Sammlung zu erreichen, die für uns leider doch 
wohl unerreicht geblieben ist. 

KfU Gm. i. WiM. NMkrtehWft. PkUolof.-kiftor. Dmm 190«. B«ikm. 1 



2 Wilhelm Wiederhold, 

Denn Schwierigkeiten treten auch in Frankreich der archi- 
valischen Forschung entgegen. Schon vor der Revolution haben 
die alten Archive manche Aenderung ihres Besitzstandes erfahren. 
Zur Registrierung in den Staatsregistern mußten die alten Privi- 
legien des öfteren ihre stille Klause verlassen ; gerade die Kaiser- 
und Papsturkunden sind oft genug in dem Tresor des chartes 
des Landesherm niedergelegt worden. Dann kamen die Huge- 
nottenkriege, die viel verwüsteten, und endlich die Sammler des 
17, und 18. Jahrhunderts. Der Gebrauchswert der Stücke schwand, 
dafür wurden sie wertvoll für den Historiker und für den An- 
tiquar. Durch Colbert, durch Baluze sind Originale aus allen 
Gegenden Frankreichs zusammengebracht, und was denMaurinem 
zu ihren gelehrten Arbeiten nach Paris gesandt wurde, hat in 
den meisten Fällen wohl nicht den Weg in die Heimat zurück- 
gefunden. 

Dann kam die Revolution. Was die Jahrhunderte vorher von 
der archivalischen Ueberlieferung übrig gelassen hatten, schien 
sie jetzt mit einem Schlage vernichten zu wollen. Sie decretierte am 
17. Juli 1793 die Verbrennung aller Titel, auf die sich feudale Rechts- 
ansprüche gründen ließen. Aber glücklicher Weise war bis zur plan- 
mäßigen Ausführung dieses|[Beschlu8ses doch noch ein weiter Schritt. 
Immerhin hat die Revolution den alten Archiven nicht wenig ge- 
schadet. Besonders bei der Ueberführung der Archive in das 
Departementaldepot kamen die ürkrmden vielfach in andere Hände 
oder wurden durch gelehrten^Sammeleifer verschleppt oder durch 
Antiquitätenliebhaber gestohlen. Schließlich kam die für die alten 
Documenta verhängnisvollste Zeit : die Restauration, wo Hinz und 
Kunz sich aufmachten, die Archive und Bibliotheken zu durch- 
schnüffeln nach den documentarischen Beweisen für die in der 
Revolution verloren gegangene Noblesse ihrer Familien. 

Der plan- und ziellosen Durchsuchung, der fortwährenden 
Plündenmg ausgesetzt, erlebten dann die französischen Archive 
ihre systematische Reorganisation unter Ludwig Philipp. Am 
24. April 1841 erschien die Minis teriaünstruction über ihre Ein- 
richtung und Neuordnung, und 1848 erschien schon das „Tableau 
num^rique par fonds des archives d^partementales.^ Durch das 
Kaiserreich, unter dem Minister von Persigny, kam dann der Plan 
der Veröffentlichung der neuen Inventare, und die dritte Re- 
publik hat die ihr hinter lassene Aufgabe, die historischen Docu- 
mente soweit als möglich wieder in den staatlichen Depots zu 
vereinigen und sie dort neu zu inventarisieren, mit aller Energie 
weitergeführt und Frankreich in diesen letzten Jahren eine Or- 



Papstarknnden in Frankreich. 3 

ganisaüon seiner Arcbive gegeben, die ihres gleichen in der Welt 
nicht hat. 

