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Full text of "Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen"

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7&r e>r 



Nachrichten 

von der 

Königüchen Gesellschaft der Wissenschaften 

zu Göttingen. 
Phüologisch-historisehe Klasse 



THIS ITEM HAS BEEN MtCROFD JtffiD BY 

STANFORD UNTVERSITY LIBRARIES 
REFORMATriNGSECTION1994. CONSULT 
SUL CATALOG FOR LOCATION. 



Berlin, 

W.idmannsohe Buchhandlung. 

1907. 



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2:iSl"& 



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Register 



die Nachrichten von der König]. Gesellschaft der Wissenschaften 

philologisch-historische Klasse 

aus dem Jahre 1907. 



F. Frensdorff, Ein Beitrag zum Lübischen Recht ans 

der Correspondenz G. A. v. Münchhansens . . . . S. 223 

B. Keil, Pro Hermogene » 176 

R. Laquenr, Untersuchungen zur Textgeschichte der Bi- 
bliothek des Diodor. II 22 

Friedrich Leo, Bemerkungen zu den neuen Bruchs tacken 

Menanders „ 316 

W . Meyer, Smaragd' s Mahnb&chlein für einen Karolinger „ 39 
W. Meyer, Die Oxforder Gedichte des Primas (des Ma- 
gisters Hugo von Orleans) no. 16 — 22 „ 75 

W. Meyer, Die Oxforder Gedichte des Primas (des Ma- 
gisters Hugo von Orleans). II: no. 1 — 16 und no. 23 „ 113 
W. Meyer, Zu dem Tiresias- Gedicht des Primas (no. 10) „ 231 
W. Meyer, Eine gereimte Umarbeitung der Hias Latina „ 235 
W. Meyer, Wie Ludwig IX d. H. das Kreuz nahm. (Alt- 
französisches Lied in Cambridge.) Mit einem Beitrag 
von Prof. Albert Stimming „246 

C. Robert, Der delphische Wagenlenker „ 258 

Fritz Roeder, Die „Schoß-" oder , Kniesetzung 1 ', eine 

angelsächsische Verlobungszeremonie „ 300 

Fritz Roeder, Der „Schatzwarf" , ein Formalabt bei 

der angelsächsischen Verlobung „ 373 

E. Schwartz, Zur Chronologie des Paulus „ 263 

E. Schwartz, Aporien im vierten Evangelium . . . „ 342 
J. Wellhausen, Noten zur Apostelgeschichte . . . . „ 1 



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Noten zur Apostelgeschichte. "* *.•."! :.**: 

Von 

J. Wellhausen. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 12. Januar 1907. 

Act. 1, 1—9. 

„In meinem ersten Bericht habe ich erzählt, was Jesus tat 
nnd lehrte von Anfang an 'bis zu dem Tage, wo er emporgenommen 
wurde, nachdem er die von ihm erwählten Apostel angewiesen 
hatte. 'Er erwies sich ihnen nämlich lebend nach seinem Leiden 
durch viele Beweise, indem er ihnen durch vierzig Tage hin er- 
schien and aber das Reich Gottes redete. 'Und mit ihnen zu- 
sammentreffend gebot er ihnen, nicht von Jeniaalein weg zn gehe, 
sondern (dort) anf die Verheißung des Vaters zn warten, die ihr 
(sagte er) von mir gehört habt; 'denn Johannes hat mit Wasser 
getauft, ihr aber werdet mit Geist getauft werden, kurz nach 
diesem. 'Die nun zusammen anwesend waren, fragten ihn: Herr, 
wirst dn in dieser Zeit dem Volk Israel das Reich zurückstellen? 
'Er sagte: nicht euch kommt es zn, die Zeiten nnd Fristen zn 
wissen, die der Vater kraft seiner Macht gesetzt hat; 'ihr werdet 
(in dieser Zeit) vielmehr die Kraft des anf euch kommenden hei- 
ligen Geistes empfangen nnd meine Zeugen sein in Jerusalem nnd 
ganz Judäa und Samaria nnd bis an das Ende der Erde. "Und 
als er das gesagt, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und 
eine Wolke entzog ihn ihren Blicken". 

Auf tbv (iiv xfiSnov X6yov ixoirfi&pip müßte folgen xhv 9k 
iavrtQtyv jiottjöofita. Statt dessen gleitet der erste Bericht unver- 
merkt in den zweiten über, indem der Schloß des Evangeliums 
(1, 2) zum Eingang der Apostelgeschichte ausgebaut wird (1, 8). 
Der Relativsatz, in welchem das geschieht, gehört zn den unechten, 

I|l. Q«. i. Wlw. Nuhrfehtn. FUlolof .-Ultra. Kluw. 1W. B<ft 1. 1 



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2 J. Wellhausen, 

die in der Apostelgeschichte so häufig sind nnd deren nnaemi- 
tische Syntaxe kennzeichnen ; logisch ist es ein richtiger und starker 
Hauptsatz. Von dem dauernden Geschehen während der vierzig 
Tage gleitet die Erzählung wiederum, unvermerkt zu dem ein- 
maligen Geschehen am vierzigsten.Tage.-über. Vielleicht soll aw- 
alifcöpivo? (1, 4) nicht bedeuten;*, i*iHn'er'wenn, sondern: einmal 
als er mit ihnen ZQsam'men$.riA ' Der Auferstandene leht nicht 
tecutffäxovta fyWp«e\ b*tafiäig mit den Aposteln, sondern besucht 
sie nur. .vöij "■Zeif zu* Zeit ÖV fj(ug&v Tteespäxovza; und bei einem 
aeldLeri.ßeHUch (nnd zwar dem letzten, wie sich herausstellt) ge- 
■' MctJe't'er ihnen n. s. w. Ol ewel&6vT$g (1, 6. 21) bedeutet wohl oC 
tfvpxaeaysvdpsvoi (Lc. 23, 48) oder of OviinaffAvteg (Act. 26, 24), 
d. h. diejenigen, die zusammen anwesend waren, wenn (oder als) 
Jesus erscbien. Es konnte vielleicht auch nach 13, 31 als ot ttw~ 
avaßivtss verstanden werden ; doch paßt das nicht gut für 1, 21. 

Ursprünglich wird den Aposteln nicht geboten worden sein, 
die Herabkunft des Geistes, sondern vielmehr dieParusie in Je- 
r nsalem abzuwarten, weil diese eben dort nnd nirgend anders 
stattfinden sollte. So versteh« sie selber die Sache in ihrer Frage 
1, 6 ; und tatsächlich sind sie noch lange Jahre nach Pfingsten in 
Jerusalem geblieben. Sie werden aber belehrt, daß nur der Advent 
des Geistes in bestimmter naher Aussicht stehe; nicht der Advent 
Christi. Im vierten Evangelium wird die ParuBie durch den Geist 
(den Parakleten) völlig verdrängt, in der Apostelgeschichte wird 
sie durch ihn nur zurückgeschoben nnd die Apokatastasis Israels 
durch Christus (nicht durch Elias) festgehalten. 

Unter den Aposteln (1, 1) werden nach 1, 12—26 die Zwölfe 
verstanden. Sie sind überall in der Apostelgeschichte die Zeugen 
der Auferstehung, die in der Tat ursprünglich den Haupt- 
inhalt des Evangeliums gebildet hat. In diesem ersten Kapitel 
wird nun berichtet, wodurch sie das geworden sind. Nämlich da- 
durch , daß der Auferstandene während einer Periode von vierzig 
Tagen zu öfteren malen ihnen erschienen ist, nnd zwar ihrer ge- 
schlossenen Gesellschaft, nicht den Einzelnen 1 ). So beißt es denn 
auch in 13, 81: er erschien, mehrere Tage über, denen die mit ihm 
von Galiläa nach Jerusalem hinaufgegangen waren. Desgleichen 
wird in 10, 41 gesagt, nur den Aposteln habe sich der Auferstan- 
dene gezeigt nnd eben dadurch sei ihre Vorherbestimmung zu 
Aposteln erfüllt. In 1, 21. 22 scheint freilich eine andere Anffas- 



1) Damit soll die Priorität des Petras sls Zeugen der Auferstehung natürlich 
nicht geleugnet werden. Aber hier ist von etwas Anderem die Bede. 



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Noten zur Apostelgeschichte. 3 

sang vorzuliegen. „Es muß nun von den Männern, die mit uns 
zusammen gewesen sind in der ganzen Zeit, wo der Herr Jesus 
bei ans einging and ausging, von der Taufe Job annis an 
bis zum Tage da er emporgenommen wurde von uns 
weg, Einer mit ans Zeuge der Auferstehung (d. b. Apostel) sein". 
Jedocb der gesperrt gedruckte Satz enthält eine unrichtige Erklä- 
rung; denn das Ein- and Ansgehn mit int cum accus, bedeutet 
Verkehr und Besuch 1 ), nicht ein beständiges Zusammenleben, wie 
es Jesus vor Beinern Tode mit den Jüngern führte. Er stört auch 
formell, weil er den vorangeschicbten praraKscken Genitiv zu sehr 
von seinem Regens trennt. Dadurch ist es veranlaßt, daß jetzt 
am Schloß eVa iovtidv nachgeholt wird. Aach iv navxl %Q6vqt für 
iv ztfi xffivtp wird mit der Interpolation zusammenhängen. 

Nach 10, 41 hat der Auferstandene während der vierzig Tage 
mit den Aposteln auch gegessen nnd getrunken. Das geht weit 
über die Aussage in 1, 3 hinaus. Denn da ist lediglich von Er- 
scheinungen die Rede; 6mdve6&at und bnxaaia wird von Vi- 
sionen gesiigt, die freilich keine Illusionen sind, aber doch nicht 
von jedem nnd nicht mit gewöhnlichen Augen gesehen werden 
können. Auf dem selben Wege wie die Zwölfe, ist auch Paulus 
zum Apostel berufen (26, 16), er steht ihnen darum gleichberech- 
tigt zor Seite. Denn die Bekanntschaft mit dem irdischen Jesus 
tut es nicht, sondern das Schauen des Herrn, des Auferstandenen. 
Vision and Berufung fallen bei den Aposteln grade so zusammen 
wie bei den alttestamentlichen Propheten, die auch durch eine 
Vision ihrer göttlichen Sendung inne werden, und noch bei Mu- 
bammed. Man darf auch daran erinnern , daß Moses durch einen 
iOtä'gigen Verkehr mit Gott auf dem Sinai für sein Amt vorbe- 
reitet wurde. 

Historisch wird die Erzählung von Act. 1 widerlegt durch 
1 Cor. 15 und schon dadurch , daß die Jünger nach dem Tode des 
Meisters in Wahrheit nach Galiläa geflohen und erst später nach 
Jerusalem zurückgekehrt Bind. Aber die Vorstellung, daß die 
Apostel erst von dem Auferstandenen beauftragt seien, ist älter 
als die, daß Jesus sie schon vor seinem Tode, während seiner ir- 
dischen Wirksamkeit in Galiläa, abgeordnet habe. 

Freilich sagt Weizsäcker sehr bestimmt, die Annahme, daß 
die Zwölfe erst eine Aufstellung der Urgemeinde sein könnten, 
sei durch Paulas ausgeschlossen; der Apostolat sei von Jesus 
selber gegründet '). 

1) Vgl. l. Macc. IS, 49. 

2) Das apostolische Zeitalter (1892) 3. 684. 



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4 J. Wellhauseo, 

Bei Markos — tob den übrigen Evangelien darf man absehen 
— stellt das ja zu lesen. Aber in zwei wunderlich von einander 
getrennten Perikopen, dem Verzeichnis and der Aussendong der 
Zwölfe (3,13-19. 6, 7—13), die beide isoliert sind nnd nicht in 
die Umgebung passen. Sonst treten die Zwölfe ') während der ga- 
liläischen Periode überhaupt nicht auf; denn aof die ganz unsicher 
überlieferte nnd sicher zusammengeflickte Stelle ot sepl aöxbv tsvv 
xotg S&dexa (4, 10) darf man sich nicht berufen. Auch in dem 
Zwischenstück vor der Passion werden sie in 9, 35. 10, 33 beide 
mal sonderbar nachträglich eingefügt ; der Vers 9, 35 steht zudem 
außerhalb des Zusammenhanges und fehlt im Codex Bezae. Nur 
in der Passion erscheinen sie in 11, 11 und 14, 17 unanstößig: und 
drei mal hinter einander, wo einmal genügt hätte, wird der Ver- 
räter als einer der Zwölfe bezeichnet (14, 14. 20. 43), und zwar er 
allein. Im Uebrigen kommen vom Anfang bis zum Ende immer 
nur die Jünger vor. Das ist ein weiterer Kreis mit unbe- 
stimmten und schwankenden Grenzen ; im ersten und vierten Evan- 
gelium und besonders in der Apostelgeschichte (aber nie bei 
Paulus, der den Namen überhaupt nicht gebraucht) werden die 
Christen überhaupt so genannt. Daraus erlesen sind bei Markus 
nicht Zwölf, sondern Vier; nnd nur die Berufung dieser Vier 
vom Fischfang zum Menschenfang, und zwar die zukünftige, wird 
an hervorragender Stelle des Zusammenhanges und in eindring- 
licher, poetischer Weise berichtet. Der Befand bei Markus ist 
also der Annahme , daß das Verzeichnis nnd die Aussendung der 
Zwölfe Prolapsen sind, nicht ungünstig, und sie liegt für den 
Historiker überaus nahe. 

Weshalb non diese Annahme durch Paulus ausgeschlossen Bein 
soll, bleibt ein Geheimnis des sei. Weizsäcker. Paulus erwähnt 
die Zwölfe nur einmal (1 Cor. 15, 5) und zwar als die erste Gruppe, 
die einer Erscheinung des Auf erstandenen gewürdigt ist. Er unter- 
scheidet sie aber von den Aposteln im Allgemeinen (15, 7). Wenn- 
gleich die vxtQkiav infatoXtu (2 Cor. 11, 5. 12, 11) unter den Zwölfen 
zu suchen sein mögen , so gibt es doch nicht bloß zwölf Apostel, 
sondern viele (Rom. 16, 7). Freilich nicht alle Mitglieder der Ge- 
meinde dürfen ohne weiteres als Apostel oder Propheten auftreten 
(1 Cor. 12, 28). Man muß dazu mit besonderer Begabung ausge- 
stattet und von Christus berufen sein. Nur bedeutet die Bezeich- 
nung Apostel Christi nicht einen von dem irdischen Jesus 
berufenen Missionar, am wenigsten wenn Paulos sie auf sich selber 

1) Aber niemals oi ibdvtu &n6t*olot oder ot d&Stxa paVipal. Ax6e*ol.ot 
»Hein nur Hc. 6, 30. 



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Noten zur Apostelgeschichte. 5 

anwendet. Sie schließt aacb die Abordnung durch die Ge- 
meinde nicht aas'). Vielmehr wird eben dies ihr nächster Sinn 
und ihr eigentlicher Ursprung sein. Da sie passivisch (Prpbv) ist, 
so erfordert sie die stillschweigende Ergänzung eines aktiven Sub- 
jekts. Von Gott gesandt zu sein, bildeten sich auch diePseudo- 
apostel ein"). Und auch die einfachen xtjpuxcg und tiayytXfatai 
sind noch keine Apostel , sondern nur diejenigen , die von der 
Gemeinde (ursprünglich der Jerusalem! sehen, dann der untioche- 
nischen) approbiert sind nnd deren Autorität hinter sich haben 
(2 Cor. 3, 1). Der Gegensatz ragt schon in das Evangelium hinein. 
In Hc. 9 sagt Johannes zu Jesns : „Heister , wir sahen einen in 
deinem Namen Tenfel aastreiben , der ans nicht nachfolgte , und 
wir wehrten es ihm, weil er uns nicht nachfolgte". Jesus will 
hier allerdings die wilden Missionare , die abseits der Gemeinde 
wirkten, gewähren lassen; er sagt; wer nicht wider euch ist, ist 
für euch. Aber bei Matthäus (12, 30) lautet sein Spruch schon 
anders : wer nicht mit mir ist, ist wider mich, und wer nicht mit 
mir (die Menschen in die Kirche = awaywytf) sammelt, der 
zerstreut *). 

Das Apuateltum wird auch gar nicht von einem Collegium 
ausgeübt, Bondern von Einzelnen oder von einem Paar 4 ). Es gibt 
nicht die Grundlage her für die Bildung eines Duodecimvirates. 
Die Zwölfe sind also nicht zwölf als Apostel, sondern kraft eines 
anderen Amtes. Daß sie bis in die ersten Anfänge der Kirchen- 
geschichte zurückreichen, ist darum ausgemacht, weil Jacobns der 
Bruder des Herrn, der nicht alsobald an seine Auferstehung glaubte, 
niemals zu ihnen gerechnet wird, obgleich er später als ihnen über- 
geordnet erscheint. Es bleibt nur übrig anzunehmen, daß sie die 
Repräsentanten der ältesten Gemeinde waren , welche sich am 
diesen Kern der vornehmsten Jünger Jesa zusammenschloß. Und 
darum Bind sie auch die Richter d.h. die Regenten der zwölf 
Stämme*); denn die christliche Gemeinde machte den Anspruch 

1) 2 Cor. 9, 23. Act. 13, 1. 2. Es ist komplet lächerlich, dem ßarnabas den 
Aposteltitel zu versagen. 

2) Psciiduapostel gilit es, aber nicht Pseudozwülfer. 

3) Bezeichnend ist dabei noch der Unterschied, daß es hei Markus heißt: 
er folgt Uns nicht nach, er ist nicht widcrEuch, dagegen bei Matthäus: er ist 
wider Mich, er sammelt nicht mit M i r. Jesus ist an stelle der Gemeinde getreten. 
Die Erzählung bei Markus kann aber auch nicht wohl vor dem Tode des Johannes 
entstanden sein. Vgl. Act. 19, 13 ss. 

4) "ßpEoro airtat>s iwoaulluv 9va Bio. In den Apostel Verzeichnissen wird 
versucht, die Kamen paarweise zu verbinden. 

5) Mt. 19, 28. Lc. 22, 30. 



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g J. Wellhausen, 

das eigentliche Israel zu sein, dem die Zukunft gehörte. Dann 
unterscheiden sie sich sachlich nicht von den nQSößvrepot, , die in 
Act 11, 80 plötzlich statt ihrer eintreten, wenngleich sie ursprüng- 
lich nicht so genannt sein werden. Dazu stimmt, daß sie die Ge- 
meindeversammlung berufen ; in Act. 6, 2 werden die dmisxa wie 
eine Gerusie dem xXfj&og gegenüber nnd damit zusammen gestellt '). 
Wenn dem so ist, so sind die Elfe falsch. Damit fällt der 
Gesichtspunkt von Act. 1, 12—26. Daß Judas Ischarioth stets mit 
besonderem Nachdruck einer der Zwölfe genannt wird, geschieht 
nur , um die Scheußlichkeit seiner Handlungsweise grell zu kenn- 
zeichnen; was über ihn erzählt wird, zeigt überall, daß man nur 
den Kamen des Verräters kannte und nichts Näheres von ihm 
wußte; die fama über ihn crescit eundo. Die Zwölfe gehören 
nach 1, 1 ss. als der geschlossene Kreis der Apostel zusammen, 
dem Jesus wiederholt in den vierzig Tagen erschien. Dem wider- 
spricht der Passus 1,21.22 darin, daß der Auferstandene gleich- 
zeitig noch einigen Anderen erschienen sein soll, die dadurch doch 
nicht zu Aposteln wurden, sondern nur die Wahlbefähigung dazu 
erhielten; freilich ist das durch den Einsatz in Vers 22 verwischt. 
Dadurch wird die Wahl zwischen zwei Ersatzmännern des Jndas 
motiviert. Sie bedeutet aber nichts weiteres als ein Schwanken 
ober den Namen des zwölften Apostels. Das Schwanken zeigt 
sich ebenso noch bei anderen Namen und ferner in der Anordnung 
der Paare, wenn man die verschiedenen Verzeichnisse und die ver- 
schieden überlieferten Texte derselben vergleicht*). Philippus er- 
scheint auch in der Apostelgeschichte zunächst unter den Zwölfen, 
hinterher jedoch als hellenistischer Diakon und Evangelist — weil 
er einen griechischen Namen führt: aber in Joa. 12, 20 ss. wird er 
doch als einer von den Zwölfen mit den Hellenen zusammenge- 
bracht. In dem Punkte hat das Verzeichnis der Apostelgeschichte 
den Vorzug vor denen in den Evangelien , daß es an besserer 
Stelle steht, wenngleich es von Lukas hier ohne Zweifel nur als 
nachträglich wiederholt betrachtet wird. 

1) Ol dnduroloi xal ol xgiefivttfoi in späte» Stücken der Apostelgeschichte 
ist ein Hybriduni. Der scharfblickende Revisor, auf den die Rccension von D 
zurückgeht, hat daran AnstoB genommen und es in Act. 10 korrigiert. 

2) Debor die Vier jedoch herrscht kein Schwanken , auch nicht im vierten 
Evangelium, wie Eduard Schwartz durch richtige Erklärung des itpfiioe nach- 
gewiesen bat. Joa. 1, 87—42 ist parallel mit Mc. 1, 16—20 und nur darum ab- 
gesondert von 1, 43 — 51. Die Zehe daiden bleiben versteckt, sind aber angedeutet; 
welcher von deu beiden der Genosse des Andreas ist, darauf kommt nichts an, 
aber wahrscheinlich soll Johannes nach Jacobus kommen, wie Petrus nach Andreas. 



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Noten rar Apostelgeschichte. 7 

Act. 11,30.24,27. 

Act. 11,30 beschließt das Dicht einheitliche Stuck 11, 19—30, 
welches über die Gemeinde von Antiochia handelt. Sie verdankte 
flüchtigen Hellenisten ihre Entstehung, die dort Heiden bekehrten, 
obgleich sie im Princip bloß Judenmission trieben. Die Jerusalem«!', 
die offenbar dem Ding nicht tränten, sandten mm den Barnabas 
nach Antiochia ab *). Der war aber sehr zufrieden mit dem, was 
er vorfand, und verband sich mit Paulus, den er von dem nahen 
Tarsus herbei holte. Beide wirkten ein volles Jahr zusammen in 
Antiochia. Bei diesem Punkte wird ein neuer Bericht angeknüpft 
(11, 27), ähnlich beginnend wie der alte, aber scheinbar durch eine 
lange Pause (11,26) davon getrennt. Es kamen Leute aus Jeru- 
salem nach Antiochia, Propheten, instar omnium Agabns (21, 10). 
Dieser wies auf eine drohende Teuerung hin, die auch wirklich 
anter Kaiser Claudius eintrat (A. D. 44). Der Zweck war , die 
antiochenischen Christen zu einer Kollekte für die notleidenden 
Brüder in Jerusalem und Jttdäa anzuregen *). Das gelang auch, 
und das Ergebnis der Kollekte wurde durch Barnabas und Paulus 
an die Aeltesten von Jerusalem überbracht. 

Die Reise des Barnabas und Paulus nach Jerusalem (11, 30) 
gibt bekanntlich ein Rätsel auf. Wie verhält sie sich zu der in 
Kap. 15 folgenden abermaligen Reise des Barnabas und Paulus 
von Antiochia nach Jerusalem? Der Galaterbrief macht es not- 
wendig, beide als identisch anzusehen. Seit längerer Zeit nun 
besteht darüber eine ziemlich weit gehende Ueber ein Stimmung, 
daß das Stück Act. 15, 1— 34 in der Mitte der zwei Missionsreisen 
nur eine notdürftige Unterkunft gefunden hat ; die Angabe in 
15, 33 , daß Silas aus Antiochia weggeschickt war , widerspricht 
der in 15, 40 , wonach Paulus ihn doch noch vorfand , und das 
SiitQißov 15, 35 nimmt das didrQißov 14, 28 wieder auf. Neuer- 
dings ist eine positive Vermutung hinzugekommen, die mich frap- 
piert hat 9 ); nämlich, daß der wahre Ort für die Reise des Bar- 

1) Barnabas gehörte allem Anschein nach selber zu den flüchtigen Helle 
nieten. Daft er hier als jerusalemischer Controleur auftritt, steht auf gleicher 
Linie damit, daß. die Hellenisten im Prinzip eich bloB an die Juden gehalten haben 
sollen. Umgekehrt, jedoch in der selben Tendenz, wird Petrus zum Heidenapostel 
gemacht. 

2) Durch eine bloß geweissagte Teuerung geraten die Jerusalemer in Not 
und lassen sich die Antiochener zur Hilfeleistung bewegen? Man siebt, die 
Weissagung paßt nicht, und die jerueale mischen Gesandten waren keine Propheten, 
sondern andere Leute. Die Quelle ist verändert und wahrscheinlich verkürzt. 

3) Ich habe eie kennen gelernt aus Pueiderers Urchristentum (1902) I 497, 
weiß aber nicht, wer sie aufgebracht bat. 



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8 -I. Wellhamen, 

nabas und Paulus in 11, 30 za suchen sei. Hier erscheint die Tat- 
sache, daß in Syrien ein Heidenchristentum entstanden ist, als 
neu, wenigstens für die Jerasalemer; nnd eben die Neuheit moti- 
viert es , daß sie in Antiochia zum Rechten sehen. Nach der 
Stellang von Kap. 15 hätten sie lange Zeit darüber hingehn lassen. 
Auch darum paßt der Inhalt von 15, 1—34 viel besser an die 
frühere Stelle , weil in 15, 23 nur von Heidenchristen in Syrien 
(Antiochia) and Cilicien (Tarsus) die Rede ist, ebenso wie in Gal. 
1, 21 , während hinter Kap. 13 and 14 doch auch von denen in 
Pisidien, Lykaonien n. a. die Rede sein müßte, Landschaften, die 
durchaus nicht anter Syrien and Cilicien einbegriffen sein können. 
Die Kollekte erwähnt auch Paolos bei Gelegenheit seiner zweiten 
Reise (Gal. 2, 10), allerdings nar als einer Verpflichtung, die er 
damals übernommen nnd getreulich gehalten habe, ond vor allem 
nar als Nebensache. In Act. 11, 30 erscheint ihre Ueberbringang 
als der eigentliche Zweck der Reise, wie auch die Anregung daza 
als Motiv der Gesandtschaft von Jerusalem — anders wie 11, 22. 
Es ist aber mindestens sehr möglich, daß hier ursprünglich etwas 
mehr stand, was in Rücksicht auf Kap. 15 gestrichen werden 
maßte. In den Noten za der Inhaltsangabe von 11, 19—30 habe 
ich schon die Vermutung begründet , daß Lukas hier stark in 
seine Vorlage eingegriffen hat , wie das überhaupt seine Gewohn- 
heit ist. 

Der Vorrüekung der zweiten Jerusalemreise des Paulos auf 
A. 1). 44 nach Act. 11, 30 entspricht die Vorrückung der letzten 
auf A. D. 54 nach Act. 24, 27. Es heißt dort : dtstiag dl wiijpro- 
0-einijs tittßsv 8iäSo%ov 6 tfij,U| üöpKiov Oi\arov. Man bezieht die 
Stszia allgemein auf den Aufenthalt des Paulus in Jerusalem 
und findet es dann ganz folgerecht für die Erzählung des Lukas 
charakteristisch, daß er aus einem mehr als zweijährigen Zeitraum 
im apostolischen Leben dos Paulus nur über den Verlauf seines 
Processes zu berichten wisse. Die Annahme eines zweijährigen 
Stillstandes in dem eng zusammenhängenden Verlauf des Processes, 
der naturgemäß und notwendig den eigentlichen Gegenstand der 
Erzählung bildet, ist aber vielmehr charakteristisch für die Aus- 
leger, die allesamt sich auf Eine exegetische Möglichkeit verbeißen. 
Es ist ebenso gnt möglich ond liegt sogar viel näher, die citierten 
Worte dahin za verstehn, daß Felix nach Ablauf von zwei Jahren 
seiner Amtsführung abtrat, und dies Verständnis befreit 
von dem absurden Hiatus in dem Processe des Paulus. Man 
hat sich wahrscheinlich durch die xoilä ity in 24, 10 täuschen 
lassen. Als ob es dem Lukas in den Reden auf historische Genauig- 



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Noten rar Apostelgeschichte. y 

keit ankäme and nicht auf das , was ihm grade zum Zweck paßt ! 
Er widerspricht ja in den rhetorischen Referaten beständig seiner 
eigenen Erzählung. In 24, 10 aber braucht er noch gar nicht an 
24, 27 gedacht zu haben. Zu untersuchen, ob Felix wirklick schon 
Ende 64 oder Anfang 55 abgesetzt wurde, ist nicht meine Sache. 

Act. 6-12 und Mt. 10. 

Wenn der Abschnitt Act. 15, 1 — 34 nicht an seine Stelle gehört, 
so läuft die antiocheniscbe Tradition von 13, 1 an , wo sie sehr 
deutlich mit einer allgemeinen Bemerkung über die Bedeutung der 
Gemeinde von Antiocbia und mit dem Namen Paulus (statt Saul) 
einsetzt, ononterbrochen weiter. Und die jerusalemiscbe kommt 
mit Kap. 12 zum Schloß. Die Urapustcl verschwinden vom Schau- 
platz der Apostelgeschichte , teils als Märtyrer , teils wie Petras 
durch die Flucht. Es ist ein Gewinn, daß Petras nun nicht noch 
einmal auftritt, sondern seinen Abschied erhält mit den eigentüm- 
lichen Worten (12, 17): er ging an einen anderen Ort 1 ). 

Bas Finale der jerusalemischen Tradition hebt sich merklich 
ab von dem Vorhergehenden. Statt des Synedrinms , dem eine 
exekutive Gewalt, sogar in Damaskus, zugeschrieben wird, die es 
nicht besaß, tritt hier Könige Agrippa ein, der wirklich den Blut- 
bann hatte. Die Hinrichtung des Jacobus Zebedäi durch ihn wird 
ganz trocken und ohne alle rhetorische Verklärung erzählt; et- 
liche andere, die ebenfalls den Zeagentod erlitten, werden nicht 
einmal mit Namen genannt, als wären sie eine nicht der Rede 
werte Beilage'). Nur über Petrus erfahren wir mehr. Auch ihm 
droht die Gefahr, aber er entgeht ihr. DaB Wander, wodurch er 
aas dem Kerker befreit wird, ist nicht wie iu anderen Fällen bloß 
ein Wunder, sondern bat auch Zweck und Wirkung im Zusammen- 
hang der Begebenheiten. Petras macht es sich zu nutze, tritt 
nicht wieder gleich öffentlich auf, hält nicht einmal eine Rede. 
Er huscht nur in der Nacht an dem Hause der Maria, der Mutter 
des Markus, vorbei, gibt dort kurzen Bericht nnd macht dann, 
daß er fortkommt. Es läßt sich denken, daß die jerusalemischen 
Christen sich seine Flacht aas dem Gefängnis nicht erklären 
konnten ; das Wander ist hier begreiflich und auch ganz bescheiden 
bis auf die prätensiöse Genauigkeit der Ortsangaben. 

1) Vermutlich ist eis Fifpov ikiw Korrektur des Lukas, etwa für tls'AnU- 
Xtiav (Oal. 2, II); denn dies durfte nicht stclm bleiben, wenn 15, 1—34 folgen sollte. 

2) Grade bei Märtyrern, deren Andenken sonst tm frühesten erhalten wurde, 
fällt dies sehr auf. Man kann sich kaum des Verdachtes erwehren, daß Lukas 
hier gewisse Namen unterdrückt hat. Vielleicht auch nur einen einzigen. 



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10 J. Wellhansen, 

Nach Act. 12 fällt also eine schwere , an Leib und Leben 
gehende Verfolgung der Urapostel erBt in eine verhältnismäßig 
späte Zeit. Vorher schweben sie wohl anch in Gefahr, werden 
angeklagt and vor Gericht gestellt, kommen aber ohne schweren 
Schaden davon und vor allem: sie bleiben in Jerusalem. Mission 
außerhalb der Stadt treiben sie nicht, nur Petras macht anscheinend 
eine Ausnahme. Ortschaften im eigentlichen Judäa oder gar in 
Galiläa and Peräa werden in der Apostelgeschichte überhaupt 
nicht erwähnt. 

Eine schlimme Verfolgung vor der Zeit Agrippas trifft nur 
die Hellenisten, die griechischen Juden in Jerusalem; StepbanuB 
fällt ihr zum Opfer. Und nur die Hellenisten Stehen aus der Stadt 
und zerstreuen sich überall bin; von ihnen zuerst geht in folge 
dessen die auswärtige Mission aus. Philippus ist ihr Repräsentant, 
während Barnabas nicht zo ihnen gerechnet wird. Sie wenden 
sich nach Samarien und vorzugsweise nach der Küstengegend bis 
hinauf gen Cvpern und Antiochia und wirken in Städten, die nur 
ausnahmsweise jüdisch und ausnahmslos nicht rein jüdisch waren. 
Petrus beteiligt sich zwar auch an dieser Mission, aber nur nach- 
träglich; er geht zuerst in das den Juden verhaßte Samarien, am 
die dort von Philippus Getauften zu konfirmieren (wie man es 
treffend genannt hat), und folgt dann den Spuren des Philippus 
bis nach Cäsarea. Nicht der Hellenist, sondern Petrus soll dort 
zuerst Heiden zur Taufe zugelassen haben. Es waren allerdings 
Gottesfürchtige («tßöptvoi) , aber das sind eben Heiden und sie 
werden in 10, 28 sehr stark von Juden und Proselyten unter- 
schieden. 

Wie reimt sich das Alles nun mit Mt 10, wo in Form von 
Befehl und Weissagung ein Blick auf die von Jerusalem aus- 
gehende Mission der Apostel geworfen wird? „Nehmt nicht den 
Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, ihr 
habt genug an den Städten Israels za tun and werdet damit nicht 
fertig werden, bis der Menschensohn kommt!" So viel ist sicher, 
die Urjünger haben von Anfang an missioniert und zwar bloß unter 
Juden, wenngleich sie sich dabei nicht weit von Jerusalem ent- 
fernten und ohne alle Ausrüstung nur kurze Wanderangen machten. 
Das wird von Paulus bezeugt, und woher sollte sonst grade ihnen 
der Name der Apostel anhaften? Aber daß daneben schon früh 
eine viel weiter ausgreifende Mission der Hellenisten stattgefunden 
hat, wird durch Mt. 10 nicht widerlegt, denn „nehmt nicht den Weg 
zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter" ist ein 
Protest, der sich nur verstehn läßt, wenn tatsächlich die Grenz- 



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Noten sur Apostelgeschichte. 11 

Überschreitung schon erfolgt war 1 ). Und die Mission des Paulas 
genügt nicht als Voraussetzung, weil das Verbot die Samariter- 
städte zu besuchen ihn nicht trifft, und weil nicht bloß untersagt 
wird , die Heiden ohne vorhergehende Judaisirung zu taufen, 
sundern überhaupt den Weg zu ihnen zn nehmen *). 

Also iBt die Apostelgeschichte eklatant im "Unrecht darin daß 
sie die rein jüdische Urmission von Jerusalem aas bis auf ganz 
schwache Sparen verwischt. Sonst aber ist sie trotz ihrer legenda- 
rischen und rhetorischen Darstellung im Recht. 

Zunächst in Kap. 6ss. Die christlichen Hellenisten der jeru- 
salemischen Gemeinde beklagen sich, daß ihre Witwen bei der 
täglichen Speisung zurückgesetzt würden hinter denen der Hebräer. 
Die Zwölfe, denen der Vorwurf zur Last fällt, weil sie die Ge- 
meindehäupter sind, entschuldigen sich mit Ueberbiirdung — als 
ob sich daraus die Parteilichkeit erklärtet Sie legen die 
Diakonie nieder, am sich allein dem Lehramt widmen zu können. 
Demgemäß werden nun sieben besondere Diakonen gewählt, aber, 
wie sich herausstellt, nur für die Hellenisten. Dann sind die 
Zwölfe von dem umfangreichsten Teil ihres Nebenamtes ja doch 
nicht entbanden. Und umgekehrt greifen die Sieben gar sehr in 
das den Aposteln vorbehaltene ministerium verbi ein; soweit über- 
haupt etwas von ihnen erzählt wird, sind sie gar keine Armen- 
pfleger, sondern Zeugen und Prediger. Stephanas, der zuerst am 
meisten unter ihnen hervortritt , gerät durch sein freimütiges 
Zeugnis in Streit mit den nichtchristlichen Hellenisten, die nach 6, 9 
in Nationen gegliedert gewesen sein sollen, etwa wie die Studenten 
an den mittelalterlichen Universitäten. Sie erscheinen als seine 
eigentlichen Feinde, genau wie nach 9, 29 auch als die des Paulas : 
das ist unwahrscheinlich und mag mit dem öfters bemerkbaren 
Streben zusammenhängen, die Menge der Juden als dem jungen 
Christentum nicht übelgesinnt darzustellen , sogar die Pharisäer, 
die in "Wahrheit die Seele der Verfolgung waren und die saddu- 
cäische Mehrheit des Synedrinms mit fortrissen. Die jüdischen 

1) Darauf hat Smeiid mich hingewiesen, 

2} Mit dem runden Verbot in der Heiden Land zu gehn (Mt. 10, !>) stimmt 
der Widerwille dagegen, dal die Jnden zum Zweck der Fleidcnmission Land und 
Heer durchzogen (Ht. 23, 15) ; sie konnten natürlich nur Heidenmission treiben. Die 
ältesten Christen hatten es damit schwieriger, wenn sie den Heiden erst znm 
Jnden machen mußten , bevor sie ihn taufen konnten. Das wird erst verhältnis- 
mäßig spät überlegt und selten vorgekommen sein. Das Ziel war nicht die Ge- 
winnung der Heiden weit, sondern die Präparation Israels für die inorurtänaais 
durch die Paruaie, wie unter anderm aus Mt. 10, 23 erhellt, j 



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Y> J. Wellhauscn, 

Hellenisten bringen es schließlich dahin, daß Stephanus vor dem 
Synedrium angeklagt und nach dessen Urteil hingerichtet wird. 
Das Synedrium durfte aber nicht hinrichten. Die Scene 7, 57 — 60 
spielt auch nicht vor dem Synedrium, sondern Stephanus wird bei 
einem Volkeanflanf tumultuarisch getötet '). Und das ist das allein 
Mögliche und das Richtige. Aber trotz allen Abstrichen, zu denen 
man genötigt ist, muß doch ein Unterschied der Hellenisten von 
den Hebräern in der jerusalemischen Gemeinde früh bestanden 
haben und noch tiefer gegangen sein, als zugestanden wird; denn 
die angeblichen Diakonen nehmen tatsächlich den Aposteln nicht 
eine untergeordnete Tätigkeit ab, sondern sie bedeuten für die 
Hellenisten ziemlich das selbe wie jene für die Hebräer, und Phi- 
lipp us wird anderswo sogar selber zu den Zwölfen gerechnet. 
Ebenso kann es nicht aus der Luft gegriffen sein, daß die Helle- 
nieten im Schrecken über die Wut des Volkes, die sich gegen 
einen der Ihrigen entladen hatte, ans Jerusalem flohen und dadurch 
den Samen des Evangeliums zuerst weit ausstreuten. Ihre Mission 
in die Ferne ist von viel größerer weltgeschichtlicher Bedentang 
als die auf Judäa beschränkte der Urapostel, daher das Interesse 
dafür bei Lukas erkliirlich und gerechtfertigt; sie sind die Tor- 
gänger des Paulus geworden. Nach Act. 11, 20 sollen sie zwar 
im Heidenlande doch nur den Juden das Wort verkündet haben; 
das steht indessen im Widerspruch zu der gleich folgenden Angabe, 
daß sie grade in der syrischen Hauptstadt es auch den Heiden 
verkündeten 1 ). Sie wuren freier als die Hebräer, weil sie grie- 
chische Luft geatmet hatten. Die nicht grade formelle aber doch 
deutliche Anknüpfung des Stephanus an das radikale Wort Jesu 
über die Zerstörung des Tempels und des Cultus (G, 13. 7, 47 — 50) 
kann nicht von Lukas erfunden sein, denn dieser will im Evan- 
gelium von der Tempellästerung Jesu durchaus nichts wissen. 
Stephanus reißt damit eine Wunde auf, welche die Urjünger gern 
vernarbt gesehen hätten. Sie erinnerten sich nicht gern an jenes 
Wort Jesu, das schon bei Markus als ihm lügnerisch zur Last ge- 
legt erscheint und als Grund der Verurteilung zurücktritt. Sie 
kehrten hervor, was sie mit dem Judentum verband, und nicht» 
was sie davon trennte; sie hielten mit Fleiß den Tempel heilig 
und werden sich nach Mt. 5, 23. 24 auch am Opferdienst beteiligt 

I) Der Vers 7, 58 kann neben 7, 6» nicht hestehn, denn xol fii&oßölow 
aiiöv darf nicht zweimal gesagt «erden. 

:'.) Die ursprünglich nur selbstverständliche Beschränkung der jerusalemischen 
Mission auf die Jaden ist überhaupt erst später mm exklusiven Prinzip vcrsoliilrft, 
erst in Folge <!er hellrnistisrben Mission im Heidenlande. Vgl. die Note 2 anf S. 11. 



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Noten zur Apostelgeschichte. 13 

haben. Und wenn öfters gesagt wird, daß sie bei dem Volke in 
Gunst standen , eo ist das wenigstens ihr Bestreben gewesen. 
Darum kehrte sich auch die Erregimg der Menge gegen die Helle- 
nisten, nicht gegen sie; nnd während jene flohen, konnten sie aach 
nach der Steinigung des Stephanns ruhig in Jerusalem bleiben. 

Dann ist die Apostelgeschichte auch mit Kap. 12 im Recht. 
Eine blutige Verfolgung der Urjünger setzte erst unter Agrippa I 
ein, and erst damals auch sahen sie teilweise sich veranlaßt aas 
Jerusalem zu weichen; Petrus wird nicht der einzige gewesen sein. 
Der Grund liegt in dem Wechsel der Regierang. Hie römischen 
Landpfleger , die sich nicht einfach zu Exekutoren des Synedriums 
hergaben 1 ), waren nicht mehr da. An ihre Stelle trat ein König, 
der seine Macht den Juden zur Verfügung stellte, um sich bei 
ihnen belieht zu machen; mit seinem plötzlichen Tode war aach 
die schlimmste Gefahr vorbei. Anf diese zweite Verfolgung 
(Act. 12) bezieht sich vermutlich die Stelle Mt. 10, 23, wo die 
Mission der Jerusalemer in Verbindung mit ihrer Flocht von Stadt 
zu Stadt gebracht wird. Denn die lange Rede faßt nicht eine 
einzige Situation insAnge, sondern sieht zurück auf eine Periode. 
Und das Beispiel zu den ßaatUtg (Mt. 10, 18) ist Agrippa I. 

Vgl. Weizsäcker a. 0. S. 17—64, Jülicher in der Kultur der 
Gegenwart I 4 S. 13, und namentlich Harnack Mission I S. 38 ss. 

Act. 13, 2 
Der unter den Propheten und Lehrern von Antiochia aufge- 
führte Kamerad des Antipas, Manaem, hat mit dem essaischen 
Propheten Manaem, welcher dem Knaben Herodes seine Zukunft 
ansagte (Jos. Ant. IC, 373) vielleicht etwas mehr als den Namen 
gemein. Nämlich als «vvrQotpog des Antipas müßte Manaem in 
Born erzogen worden sein und zwar mit Archelaus und Antipas 
zusammen , denn '/fpx'Mog xal 'jtvtixas fal Pöprjs xaqä n« ISüp 
xQoipäg sljov (Ant. 17,20). Daran denkt Lukus schwerlich, und 
ein jüdischer Knabe, der nicht einmal Meneluns sondern Manaem 
hieß, paßt aach kaam als Gesellschafter der Prinzen zn der Ab- 
sicht, die der Alte mit der römischen Pension hatte. Dagegen, da 
unter Herodes im Neuen Testament fast immer Antipas verstanden 
wird, so konnte leicht etwas anf den falschen Herodes übertragen 
werden, was von dem richtigen galt. Daß es in der antiochenischen 
Gemeinde einen Manaem gab , braucht zwar nicht geleugnet zu 

1) Es ist dadurch nicht ausgeschlossen , daß die Christen aach wohl einmal 
tot die iffipitrs xn Itebn kamen (HL 10, 18), wie Paulus. 



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werden, aber ein Jagendgenosse des Antipas war dieser Mauaeui 
wahrscheinlich nicht. Uebrigens Bind solche Namensreihen in der 
Regel ein bißchen zusammengescharrt. Vgl. noch Uarnack, Texte 
nnd Untersuchungen V 2 S. 171. 

Act. 18 T 22. 23. 

„Nach einem langen Aufenthalt in Korinth verabschiedete sich 
Paulus von den Brüdern nnd fuhr ab nach Syrien, nnd mit ihm 
Priscilla nnd Aquila , sich in Kenchreae das Hanpt habend 
scheren lassen, denn er hatte ein Gelübde. "Sie gelangten aber 
nach Ephesus, and hier ließ er jene zurück, er selber aber ging 
in die Synagoge and redete mit den Jaden. M Auf ihre Bitte 
für lungere Zeit za bleiben ging er aber nicht ein, "sondern ver- 
abschiedete sich mit dem Versprechen , ein ander mal wiederzu- 
kommen, und segelte von Ephesus ab. "Und in Cäs&rea gelandet, 
hinaufgegangen and die Kirche begrüßt, ging er hinab nacb Anti- 
ochia, "und nacb einigem Aufenthalt reiste er ab, nach einander 
Galatien und Phrygien durchziehend, alle Jünger befestigend." 

Was hat hier Aqnilas Haar zu tun, and daß er es sich in Ken- 
chreae scheren ließ? Das steht an dieser Stelle nicht' im echten 
Zusammenhange, sondern ganz abgerissen. Was soll das ferner 
heißen: Paulus ließ Priscilla und Aquila in Ephesos zurück, er 
selber aber ging in die Synagoge and redete mit den Jaden? Die 
Synagoge liegt ja doch anch in Ephesus! An einem so wind- 
schiefem Gegensatz hat mehr als Eine Hand gearbeitet, so Wahn- 
schaffenes pflegt durch Hedaktion za entsteh» '). Sehr eigentümlich 
mutet es auch an, daß nun die Jaden den Paulus gleich bitten 
längere Zeit zu bleiben, und daß er die Bitte abschlägt ohne die 
Notwendigkeit der Abreise zu motivieren und ihr Ziel anzugeben*). 
Dem Befremden wird aber die Spitze aufgesetzt durch die Axt 
und Weise, wie nun in Vers 22. 23 die Heise von Ephesus nach 
der heiligen Stadt (die übrigens gar nicht genannt wird) und zu- 
rück erzählt wird. „Von Ephesus ab, in Cäsaren an, hinauf und 
die Brüder gegrüßt, hinab nach Antiochia, dann durch Galatien 
nnd Phrygien zurück." Abgemacht im Fluge und berichtet im 
Telegrammstil, kein Amerikaner könnte es besser. 

Was Paulus in Jerusalem zu tun hat, darüber verlautet nicht 
das Geringste. Er macht einen Sprang von Ephesus dorthin, ohne 

1) Der Revisor, auf den die Reiension von D zurückgeht, hat die UnEutrtg- 
lichkeit empfanden und die Zaracklassiuig des Aquila ans Vers 19 nach Vera 22 

«tat 

2) Der Revisor ergänzt die Lücke. 



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Noten zur Apostelgeschichte. 15 

allen erkennbaren Zweck. Als bloßer Abstecher ist aber eine solche 
Reise in damaliger Zeit nicht glaublich ; es gab keine regelmäßigen 
und durchgehenden Passagierlinien, man maßte auf Gelegenheit 
warten nnd gewöhnlich die Schiffe öfters wechseln. Die Sache 
war beschwerlich nnd gefährlich, Paulus hat im ägäischen Meer 
dreimal Schiffbruch erlitten. Die selbe Tour steht hernach (21, 
1 — 6) noch einmal im Itinerar, aber da werden alle Zwischen- 
stationen angegeben! Das wäre doch beim erstenmal noch viel 
angebrachter gewesen als beim zweiten. Dazu kommt nun noch, 
daß Paolos in 19, 1 gar nicht nach Ephesus zurückkehrt, son- 
dern nur da ankommt; wie es scheint zum ersten mal, denn er 
macht erst jetzt die Entdeckung, daß es schon eine Art von 
Jüngern dort gibt, an die er anknöpfen kann. 

Im Codex Bezae lautet der Anfang von 19, 1 : QiXovrog 6i 
xov Ilavlov xaxä zip iSiav ßovÄijv itopsmödcu dg 'Ifgoeölvfia, tlxtv 
avim rö nvevfia biioorQtipeiv ttg zip ' sfahxv. Dies ist freilich Kor- 
rektor, denn bereits Getanes (welches auch in D als geschehen be- 
richtet worden ist), wenngleich noch so Eigenmächtiges, kann aoeh 
durch den heiligen Geist nicht wieder rückgängig gemacht werden. 
Aber die Empfindung ist richtig, daß diese Unterbrechung des 
Aufenthalts in Ephesus in dem ursprünglichen Znsammenhange der 
Erzählung nicht gestanden haben kann. Die Digression nach Je- 
rusalem wird auch nur meuchlings eingeschmuggelt. Aber in 
welcher Absicht? Vielleicht, am Panlns nicht mit Apollos in 
Ephesus (18, 24 — 28) zusammen zn bringen? Dann stünde das 
Mittel in argem Mißverhältnis zum Zweck. Daß übrigens die Epi- 
sode über Apollos erst von Lukas (mit Znsätzen am Schloß von 
18, 25 und 26, die auf 19, l&s. hinschielen) in das Itinerar einge- 
rückt ist, erhellt ebenso deutlich, wie es aus der unmittelbaren 
Fortsetzung von tovto 81 iyivBro ixl hy ovo 19, 10 durch ä>g 81 
inUrjQm&t] xaSta (tä 8vo hy) 19, 21 erhellt, daß das Stück 19, 11— 20 
den Faden nnterbricht. 

Act. 19,23—41. 
Demetrios von Ephesus, ein Silberschmied, der mit Ciborien 
der Artemis ein gutes Geschäft macht, hetzt seine Zunftgenossen 
gegen Paulas auf, weil dieser den Cultus der großen Göttin in 
Verfall zu bringen und ihnen das Geschäft zu verderben drohe. 
Sie machen Lärm and schreien : groß ist die Artemis von Ephesas ! 
"Es entsteht ein Auflauf in der Stadt, alle stürzen zum Theater; 
Gaios and Aristarchus aus Macedonien, „ Mitausländer " des Paulas, 
werden mitgerissen. '"Paulas selber will auch hin, wird jedoch 



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Iß J. Wellbausen, 

von den Christen 31 und von einigen ihm befreundeten Asiarchen 
zurückgehalten. ""Im Theater schreit Alles durch einander, die 
Wenigsten wissen warum sie eigentlich gekommen sind. "Einige 
aas dem Haufen aber verständigen den Alexander, den die Juden 
vorgeschoben haben'); er schickt sich auch an, eine Schutzrede 
vor der Versammlung zu halten, kommt jedoch nicht zu "Worte. 
84 Denn man erkennt ihn als Juden und schreit nnn zwei Standen 
lang: groß ist die Artemis der Epheser, "bis es endlich dem 
Schultheiß gelingt sich Gehör za verschaffen. „Wer erkennt nicht 
an, daß die Stadt EphesuB die Hüterin der großen Artemis ist ! 
18 Da nun dies unwidersprechlich ist, so müßt ihr an euch halten 
und nichts Ueberstürztes ton. "Ihr habt da Männer vorgeführt, 
die weder Schänder noch Lästerer eurer Göttin sind. SB Wenn also 
Demetrius und Genossen eine Sache gegen jemand haben, so gibt 
es Gerichtstage und Proconsuln •), da mag man einander verklagen. 
"Wenn ihr aber sonst was wollt, so muß das in einer gesetzlichen 
Versammlung ausgetragen werden. "Denn wir laufen Gefahr, 
wegen der beatigen (angesetzlichen) Versammlang des Aufruhrs 
angeklagt zu werden, ohne daß ein Grund wäre, weswegen (?) wir 
diesen Auflauf rechtfertigen konnten." "Mit den Worten entläßt 
er die Versammlung. 

Ganz anerwartet tritt im Mittelstück statt Paulus auf einmal 
Alexander als Redner auf. Er ist von den Juden vorgeschoben 
um eine Apologie für sie zu halten und wird als Jade niederge- 
schrieen; der Auflauf richtet sich also gegen die Juden. Wie stimmt 
dazu die Einleitung? Man kann nicht sagen, Paulos habe auch 
als Jude gegolten und sei nur als solcher angefeindet, er hat viel- 
mehr nach dem Wortlaut eben als Paulus den Haß auf sich ge- 
zogen. Sondern der Eingang paßt nicht zur Fortsetzung, desinit 
in piscem. Zunächst ist das, was za Anfang (19, 26) von Paulus 
gesagt wird, von Lukas zugesetzt; damit hängt aber noch einiges 
Andere zusammen. Einmal der Passus 19, 30. 31 : um Paulus 
wenigstens in eine ideelle Berührung mit der Sache zu bringen, 
wird ihm die Absicht zugeschrieben , sich aas freien Stacken in 
den Trubel zu begeben, von der er dann durch die Christen und 
einige ihm befreundete Asiarchen — die fehlen grade noch neben 

1) 'Ex tofi Sjlov ist Subjekt. „Einige ans der Menge verständigten ihn" 
drangt sich aber mit dem folgenden „die Jaden schoben ihn vor*. Das Letztere 
ist wohl du richtige. Klar ist wenigstens, daft Alexander Jude ist and die Juden 
verteidigen will. - 

2) Der Proconsnl residierte in Pergamnm, aber es wird hier anch nicht 
gesagt, daß er seinen ständigen Sitz in Ephestu hatte. 



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Noten nur Apostelgeschichte. 17 

dem Schultheiß und den Proconsuln — zurückgehalten worden sei. 
Sodann der Vers 19, 29: zwei nwtxdtjjiot des Apostels werden 
mit fortgerissen. Wie der zweideutige Ausdruck verstanden 
sein will, erbellt aas 19, 37; daß dieser Vers gleichfalls zugesetzt 
ist, sieht man daraus, daß er den notwendigen Nexus zwischen 
19, 36 und 19, 38 zerreißt. 

Dann Hegt hier ursprünglich einfach die Beschreibung einer 
Judenhetze in Ephesns vor. Der Schilderer ist weder Jude noch 
Christ, sondern ein unbefangener and überlegener Beobachter, ein 
bischen schelmisch, aber ganz sine ira et studio. Lukas hat die 
fertige Beschreibung übernommen and sie für seine Zwecke passend 
verändert, jedoch so wenig durchgreifend, daß überall noch die 
Vorlage durchschaut. 

Act. 27, 1-43. 
In diesem Kapitel, worin ans Paulus zu Wasser vorgestellt 
wird , lassen sich an mehreren Stellen sekundäre Bestandteile 
erkennen. Am deutlichsten in Vera 9—11. „"Mit Mühe an der 
Küste von Kreta in der Gegend von Salmone herfahrend ge- 
langten wir nach dem sogenannten Schonhafen. [ 9 Da aber ge- 
raume Zeit vergangen und die Fahrt schon gefährlich war 
— das Fasten ') war schon vorüber — , so ermahnte sie Paulus 
10 und sprach : ihr Männer, ich sehe, die Fahrt wird geschehen mit 
Ungemach und großer Schädigung nicht bloß der Fracht und des 
Schiffes, sondern auch der Menschenleben. "Der Centurio schenkte 
aber dem Steuermann und dem Schiffseigner mehr Glauben als 
den Worten des Paulos.] 1! Da aber der Hafen nicht gut zum 
U eberwintern taugte, so faßte die Mehrheit den Beschluß von dort 
abzufahren, um wo möglich nach Phönix zu gelangen, einem anderen 
kretischen Hafen, und dort zu überwintern. 1 ' Es braucht nicht 
noch bewiesen za werden, daß der VerB 12 hinter V. 9 — 11 gar 
nicht zu verstehn ist, sondern unmittelbar an V. 8 anschließt. 
Der Passus V. 9 — 11 ist mithin eine Einlage von zweiter Hand. 
Er steht nun in unauflöslicher Beziehung zu V. 22 — 26 (von rrfte 
an), also sind auch diese Verse eingeschoben. Wenn aber diese 
zwei Stellen sicher sekundär sind, so erhebt sich von da aus Ver- 
dacht auch gegen die beiden anderen, in denen Paulas eingreift. Am 
wenigsten schade ist es am V. 31, wo er in völlig unglaubhafter 
Weise sich einmischt. Von V. 33 — 38 scheint der ersten Hand 
nar anzugehören : „als es nun eben Tag werden wollte (33), leich- 

1) Der 8. g. große VersöHnungatag im Herbst 

K«t. Gm. i. Wim. Nachricht«. FUlolog-hiat«. EIuk 190«. Hi.fl 1. 2 



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18 J. Wellhansen, 

terten sie das Schiff, indem sie das Getreide in die See warfen 
(38) ; als es aber Tag geworden war, erkannten sie das Land nicht 
o. s. w. B . Das Getreide (38) ist nicht der Proviant, sondern die 
Ladung. So wird es in V. 10, wo der Verlost der Fracht geweis- 
sagt wird, richtig aufgefaßt. Anders jedoch am Anfang von V. 
38: „nachdem sie sich satt gegessen hatten." .Da werfen sie nicht 
die Ladung ins Wasser, sondern den Rest des Proviants, den sie 
nicht haben aufessen können. Und damit steht V. 33—87 (von 
Xttfexäiti an) in Verbindung, wo erzählt wird, daß die Insassen 
des Schiffes auf die Mahnung und nach dem guten Vorbilde des 
Paulus angesichts der Strandung (!) noch eine gehörige Mahlzeit 
eingenommen hätten — und sie waren zweihundertsechsundsiebzig 
Mann und konnten etwas leisten, da sie vierzehn Tage lang nichts 
gegessen hatten '). Am Schloß des Kapitels, wo Paulas noch einmal 
erscheint, ist die Anweisung des Centurio an die Schiffsgenossen, 
in welcher verschiedenen Weise sie sich retten sollten, sehr über- 
flüssig und der Lage wenig angemessen; in solchem Falle rettet 
man sich nicht nach Vorschrift, sondern nach Gelegenheit und 
nach Kräften. Es wird ursprünglich nur die Tatsache berichtet 
sein, daß jeder sich bei der Strandnng half so gut er konnte; der 
Befehl des Centurio und das Motiv dazu sind von zweiter Hand 
eingetragen. 

Zeller und Overbeck sind mir hier in der Ausscheidung von 
Zusätzen des Lukas zuvor gekommen. Sie machen freilich nicht 
formelle Gründe geltend, sondern sachliche, namentlich den, daß 
die Weisungen des Paulus vaticinia ex eventu sind. Am auf- 
fallendsten in V. 26; wir müssen aber auf eine Insel 
stoßen, denn die Schiffer erfahren erst in 28, 1, daß das Land, 
wo sie gestrandet sind, eine Insel und zwar Malta sei. Der Passus, 
bei dem ich eingesetzt habe, nämlich V. 9 — 11, wird von jenen 
beiden Gelehrten gar nicht beanstandet, obgleich auch er eine 
Weissagung enthält. 

Nun die Hauptsache. Wenn Paulus wegfällt, so bleibt in 
Kap. 27 nur die stürmische Seefahrt übrig. Und auch ohnehin 
fällt es auf, wie sehr die Aufmerksamkeit auf das nautische Detail 
gerichtet ist. Der Schreiber, der jedenfalls dabei war, muß ein 
seebefahrener, mit der Navigation wohl vertrauter Mann gewesen 
sein. Er beachtet und versteht alle Maßnahmen und drückt sich 

1) Die Worte xollijs rc &<stx(<tf Intanoiaift am Anfang von V. 21 können 
nicht mit dem folgenden t6xt, aber auch schlecht mit dem vorhergehenden Verse 
verbunden werden. Sie sind eine spatere Interpolation und Btaramen nicht von Lukas. 



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Noten rar Apostelgeschichte. 19 

überall sehr technisch aus. War das nun ein Missionsgehüfe 
des Faolns? Wenn nicht, so liegt hier der gleiche Fall vor wie 
bei der Artemis von Epheeus. Dann hat Lukas die Beschreibung 
einer stürmischen TJeberfahrt vom Osten nach Rom, die ihm viel- 
leicht auch wegen des Centurio und der Soldaten zu passen schien, 
von anderswo fertig übernommen und auf Faolus zugepaßt. Da- 
raus würde weiter folgen, daß der sogenannte Wir-bericht in 
Kap. 27 nichts mit dem Wir-bericht über die zweite Miesionsrejse 
za ton hat. Da kommt anch eine Seefahrt vor (21, 1 — 6), aber 
nur die Stationen werden angegeben. Der Verfasser des Itinerars 
in Kap. 16 — 21 zeigt keinerlei seemännisches Interesse. Es ist 
sogar sehr auffallend, daß er nichts von den drei Schiffbrüchen 
erwähnt, die Paulas nach 2 Cor. 11, 25 doch wahrend seiner zweiten 
Missionsreise erlitten haben maß. Dagegen von dem Ungemach 
und der Strandnng bei seiner Ueberiahrt nach Rom läßt hin- 
wiederum Paulos nichts verlauten, obwohl er z. B. im Briefe an 
die Philipper dazu Anlaß gehabt hätte. 

Act. 15, 20. 29. 21, 25. 

Bei der Aufzählung der Dinge, deren sich die Heidenchristen 
enthalten sollen, fehlt an allen drei Stellen das nvixt6v im Codex 
Bezae und in der Latina. Es fragt sich, ob mit Recht oder mit 
Unrecht. 

Im Allgemeinen trägt die Recension von D in der Apostel- 
geschichte ') die Kennzeichen einer Ueberarbeitung. Es zeigen 
sich Zusätze, die ans harmloser Freude an Weiterung entstanden 
sind, z. B. 1,14 (mit Weib und Kind); 8,24 (und er hörte nicht 
auf zu weinen); 19, 9 (er trug täglich von fünf bis zehn Uhr vor). 
Daneben auch einfache Erklärungen, darunter treffende z. B. näv- 
xeg oi "EXXtpisg 18, 17 und iv rfj natfldt 18, 25. Für das iyevtro 
yvd>pi)6 des Itinerars (20, 3) steht slittv tb xvevpa oevtkI — so 
würde Lukas von sich aus geschrieben haben. Am bezeichnendsten 
sind aber die zahlreichen Verbesserungen des Pragmatismus der 
Erzählung. Ewald sagt, man habe den Eindruck, als ob Lukas 
an sein Buch nicht die letzte Hand gelegt habe. Der alte Revisor, 
auf den die Recension von D zurückgeht , holt nun nach , was 
Lukas versäumt zu haben scheint, gerät dabei zuweilen ins Fabu- 
liren wie bei Mnaseas (21, 16), verfährt aber oft ganz geschickt, 
so daß man von ihm lernen kann, wo pragmatische Anstöße liegen. 

1) Man maß die einzelnen Bacher unterscheiden. D zeigt in den beiden 
Lukas achrif'ten eine andere Art als im zweiten oder vierten Evangelium , wenn- 
gleich eine allgemeine Aebolichkeit durchgeht. 



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20 J. Wellhausen, 

Einiges der Art ist schon erwähnt worden, ein paar andere Bei- 
spiele mögen hier folgen. In 10, 27 scheinen die Worte and im 
Gespräch mit Cornelias ging Petra b hinein in die Ver- 
sammlung mit der vorhergehenden Angabe nicht zu stimmen, 
wonach Cornelias selber in der Versammlung sich befindet; in D 
wird dieser Anstoß durch folgenden Text gehoben: „als Petras in 
die Nahe des Hauses ') kam, lief einer der Knechte des Cornelias, 
die ihn von Jope geholt hatten, voraus, nm es dem Cornelias za 
melden ; darauf sprang dieser auf and lief dem Petras entgegen, 
and im Gespräch mit ihm ging er hinein." Hinter 15, 33 wird 
zugefügt: „Silas beschloß da za bleiben, nur Judas ging ab" — 
am den Anschloß an 15, 40 za ermöglichen. In 16, 16 — 40 geht 
das aufgebotene Mittel, das Erdbeben, stark über den Zweck hin- 
aus ; nicht bloß Paolos ond Silas werden befreit, sondern alle Ge- 
fangenen, und man begreift nun nicht, warum sie nicht ausbrechen; 
nach D maß darum der Kerkermeister, als er den Schaden bei 
Lichte besieht, die anderen Gefangenen wieder an die Kette legen. 
In 19, 14 wird der unvermittelte TJebergang vom Allgemeinen auf 
das Besondere beseitigt durch den Zusatz iv olg xal am Anfang. 
Sparen dieses Verfahrens von D sind auch in Kap. 15 sicher zu 
entdecken, besonders in der Angleichung des jetzt gänzlich anvor- 
bereiteten V. 5 an V. 2. 

Indessen darf man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. 
Die Ueberarbeitung ist nämlich sehr alt, da D darin mit der 
Latina übereinstimmt, und hat also auch eine sehr alte Vorlage 
betroffen, die sehr wohl einzelne Lesungen enthalten haben kann, 
welche besser sind als die des Vaticanus oder des Sinaiticus- So 
fehlt mit Recht ivaytudov 13, 46. ttveg und noiipäv 17, 28, firra 
19, 14. Und vielleicht auch das xvtxtdv, von dem wir ausgegangen 
sind. Es stände richtig, wenn das damit coordinierte cdfta Blut- 
vergießen bedeutete. Das läge an sich nahe; denn der noachische 
Bund mit der nachsundflatlichen Welt, der für Israel durch den 
mosaischen Band überholt ist, für die Heiden jedoch seine Gütig- 
keit behalten hat, schärft in erster Linie ein, kein Menschenblut, 
za vergießen. Indessen für die christlichen Heiden scheint das 
doch zu selbstverständlich. Wenn also die Enthaitang vom Ge- 
noß des Blats gefordert wird, so entspricht das dem Verbot 
des Dia b"DK, welches Gen. 9 in zweiter Linie steht. Dies be- 
deutet nun weiter nichts als: Fleisch von Tieren essen, deren Blut 
nicht aasgelassen ist, die nicht richtig geschlachtet sind. Dann 



1) nicbt in die Nähe der Stadt, wie BUUt meint; vgl. dagegen V. 24. 

DgizedDy G00gle 



Noten znr Apostelgeschichte. 21 

irt aber das Verbot de» xvattöv tinter dem Verbot des afp« mit 
einbegriffen and kann nicht daneben stehn. Die lateinische Kirche 
war im Unrecht, wenn sie glaubte, durch, das fehlen des xvtxiöv 
die Freiheit zd haben, erdrosseltes Wild zn essen. Es wird in 
Act. 15 wie in Gen. 9 erlaubt, alle Tiere ohne Unterschied zn töten 
und zu essen, aber man maß sie geschlachtet and aach dem Wilde 
die Kehle durchgeschnitten oder sonst das Blut ausgelassen haben: 
das wird durch das Verbot des alpa schon ebenso zur Pflicht ge- 
macht, wie durch das Verbot des xvixzöv. 

Es gibt noch viel zu tun in der Apostelgeschichte. Overbeck 
hat zwar ungewöhnlich gewissenhaft gearbeitet, aber seine Augen 
im Bann der Zeit (1870) zu sehr auf Einen Punkt gerichtet und 
nicht nach allen Seiten offen gehabt. Blaß hat der richtigen 
Erkenntnis, daß die Recension von D eine Ueberarbeitung sei, 
einen etwas naiven Ausdruck gegeben, worüber ihm indessen seine 
Verdienste nicht vergessen werden sollten, z. B. die glänzende Ver- 
besserung des unmöglichen ävaerdg 5, 17 in 'Avvag. Neuerdings 
macht sich ein Streben bemerklich, die ganze Apostelgeschichte 
durch QuellenBcheidang so aufzuteilen, daß für Lukas nicht viel 
übrig bleibt, der doch sicher kein bloßer Compilator war. Mit 
dem Protest gegen solche Uebertreibong ist Harnack im Recht. 
Es bleibt jedoch dabei, daß die schriftlichen Nachrichten, die Lakae 
unzweifelhaft benatzt hat, noch oft gentig brockenweise in seinem 
Aufguß schwimmen (z. B. 4, 36. 37. 19, 14—16), daß Fugen und 
Nähte vielerwärts erkennbar sind, und daß namentlich in Kap. 
16 — 21 ein Itinerar zum Vorschein kommt, natürlich überarbeitet 
and mit Episoden bereichert. Durch das Lexikon unterscheidet 
sich dasselbe nicht, überhaupt mehr durch den Gehalt als durch 
die Form, aber in Verbindung mit dem Gebalt doch auch durch 
den Stil, durch die trockene Sachlichkeit. Wäre übrigens hinter 
dem Wir in Kap. 27 wirklich Lukas za Bachen, so erschiene er 
nicht grade als Arzt von Profession, sondern eher als Segeler. 



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Untersuchungen zur Textgeschichte der Biblio- 
thek des Diodor. 



R. Laqnenr. 

Vorgelegt von F. Leo in der Sitzung vom 12. Januar 1907. 

II. Der Parisinus 1666 und der Genavensls 40. 

Zwischen 1546 and 1550 kam der heutige Pariainns 1666 in 
den Besitz der Bibliothek von Fontainebleau '). Der Codex, welcher 
in seinem zweiten Teil die constantinischen Excerpte tugl txi- 
ßovX&v enthält, wurde zu deren Herausgabe von Cramer und 
neuerdings von de Boot benutzt; die Stacke ans Diodor, welche 
den ersten Teil des Codex bilden, blieben unbeachtet, bis sie durch 
Fischer ') eine allerdings nicht hinreichende Beschreibung erfuhren, 
die im folgenden berichtigt und ergänzt werden soll. 

7 — so nenne ich die Handschrift — besteht aus Bruchstücken 
eines Diodorcodex , welcher vollständig die Bücher XV — XX der 
Bibliothek umfaßte. Heute liegen davon nnr noch 12 Quater- 
nionen vor; auf dem ersten (Fol. 1 — 8) steht XVIII. 67.5 avrtp 
ras fivfKpoQäs bis XIX. 11.5 inetfli} xa$&; es folgen 7 Quaternionen 
(Fol. 9—64) in richtiger Reihenfolge mit der Partie XVI. 5.1 
MaxtSovixijv xal ti(v 'IkXvgtda — XVH. 74.5 ri di Staxlaxivra xal 
&{fjta%&ivTa; den Schluß bilden 4 Quaternionen (Fol. 65—96), auf 
denen der Text von xal xqvxqv fidprrpag (XV. 10.2) bis itul t& 



1) Die Handschrift, «eiche in dem Katalog aus dem Jahre 1516 noch fehlt, 
wird in dem Katalog aus dem Jahre 1550 (Omon(_ S. 373 ffj_ unter No. 31 ange- 
führt: SmS&fov fj dnutTT) ?xnj Carotin xal ij i£ xal ij i&. Am S'iv abxth xal 
nva isofitr^itata «epl (mflovlmv ytyowi&v xavd tivtav ßuailinv. 

2) Diodorus ed. Fischer IV. pag. VI. 



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Untersuchungen cur Textgeschichte der Bibliothek des Diodor. 23 

xavä tt}v (XVI. 5.1) gegeben ist. Die zweite Gruppe schließt un- 
mittelbar an die dritte au, so daß wir, wenn wir die richtige 1 ) 
Reihenfolge wiederherstellen, den fortlaufenden Text von XV. 
10.2 — XVII. 74.5 gewinnen. Zahlreiche Spuren der alten Qua- 
ternionenzählung haben sich erhalten; wir finden auf 65' und 72': 
ß; 73' und 80': y; 8l r und 88': o; 96' e; 16'[g]; 24' {; 32' ij; 
40' #; 48 1 i ; 66' ia; 64* iß. Auf Folio 8* ißt die Stelle, an der 
sich die Quaternionenzablen finden, beschädigt; doch läßt sich be- 
rechnen, daß der heute an erster Stelle gebundene Quaternio der 
18.*) war. — 

Durch die Tatsache, daß in y das XV. Buch mit der 4. Pen- 
tade der Bibliotheh verbunden ist, tritt die Handschrift in ein 
enges Verhältnis zum Marcianns 376 (= T), dem Parisinns 1664 
(= S) und dem Genavensis 39* (= D)"). Daß T die Quelle der 
übrigen hier genannten Handschriften ist, folgt daraus, daß, wäh- 
rend S, D und y einheitliche Gebilde sind, in T zwei verschiedene 
Codices erst äußerlich aneinander gereiht worden sind. Der erste 
Teil — ich nenne ihn T* — wird gebildet durch das Ende einer 
Handschrift, welche mit Bnch XI begonnen hat, und von der Buch 
XV und XVI erhalten ist 4 ). Die richtige Beurteilung von T* 



1) Die Vertauechong der zweiten and dritten Gruppe beim Binden der 
Handschrift hat ihren Grund in dem Umstand, daß am Ende der ersten Gruppe 
d. h. auf Folio 8» das Stichwort tor« paw-doetv notiert ist, und da sich ein mit 
diesen Worten beginnender Quaternio nicht fand, so ließ der Ordner der Hand- 
schrift den mit fiaxtAmxij* einsetzenden Quaternio folgen. 

2) Es fehlen zwischen 64' nnd 1' 140 Seiten des Dindorfschen Textes ; 312 
Seiten entsprechen SB Folien, also 140 Seiten 40 Folien = 6 Quatemionen. 

3) Die Genavenses 39« and 39* bilden in der Tat nnr eine Handschrift. Ist 
auch das Format von 39« großer als das von 39', so ist doch Zeilenzahl (30 auf 
der Seite), Tinte und Schreiber in beiden die gleichen. 39° reicht bis Buch XVII, 
39<t setzt mit XVIII ein. Beide Handschriften bestehen fast ausschließlich aus 
Qainionen. Nun beginnt 39», das am Anfang Blattverlust erlitten hat, anf einem 
neuen Quinio mit den Worten : imoXencopevaiv li noltnüav (XVI. 4, S) ; die 
wenigen vorangehenden Seiten ans Bach XVI können keinen Quinio gefüllt haben. 
Dagegen stimmt die Rechnung, wenn wir 39° mit Buch XV einsetzen lassen. 
Einem Quinio entsprechen 24'/, Seiten des Dindorfschen Textes; die fehlenden 
123 Seiten füllen also genau 50 Folien = 5 Qainionen. 

4) Fischers unrichtige Angabe, der Marcianus 376 setze mit Bnch XVI ein, 
stammt aus Dindorf, der zn dieser Annahme durch den Umstand gefuhrt wurde, 
daß Wesseling Collationen erst von Beginn des XVI. Buches an mitteilte. — Der 
Anfangspunkt der vollständigen Handschrift ergiebt sich aas folgender Be- 
rechnung: Der Quaternio Fol. 2— 9 trtgt die Zahl %», 10— 17 i, 18 — 25 loa. s.w.; 
es fehlen also 27 Qoaternionen ganz and vom 28. 7 Folien , d. h. 223 Folien. 
Nun sind für die 231 Diadorfseiten, welche die Bücher XV and XVI einnehmen, 

beschriebene Folien nötig gewesen. Auf 223 Folien haben mithin 456 Din- 



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24 R- Laqueur, 

hat die Kenntnis der sonstigen Ueberlieferong der 3. Pentade 
cor Voraussetzung. Ohne bereits in diesem Zusammenhang meine 
Auffassung im einzelnen begründen zu wollen , hebe ich hervor, 
daß die herrschende Beurteilung der Handschriftenfrage — aof 
der einen Seite der Patmins 50 (P) ') als optimns, auf der andern 
die Masse der übrigen — falsch ist. Wir haben im wesentlichen 
zwei etwa gleichwertige Textzeugen, den Marcianns 375 (= V) 
und den Patmins 60 (= P). P, welcher außer der 3. Pentade 
noch das XVI. Bach enthält, bat nachweislich mit dem überlie- 
ferten Text Verändern/igen vorgenommen *) , während in V die 
Tradition reiner erhalten ist, auch die Zahl der Lücken ist in P 
größer als in V. Immerhin ist zu sagen, daß wir vorurteilslos 
zwischen P und V zu entscheiden haben, wenn sie auseinander- 
gehn. Dieser Fall tritt aber überhaupt nicht so oft ein, als es 
Vogels Apparat scheinen läßt. BJnmlJ hat Bergmann nicht ge- 
nügend zwischen P 1 und P* geschieden, sodann ist die Tradition 
des Marcianns nur aus jungen verwässernden Abschriften desselben 
bekannt gewesen. 

In Wahrheit ist die Ueberlieferong in P and V durchaus 
einheitlich und geschlossen. Nicht in einem einzigen Falle sind 
schwere Interpolationen in den einen Text gemacht worden, die 
in dem andern fehlten, nie haben die mechanisch entstandenen 
Lücken den Text weiter alteriert, und gar nicht selten sind die 

dorfseiten Platz, das führt las XL Bach, aber big zu dessen Anfang sind 486 
Seiten. Also hatte die Quelle von T» eine größere Lücke. Uebrigene scheint 
mir T zu Beginn nicht mechanisch zerstört zu sein, sondern es sind wohl ab- 
sichtlich die Bücher XI- ■ -XIV von den folgenden getrennt worden. 

1) Die vortreffliche Beschreibung , die Bergmann (Programm des Branden- 
burger Oyamaaiums, Berlin 1867) von P gegeben hat, bedarf einer Berichtigung 
nur in folgendem Punkt Nach Bergmann gehören die Folien 1, 809 und 310, 
die von jüngerer Hand beschrieben sind, zum ursprünglichen Bestand der Hand- 
schrift, deren Schreiber sie leer gelassen hätte, weil seine Quelle zerstört gewesen 
wäre. Das ist falsch; denn erstens sind die Folien 1, 309 und 310 von anderm 
und zwar dickerm Pergament, und zweitens ergieht sich aus der Art ihrer Hef- 
tung, daß sie nachträglich eingeschoben sind. Also ist zu Beginn der Hand- 
schrift das dem Folio 8 entsprechende Blatt ausgefallen. Da nun einerseits die 
erste Hand auf Folio 2 mit den Worten ataexdipat dl rot- "A&m (Vogel IL 225. 23) 
einsetzt, d.h. 69 Zeilen Text fehlen, andererseits einem Folio von 1. Hand 72 
Zeilen rund entsprechen, so folgt, dal auch P' vor Buch XI kein Argument hatte. 
Damit fallt aber auch jeder Qrund für die Annahme, daß P auf Grund einer 
anderen Handschrift durchcorrigiert wäre. 

2) Auf einige Falle hat Momnuten C. J. L. I. 1' pag. 83 aufmerksam ge- 
macht; Vogel bat sich auch hier durch die scheinbar glatte ü eberlief «rang von 
P tauschen lassen (XIV. 17.1 ; XIV. 44.1). 



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llatersuchnngun zur Textgeschichte der Bibliothek des Diodor. 25 

Fälle, in denen V und P 1 zusammenstehen, während ein Corrector 
in beiden Handschriften anf dieselbe Vermutung gekommen ist. 
Jede dieser Stellen allein betrachtet würde nichts beweisen, in 
ihrer Hasse aber müssen sie die — ich gebe zo — subjective 
Ueberzeugung entstehen lassen, daß die Scheidung unserer TJeber- 
lieferxmg in die beiden Zweige verhältnismäßig jungen Datums 
ist. Was Vogel hiergegen Torgebracht hat, ist nicht stichhaltig. 
Athen. XII. 59 citiert, wenn auch nicht ganz wörtlich, so doch 
mit deutlicher Anlehnung an den überlieferten Text ans Diodor 
XI. 25. 4. die Beschreibung eines Weihers. Dabei zeigt sich, daß 
Athenaens mit V tpwpijv xal ixölavaiv liest, während F tQotpifv 
xal (brdAowfftw überliefert, und daß weiterhin in dem Diodorcodex 
des Athenaens wie in V von einem xAfftog xvxvmv die Rede war, 
während F von xXtUroi xvxvoi spricht. Vogel, der sich in beiden 
Fällen für P entscheidet, zieht darans den Schloß, daß die Tren- 
nung der beiden Bandschriftenklassen vor Athenaens fallen müsse, 
der bereits ein Exemplar der schlechteren benatzt habe. Aber 
tQtxpijv xal &x6Xav6iv ist eine echt Diodoreische Verbindung, die 
z.B. XJX. 22.3 wiederkehrt, während XI. 57.6 ArAUtuAv xal 
t{fv<f>ty> umgestellt ist. Und im zweiten Fall sind die handschrift- 
lichen Mitteilungen falsch ; denn was Bergmann-Vogel als Lesung 
von P mitteilt, ist Conjectur von P*, während P 1 liest: köxvwv 
« xXstffzovg ilg ßutj)v xaraxtafidvov ewißr^ .... In der Lesung 
xataxtafiivov stimmt also P' mit V überein — denn wenn V vor 
ewißij : xataxtaptvitve liest, so ist das keine Variante — ; damit ist 
der Genetivus des Singular gesichert und also xkiföovg mit leichter 
Correctnr aus dem in V überlieferten nXfj&og herzustellen '). Die 
Variante in P ist also ganz jung und aus dem Athenaenscitat 
lernen wir für die Diodorüberlieferung nichts. 

Ist das hier kurz skizzierte Bild der Ueberlieferung richtig, 
so folgt, daß selbst etwaigen selbständigen Nebenzweigen der durch 
P und V vertretenen Haupttraditionen nur ein beschränkter Wert 
beigemessen werden kann. Daß T 4 mit P eng verwandt ist, lehrt 
ein oberflächlicher Blick auf die Lesungen der beiden Handschriften ; 
alle Locken und wirkliche Varianten sind P und T* gemeinsam, 
aber während in P die Lücken keinen Einfluß auf die sonstige 
Gestaltung des Textes gewonnen haben, hat in T* der Schaden 
um sich gegriffen. XV. 15.2 läßt T* mit P tö plv — axrfiow 



1) Uebrigens ist xUtanii xvxvoi — alfj&os xvxvmv bei Diodor ungebräuchlich 
— ich erinnere an den ständigen Ausdruck jfT^dtatii «lfiOoc. Der &lte Fehler 
xltfioe statt *Mj&ove — alt, weil P' itliiatovs giebt — ist dadurch entstanden, 
daß die Worte als Parallele in Iz&vs, abhangig von *up»idfirvo*, gefaßt worden. 



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26 R- Laqueur, 

ans, interpoliert aber nach xdXttg ein iffiovv, wo F die reine 
Lesung erbalten hat. XY. 60.6 liest P 6 fotopioj'pdqsos %&v 'EXXri- 
vixäv tatoQias mit Unterdrückung von ifjg, T* verändert daraufhin 
tttoßtag in fffropii&r. XV. 36.2 ist P and T* darch die Lücke of 
ff' 'AßdrjQtxai — xotovfidvovs entstellt, T* verschleiert den Fehler, 
indem er das vorausgehende ixoiovvxo in noiovpevoi, das folgende 
ivetlov in ineßdlovro änderte. XV. 21.2 lassen P and T' die 
Worte n)v zmv 'OXwftlmv %&Qav id^mes xul ewayaybv xkiföog Attas 
an der richtigen Stelle ans, fügen sie aber zwei Zeilen weiter 
nach ntf&tov, zusammen mit den unmittelbar anschließenden ipdQiet 
xolg ffipariwTate, in den Text '). Wieder hat der Fehler weitere 
in T" nach sich gezogen: das erste xolg etgattätats ist in voi>g 
ntQttTimtag verändert, nach leo$§6Kov ein 81 interpoliert. 

Aehnlicb liegen die Verhältnisse, wenn in P eine mehr oder 
minder starke Variante vorliegt. XV. 4.1 ist in P and T* für 
jcöXiv : itdAtv gegeben ; daa folgende taikijg hatte keine Be- 
ziehung mehr nnd wurde von T> in xoiJrow verändert. XV. 9.2 
ist dte*H in P itacistisch Stsri, geschrieben, T> überliefert fi* ih. 
XV. 39.1 schreibt P mit leichter Verschreibang talg HXXaig statt 
tatg iXxatg, T* gieht tolg SXXoig. In allen diesen Fällen*), die 
nur eine kleine Auswahl des vorhandenen Materials darstellen, 
ist durch den Marcianus V die wirkliche Ueberlieferung erhalten, 
und die Vergleichung lehrt, daß wir in T* nichts als reine 
Conjecturen vor uns haben. — Unter diesen Umständen werden 
wir dann, wenn diese Controlle fehlt, weil auch V verdorben 
ist, sehr sceptisch sein. XV. 29.3 ist in PV überliefert <J>«p- 
väßttfcog d'bnb toxi ßaatXimg ävaiedetyftivog örpccrijj'ös <£kö rfjg IJtß- 
oixfjg Swäfiemg; an &xb hat man oft Anstoß genommen, Schäfer 
schlug iid vor, Reiske tilgte die Praeposition, und so ist sie auch 



1) Wir haben hier einen Fall, der meines E rechtens in die Reihe der von 
Brinkmann (Rhein. Mus. 1902, 4SI ff.) besprochenen gehurt Die Worte rfjv cft» 
— Itlas fehlten offenbar im Text, waren aber am Rand nnd zwar mit doppelter 
Orientierung eingetragen, bo zwar, daß rö yiv im&rov als vorausgehendes Stich- 
wort, ifiigiat rofff exQazi&ruis als folgendes Anschlußcitat gegeben war. Für 
den Schreiber von P scheint aber nur jenes Bedeutung gehabt zu haben, nnd so 
ist er fehlgegangen, weil ri fti* nqdnov zufallig zweimal Mntoreinander vorkam. 
Interessant ist, daB in diesem Falle nicht einzelne Worte, sondern ganze Wort- 
gruppen zor Orientierung der Marginalnote verwandt wurden. Debrigens sind in 
P die an falscher Stelle in den Text geratenen Worte durch ein am Rand bei- 
geschriebeneB % getilgt worden. 

2) Für Buch XVI verweise ich auf Diodorus ed. Fischer IT. p, 61,9 ; IT. 
p. 80.24 u. a, m. 



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Untersuchungen zur Textgeschichte der Bibliothek des Diodor. 27 

in 'J> ausgelassen entsprechend dem Diodoreischen Sprachgebrauch. 
Und doch beraubt ans diese Streichung eines bedeutsamen Hin- 
weises. So sicher nämlich Diodor nicht sagen konnte «Tporijyig 
anb r-ijs dwdfiems, ebenso sicher ist, daß sein regelmäßiger Sprach- 
gebrauch erfordert: <pa(>väßa%os d'vxb xov ßaäiXiwg & x o dedttyptvog 
ffipatijyrfg '). Also ist &xo alte Variante zn iva, die an falscher 
Stelle in den Text geraten ist, und T* giebt eine scheinbar glatte, 
in Wahrheit verwässernde tTeberliefernng. 

Glos, der Schwiegersohn des Tiribazas, sieht sich, nm gegen 
eventuelle Angriffe des Königs geschützt zu sein, nach Bundes- 
genossen um. eifriig ovv xobg (iiv "Axoqiv .... Siaizoeeßt, vedfitv og 
«vfifucxiav ßvvi&e.TO xara xov fiattiXimg, X(fbg de tovg Aaxsfiut- 
fiovt'ovg ypätpmv in^Qe xatä xov ßaetXitog xul jpijftciGJV 
xXljftog ixxjyydXXsto S&9tiv xal tag SXlag ixayyeXlag peydXag ixot- 
Etto, vxi<S%VOvpevvg «vpXQafeiv ainotg xä xaxa. zijv 'EXXdda xal vijV 
fiyiftoviav ecvtolg xijv nätotov evyxataSxevdOetv. ot de Snaffttäzat . . . 
XV. 9. 4. So lesen die Herausgeber, aber TJeberlieferung ist das 
nicht. P und V lassen die Worte «pos di toig — xov ßaCiXtag 
aus und damit sind sie gerichtet. Aber sie fehlen auch an dieser 
Stelle im Laurentianus LXX. 12') (F), wo vielmehr am Rande no- 

x 
tiert ist ort Xsl. Erst als F zu ot 81 Exaott&tai kommt, erkennt 
er den Znsammenhang, interpoliert hier die in Frage stehenden 
Worte und stellt sie durch Zeichen derart am, daß sie an aw&tto 
xatä xov ßtastXdmg anschlössen, worauf er auch die Randnote tilgen 
konnte. T> hat die Stelle einfacher geheilt: er schließt an rswsd-exo 



1) Vgl. II. 6; XIV. 12; XVII. 29; IM; XV1D. 39; 40; 48; XIX. 12; ;41 ; 
XX. 60. Dm einzige ävaiuxpim finde ich in einem Citat in direkter Rede 
XIII. 98.2. 

2) üeber den Laurentianus LXX. 12. der einet die Grundlage der Üiodor- 
ausgaben bildete, sei hier nur bemerkt, dal er für die dritte Pentade wertlos, 
für die vierte leider unentbehrlich ist. Selbst in der Beschränkung, in der ihn 
Vogel für die dritte Pentade gelten lassen wollte, daß er nämlich eine Controlle 
für die von ihm als a bezeichnete Ueberliefernng — in Wahrheit sind es die 
Apographa von V — darstelle, kann F nicht mehr gehalten werden. Das gilt 
vor allem für das XIII. Bach, wo F auf die Patmische Tradition zurückgeht, 
während in den Büchern XI und XII V seine nachweisliche Quelle ist. Leider 
stehen noch immer schlechte Conjectnren von F im Text. XIV. 28. 1 lautet in 
den Aasgaben : pnä dl tavta . . . (t&Uo* &A yutxtföhttito (sc. 6 jicbv) aal vijv 
X-bga-j Unyuilvnxtv. %ttts4((intto steht zwar in F, wird aber weder medial 
noch in diesem Sinne gebraucht. P und V bieten denn auch xartflmn, das ist 
sinnlos, führt aber auf das Richtige. Diodor schrieb iutTtj(fyvv*a. (Vgl. II. 27.1 
tp-ßQiov niyälav Wttatfayiltm* ; XVII. 94.3 gHpdMf &YQ">t tautfiffl**. Plnt. 
Fab. 16 &vtjios *iitt$$Vjywi<i), 



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28 ß- Laquenr, 

xatä toO ßatilimg ■ tote Öl Atateduipovioig gpijfurf ov **>}#o$ Äcijy- 
ydlXero SAßetv u. s. w. Daß auch diese Conjectttx jung ist, folgt 
daraus, daß in T* plv vor "Axoptv fehlt ; man hatte es getilgt, als 
dem fiiv kein di entsprach, d.h. als die Ueberlieferung von PV 
auch in der Quelle von T* befolgt ward. Uns bleibt nichts übrig, 
als nach Afyvmiav, nach tswi&eto oder ßaäildag eine Lacke anzu- 
setzen. 

Auf der andern Seite müssen wir uns in einigen Fällen den 
.Lesungen von T* anschließen XV 6,3 xäXiv T* »Hau PV; 33.4 
xa&iszccvev ^oritfcg T* xa&iSxäv ivt%ov6ag PV; 34.3 xoiu&ftivrjv 
T* vofufopivriv PV; B1.4 &iX &xovix\ T* die andern anderes; 65.4 
havtias T» ixavrfag PV; 62.4 (loi<»x&Q%ai T» ßotendfnot PV; 79.2 
ikka xegl T* ffftc jkoIPV; 86.1 tag £v totg xtvövvoig &vdgaya&Cus 
i»säst%avto T' die andern anderes 1 ). Wir folgen hier T', nicht 
weil er alte Tradition bewahrt hätte , sondern weil wir seine 
Conjecturen hilligen. Wie weit wir T* zustimmen wollen, wenn 
er überlieferte grammatische Eigentümlichkeiten (Unterdrückung 
von Augment, Verdoppelung von Augment, falsche Aspiration, 
Schwanken des aaslautenden g u. a. m.) nach reinem Sprachge- 
brauch verändert, hängt von einer genauen Untersuchung der 
Diodorischen Formenlehre ab*). 

Die am Schluß aufzuwerfende Frage, ob T" etwa nichts andere 



1) Dagegen scheint mir Fischer zu Unrecht ti/i&v xivmv XVI. 13.2 ans T» 
aufgenommen zu haben. Ich verweise auf IV. 6.4, wo die Lesung von D rivic 
ttpfr durch Eusebius bestätigt wird. Gegen jJwjfrjj aevaao XVI. 77.2 hat aber 
bereit» Radermacher (Rhein. Mus. 1894. 163 ff.) grammatische Bedenken geltend 
gemacht; in Wahrheit ist es nicht einmal ueberlieferung. 

2) Man darf m. E. nicht so weit gehen , jede durch Papyri und Inschriften 
zu belegende Form, die sich versprengt In alten Handschriften findet, ab echt 
anzusehen. Beweist es wirklich etwas für Diodor — ich führe Falle aus Crönerts 
Memoria Herculanensis an — , wenn in P und, ich füge hinzu, in V hie und da 
itfiStiv, i<pimis u. s. w. überliefert ist? Doch nur dann, wenn die Bandschriften 
der ersten Pentade zustimmen. Ein lehrreicher Fall. Diodor XU. 36.2 berichtet 
tv äi tatg 'dfHjvaig Mitmr . . . f^&hjxf xip> dvcfiatoftlvi]* ivvtaxaiätxatnigti« 
(ohne Variante). Der Satz ist, wenig umgearbeitet , in das Argument von Buch 
XII übernommen worden : &g Mittov & 'AihjraCot ngätog i£i(hi*t rf)» tresoMM- 
Ittxatxtj^iSu. So conjiciert aber erst F ; V liest iwtxaidiisx^tlia, P mit geringer 
Variante IwitnuuttxtTtHfittt. Die in der genausten Handschrift V stehende Form 
laBt sich zahlreich aus Papyri und Inschriften belegen, wo wir oattnaidizmfc 
n. a. m. finden. Stammt sie deshalb von Diodor ? — Sicher nicht ; denn in der 
Textstelle, die für das Argument excerpiert wurde, war IpvitautidtMtmttd« 
durch iwfutfaphip so hervorgehoben, daß in das Argument unmöglich eine 
Nebenform eingesetzt werden konnte. Papyri und Inschriften erklären also den 
Fehler der Ueberlieferung, beweisen aber nichts für Diodor, 



3,Googlc 



Untersuchungen zur Textgeschichte der Bibliothek des Diodor. 29 

sei, als ein Apographon von F, hat ihre eigentliche Bedeutung 
verloren, seitdem wir constatieren maßten, daß die wenigen branch- 
baren Lesungen, welche T* gegenüber PV bietet, reine Conjee- 
tnren sind selbst dann, wenn T* nicht anf P selbst, sondern auf 
einen Bruder von P zurückzufahren ist. Die oben besprochenen 
Fälle beweisen nach keiner Seite hin etwas ; denn P kann seine 
Quelle sehr genau copiert haben, und die Conjecturen von T» 
können auf die Lesungen dieser Quelle aufgebaut sein. Diese 
Auffassung hätte den Vorteil, daß wir in den Fällen, in welchen 
T* gegen P mit Y zusammengeht, Tradition bei T' annehmen 
könnten. Auf der andern Seite fehlt aber anch ein entscheidender 
Grund, der die Annahme verböte, daß T* in letzter Linie anf P 
selbst zurückgehe ; denn es ist ein Irrtums Fischers, wenn er an- 
giebt, das Argument von Buch XVI fehle in P, wo es vielmehr 
in gleicher Form erscheint wie in T», und nachdem wir gesehen 
haben , wie fein T" mitunter conjiciert , wird man auch auf die 
wenigen Stellen, an denen T* mit V gegen P steht, keine Schlüsse 
anfbauen wollen 1 ). Eine Entscheidung in dieser für die Text- 
constituiemng gleichgültigen Frage vermag ich nicht zu fällen. 

Viel weniger interessant ist der zweite Teil der Handschrift. 
Zur Ergänzung des eben charakterisierten Codex T* wurde nämlich 
von einem andern Schreiber') eine Abschrift der Bücher XVII — 
XX hergestellt. Daß dieser zweite Teil (T*) mit dem Parisinus 
1666 (R) eng verwandt ist, hat Fischer richtig erkannt. Ein 
Irrtum ist es allerdings, wenn er T b gegenüber R einen selbst 
ständigen Wert zuweisen will. Die Fälle, welche er hierfür IV 
pag. XII sqq. anführt, beruhen durchweg auf Collatiousfehlem; 
auch XIX. 82.4 steht xivetv in T, wie in allen andern Hand- 
schriften. Aehnlich sind die Fälle zu beurteilen, wo nach Fischers 
Apparat R verdorben ist, während T* — Fischer nennt die Hand- 
schrift x — mit F das Richtige bieten soll. Ich führe als Probe 
das vollständige Material aus Buch XVII an. T befolgt die Le- 
sung von R in folgenden von Fischer falsch oder nicht angeführten 
Fällen : Diod. ed. Fischer IV. 152. 16 iiupiUutv pkv (tsydXipt 
155.17 xal fehlt. 156. 1 tot* piv. 166.27 fjxovniv. 174.6 Mi&qCv- 
vovg. 187. 14 köyatv, 204. 12 &xsr(tfyavto. 212. 26 ivalmfrivtav. 
217. 17 TQoyijv. 218. 20 txxdaw. 220. 1 diffzttta. 220. 3 vs fehlt. 



1) Bei dieser Annahme hatte als eleganteste Conjectnr die zu XV. 8.1 zu 
gelten, wo P alterte* ainäiv xgoedowi&brtm*, T» mit V richtig Hätxovts x&v 

neoaSo-KTi^rtmv liest. 

2) Auf Folio 115', wo das XVII. Buch einsetzt, steht a, Fol. 123'ff, 181* r--- 



b Y Google 



30 R. Laqneur, 

221.4 »ooWprav. 223. 1 n}w fehlt. 223.22 jtettJUx^v fehlt. 227.19 
dj-ravt^svog. 240.9 &tvröv plv ijutpaivero. 241.3 «wpms ftfre« 
252.16 f. 262.5 doptet*. 266.17 Act. 290.12 tieft' txBttjQia S . 
296. 12 täv xokX&v dl. 295. 21 i&g Kag^uvCag. 304. 14 tf&fay/ta. 
307. 24 emttiov fehlt. 309. 6 afabv v«t$ t&v. 313. 12 Baßvlavtav. 
T stimmt nicht mit F äberein, sondern liest mit R: &exxakovq 
148.1. SofixtTjTov 166.25. ixtysvopdvuv 168.8. Jiort 168.11. 
ßvQaag 207.1. Alle Handschriften haben 181.13 xal titv lotnbv. 
222. 25 jitffl t&v ökmv uymvmv. Schließlich ist 189. 3 ytvis&at von 
R seihst in yivsa&ai corrigiert, 241. 1 TiqiSuxov von R' in TV;pt- 
däxov corrigiert, während 169. 2 in R fikv durch Punkte getilgt 
ist, T aber ovvtßovlsst , d. h. eweßovievee mit R liest. Danach 
redimieren sich die Fälle, in welchen der Hamanns 476 mit F 
gegenüber R zusammengeht , auf folgende : 159. 18 ißakkov R, 
SßaXov TF; 162.4 iaAtaxüag R, sakmxvtes TF ; 190.8 rä> iSeltpS, R 
xidtXip&TF; 263.2 «pög 'M^ttvdffov R; «pös tör '^Aigevfyoi' TF. 
Also nur Orthographica bis auf den letzten Fall, und aach dieser 
beweist nichts, weil die Handschriften bei Eigennamen den Artikel 
beliebig fortlassen and interpolieren. Ich brauche wohl das Ma- 
terial für die Bücher XVill — XX, wo die Verhältnisse den eben 
geschilderten ganz analog sind , danach nicht mehr vorzulegen. 
Hervorgehoben sei nur noch, daß speziell in Buch XIX und XX 
die Ueberliefernng von T b viel corrnpter ist, als es Fischers Ap- 
parat erscheinen läßt, der offenbar im Lauf des Drucks von der 
Anfangs befolgten Absicht, sämtliche Varianten mitzuteilen, abkam 
nnd sich anf eine Auswahl beschränkte. In einer kritischen Aus- 
gabe dürfen Lesarten von T b nur da angeführt werden, wo in 
R Blattverlust eingetreten ist. In diesen Fällen aber muß T b 
mit Hülfe des Vaticanus 132 controlliert werden , der ebenfalls 
Apographon von R ist, und zwar ein genaueres als T b '). 

Ist T durch unorganisches Verbinden zweier Handschriften 
erst geworden, so stellen die andern Handschriften, welche gleich 
T die Bücher XV— XX umfassen resp. umfaßt haben, fertige Ge- 
bilde da. Sie stammen also aus T. Um im einzelnen das Ver- 
hältnis dieser Handschriften — ich meine die im XV. nnd XVI. s. 
geschriebenen SDy (S. 23) — zn der gemeinsamen Quelle klar zn 



1) Das bat Fischer übersehen. V. p. SSö.B liest er mit T b hotä rij» fffrq» 
di, wahrend F nnd Vat. %atä th ti)v ipfojy bieten; diese aach an sich bessere 
Fassung hat als Ueberlieferung zn gelten. Ebenso ist p. 935. U iö xltfov tfjs 
dvvtcfumg &xoßtßkti*a>s durch die UebereinetimmiiDg von F mit Vat. als Tradition 
gesichert gegenüber dem von Fischer aus Tb aufgenommenen &itoßt(Hnxäis ** 

»l<iOi> xffi Svvajttmt. 



3,Googlc 



Untersuchungen cor Text geschieht« der Bibliothek des Diodor. 91 

legen, genügt es, die vollständigen Collationen dieser 4 Hand- 
schriften ans dem Beginn des XVII. Buches — es ist eine der 
wenigen Partieen, wo sie alle erhalten sind — zusammenzustellen. 

Dindorf III. p. 376. 3 <Svextij««o TSD &nj«rto y 

376. 8 pikrjzov TSy piktov D. 

376. 8 ühxayvKObv TSyD. ') 

376. 20 Öagal TDy dmpail S. 

377. 4 ixQttttjasv TDy iyxfut^g iyivexo S. 

377. 5 ixpmzrufiuedivtas TSy &XQant}Q{ovg Qivtag D. 

377. 13 bäkipXQie TDy »dpaeteig S. 

377. 17 &wiov S TSyD. 

377.21 itapanavioddas TSyD. 

377. 23 fi yevofidvij iv &$$totg povofta.%ia TSD ij ytvopivn fiovo- 

/tttjt'a tv &$$ioig y. 

377. 32 sipös tov #<fvoTov TSyD. 

377.35 xaxfotpsv TSy'D verb. y ! . 

377. 35 (iuptaoW TSy fMQtdmv D. 

378. 6 xkitov TyD xlijrotf S. 

378. 10 lo&fvqs TSyD. 

378. 19 Sxavrag TyD fehlt S. 

378. 22 to5 ßaukim TSyD. 

378. 23 i'ixijffag Äßpotßl« TSyD. 

378. 24 afaä fehlt TSyD. 

378. 26 XttQa86\<av ftysäv te TyD fttpecov 3taead6£av te S. 

378. 30 «marf/Mj» TSyD. 

378. 31 rarrij ri} TSD tovtjj y. 
379. 1 et»] ri&v TSyD. 

379. 1 xatä] fiel TSyD. 

379. 3 ntfl — xqoxklfitaig fehlt y. 

379. 11 xAptw TSyD. 
379. 30 *oi> s fehlt TSyD. 

379. 33 paxtddvas] kaxeHanwviovg TSyD l ). 

379. 32 fuööoitg fehlt TSyD. 

379. 37 tÖ iXe&vdpa fehlt STyD. 

379. 38 eig tty ßaßvkmvtav TDy tfe *$»■ ßaßvX&va S. 

380. 1 6 ßaaikeig TSy ßaatkeiig D. 

380. 2/3 fiff«pov iJ£ vä6 x&v eXk/pnov xsiefrtlg täv tpikoaötpwv 

380.7 ytvo^vav TSyD'). [TSyD. 

380. 8 «Stov fehlt TSyD »). 



1) So alle Handschriften. Fischers Angabe ist unvollständig. 

2) Ebenso liest R, yivoftivav F; yiytvrtpixov ist moderne Conjectnr. 



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32 R- Ltqueur, 

Diese Partie 1 ) zeigt bereits, daß bald S, bald y, bald D von 
der Lesung der Gruppe abweicht, daß aber nie zwei dieser Hand 
Schriften zusammen gegen T stehen. Also liegen in S , y nnd D 
drei selbständige Apograpba von T vor. S — die älteste dieser 
3 Handschriften — ist noch im Orient aas T abgeschrieben 1 ) von 
einem ganz unwissenden Schreiber, y and D dagegen sind in 
Venedig hergestellt, wo T seit 1468 in der Bibliothek von S. Marco 
lag. Während y hie nnd da etwas willkürlich mit der Ueber- 
lieferong umspringt, ist D ein ziemlich genaues Apographon, dessen 
Fehler mehr auf V erlesangen , als auf absichtlichen Aenderungen 
beruhen. — 

Wie die oben ausgeschriebene Angabe des Katalogs der Bib- 
liothek von Fontaineblean zeigt, lag y bereits 1550 in seinem 
heutigen zerstörten Znstand vor. Es läßt sich feststellen, daß die 
Blattverlaste in Venedig eingetreten sein müssen. Der Codex 
graecus 40 der Genfer Universitätsbibliothek — ich nenne ihn Q 
— ist eine Handschrift des XVI. Jahrhunderts in 4°, von 3 Schrei- 
bern geschrieben nnd vollständig erhalten. Zunächst liegen 16 
Qaaternionen vor bis Folio 127 '), auf welchen der Text von Buch 
XI bis zum Argument von Buch XV inclusive gegeben ist. Ein 
Best des vorletzten Folio (126) und das ganze letzte Folio (127) 
des letzten Qaaternio sind leer gelassen worden. Ebenso sind 
von dem nun folgenden 17. Quaternio die vier ersten Folien (128 — 
131) unbeschrieben, erst auf Folio 132 r beginnt der Schreiber — 
es ist noch der erste — den Text von Buch XV «ojJ 5Xip> rip> 



1) Die Verhältnisse sind in allen Büchern analog; doch kann ich füglich 
darauf verzichten, das ganze von mir aufgenommene Material zu veröffentlichen. 

2) Sie summt aus dem Kloster der heiligen Anastasia in der Chalkidike, 
wie eine Notiz auf Fol. 233' lehrt: ßtßlütv ctje äyiat 'Avttetaaüce rlfc ^appauo 
Ivifüti ri)e ir xä tityülai ßovv& xtipsVne. Die Handschriften dieses im 16. Jahr- 
hundert gegründeten Klosters (naxays&iyyioe. Byzant Zeitschi'. 1898. 57 ff.; 
llaxuSiitovlof Km<ifiiii{ ebda. 1901. 193 ff.) kamen zum grüßten Teil nach Paris 
(Omont, Ret. des et. gr. 14. 1901. 481), und zwar durch Vermittlung des Abbe" 
Kevin, der von 172ö— 1730 den Orient bereiste (Delisle, Cabinet des manuscrits 
I, ;w)). T üt eine Bcssarionhandecbrift und war als solche in der Mitte des 
XV. Jahrhunderts in Italien; das ist der terminus ante qnem für S, der eicher 
unmittelbar aus T copiert wurde, wie folgende Tatsache beweist: Dindorf CI. 
8118.7 ist oi} von tWtmjM in S auf Rasur geschrieben. T beginnt aber mit der 
Hübe ort; eine neue Zeile; also ist das Auge des Schreibers von S zuerst um 
eine Zeile abgeirrt. 

S) Das erste Folio des ersten Quaternio ist unbeschrieben und darum bei 
der modernen Zahlung nicht berücksichtigt worden. Daher reichen die 16 Qua- 
ternionen nur bis Folio 127, statt 128. 



3y Google 



Untersuchungen zar Textgescbichte der Bibliothek des Diodor. 33 

nQaypaxsiav eiia&6vts ■ ■ ■ und führt ihn hinab bis («J x^narittiv 
tbv freöv xaf*6Xov itsal bävaxov (XV. 10.2). Mit diesen Worten 
bricht auf Folio 135* der Text plötzlich ab, ohne daß die Seite 
voll geschrieben wäre. Dieser eigentümliche Tatbestand erklärt 
sich ganz, wenn wir ans daran erinnern, daß der Parisintis 1666, 
nachdem er durch Blattverlust zerstört war, richtig umgeordnet 
mit den anmittelbar anf xtpl Qaväxov folgenden Worten xal zovtov 
finpTupot,' einsetzte. Also sollte Q dazu dienen, den Parisinas 1666 
zu ergänzen, und so finden wir denn aach im folgenden, daß Q 
ausschließlich den Text derjenigen Partieen giebt , welche in y 
fehlen. Aaf den 5 Quaternionen, welche die Folien 136—173 
bilden 1 ), steht von einer zweiten Hand geschrieben die Partie 
xkeiw xäv tlQtjftivmv (XVTI. 74. 5) — ivtjteeig xal stxpaSg 6vsi- 
di^ovreg (XV1II..67.5): der ParisinuB hatte den Text bis Staxka- 
Ttivxa xal ÜQitax&tvta gegeben, und setzte wieder ein mit avic' 
tag eviupoffäg. Da der Parisinns dann wieder mit iaetSi] xagü 
abbrach, so läßt Q anf 10 Quaternionen (Fol. 174—253) den Text 
von rols (itaudöeiv ^dö^tt dttb tbv . . . (XIX. 11. 5) bis zum Ende 
von Bnch XX folgen, und zwar schrieb eine dritte Hand das Ende 
von Bnch XIX, während Buch XX wieder ganz vom 2. Schreiber 
herrührte. — 

Wollen wir Q in das Stemma der Handschriften einordnen, 
so müssen wir scheiden zwischen der von erster Hand geschrie- 
benen Partie (XI— XV. 10. 2) und dem Rest der Handschrift. In 
jenen Stücken tritt Q in ein enges verwandschaftliches Verhältnis 
zu dem Riceardianus 33 (= R). Ich stelle aus dem Anfang und 
Ende eines jeden Buches die Stellen zusammen, in welchen Q 
und R gegenüber der Gesamt Überlieferung die gleiche Lesung 
bieten: 
Vogel II. 221. 19 x(fbs alxoKavoie fehlt RQ 1 «oö? atxoXdvovg Q* 

223. 10 ixl toüs tXXifvag Kiftrpov; toiig Hltjvag in beiden 
nachträglich getilgt. 



1) In Wahrheit ist du erste die Folien 136—141 umfassende Gebilde heute 
eine Trinio; aber das maß jüngeren Datums sein. Hit den Worten Bpoorat- 
-töficvov «oujufiv btTf/ytÜMto (XVII. 84.1) ist Q bis gegen Ende von Folio 138' 
gelangt; den Rest dieses Folio läßt er leer and setzt 139' mit r>i di utae-urpigot 
ein; zwischen 136* and 139 r liegt die Mitte des Trinio. Da nan Q sonst aus- 
schließlich Quaternionen kennt, samtliche Handschriften der F Klasse aber — 
nnd in ihnen gehört, wie wir sehen werden, Q — zwischen tmtyytüato and of 
41 (ua&utfrfgoi 2 leere Folien einschieben, so war sicher auch in Q ursprünglich 
«ine leere Blattlage eingefügt, die erst nachträglich als anbeschrieben entfernt 

K?L Qm. i. WIM. KuhritiU». PHI«l«i--Uittt. Dum 1W7. Btft 1. 3 



b Y Google 



34 -R. Laqneur, 

223. 20 ävdpiav. 232. 7 AyytXltav RQ 1 iyydlmv Q». 

i 

233.1 Wo». 233.8 tetevriptötav. 233.13 jr«p«ö- 
xcvaDtffievos. 233. 17 xagaxalovfiivav rijg £Xsv&sptag. 

233. 20 yevofiivav. 234. 6 yEixtfievot. 234. 6 EÜpu- 

^topt«? Tovg (*iv soAEfllovs- 234. 26 Mtfftv R dcoffEtv Q. 

236.3 xa\ fehlt. 237.27 fe&lavro. 350.2 S' aizijg. 
351.5 oät*] odr<&v. 351.23 svoißtuv. 352.6 xrf- 
powo? RQ 1 xipmvos Q'- 353.18 (uAAijffiouc- RQ' fuAtj- 
tf/ows Q'. 354. 24 kaxtdaipoviav im Text, fuaittioviav 
am Rand R ; (ia«<Jo»itav im Text , XuxeSuipoviav am 
Rand Q. 356. 8 *J m. 360. 6 ft«At«r« fehlt. 
360.26 ffu<Utf«os. 364.18 #;(«*< «*»• 460.27 tlg 
fehlt. 

Vogel HI. 1.1 exQaxiffCit RQ 1 fftpam« Q* '3.11 eÜQixxop 
RQ' tßptKov Q*. 8. 16 xQoOE%6{tevoi RQ 1 jrpoffsi^rf 
ftfvot Q*. 9. 4 öxijAiJriov. 12.21 ^«AftoVrav. 

13. 16 lij'pjjÄav RQ 1 dj'ßt'««av Q*. 15. 2 $vsÖQxri«e RQ' 
eVewAxijo'e Q 1 . 15. 10 yivdpEi'Oi; RQ' paxo'fm'O'S Q 1 - 
17. 14 dsxtitxbv. 179. 4 jrapaöxEWe'ifS RQ' xatao- 

xeväeas Q". 179, 7 xcm-xvqacao RQ' aVExnjaotTo Q". 
181.5 mxsk&v. 184.21 xotÄIwäe. 184.24 «po«fro- 

(lovpsWs. 191. 1 t^v fehlt. 191. 7 räj;wp<ai«'ij)i'. 
193.5 dxexifet&rv. 195.6 xal fehlt 196.9 i^oprf- 
<mvo s . 197. 14 xal fehlt. 350. 18 xal 1 fehlt. 

350.23 te] x&te. 357.4 roö fehlt. 362.11 tvfu/ov. 

362.24 wofugoB^ttte RQ' xopiZopivcus Q*. 363.10 xUt- 
xias] tfixsXiag. 363.19 xopfaag. 363.24 ixißaile. 

368. 4 mJv* fehlt 369. 16 avtfpfa. 370. 5 Stcka^lvav. 
370. 9 eVx»P^*<)- 370. 23 xaivoxQaylug. 371. 14 xi} 
fehlt. 

Nun ist Q in sehr vielen Fallen, wo R die richtige Lesung 
erhalten hat, verdorben, während das umgekehrte Verhältnis, von 
einigen Orthographie» ') abgesehen , nie eintritt. Einige weitere 
Fälle fährten direkt auf die Vermutung, daß Q Abschrift von R 
sei. Vogel II 235.4 gteht R mit V, zn dessen Apographa es ge- 
hört, xQoaißn<5av, tilgte aber nachträglich das 6 : Q hat XQoißtjaav. 
Entsprechend corrigiert R Sovxtvtho, was er ans V entnahm, in 
iovxexiia, was Q aufnimmt (II. 350.11). Vogel III 2.22 hat R 

1) Dazu rechne ich auch Vogel III 362.1, wo ß x&v alyvxrimp liest, wah- 
rend Q richtiger *i» atyvxzlmv bietet. 



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Untersuchungen zur Textgescbichte der Bibliothek des Diodor. 36 

am Zeüenbrucb die Silbe tqs von inhpeifiav aasgelassen. Q giebt 

i%£i>av. Noch bedeutungsvoller Hegen die Verhältnisse III. 183.14. 
R 1 hat Xöyov — äkij&ttav aasgelassen ; R* trägt diese Worte am 
Rand richtig nach; die Silben dt%e von XQOgds%s<f&m, welche nun 
am äußersten Rande standen, gingen aber frühzeitig verloren. An 
ihrer Stelle schrieb eine dritte Hand doxa. Q giebt im Text 
apo«dox<f«#ia t was am Rand in 3n>o<sd£%ded-a corrigiert wird 1 ). 

Die auf Grand dieser Tatsachen gewonnene Ansicht, daß Q 
Apographon von R sei, mußte eine Bestätigung durch den Riccar- 
dianns selbst erfahren können. Da nämlich Q den Text nnr bis 
Bach XV 10.2 swpl Qavätov gab, am den Anschloß an den Pari- 
sinas 1666 zn gewinnen, so maßte sich in R, wofern er die Quelle 
von Q war, an eben dieser Stelle ein Zeichen finden, welches die 
von Q zu copierende Partie nach nuten begrenzte. Auf eine des- 
halb an ihn gerichtete Anfrage teilte mir Herr Professor Titelli 
in liebenswürdigster Weise Folgendes mit: ,Nel. cod. Riccard. 33 
f. 189* le parole di Diodoro »fpi öavdzov | xal totSrou etc. dopo 
Qavätov non hanno alcon segno in inchiostro, c'e pero an colpo 
d'aaghia 1 ) nella direzione che ho indicata'. Damit war der Be- 
weis geliefert, daß der 1. Teil von Q unmittelbares Apographon 
von R ist. 

Für die von zweiter and dritter Hand geschriebenen Partieen 
aas den Büchern XTII bis XX maßte, da der Riccardianas mit 
Bach XV schloß, za einer andern Quelle gegriffen werden. Zn 
ihrer Charakterisierung sei zunächst hervorgehoben, daß die dem 
Laorentianns LXX. 12 (F) eigentümlichen Lesungen durchweg in 
Q wiederkehren. Aber F kann nicht die unmittelbare Quelle von 
Q sein; denn zahlreich sind die Fälle, in welchen Q mit dem 
Harcianus append. class. VII cod. VIII, den ich B nenne, gegen- 
über F zusammensteht. 



1) Q ist nach einer Handschrift der F Klasse durch corrigiert worden: s, B. 
Vogel II. 231.1 Q'T «pofly*, Q'F nfolfttv *6*4 e . 354 617 &wu«iiiJ(jmif«a 
Q 1 V : ivpw%aidmainjiflia Q'F. Doch fand diese Dnrcbcorrectur nicht auf Grund 
von F selbst statt. Entscheidend ist, daß Q 1 xaiopfrtoficrcav liest, was die jün- 
geren Handschriften der F Klasse bieten, wahrend F selbst richtig normefrio- 
fthmv liest. Vogel III. 18. 20. 

2) Ich erinnere daran, daß anch die im vorigen Bericht besprochenen Zeichen 
des Marcianus 374 mit dem Nagel eingedrückt waren. Das gleiche werden wir 
im Marcianus 376 und app. VII. VIII finden. Im Vaticanus 130 und Ambrosianus 
J 110 sup. ist dagegen Tinte benutzt. 



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36 K. Laqueur, 

Dindorf ni. 470.21 xlqrf» F HS BQ 

32 xaifäyti verb. F* {ixGonaotfyct BQ 1 ) 
530. 7 «roA*(t«t'ra F *m»L«p«A>v BQ 

16 Isowfam F Aeowatq BQ 

27 nag« F flcpl BQ 

IV. 141.27 töv 7tUa» F %tUnv BQ 

142. 12 &v F täv BQ 

147.22 ti)i- xazäßatov F xavtißativ BQ 

24 äwaffräv F «afföv BQ 

24 XEiftaOiav F Siälvtiv BQ 

149. 17 x*»' äff F fehlt BQ 1 hzgf. Q e 
151. 14 «t F fehlt BQ 1 hzgf. Q 1 

153. 10 KpoAapPtfvovras F nQ09Xa^.ßAvovxaq BQ 1 verb. 
166. 7 kI fehlt BQ' hzgf. Q' [Q ! 

281. 14 xovg « F toorot? BQ. 
Da nun von den zahlreichen Apographa von B nur ein ein- 
ziges, nämlich der Parisinus 1660, bis zu Ende des XX. Boches 
reicht, dieser aber als Quelle von Q wegen zahlreicher Corrup- 
telen*), die sich nicht in Q finden, aasgeschlossen ist, so bleibt B 
als einzig mögliche Quelle übrig. — 

Eine Bestätigung dieser Vermutung läßt sich auf anderm 
Wege erbringen. Da Q dazu dienen sollte, y zn ergänzen, so 
maßte eine Verbindung der beiden Handschriften ancb äußerlich 
hergestellt werden. Es geschah auf doppelte Weise. Einmal hat 
sich auf dem mit Folio 136 einsetzenden Qnatemio in Q die Zahl 
13 erhalten — in y war es der 12. Quaternio, der mit den un- 
mistelbar vorausgehenden Worten xä dh Staxlaxivxa xal &^xa%- 
öivxu (XVII. 74. 5) schloß. Sodonn worden in Q jedesmal am 
Ende einer zusammenhängenden Partie die Stichwörter notiert, 
welche den Anschloß an y herstellen sollten. Auf Folio 135 von 
Q wurden die ersten Worte von Folio 65 in y xal roikov jiifp- 
rvQug eingetragen, und da so die Verbindung der beiden Codices 



1) Diese beiden Falle beweisen übrigens schon schlagend die Abhängigkeit 
der zn B gehörigen Handschriften grup pe , über die zusammenhängend gebandelt 
werden muß, von F. Denn «lijyije ist in F derart geschrieben, daß «In das 
Ende einer Zeile bildet, so daß sich der Ausfall der Silbe in den Apographa 
leicht erklart, während die Mißbildung *Jtspunpcyei natürlich in der mißver- 
standenen Correctur von F* ihren Grund hat. Fischers Angabe zu dieser Stelle 
ist übrigens unrichtig. 

2) Z.B. Dindorf IV. 145.9 tuttü-fti* fehlt im Parisiuus, steht in Q; 148.20 
ölen fehlt im rar., steht in Q a. t, w. 



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Untersuchungen zur Textgeschichte der Bibliothek des Diodor. 37 

hergestellt war, konnte mit Fug and Recht bei geschrieben werden: 
oidlv Übtet 1 ). Interessanter liegen die Verhältnisse auf Folio 
173., wo Q mit h>7\Xtlb? xal xtxyobg övitittovreg XVIII. 67. 5 
schloß und von jüngerer Hand als Stichwort ai>z<b tag notiert 
wurde, womit y tatsächlich auf dem heutigen Folio 1 einsetzte. 
Aber avzS> fehlt in F nnd ist daher auch vom Schreiber von B 
ausgelassen worden*); erst eine jfingere Hand fugte das "Wort 
über der Zeile ein. Und analog liegt die Sache bei der oben 
betrachteten Stelle (XYII. 74.5). Dort hat B die Worte xal 
&Qita%&£vza, welche in F richtig standen, ausgelassen, aber von 
jüngerer Hand sind sie über der Zeile eingetragen worden. Also 
gerade an den beiden Stellen , an welchen Q, einsetzt resp. ab- 
bricht, sind in B, das im übrigen kaum Correcturen er- 
fahren hat, Veränderungen mit dem Text vorgenommen worden, 
und zwar auf Grand der Lesung einer andern HandschriftenBippe, 
Mithin hat der Schreiber von Q, als er j ergänzen wollte, in den 
von ihm benutzten Venetus B am Anfang and Ende der za co- 
piereaden Partie die Varianten aus y eingetragen : B muß die un- 
mittelbare Quelle von Q sein. 

Ich habe oben darauf aufmerksam machen müssen, daß der 
Teil von Q, der aas dem Riccardianas abgeschrieben ist, nach 
einer Handschrift der F Klasse, aber nicht nach F selbst, durch- 
corrigiert ist. Sehen wir jetzt, daß der zweite Teil vou Q eine 
Abschrift des Marcianos B ist, auf den die oben gestellten Be- 
dingungen zutreffen, so wird man es als sehr wahrscheinlich be- 
trachten, daß eben B die Quelle der Correcturen des ersten Teils 
von Q ist. Auf eben diese Handschrift werden wir aber auch 
die Verbesserangen zurückführen müssen , die in y eingetragen 
sind; denn auch y ist nach einer von F abhängigen Handschrift 
darchcorrigiert worden nnd nur B leistet, wie in anderm Zu- 
sammenhang gezeigt werden muß, das, was wir von der Quelle 
des Correctors von y fordern müssen. 

Das Facit der Untersuchung ist mithin folgendes : Bereits 
im Orient ist durch Combination der Reste einer dem Patmius 
nahe verwandten Handschrift (Bach XV and XVI) mit einer Ab- 
schrift des Parisinas R (Bach XVII — XX) der heutige Marcianas 



1) Ein Leser, der die Verbindung von Q and y nicht erkannt hatte, pole- 
misierte hiergegen: de aorte qn'il ne faut pas ae fier ä ce qne dit le copiste 

2) Ich verdanke diese Mitteilung der Liebenswürdigkeit des Herrn Pfarrer 
Gehborn in Venedig, der bereitwilligst auf meinen Wunsch hin einige Stellen in 
B prüfte. 



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38 R< L&qnenr, Untersuchungen i. Textgeschichte d. Bibliothek d. Diodor. 

T hergestellt worden. Ebenfalls im Orient wurde ans diesem 
combinierten Codex eine Copie aufgenommen, die zn Beginn des 
18. JahrhandertB ans dem Kloster der heiligen Anastasia nach 
Paris kam: der heutige Parisinns 1664. Inzwischen war T nach 
Italien in den Besitz Bessarions, nnd ans diesem in den der Mar- 
ciana gekommen. Hier wurden zwei neue Abschriften hergestellt, 
von denen die eine — wir wissen nicht, auf welchem Wege — 
nach Genf kam : Genavensis 39°*, die andere bereits in Venedig 
starke Verluste erlitten hat. Um diese Reste zu einer vollstän- 
digen Diodorhandschrift zn ergänzen, wurde eine Copie des beu- 
tigen Riccardianus 33 bis Buch XV. 10.2 hergestellt, während 
die späteren Blattverluste ans dem Marcianus B ergänzt wurden 1 ). 
Die für einander bestimmten Teile .haben sich nie gefunden ; noch 
heute liegt der eine in Paris (Parisinus 1666), der andere in Genf 
(Genavensis 40). Ob der Genavensis, den Robertus Stephanns 
der Bibliothek hinterließ, mit dem Parisinus gegen das Jahr 1660 
nach Frankreich gekommen ist , und von dort erst nachträglich 
nach Genf verschlagen wurde, vermag ich nicht zu sagen. Da- 
gegen gewinnen wir für die Geschichte der italienischen Biblio- 
theken das Resultat, daß der Riccardianus 33 zn Beginn des 
XVI. Jahrhunderts in Venedig lag. 



1) Bei dieser Gelegenheit worden sowohl die aus dem Riccardianus eopierten 
Abschnitte, wie die Beste der zu ergänzenden Handschrift nach B dnrehcorrigiert 



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Smaragd's Mahnbüchlein für einen Karolinger. 



Wilhelm Heyer aas Speyer, 
Profeaior in Göttingen. 

Vorgelegt io der Sitzung vom 23. Februar 1907. 

I 

Ueber das Moratorium an einen Enkel Karl des Gr. 

Diese kleine Prosasehrift ist bis jetzt nur gefunden in der 
schönen Handschrift ans dem Ende des 9. Jahrhunderts, welche 
im Britischen Museum als Regina 12. C. XXIII aufbewahrt wird. 
Ueber diese Handschrift siehe den Anfang der Einleitung zu no. IL 

Dammler hat dies Monitorium drncken lassen im Nenen 
Archiv für dentsche Geschichtskunde XHI, 1888, S. 191 — 196. 
Ueber den Inhalt desselben ist sein Urtheil sehr unsicher. Es 
lautet im Wesentlichen also : Casley (im Catalogne of the MSS of 
the King's Library 1734 p. 205), indem er den Inhalt dieser Schrift 
und der folgenden Verse (no. II und ILT) zusammenfaßte, bezeich- 
nete dieselben sehr vorsichtig als 'Admonitio moralis partim me 
trica partim soluta regi cuidam Caroli imperatoris nepoti data'. 
Angeredet wird darin nämlich ein König von jugendlichem Alter 
und als dessen Großvater ein Kaiser Karl bezeichnet; der sehr 
fromme Vater des regierenden Herrschers wird so wenig deutlich 
bezeichnet, daß wir nicht einmal wissen, ob er als Kaiser oder 
nur als König regiert hat. Hieraus ergeben sich zwei Möglich- 
keiten : entweder ist au Karl den Kahlen zu denken oder an einen 
der Söhne Ludwigs des Stammlers, da sowohl der eine wie die 
andern einen Kaiser Karl zum Großvater hatten. Im letzteren 
Falle bliebe noch die Wahl zwischen Karlmann in der Zeit seiner 
Alleinregierung (882—884) und Karl dem Einfältigen (898). Für 



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40 Wilhelm Meyer, 

eine der letzteren beiden Möglichkeiten könnte es vielleicht sprechen, 
daß die Lobsprüche, die dem Großvater ertheilt werden, für Karl 
den Großen nicht glänzend genug klingen, und daß der Vater 
nur sehr beiläufig erwähnt wird. Man sollte glauben, da es dem 
Verfasser hauptsächlich auf die Förderang der Kirche and der 
Religion ankommt, daß er Lndwigs des Frommen eingehender 
hätte gedenken müssen. Ludwig der Stammler dagegen regierte 
nur so kurze Zeit (877 — 879), daß allerdings von seinen Handinngen 
nicht viel gerühmt werden konnte. 

Diese Deductionen Dümmlers sind mir zum Theil unverständ- 
lich. Er scheint von dem Irrthnm auszugehen, daß der hier ange- 
sprochene König selbständiger Alleinherrscher, also sein Vater 
todt sein müsse. Ich denke, es wird genügen, die Thatsachen 
einfach darzulegen. 

Der Angesprochene ist jung : § 8 in hac iuvenili aetate. Er 
hat nicht nnr den Titel Rex, sondern er hat auch zu regieren : 
§ 1 inter reipablicae curas vestra excellentia salubritatis praecepta 
ad mentem revocans. Er stammt aas berühmtem Fürstenstamm : 
§ 7 dominus aogebit annos tuos, sicnt fecit antecessoribns tuis 
regibns, qui in hoc secnlo nobiliter regnavernnt. 

Der Großvater Karl wird in § 10 genannt: Meminisse debet 
vestra prudentia serenissimi imperatoris avique vestri Caroli, qui 
tanta fuit prudentia et benignitate, nt non solum iustus apnd 
deum, sed etiam apnd homines predicaretor. mansnetudini inncta 
fuit in eo virtas et prudentia, ut omnem hanc gentem sublimaret 
et erigeret. aecclesias etiam et monasteria instantissime aedificavit 
et conposuit. Schon das Prädikat 'omnem hanc gentem subli- 

maret et erigeret' zeigt deutlich, daß dieser Großvater Karl 
der Große ist 

Der Vater wird in § 16 und § 21 vorgestellt: § 15 Super 
eecclesiarom ac monasteriorum conservatione atqae eorum privi- 
legiis conservandis vestra snblimitas vigilans semper ac prona sit, 
nt eorum religio sicut piissimi [et] domini nostri, genitoris autem 
vestri, ita et veetris temporibas non solum inconvnlsa manere, sed 
etiam pront possibile fuerit crescere se gaadeat et laetetur (in 
der Hft haben 'inconvnlsa manere' und 'crescere' die Plätze ge- 
tauscht). Hier kann man allerdings interpretiren 'aicut olim 
piissimi genitoris vestri, ita nunc et vestris temporibas' : aber man 
kann ebenso gut interpretiren 'sicnt nunc piissimi . . genitoris 
vestri, ita aliquando et vestris temporibas'. Wenn z. B. der Ver- 
fasser im Jahre 817 Ludwig den eben ernannten rex Boiariae an- 
sprechen wollte, weßhalb durfte er sich nicht so wie in § 15 aus- 



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Sm&rtgd's Mahnbüchlein für einen Karolinger. 4L 

drücken? Aach der Ausdruck 'domini nostri, genitoris autem 
vestri' zeigt, daß der Vater uoch regiert. § 21 His paucissimia 
verbis vestram presumpsi admonere sablimitatem, piissimi genitoris 
vestri vestroque instigatus amore: anch diese Worte zeigen, daß 
der Vater noch lebt, daß aber der Sohn anter seiner Obhut steht. 

Ludwig der Fromme hat gleich in den ersten Jahren nach 
Antritt der Regierung seinen anbändigen Drang für die Verbesse- 
rung des Mönchswesens and der Geistlichkeit dnrch viele Re- 
gier angshand Jungen bewiesen. Bei seinem Regierungsantritt war 
der älteste Sohn Lothar 21 Jahre alt; die beiden andern, Pippin 
and Lndwig, waren erst etwa 11 und 10 Jahre alt. Erst im Jahre 
817 scheinen sie den Titel Rex erhalten zn haben; vgl. Simson, 
Jahrbücher Lndwig d. Fr. I S. 29. Demnach scheint diese 

Schrift nicht vor, aber auch nicht lange nach 817 an einen dieser 
3 Söhne Lndwig des Frommen gerichtet worden zn sein. 

Betitelt wird der Angesprochene öfter mit Res (§ 7 vene- 
rabilis rex); dann vestra sublimitas § 1 11 14 21, v. serenitas 
§ 1 2, v. excellentia § 1 21 (vestra prndentia § 10, v. mansaetado 
§ 11); dazu gloriosissime domine § 5 nnd dnlcissime domine § 10. 

Ganz seltsam ist hier die Vermischung der Einzahl 'Da oder 
Dein' mit der Mehrzahl 'Ihr oder Euer': nur 'tna' sublimitas etc. 
acheint gemieden zu sein. Z.B. § 1 vestra excellentia salnbritatis 
praecepta ad meutern revocans habeatis, ubi . . possitis. § 14 sicut 
dominus vestrae snblimitati faciet, si fneria pios. § 16 rogare 
non desistas, quatinus det sapientiam mentibas (1) vestris guber- 
nandi regnam, qaod eins ordinatione aeeepistis. § 20 cognoscite 
vos mortalem esse. Sich selbst betitelt der Schreibende mit 
noatra medioeritas (§ 1). 

Leider vermochte ich nicht zu erkennen, nach welchem Ge- 
sichtspunkt die einzelnen Gedanken geordnet sind. Nur das sah 
ich, daß die vielen einzelnen Lehren, welche besonders gegen das 
Ende sich drängen, dnrch einige Citaten- Massen unterbrochen 
werden: § 6 and § 12 und 13. Die Citate dieser Schrift sind 
hauptsächlich aas den Büchern Davids and Salomo's entnommen, 
natürlich, da sie die alttestamentlichen Vorbilder der christlichen 
Konige waren. Aber seltsam ist, wie das eine Citat wörtlich, das 
andere ganz frei wiedergegeben wird. 

Der sprachliche Ausdruck ist klar and ziemlich gewählt, wie 
es sich für eine solche Schrift schickt. Von auffallenden Aus- 
drücken seien erwähnt: § 5 personas maturae aetatis . . claro 
moderamine andiatis. § 14 detersa hamana cupiditate aequitatis 
radietur lumen. Dann mehrere Wendungen in § 7: foederatns in 



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42 Wilhelm Heyer, 

animo, in caritate locaples, in bonitate snbtilis, . . in salutatione 
reeeptaculum habens, in diepeosatione sensatns. Dazu seien noch 
erwähnt: § 5 vulgari proverbio: 'Qni cum pluribus conBÜiator, 
non peccat', und die sprüchwortähnliche Warnung in § 20: Ova 
(Ora?) aspidum nuda planta calcare caveto. Dem klassischen 
Latein widersprechen besonders die absoluten Participialconstruc- 
tionen; § 6 haec poer fidelis perorans, exaudita est oratio eins. 
§ 21 Licet enim regia sublimatus dignitate, nequaquam mors prae- 
tereundum putabit. 

lieber den Verfasser dieses Monitoriums werde ich am 
Schlüsse des nächsten Stückes (S. 51) handeln. 



II 
Ueber Smaragd's Mahnverse an einen Karolinger. 

(Die Handschriften) Die Lebensregeln in sechszeiligen 
Versgruppen fanden sich bis jetzt in 3 Bandschriften. In zwei 
Hften sind sie gefolgt von den zweizeiligen Versgroppen (no III): 
in C, Cambridge Gg. 5. 35, saec. XI, f. 378-381. Es ist dies die 
Handschrift der Cambridger Lieder; ich benutze den Abdruck 
Dümmler's in der Zeitschrift für deutsches Altertum XXI, 1877, 
S. 67ffl. in L, London RegiuB 12. C. XXIII, saec IX, f. 132ffl.; 
voran geht der prosaische Fürstenspiegel (no I) 1 ). Ich benütze 
eine mit Beihilfe der Gesellschaft der Wissenschaften hergestellte 
Photographie. In M , Madrid Nationalbibliothek 14, 22 (saec. 

X) f. 69ffl. finden sich nur diese sechszeiligen Versgruppen; ich 
benütze Volluier's Ausgabe in den Anctores antiquissimi der Monu- 
menta Germ. Hist., Bd. XIV S. 271—276; vgl. ebenda S. XXXVIIIffl. 
und S. XLVIII. 

(Verhältnis der 3 Handschriften) Es ist wichtig, 
die Verbältnisse der 3 Handschriften zu untersuchen. Denn so 
können wir nicht nur den Text dieser sechszeiligen Versgruppen 
festsetzen, sondern haben auch einen Wegweiser für no I, welches 
bis jetzt nur aus der Londoner Handschrift bekannt ist, wie für 
no 111, welches bis jetzt nnr in der Londoner und der Cambridger 
Hnndscbrift gefunden ist 

Zunächst ist keine Handschrift dieser sechszeiligen Sprüche 
von einer andern dieser 3 Handschriften abgeschrieben ; eine jede 
alier zeigt Fehler, wie sie auch uns bei ziemlich vorsichtigem Ab- 

1) Nach Bl. 132 ist 1 Blatt ausgefallen. Das entsprechende Zwillingsblatt 
ist nicht etwa in dem prosaischen Fürsten spiegel ausgefallen ; denn an den von 
mir notierten Blattenden findet sich überall guter Zusammenhang. 



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Smaragd'a Mahnbacblcin fiir einen Karolinger. 43 

schreiben passiren. Z. B. läßt C in V. 22 weg fine und in V. 103 
voltn, während M and L diese Wörter haben; in T. 117 hat L 
defende, M und C das richtige defenditnr. M hat in V. 28 com- 
ponat und in V. 40 ne quo, während C richtig in V. 28 erndiat 
and in 40 nocno bietet. Sonderbar gehen die Hften in V. 118 
auseinander : C hat richtig: eximiae poltet virtntie honore, L eximie 
p. virtatibos carrit, H eximiam p. virtatibas annet. 

Im Ganzen stehen C and L zusammen gegen M. H ist in 
2 wichtigen Stücken besser als C und L: der Sprach no XI de 
decimis and der Epilog no XX stehen nur in H, fehlen in C und 
in L. Der Sprach no XI ist unbedingt echt, und dasselbe glaube 
ich vom Epilog, no XX, nachweisen zu können. 

Auffüllend ist eine Reihe starker Verschiedenheiten, zunächst 
besonders in den Versen 11, 12, 17, 81, 120. Diese Verse sind in 
C and L ganz anders gefaßt als in M. Vollmer setzt durchweg 
die Lesarten von M in den Text and meint, die Lesarten von 
C (und L) seien durch eine Ueberarbeitung, vielleicht des Alcuin '), 
entstanden. 

ICL Qui tibi mortiferam pellant de pectore sitim 
12 semper et aeterna florentia regna ministrent. 
IM Qaae segetem magna foveant dolcedine cordis 
hie et in aeternum florentia regna ministrent. 
117 CL 'Otitis in factis servus probabitar omnis. 
M Servus enim factis ntillimos esse probater. 
{8t CL Clipeus esto bonis et tarris et arens et arma. 
M Sis clipens instis et t. et a. et a. 
)120 CL Semper et a pravis defendit hostibus idem 
M A pravis semper defendit et hostibus illom. 
Worin bestehen die Verschiedenheiten? Offenbar darin, daß 
in den Hften C nnd L sich hier prosodische Fehler finden: 11 sitim 
(12 aeternä), 17 pröbabitur, 81 clipeas, 120 defendit Diese proso- 
dischen Fehler finden sich nicht in M; sonst bietet die Fassung 
von M nichts Besseres. Aach sonst finden sich hier kleinere 
Verschiedenheiten, wobei es sich wiederum um prosodische Fehler 
in C and L handelt; so 23 clämide CL: tegmine M. 22 (nnd viel- 
leicht 59) regnä CL: regnum M. 41 astötäam C: ingeniam M. 82 
acta CL: actus M 1 ). Die Lesarten von H sind hier nirgends 



1) 'Möglich, daß eine Reccosion Alcuin« vorliegt, da hier und da sich 
größere Aenderuugen finden' : Vollmer in N. Archiv f. alt. d. Gescbichtsknnde, 
XXVI, 1900, S. 406 Note. 

2) In 112 ist doch wohl nur die auffallende Stellung tötina et CM in die 
gewöhnliche Et totiua L corrigirt 



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44 Wilhelm Meyer, 

feiner; wohl aber ist in 41 ingeninm (H) statt astatiam (serpentis) 
flacher, und recht übel klingt in M Vers 11, wo die pocula nicht 
sitim pellant (CL), sondern 'segetem foveant'. 

Vollmer's Ansicht, daß der Text von H der ursprüngliche sei 
and daß ein Ueberarbeiter, etwa gar Aknin, die prosodisch rich- 
tigen Verse der Hft M zu den prosodisch falschen der Hften C 
and L verändert habe, ist anrichtig and unmöglich. Diese Sprach- 
dichtnng ist offenbar in der Fassung von CIi einem etwas ge- 
schalten Manne vor die Augen gekommen nnd dieser hat versacht, 
durch Aenderangen die ihm auffallenden prosodischen Fehler heraus 
zu corrigiren nnd hat so die Recension der Hft M geschaffen. 
Sehr weit gingen die prosodischen Kenntnisse dieses Mannes nicht. 
Denn manche prosodischen Fehler ließ er stehen. So 9 tnänantes, 
(18 iactis qnöd aüribns war schon früher umgestellt worden), 29 
exornöt habitum, 34 nnd 96 ödia, 39 nägacem, 66 ornavft habitnm, 
69 tinea, (74 angelicä), 80 puplllos, 135 colöravit, 141 pinnivolä 
coeli, 144 nätans, 147 nöbula (?). 

Der Recensor ging also hauptsächlich auf Prosodisches aus ; 
aber auch darin reichten seine Kenntnisse nicht weit. Darnach 
wird man die gewagte Art entschuldigen, wie ich V. &7 erkläre: 
C Ac fämis haut miseros cesses a clade levare. 
M Kon cesses miseros a fämis clade levare. 

Auch hier dreht es sich um die Frage, ob fames langes oder 
kurzes a hat. Hier hat, nach meiner Ansicht, der Recensor von 
M an fäma gedacht and gemeint, fames habe langes a, and hat 
deßhalb aus Unwissenheit das richtige famis in das unrichtige 
fämis geändert. 

Da der Mann, welcher den Text von M hergerichtet hat, so 

Vieles aus prosodischen Gründen geändert hat, so wird man auch 

folgende, wahrscheinlich aus sprachlichen Gründen erfolgten, 

Aenderangen ihm zuschreiben und ja nicht in den Text nehmen. 

19 C nt valeas vero regi conttngere Christo : 

Hier nahm der Mann wohl Anstoß an 'contingere Christo' in 
dem seltenen Sinn von 'nahe kommen' ; seine Correctur 'coniongier 
ano' ist mir freilich unverständlich. In Vers 44 hat er die 
seltene Form 'minato' mit der geläufigen 'minator' vertauscht. 
Die seltene Form porgere trieb ibn, aach V. 60 zu andern: 
C qui miseris norit plenam iam porgere dextram. 
91 noverit hie miseris qni plenam tradere dextram. 

In all den besprochenen Fällen habe ich die Lesarten von C 



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Smaragd'B Malmbüclilein für einen Karolinger. 45 

und L den Lesarten von M vorgezogen. Für den prosaischen 
Fürstenspiegel, no I, ergibt sich, daß die einzige Handschrift L 
nnr mit wenigen Fehlern behaftet sein wird. Für die Distichen, 
no HI, ergibt sich, daß die beiden Handschriften C und L einige 
wenige gemeinsamen Schreibfehler haben mögen , daß bei den 
wenigen Varianten bald C, bald L die richtige Lesart bieten wird. 

(Versban) Prosodische Fehler hat unser Dichter nicht 
eben wenige begangen, wie ihm oben nachgewiesen ist. Dagegen 
ist sein Versbau auffallend correct. Elisionen ließ er nur 3 
zu: V. 38, 71 und 108. Die Caesar schneidet stets nach der 
3. Hebtmg ein. Einsilbige Wörter stehen weder in Caesar- noch 
in Zeilen-Schluß. Und mit Ausnahme von V. 131 (omnipotentem) 
werden alle Hexameter mit einem Worte von 2 oder von 3 Silben 
geschlossen. 

Die Ansdracksweise ist sprachlich fast immer correct 
und trotz des trockenen Gegenstandes durchweg frisch; ja, die 
Schilderung des Weltenherrschers im Epilog ist durchaus annehmbar. 
Verfasser 

(Dümmler's und Vollmers Ansichten) Diimmler schreibt 
im N. Archiv XIII 1888 S. 191 : Diese Verse habe ich aus einer 
Cambridger Hs. abdrucken lassen in der Zeitschrift f. Deutsches 
Alterthom XXI, 1877, S. 68. Durch die Aufschrift 'Incipinnt dog- 
mata Albini ad Carolnm imperatorem' verführt, hielt ich sie da- 
mals für bisher unbekannte Gedichte Alcuiu's; allein die später 
gemachte Entdeckung (s. N. Archiv IV 135), daß dieselben Verse 
schon im J. 1782 aus einer spanischen Hs. unter den Werken des 
Eogenins von Toledo veröffentlicht worden, ließ mich meine frühere 
Auffassung verwerfen. Immerhin wäre es indessen denkbar, daß 
Aknin oder ein anbekannter Albums sich hier mit fremdem Eigen- 
tbum gebrüstet hätte. Dümmler scheint also diese sechszeiligen 
Sprüche als eine Dichtung des Eugenias von Toledo angesehen zu 
haben. Deßbalb hat er sie nicht in die Foetae aevi Karolini auf- 
genommen. Aber da finden sich auch nicht die folgenden Distichen 
(no IDI), welche doch sicher an einen Karolinger gerichtet sind. 

Vollmer sagt S. XLVI der Einleitung: Carmina I— XIX 
exstant in M Fol. 69 sqq. Kon esse Eugeni, cui ne codex quidem 
adscribit, probant vitia prosodiaca ab illius arte aliena (gravissima 
composui in indice, p. 443). Id autem ipsnm, qaod in M leguntnr, 
mihi snificit, ut credam versus esse datos ad regem aliqaem Visi- 
gothoram in Hispania, fortasse ad illum Wambam. neqne enim 
ab ipso Alcvino compositi sunt, qnia habentnr in codice Cantabri- 
giensi Gg 5, 35, qnamquam Alcvinus hoc credi volaisse videtnr, 



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46 Wilhelm M eyor, 

cum in praefatione distichorum seqnentinm acripserit: 
dactilicis liimm quem feci versibus istum. 

(Smaragd Ist der Dichter) Betrachtet man den Inhalt, 
so ist seltsam, daß zwischen den tugendhaften Rubriken nnr eine 
lasterhafte steht: no 14 de avaritia vitanda; dann finden neben 
den gewöhnlichen Tagenden sich auffällige Rubriken, wie no 11 
de decimis dandis, no 12 de thesanro in caelo collocando. Da 
fielen nur die Kapitelüberschriften der Via regia des Smaragd ins 
Auge, und ich fand eine merkwürdige Verwandtschaft. Smaragd 
selbst hat in der Via regia manche Kapitel ähnlich gebildet, wie 
in seinem Diadema monachornm; ich notire diese. 

Via Regia Spruchverse 

1 de dilectione dei et proximi; 1 de dilectione 
Diadema 4 ebenso 

2 de observsndis mandatis domini; 2 de timore 
Diad. 5 de observatione mandatorom dei 

3 de timore; Diad. 6 de timore 3 de obseryandis man- 

datis domini 

4 de sapientia 4 de sapientia 
Diad. 7 de sap., qnae Christus est 

5 de pmdentia; Diad. 8 de prnd. 6 de prndentia 

6 de simplicitate ; Diad. 9 de simpl. 6 de simplicitate 

7 de patientia; Diad. 10 de patientia 7 de patientia 

8 de institia 8 de indicio 

9 de indicio 9 de iustitia 

10 de miaericordia 10 de misericordia 

11 nt operibna dominus honoretnr 

12 de decimis et primitiis 11 de decimis dandis (so 

M; der ganze Sprach 
fehlt in C und in L) 

13 at thesaurus in caelo collocetnr 12 de thesanro in caelo 
(Diad. 47 nt thes. monachi in c. coli.) collocando (Doppel- 
spruch von 12 Zeilen) 

14 qualem et qnantom thesannun in Tita ob = 12, B ? 
sibi homo recondiderit, talem et tan- 

tnm post mortem inveniot 

15 de non fidendo diritiis 

16 de non gloriando in divitüs, sed in 
hnmilitate (vgl. Diad. 1 1 de hnmilitate) 

13 de defendendo pnpil- 

los et vidoas 
vgl. 26 14 de avaritia vitanda 



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Smaragd's Mahn buch lein für einen Karolinger. 

17 de pace; Diad. 12 de pace 15 de pace 

18 de zelo rectitudinis 16 de zelo bono 

19 de dementia 17 de dementia 

20 de coiisilio; Diad. 48 de coneilio 18 de consilio 

(Laster) 

21 nt caveat onusquisque snperbiam 

22 de zelo et livore 

23 de non reddendo malom pro malo 

24 de reprimenda ira 

25 de non consentiendo adulatoribus 

26 de cavenda avaritia vgl. 

27 at de impensis alienis domus non aedificetar 

28 at pro iastistia facienda nolla a iudicibna rcqni 
rantnr praemia 

29 ne statera dolosa inveniatur in regno tno 

30 prohibendum, ne captivitas fiat 



31 de praesidio domini reqnirendo 19 de praesidio domini 

32 de oratiotie 20 de oratione (steht in 

M; fehlt ganz in C 
nnd in L) 
Die enge Verwandtschaft zwischen dem RabrikenverzeichniB 
der Via regia des Smaragd nnd dieser 20 Sprüche ist evident ; sie 
stellt die Frage, ob Smaragd der Verfasser dieser Spruch- 
veise gewesen ist. Smaragd war ein frachtbarer and ange- 
sehener Gdebrter, wdcher von etwa 800 bis 825 als Abt von St. 
Mihiel (zwischen Tool and Verdan) and als Vertrauensmann Karl 
des Gr. and Ludwig des Fr. eine Rolle gespielt hat. Die V ia 
regia des Smaragd ist eine ziemlich umfangreiche prosaische 
Hahnschrift an einen König, schwer beladen mit Bibelstellen 
(Migne 102, 933—970). In dem Diadema monachornm gibt 
Smaragd den Mönchen Lehren nnd im Anfange decken sich nicht 
nur die Ueberschriften etlicher Kapitel, sondern auch manche 
Textesstellen (Migne 102, 593—690). Inhaltlich verwandt sind 
die wohl nach 817 verfaßten Commentaria in regalam S. Be- 
nedict!, mit einer poetischen Vorrede (Migne 102, 689 — 932; die 
Verse in Poetae aevi Karolini : Pk I 616/17). Die umfang- 

reichste von Smaragd's Schriften sind die Collectiones in 
Epistolas et Evangelia (liber Comitis), welche nach den Poetae 
aevi Karolini (I 607) schon 821 in den Katalog der Bibliothek 
vou Reichenau aufgenommen wurden (Migne 102, 15 — 594; die 
einleitenden Verse stehen Pk I 618). Noch nicht gedruckt sind 



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48 Wilhelm Meyer, 

die Commeutare zu den Partes Donati; die einleitenden Verse 
sind 'gedruckt in Pk I 608—615. 

Natürlich gibt die nahe Verwandtschaft der Rubriken allein 
noch keinen ganzen Beweis , sondern ist zunächst nor ein "Weg- 
weiser. Allein durch weitere Gründe werde ich nachher den Be- 
weis vervollständigen, daß Smaragd die Spruchverse gedichtet hat, 
und will nur einstweilen meinen Satz als bewiesen annehmen bei 
der Erörterung der beiden Rubrikenlisten. 

Die Via regia will in Kap. 1 — 20 lehren, quid rex agere 
debeat, will also positive Mahnungen geben; in Kap. 21 — 30 will 
sie lehren, qoidvitare debeat, will also negative Mahnungen 
geben; Kap. 31 und 32 de praesidio domini requirendo und de 
oratione sollen den Schloß bilden, der freilich eigentlich schon in 
der Mitte des 30. Kapitels beginnt. Allerdings ist schon das 
16. und 16. Kapitel negativ. Zu bemerken ist dann, wie Smaragd 
sowohl in der Via wie in den Sprachversen vermieden hat zu 
sprechen von den schmutzigen Lastern 'de nefandis criminibus, 
quae in occulto Sunt et ea nominare tnrpissimnm est, ne et di 
centis os et anres audientium polluerentur (Collectiobes , Migne 
102, 450 B). Von den 20 positiven Rubriken der Via sind in 
den Spruchversen 4 weggelassen (11. 14? und die 2 eigentlich 
negativen 15 und 16), zugesetzt ist hier no 13 de defendendo pupillos 
et viduas. Von den 10 negativen Mahnungen der Via, no 21—30, 
ist in die Spruchverse nur eine einzige herüber genommen, diese 
aber, damit sie nicht allein den trüben Schluß bilde, hinter die 
neu eingeschobene 13. Rubrik als no 14 de avaritia vitanda gesetzt. 
Dies Verfahren des Smaragd ist verständlich. Vielleicht ziemlich 
lange nach der schwer gelehrten, umfangreichen nnd mit Bibel- 
citaten beladenen Via regia wollte er für einen andern Karolinger 
ein kurzes und elegantes Mafanbüchlein schreiben und das in 
Versen. Die Rubriken nahm er aus seiner Via regia, ließ dabei 
aber etliche weg, besonders die unangenehmen Warnungen vor 
Lastern. 

Doch auf diesen Gedanken hätte ja auch ein Zeitgenosse des 
Smaragd kommen können. Um seine Autorschaft zu beweisen, 
bedarf es also noch anderer Grunde. Betrachten wir zunächst 
die Prosodie. Oben habe ich gezeigt, wie in diesen Spruch- 
versen kurze Endsilben (allerdings selten) lang gebraucht werden, 
und wie lange Stammsilben kurz oder kurze lang gebraucht 
werden. Die Gedichte des Smaragd Poetae aevi Karolinl I 
608 — 618 zeigen dieselben Fehler. Falscher Gebrauch der End- 
silben: 610, 13 genera quae; 612, 15 omnia formosä cuncta flo- 



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Smtragd's Mahnbücblein ftlr einen Karolinger. 49 

rentia gestat. 610, lö nomen haec; 611, 9 nomen ex; 614 XII 1 
nomen ei; 608, 47 Ergo celer öciüs; 618, 25 cordis eliminet; 608, 35 
pletins est. 609 TU 3 potius est. 617, 43 monacbua intrare. 
617,61 oraatüs et. 617,63 Sie tacitüs humilis ; 616,21 ostenäit 
haec. 615, 5 Quid habet interias. 614 XIII 2 sensas (accus.) et 
fsta; 608, 26 possis habere. 608, 49 Posais 11t ignotos. Stamm- 
silben sind falsch gebraucht: 608.41 sgdulöque. 608,44 caeca 
pupffla. 608,47 öcius. 609 II 6 tötamänat; 610,5 fönte mänantes. 
610, II de femore natos. 610, 14 flunt; 611, 10 = 614, 10 flat; 
615, 16 flant. 611, 1 ordine bifäriö. 611, 16 Quae tötius mondi. 
612, 18 Sexitor «oquinm. 613, 15 Cedo södes. 613, 27 tange se- 
erstes. 614, 15 assecola vArbo. 615 XV 14 Aut aeger aut. 616, 22 
deslderdre locnm [dagegen 608, 31 deslderat ömnes). 616, 29 Exä- 
minat vitara ; 32 Limat et exäminat. 616, 35 übenter Smendat 
{dagegen 615 XIV 14 Cörrigit emendat). 617, 72 iam sine ffne 
clves. Also die proBodischen Nachlässigkeiten der Spruchverse 
und die der anderen Gedichte des Smaragd belasten die Wag- 
schalen völlig gleich. 

Aach der Versbau der übrigen Gedichte des Smaragd ent- 
spricht genau dem dieser Spruchverae. Elisionen finden sich 
in den 216 Hexametern and 188 Pentametern der Poetae Karolini 
im Ganzen 4: 613, 25 and 27. 614 XJH 7 and 13. Von den 
216 Hexametern schließt aar 1 (616, 21) mit dem viersilbigen 
Worte 'paradisi', alle andern schließen mit Wörtern von 2 oder 3 
Silben (von den 188 Pentametern schließen 4 mit einem Worte 
von drei, 3 mit einem Worte von vier Silben). Daß der Hexa- 
meter 616, 35 Arguit, obsecrat, increpat atque libenter emendat 
keine Caesar hat, wird durch das Chat 2 Tim. 4, 2 argue, obsecra, 
increpa ziemlich entschuldigt: alle andern 215 Hexameter haben 
die regelrechte Caesnr nach der 3. Hebung. 

Also auch in Prosodie, Elision und im Ban des Zeilenscblnsses 
wie der Caesar stimmen die übrigen Gedichte des Smaragd mit 
diesen Spruchversen völlig überein. Daß derselbe Kopf hier 

geschaffen hat, wird zuletzt, aber nicht am wenigsten durch die 
vielen gleichen Redewendungen bewiesen, welche ich zu vielen 
Versen notiert habe; vgl. no II; dann V. 25/26, 32, 36, 40, 44, 
50, 59, 60, 73, 81, 100, 108, 114 : vgl. z. B. V. 26 u. 26 Temperet 
interea . . Actibus in conetis et sanetis moribus ornet mit Pk 617, 
53 Temperet interea und 60 Actibus in eunetis und 61 Moribus 
ornatas; oder V. 59 Ille poli poterit regna conscendere celsa mit 
Pk 617, 45 Ille poli poterit leviter conscendere celsa. 

Ig]. <1m. d. WIM. HMhrioktaa. nUobf.-Uit«. Hin. 1907. Haft 1. 4 



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50 Wilhelm Heyer, 

Dazu der letzte Grund! In den Collectiones des Smaragd, 
welche bei Migne 570 Spalten füllen, habe ich, bei raschem Durch- 
fliegen, nur 7 Dichtercitate gesehen: Sp. 72 B Älii dicunt Persas 
fuisse, Dt metro CanoriuB dicit: Tunc iubet et Perses celerem 
pertendere gressum (jedenfalls = C. Vettii Aqnilini Invenci I 
241 Hinc (Tunc) inbet Herodes Persas pertendere gressum). 
Zwei Male wird Sedalins citirt: Sp. 140 D die Verse II 63 65 
67 64 66 68 mit der Einleitung 'at quidam ait' ; dann Sp. 188 die 
Verse V 182—195 mit der Einleitung 'Sedalins in paschali car- 
mine palchre versibns dixit. Zwei Male wird Arator citirt: 
Sp. 335 C ein Vers mit den Worten 'nt Arator dicit', nnd Sp. 
390C vier Verse mit der Einleitung 'de hoc Arator'. Sp. 451 C: 
Palchre quidam de neotericis Graecum versom transferens elegiaco 
metro de invidia lusit dicens: 

Justins invidia nihil est, qnae protinns ipsom 
anetorem rodit exeruciatque animnpi. 

Das letzte Citat Sp. 546 B spricht von den paeifici nnd schließt: 
Hie convenit illnd poeticum: 

Pax animam nutrit, retinet concordia pacem. 
Pax reprimit litem, concordes nectit et idem. 
Lis pacem metoit, refugit discordia pacem. 
Odia pax pellit, castnm pax nutrit amorem. 

Diese 4 Verse sind ans den Sprachversen genommen: sie 
stimmen bis auf jeden Buchstaben mit no XV, V. 93—96. Da 
Smaragd sich selbst citirte, nannte er keinen Namen, ja er sagte 
nicht einmal 'quidam', sondern nur 'illud poeticum'. 

Ich glaube, den Beweis geliefert zu haben, daß diese 20 Sprüche 
von Smaragd, also für einen Karolinger König gedichtet sind. Es 
ist richtig, der Inhalt der einzelnen Sprüche berührt sich wenig 
mit den entsprechenden Kapiteln der Via regia. Allein Smaragd 
war kein armer Kopf: das zeigen schon die Verse, welche er über 
den trockensten Gegenstand, die partes orationis, zu dichten ver- 
standen hat. Wenn er, vielleicht ziemlich viele Jahre nach der 
Via regia, für eine andere Person einen kleinen und eleganten 
Tugendspiegel in Versen schreiben sollte, so stand es ihm ganz 
gut an , wohl die meisten Rubriken ans der Via regia hernberzu- 
nehmen, aber im Uebrigen Gedanken und Worte neu zu finden. 

Da die Collectiones, wie oben citirt, schon 821 in die Bibliothek 
von Reichenan eingereiht worden sind, in diesen aber diese Spruch 
verse schon citirt werden, so hat Smaragd dieselben vor 821 ge- 
dichtet. Ich möchte noch daraufhinweisen, daß die nach 817 ent- 
standene poetische Vorrede des Commentars zur Regula S. Bene- 



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Smaragd'» Mahnbüchlein für einen Karolinger. 51 

dicti (Pk I 616 und Ol V) besonders viele Aehnlichkeiten mit diesen 
Spruchversen enthält. 

I and IT Das Monitorium und die Spruchvorso. 

