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Full text of "Naturwissenschaftliche Wochenschrift"

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Naturwissenschaftliche 
Wochenschrift 



BEGRÜNDET VON H. POTONlfi 

HERAUSGEGEBEN 
VON 

Prof. Dr H. MIEHE 

IN BERLIN 



NEUE FOLGE. 20. BAND 

(DER GANZEN REIHE 36. BAND) 

JANUAR — DEZEMBER 1921 

MIT 112 ABBILDUNGEN IM TEXT 




JENA 
VERLAG VON GUSTAV FISCHER 
1921 



Alle Rechte vorbehalten. 



Register. 



I. Größere Originalartikel 
und Sammelberlchte. 

Alvcrdes, F., Erblichkeit und Nicht- 
Erblichkeit. 377. 

Armbruster , L., Neue Urkunden über 
das älteste Haustier. 193. 

Balss, H., Über Stridulationsorganc bei 
dekapoden Crustaceen. 697. 

Berger, A., Über die Geschichte und 
die neuesten Fortschritte der Kenntnis 
der Kakteen. 353. 

Czepa, A., Die Reizwirkung der Rönt- 
gen- und Radiumstrablen. 657. 

Dahl, Fr., Täuschende Ähnlichkeit mit 
Bienen, Wespen und Ameisen. 70. 

Dahms, P., Über Pflanzenabzüge und 
Weingeist zur OrdenszeiL 177. 

Eichinger, A. , Die Entstehung von 
Roterden und Laterit. 409. 

E n g e 1 h a r d t , V., Dante und das Welt- 
bild des Mittelalters. 529. 

Färber, Ed., Das Kontinuitätsprinzip in 
der Chemie. 705. 

Fricke, H., W'ind und Wetter als Feld- 
wirkungen der Schwerkraft. 97. 

Fr öl ich, W. , Der Segelflug und ver- 
wandte Bewegungen in Luft und Was- 
ser. 197. 

Galant, S., Die .xerotherme Ameiseninsel 
Saint TriphoQ. 258. 

Garns, H. , Übersicht der organogenen 
Sedimente nach biologischen Gesichts- 
punkten. 569. 

Garns, H. , Zur Ameisengeographie von 
Mitteleuropa. 4 14. 

Gicklhorn, J., Notiz über Stentur 
igneus als Ursache auffallender Wasser- 
verfärbimg. 382. 

Goebel, K. , Pöanzcn als Wetter- 
propheten. 129. 

Greinacher, H. , Eine umkehrbare 
Ventilröhre. 381. 

Grimpe, G., Chelifer als Schmarotzer. 
628. 

Gumbel, E. J., Spekulatives aber die 
Endlichkeit der Welt. 85. 

Halbfafl, W., Kreislaufprozeß des Was- 
sers. 86. 

Hansen , A., Zur Metamorphosenlehre. 7. 

Heikertinger, Fr, Täuschende 
Ähnlichkeit mit Wespen und Bienen 
(Sphekoidie). 589. 

Heikertinger, Fr., Täuschende Ähn- 
lichkeit mit .Ameisen (Myrmekoidie). 709. 



Heller, H. , Wie orientiert sich die 
Ameise." 44g. 

H e 1 1 e r , H , Wilhelm Ustwalds Forschun- 
gen zur Farbenlehre. 425. 

Hennig, Edw. , Neue Ansichten von 
der Entstehung des Erdbildes. 681. 

Hcrfs, A. , Die Haut der Schnecken in 
ihrer Abhängigkeit von der Lebens- 
weise. 601. 

Hoppe, W. , Aufbau und geologische 
Geschichte der Sinaihalbinsel. 209. 

Kästner, M. , Bemerkungen zur Ent- 
stehtmg und Besiedlung des Trocken- 
torfs. 33. 

Keller, R., Elektromikroskopie. 665. 

Killermann, S., Zur Geschichte der 
Einführung der Papageien. 545. 

Klingelhöffer, W. , Der Farbensinn 
des Menschen und seine angeborenen 
Störungen. 321. 

Kobel, F., Problem der Wirlswahl bei 
den parasitischen Pilzen. 113. 

Kranich feld, H. , Gemeinschaftdien- 
liche Zweckmäßigkeit, die Lösung des 
Problems der Dysteleologien. 513. 

K r a n i c h f e 1 d , H. , Eine neue Unter- 
suchung der fremddienlichen Zweck- 
mäßigkeit. 617. 

Krenkel, E., Moorbildungen im tropi- 
schen Afrika. Sl. 

Kuhn, K., Die Ausbreitung der elektri- 
schen Wellen und die Konstitution der 
Atmosphäre. 8. 

Kuhn, K., Neuere Erfolge von Max- 
wells Theorie der Elektrizität. 585. 

Kuhn, O. , Zur Biologie unserer ein- 
heimischen Egel. 473. 

Küster, E., Das Typhetuni in der frühen 
deutschen Graphik. 49. 

Lenk, E., Vom Leben zum Tode. 726. 

Liek, E. , Über Altem und Verjüngung. 
l6l. 

Lilienthal, G., Über den Segelflug der 
Vögel und das Fliegen der Fische. 64I. 

Ltndinger, L., Ein neuer Weg zur 
Schädlingsforschung. 255. 

Martienssen, O. , Gesetz und Zufall 
in der Natur. 505. 

Mar Zell, H., Der Holunder (Sambucus 
nigra) in der Volkskunde. 133. 

Mertens. R., Über die Funktion des 
Schwanzes der Wirbeltiere. 721. 

Meyer, A., Empirie und Wirklichkeit. 
361. 

Mo h oro V icii , St., Die Folgerungen 



der aUgemcinen Relativitätstheorie und 

die Newtonsche Physik. 737. 
Möbius, M., Zur Metamorphose der 

Pflanzen. 739. 
Möller, W. , Der hypothetische Welt- 

älher. 577. 
N i c k e 1 , G., Äther und Kelativitätstheorie. 

430- 

Nölke, Fr., Über den Kreislaufprozeß 
des Wassers. 310. 

Ulbricht, K., Dauer der Eiszeit. 229. 

Olbricht, K., Gedanken über die Ent- 
wicklung der menschlichen Kultur usw. 
476. 

Passarge, H., Die Birotationstheorie. 
118. 

Potonie, R. , Zur Bildung der Braun- 
kohlenflöze und Ökologisches über den 
Braunkohlenwald. 225. 

Potonif, R., Paläoklimatologisches im 
Lichte der Paläobotanik. 382. 

Pratje,.\., Das Leuchten der Tiere. 433. 

Prell, H. , Die Grundtypen der gesetz- 
mäßigen Vererbung. 289. 

Radovanovitch, Was ist die Zeit- 
669. 

Rautber, M., Deszendenzprobleme, er- 
örtert an den Steinheimer Planorben. 

US- 
Reiche, K., Eine uralte Kochsalzgewin- 
nung in Mexico. 498. 
R e i n k e , J., Besitzt ein Vogel Einsicht 

in kausale Zusammenhänge- 742. 
Schmidt, A, Zur Wünschelrutenfrage. 

328- 
Scholl, J. , Einsteins Weltbild eine 

Zablenüktion? 18 1. 
Schönherr, Br., Lorentz-Einstein. I. 
Schuster, J., Hundert Jahre Phylopalä- 

ontologie in Deutschland. 305. 
Schwartz, M., Was ist Pflanzenschutz J 

532- 

Stromer, E., Die Rückbildung der Hüft- 
beine bei Seekühen. 4 II. 

Termer, Fr., Kakao und Schokolade 
bei den alten Mexicanern und anderen 
mittelamerikanischen Völkern. 65. 

Tischner, Homöopathie und moderne 
Biologie. 625. 

Vierhapper, Fr., Eine neue Einteilung 
der Pflanzengesellschaften. 265, 281. 

Vogtherr, K. , Über die kosmischen 
Bewegungen des .\thers. 393. 

Voß, H., Die künstliche Parthenogenese 
de§ Froscheies, 3>6, 



3^^4t; 



IV 



Register. 



Weber, Fr., Pflanze und Elektrizität. 
241, 249. 

Wiei3mann, H., Die biologisclien Vor- 
gänge im Boden. 489. 

Wilhelmi, J., Zur Ausgestaltung der 
Schädlingsbekämpfung. 312. 

Will er, A. , Aus dem Stoffhaushalt 
unserer Gewässer. 17. 

Willer, A., Neues über Maränen. 561. 

Winkler, H. , Christian Gottfried Nees 
von Esenbeck als Naturforscher und 
Mensch. 337. 

Zache, E. , Die chemischen Nieder- 
schläge des norddeutschen Diluviums. 

457- 
Zimmermann, R., Vorkommen des 
Ziesels in Sachsen. 102. 



II. Einzelberichte. 

A. Allgemeines, Biologie, 

Zoologie, Anatomie, 

Vererbungslehre. 

Aichel, O., Kiefer- und Zahnwachstum 

usw. 552. 
Ariens-Kappers, C. U., Weshalb ist 

die Hirnrinde gefaltet f iio. 
Barrows, A., In Stein bohrende Assclo. 

389- 

Baumann, H., Anatomie der Tardi- 
graden. 671. 

Bro wer, G. A. und V erwey , J., Vogel- 
warte Noordwijk aan Zee. 106. 

Coccidium bigeminum bei Füchsen. 304. 

D e c o p p e t , M., Maikäferproblem in der 
Schweiz. 299. 

Eggeling, H. V., Inwieweit ist der Wurm- 
fortsatz am menschlichen Blinddarm ein 
rudimentäres Gebilde? J02. 

Fehlinger, H. , Das Carnegie-Institut 
zu Washington. 12. 

Floericke, K., GewöUuntersuchungen. 

539- 

Friedenthal, H., Bildung der mensch- 
lichen Geschlechtszellen. 465. 

Goldschmidt, R. , Die quantitative 
Grundlage von Vererbung und Artbil- 
dung. 331. 

Grote, H., Ornis Rufllands. 523. 

Henning, H., Farbige Ölkugeln im 
Sauropsidenauge. 692. 

Hesse, Einfluß des Untergrundes auf 
das Gedeihen des Rehes. 639. 

Hermaphroditismus bei verschiedenge- 
schlechtlichen Zwillingen des Rindes. 

233- 

Holmgren, N., Parietalorgane und 
ihre Innervation bei Fischen. 346. 

Holmgren, N. , Nervus terminalis bei 
Knochenfischen. 348. 

Jegen, G., Biologie und Anatomie eini- 
ger Enchylräiden. 57. 

Karstedt, Blastogener Hermaphroditis- 
mus. 152. 

Key, W. E., Erbveranlagung und soziale 
Tüchtigkeit. 349. 

Klaatsch, H., Ausbildung der mensch- 
lichen GliedmaSen. 370. 

Komarek, Höhlenfauna. 690. 

Kunze, K., Zentralnervensystem der 
Weinbergschnecke. 676. 

Latzin, H., Möglichkeiten der theore- 
tischen Biologie. 453. 



Mackens en, C. v.. Künstliche Beleuch- 
tung der Hühnerställe. 717. 

Martell, P., Stammesgeschichte des 
Hausrindes. 745. 

Math er, T. , Naturschutz in den Ver- 
einigten Staaten, 55. 

Naturschutz in Holland. 3S8. 

Naumann, Raubseeschwalbe. 747. 

Pax, F., Schlesiens Stellung in tiergeo- 
graphischer Hinsicht. 644. 

Plath, O. E. , Blutsaugende Fliegen- 
larven. 334. 

Prell, Problem der Unbefruchtbarkeit. 
440. 

Schömmer, Geschlechtsbestimmung im 
Hühnerei. 184. 

Schrader, Geschlechtsbestimmung bei 
den Mottenläusen, go. 

Schulze, P., Deutsche Hydren. 398. 

Schulze, P., Cordylophora lacustris. 
651. 

Schuster, W., Nahrung der am Wasser 
lebenden Vögel. 109. 

Seyfarth, C, Langerhanssche Inseln. 
716. 

Spemann, H. und Falkenberg, H., 
Zum Determinationsproblem. 369. 

Steinhardt, Elefant des Kaokofeldes. 
612. 

Study, Für und wider Darwin. 555. 

Verne, J. , Die Natur des roten Farb- 
stoffes der Crustaceen. 55- 

Versluys,J., Limulus, eine zum Wasser- 
leben übergegangene Arachnoide ? loö. 

Volz, W., Urwald als Lebensraum. 202. 

Wachs, H., Restitution des Auges nach 
E.\stirpation von Retina und Linse bei 
Tritonen. 123. 

Weigold, H., Wanderungen der See- 
schwalben. 371. 

Wille, J., Deutsche Schabe. 319. 

Zeleny, Rückbildung der Augen bei 
Drosophila. 648. 

Zimmermann, R. , Ende des Wisents. 
107, 717. 

Zimmermann, R., Kurzohrige Erdmaus, 
Microtus subterraneus. 223. 



B. Botanik, Bakteriologie, 
Landwirtschaft. 

Andre, Ursachen des periodischen Dik- 
kenwachstums des Stammes. 153. 

Barlot, J., Farbreaktionen zur Unter- 
scheidung der Pilze. 154. 

Baumgärtel, O., Problem der Zyano- 
phyzeenzelle. loS. 

Brudeck, M. J., Desinfektionskraft von 
Formaldehydpräparat K. p. und Kresol- 
präparat Nr. 72. 350. 

Bracht, E. , Surapfzypressenwald in 
Florida. 124. 

Bürge ff, H., Sexualität und Parasitis- 
mus. 204. 

Burgeff, H., Eigenartige Form des 
Parasitismus. 137. 

Geyr v. Schweppenburg, Pflanzen- 
geographie der inneren Sahara. 318. 

Gothan, W., Weiteres über die „ältesten 
Landpflanzea". 39g. 

Heinricher, E., Mistel und Birnbaum. 
28. 

Heinricher, Bestäubung der Mistel. 
232. 

Haberlandt, G. , Wundhormone als 
Erreger von Zellteilungen. 592. 



Kühl, H. , Bekämpfung von Pflanzen 
Schädlingen mit kolloidalem Schwefel 
636. 

Melchior, H. , Saugorgane der Mistel 

554- 
Molisch, H., Aschenbild und Pflanzen 

Verwandtschaft. 234. 
Murbeck, Sv. , Biologie der Wüsten 

pflanzen. 220. 
Riede, ,,Hydropoten" bei Wasserpflanzen 

535- 
Schneider und Kochmann, Hirten 

täschel in der Medizin, 230. 
Schulz, A. , Ein vergessener Botanike: 

des 16. Jahrhunderts. 417. 
Simon, S. V., Stoffstauung und Neu 

bildungsvorgänge in isolierten Blättern 

1S3. 
Skottsberg, C. , Botanischer Garten 

mit Naturschutzgebiet. 691. 
Tröndle, Aufnahme von Stoffen in die 

Zelle, 158. 
Wettstein, F. v., Reinkultur der Algen. 

6S9. 
Wettstein, ^. v,, Künstliche Partheno- 
genese bei Vaucheria, 467. 
W i s s e 1 i n g h , C, v., Untersuchungen über 

Osmose. 136. 



C. Physiologie, Medizin 

(einschl. Veterinärmedizin), 

Psychologie, Hygiene. 

Ankylostomum in Tierbeständen. 304. 

Biedermann, W. , Wesen und Ent- 
stehung diastatischer Fermente. 221. 

Carre, Wie eine Infektionskrankheit ent- 
steht. 745. 

Domo, Einflüsse des Klimas auf die 
Gesundheit. 153. 

Ernst, Schutzimpfung bei Maul- und 
Klauenseuche. 746. 

Fox, H., Erkrankung der Pankrfasdrüse 
bei Tieren. 304. 

Gildemeister, Erforschung der mensch- 
lichen Hörgrenze. 631. 

Gley, Lehre von der inneren Sekretion. 

75- 
Kunze, Die Empfindung der Richtung, 

aus der der Schall kommt. lo. 
Langer, Chemotherapeutische Leistung. 

693- 

L e u p o 1 d , Beziehungen zwischen Neben- 
nieren und Keimdrüsen. 419. 

Nervöse Erscheinungen bei Tieren infolge 
von Eingeweidewürmern. z6o. 

Pferderäude, Übergang auf den Menschen. 
704. 

Ratten als Überträger der Trichophytie 
beim Pferde. 183. 

Reuter, Spirochätenkrankheit beiVögeln. 

155- 

S z ä s z , Technik des Geflügelimpfens. 200. 

Zwaardemaker, Physiologische Wirk- 
samkeit des Kaliums. 713. 



D. Geologie, Hydrographie, 
Paläontologie, 

Bärtling, R. , Die Endmoränen der 
Hauptvereisung zwischen Teutoburger 
Wald und Rheinischen Schiefergebirge. 

59- 

liergt, W. , Das Muttergestein des Ser- 



Kegisler. 



pentias im sächsischen üranulitgcbirge. 

370- 

Brauns, R., Meteorstein von Forsbach. 
276. 

Cloos, R., Geologie der Schollen im 
schlesiscben Tiefengestein. 156. 

Cloos, H., Mechanismus tiefvulkanischer 
Vorgänge. 701. 

Feh linger , H., Bergbau in Me.xiko. 319. 

GletscherbeweguDg in der Schweiz im 
Jahre 1919. 56. 

Haenel, H., Warum schlägt die Wün- 
schelrute aus? II. 

Heim, A., Deckentheorie an der Grenze 
von West- und Ostalpen. 204. 

Hilber, V., Die geologische Stellung 
des Faläolithikums. 54. 

Hohen stein, V., Die Löß- und Schwarz- 
erdeböden Rheinhessens. 58. 

Hohenstein, V., Schlesische Schwarz- 
erde. 594. 

Jäger, Fr., Die Austrocknung Südafri- 
kas. 52. 

KoSmat, Geologische Bedeutung der 
Schweremessung. 453. 

Krenkcl, G. , Beriebt über eine For- 
schungsexpedition in Deutsch-Ostafrika. 

53- 

Mügge, O. , Petrographie des älteren 
Paläozoikums zwischen Albungen und 
Witzenhausen. 86. 

zur Mühlen, L. v., Magnesitbergbau 
am Galgenberg bei Zobten. 333. 

zur Mühlen, L. v.. Die baltischen Öl- 
schiefer. S50. 

Neynaber, K., Wirkung von Spreng- 
granaten und Minen auf verschiedene 
Bodenarten. 302. 

Pfizenmeyer, Mammutvorkommen im 
Jakutsgebiet. 732. 

Philipp, H., Eine neue Theorie der 
Gletscherbewegung. 274. 

Range, P., Geologie und Mineralschätze 
Angelas. 301. 

Schmitz, G., Deutsche Olschieferlager. 
452. 

Schneider höhn, H., Asphaltgänge im 
Fischflußsandstein im Süden von Süd- 
westafrika. 89. 

Stutzer, O. , Geologie der oligozänen 
Pechkohlenflöze Oberbayerns. 332. 

Werth, E. , Dauer der Spät- und Post- 
glazialzeit. 29. 

Wüst, G., Verdunstung auf dem Meere. 
58- 



E. Geographie. 

Klute, F., Geographie des Kilima- 
ndscharogebiets. 235. 

Mager, F., Kurland. 348. 

Rein, G. K., Abessinien. 673. 

Sapper, K. , Innertropische Akklimati- 
sation. 595. 

Skottsberg, C. , Die Juan-Fernandez- 
(Robinson-)lnseln. 596. 

Wi tiaczil , E., Die Grenzlage Wiens. 11. 



F. Völkerkunde, Anthropologie, 
Vorgeschichte. 

Baker, F. C, Eiszeitliche Menschen- 
knochen in Nordamerika. 598. 
Davenport, C. B. und Love, A. G., 



Körpeimängel in den Vereinigten Staa- 
! tcn. 157. 

McDougall, W. , Psychische Veran- 
lagung und Volkscharakter. 405. 

C o h n , L. , Zweck des Tragens von 
Nasen-, Lippen- und Wangenpilöcken. 
13s- ' 

Fischer, E., Variieren der morphologi- 
schen und physiologischen Merkmale ' 
der Menschen. 41Ö. 

Hilzheimer, Ursprung des Menschen- 
geschlechts. 123. 

Klaatsch, Die Entstehung der artiku- 
lierten Sprache. 418. 

K r a u s e , G r., Ethnologie der Balier. 610. 

Martin, R., Bedeutung einer anthropo- 
logischen Untersuchung der Jugend. 109. 

Martin, R., Skelettkultur. 650. 

Montelius, Absolute Datierung der 
i älteren und jüngeren Steinzeit. 170. 

Smith, E. VV. und Dale, A. M., Die 
Ilavölker Nord-Rhodesiens. 537. 

Teßmann, G., Weltanschauung der Na- 1 
turvölker. 63S. ' 

Verworn, M. , Bonnet, R. , Stein- 
mann, G., Die diluvialen Skclettfundc 
von Oberkassel bei Bonn. 402. | 

Werth, Altsteinzeitliche Funde im Sinai- 
gebietc. 275, 



G. Physik, Meteorologie, 
Astronomie. 

A b b o t , Helligkeitsänderungen der Sonne. 
420. 

Bergstrand, Entfernung des großen 
Orionnebels. 90. 

Dreis, J., Wolkenstruktur und Wolken- 
flächen. 15. 

Fowler, W., Doppelstern vom Algol- 
typus. 537. 
! Gehlhoff, G. und Schering, H., Ab- 
sorptionsmessungen in Luft. 172. 

Graff, Hauptebene der Milchstraße. 446. 

G u ra b e 1 .Wahrscheinlichkeitstheoretische 
Betrachtungen zur Endlichkeit der Welt. 

731- 

Jahreszeitlypen. 186. 

John, St., Keine Bestätigung der Rela- 
tivitätstheorie. 420. 

Kapteyn und van Rhijn, Gesetz der 
Verteilung der Fixsterne. 78. 

Lenard, Gegen die Relativitätstheorie. 

S5I- 
Ludendorff und Heiskanen, Radial- 
I geschwindigkeit der veränderlichen 
! Sterne. 551. 

j Meyermann, Ring des Saturn. 421. 
; M i 1 1 i k a n , Ausdehnung des ultravioletten 
! Spektrums. 79. 
O 1 1 m a n n s , Mechanik der physikalischen 

Anziehungserscheinungen. 231. 
Pease und Anderson, Ein Gasstern. 

446. 
Pickering, Durchmesserraessung eines 

Fixsterns. 637. 
Ramsauer, C., Lichtelektrische Wirkung 

unterteilter Lichtquanten. 611. 
Regener, E., Unterschreitung des Ele- 

mentarquantums. 95. 
Rutherford, Zerlegung von Elementen 

durch «-Strahlen. 728. 
Shapley, Neue Forschungen auf dem 

Gebiete der Stellarastronomie. 536. 
Slipher, Spiralnebel mit auffallend 
großen Geschwindigkeiten. 421. 



Stcbbins, Algol. 552. 

Tietgen, H., Tönen der Telegraphen- 

und Fernsprcchleitungen. 57. 
Tubandt, C, Die Eleklrizitätsleitung in 

festen kristallisierten Stoffen. 387. 
Walter, B. , Solarisationserscheinungen. 

155- 

We th, M., Der positive Spitzenstrom. 121. 

Wiechert, .Äther im Weltbild der Phy- 
sik. 037. 

Zecher, G., Dopplereffekt im Röntgen- 
spektrum. 260. 



H. Chemie, Mineralogie, 
Kristallographie. 

Aminoff, G. , s. Flink. 

Asch an, O., Neue Bestandteile des Ko- 
lophoniums. 647- 

Auerbach, R., Polychromie des kollo- 
idalen Schwefels. 92. 

Bagster, L. S., s. Dehn. 

Bamberger, M. und Grengg, R., 
Farben von Mineralien bei tiefen Tem- 
peraturen. 317. 

Böggild, O. B., Neue Mineralien. 316. 

Bragg, W. L,, Anordnung der Atome. 
in Kristallen. 608. 

Bruhns, G., Hilfsmittel für Ablesen an 
Büretten. 452. 

Bürki Fr., und Schaaf , F., Zerfall des 
Hydroperoxyds durch Basen. 715. 

C 1 a s s e n , A. und N e y , O., Atomgewicht 
des Wismuts. 299. 

Cooling, G, s. Dehn. 

Crommelin, Elektrischer Widerstand 
der Metalle bei tiefen Temperaturen. 

55°- 

Dehn, M., Theorie chemischer Um- 
setzungen. 29S. 

Dennison, D. M. , Kristallstruktur des 
Eises. 582. 

Dhar, N. R. und Ch att erj i, G., Pepti- 
sation. 646. 

Dittler, E. , Experimentelle Versuche 
zur Bildung silikatischer Nickelerze. 173. 

Eitel, W., Zinkblende im Basalt des 
Bühls bei Kassel. 104. 

Fischer, Fr. undSchrader, H., Her- 
kunft des Benzols bei der Leuchtgas- 
gewinnung. 93. 

Flink, G., Neue Mineralien. 633. 

Gibbs, W., Neue Form der Phasen- 
regel. 715. 

Groh, J. und Hevesy, G. v., Selbst- 
diffusionsgescliwindigkeit des geschmol- 
zenen Bleis. 201. 

Haller, R., Hydroperoxyd als Lösungs- 
mittel 11. 371. 

Hatschek, E, Abnorme Liesegangsche 
Schichtungen. 92. 

Heß, K., Aufbau der Zellulose. 467. 

Hieber, W., Methode zur Bestimmung 
allelotroper Gleichgewichte. 672. 

Hoff mann, Radioaktivität aller Ele- 
mente. 139. 

Hönigschmidt, O. undBirkenbach, 
Atomgewicht des Wismut. 56. 

Hönigschmid, O. und Dir ken bac h , 
L., Atomgewicht des Berylliums. 567. 

Hüll, A. V/., Röntgenstrahlenanalyse der 
Kristallstruktur von Metallen. 58 1. 

Hüll, A. W., Kristallstruktur des Cal- 
ciums. 671. 

Kossei, A. und Giese, G. , Farbstoff 
des grünen Eiters. 33 1. 



IV 



Register. 



Weber, Fr., Pflanze und Elektrizität. 
241, 249. 

Wießmann, H., Die biologischen Vor- 
gänge im Boden. 489. 

Wilhelmi, J., Zur Ausgestaltung der 
Schädlingsbekämpfung. 312. 

Will er, A. , Aus dem Stoff haushält 
unserer Gewässer. 17. 

Willer, A. , Neues über Maränen. 561. 

Winkler, H. , Christian Gottfried Nees 
von Esenbeck als Naturforscher und 
Mensch. 337. 

Zache, E. , Die chemischen Nieder- 
schläge des norddeutschen Diluviums. 

457- 
Zimmermann, R., Vorkommen des 
Ziesels in Sachsen. 102. 



II. Einzelberichte. 

A. Allgemeines, Biologie, 

Zoologie, Anatomie, 

Vererbungslehre. 

Aichel, O., Kiefer- und Zahnveachstum 

usw. 552. 
Ariens-Kappers, C. U., Weshalb ist 

die Hirnrinde gefaltet? HO. 
Barre WS, A., In Stein bohrende Asseln. 

389. 

Baumann, H. , Anatomie der Tardi- 
graden. 671. 

Bro wer, G. A. und Ve rwey , J., Vogel- 
warte Noordwijk aan Zee. 106. 

Coccidium bigeminum bei Füchsen. 304. 

Decoppet, M., Maikäferproblem in der 
Schweiz. 299. 

Eggeling , H. V., Inwieweit ist der Wurm- 
fortsatz am menschlichen Blinddarm ein 
rudimentäres Gebilde? 702. 

Fehlinger, H. , Das Carnegie-Institut 
zu Washington. 12. 

Floericke, K., Gewölluntcrsuchungen. 

539- 

Friedenthal, H., Bildung der mensch- 
lichen Geschlechtszellen. 465. 

Goldschmidt, R. , Die quantitative 
Grundlage von Vererbung und Artbil- 

duDg. 331- 

Grote, H., Ornis Rußlands. 523. 

Henning, H., Farbige Olkugeln im 
Sauropsidenauge. 692. 

Hesse, Einfluß des Untergrundes auf 
das Gedeihen des Rehes. 639. 

Hermaphroditismus bei verschiedenge- 
schlechtlichen Zwillingen des Rindes. 

233. 

Holmgren, N. , Parietalorgane und 
ihre Innervation bei Fischen. 346. 

Holmgren, N. , Nervus terminalis bei 
Knochenfischen. 348. 

Je gen, G., Biologie und Anatomie eini- 
ger Enchyträiden. 57. 

Karstedt, Blastogener Hermaphroditis- 
mus. 152. 

Key, W. E., Erbveranlagung und soziale 
Tüchtigkeit. 349. 

Klaatsch, H., Ausbildung der mensch- 
lichen Gliedmaßen. 370. 

Komarek, Höhlenfauna. 690. 

Kunze, K., Zentralnervensystem der 
Weinbergschnecke. 676. 

Latzin, II., Möglichkeiten der theore- 
tischen Biologie. 453. 



Macke nsen, C. v., Künstliche Beleuch- 
tung der Hühnerställe. 717. 

Mar teil, P. , Stammesgeschichte des 
Hausrindes. 745. 

Mather, T. , Naturschutz in den Ver- 
einigten Staaten. 55. 

Naturschutz in Holland. 3S8. 

Naumann, Raubseeschwalbe. 747. 

P a X , F., Schlesiens Stellung in tiergeo- 
graphischer Hinsicht. 644. 1 

Plath, O. E. , Blutsaugende Fliegen- 
larven. 334. 

Prell, Problem der Unbefruchtbarkeit. 

j 440- 

ISchömmer, Geschlechtsbestimmung im 
Hühnerei. 184. 
Schrader, Geschlechtsbestimmung bei 

den Mottenläusen. 90. 
Schulze, P., Deutsche Hydren. 398. 
[Schulze, P., Cordylophora lacustris. 
j 651. 
'Schuster, W., Nahrung der am Wasser 

lebenden Vögel. 109. 
Seyfarth, C, Langerhanssche Inseln. 

I 716- 

Spemann, H. und Falkenberg, H., 
i Zum Determinationsproblem. 369. 
jSteinhardt, Elefant des Kaokofeldes. 
I 612. 

Study, Für und wider Darwin. 555. 

Verne, J. , Die Natur des roten Farb- 
stoffes der Crustaceen. SS- 
Vers 1 u y s , J., Limulus, eine zum Wasser- 
leben übergegangene Arachnoide ? 106. 

V o I z , W., Urwald als Lebensraum. 202. 

Wachs, H., Restitution des Auges nach 
E.xstirpation von Retina und Linse bei 
Tritonen. 123. 

Weigold, H., Wanderungen der See- 
schwalben. 371. 

Wille, J., Deutsche Schabe. 319. 

Zeleny, Rückbildung der Augen bei 
Drosophila. 648. 

Zimmermann, R. , Ende des Wisents. 
107, 717. 

Zimmermann, R., Kurzohrige Erdmaus, 
Microtus subterraneus. 223. 



B. Botanik, Bakteriologie, 
Landwirtschaft. 

Andre, Ursachen des periodischen Dik- 
kenwachstums des Stammes. 153. 

Barlot, J., Farbreaktionen zur Unter- 
scheidung der Pilze. 154. 

Baumgärtel, O., Problem der Zyano- 
phyzeenzelle. 108. 

Brudeck, M. J., Desinfektionskraft von 
Formaldehydpräparat K. p. und Kresol- 
präparat Nr. 72. 350. 

Bracht, E. , Sumpfzypressenwald in 
Florida. 124. 

Burgeff, H., Sexualität und Parasitis- 
mus. 204. 

Burgeff, H. , Eigenartige Form des 
Parasitismus. 137. 

Geyrv. Schweppenburg, Pflanzen- 
geographie der inneren Sahara. 318. 

Gothan, W., Weiteres über die „ältesten 
Landpflanzen". 399. 

Heinricher, E., Mistel und Birnbaum. 
28. 

Heinricher, Bestäubung der Mistel. 
232. 

Haberlandt, G. , Wundhormone als 
Erreger von Zellteilungen. 592. 



Kühl, II., Bekämpfung von Pflanzen 
Schädlingen mit kolloidalem Schwefel 
636. 

Melchior, H. , Saugorganc der Mistel 

554- 

Molisch, II., Aschenbild und Pflanzen- 
verwandtschaft. 234. 

Murbeck, Sv. , Biologie der Wüsten 
pflanzen. 220. 

Riede, „Hydropotcn" bei Wasserpflanzen 

535- 
Schneider und Koehmann, Hirten 

täschel in der Medizin. 230. 
Schulz, A. , Ein vergessener Botanike 

des 16. Jahrhunderts. 417. 
Simon, S. V., StolTstauung und Neu 

bildungsvorgänge in isolierten Blättern 

1S3. 
Skottsberg, C. , Botanischer Garten 

mit Naturschutzgebiet. 69 1. 
Tröndle, Aufnahme von Stoffen in die 

Zelle. 158. 
Wettstein, F. v., Reinkultur der Algen. 

689. 
We ttst ein , «J. v.. Künstliche Partheno- 
genese bei Vaucheria. 467. 
W i s s e 1 i n g h , C. v., Untersuchungen über 

Osmose. 136. 



C. Physiologie, Medizin 

(einschl. Veterinärmedizin), 

Psychologie, Hygiene. 

Ankylostomum in Tierbeständen. 304. 
Biedermann, W. , Wesen und Ent- 
stehung diastatischer Fermente. 221. 
Carre, Wie eine Infektionskrankheit ent- 
steht. 745. 
Dorno, Einflüsse des Klimas auf die 
Gesundheit. 153. 
' Ernst, Schutzimpfung bei Maul- und 
Klauenseuche. 746. 
Fox, H., Erkrankung der Pankreasdrüse 
i bei Tieren. 304. 

; Gildemeister, Erforschung der mensch- 
I liehen Hörgrenze. 63I. 
j Gley, Lehre von der inneren Sekretion. 

75- 
[Kunze, Die Empfindung der Richtung, 
aus der der Schall kommt. 10. 
Langer, Chemotherapeutische Leistung. 

! 693. 

L e u p o 1 d , Beziehungen zwischen Neben- 
nieren und Keimdrüsen. 419. 

Nervöse Erscheinungen bei Tieren infolge 
von Eingeweidewürmern. 260. 

Pferderäude, Übergang auf den Menschen. 
704. 

Ratten als Überträger der Trichophytie 
beim Pferde. 183. 

Reuter, Spirochätenkrankheit beiVögeln. 

155- 

S z ä s z , Technik des Geflügelimpfens. 200. 

Zwaardemaker, Physiologische Wirk- 
samkeit des Kaliums. 713. 



D. Geologie, Hydrographie, 
Paläontologie. 

Bärtling, R., Die Endmoränen der 
Hauptvereisung zwischen Teutoburgcr 
Wald und Rheinischen Schiefergebirge. 

59- 

Bergt, W. I Das Muttergestein des Scr- 



Register. 



pcütins im sächsischen Granulilgebirge. 

370- 

Brauns, R., Meteorstein von Forsbach. 
276. 

Cloos, R., Geologie der Schollen im 
schlesischen Tiefengestein. 156. 

Cloos, H., Mechanismus tiefvulkanischer 
Vorgänge. 701. 

Kehlinger , H., Bergbau in Mexiko. 319. 

Gletscherbewcgung in der Schweiz im 
Jahre 1919. 56, 

Uaenel, H., Warum schlägt die Wün- 
schelrute aus? II. 

Heim, A., Deckentheorie an der Grenze 
von West- und Ostalpen. 204. 

Hilber, V,, Die geologische Stellung 
des Paläolithikums. 54. 

Hohcnstein,V., Die Löfl- und Schwarz- 
erdeböden Rheinhessens. 58. 

llohenstein, V., Schlesische Schwarz- 
erde. 594. 

Jäger, Fr., Die Austrocknung Südafri- 
kas. 52. 

Koßmat, Geologische Bedeutung der 
Schweremessung. 453. 

Krenkel, G. , Bericht über eine For- 
schungsexpedition in Deutsch-Ostafrika. 

53- 

Mügge, O. , Petrographie des älteren 
Paläozoikums zwischen Albungen und 
Witzenhausen. 86. 

zur Mühlen, L. v., Magnesitbergbau 
am Galgenberg bei Zobten. 333. 

zur Mühlen, L. v.. Die baltischen Öl- 
schiefer. 550. 

Neynaber, K., Wirkung von Spreng- 
granaten und Minen auf verschiedene 
Bodenarten. 302. 

Pfizenmeyer, Mammulvorkommen im 
Jakutsgebiet. 732. 

Philipp, H., Eine neue Theorie der 
Gletscherbewegung. 274. 

Range, P., Geologie und Mineralschätze 
Angelas. 301. 

Schmitz, G., Deutsche Ölschieferlager. 
452. 

Schneider höhn, H., Asphaltgänge im 
Fischflußsandstein im Süden von Süd- 
westafrika. 89. 

Stutzer, O. , Geologie der oligozänen 
Pechkohlenflöze Oberbayerns. 332. 

Werth, E. , Dauer der Spät- und Post- 
glazialzeit. 29. 

Wüst, G., Verdunstung auf dem Meere. 
58- 



E. Geographie. 

Klute, F., Geographie des Kih'ma- 
ndscharogebiets. 235. 

Mager, F., Kurland. 34S. 

Rein, G. K., Abessinien. 673. 

Sapper, K. , Innertropische Akklimati- 
sation. 595. 

Skottsberg, C. , Die Juan-Fernandez- 
(Robinson-)Inseln. 596. 

Witlaczil, E., Die Grenzlage Wiens. 11. 



F. Völkerkunde, Anthropologie, 
Vorgeschichte. 

Baker, F. C, Eiszeitliche Menschen- 
knochen in Nordamerika. 598. 
Davcnport, C. B. und Love, A. G., 



j Körperraängel in den Vereinigten Staa- 
! ten. 157. 

McDougall, W. , Psychische Veran- 
lagung und Volkscharakter. 405. 

C o h n , L. , Zweck des Tragens von 
Nasen-, Lippen- und Wangenpflöcken. 
' _i38. 

j Fischer, E., Variieren der morphologi- 
schen und physiologischen Merkmale 
der Menschen. 416. 

Hilz heimer, Ursprung des Menschen- 
geschlechts. 123. 

Klaatsch, Die Entstehung der artiku- 
lierten Sprache. 418. 

Krause, Gr., Ethnologie der Balier. 610. 

Martin, R., Bedeutung einer anthropo- 
logischen Untersuchung der Jugend. 109. 

Martin, R., Skelettkultur. 650. 

Montelius, Absolute Datierung der 
älteren und jüngeren Steinzeit. 170. 

Smith, E. W. und Dale, A. M., Die 
Ilavölker Nord-Rhodesiens. 537. 

Teßmann, G., Weltanschauung der Na- 
turvölker. 63S. 

Verworn, M. , Bonnet, R. , Stein- 
mann, G., Die diluvialen Skelettfundc 
von Oberkassel bei Bonn. 402. 

Werth, Altsteinzeitliche Funde im Sinai- 
gebietc. 275. 



G. Physik, Meteorologie, 
Astronomie. 

A b b o t , Ilelligkeitsänderungen der Sonne. 

420. 
Bergstrand, Entfernung des großen 

Orionnebels. 90. 
Dreis, J., Wolkenstruklur und Wolken 
I flächen. 15. 

IFowler, W., Doppelstern vom Algol 
I typus. 537. 
I Gehlhoff , G. und Schering, H., Ab 

Sorptionsmessungen in Luft. 172. 
Graff, Hauptebene der Milchstraße. 446 
G u m b e 1 , Wahrscheinlichkeitstheoretische 

Betrachtungen zur Endlichkeit der Welt 

731- 
Jahreszeittypen. 1S6. 

John, St., Keine Bestätigung der Rela- 
tivitätstheorie. 420. 
Kapteyn und van Rhijn, Gesetz der 

Verteilung der Fixsterne. 78. 
Lenard, Gegen die Relativitätstheorie. 