Za tnn bleibt aber da noch recht viel. Als man sich ent- 
schloß, alle alten Fonds in den Departementalarchiven zu ver- 
einigen nnd die nun im Staatsdepot befindlichen Bestände neu za 
inventarisieren , glaubte man sich bei der Beschreibung der ein- 
zelnen Liassen und Manuscripte mit der Angabe der ,,dates ex- 
tremes*' und der Aufzählung der wichtigsten Stücke abfinden zu 
können. Was aber waren die „wichtigsten Stücke?" Darüber 
war jeder Archivar anderer Ansicht, und mußte es sein, schon 
seinen eigenen wissenschaftlichen Neigungen nach, und die An- 
gabe des ältesten Stückes einer Liassel Wenn das schon schwierig 
war bei den ürkundenbündeln, welche Schwierigkeit erwuchs erst 
bei der Beschreibung von Codices von manchmal mehr als 500 
Blättern. Heute gilt darum die Instruction: jedes Stück wird 
inventarisiert, und die neuen Inventare sind deshalb meistens aus- 
gezeichnet ^) , aber alle älteren Bände des „Inventaire sommaire*' 
genügen keiner systematischen Forschung. Ich habe ganze Keihen 
von Manuscripten verzeichnen können, in denen nach den Angaben 
des gedruckten Inventars niemand Papst- oder Eaiserurkunden 
des frühen Mittelalters vermutet hätte. Man muß für viele Fonds 
als unentbehrlichen Helfer die alten Inventare des siebzehnten 
und achtzehnten Jahrhunderts heranziehen; aber dann entsteht 
sogleich die große Schwierigkeit die dort verzeichneten Urkunden 
nun in den ürkundenmassen aufzufinden. In einzelnen verzweifelten 
Fällen existierte auch weder ein altes noch ein modernes Inventar, 
und wir haben dann ganze Fonds vom ersten bis zum letzten 
Pakete durchnehmen müssen. 

Wenn ich trotzdem bei diesen Arbeiten zu einem einigermaßen 
befriedigenden Eesultate gekommen bin, so kommt der Dank 
dafür in allererster Linie den Hütern dieser Schätze, den Herren 
Archivaren und Bibliothekaren zu. Herr Jules Gauthier in Dijon 
hat mich in der liebenswürdigsten Weise mit seiner reichen 
Kenntnis der archivalischen Verhältnisse von Burgund und der 
Franche-Comtö unterstützt; HerrPrudhomme in Grenoble half ebenso 
für die Dauphin^, und auch die Herren Guigue in Lyon, Libois 



1) Bedanerlich ist nor, daß diese Acribie vorläofig nor den Fonds der Re- 
volntionsperiode zu gute kommt. In Frankreich überwiegt augenblicklich das 
Interesse für die Revolntionsgeschichte, und so sind durch Ministerialerlaß alle Ar- 
cbiTare angewiesen worden, sofort mit der Inventarisierang dieser Fonds zu be- 
ginnen. Auf die Verzeichnisse der älteren Best&nde werden wir also noch recht 
lange warten müssen. 

1* 



4 Wilhelm Wiederhold, 

in Lons le Saunier, Lacroix in Valence, Lex in Macon, Reynaad 
und Fournier in Marseille und der Herr Hülfsarchivar Domier 
in BesanQon haben sich um unsere Arbeiten wohl verdient gemacht. 
Zu Dank verpflichtet bin ich auch den Herren Moris in Nizza, 
Mireur in Draguignan, Isnard in Digne, Duhamel in Avignon, 
Andrä in Privas, Bruchet in Annecy, Morel in Bourg, Eckel in 
Vesoul und Por^e in Auxerre. 

In den Bibliotheken habe ich mich freundlicher Unterstützung 
zu erfreuen gehabt seitens der Herren Barr^ in Marseille, Doussan 
in Grasse, Aude in Aix, Sauve in Apt, Perp^chon in Chamb^ry, 
Sauzet in Annonay, Eochigneux in Montbrison, Dr. Coste in Salins 
und Croix in Chatillon s. Seine. Besonderen Dank schulde ich 
den Herren Labande in Avignon, Liabastres in Carpentras, Dayre 
in Arles, Gkizier in Besanpon, Oursel in Dijon, de Charmasse in Autun 
und nicht zuletzt Herrn H. Omont in Paris für die Freundlich- 
keit, mit der sie meine Arbeiten unterstützt haben. 

Wie es nicht anders zu erwarten, habe ich mich auch der 
liebenswürdigsten Förderung durch die geistlichen Herren zu er- 
freuen gehabt. Seine Fiminenz der Herr Cardinal Perraud öfinete 
mir das bischöfliche Archiv zu Autun, in St. Gilles nahm mich 
auf freundlichste der Herr cur^-doyen abbö Nicolas in seinem 
Hause auf, in Besan9on half mir der erzbischöfliche Archivar, 
abb^ Bossignot, in Lyon abb^ Martin, in Gap abb^ P. Guillaume, 
in Nimes abb6 GoiflFon, Prof. Gros in Saint-Jean-de-Maurienne, in 
Arles abbÄ Chailan, cur^ von Albaron-en-Camargne. Die Seminar- 
bibliothek zu Luxeuil ö£Pnete der Leiter des Seminars, abb^ Val- 
lanchon, und wertvollen Beistand leisteten U. Chevalier und abb^ 
Espitalier, cur^ von Gonfaron bei Fr^jus. 