Das Monitorium ist nach Ludwig des Fr. Thronbesteigung, 
also nach 814, an einen seiner Sohne gerichtet. Lothar war 796 
geboren, Pippm tun 803, Ludwig um 804. Von der Spruchsamm- 
lnng hat sieb ergeben, daß sie vor 821 verfaßt ist von Smaragd, 
der Abt in St. Mihiel war, aber, beliebt hei Ludwig dem Fr. T 
gewiß oft am Hofe sich aufhielt. Das Wesen der beiden Stücke 
ist durchaus dasselbe ; beide wollen in geschmackvoller Darstellung; 
einen kurzgefaßten Fürstenspiegel geben, das erste in Prosa, das 
folgende in Versen. Da die Abfassnngszeit beider Stucke dieselbe 
Bein kann and da sie in der Londoner Handschrift, der einzigen, 
welche das Monitorium überliefert bat, hintereinander stehen, so 
fragt es sich nun, ob nicht die beiden Schriften sozusammen 
gehören, wie sie in der Handschrift zusammen stehen. 

Dafür spricht nicht nur die Ueberlieferung, sondern auch ein 
stilistischer Grund. Die Spruchsammlung hat wohl einen Epilog, 
aber keine Einleitung, keinen Prolog. Das ist regelwidrig. Auch 
das mittelmaßige Machwerk, die folgenden Distichen (no ILT), hat 
seinen Prolog wie seinen Epilog. Nun hat allerdings das voran- 
stellende Monitorium nicht nur einen Prolog (§ 1), sondern auch 
einen Epilog (§ 21); in diesem Epilog wird auch nicht gesprochen 
von folgenden Versen: allein dennoch würde die Sammlung der 
Spruchverse auch ohne Einleitung als Anhang zu dem prosaischen 
Monitorium sich gut anschließen. Smaragd hätte also diesen kurzen 
nnd eleganten Fürstenspiegel in einen prosaischen und einen 
poetischen Theil zerlegt. 

Allerdings üebt es Smaragd sonst nicht gerade, Reimprosa zn 
schreiben, aber doch, die sich folgenden Sätze häufig mit der 
gleichen Silbe ausklingen zu lassen. Dies geschieht hier nur 
selten. Darm habe ich beim Durchfliegen weder in der Via 

regia noch im Diadema monachorum auffällige Berührungen mit 
diesem Monitorium gefunden. Doch, wie ich schon bei der Be- 
sprechung der Spruchverse ausgeführt habe, kann das durch die 
Verschiedenheit der Zeit nnd des Zweckes dieser Schrift verur- 
sacht sein. 

Es wird kaum zn entscheiden sein, an welchen der 3 Sohne 
Ludwig des Fr. dies Mahnbüchlein gerichtet ist. Keine Andeutung 
findet sich, daß es an einen Landesabwesenden gerichtet ist. 
Pippin und Ludwig haben erst 817 den Titel Rex erhalten. Von 

4* 



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52 Wilhelm Meyer, 

817 ab scheint Pippin sich meistens in Aquitaine« anf gehalten zu 
haben; Ludwig dagegen and Lothar hielten sich bis 821 gewiß 
noch sehr viel am Hofe anf. Deßhalb ist dieser Fürstenspiegel 
wohl zwischen 817 und 821 an einen von diesen Beiden gerichtet. 



m 

Die Distichen an Ludwig den Frommen. 

Nach der Ueberschrift in der Cambridger Handschrift hatte 
D timmler 1877 (Zeitschrift f. deutsches Alterthum XXI 75) nebst 
den sechszeiligen Spruchversen, no II, auch diese zweizeiligen in 
86 Hexametern als eine Dichtung Alcuin's angesehen. Später (im 
N. Archiv XIII 1888 S 191; s. oben S. 46) schwieg er darüber. 
Vollmer hat dieselben noch 1905 als Eigenthmn Alcuin's ange- 
sehen; denn er schreibt (Auetores antiqu. XIV S. XLVTE): Al- 
evinns . . cnm in praefatione distichorum sequentium scripserit 

Auf Alcnin weist auch eine andere Thatsache, welche ich 
fand. Biese 86 Verse sind so gegliedert: auf eine Einleitung von 
6 Hexametern folgen 31 gute Lehren in 31 Distichen zu je 2 
Hexametern; die 32. gute Lehre bildet, mit einem Segenswunsch 
auf 18 Hexameter erweitert, den Epilog. Die 32 guten Lehren 
haben stets eine Ueberschrift. Diese 32 Ueberschrif'ten stimmen in 
ihrem Wortlaute und in ihrer Reihenfolge völlig tiberein mit 
den Ueberschriften, welche Alcnin in seinem Liber de virtutibus 
et vitiis ad Widonem comitem über die Kapitel gesetzt hat (Alcuini 
opera ed. Frohen II 1777 S. 128—145). 

Allein, daß Alcnin diese 86 Hexameter gedichtet habe, ist 
unmöglich, und das in jeder Hinsicht. 

Zunächst scheint mir festzustehen, was seltsamer Weise nicht 
hervorgehoben worden ist: diese 86 Hexameter sind an Ludwig 
den Frommen gerichtet, und zwar nach dem Jahre 814. 
Das zeigen die beiden ersten Verse: 

presul patriae prudens et rex venerande, 
qui dignis meritis Salomon sapiens vocitaris. 

Da Karl d. Gr. David genannt worden war, so lag es nahe 
den nachfolgenden Herrscher, seinen Sohn, Salomon zu nennen. Von 
den Stellen, welche Sünson in den Jahrbüchern Ludwig des Fr. (I 
46, 4) anfuhrt, sei hier nur eine angeführt. In dem Gedichte De 
exordio gentis Francorum (Pk II 146, V. 127) wird Karl der Kahle 
so angesprochen: 



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Smaragd'« Mahnb (ichlein für einen Karolinger. 53 

Hinc avue, hinc genitor vires moresqne ministrent: 
Karolus invicto feriat mncrone rebelleB, 
fHudvicus foveat devota mente sodales: 
arma tibi David durum consciscat in hostem, 
at Salomou carnm aemper coniungat amicam. 
Aber unsere Namens- Etymologen werden heftig dagegen prote- 
stiren, daß Ludwig gemeint sein könne mit dem Sprache De pace ; 
15 Pacificusque toae consistas tempore vitae; 

namque tnnm nomen hoc deeignat satagendom. 
Allein die Schmeichler brachten es fertig, auch den Namen 
ihres frommen Herrn fromm auszudeuten. So hat z. B. Ermoldos 
Nigellos (I 45) der Deutung nach der .Francisca loqnela 'sonat 
Hluto praeclarnm , Wiegch quoque Mars est', eine gelehrte Deu- 
tung Torangeschickt, welche wir hier brauchen: 

Nam Hladowicos enim ludi de nomine dictas 
lodere sabiectos pacificando monet. 
Die Verse sind also an Ludwig den Frommen and zwar an 
ihn als praesul patriae and rex venerandas, also 814 oder später, 
gerichtet Alcuin aber ist 804, ungefähr 70 Jahre alt, gestorben. 
Aber es ist nicht nur unmöglich, daß Alcuin diese Verse ge- 
schrieben hat, sondern sie sind auch dieses geschalten Dichters 
and geistreichen and klaren Kopfes durchaus unwürdig. 

(Versbau) Schon der Versbau paßt nicht zu Alcuin. Dieser 
läßt Elisionen und im 3. Fuße weibliche Caesur öfter zu als 
Smaragd, ist aber im übrigen dem Smaragd ähnlich (s. oben S. 45). 
Der Dichter dieser 86 Hexameter hütet sich ziemlich vor proso- 
dischen Fehlern. Aber Elisionen finden sich bei ihm 14. 
Nicht weniger als 11 Verse haben die Caesar nicht nach der 3. 
Hebung; von diesen 11 Versen haben 4 weibliche Caesar im 3. 
Faße: gat V. 14, schlecht V. 46 47 68; z. B. 

58 qaae solet ubertate Hbidinis esse creata. 
6 Verse haben die Caesur nach der 4. Hebung (gut 43 63 86, er- 
träglich 49 und 59). Abscheuliche Caesur haben die Verse: 
32 mors etenim festinat velox et neqae tardat. 
70 iustitia prudentia robor temperiesqae. 
Den Hexameter schließt 10 Mal ein vier-, 3 Hai ein fünf- 
BÜbiges Wort. Also schon der Versbau widerspricht dem des 
Alcain. 

Aber die Aasdracksweiset Wie könnte man dem Alcuin 
solche Plattheit and Unbeholfenheit zutrauen? Da der Mann aus- 
drücklich seine mühselige Thätigkeit hervorhebt: 



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54 Wilhelm Meyer, 

3 dactilicis libruin quem feci versibus istnm, 
so hat er wolil nicht viel andere Verse verbrochen; doeb will ich 
auf einen Pferdefaß hinweisen, an dem man ihn leicht wieder er- 
kennen könnte. Es ist der (für Romanisten interessante) Miß- 
brauch, der hier mit sistere und mit den Composita von stare und 
sistere getrieben wird. Das Zeitwort 'esse' ist meistens durch 
diese ersetzt, und in 24 Versen bilden sie das Zeitwort: adstes 21; 
constare 10 63; instare 7 33 60; absistat 65; consistere 8 15 18 
35 41 53 69 81 84; sistere 17 22 23 26 37 49 61 83. So steht 
37 Bißtat agcnda = agenda est = agatnr und 61 sistat babenda = 
babenda est = babeator; 23 vivens sistU = vivens es, vi vis er- 
klärt 26 fundens sistat = fnndens sit, fundttt. 

Ebenso niedrig bewegen sich die einzelnen Gedanken und der 
Warf des Ganzen. Diese Fürstenspiegel sind ja nur eine Sonderart 
der Tugendspiegel. So sah ich unter den Schriften des Alcnin 
den Tugendspiegel näher an, welchen er für den Grafen Guido 
verfaßt hat, wahrscheinlich denselben, der 799 in der Bretagne 
sich ausgezeichnet bat. Dies Handbuch de virtatibus et vitiis be- 
steht aus einer Einleitung, dann aus 35 Kapiteln, deren jedes eine 
Überschrift hat, und ans einer Peroratio. Unser Dichter nimmt 
die Rubriken der 36 Kapitel fast ohne Aenderung herüber 1 ) nnd 
dichtet zu jedem Titel 2 Hexameter. Also für den Kaiser nnd 
für die spätere Zeit paßte ihm genau das, was einst dem Alcnin 
für den Grafen gepaßt hatte. 

Und wie fabricirt er seine Zweizeiler? In der einen Zeile, 
meistens in der ersten, nennt er die in dem Titel genannte Tugend 
oder Untugend, in der andern Zeile gibt er irgend eine Bemerkung, 
deren Vorbild man meistens bei Alcnin ziemlich im Anfang des 
betreffenden Kapitels finden kann. Diese Arbeitsweise mögen 
einige Beispiele zeigen. So de fatikntu: 

21 Ac patiens, prineeps, in ennetis actibns adstes; 
nam verax patiens si sistaB, martyr haberis. 

1) In dem Gedicht fehlen 3 Rubriken dea Alcuin: uo 1 de sapientia, nach 
V. 42 fehlt Alcuin'a no 20 de iudieibas, nach V. 52 fehlt Alcuin's no 27 de octo 
vitiin prineipalibus et primo de superbia. Von diesen ist no 27 mit Recht weg- 
gelassen, da es sich deckt mit no 23 de superbia = V. AT; die beiden andern 
feilten nur aus Versehen des Autors oder der Abschreiber. Die Varianten der 
Titel sind unbedeutend: Aknin no 3 de caritate, hier de dilectione; no 5 de lec- 
tionis studio: hier de lertione; no 16 de ieiUDio: hier de ieiuniis; no 17 de elee- 
mosynls : hier de eleemosyna; no 36 de persererantia tu bonis operibus: doch 
Alcuin's Handschriften haben wie unser Gedicht: d. p. boni operis, und das ist 
richtig, wlo Alcuin's Text zeigt. 



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Smaragd'a Mahnbüchlein für einen Karolinger. 56 

Alcuin: martyres esse possumus, si patientiam veraciter in 
animo servamus. 

Oder DB NON TARDANDO CONVKRTI AD DOMIKÜU : 

31 Sed neque converti tardes de crimine facto ; 
mors eteoim featinat velox et neque tardat. 

Alcuin citirt: mora nou tardat. 

Wie gesagt, scheint nach V. 3 dieser Fabrikant von versus 
dactilici ein Anfänger gewesen zn sein : ein Stümper ist er sicher- 
lich gewesen, unwürdig mit den guten Dichtern der Karolinger 
Zeit verglichen zn werden. 

Doch dieser Mann hat denselben Stoff behandelt, wie Smaragd, 
ebenfalls in Hexametern und zn derselben Zeit, wie Smaragd. 
Deßhalb wurden seine Verse schon im Lanfe des 9. Jahrhunderts 
hinter die Verse des Smaragd geschrieben and im Laufe des 10. 
Jahrhunderts hat dann ein Halbgelehrter in einer Abschrift diesen 
beiden poetischen Fürsten spiegeln den Namen des berühmtesten 
Kaisera und seines berühmtesten Hofdichters vorgeschrieben. 



I 
(Smaragd'sP) Monitorium an einen Enkel Karl des Gr. 

SUBL1MITATIS VESTRAE OBOEdienb fraeckpto obo no- 

strae MEDiocRitati iniuncxistis , ut illiquid dignum scriberem (L 
'S 1'. 127 b ) vestrae serenitati: misi ad vestram excellentiam hoc 

monitorium opus, ut inter rei pablicae caras vestra excellentia 
5 salubritatis precepta ad meutern revocans habeatis, nbi hone- 

statis et salutis possitis invenire speciem. 
7 (2) Oportet itaqae serenitatem vestram frequenter sacras 

recensere scriptnras, nt in eis antiquorum et deo placentium 
9 regum valeatis cognoscere eansas, qaemadmodum ipsi per hu- 

Der Abdruck Dümmler'a ist sehr gut; nur ist in § 1 (neben 'ininnxMtü') 
'vestra' nach 'caras' übergehen, in § 3 'domnue' gedruckt, in § 4 'res Salomon 
rei' gedruckt, in § 14 'Testria' übersahen, in § 18 'custudit' all Lesart der Hft 
fälschlich uotirt. Die großen Buchstaben der Hft habe auch ich alle festge- 

halten, 'pre' ist in der Hft fast immer durch p gegeben. Die zahlreichen e. der 
Bft habe ich durch ae wiedergegeben, 'm' ist im Wortschluß sehr oft durch einen 
Strich fiber dem letzten Vocal ersetzt, nie 'n'; in Wortinitte kommt dieser Strich 
selten vor. Ich habe die betreffenden m schief gedruckt, so dal man auch hier 
behaupten kann, der Strich über einem Vocal ersetze nur m, nicht n. Des Ci- 
tirens halber habe ich Paragraphen abget heilt, so gut es ging. 



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gg Wilhelm Meyer, 

militatis custodiam domino placuerunt. Quorum vestigia si 

secuti fueritis, longevum presentis regni honorem ' insuper vitam 

3 obtinebitis aetemam. (3) Nam David rex sapiens * fortis et 

humilis sequendo iagiter opera bona proelia adversns se suscepta 

5 semper vicit. Templnm etiam domini quanquani ipse non aedi- 

ficaverit, tarnen per filium Salomonem ad perfectum illnd postea 

7 perduxit. Sic enim per prophetam 'Ex femoribua' inquit do- 

miitns 'tois exiet, qui haue domum meam postea aedificabit'. 

9 (4) Qoi Salomon rex tantae sapientiae tantaeqne prudentiae 

fuisae legitnr, nt nullns nee ante illum nee post illum similis 

11 fuisse legatnr. In indicio reetns, sapiens in eloqnio, mitis et 

benignus exstitit. [Fol. 128] Hi itaque, qoid eis prophetae 

13 predixerint, intenta aure andiernnt. (5) Quam ob rem, glo- 

riosissime domine, oportet, ut et sacerdotes audiatis et consi- 

15 liarios sapientes diligatis atqne ad eorom doctrinam viriliter 

adtendatis. Vulgari enim proverbio itadicitur: Qui com pluribus 

17 consiliator, non peccat. Dignom est quoque, at personas ma- 

tnrae aetatis et consilinm habentes claro inoderamiue audiatis; 

19 invenom etiam canto ordine verba reeipiatis. Nam eonsilüs 

invennm sepe casus evenit, et in senioribns stabilis eloquii dignitas 

21 perdurat. 

(6) Deniqae memoratna Salomon aeeepto regno, videns nihil 
23 suis viribus posse, totum se convertit ad supplicandum domi- 
num, nt ei suseepto gnbernaculo regni sapientiam et prudentiam 

26 tribueret ad regendum popnlum sunm. 'Domine deus, inquit, 
tu me servum tnum regnare fecisti; ego autem snm pner parrns 

27 et ignorans egressum et introitum meum; et servns tuus in 
medio est populi, quem elegisti, infiniti, qui nomerari et suppu- 

29 tari non potest pro multitudine . dabis ergo servo tuo cor do- 

cile, nt iudicare possit populum tnum et discemere inter malum 
31 et bonum'. Instrne me, domine, viam reetam, in qua ambulem ; 

et da mihi sapientiam atqne intellectum in omnibus seasibus 
33 meis, ut amtis fidei circumdatus in omni intellegentia circa me 

protectionis tuae auxilium habeara. Haec pner fidelis pero- 

36 rans, exaudita est oratio eins locatusque est ad eum dominus 

dicens: Qoia non petisti aurnm et argentum neque divitias ant 

7 I Paral. 17, 11 autdtabo seinen tnum post te . ., 12 ipse aedificabit mihi 
domum 7 tois dns L; ich stellte um 9 II Par. 1, 12 sapientia et sci- 

euüa data «out tibi . ., ita nt nnllns in regibns nee ante te nee post te faerit 
Bimilis tibi 26 domine bin m&lam et bonum = III Reg, 8, 7—9; nur einige 

Wörter sind umgestellt 82 I Par. 1, 10 da mihi sapientiam et intellegentiam 
86 I Par. 1, 11 und 12: qoia non postulasti divitiaa . . neque animas eorum qui 



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Braaragd's Mahnbüchleiu für einen Karolinger. 57 

animas inimicornm toorum, ideoque, qnod postulasti, dat tibi 

dominus hoc est sapientiam et intellectom. 
3 (7) Ergo, venerabüis rex, si placita deo postulaveris et faeris 

moderatos verbis, firmns in dictis, foederatos in animo, in cari- 
5 täte locuples, in bonitate sabtilis, in verbo verax, in salntatione 

receptacnlom babens, in dispensatione seusatus, in iodicio rectus, 
7 in vindicta pius, in pauperibus misericors: dominus angebit 

annos tnos, sicnt fecit anteeeBsoribus tois regibas, qui in boc 
9 secnlo nobiliter regnaverunt. (8) Proinde si in hac iavenili 

aetate perfectus faeris, gentes circnmqnaqae positae de recto 
11 et insto regimine vestro pavebont; omnes etiam fideles vestri 

vobiscum [fol. 129] gaudebunt; universi vos tirnebunt et obaa- 
13 dient ac dirigent gratiasque agent divino rectori domino nostro 

Iesn Christo, qnod talem meroerint sibt preesse regem. 
15 (9) Cum inter ipsos in consilium veneritis, se/nper sereno 

vultu eomm verbis anrem prebete; soUicite coosiderate, quid 
17 singnli Ioqnantnr pro stabilitate patriae, pro cansis emendandis, 

pro vestra salnte, pro bis, qnae ordinanda et tractanda sunt in 
19 palatio regio. Omnia haec oculi vestri instanter aspiciant et 

anres vestra© prndenter andiant. QuotienB vero inter illoa 
21 veneritis, sie estote solliciti quasi puer qni sapienter litteras 

discere vult, tantaque prndentia vestra inter ipsos appareat, at 
23 eis loqaentibns non nt discipnlns sed quasi moderator adsistatis. 

'Qni com sapientiboB graditnr', at scriptara dicit, 'sapiens erit'. 
25 Ideoque in conventa Bapientiam fatai staltiqae sermones remo- 

vendi sunt, quoniam, nbi sapientia habitat, detis ibidem man- 
27 sionem facit. 

(10) MeminisBC debet vestra prndentia Serenissimi imperatoria 
29 aviqne vestri Caroli, qni tanta fuit prudentia et benignitate, 

at non solum instns apnd denm, sed etiam apnd homines pre- 
31 dicaretnr. Mansaetndini ianeta foit in eo virtns et prndentia, 

nt omnem lianc gentem snblimaret et erigeret. aecclesias etiam 
33 et monasteria instantissime aedifieavit et conposuit. Ergo, 

dnlcissime domine, qnoniam parentes vestri tantam habnernnt 
36 intellegentiam atqne virtatem, sie agite per singula, qnomodo 



tu oderant . ., sapientia et acientia data sunt tibi. III Reg. S, 11 und 12: quia . . 
non . . petisti . . animas inimicorum toorum . ., dedi tibi cor sapiens et intellegens 
1 ideoque: 'que' ist wohl zu tilgen 4 in verbis? 4 foederatns in animo: 

ob f uudatus' ? 5 stehen diese Wörter in der wirklichen Bedeutung 'Empfang' 

and 'Empfaugszimmer' '! 13 dirigent = se dirigent oder diligent ? 14 tuerst 
meraeront L 24 Prov. 13, 20 26 vgl. fjap. 7, 28 neminemdiligit deas, nisi eum, 
qni cum sapientia inhabitat. 26 qdo L 34 qni L 



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gg Wilhelm Meyer, 

regem deect. (11) Non levitate animns enervetur, non ira- 

candia animo dominetur, quia, sient apostolns dicit, 'ira viri 
3 iastitiam dei non operatnr'. Aebrietatem ita fugite, ot etiam 

aebriosi timeant se apud vestram mansuetudinem gratiam per- 
5 dere. Inordinate aJicni responsum nolite reddere, sed in lo- 

quela eruditio et veritas appareat, qaia 'eroditns in verbis 
7 repperiet bona'. Et patientiam nolite obmitterc, quia, aicut 

scriptum est, vir patiens fortior est espugnatori urbium. Com 
9 aliqtÜB aat pro vestra ntilitate ant pro sua necesaitate aliquid 

vestrae sublimitati saggesserit, sie moderate et cante agite, 
il Bicnt decet regem. Econtra, si contigerit iram vestram commo- 

veri, cito animns ad snam redest tranqnitlitatem. Nam apostolos 

13 dicit : sol non debet oeeidere super [fol. 130] iracaudiam nostram. 

(12) Com itaqne bis et huiusmodi offieiis congrnentibus regiae 

15 pietati exercere atadneritis regiam dignitatem, perfecte et dici 

et esse poteritis rex; BÜnnlque pietas et gloria domini super 
17 vos veniet, nt iure sermo Daviticus in vobis impleatar, ut in 

virtute domini, o rex, laeteris et saper salntare eins exnltes 
19 vehementer. Desiderium animae tuae tribnat tibi dominus, 

volnntatem labiorum tuorom non fraudabit. Aequitate direeta 
21 sit gloria tua in salutari eius; gloriam et magnum decorem 

imponat super te, Inluminet te dominus et impleat omnes 
23 reetas petitiones cordis toi, et conäilium tuum in bums actibus 

confirmet, at pro te caneti Christiani implorent: 'Domine, sal- 
25 vom f'ae regem' nostram 'et exandi nos in die, qua invoeave- 

rimus te'. (13) Si speraveris in domino et feceris bonitatem 
27 coram ülo, pasceris in divitiis eius. Revela domino interiora 

cordis toi et spera in eum, et ipse faciet et deducet quasi 
29 lumen iustitiam toam et Judicium tunm lucere faciet sient me- 

ridiem. Ergo subditi estote seutper domino et obsecrate eum, 
31 nt dono gratiae snae vitam vestram gabernet et disponat. Ex- 

2 Jacob. 1,20 6 Prov. 16,20 8 Prov. 16,32 melior est patiens viro 
fort! et, qui dominatur anirao suo, eipugnatore urbiam 13 Ephes. 4, 26 so! 

non oeeidat s. ir. vestram 17—20 Tgl. Ps. 20, 2 domine, in virtute tua laeta- 

bitur rex et super sanitäre tuum eisultabit vehementer. 3 deaiderium cordis eius 
tribuiati ei et voluntate labiorun) eins non fraudasti eum 20 aequitate etc.: 

vgl. Fe. 20, 6 magna est gloria eius in salutari tuo ; gloriam et magnum decorem 
impones super eum 22 impleat : vgl. Ps. 19, 6 impleat dominus omnes peti- 

tiones tuas 23 consilium: Ps. 19, 5 omne conBÜium tuum confirmet 24 do- 
mine: Ps. 19, 10 26 si etc.: Ps. 36, 3 spera in domino et fac bonitatem . . 
et pasceris in divitiis eius 27 revela etc.; Ps. 36, 6 revela domino viam nuun 
et spera in eo, et ipse faciet. 6 Et educet quasi lumen iustitiam tuam et iudicium 
tuum tanquam meridiem. 7 Subditus esto domino et ora eum 



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Smaragd' s Mahnbtlcblein für einen Karolinger. 59 

pecta dominum, at ipse custodiat viam tuam, ut et com pace 

Inhalates terram. Gastodi aatem veritatem et vide aequitatem, 
3 quia salus est iustorom a domino et ipse protector est eoram 

in tempore tribnlationis ; adinvabit eos dominos et liberabit eos 
5 et salvos faciet eos et eruet eos a peccatoribns. 

(14) Ostondet dominus misericordiam snam timentibus se, 
7 sicat vestrae snblimitati faciet, si faeris pias et misericors et 

timeos denm et consolator paaperom. Sic entm in psalmo 
9 dicitur : 'beatus intellegit saper egenam et panperem ; in die 

malo liberabit eum dominus', Yeritas non abnegetur, sed 

11 iostitia semper tarn a vobis quam a subditis vestris pronan- 

tietur, at detersa homana cnpiditate aequitatis radietar lnmen. 
13 Sic institia procedat, ut com lande clarificetur deus, instoqne 

indicio ia palatio vestro agitato laetificentor et exultent pau- 
15 peres, viduae defensionem babeant, orphani tntelam snscipiant. 

(15) Super aecclesiarnni ac monasteriornm conservatione atqne 
17 eornm privilegiL* conservandis vestra aublimitas vigilans semper 

ac prona sit, at eoram religio sicat piissinü [et] domini [fol. 131] 
19 nostri, genitoris aatem vestri, ita et vestris temporibas non 

solam inconvalsa manere, sed etiam, pruat possibile faerit, cre- 
21 scere se gaadeat et laetetor. 

(16) rex, sit tibi amor dei timorqne coninnctas, semperqae 
23 sit tibi divina severitas presens. Quantnmqae ipse honorem 

tibi ampliaverit, tanto amplius illum dilige illumque cotidie 
25 assidae atqae hamiliter rogare non desistas, qoatinos det sapi- 

entiam mentibns vestris guberaandi regnnm, quod eins ordi- 
27 natione accepistis. semper Uli placere desideres. 'Omne enim 

donnm perfectam desarsam est', sicat apostolas dicit, 'Descen- 
29 deas a patre luminum' ; et in alio loco dominus: 'non potest 

nomo accipere quicquam, nisi datom ei fuerit de caelo'. 
31 (17) Xdeo namqae dona ac potestates dantur a deo bominibos, 

at anctori sno gratias sciant referre. Ministrum dei te scias 

33 esse, ad hoc constitutum, at, quicnmque bona facinnt, babeant 
misericordem in vobis adiatorem, vindicem fortem, qai mala 

1 expecta etc. : Pa. 36, 34 exapecta dominum et cuatodi viam eins; 36, 2 et 
inhabita terram 2 cuatodi etc.: Pa. 36, 37 cuatodi innocentUm et vide aequi- 

tatem 3 aalua etc. : Fb. 36, 39 aalna ioatonun a domino et protector eoram 

in tempore tribulationis. 40 Et adinvabit eos dominus et liberabit eos et eruet 
eos a peccatoribns et aalvabit eos 6 Ps. 84, 8 ostende nobia domine miseri- 

cordiam tnam 9 Pa. 40, 2 18 et vor domini ist wohl tu lügen 20 ich 

habe umgestellt; non solum crescere sed etiam, prout possibile fuerit, inconvalsa 
manere se gaudeat L 27 Jac. 1, 17 29 Job. 3, 27 82 nünistrum und 

34 vindicem : Rom. 13, 4 dei minister est, vindex in irain ei, qui malnm agit. 



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60 Wilhelm Meyer, 

facinnt. Ante omnia pravorum consilia caveto et peracmanun 

acceptiones. Sine bonorum consilio nihil facdto; sed et unicui- 
3 quo proprios servetnr honor. (18) ünumquemque gaa fides 

commendet. Nolite diligere enm, quem deus odit, id est, qni 
5 saa contempnit precepta. Neque odiatis cum, qtri denm diligit, 

id est, qui sna mandata cnstodit. Nolite diligere adulatorem, 
7 sed sincero ametnr corde, qui veritatem vobis profert. Hono- 

rate sacerdotes. deum timentes magnificate. Veritatem amate et 
9 seqnimini. Clamores popali moderate compescite. (19) Indices 

pravos viriliter atque severe corripite, nt, qui mali sunt, ro- 
ll galem timeant anctoritatem, teneant legem et rationem: boni 

vero a vobis instracti ament fidem et misericordiam. Singali 
13 instam indicent iudicium. Sapientinm dicta pradenter inter- 

rogate. Nee tos pndeat interrogare qnod ignoratis. Porom 
15 sensam habeto. (20) Per singula stabilis sit sermo. Consi- 

derate, anteqmam definiatis, et, postquam defimeritis, non in- 
17 mntetis, si tarnen non sit malns aut noxins. Non enim decet 

regem mntabilem esse. Ova aspidnm nada planta calcare 
19 caveto. Recordamini preterita et cognoscite [fol. 132] fntura. 

intellegite, qnod scriptum est: 'divitiae si afflnant, nolite cor 
21 adponere'. Cogitate diem novissinram , ne per secoritatem 

otfensam dei inenrratis, et cognoscite vos mortalem esse. Licet 
23 enim regia snblimatns digoitate, nequaquam mors pretereondom 

pntabit, com venerit, sed omninm nt panperom ita etiam divitnm 
25 et regnm ocnlos amara claadet. 

(21) Ilis paacissimis verbis vestram preaumpai admonere 
27 snblimitatem, piisBimi genitoris vestri vestroque inatigatus amore, 

cnpiens et optans vestram excellentiam ita in presenti secnlo 
29 prosperari, nt de cadneis et de terrenis pervenire mereamini 

ad stabilia et firma in caelis palatia, qnae nee 'ocnlns vidit nee 
31 anris aadivit nee in cor hominis ascendit, qnae preparavit deus 

diligentibns se'. 

1 personaram aeeeptio oft in der Vulgata 13 vgl. Dan. 13, 53 iudicani 
iudicia iniusta; Zach. 7, 9 Judicium verum iadicate 18 Werden denn Nattern- 
Eier so oft zertreten, daü davor gewarnt werden kann, dies nicht mit bloler 
FuBsohle zn thun? Jes. 59, 5 (Indaei maligni) 'ova aspidum rnpernnt . .( qui 
comederit de ovia eomm, morietur, et, quod confotam est, ernmpet in regnlum' 
erklart auch nichts , Aber oft stolt man auf Nattern ; dann sucht man naturlich 
den Kopf zu zertreten; da paHt die Warnung 'Ora aspidnm nuda planta calcare 
caveto*. Anderes will Luc. 10, 19 dedi vobis potestatem calcandi supra serpentes 
et acorpiones 20 Ps. 61, 11 26 Tob. U, 15 clansit oculos eoram (soce- 

roruin) 29 de caducis . . ad stabilia et firma palatia: soll das eine An- 

spielung sein auf den Einsturz der lignea porticus, wobei Ludwig in Achen 817 
beinahe getödtet wurde? SO I Cor. 2, 9 (doch : deus iis, qui diligunt illum) 



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Smsragd's MahnbUchlein für e 



II 

CSmaragd'a: Hahnverse an einen Karolinger 

I DE DDLECTIONE 

Impleat ot vestrnm domini dilectio pectns, 
rex, ipsum dominum ingiter rogitare memento! 
3 Diligit ille prior tribuens praecepta suoram 
maxime natornm, cupinnt qni carrere callem, 
Quem caeli rectum regnator et ipae cncnrrit, 
6 semper amana natoa, nt aemper ametur ab ipsie. 
Iiicipiunt dogmata Albini ad Carolnm imperatorem C: om. IM 
De dilectione Ä: om. CL 1 nt H: o L; o, scilicet rex C 2 
rex, scilicet o terrenns L, seil, o terrene C 3 suomm, scilicet 
sernornm CL 3/4 d. h. illos snornm natornm ; saoram, maxime, 
natorom cupinnt Vollmer 4 vgl. 46 callem percurrere. Pk ') 

612, 27 callea . . carrere 5 quem, sc. callem CL 5 reetam H 
5 rectum, sc iter L 

II DE TIMORE 
Ut timeas dominum legis praeepta aeentus, 
maxime Daviticoa debes percarrere campoB. 
9 In qnibus aeterno latices de fönte manantes 
invenies, tibimet vitalia pocnla dantea. 
Qni tibi mortiferam pellant de pectore sitim 
12 aemper et aeterna florentia regna ministrent. 
Der Kern, ans welchem dieser Sprach gewachsen ist, steckt 
schon in der Via regia Cap. III (Migne 102, 940, C): Timor do- 
mini fona vitae (Prov. 14, 27). Ergo, si vis, rex, in aeternnm 
vivere (V. 12), alacriter ad fontem debes recorrere vitae. Ipse 
est enim fons vitae (V. 9), qni inge dans pocnlnm (V. 10), aetemam 
anferet aitim (V. 11) et entn gloria tribnet immortalitatia coronam 
(V. 12). Die Einleitung des Kapitels weist besonders auf die 
Lehren David's, des königlichen Propheten (V. 7/8) 7 preeepta 
L 7/8 seentns, maxime, Davidicos Vollmer (die Schreibart 'daoi- 
ticos' ist nicht selten, z. B. oben Monitorinm § 12) 8 Pk 612, 

9 und 1 disenrrere campos 9 Pk 609, 6 tota mänat; 610, 5 
latico de fönte manantes 10 hraenies L, inneniet C, innenias M 

10 vgL vorher die Stelle der Via mit 'dans pocnlnm ■ . anferet 
aitim', dann Pk 608, 34 lactea pocnla . . dabit V. 11 und 12 sind 



1) Pk — Smaragdi poemata w Monnmetita Germ. Hut, Poetae I p. 606—619. 



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62 Wilhelm Meyer, 

wegen 'sitim' in M so umgearbeitet and verschlechtert: Qaae ee- 
getem magna foveant dalcedine cordis, Hie et in aeternam (= IV 6} 
florentia regna ministrent 6 Vollmer citirt: Carmen de resurr. 
(Cyprian ed. Hartel III p. 316) 190: 'eemper florentia' caeli 'regna'. 
HI DE OBSERVANDIS MANDATIS DOMIKI 
Quisquis amat dominum, debet sermonibus eins 
cernuus in eunetis ingiter parere libenter. 
15 Yerba sonant domini: Si quis me diligit, inqoit, 
nostra snis enret describere munia fibris. 
Utüis in factis servus probabitur omnis, 
18 si capit exseqaier factis, qnod auribas haasit. 
13 Job. 14, 23 si qnis diligit me, sermonem meam servabit; 
14, 15 ei diligitis me, mandata mea eervate 16 (Initial wegge- 
rissen) fa L, Vestra, nel nostra, C 16 discribere H 16 mn- 
nera, nel munia, C; Pk 617, 56 sacrae munia legis 16 fibris, 

id (hoc L) est in corde CL; vgl. Fk 618, 25 inradiet . . mentis 
fibris and 619, 2 cordis fibrae 17 (weggerissen) ilis L Vers 
17 ist wegen 'probabitur' in M so geändert: servus enim factis 
utillimus esse probatur 18 (weggerissen) iL 18 exsequeri 
CL 18 factis qnod Loreneana: qnod factis CLM 18 aosit TU 

IV DE SAPIENTIA 

Ut valeas vero regi contingere Christo, 
regia sit semper regnaas sapientia tecom. 
21 Qaae tibi consilium valeat conferre beatom, 
amplificet regna, tribuat sine fine coronam; 
Clamide purpnrea temet circumdet et ornet, 
24 hie et in aeternum felicia gaadia praestet. 
19 oaleat C 19 contingere Christo (= acetdere ad Christum) 
CL: coninngier ano M 20 teetam, uel tecnm, L 21 Qne C 

22 regna (vgl. 61 dominus tibi plara snbegit regna): regnom M; 
vgl. 59 22 fine orn. C 22 Corona M mit coronam endet 
in L Blatt 132; Blatt 133 fährt mit no XII weiter. 23 'clämide 
purpnrea' ist in M geändert zu: tegmine purpureo 23 vgl 32 
componit et ornat 24 vgl. 12 in H 24 prestet C 

V DE PRUDENTIA 
Temperet interea virtns prudentia regem 
actibus in ennetis et sanetis moribus ornet. 

27 Componat mores, sermoneB ordinet omnes, 
urudiat lingnam sensosque ministret acamen, 
Exornet hahitam, gressam componat bonestom. 

80 ipia dei virtus tibimet concedat atramqne. 



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Smaragd 1 « Mahnbüclilein für einen Karolinger. 63 

25 Pk 617, 53: Temperet interea 26 Pk 617, 60 und 61 

Actibna in ennetis . . Horibns ornatos 27 vgl 32 28 eradiat 
C: componat (ans 27 wiederholt) M Vollmer 30 atrumqne: 

Inneres (mores) and Aeußeres (habitum), oder atramqne? = sapi- 
entiam (no IV) und prndentiam (no V) 

VI DE SIMPLICITATE 
Simplicitas animi virtutnm semina nutrit, 
simplicitas regum mores componit et ornat. 

38 SermoDes nitidos pnro de corde ministrat ; 
odia dod retinet, laudes non captat inanes; 
Nee cnpit absentum. fratram derodere vitam; 

36 anferet inlavies hominis de pectore totas. 
31 animae M 32 Pk 616, 29 Esaminaut vitam, mores com- 
ponit et ornat; Tgl. 27 Componat mores 34 nee captat M 
36 inlnbies homines M 36 Pk 617, 68 animae inluviesqne lavet 
VII DE PATD2NTIA 
Vir patiens patriam poterit conscendere celsam, 
ei hie nitidam primum teneat sine crimine vitam. 

39 Turporem patiens debet calcarc nugacem, 
ne pereat tardns noeno Bob pondere pressns. 
Astatiam debet serpentis habere colnmba: 

42 callidns et prudens debet mitescere serpens. 
37 conscendere vgl 43 and 59 39 calcarem M 40 ne 

quo H, nocao C vgl. Pk 609, 51 lapides nocaos; 618, 24 aoeaas 
latebras; 617, 46 nocao pondere 40 vgl. 84 pravo sab pondere 
pressi; Pk 617, 49 peccati pondere pressus 41 Hatth. 10, 16 

Estote ergo prndentes sicat Berpentes et simplices sicat colnmbae 
41 Astutiam C; M hat corrigirt Ingenium; habere seil, et debet C; 
colnmbae (?) C 

VIII DE IUDICIO 

Dilige indicium, si vis conscendere caelam. 
taliter et vestris censoribos ipse minato: 
45 'Discite, si capitis nostrum cooqairere manns, 
indicii callem recto percurrere gressn'. 
Ipse tarnen sacras debes perqairere leges, 
48 ex quibus auxiKam valeas coni'erre sabactis. 
Titel De iudicuam H 44 minator H; Pk 616, 30 et mode- 
rando minat 46 callem percurrere, vgl. 4 48 subactis, id est 
subiectis C 

IX DE IÜSTITIA 
Iustitia totnm cura disponere regnum, 

quod tibi rex regain commisit rite regendnm. 



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64 Wilhelm Meyer, 

51 Indicibas inste manda disponere concta. 
vivere ctmctJpotens sanxit legaliter omnes. 
Nam digitns domini, lcgum censura, lapillo 
54 scripsit et in cartis iossit deecribere terris. 
49 Iustitiae(?) C 49/50 Tgl. 113/4 debes disponere regnum, 
Rex, tibi commissura . . totum 50 commis C 50 iure M, rite 
Ci Smaragd liebt 'rite': vgl. 610, 13. 612, 24. 613, 13. 616, 8. 
617, 71 53 lam C 53 'legnm censnra(m) lapillo scripsit 

decalogum" erklärt Vollmer. Ich fasse 'ceasnra legnm' als Appo- 
sition zu 'digitus domini' 54 discribere H 
X DE MISERICORDIA 
Omnia praevideat Bollers industria regis. 
magna ferat magnis et praestet parva posillis. 
57 Ac famis haut miseros cesses a clade levare, 
ei cnpis in caelo fractnm mercedis haberei 
Ille poli poterit regna conscendere celsa, 
60 qui miseris norit plenara iam porgere dextram. 
55 vgl. 89 56 vgl. 87 Parva dabis parvis et magnis magna 
parabis 56 magia H, prestet C 57 Smaragd mißt richtig fämis ; 
vgl. Pk 612, 6 nnde fames animae pellitor atqae sitis. Allein der 
Recensor von M scheint gemeint zn haben, das a sei lang; denn er 
hat geändert: Non cesses miseros a famis clade levare 59 Dieser 
Vers kehrt mit Ausnahme eines Wortes wieder in Pk 617, 45 llle 
poli poterit leriter conscendere celsa. An der Stelle von 'leviter' 
hat C 'regni'. Das läßt sich erklären: die Hohe des Reiches des 
Himmels. Doch gewöhnlich ist der Plural 'regna' ; Pk 608, 28 
nnd 617, 50 poterit regna snbire poli; 608, 38 scandere regna poli. 
Deßhalb glaube ich, daß nicht 'regni', sondern Vegua' ursprünglich 
hier gestanden bat. Um den prosodischen Fehler regnä zu ver- 
meiden, ist hier, wie in V. 22 in H corrigirt: regmim conscendere 
celsTtm 60 Der Text von C ist gesichert durch Smaragd's Worte 
im Kapitel de misericordia (Mitte; Migne 102, 951 B): aeternam 
consequeris misericordiam, si pro illo plenam pauperibnB porrexeris 
dextram. porgere, id est porrigere C; doch diese seltene Nebenform 
hat den Recensor von H veranlaßt zu andern: Noveril, hie miseris 
qui plenam tradere dexteram. 

XI DE DECIMIS DANDIS 
Da deeimas domino, tibimet qui plnra snbegit 
regna, tibi popnlos iussit servire potentes; 
63 Aorea vasa dedit, di versa metalla paravit; 
impoBnit gemmis ornatam vertice mitram; 



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Smiragd'a Mahnbüchlein für einen Karolinger. ß5 

Siriceo limbo roseo conclnsit et ostro ; 
66 ornavit habitum regalis purpura totum. 
do XI steht nur in M: fehlt in C und hat auch in L gefehlt 
63 dedit Vollmer: adpetit H 65 sericeo limbo Vollmer: siriceo 

lembo H 66 regali purpura Vollmer 

Aach in der Via regia wird in derselben Reihenfolge (Cap. 
XII, Migne 102, 953} gehandelt 'De decimis et primithV. Der 
Sprach hier ist also sicher echt. Er steht aber nor in M. Er 
fehlt in C and er hat sicher auch in L gefehlt. Denn in L fehlt 
nach V. 22 ein Blatt, d. h., da jede Seite in L 22 Zeilen zählt, es 
fehlen 44 Zeilen. Jeder Spruch zählt mit der Ueberschrift 7 Zeilen. 
Nun beanspruchen V. 23 and 24, dann V "VI VII VIII IX X ge- 
rade 42-1-2 Zeilen : also bat no XI auch in L gefehlt , folglich 
schon in der Matterhandschrift von C and L. 

XII DE TBESAURO IN CAELO COLLOCANDO 
Felix, qai poterit thesaurum condere caelo, 
clancnlo quem rapiens neqoeat disrumpere latro, 
69 Tinea nee maculans valeat conrodere mordaz. 
est ibi praedives nimiam thesaarus et ingens: 
Angelicns panis potusque et vita pereunis 
72 sufficiens eunetis per grandia saecula instis. 
mit DE beginnt Bl. 133 h; conlocandum 91 76 vgl. Matth. 
6, 20 tbesaurizate vobis thesauros in caelo , nbi neque aerogo 
neqae tinea demolitar, et nbi fares non effodiunt neqae furantur 
68 Clancnlo, adverbiam C 68 latro: Via XIII 'ubi non tiineas 
furem neque latronem'; dann folgt dort eine lange Stelle = Cy- 
prian de mortalitate cap. 26 69 ne LM 70 predives CL 

70 thesauru H 71 panis, seil, et est C 71 perhennis C 

72 gradia M 

XII B. 
Aurea regna tenet sapero tbesanras in aevo; 
illic angelica praefulgida vestis habetur, 
76 Incorropta manens semper sine fine beatis. 
illic gemma nitet, pendentia pallia lucent. 
Anulus ' armillae ' torques ' dextralia ■ mitra : 
78 aurea euneta micant, lucentia caneta coruscant. 
In den Handschriften und Drucken bilden diese Verse (ohne 
Ueberschrift) mit den vorangehenden eine zwölfzeilige Gruppe. 
Entspricht no Xu dem XIII. Kapitel der Via 'Ut thesaurus in 
caelo collocetur', so entspricht diese (no XU, B) wohl dem XIV. 
Kapitel der Via 'Qaalem et quantum thesaurum in vita sibi homo 
reconderit, talem et tantum post mortem inveuiet'. 73 aurea regna 

KfL Qm. i. Wim. K«krf«iU.. fhilolof.-hlilor. KIum 1907. Htft I. 5 



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66 Wilhelm Meyer, 

Pk 608, 27 und 33, dann 616, 4 73 thesaaro (o in größerer 

Rasur) in aeno (über o ist v gesetzt) L 74 prefolgida L 

76 gemme C 77 anulus, seil, ibi, L 



XIII DE DEFENDENDO PUPILLOS ET VIDUAS 
Fortis ad auxüium regalia brachia tende 
et viduas, miseros pariter defende pnpillos. 
81 Clipous eato bonis et tnrris et arens et arma, 
ne valeant acta pravi defendere prava. 
Eripiat eunetos praeclara potentia regis, 
84 qni iacaere diu pravo snb pondere pressi. 
defendende H 79 vgl. 88 81 wegen cllpens hat K ge- 
ändert: Sis clipens iastis 81 Pk 616, 18 Areas et arma piis 
82 acta . . prava ist in N corrigirt zu actus . . pravos 83 pre- 

clara L 84 vgl. 40 Dies ist die einzige Rubrik, welche in der 
Via regia nicht vorkommt. Doch vgl. in dem Nachwort, welches 
dem SO. Kapitel angeschoben ist: Eato panpernm pater, pnpillornm 
nntritor, orphanorum amator, viduarumque defensor. 

XIV DE AVARITIA VITANDA 
Pestis avaritiae ne regia pectora tangat, 
manificas canetis praelargas et omnibus esto. 
87 Parva dabin parvis et magnis magna parabis. 
inferat anxilium regalis dextera eunetis. 
Omnia discrete regis industria servet, 
90 monere iocondos faciens per regna ministroa. 
vitanda am. H ; vgl. die Via Cap. 26 (Migne 102 Sp. 964) : De 
cavenda avaritia 86 vgl. die Via Sp. 966 B : Omnibus esto ma- 
nificas, omnibus largas 86 munificans M Vollmer 86 pre- 
largoa L, dilargos M 87 vgl. 56 88 vgl. 79 89 vgl. 56 
89 discreta 9t Vollmer 90 iueundos M 

XV DE PACE 
Pax tecum maneat, rex, pacem semper amato! 
pax regnam solidat, regni pax cornoa firmat. 
93 Pax animam natrit, retinet concordia pacem. 
pax reprhnit litem, concordes nectit et idem. 
Lis pacem metnit, refugit discordia pacem. 
96 odia pax pellit, castom pax natrit amorem. 
ähnlich angelegt ist das Gedicht des Eugenius Tolei (Hona- 
menta, Aoct. ant. XIV 234) De bono pacis; dort kommt in 4 Di- 
stichen das "Wort pax, 15 Mal vor; dort V. 9 'pax lites reprimit* 
vgl. hier V. 94 'pax reprimit litem' Die Verse 93 — 96 'Pax 



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Smaragd's Mahn buch lein für einen Karolinger. 67 

i bin amorem' citirt Smaragd selbst in den Collectiones in 
epistolas (Higne 102 Sp. 546) mit der Einführung : Hie convenit 
iÜnd poetienm. 91 rex, seil o C 94 et idem, darüber: vel 
eadem C 

XVI DE ZELO BONO 
Zelns ut in nmneram virtntum transeat, ante 
ferveat, ignifero fratriB anccerHus amore. 
99 Pacis amator homo debet zelare, propinqaos 
qui moneat fratres germano foedere ianetos, 
Ärgaat et reprobos frontosa voce saperbos: 
102 pacis ad amplexus pariter convertat et ambos. 
100 innetos Lorensana: eunetos CLM Vollmer; Pk 608, 15 ger- 
inano foedere iungunt ; 616, 36 g. foedere cönsociut; 614, 11 gt 
foedere 102 so C; ad C Vollmer: et LH et ambos C: ad 

ambos L, adulteros M, adactos Vollmer, ntrosqae Bücheler 
XVII DE CLEMENT1A 
Lnceat in vestro semper dementia vultu, 
laetificans vestxos per euneta palatia servos. 
105 Imbres laetitiae regia dementia fundat, 
dnldter nt popnlas valeat laetarier omnis, 
Viderit at vultum regis lacere serennm, 
108 darias argento fulgentem et purins aaro. 
Tgl. Via Kap. 19 : dementia (regis) sieut imber (V. 105) serotinus 
(Prov. 16, 15). Ipsa est, qnae omnibus in palatio regis ineundi- 
tatem ministrat atqne laetitiam . . ; in tno iogiter vultu resplendeat 
dementia« virtns , qnae ennetis laetitiam ennetisquo ministre. 
amorem (Hexameter?). 103 statt 'vultu' steht in C von 2. Hand 
'corde* 105 regins L laetarier, darüber letari, C 108 darns 
H 108 Pk 612, 19 Clarior argento folvoque praestantior auro; 
Via Xap. 25 (Higne 102, 964) lucidior argento et clarior auro. 
XVm DE CONS1LIO 
Accipe consilinm multis de cordibos nnom, 
qnod tibi disponens fadat discretio gratom. 
111 Utile consilinm regis confirmat honorem 
totina et regni fraes defendit ab hoste. 
Alto consilio debes disponere regnom, 
114 Rex, tibi commissum regni per competa totam. 
112 Et tötias regni L, vielleicht ursprünglich ; vgl. Pk 611, 
16 Quae totios mundi maebina enneta tenet 113 vgl. Via Kap. 
5 (Migne 102, 945 B) : Qui mnlta . . gnbernat, necesse est, nt 'alto 
consilio' prndenter enneta 'disponat', und oben 49/50 Insiitia 'to- 

5* 



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68 Wilhelm Meyer, 

ttun' cnra 'disponere regnam', quod 'tibi' rex regam 'commisit' 
rite regendam: Also: regnam tibi commissnm debes totam per 
competa regui alto consitio disponere 114 rex, seil, det CL 

114 regnam M Vollmer 114 compita H; Fk 608, 29 mundi per 

compita; 612, 27 calles et eonpita verbi currere. 
XIX DE PRAESIDIO DOMINI 
Praesidio domini firmantur braebia regis 
eins et in manibne victrix servabitur basta. 
117 Praesidio domini regnnm defenditar omne 
crescit et eximiae pollens rirtntis honore. 
Praesidiom domini custodit denique regem 
120 semper et a pravis defendit hostibas idem. 
presidio im Titel, in V. 115, 117 und 119 L 117 defende L 
118 so C; eximie pollens airtatibas enrrit L, eximinm pollens nir- 
tatibus annet IM Vollmer 120 so CL; wegen 'defendit' bat H 

corrigirt: A pranis semper defendit et bostibas illam. 

XX DE ORATIONE 

Oremus pariter toto {de) cor de rogantes, 
ut tibi praesidio caelestia porrigat arma 

123 arbiter omnipotens, ut poseis fortiter bostes 
debuccliare taos ferri de r.uspide fossos 
et valeas regnm mnltorum frangere colla, 

126 qui dominum verum nolnnt cognoscere Christnm. 
Qui deas est onus, vere cam patre colendas, 
quem superus totns cognoscit et infimus ordo, 

129 quem chorus augelicas conlaadans semper adorat 
et genitam patris totam diffusa per orbem 
ecclesia Christum cognoscit et omnipotentem. 

132 Qui mare • tellarem ■ caelam, qai caneta creavit, 
qnae mnndus totos per totnm continet iste; 
qui poaait celso lncentia sidera caelo 

135 et roseis totnm coloravit floribus orbem : 
sideribas variis superom depinxit olympum, 
muneribuB sacris mundum ditavit et imum. 

138 Qui concesstt aquis geminos prodacere fraetas, 
et diversa locis diversis ponere sanxit: 
scilic-et altilium sarsam laticnmqae deorsnm, 

141 at plebs pinnivola caeli concrescat in aoris 
et squamosa sali fluidis concrescat in nndis, 
illa poli volitans siccas transverberet anras, 

144 ista maris bibulas natans transenrrat arenas. 



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Smaragd'a Mahnbüchlein für einen Karolinger. 69 

Cuins ad Imperium rutilans adkmpadat ignis 

et tremnlas mittönt * timidae tuni tr ua voces ; 
147 nebula discurrens properat dispergere nimbos, 

grandinis ut fractoa iaculet de ventre lapillos ; 

arcos in excelso servato foedere dnrat, 
150 ne cataclysmus aqaae terrarum germina perdat; 

tendit et igniferog mundi per compita crines 

boI nimium rutilus'pulcerrimus atqiie coruscns, 
153 impleat ut totum proprio de lumine mundom. 

plnra quid enomerem? Christo parere potenti 
155 omnia festinant, quae nunc per aaecnla durant. 

no XX steht nur in der Madrider Handschrift 121 de er- 
gänzte Lorensana 124 debaccaret oos foro M, Lorenzana besserte 
(ferri orfer forti) 128 saperus aus superius eorrlgiri in M 

139 locus M 141 pinnivola Peiper, pinnibula H 141 auris 

aus anres corr. M 142 sali Vollmer, losam 31 143 siccans H 

144 transcnrrat Vollmer, transcarrit X 146 timldä tönTtrua 

Vollmer 147 nubila und nimbus? 148 fracto iacalent? 

150 nee cataclismos M 149 und 150 vgl. Genesis 9, 12—17. 

No XX = V. 121—155. Dieses Stück steht nicht in den 
Handschriften C und L (vgl. no XI), folgt aber in M unmittelbar 
auf no XIX. Vollmer dachte nicht daran, dies Stuck mit den 
vorangehenden zu verbinden, and meint, es könne von Eugen von 
Toledo herrühren. Ich glaube, daß dieses Stück zu den voran- 
gehenden 19 Sprüchen gehört und deren Schluß bildet. Denn 
die in € und L folgenden Distichen (no III) haben ebenso eine 
längere Versreihe (69—86) als Abgesang, und auch in diesen ist 
die Bede von den geistigen Waffen. Dann schließt die Anrede 
mit 'du' and der Ausdruck 'praesidio' gut an das Vorausgehende 
an und speziell an no XIX 'de praesidio domini'; ebenso beweist 
V. 125, daß ein König angesprochen wird. Endlich schließt 
Smaragd die Kapitelreihe der Via regia (Migne 102, 970), nach 
welcher diese Spruchreihe geordnet ist, mit den 2 Kapiteln: 31 de 
praesidio domini requirendo, 32 de oratione: ebenso schließen hier 
no 19 de praesidio domini und 20 de oratione. Im Anfang des 
32. Kapitels der Via nimmt Smaragd Bezug auf Kap. 31 'Kam et 
hoc intaendum est, quia ad hoc coeleste praesidium rex David 
orando pervenit ... Et tu ergo, ndelissime rex, ut domini possis 
auxilio fnltus tuum defendere regmim, eins iugiter orans require 
praesidium. Den Schluß des 32. Kapitels und des Baches bildet 
dann Smaragd durch die Wendung, auch er wolle für deu König 



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70 Wilhelm Meyer, 

beten; Kam et dos oramus semper mm apoatolo pro vobis etc. 
Dem entspricht hier gut V. 121 Oremaa pariter (d. h. du and ich), 
ut tibi praesidio coelestia porrigat arma. Der Inhalt dieses 

pathetischen Schiasses, das Lob Christi, des mächtigen Welten- 
königs, ist von dem Inhalt der Sprüche sehr verschieden. So 
wandere ich mich nicht, nur eine einzige Wendung des Smaragd 
hier nachweisen zu können: V. 151 mondi per compita = Pk 
608, 29; regni p. c. oben V. 114 and Fk 612, 27 conpita verbi. (143 
poli volitans transverberet auras: Pk 617, 48 Verberat aethereas 
volando vias). Der Bau der 35 Hexameter ist der des Smaragd: 
stets Caesar nach der Hebung; keine Elision; nor Schlußwörter 
von 2 oder 3 Silben (mit Ausnahme von 131 omnipotentem) und 
hier und da eine kurze Silbe in die Hebung gerückt. 



in 

Mahnverse in Distichen an Ludwig den Frommen. 

praesul patriae prudens et rex venerande, 
qui dignis meritis Salomon sapiens vocitaris, 
3 Dactilicis librnm quem feci versibos istam, 

accipias laeto devotus pectore toto, 
5 Ac rectis monitis, quae describontar in isto, 
ipsa tuae species animae exornetnr honeste. 
DE FIDE 
7 Recta fides domini, qui mondi cooditor instat, 
fixa in corde tuo consistat semper honesta». 
DE DILECTIONE 
9 Ipsiueque dei summi dilectio verax 
et fratrom pariter devoto pectore constet. 
DE SPE 
11 Et spes aetcrnae vitae, quae iiue carebit, 

impleat ipsa tuam semper mentem venerandam. 
DE LECTIONE 
13 Assidueqae tibi scripturae lectio sancta 
a quoquam doctore bono recitetur amanda. 

C: INCIPIUNT DISTICA EIUSDEM (Albini) AD EDNDEM REGEM {Ca- 
rolum imp.) 1 presnl L 3 L ist beschädigt, nur ac und eis sind zu lesen 
6 que C 6 isto, id est Ubro C, seil, libro L 9 Alcuin citirt : diliges douri- 
niiw . . diliges proximom 10 pariter C, simul L II aeterne C 13 ELEC- 
TIONE C 13 assidueqae WH, aseiduacque CL 14 <a' weggerissen in L 



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Smaragd'* Mahnbüchlcin für einen Karolinger. 7 

DE PACE 
15 Pacificuaque tnae consistas tempore vitae; 
namqne tonm noinen hoc designat satagendum. 
DE MISERICORDIA 
17 Ac multis largas miserator eiste frequenter, 
famc quoniam dominns tibi consistet miserator. 
DE INDULGENTIA 
19 Dimittasqne tuis, exhortor, debita multa; 
inde tibi dominus dimittet crimioa plura. 
DE PATIENTIA 
21 Ac patiens, princeps, in cunctis actibus adstes; 
nam verax patiens si sistas, martyr baberis. 
DE HTT MTT.T TATR 
23 Sis humilis, hilaris dum vivens corpore sistis, 
at caeli celsa sede excelsus videaris. 
DE CONPUNCTIONE CORDIS 
25 Pro culpisque gemens tibi sit conponctio frogi, 
quo lacrimas fnndens fletns tibi sistat amarus. 
DE CONFESSIONE 
27 Delictiqne tibi fiat confesaio vera 

et scelns inde tanm donet dens omne peractam. 
DE POENITENTIA 
29 Sic taa poeniteat te crimina sena patrasse, 
preteritam facinns deflendo, non iterando. 
DE KON TARDANDO CONVERTI AD DOMINUM 
31 Sed neqne converti tardes de crimine facto; 
mors etenioi festinat velox et neque tardat. 
DE TDHORE DOMINI 
33 Atque tuo domini timor instet corde Meli; 

nam, quicumque denm timet, hie se a crimine servat. 



17 Alcuin citirt: beati mia eri corde» , quoniam ipsi misericordiam CODM- 
quentnr 19 exortorCL; Alcuin citirt: dimttttte et dimittefar vobis 22 Alcuin: 
niartjre* esse possumua, si patientiam veraciter in animo servaions com prorimis 
nostris 24 Alcuin: humilitatis passibus ad caeli eulmina conscenditnr, qui* 

deus excelsos hnmilitate attingitor 26 lacrimis fandaa C; lacrimas fundena 

sistat L = lacrimas fundat; vgl. 23 vivens sistis = vivis 28 L bat vielleicht 
Vt, was hübscher ist 29 Alcnin : transaeta flere peccata et eadem iteram non 
agere oder praeterita plangit et iteram flenda non admittit 32 et: est? 

32 retardat C; in I, steht re über der Zeile; Alcnin citirt: Eccleri. 14, 12 mors 
non tardat SS von Atqne ist nur e erhalten in L 34 Alcnin: magna est 

cantela peccati deura semper praesentem timere 



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Wilhelm Meyer, 

DE IEIUNnS 

36 Consistantque tibi ieiunia sancta freqoenter, 
qnae caelnm penetrant et coram iadice constant. 

DE ELEMOSINA 

37 Atque freqaens a te elemosina sistat agenda, 
qnae poenis animam peccantis liberat atris. 

DE CASTITATE 
39 Ac vitam castam constieecas ferre modestam; 
nam castus domino summo hospitinm gerit in se. 
DE FRAUDE CAVENDA 
41 Et frans nnlla tibi consistat mente fideli; 

hanc qnicnmqne facit, damnnm sibi gestat inorme. 
DE FALSIS TESTD3US 
43 Ac testi quoqne fallaci tn credere noli; 
nam teufe fallax vicinos opprimit ipse. 
DE INVTOIA 
45 Invidiam fngias, qnae maltnm pectora torqnet; 
nam nil neqnras esse potest quam livor amaras. 
DE SUPERBIA 
47 Atque snperbia mente toa procnl abiciatar, 
maxima qnae labes hominis decernitnr esse. 
DE IRACUNDIA 
49 Non sistas iracnndus nee corde protervns; 
ira vir plenns nam rixas provocat atras. 
DE HUMANA LAUDE NON QUERENDA 
51 Non qneras hominom laudom propter bona facta, 
aeternae vitae sed aperes praemia digna. 
DE PERSEVERANTJA BONI OPERIS 
53 Consistasqne freqaens in factis semper hooestis; 
nam finem dominus cniasqaam conspicit almns. 
DE GULA 
55 Atqne galam nimiam non adsuescas capiendo, 
per quam terrigenae primi in loeto periere. 



36 celnm C, Alcnin: caelum transit et ad thronum altissimi dei pervenit 
38 Alcoin : peccatorum in diligentia») . . elewnosynis meremur 40 Alcoin : caati- 
tta . . apiritus Bjincti merebitur hahitationecn 42 Hau und dampnnm C ; 

Alcnin : auram habes . . in arca, sed damnnm in corde 45 qae C 46 Alcnin : 
nihil neqains potest esse inridia 47 At L 47 abiciatnr L; eiciator uel 

ablcUtnr nel aofogiatur c 48 qne G 50 tili CL 60 rizaa nam pr. C; 
Alcnin : vir iracondos, nt ait Salomon, provocat rixas 51 landem hominnm L 

52 premia L 64 cninaqnam =» coiosqne; Alcnin: non qnaeritar initinm boni 

operia, ied finis 66 terrigine L; Alcnin: per quam primi parentes bomani 

generia paradiai felicitatem perdidernnt 



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Smaragd's Mahnbüchlein für einen Karolinger. 73 

DE FORNICATIONE 
57 Laxuriamque dural depellas corpore toto, 
qnae solet nbertate libidinis esse creata. 
DE AVARITIA 
59 Ac stndeas qnoque avaritiam depellere corde, 
qnae labes tarpis valde inaatnrabilis instat. 
DE IRA 
61 Ira in mente tna imuoderans non sistat habend», 
iudicinm rectum qoae nee discemere quibit. 
DE ACCIDIA 
63 Accidiam qnoqae devites, qoae noxia constat, 
qnae facit innnmernm facinus hominem penetrare. 
DE TRIST1TIA 
65 At mala trietitia absistat de mente benigna; 
hoc nil nempe boui facti penetrare valebit. 
DE CAENODOXIA 
67 Gloria vana aimnl pellatnr corde modesto. 

haec est, qoae hominem nimiom facit esse superbum. 
DE QUATTUOR VIRTüTIBUS 
69 Hinc tibi consistant virtntes qnattnor istoe: 

iostitia, prndentia, robor, temperiesqne. 
71 His tibi coniunetia satis expugnare valebis 
iuvianm contra pugnacem bella moventem, 
73 qoi semper pngnans non cessat nocte dieqne. 

Idcirco arma tibi caelestia continoata 
75 audax aoeipias, quis decertare valebis. 

Thorax iuatitiae tna stringat membra venusta 
77 atqne tuuin galea spei capat indaat alma 

ac latus inde tnnm fidei defendito pelta 
79 et verbi domini ensia lombos cingat honeatos. 

Hoc igitnr domino placeat, qoi caneta gabernat, 
81 at his proteetas consistas miles ab armis 

68 quo C; Alcnin : qnae solet fieri ei Incontinentia libidinis 59 cor, 60 

inst: du Ende ist in L abgerissen 60 qne C; Alcnin: qnM pesti» inexplebilis 
«t 62 qne C; Aknin: nee Judicium reetae discretionis inqnirere poterit 

63 DE abgerissen in L 63 qne C 64 quo C 64 penetrare, patrare C; 
Aknin: mnlta docet mala 66 At: in L fehlt A 66 hoc, seil, uitio C; haec?, 
Alcnin: qnae nihil in bono opere proficere valet 67 cenodoxia C 68 hoc C; 
qne C 69 nirtntes Consultant L 70 robor, fortitndo C 70 temperies, 

temperantia C 73 die noctnqne L 74 cetestia C 76 qnis, pro qnibns C 
Ton 76—77 fehlen in L die Anfinge: 76 (A), 76 {Thor), 77 (Atqne) 



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74 Wilhelm Meyer, Smaragd's Mahnbüchlein für einen Karolinger. 

et post certamen belli victor habearis, 
83 iudiciique dies com Bistat valde timendns, 

in dextra domini consistas parte locandus, 
85 iustitiaeqne tibi pi'estetnr clara Corona, 

quam dominaa dabit electis in sedibus almis. 



S. den Kachtrag S. 112. 



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Die Oxforder Gedichte des Primas 
(des Magister Hugo von Orleans) no 16-22. 



Wilhelm Meyer ans Speyer, 
Professor in Qöttingen. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 9. Februar 1907. 

Die Freunde der nrittellateinischen and der alten französischen 
Dichtung werden gern vernehmen, daß ein eigenartiger und vor- 
trefflicher Dichter wieder auferstanden ist, and daß wir , statt 
mühsam die undeutlichen Buchstaben der Grabschrift zu entziffern, 
seine lebensprühenden Gedichte selbst lesen können. Es ist der 
Primas, welchen wir jetzt Magister Hugo aus Orleans, genannt 
Primas, betiteln dürfen. 

Der Käme Primas ging seit Jahrzehnten wie ein Gespenst 
durch die Literatur. Herrliche mittellateinische Lieder, welche 
besonders Liebe, Wein und Spiel besingen, wurden um 1840 — 1850 
ziemlich viele von verschiedenen Gelehrten veröffentlicht So von 
Thomas Wright in Early Mysteries 1838 und im "Walter Mapes 
1841; von Du Meril in den Poesies populaires 1843, 1847 und 
1854; von Jakob Grimm in den Gedichten aus der Zeit Friedrich 
des Staufers (Archipoeta) 1844 und besonders von Schmeller in 
den Cannina Barana 1847. 

Diese Gedichte sind fast alle anonym. Natürlich suchte man 
Dichternamen und bei den unklaren Vorstellungen, welche man 
von der mittellateinischen Dichtung hatte, hielt man es für mög- 
lich, daß die Hauptmasse jener Lieder von ein und demselben 
Dichter verfaßt sei. Wright hatte seinen Walter Mapes wenig- 
stens im Titel seines Buches vorangestellt ; Grimm dachte daran, 
sein Archipoeta könne der große Unbekannte sein. Gieae- 



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76 Wilhelm Meyer, 

brecht richtete seine Aufmerksamkeit auf eine Sammlung von 10 
Gedichten in der Pariser Handschrift 3245, wo über jedem Gedichte 
Galterus de Insula als Verfasser genannt ist — eine Samm- 
lung, die 1859 W. Müldener veröffentlicht hat, — nnd hält es für 
möglich, daß Walther von Chatillon, der berühmte Dichter der 
Alexandreis, der Verfasser nicht nur dieser 10 Gedichte, sondern 
der meisten sogenannten Vagantenlieder sei. Er ahnte freilich 
nicht, wie keck interpoürt in dieser Pariser Handschrift der Text 
jener 10 Gedichte ist, so daß anch auf die Ueberschriften wenig 
zn banen ist. Hanreau wies auf die Unsicherheit hin, mit 
welcher überhaupt die Antorennamen in den Handschriften be- 
haftet sind, besonders vor kleineren Gedichten. Doch viele Ge- 
lehrten, froh wenigstens einigen Anhalt zn haben, sind bei Giese- 
brecht's Hypothese geblieben. 

Andere gingen der Ansicht nach, diese lateinischen Lieder 
seien von Studenten oder von davon gelaufenen Mönchen oder 
Geistlichen gedichtet worden, welche mittellos nnd oft verwildert 
nnd berabgekommen im Lande herumzogen (Vaganten) nnd sich 
von Tag zu Tag durch milde Gaben das Leben fristeten, die sie 
durch den Vortrag lateinischer Lieder hervorlockten. So ist unsere 
Literat Urgeschichte allmählich zu der sonderbaren Anschauung ge- 
kommen, daß die weltlichen Gedichte des Mittelalters in provenza- 
lischer, französischer und deutscher Sprache zumeist von Edel- 
leuten, die in lateinischer Sprache zumeist von Lumpen gedichtet 
seien. 

Diese Vaganten waren im 12. und 18. Jahrhundert oft zahl- 
reich zu finden und worden manchmal zur Landplage; bewaffnet 
und in Haufen haben sie sich mitunter in Klöstern und in Pfarr- 
häusern das mit Gewalt genommen, was man ihnen nicht ans Güte 
geben wollte. Natürlich erwarb sich unter ihnen Einer durch 
diese, ein Anderer durch jene Eigenschaft besonderes Ansehen. 
Daß solche Vaganten jene schönen lateinischen Lieder gedichtet 
hätten, darauf schienen auch Namen wie Archipoeta oder Primas 
zu deuten. Hat doch noch um 1230 der König von England dem 
Heinrich von Avranches den Titel Archipoeta verliehen. Freilich, 
ist dieser Heinrich ein Vagant der bezeichneten Art gewesen? 
Seine Gedichte liegen noch unbekannt in den englischen Bibliotheken. 

Wie Archipoeta, so gibt auch der Käme Primas sich als 
Spitzname, welchen eine Scbaar einem Kameraden wegen einer 
hervorragenden Eigenschaft gegeben bat. Wie zn einer Räuber- 
bande ein Hauptmann gehört, so schien der Primas, der Haupt- 
mann, gut zn passen zu dem geträumten Vagantenleben. Deßhalb 



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Die Oxforder Gedichte des Primas no 16—22. 77 

spielt in unserer Literatur dieser Primas seit einigen Jahrzehnten 
eine nicht unbedeutende Rolle. Koch Boccaccio läßt den Pri- 
masso als fahrenden Sänger in einer Novelle die Haaptrolle spielen. 

Salimbene gibt in seiner Chronik zum Jahre 1233 einen 
ziemlich langen Bericht ober den Dichter Primas (Monnmenta Qerm., 
Scriptores XXXII p. 83 — 87); allein er vermischt offenbar den 
eigentlichen Primas mit dem Archipoeta: De Primate trutanno 
et de versibus snis et ritbmis. Nota quod Primas Anrelianensis 
fuit (die Worte et de . . fuit hat Salimbene spater zugeschrieben). 
Fnit his temporibus Primas canonicum Culoniensis (das nimmt 
Salimbene offenbar aus der Confessio des Archipoeta) , magnas 
tratannus et magnns trnfator et maximus versificator et velox; 
qoi si dedisset cor snom ad diligendnm deum, magnns in littera- 
tora divina fnisset et ntiüs valde ecolesie dei. Cuius Apoca- 
lipsim 1 ), quam fecerat, vidi et alia scripta plnra'. Dann gibt 
Salimbene 6 kurze Sprüche mit kurzen Erläuterungen: Indigeo 
bobus (2 Hex.), Ne spernas munus (2 Hex.), Mittitur iu disco (2 
Hex.), His vaccis parcam (2 Hex.), In cratere meo (2 Dist.) und 
Fertor in convivio (1 Vagantenstrophe). Diese Spräche sind von 
Salimbene zum Theil später eingeschrieben: doch können sie vom 
Primas herrühren ; also werde ich sie später unter den Fragmenten 
aufführen. Zuletzt bringt Salimbene die ganze Confessio des 
Archipoeta unter dem Titel: Quod Primas excusat se Coloniensi 
episcopo suo, cui fuerat aecusatus de luxuria et de ludo et de 
tabema, et promittit emendam et petit indulgentiam. 

Salimbene bat also den ungenannten Dichter der Confessio 
zusammen geworfen mit dem Primas, der in etlichen Anecdoten 
genannt war, welche er nach und nach sammelte und zusammen- 
schrieb; aus der Confessio entnahm er die Kölner Notizen; erst 
ganz spät hat er aus einer andern Notiz das Wort 'Anrelianensis* 
eingeflickt. Aehnlich hat G-iraldns Cambrensis den Dichter 
der Confessio und seinen Golias zusammengeworfen (Wrigbt, Hapes 
p. XXXIX). Die Zeitangabe des Salimbene ist ganz phantastisch. 

Diese Nachrichten des Boccaccio und des Salimbene können 
also höchstens Zeugniß dafür geben, daß Ruf und Ruhm des Primas 
weit verbreitet gewesen ist. 



1) Diese grobkörnige Satire gegen die verschiedenen Stünde des Cleras und 
gegen die Manche hat Wrigbt unter dem N tauen des Walter Map (S. 3), Müldener 
unter den 10 Gedichten des Walter von Chatillon (S. 19) gedruckt; auch der 
Name des Alauns findet sich in Handschriften vorgesetzt. Dies grobe Gedicht 
ist sicherlich ebensowenig vom Primas verfaßt als von dem gelehrten Walter 
ven Chatillon oder von Alauus. 



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78 Wilhelm Meyer, 

Daß etwas historische Sicherheit über den Dichter Primas ge- 
wonnen worden ist, verdanken wir Leopold Delisle. Am 27. No- 
vember 1868 hat er der Pariser Akademie eine Arbeit vorgelegt 
'Notes sur quelques Manuscrits de la Bibliotheqne de Tours' (Bib- 
liotheqne de l'Ecole des Chartes 29, 1868, S. 596—611). Darin 
bespricht er auch eine in der Hft no 206 enthaltene Compilatio 
singularis exemplornm. Darans theilt er S. 605/6 vier vom Primas 
gedichtete Sprüche mit sammt den sie erläuternden Anecdoten: 
Canonici cur canonicum (2 Hexameter; auch in Arras Hft no 799); 
Res est arcana (2 Hex); Istnd jumentam (1 Hex.) und Claudicat 
hoc animal (1 Hex.); die beiden letzten soll der Primas gedichtet 
haben 'facdens moram Anrelianis'. S. 607 fügt er ans einer Hft 
zn Avranches no 104 zwei Spräche mit dem Namen des Primas 
bei: In cratere meo (2 Dist.) und Cum novus a domino (2 Hex.) mit 
He res diverse (2 Hex); endlich weist er hin auf einen Spruch 
Hoc vinom putre (2 Hex.) in der Pariser Hft 152, der Überschrieben 
ist: Hugo Primas priori de Campis Sancti Martini. 

Delisle's Interesse für den Primas war dadurch geweckt, und 
so konnte er schon am 4. Mai 1869 der Societe 1 de l'Histoire de 
France mehr mittheilen. In der Arbeit 'Les Ecoles d'Orleaus an 
donzieme et an treizieme siecle (s. das Annuaire-Bulletin der So- 
cdete 1869 S. 139—154) erwähnt er S. 147, daß Henri d'Andeli 
in dem Gedicht 'la Bataüle des sept Art»' die Vorhat des Heeres 
der Grammatik befehligt sein läßt von 'Le Primat d'Orliens et 
Ovide'. Hauptsächlich aber bringt er (S. 148 and 153) einen 
Bericht des Historikers Francesco Pippino bei, den ich hier 
anführen will. 

Chromeon Francisci Pippini (Liber I cap. 47) nach Mu- 
ratori Scriptores IX 628: Primas versificator egregius fuisse 

his temporibus traditor, scilicet imperante Frederico I et maxime, 
dum Lucins buias nominiB III papa Romanas sederet (1181 — 1186). 
Huius ingeniam fuit ultra humanuni versificari elegantins et re- 
pente. Ex quo inter ceteros versificatores vir ipse illnstris habitua 
eet eximius et excellens, cnias exstant opera mira. Quod aatem 
temporibus Lucii papae faerit, apparet, qood, dum ipse Primas 
canonicos esset Aurelianensis et idem papa fuisset in Gallia, 
rogavit eom Primas saper obtenta anius benefieii. Quem cum 
obaadientem (non?) invenisset, invehit his versibns contra eom: 
Lucius est piscis rex et tyramius aquaram, 
a qao discordat etc. 
Qoae iam superins descripta habeotnr, nbi agitar de Lacio papa. 
Fertnr quoqne, quod, dam in curia Romana super eins in arte 



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Die Oxforder Gedichte dei Primas no 16—22. 79 

versificandi ingenio, an reliquos praocelleret, qnaestio verterotur, 
dictum est, aliam esse, qai longo eo in arte ipsa praecelleret. 
Domqne inter maltos praelatos et illiteratos viros de plnralitate 
et excellentia ainborum amica tarnen contentio verteretur, tarnen 
(tandem?) ad hec sopienda data foit materia per colleginm cardi- 
nalium papae mandato, at saper ea ambo veraificari deberent. 
Brat antem materia breve scilicet compendiom novi et veteris 
Testamenti: qai igitor paacioribas eam comprehenderet versibns, 
ille haberetnr eximius. Primas duobas, alias quataor eam compre- 
hendit versicnlis. Hi aatem fuerunt PrimatiB versns, qai 
intercalares dieuntur: 

Qaos angais tristi virus malcedine pavit: 
hos sangois ChriBti mirus dolcedine lavit. 
lUos vero qnatnor versus nonqaam reperi vel andivi. 

(Muratori IX 597 = Pippino I cap. 11): Hie est LncioB, de 
quo ille versificator eximins ei excellens Primas, qai eo tempore 
agnoscitur, hos vemcalos edidisse fertar, qai tales sunt: 
Lucios est piscis rex et tyraimus aquarum, 

a quo discordat Lacias iste parura. 
Devorat hie homines, hie piseibus insidiatnr; 

esnrit hie semper: hie aliqnando satnr. 

Amborom vitam si lanx aeqaata levaret, 

plus rationis habet, qai ratione caret. 

Dieser Bericht des Francesco Peppino ist wahrscheinlich nur 
ans einigen Anecdoten fabricirt, wie deren Delisle aus der Hft 
von Tours welche veröffentlicht hat. Daß er zur Zeit des Lucios 
III. (1181 — 1186), also Friedrich Barbarossa's gelebt habe, ist aus 
dem Epigramm auf Lucios gefolgert; wohl aus der dazugehörigen 
Erzählung ist genommen, daß er Canonicus in Orleans gewesen 
Bei; ebenso ist die andere Anecdote mit dem Epigramm 'Qaos 
angais' die Quelle für seinen Aufenthalt 'in curia Romana'. Doch 
diese Anecdoten Bind sehr unsicher; z. B. ist Lucius HI. nicht in 
Frankreich gewesen and' 1181 wäre der Primas fast 90 Jahre alt 
gewesen. Fast das Interessanteste Bind hier die Worte 'cnins ex- 
stant opera mira'. 

In diesen Jahren war eine neue, wirklich werthvolle Nach- 
richt über den Primas gefunden worden, welche Delisle zu einer 
3. Notiz aber den Primas veranlaßt hat: 'le Poete Primat' in der 
Bibliotheque de l'Ecole des Charles 31, 1870, 302—311. Hierin 
weist Delisle zurück auf die bereits erwähnten Zeugnisse; dann 
erwähnt er noch eine Stelle des Thomas von Capna ans dem 
Anfang des 18. Jahrhunderts, welcher nach Thorot, Notices et 



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80 Wilhelm Meyer, 

Extraits XXII, II 418 unterschied: Dictaminum tria genera: pro- 
saicum at Cassiodori (wohl wegen der Variae), metricam at Virgilii, 
Titbmicam at Primatis. Dies Zeugniß ist seltsam ; denn der Primas 
hat mindestens ebenso viele metrische <1. h. quantitirende Verse 
gedichtet als rythmische d. h. silbenzählende. Haoptsä'chlich 

aber bringt Delisle (S. 307 — 311) einen Znsatz, welcher in einer 
c. 1171 abgeschlossenen Erweitang der Chronik des Riebard 
von Poitiers eich findet. Die alte Hft liegt in Rom (Vatican 
Regin. 1911), eine junge Abschrift in Paris. Dieser Zusatz, den 
auch Weiland im Neuen Archiv für deutsche Geschichtskunde XII 
8. 66 hervorhebt, lautet nach den Monumenta Germaniae, Scrip- 
tores XXVI 81: 

His etenim diebos (a. 1142) viguit apud Parisius quidam sco- 
lasticos, Hugo nomine, a conscolasticis Primas cognominatus, per- 
sona quidem vilis, vultu deformis. Hie a primeva etate litteris 
secolaribus informatus propter faceciam suam et litterarum noti- 
ciam fama sai nominis per diversas provincias divulgata resplenduit. 
Inter alios vero scolasticos in metris ita faenndus atque promtus 
extitit, ut sequentibus versibus omnibus audientibus caebinom mo- 
ventibus declaratnr, quoa de paapere mantello sibi a quodam pre- 
sule dato declamatorie composuit : 

De Hcgone lo Primat Anreliauensi (Handschrift An- 
reliacensi). Hoc indumentum tibi quis detüt? an fuit emptum? 
usw. Diese Verse sind in meiner Sammlung no 2. 

Darnach also war der Dichter unansehnlich und häßlich, und 
war seinem Beruf nach scolasticus d. h. wohl Lehrer. Eigentlich 
hieß er Hugo, erhielt aber wegen seines hervorragenden Dichter- 
talents den Beinamen Primas. Hngo Primas heißt er ja auch in 
der Ueberschrift des S. 78 citirten Epigramms an den Prior von 
Saint-Martin-des-Cbamps. Diesem Znsatz zufolge hielt er sich 
um 1142 in Paris auf. Doch schon das beigefügte Gedicht hat 
die Ueberschrift 'De Hugone lo Primat Aureliacensi' : das hat 
Delisle mit Recht zu Aurelianensi geändert. Denn nicht nur 
Henri d'Andeli nannte ihn 'Primat d'Orliens', sondern auch die 
Florentiner Abschrift des 23. Gedichtes hat die Ueberschrift 'opus 
Hngonis Aorelianensis Primatis'; dann erwähnt der um 1260 ge- 
fertigte Catalog der Bibliothek des Richard de Fournivalle Pe- 
lisle, Cabinet des Hannscrits DI 631 no 110) 'versus Primatis 
Aureliauensis' ; endlich hat ja Salimbene, welcher, der Confessio 
folgend, ihn früher nach Köln versetzt hatte, spater aus anderer 
Quelle nachgetragen 'Nota quod Primas Aorelianensis fuit'. 

Delisle hat nicht bemerkt, daß ein längeres rythmisches Ge- 



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Die Oxforder Gedichte des Primas. 81 

dicht des Primas schon längst gedruckt war in Wright's Walter 
Mapes 1841 S. 64 — 69 (bei mir no 23) 'Divea eram et electna'; 
freilich hatte Wright selbst nicht bemerkt, daß der Dichter sich 
Primas nennt. 

Dazu sind später noch einige Sprüche gekommen. Dies Material 
hat HanriSau besprochen in der Histoire litteraire de France, 
XXX 1888 S. 288—293. Im VoL XXXI (1893) S. 16/17 macht 
er noch aufmerksam auf die Erfurter Handschrift no 10 in 8°, 
wo die Blätter 121 — 138 etwa 900 grammatische gereimte Hexa- 
meter enthalten mit dem Anfang: 

Camina qui fingit aat metrs, poeta vocatnr. 

Im Catalog des Amplonins (von 1410) werden diese Verse so 
beschrieben: 'Versus differenciales Primatis, sed non est finis'. 
Allein in der Hft selbst ist von einem solchen Titel nichts zu 
sehen, nnd beim Durchfliegen fand ich in diesen Versen nichts, 
was an den Primas erinnerte. 

Das ist, was wir bis jetzt vom Primas wissen. Delisle, 
welcher das von Wright gedruckte Gedicht nicht kannte, nimmt 
von dem Primas Abschied mit den Worten: Primat n'est point, ä 
proprement parier, tra poete dont la valenr pnisse B'apprecier 
d'apres des compositions reelles et anthentiqnes : c'est nn type 
lcgendaire, c'est la personnification de l'ecolier farcenr et quelqae 
pea maavais sujct. Comme tel, il mirite encore d'etre etudie : 
car il nons revele nn cöte fort cnrieox de la vie de nos anciennes 
nniversites. Möge der wirkliche Dichter ihn am so mehr erfreuen ! 

Haaräaa kannte das von Wright edirte Gedicht nnd hat 
es selbst noch einmal gedruckt (Notices et Extraits de quelques 
mss., VI 129). Das Gedicht ist freilich, weil eminent persönlich, 
schwierig zu fassen. Haurcau macht es deßhalb kurz ab und führt 
seine Leser auf eine Hypothesenhöhe , von wo aas er ihnen ein 
Land der Verheißungen zeigt: nouB croyons, qu'U conviendrait de 
restitner an Primat du XU' siecle ploBieurs des poemes rythmiqaes 
qui sont attribaes ä celui da XIII" (d. h. bei Haureau : dem Archi- 
poeta) par Salimbene mal int'orme, et d'antres encore, que l'on 
rencontre dans les manascrits oa les imprimes bous les noms de 
Golias, de Mapes ou sans nom (Hist. litt, de France 30 p. 291). 
Diese schönen Aassichten Haareau's sind leider eitel Dunst, allein : 
die Wirklichkeit ist schöner. 

Dl« Oxforder Handschrift Rawlfnson G 109. 

Bei Forschungen über Handschriften mittellateinischer, welt- 
licher Gedichte stieß ich im Sommary Catalogne of Western 

K(l. Om. i, Wim. NtrhriekUn. PhUeloj.-hlrtor. IIhh 1007. BMI I. 6 



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82 Wilhelm Meyer, 

Manuscripts in the Bodleian Library at Oxford . . by F. Madan 
(III 1896, 432) auf no 15479, welches dort so beschrieben ist: 

HS. .Rawl. Gr. 109 In Latin, on parcbment: written abont 
a. d. 1200: 7 1 /« x 4 B / 8 in., IV + 268 pages. 

1 (p. 3). Abont two handred Latin poems, a large nnmber 
of which are by Hildebert of Lavardin bp. of Le Mass, afterwards 
arcbbp. of Tours (d. 1139). Tbe first beg. 'Hospes erat michi se 
plernmqne professos amicnm', the next 'Puntificnm spuma fex cleri 
sordida strnma': among the noticeable ones are: (p. 21) Some 
macaronic poems, half French, half Latin : (p. 33) the poem by 
Hildebert on his exile, beg. 'Nnper eram locnples' : several poems 
abont the Siege of Troy (p. 99), begg. 'Dioiciis orto specie', 'Uiribns 
arte minie' (ascribed to Petrus Sanctonensis by tn. Haoreaa), 'Per- 
gama flere uolo', with others, at the end of which is (p. 124) 
'Explicit Anrea Capra super Yliade rogatu comitis Her.', referring 
to Simon Cht vre d'Or (a leaf or more seems to be wanting front 
early times before p. 115, where tbe work of Simon beging ab- 
raptly 'Neue stet urhis bonos'): and (p. 125) a poem on tbe 
origin and natnre of things, beginning with a a preface in hexa- 
meters (beg. 'Congeries informis adhac'), the text being in ele- 
giacs (beg. 'Ergo siderihns lenie ether'). Dann folgt no 2 (p. 143) 
Ovid de Remcdio Amoris usw. 

Ich habe versucht, von diesen abont two hondred Latin poems 
wenigstens ein Verzeichnis der Initien zu erhalten: doch meine 
Bemühnngen sind vergebens gewesen, nnd ich war gezwungen, 
selbst nach Oxford zu gehen, wo ich Anfang Oktober 1906 sech.-! 
Tage arbeiten konnte. Da sah ich, daß allerdings von der Mitte 
der Seite 30 ab diese Handschrift Gedichte enthält, wie sie zu- 
meist unter dem Namen des Hildebert oder des Marbod gedruckt 
sind. Dagegen im Anfang, Seite 8—30 Mitte, hat der Schreiber 
eine kostbare Sammlung benätzt. Was er hier abschrieb, war 
eine Sammlang von Gedichten des Primas. Große and 
kleinste selbständig gezählt, sind es 23. Von dem 3. fehlt sicher 
ein großer Theil; anch das 10. zählt hier nur 74 Verse, während 
ich es anderwärts 101 Verse umfassend gefanden habe. Darnach 
ist die ursprüngliche Sammlung sicher am manchen Vers, ja viel- 
leicht am manches Gedicht reicher gewesen. Der Wortlaut ist 
in dieser, wohl in Frankreich geschriebenen, Handschrift leidlich 
überliefert; doch kann eindringende Forschung noch manchen 
Schreibfehler entdecken. 

Allein was bürgt dafür, daß dies Gedichte des Primas sind? 
Selbst wenn Kamen übergeschrieben sind, ist daB oft Fälschung: 



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Die Oxforder Gedichte des Primas. 83 

hier aber findet sich nicht einmal irgend eine Ueberschrift. Sprache, 
Metrik, die ganze geistige Atmosphäre müssen zum Bilde des 
Primas passen: allein sie können doch nnr Beweise zweiten Ranges 
bilden. Den Beweis liefert ein in der Literatur äußerst seltener 
Fall, auf welchen hier Niemand hätte hoffen können. Dieser 
Dichter Hugo war sehr selbstbewußt und stolz anf seine Dicht- 
kunst. Der Beiname Primas, der Heister, war ihm deßhalb nicht 
zuwider, sondern er war stolz auf ihn, so stolz, daß er in seinen 
Gedichten den Namen Primas angebracht hat, woesnarging. 

Ich gebe zunächst eine Uebersicht der 23 Gedichte. 

1 Hospes erat michi se plerumque professus amicum, 

voce michi prebens plurima, re modicum 
19 Distichen, Caudati 1 )- Der Primas (V. 11 und 26) wird im 
Spiel vom Gastfreund ausgeplündert. 

2 A. Pontificum spuma, fex cleri, sordida struma: 2 Unisoni 

B. Hoc indumentnm tibi quia dedit? an fuit emptum: 6 Leonini. 

C. Pauper mantelle, macer absque pilo sine pelle: 15 Leonini 
oder Unisoni. 

23 Leonini. Dem Primas (V. 20) wird ein Mantel ohne Pelz 
geschenkt 

3 Orpheus Euridice sociatur amicus amice 

62 Leonini; unvollständig Orpheus in der Unterwelt 

4 Klare iube lentos et lenes, Eole, ventos 

16 Leon. (9 Unis.) Für Imarus wird günstiger Wind erbeten 

5 Ulceribus plenus victura petit eger egenus 

14 Leonini (4 Unisoni) Des Lazarus Lohn, des Reichen Strafe 

6 Idibus hia Mai miser exemplo Menelai 

30 Leonini (11 Unisoni). Die entschwundene Flora wird von 
dem Dichter gerufen (V. 15 maior ero vates; 16 vincam pri- 
mates) 

7 Quid Inges, lirice? Quid meres pro meretrice? 

49 Leonini (32 Unisoni) Der Dichter läßt sich trösten mit 
der Schlechtigkeit der Dirnen (V. 1 lirice; 18 dulce sonante 
Camena; 43 partesque dabit tibi primas) 

8 Jussa lupanari meretrix exire parari 

51 Leonini (6 Unisoni) Wie's die Dirne treibt. 

1) Caadati nenne ich solche Verse, wie oben: 2 Zeilen mit gleichem End- 
reim; Leoeini: Zeilen mit gleichem- Innen- and Endreim, wie Orpbens Eurydice 
■ociatur amiens ami«; Unisoni: 2 Zeilen mit (4) gleichen Reimen in beiden 
Zeilen : Pontificum spuma fex cleri sordida Struma, Qui dedit in bruma michi 
mantellmn sine pluma. Vgl. meine Ges. Abhandlungen 1 S. 82/84. 



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84 Wilhelm Meyer, 

9 Urbs erat illnstris quam belli clade bilastris 
hier 52, sonst 58 Unisoni Auf Troia's Ruinen 

10 Post rabiem rixe redeante bilnstris Ulixe 

hier: Annas erat decimus et mensis in ordine primas 
hier 74, sonst 101 Leonini (36 Unisoni) Ulysses erfährt bei 
Tlresias in Theben die Lage der Fenelope no 9 and 10 sonst 
erwähnt als 'carmina Primatis de excidio Troie' 

11 Primas pontifici: bene qaod ladis audio dici 

B Leonini (2 Unisoni) 'convenit, nt bene potes' 

12 Res erit archana de pellicia veterana 6 Unisoni 

13 A. Me ditavit ita vester bonus archilevita (2 Leon.) 

B. Ve michi mantello, quia sam donatus asello (2 Unis.) 

14 A. In cratere meo Tetis est sociata Lieo (2 Dist. nnis.) 

B. Res ita diverse licet ntraqne sit bona per se (2 Hex. nnis.) 

15 Vir pietatis inops cordis plus cortice dari und 
Verba quidem snnt severa (Stabatmater- Strophen) 

9 Hex., alle anf t xai' reimend, nnd 94 rythmische Zeilen 
Der Primas (V. 42 nnd 91) fliegt die Treppe herab 

16 Ininriis contomelüsqne concitatas 

152 Alexandriner in Tiraden (mit franzosischen Wörtern) 
Bittere Satire gegen den Bischof in Beanvais, Panegyricus anf 
den Clems in Sens. Primas Y. 100 nnd 139 

17 Alta palns mea parva salns etasqoe senilis 

4 Distichon, Candati Will nicht mitreiten 

18 Ambianis urbs predives quam preclaros habeB cives 

117 solche rythmische Zeilen Lob der Schule des Albericas 
in Reims, Angriff aaf Abaelard (?). Primas V. 10 nnd 21 

19 Egregins dedit hanc iuvenis clamidem sine pelle (2 Candati) 

20 A. Auxilio pellis clades inimica paellis (2 Leon.) 

B. Nee palices ledunt qnia pelle vetante recedant (2 Leon.) 

21 A dneibas Primae petiit duo dona daobos (2 Candati) 

22 (D)els ego, qninqne talit solidos malier peregrina (2 Candati) 
28 Dives eram et dileetns, Inter pares preelectos 

180 rythmische Zeilen in Tiraden Der Primas (V. 21 64 
168), aas der Gesellschaft der Kleriker vertrieben, klagt seine 
üble Lage nnd greift den Capellanns heftig an 
Also 454 quantitirte Verse (427 Hexameter + 27 Pentameter), 

nnd 543 rythmische (373 Zeilen zu 8 _ «, 18 Zeilen zn 7 u_ nnd 

152 Alexandriner zu 6 + 6 w_) = 997 Verse. 

In 8 Gedichten nennt sich der Primas: no 1 2 11 15 16 
18 21 nnd 23; in no 6 nnd 7 bezeichnet er sich ziemlich deut- 



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Die Oxforder Gedichte des Primas. 85 

lieh ; no 9 and 10 sind ziemlich sicher die im Bibliotheks-Catalog 
des Richard von Furnival and des Amplonins erwähnten 'Metra 
sen carmina poetica egregü poete Primatis de excidio et hystoria 
Troye optima' ; unter dem Namen des Primas kommen in anderen 
Handschriften vor no 12 and 13. Von den 23 Gedichten sind 
also 14 mit voller Sicherheit oder mit sehr großer Wahrscheinlich- 
keit dem Primas zuzuweisen. Die übrigen dazwischen stehenden 
9 Gedichte kommen sonst überhaupt nicht vor oder, wie no 8, 
ohne Antorname. Allein bei ihnen gilt, wenn irgendwo, der Sprach 
'ex angae leoaem'. 

Denn nicht mir ein genialer, sondern auch ein sehr eigen- 
artiger Dichter ersteht für ans aas diesen Oxforder Gedichten. 
Auf der einen Seite ist er gelehrt and kennt die antike Literatur 
gut; seine Hexameter sind gut gebaut; sein lateinischer Ausdruck 
ist reichhaltig und trifft stets die Sache; unübertrefflich ist er im 
Finden der schwierigsten Reime. Ebenso ist er Heister in den 
rythmiseben Versen: will er, so sind sie tadellos gebaut; aber er 
fühlt sich als Herrscher : wo es ihm für seine Ziele gut scheint, 
überschreitet er die üblichen Regeln, wie besonders im 16. Ge- 
dicht, wo der ungebundene Ton der altfranzösischen Dichtung ihm 
mehr paßte. Aber sein Primat zeigt sich besonders in den 
Gedanken. Den Vorzug seiner Landaleute, den klarsten Ausdruck, 
vereinigt er mit dem Vorzug des begabten Dichters, eine Fülle 
von kleinen Zügen zu finden, welche vereinigt ein lebenswarmes 
und Jeden packendes Ganze ergeben. Als Dichter reicht der 
Primas in der Tiefe der Gedanken und Empfindungen, wie in der 
Pracht und dem Reichthum der Bilder nicht an den Archipoeta; 
ilim eigen ist außer der klaren Sprache und den lebendigen Einzel- 
heiten ein merkwürdig urwüchsiger und volksthümlicher Ton. Da 
ißt keine Spar von dem gelehrten Professor und Dichter Walther 
von ChatiUon ; einfach und echt menschlich sind die Empfindungen 
wie die Ausdrücke , und selbst die gelehrten Gedichte , wie z. B. 
die Betrachtungen auf Troia's Rainen, könnte, wenn die lateinische 
Sprache nicht hinderte, auch ein Ungebildeter mit richtigem Nach- 
empfinden anhören. 

So schildert er, wie beim Würfeln der volle Geldbeutel leer wird : 
Paulatim caput ineipiene dimittere pronum 

paulatim cepit perdere harsa sonum, 
Queque prius grandi residebat turgida culo, 

evacuata iacens ore tacet patulo; 
Que fuit in cena feeunda, loquax, bene plena: 

nee vox nee sonitus mansit ei penitns. 



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86 Wilhelm Meyer, 

Allein der Löwe zeigt erst dann seine volle Kraft, wenn er 
gereizt ist. Dann schnellt der Primas auf den Angegriffenen die 
Verse wie Pfeile in dichtem Schwann, jeden mit einer andern, 
aber alle mit scharfer Spitze; selbst der bissigste Straßendichter 
in Paris könnte das heutzutage nicht besser machen. Die Schärfe 
dieser Angriffe ist kulturhistorisch wichtig. So weiß im 16. Ge- 
dicht der Primas noch nicht Vieles gegen den neoen Bischof seines 
Wohnsitzes; nur daß er bisher Abt war: gut, sagt der Primas zn 
dem Stadtklerus, sie sollten nur 2 Jahre warten; dann könnten 
sie sehen, wie der Bischof diese and jene Schandthat begehe; dabei 
malt er mit Einzelheiten, wie er abscheuliche Paederastie begehen 
werde. Er sagt selbst, daß das nur Vermuthangen sind, wie es 
kommen werde: allein diese brandmarkenden Verse worden öffent- 
lich vorgetragen und verbreitet. Derartige Gedichte haben wahr- 
scheinlich zumeist den Rohm des Primas geschaffen : aber ich furchte, 
sie haben auch viel Trübsal in sein Leben gebracht. 

Das 16. Gedicht lehrt, daß der Primas kurz vor 1094 geboren 
ist. Wie der Zusatz in der Chronik des Richard von Clnny be- 
richtet, war er persona vilis, vulta deformis ; im 15. Gedicht nennt 
er sich selbst einen Zachaeus : also war er klein und häßlich. Um 
so eher begreift sich seine Richtung zur bittern Satire. Er 
studirte die antike Literatur mit dem besten Erfolg (a primeva 
etate litteris secularibus eruditus). Dann wählte er die Lehrer- 
thätigkeit als Lebensberuf ; scolasticus nennt ihn die Chronik, und 
im 15. Gedicht läßt er die Pariser heftig schelten über einen 
'dominus, qui de nostro bono vate, de magistro, de Primate, 
täte fecit facinus'. Allein andere Eigenschaften hoben ihn höher. 
Er wurde berühmt wegen Beines Witzes (propter facetiam suam), 
vor Allem aber seiner Dichtkunst halber; ibrethalber erhielt er 
den Namen Primas. 

Aber offenbar war der kleine, häßliche Mann nicht nur seines 
dichterischen Genie's sich sehr bewußt, sondern auch außerordent- 
lich leidenschaftlich. Wenn er an einen neuen Ort kam, schaffte 
sein Ruhm ihm gute Aufnahme; sein Witz ließ ihn rasch Freunde 
gewinnen; aber bei längerem Aufenthalt machten scharfe, bissige 
Witze manchen Freund zum Feind, und, wenn er dann von dem 
Gekränkten selbst Unangenehmes erlitt, so wurde sein Zürn maß- 
los; er bemeisterte sieht nicht, sondern überschüttete den Gehaßten 
mit den giftigsten Versen. In Gedichten, wie no 15 16 und 23, 
ist es notwendig, aber schwierig abzuwägen, wie Vieles oder wie 
Weniges von den Anklagen des Primas wahr sein mag, und bei 
der Beurteilung solcher Gedichte muß man besonders stellen die 



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Die Oxforder Gedichte de« Primu. 87 

Kunst des Dichters und besonders die üble Leidenschaftlichkeit 
des Menschen. 

Dichter von solchem Charakter werden oft, ja meistens vom 
Glück geflohen.. So auch der Primas. "Wie die Gedichte zeigen, 
war er vorübergehend in Amiens und in Sens, längere Zeit in 
Reims, in Beauvais and in Paris. Ergreifend, aber wohl nicht 
viel übertreibend, schildert er im 23. Gedicht seine alten Tage: 

l Dives eram et dilectns, 78 victnm quero verecundus. 

inter pares preelectns: 82 Enutritus in Piero, 

modo carvat me senectud eruditns snb Bomero: 

et etate sum confectas. sed dam mane victam quero 

70 Paupertatis fero pondus. et reverti cogor sero, 

mens ager, meus fnndns, iam in brevi (nam despero) 

domns mea totos maiidus, 87 onerosus vobis ero. 

quem pererro vagubundus. 90 Parnm edo, parom bibo. 

qnondam felix et fecnndns venter mens sine gibo 

et facetas et facandas, et contentns parvo cibo 

movens iocos et iocnndos, plenas erit parvo libo; 

qnondam primus, nunc se- et, si fame deperibo, 

cnndns, 95 colpam vobis hanc ascribo. 
Jetzt, wo die Eigenart dieses Dichters uns deutlich wird, wird 
es nach möglich, andere, nicht in der Oxforder Hft stehende Ge- 
dichte, als Schöpfungen des Primas zu erkennen. Das werthvollste 
unter diesen scheint mir das von Wright, Political Songs of Eng- 
land 1839 S. 51 veröffentlichte Gedicht 'In nova fert animus . . 
Ego dixi dii estis' zu sein. Dies Gedicht ist nicht 'npon the 
tailurs' geschrieben, sondern gegen die Geizhälse, welche getragene 
Kleider nicht Ändern schenken, sondern immer wieder umändern 
lassen. Dies Gedicht zeigt durchaus den Geist, die Sprachgewalt 
und die Formen des Primas. Freilich so viel die erhaltenen Ge- 
dichte des Primas von geschenkten Kleidern oder Pelzen sprechen, 
von diesen Kleider-Metamorphosen sprechen sie nicht. Aber doch 
ist ein solches Gedicht des Primas uns sonst angekündigt. Denn 
in dem Gedichte 'Nullus ita parcus est', welches in den Carolina 
Burana S. 74 no 194 Str. 5 beginnt, heißt es in Strophe 14 statt 
'Hoc Galtherus subprior iahet in decretis, ne mantellos veteres 
refarinetis' in einer andern Hft : Primas in Remensibus 
iusserat decretis, ne mantellos veteres vos renovaretis. 

Die wieder gewonnene Kenutniß dieses Dichters stellt einen 
neuen Typus in die Reihe der mittelalterlichen Dichter. Sie 
bereichert insbesondere die Geschichte der mittellateinischen Lite- . 



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88 Wilhelm Meyer, 

ratur. "Wir sehen jetzt, daß der große Dichter, der Archipoeta, 
der um das Jahr 1162 als junges Blut in Pavia nach den Mäd- 
chen guckte, einen Vorgänger hatte, der ihm, wie das 2. Gedicht 
zeigt, Vorbild gewesen ist, den Primas, welcher nm diese Zeit gut 
60 Jahre alt gewesen wäre. 

Aber im Allgemeinen wird man hoffentlich endlich aufhören 
die mittellateinischen, so mannigfachen Lieder, besonders die über 
Wein, Weib und Spiel, von denen die Carmina Barana eine Probe 
geben, einerseits auf emcn Dichter, gar auf den gelehrten Walther 
von Chatillon, oder anderseits auf die verlumpten Vaganten zu- 
rückzuführen. Allerdings sind diese Lieder von Leuten ge- 
dichtet, welche in der lateinischen Sprache unterrichtet und dabei 
auch im Versemachen geübt worden waren. Diese Leute aber 
waren damals die geistige Blüthe Deutschlands, Frankreichs und 
Englands. Zunächst sind gewiß der studirenden Jagend die meisten 
und feurigsten dieser Lieder zu danken. Aber auch von den 
älteren Herren, Geistlichen, Juristen, Hedicinern, haben gewiß da- 
mals, wie zn allen Zeiten, noch viele die Dichtung geliebt und 
haben viele Blumen zu dem reichen Kranze der mittellateiniachen 
Dichtung gespendet. Vor allem waren dazn berufen die Lehrer 
der lateinischen Sprache, des schönen Stils und der Dichtkunst, 
zn welchen Posten ja Berafsdichter am meisten geeignet waren; 
zu dieser Schaar scheint der Primas gehört zu haben. Diese 
älteren Herren mögen besonders die großen, die epischen Gedichte 
verfaßt haben, aber auch die zahlreichen historischen Gedichte, 
dann die scharfen Satiren gegen das Treiben in der Kirche und 
im Staat. So ist das Gedicht des Walther von Chatillon (no 9 
bei Miildener) 'Ut membra conveniant' nicht ein trockenes Lehrge- 
dicht, sondern, nach den besten Handschriften, ein großer akademischer 
Vortrag in Prosa und Vers, gehalten am fest 'Laetare' vor dem 
versammelten Volke der Universität, worin das die drei Fakul- 
täten beherbergende Gebäude der Universitäts -Wissenschaft ge- 
schildert wird. Je mehr der Forscher in dieses Gebiet eindringt, 
um so vielgestaltiger und inhaltsvoller zeigt sich das geistige und 
speziell auch das poetische Schaffen jener Stnnn- und Drang-Periode. 

Eine der originellsten Gestalten dieser großen Zeit ist der 
Primas gewesen. Wie all die 10 Gedichte des Archipoeta, so sind 
die meisten Gedichte des Primas Gelegenheitsgedichte. In diesen 
Gedichten durften, ja mußten diese Dichter von sich selbst und 
ihrer Umgebung reden. Die Gedichte waren zunächst nur für die 
ersten Hörer bestimmt, und nur diese konnten alle Anspielungen 
verstehen. Wir können nur mit vielem Nachsinnen uns einen 



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Die Oxforder Gedieht« des Primae, no 16. 89 

Tbeil des ursprünglichen warmen Lebens wieder gewinnen. Deß- 
halb will ich diese Gedichte in einigen Gruppen veröffentlichen 
und sie nach meinen Kräften zu erklären versuchen. Diese 1. 
Abteilung soll die Gedichte no 16—22 umfassen, da das 16. nnd 
das 18. Gedicht für die Geschichte des Dichters selbst die be- 
deutendsten von allen sind. 

B = Oxford, Codex Rawlinson G 109, p. 8—30. Ich benutzte 
eine Photographie, welche ich mit Unterstützung der Gesellschaft 
der Wissenschaften von Horace Hart M. A. in Oxford hatte an- 
fertigen lassen, dessen Kunst ich Vieles verdanke. 



XVI 

Iniuriis contomeliisque concitatns 
iam diu coneepi dolorem nimium. 
Nunc demnm rompere cogor silencium, 
4 cernens ecclesie triste supplicium 
et cleri dedecns atqwe flagicium. 
Ker quant vos volez faire d'evesche electinm, 
currentes queritis intra cenobiom 
8 l'abe 6 le prior vel camerarium, 
ut cleri sit caput gerens capacium, 
cncnlla indicet super pellicium; 
et, quem denn fecit prineipem omnium 
12 et ki sor toz devreit aveir dominium, 
clericus monacho facit Dominium, 
(p. 20) Quem ai aliquante vidissem obvium, 
pntassem vidisse gründe demoninm; 
16 ker le jor m'avenist graut inforfunium, 
o j'eusse la nuit malum hospicioin. 
Vos iratrem linquitis et intra gremium 
matris ecclesie nutritum filium. 
20 Ce fait invidia, servile viciam, 
que stridet, no» ridet, cum videt provehi socium. 
Or est vennz li moines ad episcopinm, 

Oxford, Codex Rawlinson Q 109 (Summary 16479) — B, p. 19. Bei den 
französischen Stellen half mir riel Prof. A. Sttroming 3 rnnpere R 6 nam 
qutmdo ntltü facere eptteopi ekttimtm 8 abbaten* aut priorem 10 cacnla R 
10 suppellicium mit Strich durch du 1. p - saperpelliciam R 12 jui super 

omnu debtret habere 15 domoninm R 16 nam {hoc) äut mihi aeeidit magnvm 
16 iuforninm R 17 auf habui {hur) nocte 22 nunc venu monaOmt 



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90 Wilhelm Meyer, 

pallidum et macer propter ieiuninm: 
24 Bed mox assidno Stridore dentiom 

sex frasta devorans magnorum pisciom, 

in cena consximens ingentem lnciom, 
inpinguatur ingrassatur infra biennium, 
28 porcorwm exemplo rebus carenciam. 

In claastro solitus potare flnvium, 

ore fait de furz vins tantom düuviam, 

que Von le porte el lit par les braz ebriam. 
32 Ore verrez venir milia milinm, 

de parenz, de nevoz tnrbam, dicencinm: 

je sni parewz l'cvesche, de bs cognatinm. 

Da»t fait cestai canoine, hunc thesaararinm ; 
36 eil, ki servierant per longnm spacram, 

amittant laborem atque servicinm. 
Tristis hypoerita, quem tos eligitis, 

adeptus honorem non suis meritis, 
40 primitus apparet et bonus et mitiB; 

omnibus inclinat cerviceni capitis, 

paratus prestare, si quid exigitis. 
43 Sed primis duobus annis preteritis 
(p. 21) iam feras apparet et sevus subditis, 

vexat tos et gmvat causis et placitis. 

Secedit ad vilfas in locis abditis; 

qoant est priveement et in absconditia, 
48 camibifs utitur regula vetitis. 

Si poecat rabies la*civi capitis 

et presto sit puer, filiws militis, 

qwe il deit adober pro suis meritis, 
52 qwj virgam aascitet mollibus eligitis 

plus mena que moltan harte des genitis. 
Tunc prima« apparet vestn dementia, 

quando poutificis incontinentia 
56 et vanitas patet et ayaritia, 

in quibusdam folie et ignorantia. 

Caveat deioeeps Belvacws talial 



25 fntstra R 27 inpiogatur K 30 nunc faeit tortium vinorum 31 «t 
eum portent in leetum per braehia 32 nunc indebiti* venire 83 parentium 

nepotum 34 tum parent epiteopi, ex tua eognatisme. 85 horum faeit m(ihm 
canonicum 36 Uli, gut 46 alias R 47 quando est privatim 47 ebecü- 
ditii R 49 laciui R Gl quem ille debet armare (remttnerari) 53 erebrüu 
quam artet pultat genitalibvt 67 stultitia 



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Die Oxforder Gedichte des Primas, no 16. 

ei quando veoerit res necessaria, 
60 eslizez prüde clerc de turba socia; 

mandet'ir filio msier eccWia, 

nt mater filii sit in custodia. 

tinc cessent inier voa, si q'<a sunt odia, 
64 et latenB invicem malivoleneia. 

Nel di pas por cestoi: assez bnen home i a. 

bien set corteiseement faire scutilia 

et manches de colteis atque fnsilia 
68 et marmoacz de fast et bis similia. 

Hoc heue previdit nrbs Senonensinm 

et plebis et cleri sanum consilium, 

ki inolz voldrent eslire Meiern film*» 
72 quam querere foris advenam aliom. 

Mais nu vasal i out, qui, gerens baculwm, 
(p. 22) habere voluit mitram et anulnra 

et grandem dedisaet nnrnmorum comulum; 
76 nam vasis aareis hontrasset mulum, 

ut posset ascribi namero presulom. 

Cil, ki primant vocem out en l'eslectiinn, 

at vir magnanimus reiecit precium, 
80 tarpis simonie devitans vicium: 

elegit et cepit honesta*» socium, 

cleri leticiam, amorem avium. 

In eo convenit voluntas omninm, 
84 neque scisma fait neque discidinm. 

Molt m'a del suen done; trestuit Ten mercinm; 

je foi l'altrier a Senz entor l'acensiuin; 

nee fni spacio daorum mensiom. 
88 TTnques n'oi in mnndo si bnen hospicium. 

kis man seignor Reinalt, virum propiciom. 

Si vellem dicere dulce serviemm, 

daorum scilicet adolescenciam, 
92 vestes et caligas wicht trahenciwnl 



60 eligiU probum clericum 65 por : p und darüber da» Zeichen für nr B 
66 mm id dico propter istum • natu bonus homo w est 66 bene tat eurioliier 
faetre 67 manica* cuttellorum 66 motteüa de ligno 71 qui magi» volut- 
runt cligtre 73 »ed imtnit ibi fuit 74 mittram R 78 iüe qui p. v. habiit 
m tleetione 85 multum mihi suarum verum dedü; omne» ei oratio» habemut 

{habeamut) 86 fui nuper Senonum in eivitate circa ftatunt atcensionii 

87 d R:hic? 88 nunquam Kabui i. in. (am bonum 89 viaitavi meum do- 

minum Heinaldum 69 progpicinm R, propicium W. Meyer 



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92 Wilhelm Meyer, 

Nee erant pilosi more bidencinm, 

nee mnrmur resonans amtradicenciam. 

fnge snspicari par mal intencium ! 
96 in hoc servicio non fuit vicium; 

etas eniiii mea Tergit in Senium. 

Archidiaconus cepit consilium; 

apela Johannem consiliarium : 
100 Mei covient al Primat a faire anxilinm; 

ker il despendra molt ad hoc concilium. 

Avant m'aveit done antun pellicram: 
108 an cheval me dona, bonum cnrsorinm, 
(p. 23) pingnem et invenem, Ambulatorium, 

ne clop ne fareimos neque trofarram. 

equitem remisit meam maneipiam. 

(N)m«c laude« dicamus precelso iuveiii, 
108 iuveni corpore, sed moribws senil 

Nos(ra Calliope, nunc michi subveni, 

ne landern deteram ob culpa»! ingeni 

et iram iwcorram dulcis et sereni, 
112 et munws merear avene et feni. 

Dicam de maximo iavenwm itrrene: 

opem ferte michi, Clio, Helpomene! 

docte tos forsita» detinent Athene 
116 et delectabiles poetarum cene; 

Bed, qne tos retinent, laxentur catene. 

Cetere sex ibi maneant Camene: 

tos antem, qne turbe prineipes novene, 
120 nostre prineipinm date cantilene, 

nt cantare qneam de Aommo bene, 

ne mandare seinen videar härene. 

Certws som de dono prandii vel cene, 
124 sfd adhuc de dono dabi»s avene. 
(T)u«c reapondit -onus de turba: 
Re vera semen sterili conmittis härene. 

Tu enint cantabis dalciu# Sirene, 
128 dulcius Orpheo sea cigno sene, 

delectabilius voce philomene, 

95 in malam parte» 99 appellamt 100 me deeet Primati facert 

101 «am dependet multum 101 consiliwn R, coociliam IT. Meyer 102 ante* 
nühi dederat 103 equwm mihi dedit 106 ntque doppum neque f ar e mme mtm 
106 troUrinm W, Meyer: trorium R 107 Lücke, dann c R 112 s«l? 

126 Lücke, dann 5 R 



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Die Oxforder Gedichte des Primae, no 16. 93 

et eloquentior eris Origene, 

cum tun dabontur dne mine plene. 
182 Se je bien le conui, 

frater, tn metitiris et no« dicie bona. 
(p. 24) Kam Carmen proferam tarn pinm, tarn lene, 

quod vobis madebunt pietate gene, 

136 Ne quid stalte dicam, Iesa, ta me teae! 

Dicatur inveni: Gloria iuvennm, 

paapmun adiator et baculus sennm, 

.Primatem procorat panperem, egenom, 
140 annum iam agentem plus quam qumqaagenom. 

U me fesist gront bien ad nngaem, ad plenum, 

s'il me volsist doner avenam et fenom. 

Seignors, ker li pmez proprer Nazarenum, 
qwod ipse dignetur prestare avenam et fennm. 
146 Ändrin l'a done il, ki n'a plen son penum, 

et i'en ai mis en gage et sellam et frenam. 
Maie mis sire Richarz, quem misit Anglia, 
148 super me commotus misericordia : 

No» es(, ait, virtus, sed est socordia; 

nee habent banc morem in nostia patria, 

quod dives prebeat clerico prandia, 
152 equus non habeat noetc eibaria. 

Dona mei an fastainne et vadimonia 

inaaper redemit. 
155 Cai eit gloria et gratis, et copia 

omnmm bonorum per secula secaloram. 

(Erläuterungen za no 16) Dies Gedicht ist dem Inhalt, 
wie der Form nach ein Unicom and ein CarioBom. 

A cimlich, wie ans die Formen dieses Gedichtes, mögen dem 
Horaz die Formen des Lacilins vorgekommen sein. Wie Lacilius 
viele griechische Wörter, so hat der Primas hier in etwa 45 Zeilen 
französische Wörter in die lateinische Rede gemischt. Der 
Primas hat in den vorliegenden 23 Gedichten außer in diesem 16. 
wohl nur noch in das 22. ein französisches Wort, das erste, ge- 

132 ti benc tum novi 136 ihü R 141 mihi faeeret magnum bonum 

142 ti mihi veüet dare 143 pp mit Strich durch dm 1. Schaft R 143 dä- 
mmt, ergo «um prteamini 145 kinna R 145 Andreae id dtdit, qui habet 
plenum mm« 146 tgo dedi in pignus 147 seil dominus meus Richardu* 
1S3 dtdit mihi fustamum lö3 uadimodia R, vadimonia W, Meyer. 



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94 Wilhelm Meyer, 

setzt. Dann ist das Gedicht 'Ego dixi dii estis' (Wright, Political 
Songs p. 51) nach meiner Ansicht (s 8. 87) vom Primas gedichtet: 
hier haben 9 (von 90) Zeilen fmnzösische Wörter eingemischt, 
ganz regellos, wie sie im 16. Gedicht eingemischt sind. Häufiger 
ist in diesen Zeiten die andere Art von Mnccaronigedicht.cn : in 
diesen ist immer ein bestimmter Theil der Langzeile, vor oder 
nach der Caesnr, fremdsprachisch. 

Von den 156 Zeilen sind 3 Prosa (1. 125. 155); "V. 126 ist 
ein Hexameter. Die übrigen 151 Verse Bollen Alexandriner 
Bein , also 6 + 6 Silben zählen. Doch , wo den Dichter der Geist 
fortreißt, mißachtet er die Schranke der Sechssilber: Z. 21 beginnt: 
Qne Btridet'non ridet, com videt; Z. 144 qnod ipae* dignetnr -pre- 
stare ; Z. 27 inpinguatur ' ingrassatur. 

Es bleiben also 148 Zeilen, welche aas 6 + 6 Silben bestehen. 
Diese Alexandriner schließen in der mittellateinischen Dichtung 
die beiden Sechssilber regelmäßig steigend: 

ut mater filii sit in custodia, 
entsprechend dem Vorbilde: 

Maecenas dtavis edite regibus. 
Ich habe (Ges. Abhandlangen I 260) nar wenige Beispiele beige- 
bracht für die Unregelmäßigkeit, daß Kurzzeilen sinkend schließen 
statt steigend. Die schlimmsten Beispiele bot der spate Dichter 
Enstache Deschamps (ca. 1340 — 1405); doch er hat seine wenigen 
lateinischen Verse nach dem Master seiner sehr vielen französischen 
fabricirt. Der Primas dagegen, welcher solche Unregelmäßigkeit 
in den andern rythmischen Gedichten sich nicht erlaubt, hat sie 
in diesem Maocaronigedicht sehr oft sich erlaubt; also hat gewiß 
auch er schon diese Freiheit der altfranzösischen Verstechnik ent- 
lehnt. Vgl.: 

2 iam diu coneepi dolorem niminm. 
76 nam vasis aureis onerasset mülum. 
40 primitus appäret et bonos et mitis. 

Von den 151 Zeilen schließen hier 50 die erste, 35 die zweite 
Kurzzeile mit sinkendem Tonfall. 

(Taktwechsel) Da schon die beiden Sechssilber des Vor- 
bildes 'Maecenas atavis' und 'edite regibus' verschiedenen Fall 
sowohl der Versaccente als der Wortaccente haben, so ist auch 
der Tonfall der 2 oder , bei sinkendem Schlosse , der 3 ersten 
Silben dieser rythmischen Sechssilber frei gegeben, d. h. sie be- 
ginnen bald mit einer Hebung bald mit einer Senkung: 
Nunc demum rumpere cogor süentium. 



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Die Oxforder Gedichte de« Primas, no 16. 95 

Daktylischer Wortschlnß, der von guten Dichtern in 
längeren Knrzzeilen gemieden wird, wird in diesen SechsBilbern 
nur von den feinsten gemieden; vgl. meine Ges. Abhandlangen I 
122: der Primas läßt ihn hier in 15 Sechssilbern zu; einmal sogar 
in den beiden SecbBsilbern einer Langzeile: 

48 carnlbus atitar regülä vetitis. 

Den Hiatus hat der Primas, wie in den andern Gedichten, 
so auch in diesem nur selten zugelassen: 14 si aliquando; 112 
svene etfeni; 127 tn enim. Da er auch zwischen den beiden Sechs- 
silben nur 1 Mal (144 prestare avenam) Hiatus zugelassen hat, 
so erhellt, daß er die beiden Knrzzeilen nicht als selbständige 
Zeilen angesehen hat, was ja schon der Mangel des Reims anzeigt. 
Zwischen französischen Wörtern scheint in V. 51 and in der Caesar 
von V. 65 Hiatus zn stehen; dann zwischen lateinischen and 
französischen Wörtern in V. 88 und in der CaeBur der Verse 67 
und 102. 

Der Reim ist stets zweisilbig and rein, mit einer Ausnahme. 
Denn in Nachahmung der altfranzösischen Dichtung Bind sinkende 
und steigende Reime gemischt: non suis meritis und et bonus et 
mltis; nunc michi sübveni und dnlcis et sereui; iuvennm iävene 
und laxentar catene. Die Hauptsache aber sind hier die Tiraden: 
d. h. durch gleichen Reim wird eine kleine oder größere Zahl von 
Zeilen (hier von 4 bis 3b 1 Zeilen) zn einer Gruppe zusammen ge- 
schlossen. Diese Reimtiraden (vgl. meine Ges. Abhandlungen II S. 
385/6) waren in der alten Zeit der rythmischen lateinischen Dich- 
tung sehr beliebt. Daher bezog diese Dichtungsform die alte 
spanische und französische Diebtang, welche diese Tiraden sehr 
häufig anwendet; aber die lateinische Dichtung des 11. — 13. Jahr- 
hunderts kennt sie fast nicht. Wahrscheinlich hat der Primas 
diese volkstbümliche Form eben der altfranzösichen Dichtung ent- 
lehnt. Er hat sie in diesem Gedicht und im 23. angewendet, und 
von ihm hat sie wohl der Archipoeta entlehnt, der sie im 2. Ge- 
dicht anwendet. Nachdem die Entrüstung des Primas mit der 
ersten, längsten Tirade von 36 Zeilen auf ium losgebrochen ist, 
beruhigt sich seine Leidenschaft in den übrigen 9 kürzeren Ti- 
raden. Drei dieser Tiraden haben den Reim ium, 2 den Reim 
ia; die anderen 5 haben verschiedene Reime. Einige Male findet 
sich die Unregelmäßigkeit, daß dasselbe Reimwort in derselben 
Tirade 2 Mal steht: 80 = 96 vitium; (98 consilium, 101 conci- 
lium?); 116 = 123 cone; 121 = 133 bene; 142 = 144 fenum. 

Inhalt Der Primas nennt sich als Dichter V. 100 und 
139. Verfaßt ist das Gedicht in Beauvais und soll nach Sens 



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96 Wilhelm Meyer, 

gesendet werden; vgl. z. B. 137 Dicatur iuveni. Die Y. 125 ge- 
nannte 'tarba' sind also Einwohner von Beaavais, welche den 
Primas umstehen, als er dies Gedicht zum ersten Male vorliest. 

Wie die Form, so erinnert anch der Inhalt dieses Gedichtes 
an das, was wir von Lndlius hören. Wie in einer Satora rollt 
eine Anzahl von Bildern an nns vorüber, welche zunächst wenig 
Zusammenhang zu haben scheinen. In V. 1 — 68 werden die Kle- 
riker von Beaavais hart getadelt, daß sie nicht einen der Ihrigen, 
sondern einen Abt zn ihrem Bischof gewählt haben; mit grellen 
Farben wird dann ausgemalt, wie der Heuchler bald seine wahre 
Niederträchtigkeit enthüllen werde. Der folgende Theil, der 
Hanpttheil des Gedichtes (V. 69 — 156) geht Sens an. Die Kleriker 
von Sens werden gelobt, daß sie nicht einen ehrsüchtigen Abt, 
der darnach strebte, sich zum Bischof gewählt haben, sondern 
ein Mitglied ihres Kapitels, der bei Allen beliebt sei (V. 69 — 84). 
Das habe er, der Primas, neulich selbst gesehen, als er, um Himmel- 
fahrt, 2 Monate lang in Sens verweilte, wobei er vom Bischof 
beschenkt wurde und bei Herrn Reinalt eine ausgezeichnete Her- 
berge hatte (V. 86 — 97). Der Arcbidiacon in Sens schenkte ihm 
zuerst einen Pelz, dann ein treffliches Reitpferd (V, 98—106). 

Der Primas ruft nun die Musen zu Hilfe, damit er nicht nur 
dem Geber danke, sondern damit er auch noch Heu und Hafer 
für das Pferd oder statt dessen das Geld dafür, 2 Minen, erhalte 
(V. 107 — 124). Ein Zuhörer meint zwar, dazu sei keine Hoff- 
nung (V. 128 — 131), allein der Primas stellt doch seine Bitte um 
Heu und Hafer für das Pferd; der gütige Geber habe ja solches 
dem Andreas geschenkt, der es gar nicht nöthig hatte, während 
er, der Primas, schon Sattel und Zaum hatte versetzen müssen 
(V. 132 — 146). Auch habe ein vornehmer Engländer, Herr Ricbarz, 
ihm Recht gegeben, ja die verpfändeten Gegenstände ausgelöst, 
wofür ihm Gott danken möge (V. 147—166). 

Das Gedicht ist geschrieben, um den Leuten in Sens, welche 
den berühmten Dichter und witzigen Gesellschafter trefflich be- 
wirthet und beschenkt hatten, zu danken. Dazn gesellte sich der 
lustige Nebenzweck, ob er vielleicht unter dem humoristischen 
Vorwand, das geschenkte Pferd müsse doch Futter haben, durch dies 
Gedicht ein weiteres Geschenk erlangen könne. Das war gewissen- 
raaßen sein gutes Recht. Wenn ein Dichter einem reichen Herrn 
ein Gedicht vortrug, so hatte er dafür eine Gabe zu beanspruchen. 
Das in Sens geschenkte Pferd hatte der Primas für vorangehende 
Verdienste erhalten ; schickt er jetzt ein neues Lied und gar einen 



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Die Oxforder Gedicht« des Primae, no 16. 97 

Lobsprach, so kann er dafür, nach seiner Logik, auch eine neue 
Gabe erwarten. 

Aber was soll vor diesem Haapttheil des Gedichtes die lange 
Einleitung in V. 1 — 68? Sie soll wohl zunächst künstlerischer 
Absicht dienen. Nach der Schilderung der schlimmen Verhältnisse 
in Beauvais treten die reizenden Verhältnisse in Sens in wohl- 
thnendem Lichte hervor. Wurde der Primas in Beaavais wirklich 
so schlecht behandelt, wie die beiden ersten Verse sagen, so lag 
es um so näher, der hinunelblanen Scenerie von Sens die finstere 
von Beaavais gegenüber zu stellen. 

Sonderbar ist freilich, daß der Primas nirgends andeutet oder 
sagt, welches Unrecht ihm geschehen sei. Die Redefreiheit war 
damals groß; allein dieser maßlose Angriff auf den tatsächlichen 
Bischof seines Wohnortes läßt doch fragen, welche Stellang der 
Primas in Beaavais eingenommen habe. Eine geistliche Function 
kann er nicht ausgeübt haben. Wahrscheinlich war er damals in 
Beaavais Magister, d. h. er gab Unterricht am Geld. So konnte er 
allenfalls einen solchen Angriff auf den Bischof der Stadt wagen, 
zumal wenn vielleicht damals, wie so oft, zwischen der Bürger- 
schaft und dem bischöflichen Kapitel Differenzen bestanden. Aber 
auch dann gehörte die maßlose Leidenschaftlichkeit des Primas 
dazu, einen noch Unbekannten im Voraas so zu verartheilen. Und 
gestorben ist der Primas sicher nicht in Beaavais. 

Die Zeitbestimmung dieses Gedichtes ist besonders wichtig. 
Offenbar ist in Sens ein neuer Bischof vor nicht langer Zeit ge- 
wählt worden. Das zeigen die V. 69 — 84 erzählten Umstände der 
Wahl. Der Gewählte war bisher Mitglied des Domkapitels. In 
Beaavais ist ein Abt zum Bischof gewählt worden; daß das nicht 
zum ersten Mal geschah, scheinen die Verse 6 und 7 anzudeuten : 
quant vos volez faire d'evesche electium, qoeritis intra cenobium. 
Die Wahl hat vor knrzer Zeit stattgefunden. Vgl. V. 22 Ore est 
venuz li moines ad episcopium, macer propter ieionium; sed 
mox . . ingraBsatur infra biennium; 32 ore verrez venir . . de parenz 
de nevoz turbam. V. 38 Tristis hypoerita . . primitus apparet 
et bonos et mitis: sed primis duobus annis preteritis iam feros 
apparet . . . Tone primum apparet vestra dementia, quando ponti- 
fifiis Incontinentia patet. Es ist allerdings auffallend, wie hier 
fast immer das Praesens steht statt des Futurs; doch ist sicher, 
daß die Wahl in Beauvais vor nicht 2 Jahren, ja vielleicht erst 
vor Karzern erfolgt ist. 

Innerhalb der äußersten Grenzjahre, etwa 1120 — 1160, haben 
wir in Sens folgende Bischöfe: 1097—1122 Daimbert, früher Propst 

. PMltlof ,-Utt. Dum. 1W7. Rvfl 1. 7 



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96 Wilhelm Meyer, 

1122—1 142 Heinrich I, froher Kanoniker. 1142—1168 Hngo, vorher 
Praecentor. In Beanvais finden sich die Bischöfe: 1114 — 1133 
Petras, früher Kanoniker. 1133-1144 Odo II, vorher Abt 
1144—1149 Odo III, vorher Abt 1149—1162 Heinrich, vorher 
Mönch, aber ein Sohn des Königs. 

Für unser Gedicht passen einzig nnd allein die Bischofswahlen : 
Sens 1142 and Beanvais 1144. Also hat der Primas dies Ge- 
dicht im Jahre 1144 oder 1146 geschrieben. Der so 
schwer angegriffene Bischof von Beanvais ist Odo HI, der gelobte 
Bischof von Sens Hugo. 

Jetzt sind wir auch im Stande, die GeburtBzeit des Pri- 
mas zu bestimmen. Wenn er im Jahre 1144/45 dichtete: V. 97 
Etas mea vergit in Senium, and Y. 140 Primatem . . annnm nun 
agentem plus quam quinquagenum : so ist der Primas wenige 
Jahre vor 1095 geboren. 

(Erläuterung einzelner Verse) Die Anfangsworte 'Iniurns 
contomeliisque concitatus' glaube ich schon gelesen zn haben. Sind 
sie ein berühmtes Citat, dann ist die große Keckheit des Dichters, 
ein Gedicht mit einer Zeile Prosa zn beginnen, etwas entschuldigt 

S die ununterbrochene Kette von 36 Keimzeilen auf ium soll 
den endlich losbrechenden Sturm der Entrüstung malen S vgL 
Horaz Epod. ö, 86 rnmperet süentinm 8 Camerarii finden sich 
auch in Klöstern: ad camerarii officium pertinent omnes censns et 
reditns monasterii 9 vgl. Abaelard im 12. Brief 'si . . ecclesi- 
asticae personae de monasteriis electae clericornm offieiis praefi- 
ciantar, ipse quoque habitus monachalis tanta dignitate praeminet, 
nt semel assnmptus deponl non debeat capucium : an die capa 
angesetzte Kopfbedeckung; cuculla: Kopfbedeckung mit Hantel; 
pellicinm: mit Pelz besetztes Gewand, wie es auch die Kleriker 
tragen; vgl. V. 102; dann 12, 1 pellicia veterana 14 'vidissem' 
und *pntassein' stehen wohl irrthümlich für 'vidcbaui' nnd 'putabam' 
21 Auch die Zeilen des Abaelard 'o mentem amentem iudicis' 
habe ich als zerlegte und dann erweiterte Sechssilber erklärt, Ges. 
Abhandlungen I 347 26 sex beziehe zn piscium 26 dem 
Primas wird ein sehr bissiges Epigramm zugeschrieben, worin der 
Pabst Lucius mit dem Hecht (lucios) verglichen wird; vgl. oben 
S. 79 28 carencium sc. antea 29 fiuvium = Flußwasser 
32 milia milium Dan. 7, 11; Apok. 6, 11 38 Matth. 6, 16 hypo- 
critae tristes 41 Judith 16, 2 inclinato capite; Bar. 2, 21 in- 
clinate cervicem 69 d. h. Tod eines Bischofs 66 scutilia 
wohl = scntella, Schüsselchen; fasilia wohl von fasus, Spindel; 
marmosez de fast sind wohl ans Holz geschnitzte groteske Fi- 



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Die Oiforder Gedichte du Primas, no 16. 99 

garen 73 — 77 dieser Nebenumstand der "Wahl ist uns sonst 
nirgends berichtet 78 ein Dekret, in welchem die Erwählung 
des Hugo verkündet wird, ist zuletzt gedruckt in der Bibliotheqae 
historique de l'Yoime II 1863 p. 608. Es stammt allerdings mit 
den 7 andern daselbst gedrückten Schreiben ans einer vor 1160 
in Sens zusammengestellten Formelsammlung ; doch möchte ich an 
seiner Echtheit nicht zweifeln. Denn wenn z. B. Rainalt, der 
Abt von St. Johannes Baptista (der doch wohl von dem 'man 
seignor Reinalt' in V. 89 verschieden ist) so fein stilisirte Briefe, 
wie sie in dieser (noch nicht veröffentlichten) Sammlung sich finden, 
zur Uebong and als Master verfassen konnte, so schrieben er und 
Beine Genossen für wirklich an sie herantretende Fälle gewiß nicht 
schlechter; und die Rennprosa, welche in diesen Briefen herrscht, 
war damals auch in vielen wirklichen Schreiben gebraucht 87 
'nee' ist mir zweifelhaft. Weßhalb sollte der Primas sagen 'und 
ich bin nicht 2 Monate lang in Sens gewesen', statt positiv 'bei- 
nahe 2 Monate lang'? Vielleicht ist 'nee' verwechselt mit 'hie'. 
89 prospieuum würde falschen Reim geben 90 si scheint statt 
eines Ausrufes gesetzt zu sein, eine volkstümliche Wendung 
93 nee . . pilosi d. h. sauber rasirt and gekämmt 97 vgl., V. 140 
98 vgl. XIII A: Me ditavit ita vester bonos archilevita, Ditavit 
Boso me monere tarn pretioso. 101 das handschriftliche 'con- 
siliam' habe ich in 'conciliom 1 geändert. Freilich findet sieb in 
diesem Gedicht dasselbe Reimwort in derselben Tirade wiederholt; 
ich habe auch nicht finden können, daß 1144 oder 1145 in Sens 
eine kirchliche Versammlung abgehalten wurde; aber was für ein 
'Consilium' kann den Primas nach Sens gezogen haben? V. 106 
ist schwierig. Ich fasse ihn so : als der Primas von Beaavais nach 
Sens reiste, ritt er, sein Diener ging zu Faß nebenher. Einen 
solchen Auf ssag schildert wohl I 11: Dedecns est, Primas, quod 
sit quadrapes tibi solas. Da aber jetzt der Archidiacon ihm ein 
zweites Pferd geschenkt hatte, so konnte auf der Heimreise sein 
Diener ebenfalls reiten. So ist auch durch 'remisit', wie XVIII 
18 durch 'remisisti', dem Hörer der Ortswechsel geschickt ange- 
deutet 110 Horaz Od. I 6, 11 lande« . . culpa deterere ingeni 
11g Horaz Epi. I 5, 27 cena prior . . Sabinum detinet 128 und 
126 vgl. Ovid Her. V 115 quid arenae semina mandas? 124 
'certas sam', d. h. iam aeeepi 186 vgl. den ebenso merkwürdigen 
Zwischenruf im 23. Gedicht V. 96—98. Diese Zwischenrufe sind 
Zeugnisse des Ungestümes, das diesen Dichter trieb; zugleich da- 
für, daß seine Gedichte nnr für lebendigen Vortrag bestimmt 
waren 127 'enim' wäre völlig erklärt, wenn nach V. 131 eine 

7* 



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100 Wilhelm Meyer, 

Zeile ausgefallen wäre 'aber ich fürchte, er wird dir dennoch nicht 
mehr geben'. Aach der halbe Vers 132 deutet auf eine Störung 
in der Ueberliefernng 135 qnod = ut eonsecuHtmm 186 tene 
= retine, cave 188 Tobias 5, 22 und 10, 4 baculus senectutis 
nostrae 141 'ad plenum' ist schon antike Phrase; dann vgl. 
Eoraz Sat. I 5, 32 ad nngnem factus homo 147 auch das Fol- 
gende geschah noch iu Sens; vgl. 153 vadimonia redemit 148 
Tgl. z. B. Luc. 7, 13 misericordia commotus super eara 154 res 
in vadimonium datas redemit et mihi reddidit. 



xvn 

Alta palt» ■ mea parva salus etasque senilis 

ine remanere iubent et via difficU». 
Ecco cauat terram sonipes pede parvi« acuto; 

4 vis retinere -potesi ungula fixa lato. 
Quod si me tecwm iubeas equitare, grovabor, 

decrepitumque senem contcret iste labor. 
Vesfra qtiidetn bonitas vestrum ditabit amicutn: 
8 aed reqwiescenti suffleeret modicum. 

3 cavat W. Meyer: nacat R 

Form. 4 Distichen. Caudati; der 1. Hexameter hat Binnen- 
reim, trininus saliens (s. Ges. Abhandlungen I 82 und 86). Nur 
der 1. Hexameter hat weibliche Caesnr. Die Schlußworter der 
Hexameter sind zwei- oder dreisilbig; aber nur 2 Schlußwörter 
der Pentameter sind zweisilbig. Eine Schlußsilbe auf m vor einem 
Vokal oder vor h findet sich nicht. 

(Inhalt) Der Dichter soll mit einem reichen Gönner aus- 
reiten. Wegen schlechten Befindens bittet er um Entschuldigung, 
läßt aber durchblicken, daß er wenigstens auf ein kleines Geschenk 
hoffe. V. 4 Zu 'retinere' ist 'nunc' (equum) zu erganzen. V. 
7/8 Wenn der Primas mitreitet, so sei ihm ja eine schöne Gabe 
sicher; bleibe er daheim, so genüge ihm eine kleine: Schmeichelei 
und Bitte geschickt vereinigt. sufficeret höflich statt sufficiet. 

xvm 

(p. 25) Ambianis, urbs predives, 
quam preclaros habes cives, 
quam honesta»» habes clernm! 

4 Si fateri velim verum, 
sola rebus in mundanis 



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Die Oxforder Gedichte des Primae, no 17-18. 

hoc prefulges, Ambiamd.V ;• "'.- 

quod nee cleram nee pastorem 
8 osqtiafn vidi meliorem. 

Quam sia plena pietate, 

est ostensat» in Primate. 

panper erat«, spoliatus; 
12 apparebat naduw latus; 

spoliarat me latronom 

seva manus et predonum. 

Et qui erant tii latrones? 
16 Deciani tabulonca. 

Nil habentem in ernmena 

remisisti bnrsa plena. 

Ergo Remis, rivitatom 
20 prima tenens prindpatam, 

tibi mandat per Primatem, 

quod te facit optimatem, 

at bis iiiia. de snpremis, 
24 digna proles aacre Remis. 

Tante matri, tarn preclare, 

obedire, sapplicare, 

Caput sau/H exaltare: 
28 illud erit impf rare; 

tantar» matrem venerari: 

illud erit dominari. 

Remis enim per etatei» 
82 primam tenet dignitatem: 

aed, quod habet ab antiquo, 

nunc augetur eub Albrico. 

Per haue Remis orbs snprema, 
86 per hunc portat diadema; 

per hu«c folget in Corona. 

Quam conmendant mnlta bona: 

secZ pre ennetis hanc divine 
40 fons illostrat diseipline, 

fons preclarus atque ingis, 

fons doctrine mm de nugis, 

non de falsis argainentia, 
44 aed de Christi sacramentis. 

Non hie artes Marciani 



i prima R, primam W. Meyer 39 cuetis I 



DgizedDy G00gle 



WiibeTnvhleyer, 

_ a^Ü» [SaHes* PriBciani, 
'. -. V ifi»' Bic vana poetaram : 
, \ '■ 48 sed archana prophe/arnm, 
•• * non leguntur hie poete: 

Bed Iohannes et prwphete; 

non est scola vanitatis: 
52 Bfd doctrina veritatis ; 

ibi nome« non Socratis: 

aed eterne trinitatis; 

non hie Plato vel Tlümews: 
56 hie aaditur onus dem; 

nicht? est hie nisi sanc/um. 

Sed in scolü disputantojn 

sunt discordes et diverai, 
60 aberrantea et dispersi: 

quod hie negat, ille dicit; 

hie est victus, ille vicit; 
(p. 26) doctor totom contradicit. 

Noa concordeB super idem 
65 confitemur anaw fidem, 

tum»» deom et baptisma. 

Non hie error wque scisma, 

aed paz omnis et consensns; 
69 hinc ad deum est ascensns. 

Ergo iure nosfra scola 

singularis est et sola. 

Scolam dixi pro doctrina: 
73 o mntare possnm in a 

et quam modo dixi scola»», 

iam habentem Christi stolam, 

appellare volo scalam. 
77 Hie peccator somit alam, 

alam snmit, ut ascendat, 



58 soot disputatü R 64 Im Brie. Museum im Codex Cotton Vespasian 

B. 18 in 4° (= C) besteht das 29. Matt aas einem Fetschen Pergament, etwa 2 
Zoll hoch, 1 Zoll breit Es war einst der obere innere Anfang dea Blattes. Die 
Vorderseite enthalt anschließend an Bl. 28 Strophen der Apocalypsis 'Die trip. . ., 
Qiia mich! . ., Et ne . . (Wright, Map S. 19). Die Rückseite enthalt noch T. 64 
—77 unseres Gedichtes ; geschrieben im 13. Jht. Ton jedem Verse fehlt der 1. 
Buchstabe. 64 concordes C, discordes R 67 cisma C 68 ( )et paz C 
68 consenstts: concensns C, confessns R 69 ascensns 0: aeeeesu R 78 possn 
R, possem C 76 fthlt in C 77 suntmit C 



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Die Oxforder Gedichte des Primae, no 18. 

nt ad deum volans tendat. 
Hie fit homo dri tentplnm, 
81 Frope satis est exemplom: 
ecce mistet Fredericus 
comes com/s et amicus, 
et cum eo Adelardus 
85 valde dives Lougubardus ; 
generosMs paer Oto 
et quam pletrea pari voto 
hie aggressi vi&m vite 
89 sacri degutit heremite; 

per hanc seolam sarsnm- tracti 
Bunt celorum civee facti; 
hoc preclaro fönte poti 
93 modo ieo Bunt devoti. 
Vos, doctrinam qui sititis, 
ad hunc fontent qui venitifl 
andituri lesum Christum, 
97 andietis foretn istom? 
In conventn tarn s&cmto 
andiettir iste Gnato? 
Digitus riaa vel contemptn, 
101 cur hoc sedeB in conventa? 
Nunc legistis Salomonen): 
andietis hunc latronetn? 
Nunc andistiB verhwn da: 
105 andietis linguam rei? 

Rens est hie deprehenßus, 
verberettaa et incensns. 
Quod apparet in coctnriB, 
109 que sunt sigoa capti iuris. 
Quautcm gula sit leccatrix, 
nonne signat hec cicatriz? 
Revertatur ad cncallant 
IIB et resumat vestem pnllam: 
ant videbo mraus coqui, 
nist cesset male loqtu; 
ant discedat &ut taceto 
117 vel iactetur in tapeto. 



3 Cornea comb W. Meyer: comes Cornea R HO lec&trix R 



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104 Wilhelm Meyer, 

Die Form dieses 18. Gedichtes ist einfach. Es sind 117 Zeilen 
zu 8 Silben mit sinkendem Schlosse. Da diese Zeile an der 
Grenze der Kurz- nnd der Langzeilen steht (s. meine Abhandlung 
'die rythmischen Jamben des Anspicins', in diesen Kachrichten 
1906 S. 208), so haben schon seit den ältesten Zeiten der ryth- 
mischen Dichtung Viele diese Zeile als Langzeile angesehen nnd 
in 2 Korzzeilen zerlegt, welche beide sinkend schließen. Viele 
kümmern sich um diese Caesar sehr wenig; aber auch von den- 
jenigen, welche sich darum kümmern, verletzen die Meisten diese 
Caesnr dann und wann, z. B. : Cuins ani|mam gementem; Donom 
fac re|missionis. Der Primas aber gehört zu denjenigen, welche 
die Regel ganz streng beachten; hier wie im 15. nnd 23. Gedicht 
nnd in dem Gedichte 'Ego dizi' (Wright, Folitical Songs p. 61) ist 
jeder Achtsilber in 2 sinkende Viersilber zerlegt. Aber sinkende 
Viersilber können nur auf der 1. und auf der 3. Silbe Wortaccent 
haben: qoam preclaros. habes cives. meliorem; also gibt es in 
diesen Achtsilbern keinen Taktwechsel. 

Hiate finden sich innerhalb der 117 Zeilen nur 2: V. 15 qui 
erant nnd V. 84 eo Adelardos (auch vor anfangendem h findet sich 
kein Hiat); zwischen den Achtsilbern, also durch die Dazwischen - 
knnft des Reims entschuldigt, finden sich etwa 13 Hiate. 

Die Reimform ist einfach. Der Reim ist zweisilbig und 
rein ; nur reimt V. 33 iqno : ico ; V. 57 anctum : antnm ; 100 emptu : 
entn. Der Reim bildet Reimpaare; einige Male haben 2 sich fol- 
gende Paare denselben Reim (25/28 51/54); dann haben seltsamer 
Weise ein Mal 3 Verse (61 62 63) denselben Reim. Das kann 
Laune des Primas sein; deSwegen allein darf man nicht annehmen, 
daß ein Vers ausgefallen ist. 

Katarlich stehen die Sinnespansen zumeist nach den Reim- 
paaren. Doch wegen der großen Einfachheit der Reimform wird 
diese Regel mitunter verletzt, und es steht mitunter nach der 1. 
Zeile des Reimpaars eine stärkere Sinnespanse als nach der 2. 
Zeile ; vgl. V. 3/4 37/38 57/58 66/67 77/7Ö. 

Der Inhalt dieses Gedichtes ist viel wichtiger als die Form. 
Der Dichter Primas nennt sich V. 10 und 21. Die Gedanken 
gliedern sich in 3 Hauptgruppen. 1) V. 1 — 18, Einleitung: Gruß 
an die Kleriker in Amiens, welche ihn neulich freundlich aufge? 
nommen und ihn, als er im Würfelspiel all sein Geld verloren 
hatte, mit Geld für die Heimreise gütigst versehen hatten. 
2) Der Haapttheil, (V. 19, bes. V. 33—93): Lob der Stadt Reims, 
besonders Lob der unter Albericns blühenden Hochschule nnd 
Schilderung des Lehrbetriebs. 3) Schlußtheil (V. 94—117): 



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Die Oxforder Gedichte des Prinuu, no 18. 106 

Heftiger Angriff auf einen Lehrer der Schale, der offenbar ein 
Gegner des Albericas und seiner Anhänger ist. 

Der Schlußtheil gehört eng zom Haupttheil, wie Schatten 
zum Licht. Dagegen der erste Theil hat zunächst nichts zu thun 
mit dem Hauptinhalt. Der Primae hatte einen Ausflug nach 
Amiens gemacht und der guten Aufnahme bei den gelehrten 
Klerikern sieb gefreut. Als er nach der Rückkehr einen Anlaß 
hatte, diesen Lobspruch auf die Reimser Hochschule zu verfassen, 
addressirte er ihn deßhalb an die neulich gewonnenen guten Freunde 
in Amiens, als Dank und als Zeichen, daß die Reimser Gelehrten 
solcher Ehre würdig seien. 

Die Zelt dieses Gedichtes wird zunächst durch die Lehr-- 
thätigkeit des Albericas in Keims bestimmt. Der frühere 
Studiengenosse Abaelaxd's war schon 1121 angesehener Lehrer zo 
Reims. Als Ende des Jahres 1136 der Erzbischof von Bourges 
starb, wurde Albericns gewählt; als Erzbischof von Bourges ist 
er 1141 gestorben. Diese Daten werden durch so viele Zeugnisse 
bestätigt, daß der Eintrag in dem Chronicon S. Fetri Vivi von 
Sens (Bibliotheque historique de l'Yonne II, 1863 S. 641) zum 
Jahre 1139 'Walgrinos Bituricensis archiepiscopos obiitj saccessit 
Albertus Remensis (zu 1141: defuneto Albico Remensi magistro) 
dagegen kein Gewicht hat. 

Viele Irrfahrten bereitete mir die bekannte Stelle, worin Jo- 
hann von Salesbnry seinen Studiengang schildert. Im Meta- 
logicns II Kap. 10 (Migne 199, 867} berichtet er, ganz jung, im 
2. Jahre nach dem (1136 erfolgten) Tode des englischen Königs 
Heinrich, habe er auf dem Berg der h. Genovefa den Abaelard 
gehört. 'Post disceasnm eios, qoi mihi praepoperus visus est, 
adhaesi magistro Alberico, qoi inter caeteros opinatissimas dia- 
lecticus enitebat et erat revera nominalis seetae acerrimas impug- 
nator. sie ferme toto biennio conversatos in Monte, artis huius 
praeeeptoribns osns sum Alberico et magistro Roberto Meln- 
densi. Dann schildert Johann eingehend die beiden Persönlich- 
keiten und ihre Lehrmethode ; freilich gelte das , sagt er zum 
Schlosse, nur für die Zeit, wo er sie gehört habe (also etwa 1137 
— 1139). Nam postea onus eorom (d. h. Albericas) profectus 
Bononlam dedidicit qnod docuerat, siqnidem et reversns dedoeuit ; 
an melius, iodicent qui enm ante et postea audiernnt. Porro 
alter (d. h. Robertos) in divinis proficiens litteriB etiam eminen- 
tioris philoBophiae et . celebrioris nominis assecatns est gloriam (er 
war ein Landsmann des Johannes; wurde 1163 Bischof von Here- 



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106 Wilhelm Meyer, 

ford und ist als solcher 1167 gestorben). Apad hos toto exerci- 
tatns biennio sie locis ansignandis assuevi . . . 

Nun kann man in vielen alten and neuen Darstellungen lesen, 
Jobannes von Salesboiy habe 1136 in Paris bei Abaelard and dann 
bei Albericas Remensis and Robert von Melan gelernt. So sagt, 
freilich mit einem weiteren Fehler, noch Barth. Haureaa in seiner 
Histoire de Ia philosophie scolastique I 1872 S. 534: Jean de Salis- 
bury entendit d'abord Pierre Abelard; puis, en divers üeox (1), 
Alberic de Reims, Robert de Melan, Guillaume de Conches etc. 
Wäre dies richtig, dann gäbe ans Johannes eine Schilderang des 
Albericas und Beiner Lehrmethode, welche der des Primas weit 
vorzuziehen wäre. Deßhalb and aas einem anderen Grande, den 
ich nachher (au Vers 94 — 117) entwickeln werde, war es mir sehr 
wichtig, daß 1136 — 1138 Albericus von Reims neben and unmittel- 
bar nach Abaelard auf dem Mona s. Genovefae zu Paris gelehrt 
haben solle. Allein diesem Wege folgend, gerieth ich immer mehr 
in Schwierigkeiteo. Der 1137 erwählte und 1141 gestorbene Erz- 
bischof von Bourges soll bis 1138/39 in Paris Professor gewesen 
sein, später in Bologna studirt and dann wiederum in Frankreich 
deeirt haben? 

Diese Unmöglichkeiten brachten mich endlich zur Erkenntniß, 
daß jener Pariser Albericus, welcher bis 1138/39 den Johannes 
von Saleabnry unterrichtete, ein ganz anderer gewesen sein müsse, 
als Albericus von Reims. Gern Bah ich dann, daß schon Andere 
dasselbe erkannt hatten. Die Histoire litteraire de France lehrte 
Bchon 1763 im XII. Bande S. 75: On a male 1 quelquefois dans la 
vie d' Alberic de Reims de circonstances , qui regardoient d'autres 
personnes de meine nom. Hrs de Sainte-Martbe (Gall. ehr. V t, 2 
p. 505) et D. Rivet (Hist. lit. t. 9 p. 33) d'apres eux le confondent 
avec Alberic de Paris, qoi füt maitre de Jean de Sarisbery, lora- 
quila le fönt Cbanoine et Scholastiqne de l'Eglise de Liege ... H 
y a des preuves positives, quil ne quitta point, comme nous l'avons 
dit, l'Eglise ni l'ecole de Reims avant qae d'etre eleve sur le 
Siege de Bourges. Hoffentlich wird jene an Johann von Sales- 
bury anknöpfende Verwechselung der beiden Alberici bald ganz 
aus den gelehrten Werken verschwinden. 

Für ans ist also sicher, daß dieses Gedicht des Primas Zu- 
stände der Hochschale Reims anter Albericas aas der Zeit vor 
1137 schildert. Eine genauere Zeitbestimmung ermöglicht viel- 
leicht die genauere Untersuchung des letzten Theils des Gedichtes, 
der Verse 94—117. 



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Die Oxforder Gedicht« de« Primas, no 18. 107 

XVIII 18 nndam latus: wenn beim Spiel das Geld ausging, 
so wurden Kleidungsstücke beim Wirth versetzt. Eine ähnliche 
Situation schildert das 1. Gedicht; doch ist dort nur von einem 
latro die Bede und der ist der Gastfrennd selbst. 16 tabolones 
ist vielleicht eine scherzhafte Neubildung 18 remisisti soll, wie 
XVI 14)6 remisi, hinüber leiten zur Vorstellung, daß er von dem 
Ausflug jetzt wieder nach Reims zurückgekehrt ist. 38 opti- 

males bezeichnet in der Vulgata oft die Großen des Reichs 
87 suom = eins; 'caput alicuins exaltare' findet sich oft in der 
Vulgata 36 portare diadema Eccl. 11, 5; Hacc. 8, 14 

V. 89 ffl. Eine ähnlich eingebende Schilderung des Lehr- 
betriebs in Reims scheint anderswo nicht zn exiatiren. Die Vita 
Ärnoldi archiepiscopi Moguntinensis (Jaffö, Bibliotheca rer. Germ. 
III) wendet wohl einige Hundert Verse daran, dessen Studienzeit 
in Reims za schildern ; allein von Albericas weiß sie nur Weniges 
und nur durch Hörensagen zu berichten. Merkwürdig ist besonders, 
wie sehr an dieser Schale die antike Literatur verschmäht wurde. 
Nach V. 70/71 scheint die Schule hierin ihre Besonderheit gesucht 
zu haben. 45 Das weit verbreitete Buch des Martianus Capella 
behandelt die 7 Künste; in der Grammatik, deren angesehenster 
Heister Priscian war, wurden besonders die Partes orationis be- 
sprochen 63 doctor = magister, der Professor 64 'discordes 
super idem' wurde auf die dialektischen Disputationen zurück- 
weisen. 65 Eph. 4, 5 onus dominus, una fides, unum baptisma 
86 Der generosus puer Oto muß von sehr vornehmer Geburt ge- 
wesen sein. Nach den Worten des Primas ist auch er Mönch 
geworden. Ich möchte hinweisen auf den berühmten Geschicht- 
schreiber Otto von Freisingen. Etwa 1114 geboren als Sohn 
des Markgrafen von Ostreich ging er um 1128 nach Frankreich; 
er soll in Paris stndirt haben, öfter nach Deutschland gezogen sein 
und Mönch, ja vor 1133 schon Abt von Morimund geworden sein. 
Reims wird allerdings dabei nicht erwähnt, doch sind all diese 
Nachrichten sehr kurz. Er würde hier trefflich passen; da er 
höchstens 1134 erst 20 Jahre alt wurde, und da die hier erwähnte 
Einkleidung als Mönch schon vor etlichen Jahren erfolgt Bein 
kann. 89 Damals traten außerordentlich viel Stadirende und 

Geistliche in die Mönchsorden ein. Bulaeas, Historie aniversitatis 
Parisiensis (II 138) gibt zum Jahre 1135 davon eine lebendige 
Schilderung In V. 90 würde 'scalam' besser passen als 'scolam'. 

Der 3. und letzte Theil dieses Gedichtes, V. 94—117, greift 
einen Gegner des Albericns auf das Heftigste an. Wir dürfen 
dabei mit den leidenschaftlichen Übertreibungen nnd Maßlosigkeiten 



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108 Wilhelm Meyer, 

des Primas rechnen. Der Angegriffene ist Lehrer an derselben 
Schale: V. 97 andietis; 98 in conventu tarn sacrato andietur iste; 
101 hoc sedes in conventn; 105 audietis lingaam rei; 115 cesset 
male loqui, ant discedat aat taceto. Der offenbar geistig gefähr- 
liche Gegner ist früher Mönch gewesen ; jetzt trägt er ein anderes, 
wohl das Professoren-Kleid: 112 Revertatur ad cncnllam et resu- 
mat vestem pollam. Dieser Mann, der for* latro * dignus risn 
Tel contemptn genannt wird, dein sogar angedroht wird V. 117 
lactetnr in tapeto' (d. h. doch wohl : 'Decke auf der Bahre'), maß 
Sonderbares erlebt haben : 106 Bens est hie deprehensas, verbera- 
tns et incensos. Quod apparet in coctoris , qae sant signa capti 
furis; diese coetare müssen mit coqai zusammenhangen, da V. 114 
gedroht wird ■videbo rarsns coqai', müssen also sein = cocteriae, 
caoteria, Brandmale, und 'coqui' muß gleich 'cauteriari " caaterizari, 
brandmarken' sein. Und damit nicht genug; die Verse 110 Qnan- 
■ tum gula sit leccatrix, nonne signat hoc cicatrix?, sind noch deut- 
licher. Leccator bedeutet auch 'raniloquus: ein frecher eitler 
Schwätzer 1 , so daß 'gula' hier die Luftröhre, das Instrument des 
Sprechens, bezeichnen kann, wie nnser Volk von einem bösen Maul 
sprich! 'Hec' bezeichnet eine 'sichtbare' Wundnarbe. 