SSI- 
Lude ndorff und Heiskanen, Radial- 
geschwindigkeit der veränderlichen 

Sterne. 551. 
Meyermann, Ring des Saturn. 421. 
M i 1 1 i k a n , Ausdehnung des ultravioletten 

Spektrums. 79. 
1 1 m a n n s , Mechanik der physikalischen 

Anziehungserscheinungen. 231. 
Pease und Anderson, Ein Gasstern. 

446. 
Picke ring, Durchmessermessuog eines 

Fixsterns. 637. 
Ramsauer, C, Lichtelektrische Wirkung 

unterteilter Lichtquanten. 61 1. 
Regener, E,, Unterschreitung des Ele- 
mentarquantums. 95. 
Rutherford, Zerlegung von Elementen 

durch «-Strahlen. 728. 
Shapley, Neue Forschungen auf dem 

Gebiete der Stellarastronomie. 536. 
Slipher, Spiralnebel mit auffallend 

großen Geschwindigkeiten. 421. 



Steh bin s, Algol. ^52. 

Tietgen, H., Ionen der Telegraphen- 

und Fernsprcchleitungen. 57. 
Tubandt, C, Die Elektrizitätsleitung in 

festen kristallisierten Stoffen. 387. 
Walter, B. , Solarisationserscheinungen. 

ISS- 

We th, M., Der positive Spitzenstrom. 121. 

Wie eher t, .Äther im Weltbild der Phy- 
sik. 637. 

Zecher, G., Dopplereffekt im Röntgen- 
spektrum. 260. 



H. Chemie, Mineralogie, 
Kristallographie. 

Aminoff, G., s. Flink. 

Asch an, O., Neue Bestandteile des Ko- 
lophoniums. 647. 

Auerbach, R., Polychromie des kollo- 
idalen Schwefels. 92. 

Bagster, L. S., s. Dehn. 

Bamberger, M. und Grengg, R., 
Farben von Mineralien bei tiefen Tem- 
peraturen. 317. 

Böggild, O. B., Neue Mineralien. 316. 

Bragg, W. L., Anordnung der Atome 
in Kristallen. 608. 

Bruhns, G., Hilfsmittel für Ablesen an 
Büretten. 452. 

Bürki Fr., und Schaaf, F., Zerfall des 
Hydroperoxyds durch Basen. 715. 

C lassen, A. und Ney, O., Atomgewicht 
des Wismuts. 299. 

Cooling, G, s. Dehn. 

Crommelin, Elektrischer Widerstand 
der Metalle bei tiefen Temperaturen. 

550- 

Dehn, M., Theorie chemischer Um- 
setzungen. 29S. 

Dennison, D. M. , Kristallstruktur des 
Eises. 5S2. 

Dhar, N. R. und Ch atte rj i, G, Pepti- 
sation. 646. 

Dittler, E. , Experimentelle Versuche 
zur Bildung silikatischer Nickelerze. 173. 

Eitel, W., Zinkblende im Basalt des 
Bühls bei Kassel. 104. 

Fischer, Fr. und Schrader, H. , Her- 
kunft des Benzols bei der Leuchtgas- 
gewinnung. 93. 

Flink, G., Neue Mineralien. 633. 

Gibbs, W., Neue Form der Phasen- 
regeL 715. 

Groh, J. und Hevesy, G. v., Selbst- 
diffusionsgeschwindigkeit des geschmol- 
zenen Bleis. 201. 

Hall er, R., Hydroperoxyd als Lösungs- 
mittel II. 371. 

Hatschek, E, Abnorme Liesegangsche 
Schichtungen. 92. 

Heß, K., Aufbau der Zellulose. 467. 

Hieber, W., Methode zur Bestimmung 
allelotroper Gleichgewichte. 672. 

Hoff mann, Radioaktivität aller Ele- 
mente. 139. 

Hönigschmidt, O. und Birken b ach, 
Atomgewicht des Wismut. 56. 

Hönigschmid, O. und Birken b ach , 
L., Atomgewicht des Berylliums. 5O7. 

Hüll, A. W., Röntgenstrahlenanalyse der 
Kristallstruktur von Metallen. 58 1. 

Hüll, A. W., Krislallstruktur des Cal- 
ciums. 671. 

Kossei, A. und Giese, G. , Farbstoff 
des grünen Eiters. 331. 



VI 



Register. 



Leitmeier, H. und H e 1 1 w i g , H., Ver- 
suche über die Entstehung von Ton- 
erdephosphaten. 184. 

Lorenz, R., Trennung der Isotopen des 
Chlors. 566. 

Manzelius, R., s. Klink. 

Merling, R., s. Dehn. 

Müller, A., Konstitution des Reuniols. 

TAI- 

Nishikawa, S. und Asabara, G., 
Untersuchung von Metallen mittels Rönt- 
genstrahlen. 136. 

I'aneth, F., Bleiwasserstoff. 94. 

Pufahl, O., Neues Mineral in Dcutsch- 
Südwestafrika. 259. 

Reis, A. , Zur Kenntnis der Kristall- 
gitter. 13. 

Röhm, C, Neues Eisensah. 715. 

Spangenberg, K., Einfache Vorrich- 
tung zur Darstellung von beliebigen 
Kristallstrukturmodellen. 418. 

Tammann, G. , Über farbloses Queck- 
silberjodid. 27. 

Tertsch, H., Atomsymmetrie. 703. 

Willstätter, R. und W a 1 d s c h m i d t - 
Leitz, E., Theorie und I'ra.'iis kataly- 
tischer Hydrierungen. 396. 

Willstätter, R. und W a I d s c h ni i d t - 
Leitz, E., Seifen mit ringförmigen 
Kohleustoffsystemen. 746. 

Wyckoff, R. W. G., Kristallstruktur 
einiger Karbonate der Caicitgruppc. 
140. 

Vegard, L., Konstitutiun der Misch- 
kristalle. 635. 



IV. Bücherbesprechungen. 

Abraham, M., Theorie der Elektrizität. 

391. 

Adametz, L, , Herkunft und Wande- 
rungen der Hamiten. 160. 

Albertus Magnus, De animalibus. 
584. 

Alverdes, Er., Rassen- und Artbildung. 

734- 

Andree, K., Geologie des Meeres- 
bodens. 175. 

Arndt, K., Die Bedeutung der Kolloide 
für die Technik. 63. 

.Astronomisches Handbuch. 749. 

Auerbach, F., Wörterbuch der l'hysik. 
206. 

La Baume, W. , Vorgeschichte von 
Westpreuflen. 143. 

Bavink, B. , Einführung in die organi- 
sche Chemie. 43 . 

Beck, R., Protothamnopteris Baldauti 
usw. 472. 

Behrend, Fr., Kupfer- und Schwefel- 
erze Osteuropas. 487. 

Bein, W., Der Stein der Weisen. 320. 

Berger, H., Psychophysiologie. 543. 

Berndt, G., Physikalisches Wörterbuch. 
206. 

Beutner, K. , Entstehung elektrischer 
Ströme in lebenden Geweben usw. 128. 

Bezold W. und Seitz, W. v., Farben- 
lehre. 623. 

B i 1 1 z , W., Ausführung qualitativer Ana- 
lysen. 406. 

Hinz, A. , Schul- und Exkursionsflora 
der Schweiz. 158. 

Bloch , W., Einführung in die Relativitäts- 
theorie. 504. 



Bodfors, Sv., .\thyleno.\yde. 541. 
Born, A., Allgemeine Geologie. 640. 
Born, M., Aufbau der Materie. 584. 
Born, M., Relativitätstheorie Einsteins 

und ihre physikalischen Grundlagen. 483. 
Boveri-Boner, V., Beiträge zur ver- 

gleichendfen Anatomie der Nephridien 

niederer Oligochälen. 407. 
v. Braun, J., Chemische Konstitution 

und physiologische Wirksamkeit bei 

Kokainalkaloiden. 446. 
Brigl, P. , Chemische Erforschung der 

Naturfarbsloffe. 455. 
Br ohmer, P., Fauna von Deutschland. 

>59- 

Broili, I'., Zittels Grundzüge der Palä- 
ontologie. 1. 677. 

Broili, F., Paläozoologie. 640. 

B u b n o f f , S. V., Grundlagen der Decken- 
theorie der Alpen. 662. 

Bülschli, O. , Vorlesungen über Ver- 
gleichende Anatomie. 616. 

Centnerszwer, Radium und Radio- 
aktivität. 752. 

Le Chatelier, II., Kieselsäure und Sili- 
kate. 568. 

C 1 a s s e n , A., Handbuch der analytischen 
Chemie. 719. 

Classen, A., Handbuch der rjualitativen ^ 
chemischen Analyse anorganischer und ; 
organischer Verbindungen. 64. 

Cohen, E. und Schut, W., l'iezochcmie 
kondensierter Systeme. 695. 

Dacquc, E., Geologie II. 423. 

Dannemann, F., Die Naturwissen-, 
Schäften in ihrer Entwicklung. 455. 

Darwin, Ch., Entstehung der Arten. 
Abstammung des Menschen. 678. 

D e an e , Fijian Society. 679. 

Deutsche Südpolar-Expedition 1 go I — 1 903. 
623. 

Di eis, P., Die Slawen. 144. 

Dietrich, W., Einführung in die physi- 
kalische Chemie fitf^iochemiker usw. . 

511- i 

Dingler, H., Kritische Bemerkungen zu 
den Grundlagen der Relativitätstheorie. 

559- 
Dingler, II., Physik und Hypothese. 

653- 

D isper, P., Massenverteilung und Ver- 
schiebung der Druck- und Zugkräfte in 
einem Kometen. 127. 

Doflein, Mazedonische Ameisen. 224. 

Donath Ed. und L issner, A., Kohle 
und Erdöl. 359. 

Domo, C, Klimatologie im Dienste der 
Medizin. 4S8. 

Eckstein, K. , Die Schmetterlinge 
Deutschlands. 423. 

Einstein, A., .'\ther und Relativitäts- 1 
theorie. 374. ] 

Emin Paschas Tagebücher. 732. 1 

Engelhardt, V., Einführung in die 
Relativitätstheorie. 374. 

Engler, A., Das Pflanzenreich. 159. 

Euler, H., Chemie der Enzyme. 448. 

Fehlinger, H. , Geschlechtsleben der 
Naturvölker. 279. 

Ficker, M. , Einfache Hilfsmittel zur; 
Ausführung bakteriologischer Unter- 
suchungen. 718. 

Fischer, Fr. undSchrader, H., Ent- 
stehung und chemische Struktur der 
Kohle. 559. 

Fischer, H., Pflanzenbau und Kohlen- 
säure. 749. 



Fitschen, J., GehöUflora. 45. 
France, R. H., Die Pflanze als Erfinder. 

335- 
Franz, V., Ursprüngliches in der warm- 
blütigen Tierwelt der Kriegsgebiete. 45. 
Fricke, H. , Der Fehler in Einsteins 

Relativitätstheorie. 422. 
Fricke, H. , Die neue Erklärung der 

Schwerkraft. 422. 
Frizzi, E., Anthropologie. 71g. 
Fröhlich, F. W. , Grundzüge einer 

Lehre vom Licht- und Farbensinn. 55g. 
Fürth, R. , Schwankungserscheinungen 

in der Physik. 247. 
Gebien, H., Käfer aus der Familie der 

Tenebrionidae. 422. 
Gehes Arzneipflanzentaschenbuch. 749. 
Gehrcke, E. , Die Relativitätstheorie 

eine wissenschaftliche Massensuggestion. 

527- 

Geiger H. und Mako wer, W., Meß- 
methoden auf dem Gebiete der Radio- 
aktivität. 207. 

Geißler, F. J. K., Gemeinverständliche 
Widerlegung des formalen Relativismus. 

374- 

Gerke, O., Kurzes Lehrbuch der Pflan- 
zenkunde. 614. 

Gerlach, W., Ex|>erimentelle Grund- 
lagen der Quantentheorie. 733. 

Giesenhagen, K. , Lehrbuch der Bo- 
tanik. 614. 

Goldschmidt, R. , Einführung in die 
Vererbungswissenschaft. 112. 

Gothan, W., Paläobotanik. 502. 

Grimsehl, E., Lehrbuch der Physik. 1, 
II. 678. 

Grossmann, H., Fremdsprachiges Lese- 
buch für Chemiker. 46. 

Groth, P., Elemente der physikalischen 
und chemischen Kristallographie. 064. 

Günther, IL, Elektrotechnik für Alle. 
158. 

Günther, H., Was ist Elektrizität? 190. 

de Haas, R., Im Schatten afrikanischer 
Jäger. 360. 

Hadfield, E., Aniong thc natives of 
the Loyalty Group. 262. 

Hager, H., Das Mikroskop usw. 351. 

Hahn, K., Grundriß der Physik. 470. 

Harael, G., Mechanik I. 664. 

Hamilton, L. , Ursprung der französi- 
schen Bevölkerung Canadas. 718. 

Hansen, A., Goethes Morphologie. 279. 

Hartmann, M., Praktikum der Proto- 
zoologie. 624. 

Häuser, O. , Ins Paradies des Urmen- 
schen. 503. 

Heiberg, J. L. , Naturwissenschaften, 
Mathematik und Medizin im klassischen 
Altertum. 558. 

Heilborn, A., Entwicklungsgeschichte 
des Menschen. 5'0. 

Hering, E., Fünf Reden. 559. 

Hertwig, O., Elemente der Entwick- 
lungslehre. 190. 

Herz, W., Leitfaden der theoretischen 
Chemie. 359. 

Ho ff mann, B. , Führer durch unsere 
Vogelwelt. 432. 

Hörnes, M., Kultur der Urzeit. 695. 

Jagow, K., Kulturgeschichte des Herings. 
288. 

Jensen, B., Erleben und Erkennen. 31. 

Isenkrahe, C, Zur Elementaranalyse 
der Relativitätstheorie. 374. 

Kammerer, P., Über Verjüngung und 



Register. 



VII 



Verlängerung des persönlichen Lebens, i 
500. : 

Kämmerer, H., Abwehrkräfte des Kör- 
pers. 488. 

Karsten G. und Ben ecke, W., Lehr- ' 
buch der Pharmakognosie. 334. 

Kauffmann, H., Beziehungen zwischen 
physikalischen Eigenschaften und chemi- 
scher Konstitution. 486. 

Kirch berger, F., Mathematische Streif- 
züge durch die Geschichte der Astro- 1 
nomie. 487. 

Kirchberger, P., Was kann man ohne 
Mathematik von der Relativitätstheorie 
verstehen? 472. 

Kistner, A., Geschichte der Physik. 
456. 

Klaatsch, H. , Der Werdegang der! 
Menschheit und die Entstehung der 
Kultur. 237. 

Klein, J., Chemie, Anorganischer Teil. 

43- 

Klein, J. Chemie. 469. 

Klein, L., Unsere Sumpf- und Wasser- 
pflanzen. 662. 

K 1 e i n s c h r o d ,' F r., Lebensproblem und 
Positivitätsprinzip in Zeit und Raum 
und das F.insteinsche Relativitätsprinzip. 
542. 

Knotnerus-Meyc r, Zoologisches Wör- 
terbuch. 20S. 

Kohl rausch, F., Lehrbuch der prak- 
tischen Physik. 751. 

Kuenen, J. F., Die Eigenschaften der 
Gase. 247. 

Kükenthal, W. , Leitfaden für das 
zoologische Praktikum. 238. 

KUster, E. , Lehrbuch der Botanik für 
Mediziner. 614. 

Küster, E. , Anleitung [zur Kultur der 
Mikroorganismen. 718. 

Lümmel, R. , Wege zur Relativitäts- 
theorie. 374. 

L ä m m e I , R., Grundlagen der Relativitäts- 
theorie. 543. 

Lampa, A., Das naturwissenschaftliche 
Märchen. 174. 

Landau, E., Naturwissenschaft und Le- 
bensauffassung. 582. " 

Lang, R., Experimentalphysik. II. 600. 

Lange, O., Zwischenprodukte der Teer- 
farbenfabrikation. 557. 

Laue, M. v., Relativitätstheorie. 373. 

Legahn, A., Physiologische Chemie II. 
Dissimilation. 46. 

Lehmann, J., Ornamente der Natur, und 
Halbkulturvölker. 287. % 

Lehmann, K. 1!. und Neumann, R. 
O. , Atlas und GrundriU der Bakterio- 
logie. 44. • 

Lehmann, W., Energie und Entropie. 
750. 

Leick, A. und W. , Physikalische Ta- 
bellen. 423. 

Leuchs, K., Geologischer Führer durch 
die Kalkalpen usw. 719.' 

Lewin, K., Die Verwandtschaftsbegriffe 
in Biologie und Physik und die Darstel- 
lung vollständiger Stammbäume. 30. 

Lichtenbergs Briefe an J. Fr. Blumen- 
bach. 680. 

Lißmann, F., Eine Sammlung seiner 
Werke. 412. 

Littrow, Atlas des gestirnten Himmels. 
63. 

Lodge, O. J., Raymond ou la vic et la 
mort. 320. 



Loele, W., Die Phenolreaktion. 320. 

Lorentz, H. A., Einstein, A, Min- 
kowski, H. , Das Relativitätsprinzip. 
28S. 

Lowie, R. H., Primitive Society. 207. 

Loe wit , M., Infektion und Immunität. 750. 

Luschan, F. v. ,' .Mtertümcr von Benin. 
18S. 

Mach, E., Mechanik. 374. 

Mach, E., Prinzipien der physikalischen 
Optik. 750. 

Marx,E., Handbuch der Radiologie. 262. 

März eil, H., Neues illustriertes Kräuter- 
buch. 262. 

Meyer, E., Wirklichkeitsblinde in Wissen- 
schaft und Technik. 456. 

Mey er-St e ineg, Th. und Sudhoff, 
K., Geschichte der Medizin. 598. 

Michaelis, L. , Praktikum der physi- 
kalischen Chemie. 4S8. 

Miehe, H. , Taschenbuch der Botanik. 
614. 

Mieleitner, K., Die technisch wichti- 
gen Mineralstoffe. 64. 

Moeller, M., Das Ozon. 528. 

Moser, L. , Reindarstellung von Gasen. 
696. 

Mosler, H., Einführung in die moderne 
drahtlose Telegraphie. 158. 

Moszkowski, A., Einstein. 543. 

Much, H., Pathologische Biologie. 279. 

Much, H., Die Partigengesetze. 484. 

Müller, Fr., Konstitution und Indivi- 
dualität. 511. 

Müller, Fr., Werke, Briefe, Leben. 694. 

Müll er- Frei enfels, R., Philosophie 
der Individualität. 662. 

Neunzig, l-C., Die fremdländischen Stu- 
benvögel. 407. 

Niggli, F., Lehrbuch der Mineralogie. 
3S9. 

Noetling, F., Die kosmischen Zahlen 
der Cheopspyramide. 55g. 

Ochs, R. , Einführung in die Chemie. 

5Ö7- 
Oppenheim, S. , Das astronomische 

\Veltbild im Wandel der Zeiten. 469. 
Oppenheim er, C. , Mensch als Kraft- 
maschine. 471. 
Oppenheimer, C, Kleines Wörterbuch 

der Biochemie und Pharmakologie. 287. 
Oppenheimer C. und Weiß, O., 

Grundrifi der Physiologie für Studierende 

und Arzte. 63. 
Ostwald, W. , Die chemische Literatur 

und die Organisation der Wissenschaft. 

408. 
Ostwald, W., Die Farbe. 447. 
Ostwald, W., Mathetische Farbenlehre. 

542. 
Panconcelli-Calzia, Experimentelle 

Phonetik. 510. 
Pauli, R., Psychische Gesetzmäßigkeit. 

541- 

Pauli, Wo., Kolloidchemie der Eiweiß- 
körper. 42. 

Perzynski, F., Von Chinas Göttern. 
27S. 

Peter, B., Parallaxenbestimmungen. 469. 

Pfeiffer, L. , Werkzeuge des Steinzeit- 
menschen. 142. 

Philipp, R., Bedeutung der Geologie. 

752- 
P i r q u e t , C 1., System der Ernährung. 320. 
Plank, M., Das Wesen des Lichts. 497. 
Potonie, Lehrbuch der Paläobotanik. 

502. 



Potonie, H., Die Steinkohle. 751. 

Praktikum und Repetitorium der quanti- 
tativen Analyse. 248. 

Ranke, J., Der Mensch. 4S4. 

Rehmke, J., Die Seele des Menschen. 
376. 

Reichenow, A., Kennzeichen der Vögel 
Deutschlands. 423. 

Reuter, M. , Hygienische Beurteilung 
farbstoflhaltigen Fleisches. 288. 

Kichert, H., Philosophie. 558. 

Riebet, Ch., Anaphylaxie. 44. 

Richter, R. , Einführung in die Philo- 
sophie. 55S. 

Rinne, Fr., Kristalle als Vorbilder des 
feinbaulichen Wesens der Materie. 526. 

Rinne, Fr., Gesteinskunde. 689. 

R i p k e - K ü h n , L., Kant contra Einstein. 

374- 

Rivista di Biologia. 503. 

Robien, P., Die Vogelwelt des Bezirks 
Stettin. 61. 

Rohleder, IL, Monographien über die 
Zeugung beim Menschen. 600. 

Rohr, M. V., Brille als optisches Inlru- 
ment. 733. 

Rüsberg, F., Einführung in die analy- 
tische Chemie. 263. 

Ruska, J., Methodik des mineralogisch- 
geologischen Unterrichts. 352. 

Schaefer,Cl., Theoretische Physik. 720 

Schaxel, J., Die allgemeine und expe- 
rimentelle Biologie bei der Neuordnung 
des medizinischen Studiums. 485. 

Schlesinger, L., Raum, Zeit und Re- 
lativitätstheorie. 374. 

Schmal tz, R., Geschlechtsleben der 
Haussäugetiere. 656. 

Schmid, B., Aufgaben der Tierpsycho- 
logie. 656. 

Schmidt, C. W., Geologisch-mineralogi- 
sches Wörterbuch. 527. 

Schmidt, H., Probleme der modernen 
Chemie. 432. 

Schmidt, j., Lehrbuch der organischen 
Chemie. 652. 

Schneider, J,, Raum-Zeit-Problem bei 
Kant und Einstein. 559. 

Schnippenkötter, J., Der entropolo- 
gische Gottesbeweis. 663. 

Schottler, W., Der Vogelsberg usw. 

45- 

Schrenck-Notzing, A. v.. Physikali- 
sche Phänomene des Mediumismus. 186. 

Schroeder, H., Stellung der grünen 
Pflanze im irdischen Kosmos. 189. 

Schulz, IL, Das Sehen. 128. 

Schwarz, M. v., Legierungen. 719. 

Schwinge, O., Lücke in der Termino- 
logie der Einsteinschen Relativitäts- 
theorie. 560. 

Scott, D. H., Studies in Fossil Botany. 
502. 

Seidlitz, W. v. , Revolutionen in der 
Erdgeschichte. 390. 

Sewerzow, N., Zoologische Gebiete der 
außerhalb der Tropen gelegenen Teile 
unseres Kontinents. 696. 

Sohns, Fr., Unsere Pflanzen. Ihre Na- 
menerklärung usw. 360. 

Sommer, G., Leib und Seele. 558. 

Steinhardt, Vom wehrhaften Kiesen. 

79. 

Steinriede, F., Anleitung zur minera- 
logischen Bodenanalyse. 751. 

Stock, A., Ultra-Strukturcheniie. 16. 

Stock, A., Ultra-Strukturchemie. 568. 



VIII 



Register. 



Stöckhardt, Ad., Schule der Chemie. 
41. 

Strasburger, Lehrbuch der Botanik. 
614. 

Stromer, E., Paläozoologisches Prakti- 
kum. 70. 

Tarn mann, G., Lehrbuch der Metallo- { 
graphie. 748. 

Taschenberg, C)., Bibliotheca zoolo- 
gica II. 624. 

Th ormeyer, F., Philosophisches Wörter- 
buch. 352. i 

Trünke!, H., Repetitorium der Pflanzen- 
kunde. 614. I 

Ulbrich, E., PfianzenkundeBd.il. 159. 

Ulbricht, K., Das Kugelphotometer. 142. 

Urban, Ign. , Plumiers Leben und 
Schriften. 238. , 

Valentin er, S., Grundlagen der Quan- 
tentheorie. 432. 

Valentiner, S. , Anwendungen der j 
Quantenhypothese usw. 734. 

Vater, R, Technische Wärmelehre. 470. 

Verweyen.J. M., Naturphilosophie. 558. 

V e r w o r n , M., Die Anßinge der Kunst. 
62. 

Verworn, M. , Mechanik des Geisles- 
lebens. 55S. 

Voigt, A., Exkursionsbuch zum Studium 
der Vogelstimmen. 159. 

Voigt, A., Wasscrvogelleben. 392. 

Wachs, H., Entwicklung, ihre Ursachen 
und deren Gestaltung. 16. 

Wächter, W., Vademecum für Sammler 
von Arznei- und Gewürzpflanzen. IlT, 

Wagner, G. , Landschaftsformen von 
Württembergisch-Franken. 351. 

Waibel, L. , Urwald — Veld —Wüste. 

239. 
Walt her, J. , Vorschule der Geologie. 

79- 
Walther, J. , Geologie Deutschlands. 

405- 

Walther, J., Geologische Heimatkunde 
von Thüringen. 536. 

Wasielewski, W. v. , Telepathie und 
Hellsehen. 334. 

Wegener, A., Entstehung der Mond- 
krater. 750. 

Weil, A., Die innere Sekretion. 486. 

Weil, L. W., Grundlagen der techni- 
schen Hpdrodynamik. 143. 

Wenz, \V., Geologie. 159. 

Wiegers, Fr., Diluvialprähistorie als 
geologische Wissenschaft. 501. 



Wiesner, J., Anatomie und Physiologie 
der Pflanzen. 614. ' 

W i n t e 1 e r , F. , Die heutige industrielle 
Elektrochemie. 62. 

Wolf, B., Das Recht der Naturdenkmal- 
pflege in Preußen. 32. 

Wolff, W., Die Entstehung der Insel 
Sylt. 64. 

Ziehen, Th., Lehrbuch der Logik. 372. 

Zwölf länderkundliche Studien. 55S. 



V. Anregungen und Antworten. 

Ameisen, Kettenbildung derselben. 280. 

Athertheorie und Einsteineffekt. 80. 

Aufklärung, 504. 

Boden, biologischen Vorgänge darin. 736. 

Cicindela- Arten, zur Biologie der. 176. 

Disjunktionsproblem Keilhacks. 392. 

Dominantes Merkmal, Ausbreitung des- 
selben in der Natur. 47. 

Dünge- und Futtermittel, Untersuchung der- 
selben. 240. 

Gesellschaft für positivistische Philosophie. 
280. 

Glazialkosmogonie, zur Kritik der. 735. 

Grundwasser und Quellen. 80. 

Haeckels Monismus eine Kulturgefahr. 
190. 

Hellsehen und Namenraten. 48. 

Hunde, fischende. 80. 

„Inkohlung". 736. 

Köppernickel, Herkunft des N.imens. igi, 
424, 560. 

Kreislauf des Wassers. 392, 504. 

Mauersegler, Nislweise. 240. 

Naturschutz in den Vereinigten Staaten. 
279. 

„Orthogenesis, Mutation, Auslese", einige 
Bemerkungen zu dem Aufsatz H. Fischers 
darüber. 47, 239. 

Paläoklimatisches im Licht der Geophysik. 
511. 

Phyletische Potenz. 176. 

Pilzvergiftung durch Tricholoma ligrinum. 

175- 
Riesensterne, Gaskugeln? 735' 
Schöngefärbte Tiere. 264. 
Schwalben in der deutschen Urlandschaft. 

48. 
Singzikaden. 423. 

Sprachliche Bemerkung (, .anomal"). 512. 
Süfiwassermeduse. 752. 
Swift, seine Auffassung vom Tierbau. 80. 



Waldschutz durch Vogelschutz. 736. 
Wisente im Plesser Tiergarten. 392. 
Zodiakallicht. 192. 



VI. Abbildungen. 

Abraliopsis, Ilaulleuchtorgan. 436. 

Aschenbilder von Pflanzen. 234, 235. 

Atlantisches Gebiet im Eozän. 685. 

Chromosomenverteilung, Schemata. 293, 
295. 

Crustaceen, Stridulationsorgane. 697—700. 

Drosophila, Augen. 648, 64g, 

Erdteile im Karbon. 686. 

Farbkreis. 425. 

Fische, fliegende. Ö41. 

Geosynklinalen des Mesozoikums. 688. 

Gonostoma elongatum, Leuchtorgan. 437. 

Halicoridae, Hüftbeine. 412. 

Hunde, altägyptische Darstellungen. 194 
bis 197. 

Kochsalzgewinnung in Mexiko. 499, 500. 

Lampyride, Leuchtorgan. 436. 

Lilie, Narbe mit keimenden Pollenkörnern. 
667. 

Mistel, Saugorgan. 534. 

Möwen, im Segelflug. 641. 

Noctiluca. 435. 

Nordatlantisches Gebiet zur großen Eis- 
zeit. 683. 

Papageien auf alten Bildern. 548, 549. 

Papagei im Bauer. 743. 

Parietalorgane bei Fischen. 347. 

Penaeopsis stridulans. 69S. 

Planorbis multiformis, Stammbaum. 149. 

Schnecken, Drüsen. 603. 

Segelflugmodelle. 642, 643. 

Silene nutans, Blütenstand. 131. 

Stenops gracilis, Blinddarm. 702. 

Stubbenhorizont bei Senftenberg. 227. 

Tiefseetintenfisch. 435. 
i Unbefruchtbarkeit, Schema. 442. 

Ventilröhre, umkehrbare. 381. 

Voratlantischer Kontinentalblock. 685. 



VII. Literaturlisten. 

16, 32, 48, 64, 80, 112, 128, 144, 160, 
208, 280, 288, 304, 336, 352, 376, 408, 
432. 448, 472, 488, 512. 543. 500, 584, 

600, 616, 624, 648, 680, 696, 704, 736. 



O. PäU'sche BiichHr. t.ipperl ,<i: Co. G. 



b. H., Nanmbiirg a. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge ao- Band ; 
der gatixen Reihe 36. Band. 



Sonntag, den 2. Januar igai. 



Nummer 1. 



Lorentz- Einstein. 

Einsteins „Weltbild" eine Zahlenfiktion f 
Philosophisch-kritische Untersuchungen 



[Nachdruck verboten.] 

Die vorliegenden Ausführungen bringen in 
kurzer Fassung einen neuenZusammenhang 
zwischen der M a x w e 1 1 - L o r e n t z sehen Theorie 
und Einsteins spezieller Relativitätstheorie. Als 
unmittelbare Folgerung ergibt sich, daß Ein- 
steins „Weltbild" als bloße mathematische Ab- 
straktion zu bewerten ist. Ich erlaube mir zu- 
nächst zwei Tatsachen zur Vergleichung 
nebeneinander zu stellen. 

Da eine Bewegung der Erde relativ zum Licht- 
äther experimental nicht nachzuweisen ist, nahmen 
H. A. Lorentz und Fiz Gerald an, daß alle 
Körper, die sich gegen den Äther bewegen, in 
de r Bewe gungsrichtung eine Verkürzung auf das 



1 



I — 



j fache ihrer Länge erleiden. — Ein- 
steins spezielles Relativitätsprinzip setzt voraus, 
daß die Geschwindigkeit eines Lichtstrahles eine 
Invariante in allen möglichen Inertialsystemen ist; 
Längen und Zeiten werden in ein Abhängigkeits- 
verhältnis gebracht; die weitere Rechnung liefert 
zahlenmäßig die Lorentzkontraktion. 

Lorentz setzte also gewissermaßen das 
„Kontraktionsprinzip" als Prämisse und erklärte 
die „Konstanz der Lichtgeschwindigkeit" (Michelson- 
versuch), während Einstein umgekehrt das 
Prinzip von der Konstanz der Lichtgeschwindig- 
keit als Prämisse setzt und die Lorentzkontraktion 
(zahlenmäßig) folgert. 

Dieses Wechselspiel erscheint uns äußerst auf- 
fällig und erinnert uns unwillkürlich an das be- 
kannte Umformungsverfahren: ist a^^b, so ist 
log^b = n. Wie hier in jeder der beiden Glei- 
chungen jedes Element nur in verschiedener Zu- 
sammensetzung wiederkehrt, so finden wir dort 
in jeder von beiden Theorien jedes „Prinzip" 
nur mit verschiedener Bedeutung wieder. Berück- 
sichtigen wir, daß die als Symbol gesetzten 
Gleichungen identische Gleichungen sind, so 
wird den Ausgangspunkt unserer Untersuchung 
die Frage zu bilden haben, ob Einsteins spe- 
zielle Relativitätstheorie das Resultat 
einer bloßen Umformung der Maxwell- 
Lorentzschen Theorie ist. Daran ist näm- 
lich nicht zu zweifeln, daß zwischen Einsteins 
Lorentz - Transformationen und den Max well - 
Lorentzschen Gleichungen ein direkter Zusam- 
menhang besteht. — Näheren Einblick in die 
Methode solcher Umformung werden wir offenbar 
gewinnen, wenn uns folgende Frage beantwortet 



von Bruno Schönherr, Zillerthal (Riesengebirge). 

ist : Zu welchem Zweck wird im allgemeinen eine 
neue Theorie aufgestellt und wie geht der Auf- 
bau der Gedankenelemente bei Aufstellung einer 
Theorie vor sich? Cournot ^) antwortet uns 
darauf in meisterhafter Weise mit einem einzigen 
Satze: „Ini allgemeinen ist jede wissenschaftliche 
Theorie, die ersonnen wurde, um eine bestimmte 
Zahl durch Beobachtung gegebener Tatsachen zu 
vereinen, einer Kurve zu vergleichen, die nach 
irgendeinem geometrischen Gesetz unter der Be- 
dingung gezogen wird, durch eine Reihe vorher 
gegebener Punkte hindurchzugehen". Werden 
also in eine Theorie neue Erfahrungswerte ein- 
geführt, d. h. wird die Zahl durch Beobachtung 
gegebener Tatsachen vermehrt, so wird dadurch 
die ganze Theorie wesentlich modifiziert; die 
Grundbegriffe passen sich den neuen Beobachtun- 
gen an und das ganze Tatsachengebiet wird auf 
eine neue Art interpretiert. Man sagt: die so 
veränderte Theorie ist das Ergebnis einer Induk- 
tion — sie ist in der Erfahrung erarbeitet. Die 
Grundbegriffe bzw. Grundgleichungen einer neuen 
Theorie müssen also immer mit Rücksicht auf 
die zu erklärenden Tatsachen zurechtgestutzt und 
zurechtgerückt werden. Damit z. B. Newton 
sagen konnte, daß sich der Mond wie ein gegen 
die Erde schwerer Körper verhält, mußte er die 
Galileischen Fallgesetze modifizieren.^) 



') Dieses Zitat und das folgende von Poinsot entnehme 
ich dem erkenntnistheoretiscben Werke von J. B. Stallo, 
„Die Begriffe und Theorien der modernen Physik". Nach 
der 3. Auflage des englischen Originals übersetzt von Hans 
Kleinpeter. Mit einem Vorwort von Ernst Mach. 
2. Auflage. Leipzig, Barth igii. (Cournot S. 105, 
Poinsot S. 99.) Die in diesem vorzüglichen Buch (ent- 
standen in den siebziger Jahren des vor. Jahrh.) entwickelten 
Gedanken haben obigen Untersuchungen als Leitfaden gedient. 

*) Es ist gänzlich ausgeschlossen , daß ein menschliches 
Zerebralsystem aus sich heraus aus ganz allgemeinen Prinzi- 
pien den genauen Betrag für die Perihelbewegung des Merkur 
ableiten könnte, wie er von den Astronomen (Leverrier) 
als Niederschlag mühevoller Beobachtungen festgestellt wor- 
den ist. Der auch hier unvermeidliche induktive Weg ist der, 
daß zunächst die Grundgleichungen der N e w t o n sehen Theorie 
und eine Gleichung für die Perihelbewegung mittels eines 
geometrischen Gesetzes unter einen Hut gebracht werden. Da 
in der Gerber sehen Formel für die Perihelbewegung, die 
bekanntlich mit der Einstein sehen genau übereinstimmt die 
Lichtgeschwindigkeit eingeführt ist, so ermöglicht das 'geo- 
metrische Gesetz Minkowskis als Differentialgleichung die 
Verbindung mit den Bewegungsgleichungen der New ton- 
sehen Attraktionstheorie, was als Resultat die Bewegungs- 
gleichungen der Einstein sehen Gravitationstheorie ergibt. 
Zweifellos ist diese Kombination mit aufiergewöhnlichem Ge- 
schick durchgeführt worden. Es kann nicht genug betont 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. I 



Nun ist auch das Verfahren in Gebrauch, die 
Rraukateeiner Reilie von—Umformmigen einer 
Gleichung, die eine Hypothese enthält und deren 
ElemeirteiTichts mehr imä nichts weniger als die 
Elemente der zu erklärenden Erscheinung sind, 
als neue Hypothesen auszugeben, die in Verein 
mit den daraus hervorgehenden Folgerungen 
nicht selten als physikalische Theorien prunken. 
Ist der mathematische Ausdruck einer „Grund- 
hypothese" z. B. a" = b, so wird auf Grund dieser 
Methode die Gleichung nach irgendeinem geo- 
metrischen Gesetz, das jedoch die Eigenschaft 
besitzt in der Gleichung bereits implizite 
enthalten zu sein, in eine andere Form verwan- 
delt, sagen wir in n = log^b oder a = yb. (Da 
Verhältniszahlen ursprünglich Symbole für geo- 
metrische Verhältnisse, und da Gleichungen nichts 
anderes als ein ökonomischer Ersatz für sonst 
ausgedehnte Tabellen von Verhältniszahlen sind, 
so kann ein Gleichungssystem nur durch ein 
geometrisches Gesetz in ein anderes übergeführt 
werden.) Trotzdem all diese möglichen Gleichun- 
gen eine so verschiedenartige Physiognomie 
haben, so sind sie doch alle identisch, d. h. sie 
beschreiben in Wirklichkeit alle nur ein und das- 
selbe Tatsachengebiet und zwar kommt bei der 
mathematischen Beschreibung nur der Grad der 
Erscheinungen in Betracht. Sämtliche auf diesem 
Wege umgewandelten Gleichungen enthalten also 
dieselben Erfahrungswerte, es sind nirgends 
neue Beobachtungsdaten aufgenommen. Ist die 

werden, daß es sich hier nur um die Zusammenfassung alge- 
braischer Gleichungen unter gleichzeitiger Beobachtung geo- 
metrischer Verhältnisse handelt. Die Ableitung der allge- 
meinen Relativitätstheorie — die Prinzipien mitsamt des de- 
duktiven Weges — ist eine Deutung der Grundgleichungen 
der Einst einschen Gravitationstheorie, wie sie auf dem 
soeben in einem groben Umriß dargelegten induktiven Wege 
zustande gekommen sind, und ist diesen zurechtgerückt und 
ihnen angepaßt. Sicherlich wäre Newton seinen Zeitgenossen 
als wissenschaftlicher Zauberkünstler erschienen, wenn ihm 
daran gelegen hätte, den induktiven Weg seiner Entdeckung 
in ein mystisches Dunkel zu hüllen und wenn er dann am 
Schluß des umgekehrten deduktiven Weges gesagt hätte: Daß 
diese aus der Forderung des Attraktionsprinzipes auf rein 
mathematischen Wege fließenden Bewcgungsgleichungen die 
Kepler sehen Gesetze liefern, muß nach meiner Ansicht von 
der physikalischen Richtigkeit der Theorie überzeugen. Aller- 
dings ist für Newton diese Methode weniger empfehlens- 
wert, denn sein mathematischer Weg wäre lächerlich kurz 
und zu wenig kompliziert. Wie also Newton durch Ein- 
beziehung der Planetenbewegungen nach Kopernikus- 
Kepler das Galileische konstante ,, Fallpotential" erweitert 
hat, so hat Einstein durch Einbeziehung der Perihel- 
bewegungen nach Leverrier-Gerber das Newtonsche 
Graviialionspotential verfeinert. Ob letztere Übertragung auf 
irdische Verhältnisse zulässig ist, das steht freilich auf einem 
anderen Blatt. Mit Hinsicht auf den soeben dargestellten Zu- 
sammenhaiig hat Einstein aus der Deutung seiner Gravita- 
tionsformel nur zwei Schlüsse gezogen, wenn man von seiner 
verbogenen Welt absieht: die Krümmung der Lichtstrahlen 
und die Verschiebung der Spektrallinien in Gravitationsfeldern. 
— Ich möchte ferner an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, 
daß die bewunderungswürdigen Arbeiten bei der Errechnung 
des Planeten N.eptun durch Leverrier und Adams <larin 
bestandeii haben , daß unter meisterhafter Ausnützung des 
mathematischen Handwerkzeuges neue Beobachtungen in ein 
bekanntes Schema eingeordnet wurden. 