Zum Schluß spreche ich dem Herrn Minister meinen ehr- 
erbietigsten Dank für den mir bewilligten Urlaub und den Herren 
Ministerialdirector Dr. AlthoflF und Q^heimrat Dr. Matthias für 
die mir hierbei erwiesene Förderung aus. 



I. Franche-Gomtö. 

Für die Zusammenstellung der Fonds halte ich mich an die 
moderne Departementaleinteilung und berichte über jeden alten 
Fonds bei dem Departement, zu dessen Depot er jetzt gehört, 
und für die Reihenfolge der einzelnen Fonds behalte ich die Ord- 
nung des Ätat gÄn^ral par fonds des archives d^partementales 
(Paris 190' ^^^e in Vrchive oder Bibliotheken ver- 



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Papstorkunden in Frankreich. 5 

schlagenen Stücke oder Chart alare notiere ich zu dem Archive, 
za dem sie ursprünglich gehört haben. Gewonnen sind diese 
Materialien aus den Departementalarchiven von Besangen, Vesonl 
imd Lons le Saunier, den Communalbibliotheken derselben Städte, 
der Nationalbibliothek in Paris, derCapitelbibliotbek zu Besangen und 
der Seminarbibliotbek zu Luxeuil. Nichts für unsere Zwecke er- 
gaben die erzbischöfiiche Bibliothek zu Besangen und die Biblio- 
theken in Montböliard, Poligny und Salins. Von der Schloß- 
bibliotbek zu Colombier bei Vesoul habe ich nur briefliebe Nach- 
richt von dem Besitzer, dem Marquis de St. Mauris, der 
krank auf seinem Schlosse in der Mayenne lag, von der Bibliothek 
des Herrn de Vregille, in die die Collection Droz de Villars ge- 
kommen sein soll, habe ich keinerlei genaue Nachricht erhalten 
können. 

Departement du Doubs. 
Archev^ch^ de Besangen. Chapitre M^tropoli tain. 
Ursprünglich drei verschiedene Fonds, die ich deshalb unten 
wiederherstelle. Jetzt sind die Originale im Departementalarchiv 
und in der wichtigen Capitelbibliothek vereinigt, für eine Reihe 
von Urkunden sind wir aber nur noch angewiesen auf die Copien, 
die im 17. Jahrhundert der Canoniker Chaillot anfertigte (Besan- 
gen Bibl. Publ. Ms. Chifflet 19 ^) ) und auf die Annales eccl. Bisun- 
tinae, die der Canoniker D'Orival um 1620 schrieb (eb. Ms. 710). 
Diese copierte um 1760 Dom Anselm Berthod (eb. Ms. 707) *), und 
auf diese Copien Berthods stützte dann wieder der Parlamentsrat 
Droz um 1770 seine großen Sammlungen ^, indem er dazu die vor- 
handenen Originale verglich und noch zwei ältere Chartulare be- 
nutzte, ein Pergamentchartular s. XIII im Besitz eines Herrn 
Bullet (jetzt Bibl. Pabl. Ms. 716) und ein Chartular im Besitze 
eines Herrn Gu^nard, das ich nicht habe auffinden können. Ftir 
die wenigen verlorenen Urkunden haben wir einen leidlichen Er- 
satz in den Regesten des Inventars von 1756 VII 24 (Arch. Dep. 
6. 531 u. 632), und nicht unwichtig sind auch die Sammlungen 
des vor wenigen Jahren verstorbenen Canonikers Denizot in der 
Capitelbibliothek, während die Papiere der Seminarbibliothek nichts 
für unsere Zwecke zu enthalten scheinen. 



1) Ein zweites Exemplar in Paris Bibl. Nat. Ms. lat. Nonv. acqu. lat 201. 

2) Das beweist die Notiz in Ms. 707 f. 44' „deest in antiquo ms. ab anno 
1179 usqne ad annum 1208**. Tatsächlich fehlen diese Jahre im Ms. 710. 

3) Vgl. Le conseiller Droz et V Tradition franccomtoise & la fin du XYIII« 
si^e par Jules Gauthier (Besan^on 1891) p. 9. 