Wer ist nun dieser hier beschriebene, gehaßte Gegner des 
Älbericus and seiner Getreuen? Ich glaube, daß hier kein Ge- 
ringerer ala Abaelard selbst auftritt. Die Zeit vor Abfassnag 
seiner Historia calanütatam , also vor den ersten Jahren des 4. 
Jahrzehnts , kommt nicht in Betracht. Wäre Abaelard in dieser 
Zeit neben seinem Feind Älbericus in Reims als Lehrer thätig 
gewesen, so hätte er das in der Historia calamitatam berichtet. 
Aber in der Zeit, nachdem er das Kloster St. Gildas verlassen 
hat, verlieren wir ihn ganz aus den Augen. Erst 1136 zu 1137 
taucht er in Paris auf als Lehrer an der Universität, wo Johannes 
von Salesbury ihn hörte; s. oben S. 105. 

Geistig paßt Abaelard durchaus zu den Angriffen des Primas. 
Aber körperlich? Seine abgeschnittenen Genitalien konnten doch 
nicht mit den obigen Ausdrücken 'Brandmalen, diese Narbe an der 
Kehle' verspottet werden. Die Antwort gebe Abaelard selbst. 
Die lange Kette seiner Leiden schließt er in seiner Historia cala- 
mitatam mit folgendem Bericht (Migae 178 Sp. 179) : Me die qna- 
dam de nostra lapsnm equitatora manne domini vehementer colli- 
sit, colli videlicet mei canalem confringens; et multo me 
amplius haec fractnra afüixit et debilitavit quam prior plaga 
(d. h. als die abgeschnittenen Genitalien). Ein so schlimmer Brach 
des Halses konnte am Halse eine große Narbe hinterlassen. Bei 



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Die Orforder Gedichte des Prima«, no 18-19. 109 

dem schlimmen Sturz waren andere Kopfwunden unvermeidlich, 
welche Narben hinterließen , die zur Zeit unseres Gedichtes , also 
wenige Jahre nachher, noch sichtbar waren; außerdem worden 
Wanden damals oft mit dem glühenden Eisen bebandelt. So ist 
'liec cicatrix' bei der 'gnla' erklärt, nnd auch die 'coctore' können 
so erklärt werden, nnd man braucht nicht dahinter biseige An- 
spielungen auf die Castrirnng zu soeben. Das Mönchakleid, die 
cncnlla, trog Abaelard ja gern (Higne 178, 346); ob er sie als 
Professor trog oder tragen durfte, ist nicht zu sagen. 

Ist diese Vermotbong richtig, so hat Abaelard, nachdem er 
St Gildas verlassen hatte, ehe er in Paria lehrte, also zwischen 
1132 nnd 1136, einige Zeit in Reims neben Albericns gelehrt. 
Weßhalb Abaelard nach Reims ging, das wissen wir nicht; aber 
wir wissen ja ebenso wenig , weßhalb er wieder in Paris docirte 
oder weßhalb er Paris wieder verließ, worüber ja selbst Johann 
von Salesbury sich gewandert hat. Unser Gedicht würde zeigen, 
daß dieser .Feuergeist anch in Reims es verstanden hat, Kampf 
zu entzünden. 

Wenn meine Ansicht richtig ist, daß dies Gedicht wenige 
Jahre vor 1136 entstanden ist, so war der Primas etwa 40 Jahre 
alt, als er es dichtete. So war er schon über das Alter eines 
gewöhnlichen Studenten hinaus. Aach der erste Theil des Ge- 
dichtes, der Gruß an den Clerns und Bischof von Amiens, spricht 
dafür, daß der Primas damals in Reims einen gewissen Rang ein- 
nahm, etwa alB Lehrer der Dichtkunst, Magister des Bietamen 
metricum et ritbmienm. Dahin zeigt auch V. 83 noster Fredericos 
comes comis et amicus. 

Wenn wirklich in den Versen 94: — 117 Abaelard angegriffen 
wird, so ist sicherlich die ganze Schilderang dessen, was Albericns 
und seine Schüler treiben nnd wie sie es treiben, d. h. die Verse 
33 — 03, darnachgearbeitet; der Gegensatz gegen Abaelard's Lehre 
nnd Lehren soll deutlich gemalt werden. Ja, es gibt sich die 
Wahrscheinlichkeit, daß eben der vorliegende Streit mit Abaelard 
diesen Lobsprach auf Albericns hervorgerufen hat; dafür sprechen 
so kräftige Verse wie 34 — 37 and der Umstand, daß das Lob so 
auf Albericns allein concentrirt wird. 



XIX 
(KJgregiws dedit hawe iavenis clamidem sine pelle. 
Not» haboit pellem; sed habebat nobile velle. 



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110 Wilhelm Meyer, 

XXA 

(p. 27) At/xilio pellis clades inimica puellis 

camem Don angit n^c avis me sordida tangit. 

XXB 
Nee polices lednnt, quta pelle vetante reced««t, 
nrc culices timeo, velante caput conopeo. 
XX, A: Axilio R Vor XXB ist nicht, wie vor XIX, 

XXI, XXII and XXIII eine Zeile leer gelassen; aber das N ist 
ebenso groß gemalt, wie A vor XX ■ A und vor XXI , and wie D 
vor XXIII. Es Bind 2 verschiedene Epigramme , ähnlichen In- 
haltes. Auffallend ist der Gedanke, der Pelz schätze vor Flöhen. 
Flöhe sollen den Aufenthalt im Pelz nicht lieben , aber daß sie 
durch Pelz vertrieben würden, habe ich nicht gehört. Conopeum 
bezeichnet auch im Mittelalter ein Mückennetz, besonders über dem 
Bett. Da doch hier nicht an eine Vermummung gedacht werden 
kann, wie die Wachtposten in der Campagna bei Rom sie tragen 
zum Schutz vor Malaria, so schildert no. XX *B vielleicht die 
Lage im Bett: der Pelzmantel, der ja des Nachts als Decke diente, 
schätzt den Primas gegen die Flöhe, das übers Bett gespannte 
Netz gegen die Schnaken. 

XXI 
A dueibus Primas petiit duo dona duobus, 
ut duo dona probe« t, quam sit oterqwe probus. 

xxu 

(b) eis egor quinque tolit solidos mulier peregrina, 
et merito, quitt grande tolit pondtts rosupina. 
R : ( )els ego. V. tnlit ; am Rande ist der einznmalende Buch- 
stabe klein notirt; es scheint ö zu sein. Beide Hexameter (Can- 
dati) schließen mit viersilbigen "Wörtern; der 2. hat weibliche Cae- 
sar. Die Erklärung ist schwierig. Zuerst dachte ich, der Pri- 
mas habe einer Dirne für ihren Leibesdieust 5 Solidi gegeben and 
rühme sich nun dieser Freigebigkeit etwa mit: (Bels) ego ! quinqne 
tolit solidos . .: Ich Prachtmensch I Fünf Solidi hab ich einer 
Dirne spendirt. Doch dahinter wäre nicht viel Witz. Grande 
pondns müßte = corpus meom sein. Allein an einer anderen 
Stelle (XV 76) nennt der Primas sich Zackens; dieser war (nach 
Lucas 19, 3) statura puBÜlus. Also paßt das Distichon noch we- 
niger auf den Primas ; denn einen so frostigen Witz darf man 
diesem reichen Geiste nicht zamathen. 



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Die Oxforder Gedichte des Primas, no 20—22. Hl 

Am Rande scheint o notirt als einznmalende Initiale. Dels 
kommt einige Male tot = dao. So gewinne ich folgende Erklärung. 
Der Primas war zu einem reichen, wohlbeleibten Herrn gekommen ; 
er unterhielt ihn mit seiner Kunst, bekam aber nur 2 Solidi als 
Geschenk, während er, vielleicht ans dem Hände des prahlerischen 
Dicken selbst, hörte, daß er einer fremden Dirne für ihren Dienst 
5 Solidi gegeben habe. Der Primas antwortet trocken: Duos 
(solidos toli) ego : qninqne tnlit solidos molier peregrina, et merito, 
quia grande talit pondus resnpina. Das war des Dichters Rachel 



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Nachtrag zu Bmaragd's Mahnbflchlein (S. 39—42; 51 ; 56—60). 

Herr Dr. Wilhelm Levison, Privatdozent in Bonn, macht 
mich darauf aufmerksam, daß dem Diimmlerecbe» Abdruck von 
ho I, prosaisches Honitoriam an einen Enkel Karl d. Gr., bereits 
1888 K, Zeumer in demselben Band des Archivs XTTT S. 664 eine 
Berichtigung nachgesendet hat: das ganze Stack (oben S. 55—60) 
ist eine meist oberflächliche Umarbeitung des Schreibens an einen 
Merovingerfursten von c. 645, welches ans der vaticaniscben Hand- 
schrift Beginensis 407 (s. X./XI) f. 96 zuletzt in den Honnmenta, 
Epistolae III 457 — 460 gedruckt ist, za dessen Verbesserung aber 
diese Umarbeitung nicht benützt ist. Ich bezeichne diese Hero- 
vioger-FaBsung mit M, mit K die von mir gedruckte Fassung. 

Ein Beispiel der Umarbeitung: M 468, 1 Ist! reges supradicti aemper, pro- 
phetao domini quid (quod Ausgabe) eis denuntiavemnt (-rint?), intento sensu 
audiernnt; K 66, I: Hi itaquo, quid eis propbetae praediieriot , intenU aure 
audierunt. E 56, 8 : daß ich 'tuls dominus' mit Recht umgestellt habe, zeigt 

H 467, 29 K 66, 16 Du proverbium vulgare 'Qui cum pluribus consiliatur, 

non peccat' bat in M ein ganz anderen Gesicht, wo steht 'so Ins non peccat' 
K 66, 29 cor docile, wie meine Yulgataansgabe; H 468, 14 docibite K 66, 35: 
Jf besser 'angelns domini' (s. 57, 2) K 67, 1 das schiefe 'ideoque' steht auch 

in M 468, 19 K 67, 4 moderatus <in> rerbis : H 458, 21 mensuratus in verbis ; 
dann M = K foederatos K 67, 5 in wbo venu fehlt in H K 57, 8 sicut 
fecit bester alt M 468, 24 s. fait K 57, IS: M hat 'diligent' und, wie K 1., 

mememiit K 67, 26: H 458, 39 bessere: Quaodo locutus fuerit iocularis, qni 
cor. senn. h. ad l, ne libenter cum »udias. Et qoando Von K 67, 28—33 stehen 
in M 468, 44—469, 8 nur einzelne Worter Das Citat aus dem Epheserbrief steht 
in K 58, 13 besser als in M 469, 17. Der Satz M Z. 20 scheint zu dem selbständigen 
Satz K 58, 7/8 verwandelt zu sein K 58, 20 volnntateni und salutari sind besser 
als 'voluntates' und 'singulare' in M K 69, 6: H falsch : a peccatia eomm 
nach K 69, 10 dominus hat M 460 Z. 1 - 6 mehr K 69, 16—2) fehlen in M 

460, 10 K 60, 11-. in M 460, 30 hat die Hft nur 'regalem teneant, was die 

Ausgaben In 'timeant' Andern; das folgende 'teneant' fehlt K 60, 13 aapientum 
dieta: H 460,82 unrichtig 'aapienter' K 60, 15: Ä 460,34 theüt unrichtig: 

Purum sensum habe per singula; stabilis sit sermo K 60, 18 : M hat ebenfalls : 
Cate calcare ova aspidum nuda planta. Stets steht 'du' und 'dein'. 

Heine allgemeinen Bemerkungen (oben S. 39 — 42 und S. 
51) bleiben unangetastet. Diese Umarbeitung des Meroringerbriefs 
in den Karolingerbrief kann von Smaragd gemacht sein. Denn die 
2 kleinen Schriften no I und II stehen in der Handschrift L hinter 
einander, Prosa und Vers passen gut zusammen und, trennt man 
die Prosa ab, so entbehren die Verse der gehörigen Einleitung. 
Ja, die S. 51 gegen Smaragd geäußerten Bedenken fallen jetzt 
weg; denn die Umarbeitung geht so wenig tief, daß er weder 
■eine ßeimprosa noch seine Lieblings-Ausdrücke oder -Gedanken 
hereinbringen mochte. 



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Die Oxforder Gedichte de8 Primae 

(des Magister Hugo von Orleans) 

II: no 1—15 und no 23. 



Wilhelm Meyer aus Speyer, 

Professur in GH Hingen. 
Vorgelegt in der Sitzung vom 11. Mai 1907. 

I 

(pag. 3) riospes erat michi se pleramqwe professits amicnm, 

voce michi prebens plwrima, re modicam. 
Qnis fuerat * taceo, si quis de nomine qnerat; 

4 eed qualis possam dicere : rafns erat. 
Hie dum me recipi summa bonitate pntarem, 

intravi plenum frande doloque larem. 
Me domini tratrem eöwsangainenmve pntares ; 

8 sie domus et dominus ezeipiant hilares. 
Tttuc dominus cepit viribus me plangere crebris, 

illaqneare volens taiibus illecebris: 
Dedec«s est, Primas, quod sit quadrapee tili solus. 

12 Non erat hoc pietas; frans erat atque dolos. 
Dam moror, evenit michi quadam forte dierum 

snmere plns solito forte recensqw meru.ni. 
Unde piger cene pos( horam splendidioris 

16 ebrius obtabam menbra locare thoris. 
Hospes at astatus obliqno lamine ridet 

nutantemque param scire videre videt. 

1 michi hat hier B, sonst fast immer nur m 3 qd de B, qais Meyer 

4 R hat fast immer s; (aet) statt sed 12 frans: frai ß; a. V. 6 17 at fi, 

at Meyer; oblico B 

K(l. 0«. d. WIM. NtthrlefaMn. i'lillolog.-liit. KIum. 1007. IJoft 1. 8 



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114 Wilhelm Meyer, 

Nu», ait, est Sanum dormire, sum.vs quia pleni. 

20 Ludere ires solidos, hospes amice, veni ! 
.Denariis inhians paucis misereq«« crumeue, 

quin etiaw dscios, si placet, ante tene! 
Ad mea dantpna cit«s properans post gandia cene 

24 pri/ieci decios: non cecidere bene. 
Hospes eos iecit michi fallaces • sibi fidos: 

infelix Primas perdidit ■ v ■ solidos. 
Vina dabaut verne sapientes atqur pmti 
28 et 'bibe', dicebant, 'ne moriare siti'. 
Me potasse prius de nil instante putavi: 
nunc scio, quoä dauipno vina faere gravi, 
(pag. 4) Paulatim caput ineipiens dimätterc pronum, 
32 paulatim cepit perdere bursa sonnm. 
Queq»e pri«s grandi residebat t/cgida cnlo, 

evaeaata iacens ore tacet patnlo. 
Que fuit in cena fecanda ■ loqriax ' btn« plana, 

36 nee vox nee sc-mt«^ mansit ei penitus. 
Infelix Decius talem confoudat amicum, 

38 qui big mu£ra tnlit, quod nichW est reliqaum. 
Form Die 19 Distichen haben stets Caesar nach der 3. 
Hebung; nnr V. 31 nach der 2. and 4. Hebnng. Vor der Caesur 

steht meist —u« L oder _uu_uuj!_; nur 7 Mal «"— . 

nnd nnr 3 Mal '— Niemals schließt ein Wort mit m vor 

anfangendem Vocal oder mit Vocal vor anfangendem h. Der 
Hexameters c hin ß ist 1 Mal durch 15 splendidioris gebildet, 18 
Mal durch 2- oder 3 silbige Wörter; der Pentameterschluß ist ohne 
Regel. Die Reime sind rein zweisilbig. Sie binden als End- 
reime, Caudati, stets die 2 Zeilen dea Distichons. Nor ein Mal 
folgt der Primas seiner Neigung zur Variatio nnd setzt in V. 35 
nnd 36 zwei Leonini statt Caudati. 

Inhalt Dem trunkenen Primas (V. 11 und 26) wird von 
seinem Gastfreund im Würfelspiel alles Geld abgenommen; von 
einem ähnlichen Vorgang erzählt 18, 16. Es ist nicht gesagt, wo 
dieses Malheur passirt ist. Nor der erste Vers ist citirt im 
Cod. 303, f. 164" in Wien (Endlicher S. 163 no 277). 

Einzelne Bemerkungen 4 daß Rothhaarige bös seien, 
war allgemeine Anschauung im Mittelalter 6 larem = domum, 
auch VI 23 11 vgl. zu XVI 106 ; auch der Diener solle ein 
Pferd haben 17 weder 'ut . . ridet' paßt, noch *ut erat astutus' 

31 demittere ? Sä reliqam R 



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Die Oxforder Gedichte des Primas, nc- 1 and 2. 1.15 

18 entweder ist zu constrairen 'videt me natantem paruui (= pan- 
lam) scire (intelligere) et videre' oder 'param scire (= posse) 
videre' 21 dieser Vers kann kaum mit 'ait' verbunden werden; 
vielmehr scheint er zu den Worten des Hausherrn zu gehören und 
zwar zn tene': wenn dir's anf das lampige Geld ankommt, so 
wirf dn zuerst. Denn Y. 22 scheint 'ante' — ante me 22 tene * 
proieci* cecidere * iecit sind technische Aasdrücke beim Würfeln; 
ob auch 'michi fallaces, aibi Mos'? 26 -v- ist nicht mit 'quin- 
que' auszusprechen, sondern mit 'Van'. Viele chronologische Hexa- 
meter müssen nach demselben Prinzip gelesen werden 29 de nil 
constante: wohl ein volkstimmlicher Ausdruck: Wein, der nichts 
kostet, wie bei ans 'Freibier' 31 incipiens d. h. barsa; vgl. 
7, 36; 23, Ü6. Die volle Börse wird mit einem belebten dick- 
bauchischen Greschöpf verglichen. fecund», da man Viel aas ihr 
holen konnte; facnnda würde sich mit loquax decken; vgl. 23, 74 
quondam felix et fecnndus et facetus et facondus 38 qaod = at 

n 

(A)Pontificam spnma* fex cleri ■ sordida stroma, 
qiti dedit in bruma michi mantellam sine plamal 

(B) Hoc indnmentam tibi quis dedit? an fait emptam? 
4 estne tnnm? — Kosrrum; sed, qui dedit. abstnlit ostrum. — 
Q'iig dedit hoc munus? — Preaul michi prebuit nnws. — 
Qui dedit hoc munws, dedit hoc in munere funws. 
quid valet in brnma clamis absque pilo * sine pluma? 
8 cernis adesse nives: moriere ge/n neque vives. 

(G) Pauper mantelle, macer ' absqne pilo • sine pelle, 
st potes, expelle boream rabiemque procelle ! 

1 fehlt nur in B 1 pont strnma f. es. spnma CoMDu; oleri P 2 fehlt 
nur in B; lautet in G: Preboit in b. michi martellam s. pl. 3 RPCHTD; 

Testimentnm D tibi q. dedit : caitu fnit D 3 emptor Hitt. iii., doch hat P : 
emp? i. h. emptam; um oder an konnte durch einen Strich *af dem voran- 
gehenden Consonanten ersetzt werden; so Bind schon in alter Zeit entstanden die 
Abkürzungen: c = cum; hc nc rc = bnnc nunc tunc 4 BPCCoMVD; set Co 
& RPCo; in C nach V. 6; qni C 6 RPCCo 7 B; in P nach V 13 8 KP; 
in H nach V. 23 8 gela P, genn B: morieris tu □. ». M; neqne niues P 

9 alle Hften 9 Pauper : Die michi TL, bona BG 9 macer absqne pilo 
BP: macer absqne pilis CT, mens absqne pilis 0, tenuis macer et Tl.li, tenuis 
miser et M; sine planus et eorrigirt tu tenuis macer et Co; sine pilis et B, sum 
tum et I>n (= sü d. h. sine rillis?) 10 alle Hften eipresae l)u 10 bo- 
ream: hori&m ö, nontum M, ventos Co, frigas BD«, plnniam L, plnmam T 

10 rabiesqae Co 

8* 



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116 - Wilhelm Meyer, 

sis michi pro scnto, ne f'rigore pnngar acuto! 
12 per te posse pnto ventis obsistcre tato. 

Tunc ita mantellus: Michi nee pilus est neque vellus. 

sam levis absque pilo • tenni sine tegmine filo. 

te mordax aquilo per me feriet quasi pilo. 
16 si notus irat«s patnlos perflabit hiatns, 

striuget ntramque latus per mille foramina flatus. — 

Frigws adesse vides. — Video, quia frigore strides: 

ued michi nnlla irdes, nisi pelliculas ciamidi des. 
20 Scie, quid ages, Primas? eme pelles, obstrae rimas! 

t«»c bene depellam * inneta michi pelle * procellam. 
(pag. 5) Conpatior certe ' moveor pietate saper te 

23 et facerem iossam, sed Jacob * non Esau som. 

(Handschriftliche Ueberlieferang) Nächst dem In- 
halt ist das Interessanteste an diesem Gedicht die Ueberlieferang. 
Denn dies Gedicht gehört zu jenen zahlreichen mittelalterlichen 
Gedichten, welche einst weit verbreitet worden und bei dieser 
Verbreitung die mannigfaltigsten Veränderungen erlitten haben. 
Daßhalb will ich dieselben eingebender besprechen. 

Zuerst wurde eine sehr harze Fassang gedruckt von Du Cange 
(Glossarium anter 'Hantellas'; Do). Dann wurde das Gedicht 
schlecht abgedruckt in der Histoire literaire de la France XI 
17B9 p. 10 aas der pariser Hft 8433 f. 130 {s. XU, P); ich ver- 
danke eine Vergleichnng der Güte H. Omont's. Eine kurze 
Fassung hat Wrigbt, Hapes 1841 p. 83, gedruckt aas der londoner 
Hft Cotton Cleop. B IX f. 11» (L). Das Beste hat Wattenbach 
geleistet, welcher im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 
1871 Sp. 341/2 drei Fassangen gedruckt hat: München 641 f. 75 
(B); Voraa (vgl. Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Ge- 
schichtskunde X 628; V); Marburg (früher gedruckt bei Otto, 
Commentarii bibl. Gissensis p. 107; M). Dazu kommt die 

Fassung in der Fortsetzung der Chronik des Richard von Poitiers, 

11 RPCCo; ne nento Co; pongar P 12 RPCC* poese BP, namque CCo 
IS alle Hften 13 Tunc ita: Inquit TW, Dixit BD«. 13 mmtilluji und 

am Ende tOIob 6 13 michi absunt pflns et veUua B nach V. 13 steht 

in P V. 7 14 BPCt; lenis und tennis Co 1B »o R und P; mir iH in 

P mordax ou mordet eonigirt. DU Bit. lit hat den Yen to geändert : si te 
aquilo mordet, per me fiet quasi pilo 16 RPCC«; nothua Co 16 perflabit 
R, penetrabrt PCO»; bjatus R 17 RPCC«; forromn* C 18 KP atridee 
BP (etrmgor BüL HL) 1» BP; peUkuUm P 20 BPC; ateot in C nach 

(23+) 8 22 BPC; coupacior P 23 fehlt nur in Da 23 Et facerem: Et 
facere CM, Non fado G, Implerem TL, Explorern B 23 non: nee C 



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Die Oxforder Gedichte de« Primas, no 2. 117 

welche Deliele (Bibliothegue des Chartes 31, 1870, 8. 310) aas 
einer jungen Abschrift, die Monumenta Germ. Hist. , Scriptores 
XXVI 81, ans dem Original in Rom (Vatican Regin. 1911) gedruckt 
haben (C). 1905 druckte Yal. Rose im Verzeichniß der latein. 
Handschriften in Berlin S. 1217 ans dem Vorsetzblatt der Hft 
no 968 sechs Verse (6). Ich habe neu benutzt: B: Oxford, 
Rawl. G 109; »: Oxford Digby 63 f. 13'; T: Cambridge 
Trinity 0. 2, 45 f. 13- (Trinity O. 3. 31 f. 37*). Co: Brit. Mu- 
seum, Cotton Vesp. B. XIII f. 132». 

Gewiß wird das Gedicht sich noch in vielen Hften finden, be- 
sonders in Spruchsammlungen. Minus im Catalogne der Hften des 
Pembroke College in Cambridge führt S. 221 nur den 1. Vers 
an; vielleicht stehen dort mehr Verse. 

Das Gedicht zerfällt in 3 Versgruppen: A = V. 1 und 2; 
B = V. 3 — 8; C -= V. 9—23. Die Ueberlieferung hat nun da- 
durch geändert, daß die Versgruppen umgestellt und daß Verse 
weggelassen sind. Die beste Ueberlieferung (23 Verse) liegt in 
R und P vor: ABC; V. 7 steht in P nach V. 13, gar nicht un- 
passend; möglich ist in P V. 16 penetrabit Dieser vollständigen 
Fassung steht nahe die Fassung (17 Verse) in der Chronik des 
Richard von Poitiers, C; sie enthält die Gruppen BAC; wegge- 
lassen sind die Verse 7 8, 14 15 18 19; umgestellt sind die V. 
5 und 6; geändert ist V. 9 pilis, 12 namque, 23 nee. Seltsam 
steht es mit Co (London, Cotton Vesp. B. XIH). In der Spalte 
stehen die Verse 1 2 und 9 10: also Gruppe A und C; auch die 
Lesarten weisen zur achtzolligen Fassung. Dann sind von der- 
selben Hand zwei Versgrappen ergänzt: 1) an der Seite: vor 
Zeile 1 die Verse 5 4 6 (Gruppe B), von welchen 2 Verse nur 
in RPC vorkommen. 2) nach V. 10 sind, unten an der Seite, 
ergänzt die Verse der Gruppe C: 11 12 13 14 16 17 23. Die 
Verse 11 12 16 und 17 kommen sonst nur vor in RPC und V. 14 
nur in BP. Die Lesart namque in V. 12 zeigt auf nähere Ver- 
wandtschaft mit C, penetrabit in V. 16 mit PC ; neue Fehler liegen 
vor in V. 11 vento, 14 lenis nnd tenuis. Offenbar war die zur 
Ergänzung benützte Hft mit C verwandt; die zwischen 17 und 
23 fehlenden Verse sind wohl weggelassen, da unten an der Seite 
der Raum fehlte. 

Alle übrigen Fassungen Bind geflossen ans einer achtzolligen 
Fassung, in welcher weggelassen sind die Verse 5—8, 11 nnd 12, 
14—22. Direkte Abkömmlinge dieser Fassung (V. 1 2; 3 4; 9 
10 13 23) sind: H, Harburg, welche enthält die Gruppen ABC; 
in V. 1 sind struma und spuma umgesetzt ; geändert Bind in V. 9 



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118 Wilhelm Meyer, 

tennis miser et; in 10 ventum. Hiezn sind ans einer vollständigen 
Fassung hinten angeschoben die Verse: 8 (morieris ta) and 20. 
Besser erhalten ist diese acbtzeilige Fassung in T, Voran, wo die 
Gruppen BAC gestellt sind (V. 3 hoc vestimentum ; 10 pilis); in 
D, Digby stehen die Gruppen ACB (Y. 3 cnins foit; 9 mens abs- 
que pilis). 

Ans dieser achtzolligen Fassung worden die Verse 3 and 4 
weggelassen; diese sechszeilige Fassung enthält also die Gruppen 
AC mit den Versen 1 2; 9 10 13 23. Sie liegt zunächst in 2 
Arten von Hften vor: T (Cambridge, Trinity) und L {London, 
Cotton Cleop.) ; diese beiden Hften bieten V. 9 Die miebi m. tenuis 
macer et s. p., 10 plaviam statt boream, 13 Inquit and 23 Implerem. 
Eine andere Art bietet 6, Berlin lat. 968; V. 2 Preboit, 9 bona 
m, tennis macer et s. p., 10 boriam, 13 Inqnid mantillos . . villns, 
23 Non facio. 

Aas der secbBzeiligen Fassung stammen auch Da, bei Duc&nge 
anter 'mantellas', wo V. 23 fehlt, und B, München 641, wo V. 1 
und 2 weggelassen sind. In V. 1 sind stroma und spuma um- 
gestellt, wie in M; in V. 9 hat Do ans der 8zeiligen Fassung 
erhalten Pauper, während in B, wie in €>, steht '0 bone'; weiter- 
hin ist 'macer absqne pilis' verändert in B zu 'sine pilis et', in 
Da zu 'sam viüs et' (= sine villis et?); V. 10 hat Du 'expresse'; 
dann Da und B 'frigus'; V. 13 Da and B: Dixit statt Inquit; V. 
23 hat B 'explerem' statt 'implerem'. 

Seltsam ist der kurze Auszug in Cambridge Trinity 0. 3. 31 
f. 37 v 2. Sp. : A und C: V. 1 (struma und spuma umgesetzt), 2 
(mantellam mihi) und V. 20(!) Quid facis Primas lege stramen 
obstrne rimas. Hiedorch gewinnt ein anderer dunkler Vers Licht. 
Wattenbach druckt im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 
XV, 1868, Sp. 163 aus Husemann's Sammlung, der lateinischen 
Hft in Manchen 10761 Bl. 5, den Vers 

Quid facis t o Primas? Ligo stramen et obstrno rimas. 
Dazu bemerkt er: 'Derselbe Vers steht auch von einer Hand des 
16. Jahrhunderts auf der letzten Seite des Heidelberger Cod. Salem 
7, CIV (früher 600), gleich nach der Seqnentia vini, welche Hone 
1833 hieraus bekannt machte (Anz. 2, 190), mit der Variante: 

Quid facis hie primas ' lego stramina obstruo rimas. 
Der an sich unverständliche Vers muß zu einer Geschichte gehört 
haben; vermuthlicb entdeckt Jemand den fahrenden Sänger auf 
dem Dach seiner Scheuer, und dieser entschuldigt sich damit, daß 
er das Strohdach auszubessern vorgibt'. Wattenbachs Phantasie 
ist weit abgeirrt; dieser Vers ist aus unserm 20. Vers anstanden. 



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Die Oxforder Gedichte des Prima«, no 2. 119 

Biese Darlegungen deuten darauf hin, daß die Abschriften, 
welche sich noch finden werden, zumeist Abschriften der acht- und 
der sechszeiligen Fassong sein werden; denn deren hier vorliegende 
Ueberliefernng ist noch recht lückenhaft. 
Also enthalten die Handschriften 
R, die Gruppen ABC: Verse 1—23 
P, ABC: 1—6; 8—13; 7; 14—23 

C, BAC: 3 4 6 5; 1 2; 9—13. 16 17. 20—23 
Co (1), AC: 1 2; 9 10 

Co (II), B(A)C: 5 4 6; 11 12 13 14. 16 17. 23 

H, ABC: 1 2; 3 4; 9 10. 13. 23; 8. 20 

V, BAC: 3 4; 1 2; 9 10. 13. 23 

D, ACB: 1 2; 9 10. 13. 23; 3 4 
T und L, AC: 1 2: 9 10. 13. 23 

0, AC: 1 2; 9 10. 13. 23 

Dl, AC: 1 2; 9 10. 13 

B, C: 9 10. 13. 23 

(Inhalt) Gewiß ist die ausführlichste Fassung (B und P) 
auch die ursprüngliche. Auf dieser Grandlage können wir nun 
den Inhalt des Gedichtes prüfen. Drei verschiedene Gespräche 
liegen vor, welche ich am Rande durch A, B und C notirt habe. 
A: zorniger Ausruf über einen Bischof, der zur Winterzeit 
dem Dichter einen nicht gefütterten Hantel gegeben habe; V. 1 
und 2. B: Gespräch mit einem Begegnenden: Dies Kleid, hast 
da es gekauft oder ist es ein Geschenk? — Ein geistlicher Herr 
hat es mir gegeben. — Aber es ist ja nicht gefüttert; bei dieser 
Kälte kannst da dich zu. Tod erkälten; V. 3 — 8. C: Gespräch 
mit seinem Mantel: Lieber Hantel, schütze mich vor dem Wind 
nnd Sturm. — Leider bin ich so dünn, daß der Wind hindurch 
dringt. — Aber es ist bitter kalt — Allerdings bebst du vor Frost. 
Weißt du was? Kaufe Pelzstücke und füttere mich. Jetzt hin 
ich glatt wie Jakob'a Haut; V. 9-23. Vgl no 12 13 19 20. 

Die große Keckheit, aas diesen drei Gesprächen ein Gedicht 
über einen geschenkten Mantel aufzubauen, ist ja beim Primas 
nicht unmöglich. Allein es ist doch nicht nur vorsichtiger, sondern 
wohl auch richtig, anzunehmen, daß hier 3 verschiedene Schen- 
kungen ähnlicher Art vorliegen. Ais der Primas seine Gedichte 
für eine Aasgabe zusammenstellte , schrieb er diese 3 Epigramme 
ähnlichen Inhalt« nacheinander. Ein Abschreiber ließ dann den 
Abstand and die größere Initiale vor V. 3 und V. 9 weg, und so 
wurden die 3 Epigramme wie eins abgeschrieben. 



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120 Wilhelm Meyer, 

Die Form belehrt uns nicht, ob 1 Gedicht hier vorliegt oder 3. 
In jedem der Abschnitte B und C sind Unisonipaare and einzelne 
Leonini gemischt. Alle Hexameter haben Caesar nach der rei- 
menden 3. Hebung; keiner schließt mit einem Worte von mehr 
als 3 Silben. Die Reime sind rein zweisilbig, doch im Versschloß 
3 Mal durch ein einsilbiges Wort gebildet: 19 ciamidi des; 22 
aaper te; 23 Esaa som. 

Einzelne Bemerkungen 2 sine plnma = V. 7: scheint nur 
zu bedeuten 'ohne Besatz'. Aehnlich scheint V.4 abstaut ostram zu 
sagen, daß der frühere Besitzer den werth vollen Pelzbesatz abgetrennt 
und dem Primas nur den abgeschabten Tuchmantel geschenkt hat. 
8 cernis adesse nives, vgl. 18 Frigns adesse vides. Mit 'moriere 
gelu neque vives' vgl. den Arcbipoeta VI 11 Ecce, poeta, peris! 
non vives, sed morieris. 19 d. h. auf mich ist kein Verlaß; ich 
kann dir nicht helfen 23 vgl. das wahrscheinlich vom Primas 
verfaßte Gedicht bei Wright, Political Songs p. 66: pilis expers * 
usu fractns ' ex Esau Jacob f actus ; inversator vice versa, rarsus 
idem ex conversa ex Jacob dt Esaü. 



m 

Orpheus Earidice sociatur • amicMS amice, 

matre canente dea, dam rite colunt hymenea. 

In Inctom festa vertit lux tercia mesta. 
4 Pressus enim planta spatiantis gandia tanta 

Berpens dissolvit, qwi languidus ora resolvit, 

ledens ledentem dum figeret in pede dentem. 

lesa iacet feno pede vipera * nupta veneno. 
8 Percipit et paltet, puto, qno<i sua funera mallet. 

nee minus exanguis fit howo quam nupta vi anguis. 

Sed quid agat? fleret? sed quid sibi flere valeret? 

non est flere viri. Videt et iuhet hanc Bepeliri, 
12 et reBidet iuxta suspirans me«bra venusta. 

menbra tegit petra, sed habeat animam loca tetra. 

Nil lacrimas vidit prodesse, sed in fide fidit. 

rem meditans grandem tacito sab pectore * tandem : 
16 K.s(, ait, in cordis celestibus altfis honor die. 

non facit esse parum saa patrem dis lyra carnin. 

Sic te posse pnto leniri carmine, Pluto. 

10 ibi B, sibi Meyer 12 iastk R, ioxta Meyer 17 Urs B 18 lüüri 
K, leniri Meyer 



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Di« Oxforder Gedichte du Primas, no 3. 

mtücebo Parcas, nt voce deos Aeus Archas. 
20 Ergo fides aptat * movet - ordinat atqwe retraetat 

per voces octo digitis et pollice docto, 

con&sasqiie lyre fost umbram destinnt ire. 

Ut stetit ad noctis, q«oa dicit Grecia luctMS, 
24 dans obolam naute snbit et sedet, ast ita caute, 

ne titabare gravis valeat pre pondere. navis. 

Iamque lyra anmpta devect'« trans Aceranta 

constitit ante fores. regem videt atq«e priores, 
(pag. 6) Rex ait in causia howiinum de tristibos aasis, 
29 dicere ne ceeaet, quid querat sive quis esset. 

Atnmonitns tnto sie inchoat ore solato, 

wrba sequente eono, com plebe tacente patrono : 
32 Te primnm, Plato, regem Aomiaumque salato. 

Extremo iratrum t\bi cessit sorte baratrum; 

cesserit extrema tifii sorte licet diadema, 

sis licet extrem«.*: tna nos plus iura timemus. 
86 Q»otquot enim vivi suin?*s, hac erimws reeidivi 

ocius aat sero, sab iudicis ore severe 

niste latari sontes mala ■ premia pari. 

iustis et reprobis erit omnibus her, via nobis. 
40 Hoc venisse viram dicet tna curia miram. 

cor veniam vivws, latet hoa, tu scis ' qwiot divus. 

Separat a superia me dulcis amor mulieris, 

que no» natura neq«« morbo, serf nece dura, 
44 nee nece matura * sed vi venit in toa iura. 

Prosit, quod canto, q«ed regi servio tanto; 

non sine mercede tauta dinüttar ab ede. 

Nee michi magna peto: redeat mea napta, iabeto! 
48 sit cythare mero.es, quam sub loca dura cohercesl 

Nee sum inportunu« neqiie perpetuum peto mnnus: 

parva»; quere moram neque perpetuo ■ seif ad horam. 

Hac veniam comite celeris jwst gaudia vite; 
52 mors, que nos solvet, caput bnc atramqw« resolvet. 



21 octo aus opto corrigirt in & 23 dixit? 25 n (nee) K, ne Meyer 
29 qd eet R, quis e. Meyer 30 An manittu R, ammonitns Meyer 33 cessil 
forte B, c. «orte Meyer 41 nos R, hos Meyer 43 Qn (quxndo) R, que not 
(= Q~~ fl) Meyer 43 cene R, nece Meyer 50 \r% R, qnero Meyer 

B3 resolvet. Ende; da» Uebrige fehlt. 



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122 Wilhelm Meyer, 

Die Ueberliefernng des 3. Gedichtes ist ziemlich schlecht, 
and das Gedicht am Ende unvollständig. Die nächste oder eine 
frühere Vorlage unserer Handschrift B scheint gerade hier in 
schlechtem Zustand gewesen zu sein. 

Die Form ist schlicht. Von den 52 Hexametern schließen 6 
mit einem viersilbigen Worte (3 Mal ist's ein griechisches: 2 26 
34), 1 mit einem einzelnen einsilbigen (16). Ein Hai findet sich 
sogar Elision (49). Sonst findet sich weder eine Endsilbe auf m 
vor anfangendem Vokal, noch ein schließender Vokal vor an- 
fangendem h. Daß alle Verse nach der 3. Hebung eingeschnitten 
sind, bewirkt schon der Reim. Es sind 52 Leonini; die Reim« 
sind zweisilbig und rein; nur in V. 20 wechseln die Consonanten 
(actat : aptat). Wiederholt wird nur • der Reim nto in V. 18, 30 
nnd 32. Auffallend ist, daß der Primas hier nur 1 Mal den Reim 
häuft (43 und 44 : Unisoni auf ara), während in anderen Gedichten 
zwischen den Leonini sich viel mehr Unisoni finden, 

(Inhalt) Orpheus wird mit Eurydice vermählt, wobei seine 
Matter Calliope singt. Am 3. Tage der Hochzeit tritt Eurydice 
eine Schlange, welche sie tödet. Orpheus rüstet seine Leier, kommt 
glücklich über den Acheron nnd trägt dem Pinto sein Lied vor : 
All wir Menschen sind bestimmt einst zn dir za kommen. Lebend 
hierher za kommen, dazu trieb mich die Liebe zu Eurydice. Als 
Lohn für mein Lied gestatte, daß sie mit mir auf die Erde zurück- 
kehrt, bis der natürliche Tod ans Beide wieder zu dir bringt. 
Damit bricht das offenbar anvollständige Gedicht ab. Die Sage 
von Orpheus and Eurydice ist besonders geschildert von Ovid 
Metam. X, Virgil Georg. IV 454 nnd Boetins Consol. Phil. Ltl 
c. 12. Besondere Berührungen mit diesen Dichtern fand ich hier 
nicht. Doch scheint Ovid vom Primas benützt za sein. Denn bei 
Virgil flieht z. B. Eurydice vor dem lüsternen Aristaeas and tritt 
hiebei auf die Schlange. Dagegen ist davon bei Ovid keine Rede. 
Ferner geben Verse, wie Metamorphosen X, 8: nupta per herbas 
9 dum nova naiadnm turba comitata vagatar, 
occidit in talum serpentis dentc recepto. 
11 Quam satis ad super as postquam Rhodopeius auraa 
deflevit vates . ., ad Styga . . est auBus descendere . . 
16 polsisque ad carmina nervi» 
sie ait: positi Bub terra namina mundi, 
18 in quem reeeidimus, qoiequid mortale creamnr . . 
23 Causa viae est coniunz, in quam calcata venennm 
vipera diffudit . . 



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Die Oxforder Gedichte des Primas, no 3 und 4. 123 

32 Omnia debentur vobis, paulumque morati 

33 seriös aut citius sedem properamns ad luiam . . 

36 Hacc quoque, com iustos matnra perogorit annos, 
iuris erit Testri: pro munere poscimus nsnm . . 
die Umrisse für das Gedicht des Primas. Er hat es verstanden, 
diese Umrisse mit richtig erfundenen und empfundenen Einzel- 
heiten auszustatten. Doch deuten die rhetorischen Spielereien anf 
die Jagendzeit des Dichters. 

Einzelne Bemerkungen 8 lux tercia: diese Zeitangabe 
habe ich sonst nicht gefunden 5 langnidns ist wohl = laesns 
7 pede gehört nur zu vipera, veneno nur eu nupta, dagegen lesa 
iacet feno xu jedem der beiden Wörter; vgl. V. 38 19 Areas: 
Mercur als der Gott der Beredsamkeit 23 luctus d. h. V. 26 
Acheronta 28 d. h. inter cansationes et aecnsationes de audaeiis 
hominum 31 = Ovid 16 pnlsis ad cannina nervis 36 und 
37 : vgL oben Ovid Met. X 18 und 33 42 vgl. oben Ovid V. 
23—26 46 ffl.: für die Dichter galt im Mittelalter der Satz: 
Cannina composui: da mihi, qnod merui 49 vgl. oben Ovid 
V. 36/37 62 caput utrumque resolvet : resolvet 'znrtickbezahlen' ; 
vielleicht ist auch caput doppeldeutig 'Haupt' und 'Kapital'. 

IV 
flare iube lentos et lenes, Eole, ventos : 
carcere co»tentoe coibe celeres ' violentos ! 
Prodeat e claustro comitante Favoniws Austro: 
4 istos flare inbe stne nimbis et sme nube! 
(nag. 7) Cesset flare parnm gelidi/s turbator aquarum, 

ne voret Imarura mare triste ' voraz et avarnm ! 

Sic ferat Imarum, qwod ei mare no» sit amamm; 

8 pondws tarn carum Zephir»« ferat et mare clarum! 

2 contenptos B Im Codex Digby 53 in Oxford, fol. 10* (vgl. Paul Meyer 
in Arcbiveu des misaions n, V, 1866, p. 179) stehen nach der Uebererbrift 'Versus 
domni Primatis' znent die 9 Verse 'In cratere meo' (unten no XIV), dann folgen 
unmittelbar die Verse : 

7 Kon sequar Ismarum, timeo mare ne sit amarum. 
9 non me terranun, sed me via teret aquarum. 

14 et ratis allata me teret et unda salata. 

15 si ruat in cautem, ratis est dictura 'Tu autem', 

16 et rate confraeta de me sunt omnia facta. 

V. 7 ist tou derselben Hand später dazwischen geschrieben. Der Text ist 
schlechter oder wenigstens in Nichts besser als der Text von R 



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124 Wilhelm Meyer, 

Nim via terrarum, seä me via terret aqaarnm. 

— Cur raare te terret? — Quta me mare non bene ferret; 

comque fretum verret, vereor, ne navis oberret. 
12 More volantis avia volat alta per equora navis 

planiciemque aalt« velut ales transvolat aus. 

Me ratis alata, me terret et unda salata. 

ei ruat in cautem, ratis est factum 'Tu autei»', 
IG et rate confracta de me sunt omnia facta. 

Form Die 16 Hexameter sind einfach gebaut. Nor der 
2. schließt mit einem viersilbigen Wort; nirgends steht eine mit 
m schließende Silbe vor vokalischem Wortanfang, nirgends eine 
vokalisch auslautende Endsilbe vor einem mit h anfangenden Worte. 

Die Caesar fällt schon des Reims wegen stets nach der 3. 
Hebung. Die Reime sind alle zweisilbig und rein. Yon den 16 
Versen sind nur 7 gewöhnliche Leonini. Nicht weniger als 9 sind 
Unisoni: 2 Paare (1 und 2, 10 und 11); dann sind nicht weniger 
als 5 Verse (6 — 9) in der Caesnr und im Schluß durch denselben 
Reim arum gebunden. Diese unregelmäßige Häufung ist eine 
Eigentümlichkeit des Primas. 

Inhalt Das Gedicht besteht aus 2 gleich großen Theilen: 
Möge der theuere Imarns glückliche Seefahrt haben! (V. 1 — 8) 
Ich fürchte Seefahrt. — Weßhalb? — Weil das Meer mir nicht 
günstig wäre, und weil ich bei Sturm leicht Schiffbruch erleiden 
und umkommen könnte. Jeder dieser beiden Theile ist ver- 
standlich ; nur könnte man fragen, ob hinter V. 10 'quia me mare 
non bene ferret' irgend eine persönliche Anspielung steckt. 

Aber seltsam ist es, weßhalb der Primas dem Wunsche einer 
glücklichen Fahrt für Imarus die sonderbare Erklärung über sich 
selbst beigefügt hat, weßhalb überhaupt er von sich so viel spricht? 
Will er bloß harmlos auch von sich plaudern? Oder lag ein Grund 
vor, weßhalb er eigentlich hätte mitfahren sollen (vgl. z. B. das 
17. Gedicht)? Diese Fragen können wir um so weniger beantworten, 
als wir nichts wissen über den V. 1—8 beprochenen Imarus. 

Der Name Imarus ist selten. Könnte der hier genannte jener 
Zeit- und Landes- Genosse des Primas sein, welcher als Benediktiner 
aus St.-Mnrtiu-dee Champs es bis zum Abt von Moustier-Neuf in 
Portiers gebracht hatte and dann 1 142 als Cardinal (Tuscnlanus) nach 
Rom geholt wurde? Als Prior Cardinalium trat er 1159 auf die 
Seite Friedrich Rarbarossa's und bat sogar den Gegenpabst Victor 
IV. geweiht. Deßhalb ist er in der Literatur ziemlich mißachtet. 
Ueber seine Thätigkeit im Jahre 1159 and später ist wohl im 5. 



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Die Oxforder Gedichte des Primas, do 4. 125 

und 6. Bande der deutschen Geschichte von Giesebrecbt das Meiste 
zu finden, Über die Zeit vor 1142 in der Gallia Christians II, 
1720, Sp. 1267. Hier käme nur diese frühere Zeit in Betracht. 
Jedenfalls war dieser Imar ein klager Mann, dessen Freundschaft 
für den Primas ehrenvoll gewesen wäre. Aber Imar wie der Primas 
waren Leute des innern Frankreichs: wie konnten die zu einer 
Meerfahrt kommen? Da die definitive Abreise des nen ernannten 
Kardinals 1142 mit andern und lebhafteren Gedanken begleitet 
werden müßte, so müßte es sich hier am eine frühere Romreise 
handeln, welche Imar von Südfrankreich ans zu Schiff machte. 
(Einzelnes) 1 Die Gedanken lehnen sich wohl an Aeneis 

I 50 fß. an; V. 5 ist der Aquilo gemeint 6 voret . . mare vorax: 
ein kleiner lapsus calami; ebenso paßt V. 7 za 'sie ferat' weder 
aquilo noch mare als Subjekt, sondern nnr der za weit entfernte 
Favonins in V. 3 8 mare darum : gewiß ein seltener Aasdruck 

II der Primas scheint 'navis' als Subjekt zu 'fretum verret' zu 
nehmen 12 die reinen Daktylen sollen das Fliegen des Schiffes 
malen 14 für 'salata' finde ich keinen Beleg; es ist wohl eine 
in der Mitte zwischen 'salitus' und 'salsatus' entstandene Neuform 

15 'Tu autem' ist der Anfang einer liturgischen Schlußformel; 
mit dieser konnte der Vorsitzende Lector jederzeit eine zu lang 
währende Predigt unterbrechen und ein Ende machen; vgl. a Carpo, 
Bibliotheca liturgica II (1879) S. 201. Nicht weniger als 24 ver- 
schiedene derartige Schlußformeln (Modus concludendi lectiones ad 
modum veteram pro diversitate festorum), welche alle mit 'Tu 
autem donüne' beginnen hat Alfred Holder, Die Reichenauer Hand- 
schriften (in Karlsruhe) I 1906 S. 56, aus einer Handschrift des 
11. Jahrhunderts gedruckt (s. ebenda S. 248). Dieser plötzlich 
einfallende Schlußgesang war jedenfalls ein poetischeres Mittel 
den Schluß zu erzwingen als die Glocke des Präsidenten oder 
ähnliche moderne Hilfsmittel in Parlamenten oder andern öffent- 
lichen Versammlungen. Hübsch illustrirt diese Sitte der Arcbi- 
poeta in der 4. Strophe des 1. Gedichts: 

Brevem vero sermonem facio, 

ne vos gravet longa narratio, 

ne dormitet lector pre tedio 

et 'Tu autem' dicat in medio. 
Dann habe ich in Wernigerode Vagantenlieder gefanden, von denen 
3 schließen mit 'Tu autem'. Daraus ist klar, wie formelhaft diese 
Worte 'Tu autem' gewesen sind. Aber dennoch gehörte die 
Kühnheit des Primas daza, den Aasdruck za schaffen 'navis fae- 



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126 Wilhelm Meyer, 

tura est 'Tu autem' = na vis faciet finem, wie jetzt der Ruf 
'Solllaß' vom Telephongebrauch aus sich schon ziemlich verbreitet. 



V 
Llceribtis plenus victum petit oger- egenos: 
dives no» audit, victum negat, hostia claudit; 
dum sanies manat, lingens canis alrera sanat. 

4 Angel 'is evexit, quem nee vet'i« instita texit: 
purpura quem texit, stndet, cum Spiritus exit, 
Perpetuo digue miser est et paup-r in igne, 
paaperis et miseri q»i non voluit misereri. 

8 vitlit nee novit nee pavit eum neq«e fovit: 
nunc videt et noscit et aquas a panpit-e poscit. 
Gandet ■ q"i flevit: cruciatur' qui requievit' 
qwi miserum spt-evit ■ quem splendida cena replevit. 
12 esurit in pena, quem pavit splendida cena; 

vina bibena quonäam eitit et videt et petit undam 
14 iodicioque dti datur ignib«s: hie reqwiei. 

Die Form der 14 Hexameter ist einfach. 3 sind durch ein 
viersilbiges Wort geschlossen. Es findet sich weder Elision, noch 
schließendes m vor anfangendem Vokal, noch schließender Vokal 
vor anfangendem h. Die Caesar schneidet stets nach der 3. He- 
bung ein , schon wegen des Caesar-Reims. Es sind 14 Leonini, 
von denen aber 2 Paare, 4 + 5 and 10+11, durch gleiche Reime 
zu Unisoni verbunden sind. Die Reime sind alle zweisilbig and 
rein (nur 13 quondam : undam) und kein Reim wird wiederholt. 

(Inhalt) Die 14 Hexameter stützen sich auf Lucas XVI 
19 — 31; so ist V. 1 ulceribus plenus = Luc. 20; 3 vgL Luc. 21 
lingebant ulcera; 4 vgl. Lac 22 portaretur ab Angelia; 6 vgl. 
Lac. 19 induebatur parpura; 10 Lnc. 24 crucior; 25 ta vero ern- 
ciaris. Aber bei Lucas wird ein lebensvolles Zwiegespräch zwischen 
Abraham and dem Reichen gegeben: vom Prunus wird hier Alles 
trocken in der 3. Person erzählt. Sonst findet sich dies Gespräch 
dramatisch ausgeführt, in großen Strophen, welche aus rythmischen 
Vagantenstrophen com auetoritate und dann ebenso vielen qaanti- 
tirenden Unisonipaaren bestehen ; dasselbe ist bei ilaureati Notices 
VI 308 und in der Zeitschrift für deutsches Altertum 3ö, 257 ge- 
druckt; ich habe noch mindestens 3 andere Handschriften gefunden. 

8 lugflDB R 



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Die Oxforder Gedichte de« Primu, uo 5 and 6. 127 

Weßhalb hat nun der Primas einen so lebhaften dramatischen 
Stoff in schlichte Erzählung verwandelt, während doch sonst ge- 
rade er die Erzählung gern dramatisirt ? Ich kann nicht glauben, 
daß dies Gedicht selbständig nnd vollständig ist. Es ist wohl 
nur ausgeführt, um in ein größeres an einen Reichen gerichtetes 
Bittgedicht als argumentum nnd abschreckendes Beispiel eingesetzt 
zn werden. 

Die sich folgenden Hexameterschlüsse ; V. 11 quem aplendida 

cena replevit, V. 12 quem pavit splendida cena, sind nicht eben 

hübsch and höchstens darch die Freude am Beim zn entschuldigen 

V. 13 zu videt gehört wohl als Objekt 'ondam': er blickt nach 

dem Wasser hin. 



VI 

ldibws his Mai miser exemplo Menelai 

flebam nee noram quis sostulcrat mic/ti Floram. 

(p. 8) Tempus erat dorum, cum flos mens, optimus horom, 

4 liquit Flora thorum, fons fletus, causa dolornm. 

Nam dum * Flora * fngis, remanet dolor iraque regia, 

et dolor et eure, nis» veneria, haut abiture. 

Cur non te promis, dolcis comes et bene comis, 
8 ut redennte pari conütes pellantur amari? 

Terris atque frotis vagor, expers lace qaietis ' 

per noctem sonuü, capto captivior omni. 

Omni caplivo vel paupere vel fogitivo 
12 paoperior vivo, madet et ingi gena rivo 

nee fiet sicca, manus haue ms* tergat amica. 

Si remeaxe velis, tutic libi-r, tn«c ero felix; 

maior ero vates qua«* Cyrus sive Phraates, 
16 vincam primates et regum proaper itates. 

Q«od si forte lates, aliquos ingressa penates, 

exi, nunpe raoram; mora sit brevis hie et ad horawi. 

Alter fortassis precio te transtolit assis, 
20 vilis et extremuc neqne noscens, unie dolemus. 

Ut solet absque mare tnrtur gemebunda volare, 

q«e semel orba pari nee amat neque curat amari: 

sie vagor et revolo, reeubans miser in lare solo, 
24 qut matare dolo latus assnetnm raicAt nolo, 

tortnris in morem, cui dat naftira padorem, 

ShkbitureK lOsoimiR 15 scirn* B 20 uoiscans Meyer: not E SI At? 

DgizedDy G00gle 



128 Wilhelm Meyer, 

quod, simnl axorem tulerit mors eeva priorem, 
non sit iocandnm thalamam temptare smmdum. 
28 Sed tu mendosa rides me flente dolosa, 

sola nee accantbis, levibws par facta colombü, 
quis calor in lumbis matare facit thalamam bis. 
(Form) Von den 30 Hexametern schließen 3 mit einem 
viersilbigen, V. 16 mit einem fünfsilbigen, V. 30 mit einem ein- 
silbigen Worte. Es findet sich weder Elision, noch schließender 
Vokal oder schließendes m vor anfangendem Vokal oder h. Die 
Caesar schneidet stets nach der 3. Hebung ein. Von den 30 Leo- 
nini Bind 4 Paare und einmal sogar 3 sieh folgende Verse (15 — 17) 
dnreh gleiche Reime zu Unisoni verbanden. Die Reime sind zwei- 
silbig and rein ; za notiren sind nar : V. 14 velis : felix and V. 30 
lambis: thalamam bis. 

(Inhalt) Der Primas klagt — an den Iden des Mai — , 
daß er von der geliebten Flora verlassen sei (V, 1 — 4). Dann 
ruft er sie selbst an, wie verlassen and unglücklich er sei (V. 4 
bis 12) and wie nar ihre Rückkehr ihn trösten könne (V. 13—16); 
wenn sie bei einem Andern sich aufhalte, solle sie zu ihm zurück- 
kehren, der wie ein treuer Turteltäuber einsam sich nur nach ihr 
sehne, während sie wahrscheinlich sich leichtsinnig mit einem 
Ändern vergnüge (V. 17 — 30). Die Liebe and Treue zur Flora ist 
absichtlich recht übertrieben und rührend gemalt, damit das Gegen- 
stück, das 7. Gedicht, am so besser begründet Bei 

(Einzelnes) 1 Frühling ist es; ja vielleicht war an den Iden 
des Mai ein besonderes Frühlingsfest : am so röhrender ist die Si- 
tuation. Der Primas scheint Alliteration zu Sachen, wenigstens im 
Anfang der Gedichte 2 nee norain quis scheint = et nescioquis 
= et ignotos. Flora und Phyllis sind in Frankreich die ge- 
wöhnlichen Decknamen für die besungenen Mädchen 7 vgl. 18, 
83 comes comis 15 der Vergleich stammt wohl aus Horaz Od. 
2, 17 Redditum Cyri aolio Fhraaten . . nnmero beatornm exiinit 
Virtos 18 vgl. 3, 50 neque perpetao ■ sed ad boram 21 and 
22, 26 — 27 vgl. den mittelalterlichen Sprach: Turtar perpetao 
primam conservat amorem Amissoqne pari nescit habere purem 
V. 21ffl. der überlieferte Text ist mir unverständlich. In V. 21/22 
ist die Rede von der Turteltaube, in V. 25—27 von dem Männchen, 
dem Täuber. Der Gedanke wäre also: Wie die Turteltaube, von 
ihrem Männchen getrennt, sich am keinen Andern kümmert (V. 
21/22), so lebe ich einsam (V. 23/24), nach Art des Taubers, 



7 tempt. sec. thal mertt in R, dann vmytsltüt SO qnis? lanbia R 



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Die Oxforder Gedichte des Primas, do 6 and no 7. X29 

welcher nach dem Verlost seines Weibchens einsam bleibt (V. 
25/27). Der Primas vergliche sich also zuerst mit dem Weibchen 
dann mit dem Männchen, Das scheint unmöglich. Es ist 

natürlich, daß das feminine Glied anderswohin verbanden wird. 
Vielleicht ist V. 21 zu schreiben 'At' statt 'Ut', dann zu theilen 
V. 22/23 curat amari. Sic vagor (ego) . . turturis in morem. Dn 
treibst dich wohl bei einem Andern herum (V. 17 — 20): aber eine 
richtige Turteltaube kümmert, sieh nur um ihren Tauber (V. 21/22). 
Dementsprechend lebe ich ganz einsam (V. 23/24), wie ein Täuber, 
der sein Weibchen verloren hat. 24 latus, wohl feminae 30 es 
ist wohl 'quas' zu bessern. 



VII 

Quid logeB lirice, quid merea pro meretrice? 
(p .9) Bespira * retice ncque te dolor urat amice 1 

Seimus — et est aliquid — quia te tua Flora retiquit. 
i Secl tu ne eures, posaunt tibi dicere plnres, 

qui simili more * simili periere dolore. 

Teque dolor scortd dabit afflietnm cito morti, 

ni dure sorti respondes pectore forti. 
8 Quod mala sors prebet, sapiens contempnere debet; 

res quociens mestas non est mutare potestas, 

mesta ferendo bene reddit pacientia lene. 

Sed quin perferimus, q»iod permutarc nequirnns! 
12 Consolare lyra luctnm, qnem parturit iral 

paulnm respira, quia destino dicere mira! 

Ergo quiesce parum! nee erit grave sie nee amarntn, 

si nunc ignarum mores doceamus earnm. 
16 Lenonem lena non diligit absque crumena. 

Lance eibo plena ' vinum fnndente lagena ■ 

plus gaudet cena quam dnlee sonante Camena. 

Cum nidor naso veniet, gandebit omaso 
20 aut aliqua sorde plu« quam dnlcedine corde. 

Cum vestis danda vel erit bona cena paranda, 

tunc qwidvis manda, tunc semper erit tibi blanda. 

Sed cum dona feret, que nunc tibi blanda coheret, 



II quid R, quin Meyer in der Münchner Utein. Hft 17212 fol. Sit gp. 2 
(M) sind copiit die Verse 16—36, 29 80, 84; 86—11; gedruckt von Wattenbach 
im Anzeiger f, Kunde d. d. Vorzeit, XXIÜ, 1871, Sp. 834 16 canente H 

19 oinaao M, amaso B 22 qnedvia M 

EfL Oh. I Wl«. Nichrtoht™. rkil»li>(.-blitar. Eh 1(07. Haft 1. 9 



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130 Wilhelm Meyer, 

24 quem voret et laceret pociorem perfida qweret 
Quo aemel invento te mauere linquet adempto, 
cedet contempto te paupere teque redempto. 
Que prcdam nacta, cum res fuerit tua fracta, 
28 nee bona transaeta tua nee recolet bene facta. 
Tu risus plebis mecho ridente dolebia, 
riaus eris Tille, meretrix ridebit et ille. 
Sl Nescit enim miseris misereri mens mulieris 
(pag. 10) mobilibws pueris ventoque simillima veris. 

Qua»), quiu nil dederis, modici Bonus aoferet eris; 
promittas rursws: velox erit inde recursus. 
Si tife» bnrea sonet, que spem modicam sibi donet, 
36 borsa redire monet: revolabt'i eumque reponet 
Nee nut mertdicum mendax dimittit araicum. 
Bnrsa vocat mecham, veluti vocat ad cirotecat» 
erns avis excisnm vel visa carnneula nisatn, 
40 Sumpto quadrante tuwe iurabit tibi Bande: 
'non dimittam te, msi me ditniseris ante'. 
Cum dederis natnmnm, iurabit, te fore summum, 
tunc finget lacrimas partesque dabit tiii primae; 
44 'alter plura licet michi det, te plus amo' dicet, 
mirnw ut extricet et totnm prodiga siccet. 
Nam soa cnstodit, te nescia parcere rodit, 
tardantemque fodit; msi des cito, quod volet, odit. 
eumque miser tna das, non qwerit, dum si&i tradas, 
49 vmde hoc corradas Tel egens quo denique Tadas. 
Die Handschrift in München, M, Clm. 17212 f. 2.t b , ans 
welcher ich 1873 Radewin's TheophüuB heraosgegeben habe, beginnt 
mit V. 16. Sie hat viele Verse nicht, welche in R stehen. Aber 
für die in ihr enthaltenen Verse ist sie eine gute Textesquelle; 
richtig ist V. 30 eris, gut V. 39 excisuin; möglich V. 18 canente. 
22 qnodvis; falsch 37 m statt n. 

Die Form ist einfach. Von den 49 Leoninern schließen 2 
mit einem viersilbigen (V. 1 und 38) Worte; 2 haben im Caesur- 
schluß ein einzelnes einsilbiges Wort. Die Caesar schneidet stets 
nach der 3. Hebung ein. Elision findet sich in V. 49 Unde 
hoc corradas; sonst findet sich weder schließender Vokal noch 
schließendes m vor anfangendem Vokal oder h. Die Reime 

24 potiorem H 25 adepto? 30 erit R, eris H 87 n B, in M; 

mdic n dien maax R 39 excisum H, exciunm R ; vel ; et M 43 extrincet 

R, extricet Meyer; vgl. Honu S*t. I 3, 86 nummos extricat 45 te totnm? 
49 eorrodu R, corradas Meyer 



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Die Oxforder Gedichte des Primas, no 7. 131 

zeigen hier am deutlichsten die angebundene Art des Primas: von 
den 49 Leoninern sind nicht weniger als 26 zn 18 Unisoni-Paaren 
und 6 (V. 16 — 18 und 31 — 38) zu zwei dreiseitigen Unisoni-Gruppen 
verbanden. Die Reime selbst sind zweisilbig and rein; nar in 
V. 25 steht 'invento' gegen drei 'empto', and in V, 41 'dimittam 
te' gegen 'sanete' and zwei 'ante'. Kein Beim ist wiederholt. 

(Inhalt) Dnsollst, Dichter, nm das fortgelaufene Freuden- 
mädchen, die Flora, nicht so sehr tranern. Es mag dir ja onan* 
genehm sein (V. 1 — 3), aber härme dich nicht zn Tode (V. 4 — 7). 
Erstens kannst Du's doch nicht ändern (V. 8 — 11). Zum Andern 
— laß dareb die Mase dich trösten — ist so ein Mädchen das 
gar nicht werth; denn höre, da Unerfahrener, von welcher Art so 
ein Mädchen ist (V. 12—16). (V. 16—49:) Gut Essen und Trinken, 
schöne Kleider and andere reiche Geschenke gelten allein Etwas 
bei ihr und weit mehr als deine Person oder dein Dichten (V. 16 
bis 22). Gibst da nichts mehr, so sucht sie einen Andern, Frei- 
gebigen, and lacht dich ans (V. 23—33) ; gibst da wieder, so kommt 
sie wieder (V. 34 — 37). Für Geld ist sie zärtlich, am recht Viel 
herauszulocken; wie do's auftreibst and ob da dabei dich rninirst, 
das ist ihr gleichgiltig (V. 38—49). 

Dies 7. Gedicht ist das Gegenstück zum vorigen; das eine ist 
mit Bücksicht auf das andere gedichtet; daher in beiden die 
Uebertreibong. Zunächst will der Dichter seine Geschicklichkeit 
zeigen, eine Sache pro et contra auszumalen, wie Thiers es als 
Rahm ansah, eine gestellte Preisaufgabe pro und contra zu be- 
arbeiten und mit beiden Ausführungen einen Preis zn gewinnen. 
Aber möglich ist, daß ein Mädchen, in das der Primas eine Zeit- 
lang verliebt war , ihm davon lief — denn Geld hatte er wenig 
and noch weniger körperliche Reize — und daß er durch diese 
zwei Gedichte aus Beiner unangenehmen Situation sich heraus- 
arbeitete. Damit hatte er sich selbst zurechtgefunden und die 
Lacher auf seine Seite gebracht, ja vielleicht zu Lobrednern seiner 
Kunst gemacht. 

(Einzelnes im 7. Gedicht) 1 lirice ist wohl genommen 
aus Eoraz Oden I 1, 36 quod si me lyricis vatibus (s. VI 15) in 
seres 11 quin setete ich statt quid; vgl. Terenz Phormio 429 
quin quod est ferundam fers? 12 vgl. Ovid Her. XII 208 in- 

gentes partarit ira minas 14 qniesce: and höre za der V. 
16 findet sich oft als einzelner Spruchvers; vgl. Hauräan, Notices 
et Extraits de quelques mss. IV 286; leno = Buhle 23 die 
Worte 'com dona feret' müssen zu 'potiorem perfida qneret' ge- 



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132 Wilhelm Meyer, 

hören 36 adempto = adepto 26 redempto = vendito, der 
Reiche zahlt Geld, daß da von ihr aufgegeben wirst 36 bursa 
sonet vgl. I 32; sibi = ei 36 reponet maß hier die Bedeutung 
haben 'zurücksetzen', also nicht restituet, sondern retro ponet, de- 
ponet 39 der Jäger hält in der Hand ein Hühnerbein oder einen 
Fleischbrocken, um den Jagdvogel auf seine Hand zu locken ; zum 
Schutz gegen die Kralleu, mit denen der sitzende Sperber sich 
festhält, trägt der Jäger Handschuhe 40 vgl. XXIII 26 et 

dicebat michi sancte (mit feierlichen Worten): f rater, multum 
diligam te 46 totnm prodiga siccet: 'aiccare = Bpoliare' scheint 
nicht antik znsein, 'totom' ist jedenfalls masculin; statt 'prodiga' 
erwartet man 'prodigum' : hier muß es bedeuten 'reichlich , un- 
mäßig' d. h. zu ihrem Yortheil 47 fodit = impellit, excitat. 



vm 

Jussa lupanari meretriz exirc ■ parari 
provida vnlt ante, quamvis te sepe vocante. 
Conponit vultuw, meliorem dat siot cnltnm, 
4 Ulinit unguento faciem, prodit pede lento. 
Com venit ingressa, residet spirans quasi fessa 
seqw« verecnnde venisse refert aliunde, 
quamquam venit heri, Bimn1nnn timuisse viderL 
8 Cuiws in adventum famnlorum turba frequentum 
extendit leta cortinas atque tapeta. 
Flagrat tota rosis et m** preciosis 
vestibus instrata dorn«*', nt sit ei mage grata. 
(pag. 11) Omnia magnifice disponis pro meretrice; 

13 maiori cora cocus aptat fercula plura. 
Que quasi morosa * quasi comis ■ deliciosa 
singula percurrit" degustat* pauca ligurrit. 

16 Servit tota domus. Com vina dat optima promus, 
sorbillat paullum, vix adprecians ea naulnm. 
Tecum nocte cnbat quasi virgo, qtw modo nubat; 
clamat dum scandis, quta res nimis est tibi grandis; 

SO anxia cum lite iurat non posse pati te; 



In der Münchner Hft, C'lm 17 212 foL 21* Ende, «od copirt die Vene 1—15. 
18 — 29 bovis, SO pecadumve — 32, 38, 44 und 45, 49 and 60 6 frequentum 
M, sequentwn E 10 et "Ma (ment» oder merU) B, et tmi (km trantu) M 
11 mige I, tuB, 17 *orbill»tq; B; dann perfl m paulla geändert in B; 

qne im. Mtyer 1» seudit M 20 cum R, du M 



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Die Oxforder Gedichte des Primu, no 8. 133 

eumque gemens plorat, aditum stringendo minorat: 

qui si Bit patnlus, vix inpleat hunc heue malus. 

Craa abi dimittis, obnobit timpora vittis, 
24 ne quis noseat eam, dum tronsvolat illa plateam. 

Cum domiuf exilis habet haue • casa sordida ' vilts, 

tunc sioi de rivo potam petit. In lare privo 

inplent Iactoce festiva fercwla luce 
28 aat olus out fangi. B«ne si quando volet angi, 

tunc emit ezta bovis saciauda cadavere quovis 

vel capre vel ovis pecudnmve pedes tribus ovie; 

vel panin dnri calefacto frostula iori 
32 frangens infercit, alia cni nocte pepercit. 

Vilia tunc villa, que fece flaunt, emit illa; 

fraude bacetigori ne quid valeat retineri, 

in virga numeram designat uierque dierum; 
86 venditor et villi metretae conpntat Uli 

pro quadrante decem prebens ad prondia l'ecem. 

Tunc si scorra pedes pede nado pulsat ad edes * 

mimua sive calo vel stietws lodere talo - 
10 pene rigente malo celer hostia fr&ngere palo 

leno disemettw: ädus te mittitur intne. 
(pag. 13) plus habet mde pedes quam Polens aat Diomedes 

nobiliorve Pelops: ita corrit ad hostia velox. 
44 Ad vocem lixe properat raetaens ea rize, 

tnrpis et iwconpta pos/ scorram enrrere prompt». 

qwelibe* inmunda loca poscat, no« pndibanda, 

spe levis argenti stabulo caput abdet olentL 
48 quolibet inpelli levis ibit amore locelli 

Sicu/ apis melli serael heret dura revelli, 

sie volat ad manu« meretrix, quod scarra dat onus; 
51 quo semel aeeepto cuivia se vendet inepto. 

Die Handschrift M läßt wohl viele Verse weg, bietet aber 
die richtige Lesart sicher in 8, wahrscheinlich in 11 and 38, viel- 
leicht in 31, 42 and 44; gefälscht ist sie in V. 19—22. Die 



21 etringendi M 22 si sit R, sie sit M 27 impleot M 29 '«»ciand* 
6m 30 oris' fehlen wie getagt in M 31 uel : aut M ; craetula M 34 der 3. 
Buchstabe von bscetigeri ist unsicher; es scheinen f und c ineinander corrigirt 
zu sein ; es könnten wich f und b vermischt sein 36 ut B, et Meyer _38 ftfear* 
R suerst, dann ist t m i corrigirt 38 pulsat M, pulset R 49 h«, dann in 
aber der ZeUe angefügt in R, habet fflo M 44 es, B, lupa ■ 46 promta B 
48 puelli B, iucelli Meyer 51 cai uix B, cniris Meyer 



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134 Wilhelm Heyer, 

Schwierigkeit in Y. 10 habe ich weder mit der Hft B noch H 
lösen können. 

Der Versbau ist einfach, 6 Verse schließen mit einem vier- 
silbigen, 1 (V. 14) mit einem einzelnen einsilbigen Wort. Die 
Caesar schneidet stets nach der 3. Hebung ein, Elision findet sich 
nicht, aber auch nicht schließender Vocal oder schließendes m vor 
anfangendem Vocal oder anfangendem h. In großem Gegensatz 
zum vorangehenden Gedicht sind dnrch den Reim von diesen 61 
Leonini nnr 6 zu drei Unisoni-Paaren verbanden. Die Reime sind 
zweisilbig and rein; za notiren ist höchstens: V. 20 lite: pati te. 
Wiederholt int nnr 1 Reim: 38 = 42. 

(Inhalt) Läßt Do dir ein Freudenmädchen in dein Haas 
kommen, so will sie die Dame spielen (V. 1 — 24) : sie läßt auf sich 
warten; deine Zimmer, das Essen und Trinken, in Allem auf das 
Feinste hergerichtet, würdigt sie kaum eines Blickes oder eines 
Wortes; des Nachts thut sie wie eine unberührte Jungfrau, und 
des Morgens will sie wie verschämt unbemerkt, in ihre Wohnung 
schlüpfen. Ganz anders treibt« die Dirne in ihrem jämmerlichen 
Häuschen (V. 25 — 61) : da trinkt sie Brunnenwasser, and Salat oder 
Kohl sind ihr ein Sonntagsessen; seltene Leckerbissen sind Kuttel- 
fleck nnd Kälberfüße oder etwas Fleischbrühe mit alten Brotrinden 
und dazu verdorbener Wein, den ihr für 10 Mahlzeiten der Straßen- 
verkäufer nm einen Groschen liefert (V. 26 — 37). Klopfen dann 
ihre Besucher — die gemeinsten and gröbsten Kerle — an die 
Thüre, so Öffnet sie schleunig (sonst würden diese die Thüre ein- 
treten) und leistet ihnen für wenige Pfennige jeden, auch den 
schmutzigsten Leibesdienst. 

Dieses derbe (nicht lüsterne) Nacbtstück schließt inhaltlich 
sich an das vorangehende Gedicht; ja, man könnte meinen, beide 
Gedichte seien zu einem zn verbinden. Allein schon die Reim 
Verhältnisse sind verschieden : im 6. Gedicht sind von 30 Leoninern 
11 und im 7. sind von 49 Leoninern gar 32 zn zwei- oder drei- 
zeiligen Unisonigruppen zusammen geschlossen; hier im 8. Gedicht 
finden sich unter 61 Leoninern nur 3 Unisoni-Paare. Aber auch 
die Situationen sind stark verschieden. Im 7. Gedicht wird die 
Gewinnsucht des Freudenmädchens geschildert, und die Verhält- 
nisse passen auf den Dichter: hier im 8. wird die Gemeinheit des 
Freudenmädchens und ihres Gewerbes schonungslos geschildert 
und lächerlich gemacht, und in dem reich geschmückten schönen 
Hauswesen mit vielen Dienern kann man sich kaum den Primas 
als Hausherrn vorstellen. 



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Die Oxforder Gedichte des Primat, no 8. 135 

Aber allerdings kann man auch dies 8. Gedicht mit der Liebes- 
affaire des Primas in Verbindung bringen. Durch das 7. Gedicht 
hatte er sich an dem Mädchen, das ihn verschmäht hatte, ziemlich 
gerficht. Das Gedicht fand vieles Lob, und so zog es ihn auf 
dem beschrittenen Wege weiter. Im 7. Gedicht hatte er nur die 
Gewinnsacht des Freudenmädchens geschildert; doch davon maßte 
sie eben leben. Das 8. Gedicht malt ihre Lügenhaftigkeit und 
ihre Gemeinheit; der 1. Theil, V. 1—24, macht sie lächerlich, der 
2. macht sie verächtlich. Nach dem 7. Gedicht konnte der Primas 
mit seiner Flora wieder anknüpfen and brauchte aar Beinen Geld- 
beutel zar rechten Zeit za öffnen oder za schließen; nach diesem 
8. Gedicht gab es keine Versöhnung. 

(Einzelnes im 8. Gedicht) 10 schon die Schreiber der 
Hften R nnd M haben, was sie schrieben, nicht verstanden; es 
scheint ein Wort = nngnentis dahinter za stecken 14 quasi . . 
quasi = halb . . halb; deliciosa ist Neutram 17 'vis adprecians 
naulum' scheint volkstümlicher Ausdruck: sie taxiert den Werth 
kanm so hoch als die Fahrkosten allein 19 res sc. virilis 
21 minorat: nnr spätes Wort 26 lare privo vgl. Hör. Epist. I 
1, 93 priva triremis 28 bene ungi vgl. Hör. Epi. 1 16, 44 quid 
melius et unetius; 17, 12 accedes siecus ad unetam 29 za ver- 
binden ist bovis vel capre; zum Ganzen gehört 'satianda cad. qu., 
wobei sie mit jedem schlechten Stacke sich begnügt 30 'tribos 
ovis' scheint eine Münzart zu bezeichnen 33 und 36 : das Wort 
villum = vinulum scheint nur bei Terenz Adelphi V 2, 11 sich 
zu Anden ; vgl. die von Wattenbach, Anzeiger f. Kunde d. d. Vor- 
zeit 1871 Sp. 203 gedruckten Stellen : vinum servant, bibunt villum 
und vino adeo adaqaato, ut inerito magis villum quam vinum di- 
cator 34 gemeint ist wohl der Träger eines bacetum, baquet; 
dieser gibt für einen quadrans ihr an 10 Tagen je einen Becher 
Weins; damit nicht zu viel und nicht za wenig Tage notirt 
werden, wird jedes Mal ein Schnitt in ein Kerbholz (in virga) ge- 
macht 36 'et conputat, und er verrechnet mit ihr die Schoppen' 
scheint einfacher als 'ut conputet' 42 pedes ist, wie in V. 88, 
Nominativ, im Gegensatz zu den nobeln equites. Dann ist wohl 
'ille' richtiger als das unmotivirte 'inde'. 'Habet' maß den Sinn 
von 'valet' haben, wenn nicht dies zu ändern ist 46 loca cor- 
poris poscat scurra, wohl im Gegensatz zu V. 20/21; V. 47 im 
Gegensatz zu V. 9—11 48 vgl. Horaz Sat. H 5, 81 quae si 
semel uno De sene gustarit tecnm partita lucellum, wo dann der- 
selbe Gedanke folgt wie hier V. 49, aber in anderem Bilde: ut 
canis a corio nonquam absterrebitnr uneto. 



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136 Wilhelm Meyer, 

IX 

Urbs erat illnatris, quam belli clade bilnstris 

nunc facit exostrix fecandam fiamma ligustrie. 

TJrba fecunda ducnm, caput inclinata cadocam, 
4 nunc fecanda nncom stupet ex se anrgere lacum. 

Creacit flava aeges, dictabat rex nfri leges; 
6 fedant tecta greges, nfti natriit Hecnba reges. 

Urba habitata viria et odoribus inclita Syris 
8 nunc domus est tigris ' aerpentibus hospita diria. 

Urbem reginam' mundi decws ante rninam' 
10 terrarum dontinam: videas hnmilem* resnpinam. 

Cerva facit saltus, u6i nobilior fuit altus 
12 et ladü aptus Ganimedea a Jove raptus. 

Urba bene anblimis' ducibus predivea opimis 
14 onaque de primia: modo fit minor et Cornea imis. 

Si moroa veteres ■ ai templa domosque viderea, 
16 quam teuere fleree mala, que malus intnlit bereu: 

Veprea et apinas veteres operire rninaa, 
18 pallia* eortinas et opes regnm peregrinas. 

Terra referta bonia ■ fnlgena opibws Salomonia 
(B 130") et regnm donis : nunc eat apelunca leonis. 

Hen- quid agnnt bellal preriosa iacent capitella 
(p. 13) et Jovis in cella cabat hiitc ovia" inde capella. 

Horret homos inncia, tribnloe parit hispida runeis' 
24 arboriboa trancia et vepribus et aalinncis. 

Urbis nunc misere dolor eat tot dampna vidore, 
26 que modo tota fere gemmia radiabat et ere. 

Certabat stellis topazias in capitellü 
28 et accus anellts* medicina smaraadus ocellis. 

Sardus et onichili aordent in pulvere vili, 
80 qnae tnlit a Kili victoria fontibws Ili. 



E ~ Matelinson Q 109 p. IS med. ; B = Berlin M$. tktol. tat. Od. 94 
f. IM* 1 Uloatrix B 2 fecandi B 2 lignsthx B 6 die folgenden 6 
Distichen sind in R und B verschieden gestellt; ich folge der Hft B, da sie T. 17 
mid 18 allein bietet B fast folgende Ordnung ntch T. 4: V. 7. 8; 5. 6; 11. 12; 
9. 10; 15. 16; 13. 14; 17 and 18 fehlen; 19. 20 usw. 6 mitriit Meyer, natrit BB 
heccub» B, ecabs. B 7 siris B 8 tigris:tjris B 12 ladit B 13 urbs 
eUta nirois B 14 et: mt B 16 Tun B 17 und 18 fehlen in B 

21 agnnt out agant eorrigWl B 21 pretioia B 23 und 24 fehlen in B 

3b Urbis: NiButdoit' roih, ah wenn ein neues Gedicht begänne 2b tot B: 
ob B 26 here B 28 smaragdns B 29 onichini B 80 a B, ha B 
30 frontibns B 



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Di« Oxforder Gedichte de* Primae, no 9. 137 

Gloria, matronis et regnm digna coronis 

inclita Sardonia icta percusaa ligonia 
33 occurrit pronis vel arantibus arva colonis. 

Q«e modo contempta, sed magno regibi« empta, 
96 venditur inventa pro nummo sive placenta. 

Hercatorque bontts vendit pro pane colonus 
37 nobilis auria onus, quod repperit in aerobe pronus. 

TJrbs bene feennda* müli aab sole Becttnda, 
39 quod fuit inmnnda, luit et patitur gemebunda. 

Quolibcf in aceler« aperana si6* enneta licere 
11 sordnit in venere: sed dia ea diaplicaere. 

Quod Paridi fede nnbebat filia Lede 

et steriles tede nobente Jovi Ganimede: 
44 cum -proprio. Bede loit hoc datus incola prede. 

Nostria fraeta doli* inmenae fabrica molta 
46 scinditur agricolü, opus ammirabile Solia. 

Infenaus divia pfriit cum principe civil, 
48 et cum captivia rex captu« aervit Achivia. 

TJrbia preclare rex ipse volena latitare 
50 fataque vitare cum prole coheserat are; 
(B f. 130*) Credebant miaeri superoa debere timeri: 

ira dneia paeri no» curat sacra yereri; 
53 aic nee eos superi potoere nee ara taeri. 

De propria aede Jovis est diatraetaa ab ede, 
55 impositos rede rex viliter a Diomede. 
(p. 14 R) Talia com memorem, nequeo cohibere dolorem, 
57 quin de te plorem, cum de te, Troia, perorem. 

Sed iam menbra thoria dare nos monet bora soporis. 

(Einzelnea) 19 opibna Salomonie: Reichthümer, wie Sa- 
lomo sie besaß 28 vgl. Plinius 37 § 63; z. B. non alia gratior 
ocolorum refectio est; ita viridi lenitate lassitudinem nralcent 
80 eine derartige Sage kann ich nicht finden 33 und 37 pronns : 
gebückt beim Hacken oder Graben 46 Apollo and Poseidon 
sollen Troia'a Mauern gebaut haben; s. Servius zur Aeneis m 3. 

(Form) Die 68 Hexameter aind stark gereimt; es Bind 
durchaus TJniaoni, Paare von Hexametern mit 4 gleichen Reimen 
der Caeaoren und der Zeilenschltiase ; ja, nach der Liebhaberei 

39 immoncU B 41 dia B, diis B 43 ioue B 46 uninbile B 

47 infewQa B Gl superos R, saper hoc B 62 ir» B, bem B 62 uou B : 
nunc B 64 und 65 fehlen in B 66 com B 67 quin ego te B 58 no« 
B,n«B 



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138 Wilhelm Meyer, 

des Primas, sind 3 Mal nicht 2, sondern 3 Hexameter durch den 
gleichen Reim gebunden (31/33. 41/43. 51/53). Daß ein einzelner 
Leoniner (V. 58) schließt, das hängt vielleicht zusammen mit der 
Frage, ob das Gedicht vollständig ist. Die Reime sind zwei- 
silbig und fast rein; durch die große Reimschwierigkeit mögen 
die unreinen Consonanten entschuldigt werden in : V. 8 tigris gegen 
3 Iris'; V. 11 altns nnd altns gegen V. 12 aptus und aptus; V. 

34 empta nnd empta gegen 35 enta nnd enta. Wiederholt werden 
nur 2 Reime: ere in V. 25 nnd 40, ede in V. 42 nnd 54. Die 
Reimschwierigkeit mag auch die 9 viersilbigen Schlußwörter 
nnd das eine fünfsilbige etwas entschuldigen. Die Caesur 
schneidet stets nach der 3. Hebung ein; vor der Caesur steht in 

35 Hexametern der Anfang: —uuj. — JL. 

(Inhalt) Das Gedicht schildert in wirksamen Gegensätzen 
hauptsächlich, wie Troia einst volkreich, wohlhabend und prächtig 
gebant war, jetzt aber seine Ruinen von Dornen überwachsen 
werden oder als Ackerland dienen (V. 1 — 37). Es sei gefallen 
wegen der Gottlosigkeit und Unkeuschheit; bei der Erstürmung 
hatten seine Fürsten wohl die Götter angefleht, doch da seien sie 
von ihnen nicht erhört worden. 

Das vorliegende Gedicht will nicht eine lyrische Betrachtang 
des Primas sein, welche man etwa überschreiben könnte 'Empfin- 
dungen auf den Ruinen von Troia'. Vielmehr zeigt V. 45 'Nostris 
fracta dolis', daß ein Führer der Griechen Andern berichtet (V. 57 
cum de te, Troia, perorem). Der vereinzelte letzte Vers 'Sed 
iam menbra thoris dare nos monet hora soporis' zeigt, daß diese 
Erzählung sich an ein Abendmahl angeschlossen hat. Ebenso be- 
schließt Virgil die große Erzählung des Aeneas im 2. und 3. Buch 
der Aeneis mit dem Verse: Couticnit tandem factoque hie fine 
quievit. 

Diese Umstände müssen wir aus zufälligen Andeutungen des 
Gedichtes errathen ; sie waren aber natürlich im Gedichte deutlich 
angegeben. Schon daraus erhellt, daß wir nur ein Bruchstück vor 
uns haben. Ist ja auch das folgende Gedicht in der Oxforder 
Handschrift um 24 Verse kürzer als in der Berliner, nnd selbst 
der berliner Text hat dort keinen richtigen Schloß. Spricht im 
9. Gedicht Ulixes, so fällt die Situation lange nach Troia's Er- 
oberung, in die Nähe des 10. Gedichtes, das im 10. Jahre nach 
Troia's Fall spielt Hat der Primas ein größeres Gedicht über 
die Heimkehr des Ulixes geplant, aber nur diese Bruchstücke aus- 
geführt?, oder hat er dasselbe wirklich gedichtet und haben die 
Abschreiber uns nur diese Scenen überliefert? 



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Die Oxforder Gedichts des Primae, no 10. 139 

X 

1 ost rabiem rixe, redeonte bilustris Ulixe 
rnpibus infixe tenaere rates vada; vix se 
expedit invictns • fortone. fortis ad ictns 
4 et pretcr saperos nulli snperabilis heros ■ 
dampnis afflictns odio snperant neque victna. 
Afflictua dampnis neque victus plnribcs annis 
viderat Ethiopes* Arabas avidosqne Ciclopes. 
8 Et iam maioris bominio virtute laboris 
annws erat decimus et mensis in ordine primu«: 
com male iam fractus et penis pene subactus 
ultima scitari vult Tyresiamque precari. 

12 nonam past hyemem religant cum fnne biremen 
ad cautem cante bona nacti littora naate. 
Dactor adit Thebas, nW twnc, vir docte, docebaa 
morem vivendi, quid dictent fata' parent di. 

16 dnx quasi nanta pedes ad vatis devenit edes, 
edes vicinis monstrantibus at pft-egriniB. 
intrat et inplorat et vatem prontis adorat: 
Maxime, die, vates, patriosne videbo penates 

SO vel penitMs fatnm vetat hoc? refer, optime vatom. 
die, ei Laertes pater «st natusque soperates ; 
interpree supemm, de coninge die micAt verum. 
plus erit inde levis perstans mea pena tot evis, 

24 cum fnero certus. Sic fatur. At ille misertws 
pronum devolvit, hnmilem levat, os ita solvit: 
(B f. 128*) Novi re vera, quid dictent fata severa, 

et quecunqne Jovi pricognita sunt, ego novi; 

28 verax nee qnicquam mentittts in ordine dicant, 
quiequid Bcire voles. Vivit pater et tna prolea, 
Telemacus, qnem pascit acu«, vivitque labore. 
Penelopem cernes inopem vetnlamque dolore. 

82 vivit mendica, qnia malnit esse pndica. 
si fieret mecha, non esset inops apotheca, 
natu« baberet equos. modo vivit aca, quia mechos 

E = Oxford Rawlinson 109 pag. 14 Zeile 4, beginnt ohne Uebencbrlft 
mit V. 8 Annua erat B = Berlin Ms. theol. lat. Oct. 94 f. 128* Zeile 6 be- 
ginnt mit der Uebenchrift, Item versus de excidio Troig; Tormn geht die Um- 
arbeitung der Diu lstina. 11 Tyreaeamqae B 12 fugne, g expwncrsri, B, 
12 biemem und bireme B 15 du B 18 implorat B 19 Maxime, ■ 

rothe Initiale in B 20 vel . . vetat B: an . . negat B 26 ditent B 28 ne 
cuiquam B 30 Tbelemacos B 80 pacit B 31 acil B 



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140 Wilhelm Meyer, 

(p. 15) mater contempsit. set malo, quod esuriens sit, 

36 quam foret immunde meretrici victws habende. 
perdidit armen tum pecudesque, domus aliinentum, 
a mechis centnm corpus lucrata redemptum; 
perdidit omtte pecus, quod suatulit advena mechus, 

40 obtinnitque deci<s. sed, qwi hostis erat, foret eqnus 
et blandus fieret, fieri si blanda valeret. 
paupertate premi- sna malebat quia derai, 
quam sna cum scortis sors esset, femina fortia 

44 nunc algore* siti raorietur, amore mariti. 
iustitie zelo fuge, redde mauum cito velo, 
nos animtim celo. Sic pectore fatus anelo, 
reddens se lecto, iube( hunc excedere tecto. 

48 Pronior üle cadens et humum cum poplite radena 
asperius meret, qwod femina pania egeret, 
quam pro Telemaco, qui vix tegit inguina sacco. 
plorat, sed g&näet neque. vult monstrare nee Sudel 

52 vir bene precinetus, que gaadia mens habet intus. 
Jörn non pressure paupertatisque future 
nee pelagi memiuit: rumor bonus omnia finit 
de midiere bona, quia spreverit omnia dona 

56 res precio prona, preciosa digna Corona, 
(B f. 129) cum precium reicit. Tunc secnm talia dicit: 
Jam depone metus, iam deaine fnndere fletus 
et lacrimas sicca, socia vivente pudical 

60 vela cito repara, fac fnmet Palladis aral 

sors tua preclara, inm nee gravis est nee amara, 
dum sit avis rara mulier panper nee avara. 
Spernere iam Yenerem nee poBse capi molierem 

64 aut irretiri pretio dampniave feriri 

vel prece molliri prius est dyademate Cyri. 
Non aurum* lapides nee mille talenta micAi des: 

67 vincit pura fides, quicqiiid dare posse( Atrides; 
(p. 16) plus animum sanetum probo quam gazas Garamantnm. 



86 contenpsit B 35 et R 36 meretrici« B 37 dorne» B 

B8 ■ B ; et K 40 Promenütqne B 40 q : das q tat in R durch »mm a*f~ 
wärt* gehenden Strick mit h verbunden, wohl um die hier *o seltene Eliaion an- 
40 aqua B 42 quia B : aibi B 48 im B : quia B 40 iasticie 
46 hanelo B 47 leedere B 48 cadens B: radena B 49 pane m 
i eorr. B 60 thelemico B 60 inigna saco B 66 pretio, pretio«*, 

69 aotla B 61 non grauia B 62 cum B 63 64 66 dittt 
Verse fehlen in B 67 B hatte euertl poasit 



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Die Oxforder Gedicht« des Priuu, no 10. 141 

Miror, quod iantum potnit, tot at uns precantam 

vitarit nextw, monitis levis obvia Sexus. 

nee commota minis neque vi nee fraeta ruiniB, 

72 nee, dum vicinis vicium negat, üla rapinis 
nee blandimentU mit alte femina mentis: 
iusticie miles' vires tronsgressa viriles, 
nunc babitans villam sibi suscitat ipsa favillam; 

76 non haftet ancillam, que pro se snscitet illam. 
Taliter oppresse foret hnic opus atque neees.se 
lios intrare rates. Sed die prius, optime vates: 
credo, quod* at dicis* redeo reddendus amicis; 

80 sed quis erit Indus, cum nndos videro nodos? 

Ibo dolens Ithacam, nee hoftens vitulom neque vaccam 
et bibiturus aquam? sed mallem viser e Tracam 
boa geatans pannos ant Persas sive Britannoa, 

84 quam miser ire domum, cni nee seges est neque pomnm 
nee caro nee vinom nee lana mein neque linum. 
Nee mea me virtws redimit, quin tarpis et hirtus 
quemlibet implorem, michi qni deberet Honorem, 

88 et me majorem villanom vilia adorem, 
com pro morsello miserabilis hoatia pello, 
(B f. 129 b ) qni ferne in bello castrorwm claastra revello, 
asailiuntque canes, dum qnero -per hostia panes, 

92 coiws ad assnltnm tollebat Troia tamnltnm, 
dam qnaterem moros, totiens in me peritoroB 
excivit cives nrbs Heetore sospite divea! 
Incipiam rorsus ad cognita littora corsus, 

96 esse volens nrsos vel qni setis tegitur aus? 
malo tegi pennis, quin desinat esse perhennis 
sndor in antennis et iam prope pena decennia. 
Ergo responde, — qnia scis eatis et potes — , onde 
perdita restanrem. quid enim? citius properarem 
101 patris adire larem, nisi meque meosque invarem. 
(Einzelne Bemerkungen) 2 infize scheint -■ ■■ affixe, an- 
gebunden; tenaere rates vada = hielten sich auf dem Wasser, 

69 nt am. K, steht über der Zeile in B 71 und 72 fehlen in B 

72 nee dum Meyer, et dam B 73 bladimentis B 76 Nee hibiUnt B 

77 expresae B 79 at om. B 81 itaemm B non haben« B 81 hkio 

B 82 malem uiscero B die Vene 86—101 stehen nur in B, fehlen in B 
91 aaeüuuitqne? 93 moros, quotiena? 96 cotbos Meyer, fluetoa B 

96 romiB B 97 qnia? 98 antennis B auf V. 101 folgt direkt Urbe erat 
ülMtr« «te. <= no IX 1) in B. 



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142 Wilhelm Meyer, 

schwammen; war aber im Vorausgehenden ein Wintoraturm ge- 
schildert, welcher die Schiffe anf Uferfelsen geworfen (infixe) hatte, 
dann müßte statt tenaere wohl rennere oder timaere geschrieben 
werden; dann würde 'viz se expedit' sich gut anschließen 12 
nach V. 10 annus erat decimus et mensis primns ist diese Zeit- 
angabe 'nonam post hiemem' sonderbar. Man erwartet eine An- 
gabe, wie lange die Fahrt zn Tiresias gedauert habe, z. B. nonam 
postqne diem 25 pronum: s. 18 pronus adorat 43 quia ma- 
lebat panpertate premi et sua (sibi) demi, quam nt sors (= conditio) 
soa esset com scortis 45 fage: hinc propera 48 pronior 
cadenB : b. 25 ; poplite terram rädere ist wohl neu erfundener Aus- 
druck 66 dona spreverit res (d. h. mulier) ad pretinm prona, 
sed digna pretiosa Corona, cum pr. r. 65 pries est dyademate 
Cyri: der Vergleich stammt vielleicht wie VI 16 'quam Cyrus 
sive Phraates' aus Horaz Od. II 2, 17 Redditum Cyri solio 
l'hraaten . . regnnm et diadema tutnm deferens 72 et B: das 
könnte gehalten werden, wenn man verbinden darf: et, dum illa 
rapinis vicinis (= vicinornm) vitinm negat, nee blandimentis (= ne 
bl. quidem) mit femina 77 'taliter oppreBse' knüpft jedenfalls 
an die letzten Worte des Tiresias V. 44 redde manura cito velo. 
Sind aber dies die ersten "Worte, welche UKases wieder laut zu 
Tiresias spricht? oder sind es die letzten Worte seines Selbstge- 
spräches, und wendet Ulisses erst mit den Worten 'sed die prius, 
optime vates', sich wieder laut an Tiresias? 79: gefragt hat 
Ulisses darnach in V. 19, aber Tiresias bat es nur angedeutet in V. 
31 cernes 83 Horaz Od. I 21 : pestemque a popnlo . . in Persas 
atque Britannos . . aget 91 entweder ist zu verbinden: cum 
Ostia pello . . assiliantqne, oder besser ist 'assiliantque' zu schreiben 
und zu verbinden mit 'quin implorem et adorem' 93 totiens: 
ein Ausruf unterbricht schlecht den Fluß der Rede; dagegen schließt 
die lange Periode gut, wenn geändert wird: muros, qnotieus 
95 die 'cognita littora' sind doch gewiß die Ithaka's; der Sinn ist 
freilich dunkel. Vielleicht will Ulisses bitter sagen: um in der 
Heimatb auftreten zu können, soll ich mir, da ich keine Gewänder 
habe, wie ein Bär oder Eber Borsten wachsen lassen? Dann 
möchte ich lieber als Vogel von Federn bedeckt werden; denn 
dann nehme wenigstens die Seefahrt ein Ende 101 der Sinn 
dieser Verse ist dunkel. V. 101 ist geschrieben n oder u ; man 
könnte also auch 'ubi' lesen, wobei sich der erträgliche Sinn er- 
gäbe: soll ich vielleicht zuerst in das IJaus meines Vaters gehen, 
wo ich mich und die Meinen wieder ausrüsten könnte? Allein 
,ubi' ist metrisch unmöglich; denn der Primas setzt zwar kurze 



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Die Oxforder Gedichte de» Primas, no 10. 143 

Endsilben in die 3. Hebung, die Caesarsilbe : aber nicht eine End- 
silbe auf m mit folgendem Hiatus. Also maß nisi gelesen werden. 
Das muß etwa heißen: denn wie? statt in mein eigenes Haas 
würde ich eher in das Hans meines Vaters gehen, falls es ""»■ 
nicht gelingt mich und meine Leute vorher anderswo wieder ans- 
zurüsten. Quid enim? vgl Horaz Sat. 1 1, 7 et II 3, 132. 
Citias scheint = potins. 

(Form) Anch dieses Troiagedicbt besteht aas gereimten 
Hexametern; doch Bind deren Formen andere als in dem voran- 
gehenden. Dort stehen nur Zwillinge und einige Drillinge von 
Unisoni: hier sind von den 101 Hexametern weitaus die meisten 
(66) einzelne Leoniner; zwischen diesen stehen zerstreut: l Drilling 
(60 — 62) and 16 Zwillinge von Unisoni und sogar ein Paar Trinini 
Salientes (T. 30/31; vgl meine Gesammelten Abhandinngen I 87 
Ende). Die Keime selbst sind zweisilbig und rein, mit wenigen 
and leichten Aasnahmen der Consonanten: 2 ixe : vix se; 6 
dampnis : annis; 15 vivendi : parent di; 21 Laertes : superstes; 
28 quicqaam : dicam; 35 tempsit : esuriens sit; 38 entum : re- 
demptum; 40 ecus : eqnus; 81 acam : accam : aquam; 99 responde: 
unde; 100 arem : aurem. Wiederholt Bind nur die Heime: 
ates 19 and 78 ; eret 41 and 49. 

Der Versbau ist. einfach. Elision nur in V. 40 qui hostis, 
in der Hft E durch ein besonderes Zeichen angedeutet; eine Schlnß- 
silbe auf Vocal oder m findet sich nicht vor anfangendem Yocal 
oder h. Die Caesar fällt stets nach der 3. Hebung. Im Hexa- 
meterschluß stehen: V. 2 vix se; 15 di, 35 sit, 66 des, 96 sos; 
dann 7 viersilbige Wörter; sonst überall die regelmäßigen Schluß- 
wb'rter von 2 oder 3 Silben. 

(Inhalt) Der Inhalt des Gedichtes scheint sich folgender- 
maßen zu entwichein : Im Beginn des 10. Jahres Beiner Irrfahrt 
geht Ulisses von seinen Schiffen nach Theben zu dem Seher Ti» 
resias and fragt ihn, ob ihm die Heimkehr bescbieden sei und ob 
Vater, Frau und Sohn ihm noch leben. Tiresias bejaht dies und 
erzählt, wie Fenelope in Armuth lebe und mit Näharbeit den 
Telemach ernähren müsse, weil sie ihm, dem Ulisses, treu bliebe 
and keinen der Freier heirathen wolle; also solle er za ihr eilen. 
Ulisses weint am Penelope's willen, doch heimlich freut er sich 
ihrer Treue, was er in einem langen Monologe (secum talia dicit) 
ausdrückt (V. 57 — 76?). Dann Bpricht er wieder den Seher an: 
freilich müsse er eigentlich schnell za der bedrängten Fenelope 
eilen (V. 77); doch da er so arm, wie er jetzt sei, nicht heim- 



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144 Wilhelm Heyer, 

kehren könne (V. 79 — 98), bo solle Tiresias ihm rathen, wie er 
die verlorenen Schätze wieder ersetzen könne. 

Seltsam ist es, daß Ulisses mit Ungestüm zn nenen Bitten 
vor Tiresias niederfällt (V. 48), sofort aber den langen Monolog 
mit sich selbst hält (V. 52 — 76) ; ebenso seltsam, daß das Ende 
dieses langen Monologs and der Beginn der Anrede an Tiresias 
(V. 77) anch mit keiner Silbe bezeichnet ist. Aber sicherlich 
ist der Schloß des Gedichtes nicht nur in der Oxforder, sondern 
anch in der Berliner Handschrift unvollständig; zum Mindesten 
mnß Tiresias auf die zweite Frage noch Antwort gegeben haben. 

Die Fabel selbst ist wohl die Umformung der antiken. Nach 
der Odyssee X 392 dringt Ülisses in die Unterwelt and befragt 
dort mit vielen Umständen den Tiresias. Ein mittelalterlicher 
Dichter stand hier vor großen Schwierigkeiten; sollte er die an- 
tike Unterwelt als Hölle oder Fegfener aasmalen? Ein Besuch in 
einem thebanischen Wohnhaus war einfacher. Allein wo hat der 
Primas überhaupt gelesen, daß Ulisses mit Tiresias verhandelt hat? 

Dieses Troiagedicht ist unvollständig, wie das vorangehende. 
Es ist nun möglich, daß sowohl das 9. wie das 10. Gedicht ur- 
sprünglich vollständige erzählende Gedichte gewesen sind, welche 
dann erst durch die Abschreiber verstümmelt worden ; möglich ist 
aber auch, daß beide Gedichte Bruchstücke eines großen epischen 
Gedichtes sind, welches die Heimkehr des Ulisses erzählte 1 ). 

Sicher aber ist, daß diese beiden Gedichte den vollen Anspruch 
darauf haben, Gedichte des Primas genannt zu werden, obwohl 
er diesen Namen nicht darin bat anbringen können. In der Ber- 
liner Hft namenlos, stehen sie in der Oxforder Hft unter anzweifel- 
haft echten Gedichten des Primas. Für den Primas zeugt ferner 
die Ungebondenheit der Reimformen and vor Allem die Urwüch- 
sigkeit der Gedanken und des Ausdrucks. 

Wir haben einige Zeugnisse für solche Gedichte des Primas. 
Delisle hat im Cabinet des Manascrits II 1874 abgedruckt die um 
1250 (im Corsas) abgefaßte Biblionomia (d. h. Beschreibung der 
Bibliothek) magistri Richardi de Foornivalle cancellarü Ambiensis; 
darin ist S. 531 genannt: no 110 Phrigii Daretis historia prosaice, 
deinde metrice. Item Meonü Homeri libri Yliados (wohl die 



1) no 9 besteht nur aus Unisoni, no 10 hauptsächlich aus] einzelnen Leoninern: 
troUdem konnten die beiden Gedichte Theile eines grö Bereu Garnen gewesen Hein. 
Denn manche Dichter haben in einem Gedieht die verschiedenen Arten der ge- 
reimten Hexameter gemischt; vgl. meine Gesammelten Abhandlungen I 96. 



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Di« Orforder Gedichte des Primas, no 10. 145 

sogenannte Ilias parva des Italiens) et versus Primatis An- 
relianensis de eodem. In uno volumine cuius Signum est 
littera N. W. Schum hat in seinem 'Beschreibenden Verzeichnis 
der Amplonianischen Handschriften- Sammlung in Erfurt' auch den 
am 1412 angelegten Catalog des Amplonius aelbst abgedruckt. 
Daselbst ist S. 789 in der Abtheilnng 'Poetria' eine Hft beschrieben, 
von der jetzt nur noch Theile erhalten sind in Oct. no 16. In 
dem jetzt fehlenden Theile standen auch: Metra seu carmina 
poetica egregii poete Primatis de excidio et hystoria Troye 
optima. 

Am nächsten liegt es, unter diesen Troiaversen des Primas 
unsere beiden Gedichte zu verstehen. Doch sicher ist das nicht. 
Denn z. B. in der Berliner Handschrift steht neben nnsern beiden 
Gedichten ein drittes 'Alea iortane. semper vicina rnine.'; darin 
habe ich eine gereimte Umarbeitung der ersten hundert Verse der 
Ilias parva erkannt. Sie kann auch vom Primas herrühren; 
jedenfalls würde sie gut passen zu JTournivalle's 'Meonii Homeri 
libri Yliados (= Ilias parva), et versus Primatis Anrelianensis 
de eodem'. 

Dann stehen in der Wiener Hft 888 (s. XIV) 2 Troiagedichte 
hintereinander und am Ende steht: 'Expliciunt exclamaciones super 
mnris Troyanis edite per Primatem egregium versificatorem' '). 
Der Titel 'Exclamationes super mnris Troianis' würde trefflich vor 
das 9. Gedicht passen, allein die beiden Troiagedichte der Wiener 
Hft sind andere. Das erste ist das weitverbreitete Gedicht 'Per- 
gama flere volo', über 40 unisone Distichen, von denen nur 2 hinter- 
einander denselben Beim haben: eine Schilderung der Zerstörung 
Troia's. Das 2. Gedicht 'Viribus arte minis' schildert Troia's 
Schuld, Fall und Zerstörung und des Aeneas Schicksal. Der Inhalt 
ist tbeilweise parallel zu no 9, doch sehr pragmatisch. Der Inhalt 
der beiden Gedichte schließt also ans, daß sie je zusammengehört 
hätten. Doch ist dieses 2. Compendium gut geschrieben und wäre 
des Primas nicht unwürdig. Auch die Form, 62 unisone Distichen, 
erinnert dadurch an den Primas, daß 6 Mal 2 oder 3 sich folgende 
Distichen denselben Beim festhalten, und daß nur 2 Reime wieder- 
holt werden: ene 21 und 39, atis 69 und 101. 

1) S. Uaemer, Mi ttelUte mische Analekten, Wien 1882, Programm des Gym- 
nasiums des IX. Bezirks, 3. 13. 



BlL 0«. d. Win. Ni chrif.ii tu. PLLIolos.-hl.tnt. Dum. 1907. B<(t S. 



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146 Wilhelm Meyer, 

XI 
Jtriinas pontifici: Bene qitod m bibis audio dici, 
et fama teste probitas est magna penes te. 
conspicuiis veste bene cenas, vivis honeste. 
Et bene si vivis et das bene de genitivis, 
ut non egrotes, bene convcnit, nt bene potes. 
1 potifici Jl 1 in B war zuerst geschrieben qö audio anbio 
öici; dann wurde das erste 'auftio' corrigirt: der 2. Strich des a 
wurde mit einem Schaft in die Höhe gezogen wie ein 1; ebenso 
wnrde die schiefe Zunge des o durch einen senkrechten Schaft 
durchkreuzt; endlich wnrde zwischen i and o über der Zeile ein 
s geschrieben ; der erste Strich des a und das o sind nicht getilgt. 
Angenommen daß nur vergessen ist, diese zu tilgen, könnte man 
sagen, daß das erste au&io zu bibis corrigirt ist. V. 4 de geni- 
tivis = XVI 63 genitis = genitalia. 

Die Form ist einfach. Von den 5 Leonini sind nach des 
Primas Art 2 durch gleiche Reime zn einem Paar Unisoni ver- 
bunden. 

Der Inhalt scheint einfach : Wenn ein Mann in allen Stücken 
tüchtig ist wie Du, so muß er auch tüchtig trinken. Den Schluß- 
gedanken fand ich auch sonst, z. B. in der Pariser Hft Nouv. 
Acqn. 1644 f. 110": 

Cum bene quis comedit et postea non bene potat, 
hoc tibi sit notatn, leviter quod talis egrotat. 
Dabei scheint das Wörtchen 'bene' eine besondere Rolle zn spielen, 
in verschiedenen Bedeutungen ; in unsern 5 Versen steht es 6 Mal. 
Ist aber die Spitze des Gedankens wirklich diese 'wenn bei dir 
Alles 'bene' ist, so mußt da auch bene trinken' (= Y. 6 convenit 
nt bene potes), so kann im 1. Verse unmöglich schon stehen 'bene 
quod bibis audio dici'. Ein Leser sah, daß ungeschickter Weise, 
statt eines Verbtime und audio, zwei Mal audio geschrieben sei 
and änderte 'bibis audio', metrisch richtig, aber nach meiner Ueber- 
zeognng ganz sinnwidrig. Das vergessene Wort braucht palaeo- 
graphüch keine Aebnlichkeit mit 'audio' gehabt zn haben. Es 
fehlt jetzt das Lob der Verständigkeit and Klugheit; deßheib 
glaube ich, der ursprüngliche Gedanke des Dichters wird wieder 
gewonnen, wenn geschrieben wird 'bene quod sapis, audio dici. 
'■apere' ist ein Lieblingswort des Horaz. 

Aber was will der Primas mit diesem Spruch? Die Art der 
Adresse ist nicht angewöhnlich. So ist bei Haareaa Notices et 
Extraita de quelques Mss. I 322 ein Spruch des Serlo gedruckt, 



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Die Oif order Gedichte de« Primas, no 11 und 12. 147 

der beginnt 'Serlo Bogero: Tn', and S. 324 ein anderer 'Parisius 
Faridi: Felix'. Aber was beißt hier V. 5: bene convenit, at bene 
potes? Doch nicht: damit steht in gutem F-intrl^rig die Thatsache, 
daß dn ancb brav trinkst. Denn wozu soll dem Bischof in einem 
besonderen Spruch diese Thatsache constatiert werden? V. 6 muß 
also bedeuten : dazu gehört, daß da auch brav trinkest. Der Bischof 
scheint Abneigung gegen Alkohol gehabt zu haben, und der Primas 
ermahnt ihn, daß ein braver Mann auch brav trinken müsse. 



xn 

lies erit archana de pellicia veterana. 
Vilis es et plana; tibi nee pil«s est neque lana. 
vilis (es) et plana, res est, non fabnla vana, 
quod toa germana foerit clamis Aureliana. 
Nee polices operit, latebrasqwe pulex n&i qr<erit, 
(pag. 17) qua* quia non reperit, ipsa reperta perit. 

Delisle hat in der Bibliotheque de l'^cole des Chartes 29 (1868) 
S. 605 aus der Hft 206 (f. 186») in Tours den Spruch gedruckt. 
Res est archana de pellicea veterana, 
cuius germana fuit turris Aureliana. 
Des metrischen Fehlers halber stellte Delisle um tnrris fuit: doch 
die Hft B hat metrisch richtig dieselbe Wortfolge 'foerit clamis': 
Dies spricht dafür, daß 'clamis Aureliana' die richtige Lesart ist 
und ancb in der Vorlage der Hft von Tours gestanden hat. Allein 
eine Geschichte, in welcher der Mantel eines (KaiserB?) Anrelios 
oder Aurelianus eine berühmte Holle spielt, habe ich wenigstens 
nicht finden können. Findet sich eine solche, dann sind die Verse 
1 — 4 gesichert. Seltsam freilich ist der Uebergang von der 3. 
Person (V. 1) in die 2. (V. 2—4). Verwandt ist ein Spruch, 
welchen Wattenbach im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 
XVm, 1871, Sp. 343 aus einer Marburger Hft gedruckt hat. 
Dort stehen nach dem andern Mantellied des Primas (oben no 2) 
die Verse: 

Iste pellicule viderunt secula mille; 
viderunt veteres vivere pontifices; 
viderunt fieri quondam tua menia, Roma; 

viderunt profngnm fratris ab urbe Remum; 
viderunt iusti fulgentia regna Saturni. 
(Damit endet das Blatt). Der Reim ist zu mangelhaft als daß 

3 ea Meyer, om. R 6 reperit Meyer, perit E 



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148 Wilhelm Meyer, 

diese Verse vom Primas herrühren könnten. Zn vergleichen ist auch 
die 3. Strophe des Gedioht.es 'Nullus ita parcos est' (Barana S. 75): 

com haberent pallia vetnstatis mire, 

qne Ülixes rediens posset reperire. 
Andere Schwierigkeiten bieten die Verse 5 and 6. Eigentlich 
erwartet man 'operis'. pulices mit kurzem u steht auch in no 
20 B, aber pulex als Femininem kann ich nicht belegen. Endlich 
ist die Constrnction der beiden Verse anklar; es muß wohl ge- 
schrieben werden: latebrasque pnlex nbi (— si) qnerit, Has qoia 
non reperit, ipsa reperta perit. Des Reimes halber ging der Primas 
in V. 5 wieder über in die 3. Person nnd knüpfte in der Schilde- 
rang des jämmerlichen Hanteis an den 2. Vers an. 



XIH 

(A) JH-e ditavit ita vestet bonws archilevita, 
ditavit Boso me munere tarn precioso. 

(B) Ve uächi mantello, quia sam donatus asello, 
vili ' no» bello, quid non homini ■ »ed homello. 

In der Hft ist nar das M in V. 1 größer mit Farbe geschrieben; 
das Ve in V. 3 ist in keiner Weise hervorgehoben. Doch steht 
am Rande des 3. Verses von späterer Hand ein Zeichen, das einige 
Male bei neuen Absätzen in der Hft R erscheint. Unzweifel- 
haft sind 2 nicht zusammengehörige Sprüche hier zusammenge- 
schrieben. 

Der erste Sprach kann zum ersten Mal nicht so schriftlich 
aufgetreten Bein. Sondern dem Primas wurde ein schöner neuer 
Mantel geschenkt and er zum Mahl bei dem Geber Boso eingeladen. 
Angethan mit dem neuen Mantel trat er in den Saal and stellte 
sich den übrigen Gasten Boso's mit diesem Spruche vor, indem er 
die Wörter 'ita' and 'vester' mit entsprechenden Handbewegangen 
begleitete. 

Den zweiten Sprach läßt der Primas einen Mantel sprechen, 
der za seiner Entrüstung Einem geschenkt wurde, welchen der 
Primas haßte oder verachtete. Der Primas heftet diesen Sprach 
an das Geschenk, wie Jungen einem andern einen Zettel mit einer 
spöttischen Inschrift an den Rücken heften. Homello ist eine 
Neubildung statt homullo. 



4 Tili am Viri eorrigirt i 



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Die Oxforder üedichte des Primas, no 13 und 14. 149 

XIV 

In cratere meo Thetis est sociata Lieo : 

sie dea iuneta deo, aed dea maior eo. 
Nil valet hie vel ea, nis'i cum fnerint pharisea 

hee dno: prepterea Bit dews absque dea. 
Res ita diverse, licet ntraque sit bona per ae, 
ai üibi perverse coeant, perdnnt pariter se. 

(Handschriftliche Ueberlieferung) Dieser Spruch 
findet sich in sehr vielen Handschriften; so findet man ihn fast in 
jeder größeren Spruchsammlung. Z. B. hat ihn Da Meril nur aas 
der Pariser lat. Hft 1819 gedruckt: aber Haureau, Notices et Ex- 
traitB de quelques Mss. IV 286, nennt noch 5 andere pariser Hften. 
Einen Stammbanm der Hften aufzustellen, ist deShalb jetzt noch 
nicht möglich. 

Die 6 Verse stehen: in R, Bur., Avr., in Dig. und (V. 5 und 
6 von späterer Hand) in Marb. In Bnrana (S. 233 no 173* bei 
Schmeller) folgen noch die Unisoni: 

Nou reminiseimini, quod ad escas architriclini 
in ciatis domini non est coiunx aqua vini? 

Dies Verspaar spielt an auf Johannes II 9 'gostavit archi- 
triclinns aquam vinum faetam'. Merkwürdig ist die Verwandt- 
schaft mit Avr. und mit Big. In Avr. , der Hft no 104 in 
Avranches, welche Delisle in der Bibliotheque de l'Ecole des 
Chartes 29, 1868, p. 607 abdruckt, stehen mit der üeberschrift 
vEBsrs pboutis V. 1 — 4; dann folgt als neues Epigramm: 

1 tetis E Avr. Dig. 3al 1 sociata R, Bur. Avr. Land. Bai. Zürich. Dig. 
übergeschriebtr. : conhuicta Marb. Cläre, Dig. im Text, Bari. Irin. Otrin. Vind. 
Dum. Hus. Klost.; 'coniuneta' und dum 'iuneta' wäre hart; aber solche Harten 
finden sich beim Primas Lyeo Dig. Cläre Land. 2 Sic dea hat nur R, 

alle andern haben: Est den; nur Klost. beginnt: Non dea par deo 3 Nil: 

non Bur. Avr. Zürich, ne Cläre hie R Bur. Avr. Cläre Tritt. Otrin. Vind. 

Sat. Hut. Zürich: u Dig. Bari. Land. Marb. Dum. Klost. 3 nisi com fnerint 
R Dig. Cläre. Marl. Marb. Ttin. Otrin. Laud. Vind. Zürich: nisi qnando sunt 
Bur. Avr. Dum. SaL, nisi ambo sint Klost., nisi sint ambo Bus. 3 farisea 

Avr., phaiysea Vind.; pharisea id est divisa Otrin. i hec dno R Bur. Avr. 

Marb. Laud. Otrin. Dum., Hü dno Dig. , Amodo Cläre. Bari. Bat. Bus. : Ergo 
Trin., Semper Vind. preterea Bus. V. 5 und 6 stehen in R Bur. Avr. 

Dig. und von 3. Band in Marb. 5 Res ita R, Res tarn Bur. Dig. Marb., 

Hee res Avr. 6 Si sibi R und von derselben Band Übergeschrieben Dig. ; Si 

tarn Avr. Dig., Com tarn Marb., Dum sie Bur. 6 diverse Marb. coeant R 
Avr., choeant Big.: coeunt Bur. Marb. 



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160 Wilhelm Meyer, 

Cnin novas a domino Bachxis datnr architriclino 

iussu divino non est Tetis addita vino: 
also derselbe Gedanke und zum Theil dieselben Worte wie in 
Barana; hierauf erst folgen die Verse 5 und 6. In Big., Ox- 
ford Digby no 53 f. 10 b , stehen (vgl. anch Faol Meyer Archives 
des HissionB II, V p. 179, 1868) nach dem Titel 'Versus domni 
{so) Primatis' V. 1—4; dann folgen (vgl. unten Oxford Trinity) 

Vim mixtura rapit non ori grata nee al piz 

vas, quod utrumque capit, hermofrodita sapit. 
Jetzt erst folgen die Verse 5 und 6 '). In Marl., der Marbuxger 
Hft, welche Wattenbach im Anzeiger f. Kunde d. d. Vorzeit 1871 
Sp. 373 abdruckt, sind nach V. 1—4 sechs Verse wegradirt und 
von anderer Hand die Verse 5 und 6 darunter geschrieben. 

In weitaus den meisten Handschriften stehen nur die 4 Verse 
1—4. Dum., Da Häril, PoSsies pop. 1847 p. 203 Note, hat 
aus der Pariser lat. Hft 1819 die Verse 1 — 4 gedruckt, denen dort 
weitere sich anschließen, welche beginnen: Res Thetis est mala, 
cum Bacchus miscetnr eaenm: Hydropicas stomachum cum das 

1) In Digby steht Tor dem mit Tim beginnenden Verse das Zeichen, welches 
den Anfang eines neuen Gedichtes bezeichnet. Von der ersten Hand geschrieben 
stehen am Rand 12 Verse. Vor dem 5. mit Non beginnenden Verse stehen oben 
2 Striche , denen 2 gleiche über dem Worte Si im Anfang des 6. Verses Ton no 
14 entsprechen, als ob die Randverse 5— 12 zu dem Textverse Si geboren sollten 1 
1 Si sit ydrops rnbeus (rabeis Bft) aut albus forte Lyeus, 
Hie tuns esto deus; nolo sit ille mens. 

8 Res Thetis est mala, com Bachue miscetur eacum. 
Ydropicas stomachum, si das ydropem michi Bachnm. 

5 Non reminisrimini, qnod ad escae architriclini 

In ciatis dominl non est coniunx aqua vini? 
7 Cam novns a domino Bachna datnr architriclino, 

Jnssu divino non est Thetis addita vino. 

9 Cum fieret rosai coniunx Thetis alba Ljei 
Ulcio digna dei fecit maasam glaciei, 

11 Coningiom tale reputans deus exitiale, 

Hec dno iuneta male vertit chaos in glaciale. 
V. 3 und 4 hat auch DumtriTs Hfl; V. 5 nnd 6 bat auch Bur.; V. 7 und 8 hat 
anch Ave. Der Wetteifer in den gelehrten Kreisen war damals lebhaft. Ein 
guter Einfall, eine nene Pointe oder ein nenes Thema wurden von Vielen varürt 
Das zeigen am Einfachsten die lateinischen Sprüchwörter , welche auf diesen 
Blattern der Digbyhandschrift stehen, von denen aber P. Meyer meistens nur eine 
Fassung gedruckt hat. Andere hat er überhaupt nicht abgedruckt, z. B. 
En iver plot quant pot, en este quant den vont. 
Quando potest, pluriam dat hyems: cum vult deus, estas. 
Estas non (cam?) mandat deus, umqnid (cum quit?) hyems ptuviam dat 
Semper hyems undat, deus unus solstitium dat. 



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Die Oxforder Gedichte des Primas, no 14. 151 

bydropem mihi Bacchnm (s. Digby) etc. Klont : aus einer Kloster- 
neuburger flft hat Zeibig im Notizenblatt der Wiener Akad, 
1852 S. 26 die Verse 1—3 gedruckt. Hus. : Wattenbach hat im 
Anzeiger f. Kunde d. d. Vorzeit XV (1868) S. 163 ans Hnseman's 
Sammlung, der latein. Hft 10751 in München Bl. 62, die 4 Verse 
gedruckt. Sal.: Salimbene Chronik, Monomenta Germ, Scrip- 
tores 32 p. 84 (ed. Holder -Egger) führt als Verse des Primas die 
V. 1—4 an mit der TJeberachrift 'Alia vice datnm fnit sibi vinum 
nimis limphatum. Et cepit dicere'. Zürich: J. Werner, Beiträge 
zur Kunde der latein. Literatur, 1905 S. 79, druckt aus der Hft 
C. 58/275 der Stadtbibliothek Zürich die Verse 1 und 3 James 
hat im Catalogne der Hften des Cläre College's in Cambridge 1905 
p. 27 ans der Hft Kk. 4. 1, f. 95» die VerBe 1—4 gedruckt mit 
der Ueberschrift 'Qnestns Primatis de admixtione aqne cum 
vino'. Ich habe neu benutzt: Vind. = Wien 5371 f. 202; 
Lattd.-. Oxford Laudianus 86 f. 130»; Harl: Brit. Museum 
Barley 3362 f. 20 b ; Trin: Cambridge Trinity College 0. 2. 
45 fol. 12* Otrin: Oxford, Trinity College 34 f. 137" 'Epis- 
copus Gulias com biberet vinum mixtum aqua'. Zwischen V. 2 
und 3 stehen die Verse: Vim nüxtura etc. (vgl. oben über Oxford 
Digby 53). 

Die Untersuchung des Inhaltes stellt, wie die der TJeber- 
lieferung, die Frage, ob die Verse 5 und 6 ursprünglich zn den 
vier ersten Versen gehört haben oder ob sie erst später dazu ge- 
setzt sind. Die Schönheit des Spruchs liegt doch in dem präch- 
tigen Einfall des Dichters, Wein und Wasser, welche ungebührlicher 
Weise in dem ihm gesendeten Kruge gemischt sind, mit den Gott- 
heiten Bachus und Thetis zu vergleichen, die einander lieben sollen, 
wahrend sie einander hassen. Diesem prächtigen Bilde sollen nun 
die 2 Hexameter folgen, in welchen das Bild aufgegeben und ein- 
fach von zwei 'res' gesprochen wird? Für die Trennung scheint 
ferner zu sprechen die große Zahl der Hften, welche nur die 2 
Distichen enthält; dann die Form, da es eine starke Ausnahme 
wäre, daß auf 2 Distichen ein Hexameterpaar folgte. 

Allein gerade dem Primas ist leicht die Keckheit zuzutrauen, 
2 nnisone Distichen durch ein unisones Hexameterpaar abzuschließen. 
Dann ist die Ueberlieferung der Hften B, Bur., Avr. nnd Digby 
durchschnittlich gut, ja die beste. Wollte man ferner mit Vers 5 
einen neuen Spruch beginnen lassen, so müßte man da weitere Ver- 
derbnisse annehmen; denn dem Anfang Res ita diverse oder He 
res diverse müssen andere Verse vorangehen. Endlich aber hat 
ja der Primas sein schönes Bild von der unnatürlichen Ehe des 



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152 Wilhelm Meyer, 

Weingottes mit der Wassergöttin selbst nicht hochgeschützt und 
hat es durch das Neutrum Y. 3/4 pharisea hec duo selbst schon 
so weit aufgegeben, daß das nüchterne and wirkliche 'res' in V. 5 
and 6 sich leicht anschließt. Darnach ist die 6 zeilige Fassung 
in R, Bur. Avr. Digby (und Marb.) die ursprüngliche : aber von 
Leuten, welche das Bild der Ehe festhalten wollten, wurden einer- 
seits die Verse 5 und 6 weggelassen, anderseits das unangenehme 
Neutrum 'hec duo' weggeschafft durch Aenderungen, wie Amodo, 
Ergo, Semper; das Neutrum 'pharisea' zu ändern, verbot der Reim. 
Den Namen des Primas nennen vor diesem Spruche die 
Hften Avr, Digby und Cläre ; daß er der Dichter ist, bezeugt auch 
der Umstand, daß der Spruch in unserer Primas - Sammlang R 
steht. Aach Salimbene nennt den Primas als Dichter; er frei- 
lich vermischt den Primas durchaus mit dem Archipoeta. Nun 
ist es richtig, der Archipoeta liebt and lobt den Wein lebhaft 
und in Italien empfand dieses Kölner Kind schwer die Landes- 
Bitte und flüchtete von der Tafel seines Herrn Reinald gern za 
den Fässern der Weinschenke; vgl. die Verse der Beichte: 
Mihi sapit dulcius vinum in taberna, 
quam quod aqua miscoit presculis pincerna. 
Aber dennoch können diese Verse vom Primas in Mittelfrankreich 
gedichtet sein. Freilich spricht er wenig and gleichgültig vom 
Wein (1 14. 27; V 13; VII 17; VIII 16. 32; X 85; XXIH 90) und 
an seinem Wohnplatz war es vielleicht wirklich häufig, daß der 
Wein mit Wasser gemischt wurde. Allein hier müssen wir doch 
an die Sitte denken, daß ein Vornehmer einem Andern, den er 
ehren will, eine Mahlzeit und den Wein dazu in seine Wohnung 
schickt. Da aber schickte es sich, im Kruge reinen Wein zu 
senden und das Mischen mit Wasser dem Geehrten zu überlassen. 
Das war hier nicht geschehen und deßbalb hat der Primas mit 
diesem Spruche sich zugleich bedankt und beschwert. 



XV 

*ir pietatis inops, cordis plus cortice duri, 

dignus cum Juda fiammis Stigialibus nri! 
3 Scariothis finem det ei dews aut Palinuril 

pene furens tremalum fregit caput obice muri. 

cmus vero caput? senis et propere morituri. 
6 si lupKs est agnunt, si vim faciat leo muri, 

quod decus aut preciuwt lupus aut leo sunt babituri? 



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Die Oxforder Gedichte des Primas, no 15. 



dorn raetnens mortem me aepi'ss offero inri, 
) auieror et rapido foror mea gnttura fnri. 



2 

Verba quidem s««t severa 
et videntar esse vera, 

12 aed nee casta nee sincera: 
no» Allecto sew Megera 

haue habent neqniciam. 
valtos faUit sacromentie 
et seducit blandimentis : 

17 nee in falais inramentis 
□ec in verbis blandientis 
habeae fidneiam. 



Si non esset talws velox, 

Primas esset velut Pelops. 
43 sed, qui sedet super celoB, 

cui cantant dolce melos 
beatorom anime: 

no» concessit ins insano, 

homieide, Daci&no, 
48 qucA noceret veterauo; 

alioqwin (vera cano) 
periasem celerrime. 



Requirebam meam ceosnm 
21 et hoc fecit hunc infensnm; 
(p. 18) aed, dam vado per descensum, 
si teneret apprehensnm, 
24 vir insanws extra sensam 
iugulasset propere. 
Nee pro deo nee pro sanetis. 
est misertus deprecantis ; 
28 sed ad vocem tribulantis 
dedit deus alas planus; 
et sie cessit prospere. 
4 
Sic res erat definita 
et mors michi stabilita: 
83 ai teneret me levita, 
brevis esset mea vita 
nee possem evadere. 
si no» esset levis talus, 
brevis esset mea salus. 
38 eed dam instat hostis malus, 
retardavit enm pal«s 
et est visas cadere. 



Si non essent planus ale, 
52 satis esset michi male; 
monstrnm enim Stigiale 
me voraaset absque aale. 
55 conputabam gradus scale, 
sed non recto numero: 
W.US- septem- quinque* decem, 
58 et in vanum fundens precem. 
o qnam pene vidi Lethemi 
nam tirannus minans necem 
inminebat bomero. 
7 
Dom demitto me per scalas, 
63 sepe clamaws 'Alas! Alas!', 

dedit deus plantis alas; 
65 sie evasi manus malas 
enrsn debilissimns. 
Qnam nefandnm opus egit! 
68 contra mumm me impegit, 
pene cap«t menm fregit. 
nunc extorrem me collegit* 
71 eibat pane ■ veste tegit 
clerws nobilissimus. 



10 qnide H 
44 melox B 



13 Ben Meyer, f; (aed) R 42 Pelops Meyer, peloi R 



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164 Wilhelm Meyer, 

8 quis est iste dominus? 

Proclamabam 'Henal hena! m qua fidit potestate, 

74 miserere mei densl', 90 qwi de nostro bono vatü, 

(p. 19) dam mstarct hostis mens. de magistro, de Primate, 

eram enim nt Zacheos: tale fecit facinns? 



ipse velnt Briarens 



10 



78 ant Herodes Galliens fj^,, recoraor trisüs »ore, 

sive Dionisins. u q „ a vo i abam p „ timora 
vu evas. triste fatal». et nm erat loous mor<|i 

81 n«ne snscepit einlatam Mget lemm Mr Wrore 

tegm tenens principatnm „ „„, iam credo „ foMi 

et regina ciritatnm OTi poggilI1 „„,,„„, 

nobdis Pansins. iahllc ita trm0 tota| 

9 100 non est locus tarn remotus 
Molti monstrniM ignorantea nee amicus quisquam notus 

86 rix hoc credant admirantes tarn fidelis tarn devotes, 

et sie dieunt indignantes : 103 in quo possim fi&ere. 

(Bemerkungen zum XV. Gedicht) Form: Die 
Einleitung, ein Ausbrach des Unwillens über den TJebelthäter, 
bildet eine Tirade von 9 Hexametern, welche alle mit ori schließen; 
dieser schwierige Reim hat wohl veranlaßt, daß von den 9 Versen 
drei mit einem viersilbigen Worte schließen. 

Die Neigung za Tiraden beherrscht auch die Form der eigent- 
lichen Erzählung in Y. 10—103. Es sind rythmische Zeilen: 76 
Achtsilber mit sinkendem Schluß (8 _ u) and 18 Siebensilber mit 
steigendem Schluß (7 «_). Die Achtsilber sind alle zerlegt in 
2 gleiche Halbzeilen: 4— ^ + 4_w, also ohne Taktwechsel; von 
den Siebensilbern haben 3 Taktwechael : 14 SB 40. Hiatus findet 
sich innerhalb der Zeilen nur in V. 68 me inpegit, sonderbarer 
Weise gleich dem zweiten Hiat im 23. Gedicht: 23, 48 me inpegi; 
zwischen den Zeilen stehen 6 — 8 Hiate. Diese rythmischen 
Zeilen sind nun in 9 Strophen von ähnlichem, doch nicht gleichem 
Bau gestellt. 3 Strophen (2 4 5), welche wohl die regelmäßige 
Form darstellen, bestehen aas 2 völlig gleichen Halbstrophen, je 
4 Achtsilbern and 1 Siebensilber; gleichen Reim haben die beiden 
Siebensilber, gleichen je die 4 Achtsilber; also: 4x8 — u bbbb + 
7 u_a; 4x8— « oöbb + 7 •.,. a. Die Liebe za den Tiraden hat 
die Variationen in den übrigen 6 Strophen veranlaßt. In der 



76 eram Meyer, erat B 93 ore B 98 possum B 103 fidere 

Mtyer, ctedere (= V. 98) B 



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Die Oxforder Gedichte des Primae, no 15. 156 

9. Strophe stehen statt je 4 nur je 3 Achtsilber. Statt der 4 
Achtsilber stehen 5 in der 1. Halbstrophe der 3., 6. nnd 10. Strophe, 
dann in der 2. Halbstrophe der 7. Strophe; ja in der 1. Halb- 
strophe der 8. Strophe stehen sogar 6 Achtsilber statt der 4. Die 
Reime sind stets zweisilbig und mit unbedeutenden Ausnahmen 
(26 anctis : 27 antia ; 41 elox : 42 Felops : 43 elos ; 58 ecem : 59 
Lethem) alle rein. Den gleichen Reim (ere) haben nnr die Sieben- 
silber der 3. und 4. nnd 10. Strophe : alle andern Reime sind neu, 

(Inhalt) Der Primas fliegt die Treppe herab. 
Das Gedicht ist zu Paris verfaßt wohl nach 1140 (vgl. V. 5 senis 
et propere moritari und 48 veter&no). Der Primas ging, nicht 
weit von Paris, zn einem vornehmen Herrn (V. 33 levita, 88 do- 
minus; dazu V. 10 — 19), am ihm zustehendes Geld einzaf ordern 
(V. 20 reqairebam menm censum). Doch scheint der Anspruch 
strittig gewesen zu sein nnd schon vorher zu Zank geführt zu 
haben (V. 8 dorn metoens mortem me sepius offero iuri). Auch 
dieses Mal gab es heftigen Streit; der starke Mann stürmte dem 
kleinen Primas (V. 76" — 79) anf der Stiege herab nach nnd stieß ihn 
an die Wand; doch, zum Glück für den Primas, blieb der Ver- 
folger mit dem Fuß hängen und fiel; so entkam ihm der Ver- 
folgte. Er floh in das nahe Paris, wo jetzt die Kleriker ihn, 
den bonns vates, ihren magister Primas, freundlich beherbergen. 

Der Anfbaa des Gedichtes scheint zunächst einfach zn 
sein. Anf die geistige Einleitung, den Ausbruch des Zornes gegen 
den Gewaltthätigen (V. 1 — 9), folgt die sachliche Einleitung 
zur Erzählung, die Schilderung des Uebelthäters (V. 10 — 19). 
Daran schließt sich die Erzählung der Gefahr und wie der Primas 
entronnen ist (V. 20—80). Der Schluß ist ein doppelter; zunächst 
ein äußerer, jetzt werde er in Paris freundlich beherbergt nnd die 
Pariser tadelten sehr den Uebelthäter (V. 80—92) ; dann ein innerer, 
er selbst zittere noch immer, wenn er an den Vorfall denke. Be- 
sonders dieser letztere, volkstümliche Schluß ist geschickt, aber 
auch die Einleitungen und der ganze Anfban scheinen zn passen. 

Seltsam scheint nur das Mittelstück, die Erzählung der Ge- 
fahr, V. 20—80. Die Sache ist eigentlich mit den Versen 20—30 
abgemacht, wie ja schon der Schluß V. 30 'et sie cessit prospere' 
ankündigt. Höchstens die Verse 39/40 nnd 68/69 geben neue 
Nebenumstände : allein die große Masse der übrigen Verse geben 
keine neuen Punkte der Erzählung, sondern der Dichter dreht sich, 
so zu sagen, auf demselben Fleck hernm ; dieselben Gedenken, ja 
mitunter dieselben Worte kehren wieder (vgl. z. B. 22 mit 62 ; 
23 mit 33; 25 mit 50; 27 mit 58; V. 29 dedit dens alas plantis 



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156 Wilhelm Mejer, 

mit V. 5t si non essent plaiitis ale und mit V. 64 dcdit deus 
planus alas). "Was soll diese Hedseligkeit? 

Ich glaube, auch hier hat der Primas mit Ueberlegung ge- 
bandelt. Sein Ziel war nicht, seine Gefahr za erzählen, sondern 
eindrucksvoll sie zn schildern. Die Verse 20 — 30 erzählen den 
Vorfall, die Verse 20 — 80 schildern ihn eindrucksvoll. Der hier 
angewandte Kunstgriff, der wohl in keiner Poetik vorkommt, ist 
verwandt mit den rhetorischen Figuren der Repetitio and der 
Amplificatio. In simpler Form igt dieser Kunstgriff gebraucht in 
dem Litanei- and Rosenkranz-Beten und in jenen frommen Syno- 
nyma-Gedichten, welche ich in meinen Gesammelten Abhandlungen 
II S. 181 erwähnt habe. Der Primas wendet den naturgemäßen 
Kunstgriff allerdings geschickter an. In V. 20—80 spricht er 
fast immer von derselben einfachen Sache; so erreicht er die ge- 
wünschte Wirkung: er hinterläßt die Phantasie der Hörer erfüllt 
mit Bildern gerade dieses Vorgangs. 

Die Einleitungen und der Schluß drücken lebhafte Entrüstung 
und Schrecken ans; allein der Haupttheil, V. 20—80, scheint mir 
mehr mit behaglichem Humor erzählt za sein, voll Freude, daß 
er, der Zwerg, den starken und großen Mann so zu Schanden ge- 
macht hat; hier spricht eher Spott als Zorn. 

Ueber die eigentliche Streitsache geht der Primas in V. 
20/21 sehr rasch hinweg. Koch weniger sagt er von dem eigent- 
lichen Streit; die Beiden haben sich oben gewiß gezankt und 
der kleine Primas bat sicher nicht die kleinere Zunge gehabt; er 
sagt nichts davon, weßhalb der Große ihm die Treppe herab 
nachstürmte. Das mochte ein Jeder sich selbst denken; für den 
Primas war es ein Hauptseherz, wie er der Gefahr, schwer ge- 
prügelt zu werden, bo hübsch entronnen war. 

(Einzelne Bemerkungen) 3 ich finde nur die Form 
Iscariothes; die Weglassung des i ist wohl romanische Sprach- 
eigentümlichkeit 3 Palinurus vgl. Aeneis V 860 4 vgl. V. 
68/69 5 vgl. V. 48 veterano; im Jahre 1144/5 sagt der etwas 
mehr als 50 Jahre alte Primas von sich XVI 97 'Etas mea vergit 
in senium'. XXIII 3/4 modo cnrvat me senectus et etate sum 
confectus; auch in XVII 1 nennt er seine etas senilis 6 An- 
spielung auf bekannte Fabeln 8/9 diese Verse sind nicht klar. 
V. 9 deutet auf die folgende Scene , also auf das Wohnhaus des 
vornehmen Herrn. Dahin mag der Primas Öfter und nicht ohne 
Angst gegangen sein (V. 8), aber was soll dann 'iuri', welches auf 
Gerichtsverhandlungen weist? Bezeichnen ins (iudex) und für 
dieselbe Person, den dominus? 13 ich konnte nicht finden, daß 



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Die Oxforder Gedichte dea Primus, no 15. 157 

tfegaera für schrecklieber galt als Allecto; deßhalb hab ich das 
handschriftliche 'sed' zu 'seu' geändert 15 sacramentis = 17 
inramentis 28 das seltene Zeitwort 'tribolo' kann hier nur in- 
transitive Bedentang haben, was noch seltener ist; vocem: vgl. 
V. 63 und 73 33 si teneret: er ist also nnr zum Stoßen (V. 4 
und 68/69) gekommen, nicht zum Fassen 86 = 41 42 wohl 
Anspielung darauf, daß Pclopa zerstückt worden sein soll 47 
Daedano, ebenso XXIII 16; er wird in Märtyrer/legenden als Pei- 
niger erwähnt 54 noch heute volkstümliche , sprttchwörtliche 
Redensart 55 — 57 anch dies ist sicher eine volksthümlicbe 
Wendung; wir würden eher sagen 'ich hatte keine Zeit, die Stufen 
zu zählen'. Der Ausdruck 'computabam, sed non recto numero' 
soll nicht wirkliches Zählen bezeichnen, sondern die anregelmäßigen 
Sprunge; in seiner Angst sprang der Primas bald 1, bald 7, bald 
5, bald 10 Stufen abwärts 66 gehört cursu zu evasi oder zu 
debilissimns? 70 es ist seltsam, daß die Verse 70 — 72 nicht vor 
V. 81 stehen. Doch der Primas will wohl durch den wiederholten 
Gegensatz V. 62—69 gegen 70—72, dann wieder V. 73—80 gegen 
81 — 84 die frühere Gefahr und die jetzige Behaglichkeit am so 
deutlicher malen 76 die Hft hat 'erat'; ich schrieb 'eram' nach 
Luc. 19, 3 (Zackens) statura pusillus erat 79 die beiden Tyrannen 
Dionysius waren ala grausam verrufen 81 exulatum = exulantem 
90/91 demnach hatte der Primas sich lange in Paris aufgehalten, 
so daß er durch seine Gedichte, wie durch seine Lehrthätigkeit 
(magister) dort wohlbekannt geworden war 94 volabam: vgl. 
alas in V. 29 und 64 103 die Wiederholung desselben Reim- 
wortes ist verboten; die Construction 'in quo' deutet auf 'fidere'; 
vgl. V. 89 in qua fidit potestate. 

No XVI ist im I. Hefte S. 89—100 gedruckt und erläutert. 

Zu XVI 1 habe ich (S. 98) bemerkt: Die Anfangsworte 'Iniuriis 
contnmeliisque concitatus' glaube ich schon gelesen zu haben. Sind 
sie ein berühmtes Citat, dann ist die große Keckheit des Dichters, 
ein Gedicht mit einer Zeile Prosa zn beginnen, etwas entschuldigt. 

Der Professor des Sanskrit in Rostock, Dr. Heinrich Läders, 
hat mich dann auf den berühmten Brief des Catilina gewiesen 
(Sallust Catil. 35) : iniuriis contnmeliisque concitatus . . pnblicam 
miserornm causam suseepi. Catilina und der Primas passen in 
manchem Stück nicht übel zusammen. 

Z. 27 Dr. S. Hellmann citirt die Satire (Carmina Bar. S. 23) 
quidam clericus dives, incrassatns, impingoatos, dilatatus. 

Anch die übergroße Z. 144 'Quod ipso dignetor prestare 



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158 Wilhelm Heyer, 

avenam et fenum' ist vielleicht dadurch etwas entschuldigt, daß 
der liturgische Schluß vorkommt: Quod ipee praestare dignetnr, qui 
vivit et regnat dcua per omnia saecula saeculorum (Migne, Angustin 
V 2217). Bnr. p. 250 eis maledictionem prestare dignetor qui. 

Dann hat Prof. Herrn. Suchier in folgenden Versen eine 
andere Wiedergabe der französischen Stellen vorgeschlagen: 

V. 16 und 17: 'besser accidisset nnd haboissem'. Y. 35: 'Dnnt 
ist sicher nicht das Relativnm; es ist eine gewöhnliche Nebenform 
von Dune, im Sinn von Tnnc'. 

V. 86: 'besser l'altr'ier'. 96: 'mal' intencinm'. V. 143: 
'nicht 'ergo'; ker steht beim Imperativ bloß auffordernd'. Stinuning: 
'ker verstärkt: bittet ihn doch!' V. 145: 'der Vers muß lauten: 
Ändrin la done il, ki 'n a pl. s. p. ; la geht auf avenam'. 

no XVII — XXII sind Heft I S. 100— 111 gedruckt. 

xxni 

llives eram et dileetws 

inter pares preelectw«: 

modo enrvat me senectuf 
4 et etate aam confeettu. 

Unde vil« et neglectw* 

a deiectis sunt deieetws, 

quibus rance sonat pect«*, 
8 mensa gravis" pauper leetws, 

qi'is nee amor nee affectiv, 

aed horrendus est aspectiu. 
Homo mettdax atque vanits 
12 infidelü et profanits 

[plus avarns quam Romanus] 

me deiecit capellanus 

veteranum veteranus 



neben T. 1 steht in H ; Qol d. h. Goliaa 1 elecras C 3 curat : gruvat 
L und die Ar» rythmiea 6 unde P In einer verbreiteten Ars rythmica 

(Wrigbt-Halliwüll Reliquiae ut I 31, besondere Oiov. Hui, J trattati medieTkli 
di ritmica I.atlua Milano 1898 p. 12 and 24, sind die Vene 1—4 nnd 6 ange- 
fahrt; darin steht V. 8 gravat; dann gibt Mari allerlei Varianten: 2 inter omaea; 
4 und 6: a deiectis sunt deiectus et etate aum defectus; 6: ab electis; ad deieeta 
sum deiectus 8 in H steht dieser Vers nach dem 9. 8 pensa H 8 granis, 
darüber, tristis, L 8 panper R, olens LCP, granis H 9 quibna amor P 

9 nunc . . nunc L 10 aed: et H 10 orrendus L 11 atque: homo LC 

12 infldelia: homo procaz H; prophanos CH 'plus av. q. Ro.' Htht nur m P; 
Haorean dnteit Avaros; 'aTanu' trifft die Habsacht der Curie 



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Die Oxforder Gedichte des Primus, no 33. 169 

et iniecit in me manus 
16 dignus dici Daciantts. 

Priws quidem me dilexit 
frandalenter et Ulexit. 
Fostquam meas res tronsvexit, 
20 fraudem soam t»«c detexit. 
Primas sibi non prospexit 
neque dolos intellexit, 
doncc domo pnlsas exit. 
Satis erat bonus ante 
25 bursa mea sonum dante 
et dicebat michi saftete: 
frater, mnltam diligam te. 
Hoc dcceptus blandimento, 
29 nt emanctus sam argento, 
cum dolore 1 cum tormento 
sw» deiectws in momento' 
32 rori datws atqui vento. 
Vento datus atque rori, 
vite prima torpiori 
redoiiandws et errori: 
86 pena dignus graviori 
et at Jndas dignws raori, 
qut me tradens traditori 
(It. p. 28) dignitatem ves/ri chori 
40 tarn honeati tarn dccori 
permntabam viliori. 

Traditori dam me trado, 
qui de nocte no» est spado, 
44 me de libro vite rado 
et, dum sponte roens cado, 
est dolendnm, quod evado. 
Inconsulte nimis egi; 
48 in hoc malum me inpegi. 



16 datianui L, decUmu C 18 inlexit L 19 inuexit H 28 domofl L 
24 enm CL; bonos mm C 26 (michi HP) 26 mihi: Sancte Wright 

27 düigant« te R, dilig-aäte P 80 den Vert läßt h weg 81 aepoUna P 
32 adqno L 88 uentia R; adque L 84 prima RLC, prime P, primM H 
36 tesoDMidns P 36 der Vers fehlt m C 86 unpliori P 37 dignni 

Judan I 88 du HL, nfi RC, nicht tu lese* in P 40 der Verl fehlt m RH, 
steht in CP noch V. 39, in L noch 7. 41 40 cum dec C; dechori P 

41 meliori H 48 fehlt in H, am Ende des Blatte« 48 non expado L 46 
rndena L 47 Ncousulte B 48 malo L impegi H 



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Wilhelm Meyer, 

ipse aachi collnm fregi, 

qui tos tinquena preelegi, 

ut servirem egro gregi, 
52 vüi malena veste tegi, 

quam aervire snnnno regi, 

n&i loetra tot peregi. 
Aberravi: eed pro üeo 
56 indulgete micAi reo! 

incessanter eniw fleo, 

pro peocato gemens meo. 
Fleo gemens pro peccatis, 
60 iuste tarnen et non gratis; 

et aon poBsam flere satis, 

vesire memor honostatis 

et fraterne karitatis. 
64 quam dura aora Primatis, 

qnam adversis feror fatia! 

Segregatus a beatis, 

sociatu« aegregatis, 
68 vestris tan/um fiäVns datis, 

pondtts fero panpertatia. 
Panpertatis fero pondus; 

mens ager' mens fundus - 
72 domus mea totus mnndus, 

quem pererro vagabiisdws. 

Quondam felix et fecnndus 

et facettts et facnndw«, 
76 movens iocos et iocnndus, 

quondam primus, nunc secunAus 

victnm qu«ro verocuiidus. 
Yerecondus victum quero. 
80 fluni mendicus. UM voro 

victnm queram msi clcro, 



49 ipauui C; i. collam rae fr. L 50 Linqaens HPC, liqneiu R, undeut- 
lich L 61 gregi : regi L 62 malen* RL, noleu HPC 52 tegi : regi C 
55 Aborraul BFC, Obemni HL 66 »et P t. pro de© RPC, a. noa pro d. 
L, coram deo H 56 indnlgere C 67 incesanter L, incasfianter P 68 pec- 
artie L 61 so RL; nee lagere pottum satis C; der Vtr* fehlt m HP 

62 memor neetre sanetitatia P 63 mpeme L 68 karitttis R, cm. HPC, 

sanitatis L 66 adueremn fero L ; (atis C 67 gaciatns P 68 tantnm (cm) 
RC; tarnen H, ffi LP 68 sidens L 68 fatis H 69 fero pondtu P 71 
fondtu R 74 quondam: olim H 77 prius L 80 media» L 81 ojnero CL 



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Die Oxforder Gedichte dea Primas, no 23. 161 

enatritus in Piero* 
eruditus sab Homero? 
84 Sed dam mane victam quero 
et rcverti cogor sero, 
iam in brevi (nam despero) 
87 on«ro&oB vobts ero. 

Onerosus et quo ibo? 
89 ad laicos non tronribo. 
parwm edo, parum bibo. 
venter meus atne giboo 
92 et contentns panco cibo 
plenus erit parvo libo 
et, ai fame deperibo, 
95 colpam vobis haue ascribo. 
(p. 29 Vnltis modo causam Bcire, 
97 causam litis, causam ire, 
qae coegit iios cxire'r 
Brevi posaunt ezpedire, 
100 ei non tedet vos aadire. 
Besponsio sociorum 
Nos optamus hoc audire 
102 plus quam sonnm dolos lyre. 
Primas 
Qaidam (toter clando pede 
104 est eadem pnlsus ede 
violenter atqwe fede, 
nt captiviis et pars prede 
alligatiM loris rede 
108 a Wiüelmo Palamede 

vel per noctem Ganimede. 

82 eruditus i. p. P und 88 et nntritus s. h. F 82 et nutritiu L(P) 

82 Pyero HC 88 linmero L 84 et dum P 85 revertor C ; tnnc reverti P 
86 iam: n*m C 86 nam EL, iam P, non C, quod H 87 boneroeus L, bone- 
rosiu atu honerandus eorrigirt m R 88 honerosus L 90 prü edo L 91 IIB 
(d. h. si non) L; gibbo C, gibo BPH, cibo L 92 der Verl fehlt m C 

92 contentus H, contemptus BLP 92 parvo BP, panco L, breoi H 93 erat 
H 94 quod ai H 94 et si de fame L 95 vobis cnlpam HP Die Verse 
96—102 fehlen in HP; 97, 101 und 102 fehlen in C; ich nenne die Hften, welche 
jeden Vers enthalten 96 ELC 97 BL 98 BLC 99 KLC; possit L 
100 BLC Eesponsio eociornm L, on. BCHP 101 BL 102 EI, ; iire L 
Primae L, om. BCHP 108 qni frater torto p. C 106 pars pede L 

107 rede «m redde eorrigirt m R 108+109 stehen nur in C nnd lauten : 

a Guillelmo Palimede vel p. n. g. ; statt der beiden Verse steht in BLHP aar 1 

Kfl. am. d. WIh. Ktrkrkhm. PUlolof.-hktor. KU... 1807. Httt 1. 11 



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Wilhelm Meyer, 

Frater memoria dissolatu«, 
qui deberet esse tat««, 

112 (nam pes erat preacutws), 
nichi'i mali prelocatws, 
sei? mandata non secuta«, 
calciatws et indutus, 

116 est in luto provolatas 
[provolatas et pollutus]. 
Provolntu« est in lato 

118 frater pcde preacato. 

quem clamantem dam adiato 

120 et patabam satis tato, 
fai comes provolato 
et pollutus com pollato. 
Provolato comes fai 

124 et in lato pnlsus rni. 
dam pro booo penas loi, 

126 nullus mens, oautes sui. 

Adiavabant omnea eam 
[Jebueei Jebaseam] 

128 Chan an ei Cbananeam 
Ferezei Ferezeum 
et mc nemo freier deum, 
dam adiato fratrem meam 

132 nil mer entern neque ream. 
Solns ego raotws flevi, 
fleta genas adinplevi 
ob magistri sceltu sovi 

136 et dolorem iam gnmdevi. 

Qois ha.be/-et lnmc» eiccMm?, 



Ven; der lautet in B: a Wllo ganimede, P a minist™ ganimede, L a gnilerino 
palamede, II a WiUo palimede 

110 menbris F 116 et In L 'provolutus et polL' steht nur in L, fehlt 
in BUPC 119 dorn: deue H 120 Qt pntabun Hattriau, reber esse H 

121 proooluto EL, involnto UPC 133 pronoluto L, prouolntus R, üraoluto 

HP, inuolnti« C 135 pro : in C ' Jebctsei Jebnseum 1 steht nur in P, fehlt 

in BLHC 128 Chan. Chan. EU, Can. Can. LPC 129 Phariwi Phariieom 

C, Phariaa« Pharmaeum Hautia* 130 et: 8; H (set) 181 dum: Deoj H; amto l 
132 mereW B die Vene 188— 186 stehen in BLH, fehlen in PC 188 metos L 
134 Fleta genas adinpleni H (Wright druckt 'genas'): fleni gerne» et Ipleai KX 
186 ob H, hoc KL 186 et tormentmn H, Tielleicht richtig; TgL V. 29 cum 

dolore, com tonnento 187 habere C 



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Die Oxforder Gedichte de« Primae, no 23. 

ceraena opus tarn iniqnom, 

aacevdotem inpndicum * 
140 corraptorem meretricuiw 

matronarum et altricom* 

seviente« in mendicum* 

clandnm senctn et antiquom, 
144 dum distractu* per posticum 

appellaret replens vicutn 

adiatorem et amicttm. 
Nee adiator est repertu* 
148 nee eacerdos est misertns: 

ita Bolus est desertus, 

totus luto caapertus 
151 nee, quo pedem ferret, certua. 
Accasabam turpem actum 

propter fralrem sie OMtfractom, 
(p. 30) clandnm senem et contractu«: 

et, dam dico Wlefactom', 
196 acenaatna dedi aaltnm. 

Accnsatug saltum dedi. 

poat hec intus no« reaedi 

neqwe bibi nee comedi 
160 capellani insen fedi, 

qui, quod aacre datur edi, 

aut inpertit Palaincdi 

aat largitur Ganimedi 
164 &ut fraterno dat heredi, 

aat asportarit cytharedi, 

nt adquirat bomis credi. 
Modo, frofres, indicate 
168 neqwe vestro pro Primate 



188 opne BHL, ecelo« PC; inicum LP 140 und 141 fehlen in P 140 cor- 
ruptionem L Hl matronarum : meretricam L 143 in: et PC 14S auti- 
cnm LP 144 dum; qoi H; diitret L 146 appellahat H 149 Itaini oder 
Itaina est L, doch am Rand 8 d. h. deficit. 149 disertoa L 160 intus L, 
choopertas P 151 qua H 152 aecosabant LP 152 tnrpe factum ß 

164 cladum L 166 dam om. C 156 aensatae K, iudicatus HC 167 steht 
in BLPC, fehlt in H: acenaatna BLP: iudicatus C 168 V — hoc L; non : 

et L 160 cappetl&hn fedi 8 {deficit) L 162 impertit, a über dem 1. t, L 
163 palamedi P, palemedi E, palimedi HC, paiacoedi L 168 steht in BL, 

fehlt in HPC 164 eiperno oder liperao dent eredi L 166 iportant L, 

aaportat P; citaredi P; mit 'citliaredi' endet am Seitenende daa Gedicht in L 
166 acquirant C 168 necq; P ; propinqnate C 

11* 



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164 Wilhelm Meyer, 

aberrantes declinate 

a sincera vcritate: 

an sit dignus dignitate 
172 vel privaiidüs potestatc 

senex carens castitate 

et sacerdos bonestate * 

cari täte * pietate, 
176 plenns omni fedidate, 

qui, exclusa caritate, 

nos in tanta vilitate, 

quoram fama patet late, 
180 sie tractavit. Jndicatet 

XXIII (Handschriften nnd Aasgaben): R = Ox- 
ford, Rawlinson G 109 (Snmmary 15479) p. 27 C = Paris lat. 
18570 f. 22* H = London, Harley 978 f. 100* (nen: f. 79») 

L = Florenz, Lanrentiana Strozzi 88 f. 157 P = Paris lat. 
16208 f. 135 Von KEP benätze ich Photographien; L habe ich 
1874 abgeschrieben; G hat H. Omont gütigst für mich verglichen. 
Die Hft H bat Wright, Walter Hapes 1841 p. 64, ziemlich genau 
abgedruckt. Die Pariser Hften P nnd C hat Haureaa benätzt 
and mit Wright's Abdruck zusammengemengt in dem Abdruck 
des Textes in seinen Notices et Extraita de quelques mannscrits 
VI 1893 p. 129. 

TJeberachriften haben nar H and L. In H steht neben dem 
Anfang Gol. d. h. Golias. L hat die wichtige Ueberschrift : Opus 
hagonis aareliauensis . primatis de expolsione pä (d. h. prima). 

Ob ich nun die bedeutenden Verschiedenheiten dieser Band- 
schriften prüfte, wie V. 40 61 96—102 108 und 109 133—136 163 
174 — 180, oder die sehr zahlreichen anbedeutenden: keiner der 5 
Handschriften konnte ich nachweisen, daß sie von einer der 4 
andern abhinge: eine jede Hft ist an dieser Stelle besser als die- 
jenigen, welchen sie an andern Stellen nachsteht. Dieselbe Un- 
sicherheit findet sich bei vielen Texten, nicht nur bei antiken wie 
Horaz, sondern auch bei mittelalterlichen, wie bei der Apokalypse 
(Wright, Walter Mapes p. 1). Es kommt daher, weil dies Gedicht 

169 nee errantes C 170 cincera H 174 et aacerdoe caritate. Eiplicit. 
C; damit endet C; honesUte; damit endet P 175 mit pietate endet R in H 
fehlen die Vene 174 nnd 175 ; auf V. 173 senex carens castitate folgen die Vers e 
176 'plenos bii 180 'iadicate', welche Verse also nur in H stehen. 180 indi- 

cate. Eiplicit H 



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Die Oxforder Gedichte de« Primu, no 33. 165 

des Primas vielfach abgeschrieben worden ist, wir aber bis jetzt 
zu wenige dieser Abschriften wieder gefunden haben and deßhalb 
das Verhältniß der Hften noch nicht beortheilen können. 

Diese Lage der Dinge ist besonders unangenehm für die Be~ 
nrtheilnng von Versen, wie 12» 40 109 116» 127' 163 174ffl. 

B ist sehr selten sicher verderbt (V. 33 39 92 134 135), 
zweifelhaft V. 40 109 152 175. H hat ziemlich viele Fehler, 
auch wichtige; allein in V. 134/35 and in manchen andern ist es 
sehr gut. L hat eine Menge Fehler, besonders Lesefehler, allein 
in vielen Dingen, wie in der Ueberschrift, ist es sehr gut nnd 
steht eng zu R. P bat eine Menge kleiner nnd großer Fehler, 
darunter schlimme Interpolationen; defibalb sind die Verse, wie 
12* nnd 127% welche nnr in P stehen, fast sicherlich gefälscht. 
C hat viele kleinere and größere Fehler; wichtig ist es besonders 
für V. 108 and 109. 