Gleichung für ein Naturgesetz durch rechtwink- 
lige Koordinaten festgelegt, so läßt sich dasseltre 
Gesetz z. B. auch durch eine Polarkoordinaten- 
gleichung ausdrücken; das die Tränsfönftattön 
vermittelnde allgemeine geometrische Gesetz 
lautet in diesem Falle: 

r- ■ cos^ 9 -j- r* • sin"^ y = X- -j- y''. 

Das Naturgesetz ist dann in eine andere mathe- 
matische Mundart übersetzt und — ein neuer 
Gesichtspunkt ist gewonnen. Besteht nun die 
Möglichkeit, daß man einer solchen resultierenden 
Gleichung eine einigermaßen evidente Deutung 
geben kann, d.h. läßt sich in der Gleichung eine 
Beziehung finden, die in einem anderweitigen 
größeren Tatsachengebiete als allgemeines Gesetz 
bekannt ist, so sind nach der bewußten Me- 
thode schon die Grundgleichungen für eine 
„neue" Theorie gewonnen und vielfach glaubt 
man, nun nur so drauflos folgern zu können 
und häufig meint man, mit solchen Prinzipien 
alle Geheimnisse der Natur erklären zu können. 
Da die Gleichungen für „Grundhypothese" und 
„resultierende Hypothese" in den meisten Fällen 
komplizierter Beschaffenheit sind, so ist ihre 
Identität schwer erkennbar und weil der for- 
schende Blick meistens auf die Natur der Er- 
scheinungen gerichtet ist, so bemüht man sich 
zunächst mit der Feststellung, welche von beiden 
Hypothesen die richtige ist (was nebenbei bemerkt 
häufig den Anlaß zu weitschweifigen Kontroversen 
bildet: „Mit Worten läßt sich treftlich streiten, 
mit Worten ein System bereiten") und sieht da- 
bei den Wald vor Bäumen nicht, d. h. bemerkt 
nicht, daß weiter nichtsals ein mathemati- 
sches Band die beiden Theorien verbindet. 
Die „Grundhypothese", welche die Daten der 
Beobachtung in die Rechnung eingeführt hat, 
verblaßt natürlich immer mehr, denn sie wird ja 
von der neuen „alles umfassenden" und daher die 
Gedanken am meisten überwältigenden Theorie 
dem Grade nach miterklärt. Dank des mathe- 
matischen Vexierbildes, in dem die beiden be- 
wußten Theorien stehen, ist die neue Theorie in 
der Lage, oft die haarsträubendsten Dinge zu 
folgern und sie unbehelligt als unumstößliche 
Wahrheiten zu behaupten. Da so eine Theorie 
durchaus ein für alle Male alles erklären möchte, 
so schießt sie nicht selten mit Hilfe der kargen 
Erfahrungswerte, die ihr zugrunde liegen und die 
sie von der alten Theorie geliehen hat, bis in die 
magischsten Atmosphären und sphärischen Räume 
hinaus, um von dort der festeren und geraderen, 
hoffnungsvollen und gläubigen Welt die frohe 
Kunde mitzubringen, daß alles stimmt und stim- 
men muß. „Sitzt ihr nur immer I leimt zusammen, 
braut ein Ragout von andrer Schmaus und blast 
die kümmerlichen Flammen aus eurem Aschen- 
häufchen rausl" usw. Daß es aber nicht stimmen 
kann, liegt auf der Hand und zeigt sich auch ge- 1 
wohnlich dann, wenn daran gegangen wird, die I 
Folgerungen der „Pseudotheorie" mit „Hebeln 



N. F. XX. Nr. I 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift 



und Schrauben" zu lockern. Poinsot äußert 
sich zu diesem Thema folgendermaßen : 

„Was so manche Köpfe über die den mathe- 
matischen Formeln scheinbar zukommende IVIacht 
getäuscht hat, liegt an dem Umstand, daß man 
ziemlich leicht aus ihnen bereits bekannte Wahr- 
heiten ziehen kann, die man sozusagen selbst in 
sie eingeführt hat, so daß es den Anschein ge- 
winnt, daß uns die Analyse etwas geben würde, 
was sie in Wirklichkeit nur in eine andere 
Sprache gekleidet hat. Wenn ein Satz bekannt 
ist, braucht man ihn nur in Gleichungen zu klei- 
den; ist er richtig, so muß jede von ihnen eben- 
sowie jede Ableitung aus ihnen richtig sein, 
gelangt man so zu einem evidenten oder anders- 
woher bekannten Satze, braucht man nur diesen 
Satz zum Ausgangspunkte zu machen und die 
Entwicklung rückwärts zu gehen, und es gewinnt 
den Anschein, als ob uns die Rechnung allein zu 
dem Satze geführt hätte, um den es sich handelt. 
Darin eben besteht die Täuschung des Lesers". 

Es ist selbstverständlich, daß die eben ge- 
schilderte Entwicklung in den meisten Fällen i m 
Unbewußten vor sich geht. Der ganze Vor- 
gang beruht auf dem psychologischen Moment, 
daß der Mensch durchaus die Schranken durch- 
brechen möchte, die ihm die Natur in seinem 
Denken und Handeln überall setzt. Hat er ein- 
mal eine Luke, d. h. einen neuen Gesichtspunkt 
gefunden, so stürmt das Denken mit einem keine 
Grrenzen kennenden Elan hindurch und glaubt 
nun die Welt in ihrem innersten Wesen vor sich 
ausgebreitet zu sehen. Der so von der Natur 
genarrte Theoretiker vergißt dabei ganz, daß die 
Wissenschaft auch ein Siück Natur ist, und daß 
auch hier die Bäume nicht in den Himmel wachsen 
können und das Weitertreiben der Spekulationen 
beeinflußt häufig sein dadurch übermäßig stark 
in Anspruch genommenes abstraktes Denken so- 
weit, daß ihm immer mehr die Fähigkeit ver- 
loren geht. Einfaches als einfach anzusehen. Die 
Naturwissenschaft erforscht und erkennt ihr Ob- 
jekt durch Beobachtung und Erfahrung, und es 
wird wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß 
das Beobachten und Erkennen eine Äußerung 
der Natur ist. — Es wird nicht unangebracht 
sein, wenn ich an dieser Stelle zu diesem Gegen- 
stande die folgenden Worte Machs zitiere. Mach 
sagt am Eingang seines Vortrages (Über den 
Einfluß zufälliger Umstände auf die Entwicklung 
von Erfindungen und Entdeckungen):^) 

„Den naiven hoffnungsfrohen Anfängen des 
Denkens jugendlicher Völker und Menschen ist 
es eigentümlich, daß beim ersten Schein des Ge- 
lingens alle Probleme für lösbar und an der 
Wurzel faßbar gehalten werden. So glaubt der 
Weise von Milet, indem er die Pflanze dem Feuchten 
entkeimen sieht, die ganze Natur verstanden zu 
haben; so meint auch der Denker von Samos, 



weil bestimmte Zahlen den Längen harmonischer 
Saiten entsprechen, mit den Zahlen das Wesen 
der Welt erschöpfen zu können. Philosophie und 
Wissenschaft sind in dieser Zeit nur Eins. Rei- 
chere Erfahrung deckt aber bald die Irrtümer auf, 
erzeugt die Kritik, und führt zur Teilung, Ver- 
zweigung der Wissenschaft. — Da nun aber 
gleichwohl eine allgemeine Umschau in der Welt 
dem Menschen Bedürfnis bleibt, so trennt sich, 
demselben zu entsprechen, die Philosophie von 
der Spezialforschung. Noch öfter finden wir zwar 
beide in einer gewaltigen Persönlichkeit wie 
Descartes oder Leibniz vereinigt. Weiter 
und weiter gehen aber deren Wege im allge- 
meinen auseinander. Und kann sich zeitweilig 
die Philosophie soweit der Spezialforschung ent- 
fremden, daß sie meint, aus bloßen Kinderstuben- 
erfahrungen die Welt aufbauen zu dürfen, so hält 
dagegen der Spezialforscher den Knoten des 
Welträtsels für lösbar von der einzigen Schlinge 
aus, vor der er steht, und die er in riesiger per- 
spektivischer Vergrößerung vor sich sieht. Er 
hält jede weitere Umschau für unmöglich oder 
gar für überflüssig, nicht eingedenk des Voltaire- 
schen Wortes, das hier mehr als irgendwo zu- 
trifft: »Le supeiflu chose tres necessaire»." 

Die eingangs auffällig gewordene doppelte 
Wechselbeziehung zwischen Lorentzkontrakiion 
und Konstanz der Lichtgeschwindigkeit läßt uns 
vermuten, daß die Maxwell- Loren tzsche 
Theorie und Einsteins spezielle Relativitäts- 
theorie in einer solchen Korrelation stehen, wie 
sie oben dargelegt wurde. Unsere Aufgabe hat 
sich also nun dahin differenziert, zu untersuchen, 
ob sich die den unter Diskussion stehenden Theo- 
rien zugrunde liegenden allgemeinen Gleichungeti 
nach einem bestimmten, in beiden Theorien im- 
plizite enthaltenen geometrischen Gesetz direkt 
ineinander umrechnen lassen. Da in diesem Falle 
die beiden Gleichungssysteme identische Glei- 
chungssysteme wären, so wäre damit der Beweis 
geführt, daß die beiden Theorien die gleichen und 
nur die gleichen Erfahrungswerte in sich bergen. 
Weil die Formel für die Lorentzkontraktion mit 
den Maxwell-Lorentz sehen Gleichungen iden- 
tisch ist ^) und da ferner die Lorentzkontraktion 
dem Grade nach aus Einsteins Lorentz-Trans- 
formation gefolgert wird, so hätten wir offenbar 
das vermittelnde geometrische Gesetz im Prinzip 
von der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zu 
suchen. Machen wir nun unter diesen Bedingungen 
ein mathematisches Experiment, so finden wir 
aus dem Resultat die Richtigkeit unserer Annahme 
vollauf bestätigt. Setzen wir nämlich die Werte 
der Formel für die Lorentzkontraktion in Ein- 
steins allgemeine Gleichung ein, die das Gesetz 
von der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit aus- 
drückt, so liefert die Rechnung unmittelbar — 



') E. Mach, „Pop.-wiss. Vorles." 4., verm. u. durcbges. 
Aufl. Mit 73 Abb. Leipzig, Barth, 1910. (S. 290 u. 291.) 



') Es ist kein Unterschied, ob die Formel auf wahrnehm- 
bare Körper oder aber auf Elektronenkörper Anwendung 
findet. 



4 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 1 



Einst.eins Lorentz-Transformation. Mit Rück- 
sicht auf obigen Ausspruch von C o u r n o t müssen 
wir nun argumentieren, daß Einstein bei Auf- 
stellung der Lorentz - Transformation folgende 
Bauanweisung unbewußt benutzt hat: 

Die Reihe gegebener Punkte ist in der von 
Lorentz aufgestellten Formel für die Lorentz- 
kontraktion festgelegt. 



: = x']/l 



I. 



worin x = vt 2. 

(x' = Länge des im Äther ruhenden Stabes 
X = Länge desselben verkürzten Stabes bei der 
Geschwindigkeit v.) 
Der Schlüssel zum geometrischen Gesetz findet 
sich im Prinzip von der Konstanz der Lichtge- 
schwindigkeit. 

x' ' — c-t'"^x- — C't". II. 

Die Kurve ist das Abbild der Lorentz-Trans- 
formation: 

x — vt 



l/ 


v- 


/l - 


— - 




c- 




V 


t — 


c--^ 




1/ 


v-^ 


r- 


c-2 



I. 



111. 



Dieser Zusammenhang ist in der „Einfachen Ableitung 
der Lorentz-Transformation" in Einsteins „gemeinverständ- 
licher" Schrift deutlich zu ersehen. Faßt man dort die erste 
Gleichung auf S. So (es liegt hier die 5. Aufl. vor) mit der 
Gleichung (7b) zusammen, so erhält man unsere Gleichung 
(I, l): Zieht man seine Gleichung (6) mit der darüber stehen- 
den Gleichung zusammen, so ergibt sich unsere Gleichung 
(I, 2\ Diese Gleichungen ergeben zusammen mit seinen 
Gleichungen (5) die Lorentz-Transformation. Seine linearen 
Gleichungen (5) sind aber zusammengenommen identisch 
mit der allgemeinen Gleichung für das Gesetz von der 
Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (seine Gleichung Sa), nur 
ist dort bereits das Verhältnis der Konstanten bestimmt. 
Das Konstanlenverhältnis ist -er ausgerechneten Lorentz- 
Transformation entnommen. Einstein gibt dem Konstanten- 
verhältnis zusammen mit unserer Gleichung (1, 2) eine ,, evi- 
dente" Deutung: spezielles Relativitätsprinzip. Da in Ein- 
steins Ableitung die Gleichungen für das spezielle Kelativi- 
tätsprinzip mit den linearen Gleichungen für das Prinzip von 
der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zusammengezogen 
werden, so resultieit dort als Ausrechnung unsere Gleichung 
(I, l). Die weitere Analyse der Theorie bis auf ihre letzten 
Grundbegriffe bildet eine besondere Aufgabe. 

Wir haben also gefunden : Die von Einstein 
entdeckte Lorentz Transformation ist das Resultat 
einer mathematischen Analyse der Maxwell- 
Lorentzschen Gleichungen — die Gleichungen 
sind nach einem bestimmten Gesichtspunkte 
differenziert. Es soll nun etwas näher untersucht 
werden, wie die Differenzierung auf Grund des 
eben genannten Rezeptes vor sich geht. 

Zunächst ist zu beachten, daß die Formel für 
die Lorentzkontraktion an und für sich nichts an- 
deres zum Ausdruck bringt als die Abhängig- 
keitsbeziehung zwischen Verkürzung und Ge- 
schwindigkeit der Körper, wobei die physikalische 
Ursache der Verkürzung gar keine Rolle spielt. 



Es liegt hier der gleiche Kasus vor als z. B, bei 
Anwendung der Formel für den freien Fall, denn 
bei Gebrauch derselben fragt man auch nicht 
nach der Ursache der Fallbewegung. Ein Natur- 
gesetz besagt: Es ist nun einmal so, das Experj-, 
ment bestätigt immer wieder, daß es so ist, aber 
warum es so ist, wissen wir nicht; es ist ledig- 
lich das tatsächliche Verhalten auf eine Formel 
gebracht. Die Formel für die Lorentzkontraktion 
ist eine in eine Gleichung gekleidete Deutung der 
Resultate der Michelson- und ähnlicherV ersuche, also 
eine in Zahlen gesetzte Hypothese, womit sich die 
scheinbare Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, 
das IVIeßergebnis der Versuche, beschreiben läßt. 
Die „Konstanz der Lichtgeschwindigkeit" ist also in 
den Maxwell-Lorentzschen Gleichungen im- 
plizite enthalten 1 Was bei Lorentz als schein- 
bar gilt,') wird nun bei Einstein Wirklichkeit^ 
seine spezielle Relativitätstheorie setzt die Kon: 
stanz der Lichtgeschwindigkeit als Prinzip an die 
Spitze. Dieses Postulat hat die Abhängigkeit von 
Längen und Zeiten (und auch die Verbannung 
des Äthers) zur unabweisbaren Konsequenz. Diese 
zunächst labile Abhängigkeitsbeziehung wird in 
die F"orm der allgemeinen Gleichung (II) gebracht 
und damit die „alles umfassende" Relativitäts- 
theorie die bewährte Maxwell-Lorentzsche 
Theorie genau in sich einschließt, werden die 
Werte der bekannten Formel für die Lorentz- 
kontraktion (I) in die Gleichung (II) eingesetzt. 
Die Ausrechnung liefert dann die Lorentz-Trans- 
formation (111). Einstein schreibt: „Die spe- 
zielle Relativitätstheorie ist aus der Maxwell- 
Lorentzschen Theorie der elektromagnetischen 
Erscheinungen auskristallisiert". Aus diesem Zu- 
sammenhange ist deutHch ersichtlich, wie die 
„Lorentzkontraktion" in Einsteins Lorentz- 
Transformation implizite enthalten ist. Da die 
Formel für die Lorentz-Kontraktion für gleich- 
förmige Translationsbewegungen gilt, so können 
wir ergänzend sagen, daß auch die „spezielle 
Relativität" in den Maxwell-Lorentzschen 
Gleichungen implizite enthalten ist. 

Zwei Beispiele mögen zur weiteren Klärung 
der hier in Betracht kommenden Verhältnisse 
dienen. Es ist bekannt, daß ein ins Wasser ge- 
haltener Stab dem Auge gebrochen erscheint. 
Nehmen wir nun an, es fehlte uns der Tastsinn, 
mit dem wir sonst die Täuschung konstatieren, 
wie würden wir dann die augenfällige Erscheinung 
des gebrochenen Stabes deuten können? Wir 
würden dann entweder argumentieren : es besteht 
in Wirklichkeit das Prinzip von der Brechung 
des Lichtes und die Erscheinung des gebrochenen 
Stabes ist nur eine scheinbare; oder aber: der 



') Neben die Annahme von Lorentz, daß alle Körper 
(unabhängig von Material und sonstigem physikalischen Zu- 
stand) bei der Bewegung gegen einen materiellen Äther durch 
dessen Einwirkung eine spezifisch gleiche Verkürzung erleiden, 
wäre die Tatsache zu setzen, daß alle Körper (anabhäifgig 
von Material und sonstigem physikalischen Zustand) im luft- 
leeren Raum die gleiche Fallbeschleunigung erfahren. 



NF. XX. Nr. 1 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



S 



Stab wird beim Eintauchen in das Wasser tat- 
sächlich gebrochen und die Lichtbrechung ist, 
wenn auch eine brauchbare Annahme, nur schein- 
bar. Entsprechend folgert Lorentz: das Kon- 
tralttionsprinzip ist Wahrheit und die augenfällige 
Erscheinung der Konstanz der Lichtgeschwindig- 
keit beim Michelsonversuch ist scheinbar, das 
Additionstheorem der Lichtgeschwindigkeit gilt ; 
und Einstein: das Prinzip von der Konstanz 
der Lichtgeschwindigkeit existiert und die Lorentz- 
kontrakiion ist scheinbar. Wir sehen , daß in 
beiden Fällen ein gemeinsamer Tatbestand nur 
verschieden gedeutet wird. — Wir denken uns 
ferner in einem unendlich großen, leeren Raum 
zwei Weltkörper A und B. Ein Beobachter auf 
A nimmt zunächst seinen Weltkörper als ruhend 
an und stellt fest, daß B um A eine Kreisbewegung 
vollführt, wobei B in demselben Drehungssinn 
um seine eigene Achse rotiert. Bei einem Um- 
lauf um A macht B acht Umdrehungen um seine 
Achse. Der Beobachter setzt sich nun an seinen 
Schreibtisch und stellt folgende Reflexionen an. 
Er sagt sich, daß sich seine Beobachtung auch da- 
mit beschreiben läßt, daß man B als ruhend an- 
nimmt, wobei dann sein Weltkörper A eine Kreis- 
bewegung um B im entgegengesetzten Drehungs- 
sinne macht und in demselben entgegengesetzten 
Sinne um die eigene Achse rotiert. Bei acht 
Umdrehungen um B macht dann A eine Drehung 
um die eigene Achse. Nach weiterem Überlegen 
bemerkt der Beobachter, daß noch ein anderer 
Standpunkt möglich ist. Er sagt sich nämlich, daß 
;man ja auch die Verbindungslinie der Mittel- 
punkte der beiden Weltkörper als ruhendes Bezugs- 
element auffassen kann, wobei dann A in dem- 
selben Sinne wie zuletzt rotiert, während B eine 
entgegengesetzte Rotationsbewegung vollführt : 
macht nun A einen Umlauf, so macht B deren 
sieben. Nach Analogie mit diesem Beispiel dürfen 
wir sagen, daß das spezielle Relativitätsprinzip 
die augenfällige Erscheinung der Nichtkonstatier- 
barkeit der Bewegung der Erde gegen den Licht- 
äther beim Michelsonversuch oder besser gesagt, 
das hier zutage tretende absolute Verbindungs- 
glied zwischen Erde und einem im Äther ruhenden 
starren Körper — die Konstanz der Lichtge- 
schwindigkeit — zum Bezugselement macht. 

Wir müssen bei all diesen Beispielen und 
ebenso bei der Behandlung des Gegenstandes 
unserer Untersuchung dauernd im Auge behalten, 
daß sich unser Denken nicht mit den Dingen, 
wie sie an sich sind, sondern mit den Gedanken- 
vorstellungen von denselben beschäftigt, und daß 
seine Elemente nicht reine Gegenstände, sondern 
ihre gedanklichen Gegenstücke sind. Nur mit 
von der Wirklichkeit abgerissenen Symbolen 
lassen sich Gedankenexperimente über Relativität 
. a la Einstein anstellen, denn nicht mit Reali- 
täten, sondern mit Gedankenelementen reflektieren 
wir — in der Wirklichkeit existiert kein Inei tial- 
system. ') „Du gleichst dem Geist , den du be- 
greifst, nicht mirl' sagt die Seele der Natur zum 



Flaust. Hätte dieser Relativitätsgedanke den Wert 
einer universellen Weltformel, so müßte z. B. ein 
beseeltes, durch Erwärmen ausgedehntes Stück 
Eisen die Veränderung auch dahin interpretieren 
können; ich habe mich überhaupt nicht verändert, 
sondern das ganze Universum hat sich verkleinert 
und abgekühlt. Oder ein Trunkener wäre be- 
rechtigt, seine getrübten Beobachtungen dahin 
auszulegen : ich bin das Absolute, Unveränderliche 
und normal, aber die ganze Welt ist trunken. — 
Der Einstein sehe Relativitätsgedanke eignet 
sich nicht als Fundament zum Aufbau einer ge- 
danklichen Welt. 

Formulieren wir nun das Gesamtergebnis un- 
serer Untersuchung in Verbindung mit den un- 
mittelbar daraus hervorgehenden Folgerungen 
allgemeinster Art, so erhalten wir; 

Einsteins Lorentz - Transformation ist das 
Resultat einer bloßen Verschmelzung der Max- 
well- Loren tzschen Gleichungen mit der all- 
gemeinen Gleichung, die das Gesetz von der 
Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ausdrückt und 
ist nicht ursprünglich aus dem Prinzip von der 
Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und dem Re- 
lativitätsprinzip hervorgegangen. Die Gnmd- 
gleichungen der Maxwell - Lorentz sehen 
Theorie und Einsteins spezieller Relativitäts- 
theorie sind exakt identische Gleichungen. Das 
allgemeine geometrische Gesetz, das in beiden 
Grundgleichungen implizite enthalten ist und das 
die beiden Grundgleichungen ineinander überführt, 
ist das Gesetz von der Konstanz der Lichtge- 
schwindigkeit. In Einsteins Lorentz • Trans- 
formation sind die gleichen und nur die gleichen 
Erfahrungswerte enthalten als in den Maxwell - 
Loren tzschen Gleichungen. Einsteins spe- 
zielle Relativitätstheorie und die Maxwell- 
Lorentzsche Theorie beschreiben das in Be- 
tracht kommende Tatsachengebiet der Wirklich- 
keit entsprechend, wenn dabei das den Maxwell- 
Loren tzschen Gleichungen zugrunde liegende 
Erfahrungsbereich innegehalten wird — alles 
übrige ist Spekulation. Da wir aus der Erfahrung 
nicht wissen, ob die Max well- Lo re ntzschen 
Gleichungen in jedem Geschwindigkeitsbereich 
Gültigkeit besitzen, so ist z. B. dem Begriff von 
der Grenzgeschwindigkeit des Lichtes nur eine ähn- 
liche Bedeutung beizumessen, als wie sie etwa 
dem Elastizitätsmodul der Festigkeitslehre zu- 
kommt. (Natürlich hätte auch schon Lorentz 
den Stab verschwinden lassen können, denn man 
braucht nur in seiner Kontraktionsformel für die 
Geschwindigkeit v die Lichtgeschwindigkeit c zu 
setzen und schon schrumpft der Stab zu einem 
Nichts zusammen.) Da sich Einstein bei Auf- 
stellung seiner Theorie nur in Zahlen bewegt hat, 
so ist er nicht berechtigt mit seinen neuen, er- 
rechneten Begriffen einen realen, physikalischen 



') Für diesen Zusammenhang sind die Überlegungen von 
M. Palagyi seines Vortrages „Die Relativitätstheorie in der 
modernen Physik" besonders wichtig. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. I 



Sinn zu verbinden. Eine vorhandene Theorie 
kann wohl durch bloße mathematische Operationen 
ausgebreitet, aber niemals vertieft werden. Ein 
„alles umfassendes physikalisches Weltbild", wenn 
das menschliche Denken jemals ein solches er- 
zeugen könnte, ist niemals mit einziger Hilfe 
von Mathematik zu konstruieren. Einsteins 
„Weltbild" spekuliert unberechtigterweise unerlaubt 
weit über die zurzeit festgestellten Beobachtungen 
hinaus. Einsteins spezielle Relativitätstheorie 
stützt sich nicht auf das Prinzip von der Anpas- 
sung der Gedanken an Beobachtungen, sondern 
beruht auf dem Verfahren der Anpassung von 
Gedanken an Gedanken — kurz gesagt: Ein- 
steins „Weltbild" ist eine verunglückte Zahlen- 
spekulation I 

Wir wollen uns nun zum Schluß den hier 
wirksamen Mechanismus des Gedankenanpassens 
zusammenfassend zum Bewußtsein bringen. Wir 
haben soeben gesehen, daß die Lorentz- Trans- 
formation identisch mit den Maxwell-Lorentz- 
schen Gleichungen ist, und daß die einzelnen 
Elemente in jedem Gleichungssystem ihre Be- 
deutung deshalb wechseln, weil jedes System ein 
anderes Element zum Bezugselement macht. 
Während Lorentz sich auf den im Äther ruhen- 
den Körper bezieht, nimmt Einstein Bezug auf 
die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Die 
letztere Festsetzung zwingt das Denken mit 
logischer Notwendigkeit zur Verleugnung des 
Äthers und zur Annahme der Abhängigkeit von 
Längen und Zeiten, und die Verbannung des 
Äthers hat weiter eine neue Erklärung der Ent- 
stehung des Lichtes zur Folge. Da Einstein 
und der größere Teil der Verfechter seiner Lehre 
seine Gedankenerzeugnisse für unumstößliche 
Wahrheiten halten, so verfallen sie in den uralten 
Fehler metaphysischer Theorienbildung, die immer 
wieder versucht, die wahre Natur der Dinge aus 
den Begriffen von denselben abzuleiten. So kon- 
struierte man sich früher zornige Geister, um 
sich damit die Vorgänge beim Donnern, bei 
Vulkanausbrüchen, bei Sonnenfinsternissen usw. 
begreiflich zu machen; und wenn nun leere und 
sphärische Räume und errechnete Raum- und 
Zeitabhängigkeit zur Erklärung aller Geheimnisse 
der Natur dienen sollen, so sehen wir hier weiter 
nichts anderes darin als einen modernen Ersatz 
für jene ehemaligen metaphysischen Geister — und 
dazwischen stellen wir das wüste Treiben der 
modernen Spiritisten. Wenn die Alten im Donner 
den Zornausbruch eines Geistes sahen, so mag 
dies in Anbetracht des zu jener Zeit herrschenden 
Aberglaubens noch angehen, denn böse Geister 
waren den Menschen schon damals in der Er- 
fahrung aus anderen Gebieten zur Genüge be- 
kannt. Wenn aber heute die Lorentz- Kontraktion 
auf das Vorhandensein eines „Nichtstoffes" zurück- 
geführt wird, so sehen wir in diesem Erklärungs- 
versuch ein Gemenge von „Idem per idem er- 
läutern" mit einem „Obscurum per obscurius er- 
klären" und identifizieren ihn mit der zeitgemäßen 



Anpassungsmethode: daß das Leder so teuer ist, 
daran sind die hohen Schuhpreise schuld. (Ich 
bitte, die Verwendung solcher Analogien an dieser 
Stelle nicht als den Erguß einer Geschmacklosig- 
keit aufzufassen; ich bin mir dabei nur der Tat- 
sache bewußt, daß durch Vorführung drastischer 
Vergleiche Bände gespart werden: wissenschaft- 
liche Ökonomie!) Die verbreitete Annahme, daß 
heute die Metaphysik aus den Naturwissenschaften 
verschwunden sei, beruht leider auf einem Irrtum. 
Wenn es heute noch Physiker und Chemiker gibt, 
die bei Gebrauch von Abstraktionsgebilden, wie 
Atomen und . Molekülen, wie von wirklichen 
Dingen reden, so hat die Philosophie die Pflicht, 
ihre Kenntnisse zwecks rücksichtsloser Aufklärung 
zu verwerten und hat sämtlichen Spezialisten 
z. B. die vortrefflichen Worte des EuckenPhilo- 
sophen Otto Braun*) vorzuhalten: „Erfahrung 
und Mut des Denkens müssen sich einen: von 
Gedanken her erfolgt die Frage an den Stoff, 
die Erfahrung gibt die Antwort — und nie 
dürfen wir den Begriffen zuliebe uns 
der Wirklichkeit verschließen." Atome, 
Moleküle, Schwerpunkt usw. sind Begriffe und es 
wird wohl niemand behaupten wollen, daß es 
einen „wirklichen" Schwerpunkt gibt. Neue 
Wahrheiten von apodiktischer Genauigkeit und 
Gewißheit liefert nur die experimentelle Forschung 
— eine brauchbare Theorie schematisiert die Er- 
fahrungswerte. Lassen sich Wahrnehmungen 
sammeln und organisieren, so darf dann das 
Schema und vor allen Dingen die Art seiner Dar- 
legung niemals so beschaffen sein, daß man sich 
erst das Gehirn zermartern muß, um das System 
begreifen zu können. Weitgehende Folgerungen 
einer Theorie haben dann hohen praktischen 
Wert, wenn dabei der Forscher die wissenschaft- 
liche Einsicht besitzt, daß seine Forderungen in 
Wirklichkeit nur approximative Gültigkeit 
besitzen, aber einen oft zuverlässigen Führer für 
weitere Untersuchungen bilden können. *) Besteht 
dann die Möglichkeit, den Verlauf der voraus- 
gesagten Vorgänge durch Versuch genau zu be- 
stimmen, so können die so neu gefundenen Daten 
rückwärts in die den Spekulationen zugrunde 
liegenden Gleichungen eingeführt werden (In- 
duktion), und erst wenn diese Revidierung statt- 
gefunden hat, sind die Grundgleichungen für eine 
weitere neue Theorie geschaffen. Brauchbare 
Theorien fallen den Menschen nicht als Ergeb- 
nisse von bloßen Gedankenexperimenten fix und 
fertig abgerundet in den Schoß, sondern sie 
müssen erst in der Erfahrung erarbeitet werden. 
Die Wissenschaft ist nie eine fertige Größe, son- 
dern sie ist stets etwas Werdendes, Unabge- 
schlossenes, Bewegtes : die ganze Welt ist in 



') Prof. Dr. Otto Braun, „Geistesprobleme und Lebens- 
fragen". Ausgewählte Abschnitte aus den Werken Rudolf 
Euckens. Reclam Nr. 5993—5995 (S. 29). 

') Die Behandlung der allgemeinen Relativitätstheorie 
nach diesem Gesichtspunkte mag in einem folgenden Aufsatz 
durchgeführt werden. 



N. F. XX. Nr. I 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Fluß! Ein Werk, das fruchtbar sein soll, muß tivitätstheorie glaubt ein Abschluß zu sein und 
immer Triebe erkennen und fühlen lassen, damit wäre dann — der Sarg der Physik, 
es eben leben und wachsen kann. Die Rela- 



Zur Metaiiiorphosenlehre. ') 



(Nachdruck verboten.) Von Dr. A, 

Dem naiven Realismus, der uns gewisser- 
maßen angeboren ist, gelten die Dinge so, wie 
sie erscheinen. Das ist die natürliche Auffassung 
im gewöhnlichen Leben, die auch von Kant ge 
billigt wird. Aus der Erkenntnis, daß diese Auf- 
fassung unvollkommen ist, sind Wissenschaft und 
Forschung erst entstanden. Diese strebt unter 
allen Umständen dahin, eine möglichst absolute 
Erkenntnis der Gegenstände zu erlangen. Das ist 
durch bloße Anschauung nicht möglich. Die 
Fähigkeit unseres Denkens nur kann uns Erkennt- 
nis verschaffen. Der natürliche Anfang dieser 
Tätigkeit ist der Vergleich. Wir suchen einen 
uns unverständlichen Gegenstand dadurch besser 
zu verstehen, daß wir ihn mit einem uns schon 
verständlichen vergleichen. Dadurch kommen 
wir aber nur zu einer relativen Erkenntnis und 
in den allermeisten Fällen müssen wir uns auch 
in der Wissenschaft mit dieser Art Erkenntnis 
begnügen. 

So ging es anfangs auch mit den Blüten, die 
einen so auffallenden Gegensatz zu den Laub- 
organen der Pflanzen bilden, daß sie als etwas 
davon absolut verschiedenes erscheinen. Mal- 
pighi und andere verglichen aber doch 
wenigstens die Hüllorgane der Blüten, Kelch und 
Blumenblätter mit Laubblättern. Zum morpho- 
logischen Vergleich der eigentlichen Fortpflanzungs- 
organe kam es aber nicht, weil hier jede Mögliah- 
keit eines Vergleichs aufhörte. Die bloße be- 
griffliche Unterordnung der Blütenteile unter den 
Begriff Blatt ist aber bloße Klassifikation 
und keine Hypothese, sie hat für die wissen- 
schaftliche Erkenntnis gar keinen Wert. Denn 
was hieße es: ein Staubfaden ist ein Blatt, wenn 
dies Wort einen bloßen Begriff bedeutet. Ein 
„Blatt" gibt es in Wirklichkeit gar nicht, es gibt 
nur Laubblätter, Hochblätter, Blumenblätter, Kelch- 
blätter, Fruchtblätter. Es müßte also gesagt wer- 
den, was für eine Art Blatt ein Staubfaden sein 
solle. Das eigentliche, in allem Anfang durch 
die Sprache so genannte Blatt ist das große 
Organ der Pflanzen, das Laubblatt von flacher 
Form. Also wenn eine Beziehung überhaupt an- 
genommen wird, kann man nur sagen, ein Staub- 
faden ist ein Laubblatt, d. h. der Anlage nach, 
denn später gleichen sie sich nicht mehr. Es 
hat also nicht bloß den Ort eines Laubblattes, 
worauf C. F.Wolf das Hauptgewicht legte, son- 
dern auch gewisse innere Eigenschaften der Laub- 
biattanlage. Dafür, daß das Alte in neuer Form 
erscheint, sind wir gezwungen , eine Ursache an- 
zunehmen und da hier Beobachtung nicht 



Hansen f. 

möglich ist, nehmen wir vorläufig eine hypothe- 
tische Ursache an; die Metamorphose. Auf 
diesem Standpunkt stehen Goethe, Goebel und 
andere Botaniker mit ihm. Durch noch un- 
bekannte Wirkungen ändern sich die Eigen- 
schaften und danach die ganze Form der Laub- 
blattanlage und sie wird zum Sporophyll. Dieser 
Standpunkt wird in den meisten Lehrbüchern 
vertreten z. B. in Strasburgers Lehrbuch, 1 3. Auf- 
lage, durch Fitting S. 169. 

Nach Veröffentlichung meiner letzten Arbeit 
über Goethes Morphologie ") schrieb mir ein be- 
freundeter Kollege, daß er diesen Standpunkt nicht 
teilen könne, eine Staubfadenanlage sei doch von 
Anfang an eine Staubfadenanlage und keine 
Laubblattanlage. Dieser Standpunkt ist der oben- 
bezeichnete natürliche Realismus, für den 
die Sachen so sind, wie sie scheinen. Wenn er 
auch antitheoretisch ist, so ist er doch nicht völlig 
atheoretisch. Für ihn ist ein Staubblatt schon in 
der Anlage ein Staubblatt, ein Karpell ein Karpell. 
Es gibt also keine Metamorphose der Blütenteile. 
Diese begrifflich doch als Metamorphosen zu 
bezeichnen ist ganz überflüssig und unverständlich, 
denn Metamorphose kann nur ein zeitlicher und 
räumlicher Vorgang sein. Das findet man schon 
bei Kant. Eine Metamorphose von Begriffen 
ist weder logisch noch erkenntnistheoretisch zu be- 
gründen, sondern führt nur zu scholastischen 
Kunststücken, die leicht ad absurdum zu führen 
sind. ■' ' ^■' 

Nimmt man nämlich diesen Standpunkt für 
die Blüten an, dann müßte er auch für die 
übrigen Organe gelten. Die Anlage einer Kar- 
toffel wäre gleich einer Knollenanlage, die einer 
Blattranke kein Blatt, sondern eine Rankenanlage, 
der Orchideenknolle keine Wurzel, sondern eine 
Knollenanlage. Metamorphosen dürfte es dann 
auch hier nicht geben, die Herkunft der Organe 
könnte nicht erklärt werden, sie wäre dennoch 
Tatsache. Für das Verständnis der Funktion ge- 
nügte das auch. Aber diese Anschauung wircl 



') Dieser Aufsatz fand sich unter den nachgelassenen Schriften 
Adolph Hansens und wurde mir zur Veröffentlichung 
übergeben. Da die Metamorphosenlehre das Gebiet ist, welches 
den Verstorbenen in den letzten Jahren bis kurz vor seinem 
Tod immer wieder stark beschäftigte, so glaubte ich am 
Manuskript, abgesehen von den Literaturangaben, keine Ände- 
rungen vornehmen zu sollen. Georg Funk. 

•) Adolph Hansen, Goethes Morphologie (Metamor- 
phose der Pflanzen und Osteologie), GieSen 1919, Verlag 
A. Töpelmann. Auch in Ber. d. Uberhess. Ges, f. Natur- u. 
Heilk. N. F. Naturw. Abteil. Bd. 7, 19:9, S. 1—200. 



NaturwissenschaftKehe Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. I 



durch Tatsachen sofort erschüttert. Bei den 
Vegetationsorganen sieht man den Vorgang der 
Metamorphosen wirkUch, worauf Goethe schon 
aufmerksam gemacht hat und was wohl niemand 
bezweifelt (Ranken, Kartoffel und OrchisknoUen, 
Wurzelknollen usw.). 

Bei den Blüten ergibt eine entwicklungsge- 
schichtliche Beobachtung kein klares Resultat. Die 
Anlage der Blütenteile gleichen Blattanlagen ge- 
nau, brauchen aber keine solchen zu sein. Aber 
auch hier wird die naive Ansicht durch Tatsachen 
erschüttert, durch die sog. Rückschläge. Eine 
Staubblattanlage wird oft ein Blumenblatt oder ein 
Karpell, bei Vergrünungen ein laubblattähnliches 
Gebilde. Das beweist, daß es nicht von Anfang 
an eine unveränderliche Staubblattanlage ist, 
sondern daß andere Entwicklungsmöglichkeiten 
darin verborgen sind. Die Ansicht, ein Staubblatt 



ist von Anfang an ein Staubblatt, ist also un- 
haltbar. 