ß Wilhelm Wiederhold, 

Archevech^. Benedict IX. 1037 IV 15 (s. Anhang). — 
[Leo IX J-L. 4188]. — Leo IX. J-L. 4208 Berthod. — Leo IX. 
J-L. 4249 Cop. s. XV im Ms. 234 Bibl. Publ. — Urban II. J-L. 
B569 D'Orival. — Paschalis II. J-L. 6056 Orig.^ — Calixt D. 
(1121-24) IV 2 2). — Innocenz U. (1141 IV 12) Cart. s. XIU 
(s. Anhang). — Lucius IL J-L. 8B23 Orig, (s. Anhang). — Eugen 
III. 1151 I 25«). — Alexander lU. (1180) V 19^). — Alexander 
m. (1180) IX 25.*) 

Chapitre de St. Jean. Paschalis IL 1112 XI 1 Orig. 
(s. Anhang). — [Paschalis IL J-L. 6365]. — Paschalis 11. J-L. 
6456 Cart. s. XIU. — Calixt U. J-L. 6705 Cart. s. XIU. — 
Calixt IL J-L. 6817 Orig. — Calixt U. J-L. 6935 Orig. und 
unvollendetes Orig. — [Calixt II. J-L. 6955]. — Calixt IL J-L. 
7055 D'Orival. - [Calixt U. J-L. 7083.] — [CaUxt II. J-L. 
7139]. — Calixt 11. s. d.^) im Transs. Hadrians IV. — Innocenz II. 
J-L. 8136 D'Orival.^ — Eugen LLL J-L. 9266 ChaiUot. D'Orival 
(s. Anhang). — Hadrian IV. 1158 III 6 Orig. (s. Anhang). — 
Alexander UI. 1180 VII 5»). — Lucius III. [1185 II 5 Chaillot (s. 
Anhang). 



1) ed. Graf von Hacke Die Palliamverleihangen bis 1143 (Gott. Diss.) 1898 
p. 158 aus Coli. Moreau 866. 

2) ed. Castan Les origines de la comm. de Besannen (1858) p. 329 aus ColL 
de M. L. de Sainte-Agathe. Das Stück findet sich beute in den Sammlungen des 
Herrn Grafen von Sainte-Agatbe in Besannen nicht mehr vor. 

3) Bulle du pape Eugene 8 du 8 des kal. de fevrier 1150, par la- 
quelle ä la suplication de Tarcheveque Humbert il< le confirme dans la pos- 
session de tous les biens, dont il iouit de la libert^ des roys, princes et oblations 
des fidels et entr'autres de ceux scitu^s dans Pevech^ de Lauzanne et de 
Fabbaye de Bregille, dont il deffend de rien distraire 'ny aliener (Inventar v. 1756 
Vn 24 f. 5'). 

4) Bref du pape Alexandre 3 address^ aux eveques d'Autun, de Lan- 
gres et de Chalon, pour excommunier ceux qui ont brul^s les villages et eglise 
de Parcheveque de Besannen et tu^s les hommes et sujets ä moins que lesdits 
incendiaires et homicides ne reparent les dommages, qu' ils ont causäs. Le dit 
bref dattd du 14 des kal. de iuin 1180 (Inventar v. 1756 VII 24 f. 5'). 

5) Indult du pape Alexandre 3 accordä k Tarchev^que de Besannen, par 
lequel il le tire de la legation ou iurisdiction de Parcheveque de Vienne ainsf 
que Peglise et citä de Besan^on, voulant qu'il ne depende plus que du Saint- 
Siäge on d'un legat a latere du 7 des kal. d'octobre 1180 (Invent. v. 1756 YIl 24 f. 6'). 

6) ed. Nachr. d. IK. Ges. d. W. Göttingen 1902 Heft 4 p. 425 aus Reg. 
Vat. Honorius' III. 

7) ed. Viellard Doc. et mem. p. s. k Fhist. du territ. de Beifort (Besan^on 1884) 
p. 327 aus Droz. 

8) Bulle du pape Alexandre 3, par laquelle il confirme le chapitre et eglise 
de St. Jean Evangeliste dans la possession de ce qu'il tient de la liberalit^ des 



Papsturkunden in Frankreich. 7 

Chapitre de St. Etienne. [Leo IX. J-L. 4198]. — Leo IX. 
J-L. 4200 Berthod^). — Paschalis IL J-L. 6B17 Originalfragm. 

— PaschaUs IL 1099—1100«) — Eugen lU. J-L. 8742 D'Orival. 
Chaillot (s. Anhang). — Eugen III. J-L. 926B in Transs. Honorius' 
III. (s. Anhang). — Urban III. J-L. 15492 Chaillot. Berthod (s. 
Anhang). — Urban III. (1185—1186) XII 7 Orig. (s. Anhang). 