Einzelne Bemerkungen Die in V. 6 — 10 geschilderten 
deiecti können nicht der in V. llffl. erwähnte Capellanas mit 
aeinen Helfershelfern sein; vielmehr müssen damit die Allerärmsten 
bezeichnet werden. Dann würde man aber erwarten 'ad deiectos'. 
Ist aber 'a deiectis' richtig, dann maß dies Wort den 'eger grex' 
bezeichnen, die Insassen des Hospizes, nnd a maß heißen 'von 
weg'. Deiecti kann sowohl in socialer wie in moralischer Hinsicht 
'niedrig Stehende' bezeichnen; snm deiectus: vgl. V. 13 nnd 31 
7 antik ist 'ranca Bonans, rancam sonat' von wirklichen Tönen. 
Aber was heißt 'pectns rance sonat'? In geistigem oder mora- 
ralischem Sinn kann ich es nicht verstehen; 'pectns' scheint hier 
die Brost als Sitz der Stimme zu bezeichnen, so daß hier die 
heisere, mißtönende Stimme der vernachlässigten Armen geschildert 
wäre 8 olens mit der häufigen Bedentang 'übel riechend' scheint 
die am meisten beglaubigte Ueberlieferung zu sein 12* 'plus 
avarus quam Romanos' findet sich nur in der unzuverlässigen Hft 
P; den Vers zu fabriciren war bei der allgemeinen Stimmung 
gegen die Curia Romana nicht schwierig 16 Dacianns: vgl. 
XV 47 19 transvezit, d. h. wohl in saam possessionem ; vgl. 
V. 24 — 29. Wenn der Primas auch freie Herberge hatte , so 
brauchte er doch für andere Bedürfnisse allmählich das mitge- 
brachte (ield auf 23 domo pulsos: zu allerletzt; S.V. 157 bis 
160 25 vgl. I 32 paulatim cepit perdere barsa sonum; VII 35 
si tibi barsa sonat 29 Plaatns Bacch. 5, 1, 15 auro emanctum; 
Terenz Phorm. 4, 1 emunxi argento senes 30 in diesem ersten 
Theil wird die eigentliche Ursache der Ausstoßung nicht berührt, 



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166 Wilhelm Meyer, 

da sie für den 2. Theil aufgespart wird 32 rori datus atque 
vento: acheint eine sprüchwörtliche Wendung an sein = Wind 
and Wetter; wenig nützt die Vergleichang von Horaz Od. I 26 
triatitiam ventis tradara portare in mar« 34 prima (Ablativus 
comparatioiiis) bezeichnet das Leben, das er führte, ehe er in dieser 
Stadt Zuflucht fand, das üble Wanderleben 37 Judas erhängte 
sich, weil er Christus den Priestern überantwortet hatte; der 
Primas sollte sich hängen, weil er sich selbst ins Unglück gestürzt 
hat 43 vgl. 109 44 Apokal. 3, 5 delebo nomen eins de Ubro 
vitae 46 dolendom: ein auffallend starker Ausdruck 52 vili 
veste : als Krankenpfleger 53/64 wenn er auch sein Leben haupt- 
sächlich als Lehrer hingebracht hatte, so hatte er doch wohl in 
seiner Jugend auch Theologie getrieben und die niedern Weihen 
empfangen. Wenn er ferner an Schulen, wie an der im 18. Ge- 
dicht geschilderten Schule des Albericus in Heims, auch nicht 
gerade Theologie lehrte, so konnte er doch auch seinen Unterricht 
nennen 'servire sammo regi' 55 für die Variante 'oberravi' 
ließe sich anfuhren Horaz Ars 355 'chorda qui semper oberrat 
eadem'. Vgl. 169 aberrantes 60 gratis = frustra, sine causa 
67 segregati = 6 deiecti 72 mea sc. est 74 fecundus = dives 
oder largus 79—83 und 89 vgl. Archipoeta IV 15 pauper et 
mendicus; dann besonders Str. 19 — 24; z. B. 20 sepe de miseria 
mee panpertatiB conqueror in carmine viris litteratis; Iaici non 
sapiunt ea que sunt vatis ; 23 Vellem, soli milites eis ista (histrio- 
nibus dona) darent, et de nobis presules nostri cogitarent 81 
nisi (a) clero 85 'ich kann nicht früh heimkehren' 87 onerosus 
scheint geistig = molestus zu erklären zu sein 90 parum = 
panlom 91 gibbus scheint sonst nicht vom Bauch gesagt zu 
werden 92/93 unnöthiger Weise *parvo cibo' und *parvo libo' 
hinter einander zu setzen , wäre geschmacklos 96 — 102 eine 
ganz ähnliche Zwischenrede hat der Primas in XVI 125 — 133 ein- 
gesetzt 103 claudo pede; 112 pes preacutus = 118; 143 clau- 
dum senem et antiqanm (136 grandevi); 154 clandnm senem et 
contractum 106 'ut captivns et pars prede' gehört nur zum 
Folgenden 'alligatos loris rede' 108 und 109; da sowohl Gani- 
modes wie Palamedes gut bezeugt ist, so habe ich die Fassung der 
Hft C angenommen. Der Willelmus war wohl der Vorstand des 
Hospizes unter der Oberaufsicht des Capellanus. In den Troja- 
sagen des Mittelalters erscheint Palamedes als ein Nebenbuhler 
des Agamemnon ; ja, eine Zeit lang soll er Oberbefehlshaber ge- 
wesen sein; vel per noctem Ganimede würde dann zusammen mit 



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Die Oxforder Gedichte des Primas, do 23. 167 

V. 43 'qui de nocte non est spado' ein unsittliches Verhältniß des 
Capellanus tmd des Willelmas angeben. Denn offenbar kann in 
V. 108 nnd 109 nur öine Person bezeichnet werden. Allein in V. 
162 nnd 163 'ant inpertit Palamedi ant largitur Ganimedi' sind 
die beiden offenbar verschiedene Persönlichkeiten. Es scheint, daß 
entweder der Vers 109 oder 163 gefälscht ist 116* provolutua 
et pollatos ist nicht unmöglich; denn solche Sprünge wie hier von 
116 über 116* zu 117 kommen auch vor von 38 zu 42 und von 
121 zu 123; allein der Vers konnte aas 122/3 sehr leicht fabricirt 
werden and steht nar in 1 Hft 126 sui and 127 eum ist in der 
Aufregung ohne nähere Angabe, wer gemeint ist, gesetzt. Dazu 
gehört Chananeum, Ferezeam and V. 136 ob magistri scelns sevi, 
dann 139 — 142: das Alles kann doch wohl nur den Hauptböse- 
wicht , den Capellanus , meinen , der freilich erst V. 160 wieder 
genannt wird 133—136: es ist auffallend, wie viel schlechter 
hier die Hften KL sind als H 141 et altricnm: matrum? 144 
er ging nicht gutwillig; also mußte er mit Zerren (distractns) 
biuausgebracht werden; draußen fiel er in die Straße {replens 
vicnm) and rief 'Hilfe' 152 tarpe 'factum' steht nur in B nnd 
ist auch wegen des gleichen Kennwortes mit 155 malefactnm ver- 
dächtig 156 saltum 'dare' findet sich = s. facere 164 fraterno 
heredi wohl = Neffe 165 cytharedi scheinen Lieder -Dichter 
and -eänger zn sein, welche Loblieder auf ihn machten, 'bonos 
credi' = bonam famam Mit den bisherigen Hften kann kaum 
entschieden werden, welcher Schloß der ursprüngliche ist. In dem 
von mir zusammengesetzten Wortlaut ist 175 caritate neben 177 
caritate unmöglich. Bei der Fassung von H ist der Hiatus in 
V. 177 and der Plaralis maiestatis in 178 und 179 bedenklich, 
endlich der Gedanke von V. 179 fast unmöglich. 

Form Dies Gedicht, welches gewiß in den letzten Lebens- 
jahren des Primas entstanden ist, zeigt sehr reine rythmische 
Formen. Es besteht ans 180 Achtsilbern mit sinkendem Schlosse 
(8 — u); dieselben sind hier wie sonst vom Primas stets zerlegt in 
2 Kurzzeilen zn 4 Silben (4_ u + 4_u), deren erste stets sinkend 
schließt, mit einziger Ausnahme von V. 89 ad ldicos non trans- 
ibo. Hiatus steht zwischen den Achtsilbern sehr oft (36 Mal), 
dagegen innerhalb der Achtsilber nur sehr selten: V. 48 me im- 
pegi (vgl XV 68 me inpegit); V. 88 quo ibo; (V. 176 qui exclusa). 

Der Beim ist rein and zweisilbig; die Consonanten sind ver- 
schieden in V. 24ffl. ante: sanete, diligam te; V. 156 actum: 
saltum; der Vocal ist verschieden in V. 70 ondns: pondus. 



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163 Wilhelm Meyer, 

Charakteristisch ist die Anwendung der Tirade, hier wie 
in no XVI. Die Zahl der Reimglieder bewegt sich zwischen 4 
und 14. Die Tiraden werden in diesem Gedicht oft durch Um- 
setzung der Kurzzeilen verbanden: 32 rori datas atque vento. 
33 Yento datus atque rori; vgl. 68 : 69. 69 : 70. 78 : 79. (87 : 
88). 116 : 117. (121 : 123). 156 : 157. In dem früheren Tiraden- 
gedicht, no XVI, findet sich dieser Kunstgriff noch nicht ange- 
wendet. Etwas Verwandtes findet sich im 10. Gedicht: der 5. 
Hexameter beginnt 'dampnis affiictus', der 6. 'afflictus daropnis'. 
Ich weiß nicht, ob dieser Kunstgriff in den altfranzBsiscben Ti- 
raden eich findet oder ob er vom Primas erfunden ist. Gekannt 
hat ihn der Archipoeta, welcher in dem 1164 gedichteten 2. Ge- 
dichte in Tiraden den 52. Vers 'Si remittas hone reatum' wieder 
aufnimmt mit dem 66. : 'Hone reatum si remittas'. Dann habe ich 
in einem (noch nicht gedruckten] Orpheus-Gedicht, das in Strophen 
von je 4 Zehnsübem geschrieben ist, solche Stropheniibergänge 
gefunden: Euridicen fidibus merui: Enridicen merui fidibus. 
Hanc respexi Bemal, non amplius: Hanc respexi, dum tarde se- 
qnitur. Ad manes iterum revertitur : Revertitur ad manes iterum. 
H. Suchier weist mich auf Guillaume de Tadele's Chanson de Ia 
Croissade contre Iea Albigeois mit Paul Meyer's Einleitung p. 
CV1II; hier schließt jede Tirade mit einer Kurzzeile von 6 oder 
7 Silben; dieselbe Kurzzeile bildet dann wieder den Anfang der 
1. Langzeile der nächsten Tirade. 

Die Neigung für Tiraden hat den Primas auch sonst zu Un- 
gewöhnlichem verleitet. So gibt er in no XVIII zweimal 2 sich 
folgenden Verspaaren, ein Mal 3 Versen denselben Reim. In no 
XV stehen statt der gewöhnlichen 4 Reimverse auch 5 oder 6, 
Aach in den hexametrischen Gedichten hat diese Tiradenlust ge- 
wirkt. Zwischen den einzelnen Leonini stehen sehr häufig Paare 
von Leonini mit dem gleichen Reim d. h. Unisoni, and wiederum 
sind oft mehrere Paare von Unisoni hinter einander darch den- 
selben Reim gebunden. Diese Tiradenlust ist also ein Cha- 
rakteristikum des Primas. 

(Wiederholte Reime) Wichtig ist eine Eigenschaft 
dieser Tiraden im 23. Gedicht. Beim 16. Gedicht habe ich notirt, 
daß 2 Tiraden mit ia reimen (V. 54 und V. 147) and 3 mit iam 
(V. 2, 69 und 78). Im 23. Gedicht sind der Tiraden nicht 
weniger als 25: allein nie wird ein Reim wiederholt, jede 
Tirade hat einen neuen Reim. Wegen der Wichtigkeit dieser 
Thatsache will ich die Reime hier aufzählen: V. 152 actum (5 



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Die Oxforder Gedichte des Primae, oo 23. 169 

ReiuiMÜen). 42 ado (5). 24 ante (4). 11 anus (6). 167 ate (14?) 
59 aus (11). 1 ectus (10). 108 ede (7). 167 edi (10). 47 egi (8). 
28 ento (5). 55 eo (4). 79 ero (9). 147 ertön (5). 138 evi (4). 
127 eum (6). 17 exit (7). 88 ibo (8). 137 kam (10). 96 ire (7). 
33 ori (9). 123 ai (4). 70 andas (9). 117 uto (6). 110 utus (7). 

Die Dichter hatten zwei Möglichkeiten, ihre Reimkunst za 
beweisen. Einmal war es schwierig, recht viele Zeilen eines Ge- 
dichtes mit demselben Reim zu binden, vorausgesetzt daß dasselbe 
Reimwort nicht wiederholt wurde. Anderseits war es schwierig, 
ein größeres Gedicht aufzubauen and dabei nicht denselben zwei- 
silbigen Reim öfter zn gebrauchen. Der Primas hat nach beiden 
Richtungen seine Kunst erprobt. Im 16. Gedicht Bind die 2. — 36. 
Zeile and dann wieder die 78. — 106. Zeile, also 64 Zeilen, mit iam 
gereimt. Anderseits bat im 23. Gedicht jede der 25 Tiraden 
neuen Reim. Doch finden sich beim Primaa noch kleine Unrein- 
heiten ; im 16. Gedicht wird einige Haie dasselbe Reimwort wieder- 
holt und von 10 Tiraden reimen 2 mit ia, 3 mit iam. 

Es scheint noch nicht eingehend untersucht zn sein, ob es ein 
weiter gehendes Gesetz der mittellateinischen oder der nationalen 
Dichter gewesen ist, daß innerhalb eines Gedichtes stets neue 
Reime gebraucht werden sollten. Natürlich hätte dies Gesetz nur 
innerhalb vernünftiger Grenzen gelten können. Einerseits konnte 
einem größeren erzählenden Gedicht keine solche Schranke gesetzt 
werden. Z. B. von den ersten 50 Strophen (zn je 4 Alexandrinern) 
des Gedichtes aber Theophilus, welches ich in meinen Ges. Ab- 
handlungen (I 123) habe drucken lassen, haben nur 13 neue, aber 
36 wiederholte Reime (je 2 erat' Iam* üit' ülo; je 3 ere' Itas* 
Itur; 4 lo; 6 Ibus; 9 ia); dagegen von den 79 Vagantenstrophen 
von Phyllis and Flora (Burana no 65) haben nur 16 Strophen 
wiederholten Reim. Dieser Unterschied zwischen dem Theophilus- 
gedieht und dem Gedicht von Phyllis und Flora hängt freilich 
etwas zusammen mit der Natur der steigenden und der sinkenden 
Reime in der lateinischen Sprache: bei steigenden Reimen wird 
die vorletzte Silbe zumeist durch Ableitungssilben gebildet, wie 
itas* nlis' io* eris' ibus- irao usw., dagegen bei sinkenden Reimen 
sehr oft durch Stammsilben: pnriore colore Anröre Flore, spatiätum 
saneidtum prätum gratnm. Aber die Zahl der Ableitungssilben 
ist eine beschränkte, die Zahl der Stammsilben eine sehr viel 
größere and mannigfaltigere. Deßhalb ist bei sinkenden Reimen 
die Wiederholung desselben Reime viel leichter zu vermeiden als 
bei steigenden. 

[Wie wichtig diese Frage werden kann, will ich an einer Perle 



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170 Wilhelm Meyer, 

der mittellateiniBchen Dichtung zeigen. Der Archipoeta (ge- 
druckt von Jac. Grimm in den Philol. histor. Abhandlungen der 
Akademie in Berlin 1843 = kleine Schriften III) bildet das I. 
Gedicht 'Lingua balbus' aus 45 vierzeiligen ZehnBilberstrophen, 
also nur mit steigenden Reimscblüssen ; von diesen 46 Strophen- 
Reimen sind nur 17 neu, in allen übrigen Strophen finden sich 
wiederholte Reime; freilich ist das Gedicht eine humoristische 
Predigt über die christliche Mildthätigkeit. Im VII. Gedicht 
'Archicancellarie viris'(ll Strophen zn je 6 steigenden Siebensilbern) 
scheint Wiederholung desselben Keims sogar erstrebt zn sein, denn 

6 Mal ist der Reim eris und 2 Hai lor wiederholt. 

Am meisten interessiert das II. Gedicht des Archipoeta 'Fama 
tuba', zu dem er die Form wohl unserm 23. Gedicht des Primas 
entlehnt hat. Es sind ebenfalls sinkende Achtsilber (94), von denen 
jedoch 3 nicht durch die Caesar 4 _w + 4 _ u zerlegt sind, und 
diese sind ebenfalls in Tiraden (von 4 — 16 Zeilen) geschart, von 
welchen auch hier die erste die längste ist; jede dieser 11 Tiraden 
hat neuen Reim. Die 25 Vagantenstrophen des V. Gedichts 
'Nocte qoadam' haben nur 1 wiederholten Reim, e*rum in Str. 

7 = 23. Die 33 (34) Strophen des IX. Gedichts 'Salve mundi' 
haben ebenfalls nur 1 wiederholten Reim, eo in Str. 10 -■■- 13. 

Es bleiben nun übrig das IV. Gedicht 'Archicancellarie vir' 
von 32 Vaganten -Strophen, und das X., die berühmte Beichte, 
'Estno intrinsecus', welche in vielen Handschriften überliefert nnd 
auch Öfter gedruckt worden ist; vgl. znletzt Honumenta Germ. 
Hist-, Scriptores 32 I 84, Salimbene's Chronik edirt von Ilolder- 
Eggcr. Es sind 26 Vagantenstrophen (denn die 6 in den Burana 
hinten angeschobenen Strophen haben nichts damit zn thun); aber 
6 von denselben (bei Grimm Str. 14 unicuique . . munus' 15 uni- 
cniqne . . donnm* 16 tales' 17 mihi* 18 loca* 19 ieinnant) stimmen 
wörtlich mit 6 Strophen des 4. Gedichtes nnd zwar sind IV 10 
nnd 11 = X 18 und 19; IV 12—16 = X 14—17. Freilich hat 
nnr die von Grimm befolgte Hft von Stablo diese Strophenfolge 
im 10. Gedicht; einige Hften lassen die Strophen X 18 nnd 19 
weg, die meisten stellen sie vor Strophe 14, geben also den 6 
Strophen im 10. Gedicht dieselbe Folge, welche sie im 4. haben. 

Die Frage ist nun : gehören die 6 Strophen in das 4. oder in 
das 10. Gedient? Es handelt sich hier am die herrlichsten Verse, 
welche im Mittelalter gedichtet worden sind. Das 4. Gedicht ist 
verfaßt im Frühherbst des Jahres 1163, als die Rückkehr Friedrich 
Barbarossa's nach Italien erwartet wurde nnd Reinald von Dassel 
seinen Dichter aufforderte, ein Epos über die Thaten Friedrichs 



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Die Oxforder Gedichte des Primas, oo 23. 171 

zd verfassen, welches demselben bei seiner Ankunft in Italien 
überreicht werden sollte. Dagegen wehrt sich der Archipoeta in 
dem prächtigen 4. Gedichte, das leider nach der 16. Strophe eine 
oder mehrere Strophen verloren haben maß. (Die Fracht eines 
Compromisses ist dann das 9. Gedieht 'Salve mandi' gewesen : als 
im Oktober 1163 Friedrich von den Alpenpassen herabkommend 
in Novara eingeritten war, trog der Archipoeta im Anblick der 
schneebedeckten Alpen an der Pranktafel diesen Willkomm vor). 

Die Beichte ist in Italien geschrieben (viiium, qnod aqua mis- 
cnit presalis pincerna) and zwar in oder bei Pavia, wo während 
der Belagerang Mailands Friedrichs Hauptquartier gewesen ist '), 

Arbeiten wir nun mit dem obigen Hilfsmittel, so findet sich 
in den 32 Vagantenstrophen des 4. Gedichts kein wiederholter 
Strophenreim. Dagegen von den 25 Strophen der Beichte haben 
zunächst die 1. und 2. Strophe denselben Keim enti wie die 24.; 
das wäre also dieselbe kleine Ausnahme, wie im 5. und im 9. 
Gedicht. Wie steht es nun mit den kritischen 6 Strophen? 
Von diesen würden im 10. Gedicht nicht weniger als 3 wieder- 
holten Beim in das Gedicht bringen: 17 datnr = 8 venatar; 18 
parum ==: 25 amarum; 19 chori = 12 muri. 

Demnach sind diese 6 prächtigen Strophen ursprünglich für 
das 4. Gedicht verfaßt. Da aber die Beichte gut 1'/* Jahre vor 
dem 4. Gedicht entstanden ist, so ist die Beichte ursprünglich ohne 
diese 6 Strophen gedichtet. In dieser ursprünglichen Form zählte 
das Gedicht nur 19 Strophen and repräsentierte viel schärfer die 
Form einer Beichte. Nach dem allgemeinen Schuldbekenntnis 
beichten die Strophen 4 — 9 die Verliebtheit, die 10. Strophe den 
Hang zum Würfelspiel, die 11. — 13. Strophe die Lost zu Wein 
and Wirtbshans. Dann folgte sofort die 20. Strophe 'Ecce mee 
proditor pravitatis foi'. Später worden dann aas dem 4. Ge- 
dicht die 6 besten Strophen, 10 — 15, in das 10. Gedicht versetzt 
und nach der 13. Strophe eingeschoben. Sie passen im Ganzen 
aach hier; denn wie die Verliebtheit mit dem heißen Blat der 
Jagend entschuldigt ist and das Würfelspiel mit den Worten 'tunc 
versus et carmina meliora endo' : so können aach diese 6 Strophen 
die Liebe za Wein und Wirthshaus damit entschuldigen, daß er 
dann besser dichten, also seinen Dienst besser erfüllen könne. 



1) Dieses Zusammenhang der Gedichte «erde ich anderweitig begründen. 
Sie sind grausam miß verstanden worden, am grausamsten von Jacob Grimm. Er 
halt s. B. das 4. and das 10. Gedicht für 2 Ausarbeitungen desselben Stoffes; 
Scherer findet in der Beichte heiligen Ernst. 



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172 Wilhelm Meyer, 

Da in den sämmtlichen bekannten Handschriften der Beichte diese 
6 Strophen alle oder znm Theil sich finden, so ist möglich, daß 
schon der Archipoeta selbst sie nach dem Herbst 1163 in die 
Beichte eingeschoben hat, wo sie ursprünglich nicht gestanden sind.] 

Inhalt des 23. Gedichtes Der Aufbau dieses Gedichtes 
kann nur gewürdigt werden, wenn der Inhalt, die besprochenen 
Thatsachen, klar sind. Aber diese nur ans den Worten des Primas 
za erschliesen, ist recht schwierig. Darüber sagt Hanreao, 
NoticeB et Extraits de quelques mannscrits VI 1893 p. 132, Fol- 
gendes: II n'est pas facüe de comprendre le poltiqne recit de 
sa disgräce. Hngnes le priniat etait, an rapport de Francois 
Pippino, chaaoine d'Orleans. et, en des vera qni Ini sunt attribu4s 
par an manascrit de Tours, il raconte lui-meme qn'il fnt, an joar, 
prive de son canonicat; mais il ne dit pas poor quelle cause. 
Cette cause est ici longnement exposee, mais pou clairement. 
Ses anciens collegaes, dont il solücite le pardon, ont du sans peine 
le comprendre, sachant bien de quel delit ils l'avaient jage* con- 
pable; mais cela nous est moins facüe. II £tait vieax, dit-il, et 
s'etait fait prlposer, par les conseils d'un traitre, ä la surveillance 
des infirmes, des malades. Or, ayant pris, en certaine occasion, 
la defense d'un de ces infirmes croellement maltraite', il fat pour 
cela tradoit devant le chapitre, condamn£, chasse* de sa maison 
canoniale et rlduit, sans probende ni gite, ä mendier son pain. 
Voilä, du moins, ce qne nous croyons lire dana cette sappliqae, 
sincere o non. Admettons qu'elle n'est pas sincere, qa'elle dissi- 
mule une grande partie de la verite*; toujours est-il qu'elle nous 
ofFre, Bur la vie si mal connue da celebre Primat, quelques ren- 
seignements doot on ponrra faire an utile emploi. 

Den aneedotenhaftea Bericht des Francesco Peppino habe ich 
schon früher charakterisirt ; ebenso unsicher ist es, ob das Vers- 
paar: 

Canonici, cur canonicum, quem canonicastis 
canonice, non canonice decanonicastis ? 
überhaupt vom Primas herrührt oder sein Schicksal betrifft. Dann 
ist gegenüber Haur&iu besonders hervorzuheben, daß nirgends in 
diesem Gedichte gesagt ist, daß der Primas von dem Kapitel der 
Kanoniker verurtheilt und aasgestoßen worden sei. Nirgends ist 
ein Ort genannt. 

Der Primas ist bereits hochbetagt. Zwei Vorgänge hat er 
durchgemacht. Der Capellanus , ein Mitglied und ein Beamter 
des Kapitels, welches angesprochen wird, sei früher freundlich 



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Die Oxforder Gedichte des Primu, no 23. 173 

gegen ihn gewesen, dann aber, als dem Primas das Geld ausge- 
gangen war, habe er ihn beredet, im Rrankenbaose Dienst zu 
leisten (V. 13 — 54, bes. 50 vos linquem) preelegi, nt servirem egro 
gregi, vili malens Teste tegi). Ein solches Kraiikoiihans, infirmaria ■ 
hospitiom ■ domss infirmorom, fand sich fast mit jeder größeren 
Kirche verbunden: darin befanden sich nicht nur Kranke oder 
Genesende, sondern auch 'alii, qui infirmitatem non habent et 
tarnen in infirmaria assidue comedunt et iacent, ut senes' caeci et 
debiles et huiasmodi'. 

In dieser Stellung erlebte dann der Primas den 2., in V. 
103 — 166 geschilderten Vorgang. Ein Hinkender wurde wegen 
störrischen Ungehorsams aus dem Hospiz gewiesen und, da er 
nicht binansging, mit Gewalt vor die Thiirc gebracht, wo er in 
die schmutzige Straße fiel — oder sich fallen ließ — nnd laut 
schrie. Der Primas nahm sich seiner an nnd erhob laute Klagen 
über Schandthat and Gewsltthat. Daraufhin wurde auch er aus 
diesem Hospiz ausgewiesen, und hat jetzt große Schwierigkeit 
sich nur seine tägliche Nothdurft zn verschaffen, welche er, der 
Studirte, natürlich nur bei Studirten, d. b. bei Klerikern, nicht 
bei Laien, d. li. Bürgern oder Rittern, suchen kann. 

Der Hinkende ist von Willelmue Palamedes aus dem Kranken- 
haus befördert worden (V. 108/9), dagegen der Primas 'capellani 
iuBsu fedi' (V. 160). Dieser Willelmus Palamedes scheint nach V. 
108/9 identisch mit dem Ganimedes zu sein; aber nach V. 162 
und 163 sind es verschiedene Personen. 

Kanoniker oder Geistlicher wird der Primas in dem Gedicht 
nicht genannt. Nach V. 17 — 20 ist er noch nicht sehr lang mit 
den Kanonikern zusammen. Wäre der Primas regelrechtes Mit- 
glied des Kapitels gewesen und das seit vielen Jahren, so hätte 
er, auch wegen des heftigsten Schimpfens, nicht hinausgestoßen 
werden können und am wenigsten von dem Capellanus allein. 

Der ganze Sachverhalt scheint mir vielmehr folgender zu 
sein. Der Primas hatte im Alter, wo das Unterrichtgeben ihm 
beschwerlich war, an seinem bisherigen Aufenthaltsort sich wieder 
verfeindet. Der ruhelose Mann zog in die Stadt, wo unser Ge- 
dicht spielt. Die hier angesprochenen Kapitelsherren hatten bei 
ihrer Kirche auch ein großes Hospiz; allein der Primas wurde 
nicht dahin gewiesen; sondern wegen seines Dichterruhms und 
seiner Unterhaltungsgabe wurde ihm, wie allen besseren Fremd- 
lingen, Wohnung im Kapitelhause und ein Platz an der Tafel der 
Kanoniker selbst gegeben. 



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174 Wilhelm Meyer, 

Allein der Primas blieb sehr lange. Die Neugierde der Kle- 
riker war befriedigt; ja das Vergnügen an der interessanten 
Persönlichkeit war vielleicht bei Manchem durch boshafte Witze 
oder sonstiges Verhalten des Primas ins Gegentheil verwandelt; 
obendrein scheint dem Primas das mitgebrachte Taschengeld aus- 
gegangen zu sein (V. 19): allein wie konnte man den Gast los 
werden ? Die Kleriker lebten ja selbst anf Kosten der Stiftungen, 
and das Recht der Gastfreundschaft war damals sehr ausgedehnt 
und heilig. Da kam dem Capellanus, einem der Vorstände des 
Kapitels, ein guter Gedanke: er schlug dem Primas vor, er solle 
mithelfen bei der Verwaltung des Hospizes. Der Primas war in 
Geldverlegenheit für Kleidung und andere Nebenausgaben ; ferner 
könnt« er das völlige Zusammenleben mit den Kanonikern doch 
nicht für alle Zukunft beanspruchen. Er nahm also den Vorschlag 
des Capellanus an und zog in das Hospiz. In seinem bisherigen 
Leben hatte er als Lehrer mit Gelehrten d. h. vor Allem mit 
Klerikern verkehrt; in dieser neuen Stellung war sein Umgang 
ein ganz anderer. So verstehe ich die Verse 47 ff],: inconsolte 
nimiB egi, . . qui vos linquens preelegi, ut servirem egro gregi, vili 
malens veete tegi, quam servire summo regi, nbi lustra tot peregi. 

In dieser neuen Stellung passirtc nun der V. 103 — 160 ge- 
schilderte Vorgang. In diesen aasgedehnten Hospizen mußte natür- 
lich Ordnung herrschen. Der Hinkende war störrisch und wurde 
denhalb zuletzt ausgewiesen, und, als er nicht gutwillig hinaus- 
ging, mit Gewalt hinausbefördert. Dazu genügte die Hausordnung 
und die Autorität des V. 108 genannten Oberaufsehers oder des 
Capellanus. Der Primas betheiligte sich bei der Ausweisungssceue 
und , von seinem Jähzorn übermannt , ergoß er sich dabei in 
Schmähungen der Beamten des Hospizes. Da er ein Fremdling 
war und nur aus Güte verpflegt wurde, so wurde auch er ausge- 
gewiesen; dazn genügte die Befugnis des höchsten Beamten, 
des Capellanus. Natürlich aber hätte das Kapitel in besonderer 
Verhandlung die Handlungsweise des Capellanus mißbilligen and 
die Wiederaufnahme des Primas anordnen können. Auf diesem 
Rechtsverhältniß beruht die Aufforderung V. 167 — 180 'modo, 
fratres , iudicate , an sit dignos dignitate vel privandus po- 
testate'. Der Primas selbst ist augenblicklich in übelster Lage. 
Seine etwaigen Ersparnisse sind aufgebraucht; er ist schon ge- 
brechlich und wenig fähig, durch Unterricht oder durch Witze 
oder durch Vortrag von Gedichten auch nur seine täglichen Be- 
dürfnisse zn decken; deßhalb spricht er sogar von Hungerssterben 
(V. 56-95). 



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Dia Oxforder Gedichte des Primw, do 23. 175 

Dies ist, glaube ich, die thatsächliche Sachlage, auf welcher 
das Gedicht sich aufbaut. Um so seltsamer kann der Aufbau 
des Gedichtes erscheinen. Haureau nennt dies Gedicht 'une simple 
piece, une complainte faite par an vieülard disgracie': ich glaube, 
er ist der beträchtlichen Kunst nicht gerecht geworden, mit 
welcher der Primas seinen Stoff geformt hat. Weßhalb schließt 
nicht V. 64 direkt an V. 96 oder 103, und weßhalb steht nicht 
die ganze Schilderung der jetzigen schlimmen Lage am Ende des 
Gedichtes, d. h. nach der Erzählung der Vorgänge, dnrch welche 
diese Lage herbeigeführt ist? Gewiß, in logischer Prosa wäre 
eine solche Ordnung natürlich. Der geschickte Dichter hat seine 
Mittel anders gefugt, um die Hörer zu erregen. Der Primas 
schiebt die Schilderung seiner jetzigen übeln Lage nach V. 54 
ein ; er gibt sie so als die Folge seines Uebertrittes in den Hospiz- 
dienst. Dazu hatte der CapellanuB ihn beredet; allein der Schritt 
war ein freiwilliger und konnte in vieler Hinsicht ein edler er- 
scheinen. Wenn er jetzt dem Primas solch Elend gebracht hat, 
so verdient dieser gewiß Mitleid und Hilfe. Ist so bis Vers 95 
das Mitleid der Hörer für den Primas erregt, so wird jetzt ihr 
Gerechtigkeitsgefühl erregt gegen den Capellanus dnrch lebhafte 
Ausmalung der ja an und für sich jämmerlichen Scene, wie 
der hinaus gestoßene Hinkende im Straßenschmutz sich wälzt und 
schreit und wie Niemand ihm behilflich sein will; nur der Primas 
steht ihm bei, wird aber deswegen selbst hinaosgetrieben. Diese 
Schilderung ist hinausgeführt zu einem Aufruf zur Bache und zur 
Bestrafung des schuldigen Capellanus. 



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Pro Hermogene 1 ). 

Von 

Bruno Kell (Straßbarg). 

Vorgelegt in der Sitzung vom 11. Mai 1907 von F. Leo. 

Die nftoUyöpsva x&v atdeemv Rh. Gr. VII 34— 49 ff. W. heben 
an : Ei xal dö&uv &v nvi xaQ&dotov xb ixdyyeXfut xavxbg imt%skttv 
&pa{ft$(unoe tbv xt%vixAv, itxiaxvovpe&a tovto xdvxtog J7aiUov xoi 
xävv (Jdirog jjfilv äx<xpaifE<J&ca. oC (iiv yäff &kXoi xSn> rfoa?M»T<öv 
otidl 6vopd£stv &vi%ovxai Bcvdifa lotfovtov iv xijy^ Suvtyx6vxa, xGn> 
ti intofivijiiaxtativTtav ot piv tixij xStv ÖQ#ä>g i%6vxav ixiixt^ßävwxtu, 
of dl *poe xttg xaxtjyOQtag oim &xrpn<fpuuiiv " ^ftcf? Öl ttMtf xä xov 

1) Dieser Aufsatz war in seiner ursprünglichen Form unmittelbar nach dem 
Erscheinen von Raben Syrianauagabe während der Weihnachtsferien 1698 ge- 
schrieben. Als ich in Rom Ende Februar und Anfang Hin 1894 ihn zu mun- 
dieren begann, teilte ich Ed. Norden die wesentlichen Resultate, auch die Identi- 
fikation der sog. Phoib&mmonprotegomena (Syrian 1 97,7 ff. Rabe) , mit. Der 
römische Aufenthalt und spater anderweitige Verhältnisse ließen den Abschluß 
der Arbeit nicht finden. Dann kam 1696 K. Fotos Aufsatz Rhein. Mus. 1896 LI 45 ff., 
der in meine Ergebnisse eingriff, obne doch mit ihnen sich zu decken; aber die 
krause Materie war mir inzwischen zu fern gerückt, als daß ich in eine Kon- 
troverse hatte eintreten mögen. Die treffliche Breslauer Dissertation von St 
Gloeckner, Quaestiones rhetoricae (Bresl. philolog. AbhandL VIII 2, 1901) und 
dringender die Straßburger von L. Schilling, Quaestiones rhetoricae selectae (Jahr- 
bücher f. klass. Philolog. S app lernen tbd. XXVIII 665 ff., 1903) brachten mir den 
Gegenstand wieder naher. Die Veranlassung, meinen alten Aufsatz jetzt wieder 
vorzunehmen und mit dem durch diese beiden Dissertationen sowie durch Rafaes 
Mitteilungen aus dem Christo phoroskoimnentar (Rhein. Mus. 1895 L 241 ff.) ver- 
mehrten Material um- und aufzuarbeiten , ist mir A. Brinckmannz teilweise Neu- 
bearbeitung der Ideenprolegomena unter dem Namen des Phoibammon (Rhein. 
Mus. 1906 LXI117IF. ; vgl. 653) geworden. Ich schicke das nur ans folgendem 
Grunde voraus. Die Charakterisierung des Staaeiskommentara in Walz Rh. Gr. 
VII 104 ff. und die Begründung seiner Zusammengehörigkeit mit den Staseis- 



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Pro Hermogene. 177 

xävxa ifffotov iwifttlijptv ixQtß&e ixocätstv, zä xs xuxtjyoffotiftBvtt 
xov doKovvroe vxolvoofisv ttpaonfparos xul dutiKupetf i$ijs Sxavxa 
xttifagöfif&u. *} piv ovv vx6a%ieig odx» psydit) ' ixtäptfra tl %di\ 
tt)g äifpoiTofaijs Tf3 ßtßUp xQo&swQias. Die Vorrede, deren Ein- 
gangsworte dies sind, steht bei Walz zusammenhangslos unter 
zwei anderen Einleitungen zu Staseiskommentaren, wie sie denn 
auch handschriftlich ganz isoliert erscheint 1 ); tatsächlich gehört 
sie zu dem S. 104 beginnenden Staseiskommentare, ist die Vorrede 
zq diesen fast die ganze erste Hälfte des siebenten Walisischen Bandes 
lullenden Scholien. Wie die Überlieferung dieser Literaturgattung 
nun einmal ist, kann ein Zusammenstehen oder Getrenntsein von 
Prolegomena und Scholien in unseren Handschriften nach keiner 
Seite hin, weder ffir Zusammengehörigkeit noch für Verschiedenheit 
des Ursprunges zweier solcher Stücke, beweisen. Einen Beweis 
geben nur innere Gründe, und in jedem einzelnen Falle ist er von 
neuem zu erbringen. 

Man hat nicht nötig gar sehr viele Seiten in dem Kommen- 
tare zu lesen , um alsbald zu erkennen , daß ihn ein Mann ge- 
schrieben hat, der es sich zur eigentlichen Aufgabe gemacht hatte, 
xavrbe i^tletv duaorijftarog tbv xe%vat6v, und dementsprechend die 
Tadler des Hermogenes als leichtfertig und unwissend darzustellen. 
Ruhige, sachliche Interpretation muß bei einem solchen Kommentare 
zurücktreten, dagegen die Lösung der vermeintlichen Aporieen 
und die Zurückweisung der gegen Hermogenes gerichteten Angriffe 
im Vordergrunde stehen. So finden sich denn auf jeder Seite 
die für derartige Apologieen gegebenen Formeln in allen möglichen 
Variationen und Kombinationen mit und ohne Wiederholung. Mit 
einem £96xtt xial xf/ffuta xbv xs%vixbv . . . ttkkä tpapsv (104, 3. 9) hebt 
der Kommentar an, und nun nehme man folgende Blütenlese: 
ixi X upfiä vovxat aircov Iviav&d tivs$ . . . i$ovpsv ow Mffits tovxo 
139, 6. 11. — ixikapßivovzai xiveg . . . &XX ei 191, 14. 16. — xivig 
fisfitpovxxt ... Uyovxes ■••» Myofuv 161, 1.3. — xofaö uvtg 



prolegomena Rh. Or. VII 84 ff. mußten in der ersten Fassung, d. h. bevor Fahr 
in dem genannten Aufsätze diese Verhältnisse berührte, ausführlicher gegeben 
werden. Ich habe diese Teile, d. h. den Eingang des Aufsatzes, auch nach Fnhra 
Bemerkungen, wenn auch gekürzt, doch im Wesentlichen beibehalten, nicht weil 
ich sie Tor Fuhr schrieb, sondern weil ich für meine weiteren Darlegungen diesen 
breiteren Unterbau nicht entbehren zu können meinte. Im übrigen verweise ich 
für manche der hier erwähnten literarhistorischen Verhältnisse auf meinen 
Parallelaufsatx über die Syriantechne im Hermes 1907 XL1I 'Zwei Identifikationen', 
welcher die gleiche frühe Ursprungsseit wie dieser Anfsats hat. 

1) Zwischen Troüus und Pboibammon (Paris gr. 2977), z. t. mit ihnen ver- 
mischt (Paris, gr. 2916). 

Kfl. Gm. d. Win. Bwhrlekta. PUMtf-klfUr. EU**. 1M1. Bift I. 12 



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178 Brnno Keil, 

iiaßä XXovStv . . ., iXX' ovxoi xXavth vzat 423. 3. B. — ^i}tetzat 
8h ßtä xi . . . tpaplv ovv 126. 14. 16. — iijxetxat x&g . . . Xexzdov 8h 
. . . ^ttlxat ixl xovxotg . . . ij 8h Xvatg 160. 8. 11. 16. 18. — ttpetxat 
. . . xai xtvtg . . xaxäg Xiyovotv . . . ttXXot 8h Bfutvov &xoloyo-6- 
uevoi rpaeiv . . . rotfovtov 8h et8ivat zQ*l 268,24. 269,1.8.6,— 
ifflrjTai . . . xtvhg ftiv ovv £<pu<fuv . . . iXX' avxixeizat aixotg . . . 
&IMivov &oa xb &xooov(ievov ixeivag &xoXvee&cu 694, 27. 31. 696, 4. — 
£ijTOüat x&g (8ta zi) .. . qxtphv ovv (xobg 5 <pap*v) 149,26.160,1 
(188, 6. 9). — (ftrovtftv ovv ztvsg x&$ ■ • • <pypl 8h iyaye . . . iXX 1 ivxi- 
Xiyovüt xobg xovxö uvtg . . . aXX toovptv 132, 2. 9. 17. 20. — £ij 
zavci 8i, xivi . . . xobg 8t tovta £ijrtft:<« xä>g . . . a»oXeX6ytjvxn ovv 
xobg xovx6 ttveg . . . tpauiv ovv xijv alfjftsaz dxijv XvOtv 160,3. 
13. 16. 26. — i&iffpuoH . . xal ot ptv . . Irpaeav . . ot 8h . . äXX 
ov% tioveiv dxo8etxvvvat . . . 6 p ■ t v o v 6oa a>ävat 688, 16 — 23. — 
ifyjzlputtn 8i xtveg x&g (ei Swupiott) . . . i%o^v 8t ovzoiig elSivut 
608,6. 11 (. . . dijAij ovv t; öuupOQi 284,1. 4). — Syovötv . . eis 
gifrijatv.. . ,<pofiiv 8h 318, 16. 20. — ^xdofjx at xivt 8utipioet (xäg) 
. . . 8taq>t'gtt 8h (vxoXqxxdov 81 xobg tofnn) 162, 8 f. (185,7. 9). 
Tgl. ferner 608, 20. 29. 509,6. 7. und 421, 14. 20. — faoojxaiil 
xtveg . . . &XXä xobg tinho $rjxsov . ... ixt 8h xal xovxo ixaxo- 
oovtii xiveg . . . zip/ öh ixoot'av tvxoXov ixilvöaa&at 389, 
16. 20. 26. 390,1. ■fyxoo^xatft 84 ttveg xai eig Sxooov *e 9 ti- 
azdvat xbv Xiyov txe%e(ovfi«v . . . xobg 5 tpai^ftev av . . xovxo 
ftiv ovv ovxmg xb xotg xoXXotg ixofov^ftevov, 6g y4 (tot 8oxet, dxtlveä- 
ftt&a- ^r/zovat 8h xal Oxeoov ixl zovzip . . . iaxtv ovv exioag 8ta- 
ivaai zfjv &*ooiav 512,27. 513,8. 27. 614, 15. ot ftiv .. $i&z,oav 
6tg &x6qqv xa&eexipiviag x^g %eol avxifv ifextiaeag' IXabe y&o 
avxovs . . . ot 8h . . ivijyccyov . . t%o%v 8h avrovg eiSivat . . . 
cd 6xn 8h xai zteiv . . . xal iotxev avxotg xotvtovttv xijg /I6£tjs 6 
zs X vtx6g, oi> pi)v xavzzj avftatioexat 682, 16. 683, 1. 8. 12. 16. Man sieht, 
der Verfasser ist ein streitbarer Mann and selbstbewußt sitzt er 
über seine Vorgänger zu Gericht. Selbst Ober den an sich hoch- 
mütigen Orakelton dieser Stellen geht die Polemik oftmals hinaus, 
und dann erhalten die Ansichten der Gegner die liebenswürdigsten 
Zensuren. reXotoxixn 8h $ xotavxzi Staioevtg . . . xavxi atatltv 
, . . ot xiis xStv xaayuaxtov axaktltiuptvoi Statffiaeas ■ . . &XX' 
ixetvd ye «xtfr fUevai 129,18. 23. 130,8. hxioot 8h Xtav ev8tä- 
otiezov xofttXovm .. 8taavoäv . . xb 8h yeXot6xaxov 617, 14.23.; 
ebenso 675, 13. iq/aaüv nvcs .. Ittt 8h xb Wo» ^»aoaXoyteubs 
^ ix6vota (czicf. [Dumosth.] XXV 32: axoXoyla) «oillf . . ei xal 
Kord ptxobv xa xov xtrytxov xaxsv&iflav fäuaxa 518, 28. 619,7. tamöav 
8t ttvtg . . . iXXä xovt6 ye $X£8tov 313, 10. 14. xovxo 8h xb x«- 



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Pro Hermogene. 179 

Ifiov Uuv xivkg ^(*apTij(*Ktfmff . . . teiifuvot ttg ^Xi&iÜTaxov 
xavrdxatfiv ipxtxxäxaai Xöyov . . ilrjvix&tjaav roivw tig axoxov 
oprai X&yov ... od xaxayvövttg 343, 3. 6. 17. ttvig . . . Xafißävovtt e 
tovtü ÄJ £vt)ft*g 316,5. rovtü Ü '9171*, &"^ Tivts . . . acffpetilij- 
qoatftv, Stv toig fiiv ätltjftoxfyovg xof/axdftiboftai ifttjfLpijpara trwa JUav 
£vijfrtos . . . napaXaßdvzag . . ZZopijwpiov <Si äoiiJöc/hw fififri^v . . . 
xalo&tofö' 6sia>s «v ixode^cUfirjv tbv fiv dpa 596, 14.21. Xlav afiovOatg 
tmXapßiivoincu tov xiivixov 133, 19 (vgl. apoveiav Xfi09«if>ai r$ 
Adyro 295, 25; ov* ajiovtfog av «ftj r»}s xä&iog 6 iöyoff 589, 14). SxBfot 
Äi . . . i%a><ftOccv . . . xtttv dtivoxäxtav fidvr' äv *fn xa& ixaCxov xovg 
totovxovg xuQurtösö&ut Xjffovg' xovxo xoiyctQovv ev&datg eürj&tg 
Xlav 593, 5. 13. ovöi Xöyov xivbg ai>ti> a^imouvxtg . . xi[v äXr}~ 
»eaxdtrtv aitiav tp^voptv 606,22. Arn ph> oftv xal äxb xyg 
diaipofäg avxotpdvxag tttfon xovg pcp^tpotpovs 225, 15. 
ilff^v dt &vttpviflWpHti rfij*ov xoi>g axopovvtag xbv 'EvavfUmvog 
ixofiQii>avxag vxvov 294, 22. Gewöhnlich werden die Gegner nicht 
mit Namen genannt; das erleichtert die Grobheit, die dann 
mehr Bachlich als personlich erscheint. Ausnahmen finden sich; 
das Beispiel 596, 14 brachte schon den Namen des Porphy- 
rios , dem es nicht anders als den ungenannten Gegnern ergeht. 
Von Harpokration heißt es : 6 niv oirv ^pKox(i«ti'rav etg xoeovtov 
fyttv &xo(fiug . . . ysXotSzurov S'ttv stt) . . htgav . . . ixl xatg xa- 
padsdofidvaig oi> fttfxotB xaQadtläne&a (cxi: -foj-d/it&a) ex&tsiv 
563, 20. 24. 29, wozu man vergleiche, wie er sich gegen die Sta- 
seislehre des Aquila (-Syrian II 162,22 Rabe) verwahrt: xavxa 
di fti) oütat pavsiijv wtsxt xal xaQait%aa&ai. Das Nörgeln und 
Tadeln geht so Seite für Seite; nur selten findet der Verfasser 
ein anerkennendes Wort, wie tixtQot . . . tcpaeav . . . xal xoöxo 
piv oi xöfffim «xoaov, &XX 1 l%otro Sv xtvog vywvg- XQ$ H^vxoi . . , 
329, 16 ff. ; wirkliebes Lob befremdet geradezu : xäv od pexpiag 
itxlv fytotytipivav K«pä xoXXotg xs BXXoig xal <yi>x fyueta' ye l A%a- 
vutsitp . . . xopiiidittTa di 'A&avaGiog xb anoffo^svov axtXfauxo 
611,29. 612,7 Daß dieser Scholiast sein eigenes Licht nicht unter 
den Scheffel stellt, versteht sich : xaivrfv xiva dtdaaxaXiav ivruv&a 
6 xt%vixbg tytv xaffadtdmai . . . 8f*ev xal atpaXXttöut xotg xoXXots, 
fi&XXov ii x&Bi <S%eö\>v iSo%tv. tih fia&vveQav xiva xal yXuyvQ&v 
^(ilv HiftaaxaXlav ivxav&a avaxaXvxxmv $Xa.&c. rovg jsoXXo^s 124,3 £F. 
oder i\ dl ItfxTjQig, olfuu, ob x&v evXifamv oidh xatf ixiffoig xg6 ye 
ijpA*' flp|ato (618, 7). Und diese Arroganz ist mit Stupidität ge- 
paart; seine Lysis an der vorletzten Stelle ist eine Dummheit. 
Selbst Taschenspielerstückchen werden nicht verschmäht, wo die 
Mohrenwäsche seines Hermogenes nicht gelingen will: tpaivtxat 6 

12* 



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180 Bruno Keil, 

'Effpoydvyg fiij xävra toig *»ö ccvxov xti&Aptvog, ikXä XQoatxt- 
vo&v ii f.avzov xä xttfftipiva totg xakaiaztQOis, ovdi fiip> xavra ig 
qnfatt rjj oixtia umvov, &kX bxovoStv xal totg f'avtov xiva xap 
Btiffiov ixtvoiffMjate&at, Iv&tv XQOO&hptt tb 'i&t a ^'" v ttyt&tfy xapct 
Tixihra *Mtj uvä' (161, 26 ff.). Daß daneben die auch sonst den Scho- 
liaaten geläufigen Mittelchen zur Anwendung kommen, versteht 
sich, wie lfyfci]<fav ti xiveg x&av&s, &t& vi xotvbv tb t^W ^P" 
ßävst . . . «DO? 5 Ipttfltv 5» xccraxQrjetix&g ixdXeOe £ijt*Jf»ox<r (188,26), 
und das ist noch gestohlen ; denn die .Erklärung steht anch bei Mar 
cellinus (IV 138,14 W.) and wird eben ans ihm stammen. Daß unbe- 
qneme Aporieen einfach ignoriert worden, ist mit Sicherheit au- 
znnehmen; wir können solcher älterer Aporien, die unberücksichtigt 
geblieben Bind, noch nachweisen. Viele von ihnen mögen dem 
Verfasser unbekannt gewesen sein ; für alle wäre diese Voraussetzung 
unwahrscheinlich. Die Taktik des Vogels Strauß war eben zu be- 
quem. Ein sicheres Beispiel u. S. 195 zu Hermog. 154,12. 

Aefanliches findet sich ja, wie allgemein bekannt, anch sonst 
vielfach in Scholien, aber doch anch nur Aehnliches. Es bandelt 
sich hier eben nicht um eine den Scholien eignende Erscheinung 
in ihrer Allgemeinheit, sondern in einer besonderen Ausprägung. 
Diese sonst unerhörte Intensität des polemischen, schulmeisternden 
Tones giebt dem Kommentar seinen Charakter, individualisiert ihn 
in Mitten gleichartiger Schriftstellern. Das zu zeigen, habe ich 
die Belege gehäuft; zugleich ist dadurch klar geworden, was hier 
zunächst zu Beweis stand , daß der vorliegende Kommentar jener 
$x6e%sate fitydf.T), als welche der Verfasser des Proömiums mit 
demoBthenischem (IV 15) Worte (s. u. S. 207) seine Tendenz selbst 
wertet, in vollstem Maße entspricht. 

Doch wir haben einen absolut zwingenden Beweis für die 
Zusammengehörigkeit dieser Prolegomena und Scholien. So miß- 
günstig unser Scholiast über andre Leistungen urteilt: ein Moiisch, 
den ich absichtlich bisher nicht erwähnt habe, ist für ihn einfach 
Autorität, ein Havlug. Nirgend setzt sich der Scholiast mit ihm 
in direkten Widerspruch, vielmehr ist es ihm meist nicht genug, 
einfach Beine Uebereinstimmung zu bekunden; bei diesem Paulos 
ergeht er sich gern in bewunderndem Lobe. Einige Zurückhaltung 
übt er ihm gegenüber nur einmal, bei der Lehre vom Unterschiede 
der &vTtltH>i S und der peräki&ts (234,20—235,24). Er führt da 
zuerst die von Syrian (II 154, 24 ff.R.) gegebene dtarpoi/ü vor, wonach 
in jener die Person bedeutend, die inkriminierte Tat unbedeutend, 
in dieser das umgekehrte der Fall ist, verwirft dann eine 
Ansicht des Antipatros , ohne sie überhaupt anzugeben , und 



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Pro Hennogene. 181 

schließt mit xord TJavXov 8i zbv ijfidxeoov ixotßeoxdgav 
iltrtifOQäv xooo&tvdov, wonach die ftexd Xtjipte stets auf ein 
Gesetz, die avriXrplns auf Sitte oder Natur oder Gesetz zurück- 
greife , sod&ß die beiden Behandlungs weisen sich nur in der 
Berofimg auf ein Gesetz berühren. Doch kommt ihm dieses 
Unterscheidungskriterium nicht bedeutsam genug vor, und so er- 
klärt er die mit der ayrianischen kombinierte atatpood des Por- 
phyrios für hinlänglich : ix6%Qt) ovv r) üootpvgiov diaipooi, ixtcxä- 
fffufi di ftfyov xxX. Hiergegen halte man seine sonstige Art, ihm 
überflüssig scheinende Ansichten abzuweisen ; and dabei ist dies die 
einzige Stelle, an welcher er sich Paolos gegenüber so reserviert 
— man übersehe aber das Lob in axoißtatdoav nicht — verhält. 
Sein wahres Herz kommt in folgenden Wendungen zutage: faxet 
ovv ivxaiifYa HavXog 6 xdtf ^pfig — TluvXog ftiv ovv 6 %[td- 
xtgog xi[v <pv9iv oma xaza xodxov öidyvto xov xetpaXaiov, ftövog 
6$ r&v xäxoxf. xotg etgtjftdvotg ixtoxäg Oetog^ftaetv 526,27. 627, 
31 ff. 'EvxaÜ&a ytv6fuvog 6 rjiiitBgog llavkog xiira av Sixaimg 
bfirjoitiov (K 6) i<prj . . . xdvzmv yio ifäg dxi3oafi6vxatv (cxi: vxoög. 
cod.) xb %(oqiov *al xoeovxov pövov dxiftvtje^svxmv . . . avxbg ixXtttwd 
xe xip> äxooiav xal &Xvxov (cxi. : aSvvaxov cod.) ov xaxdXtxev. , . . xb ftiv 
oiv xagä xä -it%vix<p %toowv ovxa xtfoqg ixato&D&T) ^Tjx^dtmg ogfHoq xe 
xal iatgtßitg i^eiv &xodit%»dv 619, 23 ff. 621,25. Endlich neoupavlg 
. . . xb ivxiv&sv vipooftovv, xXetaxov (doch wohl ntäaxtjv) ye ärjxov&sv 
eig äxooiav ri;v Boxt itfitv axoXtXvpivijv xagevEyxbv Jijrijfftv, fi«' 
tt fiij xljg IlavXov inixv%s dtitäetag, x&£ av fttxQt xavxbg 
iftsvev £Xvxov . . . xb di d^xogtxijg SyaXfta, fJavXog-, Aflt «raff 
xb yatoiov dxä&ijge xijg fat^otmg, and die Erklärung des Paulos 
schließt mit den Worten öiöxsq 6 xdvaotpog 'EopoyivTjg rö 
fiexä xifv xaoayQatpijv Eijrijfter Itpt] xaxd Viva dtaiüttööai, xBn/ Xoytx&v 
exdaeav 624, 18ff. 625, 29 f. 

In welchem Verhältnis steht nun dieser 'unser Paulos' zum 
Scholiasten ? Zur gleichen Rednerschule gehören beide ; das würde 
auch ohne das wiederholte ^itdtegog und das ihm gleichwertige xaff 
fjuäg einfach aus der hei diesem absprechenden Schriftsteller unge- 
wöhnlichen, panegyrischen Sprache folgen. So spricht der Schüler 
von seinem Lehrer und Meister: i\v zSm ftiv xaXatoxdgtov avdptbv 
ovii slg, 6 di fjftdtegog avtvot ätddexaXog, ia> 6 xal ft&Xtaxa 
&%tov Oyaebai rbv &v8oa xijg dt^töxfjzog 153, 13 und iooüfuv ovv 
xo(til)6xaxov Xöyov, Etipjjfio: ovxa xuv i\ftexigov SidaOxiXov 227, 22. 
Jetzt versteht man die Worte der Prolegomena vme%vov(M&u 
xovxo xävxcog IJavXov xov xävv Öövxog fjftlv &xo<paivf.O&ut 
erst ganz. Der Rhetor Paulos gab seinem Schüler, dem Scho- 



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182 Bruno Keil, 

Hasten, das Thema, den Hermogenes gegen alle Bemängelungen 
und Angriffe zu verteidigen. 

Sollte hiernach noch ein Zweifel an der Zusammengehörig- 
keit von Prolegomena osd Schollen bestehen, so wird er behoben 
durch das Selbstzitat des Scholiasten: itpdexopsv yrip iv &QXXI to " 
ßißliov XQoxsta&at avtä xsyl Suuffieseas x&v xstpalaimv slxslv 342 , 5 ; 
das geht auf unsere Prolegomena, und zwar zunächst auf die 
Worte exonbg (ttv oiv iartv avrä xf.qI ttjs ttg xä xf.ipai.cua Siat- 
Qf'aiag itnslv x&v ptjropixöf ^rjxijpdxaiv 40, 16, des weiteren auf die 
ganze Auseinandersetzung über den Titel des Hermogenesbuches. 
Der Verf. referiert und bestreitet die Gründe derer, welche das 
Staseisencheiridiou mit dem generellen Titel Ti%vtj pijroptx»; über- 
schrieben, obwohl Sxavzeg (42, 24) . . . topev Sit xtgl xfy tig rä xtytUata 
dituaiacrnq xBtv p"i)TOpixör g^rijpa'raw SutXtytsiai, xal afabg 8i iv 
toj ßtßkim zovxa <fyqmv '). st di xal AY hsoöv xiv« X6yov ovtatg ixi- 
yoaiitv, iSti xbv X&yov avtaitg ixodtdovat xal uij ijuläg &xoaxt£veefrai 
ort xm ytvtxoj ^tjpijffKro . . . xovxayv (43, 24) 81 ovtog i%6vxav 8o- 
xovtti xaX&s xipt &(fp6xzov6av ixtyaaq>i}v xä oXm xaxä rö i^aif/evov 
ixl xb Ovvzaypa xovto (tBxevtyxBtv of ti)v «nipr xavxijv tjuvorjoavteg 
xijv ^wiypaanjv * & yctff xe%l>txbg ov «potfürat, xaft&xtq forTijAmxafiM' '), 
iXXä xal Otpodpa xadwxrtrat röv ixiyffatyüvxmv Ti%vrfv ^ijxoqix^v to 
Jjfepl dtatQtestos' xal zovro Oacp&s iv tjj diatyieu x&v dvxi&txixibv 
tladfisQa <sxü<Sf.av'). [ti xb iQtfatpov.]*) o$ aip iXXa xal xb IIt(fl 
tdt&v ßißXiav tvsxa tStv xcawXaiatv xa(faXa(tßävsxat ' AV ixtlvov 
yap xaüxa ivaxXrnfovfttv xxX. Wer dieser Literatur ferner steht, 
wird dieses Selbstzitat vielleicht weniger beweisend finden: denn 
von dem axoxis müsse der Regel nach in jeder Einleitung die 
Rede Bein, also sei es nur natürlich, wenn jene Verweisung aas 
den Scholien aach in diesen Prolegomena ihre Beziehung finde. 
Das hieße die Verbindung übersehen, in welche hier der Abschnitt 
über die iniyaoarf zu dem über den exox6g gesetzt ist; sie beide 
zusammen geben die Ansicht des Verfassers , daß das Staseisbuch 
mit dem Titel 'xepl diataiasas x&v xeipaXaiav' die Beinern In- 
halte entsprechende Bezeichnung finde. Das ist aber durchaus 
Bingulär, sachlich wie formell. Denn Hermogenes' Worte (11133,12) 
xtpl x%g xäv xoXixiX&v Jijtfiiiow dtaiffiOtms lls xä Xty6ptva 

1) «frol — tfatlw der Text bei Walz. Hermog. II 133, 12 Sp. «pl ii tfle 
t&v arolmsA* iijnywiro» dtatciaum ils m Ifjofiira uctfälata A liyoe yi»&»«i ; 
»gl. Z. 24. 

2) Das geht auf die kun vorher zitierten Worte. 

3) Diese Verweisung entspricht also der Rück Verweisung 342, 5. 

4) Zu tilgende Randnotiz »u 44, 6 ff. 



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Pro Hqrmogene. 183 

xttpdlaiK 6 X&yos yivia&a> werden damit willkürlich gewandelt. Die 
anonymen Prolegomena 1Y 29, 19 (verkürzt VII 17, 16) sagen richtig 
axoxbg toü ßißXiov xsqI öiaiQsetwg xoXtxtx&v £i?rij/*artoi/ 
ebenso wie die VI 39, 24. Tijvi\ pjjro(i<xrj hießen das Bnch die einen, 
wie die schon angeführten Stellen zeigen, andere gaben ihm den 
ans geläufigen Titel «epl aiäaemv, weil sie darin seinen Zweck 
ausgedrückt fanden, daher of dl IJeqI ezdetav itttyQÜipovres rbv <Uij{Kj 
xov TE%voyQä<pov axoxöv ixoi^aavro: so VII 20, 1 (= IV 34,30). 
Also nur auf onsere Prolegomena unter den erhaltenen - passen 
die Worte jener Verweisung XQOxtltötu avta xtfl $tai(f£asu$ 
Töv xeipalaiav tlxstv, und man bemerke, wie scharf der Scho- 
liast 342,7 fortfährt: ij dl eis «ä xtipdXaia dtat(fS0t$ f.d"wois 
ixtßükXei toFs äy&atv. 

Haben wir somit in diesen Prolegomena and Scholien im 
Wesentlichen die einheitliche Arbeit eines bestimmten Individuums 
— ich nenne es bis auf weiteres den Anonymus — , so erhebt sich 
bei der dieser Literatnrgattnng eigenen Ueberlieferungsgeschichte 
zunächst die Frage nach dem Zustande, in welchem das Buch auf 
uns gekommen ist. Die Scholien bewahren bis zum Schlüsse des Ab* 
Schnittes xsqI ^ttak^eaq (643) die selbstgefällige Breite, welche dem 
Anonymus eignet. Mit xtffl &vrivofitae (644) werden, wenn man die 
sicher eingeschobenen Stücke ausscheidet, die Erklärungen plötzlich 
seltener und zugleich kürzer, so daß dieser Abschnitt sowie die 
beiden folgenden xhqI nvHoytepov und nt<jl iptpißoXt'as nnr wenige 
Seiten eines Textes füllt, der den gleichen Ursprung wie die 
früheren Partieen erschließen läßt. Es ist ganz ausgeschlossen, 
daß dieser plötzliche Umschlag in einem Erlahmen des Verfassers 
selbst seinen Grund habe. Wo der Anon. sicher vorliegt, wie in den 
breiten Scholien 652,25-653,31 und 682,16—684,10, zeigt Bich 
seine aus den früheren Teilen bekannte Art. Die Ueberliefernng 
hat die letzten Abschnitte dieser Scholien eben nicht anders be- 
handelt, als sie den Schluß von Scholiencorpora gemeinhin zu be- 
handeln pflegte. Andererseits ist dem Buche des Anon. fremdes 
Gut eingefügt. Bei einzelnen dieser Zusätze ist in den Hand- 
schriften sogar noch die Provenienzangabe erhalten. Ein Stück 
trägt das auch sonst bekannte Lemma 'AvsmyQdtpov (665). Be- 
sonders starken Einschaß hat der Kommentar des Georgios Monos 
geliefert ; nach Schillings Publikation lassen sich die Georgios stücke 
leicht durch Konfrontation ausscheiden. Sie waren schon vor dem 
Hinzutreten dieser Publikation zu erkennen, und zwar sämtlich, 
nicht blos die drei, welche den Namen des Georgios direkt tragen 
(655—665; 676—682; 690-695), d. h. anch 245,7—250,13; 357, 



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184 Bruno Keil, 

23-362,32 (s. Schilling 681 f.). Für 246ff. genügte der christ- 
liche Eingang ä(t%6[if.vot avv &em r% diat/teias xrX. ; hinzutrat 
die nur in diesem Teile des Kommentars sich findende Nennung 
des Sopatros und Menandros (247. 248). Der Art des Antra. 
widerspricht dabei ganz das wörtliche Zitieren, wie es hier aus 
Sopatros' Jtat^attg t,rfit]tuhav (247,11—20 = VIII 32,26—33,4 
und 247,26—30 = VIII 54,12—16) nnd ans Menandros' Hermo- 
geneskominentar geübt ist; endlich der neue Einsatz des Scholions 
250,14 iexopivus %dy t»)s State fasms- — In 357, 23 ff. verrät den ver- 
schiedenen Verfasser ebenso die dem Anon. ganz fremde Wendung 
xaXMäTipi Tjfitv XttQixSiömßtv ivzuv&a «tjftt tmoiv & Tvfavvog 
tpfaxmv xzk. wie die darin enthaltene Nennung des Tyrannos, 
der dem Anon. sonst fremd ist. Nach Schillings Publikation steht 
sicher , daß Georgios nicht zu den Quellschriftstellern des Anon. 
gehört, sondern daß die ihm entstammenden Stücke als unver- 
arbeitet« und leicht auszuscheidende Brocken über den zu Grunde 
liegenden Kommentar ausgeschüttet sind. — Auch sonst erscheint 
noch mannigfach Gut, welches ersichtlich nicht unserem Kommentare 
zugehört; zum Ende hin überwuchert es ihn sogar. Am Schlosse 
dieser Untersuchung (S. 216) wird sich die literarische Erklärung 
für diese Erscheinung in ihrer Gesamtheit ergeben. Um der 
Untersuchung selbst willen mufi ich noch auf folgende Einzelteilen 
eingehen. 689,6—13 mit dem Zitat KawVtjs 4v tjj c^rrn 1 ) gehört 
nicht dem Anon. ; nicht etwa weil es das einzige Apsineszitat bei 
ihm wäre, sondern weil ihm die Nennung des Bticbertitels ebenso 
fremd ist wie die Eingangsformel lett'ov Sri. — Fortfallen für 
den Anon. auch die beiden Zitate mit dem Namen des Eustnthios. 
Das Scholien 646, 12 rovto *b xaaäSsiy^a, ätg Iv xfj pf.#6äm Se- 
drjXaxai hnb Evara&iov entscheidet sich gegen Hermogenes, steht 
also in kontradiktorischem Gegensatze zu dem Thema probandum 
des Anon.; zudem ist dessen Polemik gegen Eastathios gerade 
für diesen Punkt erhalten (s. u. S. 191). Nicht anders steht es 
mit dem Scholion 613,10 — 24, das den Eustathios nennt; einmal 



1) I 2, 904,4—9 Sp. Der Excerptor benutzte eine dem bekannten Paris, 
gr. 1741 (hier B) verwandte Handschrift, also nicht den Text des für Apsines 
besseren Paris, gr. 1874 (A). «ai' ««n)v iraxaloiptwot B ScboL: Mar« ravti\v 
HMpalttioöfitrot A ; M 4 B Schol.: ii A; was richtig ist, bleibt zweifelhaft, trotz 
Greg. Cor. VII 1226, 13, der sieb zaA stellt, und trotz der Parallele Aps. 311,11 
o"i ifioxotta. — Mit xi >i A Schol., tt ial B ist nichts anzufangen. Greg. 
Cor. geht sonst an sehr markanten Stellen mit B, x. B. 299, 10 naifalaiißav6ai vnv : 
stc#ttyOfif»oc A; 298,5 yiyvopirov tüC löyov: fehlt A, gehört in den Teit ; 301,17 
Avxoveyov Etfloilov xov A, falsche (Hyperid. fr. 1 18 Bl.*) Konjektur, wie lov zeigt. 
So schwanken die Zitate aas byzantinischer Zeit überhaupt ; anders früher; s. a. S. 213. 



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Pro Hennogene. 185 

hat es den Eingang iatiov Sri, zweitens gebort es überhaupt nicht 
an diese Stelle and erweist sich schon dadurch als späteres, de- 
plaziertes Einschiebsel. Es handelt sich nm die xetpikatu der 
ctctfis xQuyparixfi ; diskutiert wird die Anordnung der xttpäXaia. 
Dieee Diskussion gehört entweder an den Anfang des Abschnittes, 
d. h. vor die Behandlung bezw. Konunentierung der einzelnen 
xtcpalaia, oder an seinen Schluß. Das Scholion steht aber mitten 
in der Reihe zwischen dem ivdofcov und dem aviupdpov. Dazn 
kommt, daß auch das unmittelbar vorhergehende Scholien 613, 7 ff. 
ans dem Sopatroskommentare (= IV 756, 1 — 15) eingeschoben ist '). 
Für weitere Einzelkritik ist hier nicht der Ort; sie wurde ohne 
vermehrte handschriftliche Hilfsmittel leicht auch unmethodisch 
übereilt erscheinen. Scholien mit Tadel des Hermogenes , hand- 
greifliche Dubletten , deren sich nicht wenige finden , rein text- 
kritische Erörterung und Anführung von Varianten, die um ihrer 
selbst willen anzuführen der Anon. versehmäht, Einführungen mit 
iatiov, «Tjiuiaviov : das sind im ganzen die meist direkt verurteilen- 
der, stets verdächtigenden Indizien. So ist mancherlei fremdes 
Gut zu dem Kommentare des Anon. hinzugekommen und bat auch 
Stücke daraus namentlich zum Schluß des Buches hin verdrängt ; 
gleichwohl stört es den Eindruck des Buches als eines Ganzen nicht. 
Der Zuwachs ist gegenüber der geschlossenen Masse des Ursprüng- 
lichen namentlich im Anfang verhältnismäßig gering, und zweitens 
scheidet er sich in Folge der durch Beinen Zweck scharf aus- 
geprägten Individualität des Kommentars meist mit Leichtigkeit aus. 
Ich komme zu den Frolegomena. Inhaltlich machen sie einen 
entschieden besseren Eindruck als der Kommentar. Es fehlt nicht 
an Polemik, aber diese ist gemäßigt. Das Ganze ist substantieller 
und klarer. Das Urteil über ihren Erhaltungszustand wird durch 
die pedantische Art des Verfassers, oder richtiger, der Scholiasten- 
tradition, die Disposition genau vorauszuschicken, erleichtert. Die 
Ankündigungen finden stets ihre Erledigung: 

1: 35,2 rpitt tavTtt Set xpStxov tldivat, ti lortv alatg (fijroptxi} = 
36, 5-36, 13 

. , ... , ,. 1 86,14tW4 , l«n 

oi vzioov os o ti xots eOtiv, I : , , 

, , _, , , > = xal bxot&v ti, xa- 

HTtt OBOlOV rt tCTlV ,, , _ 

I raoijAov axaOtv 

II: 36,15 tivi äiutpiffEi diaXsxnxijs; 

1) Nachträglich werde ich auf den Nachtrag Fuhr», Rh. Mus. 1896 LI 164 
aufmerksam : er bringt die Probe auf meine Kritik: das Scholion fehlt in den 
Paria, gr. 1983 und 29TT. Korrekturzusatz. 



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186 Bruno Keil, 

Xff&rov ftlv rjj 6*d = 86,17—19 
hutxa wtg igy&vots = 36,19—37,16 
In . . ml tcS t&m = 37,16—20 
TETapri] dic^opa ij <i*6 tow töaov »= 37,21 — 38,1 
fälschlich als dtcapofdg nennt man noch 

rijv « «Eäo ti}s &xayyella$ = 38,2 — 7 
xal (rijn) i«6 tov azifparog = 38,7 — 21. 
III: 38,21 xspl Äot'c? ^toptxij;; 6 löyog Xfföxf. trat. Fünf (Sjjropi*«u: 
a) ^ <M.ij«-i)s 39,5; b) ^ 1>tvty$ 39,6; c) ij iw#avij (fwffft; tow«*) 
39,8; sie zerfällt in «) die «txnxtf 39,10 ß) Ipxnoixij 39,19 
y) Tfjvcxij, 'xt(fl %g vvv ijfttv XQÖxtmtt Xiyctv' 39,23. 
IV: 39,26 o ßiog toi> xsxvoytftiipov = 39,26^40,12 
V: 40,12 ixl xavtbg äh ßißUov Set tä ££ xavta fyze.lv 

a) xis 6 axoTtös = 40,16—25 (l) 1 ) 

b) zt tö ztfoifiov = 44,6-47,25 (6) 

c) ift 4 /««j-p«ffiij = 41,16—44,6 (5) *) 

d) (/ tow xaXatov yvtfßtov tb ßtßkiov = 41,6 — 16 (4) 

e) xCs <ij> nf£tg rijs &vayv60sa>s = 40,29—41,6 (3) 

f) Tis \ eis •* piw tofirj = 40,26—29 (2) 

Mit Anknüpfung an dos zoijatpop folgt als Schloß die Widerlegung 
zweier philosophischer Angriffe: 

1) es gäbe keine t/*otj fampuaj 47,30 (25)— 48,22 *), 

2) es gäbe keine eriats fipOftxtj 48,22—49,3. 

Es ist keine Lücke nachweisbar, auch nicht in den Unter- 
abteilungen längerer Abschnitte wie dem Über das iff^etfiov. Spätere 
materielle Erweiterungen fehlen gleichfalls. Das Schlußkorollar 
ist gegen jeden Verdacht durch den Rückweis (47,25), mit dem es ein- 
geleitet wird, ttpiffU* &vaniiffo (=44,7 ff.) ztväg inopstv geschützt. 
Die Anordnung der einzelnen Teile ist fast rückläufig gegenüber der 
Disposition, wobei die Teile nach dem durch ihre Bedeutung be- 
dingten Umfange geordnet sind, nnr daß die ,Disposition' als 
Anhängsel des exonög behandelt wird. Am Schlüsse vermißt man 
eine der sonst üblichen Überleitungen nun Texte; ob bei der Lob- 
trennnng der Frolegomena von den Scholien eine derartige Formel 
verloren gegangen ist, muß vor der Hand dahin gestellt bleiben *). 

Im Ganzen ist mithin das Ergebnis nicht ungünstig. Die 



1) Diese Zahlen geben die Reihenfolge der Teile in der folgenden Aus- 
führung an. 

2) Für die Art der Argumentation t. u. S. 182. 

S) Die Worte 47,31 f. sind schwer verdorben; der geforderte Sinn ergiebt 
skh mu 48,28 f. 

4) Über diese Schlußpartie der Pro lego mens. s. u. S. 208. 




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Pro Hermogene. 187 

Prolegomena Bind völlig intakt; von den Schotten haben wol die 
letzten drei Abschnitte erheblich gelitten, sonst aber sind sie viel- 
fach in größeren Abschnitten als kompakte Masse erhalten. So dürfte 
kaum erhebliches von dem Materiale verloren gegangen sein, 
welches das Bnch znr Beantwortung der literarhistorischen Fragen, 
die es uns auferlegt , einst enthalten hat ; es sind dies Fragen 
nach seiner Zeit, nach seiner literarischen Stellang nnd Form 
und nach seinem Verfasser. 

Die untere Zeitgrenze Hegt auf der Hand. Mögen auch die 
schon zitierten Worte der Prolegomena of pkv y&g xokkol xfov 
aotpiaräiv ovdi 6voy.ä%Eiv ivijpvt tu &v6fitt too"oütoj< iv xi%v^ 
ditve.yx6vza in dem xolkoC übertrieben sein , so viel zeigen sie 
doch, daß wir in einer Periode stehen, wo man den dürren Leit- 
faden des Tarsiers noch kurzweg verwerfen konnte, wie das Syrian 
z. t. wenigstens getan bat. Für die byzantinische Zeit ist Hermo- 
genes einfach Autorität ; nur von ihm hat sie ein Staseisbnch bewahrt. 
Unsere Überlieferung der Technographen setzt mit dem 10. Jahr- 
hundert ein; das beweist, daß die friihbyzantiniscbe Renaissance 
im 9. Jahrhundert den Hermogenes als den ,ze%voy(f&ipo$' überkam 
von jenseits der dunklen, auch für die Technographie literarisch 
toten Periode der Jahre 650 — 800. Wir dürfen, wenn wir dem 
Anonymus nicht allen Glauben verwehren wollen, nicht einmal 
bis in die äußerste Grenzzeit hinabgehen ; denn für sie muß Her- 
mogenes schon der gewesen sein, als den ihn eben die von ihr ab- 
hängigen Byzantiner übernahmen. Noch maßte zur Zeit des Anon. 
für Hermogenes gekämpft werden. Tatsächlich führt der Kommentar 
mit seiner lebhaften, ersichtlich aktuellen Polemik in die Zeit 
blühender Kämpfe der Technographen, wie sie uns gerade in den 
letzten Jahren durch mehrfache Mitteilungen aus Hermogenes- 
kommentaren lebendiger geworden sind. Direkt beweisend ist 
196, 24 tp^ifsrai 'Avttoxls ixoffia ytXmotatx} . . . toüto di ffoiUtfc 
ivoiug (isezAv. Damit ist nicht Antiochos von Aigai gemeint: der 
glossierte die Person Beines Zeitgenossen Hermogenes ') , nicht 
dessen Lehrbücher. Diese Aporie stammt aus einer Rhetoren- 
scbule Antiocbiens ; die heftige Art ihrer Einführung läßt dentlich 
Schulgegensatz erkennen; das wird bald aus der Zitierweise des 
Anonymus klar werden. Damit sind wir in die Zeit vor 538 
gebannt, wo Antiochien durch Chosroes Anuscbirwan den Todes- 
stoß erhielt; nach seiner Wiederherstellung durch den allerchrist- 
lichsten Kaiser hieß es Thenpolis. Dieser Zeit entspricht die 

1) Phüostr. v. soph. p. 83, 14 K. 



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188 Benno Keil, 

pagane Form der Schrift '); man halte dagegen die solenne Formel 
des Georgios Honos 'Atf%Afu&u avv &t$ ml. Ich finde keine Spur 
ans christlicher Sphäre; denn 118,24 ovSiv yäg foptltt co xvptov 
TThgos, luv pT} tiSSt äno tetOQfag i] xgdl-eas (wol -mv) avrov n'g stfnv ist 
IJhffos ans IUqmX?,? von einem christlichen Schreiber korrumpiert; 
vorher geht (Z. 19) 6 di)ito6fHvr}s, nnd das Ganze bezieht eich auf die 
Worte des Hermogenes II 184, 1 Sp. tä Sf/ioptva xu\ xvyia, olov 
6 ütiftxXijg, 6 styfioa&ivijs. Das stimmt za dem terminns ante 
qnem c 530 *). 

Die .Bestimmung der oberen Zeitgrenze gebt natürlich von den 
zitierten Schriftstellernamen ans. In Wegfall kommen die in den 
oben (S. 184 f.) aasgeschiedenen Znsätzen vorkommenden Zitate. Nach 
dieser Bereinigung bleiben nur folgende für die Zeitfrage in Be- 
tracht kommenden Autoren. 

Abas 203 , zeitlich unbestimmt , doch wird die Aufzählung 
zwischen Minukianos and Porphyrios nicht sachlich, sondern chro- 
nologisch sein; vgl. Ed. Schwartz, Real-Enc. I 19 n. 11. 

Antipatros (von Hierapolis) 235. 244 , Zeit des Septimias 
Severns; vgl. Jadeich in Alterthümer v. Hierapolis S. 35. 

Harpokration 254. 349 f. 432 f. 547 ff. 563; vor Hetrophaues; 
ich sehe keinen Grund, ihn noch in das 2. Jahrh. zusetzen; Graeven, 
Cornutus p. XXV. XXIX. 

Metrophanes 350. 443. 552. 554. 556. 562. 626; 3. Jahrh., 
kommentiert Aristides, schreibt vor Enagoras. 

Porphyrios 203. 205. 596. 

Athanasios 482. 611f. 619; über seine Zeit sogleich. 

Das sind sämmt liehe mit Namen zitierten Technographen in diesem 
dickleibigen Kommentare; es wird eben immer mit xtvig , tpuoiv 
u. dgl. gewirtschaftet. Genannt sind, abgesehen von Athanasios, 

1) Ich drücke midi absichtlich so vorsichtig aus; für das Bekenntnis des 
Verfassers selbst folgt nichts ans dem Buche. In der Zeit von 950—460 wird die 
xaqddoais ebenso wie du Stilgefühl auch christliche Technographen noch abge- 
halten haben, frommes Rankenwerk ihren rhetorischen Lehrbüchern aufzusetzen — 
ich vermag mir wenigstens eine Proairesiostechne nicht mit einem *iiv ttiäi &</%ä- 
lii&a za denken — , aber tun 430 hat es Georgios schon. Fällt ein Autor am 
diese Zeit oder spater, wie der Anonymus es tut, so darf man christliche Außen- 
Ornamentik erwarten. Im Innern der Lehrbücher treten & Oioloyoe n. a. 
erst nach 800 auf, soviel ich sehe, 

2) Der Vergleich 345,16 äs tl xal xi ßißlior xfüti</or ttxqtxie *ete 

ixoSofiiv yQappüxnv «oiotyit» &xa£iovref airib i) nalXävrts q SUup tat T(»J*ia 
dianrnoitKrtt, flta vattgov ainb räv ypafijitixar driwilrjpoO/i*» beweist nichts, 
da das »IWme ebenso gut auf die Herstellung des Pergamentcodex wie auf 
die ZuaammeufOgung von tiUlits aus Papyrus gehen kann. Übrigens scheint mir 
dies ScholioQ nicht gana gesichert für den Anon. 



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Pro Hermogene. 139 

nur Schriftsteller aus der Zeit vor 300. Niemand wird darnach 
den Anonymus datieren, der seine wirklieben Zeitgenossen hinter 
den rivig, Ivtot n. s. w. geflissentlich versteckt. Die Häufigkeit 
der Zitate ans Hetrophanes läßt wenigstens daran denken, daß 
dieser Schriftsteller selbständig benutzt ist; alle anderen Zitate 
Bind ans zweiter and dritter Hand. Und was für den nach Hetro- 
phanes am meisten genannten Harpokration gilt, muß erst recht 
für die vereinzelten SchSnpflästerchen der Zitate aas Porphyrioa 
gelten. Jener aber kommt ihm teils aber Hetrophanes, wie 349 f. 
und 562f. zeigen, teils über Atbanasios zu, wie der Umstand beweist, 
daß 432 f. erst 'A&a väts tos , dann *A&av&<noq xtd 'Aifnoxtfcetlav, end- 
lich xatä tbv Xöyov WpxoxparÜDi'Off zitiert wird; so ist auch die 
Wendung 254 aitiav . . tj)v xavä 'Jpxox^aiiwva ein Anzeichen für 
indirekte Benutzung. Nach der ganzen Art des Mannes , seine 
eigentlichen Gewährsmanner einfach tot zn schweigen, kann ich 
nach Athanasios nicht mehr zu ihnen zählen. Wir haben von diesem 
viel mehr Gedrucktes and auch Ungedracktes als die Fragmentzu- 
sammenstellnngen bei Gloeckner (p. 99 sqq.) und Schilling (p. 738 sqq.) 
vermuten lassen. Sicher ist, daß er nicht nach Sopatros, eher vor 
diesem schrieb; er stammte aas Alexandriea bezw. lehrte dort. 
Ein anedierter Aaszag aas Beinen Frolegomena zn den Staseis 
im Hatrit. gr. 59, von dem ich eine Abschrift besitze, hat die 
Überschrift 'A&avaaiav tov aotpietov 'AXtlccviffttag xtk. Hit dem 
großen Athanasios wird ibn niemand mehr, obwohl das geschehen 
ist, identifizieren; aber das wenigstens scheint annehmbar, daß dieser 
Alexandriner nach dem großen alexandrinischeu Kirchenfürsten den 
Namen empfing. Bann wäre er nach 328 geboren ; das würde sehr 
gut zu der Zeit des Sopratros passen, auch wenn dieser älter sein 
sollte, als die geltende Meinung ihn macht. Schrieb nun Athanasios 
in der 2. Hälfte des 4. Jahrb., so gebort diese Zeit schon einer 
für den Anonymus längst vergangeneu Epoche an. Er kann dar- 
nach nicht wohl früher als etwa um 430 den Kommentar ver- 
faßt haben. 

Diesen Schluß bestätigt die Untersuchung der eigentlichen Quellen 
des Anon. Sie ist nicht ganz leicht, weil wir es bei den Techno- 
graphen und Hermogeneskommentatoren nicht mit individuellen 
Schöpfungen, sondern mit einer jeweilig nur leicht individuell 
schillernden nuQddoais zu ton haben. Es würde der Mühe nicht 
lohnen, im Einzelnen festzustellen, wo und im welchen Grade 
der Anonymus sich mit Syrianos, Sopatros, Marcellinus berührt. 
Der Berührungen mit ihnen finden sich tatsächlich viele wenn, 



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190 Bruno Keil, 

auch die Kritik viele als den Zusätzen angehörig auszuscheiden 
bat; aber keiner von innen ist der eigentliche Quellschriftsteller 
des Anon. Dieser faßt vielmehr — ob direkt oder indirekt, bleibe 
hier noch dahingestellt — durchgehende aof Enstathios , dessen 
Fragmente, allerdings nicht ohne einige Desiderata, Schilling 
(S. 716 — 733) zusammengestellt hat. Wer nach der Veröffent- 
lichung der Zitate ans dem Christophoroskommentar 1 ) den Nilos- 
kommentar in die Hand bekam, mußte, wie Gloeckner es sofort 
tat, sehen, daß Enstathios von dem Anonymus stark benutzt 
worden ist. Der Gregorkommentar trat dann bestätigend hinzu. 
Ich führe eämmtliche Stellen des Anon., für welche nach der 
Parallelüberlieferung Enstathios als Quelle angesehen werden 
muß, einfach der Reihe nach anf, um so erkennen zu lassen, wie 
sich das Eustathiosgut über seinen ganzen Kommentar verbreitet. 
Die Art der Berührung deute ich, je nachdem sie wörtlich bezw. 
fast wörtlich {=) ist, oder nur ans der Übereinstimmung im Inhalt 
sich ergiebt (<~^), oder endlich polemisch ablehnend erscheint (>), 
mit dem entsprechenden Zeichen an. 

124,8 ff. (besonders 21 ff.) ~ Nil. 96r: Gl(oeckner p.) 85ee, 

Schilling p.) 717; Herm(ogencs Sp. II) 134,8. 
138,4f. = Na lOlv: Gl. 86gg, Seh. 717; Hermog. 136,22. 
139,12 = Nu. lOlr: Gl. 85ff., Seh. 717; Hermog. 136,20f. 
164,12 = Christoph. 79r:Gl. 78c, Seh. 730; Hermog. 137, 6*). 
189,20 = NU. 112r: Gl. 86 ii, Seh. 718; Hermog. 139,6. 
190,19—26 = Christoph. 66v: Gl. 78b, Seh. 718; Hermog. 

139,7. 
196,18— 23 > Christoph. 79v: Gl. 78d, Seh. 730; Hermog. 
139,20 — 23. Das Scholion ist im Anfang verstümmelt, 
doch ist vielleicht nur ein tpaoiv xivtg ausgefallen: 'Ex(rr,v, 
(tpaeiv ttves), oörofi tixetv; die Widerlegung folgt Z. 20 
nlijv '&$ ädixtjfia' bIxsv. Er übernimmt hier nicht die 
Verteidigung, welche Eost. dem Hermog. angedeihen 



1) Rabe, Rhein. Mue. 1895 L 24] ff. 

2) In diesem großen Scholion 161,26—164,12 sind die Worte 163,18 tatkv 
3w 6poloyovtiii>mt iitb tö Sixoi/ov Avi%ä^eetat interpoliert: es müßte itväfotuv 
heißen; das Futur bat der Scholiast des ParallelscholionB 161,12—26. Data 
lexiov. Die Rubriziernng des Falles ist schon durch oßro «<el h toürro dllrflmv aC 
Ttftoidaus 6vri%ovtai gegeben 163,17. Der Znsats geht mit Syrian 1142,1 f er inopor ("» 
%anjyo^a, 8* wtl xi/oxoätiMiyr of £tm%<u tpamv auf die gleiche Quelle rarttck; 
denn die Differenzen sind so stark, daß der Anon. hier nicht auf eine vollständigere 
STrianfassung lurnckgefuhrt werden kann. 163,19 natürlich ^9at rutl pirij, wie 
richtig in der Disposition 162,13. Das gleiche Beispiel für «6 ««<* Jftot «tl 
pätn* 9 °P"- IV 180,10 ff. 




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Pro Hermogene. 191 

ließ ; denn bei Kilos ist jener selbst Subjekt zu &xoloyslztu. 
Enst. hatte den 'Avtniyifafpog — das ist der Tadler — 
zitiert und sofort bekämpft {inokayslxat). Nilos bat 
hier, wie oft, schlecht referiert. 

200,6—16 = Nil. 116 r: Gl. 86 11, Sek. 718; Hermog. 139,24. 

203,23— 204,4 = Christoph, 101 v: Gl. 78 e, Sek. 731 (Hermog. 
140,2 ff.) »)• 

212,4— 16 ~ Christoph. 109 r + Nil. 167 v : GL 79f (Sek. 732f.) ; 
Hermog. 140,28. S. n. S. 207. 

223,25ff.> VII 646,12 (s. o. S. 184); mit ö dl «ooypanjrijs 
slvui aräatag tu tiQtjftiva rt&slg xcLQa.9tiyp.uxa 4ffv6t}tltv 
ist deutlich der eine Eustathios bezeichnet. 

268,4-10 ~ Georg. 9r: Seh. 719; Hermog. 143,5 f. 

290,20— 25 ~ Georg. 46 t: Seh. 720; Hermog. 146,1. 

294,11—296,1; 295,19ff.; 295,29— 296,4 ~ Georg. 49r: Seh. 
721; Hermog. 146,8. 

388,10— 12 ~ Georg. 93 t: Seh. 722; Hermog. 152,16. 

390,17— 20 — NÜ. 143v = Georg. 93v: GL 86f.mm, Seh. 
722; Hermog. 162,30. 

408,28—409,16 = Nil. 41t: Gl. 80n, Sek. 722; Hermog. 
163,17. 

410,26—412,16 - NU. 43v ~ Georg. 104t: GL 81 o, Seh. 
678ff.; Hermog. 153,24f. S. n. S. 200. 

425,20ff. > 426,8ff. > Nil. 63rr : Gl. 82p, Sek. 723; Hermog. 
164,2. Der Anonymus leitet ein xcgl xfjg xd£emg rovSs xoü 
TttipoXalov ifxiqrfii xig, tag oi xa).B>g tCrj fuxä xbv tfviUo- 
yiepbv TtTaypBvov, fährt dann fort mit UtiQot dl... o|iov«( ; 
das klärt Nilos auf: xtpl Sl tilg }f<&f"i$ toü vopoftixov 
t%opBV tififflon TcetpäXaia (Zahl)*), xal xgSnov xeqI xfjg 
xäismg. o yäp 'Avexlfffaipog xtd 6 rtAffyiog, <X>oißäpfimv 
xi xal EvtstäViog £(pK0av Sri ij yvAftfl xov vofio&t'Tov tbg 
(oi) *) xatäg tttf tisrä xxl. Der xig des Anon. ist also 
seine gewöhnliche Quelle, Enstathios. 

434,29 ff. ~ Georg. 119v: Seh. 724; Hermog. 159,4. 



1) Die ganze Auseinandersetzung Ober die fU-räetaets evyyvmiti]s wird aus Eust. 
i von 202,26 ab ; daher «ich die Nennung de« Minukianos und Abu neben 

und vor Porphyrios. 202,17—26 iit fremdartig, wie icbon die Einführung mit 
oijfiiKoieo» ieigt. 

2) xrtpäiatav wd die Hb.; die Typologie des Ausdrucks erfordert die Zahl 
der KtipäXaia in der Disposition. 

3) Die Negation erfordert schon der Sinn. Nilos bat der Deutlichkeit halber 
o«-*o|»o4M*oti hinzugesetzt, dann aber vergessen, das durch 8n überflüssig ge- 
wordene £f seiner Torlage au tilgen. 



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488,20— 442,10 ~ Georg. 126v ~ Nil. 62r: Seh. 725, GI.82q ; 
Hermog. 154,7. Über diese ganze Stelle a. S. 199 f. 

449,7 ff rv Georg. 134 r ~ Nil. 69 v: Seh. 728, Gl. 83 r; 
Hermog. 154,27. Kilos hat hier sehr flüchtig gearbeitet 
and dem Georgios eine Polemik gegen Hermogenes zu- 
geschrieben , die, wie Georgios selbst zeigt, vielmehr 
von Athanssios herrührt. Da Georgios nnn Athanasios 
als ihren Urheber nennt, nicht auch Eustathios, so wird 
der Irrtum des Nilos sich auch auf dessen Namen be- 
ziehen ; dann folgte Eustathios ebenso wie Georgios 
hier Hermogenes , so daß der Anonymus mit ihm im 
Einklänge steht. 

461,10-12. 19—22 = NU. 83r (bis avXXapßdvtt): Gl. 83s, 
Seh. 728; Hermog. 154,30. 

462,23 ff. (xt9tx%6v 24. 29) ~ Nil. 83 r (<bg hfiokoyoiifisvov . . 
naffipxsTtti): ebenda. 

463,19-464,9 = Georg. 141 r: Seh. (728—) 729. 

465,18-466,12 = Nil. 84r, Georg. 14öv: Gl. 83t, Seh. 
729; Hermog. 165,7. Vgl. S. 201. 

490,9-491,27 ~ Georg. 157r: Seh. 730f. (wo die Anm. 731,3 
irrig); Hermog. 157,29. Also ist 491,28—492,10 fremd- 
artiger Znsatz. 

496,27—498,8 = Nil. 98 v: Gl. 83n (Hermog. 158,1); s. 
u. S. 199. 

498,17—23 > Georg. 169» v = Nil. 99v : Seh. 678. 731. 754f., 
Gl. 40dd (84v); Hermog. 158,4. 

554,9— 28 ~ Georg. 181v, Nu. 126v: Seh. 782, Gl. 84wx; 
Hermog. 161,23 f. Das Hetrophaneszitat 554,9 stammt 
hiernach sicher ans Eastatbios, wodurch dessen Gnt 
nach obenhin bestimmt ist. Da Nilos die den Inhalt 
von 534,20—33 wiedergebenden "Worte (Gl. 84w) an 555,12 
vxtpulaCcov anschließt , muß auch das Zwischenstück 
555,1 — 12 Enstathios sein. 

559,28 — 30 (xal tovjo ixtataxiov . . totg imloyixots, vgl. 518,9) 
= Nil. 127 r (Sttv fnterj(i^vaa»ta . . . ixtXoyixd'), Georg. 
127r: Gl. 84y, Seh. 696f. 723f. (Hermog. 161,30fl\). 

662,1—9 (—31) = Georg.l85vf.: Seh. 750 f. 732.; Hermog. 
162,9. Vgl. besonders 562,6 Sgtov äyae&at zbv BvÖga 
tjjc; aXQißetag, xtivv ys zb JiapOTTjpij/*« TOtrro iJfdvttog 
ivi%vf.v6avxa = Georg, ewatvst di tot$ tltftjitdvotg 
xal ft&Xiov (d. i. Richtiger') axo&avp&ttt tbv Sväga, 
6g so t o %& ffoio Xiav ixfitß&s *OÖ tf^ovrog. 



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Pro Hennogene. 193 

563,15 (ivteWcv &xo(?(a (mj-mJtij xtvslzat) —17, 30 — 31 (Ae- 
xtdov ii iti&odov, xa& i\v t« zotavra ditatQtvovfisv zS>v 
ti]Xfl(iäT<Dv) ; 29 (ßxitfav fihi ovv . . ) 564,27 ( ).dßtape.v di 
xal xaff hiffav pe&oSov . . .) = Nil. 128t: Gl. 84z 
{ßvtev&sv fotogia ptyiöxt] xivetzat . . xal anfitv © Eöaiäfttos 
ovo (iB&6Sovg, xaff &g za roittvra diuxq. t. £ijt.). Hier- 
nach ist das ganze Stück von 562,1—565,7 Eustathios, 
wahrscheinlich anch noch die gesammte zweite Hälfte 
des Scholions bis 569,8. 
594,11—17 = Nil. 141v: Gl. 84aa (vgl. 69), Seh. 732; 

Hermog. 164,4 f. 
594,18-26 = NU. 142r: Gl. 84bb, Seh. 732; Hermog. 

164,8 f. *). 
614,23—615,18 = Georg. 219v: Seh. 733. S. n. S. 196f. 
V356.27— 357,2 (= VII 622,21 f.) ~ Nu. 167r: Gl. 79g(a.E.); 

und 
V 366,8—24 (= VH 622,3 ff.) ru Christoph. 121 r ~ Nil. 
1 56 v : Rhein. Mos. 1895 L 248, Gl. 79 g (Anfang and Mitte) ; 
Hermog. 166,18 — 20. — Hier herrscht überall die Vor- 
aussetzung, daß für die naQayoaarij nur zwei der vofuxttf, 
nämlich fitjzbv xal diävoia and i(i<fnßoXia, in betracht 
kämen, was ausdrücklich als Ansicht des East. bezeugt 
wird (Nil. a. a. 0.). 
645,15— 19 ~ NU. 170v: GL 84cc; Hermog. 169,2. 
Die Abhängigheit des Anon. von East. wird durch die Über- 
sicht vollauf erwiesen. Dabei ist zu bedenken, daß uns nur die 
wenigen bezeugten Enstathiosfragmente für die Vergleichung zur 
Verfügung stehen. In Wirklichkeit ist demnach die*Bedeutung des 
Eust. für den Anon. sehr viel höher einzuschätzen. 

Diese Abhängigkeit tritt noch klarer hervor, wenn man fragt, 
für welche bezeugten Eustathiosfragmente beim Anon. keine aus- 
drückliche Berücksichtigung, sei es durch Herübernahme, sei es 
in Polemik, gefanden wird. Ich scheide dabei zwei Klassen. Der 
ersten zahle ich die Fälle zn , in welchen unsere Scholienmasse 
keine materielle Parallelstelle zu den betreffenden Fragmenten 
des Eust. bietet, aber doch gelegentlich hervortretende Überein- 
stimmung mit dessen Theorie zeigt. Die zweite Klasse soll die 
Fragmente umfassen, welche jeder direkten wie indirekten 
Parallele in den Schotten entbehren. 



1) Vn 594, 21—23 int nach Kilos zu lesen ü Si UyMv (die Gegner) 'All' . . 
xfoerflogfoe' «o . . fooxo« £r<t«#ip*fr« (schwerlich 4iwlh]«rffu4ta). Hier ist be- 
sonders deutlich, daß der Text der Anon. aas der Torlage des Kilos gekürzt ist. 

I»l. G«. d. WiM. Nachrichten. Fttlotof.-Uft. Kl»-*. DO!. Htft ». 13 



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Der ersten Klasse gehören folgende vier Stellen an: 
Christoph. 49 v: Seh. 717. Eust. interpretierte die Worte Her- 
mog. 135,21 xal xovg i% ixarfyov plpove X6yovg ein> %$ m&avqi 
dahin, daß sie für die Sondernng der awtev&ra und &9-6exara 
(nebst ihren Abstufungen) das Differenzierongaprinzip des 
Xi&av6v-&xi9avav enthielten. Eine gleich ausführliche Dar- 
legung fehlt im Anon,, aber 141,14 (tpavtgonotäv . .) ix S\ toö 
tlxtXv l ovv rgi m%av<f za ixtöava liegt die gleiche Theorie 
zti Grunde. 
Christoph. 109r + Nil. 167v: Gl. 79f.(Sch. 782. 783). Eust er- 
klärt gegen Hennog. 140,28 f. and Minukianos (Gl. 46 G), daß 
das pjjrdv , welches diese auch von dem Angeklagten ver- 
wendet wissen wollen, für diesen nnverwendbar sei. Anon. 

212.2 iv Sh xä tSvXXoytöptp 6tg ixl xSv & ipt-vymv tb §tjz6v 
(sc. £%ti) zeigt wenigstens prinzipielle Übereinstimmung mit 
Eust.; eine eigentliche Behandlung fehlt. 

Georg. 33v: Seh. 719. Enst. beläßt rä &%• <ippj s ul Z pt 
tiXovg nnr dem Ankläger; für den Angeklagten trete an 
deren Stelle die xidavi/ ixoXoyia. Das widerspricht Hennog. 
145,15 — 32, besonders in dem zweiten Satze. Anon. 285,5—17 
läuft inhaltlich ganz auf Eust. ersten Satz hinaus: der 
Angeklagte habe für sich allein tb xctoayoaqpixov , tip> räv 
iXiyyav ixaittjatv, habe auch Anteil an der ßovlijatg and 
dvvafitg; daher habe denn die Techne auch dem Ankläger zu 
Hilfe kommen wollen und tä &x? äpxf|s &%qi tsXovg enJrd 
XQOaöddcoxev , la%v(}6tazov xetpäkaiov dwifUvov StaXvtSat 
zä tov ipcvyovzQs l6%vq&. So ist der Schlußsatz eftfiaxetut 
6i xors xal xotv&s (sc t& ix' &{?%ris xtX.), welcher das her- 
mogenianische tott . . &g **l xXetetov %ov xaeiffAf/ov nnr mo- 
difiziert, ein schwächliches Kompromiß zwischen dem za 
verteidigenden Hennog. und dem angreifenden Enst. Dessen 
Qualifizierung dieses xeyäkaiov als xt&ctvi] kxoXoyia für den 
Angeklagten wird nicht widerlegt , durch jene Kompromiß- 
klausel nar bei Seite geschoben. 

Doxop. Cramer An. Ox. IT 167,26: Gl. 80 i. Nach Hermog. 

143.3 ist das xaQaygarpix6v das erste xitpaXatov im Kon- 
■ jekturalstatus ; Eust. läßt ihm, wenn das angeklagte Indi- 
viduum ein Ivöoiov ist, auch Platz in der Mitte oder am 
Ende dtä tb xctQatQEttxbv slvat tov i^täiunog, 254,17 wird 
die KpoTßyjj des xagayoafpixöv aus Harpokration verteidigt. 
Das Scholion zeigt sonst ganz den Charakter des Anon. 
(vgl. Z. 19 ti xal zä fUUtßta i\ xyoöQrfxri aixiß flujfta'prijrat) ; 



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Pro Hermogene. 195 

nur der abrupte Eingang Hon tipr &it}9eax«ttjv ahiav <pdvut 
macht stutzig; der Anon. schickt sonst die Angriffe voraus, 
am die Widerlegung nachzubringen. Die Überlieferung 
wird an dieser Abweichung schuldig sein: der erste Teil dea 
Scholions ist verloren gegangen. Aber wollte man diesen 
Schluß auch nicht mitmachen, klar bleibt die Polemik gegen 
eine von Hermog. abweichende Anordnung der xttp&laia 
im <jio%aafi6g. Da non Eust. eine solche gegeben hatte, 
kann des Auon. Berufung auf Harpokration sich sehr wol 
auch gegen ihn gerichtet haben. Vielleicht gehörte diese 
Stelle also in die frühere Aufzählung. — Eine Spur nicht- 
hermogeniamscher Stellung des naguyga<pixöv zeigt 256,31 
mit der Eonzession idet ovv xip> xoütijv inuktiipivat xä\iv 
xb xitpäkutov, wo x& &%' ifft^S &XQt. xiXovq gemeint ist, nicht 
to xagayQuipixöv. Doch ist das nicht Eust., der ja dieses 
xitpdXaiov nicht von erster Stelle verdrängen, sondern es 
nur nicht auf diese beschränken wollte. Übrigens ist das 
ganze Scholion 255,18 — 258,10 fremdartig: der Charakter 
ist nicht der des Anon., ferner steht es um zwei Scholien 
zu spät; die generelle Erörterung über die Anordnung der 
xttpäkata gehörte vor das Harpokrationscholion 254,7. 
Der zweiten Klasse gehört nur ein Fragment an: 

Georg. 129 v: Seh. 727. Eust. bekämpft schroff Hermog. 154,12 
&vayxaitng % (texälTj^iiB iaetai. 438 — 442 fehlt jede Spar 
dieser Kontroverse ; absichtlich : s. o. S. 180. 
Die Bedeutung des Eastathioskommentars für den Anon. liegt 
auf der Hand; denn die stillschweigende Voraussetzung, dieser 
sei von jenem abhängig und nicht umgekehrt, besteht zu recht, 
weil der Anon. gegen Eust. polemisiert; niemanden wird die Ano- 
nymität der Polemik beirren. 

Zur Charakterisierung der Arbeitsweise des Anon. ebenso wie 
zum Beweise für seine Abhängigkeit von Eust. gebe ich hier noch 
eine Gegenüberstellung aus den Schlußteilen des Kommentares. 
Eust. hatte am Schlüsse der xffaypaTtxt} eine allgemeine Anleitung 
über synkritische aülyoig (bezw. fiefoatg) gegeben, womit er Her- 
mogenes ergänzen wollte. Dem Thema des Anon. ist solcher 
Ausbau fremd , er will nur verteidigen. So hebt sein letztes 
Scholion zur wpa^ftarixij — denn 615,19 — 620,10 scheidet als Dublette 
zu 614,10 ff. aus — richtig an 613,25 iftfxifxai xal xcpl ro&ov 
und findet den gebührenden Abschluß mit toeavxa plv sfytftfftco jkoI 
xov ixßijaopdvov 614,22. Daran schließt sich dann aber folgender 
Abschnitt, für den die Parallele bei G-eorgios vorliegt: 

13* 



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196 Bra» 

614,23 xaXbv dl xal xb 8ta- 
Xextixbv pdXa %e>olg xooa&etvai. 
fadtorjftct xotvbv Bxaat xotg 
xttpaXaloig- ozav ydfi xaxa- 
axevdfeiv xt ßovXtbpe&a, Stt Xqo6- 
öpoiov (ilv ztß dxoStixwfXtvat, 
iXaxxov ii xt tvQÖvrag ixtivov 
(cxi : ixtlvo Walz) xaxaextvdfctv ' 
öea ydo av etxoi xtg ntol xov 
iXdxxovog, xavza xal xatd tov 
fttitovoe ive-tfHfitTaf xal tb 
iXaxxov & vatoovfiE vov ovx avatott 
xal rb pttfav orav öi xt iva- 
Oxsvdfofitv, ix tov ur^ovog lij 
nriov xip> xoxaexsvitv &g xov iXdx- 
xovog awavaiQOVfidvov tä jiif t'tori - 
olov dftip6xtoa Xdßwptv ixl xa- 
oaSetyfutxog. ßovX6ftt%u iy- 
xtDfitdletv a>g ivdfttov xbv 
"E xx opa* xovzqt «apag«ti|ovr*ff 
xbv Alvt iav xoXiovg xtol 
avxov dtt£icD(tiv X6yovg, oxidv- 
8(fstog xal tpoßsqbg if3 'Ei.lijvt.xei ' 
StSofidvov ydo xov &v8ott6xtoov 
xa&t6xdvat xbv "Exxooa S x t a v 
xtol Aivstov Xtyoifttv , xovxo 
StxXaOimg ixl xbv "Exxooa tp4- 
otxat' de&svovg 81 xov Aivtiov 
Sstxwfidvov ovxixt ew8tsXiy%txat 
xal 6 "Exxato • ti 81 (cxi. : ydo 
Walz) b"Exxa>Q dväoEiÖTtpog tlvai 
xtxtaxtvpivog i%ekty%$e{in 8zii.bg 
Stv xal dxiXtaog, xal xb Alveiov ijj 
iväyxrjg awaxo8t(xvvxat '). Wm- 
(tev xal ia>' exsqov (cxi. : ixat-W&lz) 
naQaSiiypaxog xb xoiovxo' 8t866&a> 
xb vavpa%ttv ßftttvov xafrtGxdvat 
xijg xsfrxi)g f*«2i}c. «vi (cxi : xi 
Walz) OVV d&Zi.Ol(t€V xovxpixttv 



Ge.org. Seh. 733. Evaxdfaog 
ydo qirjetv Sri xa ff 8 Xov x(") 
xovxo xoittv. 4}vtxa ftiv iyxm- 
fuäfyiv xtva ßovX6fts&a, xobg 
iXdxxova xoij xoitfeaa&ai rijv dv- 
ttxaodOteiv , ti 8h $t%ai, xobg 
psifrva • ovzmg ydo xsxotjfiivot jj 
xaxoQ&ovfu v xdvtag xov axoxov 
^ oi>x ixorvyx^vofitv. 



olov si xbv 'A%tXXda ityoat 
exovSdeoftsv, xottjaöfitfta dyxä- 
p tov II axQÖxXov. 



Sfjlov ydo Ort avSottoxtQog Ha- 
xqöxXov im^Q%tv 'AxtXleög ' 5a a 
ovv 8b££o(uv fyovxa xbv i7«tpo- 
xXov iya&d, Std ptfrdSov xov 'A%lX- 
Xia ött1-o{i£v SixXaoCova Ijjovxa 
dya&d, oaov xov xul av8oetfaeifog' 
xijg iXxiSog ti 8t ifrtv6&a>fiBv ixl 
TlaxoöxXov xal f*V) im8ti%a(uv 
ix* avxov nXttaxa aya&d, av xovx6 
xov SitXiy^tt xbv öxoxöv. oi 
ydo ti ovx dyu&bs o IldxQOxXog, 
fj8ijxovxal'A%iXXevgxax6g. oßtras 
aiv ovv ti ßovXoifit&a iyxmpi- 
d%ew il 81 xovvavxiov 1>t%at, 
&xb x&v fitt^övmv dxtxtii/fooittv. 
olov tt xgöxttxat fjfttv eig i>6- 
yov 'Aks%av8(fog , xaxaßalovptv 



1) Die Parallele mit Qeorgioa könnte dazu verfuhren, den Ausfall eine« 
«weiten Beispiels anzunehmen. 



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Pro Hennogene. 197 

ixl xb vttVfUt%ttv ; fiv(tt'a xc(o- töv "Exxoffa . . . otkmg 6qcc xgfj 

(ta%ias tytv Xtyie&m iyxäfiuf ixl xävrcov xotetv x&v xe- 

rov yä{> 6(toXoyovfidvws iXtitrovog yaXaiav. alov ei ib üwarisv 

jptjtftoi) &uxvvfiivov xb (uttov ilsxatiat ßovXrftstrjfiev, xovxiexiv 

<Ji}*ovfr*-i' päXiezu «tffttbv utb- Sxi ov SiivavxM 'AthpiaXoi <b<.- 

Xei'xtTetf XQyexiov ovv toi Xixxtp xoleftetv, &vadQa(tovptv 

&t<DQijputi dtä x&vxmv, Zxtos ixl vovg xffoydvave, 8n oC xq6- 

(oder 3xqv ?) &v iyx^ffV, x&vxt- yovoi vp&v, Xiyovxeg, of roffavrqv 

futiuiiDv. iypvxEq Svvafuv ifSwäxow äfuX- 

XäoQai xffbg toiktxxav- tt Si ixstvot, 

jio.It' fwtiiov ifutg. xal oüxmg 

ixl xdviav xou}6ofiev tStv 

xttpaXainv. 

Die scharfen and klaren Kegeln des Eust. stehen beim Anon. 
in einer viel weniger durchsichtigen Periphrase; das treffende 
M>t%m jenes wird bei diesem zu einem mehrdeutigen ävaextvätstv. 
Das Achill-PatroklosbeiBpiel ist durch das Hektor-Aineiasbeispicl 
ersetzt, um die Abhängigkeit zu verschleiern; das dritte Beispiel 
des Eust ist scharf anf den Begriff xAvxmv x&v xstpaXaiav ge- 
prägt: es ist ein Exempel des xsipäkaiov der Autwfug; dagegen 
beim Anon. verwaschen eine xeorpomj ohne jede Anpassung an 
die xstpukaia ; denn daß in den lyxmptu das »BtpdXtuov des Ivoogov 
herausgehört werden solle, wird niemand behaupten wollen. So 
hat der Anon. den Eust. verschlechtert, indem er ihn verstecken 
wollte; seine Abhängigkeit zeigt sich nicht blos in den formalen 
and materiellen Uebereinstimmongen, sondern besonders auch darin, 
daß er dieses Stück entgegen seinem Thema überhaupt and daß 
er es gerade auch an dieser Stelle giebt. 

Es ist hiernach durchaus begreiflich, wie unsere Prolegomena 
in byzantinischer Ueberlieferung augenscheinlich anf Grund der 
Scholien geradezu anter dem Namen des Eostathios gehen konnten 
(s. u. S. 211). 

Der Anon. schreibt also nach Eustathios. Diesen identifiziert 
Gloeckner (S. 86) mit dem auch sonst bekannten Neuplatoniker 
ans der Mitte des 4. Jhds. Die Gleichsetzung bann nicht richtig 
sein. Wie sollte man es erklären, daß sich hei Syrian keine 
Spur dieses seines älteren Schulgenossen findet? Denn der Kom- 
mentar des Eust. muß bei dieser Identifikation vor den des Syrian 
fallen, da schon der Kaiser Julian den Philosophen als Xöytos prä- 
diziert hat. Und auch bei Sopatros and Marcellinas findet sich 
nicht die geringste Spur von Eust. ; dagegen jüngeren and jüngsten 



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198 Bruno Keil, 

Kommentatoren ist er eine Autorität, dem Georgios, Kilos, Christo- 
phoros, unserem Änon. Dieser Rhetor Enst. kann erst nach Syrian 
and Sopatros geschrieben haben, frühestens gleichzeitig mit ihnen. 
Er mag demnach einer Generation von 400—430 angehören. Da 
ihn nun der Änon. direkt oder indirekt — das bleibe noch unent- 
schieden — ausschreibt, kann der letztere Beinen Kommentar nicht 
wol vor 420 verfaßt haben. Wir erhalten also anter Heranziehung 
des oben gewonnenen terminas ante quem für die Schriftstellerei 
des Anon. die Maximalgrenzen von 430 bis 530. Ob sich innerhalb 
dieser Grenzen dem Anon. noch eine genauere Stellang anweisen 
läßt, müssen die weiteren Untersachangen über seine Haaptqaelle 
and seine Persönlichkeit ergeben. Zn ihnen wende ich mich jetzt, 

Die vorstehenden (S. 190—5) Zusammenstellungen zeigen, daß 
Kilos nur solche EuBtathiosfragmente hat, die sich auch beim Anon. 
nachweisen lassen; dagegen findet sich bei diesem eine ganze 
Reihe solcher Fragmente, die bei Nilos wenigstens nicht mit dem 
Namen des Enst. wiederkehren. Es fanden sich für 164,12 ; 196, 18; 
203,23 und auch 141,14 (s. S. 194) bei ChriBtophoros, für 258,4; 
290, 20; 294,11; 388,10; 434,29; 463,19; 490,9; 562,1; 614,23 
und 285,5 (s. S. 194) bei Georgios, für 254, 17 (s. S. 194) bei Doxo- 
patres, für 223,25 in der Interpolation VII 646,22, nirgend aber 
bei Nilos die Parallelen. Hieraas folgt, was ja auch sonst klar 
wäre , daß der Anon. den Nilos nicht ausgeschrieben haben kann. 

Wer auch immer dieser Nellog (tovd£(av (Gloeckners) gewesen 
ist — an den heiligen Nilas von Rossano glaube ich nicht; NetXos 
war ein ganz gewöhnlicher Name, and seit dem heiligen Nilos vom 
Sinai, dessen Briefwechsel leider zu wenig bekannt ist, auch für povä- 
tovreg höchst empfehlenswert — : er war sicher erheblich junger als 
der Anon. Die Frage, die sich hiernach erhebt, ob nämlich Nilos 
von dem Anon. abhängig ist, da er nicht mehr EostathioBfragmente 
als dieser hat, ist im Grande schon entschieden : bei dem Anon. 
fehlt der Name des Eust. ganz. Also kann Nilos seine Benennung 
der Zitate nicht aus jenem haben. Dazu kommt die Fassung der 
Fragmente; beim Anon. erscheinen sie mehrfach nar in verar- 
beiteter Form, bei Nilos liegen sie augenscheinlich in ursprüng- 
licherer Fassang vor. So stehen wir vor der Doppelfrage : gehen 
beide auf eine gemeinsame Quelle, der sie ihre Eustathiosfrag- 
mente entlehnten, zurück, oder haben beide selbständig, jeder für 
sich, den Eustathioskommentar benutzt? Die Beantwortung der 
ersten Frage hängt von der der zweiten ab. 

Daß beide selbständig, ohne daß irgend eine Beziehung zwischen 
ihnen bestände, Eust. herangezogen hätten, ist ganz unwahrscheinlich. 



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Pro Hermogene. 199 

Denn wenn es auch begreiflich wäre , daß beide in gleicher Ten- 
denz, d. h. am die Autorität des Hermogenes za salvieren, nnr 
eben die Stellen aas F.net. herausgefischt h&tten, welche nicht im 
Widerspräche zn Hermogenes stehen, so bliebe es doch unbe- 
greiflich, wie diese beiden Hermogenesglänbigen in der Auswahl 
anch der Stellen sich decken können , an denen Eust. sich höchst 
ketzerischer Heterodoxie befleißigte. Dies ist am so anwahrschein- 
licher, als Euatathios augenscheinlich an noch viel mehr Stellen 
von Hermogenes abwich ; denn jede Vermehrung seiner Fragmente 
brachte neae Polemiken gegen Hermogenes. Wie soll man also die 
Übereinstimmung der beiden in den antihermogenianischen Frag- 
menten anders als durch jdas Medium einer gemeinsamen Quelle 
erklären ? Dazu die stellenweis bis auf die Silben sich erstreckende 
Uebereinstimmang ; sind doch selbst solche Formalien wie 498, 7 
xal zoßavza uiv ort SmXfi irj xovxmv e%eiätSet %ifT}6xiov = Nil. xal 
xooavxa fihv tvdxd&tog ort SixXfj tjj e%. %q. gleich. Ferner stimmen 
beide auch an den Stellen, welche nicht aas East. stammen, wört- 
lich iibercin , wie vor 559, 29 ; weitere Beispiele geben die Ein- 
führungen der Eustathioszitate bei Gloeckner (82 ff.). Schärfstes 
Licht fällt auf das Verhältnis der beiden Kommentare za einander 
endlich da, wo Georgios als dritter Zeuge für Eust. neben Nilos 
und den Anon. tritt. Es genügt ein vollständiges Beispiel zu 
geben. 

438, 20 xegl x&v ovx Georg. Seh. 725 ixuixfaxtiv Nil. Gl. 82q»pö$ 
&tl ifixtxtövrav i\ Sit . . . xobg rijv ÜXrjv xal zijvvXrjv rijs vno- 
691x4 vtdoig nfjfiiv xijv x&v vnoxstpiviav xqay- üitetag ifixeöet- 
xa&aQ&g £ <p £ a v z tf g adrav vxö&eatv r) yäff xai i) &vxfoe0tg 
(levei , xij Ss ttvp- xaff airi)v ivQiexer.tu t) xal oi ftövov zofj- 
xXcxo uevrjv E%6i opixij 6zä<fig i) tf v(in?.oxr)v xo, dXXa xal onov 
dzäeiv izioav, fiffre tzlqcav i%Ovea Oxdoe.mv. tl zvgcouiv OvfixXo- 
rijv vxöQt ctv Xff&xov filv ovv evfft&eit) x a.%' a £- xijv eräasav, 
xazavoqzeov xal tipr ztfv,ovze%tt£pxixzov<taväv- xävziag x b 6 fi ci- 
vxoxetuivijv XBfffoxa- xföeätv, tl 3t evanixXtxxai, vvpov kxd«zr{ 
0iv (exi : jraoaör. ixtSxoxttvxifilxägOvfixXaxel- exdeti ipniitxti 
Walz), x&v filv xa- Hag uvzfj tszcitsttg, x&xtlvtov X£<pdXat.ov , 
QafffvwMfav eÜQaiuv eif^etteiftxtxxovxaza6fnö- &9xbq iv tä zov 
x^gxat^ Stefan Ozäöiv vvua xtcpdXata, otov sl e v vov%ov öwft- 
fijTijwras, x(f6ST)lov avftxdxXexxat avTiOtaitig , «Xtxtlff^g yd(f 
ü>g ovx av iftximoi ivxiOxaxtxbv evQifeug ipxt- xijg avrt.Xtj'pecog 
xavra xä xscpdXaia, xxovx£fpäXatov,slpt%<x<fxueig, xal avziitidBiag 
ei de azäescog txiqugiv- pezaßzaztxöv , tl \ävziXrjiing, za buvBvvp.a 
tli\ xig 6v(xxXoxij, tijg dvxilrptxixbv xal ixl x&v tovrotg ivixeds 



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200 Bruno Keil, 

ijtHfvftxtexoiiivrig &i.Xav bfiotag. iv yovv tä xttpäXata tö 
erietag xetpaXatov npoxsifisvip tov ivvo v^ov Avti&tttxbv 
iftneOsCzai, rovtiöttv jrpofUjjjiori avpitiitlixiat. rfj xtA Avti lijitrt- 
äv zift nTtxbv rj &v ÖQtxfi %tp ijöft Avtdyxütifid « xdv. 
xt. kynzixöv. xal ivzlljplnq. diöxeff r& 

tovmov ivixetfov 6itmvvpa 

XStptt'Xattt, tö Z£ &ve'y~ 

xXrifLaztxbv xal 16 oi'Ei- 

lijxttxiv. zavza ovv, 

(firjdiv, &v *'frj diäxQtOtg tr\v 

ävTt&sOtv xti. 
Im Anfang gehen der Anon. und Georgios näher zusammen, 
am Schlosse Nilos nnd Georgios, so daß man auf unabhängige Be- 
nutzung das Eust. seitens des Anon. und Kilos schließen möchte. 
Allein der Schlußsatz des Anon. steht dem entgegen. Beim Eu- 
nuchenfall findet Georgios eine Verbindung des 3pos mit dem äv- 
ztyxkripunixiv nnd &vrikrjvTix6v t dagegen der Anon. wie Nilos eine 
solche mit dem &vrt&Bttx6v nnd &vttk*pnix6v, d. h. diese geben die 
Genus-, Georgios die Speziesbenennung. Bei der Bonstigen nahen 
Verwandtschaft zwischen beiden darf man auch hier nicht von Zufall 
reden. Da beide nun Beruhrungen von verschiedener Art mit 
Georgios zeigen, maß jeder fär sich auf eine gemeinsame Quelle 
zurückgehen. Das könnte an sich betrachtet Eust. selbst noch 
sein: dann müßte Nilos dessen Kommentar noch gehabt haben. 
Das ist aber nicht bloß an sieb fast unglaublich, sondern wird 
geradezu widerlegt durch die Stellen, welche Nilos mit einem 
I'satpynig « xa\ EvOtä&iog einfahrt. Hier giebt er nämlich den 
Eustathiostext wie Georgios, abweichend von dem des Anon. So 
steht 410, 25 — 412, 16 dem Nilus (GL 81 o) = Georgios (Seh. 679) 
gegenüber; besonders beweisend ist Nil. bdonotst eavtf «pös xb 
bffCoaa&at = Georg. XQoaodoxoiijeag iamp slg zbv opov, dem nichts 
beim Anon. entspricht. Dagegen, wo Nilos den Georgios nicht nennt, 
geht er mit dem Anon., der, wie oben durch Beispiel erwiesen (S. 
196 f.), die originale Fassung des Eust. nicht rein zn geben pflegt. 
Nilos hat aber seine Eustathiosfragmente nicht ans dem Anon. Also 
ist Nilos bei den Fragmenten des Eustathios von seinen jeweiligen 
Quellen abhängig, hat ihn selbst nicht mehr gehabt. Dann kann 
jene ihn mit dem Anon. verbindende Quelle nicht Eustathios selbst 
sein. Und diese läßt sich tatsächlich noch sicher nachweisen. 
Georgios sagt vom Eust. (Seh. 729 a. E.) : £anj y<Jp pijtfi ri *oo"s n 
dtxXovv iftximetv iv Tip xccrä &fupiaßifcTj6iv, fttjdsva Xöyov doi>g (njSi 
(itLf ixodtt^st iqifldytevog. Aber Anon. 466, 22 lesen wir nach den 



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Pro H errungene. 201 

Worten iv öi rp naxä &p<pi<iß'$tiiaiv Sxavxa xXip> xoü xgög u xaffa- 
i.ii4?opf&a xsy&laia eine lange Begründung. Und daß diese auch 
dem Kilos, der ausdrücklich Enst. hier zitiert, bekannt war, zeigt 
seine Inhaltsangabe GL 83 1 : 

ffiipl rot) jtf/ög xi b phv Efaxä- = 465, 22 xal yäq XQOßolfi btäzt- 
f>io$ Idyti ort ttitkrp zijv ifchueiv pog ixl tot$ iavctö ntXffay- 
xotTjUönsfra- ixäregog yÖQ, tpxfli, pivotg ;jp7Jös«a . . xä filv aüioö 
tö olxetov aß^st pövov. ixaiftov (= tä otxtta uüfccnv). 

Also lag ihnen beiden ein Kommentar vor, in welchem dem 
von Georgios gegen Enst. erhobenen Tadel Rechnung getragen, 
d. h. die von ihm vermißte Begründung für die Ansicht des Enst. 
gegeben war. Nicht der ursprüngliche Eostathioakommentar, son- 
dern eine überarbeitete Fassung desselben war also ihre gemein- 
same Quelle. 

Für das Wesen dieser Quelle ergiebt Kilos den bedeutenden 
Charakterzug, daß sie mit reichlichen Zitaten und Zurückbezie- 
hungen auf ältere und zeitgenössische Technographen ausgestattet 
war. Dieses gelehrte Aeußere hat der Anon. bis auf die oben 
aufgeführten geringen Ausnahmen ganz abgestrichen; schwerlich 
ist die Annahme irrig, daß er damit seine Quelle einigermaßt-n 
verwischen wollte, um die Unselbständigkeit seiner Arbeit zu ver- 
stecken. Diese Quelle enthielt besonders viel Eustatbiosgnt, allem 
Anscheine nach soviel, daß man den EustathioBkommentar als 
ihre eigentliche Grundlage betrachten muß; dabei waren, wie sich 
noch in dem einem Falle nachweisen ließ, Sätze des Eust., welche 
Beanstandung erfahren hatten, begründet oder erweitert. Wie 
weit in ihr der orthodox hermogenianische Standpunkt schon ver- 
treten war, läßt sich nicht mehr ausmachen; doch konnte die Un- 
selbständigkeit des Anon. gewiß nicht ohne eine wohlpräparierte 
Krücke auskommen. Es ist auch kein Zufall, daß die überwie- 
gende Mehrzahl der Eustathiosfragmente, die doch ans dieser 
Qnelle stammen, mit Hermogenes geht; das eine, welches den 
schroffsten Widerspruch zeigt, kommt nicht aus ihr (o. S. 184). 
Bas spricht dafür, daß in ihr die Eustathiosstellen bereits im 
Sinne des Anon. ansgelesen, antihermogenianische Sätze des Enst. 
aber zumeist schon mit dem widerlegenden Kommentare ver- 
sehen waren, den wir beim Anon. finden. Der Urheber dieses 
Quellkommentars hat sich augenscheinlich nicht auf Eust. beschränkt. 
Die Anlehnungen and Entlehnungen, die Modifikationen von Theo- 
rieen, die Zurechtweisungen und Bestreitungen, welche den Anon. 
mit Syrianos, Sopatros, Marcellinus in Verbindung bringen, werden 
zum allergrößten Teile von dem Urheber jenes Quellkommentars 



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202 Bruno Keil, 

herrühren. Es besteht der begründete Verdacht, daß der Anon. 
nur 'das Meinen über Meinungen' geübt und selbst sehr wenig — 
weniger vielleicht als Nilos, der sicher wenigstens Georgios wie 
Sopatros hinzunahm — zu seiner Quelle hinzugetan hat, wenn es 
auch mit dem publizierten Material an Hermogeneskommentaren znr 
Zeit unmöglich ist festzustellen, in wie weit und an welchen Stellen 
er in seine Vorlage neuen Stoff hineingetragen hat]; nur wo er die 
Kathederweisheit seines Lehrers reproduziert, sehen wir in das 
Gewebe hinein, welches sonst durch die Anonymität der Zitate 
und der Polemik sich wie ein zusammengefilzter Knäuel präsen- 
tiert. Wo nun weder der Grundgedanke des ganzen Buches von 
dem Anon. herrührt, noch dessen eigene Arbeit über eine — im 
günstigsten Falle kompilierende — Epikrise hinausgeht, maß das 
Verdienst dieses Kommentators als ein äußerst geringes bezeichnet 
werden. Doch fehlt es nicht ganz an entschuldigenden Momenten. 
Denn die Themastellung an sich ist so unwissenschaftlich und un- 
pädagogisch zugleich , daß man den Lehrer , der sie verschuldete, 
nicht milder beurteilen darf als den Schüler, der nichts selbst- 
ständiges zu Stande brachte. Ja, diesen muß, wer das Wesen der 
Tradition auf diesem rhetorisch-technischen Gebiete kennt, wegen 
seiner Unselbständigkeit bis zu einem gewissen Grade in Schatz 
nehmen. Der Anon. ist eben nur ein Glied in der xoivij iut&vtmv 
nagdöoetg, wie er selbst jene Tradition (619, 30) da bezeichnet, wo 
er sich anschickt, dieser eine völlig abweichende Theorie seines 
gefeierten Lehrers gegenüber zu stellen. Für uns ist es schließlich 
ein Vorteil, daß er so ganz in der Tradition der Schule steht; 
das ermöglicht, einigermaßen die Richtung und Stellang seiner 
Schale festzustellen. 

Denn wenn auch das einzelne Glied einer Traditionsreihe der 
wissenschaftlichen Individualität mehr oder weniger enträt, die 
Reihe an sich hat ihre bestimmten Charakteristika. In der Gesamt - 
Ttixgixdoaig sind verschiedene Stränge zu scheiden, oder richtiger 
werden sich einstens verschiedene Stränge aufweisen lassen. Denn 
nur von solcher Aufgabe erst läßt sich heutzutage reden ; es fehlt 
noch ganz an Einzeluntersnchungen nach dieser Richtung hin. 
Die trennenden Theorieen auf dem Gebiete der Staseislehre sieht 
man leicht: Zahl der tfrA»«s, d. h. Stellung der ivrt&sTixai und be- 
sonders der f«T«Ain(iis; Definition der oraflig und ihrer Haupt- und 
Nebengattungen, die Lehre von den &avaxaza and der Ausbau der 
ÄpayfHmxjj ; die Verwendbarkeit der einzelnen xstpiAauc für die ver- 
schiedenen erdustg und wieder für die beiden Parteien — das müßte 
alles historisch verfolgt sein, um genauer die Stellang der Rhetoren- 



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Pro Hermogeue. 203 

schalen zueinander bestimmen zu können; doch hier fehlt nicht 
weniger als Alles, obwohl ein Thema wie die historische Ent- 
wicklang der Theorie von der xpayfttmxij an sich interessant nnd 
für die gesamte Rhetorik von Wichtigkeit wäre. So aind wir 
auf das eine allerdings sehr wichtige Kriterium beschränkt: die 
Stellung der Schalen zn Hermogenes. Auf dem Gebiet der rhe- 
torischen Technologie zeigt die Tradition der nea platonischen 
Schale von Athen, welche sich für uns in der Reihe Euagoras- 
Aquila- Syrian- Lachares -Proklos darstellt, energische Kritik, ja 
teilweise Verwerfung des Hermogenes. Diese Philosophen stehen 
ganz in der athenischen Tradition ; denn die Autorität, die Minu 
kian in seiner Taterstadt durch die dtaßozrf der~von ihm sich ab- 
leitenden Sophisten genoß , hielt stets die Kritik dem Asiaten 
gegenüber wach. In Alexandrien, wober auch Syrian kam, ist 
weder Athanasios noch Georgios bis zu seiner völligen Verwerfung 
gegangen, denn schreiben sie aach nicht mehr eigene Tecbnai, wie 
Syrian, sondern nar noch Kommentare zu Hermogenes, so haben sie 
doch ihr freies Urteil diesem gegenüber gewahrt; ist 'Phoibammon' 
Aegypter, so gebort er nicht blos seinem Lehrorte, sondern auch 
seiner Lehre nach zu ihnen. Allerdings bleibt anbestimmt, ob diese 
alexandrinischen Rhetoren der gleichen Schale angehörten. Sollte 
die neuplatonische Schule in Alexandrien eine ähnlich zentrale 
Stellung wie in Athen eingenommen haben, so würden diese drei 
vereinzelten Zeugen für Alexandrien überhaupt gelten. In Athen 
dürfte die neuplatonische Schule auch für die rhetorische Lehre 
bestimmend gewesen und je länger je mehr geworden sein, seit zu 
Beginn des 4. Jhds. mit Euagoras die technologische Schrift- 
stellerei der Neuplatoniker begann; der Syrier Sirikios, der zur 
Zeit des Konstantin , d. h. zu Euagoras Zeiten, in Athen lehrte, 
folgte im Wesentlichen der Theorie der Neuplatoniker (Gloeckner 
99 f.), ebenso wohl Epipbanios, der längere Zeit vor 362 starb 
(Eunap. v. Epiph. a. E.). Ueber Asien erlauben unsere Kenntnisse kein 
Urteil im Einzelnen. Die Heimatsbezeichnngen beweisen nichts für 
den Ort der Lehrtätigkeit. Eanapius reicht nicht weit genug herab, 
giebt auch nichts aus für die Stellung der Rhetoren zn Hermo- 
genes. Kleinasien ist für die spätere Zeit der Rhetorik besonders 
dunkel. Im syrischen Apamea hat Sopatros kein Bedenken ge- 
tragen, Lehren des Tarsiers za verwerfen; er hatte nicht umsonst 
in Athen studiert. In dem Antiochien des Libanios kann Hermo- 
genes wenigstens nicht in allen Schalen absolute Autorität gewesen 
Bein; außer Libanios selbst bezeugt das Ulpianos; denn die von 
Georgios (Schilling 763 ff.) unter seinem Namen zitierten Fragmente 



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204 Bruno Keil, 

wird man doch wohl auf den aus Libanios' Briefwechsel bekannten 
Rhetor Ulpianos ans Antiochien (Seeck, Briefe der Lib. S. 315) be- 
ziehen. Allen diesen gegenüber ist die Tradition, welcher der 
Anon. angehört, durch die hermogenianische Rechtgläabigkeit cha- 
rakterisiert. Der Kommentar, den er seinem Buche doch mit Ge- 
nehmigung des Lehrers zu Grunde legte, muß, wie gesagt, diesem 
Standpunkte schon in weitem Maße entgegen gekommen sein. War 
aber für diesen Kommentar Eust. der eigentliche Gewährsmann, 
so gehört er als erstes Glied — so weit wir sehen können — zo 
der Reihe, die für uns mit Kilos schließt : Eostathios — verlorener 
Kommentar — Anonymus — Kilos. 

Für die Lokalisierung dieser Tradition erlaubt jene Polemik 
gegen die &«o(/ia 'Avtio%ig (196,24) den negativen Schluß, daß zu- 
nächst Paulos und seine Schulen nicht nach Antiochien gehören ; auch 
Athen dürfte wegen des erwähnten Prädominierens der neupla- 
toniscben Schule, das im 5. Jh. naturgemäß größer als im 4. Jb. 
war, ausgeschlossen sein. Weiterhin darf man sogar ein positives 
Indizium in der Bezeichnung ixoffitt 'Avzto%Ce erblicken. Sie ist in 
dieser Literatur an sich singulär , fällt vollends aus der sonstigen 
Art des Anon. ganz heraus; ich schloß ans der Spitzigkeit der Be- 
zeichnung schon oben auf einen Schulgegensatz (S. 187). Dieser 
wird dann besonders begreiflich, wenn etwa eine gewisse Nachbar- 
lichkeit die Rivalität verschärfte, also wenn der Anon. in Syrien 
schrieb. In Syrien kommen als Universitätsstädte, die mit Antio- 
chien rivalisieren konnten, Berytos und Caesarea Palaestinae in 
Betracht. Und nun wissen wir zufällig von einer Rivalität 
zwischen Antiochien und Caesarea, durch Libaiiios' Rede vnlg xätv 
^ifrdprav: XXXI 42 (III p. 144 Förster) oüzoi tpo(/rpbv vidi övy 
yv&prjv %©v KcttHaßiaiv 'Avrtozeas iJitov elvat ipiXoköyove o"ö"j;<«. 
ixetvoi aofptaxiiv vpittQOv inayyeUBtv (uys&ti rijv ilfoim nöliv -zfß 
ps{£ovog Ixeteav &v&sXiaftcu, xal vüv £%u x&$ ixoa%iaeis. f}fitts fö 
ovSi mniits6(iE&a rairca, &v SidaOxäi.ovs tlvat Jipoörjw; 1 ) das ist 
allerdings schon zwischen 355 und 361 geschrieben, aber solche 
Schnlrivalitäten vererben sich bekanntlich auf Generationen. Cae- 
sarea mit seiner glänzenden Bibliothek und im Besitze eines Rufes, 
den ihm die Namen des Origenes , Pamphilos , Eusebios verschafft 
hatten, war die gegebene Rivalin von Antiochia 1 ). So möchte 

1) Die Beziehung ist ungewiß. Sievere, Leben dee Lib. S. 199,66 entscheidet 
eich für Priscio. ebenso jetzt Seeck, Briefe des Lib. S. 245, während Förster zu 
Lib. a. a. O. eher an Akakios, den schon Sievers in Erwägung gezogen hatte, 
denken will. 

2) lieber Antiochien kann kein Zweifel sein; über Caesarea u. S. 219. 



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Pro Hennogene. 205 

bei einem Rbetoren ans Caesarea jene Bezeichnung der tcxogtu 
'Avxto%ig besonders begreiflich Bein. 

Ich fasse zusammen: Der Anonymus ist Schüler eines Rhe- 
toren Paolos, schreibt nicht in Antiochien, aber wahrscheinlich in 
Syrien, vermutlich oder vielleicht in Caesarea Palaestinensis. Ich 
füge hinzu, was sogleich erwiesen werden wird (S. 207): er zeigt 
gute Kenntnis auch von Hermogenes xspl ISetitv, 

'lexdov Sri ibv IlavXov xavraxov 'laävvrjv yvaSzdov 6%oXaaT$v 
Kaieatfia (i.a&i}T$v IlavXov, so die alte Beischrift zu den 
sog. Phoibammonprolegomena zu Hermog. xsqI tds&v '). 

Die Identifikation liegt auf der Hand. Denn auch der Aus- 
weg läßt sieb verlegen, daß es mehrere Schüler des Paolos ge- 
geben haben könne, die sich an Hermogenes versuchten ; allerdings 
ist hierfür eine weitere Betrachtung nötig. Johannes von Cae- 
sarea war längst aoa Joh. Sikel. Rh. Gr. VI 243, 11 ff. zo Her- 
mog. id. 296, 16 bekannt : xal xaXIbg ix4a%t]Oav Svgiavbg xal 'Imdwijs 
d KattsapEvg! oX ofkmg yatjlv tlvat ri (iitga xrX. Hermog. sagt, wenn 
man Hom. N 392 f. fog & «pöW Xxxmv xal äitpoov xeltat tavv- 
atoCg, ) ßtß(fv%äg, xivios ösdffayitivog afyaxvfaorjs umstelle, so ergebe 
sich ein pdzQov TQoxatttbv extptxtov. Während non in der Umstellung 
des 2. Verses zu atpatoda<fr}$ xöviog SeSffayaivog ßtßpvxAs Hand- 
schriften und Scholien übereinstimmen, herrscht Verschiedenheit 
in der Anordnung des ersten Verses ; die Hermogeneshandschriften 
selbst scheinen ihn ganz ohne Umstellung zo geben. So war denn 
der vage Ausdruck Tooxal'xbv ixiuixzov AngrifFen ausgesetzt, wie 
man sie VII 984, 26 (tariov, 3Vi , . . fj/tetprev 'EQuoy&rjs) liest. Kritischer 
ging die nenplatonische Schale zu Athen vor; sie las ög 6 xo6e& 
iiatmv ixttro xal ditpoov zuvve&t£s, wodurch sie ein t,£T(>Ü(i£tqov 
(rpojai'xöv) ß(?ixxvxaräXriXTov (Sri SXog Xtixet xavq), erzielte. Daraof 
at^axoiatsrjg x&viag dtUffuypivog ßeßffvxAs' xal lettv 6 «t£%og tttpi- 
fitrgog xataXipcnxbg (Uüg Xemoväijs evXXaßljg' 6 %ofittt(ißtxbg xoivvv 
Itsrlv inifuxtog . . . xal tö 1% avrov fiixfov, Zxi ^ xuTÜXrj^tg avroö Ivxw 
lapßixij evfcvyta xtX. . , . Also, schließt das Scholion, liegt ent- 
weder ein aipdXfte ivttyQaipixöv in Tpojat'xdv vor, oder der Aas- 
druck bezieht sich nur auf den 2. Vers , denn nur dieses Metrum 
ist ein iaCfuxxov, &XX 1 oi {rtfrepov. Auf alle Fälle wird hier Her- 
mogenes von dem Vorwurf des Irrtoms befreit. Diese Lösung 
übernahm, wie es hier heißt, Johann von Caesarea: Svpiavbg xal 
'laxivvijg 6 KataaQKvg. Man sieht, die gleiche apologetische Tendenz 
wie in dem Staseiskommentare. 

1) Sjrisn I prsef. XIV Rabe zu I 97, 7 ; Rh. Mus. 1906 LXI 633. Tgl. Fuhr, 
Rh. Hos. LI 1896 BO, 2. 



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206 Bruno Keil, 

Ich nehme einen noch hartnäckigeren Zweifler an : 'Gewiß, 
Identität der Tendenz liegt vor ; aber waren der Anun. and dieser 
Johannes Schüler eines und desselben Paolos, so ist hennogeni- 
anische Orthodoxie in beiden Fällen begreiflich , auch ohne daß 
daraus eine Identität der Personen folgte'. 

Die Prolegomena zu dem Ideenkommentar des 'Phoibammon', 
an deren Beginn jene rätselhafte Beischrift über Paulos und Jo- 
hannes von Caesarea steht, zeigen mehrfache Uebereinstimmnngen 
mit den Prolegomena zu dem hier für Johannes von Caesarea in 
Anspruch genommenen Staseishommentar. Die beiden ersten bat 
schon Rabe angemerkt (II Addenda p. 222): 



I 108,3 Rabe. ccl><ott£&a Si 
x!je irxoxiipivtje XQttyfiatEiKs (vgL 
1*8, 1) pixffä jrpöwpov diaAt%ftiv 
xig ntffl Tt|e toö ßißXiov 
n o o & i a q i a g. Ott yäp ivxav&tx 
iijntv, & xoXvnpayftovttv ifrog 
inl aavxbg ßißXiov (xal) ftdXtaxa 
xifytxov, itfxl äi vavxa. exonög, 
goiffftpov, xig ^ EitiyQatptf , tt 
yvijffiov toÖ iffiatov xb ßtßkiov, 
xig ij td\ig rijs &vayvä<Jeag , ij 
$lg tä (titft) rofirj. 

111,8 xig dl % ra'fitg xijg äva- 
yvtbotmg xal tt yvfoiov xov &q- 
%atov xb ßtßliov, iv fi.lv xm asfl 
axdesmv stffi{tat Xöytp, xXipt ai>- 
Siv xaXvtt xal vf/v äiä ßpa%tmv 
sixstv. 5xi fiiv yäff yvrjaiov, 
xävttg tfvvoftoXoyoütliv 
xb yäp ixgtßig xal % tthtpiveta 



VII34,22W. &7txd>pt»adt 
fjdri rrjg ÜQftoxxovOrjs xp ßtß- 
Xip xoo&sto^iag, 

40,12 dal xavtbg 8i ßtßUov 
xal (täXtCxa xe.%vi.xov dtt vä ?£ 
Tccvta fyxetv ')■ xig 6 Gxoxög, xl xb 
XQifatpov, xig i[ imypaiptf, st xov 
xaXatov yvTjötov xb ßißXiov , %Cq 
(j\) tä%ig x1jg ivayvmCtag, xig i\ 
ttg xä piffi) roitij. 

41, 6 8tt Si ywjutov xov naXatov 
xb ßißXiov, § x&v iv96%mv xoiaig 
drjXol ' otr* yäo vxofivtjtiaxieavTti; 
avrol xal of ipzaiÖTfoot earpt- 
ffTßl xävTtg&noiöyyOav 'E(f- 
poyivovg ilvttf ttvlg di (patSt 
x&vrcvttev tlvai Sf^Xov, ätg iotiv 
xov xaXaiov yvifitov x6ds xb 



1) Du Bemerkenswerteste ist nicht die Gleichheit der Form dieser Dispo- 
sition an sich, sondern, abgesehen von ihrem Vorkommen in der rhetorischen 
Literatur überhaupt, die gleichartige Vernachlässigung der Disposition in der 
Ausfahrung, wie sie 0. 8. 186 aufgewiesen wurde. Die Hermogeneserklärer 
haben dieses Schema von den AristoteleskommenUtoren übernommen; seine Ent- 
stehung wird früh fallen; vermuthlich geht es von Boethos aus. Als er die phi- 
lologisch-kritische Durchmusterung des Aristoteles nach lasses unternahm, mußten 
die Kragen auf fetypaqsij, tC yvf)«tos>, ij eis xä ft^pij «viiif gestellt werden. An- 
dronikos hat noch anders gearbeitet — Uebrigens stammt auch der Terminus 4 
(roO ßißUov) npo&tcapi'o von der aristotelischen Erklireriunft. 



b Y Google 



Pro Hennogene. 207 

xal rj Xi%ig ßo&Hiv fa$ ttxttv avvxayiia, iij Stv kiiio; 'Eq- 
'Effitoydvovg tlvai tö avv- ftoyivtjg ftdftvtixat avtoü iv r«s 
zayfiu, xArpi xal u v x b $ iv x ä) xspl x&v lieäv, 5 itüvxtg bpo- 
swoi Otaeimv pifivrjtai r«vtr/s loyoQaiv slvat ioü t^vtxot) ■ 6- 
tijg XQayftuxtiag , xa&ä xaxttct ftoiag, a>aei, xal xov xiyl Ide&v 
Sed^Xäxuiitv. iv xovxtp itipvijxai- aXkä xal 

ovxog 6 löyos tlg xbv xp6ztQov 
avraxgi%n- r H Y&Q x& > v iväö^mv 
xgitet (■» tö ixfitßis xal % ti- 
xfiveia xal ^ kdfcig) xal xb negl 
xön> tdeäv'EQpoyivovg xa&eßzävat 
avafitpttdxxing xtxsleptefra. 
Aach sonst finden sich Berührungen, wie die xoXixtxol %aga- 
xxfßsg als rhetorisches Charakteristikom im Gegensatze zu dem 
äkov {xilog) der Philosophen (110, 22 rv VII 86); die Erklärung der 
Möglichkeit des Erlernens rhetorischer ftsQtxd (VII 47, 28 f.) = 
axofia (I 108, 24 f.), weil die «zvij die xaftoXix& umfasse wie die 
tt& die #wo«r, pi&oSog, Ufas (I 110,6). Der Verfasser des Sta- 
seiskonuneDtars zeigt mehrfach , daß ihm Hermogenes' Ideenbnch 
geläufig war; denn in den Prolegomena wird dessen Verhältnis zum 
Staseisbnch bestimmt: VII 43, 32 ff., vgL48,llff., und im Kom- 
mentar 109, 19 ist es direkt zitiert; ja in diesem kann man das 
X&vxu 212/15 Zva fiif do£fl X&vxa evavrtava&at Mivovxiccvtö zu xävzrj 
korrigieren nach der Vorlage nt pl Idsätv II 342, 10 Iva (tri xdvxrj rä 
diovveia . . . ivxiXdymfuv. Jene Demostheaesreminiscenz der Ein- 
leitung (o. S. 180) r\ fiiv ovv i>n6G%eaig ofkm (tsyäkr\ ist ebenfalls 
aas x. lät&v heriibergenommen II 268, 16 r) pkv ovv vx&e%s6tg, xax' 
avrbv tpdvui xbv ^jjttipa, oütco ftcyält]. Erwähnt sei wenigstens 
die Bernfang anf Isokrates* Sophisten rede § 13 in den Prolegomena 
VII 44,28'); so ist stillschweigend der Eingang der Demonicea 
in der Ideeneinleitrmg verwertet I 98 , 6 tovg plv yä$ ßgaiitg 
&a>avt%Bt %f}6vos, b dl . . . ätdiov xal (tsxä zr)v xeXsvxip> 
xotg ivxvyidvovet xaxaXtixei ti)v ftvrffiTjv *j [Iaocr.] I 1 xäg uiv 
, . . öXCyoe iQivog üiikvot, xäg 8s . . . otid* 6 xäg alav 
i%ai.eifeitv, welcher Topos dort mit der halbtragischen Phrase 
dQävixrov xty (tvr^rpi xaxaUixeiv ausgebaut ist 1 ). Man vergleiche 

1) Dm Scholiou VII 126, 15 ff., worin 127,20= [Iaokr.] I 34, ist fremdartig. 

2) Iaokr. II 37; IV 84; VI11 34; IX 3. 71 (»gl. VI 1U9 ibüiiu,, tj «c»t« 
zbt al&ra «oft i% i](i&v yevofiivois xat/ufitvi?) ; Kiehr zu Lesbonai II 19. — 
ftttfrin irt ganz typisch in dieser Phrase — variiert eben deswegen von Hypereide« 
epit g 24 mit d6£a —, weshalb man auch in der Stelle ans der Ideeneinleitnng 
ans p4"]M* nicht pvifatv nach dem Buchstaben herstellen durfte. Uebrigens Ist 
der Znsatz wfe ivxv/xdvmeiv vollendete Geschmacklosigkeit. 



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208 Bruno Keil, 

ferner, wie Sokrates' Person VII, 48, 11 ff. rv I 104, lff. wol für 
verschiedene Zwecke, aber in methodisch gleicher Weise verwendet 
wird. Die Ideenprolegomena zeigen einen in philosophischer Ter- 
minologie durchaus bewanderten Mann, bei dem man das Zitat ans 
Piatons Symposion (98, 10 = Symp. 209 C) ganz in der Ordnung 
findet. Stoische Terminologie ist ja in den Staseiseinleitnngen 
nichts angewöhnliches; in den Johannesprolegomena begegnet man 
— allerdings in einem Referat — einer seltneren Notiz : ätl ttp&v 
to de.iftöviov ■ xgbg ftiv yäq xip> xoivi\v Iwoiav ibfto/oj'ijtat ' napä 61 
Totg 'EmxovQuoig H&oi ctv tCg dfKpießijrrjetv of yäff &Xffov6ijta xdvta 
elvai liyovrse xrk. (48, 20 ff.). Jenem Symposionzitat entspricht hier 
ein gar nicht gewöhnliches Zitat aas dem Henon (97 D). Man nehme 
eu allem den Aafbaa der beiden Prolegomena in ihren zweiten 
Teilen. In beiden ist die schematische Disposition mit identischen 
Worten vorangestellt; aber weder hier noch dort entspricht die 
Ausführung dieser Disposition. Johannes — ich nenne den Anon. 
schon jetzt so — setzt mit dem uxox6g ein, der sog. Phoibammon 
fibergeht ihn mit den Worten fyqistv ovv vxtp&'uevot xsqI tov 
0xosoö totg ivtctafiivoig xffbg xip> ixiyffatpty inavt^ctofttv. Bei 
ihm folgen nan die Abschnitte über die ixiyQatpi} (108,11 — 111,3), 
tl yvijciov (111,6 — 11), ij rd£tg rfjg ivuyviboctog (111,11—18), % eis 
t« p^pjj To^tij (111, 18—112,6), also in der Reihenfolge der Dispo- 
sition, indem der exoxäg in den Teil der ixtypaiprf als Argument 
verarbeitet ist; das zpijoiuuv wird ganz übergangen, ohne daß 
anch nnr ein Wort darüber verloren wäre. Hier ist das Vor- 
kleben der Disposition also ebenso mechanisch vollzogen wie bei 
Johannes, der die einzelnen Teile wol alle giebt, aber in umge- 
kehrter Reihenfolge and Verarbeitung der Disposition' in den 
ffxojni?. Charakteristisch ist weiter der Anhang bei Phoibammon 
112,6; er erörtert hier in nachträglicher Apologie die Möglichkeit 
einer praktisch tradierbaren Stillehre, indem er an eine frühere 
Aeaßerung (über die ixtygatpri. 111,1) anknüpft. Genau so bei Jo- 
hannes die beiden angehängten Abschnitte (o. S. 186) {tpriptv ivmrfya 
uv&g ixopetv; dort wird auf die ixtygaqrf, hier aof den Eingang 
des £ptJ«i/iov zurückgegriffen. Dort wird die Möglichkeit der Tra- 
dition der Stillehre dorch den Satz bewiesen, daß die Unterweisung 
eben durch Tradition der durchaus lehrbaren xotovma re> okov xa&" 
euvri erfolge; hier wird in dem ersten Anhang die gleiche Frage 
von dem Verhältnisse der xa&olixd zn den jisgixd behandelt , um 
die Lehrbarkeit der xi%v7j darzutun. Geradezu identisch sind die 
Einleitungen darin, daß beide abschlußlos in die Erledigung einer 
anhangsweise gegebenen Polemik auslaufen. Man wird jetzt nicht 



3y Google 



Pro Hermogene. 209 

mehr annehmen , daß am Schlosse der Jobanneseinleitung eine 
TJeberleitangsf ormel gestrichen ist (o. S. 186). Endlich verbindet beide 
die gleiche Axt fortlaufender polemischer Epikrise. Zu eigentlicher 
Darstellung kommt weder der eine noch der andere der beiden 
Verfasser; beide Einleitungen bilden nur Ketten von Einwürfen 
und 'Widerlegungen , ganz im Charakter des Kommcutares , zu 
dem die eine von ihnen sicher gehört. Daß bei manchen dieser 
Uebereinstimmnngen die Typologie der Prolegomena mitspielt, ist 
mir wol bewußt, aber der Aehnlichkeiten sind zu viele und zu 
individuelle, als daß man gemeinsames Ursprungsgebiet beider 
Einleitungen leugnen durfte. 

Damit soll nicht gesagt sein, daß sie von Einem Verfasser 
herrührten. In den Phoibammonprol. wird auf eine Erörterung 
der Teile über die T<f£(g rijs avayvmöemg und et yv^aiov verwiesen 
iv tp Iltffi exdatam X6ytp (111, 6); davon steht nichtB bei Johannes l ). 
In der Ideeneinleitung erscheint die Lehre vom Stil als etwas 
ganz selbständiges; bei Johannes existiert sie nur für die Staseis- 
lehre : 43, 33 ff. oV ixtivov (d. h. roü xspl ISt&v ßtßXiov) yag tuvxa 
(d. h. tcc xstpäkaia) avttxXijQQvfuv , xal ftöxtQ axsvi) xtva äoüjtov 
ivdyxJ) Xafif.lv, tUf oßrrag Sn> ßovX6(tt&a xavra wAijpovv, zbv airtbv 
xqöxov ix xoviov tov ßißXtov xäg vxo&iaeig xal xä xtipdXaia Xaji- 
ßavovttg JSia tijs axayyeXittg xal xäv iwot&v ipaxXtjffoifisv , «nep 
iyttv xö xt(?l löt&v xaQtiexai 2 ). Der Stil beider ist nicht grund- 
sätzlich verschieden, aber graduell steht der des sogenannten Phoi- - 
bammon erheblich über dem des Johannes. Dasselbe beobachtet 
man inhaltlich. Bei jenem sind die Referate fremder Ansichten so 
verarbeitet, daß über seine eigene Argumentation nie Zweifel herrscht; 
hier findet auch äußerliches Zusammenschweißen statt, so daß man 
gelegentlich meint, der Verfasser widerspräche sich selbst 1 ). In 



1) Uebrigeng ist zu bemerken, wie in den letzten Worten die Zweiteilung 
des in der Ideeneinleitung (1 98, 17ff. Tg). 99,3) verwerteten, wohl nicht erst auf 
Porpoyrios zurückgehenden Topos (Brinkmann, Rhein. Mus, 1906 LXI 122) ge- 
wahrt ist: toaloysi Si i ntpl xäv iSe&n Xöyoe xä Jt™, xal i/h>j;j)c filv ht{%n 
räft» ij Ivvoia toi 8t aä/tatos 6 xaeaxnje (= dnayyeUu). Bild um Bild. 

2) Daß Johannes keinen von ihm verfaßten Ideen komm entar erwähnt, be- 
weist nicht, daß er einen solchen nie geschrieben hatte. Einen Gegensatz gegen 
den Verfasser der Ideeneinleitung, der selbst für sich die Kounnenlierung beider 
Hermogenesbücher bezeugt, kann man hieraus also nicht konstruieren. 

3) 711 42,80 fort») «2* V ««' Tovrotf *o* aXtßtt avtHtt löyov, is ((- 
xtiitos «fn to ßißUov intyiYQittitiivov Tl%vn jijtoetxij ' to yäp wff* xtjB xt%v*is 
IrtlMtv »itotttitti . . . 43,24 xoixtav Si ofcoc i%^ vt < ov ÄoxoOm «sldt tt)v 
aQji/movaav iniytfatpjiv zä> 31m xura TO t^aifltov ht\ xb nvriayfta toflio fUV»- 

R(l. Oh. d. Win. Nukrlcht«. PblUlOE.-bkt». Ilw ISO«. Rift 1. 14 



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210 Bruno Keil, 

der Ideeneinleitung herrscht volleres Können, alles erscheint in 
ihr abgeklärter und gewandter als in der Staaeiscinleitung. Aber 
dies alles ist eben nur graduell verschieden; an der grundsätz- 
lichen Homogenität und Zasammengehorigke.it beider ändert es 
nichts. Und für die letztere haben wir noch ein zwingendes In- 
dizium. In der Ideeneinleitung wird ein technologischer Rhetor 
Hipparchos genannt (99, 20) ; dieser sonst gänzlich anbekannte 
Schriftsteller kehrt — an der Identität kann kein Zweifel sein — 
nur in den Scholien des Joh. SibeL VI 337, 14 wieder, wo von 
ihm ein Bach xeqI xq6x<ov erwähnt ist. Das sind aber die Scholien, 
in welche ganz der Syrian-Johanneskommentar zn *. iöi&v aufge- 
gangen ist. Durch 80 rare Gelehrsamkeit ist die Ideeneinleitung 
mit Johannes verbanden. Wir haben eben Arbeiten einer and 
derselben Schale, die eine von einem reiferen Gelehrten, die an- 
dere mit allen Anzeichen des jüngeren. 

Und nun zu dem Autor der Ideeneinleitung. Worauf beruht 
ihre Zuweisung an Phoibammon? Einzig auf dem Zeugnisse des 
Johannes Doxopatres. Denn die Fäden, mit denen man sie an 
den Fhoibammontraktat xhqI ax^äimv binden wollte 1 ), sind genau 
betrachtet so schwach, daß sie nor eben zu einem 'vielleicht' für die 
Identifikation aasreichen. Wer darf daran denken, für die abso- 
lute Autorität eines Doxopatres einzutreten? Losgetrennt von den 
Scholien, die durch andere vielleicht ersetzt werden, verlieren 
Prolegomena ihren Autornamen ebenso wie die Scholien selbst. 
Der 'AviaCyffatpog and itymoj'paawe der Staseisscholien beweisen 
für die Scholien. Für die Prolegomena steht uns eben jener Doxo- 
patres zor Verfügung: (iifupsxat dl u Evexd&tog xtd avxiß xm xe%vi- 
xff (Gl. 88 ; zu Hermog. 133,7) tö * xavxa%ov tlpjptöxt., tUö xtd fiäxrjv 
iv Spootplotg xfjg ainijs fitfirftfemg vxo6i6(isvog yaivsxat, xavxbg 
vxefaXstv xbv n%vtxbv afiupiijfiaios. Das geht aof den im Be- 



rfyjuff oi rijv &Q%i\v «cvxijv iittvofaasits T^» ixiyfatprj» (s. O. S. 182), 6 ti 
tl%vt*bs oi Kfoultxat, %a<täxiQ SiSrilAattpir, illä xnl eip6Sga xaQ-dxtetat ifi» 
ixiyfunjHivitov Ti-(trtjv facoQtxriv xb xcqI Jioio^afmc- Man muß nach den einlei- 
tenden Worten annehmen, dal der Verfasser seine endgültige Meinung vorzutragen 
■ich anschicke; in dieser Ansicht bestärkt auch der Eingang des Schlußsatzes 
mit seinem nal&e- Dann aber bricht der Gedankengang so plötzlich um, daß 
die Ueberliefening sich nicht darin finden konnte und du notwendige 8i durch 
ein widersinniges yöp ersetzte. Allein hier ist eine fremde Argumentation ohne die 
notige Adaptation aufgenommen-, nur der Optativ «flj soll den Leser warnen. In 
sein Fahrwasser biegt Johannes vor jenem zu postulierenden St ein mit 8 . . . 
Jittvoijoßvtie *4» hnyoaifr^r. 