Mit dem naiven Realismus wäre auch die 
phylogenetische Entstehung der Blüten nicht zu 
begreifen. Anfangs gab es keine Blütenpflanzen. 
Die Blüten müssen aus Vegetationsorganen ent- 
standen sein, was man bei den Kryptogamen, Mar- 
chantia, Osmunda, Ophioglossum , Botrychium 
deutlich sieht, wo die Umwandlung von Laub- 
blättern in Sporophylle vor Augen liegt. 

Die naive realistische Ansicht, welche die Meta- 
morphose bei den Blüten leugnet, kann also auf 
keine Weise sich wissenschaftlichen Halt ver- 
schaffen und sollte ganz außer Kurs gesetzt wer- 
den. Es ist nicht denkbar, daß ohne Metamor- 
phose plötzlich Sexualorgane an Pflanzen entstan- 
den seien. Zweifellos liegt darin noch eher eine 
Energieersparnis, als wenn ohne vorhandene 
Grundlage neue Organe entstanden sein sollten. 



Die Ausbreituug der elektrischen Wellen und die Konstitution der Atniospliäre. 



Von Karl Kuhn. 



[Nachdruck verboten.] 

Die Reichweite der heutigen Großstationen für 
drahtlose Telegraphie beträgt 20000 km. Die 
elektrischen Wellen müssen also der vollen Krüm- 
mung eines Erdhalbmessers folgen, um zur Emp- 
fangsantenne zu gelangen. Durch die theoretischen 
Untersuchungen von Sommerfeld *) und seinen 
Mitarbeitern H. W. March und W. v. Ryb- 
czynski wurde nachgewiesen, daß die Beugung 
der viele Kilometer langen elektrischen Wellen 
an der Erdoberfläche völlig ausreicht, um trotz 
der eigentlich geradlinigen Ausbreitung genügend 
Energie zur Empfangsstation gelangen zu lassen. 
Sommerfelds Berechnung der durch die Beu- 
gung ankommenden Energie stimmt innerhalb der 
möglichen Genauigkeit mit den Messungen von 
Austin gut überein. Aber schon vor Jahren 
hat Marconi**) beobachtet, daß die Reichweite 
einer Sendestation bei größeren Entfernungen 
während der Nacht beträchtlich zunimmt. Auch 
zeigten quantitative Messungen der ankommenden 
Empfangsenergie bei konstanter Entfernung wäh- 
rend der Nacht eine starke Zunahme gegenüber 
den Messungen am Tag. Zunächst machte sich 
diese Erscheinung nur bei Entfernungen über 
1 000 km bemerkbar ; doch ist es K. E. F. S c h m i d t •') 
auch gelungen, bei nur 400 km Entfernung mit 
einer hochempfindlichen Apparatur die Zunahme 
der Empfangsenergie bei Nacht zu messen. Den 
gleichen Einfluß wie die Nacht zeigte auch die 
Sonnenfinsternis*) vom 17. April 191 2. Diese 



') Jahrbuch d. drahtlosen Telegraphie Bd. 17, S. 2 — 15 

(1917)- 

') J. Zenneck, Lehrbuch d. drahtlosen Telegraphie. 
3. Aufl. Stuttgart 1913. 

') Mitteil. d. naturforsch. Gesellsch. zu Halle a. S, Bd. 2, 
S. 9 — 12. Halle 1913. 

*) Met. Zeitschr. Bd. 37, S. 177—184 (1920). 



Verhältnisse kann Sommerfelds Beugungs- 
theorie nicht erklären. 

Es ist deshalb schon viel früher von Heavi- 
side, Eccles') u. a. die Theorie aufgestellt 
worden, die großen Reichweiten seien durch Re- 
flexion oder Brechung der elektrischen Wellen an 
ionisierten Luftschichten zu erklären. Etwa in 
der Höhe des Nordlichts soll eine dauernd ioni- 
sierte Luftmasse vorhanden sein, die durch eine 
korpuskulare Strahlung ^) der Sonne hervorgerufen 
sein könnte. Diese Tag und Nacht gleichmäßig 
ionisierte Schicht wird allgemein als die Heaviside- 
s<Jiiicht^) bezeichnet und durch Spiegelung der 
elektromagnetischen Wellen an ihr können die 
außergewöhnlichen Reichweiten während der 
Nacht erzielt werden. Am Tage dagegen sollen 
die Wellen der drahtlosen Telegraphie gar nicht 
bis in die Höhe der Heavisideschicht gelangen, 
da sich durch die ultraviolette Sonnenstrahlung 
bereits in sehr viel geringerer Höhe ionisierte 
Zwischenschichten ausbilden sollen , welche die 
elektrischen Wellen reflektieren und vom Vor- 
dringen zur Heavisideschicht abhalten. 

Tatsächlich nimmt die Intensität des Sonneh- 
ultravioletts nach den Messungen von W ig and,*) 
der diese im Freiballon bis in 9425 m Höhe mit 
einem Zinkkugelphotometer nach Elster iirld 
G e i t e 1 untersuchte , außerordentlich stark mit 
der Höhe zu. Auch weist die elektrische Leit- 
fähigkeit der Luft in hohen Atmosphärenschichten 
eine beträchtliche Steigerung auf, selbst wenn von 



') Physik. Zeitschr. Bd. 13, S. 1163 (1912). 

'') Jahrbuch d. drahtlosen Telegraphie Bd. 12, S. 175— 

l8j (1917)- 

3) 1. c. S. 56—67. 

*) Abderhalden, Fortschritte d. naturwiss. Forschung 
Bd. 10, S. 246-269 (1914I. 



N. F. XX. Nr. I 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



9 



der durch die Luftdruckerniedrigung vermehrten 
Beweglichkeit der Ionen abgesehen wird. Nach den 
wenigen vorliegenden Messungen von Wigand ') 
erreicht die Leitfähigkeit bei 6000 m einen Wert, 
welcher gleich dem 22 fachen Betrag des Pots- 
damer Mittelwertes für normale Tage ist. In 
8865 m Seehöhe maß Wigand eine Leitfähig- 
keit, welche 68 mal so groß wie die gleichzeitig 
am Erdboden herrschende war. Es ist also an 
der Möglichkeit des Vorkommens ionisierter Luft- 
schichten in niedrigeren Höhen wohl nicht zu 
zweifeln. 

Da Sommerfelds Beugungstheorie die nor- 
male Ausbreitung der elektrischen Wellen am 
Tag völlig einwandfrei darstellt, so haben wir 
eigentlich „keinen Grund, bei den Tagesbeobach- 
tungen die Mithilfe von reflektierenden Luft- 
schichten mit in Anspruch zu nehmen. Wohl 
aber dürften diese zur Erklärung der abnorm 
großen und gleichzeitig unregelmäßigen Reich- 
weiten bei Nacht heranzuziehen sein". (Sommer- 
feld^).) In der Nacht schwankt die vergrößerte 
Reichweite oft stark; bei konstanter Entfernung 
ist die ankommende Energie sehr veränderlich. 
Wenn die Ursache davon eine ionisierte Luft- 
schicht in großer Höhe ist, so kann diese reflek- 
tierende Schicht (die Heavisideschicht) keine 
völlig zusammenhängende lückenlose Kugelschale 
sein, sondern es ist wohl die rasche Veränder- 
lichkeit der ankommenden Signale durch eben- 
falls veränderliche Heavisidewolken bedingt. 

Die Höhe der ionisierten Heavisidewolken- 
schicht berechnet C. J. d e G r o o t ^) für die Tro- 
pen zu rund 200 km. Bei seinen Messungen in 
Niederländisch - Ostindien konnte de Groot fast 
jede Nacht eine „stille Zone" in etwa 3000 km 
Entfernung beobachten, die völlig der „Zone des 
Schweigens" bei starken Schallphänomenen ent- 
spricht. Während also in der Nacht in 3000 km 
Entfernung die Zeichen der Sendestation nicht 
mehr wahrgenommen werden konnten, waren zur 
selben Zeit gleichstarke Empfangsanlagen in 
4000 bis 5000 km Entfernung in sehr guter Ver- 
bindung mit der Sendestation. Aus der Lage 
der „stillen Zonen" ergibt sich die angegebene 
Höhe von etwa 200 km für die Heavisideschicht. 
Daß in Europa bei Nachtverbindungen eine stille 
Zone selten zur Beobachtung kommt, erklärt de 
Groot aus der viel stärkeren Ausprägung der 
oberen Luftschichten in den Tropen. 

Von großer Wichtigkeit für die genaue Höhen- 
bestimmung der Heavisideschicht und von ioni- 
sierten Zwischenschichten wäre die Ausführung 
eines Vorschlags von J.A.Fleming.*) Ähnlich 
wie L ö w y und Leimbach'') die Tiefe von Erz- 

') Abderhalden, 1. c, S. 243 — 246 und Verhandl. d. 
deutsch, phys. Ges. Bd. 16, S. 232 ^^9[4). 

^) Jahrbuch der drahtlosen Telegraphie Ed. 12, S. 2 — 15 

(191 7)- 

') 1. c. S. 15-35. 

^1 1. c. S. 183. 

°) Phys. Zeilscbr. Bd. 11, S. 697 — 70; (igio) und Bd. 13, 
S- 397—403 (I9«2). 



lagerstätten und vom Grundwasserspiegel in der 
Erde durch Reflexion oder Absorption von ge- 
richteten elektrischen Wellen festzustellen suchten, 
so will Fleming die Höhe der Heavisidewolken 
bestimmen. „Wenn wir gerichtete Luftleiter an- 
wenden, um elektrische Wellen unter verschiede- 
nen Winkeln nach oben zu senden, und dann 
beobachten, wo diese hauptsächlich zur Erde 
zurückkehren, könnten wir vielleicht in der Lage 
sein, die drahtlose Telegraphie als ein Agens zur 
Erforschung der Atmosphäre zu verwenden , ge- 
rade wie wir einen Scheinwerfer benutzen können, 
um reflektierende Objekte oder Wolken in den 
unteren Schichten der Atmosphäre zu entdecken." 
Infolge des Weltkriegs mußte Fleming die Aus- 
führung seines interessanten Planes zurückstellen. 
Nach Sommerfelds Hypothese kann man 
sich die in der drahtlosen Telegraphie verwandten 
elektromagnetischen Strahlen in Oberflächenwellen 
und in Raumwellen zerlegt denken. Die Raum- 
wellen breiten sich in den Luftraum hinein aus, 
während die Oberflächenwellen ähnlich wie Draht- 
wellen an der Erdoberfläche entlanggleiten, ohne 
tief in den mehr oder weniger leitenden Unter- 
grund einzudringen. Nach oben nehmen die 
Oberflächenwellen, welche für die Zeichenüber- 
tragung vor allem in Betracht kommen, langsam 
an Intensität ab. Durch Intensitätsmessung der 
ankommenden Zeichen, welche bei Ballonfahrten 
in verschiedenen Höhen angestellt werden, kann 
die Theorie der Oberflächenwellen auf ihre Richtig- 
keit geprüft werden. Versuche im Freiballon, 
auch auf Nachtfahrten, wurden von Lutze^) bis 
in 6500 m Höhe angestellt. „Bei den Versuchen 
mit Norddeich als Sendestation überwiegen die 
Oberflächenwellen stark. Bei der Erhebung von 
1500 m auf 6500 m sinkt nach der Theorie die 

Energie der Oberflächenwellen auf — . Die Laut- 
^ 2,7 

Stärkenmessungen ergaben eine Abnahme der 
Intensität etwa auf die Hälfte. Bei Berücksicl^ti- 
gung des Einflusses der Raumwellen, die den 
Oberflächenwellen überlagert sind, sind also Theorie 
und Meßergebnis in guter Übereinstimmung." ^) 
Bei Paris als Sendestation ergab sich eine viel 
beträchtlichere Abnahme der Intensität der elektro- 
magnetischen Wellen, da hier die Raumwellen 
durch die Rundung der Erde abgeschirmt sind. 
„Die Lautstärke in 5500 m sinkt etwa auf den 
achten Teil der in 1050 m Höhe gemessenen. 
Die Werte beim Auf- und Abstieg stimmen gut 
überein. Diese Resultate liefern den experimen- 
tellen Nachweis der von Zenneck und Uller 
angenommenen Oberflächenwellen. Den theoreti- 
schen Existenzbeweis hat 1909 Sommerfeld 
erbracht."-) 



') Latze und Everling, Abhandl. d. naturfor.'ch. Ges. 
zu Halle a. S. Neue Folge Nr. 3, 79 S. (1914). 

') Phys. Zeitschr. Bd. 14, S. 288 und 1152 (I9I3)- — 
Jahrbuch d. drahtlosen Telegraphie Bd. 8, S. 367 (1914). — 
Wigand, in: „Abderhalden, Fortschritte d. naturwiss. 
Forschung" Bd. 10, S. 238—239 (1914). 



10 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift 



N. F. XX. Nr. I 



Diese Iniensjtätsniessungen der elektrischen 
Wellen auf Ballonfahrten wurden nach der sog. 
Parallelohmmethode angestellt. Diese Methode 
ist aber für quantitative Zwecke fast unbrauchbar; 
dazu kommen auf Ballonfahrten noch eine ganze 
Reihe neuer Fehlerquellen. Lutze und seine 
Mitarbeiter suchten zwar alle Einwände gegen 
ihre Ergebnisse zu entkräften ; aber P. L u d e w i g ') 
schließt doch seine eingehende Kritik mit den 
Worten: „Diese Ergebnisse können jedoch noch 
nicht als endgültig betrachtet werden." Man kann 
also aus diesen Messungen noch nicht den Schluß 
ziehen, daß etwa die Heavisideschichten in recht 
niedrigen Höhen '-) zu suchen seien. Weitere 
Messungen , vor allem auch in der Stratosphäre 
(in über 12 km Höhe), wären notwendig; es liegt 
hier noch ein weites Feld für die Betätigung bei 
Freibaiionfahrten vor, denn die Theorie der Er- 
scheinungen wird erst beim Vorliegen eines 
größeren experimentellen Materials eine genauere 
Ausgestaltung erfahren können. 



') Annal. der Hydrographie Bd. 43, Heft 2 (1914) und 
Helt 5 und 6 (1915). 

') Wolken, welche I — 5 8 Wasser in I cbm enthalten, 
können außerordentlich grofie Werte für die Dielektrizitäts- 
konstante erreichen, die denen bei vielen flüssigen und festen 
Körpern nahekominen. „Ist die Dielektrizitätskonstante der 
Wolken von einer Gröfie, wie sie sich durch Berechnung nach 
der Mischungsregel ergibt, so kann es bei senkrechtem Ein- 
fallen der langen Wellen der drahtlosen Telegraphie auf 
Wolken bis zur Totalreflexion kommen." R. Emden, Mün- 
cbener Berichte S. 417 — 435 (1918). 



Das Versagen der Sendestationen für draht- 
lose Telegraphie in Flugzeugen bei 6 bis 8 km 
Höhe rührt nicht etwa von der Absorption der 
ausgesandten elektrischen Wellen durch ionisierte 
Luftschichten her; die Ursache ist vielmehr die 
starke Luftdruckverminderung in der Höhe, wo- 
durch die Funkenentladung des Senders ihren 
oszillatorischen Charakter verliert und damit auch 
keine elektrischen Wellen mehr in den Raum 
aussendet. Zum Schlüsse sei erwähnt, daß die 
Möglichkeit durch die drahtlose Telegraphie die 
Erdkrümmung zu überwinden, es andererseits 
verwehrt , von unserem Planeten aus lange 
elektrische Wellen mit größerer Stärke in den 
Weltenraum hinauszuschicken. Ebenso wird es 
die Heavisideschicht unmöglich machen, daß von 
einem anderen Planeten, etwa vom Mars, elektro- 
magnetische Wellen an unsere irdischen Empfangs- 
stationen gelangen können. Das weitere Studium 
der Ausbreitung der elektrischen Wellen wird uns 
noch genauere Aufschlüsse über die elektrischen 
Zustände unserer Atmosphäre geben und zwar 
auch in Höhen, die nie auf einer wissenschaft- 
lichen Hochfahrt im Freiballon erreicht werden 
können, aber andererseits wird nach unserem 
jetzigen Wissen vom Vorhandensein der Heaviside- 
schicht zunächst und für die nahe Zukunft ein 
interplanetarischer Verkehr mit den langen elektro- 
magnetischen Wellen der drahtlosen Telegraphie 
nicht möglich sein. 



Einzelberichte. 



Die Empfiudnng der Richtung, aus der ein 
Schall kommt. 

Diese Empfindung ist besonders sicher für 
iinbestimmte Geräusche und wurde bisher meist 
durch Bezugnahme auf das äußere Ohr erklärt. 
Die Beweglichkeit, Größe und trichterartige Form 
des äußeren Ohres bei einzelnen Tieren ließ es 
daher verständlich erscheinen, daß diese eine be- 
sonders ausgebildete Fähigkeit besitzen, die Rich- 
tung eines verdächtigen Geräusches zu empfinden 
und danach die Flucht in die zweckmäßigste 
Richiung zu verlegen. Indessen ist auch beim 
Menschen diese SchallRichtungsempfindung ziem- 
lich scharf ausgeprägt und eine völlig befriedigende 
Erklärung für dieselbe wurde erst während des 
letzten Krieges, in dem naturgemäß genaue Rich- 
tungsfeststellungen des Schalls eine wichtige Rolle 
spielten, durch Hornborstel und Wert- 
heimer gefunden. Nach einer von Kunze in 
der physikalischen Zeitschrift (1920, Seite 437) 
beschriebenen Anwendung der neuen Lehre auf 
die Messung von Windgeschwindigkeiten entsteht 
die Schall Richtungsempfindung durch die gefühls- 
mäßig beurteilte, wenn auch sehr kleine Zeit- 
differenz der Empfindungen in beiden Ohren. 



Beläuft sich dieser Zeitunterschied auf 0,00003 
Sekunden oder weniger, so verlegt man die Schall- 
quelle in die Mittelebene, wird jedoch der Zeit- 
unterschied größer als drei Hunderttausendstel 
einer Sekunde, so rückt die vom Horcher ange- 
nommene Schallquelle mehr und mehr auf die 
Seite desjenigen Ohres, das den Schall zuerst 
empfängt, bis man bei 0,0006 Sekunden Differenz, 
die einem Schallweg von 21 cm entspricht, die 
Schallquelle um 90" seitlich von der Mittelebene 
annimmt. Bei 003 Sekunden erst hört die Ein- 
heitlichkeit des Schalleindrucks auf, man empfindet 
dann das Nacheinander der von beiden Ohren 
aufgenommenen Schalleindrücke. Bei tatsächlich 
seitlich gelegener Schallquelle kann eine schein- 
bare Verschiebung derselben in die Mittelebene 
dadurch ■ erzielt werden, daß man den kürzeren 
Schallweg durch Einschaltung einer entsprechen- 
den Schlauchleitung dem längeren gleich macht. 
Kunze hat diese Theorie mit gutem Erfolge 
zur Messung der Windgeschwindigkeit benutzt, 
indem er den von einer Klopfvorrichtung aus- 
gehenden Schall sowohl mit der Windrichtung 
als auch gegen dieselbe je einem Schalhrichter 
oder Mikrophon zuführt, von denen Leitungen zu 
je einem der Ohren führen. Kbr. 



N. F. XX. Nr. I 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift 



II 



Warnm sehlägt die Wünschelrute aus? 

H. Haenel sagt in seinem Vortrage: Zur 
physiologischen Mechanik der Wünschelrute (Ber. : 
Münch. med. Wochenschr. 1920 Nr. 2): „Die 
Wünschelrute ist ein ebenso einfaches wie wirk- 
sames Instrument, die Supinatoren dem Willens- 
einflusse mehr oder weniger zu entziehen, und 
zeigt feinste Veränderungen in allen Kon- 
traktionszuständen in vergrößertem, augenfälligem 
Maße an." 

Solch feinste Veränderungen des Kontraktions- 
zustandes aber können durch plötzliche Abgabe 
von Elektrizität durch die Haut herbeigeführt 
werden. Denn, wie Ar. Adler mit Adolf 
Heyd weil 1er (A. H., Über Selbstelektrisierung 
des menschlichen Körpers; Ann. d. Physik 1902) 
nachgewiesen hat, führen die Muskelzusammen- 
ziehungen zu beträchtlichen statischen Ladungen 
des Körpers, welche sich in der Regel nur all- 
mählich ausgleichen. 

Wenn nun die Leitungsfähigkeit des Erdreichs 
durch Vorkommen von Metalladern Q.der Wasser 
in demselben plötzlich vergrößert wird, so erfolgt, 
sobald der Rutengänger über ein solches gelangt, 
eine momentane Verminderung der elektrischen 
Ladung der Muskel-Disdiaklasten, die am schwäch- 
sten innervierten Supinatoren erschlaffen, die 
Antagonisten bekommen das Übergewicht und 
die Wünschelrute schlägt aus (Psychiatrisch-neuro- 
logische Wochenschr. 1920 S. "]•]). 

Dr. Ar. Adler. 



Die Grenzlage Wiens. 

Die Übereinstimmung der Flora, Fauna und Be- 
völkerung Wiens mit den geologisch- geographischen 
und klimatischen Verhältnissen fiel mir bei Ver- 
fassung meines „Naturgeschichtlichen Führers für 
Wien" (Wien, Holder) stark ins Auge, und da 
sie wegen der auffälligen Grenzlage Wiens in 
allen eben hervorgehobenen Beziehungen von be- 
sonderem Interesse ist, möchte ich sie hier kurz 
auseinandersetzen. 

Die Grenzlage Wiens tritt zunächst in 
landschaftlicher (geographischer) Be- 
ziehung hervor, denn es liegt dort, wo die 
Alpen sowie die niedrigeren Gebirgsmassen 
Mitteleuropas, letztere mit dem Ostrande der 
Böhmischen Masse, ihr Ende erreichen, und die 
für den Osten Europas bezeichnenden Steppen- 
gebiete über Ungarn und durch das Wiener 
Becken bis an den Kern dieses Erdteiles heran- 
reichen. Die Lage zusammen mit der geographi- 
schen Breite Wiens bedingt aber, daß dieses auch 
klimatisch an der Grenze verschiedener Ge- 
biete liegt, nämlich dort, wo die Wirkungen des 
wärmeren südlichen Klimas aufhören, durch 
die böhmische Gebirgsmasse und die Karpathen 
aber die üblen Wirkungen des kälteren nörd- 
lich en K 1 i m a s ferngehalten werden, und durch 



die Böhmische Masse zusammen mit den Alpen 
zugleich eine Scheidewand gegen das feuchtere 
und gleichmäßigere Klima von Westeuropa 
gebildet wird. Dieses durch milde Winter und 
verhältnismäßig feuchte, kühle Sommer gekenn- 
zeichnete Klima stößt hier mit dem durch ge- 
wisse Extreme gekennzeichnete osteuropäi- 
schen Klima zusammen, das wegen des Zu- 
sammenhanges Europas mit dem Festlande Asiens 
ein mehr kontinentales, im Winter kälteres, im 
Sommer aber trockeneres und wärmeres ist. 
Wien hat tatsächlich heiße und trockene Sommer, 
und diese haben die große Landflucht der Wiener 
während der heißesten Monate zur Folge. Die 
Unterschiede in den Niederschlagsmengen treten 
scharf hervor, wenn man das Wetter, wenn auch 
nur in dem nordöstlichsten Teile der Voralpen 
mit jenem der etwas weiter östlich, gegen den 
Neusiedler See zu gelegenen Gebiete Niederöster- 
reichs vergleicht. 

Diese Verhältnisse üben natürlich ihren großen 
Einfluß auf die Pflanzenwelt aus. Die Flora 
der Wiener Umgebung gehört wohl größtenteils 
der mitteleuropäischen. Baltischen Flora an, 
bis hierher reicht aber auch die östliche Pon- 
t i s c h e F 1 o r a, welche, von Osten vordringend, nach 
der Eiszeit das Wiener Becken, sowie die trockenen, 
sonnigen Hänge rings um dasselbe eingenommen 
hat, und durch Schwarz föhrenwälder, den 
Pontischen Buschwald und Federgras- 
fluren, aber auch durch den Weinbau ge- 
kennzeichnet ist. Für die ersteren sind be- 
zeichnend: die Schwarzföhre oder österreichische 
Kiefer (Pinus nigra), der warzige Spindelbanm 
(Evonymus verrucosus), die strauchige Kronen- 
wicke (Coronilla emerus), die Felsenbirne (Ame- 
lanchier ovalis), der wohlriechende Seidelbast 
(Daphne cneorum), der Frühlingsadonis (Adonis 
vernalis), das blaue Elfengras (Sesleria varia) und 
andere. Den zweiten kennzeichnen: die flaumige 
Eiche (Quercus lanuginosa), die Zwerg- und die 
Steinweichsel (Prunus fruticosa und mahaleb), der 
Blasenstrauch (Colutea arborescens), die letzten 
aber das Federgras oder Frauenhaar (Stipa pen- 
nata und capillata), die Zwergschwertel (Iris 
pumila), gewisse Insektenstendel (Ophrys), ein 
Lein (Linum tenuifolium), der Diptam (Dictamus 
albus) und andere. Auch die alpine oder besser 
subalpineFlora reicht in die Nähe von Wien, 
wenn auch nur einige Ausläufer derselben bis 
vor seine Tore gehen, wie die Aurikel (Primula 
auricula) und die fleischrote Heide (Erica carnea), 
das buchsbaumblättrige Kreuzkraut (Polygala 
chamaebuxus), das Alpenveilchen (Cyclamen euro- 
paeum), gewisse Steinbrech- (Saxifraga) und 
Hungerblümchen- (Draba) Arten und noch 
andere. 

Bezüglich der T i e r w e 1 1 sind die Verhältnisse 
ganz ähnliche. Wien und seine Umgebung ge- 
hört im allgemeinen der für Mitteleuropa be- 
zeichnenden, der Baltischen Flora entsprechenden 
Germanischen Fauna an. Doch hat auch 



■1-2 



Natiirwissenschaftli€he Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. J 



die Ton tische Fauna, den südostlich von 
Wien gelegenen Tiefebenen folgend, manche Ver- 
treter bis hierher gesendet. Wenn wir von dem 
noch weiter westlich, bis Mitteldeutschland, vor- 
gedrungenen Hamster absehen, so sind vor allem 
bezeichnend das Erdziesel (Spermophilus citillus), 
sowie einige Mausarten, weiter die freilieh eben- 
falls noch weiter westwärts vorgedrungene 
Haubenlerche (Alauda cristata), die Grauammer 
(Emberiza miliaria), die Kuhstelze (Budytes flava), 
die Uferschwalbe (Cotyle riparia) und viele andere 
Singvögel, die große Trappe (Otis tarda), der 
Kranich (Grus cinerea), der Kormoran (Phala- 
cocorax carbo), die Mandelkrähe (Coracias garrula) 
und noch manch' anderer Vogel. Von den 
wechselwarmen Tieren treten östliche und zu- 
gleich südliche Formen hervor, von welchen bloß 
die Steppenotter (Vipera ursinii), die Smaragd- 
und dife Mauereidechse (Lacerta viridis und mu- 
ralis) sowie gewisse Formen der Frösche und 
Kröten (Rana ridibunda und agilis, Bombinator 
igneus) hervorgehoben seien. Von den wirbel- 
losen Tieren seien bloß die Miesmuschel (Dreis- 
sensia polymorpha), die Gottesanbeterin (Mantis 
religiosa) und die Weingrille (Oecanthus pellucens) 
genannt. Die al pine Fauna ist im aligemeinen 
an die höheren Gebiete der Alpen gebunden, im 
Winter kommen aber manche von ihren Ver- 
tretern tiefer herunter bis in die Nähe von 
Wien, so z. B. die Ringdrossel (Turdus tor- 
quatus) und der Alpenmauerläufer (Tichodroma 
muraria). 

Die Grenzlage Wiens kommt endlich auch in 
völkischer Beziehung auffällig zur Geltung. 
Bei Wien sind seit jeher die Völker zusammen- 
gestoßen. Bis hierher hatten schon die Römer 
Ihre kulturbringende Herrschaft ausgedehnt, hier 
befand sich seit alten Zeiten die Grenzwacht der 
Germanen, mitten zwischen den im Norden 
(Böhmen) und Süden (Südostalpen) von Osten 
vorgedrungenen Slawen, aber auch gegen jene, 
bei ihren Zügen nach Westen den südöstlich ge- 
legenen Tiefebenen folgenden asiatischen Reiter- 
völker der Hunnen, Awaren und Madjaren, 
Sowie später der Türken. Eines dieser Völker 
hatte ja fast vor den Toren Wiens, in der ungari- 
schen Tiefebene, die ihm seiner Heimat so ähn- 
liche Verhältnisse bot, für lange Zeit die Herr- 
schaft an sich gerissen. Diese Grenzlage Wiens 
in ethnographischer Beziehung führte aber auch 
zu einer Mischung des germanischen 
Blutes seiner Bewohner mit verschiedenen 
anderen Einschlägen, welche rnit Ursache war 
der Schönheit der Wienerin und des schönheits- 
freudigen Sinnes des Wieners, freilich auch seines 
in völkischer Beziehung viel zu nachgiebigen 
Wesens. Der frohe Sinn des Wieners sowie seine 
^ sentimentale Liebe zur Heimat hängen aber auch 
mit der günstigen klimatischen Lage Wiens und 
dem durch diese bedingten Gedeihen der Wein- 
rebe sowie der Schönheit seiner Landschaft zu- 
sammen, die wieder großenteils durch das Zu- 



sammenstoßen so verschiedenartiger geologisch- 
geographischer Elemente bedingt ist. 

Wien. Prof. Dr. E. Witfaczil. 



Das Carnegie-Institut zu Washington. 

Zu den bedeutendsten wissenschaftlichen For- 
schungsanstalten gehört das im Jahre 1902 ge- 
gründete Carnegie - Institut zu Washington, das 
gegenwärtig über ein Vermögen von 22 Millionen 
Dollar verfügt. Seine Verwaltung untersteht 
einem 24gliedrigen Kuratorium, das alljährlich 
im Dezember zusammentritt um die Angelegen- 
heiten der Anstalt im allgemeinen, besonders aber 
den Fortschritt der bereits unternommenen Ar- 
beiten und die Einleitung neuer Forschungen zu 
besprechen und die dafür nötigen Mittel zu be- 
willigen. In der Zeit zwischen den Sitzungen des 
Ausschusses werden die Angelegenheiten der 
Anstalt von einem engeren Ausschuß geleitet, der 
aus 8 Personen besteht; sein Vorsitzender ist 
gegenwärtig Charles D. Walcott, der bekannte 
Geologe. Die Zentralverwaltung (Präsident R o - 
bertS. Wood ward) befindet sich in der Bundes- 
hauptstadt Washington. 

Die wissenschaftliche Tätigkeit obliegt For- 
schungsabteilungen für bestimmte Gebiete, deren 
das Institut gegenwärtig elf zählt, ferner einzelnen 
Forschern, die ihre ganze Zeit dem Institut und 
seinen Aufgaben widmen, sowie einer großen 
Zahl anderer Mitarbeiter. 

Von den erwähnten Forschungsabteilungen 
befinden sich zwei zu Cold Spring Harbor auf 
Long Island, nämlich eine Anstalt für experi- 
mentelle Entwicklungslehre und das Amt 
für Rassen hygiene (Eugenik), die unter Leitung 
des Biologen C. B. Davenport stehen. Erstere 
wurde im Juni 1904 errichtet und sie hat seither 
zahlreiche und teilweise recht umfangreiche Ar- 
beiten ausgeführt, darunter solche über das Do- 
minanzproblem; die Erbeinheiten; die Biotypen 
innerhalb der Arten; die Folgen fortgesetzter 
Züchtung in bestimmter Richtung (bei Vermei- 
dung von Bastardierung) auf die Erbmerkmale; 
die Beziehungen zwischen somatischem Bau und 
Chromosomen; die geschlechtsbeschränkte Ver- 
erbung; die Bestimmung sekundärer Geschlechts- 
merkmale; den unmittelbaren Einfluß des Alkohols 
und anderer Stoffe auf das Keimplasma; den 
etwaigen Einfluß des Somas auf transplantierte 
Keimzellen usw. 

Das Amt für Rassenhygiene hat Aufzeichnun- 
gen über mehrere tausend amerikanischer Familien 
gesammelt und Erhebungen über die Schicksale 
abnormal veranlagter Familien während vieler 
Geschlechterfolgen ausgeführt ; beachtenswert sind 
überdies die Studien betreffend Albinos im Staat 
Massachusetts; Neger-Europäerbastarde; sterilisierte 
Männer in einer Strafanstalt. 

Das seit Dezember 19 14 bestehende Institut 
für Embryologie zu Baltimore befaßte sich 



N. F. XX. Nr. I 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



'3 



bisher hauptsächlich mit Problemen der vorgeburt- 
lichen Entwicklung des Menschen. Die Studien 
werden gefördert durch das Vorhandensein einer 
Sammlung von etwa 3C00 menschlichen Embry- 
onen, die zum größten Teil von dem verstorbenen 
Prof. Mall zusammengetragen wurde. Außerdem 
sind reichliche klinische Aufzeichnungen und 
photographisches Material vorhanden. Von den 
Arbeiten des Instituts sind herorzuheben jene über 
pathologische Zustände der weiblichen Sexual- 
organe und ihre Beziehungen zur Befruchtung; 
über Tubenschwangerschaft {146 Fälle); über die 
Ursachen der Abgänge und der Unfruchtbarkeit; 
über den Bau der Medulla oblongata ; über die 
Entwicklung des Nervensystems usw. 

Von großer praktischer Bedeutung ist das im 
Jahre 1907 — 1908 erbaute Ernährungslabo- 
ratorium zu Boston, dessen Direktor F. G. 
Benedict ist. Zweigstellen befinden sich im Zoo- 
logischen Garten in der Stadt New York sowie 
zu Durham in New Hampshire. Die Ausrüstung 
des Instituts besteht aus einer Apparatur zur Be- 
obachtung des Stoffwechsels, der Muskeltätigkeit, 
der Atmung, der Körpertemperatur und ähnlichen 
Untersuchungen. Beobachtungskammern sind für 
Menschen und Tiere vorhanden. Die Forschungen 
des Ernährungslaboratoriums betreffen den Stoff- 
wechsel normaler Männer und Frauen, der Kinder 
von der Geburt bis zur Pubertät, sowie der Diabe- 
tiker; dann den Stoffwechsel warm- und kalt- 
blütiger Tiere; den Einfluß verschiedener äußerer 
Umstände auf den Stoffwechsel (wie z. B. sauer- 
stoffreicher Luft; verschiedener Temperaturen; 
der Muskeltätigkeit; der Schwangerschaft; des 
Fastens; des Genusses von Reizmitteln); den Ein- 
fluß des Alkohols auf die geistige und körperliche 
Tätigkeit; den Einfluß längerdauernder Nahrungs- 
beschränkung und andere Gegenstände. Bemer- 
kenswert ist, daß eine vier Monate dauernde Ein- 
schränkung von 12 jungen Männern auf die Hälfte 
bis zwei Drittel ihres normalen Kalorienbedarfs 
keine üblen Folgen von praktischer Bedeutung 
ergab. Das beweist wieder, daß erst Unterernäh- 
rung von langer Dauer verhängnisvoll wird. 

Das botanische Forschungsinstitut 
zu Tuscon im Staat Anzona widmet sich vor- 
nehmlich dem Studium des Pflanzenlebens in der 
Wüste; es wurden nicht nur in den wüsten und 
halbwüsten Gebieten im Südwesten der Vereinigten 
Staaten umfassende Untersuchungen ausgeführt, 
sondern auch Expeditionen nach den Gestaden 
des Roten Meeres, nach dem Sudan, der lybischen 
Wüste, Algerien und Australien unternommen. 
— Das Institut für Meeresbiologie zu Prince- 
ton in New Jersey (mit einer Zweiganstalt zu 
Loggerhead Key, Tortugainseln, am Golfstrom) 
hat sich vor allem die Erforschung der Lebens- 
bedingungen in den tropischen und subtropischen 
Meeren zur Aufgabe gemacht. Überdies sind noch 
zu erwähnen die Anstalten für Erdmagnetismus 
und Geophysik, beide in der Bundeshauptstadt, 
das astronomische Institut zu Albany, N. Y., 



das Mount Wilson • Observatorium zu Pasadena, 
Kalifornien, und endlich ein historisches Institut 
zu Washington D. C. Die früher bestandene Ab- 
teilung für Wirtschaft und Soziologie hat Ende 
1916 ihre Tätigkeit eingestellt. >:f, -■?-•:•::.■.• : 

Die Veröffentlichungen des Carnegie-Instituts 
zu Washington sind in fast allen Mittelpunkten 
des Geisteslebens in Deutschland vorhanden, und 
zwar in folgenden Anstalten. BerHn: Preußische 
Akademie der Wissenschaften; Universitätsbiblio- 
thek; in Bonn a. Rhein: Universitätsbibliothek; in 
Bremen: Naturwissenschaftlicher Verein; in Bres- 
lau : Universitätsbibliothek; in Dresden: Öffent- 
liche Bibliothek; in Erlangen: Universitätsbiblio- 
thek; in Frankfurt a. M. : Stadtbibliothek; in 
Freiburg i. Br. : Universitätsbibliothek ; in Gießen ; 
Universitätsbibliothek; in Göttingen: Gesellschaft 
der Wissenschaften; Universitätsbibliothek; in 
Greifswald: Universitätsbiblothek ; in Halle: Uni- 
versitätsbibliothek; in Hamburg: Stadtbibliothek; 
in Heidelberg: Universitätsbibliothek; in Jena: 
Universitätsbiblothek; in Karlsruhe: Technische 
Hochschule, Bibliothek; in Kiel: Universitäts- 
bibliothek; in Königsberg : Universitätsbibliothek; 
in Leipzig: Universitätsbibliothek; in Marburg: 
Universitätsbibliothek; in München: Universitäts- 
bibliothek; in Rostock: Universitätsbibliothek; 
in Stuttgart: Landesbibliothek: in Tübingen: 
Universitätsbibliothek; in Weimar: Staatsbibliothek; 
in Würzburg: Universitätsbibliothek. 

H. Fehlinger. 



Zur Kenntnis der Kristallgitter. 

In einer vor kurzem erschienenen Arbeit 
will A. Reis (Zeitschrift f. Physik I, S. 204 — 220 
und II, S. 57 — 69, 1920) einen Beitrag zur Be- 
antwortung der Frage liefern, inwieweit die Eigen: 
Schäften der bisher nur für ganz wenige einfache 
Stoffe ausgewerteten Modelle vom Feinbau der 
Kristalle in der besonderen Natur der betreffen- 
den Stoffe, oder inwieweit sie im Wesen der 
kristallisierten Materie überhaupt begründet sind, 
— Eine Reihe von Kristallographen und 
Physikern neigt bekanntlich zu der Auffassung, 
daß im Kristall von einem eigentlichen Molekül- 
verband bestimmter Atome überhaupt nicht mehr 
gesprochen werden könne und daß gerade diese 
Aufhebung des einzelnen molekularen Verbandes 
und seine Ersetzung durch den Gesamtverband 
des Kristallgitters das Wesentlichste beim Über- 
gang vom amorphen zum kristallinen Zustand 
der Materie sei. Demgegenüber scheint es dem 
Chemiker nicht so leicht möglich, den Begriff 
des Moleküls für diesen Zustand sofort fallen zu 
lassen. Diesem Festhalten am Kristallmolekül 
steht jedoch z. B. entgegen, daß beim Gitter- 
modell des NaCl (vgl. Nat. Wochenschr. 191 7, 
Nr. 38, S. 522, Fig. I A u. B.) jedes Na- Atom von 
6 Cl- Atomen, und umgekehrt jedes ClAtom von 
6 Na-Atomen vollkommen gleichartig uiiigeiben 



14 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. i 



erscheint. Es ist hier also nicht angängig, 
zwischen irgend zwei bestimmten Atomen eine 
besonders innige chemische Bindung zu einem 
Molekül anzunehmen, während dementsprechend 
die übrigen Bindungen zwischen benachbarten 
Na- und Cl-Atomen im Verhältnis hierzu schwächer 
angenommen werden müßten. Der Verfasser wirft 
darum die Frage auf, ob nicht diese Schwierig- 
keit nur durch unzutrefifende Verallgemeinerung 
der an den einfachsten Stoffen aufgefundenen 
Merkmalen entstanden ist. Er unternimmt es, 
die Frage durch den Versuch zu beantworten, 
den „chemischen Verbindungen zwei 
verschiedene Grundtypen von Kristall- 
gittern zuzuordnen", wie sich ja auch che- 
misch die Salze und die Verbindungen ohne Salz- 
charakter unterscheiden lassen. 