— Urban IIL (1186-87) I 12»). — Urban III. (1186-87) I 22 ^ 

— Celestin III. 1194 VI 4 Denizot (s. Anhang). — Celestin IIL 
1194 VI 13.*) — Celestin IIL 1196 VII 8.«) 

Prieur^ de Bellefontaine. Innocenz II. 1 140 II 22 Orig. 
(s. Anhang). — Anastasius IV. s. d. cit. in Alexander III. 1178 
Vn 14 Orig. (s. Anhang). 

Prieur^ de Fay. Clemens IIL 1188 VI 25 im Transsumpt 
von 1453 III 18 (s. Anhang). 

Chapitre de la Sainte-Madeleine de Besan9on. Der 
Fonds hat noch fast alle Originale, dazu ein Chartular s. XIV 
(Bibl. Publ. Ms. 726 und Copien davon in der Coli. Droz 40 und 



souverains pontifes, des roys et princes et oblations des fidels, en particnlier de 
Peglise de St. Pierre de Besannen avec ses dependances, la chappelle de St. 
Laurent, les eglises de Fallerans, d^Esalans, de Saint Hypolite, d'Omans, de Lac- 
cans, de Tbez, de Velesme, de Melizey, de Saucey, de Gase avec leors depen- 
dances, la iustice eclesiastique dans la parroisse de St. Jean Baptiste sor les 
hommes da dit chapitre, les moulins de Rioutte, de Battant dessos et dans tout 
ce que la dite eglise possede dans Tevechd de Laozane et autres lieox, dont les 
denominations sont presentement inconnus. La ditte buUe en datte da 3 des non. 
de iaillet 1180 (Inventar v. 1756 VII 24 f. 50. 

1) J-L. 4205 ist nur ein Aaszag aas J-L. 4200, daher za streichen. 

2) Acte par leqael l'archeveqae Gaillaame a restita^ ä Teglise de St. Etienne 
par ordre da pape Pascal Tarchidiaconat de Dole, dont il s' ^tait empar^ au 
prejadice de la dite eglise da 6 des ides d' aoat de V an 1100 (Invent. v. 1756 
VU 24 f. 414). 

3) ed. Nachr. d. K. Ges. d. Wissenschaften Qöttingen 1902 Heft 4 p. 478. 

4) ed. ebenda p. 479. 

5) Confirmationi faite par le pape Celestin 3e de Tarchidiaconat de Salins 
ä, Feglise de St. Etienne de Besangon avec toas drois de iastice et revenas en 
dependans, donn^s k la dite eglise par Tarchev^qae Ansericus des ides de iain 
1194 (Inventar v. 1766 VU 24 f. 413'). 

6) Bref da pape Celestin 3 da 8 des ides de iaillet 1196 portant commission 
ä Tev^qae de Laasane de jager et decider la difficalt^ qai ^tait entre le chapitre 
de St. Etienne et Parchidiacre de Salins d^ ane part et Parchev^qae de Besan- 
nen d'aatre part sar le fait de seavoir, si le dit archidiacre etait tena a qaelqaes 
devoirs d' homages envers ledit seignear archeveqae, le chapitre et Parchidiacre 
de Salins soatenans ne devoir aucan hommage oa fief aadit seignear archeveqae, 
parceqae Parchidiaconat avoit ^te donnä ä Peglise de St Etienne par Parchevöqae 
Ansericos avec tonte iastice et aatorit^ (Inventar v. 1756 YII 24 f. 413'). 



g Wilhelm Wiederhold, 

Paris Bibl. Nai Coli. Moreau 876 (Droz Franche-Comt^ 15 Ab- 
bayes 10). Alexander II. J-L. 4769 Orig. and Cop. s. XL — Calixt II. 
J-L. 6830 Orig. und Cop. s. XII - Celestin H. J-L. 8513 Orig.^), 

— Lucios IL J-L. 8531 Orig. (s. Anhang), — Lucius III. J-L. 
14649 Cbartul. s. XIV, — Lucius III. J-L. 14668 Orig.*), - 
Urbau III. J-L. 15830 Orig.^ 

Chapitre de Saint-Maimboeuf de Montb^liard. 
Celestin III. J-L. 17400 im Transsumpt v. 1483 III 25.*) 

Abbaye Saint-Paul de Besan9on. Für einige Stücke 
sind die Originale noch im Departementalarchiv erhalten. Für die 
anderen ist unsere Quelle des 1712 I 31 verstorbenen Canonikers 
Alexander Bruand Res canonie sancte Marie et sancti Pauli ante 
medium septimi seculi ad annum 1707 (Besan9on Bibl. Publ. Ms. 
796 und Paris Bibl. Nat. Coli. Moreau 973). Auf Bruand stützte 
sich dann Droz und benutzte noch dazu jetzt verlorene Originale 
und ein Chartular*), das ebenfalls verloren ist. (Besan9on Bibl. 
Publ. Coli. Droz 38. Paris Bibl. Nat. CoU. Moreau 868.) 