1) Eine ernste Qegeninstani bildet indem die nicht zn leugnende Sturer- 



3,Googlc 



Pro Heruogene. 211 

ginn dieser Abhandlung ausgehobenen Passus der Johannesein- 
leitung '). Also Doxopatres las unsere Einleitung und einen damit 
zusammen überlieferten Kommentar unter dem Namen dos Euata- 
thioa ; der aber geborte nicht zu unserer Einleitung : diese trog also 
einmal einen falschen Namen, zweitens war sie vor einen fremden 
Kommentar gesetzt. Daß ferner dieser Kommentar der des Eusta- 
tbios war, wird nur annehmen dürfen, wer es zu glauben vermag, 
daß Doxopatres wirklich noch den EostathioBkommentar hatte oder 
nach dessen Ueberarbeitnng in der xagdSoeis noch haben konnte. 
Das ist die Autorität des Doxopatres, des einzigen Tanfzengen 
für die Benennung der Ideeneinleitnng. Stand in einer Sammel- 
handschrift die anonyme Einleitung hinter dem Fhoibammontraktat 
xtgl oifffluizmv, so war ihm der Name Phoibammon gegeben. Und 
diese Annahme stützt sich auf eine durch überlieferte Tatsachen 
erwiesene Möglichkeit ; solche Sammlangen, wo Traktate und los- 
gelöste Einleitungen durcheinandergehen, bieten unsere ältesten 
Handschriften noch, die Parisini 1983 und 2977. In jenem folgen 
z. B. aufeinander; Aphthonius, die Prolegomena Walz VII 1, 
Troilua, Phoibammon x. 0^., die Prolegomena Walz VII 49. 

Gleichaltrig, ja eher alter als Doxopatres ist das Zeugnis 
des Parisinus 1983 aus dem 10. Jhd., dessen erste Hand jene 
Randnotiz schrieb: rbv IlavXov xavtaxov 'Imäwrjv yvmetdov tfjo- 
Xaövijv Kaittagsa (»«Oijrigv flavlov. Das aber bedeutet: 'diese 
Prolegomena geben auf den Namen des Paulos ; aber überall , wo 
dieser begegnet, ist Johannes von Caesarea zn verstehen, und das 
war sein Schüler'. Mithin wird hier eine ältere Tradition, welche 
diese Einleitung dem Paulus gab, zu Gunsten von dessen Schüler 
Johannes bekämpft. 

Also die S t a s e i s einleitung hat ein Schüler eines Paulos ge- 
schrieben, die Ideeneinleitung ist zwischen einem Paolos und seinem 
Schaler Johannes strittig; beide Einleitungen zeigen aber Aehn- 
lichkeiten, welche ihre Herkunft aus der gleichen Schale beweisen ; 
also ist der Paolos beider ein and derselbe Rhetor. Und jetzt 
ist das Verhältnis der beiden Prolegomena klar: dem Lehrer ge- 
hört die Einleitung zo den Ideen, dem Schüler die zu den Staseis. 
Daher der eben betonte graduelle Unterschied zwischen beiden 
Schriften: der Lehrer stand eben über dem Schüler. Paulos ist 
demnach selbst auch Hermogenesinterpret gewesen*). Das ist 



1) Von Gloeckner a. a. 0. sofort richtig konfrontiert; seine Aporie gegenüber 
Doxopatres wird durch die Darstellung im Texte gelöst. 

2) Um Citat oben S. 206 ausgeschrieben. 

14* 



b Y Google 



212 Bruno Keil, 

mehr als ein Schloß ; denn wir haben für Paolos als einen der 
Hermogeneskommentatoren direktes Zeugnis. In den umfang- 
reichsten and wichtigsten* der byzantinischen Schriftstellerkanones 
heißt es nach einer Lücke, vor der jetzt der xiva% xSrv Iv 
larpuqj SiaXQeiiävzcov steht 1 ): ot rovratv ixoitrjftatiOxai' Ztöxa- 
ti/og, IlavXog, 'd&avaeiog, Ootß&ppmv. Das sind alles Hermo- 
genesinterpreten. Der Kanon geht in keiner Schriftstellerrnbrik 
über das Jahr c. 530 hinunter ood maß spätestens am 600 ent- 
standen sein. Damals also konnte der Name des Paolos mit dem 
des Sopatr us in einer Reihe genannt werden *) ; vom 10. Jhd. ist 
Paolos vergessen: man nimmt alles auf seinen Namen gehende 
literarische Gut. für den Schüler in Anspruch. Das verlangt 
historische Erklärung. 

Paolos hat einen Ideenkommentar geschrieben; seine Einlei- 
tung dazu ist erbalten ; daß sie ihm gehört , nicht Johannes , für 
den sie reklamiert wird, ergab genauere Betrachtung. Auch Jo- 
hannes hat einen Ideenkommentar geschrieben; dessen Existenz 
folgt ebenso sehr aus jener Randnotiz wie aus dem direkten 
Zitat EvQtavt>$ xtä, 'Iaüwns o Kai<sa(>tv$ •). Beider Kommentare 
bezw. Prolegomena müssen einander ähnlich genug gewesen sein, 
um Zweifel über den Besitztitel aufkommen zu lassen: also Jo- 
bannes hat den Kommentar seines Lehrers überarbeitet; in der 
xaffi&ootq der Schule liegt die verlangte historische Erklärung. 
Es ist ein Gesetz dieser und ähnlicher Literatorgattongen , daß 
das jüngere Werk, herakliteisch zu reden, den Tod des alteren 
lebt. Eoagoras verging vor Aquila und Aquila vor Syrian; aber 



1) Zuletzt und am besten bei Kroehaert, Canonesne poetarum scriptorum 
artificum per antiquitatem fuerunt? (Königsberg 1897) p. 8. Vor dem Abschnitt 
XV oE loiiimv vnopvTjitaiiatui steht der nha\ xüiv in fof(tx$ äuntftiptivTm'. 
Nach diesem Plural wird das rovrmv in der Uebeiüeferung reguliert sein ; denn 
die vier genannten Rbetoren sind unseres Wissens Erklärer nur des einen Her- 
mogenes gewesen, man hatte also xnvzmi zu erwarten. Aber möglich ist auch, daß 
Mtpomuavie, 'Eppoytwjf, 'jlipeövios in der Lücke stand, wo dann tovtan nur 
falsche Verallgemeinerung wäre, indem es eigentlich allein auf den mittleren ging, 

2) Im Grunde ist jetzt die Ucberlieferung von Paulos gar nicht schwach; 
denn wir haben drei von einander unabhängige Zeugnisse und die Prolegomena 
von ihm. Mir ist so, als ob ich unaerm Paulos vor nicht zu langer Zeit noch an 
einer vierten Stelle begegnet wäre, aber ich finde nichts. — Natürlich sind die 
früheren Identifikationen mit Paulos von Genne o. s. w. hinfällig. 

8) Darnach wird Johannes zumeist anch mit hinter den loatoi und Irsoot 
in den Lemmata des Ideenkomroentars des Johannes Sikeliotes (s. u. S. 220) zu 
suchen sein. 



«Google 



in diesem leben sie beide fort. So ist der Ideenhommentar des 
Paolos gestorben and lebendig geblieben in dem des Jobannes'). 



1) Steht es mit wepl li^ivtng, das die Nenplatoniker in einiger Umstili- 
aierung unter dem Namen des Apsines lasen (Graeven, Hermes 1895 XXX 304 ff.}, 
ebenso? Die Analyse des Buches muß hier Antwort geben; aber sie fehlt ganz, 
wie ja Hennogenes wol zitiert, doch als Schriftsteller zumeist mit verständnisloser — 
leider verstandlicher — Scheu behandelt zu werden pflegt. J7tpi IStOv ladt zu 

stilistischer Untersuchung geradezu ein; auch in dem spindeldürren Staseisleitfaden 
wird die etrffeots der Kunstberedsamkeit über das Sparrenwerk des technischen 
Gehäuses gezogen ; man inuß darnach sogar hier und da emendieren. An die 
Echtheit von *spl p**A8<n> 8n*&ti\xo« zu glauben, wird mir je langer um so 
schwerer. Weder die Ankündigung am Schlüsse von aegl tdtm* 425, 10 %al tilos 
ispiv 6 xeql.iäiv tit&v liyvs rofrto igirw fifd' ov 6 jttpi xf)s xaxä pi&a3av 

Sttvöirpos Yeroäipttat, $8 <ffi> ÜXtiftä n tj)s xi/ayiiattiag raünje . . . &f aal 

juxpui wpditpof JiojpianfiTjj' «1., noch die bekannte Stelle, auf welche hier zu- 
rückverwiesen wird, 396, 19 voCro 8h ISCas leil *p ay jiumiks Iwoft^vnc ftiv r& 
ntgl IStAv Uya>, nuöostip 6 itfpl rA*> MdB* tu wipl eeefaeox, Z^e'f '» tartu- 
fifrtjs xal *«*' i'wni» «1. beweisen wirklich die Echtheit ; gegen diese spricht die 
ganze teils bypomnematisebe, teils katechetische Art; die Hiatbebandlung ist im 
Gegensatz selbst zu xtgl ndeiav, wo sie wirkliche Schwierigkeiten macheu mußte, 
stellenweis ganz las. Daß Hermogenes ein solches Buch schrieb, soll nicht be- 
zweifelt werden; wol aber, daß das unter seinem Namen erhaltene überhaupt 
oder wenigstens in der Form, wie es erhalten ist, von ihm stammt. Die Paral- 
lele bietet nipl tögtaeas. Dessen Form ist ganz ungleichmäßig; im 1. Buch ist 
z. B. p. 178 frei von unentschuldbaren Hiaten; 179,2 wird mit xtcl txi<pftt»-ov 
iil deutlich dem Hiat &il litCtp&ovov ausgewichen. Anders im 3. Buch; z. B. p. 
224 hat scheußliche Hiate, die ganz leicht vermieden werden konnten, wie 22-1,'H 
»civil rpArroj f£foti soi ftjjxiiffi» , 224,32ff. äpzofttvoi eis ro npöyfio t'pT.iöp.tfr« ; 
auch in der Widmung an Marcus lulias steht ein Ulaußävaveat ifydtovtat. 
Diese Widmung selbst verrat, daß sie nicht, wie es jetzt der Fall ist, ursprünglich 
die einzige war. Vor Buch 1 fehlt aber nicht blos eine Widmung, sondern auch 
ein allgemeinerer Eingang ; die beiden sieber echten Bücher it. oido. und %. 18., 
zeigen Hermogenes' Art in diesem Punkte. Das Buch w. »op. ist teils verstümmelt, 
teils interpoliert auf uns gekommen. Sollte das Nebeneinanderbestehen von ver- 
schiedenen Fassungen, die die xafäSoeif entstehen ließ, daran Schuld sein? 
Ware die Hiatbehandlnng im Apsines einheitlich , würde auch Ober das Herrn o- 
genesbneb sich leichter urteilen lassen. Aber unser Apsinestext kann solche Ar- 
gumente nicht liefern. Daß er in vorbyzantioischer Zeit an einzelnen Stellen 
recht anders aussah, lehrt die Hypothesis zu Isoer. VIII (schon von Spengel, 
Müncb. gel Anz. 1837 n. 18 Sp. 149 herangezogen, nicht erst von Volkmann), 
welche Aps. 236, 15 den verzweifelten Text unserer Hschrft korrigiert. Und 
dieses Zeugnis fallt noch in die Zeit vor 600. Denn die Isokrateshypothesen 
mit ihren Hermippos- und Machonzitaten gehören noch in die Zeit der ausgehenden 
Sopbistik ; tertninue post quem ist nach arg. II Ealupivos, pu&t a6ltag tv XixQtp 
lijt »P* Ktovaiavrfas (cxi. : -tivov codd.) nalov/iiviis aal fiijiponcilfüie oütfnc r»Je 
Ätinpov die Mitte des 4. Jahrh. (vgl. Geizer zu Georg. Cypr. p. 210 n. 1098). Sia 
sind einer Provenienz. So ist von dieser Seite der Frage nach der Authentizität 



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214 Bruno Keil, 

Nun wir dieses Verhältnis zwischen dem Ideenkommentar des 
Lehrers und Schülers kennen, von Paolos in seiner Ideeneinleitnng 
selbst erfahren, daß er einen Staseiskommentar geschrieben -hat, 
die Staseiseinleitnng eines Schülers erhalten ist, die einmal wirk- 
liche Kenntnis des hermogenianischen Ideenbaches zeigt, anderer* 
seits sich einigermaßen über den dazu gehörigen Kommentar er- 
bebt '), endlich der Name des Johannes in der Ueberliefernng an 
die Stelle des Paulos getreten ist, weil er diesen überarbeitete: 
kann man noch zweifeln, daß eben dieser Johannes auch als der 
Verfasser des überlieferten StaBeiskommentars za gelten hat? nnd 
muß ich noch sagen, wessen Staseiskommentar für Johannes — nnd 
damit auch für Nilos — die streckenweis wörtlich aasgeschriebene 
Vorlage bildete? Paulos' Einleitung za den eidesig gab der des 
Johannes die Vorzüge, die diese vor dem za ihr gehörenden Kom- 
mentare besitzt; aas Paolos' Kommentar stammen die Zitate aas 
Plato, Aristoteles, Prophyrios: im Johanneskommentar fallen sie 
auf, dem Verfasser der Ideeneinleitnng stehen sie echter zu Ge- 
sichte. Die Stellen, an welchen Johannes sich auf seinen Lehrer 
bezieht, bringen Zusätze oder Berichtigungen aus dem Kolleg za 
dessen schon vorliegendem Staseiskommentar. Johannes berichtet 
direkt eine Kollegscene, ans der übrigens ein für den Schüler vor- 
bildlich gewordenes Selbstgefühl des Lehrers spricht 619,22 : ivr«v&a 
ytvöfuvos o fyi/«t>os naüXoe *<*%& «" ätxctfmg SftrjQttov (g 6) itpij 'vvv 
tevtl Cxoxbv SXXov , Sv oCxra ng fiäktv £vtjp, cfeo-u» aüu rvjjoifw'. 
Weil so Abweichungen von Beiner schriftlichen Vorlage sich ergaben, 
wird Paolos ausdrücklich genannt. Johannes hat sogar an einer Stelle 
ein direktes Zitat aus seines Lehrers Kommentar gegeben : 500, 3 
(za Eermog. 158,6) oMi £xttv6 uc Mlyd-tv, mg rtvtg röv ttgtoAo* 



von wif 1 tifititte nicht heimkommen. Die Betrachtung der Form kann hier, 
wie in der Regel, eine Untersuchung wol statten, die Untersucling seibat aber muß 
von dem Inhalt ausgeben, das Bach für sich auseinanderlegen and die in ihm 
enthaltenen Theoriefln mit dem Staseis- und dem Ideenbuche konfrontieren. — 
Bemerken will ich noch, dafl für die Echtheit ton *. »»*. tttr. Smans Zeugnis 
1 1,10 nichts beweist. So gut wie er«, t«*. unter Apsines' Kamen hatte, konnte 
ihm auch etu unechtes Buch sr, »■*. Sur unter dem Namen des Heraogenea 
Torliegen. Auch die tie «#*s Änuo*/»*>t **o»r-j-Mtf * , i» aaä «weis -w«-i 
^-Vl* entnahm er wol nur aus dem Zitat nr. a*fh »nr. 446, 17. Ich habe 
den Verdacht, ittS dieser Kommentar tu den demoetfaenisenen vna*«-«« einsig aus 
den silierten Worte beraosinterpretiert ist: ich furchte nämlich, dal sie nichts 
ab ein Verweis auf die kun Tttrhergeheade Stelle p. 445,7 sind. 

1) S. o, S. KM f. rehrnjesM wül fch. in -cor Ceberschäwuag der Ideeuetn- 
einleitonf in warnen, bemerken, daß ihr Verfasser seinen Eingang »meist aus 
Hera-ogetMs* Einleitung n w. U. xueammengestoppelt hat. 



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Pro Hermogene. 215 

ytoxdx iov , olg »po» sxt so v , o*68i tJjv ivrifreow imavfinlcxo- 
pivtjv t%aQxitv vxctktfipaeiv, dlXa (tttd Xtvog, rptjßiv, XQoffnQaxtioi; 
xal otovel ngoxtttafxdotmg staevsxxdov zb ivrtltpntx6v xxl. So spricht 
er nur von seinem Lehrer; daß das xwig phraseologisch zu ver- 
stehen ist, ergiebt sich aas dem folgenden rptjOtv; das ist der 
älioZoymraTog, iß wpodsxttW. Wir haben hier nicht eine Aeaße- 
rnng ans dem Kolleg, sondern ein literarisches Zitat. Damit 
wäre der Pauloskommentar zu den Staseis belegt. Ist Paulos 
aber die Vorlage gewesen, welche sich zwischen Eost. und Jo- 
bannes schiebt, so wird das Intervall zwischen diesem and jenem 
etwas geringer anzusetzen sein , als wenn die Vorlage von einem 
ferner Stehenden herrührte. Dem Schüler stand das Buch des 
Lehrers za Gebote, sowie er sich an die Arbeit machte; nicht so 
ferner Stehenden, zomal nicht ferner Wohnenden. Natürlich braucht 
jenes nicht sofort nach dem Erscheinen des Baches geschehen 
za sein. 

Ich habe das Buch des Johannes bisher stets 'als Scholien 
oder Kommentar, entsprechend der Form, in der es ans vorliegt, 
bezeichnet, doch glaabe ich nicht, daß dies seiner ursprünglichen 
Fassung entspricht. Einmal war das Thema ja nicht auf eine 
durchgehende Kommentierong gestellt, sondern sollte nur die an 
Hermogenes geknüpften Kontroversen berücksichtigen ; in welchem 
Maße das wirklich geschehen ist , dafür hat die Untersuchung 
Zeugnisse zur Genüge gebracht. Zweitens führt in dem über- 
kommenen Kommentar tatsächlich nichts auf die solenne Scholien- 
form als die Zerbackong in einzelne Abschnitte, welche aber 
ihrem umfange wie Inhalte nach vielfach sich von dem Typus 
des Scholions entfernen und als kleine zusammenhängende Ab- 
handlangen erscheinen; es fehlen alle jene bekannten kurzen, ty- 
pischen Verweisungs- oder Erläaternngsformen des Scboliasten- 
jargons. Umgekehrt erscheint mehrfach eine durchaus einheitliche 
Materie widersinnig in zwei Scholien zerschnitten. Ich gebe ein 
Beispiel. Das große Scbolion 592,19—594,3 ist sicher Johannes; 
oben (S. 179) habe ich die bezeugenden Grobheiten ausgeschrieben. 
Hierin heißt es 593, 28 ävuyxalov toCvw iri avxijv ik&ttv ri\v tsa- 
qsttsx&fqv Siutpoqtkv. Es handelt sich um den wichtigen Unterschied 
zwischen der Hyytfmpog und ayQtapog aoayfumxtj. Nachdem als 
Differenzierangsprinzip das Objekt 'der £jjr»jöig selbst aufgestellt 
ist, für jene ein ^ijnjv, für diese ein «if&yfia, schließt das Scbolion 
mit einem diese Differenzierung bezw. Definierung erläuternden 
Beispiele : ofkm yäf xal tbv «spl 'Alovv^eo v tpctfilv Sypaaiov *) xlvai, 

1) So auch die Schol. Demostb. [Yirj 1 atäats Hygatpos npayfiorouj. 



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aJ jprgfr f. n'i»-n .st T — sisrix. Zi - ■ ■**•- taii lata 3mrh ie» Jjäa 
aiein üe j» n-w i»-— S' a | -^' w n? sTiiiicri üb gamm um imiwn 
r"J T1 gff!i'i»'f '-'Xza irjiac.:L Bus ■»"« »r im ins •^Mir^ziie lom» 
k annea Tmn wiri ■*» ■ ggg gr— * 3BM är Ta i i > in jrQsste Ab- 
»-äaisra raet» jsn s mw i *in. üe "jtaonifer? T-öerseäeran basten. 
K-ia anJara xitir üir jmMacar^ücag ^i «*r- • mrae ba n g anter- 
räm^eE *-in int juä a mr^ir im: ;eae ^raaöe in Walz TU 1 die 
acäöiiea r : ^,i^-ni^n T-räer'j-Tnrtraa lencisi ja lärJBt: aber dar- 
auf auch jir^zr *cui a. jmsawm&eit ist :nfacLä ^~ar ier Kommentar 
de» ■J".-fiiin p '*t sofliic mgrfc afie n ein irrüäei Bach, so ist dies 
jf-rma* 2t "Fi^jprjffii 'rtRt lencnmrtai mit so sn der ablieben 
S fW ^TT-'-.i-n T^rsühmnels wncirsi. Iiä brauche w>;I nur tu die 
PaiaZtüii irr >*• r*»? 1 - wir-Tt» -oä ies SroasmEranmcntari zu er- 
innern; im Taieos 4-£l sag räe nech in ier ursprünglichen, xu- 
amnai ^ijn jqn- ien F.rm eräklten. an Firisinaa 2&S1 zerschnitten 
und mit dem zgrscnaissengn XarceCin:!» baut d:trcheinander ge- 
mengt, in welch nng? t äseÜagg F.rm Walz' Bequemlichkeit — so 
kannte -üe Alüra zu Grrcuie pfe« werden — entgegen eigener 
besserer Erkenntnis diese Komment»« min Rhet. Gr. IT gegeben 
hat. Ein solches Konglomerat stell; aach TU l'.A ff. dar; seine Grund- 
lage bildet der zerschnittene J:haais*ss:omnientar: daß Georgios 
und Sopatros hineingesctmitten sind, kam oben S- 1^4) zur Sprache. 
Es steckt aber anscheinend noch ein anderer Kommentar größeren 
Umfanges darin, den herausschälen zn wollen, so lange die hand- 
schriftliche Grandiegang noch fehlt, eitles Tnterfiuigen wäre. 
Jener Parisinas 2923, der älteste Zeuge für den Syrian- Sopater- 
Marcel lin-Ko mme ntar. gehört dem 11. Jbd. an (Omont, luv. eom- 
maire III 60), der Parisinos 1983, der älteste Zeuge für die aus 
erhaltene Form des Johanneskommentars, dem 10 — 11. Jhd. Sie 
sind Produkte der gleichen Zeit und Arbeitsart, wie die berühmte 
Sammelhandschrift (Paris. 1741), die ans Aristoteles' Rhetorik und 



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Pro Hermogcne. 217 

Poetik mit so vielen anderen Stacken allein erhalten hat. Es ist 
die Zeit der byzantischen Frührenaissance. Man darf in gewisser 
Hinsicht die Arbeit, welche diese Byzantiner in nnd am Konstanti- 
nopel während des 9. and 10. Jhds. an der ihnen überkommenen 
Literatur vollzogen haben, mit der durch die Alexandriner im 
3. Jhd. v. Chr. geleisteten literarisch-bibliothekarischen Arbeit ver- 
gleichen. Denn sie haben gesammelt nnd geordnet wie diese, nnd 
haben auch rezensiert wie diese; des sind Zeugnisse die großen 
Klassikerhandschriften dieser Zeit. Hanchen Text, den wir durch 
ihre Arbeit gesäubert in den Handschriften lesen, müssen sie in 
einem ähnlichen Zustande überkommen haben , wie die «oltreia 
'A9t\vaiiov in nnsern Tagen aufgefunden wurde. Was die moderne 
Philologie an diesem Buche hat tan müssen, lehrt den Maßstab für 
die Verdienste jener Byzantiner um die Textherrichtnng der 
Klassiker kennen. Man bedenke ferner, daß sie die Diastixia und 
Proaodie konseqaent einführten , also Interpretation geübt haben. 
Bei dieser Arbeit haben sie zugleich die Texte umgestaltet, 
äußerlich durch die Umsetzung in die Minuskel, leider auch in- 
haltlich dnrcli Excerpieren und Zerschneiden. Und das ist die 
Kehrseite der Arbeit dieser Gelehrten, die für die große Aufgabe 
weder wissenschaftlich noch ästhetisch eigentlich reif waren. Es 
fehlte ihnen noch die Achtung vor dem literarischen Eigentum 
ebenso wie die Schätzung des literarischen Kunstwerkes an sich. 
Das fortgesetzte Wirtschaften mit Schollen, Wörterbüchern, Gram- 
matiken, Hand- and Hilfsbüchern jeder Art ließ die Literatur zu- 
nächst vom Standpunkt des praktisch Brauchbaren aas betrachten 
nnd darnach behandeln; nur den größten Namen hatten anch die 
dunklen Jahrhunderte nicht die rettende Sehen ranben können. 
Typisch stellt sich dieser Charakterzag der ersten byzantinischen 
Renaissance bekanntlich in den sog. konstantinischen Excerpten als 
der größten Leistung dieser Art dar; daneben verdienen nicht 
sowohl die Kompilationen der G-eoponika and Iatrika als vielmehr 
die großen lexikalisch-etymologischen Thesaorierungen Erwähnung, 
weil in ihnen eine besondere Arbeitsrichtung aaf diesem Felde zur 
Erscheinung kommt. Es bandelt sich immer um ein Zerschneiden 
und von neuem Zusammensetzen, womit z. t. wenigstens Um Stili- 
sierung verbunden war. So tritt hier ferner in Parallele die große 
Thesaarierung der hagiographischen Literatur durch Symcon Meta- 
phrastes, dessen Beinamen schon die stilistische Arbeit erkennen 
läßt. Damals ist auch die Auflösung der zusammenhängend über- 
lieferten rhetorischen Bücher und ihre mosaikartige Zasammen- 
fügung zu Scholiencorpora erfolgt. Es ist im Prinzip ein und 



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218 Bruno Keil, 

dasselbe, ob Diodor, Polybios, Josephos zerschnitten und excerpiert 
and diese Excerpte dann nach sachlichen Gesichtspunkten inein- 
ander geordnet werden, oder ob man die zusammenhangenden rhe- 
torischen Bacher zerlegt und nach der Disposition des hermoge- 
manischen Staseisbaches neu zusammenstellt. Bis in diese Zeit 
hat sich zweifelsohne das Bncb des Johannes als ganzes gehalten. 
Den Kommentar des Paulos mnß Kilos noch gehabt haben; das 
stimmt dazu, daß die Byzantiner mit diesem Namen, der für 
uns ja völlig verschollen war, noch gerechnet haben, als sie bei 
ihrem großen Taufen and Umtaufen (s. n. S. 221 Anm.) auch an die 
rhetorisch-technische Literatur harnen. Er ist vergessen worden, als 
man das Bach des Jo hann es , das sich inhaltlich mit Dun im 
Wesentlichen deckte, ebenfalls in die Scholienform zerlegte nnd 
durch anderweitige Znsätze so bereicherte, daß man von Inter- 
polationen eigentlich nicht sprechen dürfte, oder nur in dem Sinne, 
daß Johannes' Bach den eigentlichen Grandstock bildet. Ist nao 
aber dies Bach nar in spater, byzantinischer Umgestaltung aof 
uns gekommen , dann haben wir zwei Fassungen des gleichen 
Baches, and damit bietet sich scheinbar eine nene, bequeme Er- 
klärung für das Verhältnis zwischen Nilos and unserer Scholien- 
fassnng: die ursprüngliche Fassung könnte Nilos benatzt haben, 
ans läge nur die jüngere vor. So würden sich scheinbar von 
selbst die starken TTebereinstimmnngen ebenso wie die Verschie- 
denheiten zwischen jenem und unseren Schollen erklären, and die 
Notwendigkeit der oben geforderten Mittelquelle bestünde nicht 
mehr. Allein dann müßten die Byzantiner erst die Anonymität 
der Polemik in den Schollen hergestellt haben. Das ist aber 
aasgeschlossen: die Prolegomena zeigen die gleiche Art der Po- 
lemik, and sie sind einer Umgestaltung sicher nicht unterworfen 
worden; zweitens haben diese Byzantiner Antorennamen nicht ge- 
tilgt, eher hinzugefügt, ja gelegentlich hinzu erfunden. Das 
ebenfalls zerschnittene Buch des Syrian, bei dem wir die Kon- 
trolle haben, zeigt, wie sie arbeiteten. Es bleibt also nar die 
Annahme einer Mittelquelle für Johannes und Nilos, die sich 
zeitlich zwischen Eastathios and Johannes schiebt. Die Schrift- 
stellerei des Eastathios aber glaubten wir zwischen 400 und 430 
ansetzen za müssen. 

Nnn erklärt Syrian ausdrücklich, daß seines Wissens er den 
ersten Kommentar za »tffl löe&v schreibe (I 2, 2). Damals stand 
er in einem Alter von annähernd 40 Jahren (Rabe II praef. p. V); 
vorher (ito-Uoi ye xal ßkka 1 1, 7 f.) hatte er den Staseiskommentar 
verfaßt. Wir kommen mit der Zeit des Ideenhommentars in das 



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erste Jahrzehnt des 5. Jod. Daß Paolos erat nachher seinen gleichen 
Kommentar verfaßte, würde nicht notwendig ans jener Versiche- 
rung folgen ; das literarische Zusammenarbeiten selbst zwischen zwei 
Zentralen geistigen Lebens im 5. Jhd. darf man nicht nach den 
hentigen Verhältnissen beurteilen. Also könnte sehr wohl dem 
Syrian in Athen ein Kommentar des in Syrien schreibenden Paolos 
unbekannt geblieben sein. Daß jedoch dieser tatsächlich nach 
jenem schrieb, folgt ans dem Zitat SvQiavbs xal 'Iaäwi^s 6 Kattsa- 
psvg — denn dieser Schaler zeugt für die Abhängigkeit des Lehrers 
von Syrian — , und folgt vor allem aas der Ideeneinleitung des 
Paolos selbst, welche 108,23ff. und 110, off. engste Verwandt- 
schaft and teilweis wörtliche Anlehnang an die Syrianscholien 
1 2,16 — 3,3 zeigt. So haben denn Paolos nnd Johannes nicht 
vor dem Jahre 410 geschrieben ; das stimmt za ihrer Abhängigkeit 
von Eostathios. Sie waren Christen, das bezeugen ihre Namen; 
and wieder stimmt es dazu, daß wenigstens der eine ans Caesarea 
stammte. Denn daß wir Caesarea Palaestinae zo verstehen haben, 
scheint anzweifelhaft (s. o. S. 204). Caesarea Philipp! hieß in der 
Zeit, aas welcher ans der Käme des Johannes Kai<ia{fevg zukommt, 
längst Panias ; an das kappadokische Caesarea zu denken, hindert 
mich die scharfe Polemik, zn welcher Gregor von Nazianz in 
seinem Epitaphios auf Basileios gegen die Gegner der rhetorischen 
Bildung im J. 379 gerade in Caesarea Veranlassung gehabt haben 
maß; damals schon begann der Niedergang der Stadt 1 ). In Cae- 
sarea Palaestinae ist der christliche Rhetor besonders verständlich. 
Aber weder Lehrer noch Schüler zeigen christliches Floskelwerk; 
wir dürfen also nicht zo tief mit ihnen in der Zeit herabgehen 
(o. S. 188, 1). So mag Paulos um 420, Johannes gegen 450 ge- 
schrieben haben. 

Doch wichtiger als diese relative Zeitbestimmung ist die Er- 
kenntnis, daß diese Schale, die in der Staseiserklärung den athe- 
nischen Neaplatonikern entgegenstand, bei dem Bache »epl IdtStv 
sich in deren Gefolgschaft befindet. Es ging hier nicht anders. 
Die Stillehre war über der Staseislehre seit Hermogeoes' Zeit oder 
bald nach ihm in der Technologie völlig zurückgeblieben. Hermo- 
genes' Ideenbuch fand keine Erklärer ; Dionysios von Halikarnaß, 
dessen Hermogenes noch gedenkt, war vergessen. Longinos, der 
Nenplatoniker , hat ihn wieder entdeckt; aber befrachtend wirkt 
diese Entdeckung erst viel später. Als der junge Student Proklos 
seinen Besuch bei dem Professor Syrian machte, fand er bei ihm 
Lachares (Marin, v. Procl. 11), den Lachares, der anf Dionysios von 



1) Tgl. S. ComperntSB zu Acta S, Carterii II 80 ff. 



DgizedDy G00gle 



220 Bruno Keil, 

Halikarnassos so stark zurückgegriffen hat, der ans die Diadocke 
DionysioB— Hermogenes — Longinos , welche die Khetorenscbolien 
schon erkennen ließen, mit klaren Worten überliefert (Hermes 
1895 XXX 292, 4 ff.). Diese beiden Schulgenossen machen den 
Einschnitt. Mit und seit Syrians Ideenkommentar erscheinen Zi- 
tate aas Dionysios. Aas dessen Bach ■hf.qI p(fiij0«cag giebt es kein 
Zitat, welches nicht durch Syrian vermittelt wäre; einzig in der 
akademischen Bibliothek zn Athen scheint noch ein Exemplar 
dieses Buches vorbanden gewesen zn sein; mit der Aufhebung der 
Akademie ging es für alle Zeit verloren. Im Dionysios ist Syrian 
und Lachares augenscheinlich die Stillehre näher getreten, und zwar 
muß, wie die schriftstellerische Betätigung beider beweist, von La- 
chares die Initiative aasgegangen sein zu gemeinsamem Angriff der 
Aufgabe, die Stillehre in den wissenschaftlichen rhetorischen Betrieb 
wieder einzufahren. Lachare» nahm Longinos und Dionysios in Ar- 
beit, erklärte, berichtigte, erweiterte ihre Lehren. Syrian übernahm 
das Ideenbuch des Hermogenes , als die dem Erklärer der gtdstig 
naturgemäß zufallende Hälfte der Arbeit. Damals ist tatsächlich 
Ernst mit dieser Aufgabe gemacht worden: jenen Hipporchos (o. 
S. 210) hat man damals gefunden und Demetrios xbqI ififttjveiag 
wieder entdeckt. Der Enkelschüler des Syrianos, Ammonios der 
Sohn des Hermeios, allein nennt ihn in vorbyzantiniscber Zeit '), and 
Paulos' Ideeneinleitang zeigt, daß er von den Gegnern der Neuplato- 
niker für ihre Polemik ausgenutzt wurde (1 99, 21). Das Verwundern 
darüber, daß in dieser Zeit eine prinzipielle Opposition gegen die 
piptjötg erhoben wurde, fällt hin, so wie man sich erinnert, daß hier 
nach fast 250 Jahren wieder mit allem Ernste die Forderung Stil 
zu lehren, wie man eränag und «xtfpttT« lehrte, erhoben wurde. Die 
lUjtijötg war wol geübt worden, aber nicht reglementiert, nicht in 
den regelrechten rhetorischen Unterricht aufgenommen gewesen. 
Das aber strebten die beiden Neuplatoniker an; dagegen wurde 
als gegen etwas Neues geeifert. Wer damals über die Ideenlehre 
theoretisch schreiben wollte, maßte von den Neuplatonikern aus- 
gehen: Zvqucvov xal t&v lotnätv {hifiav) steht wieder und wieder in 
dem Ideenkommentar des Johannes Sikeliotes (Walz VI 312. 331 
u. s. w.). Und nicht blos theoretisch-technisch haben Syrian und 
Lachares gewirkt; die unerhörte fupijffts, welche die Schule von 
Gaza zeigt, ist eine Frucht der neuen Bewegung, die von diesen 
Neuplatonikern ausgegangen war. 



1) Brinkmann a. a. 0. : Ammon. in Arint. de interpr. (Comm. Aristot. IV 6) 
p. 4,29. 



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Pro Hermogene. 221 

So Bullte der Rhetorik gerade die Schale, die einen Piaton 
als ihren Ärchegeten verehrte, noch in ihrem Ausgange einen neuen 
Impuls nach theoretischer wie praktischer Seite hin geben — den 
letzten Impuls, den diese Studien empfingen. Denn was von den 
Byzantinern zwischen 800 nnd 1000 an Kommentaren zu arepl li- 
giatios nnd gar zu der schlechten, kaum halbechten Kompilation 
xtfl pt&6öov Ötivöttjtog zusammengeschrieben ist, rechnet nicht 1 ). 
Erst in Jakob Sturm hat xspl tifdatog seinen Kommentator ge- 
funden. Der war als echter Renaissancegelehrter von Cicero aus- 
gegangen, hatte Dionysios hinzugezogen and dann Hermogenes in 
ernste, von wirklicher Sachkenntnis befrachtete Arbeit genommen ; 
er ist der? letzte große Technograph der Rhetorik im Sinne der 
Antike gewesen 1 ). Die formfrohen Tage der Renaissance waren 
allerdings für alle Zeit dahin. Im antiken, formalen Sinne kann 
diese technographischen Studien, deren Reichtum an Feinheit 
and Schärfe der Beobachtungen vor der Fratze kleinlicher Haar- 
spaltereien und lächerlicher Selbstverständlichkeiten nur zn leicht 
übersehen wird, beut zu Tage Niemand mehr betreiben wollen ; 
aber bedauern darf man, muß man die herrschende gänzliche Ab- 
wendung von der technologischen Literatur. 

1) Johannes 6 ZunhAnj« bat EigeDea in die ittttäioaif hineingetragen. 
Für unsere Frage ist von Wichtigkeit, diu es bei ihm nach Nennung des Lon- 
ginos lieißt : /ItovvO'.uv 6 'Alt*aQvu«tvs *al £(lvq lafot 6 'Aftatt iäjji Jitpi 
lii&v ti xal Wjvijj yffdipavTis, ßärtc xiipag, fj nttpoifi*'« <fj\a( (Rh. Gr. VI 95,4' 
ebenso 111,29 'A(/iexeCSi\t *al diovvaios). Von dem Stilbach des Aristides wissen 
die Neuplatoniker noch nichts. Das erhaltene Buch hat seinen Namen bei der 
Generaltaufe, die die anonyme rhetorische Litteratur in der byzantinischen Früh- 
renaissance über sieb ergeben lassen mußte, empfangen , gerade wie Tltfl vyovs, 
das hei Joh. i-ikel. ebenfalls zuerst unter dem Namen des Longinos erscheint. 
Dieser Zeit der Umtaufung gehört eben anch die Randglosse über Paulos und 
Jobannes von Caesarea an. Als man damals den durch die dunklen beiden Jahr- 
hunderte hinübergeretteten Bestand von rhetorischen Schriften ordnete and sam- 
melte, wagte man auch die Identifizierung anonymer Schriften. Daher tauchen 
um diese Zeit zweifelhaften Benennungen auf. Joh. Sikel. giebt keine alte 
Weisheit ; es ist neueste Forschung, wenn er Ariatides und J7*pl tnpovs zitiert; 
denn er ist ganz an den Anfang des II. Jbd. zu rücken. Schon in der Aristides 
handachrift Paris. 2960 (E ; Tgl. meine Aristidesausgabe II p XII) finden sich 
Schotten von ihm, und Omont (luv. sommaire III p. 68) hat diese Handschrift 
noch in das 10. Jhd. setzen wollen, was nun doch nicht angehen wird. Der Cha- 
rakter des Joh. Sik. verrät sieb sofort auch hier: fol. 163 r. 'lm[dwov) Zmthib- 
t(ov). dcMtpMhr, £ 'At)iaxtlSi\, &vttXtynv ooi- kXX l-nstdij itüg itävot itQbs r-ipäog 
ttipopä (-pi Hdschr.}, ivtatpiltit 81 "' xivot xaxk tohg vvvl %q6vovs, vistträptv 
i&vxis m /pijfujv vtxftv. Kaibel hat dem unschuldigen Longinos bitter Unrecht 
getan, indem er ihn die Grobheit, Arroganz und Dummheit dieses eigenartigen 
Gesellen entgelten ließ. 

2) CresoUnu, Theatrum veterum rhetorum etc. gehört nicht in diese Literatur. 



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222 Bruno Keil, Pro Hermogene. 

In ihr haben wir die Zeugnisse für die geistige Beschäftigung 
ganzer Generationen von vielfach höchst scharfsinnigen Männern, 
die ihre eigentliche Arbeit in diesen Schriften, nicht in den ge- 
legentlichen öffentlichen Festreden niederlegen wollten; wir haben 
— und das ist riet mehr — hier einen Lehrstoff, an welchem und 
in welchem die Jagend Jahrhunderte lang geübt worden ist; wir 
sehen in ihnen, was jene Generationen an der Literatur der 
großen griechischen Vorzeit haben lernen wollen, und so ent- 
nehmen wir nicht blos aas ihnen, sondern begreifen durch sie, 
welches die Schicksale dieser Literatur haben sein müssen : hier 
haben wir kulturgeschichtliches und literargeschichtlichea Material 
ersten Ranges, aber es liegt brach. Allerdings so, wie diese Literatur 
jetzt sich darstellt, völlig ungenügend gedruckt und durchaus unvoll- 
ständig aus den Handschriften bekannt, vermag sie Dar wenig zar 
Arbeit zn locken. Es ist eine dringende Aufgabe der Philologie' 
dieses Gebiet der antiken Rhetorik anzubauen. Doch Studier- 
stnbenarbeit allein fruchtet hier nichts ; zuerst will es Arbeit in 
den Bibliotheken, damit man einen Ueberblick über das Material 
gewinnt and feststellen kann, was der Veröffentlichung noch wert 
ist. Diese Arbeit wird über die Mittel des Einzelnen hinausgehen. 
Aber die Hermogeneskommentare bilden kulturgeschichtlich die 
volle Parallele zu den Aristoteleskommentaren; denn Rhetorik 
and Philosophie sind durch das geistige Leben der ganzen Antike 
gegangen, bald sich bekämpfend, bald sich verbrüdernd, doch all- 
zeit nebeneinander. Für die Aristoteleskommentare ist Rat ge- 
worden; daß auch ihren Weggesellen endlich ein besseres Los er- 
möglicht werde, ist ein Wunsch, den ich besonders in Strasburg 
und gerade in diesem Jahre aussprechen zu dürfen glaube, welches 
den 400. Geburtstag jenes Straßburger Rektors wiederbringt, 
des letzten antiken Technologen and Hermogeneserklärers, Jakob 
Sturm. 



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Ein Beitrag zum Lübischen Recht aus der 
Correspondenz G. A. v. Mänchhausens. 

Von 

F. Frensdorff. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 11. Mai 1907. 

Ein Herr von Witzendorff hatte bei einem Besuch, den er 
G. A. v. Münchhausen Ende 1736 oder Anfang 1787 in Hannover 
machte, den Auftrag erhalten, ihm bei seiner Rückkehr nach Lübeck 
Nachrichten ober das lübiscbe Recht and etwaige in Lübeck vor- 
handene Hss. desselben zn verschaffen. Wie er diesen Auftrag 
ausführte, zeigt der nachstehende in Cod. Böhmer 44 (W. Meyer, 
Verz. der Göttinger Hea. HI S. 96) Bl. 196 ff. enthaltene Brief. 
Die als Codd. Böhmer bezeichneten Hss. haben wenig mit dem be- 
kannten Pandektisten , F eudiaten und Eanonisten Georg Ludwig 
Böhmer (f 1797) zu thun und führen ihre bibliothekarische Be- 
nennung blos daher, daß sie ans Böhmers Nachlasse in die Göt- 
tinger Bibliothek gekommen sind. 

A. C. v. Witzendorff an G. A. v. Münchhansen. 

Hochwohlgebohrner, 

Hochgeehrtester Herr Geheimbter-Rath 

Ew. Excellenz wegen der mir in Hannover bezeugten Ehre 
und Gewogenheit den verpflichteten Dank zu erstatten , habe bis 
dato verschieben mäßen in Hoffnung, einige Nachrichten, die 
mir aufgegebene Commission betreffend, zu gleicher Zeit mit über- 
schreiben zu können. Ich habe zwar bei verschiedenen, welche de 
originibus et fatis juris Lubecensis billig etwaB wißen solten, mich 
erkundiget, weiter aber nichts in Erfahrung bringen können [196 b ], 



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224 F- Frensdorff, 

als dafJ die davon handelnde Nachrichten in hiesigen Stadt Archiv 
verwahrlich and so heilig aufbehalten werden, daß wenig Hoff- 
nung sey , etwas ad successivas nmtationes jaris gehöriges daraus 
zu erbalten. Ein guter Freund, der sonderlich antiquitates Lube- 
censes liebet, hat ans seiner eigenen Collectione rerum Lubecen- 
sinm hergebenden extract mir communieiret, darinnen zwar vieler- 
ley bekannte Sachen, doch auch meines wenigen Ermeßens ein and 
anderes so vielleicht nicht überall zu finden. Ich durfte wohl 
dahin rechnen die Inscription , so in fronte codicis membranacei 
stehet, als welche doch deutlich [197'] genug beweiset, daß die 
Lübecker schon ante Fridericum II ihr jus scriptum gehabt 
haben. Bei eben diesen Freund finde eine copiam eines alten plat- 
teutschen codicis jnris Lubecensis, welchen er aber weiter nicht als 
ad perluBtrandum mir vorgewiesen. Doch habe Hoffnung einen der- 
gleichen ächten codicem anderswo zu erhalten, nnd woferne Ew. 
Excellentz solchen etwan ad illustrandas nmtationes juris vor 
dienlich erachten solten, so erwarte gehorsamst Deroselben Befehl. 
Heinecias bemercket als was sonderliches, daß er in der Biblio- 
theca Hoffmaniana [197 b ] solch einen codicem mannscriptam mem- 
branacenm gesehen habe , der ab hodiemo jure sehr abweiche. 
Woferne also Ew. Exe. befehlen , will mich euserst bemühen , am 
eine gute Copey von einen solchen ächten platteutschen codice, 
wo möglich aus hiesiger Wette zu erhalten. Die letztere Auflage 
des Lübeckischen Stadtrechts ist von Jahr 1728. Ew. Exe. er- 
sehen hieraus, daß Deroselben Befehl gehorsamst zu befolgen mich 
gerne beeiffere, der ich mit verpflichtester Ehrerbietung zu Dero 
beharrlicher hochschätz baren Geneigtheit mich empfehlend lebens- 
lang verbleibe 

LUbeck Ew. Exe. 

d. 26. Janr. gehorsamster Diener 

1737. A. C. v. Witsendorff. 

Der Briefschreiber August Christian v. Witzeudorff stammte 
aus der bekannten Lünebnrger Patricierfamilie , die 1639 von 
Kaiser Ferdinand III eine Bestätigung ihres Adels erhalten hatte. 
Er war Landrath im Herzogthum Lauenburg und stand zu Lübeck 
dadurch in nahen Beziehungen, daß er seit 1730 Canonicus, seit 
1756 Dechant am Dom war '). 

1) Melle, gründl. Nachricht von Lübeck, 8. Ausg. von Schnöbe! (Lüb. 1787) 
8. 154. Mitteilung ans Melles Lüb. Geschlechter, Ha. des Lüb. Staatsarchivs, die 
ich von dem Staataarchivar Dr. Hasse wenige Wochen vor seinem Tode er- 
halten habe. 



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ein Beitrag nun Lübbenau Recht int der Corrwpondenz 0. A. v. Münchhsnsens. 225 

Dem Briefe liegt ein lateinischer Aufsatz, de jure Lobecensi 
überschrieben, bei (Bl. 194). Er beginnt: pecaliares leges suas 
Lubeca habet und widerlegt zunächst die Ansicht derer, die die 
Entstehung des lübischen Rechts am die Mitte des 13. Jahrb.. an- 
setzen. Das lübischc Recht sei in Wahrheit am ein Jahrhundert 
älter, Heinrich der Löwe wie der Erbauer der Stadt so auch der 
Urheber ihres -Rechts. Die Beweise werden den beiden Vorreden 
von 1243 und 1264 entnommen , dem Einzigen , was ans den lü- 
bischen Statntensammlnngen des Mittelalters znr Zeit öffentlich 
bekannt war. Die Vorrede von 1243 , an der Spitze einer von 
Lübeck nach Tondern übersandten Handschrift, war in „der zwei 
Herzogthümer Schleswig nnd Holstein neuen Landesbeschreibung 
(1662)" von Caspar Dankwerth gedruckt, der bei Erwähnung der 
Stadt Tondern (S. 85) ihres auf dem Rathhanse aufbewahrten 
Codex des lübischen Rechts gedenkt. Die Vorrede von 1254, die 
eine auf Ersuchen des deutschen Ordens in Livland für Memelen- 
burg (Memel) erfolgende Rechtsmittheilung beurkundet, kannte 
man aus einer noch am einige Jahrzehnte altern Druckschrift des 
Rostocker Juristen Johann Sibrand, „nrbis Lubecae et anseatica- 
rnm necnon imperiaiium civitatum jura publica (Rostochii 1619)", 
der die einzelnen Länder durchgeht, in denen lüblsches Recht gilt, 
und an Pommern Preußen anschließend , sagt : ordo Teutonicns a 
Lubecensi repnblica haud secus atqae Romani ab Atheniensibos hasce 
leges mutuavere, und nun die Bewidmnngsarkunde von 1254 folgen 
läßt (S. 107). Das Tondernsche Prooemium war lateinisch and dem 
Original entnommen. Auch das Prooemium von 1254 war im Ori- 
ginal lateinisch ; es gab aber auch deutsche Uebersetzungen, die an 
die Spitze späterer deutscher Rechtsredactionen gestellt waren. So 
z. B. des jetzigen Göttinger, früher Lübeckischen Codex, den Hach als 
Nr. III S. 379 abgedruckt hat (W. Meyer, Verz. I S. 519). Einer 
Hs. solcher Art muß Sibrand seine Mittheilung entnommen haben. 

Der Correspondent des Herrn von Witzendorff kannte außer 
diesem Material einen Pergamentcodex des lübischen Rechts mit 
einem Prooemiam von 1240. Dies giebt der Bericht wörtlich 
wieder. Es ist unverkennbar die Eingangsurknnde des jetzt in 
Kiel befindlichen Codex, abgedruckt in Hachs Aasgabe des alten 
lübischen Rechts (1839) S. 169 als Beilage D. Beweisend ist na- 
mentlich die Stelle : dilectis amicis nostris borgensibas .... jus 
nostre civitatis contolimuB. Die pnnctierte Stelle ist in der Kieler 
Hs. durch drei Häkchen ausgefüllt; ebenso in der Abschrift des 
Codex Böhmer. Dazu kommt die Uebereinatimmung zwischen beiden 
an drei Stellen des Textes, in denen die übrigen Hss., die das 

K(L Om. i. WIm. Nicblcktra. Pkiloloi-kM.r. Kl. 1*07. BMI 1... 15 



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226 F. Fremdorff, 

Prooemium nachgeschrieben haben, abweichen: es sind das der 
deutsche Codex für Elbing von c. 1270, dessen Prooemiom im 
Codex diplomaticns Warmtensis II (1864) n. 514 (anter den Nach- 
trägen) abgedrückt, ist; der Codex für Dirschan, von dem man 
nicht mehr als die Eingangsurkunde von 1262 kennt und diese 
nur aas dem überaas fehlerhaften Abdruck bei Gödtke, Gesch. der 
Stadt Conitz (Danaig 1724), den das Lüb. ÜB. I n. 269* S. 687 
wiederholt; endlich der Codex für Riga aus dem 15. Jahrhundert 
(s. nuten). Der Codex Böhmer und der Kieler Codex lesen über- 
einstimmend im ersten Satze (Sicat edicta): ita recte persünile 
quicquid civitatis discretorum et ordinat consilinm, während die 
übrigen statuit vor et ordinat einzuschalten für nöthig halten. 
Im zweiten Satze (Igitnr qnoniam) heißt es im Cod. Böhmer and 
im Kieler Codex civitates sua jura servant, singnle, in den übrigen: 
singnla; gleich darauf: presentibus et futoris innotescat, quod ad 
honorem contulimos, in den übrigen : quod n o s ad h contnl. 

Eins hat aber der Codex Böhmer vor dem Kieler voraus- 
Gegen das Ende des Prooemiums flicht er vier Verse ein , die er 
allein metrisch richtig wiedergiebt, während alle übrigen, wenn 
auch in verschiedenem Maße, das Metrum zerstören. 

Nostre vobis tradimus jura civitatis, 

inviolabiliter ut hec teneatis, 

fas est ut per melius illa augeatis, 

sed decreta minui nnnquam faciatis. 

Der Kieler Codex wahrt den Rhythmus nur in den beiden ersten 
Zeilen, die dritte verdirbt er durch Versetzung; fas est ut illa 
per melius angeatis, die vierte durch Versetzung and Einflickung 
eines Wortes: sed data decreta nanquam minui faciatis. Den 
gleichen Fehler begehen die übrigen Hss. Der Schreiber der El- 
binger Hs. fügt noch den besondern hinzu, daß er den dritten 
Vers „Non fas est" einleitet. 

Den Schloß der Eingangsurkunde bilden die tria praecepta 
juris des Ulpian (1. 10. Dig. de just, et jure I 1, aufgenommen in 
1, 8 Inst. II). Im Cod. Böhmer werden sie wiedergegeben : hujus 
juris et decreti sunt inicia, in quibns docetur quis: honeste vivere, 
alterum non ledere, jus suum cuiqne tribuere. Kiel, Elbing nnd 
Riga lesen den Eingang : hec juris et decreti sunt (Kiel : sunt sunt) 
inici a. Riga bietet in den Schlußsätzen die Lesarten: für quis: 
quis d. h. qui vis und für coiqae : unicniqae ') , von denen die erste 
eine Verbesserung enthält. 



1) üeber die dem 16. Jahrh. angehörende Hb. Napieraky, Quellen des Rigi- 



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ein Beitrag zum Lübiscben Recht ans der Correspondenz 0. A. v. Müncbhansens. 227 

Woher hat der Codex Böhmer seine zum Theil bessern, znm 
Theil wenigstens selbständigen Lesarten? Nach dem Briefe des 
Herrn von Witzendorff steht die so beschaffene Vorrede an der 
Spitze eines Pergamentcodex. Der Kieler Codex war zor Zeit, 
im J. 1737, noch in Lübeck ; nach Kiel kam er erst einige Jahr- 
zehnte später, wie Hach S. 48 angiebt. Aber nach seinen Ab- 
weichungen vom Codex Böhmer kann er nicht gemeint sein. Noch 
viel weniger einer der übrigen. Dem ungeachtet muß jenem 
Zengniß zufolge ein Codex existiert haben, dessen Eingang dem 
correcten Frooeminm des Codex Böhmer entsprechend lautete. Daß 
der Referent des Herrn von Witzendorff einen solchen Codex be- 
sessen oder auch nur gekannt habe, geht nicht aas seinen Worten 
hervor. Sie reden nnr von dem Frooeminm eines Pergamentcodex, 
nicht von diesem selbst. „Daß schon 1240 die Lübecker ihr Recht 
andern mitgetheilt haben „patet ex seqnente formula, quae in 
fronte antiqui cojasdam codicis ms. membranacei juris Lubecensis 
legitur." Bisher ist nichts von einer solchen Handschrift znm 
Vorschein gekommen. Dagegen kehrt das gleiche Prooeminm in 
einer allerdings modernen Lübecker He. wieder. Jacob von Helle, 
ein um die Geschichte Lübecks vielfach verdienter Forscher (1669 
bis 1743), hat reiche Sammlangen hinterlassen, die unter dem Titel: 
Reram Lubecensium tomi dao (Hs. des Staatsarchivs Nr. 794) Ur- 
kunden und sonstige Materialien zur Geschichte Lübecks enthalten. 
Im ersten Theil Lubeca civilis handelt Cap. 2: de jure Lubecensi 
und giebt S. 125 unser Prooeminm wieder. Die MelleBche Ab- 
schrift theilt die Verse ebenso correct wie der Cod. Böhmer mit 
und läßt gleich ihm vor Marie das Wort dive aas, das alle übrigen 
Codices aufweisen. Ist die Identität der beiden Urkunden nicht 
zn bezweifeln, so liegt es nahe genng, J. v. Melle für den Lübecker 
Gewährsmann zu halten, der für Herrn von Witzendorff den Be- 
richt de jure Lnbecensi zusammenstellte. Woher Melle jenes 
Prooeminm entnahm, wissen wir nicht. Ich glaubte an die Mög- 
lichkeit, Melle habe den Eingang der damals noch in Lübeck be- 
findlichen Kieler Hs. vor sich gehabt und nach seinem eigenen 
rhythmischen Gefühl die fehlerhafte Metrik jener Eingangsverse 
verbessert, aber der beste Kenner der Vagantenpoesie, Herr Pro- 
fessor Wilhelm Meyer, belehrt mich, daß niemand in Deutschland 
zn jener Zeit genng Kenntniß von der Vagantenstrophe besessen 
habe, am von sich aus solche Verbesserung vorzunehmen. Da wir 

sehen StR. (1676) S. XXXY and Mitteilungen des verstorbenen Bibliothekars Dr. 
G. Berkholz zu Riga. 

16* 



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228 F- Frensdorff, 

nun wissen, daß Lübeck 1240 einen lateinischen Codex seines Rechts 
an Elbing tibersandte und das Prooemium der Meileschen Abschrift 
das Datum 1240 trägt, auch die übrigen historischen Angaben der 
Urkunde zn diesem Datum passen, so haben wir aller Wahrschein- 
lichkeit nach in diesem Frooeminm den Rest der nach Elbing ge- 
sandten Rechtsmitteilung vor uns, von der man in Lübeck eine 
Copie zurückbehielt. An Stelle der Worte in Eibingo hinter no- 
stris bnrgensibus setzte man Häkchen ein, am die Urkunde als 
Muster für weitere Versendungen benutzen zu können. 

Was in dem Bericht sonst noch an Nachrichten über das Recht 
Lübecks vorgetragen wird, ist nicht von Belang. Es wird der Be- 
ziehung zum Soester Recht gedacht und der Versuch Arnolds jnra 
Sosatie in jnra Holsatie zn corrigiren treffend zurückgewiesen, die 
Oberhof Stellung Lübecks angeführt, es werden die beiden ausge- 
zeichneten damals auf der Wette befindlichen deutschen Rechts- 
codices von 1294 und 1348, jetzt gewöhnlich nach Albrecht v. 
Bardewik und Tidemann Güstrow zubenannt, erwähnt, neben 
denen manche andere in Privatbibliotheken aufbewahrt werden. 
Endlich kommt der Vf. noch auf die Revision des lübischen Rechts 
zu sprechen und zählt die Drucke von 1586 bis 1728 auf. Er 
schließt seine Skizze der äußern Rechtsgeschichte Lübecks mit David 
Mevius und seinem luculentus commentarius ad jus Lnbecense. 

Zum Verständniß des litt erargesch ich tlichen Inhalts, den der 
Brief Witzendorffs bietet, muß man sich in die Zeit seiner Ent- 
stehung versetzen. Von dem lübischen Recht des Mittelalters war 
außer den erwähnten Vorreden noch nichts im Druck erschienen. 
Erst die nächsten Jahrzehnte nach jenem Briefe brachten Publi- 
cationen lübischer Rechtshandschriften in größerer Zahl und in 
rascher Folge : Westphalen, Cronbelm, Dreyer, Brockes, alles 
Editionen aus dem Zeitranm von 1743 — 1766. Es begann damals 
recht eigentlich die Zeit des Heraustretens deutscher Stadtrechte 
in die Öffentlichkeit, zu der Leibniz in seinen SS. rer. Brunsv. schon 
1711 durch seine Mittheilung des Braunscbweigschen und des G-oslar- 
schen Rechts den Weg gewiesen hatte. 1748 und 1749 erschien 
zum erstenmal, von Häberlin and von Euuninghaus herausgegeben, 
das älteste Soester Recht, zur großen Enttäuschung der Forscher. 
die davon die handgreifliche Bestätigung der Nachricht des Arnold 
von Lübeck erwartet hatten, and nun außer dem torfaht egen 
wenig wörtliche Übereinstimmang zwischen den Statuten von Lfibek 
und den jura Sosatie fanden '). Denn so wenig man auch von dem 

I) Zum Ausdruck kommt das besonders bei Dreier, Eitdtttong in die Lob. 



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ein Beitrag zum Lübischen Recht aus der Correspondens G. A. v. Milnchhausens. 229 

mittelalterlichem Recht Lübecks kannte, der Glanz seines Namens 
war groß. Man wußte doch von seiner Geltung in einer großen 
Anzahl von Städten seit dem Mittelalter. Seit der Mitte des 
17. Jahrhunderts war nnn hinzn gekommen, daß das lübische Hecht 
eine wissenschaftliche Bearbeitung in den „Commentarii'' des hoch- 
angesehenen Präsidenten des Wismarschen Tribunals, des David 
Mevius, erfahren hatte. Er hatte damit einen neuen Zweig der 
deutschen Rechtswissenschaft, eine Jurisuraden üa Lnbecensis be- 
gründet. Wir hören, daß das Werk des Mevius selbst in Gegenden, 
die gar nichts mit lübischem Recht zn thun hatten, nicht nnr 
studirt, sondern auch angewendet wurde l ). Aber die Arbeit des 
Hevins galt allein dem revidirten lübischen Recht von 1586. Er 
wollte nnr dem praktischen Recht dienen and wies das Historische 
sehr nachdrücklich ab *). 

Christian Gottfried Hoffmann, Professor in Frankfurt, a. 0., 
dessen Bibliothek Witzendorffs Brief erwähnt, schrieb 1731 zur 
Promotion des Hamburgers Nicolaus Rumpf ein Programm de juris 
Lnbecensis antiquo quodam codice. Der Titel ist einigermaßen 
irreführend, denn die Beschreibung des Codex nimmt den gering- 
sten Raum ein; die Hauptsache macht eine Skizze der lübischen 
Rechtegescbichte aus, die nichts neues bringt and nnr zeigt, wie 
wenig Material die Zeit für ein solches Thema besaß. Anch Hoff- 
mann geht wieder von dem revidirten Rechte aus, von dem eine 
nene Epoche des lübischen Rechts datirt. Er will aber, nachdem 
er jüngst einen alten Codex des lübischen Rechts erworben, zu 
den mittelalterlichen Statuten aufsteigen und über die Verände- 
rungen, die das Recht erfhren, etwas sagen. Statt dessen er- 
örtert er wieder die EntBtehangszeit des lübischen Rechts, die Be- 
ziehung zu Heinrich dem Löwen, zu Soest und giebt eine Aufzäh- 
lung der Handschriften des lübischen Rechts, welche man in juri- 
stischen Schriften angeführt findet. Das bringt ihn dann endlich 
anf Beine eigene Hb. So mangelhaft die Beschreibung ist, das 
Mitgetheilte reicht ans, nm zu erkennen, daß es sich um eine 
wertblose späte Handschrift handelt. Sie zählt 271 Artikel, fängt 



Verordngn. (1769) S. 203, nachdem er sich von seinem anf anglichen „Enthusias- 
mus" erholt hatte, für den er selbst die Abhandlung: de cespitalitatJs requisito 
(Kiel 1749) citirt. 

1) Wigand, ProT.-R. des Füratentb. Minden II (1834) S. 8 1 seit der Com- 
mentator Mevius die Juristen entzückte, glaubte man sich in ganz Westfalen auf 
lubisches Recht d, h. auf Mevius beziehen zu können. Vgl. Dortmunder Sta- 
tuten S. CLXXXI. 

2) Stintzing-Landsberg, Geach. d. deutschen Rechtswies. 11 (1884) S. 127. 



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230 F. Freosdorff, ein Beitrag zum Lübüchen Recht etc. 

an: hier beginnet sich dat Lübische recht, and endet: si finis bonus 
est, totum lautlabile tone est. Die beiden mitgeth eilten Stellen 
entsprechen Hacb II 29 und III 286. Die letzte Stelle ist dem 
Hamburgiscben Rechte entnommen; der Codex kann daher frühe- 
stens ans der zweiten Hälfte des 14. Jabrh. stammen, von wo ab 
die Verbindung des lnbischen mit dem hamborgischen Rechte be- 
ginnt. J. Gr. Heineccins erzählt in seiner Historia juris civilis 
romani ac germanici (1740) Hb. II S. 83 § 88, daß er diese Hand- 
schrift in Hoffmanns Bibliothek kennen gelernt habe. Er braucht 
sie znr Motivirnng seiner Warnung: cave id qnod bodie obtinet, 
jns Lnbecense vetus et sincernm existimes! So verbreitet war 
der Glaube wenigstens außerhalb Lübecks, daß man mit dem re- 
vidirten Recht von 1586 alles Erforderliche aber das lübische 
Recht wisse. 

Auch der Ausgang, den die von G. A. v. Münchhansen ange- 
regte Verhandlung nahm , ergiebt das gleiche Urteil. Ein der 
Correspondenz beiliegendes Brieffragment, das der Handschrift 
nach von J. D. Gfruber, Bibliothekar zu Hannover und juristischem 
Berather Hünchhausens in allen großen und kleinen Dingen, her- 
rührt, erklärt es für überflüssig, weitere Mittheilungen über das 
„lübbische Recht" einzuziehen, da es deutsch und lateinisch in 
aller Händen sei. Damit können nur die revidirten Statuten von 
1586 gemeint sein, von denen es eine ganze Anzahl von Ausgaben 
gab. Besonders zielt die Bemerkung aber auf Mevius, der seinen 
Erklärungen, mit denen er das Recht von 1586 artikelweise be- 
gleitet, allemal den deutschen Text des revidirten Statuts und dessen 
Übersetzung voranstellt. Den Aufsatz de jure Lubecensi, als dessen 
Verfasser Gruber J. H. v. Seelen, Rector in Lübeck nnd durch 
zahlreiche Schriften zur Geschichte Lübecks bekannt, vermutet, 
beurtheilt er nicht günstiger. Daß Heinrich der Lowe der anetor juris 
Lnbecensis sei, bedürfe keines umständliches Beweises, da Helmold 
es ausdrücklieb bezeuge nnd niemand jemals daran gezweifelt habe. 

Der Minister hatte offenbar schon Interesse für rechtsgeschicht- 
liche Stadien. Er mochte in seiner steifen gelehrten Weise von 
„succeBsivas mutationes juris" (oben S. 224) gesprochen haben, wie er 
Pütters Götting. Gelehrtengeschichte als „de statu Gottingensi" oder 
ein Concert als „colleginm musicum" bezeichnete. In seiner prak- 
tischen Umgebung fand er noch wenig Verständnis für diese Bestre- 
bungen. Daß seine Bemühung um das lübische Recht nicht etwas 
vereinzeltes and zufälliges, sondern Glied eines größern Zusammen- 
hanges war, soll eine spätere Darlegung aasführen. 



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Zu dem Tiresiaa-Gedicht des Primas (no 10). 



Wilhelm Heyer aas Speyer, 
Professur in Göttingen. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 20. Juli 1907. 

In dem 10. Gedicht (oben S. 139) schildert der Primas, wie 
Ulixes im 10. Jahr seiner Irrfahrt den Tiresias in Theben aufsucht 
und befragt , ob Vater , Sohn und Gemahlin ihm noch leben und 
üb er selbst heimkehren werde; dann, da er doch so arm nicht 
in die Heimat kommen dürfe, auf welche Weise er wieder zu 
Schätzen gelangen kö'nne ; die Antwort des Tiresias fehlt. Ich 
habe nun (S. 144) gesagt: 'Die Fabel ist wohl eine Umformung 
der antiken. Nach der Odyssee (Buch 11) dringt Ulixes in die 
Unterwelt und befragt dort mit vielen Umständen den Tiresias. 
Ein mittelalterlicher Dichter stand hier vor großen Schwierigkeiten; 
sollte er die antike Unterwelt als Hölle oder als Fegefeuer aus- 
malen ? Ein Besuch in einem thebanischen Wohnhaus war einfacher. 
Allein wo hat der Primas überhaupt gelesen, daß Ulizes 
mit Tiresias verhandelt hat?' 

Meine Gedanken waren bei dem Suchen nur auf das große 
Gebiet gerichtet, " auf die mittelalterlichen Darstellungen der Troja- 
sage: da weiß man wirklich nichts davon, daß Ulixes mit Tiresias 
zusammengekommen ist ; vgl. z. B. Herrn. Dunger , 'die Sage vom 
trojanischen Krieg in den Bearbeitungen des Mittelalters und in 
ihren antiken Quellen', 1869. So kam es, daß ich das Zunächst - 
liegende übersah. Wenige Tage nach Übersendung des Primas II 
schrieb mir Vollmer aus München, der Primas sei von Horaz 
Sermo H 5 ausgegangen, kurz darauf schrieben mir dasselbe meine 



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232 Wilhelm Meyer, 

Freunde Karl Meiser in München and Fio JEUjna in Florenz: 
Meiser nicht ohne den Zusatz , da könne man sehen , welch 
trauriges Machwerk das Gedicht des Primas sei. 

Es ist richtig, der Primas hat die Satire des Horaz 
benutzt, nnd besonders die 8 ersten Verse derselben: 
Hoc quoque, Tiresia, praeter narrata petenti 

2 responde, qaibus amissas reparare qneam res 
artibus atqne modis? Quid rides? Jamne doloso 

4 non satis est Ithacam revehi patriosqae penates 
aspicere? nolli qoicqaam mentite, vides nt 

6 nudus inopsqne doinum redeam te rate, neqae illic 
aut apotheca procis intacta est aut pecns: atqoi 

8 et genus et virtus, nisi com re, vilior alga est. 
Zunächst sind folgende Kleinigkeiten zu vergleichen: Horaz 
V. 1: die 'narrata' gibt der Primas mit V. 29 bis 45 oder bis 
V. 76 H 2: Pr 99 ergo responde, . . uude perdita restanrem 
H 4: Pr 81 ibo dolens Ithacam; 19 patriosne videbo penates 
H 6: Pr 28 verax nee quicqoam mentitus H 6: Pr. 80 midos 
videro nudus H6 redeam tevate: Pr 79 nt dicis, redeo; 'vates' 
beim Pr V. 16 18 19 20 H7: Pr 33 inops apotheca; Pr 39 
perdidit omne pecus. 

Die Abweisung weiteres Fragens- bei Horaz V. 109 'Sed me 
imperiosa trabit Proserpina: Vive valeque' hat die Wendung des 
Primas veranlaßt in V. 46: Sic pectore fatas anelo * aeddens se 
lecto * iubet hunc excedere tecto. Die Worte des Horaz 'me impe- 
riosa trahit Proserpina ' geben die einzige Andeutung des Ortes: 
allein diese ist dunkel, und der Primas hat die Andeutung nicht 
verstanden. Er will sie nachahmen mit den Worten V. 46 *nos 
animnm (reddamns) celo': den Schauplatz des ganzen Vorgangs 
aber verlegt er eben in den bekannten Wohnsitz des Tiresias 
d. h. nach Theben. Tiresias rühmt sich bei Horaz V. 60 'Divi- 
nare etenim magnns mihi donat Apollo' : vgl. beim Primas V. 26/27: 
Novi re vera, quid dictent fata severa Et, qnecnnqne Jovi precog- 
nita sunt, ego novi. Und, nm wichtigere Stucke zn erwähnen, 
die bei Horaz V. 76 stehende Zumuthnng, Ulixes solle die Penelope 
einem reichen Wüstling preisgeben, hat den Primas veranlaßt, die 
Keuschheit der Penelope so ausführlich (V. 49 — 78) za loben. 
Dabei ist der Übergang von Monolog zu Dialog in V. 78 vom 
Primas vielleicht deshalb nicht besser markirt, weil bei Horaz 
jegliche Bezeichnung des Bedewechsels fehlt. Endlich die für 
uns seltsame Betheuerung des Ulixes, keinesfalls könne er arm in 



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Zu dem Tiresiu-Gedicht des Primas (no 10). 233 

die Heimath zurückkehren und Tiresias müsse ihm rathen , wie er 
wieder zu Besitz kommen könne, ist dadurch hervorgerufen , daß 
Horaz den Ulixes dieselbe Frage stellen läßt, ja daß dieses das 
Thema der ganzen Satire ist (s. V. 2 und 6 — 8). 

So werden auffällige Eigenschaften des Gedichtes des Primas 
verständlich. Doch damit ist die Vergleichnng der Gedichte 
des Horaz and des Primas nicht beendet; sondern wir stehen 
erst vor der Hauptsache, dem Unterschied zwischen beiden. 
Horaz brandmarkt mit grellen Farben das vielfältige Treiben der 
Erbschleicher im damaligen Rom. Dazu wählt er als Rahmen, 
daß Ulixes, einer der edelsten Helden der Vorzeit, von Allem 
entblößt, den Priester Tiresias befragt, wie er am besten wieder 
zu Schätzen kommen könne, und dasz dieser ihm alle möglichen 
gemeinen Schliche angibt. Diese Einkleidung ist burlesk. Da- 
gegen der Primas schildert im ernsten und würdevollen Stil der 
lateinischen Epik , wie Ulixes zu Tiresias wandert und berichtet 
wird, wie es mit seinem Vater nnd Sohn, und vor Allem, wie es 
mit Penelope steht. In langem Monologe bewundert dann Ulixes 
die heldenmütige Standhaftigkeit der Penelope. Endlich hält er 
dem Tiresias mit lebhaften Worten vor, so arm, wie er jetzt sei, 
könne er nicht in die Heimat zurückkehren ; Tiresias solle ihm 
rathen, wie er wieder Besitz erwerben könne. Die Antwort des 
Tiresias, mit der das Gedicht des Horaz (V. 9) beginnt, fehlt 
hier am Schlüsse; gewiß klang sie ebenfalls so würdevoll, wie 
die uns erhaltenen 100 Verse, indem sie ihn vielleicht zur Er- 
schlagong der Freier aufforderte. 

Also haben wir eine merkwürdige Entwicklung: das Zusammen- 
treffen des Ulixes mit Tiresias schildert Homer (Odyssee XI) in 
hochernster Weise; Horaz verdreht es in eine burleske Parodie; 
der Primas geht nnr von dieser Parodie aus, aber er findet sich 
wieder zu einer ernsten und würdevollen Darstellung zurück. 

Wie das kam , das läßt sich begreifen. Es ist fraglich , ob 
der Primas den wahren Zweck der horazianischen Satire und den 
vollen Hohn der Einkleidung verstanden hat ')- Jedenfalls hat 
ihn die unwürdige Darstellung des Ulixes und des Tiresias und noch 
mehr die der Penelope beleidigt, und ihn , der auch in andern Ge- 
dichten Stücke der trojanischen Sage dargestellt hatte , hat der 
Gedanke erfaßt, die von Horaz gegebenen Elemente um- und aus- 

1) Die Parodie des Horaz ladt mich wenigstens kalt Denn Vorbild nnd 
Nachbild haben nur das Eine gemeinsam, daB dys« eng arm gewesen ist, wie ge- 
wöhnlich die Erbschleicher. In den Offonbach 'sehen Parodien der antiken Sagen 
laufen Vorbild und Nachbild eich parallel und deßhalb sind sie viel packender. 



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234 Wilhelm Meyer, 

zuges talten za einer epischen Erzählung , welche zu den andern 
derartigen Gedichten paßt. Schon im damaligen Schnlbetrieb kam 
ähnliche Wettarbeit vor. Die Worte 'praeter narrata' riefen 
ihn dazu, den Inhalt der Verse 1 — 77 selbst zn gestalten. Der 
Monolog über Penelope ist für nnsern Geschmack za lang; allein 
die frivolen Verse des Horaz gegen Penelope riefen den Wider- 
sprach hervor; dann hatte der Primas Gelegenheit, ein Gegen- 
stück za den damals so beliebten Versen gegen das Weib zn 
liefern. Wie er ferner den ITlixes in stolzem Unwillen begründen 
läßt, weßhalb er nicht arm nach Ithaka kommen dürfe (V-80 — 98), 
schon das beweist, daß es ihm an dichterischer Erfindungsgabe 
gewiß nicht gefehlt hat. 

Schwer ist es für Jetzige, die Kunst der sprachlichen 
and dichterischen Form richtig zu beurteilen. Die Meisten 
sind jetzt nur an das antike Latein und an reimlose Hexameter 
gewöhnt; wer da plötzlich ein einzelnes Gedicht im mittelalter- 
lichen Latein und mit vollen Reimen beartheilen soll, kann nicht 
ein richtiges Urtheil fällen. Ein absolutes Schönheitsgesetz gibt 
es für diese Dinge nicht, sondern das Meiste hängt da ab von 
Gewohnheit und von der Mode. Die damaligen Dichter waren 
stolz auf die Keime, wie auch das folgende Stück lehrt, and 
wenigstens in kunstvollen Dichtungsformen waren sie weit ge- 
schulter and erfahrener als wir. 

Sehen wir von der sprachlichen nnd metrischen Form ab, bo 
hat Horaz die Parodie des Homer wahrscheinlich nicht einmal 
selbst erfanden, sondern sie einem Vorgänger nachgeahmt. Der 
Primas hat in der burlesken Parodie des Horaz mit feinem Instinkt 
die ernste alte Sage durchgefühlt and hat den so entdeckten Sagen- 
stofF in würdiger und lebendiger Weise dargestellt. 



Im XII. Gedicht sagt der Primas von einer pellicia veterana: 
Vilia es et plana , tibi nee pilns neqae lana . . Res est, non fabnla 
vana, Quod tua gennana fuerit clamis Aureliana. Dazu bemerkte 
ich S. 147: 'eine Geschichte, in welcher der Mantel eines (Kaisers?) 
Aurelius oder Aurelian eine berühmte Rolle spielt, habe ich nicht 
finden können'. Wilhelm Brambach schreibt mir darüber: 'Ich 
dachte, das könne man heute noch ebenso passend sagen: Du bist 
der wahre Bruder eines Orleans - Mantels d. b. ebenso glatt und 
leicht'. Freilich wie alt ist in Orleans die Herstellung dieses 
Stoffs, der allerdings gegen die Kälte wenig hilft? 



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Eine gereimte Umarbeitung der IMas Latina. 



Wilhelm Meyer ans Speyer. 
Professor in Göttin gen. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 20. Joli 1907. 

, In der Berliner Handschrift, Codex theologicas oct. 94, welche 
Wattenbach ausführlich beschrieben bat in den Sitzungsberichten 
der Berliner Akademie 1895 S. 123—157, stehen auf Bl. 128a 
und 129b das eben besprochene Tiresias- Gedicht des Primas 
(no 10) und dann das andere Troiagedicht des Primas (no 9). 
Voran, auf Bl. 126a unten beginnend, steht ein Gedicht, welches 
Wattenbach S. 154 so beschreibt: 'Ein mir bis jetzt unbekanntes 
Gedicht über Troia 'Alea fortune .... pigra qoieti' in leoninischen 
Hexametern, nicht angeschickt gemacht; aber ich glaube doch nicht 
verantworten zu können, diese Schularbeit, welche keine weitere 
Berühmtheit erreicht hat, hier abzudrucken. Zuerst wird be- 
richtet, wie Paris die Helena entführte, wie Menelaus die Griechen 
zum Feldzug bewog; ausführlicher dann die Geschichte von der 
Chryaeia, der Pest, der Briseis, nnd wie Thetis Jupiter gewinnt, 
Juno aber zornig wird , Jupiter jedoch verweist sie zur Ruhe ; 
Corpora dehinc leti prosternont pigra quieti. Damit endet schon 
diese Geschichte'. 

Mich interessierte dies Gedicht; denn, ich las hier in zwei- 
silbig gereimten, also nach 1100 entstandenen Hexametern den 
Inhalt des 1. Bachs der homerischen Hias in ausführlicher und 
lebendiger Schilderung. Woher hat der Dichter des 12. Jahr- 
hunderts diese Kenntniß des Homer? Sie konnte ihm nur durch 
eine Schrift vermittelt sein: durch die sogenannte Hias Latina, 
deren 8 erste und 8 letzte Verse das Akrostichon 'Italiens scripsit' 
ergeben. Im Mittelalter öfter abgeschrieben, ist sie mehrere Jahr- 
hunderte lang unter dem Namen Pindarus Thebanus oft gedruckt 



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236 Wilhelm Meyer, 

worden. Neben das mittelalterliche Gedicht setze ich, der Ver- 
gleichung halber , die ersten 110 Verse der Hins latina ans der 
Ausgabe von Plessis 1886. 

Die ersten 12 Verse des Italiens sind durch 21 Verse ersetzt, 
welche, von denen des Italiens dnrehans verschieden, eine histo- 
rische Einleitung znm Folgenden geben. Aber die folgenden 98 
Verse des Italiens (V. 13—110) hat der mittelalterliche Dichter 
in seinen folgenden 79 Versen (22 — 100) getren umgedichtet. Er 
gibt denselben Inhalt und oft dieselben Gedanken; oft verwendet 
er einzelne Wörter oder Bedewendungen des Italiens. 

Was wollte der mittelalterliche Umarbeiter? 
Die Dias latina wird selbst von den klassischen Philologen wenig 
beachtet: lohnt es sich nun eine mittelalterliche Umarbeitung der- 
selben zu untersuchen und herauszugeben? Nicht für die klassische 
Philologie, wohl aber für die mittellateinische Philologie. Denn 
auch dies Stück kann dazu dienen, die gewöhnlichen Anschauungen 
über die lateinische Dichtung des Mittelalters zu berichtigen. Man 
muß immer wiederholen: die wahre und große Bedeutung der 
mittellateinischen Literatur besteht nicht in dem, was sie der 
antiken Literatur nachgeahmt hat, sondern in dem, was sie selb- 
ständig und nen geschaffen hat. Dies ist sehr Vieles und für 
uns sehr Werthvolles: vor Allem der große and werthvolle Schatz 
der rythmischen Dichtung; aber auch viele Gedichte in Hexa- 
metern and in Distichen gehören zu den Perlen der mittelalterlichen 
Literatur. 

Unsere Umarbeitung ahmt sicherlich ein antikes Gedicht nach, 
und doch können wir auch an ihr den neuen Geist erkennen, 
Weder der Inhalt noch der Ausdruck dieser Umarbeitung unter- 
scheidet sich so von der Hias latina, daß der Umarbeiter deßhalb 
diese Arbeit unternommen haben könnte. Sein Ziel kann nur ein 
anderes gewesen sein: er wollte die nicht gereimten Hexa- 
meter in gereimte umformen. 

Zunächst war das Umarbeiten in der mittelalterlichen 
Dichtung eine gewohnte Thätigkeit. Welche Rolle spielte es in 
der deutschen und altfranzösischen Epik ! In der Schale scheint 
das Wettdichten auf gegebene Reime oft vorgekommen zu sein. 
Vom Primas wird z. B. folgende Anekdote erzählt : Primas faciens 
moram Aarelianis exivit in similitndine fossoris, clericis Blesensibas 
venientibns versificare cum Aurelianensibus. Et com sisterent in 
via, dixerunt, quod unns ineiperet et alias finiret et viderent, 
quasi finem asseqoi possent. Unna ait: 'Istud iumentum cauda 
■aret'. Nullo finiente, reBpondit Primas 'Orlalientum' (or Ia lien t'un 



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Eine gereimte Umarbeitung der Iliu Latin*. 237 

Paris lat. 15138 f. 38,4). Iterum incepit alias dicens: 'Clau- 
dicat hoc animaT. Nollo finiente, ait iteram: 'qoia sentit (habere) 
inesse pedi mal'. Noch näher fuhrt folgende Art der Umar- 
beitnng. So liegen z. B. viele Distichen des Trojagedichtes 'Fervet 
amore Paris' in solchen doppelten Fassungen vor, wie das zweite : 
Aufert Tindaridcm - remeat. furor nrit Atridem; 

insequitur Paridem coniagiique fidem. 
Temptat Tindaridem : favet illa ■ relinqoit Atridem, 
prompte sequi Paridem • passa perire fidem. 
Dann stehen z.B. in dar Pariser Hft lat. 11412 zwei parallele 
Fassungen eines Gedichtes and darin z.B. folgende Strophen: 
Postmodo conspeotni hyems presentaiur. 
corpus fomo fetido totom denigratur. 
congelantor labia, facies rugatur. 
pondere cesaries glaciei tota gracatur. 

Donec miror talia, michi presentatur 
hyemps. supercilia squalent. denigratur 
corpus, livent labia. facies rugaiur. 
crispatore nescia glaeie coma tota gravatur. 
Hier trat freilich hinzu, daß die llias latina schon durch die 
mythologischen Personen sich als eine antike Dichtung repräsen- 
tirte. Doch unser Dichter hatte auch davor keine Sehen and 
wagte es, das antike Gedicht zu verschönern. 

Dazu wurde er bewogen durch das außerordentliche Ansehen, 
welches damals der Reim in der Dichtung genoß, besonders in 
der rythmischen, aber auch in der hexametrischen. Starke Reime 
waren im 12. Jht. bei den kleinen hexametrischen Gedichten über 
Troja geradezu Mode. Ich kenne nor ein reimloses (Leyser, Historia 
poetarum p. 398 : Oivitiis regno specie). Dagegen sind die beiden 
Gedichte des Primas stark gereimt, no X in Leoninern, no IX 
gar in Unisoni. Ebenso sind in Unisoni verfaßt die übrigen. Das 
häufigste ist: 

Pergama Höre volo, Grecis fato data solo, 
solo capta dolo, capta redaota solo. 
Minder oft findet sich (Leyser p. 404): 

Viribus * arte • minis Danaum data Troia ruinis 
annis bis qnnÜB fit rogns atqne cinis, 
oder Carmina Borana no 153: 

Fervet amore Paris Troianis inunolat aris. 
fratribns ignaria scinditor nnda maris. 



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238 Wilhelm Meyer, 

Die Diebtang in gereimten Hexametern war im Mittelalter 
sehr beliebt, und von den außerordentlich vielen, im 11. — 14. Jahrb. 
gedichteten Hexametern mag die Hälfte gereimt sein. Mit Eifer 
worden verschiedene Reimformen geschaffen und in besonderen 
Tractaten behandelt ; ich habe , was ich darüber finden konnte, 
schon 1873 zusammengestellt ; vgl. meine Gesammelten Abhand- 
lungen I S. 79—98. 

In den gereimten Hexametern war die Zierde der rythmischen 
Dichtung, der Reim, vereinigt mit der hohen Schulkunst, dem 
qaantitirenden Zeilenban: so mochten Vielen die gereimten Hexa- 
meter als die höchste Blüthe der Dichtkunst erscheinen. Der 
Dichter des 12. Jahrhunderts hat deßhalb die reimlose Dias latina 
in Leoniner umgearbeitet, weil er meinte, dem schönen Stoff so 
eine schönere Form zu geben. Ebenso haben gewiß viele seiner 
Zeitgenossen über die Form der antiken Dichtung im Verhältnis 
zu denen ihrer Zeit geartheilt. Sie achteten die Alten hoch, aber 
sie meinten, sie könnten es besser machen. 



Item versus de ezeidio Troie,. 

Alea fortan^, semper vicina mint; 
ac inimica satis infidaque prosperitatis, 
(f. 126 b) tempore fit grata * facili levitate beata, 

4 tempore se umtat et qae prius esse refatat. 
Kominis ornatum sese * non significatnm " 
tristis habere Paris dat thura Cupidinis aris, 
ut, quantum nomen portendit, conferat omen. 
8 orans exorat donis orare decorat. 
Quam sibi Tindaridem spondent oracala pridei 
expetit, ardoris flammam causamque laboris. 
Allidt ' hortatnr, promiseis plura minatur: 

1 2 Ula favet * sequi tur . Decepto res aperitor ; 
qui nimis iratus, qaod amore suo viduatus, 
persequitur mechum numeroso milite secum. 
Ulins incesto, regia quoqne snpplice questu 

16 ju Tencros mota conspirat Grecia tota. 
G-raios duetores Graieqne manns meliores 
incitat ultoris pietas et causa pudoris. 
omnibus una fides belli, quos alter Atrides 

8 orare: altare? 



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Eine gereimte Umarbeitung der Dias Latin*. 239 

Der Bau der Hexameter ist einfach. Der Zeilenschluß 
ist nachlässig : 16 Hexameter schließen mit viersilbigen , 6 mit 
fünf silbigen Wortern und 1 Vers mit einem seclissilbigen Worte; 
die 110 Hex. der Ilias schließen alle nur mit zwei- oder drei- 
silbigen Wörtern. Die Caesnr schneidet stets nach der 3. Hebnng 
ein (die Ilias hat in V. 1 — 110 vier weibliche Caesnren und 2 männ- 
liche im 4. Fuß), wobei diese im Reim stehende Hebung durch eine 
kurze Silbe gebildet werden darf. Die beiden ersten Füße sind 46 Mal 
gebildet durch ... uu .<._; aber nur 25 Hai durch j. _-*._, 20 Mal 
durch -i.uu_t.uu und 9 Mal durch j. — tww (in der Ilias 41, 10, 
32, 21 Mal). 

Die Keime sind zweisilbig und rein. Ausnahmen stehen in 
V. 1 nne : ine; 32 ui : enti; 40 onens : eddens; 54 ammts : nlcris; 
57 idem : ornm. Von diesen Ausnahmen sind die in V. 32 und 57 
dadurch etwas entschuldigt, daß der Schlußreim mit dem voran- 
gehenden Hexameter reimt. Außer diesen halben Unisoni bilden 
noch die Verse 59 und 60 ein reines Paar Unisoni mit dem Reim 
atur. Nicht wenige Reime sind öfter verwendet. 



Italici Ilias Latina. 
Jram pande mihi Pelidae, diva, superbi, 
'ristia quae miseris iniecit funera Grals 
atque animas fortes heroum tradidit orco, 

4 fatrantnmque dedit rostris volncrumque trahendos 
ipsorum exBaugues inhomatis ossibus artns. 
confiebat enim snmmi sententia regia, 
Molverunt ex quo diseordi pectore turbas 

8 sceptiger Atrides et bello clarus Achilles. 
Quia deus hos iassit ira contendere tristi? 
Latonae et magni proles Jovis. Hie Pelasgnm 



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240 Wilhelm Meyer, 

20 efferat oratii ' precibas, Paridemqne relato 
asperat incusans vicinm pacemqne recusans. 

22 Tnnc flens snblatam Phebi vates sibi natam (14) 

nngoibns ora secat, clamores nabibtu e.qaat; (28!) 
24 edit com lacrimis snspiria cordis ab inüa ; 

noctes insomnes triatesqne dies agit omnes. (15. 16) 
26 Sed fletu raenti solatia nnlla ferenti (18) 

sorgit * refrenat lacrimas voltnmqne serenat ; 
28 agnien adit Grecam, deportans mnnera secnm. (19.22) 

Coram prostratur Agamemnone flensqne precator, (19. 20) 
30 nt sibi sublat^ reddantnr gaudia nate,. (21. 14) 

Mirmidones flenti miaerab0terqne iacenti (23. 20) 
32 natam restitni dignnm dnxere parenti. (23) 

Quo senior meret, raptori plos amor beret (26 1) 
(f. 127) donaqoe com lacrimis spernit • ferns ossibos imis. (25! 26) 

Templa Benex spretns petit et merore repletns (27. 28) 
36 ibat, se misenun plangeoe vacanmqae diernm; 

aiinos plangebat, celam clamore replebat, (29) 
38 avellens eqne crines a vertice, qneqne 

interiora dabant snspiria, verba ligabant. 
40 Denao deponens questns et se sibi reddens: (30) 

Herces ista datnr misero michi?, Phebe, profatox. 
42 Qnid michi vixisse caste, quid te colnisse (32. 33) 

prodest? neglecte. reddes bqc dona senecte.? (361) 
44 Si tibi sont grata, qnq feci, cur modo nata (37) 

sim, die, exntnfi, cor non te indice tatns? (37!) 
46 si qnid maltari dignnm me scis operari, (38) 

me • me, Phebe, feri ! nolo michi te misereri. (40) 
48 si dii me nostis qoicqnam peccasse, qnid hostis 

tradita nata thoris commissa lnit genitoris? (42. 43) 
50 insontem sinite natam: me, qneso, ferite! (40) 



Arcitenens verbis vatis permotos acerbis (44) 
52 pestibos infestat Danaos lactnqne molestat; (45) 
totque trneidati tot iniqna peste gravati, (45) 

SO ornatu B, ontu Meyer pariterqne? 39 libtb&nt B 1 , lig»b»nt B' 

*»d itnti in B 61 »rchiteüen* B 



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Eine gereimte Umarbeitung der Ilias Latin». 241 

infestus regi pestem in praecordia miait 
12 implicnitqne gravi Danaoram corpora morbo. 

Nam Chryscs qnondam, sollemni tempora vitta 
14 implicituB, raptae üevit solacia natae 

inviBOBqne dies invisaque tempora noctis 
16 egit et assidoia implcvit qnentibns auras. 

Post.qnam nulla dies animum moerore levabat 
18 nnUaqne lenibant patrios solacia fletns, 

castra petit Danaum genibnsque affnsns Atridae 
20 per supcros regnique decus miserabilis orat, 

nt sibi cansa auae reddatnr Data salntis. 
22 dona simnl praefert. Vincuntar rletibus eins 

Myrmidones reddiqae patri Chryseida consent. 
24 Sed negat Atridea Chrysenque excedere castris 

despecta pietate inbet; feras ossiboa iinis 
26 haeret amor, spernitque preces damnosa Libido. 

ContemptriB repetit Phoebeia templa sacerdos 
28 squalidaqae infestis roaerens sccat nnguibus ora 

dilaceratqne comas annoeaque pectora (tempora) plangit. 
SO Mox ubi depositi gemitns lacrimaeqne qaiernnt, 

fatidici aacras compellat vocibna auras : 

Quid colnisse mihi tua numina, Delphice, prodest 
33 aut castam moltos vitam duxisse per annos? 

qoidve invat sacros posuisse altaribus ignes, 

si tuns externo iam spernor ab hoste sacerdos? 
36 En, haec desertae reddnntar dona senectae? 

si gratos tibi som, sim te sab vindice (indicc) tntas. 
38 ant si qua, nt laerem sab acerbo crimine poenam, 

inscios admisi, cur o tua dextera cessat? 
40 posce sacros arcus; in me tua derige tela: 

anctor mortis erit certe deos . ecce merentem 
42 fige patrem : cor nata loit peccata parentis 

atque hostis duri patitnr miseranda cnbUe? 
Dixit. At ille, sui vatis prece motos, acerbis 
45 luctibus infeatat Danaos pestemqne per omnes 

immittit popnlos: volgus mit andique Graiam, 



l.«n.t WIM. KKkrlehUi. PUlultf.-Urtar. Uiw 1W. Htfl 1. 



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242 Wilhelm Meyer, 

54 ut loca vix fiatnmis' vix esset terra sepalchris. (47. 48) 

Utqae dies decima sie transiit, agmina prima (49) 
56 convocat Argornm preclarus Achilles et horum (51.50) 

orat Testoridem cansas proferre malornm. (52. 53) 
58 Consnlit hie snperos. metuit. Thetidens heroB (53) 

illum tutatur, ne visa loqai vereatar. (54) 
60 Presbitero, fator, sna filia restitaatnr, (56) 

ai volumus täte procedere camqae salate (57) 
62 portns intrare, si felicee remeare. (57) 

Talia Testorides ; ardet violentas Atrides (58) 
64 et vatem verbis tandem compellit acerbis. (59) 
(f. 137h) Sed tandem fractus • popnli clamore coaetns (62) 
66 restitoi natam patri iubet inviolatam. (64) 

Dax ad merentis Ytacoe qnam teeta pareiitis (65) 
68 navigio vexit et ad agmina vela refiexit. (66. 67) 
Fhebas placatar populoqae salas reparatnr. (68.69?) 



Ast in Creseida solito cecatns Atrida (70) 
71 crebrins berebat amissaqae gandia flebat. (71) 

nee vitio frenura dans " ins anfert aliennm 
73 ac ciet orbatnm Briseide Thetide natura. (72) 

sie qaoque merorem fagat externam per amorem. (73) 
Talibas iratas ansis dox prememoratus 
76 in viduatorem repetit vidaatos amorem 

et, nisi reddatnr Briseis, dura minatnr. (75.76) 
78 dignam meroris per secola flamma fnroris (79?) 

famam fndisset, nisi Pallas emn tenoisset. (79.78!) 
80 aspera verba tonant, pariter convitia donant 
impiger Eacides et ab imo sevus Atrides. (74) 
Invocat nltricem sibi Pelides genitricem. (81.82) 

83 desinit illa mare, petit alta Jovemque rogare (83) 



54 loco B, loca Meyer fnlcrig gäbe richtigen Seim, aber schlechten Sinn 
8 restni B 83 desint illa malg B, deeinit illa mare Meyer 



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Ein« gereimte Umarbeitung der Iliaa Latin«, 243 

47 vixque rogis supcrcet tellus, viz ignibus arbor; 

dccrat ager tumulis. Jam noctis sidera nonae 
49 transierant decimusqne dies patefecerat orbem, 

com Danamn proceres in coetnm ciaras Achilles 
51 convocat et cansas hortatnr peetis iniquae 

edere Thestoriden - Tunc Calchas nomina divnm 
53 consolit et causam pariter finemque malorum 

invenit effariqne verens ope tutos Achillis 
55 haec ait: Infesti placemns nutnina Phocbi 

reddamusqne pio castam Cbrysoida patri, 
57 si volumns Danai portus iutrare salutis. 

Dixcrat. Eiareit subito violentia regia. 
59 Thestoriden dictiß primum compellat amaris (acerbis A) 

mendacemqne vocat ; tarn magnam incnsat Acbillem 
61 inque vicem ducis invicti convicia saffert. 

Confremoere omnes. Tandem elamore represso 

68 cogitnr invictos aeger dimittere amores 
intactamqae pio rcddit Chryseida patri 

65 multaqne dona snper. Quam cnnctis notus Ulizes 

impositam pappi patriae devexit ad arces 
67 atquc iternm ad Dananm classes soa vela retorsit. 

Protinas infesti placantar nnmina Phoebi. 

69 [et prope consnmptae vires reddantar Acbivis.] 
Non tarnen Atridae Chryseidis ezcidit ardor; 

71 moeret et amissos deceptns luget amores • 

moz rapta magnom Briseide privat Acbillem 
73 solatorqae Bnos alienis ignibns ignes. 

At ferne Aeacides imdato protinns ense 
75 tendit in Atriden et, ni sibi reddat honestae 

mnnera militiae, letnm crndele minatnr. 
77 nee minus ille parat contra defendere sese. 

quod nisi casta mann Pallas tenoisset AchiUem, 
79 turpem caecns amor famam (flammam A) liquisset in aevnm 

gentibns Argolicis. Contenta voce minisque 
81 invocat aeqnoreae Pelides nnmina matris, 

ne se plus populis coram patiatar inultum. 
83 At Thetis andita nati prece deserit undas 

castraqne Myrmidonnm inxta petit et monet armis 



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non cessat, natnm qaod protegat insnperatnm. (88) 



85 Diva maris, triste cor pone! michi labor iste (98.911) 

iiicumbet. sine te, qaid agam, delibero de tc. 
87 Tu modo solare prolis tibi pectora care.1 (95) 

Jupiter hnic inqtut. Tom celos diva relinquid (93) 
89 atqne Jovis leta verbis repetit loca eueta. 

Talibas irata Satnrnia: Doride nata (104.99) 
91 ac ego plus, fatnr, valet, at Teucros tueatur, (99) 

obrnat ÄrgolicoR, horum refovens inimicos. 
93 Nnmqoid sam, quanti Thetis est, ego? aed tibi tanti 

penditur uxoris nomen pariterqoe sororis. (100.101) 

95 Taliter offendit regem : sed et ille rependit 
(f. 138) aapere nee mitis patitar convitia litis. (105. 106) 
97 Ora refrenantes animosqoe reconciliaiitcs 

nt sibi qnisqae redit, com verbis ira resedit. (106) 

99 Tone epulando dei rapiunt superesse diei, 

corpora dehinc leti prosternnnt pigra qnieti. (109. 110) 



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Eine gereimte Umarbeitung der IUm Latin*. 2 

85 abstineat dextra, gressuque exinde per auras 

emicat aethereas ei in anrea sidera fertur. 
87 Tone genibus regia sparsis affnsa capillis: 

Pro nato venio genitrix, en, ad tua supplex 
89 nnmina, summe parens! alciscere raeqoe menmqae 

pignus ab Atridat quodsi permittitnr illi, 
91 nt flammas imprme mei violarit Achillis, 

tarpiter oeeiderit snperata libidine virtus. 
93 Jnppiter haic contra: Tristes depone qaerellas, 

magni diva maris! mecum labor iete mauebit. 
95 Ta solare toi maerentia pectora nati. 

Dixit. At Ula Ieves caeli delapaa per auras 
97 Utas adit patrium gratasque sororiboa ondas. 

Offensa est Jono 'Tantum' qoe ait, ■optime. coninnx, 
99 Doride nata valet, tantum debetar Achilli, 

nt mihi, quae conionx dicor toa quaeque sororia 
101 dnlce fero nomen, dilectos fdndere Achivos 
et Troum renovare velia in proelia vires? 
103 haec tu dona refers nobis? sie diligor a te?' 

Talibns incosat dictis irata tonantem 
105 inque vicem summi patitar convicia regis. 
Tandem interposito lis ignipotente resedit, 
107 concilinmqae siaml genitor demittit Olympi. 

Interea sol emenso decedit Olympo 
109 et dapibns divi carant soa corpora largia. 
inde petnnt thalamoB iocondaqne dona qnietis. 



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Wie Ludwig IX d. H. das Kreuz nahm. 
(Altfranzösiches Lied in Cambridge). 



Wilhelm Heyer ans Speyer. 
Professor in Güttingen. 

Mit einem Beitrag von Prof. Albert Stimming. 

Eingereicht am 29. Juli 1907. 

Als ich im Oktober 1906 in der Bibliothek der Universität 
Cambridge die Handschrift Bd. XI. 78 untersuchte, sah ich auf 
der Vorderseite des 196. Blattes einen altfranzösischen Text, der 
mir historischen Inhalts zu sein schien, der aber im gedruckten 
Katalog nicht notirt war. Als ich dann im Juni 1907 eine 
Photographie erhielt, erkannte ich, daß es ein Lied von 7 zehn- 
zeiligen Strophen sei, in welchem verkündet wird, daß und wie 
der König von Frankreich das Kreuz genommen habe. Das Lied 
ist jedenfalls nnr wenige Wochen nach dem Ereigniß entstanden, 
also Ende Dezember 1244 oder Anfang Januar 1245. Es ist 
interessant wegen des Inhalts, wegen der Dichtnngsform und 
wegen der Sprache. 

(Inhalt) Die zwei lateinischen Lieder, welche 1244 am Jahres- 
tage (29. Nov.) der Krönung Ludwig 's IX gesungen wurden nnd 
welche ich (Ges. Abhandlungen LT 332/7) veröffentlicht habe, sind 
hochpolitisch gestimmt und stellen dem König die Monarchia, die 
Kaiserkrone, in Aussicht. Dies wenige Wochen nachher entstandene 
französische Lied ist volksthümlich und bescheiden: mit den ge- 
hörigen Betrachtungen als Eingang und Schluß verkündet es, daß 
der König das Krenz genommen hat, und erzählt, wie das zuge- 
gangen ist. 

Langlois (bei Lavisse, Histoire de France III, 2, p. 18) be- 
merkt über die Quellen der Geschichte Ludwig des Heiligen 'Les 



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Wilhelm Meyer, Wie Ludwig IX d. E. das Kreuz nahm. 247 

bistoriens du moyen äge ne dispoaent pas souvent des sources si 
abondantes et d'anssi bonnc qualite' ; allein, wie unsicher alle Ge- 
schichtsschreibung ist, wie sie voll iat von dem, was die Leute 
sagen, das mag auch diese unbedeutende Begebenheit zeigen. Wie 
die Berichte unserer Zeitungen, so sind ausführliche historische 
Berichte zu allen Zeiten unsicher. 

Sicher steht hier nur die ThatBache, daß König Ludwig Mitte 
Dezember 1244 bei einer schweren Krankheit das Kreuz genommen 
hat. Die Umstände, unter welchen dies geschah, werden von 
nicht Wenigen und theilweise ausführlich berichtet; allein immer 
in verschiedener , oft widersprechender Fassung. Dabei hat noch 
nicht einmal Gunst oder Haß feindseliger Parteien oder Kationen 
mitgeschaffen. So ist, nach dem einen Bericht, Ludwigs Mutter, 
als sie hört, er habe das Kreuz genommen, so entsetzt, als ob er 
gestorben sei : nach einem andern Bericht berührt sie den Körper 
des Bewußtlosen mit den heiligsten Reliquien und thut an seiner 
Statt das Gelübde, daß er, gerettet, das Kreuz nehmen und ins 
heilige Land ziehen werde. Es ist fast sicher, daß von den 
vielen berichteten Einzelheiten einige wirklich die wahren Bind: 
allein wer kann sagen, welche? Wohl aber lehren uns all diese 
Berichte , wie die Phantasie von Hoch und Nieder in Frankreich 
ein solches Ereigniß sich ausgemalt hat. 

Von allen Berichten unterscheidet sich der im Recneil des Hiato- 
riens XXI 164 und in Mon. Germ. Script. 25, 453 gedruckte wichtige 
Bericht des Chronicon Hanoniense (Balduin Avenoensis) : En cel 
an meismes, prist une gries maladie au roi Loeys ä Pontoise, si fu 
tens (lel) menes que on coida que il fnst mors. Et s'empartirent 11 
physisiien, et fu pries d'une liue de terre {— une heitre) en tel point 
ke tuit li huis furent ouvert, et i aloient tuit eil de l'hostel cui il plai- 
soit. Et furent mande li prelat pour faire la commendasse de l'ame. 
En tel point, le vit on remouvoir et l'oi" on plaindre. Dont furent 
reniande li physisiien, qui ä grant painne li ouvrirent la bonce 
taut que il ot avale 1. poi de caudiel {bouülon). Apries se penerent 
tant qne par la volentet Nostre-Signoor li rois torna ä garison. 
Et quant il fu garis , il prist la crois d'outremer. Dieser Be- 
richt klingt ganz unpoetisch und trocken, wie der amtliche Bericht 
des Hofarztes : aber er mag der Wahrheit am nächsten kommen. 

Schlicht ist auch der Bericht des Guill. G u i a r t in La Branche 
des royaus Lignages (Recueil XXII p. 185, Y. 9597): a. 1244 Fn 
sainz Loi's le douz, le sade, Dejouste Pontoise malade, A Mau- 
buisson, en l'abaie ('en l'abeie de Maubuisson' tagt auch der Ano- 
nymus im Sctual XXI p. 83, J), D'une tres crnel maladie, Tres 



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248 Wilhelm Meyer, 

venimeuse et tres amere, Que Ten apele dissiutere Es livres des 
phisiciens. Cele le tint en tiex liens, Et le jnstisa cel an si Qu' il 
fa ausi come transi. Le peuple entonr lai amasse L'ot nne heare 
poar trespassL 1 . Mes Dies, qoi pecbeears respite, Li remist el core 
l'esperite, Si qu' ü ot vive voiz et ferme; Par qnoi tantost, sanz 
querre terme, Prist Ia croiz a pleurs et ä crainte. Et vooa qu'en 
la Terre sainte Iroit; dont adont li souvirit. 

Joinville (Recneil des Historiens XX 207/8), der Frennd 
Ludwigs, berichtet : Ludwig war in Paris so krank, daß von zwei 
Wartefraucn die eine ihn für todt hielt und sein Geeicht ver- 
hüllen wollte ; doch die auf der andern Seite des Lagers stehende 
widersprach; die Seele sei noch im Körper. Ludwig erwachte, 
verlangte, daß man ihm das Kreuzzeichen gäbe, 'et si fist on'. 
Die Königin-Mutter freute sich sehr, als sie sein Wiederaufleben 
erfuhr; aber als man ihr erzählte, er habe das Kreuz genommen, 
ward sie so betrübt, als ob er gestorben sei. 

Fast ebenso kurz, aber verschieden im Inhalt ist der Bericht 
des 'Confesseur de la reine Marguerite' (Recneil XX 67): In 
Pontoise schwer erkrankt (malade de tiercaine double) ordnet 
Ludwig Alles auf s Beste and nimmt von all den Seinen Abschied. 
Nachher verlangt er von den dabei stehenden Bischöfen von Paris 
and von Meaax das Kreuzeszeichen. Nach einigem Abrathen geben 
sie's ihm; er küßt es and legt es auf seine Brust. 

Sehr ausführlich und rhetorisch ist der lateinische und franzö- 
sische Bericht des Guillaume de Nangis in den Gesta S. Ludovici 
(Recneil XX 344/7). Ludwig erkrankt schwer in Pontoise i'va- 
lida febre et vehementi flnxa ventris). Viele geistliche und weltliche 
Würdenträger eilen dahin. Fürbitten und Bitt-Prozessionen werden 
überall veranstaltet. Doch einen guten Theil eines Tages galt 
Ludwig für todt und der Ruf davon ging überall hin. Aber Gott 
half ihm. 'Ut ab illa exstasi ad se ipsnm rediit, crucem protinns 
transmarinam instanter petüt et accepit'. Da aber die Krankheit 
sehr gefährlich blieb, bewirkte Blanche, daß in St. Denis die Re- 
liquien des h. Dionys und seiner beiden Genossen in einer Bitt- 
Prozession durch Kreazgang und Kirche getragen wurden. Zu 
der Stande trat entschieden Besserung ein. In seinem Chro- 
nik on (Recneil XX 550) schweigt Wilhelm von dieser Prozession 
in St. Denis und gibt das Übrige sehr kurz. 

Die Acta Sanctorum (August V p. 389) geben in § 518 und 
519 den Bericht des Marino Sanndo. Der Anfang ist nach 
Wilhelm de Nangis gefaßt; doch wird hier der Bischof von Paris 
als derjenige genannt, von dem Ludwig, zu sich kommend, das 



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Wie Ludwig IX d. H, du Kreuz nahm. 249 

Kreuz verlangt Dann beißt es hier: Hoc andientet* mater et 
coniux flexis genibns orabant, nt plenain ezpeetaret corporis Sani- 
tätern ; tone demum faceret, quod liberet. Commotas ille respoudit, 
eibam aat potum nequaquam snmptnrum, niei crucem prius sumeret 
transmarinam ; et ab episcopo emeem iterato requirit. Unter dem 
Jammern aller Anwesenden gibt der Bischof ihm das Kreuzes- 
zeichen. Ludwig erklärt, jetzt erst werde ihm besser. 

Die Acta Sanctornm § 617 wiederholen und vertheidigen den 
Bericht des Richerua monachns Senoniensis (Monumenta Germ., 
Scriptores 26 S. 304). Der schwer kranke König hatte eine 
Vision: die Christen kämpften mit den Saracenen and wurden 
fast alle erschlagen; da rief eine himmlische Stimme den fran- 
zösischen König zu Hilfe. Erwacht gelobt er den Kreuzzug; 'et 
statim crucem ßibi dari preeipiens, invita matre domina Blancha, 
cruce aignatus est'. 

In vielen Stücken und stark verschieden lautet der Bericht 
des Matthaeus Parisiensis zum Jahre 1244 seiner Chronica majora 
(ed. Luard, IV 1H77 p. 397); ich setze ihn vollständig hierher. 
A. 1244 in adventu domini rex Francorum L. ex reliquiis corrup- 
telae, quam in Pictavia, cum negotiis bellicis indulsisset, contra- 
xerat, graviter infirmatus, in exstasim letalem raptus, jaeuit aliquot 
diebus (diei horis?) quasi mortnus et, assertione plurium cirenm 
sedentium, penitus exanimatus. Assistebant autem mater et frater 
eins et episcopus Parisiensis et quidam alii eins familiäres, cre- 
dentes quod jam rex mortuus obriguisset. Sed mater ipsius 
profundiora aliis trahens suspiria singnltibus ait sermonem pro- 
rumpentibus (perrumpentibus ?) : 'Non nobis , domine , non nobis, 
sed nomini tuo da gloriam (Psalm 113,1), et salva hodie regnum 
Franciae, quod hactenus honorifice semper sustinuieti'. Et appli- 
cans crucem Banctam et coronam et lanceam Christi suo tempore 
adquisitas corpori regis filii sui et votum faciens pro eo, 
quod, si ipsum dignaretur Christus visitare et eanum reddere 
et conservare, cruce signaretur, sepulchrum eins visitaturus 
et gratias ei sollempnes redditurus in terra, quam proprio sanguine 
consecravit. Et cum ipsa et omnes alii praesentes pro ipso 
corde sincero et perfecto orationem continnassent , ecce rex, qui 
mortuus credebatur , suspirans brachia et tibias sibi attraxit et 
postea extendit et voce praecordiali quasi ex sepuichro resuscitatus 
(= mit einer Grabesstimme) ait : 'Yisitavit me per dei gratiam 
oriens ex alto (vgl. Lucas I 78?) et a mortuis revoeavit'. et inde 
plene convalescens crucis sollempniter humero suo assumpsit sig 
naculum , vovens se deo in spontaneum holocaustum et terram 



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250 Wilhelm Meyer, 

sanctam se, si concilium regni, quod assnmpsit gubernandum, tole- 
raret, m persona propria visitaturum. 

So verschieden sind die einzelnen Nebenumstände in den 
mittelalterlichen Berichten geschildert. Diesen Stoff behandeln 
nur die neueren Historiker, je nach ihren Methoden. Die 
Naiven stellen entweder, wie die Acta Sanctorum, die verschiedenen, 
widersprechenden Berichte im Wortlaut neben einander, oder sie 
setzen, wie die Steinchen zu einem Mosaik, so all die überlieferten 
Einzelheiten so gut es geht zu einer zusammenhängenden Erzählung 
zusammen, wie dies z.B. Schölten, Geschichte Ludwig IX (1850 
I 217) gethan hat. Die Romantischen machen es nach der Art 
des Augustin Thierry; so hat Villeneuve- Trans, HiBtoire de St. 
Louis (II 1839 p. 21/2 und 26/31) überallher Einzelnes entlehnt 
und diese Einzelheiten belebt und zu einem romanhaften Ganzen 
ausgeschmückt. Die Neueren, die Kritischen, wie Walion, St. Louis 
(I 1875 p. 194), nehmen nur einzelne Züge, welche ihnen wahr zu 
sein scheinen; so ist der Bericht von Langlois (Lavisse Histoire 
de France III, 2, 99) auf 2 Zeilen zusammengeschrumpft : 'Malgre* 
Blanche de Castille et tont son entonrage, Louis avait pris la 
croix, pendant nne maladie, ä la fin da 1244'. Allein selbst von 
diesen 2 Zeilen behauptet die eine Unsicheres. Denn Matthaens 
Far. sagt sogar, Blanche sei die Ursache gewesen, daß Ludwig 
das Kreuz nahm, und unser Gedicht bezeugt wenigstens, daß sie 
diesen Entschluß gebilligt habe. 

Also von allen berichteten Nebenumständen wissen wir nicht 
zu entscheiden , welche wirklich vorhanden gewesen sind und 
welche die Phantasie des Volkes dazu gedichtet hat. Zu diesen 
Berichten paßt also durchaus das von mir gefundene Gedicht. 
Es verkündet in der 1. Strophe die freudige Botschaft, daß der 
König von Frankreich das Kreuz genommen habe. Dann (2. Strophe) 
werden die Tugenden des Königs gepriesen. In den folgenden 
4 Strophen wird der Hergang erzählt. Ludwig war lange schwer 
krank; ja, man glaubte und sagte schon, er sei todt, eine Bot- 
schaft, bei welcher seine Mutter Blanche im heftigsten Schmerz 
aufschrie (3. Str.). Man hielt den König für todt und er wurde 
verhüllt (vgl. Joinville). Viele strömten in das Gemach und 
jammerten laut. Robert, der Graf von Artois, des Königs Bruder, 
rief ihm noch zu, wenn Jesus es gestatte, solle er ihm Antwort 
geben (4. Str.), Da stöhnte Ludwig und bat, der Bischof von Paris 
Bollte ihm das Kreuz anheften; sein Geist sei lang im h. Land 
gewesen (vgl. die Vision bei Richer), and sein Leib solle bald 
dorthin ziehen (5. Str.). Alle freuten sich, hielten sich aber 



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Wie Ludwig IX d. H. du Kreuz nahm. 251 

still- Blanche umschlang ihren Sohn and versprach, gern werde 
sie ihm 40 mit Geld beladene Saumpferde zum Heereszug geben 
(6. Str.). Das Gedicht schließt (7. Str.) mit einem Preis der 
Kreuzfahrer, welche, wenn sie auf der Kreuzfahrt stürben, in das 
Paradies eingingen. 

Offenbar ist dies Gedicht von keinem der anderen uns über- 
lieferten Berichte abhängig ; der Dichter gibt wieder , was man 
unmittelbar nach dem Ereigniß in seiner Gegend sich erzählte. 
Das Gedicht ist gewiß kurz nach dem Ereigniß entstanden, ist 
also bis jetzt der älteste Bericht darüber; aber ob von dem, was 
es berichtet, das Eine oder das Andere wirklich geschehen war, 
kann nicht bewiesen werden. Die legendenhafte Unsicherheit steht 
ja einem Gedichte am besten an. 

Als historisches Denkmal kann dies Gedicht nicht mehr Glaub- 
würdigkeit beanspruchen denn die übrigen historischen Denkmäler 
dieses Kreozzages. Aber als Dichtung steht es hoch. Der Dichter 

— nach Vers 8 wohl ein Ritter — kennt nicht nur seine Kunst, 
sondern er ist ein wirklicher Dichter. Der Aufbau des Gedichtes 

— die frohe Botschaft • das Lob des Königs • Erzählung des Her- 
ganges " Preis der Kreuzfahrer — mag ja der damaligen Uebnng 
der Dichter entsprechen ; aber dieser Aufbau ist gut durch- 
geführt. Und Gedanken nnd Ausdrucksweise sind trefflich und 
oft wirklich poetisch. So ist dies Lied das Muster eines guten 
historischen Liedes : ein bedeutender, jeden Menschen und Christen 
rührender Vorgang in knapper und doch packender Darstellung. 

Damit dies Gedicht der gelehrten Welt in möglichst echter 
nnd richtiger Form vorgeführt werde, erbat ich die Hilfe meines 
Kollegen Albert Stimming. Seiner kundigen Führung darf ich 
die Leser jetzt überlassen '). 

Wilhelm Meyer. 

1) In der Handschrift (Cambridge CJniversity Dd. XI 78) fallt das Gedicht 
die Vorderseite von fol. 196 gänzlich ; während die 4 ersten Strophen je 5 Zeilen 
einnehmen, ronBten die drei letzten Strophen anf je 4 Zeilen zusammen gedrängt 
werden. Jede Strophe beginnt in neuer Zeile, doch ist sonst Alles wie Prosa 
geschrieben. Die Schrift kommt sonst in dieser Handschrift nicht vor; sie ist 
schöne englische SchnOrkelschrift des IS. Jahrhunderte. Der Schreiber gehört 
in jenen, die in Diphthongen y statt i schreiben Außer eit in Vers 50 und 
joiaunz v. 51 stets ay (5 Mal}, ey (10), oy (24). Ebenso im Alexanderfragment 
(11/12. Jahrh., Monaci Facsimili pl. 12/18] stets ay ey oy uy; ebenso die 2. Hand 
der Jenaer Liedern ft; s. meine Abhandlung 'Buchstaben Verbindungen' 1897 S. 100. 
Ebenso schrieb Luther, ebenso König Ludwig I v. Bayern, und deßhatb muß ich 
schreiben 'Meyer' und 'Speyer'. lieber u, v, w (S. 254) vgl. meine 'Buchstaben- 
Verbindungen' S. 94. W. M. 



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(Text der Handschrift) 

1 
Tot li mnnd deyt mem>:r joye 
e' estre heu emvoysez 
li roys de frauliche' e croyses 
por aler en chele noye 
la v che ne pas employe 
ki tent de tusz se pechez 
sauf e ki en la mir noye 
trop me tard ki je ni soye 
la deus fu crncefie 
na nnl ke aler ni doyae. 

2 
Ne saney pas le auentore 
por qaey li roys e croyses 
il e leaus e enteis 
e se pruduma a dreyture 
tannt cum sa reame dure 
est il amers e aproyses 
saynte vio nette pure 
sannz pechete sannz ordnre 
moynent li roys se sachez 
ke*I' na de maueyte eure. 

3 
H out une maladie 
ke lattgemeiit li dura 
par qncuB reysun se croysa 
kar ben fu la edemie 
kern quidont ke'i' fu saan vie' 
aachnn dist ke i trepassa 
dame blaonche lacheuie 
ki est sa mer e samie 
mn darement se ecria 
fist tannt dure de partie. 

4 
Tnsz quiderent vroyement 
ke li roys fu trepasses 
yn drap fu snr li ietes 
e pluroyent duremeot 



(Vermathliche Urform; s. S. 255) 

1 
Tonz li monz doit mener joie 
Et estre bien envoisiez: 
Li rois de France est croisiez 
Poor aler en cele voie, 
o La on eil pas ne s'emploie 
Ei tient de tooz ses pechiez. 
Saus est ki en la mer noie; 
Trop me tarde qne j'i soie 
La deus fn craceftiez; 

10 N'a nnl qui aler n'i doie. 
2 
Ne savez pas l'aventure 
Ponr qnoi li roia est croisiez. 
II est loiaus et entiers 
Et s'est proud'oms a droitnre; 

15 Taut com ses roianmes dore 
Est il amez et proisiez. 
Sainte vie, nete, pure, 
Sanz peebie e sanz ordare 
Meine li rois; ce sachiez, 

20 Ke il n'a de mauvaistie eure. 
3 
II out une maladie, 
Ki longement li dura. 
Par qael raison se croisa, 
Kar bien fu (la pe'lemie) 

25 K'em qnidoit ke il fast sanz vie, 
Aucuns dist ke il treapassa, 
Dame Blanche l'eschevie, 
Ki est sa inere et s'amie, 
Hont dnrement s'eseria: 

30 „Fiz, tant dure departie!" 
4 
Tnit qniderent voiretnent 
Ke li rois fast tresp&ssez. 
Uns dras fa soar Iui jetez, 
Et ploaruient durement; 



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Wie Ludwig IX d. H. das Krem nahm. 



entra li tute sc Gent 
vn ten doyl ne fn mene 
li quens dartoys vroyement 
dist au roy mo ducemmt 
beuas dusz frere a moy porles 
ei iean le ws consent. 



85 Entra i tonte sa gent, 
One tens dens ne fn menez. 
Li qnens d'Artois voirement 
Dist an roi mont doncement: 
„Beans, donz frere, a moi partes 

40 Si Jesas le vonB consent". 



Adnnt li roys snspira 
e di beans frere dnaz amis 
•V e li neche de paris 
ore tost si men croysiray 
kar ltwgement estey a 
ntre mer mes eprisz 
e li men cors ühirra 
si dens pleysit, conqiiera 
la tere e snsz saracins 
ben eit ke me eyderoye. 

6 
Tuz furtnt joiannz e lesz 
qwant il oermt li roys 
e se tindrtnt tnsz coys 
for sa mere an cors doszche 
dneement lasz einbräche 

ie nuws dnray de denerB 
kar che t ka rannte snmers 
a duner a sondoers 
bonement le nuws otroye. 

7 
Chaschnn a chete nnnele 
dey t estre Den abandisz 
kar isi cum» met avis 
el et anenaonte e bele 
mnst sera en hante sele 
dewanndens en parayB 
ke repanndra sa ceraele 
t snn saune *v sa bnele 
en la tere *v en pays 
la dens nacquit del aoncele. 



Adont U rois soospira, 
Dist: „Beaus frere, donz amis, 
Li evesqnes de Paris 
Or tost si me croisera, 

45 Kar longement este a 
Ontre mer mes esperiz; 
Et li miens cors s'i ira, 
Si den piaist, et conqnerra 
La terre sos Saracins; 

50 Bien ait ki m'i aidera!" 
6 
Tnit fnrent joiant et lie, 
Quant il Öirent le roi; 
Et si se tindrent tnit coi : 
Fors sa mere aa cors deugi£, 

öö Doacement l'a einbrachte: 

„Je vons donrrai de denierB 
Chargiez karante nomiers, 
Bonement le vons otroi, 

60 A doner a sondoiers. 
7 
Chascans a ceste nouvele 
Doit estre bien abandiz. 
Kar, aissi com m'est avis, 
Ele est avenanz et bele; 

65 Mont sera en hante sele 
(chevauchane) en parSis, 
Ki respandra sa cervele 
On son sanc oo sa bonele 
En la terre OB el päis 

70 La dens nacquit de l'ancele. 



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254 Wilhelm Meyer, 

Die sprachliche Form. Der Text der Handschrift trägt 
deutlich die Merkmale des an g 1 011 o r mann i sehen Dialekts. So 
erscheint ey statt e in estey (statum) 46; e statt i in ke (is qui) 
50 ; ei, ey statt ai in eit 50 ; vortonig in mavey te" 20 ; reysun 23 ; 
eyderoye 60. Das unbetonte e der Endung ist weggefallen in 
tard 8; mer 28. Nasales a wird durch an wiedergegeben in 
Franncbe 3; taunt 15, 30; sann, sannz 18, 25; Blaunche 27; joiaunz 
51; karannte 58; avenaunte 64; saune 68; auch vortonig, wie in 
repanndra 67; anncele 70. Statt des franz. Diphthonge ie findet 
sich stets e, nicht nur entsprechend vlt. a, wie in emvoysez 2; 
croyses 3, 12; pechez 6; aproyses 16; sachez 19; einbräche 6ö; 
karchet 58, sondern auch entsprechend vlt. <j (oder offenem e), wie 
in enters 13; lesz (laeti) 51 und statt der Endung -arius, wie 
in deners 57; sumers 68; soudöers 59. Genau so steht nasales e 
statt nasalem ie in ben 2, 24, 50, 62; tent 6 and men 47. 

Das franz. ou wird regelmäßig durch u wiedergegeben, sowohl 
in der betonten Silbe, wie in tut 1, 6, 35, 51, 53; pur 4, 12; u 
5, 68, 69; sur 33; dusz 39, 42; utre 46; mnst (multum) 65 (wohin 
auch vuus 57, 60 zu rechnen ist), als auch in unbetonter, z. B. in 
pluroyent 34; ducement 38, 65; suspira 41; durrai 67; nuvele 61 
und büele 68; beides auch, wenn der Laut nasal ist, wie in 
mund 1; prudums 14; cum 15, 63; reysun 23; im (unquamj 36; 
adunt 41; sun 68; lungement 22, 45; eunsent 40; sumers 58 und 
daner 59. Dem franz. oi entspricht entweder ebenfalls oy, wie 
in voye 4; employe 6; uoye 7; soye 8; doyve 10; roy^) 12, 19, 
32, 38, 41, 62; pluroyent 34; moy 39; eideroye 50; coys 53, 
otroye 60, oder seltener ey, eo in deyt 1, 62; quey 12; reysun 23; 
endlich e in reame 16. 

In Betreff des (Jonsonantismus ist Folgendes zu bemerken. 
R scheint umgestellt zu sein in vroyement statt voirement 31, 37 
(denkbar wäre auch, daß oi graphisch statt ai eingetreten ist); 
m ist statt u vor v geschrieben in emvoysez 2; w ist statt uu, 
vu geschrieben in ws 40; t ist unorganisch angefügt in fist (filius) 
30; desgleichen nt in moyncnt (3. Sg.) 19; umgekehrt ist lt im Aas- 
laut ausgelassen in mu 29, 38; ebenso st in di 42; e (est) 3, 13, 
14 ; wahrscheinlich auch in fn 25 und 32 , da quidier der Regel 
nach den Conjunctiv im Objectsatze hat; mehrfach erscheint sz 
statt z, so in tnsz 31, 53; dusz 39, 42; eprisz 46; lesz 51 und 
abaudisz 62. Ein s ist hin und wieder in der Schreibung vernach- 
lässigt, nicht nur vor Consonanten, wie in mavey te 20; ecria 29; 
trepasBes 32; veche (episcopus) 43; eprisz 46; chete 61; et 64; 
repanndra 67, sondern auch im Auslaut, z. B. in se (snos) 6; for 



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Wie Ludwig IX d. II. das Kreuz nahm. 255 

(foris) 54. Umgekehrt ist es unberechtigt graphisch eingefügt 
worden in most (moltnm) 65; queus (qualem) 23; aach sz, wie 
in duszche' (delicatum) 64 and rsz (habet) 55. Das franz. c (= k) 
wird durch ch wiedergegeben in anchnn 26 ; veche (episcopus) 43 und 
chaschnn 61; es ist anslaatend weggefallen in un (unquam) 36; 
franz. c (= ts) erscheint in picardischer Art als ch in chele 4 
und chete 61. Ein doppelter Consonant statt des einfachen er- 
scheint nur in nette 17 und in hirra 47; umgekehrt r statt rr in 
conquera 48. Die im Agn. beliebte Praefixvertanschung liegt vor 
in achevie statt eschevie 27; vielleicht auch in abandisz 62, da 
abaodir nach Godefroy anf dem Festlande nur selten vorkommt 
statt des häufigen esbaudir. . 

Der Arttkel weicht einzeln von dem festländischen Brauch ab, 
z. B. in le aventure 11; sa reame 15. Die Flexion der Nomina 
ist bereits völlig zerrüttet, wie fast jede Zeile des Gedichtes be- 
weist, nnd bei dem Verbum sind, wie oft im Agn., Uebertritte von 
einer Conjngation zu der andern bemerkbar, so in croysiray 44; 
pleysit 48 (falls nicht ein Schreibfehler vorliegt) nnd in öerent 52. 

Wenn demnach über die Heimat des Copisten kein Zweifel 
walten kann, so fragt sich doch, wo die des Dichters gesacht 
werden soll. Da es nun höchst unwahrscheinlich ist, daß ein 
französisches politisches Gelegenheitsgedicht vom Jahre 1244 in 
dem damals politisch von Frankreich getrennten England ent- 
standen sein sollte, da sodann unter den Reimen kein einziger 
die Annahme des anglonormannischen Ursprungs verlangt, so ist 
es nicht zweifelhaft, dass unser Gedicht auf dem Festland und 
zwar vermnthlich nicht allzuweit von Paris entstanden ist, wes- 
halb ich versacht habe, den überlieferten Text in centralfrau- 
zösische Form umzuschreiben. 

Die metrische Form. Das Gedicht besteht aus 7 Strophen 
zu je 10, d. h. zusammen aus 70 Versen, doch hat der Abschreiber 
den fünften Vers der sechsten Strophe ausgelassen, sodaß in Wirk- 
lichkeit nur 69 vorliegen. Nach der Beobachtung meines Kollegen 
W. Meyer rindet sich in jeder Strophe, vermutlich der Melodie 
entsprechend, nach der zweiten nnd der sechsten Zeile eine Sinnes- 
pause, so daß jede Strophe ans 2 + 4 + 4 Zeilen besteht. Die 
Verse sind sämtlich Siebensilber, die Reimfolge ist ab. baab. aaba. 
Hieraus ergiebt sich, daß in Strophe 6 der Abschreiber die beiden 
letzten Verse umgestellt hat nnd daß in v. 44 und v. 50 der Reim 
-a hergestellt werden muß, der auch dem Sinne entspricht. Die 
Reime sind der Regel nach in allen Strophen verschieden, was 
natürlich nicht ausschließt, daß einzelne, z. B. -ez, mehrfach wieder- 



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256 Wilhelm Meyer, 

kehren. Bemerkenswert]] ist, daß die Strophen 4, 5, 6 nur männ- 
liche Reime aufweisen, während in den 4 übrigen der a-Iteim 
immer weiblich ist. Einige kleine Uhgenauigkeiten kommen bei 
den Reimen vor; so scheint für den Dichter auslautendes z bereits 
dem s sehr ähnlich gelautet zn haben, so daß er esperiz 46 und 
abandiz 62 mit -is reimt. So erklärt sich anch entiers 13 im Reim 
auf -iez, da bekanntlich r vor Consonant seiner schwachen Arti- 
cnlation wegen mehrfach für den Reim nicht gerechnet wird. 
Auffälliger ist es, daß in Saracins 49 -ins mit -is, d. h. oraler 
Yocal mit nasalem reimt, sowie daß in Strophe 6 der a-Reim in 
der ersten Hälfte, d. h. drei mal -ii, in der zweiten Hälfte, d. h. 
ebenso oft, -iers (lautlich fast -ies) lautet. Hier hat sich der Dichter 
also eine kleine Abweichung von dem genauen Schema erlaubt. 

In einigen Fällen ist die Silbenzahl in der überlieferten Form 
nicht die richtige, kann aber durch leichte Verbesserungen unschwer 
hergestellt werden. So erhalten wir in v. 8 eine Silbe zu viel, 
sobald wir die franz. Form tarde einführen ; da die Negation nicht 
in den Sinn paßt, so ist „que j'i eoie" zu lesen. In v. 16 wird 
die überzählige Silbe durch Streichung des überflüssigen a in 
aproyses entfernt, in v. 42 durch Auslassung der Conjnnction e, 
d. h. et. Eine fehlende Silbe wird hergestellt, wenn wir in v. 46 
„esperiz" für „eprisz" einsetzen, in v. 50 c m'i" schreiben statt 
„me", das vor dem Verbum elidirt werden müßte, endlich in v. 53 
e in das gleichbedeutende „et si" verwandeln, da „si" wegen des 
folgenden „se" leicht weggelassen werden konnte. Vers 43 lautet 
in der Ueberlieferung 'v e li veche de paris. Wenn wir den 
Anfang als „vous et" auffassen, so entstehen 8 Silben. Die Form 
des Verbums in v. 44 zeigt aber, daß das Subj. im Sing, und in der 
dritten Person stehen mnsB. Daraus folgt, daß nach dem Wunsche 
des Kranken der Bischof allein ihm das Kreuz anheften soll, weshalb 
„Li evesques de Paris" zu lesen ist. TJeber einige weitere Mängel 
des überlieferten Textes werde ich in den Anmerkungen sprechen. 

Anmerkungen. 5 Cilpas ne s'emploie. Die Hs. hat ne pas 
ploye, doch darf die Negation ne nicht von ihrem Verbum getrenn: 
werden und emploier kommt intransitiv nicht vor, während G-ode- 
froy 9,444 es mehrfach reflexiv belegt. 6 tient de touz sespechiee. 
Tenir de heißt „abhängen von", z. B. De lni (sc. Gnillaume) tan- 
dront Baivier et Alement, Li Nerbonois 740; auch figürlich (Belege 
Güdefroy 10, 752). 9 La erscheint gewöhnlich zusammen mi 
ou in der Bedeutung „wo", so in v. 5. Beide Worte werden ein- 
zeln auch in eins zusammengezogen, z. B. „17 me trovereit?" — 
r Lan jo sni" Thomas, Tristan 140. Aber auch la allein erscheint, 



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Wie Ludwig IX d. H. du Kraus nahm. 257 

allerdings selten, in gleichem Sinne, so noch in v. 70 unseres 
Liedes. Ein weiteres Beispiel (s. Godefroy) findet sich in dem 
Gedichte „Li Estas des Papes" von Gilles li.Mnisis (ed. Kervyn 
de Letteuhove I, 311), wo das bekannte Sprichwort von den Mausen 
and der Katze in der Form erscheint: La n'a kat, soris monlt 
sonvent y revielle. 14 a draüure eigentlich „nach der Regel, 
nach der Vorschrift" daher „ echt, comme ü taut". 24 Der zweite 
Theil des Verses ist verderbt. In edemie scheint der Schloß von 
lat. epidemia zn stecken, das bei Godefroy schon vom 12. Jahrb. 
an belegt wird. Es erscheint als epidemie, epedemie, pidimie u. a. 
Daher wäre bei uns 1' epedemie oder la pedemie denkbar; nur er- 
wartet man dann statt des Adverbs bien ein Adjectiv als Prädicftt, 
etwa „Kar forz" oder noch besser „Si forz", was auch zn dem „Ke" 
der folgenden Zeile gut passen würde. 36 i. Li, wie die Hs. hat, 
ist im Französischen in der Bedeutung „dort" (= illic) nicht belegt. 
36 One. Es wäre auch möglich, das Überlieferte „an" als „annm" zu 
fassen; dann wäre „ans" zn lesen, doch ist dies nicht wahrscheinlich. 
44 "ic Die Lesart der Handschrift m'en „mich deswegen" giebt 
keinen guten Sinn; wahrscheinlich ist das auslautende n, wie auch 
sonst einzeln im Agn., anorganisch angefügt. 48 Si den platet et 
conquerra. Man könnte auch hinter v. 47 ein Semikolon machen und 
dann „Si den ptaisoit, conquerra" lesen. 49 aus Saraeim. Sua hat 
hier, wie das gleichbedeutende sor mehrfach, die Bedeutung „gegen" 
im feindlichen Sinn. So in : Tant s'est danz Foucbiers eschaufez Sor 
Marin, Wilh. v. Engl. 1479'; enntre cels enemis Ki sur nus sunt 
espris, Compat. 76; manjat (,'o qa'Eve li dunat Sur le defens de 
De, ib. 535. Daher auch „zum Schaden, auf Kosten, zum Nach- 
theile von- 1 , so hier und: corone a prise deseur le roi Karion, 
Goi de Bourg. 881 ; ja mais n'avrai sor toi deus deners moneez, 
Parise la Dach. 551, 1552, 1581 u. Ö. 56 Der Sinn des fehlenden 
Verses ist etwa: Und sie (Blanche) hat zu ihm gesagt. 58 Char- 
g'tee. Die Hs. hat karchet, d. h. abgesehen von der picardischeu 
Form, den Singular als Attribut zu somiers. Solche Nachlässig- 
keiten kommen zwar einzeln vor, z. B. J'ai endormi jointes et 
ners (nervös) Berol, Tristan 3852; sie sind aber auf Bechnnng 
der Copisten zn setzen. 66 Das erste Wort der Hs. „dewaun- 
dens" ist unverständlich. Erforderlich ist ein zn „sera" gehöriges 
Part. Präs. von 3 Silben; am besten paßt wohl chevanchanz, da 
es in dem mit „en kante sele" begonnenen Bilde bleibt, das mir 
allerdings sonst nicht begegnet ist. 

Albert Stimming. 

KfL SM. L Win. NiehriehUa. Philo log.- Witor. X)MM 1M7. B*tt S. 17 

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Der delphische Wagenlenker. 



C. Robert (Halle a. S.). 
Hit einer Figur im Text 

Vorgelegt in der Sitzung vom 20. Juli 1907 von F. Leo. 

Der Versuch Fr. von Duhns die in Delphi gefundene Bronze- 
statae eines Wagenlenkers auf Pythagoras zurückzufahren (Ath. 
Mitt. XXXI 1906, S. 421 ff.) ist, wie ich glaube, von Fnrtwängler 
mit schlagenden Gründen zurückgewiesen worden (Sitz.-Ber. d. 
Bayr. Akad. 1907, S. 167). Furtwängler selbst ist geneigt, der 
Annahme von Svoronos zuzustimmen , wonach die Statue zu 
dem von Pansanias X 15, 6 beschriebenen Weibgeschenk der 
Kyrenäer gehört hatte und ein Werk des Amphion von Knossos 
gewesen wäre, eines Künstlers, den die Tradition bekanntlich 
als einen Enkelschaler des Kritios bezeichnet, der also diesem 
stilistisch sehr nahe gestanden haben muß. Allein er findet 
darin eine unüberwindliche Schwierigkeit, daß in dieser Gruppe 
nicht Battos, den er sich allenfalls in solch jugendlich idealer Bil- 
dung vorstellen zu können meint, sondern Kyrene die Zügel ge- 
führt hat, und empfiehlt deshalb die Frage nach der Zugehörigkeit 
des Blocks mit der Kimstiersignatur des Sotadas von Thcspiae einer 
nochmaligen Nachprüfung. 

Da nun aber außer manchem anderen namentlich die sti- 
listische Verwandtschaft mit den Tyrannenmördern, die Fort- 
wängler selbst schon früher hervorgehoben hatte (a. a. O. 1897, 
S. 128) und auch jetzt wieder mit Recht betont, außerordentlich 
für die Zuteilung an Amphion spricht, so lohnt es sich zu prüfen, 
oh diese Schwierigkeit wirklich so unüberwindlich ist, wie es auf 
den ersten Bück scheint. Meiner Ansicht nach ist sie es nicht; 



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C. Robert, der delphische Wagenlenkcr. 259 

man muß nur versuchen, auf folgende drei Fragen eine präzise 
Antwort za finden: 

1. Wenn die Statne zum Weihgeschenk der Kyrenäer ge- 
hörte, mit welcher der von Paasaniae genannten Figuren 
kann sie identisch sein? 

2. Hat Pansanias die einzelnen Figuren des Weihgeschenks 
richtig benannt, und wenn nicht, wen stellten sie in Wahr- 
heit dar? 

3. Wie erklärt sich die Rasur in der Weihinschrift? 

Auf dem Wagen standen nach Pansanias drei Figoren, Kyrene 
als Wagenlenkerin, Battos und die ihn kränzende Libye. Daß die 
gefundene Bronzestatae nicht Battos sein kann, hat bereits Fort- 
wängler gezeigt. Ich muß aber noch weiter gehen, als er, und 
behaupte, daß die Deutung auf den Ktistes von Kyrene auch durch 
das lange Wagenlenkergewand und die Bartlosigkeit ausgeschlossen 
ist. Gehört die Statue zum Weihgeschenk der Kyrenäer, so kann 
sie nur die Kyrene oder vielmehr die Figur sein, welche Pansa- 
nias, getäuscht durch das lauge Gewand und das, abgesehen von 
dem leicht zu übersehenden Backenflaum, bartlose Gesicht für 
Kyrene hielt. 

Damit hätten wir denn auch schon den ersten Teil der zweiten 
Frage beantwortet und wenigstens bezüglich dieser einen Figur 
in negativem Sinn. Es läßt sich aber dasselbe, ganz unab- 
hängig von unserer bisherigen Betrachtung, auch noch für eine 
zweite Figur beweisen. Denn ist es nicht ein geradezu ungeheuer- 
licher Gedanke, daß die Kyrenäer ihren Archegetes als gekrönten 
Wagensieger nach Delphi geweiht haben sollten ? Ein solches Denkmal 
an solcher Stelle kann sich doch nur auf einen pythischen Wagensieg 
beziehen, und seitWashbnrn von der alteren Fassung der ersten Zeile 
die Buchstaben IAA?AN U gelesen (s. das Faseimile auf der nächsten 
Seite) und Svoronos dies evident zu 'JQxsrf)iXas &v£ (0-t;« ergänzt hat, 
wissen wir, daß dieser pythische Sieger Arkesilas IV von Kyrene 
war und daß nicht, die Kyrenäer den Wagen geweiht haben, sondern 
ihr Fürst. Nun pflegen aber, wie die Wagenanathetne von Olympia 
lehren, die Sieger auf diesen Wagen sich selbst darstellen zu 
lassen. Daß Arkesilas hiervon zu gunsten seines Ahnherrn eine 
Ausnahme gemacht haben sollte, ist um so unwahrscheinlicher, als 
dabei ein ganz unmöglicher Vorgang herausgekommen wäre. Wo- 
her das Mißverständnis des Pansanias stammt, kann nicht zweifel- 
haft sein: er hat, wie so oft, die Namen, die er in der Weihin- 
schrift fand, zur Deutung benutzt und falsch bezogen. Denn daß 
in dieser Kyrene und Battos, sei es der Vater deB Stifters, sei es, 



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260 C.Robert, 

wie Pausaniaa meint, der Ktistes, vorkamen, das dürfen wir ohne 
weiteres supponieren. So iat ans Arkesilas and seinem Wagen- 
lenker Battos mit der Kyrene geworden. Auch die Benennung 
der dritten Figur ist nicht unverdächtig. Zwar daß Libye den 
Arkesilas bekränzt, ist an sich denkbar; die Szene wäre dann bei 
der Heimkehr zn denken. Aber nach Analogie der beiden anderen 
Deutungen müssen wir auch hiei mit der Möglichkeit rechnen, daß 
die Benennung wiederum dem Weihepigramm entnommen ist und 
daß die den Arkesilas krönende Frau iu Wahrheit die Pythias 
war, wie auf dem Votivgemälde des Alkibiades in den Propyläen. 

Stimmt man diesen Prämissen za, so ergibt sich die Antwort 
auf die dritte Frage von selbst. Aus Pindar wissen wir (P. V 
166), daß sich Arkesilas nach seinem im Jahre 462 gewonnenen 
Sieg sehr lebhaft auch einen olympischen Wagensieg wünschte, 
und bekanntlich ging dieser Wunsch schon 460 bei den Spielen 
der 80. Olympiade in Erfüllung. Ist es da nicht begreiflich, daß 
er den Wunsch hatte, dieses Sieges auch auf seinem mittlerweile 
in Delphi aufgestellten Weihgeschenk zu gedenken? Er ließ da- 
her an diesem die erste Zeile der Weihinschrift durch eine andere 
ersetzen, in der auch der olympische Sieg erwähnt war und in der 
er sich stolz als uolvtykos bezeichnete, welches Appelativ, da man 
es irrtümlich als nomen proprium faßte, so lange den wahren Tat- 
bestand verdunkelt hat. 

Den Wortlaut der beiden Fassungen wiederzugewinnen wird 
kaum je gelingen, aber man kann von mir den Beweis verlangen, 
daß das, was ich als Inhalt der Epigramme voraussetze, auch 
wirklich darin gestanden haben kann, und dieser Beweis läßt sich 
nur erbringen, wenn wir zu ergänzen versuchen. Zunächst ist 
hervorzuheben, daß der erste Hexameter, da die beiden Endsilben 

0'/ftYAl?AWÖt MANE€ H k 
O/^AgEgVO/vVMArOA/* 

von xolfyaiog über den beiden ersten Silben des ävtoyns der 
ersten Fassung stehen, in der ersten Fassung die caesura beph- 
themimeres, in der zweiten Fassung die caesura penthemimeres 
gehabt haben muß, wenn er anders, was aber wohl selbstverständ- 
lich ist, in beiden Fassungen an derselben Stelle, also über dem 
Anfang des zweiten Hexameters begann. Da ferner in der ersten 



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der delphische Wagenlenker. 261 

; das pe vor &vd&tptav fehlt, so folgt weiter, daß dort das 
Woihgeschenk nicht redend eingeführt war, sondern z. B. too' 
SyaAfia. oder röö' Sfifia dagestanden haben muß. Somit könnte die 
erste Fassung z. B. gelautet haben: 77tiOta vtxäv 'Ai/xeeiXag ävi- 
Qrpte t66' äpj*« '), die zweite aber etwa Uv&itp 'J^xteilas 6 nokv- 
£akos r 1 ' &v&ipiev. Ben zweiten Hexameter könnte man zu xksivbg 
Bccvxtadas, &v &£', evaimifi' "AitoXkav oder ZU illä Kvfiüvu inaivov 
«*£', tiatwn' "AxokXov ergänzen; aber in dem ersten Falle fehlt 
die Erwähnung von Kyrene, im zweiten die des Battos, während 
nach der obigen Darlegung beide Namen in den Epigramm vor- 
gekommen sein müssen. Und vollends ist es ganz unmöglich in 
der zweiten Fassung die Erwähnung des Sieges von Olympia 
unter zubringen, wenn sie auf zwei Hexameter beschränkt war. Aus 
diesem Dilemma bietet sich aber als Ausweg die Annahme, daß 
das Epigramm wenigstens in seiner zweiten Fassung aus zwei Di- 
stichen bestanden habe und beidemal der Hexameter nnd der 
Pentameter in einer Zeile geschrieben waren. Ein genau entspre- 
chendes Analogon hierfür vermag ich allerdings nicht anzuführen. 
Denn bei den auf die Oberfläche der Flinthen geschriebenen 
Olympionikenepigrammen 142, 149 und 154, wo Hexameter and 
Pentameter gleichfalls in einer Zeile geschrieben sind , biegt 
diese Zeile an den Ecken rechtwinklig um. Aber man wolle auch 
nicht vergessen, daß die Zahl der auf großen Basen stehenden Epi- 
gramme, die wir kennen, eine viel zu kleine ist, als daß sich daraus 
feste Normen ableiten ließen, und daß bei der gewaltigen Breite der 
Arkesilasbasis die Anordnung in langen Doppelzeilen sich schon 
aus dekorativen Gründen empfahl. Es erscheint daher durchaus 
möglich, daß schon die erste Fassung ans zwei Distichen bestand. 
Anderenfalls war eben der Wunsch , den Sieg in Olympia hinzu- 
zufügen, der Grund, weshalb einem jeden der Hexameter noch 
ein Pentameter angehängt wurde. Der zweite Hexameter konnte 
unverändert stehen bleiben. Zwar enthält er verblümt die Bitte 
um den Sieg in Olympia, aber in so allgemeiner Fassung, daß er 
auch, nachdem dieser errungen war , nicht getilgt zu werden 
brauchte ; denn Rohm konnte Apollon dem Arkesilas oder Kyrene 
doch gar nicht genug verleihen. Die zweite Fassung könnte also 

1) An der Stelle, an die das d von iätf zu stehen kommen wurde, hat 
Washtiurn in der Tat einen Buchstabenrest gelesen, der sehr gut von 8 stammen 
kann. Dagegen scheint der letzte von ihm gelesene Buchstabe unter K an der 
Stelle, wohin das P von cpfiß kommen mußte, vielmehr £ an sein. Es muß also, 
wenn die Lesung sicher ist, ein anderes Wort als Spfia dagestanden haben, das ich 
aber nicht finden kann. 



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262 C. Robert, der delphische Wagenlenker. 

ungefähr gelautet haben : üv&(tp V4pxt 0&a$ b nokvfclos /*' &vi- 
fhpu IIv&oC x&v TJiOa xakbv ikhv tttltpavov. iXXä Kvyavq ixatvov 
tieft, timwft' "Anoklav, BAxtov 5g ix B^f/aq äyajisg ig Aißvav. 
Den zweiten Pentameter habe ich nach den Worten des Pao- 
sanias Bthrov, 5? is Atßv-qv ijyays 6<päg vavüXv ix Öjjpas gebildet, 
es läge dann bei diesem, wie so oft, eine Paraphrase der Inschrift 
vor. Die erste Fassung aber hätte, wenn auch sie ans zwei Di- 
stichen bestand, z. B. folgenden Wortlaut haben können: IIv&icc 
vix&v 'ApxeätXas Avifrijxe r6S' ßpfia Brnriädag Qoißov nkovtsttp iv 
xtpivH. &XXä Kvffdcva xrX. 

Um die schöne Entdeckung von Svoronos zu halten bedarf es 
also nicht der romanhaften Geschichte von dem Rebellen Poly- 
zalos, durch die der Entdecker selbst den Erfolg seiner Ent- 
deckung schwer geschädigt hat. Nachdem ihr Washburn die epi- 
graphische Stütze gegeben hat, bedarf es nnr der Annahme, daß 
Pansanias ein Versehen begangen habe, wie es ihm notorisch öfters 
begegnet ist. Die Kunstgeschichte aber gewinnt ein litterarisch 
beglaubigtes Werk des Amphion aus dem Jahre 462. 



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Zur Chronologie des Paulus 

Von 

E. Schwartz 

Torgelegt am 23. Februar 1907 



Die Chronologie des Apostels Paulas hängt von zwei Ereig- 
nissen der politischen Geschichte ab, dem Tod König Agrippas I. 
und der Abberufung des Procurators Felix. Beide lassen sich 
mit wünschenswerter Sicherheit datieren. 

Agrippa I. erhielt von Gaius gleich im Anfang von dessen 
Regierang das Diadem , also im Frühjahr 37 [Ioseph. AI 18, 237J. 
Im 4. Jahre seiner Herrschaft [los. AI 19,351] bekam er die 
Tetrarchie des Herodes Antipas. Das muß im Sommer des Jahres 
40 gewesen sein; denn Herodes Antipas war persönlich an den 
Hof des Gaias gereist nm Agrippa anzuklagen und verlor bei 
dieser Gelegenheit seine Würde [los. AI 18, 240 ff.]. Eine See- 
reise von G-alilaea nach Rom war nur im Sommer möglich and 
ein früheres Jahr ist aasgeschlossen, da sonst das vierte Jahr 
nicht herauskommt 1 ). Das wird durch die M ünze n des Antipas 
bestätigt. Auf ihnen kommt noch das Jahr MJ vor. Da die 
offiziellen Regentenjahre mit dem Kalender , in Palaestina und 



1) Wenn Ioaepbiw dies Jahr nicht ausdrücklich a. a. 0. angäbe, warde man 
nach 18,256 in Versuchung sein den Sturz des Herodes in das zweite Jahr des 
Garns, Sommer 38, zu setzen. Das ist ein Anzeichen daß Iotephus «ich in der 
Anordnung der Erzablnng nicht ansschlieilich nach der Zeitfolge richtet Ihn 
kommt mehr darauf an die guten Thaten des Qsiui , d. h. die Beförderung de* 
Agrippa, und die bösen, nftmlich den Versuch seine Statue im Tempel aufzustellen, 
zu einander in Gegensatz zn bringen, und so erzählt er, chronologisch betrachtet, 
Herodes Reise an falscher Stelle. 

Kfl. Gm. i. War. HttkrkkUi. PUlolof.-bUoi. XIm» U07. Haft 8. 18 



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264 E - Schwartz 

Syrien also von Herbst zu Herbst laufen 1 ) und das 1. Jahr des 
Antipas frühestens das Todesjahr des großen Herodes, 5/4 v. Chr., 
gewesen sein kann, ist das 44. gleich Herbst 39/40, eben das 
letzte. Am 24. Januar 41 wnrde Gaius ermordet; Claudius be- 
stätigte bald nach seiner Thronbesteigung Agrippas Herrschaft 
und Titel nnd gab ihm Iudaea und Samarien noch dazu, so daß 
das Reich des großen Herodes wiederum in einer Hand war [los. 
AI 19, 274], Nachdem drei volle Jahre seiner Herrschaft abge- 



1) In der procura torieclien Provinz Iudaea und in der späteren Provinz 
Syria Palaestina wird nach Kaiserjahren datiert, wie die Münzen nnd die Inschrift 
aus der Zeit des Commodus lehren, die ich Nachr. 1906, 394 angeführt habe. 
Iosephus datiert bekanntlich ebenfalls nach Kaiserjahren ; es liegt am nächsten 
anzunehmen daß er die officiellen meint, bei denen das 1. Jahr gleich dem 
Kalenderjahr gesetzt wird, in dem die Thronbesteigung erfolgt. Die tribuniciseben 
Jahre, die damals mit den factischen Regierungsjahren sich decken, kommen. 
weder für die provinziale Zählung in Betracht, wie die unter Augustus in Iudaea 
geschlagenen Münzen zeigen, noch für den Usus der Historiker, die nie nach 
ihnen, sondern nach Consulats- oder Olympiaden jähren rechnen. Nur mit Hilfe 
der offiziellen Jahreszahlung läßt sich die Erzählung in III 7, 2 1 ü ff. in Ordnung 
bringen. An der Spitze steht das Datum: 4. Jahr Vespaaians ; da dieser im Jahr 
68/69 Kaiser wurde, = Herbst 71/72. Die Erzählung selbst setzt sich aus dis- 
paraten Elementen zusammen, dem Sturz des Antiochos Epiphanes von Komma- 
gene [219—243], dem Einbruch der Alanen in Armenien [244—261] und der Er- 
oberung von Masada [252—407]. Diese gehört allein zur Sache urd ist genau 
datiert, auf den 15. Xantbikos [nach dem lyrischen Kalender, den Iosephus ge- 
braucht = 2. Mai], ohne Jahreszahl ; also wird auf das an der Spitze stehende 
Datum zurückgewiesen. Das hat aber nur Sinn, wenn die ganze Partie annalistisch 
angeordnet ist, und so wird wiederum verständlich, wie die beiden fremden Stücke 
hineingekommen sind. Tbatsächlich beginnt die Provinzialaera von Kommagene 
mit Ol. 212,3 [Cbron. Pasch. 464, I] = Herbst 71/72; lälit man die Jahre Vespa- 
sians vom dies imperii I. Juli 69 ab laufen, so rückt die Katastrophe des letzten 
kommagenischen Königs in das Jahr 1. Juli 72/73 : und das ist nach dem sicheren 
Indicium der Provinzialaera zu spät. Ebenso schiebt sich bei dieser Rechnung 
die Eroberung von Masada vom 2. Mai 72 auf den 2. Mai 73 ; und doch sind 
schon die 1'/, Jahre nach dem Fall Jerusalems [August 70], die bei der Qleichung 
4. Jahr Vespasians = Herbst 71/72 herauskommen, eine Galgenfrist für die 
letzten jüdischen Freiheitskämpfer, die sehr lang ist. Zuzugeben ist, daß eine 
andere Stelle bei Iosephus nicht in das System paßt. Nach ihm beginnt der 
jüdische Aufstand mit dem Krawall in Caesarea im Mai des 12. Jahres Neros 
[HI 2,284. AI 20,257] = 66. Das bleibt richtig, wenn das 1. Jahr = Herbst 
54.55 gesetzt wird; aber das Datum am SchluB des unglücklichen Feldzugs des 
Legaten Cestius Gallus [BI 2,555] stimmt nicht mehr. Der 8. Dios [25. November] 
des Jahres 66 fällt nicht in das 12., wie Iosephus angiebt, sondern in das 13. Jahr 
Neros; denn das tyrische Jahr beginnt mit dem 1. Hypcrberetaeos [19. October; 
vgl. Nachr. 19O0, 346]. Jedoch erklärt sich der Fehler leicht: der Jahreswechsel 
schnitt in die Erzählung der Kriegsereignisse hinein nnd ist darum ignoriert. 



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zur Chronologie des Paulus 265 

laufen waren [AI 19, 343] , also im vierteil = Herbst 43/4, starb 
Agrippa in Caesarea. Wenn Iosephns [a. a. 0. 350] behauptet, 
dies sei im 7. Jahre seiner Herrschaft — statt im achten — ge- 
schehen, so hat er ans den Intervallen die er gleich darauf zu- 
sammenstellt, einen falschen Schluß gezogen. Er sagt [a.a.O. 351]: 
TtTTotQctg jtiv ovv inl Fcciov Kafauftog ißaeiXsvaiv ivtavrovg, «JS ®'~ 
Xixitov (tlv TtzQttQxtag Big tfitetiav &</%tcg, räti rerdfftat tffc xal v$v 
'Hoätdov Wpoffftijj^ais, rpffg d"' imlaßtov tijs KXavdiov Kaitfapog 
avroxparopiag, iv olg t&v xs irpoftpijuf/vmv ißaaCXtvOsv xal zip* 'lov- 
öaiav jtffotJs'XaßEv icftapeiat- te xal KaiGapctav. Die 4 + 3 Jahre 
die in dieser Rechnung vorkommen, zählte er zu 7 zusammen; 
im jüdischen Krieg hatte er zwar ebenfalls drei Jahre auf das 
jüdische Königtum, aber nur drei aof die beiden Tetrarchien 
gerechnet , weil Garns nur 3 volle Jahre regierte [BI 2, 204] *). 

Agrippa starb in Caesarea, wohin er sich begeben hatte um 
ein Fest pro salute Caesaris zu begehen. Es war ein stehendes 
Fest, wie außer den "Worten des Iosephns *) der Umstand beweist, 
daß die Notabein der Provinz und städtische Gesandtschaften 
[Act. Apost. 12, 20] von auswärts zu ihm zusammenströmten. Ein 
solches war von Herodes I. bei der Gründung der Stadt gestiftet; 
wie die römischen ludi pro ualetudine Caesaris, die unter Augustns 
gefeiert wurden [Mommsen, Res gestae dini Augusti p. 41], war 
es penteterisch [los. AI 16, 136 ff.]. Als Jahr der Einsetzung 
giebt Iosephns das 28. des Herodes = ol. 192 [12—8 v. Chr.] an. 
Itamitkann nur 10/9 v.Chr. gemeint sein; denn in das 17. verlegt 
er die Reise des Augustus nach Syrien [AI 15,354], die sicher 



1) BI 2,210 ßeßaaikivxme ftv irr] vfia, itQOTtQOv di t&v xtxQa<uiS<v xf/iclv 
mpois fctoiv Aipr^edfxfvoi. Eine falsche Rechnung steckt auch in dem ver- 
kehrten Regierungsjahr Agrippas II BI 2, 284 itQoecläiiflavsv xi)v &qx^}V & jhS- 
IfbpS dmtcitäzai plv trci rfjg Nit/avot qycpovlag, cxta*ai8l*ätai St Tijs 'Ayfhtlta 
ßaoilii'as, 'Afttfuaiav fiTjvds, Danach muß Agrippaa II. erstes Jahr = Herbst 
40,50 gesetzt werden , was Iosephns eigener Angabe [AI 20, 104] widerspricht, 
daß Agrippa im 8. Jahr des Claudius = Herbst 47/48 seinem Oheim Herodes, 
dem Bruder Agrippaa I. nachfolgte. Die 17 Jahre kommen aber dann heraus, 
wenn losephuB zunächst 12 Nero zuschlug und von Claudius 13 vollen Jahren 
[BI 2,248] 8 abzog. Er konnte die offiziellen Zahlungen Agrippaa IL, von 556 
and 60/61 [vgl. Mommsen, Numism. Zeitschr. 3,451], nicht gebrauchen und war 
daher gezwungen zurechnen, traute aber seinen Resultaten nicht; denn AI 20,257 
läßt er bei dem gleichen Datum das Jahr Agrippaa aus. 