Die bisher ausgewerteten Modelle geben uns 
zunächst nur ein vereinfachtes Schema der Atom- 
schwerpunkte oder der „Atomlagen", während 
über die spezielle Anordnung der Atomkerne 
und Atomelektronen nichts ausgesagt wird. Die 
Entfernungen zwischen solchen unmittelbar be- 
nachbarten „Atomlagen" soll kurz als „Atom- 
abstand" bezeichnet werden. Man kann nun stets 
gewisse, nur durch „innere" Strecken ^j verbundene 
Atomlagen zu einer „Punktgruppe" zusammen- 
fassen, wobei gleichzeitig noch die Vorschrift zu 
beachten ist, daß die Summe aller Entfernungen 
innerhalb der Gruppe möglichst klein werden 
soll. Die so gewählten Einheiten sollen als 
„natürliche Punktgruppen" des Gitters be- 
zeichnet werden. Bei Beachtung dieser Auswahl 
kann man nun folgende Gitterarten unterscheiden : 

1 . Setzt sich ein Gilt er lückenlos aus gleichen 
Atomgruppen zusammen, so entspricht diese Atom- 
gruppe genau dem Begriff des chemischen Mole- 
küls; solche Gitter werden vom Verf. Molekül- 
gitter genannt. In dem speziellen Fall, daß 
sich Atomgruppen überhaupt nicht unter- 
scheiden lassen, sondern das Gitter aus lauter 
gleichen Atomen aufgebaut wird, wird von einem 
einatomigenGitter gesprochen. (Die Kristall- 
gitter der Elemente sind teils einatomige, teils 
Molekülgitter). 

2. Hingegen ist bei chemischen Verbindungen 
auch ein Aufbau aus ungleichen Atomgruppen 
möglich. Im allgemeinen werden in diesem Falle 
wenigstens zwei der vorhandenen Arten von 
Atomgruppen den Charakter von Ionen, der ganze 
Stoff den Charakter eines Salzes haben. Aus 
ungleichen Atomgruppen aufgebaute Gitter 
werden daher „lonengitter" genannt, und zwar 
speziell „Radikalionengitter", wenn mindestens 
eine Atomgruppe aus mehreren Atomen besteht, 
„Atomionengitter", wenn jedes Atom eine Gruppe 
für sich bildet. (Umgekehrt müssen aber nicht 
etwa alle festen Salze lonengitter bilden). 

Bei diesem Vorgehen würde z. B. auch der 



') über die Definition dieses Begriffes siebe a. a. O. I, 
S. 2o8 und 11, S. 57—59. 



umstrittene Begriff des „Kristallmoleküls" eine 
scharfe Fassung erhalten. Nur in Molekülgittern 
tritt der „Molekülbereich" neben die bisher 
üblichen Begriffe Fundamentalbereich und Ele- 
mentarparallelepiped. — In bezug auf die Atom- 
abstände läßt sich nun für die verschiedenen oben 
definierten Gitterarten folgendes aussagen : In ein- 
atomigen Gittern sowie in Atomionengittern von 
nur zwei Atomarten sind alle Atomabstände 
gleich. In allen Molekülgittern dagegen müssen 
ungleiche Atomabstände vorkommen, es besteht 
wohl kein Zweifel, daß die Abstände der im 
Molekül unmittelbar chemisch verbundenen Atome 
kleiner sind als die Abstände von benachbarten 
Atomen, die zu verschiedenen Molekülen gehören. 
Die ersteren Abstände werden zu ungefähr i — 2 Ä 
geschätzt, während die „zwischenmolekularen 
Atomabstände in Kristallen zu 2,5 — 4 A ange- 
geben werden. Da nun die physikalischen Eigen- 
schaften der festen Stoffe besonders eng mit den 
Atomabständen zusammenhängen werden, wird 
vom Verf. nachzuweisen versucht, daß die von 
ihm unterschiedenen Gitterarten sich tatsächlich 
auf Grund ihres physikalischen Verhaltens unter- 
scheiden lassen. Als Arbeitshypothese wird hierzu 
angenommen, daß starken Anziehungskräften 
zwischen zwei Atomen kleine Abstände zuge- 
ordnet sind und umgekehrt. 

Während in Atom- und Atomionengittern die 
Festigkeit aller Gittermaschen die gleiche ist, 
werden Molekül- und Radikalionengitter aus 
Maschen von sehr ungleicher Festigkeit aufgebaut 
sein. Ein Vergleich ergibt, daß die Kompressi- 
bilität von Molekülgittern meist ungefähr halb so 
groß als die derselben Stoffe in flüssigem Zustand 
gefunden wird, während sie die der lonengitter 
im Durchschnitt um mehr als das Zehnfache, 
diejenige der einatomigen Gitter noch stärker 
übertrifft. Ein Vergleich der thermischen Aus- 
dehnungskoeffizienten ist bisher nur in roher An- 
näherung möglich, trotzdem ist nach Reis eine 
Gruppierung der Gitter nach den unterschiedenen 
Klassen unverkennbar: Die Werte für Molekül- 
gitter betragen auch hier das Mehrfache von den 
Werten für lonengitter und für einatomige Gitter 
mit Ausnahme der Alkalimetalle (Diamant und 
Graphit fallen durch tiefe, Schwefel und Phosphor 
durch hohe Werte aus der Reihe). — Auch über 
die Beziehungen zwischen den Eigenschaften eines 
und desselben Stoffes in verschiedenen Aggregat- 
zuständen gestattet die Klassifizierung nach 
Reis einige Aussagen zu machen, z. B. für die 
optischen Eigenschaften und den Energieinhalt. 
Hierbei werden auch Vorstellungen über die Ver- 
schiedenheit polymorpher Modifikationen ent- 
wickelt. Schließlich werden noch einige Folge- 
rungen ausgesprochen, die zwischen den Modellen 
der Gasmoleküle und denen der Kristallgitter für 
die gleichen Stoffe weitgehende Beziehungen fest- 
legen. (Es muß besonders darauf hingewiesen 
werden, daß für Molekülgitter, wie der Verf. 



N. F. XX. Nr. i 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



fS 



selbst auch erwähnt, bisher röntgenographisch 
noch kein einwandfreies Beispiel festgestellt 
werden konnte. Es ist aber offenbar, daß vieles 
für die Brauchbarkeit der vorgeschlagenen Ein- 
teilung zu sprechen scheint. D. Ref.) Spbg. 



Wolkenstruktur und Wolkeuflächen. 

Im „Wetter" Jahrg. 1920, S. 11 gibt J. Dreis 
folgende interessante Einteilung der Wolken : 



als Leiche und vermutete nun das gräßlichste 
Verbrechen. Erfreulicherweise erkannte der herbei- 
gerufene Dorfschullehrer Meyer sofort die ge- 
schichtliche Bedeutung des Fundes und sorgte 
für dessen Bergung. Der Fund gelangte dann in 
das Museum zu Stade. Ein Stück von der Leiche 
selbst kam in die Sammlung der Moorstation in 
Bremen. Dieser Moorleichenfund von Obenahen- 
dorf ist für die Erforschung der Moorgeologie, 
wie wir weiter unten sehen werden, von beson- 
derer Wichtigkeit. So mag denn an dieser Stelle 



Art derselben : 



Beispiele: 



Anfangsstadium : 



Höhepunkt: 



Auf lösungsstadium : 



a) Mischungswolken 



b) Slrahlungswolken 



See- und Kiisten- 
nebel, Bergsattel- 
nebel 



kleine Fetzen- 
schwämme 



Küstennebel, 
Gebirgstalnebel 



c) Aufstiegwolken 



Zyklonenwolken, 
Gewitter, Haufen- 
wolken, Schäfchen,: 
Faserwolken hoher 
Schiebten i 



flache, stetig an 
schwellende Nebel- 
schichten 

Wellenbildung; 

kleine Fetzen- 

schwämme 



stark wogende 
Nebelmeere 



ruhig liegende 
Nebelmeere mit 
glatter Wellenfläche 

große Wolkenmassen 
mit Gipfelformober- 1 
fläche oder Fetzen- 
obetfläche 



Schäfchenwolken- 
schichten von grober, 
aber verwaschener 
Struktur 

homogene Auflösung 
durch Sonnenstrah- 
lung oder Wetter- 
umschläge 

Auflösung in Fetzen 
oder in Fasern 



Die Stadien der Wellenbildung und 
ihre Folgeerscheinungen sind in den unteren 
Schichten : Wellenbildung, die Erweiterung der 
Wellenberge führt zu Aufströmen, Ausbreitung 
der aufsteigenden Ströme an ihrer Oberseite nach 
allen Seiten, evtl. setzt auch volle Wirbelbildung 
ein, d. h. Wiederhinabfluten der Strömung. Mit 
Erlöschen der Strömungen setzt Auflösung der 
Wolkenformen ein. In den mittleren sind die 
Vorgänge ähnlich, doch die Wolkenformen kleiner 
und mehr geordnet, in höchsten Schichten die 
Stadien mehr zur einfachen Wellenbildung ver- 
schmolzen, gefolgt von faseriger Auflösung der 
Wolkenmasse. 

Die Stadien der Wolkenstruktur sind: 
Fetzen-, Gipfelstruktur, entweder Zurückfließen 
zur Fetzenstruktur oder Auflösung in Fasermassen 
je nach genügender oder ungenügender Entwick- 
lung des Niederschlags. Dr. Bl. 



Moorleiche. 

Im Mai 1895 wurde von Torfgräbern bei der 
Bauernschaft Obenahendorf, Kreis Neuhaus a. O. 
(Prov. Hannover) eine menschliche Leiche im großen 
Kehdinger Moor gefunden. Die Lage der Leiche war 
Südnord. Die Leiche selbst lag etwa 2 — a'/g m 
unter der Oberfläche. Der Torfgräber,, der auf 
die Leiche stieß, hatte sie mit seinem Spaten zu- 
erst mitten durchgeschnitten und die untere 
Hälfte wieder verkühlt, in der Meinung, es handele 
sich um den Kadaver von irgendeinem Tier. Als 
beim zweiten Schnitt Haare und Kleidungsstücke 
zutage kamen, erkannte er das gefundene Stück 



ein Referat über die jüngst erfolgte eingehende 
Veröffentlichung dieser Moorleiche durch H.Hahne 
in dem vom Provinzialmuseum zu Hannover 
herausgegebenen Sammelwerk „Vorzeitfunde aus 
Niedersachsen" Lieferung 4/5 seinen Platz finden. 
Die Moorleiche von Obenahendorf ist zunächst 
einmal deshalb von besonderem Interesse, weil 
sie die einzige ist, die sofort vor jeder Austrock- 
nung, wenigstens zu einem Teil, als Naßpräparat, 
konserviert worden ist. Die Moorleichen, die wir 
sonst in unseren Museen studieren können (z. B. 
Provinzialmuseum zu Hannover, Museen zu Kiel, 
Stade usw.), fallen uns, gewöhnlich durch das 
mumienartige Aussehen der Leichenteile, die 
lederartige Beschaffenheit ihrer Haut und die holz- 
artige Härte der Knochen auf. Durch die Er- 
haltung des Fundes von Obenahendorf können 
wir feststellen, daß all diese Erscheinungen ledig- 
lich Folgen des Austrocknens sind. So werden 
durch das Aussehen dieses Fundes auch die Be- 
richte über die Auffindung anderer Moorleichen 
in sehr wertvoller Weise ergänzt und es wird 
uns verständlich, weshalb die Weichteile in der 
Mehrzahl der Fälle dem uninteressierten Moor- 
arbeiter im Moor nicht ohne weiteres auffallen, 
zumal wenn sie zusammengepreßt sind. 

Neben der Moorleiche von Obenaltendorf 
wurden Teile eines Rumpfkleides (Hemdrock, 
Kittel), eine große Decke, in der die Leiche ein- 
gewickelt gelegen hat, zwei Hosenbeinreste und 
zwei Binden, wahrscheinlich Kniebinden, gefunden. 
All diese Gewebeteile bestehen durchweg aus 
Schafwolle ; Beimengungen anderer Gespinstfasern 
sind nicht nachweisbar. Es liegen zwei Gewebe- 
formen vor: zweischäftiger Taffet und zwei- 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. P. XX. Nr. I 



schäftiger Taffet mit doppeltem Einschlagfaden 
(Rips). 

Außerdem wurden neben der Leiche zwei 
Schuhe, je aus einem Stück tehaarten Leders ge- 
schnitten, und zwei kleine Kapseln aus Silberblech 
gefunden. Die letzteren beiden Fundstücke er- 
möglichen eine einwandfreie Datierung des Fundes 
in die Zeit um 250 n. Chr. In derselben Zeit läßt 
sich übrigens auch die gleiche Webetechnik nach- 
weisen. 

Irgendwelche Spuren einer gewaltsamen Tötung 
oder Versenkung des lebenden Menschen ließen 
sich bei dieser Moorleiche nicht nachweisen. 

Der IVioorbotaniker Prof. Dr. W e b e r - Bremen 
hat die Fundstelle kurze Zeit nach der Auffindung 
der Moorleiche besucht. Weber sah in der Wand 
der Torfgrube in dem hier anstehenden hellen 
oberen Sphagnumtorf einen dunkel gefärbten 
Horizont, der ihm als Rest der Lagerstelle der 
Leiche bezeichnet wurde; an dieser Stelle zeigte 
der Torf deutlich Störung, die aber nicht in dem 
darüber liegenden Torf bis zur Oberfläche zu ver- 
folgen war. Eine Eingrabung der Leiche hatte 
also nicht stattgefunden. Die Oberfläche des 
Moors wird also zur Zeit der Versenkung der 
Leiche nicht wesentlich höher gelegen haben als 
die Leiche selbst, und diese wird dann auch 
nicht tief eingesenkt worden sein. Auch diese 
Beobachtung spricht mit gegen die Vermutung 
der Versenkung eines Lebenden. 

Neuere Abtorfungen bei der Fundstätte ver- 



hinderten gegenwärtig die Feststellung der Ge- 
samtmächtigkeit des Moores und der Mächtigkeit 
der seit der Versenkung der Leiche entstandenen 
Moorschichten. Die Leiche lag in den untersten 
Sphagnumtorfschichten dicht über einer Zone- von 
Übergangstorf mit viel Wollgras, die ihrerseits 
Schilftorf mit Holzresten überlagerte. Da das 
Kehdinger Moor ein Niederungsmoor ist, in dem 
der ältere Sphagnumtorf fehlt, so entspricht der 
vorhandene Sphagnumtorf dem jüngeren Sphag- 
numtorf der Hochmoore. Dann ist wohl der 
Übergangstorf im liegenden und der Schilftorf 
den unteren Schichten des oberen Hochmoor- 
torfes, die Holzreste aber einem Teil des Grenz- 
horizontes der Hochmoore gleichzusetzen. Da 
ein Teil des oberen Sphagnumtorfes im Keh- 
dinger Moor zur Zeit der Versenkung der Moor- 
leiche bereits vorhanden war, darf man wohl an- 
nehmen, daß die Zeit des durch den Grenzhori- 
zont bezeichneten warmen Trockenklimas, wenn 
auch noch nicht lange, vorüber war, umgekehrt, 
daß das Ende der Grenzhorizontzeit bis gegen das 
3. Jahrhundert nach Chr. nach diesem Befunde 
herabzurücken wäre, wenn die angesetzten Glei- 
chungen zwischen Hoch- und Übergangsmoor 
stichhaltig sind, was nach den bisherigen moorgeo- 
logischen Veröffentlichungen allerdings der Fall 
zu sein scheint. Dann besitzt aber die Moor- 
leiche von Obenaltentorf eine besondere Bedeutung 
für die Chronologie der Nacheiszeit und der 
Moore überhaupt. 

Wernigerode a. H. H. Mötefindt. 



Bücherbesprechimgen. 



Wachs, Dr. H. , Entwicklung, ihre Ur- 
sachen und deren Gestaltung. Mit 
n Textabb. Freiburg i. Br. 1920, Th. Fischer. 
2,40 M. 
Ein Vortrag, der an der Hand einiger lehr- 
reicher neuerer Erfahrungen in die Probleme der 
experimentellen Entwicklungsforschung einführt 
und der vermöge der klaren verständlichen Dar- 
stellung der Beachtung empfohlen werden kann. 

Miehe. 

Stock, Alfred, Ultra-Strukturchemie. Ein 
leichtverständlicher Bericht. 8 1 Seiten in 8 " 
mit 17 Abb. im Text. Berlin 1920, Verlag von 
Julius Springer. Preis geh. 6 M. -j- Teuerungs- 
zuschlag. 
Der vorliegende Bericht enthält den wesent- 



lichen Inhalt einer Vortragsreihe, die der Verf. 
vor den wissenschaftlichen Angestellten der Farb- 
werke vorm. Fr. Bayer & Co. in Leverkusen über 
die neuere Entwicklung der Lehre von der Struk- 
tur der Atome gehalten hat. Er wendet sich an 
chemisch etwas vorgebildete Leser, ist aber im 
übrigen ganz allgemein verständlich und bringt 
das Wesentliche in klarer und sachlich einwand- 
freier Darstellung. Den Lesern der Naturw. 
Wochenschr. kann das Büchlein in jeder Hinsicht 
empfohlen werden. 

BerUn-Dahlem. Werner Mecklenburg. 



Literatur. 



Rohr, Dr. M. von, Die binokularen Instrumente. 2. Aufl. 
Mit 136 Textabb. Berlin '20, J. Springer. 



Inhalt: Br. Schönherr, Lorentz-Einstein. S. I. A. Hansen, Zur Metamorphosenlehre. S. 7. K. Kuhn, Die Aus- 
breitung der elektrischen Wellen und die Konstitution der Atmosphäre. S. 8. — Einzelbeiicbte : Kunze, Die Emp- 
findung der Richtung, aus der ein Schall kommt. S. 10. H. Haenel, Warum schlägt die Wünschelrute aus? S. II. 
E. Witlaczil, Die Grenzlage Wiens. S.u. H. Fehlinger, Das Carnegie-Institut zu Washington. S. 12. A.Reis, 
Zur Kenntnis der Kristallgitter. S. 13. J. Dreis, Wolkenstruktur und Wolkenflächen. S. 15. H. Hahne, Moorleiche. 
S. 15. — Bücherbesprechungen; H. Wachs, Entwicklung, ihre Ursachen und deren Gestaltung. S. 16. A. Stock, 
Ultra-Strukturchemie. S. 16. — Literatur: Liste. S. l6. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenslrafie 41, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 
Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neu© Folge 20. Baod; 
der ganten Reihe 36. Band, 



Sonntag, den 9. Januar 1921. 



Nummer S. 



Aus dem Stoffhaushalt unserer Gewässer. 

Vortrag, gehalten in der physikalisch-ökonomischen Gesellschaft zu Königsberg i. Pr. am 9. Februar 1920. 

Von Dr. med. et phil. A. Willer. 



[Nachdruck verboten.] 



Mit 4 Kurven. 



Zur Ernährung des tierischen Organismus sind 
einesteils organische, anderenteils anorganische 
Stoffe notwendig. Die anorganischen Verbindungen, 
welche ihre Bedeutung für den lebenden Organis- 
mus in ihren physikalischen Eigenschaften haben 
und sich nur zu einem geringeren Teile an den 
chemischen Umsetzungsvorgängen beteiligen, wer- 
den z. T. auch aus anorganischen Bestandteilen 
entnommen, die organischen Verbindungen also 
diejenigen Verbindungen, welche die Elemente 
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, 
Schwefel, Eisen und Phosphor enthalten, stammen 
entweder direkt aus dem Pflanzenreich oder in- 
direkt auf dem Wege durch andere Tierkörper 
aus diesen, da nur die Pflanze imstande ist, aus 
anorganischen Stoffen, organische Verbindungen, 
die als Energiequelle für den lebenden tierischen 
Organismus dienen können, zu bilden. Wir müssen 
daher, wenn wir nach den Quellen der Nahrung 
für die Tiere fragen, zunächst den Nährquellen 
der Pflanzen nachgehen. Die Pflanzen stellen in 
jedem Falle, sowohl im Luftleben wie im Wasser- 
leben, die sog. „Urnahrung" für die tierischen Or- 
ganismen dar. Der Stoffhaushalt eines Gewässers, 
also die Wechselwirkung zwischen den im Wasser 
vorhandenen Nährstoffen einerseits, den Pflanzen 
und Tieren andererseits, wird zunächst abhängen 
von der vorhandenen Nährstoffmenge und Nähr- 
stoffqualität für die Pflanzen und erst dann wird 
sich die Ausbildung der Tierwelt auf Grund des 
Vorhandenseins oder Nichtvorhandenseins von 
Nährstoffen pflanzlicher Natur entwickeln. Dazu 
treten dann in der Beeinflussung der Organismen- 
zusammensetzung noch physikalische und che- 
mische Einwirkungen anderer Natur, wie z. B. 
Belichtung, Erwärmung, Bodenbeschafifenheit, 
Strömung usw. 

Als Nahrungsquellen der Wasserpflanzen kom- 
men in Betracht: i. die Wassermasse, die den 
Aufenthaltsort der Pflanzen darstellt, 2. der 
Boden der Gewässer, 3. die Luft über den Ge- 
wässern, 4. die Zuflüsse, einmal die dauernden, 
dann aber auch vor allen Dingen die zeitweise 
einfließenden Rinnsale, welche von dem benach- 
barten Lande und dem höher gelegenen Terrain 
dem Ufer zufließen. Nicht alle Wasserpflanzen 
sind in der Lage diese Nahrungsquellen in gleicher 
Weise oder direkt zu benutzen, so können z. B. 
die im Boden enthaltenen Nährstoffe direkt nur 
von den in diesem wurzelnden Pflanzen nutzbar 



gemacht werden, die Luft und damit die Kohlen- 
säure der Luft wird direkt nur ausgenutzt von 
denjenigen Pflanzen, die ihre Sprosse über die 
Wasseroberfläche erheben oder Schwimmblätter 
ausbilden. Die wurzellosen und untergetaucht 
lebenden Pflanzen sind allein auf die im Wasser 
gelöst enthaltenen Nährstoffe angewiesen. 

Es besteht also ein Unterschied in der Nahrungs- 
aufnahme zwischen den einzelnen Gruppen der 
Wasserpflanzen: i. den festwurzelnden, 2. den 
Schwimmpflanzen, 3. den untergetaucht lebenden 
nicht im Boden wurzelnden Pflanzen. Es bestehen 
natürlich zwischen diesen Pflanzen Übergänge und 
Zwischenformen. Als eine festwurzelnde Pflanze 
mit zugleich Schwimmblättern, nenne ich die See- 
rosenarten (Nymphaea, Nuphar), festwurzelnde 
Pflanzen ohne Schwimmblätter sind die meisten 
Froschlaichkräuter oder Potamogetonaceen. 
Schwimmpflanzen ohne Festwurzelung sind die 
Wasserlinsen oder Lemnaceen , der Froschbiß 
(Hydrocharis morsus ranae) und andere. 

Die untergetaucht lebenden, nicht im Boden 
wurzelnden Pflanzen gehören wieder einesteils zu 
schwimmenden oder schwebenden, anderenteils zu 
festsitzenden epiphytisch oder auf Steinen usw. 
sitzenden. Pflanzen. Letztere gehören zum sog. 
Aufwuchs, jene wenigstens zum Teil zu dem 
Plankton. Es ist ersichtlich, daß diese plankto- 
nischen und Aufwuchsformen sich am stärksten 
von dem Gehalt des Wassers an Nährstoften ab- 
hängig zeigen müssen, da sie ja nur auf diese an- 
gewiesen sind. Aber auch die übrigen Pflanzen 
sind von diesen mehr oder weniger abhängig, 
denn einmal müssen die festwurzelnden aber unter- 
getaucht lebenden Formen ihren Kohlenstoff, der 
bei den Landpflanzen der Kohlensäure der Luft 
entnommen wird, dem Wasser entnehmen, ande- 
rerseits müssen die freien Schwimmpflanzen ihre 
Nährstoffe mit Ausnahme des Kohlenstoffes hin- 
wiederum dem Wasser entziehen, während sie 
diesen aus der Luft gewinnen können. Dadurch, 
daß von den festwurzelnden Pflanzen die Wurzeln 
zuweilen nur noch mehr als Haftorgane denn als 
Nährorgane benutzt werden, kompliziert sich die 
ganze Angelegenheit noch mehr. Bei ihnen be- 
steht die Möglichkeit, daß abgelöste Sprosse selb- 
ständig ohne besondere Wurzelorgane im Wasser 
fortleben, so z. B. bei der allbekannten Wasser- 
pest (Eledea canadensis), die aus Amerika einge- 
schleppt in ihren nur weiblichen Pflanzen, die 



i8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 2 



allein bei uns vorkommen, unsere Gewässer in 
so überaus massenhaftem Auftreten bevölkert und 
vielfach zu einer Plage für den Wasserwirt ge- 
worden ist. In der Tat gibt es nur verhältnis- 
mäßig wenige Wasserpflanzen, die infolge ihres 
Wurzeins im Boden von der Zusammensetzung 
des sie umgebenden Mediums, des Wassers, voll- 
kommen unabhängig sind. Es sind dies Pflanzen, 
welche mehr als Sumpf-, denn als Wasserpflanzen 
angesprochen werden können, z. B. die Phrag- 
mites-, Typha-, Glyceria-, Juncus- usw. Arten. 

Hiernach ist es nun auch nicht mehr wunder- 
bar, wenn ein gewisser Zusammenhang zwischen 
der Menge des im Wasser vorhandenen Roh- 
materials und der organisierten, lebenden Sub- 
stanz besteht. Es gilt für das pflanzliche Leben 
im Wasser das Liebigsche Gesetz vom Minimum, 
nach welchem der in der Minderheit vertretene, 
unentbehrliche und unersetzliche Nährstoff seine 
Entwicklung begrenzt, wie es für das pflanzliche 
Leben auf dem Lande gilt, und ebenso wie in der 
Landwirtschaft, dieses Gesetz die Grundlage für 
die moderne Düngerlehre abgegeben hat, so hat 
man in der Wasserwirtschaft die gleichen Schluß- 
folgerungen gezogen und dort, wo der Ertrag des 
Wassers d. h. also für uns letzten Endes der Er- 
trag an Fischfleisch einer Hebung bedarf, die Zu- 
fuhr von Nährstoffen zum Wasser gehoben, indem 
man die zu bewirtschaftende Wasserfläche düngte, 
entweder durch Zufuhr von Naturdünger oder 
auch seit etwa einem Jahrzehnt von Kunstdünger. 
Man ging hierbei davon aus, daß durch die 
Düngung zunächst die pflanzliche Urnahrung und 
hierdurch dann auf mehr oder weniger direktem 
Wege die Menge oder Masse der Endproduzenten 
der Fische vermehrt wird. Diese zunächst theo 
retischen Gedankengänge haben dann ihre Richtig 
keit durch die praktischen Erfahrungen bewiesen 
Heute wissen wir, daß die in unserem Sinne er- 
tragreichsten Gewässer diejenigen sind, die von 
Natur aus die meisten Nähr- und Düngerstoffe 
erhalten, die Dorfteiche, in die die häuslichen Ab- 
wässer und die Schwemmwässer der Dorfstraßen 
gelangen. 

Wenn wir nun die chemische Zusammen- 
setzung des Süßwassers betrachten, so zeigt 
sich, daß di,eselbe großen Schwankungen unter- 
liegt, analog den Verschiedenheiten welche der 
Boden in der Landwirtschaft aufweist. Wichtig 
für sämtliche Organismen, Tiere sowohl wie 
Pflanzen, ist der Gasgehalt des Wassers, zunächst 
an Sauerstoff. Der Gasgehalt, also der Gehalt 
an gelöstem O und CO» ist einmal abhängig von 
der Temperatur derart, daß im kälteren Wasser 
die Menge der gelösten Gase größer ist als im 
wärmeren Wasser, was nun auch zu Verschieden- 
heiten des Gasgehaltes in den verschiedenen 
Wasserschichten führt, so daß wir in Seen, in 
denen die Verhältnisse nicht durch Fäulnisprozesse 
am Boden und Assimilationsprozesse in den wär- 
meren Schichten ^) kompliziert sind , im kalten 
Wasser den höheren Gasgehalt finden, und daß 



im Winter dasselbe gilt gegenüber dem Sommer. 
So beträgt z. B. der Sauerstoffgehalt im Genfersee 

im Winter 7,3 ccm pro 1, 

im Sommer 5,7 ccm pro 1, 

der Kohlensäuregehalt im Winter 0,6 ccm pro 1, 

im Sommer 0,3 ccm pro 1, 

der Sauerstoffgehalt im Plönersee 

im Winter 12,35 ccm pro 1, 

im Sommer 2,3 ccm pro 1. 

Die Wirkung der Temperaturänderungen ist 
größer als die des Druckes, bei o" bis 25" 30 bis 
40 "/(,, bei extremster Druckschwankung um 6 %. 
Die jahreszeitlichen Schwankungen des Sauerstoff- 
gehaltes im Wasser sind also recht bedeutend. 
Die Kurve zeigt diese Schwankungen in der 

ccm Opro I. 

12 



Jan. Febr. MSrz April Mai Juni Juli Aug. Sept. Okl Nov Dez. 

Abb. I. 

Der Sauerstoffgebalt der Oberflächenschicht im Sakrower See 

während eines Jahres gezeichnet nach Schickendantz 

mit den den gemessenen Temperaturen entsprechenden 

Sättigungspunkten für Sauerstoff. 

Oberflächenschicht des Sakrower Sees, eines mit 
der Havel in Verbindung stehenden tiefen Sees 
(s. Abb. i). -) Daneben sind die einzelnen Zahlen 
in den verschiedenen Schichten angegeben (s. Tab.). 
Zum Verständnis dieser Zahlen muß noch her- 
vorgehoben werden, daß wir drei Perioden im 
Jahre an unseren Seen unterscheiden. Die erste 
Periode ist, die der teilweisen Zirkulation. In 
dieser, der Zeit des Sommers, lagern die kältesten 
und schwersten Schichten, also die mit etwa 4 " C 
Temperatur am Boden, die nächst höheren Schich- 



• -i j^ 

/ \ • 



auf. 



') In der Regel treten derartige Prozesse in den Gewässern 



^) G. Schickendantz, Temperaturen und Sauerstoff im 
Sakrower See bei Potsdam, Intern. Revue f. Hydrob. u. 
Hydrog. Bd. III igio/n, S. 84ff. 



N. F. XX. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



19 



Tiefe 
in m 


Febr. 


April 


Mai 


Juli 


Sept. 


Okt. 


No 


V. 


Dez. 




t 


1 


t 


t 





t 


t 


1 


t 





l 





t 





1,0 


7,4 


8,5 10,9 


10,4 


9,5 


19,2 5,2 


17,3 


5,5 


11,6 


6,4 


5,7 


5.2 


4,0 6,1 


'h 


3.1 




8,7 10,6 


10,3 


9.8 


















2 


3.2 


5,9 


8.4 9.9 


10,1 


8,5 




17.4 




11,6 


6,2 






4,0 6,2 


5 


3,2 


5.Ö 


7.7 8.1 


9,6 




16,2 2,7 


•7.5 




11,6 


6,4 


5.8 


5,' 


4,0 


6 








9,4 






17 














7 








8,3 






12,7 




11,6 










8 








7 






8.9 




",5 










9 








6.5 






6.7 




11,2 










10 


3.2 


5.7 


5.2 8 


5.7 


6,4 


5,9 2,5 


6,0 


1.6 


8.3 


0,1 


5.8 


5.0 


4,0 


15 






4.8 7 


5.0 


6.2 


5.3 


5.5 


1,3 


5,6 


0,1 


5,7 


5.1 


4.0 


20 


3.3 


4.9 


4,4 5.6 


4.6 


5.3 


4.7 «.7 


4.7 


0,4 


4,8 


0,1 


5.6 


4.1 


4,0 6,0 


25 






3.9 3,8 


4.2 


3,7 


4.4 0,1 


4.5 


0,2 


4.5 


0,1 


4.7 


0,2 


4,0 6,1 


30 


3.5 


2.7 


3.8 3 


4,1 


3.2 


4.5 0.1 


4.4 


HjS 


4,5 


H,S 


4.5 


HjS 


4,0 6,0 



Der Sauerstoffgehalt des Wassers im Sakrower See während eines Jahres. 
Nach Schickendantz. 
= Wassertemperatur in " C. O = Sauerstoffgehalt pro i 1 in ccm. 



ten weisen nur geringe Temperaturerhöhungen 
auf bis wir an eine Schicht kommen, wo die 
Temperaturerhöhung sprungartig mehrere Grade 
beträgt, wir nennen diese Schicht die Sprung- 
schicht. Sie ist z. B. schön ausgeprägt in den 
Tabellen vom Juli, September und Oktober. Von 
hier aus finden wir dann die höchst temperierten 
Wasserschichten des Sees überhaupt. Diese 
Sprungschicht erklärt man dadurch, daß die über 
dieser gelegenen Wassermassen von den täglichen 
Temperaturschwankungen der Luft beeinflußt wer- 
den und diese durch Zirkulationsströmungen mit- 
machen. Den darunter gelegenen Wasserschichten 
fehlen während dieser Zeit diese Zirkulationsbe- 
wegungen, es befinden sich diese in einem Zu- 
stande der Stagnation. Da in diesen Tiefen der 
Pflanzenwuchs in unseren norddeutschen Seen zu- 
meist aufgehört hat oder gering ist, so findet hier 
zunächst keine Produktion von Sauerstoff durch 
diese und kein Austausch mit der Luft statt, in- 
folgedessen nimmt, der Sauerstoff hier infolge des 
Verbrauchs durch Organismen und durch Fäulnis- 
prozesse ständig ab und der Gehalt an HjS und 
wie sich später zeigen wird an COj zu. Wir 
sehen daher einen gewaltigen Unterschied zwi- 
schen dem Sauerstoffgehalt der Zirkulations- 
schichten und dem der stagnierenden Schichten 
in den betreffenden IVIonaten. 

Im Herbst nun kühlen sich die oberen Schichten 
ab und sinken infolge der zunehmenden Schwere 
nach unten, die Zirkulation greift immer weiter 
nach unten und es kommt so schließlich zu einer 
Vollzirkulation des Seewassers. Eine gleiche Voll- 
zirkulation nur im umgekehrten Sinne durch Er- 
wärmung der Wassermassen tritt dann , häufig 
allerdings in weniger stark ausgeprägtem Grade 
im Frühjahr auf.^) Während des Winters haben 

') Die auf 4" erwärmten oberflächlichen Wasserschichten 
sinken als schwerere Wassermassen in die Tiefe ab. 



wir dann ein Stadium der Stagnation für die ge- 
samte Wassermasse bis auf die alleroberste 
Schicht, es schwindet daher in tieferen Seen auch 
hier der Sauerstoffgehalt in den Tiefen, die jetzt 
die höchsten Temperaturen aufweisen. Die 
Schichtung ist eine umgekehrte wie im Sommer. 
Wie stark der Sauerstoffgehalt der einzelnen 
Wasserschichten durch diese thermischen Vorgänge 
beeinflußt und verändert wird, ist leicht aus den 
Tabellen zu ersehen. 

Es hat sich nun aber gezeigt, daß der 
Sättigungskoeffizient an Sauerstoff, der ja der 
Temperatur und dem Luftdruck entsprechen muß, 
unter Umständen erheblich überschritten wird, ') 
und dies hat darauf hingewiesen, daß der Sauer- 
stoffgehalt nicht allein abhängt von dem Wechsel- 
verkehr zwischen Atmosphäre und Wasser, son- 
dern zu einem großen Teil, vielleicht zu einem 
wesentlichen von der Tätigkeit der sauerstoff- 
produzierenden grünen Pflanzen. In Gewässern, 
in denen ein reiches organisches Leben sich ent- 
faltet, würden die sauerstoffzehrenden Prozesse 
der abgestorbenen Organismenleiber die Überhand 
gewinnen und zu HjS-Mengen führen, die jedes 
höhere Leben schließlich verhindern würden, 
wenn nicht wieder die Lebenstätigkeit der 
grünen Pflanzen für eine reichliche Sauerstoff- 
produktion sorgen würde. Ein Beispiel, wie diese 
Anreicherung an Sauerstoff durch die Pflanzen 
wirkt, gibt folgende Tabelle: 
Es sind hier fortlaufend dreistündlich in einem 
Teiche Sauerstoffbestimmungen vorgenommen 
worden. 

Temp. 20,1" C 0,733 ccm pro 1 

„ 21,0° C I,i;i8 

„ 21,8» C 1,605 

„ 21,6" C 1,540 

„ 20,3" C 0,937 

19,1» C 0,930 



24. VI. 8 Uhr vorm. 
II „ 
2 ,, nachm. 

5 „ 

8 ,, abends 
II „ nachts 



'j Siehe die Kurve Abb. I. 



20 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 2 



5 

S 

II 

2 



25. VI. 2 „ nachts Temp. 18,4» C 0,799 ccm U pro 1 

morgens ,, 18,0° C 0,815 ■• •• " 

„ „ 1716° C 1,214 I. .. 1. 

vorm. ,, 18,0» C 1,304 „ „ ,, 

mittags „ 19,8» C 1,679 „ 

Diese Tabelle stammt von S e y d e 1 , ') sie 
zeigt die Sauerstoffzunahme bei der Belichtung 
infolge der Tätigkeit der Pflanzen. Man hat diese 
Eigenschaft der 0-Produktion nun der Fischerei- 
praxis dienstbar gemacht, indem man den Sauer- 
stoffmangel von verschlammten Gewässern, die 
unter Eis sich befinden und infolgedessen keinen 
Gasaustausch mit der Atmosphäre besitzen, da- 
durch zu bekämpfen sucht, daß man das Eis 
schneefrei hält und so durch die Tätigkeit der 
Pflanzen im Wasser den Sauerstoffgehalt hebt. 
Die Erfahrung hat nämlich gezeigt, daß die sog. 
Wintersterben der Fische, welche auf Sauerstoff- 
mangel unter Eis in fäulnishaltigen Gewässern 
zurückzuführen sind, nur dann auftreten, wenn die 
Eisdecke mit Schnee bedeckt ist, ^) und so das 
Wasser und damit seine Schwebpflanzen und 
übrigen Pflanzen im Dunkeln gehalten werden. 
Versuche, welche von mir am Königsberger Ober- 
teich ausgeführt worden sind, haben gezeigt, daß 
in der Tat schneefrei gehaltene Stellen unter Eis 
einen höheren Sauerstoffgehalt bereits nach kurzer 
Zeit aufweisen als die schneebedeckten Stellen: 
Folgende Zahlen wurden z. B. erhalten: 

gefegte Stelle 
vorm. 1 1 Uhr vor dem Fegen : 

a) O m WT. 0,1» 8,345 ccm O 
2 m WT. 2« 7,28 ccm O 

4 Uhr 30 nachm. 

b) o m WT. o,i" 7,12 ccm O 
2 m WT. +1,2" 8,094 ccm O 

ungefegte Stelle 
vorm. II Uhr 

a) o m WT. 0,1" 8,347 ccm O 
1,80 m WT. 1,2» 9,26 ccm O 

4 Uhr 30 nachm. 

b) o m WT. 0,1" 6,2 ccm O 
i,So m WT. 1,2" 7,96 ccm O 

Es hatte also eine mehr oder weniger starke 
0-Abnahme stattgefunden, welche wohl darauf 
zurückzuführen ist, daß sich tierische Organismen 
in größerer Menge an die eingeschlagenen Eis- 
löcher gedrängt und so durch ihre Atmungs- 
prozesse zu einer Sauerstoffabnahme geführt hatten. 
Es zeigt sich jedoch ein großer Unterschied in 
der Abnahme an beiden Stellen, es betrug die 
Abnahme an der schneefrei gemachten Stelle 
O m — 1,225 ccm in 5 Std. 
Boden -}-o,8i4 ccm 
an der schneebedeckten Stelle 
o m — 2,147 ccm 
Boden — 0,284 ccm 



>) Seydel, E., Über die Schwankungen des Sauerstoff- 
gehaltes in Teichen. Mitt. d. Fischereivereins für die Provinz 
Brandenburg Bd. IV, Heft 7, 1912. 