Leo IX. J-L. 4199 Droz. Alexander IL J-L. 4664 Droz. — Gregor 
VIL J-L. 5293 Droz.— Paschain. J-L. 6197 Droz (s. Anhang).— Calixt 
n. J-L. 6685 Droz u. Cop. v. 1532 V 23. - CaKxt H. J-L. 6956 
Droz. — Innocenz n. J-L. 7532 Orig. (s. Anhang)^. — InnocenzII. 
J-L. 8011 Nachzeichnung s. XII (s. Anhang). — Eugen m. J-L. 
9267 Droz. (s. Anhang). — Alexander IH J-L. 12808 Orig. (s. 
Anhang). — Lucius III. s. d.') — Clemens IIL J-L. 16311 Droz. 

— Celestin IIL J-L. 17064 Orig. (s. Anhang). — Celestin HL 1193 
cit. Dunod Hist. de Vigh de Besannen 11 p. 15. 

1) ed. Dissertation hist et crit. sur V antiqoit^ de la ville de Dole en 
Franche-Comt^ (Dole 1744) p. 144. 

2) ed. Pouhat de Tallans Memoire contre les b^n^ctins de Saint-Vincent 
de Besan^on (Besan^on 1711) p. 76. 

3) ed. L. Viellard Documents et memoire poor seniir ä rhist. da territoire 
de Beifort p. 320 aus Orig. 

4) ed. Viellard p. 349. Das Fragment in M^m. de Tacademie des sciences 
de Besannen 1888 p. 121 stammt aus dem Archiv von Stuttgart. 

6) Das ist nicht identisch mit einem ebenfalls verlorenen Chartular s. XIU 
(cf. Coli. Morean 868 f. 1 und Coli. Droz 39 f. 283' und f. 236', wo Inhaltsan- 
gaben dieser Ghartulare und eines ebensolchen s. XYII gegeben werden). 

6) Das Inventar v. 1761 (Arch. Dep. und ColL Moreau 868) citiertf.5 eine 
fast unlesbare Bulle Innocenz' U. v. 1139, aber wie eine Untersuchung des noch 
vorhandenen Orig. ergibt, ist das eine erzbischöfl. Urkunde mit actum Bisuntii 1139. 

7) „titre en parchemin en partie lacer^ et enti^rement effac^, au dos duquel 
sont ecris en caractheres anciens qui paraissent etre du milieu du quinzieme 
siecle ces mots:Lettres apostoliques de Lucius pape trois de quelques exemptions. 
Toutefois ne se peuvent lire ainsi qu 'il est port^ sur le dendossement sans au- 



Papstorkunden in Frankreich. 9 

Prieur^ de Lanthenans. Engen III. s. d. cit. von 
Alexander HI. J-L. 12824, den Tronillat Mon. de Bäle I 360 aus 
einem nicht mehr aufzufindenden Transsumpt im Dep.-Archiv in 
Be8an9on druckte. Das Inventar v. 1703 (Arch.-Dep. Parlement 
de Dole. Visites des abbayes B. 4241) f. 42' cit. „deux copies des 
bulles concernant les droits du dit prieur^ concöd^ par le pape 
Victor quattrieme en V an mil cent soixante et un et une autre 
copie de la bulle du pape Lucius III* en Tan mil cent quattre 
vingt deux," aber auch von diesen Urkunden ist nichts mehr zu 
sehen. 

Abbaye Notre-Dame de Montbenoit. Das Original 
von Innocenz II. J-L. 8135 wurde 1710 noch inventarisiert, jetzt steht 
die Urkxmde nur noch im Chartular von 1669. Gregor VHI 1187 XI 
13 ist schon lange verloren. Eine Urkunde von 1411 II 8 
(Carton I Nr. 69) erzählt uns, wie ein Dieb in der Dep