2) AI 19, 343 mvtttXu o"/tToC&a &ta>QÜK (ludo») tls tijv KainaQOt nfMfVi 
ijnfp tijs iWvov atoiijeias fopTjji" riva tavitjv hmndpevos. 

18* 



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266 E- Schwarte 

im Sommer 20 v.Chr. stattfand 1 ) [Dio 54,7]. Zählt man aber von 
10/9 v. Chr. die vierjährigen Intervalle , in denen das Fest ge- 
feiert werden sollte, ab, so ist thatsächlich das Jahr 43/44 v. Chr. 
ein penteterisches , und zwar das erste solche, seitdem Agrippa 
König von Indaea geworden war and in Caesarea als Herr auf- 
treten konnte. Herodes hatte es so eingerichtet, daß die lud* pro 
salute Caesarig nnd der Geburtstag der Caesarstadt, oder wie die 
Griechen sagen, ihrer Tyche zusammenfielen, ganz natürlich : die 
Tyche von Caesarea ist mit dem genius Caesaris identisch. Der 
Geburtstag der Tyche von Caesarea ist bekannt : es war der 
5. Dystros [= 5. März] nach Euseb. de mart. Palaest. 11,30; an 
demselben Tage müssen die penteterischen Spiele gefeiert sein. 

Demgemäß darf mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen 
werden daß Agrippa I. Anfang März 44 in Caesarea gestorben ist. 



Durch das Todesdatum Agrippas I. wird zunächst die Zeit 
der Verfolgung bestimmt, mit der er, um sich bei den Juden po- 
pulär zu machen, die christliche Urgemeinde in Jerusalem heim- 
gesucht hatte [Act. Apost. 12, 1 ff.] : denn die Christen konnten 
in dem plötzlichen Tod des Königs nur dann ein Strafgericht 
Gottes sehen, wenn er kurz vorher sie seine Macht hatte fühlen 
lassen, ganz abgesehen davon daß die Apostelakten die Reise des 
Königs nach Caesarea unmittelbar an das in Jerusalem ergangene 



1) In der Geschichte des Herodes rechnet Iosephus auch chronographischen 
Regiemngsjahren; das verrathen die öfter zugesetzten Olympiaden- und Consulats- 
jahre. Herodes erbllt die Königswürde vom Senat [AI 14,389] ol. 184 [Herbst 
44,40], unter dem Consnlat des Cn. Domitius Calvinus II und C. Aaiirins Pollio 
[40 ».Chr.; es ist also nach griechischer Gewohnheit das Olympiaden jähr = dem 
Consnlat das in ihm anfangt, gesetzt], und erobert Jerusalem [AI 14,487] 
unter dem Consnlat des M. Agrippa und Canidius (soll heißen Caninius) Gallus 
[37], ol. 186 [Herbst 40—36] ; über r&t tfitat tir;vi, das Gardthausen, Augustus 
2, 120 nicht verstanden hat, vgl. Wellhausen, iaraelit. Gesch. * 294, 1. Als erstes 
Begierungsjahr ergiebt sich aus dem Datum AI 15, 354 das Olympiadenjahr 
185,4 = Herbst 37/36 v. Chr.: es ist dazu das erste volle Jahr nach der Er- 
mordung des Antigonos [AI 14,489f. 17, 191] genommen. Das ist chronographi- 
sche, nicht officielle Zahlweise; chronographisch ist anch die Auswahl der auf 
Begiernngsjahre des Herodes gestellten Daten : 7. Jahr [31,30] Erdbeben in Iodaea 
nach der Schlacht bei Actium [AI 25,131]; IS. Jabr [25/4] Mißwachs, Hungers- 
not und Pest [AI 15, 299] ; 17. Jahr [21/20] Reise des Kaisers nach Syrien 
[s. o.]; 18. [15. BI 1,401] Jahr [20/19] Beginn des Tempelbans [AI 15, 380]; 
28. Jahr [10/9], mit ol. 192 [12—8] geglichen, Gründungsfeier von Caesarea s. o. 
Das sind alles Ereignisse die ihrer Natur nach in eine Chronik gehören. 



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zur Chronologie des Paulus 267 

Strafgericht anschließen [12, 19] '), Die Verfolgung wird also in 
den Anfang des Jahres 44 zu setzen sein. Sie sollte die Organi- 
sation der Gemeinde sprengen nnd traf daher — der römischen 
Verwaltungspraxis entsprechend — die Häupter. Petras entkam, 
wie die Christen in ihrer Aufregung behaupteten, durch einWnnder ; 
Iacobus nnd Johannes, die Zebedaeussöhne , wnrden hingerichtet. 
Die Apostelakten sind allerdings schon durch die jüngere Legende 
vom kleinasiatischen Johannes beeinflußt nnd nennen im jetzigen 
Text nur noch Iakobus [12, 2] *) ; daß aber beide Brüder das Mar- 
tyrium erlitten, ist durch das ins Evangelium aufgenommene, also 
in Erfüllung gegangene Orakel [Mc. 10, 35 f.] nnd die bei Papias 
[TU 5*, 170] erhaltene Tradition sicher und unwiderleglich bezeugt. 
Noch im 4, Jahrhundert feierte nach dem b. g. syrischen Martyro- 
logium, d. h. dem vortheodosianischen Festkalender von Constan- 
tinopel die Gemeinde von Jerusalem am 26. December das An- 
denken der in Jerusalem verstorbenen apostolischen Märtyrer Ia- 
kobus und Johannes *), nach einer Ueberlieferung die bis in die 
ersten Zeiten der Gemeinde von Aeüa, also bis in die Mitte des 
2. Jahrh. mindestens zurückreichen maß: als einmal die Legende 
vom epbesischen Johannes sich gebildet nnd gesiegt hatte, konnte 
jene Feier des Doppelmartyriums nicht mehr aufkommen. 

Alle diese Zeugnisse , das evangelische Orakel , die Ueber- 
lieferung bei Papias , der Festkalender von Aelia verlangen daß 
die beiden Brüder zusammen hingerichtet sind. Dem scheint frei- 
lich der Bericht des Paulas entgegenzustehen , der nach Gral. 2, 9 



1) Wenn sie Petrus Verhaftung in die Zeit der Azyma legen [12, 3], so ist 
das etwas zu spat: hier hat die Analogie der Passion eingewirkt. Iq analoger 
Weise datiert Eusebius EO 8, 2, 4 und de mart. Palaest. prooem. 1 den Beginn der 
diocletianischen Verfolgung nach dem Osterfest, setzt aber einmal den Dystros 
[= März], ein anderes Mal den Xanthikos [= April] an. In Wirklichkeit ergieng 
das erste Decret in Nibomedien an den Terminalien = 23. Febrnar [Lactant de 
mort. persec. 12,1]; dafür setzte Eusebius in der KG den März, weil dem ersten 
Erlal bald schärfere nachfolgten, in den palaestiniscken Märtyrern den April, 
da die kaiserlichen Edicte Zeit brauchten um von Nikomedien nach Caesarea zu 
gelangen. Das Osterfest ist nur um der Stimmung willen zugesetzt, und darum 
verschlägt es nichts, daß zwei verschiedene Monate dabei stchn. 

2) Die sprachliche Fassung ist verdächtig: ixiflaitv 'K^ind^s 6 flaailtbt 
ras z'ffS xaxäiaaC tivag t&v &itb rijf JxxJlnfflttg , Avitltv Si 'Idxaflov riv &9tl- 
<f>bv 'Imdvov (ittioipi;*. Man erwartet xaxämat tobs *«o ifle huXrjoiaf oder tijv 
ixxXrjeiav und dann die bestimmten Fälle; das unlogisch vorangestellte «»äs 
verdutzt nm so mehr, als dann nur ein Opfer der Verfolgung genannt wird und 
mit 3 eine nene Motivirung beginnt. 

3) Darauf hat Bousset Theolog. Rundschau 8, 229 hingewiesen. 



DgizedDy G00gle 



268 E. Schwärt* 

bei der zweiten Reise nach Jerusalem dort mit lakobus (dem 
Herrenbruder), Kephas und lobannes, den 8. g. 'Säulen', zusammen- 
traf. Ais ich die Abhandlang [VII 5] über den Tod der Söhne 
Zebedaei schrieb, schien es mir anmöglich, diese Reise des Paulus 
ins Jahr 43/44 za setzen, nnd ich versuchte den Säulenapostel 
Iohannes mit Iohannes Marens zn identifizieren; ich habe längst 
eingesehen daß dieser Aasweg erst recht in die Irre hineinfährt. 
Es ist wiederholt vorgeschlagen, zwar den Märtyrertod des Io- 
hannes in Jerusalem aufrecht zn erhalten, ihn aber von dem seines 
Bruders zn trennen und später, aber noch vor 70 zu setzen ; doch 
habe ich stets Bedenken getragen zuzustimmen. Denn jene Zeug- 
nisse verlieren ein gut Teil ihrer Kraft, wenn das Boppelmartyriom 
in zwei durch einen langen Zeitraum von einander getrennte auf- 
gelöst wird: vor allem das Orakel selbst setzt den tiefen Eindruck 
voraus, den der Tod der Brüder auf die Gemeinde machte, and 
ein solcher Eindruck entsteht einmal und unmittelbar, nicht suc 
cessive und durch zusammenschiebende Reflexion. Und wenn man 
dies Argument sabjeetiv nennen mag, es dürfte schwer fallen die 
historische Situation nachzuweisen, in der die Jnden einen re- 
ligiösen Gegner, der den Römern nichts zu Leide that, officiell 
zum Tode verurteilen konnten. Eine so günstige Lage der Dinge, 
wie im Jahr 43/4 unter König Agrippa I., wurde den Jnden nicht 
wieder beschert; sie behielten jenen grade darum in so glänzender 
Erinnerung, weil er ihrem Fanatismus viel leichter ConceBsionen 
gemacht hatte als die römischen Procnratoren, die einen geordneten 
Proceß verlangten, ehe sie zum Tode verurteilten 1 ). Als kurz 
vor dem letzten Krieg ein fanatischer Hohepriester das Intervall 
zwischen dem Tod eines Procurators und dem Eintreffen seines 
Nachfolgers benutzte um Todesurteile zu fällen und nach alt- 
jüdischer Weise vollstrecken zu lassen, die die Römer nie be- 
stätigt haben würden, da erregte das gewaltiges Aufsehn und rief 
auch in jüdischen Kreisen Proteste hervor. Und gerade bei dieser 
Gelegenheit kann lobannes nicht umgebracht sein: denn Iosephus, 
der die Bluturteile seines Lieblings Agrippa sorgfaltig verschweigt, 
ist über die nsurpirte Justiz jenes Hohepriesters recht ausführlich 
[AI 20, 197 ff.] nnd giebt auch an daß sie in erster Linie lakobus 
'den Bruder des s. g. Messias' traf. Aber diesem lakobus wird 



1) In den Städten mit römisch-griechischer Cultur, wie in Caesarea nnd 
Sebaste, erregte die Nachricht von seinem Tode ausgelassene Freude [los. AI 
19,356]: die heidnische Bevölkerung wußte, was sie von einem national iidis eben 
Regiment zu erwarten hatte. 



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zur Chronologie des Paulos 269 

loharmes nie zugeseilt, weder bei Iosephns noch in der christ- 
lichen Legende. 

Das Problem steht, demgemäß so : Iakobns nnd Iohannes. die 
Söhne Zebedaei, sind nicht lange vor März 44 von Agrippa I. 
hingerichtet; Paulus hat den Zebedaeossohn Iohannes als Leiter 
der Urgemeinde neben dem Herrenbrnder Iakobns nnd Petras in 
Jerusalem getroffen , als er zum zweiten Mal nach seiner Be- 
kehrung in Jerusalem war. An beiden Thatsachen ist nicht zu 
rütteln nnd v.a deuteln: als Schluß bleibt nnr übrig, daß jene 
Reise spätestens im Winter 43/44 stattfand. 

Als Paulus den Galaterbrief schrieb, war er zwei Mal nach 
Jerusalem gereist. Diese Reisen sind in den Berichten der Apoßtel- 
acten noch aufzufinden, doch ist die Kunde von ihnen schon 
recht trübe geworden. Die erstere, auf der er Petrus und den 
Herrenbruder Iakobns kennen lernte, liegt als historischer Kern 
der arg entstellten Erzählung Act. 9,26 ff. zn Grunde; die zweite 
hat sich verdoppelt nnd erscheint Act. 11,25 ff. nnd 15. In Cap. 15 
ist wenigstens daran die Erinnerung bewahrt, daß zwischen Paulas 
und den Führern der Urgemeinde eine Auseinandersetzung über 
die Beschneidung der Heidenchristen stattgefunden hatte; freilich 
ist mit Absicht und bewußter Polemik gegen den Galaterbrief 
Petrus statt Paulus zum berufenen Hoidenapostel gemacht '). Der 
Erzählung geht eine Einleitung vorans, die ihr widerspricht und 
außerdem Dinge enthält, die zn den vorhergehenden Capiteln nicht 
passen; die Erzählung ist also an eine Stelle gesetzt, für die sie 
ursprünglich nicht geschrieben war. Nach 15,1.2 erhoben Brüder 
aas Jerusalem, die nach Antiochien kamen, dort die Forderung 
daß jeder Christ sich beschneiden lassen müsse. Als Paulus und 
Barnabas widersprachen und ein großer Streit entstand, schickte 
die Gemeinde *) — von Antiochien — diese beiden nnd einige 

1) 15,7 '{Petrus spricht) i>jir fj ItiCatae&e Sit 6np' rjfiti/div &i(%atiov iv vpiv 
l£tli£ato i fttbs 3ia ioi) ax6ftut6s i*ov anotottu tä fdvt) tbv X&yov xov tiayyiliov 
r.al icurrtGaat. Das zielt auf Gal. 2, 7 m-xCazfvpai tb tiayyiltov ii)e &*Qoßvau'it$ 
xu&öjs nitQOf tljt njpiiofifje. In der Erzählung ist Paulus ein subalternes 
Schweigen auferlegt, weder durch Zufall noch aus Harmlosigkeit noch mit der 
Tendenz su vermitteln, sondern hier spielt ebenfalb wie in die Rede des Petrus 
der Zweck hinein die paultniBche Erzählung zn corrigieren. Wenn also die That- 
sache , daß dies Stack der Apostelakten sehr entschieden gegen einen pauliniscben 
Brief polemisiert, nicht bestritten werden kann, so bleibt freilich controvers, von 
was für Leuten diese Polemik ausgegangen ist und in wessen Interesse sie ge- 
legen bat. 

2) Anders kann die Lesung der Recension « f™|«v &vaßalvetv nctvlov xol 
Bugvußäv W zivas SHovt 4£ aix&v nicht verstanden werden. D und Genossen 



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270 E- Schwärt* 

andere ihrer Mitglieder nach Jerusalem um die Sache dort vor- 
zubringen. Mit diesem Auftrag will der Verlauf der Reise nicht 
stimmen. Daß die beiden Missionare sich Zeit nehmen and in den 
Gemeinden die sie passiren, von ihren Erfolgen erzählen, mag 
noch hingehen; aber es geht nicht an daß sie sich in Jerusalem 
ihres Auftrags überhaupt nicht entledigen, sondern ebenfalls nur 
erzählen, dagegen einige getaufte Pharisäer auftreten und die 
Beschneidung der Heidenchristen verlangen, und zwar als etwas 
Neues, Unerwartetes; diese Jadenchristen wissen nichts von der 
Forderung die in Antiochien gestellt sein und die ganze Heise des 
Paulas nach Jerusalem veranlaßt haben soll. Die antiken Correk- 
toren haben den Widerspruch gefühlt und versuchten ihn durch 
Textänderangen auszugleichen '); tbatsächlich läßt er sich nur 
so lösen, daß man den Anfang als redaction eilen Znsatz abtrennt, 
sodaß der ursprüngliche Bericht, dessen Anfang entfernt ist, 15,3 
beginnt. Nach ihm wollen Barnabas und Paulus in Jerusalem 
nur von dem berichten, was sie als Missionare geleistet haben; 
daß sie schon unterwegs damit anfangen, ist begreiflich. Erst in 
Jerusalem werfen dann die Pharisaeer den Streit auf, den die 
Urapostel Petrus and Iakobas sofort schlichten ; Paulas and Bar- 
nabas sind untergeordnete Diener am Wort, die neben Petrus 
ebenso zurücktreten, wie etwa der Evangelist Philippus im ersten 
Teil der Apostelakten. Der vorgesetzte Anfang, der Paulos einen 
Hauptanteil am Streit zuschiebt and außerdem Gral. 2, 4 benatzt, 
zerstört den Sinn und die Consequenz des fingierten Synodal- 
berichts gründlich; die redactionellen Ketouchen, die er im Context 
veranlaßt hat, sind leicht kenntlich 2 ). 

Das Schreiben das die Beschlüsse der Gemeinde von Jerusalem 



ergänzen als Subject die Abgesandten von Jerusalem; das hängt mit der Um- 
änderung der ganzen Erzählung zusammen. 

1) Der Sinn der Aenderung ist, daß die Juden welche 15, 1 nach Antiochien 
kommen , mit denen die in der Versammlung 15, 5 das Wort ergreifen , deutlich 
identifiziert werden; damit ferner die Ungereimtheit wegfällt, daß Paulus und 
Barnabas in Jerusalem am Streit nicht teilnehmen, appellieren diese Juden schon 
in Antiochien an die Apostel in Jerusalem. 

) Weil die Berichte von Paulus and Barnabas zur Nebensache geworden 
ienen sie als Zwischenmusik in der Debatte zwischen Petrus und Jakobus: 
ist nicht ursprünglich, da lakobus 15,14 unmittelbar an Petrus Bede 
■ft. Die Lesung von 15,13 äm-xtfüi) setzt ebenfalls voraus, daß 15,12 
wie D gemerkt hat, der ivatnäs . . tlxiv corrigiert. Im Schreiben der 
ide sind 24—26 späterer Zusatz; denn die Motivierung von 27 folgt erst 
nn also nicht schon vorangegangen sein: das doppelte iio&v 26 und 28 
i die Redaktion. 

II 



1 



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zur Chronologie des Paulus 271 

— der Ausdruck 'Apoatelkonvent' ist recht unglücklich gewählt — 
zusammenfaßt und mitteilt, tragt die Adresse: 'Die Brüder (d. h. 
die Urgemeinde) an die Brüder ans den Heiden in Antiochien, 
Syrien nnd Kilikien' '). Danach haben Barnabas und Paulas bis 
dahin ihre Mission über diese Gegenden nicht ausgedehnt: denn 
um die von ihnen bekehrten Heidenchristen dreht sich der Streit. 
In diesem Punkt hat der Bericht der Apostelacten den Hergang 
richtig geschildert; Paulas sagt selbst (Gal. 1,21) daß er vor der 
zweiten Reise nach Jerusalem, anf der er mit den 'Säolen' über 
die Frage der Beschneidang verhandelte , in Syrien and Kilikien 
gewesen, also in die Provinzen jenseit des Tauras noch nicht ge- 
kommen sei. Um so schärfer muß betont werden, wie es auch 
schon geschehen ist, zoletzt von Wellhansen [Nachr. 1907,8], daß 
die 13. 14. berichtete Missionsreise des Barnabas und Paulus, die 
über Kilikien erbeblich hinausgeht, zu der Erzählung von den 
Beratungen in Jerusalem nicht paßt: diese setzt den Zustand 
voraus, der vor dieser Missionsreise bestand. 

Das sind Beobachtungen, welche wiederum andere Anstöße in den 
Apostelakten ins Licht rücken, die an und für sich nicht so deutlich 
sind. Zweimal wird das gemeinsame Lehren von Paulus und Bar- 
nabas in Antiochien beschrieben, 11,25.26 und 15,35; zweimal 
ziehen sie zur Mission aas, 13, 2 ff. nnd 15,36; beide Mal spielt 
Johannes Marens eine Rolle und ist, sei es mit beiden, sei es mit 
Barnabas allein, in Cypern, 13,5.13 und 15,37.38. Nach 15,36 
soll die zweite Reise geradezu eine Wiederholung der ersten sein, 
ist es auch, bis mit 16, 6 eine ganz neue Partie einsetzt 2 ). Gewiß 
macht es im jetzigen Text einen Unterschied , daß das erste Mal 
Paulus und Barnabas in Eintracht wirken, das zweite Mal sich 



1) Dieser Text ergiebt sich aus den besten griechischen Hdschr., mit denen 
1) zusammentrifft: of [axömolot xal o[ itQtaßvcigoi'] idtlipol tolg xttta cjjv 
'Avti6%uav xal Svglay xal KilmCav adtltpoCs rots /| t&v&v jafytiv. Der Einschob 
von xal zwischen jtoiofMrtßot und iSAtpoi ist eine Schlimmhesserang. Überhaupt 
muß die Combinatiou oC inimoloi aal o£ imeaßvtmot auB den alten Teilen des Ca- 
pitels — nicht ans 15, 2 — entfernt werden ; sie beruht auf der jüngeren Auf- 
fassung welche den Apostolat auf die Zwölf beschränkte: 15, 4 ist alt nur jikjj- 
(5*2#ij<ja«i vxi xtjt IxxXijalas av^yjtiXäv te, 15, 22 xöcc tBofav ri)t Ixxlqaiai 
lö, 6 versucht verkehrter Weise die Beratung auf die 'Apostel und Presbyter', 
gewissermaßen den Klerus, zu beschränken : der Znsatz wird dadurch widerlegt, 
daß im Folgenden die Menge ja doch dabei ist (15, 12. 22) und Petrus und Ia- 
kobus zu den Brüdern (15,7. 18) reden, nicht zu den avpnQeoßvzieoi. 

2) 16, 4. 5 sind ein Flickstück ; das verrath schon tä Soyitaza t& xtxQift** 
«jiti täv äxoaz6Xtav xal neiaßviifiaiv xäv Iv 'Itf/oaolvjiotg. Auch 21, 25 ist 
Zusatz des Redactors. 



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272 E. Srhwartz 

streiten and auseinandergehen ; aber diesen Unterschied hat der 
Redactor hineingebracht. Der Streit ist historisch und fand wirk- 
lich in Antiochien nach der Verhandlung in Jerusalem statt [Gal. 
Ü, 13) ; freilich degradiert ihn die Apostelgeschichte, wiederum im 
Gegensatz zum Galaterbrief , zu einer persöhnlichen Zänkerei, 
giebt aber doch zu, daß Barnabas nach Cypem, Paulus nach Pisidien 
und Pamphylien ging. Ans diesen getrennten Missionsreisen ist 
13. 14 eine einfache gemacht; so wird Paulus fälschlich znm Be- 
gleiter des Barnabas in Cvpern and Barnabas zu dem des Paolos 
in Lykaonien und Pisidien: er wird an Silas Stelle getreten sein. 
Wenn nun aber 13. 14 als Doublette fortfallen, so rücken die 
beiden Reisen des Paolos and Barnabas nach Jerusalem so nah 
zusammen, daß sich nicht nnr deutlich herausstellt, wie sie ans 
der einen historischen herausgewachsen sind, sondern anch die 
Möglichkeit sich bietet, die Stelle an der in der Apostelgeschichte 
die erste steht, für die richtige zn erklären, wie ebenfalls schon 
geschehen ist 1 }; daß die zweite, Act. Ap. 15, an falscher Stelle 
steht, ist ja nachgewiesen. Auf der historischen Zosammenkooft 
in Jerusalem wurde aasgemacht, daß Paolos die von ihm gestifteten 
lieidenchristlicfaen Gemeinden anhalten solle, die Urgemeinde finan- 
ziell zu unterstützen und wenigstens dadurch ihre Zagehörigkeit 
zu den Brüdern aus Israel zu bekunden, nachdem der Zwang der 
Beschneidung aufgegeben war. Bas ist in den Apostelakten 
[11, 27 ff.] dahin entstellt, daß Barnabas und Paulus eine Collecte 
der antiochenischen Gemeinde factisch überbringen, weil ein 
Prophet aas Jerusalem eine Hungersnot prophezeit hat, die, wie 
ausdrücklich bemerkt wird, erst später eintrat *). Die Motivirung 
ist aas allerhand Resten historischer Erinnerung zusammengesucht 
und als Motivirung wertlos; aber in der Verbindung der Reise 
mit einer Collecte schimmert noch eine Spnr davon durch, daß 
die Geldspenden heidenchristlicher Gemeinden bei den Abmachungen 
in Jerusalem eine Rolle gespielt hatten. 



1) Neben Pfleiderer, Urchristentum V 496f. führt Clemen, Paulus 1,216' 
Mac Giffort, a history of Christian ity in tbe apostolic age 171. 214,1 an. Das 
Buch fehlt in der hiesigen Bibliothek. 

2) Gemeint ist die Hungersnoth , die loBephus [AI 20,101] unter die Pro- 
ruratur des Tj. Iulius Alexander setzt ; da dieser schon der zweite Procnrator 
nach dem Tode Agrippas I. war, kann sie frübstens 4G stattgefunden haben. Daß 
die Gemeinde von Jerusalem damals die von Antiochien unterstützte, ist sehr 
möglich; ebenso daß man glaubte, sie sei prophezeiht: aber mit der Reise des 
Paulus und Barnabas nach Jerusalem haben beide Möglichkeiten nichts zu tun. 



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zur Chronologie des Paulas 273 

Es wurde in Jerusalem über die Heidenchristen in Syrien 
beraten: in den Apostelakten wird unmittelbar vor der Reise des 
Paulus und Bamabas nach Jerusalem die Stiftung der anti- 
ochenischen Gemeinde berichtet. Bamabas und Paulus sind dabei 
beteiligt, und von Heidenchristen ist ausdrücklich die Rede. Die 
Einmischung der Urgemeinde ist wohl redaktioneller Zusatz *), 
doch hat die Ueberarbeitung hier zu tief eingegriffen um das 
Ursprüngliche in vollem Umfang wiederherstellen zu können. 

Es ist in der That so, wie schon vermutet wurde: die richtige 
Stelle der Versammlung in Jerusalem ist cap. 11 , sowie die 
Missionsreisen in cap. 13 und 14 hinter die Versammlung gehören. 
Eine große Doublette hat die Störung angerichtet. Aof diese 
Welse rückt aber die Reise des Paulus und Barnabas vor die 
Verfolgung der Urgemeinde durch Agrippa I. und das ist das 
Natürliche und Wahrscheinliche. Wo bleibt denn Petrus, nachdem 
er 'an einen anderen Ort gegangen ist' [12,17], und woher taucht 
er 15,7 plötzlich in Jerusalem wieder auf, als wenn nichts ge- 
schehen wäre ? Nach 15, 33 kehren die Abgesandten der Ur- 
gemeinde, Iudas Bar Schabba und Silas = Silvanns von Antiochien 
nach Jerusalem zurück ; nach 15, 40 wählt sich Paulus den Silas 
zum Begleiter, und das ist richtig; denn die Briefe [1 Thess. 1,1. 
2 Kor. 1 , 19} bestätigen es. Also ist Silas in Antiochien ge- 
blieben. Da klafft ein Widerspruch, den der in D und Genossen 
angeklebte Vers 34 nicht wegschafft. Rückt man aber die Zu- 
sammenkunft vor die Verfolgung, dann ist Petrus Anwesenheit 
in Jerusalem motivirt; Silas konnte dorthin zurückkehren und 
Jerusalem wieder verlassen, als die Verfolgung Agrippas I. aus- 
brach. Nach den Apostelakten ging Petrus, nachdem er aus dem 
Gefangniß entflohen war, an einen 'anderen Ort' [12,17]. Was 
heißt das? In Jerusalem blieb er nicht, Agrippa bekam ihn nicht 
wieder in die Hände. Nach Gal. 2,11 war er nach der Beratung 
mit Paulus in Antiochien : die Combination liegt nahe [Wellhansen, 
Nachr. 1907,9'], daß er von Jerusalem eben dorthin geflohen ist 
und der Redactor 12, 17 das abgeschmackte el$ fotgov z6nov ein- 

1) Wellhausen [Nachr. 1907,7']. Wenn Barnabas in der Rolle eines «toio- 
äfwfs ausgeschickt war [11,22; zu Sulöttv lote 'Avtiogtlag, wie Blaß mit Recht 
liest, vgl. 9, 32], so muß auffallen, daß nur von Antiochien die Rede ist : es sieht 
so aus als schlösse 11,22 an 11,19 an. Umgekehrt paßt 11,24 nur dann in den 
Zusammenhang, wenn Barnabas nicht auf Visitation geschickt war, sondern 
missionirte. Das ist das ältere ; die Urgemeinde ist hier gerade so hineingeschoben 
wie Petrus und lohannes in die Wirksamkeit des Evangelisten Philippus 8, 14 ff. 
Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, daß in den Svöf/sg Kvnftoi 11,20 
sich Barnabas selbst verbirgt, vgl. 4, 36. 



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274 E. Schwärt* 

wetzte , weil er wegen des falsch gestellten Cap. 15 Petras nicht 
ausdrücklich aas Jerusalem entfernen durfte. 

Wenn die Zusammenkunft in Jerusalem vor Act. 12, d. h. 
vor jene Verfolgung gelegt wird und in des älteren Berichten 
anch gelegt war, dann konnten nicht nur Petras und Iahobns, 
sondern anch Iobannes daran teilnehmen , wie es nach Gal. 2, 9 
wirklich der Fall war. Jetzt fehlt Iohannes in Act. 15, auf 
fallender Weise: sollte er gestrichen sein, als die Zusammenkunft 
hinter die Verfolgung rückte, die ihm den Tod brachte? 

Wie dem auch sei, mit Sicherheit hat sich ergeben, daß auch 
in den Apostelakten noch unverkennbare Spuren einer Ueber- 
lieferang erhalten sind, die die Heise des Paulus nach Jerusalem 
vor die Zeit legte, in der er die Bezirke von Antiochien und 
TarsnB, die Stutzpunkte anf die er schon durch seine Herkunft 
hingewiesen war, verließ nnd seine Mission in neues und unbe- 
kanntes Land trug. Damit fällt diese Reise vor die Verfolgung 
der Urgemeinde durch Agrippa. Dieselbe Zeit ergiebt sich ans 
dem Galaterbrief; der Schloß drängt sich von Neuem anf, daß 
jene Reise nicht nach dem Tode Agrippas im März 44 angesetzt 
werden kann. 

Paulus datiert die beiden Reisen, von denen er Gal. 2 erzählt, 
durch Intervalle. Ueber das erste Intervall kann kein Streit 
sein [2, 18] : es sind zwei Jahre ') nach der Bekehrung gemeint ; 
zweifelhaft ist aber, von wann die 13 Jahre [2, 1 Siii dtxaxeecäffmv 
h&v] zu zählen sind , die bei der zweiten Reise vorkommen, 
wiederum von der Bekehrung oder von der ersten Reise? Beides 
ist an und für sich möglich; für Paulus seibat und die Galater 
kam nichts darauf an, ob die Reise zwei Jahre früher oder später 
gefallen war. Wenn nun aber feststeht, daß sie spätestens in den 
Anfang des von Herbst 43 bis Herbst 44 laufenden Jahres gesetzt 
werden kann, dann muß Paulus von der Bekehrung ab gezählt 
haben. Diese rückt damit ins Jahr 30/31: und das ist möglich, 
wenn man, wie die occideutalische Kirche es stets getan hat, das 
15. Jahr des Tiberius = Herbst 28/29 als Jahr der Kreuzigung 
nimmt. Ueber das Jahr 30/31 kann man aber mit dem Datum von 
Paulus Bekehrung nicht wohl zurück: und damit ist die Zählung 
des Intervalls von der ersten Reise ab ausgeschlossen. 

m 

Paulus war zur Zeit da Iesus in Jerusalem predigte und 



1) Das heißt fiera tfiu tnj nach dem gewöhnlichen antiken Sprachgebrauch ; 
i Ausgangsjabr wird mitgezählt. 



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zar Chronologie des Paulos 275 

starb, weder in der heiligen Stadt noch in Indaea, ist auch vor 
seiner Bekehrung nicht dort gewesen: denn 'die christlichen Ge- 
meinden in Indaea kannten ihn nicht von Angesicht' [G-al. 1, 22]. 
Damit fallt alles was die Apostelakten von dem Wüthen 'Sanis' 
und seiner Assistenz bei der Ermordung des Stephanns zn be- 
richten wissen, zn Boden '). Diese richtige Erkenntniß Mommsens 
[Zeitschr. f. neutest. Wiss. 2, 85] *) darf nicht mit halben Compro- 
missen bei Seite geschoben werden; "Wellhausen hat außerdem 
bemerkt, daß die Motivierung der Reise von Jerusalem nach Da- 
maskus , auf der die Bekehrung nach Act. 9, 1 ff. stattgefunden 
haben soll, eine rechtliche Unmöglichkeit enthält [Nachr. 1907, 9]. 
Es wäre dem Gemeinderat von Jerusalem schlecht bekommen, wenn 
er sich hatte einfallen lassen lettres de cachet gegen Jnden die 
in der Diaspora lebten, auszustellen: wer diesen Unsinn erfand, 
hatte von dem jüdischen Leben in der Zeit vor 70 n. Chr. keine 
Ahnung mehr. Paulus hat die Christen zuerst in Damaskus kennen 
gelernt; dort betrieb er das Zeltmachergewerbe [Act. 18,3], das 
grade in Damaskus, dem Emporium an der Grenze des nabataeischen 
Reichs und der Araber in der Trachonitis, anf guten Absatz rechnen 
konnte. Er Bah in der christlichen Predigt, die bei dem regen 
nnd leichten Verkehr zwischen den zahlreichen Juden in Damaskus 
[los. BI 2, 559 ff.] mit Palaestina rasch dorthin gelangen konnte, 
zuerst einen Abfall vom Glauben der Väter und wüthete dagegen 
[G-al. 2,13], natürlich innerhalb der Grenzen die der Disciplinar- 
gewalt einer Judengemeinde in der Diaspora gezogen waren [Mc. 
13,9. 2 Kor. 15,24], bis ihm der Auferstandene erschien. Da 
ging er zunächst nachJArabien, d. h. über die uabataeische Grenze B ), 
natürlich : es sollte eine Zeit darüber hingehn, ehe er als ein völlig 
Umgekehrter sich seineu Volksgenossen zeigte, und die Beziehungen 
die er zum nahen Ausland, sei es durch sein Gewerbe schon hatte, 

1) Die Stellen sind auch an und für sich verdächtig und geboren einer 
jüngeren Ueberarbeitong an. Ueber 7,58 vgl. Wellhausen Nachr. 1907, 12'; mit 
ihm fallt auch der Schluß von 7, 60. 8, 2. 3 unterbrechen den Zusammenhang 
zwischen 8,1 und 4. 9,10. 11. 13—17 sind, wie Corssen richtig beobachtet bat, 
eine Ausmalung von Vs. 12, der zwischen 9 und 18 die echte Verbindung bildet. 
9,21.22 werden dadurch als Zusatz erwiesen, daß der Schluß von 22 sieb mit 
20 deckt. Die Erzählungen in Paulus Reden 22,8—21 und 26,4—20 sind wert- 
lose Phantasiestücke. 

2) Er hätte nur iv tmi yivtt pov Gal. 1, 14 nicht 'in meiner Heimat' über- 
setzen sollen. Die Worte können nur heißen 'in meinem Volk' und sind gar 
nicht müssig; jrpoxonij lv xmi 'lovöaiajiäii war auch für den Proselyten möglich. 

3) Damaskus bat in der Kaiserzeit den Nabataeern nie gehört, vgl. Nachr. 
1906, 867 f. 



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276 E. Schwartz 

sei es von Damaskus ans leicht anknüpfen konnte, boten die be- 
queme Gelegenheit zunächst einmal die .Reichsgrenze zwischen sich 
und sein früheres Leben zu legen. Dann kehrte er nach Damaskus 
zurück, wich aber nach 2 Jahren den Nachstellungen des naba- 
ta eischen Ethnarcben aus und ist, wie es scheint, nie wieder dorthin 
gekommen : Missionar ist er dort nicht gewesen und nicht geworden, 
sondern erst in Antiochien und Tarsus , wohin er sich wandte, 
nachdem er sich znr Urgemeinde in persönliche Beziehungen ge- 
setzt hatte. 

Der älteste and beste Bericht von der Entwicklung der Ur- 
gemeinde ist durch Paulus erhalten, 1 Kor. 15, 5 ff.: &p&t] Krj<p&i, 
iita rote Smöextx ' ixaita ü<n&tj Ixäva atvzttxoOiotg &dtX<potg £ipüita\ . . 
iniLta S)tp%ri 'laxmßtot, tlra rofg äxotlröXoig it&Otv ■ ie%axov dl ndvrmv 
äanip et tot txTQiöpart ') Öy&ij x&fioi. Petrus, der Stifter der Ur- 
gemeinde, das Vorstehercollegium der Zwölf, die älteste Gesammt- 
gemeinde , selbst der später hinzugetretene H ) Bruder Jesu , die 
Missionare die hinausgehen sollen, das sind alles Rechtsbildungen 
and Rechtsträger der werdenden Organisation, die durch die Er- 
scheinung des Auferstandeneu legitünirt werden, sowie auch Paulus 
sein Apostolat aus seiner persönlichen Offenbarung ableitet. Es 
ist sehr merkwürdig wie dieser Bericht, den Paulus in der Ur- 
gemeinde erhalten haben muß, in erster Linie den Rechtsgedanken 
ausführt, daß die älteste Gemeinde der fiad^iat in Hanpt und 
Gliedern direct auf die Offenbarung des Auferstandenen zurück 
geht, nicht etwa auf den Iesus der auf Erden gewandelt ist, und 
daß der Auferstandene nicht diesem und jenem beliebig erschienen 
ist, sondern, sei es dem Kern der Gemeinde, sei es denen die in 
ihr zu einer besonderen Stellung aasersehen sind. Der Bericht 
läßt ferner noch deutlich erkennen daß die Idee der Mission nicht 
von Anfang an da war, aber doch schon so früh aufkam, daß sie 
dem ursprünglichen Rechtsgedanken unterworfen und das Mandat 
des Herren für die ersten Missionare insgesammt gefordert wurde ') : 
es sieht fast so aas als seien sie auf einmal aasgesandt. Paulus 
hat durch eine gewaltige Usurpation sich mit der legitimen Ur- 
gemeinde auf eine Linie gestellt: das hat niemand nach ihm ge- 

1) Das heißt nicht 'Frühgeburt', sondern 'Fehlgebart' ; Paulus hatte ja zuerst 
geleugnet, daß Iesus der Messias Bei. Die richtige Erklärung giebt der Brief 
der gallischen Gemeinden Ens. KG 5,1,45. 

2) Act. 1,14 wird das ignoriert; das würde allein ausreichen tun die Stelle 
als jung in kennzeichnen. 

3) Trotz aller Entstellung schimmert dieser Gedanke Act 10,41.42 noch 
deutlich durch. 



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zur Chronologie des Paulus 277 

wagt, and an die Stelle des Auferstandenen tritt sehr bald der 
Geist. 

Gegenüber der vulgären, freilich darch eine lange Tradition 
geheiligten Meinung welche 'die Zwölf and 'die Apostel' identifi- 
eiert, muß wieder und wieder auf die paulintschen Briefe nnd die 
'Lehre der zwölf Apostel' verwiesen werden, aus denen hervorgeht 
daß inöaroiog im altchristlichen Sprachgebrauch nicht einen der 
zwölf Jünger Iesu , sondern einfach 'Missionar' bedeutet. Das 
Complement dazu ist die von Wellhansen [Nachr. 1907, 1 ff,] sieg- 
reich verfochtene These, daß 'die Zwölf eine Institution der 
Ur gemeinde und zwar die allerälteste sind. Noch bei Paulus 
haben sie ihr Mandat von dem Auferstandenen erhalten ; daß Iesus 
zu Lebzeiten sie aussendet, ist eine Vergröberung der ursprüng- 
lichen Rechtsidee, die erst spät in das Evangelium hineingekommen 
ist. Die Namen schwankten schon früh, weil die meisten wenig 
hervortraten und die Urgemeinde nach 44 verfiel. Es hatten auch 
nicht alle znr letzten Tischgemeinschaft des Herrn gehört nnd 
daher kam die Meinung auf, es sei einer an Stelle des Verräthers 
Iudas getreten : anch darin steckt eine falsche Rückdatierung, nnd 
der Bericht über die Ersatzwahl Act. 1, 15 — 26 — der ein isoliertes, 
weder nach vorn noch nach hinten verknüpftes Stück ist — geht 
mit dem Zeugniß des Paulus nicht zusammen. 

In der Zwölfzabl prägt sich die Hoffnung auf die Parusie 
aus : die Zwölf werden die Richter d. h. die Regenten der zwölf 
Stämme Israels im kommenden Reich Gottes sein '). Sie sollen 
auch jetzt das Reich schon vorbereiten, aber in Israel; sie ziehen 
nicht zur Mission aus, sondern berufen sich auf das Herrenwort 
das ihnen oder richtiger der ältesten Gemeinde befiehlt in Jeru- 
salem die Verbeißung abzuwarten. Das ist in dem Zusatz der 
Lc. 24, 48. 49 mit anorganischem Constructionswechsel angenickt 
ist, zu einer Weissagung des Ptingstwunders umgedeutet, obgleich 
der Befehl nun nicht mehr paßt, da die Zwölf ja nach der Aus- 
gießnng des Geistes nicht daran denken Jerusalem zu verlassen 
[Wellhansen, Nachr. 1907,2]. In dem Bericht der Apostelakten 
ist das Ursprüngliche besser erhalten: ein Gottesdienst 2 ), an dem 



1) Wellhausen, Nachr. 1907, 5» und zu Mt. 19,28 [p. 99]. 

2) Darauf geben 1,3 awaltSiptvos und 6 et avvel&övus , ebenso wie 21. 
Die Bedeutung ist dieselbe wie in dem gewöhnlichen avvuz&fjvai 11,26; «xrj- 
Ivan = omtabs bei Eus. KG 2, IG, 2. In der zweiten Hälfte der Erzählung wechselt 
die Scene, wie D und Genossen gemerkt haben, die 1,9 das 'Erheben' [^nijpfrjj] 
durch 'Entfernen' [4«ijp*i]J ersetzen und die unsichtbar machende Wolke voran- 
stellen. Das hilft aber nichts ; denn der Leser versteht darum nicht besser , wie 



DgizedDy G00gle 



H'/M K- Seh war tz 

ilm' llnrr teilnimmt, den Befehl giebt in Jerusalem zn bleiben und 
ilium Auf eiue drängende Frage nach dem Termin der Parosie 
tM-mtUint, Dutt nicht ins Regiment hineinschauen zu wollen *). Aach 
im Vaterunser folgt ja bei Hatthaens [6, 10] auf IX&ätta i\ ßatttltia 
•*»»• du skh besehekleade ynrTf&r^m to fri'iijftö oov*), andererseits 
Mü.vN sich die älteste Gemeinde 'diejenige welche auf das Reich 
<Wtt** vut«a ,31c. IÖ.43J. 

INtr jung« Geist brauste aber in der ersten Gemeinde von 
.'oimniii s\i mächtig, am nur hoffen und warten zu wollen: neben 
-unem Horreuwurt steht das andere das die Hission befiehlt [Mt. 
SS, li'i. In der ».■ <* schichte vom Pfingstwnnder ist durch die Schloß- 
iwitutiuu jutat da» Prytutyp der die Welt umspannenden Gemeinde 
in doii Vurdorgruiid gedrängt; es fragt sich allerdings, wie weit 
das ursjiruiigtieb. ist *). Von einer Missionsthätigkeit der Zwölf 

i>i olmo >■" tu werkwu auf den Oelberg gekommen ist [1,12]; es sind eben 
,«,>i Kl «.ihUiiigi'U uiiht geschickt zusammenredigiert. Lieber die Anknüpfung an 
Ja* nuWhu fiii>([«IV»t vgl Zeitschr. f. neut. Wiss. 7, 19.21.27. 

M Pas i«t Jor ursprüngliche Zusammenhang, der mit 4 einsetzt ; i]v ijxoieati 
uu int dunh die dirwte Rede verdachtig, und 5 zerstört den Fortschritt von 4 
m n , ist ubi »gen» auth 1 1, lt> falsch eingefügt. 8 fallt schon in die Fage * wische« 
dt'» Widvu Kuahlungeu die in Anm. 2 der vorigen Seite gesondert sind. 

>tl \Y.v> da* bedeutet, lehrt du Gebet lesa Mc. 14,36 = Lc. 22,42. Das 
Ki'k>ii um •'» «i'yunit «ol txl yi)if ist von seiner richtigen Stelle verschlagen; es 
yi'lu'it *u di'i' jüdischen Bitte uytua&Tpio *b Hvapä aov und drückt in anderer 
r.-iiu d,f> au«, was im (jiddisch steht 'in der kommenden Welt'. Nach jüdischem 
IIUhMi Ist das was ('Ott will, im Himmel real vorhanden und kommt von da 
muI <iw ttidu hinab. Die jüdische Bitte und ihr christlicher Ersatz standen im 
rtli,'-U'ii Ut'iiifiiidi'ai'liraiu'h nebeneinander and haben sich in der Ueberlieferung 
duulihivU4t: Stücke die immer wieder recitirt werden, sind solchen Verderbnissen 
am h 1 « htwlvii auPKi'aotKt. 

ih Diu '/iinir"«' 2,8.4.(1.8.11 sind jetzt aufeinander abgestimmt, sodaß 

iU« Mkamito MllhiwaWnilnill dos 'Zungenredeng' herauskommt, und für die Sache 

nullit in »Mit viel aus, ob man 9—11 als Ausmalung ansieht: sehr viel be- 

dwktli luT Ist alx'i', dall 19. 13 eine Doublette zu 5 ff. ist, in der das Zungen- 

ivilxn U<litl|ii»r atifdciaUt wird, und daß vs. e sich in keiner Weise in den Zu- 

■Ftiniiii'iiliauu HU' i bat Blaß vorzüglich auseinandergesetzt. 14 kann ot xaioi- 

«1.1'ftn '(»v«*'«"'')^ ■"»***«; loilllt nacl1 6 Zugesetzt sein. Uebrigens ist Petrus 

dt» deutlich aus vi'rm'liii'ik'tion Stücken zusammengesetzt. Die dreimalige Anrede 

i i in tat mivrliiirl ; dir mit soCvo» eingeleitete Apodosis 23 liegt 32 in anderer 

«imu vi'i' uihI mtlrvliricht dort den Anschluß von 34 an 31; 31 ist Doublette 

wi *h /um KltpatOH Urständ durfte 15—21 zu rechnen sein, da tritt noch 

Kinaitunv »Im Kmlw icbatf hervor. Beachtenswert ist endlich die Unbe- 

iiiiulhKll th»r Nul\it»cto am Anfaim : auf wen wird denn der Geist ausgegossen ? Fast 

. , w |(1 ,1, „,m r „„ , r « S, l sowie der olaoe 2, 2 nach 1, 13 erklärt werden 

h»ii i daiiü sind dlt» Hnilon uöiuoglieh und vollends ihr Bekehrungserfolg [37—41], 

HWtham»! •" >lwn Hausiiottesdienst schlecht ptßt. Der Redactor hat es, wie 



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zur Chronologie des Paulos 279 

weiß die Apostelgeschichte nur wenig zu erzählen. Sie läßt aller- 
dings Petras versichern, daß er von Alters her zum Heidenapostel 
berufen sei [15, 7] : aber der einzige Beleg dafür ist die Bekehrung 
des Feldwebels Cornelius 1 ), zu der er dnrch die Wunder die 
dabei passieren , also durch Zufall, gebracht wird. Ganz davon 
zu Bcbweigen daß das eine dieser Wunder, das vom Himmel ge- 
fallene Gefäß mit dem unreinen Getier *) , seine Pointe gegen die 
Vorwurfe richtet, durch die er sich in Antiochien, zum Zorn des 
Paulus, von der Ti&chgemeinschaft mit den Heiden abbringen ließ 
[Gal. 2, 11 ff.]. Im Uebrigen fällt ihm mit Iohannea vielmehr die 
Rolle zu, die von anderen ins Werk gesetzte Mission zu sanktio- 
nieren, sowie auch Bamabas in Antiochien als visitierender Ab- 
gesandter der Urgemeinde erschienen sein soll. Wie dies aber 
als secundärer Zusatz schon erwiesen ist, so ist auch die 'Confir- 
mation' der von Philippus bekehrten Samariter keineswegs ursprüng- 
lich s ), und in der Geschichte deB Cornelius ist die Visitation der 



auch sonst, verstanden eine einheitliche 'Stimmung' zu erzeugen, vornehmlich bei 
Lesern die sich ihm hingeben und ihm nicht nachrechnen; aber verborgen bleiben 
kanns auf die Dauer doch nicht, daß die Apostelakten in der kanonisch geord- 
neten Fassung das Werk einer, vielleicht mehrerer Redaktionen, nicht einer 
schriftstellerischen Conception sind, die aus älterem Out eine neue und selb- 
ständige Einheit zu schaffen vermochte, 

1) 15, 8 hängt mit 10, 47. 1 1, 15. 17 zusammen. 

2) Täuscht mich nicht alles, so ist dies Wunder aus Petrus Bede in die 
Erzählung übertragen. Jedenfalls ist 11,12 thttv ii tb xvitipd poi in Petrus 
Munde passender als 10,19 in der Erzählung tlittv ii i& »vgCpa «faul, wo der 
Geist Botendienste verrichtet; störend ist die Wiederholung von Petrus Nach- 
denken in 10,17 und 19. Daß Petrus 10,27 im Gespräch mit Cornelius eintritt, 
steht im Widerspruch mit 25, und die Ausgleichungen der Recension ß helfen 
nichts, denn die ganze erste Rede des Petrus [10,28 — 30] ist unpassend: die 
dunkle Anspielung auf sein Gesiebt konnte niemand verstehn, und dies Gcsii l.t 
selbst bezog sich auf unreine Speisen, nicht auf unreine Menschen. In der Er- 
zählung hatte das Gesicht nur dann Zweck, wenn eine Mahlzeit mit den Heiden 
folgte, und die ganze Darstellung gewinnt sehr, wenn Petrus sich erst nachträg- 
lich auf eine Offenbarung beruft, die ihm allein bekannt war. 

3) H. Waitz [Zeitschr. f. neutestamentl. Wisb. 7, 310 ff.] hat allerlei Anstöße 
im 8. Capitel gut beobachtet, aber aus seinen Beobachtungen Schlüsse gezogen, 
die den wahren Sachverbalt auf den Kopf stellen, weil er sich nicht hat ent- 
schließen können die Wünsch elruthe des Queltensuchers aus der Hand zu legen. 
Wenn etwas feststeht, so ist es das, daß Philippus der Missionar von Caesarea 
ist [Act. 21,8]; nicht er ist eingeschmuggelt, sondern Petrus, sodaß mit dem 
Gespenst der 'alten Petrusacten' nichts anzufangen ist 8,13 und 18 hängen 
allerdings zusammen und Waitz hat tijv llovaiav Tavrrfv richtig vom Wunder- 
thun verstanden; der Finalsatz EW — jivsCjm ayiov deutet fälschlich um. Wenn 

Kfl. arm. i. WIm. hKhrloktm. PUlolof.-fciltor. Kluu 1W7- Htft S. 19 



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JignizedB, GoOgle 



iut Chronologie des Paulus 281 

da es Panlus bezeugt [R8m. 12,7. Phil. 1,1]'), aber mit den 
Sieben hat es nichts zu schaffen. Denn in dem Einsetzungsbericht 
ist der Gegensatz zwischen den 'Hebraeera' und den 'Hellenisten', 
d. h. den hellenischen Proselyten , confnndirt mit dem Gegensatz 
zwischen der dtaxovia tov XAyov*) nnd der diaxovfa xris rpaB^ijg; 
ferner sind die beiden Mitglieder der Sieben, von denen etwas 
erzählt wird and die nicht bloße Namen bleiben, St&xovoi zov 
löyov im vornehmsten Sinne des Worts: Stephanus predigt nnd 
dispatirtin Jerusalem, nnd Philippns war 'Evangelist', d.h. Missionar, 
in Samarien nnd Caesarea. Schafft man den mißglückten Versach 
weg, die kirchliche Diakonie durch die Anknüpfung an die Sieben 
als apostolische Einrichtung zu legitimieren, so schiebt sich alles 
zureci.it: was die Zwölf für Israel, sollen die Sieben für die Pro- 
selyten sein. Sie betrieben die Mission der 'Judengenossen' nicht 
allein, nnd hätten dafür nicht ausgereicht : die Zahl der Missionare 
die, noch vor Paulus Bekehrung, durch den auferstandenen Herren 
selbst legitimiert waren, maß nach 1 Eor. 15,7 sehr viel größer 
gewesen sein. Aber das darf vennuthet werden, daß die Institution 
der Sieben ans der Mission hervorging, die unter den Proselyten 
reißende Fortschritte machte und bald eine Centralbehörde ver- 
langte neben den Zwölf, die sich in diese Entwicklang erst hinein- 
finden mußten. So wurde ein antiochenischer Proselyt in das 
Collegium aufgenommen 8 ); weil das bei einem Einzigen besonders 
hervorgehoben wird, gilt der Schluß daß die übrigen Juden von 
Geburt waren. Ja einer, Philippus, gehörte sowohl zu den Zwölf 
wie zu den Sieben: die kirchliche Tradition hat hier das Richtige 
festgehalten gegenüber den Apostelacten, die nur darum den Evan- 
gelisten und Diakonen nicht zu den Zwölf rechnen, weil sie weder 
von den Zwölf noch von den Sieben eine richtige Vorstellung 
haben. Endlich folgt aus dem paulinischen Bericht über die Ur- 
gemeinde 1 Kor. 15, 5 ff-, daß die Sieben erst nach der Bekehrung 



1) Meines Erachtens soll Mt. 20, 26— 28. Lc. 22, 24—27 einer Geringschätzung 
der Diakonen entgegentreten , und eine Institution die ins Evangelium projicirt 
wird, muß sehr früh aufgekommen sein. 

2) An anderen Stellen wird Stauovia = gleich Apostelamt gesetzt 1,17.25. 
20,24. 21,19; ebenso in den Pastoralbriefen 1 Tim. 1,12. Es ist das eine Ver- 
steinerung der paulinischen Metaphern, bei denen der ursprüngliche Sinn des 
'Dienstes' immer lebendig und mannigfaltig bleibt, vgl. namentlich 2 Kor. 8, 6Anf. 
und 1 Kor. 12, 5 äiaigtaus Swtxovtäiv ilotv aal 6 atobf xvgiot. Mit dem Sprach- 
gebrauch der Apostelacten und der Pastoralbriefe stellt sich die übliche Anrede 
des Bischofs an den Bischof, ovXXnxovgj6s, zusammen. 

3) Act. Apoat. 6, 5 Nixölaov sipornjluTO» 'Avtut%ia. 

19" 



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232 £■ Schwarte 

des Paulus eingesetzt sind; sie sind nicht mehr durch den Herrn 
legitimiert. 

Da die Mission unter den Proselyten kräftiger fortschritt als 
anter den eigentlichen Juden, so richtete sich die jüdische Reaction 
in erster Linie gegen sie: die Pharisaeer "missionirten ebenfalls sehr 
stark [Mt. 23, 15] und waren aber die Concnrrenz der neuen Secte 
erbittert, die ihnen die kaum genommene Beute wieder abzujagen 
drohte. Was von den Angriffen der Juden gegen die Zwölf be- 
richtet wird, sind resultatlose Chicanen ; die Berichte sehen außerdem 
sehr verdächtig ans '). Dagegen fällt Stephanus als Opfer eines 
jüdischen Pogroms*), den die römische Regierung duldete, und 



1) Es ist längst beobachtet, daß Act 3,1—1,31 und 5,17—12 dieselbe 
Geschichte in zweifacher Fassung vorliegt. Beide Itedactionen sind schon darum 
wertlos, weil sie ignorieren, daß das Regiment in Jerusalem nicht beim Synhedrion, 
sondern bei den Römern tag. Sonderbar ist, daß die unter «ich so ähnlichen 
und im Einzelnen sämmtlich zerrütteten Schilderungen der Urgemeinde in den 
Fugen ror nnd nach der Geschichte auftreten 2,42 — 17. 4,32—35. 5,11—14; 
dadurch wird die Beobachtung daß hier Doubletten vorliegen, verstärkt 2, 43 
ist an seiner Stelle sinnlos, entspricht aber genau 5,11. 12a, und diese Verse 
schließen richtig an das Vorhergehende an. Baor [vgL Zeller, Apostelgeschichte 
122] bat bemerkt daß der einzelne Fall des von Barnabas verkauften Ackers 
[4,36] zu den allgemeinen Schilderungen 2,45. 4,32.34.35 nicht paßt Diese 
scheinen erst ans dieser Erzählung nnd der Legende von Anamas nnd Sapphira 
hcransgeaponnen und benutzt zn sein um zwischen diesen Geschichten nnd denen 
von der Verfolgung der Apostel als Füllstück zn dienen; sie enthalten aber so 
massenhafte Dittographien , daß ohne die Annahme einer mehrfachen Redaction 
nicht durchzukommen ist Zum Schluß mag noch bemerkt werden daß die erste 
Einführung des Barnabas 4, 36 nicht in Ordnung ist. '/niflrjy A baxlij&ik Bttf- 
vußät ättk täv äxostöXaiv kann doch unmöglich heißen, daß Joseph von den 
Aposteln den Beinamen Barnabas erhielt; wie sollen die Apostel dazu kommen 
eine patronjnüsche Eunja zu erfinden? d*4 trö» &*oat6lnr ist titular zu ver- 
stehen, und äxöexolot steht wie 1 Eor. 15,7. Das paßt freilieb zum Schluß 
des Satzes ««pi toig -xöSag rar äxonilmr nicht, aber 3 iitri fu&tQfirjvcvdtuvo* 
vfof napoxlijofois palt erst recht nicht zn BttQvaß&g. Der 'Sohn des Trostes' 
ergiebt den aramaeischen und hebraeischen Namen QrUQ Menahem : so nennt 
man, wie ich von Wellhausen gelernt habe, den Sohn der später geboren ist nnd 
für einen gestorbenen älteren Bruder tröstet Mavatjp erscheint mit Barnabas 
zusammen unter den Lehrern der antiochenischen Gemeinde; man erzählte allerlei 
Geschichten von ihm; vgl. Wellhausen, Nachr. 1907, 13. Abhdlg. VII 5,15. Ist 
diese Combination richtig, dann ist der Schluß des 4. Capitcls übel verunstaltet. 

2) Die Verhandlung vor dem Synhedrion ist eingeschoben : 6, 13 ist Doublette 
zu 6, 11. Die jüdische Regierung würde sich schwer gehütet haben das tue gladii 
des Procnrators zu usurpieren. Weil das Synhedrion hineininterpoliert ist, er- 
scheint anch der Schluß in mindestens doppelter Fassung : jung sind sicher 7,58 b 
von of fiaerrp« au und 59; zwischen 59 und 60 ist keine Verbindung. Soltau 



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rar Chronologie lies Paulus 233 

Pbilippus missioniert in Samarien and den Kästenstädten, nachdem 
ihn jener Pogrom ans der Hauptstadt vertrieben hat. Ob die 
Mission in Antiochien mit Recht an den gleichen Vorfall geknüpft 
wird [11,19], kann man bezweifeln: der antiocbenische Proselyt 
im Colleginm der Sieben dentet doch wohl darauf hin, daß als 
das Colleginm der Sieben eingesetzt wnrde, eine Christengemeinde 
in Antiochien schon existierte. Das rasche Anwachsen und die 
Erstarkung der auswärtigen Gemeinden führten dahin, daß die 
Sieben in Jerusalem bald ihre Bedeutung verloren , noch dazu 
nachdem Stepbanns todt war and Fhilippas sich in Caesarea nieder- 
gelassen hatte. Im Jahr 43/4 gab es das Colleginm nicht mehr; 
auch die Zwölf treten nicht mehr hervor, nnd Paulas verhandelt 
über die Heidenmission mit Petras, Iobannes and Iakobus. Un- 
mittelbar nach dieser Zusammenkunft setzt die erste offizielle 
Verfolgung durch König Agrippa ein: sie war für die Christen- 
gemeinde eine furchtbare Ueberraschung. Die. erhoffte Wiederkehr 
des Herrn blieb aus : statt dessen fielen zwei seiner allerersten 
Jünger unter dem Beil des Henkers 1 ). Der Stifter der ürgemeinde, 
Petrus, floh nach Antiochien. Man kann sich der Vermutung 
schwer entschlagen, daß es grade die Verhandlungen über die 
Heideumission gewesen sind, die die Juden aufs äußerste gereizt 
haben. Die formelle Anerkennung des Apostaten Paulus als Heiden- 
apostels and die ConceBsion daß von den zum Messias Bekehrten 
die Beschneidang nicht verlangt werden solle, mußten nicht nur 
von den Pharisaeern, sondern auch von den vornehmen Juden als 
eine Bchwere Beleidigung der Nation empfangen werden, Bonder- 
lich in einer Zeit in der der glorreiche Freund des römischen 
Kaisers, Agrippa, wiederum die Krone Davids trug. In ihrer Wut 
brachten die Juden den König dazn loszuschlagen and erreichten 
damit, daß die Ürgemeinde, die noch am meisten sich bemühte, 
den neuen Wein im alten Schlauch zu halten, ihre führende Stellung 
endgiltig verlor: von innen heraus war diese längst erschüttert. 
Es ist bezeichnend, daß der Herrenbruder unangefochten in Jeru- 
salem blieb. Er war eben ein gesetzestreuer Jude, den Iosephas ') 

Zeitschr. f. neut. Wiss. 4, 162 hat wohl mit Recht vermuthet daß der Schluß der 
Rede 7, 48—53 mit Rücksicht auf 6, 13 gemacht ist : also hat derjenige der das 
Svnhedrium einschaltete, schon eine Bede vorgefunden. 

1) Vgl. Abbdlg. YD 5, 4. 

2) AI 20, 200. Die Pharisaeer waren «her den Tod des Iakobus erbittert ; 
der Hohepriester gehorte, wie sich von selbst versteht, zu den Sadducaeern. Es 
ist möglich, daß daher die Rolle stammt, die Act. 4,2. 6,17 den Sadducaeern 
zugewiesen wird. 



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284 E. Schwartz 

Ursach hat zu preisen, und hielt die Urgemeinde , die er jetzt 
allein leitete, unerbittlich am Judentum fest. Sein Tod bedeutet 
das Ende der Urgemeinde; sie ist nie wieder erstanden, und nur 
durch Legenden vermochte die Gemeinde von Aelia Capitolina 
den Zusammenhang der Tradition mit der längst aufgelösten Vor- 
gängerin herzustellen *). 

IV 
Nach dem Tode Agrippas I nahm die römische Regierung 
Iudaea wieder in unmittelbare Verwaltung und stellte, gemäß 
der früheren Praxis, die Provinz unter Procuratoren. Iosephns 
zählt bis auf Festus folgende auf: Cuspius Fadus [AI 19,363], 
Tiberius Alexander [20,1001, Cumanns [20,103], Felix [20,137], 
Festus [20, 182], Bei keinem giebt er die Zeit genau an , konnte 
es auch schwerlich : die Daten , die er zwischen dem Anfang 
und dem Ende einer Statthalterschaft anbringt, dürfen nur mit 
Vorsicht benutzt werden. Das Schreiben des Claudius, in dem 
der Procurator Fadus erwähnt wird [20, 14] , gehört nach der 
kaiserlichen Titulatur [20,11] ins Jahr 45 *), Unmittelbar nach 
dem Antritt des Cumanus [20, 104] wird der Tod des Herodes 



1) Nach Eus. KU 3, 5, 3 verläßt die Christengemeinde in Folge eines 
Orakels Jerusalem unmittelbar vor dem Kriege und siedelt nach Pella über. Wer 
antike Orakelgeschichten kennt, sieht sofort, daß die Legende beweisen will, daß 
die Christengemeinde in Jerusalem nach der Zerstörung weiter existiert bat: 
darum mußte sie wahrend des Kriegs in Sicherheit gebracht werden. Hätte Pella 
wirklich in jener Zeit als Asyl der Christen gedient, so wäre die Stadt irgendwie 
in die Evangelien gekommen , so gut wie die Zerstörung Jerusalems auch : was 
über diese in den Evangelien geweissagt wird, schließt die Fortdauer der dortigen 
Gemeinde aus. Vollends grotesk ist, daß unmittelbar nach der Zerstörung ein 
Neffe Christi zum Bischof gewählt sein soll [Eus. KG 3,11 nach Hegesipp4,22,4] 
und die Serie dann durch 15 Nummern fortgesetst wird bis zum Edict Hadrians, 
das den Juden das Betreten von Jerusalem verbot [Eus. KG 4,5]. Auf diese 
fünfzehn judenchristlichen biseböfe von Jerusalem folgen wiederum fünfzehn 
heidenchristliche von Aelia [Eus. KG 5,12], deren letzter, Narkissos, der erste 
ist, von dem etwas überliefert und der kein bloßer Name ist. Natürlich ist die 
erste Serie nach dem Muster der zweiten fingiert um die ununterbrochene äiadoxi) 
herzustellen. Jene ersten 15 Bischöfe von Aelia fallen in die Zeit von etwa 
134 — 190. Die Amtszeiten der einzelnen sind also sehr kurz gewesen, bei den 
unmittelbaren Nachfolgern des Narcissus dauert das aber noch fort [Eus. KG 6, 10], 
Ich möchte vermuthen daß hier ein Beispiel von niebt lebenslänglichem Episkopat 
vorliegt: wie dem aber auch sei, wenn auch die 16 judenebristlichen Bischöfe in 
die Zeit von 70—134 zusammengedrängt sind , so ist das nach dem Muster der 
iiado%ri von Aelia fingiert. 

2) Das Consulat weist auf 46, ist also ein falscher Zusatz. 



3,Googlc 



zur Chronologie des Paulus 285 

von Chalkia im 8. Jahr des Claudios [47/48] erwähnt, ebenso 
nach dem Antritt des Felix das 12. Jahr = 51/52. In Felix Pro- 
curatur fällt der Tod des Claudias, 13. October 54. Es ist richtig, 
daß der Bericht über dessen Verwaltung von Iosephns unter Nero 
gestellt ist, das darf indeß nicht zu falschen Schlüssen verfuhren. 
Denn er ordnet seine Darstellung keineswegs streng chronologisch 
und ist vor allem darauf bedacht sie zu größeren Gruppen und 
Einheiten zusammenzufassen 1 ). Da nun Felix sicher von Nero 
abgerufen wurde, so lag es fdr ihn nahe, zwar seinen Antritt noch 
unter Claudius zu notieren , aber die gesammte Erzählung selbst 
hinter den Tod des Claudias zu schieben. Sie knüpft auch deutlich 
an Dinge an, die noch unter Cuuianas fallen [vgl. 20, 161 mit 121 ff.], 
und ist ihrerseits sachlich geordnet nach den xeqx&aia: Räuber 
(160—166], Propheten [167— 172], Streitereien in Caesarea [173—178], 
Hohepriester [179 — 181]. Eine Behauptung des Historikers ist 
sicherlich verkehrt, daß Felix nur durch die Gunst in der sein 
Bruder Pallas bei Nero gestanden habe, der Verurteilung durch 
das Kaisergericht entgangen sei, vor dem ihn vornehme Juden 
die nach Rom gereist seien, angeklagt hatten. Pallas ist sehr 
bald nach Claudius Tod von Nero ans dem Amt a rationibus ent- 
fernt, noch vor dem Tode des Britanniens, am A nfang des Jahres 
55 *). Dann kann er unter Nero seinem Bruder seinen Schutz 
nicht haben angedeihen lassen ; denn dieser sowohl wie die Juden 
die ihn verklagten, sind frühestens im Frühling 55 nach Rom ge- 
kommen, da im Winter die Seefahrt geschlossen und eine Land- 
reise nur schwer möglich war. Da nun andererseits die Ab- 
berufung des Felix nicht in die Zeit des Claudius zurück verlegt 
werden kann, so folgt, daß Josephus mit Unrecht Pallas dafür 
verantwortlich gemacht hat, daß Felix von der Rache der Juden 
verschont hieb : bei solchen Motivierungen läuft ja immer leicht 
ein Irrtum unter*). 

Dagegen ist eine andere Combination erheblich wahrschein- 
licher. Es hat in den stadtrömischen Kreisen großes Aufsehn 

1) Vgl. oben S. 2G3 ' und die Geschieht« des Izates von Adiabene 20, IT ff., 
die unter Claudius gestellt ist, aber erbeblich über ihn zurückgreift und bis tief 
in Neros Regierung hinabreicht. 

2) Das sagt Tacitus um. 13,14 unzweideutig; der Sturz des Pallas wird 
ausdrücklich mit der Vergiftung des Britanniens zu einer zusammenhängenden 
Erzählung vereinigt. Ein Grund diese Darstellung soweit sie Faktisches enthalt, 
zu bezweifeln liegt nicht vor, und es geht nicht an, da Tacitns annalistisch 
ordnet, ein Ereignis herauszugreifen und am ein Jahr zu verschieben. Vgl. Groag, 
ßealencyclopaedie 3,2686. 

3) Richtig Erbes, Texte nnd Unters. N. F. 4, 17. 



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285 E. Schwarti 

gemacht, daß der freigelassene Felix ritterliche Offiziers stellen and 
schließlich sogar eine Provinzprocuratur erhielt 1 ). Das neronische 
Regiment wurde nicht zum Wenigsten darum mit Jubel begrüßt, 
weil es der Freigelassenenwirtschaft zunächst wenigstens ein Ende 
machte , und es hätte mit wunderbaren Dingen zugehn müssen, 
wenn der Sturz des unter Claudius allmächtigen Pallas nicht auch 
Bofort den seines Bruders nach sich gezogen hätte. Wenn Felix 
im Frühling oder Sommer 55 abberufen wurde, so konnte Iosephus, 
der nur auf die jüdischen Dinge achtet, leicht in den Irrtum ver- 
fallen, Pallas sei noch in Ginnst gewesen: die genaue Zeit seines 
Sturzes wußte er ja nicht, und es kam in diesem Falle auf die 
Monate an. 

Nach Tacitus ist nnter Claudius der Versuch gemacht , die 
Verwaltung Iudaeas anders zu organisieren, freilich muß man 
bald davon zurückgekommen sein. Er berichtet zum Jahr 49 
[aim. 12, 23] : Itiuaeiqtte et IitJuei defimctis legibus Solutemo atque 
At/rippa prouinciae Syriae aäditi. Richtig ist, daß Agrippas Tod 
erst nachträglich, fünf Jahre zu spät berichtet wird; auf den kam 
es aber Tacitus nicht an, sondern darauf daß die proeuratorische 
Provinz Iudaea aufgehoben und dem syrischen Proconsul direct 
unterstellt wurde. Das ist nicht erfunden und wird auch durch 
einen weiteren Bericht des Tacitus über den Streit zwischen Felix 
und CamanuB bestätigt [12, 54 ff.]: er ist in das Jahr 52 gestellt. 
Danach waren weder Cumanus noch Felix Procnratoren von Iudaea 
im weiteren Sinne, sondern dieser nur von Samarien, jener von 
Galilaea ; das eigentliche Iudaea gehörte eben seit 49 zu Syrien *). 
Mau darf nicht vergessen daß Galilaea seit Uerodes d. Gr. Tode 
eine besondere Tetrarchie gebildet hatte und erst 41 von Claudius 
wieder mit Iudaea und Samarien vereinigt war; es war nicht 
anerhört, daß es bald wieder abgetrennt, und noch weniger uner- 
hört, daß Iudaea selbst mit Jerusalem wegen der ewigen Unruhen 
und Schwierigkeiten direct mit Syrien vereinigt wurde: die 

1) Tat, hist. 5,9 mit boshafter Zusammenstellung Claudius . . ludaeam 
protiinciam equüibus Bomanis aut libertis permimt. Suet Claud. 28 Felicem quem 
cohoriibus et aiin prouinciaeque ludaeae praeposuil. 

2) Wenn Tacitus tob Felix sagt iam pridem ludaeae mposüus, so braucht 
er ludaeat katachrestüch zur leichteren Orientierung, das Genauere folgt ja bald 
darauf: cui pars prouinciae habebatur, ita diuisis u( huic (Cumanus) Galüacorum 
tuitio, Fttiei Samaritae parerent. Die Zeitbestimmung iam pridem, die verächtlich 
darauf hinweist, daß der Freigelassene schon lange einen Regierungsposten inne 
hat, ist wohl so zu erklären,, daB Felix und Cumanus bei der Neuordnung von 
49 ihre Teilpro enraturen erhalten hatten. 



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zur Chronologie des Paulus 287 

Regierung Agrippas hatte doch wolil der römischen Regierung die 
Erfahrung verschafft, daß ein, auch noch so abhängiges, politisches 
Gebilde das die Jaden Palaestinas zusammenfaßte, gefährlich war. 
Die Trennung bewahrte sich freilich erst recht nicht; denn die 
Statthalter mischten sich in die hergebrachten Schlägereien zwischen 
Samaritern und Galilaeern, nahmen mit ihren Trappen Partei und 
schufen eine so bedenkliche Situation, daß der syrische Legat ein- 
schreiten mußte. Der Kaiser gab ihm weitgehende Vollmachten, 
auch die Gerichtsbarkeit über die beiden Procuratoren: der Legat 
war schlau genug zu G-nnsten des Felix zu urteilen, dessen Bruder 
damals faktisch die Regierung fährte. 

Iosephas weiß von diesem Verwaltungsexperiment so gut wie 
nichts; bei ihm sind Cumarins und Felix Prokuratoren von Gesammt- 
ludaea, die nacheinander, nicht nebeneinander regieren. Den Streit 
zwischen Samaritern and Galilaeern kennt er [20, 118 ff.]; als 
richtiger Jude schiebt er auf die Samariter alle Schuld, Cnmanus 
begünstigt sie auf unerhörte Weise und wird deshalb auf Be- 
treiben Agrippas IL von Claudias verurteilt. Das stellt alles auf 
den Kopf: es fand gar kein Kaisergericht statt und Camanus 
stand nicht auf Seiten der Samariter, sondern der Galilaeer 1 ). 
Eine Spur des Richtigen ist aber noch darin erhalten, daß die 
Samariter sich an den Statthalter von Syrien wenden, dieser 
einige Juden hinrichten läßt 2 ) und Cumanas zur Aburteilung an 
den Kaiser schickt; der Legat batte thatsächlich eingegriffen, 
aber in kaiserlichem Auftrag and selbst das Urteil gesprochen. 

Nachdem der Streit mit Camanus für ihn so glücklich ab- 
gelaufen war, muß Felix mindestens Iudaea, wahrscheinlich auch 
Galilaea zu Samarien hinznerhalteu haben; das beweist die Er- 
zählung der Apostelacten vom Proceß des Paulus. Diese Ordnung 
bestand dann unter Nero fort, nur daß Agrippa II. gleich am 
Anfang 54/55 Teile von Galilaea erhielt [AI 20, 159]. Als wahr- 
scheinliches Resultat hat sich ergeben daß Felix 49 Procurator 
von Samarien, 52/53 von ganz Iudaea wurde und 55, bald nach 
dem Sturz seines Bruders, Amt und Provinz verlassen maßte. 



1) Die Verschiebung wird so zu erklären sein, daß Cumanus den Samaritern 
zugesellt wurde, weil ihn die Verurteilung traf und die Samariter unter allen 
Umständen als die Sünder erscheinen sollten. 

2) Tac. ann. 12,54 nee diu adutrsus ludatos gut in neeem militant pront- 

jitranl, dubHaium quin capite poenas luerent. 



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Der Bericht über die Verhaftung und den Proceß des Paulus 
vor den beiden Procuratoren Felix und Festus gehört zu den 
Stücken der Apostelacten, denen eine besondere Authentie zuge- 
schrieben wird ; kein Geringerer als Th. Mommsen ist sehr ent- 
schieden für ihn eingetreten [Zeitschr. f. neatest. Wiss. 2, 87]. 
Freilich giebt er Entstellungen im Einzelnen zu und beurteilt die 
Reden wie die in antiken Geschichtswerken, doch sei dadurch die 
Zuverlässigkeit des Berichts im Großen und Ganzen nicht alte- 
riert. Soltau [Zeitschr. f. neut. Wiss. 4, 128 ff.] hat versucht durch 
Ausscheidung der Beden ein Stück des Wirberichts wiederzu- 
gewinnen. So ganz einfach liegen die Dinge aber nicht und der 
Versuch ein deutliches Bild von den Ereignissen und dem Gang 
des Prozesses zu entwerfen will gar nicht recht gelingen , was 
doch der Fall sein müßte, wenn der Bericht im Wesentlichen zu- 
verlässig wäre. 

Man muß Soltau zugeben daß die beiden Erzählungen am 
Schluß der Capp. 21 und 22 Doubletten sind, die durch die Ein- 
lage der ersten Rede des Paulus [22, 1 — 21] entstanden. Daß die 
Juden vor und nach der Bede den Abtrünnigen lynchen wollen 
and doch, als er das Wort nun wirklich nimmt, sofort stille 
werden, ist eine Erfindung die sich selbst richtet 1 ). Mehr Schwierig- 
keiten bereitet die Verhandlung vor dem Synhedrion. Sie ist 
eine Fiction so gut wie das Auftreten des Stephanus vor dem 
Rath*); es ist undenkbar daß ein römischer Officier anf eigene 
Verantwortung einen römischen Bürger dem Verhör des jüdischen 
.Ruths unterworfen haben sollte am herauszubekommen weßhalb 
die Juden auf diesen römischen Bürger erbittert waren. Wie es 
bei solchen Fictionen zu gehn pflegt, kommt nichts dabei heraas, 
and um die Geschichte zu Ende zu bringen, muß Paulas zum 
dritten Mal durch die Soldaten vor der Wut seiner Landsleute 
geschützt werden: das Motiv ist aus 21,34. 22,24 wiederholt. 
Die Fiction ist aber nicht einheitlich und kann darum nicht ein- 
fach ausgelöst werden. Zunächst scheint die Lehre von der Auf- 
erstehung der Zankapfel zu sein, den Paulus zwischen die Phari- 
saeer and Sadducaeer wirft: dazu paßt aber die Frage nicht, die 



1) Sie soll durch den ganz jungen Zusatz 22,2 entschuldigt werden; aber 
nach 21,37 hat Paulus vorher nicht griechisch gesprochen. 

2) Die Anrede Svdfts iitltpol xal xuzien ist beide Mal die gleiche 22, 1 
und 7,2. 



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zur Chronologie des Paolos 289 

die Pharisaeer den Sadducaeern entgegenhalten : ei 6h nvtvfta ai>- 
■cäi ildki\aiv fj Hyyelog; [23,9]. Sie kann nur auf die Vision gehn, 
durch die Paulus bekehrt wurde : diese hat er aber dem Volk [22, 
6 — 21] und nicht dem Rath erzählt. So wie sie jetzt dasteht, ist 
die Frage nicht vorbereitet, doch zeigen einzelne Spuren im Vorher- 
gehenden 1 ), daß die Auferstehung und damit die ganze Finte des 
Paulus erst später hineingebracht ist. Ferner entsprechen sich in 
der Erzählung 22, 30 und 23, 11. 12 Anf. ; beide Mal wird eine Nacht 
eingelegt und beide Mal recht ungeschickt. Nach der zweiten Nacht 
verschwören sich die Juden gegen Paulus [23, 12] und fordern den 
Rath auf, er aolle bei dem römischen Officier ein Verhör des 
Paulus durchsetzen , als ob dieser selbe Officier nicht den Tag 
vorher den Verhaßten vor das Synhedrion gebracht hätte. Das 
schiebt sich alles zurecht, wenn die Verhandlung vor dem Synhe- 
drion gestrichen und die älteren Reste in Cap. 23 mit der Scene 
im Tempelhof vereinigt werden *) : die Verschwörung muß un- 
mittelbar auf diese Scene folgen. 

Der Anfang des ganzen Conflicts ist ebenfalls nicht correct 
erzählt, auch wenn man davon absieht daß die Collecte die Paulus 
nach eigenem Zeugniß [Rom. 15, 25] den Brüdern in Jerusalem 
überbringen wollte, mit keinem Worte erwähnt wird. An den 
Tausenden von Gläubigen unter den Juden 8 ) hat man längst An- 



1) 23,8 leugnen die Sadducaeer dreierlei: ävämams, äjytlvs , xvivfux: 
dagegen bekennen sich die Pharisaeer .zu beiden, rä äfup6rtea. Also ist von 
jenen drei eins zu viel. 23,6 stehen die 'Hoffnung' und die Auferstehung der 
Todten nebeneinander; daß die Syrer — nicht nur die Peschitth«, sondern auch 
syrp — xut streichen, ist Corrector. Die 'Hoffnung' ist die messianische; 
sie kommt noch öfter in den Reden und Verhandlungen vor, am deutlichsten 
üii, li. 28, 20; 24,14.15 ist ebenfalls die Auferstehung angehängt und zwar in 
doppelter Fassung: iväatamv jiiXUiv eaca&ai äixattav iE xal ädiwav und &.. p. f. 
tiixecöv; 24, 21 wo sie allein vorkommt, steht in einem Redactiouszusatz. Die 
Krage der messianische n Hoffnung war thatsächlicb das Sobibboleth zwischen 
Juden und Christen ; die Erzählung die sie als historisches Motiv benutzt, ist 
alter und echter in den Farben als diejenige welche den aus den Evangelien be- 
kannten [Mc. 12,18 mit Parallelen], innerjüdischen Streit über die Auferstehung 
hineinbringt; auch in den Erfindungen von Petrus und lohannes Auftreten vor 
dem Synhedrion muß er herhalten [4, 2. 5, IT]. 26, 23 ist zerstört. 

2) Sie beschränken sich auf den schon erwähnten Ausspruch 23, 9, den der 
ursprüngliche Text schwerlich den ,'Pharisaeern zugeschrieben hat, und die 
Schmähung des Hohenpriesters durch Paulus 23,2: über ihre Bedeutung s. u. 

3) 31, 20 &s<ngiis, &Siltfi, noaoi pvtukdts ilelv lv toig 'lovtaioif räv Tttmattv- 
xixav [benutzt bei Euseh KG 3,35], xal ndvxtg JtjIokbI xov vöuov ixäftzovtov. 
Her Anstoß ist sehr alt; denn er bat veranlaßt daß h toi« 'fouoWois in K Gig. 



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290 K. Schwanz 

stoß genommen: sie sind auch erst durch einen Redactor hinein - 
gekommen. Nach dem überlieferten Zusammenhang kann Paulus 
seine Ankunft vor den Scharen der Jadenchristen nicht geheim 
halten 1 ): ihm droht also von ihnen Gefahr. Dem widerspricht 
zunächst der 'Wirhericht' [21,17], nachdem die Brüder ihn freund- 
lich aufnehmen, sodann der Verlanf der Erzählung: die Gefahr 
kommt nicht von den Judenchris ten, sondern von den Juden Der 
Genetiv xäv aeautTevxötai- 21,20 ist falsch: Paulus wurde ur- 
sprünglich vor der großen Zahl der Juden die gerade in Jerusalem 
sich aufhalten, gewarnt; thatsächlich waren es ja asiatische, alsu 
zugereiste Juden die zuerst über ihn herfielen. 'Alle sind Eiferer 
für das Gesetz' [21, 20]. Das ergiebt eine bestimmte Situation : 
in Jerusalem wird ein großes Fest gefeiert; viele Pilger sind zu- 
j-iimmengeströmt, und die Christen in Jerusalem fürchten ihren 
Fanatismus: nicht nur muhammedanische, sondern auch christliche 
Pilger neigen noch jetzt zu Gewaltthaten gegen 'Ungläubige'. 
Das Fest war das Pflngstfest; so sagen wenigstens die Apostel - 
acten [20, 16], und eine Spar scheint sich noch in der jetzt zer- 
störten und unverständlichen Stelle 21, 26. 27 erhalten zu haben z ). 



gestrichen ist. Das hilft aber nichts ; in der vorliegenden Fassung sitzen die 
Juden Christen fest, wie 21,25 zeigt, und ein Genetiv kann neben fivQuiStt nicht 
fehlen. Liest man aber 'Iovöuiaiv mit HLP und dem jüngeren Syrer, so vermißt 
man die Ortsangabe, Die Variante in D, der Peschittha, der koptischen Ueber- 
setzung und bei Augustin iv riji 'loväaiai ist nur formell von lv rois 'loväalotf 
verschieden. Wie meist in den Apostelacten , kann der Text den der oder die 
Redactoren vorfanden, nnr errathen, nicht reconstruirt werden. 

1) 21,22 lautet nach der besten Ueberlieferung; rC olv lativ; «terrae &-nov- 
ooiTßi Sri JlijZvAxf. Es ist also eine unerwünschte Noth wendigkeit daß die 
Kunde von Pauli Ankunft sich verbreitet, und nach dem überlieferten Text kommt 
der historische Unsinn heraus, daß Iakobus seinen guten Freund Paulus vor der 
eigenen Gemeinde verstecken will. Die jüngere Lesung ti oiv Imiv; ttävaos 
<StC rb *lij0o; awtl#tiv>- ixovaovtui <ydo> Sn Hrjlv&as sucht die Situation 
zu verdeutlichen und macht den Unsinn noch schlimmer. Der Sinn soll sein 
'wir müssen eine Gemeindeversammlung zusammenrufen, weil deine Ankunft sich 
nicht verhehlen läßt; mache das Naziraeat mit, um die Opposition die sich dort 
erheben kann, von vorn herein zu entwaffnen'. Es ist klar daß ein solcher Zu- 
sammenhang der ursprünglichen Erzählung aufoctroyirt ist Außer diesen Un- 
gereimtheiten und Verdrehungen hat der Einfall, die Juden in Judenchristen zu 
verwandeln noch ein weiteres verschuldet: die Collecte die Paulus den 'Heiligen' 
überbrachte, mußte gestrichen werden: sie steht ja mit der Geheimhaltung seiner 
Ankunft in flagrantem Widerspruch. Ursprünglich fehlte sie in den Apostelacten 
nicht; vgl. 24,17. 

2) 21,26 sind zwei Formulirungen so zusammengeschoben, daß kein ertrag- 
licher Sinn herauskommen kann: 'am folgenden Tage wurde er Nazir mit den 
übrigen und gierig in den Tempel um anzukündigen wie lange er und die übrigen 



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zur Chronologie des Paulas 201 

Was es mit der Geschichte von der jüdischen Verschwörung 
anf sich hat, die in blasserer Form 25,3 wieder erscheint, kann 
auf sich beruhen bleiben 1 ). Verdächtig ist aber die riesige mili- 
tärische Escorte mit der Panlns nach Caesarea gebracht wird ; 
sollte nicht der Constrnctionswechsel in 23, 23 f. ein Anzeichen dafür 
sein, daß der römische Officier ursprünglich zwei Feldwebeln be- 
fahl Paulus auf ein Reitthier zu setzen und nach Caesarea zu be- 
gleiten? Jedenfalls ist der Brief deB Lysias [23, 26 — 30] ein 
minderwertiges Redactionsproduct. Der Officier stellt sein Ein- 
greifen hier so dar als habe er nicht einen Aufruhrer verhaftet 
[21, 33. 38] , sondern einen römischen Bürger vor den Jaden ge- 
rettet *) : wenn der Erzähler den Tribunen lügen lassen wollte, 
mußte ers sagen. Ferner wird die späte Erfindung der Verhand- 
lung vor dem Synedrion vorausgesetzt. Nach dem Brief hätte 
Lysias die jüdischen Ankläger des Paulus aufgefordert sich an 
den Statthalter in Caesarea zu wenden. Davon steht in der Er- 
zählung die vorhergeht, nichts, und die Ankläger berufen sich 



Nazir bleiben wollten' und 'er pflegte den Tempel zu besuchen, bis das Opfer für 
einen jeden Nazir dargebracht war'. Man muß den Widerspruch einfach einge- 
stehen ; Aenderungen oder Interpretationen bringen ihn nicht weg. Im folgenden 
Vers sind die determinirten sieben Tage un verständlich. Schon die Alten haben 
angestoßen ; der Laudi&nue streicht den Artikel ; die s. g. Recension ß sucht mit 
evvttXoviiivris di tfjg ißSii/ir^ 4ßf'e«f den Zweifel am überlieferten Text zu 
mildern. Immerhin sind diese Hausmittelchen noch harmloser als die modernen 
Erfindungen des siebentägigen Naziraeats oder gar der 'Pfingstwoche'. Das jü- 
dische und altchrisüicho Pfingsten ist die Featzeit der 7 Wochen nach dem 
Garbenfest; und die Pilger vor denen Paulus gewarnt wird, sind Pilger die zum 
Pascha nach Jerusalem gekommen sind und die ganze Festzeit der jitirtixosr'i 
dort zubringen. Der ursprüngliche Text wird 21, 27 gelautet haben ; die Sl fytX- 
lov at ba& <ißdonäS(s> wvrili£a&ai, 'als die Festzeit der Scbabu'oth zu Ende 
gieng'. 

1) 23,20 ist nur die Lesung n>f [tsllav n imfißiartifov 7tvv(tdvM&at ntpl 
avtoi richtig; die Variante ttillovtes macht ein falsches Citat von 23,16 daraus: 
ätuyiväextiv l.eiEt 'entscheiden', nicht 'erfahren'. Allerdings ergiebt die richtige 
Lesung eine Reminiscenz an so junge Stücke wie 22,30. 23,28: das verräth daß 
mindestens der Bericht den Paulus' Neffe abstattet, retouebüt ist. Am verdäch- 
tigsten ist mir, daB die Geschichte resultatlos ist: was ist denn aus den hungernden 
und durstenden Fanatikern geworden ? 

2) Mommsen [Zeit sehr, f. neutest. Wiss. 2,90'] wollte das Acrgste dadurch 
beseitigen, daß er 23, 27 pa#ä>v 3ri 'PapaCös iaxiv zum Folgenden zog. Das ist 
wegen des t* nach ßovkoiievog unmöglich, hilft auch nichts : denn die eigentliche 
Unwahrheit liegt darin daß Lysias Paulus nicht retten, sondern verhaften wollte 
und in einem officiellen Bericht diesen für den ProceB wesentlichen Umstand 
nicht verschweigen durfte. 



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auch nicht darauf 1 ). Freilich ist grade dieser Zug für die jetzige 
Darstellung unentbehrlich; denn auf ihm und auf ihm allein rnht 
die Verbindung zwischen der Verhaftung des Paulus in Jerusalem 
und dem Erscheinen der Ankläger vor dem Stattbaltergericht. 
Steht also dieser Zug in einem secundären Redactionsstück, so 
bricht die Erzählung an einer wesentlichen Stelle auseinander. 

Es scheint für die Rede die Paulus vor Felix hält , zn 
sprechen, daß sie den historisch richtigen Grund für Paolos Reise 
nach Jerusalem angiebt [24, 17]. Freilich wird die Freude daran 
bald zu Nichte ; denn der Schluß der Rede ist, wie die Störungen 
der Construction zeigen, angeflickt "), und wollte man sich dabei 
beruhigen, daß das ja eine einfache Textverderbniß sein könne, so 
erhebt sich sofort die Frage woher Felix seine genaue Kenntniß 
des 'Weges', d. h. des Christentums hat [24,22]. Am sonderbarsten 
nimmt sich der Schluß des Capitels aus. Man muß zugeben daß 
das Auftreten von Felix und Drusilla das genaue Gegenstück zu 
dem von Agrippa und Berenike ist; und damit entsteht das 
Problem , welche von den beiden Erzählungen das Original und 
welche die Copie ist; denn daß die Scene vor Agrippa und Bere- 
nike ausgeführt, die andere nur skizziert ist, beweist für die 
Priorität nichts. So viel ist ohne Weiteres zn ersehen, daß die 
Reden des Festus und Paulus vor Agrippa für die Handlung 
gleichgültig sind; was Festus von, Agrippa verlangt, daß er durch 
die Unterredung mit Paulus Material schaffen soll für einen 
Bericht an den Kaiser, wird eingestandener Maßen nicht geleistet 
[25,26. 27. 26,31]. Dagegen fängt die Erzählung von Felix und 
Drusilla so an [24, 24], daß sie von vorn herein in einen neuen 
und überraschenden Zusammenhang hineinführt. 'Nach einigen 
Tagen kam 8 ) Felix mit Drusilla, seiner jüdischen Gemahlin, an 



1) 24, 6ff. lautet die alte U eberlief erung or (Paulus) xal ^xporijoafifr ■ «np' 

ov Svvrj<n\i wbxbs ävangivas «tpl xävtaiv XOvxaV iniymbvui , itv ijfins xaxijyo- 
fovjiiv aizov. ov und avxoi müssen auf dieselbe Person geben, also auf Paulus; 
und nur Paulus kann 'verhört' werden. Der große Eioschub, der gar nicht einmal 
gut bezeugt ist, bringt die falsche Beziehung von ov auf I.ysias hinein und die 
verkehrte Vorstellung die auch den eingelegten Brief discreditirt , daß Lyaias 
Paulus 'retten' wollte, als er ihn verhaftete. 

2) 24, 18 vertragen eich weder iv als noch iv otg mit iiyinapivov. ti nach 
ztvds ist fest überliefert, und auch wenn maus streicht, kommt nur ein unordent- 
licher, unzusammenhängend«- Satz heraus. Vs. 20. 21 sind jung, da sie den Streit 
über die Auferstehung im Synhedrion voraussetzen. 

3) Die Peschittha laßt das bedenkliche nauayiviptvos aus ; noch geschickter 
verwandelt eine nur im Gigas erhaltene Recension es in yivoaevo; , 'als Felix 
bei Drusilla gewesen war'. Der jüngere Syrer hat als Randlesart: avv Aoovaü.lr\i 



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zur Chronologie des Paulus 293 

und ließ Paulas holen' : dieser redet dann nicht von seinem Proceß, 
sondern vom Christentum. Nach diesem Bericht war Felix also 
gar nicht in Caesarea, als Paulas dorthin gebracht wurde, sondern 
kam erst hin, als jener schon da war'). Seine Kenntniß des 
'Weges' [24,22], die jetzt räthselhaft ist, klärt sich anf, wenn 
sein Gespräch mit Paulus vorangegangen war; ebenso die gute 
Behandlung und die Bewegungsfreiheit die er Paulus angedeihen 
läßt [24,23]. Es taucht somit eine Ueberlieferung auf, in der 
nicht die förmliche Verhandlung vor dem Procarator Felix, die 
jetzt den größten Teil des Cap. 24 fällt, sondern, wie sich sofort 
weiter folgern läßt, nnr ein Versuch der jüdischen Behörde vor- 
kam ihre Klage anzubringen ; der Wortlaut von 24, 22 läßt das 
noch erkennen'). Damit fällt Paulus Rede fort, wenigstens zum 
größten Teil ; was alt darin ist 8 ) , wird aus dem vom Redactor 
zusammengestrichenen Gespräch mit Felix und Drusilla ent- 
nommen sein. 

Zn einer öffentlichen Verhandlung des Processes ist es also 
unter Felix Procaratar nicht gekommen. Nicht als ob er sich 
bei den 'Juden damit hatte empfehlen wollen, wie 24, 27 in schnnr- 
gradem Widersprach zu 24, 22 behauptet wird : schon die Alten 
haben versucht das hinauszuemendieren *) and dabei durch eine 
naheliegende Conjectar das Richtige getroffen. Drusilla soll da- 

tjJi Mai yvvaitd oü<B]i 'lovdaiai <?;tis itaptxäAtatv tva Wnt tiv IJaQXor %al 
tSiotiarjt tbv Xoyav ßovlifitvoe ovv i6 i-xavbv nottf/lai a&riji> filtlutiptyufQ rbv 
IJaOlov. Man sieht wie die Ausmalung in den Text hineingezwängt ist; sie bat 
auch das ijuovaav der Peschittha hervorgerufen. 

1) Blaß bemerkt zu nafayfv6fiivos: nempe in praetorium Herodia übt nori 
holiitobat ipee [23,36]. Das ist eine Erklärung xtreä tö atorxäpevov , die, wie 
sukhe Erklärungen meistens, eine ankkr ausgedruckte Trivialität in den Text 
bringt. Umgekehrt darf man vermuten daß Paulus im Statthalterpalast unter- 
gebracht und dort von Felix und Drusilla bei ihrer Ankunft angetroffen wurde. 
Daß sowohl der Brief des Lyaias wie die übertriebenen Zahlen der Escorte jung 
sind, wurde schon ausgeführt; in 31ff. müßten vernünftiger Weise die Feldwebel, 
nicht die Soldaten und dann die Reiter das Subjekt der Handlang sein. 

2) In äreßälFto aitovs o ffi)X»£ und dtayv&ooiiai tä *a#' vp&s können die 
Pronomina nicht die beiden Parteien zusammenfassen, sondern nur diejenigen be- 
zeichnen, die etwas von Felix wollen, die pctitorea; und das waren die Juden. 

3) Das ist namentlich 24,17, und wenigstens z. Th. 21,12; denn hier ist 
noch eine Erinnerung daran da, daß Paulus wegen »editio belaugt werden sollte 
und später auch wirklich belangt wurde. Dagegen taugt die Zeitangabe 21,11 
nichts: sie ist eine schlechte Addition von 24,1 mit 21,27, wo die sieben Tage 
schwerlich ursprunglich sind ; s. o. 

4) Die Stelle lautet nach cod. 137 und der Randnote des jüngeren Syrers 
t*» 91 JIböIov ttttmv i* tttfijtu Otü dyoimXXttv. 



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294 E. Schwartz 

hinter stecken; dazu kam die Hoffnung des Felis von Paulus 
Geld erpressen zu können. Er hatte ja der Gemeinde in Jerusalem 
eben Mittel verschafft, und Felix konnte hoffen daß dem gefangenen 
Broder geholfen werden würde. Damit ist denk ich der Beweis 
geliefert, daß die Unterhaltung mit dem Procnrator und Drusilla 
einst in der Handlang ein wichtiges Moment war, sehr viel wich- 
tiger als das Gerede vor and mit Agrippa: diese ist die Copie 
and jene das Original. Eine andere Frage ist, ob die Motive, 
nach denen diese Ueberliefemng Felix handeln läßt, historisch 
richtig oder Kombinationen sind. In Wahrheit entschied Felix 
den Proceß nicht, weil er abberufen wurde. 

'Als zwei Jahre abgelaufen waren, erhielt Felix den Porcius 
Festos zum Nachfolger' [24, 27], Das wird ein gesundes Sprach- 
gefühl nur so verstehen können, daß Felix zwei Jahre Statthalter 
gewesen war, als er abberufen wurde. So erklärt schon die Pe- 
scbittha *) ; in neuerer Zeit ist Petavius (de doctr. temp. 2, 176 
nach der Ausgabe Antwerpen 1703] für diese Deutung eingetreten 
und hat in einem Würzburger Theologen, V. Weber [Krit. Gesch. 
der Exegese des 9. Kap. d. Römerbr. Diss. Würzb. 1889, 178. 1881 
einen Anwalt gefunden: znletzt hat Wellhausen sie mit Energie 
verlangt [Nachr. 1907, 8], Der Anfang von Paulas Rede [24, 10], 
der Felix 'viele' Amtsjahre zuschreibt, reicht zum Gegenbeweis 
nicht aus; die Rede ist eingelegt, und außerdem ist «oXvg ein 
Wort das ins rhetorische Prooemium nun einmal gehört 2 ), ohne 



1) Sie übersetzt frei, so daß man erkennt wie sie die Stelle verstanden hat: 
.Spa$ax»3> spo*** loa» (»fcx* .ojfcoc£. )<x» |Jj baß^oj bi_) :^u*. ^ül o»V -i» po 

2) 24,10 i* itokläv ix&v Svttt ot »gitijv röi l&vit roürat [d.h. nebenbei 
gesagt huic prouinciae] htittuiuvoB. Tertullus sagt 24, 3 itollijs sloyvris 
Tv/iavQvits Stic aoC. Prooemium des Lucasevangeliumg limAijxcp reo Hol ixt- 
%e£f>neav &vuTä£ao&aL Öiriyrjatr. l'rooemium des S. g. Hebraeerbriefs , der kein 
Brief, sondern die epideiktiBche duüt^tg eines herumziehenden Lehrers ist [Wila- 
mowitz, Griech. Litt. 188] KoluucpAe *al n o l v rolfnoc näXat o fttäs XctXjetts 
iois TtatQBBtv *iX. Galen, t. I p. SfTK. (Vorrede zu 3ri 6 &qigtos taxfbs nal 
<pi%6a<>tpos) oliv « xtitiv&aaiv o! noüol rAv dtOXjjtäi* . . . roiovtov n xal 
»oft nollott t&v larqmv avftpißjpttv- t IV. p. 767 (Vorrede zu 5« tetis *oü 

Ctafiaros xpauffliv xrl.) xaCe w* eifiaxos xpaatoii* i-ata&ai xü« Swäfinq rfie tyv- 
%i/s oi)% 5rco£ r\ Öls, äXla itäw »olläxts o$6' iit' ifMtvtoQ püvuv ßuaavient; 
ti kbI nolv itSäi igtvvijaas. Dioskorides beginnt ■xoil&v oi pävov &g%aiiov 
ällä iial viiov avpta^afilvioi' ntgl xijs i<äv ipaofidsmv amvaalixt. Isokrates An- 
fang des Panegyrikos aolloiij Ittavpaaa xäv tag nuvrjyveits avvayay6vr<ov, 
des Areopagitikos itolXolis ipäv o!pai &avpdfciv. Cic. in Q. Caeril. diuin. 
siquis uestrum, iudir.es, aut et/rum gut adsunt, forte miratur me qui tot anno« 
in cautts iudidiique püblicis ita sim uersatus, ut defendenm multos. de dorn. 



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zur Chronologie des Paulas 295 

daß man sich viel dabei denkt. Umgekehrt wäre der Ausdruck 
von unerhörter Dunkelheit, wenn die zwei Jahre auf die Dauer 
des Processes zn beziehen wären, wie die tralaticische Inter- 
pretation immer von Neuem behauptet: Silvia and SiäSoxog cor- 
respondiren mit einander, besonders wenn durch nlrjQm&efotjs 
der Begriff der Frist noch betont wird, und wenn diese Frist 
sich nicht auf das Subject des Satzes bezieben soll , so mußte es 
gesagt werden. Es wäre doch nicht schwer gewesen den Satz so 
zn formulieren , daß die lange Daner der Haft klar herauskam : 
etwa öAi/v 8h SutCttv %ax(ts%tv tbv Tlavkov 4v ipvXaxiji 6 $i}At£ frag 
ov ilaßsv Siädoxov oder ähnlich. 

Die Frist von zwei Jahren stimmt mit der Geschichte über- 
ein. Oben worde nachgewiesen daß Felix 52 oder 53 die Proco- 
rator erhielt, and wahrscheinlich gemacht daß er 55, nach dem 
Sturz seines Bruders, abberufen wurde. Damit ist das Datum der 
Verhaftung des Paulas gewonnen, Pfingsten 55 : Felix Absetzung 
folgte rasch darauf, and lange hat er den Proceß nicht ver- 
schoben. Noch im Sommer desselben Jahres ist Paolos nach Rom 
transportiert *). 

Unter Festns ist der Proceß znr Verhandlnng gekommen. 
Das Resultat steht fest: Paulos appellirte an den Kaiser. Freilich 
ist sowohl die Frage des Gerichtsherren wie die Antwort des 
Beklagten in sonderbar verwirrter Form überliefert"), die nicht 



s. ad pontiff. cum multa diuinüus, pontificcB, a maioribus nostrin inuenta atqut 
institula sunt. Die wenigen, rasch aufgelesenen Beispiele werden sich mit leichter 
Mühe vermehren lassen, genügen aber am die feste, von Schriftsteller und Anlaß 
unabhängige rhetorische Manier zu demonstrieren. 

1) lieber den Wirbericht von der Seereise verweise ich auf Wellhausen, 
Nachr. 1907, IT ff. Er hatte ursprünglich mit Paulus nichts zu tun. 

2) In Festos Frage 25, 9 Qiltte *fc '/eoomUvfMc ävaßäs i»i£ mol minm* 
■xgt&fivat itt 1 ipov ist zweierlei in ungehöriger Weise combiniert. Festus konnte 
allenfalls Paulus anheimstellen sich als Jude von einem jüdischen Gericht abur- 
teilen zu lassen: dann muß in' luoO aus der Frage hinaus. Darauf konnte 
wiederum Paulus ablehnend antworten: fozä>s Ixl toi ßfipaw; Kafoao&s itpn o5 
fit 3ci xpi'vt«#ni , indem er correct das Statthaltergericht als ein kaiserliches 
bezeichnet, da die Gerichts hobeit des Procurators auf kaiserlichem Mandat beruht. 
Zuzugeben ist aber, daß sowohl die Frage des Festus als Paulus Antwort be- 
denklich nach Construction aussehen. Es ist höchst unwahrscheinlich daß der 
Statthalter einem römischen Bürger anbot, sieb einen Gericht minderen Ranges 
zu unterwerfen, und sich auf diese Weise eine so scharfe Antwort des Beklagten 
zuzog, wie die des Paulus 25, 11 el oiiSiv iaziv &v ovtoi nattffoeoüai pov, oiiSug 
ft£ Svvaxai aixoig %ttpiaaa&ai. Auch für die Juden die ein Todesurteil durch- 
setzen wollten, war nichts mit der Ueberweisung gewonnen; es mußte auf alle 
Falle durch den Procurator bestätigt werden. Endlich kann Paulus nicht in 

Kgl. Gh. d. WIM. NiehrJchlan. FUlolog.-Uitoi. Kluie. 1M7. Haft H. 20 



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296 E. Schwartz 

ursprünglich sein kann and wohl dadurch entstanden ist, daß der 
Redactor eine Jndenfreundlichkeit des Festue in die Erzählung 
hineinzwängte, die durch das sonstige Verhalten jeneB Lügen ge- 
straft wird. Indessen schimmert doch noch deutlich durch, daß 
der Procarator den römischen Bürger fragte ob er ihn als Richter 
annehme, eine Frage die schon darum berechtigt war, weil Paulus 
nicht in seiner Provinz ansässig war: dieser lehnte dann jedes 
Statthaltergericht, auch das in seiner Heimat, ab und verlangte 
vor den Kaiser gestellt zu werden. Viel weniger klar ist die 
Anklage selbst. Der Statthalter schritt gegen Paulus nicht kraft 
seiner Coercitivgewalt ein , sondern wollte einen regelrechten Proceß 
anstrengen: dazu gehört eine praecise Angabe des Reats. Die 
Apostelacten reden 25, 7 ganz allgemein von 'vielen schweren Be- 
schuldigungen 1 ; Paulus behauptet 'weder gegen das jüdische Gesetz 
noch gegen den Tempel noch gegen den Kaiser etwas begangen 
zu haben'. Daß die Juden auf ihn als Christen wütend waren 
und ihn darum hatten lynchen wollen, war kein Grund, ihm, dem 
römischen Bürger, den Proceß zu machen: wenn die Sache so lag, 
wie es nach den Apostelacten allerdings aussieht, so gehörte nicht 
Paulus, sondern die jüdischen Schreier auf die Anklagebank. Es 
müssen also von den Juden Paulus bestimmte Dinge, Handlangen 
oder Aeußerangen, vorgeworfen sein, die auch nach römischem 
Recht strafbar waren; und trotz aller Versuche des Redactors 
den Sachverhalt zu verschleiern sind zwei solche Dinge noch in 
den Apostelacten aufzufinden. Erstens die Einführung eines 
Griechen in den Tempel [21,28. 24,6]. Der NichtJude der den 
inneren Tempelraum betrat, war vogelfrei 1 ). Ließen die Juden 

einem Athem zuerst dae Stattbai tergericfat verlangt und dann an den Kaiser 
appelliert haben; da dies sicher geschehen ist, ist jenes, und damit der Anfang 
seiner Antwort falsch. Dagegen wird Festua Frage correct, wenn sfc 'lipoaAi.vfi.ix 
avußaf luii gestrichen wird : darauf antwortet Paulus mit der Appellation, und 
nur mit dieser. Ich will nicht versäumen an Mommsens Erörterung [Zeitschr. f. 
neut. Wies. 2, 95] zu erinnern , dafl Paulos nicht von einem Spruch des Statt- 
halters an den Kaiser appellierte, sondern dessen Gericht von vorn herein ablehnte. 
1) Vgl. die berühmte Inschrift (jetzt bequem bei Dittenberger Orientis 
graeci inscript. 598 zu finden): ujj&iva iUoytvfj tloxoQrvco&ai Ivtbf iot> 
itfpl tb hfibv Tpripuxiot* Kai jttQißölov. Be 3' Sv Xi]9&4)t, iaviät ahios itrtei 
ttä tb {^<i%oXov&eiv ftävuxov. Mommsen, [Zeitschr. f. neut. Wiss. 2, 91*] zweifelt, 
'ob ein römischer Statthalter den Jaden, der sich hiegegen vergangen hatte, ca- 
pital bestraft haben würde', mit Recht; die Sache lag aber anders, wenn ein 
Aufstand dadurch provocirt war und die jüdischen Behörden steh beschwert 
hatten. Dann lag es im politischen Interesse den Schuldigen zu opfern, und die 
Römer haben das in solchen Fallen auch getan, vgl. Ioseph. AI 20, 113 ff. 



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zur Chronologie des Paulas 297 

es sich gefallen , so schritt die römische Behörde natürlich nicht 
ein; veranlaßt« aber, wie es Fanlas schuld gegeben wurde, ein 
geborener Jude einen Heiden das Verbot zn übertreten and reizte 
dies die Jaden zu einem Aufstand anf, so konnte er allerdings 
wegen seditio belangt und zam Tode verurteilt werden. 

Dazu kam eine schwere Beleidigung des Hohenpriesters : Paulus 
hatte ihn eine 'geweißte Wand' genannt [23, 3]. Wie schwer diese 
Beleidigung wog, ist noch in dem Versuch zn erkennen Paulus 
durch einen interpolierten Vers ') zu entschuldigen ; grade die 
Interpolation beweist aber daß die Beleidigung überliefert und 
daß sie Paulus verhängnisvoll geworden war. Der Sinn des ohne 
Weiteres nicht verständlichen Ausdruckes ist mir durch R. Smend 
erschlossen, der Ezechiel 13 zur Erklärung heranzieht. Dort werden 
die falschen Propheten Israels mit Leuten verglichen, die vergeblich 
eine Wand verschmieren, so daß man ihre Risse nicht steht; Jahve 
wird sie doch umwerfen. Wenn Paulus den ofticiellen Vertreter 
der Theokratie mit dieser von falschen Propheten übertünchten 
Wand vergleicht, so beißt das nichts anderes als daß die ganze 
jüdische Theokratie nnr noch eine Lüge ist, die bald zusammen- 
brechen wird, und das ist nicht nur für jüdische Ohren eine Blas- 
phemie wie sie schlimmer nicht gedacht werden kann, es ist auch 
zugleich eine Auflehnung gegen das religiöse Oberhaupt der Jaden, 
die dem römischen Statthalter Anlaß zum Einschreiten geben 
konnte, vor allem, wenn sie unter den Jaden einen Aufruhr hervor- 
gerufen hatte. Jetzt ist die verhängnisvolle Aeußerung in die Ver- 
handlung vor dem Synbedrion verlegt; aber es ist schon gezeigt 
daß diese Verhandlung eine Becundäre Erfindung ist und daß das, 
was darin alt ist, zn der Scene im Tempelhof gehört. 

Es kommt also bei einigem Znsehen heraus: Paulus war auf 
Grund bestimmter Dinge beschuldigt, sich gegen das Gesetz (durch 
die Beleidigung des Hohenpriesters), gegen den Tempel (durch die 
Einführung eines Unbeschnittenen) und gegen den Kaiser (durch 
die Aufreizung der Juden zu Gewalttätigkeiten) *) vergangen zu 
baben. Er war so belastet , daß er erwarten mußte vom Statt- 
halter verurteilt zu werden. Die Appellation bewirkte anf alle 
Fälle einen Aufschab and gab ihm die Möglichkeit nach Born zu 
kommen, was er seit lange plante [Köm. 15,23]; bis der Proceß 

1) 23,5. Dagegen braucht 23,4 nicht vom Red&ctor erfunden zn sein; es 
kann ein ursprünglicher Zug sein, dal die Umstehenden das Debet constatieren 

2) Der Tribun sieht in Paulus einen aufrührerischen Propheten [21, 38J 
und verhaftet ihn darum. 24, 18 behauptet Paulus oi pciä öjlotj oiöh pstä #o- 
Qiißov im Tempel gewesen zu sein; von 24, 12 war schon die Rede. 

20* 



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vor dem Kaisergericht zur Verhandlung kam, konnte er hoffen 
mit den Brüdern in Rom frei verkehren zu dürfen, nnd diese Hoff- 
nung ging ja auch in Erfüllung. Er fürchtete sich nicht vor dem 
Tode nnd hat das Kaisergericht nicht angerufen um sich za retten; 
aber auf die Glorie des Martyrituns kam ihm nichts an nnd er 
wollte wirken so lange es Tag war 1 ). 

Wenn der Beklagte seine Sache vor dem Kaisergericht in Rom 
fuhren wollte und durfte, so mußten auch seine Kläger oder deren 
Bevollmächtigte dort erscheinen. Es kann sein daß die jüdische 
Gemeinde, in Rom dabei eine Rolle gespielt hat nnd ein Rest davon 
in dem Bonderbaren Gespräch erhalten ist, das Paulus 28, 17 ff. 
mit dem Vorstand dieser Gemeinde führt: es ist aber durch TJeber- 
arbeitung so zerstört, daß ich wenigstens daran verzweifle den echten 
Kern herauszuschälen *). Nur das sieht man auch hier : der Redactor 
der Apostelacten sucht auf alle Weise den Gang des Frocesses 
zn verschleiern. Darum hat er auch den Ausgang gestrichen, 
der ursprünglich erzählt sein muß. Es ist als sichere und un- 
zweifelhafte Thatsache anzusehn, daß Paulus nach zweijährigem 
Aufenthalt in Rom, also im Jahre 57 oder spätestens 58, vor das 
Kaisergericht gestellt, verurteilt und hingerichtet wurde. Da der 
Proceß ordnungsmäßig instruirt und in aller Form Rechtens an 
den Kaiser gebracht war, so mußte er auch entschieden werden. 
Ein freisprechendes Urteil ist nicht ergangen; diesen Triumph 
über die Juden hätten die Christen nicht vergessen nnd die Apostel- 
acten nicht verschwiegen. Dann bleibt nichts anderes übrig als 

1) Er redet im Brief an die Philipper [l,20ff.] zuversichtlicher als ihm zu 
Muthe ist, und stellt ein Wiedersehn in Aussicht, weil er wohl weiß wie viel von 
seinem Werk an seiner Person hängt [2, 20] ; aber xt afeijao/tat oi yvtoeftai und 
rb tiHftiveiv i*)i eapul ävayxatoieeav 81' vfi&s sind deutlich genug, und vor 
allem 2, 17. In derselben Zeit stellt er Phüemon seinen Besuch in sichere Aus- 
picht [v. 22] ; damit hoffte er dem fugitivus für den er eich verwendet , eine gute 
Aufnahme zu sichern. Man fühlt die Kraft dieser wunderbaren Urkunden erst, 
wenn man spurt wie der Mann den Gedanken an das nahe Ende in sich ver- 
schließt. 

2) Es ist ungereimt dal der gefangene Paulus den Vorstand der jüdischen 
Gemeinde vor sich citirt [28, 17] , noch ungereimter dai sie ihm nachher , ohne 
ersichtlichen Grund , einen neuen Termin setzen [28, 23]. Die Juden reden von 
'dieser Secte' [28,22], obgleich sie noch gar nicht vorgekommen ist; was Paulus 
von dem Verlauf des Processes 28, 17. 18 erzählt, ist falsch. Daß er seine Heiden- 
mission vor ihnen rechtfertigt, laßt sich mit der fabrizierten Rede vor dem Volk 
zusammenstellen, die mit der Berufung zum Heidenapostel endet [22,21]. Die 
Episode in Bausch und Bogen zu verwerfen geht nicht an; die Störungen des 
Zusammenhangs verrathen daß der Redactor an einer ihm unbequemen Ueber- 
liefernng herumcorrigiert hat 



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zur Chronologie des Paulus 299 

der Schloß daß der in Caesarea begonnene Proceß mit der Hin- 
richtung in Rom endete. Der Redactor der Apostelacten hat für 
Tragik keinen Sinn. So wie er die Erzählung gestaltet oder 
richtiger umgestaltet hatte, konnte das Ende nur sein, daß der 
Kaiser ein auch juristisch ungerechtes Urteil fällte, za Gunsten 
der verhaßten Juden, und das, nachdem nach seiner Darstellung 
die römischen Procuratoren und König Agrippa keine Schuld an 
Paulus hatten entdecken können. Mit dieser Auflehnung gegen 
die kaiserliche Justiz hatte er sich um den Erfolg seiner Redac- 
tionsarbeit gebracht und den Gegensatz zwischen Christentum und 
Staatsgewalt, den er leugnet, scharf und drastisch hervortreten 
lassen. So ließ er das Ende des Processes fort. Es ist sehr 
charakteristisch, daß er sich nicht dazu hat entschließen können 
die Verurteilung des Paulus durch den Kaiser als Martyrium zu 
verherrlichen} für ihn machen nur die Jaden und allenfalls ein 
schlecht unterrichteter Statthalter Märtyrer, aber nicht der Kaiser. 

Mit der sog. neronischen Verfolgung hängt der Tod des Paulus 
nicht zusammen, nicht einmal in der an den Gräbercultus an- 
knüpfenden Legende. Jene Verfolgung war eine brutale Maßregel 
der Coercition, die gegen die Peregrinen in Rom schonungslos ein- 
schreiten konnte, sonderlich wenn es keine Standespersonen waren; 
Paulus war römischer Bürger und hat den Richter , auf den er 
. Anspruch hatte, gefunden. Er wurde in Folge eines jüdischen 
Aufruhrs in Jerusalem verurteilt, ohne daß das formelle Recht 
dabei verletzt wurde; die von Nero gemarterten Christen sollten 
Brandstifter in Rom gewesen sein und wurden so zu sagen im Ver- 
waltungswege beseitigt. Wo ist da ein Zusammenhang zu finden? 

Von der Missionstätigkeit des Paulus in den Jahren vor der 
zweiten Reise nach Jerusalem ist so gut wie nichts bekannt. 
Schriftsteller ist er erst nach 44 geworden; alle seine Briefe sind 
zwischen 44/45 und 57/58 geschrieben. 



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Die „Schoß"- oder „Kniesetzung", 
eine angelsächsische Verlobungszeremonie. 

Von 
Fritz Boeder. 

Mit einer Tafel. 
Vorgelegt in der Sitzung vom 26. Oktober 1907 von L. Morsbach. 

Während meines letzten Aufenthalts in England, den ich dazu 
benatzte , ans den illuminierten Hss. des Britischen Museums 
Miniaturen für den II. Teil meiner „Familie bei den Angelsachsen" 
zu Bammeln, nahm ich Gelegenheit, auch die mit sehr schönen 
Illustrationen geschmückte wertvolle Hs. Cott. Tiberius B. V ein- 
zusehen. 

Biese Hb., die in der Mitte des 11. Jahrhunderts geschrieben 
ist, enthalt auf fol. 78 b — 86 b eine fabulöse Topographie des 
Orients, die T. 0. Cockayne in seinen 'Narratiuncnlae Anglice 
conscriptae* (London 1861) auf S. 33 ff. u. 62 ff. unter der Ueber- 
schrift 'De rebus in Oriente mirabilibns' herausgegeben hat '). Im 
Katalog der Cott. Hss. wird auf S. 36 unsere Partie der Hs. be- 
schrieben als: Descriptio topograpbica aliquot regionum etc. in 
Oriente (Lat. et Sax.). Multa de monstris, etc. continet, haud 
dissimilibus iis qnae memorantur apud Solimun, Ctesiam, et in 
interpolatis exemplaribus itinerum J. de Maundeville, etc. Imper- 
fecta uidetur hie traetatos, fabulisque plenns. Fragmentum aliud 
eiusdem libelli extat in codice qui inscribitor VitelliuB A. XV. 

1) Jetzt neue Edition von F. Knappe; Das ags. Proaastück „Die Wunder 
des Ostens", Ueberlieferung, Quellen, Sprache und Text nach beiden Handschriften. 
Dias-, Greifswald 1906. Die Arbeit kam mir erst zu Gesicht, als der vorliegende 
Artikel nahezu vollendet war. 

Max Försters Aufsatz „Zur altengliachen Mirabilien- Version" in Herrigs 
Archiv Bd. CXVII S. 367 ff. handelt über die richtige Einreihung der Schrift in 
die Geschichte der Weltliteratur. 



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Fritz Boeder, Die „Schoß"- oder „Kiiiesetzung" etc. 301 

Auf fol. 86a findet sich eine künstlerisch ausgeführte, schön 
kolorierte Miniatur, die der verdienstvolle Strntt ans der Hs. 
heraushob und als eine ags. 'marriage' bezeichnete. Seine Repro- 
duktion (Horda Anjel -cynnan, Vol. I Plate XIII Fig. 1) ist, wie ich 
mich überzeugen konnte — abgesehen von der Kolorierung — 
dem Original so treu nachgebildet, daß ich hier lediglich auf sein 
Buch oder meine „Familie b. d. Ags." S. 31 verweisen kann. Im 
Gegensatz zu Strntt und Friedberg, Recht der .Eheschi. S. 34 
Anm. 5 war ich allerdings der Ansicht, der ags. Künstler habe 
eine Verlobung darstellen wollen. 

Dem widersprach F. Liebermann in einer Besprechung meines 
Buches (Engl. Stadien Bd. XXVII S. 294), in der er gegenüber meiner 
Meinung geltend machte, daß der die Frau Empfangende mit 
nackten Beinen und Wanderstab, folglich als Fremder dargestellt 
sei, nicht als englischer Bräutigam, den Sippe oder Bürgen um- 
geben müßten; auch scheine die Frau gezwungen zu werden; end- 
lich fehle jede Spur des Wettvertrages, der doch nicht mit der 
Braut selbst gemacht wurde ; der Maler habe also ein lifan, nicht 
fordern darstellen wollen. Diese Bedenken Liebermanns veranlassen 
mich, meine frühere Behauptung in gewisser Weise einzuschränken. 

Zu besserem Verständnis — namentlich auch der folgenden 
Ausführungen, die den Beweis erbringen sollen, daß die „Schoß- 
setzung" einen Bestandteil des ags. Verlobungsaktes bildete — 
gebe ich hier den Passus unserer Hs., den der Maler illustrieren 
will, fol. 85 b (zweite Spalte): Hoc genus hominum multos uiuit 
annos || homines sunt benigni & siqui ad eos uener || cum molierib : 
eos remittunt. Alexander ]| ante macedis '). cum ad eos ueniB8& 
mirat 1 || e. eorü hamanitatem nee uoluit eis nocere || nee ultra uoluit 
oeeidere. || (Vgl. Cockayne, Narr. S. 66 § XXXI; Verf., Familie 
b. d. Ags. S. 181 und Knappe, a. a. 0. S. 62). Die agB. Ueber- 
setzung, die in der Hs. jedesmal auf den einzelnen lat. Paragraphen 
folgt, lautet: Bit mannpcynn (sie!) lifad fela ^eara 7 hi syndon\ 
fremfitlfe menn, 7 yjf hwylc mann || to him cymed ßonne },yfaä hi him 
teif |( esr hi hine onwe$ Icetan. Se macedonisca || alexandur ßa da he 
him to com ßa was || he wundriende hyra mtnniscnysse || ne wolde he 
hi aoellan ne him nawiht \\ lade» don. (Vgl. Cockayne, a. a. 0. 38; 
Verf., a. a. 0. und Knappe, a. a. 0. 62 f.) 

Es liegt nahe anzunehmen, daß der ags. Illuminator bei der 
bildlichen Wiedergabe dieser heidnischen Sitte an die Form dachte, 
in der eine angelsächsische Frau einem Manne „gegeben" 



1) Knappe, a. a. 0. S. 62 bessert Macedo. 



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302 Fritz Reeder, 

oder verlobt wurde. Allerdings konnte der Bräutigam, der durch 
die nackten Beine and Füße und durch den Wanderstab als Land- 
fremder kenntlich gemacht ist, nicht von seiner Sippe nnd seinen 
Bärgen umgeben sein, wie es bei der ags. Verlobung obligatorisch 
war; and aas diesem Grunde dürfen wir unsere Miniatur nichi 
einfach als eine getreue, alle Hauptmomente enthaltende Dar 
stellang der ags. Yerlobangszeremonie bezeichnen. 

Die Ansicht Friedbergs (Recht der Eheschi. S. 34 Anm. 5), 
daß die beiderseitigen Verwandten auf dem Bilde zu sehen 
seien, läßt sich kaum verteidigen. Eine Betrachtang der übrigen 
Miniataren, die ansern Text illustrieren, bestätigte mir, daß der 
die Frau empfangende Mann von dem Maler ohne Zweifel als 
sippeloser Fremdling gefaßt wurde. Aof dem Bilde za § XXX 
(Cockayne, a. a. O. S. 66 u. 36f. and Knappe, a. a. 0. S. 66f.) 
in der ersten Spalte von fol. 83b ist der 'fremdes kynues mann', 
der von den Unmenschen überlistet und getötet wird, wie unser 
Bräutigam halbnackt, indem er nur ein kurzes Obergewand trägt, 
seine Knie und Beine entblößt, seine Füße allerdings, wie es 
scheint, beschuht sind. Die Nichtfremden, die freien Volksgenossen 
— die Monstra und Halbmenschen kommen natürlich nicht in 
Betracht — tragen z. T. lange, über die Knie reichende Ober- 
gewänder, oder Schuhe, oder Riemen um die Beine. 

Wenn wir nun jenes Moment im Auge behalten, daß der 
Bräutigam als „freundloser " Mann nicht im Kreise seiner Magen 
auftreten konnte, so behält das Bild meiner Ansicht nach im 
übrigen seinen Wert für die Kenntnis der ags. Verlobtingafeier- 
lichkeit : der Umstand, daß der Mann der Frau die Hand reicht '), 
und die Tatsache, daß einer der Sippegenossen der Frau einen 
Becher in der Hand hat, der den zum „Beweinen" des Vertrages 
nötigen Trunk enthält, beweisen, daß die beiden Parteien in feier- 
licher Weise unter Beobachtung symbolischer Rechtsformen einen 
Akt vollziehen, den wir ohne Bedenken als Verlobung deuten 
dürfen. 

Und non erhalt meine Auffassung eine wertvolle Stütze durch 
das Faktum, daß noch ein anderer ags. Illuminator jene heidnische 
Sitte in eine ags. Verlobung umgedeutet hat, indem er — unter 



1) In meiner „Familie b. d, Ags." S. 32 habe ich darauf hingewiesen, d&B 
ursprünglich nur Verlober und Bräutigam sich die Hand reichten und 
durch Handschlag versprachen, ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Daher wird 
„verloben" durch ($e)handftestan (eigentl. „durch Handschlag kommendieren, ver- 
sprechen") wiedergegeben. Senno in festis Marie, Kluge, Aga. Leset).* S. 88, 41 : 
For ßth heo losepe $ehandftest wart, . . . 



3,Googlc 



Die „Schoß"- oder „Knie Setzung", eine angelsächa. Verlobungszeremonie. 303 

den verschiedenen symbolischen Handlungen, die eine ags. Ver 
lobangBzeremonie begleitet haben mögen, auswählend — demselben 
Passus unserer Weltbeschreibnng eine Schoß- oder K n i e- 
setzung als Illustration beigab. 

In der Hb. Cott. Vitellius A. XV, die ja den Beowulf und 
die Judith enthält, findet Bich anf fuL 98 b -106 b (nener Zählong) 
eine andere, allerdings nar ags. Version unseres Stuckes, die bis 
§ XXXIII incl. (nach Cockaynes Bezeichnung) reicht. Der Katalog 
der Cott. Hss. beschreibt den uns hier interessierenden Teil der 
Hs. auf S. 381 folgendermaßen : Descriptio fabulosa Orientis, et 
monstrornm quae ibi nascnntnr ; cum figuris male delineatis ; capite 
et calce mutüa; haud diuersa ab illa (LatiniB exceptU quae in hoc 
codice desnnt) quam exhibet codex qui inscribitur Tib. B. V. 
Cocfcayne legte Beiner Ausgabe Tib. zu Grunde und verzeichnete 
ans Vitell. die wichtigsten Varianten '). 

Die Außenränder letzterer Hs., die ja bekanntlich bei dem 
Brande von 1731 stark gelitten hat, sind sehr beschädigt. Die 
Miniaturen (nur unserem Traktate beigefügt) sind kunstlos 
and roh ausgeführt — in ihrer Konzeption z. T. recht verschieden 
von denen in Hs. Tib.*). 

Ich gebe zunächst eine genaue Kopie des betreffenden Ab- 
schnittes aas Vitell., indem ich fehlende Buchstaben durch Funkte 
ersetze; fol. 106b oben: 

.... an 1 eyn iyfad fela |[ . . ura 7 hy syndon || . remfulle 1 mm 
-,tf || . . ylc* man ki to cymd* || . . . b $ifaä hy kirn wif \\ . . hy kitte 
onwe$ 1<b || . en. Se mace* donisca \\ . . exander pa he htm || . o ! com 
pa wces he wun || drende hyra mennisc nesse ne wolde he |] ki cwellan 
ne htm nun lad 6 on 9 . || 

1) Letzter Grundstrich eines m noch zu erkennen. 2) remftillt ganz deut- 
lich. 8) y verstümmelt, von to noch Rest vorhanden. 4) so Hb., nicht cymed, 
wie Cockayne liest. 5) Reit eines n noch erkennbar. 6) ma sehr undeutlich 
und verwischt, 7) o noch sicher zu lesen. 8) so Hs., nicht laß, wie Cockavne 
schreibt 9) so Hs. 

Mit Hülfe der Lesungen in Tib. läßt sich folgender Text her- 
stellen: [Bis tnjatttyn lyfad fela [§e]ara 7 hy syndon [f]remfulle nie»; 
yf [hw]ylc mon htm töcymd, [ponne] yfad hy kirn wif, [cer] hy hüte 

1) Später verglich A. Holder beide Hss. mit einander nnd stellte die ab- 
weichenden Lesarten zusammen, Anglia Bd. I S. 331 ff. Jetzt hat Knappe die 
beiden ags. Versionen nnd den lat Text unverkürzt abgedruckt. Meine eigenen 
Lesungen und Bemerkungen beruhen auf Autopsie der Hss. 

2) Vgl. R. Wülker, Geschichte der engl. Litt. (1896), S. 72 : Reproduktion 
einer Seite aas den „Wundern des Ostens" nach Hu. Vitell. 



3,Googlc 



304 Fritz Boeder, 

owtvej Z5[*]«(. Se macedonisca [aljexander, pähekim [t]öcöm, pä was 
he wundrendc hyra menniscuesse, ng tvolde he hl cwellan, ttg kirn nän 
lad [d]ön. 

Neben dem Text befindet sich die beigegebene, in Original- 
größe reproduzierte Miniatur. Die Köpfe der beiden Personen, 
besonders der Frau, sind beschädigt. Die Deutung des Bildes 
macht keine Schwierigkeiten : Der Fremdling, auch hier — 
wie es scheint — halbnackt and in sitzender Stellang befindlich, 
hat sich die Fran, die ihm von dem heidnischen Volke „gegeben" 
wird, anf den Schon oder auf die Knie gesetzt und hält sie mit 
den Armen umschlungen. Die Schoß- oder Kniesetzung 
and das Umfangen mit den Armen gehören za den Formen 
der Adoption, welche die Aufnahme in den engeren Kreis der 
Haasgenossenschaft (Schoß, Basen) zum Ausdruck bringen, ent- 
sprechend der Aufnahme des neugeborenen Kindes durch den 
Vater (Schroeder, Deutsche Rechtsgesch.* S. 68). Der Verlobung 
geben sie die Bedeutung eines familienrechtlichen Aktes and be- 
zeichnen, daß die Fran in die Gewalt des Mannes kommt, der sie 
wie ein Kind annimmt. 

J. Grimm hatte in einer Anzeige der 'Ancient Laws and In- 
stitutes of England' in den Gott, gelehrt. Anzeigen 1841, S. 356 
(oder Kleinere Sehr. Bd. V S. 319) auf Grund von JEthelberhts 
GeB. 83 behauptet, daß die Angelsachsen, wenigstens die Kenter, 
sich bei feierlichem Verlöbnis der Schoßsetzung bedienten : er 
faßte nämlich [mee^pmon] in sceat bewyddod als „eine förmlich einem 
auf den Schoß, in den Schoß (sceat = sinus, gremiom) verlobte 
Jungfrau", während Frice 'betrothed in money' und Schmid 'am 
Gut verlobt' übersetzt hatten. Zugleich wieB er darauf bin, daß 
die schwedischen Volkslieder Beispiele dieses Knie- und Schoß- 
setzens haben (Belege in den „Kechtsaltert." 1 433, Bd. I S. 598 
und von Amira, Nordgerm. Obligationenrecht Bd. I S. 535). An 
der Interpretation des sceat = sceat(t), sc<Bt(t) „Geld", „Gut" 
(„Schatz") hielt Schmid in der 2. Aufl. seiner „Gesetze d. Ags." 
fest; „von dem Gebrauche der Schoßsetzung findet sich aber bei 
den Angelsachsen meines Wissens nirgends eine Spur" (a. a. 0. 
S. 9 in der Anm. zu Gesetz 83). Aach Weinhold, der die Schoß- 
setzung allerdings zu den Heiratsgebräuchen stellt, hielt das von 
J. Grimm angeführte aga. Zeugnis für zweifelhaft (Deutsche Frauen 3 
Bd. I S. 349 Anm.), and F. Liebermann übersetzt £tbelberhts 
Ges. 83: yf hio (nämlich nue$p»ion „eine Jungfran") oprtm man in 
sceat bewyddod sy, XX scüiin^a ~,ebele. „Wenn sie einem anderen 
Manne in [Brautkanfjgeld verlobt ist, büße er [außerdem diesem 



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Die „Schoß"- oder „Knieaetzung", eine angelsäcbs. Yerlobungszeremonie 306 

Bräutigam (?)] 20 Schillinge" („Gesetze a. Ags." Bd. I S. 8). In 
Uebereinstimnmng mit der Deutung Scbmids und Liebermanns 
habe ich dann in meiner „Familie b. d. Ags." S. 34 Anm. und 73 
Anm. behauptet: es sei nicht bewiesen, daß die Schoßsetzung bei 
der ags. Verlobung gebräuchlich war. 

Zu jener Zeit kannte ich die Miniatur in Hs. Vitell. und die 
folgenden sprachlichen Zeugnisse noch nicht. 

1. In der Rushworth-Glosse zum Matthäus wird cap. I, 18: 
Cum esset disponsata mater eins Maria loseph, . . . übertragen: 
pa pe hio wees bewedded l befest t in sceat aleyl his moder maria 
iosefae . . . (W. Skeat, The Gospel acc. to 8. Matthew etc., Cam- 
bridge 1887, S. 27). Desponsare = in scgat älec^an „in den Schoß 
(niederlegen", „verloben* läßt Bich vergleichen mit altisl. bera, 
leida ä skaut, gebraucht von der Zeremonie, durch die ein Kind 
legitimiert oder eine Person adoptiert wurde (Bosworth-T. unter 
sceat IT und Cleasby-VigfnsBon, Icel. Dict. unter skaut 3) *). 

2. Napier, Old English Gl. 1 (Ms. Digby 146), 4555: despon- 
saret, beseeatwyrpte; ebenso 2 (Ms. Royal 6. B. VII), 346. Die- 
selbe Stelle aus Aldhelms 'De laud. uirgiuitatis' (Gilee, Opera 
Aldb. S. 64 Z. 7) wird in Ha. H (Ms. 1650 in der Kgl. Bibliothek 
in Brüssel) glossiert: disponsaret (gl. spopondit). besceat . vurpte 
(ed. Bouterwek, Zeitschr. f. d. A. Bd. IX S. 511). Napier sagt 
a, a. 0. S. 118 in der Anm. znr GIo. 1, 4565: "The vb. (nämlich 
besceattoyrpan) is ev. connected with sceatt in the sensu of 'Braut- 
kaufgeld' (cp. Laws of ^thelberht of Kent, 77 and 83). In H. it 
is WTongly printed besceat . uiurpte, whence Leo gets two verbs, 
besegotan and wurpan, both meaning 'spondere, desponsare'". 

Gegenüber Napier s Erklärung müssen wir meiner Meinung 
nach jetzt, nachdem ich durch die Miniatur in Vitell. und jene 
Rushworth-Glosse die Schoßsetzung als ags. nachgewiesen habe, 
annehmen, daß in besceatwyrpan nicht sceaf(t), sondern sceat „Schoß" 
steckt, daß wir also besser besctotwyrpan schreiben. Dieses Ver- 
bum weist auf denominale Bildung. Wir dürfen sagen: Koch vor 
der Zeit des i- Umlauts gab es bei den Ags. ein Substantivum 



1) Zu S. 30 Anm. 1 meiner „Familie b. d Ags " trage ich hier noch fol- 
gende Ausdrücke für „verloben" nach : befagtan 'fasten, entrust, coramit, commen- 
dare' und bef&stnian; letzteres Wort glossiert unser desponsata in den Lindis- 
farne Gospels, wo — abgesehen von beteeddian — außerdem noch die Verba 
bebiodan u. betäcan zur Glossierung verwandt werden (W. Skeat, a. a. O.). Alle 
diese Ausdrücke bezeichnen, daß die Braut durch die Verlobung dem Manne als 
Herrn anvertraut, seiner Mundschaft unterstellt wird. Oben ist schon {ie)kafid- 
faitan belegt worden. 



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306 Fritz Boeder, 

"sceatvmrpi „Schoß Setzung" (vgl. ags. wyrp = ahd. wurf < *wurpin)\ 
und auch noch vor der Zeit des t-Umlauts wurde daraas ein Ver- 
horn *(bi)-sceat-wurpjan gebildet, denn die Bildungsweise der 
schwachen Verba der ersten Klasse ist nach der Zeit des t'-Um- 
lauts and des Schwundes von ; in -jan nicht mehr produktiv 
(Nenbildangen werden dann nach der 2. Klasse, der „lebendigen", 
geschaffen). Hiermit bekommt man einen spätesten Terminus für 
das Verbum, das im 6. Jahrhundert wohl schon vorhanden gewesen 
sein maß. Das Verbum setzt aber notwendig das Sabstantivom 
voraus, das man spätestens fürs 6. Jahrhundert der Sprache zu- 
schreiben darf 1 ). Ich glaube, diese Argumentation ist durchaus 
plausibel, während ich nicht wüßte, was ein be-$ceat(t)-wyrpan ur- 
sprünglich bedeutet haben sollte. 

Hall und Sweet geben unser Wort nicht, während Bosworth-T. 
anter wyrp 'recovery' ein be-sceat-tvyrpan (mit kurzem Diphthong) 
ohne weitere Bemerkung verzeichnet. 

3. Cleopatra-Gl.', "Wright-W-, Vocab. I Sp. 386, 1: Despondi, 
-ifisceatwyrpe. Auf Grund dieses Beleges gibt Hall in seinem 
Wb'rterbuche : x,esceatwyrpe 'despondi' ; Sweet : {^e)-sceat-wyrpan[if=ief] 
'betroth' Gl. ; Bosworth-T. verweißt auf unsere Stelle anter sceat 
IV (er führt ein y-sceat-wyrpan noch einmal an der oben genannten 
Stelle unter wyrp zusammen mit be-sceat-wyrpan, hier also mit 
kurzem Diphthong, an). Napiers Ansicht (a. a. 0.) entspricht na- 
türlich seiner Auffassung von be-sceat-wyrpan, während Hall, Sweet 
und urspr. auch Bosworth-T-, wie ihre Qaantitätsbezeichnung zeigt, 
offenbar an eine Bedeutung „schoßwerfen, — setzen" gedacht 
haben. 

Unsere Glosse überträgt despondi in II. Reg. cap. III, 14: 
Misit aatem Dauid nuntios ad Isboseth filium Saul, dicens: Redde 
uxorem meam Michol, quam despondi mihi centum praeputiis Phi- 
listhiim. Für ie-sceat-wyrpan müssen wir ein urags. *^i-sceat-warpjan t 
von dem Sabstantivom *sceat-wurpi abgeleitet, ansetzen. 

Nachdem unsere Untersuchung so weit zu einem gesicherten 
Resultate geführt hat, drängt sich uns ganz von selbst die Frage 
auf, ob wir in der Interpretation von Jüthelberhts Ges. 83 nicht 
zu der alten Grimmschen Auffassung von 'in sceat bewyddod' = „in 
den Schoß verlobt" zurückkehren müssen. 

Für ihn war entscheidend, daß es an unserer Stelle sceat und 



1) Alois Pogatscher hat auf meine Anfrage in seiner gewohnten 
liebenswürdigen Weise diese scharfsinnige und für das Endresultat meiner Unter- 
suchung überaus wichtige Deutung des Verbums btsciatieyrpan beigesteuert. 



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Die „Schoß"- oder „KniesetEUng", eine aogelsache. VerlobungBzeremoiiie. 307 

nicht scat{f) heißt. Doch möchte ich bei einem Texte wie dem der 
Gesetze M.'s, der mannigfache, nicht im einzelnen zn kontrollierende 
Wandinngen erfahren hat, kein zn großes Gewicht legen anf die 
Beobachtung, daß mit Ausnahme des Gen. Plnr. sceatta (Ges. 33) 
überall a>. geschrieben wird: Sing. Acc. scat (77,1; 78; 79), lnstr. 
statte (30; 31); Plur. Gen. scatta (16; 59; 60; 72), Acc. atonttas 
(72, 1) — d. h. in Fällen, wo ohne Zweifel tcxtif), sceat(t) = „Skätt, 
Geld, Fahrhabe, Brautkaufgeld" vorliegt (Tgl. Liebermann im 
Wörterbuch zu den „Gesetzen d. Ags." unter sctatt und W. Görne- 
mann, Zur Sprache des Textus RoffenBis. Disa., Berlin 1901 , 
S. 17 f.). Falls nicht andere Argumente stützend hinzukommen, 
dürfen wir deswegen allein unser sceat von jenen obigen Fällen 
nicht trennen und = srüat setzen. Trotzdem ich nun weiter unten 
nachzuweisen gedenke, daß die Schoßsetzung bei den Kentern für 
die spätags. Zeit bezeugt ist, bin ich jedoch der Ansicht, daß wir 
in .Ethelberhts Ges. 83 an der Uebersetzung „in [Brautkauf]geld 
verlobt" festhalten müssen. 

Unter den 'dömas' pe JIEdelhirht cynin^ iisette', handeln die Ge- 
setze 31 und 77 — 84 vom Brautkauf. Ges. 31 lautet: yf friman 
wid fries mannes tvif y,eli-,ep, his werylde abic$e 7 oder wif his a$envm 
sca&te betete 7 Stent odrum mt [h]'im (Hs. pam) gebrenge. „Wenn ein 
Freier bei eines freien Mannes Weibe liegt, zahle er [ihm] mit 
seinem Wergeide und beschaffe ein anderes Weib für sein eigenes 
Geld und führe es jenem anderen heim" (Liebermann, Gesetze 
Bd. I S. 5). Von der Gruppe der Bestimmungen 77 — 84, die ein 
zusammenhängendes Ganze bilden, brauche ich Gesetze 78 — 81 hier 
nicht im Wortlaut anzuführen: sie enthalten vermögensrechtliche 
Bestimmungen für den Fall, daß eine rechtsgültig geschlossene 
Ehe durch Tod des Mannes oder Scheidung getrennt wird. Auch 
Ges. 84 hat hier kein besonderes Interesse für uns. In Ges. 77 
wird bestimmt: 5»/' mon nueip },ebiied, ceapi yeeapod sy, yf hit 
unfacne is. „Wenn jemand eine Jungfrau [zur Ehe] kauft, sei sie 
durch [Brantjkaufgeld [giltig] erkauft, falls das [Rechtsgeschäft] 
nntrügerisch ist" (Liebermann, a. a. 0. 7). GeB. 77, 1: 51/ hit 
ponne faene is, ef[i\ pter tet Itam $ebren-$e, 7 htm man his scaA ayrfe, 
„Wenn es jedoch trügerisch ist, da bringe er [sie] wieder nach 
[ihrem] Heimatshause, und man gebe ihm sein [Braatkauf]geld zu- 
rück [von Seiten ihrer Sippe]" (Liebermann, a. a. O. 8). Falls eine 
Jungfrau geraubt wird, fordert Ges. 82: yf man mee$pmon nede 
$enimep : dam uzende L scillin$a 1 eft <et pam äsende sinne willan 
cBt^ebicxfi. „Wenn jemand eine Jungfrau gewaltsam entführt, [büße 
er] dem Eigentümer [der Vormundschaft über sie] 50 Schillinge 



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und erkaufe nachher von diesem Eigentümer dessen Einwilligung 
[zur Ehe]" (Liebermann, a. a. 0.)- Unser Ges. 83, das schon oben 
wörtlich zitiert ist, setzt den Fall, daß die Entführte einem an- 
deren Manne l in sceat' verlobt war. 

Die Gesetze Gagen klar and deutlich, daß die vertragsmäßige 
Eheschließung durch Zahlung des Brantkanfgeldes, des 'sccet(ty oder 
'rtitp', erfolge ; in jeder der Bestimmungen finden wir den Hinweis 
darauf. Da dürfen wir bei dem knappen Stil der 'dömas', in denen 
jedes Wort mit bestimmter Absicht gewählt und unentbehrlich ist, 
nicht annehmen, der Gesetzgeber habe durch die Formel 'in sceat 
bewyddod' pleonastisch und floskelhaft auf die Sitte der Schoß 
setzung Bezug nehmen wollen: ihre Bedeutung ist doch dazu viel 
zu nebensächlicher Art. Unter diesen Bestimmungen über den 
Brautkauf bilden die Gesetze 82 und 83 zusammen mit 84 eine 
Einheit: sie behandeln ihre Materie, Entführung einer Jungfrau, 
indem sie in folgender Weise gliedern: 

1. Eine Jungfrau wird geraubt, und nachträglich erkauft der 
Entführer die Einwilligung des Vormundes- 

2. Der Raub einer Jungfrau, die schon einem anderen Manne 
'in sceat bewyddod', d. h. in Brautkaufgeld, durch Bezahlung des 
Kaufpreises rechtsgültig verlobt war, erwirkt eine Extrabuße — 
wohl an den Bräutigam. 

3. Die Geraubte kehrt zu ihrem Vormunde zurück. 

Wenn wir also in dieser Weise 'tu sceat bewyddod' nicht als 
einzelnen Ausdruck aus dem Zusammenhange herausreißen, sondern 
innerhalb des organischen Ganzen, in dem es seine beabsichtigte 
Stellung hat, zu verstehen suchen, können wir gar nicht anders 
interpretieren, als wir oben getan haben. 

Jithelberhts Ges. 83 kann nicht als Beweis für die Existenz 
der Schoßsetzung als Verlobungszeremonie bei den Ags. in An- 
sprach genommen werden. Die letzteren Erwägungen haben aber 
trotzdem einen verhältnismäßig breiten Raum einnehmen müssen; 
denn wären wir zu einem gegenteiligen Resultate gelangt, so hätten 
wir die Schlußfolgerung ziehen können, daß die Schoßsetzung bei 
den Kentern schon im Anfange des 7. Jahrhunderts Sitte war. 

Unsere sicheren Zeugnisse führen uns nicbt so weit zurück, 
wofern sie nur als beweiskräftig herangezogen werden für die 
Zeit, aus der ihre Ueberlieferung datiert. Aus ihnen ergeben sich 
folgende Anhaltspunkte für den lokalen und zeitlichen 
Geltungsbereich der Schoßsetzung. 

1. Die einzelnen Stücke der Hs. Cott YiteUius A. XV gehören 
nicht derselben Zeit an. Den Grandstock des Codex bildeten der 



Digitizedby G<30gle 



Die „Schoß"- oder „Kniesetzung ", eine angelsächs. Verlobunge Zeremonie 309 

Beowulf and die Judith, die ums Jahr 1000 geschrieben sind. Die 
vorgehefteten spätags. Denkmäler verlegt Henry "Word, Catalogue 
of Romances in the Rrit. Mas., Bd. II (London 1893) S. I in das 
11. and 12. Jahrhundert. Was speziell unsere Blätter, fol. 98 b 
bis 106b, betrifft, wird man nicht fehlgehen, wenn man ihre 
Niederschrift dem Anfange des 11. Jahrhunderts oder einer etwas 
späteren Zeit znweist. Die Sprache des Denkmals ist nicht älter: 
nach Knappes Untersuchungen (a. a. O. S. 40 ff.) zeigt sie den 
spätweBtsächsischen Typus der jElfric- Periode ; ich würde sagen, 
es ist die Sprache der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts, und 
zwar mehr nach der Mitte als nach dem Anfange des Jahrhunderts 
hinneigend. Damit stimmt die Behauptung R. Wülkers überein, 
das Denkmal sei kaum früher als nm die Mitte des 11. Jahr- 
hunderts entstanden (Grundriß der ags. Litt. § 626). Wir dürfen 
ohne Bedenken annehmen, daß die Miniatur gleichzeitig mit der 
Niederschrift des Textes hergestellt ist, daß sogar Kopist und 
Illustrator dieselbe Person waren. Die Miniaturen sind so grob 
und talentlos gezeichnet, daß man an eine Arbeitsteilung zwischen 
einem Kopisten und Illustrator kaum glauben kann. In dieser 
Weise hätten wir für unser Bild eine ziemlich feste Zeitbestimmung 
gewonnen, nämlich die Mitte des 11. Jahrhunderts. 

Einen Schluß auf die landschaftliche Verbreitung der 
ßchoßsetzung möchte ich aus dem vorliegenden Zeugnis nicht 
ziehen. Knappe (s. oben) behauptet, die Sprache unserer Hs. (und 
auch des Ms. Cott. Tib.) sei spätwestsächsisch ; die Spuren ang 
lischer Schreibung, die sich in beiden Fassungen nachweisen ließen, 
legten die Vermutung nahe, daß die Sprache des Originals vielleicht 
anglisch war. „Das Denkmal ist dann später in die westsächsische 
Schriftsprache übertragen worden, wobei mehr oder weniger ang- 
lische Formen stehen geblieben sind" (a. a. O. 41). Es würde nun 
unmethodisch sein, aus diesen sprachlichen Beobachtungen die 
Folgerung abzuleiten, daß die Schoßsetzung westsäcbsische oder 
— wenn wir annehmen, die Miniatur habe sich schon in der von 
Knappe postulierten anglischen Vorlage befunden — anglische 
Gepflogenheit gewesen wäre. Unser Traktat kann ja genau in 
der Form, wie er vorliegt, von einem Schreiber durchaus beliebiger 
and unbekannter Provenienz mechanisch kopiert, aber mit originalen 
Miniaturen ausgestattet sein. Viel Wahrscheinlichkeit hat aller- 
dings solch eine Annahme nicht für sich, zumal da sich Alter der 
Sprache und Alter der Schriftzüge ungefähr zu decken scheinen; 
immerhin ist jene Möglichkeit doch nicht unbedingt von der Hand 
zu weisen, und ich begnüge mich bei diesem Punkte um so eher 



3y Google 



310 Fritz Boeder, 

mit einem 'non Iiquet', als die übrigen Zeugnisse die Lücke aas- 
füllen werden. 

2. Die Interlinearglosse zum Matthäns-Evangelitun im Rush- 
worth-Ms. ist ihrem Gesamtcharakter nach mercisch nnd gehört 
der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts an. Die Sprache 
des Priesters Farman, der unsere Glosse im Kloster Harewood am 
Wharfeflusse, sieben englische Meilen nordnordöstlich von Leeds 
im West-Riding von YorkBhire, also schon auf nordhnmbrischem 
Gebiete, verfaßte, zeigt nach E. M. Browns Untersuchungen ge- 
wisse Merkmale, die darauf schließen lassen, daß seine Heimat 
nicht in einer an Kent anstoßenden Gegend des 
Mittellandes lag (vgl. K. ü. Biübring, Altengl. Elementarbuch 
S. 10 und E. M. Brown, Die Sprache der Rnshworth Glossen u. s.w., 
Diss., Göttingen 1891 S. 83). Nun übersetzte allerdings Farman 
— wie E. Schulte in seiner „Untersuchung der Beziehung der 
ae. Matthäusglosse im Rushworth-Manuskript zu dem lat. Text 
der Handschrift", Diss. Bonn 1903, nachgewiesen hat — den ihm 
vorliegenden gemischt-irischen lat. Text des Matthäusevangeliums 
nicht selbständig nen, sondern paßte ihm vielmehr eine ältere 
Glosse an, die auf einer reinen Vulgata von der Art des Lindis- 
farne-Textes beruhte. Auf Grund dieser Theorie erklären sich 
die Spuren sächsischen Dialektes, die sich in der mercischen Glosse 
finden. Selbst wenn wir aber den Fall setzen, der mercische Be- 
arbeiter der sächsischen Glosse fügte die Wendung 'in scSat üle$d' 
nicht selbst hinzu, sondern entnahm sie seiner Vorlage, so können 
wir doch wohl eben aus der Tatsache, daß er diese Uebersetznng 
beibehielt, die Folgerung ableiten, daß ihm die Sitte der Schoß- 
setzung aus seiner Heimat bekannt war: andernfalls hätte er sich 
ja mit der Uebertragung 'bewedded l befest' begnügen können. 

3. Das Verbum be-sceat-wyrpan *) ist in den Aldhelm Glossaren 
der Digby-Gruppe belegt, nämlich in den Hse. (benannt nach Na- 
piers Vorgang): 

H = Ms. 1660, Brüssel; 

D = Ms. Digby 146, Bodleian Library; 

2 = Ms. Royal 6. B. VII. 
Es fehlt nur in Glossar 3 = Ms. P. I. 17 der Hereford Cathedral 
Library. Ueber das Alter der Hss. und die Verwandtschafts- 
beziehungen der Glossare zu einander hat Napier in der Preface 

1) leb bemerke noch einmal ausdrücklich, daß ich in diesem Abschnitt nur 
die Ueberliefemng der Glossen im Auge habe und noch nicht die Folge- 
rungen ziehe, die sieb aua der BUdungsYreise des Verbums besclatwyrpan ergeben. 



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Die „SchoB-" oder „ Knies etsuog", eine angeMchs. Verl obunga Zeremonie. 311 

zu seinen Old Engl. Glosses gehandelt. Bezüglich der Glossen in 
H und D verweise ich außerdem noch auf K. Schiebe!, Die Sprache 
der altenglischen Glossen zu Äldhelms Schrift 'De Lande Uirgi- 
nitatis'. Diss., Göttingen 1907. 

Die Glossen in H sind um die Mitte des 11. Jahrhunderts 
geschrieben; die in D etwas später, also am Schloß desselben 
Jahrhunderts, und 2 verlegt Kapier sogar erst in den Anfang des 
12. Jahrhunderts (Schiebel, a. a. 0. S.VJLL u. Napier, a. a. 0. S. 
XIII f.). Mit diesen paläographischen Datierungen, die ja immer 
etwas dehnbar sind, vergleiche man das Resultat der Schiebei- 
schen Dissertation, in der nachgewiesen wird, daß die Sprach- 
formen der Hss. D nnd H ins späte 11. Jahrhundert verweisen 
(a. a. 0. S. 59). 

Auf Grund der Bemerkungen Napiers (a. a. 0. YTTTff.) stelle 
ich folgenden Stammbaum der Glossenhss. der Digby-Gruppe auf: 

m 




Der westsächs., ans ungefähr 600 Glossen bestehende Archetyp 
(X), auf den 2 zurückgeht, wurde von einem westsächs. Schreiber 
kopiert und bedeutend vermehrt. Diesen neuen Typus (X 1 ) kopierte 
der Schreiber von (Y), ein Konter, der die westsächs. Formen des 
Originals teils beibehielt, sie teils aber in kentische umwandelte. 
Der Schreiber von H war dann wiederum ein Kenter, während D 
wahrscheinlich von einem "Westsachsen herrührt. Auf. diese Weise 
erklärt sich, weshalb H mehr Kentizismen als D enthält. 3, von 
D kopiert, interessiert uns hier nicht weiter. 

Aus dem Umstände, daß sich bea&atwyrpan in Glossar 2, das 
in keinem Abhängigkeitsverhältnis zn H und D steht, findet, 
müssen wir schließen, daß der westsächs. Verfasser von (X) dies 
Wort schon als Uebertragung von desponsare verwandt hatte. 
Die späteren, kentischen Schreiber von (Y) und H hatten keine 
Veranlassung, diese Glossierung auszumerzen, weil — dürfen wir 
argumentieren — auch ihnen die Schoßsetznng als Verlobungs- 
zeremonie geläufig war. Daß der westsächs. Bearbeiter von D 
das Wort beibehielt, versteht sich von selbst. Die Komposition 

IgL Gm. i. Wim. Ntobicktu. FUletofc-UctW. Umh 1W7. Hoft 8. 21 



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312 Friti Boeder, 

des Verbums ist so durchsichtig, daß den Glossatoren die ur- 
sprüngliche Bedeutung des Ausdrucks klar sein mußte. 

Weniger befriedigend hißt sich die Frage beantworten, für 
welche Zeit unsere Glossen beweisend sind. Ohne Bedenken 
dürfen wir natürlich über die Zeit ihrer vorliegenden Heber lieferung, 
das Ende des 11. and den Beginn des 12. Jahrhunderts, bis in die 
spätags. Zeit zurückgeben: der oben geschilderte Entwicklungs- 
gang der Glossare der Digby-Gruppe wird sich über einen gewissen 
Zeitabschnitt erstreckt haben, den man nicht zu kurz bemessen 
darf. Der Versuchung, die Glossen noch weiter zurückzudatieren, 
will ich nicht nachgeben, trotzdem wir uns daran erinnern müssen, 
daß man Aldbelms 'De laude oirginitatis' schon vielleicht noch 
zu Lebzeiten des Dichters oder kurz nach seinem Tode glossiert 
hat : finden sich doch schon in dem CorpuB-Glossar aus dem Beginn 
des 8. Jahrhunderts (vgl J. H. Hesseis, An Eighth-Centnry Laün- 
Anglo-Saxon Glossary, Cambridge 1890, S. IX) Aldhelm-Glossen 
(Kapier, a. a. 0. S. XU und Anm. 1). 

4. Für die Cleopatra-Glossen* (= No. XI bei Wright-W., 
Vocab.) liegt meines Wissens noch keine sprachliche Untersuchung 
vor. Die Hs. stammt aus dem 11. Jahrhundert. 

Ziehen wir das Fazit unserer Untersuchung. Die deno- 
minale Bildungsweise der Verba be- nnd je-scefaf- 
tcyrpan, die ein Substantivum *seeat-wyrp als vor- 
handen voraussetzt, beweist, daß die Ags. oder 
ags. Stämme die Schoßsetzung als Verlobung s- 
Zeremonie schon im 6. Jahrhundert kannten, ja daß 
sie diese Sitte wahrscheinlich vom Kontinent mit- 
gebracht hatten. In späterer Zeit ist die Einrich- 
tung durch die Rushwo rth-Glosse und die Glossen 
der Digby-Grappe bezeugt für Mercien — wenig- 
stens mit großer Wahrscheinlichkeit, und zwar 
für den mittleren oder nördlichen Teil — in der 
zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts and in spät- 
ags. Zeit auch für Westsachsen and Kent. Die 
Miniatur und die Cleopatra-Glosse lassen den 
Schluß zu, daß diese symbolische Handlang in ge- 
wissen Teilen Altenglands noch kurz vor der nor- 
mannischen Eroberung üblich war, So dürfen wir 
— alle diese Tatsachen neben einander stellend — 
unbedenklich sagen, daß die Schoß- oder Kniesetzung 
eine gemeinags. Institution gewesen ist. 

Damit ist eine Hypothese gefallen, deren Aufstellung ich zu 



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Die „Sctaol"- oder „Kniesetzung", eine angelsachs. Verlobungszeremonie. 313 

einer Zeit, als ich die Rashworth-Glosse für das ans am weitesten 
rückwärts führende Zeugnis hielt, wenigstens erwogen hatte: daß 
die Schoßsetzung sich vielleicht als Uebertragung einer 
nordischen Gepflogenheit darstelle. Immerhin schien 
mir schon damals einer solchen Annahme gegenüber beachtenswert, 
daß die Schoß- oder Kniesetzang — wohlverstanden als Verlobongs- 
zeremonie — bei den Völkern indogermanischer Herkunft nicht 
anbedingt auf die Skandinavier (genauer die Schweden) be- 
schränkt ist. 