') S c h i e m e n z. 



Es betrug also das Mehr an der schneefreien 
Stelle o m —0,922 ccm, d. h. 14,5 % 

am Boden 1,098 ccm, d. h. 13,9 "/o 

Die Versuche wurden unterbrochen durch Ein- 
treten von Tauwetter, das das Eis milchig und 
daher für Licht stark undurchgängig machte, sie 
sollen fortgesetzt werden. 

Weit weniger erforscht als die Beziehungen 
zwischem dem Pflanzenleben des Wassers und 
seinem Sauerstoffgehalt sind die zwischen ihnen 
und der Kohlensäure. Es handelt sich nämlich 
hierbei ebenfalls nicht um die COj -Aufnahme in 
Gasform, sondern die untergetauchten Pflanzen 
vermögen dieses Gas ebenfalls fast nur in ge- 
löster Form aufzunehmen; eine einzige Möglich- 
keit besteht für die Wasserpflanzen, den Kohlen- 
stoff auch als gasförmiges Kohlendioxyd aufzu- 
nehmen, nämlich dasselbe aus den großen Inter- 
cellularräumen zu entnehmen, die gerade die 
Unterwasserpflanzen in so ausgeprägtem Maße 
besitzen. Diese enthalten auch CO,, das aus dem 
Wasser hineindiffundiert. Die hauptsächlichste 
C- Quelle ist jedoch im Wasser selbst zu suchen 
und wird die Kohlensäure durch die Epidermis 
hindurch ebenso wie der Sauerstoff und die Nähr- 
salze aufgenommen. Es ist bekannt, daß den 
typischen Unterwasserpflanzen Spaltöffnungen ent- 
weder ganz fehlen oder nur in bedeutend ge- 
ringerer Zahl vorhanden sind, als bei Land- 
pflanzen. Die Cuticula selbst ist äußerst zart, eine 
Kutinisierung wie bei den Landpflanzen fehlt. 
Meines Wissens hat zuerst Z u n t z darauf hinge- 
wiesen, daß es in vielen Fällen der Kohlenstoff 
ist, der sich als Nährstoff im Wasser im Minimum 
befindet, und somit nach dem L i e b i g 'sehen Ge- 
setz das Gedeihen der pflanzlichen Organismen 
grundlegend beeinflußt. Er zeigte, daß bei intensiv- 
ster Schüttelung mit Luft bei 16» C das Kubikmeter 
Wasser nur 0,3 1 CO3 aufnehmen kann, daß ein 
Gewässer von einem Hektar mit 7500 cbm Inhalt 
also enthahen würde 2250 1 COj = 4, 4 l<g CO2 
entsprechend 1,2 kg Kohlenstoff. Nach Zuntz' 
weiteren Untersuchungen wird aber von einer 
reichen Mikroflora diese Menge von Kohlenstoff 
an einem Tage assimiliert. Selbst wenn wir die 
noch nicht bewiesene, ja durch Nathansons 
und Czensnys Versuche unwahrscheinlich ge- 
machte Annahme, daß der Kohlenstoff im Wasser 
aus an Alkali gebundene CO., entnommen werden 
kann, mit zu Hilfe nehmen, würde nur eine Menge 
von 1,4 kg C in dem erwähnten 7500 cbm-Teiche, 
an dem die Zuntzschen Untersuchungen und 
Berechnungen ausgeführt wurden, resultieren. 
Die Annahme, daß die Kohlensäure dem Ver- 
brauch entsprechend nun etwa aus der Luft 
wieder in das Wasser hinein diffundiert, ist zu 
Unrecht geltend gemacht, da wie Steffen, 
Hüfner, Hoppe-Seyler u. a. gezeigt haben, 
es Wochen dauert, bis ein CO., - Molekül eine 
Tiefe von einem Meter erreicht hat. Die Luft- 
CO, kommt demnach für die Ernährung der 



N. F. XX. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



21 



Mikroflora des Wassers und wohl auch der 
anderen submersen Flora nur in ganz geringem 
Maße in Betracht. Als Hauptkohlenstoffquelle 
müssen wir daher für die Mikroflora zum wenig- 
sten neben den Atmungsprodukten der Tiere 
und Pflanzen die in Zersetzung begriffenen organi- 
schen Substanzen am Boden ansehen. Hierauf 
wird dann auch die Erfahrung in der Praxis der 
Wasserwirtschaft zurückzuführen sein, daß mit an- 
organischen Düngesalzen gedüngte Gewässer sehr 
häufig jeden Erfolg vermissen lassen, während die 
mit organischem Dünger versehenen erstaunliche 
Mehrerträge bringen. Daß in der Tat in pflanzen- 
reichen Teichen die CO., im Laufe des Tages völlig 
verschwinden kann, haben Untersuchungen im 
Z u n t z sehen Laboratorium gezeigt. Neuerdings 
liegen hierfür interessante Zahlen von Czensny*) 
aus Teichen vor; er fand folgende Mengen 
freier CO-,: 



3 Uhr früh 


2 Uhr abends 


Abnahme 


6,6 mg pro 1 


2,6 mg 


4,0 mg 


5,4 


3,o „ 


2,4 „ 


7,2 


3,7 ,. 


3,5 „ 


6.8 „ 


4,9 -, 


1,9 „ 


7,6 „ 


4.2 „ 


3,4 „ 


7,2 


2,1 „ 


5,1 „ 



Daß die CO., nicht vollständig aus dem Teich- 
wasser geschwunden war, ist darauf zurück- 
führen, daß diesen Teichen aus Versuchsgründen 
abgeschnittenes Pflanzenmaterial zugeführt worden 
war, das durch seine Verwesung dafür sorgte, 
daß der Kohlenstoff nicht völlig zum Ver- 
schwinden kam. Im übrigen konnte Czensny 
das Verschwinden der freien CO., an in Zer- 
setzung begriffenen Stoffen armen Teichen am 
Abend, wie es Knauthe berichtet hatte, eben- 
falls feststellen : '^) 

abends (9. VI.) früh (10. VI.) mittags (10. VI.) 

o 3,3 5-5 

o 1 1 ,0 2,9 

o 14.5 1,1 

o 10,3 6,6 

Wir sehen also, daß das Verhältnis der Wasser- 
pflanzen zum Kohlenstoff ein viel ungünstigeres 
als das der Landpflanzen oder besser Luftpflanzen 
ist. Während der Nacht findet nun also infolge 
des Aufhörens der Assimilationstätigkeit der 
Pflanzen wieder eine Anreicherung der Kohlen- 
säure im Wasser statt und zwar einerseits durch 
die COj-Ausatmung der höheren Organismen und 
andererseits durch die auch des Nachts weiter 
laufenden Zersetzungsvorgänge organischer Sub- 
stanz. 

Soviel über den Gasstoffwechsel in unseren 
Binnengewässern. Im Meere liegen die Verhält- 
nisse etwas anders, doch soll hier nicht darauf 
eingegangen werden. Sehr interessant wäre es, 
zu untersuchen, wie sich diese Verhältnisse an 



') s. Zeitschr. f. Fischerei, N. F., Bd. IV, 1919, p. io,S 
u. 110. 

') 1. C. p. 121. 



polaren Seen verhalten, die ja durch lang dauernde 
Belichtung und lang dauernde Verdunkelung aus- 
gezeichnet sind. Die wissenschaftlich-praktischen 
Versuche der Hydrobiologie und der speziellen 
Fischereibiologie haben gezeigt, daß neben den 
Sauerstoff- und Kohlensäureverhältnissen eine der 
wichtigsten Rollen das Kali, der Kalk und die 
Phosphorsäure sowie der Stickstoff in ihrem Ge- 
halt im Wasser spielen. Ich will hier absehen 
von mehr speziellen Fällen, wo etwa durch zu 
hohen Eisen- oder Mangangehalt das Leben im 
Wasser in besonderer Richtung beeinflußt wird, 
das sind Spezialfälle, die hier nicht behandelt 
werden sollen. Ganz besonderes Interesse hat 
der Stickstoffwechsel in der Hydrobiologie erregt, 
weil es wichtig war, zu erfahren, wie sich die 
Organismenwelt diesem Stoffe gegenüber im 
Wasser verhalten wird. Wir wissen aus den 
landwirtschaftlichen Forschungen, daß die Rolle 
und das Schicksal des N im Boden recht mannig- 
faltig sind. Wir kennen seit vielen Jahren stick- 
stoffsammelnde oder nitrifizierende und stickstoff- 
zehrende oder denitrifizierende Prozesse im Erd- 
boden, die im wesentlichen auf bakterielle Ein- 
flüsse zurückzuführen sind, wenn auch rein che- 
mische Vorgänge ebenfalls eingreifen. Für die 
Verhältnisse im Wasser war diese Frage bis 
kurz vor dem Kriege noch recht ungeklärt. Erst 
Untersuchungen von H. Fischer -München in 
Verbindung mit H o f e r und von Zuntz, Czensny 
und Will er haben hier einige Klarheit geschaffen. 
Es hat sich nun gezeigt, daß auch im Wasser 
bakterielle sowie chemische Nitrifikations- und 
vor allem auch Denitrifikationsvorgänge sich ab- 
spielen, in ähnlicher Form wie im Ackerboden. 
Als Stickstoffquellen sind einmal vor allen Dingen 
zerfallende Eiweißsubstanzen der Organismen- 
leiber, die Exkrete der Tiere, dann die Luft und 
außerdem die stickstoffhaltigen Salze, also die 
Nitrite und Nitrate, welche im Wasser gelöst auf- 
treten und dem Boden mehr oder weniger direkt 
als solche entnommen sind, zu nennen. Der Ge- 
samtstickstoffgehalt der Gewässer ist naturgemäß 
ein verschiedener und schwankt auch im einzelnen 
See oder Teich bzw. Fluß mit der Jahreszeit. 
Czensny fand z. B. in Sachsenhausener Bach- 
wasser folgende Mengen an Gesamtstickstoff (1. c.) ; 
1914 

April 0,35 mg pro i 1 

Mai 0,80 

Juni 0,76 

Juli 0,87 

Anfang September 0,81 „ 

Ende September 0,59 „ 

1915 

Juli 0,41 mg pro i 1 

August 0,60 „ 

Anfang September 0,59 „ 

Ende September 0,54 „ 

Im Sachsenhausener Teichwasser: 



April 



1914 

0,36 mg pro 1 i 



22 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 2 



Mai 0,91 mg pro i 1 

Juni 0,81 „ 

Juli 0,98 

Anfang September 0,58 „ 

Ende September 0,76 „ 

1915 

Juli 0,51 mg pro i 1 

August 0,70 „ 

Anfang September 0,53 „ 

Ende September 0,37 „ 

Bedeutung gewinnt für die höheren Organis- 
men, die Pflanzen und demnächst für die Tiere, 
der N erst, wenn er als Ammoniak oder Nitrat 
auftritt. Nur in diesen beiden Formen vermögen 
die Wasserpflanzen den Stickstoff aufzunehmen 
und zu Eiweiß umzusetzen. Es sind die Bakterien, 
welche den in anderem Zustande im Wasser vor- 
handenen Stickstoff in diese beiden Formen um- 
wandeln. Einmal sind es Fäulnisbakterien, die 
die Abbauprodukte des Eiweißes, das aus den 
Organismen stammt, schließlich in Ammoniak 
und Ammoniumsalze umsetzen, dann aber 
kennen wir ähnlich wie im Boden Azotobakterien, 
die den gelösten Stickstoff des Wassers binden 
und weiter verarbeiten, um ihn so dem Kreislauf 
der Stoffe im Wasser zuzuführen. Auch nitrifi- 
zierende Bakterien oder vielleicht besser bakterielle 
nitrifizierende Prozesse sind aus dem Süßwasser 
bekannt geworden. So zeigen folgende Kurven 
das Schwanken des Nitratgehaltes im Havelwasser, 
das in Glasbehältern aufbewahrt wurde (Abb. 2). 
Der Nachweis von nitratbildenden Bakterien im 
Wasser ist sehr schwierig. Interessant ist es nun, 
daß es immer dann gelang, Nitratbildner in dem 
betreffenden Havelwasser nachzuweisen, wenn die 
Kurve im Aufsteigen begriffen war. Es handelt 
sich beim Nitrifikaiionsprozeß im Wasser offenbar 
um eine ähnliche Erscheinung, wie wir sie in 
unseren Gewässern als Wasserblüte kennen, d. h. 
um die Erscheinung, daß sich gewisse Blaualgen 
plötzlich ungeheuer vermehren und unsere Ge- 
wässer grün färben. ') Daß es sich hierbei tat- 
sächlich um bakterielle Vorgänge im Wasser 
handelt, beweisen Versuche mit ausgekochtem, 
also sterilem Havelwasser, bei denen diese Zacken 
ausbleiben. Merkwürdigerweise sind wir über 
das Vorkommen von Nitrobakterienarten, also 
Nitrit zu Nitrat oxydierenden Formen und Nitro- 
somonasarten, also Ammoniak zu Nitrit wandeln- 
den Arten im Meere besser orientiert als im Süß- 
wasser. 

In sehr ausgedehntem Maße wirken nun ent- 
gegengesetzt arbeitende Spaltpilze im Wasser, die 
sog. Denitrifikanten. In der landwirtschaftlichen 
Düngerlehre spielt die Frage der Denitrifikation 
eine große Rolle. Es handelt sich hierbei um die 
Spaltung der Salpetersalze und das dadurch statt- 
findende Freiwerden des Stickstoffes, der dann in 
die Luft entweicht. Es hat sich gezeigt, daß der- 



artige Denitrifikationsvorgänge sich im wesent- 
lichen in Böden abspielen, die mindestens 2$ % 
Wasser enthalten und gewisse Kohlehydrate, die 
aus dem Zerfall der Zellulose entstehen. Die de- 
nitrifizierenden Bakterien sind nämlich bei der 
Assimilation des Kohlenstoffs auf organische Ma- 
terie angewiesen. Es war nun eigentlich von 
vornherein als wahrscheinlich anzunehmen, daß 
gerade das Wasser unter Umständen ein ganz 
ausgezeichnetes Milieu für Denitrifikanten abgeben 
würde. Auch hier wieder sind die marinen 
Untersuchungen zunächst vorangegangen. Jetzt 
wissen wir jedoch, daß im Süßwasser dort, wo 
der Boden des Gewässers humusreich ist, die 
Denitrifikation durch Bakterien eine außerordent- 



"W'^i^i Januar 
prol 



Mdrz 




') WilleV, A., Experimentelle Studien zur Salpeter- 
düngung in Teichen; Fisch.-Ztg., Bd. 18, 1915. 



Tager W 20 30 iO SO 60 W - 

Abb. 2. Schwankungen des Nitratgehaltes im Wasser. 
Nach Will er. 

Havelwasser im Licht. 

Havelwasser im Dunkeln. 



lieh große Rolle spielt, und daß die hier im 
Wasser gelösten Nitrate und Nitrite bei günstiger 
Temperatur außerordentlich schnell umgewandelt 
werden. Dagegen in Gewässern, die mehr auf 
humusarmem Sandboden sich befinden, spielen 
diese Bakterien — Bacillus fluorescens liquefaciens 
hat eine große Bedeutung in dieser Hinsicht — 
eine geringere Rolle. Die sog. Teichdüngung 
hat mit diesen Prozessen daher mehr zu rechnen 
als vielleicht die Landwirtschaft selbst. Ein Bei- 
spiel derartiger Denitrifikationswirkung zeigt fol- 
gende Kurve (Abb. 3). Hier sind wiederum im 
Havelwasser Denitrifikanten durch Zugabe von 



N. F. XX. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



23 



geringen Mengen Alkohol, also einer Kohlenstoff- 
quelle, begünstigt und die Nitrifikanten geschädigt 
worden. Wir sehen völlige Denitrifikation der 
zugeführten Nitrate. Eine ähnliche Kohlenstoff- 
quelle stellt der Kalkstickstoff (Calciumcyanid) dar. 
Die dritte Kurve zeigt, wie sich der Nitratgehalt 
hierbei verhält (Abb. 4). Hier wird offenbar die 
Schädigung der Nitrifikanten nicht so intensiv 
stattfinden, so daß nach dem Verbrauch des 
Kohlenstoffs aus dem Kalkstickstoff diese wieder 
anfangen zu nitrifizieren und es zu einer Neu- 
bildung von Nitraten, deren Stickstoffquelle viel- 



ZS.März 



!J. April 




Tage 10 zq 

Abb. 3. Denitrifikation im Havelwasser. 

Havelwasscr + ionigN205+ i ccm Alkohol absol. pro 1 1. 

Nach WiUer. 



Denitrifikanten die Oberhand haben, während 
umgekehrt in den kalten Meeren diese nicht so 
zur Geltung kommen und letztere daher einen 
größeren Stickstoffgehalt aufweisen. Nach Brand t 
enthalten die Holsteinschen Seen mit viel Sal- 
petersäure und salpetriger Säure viel Plankton, 
die Salpetersäure- und salpetrigsäurearmen wenig 
Plankton. Als Lieferanten für den Stickstoff der 
Pflanzen in unseren Gewässern kommen also in 
erster Linie Bakterien in Frage, die den vor- 
handenen Stickstoff in die für die Pflanze allein 
aufnahmefähige Form des Ammoniaks und des 



2$. April 



Z4 Mai 




OTage 70 20 30' 

.\bb. 4. Denitrifikation und Nitrifikation im Havelwasser. 
Havelwasser -j- 10 mg N2O5 -|- 0,6 mg Kalkstickstoff pro i 1. 
Nach Willer. 



leicht hier im Kalkstickstoff selbst zu suchen ist, 
kommt. Wir sehen, es findet im Wasser ein 
dauernder Kampf zwischen den beiden Organismen- 
gruppen, den Nitrifikanten und den Denitrifi- 
kanten statt. Es ist bekannt, daß Brandt den 
verhältnismäßig großen Reichtum der kalten 
Meere an Organismen der verhältnismäßigen 
Armut an solchen in den warmen Meeren gegen- 
über erklären möchte dadurch, daß infolge der 
höheren Temperatur in den warmen Meeren die 



Nitrats überfuhren. Es sind aber auch wiederum 
Bakterien, die diesen Stickstoff den Pflanzen zu 
entziehen vermögen. Die genauen Schwankungen 
des Stickstoffgehaltes in den einzelnen Schichten 
der Seen und während der verschiedenen Jahres- 
zeiten sind im allgemeinen noch so gut wie un- 
bekannt. Hier sind sicherlich noch recht inter- 
essante und auch für die praktische Wasserwirt- 
schaft wichtige Ergebnisse: zu erwarten. Über 
die Rolle der übrigen Nährstoffe, vor allem des 



24 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 2 



auf 3 mm- 
Blattfläche 
von Elodea 
canadensis. 



Kalis und der Phosphorsäure, sind wir zwar so- 
weit unterrichtet, daß wir annehmen, diese werden 
als gelöste Salze durch die ganze Epidermis der 
Wasserpflanze aufgenommen. Wir wissen, daß 
sie natürlich ebenfalls, sobald sie ins Minimum 
gelangen, die Entwicklung der Pflanzenwelt des 
Wassers grundlegend beeinflussen können. Die 
einzelnen Arten werden in ihrem Vorkommen 
abhängig sein von dem mehr oder weniger 
großen Gehalt an diesen Stoffen im Wasser. Wie 
gesagt, genauere Angaben fehlen hier noch völlig. 
V. Alten hat an gewissen Diatomeenarten 
nachweisen können, daß ihr Vorkommen von 
dem Gehalt des Wassers an Phosphorsäure über- 
haupt abhängig ist. Daß eine starke Vermehrung 
einzelner Diatomeenarten durch Zufuhr von P 
und K stattfindet, geht aus folgenden in Ver- 
suchen von mir festgestellten Zahlen hervor, die 
sich auf die Kieselalge Cocconeis placentula Ehrbg. 
beziehen: 

1. Kultur mit gewöhnlichem Wasser 
(0,25 mg P.fi,„ 5,5 mg K^O pro 1) 
enthielt in 2 Kontrollproben nach 
8 Tagen durchschnittlich 22,05 
und 7,3 Individuen; 

2. Kultur mit demselben Wasser 
-f- 8 mg Phosphorsäure pro 1 
durchschnittlich 36 und 46,6 In- 
dividuen ; 

3. Kultur mit demselben Wasser 
-j- 4 mg K -j- 8 mg P pro 1 durch- 
schnittlich 46,4 und 59,3 Indi- 
viduen. 

Es ist also zweifellos, daß die Zahl der 
Pflanzen von dem Gehalt gelöster Phosphate und 
Kalisalze abhängig ist. Die Möglichkeit besteht 
allerdings, daß durch die Zufuhr die Vermehrung 
nur zunächst angeregt wird und später diese 
wieder nachläßt. Die beendeten Versuche sind 
jedoch noch nicht ausgearbeitet. Ich hoffe später 
darüber berichten zu können. 

Weiter hat v. A 1 1 e n ^) nachgewiesen, daß 
nicht nur die Zahl, sondern auch vor allen Dingen 
die Form und Größe der Diatomeen durch Kali- 
salze und Phosphate beeinflußt wird, indem bei 
stärkerem Gehalt an diesen Salzen die Größe der 
untersuchten Arten erheblich heraufgesetzt wird 
im Verhältnis zu der Größe der gleichen Arten 
in Gewässern mit weniger Gehalt an diesen 
Stoffen. Leider hat er hier keine ganz genauen 
und übersichtlichen Tabellen gegeben. Ähnliche 
Resultate für Grünalgen fand R ay s s (Coelastrum).^) 
Das, was also von den Pflanzen des Landes gilt, 
nämlich, daß sie durch einen größeren Gehalt 
ihres Nährmediums an Nährsalzen an Größe und 
Zahl zunehmen, gilt auch für die Wasserpflanzen, 
soweit sie vom Boden unabhängig sind. 

Über die regionäre Verteilung des Kalis und 
der Phosphorsäure in unseren Binnenseen wissen 



wir zurzeit so gut wie nichts. Über die jahres- 
zeitlichen Schwankungen können uns einen aller- 
dings sehr oberflächlichen Aufschluß für eine 
Gruppe von bestimmten Teichen Zahlen von 
Czensny geben, die allerdings mehr zu anderen 
Zwecken gewonnen worden sind. Er fand fol- 
gende Zahlen in einem fließenden Wasser:^) .-,' 

Gehalt von P2O5 im Sachsenhausenfer Zuleitet: 
1914 
30. April 0,26 mg pro 1 

18. Mai o,SS „ 

15. Juni 0,22 „ 

13. Juli 0,31 

20. Juli 0,61 

3. September 0,69 „ 

1915 

12. Juli 0,48 mg pro 1 
10. August 0,76 „ 

7. September 0,87 „ 

29. September 0,40 „ 
In den Sachsenhausener Teichen: 

1914 

30. April 0,30 mg pro 1 
18. Mai 0,59 

15. Juni 0,25 

13. Juli 0,92 

20. Juli 0,51 „ 

3. September 0,70 „ 

1915 
12. Juli 0,57 mg pro 1 

10. August 0,83 „ 

7. September 1,34 
29. September 0,39 „ 

Es scheint also, als wenn der Gehalt des 
Wassers an P.iOg im Spätsommer am größten ist. 
Ähnlich scheint es sich mit dem Kali zu ver- 
halten, doch sind die Zahlen hier noch spärlicher, 
da sie sich nur auf einen ganz kurzen Zeitraum 
erstrecken. Ich gebe sie nur der Vollständigkeit 
halber wieder: 

KjO im Zuleiter im Teich 

12. Juli 1,43 1,33 mg pro 1 

10. August 2,10 2,06 „ 

7. September 2,40 2,77 „ 

24. September 2,93 2,75 „ 

Über den Kalkstoffwechsel im Wasser sind 
bisher noch nicht allzu viele Arbeiten erschienen. 
Wir wissen jedoch, daß auch der Kalkgehalt 
jahreszeitlichen Schwankungen unterliegt, genau 
wie Kohlensäure und Sauerstoff. Auch hier finden 
sich Unterschiede im CaO-Gehalt der verschiedenen 
Schichten : 

Kulk menge im Kuresee 
Juni 1906 bis Oktober 1907.-) 

Tiefe Temperatur CaO 

15. VI. 06 o m I7i3° C 61,0 mg pro 1 

12 r2i4 6o,!s 



1) Zeitschr. f. Fischerei, N. F., Bd. IV, S. 190 ff. 

-) Beiträge zur Kryptogamenflora der Schweiz, J915, 5, 2. 



') 1, c. 

") J. N. Brönstedt und C. Wesenberg-Lund, 
Chemisch -physikalische Untersuchungen der dänischen Ge- 
wässer. Intern. Revue für Hydrobiologie und Hydrographie 
Bd. IV, 191 1. 



N. F. XX. 


Nr. 2 


N 


aturwissensch 


ai 




Tiefe 


Temperatur 


CaO 




15. VI. 06 


i:; m 


8,5° C 


60,0 mg pro 


1 




28 


0,0 


61,8 




23. VII. 06 





17.5 


59>o 






13 


i?,8 


59.4 






15 


9.5 


bI,S 






27 


7.1 


64,8 




8. VIII. 06 





19.4 


55.0 






13 


i6,s 


59,8^ 






17 


8,2 


64,0 






31 


7.2 


64,0 




24. VIII. Ob 





i^,o 


5=;,S 






13 


15,4 


55.S 






17 


15.1 


b2,6 






30 


7.7 


63.8 




12. IX. 00 





"5,0 


^6,o 






13 


■5.4 


57,0 






17 


15.' 


Sb,2 






30 


7.7 


64,6 




S. X. 06 





12,8 


56,2 






13 


12,8 


57,2 






17 


12,,S 


57.4 






30 


7.4 






19. X. 06 





II, S 


58,0 






13 


II.5 


58.2 






17 


".5 


5'J.o 






32 


7.3 


64,4 




13. XI. ob 





S.4 


59.5 






13 


8,4 


59,0 






24 


8,4 


59.0 






30 


^.3 


58.4 




10. XII. 06 





^.2 


59.4 






13 


5.2 


58,8 






24 


5.2 


58,0 






30 


5.2 


5S,4 





Wenn ich zu Beginn meines Vortrages gesagt 
habe, daß der Nährstoff, welcher sich im Wasser 
im Minimum befindet, für das Gedeihen der 
Wasserpflanzen maßgebend ist, so gilt naturgemäß 
ein gleiches Gesetz nicht in dieser Form für die 
Tiere. Aber dennoch hängt auch die Zusammen- 
setzung der Fauna eines Gewässers nicht zuletzt 
ab von dem Vorhandensein resp. Fehlen der not- 
wendigen Nahrungsstoffe oder besser Nahrungs- 
organismen. Wenn ich sage Nahrungsorganismen, 
so meine ich nicht durchweg Organismen als 
lebende Individuen, sondern auch die Reste der- 
selben, ja auch ihre Extraktionsstoffe usw. Wenn 
wir die Tierwelt eines Gewässers betrachten , so 
können wir dieselbe nach Art der systematischen 
Zoologie einteilen oder aber wir sondern sie nach 
den einzelnen Biozönosen, den einzelnen Lebens- 
gemeinschaften. Nun müssen wir zwar jedes Ge- 
wässer als eine Biozönose selbst auffassen, ge- 
wissermaßen als einen Organismus für sich. Den- 
noch hat jedes Gewässer wiederum seine Biozö- 
nosen niederer Ordnung. Es sind dies die Ufer- 
region, die Bodenregion und die Region des freien 
Wassers. Am ausgeprägtesten sind die Biozö- 
nosen zweiter Ordnung an den Seen. Wir wollen 
auf den tierischen Stoffhaushalt im Sinne der 
Ernährung der Tiere etwas mehr eingehen. Zu- 
nächst ist da festzustellen, daß, wenn auch die 
Tier- und Pflanzenwelt der einzelnen Regionen 
jede für sich ihre Charakteristika aufweisen, den- 



25 



noch mannigfache Wechselbeziehungen zwischen 
ihnen bestehen. Als besonders für uns wichtige 
Tierformen möchte ich da zuerst auf die Fische 
eingehen. Wir sehen, daß die Mehrzahl derselben 
zur Laichzeit die Uferregion oder doch die flachen 
Stellen aufsucht, um dort den Laich abzulegen. 
Die Jungfische selbst halten sich in dieser gut 
durchwärmten Region auf und erst später, wenn 
sie eine gewisse Größe erreicht haben, verteilen 
sie sich auf die ihrem erwachsenen Stadium eigen- 
tümliche Region. Der Hecht bleibt im allgemeinen 
in der Nähe des Ufers, der Blei sucht mehr die 
Bodenregion auf, der Zander geht in das freie 
Wasser. Nicht jede Art jedoch sucht eine be- 
stimmte Region auf, sondern manche Arten sind 
bald in der einen bald in der anderen Region. 
Als Beispiel hierfür nenne ich den Uklei. Wir 
kennen Ukleibestände, welche sich am Ufer auf- 
halten und solche, welche im freien Wasser leben-*) 
Beim Barsch unterscheiden wir nach seinem 
Aufenthaltsort, den Krautbarsch, den Jagebarsch 
und den Tiefenbarsch. Diese drei können wir an 
ihrer Farbe unterscheiden. Der Krautbarsch zeigt 
einen messingenen Ton, der Jagebarsch mehr 
einen helleren Ton, der Tiefenbarsch einen dunk- 
leren Ton.-) , :, ;• ,. 

Entsprechend diesen verschiedenen Aufenthalts- 
orten ist nun auch die Ernährungsweise der ein- 
zelnen Lokalformen verschieden. 

Wir können sagen, daß wir über die Qualität 
der gesamten Nahrung unserer wichtigsten mittel- 
europäischen Süßwasserfische gut orientiert sind, 
weniger gut über die Quantität. Die Unter- 
suchungen von iSusta, Schiemenz, Hofer, 
Arnold, Walteru. a. haben uns in dieser 
Hinsicht genügend aufgeklärt. Zunächst habein 
diese Untersuchungen gezeigt, daß die alte Auf- 
fassung, der Fisch seihe das Wasser einfach durch 
und benutze alles das, was an seinem Reusen- 
apparat an tierischen und pflanzlichen Organismen 
hängen bleibt, als Nahrung, falsch sind. Wir 
wissen, daß der Fisch jedem einzelnen Nahrungs- 
tier besonders nachstellt und es sich aus den 
übrigen Organismen heraussucht. Wir haben er- 
kannt, daß nicht jedes niedere Tier im Wasser 
für den Fisch eine gleichermaßen geeignete und 
begehrte Nahrung darstellt, sondern, daß wir 
unterscheiden müssen, zwischen einer Hauptnah- 
rung, einer Gelegenheitsnahrung und einer Not- 
nahrung.^) Nur dort, wo die Hauptnahrung in 
einem Gewässer in genügender Menge vorhanden 
ist, gedeiht der Fisch und wächst gut ab. Wo 
diese nicht vorhanden ist, kann zwar an ihre 
Stelle die Notnahrung treten, der Fisch fristet 
dann aber ein kümmerliches Dasein, er wächst 
entweder nur wenig weiter oder überhaupt nicht 
mehr. Die Fortpflanzung läßt häufig ebenfalls 



') Schiemenz, P. , Mitt. Fischerei- Vereins f. d. Prov. 
Brandenburg Bd. V, H. II. 

2) Schiemenz, P., ibid. Bd. XI, H. I. 

') Schiemenz, P. , Deutsche Fischerei. Zeitung 1909, 
AUgcm. Fischerei-Zeitung 30. Jahrg. S. 323. 



26 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 2 



nach, kurz und gut der Bestand eines Gewässers 
an dieser Fischart nimmt ab, und sie verschwindet 
schließlich ganz und gar aus dem Gewässer. Auf 
dieser Erkenntnis beruht die ganze moderne 
Fischereiwirtschaft. 

Es ist bekannt, daß wir nach dem Ernährungs- 
modus unsere Süßwasserfische einteilen in Raub- 
fische, Kleintierfresser und Pflanzenfresser, sog. 
Grünweidefische. Zu den Raubfischen gehören 
der Hecht, Zander, Barsch, Quappe und z. T. der 
Aal. Kleintierfresser sind alle diejenigen, welche 
von den niederen tierischen Organismen leben. 
Die Grünweidefische sind bei uns nur in geringer 
Artenzahl vertreten. Es sind dies nur das Röt- 
auge und unter Umständen die Plötze, diese leben 
auch weniger von den höheren Pflanzen, als 
hauptsächlich von dem sog. Aufwuchs, den Epi- 
phyten der Unterwasserpflanzen, also vornehmlich 
den festsitzenden Kieselalgen und Grünalgen. 
Diese alte Einteilung der Fische nach ihrer Er- 
nährung, die besonders unter den Praktikern sich 
noch allgemeiner Anerkennung erfreut, genügt 
jedoch den modernen Anschauungen der Fischerei- 
biologie nicht mehr. Denn einerseits leben die 
Jugendformen der Fische von anderen Organismen 
als die älteren Stadien, andererseits fressen ein- 
zelne Arten bald so, bald so, oder gar sie trennen 
sich gewissermaßen in Rassen auf Grund ihrer 
Ernährungsweise, die Verhältnisse können dabei 
noch ziemlich einfach liegen, sie können aber 
auch verwickelter sein. 

Der Hecht ist ein Beispiel für die einfache 
Form des Nahrungswechsels. Der junge Hecht, 
welcher in den flachsten Teilen der Uferregion 
lebt, ernährt sich von den Crustaceen der Ufer- 
region und zwar bilden seine Hauptnahrung die 
Cladoceren: Eurycercus lamellatus, Simocephalus 
vetulus, Chydorus sphaericus, während die Kope- 
poden kaum oder nur als Notnahrung gefressen 
werden. Sobald der Hecht aber eine gewisse 
Größe erreicht hat, was bereits im ersten Sommer 
in der Regel geschehen wird, so verlegt er sich 
auf den Raub anderer Fische, die seiner Größe 
entsprechen. 

Anders der Barsch, bei ihm müssen wir ge- 
wissermaßen drei Stadien der Ernährung unter- 
scheiden. I. Das Jugendstadium, etwa der erste 
Sommer, in dem er sich ebenso ernährt wie der 
junge Hecht, nämlich von den Uferformen der 
Cladoceren, im zweiten und dritten Jahre dagegen 
wird er nicht sogleich Raubfisch, sondern benutzt 
vor allen Dingen die Amphipoden und Isopoden, 
also Gammarus pulex, Carinogammarus roeselii 
und Asellus aquaticus als Nahrung. Daneben 
nimmt er auch Phryganidenlarven und einzelne 
Molluskenarten, vor allen Dingen Bythinia. Erst 
nach dem dritten Jahr wird der Barsch zum Raub- 
fisch. Hier besteht insofern noch eine Unklarheit, 
als es mir notwendig zu sein scheint, noch ein 
viertes Stadium anzunehmen, nämlich das kurz 
nach dem Ausschlüpfen aus dem Ei. Man findet 



nämlich in dem Darm der kleinsten Barsche 
häufig Vertreter aus der Algengruppe der Konjur 
gaten, die zur Familie der Desmidiaceen gehören. 
So wurden von mir Closteriumarten gefunden. 
Zuweilen finden sich auch Protococcoideen, z. B. 
Scenedesmusarten im Darm als Inhalt vor. Sollte 
sich in der Tat zeigen, daß die Pflanzen als Haupt- 
nahrung in dem allerjüngsten freilebenden Stadium 
genommen werden, und dies nicht nur vereinzelte 
Fälle sind, so würde der Barsch vier verschiedene 
Ernährungstypen durchmachen. Er würde vom 
Pflanzenfresser zum Phyllopodenfresser, dann zum 
Amphipoden-, Isopoden- und Molluskenfresser und 
schließlich zum Raubfisch werden, gerade die Er- 
nährung der Jugendstadien unserer Nutzfische im 
Süßwasser ist noch ziemlich unerforscht, was 
wohl darauf zurückzuführen ist, daß es noch bis- 
her keine Bestimmungstabellen der Jugendstadien 
gibt, und eine Kennzeichnung der Larvenformen 
in der Regel erst möglich ist, wenn sie die end- 
gültige Körperform und vor allen Dingen bei den 
Weißfischen die Afterflosse typisch ausgebildet 
haben. Diese beiden Fische mögen als ein Bei- 
spiel angeführt werden, wie die Ernährungsweise 
in den verschiedenen Altersstadien eine verschie- 
dene ist. 

Der Aal, soweit er im Süßwasser lebt, mag 
ein Beispiel sein für Fische, welche sich nach ihrer 
Ernährungsweise in zwei verschiedene körperlich 
unterschiedene Rassen trennen. Wir unterscheiden 
zwei Formen des Süßwasseraals, den Breitkopf und 
den Spitzkopf. Die Unterschiede in der Körper- 
form sind so groß, daß man geglaubt hat, zwei 
besondere Arten von Aalen unterscheiden zu 
müssen. Schon von Schiemenz ist vor Jahren 
behauptet worden, daß der Breitkopf sich im 
wesentlichen als Raubfisch von anderen Fischen 
ernähre, während der Spitzkopf von niederen 
Tieren, vor allem der Larve der Zuckmücke 
(Chironomus), dem Schlammröhrenwurm (Tubifex) 
und Mollusken wie Sphaerium, Gulnaria und 
Dreissensia lebe. Es hat sich hierüber in der 
Fischereibiologie ein heftiger Streit entsponnen, 
welcher schließlich der Schiemenzschen Ansicht 
zum Siege verhelfen hat. 

Auch der Uklei ist in zwei verschiedene 
Ernährungsformen zu trennen. 

Die eine Form ist durch ihren Aufenthalt in 
Flüssen und in der Uferregion der Seen gekenn- 
zeichnet. Sie ernährt sich vorwiegend von der 
sog. Luftnahrung, d. h. von den in das Wasser 
fallenden Luftinsekfen, eine andere Form lebt im 
freien Wasser der Seen und lebt ausschließlich 
von planktonischen Organismen. 

Als ein Beispiel für Fische, die als Individuen 
selbst mit der Nahrung wechseln, erwähne ich 
die Plötze und in geringem Maße auch die Rot- 
feder. Beide nehmen als Hauptnahrung sowohl 
pflanzliche Organismen als auch — vor allem die 
Plötze — tierische Organismen und zwar in allen 
Altersstadien auf. Ich hatte bereits gesagt, daß 



N. F. XX. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



vor allem als pflanzliche Nahrung die Aufwuchs- 
pflanzen in Frage kommen, als tierische Nahrung 
kommen im wesentlichen einige Mollusken, be- 
sonders Valvata piscinalis und Sphaerium in 
Betracht. 

Es geht also aus dem Gesagten hervor, daß 
die Nahrung unserer Fische nicht einfach derart 
ist, daß sie alles fressen, was ihnen vor ihr IVIaul 
kommt, sondern, daß sie eine Auswahl treffen. 
Weiter geht aber noch hervor, daß das so viel 
gepriesene Plankton, dem man früher eine so 
überragende Rolle für die Ernährung unserer Fische 
zuschrieb, diese Rolle durchaus nicht spielt. E)s 
sind eigentlich nur verhältnismäßige wenige Fisch- 
arten, die wir als Planktonfresser bezeichnen können. 
Das sind außer dem erwähnten Uklei des freien 
Wassers vor allem die kleine Maräne, der Stint 
und der junge Zander, während der erwachsene 
Zander vom Raub anderer Fische, im wesentlichen 
des Stintes lebt. In Süddeutschland sind einige 
Coregonenarten Planktonfresser. Aber auch das 
Plankton wird nicht beliebig gefressen, sondern es 
wird auch hier eine Auswahl unter den Orga- 
nismen getroffen ; so findet man in manchen 
Seen in dem Darm des Stintes reine Leptodora 
hyalina-Massen , auch der junge Zander sucht 
diese, wenn möglich, als einzige Hauptnahrung 
auf. Aus den Untersuchungen der Fischerei- 
biologen an diesen beiden Fischen wissen wir, 
daß Leptodora hyalina, jener räuberische Kruster 
des Planktons, durchaus nicht so selten ist, wie 
man früher annahm, sondern in bestimmten 
Wasserschichten sogar sehr häufig. 

Das Bindeglied nun zwischen diesen höchst 
organisierten Tieren des Süßwassers und den 
Pflanzen bilden die Nahrungstiere, von denen ich 
soeben gesprochen habe, soweit nicht direkt 
Pflanzen gefressen werden. Es lag nun nahe, daß 
die weiteren Untersuchungen der Hydrobiologen 
sich mit dem Wege näher beschäftigten, den die 
von der Pflanze produzierten organischen Be- 
standteile bis zum Fischkörper zurücklegen, eine 
Frage, die ja von großer praktischer Bedeutung 
ist. In der Tat hat sich eine Reihe von Unter- 
suchungen mit der Frage nach der Nahrung der 
Fischnährtiere beschäftigt. Vorangegangen ist 
hier wieder die marine Hydrobiologie. Aber 
auch die Süßwasserforschung hat sich neuerdings 



dieser Frage zugewandt, und es hat sich, soweit 
sich die bisher spärlichen Resultate verallge- 
meinern lassen, gezeigt, daß der Weg von der 
Pflanze zum Fischkörper im allgemeinen kein so 
überaus komplizierter ist, wie man vielleicht an- 
nehmen könnte.') Ein großer Teil der Fischnähr- 
tiere lebt direkt von pflanzlichen Stoffen, so daß 
nur eine Zwischenstufe besteht. Ein anderer Teil 
dagegen lebt von tierischen Organismen oder 
deren Resten, so daß hier mehrere Zwischen- 
stufen vorliegen. Wir können auch die Nährtiere 
der Süßwasserfische einteilen, wie es Rauschen- 
pia t für die Seefische getan hat in: 

Großpflanzenfresser, 
Kleinpflanzenfresser, 
Tierfresser : 

a) Räuber, 

b) Aasfresser, 
Pianktonzehrer, 
Detrituszehrer. 

Zu den Großpflanzenfressern gehören nach 
unseren Untersuchungen die Gammariden, zu den 
Kleinpflanzenfressern oder, wie ich besser sagen 
möchte, Aufwuchsfressern einzelne Arten von 
Ephemeriden, Stylaria lacustris, Sida cristallina, 
und in einzelnen Gewässern die Wasserassel, 
Asellus aquaticus, zu den Räubern die Leptodora 
hyalina und Corixa striata, zu den Aasfressern 
können unter Umständen sowohl Gammariden 
wie Asellus werden, konstante Aasfresser sind 
noch nicht unter den Fischnährtieren bekannt ge- 
worden. Die Gruppe der Pianktonzehrer könnte 
vielleicht besser aufgeteilt werden, in die Tier- 
und Kleinpflanzenfresser. Als Detrituszehrer 
möchte Einar Naumann") einzelne Cladozeren 
des Plantons betrachten. Schiemenz führt 
hier auch die Chironomuslarven auf, soweit sie 
zu den Schlammbewohnern gehören. 

Eins geht jedenfalls aus den bisherigen Unter- 
suchungen hervor, daß nämlich die Ernährungs- 
verhältnisse der niederen Wassertiere durchaus 
nicht so einfach liegen, wie man bisher anzu- 
nehmen geneigt war. 



') Willer, A., Fischerei-Zeitung Bd. 22, Nr. 48. 
'') Kestkrift utvigea av Lunds Universitet vid dess TrS- 
hundrafemtioärsjubileum 1918, Lund und Leipzig. 



Einzelberichte. 



über farbloses (iuecksilberjodid. 

Von diesem Stoff sind bisher nur zwei Formen 
bekannt. Im allgemeinen als prächtige, rote, 
quadratische Kristalle bekannt, wandelt sich der 
Stoff beim Erhitzen auf 126—127" i" leuchtend 
gelbe rhombische Kristalle um, die beim Ab- 
kühlen langsam wieder rot werden. Man hat es 



hier mit einem Schulbeispiel der Enantiotropie 
zu tun, das im übrigen keine Besonderheiten 
bietet. Nun sind aber die Jodide der mit dem 
Quecksilber in die gleiche Gruppe gehörenden 
Metalle Cadmium und Zink farblos, und es 
ist bisher in keiner Weise eine Farbigkeit wie 
die der Quecksilberverbindung bekannt geworden. 
Tammann hält nun den Analogieschluß für be- 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 2 



rechtigt, daß a u c h das Quecksilberjodid farb- 
los sein könne, ebenso wie unter den geeigneten 
Bedingungen auch die andern hierher gehörigen 
Jodide umgekehrt farbig auftreten mögen. Den 
Beweis für diese Möglichkeit hält der Forscher 
für das Quecksilberjodid in der Tat für geliefert.') 

Wenn er nämlich 10—20 g des Stoffes in 
einem schwer schmelzbaren Glasrohre auf 300 
bis 350" erhitzte, so trat, wie immer, Sieden des 
Stoffes und unzersetztes Verdampfen ein. Wurde 
der Dampf alsdann in eine Vorlage geleitet, in 
der der Druck plötzlich auf 0,1 Atm. erniedrigt 
werden konnte, so trat die Kondensation in auf- 
fälliger Form ein. Der Stoff fiel dann in feinster 
Verteilung „als farbloser Schnee" nieder, der in 
wenigen Sekunden rosarot und nach einigen Mi- 
nuten rot wurde. Mit jeder Druckerniedrigung 
trat neue Schneebildung auf T a m m a n n glaubt, 
daß dieser Schnee die vermutete farblose Modi- 
fikation des Quecksilberjodids darstellt. Würde 
man sie hinreichend abkühlen, so wäre sie viel- 
leicht längere Zeit beständig, und man könnte 
durch eine Bestimmung die Modifikation näher 
charakterisieren und sie in Beziehung zu den 
anderen bereits bekannten Formen des Stoffes 
setzen. — 

Für die Richtigkeit der wiedergegebenen Be- 
funde bürgt ohne weiteres der Name des hervor- 
ragenden Forschers. Zu ihrer Auswertung jedoch 
möchte ich mir einige kritische Bemerkungen er- 
fauben. Zunächst muß daran erinnert werden, 
daß man das Quecksilberjodid in fast weißer 
Form erhalten kann, wenn man eine ziemlich 
stark alkoholische Lösung von Quecksilberchlorid 
mit Kaliumjodidlösung fällt. Infolge der äußerst 
feinen Verteilung des Niederschlages ist die ihm 
eigentlich zukommende Farbe für uns nahezu 
gleich reinem Weiß, eine Erscheinung, die ja 
auch an anderen farbigen Niederschlägen be- 
obachtet werden kann. Dieser anfangs gebildete 
Niederschlag des gelben Jodids färbt sich dann, 
zumal im Sonnenlicht, innerhalb weniger Augen- 
blicke rot. Wie denn überhaupt bei jeder Aus- 
fällung des Jodides zuerst immer die an und für 
sich bei gewöhnlicher Temperatur unbestän- 
dige gelbe Form fällt, eine auch sonst stehende 
und thermodynamisch auch erklärliche Erschei- 
nung. Bis zu einer genauen Bestimmung der 
für die Tammann'sche Modifikation gültigen 
Eigenschaften ist mithin die Möglichkeit vor- 
handen, daß auch bei ihr es lediglich die feine 
Korngröße des schneeigen Kondensats sei, 
die dem Beobachter dieses als „weiß" erscheinen 
läßt. Zumal der Umstand, daß der „farblose 
Schnee" sofort in rosaroten Beschlag über- 
geht, macht diese Annahme wahrscheinlich. Auf 
Grund der bisherigen Erfahrung sollte mindestens 
als momentane Zwischenstufe auch eine gelbe 
Verfärbung auftreten. Bei Farbphänomenen 
dieser Art ist, zumal in der Gruppe der ge- 



') Ztschr. f. anorganische Chemie; 109, S. 213 {1920J. 



nannten Metalle, weiterhin zu berücksichtigen, in 
wie hohem Grade solche von Temperaturein- 
flüssen abhängen; vergleiche die starke Gelb- 
färbung des Zinkoxyds beim Erhitzen, die 
nicht auf einer neuen Modifikation beruht! Und 
schließlich ist der Schluß anfechtbar, weil Queck- 
silberjodid gefärbt ist, müsse dasselbe für Cad- 
mium und Zink gleichfalls gelten, und umgekehrt. 
Quecksilber bildet so viel stärkst farbige Ver- 
bindungen, daß es in dieser Beziehung mit den 
beiden Metallen gar nicht zu vergleichen ist. 
Hier liegt meines Erachtens das eigentliche 
Problem. Hans Heller. 

Mistel und Birubaum. 

Die auffällige Erscheinung, daß die Mistel auf dem 
Birnbaum im allgemeinen selten auftritt, während 
der Apfelbaum eine ihrer besten Wirtspflanzen ist, 
war von E.Heinrich er vor einigen Jahren auf 
Grund neuer Versuche in einer Abhandlung be- 
handelt worden, die in den Denkschriften der 
Wiener Akademie, Math.-naturw. Kl., Bd. 93, 1916, 
erschienen ist. Er hatte drei Gruppen von Birn- 
bäumen mit bezug auf ihre Empfänglichkeit gegen 
Mistelbefall unterschieden: echt immune, unecht 
immune und nicht immune. Echt immun sind 
danach solche Bäume, an denen die Mistelkeime 
absterben, ohne daß an den Bäumen merkbare 
Krankheitserscheinungen auftreten, unecht immun 
solche, die unter der Einwirkung der Mistelkeime 
einen Krankheitsprozeß durchmachen, dem aller- 
dings infolge der Abstoßung von Borkenschuppen 
oder ganzer Zweige auch die Misteln selbst 
zum Opfer fallen, und nicht immun solche, an 
denen die Mistelkeime sich weiter entwickeln, 
ohne daß anfangs schädigende Einwirkungen sicht- 
bar werden. Heinricher hatte u. a. beobachtet, 
daß unecht immune Birnbäume sich bei einer 
zweiten oder dritten Infektion (mit Ausnahme 
eines noch zu besprechenden Falles) wie echt 
immune verhielten, so daß das Überstehen der 
ersten Infektion zu ihrer Immunisierung geführt 
zu haben scheinen. Andererseits wurde an einem 
Baume, auf dem von zehn ausgelegten Mistel- 
samen zwei sich zu Pflanzen entwickelten, der 
aber nach zwei Jahren Krankheitserscheinungen 
zeigte und die Misteln wieder ausmerzte, bei er- 
neuter Infektion keine Immunität festgestellt, viel- 
mehr kam nunmehr eine größere Zahl von Mistel- 
pflanzen als vorher zur Entwicklung, woran aller- 
dings, wie die Beobachtungen der letzten Jahre 
ergaben, ein Teil abstarb; wie bei der ersten In- 
fektion setzten auch bei der zweiten erst um die 
schon zu Büschen gewordenen Pflanzen jene Re- 
aktionen ein, die zu ihrer Beseitigung führten. 
Heinricher schließt nun, daß durch Pfropfung 
von Zweigen dieses Birnbaumes auf WildHnge 
oder andere geeignete Unterlagen sich leicht 
Birnbäume würden erziehen lassen, auf denen 
sich die Mistel entwickeln könnte, und er meint, 
daß möglicherweise in solchen Pfropfungen eine 



N. F. XX. Nr. i 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



29 



Erklärung gebotea wäre für die Tatsache, daß in 
gewissen Gegenden, wie in der Cöte-d'Or und 
in Luxemburg, die Birnbaummistel häufig sei. 
Das erwähnte Absterben der Misteln falle nicht 
ins Gewicht, da die Infektionen in seinen Kultur- 
versuchen an jungen Bäumchen und an den Haupt- 
achsen ausgeführt wurden, wo die Misteln schäd- 
licher wirkten und eher der Ausmerzung unter- 
lägen, als in der freien Natur, wo sie sich ge- 
wöhnlich in der Krone ansiedelten ; hier ge- 
fährdeten sie das Leben des Baumes und ihr 
eigenes viel weniger und könnten sich leichter fort- 
entwickeln. In einem der Versuche mit unecht 
immunen Bäumen hat sich, wie bereits angedeutet, 
herausgestellt, daß der Baum durch die erste In- 
fektion noch nicht immun geworden war, daß 
aber die Reaktion auf die zweite Infektion erst 
nach längerer Zeit und dann sehr heftig auftrat. 
Die Erscheinung war derart, daß sie nach An- 
sicht Heinrichers nur durch Giftwirkung zu 
erklären ist und seine Annahme von der Er- 
weckung von Antitoxinen durch das Misteltoxin 
zu stützen geeignet ist. „Man gewinnt den Ein- 
druck, daß durch die erste Infektion im Baum ein 
Antitoxin entstanden war, das zunächst die Wir- 
kung des Mistelgiftes hemmte und so eine Re- 
aktion verzögerte. Zwischen Antitoxin und Toxin 
entbrannte gewissermaßen ein Kampf um das 
Übergewicht, der endlich zugunsten des Toxins 
ausfiel und dessen verzögerter, aber gründlicher 
Sieg dann in der außergewöhnlich starken Re- 
aktion seinen Ausdruck fand." (Zeitschrilt für 
Pflanzenkrankheiten Bd. 30, 1920, S. 41 — 51). 

F. Moewes. 



Dauer der Spät- und Postglazialzeit. 

Für die absolute Dauer der Spät- und Postglazial- 
zeit und der zugehörigen Kulturen haben bekannt- 
lich die hervorragenden nordischen Geologen d e 
GeerundSernanderunddie deutschen Forscher 
Keilhack, Penck und Menzel u. a. m. eine 
Reihe von rein zahlenmäßigen Angaben aufge- 
stellt, um dadurch klare Vorstellungen über das 
wahre Alter und die Dauer dieses Zeitabschnittes 
zu ermöglichen. Wohl hatten die von diesen 
Forschern ermittelten Zahlen im wesentlichen die 
Zustimmung aller in Betracht kommenden Geo- 
logen gefunden. Demungeachtet sind gerade in 
den letzten Jahren mehrfach von archäologischer 
Seite diese Zahlen angegriffen worden. Immer 
und immer wieder wurde dabei den Geologen 
entgegengehalten, daß die von ihnen ermittelten 
Zahlen viel zu hoch gegriffen seien und dadurch 
eine gänzlich verzerrte, phantastische Vorstellung 
von der Erd- und ältesten Menschengeschichte 
gäben. Infolge dieser Angriffe hat neuerdings 
der Eiszeitgeologe E. Werth seinerseits einmal 
eine Nachprüfung dieser Zahlen unternommen. 
Bei dieser Nachprüfung kommt Werth im Kor- 
respondenzblatt der deutschen Gesellschaft für 
Anthropologie 51, 1920, S. 7 — 10 zu einer ganzen 



Reihe von neuen wertvollen Beobachtungen, welche 
die Beachtung der weitesten Kreise verdienen. 

Für die Dauer des Rückzuges des Eises von 
der südschwedischen Eisrandlage über die mittel- 
schwedische bis zur Eisscheide, d. h. bis zum 
Ende der Eiszeit, hatte de . G e e r bereits auf 
Grund seiner Untersuchungen der Eismeertone 
5000 Jahre angenommen. Für die Postglazialzeit 
selbst hatte er einen Wert von 7000 Jahren ein- 
gesetzt. Mit der ersten Angabe erklärt sich 
Werth einverstanden, während ihm die zweite 
zu gering erscheint. In der Frage nach der Post- 
glazialzeit schließt sich Werth vielmehr mit 
Menzel an Keilhack an, welcher allein für 
diese Zeitspanne vom Höhepunkte der Litorina- 
senkung bis heute auf 7000 Jahre kommt. Der 
Höhepunkt der Litorinasenkung aber deckt sich 
nach unserem Wissen ziemlich genau mit der 
Grenzzeit zwischen dem sog. Mesolithikum und 
dem Vollneolithikum. Zu diesen 7000 Jahren 
hätten wir dann noch die Zeit des Mesolithikums 
hinzuzurechnen, um die absolute Zeitdauer der 
Postglazialzeit zu erhalten. Für dieses Mesolithi- 
kum glaubt Werth weitere 4000 Jahre annehmen 
zu müssen. Damit gelangen wir dann für die 
gesamte seit der südschwedischen Eisrandlage bis 
heute verstrichene Zeit auf 16000 Jahre. 

Dieselbe Zahl hatte bereits 1894 A. Heim 
auf Grund eines experimentell für eine bestimmte 
Zeitspanne festgestellten Sedimentationswertes be- 
rechnet, die das die ehemalige Schwyzer Bucht 
des Vierwaldstätter Sees abdämmende Delta der 
Muota zu seiner Aufschüttung gebraucht hat. 
Der von Heim gefundene Wert von etwa 
16000 Jahren bezeichnet zugleich die Zeit, die 
bis heute seit dem Penckschen sog. Bühlstadium 
des sich zurückziehenden eiszeitlichen Gletschers 
verflossen ist. Die zugehörigen Bühlmoränen finden 
sich nach Penck und Brückner bei demjenigen 
der alpinen Moränengebiete, in welchen ein typi- 
sches Zentralbecken zur Ausbildung gelangt ist 
(Rosenheimer Becken, Bodensee, Genfer See), erst 
oberhalb dieser Becken abgelagert. Bereits 191 2 
hatte es jedoch Werth wahrscheinlich zu machen 
gesucht, daß der Zone dieser großen Becken im 
Alpenvorlande die große, im weiteren Vorlande 
des skandinavischen Gebirgsstockes sich hinziehende 
Depression der Ostsee, der großen russischen 
Seen und des Weißen Meeres mit der Onega- 
Dwina- und Mesenbai entspricht. Wir hätten da- 
mit die dem alpinen Bühlstadium entsprechenden 
Moränen des nordeuropäischen diluvialen Eises 
erst nördlich der Ostsee in einem der schwedischen 
Endmoränenzüge zu suchen. Für das Alter der 
südlichsten Gruppe derselben waren oben im 
Minimum 16 000 Jahre angesetzt. Beide Zahlen- 
angaben stimmen also ungefähr überein. 

Auch ein absolutes Alter für den Beginn der Ab- 
schmelzperiode des letzten eiszeitlichen Gletschers 
in seinem Maximalstande hat Werth zu errechnen 
versucht. Für die Gletscherrückzugsbewegung an 
sich vom Maximalstande der letzten Vereisung 



3ö 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 2 



bis zur südschwedischen Eisrandlage hat er dabei 
nach dem Vorgange von Menzel 4000 Jahre 
eingesetzt. In diese Zahl hatte jedoch Menzel 
die zahlreichen auf diesen Weg entfallenden Still- 
standslagen miteingesetzt ; ebenso hatte auch de 
Geer die schwedischen Stillstandslagen ohne 
Störung in seine Jahreszählungen hineingezogen. 
Mit dieser Einrechnuiig der Stillstandslagen in die 
4000 Jahre kann sich jedoch Werth nicht ein- 
verstanden erklären. Seiner Überzeugung nach 
dürfte eine derartige Einreihung für Norddeutsch- 
land nicht angängig sein, da sich die schwedischen 
Eisstillstandsmarken quantitativ in keiner Weise 
mit den entsprechenden Bildungen in Norddeutsch- 
land vergleichen lassen; nirgends in Schweden 
kenne man z. B. die durch massige Häufung von 
Eisrandbildungen (Endmoränenzüge) entstanden zu 
denkende Moränenlandschaft (Grundmoränenland- 
schaft), wie sie in Norddeutschland die beiden 
baltischen Eisrandlagen in breiter Zone begleitet 
und auch sonst auftritt. Diese Moränenlandschaft 
stelle entweder die Marken zahlreicher unmittel- 
bar aufeinanderfolgender Stillstandslagen dar oder 
bezeichne die Zone einer längere Zeit oszillieren- 
den Gletscherfront. Jedenfalls deute sie auf eine 
ganz erhebliche Verzögerung der Gesamtrück- 
gangsbewegung hin. Die Gesamtheit dieser zahl- 
reichen Stillstandslagen auf den dänischen Inseln 
und in Norddeutschland (bis zur äußersten Jung- 
moräne) berechnet Werth auf wenigstens 4000 
Jahre. Diese zu den 4000 Jahren glatter Rück- 
zugsbewegung hinzugerechnet ergeben also 8000 
Jahre für die Abschmelzung des Eises (der letzten 
diluvialen Eiszeit) von seinem Maximalstande bis 
zum südschwedischen Halt. Da dieser letztere 
nach den vorhin gegebenen Zahlen 16000 Jahre 
zurückliegen soll, so würde die Zeit des be- 
ginnenden Rückzugs (der Beginn der Abschmelz- 
periode) mit 16000 und 8000 = 24 000 Jahren 
anzusetzen sein. 

Mit diesen Zahlen lassen sich die von N ü e s c h 
auf Grund der Ablagerungen des Schweizersbildes 
bei Schaffhausen gewonnenen Daten vergleichen. 
Nüesch hat hier fünf verschiedene Schichten 
unterschieden, von denen die oberste 40 bis 50 cm 
starke Humusschicht Metallreste der Bronze- und 
Eisenzeit führte, während die tieferen Schichten 
der jüngeren und die tiefsten der älteren Stein- 
zeit angehörten. Nüesch schätzte nun die Bil- 
dungsdauer der obersten Metallschicht gemäß dem 
für die Bronzezeit angenommenen Alter auf 



4000 Jahre und berechnete danach die Ablage- 
rungszeit der sechsmal so starken gesamten 
Schichtenfolge des Schweizersbildes auf 24000 Jahre. 
Wenn wir diese Zahl nach oben zu einem Viertel- 
hunderttausend abrunden, so haben wir Aussicht, 
auch noch die Lokalschotter mitberechnet zu 
haben, die die Kulturschichten des Schweizers- 
bildes unterteufend diese von den der benachbarten 
Maximalstandmoräne ausgehenden fluvioglazialen 
Schottern trennen, und gelangen damit chronolo- 
gisch an den Beginn der Abschmelzperiode (Spät- 
glazial). Für diesen Zeitpunkt haben wir oben 
24000 Jahre erhalten. Damit würde dann die 
Schweizersbildsche Schätzung übereinstimmen, und 
zwar nicht nur in der Gesamtzififer, sondern auch 
in den Ziffern für die einzelnen betrachteten Unter- 
gruppen. 

Wir können demnach den Beginn der Spät- 
glazialzeit rund 25000 Jahre zurückrechnen. Für 
diese 25000 Jahre würde sich dann die folgende 
Chronologie ergeben: 

Spätglazial = Abschmelzzeit des letzteiszeitlichen 
Gletschers =Magdalenien 23000 — 9000 v.Chr. 

Ancylus- und Litorinaperiode = Mesolithikum 
(Campignien) 9000— 5000 v. Chr. 

Vollneolithikum 5000 — 2000 v. Chr. 

Metallzeit 2000 v. Chr. bis heute. 

Wohl weist Werth selber darauf hin, daß 
den bei der Berechnung angewandten Methoden 
verschiedene Mängel anhaften, und warnt deshalb 
selbst, auf solche Zahlen etwa allzuviel Gewicht 
zu legen. Aber einmal beruhen die Werth sehen 
Angaben doch auf gesunden Grundlagen. Gerade 
in der absoluten Zeitbestimmung für die Eiszeit hat 
bis jetzt das subjektive Gefühl eine für die Wissen- 
schaft allzu gefährliche Rolle gespielt und zu den 
widersprechendsten Zahlen geführt. Dieses sub- 
jektive Gefühl scheint jedoch in der Werthschen 
Arbeit ausgeschaltet zu sein und dafür lediglich die 
exakte Forschung zu sprechen. Derartige exakte 
Angaben sind aber gerade hochwillkommen , vor 
allem für die weiteren, sich für die Eiszeitfragen 
interessierenden Kreise. Denn gerade für diese 
ist es von besonderem Wert, wenn sie sich nicht 
immer mit einer relativen Altersangabe für die 
einzelnen Perioden und Kulturen zu begnügen 
brauchen, sondern auch einmal absolute Zahlen 
erhalten können, die ja die Verhältnisse ganz 
anders klar legen als komplizierte wissenschaft- 
liche Fachangaben. 

Wernigerode a. H. Hugo Mötefindt. 



Bücherbesprechungen. 



Lewin, Kurt, Die Verwandtschaftsbe- 
griffe in Biologie und Physik und die 
Darstellung vollständiger Stamm- 
bäume. Heft 5 der von Prof Schaxel 
herausgegebenen Abhandlungen zur theoretischen 
Biologie. Berlin 1920, Gebr. Borntraeger. 6,80 M. 



In der Physik wird der Begriff der Verwandt- 
schaft gewöhnlich für die chemische Affinität be- 
nutzt; bisweilen werden aber auch, ohne damit 
einen exakten Begriff zu verbinden, ähnliche 
Erscheinungen als „verwandt" bezeichnet. Im 
ersten Falle handelt es sich um die Vereinigungs- 



N. F. XX. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



3* 



fähigkeit, in diesem um die Eigenschafts- 
ähnlichkeit, wobei sich sofort herausstellt, daß 
diese beiden „Verwandtschaften" ganz verschiedene 
Beziehungen bestimmen, da ja eben unähnliche 
Gebilde sich am leichtesten chemisch zu verbinden 
pflegen. — Der in der Biologie verwendete Be- 
griff der Blutsverwandtschaft läßt sich mit keinem 
der genannten physikalischen Verwandtschaftsbe- 
griffe vergleichen; aber trotzdem gibt es auch in 
der Biologie Verwandtschaftsbegriffe, welche den 
Begriffen der Physik entsprechen, und zwar ent- 
spricht die Fähigkeit, gemeinsame Nachkommen 
zu erzeugen der chemischen Affinität und die 
Typenverwandtschaft der Verwandtschaft als Eigen- 
schaftsähnlichkeit. Diese Typen Verwandtschaft 
gibt zugleich die „Idee des Systems", da sie nicht 
nur diejenigen biologischen Gebilde umfaßt, die 
infolge der geschichtlich, d. h. „zufällig" verwirk- 
lichten Bedingen tatsächlich entstanden sind, sondern 
alle überhaupt möglichen Organismen. Dabei 
werden die Typen nach ihrer „Ableitbarkeit" 
geordnet, wobei es durchaus unmotiviert erscheint, 
an einer Über- und Unterordnung der Typen fest- 
zuhalten. „Das Beispiel der Chemie zeigt ja, daß 
man mit Sinn von derartigen Ableitungen, z. B. 
der aliphatischen Verbindungen aus dem Methan 
reden kann, ohne daß man die Stoffart, aus der 
die Ableitung erfolgt, also das IVIethan, den abge- 
leiteten StofTarten, seinen Derivaten überordnet." 
— Man erhält so einen „ideellen" Stammbaum, 
einen „Eigenschafts-Stammbaum", im Gegensatz 
zu dem generalogischen Stammbaum, welcher die 
„Existentialbeziehung" ausdrückt. — 

Die Abhandlung, deren Inhalt durch obige 
Sätze skizziert werden soll, entstammt einer noch 
nicht veröffentlichten größeren, wissenschafts- 
theoretisch vergleichenden Arbeit : Der Ordnungs- 
typus der genetischen Reihen in Physik, organis- 
mischer Biologie und Entwicklungsgeschichte. Die 
hohe Bedeutung der vergleichenden Wissenschafts- 
lehre erhellt deutlich schon aus dieser vorweg- 
nehmenden Veröffentlichung, wobei gerade durch 
das Aufsuchen wissenschaftstheoretischer Äqui- 
valenzbeziehuugen auch die Unterschiede zwischen 
den einzelnen Wissenschaften deutlicher hervor- 
treten. Gerade der Begriff der „Verwandtschaft" 
in der Biologie hat, besonders seitdem er von der 
Deszendenztlieorie übernommen wurde, eine ver- 
wirrende Vielseitigkeit erhalten, und jede Unter- 
suchung ist zu begrüßen, welche, wie die vor- 
liegende, versucht, diese verschiedenen „Verwandt- 
schaften" zu entwirren. Vor allem aber ist die 
Erkenntnis wichtig, daß Morphologie und Ab- 
stammungslehre zwei durchaus getrennte Gebiete 
behandeln, daß die morphologische Ableitbarkeit 
einer Form aus einer anderen über den genea- 
logischen Zusammenhang der beiden Formen gar 
nichts aussagt, sondern daß ein solcher Zusammen- 
hang immer von Fall zu Fall einzeln bewiesen 
werden muß. 

Zur Darstellung vollständiger Stammbäume 
gibt L. bemerkenswerte Vorschläge für die Aus- 



führung chronologischer Stammtafeln, 
welche nicht nur die Ahnen eines Probandus, 
sondern auch deren Lebensdauer, die Zeit ihrer 
Eheschließung, die Zahl der Generationsfolgen und 
eventuelle Generationsverluste zur Darstellung 
bringen. 

Zürich. M. Schips. 

Jensen, B., Erleben und Erkennen. Aka- 
demische Rede. 53 S. Jena 1920, Gustav 
Fischer. Brosch. 3 M. 
Die Rede behandelt den in neuerer Zeit wieder 
viel betonten Gegensatz zwischen dem gefühls- 
mäßigen, „intuitiven" Erleben und dem wissen- 
schaftlichen, „nüchternen" Erkennen und kommt 
zu dem Schlüsse: „Es läßt sich nur eine Art 
von Erkennen nachweisen, die zu klaren, sicheren 
Ergebnissen führt und daher den Namen Erkennen 
mit Recht trägt. Dieser Erkenntnis erscheint 
... die mannigfaltige materielle Welt und die 
Fülle des Geistigen mit allen seinen Idealen als 
eine untrennbare Einheit, als einheitlicher Kosmos. 
Ein Gegenstand vielfältigster . .. mit allen 
Gefühlen sich auswirkenden Erlebens, aber 
eines einzigen, einheitlichen Erkennen s" 
(S. 51). Nach J. ist nämlich nur das als wahres 
Erkennen anzusehen, was sich in folgende drei 
Phasen zerlegen läßt: 

1. Analyse des im Erlebnis kontinuierlichen 
Gedankenbildes in einzelne Komponenten 
(= „Größen"); 

2. Feststellung der quantitativen Werte 
der maßgebend beteiligten Größen und der Arten 
ihrer Beteiligung an dem Zustandekommen der 
zu erklärenden Erscheinungen; 

3. Ermittlung der Art und Weise, wie jede 
zu erklärende Erscheinung durch die maßgebend 
beteiligten Größen eindeutig bestimmt ist. 

Es ist klar, daß diese Analyse des Erkenntnis- 
vorganges nur gilt, wo es sich um die Unter- 
suchung quantitativ bestimmbarer Erschei- 
nungen handelt; der Nachweis, daß sie auch für 
den Bereich der bis jetzt quantitativ nicht restlos 
faßbaren, als „geistig" bezeichneten Objekte maß- 
gebend sei, wird in der Rede wohl versucht, kann 
aber nicht als gelungen bezeichnet werden. Er 
lautet (S. 24): „Geistiges kann nachweislich nie 
durch Geistiges allein eindeutig bestimmt werden. 
Es müssen also zu den Bedingungen, von denen 
eine psychische Erscheinung abhängt, stets auch 
physische Größen gehören; und das können 
nur materielle Änderungen im Zentralnervensystem 
sein . . . Womit sich für jedes psychische Ge- 
schehen die Frage erhebt: Von welchen Nerven- 
prozessen ist es abhängig, wie ist es von ihnen 
abhängig und wie wird es durch sie eindeutig be- 
stimmt?" Diese Argumentation dürfte sich m. E. 
kaum aufrecht halten lassen. Denn wenn Geistiges 
wirklich durch psychische und physische 
„Größen" bestimmt ist, dann kann die Frage, wie 
sie durch physische Größen eindeutig 
bestimmt sei, gar nicht gestellt werden, sondern 



32 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift, 



N. F. XX. Nr. 2 



auch bei dieser Frage müssen psychische und 
physische Faktoren berücksichtigt werden. 
Der „nicht weiter auflösbare Rest", der auch in 
der Auffassung Jensens bestehen bleibt (S. 26 f.) 
zeigt, daß auch die qualitative Seite eines 
jeden Problems neben der quantitativen nach Auf- 
klärung verlangt, sofern wir von Erkenntnis im 
vollen Sinne des Wortes reden wollen. Die Frage, 
ob wir eine solche restlose Erkenntnis jemals er- 
reichen können, ist hier belanglos; sicher ist, daß 
wir sie zu erstreben haben und daß wir nicht be- 
rechtigt sind, die quantitative, d. h. die gewöhnlich 
so genannte „exakte" Fragestellung als allein be- 
rechtigt anzusehen, wenigstens so lange nicht, als 
nicht bewiesen ist, daß sich alle Qualitäten eines 
Körpers bzw. eines Systems von Körpern als 
Funktionen seiner Masse darstellen lassen. — Dies 
andere freilich kann nie genug betont werden, 
daß der Mensch zu allen Zeiten nur zu schnell 
bereit war, über das „Wesen" der Dinge nachzu- 
sinnen, statt in mühevoller Einzelarbeit die Dinge 
erst zu „ermessen". Wir müssen auch jetzt dar- 
über klar sein, daß wir noch viel zu wenig 
„Physik" wissen, als daß wir mit Aussicht auf 
Erfolg „Metaphysik" treiben könnten. In diesem 
Sinne war es sicher verdienstlich, den Wert des 
quantitativen Erkennens gegenüber dem viel ge- 
priesenen „inneren Erleben" festzustellen. 
Zürich. M. Schips. 

Wolf, Dr. B., Landgerichtsrat, Justitiar der Staat- 
lichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen, 
Das Recht der Naturdenkmalpflege 
in Preußen. Mit Unterstützung des Mi- 
nisteriums für Wissenschaft, Kunst und Volks- 
bildung und mit Benutzung amtlicher Quellen. 
313 S. Berlin 1920, Gebrüder Bornträger. 
Während die Rechtsverhältnisse der eigent- 
lichen Denkmalpflege wiederholt eingehend be- 
handelt worden sind, haben sich die Juristen um 
ihre jüngere Schwester, die Naturdenkmalpflege, 
weniger bekümmert. Der Gegenstand verdient 
gerade in der gegenwärtigen Zeit, wo die deut- 
schen Landschaftsbilder und Naturdenkmäler mehr 
als je durch Ausbeutung aller Art bedroht sind, 
nicht geringere Aufmerksamkeit als die Pflege der 
Bau- und Kunstdenkmäler. Ohne Kenntnis der 
Gesetze und Verordnungen aber, die bei der 
Durchführung der Naturdenkmalpflege zu berück- 
sichtigen sind, gleichen die Bestrebungen, sie im 
einzelnen auszuüben, häufig dem „Jagdhund ohne 
Spur". Das Buch von Dr. Wolf, das als Band 7 
der von H. Conwentz herausgegebenen „Bei- 
träge zur Naturdenkmalpflege" erschienen ist, gibt 
hier die bisher vermißte Belehrung. Es behandelt 



nach einer Übersicht über die Grundbegriffe und 
die Organisation der Naturdenkmalpflege die ein- 
schlägigen Verfügungen der Ministerien, Re- 
gierungen, Schul- und Kirchenbehörden, General- 
kommissionen usw., um dann in seinem Haupt- 
teil die mit reichlichen Erläuterungen versehenen 
Gesetze, die zu ihrer Ausführung bestimmten An- 
weisungen sowie ein Verzeichnis der auf ihnen 
beruhenden Polizeiverordnungen und Bekannt- 
machungen zu geben. Die Darstellung beschränkt 
sich aber nicht auf die gesetzlichen Bestimmungen, 
die für die Naturdenkmalpflege im engeren Sinne 
in Betracht kommen, sondern sie zieht auch alle 
Vorschriften heran, die für die verwandten Ge- 
biete des Heimatschutzes in Frage kommen. So 
sind nicht nur die sog. Verunstaltungsgesetze von 
1902 und 1907, sondern auch die für den Schutz 
des Orts- und Landschaftsbildes wichtigen Vor- 
schriften des neuen Wohnungsgesetzes vom 28. 
März 191 8 mitgeteilt und erläutert. Sonst werden 
außer dem Strafgesetzbuch u. a. Wassergesetz, 
Ausgrabungsgesetz, Berggesetz, Feld- und Forst- 
polizeigesetz, die Waldwirtschaftsgesetze, die Jagd- 
ordnung, das Vogelschutzgesetz, Fischereigesetz, 
soweit sie für den Gegenstand in Betracht kom- 
men, behandelt. Im letzten Abschnitt wird die 
Sicherung der Naturdenkmäler durch Rechtsge- 
schäft und Enteignung erörtert. Ein sorgfältiges 
alphabetisches Sachverzeichnis erleichtert das Nach- 
schlagen. Alle, die sich aus Neigung oder Beruf 
mit Natur- und Heimatschutz beschättigen, finden 
in dem Buche wertvolle Belehrung; wer sich vor 
die Lösung praktischer Fragen gestellt sieht, wird 
es nicht entbehren wollen. F. Moewes. 



Literatur. 

Mez, Prof. Dr. C. , Das Mikroskop und seine Anwen 
düng. Handbuch der praktischen Mikroskopie. 12., umge 
arbeitete Aufl. Mit 495 Tcxtfig. Berlin '20, J. Springer. 

Pauli, Prof. Dr. Wo., Kolloidchemie der Eiweißkörper 
I. Hälfte. Mit 27 Textabb. Dresden und Leipzig '20, Th 
Steinkopf. 10 M. 

Penck, Prof. Dr. W. , Der Südrand der Puna de Ata 
cama (NW-Argentinien). Abh. d. Math.-Phys. Kl. d. Sachs, 
Akad. d. Wissensch. Bd. XXXVII, Nr. I. Mit 9 Tafeln^ 
I Karte und 17 Textfig. Leipzig '20, B. G. Teubner. 30 M 

Lassar-Cohn, Prof. Dr., Ad. Stöckhardts Schule der 
Chemie. 22. Aufl. Mit 200 Abb. u. I färb. Tafel. Braun- 
schweig '20, F. Vieweg. 24 M. 

Ulbricht, Dr. K., Das Kugelphotometer. München u. 
Berlin '20, P. Oldenburg. 24 M. 

Doflein, Prof. Dr. Fr., Mazedonische Ameisen. Mit 
10 Textabb. u. 8 Tafeln. Jena '20, G. Fischer. 14 M. 

Hertwig, Prof. Dr. A., Elemente der Entwicklungslehre 
des Menschen und der Wirbeltiere. 6. Aufl. Mit 438 Text- 
abb. Jena '20, G. Fischer. 30 M. 

Walther, Prof. Dr. Joh., Vorschule der Geologie. 
7. Aufl. Mit 123 Abb. Jena '20, G. Fischer. 12 M. 