J. Grimm weist in den Rechtsaltert. 4 433, Bd. I S. 598 darauf 
hin, daß bei den alten Indern anf dem rechten Knie Kinder oder 
Schwiegertöchter sitzen dürfen, die Braut oder Gemahlin aber auf 
dem linken. In „Fischmas Geburt" sagt der König Pratip za 
dem Weibe, das den Fluten entstiegen ist, sich auf sein rechtes 
Knie gesetzt hat und ihn bittet, sich mit ihr zu vermählen 1 ): 
„Und dennoch kann ich deinen Wunsch 

dir nicht gewähren, Liebliche. 
Verderben würde mich die Schuld, 

Da du mich falsch ergriffen hast. 
Senn wisse, für die Kinder allein 

und fdr die Schwiegertöchter ist 
das rechte Knie zum Sitze bestimmt, 

auf dem du sitzend mich umarmst. 
Für die Gemahlin aber ist 

das linke Knie der rechte Ort. 
Das hast du nicht ergriffen, deshalb 

kannst du nicht meine Gattin sein. 
Zur Schwiegertochter wähle ich dich, 
sei die Gemahlin meines Sohns". 
Dafür aber, daß die Sitte auch in einzelnen Gegenden Deutsch- 
lands noch im 17. Jahrhundert üblich gewesen sei, ist die Stelle aus 
„Christian Weisens ComÖdien Probe" (Leipzig 1696) S. 333 f., die 
Grimm Kleinere Sehr. Bd. V S. 319 oder Rechtsaltert. 4 a. a. 0. 
heranzieht, kaum von völlig überzeugender Beweiskraft. Es heißt 
da in der fünften Szene des vierten Aktes des Lustspieles „Vom 
Verfolgten Lateiner"*): „(Der Ort eröfnet sich wo der Richter sitzt. 
Cyriax und Lampert [„Beysitzer" und Väter der jungen Damen] 

1) Zitiert Dach A. HoltzmanD, Indische Sagen, 2. Aufl. (Stuttgart 1854), 
Bd. I S. 198. J. Grimms Zitat 8, 98, du sich anf die erste Aufl. (Karlsruhe 
1846 — 47) bezieht, ist falsch; es maß 3, 94 f. heißen. 

2) Eigene Zusätze stehen in eckigen Klammern. 

21* 



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314 Fritz Boeder, Die „Schoß"- oder „Knieeetmng" etc. 

setzen eich darzu. Die Weiber bringen den Grafen Sttile | daß sie 
sich auch setzen. Ein Jedweder Gräfe nimmt seine Jungfer auff 
die Schoß.) 

Soi[and, der Richter]. Ehrenveste Herren | es ist von uns 
begehret worden [ daß wir eine Ehestiflftung unter der gemeine 
Siegel aufrichten sollen | und also werden wir eins nach dem 
andern fragen müssen. Herr Kirchschreiber geht Achtung draaf. 
Herr Gräfe | der Jungfer Viüencken auf der Schoß hat wie 
heist er? 

Eahn[efuse]. Ich heisse Hanefusicolpilaminosicofsky. 

Pomp\onius, der Kirchschreiber]. Ehe ich den Nahmen 
schreiben lerne ] so fresse ich eine Schöps -Keule auff. Wie 
heist er? 

Ziegenbein. (Maß ihn buchstabieren.) 

Hol. Und Herr Gräfe | der Jungfer Urselchen auf der Schoß 
hat | wie heist er? 

Zieg. Ich heisse Ziegmleiniaelkoribicirkilausmushy, und wo sie 
noch acht Tage warten wollen | so kriege ich noch zehen Sylben 
daran. 

Pomp. Ich werde aach mit dem Nahmen in acht Tagen kaum 
fertig. 

Mol. Ihr beyde Herren Grafen [ wollen sie die Jungfern zum 
Ehelichen Gemahl haben? 

(Die Grafen stehen auff.) 

Hahn. Ja das bezeugen wir durch einen Maulschmatz. 

Bd. Und ihr Jungfern wolt ihr die Herren Grafen auch 
zum Ehelichen Gemahl haben? 

Urs. Ja wir bezeugen es durch einen Maulschmatz. " 

Bei dieser komischen „EhesÜfftung", die ich im Wortlaut 
angeführt habe, da der alte Druck schwer zugänglich ist, scheint 
das Moment, daß die Grafen sich die jungen Mädchen auf den 
Schoß setzen, von nebensächlicher Bedeutung: die Ehe wird tat- 
sächlich durch die alte symbolische Handlung des „Maulschmatzes" 
gestiftet 



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Bemerkungen zu den neuen Bruchstücken Menanders. 

Von 
Friedrich Leo. 

Vorgelegt in der Sitmng vom 23. November 1907. 

Es klingt fast undankbar von Bruchstücken zu sprechen : hier 
haben wir endlich ganze Scenen, ganze Akte, and es fehlt nicht 
viel, daß eine ganze Komödie vor ans steht and das Fehlende 
wenigstens in Umrissen blicken läßt. Das Antlitz des Dichters 
ist entschleiert and die ganze attische Kraft and Lieblichkeit 
strahlt ans entgegen. Wir heginnen das Athen des aasgebenden 
vierten Jahrhunderts nicht mehr allein als das Athen des Theo- 
phrast, Epikur and Zenon za kennen, and Grabreliefs and kleine 
Kunst dienen nicht mehr allein ans die Anmut dieser Jahrzehnte 
zn zeigen. Obgleich ihn ein Jahrtausend lang niemand gelesen hat, 
ist Menander in der WelÜitterator nicht gestorben ; aber jetzt 
wird er neu zn leben anfangen, und die Hoffnung auf weitere 
Beate wächst mit diesen 84 Seiten des ersten Henanderbnches. 

Man darf zunächst nur lesen und maß die Probleme zurück- 
stellen. Aber zum Lesen gehört das Emendiren; und es tat sehr 
not, den gewonnenen Boden za sichern. Gustave Lefebvre, dem 
wir den Fond, die Lesung und die rasche Publikation der Ab- 
schrift verdanken, bat seinen Namen für immer mit dieser Epi- 
phanie Menanders verbanden. Seine Umschrift mit den Beiträgen 
von M. Croiset, der ihm geholfen und vieles glücklich erkannt 
hat, beanspracht nur ein erster Anlauf zu sein ; sie trifft natürlich 
nicht immer das Richtige und behandelt den Vers anter Gesichts- 
punkten, die sich nicht werden halten lassen. Aber wo so viel 
za danken ist, bleibt alle Polemik besser bei Seite. 

Ich beabsichtige für diesmal nur, nnd zwar in der Reihen- 



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316 Frieirick Le«. 

f oLre des Baches <"ZIJm»$, , E«ir#äww{. BiywiwA» -Srka), Bei- 
träge rar Kritik des Textes zu geben mtd wen g s tV alle tiefer 
gebenden Fragen . law« aaeh die Stellen «»erörtert die rieh nur 
mit Eingeben auf das Ganze erledigen lassen. Wo die Erhaltung 
schlecht und die Lesung unsicher in. verachte idh im allgeneinen 
darauf. Vorschläge zor Herstellung xa m»e**— i Denn wenn man 
auch jetzt mit größerer Sicherheit über Menanders Sprache and 
StD urteilen kann, erhöht sich doch Bnr das Gefühl von der Be- 
sonderheit seines Ausdruckes, die das Verlorene und Verdunkelte 
nur unter günstigen Umständen wieder za gewinnen erlaubt- Da- 
gegen verlachte ich röcht «!**■"* den Gedanken, wenn er sich er- 
kennen läßt, durch Worte anzugeben. 

Das erEte Stack beginnt mit dem Anfang. Der Titel ist ver- 
loren 'l, — amw tp &v erhalten. Es folgt ein metrisches argumentum, 
das wie die des Sulpidus Apollinaris za Terenz ans 12 Versen 
gebildet ist. Die Erzählung geht im Praeteritmn, wie in den 
metrischen Inhaltsangaben zu Oedipos und Phüoktet, während die 
zn Aristophanes Plaotas Terenz im Praesens erzählen (Plant. 
Forsch, 30f.J. V. 1 and 2 sind corrapt: 

SÖÖtv tocovöm zcpfrEvo; &%lv fäpw 
tSmsu» ixiTQoqm znsicet»" fitf va rtf ow 
iyigtf TÖc s>&£^perar. 
Da die Prosodie durchgehend richtig ist , kann 9yiv 9'öjmi nicht 
beabsichtigt sein; /zl Tpoew gibt keinen Sinn; za schreiben ist: 
t~4(fi* Ttxowfa 9ffXv zoo&eVos tf«uc ISaxtv i xt x p & xm xipüpuv. 

Getas, ein xgfaaxo* x&nenxiw, leitet mit den verliebten Daos 
zusammen das Stück ein. 'Daos, da hast etwas begangen, wofür 
da Strafe fürchtest, das sieht man dir an'. Daos seufzt. 'Also 
ist es etwas derart? solltest da mir dann nicht lieber dein Geld 
zur Aufbewahrung übergeben?' Er nimmt natürlich an, daß Daos 
gestohlen hat and Entdeckung fürchtet, er erbietet sich das Geld 
za verwahren und hofft dabei es für sich za behalten- Herzu- 
stellen ist das nicht, aber der Zusammenhang klar (V. 26)*): 
i iV o(v)x ijpijv xfofuctto* et tftwnynsVo* 
lft«S « ] *(°)vr tftol Sotnua TSSC 

pijd* f% £tv ] ffEavco» acfayaumt; 
ff vfäiQvfua yt ffot 
Der folgende H&Ibvers fehlt, aber mit der zweiten Hälfte beginnt 
Daos: 



1) Lefetnre halt du Stack, da "H?ar «ris im PersonaiTenwdhniB Sta ch elst, 
für den am 9 Citatea bekannten "Kp-e Hmanden. Darüber aa andrer Stelle. 

2) Di* Ton LeEebm uad Grob« Ergaaate gebe ich in <> TTuu— »er*. 



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Bemerkungen zu den neuen Bruchstücken Menandera. 317 

J. ai> /t<d> 4C oi>* oft* 8 « 
[Allerg. &(tcix9 V s 6viiit]ditXsynat itgäyftart '). 
Nun redet er nicht durch zwei Verse weiter 1 ), sondern der Dialog 
gebt fort: 

fr. ÖV od tpilip Xiyaig Bv ; d.] iqi&apiica., rita. 
[r. fii) üijTcc- rtavziß] pij xarag{ä), «nog &E&V*). 
[d. £ff&. r. xaKÖÜaiftov,] t{ aii Xdyeig; £1/9$; d. tpö. 
Vergleichen kann man das Geständniß des Alten Fl. Merc. 304 
(Philemon): amo mit der Antwort tun capite cano amas, senex ne- 
quissume ? 

V. 36. 36 hat Lefebvre richtig hergestellt (vgl. S. 17): 
(r. jcXiov Svolv 001) %oiv£xav 6 Sstiaöttjq 
aaffi%w xovrtftbv, da' 1 imeffdetavetg tuetg. 
Dazn ist zn bemerken, daß in denselben Znsammenhang das von 
Meineke (IV p. 170) nnd Kock (III p. 100) dem Mtecö^vog zu- 
gewiesene Fragment gehört: d. av-x&itax j}paa*hjg, rita; P. oi y&g 
ivBxltfu&tp'. Gretas antwortet anf die Frage, die Daos tat ehe die 
beiden sich trennen, mit der scherzhaften Hin Weisung anf die 
Liebestheorie, zn der er sich im Anfang des Gesprächs bekannt 
hatte. Das erhaltene Stück bricht vor dem Schloß der Scene ab. 
Daos wehrt sich gegen die materielle Auffassung: %i%ov%a 
zijv i>vxtfv u, es ist ein Mädchen, das im Hanse lebt. Eine Sklavin? 
oBiag ffiv%^ t tffiitov nvcf 'so ziemlich, gewissermaßen' (vgl. /lepix. 
63, unten S. 327). Dann beginnt er die Erzählung nnd gibt dabei 
zugleich den Schauplatz der Handlang an (40) : 
sotfi^v yäff fyi Ttßaog, oCxwv iv&afil 
Üxeliaei, yeyovbg olxhrjg viog &v sote. 
Er hatte zwei Kinder , Plangon and Gorgias; G-orgias ist Getas 
bekannt, er fragt (45): 

6 t&v TCQoßmCmv iv%äS' imfteXoi&ftsvog 
vwl xag' fjptv ; 



1) <*f|puV äiXittio S'lp7t>iitlf/iLai M. Croiset; ich habe tKijtaixlfy^ai nach 
"JE*ii$. 19 gesetzt dtttfüa yi avpnbiUytiat piJToei), &f"*X9 nacü Men - fr ß- 403,6 
K. (is(füyji' £fiagov liyfig). 

2) 33 f. nach M. Croiset: 

<v6nm yap oTa jikj-ii dt>iip&aQpai, rita. 

<veaovvTt fi4rxoi> fij xntaew, wpJe 0f£r. 

<"E<>tag n' tfHaipt. T.> xl fl* liysit ; igäs ; ä. loa. 
In der Folge werde ich die vom Heransgeber angenommenen Lesungen, Inter- 
panctionen, Zuteilungen an die Personen nur gelegentlich anfahren. Wenn ich 
mehrere Verse ausschreibe, so geschieht'es fast immer am dergleichen zn corrigiren. 

3) xaxnQä ist sehr auffallend, vielleicht fehlt doch eine Silbe danach («yd; 
rar #tAv)' 



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31g Friedrieb Leo, 

Es muß heißen xoq' iulv, denn Getan gehört in ein andres Haas, 
dessen Schafe es nicht sind, die G-orgias weidet. Die beiden 
Kinder sind nach dem Tode des Alten ins Haas gekommen , am 
eine Schuld abzudienen. Gretas fragt : i\ ÜXayyav De zi; Daos (56) : 
y.et& tijg iprjg xtxzij(i4vi}s ioy^ezai 
&PIA dtaxovet rt. V. xtudtöxij; d. xävv, 
Lefebvro schreibt (td) %$ia and versteht 'eile travaille ä la pä- 
tisserie'. Zunächst ist die dadurch herbeigeführte Bildung der 
zweiten Senkung unzulässig. In den 1300 neuen Versen kommen, 
außer den dnreh Conjectur entstandnen, nur folgende in Betracht: 
jTTeoix. 57 oix i%av d" Snmg \ zivzav& &xov<Stj ytv6pev\ ixitfaofupd pe, 
hier läßt die Elision keine Zerreißung zu (vgl. frg. 534, 10); 119 
oint Sv Siivaivro d' &v i&Xetv vsorTiav. das zweite «v ist zu strei- 
chen; 162 zu rpvyovd' ist xa]za<pvyov6a (anderes der Art er- 
wähne ich nicht). Doppelt falsch ist £ap. 192 SIXij ■ xt aoz' itszl 
zb yeyovög ; bißißlrpä ps *), wo iezi zu streichen ist, und in Trochäen 
244 oöx ixrfxoas elvi fw» (s. u. S. 385) and 303 ot%ettu \ jcdvra tä 
XQtiypcn', ivazhffajfzai, WO ot%ezat ] 3täv, zä xpdyfiat tivax dtganzat 
za schreiben ist. 307 nicht ivtav%a xeitolipttv, sondern xntötptev, 
'Exi.Zff. 129 nicht anjtfZv agiexai sondern qpipr* igdaxei u. dgl.*). 239 
hat Croiset im Anhang (S. 219) richtig gestellt : roörov, ewpeg Sv zi 
Setxvvoi zexptffftov (t. ff. av Sf.txvv . . Hv vi z. die Hds.). 'Enixg. 
131 ist der einzige übrigbleibende Fall, nach Lefebvres Umschrift: 

oüx iött öixuiov ' et zi zSni zothov Ob Set 

iitodiSövat, xal zovzo xQoa^ijzetg Xaßetv. 
Wer die Stelle im Zusammenhang prüft, wird finden, daß ovx faxt 
Sixatov weder auf den oben gemachten Einwarf paßt noch das 
Folgende passend einleitet, daß vielmehr der Gedanke erfordert 

ot'fx ig zi) Süuuov, et zt z&v zovxov ae Set 

ixoScSövai, xal toüro itQbg £tjzetg Xaßetv. 
Neue Belege für die Zerreißung liefern also die neuen Stücke 
nicht; anter den vordem bekannten Fragmenten ist keines ganz 
sicher *). Aber auch dem Ausdruck genügt V. 67 fyyti&xai zä &gla 
Siaxovst te nicht, der enge neben dem weiten Begriff. Offenbar ist 
das allgemeine Verbum vorausgeschickt und es folgen zwei spe- 
cielle Tätigkeiten: 



1) Tgl. 'Bnuzf. 192, wo nicht alxiv sondern näXiv zu ergänzen ist : ij >ol 
8[bs m£li]*, ?<va> Ttaqiztn a&v. poiloptu. 

2) Andres ans den zerstörten Partien lasse ich behielt. 

S) Vgl. frgm. 462,3; 710,2, du kaum in Betracht kommt; Eock, Rhein. 
Mob. XLYIII 689, Eretscbmar de Hen rel. nnper repertia 107 f. 



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Bemerkungen zu den neuen Bruchstücken Menanders. 319 

pe-id t^s tyys Mtxttjfthifjs iffyd^eveU; 

ü.tpogät dtaxovct rs. 
Sie macht sich nützlich , mit der Frau zusammen, tat was grade 
7.a. ton ist; das ist in der gegensätzlichen Aasdrucksweise zu- 
sammengefaßt, alles vom Beaufsichtigen bis zum Aufwarten. Arist. 
Eq. 75 itpoQfy y&Q avxbg xävra. 

Den letzten Versen des Fragments ist, wie ich glaube, Wich- 
tiges über den Zusammenhang des Stacks za entnehmen; aber das 
verspare ich , and zugleich die Vermutungen über den Gang der 
Worte, auf eine andre Gelegenheit. 

Im Anfang der 'Emtpixovttg ist luov (V. 10) nicht glaublich, 
wahrscheinlich fehlt eine Silbe, etwa: xptrijv tavtov ttvct | gijtoöpw 
foov [&W*] ei 8i « firjälv xaXvei, | 8i&Xv9w rjpäs- Die Rede des 
Daos verläuft ohne Schwierigkeit. Nur gegen Ende, V. 66, ist 
za lesen : 

it xal ßaift%(ov svgsv ä(i iflol zccvrcc x(al} 
$(v xotvbg 'EQfiijg, rö fiiv &v ovtog £Xa[ßtv &v,] 
to 9' iyA 1 ). 
Auch die Rede des Syriskos haben Lefebvre und Croiset fast ganz 
hergestellt. V. 98 kann nicht richtig überliefert sein : 'Warum 
ich dir nicht gleich damals, als ich das Kind von dir annahm, 
die Sachen abgefordert habe?' ov-am ««p' ipol rovr fy> &rip xov 
tov Xiyav. Lefebvre versteht nach Croiset {S. 97) anter dem 
Uymv den Hirten, der nach V. 82 Syriskos auf den Fand auf- 
merksam gemacht hat; aber er bezweifelt die Richtigkeit der 
Erklärung mit Recht. Der Sinn verlangt iiyeiv: 'ich hatte noch 
kein Recht für das Kind zu reden'; wie mir scheint auch %6%s 
für lo-ßro. Das Folgende, die Antwort auf die oben ausgeschrie- 
benen Verse 66 ff., von Lefebvre richtig ergänzt, maß durch Inter- 
punktion ins Licht gesetzt werden : 

•fjxtti 6h xttl vvv ovx ipaviov (y) ovöl tv 

Üttov ixaizäv. xotvbg 'Eoprjg ; fitjdi f.v. 

{€Ü)piffj'; Sitov aiföetazt e&fi HStxoi/tevov, 

(oi%) i^pefftg rottf ie%\v t &Xk' äipatgtCtg. 
Das romantische Argument , das Knäbchen möchte ein Prinz 
sein, ist durch Croisets schöne Herstellung von V. 108 (im An- 



1) £lä<ftfiavti» Lefebvre. 68 etwa ai ogpcbv {r6ti.} Nach tb nfyas V. 70 
fehlt, wie die Üebersefarang zeigt, das Kolon nur durch Druckfehler; Tgl. 316 
896, Frg. 580,6 K. 



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320 Friedrich Leo, 

hang, S. 219) ganz deutlich geworden 1 ); nur ist 107 xo£%Et.v iv 
iey&st an verbinden. In V. 105 

eis 8h i^f a&tov (pvätv 
{lem)g OsfösQÖv w zoXft^HEi xottv 
verlangt slg xijv ipfatv eine andre verbale Verbindung als die mit 
«oetv, und zwar muß es im Zusammenhang ein recht kräftiges 
Wort sein: «!«]<?. V. 118 avrfljS [y'J Iva xsoSdvsis Sqaj^&g dädsxu. 
Ueber den Schluß der Rede (131 ff.) oben S. 318. 

Die Entscheidung des Smikrines und der Dialog, während 
dessen Daos die Sachen herausgibt, bedarf einiger Nachhilfen, be- 
sonders in der Personenteilung : 

o$ yvmdo(i tlvat, (lä d({a, ffov) 
iou vvv ädtxovvxog, xov ßoij&ovvtog [8h xal] 
ixsiiövtog t(6&) idixstv piXXovtt ffo(i). 140 

ST. xoXX' &ya&ik aoi yivoi.ro. 4. ietvrf y* 4\ (xffteig), 
vij xbv Jta xbv ffomjpa. xdvf? evgatv (iyta) 
Hjtavxa xeotiexculfi , 6 6" oi>% tvocov &[yei], 
oüxoür äitoäiäSi; SM. iprjfii. A. 8&iv$ y* % xq(£(Jis), 
t} (trfthv äyct&öv ftot yivaiza. SM. tpiot x[a%v}. 145 

J. m 'HodxXug, S adsov&tc. SM. xijv ffrfcav X(aßl} 
xal delfcov iv xavrij xeQUpiffttg yiq. ST. ßo(a%i)} 
ttoöepsivw, txsxsvto 0*, Tv' inodp. J. tt yäy iyb 
ixfaQstfra vovtp; SM. 86g sor', ioyteextfoiov. 
[J. ale]x$di jf a xiaov&a. ST. a«W i%Btg; SM. olpatye 8$, 150 
(sC) fi^J xi »Ktaxirnoxs tijv 8txip> ifiov 
Xiyovxog, ä>g fjMoxsx 1 . ST. ovx &v (fä)dfiijv. 
(£)Xk' Evzv%tt, ßiXxtaxs. xoiov(x6v /) i8(si), 
&äxx(ov) 8ut6fcsiv xiwag. 4. (&8C)x(ov SQ&yy)uxog, 
& 'Ho&xXstg, ow yiyovs. 8uv(tf / ^ xffi)a(ig). 155 

Z'l'. aovijpos ^*ft«s. [■*?.] w aovijp', (Satog «)w vvv 
tovtoj g>uJt«SS«s tri>x[ä 
eö f<rtri, tjjpjjffro tfe x(tkv)za(xbv %d$)vov. 
Die einzige Abweichung von der TJeberlieferong ist, daß 140 x68a 



1) Die Vene erganzen was vir über die Tyro des Sophokles wissen. Du 
*HQl9tav yvmetapätai* (114), ans dem Neleus und Pelias ihre Gebart erkennen, 
ist mit der e%ä<pi) bei Aristoteles (poet 16), die natürlich erst ans der Wohnung 
des Hirten herbeigeschafft werden mußte (Welcker), wohl zu vereinigen. Daß 
ein Stack des Sophokles dem Publikum Henanders aas Aufführungen so vertraut 
ist, moB man beachten. Aach V. 124 ff. sind Theaterreminiscenzen ; fttjWe' lv- 
tnjjdjv iQQDnaxo: Antiope; focuo' &Ssl<p6*: Iphigenie; aber «wo*» octibxnfv Tic Siä 
yraQCepata htie%t erinnert an Epidicus, wie Planta ihn gemacht hat, oder die 
ff sytusitea- fa ). 



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Bemerkungen zu den neuen Bruchstücken Menanders. 321 

(auch avx6 wäre möglich) und 156 das Personenzeichen vor & er- 
gänzt werden mußte (Lefebvre gibt & nov-q^l noch dem Syrisfeos). 
Einer Bemerkung bedarf nur ^ffö-ar? Y. 156. Es erscheint hier 
überliefert zum erstenmal. Aeliua Diooysios bezeugt es neben 
olo&as als 'EX\i\vi.x6v (wofür Pierson zu Moeria s. ote&a p. 283 
Axxixöv setzt), Nauck wollte es bei Enripides einführen (Enr. 
Sind. II 73). Henander hat ol<f»a S frg. 348,5 K. und 'Exnq. 
264 (ola&a: 'Ejuxq. 324. 376. 431), fcöa-, 'Enixg. 310. 500'). 

Im übrigen ist diese und die folgende Scene fast intact, die 
Ergänzungen des Heransgebers meist einwandfrei; über V. 192 s. o. 
S. 318; 197 xaxapsvQ. | ttöpiov Stp ßavA.eß& ixiTQixstv, hl Xöyip \ 
hoifiog. Im folgenden Monolog des Onesimos ist V. 208 fiij p' sXj} 
diai.lay(j / jv), als 'Versöhnungsobject' (S. 98), nicht Überzeugend, so- 
wohl wegen des Ausdrucks als weil sXtj hindert, danach tpQ&ettvxa 
und 0wei86ta zusammenzunehmen. Das X in slif ist als unsicher 
bezeichnet, die Verwechselung von AdA in der Lesung wird ans 
noch öfter begegnen; also: 

(ttj (ie 9ii HtKXXtty\tli] 
»pö$ tipt yv{v)atxa, zbv tpQ&aavxa Tav(ra xal) 
tfw«<JöV dxpavfofl Xaß&v xaX&g [o" E%ot.~\ 210 

itCQÖv XI Spö? TOtfcoig XVX&V [oi ßovXofUet'] 

x&vzavfra xaxbv iveetiv iamxäg [xoXv] ! ). 
Das Gespräch der Habrotonon mit Onesimos 8 ) unterbricht 
Syriskos, mit heftigen Worten auftretend Y. 225. Er kann aber 
nicht sagen xbv oVxrttttov ^ ätl^ov, sondern: 
xov '««[», Sv £tj]imv iyfo') 
xtpitQxofi ; ovros, tväov \fy> ; dbg,] äyaüi, 
zbv ttaxitiliov J} tietfcov gl fiiX(X)aig noxi. 
Allein gelassen (denn Syriskos geht mit V. 246 wieder ab und 
spricht Y. 253 nicht) reden die beiden weiter über das Kind 

1) ofoftrg im Papyrun von Gboran (B. C. H. xxz) v. 162. 

2) Die Ergänzungen der letzten 3 Vene nur als Probe. Zn 211 YgLV.291, 
eu 212 V. 206. 

3) V. 228 tiyvt) yripov yup, tpaetv, ifri< ^n v XQlO-rp fjSr\ Hafrrjfißi : man sieht 
jetit was zu Enr. Hipp. 135 (retTätav 91 vtv xlia idvS' äßgaxsi^ «rdprroe 
äpfyav JdiKttgof &%t&s di/uis ayvbv lo% u *) der Scholienrest (Lanr. 81, 15) 'äyvT) 
yop tlfti' Mivardfog bedeutet; die Stelle der 'EiciTflxovTcg war auch der rp/nj 
flpiQa wegen angeführt. — Onesimos' darauf folgende Worte: *Ae 2» ab*, neic 
rar d-eäiv, x&t Sc, txme<o — , die Syriskos unterbricht, sollten etwa in &vay$o- 
voln auslaufen. 

4) Lefebvre gibt eine Lücke von 8 Buchstaben an; er ergänzt aber so oft 
mehr oder weniger als er in der Abschrift bezeichnet, daß man in diesem wich- 
tigen Punkt oft unsicher ist. 



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322 Friedrich Leo, 

und seinen Vater. Habrotonon fragt: 'dieser Köhler hat das Kind 
gefunden ?' Onesimos: 'ja, und den King meines Herrn dabei*. 
Darauf Habrotonon (251) : 

ai «Wtfpop' ' slx*, sl TQÖyifiog Svxmg itlxi Oov, 

T(fE<p6(tBvov <Sijiu iroürov £v dovlov (ti(f£l 

xovx &v dtxaltag äxoQ-dvois; d. 5x£q Xfyo, 

xip> y.i{t£ff' oidtig oldev. 
Das heißt: 'wenn er wirklich dein Herrensohn ist, so willst dn 
ihn da als Sklavensohn aufwachsen lassen? wenn es heraus- 
kommt, wird es dir mit Recht ans Leben gelra'. 

Charisios hat den Hing bei den Tanropolien in einem Liobos- 
handel verloren. Habrotonon (266); 

itg X&g ywatxus itawv%i%,Qv6ag (i6vog 
ivs\»eee • x&(to]v ") y&Q «apotJaijs tyiveto 
toovrov £te0OV. O. eov »«povflijs ; A. irepwft, vai, 
TavQOXo(h'oig ') alg (pkv) J*£p üijtttklov x6(/äig 260 

ain(<fyd[t vimi %v\vixtu%,ov ' o^d* iye> tot«* 
O&xa yäp &vd$ jjduv xi iOtl ' xccl ptii.cc, 
(t& tifv "AipQoäiztiv. O. njv Äi xatiF {Jus (xot') ijv 
oUfag ; 

In der Erzählung ist von der 3. Person des Plusqnamperfects 
in -Btv nur grade die Endung zerstört (271): 
xalbv xiivv 
xai lextbv, & -8W, xaffcnrttvov Otp68ffa 
ixoXm3iix[Btv '] öAov yäg iytyAvtt $thtog. 
Habrotonon rät dem Onesimos, die Sache dem Herrn zu be- 
richten. Hier ist eine Correctur in der Handschrift (278) : 
tt yiff iat' ilsv&dQtt 
yt 
xaiShg xt xovzav Xav&ävBtv ätt xotiv — 
Der Sinn ist klar : wenn die Mutter eine Freie ist, warum soll er 
dann von dem Kinde nichts wissen? Man muß davon ausgehn, 
daß die Correctur das richtige gibt; und offenbar beginnt der 
Nachsatz mit xt. So ergibt sich: 

i:l yÜQ igt* &Uv#e'p«(s) 
xcad6g, xC roürov Xav&aveiv ÖBt tö ye[yov6g\ 
Nachher 316 xaidCov — 1j8q ysyovög ffot. Um so wichtiger findet 
es Onesimos, die Mutter ausfindig zu machen (280): 
xqöxbqov ixBivrjv Vjttg i'at(lv), 'Aßpüzwov, 

BÜfimfiBV. 

1) Geschrieben xsl Ipedt 10 Buchstaben. 



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Bemerkungen zu den neuen Bruchstücken Metuuiuers. 323 

Der Vera geht weiter: ixl ToiSrej d* CMOIOYNYN . €A — Lefebvre 
bezeugt (S. 69) 'Iectares incertaines' , die Ergänzung die er gibt, 
ipoif ov vvv fidltt, ist nicht tauglich. Auch hier ist der Gedanke 
klar, aus Habrotonons Antwort: oVjk &v dwteifiijv, xbv iSixo&vxa 
xqIv (aatpem) xi% iaxiv sldivat. Onesimos hat sie gebeten, ihm 
Bachen zu helfen. Das den Vers störende nach £po( ist wohl 
aus C verlesen (auch die Verwechselung der runden Bachataben 
wird ans noch öfter begegnen) and Menander mag geschrieben 
haben: 

ial tovrp d' tpol Gwütpatvi «. 
Vgl. Arist. Lys. 630 &XXä xaüff Qtpqvav fylv, Ävdpej, btl xv- 
Qawi&t. 

Habrotonon will den King tragen and sich selber, wenn Cbari- 
sios sie fragt, als das Mädchen aasgeben, mit dem er das Abenteuer 
gehabt hat (303): 

lav O* olxt lav $ 
KT>rt3 xb ttQ&y(t\ ei>&v$ ¥jfc.i. tpspöptvog 
ial xbv lXsy%ov. 
ys hinter xoäy\ta ist nicht gut. ipBoöpivog inl xbv iXty%ov gehört 
zusammen, %%u stört, da liegt der Fehler; vielleicht tswtfasi. 
Onesimos beginnt seinen Monolog (340): 

x6 y' iextxbv xb yvvatov <bg toxex(6v) Zxi 
xatä xbv lotot' oix Saxiv u. s. w. 
Die Handschrift hat toxetf ort, Lefebvre fügt dij hinzu, aber der 
Floxal paßt nicht; der Versschlofl ist wie 164 i% tl $ xottlde nvd. 
Der Schluß des Blattes (356): 

%ta(fhm 
td (y 1 ) aXXa XQtittsiv. Skv i£ xig Xdßg p' (Ixt) — 
xadaXXa die Handschrift, dag doppelte Si kann nicht richtig sein. 
Die Scene 358 ff. zwischen Habrotonon und Sophrone ist im 
Wortlaut nicht herzustellen, so deutlich der Hergang ist. V. 358 
xXavfivgi&rat bedarf keiner Correctur, Fhotios bezeugt Form und 
Schreibung. 361 erkennt Habrotonon die Alte: St tpllxmot [fteoC 

] sifil [6tp63]oa, 364 doJxtEg [ts]v (toi. 365 redet Habrotonon : 

X«tQS, <piXrtkri (vgl 369. 370). 367 Xdjt, ipol Xdystg; 369 Sophrone : 
yvvca, xtäsv £x ei $> e ^ P 01 ! T0V M* K [ a ^] I XaßoiMa ; vorhanden 
ist da nur als Correctur, nicht die falsch geschriebene Silbe , die 
es corrigiren soll. 882 fehlt eine Silbe: Iva x*l xßXXa xdvxu pov 
jrü&Tj eacp&g. Da xal x&XXa nicht zu trennen ist, weiß ich nichts 
besseres als r« y' HXXa. 

Onesimos erzählt 383 ff. von der Sinnesänderung des Charisios-: 
385 %oXi) | ftilmvK nooeninxtoxBv ij} xoioüxov [fy], leider fehlen 



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824 Friedrich Leo, 

die folgenden Worte (zitsayuvzte sv, also Verbal cndung), 

aber der Schloß ist klar : iiX 8 yeyov[' r.gS>]. Dann die Erzählung : 
Mffbg tatg früpaes Y&V ivdov ipri[(og xoXvv 

%ff6vov Staxvxxav ev 

394 ivixgayB, zijv xttpaX^v t" &vExära%e ö^pddpa, wie iwotAeretv 
(nicht av izdtal-t). Die Seibatanklage des Charisios : 
„iym y&Q iXizt^fftog" , xvxvbv jtavv 

tXtyev, „roiovtov itfyov £%si(fyaOti£(v)og 400 

ainbg ytyoväg zs xtudlov vö&ov aazijg 
ovx ia%ov oW idatxa 6vyyv(6p)ii(g) [*6p(j] 
ov&lv &vv%ov~6$. taut* ixetvjj, ß&QßaQOg 
&vi}i.etfe «". Xotdof/eXz' ifärnpivag, 
(ft)6a ßX4xn ff Giptuftov ■jjQs&tOpdvog. 405 

Y. 399 bedarf, wie man sieht, keiner Ergänzung (iyia yäq (iymy') 
iXiz^tos Lefebvre nach Croiset); vgl. frg. 563,4 olog o" aXa&bv 
ietiv ^(Tijptog. V. 404 nicht iXoidoQüzo sondern Xoidoffttzcu, wie 
ßkixtt zeigt. sl«a ßXixst gehört zusammen, vgl. Aelian bist. an. 
III 21 v(paifiov Svm ßlfaovOa. 

V. 421 xal Xff^otx' ßötij ffoi i(i(i') iptlmg, ei> äh | zamtjv ttzifUfatg: 
das kann wohl nur aein x&xirf*«*' a^i (geschrieben xal'%Q.). V. 
424 [Sftota y] tlnev olg ttb Sievöov z6ze, ironisch. 427 [oöx tfxsje- 
ß[tfg «]s; ") ** öi zig vtprjXbs «ipötya — damit bricht das Blatt ab. 
Das nächste Blatt, Q, ist nor ein Fetzen, es enthält in seinem 
ersten, sehr zerstörten Teil Verse, die an eine männliche Person 
gerichtet sind, wahrscheinlich Onesimos, and von Habrotonon 
handeln (429) : fffa tb petä zaüza wird dafür sorgen 8*©[e ha](uvtlg 
5>v XoQioltp [rö »Sv], | ot6(v)n(s(f) ola&a, »iozAg' od yd$ 4a(zi <ft)) \ 
hatf/lSiov rovt ovSi to zv%\Av — , dann zwei nach der Abschrift 
fehlerhafte Verse. 434 xd% statt 6u% ? Dann einige besser erhaltene 
Verse einer neuen Scene; 441 \ol*siov\ oi>x äXXÖTpiov. 

V. 448 (Blatt H 3) tritt Smikrines aas dem Hanse and schilt 
zu der in der Tür stehenden Sophrone zurück: 
Sv fiij xazdia zip xs<paX^v dov, SmtfiQÖvrj, 
xüxifiz' &jfoXoi(i7}v. vovfrsztfSEtg xal ev fts; 
xoomräg aaäyta zipi ffvyatiff, [eq69vXe yQctü; 450 

üU' (pv) XEQtp.iv(D xutatpayslv zipi XQOtxä pov 
zbv %qrfizbv avTfjs ßvdpa xal X6yovg Xiyto 
stffi töv ipavrov' ztivta «vfixttöstg (ie av; 
av* divXaßtjdai xQstTzov ; olpto&t fumffä, 
Sv [iz]t XaXfig zt. xQfoopai srpij 2ko<p(f6vrp>. 456 



1) thvtfät ne weh Croint S. 100. 



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Bemerkungen zu den neuen Brachstücken Meuanders. 826 

psxdHtufov aviijv, 5t av tdfjg' o$tco xi (toi 

iyaffbv ye'votxo, SmtpQÖvi}, y«p. ottcaöl 

iatixto ; xb tdXp,' (s)18bs xapiovs' ; cW«0d<£ tfe 

tjJv vvxxa ßaxti^cov Zirpt i«oxxtV& 

n(£)yä et taik' ifiol tpQovstv ivayxüam 460 

xal (fi)i) ötaai«£fiv. 
Der Alte wiederholt wütend die Worte der Dienerin, die ihm gut 
zuredet. Denn seine Tochter (das maß ich hier vorwegnehmen, 
am es ein andermal zn beweisen), die von ihrem Mann getrennt 
beim Vater lebte , ist nach der Vor söhnung , von der Smikrines 
noch nichts weiß, ins Haas des Charisios zurückgekehrt ; Smikrines 
geht sie wiederznholen and vom Schwiegersohn die Hitgift, die 
er durehbringt, zurückzufordern. 'Da sagst ich tibereile mich?' 
Das widerlegt er, aber in der Widerlegung fehlt das entscheidende 
Wort, die Negation (asftfttväi ist durch kiym ausgeschlossen) ; 
463 taüta, nämlich das zu ton was ich nicht tue. o-bx &\vlaßffiai ') 
xqtlxxov , 'eile mit Weile sagst du? noch ein Wort und ich bane 
zu. Mit Sophrone bin ich fertig'. Aber er wendet sich doch noch 
einmal zn ihr: 'mache lieber deinen Einfluß auf sie geltend, ovtqj 
xi /tot iya&bv yivotttf , das {tot natürlich xctqä %QoedoxCav *). Dann 
ist überliefert olxadl imiAv, was auf keine Weise richtig sein 
kann , da es weder eine Beziehung auf Smikrines noch auf Cha- 
risios verträgt. Der Schlüssel des Verständnisses maß darin 
liegen, daß Smikrines gleich darauf wieder watender ist als vorher : 
'hast du die Pfütze gesehn als da vorübergingst? in der werd' 
ich dich ertranken'. Also hat Sophrone wieder etwas zn Gunsten 
Famphiles gesagt, and das können nur jene beiden Worte ent- 
halten. Auch der Sinn ist völlig klar, die einzige mögliche Ver- 
balform ist soviel ich sehe intim: 'du sagst sie soll nach Hanse 
gehn?', nicht ganz sachgemäß, da sie schon drüben ist, aber viel- 
leicht am so ausdrucksvoller. V. 460 ist ffot für dt überliefert, 
sowohl dies wie xaixd (nicht xavxu) ist unerläßlich. 

Der die Tür öffnende Onesimos behandelt den verdrießlichen alten 
Herrn ironisch. Der Alte wettert : x6 ff S^nae/t*, 'HpdatJisig, \ &av- 
pcttfTDv olov, hier kann ff nicht richtig sein, vielleicht tdo" «gxaa^a 
(nämlich irsxC). Es ist auffallend, wie häufig dieser Gebrauch der 
abstracten Verbalnomina grade in den 'ExtxQt'xovttg ist. V. 236 
ßiaepbv xowov slvai (vom Antiatt. B. A. 84,21 für Eapolis be- 
zeugt), 243 ovx ivtextv oids slg xctff ipol (iepte(i6g, 398 ßgv%Tj&(i6g 



1) Hesych hat du Wort ans dieser Stelle, nicht aus Xenophon Hell VII 4. 

2) Vielleicht besser ytVo«' &v mit Ztaipi/ivTi als Snbject. 



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326 Friedrich Leo, 

(Heaych) Ivdov, xslp6s (desgl.)) Ixatastg «wjvij, 494 xaxaXtmßAvEig 
8iaXXayäg Xveug «, endlich 507, wo nur vw£ für vvv zu setzen ist: 
vwQ.) 6' avayvmgtefi.bg ccvtolg yiyovs xal 
vä xävr' &,ya%ä. SM. ti tpißtv, ts{f69vls ygav; 
Überliefert ist freilich Sntavxa x&yaXtA. 

Die epikureische Tirade des Oucsimos 470 ff. ist in den schlechter 
erhaltenen Versen 477 ff. von Croiset schön hergestellt; nur 481 ist 
zu schreiben fatfafupav av [i]avxm xcacStg x9v( s ^f i£V0V & v )i der tQÖxog 
ist Subject. Smikrines läßt sich auf die Disputation ein (486): 
SM. tW ovfibs, lsQ66vlr, vvv xpönog nost 
&pa&dg xt; O. awxgtßa et. [SM.] xijg xaiffftflCag. 
[O.] aXX' aitayayetv ««(►' ivÖQÖg ttvxov ^vyaxi^a 
äya&bv öti XQlvsig, Sfuxffivtj; SM. liyu 8h xig 
xoM aya»6v; iXXä vvv ivaynatov. [0.] »sä, 490 

iö xaxbv ivayxatov Xoy(£e&' ovzotti' 
lovriiv xtg SXXog, ov% 6 rpifsog äxoXlmt ; 
Überliefert ist Y. 488 eavtov. Das Übrige spricht für sich selbst. 
Ebenso 603 i\ yifavg 84 yt j olS' mg iytßfica, nicht iym fiot. 

Nach 607. 8 (s. o.) wird Smikrines rasch zn Ende aufgeklärt 
(609): 

SSI. % tpvatg ißovleft'y j v6(UOV ovdlv piksf 
ywij 8' ia' ttvzm z<pö' itpv. SM. xt; [SSI.] (ißgog lt. 610 
TQocyixijv iffäi ffot fäaiv £% Avyijg 8lip>, 
av (ttf *ot' cfafrjj, SfttXQivij. SM. av fioi %oXfjv 
xiviüg xa&aivofidvTj. Ov yag CipöÖQ' ol<S$ 3 xi 
[ovxo]g Xiyet vvv; SSI. oW [lyrny" ,] ei f«*' o«. 
. . . .ff«c. Oxtfftt «wrpit. SM. xävöitvov Xiyug. 516 

[SSI. towov plv] Evrvxrjfta (isttov ovdi ev. 
[SM. xaxäfa]x', ily&ig iuff 8 Xiyeiq; *o xuiStov — 
Hier bricht das Blatt ab. Y. 616 ist wohl i«'p« ewrpu- zu ver- 
stehen, also spricht vielleicht Oneshnos, der Anfang bleibt dunkel. 
516. 17 ist natürlich auch anderes denkbar (z. B. xal rovr'] iX^&ds, 
der Apostroph ist nicht angegeben, es soll aber nach der Abschrift 
nur für 4 Buchstaben Raum sein). 

Der Prolog der nt(ftxeipo(iiviq ist außer Y. 38, den ich hier 
noch nicht behandeln kann, wohlerhalten. Nur Y. 27 ff. 

iv yetxAvav 8'otxov6a ruäsXwov to fiiv 

npüyft od pspiviptev ov/f ixetvov ßovXertu 

slvdi doxovvra Xu(i3n/bv tig pexaXXayipi 

ayaystv 
int fHpivTpuv sinnlos, zu schreiben pepiJiW. Dann V. 31 



DgizedDy G00gle 



Bemerkungen zu den neuen Bruchstücken Menandera. 837 

axb raitofidtov ffitpfretit väö tov &Qavvzi(>ov, 

&0XBQ TCQOBLQrjx', 'övrog 
ist tov nur einmal geschrieben: vsö Totl[rou]. Ferner sind in dem 
Satz (42): 

xdvra $l%t%&£XQ 

tav&' Svextt toxi jtilXovros eis igyjv ff Iva 

ovros &(f>ixtt'. iyfo yäff fyov ou ipveet 

roioÜTov üvta toütov, aofftv d* Iva täß$ 45 

injvvoums tä loiitä vovg &' a-btätv jioxe 

tÜQOlSV 

die beiden Optative aipixotto V. 44 and läßoi 45 herzustellen. End- 
lich ist Y. 50 l(?(?tae#' sipsvets ye ysvötievoi (ysyivifttevot Lefebvre) 
richtig, wie der Zusammenhang zeigt. 

Der Sklave sieht Boris herauskommen (62): 

ij datQig ' ota ydyovtVy &g S" tyQmpevri. 
^äaiv tpönov xtv', 6g iftol xaraipaivEtat, 
avxai, KOpfilflOftcfi Öi. 
'ich sehe, sie leben so einigermaßen', nach dem Ernährungszustand 
zu arteilen. Der Sklave geht, er kann 68 fbtptfav&^tsezat n. s. w. 
nicht mehr sprechen, die Worte passen auch durchaus nicht für 
ihn, vielmehr nur für Doris; die beiden Doppelpunkte sind irr- 
tümlich gesetzt. ') 

Das nächste Blatt beginnt mitten im Gespräch. Pataikos redet, 
wie Y. 84 zeigt, schon einige Zeit mit Folemon; er hat ihn in 
Gesellschaft der Habrotonon getroffen, was für Folemon, in Gegen- 
wart des Freundes seiner ersehnten Geliebten, sehr unangenehm ist ; 
er sucht das Mädchen zu entfernen, diese merkt es and widersetzt 
sieh ein wenig (71): 

[itfT&]«& n' i%6i.kv6kv. 'A. oix iaff , tyyspatv. 
(JIO. «pog r)öv fre&v, fivfrocoB', äxektf. 'A. dWpgojMu. 
Die ersten Worte beiseit, nachdem er sie gebeten hat zn gehen; 
sie antwortet: 'es geht nicht, mein Feldherr'. Nach Y. 76 geht 
sie wirklich. 

Y. 81. 82 sind zerstört, 82 möglicherweise fytaxte «vrjj «[vJtlov 
tS(o]s, vvv o" ovWtt. Dann 83: 

aitsX^kvQ' (ovv) o$ xaxa ztf6nov aov %q<diievov 
airä, 
denn die Positionslänge ist nicht annehmbar (vgl. 84); die neuen 
Beispiele (Exixq. 107 5«la 118 ÖQa%päs) bleiben im Gewohnten; 



I) Dasselbe bemerkt für V. 87 richtig Croiset S. 134; es ist überhaupt 
häufig. 

Ig). Gm. d. WIb. Harbriett«. FUlolor^hiitor. Hhh t«07. B*fl S. 22 



&y Google 



328 Friedrich Leo, 

auch fehlt die Verbindung. Auch V. 102 bedarf einer Correctur: 
towrrf (toi äoxttg | öp&ög xoctv, nicht öpag itotiv. 

Die Seite -E 4 ist zu Anfang schlecht erhalten: 

(110.) xbv xötipov tt&rijg cl fafoffjßuis — [ITA. xoXiiv] 
i%tt m t 170. ö'eöpijtfov, Ildtaixt, XQ6(ei&', thtag) 
(täXX6v peXaiffeis. HA. St xaff[vq>£8sg iig xaXai,] 
dvdtyaff oV. IlO. ola d'itpaCvt»', ijvix' S[v) 110 

Xdfiy xt tQi&tav oi y&o iöpax' iv ex — 
ITA. iytn ff(t) 170. xal yäo xb jii'ye&og 3tfxov9tv b — 
fij-iov IöeIv. 
109 «ap^vyrftfftaO' ola dij) Croiset, xaovyig bezeugt Hesych für 
Menander (Hymnis). 111 capaxtvc» — : passend wäre Ivvxviov, 
aber außer der .Lesung stimmt auch iym et nicht, das kaum noch 
an (i&kX.6v fiilerjesig angeschlossen werden kann. 112 wäre £[«x] 
nur annehmbar, wenn es sicher stünde (vgl. 2kcp. 482 3' za An- 
fang). V. 115 

IIA. fia rbv AC oiä' i'v. 170. ov yäg; &l\ä det, H&taixt, tfe 
Uetv 
ist wohl ovo' tv interpolirt; die Verneinong des ixig SXlav XaXä 
kommt Folemon so überraschend, daß er unterbricht. Ähnliche 
Interpolation Zap. 10. Über V. 119 oben S. 318. V. 123 xoXX&v 
(jib) ysyovbiav, ebenso V. 148 xovx6 (yt)ytlotov: Haplograpfaien wie 
oben rot» für rotirou. 

Dieser V. 148 gehört schon zum letzten Blatt (E), das so 
zerstört ist, daß man die Herstellung der Worte meist kaum ver- 
suchen darf. Der Sinn ist V. 143 £[/«#' »w £%uv\ &&\ nag ipav- 
x$ xavxa (sß steht nicht in der Abschrift). Herzustellen ist 148 
(die zweite redende Person unsicher): 

TA. xovxö (yt) ytXotov. B. iXX' vxsq xdvxmv i%<f^v 
[xqe(]v ff'. A. lydida x&fi 8(ft6x(a). B. ovtrag £%&$• 
Die Abschrift hat sywduratiaQiGt' . Dann 160: 

\xig xlbv &)tQuxcav&v olSe tuvö' 8xo(v) 'att, flot; 
\TA. 4 A<o@l)s oldt. B. xaXuadxm xipi AaoCSa 
[<■ xt)s- 
V. 168: 

[B. xöeov xt xQov]telg, &%XCa; A. xixav&d u — 
Aber über dies Gespräch und den Rest der Scene ließen sich 
weitere Vermutungen nnr durch Hingehen auf den ganzen Zu- 
sammenhang begründen. 

In der Prologerzählnng der Eapitc ist vielleicht V. 15 «*osov- 
pivov von Croiset richtig hergestellt (doch zweifelt Lefebvre S. 



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Bemerkungen in den Bruchstücken Menanders. 329 

181), aber nicht jUsa. Passend wäre viae. Die Alte hebt das 
Kind auf, 25 : 

i[ti r'ovÖlv etövt tväov Sin, iv &«<pttltl 
slvai voftiäuött toö Xakttv, Xfpo«i(f%ttai, 
xal ravta äi} rä xotwä - "tptkzaxov tixvov" 
tiaovSa xal "iie'y aya&ÖV ^ jttttfi ftTj Si aov 
iayiXu 6t" Jttpitfvtyxtv. 
(29 überliefert itplkriat). Die Magd kommt dazu: 'still, der Herr 
ist da', V. 42 

"iv ttp Tttfustp", xal aaQE%^KJ.a\i xi ■ 
"a6n), xai.it ttx^f) et. 
V. 52 fitffr' Zxt piv im xovxo atn%g yvtÖQtftov ist umzustellen afarjg 
ioxi tovzu. Die Rede schließt auf einem Seitenanfang, der wie alle 
vier des Blattes beschädigt ist. V. 65 i&övza kann kaum richtig 
sein, Parmenon kann kaum anders als vom Markte herkommen: 
ix rfjc; [ayoQ&g 1 nttQa]xiov \ avxöv xuQayayf.lv isxl xav\& Ssraig i(ftt]. 
Nach dem Wortgeplänkel Parmenons mit dem Koch ruft Demea 
den Parmenon an, 81 : 

II. ipi xtg ixakttss ; d. viajt. II. %atfit y Sianoxa. 
J. tip> [vavgiäa x]axu&elg fyu StvQ. 77. aya&f tvjij. 
d. h. geh and gib die Sachen ab, dann komm wieder; Parmenon 
geht ans Hans, Demea spricht wieder für sich (83): 

J. tov[xov fiiv oi>]div, &>g iytipai, kav&ävu 
to[tovxovi «\ifttXt6ptvov igyov' iexl y«Q 
xtgitgyog st xtg BXXog. aXXä (ri)v) Dvgav 85 

Kffothv aisX^%e. 
Parmenon hat an die Haustür geklopft, er gibt den Korb mit den 
Einkäufen der öffnenden Chryeis: 

Tl. dlays, Xgvdi, x<kv%' 3V av 
6 Hdytifog alrQ, xip> di ygairv qjvk&txttt 
axa xB>v xsgafUwv, zgög &stitv. 
Dann kommt er wieder zu Demeas zurück und das Gespräch geht 
fort: 

xl Ott aoetv, 
öianoxa; A. xt äet jtottv; (l&t)') osvp' iab rf|g övQttg. 

ixt (tixQöv. n. ijv. 

PI. Aal. 46 illuc regredere ab ostio — 55 dbscede etiam nunc etc. 
Demeas stellt ihn zur Rede: evyxgvnxeic; xt %g6g [fit, Ilafffiivav]. *) 
In den Antwortversen 



1) <&•/*> Lefebvre. Enbnlos frg. 65 K. fifi ff*tyo. 

2) Frg. 978 K. (Bekk. An. 1154) mtgä M?vävS<tta ffnpiteOrrai 
iy%U»iv. Vgl. 408. 417 and 162. 



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'itrT'iiLjT: srä nur ier ErvirauE iai licic Xcoe&äia der 
et ifc=!7 j»«a 7 iunLutevn-i ? ■*t^j-i«<»o£ 115 

ixokshiyqtiu rar f av*W *; dtä 7*1"** 



lj AAF — die AhvJuift 

2) V. 103 kann TAI der Abtehrift nkfat richtig Min, ebensowenig 105 t 
dilti* nach ttxöxeinu io6i<S jhw 

sj eMorren . e . . - € . acmcnoc die Abfdmft. 

4) qxirirte V, tod LefebVre verbeMerL 



DgizedDy G00gle 



Bemerkungen zu den neuen Bruchstücken Menanders. 331 

ttöpsvog ixovaag- oiix ig&v yäg, ig iy&> 120 

töY fddfiijv, ionevösv, iXkä zijv tfiijv 
'Eiivrjv tpvytlv ßoviöfievog ivdo9iv nots. 
'Wenn er ans freier "Wahl oder ans Liebe oder aus Haß gegen 
mich gebandelt hätte, dann hätte er die gleiche Gesinnung gegen 
einen Feind und gegen mich gehabt nnd danach gehandelt' ; z. B. 
Demosth. Phil. 1,6 iitl tt|s aiz^g ysvda&at yväftris. V. 120 ist 
i(täv überliefert, gegen den Sinn: 'nicht ans Liebe war er bereit', 
als ich ihm die für ihn bestimmte Heirat ankündigte. 
Die Schuldige ist vielmehr Chryais: 

[xazilaß)tv avröv xov pe&vovta JjjAaiJif, 
(oix 8v}J *) iv iavzov • xoXXä d' (ipj/) fyyii&zai 125 

[äfiiijr'l äxparog xal vJörijg, örav &<£ßj) 
[tffitov] ixtßovlsveavtd toi zotg nXrfiiwv. 
[äkV oiStnio) yaff m&avbv tivai poi doxtt 
(tbv eis &7i)avzag xöOfiiov xal edxpQovu 
(zoiig iXJ.)oz(fiavg etg ips zotoüzov yeyovivtu, 130 

[oiö' et] Sexfoug no^zog ißzt, firj yövm 
i(ibg vt6g. 
Man erwartet V. 125 iv savzt/i oder i<p' iavzoi>. Ob Menander die 
elliptische Wendung gewählt hat, gleichsam 'nicht zu Hanse'? Tgl. 
ivzbg iavzov. Der Fehler in der zweiten Verehälfte ist wieder 
Haplograpbie. Ans V. 131 kann ich hier die Folgerungen nicht 
ziehen. 

Wie Derneas in seiner Aufregung ins Hans hinein will, kommt 
der Koch heraus, Parmeno zu suchen, der ihm zur Hand gehn sollte, 
aber fortgelaufen ist (109. 296); Demeas ruft ihm zu, aus dem 
Wege zu gehn nnd stürmt an ihm vorbei durch die Tür; der 
Koch bleibt entsetzt zurück. So sind die Verse zu fassen: 
M. &XX &Qtt npöa&ev täv &vqüiv iez* iv&äSc; 
aat, IlttQjiBvmv. Sv&ffmxog ixoäidffaxi fit, 
ÜX ovdi (uxpbv avXlaßäv. d. ix tov fiiaov, 
ävixys Oekvzöv. M. 'Hff&tXug, %t zovzo ; aat. 146 

paiv6p,evos tläÖtSQttprjxsv item WS yi(ftov. 
fj zl zb xaxöv »oV iezt ; t£ cV pot toöio ; xal. 
vi) tov IloottdG}, fitävsff mg ipol Soxst. 
Der Koch ruft xat V. 143, 146 nnd 147, hier (147) ist not ge- 
schrieben, gibt aber auf keine Weise einen Sinn (vgl. 'Enttff. 604 
[tot für -fie«). Auch 144 ix %ov piaov ist Ausruf. 146 zig nicht 
zig: der Koch hat den Hansherrn noch nicht gesehn nnd kennt 



1) f€N die Abschrift. 



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332 Friedrich Leo, 

ihn nicht. 'Er ist verrückt; oder was ist es sonst? aber was 
gehte mich an?', damit besinnt er sich wieder auf sein Geschäft 
and ruft nach Parmenon , kommt aber gleich wieder auf den 
Schreck zurück, den er gehabt hat: 'wahrhaftig er ist verrückt'. 
Bemeas kommt wieder heraus und jagt Chrysis mit dem 
Kinde (das die Alte, 168, trägt, vgl. 167) ans dem Hause: 
A. o&xow äxovng: &iu&i. X. not y^g, & zdXav; 
d. ig xöpaxccg IjSif. X. övapopot;. jJ. val, diitJ^opog. 155 

ikesivhv iftiXet zb öäxQvov '). navßa a" iyä, 
£>g oCoftai. X. xl xotovOav; A. ovdiv. iXX t%tu; 
zb xcailov, xijv y^avv. txxcHp&tigov ta%6. 
X. Zzi zotir &vHi.6ßi}v, Öiä zovzo', /l. x&v vi xal 
dtä toOto; Totoßt" jjv zb xaxöv (vvv) fiavöäva)' 160 

xovip&v yao ovx tytlexao'. X. ovk ^tctetäfirjv ; 
Y. 159 gekört in der Handschrift KANTIKAI noch zur Rede der 
Chrysis; dann maßte es eine schwer verdorbene Verbalform sein; 
diä zovco xavzlxa (Croiset) paßt wenig. 'Und wenn denn auch 
darum ?' ist sehr ausdrucksvoll : Demeas kommt mit der Sprache 
nicht heraus (ovdiv 157) and bringt ja aach sofort einen andern 
Vorwand ; er fühlt sich eben in seiner falschen Rolle unbehaglich. 
Statt vvv (160) kann auch eine andre Silbe fehlen. 'Was meinst 
da damit?' fragt Chrysis (162): 

zi <T iof? o Xt'ytig: sl. xttizot nobg ifi' ffl&Eg iv%ädt 
iv atväovizji, Xqvg(, (tav&dvstg, itüvv 
AtroJ. X. zi ahv\ d. töY %v iyä fftw nivff, 3« 
(<pa)vla>g txQazTsg. X. vvv öi zig; (d.) (tij ftot kdkti. 165. 
V. 164 hat die Abschrift AITCO, sinnlos (iv eiviovlzy, Xowsl' pav- 
»fong «4vv; alz& Lefebvre}. Vgl. PI. Asin. 141. V. 165 ist 
zwischen xlg and pij der Raum von 2 Buchstaben angegeben, aber 
an vvv dh xlg ; kann kein Zweifel sein (vvv d" $%i e(s) — Croiset, 
S. 208); ebensowenig V. 168 an der Fassung: tö xo&yy! öpytj zig 
iazf aootnziov. (nicht opyjj xig- ig xi »poeWov;). 

V. 169 sagt ChryBis nicht (iij Ödxtj?, sondern (iij daxjjg*); wohl 
das älteste Beispiel des Aorists iSäxrjv. Dann 172 : 

X. ov{r)a däxvsL; 
ofitos — d. jcatagra zijv XMpaAtfv &vffomxi 6ov, 



1) Vor itavBm ist Personenwechsel. Man konnte also denken, da! der Koch, 
der V. 153 schließt fttxpiv fmaicoarrjaonui, die Worte lltav6v n. 8. w. im Hinter- 
gründe dazwischen spräche. Aber er greift sonst nicht wieder ein and wird sich 
verzogen haben. Die Worte sind, mit Ironie, für Demeas sehr passend. 

2) Vgl. V. 352. 



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Bemerkungen zu den neuen Bruchstücken Uenanders. 338 

Sv ftoi diaXiyr], xal dtxaimg. X. olX' £dov, 

däxvsi ist zweite Person. V. 174 gehört in der Handschrift xal 
öixaitog der Chrysis, mit Unrecht. 175 eiaiffiopat kann kaum 
richtig sein, axdffxoftat scheint notwendig. 

Demcas schließt das Gespräch mit einer Tirade: 'Jetzt wirst 
da sehen, wie es mit dir steht', 177: 

al xarct ei, XqvD(, xpazzöftEvat dgaxfiäg dexa 
fiövag ixalQat t$4%ov6iv ixl tu östitvu xal 
nivovrf SxQtttov, tt%Qtg kv äno&üvmßiv xal 
ntiv&öiVy äv (1$ rowfr' ixoifuog xal TK%i> 180 

xo&Oiv. 
V. 179 ist am Schluß über xai geschrieben tj, und das ist offenbar 
die richtige Correctur: &%Qtg av axo&dvaotv 1} netväatv, 'bis sie 
sterben oder hungern', bangern nämlich, wenn sie tovto, sterben, 
nicht rasch entschlossen ton. So geht es den Hetären , die nicht 
genug einnehmen am ein Vermögen za sammeln '). Die Corrnptel 
von V. 178 ist nicht zu heben wie es Lefebvre nach Croiset ver- 
sacht (jtdvag iratgca <JjJ zQ(%ovrf Eid Sttxva xai), denn d"ij ist über- 
flüssig nnd Tß keineswegs. Wenn man die Emendation auf den 
Vers beschränken will, so kann man nor annehmen, daß hatqai 
zageschrieben worden ist und ein anderes Wort verdrängt hat 
(pövag asi oder xal aoXvv); aber der Satz läßt sich durch Um- 
stellung zweier Worte in richtige Verse bringen : 

ttt xaxä <? itatpat, XqvoC, XQttxtöfiEvat dixu 
äffaxftciS (lövag xfpixovatv inl rä delxva xal 
Tiivava' axfftttov. 
Vielleicht ist das vorzuziehn. Nach dieser Rede läßt Demeas sie 
stehen and Chrysis bleibt klagend zurück: 

d. taxa&t. X. täXctiv' lya[yt) rijtr ift^s tiS^ijs. 
toza&i hat Meineke in den riqzsg des Axistomenes (II 732) her- 
gestellt. Die fehlende Silbe läßt sich durch Umstellung {xäkaiva 
i% ifiijg iyto xvjpl$) nicht ersetzen, da x&kutv' iy& beieinander 
bleiben muß. Menander frg. 567 K. offtoi tdXag lymys. 
V. 190: 

&IX, 'Ilfidxtetg, tt xovxo ; xqöb&e t&v &vq&v 
EtfTtjxE Xpvtilg fjtfe xkatevti' ov piv ovv 
ßJUij. xt sott xi> yeyovög; 
Zu V. 192 s. o. S. 318. 

1) frg. ad. 105, 10 K. (111 422) a*6*otx6g toxi, ito e voßoa*£> t&itxa *j) t 
illtifae fyaxtiat SCSmei. 



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wo maa alf irrcrfe^xä =-.r *t»a dergleichen rermnten kamt: 

Irjt Sc.az*. ■*> si*r=:ft eisaetzt, ist zn Anfang wohlerhalten 
^2ö «flT-:«^^««! ny^po» . da* Ende der Seite F 3 bat stark ee- 
Etten. V. zZ3- B 

.... Ü.juts. S. avwvftaniZg. d. xal ai> yäf. JV. xb xatiiov 
{£m66q; vrrl iuo*. 4. ytiotow. xoii{i6v ; N. &XX oix /*« 6&v. 

<*• -V-j Är#p»«M. 4. u6tQa z #i. [N.] T ^y ywatt! ixo- 

xteva 236 
tietäw. J. %i yäo %orfim ; tovto fM>x#7jQbv adv(v). 
ovx iäato. moi ev ; pivt dtj. N. (iij xo6aaye tijv %tlq& not, 
\J.' xäieie dr t g&möv. N. idtxtti, Aj\pia, ptf, dijXog et. 
Nikeratus rnft V. 235 nm HÜfe, darauf ist xtxQa%&i die Antwort - 
seine Frau totzuschlagen gedenkt Nikeratos erst nachdem ihm 
das Kind entgangen ist. Demeas überlegt (%C yäp noijaio 236 ge- 

T) i'ovr Lefebvre unrichtig. 



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Bemerkungen in den neuen Bruchstücken Menanders. 335 

hört ihm, nicht Nikeratos) dann ruft er Nikeratos zurück and 
fängt an in ruhigem Ton mit ihm zn reden, xüte%e di] Geavxöv 
(überliefert ist eavxöv) spricht natürlich Demeas , obwohl die 
Doppelpunkte fehlen. 

Demeas bindet nun dem Nikeratos seine Erklärung des Er- 
eignisses auf. Die Handschrift hat (242): 

fori di otf xoiovrov. aXXa a£(it«ar*j . . . iv&adl (uxqov 

Itir i/iov. N. «epiitax^aat ; J. xal aea laßt. 

Es ist klar, daß das in Y. 242 überschießende Wort in V. 243 
fehlt: 

r.oxl 6' oi tviovtov. aXXa xt-QtTtdutfjaov] ivfradl 
fitxffä uet' iftov. N. nspt-narrfea; .4. xal ata[vzbv xazd]Xaßt. 
Zn pix(>K vgl. Sosipatros (III 314 K.) V. 22 (iixgä Staxivfoa ae 
«epl xov Xffäyfitctog. Zn atavzov xardXaßf V. 238. 112 y.dxt%t «avröv, 
Herod. III 36 fiij itävza i}Xix£^ xal &v(i<p *Wtoihm, &XK te%e xal 
xaxaXtepßave Seavtöv. 

Aach in den folgenden beiden Versen sind Verschreibangen 
za corrigiren (244): 

oix äxtfxoag, tl«£ poi, Xty6v(xmv) « 

z&v tQayetS&v, &g ytv6(tevog A Z(siig £pue)ög ') ippvrt 246 

diä xov ziyovg, xaxsipyfiivrjv öl autd* {po£%Evatv .... 
Es kann wohl kein Zweifel sein, daß in beiden Versen, 244 und 
245, Worte falsch gestellt sind; im dritten Verse hat Lefebvre 
roö mit Recht gestrichen: 

ovx ix^xoag Xtyövxav, sind (iot, [6v%v6v itojtf 
xätv xgayaöStv, &>g ysvöfisvog %pv6bg 6 Zeig iQQvij 
dta ziyavg, xaTEiQypivrjv 81 natu* fyol%w9sv [Xaßäv\; 
Der Schluß gestattet natürlich viele Ergänzungen, z. B. i^o(%tv6 t 
iv[Öov &v]. 

Demeas überredet den Xikeratos, daß Zeus bei seiner Tochter 
gewesen sei (247): 

N. elra ät) xt rovx ; d. Usmg Ott nävra «foedoxäv axönei 
TO . . . Z€YC€ICOI fiE'pos xi fat tö xXittjzov. N. aXXa xl 
{r)ovro Kpög ixtlv ißxi; d. roxi (tlv ylvetf 6 Zavg zqvqCov, 
toxi ö' vdaiQ • Ap^s ; ixeivov tovgy6v ioziv. ätg ta%v 250 

tvQOfiEv. N. xal ßovxolttg fie. d. pä tbv 'An6XXm, 'y<b (isv tri*. 
Alles ist klar (auch daß ftä tbv , dx6XXat zur Rede des Demeas ge- 
hört) außer V. 248; aber auch da ist klar, daß Zeig au der Stelle 
nicht stehen kann; und die Umschrift (toüto - Zeig ef aat (idpog w 



1) Die Worte hat Croiset (3. 182) richtig ergänzt, warum er i Z<tvs *o« 
%tvab>s Iwfy schreibt, weiß ich nicht. 



3,Googlc 



(J*r tö zletazov ;) ist auch mit Croisets Erklärung (S. 209} nicht 
verständlich. Z ist als ansicher bezeichnet und wahrscheinlich 



zo[v&~ 5]ze Gott, öol ftdpog it pei tö siUttfrov; 
Hierauf dentet die Lesung, aber erfordert wird Qu: 'wenn es 
regnet, fließt meist für dich ein Teil'. Nikeratos ist noch nicht 
überzeugt (254): 

Mo<5%ia>v iexevaxt'v fit. tu. ifasrai piv, ,u?) tpoßov, 
tovto. Qctov 6' lax', äxpiß&g (olSa), zb yeyBmjßivov. 
Vorher sagte er (240) o öög pc xatg evzt^giaxtv, hier ixtvaxiv (u, 
beides vom Handwerk des Kochs genommene Aasdrücke '). olöu 
hat der Schreiber ausgelassen, vgl. 326 Jlagix. 86 'Exixq. 230, und 
zwar nicht, nach der gewöhnlichen Wortstellung, vor, sondern 
nach äxgiß&g; denn alle sicher erhaltenen Tetrameter des Stücks 
haben Diärese nach der vierten Senkung. 

Demeas bringt lebendige Beispiele von Göttersöhnen : da sitzt 
Chairephon, Sv xifitpovtf iavfxßokov: es ist der berühmte Parasit 
(Athen VI 243 ff.), den Menander schon in der ÜpyiJ verspottet 
hat and ferner in 3 Stücken, die Atbenaeus anführt, KixQvyakog, 
Mifrq und 'Avdpöywog Jj Kp^g, Aus Vgy^ und Mi&7] gibt Athe- 
naens die Verse, ans den beiden anderen nicht; aber die Titel 
geben zur Identificirung mit dem vorliegenden Stück (dessen Titel 
nicht erhalten, aber von Lefebvre mit großer Wahrscheinlichkeit 
angesetzt ist), keinen Anhalt. Androkles ist vielleicht derselbe, 
der einer Komödie des Sophilos den Kamen gegeben bat 1 ). V. 261: 
'^vdpoxijjs £tij zoSavza £rj. rp*J|«. nat6a(g) noli 
xqüttetcu, ftf'A«e ncpiftacft, Itvxbg ovx äv ixo&dvot, 
CYA'A£€IC*A-TAITICAYTON o&z6g iextv oi 9s6 S ) 
V. 263 ergibt sich aas der unmöglichen Lesung mit leichter Aus- 
deutung der als unsicher bezeichneten Buchstaben: 

qiS" ay tt 6<pä[z]zoi ztg atfröV. oiItö's isztv oi &c6g; 
Die beiden ersten Verse kommen leider, wie sie dastehen, nicht 
klar heraus 1 ). 

1) Hesycb tvzt&Qitoxtv ivttli}%iv tj iantiatuv geht auf diese Stelle, wie 
denn auch sonst auf Schritt and Tritt die Glossen der Leiica neue Anknüpfimg 
finden. 

2) Der 'AvifOKlijs und *Avd<fo*Xtldi\s sind in Menanders Zeit so viele, daS 
keine Vermutung über die Person möglich ist, 

3} Lefebtre schreibt V. 261 *et<pn xai8a ■ nolv Bpundoi, aber tfiftt darf 
man wohl, da es sich um einen alten Mann handelt, am wenigsten andern. Nahe 
liegt ttftjii, xi\S$, aber die Corruptel ist unwahrscheinlich und tsoIv B(nirtrtai 



«Google 



Bemerkungen zu den neuen Bruchstücken Menanders. 337 

Nikeratos läßt eich überzeugen (leider sind V. 265—7 fast 
zerstört) and die beiden Väter trennen sich nur, nm sich gleich 
bei der Hochzeit wieder zu treffen (268): 

N. x&vdov EirQsxil ; 4. TTOIHMATATTAPeMOIA — 
N. xoptybs el. <d. %dgiv äs xoXkijv x&6t zolg 9(eotg i%to) 
oiSlv eigrjxhg iXiftig &v töV <ßfti}[v xtbv Kttxäni]. 
Nikeratos fragt ob die Vorbereitungen getroffen sind, Demeas 
gibt eine Antwort , die dem Andern Anlaß gibt , die elegante 
W'endnng zu bewundern; denn das bedeutet xofiifibg tl. Da nun 
die vorhandnen Buchstaben nur bedeuten können rootijfta za ««©' 
dfiol 6-, so folgt daß in ö- eine nähere Bestimmung zu wut'ijft« 
liegen muß, mit der zusammen dies ein passendes Prädicat zum 
Suhject zä Kap' iftol bilden kann. Es kann wohl nur eine Ver- 
bindung von noiijfia hier vorliegen , nämlich der sprichwörtliche 
Ausdruck daiiäkov nottfiiaxa, gebraucht ixl z&v ixQißovvxtQV zag 
zip>ag (Paroem. gr. I 59 ; II 23, Heeych, Suid.)) tä yup xal« xävza 
ztatSäXov xukovaiv ityya (Athen. VII 301*). Wahrscheinlich also: 

N. x&vdov ivzgtnfi ; J. jtot'ij.ua za Map' iitol d[i) datddlov]. 
Mit xofiipbg el geht Nikeratos ab und Demeas spricht allein ge- 
lassen die Schlußworte des Aktes. 

Im Monolog des Moschion, mit dem der neue Akt beginnt, 
ist am Schluß von V. 276 xal xag6ivii(jiai) . . CAPA offenbar zu 
lesen [atp]ödpa. In dem darauf folgenden Monolog Farmenons V. 
303 ctCrij (nicht «ürijj, 308 aüä£(v. zi ov)v ätpvysg ovxag, äßsixtge 
umzustellen ovziog Stpvytg. 

Moschion schickt Parmenon ins Haus, um Chlamys und Schwert 
zu holen; er will den Vater mit dem Vorgeben, in den Krieg zu 
ziehen, nur erschrecken. V. 319: 

(idii.stg; (Parmeno ab), ap^aeiat vvv 6 sarijp, ÖeJßtzui 
o&xog, xazafisvsiv /*[' ev^cjxat. . dstjatxtu, 
ili.' 6>g pe'xqi rivog; öet yäp eW, Sxav Soxy — 
ti'ifciai ist unsicher, in der als zweifelhaft bezeichneten Lesung 

M HAj das % nnmöglieb. V. 322 (. . . e&tföoji avzä 

■x&avbv ilvai p . . . . yov) widersteht der Ergänzung. Während 
Parmenon im Hause ist, kommt Demeas heraus (324 kqdi6v. nicht 

bekommt keine Beziehung. Auch Xtvxig hat keine deutliche Verbindung, man 
müßte denn oin üv &iio&üvoi als wider Erwarten für ein einfaches Verbum 
(jijpiJiatTj'fffi) eintretend ansehn. Ich habe daran gedacht, daß eine dritte Person 
genannt sein könnte: Mllas ittQinatu iev*6f oix. &u inofhlvot u. s. w. Ein 
MOuf erscheint in zwei attischen Inschriften s. IV (Kirchner), Kurzform von 
MtXzva*6g, Meldv&ios. Es ist nur nicht grade wahrscheinlich, daß zwei alte 
Herren wegen ihrer Rüstigkeit verhöhnt sein sollten. 



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338 Friedrich Leo, 

XQoatäv, vgl. 86). Die nun folgende Scene in Tetrametern ist 
schlecht erhalten, aber wenigstens in den Grundzügen kenntlich. 
Demeas stellt den Sobn zur Rede, daß er anf sich warten läßt 
(325) ; die beiden folgenden Verse sind dunkel, mit AIAKIN kann V. 
327 nicht anfangen. Moschion antwortet nicht , er ruft dem 
Parmenon ins Hans hinein (328) oi> tpdgete ; 'bringst dn die Sachen 
nicht?' Demeas spricht wieder von der Hochzeit ( — yäg flot miig 
yäpovg — ), Moschion darauf (329): 

OYMIA . T ANATTTCTAieYMAT'HGAlCTOY . . H . 

Hier kann avinxszat nicht richtig sein, der Vers verlangt Svaxre 
üvpMx' 'H<pai6rov [ßi\u\i\, und das deutet anf den Anfang &v(Ua 
(vgl. 264). Dann rnft er wieder: 

ofaog, oi (piattg; \d. tf]i y<£(f (roi) xeoipdvov«' oitot näXat, 330 

_W. £(ik; xC ipd; tijv [xal\öa. fidlleig. 17. eirvxttg. ovdtv xuxöv. 

itn[l] ffö. &äffoet. M. zC ßovlsi; vov&erijetig ji', ei%d itot, 

Up6ffvXt • 
Demeas wiederholt seine Mahnimg; eine Silbe fehlt, die durch rot 
passend ersetzt wird; man denkt an das überschüssige tat in der 
vorigen Zeile. Moschion antwortet in derselben dunkel abweisen- 
den Manier, niklstg geht an den heraustretenden Parmenon. 
Dieser, der während der letzten Stunden von Hanse entfernt war, 
hat drinnen alles in fröhlicher Erwartung des Brautpaars gefunden 
und kommt nun, in der Meinung, daß sein junger Herr in Un- 
kenntnis der Dinge einen Verzweiflungsstreich habe begehen wollen, 
mit dieser Nachricht heraus. V. 332 ist (t)tsa natürlich unmöglich ; 
es scheint das neatrum plurale tfö vorzuliegen, kaum ist e&g zu 
schreiben '). Moschion empfängt ihn schlecht, der Vater weiß nicht 
mehr, was er dazu sagen soll: 

A. n«r, xi xoLitg, Moe%itov ; M. ovx tlodfpuitiov 
(d , äxr)ov i\,oiecig u qsij/u ; ätaKdxofmai ro öidfi«. 
[d. xi ei) &d]Xstg, o$Tog; IL ßaSifa v% AC. ^cvpijxart 335 
(xi to x)ax6v; M. ftdXXttg; 
V. 335 scheint mir — Xctg ovxog für Demeas am passendsten. Mo- 
schion beachtet ihn gar nicht, sondern treibt nur Parmenon zurück 
ins Haus. Dieser geht ab mit der an die Zuschauer gerichteten 
Frage: 'habt ihr herausbekommen was los ist?' Vater and Sohn 
sind wieder allein : 

^/. Hyovet tovg yaptovs Qvnag. l[Sov,] 
[pi tdxvjov H-äyyelXd fioi xt. 
Damit bewegt sich Demeas auf Moschion zu. Dieser hat Zeit, wie 



1) JIspiK. frg. Oxyr. 14 rt iert — ; &yu&*. 



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Bemerkungen zu den neuen Bruchstücken Menandere, 339 

wir es so gut aus der römischen Komödie kennen, einige Wort« 
beiseit zn sprechen, die er ans Publikum richtet: 

[M.\ vvv itp6o~$ie~iv. Sv S£ (tov 
[li-fj i)t'ij]t', HvdfftSy xatufiiveiv, &XX &aooyto&elg iäi 
[xttottf,] rotrrl y&g Sgxt nagthitov, xi Ott noslv; 

g ovx äv xorjoat. xavr'. iäv Öd; xävxa yä$ 340 

.... T€1 ') yelolog Haoput, vi) df, ivcncäfinzfav xäliv. 
Diesen Fall hat er vorher (319 ff.) zu erwägen vergessen ; er 
fürchtet nichts mehr, als wirklich davon gehn zu müssen. Leider 
ist der Schluß der Scene, die ihm grade dieses Schicksal bringt, 
verloren. 

Von hier an ist alles halb oder ganz zerstört, die Handlung 
in Hanptmomenten dunkel. Ich gebe nur noch Notizen zu einzelnen 
Versen. 1 ) V. 355; 

— — f'g&ai xal xoetv 
3idv&' S 6ot ß[ox]st. xig iaofi[at; xig] ßiog fiäkiof? — 
J&t, xStv ncbvTfov', 
Überliefert 356 zn Anfang Snavff. V. 381 : 

HX l8et%EV (idv xi roi(o)ü#, tbg arpoeijA^oi/) l[ajc]£oag ' 
ngoadgaftüvt ovx iipvysv, iXXit xapißaXo{v)tf i\ftgtvi [i]e. 
ovx iridis, &S iot(xe)v t tCfi£' Stiv ovo" 'iv r[odfutv] 

ofO,Uffl. ft& T^V 'd&T}V&V, &XX BXttlf} 

rijv 6' 'Aägdöxeiav (icHtOxa vvv ap' [inixalttv fit %p]<i- 385 
V. 381 TTPOCHA . . . C . . 6PAC die Abschrift. 382: das nahe- 
liegende iqiilqai fit verträgt der Vers nicht; ifistve pe 'sie bestand 
mich', militärischer Ausdruck des Soldaten, nach rcpotfdpafiövr' ovx 
iipvysv, komisch neben mgißakoveu. V. 383 0YKAT6AHC, vgl. 390, 
wo der Vers beginnt ovx slp! ütjdi'js, doch wohl statt ovx «ijA'jjs 
eipt. V. 391 schickt Moschion den Duos, der Botschaft gebracht 
hat, wieder ins Haus zurück: &va6tQE<p[ov]. V. 401 fj ei> Isldliptag 
Jipüs kvi[»;;.'1 Sti <poßrj9tlg iv&ddt \ (xax}a«4<pEvya und am Schloß 
£,u' täpag av ys : die Handschrift zu Anfang t\ xal ov, hier scheint 
xtti Variante zu f[ zu sein (Lefebvre streicht av), am Ende €MHC0- 
PACCYrC, V. 407 [zöde aoijö' 8]xov6av av[xtfv tpjjjert itoäyfi 1 , ov% 
«vfx 1 i(io& , 408 iyh d'eCgtpcd «Tot | [aov y'&v sve]^ ikQetv kx[ovoa\v. 
[M.] p& xbv 'An6\i.fo, [£p]ov [pev ov], vgl. 412, wo vielleicht vor 



1) Erwartet wird %q^I oxtrzeiv, Tgl. 247. 

2) Die Falle werden auch immer häufiger, in denen aus der Abschrift un- 
mögliche Vene hervorgehen. Der Heransgeber erklärt mit aller wünschenswerten 
Offenheit (S. XII), daß er seine Lesung nicht als definitiv ansieht und verspricht 
für nahe Zeit die Publikation des Facsimiles. Diesem gegenüber wird steh ja 
deutlicher erkennen lassen, in welchem Grade die Handschrift corrupt ist 



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340 Friedrich Leo, 

cpw'mg £ipifl&u xavxyv iv&d/f vxoöt^aof? ifiov \ svtxa zu ergänzen 
ißt xipi fttjxtyu. V. 411 xavxa 8vfUlfyut6\rai , V. 420 äxov«u[g] xä 
«aoä eov yt. V. 421 ist der einzige sichere Fall von Doppelkürze 
in der Senkung des trochäischen Verses : £IC ovo" &g nogvlStov 
xoied&Xiov, vgl. frg. adesp. 120,3 K. noavidia rpiCtx&Xim iavxbv 
oikm xuoftSidamsv. 

V. 428 Daos : daxtcog plv ov [XiX]rßi e' — äg adXtv, Moschion 
darauf: ovx iäig tpoovttv [pe — . Daos veranlaßt ihn endlich dazu 
ins Haas za gehn (430) : xoOfiimg ?' i low xdo(e)l^e. 432 'furchtest 
du elotfov x[ax6v~\ tt; xo-üitov ovv S[i\oo^m6 — ' Auch im folgenden 
bis zum Ende der Scene (434) ist einiges Einzelne zn erkennen, 
aber nichts mit Sicherheit zn Ende zn führen. 
V. 444: 

xal xb xtipdXaiov, ovSinm Xoyi%o(Ua 

zbv deanöxyv ' *) [&]v i\ &yoov &&xxov \ndXiv\ 

t'X&Tj, xaoa%ip> olav «oijöei aaaaip[avsig]. 
Die Abschrift hat 446 TTAN für otav und TAPA«- für itagaip- 
V. 450: 

i) <F of/etf tbj? xbv yelxov sv&vg dijXaöij, 

xbv (iot%bv, olfimfcw <pQ<xtfa[<f] — 

xal (ttydXa. 
Die Abschrift OPACA statt ipoutra, dann HMCCMTA, man er- 
wartet 4)ptv paxod. V. 458 die Abschrift T ■ AMATCKATAK . 6ICANH ■ C, 
das bedeutet xoXpäxe xaxaxXetoavxtg. Die Antwort 469 : iniOvxoyav 
xsXg 5«x[ig el\, darauf 460: 

itöteoa vufii&x ovx ixtiv fi[fiäg boäv) 

ovÖ' ävdgas ilvat ; Mi} , pct Jia, xo[vx£ y 1 iftoC]. 
Vgl. Pherekrates Korianno 1,4 M. jxtf jiot rpccxovg, fici xbv AUt. Bei 
einer Ergänzung wie p& d(a xb[v üqxiov] wäre /tij ohne Beziehung. 
V. 471 : 

irovij[(>o]v, äftXte' 

äa-itfp jrap' ^(ttv oviiav i\firpixi]vBiq adXcu. 



1) Die Worte sind citirt im schal. Ten. zn Ar ist. Plntos 35 (das Fragment 
fehlt bei Meineke und Kock, ist hervorgezogen von Nauck Mel gr. roin. VI 113, 
«gl. Kretechmar de Men. rel. 106): zbv 6" vliv &vt\ tofl ittgl roO vCav, 'Atxix&f. 
xul MivavSt/as iv iltflXMfOßfVp ■ tb 8i XMpälaiov ofntoi loy^ofiai ibv tiaxArriv. 
Yfdtpsxat agoenQliitvos ovv lavtoC vtbv 'AfimoipävTit. Wenn der Grammatiker 
nicht den Titel falsch citirt hatte, so hätten wir hier ein Zengniß für diesen. 
Möglich igt es natürlich, daß die Worte auch in der IftptKtieoplM] vorkamen, 
wahrscheinlicher der Irrtum, rö 6i für xal t6 ist durch das Lemma veranlaßt 
Die letzten Worte des Schalions sind zn lesen: yqdiftt zuQza btoxiftinevos i&v 
ftmoC vthv 'Agiatorpäv-qt. 



3,Googlc 



Bemerkungen zu den neuen Bruchstücken Menanders. 341 

Vgl. "Hp. 36 novtjfföv, das. V. 475 Sxatfcov. (&g) ffxazöipayog st, 
V. 479: 

(dötsa) %i 60i xaxbv 
[Zsi>]e, &[$] tfü (tov)tmv yiyavag {atytmfaii. 
Dann V. 481: 

kiy Ott Kpös' ywatxd not 
[tp&ü0a]ffu %tt{xc^xitpsvys. n$bg yvvatxd *ot 
[<p#a ]ff«ffß ; Kai yäo ofjffr' tbg t^v MvQ(fivrp> t 
[i^v] ytitov'y [oC]tQi fio[t] plvotd* S (UoiUoftc*. 
Der letzte dieser Verse ist geschrieben ■ ■ • ■ TCITON ■ ■ TOMO 
rGNOCÖ' ABOYAOMAI , aber die Emendation unterliegt wohl keinem 
Zweifel. 

Anch in dem Fetzen L sind ein paar wichtige Stellen genauer 
zn erkennen : V. 498 

idtxel (i' ixtlvog ovö[iv riöixrptöra] 
oder fjdixrjiiivog, und darauf: ijoa phv &t\ zfis xrfpijs. V. 604: 
'EgS>, A&%t\g, (itv' 0-6 y&Q [xsr(evtn — 
Olfioi, xi 3i[oiJ]ffo ; Tis ö ßo&v ; [r\v — 
Kpög xatg dtipaig. EvxuLo{_og ijxeig — 
V. 604 hat die Abschrift IJTN für \Uv. Als Name paßt in beiden 
Versen (606. 6) ä-r^iag, aber anch andre ; nnd alles was die Hand- 
lung angeht bedarf besonderer Erörterung. Bei dieser werden 
anch die letzten Reste nicht ohne Bedeutung sein. V. 522 <bro- 
&]avtfv oder besser av &ito&]avttv es toöto sutMfMvo(v), V. 639 
(£)x£ 9 (uvbv oU\ h\v\ die Abschrift ovfeC —, V. 649 vi) r'ov"H[Xiov}. 
Aber die Ernte ist kein Tag zum Aehrenlesen. 



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Aporien im vierten Evangelium 

Von 

E. Schwärt?. 
Vorgelegt in der Sitzung am 23. November 1907 



'Der Jünger den der Herr lieb hatte' , gebort speciell dem 
vierten Evangelium an. An keiner Stelle wird sein Name ver- 
raten; erst der Verfasser des später zugefügten Schlußcapitels 
versucht ihn mit dem ephesischen Iohannes zn identifizieren, und 
auch das nur auf Umwegen. Nachdem Wellhaosen [Erweiterungen 
und Aenderungen im vierten Evangelium] m. E. richtig beobachtet 
hat daß das vierte Evangelium überarbeitet und erweitert ist, 
kann, ja muß die Frage aufgeworfen werden , ob diese räthsel- 
bafte Gestalt wirklich zu dem unzweifelhaft ursprünglichen Be- 
stand des Evangeliums gehört. 

Sie scheint am festesten zn sitzen in der Geschichte vom 
Abendmahl; hier hat ihr die Kunst zu einem unvergänglichen 
Leben verholfen. Aber der Glanz den diese über den Jünger 
der dem Herrn an die Brust sinkt, ausgegossen hat, darf den 
Ausleger der das was er liest, verstehen will, nicht blind machen 
gegen die zahlreichen Aporien die in der Erzählung stecken. Erst 
nachdem Iesus den Verräter so deutlich wie nur möglich gekenn- 
zeichnet hat, fährt der Satan in ihn hinein [13, 27] : xal ptiä rö 
^afiiav töte tiorjX&iv eis txstvov 6 oazctv&g. Bas ist eine aus- 
drückliche Correctur von Luc. 22, 3 , steht aber auch in directem 
Gegensatz zu 13,2: xov ätaßökov ffÖrj ßsßXt}x6tos eis tty xaffdfav 
Iva xaQttSot avtbv 'lovdtxg Eipwvos 'Iexa^tätijg , wenigstens nach 



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Aporien im vierten Evangelium I 343 

der gewöhnlichen, schon von Origenes vertretenen Erklärung, die 
slg %ijv xafdtav auf Indas bezieht. Wer diesen Sinn verlangt, 
maß sich schon entschließen , den Text den D mit den La- 
teinern nnd Syrern bietet ')i für richtig zn halten, dann sich aber 
mit dem Widersprach gegen 13, 27 abfinden. Die Lesart der 
besten griechischen Uncialen bedeutet etwas anderes : 'als der 
Teufel eich in den Kopf gesetzt hatte daß Indas Simons Sohn 
Iekariotes ihn verrathen sollte'. Die feierliche Einführung des 
Verräters mit vollem Namen paßt zu dieser Formulierung des 
Gedankens besser, nnd jedenfalls wird auf diese Weise der Wider- 
spruch beseitigt. Freilich kommt dann eine seltsame Erfindung 
heraus: Iesus brandmarkt den Verräter, ehe er den verbreche- 
rischen Entschluß gefaßt hat, und weissagt nicht jenes Gedanken, 
sondern die des Teufels; diese Weissagung geht sofort in Erfül- 
lung*) [13, 27]. Dabei will ich von einer Ungereimheit nicht reden, 
die immer bestehen bleibt, man mag 13,2 so oder so lesen; woher 
nimmt Indas die Zeit seinen Verrat auszuführen , wenn er ihn 
erst nach dem letzten Mahl beschließt? Die synoptische Erzählung 
[Mc. 14, lOf. Mt. 26, Hf. Luc. 22, 3 f.J ist zum mindesten sehr un- 
geschickt verändert. Schlimmer ist etwas anderes. Jesus hat vor 
allen Jüngern gesagt [13, 21] : 'einer unter euch wird mich ver- 
rathen'. Durch Vermittlung des Lieblingsjüngers erfahren sie alle 
das Zeichen durch das Iesus den Verrater offenbart: die Erzäh- 
lung kann nur so verstanden werden, und es ist mit keinem Wort 
augedeutet, daß Iesus etwa dem Lieblingsjünger seine Antwort 
leise zugeflüstert hätte. Trotzdem haben die Jünger alle [13, 28 
ovdeig . . täv uvuxHfiivwv] — auch den Lieblings jünger nicht aus- 
genommen, der doch sicher Iesu Worte gehört hat — die An- 
kündigung des Verrats sofort vergessen; sie wissen nicht was 
lesns mit dem Wort sagen will, das er an den Verräter richtet 
[13, 27] : S xoutg noivflov %&%u>v, und raten sonderbar vorbei [13, 29] : 
xw\q yaq 436xow, inel to fAaxwfxopov bI%ev 'loiStcg, ort liyu aü- 
t&t '/ijffotis ■ iyÖQaeov $>v %Qtiav /^Oftew stg zi)v ioffrrfv, i] rotg ätoj- 
Xoig Iva n iJöt. 

1) I) ioO ötaßilov tjdij ßtßlt}%6rog fit «1* xagdluv 'Iovia Eifuavos &nü 
KaQvmiotr tva aagaSoi afaov. Syr, Sin. I&O^S» <(USt ^ )?OC».} OSShS» JOOJ l»i| }±$CO 

2) Darauf bezieht sich 13,81 vvv i9olaa&i\ i vüs ioO &v&q&xov *al i 
&fie t6o£defhi Iv vfrc&i. Der Verrath des Iudas war ein schweres Aergernia, 
mit dem die Göttlichkeit. Iesu immer wieder beetritten wurde; durch eine raffi- 
nierte Combination ist er im vierten Evangelium zu einer MS«*, einem Indtcinm 
der Gottes natur geworden. 

EfL fit*, d. Wim. Kachiicata. Pkllt.lo B .-kirtor. Klw 1S07. B*ft 8. 23 



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344 E. Schwartz 

Es sollte klar sein, daß faier zwei Erzählungen zusammenreäi- 
giert sind, die nicht zusammen passen. Die eine ist eine Correctar 
der Synoptiker ') ; ihr Mittelpunkt ist der Lieblingsjühger. Die 
andere hat mit der synoptischen Tradition radical gebrochen: nach 
ihr weiß Iesns allein von dem Verrat, und das Herrenmahl fehlt, 
da Iesns selbst das Paschalamm ist. Das Stück des Herrenmahls 
das jetzt ins Evangelium hineingeflickt ist, ist unvollständig, da 
die Einsetzungsworte fehlen, ferner unvorbereitet *) und harmo- 
niert schlecht mit der Fußwaschung: es ist and bleibt wunderlich, 
daß Iesns während der Mahlzeit den Jüngern den niedrigsten 
Knechtsdienst erweist und sich nach diesem Intermezzo wieder 
zu Tische setzt*). Die Jünger selbst verlassen nicht einmal die 
Plätze. 

Fußwaschung und Abendmahl schließen sich ebenso aus, wie 
die Unfähigkeit der Jünger Iesu Wort 'was du thust, das thue 
bald' zu verstehen, sich mit der Offenbarung des Verräters durch 
Iesus beim Mahl nicht verträgt : aber es ist wenigstens möglich 
die Fußwaschung mit der Erzählung zu combinieren, nach der 
Iesus allein dem Verräter, nicht den anderen Jüngern zeigt daß 
er ihn durchschaut hat, und das Mögliche wird wahrscheinlich 
dadurch daß der Satan zweimal sich mit Indas zu schaffen macht, 
13,2 und 13,27. Denn die schon an und für sich sonderbare 
Ausgleichung die im griechischen Test jetzt zu lesen ist , fällt 
dahin, so bald erkannt ist daß Fußwaschung und Abendmahl 
nicht zusammen gehören: der ursprüngliche Sinn von 13,2 kann 
nur der gewesen sein, den D und Genossen durch Correctur 
und die alten und modernen Interpreten durch Vergewaltigung 
der Sprache hineingebracht haben : der Teufel fuhr in Iudas hinein. 
Dann rückt aber der Verrat in enge Verbindung mit der Fuß- 
waschong, und unter der Ueberarbeitung die aus den Synoptikern 
das Herrenmahl und die Entdeckung des Verräters, freilich mit 
co regierenden Modifikationen, einführt , schimmert eine altere Er- 
zählung durch, in der die Fußwaschung auch insofern das synop- 



1) Vgl. Zeitechr. f. neatest. WUb. 7,29. 

2) Der Anfang von (Jap. 13 ist seltsam. Was die Worte Ayaxjaas to*c 
ISiovs tobt Iv trä xdofwot, tle tiXog iffttittiotv ufnovt eigentlich bedeuten sollen, 
ist keineswegs klar; der Parucipialsatz tCSä>s 3« %*L in Vs. 1 ist eine Donblette 
eu dem gleichen Participialsatx in Vs. 8. 

3) Origenes bemerkt [romra. loh. p. 427,1 Prensch.] : i tiayyiUmijt . . . 
Soxti ■ . . p'i tenjfti*tvm (iir *ro ( 'ta«KJ)v ntfl cofi vfyaaftai [rijv] äxoXov&titv. 
Sit nrpö %ov fctevov mal nje txl xb Stlnvttv &vax.U<it<at ot Seiptvoi roC Wtf*j<r- 
#«i *ois noSas viitxovzai. 



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Aporien im vierten Evangelium I 345 

tische Herrenmahl vertrat, als Iesns bei ihr an lutlas seine Pro- 
phetengabe bewährte. Weil diese ursprüngliche Erzählung über- 
arbeitet und zertrümmert ist '), läuft die Fußwaschung zuletzt in das 
Räthselwort ans, das Iesns an Petms richtet [13, 10]: 6 XeXov(idvo$ 
oirx l%ti iQniav vfyctO&ai, ÜX' itxlv xa&aQbs 8Aog ■ xal vpelg xa&uQoi 
faxe. Der sehr alte, schon durch den sinaitischen Syrer bezeugte 
Znsatz von sl pi) toüg xödag vor vtyaa&ai ist eine Schlimmbesse- 
rung, die dem Zusammenhang vergeblich aufzuhelfen sacht und 
den Sinn der Sentenz zerstört, der wenigstens in sich geschlossen 
ist. 'Der Getaufte •) bedarf der Waschung nicht, er ist ganz rein'. 
Darin stecht die Anschauung daß die Taufe von allen Sünden 
reinigt, vgl. 1 loh. 3,9. 5,18; der Znsatz 'auch ihr seid rein', 
schließt die unmittelbaren Jünger Iesn in die Reinen mit ein, 
weil sie nicht getauft sind*). Wenn sich also auch ein Sinn er- 
gibt, so paßt er doch in keiner Weise in den Zusammenhang, und 
außerdem verläuft die erst so lebendig einsetzende Erzählung im 
Sande. Endlich ist zu bedenken daß im vierten Evangelium Iesus 
wirklich tauft [3,22. 4,1]'), damit wird der Zusatz xal iptts *«- 
»atfot laxe höchst verdächtig, auch ohne die Fortsetzung die in 
geschmackloser Weise die Entlarvung des Verräters anticipiert. 
Stellt man den Spruch 'der Getaufte bedarf der Waschung nicht, 
er ist ganz rein' in den Znsammenhang der durch Ve. 8 gegeben 
ist : iäv |iii) vhpm cc, oix i%ets ptyog fter' ipov, so ist er im Munde 
Iesn anmöglich, aber er wird verständlich, wenn ihn ein Jünger 
sprach, der die Fußwaschung abwies, im anderen Sinne als Petrus, 
der nach jenem Worte Iesn sofort dazu bereit ist. Ich kann mich 
der Vermutung nicht erwehren, so kühn sie ist, daß er ursprünglich 
von Iudas gesagt ist, dem das Gewissen schlägt und der wirklich 
an Iesns keinen Teil haben will. Dieser versteht auch sofort 



1) Ein junger Zusatz sind Ts. 6. 7; sie spielen auf das 21. Capitel an, wie 
13, 36. Diese Interpolationen sind leicht zu entfernen, aber damit sind die bö- 
sesten Anstoße nicht gehoben. 

2) So erklärt schon Tertullian [de bapt 12], and mit Recht. An das Bad 
das der cultivierte Hellene zu nehmen pflegt, ehe er zum Diner sich einfindet, 
darf man nicht denken. 

3) Daß die Zwölf nicht getauft waren, machte den alten Christen Kopfzer- 
brechen, vgl. Tertnll. de bapt. 12. Hermas Sim. 9, 16, 6. Ans der vorliegenden 
Stelle wurde geschlossen , daß Petrus allein die Taufe erhalten habe, vgl. Tert. 
a. a. 0. und Clemens Hypotypos. p. 494,28 Dind. = Zahn, Forsch. 3,70: o 
Xgioti\s liyttai Mxpov fioW ßißunxttivai, nhfttif &i 'AvSftav, 'AvBeiut W- 
xmßo* Hai 7ohimt]v, Ixtivoi 9i tobt loiitovg. 

4) Die Interpolation 4,2 sollte niemanden irre machen. 



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346 E Schwartz 

wies gemeint ist, und sagt ihm auf dem Kopf zu: 'was du thust, 
das thue bald' '), Man mag über diese Vermutung denken wie 
man will : den Beweis daß das Mahl zn der Fußwaschung , die 
Scene mit dem Herrenjünger und dem Eintauchen des Brodes zn 
der Ahnungslosigkeit der Jünger so harmonieren, daß sie einem 
und demselben Schriftsteller angehören müssen oder können, diesen 
Beweis warte ick ab. 

Wenn es richtig ist, daß der Lieblingsjünger beim Eerrenmahl 
dem Evangelisten nicht gehört, so ist im Grande die Frage damit 
entschieden. Es wird aber besser sein per inductionem vorzugehn 
und die übrigen Stellen an denen er vorkommt, für sich zu be- 
trachten, ohne auf die Ueberarbeitnng die eben nachgewiesen ist, 
Rücksicht zn nehmen. 

Im A uf erste hungsbericht erscheint der Jünger wieder : er 
heißt dort 'der andere Jünger den lesus liebte' [20, 2]. Der Wett- 
lauf den er nnd Petras veranstalten , muthet seltsam an. Der 
Lieblingsj Unger läuft Petrus den Rang ab: er kommt zuerst zum 
Grabe und er allein 'glaubt', nämlich an die Auferstehung Jvgl. 
20, 29], als er sieht wie die Linnen und das Schweißtuch gesondert 
liegen *). Man müßte diese Sonderbarkeiten hinnehmen, wenn der 
Wettlauf mit der übrigen Geschichte ohne Lücke nnd Störung 
zusammenschlösse. Das Gegenteil ist der Fall. Maria Magdalena 
findet das Grab offen; sie läuft zu Petras and dem 'andern Jünger' 
und meldet es, ist also nicht mehr beim Grabe, sondern in der 
Stadt. Dann laufen die beiden Jünger am die Wette zam Grabe, 
untersuchen es, einer gewinnt auch den Glauben an das Wunder 
das geschehen; trotzdem kehren sie heim, als wäre nichts passirt 
[20, 10] : an^l&ov oüv xäliv apög avtovg ol ßa&rjrai. Umgekehrt 
erscheint Maria plötzlich wieder, nicht in der Stadt, sondern beim 
Grabe [20,11]: Maffia öl Efortfxst xgbg tibi ^tvtj^eiat k%<a xXaiovaa. 
Da wird nicht eine neue Handlung, sondern ein Znstand beschrieben, 
der in die Situation am Anfang zurückführt , wo sie das Grab 
offen findet. Wie ist sie aus der Stadt wieder zum Grabe ge- 
kommen? Die Interpreten die hier xarä ro gie>xd>(iEvov das Feh- 
lende ergänzen, müssen auch anf die Frage antworten, warum sie 



1) Die Rede Iesu welche auf die Fufiwaschung folgt, ist kaum ursprünglich. 
18.19 sind sicher unecht; 20 schließt an 17 an. Der Uebergaog 30 ist na- 
türlich vom Bearbeiter, ebenso xAv ivamitiivav 28. 

2) Die Singulare ctSev und btlattvatr sind nicht nur besser bezeugt, son- 
dern werden auch durch den Zusammenhang gefordert; denn nur so erhalt die 
Geschichte eine Pointe. 



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Aporien im vierten Evangelium 1 347 

die Rückkehr der Jünger, denen sie die Nachricht gebracht hat, 
nicht abwartet, warum der Schriftsteller diesen Sprang in dem 
Gefüge seiner Erzählung nicht motiviert. Das vierte Evangelinm 
ist doch nicht arm an Erfindung and geht mit der Tradition 
rücksichtslos genug um; hätte derselbe Poet den Wettlauf und 
die Maria am Grabe geschaffen, so würde er schon Mittel and 
Wege gefunden haben, einen , wenn nicht anschaulichen , so doch 
wenigstens vernünftigen Fortgang der Handlung herzustellen. 
Anders lag die Sache, wenn Petras and der andere Jünger nach- 
träglich, in einen schon vorhandenen Zusammenhang, hineingebracht 
werden sollten; da waren Störungen kaum zu vermeiden. Und 
es ist nicht bei der einen geblieben, die ich schon hervorgehoben 
habe. Nor mit einer Interpretation die den Worten die dastehn, 
ihren Sinn nimmt, läßt sich Vs. 9 oiiSfaa yv.Q ijidsitav rfy> ygatfnjv t 
ort Sei avrbv ex viXQmv dvacfrf/vut mit dem Vorhergehenden eldev xal 
Iic(<stsv9ev zusammenschrauben ; die Aenderong uvx iaiattvuev ist nur 
eine Verlegenheitsauskunft, da der Singular anstößig bleibt, dieser 
aber durch den Zusammenhang des Vorhergehenden geschützt ist. 
Auffallend ist ferner in der Meldung Marias der Plural [20, 2] 
ovx otdapev tcov i&tputv avröv, am so auffallender, als nach den 
Synoptikern zwei oder mehrere Weiber [Mc. 16, 1. Mt. 28, 1. Luc. 
24, 1] zum Grabe gehn. Man würde Vs. 9 als Motivierung dafür 
verstehen, daß die Weiber meinen, der Leichnam Jesu sei gestohlen ; 
vgl. Lac. 24, 22 ff. 

Es empfiehlt sich schon an dieser Stelle die Analyse des Attf- 
erstehungsberichts durchzuführen. 'Maria stand weinend am Grabe' : 
dies ist , wie schon gesagt , ein Zustand der unterbrochen werden 
maß, wenn die Erzählung fortschreiten soll. Aber diese Unter- 
brechung tritt nicht ein, sondern es geht weiter &g oiv Ixiauv, 
naffixvtysv eis xb (ivtj[ii;Iov: der Satz mit &s sieht wie eine Zeit- 
bestimmung aas , ist es aber nicht. . Die Frage der beiden Engel 
ist eine Doublette za Vs. 15, die Antwort der Maria za Vs. 2 1 ); 
und während die Engel nichts sagen *), überhaupt aus der Erzählung 
verschwinden, dreht sich Maria zweimal nach Iesns um [14. 16]. 
Das ist ein so arger Widersprach, daß man in alter Zeit, als die 
Kunst unmögliches zoreebtzuinterpretieren noch nicht aasgebildet 



1) M&n beachte wie du anstößige otitt/uv hier durch olSa ersetzt ist. 

2) ChrjBOBt. t. VII [ p. 513» aal xoi'ct «wjj &%o\ov&Cu npät ittCvovs tiali- 
yuuivt\v xal prfititio pjjtfi* Axovetteav nap' uircäiv atfatpi/vat ilt tä iniata; 



3,Googlc 



348 E. Schwartz 

war , das zweite <J xQurpEZrsa durch /mfftijaaaa ersetzte '). Eier 
scheint ein glatter Schnitt zu helfen : beseitigt man die beiden 
Engel im Grabe, die eine Combination von Mc 16, 5 und Luc. 24, 4 
sind, mitsammt dem Kitt durch den sie eingefügt sind, dann kommt 
eine kurze nnd wirksame Erzählung heraas; zu beachten ist daß 
lesas die semitische Form des Namens Maria gebraucht und diese 
ihn hebräisch anredet. Der Wettlauf der Jünger läßt sich, wie 
gezeigt, nicht so ausscheiden, daß alle Störungen verschwinden; daß 
aber auch er ein Einschnb ist, der die dramatisch aufgebaute 
Scene zwischen dem auferstandenen Iesus und der weinenden 
Maria empfindlich schädigt, das dürfte zuzugeben sein. 

Mit Recht ist jnj pov Sxrov berühmt, und mit Recht wird es 
als Correctur von Mt. 28, 9 aufgefaßt. Dagegen ist die Motivie- 
rung absurd : oüam yäp ivaßdßrjKa itgbg töv ncsze'pa. Den Gott 
der zum Vater hinaufgeht, soll kein Mensch berühren: unbedingt 
muß anmittelbar auf das warnende fiij fiov antov folgen ävaßaivta 
jrpog röe aarf'pß. R. Smend hat gesehn daß das sinnlose, durch 
yÜQ eingeleitete Kolon den Widersprach vertuschen soll, der darin 
liegt, daß Iesus hier im Praesens sagt ivaßaivm npö? rbv itatiQa 
and nachher den Jüngern noch zweimal erscheint. Aber auch das 
ist secundär, daß lesus nicht direct za Maria sagt daß er zam 
Vater geht , sondern einen Auftrag an die Jünger daraas macht. 
Es muß autfallen daß nicht mindestens ort dazwischen gesetzt ist ; 
die feierliche und umständliche Formulierung «pos tbv «avifa pov 
xal töv xaxBQe: i>iiSn> xxL weist darauf daß Iesas direkt von dem 
spricht, was jetzt unmittelbar bevorsteht, nicht etwas bestellen 
läßt: am schwersten aber wiegt daß f*ij fiov axrov und ivußaiva 
untrennbar zusammengehören. 

Mit den Worten 'Rühr mich nicht an, ich gehe zam Vater' 
schloß das ursprüngliche Evangelium, entsprechend der Abschieds- 
rede am Anfang des 14. Capitels *). Nicht nur 20, 18 ist ein Zu- 
satz des Bearbeiters, sondern auch die beiden Erscheinungen Iesu 
in Mitten der Jünger: sie vertragen sich nicht damit daß er zum 
Vater geht, and sind eine erweiternde Ausführung von Luc. 24,36 ff. 
Anders als Wellhausen möchte ich die Thomas gesch ich te von der 
ersten Erscheinung nicht losreißen. Ich gebe ihm za daß 20, 20 
das Zeigen der Wundmale in unpassender Weise antieipiert, gebe 



1) Vgl. Zeitscbr. f. tieut. Wies. 7,80'; ich durfte nur die Lesung nicht für 
die richtige erklären. Sie wird auch von Theodor von Mopsuhestia in seinem 
Commentar zu der Stelle vorausgesetzt [p. 394, 16 ed. ChabotJ. 

2) Vgl. die Erklärung von Wellbaasen a. a. 0. 10. 



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Aporien im vierten Evangelium I 349 

auch zu daß Thomas nicht fehlen darf, wenn Iesus den Elf den 
Geist einbläst und ihnen Vollmacht giebt zu binden und zu lösen. 
Aber m. £. lassen sich diese Aporien besser so beseitigen, daß 
man Vs. 20 a und 21 — 23 für einen jüngeren Znsatz erklärt. Schon 
der doppelte Gruß Iesn ist verdächtig nnd vollends die Art wie 
er den Geist mitteilt , die in schnurgeradem Widersprach nicht 
nur zu der echten Abschiede rede [14, 16], sondern auch zn der des 
Bearbeiters steht [16,7.13], so daß einsichtige Angleger, wie Theo- 
doros von Hopsuhestia, sich sehr quälen müssen am nachzuweisen 
daß der von Iesus hier eingeblasene Geist von dem heiligen Geist 
verschieden ist. Es wird selten glücken in den Zusätzen und 
Aenderungen die das 4. Evangelium betroffen haben, verschiedene 
Schichten za unterscheiden; hier ist es einmal möglich: denn das 
ganze Stück 20,18 — 31 kann, wie gezeigt, nicht zum ursprüng- 
lichen Evangelium gehören, und enthält doch wiederum eine Inter- 
polation, die die Einfügung jenes Stückes voraussetzt. 

Ich kehre znm Lieblingsjünger zurück. In der Verleugnungs- 
geschichte [18, 16] tritt 'ein anderer Jünger' auf. Die Ueberlieferung 
spricht dafür , den Artikel vor &Xko$ fiadijcijg wegzulassen : der 
Consensus des Vaticanus, der ersten Hand des Sinaiticus, der Syra 
Sin. und der Pescbittha fällt schwer ins Gewicht, leider fehlt der 
Codex Bezae in dieser Partie. Dann aber hat Blaß Recht, wenn 
er sich gegen die herkömmliche Auffassung wendet, die auch hier 
den Lieblingsjünger erkennen will: der ist mit den Worten SXAog 
ftaOijTij'ij nicht genügend gekennzeichnet. Ja selbst wenn der Ar- 
tikel zugesetzt wird, bleibt der Ausdruck sonderbar unklar. An- 
dererseits scheint der Erfinder des Wettlaufa der Jünger diesen 
'anderen Jünger' mit dem Lieblingsjünger identifiziert zu haben; 
die Worte 20, 2 xffbs tbv äkkav jiaör/r?)v oV lylktt 6 ItjCovg lassen 
sich kaum anders verstehn. Doch läßt sich dies Zeugniß nur dann 
als Beweis verwerten, wenn feststeht daß beide Stellen von dem- 
selben Verfasser herrühren, und das ist keineswegs über jeden 
Zweifel erhaben Es dürfte daher geraten sein die Frage zunächst 
offen zu lassen und zu untersuchen ob die ganze Geschichte dem 
ursprünglichen Evangelium angehört. In 18, 15 — 18 liegt eine 
Darstellung der Verleugnung vor, die von den Synoptikern ra- 
dical abweicht, vor allem den Hahnenschrei eliminiert, die aber in 
sich geschlossen und verständlich ist. Von ihr ist eine andere 
dentlich zu unterscheiden, die den synoptischen Bericht hineinzu- 
bringen bestrebt ist, aber mit mangelhaftem Erfolg. Vs. 17 tritt 
Petrus in den Hof und sichert sich den Eintritt durch die Ver- 
leugnung ; ein beachtenswerter Zug, durch den Petrus Schuld nicht 



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334 Friedrich Leo, 

Mit dem nächsten Blatt setzen trochäische Tetrameter ein. 
Zunächst der Schloß eines Gesprächs des Demeas wahrscheinlich 
mit Moschion, der mit den verzweifelten Worten abgeht (202) : 
to dtlva pixpov, & r&v) ofycriu 
■stäv, ta TtpdytMtr avaxixQanxat, xiXog £%£i. 
Oben S. 318 ist bemerkt, daß n&v statt des überlieferten it&vxa zn 
setzen i8t. Aber am Schluß fehlt eine Silbe: 

J. vi] dia, 
oixottl xb ir.Qayp axovSag %tzkixuvtl, xexpä^trat. 
Wahrscheinlich vt) (xbv) Alo. , aber auch kann die Rede des Mo- 
schion schließen rilog S%ei (vmv). 

Der mit vi) /Ha beginnende Monolog des Demeas wird durch 
das Getöse im Hanse des Nikeratos nnterbrochen ; er horcht (207) : 
'HgdxXitg, 
fjlixov xEx((iays.) xovv fyi. icvq ßoä. vb izuidiov 
tprfii . . . « . . . . ifjLitQTJOetv vüp dovv imzäf-tvov 

Sijiov . . p (xyixXTßt xip> ftügav örpo/JtAog <fl) 210 

ax(xxög, ovk a)v&g<o3t6g iözt. 
Das Letzte bat Croiset evident richtig ergänzt; wenn der Raum 
nicht ausreicht (S. 182), so hat der Schreiber in V. 211 oi>x aas- 
gelassen. Aber vorher ist nach der Abschrift, die keinen Zweifel 
andeutet, ein Text wie dieser überliefert : 

tö xaidiov 
qyqal [frvo]si[v, eh] ifiXQijaeiv, vtm Sotjv' ') öxzäpevov 
ö^ov, 
wo man als ursprünglich nur etwa dergleichen vermuten kann : 
slra «(ffoetv, slxa doüv* imäftEvov ß^ov vtä. 

Die Scene, die hiermit einsetzt, ist zn Anfang wohlerhalten 
(225 iiovopa%riG(a x^eqov), das Ende der Seite F 3 hat stark ge- 
litten. V. 233 : 

.... iSijxstg. N. «vxotpavxttg. /t. xal «v yäft. N. xb naiäiov 
(ünööog ovv] ipoi. /}. ytXolov. xoi>(i6v; N. aiX oix Icxt tf<Jv. 

A N.] mvQ-f/mxot. d. xix(ftt%&i. [N.J xijv ywatx' axo- 

xxBvöt 235 
elstäv. J. xi yäff wotjö» ; rovro po^ihjpöv jtdtv(v). 
otix iaooj. Äof St! ; (tdve dij. N. pi) ngöaaye n)v %eIq& /tot. 
[/}.] xäxs%i Si} 6tavx6v. N. adtxetg, /ttjiit'a, fti, Srjlog el. 
Nikeratos rnft V. 235 nm Hilfe, darauf ist xixt}a%&i die Antwort; 
seine Frau totzuschlagen gedenkt Nikeratos erst nachdem ihm 
das Kind entgangen ist. Demeas überlegt {xi yäg ko^ow 236 ge- 



1) S'ovv Lefebvre unrichtig. 



jiamzedB, Google 



Bemerkungen zu den neuen Bruchstücken Meuaodei'5. $35 

liört ihm, nicht Nikeratos) dann ruft er Nikeratoe zurück and 
fängt an La ruhigem Ton mit ihm za reden, stütze 8$ äeavxöv 
(überliefert ist 6avx6v) spricht natürlich Demeas , obwohl die 
Doppelpunkte fehlen. 

Demeas bindet nun dem Nikeratos seine Erklärung des Er- 
eignisses auf. Die Handschrift hat (242): 

iorl 81 (iv xoiovxov. iXlä WBQLStattj . . . iv&a8l [iixqöv 

f*«' iftov, N. iTEpurfttijöfli ; J. xal «e« Xaßs. 

Es ist klar, daß das in V. 242 überschießende Wort in V. 243 
fehlt: 

iotl iJ* ov rotovzov. aXXä iteQiit<£zt}[?ov\ iv#a8l 
fitxpd fiEt' ifiov. N, Ji£ptÄttTjjtfoj ; d. xal aia[vtbv xaxii]Xaße. 
Zu (uxffd vgl. Sosipatros (LH 314 K.) V. 22 fiixgä ÖiaxivyCa «e 
jft(?l xov TtQttypuzog. Zu eeavxbv xaxäXaße V. 238. 112 xdxt%e eavröv, 
Herod. III 36 fiij nävra ijXixtrj xal &vpip iatzgans, &XX" faxe xal 
xataXdfißave aeavxöv. 

Auch in den folgenden beiden Versen sind Verschreibungen 
zn corrigiren (244): 

ovx axtjxoag, eine fiot, Xeyöv(tav) xe 

t&v TQaytpdäiv, bg yiv6(i(vog 6 Z(«tJg ipva)bg ') sqqvtj 246 

d'iä xov ziyovg, xaretoyitdvijv 81 ncrfd' iuotxtvitv .... 
Es kann wohl kein Zweifel sein, daß in beiden Versen, 244 and 
245, Worte falsch gestellt sind; im dritten Verse hat Lefebvre 
rot) mit Recht gestrichen: 

ovx äxij'xoßs Xty6vtmv, eine' (iot, \<Bv%v6v %6\tt 
r&v xoayc>8<bv, &>q yevöfitvog j#uOos o Zsvg igavt) 
ätä ve'yovsy xaxtioypt'v'qp 81 natö* iy.oC%evaev [Xaßäv]; 
Der Schloß gestattet natürlich viele Ergänzungen, z. B. ip,ai%ev«'' 
£v[8ov £>v]. 

Demeas überredet den Nikeratos, daß Zeus bei seiner Tochter 
gewesen sei (247): 

N. elra 8i} xi roür ; d. te~a>g Set nävxu xooßSox&V axöxet 
TO . . . Z€YCeiCOI fufpo? » gel zb xtätxov. N. aXXa xt 
(i)oöro xobg ixetv' isxij J. xoxe psv yiveQ' i Zeifg %QvtlCov, 
xoxe 6' vScoq ■ bpäg ', txeivov xovoy6v iexiv. fog za%v 250 

fügofisv. N. xal ßovxoXelg ue. d. aa xbv jfn6XXto, 'yb fiev ov. 
Alles ist klar (auch daß pä xbv 'Ait6XXm zar Rede des Demeas ge- 
hört) außer V. 248 ; aber auch da ist klar, daß Zevg an der Stelle 
nicht stehen kann; and die Umschrift (xovxo- Ztvg et eoi (itpog n 



1) Die Worte hat Croieet (S. 182) richtig ergänzt, warum er 6 Z<tis * 
2Hvai»s inQÜ^ achreibt, weiß ich nicht. 



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commandiört, an der Verhaftung lesu beteiligt [18,3. 12]. Sie 
stand unter unmittelbarem Befehl des Procurators, und es ist ein- 
fach monströs, daß Indas sich ebenso an ihre Spitze stellt ') wie 
an die der Schergen die er von den Pharisäern und Hohenpriestern 
erhalten hat, ebenso monströs freilich, daß es 18, 3 heißt pstä tpa- 
väiv nal Aaiijcaäav xal oitAwv 1 ); ja man muß gradezn sagen 
daß wenn die Cohorte aufgeboten wurde, die Schergen überflüssig 
waren. Diese stammen aus den Synoptikern, sind also verdächtig; 
und daß die Erwähnung des ludas in 18, 3 ebenfalls eine secun- 
dare Entlehnung ans den Synoptikern ist, verräth die im Zusammen- 
hang des jetzigen Textes unverständliche Bemerkang [18 , 5]: 
tlat^xEi Si xal 'lotöag o napaStSovg avtbv (ist' atit&v. Wie kann 
das von dem bemerkt werden, der an der Spitze des ganzen Hau- 
fens steht, und warum wird ludas durch den Znsatz 6 iraoao'iooüg 
avtöv noch einmal ausdrücklich gekennzeichnet? 

Wenn Iesus von der römischen Cohorte verhaftet wird, dann 
bat Pilatus sie ausgeschickt, und Iesus ist von ihr direct zu Pi- 
latus geführt. Daraus folgt zunächst, daß ludas, der bei der Ver- 
haftung dabei steht, seinen Verrat in einer anderen Weise aus- 
führt als bei den Synoptikern. Es fehlt ja auch die Scene in der 
er sich der jüdischen Regierung verdingt [Mc 14, 10 f. Mt. 26, 14 f. 
Luc. 22, 3 f.]. Wie im ursprünglichen vierten Evangelium der 
Verrat arrangiert war, ist nicht mehr zu erraten: außer den 
Spuren die ich eben im 13. Capitel aufzudecken versuchte , be- 
sonders 13,2. 27, und 18,6 sind alle anderen Erwähnungen des 
Verräters erst in der Ueberarbeitung hinzugekommen 8 ). 



1) l'hrysostoraus ist es mit Recht aufgefallen; man soll ilin nicht schelten 
daß er eine kindliche Lösung vorschlägt [t. VIII p. 490»]: nal wfls *r* ■»»>** 
fntusav; &vd(>et fyuv oipnni&Tat lor^dxmv tcbuxv ndvta fM(tf).i%Ti*6ttS Ihm 
mag Mt. 28,12 vorgeschwebt haben. 

2) Die Syra Sin. läßt xal Onlw* weg, das ist Correctur. Sie schiebt zwischen 
ix t&v 9afiaaliav xal &g%tiQEa>v und iMnjptTus ein 'und' ein ! dann wird ~J3'i ^g 
U-vao hop partitiv. Diese Umsetzung machte dem» syrischen Uebersetzer keine 
Schwierigkeiten, der Lc. 22,52 hineinbringen wollte; aber dem 'iohanneischen' 
Griechisch stehen solche Semitismen übel an. 

3) 17, 12 steht in den Capiteln die Wellbausen als eingeschoben nachge- 
wiesen hat. G, 64 sind die Worte fji*« yao — TtaoaSäaav airöv ebenfalls von ihm 
[a. a. 0. 34] ausgeschieden. Aber auch 6,66—71 sind ein späterer Zusatz: das 
zeigt die Erwähnung der 'Zwölf. Diese kennt das werte Evangelium nicht; 20, 
24 beweist nichts dagegen, s. o. Höchst seltsam ist 2, 25 : man kann unter tov 
äv^ämov mir einen bestimmten Menschen verstehen , und wer soll das anders 
sein als der Verrater? Aber an das Vorhergehende schließt der Vers nicht an: 
die Stelle ist verzweifelt und würde allein zum Beweis genügen , daß das vierte 
Evangelium nicht intact erhalten ist. 



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Aporien im vierten Evangelium I 353 

Ferner muß das Verhör Jesu vor dem Hohenpriester fallen, 
es ist ja im Grande auch nur dazu da der Verleugnangsgeschichte 
einen Rahmen zn schaffen. Somit ist anch diejenige Fassung 
dieser Geschichte, welche die synoptische Tradition selbständig und 
originell umbildet, einem Bearbeiter zugewiesen. Dieser muß älter 
sein als der Interpolator, der die gewöhnliche Erzählung schlecht 
und recht einschaltete und der wahrscheinlich mit dem Verfasser 
des Schlußcapitels identisch ist. Jenem Bearbeiter gehört der un- 
bestimmte 'andere Jünger' 18, 16 an, erst der jüngere Interpolator 
identificiert ihn 20, 2 mit dem Lieblingejünger : der Wettlanf zum 
Grabe ist das richtige Gegenstück zn dem Rangstreit zwischen 
Petras und dem ephesischen Iohannes im 21. Capitel. Es ist nach 
Luc. 24,22-24 gemacht 1 ), so wie 21,5.9 nach Lac. 24,42. 

Der Wettlauf zum Grabe, die Erscheinungen des Auferstan- 
denen inmitten der Jünger, Petri Verleugnung sind darch Beweise 
die von einander unabhängig sind, aas dem ursprünglichen Evan- 
gelium hinausgeschafft. Es erhebt sich die Frage: sind in diesem 
Evangelium die Jünger nach der Verhaftung lesn in Jerusalem 
geblieben ? 

Wies in Wahrheit zugegangen war, darüber giebt es keinen 
Zweifel: Ale. 14, 50 xal fopsvrtg airöv icpvyov xävteg- Petrus 
wagte sich bis in den Hof des Hohenpriesters , aber da entsank 
ihm der Mnt und er verleugnete den Herrn. Erst in Galilaea er- 
schien ihm der Auferstandene *). Je weiter die Erinnerung von 

1) Wellhausen hat Luc. 24,22—24 für einen jungen Zusatz erklärt, der zu 
24, 34 nicht passe. Aber im Zusammen hang der Geschichte vom Gang nach Emmaus 
sind die Verse richtig und passen zn der Scheltrede vs. 25: sie verklammem 
diese Erzählung mit der von den Weibern am Grabe, die freilich ursprünglich 
nichts mit einander zu tun haben. Dagegen stört 24, a 4 empfindlich, auch dem 
Ausdrucke nach; unri wenn es auch richtig ist daß lesus Simon zuerst erschien, 
so geschah das doch Dicht in Jerusalem. Sollte hier nicht eine uralte Interpo- 
lation aus 1 Kor. 15, & vorliegen ,' ein Gegenstück zu der ebenfalls jenseit unsrer 
Ueberlieferung liegenden Interpolation Luc. 22, 19. 20 [Wellhausen , Ev. Marci 
124]? 24,11 ist die Klammer, die 24,1—10 mit 24,3CtT. verbinden soll-, der 
folgende Vers ist eine junge Interpolation aus dem vierten Evangelium , ebenso 
wie 86*. 

2) In dem Auftrag den der Auferstandene den Weibern am Grabe giebt, 
steht freilich der Plural [Mc. 16,7]; aber das wird durch Paulus [1, Kor. 15,5, 
vgl. meine Auslegung der Stelle oben S. 276] widerlegt. Da die Zwölf eine In- 
stitution der Urgemeinde in Jerusalem sind und der Herr ihnen sofort nach 

Kephas' erschien, so bat Petrus und Petrus allein die Offenbarung erhalten, aus 
der die erst« Gemeinde des Herrn erwachsen ist. Das Matthaeneevangelium , in 
dem das Leben der Urgemeinde am kraftigsten pulsiert, sagt es ja direct; vgl. 

Wellhauseti zu Mt. 16, 18. Daß dem Stifter sobald ein Nebenbuhler erstand, der 



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354 E. Schwirti 

jener bösen Nacht abrückte , um so mehr kam die Neigung auf, 
den Flecken der nun einmal auf den Jüngern lag, fortzubringen : 
schon Lucas läßt die Flucht aus, und die Jünger bleiben nach ihm 
in Jerusalem. Unter diesen Umständen wird die Bitte bedeutungs- 
voll, die lesns im vierten Evangelium [18, 8] an diejenigen richtet, 
die ibn verhaften , wie ich glauben möchte , an des Offizier der 
die Cohorte befehligt : et ovv iftl £tj«£« , &q>ezt zottrous vxdyetv. 
Damit wird die Flucht der Jünger legitimiert, sie von jeder Schuld 
freigesprochen. Es paßt gut dazu, daß die Verleugnung in diesem 
Evangelium ursprünglich fehlte. Vs. 10. 11 kommen gegen diese 
originelle Erfindung nicht auf: sie sind nichts als eine der immer 
wieder auftauchenden Interpolationen aus den Synoptikern und 
hängen mit 18,26 zusammen; diesem Stück ist das Urteil schon 
gesprochen. Ernsthafter ist ein anderer Einwand der gegen den 
Vers 18,8 von Wellhausen [S. 36J geltend gemacht ist: der Zu- 
satz Iva KÄjjproörji 6 Atfyoif Sv etxev Sri ovg dedmxdg poi, ovx inä- 
keaa e'j- aiix&v ovdivu scheint auf 17 , 12 ') zurückzuschlagen , und 
zwar so daß er den Sinn von änoXt'oat verändert. Das reicht 
aber nur hin um 18, 9 zu verdammen; 18, 8 steht auch ohne jenen 
Zusatz. 

Wenn im ursprünglichen Evangelium die Flucht der Jünger 
legitimirt war, wenn die Verleugnung fehlte und Jesus nicht den 
Jüngern , sondern nur Maria Magdalena als Auferstandener er- 
schien, dann ist für den Lieblingsjünger am Kreuz kein Raum 
mehr ; er mußte so wie so fallen, nachdem die Scene beim Abend- 
mahl dem Bearbeiter zugewiesen war. Mit ihm geht auch die 
Mutter lesu unterm Kreuz ans dem ursprünglichen Evangelium 
hinaus. Auch der Bearbeiter der sie einfügte, hat ihr nur eine 
Statisten rolle zugewiesen. Sie weint nicht am Grabe und ist bei 
der Bestattung nicht dabei : die Lücke die da für das Empfinden 
bleibt, hat die echte, lebendige Kunst in so einziger Weise aus- 
gefüllt, daß man sich jetzt Gewalt antun muß um bei der Stelle 
nicht durch die Erinnerung an die Pieta erschüttert zu werden; 
die antiken Erklärer bleiben kühler *). 

obgleich er den Herrn nie zu Lebzeiten gesehn , ihn tief in den Schatten stieß, 
ist eine geschichtliche Tragc-edic, die sehr ernsthaft genommen werden muß. 
Philipp. 1,16 ff. 

1) Man kann auch an 6,89 denken, aber mit der Stelle ist schlecht ope- 
rieren, da sie höchst wahrscheinlich stark überarbeitet ist. 

2) Ubryaost. t. VIII p. 606t ffri/Jnl tfle «WC, 5<ffj» ro» jMt*nr^p tt^Mj« w 
fii)i . . . Siä xl , . fitjSf ai&s ÄÜTjf ijivritiofivai yvvBt%6f, tutitoi xol (xffa *£ortj«( ; 
ÖiSdamov ^fitfc aXinv ti vifinv tait arftgäaiv. Theodor. Mops. p. 381 Chat). 



3,Googlc 



Aporien im vierten Evangelium I 355 

Wie Pilatus dazu kam Iesus von aich aus verhaften zu lassen, 
ist in dem vierten Evangelium jetzt nicht mehr zu erkennen. Be- 
arbeiter setzen nicht nur zu, sondern streichen anch, und leere 
Räume kann anch die schärfste Analyse nicht ausfüllen ohne ins 
Bodenlose zu geraten. Wenn ferner Jesus dem Statthalter nicht 
von den Juden überantwortet, sondern direct von ihm verhört 
wurde, so war auch in diesem Teil der synoptische Bericht nicht 
aufrecht zu halten, sondern es mußte etwas Neues an die Stelle 
treten. Der Bearbeiter aber und der Interpolator bemühen sich, 
jeder in seiner Weise, die vulgäre Ueberlieferung hineinzncorri- 
gieren, und diese sich durchkreuzenden Tendenzen haben dann in 
der jetzt vorliegenden Darstellung vom Verhör Iesu vor Pilatus 
eine babylonische Verwirrung hervorgerufen. Sie aufzudröseln ist 
schwer, vielleicht unmöglich ; dagegen ist der Nachweis leicht '), 
daß die Darstellung der vernünftigen Erklärung spottet und nicht 
von einem Schriftsteller vor faßt sein kann. Pilatus sagt drei 
Mal, daß er an Iesns keine Schuld findet [18,38. 19,4. 6], nach 
Luc. 23,4. 14. 22: dort wird die Wiederholung ausdrücklich her- 
vorgehoben und motiviert, hier nicht. Bei Lucas ist einmal &dXav 
iMokveai tbv 'ItjBovv [23, 20] passend dazwischen geschoben, als 
Gegensatz zn der jüdischen Forderung Barabbas loszulassen; im 
vierten Evangelium tritt es zuletzt als ein neuer Entschluß auf 
[19,12]: ix rovzov 6 IhXarog i£tfr« inolüoat avx6v. Da die 
Juden nicht ins Praetorium hineingehen, so muß der Statthalter 
zwischen dem zu verhörenden Incolpaten und den tnmultuirenden 
Anklägern hin und herlaufen. Ist das an und für sieb schon eine 
seltsame Erfindung, durch die ein selbständig componirender Er- 
zähler Bich kaum seinen Stoff ruiniert haben wurde, so wird sie 
durch die beständige Wiederholung anleidlich, und was das ärgste 
ist, sie wird nicht einmal klar durchgeführt. Nachdem Pilatus 
19, 4f. Iesus hat herausführen lassen, muß er 19,9 wieder ins 
Praetorium hineingebn um Iesus von neuem zu verhören ; ob er 
19, 12 noch drinnen oder schon wieder draußen ist, erfährt man 
nicht, und 19, 13 ff. wird Jesus den Juden zum zweiten Male vor- 
gestellt. Für ein solches Chaos giebt es principiell nur eine Er- 

«tioo^! „(So ; «■)-«.. ofJ.i»); i,;_|jo :^o, Ibaa _^u. o^ds.» ))-^» N- p 
das heißt etwa ; xoXXijv tijt Ttgbg airbv tptXütv ivSemvifitvog dii* xoitmvofBÜ Jooy |s, 
Hflrl Sit aitbr &aittQ äUov luvtbv vop.{£n xSi ßoHm&ai aizhv r# (HJtpl y*Wo*at 
&vx' wlytav. 

1) Ein früheres Mitglied des hiesigen Seminars, Stavenhagen, hat schon vor 
Jahren, ehe Wellhaasens Schrift erschienen war, diesen Nachweis in einer Ar- 
beit geführt. 



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klärung: hier sind verschiedene Schichten der Erzählung über 
und dnrch einander geschoben. 

Am leichtesten hebt sich die ab, die den Synoptikern am 
nächsten steht. Es ist ungereimt, daß Pilatus selbst die Juden 
an einen jüdischen Brauch erinnert [18, 39], die Barabbasepisode 
sollte in einen fremden Zusammenhang hineingezwängt werden. 
Die Geißelung und die Verhöhnung dnrch die Soldaten sind erst 
möglich, nachdem Iesns verurteilt ist; hier sind sie an die falsche 
Stelle geschoben. Was Pilatus zu den Juden sagt [19,6]: kdßexe 
aititv ipetg xal aravpäama, geht ebensowenig mit 18, 31 zusammen, 
wie die Antwort der Juden [19, 7] irgendwie voraussetzt daß 
Iesns ihnen vom Statthalter ausgeliefert ist ; die Verhandlung 
zwischen ihnen und Pilatus läuft weiter, als ob dieser ihnen nicht 
die größte Concession gemacht hätte, die er überhaupt machen 
konnte. Scheidet man 18, 39 — 19, 6 aus, so verliert die Darstellung 
nichts, sie gewinnt sogar sehr viel; denn nun wird Jesus nur 
einmal den Juden vorgeführt, nnd der Anschloß von 19,7 an 18,38 
ist hergestellt. Die ungeschickte Einfügung und der enge An- 
schluß an die Synoptiker verraten den jüngeren Interpolator. 

Diesem gehört auch wohl die Erfindung an, daß Pilatus Iesns 
den Juden zur Kreuzigung überläßt, 19, 16. 17 1 ). Sie ist nicht 
original, sondern findet sich schon Luc. 23,25 und Act. Ap. 3,15. 
1,10'), ist aber im vierten Evangelium ein fremder Flicken, der 
mit 19,21. 31 und besonders 18,31 übel harmonirt. Secnndäre 
Interpolationen sind endlich 18 , 32 [vgl. Wellhausen a. a. 0. 37] 
und der Schluß von 19, 11 diä zoüto 6 napudovg y.i ffot ptffcova 

I) Blaß streicht «fco?; nnd beruft eich dafür auf ChrysoBtomus. Mit Un- 
recht, denn dieser ergänzt auch EU nageXaßor und ieiuinaaav 19, 17. 18 die 
Joden als Subject, was nur möglich ist, wenn 19, 16 ufaots da steht; vgl. t VIII 
p. 504 1 ! tlyätt, il x«l Itigai yväur^ inhatxov rafira [dai Iesos sein Kreuz tragen 
sollte] ol 'lovdatoi ; muvpoiloi 61 attbv nal /iirtc 1t)iot£», &%ovtts %ul Iv covft» 
ri;v *poq?j)*ff«»> itlT)QQ$vTis. Der Evangelientext den Chrveoetomus las, dürfte 
kaum eine Variante enthalten haben, die nicht in den noch vorhandenen Hss. 
nachweisbar ist; die Textgeschicbte des N. T. postuliert das gr&dezu, nnd eine 
aufmerksame Leetüre von Chrvsostomus Homitien bestätigt das Postulat Im 
Ucbrigen ist die merkwürdige Stelle aus Theodors Vorrede zu seinem Iohannes- 
commentar wohl zu beherzigen [p. 2 Cbab.]: |joi 6M-J! ^ . a m» w^ liaaax» 

^Ofril. VOli ^I ^J=> JQ=>W0 (31 : r J kß^»»f : JUäfl*. ^"1 US> -0*30) das Heißt 
etwa: roß yöp ^JijytiroC »ofu'foucv tO t& pij/«irK l£nyeiä&at S B» auottivu ij» 
■cois nollotf rofl Si OfitlijroC [auch im 1. Kanon des ConcUs von Ankyra wird 
Optici» mit ja^L Übersetzt] th roft acupiaiv ntfoaijpvta XaXtiv ntfl fottva*. 
Wer über einen Text predigt, kann schwierige Stellen übergehn. 

2) Strict durchgeführt ist die Mißhandlung und Kreuzigung durch die .luden 
im Petrusevangelium. 



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Aporien im vierten Evangelium I 367 

('efiaQTiav £%ti. Man maß sich arg zerdenken tun diesen Satz mit 
dem vorhergehenden, einfachen nnd zur Antwort völlig genügenden 
Gedanken vö% el%tg i\ov6iav xaJ ipox oiöeftiav, tl pij Jjv deäo- 
ptvav 00t ävm&ev in eine Art von Znsammenhang zu bringen, der 
trotz allem Drehen nnd Winden doch keine Evidenz bekommt. 
Dazn kommt, daß 6 xaoadovg ps 00t sich nicht befriedigend deuten 
läßt. Denn Indas hat Iesns im vorliegenden vierten Evangelium 
nicht an Pilatus verraten 1 ), und wenn man die Juden verstehn 
will, wie es die altkirchliche Auffassung tut, so ist der Singolar 
mehr als sonderbar. 

Ich habe schon hervorgehoben daß die Anordnung der Gerichts 
Verhandlung in dem vorliegenden Text ungeheuerlich ist; sie bleibt 
es auch, wenn die große Interpolation aus den Synoptikern aus- 
geschaltet wird. Es ist unerhört daß ein römischer Richter die 
Parteien nicht zusammenbringt, sondern die Verhandlung in Pri- 
vatgespräche mit dem Delinquenten und den Anklägern zerlegt, 
die er an verschiedenen Orten führt. Die Motivirnng daß die 
Juden aus ritualen Gründen das Praetorium nicht betreten konnten, 
leistet nicht was sie soll: wenn Pilatus sich überhaupt auf solche 
Rücksichten einließ , so konnte er Iesns gleich 'herausführen'. 
Nach dem vorliegenden Text setzt sich Pilatus aufs Tribunal erst 
am Ende der Verhandlung [19,13]; mit besonderer Feierlichkeit 
wird dieser Zug eingeführt, Ort, Tag und Stunde werden genau 
angegeben [19,14]. Das gehört alles an den Anfang: die Ver- 
handlung beginnt, wenn sich der Richter auf dem Tribunal nieder- 
läßt s ), and daß erst jetzt der Tag genannt, 18, 28 aber voraus- 
gesetzt wird, ist ein Zeichen daß hier etwas verschoben and in 
Unordnung gebracht ist. 

Schon das ursprüngliche Evangelium maß Iesas mit dem 
Paschalamm identificirt, den Kreuzestod anf den Abend des Pascha 
mahles im Gegensatz zu den Synoptikern gelegt haben: das folgt 
aus der kritischen Analyse von 19, 33 ff. Das Tagesdatnm kann 
also in ihm nicht gefehlt haben und die eigentümliche Angabe 
des Orts, die eine gate Kenntnis der Topographie von Jerusalem 
voraussetzt, wird man ungern dem Bearbeiter zuschreiben. So 
dürfte hier der Anfang der entscheidenden Verhandlang aus dem 



1) Ich hab erwogen ob hier ein Fetzen des ursprünglichen Evangeliums ge- 
rettet ist, in dem allerdings die Juden bei der Verhaftung, also auch beim Verrat 
ausgeschaltet waren. Mögb'ch ist ee, aber die Möglichkeit fuhrt nicht weiter, 
weil das Stack zu klein ist. 

2) Tgl. Mattii, 27, 19 xafrqitlvov dl aitoS Ul toB ßifruxToc d. h. während 



i Verhandlung noch dauerte. 



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358 E. Schwarte 

ursprünglichen Evangelium erhalten sein. Dort war Iesus von 
Pilatus verhaftet, und wurde nicht von den Jaden ihm übergeben. 
Daher bat die Bearbeitung nur ein Schein verhör vor dem Hohen- 
priester, und daher läßt sie die Juden auf Pilatus Frage was sie 
gegen ihn vorzubringen hätten, nur mit Ausflüchten antworten 
[18,29 — 31], Die Antwort die Iesus auf Pilatus erste Frage, ob 
er der König der Juden sei, giebt: iqf iavrov ei> rovto Ifyttg fj 
ixXkoi imöv soi mal ifiov; [18,34], paßt, wenn man sie scharf aus- 
deutet, nur auf eine Erzählung nach welcher Iesns nicht von den 
Juden an Pilatus übergeben war ; daß der Procurator den von ihm 
Verhafteten ausfragte, ehe er die öffentliche Verhandlung begann, 
ist nicht wider die Ordnung. So klingt wahrscheinlich auch hier 
ein Motiv des ursprünglichen Evangeliums nach, um freilich gleich 
zu verhallen: denn was dann folgt, gehört schon darum der Be- 
arbeitung an, weil die Uebergabe durch die Juden wiederum er- 
scheint , ganz abgesehen von der (Urjöac die für die Iohannes- 
briefe charakteristisch ist, mit denen der Bearbeiter zweifellos 
zusammenhängt : außerdem ist 18,37* nach den Synoptikern [Mc. 
15,2. Mt. 27,11. Lc. 23,3] gemacht. Die zweite Anklage der 
Juden [19, 7] reproduciert ebenfalls die synoptische Darstellung 
[Mc. 14,61. 15,3.4. Mt. 26,63. 27,12. Lc. 22,70. 23,9] und malt 
sie weiter aus; dagegen sind die drohenden Worte die sie Pilatus 
zurufen [19, 12], vielleicht wieder ein Rest des Ursprünglichen, ob- 
gleich sich nicht mehr ausmachen läßt, wie die Juden dort hineinge- 
bracht waren. Es muß wenigstens auffallen und scheint einen Sprung 
in der Erzählung zu verraten, daß obgleich Pilatus noch drinnen 
bei lesns ist and nirgendwo dasteht daß er wieder herauskam 
und mit den Juden redete, diese doch merken daß er freisprechen 
will. Die Bearbeitung hat so tief eingegriffen, daß vieles ansicher 
bleibt; ich gestehe auch offen nicht deutlich und ohne liest er- 
klären zu können, wie sie zu der sonderbaren Doppelang der 
Scene in and außer dem Praetorium gekommen ist: nor daß das 
Streben die synoptische Darstellung mit einem ihr wider- 
sprechenden Zusammenhang anszngleichea diese Seltsamkeiten ver- 
anlaßt hat, glaube ich wahrscheinlich gemacht and bewiesen zu 
haben daß eine einheitliche, von einem Schriftsteller coneipierte 
Darstellung unmöglich vorliegen kann. 

Die Darstellung der Kreuzigung und dessen was folgt, dürfte 
im Wesentlichen dem Bearbeiter angehören. Denn sie ist eine 
neue Auflage des synoptischen Berichts , malt ihn aus — dahin 
gehört der Streit der Juden mit Pilatus über den titultts [19,21. 
22] und der angenähte Rock [19, 23] — , ja sie corrigirt ihn direct, 



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Aporieu im vierten Evangelium I 369 

wie in der ausdrücklichen Notiz daß Iesus selbst 1 ) sein Kreuz anf 
sich genommen habe [19, 17 ~ Mc. 15,21. ML 27,32. Lc. 23,26]: der 
Gott stirbt freiwillig and darf keine Schwäche zeigen. Mit starker 
Absichtlichkeit wird betont daß Iesos sein Ende kommen sieht [vgl. 
13,1.3. 14,30.31] und schließlich selbst bestimmt; er sagt 'mich 
dürstet' [19,28] lediglich darum, damit die Schrift erfället wird, 
d.h. Ps. 68,22, und nagtöcoxev zb xvsvfia [19, 30] soll nicht ein spon- 
tanes, sondern ein gewolltes Geschehen bezeichnen [vgl. 10, 18] : 
was das Lucasevangelium angebahnt hatte [23, 46], ist straff durch- 
geführt. Demselben Zweck dient auch die Adoption des Lieblings- 
jüngers: Iesus bestellt sein Hans, ehe er das Ende vollzieht. 
Auch hier ist der Protest gegen Mc. 16, 34 ff. Mt. 27, 46 ff. ver- 
nehmlich zu hören. 

19, 31 ist schwerlich intact : die Motivirung ist doppelt aus- 
gedrückt, einmal durch den Satz mit Iva, dann durch den mit y<£o, 
und die Doublette wird dadurch nicht besser, daß sie eine Rück- 
beziehnng auf sich selbst [tWvov rov aaßßäxw] enthält. Warum 
bitten ferner zuerst die Juden darum die Leichname abnehmen zu 
dürfen [19, 31] und dann Joseph von Arimathaea noch einmal 
[19,38]? Dort wird nur die Bitte berichtet, beim zweiten Mal 
steht dabei, daß Pilatus sie gewährt; und doch durfte dies auch 
dort nicht fehlen. Hier liegen Störungen nnd Trübungen vor: 
mehr wage ich nicht zn sagen 1 ). Festeren Boden bieten die 
Vss. 34 ff. Wellhausen hat den Lanzenstich mit allem was drum 
und dran hängt, ausgeschieden [a.a.O. 27 ff.]; hinzuzufügen ist 
nur, daß der Anfang von 19, 36 iyivsto yÜQ tavza 'unjohanneisch' 
ist, wie Blaß richtig bemerkt: die Worte sind eingeschoben, weil 
durch die Interpolation der Anschluß des Finalsatzes an ov xatd- 
a\av owtoö xä exili] verloren gegangen war. 

Das' Citat von Zach. 12, 10 am Schluß : xal xai.iv hi$a yQtupi} 
kiyw S^ovrKt sig ov i%Ex£vzri6av, stimmt weder mit der LXX noch 
mit dem masorethiBchen Text, dagegen mit der Apokalypse [1, 7]. 
Sowohl die Apokalypse wie lustin 8 ) deuten die Weissagung auf 



1) Ueber diese eigentümliche Bedeutung von cavxäti vgl. de Piooio et Poly- 
carpo 9. 

2) Im Petruse vangelium [14] erscheint du cwrifragium als etwas gewöhn- 
liches, das keiner Motivierung bedarf; ob ht' aitibt auf Iesus oder einen der 
Schacher zu beziehen ist, stebt nicht fest Der Leichnam wird von den Juden an 
Joseph zum Begräbnis gegeben , der ihn sich vorher von Pilatus ausgebeten hat. 

3) Apol. 1,52. Dial. 14. 32. 64. 118. Die beiden letzteren Stellen [Sv Af&v 
fiilXovoi xal xintta&at ot iK*tvr$oavxts uir6v und ii,v pcytfiijr ^u^puj* if)g 
xp/dfüif iv fji xöitzea&ai plllovai xävteg ot dreö xäv tpvX&v bp&v (xMvrrfeavteg 

Kfl. Oa. d. Wlu. Nichi'lchtan. Philolou.-hwtur. KIum 1107. Haft 8. 24 



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360 E. Schwartz 

die Parnsie; darauf käme aber dem der den Lanzenstich einfügte, 
nicht an, sondern anf das Wnnder von Blnt und Wasser. Ferner 
paßt die Weissagung nicht; denn nicht die Jaden stechen Iesns 
in die Seite, sondern ein heidnischer Soldat: außerdem könnte 
ixxevrelv von dem Lanzenstich wie er 19, 34 beschrieben wird, 
nur sehr aneigentlich gesagt sein. Daraus wie aas der anstößigen 
Einführung mit xal aäliv iriga ypcyi) liyu [vgl. Wellhausen 30] 
folgt daß hier wiederum eine Interpolation vorliegt , die jünger 
ist als das schon überarbeitete Evangelium, eben dieselbe welche 
den Jnden die Kreuzigung zuschiebt [19, 16. 17. 6 s. o.]. Die Weis- 
sagung des Propheten Zacharias steckt auch in den Worten Iesu 
8, 28 'öxav vipäoijts röv vlbv tov äv&Qänov, töte yvmesö&s Sri iyfa 
sifit und hilft dazu hier ebenfalls den Interpolator zu entdecken 1 ); 
umgekehrt liefert diese Stelle mit dem mystischen Gebranch von 
iy& dpi, der mit dem 'Seienden' der Apokalypse [1,4. 11, 17. 16,5] 
zusammenzustellen ist, ein neues Kennzeichen für ihn '). 

Der Lanzenstich wird vorausgesetzt in der Geschichte vom 
ungläubigen Thomas [20, 25] a ) ; diese ist oben auf den Bearbeiter 
zurückgeführt. Dann bleibt nichts anderes übrig als die merk- 
würdige Erfindung welche Iesus im vollen Wortsinne zum Pascha 



rotnor röv XgintSv] 'zeigen daß Dial. 14 ötj'iiai & labs tftfbv *al yvmgitt [tfc] 
Er IfextviTjBav und 82 p(av plv (Ttagoveiav) in jji ilextvr^QTi vtp' ipäiv, &tv- 
rigav ii 8« Intyvämcdfti [ctg] ov IfcxivzrfactTi zu lesen ist. Uebrigene setzt 
keine dieser Stellen KenntniB von lo. 19, 37 voraus. 

1) Der Zusammenhang dieser Stelle ist arg gestört. 8, 26* vod äW & 
■xltityus an ist von 8, 28 B nicht verschieden; trotzdem verstehen 'sie' 8,27 nicht, 
daß Iesns vom Vater redet, und werden andererseits 8, 30 in groler Anzahl gläubig. 
Zwischen 8, 28* und 2ö 1 > exiatirt ein Zusammenhang nur für die Auslegung die 
alles zu BUppliren im Stande ist. Was trjv igz^v 3n xal üal& vpiv; 8,25 
heiBen soll, ist mir nicht gelungen herauszubekommen; BlaJJ' Erklärung [Gram- 
matik des neutestamentl. Griech. § 60, 5] scheitert daran daß bei der von ihm 
angenommenen Construction 3 « erstens ein vorhergehendes xi verlangt und zweitens 
an der Spitze des Satzes stehen muß. 8, 26 ist i nip^as pt <tl?)#rfc fatw kein 
Gegensatz za nolXu (%e> jifpl vpäv lalHv *u\ *q£vsiv. Ich gebe es auf, diesen 
Knäuel zu entwirren, aber ich halte es für nöthig zu sagen daß das was da 
steht, unverständlich ist, und die Zerstörung nicht auf Abscfareiberfehler zurück 
gefuhrt werden kann, sondern auf einen oder mehrere Correctoren, die mit ihren 
Uebermalungen nicht zu einem reinlichen Abschluß gelangt sind. 

2) 6,21 ist schon durch die Einführung mit ihtov bpCv verdächtig. 8,58 ist 
das Praesens neben tiflv Ußgiiä/i ytvieftai falsch. Das Mirakel 18, 6 verräth 
sich als Einlage dadurch daß das einfache iy& tlpi (nämlich Iesus der Nazarener 
den ihr sucht) plötzlich zu einem zauberkraftigen Wort mit metaphysischen» 
Inhalt wird. 

3) 20, 20 ist seeundäre Interpolation, s. o. 



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Aporien im vierten Evangelium I 361 

lamm macht, dem originalen Evangelium zuzuschreiben. ') : es ist 
das einzige von der ganzen Krenzignngsgeschichte , das sich mit 
eini g er Sicherheit anf es zurückführen läßt, und welche Bedeutung 
dieser Zug in dem Ganzen gehabt hat, läfit sich höchstens ahnen. 

In die Verleugnungsgeschichte führte der Bearbeiter einen 
anonymen Jünger ein, den er im Dunkel läßt, nachdem er seine 
Rolle gespielt hat. Thm kann der Augenzeuge zur Seite gestellt 
werden, der das bedeutungsvolle Wunder beim Lanzenstich be- 
zeugen soll. Sein Zeugnis wird, gemäß dem 5,31 ausgesprochenen 
Satz*), durch das eines anderen erhärtet: Ustvos olStv Sei <Ui?dij 
Uyei. Da das Subject von tUijd») kfya gleich 6 icoQcexmg ist, so 
bann ixetvog nicht auf den Augenzeugen bezogen werden, sondern 
nur — nichts anderes bleibt übrig — auf Iesus selbst, nnd das 
stimmt, wie Zahn bemerkt hat, genau mit dem Sprachgebranch 
des ersten Iohannesbriefs überein, in dem ixttvog oft 8 ) emphatisch 
gebraucht wird, wie 'Er' in der erbaulichen Phraseologie. Das 
fügt sich in den augenfälligen Zusammenhang des Wunders von 
Wasser und Blut mit der mystischen Stelle 1 loh. 6,6. 7 [vgl. Well- 
hansen a. a. 0.1. Wer der Augenzeuge ist, wird mit keinem Worte 
gesagt. Sicherlich nicht der Lieblingsjünger: der ist nach Hause 
gegangen zur selbigen Stunde in der Iesus ihn zum Sohn seiner 
Mutter eingesetzt hat [19,27], Von den ausdrücklichen, mit Be- 
dacht gewählten Worten läßt sich nichts abdingen, und es ist 
nicht einmal nöthig darauf hinzuweisen daß wenn der Lieblings- 
jünger der Zeuge sein sollte, dies nicht verschwiegen worden 
wäre. Nichts zwingt dazu anzunehmen daß es überhaupt ein 
Jünger gewesen sein soll; der Verfasser der Stelle legt seine Au- 
torität nicht nur, sondern auch die Iesu in die Wagschale um das 
Zeugnis so gewichtig wie nur möglich zu machen; wer will mehr 
verlangen ? 

Anders der Verfasser des 21. Capitels : er macht, wie ich 
früher ausgeführt habe [Abhdlg. VII 6, 48 ff.], den ephesiachen 
lohaimes zum Lieblingsjünger, und diesen wiederum zum Zeugen 
und zu dem 'der dies' — nämlich das Evangelium mitsammt dem 



1) Sie kehrt im Petrugevangeüam wieder. 

2) iäv iym fiuQWQS> ittgi Ipuvtoü, it fucftvgta pov o4x lattv äl^t^s' SUos 
iarlv 6 paQTVQ&v «epl ipoS %al otdu <ki iHijOtje ieziv % (lai^xvQia %v fioppuptf 
ncpl fpoC. Der Gedanke ist so ähnlich geformt, daß man auch diese Stelle dem 
Bearbeiter zuschreiben darf. Aach 8, 17. 18 gehört hierher. 

3) 2,6. 3,3.5.7.16. 1,17. Ebenso Johannes d. T. loh. 3,28. 30; die mur- 
renden Jaden 7,11; die Pharisaeer 9,28. 

24* 



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Schlnßcapitel — 'geschrieben hat', das bekräftigt er wiederum 
durch sein eigenes Zeugniß. Das ist dem Verfahren analog, mit 
dem er den anonymen Jünger der Verleugnongsgeschichte zum 
Lieblingsjunger [20, 2] erhebt, der mit Petrus um die Wette läuft; 
daß auf diese Weise lohanneB Zebedaei zu einem Bekannten des 
Hohenpriesters in Jerusalem [18, 15] wird, kümmert diesen Inter- 
polator nicht. Dagegen braucht der Bearbeiter bei dem Lieblings- 
jünger so wenig einen bestimmten Namen im Sinne gehabt zu 
haben, wie bei dem 'anderen Jünger' und gar dem 'Augenzeugen', 
und hat kaum mit der Figur einen geheimnisvollen Zweck ver- 
folgt. Er läßt sie zweimal auftreten, vor dem Verrat und vor 
Iesu Tod, am Beginn und am Ende der letzten Tragoedie. Beide 
Male legt er Gewicht darauf daß Iesus genau weiß was unmittel- 
bar darauf eintritt, so daß Verrat und Tod nicht gegen seine 
Göttlichkeit zeugen; der Lieblingsjünger, der es wissen mußte, 
soll gewissermaßen der Spiegel sein, der dies Vorauswissen des 
Herrn zurückwirft, so daß es den Menschen deutlich wird : eine 
merkwürdige Vereinigung von Dichtung and Theologie hat die 
Gestalt ins Leben gerufen, der die Namenlosigkeit einen höheren 
Reiz verlieh als ihr Erfinder selbst gewollt hatte. 

Das Wunder des Blutes und Wassers soll ein besonders mäch- 
tiger Antrieb zum Glauben sein; es ist aber keineswegs ein so 
einfaches, unmittelbar evidentes Zeichen, daß seine Bedeutung den 
Lesern ohne weiteres verständlich ist. Trotzdem wird kein er- 
klärendes Wort darüber gesagt. Eine weitere Seltsamkeit kommt 
hinzn. Der Bearbeiter fällt da wo er das Wunder beim Lanzen- 
stich erzählt, in einer Weise ans der Rolle des Berichterstatters, 
die im höchsten Maße auffallt und in den uns bekannten Evan- 
gelien einzig dasteht. Er spricht zu einem Publikum: Iva xcd 
vjiils nmte&riTS Am Schluß [20, 31J steht die gleiche Apostrophe; 
nachdem er sich entschuldigt hat daß er längst nicht alle Er- 
scheinungen Iesu vor den Jüngern berichtet habe, endigt er mit 
den Worten: xaihtt di yiyQaxtat, tva atffretJjjt* 3i 'Iiflovs iäxtv 6 
Xfietbg 6 vtbg toü #*oü xal Iva ittaxsöovTsg graijv i%rp:t £v t&t 
övöfictri ainoü. Wenn der Bearbeiter das Evangelium für ein be- 
stimmtes Publicum zurechtgestutzt hat, so maß er sein Bach an 
dieses ausdrücklich adressiert haben: die Anrede setzt eine Wid- 
mung voraus. Sie fehlt, und das ist noch erheblich anstößiger 
als der Mangel einer Erklärung für das Wunder beim Lanzenstich. 

Zwischen dem vierten Evangelium und dem ersten Iohannesbrief 
bestehen Zusammenhänge. Die Verse 1 loh. 5,6 berühren sich, wie 
schon gesagt, mit 19,35 sehr nahe, erklären freilich diese Stelle eben- 



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Aporien im Werten Evangelium I 363 

sowenig als sie ihrer zur Erklärung bedürfen. Es ist sehr wahr- 
scheinlich daß der Briefschreiber das Zusammenwirken von Taufe, 
Eucharistie und Geist meint: dazu stellen sich im Evangelium 
3,6.6 über die Taufe 1 ) und 6,51»— 66")- 63") über die Eucharistie. 



1) leeus beginnt, wie längst beobachtet ist [Bretschneider, Probabilia 44], 
gänzlich unvermittelt zu Nikodemus von Wiedergeburt — denn die ist gemeint, 
wie Nikodemus Antwort zeigt — und Taufe zu reden. Vs. 7 hebt er neu an, 
aber Nikodemus verwundert eich vs. 9 tod neuem. In Vs. 8 steckt ein quid pro quo : 
zuerst heiBt nytOfMt einfach 'der Wind' [vgl. Eccles. 11,6] and dann 'der Geist'; 
schon Dieffenbach [Tgl. Bretschneider, Probabilia 40] stieß sich daran daß das 
zweite Mal das Wasser fehlt. Endlich ist nicht zu übersehn daß das Reich Gottes 
nur an dieser Stelle im vierten Evangelium vorkommt. Den Spruch 3, 3 citiert lustin 
Apolog. 1,61 p. 94*, ihn auf die Taufe beziehend: xnl yüe 6 Xfmtbt tlxtv av 
f>4 &vayt vvt]Öt)te, o* ,.fj tltiil&Tj-tt ttg ifji. ßaoiliiav z&v •>■(,</«- 
vmv ixt dt xal &S4*ttTov tis rccs pijipa? v&v texovn&v rohg £xa£ •/mvmitivovg 
ipßfjvttt, tpavtfibv x&alv lattv. Darin sieht man ein Zeugnis daß Instin das vierte 
Evangelium kannte; es ist nur verwunderlich daß er, wie auch die s. g. clementi- 
uischen Homilien 11,26, den Spruch in einer Fassung citiert, zu der 3,8 ist 
vp&s ytwrfiijvat &vio&tv besser paßt als in den Zusammenhang des Einzelge- 
sprächs mit Nikodemus, und die Erwägung die Instin anschließt, ist logischer 
durchgeführt als Nikodemus Frage, wo yifiov &v unpassend specialisiert. Das 
sieht sehr so aus als wenn bei lustin und im vierten Evangelium ein Herrenwort 
benutzt ist, in dem der Sinn von Ht. 18, 3 scharf pointirt und auf die Taufe be- 
zogen war : beide schöpfen aus dem Ritus, und vs. 7 verleitet der ursprüngliche 
Wortlaut des Herrenworts den Bearbeiter des Evangeliums dazu die Situation zu ver- 
gessen. lnVs. 8 schildert ein Gleichnis das Geheimnis der göttlichen Offenbarung: 
damit antwortete Iesus auf die Anrede des Nikodemus; vgl. 8, 14. Er redet von 
sich wie im Folgenden von vs. 11 an: jetzt ist das Bild von dem Wind in einen 
falschen Zusammenhang gepreßt. Ignat. ad Philad. 7, 1 tö «Mtipcc oi nlav&xai 
£xo 8-tov Bv. oldtv yop, v69tv fpffnci stel not vitayu, xal ik xpuiirü lliyjtt 
kann die Stelle nicht vor Augen haben; er meint 'der heilige Geist, den ich habe, 
kennt seinen Weg und laßt sich nicht irre fuhren'. 

2} Wellhausen [a. a, 0. 29] hat das Blut hinausbringen wollen; ich möchte 
lieber die ganze Identification des Lebensbrodes mit der Eucharistie für Becuudär 
erklaren. Jenes ist nach Ies. 55, 1 ff. zu deuten, und paßt nicht zu der Vor- 
stellung von dem im Sacrament genossenen Fleisch und Blut. Die Anklänge an 
den ersten Johannesbrief sind in den ausgeschiedenen Versen deutlich 6, 53 ru 
1 loh. 6, 12. 6, 06 {vgl. 14, 20. 15, 4) ru 1 loh. 3, 24. 4, 15. 16. Worüber sich 
die Jünger ärgern [6, 61], ist keineswegs klar: 6, 61. 62. 64. 65 geben einen Zu- 
sammenhang der auf 6, 36—40. 43—45 weist, und diese Rede ist jetzt unvermittelt 
in die vom Brode hineingeschoben. 6, 43 murren die Juden, aber Iesus antwortet 
nicht auf das was sie gesagt haben; 6, 61 murren die Jünger und 6, 64 schlägt 
auf 6, 44 zurück. Uebrigens disbannonirt auch der Anfang der ganzen Rede in 
crassester Weise mit dem Folgenden. Von 6, 32 an setzt sich Iesus gleich dem 
wahren Manna: 6,27 ist die Speise die bleibt zum ewigen Leben, etwas ganz 
anderes : If/ydteoOe tt)v ßgibeiv H)v tic'vovaav eU £mr)v al&viov, vgl. 4, 34. Die 
Menge die Iesus eben erst hart angelassen hat, weil sie nichts will als satt werden, 



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364 E. Scbwartz 

Die Wiedergeburt fehlt im Briefe, aber die Zeugung ans Gott ist 
häufig 3,9. 5,1. 18: einmal kommt sie im Evangelium vor 1,13; 
vgl. ferner 1,12 mit 1 loh. 3,1. 'Aus Gott sein' ') und das Ge- 
genteil 'aus der Welt' oder 'aus dem Bösen, dem Teufel sein' sind 
Wendungen die für beide Schriften charakteristisch sind; für die 
letzte hat Wellnansen gezeigt daß sie im Evangelium das Ur- 
sprüngliche ix toiJ Käiv verdrängt hat [19 ff.]. 'Die Welt' haßt 
die Christen; Christus selbst oder seine Gemeinde besiegen 'die 
Welt' *). Nur einmal heißt im Evangelium [4, 42] Iesus <J tfmrijo 
row xötfftov, wie im Brief 4, 14 : der berühmte Eatechismnssprach 
3, 16 hat sein Gegenstück in 1 loh. 4, 9. 'Der Wandel in der 
Finsternis', der 'Uebergang vom Tod zum Lehen', 'das ewige Leben 
durch den Glauben an den Sohn Gottes', die 'erfüllte Freude' sind 
Schlagworte des Briefes wie des Evangelituns 8 ); nagdxXtjtog und 
povG-ytvqs gehören ausschließlich dem Evangelium und dem Briefe *). 
Im Moralischen fallt besonders auf das, bald alt, bald neu ge- 
nannte Gebot der 'Liebe' zu einander, das mit dem evangelischen 
der Nächstenliebe durchaus nicht identisch ist; denn es setzt die 
Gemeinde voraus und gilt der Gemeinde 5 ). Diese Gemeinde, die 
sich in der 'Liebe' gegenüber 'der Welt' zusammenschließt, 'bleibt' 



interpretiert du Bild auffallend leicht und rasch, als sollte das Motiv möglichst schnell 
wieder verschwinden ; mit Vs. 30 gleitet dann der Gedanke in ein neues Fahr- 
wasser; nur das unverständliche ti hyä^ ist noch ein Rest der verrat daß 
der Weg in dieses Fahrwasser über Klippen und Untiefen fuhrt. Ich leugne 
durchaus nicht, daB ein und derselbe Schriftsteller das alttestameutliche Bild des 
Brodes so wohl auf Iesus selbst als auf ein frommes Handeln hat anwenden 
können , aber ich leugne allerdings , daß das IneinanderflieBen beider Anwen- 
dungen in dem vorliegenden Text Sinn und Verstand bat, und schließe daraus, 
daB an und für sich klare Gedanken unklar durch einander geschoben sind. 

5) 1 loh. 5, 6—8 wird sehr entschieden betont daB der Geist mit Taufe und 
Eucharistie eine Einheit bildet; ebenso scheint 6,63 das notbwendige Complement 
zu 6,51—56 zu sein. 

1) Vgl. Höh. 4,4—6. 5,19 mit 8,47. 7, 17; 1 loh. 3,8.10 mit 8,44; 1 loh. 

2, 16. 4, mit 8,23. 15, 19. 17, 14. 16. 16, 36. &t x&v &vn und tx rd* tuen» nur 
im Evangelium, an einer Stelle 8, 23. 

2) Vgl. 1 loh. 3, 13 mit 7, 7. 15, 18. 19. 17, 14. 

3) Vgl. Höh. 1, ff. 2,11 mit 8,12. 12,35.46, auch 11,9.10 ist in der fiber- 
lieferten Fassung nur so zu verstehen; 1 lob. 3, 14 mit 5, 24; 1 loh. 5, 13 mit 

3, 15. 36. 5, 24. 6, 40. 47. 20, 31 ; 1 loh. 1, 4 mit 3, 29. IG, 11. 16, 24. 17, 13. 

4) Vgl. 1 loh. 2, 1 mit 14, 16. 26. 15, 26. IC, 7 ; 1 loh. 4, 9 mit 1, 14. 18. 
3. 16. 18. 

6) Vgl. 1 loh. 2, 7ff. 3, 23 mit 15, 12. 17. 13, 34. Dieser Vers ist von Well- 
hausen [S. 14] als Einschub erwiesen; 13, 33 wird 14, 1 fortgesetzt. Ueber 13, 
36—38 s. o. 



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Aporien im vierten Evangelium I 3ß5 

in 'ihm' and 'er' in ihr: eine mystische Dämmerang nebelt am 
Iesn Reden and die manierirten Wiederholungen des Briefes '). 
Neben die Liebe tritt, ebenfalls zn einem mystischen Begriff ge- 
worden, die 'Wahrheit' *), nnd mit dieser hängt wiederum das 
'Zeugnis' zusammen, das der Vater oder die Sacramente nnd der 
Geist vom Sobne ablegen, das von Menschen nicht genommen 
werden darf 3 ): andererseits hat niemand den Vater geschaut als 
der Sohn 4 ). Und nicht nnr die Begriffe sind gemeinsam: die sin- 
gulare Anrede rsxvia loh. 13, 33 ist im Brief häufig [2, 1. 12. 28. 
3,7.18. 4,4. 5,21]*), and manche Wendungen and Constractionen 8 ) 
kehren, wie schon Bretschneider beobachtete [Probai. 170], in 
beiden Schriften immer wieder. 

Das Verhältnis das zwischen dem Bearbeiter des Evangeliums 
nnd dem ersten Iohannesbrief obwaltet, wird durch zwei weitere 
Beobachtungen eigentümlich compliciert. 



1) Tgl. 1 lob. 2, 24. 3, 24. 4, 16. 16 mit 6, 56. 14, 20. 15, 4. 17, 21, ein Vers 
der deutlich auf die künftige Kirche zielt. 

2) Vgl. 1 loh. 1, 6. 8. 3, 19 [die Stelle ist von xcl liufgoa^iv oe*o0 an ver- 
dorben und unverständlich] mit 3,21. 8,44. 18,37. In dem Sprach 14,6 lyii 
fl/it ij Aäbg xal ^ &tf&c<t xal ^ £<a*} Bind 'Wahrheit' und 'Leben' zugesetzt, wie 
die Motivierung lehrt oidits fpjjirtai itgbg rbv xutifa tl pi] SC fpofi, 

8) Vgl. 1 lob. 5, 9-11. 6—8 mit 5, 31-rS7. 8, 18. 3, 33. 15, 26. 

4) Vgl. 1 loh. 4, 12. 20 mit 1, 18. 3, 32. 11; 6, 46 ist eine sccundäre Cor- 
rectur zu dem Vorhergehenden. 

5) Im Schluflcapitel [21, 5] steht xaiita, wie 1 lob. 2, 18. 

6) Auf das anreibende oi p6vo* S{, iXla tutt [1 1,52. 17,20] bat schon Wellbausen 
[26] aufmerksam gemacht: es steht auch 1 lob. 2, 2. — oi> %<iilav t%a mit fva 1 loh, 

2, 27, ebenso 16, 30. 2, 25 ; dagegen 13, 10 mit dem Infinitiv wie Mt. 14, 16. 
1 Theos. 1, 8. 4, 9, positiv Mr. S, 14. — ägtaxA* (fehlt den Synoptikern), mit Be- 
ziehung auf Qott und von nouiv abhängig (nach Deut. 12, 25. 28) 1 loh. 3, 22 
und lob. 8,29: anders Act. Ap. 6,2. )2,3, wo Aq$ot6v ist« Vulgarismus für 
ifcpfiTXfi ist — thqi£v ist bei den Synoptikern selten und hat als TJebersetzung 
von -|OIP stetB specifisch jüdische Färbung Mc. 7, 9. Mt 19, 17. 23, 3 vgl. Act, 
Ap. 15, 5 [junge Stelle]. Iakob. 2, 10; so auch lob. 9, 16. Dagegen wird es im 
Evangelium und dem Briefe mit Vorliebe von der Lehre und den Geboten Iesu 
gebraucht: vgl. Höh. 2, 5 hg o" 5v njpiji «tSiofl tbv Uyov mit 8, 51. 62. 55. 14, 
23. 24. 16, 20, 17, 6 (ähnlich Apok. 3, 8. 10. I, 3. 22, 7. 9); l loh. 3, 22 tag tnolag 
aixov triQovpt*. 24. 2, 3. 4. 6, 3 mit 14, 15. 16, 10 (vgl. Apok. 12, 17. 14, 12, junge 
Stellen). — iv rovrwt oder ovrog mit nachfolgendem Satz, wie z. B. Höh. 2,3 
iv tofae» ytv&oxopev Sri ijvAuafKP u&xAv, iav t&g ivtoXäg aoroO ti]fäp»> oder 
3,23 awii laüv ff ivroiij ateov Vva TmntvatafLtv (vgl. 3,16.24. 4,2. 10. 13. 5,2. 
1, 5. 3, 11. 6, 11. 14) kehrt wieder im Evangelium 13, 36. 4, 37 (vgl. auch 16, 30); 

3, 19. 16, 12. 17, 3. 6, 29. 39. 40. 50. — Der SchluB 20, 31 raöro 61 ytyeaxttu 
?va »htmi'jj« erinnert auffallend an 1 loh. 6, 13 reßvo tyga^pa ipi* t*a tläijn. 



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366 E. Schwärt* 

Der Anfang des Briefes citiert den Prolog des Evangeliums 
und den Schloß, die Thomasgeschicbte : 8 ifrtaifdpefra xal at %ttftg 
^H&v i^-qlAfpiiöav. So kann nur ein unmittelbarer Jünger des 
Herren schreiben oder einer der dafür gehalten sein will. Das 
scheint der These zu widersprechen, daß nicht der Bearbeiter, 
sondern der jüngere Interpolator das Evangelium auf den Apostel 
Iohannes gestellt hat. Indes gehört dieser Anfang nicht znm 
Brief ; er ist ihm später angeklebt. Ich will von den wirren Ana- 
kolntben und Dittographien nicht reden, die ihn verunstalten: die 
können auf uralte Corruptelen zurückgeführt werden. Aber er 
paßt dem Sinne nach nicht zn den mit Vs. 5 einsetzenden Parae- 
nesen des Briefes selbst: er kündigt das Evangelium des Logos 
an und scheint viel eher das Prooemium des vierten Evangeliums 
als der Eingang eines Briefes zu sein : andrerseits fehlt dem Brief 
das Wesentliche, die Adresse. Entscheidend ist daß die erste 
Person Pluralis in den ersten Worten etwas anderes bedeutet als 
nachher im Brief selbst. Dort bedeutet 'wir' die Jünger Iesn, die 
Apostel im vulgären Sinne, denen sich der Schriftsteller zugesellt ; 
der Verfasser des Briefes versteht unter 'wir' die christliche Ge- 
meinde, wenn er sich einschließt: stellt er sich der Gemeinde als 
Mahner gegenüber, braucht er die Anrede. Schon 1,6 erscheint 
dies, ich möchte sagen kirchliche 'wir' und läuft dann durch; der 
Briefschreiber spricht unbefangen von einer 'Rede die ihr gehört 
habt', [2, 7] und meint damit die Gemeindeüberlieferang , während 
1, 1 und 3 &xrpt6apiv parallel mit eaQdxaptv und i^rjXaqirjöafitv 
steht, also persönlich genommen sein will. In 1,5 stoßen beide 
Bedeutungen zusammen : xal lativ avrt} ij ayyeHa fjv . . . avayyik- 
lopev vptv scheint die pomphafte Ankündigung des Anfangs vor- 
auszusetzen, <kxrpt6apEv an avxov ist aber nichts anderes als 8 
TjxovoarE in' äfxrjg [2, 24] oder övtjj ttsxlv i\ äyyeXia jjv ■/jxovaars &%? 
&Q%?1$, Iva äyanüpsv allrfXovg [3, 11], und die Paraenesen die folgen, 
sind nicht etwas das der Gemeinde gänzlich neu ist ; 3, 6 [nag 6 
äjia^tdvmv oi>% £6(paxiv uvxbv ovöi (yvmxsv afaöv] wird dos Sehen 
= Erkenntnis gebraucht, nicht sinnlich wie in den Eingangsversen. 
Kur einmal ist im Brief selbst vom sinnlichen Schauen die Rede 
[4, 14J : xal fyutg ritttdfic&a xal papropovpfv fm 6 xorijp ajtitfxaXxtv 
töw vCbv ffamjpa toü xöepov: der Vers kann ohne Schwierigkeit 
ausgeschieden werden. Ebenso dürfte Bretschneider [Probab. 176] 
Recht haben, wenn er in SyQatf>u 2, 14 eine Verweisung auf das 
Evangelium sieht; der Vers ist nichts als eine insipide Wieder- 
holung von 2,12.13, deren Streichung die Rhetorik dieser Verse 



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Aporion im vierten Evangelium I 367 

erheblich verbessert. Umgekehrt ist die einzige Stelle ') des 
Evangeliums , an der der s. g. schriftstellerische Plural eintritt, 
zweifellos interpoliert [1,14]: xal 6 Xöyog ffupi iyivero xal iaxrf- 
va«tv*) iv fiiitv [xal iöiaädfitö-a xijv dö£av airtov, 86%av i>e pavo- 
yevovs naffä natgög] wAifpijs %ä(>ttog xal Älrftsiag. Der Einschab 
verrät!) sich durch die im vierten Evangelium unerhörte Unter- 
brechung der Construction und durch den Bedeutungswechsel der 
ersten Person, die zuerst allgemein steht und dann streng per- 
sönlich gedeutet werden muß : hier ist dieselbe Hand zu erkennen, 
die auch den Anfang des Briefes fabriciert hat 3 ). 

Die Adresse des ersten Briefes ist gestrichen und durch einen 
das Evangelium citierenden Anfang ersetzt , der einen direkten 
Herrenjünger als den Verfasser des Evangeliums und des Briefes 
ausgiebt. Mit anderen Worten, der Interpolator des Briefes ist 
mit dem Interpolator des Evangeliums identisch, der das 21. Ca- 
pitel geschrieben hat. Oben versuchte ich zu erweisen daß die 
directe Anrede, mit der sich der ältere Bearbeiter des Evange- 
liums an ein Publikum wendet, eine Widmung voraussetzt, die 
das Buch an das angeredete Publikum adressierte: der Vermutung 
steht nichts im Wege, daß diese Widmung von demselben ge- 
strichen wurde , der auch dem Brief seine Adresse nahm , und 
um desselben Zweckes willen, damit er das Evangelium dem ephe- 
sischen Johannes , den er mit dem Lieblingsjünger identifizierte, 
zuschreiben konnte. 

A *n Anfang der Apokalypse wird der Iohannes der an die 

1) 1, 16 redet nicht der Evangelist, sondern Iohannes d. T. Origenes, Cbry- 
sostomue, Theodor oe von Mopsuhestia vertreten einstimmig diese Auffassung und mit 
Recht, wie 3« beweist-.. An einigen Stellen spricht Jesus in der l.Fers. Fluralis; 
dieser Gebrauch ist stets so sonderbar, daß Störungen angenommen werden müssen. 
So 3, 11 [= 8, 32 wo der Taufer von Iesus spricht] und 9, 4 wo ^ftfic und fit in 
einer unerträglichen Weise wechseln. Am seltsamsten ist 4, 22 : da müssen in*tis 
die Juden sein, denen sich Iesus im Gegensatz zu den Samaritern zugesellen soll. 
Ich muß mich begnügen die Aporie zu constatieren. 

2) Nacb der bekannten alttestam entlichen Wendung iQ(p ptp Deut. 12, 11 
u. 0. Die LXX ist nicht benutzt; sie hat den Ausdruck frei wiedergegeben, 
da er zu anthropomorph erschien. 

3) Der Brief schloß ursprünglich mit 5, 13. Was folgt , ist ein späterer 
Zusatz um die Fürbitte der Gemeinde für die nach der Taufe Gefallenen zu recht- 
fertigen ; man darf ihn vielleicht mit der Legende in Clemens Tlg i tnoi£6fitvos 
nlviatoi; zusammenstellen : dort erscheint der greise Apostel Iohannes als Ver- 
treter der milderen Praxis. Dann folgen Phrasen : 6 &Xi}9-iv6s 5, 20 findet sich 
auch Apok. 3, 7. Schließlich ist noch ohne Zusammenhang eine Warnung vor 
den Götzen angehängt; vgl. Apok. 2, 14. 10. Man kann nur vermuten, aber nicht 
beweisen daß der Interpolator des Anfangs auch den Schluß fabriciert hat. 



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sieben Gemeinden Asiens schreibt , mit dem Verfasser des Logos- 
evangeliams gleichgesetzt *). Den beiden kleinen Iohannesbriefen 
ist der Name des Absenders genommen, damit sie dem Apostel 
Iohannes zugeschrieben werden können; hier ist der Interpolator 
des Evangeliums and des ersten Briefes zu fassen, denn er ver- 
räth am Schluß des 21. Capitels Kenntnis des dritten Briefes *). 

Eine bestimmte Gestalt hebt sich allmählich aas dem Nebel 
heraas, ein Kleinasiat, der nicht weniger als fünf Schriften dem 
Apostel Iohannes der ephesischen Legende zage schrieben und keine 
bei dieser Procednr unversehrt gelassen hat. In chiliastischen 
Kreisen, den Vorläufern der späteren Tbryger', ist dieser Mann 
zu Sachen, der aus dem von den Ephesiern annectierten Schatzpatron 
einen schriftstellernden Jünger Iesu gemacht hat. Für die Pa- 
rasie, die in den drei Briefen^) gepredigt wird, das nene Jeru- 
salem der Apokalypse *) , den prophezeienden Parakleten des 
Evangeliums s ), für diese Ideen wollte er eine apostolische Autorität 
schaffen: es hat seinen gnten Grund, wenn der Cbiliast Papias 
das Evangelium des Herrenjüngers über die Synoptiker stellt, 
die Phryger sich seiner am eifrigsten angenommen haben nnd der 
scharfsinnigste Gegner den das Evangelium und die Apokalypse 
gefanden haben, der römische Presbyter Gaius, seine Kritik in 
einer Streitschrift gegen ein Haupt der phrygischen Secte ent- 
wickelt. 

Papias hat, wie ich früher nachgewiesen habe [Abhdlg. VTI 5], 
im Evangelium, dem ersten Briefe nnd der Apokalypse Werke des 
Apostels Iohannes gesehen. Dann war derjenige der diese Schriften 
zu iohanneischen machte, älter als er; mit Unrecht 1 ) habe ich in 



1) Wellhausen, Abhdlg. IX 4, 4. 

2) Abhdlg. VII 6. 52. 

3) 1 loh. 2, 18 itt%art) &Qa lexlv. 2 loh. 7 ol fi^ ip.oioyovvtig 'IijooO* Xqkstop 
ivi&tuvov iv ottoxl: {ftfptvos kann nur futuriBch verstanden werden. 

4) Apollonios sagt tod Montan [Eos. KG 5, 18, 2] 6 77Arov£av aal Ttyuov 
'ItgovaaXiui Avopäoas. 

6) IG, 13 tu l-Qjaiicvit ävayytXtl i>p,£v. 

6) Dagegen muß ich nach wie vor auf das Entschiedenste leugnen daß 21, 
23 von dem Verfasser des 21. Capitels geschrieben ist; wenn Jülicher das für 
höchst gewagt erklärt, so weiß er doch selbst 21, 22 nicht zu deuten [Einleitung 
389]. Jeder Ausweg der 21,22 plausibler erklart als ich es versucht habe, ist 
mir recht; ich sehe bis jetzt nur nicht, wie man ohne die Legende vom Schlaf 
im Grabe fertig werden will. In 21,23 ist verdachtig otix tlmv ttix&i i 'JtjooOs 
ut( ob* irtofrvfjicKst : nach dem syntaktischen Zusammenhang muß man ttfa&i 
auf 6 fwfth;rrjs Ixffvoc = Iohannes beziehen und D mit einigen Lateinern tut das 
auch wirklich, indem sie &xo&vyitf*eis lesen. Aber das gebt nicht an, denn Iesus 



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Aporien im vierten Evangelium I 369 

der citierten Abhandlung bestritten daß er das 21. Capitel kannte. 
Für die Chronologie ist mit diesem Schloß nichts gewonnen ; denn 
die Zeit des Bischofs von Eierapolis läßt sich nicht näher be- 
stimmen. Dagegen ist von Bedeutung, daß lastin im Dialog [81 p. 
308*] die Apokalypse als Werk des Iohannes, des Jüngers Iesu 
citiert: ist deren Heransgeber wirklich derselbe der anch das 
Evangelium und die Briefe Iohannes zugeschrieben hat, so maß 
seine Tätigkeit vor Instins Dialog gesetzt werden. Dessen Zeit 
hängt ab von der Apologie, da er auf sie verweist [120 p. 349*]; 
und für diese giebt die praefectura Aegypti des (L. Monatius) Felix, 
die 1, 29 p. 71' erwähnt wird , einen terminus post quem ab. 
Sie liegt zwischen der de8 M. Fetronius Honoratos (ältestes 
sicheres Datum 3. November 148) und der des M. Sempronius Li- 
beralis (frühestes Datum 29. August 154), und umfaßte sicher 
noch mindestens einen Teil des Jahres 152/3 ; es scheint so als sei 
Felix bei einem Aufstand im Jahre 153/4 umgekommen 1 ). Man 
kann also den Dialog rund ins Jahr 160 setzen, nicht viel später, 
denn 163 — 167 ist lustin den Märtyrertod gestorben. Einen ter- 
minus post quem für den Erfinder des Schriftstellers Iohannes 
hoffe ich in einer zweiten Mitteilung zu erweisen, jedenfalls ist zu 
beachten daß er die ephesinische Legende vom Apostel Iohannes 
voraussetzt, and diese wiederum Ignatias noch anbekannt ist: sie 
wird schwerlich vor Hadrian ausgebildet sein. 

Eb machte dem Erfinder des Schriftstellers Iohannes nichts 
aus daß er so disparate Dinge wie die Apokalypse mit dem Evan- 
gelium und den drei Briefen vereinigte, aber man darf nicht so 
weit gebn zu behaupten daß er das Evangelium mit den Briefen, 
oder, was auch möglich wäre, die zwei kleinen Briefe mit dem 
Evangelium and dem ersten Brief zusammengebracht hat. Denn 
der Zusammenhang zwischen dem Evangelium und dem ersten 
Brief läuft, wie oben gezeigt wurde, auf eine Ueberarbeitung des 
Evangeliums zurück, die vor dem letzten Interpolator liegt, und 

hat jene Worte zu PetruB gesagt. Der Fehler erklärt sich, wenn slxtv ttfa&i 
einfach ans liyti afotäi 21,22 wiederholt ist, und gerade diese mechanische 
Wiederholung verrät h den späteren Flicken. 22, 24 muß & yQätyag taiha auf alles 
bezogen werden, das vorhergeht. 22, 22 kann, rein formal betrachtet, vom Lieb- 
lingsjünger zu dessen Lebzeiten geschrieben sein, 22,23 aber nicht; der Heraus- 
geber hatte seine eigene Fiction grob verletzt, wenn er diesen Vers zusetzte. 
Andrerseits muß jeder zugeben daß 22, 22 zu Interpolationen provocierte. 

1) Vgl. Paul M. Heyer, Klio 7, 123 und Berl. phil, Wochengchr. 1907, 
465. Meine Resultate stimmen mit denen Harnacks im Wesentlichen überein, die 
auf einem anderen Wege gewonnen sind [Chronol. 1, 275 ff.]. 



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370 E. Schwartz 

eben dieser Zusammenhang ist nicht nur durch die Interpolation am 
Anfang des Briefes compliciert, sondern weiter dadurch daß die beiden 
kleinen Briefe weder von dem ersten, so weit er echt ist, noch von 
der Ueberarbeitung des Evangeliums losgerissen werden können. 
Gewiß sind sie wirkliche Briefe, die actnell in das Gemeindeleben 
einführen, und unterscheiden sich dadurch bestimmt von den etwas 
wässrigen Paraenesen des ersten Briefes: aber die wesentlichen 
Begriffe die diesen Brief und die Bearbeitung des vierten Evan- 
gelium so scharf aus der urchristlichen Litteratur herausheben, 
sind alle da , das Gebot der Liebe zu den Gemeindemitgliedern '), 
die Wahrheit 1 ), das Zeugnis"), die erfüllte Freude'), und so kurz 
die beiden Briefe sind, sie sind doch lang genug um frappante 
Uebereinstimmungen im sprachlichen Ausdruck b ) mit dem ersten Brief 
und dem Evangelium zn constatieren. Nun ist es sehr unwahr- 
scheinlich, daß ihr Verfasser das Evangelium und den ersten Brief 
nachahmt: denn er redet natürlich und einfach, diese geschraubt und 
künstlich; bei ihm ist das correct und lebendig, was dort blaß und 
abstract ist- Andrerseits können die kleinen Briefe nicht ein litte- 
rarisches Original gewesen sein, das im ersten Brief und der Bear- 
beitung des Evangeliums copiert wurde : dazu sind sie zn kurz, und 
vor allem, sie können ursprünglich keine Fublicität über die Gemeinde 
hinaus, für die sie bestimmt waren, gehabt haben, und sind erst in 
die Litteratur hineingekommen, als sie auf den Apostel gestellt 
wurden. Unter diesen Umständen bleiben nur zwei Wege zur 



1) 2 loh, 5 oi>% äs ivroliiv yQÜipav öoi xaivtjv, &IX' Jj* ttzapsv iai &9%tis, 
tva äyuamptv &>.Mjlovs , das Spielen mit dem alten und neuen Gebot auch hier, 
&ic' if/x'is (auch 2 loh. 6) ist 'iohanneisch': 15, 27. 1 loh. 2, 24. 3, 11. Bei Ge- 
legenheit mag auch 3 loh. 116 xaxoxoiäv oi% iöiftnuv tbv fttiv mit 5, 37 oiki 
tpmvijv uvT<ii> nintoxt &HTj*äaTt ofin tliog aitov täffdrats und 1 loh. 3, 6. 4, 12 
zusammengestellt w erden. 

2) Sie beherrscht die Phraseologie der Briefe in einem Male, daß es über- 
flüssig ist alle Stellen anzuführen ; Tgl. aber 2 loh. 4 xtQixaioivTtav iv Urfitiai, 
ebenso 3 lob. 4. 2 loh. 2 Stic n)v &lr,»Hav r?Jr pivoveav h iipiv. 

3) 3 loh. 3 (utQtvgovviav 0ov rtjt Alij&ttat. 3 loh. 12 dTtfiTjTQtmi fiEfißp- 
tvoncut uirönavno» mrt 4«o afaijs r flfi iltifafaf xol Vfitit & (i«ßr«eo6p£i' xoi 
olSag 3n ii puQTVQia r,pmv liilndije iouv. Das ist von dem Verfasser des 21. 
Capitels schlecht nachgeahmt, aber auch der Bearbeiter des Evangeliums redet 
19, 35. 5, 32 sehr ähnlich. 

4) 2 loh. 12, besonders ähnlich ist loh. 3, 29. 

5) 2 loh. 1 xni oix lyä> uövos, &llii xal wdvrtf. — 2 loh. 6 xol ovtT) iarlv 
■il &yixn fitt. — 2 loh. 12 noXXü fjav ispiv ygärpttv, vgl. lob. 16, 12 tri xoUä 
{%a> V> Uytiv. 8, 26 noUa (%a xtgl ipäiv lallt*. — 2 loh. 9 (vgl. 10) i . . 
1*4 fifvoiv iv »fji dita%i)i roft Xt/iarov vgl. 18, 19. 7, 17; bei den Synoptikern be- 
deutet 9t8u%J, die Art des Lebrens Mc. 1, 22. 27. 1 1, 18. Mt. 7, 28. 22, 33. Lc 4, 92. 



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Aporien im vierten Evangelium I 371 

Lösung des Problems offen: der Verfasser des ersten Briefes und 
der Bearbeiter des Evangeliums sind entweder Freunde and 
Schüler 'des Presbyters' ') oder sie sind mit ihm identisch. Ich 
gestehe offen daß ich die zweite Annahme bei Weitem vorziehe, 
weil sie einfacher ist und alles wesentliche erklärt. Die Diffe- 
renzen die obzuwalten scheinen, verlieren an Gewicht, wenn man 
bedenkt daß es etwas anderes ist persönliche Briefe zu schreiben 
als eine paraenetische Schrift in Briefform zu coinponieren oder 
gar ein Evangelium zu überarbeiten. Da kommt es leicht dazu 
daß das was auf umgrenztem Gebiet, im concreten Leben praecis 
and scharf herauskommt, unklar und schwülstig wird, wenn es 
ins Allgemeine hinanswirken soll, and andererseits bebt sich ans 
den kleinen Briefen eine bo selbstbewußte, vom eigenen Lehrberuf 
durchdrungene Persönlichkeit heraus, daß man ihr den Mut schon 
zutraut den Sprung vom Brief zur litterarischen Schrift zn wagen. 
Der Mann war der Führer einer Minorität, die sich die Wahrheit 
vindicierte : sollte das nicht 1 lob. 2,19 durchschimmern ? Die 
Begriffe von 'Wahrheit' und 'Liebe' sind in den Beden des Evan- 
geliums und im ersten Brief schemenhaft; aber Farbe and Leben 
fließt ihnen zu , wenn sie auf die Stimmungen einer sich innig 
zusammenschließenden Minderheit bezogen werden , die auf die 
Wahrheit die in ihr ist , pochen und die gegenseitige Liebe 
immer wieder verlangen maß, um sich zu behaupten. Das über- 
arbeitete Evangelium hat sich an ein bestimmtes Publicum ge- 
wandt, wie die Anreden verraten. Auch diese Betrachtung wird 
ein lebensvoller Zug, wenn sie in das Bild jenes Presbyters hinein- 
gezeichnet wird: er hat seiner abgesonderten Herde ein eigenes 
Evangelium schaffen wollen. Ein neues zu schreiben getraute er 
sich nicht; er nahm ein schon vorhandenes and prägte es um, so 
vollständig, daß es den Stempel seines Geistes viel mehr als den 
seines ursprünglichen Schöpfers durch die kommenden Geschlechter 
der Christenheit getragen hat. Es wirkt noch jetzt auf roman- 
tische , aesthetisch exclusive Naturen mit demselben Zauber mit 
dem die geistige Stimmung der Conventikel auch Leute anzieht, 



1) Eb ist vielleicht nicht überflüssig, wenn ich mich auf das Entschiedenste 
dagegen verwahre, daJ ich wegen der im Text entwickelten Anschauungen sie 
Zeuge für irgend einen Znsammenhang des durch Papias bekannten Presbyters 
Iohannes mit dem Evangelium angerufen werde. Meine Erklärung der Papiasstelle 
habe ich in den Abbdlg. VII 5 veröffentlicht und ich sehe mich nicht veranlagt 
von diesem Abschnitt etwas zurückzunehmen. Wie der Presbyter der die beiden 
kleinen lohannesbriefe geschrieben hat, hieß, ist nicht zu wissen; nur das steht 
fest, daB er nicht Iobannes hieß, sonst wäre der Käme nicht entfernt. 



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372 E. Schwarte Aporien im vierten Evangelium I 

die zur Kirche ein weniger als platonisches Verhältnis haben : er 
liegt in der eigentümlichen , dämmerigen , nnr ein Licht durch- 
lassenden Atmosphäre die sich in religiösen Minderheiten ausbildet, 
und die Nebel einer solchen Atmosphäre sind es gewesen, mit 
denen der Bearbeiter die kühnen, der Tradition scharf entgegenge- 
setzten Dichtungen des ursprünglichen Evangeliums so umhüllt hat, 
daß sie nnr ab nnd zu noch durchschimmern. 

So lag dem Erfinder des schriftstellernden Apostels Jo- 
hannes schon ein Complex von vier Schriften vor, die eine Per- 
sönlichkeit geschaffen oder umgearbeitet hatte : das litterarische 
Individuum war da, nnd er brauchte ihm nur den neuen Namen 
zu geben. Die geistige Luft in der dieser spätere Jnterpolator 
lebte, ist von der des Presbyters schwerlich sehr verschieden ge- 
wesen, dieser war wohl ebenso wie jener es sicher war, ein Klein- 
asiat, nnd das 21. Capitel zeigt daß der Interpolator den 'io- 
hanneischen' Ton treffen wollte: es ist oft nicht zu entscheiden 
ob eine mit den Briefen verwandte Stelle des Evangeliums der 
Bearbeitung durch den Verfasser dieser Briefe oder durch den 
späteren Interpolator angehört. Den Namen des Presbyters hat 
dieser Schöpfer des litterarischen Iohannes für alle Zeit zerstört; 
aber ohne seine Umtaufe wären die Werke des Presbyters bald 
in dem Winkel verschollen, in dem sie entstanden waren. Mit 
apostolischer Würde bekleidet, sind sie kanonisch geworden, ja 
noch mehr, das auf Iohannes gestellte Evangelium war der Factor 
der die Bildung des nentestamentlichen Kanons am meisten be- 
schleunigt, am entschiedensten zum Abschluß gebracht hat. 



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Der „Schatzwurf , ein Formalakt bei der 
angelsächsischen Verlobung. 

Von 

Fritz Roeder. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 7. Dezember 1907 von L. Morsbach. 

In meinem Aufsatz: Die „Schoß-" oder „Kniesetzung", eine 
angelsächsische Verlobungszeremonie, der gleichfalls in diesem Hefte 
der Nachrichten der E. Gesellschaft der Wissenschaften gedruckt 
ist, habe ich nachgewiesen, daß sich die Angelsachsen bei der Ver- 
lobung der Scboßsetzung zu bedienen pflegten. 

Von den Zeugnissen, die ich zur Stütze meiner Behauptung 
angeführt habe, halte ich jetzt die Glossierungen der Hss. der 
Digby-Gruppe und die Cleopatra-Glosse nicht mehr für beweis- 
kräftig. Folgende Belege kommen in Betracht: 

1. Napier, Old Engl. Gl. 1,4555 (Ms. Digby 146): desponsaret 
besceatwyrpte; ebenso 2,346 (Ms. Royal 6. B. VII). Dieselbe Stelle 
ans Aldhelms 'De laud. uirginitatis' (Giles, Opera Aldh. S. 64 Z. 7} 
wird in Hs. H (Ms. 1650 der Kgl. Bibliothek in Brüssel) glossiert: 
disponsaret (gl. spopondit) besceat. vurpte (ed. Bonterwek, Z. f. d. A. 
Bd. IX S. 511). 

2. Cleopatra-Gl. 1 , Wright-W., Vocab. Vol. I Sp. 386,1 : Dea- 
pondi rfisceatwyrpe. Die Glosse überträgt despondi in II. Reg. 
cap. HI, 14. 

Während Napier, Old Engl. Gl. S. 118, Anm. zu Glo. 1,4555, 
annimmt, daß die Verba be-, ye-sceatwyrpan mit sceal(t) in dem 
Sinne von „ Brautkaufgeld " im Zusammenhang stehen, glaubte ich 
damals, jene Ansicht abiebnen zu müssen, weil mir nicht klar war, 
was ein be-, ^e-seeat(t)-u)yrpart ursprünglich bedeutet haben könnte. 



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374 Fritz Boeder, 

Da aber die Schoßsetzung durch die Miniatur in Ms. Cott. Vitellius 
A. XV und die Glosse disponsata in scSat äleyi im Rushworth-Ma- 
nnskript des Matthäusevangeliums cap. 1, 18 als aga. Sitte erwiesen 
war, vermutete ich, daß sceat „Schoß" in den Verben steche, daß 
diese denominale .Bildungen seien von einem Substantivum *scäat' 
wyrp (<*sc$at-wurpi, vgl. aga. wyrp = ahd. wurp <*wurpie) „Schoß- 
setzung". 

Ich will nicht verhehlen, daß mir die Wahl des zweiten Gliedes 
der Komposition von vornherein starke Bedenken erregte, Zweifel, 
ob die vorgetragene Erklärung die richtige sei: die Braut wurde 
dem Bräutigam doch nicht in den Schoß geworfen, sondern ge- 
setzt (gelegt äleyl, Rushworth-Glo.) ; der symbolische Akt war 
„Schoßsetzung", nicht „Schoßwurf". Doch vermeinte ich, mich 
über diese Unstimmigkeit hinwegsetzen zu dürfen, da eine andere 
Deutung unmöglich erschien. Leider entging mir die Tatsache, daß 
ein ahd. scazwurp, -wurf = „Schatzwurf" belegt ist: zwar hatte 
ich nach Parallelen in den germanischen Dialekten gesucht, mich 
jedoch für das Abd. darauf beschränkt, Schade einzusehen, 
der scaz-wurf Dicht gibt. Der Gedanke, die fränkische Sitte 
des Schatzwurfes, die mir bekannt war, mit einer ags. Ver- 
lobungszeremonie in Beziehung zu bringen, war mir nicht ge- 
kommen, weil die beiden Materien an und für sich weit auseinan- 
derliegen und ich selbst durch das Problem der Scboßsetznng ein- 
seitig beeinflußt war. 

Bei meinem Versuche, eine nene Etymologie der ags. Verba 
Je-, y-sceatwyrpan aufzustellen, nehme ich ahd. sctuwurf zum Aus- 
gangspunkt. Die Belege sind bequem zusammengestellt bei Graff, 
Ahd. Sprachschatz Bd. I S. 1042 : 

scaeuurfun, -uurfftm, -uurpun manumiasionibus ; 
scazuurfun, uel friläsa liberti. 

Unsere ags. Verba müssen ihrer Struktur nach von einem 
Substantivum abgeleitet sein, also entweder von einem *scSat- 
wyrp oder *sceai-wyrp. Ein Bedenken gegen die Ansetzung eines 
ags. *scgat-wyrp habe ich oben schon geäußert : da nun hinzukommt, 
daß das belegte abd. scaewurf sprachlich genau einem ags. *$ceat- 
tcyrp entspricht, dürfen wir ohne zwingende Gründe für ags. be-, 
y-sceatwyrpan kein anderes Wurzeluomen postulieren als *sc6at- 
wyrp. 

Ahd. scastvurf (mit der Ableitung scaswurfo 'libertus') hat die 
Bedeutung 'manumissio', sc. 'per denarium', „Freilassung", nämlich 
„durch Schatzwurf". 

Ueber die fränkische Gepflogenheit der Manumiesion eines 



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Der „Schatzwurf", ein Formalakt bei der angelsächsischen Verlobung, 375 

Unfreien durch Schatzwurf haben gehandelt: J. Grimm, Rechts- 
altert.* (1899) 179 f. u. 332, Bd. I S. 247 ff. u. S.460; P. Winogra- 
doff, Die Freilassung zu voller Unabhängigkeit in den deutschen 
Volksrechten, Forsch, z. deutsch. Gesch. Bd. XVI (1876) S. 599 ff.; 
Marcel Fournier, Essai sur les formes et les effets de l'affranchisse- 
ment dang le droit gallo-franc, Paris 1885, S. 41 ff. ; H. Brunner, 
Die Freilassung durch Schatzwurf, Histor. Aufsätze für Waitz 
(1886) S. 65—72 und Deutsche Rechtagesch. Bd. I* (1906) S. 366 f. ; 
K. von Ämira, Grundriß d. germ. Rechts» (1897) S.87; R. Schröder, 
Deutsehe Rechtsgesch. * (1902) S. 224. Ich habe natürlich nur die 
wichtigste Litteratur verzeichnet. 

Die Freilassung durch Schatzwurf, durch die einem fränkischen 
Liten, später auch einem Knechte die volle Freiheit eines Franken 
verliehen wird, findet 'ante regem' statt. Der König ist hier wohl 
an die Stelle der Volksversammlung getreten, nachdem diese ibre 
gebietende Stellung verloren hat. Volksgemeinde und König sind 
die Zeugen des feierlichen Freilassungsaktes. Dieser vollzieht sich 
in der Weise, daß der Unfreie seinem Herrn (oder einer Mittels- 
person, einem Treuhänder, der ihn von dem Herrn zu treuer 
Hand empfangen hat, Schröder, a. a. O. S. 224) einen Denar oder 
,,Sch atz" reicht, den dieser ihm von der Hand wirft und 
hernnterschnellt ('iactante denario', 'per excussionem deuarii de manu 
eius', 'a mann eius ezcutientes denarinm', n. s. w.), so daß die Münze 
zu Boden fällt. Ein Beleg möge genügen, Lex Ripuaria cap. 57 
§ 1 : Si quis libertum suum per manum proprium seu per alienam 
in praesentia regis secundum legem Ribuariam ingenuum demiserit 
et dinarium iactauerit, et eiusdem rei carta acciperit, nultatenus 
enm permittimus in seruicio inclinare; sed sicut reliqui Ribuarü 
liber permaniat (Pertz, Monuments, Leges, Bd. V 'S. 241). Seit 
der Mitte des 9. Jahrhunderts wird es üblich, daß der König die 
Freilassung selbst vollzieht. 

Der Formalakt wird von den Rechtshistorikern in verschie- 
dener Weise gedeutet. Während J. Grimm meint , der Knecht 
biete die Münze gleichsam zum Kaufpreis, den der Herr ver- 
schmähe, betrachtet Winogradoff das Heraussehlagen des Denars 
aus der Hand des Sklaven von einem anderen Gesichtspunkte, 
a. a. 0. S. 600 f. : „Wir wissen ja, welche Rolle das Zahlen des De- 
nars im Mittelalter spielte: es war ein symbolischer Akt, der die 
Botmäßigkeit einer Person gegenüber einer anderen be- 
kundete. Wie konnte die Beseitigung der Botmäßigkeit besser ge- 
kennzeichnet werden, als dadurch, daß in Gegenwart des Königs 
die symbolische Aeußerung unterbrochen und vereitelt wurde." 

K|l. Gm. 4. Wim. NukriihMn. FhUsbg.-Uit. Kl««. 11)07. H*A ). 25 



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376 Fritz Boeder, 

Nach Brunner, von Amira und Schröder verzichtet der Herr durch 
die 'denariatio' auf den Kopfzins, das 'litimoninm', das der Halb- 
freie bisher hat zahlen müssen. 

In unseren ags. Quellen findet sich, soweit ich weiß, nirgends 
eine Andeutung, die darauf schließen lassen könnte, daß die Ags. 
diese Art der Freilassung gekannt haben. 

Da wir nun, wie ich oben schon gesagt habe, an der Richtig- 
keit der Gleichung ags. *$ceatwyrp = ahd. scaxwurf kaum zweifeln 
können, müssen wir versuchen, unsere Kenntnis des fränkischen 
„Schatz wnrfes" für die Aufhellung der Bedeutung des ags. '*sceat~ 
wyrp' und seiner Ableitungen nutzbar zu machen. Dies Verfahren 
ist geboten, da intern-ags. Zeugnisse vollkommen fehlen. 

Die Verba be-, xfi-sceatwyrpan sind uns erst in später Zeit, in 
Hss. des 11. und beginnenden 12. Jahrhunderts überliefert. Auch 
die Sprachformen der Glossen in D(igby Ms.) und H verweisen ins 
späte 11. Jahrhundert. Doch dürfen wir ohne Bedenken annehmen, 
daß der Archetyp der (wests.-kentischen) Glossierungen der Digby- 
Gruppe spätestens in spätags. Zeit entstanden ist, und daß die 
Ueberarbeitnngen z. T. auch noch in die vornormannische Periode 
fallen (Verf., Die „Schoß"- oder „Knies." S. 310 ff.). Bei den West- 
sachsen und Kentern hat also besceaiwyrpan in der 1. Hälfte des 
11. Jahrhunderts die Bedeutung 'verloben'. Um die Zeit als be-, 
■^e-sceatwyrpan an die Oberfläche der TJeberlieferung treten, haben 
sie aber schon eine lange Geschichte hinter sich. Was ich a. a. 0. 
S. 306 f. für die fälschlich angesetzten be-, $e-sceatit>yrpan gesagt habe, 
gilt auch für sie 1 ). Noch vor der Zeit des t-Utnlauts gab es das 
Substantivum *seeat-ujyrp, und auch noch vor der Zeit des »-Um* 
lauts wurden die Verba *bi-, *$i-sceat-tcurpjan daraus gebildet. 
Also müssen Verben and Substantivum schon spätestens im 6. Jahr- 
hundert vorhanden gewesen sein. Ahd. secunourf und die Be- 
deutungsentwicklung zn 'desponsare' lassen als gewiß erscheinen, 
daß (be-, -t,e-) sceai-wyrpan, eigentlich 'denarium iactare', einfach die 
Bedeutung „verloben" annahm — wahrscheinlich, weil die Sitte der 
'denariatio' nur beim feierlichen Verlöbnis angewendet wurde*). 



1) Die Deutung Alois Pogatschers bezog eich nur anf die Form der Wort- 
bildung, nicht auf du Stoffliche. 

2) Lehrreich ist da die Geschichte des Verbums wtddian. Frühzeitig war es 
üblich geworden, die Verlobung in Gestalt eines Wettvertrages abzuschließen. 
Daher finden wir (bt-)wtdd\an mit der Bedeutung „verloben" in jEthelberhts Ges. 
83, Alfreds Ges. 18 § 1 n. s. w. Daneben behielt wtddian die allgemeine Bedeu- 
tung 'padsci', da man sich des Wettvertrages nicht nur bei dem Rechtsgeschäft 
der Verlobung bediente (vgl EL D. Haseltine, Zur Geschichte der Eheschließung 



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Der „Scnatxwnrf, «in Formalakt bei der angelsächsischen Verlobung. 377 

Verfolgen wir die Geschichte des Formalaktes noch weiter rück- 
wärts, so ergibt sich aua der Uebereinstimmung der ahd. und ags. 
Substantivs, daß er schon westgermanischer Brauch war: 
daß also die Ags. ihn bereits vom Kontinent mitbrachten, ihm 
aber vielleicht erst in England seine spezifiach-ags. Geltung, seine 
ehebegründende Kraft beilegten. 

Die ags. Zeremonie des '*sceatwyrp' kann, wenn wir sinnge- 
mäß die einzelnen Momente des tränk. Schatzwurfes fibertragen, 
sich ungefähr in folgender Weise abgespielt haben: Vor den Sippe- 
genossen als Zeugen bot der Bräutigam dem Mundwalde der Brant 
einen Denar, einen sceatt, den dieser — den „Skätt" verschmähend 
— von der Hand des .Freiers herunterwarf. Ich kann mir nicht 
decken, daß der Verlauf der symbolischen Handlung inbezug auf 
wichtige Pankte ein anderer gewesen sein kann. 

Wir müssen uns nun die Frage vorlegen , welche Idee 
dieser ags. Zeremonie zu Grande lag. Ein Symbol im 
Sinne unseres alten Rechts ist nach Jacob Grimm (Rechtsaltert. 4 
109, Bd. I S. 153) die bildliche Vollbringung eines Geschäfts. „Ge- 
wöhnlich beziehen sich die symbolischen Handlungen auf Grund 
und Boden oder auf persönliche Verhältnisse nnd beruhen in der 
Idee, daß Sache oder Person dabei selbst sinnlieh und leiblich ver- 
gegenwärtigt werden müssen." Während nun die Rechtsgelehrten 
in ihren Ansichten über die Bedeutung der fränk. 'manumissio per 
denarium' z. T. differieren '), macht die Erklärung des symbolischen 
Inhalts des ags. '*sceatwyrp' keine Schwierigkeiten, da wir den 
Charakter des ags. Verlobungsvertrages nach den Quellen genau 
definieren können. 

Zur Orientierung fiber diese letztere Frage verweise ich na- 
mentlich auf die oben mit vollem Titel angeführte Schrift H. D. 
Hazeltines, meine 'Familie b. d. Ags.' (Halle 1899) und die dort 
verzeichnete Litteratur. Außerdem hat mir Felix Liebermann in 
liebenswürdigster Weise brieflich über einige zweifelhafte Punkte 
Auskunft gegeben. 

Die normale Form der Eheschließung bei den Ags. war der 
Frauenkauf oder Kauf des Mundiums über die Frau bis und 
nach 1066. Ursprünglich war dies Kaufgeschäft auch bei den Ags. 
ein Bargeschäft: der Leistung folgte die Gegenleistung, der Zab- 

nacb. ags. Recht, Sonderahdruck aus der Festgabe für Bernhard Hübler, Berlin 
1906, 8. 7 f.). 

1) Immerhin ist der gemeinsame Kern der vorherrschenden Ansichten, daß 
der Unfreie die Verpflichtung auf Zahlung einer Geldsumme 



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378 Fritz Boeder, 

lung des Brautkaufgeldes die Uebergabe der Frau. Dieser Zu- 
stand war aber im Anfang des 7. Jahrhunderts, wie unsere älte- 
sten Zeugnisse, die Gesetze jEthelberhts von Keut (aus den Jahren 
601 — 4 stammend), beweisen, nicht mehr erhalten : wir können 
schon für diese Zeit die Spaltung der Eheschließung in zwei Akte 
— den Abschluß des Kaufvertrages, die „Verlobung", und die 
Erfüllung des Eontraktes, die „Trauung" — ganz deutlich er- 
kennen. JEthelberht statuierte in Ges. 31: 31/" frftnan wi£ frtes 
niannes wtf ieli$ep, his tcer$elde äbic$e 7 öfter wif his ä-,enum secette 
betete 7 ää m öärum mi [K]am (Ha. pam) $ebren$e. „Wenn ein Freier 
bei eines freien Mannes Weibe liegt, zahle er [ihm] mit seinem 
Wergeide und beschaffe ein anderes Weib für sein eigenes Geld 
und führe es jenem anderen heim" (Liebermann, Ges. d. Ags. Bd. I 
S. 5). Während Ges. 77 kaum beweiskräftig ist für unsere Frage, 
läßt Bestimmung 83 gar keinen Zweifel aufkommen, ob unsere 
Annahme richtig sei: sind doch in diesem Gesetze Strafbestim- 
mungen vorgesehen für den Fall, daß eine in Brautkaufgeld 
verlobte Jungfrau, also in der Zwischenzeit zwischen Verlobung 
und Uebergabe, geraubt wurde : 51/ hio [sc. mB$pmon] öprum man 
in sceat bewyddod sy, XX scülinyi $ebete. „Wenn sie [so. eine 
Jungfrau] einem anderen Mann in [Brautkaufjgeld verlobt ist, 
büße er [nämlich: der Entführer] [außerdem diesem Bräutigam (?)] 
20 Schillinge" (Liebermann, a. a. 0. S. 8). Ines Ges. 31, für die 
Zeit von 688 — 95 beweisend, brauche ich hier nicht mehr zu 
zitieren. 

Von dem Augenblicke jedoch, wo man das Veräußerungsge- 
schäft in 'beweddun^' und '$ifta' zerlegte, fand eine Beeinträchti- 
gung des Bräutigams statt, der, um den Vertrag rechtlich bindend 
zu machen, den Kaufpreis zahlen mußte, während die Gegenlei- 
stung des Vormundes, die 'traditio puellae', erst später stattfand; 
sie konnte zudem durch Klage nicht erzwungen werden. Um diese 
Härte zu beseitigen UDd den Käufer von der Vorausbezahlung zu 
befreien, hatten die Ags. ein Mittel, das auch dem deutschen Recht 
ganz geläufig war: an die Stelle der Zahlung des wirklichen Kauf- 
preises konnte die Reichnng eines Handgeldes, einer Arrha 
treten. Zudem wurde es früh Sitte, der Verlobung die Form eines 
Wettvertrages zu geben, wobei Zahlung des Kaufpreises durch 
Uebergabe eines l wedd\ eines Pfandes, mit Stellung von Bürgen 
versprochen wurde. 

Die deutsche Arrha, über die R. Sobm in seinem Buche : Bas 
Recht der Eheschließung etc. (Weimar 1875), S.28ff. in klarer und 
lichtvoller Weise gehandelt hat, war (im Gegensatz zu der römi- 



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Der „ Schatz wurf", ein Formalakt bei der angelsächsischen Verlobung. 379 

sehen) ein Mittel, nicht den Vertrag zn bestärken, sondern zu 
schließen. Gemäß ihrem rechtlichen Charakter war sie nur 
Scbeinleistung und relativ wertlos; sie Bollte den Em- 
pfänger nicht befriedigen, auch nicht teilweise, sondern den Vertrag 
rechtsverbindlich machen. 

Dem Leser wird das Ziel meines Gedankenganges offenbar 
geworden sein: Der 'sceatt', den der Bräutigam bei der 
symbolischen Handlung des '*$ceatwyrp' überreichte, 
war nichts anderes als eine Arrha, ein Handgeld, 
durch dessen Zahlung er seine pekuniären Verpflichtungen gegen- 
über dem Vormunde anerkannte und rechtlich einging. 

Der Skätt, die kleinste ags. Münze, war natürlich im 
Vergleich mit dem Objekt des Vertrages, der Jungfrau, überhaupt 
keine Leistung: wnrden doch als Brautkauf verhältnismäßig 
hohe Summen gezahlt. Aus der Poesie ist zu ersehen, daß Ringe 
and kostbare Becher oft Bestandteile des Brautkaufgeldes waren ; 
bei der Verlobung Radigers, Sohnes des Königs der Warner, mit 
einer anglischen Königstochter zahlte man an die Familie der 
Braut, die ihr Bruder vertrat, '^niffioxa ptyilXa' als Brautkauf 
(Verf., Familie b. d. Ags. S. 27). Und nachdem an die Stelle der von 
dem Uebereinkommen der Vertragsparteien abhängigen Höhe der 
'peeunia pro puella data' feste Sätze getreten waren, betrug zur 
Zeit jEthelberbts der 'wituma' für vornehme Witwen aus dem 
Eorlstande und für eine Jungfrau 50 Schillinge. Unter JElf'red 
kostete er 60 Schillinge für ein Weib aus niedrigstem Stande. 
Für die Weiber über dem Range des 'ceorV erhöhte sich der 
Betrag entsprechend dem Wergeid (Hazeltine, a.a.O. S. 5 f.). 

Interessant und charakteristisch ist die energische und sinn- 
fällige Art, in der von dem Leiter des Verlobungsvertrages zu 
erkennen gegeben wurde, daß die Zahlung nur Scheinzahlung war, 
daß durch den Skätt Beine Forderungen nicht 
befriedigt wurden: die Münze aus der Hand des 
Bräutigams schnellend, vollzog er die symbolische 
Handlung des l *sceattoy rp'. Damit waren die vorherigen 
Abmachungen der kontrahierenden Parteien rechtsverbindlich 
geworden : das Brautpaar war 'durch Schatzwurf verlobt' ('fie-, je- 
sceattoyrpan*). 

Auf andere Formen der Arrha habe ich schon in 
meiner „Familie b. d. Ags." hingewiesen. Wenn der ags. Bräutigam 
der Braut einen Ring überreichte, so • bedeutete dieser ebenfalls 
die Scbeinleistung, durch die der Verlobungsvertrag bindend 
gemacht werden sollte: das Handgeld, durch das die Verpflichtung 



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380 Fritz Boeder, 

auf spätere Zahlung des Brautschatzes ausdrücklich bekundet 
wurde (a. a. 0. S. 34 f.). Wie dem '"sceatwyrp' lag der Sitte 
des 'Verlobung Strunkes die Anschauung zn Grunde, daß 
der Empfänger des Scheinpreises diesen nicht behalten dürfe : beim 
Trinken des VerlobungsbecherB wurde das gezahlte Geldstück 
sofort in Bier oder Wein umgesetzt und von den vertragschließenden 
Parteien vertrunken '). 

An dieser Stelle mag noch einer Sitte gedacht werden, die in 
shakespearescher und nachshakespearescber Zeit in England üblich 
war: Brautleute pflegten bei ihrer "Verlobung eine Münze, namentlich 
ein Niuepencestück, das häufig 'crook't' war, zn zerbrechen, oder 
der Mann reichte seiner Erwählten eine solche verbogene Münze. 
Trotz späterer Umdeutung — die Verlobten gehören zusammen, 
wie die beiden Teile des zerbrochenen Geldstückes — haben wir 
hier wohl eine alte Reminiszenz an den Mundkauf, eine Sitte, die 
vielleicht bis in die ags. Zeit zurückreicht: die Münze, ursprünglich 
dem Brautvormund zukommend, wurde zerbrochen oder ver- 
bogen, um ihre Wertlosigkeit anzudeuten; sie war die 
Arrha, die bei der Verlobung von dem Bräutigam dem Mundwald 
und später — als die Frau Selbstverlobungsrecbt bekommen hatte — 
ihr gegeben wurde. (Belegstellen für diese Sitte bei Friedberg, 
Recht der Eheschließung [1865] S. 41 ff. und Brand-Ellis, Observa- 
tion on Populär Antiqnities, London 1877 (die neuste Aufl. vom 
Jahre 1905 ist auf der hiesigen Kgl. Bibliothek nicht vorhanden], 
S. 347 ff.) a ). 

Koch ein externes Zeugnis, das wenigstens in gewisser 
Weise als Parallele und — wie jene eben besprochenen internen 
Zeugnisse — zur Stütze meiner Hypothese dienen kann. Bei den 
Franken betrug nach alter, schon für das 5. Jahrhundert bezeugter 
Sitte das vom Bräutigam zu entrichtende Handgeld einen Solidns 

1) A. a. O. S. 33. Von der Miniatur in Ms. Cott. Tib. B. V (a. a. 0. 8. 81), 
aus der ich die Existenz dieser Sitte erschlossen habe, sagt Hazeltine, a.a.O. 
S. 8 f. Anm. 16: „Es ist möglich, daß, wie Roeder annimmt, dieses BUd eine 
angelsächsische Verlobung darstellt . . ." Ich glaube jetzt in meinem Aufsätze 
über die „SchoBseizung" unwiderleglich dargetan zu haben, daß wir diese Miniatur 
ohne Bedenken als wertvolles Zeugnis nutzbar machen dürfen. 

2) Wie mir Englander versicherten, soll die Gewohnheit, der Verlobten ein 
verbogenes Geldstück zu überreichen, noch heute in einigen Teilen von Essox 
bestehen. In meinen eigenen Besitze befinden sieb zwei solcher SUbermünzen, 
die gemäß der in der Familie meiner Frau lebenden Tradition ein Urnrgroßvater 
seiner Braut hei der Verlobung geschenkt hat. Die eine, deren Gepräge voll- 
kommen verwischt ist, tragt die Buchstaben B und R (wohl die Initialen der 
Verlobten) ; die andere /st ein Sixpence, nuter Georg III. geprägt 



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Der „Schatz warf" , ein Formalakt bei der angelsächsischen Verlobung. 381 

und einen Denar: so wurde mit dieser Summe Chlotilde dem 
Chlodwig verlobt (Grimm, Rechtsaltert.* 424 f., Bd. I S. 687 f. 
undSohm, Recht der Eheschi. S. 32). Daß aber die fränkische 
Verlobung 'per solidum et denariam' in der Form der 
'denariatio' vollzogen aei, davon berichten die Quellen nichts: 
zudem weiat die Bedeutnngsentwicklung scazwurf > 'mannmiaaio' 
darauf hin, daß diese symbolische Handlung nur bei der Frei- 
lassung eines Sklaven angewandt wurde. 

Rekapitulieren wir: Wohl schon im 5. und 6. Jahr- 
hundert kannten die Age. oder einzelne ags. Stämme 
eine Verlobung durch **sceat toyrp' „Schatz warf". 
Ueber die einzelnen Momente des Formalaktes ist uns nichts 
berichtet, doch dürfen wir vermuten, daß er in seiner Form 
der fränkischen 'manumissio per denarium' ähnelte. Er war 
bei den Ags. als Formalität auf die Verlobung 
beschränkt. Die der Rechtssitte unterliegende symbolische 
Bedeutung — Zahlung eines Handgeldes — ist klar, und diese 
Formalität beweist, daß der Eheschließungsakt bei den 
Ags. (eventuell nur in einzelnen Landschaften) bereits vor 
iEthelberht von Kent, also spätestens im 6-, wahr- 
scheinlich auch schon im 5. Jahrhundert (wie bei den 
Franken) in zwei Handlangen zerfallen war, und daß 
weiter statt eines wirklieben Re al Vertrages schon 
um diese Zeit ein Arrhavertrag geschlossen 
werden konnte. 

Dieser Skätt, der vom Bräutigam überreicht und vom Vor- 
mund verschmäht wurde, war nun kein 'symbolischer Mund- 
schätz', dazu bestimmt, dem Vertrag die Gestalt eines Kauf- 
geschäfts zu wahren: keine Abfindung des Vormundes statt des 
wirklichen Preises; denn noch im 2. Viertel des 11. Jahrhunderts 
finden wir im weltlichen Recht die Bestimmung, daß die Geld- 
forderung des Vormundes zwar nicht mehr einklagbar, wohl aber 
Geschenksitte sein dürfe; Cnuts Ges. (gegeben zwischen 1027 — 34) 
II 74: 7 nä nyde man nääer ntl tvif ne mäden tö ßäm, ße hyre sylfre 
misliäe, tie wiä sceatte nS sylle, bütan he hwat ä^enes äances $yfan 
tcylle. „Und weder eine [verwitwete] Frau noch eine Jungfrau 
werde gezwungen zu dem [Manne], der ihr selbst mißfällt, noch 
für Geld verkauft, außer wenn der [Freier ihrem Vormund] aus 
eigenem Antriebe etwas schenken will" (Liebermann, Ges. d. Ags. 
Bd. I S. 361 f.). 

Ueber die Geltungsdauer und die landschaftliche 



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382 Fritz Roeder, 

Verbreitung der Sitte kann ich nur weniges — und das 
auch nur mit Vorbehalt — sagen '). 

Die aus spätags. Zeit stammende wests. -kentische Glosse be- 
sceatwyrpte beweist, daß Sachsen und K enter sich dieser 
Sitte — neben anderen Verlobungsformen — wobl von alters 
her bedienten, und daß „Schatzwurf sich bei ihnen 
auch bis in die spätere Zeit hinein erhalten hatte, 
denn den Verfassern der Aldhelm - Glossare der Digby -Gruppe 
wird Zusammensetzung und Bedeutung der durchsichtigen Bildung 
beseeattcyrpan klar gewesen sein. Andererseits mag, als der 
„Wettv ertrag" die gewöhnliche Form des Verlobungsvertrages 
geworden war, der '*sceatwyrp' seltener und seltener 
geworden sein. Diesen Schluß dürfen wir ans der Beobachtung 
ziehen, daß beweddvn^ und (bc-)iceddian in der ganzen ags. Zeit 
die gewöhnlichen Termini für „Verlobung" und „verloben" sind, 
während $esceutwyrpan nur Einmal belegt ist und sich die drei 
Zeugnisse für besceatwyrpan in Wirklichkeit auch auf öinen Beleg 
reduzieren, da den Digby-Glossaren dieselbe Quelle zu Grunde 
liegt, der die Ueberarbeiter die Glosse entnommen haben. Der 
Fall aber, den wir sonst häutig konstatieren müssen: daß ein 
Wort selten oder gar nicht belegt ist wegen des Milieus, in das 
es gehört — Hegt hier nicht vor: in den Gesetzen, den Glossen 
und der Bibelübersetzung war genug Gelegenheit, *sceatwytpan und 
seine Komposita zu verwenden. 

Ich stebe am Ende meiner Betrachtungen, deren hypo- 
thetischen Charakter ich nicht verkenne. Doch, denke ich, ist 
es mir gelungen, meiner Hypothese einen hohen Grad von Wahr- 
scheinlichkeit zu verleihen. Die sprachliche Deutung der 
Glossen ist sicher richtig, und die sachlichen Schlußfolgerungen 
fügen sich so ungezwungen in den Rahmen des Entwicklungs- 
ganges der germanischen und ags. (oder besser: englischen) Ver- 
lobung ein, daß es kaum zweifelhaft sein kann, daß die vor- 
getragene Erklärung die einzig mögliche ist. Eine Gleichsetzung 
der fränkischen 'denariatio' und des ags. "sceatwyrp' hat außerdem 
nichts Bedenkliches : Gemeingut der germanischen Volker waren 
solche symbolische Handlungen, die zwar in Einzelheiten und 
inbezug auf die Fälle ihrer Anwendung differieren mochten. 

Zudem kann ich mich auf Jacob Grimm berufen, der schon 



1) Da über die Cleopatra-Glossen 5 keine sprach], Unterauchimg vorliegt u. 
ich seibat im Augenblick eine solche nicht vornehmen kann, muH ich die Glos- 
sieruug jMcmiioyrps häufig außerhalb des Rahmens meiner Betrachtung lassen. 



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Der „Schatz war f™, ein Formalakt bei der angelsächsischen Verlobung. 383 

selbst an einen Zusammenhang des fränk. 'seazuntrf nnd einer 
ags. Verlobungszeremonie gedacht haben muß. In seinen hand- 
schriftlichen Nachträgen zu den „Rechtsaltertümern", die von den 
Herausgebern der 4. Auflage in eckigen Klammern dem ursprüng- 
lichen Text hinzugefügt sind, hat er unsere ags. Glosse besceatwyrpte 
spopondit (nach Mones Augabe der Hb. H) in dem Kapitel über 
die 'Freilassung' hinter dem ahd. Terminus 'sauwurf eingetragen 
(Rechtsaltert. 1 332, Bd. I S. 460). Den Gedanken weiter auszu- 
spannen, hat er wohl nicht Gelegenheit gefanden, denn in dem Ab- 
schnitte Über „Eingehung der Ehe" kommt er auf den Gegenstand 
nicht wieder zurück. 

Nach dieser neuen Interpretation der Digby- nnd Cleopatra- 
Glossen bleiben nunmehr als unanfechtbare Zeugnisse für die 
„Schöße e t zung" bestehen 1 ): 

1. Die Miniatur in Ms. Cott. Vitellius A. XV fol. 106b (Mitte 
des 11. J a h r h u n d e r t s). 2. Die Glosse im Rushworth- Manu- 
skript, Matth. cap. I, 18 (Mitte des 10. Jahrhunderts 
beweiskräftig : entweder für Mercien, der Heimat Farmans — 
oder für sächs. Gebiet, falls der Glossator die Wendung 
in sclat äleyl schon in seiner sächs. Vorlage fand — oder viel' 
leicht für Nordhumbrien, dem Entstehungsgebiet dei 
Glosse, die auch nordhumbrische Formen enthält). 

Ich vermute, daß die Schoßsetzung bei den Ags. alte 
Brauch war. Wenn unsere Quellen trotzdem so spärlich fließen, 
ist das ja nicht verwunderlich: wer hatte dens Interesse daran, 
solche volkstümlichen Gepflogenheiten aufzuzeichnen? Gewiß nicht 
die Geistlichen, iu jener Zeit wohl fast die einzigen Träger litte 
rariseber Ueberlieferung. Und darum wird es uns auch so schwer, 
ein abgerundetes Bild ags. Lebens mit seinen Feinheiten und leisen 
Unterströmungen zu zeichnen. Der litterarisch befähigte nnd lite- 
rarisch produktive geistliche Stand -ging in seiner vornehm-ge- 
lehrten Weise an den Dingen vorüber, die ans gerade interessieren. 

1) Nachträglich Till ich hier noch bemerken, daß die Kniesetznng in 
wegen noch ältere Beglaubigung hat als in Schweden; v. Amira, Kordgerm. 
Obligationearecht Bd. U (1895) S. 661. 



1(1. i's., i. Win. Hwhrichtau. PhiloKg-lilitiir. Kl. 1 



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s. Verlobrnizweremonie. 



Kine ags. Verlobung durch „Schoß"- oder ., Knieset zung". 
(Aus Ms. Cott. Vitellius A XV fol. 106 b, Brit. Mus.) 



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Papst Urkunden in Frankreich. 

in. 

Dauphine, Savoyen, Lyonnais und Vivarais. 

Von 

Wilhelm Wiederhold. 

Vorgelegt von F. Leo in der Sitzung vom 12. Januar 1907. 

Der vorliegende Bericht gilt den Papstarknnden, die ich in 
den Departemental&rchiven von Lyon, Saint-fitienne, Privaa, (Ire- 
noble, Chamb^ry, Annecy, Gap und Valence, den Communalbiblio- 
theken derselben Städte, den bischöflichen Archiven von Moütiers- 
en-Tarentaise and Saint-Jean de Maurienne and den Commniial- 
bibliotheken von Montbrison, Vienne and Annonay gefanden habe. 

In keinem Gebiet Frankreichs ist irr neuerer Zeit so viel für 
die Erforschung der Landesgeschichte getan, als gerade in diesen 
Landen. Was einzelne Männer, wie Ulysse Chevalier und M. 
C. Guigae da geleistet, was Gesellschaften wie die Academie Del- 
phinale oder die Academie von Savoyen gerade für die Publikation 
der urkundlichen Bestände des Landes getan haben, hat ans des- 
halb von bis jetzt unbekannten Urkunden nur eine bescheidene 
Nachlese übrig gelassen, aber dafür hoffe ich gerade hier mit der 
Zusammenstellung der archivalischen Kachrichten über die einzelnen 
Fonds weiterer Forschung einen kleinen Dienst zu erweisen und 
vielleicht die Anregung zu geben zu glücklicheren Versuchen, die 
noch vorhandenen großen Lücken wieder auszufüllen and das über- 
all zerstreute Material wieder zusammenzubringen. 

Departement da Rhone. 
Archeveche de Lyon. Die hierher gehörigen Stücke sind 
jetzt in dem Fonds des Kapitels von Saint-Jean. 

EfL Gm. i. WIm. NiekrishWi. Phüolo».-hi«(«r. El. 1907. BtUMft. 1 



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2 Wilhelm Wiederhold, 

Chapitre metropolitain. 1 ) Inventar von 1766—69 in 
27 Foliobänden. — Die älteren Originale' sind meist verloren, daher 
ist das wichtigste Stück für die Überlieferung ein Transsumpt 
von 1409 IV 18"), das dem Transsnmpt Martins V. von 1418 VIII 1 
zn Grande gelegt wurde. Dessen Original ist verloren; es ist er- 
halten nur im Vatikanischen Register*) nnd in Copie von 1699 I 
27. Das große Cbartatar des Kapitels, das sogenannte „Chartu- 
larium maias de Cremeaux", das der Jesuit Bonillond für seine 
Sammlung „Lngdunnm sacroprofanum" *) benutzte und das am 1350 
geschrieben war, ist verloren. Das „Chartulariam minus" ist jetzt 
als „Bullarinm Logdanense" s. XIV auf der Commnnalbibliothek 
(Ms. 1388), nnd neuerdings hat das Departementalarchiv noch ein 
Cbartolar s. XIV erworben, dem aber leider die ersten fünf Blätter 
fehlen. — Sergios IV. J-L. 3545 Copien von 1415 II 8, 1415X11 
23 nnd Copie s. XV S ). — Gregor VII. J-L. 6126«) and 5126. — 
Urban II. J-L. 6600 Copien von 1400 VIII 8 and 1409 IV 18'). — 
J-L. 5678 Copie b. XII Paris (Bibl. Nat. Coli. Balnze 380 Nr. 8). 
- J-L. 6788 Copie von 1409 IV 18. — Paschalis IL J-L. 6510 
Copie von 1409 IV 18 and im Ballariam s. XIV f. 1. — Caliit IL 
J-L. 6888 Copien von 1409 IV 18 8 J und s. XV. — Innocenz IL 
1143 IV 4"). — Celestin LT. (1144) II 17 Copie von 1409 IV 

1) Hier sind auch Innocenz II. J-L. 8124, Eugen 111. J-L 9448 und Alexan- 
der 111. J-L. 10684 für Autnn in Gopten (Tgl. meine Papsturkunden in Frank- 
reich 11 p. 12, Anm. 4). 

2) Copie 6. XVII ebenda. 

8) Vgl. Nachrichten der Kgl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen 
1902, Heft 4, p. 500. Ober eine andere Handschrift mit Urkunden für Lyon im 
Vatikanischen Archiv vgl. ebenda 1900, Heft 3 p. 390. 

4) Lyon Bibl. Comm. Ms. b. XVII Ms. Coste Nr. 949 und 950. 

5) Ed. C. Chevalier in der Revue Lyonnaiae (1867) III p. 415 aus dem noch 
jetzt in seinem Besitze in Romans befindlichen siebten Register von Valbonnais; 
dessen Quelle war der Band i Privilegia imperialia et papalia ecclesiae Lugdnnensig 
s. XV f. 69, jetzt in <i renoble Chambre de la cour des comptea B. 3784 f. 9 
(vgL Inventaires sommaires. leere III p. 243). 

6) 1767 (Inventar Cham p. 91) war noch eine Copie vorhanden. 

7) l>ie Urkunde stand auch im Chartulariam mains f. 1 (Inventar Cham p. 86). 

8) Von Robert Bnllaire de Calixte 11, 1 3uT Kr. 212 falschlich zu 1 449 IV 10 gesetzt. 

9) „Dulle du pape Innocent II adressee anx eveqnes d' Antun, Viviera et 
Grenoble et ä l'abbä de Savigny, expositive que pour tenniner a, gaerre qni 
etoiets untre l'eglise de Lyon et G. seigneur de Beaujeu, dont ila s'etoient reunie 
entre ses maing, il avoit ordoone* que les chateaux de Lyssieu et d'Ylio et le 
chateau appele* de la Chapelle fussent demolis, ce qni n'avoit encore && executl 
pourquoi le pape lenr mande de le faire execater et que si l'on etoit refractoire, 
qu'ils le Int fassent aeavoir" (Inventar Elias p. 145 aus dem jetzt verlorenen, be- 
siegelten Original im Vol. 14 Nr. 1 mit der Datierung : le 2 dea nonea d'avril 1 143). 



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Pspsturkunden in Frankreich III. 3 

18 1 ). — Hadrian IV. J-L. 9964 Copie von 1409 IV 18 (s. Anhang). 
— Alexander III. (1165) VIU 11 Copien von 1409 IV 18 nnd 1415 
XII 23*). — (1174) IV 1 Orig., Copie von 1360 III 6, drei Copien 
8. XIV, Copie s. XV nnd im Cartnlaire des fiefs de l'eglise de 
Lyon a. XIV Nr. 60 (ans der Copie von 1360 III 6).*) - J-L 12 
490 Orig. 4 ) — Lucius III. J-L. 14722 fünf Copien s. XIV, Copie 
von 1433 X 26 nnd Copie s. XVI"). — (1185) IV 13 Orig. 8 ) — 
Celestin III. 1193 IV 30 Orig. 7 ) 

Chapitre de Saint- Jnst Inventare von 1607, 1643, 1748 
nnd s. XVIII. — Engen III. b. d. citiert in Alexander III. 1170 IV 
9 zwei Copien b. XV, zwei Copien von 1476 III 6, zwei von 1477 
VII 21 nnd zwei Copien s. XVII. Eine Copie von 1468 VII 1 
ist verloren. 8 ) 

Chapitre de Saint-Panl. Das Inventar s. XVIII citiert 
keine einzige Papsturkunde. — Hadrian IV. J-L. 10173 Copie 
8. XV. — J-L. 10410 a Orig. — Lucras III. (1181) XII 15 Copie 
b. XV.") 

Chapitre de Saint-Nizier. Die Gallia Christiana IV 
214 zn Innocenz II. citierte Urkunde ist nicht zn finden; sie ist 
wohl Innocenz III. oder IV. zuzuweisen. 

Chapitre de Saint-Irenee. Inventar von 1760. — Pa- 
schalis II. 1107 VII 21 Copie s. XV Turin Archivio di Stato. 10 ) 
— Engen HI. J-L. 9425 Orig. 

1) Ed. Nachrichten der KgL Gesellschaft der Wissenschaften zu Oöttiugen 
1902, Heft 4 p. 513 Nr. 2 aus dem Reg. Vat. 

2) Ed. ebenda p. 580 Nr. 14 aus dem Reg. Vat. Im Ms. des Bouillood 
Lugdnnum sacroprofanum s. XVII f. 131 (es cartulari majori de Cremeanx f. 4) 
mit III kal. augnsti, und ebenso citiert bei Severtius Chronologia historica I 250 
inach dem Original). 

3) Ed. Quigue Cartnlaire des fiefs de l'eglise de Lyon p. 59. 

4) Auch bei Guigue Cartnlaire Lyonnais I 70 Nr. 47. 

5) Ed. Gnigne Cartnlaire des fiefs p. 225 zn 1182 VI 5. Vgl. Nachrichten 
1900 Heft 3 p. 390 nnd J-L. 14 560. Die Urkunde steht außerdem noch im He- 
larium s. XIV f. 20 und im Chartular s. XIV f. 22 (27). Vgl. auch J-L. * 14560. 

6) Ed. Gnigne Cartnlaire Ljonnaia I 79 Nr. 55 ans dem Original. Im 
Chartularium mains f. 9 lautete die Datierung: VIII idui aprilis (vgl. Bouilloud 
f. 170 und Ms. 1650 e. XVIU f. 179 auf der Communalbibliothek). 

7) Ed. Gnigne Cartnlaire Lyonnais 1 91 Nr. 66. — Das Ms. Titres anciens 
de l'eglise de Lyon e. XIV in Paris Bibl. Nat. Ms. Ist. 10 130 enthalt keine Papst- 
Urkunden, die Abschriften in den Actes de l'eglise de Lyon e. XVIII AU Bibl 
Comm. Ms. 727. (266) stammen alle aus Drucken. 

6) Ed. Gnigue Cartnlaire Lyonnais I 62 Nr. 42. 
9) Ed. ebenda I 76 Nr. 52. 
10) Ed. Nachrichten 1901, Heft 1 p. 89 Nr. 5. 

1* 



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4 Wilhelm Wiederhold, 

Chapitre de Beanjen. Der Rest eines Chartalars s. XTI 
enthält ein Fragment von Alexander II. J-L. 4674. *) 

Abbaye d'Ainay. Inventar von 1778. Das Cbartnlar 
von 1341 IX 10 ist auf der Commonalbibliothek (Mb. Coste 248), 
ein Inhaltsverzeichnis dieses Chartnlars von 1678 ebenda (Ms. 
Coste 261 , neuere Copie davon Ms. Coste 349) , ein Archiv- 
inventar von 1750 VII 17 (Ms. Coste 262). — Paschalis II. J-L. 
6124 Orig. and Transsnmpt Innoeenz' IV. von 1260 XI 4 Orig.') 
— Engen III. J-L. 9708») nnd 9709 Chartolar. 

Abbaye de l'Ile-Barbe. Inventar s. XIX in zwei 
Bänden.*) — Innoeenz IL s. d. and Alexander DU. s. d. citiert in 
Lucios III. J-L. 14879 Copie in einem Proceß von 1478 V 7 
„Annee 1478 Cayer de proc£dures ,ponr le prieure de Firmini 
Nr. 6 A Dirnes" f. 180. 6 ) 

Abbaye de Savigny. Inventar s. XVII. Das alte Char- 
tolar s. XII ist nur in Copien erhalten (auf der Commonalbiblio- 
thek Ms. 1491 s. XVni nnd Ms. Coste 392 s. XVII; in Paris Bibl. 
Nat. Ms. lat. 10036 nnd Montpellier Bibliotheqne de la Facnlte de 
Mödecine). — Paschalis II. J-L. 6115. — J-L. 6444a. — Calixt II. 
J-L. 7014. — J-L. 7015. — Innoeenz IL 1140 III 22 Copie von 
1495 VI 13. 8 ) 

Prieure" de La Piatiere. Inventar von 1767. — HadrianIV. 
J-L. 10633 Orig. 7 ) — Lucios DJ. (1184—85) XI 7 Copie von 1298 
IV 3. 8 ) 

Chartreux de Lyon. Inventar von 1746. — Celestin DU. 
1192 VH 9 für die Kartbänser in Copie von 1606 HI 20.*) 

1) Das Buch Chopin Sacra politica, wo liber 3 tit. 1 die Urkunde zum ersten 
Male gedruckt sein soll, habe ich nicht gesehen. Eine Copie s. XIX des Char- 
tnlars ist in der Communalbibliothek von S&int-Etienne (Ha. 27S). 

2) Im Chartolar von 1341 auch auf f. 167'. 

8) Eine Copie von 1736 IT 16 stammt aus dem Chartolar. — Das Chartolar 
s. XU Paris Bibl. Nat. Ms. lat. 11027 hat keine Papsturkunden. 

4) Vgl. auch die Inventar« Loth, Moab und Moise von 1769 im Fonds Cha- 
pitre me'tropolitain. 

5) Copie von 1601 II 20 aus einem Transsumpt Innoeenz' VIH. von 1490 
Vni 1 anf der Commnnalbibliothek (Ms. Coste 371). Tergl. auch Nachrichten 1901, 
Heft 1 p. 68. Die Copie von 1766 IX 19 in Avignon Arch. Dep. (D. 220) stammt 
aus Laboureur. 

6) Ed. Bibliotbeqne de l'ecole des chartes LVU (1896) p. 217 aus dem 
Original im Besitz von Marquis et le comte de Clugnv. 

7) Die Urkunde soll 1651 VIII 18 bei der Elecüon de Lyon registriert sein, 
aber ich habe das betreffende Register vergeblich gesucht. 

8) Ed. Ooigue Cartulaire Lyonnais I 77 Nr. 63. 

9) Ed. Nachrichten 1897, Heft 3 p. 387 Nr. 16 aas einem Chartolar s. XV 



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Papsturkunden in Frankreich 111. 5 

Ordre de Malte. Langue d'Aavergne. Neben den 
Originalen nnd Einzelcopien das wichtige Manuscript von Naberat 
„Recneil general des plus importantes matieres, des privileges 
octroyöa ä la religion sainct-Jean de Hierusalem par les papes de 
Roms, emperenra, rois de France da vivant de chaqae maistre" 
a.XVU — Anastasins IV. (1164) II 27 Orig. 1 ) — Alexander HI. 
J-L. 10897 Copie von 162Q IX 12. - (1165) V 25 bis VI 25 Orig.*) 
— (1170—80) Orig.») — (1171-80) VII 4 Copie von 1321 VII 17.*) 
■ — LuciuB III. (1185) I 9 Copie von 1321 VII 17. s ) — Clemens III. 
1188 IH 22 Orig.«) - (1188-91) III 4 Orig. 7 ) 

Von den Papsturkunden der Abbaye de Joug-Dieu habe 
ich die in der von Guigue veröffentlichten Histoire de la souve- 
rainete de Dombes von S. Gnichenon p. 173 citierte Bolle Lucios' III. 
nirgends gesehen, so wenig wie die bei Joseph Balloffet L'abbaye 
royale de Joug-Dieu pres Villefranche-en-Beaujolais (Villefranche 
1904) p. 14 citierte Urkunde Alesanders III., wenn diese nicht 
identisch ist mit der Urkunde Alexanders III. von 1169X11 4 für 
Seillon (vgl. meine Papsturkunden in Frankreich II p. 19, wo noch 
nachzutragen, daß ich das Buch von Bulliat Cbartrenx de Seillon 
nicht habe sehen können). 

Im Communalarchiv von Lyon befindet sich nor eine 
moderne Copie von Lucius III. J-L. f 15 243. Das noch 1883 
(vgl. Inventar Ms. vol. XVI p. 511 Nr. 1) vorhandene angebliche 
Original war nicht mehr zu sehen. 



in Ferra» Bibl. Comunale. Vgl. auch Nachrichten 1904, Heft 5 p. 616 Nr. 2 
aus Copie s. XIV in Valsainte bei Freibarg in der Schweiz. 

1) Quantum aacra templi (wie J-L. 10415 a). Dat Lat. III kal. mart. (B. dep.) 

2) Militea templi (Wiederholung von J-L. 8478). Dat. apud Clarammontem 
(der Reit ist abgerissen, B. dep.). 

3) Quantum ad dcffcndendam (wie J-L. 11468). Dat. T[uacul.] (der Rest 
ist abgerissen, B. dep.). 

4) Audiuiraus et amlientes (das bekannte Zehntenprivileg}. Dat. Tusculan. 
IV dod. iulii, 

5) Ed. Delaville le Rouli Cartulaire g<?tie'ral 1 472 Nr. 724. 

6) Quanto maiora (wie J-L. 157800). Dat. Lateran. XI kal. april. pontifi- 
catas nostri anno primo (B. dep.). 

7) 8i disrrimina (wie Nachrichten 1899, Heft 3 p. 401 Nr. 33). Dat. La- 
teran. Uli non. martii pontif[icatus nostri anno..] (B. dep). — In nicht allzu- 
ferner Zeit wird sich den Cbartolar des Johanniterordens von Delaville le Ronli 
übrigens ein Chartular der Templer zur Seite stellen, für das der Herr Marquis 
d'Albon auf Schloß Ävanges bei Lyon schon umfangreiche Samminngen angelegt hat. 



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6 Wilhelm Wiederhold, 

Departement de la Loire. 

Chambr e des comptes de Montbrison. Das hierher 
gehörige Original von Alexander III. J-L. 12362 ist in Paris Arch. 
Nat. P. 1400 I Nr. 843.') 

Abbaye de Valbenoite. Testenoire-Lafayette Histoire 
de 1' abbaye de Valbenoite (1893 Recaeil de memoires et docnments 
sar le Forez vol. X) gibt p. 14 ans dem „Recueil des titres snr 
Ie Forez" e. XVIII vol. VTI Nr. 43 (Saint-Etienne Bibl. Comm. 
Ms. 160) die sehr fragmentarische Notiz über eine Bulle Lucius' III. 
von 1184 (en parchemin dans les archives de Valbenoite). 

Prienre" de Beaulieu. Alleinige Qnelle sind jetzt die 
Mannscripte des Jean Marie de la Mure in der Commonalbibüotheh 
zn Montbrison Ms. 21.') — Innocenz II. 1130 XI 25 (s. Anhang). — 
1132 II 22 (s. Anhang). - 1142 XI 26 (s. Anhang). 

Departement de l'Ardeche. 
Eveche et chapitre de Viviers. Die Ausführungen 
von Langlois et Stein Les archives de l'histoire de France (Paris 
1893) p. 492 beruhen auf einem Irrtum. Es sind keine alten Ar- 
cbivalien mehr da, weder in Viviers, noch in Privas, auch nicht 
der Proceß von 1407, den Roasset für seinen „Recueil de pieces 
poar servir ä l'histoire da Vivarais* (Ms. s. XIX in 6 Bänden An- 
nonay Bibl. Comm.) benutzte. Aach das von Rouchier Histoire 
religieuse, civile et politique du Vivarais (Paris 1861j oft benatzte 
„Cb&rtulariam vetas apad de Bannes" und die ebenda p. XVll 
aufgezählten Handschriften der Seminarbibliothek zn Viviers 
scheinen verloren zn sein. 

Departement de l'Isere. 
Archevfiche - de Vienne. Inventar von 1774 HI 26. Nor 
wenige Originale sind erhalten, die wichtigste Qnelle sind daher 



1) Der „Ihre des compositions" a. XIII (mit J-L. 12 362 auf f. 1) iat auf der 
Communalbibliotbek von Saint-Etienne Mb. 16 (Moderne Copie in Lyon Bibl. 
Comm. Hb. Coste 1240). Eine Copie von J-L. 12362 e. XVI and eine von 1730 
eind im Departemental&rcbiv zu Lyon (Chapitre me'tropolitain), eine Copie s. XVIII 
im Hb. Coste 1237. Bouillond Lngdunnm sacraprofanum s. XVII f. 153 (Ms. 
Coste 949) nahm seine Copie „ex archivis comitis apud MontembriBonem' 1 . Die 
Chartnlare des Forez in Paris Arch. Nat. EK 1113 (vgl. N. Archiv VII 150) und 
Bibl. Nat. Mb lat. 12 870 enthalten keine Papsturknnden. 

2) Einst war in diesem Fonds anch eine Copie von Calixt IL J-L. 6809. 
Jetzt sah ich von dieser nnr noch eine Copie im Ms. 21 in Montbrison f. 49 (aas 
der Bibliothek des Herrn von La Valette) und eine Copie in des Johannes Co- 
lumbi Chartularium ecclesiae Aptensis (Lyon Bibl. Comm. Mb. 193 f. 9). 



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Papsturkundeu in Frankreich. III. 7 

Durandis Antiqnitat.es ecclesiae Viennensis von 1664 Paris Bibl. 
Nat. Mb. lat. 6662 ')■ — Paschalis 1. J-E. 2549. — Engen II. J-E. 
2663. — Nicolaus I. J-E. 2876. — J-E. + 2877. — Sergins III. 
J-L. 3644. — Leo IX. J-L. | 4286. — Gregor VII. J-L. f 5024"). 
— J-L. f 6026 8 ). - J-L. 5026*). — Urban II. J-L. 6350. - J-L. 
5421 — Paschalis II. J-L. 6596. - Calixt II. 1119 VI 28 Orig. »). — 
J-L. 6822 Orig. 6 ) — HadrianIV. J-L. 10282 Orig. — J-L. 10391 •)■ 

Priearö de l'Ile- so us -Vienne. HadrianIV. J-L. 10244 
Orig. 

Chapitre de l'eglise primatiale Saint-Manrice de 
Vienne. Inventar von 1791 V 24. Das alte Chartolar ist verloren, 
ein Repertorinm desselben veröffentlichte Chevalier in Cartolaires 
Danphinois II 2, p. 40. — Calixt II. J-L. 6837 ond 6866. — Engen III. 
J-L. * 9640 ist verloren. 

Evfiche de Grenoble. Inventar vonl789IH7. Wichtig 
sind anch die Inventare von 1381 VIII 1 nnd 1499 I 29. Die 
Originale sind alle verloren, ebenso das im Mai 1414 begonnene 
Original des sogenannten „Cartalaire d'Aymon de Cbissö" , von 
dem nnr eine Copie s. XV erhalten ist. Dazu kommen die drei 
„Cartnlaires de Saint- Plagues* "), das erste s. XII im Mb. lat, 13879 
in Paris Bibl. Nat. B ) , das zweite s. XII im Departementalarchiv 1D ) 

1) Viele Copien enthält auch Raymond luvenia Histoire ecclesiastique et se"- 
culiere du üauphinii a. XVII Carpeutras Bibl. Comm. Ma. 518; in Paris Bibl. 
Nat finden sich viele Abschriften im Ha. Bahue 76 nnd Ms. lat. 1 1743, während 
das Ms. lat. 5214 nur für die Kaiseruxkunden in Betracht kommt. Vgl. Oondlach 
Der streit der Bistümer Arles nnd Vienne um den Primatus Qalliarum (Han- 
nover 1890) p. 104. 

2) Vgl. Charvet Hiatoire de l'eglise de Vienne (1761) p. 300 ex archivio eccle- 
siae Yiennensis Liber Nr. 1 L. f. ST. 

3) Ciliert Charvet p. 297 ebendaher f. 38. 

4) Citiert Charvet p. 308 ebendaher f. 39. 

5) Ed. Robert Bullaire I 36 Nr. 25. Eine Copie b. XVII anch im Ms. 1419 
(R 80, 1) f. 71 der Communalbibliothek. 

6) Anch im „Terrine liber copiamm documentomm Viennae" s. XV f. 91 (64) 
B. 3260. 

7) Französische Uebersetznng bei Charvet p. 360 sn Mai 16. Aach OaUia 
Christian» XVI 83 citiert cu Mai 16. Inseriert ist Friedrich I. St. 3780. 

8) Vgl. über diese Bulletin de l'acade'mie Delphinale II, 2 p. 636, III, 1 p. 64 
nnd 94, 111, 2 p. 204. 

9) Copie s. XVII im Departementalarchiv, Copie s. XIX in der Communal- 
bibliothek Ms. 1647 (R. 1). 

10) Ohne Papstnrknnden , vom Bischof von Orenoble 1708 aus der Biblio- 
theca Harleiana zuruckerworben. Vgl. anch Ms. lat. 6216 und 9909, beide s. XVII 
Paris Bibl. Nat. 



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8 Wilhelm Wiederhold, 

das dritte s. XU ebenda ') und deren moderne Copien. — TJrban U. 
J-L. 5431«). — J-L. 6523. — J-L. 5524. — J-L. 6648. — J-L. 
6668. — J-L. 6595. — J-L. 6685. — Paschalis IL J-L. 6163. — 
J-L. 6234. — J-L. 6489. - CaJixt II. J-L. 6709. — Honorias H. 
J-L. 7361. — Innocenz II. J-L. 7698»). — Engen HI. J-L. 8808 <). 

— Alexander HL J-L. 11321. — Lncins HI. J-L. 16434 s ). — 
TJrban HI. J-L. 16801 (s. Anhang). 

ChartrensedesEcouges. Hadrian IV. J-L. 10517 Orig. *) 

— Alexander HL (1166—79) 1H20 7 ). - Celestin IH. J-L. 16937 
Chartnlar s. XV 8 ). 

Chapitre noble et royal Saint-Pierre de Vienne. 
Inventar von 1653 VI 28. Alles ältere Material ist verloren, 
darnnter anch ein Bollarinm von 208 Blättern. — Gelasins IL 
J-L. « 6680 »). — Calixtn. 1 123 "). — Alexander HI. 1179 III 26"). 

1) Aus dem Besitze Choriers 1676 XII 12 zurückgekauft. Copie s. XIX 
Commnnalbibliothek Ms. 546 (R. 2). 

2) Im Ms. Acte» et titres anciens a. XVII f. 90 in Paris Bibl. NaL Ms. lat 
5456 „extraite des registres de la Cbambre des compteB de Danphine", aber diese 
Quelle habe ich nicht feststellen können. 

3) Copie s. XVI im Fonds Chapitre de Grenoble. Anch im Ms. 2018 (U. 924) 
der Commnnalbibliothek ans .Eeticimot Fragmentonim historiae VI Nr. 566". 

4) Anch im „Alter liber mformationum in plnribns baillivatibus* s. XV f. 436 
(487) B. 8008. 

5) Die Blatter mit dieser Urkunde und der Urbans III. fehlen im Cartnlaire 
d'Ajmoa de Chiss£. 

6) Ed. anch bei Anvergne I.c cartnlaire de Saint-Robert et le cartnlaire des 
Ecouges (Grenoble 1665) p. 93. 

7) Citiert mit Lateran XIII kal. aprilis in dem alten Druck: Annale« ordinis 
Cartosiensis s. d. t. II p. 139 in der Commnnalbibliothek (V. 10). 

8) Anch bei Anvergne p. 98. 

9) Vgl Chevalier Cartnlaire de Saint-Andre-le-Bas p. XXXII. 

10) „Coppie des bulles, des patronages, des eures et priores dependants de 
Saint-Pierre par les papes Geisse II et Caliste II" (Inventar von 1653 f. 29) 
und Copie von 1509 IV 29 (ebenda f. 145) sind beide verloren. 

11) Citiert im Inventar von 1653 f. SS nnd 41 nach dem Original and einem 
Vidimns von 1324. Vgl. Gallia Chris tiana XVI 156. — In der Mappe „Droits de 
patronage" liegt ein Auszug der Bulle s. XVI nach einer Copie von 1469 V 10, 
der lautet: „Bulle d'Alei andre III pape poor la confirmation des Privileges don- 
nes par ses predecessenrs papes a l'eglise Saint-Pierre de Vienne et particnliere- 
ment touchant la nomination et presentation aux benefices de la dicte eglise, dans 
laquelle bulle sont specirnees toutes las eglises dependantes de l'abbaye dn dict 
Saint-Pierre et entr'antres les eglises de Saint-Baudille, Dampuis , Sernond (nach 
dem Annuaire officlet de l'here 1904 p. 182 jetzt Semond) etTupin*. Dann fuhrt 
das Regest die Formeln mit der Verleihung des Prsaentationarcchtes umständlich 
ans nnd schließt „quo tous les dicts bienB fnssent exemptz de tonttes charges, 
deeimes et autres droits quekonquea". 



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I'apsturkunden in Frankreich III. 9 

— Lucios IQ. J-L. * 16097 ')■ — (1184—85) XI 13*). 

Chapitre-Saint-Andre' le- Bas de Vienne. Das alte 
Chartular s. XII ist 1864 I 5 im Museum zu Vienne verbrannt 
Eine Copie von ihm von 1675 V 26 ist im Departementalarchiv, eine 
s. XIX in der Conununalbibliothek zu Vienne, eine dritte (von 1844) 
besitzt angeblich Herr Giraud, Conseiller ä la cour d'appel in 
Lyon *), Die Originale sind nicht mehr vorhanden. — Urban II. 
J-L. 5770. — Paschalis IL J-L. 5819. — J-L. 6120. — J-L. 6628. 

— J-L. 6629. - Calixt LT. J-L. 6816. — J-L. 7114. — J-L. 7122*). 

— J-L. 7123. — Innocenz II. J-L. 8282. 

Abbaye de Bonnevaax. Inventar von 1750. Damals 
waren drei Pergamentchartnlare vorbanden , von denen nur eins 
noch übrig (Paris Arch. Nat. Tresor des chartes, Snppl. Dauphine" 
J. 841). — Calixt LT. J-L. 6812»). - Innocenz LT. 1141 14*).- 
Eugen LTL J-L. 9011. — Hadrian IV. a. d. 1 )- — Alexander III. 
J-L. 11766 8 ). — J-L. 13781. — J-L. 13782. — Lucius ILT. s. d. 
für die Cistercienser •). 

Grande Chartrense. Die wichtigsten Handschriften, dar- 
unter die Originalhandschrift von Leconteolx Annales ordinis Car- 
tusiensis (ed. Monstrolii 1887), ein Pergamentchart ular von 231 



1) Datiert „la dixieme des kalendes de novembre, indiction troisiesme, 
1184, anne'e 4 de son pontincaf (Inventar von 1653 f. 29). 

2) „Bulle de pape Ln.ce troisiesme pour l'usage de la mittre, donnöe ä 
Veronne les ides de novembre" (Inventar v. 1663 f. 30'). Daß Alexander III. schon 
dem Abt son Saint-Pierre die Mitra verliehen habe, behauptet N. Chorier L'estat 
politique da Dauphine" (Grenoble 1697) p. 284. 

3) Nach Mitteilung von Herrn Professor Caillemer in Lyon hat diese Copie 
aber nicht gefunden werden können. Sonst finden sich Copien von Urkunden für 
Saint-Andre" noch im Ms. lat. 5214 und Coli. Baluze 75 Paris Bibl. Nat. 

4) Die Vornrkunde Paschalis' II. ist verloren. 

5) Das Inventar von 1750 kennt nicht mehr das Original, aber noch ein 
Vidimos. 

6) „Copie de la bulle d'Innocent II du 4* ianvier 1141 qui conürme les 
biens de Pabbaye et les exempte des dixmes ponr les terres qn'elle fera coltiver 
et pour les animaux qn'elle nourira" (Inventar von 1750 f. 18). 

7) Vidimos einer Bulle „qui confirme le traue" fait entre l'abbe" de Bonne- 
vaux et celluy d'Ardorelle suivant lequel Pabbaye de Valmagne raste sous la 
iurisdiction de l'abbe" da Bonnevaax, etj'celle d'Ardorelle, ä preeent Rode, sous la 
iurisdiction de l'abbe" de Cadouin" (Inventar von 1750 f. 20). 

6) Ein Vidimus von 1306 T 23 ist auch nicht mehr da. 

9) „Bolle du pape Lnce III qui defend d'excommunier les religieux de l'ordre 
de Cisteanx au preiudices de leors Privileges et usages et dispense les abbes du 
dit ordre de promettre aux evequeg lors de leur benediction plus qu'il n'est porte" 
par leurs constitutions" (Inventar von 1750 f. 18'). 



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10 Wilhelm Wiederhold, 

Blättern (identisch vielleicht mit dem von Lecontenlx oft citierten 
Chartularium Francisci a Puteo von 1507), ein ebensolches von 253 
Blättern und mehrere wichtige Inventare (eins der Papsturkunden) 
Bind 1822 II 15 den Karthäasern restituiert 1 ) and von diesen jetzt 
nach Italien mitgenommen worden. Auch die Einzelurkunden sind 
nicht mehr vorhanden, so bleibt uns nur die Copie der Annalen 
des Lecouteulx auf der Communalbibliothek. Dazu verzeichne ich 
die in den Privilegia ordinis Cartusiensis b. XIV in den Biblio- 
theken zu Annecy (Mb. 43) und Avignon (Ms. 302) erhaltenen Ur- 
kunden 1 ). - InnocenzII. 1133 XII 22*). — Alexander III. J-L. 
11019'). - J-L. 12733 Priv. s. XIV 6 ). - (1160-76) VI 19 8 ). — J-L. 
12882 Priv. s. XIV. — Locräa III. J-L. 15141. — J-L. 16344. — 
(1185) I 9'), - Ürban HL J-L. 16836 Priv. s. XIV. - Clemens 
LH. J-L. 16208 Privil. s. XIV. — 1190 II 8 (b. Anhang). — J-L. 
16506 Privil. s. XIV. — J-L. 16507 Privil. b. XIV. — J-L. 16508 
Privil. s. XIV. — 1191 I 16*). — Celestinlll. J-L. 16912 Privil. 
s. XIV. — 1192 VII 9 Privil. s. XIV 9 ). — J-L. 16915 PriviL 
s. XIV. 

Chartreuse de Chalais. Honorius IL 'J-L. 7191 Lecou- 
teulx 10 ). — Innocenz II. J-L. 7948 Lecontenlx. - Eugen III. 1146 u ). 



1) Vgl. die Noten zum Inventar von '1797 und Prudhomme Leg archives de 
1' leere p. 246. 

2) Urban II. J-L. 5425 steht im Fragmentum Iiibliac b. XII f. 233 Com- 
munalbibliothek Ms. 3 (18). 

3) Innocenz II. J-L. 7742 in Vitae sanctonuu s. Xll f. 182 ebenda Hb. 95 
(1174). 

8) Ed. Lecouteulz I 375. 

4) In den Priv. e. XIV mit XI kal. madü. 

5) Vgl. auch Nachrichten 1904, Heft 5 p. 515 Nr. 1. Im Mb. 302 in Avignon 
f. 103 zu IX 5. 

6) Ed. Lecouteulx II 411 und Guillaume Chartes de Purbon (Paris 1893) p. 96. 

7) Ed. Lecouteulx III 15 und Qnillaume Chartas de Durbon p. 140. Die Privil. 
s. XIV zu I 8. Eine Wiederholung dieser Urkunde durch ürban III. (1186-67) 
III 29 s. Nachrichten 1900, Heft 3 p. 341 Nr. 2B aus dem Original in der Certosa 
di Trisulti in Campanien. Im Ms. S02 in Avignon f. 110' und f. 111'. 

8) Cum dilectOB nlios (Wiederholung von Lucius III. (1185) I 9). Dat. La- 
teran« XVII kal. februarii, pontnteatus nostri anno tertio (Privil. s. XIV f. 10'). 

9) Ed. Nachrichten 1897, Heft 3 p. 387 Nr. 16 und Nachrichten 1904, Heft 5 
p. 616 Nr. 2. — Im Ms. 302 Avignon Bibl. Comm. f. 113 zu VII 10. 

10) Lecontenlx nahm alle seine Copien für Chalais „ex arebivio maioris 
Carthusiae". 

11) LeconteuLc Ms. vol. II p. 54 sagt bei Honorioe II. »quod etiatn Engenius 
III. fecit anno 1145 ad instantiam Bernardi abbatis". 



m 



Pspstnrkundcn in Frankreich III. 11 

— Alexander UX"J-L. 12635 Lecoateulx. - J-L. 12832 »). — J-L. 
13344 Orig. and Copie 8. XVI. — J-L. 14640 Lecoateulx. 

Abbaye des Ayes*). Hadrian IV. 1165 V 1 Orig. (s. An- 
hang). 

Abbaye Saint-Andr 6-le-Haat de Vienne. Inventar 
von 1566 X 15. — Alexander in. J-L. 12351 Copie a. XVII. 

Abbaye deSaint-Antoine de Vienno is. Inventar von 
1743 *). — Wichtig ist der Teil des Fonds im Departementalarchiv 
in Lyon (Inventar von 1705 and 1706) mit einem Memoire von 
1728 IX 21 mit Lnciua III. (1184) IV 9'). Für Calixt H. J-L. 
6684 habe ich keine Ueberlieferong mehr gefanden. 

Departement de la Savoie. 
Archeveche de Tarentaise. Ein Inventar von 1665 IV 22 
and eins von 1610 III 20 sind im Palais de Justice za Chambery *). 
Eine Copie des ersten Inventars Von 1706 ist in der erzbischöf- 
lichen Kanzlei in Moätiers. Alte Docamente sind aber nicht mehr 
da; weder in Chambery noch in Moütiers sind jetzt die Originale 
oder alten Copien 8 ). — Innocenz II. and Lacias II. citiert in 
Engen III. J-L. 8871. — J-L. 8872. — Alexander HL J-L. 12139'). 

- Lacius III. 1182 HI1 8 ). — J-L. 15343. - Urbao HL s.d.*) 

Evechö de Maarienne. Das Archiv ist in Sainfc-Jean de 

1) Ed. Pilot Cartulaire de Cbalaia p. 47 aas dem von mir nicht gefundenen 
Original. — J-L. 7191 steht auch in Prenves de l'histoire de Dauphin»* s. XVII 
p. 67 Paria Bibl. Nat. Ms. lat. 10950. 

2) Vgl. Bulletin de l'acad«"mie Uelpbioalo 111, 2 p. 424. 

3) Ein anderes Inventar soll in der Bibliothek des Herrn de Terrebasse in 
VUle-sons Anjou (Isere) sein, ein drittes in der Bibliothek des Herrn Chaper in 
Greooble. 

4) Ed. Dom H. Dijon L'eglise sbbaüale de Saint-Antoine (Paris-Grenohle 
1902) App. p. IX. 

5} Herr Blanchard, greffier a la conr hat mir diese Inventaxe und die Re- 
gister des Senats von Savoven in liebenswürdigster Weise zuganglich gemacht 

6) Die entgegengesetze Angabe bei Langlois et Stein Les arcbives de l'hi- 
stoire de France p. Ö71 ist irrig. Das Inventar von 1665 ist gedruckt in Becueil 
des memoires et documents de l'acad£nue de la Val d 1 Isere. Documenta vol. I 
(Moütiers 1666). üeber den Fonds in Turin vgl. Nachrichten 1901, Heft 1 p. 64. 

7) Ed. Recueil p. 235 aus Copien von 1732 und 1747 im Besitz des Grafen 
A. de Foras. 1665 war auch noch eine Copie von 1640 XII 8 vorhanden. 

8) „Litterae apostolicae domni nostri Lucü papae, datae Romae kalendis 
martii anni millesimi centesimi octuagesimi secundi, quibns confirmauit parrocbias 
ecclesiae et archiepiscopo Tharentasienai ab imperatoribus datas et concessas in 
dictis litteris nominatas cum Omnibus et aingolie auis iuribus decimis et pertinentiis 
quibuBcumque" (Inventar von 1610 anter Signatar KK). 

9) Citiert von Honorius III. 1226 V 1 ed. Recueil p. 243. 



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12 Wilhelm Wiederhold, 

Manrienne im Palais des Bischofs, ein modernes Inventar ist nicht 
da, über ein Inventar von 1756 X in Privatbesitz wird berichtet 
in Travanx de la soci^te" d'histoire et archlologie de la Manrienne 
H p. 221. — Calixt II. J-L. 7068 Copien s. XVII in Turin 1 ). — 
Engenlll. (1152) IV 28 Orig. (s. Anhang). — Alexander III. J-L. 
11507 Orig.') — Lucius III. J-L. 14758 Orig.») — (1182—83) 
IV 17 Orig.«) — (1182-83) V20 a ). - J-L. 1 5094 Orig. nndCopie 
e. XVIII (ans Copie von 1542 II 9). - J-L. 15270 Orig. (s. An- 
hang). — Urbanlll. 1186 IV 7 Orig. (s. Anhang). — Clemens m. 
1190 VI 6 Orig. 6 ) - Celestin III. J-L. 16182 Copie e. XVm. 

Bas Höpital de Moütiers hatte eine Urkunde Alexanders 
III. J-L. 14253, die ich nicht gefunden habe. 

Aach das Archiv der Abbaye de Tamie ist offenbar ganz 
zerstreut. Drei Liassen mit Urkunden seit s. XIII sind jetzt im 
Departementalarchiv in Grenoble (Fonds de l'ev&ihe' de Grenoble), 
jüngere Urkunden im Archiv zu Annecy. Besson Mlmoires p. 237 
citiert eine Urkunde Innocenz' II., Gallia Christiana XU 725 solche 
von Eugen III. 1145 and Alexander III. 1171 für Abt Peter, aber 
alle diese Urkunden sind verloren. Vgl. auch Eugene Bnrnier Hi- 
stoire de l'abbaye de Tami6-en-Savoie (Chamböry 1865) p. 45. 

Ebenso steht es mit den Urkunden der Abbaye de Betton- 
en-Maurienne. Lucius III. 1184 I 3 Copie von 1783 Tarin 
Biblioteca di Sua Maesta Ms. 117 "). Vgl. Melvffle Glover in M6- 
moires de l'academie de Savoie II, 3 (1859) p. 324 und 326. Die 
von ihm benatzten, von dem aumönier von Betton mitgeteilten 
Inventare (ein „Inventaire gtSne'ral* and ein Inventar in 8°) sind 
verschollen. 

Abbaye de Saint-Pierre de Lemenc. Innocenz II. 
1138 IV 23 Copie von 1684 V 24 (Intendance generale de Savoie 
C. 739)»). 



1) Vgl. Nachrichten 1901, Heft 1 p. 66 und 76. Gedruckt ist die Urkunde 
auch bei Hilliet Charte« du dioceae de Maurienne (Cbambe'ry 1861) p. 24. 

2) Ed. Bilüet p. 27. 
S) Ed. ebenda p. 29. 

4) Ed. ebenda p. 31. 

5) Ed. ebenda p. SS. Ich habe weder das Original noch eine Copie gefunden. 

6) Ed. ebenda p. 40. 

7) Ed. Nachrichten 1901, Heft 1 p. 109 Nr. 28.' 

8) Ed. Memoire* de l'acadämie de Savoie Documenta VI (1666) p. 114. Vgl. 
ebenda Serie I vol. 4 p. 241. 



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Papsturkunden in Frankreich III. 13 

Departement de la Hante-Savoie. 

Abbaye d'Entremont. Alexander HL (1166—79) V 3 
Orig. in Tnrin Archivio di Stato 1 ). 

Abbaye de Sixt. Hadrian IV. J-L. 10140*). 

Prienrä de Peillonex-en-Faucigny. Vgl. Nachrichten 
1901, Heftl p. 67 und Memoires et Documenta pnbltes par la So- 
ciete Savoisienne XXII (1884) p. 6. 

Abbaye de Saint-Jean d'Anlps. Nar Regesten der 
Urkunden sind erbalten im Inventar von 1736 in Turin Archivio 
di Stato. — PaechalisLT. 1102 in 2% — Calixt II. 1120 IV 28*). 

Abbaye de Talloire. Eugen III. 1145 XI 12 1 ). 

Chart reux de Vallon. Lucius III. J-L. 15142 Copie von 
1639 HI 14 (nach einem Transsompt Sixtns' IV. von 1481 HI 31) 
in der Bibliothek des Schlosses Ripaille 6 ), 

Departement des H antea-Alpes, 
Arehevöehe d'Embrun, Das alte Material ist verloren; 
so ist unsere Quelle die „Histoire generale des Alpes Maritimes 
ou Cottienea et particnliere de leur metropolitaine Embrun par 
Marcellin Fonüer« s. XVII in Lyon Bibl. Comm. Ms. 913 '). 



1) Ed. Nachrichten 1901, Heft 1 p. 106 Nr. 20. 

2) Da« Original und zwei Copien war 1865 im Besitze de« Fürsten Cystria. 
Im Recneil historiqne e. XVIII in ChambCry Bibl. Comm. Ms. 149 wird die Ur- 
kunde citiert zu 1 166 II 12. Gallia Christiana XVI 499 werden daraus zwei Urkunden 
UadrianslV. 

5) Tgl. Nachrichten 1901, Heft 1 p. 88 Nr. 4. 

4) Tgl. ebenda p. 91 Nr. 7 und Bnmier Histoire de Tarnie* p. 10. Znr 
Litteratur noch: Memoire« de l'acadlmie de Savoie 1, 11 (1843) p. 219 nnd Me^ 
moirea et Docnments publica par la Sodete* Savoisienne d'bistoire et d'archeologie 
XXX (1891) p. 197. 

6) Ed. Bibliotheqne de l'ecole des chartea LVII (1896) p. 219 am dem Ori- 
ginal in Besitz von Marquis et ie comte de Clugny, wohin es ans dem Kloater- 
archiv von Sarigny gekommen sein muß. Vgl. Nachrichten 1901, Heft 1 p. 69 
und p. 97 Nr. 11 Regest nach den Inventaren von 1722 und 1726 in Tnrin. Bei 
Memoire« et Documenta publica par la Sodete* Savoisienne T (1861) p. 19 und 
104 wird die Urkunde ebenfalls citiert, aber nach einem Inventar von 1720. 

6) Zusammen mit J-L. 16914 für die Karthaneer. 

7) Ed. neuerdings von P. Quillaume nach diesem Ms. Vgl. anch A. Sauret 
Essai historiqne sur la rille d'Embrun (Gap 1860) p. 463 und Ms. 626 (612) 
Carpentras Bibl Comm. nnd 1812 (Peiresc XLIV, 2) f. 214 ebenda. 



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14 Wilhelm Wiederhold, 

— Victor II. J-L. 4369 '). — Lucine IL 8- d. citiert in Engen ILT. 
b. d.«) — Alexander III. (1168-69) 11119'). — Lucius HL 8. d.«) 

Cbapitre m e tropolitain d'Embrnn. Eugen HL 1160 
IV 27 (s. Anhang). — Die bei Foraier III p. 34 nach dem In- 
ventar von 1791 von Gnillanme citierte Bolle von 1188 dagegen 
ist verloren*). 

Cbapitre de Gap. Alezander III. 1176 IX 2 vier Copien 
s. XVIII ans einem Transsumpt von 1499 XI 5 einer Bolle Bene- 
dicts XIII. von 1405 VI 12"). 

Abbaye de Boscodon. Engen III. 1145XI60rig. Avignon 
Bibl. Comm. Ma. 2487 0- — Alexander III. J-L. 12719 ist nur in 
jüngeren Copien erhalten*). 

Chartreux de Darbon. Die Originale sind fast alle ver- 
loren ; ein Chartnlar s. XIII war 1873 im Besitz des Herrn Amat 
in Gap und ein zweiter Band desselben Chartnlars bei Herrn 
Lachan in Aspree-sur-Bnech. Eine Copie dieses Chartnlars von 
1853 ist in Gap (H. 2u9), eine von 1873 im Departementalarchiv 
zu Marseille. — Alexander 1LL (1167—69) XII 4 Cbartular •). — 
J-L. 11654 Orig. nnd Copie von 1325. — (1160—76) I 20 Char- 



1) Auch bei Foraier I 650. Vgl. Säuret Essai p. 476, wo die Vermutung 
ausgesprochen wird , die Verwirrung im Text der Urkunde sei durch eine Copie 
von c 1430 angerichtet worden, Vgl. such Cherier im Courier des Alpes ton 
1859 August 31. 

2) Ed. Foraier III 210. Wegen der Datierung (nach 1151 IX) vgl N. Archiv 
XXIII 201. 

3) Ed. Foraier III 214. Auch im Ms. 1455 (U. SIT) f. 202 der Communal- 
bibliothek zu Orenoble „ex tabulario eccle.siae capituli Ebredttnenais Corte Q. 6 
f. 19", anscheinend einem Cbartular. 

4) Citiert im Ms. Foraier f. 236. — Victor II. J-L. 4369 ist auch in Copie von 
1611 XII 12 im Ms. Peireec XL1V, 2 in der Bibliothek zu Carpentrae (aus einem 
Protokoll im Kapitelarchiv, das jetzt nicht mehr aufzufinden ist und in einer 
Copie von Peiresc im Ms. lat. 17558 Paris bibl. Nat. 

5) Vgl. Albert Uistoire du diocese d'Embrun (Embrun 1783) p. 303. 

6) Ed. Nachrichten 1902, Heft 4 p. 4(i8 Nr. 12 aus dem Register (J-L. 13232 
war aber nicht die Vorlage). Vgl. Annales des Alpes V (1901) p. 160, In venture 
Bommaire-Hautee- Alpes V p. 25, Bulletin de la societe des etudes des Hautes- 
Alpes XX (1901) p. 237, J. Roman Uistoire de la rille de Gap (1892) p. 27. 
Auszug. auch im Ms. Rochas Memoire« concernaut la ville de Gap s. XV11I p. 86 
Orenobie Bibl. Comm. Ms. 1113 (D. 911). 

7) Ed. Annales des Alpes VÜI (1904) p. 86. 

8) Vgl ebenda p. 87 Anm. 1, wozu noch hinzuxuiugen : Ms. 1419 (R. 80, 1) 
Orenoble Bibl. Comm 

9) Ed. Guülaume Chartas de Durbon (Paris 1893) p, 71. 



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Papsturkunden in Frankreich II. 15 

tnlar '). — Dazu an Karthäuserprivilegien im Chartnlar : Alexander 
in. (1160-76) VI 19*), J-L. 12733, J-L. 12882, Lucius IH. (1185) 
19*), J-L. 16141*), nnd die Regesten von zwei verlorenen Ur- 
kunden Alexanders III. und Lucius' III. aue dem Inventar von 
c. 1694 '). 

Prieare - de Sainte-Colombe de Gap. Alexander III. 
J-L. 13232 Orig. Saint-Gilles Fabriqne de l'eglisa*). 

Departement de la Orome, 

Titres de famille. Calixt II. J-L. f 6863 zwei Fäl- 
schungen s. XVIII in E. 451 Nr. 1'). 

Abbaye Saint-Bar nard de Romans. Die alten Origi- 
nale Bind offenbar alle verloren; nur eine Copie s. XVII sah ich 
von Victor II. J-L. 4347, die aber offenbar dem Chartular ent- 
stammt; Dieses 1864 wieder gefundene „Cartulaire de l'eglise 
collegiale de Saint-Bamard de Romans" s. XII 8 ) ist jetzt unsere 
Hanptquelle. — Johann XL J-L. 3593. — Leo IX. J-L. 4220. — 
J-L. 4221. — J-L. 4321. — J-L. 4322. - J-L. 4323. — J-L. 4329. 

— Victor IL J-L. 4347. — J-L. 4356. — Gregor VII. J-L. 5068. 

— Urban II. J-L. 5374. — J-L. 5591. — J-L. 5609. — J-L. 5610. 

— J-L. 5668 »). - J-L. 5804. — Paschalis II. J-L. 61 62. — Alexander 
III. J-L. 12318. — Celestin III. J-L. 17530. — Dazu Paschalis I. 
J-E. 2549 und Engen LI. J-E. 2563 für Vienne. 

Evechä de Die. — Die wichtigste Quelle sind die „Tituli 
Dienses" s. XIII in Paris Bibl. Nat. Ms. lat. 18756 mit Alexander 
XII. J-L. 11170 »•), Lucius III. J-L. 14782 und J-L. 15298. Dazu 
kommt noch Celestin III. 1192 XI 2 (s. Anhang). 

Evech£ de Valence. Inventar (Droits de 1'eVechä) von 
1651. Das alte Chartular, der „livre vert" ist verloren, ein Ver- 



1) Ed. Gnillaume Charte« de Darbon p. 94. 

2) Ed. Lecouteuli II p. 411, Gnillaume p. 95. 

3) Ed. Lecootenlx III p. 16, GuiUaumo p. 140. 

4) Auch bei Guillaume p. 140, aber ohne Datierung. 

5) Gnillaume p. 770 Nr. 777 und 761. 

6) Ed. Annales des Alpes VIII (1904) p. 91. 

7) Copie s. XVm Avignon Bibl. Comm. Ha. 2062 f. 36. 

6) Girand pnblicierte (Lyon 1856) alle Urkunden nach modernen Abschriften ; 
von dem wiederaufgefundenen Chartular a. XII veranstaltete dann Chevalier eine 
Neuauagabe (Romans 1^98), die aber nicht an Ende geführt ist 

9) Hit Dat apud Ouapicero, d, h. Gap. 

10) Orig. Born Arch. Tat Bull. gen. I, 1. 



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16 Wilhelm Wiederhold, 

zeicfanis der in ihm enthaltenen Kaisemrknuden im Ms. 513 f. 244 
Carpentras Bibl. Comm. — Celeatin III. 1192 XI 7 1 ). 

ChapitrednBonrg-les-Valence. Inventar von 1694 (1601). 
Die meisten Urkunden sind verloren, daher nur nach dem Regest im 
Inventar bekannt. — Alexander III. (1166—67) 1 27 *). — Clemens DX 
J-L. 16458. — Celestin III. J-L. 16847 Orig.*). — J-L. 16848. 

Eveche" de Saint-Paul-Trois-Chäteaux. DasArchiv 
bat sehr traurige Schicksale gehabt, aber noch im Anfange des 
neunzehnten Jahrhunderts waren alte Dokumente auf der Mairie 
zu Samt-Paul '), anch im Schloßarchiv zu Grignan waren Kaiser- 
urknnden noch vor etwa dreißig Jahren *). Jetzt ist unsere Quelle 
des J. L. Prevost „Pontifices Arausicani 11 von 1705 (Avignon Bibl. 
Comm. Ms. 2407)*). — Gregor VL e. d. *) — Victor II. J-L. *4359. 

— Alexander LI. J-L. 4710 und 4711. — Gregor VII. J-L.* 5296"). 

— Victor ni. 1086 % — Victor LH. 1087 l0 ). - Ürban IL J-L. 
5561. - Paschalis IL J-L. 5829. — J-L. 5830. — J-L. 5852. — 
Honorins II. e. d. "). — Innocenz II. s. d. 1S ). 



1) „L'an 1192 le 7 novembre Celeatin pape troisiesmc par bulle deffent aus 
Artauds de Poictiers d'exiger n'y establir de nouveau aucun peages dans les eve- 
scWs de Valence et Dye. Donna a Latran la 2 annäe de son pontiäcat" (Inventar 
von 1651 f. 51). Vgl. Celeatin III. 1192 XI 2 für Die. 

2) J-L. 4561 zu Alexander II. (nach Chevalier Collection de documenta VI, 1 
p. 7 Aiun. 3). 

3) Löwenfeld hält die Urkunde für verdachtig-, sie ist Original. Ein Vidi- 
mus von 1363 VIII 1 und eine undatierte Copie sind verloren. Den von Chevalier 
p. 26 citiertcn Extrait, wo f. 2 die Urkunde stehen soll, habe ich nicht gefunden. 

4) Vgl. die Sammlungen des Rectors Martin Jean-Claude von Glansaye (um 
1835) im Ms. 1068 (Q. 584) Grenoble Bibl. Comm. und ebenda Ms. 1110 (Q. 667). 
Die Angabe bei Gallia Christiana I (1870) p. 703, es sei alles durch die Calvi- 
nisten ist zertört, ist demnach unrichtig. 

5) Vgl. Chevalier Diplomatique de Bourgogne (Paris 1875) p. 77 and Che- 
valier Cartulaire municipal de la ville de Montelimar (1871). 

6) Die im Catalogue general XXVIII 431 citierten Copien im Ms. 2399 in 
Avignon stammen aus der Gallia Christians. 

7) Citiert in Alexander II. J-L. 4710. 

8) Citicrt in Urban II. J-L. 5561. 

9) „Gn.llelmi episcopi electio) roboratur litteria que sie ineipiunt, datis anno 
M°LXX°VF: Victor Dei gratia in Romanoram pontincem electas uniaerso Aurasi- 
cenais ecclesiae clero et populo salutem etc. (in archivio capitoli Avinioneneis)" 
Prevost p. 66 (Ms. 2407 Avignon Bibl. Comm.). 

10) Citiert L. A. Boyer de Sainte - Marthe Histoire de l'cgliee catheclrale de 
Saint-Paol-Trois-Chateanx (Avignon 1710) p. 49. 

11) Citiert Boyer p. 59 als nicht mehr auffindbar. 

12) Citiert Gallia Christiana I 774. Zwei Briefe Richards von Albano, Legat 
des heiligen Mahles (1102 — 1114) aus Cop. s. XU Carpentras Bibl. Comm. Ms. 



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Papsturlranden in Frankreich III. 17 

Abbaye de Leoncel. Inventar 3. XVI nnd von 1760 
Best« eines Chartulars „Cahier den Privileges" s. XVII werden 
jetzt allmählich wieder zusammengebracht — Innocenz II. J-L. 
8190 Copie von 1697 III 26 nnd Cahier'). — Eugen HL J-L. 
9012 Copie von 1697 HI 26 nnd Cahier >). — Alexander HI. J-L. 
11219 Orig. und Copie von 1697 m 26. — J-L. 12691 Orig. nnd 
Copie von 1697 HI 26. — Lucius HI. J-L. 14941 Orig. — J-L. 
15285 Orig., Cahier and Copie von 1697 HI 26 (ans Copie von 
1303 HI 27). — J-L. 15326 Orig. und Cahier. — Clemens HI. 
J-L. 16359 Orig. *). 

Abbaye Saint-Ruf, aValence. Das wichtigste Inventar 
ist 1739 von dem Canoniker Eusebi de Sospello angefertigt 1 ). In- 
ventar s. XVIII und von 1768. Ein Inventar von 1660 ist ver- 
loren. Ein auf Befehl Abt Humberts von Valernod 1675 ange- 
legtes Chartular von 317 Blättern (Inventar von 1768 p. 41) und 
ein Papierchartnlar von 61 Blättern mit vielen Papsturkunden 
(aus den Registern des Parlament du Dauphine) sind verloren 
(Inventar von 1768 p. 19), jetzt wieder aufgefunden aber ein 
großes TransBumpt von 1487 IX 10. — ürban H. J-L. 6579 Orig. *) 

— J-L. 5763 Copie von 1487 IX 10. — Pascha! H. J-L. 6278 
Copie ß. XH. — J-L. 6369 Copie von 1487 IX 10 ( ). — CalixtH 
J-L. 7069 = J-L. 7101 <). — Engen HI. J-L. 8999 Orig. — 
J-L. 9609»). — AnaBtasius IV. J-L. 9874»). — Hadrian IV. J-L. 
10030 Copie von 1487 IX 10. — J-L. 10096 Copie von 1487 IX 10. 

— J-L. 10176 Copie von 1665 IX 7 (aus Copie von 1666 V 25). 

— J-L. 10370 Orig. — J-L. 10399 Orig. — J-L. 10455 Orig. — 
J-L. 10467 Orig. — J-L. 10656 Orig. und Copien von 1635 I 3 
und 1663. — J-L. 10671 Copie von 1487 IX 10. — Alexander JH. 



1588 (1589) publicierte. Duhamel in Memoires de l'academie de Vaucluse (1896) 
p. 389. 

1) Der Rector Martin Jean-Claude (vgl. p. 16 Aum. 4) copierte um 1885 
die damals noch im Departementalarchiv vorhandenen Originale. Seitdem sind sie 
verschollen. Vgl. Ha. 1068 (Q. 684) Orenoble Bibl. Comm. 

2) Die Copie im Cahier dea Privileges (Chevalier p. 45) fehlte. 

3) Das ist der Gallia Christiana XVI 369 citierte Cod. 893. 

4) Ein Tranaaumpt von 1430 V 8 nnd eine Copie von 1678 sind verloren. 

5) Eine Copie von 1420 X 6 ist verloren. 

6) Ollivier Cartulaire de Saint-Ruf a. XVIII f. 60 (aus Orig.) Orenoble 
Bibl. Comm. Ms. 1468. 

7) Das Original ist Chevalier entgangen. 

8) Copie von 1667 V 29 Paris bibl. Nat. Coli. Doat 137 f. 19. 

9) Citiert im Inventar von 1739 p. 77 ana einem jetzt verlorenen Chartular 
von 28 Blattern, signiert A. 36. 

Kil. Om. IL Win. H«hrlchUo. PUlttef.-kut. KIuh 1907. Mifl 2 



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18 Wilhelm Wiederhold, 

J-L. 11819 Copie von 1487 IX 10'). — (1170—72) XII 16 Orig. 
(«i. Anhang). — J-L. 12091, — J-L. 13603, — J-L 14385 *), — 
Lucius DI. J-L. 15345 sämtlich in Copie von 1487 IX 10. — 
Urban III. J-L. * 15568 »). — Celestin III. J-L. 16866 Copie s. XVIL 

- J-L. 16879 und J-L. 16947 in Copie von 1487 IX 10. 

Prieare de Saint-Felix. Alexander HL J-L. 13265 Orig. 

— J-L. 13269 Orig. 

Chartreux du Val-Sainte-Marie. Inventar von 1737. 
Ein Inventar von 1709 und 1711 ist verloren, — Clemens III. 
1190 VJJ 21 Orig. (a. Anhang). 

Das Archiv des Prieure de Saint-Donat ist zerstreut, 
ein Inventar von 1737 II 4 in Grenoble Bibl. Comm. Ms. 1597 
(R. 4656)*). Sonst haben wir nur Cbarvets Concordance de preuves 
de Saint-Donat s. XVIII (ebenda Ms. 1108 (ü. 1507), wo f. 86 
Alexander UX 1179 VIII 21 steht»). 



1) Eine Copie von 1303 X 10 ist verloren. 

2) Copie von 1391 TU 18 in Turin Archiv™ di State (vgl. Nachrichten 1901, 
Heft 1 p. 68). 

5) Citiert im Inventar von 1739 p. 74. — Nach demselben Inventar p. 314 
soll diese und 29 andere Papsturknuden 1601 August 3 beim Parlament in Gre- 
noble registriert worden sein. In dem Bande Parlament de Grenoble B. 2341 
(1697—1603) im Depart einen talarchiv zu Grenoble steht auch f. 383 der Befehl 
die Registrierung vorzunehmen (die zugehörige Supplik f. 335), und eine gleich- 
zeitige Randnotiz besagt, daB so verfahren nnd die Urkunden, dem Procurator von 
Saint Ruf zu rück gegeben seien, aber den Registerband habe ich vergeblich gesucht. 

4) Danach waren damals hier auch das 1639 in Saint-Jean de Royana auf- 
gefundene Original von Eugen in. J-L. 9261 für Ouli und mehrere Copien von 
Papsturkunden für dieses Kloster. 

6) Ed. Nachrichten 1902, Heft 4 p. 632 Nr. 17 aus dem Reg. Tat. 387 und 
Reg. Lat. 544 im Taticanischen Archiv. In Hb. 1108 ist wertvoll noch die Copie 
auf f. 80' von Engen III. J-L. 9261 (aus dem Orig.). Bei der Gelegenheit notiere 
ich, daß das Cartulaire du monastere d'Onlz-en-Brianconnais s. XVIII (Grenoble 
Bibl. Comm. Ms. 1166 (ü. 5221) offenbar keine Copie des gedruckten Chartulars 
ist, wie Catalogue general TU a. a. 0. angegeben ist. Aber auch die Vermutung 
in Nachrichten 1901, Heft 1 p. 68 Anco. 2 erweist sich nicht als zutreffend. 
Dieser nach Grenoble gebrachte „über tabellionatus" ist verschollen. 



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Papa tnrknn den in Frankreich III. 



Fälschung. 

Urion II. bestätigt der Abtei Saint Barnard in Romans die Sta- 
tuten und regelt besonders das Verhältnis des Abtes eu den Canc- 
nikern. — — 

Archives historigues du Dauphini s. XVIII vol. XV f. 55 (tiri 
d'un terrier ou cartulaire de Vienne f. 374) Grenoble Bill. Comm. 
Ms. ü. 317 (1455). 

Die Vorlage war offenbar keine Papsturkunde, sondern ein 
Statut der Abtei, das dann später durch die Vorsetzung der aus 
den übrigen Urkunden Urbans II. ja leicht zugänglichen Adresse die 
Form, allerdings auch nur annähernd, einer Papsturkunde erhielt. 
Auch in dem Manuscript ist alle Schrift vor Omnis quicnmqne von 
anderer Tinte als der Text. Mir scheint das Stück überhaupt erst 
frühestens dem dreizehnten Jahrhundert zu entstammen. 

Vrbanns episcopoa aeruus sernonun Dei. Dilectis fiJiis in 
nostra abbatia Romana nomine super flnoinm Isaram sita consi- 
stentibns salutem et apostolicam benedictionam. Omnis qnicumqne 
hanc scriptnram legit et andit, intelligat, et sciat, qnod sanctns 
Barnardns, Yiennensis archiepiscopns, Romanensem ecclesiam snper 
flnninm Isaram, ab eodem constrnctam et in honorem daodecim 
Apostoloram atqae sanctoram martyram Senerini, Exnperii et Fe- 
liciani ab ipso consecratam, nillam qnoqne totam adiacentem ecclesie, 
sicnt antiqai tennini demonstrant, totam beato Pet.ro et ecclesie 
Romane einsqne pontificibns , propter qnod et Romana dicta est, 
iure perpetao donanit et concessit. Si qoie aatem qnesierit, cnioB 
f'uerit prias ista possessio et qnaliter sanctos Bamardns hanc dare 
potaerit, procnl dnbio credat, qnod a qnadam nobili femina regionis 
iUins comparanit illam; quam donationem benigne papa cnm uni- 
nerso clero snscipiens , tarn ipse qnam einsdem ordinis mnlti post 
ipsnm, ecclesiam et nillam, habitantea in illa et confagientes ad 
ipsam eornmqae possessiones et bona intns et foris ab omni hu- 
m&na infestatione snb defensione Romana statneront, snorom anc- 
toritate prinilegiornm nniaersa iinnantes. Nam clericos illins 
ecclesie in tantnm libcros esse nolnernnt snb Romana positos liber- 
tate, ita scilicet nt qnicnmqae nomine excepto molestiam illis ant 
inioriam aliqnam fecerit, anathemati se sciat obnoxinra; omnes 
enim preterea habitantea in nilla ant confngientes ad illam ant 



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20 Wilhelm Wiederhold, 

quicmnque aenerint seraitari, buiusmodi studaerint manire pre- 
cepto, nt nnllas eos capiat aat caedat ant eoram bona diripiat 
neqoe in aqua neqne in terra, aicut ab antiqno in circuita ecclesie 
et aille termini positi sant, nisi forte prepositus eoram dictante 
institia; et qoi aüter fecerit anathema sit. Sit itaque tota abbatia 
ifita ab omni malignantiqm incorsa libera et quieta ecclesie Ro- 
mane nollo prorsns mediante snbiecta, coios abbas, qnotiens mo- 
ritur, nollus alias siae per nim sine per timorem detar ecclesie, sed 
consentiente popalo libere eligatur a clero, qoi com electos erit 
et in ecclesia honorifice gratis et cantando receptos, sacrosanctis 
eoangeliis tactis oportet, nt ioret qaod autiqaas consaetadines et 
approbatas ecclesie et oille fideliter obsernet, nidelicet nt the- 
sanros ecclesie sine consensn communis capitnli capere non pre- 
sumat nee saper terrae ant possessiones ipsius, siae mobiles aat 
immobiles sint, aiolentiam aliqnam faciat, a maiore usque ad mi- 
nimmn clericom ecclesie non capiat nee niolentas in illom iactet 
manns nee anferat illi ex bis qne possederit quiequam; terras 
ecclesie et eiosdem bona, sient sibi sine capitnli consensn retinere 
non potest, sie nee aliis dare; idem est etiam de prebendis mul- 
toqae rectias obseraandam; nomines qoi morantar in ailla, capere 
non debet nee sna tollere nisi pro institia, et cum hniosmodi emer- 
eerint cause, consüio clericornm et laicornm traetare eas debet nee 
addneere indices alienos ; preterea oportet, nt sciat, qaod saper fa- 
miliam ecclesie et saper familias omniom clericornm, si etiam gra- 
niter deliqaerint, nallam iadicandi ins habet ant potestatem nisi 
com commoni capitnlo, cnios et ipse capat dignoscitnr. Postqnam 
abbas inramentom fecerit, omnes onanimiter tarn canonici quam 
laici fldelitatem illi promittere debent atqne iorare , quam cum ab 
nninersis aeeeperit, intelligat potins illam ecclesie quam sibi acce- 
pisse, in omni namqne dominatione per totam abbatiam est eccle- 
sia prima, ille nero seenndos. Inde est qnod in terris illios cen- 
som saom habet ecclesia qnartom et taschiam, in bominibns qnoque 
sola per totam abbatiam ipsom ins, ipsam potestatem habet ecclesia 
sient maior et prepotens domina, qaam habet et habnit semper in 
snis propriis hominibns, qoi habitant in nilla Romanensi et in 

adiacentibos illi extraqne per abbatiam totam exci- 

piontnr. Procnrator illios et cellerarins, qoi de " domestica familia 
sunt, propter qnod potest et anteiligere nee aliqno dabitare , qaod 
qaidqnid in ecclesia ael ailla siae per totam abbatiam habere cog- 

a) capitnli tempore ael conienau capere. 6) qoi et qni de. Hier muß 

der Tett in Unordnung gebracht sein ; das Folgende miißte sich doch eigentlich 
auf den Abt beliehen. 



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Papsturkuoden in Frankreich III. 21 

iiOBcitar, non a se, non ab alia qualicumque ecciesiastica secularine 
persona, aed totnm a Romanensi ecclesia et a canonicis eiasdem 
noscitar possidere. Si nero, qaod abtut, presompserit abbas poet bec 
consaetudines mal&s indncere et extinguere bonas, et tertio admo- 
nitns emendare contempserit, nullam ei fidelitatem deinceps, donec 
satisfecerit , ecclesia debet; „ecclesiam" uocamns canonicos laicos 
et uillam, licet oranes sint nimm. Vicariam quam habet abbas ab 
ecclesia, sibi retinere non potest nee alicni alten dare, nisi cano- 
nici) et hoc in commoni capitulo fiat. In singolis mansis, quos ipse 
habet ab ecclesia, habet ecclesia nnum porenm et in Cabannaria 
de Frazino nnom et in Oletria Cabannaria Ioannis comitis nnom. 
Com aenerit abbas ad prandendnm in refectorinm , capellanns eins 
et catnerarins secnm neniant nuüasqne alins ex snis, si non fnerit 
innitatas ; apponnntnr aatem dao panes ante abbatein , anns ante 
capellannm et ante camerariom dymidius , si extra refectorinm 
commederint, camerarins nihil habebit de refectorio ; candele dentnr 
abbati ab ecclesia, qne safneere debeant mensora seroata et decem 
solidi annis singolis pro custodia nnndinaram, Preterea quotiens 
abbas moritnr, nninersa qne habet in ecclesia et in nilla et per 
abbatiam totani in integrum redennt ad commania, tmde processe- 
rnnt et qaicnnqne frnetas inde proaeninnt, snecedenti [abbati non 
reddnntar et qnotiescnnqne contra nillam gnerra nascitur, tota nilla 
debet snseipere tarn in eibarüs quam in donis clientes extraneos 
et canonici milites in eibariis atqne abbas eosdem in donis. Ecclesia 
aatem in eoram ancistionibns restaurandis 



Innocens II. nimmt das Kloster Notre-Dame de Beaulieu bei 
Roanne unter der Priorin Agardis in den apostolischen Schute, be- 
stätigt ihm die namentlich aufgeführten Besitzungen und die Zehnten 
und verbietet den Klosterleuten, ohne Erlaubnis der Priorin den 
Dienst des Klosters zu verlassen. Clermont 1130 Novetnber 25. 

Jean Marie de la Mure Documents relatifs ä VMstoire du Forez 
s. XVII vol. III f. 47 (aus dem noch besiegelten Original) Mont- 
brison BAI. Comm. Ms. 19—21 {25). 

Vgl. J. M. de la Mure Leu Äntiquitez du devot prieure des 
dames religieuses de Beatdieu-en-Roannois de Vordre de Fonterault (1654) 
p. 34. — Die offenbaren Schreibfehler sind stillschweigend verbessert. 

Innocentins episcopns sernns sernoram Dei. Dilecte in Christo 
nlie Agardi priorisse monasterii sanete Marie de Belloloco et aliis 



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22 Wilhelm Wiederhold, 

qne in eiusdem loci regimine regnlariter auccesserint in perpe- 
tuum. Desideriain qaod ad religioiiia propoaitnm et aniinarum 
salutem pertinere monstratar, anctore Deo sine aliqna dilatione 
est complendnm. Ideoque, dilecta in Christo filia Agardis pri- 
orissa, petitioni tue clementras annuimus et beate Marie de Bello- 
loco monasteriom , a dilecto filio nostro Theotardo , Lugdunensi 
arcbidiacono, et a te ipsa monaaterio de Fönte Ebrandi collatnm, 
sub beati Fetri tutela et sedis apostolice protection« snscipimns 
et scripti nostri pagina communimus. Statuimus ergo ut qne- 
camqne bona quascumque posseasiones idem monasteriam in pre- 
senti legitime poaaidet siue in futurum operante Domino ioste et 
canonice poterit adipisci, Firma tibi et bis qne poat te ancceaeerint 
et illibata permaneant. In quibna bec propriia nominiboB dnximnB 
annotanda: Mansum Pitorardnm, mananm Pontis, manenm Bilae 
Syluacombrisis, mansam de Bardi, item aliam bardam in qua est 
ecclesia eancte Marie, mansam de Beraetel, mansam de Neranda, 
mansos de Nualis. Decernimus ergo ut nnlü omnino hommura 
Iiceat prefatnm monasteriam temere pertnrbare aot eins possessionea 
aoferre nel ablatas retinere minnere nel temerariia nexationibns 
fatigare, aed omnia integra conserneDtnr, earnm pro qnarum susten- 
tatione et gabernatione concessa sunt, nsibaa omnimodia profatara. 
Sane pro amplioris religionis prerogatiaa hominibas, qai pro ani- 
marum snaruin salnte in Dei et ecclesie eeraitio nel apad mona- 
steriam aestram nel in locis ad ipsnm pertinentibns persistere 
denonerint, in peccatoram saoram remisaionem ex apostolice sedis 
aactoritate precipimns, in hoc bono perseaerare proposito et inxta 
dispositionem priorisse ipsins loci ad honorem Dei sororibna fide- 
liter deBeraire; nee alieni omnino ecclesiastice persone facultas 
sit eoB a boni huius proposito reaoeare ant in alinm ordinem 
connersationis preter licentiam aestram snseipere, qaod si forte 
contigerit, episcopo diocesano iuiungimos, nt illos tanqaam noti 
aui preaaricatores ad pristine religionis propoaitnm redire com- 
pellat, qaod factum est digna animadneraione castigaas. Porro 
deeimaa animalinm nestroram et frngum, qae proprioram seraieu- 
tiam aestrorum laboribas exeoluntar et nestris propriis eumptibus 
collignntnr, aobis concedimns et finnamns; qne nidelicet nobis 
episcoporum benefieiia nel collate sunt nel in futurum prestante 
Domino conferentur, preterea oratoria, qae a nobis episcoporum 
concessione conatrneta sunt nel in posternm in posBeasionibos 
aeatris epiacopali aimiliter concesaione construentar, nee abbatibna 
nee alieni prorsus persone anbtrahere Iiceat nel aoaa temerario 
infestare, uos itaqne propenaioribus Domino stndiis deseroire, 



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Paput.ur künden in Frankreich III. 23 

apofitolice sedi fideliorea et deootiores existere et pro nobia omnipo- 
tentis Dei misericordiam implorare debetis"'. Si qua igitnr in futurum 
ecclesiastica secularisue persona baue noetre constitutionis paginam 
sciens contra eam temere nenire tentanerit, seeundo tertioae com- 
monita, si nou satisfactione congrna emendauerit, potestatis hono- 
risqne sui dignitate careat reamqae ae dioino mdicio de perpetrata 
iniquitate cognoscat et a eacratissimo corpore et sanguine Dei et 
domini redemptom nostri Iesa Christi aliena fiat atqae in ex- 
tremo examine distrietc nltioni Bnbiaceat. CunctiB aatem eidem 
loco iasta seruantibus Bit pax domini nostri Iesa Christi, qnatenas 
et hie froetnm hone actionis pereipiant et apad distrietam iudicem 
premia eterne pacis inueniant, Amen. Amen. Amen. 
R. Ego InnocentiuB catholice ecclesie episcopns ss. BV. S) 

f Ego Gnilelmua Prenestinns episcöpus ss. 

f Ego MatheuB .Albanensis episcopns ss. 
| Ego Johannes tit. saneti Grisogoni presb. card. ss. 
f Ego Petras presb. card. tit. Eqoitii ss. 

t Ego Gerardns tit. sanete Crocis in Ierosalem presb. card. ss. 
f Ego Vhertns presb. card. tit. saneti Clementis ss. 
t Ego Goselinns presb. card. tit. sanete Cecilie ss. 

f Ego Gregorios diac. card. sanetornm Sergii et Bacbi ss. 

f Ego Guido diac. card. sanete Marie in Via lata ss. 

Datum apad darum montem per manom Aimerici sanete Ro- 
mane ecclesie diaconi cardinatis et cancellarii, VII kalendas de- 
cembris, incarnationis dominice anno MT'XXX", indictione VIII*, 
pontificatos aatem domni Innocentii II pape anno 1°. 

a) debetis fehlt. b) BT und ss fehlen- dfe Unterschriften sind sthr verderbt. 



Innocenn IL nimmt das Kloster Notre-Dame de Beaulieu bei 
JRoanne unter der Priorin Juliana in den apostolischen Schute und 
bestätigt ihm die Besitzungen, die Sepultur und die Zehntfreiheit. 
Lyon 1132 Februar 22. 

Jean Marie de la Mure Documents relatifs ä Vhistoire du Foree 
s. XVII vol. III f. 45 Montbrison Bibl. Comm. Ms. 19—21 (25). 

Vgl. J. M. de la Mure Les Antiquiiee du devot prieure des 
dames religieuses de Beaulieurtn-Roannois de Vordre de Fonterault 
(1654) p. 36 und Prajoux Le prieure de Beaulieu (Lyon 1896) p. 7. — 
Die offenbaren Schreibfehler verbessere ich stillschweigend. 



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24 Wilhelm Wiederbold, 

Innocentius episcopus aeruus seruorum Dei. Dilecte in Christo 
fiüe Ioliane priorisae monastern sancte Marie de Belloloco et aliis 
qae in eiusdem loci regimine regulariter auccesserint in perpetaam. 
Officii nostri noa hortatnr anctoritas pro eccleaiarnm statu sata- 
gere et earam qoieti et atilitati salabriter aaxiliante Domino 
prooidere. Dignum namqne et honestati conueniens esse cognos- 
citur, ot qni ad ecclesiamm munua assumpti sumus, eas et a pra- 
nornm hominum neqnitia tneamar et beati Petri patrocinio muni- 
ämus. Proinde, dilecta in Domino filia Inliana priorissa, tnis 
iustis postnlationibns asaensom prebentes, beate Marie de Belloloco 
monasterium, qnod atiqae Fontis Earaldi monasterio snbditum est, 
cni Deo anctore presides, Bob beati Petri totela et apostolice sedis 
protectione snscipimns. Statuentes nt quascumque poBsesaiones 
qnecnmqne bona idem monaaterium in presentiarom inste et legi- 
time poBsidet aut in fotorom concessione pontificam, liberalitate 
regnm ael principam, oblatione fidelium sea aliis iustis modis pre- 
stante Domino poterit adipisci, firma tibi et bis qne post te snc- 
cesserint et illibata peroianeant. Sepnlturam qaoqae ipsins loci 
liberam esse omnino decemimas, nt eorum, qni se illic sepeliri de- 
liberanerint, denotioni et aapreme nolnntati, nisi forte excommuni- 
cati sint, nnllns obaistat. Decimas sane Iaborum, qaos propriis 
ezcolitis samptibas, et animalinTn aeatroram nnllns a, aobis exigere 
presumat. Nolli ergo omnino hominnm fas sit prefatnm mona- 
sterium temere pertarbare aut eins possesBioneB auferre nel ablatas 
retinere minuere aut aliqnibns oezationibaB fatigare, sed omnia 
integra oonseruentnr, earum pro quarcm sustentatione et guber- 
natione concessa sunt, usibus omnimodis profutura. Si qna igitor 
in futurum ecclesiastica secolarisue persona hanc nostre consti- 
tutionis paginam sciens contra eam temere nenire temptauerit, se- 
cnndo tertione commonita, si non satisfactione congrua emendanerit, 
potestatis honoriaqne sni dignitate careat reamqne se dinino iudicio 
existere de perpetrata iniqaitate cognoscat et a sacratissimo cor- 
pore ac sangnine Dei et domini redemptoris nostri Iesa Christi 
aliena fiat atqae in extremo examine districte ultioni snbiaceat. 
Cnnctis autem eidem loco iasta seruantibas sit pax domini nostri 
Iesn Christi, qnatenns et hie froctom bone actionis pereipiant et 
apad distrietnm iadicem premia eterne pacie inaeniant. Amen. 
Amen. Amen. 

R. Ego Innocentius catholice eccleßie episcopna sa. BV. 

Datum Lugdnni per manns Aimerici sancte Romane ecclesie 
diaconi cardinalis et cancellarii, IX° kalendas rnartii, indictione 



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Pap«turkcmden in Frankreich III. 25 

X*, incarnationis dominice anno M°C°X5XII Ö , pontificatns domni 
Innocentii pape II anno tertio. 

4. 

Innocene II. nimmt das Kloster Notre-Dame de Beaulieu bei 
Boanne unter der Priorin Alcharda in den apostolischen Schutz und 
bestätigt ihm die Besitzungen und die Zehntfreiheit. 

Lateran 1142 November 25. 

Jean Marie de la Mure Documenta relatifs ä Vhistoire du Force 
s. XVII vol. III f. 43 Montbrison Bibl. Comnt. Ms. 19—21 (25). 

Vgl. J. M. de la Mure Les Antiquitee du devot prieure des 
dames religieuses de Beaulieu-en-Roannots de Vordre de Fonterault 
(1654) p. 37 und Frajoux Le prieure de Beaulieu (Lyon 1896) p. 7. — 
Die offenbaren Schreibfehler der Copie verbessere ich stillschweigend. 

Innocentins episcopns seruns seruomm Dei. DUectia in Christo 
filiabus Alclmrde priorieae et monialibns de Belloloco tarn preBen- 
tibus quam futuris regnlariter Bnbstitoendie in perpetnnm. Ex 
commisBO nobis a Deo apoetolatns officio religiosarum qnieti et 
«tilitati noB connenit proaidere. Quanto ergo femineus sexns extat 
fragilior, tanto magis erga nos paternam curam atqne solicitadinem 
nolnmns exibere et') a pranornm infestationibns *> sediB apostolice 
nunümine defensare. Eapropter, dilecte in Domino filie, aestris 
instia postalationibns debita benignitate gratam impertientes as- 
sensnm, beate Dei genitricis semperqoe airginis Marie ecclesiam, in 
qna dinino mancipate eatis obseqoio, sab beati Petri et nostra 
protectione snscipimiiB et presentis scripti priailegio commnnimns. 
Stataentes nt qoascamqae po&sessionea qnecnmqne bona eadem 
ecclesia in preisen tiarom inste et canonice possidet aut in futurum 
concessione pontifienm, largitione regnm nel principnm, oblatione 
fideliom seu aliis iaBtis modie Deo propitio potent adipiaci, firma 
nobis uestrisque saccedentibns et illibata permaneant. Sane labornm 
uestroram, quos propriis manibns ant sumptibus Colitis, siae de 
nntrimentiB neatrornm animalinm nnllng omm'no clericns nel laicns 
deeimas a nobis exigere presumat. Decernimns ergo nt nnlli om- 
nino bominnm liceat prefatam ecclesiam temere pertorbare ant eins 
posseasiones anferre nel ablatae retinere minuere ant aliqnibns 
□exationibns fatigare, sed omnia integra consementnr, earnm pro 
quarum gnbernatione et snbBtentatione conceasa snnt, nsibas omni- 

a) et fehlt. b) ineuntibus. 



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V'iUcla* Wiederhold, 

„sli» '.-nnmuM. ^ q«a igitnr ecclesiastica secolarisne persona 
-*..«. :ic*tr« ovastiiatwais paginam sciens contra eam temere aenire 
u-uiptauwrit, sA'umlo tertioue commonita, ei non satiafactionc con- 
-im* einemiaaerit , potestatis honüriaqne sai dignitate careat re- 
awque se diuioo iudicio existere de perpetrata iniqnitate cognoscat 
ot & sacratissimo corpore et sangnine Dei et domini redemptoris 
nuätri leuu Christi aliena fiat atqne in extremo examine districte 
ultioni subiawat. Conctls autem eidem Ioco iusta seruantibns sit 
pax douiini nostri Iesa Christi , quatenas et . hie fractum bone 
actionis p«rv'ipiant et apud distrietam indicem premia eterne pacis 
intwuiant. Amen. 

K. Ego Innocentioe catholice eccleeie episcopns bb. BY c >. 

■f Ego Conradus Sabinenais episcopue ss. 

f Ego Stephanna Prenestinus episcopne es. 

f Ego Ymarus Tuscolanus episcopns ss. 
f Ego Gregorius diac. card. sanetornm Sergii et Bachi bs. 
f Ego Otto diac. card. saneti Georgia ad Velom aoreum bs. 
f Ego Hnbaldns diac. card. sanete Marie in Via lata ss. 
f Ego Petrus diac. card. sanete Marie in Portion bs. 

Datum Lat. per manum Gerardi sanete Romane ecclesie pres- 
biteri cardinalis et bibliothecarii, VII kal. decembris, indictione VI, 
inoarnationis dominice anno M°C°XLII , pontificatus ncro domni 
lnnocentii II pape anno XII. 

C) UV fthlt, ebenso fast überall ss. 



Eugen III. nimmt die Canoniker von Etnbrun auf Bitten des 
Ersbischofs Wilhelm in den apostolischen Schute und bestätigt ihnen 
die namentlich aufgeführten Besitzungen. 

Rom Sanct Peter 1150 April 27. 

Arckires historiques du Dauphini s. XVIII vol. XV f. 173 (ex 
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Fapetnrknnden in Frankreich III. 27 

pastoralem coram aceepimus, at eabditoram saluti patemo prooi- 
deanius affectn et, quod inste expostulant, diligenti animo largiamar. 
Quocirca nenerabilis nostri fratris Guillebni arehiepiscopi a) precibus 
inclinati, iustis nestris postnlationibns dementer annnimqg et pre- 
dictam beate Marie Ebredunensem ecclesiam, cui antore Domino 
deseruitis, sab beati Petri et nostra protectione suscipimns et pre- 
sentis scripti prioilegio communimus. Statnentes at qnascunque 
poseesßionee qnecunque bona in presentiamm iaste et canonice pos- 
sidetis aat in futurum rationabilibns modis Deo propitio poteritis 
adipisci, firma aobis aestrisqae saccessoribus et per aos eidem ec- 
clesie et illibata permaneant. In quibas hec propriis dnximas ex- 
primenda nocabnlis: Donationen! castri de Ürreis, quam fecit nobis 
Goillelmos Forcalqueriensis comes, tertiam quoquc partem totius 
patrimonii Geraldi Alamanni, quam GuillelmnB filios eins defuncto 
patre sao ecclesie £bredanensi donaait, aidelicet tertiam partem 
de Rama, de Cancellada, de Fraxineria, de Creao, tertiam etiam 
partem omninm menarum, qne in predictis existunt locis, tertiam 
partem totius patrimonii, quam predictos Geraldas habebat in castro 
sancti Chrispini et in castro Rodolphi et tertiam partem in Capde- 
natio et in oilla de Crotis seu in monte Mirato, qoidqoid prede- 
cessores uestri Ebredunenses canonici oel aliqoi ex aobis eidem 
ecclesie concessernnt. Nnlli ergo omnino hominom etc., sed omnia 
integre consernentor, eorum pro qnornm gubernatione et sabsten- 
tatione concessa sunt, usibas omnimodis profatara, salua sedis 
apostolice anctoritate et Ebredunensis archiepiscopi canonica iastitia. 
Si qua igitur in futurum ecclesiastica secalarisne persona hanc 
nostre constitntionis paginam sciens contra eam temere nenire 
temptanerit, secundo tertiooe commonita, si non satisfactione con- 
grna emendauerit, poteBtatis honorisqoe sni dignitate careat reamqae 
Be diaino iudicio existere de perpetrata iniqnitate cognoscat et a 
sacratassimo corpore ac sangnine Dei ac domini redemptoris nostri 
Iesa Christi aliena fiat atqne in extremo examine districte nltioni 
subiaceat. Cunctis aatem eidem loco iasta seroantibos sit pax 
domini nostri Iesa Christi, qaatinas et 1 ' hie fraetam bone actionis 
pereipiant et apud districtum iudicem premia eterne pacis inaeniant. 
Amen. 

E. Ego Eagenios catholice ecclesie episcopos ss. BV e) . 

f Ego Conrados Sabinensis episcopnB ss. 

| Ego Nicolaug Albanensis episcopos bs. 

o) archiepiseopi fehlt. b) et fehlt. c) R, BT fehlen, ebenso überall ss; 
auch eind die Untertchriften recht fehlerhaft. 



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28 Wilhelm Wiederhold, 

f Ego Hnbaldus presb. card. tit. sancte Praxedis ss. 
f Ego Aribertns presb. card. tit. sancte Anastasie ss. 
t Ego Guido preBb. card. tit. Fastoris ss. 
t