Inhalt: A. Willer, Aus dem Stoffhaushalt unserer Gewässer. (4 Abb.) S. 17. — Einzelberichte: G. Tammann, Über 
farbloses Quecksilberchlorid. S. 27. E. Heinricher, Mistel und Birnbaum. S. 28. E. Werth, Dauer der Spät- und 
Postglazialzeit. S. 29. — Bücherbesprecbungen: K. Lewin, Die Verwandtschaftsbegriffe in Biologie und Physik und 
die Darstellung vollständiger Stammbäume. S. 30. B. Jensen, Erleben und Erkennen. S. 31. B. Wolf, Das Recht 
der Naturdenkmalpflege in Preußen. S. 32. — Literatur: Liste. S. 32. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstrafie 41, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 
Druck der G. Päfz'schen Buchdr, Lippert & Co. G.m.b.H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge 20. Band; 
der ganzen Reihe 36, Band. 



Sonntag, den i6. Januar 1921. 



Nummer 3. 



Bemerkungen zur Entstehung und Besiedlung des Trockentorfs. 



[Nachdruck verboten.] 



Von M. Kästner, Frankenberg i. S. 



Inhaltsübersicht: a) Die veralteten Anschauungen. 

b) Die Waldbodenflora als Verhinderer der Trockentorfbildung. 

c) Die Waldbodentlora als Zerstörer des Trockentorfs, d) Gegen- 
überstellung der alten und neuen Auffassung, e) Ergebnisse. 

Die folgenden Ausführungen bringen nichts 
neues. In der neuesten (3.) Auflage von E. Ra- 
manns „Bodenkunde" (Berlin 191 1) kann man 
S. 197, 208, 469 ff. und 475 f. fast alles hier Vor- 
gebrachte in zusammengedrängter Form finden. 
Wenn ich mir trotzdem erlaube, meine Beobach- 
tungen zu veröffentlichen, so glaube ich dadurch 
gerechtfertigt zu sein, daß in bezug auf ihren 
Gegenstand selbst in Fachkreisen noch immer 
veraltete Vorstellungen herrschen. Ist doch selbst 
die neueste Auflage von Warming-Graeb- 
ners „Lehrbuch der ökologischen Pfianzengeo- 
graphie" (Berlin 1914 — 1918) in bezug auf die 
Frage über die Entstehung des Trockentorfs 
(Rohhumus) noch nicht über die Anschauungen 
hinausgekommen, die P. E. Müller in seinem 
durch gründliche Beobachtungen und vorsichtige 
Urteile gleich ausgezeichneten Werke „Studien 
über die natürlichen Humusformen und deren 
Einwirkung auf Vegetation und Boden" (Berlin 
1887) bereits in den Jahren 1878, 1884 und 1887 
ausgesprochen hat. Das Gleiche gilt von 
Graebners „Pflanzenwelt Deutschlands" (Leipzig 
1909). Ich habe im Gegenteil den Eindruck, als 
seien mehrere Ansätze zu einer neuen Betrach- 
tungsweise, die sich an verschiedenen Stellen der 
„Studien" finden und von denen im folgenden 
noch die Rede sein wird, unbeachtet geblieben. 
Nur bei R a m a n n sah ich — wie gesagt — meine 
Erfahrungen bestätigt. 

a) Die veralteten Anschauungen. 

Bei Warming-Graebner lesen wir S. iiof.: 
„Rohhumus (Trockentorf . . .) ist eine ,Torfbildung 
auf dem Trocknen', eine schwarze oder schwarz- 
braune, torfartige Masse, die von dicht verfilzten 
Pflanzenresten, nämlich von Wurzeln, Rhizomen, 
Blättern, Moosen, Pilzhyphen u. a. gebildet wird . . . 
P. E. Müller spricht in der deutschen Ausgabe 
seiner Studien von Heidetorf, Buchentorf, Eichen- 
torf. Besonders gewisse Pflanzenarten bilden 
Rohhumus, weil sie sehr dünne, zahlreiche und 
stark verzweigte Wurzeln (oder Rhizoiden) aus- 
bilden, die gerade an der Bodenoberfläche liegen 
und die Pflanzenreste in einen dichten Filz' ver- 
weben; solche Arten sind z. B. Rotbuche, Cal- 
luna, Vaccinium myrtillus, Picea excelsa. Die 
meisten dieser Pflanzen besitzen Mykorrhizen, die 
sicher die Verfilzung befördern." „Es finden sich 



in ihm nur wenige Tiere, meistens Rhizopoden 
und Anguilluliden, aber keine Regenwürmer. 
Rohhumus tritt im Walde besonders an den dem 
Winde ausgesetzten Stellen auf, während sich der 
gewöhnliche Humus mit seinen Regenwürmern 
und anderen Tieren an die frischen und ge- 
schützten Stellen hält ; wenn gewöhnlicher Humus 
in einem Buchenwalde durch ungünstiges Holz- 
fällen und ähnliches in Rohhum.us übergegangen 
ist, so kann sich die Buche nicht weiter ver- 
jüngen, sie verschwindet und macht in vielen 
Fällen der Calluna-Heide Platz." Und noch kürzer 
S. 113: „Der Übergang vom gewöhnlichen 
Humusboden zu Rohhumus wird dadurch her- 
vorgerufen; daß I. sich Pflanzen mit dicht ver- 
filzten Wurzeln einfinden, 2. die Tiere, insbe- 
sondere die Regenwürmer, verschwinden, so daß 
der Boden nicht durchgearbeitet wird, 3. die 
Bodenteile, namentlich die Sandkörner, zusammen- 
sinken, wodurch der Boden fester und luftärmer 
wird." 

Ähnlich äußert sich Graebner in seiner 
„Pflanzenwelt Deutschlands" S. 186 über die Ent- 
stehung des Trockentorfs im Laubwald. Nachdem 
er von der lockeren Lagerung des Fallaubes im 
geschlossenen Walde gesprochen hat, fährt er 
fort: „Sobald aber der Wald durch Ausholzung 
usw. zu licht wird, sobald Sonne, Wind und Regen 
direkt die Bodenoberfläche berühren, findet leicht 
eine Verdichtung des Humus statt, die Verwesung 
tritt, wohl infolge der plötzlichen Temperatur- 
und Feuchtigkeitsschwankungen, zurück und die 
Humusbildung wird ausgiebiger. Zugleich finden 
sich Moose und zwar polsterbildende Arten wie 
Dicranum und Leucobryuvi an, die stets schlechten 
Rohhumus im Gefolge haben. Auch schon so- 
bald die Bäume ohne Unterwuchs hoch und 
breitkronig werden, treten infolge der Luftbe- 
wegung unter ihnen usw. ähnliche Verhält- 
nisse ein." 

Auch für die Entstehung des Fichtentorfs 
macht er a. a. O. S. 209 zunächst die Moosbil- 
dung verantwortlich, indem er sagt: „Eine dicke 
Moosdecke schon läßt die Verwesung zurück- 
treten und befördert die Humusbildung, unter 
ihr findet man stets reichlichen Humus, gebildet 
aus den Resten des Mooses und dem Abfall des 
Baumes." Im folgenden freilich kommt er der 
hier vertretenen Ansicht sehr nahe, ohne aber zu 
erkennen zu geben, daß es sich um den grund- 
legenden Vorgang aller Trockentorf bildung 
handelt. „Aber", fährt er fort, „auch ohne viel 
Moos, wenn letzteres z. B. in sehr dichten (dunklen 



u 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 3 



Fichten-)Wäldern zurücktritt, geht im Nadelwalde 
oft eine ganz andere Humusbildung vor sich, als 
im Laubwalde. Es scheint überhaupt, als ob die 
Nadelstreu (wohl wegen des Harzgehaltes) sich 
schwerer zersetzt als die meiste Laubstreu, auch 
auf den Haufen in Gärten bleibt ihre Struktur 
länger erhalten . . . Das Zurücktreten der Ver- 
. wesung gegenüber der Humusbildung braucht 
nur gering zu sein, es braucht nur wenig mehr 
Humus alljährlich erzeugt zu werden, als durch 
die Tätigkeit der Verwesungsorganismen ver- 
arbeitet wird, als in die anorganischen Rohstoffe 
inkl. Kohlensäure und Wasser aufgelöst wird, so 
bringt diese wenn auch zunächst nur unbe- 
deutende Ansammlung von Humus bald sekun- 
däre Erscheinungen mit sich. Der Humus wird 
bald sauer, durch mehr oder weniger starken Ver- 
lust der Struktur setzt er sich fest zusammen, 
namentlich bei dem jetzt erfolgenden Zurück- 
treten der den Boden durchwühlenden Tiere, der 
Regenwürmer, Käfer, Käferlarven usw." Und 
weiter: „Unter für die Humusbildung günstigen 
Verhältnissen kann eine sehr erheblich dicke 
Humusschicht auch ohne starke Moosbildung ent- 
stehen, in dichten Fichtenwäldern beispielsweise 
kann sie oft über 3 dm Dicke erreichen." 

Die ziemlich allgemein verbreitete Ansicht 
über die Entstehung des Trockentorfs geht also 
dahin : Ursache der Bildung von Trockentorf ist 
einesteils das Auftreten von Flachwurzlern mit 
dichtem, verpilztem Wurzelgeflecht und von 
Moosen, andernteils der vermehrte Zutritt von 
Sonne, Wind und Regen zum Waldboden, wie 
ihn Durchforstung des Waldes oder Kahlheit zur 
Folge haben. 

b) Die Waldbodenflora als Ver- 
hinderer der Trockentorfbildung. 

Dem gegenüber möchte ich betonen, daß 
Trockentorf in meinem Beobachtungsgebiet ledig- 
lich von den Waldbäumen gebildet wird und 
zwar immer dort, wo ein Mißverhältnis besteht 
zwischen der Laub- und Nadelschüttung und den 
diese Abfallmassen zerstörenden Mächten. Als 
solche kommen in erster Linie die meisten Gräser, 
Kräuter und Stauden des Waldbodens in Frage. 
Sie sind gewissermaßen die Vortruppen in dem 
unübersehbar großen Heer der Mächte, deren 
Aufgabe es ist, den toten Abwurf der Wald- 
bäume wieder in einfachere Pflanzennährstoffe 
zurückzuverwandeln. Sie leiten diese Arbeit ein, 
indem sie durch ihre Wurzeln und vor allem 
durch die alljährlich hervorbrechenden ober- 
irdischen Triebe die Bodenstreu, die durch die 
winterliche Schneedecke zusammengepreßt worden 
war, wieder lockern. Wer ein einziges Mal be- 
obachtet hat, welch kräftige Arbeit die jungen 
Triebe von Anonone nemorosa, Rammculus 
ficana, Mcrcurialis pereimis, Corydalis cava u. a. 
leisten, der wird von der Bedeutung dieser Tätig- 
keit für die Lockerung der Bodenstreu überzeugt 
sein. — In dieser Hinsicht ist sicher auch die 



Wirkung der zahllosen Sporenträger der höheren 
Pilze nicht zu unterschätzen. 

Auch verhindern die oberirdischen Teile der 
Waldbodenflora durch ihr bloßes Dasein eine 
gleichmäßige, dichte Lagerung der fallenden 
Blätter und Nadeln. — Hier ist besonders der 
Moose zu gedenken. Ihre Polster verhindern, wie 
man in jedem Fichtenwalde beobachten kann, 
ganz augenscheinlich die Erhöhung der Streu 
durch neue Nadelschüttung; denn während auf 
benachbarten moosfreien Stellen die verklebte 
alte Streu mit einer 2 — 3 cm mächtigen Schicht 
junger Fichtennadeln bedeckt ist, liegen auf dem 
Moosteppich nur einzelne Nadeln verstreut. Da- 
von aber, daß die Moospolster den Verlust an 
Nadelstreu ausgleichen, indem sie selbst abge- 
storbene Teile zur Trockentorfdecke liefern, kann 
gar keine Rede sein. In dieser Hinsicht sind be- 
sonders lehrreich die rundlichen, bleichgrünen 
Kissen von Leucohryum glauctim. Sie vergrößern 
sich mehr seitswärts als aufwärts. Auf der Seite, 
nach der ein solches Kissen wächst, liegen die 
bis unten mit toten Blättern dicht besetzten Moos- 
stämmchen fast wagerecht. Die gesamte, bis 
2 cm dicke Moosschicht ist nicht durch Rhizoiden 
verfilzt. An den Stellen des Waldbodens, über 
die die Pflänzchen hinweggeschritten sind, findet 
man ihre weißgrauen Reste von neuem mit 
Nadelstreu überdeckt. Leiicobryuni beteiligt sich 
also anscheinend an der Vermehrung der trocken- 
torfbildenden Masse. Aber die Restschicht ist 
kaum noch '/.^ cm stark, und die Moosstämmchen 
sind in kurze Stückchen zerfallen. Der Beitrag, 
den sie zur Masse der toten Bodendecke liefern, 
ist also gegenüber dem Fichtenabwurf nur gering- 
fügig. Jedenfalls ist er wesenthch geringer als 
der Verlust an Nadelstreu ausmacht, den der 
Waldboden an den von lebenden Kissen besetzten 
Stellen erleidet, denn dort kann sich keine Nadel- 
streu halten. So kommt es auch, daß die Kissen 
sich nur wenig über die ringsum wachsende 
Nadelstreu erheben. 

Emporheben der Laubstreu durch hervor- 
brechende Triebe und Verhinderung ihres Zu- 
sammensetzens durch die bereits vorhandene Wald- 
bodenflora wirken in gleichem Sinne. Der Sauer- 
stoff der atmosphärischen Luft erhält Zutritt zu 
den Abfallmassen, so daß deren chemischer Zer- 
fall beschleunigt wird. Gleichzeitig wird ver- 
hindert, daß die Streudecke den Erdboden von 
der atmosphärischen Luft abschließt. So erhalten 
Regenwürmer und andere Bodentiere und die 
Wurzeln der ausdauernden Gewächse Atemluft. 
Erstere können nun ihrerseits die Zerkleinerung 
der toten Pflanzenreste fortsetzen, letztere sind 
nicht gezwungen, ihre Wurzeln in der obersten 
Bodenschicht zusammenzudrängen und diese da- 
durch zu verfilzen und so das Übel in steigendem 
Maße zu verschlimmern. Durch die fast restlose 
Aufarbeitung der Abfallstoffe wird auch ver- 
hindert, daß der Boden saure Eigenschaften an- 
nimmt, was für das pflanzliche und tierische 



N. F. XX. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



35 



Leben im Waldboden vielleicht ebenso bedeutungs- 
voll ist, wie die Zufuhr von Atemluft. 

Was geschieht aber an den Stellen, wo die 
grünen Waldbodenbewohner, diese Pioniere der 
Humusaufarbeitung, fehlen? Am häufigsten tritt 
dieser Fall in den Fichtenkulturen ein, wo die 
Bäume so dicht stehen, daß der Waldboden das 
ganze Jahr hindurch nur äußerst spärliches Licht 
empfangt. Aber auch im Buchenwalde können 
die Verhältnisse so liegen, daß sich keine Boden- 
flora zu entwickeln vermag. Die Beschaffenheit 
des Laubdaches scheint hier zunächst nicht aus- 
schlaggebend zu sein, weil sich auch bei dichte- 
stem Zusammenschluß der Kronen infolge der 
erst später einsetzenden Laubentfaltung zahlreiche 
Frühlingspfianzen entwickeln können, deren ober- 
irdische Triebe immer wieder die Laubschicht 
des vorigen Jahres emporheben und durch- 
brechen. 

Wohl aber kann in Bodeneinsenkungen und 
Schluchten das Laub zu solcher Höhe aufgehäuft 
werden, daß die Frühlingspflanzen nicht zum Lichte 
vordringen können. So fand ich auf dem schmalen 
Gneisrücken zwischen zwei tief eingeschnittenen 
Bachtälern folgende Verhältnisse. Während der 
größte Teil des Bodens keine Laubdecke und in- 
folgedessen auch nur eine messerrückenstarke, 
schwarzbraune, dichte Humuskruste zeigte, war in 
flachen Kesseln und Rinnen das Laub offenbar 
unter Beteiligung des Windes um so höher auf- 
gehäuft. Hier fand ich unter 15 cm lockerer, 
trockener Buchenlaubstreu 10 cm Buchentorf. 
Die obersten 6 cm waren geschichtet, zeigten 
nach unten zu immer dunklere Töne von braun 
und festere Packung und ließen mit abnehmender 
Deutlichkeit Blattreste erkennen. Die unteren 
4 cm zeigten sich als eine schwarzbraune, un- 
deutlich geschichtete Masse, die von Buchen- 
würzelchen und Pilzfäden mäßig, aber keinesfalls 
so durchsetzt war, daß man auf den Gedanken 
kommen konnte, ihre Dichtigkeit rühre in erster 
Linie von der Durchwurzelung und Durch- 
spinnung mit Pilzfäden her. Darunter befand 
sich graurosae, lehmige Verwitterungserde von 
Augengneis. Außer Buchensämlingen, deren 
Keimwurzel durch die ganze 25 cm mächtige 
Masse von Pflanzenresten hindurch den Mineral- 
boden erreichte, trug der Boden keine Pflanze. 
Daß zum Zustandekommen solcher Anhäufungen 
geschlossener Buchenwald gehört, ist selbstver- 
ständlich. 

An solchen unbegrünten Stellen des Laub- und 
Nadelwaldes breitet sich der Abwurf des Wald- 
daches, durch Unterholz, hohes Gestände, niedriges 
Geblätt, Grasbüschel, Blattkleinpflaster und Moos- 
polster nicht behindert, als zusammenhängende 
Decke über den Waldboden aus. Jeder Gewitter- 
und Landregen, vor allem aber die Schneedecke 
des Winters durchfeuchtet die Masse und drückt 
sie zusammen. Im Frühjahr bleibt sie in ihrer 
verdichteten Form liegen und empfängt eine neue 
Auflage von Knospen, Schuppen, Blättern und 



Nadeln. — Auf frischen Böden finden Pilzmycelien 
hier geeignete Lebensbedingungen. Durch das 
Eindringen in die Pflanzenreste heften sie diese 
aneinander und erhöhen so die Dichte der Masse. 
Aber weder sie noch die zahlreichen winzigen 
Tierchen aus dem Geschlecht der Milben, Tausend- 
füßler, Urinsekten (z. B. Campodeiden) usw., deren 
einige man bei Lupenvergrößerung oder unter 
dem Mikroskop in jedem ccm besonders der 
jüngeren und jüngsten Schichten findet, vermögen 
des Reichtums Herr zu werden. 

So häufen sich die Massen Jahr für Jahr. Die 
älteren Schichten zeigen immer weniger erkenn- 
bare Reste von Fichtennadeln und Buchenblättern, 
Die zerkleinerten Massen setzen sich um so dichter 
zusammen. Ob bei dieser Zerkleinerung rein 
chemische Vorgänge (Selbstzersetzung ohne oder 
mit nur geringer Beteiligung des atmosphärischen 
Sauerstoffs) oder mikroskopisch kleine Lebewesen 
die Hauptrolle spielen, ist kaum zu entscheiden, 
hat aber m. E. für die Entstehung des Trocken- 
torfs nur untergeordnete Bedeutung. Jedenfalls 
kann infoge der dichten Lagerung nicht genügend 
Sauerstoff zugeführt werden, so daß es nicht zur 
Verwesung oder Vermoderung der organischen 
Verbindungen kommt, sondern eben zur Torf- 
bildung. — Regenwürmer mögen sich anfangs an 
der Zerkleinerung der Abfallmassen beteiligt 
haben. Mit zunehmendem Abschluß des Erd- 
bodens von der atmosphärischen Luft, vielleicht 
auch mit zunehmendem Sauerwerden des Boden- 
wassers aber gingen ihnen die Lebensbedingungen 
aus. 

Im ganzen erhalten wir also den Eindruck, 
daß Trockentorf dann entsteht, wenn die Gesamt- 
heit der humusverarbeitenden Kräfte mit der Zu- 
fuhr an Abfallstoffen nicht Schritt zu halten ver- 
mag^ 

Eine Andeutung meiner Auffassung finde ich 
bereits bei M ü 1 1 e r S. 234 (auf Seite 33 in der vor- 
liegenden Arbeit angeführt Ij, doch bezieht sich 
die Stelle nur auf die Verarbeitung des Abwurfs 
durch Gliederfüßler. Ebenso sei hier nochmals 
auf die S. 33 erwähnte Arbeit Graebners über 
die teilweise Entstehung des Fichtentorfs hinge- 
wiesen. 

c) Die Waldboden flora als Zerstörer 
des Trockentorfs. 

Überall, wo der Waldboden sich dauernd be- 
grünen kann, unterbleibt die Trockentorfbildung. i) 
Daß man trotzdem so oft unter Moospolstern und 
Grasdecken Trockentorf findet, erklärt sich folgen- 
dermaßen. Der Trockentorf ist auf die eben ge- 
schilderte Weise im geschlossenen Walde bei Ab- 

•J Vgl. dazu Müller S. 292 : „Auf frischem, namentlich 
lehmigem Boden sind die offenen Stellen und die Säume der 
Bestände, besonders an der Nordseite derselben mit einer 
üppigen Vegetation krautartiger Pflanzen , namentlich von 
Gräsern bedeeist, und eine nähere Untersuchung ergibt, daß 
der Boden mit Regenwurmexkrementen bedeckt ist und sich 
überhaupt in einem physikalisch günstigen Zustande befindet." 



36 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 3 



Wesenheit der Bodenflora entstanden. Später 
werden durch Naturgewalten oder menschliche 
Eingriffe Lücken in das Walddach gerissen. Auf 
den belichteten Stellen siedeln sich Moose, Gräser, 
Riedgräser, Simsen, Heidekraut, Heidelbeere und 
wenige andere Pflanzen wie MajantJicmum und 
Trientalis an, die nur auf Trockentorf stehen. — 
So fand ich in der Nähe von Frankenberg in 
Sachsen in 300 m Meereshöhe und 50 m über 
der nahen Zschopautalsohle auf Gneisboden im 
Rest eines ehemals ausgedehnteren Buchenwaldes, 
dem einzelne Fichten eingestreut sind, in einer 
flachen Mulde unter lockerer oder wenig verklebter 
Laub- und Nadelstreu 5—8 cm schwarzbraunen, 
fest zusammengebackenen, wenig durchwurzelten 
Trockentorf auf hellgelbem Lößlehm, der mit ein- 
zelnen Stöcken von Calamagrostis aritiidi/iacca, 
Aira flcxitosa, Athyrhnn Füix fcmina, kleinen 
Flecken von Vaccimnin myrtülits und gerade in 
diesem Jahre (Ende Mai 1919) zahllosen Keim- 
pflanzen der Rotbuche besetzt war. Beim Aus- 
graben der Calamagrosfis-^Vi%c\\A zeigte sich der 
Trockentorf im Bereich des dichten Wurzelschopfes 
völlig aufgelockert, während er in der unmittel- 
baren Umgebung der Pflanzen unversehrt war. 
Die gleiche Erscheinung konnte ich unter den 
Pelzen von Aira flexuosa feststellen. Hier war 
an ringförmigen Stöcken *) der Trockentorf unter 
der leeren Mitte des Ringes tiefer hinab zerstört 
als unter den lebenden Teilen. Die Stöcke des 
Frauenfarns Athyrium Filix feviina zeigten zwi- 
schen der Hauptmasse ihres dicht zusammenge- 
faßten, schwarzen Wurzelschopfes keinen Trocken- 
torf. Derselbe reichte in ungelockertem Zustande 
nur von außen heran. Die Pflanzen waren also 
älter als der Trockentorf. Die stricknadeldicken 
Wurzeln der Buchenkeimlinge durchsetzten die 
Trockentorfschicht auf kürzestem Wege, um in 
den Lößlehm zu gelangen. Die derben Grund- 
achsen von Vacci)num viyrtillus lagen fast aus- 
schließlich in der Bodenstreu. Von ihnen aus 
gingen in größeren Abständen feinverzweigte 
Faserwurzeln, die sich zwischen dem in Zersetzung 
begriffenen Buchenlaub wagerecht ausbreiteten 
und kleine Flächen desselben von Fünfmarkstück- 
bis Handtellergröße verklebten. Mit ihrem Gewirr 
hin- und hergeschlängelter Fäserchen waren sie 
bei oberflächlicher Betrachung von den Blattader- 
netzen, denen sie sich anschmiegten, kaum zu 
unterscheiden. Den jährlichen Zuwachs der 
Grundachsen stellte ich mit 30 und mehr cm 
fest : bei der geringen oberirdischen Vergrößerung 
eine ganz beträchtliche Leistung. Dabei lagen 
die neuen Triebe oft dicht neben den alten oder 
verzweigten sich fischgrätenartig, so daß auch 
hier der Gedanke der Trockentorflockerung nicht 
ganz von der Hand zu weisen ist. Den feuchten 



') Die Pflanze verjüngt sich immer wieder dadurch, daß 
aus den niederliegenden Grundgliedern der alten Halme neue 
Triebe nach aufien und oben wachsen. Dabei stirbt der 
Stock im Innern allmählich ab, so daß aus dem Büschel 
schließlich ein Ring wird. 



Grund der flachen Mulde deckte unter einer klei- 
nen Lichtung die Flut von Carcx brizoides. Am 
Rande des Bestandes ergab der Einstich 2 cm 
schwarzbraunen, speckigen Trockentorf auf stren- 
gem, feuchtem, weißgrau ausgebleichtem Lößlehm. 
Innerhalb des Bestandes war der Torf samt den 
oberen 3 cm des Lehms durch das derbe Grund- 
achsengeflecht der Pflanzen ein wenig gelockert. 

In der Folge habe ich diese Beobachtungen 
an zahlreichen anderen Stellen der Umgebung 
Frankenbergs nachgeprüft und dabei folgendes 
gefunden. Im dicht geschlossenen jüngeren 
Fichtenwald, wo der Lichtgenuß das ganze Jahr 
hindurch so gering ist, daß sich keine Boden- 
flora entwickeln kann, lag unter einer dünnen, 
lockeren Nadelstreu und einer i — 2 cm hohen 
Schicht krümelig zersetzter Nadeln ein dunkel- 
brauner, ungeschichteter Trockentorf, der an wenig 
geneigten Stellen eine Mächtigkeit bis zu 27 cm 
erreichte. Der Torf macht, mit der Lupe be- 
trachtet, ganz und gar nicht den Eindruck einer 
.verfilzten, sondern einer sandkuchenartig zusammen- 
gebackenen, mürben, dunkelbraunen Masse, die 
mit zahllosen winzigen, glashellen und daher deut- 
lich unterscheidbaren Quarzsplitterchen (wahr- 
scheinlich Staubteilchen) vermengt ist und sich 
leicht auseinanderbrechen und zerkrümeln läßt. 
Erst unter dem Mikroskop erkennt man, daß auch 
zarte Pilzfäden die Humusteilchen auf kurze Ent- 
fernung lose miteinander verspinnen. Auf größe- 
ren, noch geformten organischen Resten verdichten 
sie sich oft zu zarten Geweben. — Anderwärts ist 
bereits die ältere, in Zersetzung begriffene Nadel- 
streu in 2 cm Mächtigkeit unter 2 — 3 cm jüngerer, 
lockerer Streu durch Pilzfäden so versponnen, daß 
sie sich als zusammenhängende Decke abheben 
läßt. Unter solchen Decken ist dann auch der 
Trockentorf etwas stärker verfilzt. Wieder an 
anderen Stellen verleihen Fichtenwürzelchen mit- 
tels ihrer Pilzwurzel Teilen des Trockentorfs einen 
höheren Grad von Zusammenhalt, wobei seine 
Gesamtdichte sehr gering sein kann. Einen Grund 
für diese verschiedene Entwicklung konnte ich 
nicht entdecken. Jedenfalls hing die Mächtigkeit 
des Trockentorfs von dem schwächeren oder 
stärkeren Auftreten von Pilzfaden oder Pilzwurzeln 
nicht ab. 

Unter kleinen Lücken im Walddach stellen 
sich Moospolster ein. Auf frischem Boden über- 
ziehen Teppiche, aus Dicramim, Brachythecinvi, 
Mumm liornum u. a. gemischt, eine zentimeter- 
starke alte, wohlerhaltene Nadelstreu, unter der 
dunkelbrauner Fichtentorf liegt. Ein Vergleich 
mit benachbarten moosfreien Stellen ergibt, daß 
hier wie dort die ältere Nadelstreu von Pilzfäden 
zu einer zusammenhängenden Decke versponnen 
und daß auch der Trockentorf ziemlich reichlich 
von ihnen durchzogen ist. Unter dem Teppich 
aber ist die Erscheinung besonders innerhalb der 
Nadelstreu augenscheinlich stärker entwickelt.; 
Jedenfalls hält sich der Boden unter dem Moos- 
teppich feuchter als ohne diesen Schutz, so daß 



N. F. XX. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



37 



sich das Pilzfadengeflecht reicher entwickeln 
kann. Von einer Erhöhung der Abfallstoffe durch 
das Moos selber ist nichts zu sehen. 

In einem schlagreifen Fichtenbestande, wo der 
feinsandige Boden mit einem offenen Büschelwuchs 
von Aira flexiiosa bedeckt war, hatte der dichte 
Filz der zwirnfadendünnen, aber zugfesten Aira- 
Wurzeln die 2 cm mächtige Trockentorfdecke 
und die obenaufliegende Schicht der Halmreste 
so vollständig zerkleinert, daß sich beides wie 
feines Mehl leicht ausklopfen ließ. Der reine 
Wurzelkörper blieb dann als eine weiche, werg- 
artige Masse übrig. Im oberen Teil derselben 
waren mehrere wagerecht oder aufwärts streichende 
Würzelchen zu bemerken, die durch ihre hellere 
Farbe und durch spinnfadenzarte, krause Wurzel- 
härchen von mehr als I mm Länge auffielen 
(Tauwurzeln?). Auch an den Stellen, über die 
Aira Pflanzen hinweggeschritten waren , erwies 
sich der Trockentorf vollständig gelockert. Von 
einer Erhöhung des Humus durch ^/>(?- Reste 
war nichts zu sehen, obgleich unter den lebenden 
Stöcken die abgestorbenen Halme oft bis 5 cm 
hoch übereinanderlagen. Diese wohlgeschichtete 
Masse von Stengeln und Blattscheiden war so 
locker und trocken, daß der zersetzende Sauerstoff 
der atmosphärischen Luft jedenfalls leicht ein- 
dringen kann. Nur einige wenige Blattscheiden- 
fasern auf dem nicht mehr bedeckten Fichtentorf 
deuteten an, daß Aira ehemals hier gestanden 
hatte. — Das nordwärts gerichtete, aus Glimmer-, 
Chlorit- und Hornblendeschiefer (hm) bestehende 
linke Zschopaugehänge oberhalb der Lichtenwalder 
Hofwiese trägt einen Laub- und Nadelmengwald, 
der gegenwärtig stark gelichtet ist. Der flachere 
Gehängeteil (20") trägt auf einer 4 — 14 cm mäch- 
tigen Schicht von sandkuchenartig zusammen- 
gebackenem , schwarzbraunem Trockentorf einen 
offenen Großbüschelwuchs von Calamagrostis 
ariindinacea mit Aira flcxiiosa, Luzula neviorosa, 
Majanthemum bifoliiun und Vaccininm myrtilhis. 
Unter jedem Calama^ rostis-^\i&c\\z\. ist der Trocken- 
torf in Pulver umgewandelt. Bei größerer Mäch- 
tigkeit des Torfs ist die Auflockerung oben gründ- 
licher durchgeführt als unten, z. B. waren bei 
14 cm Dicke des Trockentorfs nur die oberen 
6 cm völlig zerkrümelt. Sicher spielt hierbei das 
Alter des Büschels eine Rolle. Die Calainagrostis- 
Pflanzen haben sich wahrscheinlich erst nach der 
Lichtung des Waldes angesiedelt, und die Lichtung 
besteht noch nicht so lange, daß die Wurzeln die 
mächtigeren Stellen der Trockentorfdecke hätten 
vollständig zerstören können. In jedem Falle 
dringen sie aber bis in den Verwitterungsboden 
vor. Auch Aira flcxiiosa hat erst vor wenigen 
Jahren seine trockentorfauflockernde Tätigkeit 
begonnen. Zunächst gewinnt man allerdings 
den Eindruck, als ob die Pflanze durch ihr 
ebenfalls bis in die Verwitterungserde vor- 
dringendes, feines Wurzelgespinst an der Ver- 
dichtung des Humus zu Trockentorf schuld wäre. 
Aber zahlreiche sorgfältige Vergleiche mit benach- 



barten unbesiedelten Stellen haben mich doch 
davon überzeugt, daß eine wenn auch geringe 
Lockerung des Trockentorfs bereits eingetreten 
ist. Und außerdem beweisen ja die erwähnten 
Befunde an anderen Stellen, daß die Pflanze den 
Trockentoif völlig zu zermürben vermag. Sie 
arbeitet eben weniger rasch als Calamagrostis, da 
ihre Wurzeln wesentlich dünner sind und zunächst 
auch weiter auseinanderstreben als die ihrer Stand- 
ortsgenossin. Auch Luzula itemorosa und Majan- 
themuin bifüliuni versuchen, mit ihren wagerecht 
kriechenden Grundachsen den Trockentorf zu 
lockern, halten sich aber bei dickerer Bodenstreu 
mehr an diese. Anderwärts, so am rechten Steil- 
gehänge (35") des Saubachtals unterhalb P'ranken- 
berg habe ich aber gesehen, daß auch Luzula 
ucniorosa eine 2 — 6 cm mächtige Trockentorf- 
schicht aus Buchen- und Fichtenabfällen unter 
I — 2 cm verklebter Laubstreu vollständig gelockert 
hatte. Ebenso konnte ich am rechten Gehänge 
(25 ") der Parkschlucht oberhalb Lichtenwalde be- 
obachten, daß die Grundachsen von Alajaiilheinum 
eine 5 cm mächtige Trockentorfschicht kreuz und 
quer durchkrochen und zu zerstören im Begriff 
waren. Die Laub- und Nadelstreu, an die sich 
die Pflanze sonst gern hält, war hier freilich nur 
I cm dick und verklebt. — Mit Trockentorf 
(5 — 10 cm) ist ferner fast der ganze aus ober- 
karbonischen Sandsteinen (co,) aufgebaute obere 
Teil des Hofwiesengehänges oberhalb Lichtenwalde 
bedeckt. Auch hier wird gegenwärtig Laub- und 
Nadelmengwald künstlich verjüngt, so daß sich 
Gelegenheit bietet, den Einfluß der Bloßlegung 
des Waldbodens auf die Humusdecke zu unter- 
suchen. Aber auch hier spricht nichts dafür, daß 
der Trockendorf erst infolge der starken Lichtung 
entstanden sei. Vielmehr liegen die Verhältnisse 
so: Bei der Ausrodung der alten Baumwurzeln ist 
die unter dem geschlossenen Walddach vorhanden 
gewesene Trockentorfdecke an vielen Stellen zer- 
stört worden. An solchen Orten ist der Ver- 
witterungsboden nur mit einer messerrückenstarken, 
schwarzen Kruste überzogen. Häufig findet sich 
hier auch der schmutzigviolette, löschpapierartige 
Filz der P'adenalge Zygogoiiiuiii cricetorum Ktz. 
var. terrestrc Kirchn. (nach freundlicher Bestim- 
mung durch Herrn Prof Dr. S c h o r 1 e r -Dresden). ') 
Wo die Trockentorfdecke aber unverletzt geblieben 
ist, wird sie durch Aira flexuosa zermürbt, und 
zwar ist der Vorgang schon ziemlich weit fortge- 
schritten. Große Flecke tragen auch Polster von 



') An zahlreichen anderen Stellen meines Beobachtungs- 
gebiets sind solche bei der Veijüngung aufgerissene und um- 
gestürzte Waldböden je nach ihren Feuchtigkeits- und Licht- 
verhältnissen mit Massenwuchs von Airaflsxuosa, Calamagrostis 
ariindinacea, Luzitla nemorosa, Festuca silvatica, Carex örizoides, 
Hohus molliSy Rttbus Idcieus, Senecio Fuchsii^ PrcnaiUhes purpurea, 
Epilobinm angtistifoutim, Dicranella hetcromaüa u. a. bestanden. 
Ich erwähne das, um nicht die Meinung aufkommen zu lassen, 
als besiedelten Aira, Calamagrostis, Lmula, Carex brizoides 
u. a. nur den Trockentorf. Im Gegenteil ist festzustellen, daß 
sie den aufgebrochenen Waldboden ganz entschieden bevor- 
zugen. 



38 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 3 



Polytrichum commune. Auch unter ihnen ist der 
Trockentorf etwas aufgelocl<ert , aber durch die 
Rhizoiden des Mooses und durch Pilzfäden neuer- 
dings verfilzt. Daß die Lockerung aber über- 
wiegt, beweist der Umstand, daß iiberall junge 
Pflanzen von Luzida, Aira und Festuca hetero- 
pJiylla die IVIoospolster durchbrechen. Sie werden 
das Moos allmählich verdrängen, den Trockentorf 
völlig zerkleinern und so wieder günstigere Ver- 
hältnisse für anspruchsvollere Waldpflanzen schaffen. 

— Zu den Trockentorfzerstörern rechne ich ferner 
Molinia coenilea und Nardiis sfricta, von denen 
die erstere wohl immer, die letztere gelegentlich 
auf Trockentorf wächst. Besonders schön konnte 
ich ihre Wirkung feststellen auf trockenem Löß- 
lehmboden am rechten Flachgehänge des sog.Stein- 
bruchtälchens zwischen Frankenberg und Alten- 
hain. Die Pflanzen wuchsen am Fichtenwaldrande 
bei SSW- Richtung. Die Trockentorfschicht war 
I cm stark und zeigte in der nächsten Umgebung 
der Pflanzen deutlich das sandkuchenartige Ge- 
präge. Trotzdem die groben, wenig verzweigten 
Wurzeln beider Gräser nicht sehr dicht standen 

— es handelte sich um kleine Stöcke — , erwies 
sich der Trockentorf zwischen ihnen zermürbt, 
unter den Moli>na-VQa.nzen so stark, daß man ihn 
aus dem Zwischenraum zwischen oberirdischen 
Trieben und den im Lößlehm steckenden Teil 
der Wurzeln herausblasen konnte. Die Pflanzen 
standen dann wie auf Stelzen. Die kurzen, dicht 
gedrängten Reste der abgestorbenen oberirdischen 
Molima-Tr\A>t waren von den geschlängelten 
Wurzeln durch den gelockerten Torf hindurch bis 
auf die Oberfläche des Lößlehms gezogen worden, 
so daß die Reihe der Sprosse ein wenig schräg 
im Trockentorf lag. Auch am rechten Flachge- 
hänge des oberen SaubachtRls unterhalb Franken- 
berg hatten umfängliche il/<?//;//«-Büschel mit ihren 
dichtstehenden Wurzeln eine 3 — 4 cm dicke 
Trockentorfschicht gut gelockert. — In noch 
kräftigerer Weise durchpflügt Nardus strida lang- 
sam den Trockentorf Während aber z. B. Aira 
flexuosa den bei seinem Vorwärtsdrängen durch- 
schrittenen Raum nicht wieder besiedelt — am 
rechten Zschopaugehänge unterhalb Braunsdorf 
beobachtete ich häufig, daß Calamagrostis arun- 
dmacea diese Stellen besetzt — überlassen Molinia 
und Nardus den einmal eroberten Boden nicht 
sobald einem Nachfolger, da ihre abgestorbenen 
Teile außerordentlich haltbar sind.*) — Am Butter- 
berggehänge unterhalb der Lichtenwalder Schloß- 
mühle (SSO) und am Braunsdorfer Gneisgehänge (S), 
deren Laubholzbestände vor mehr als 15 Jahren 
ebenfalls stark gelichtet, z. T. vollständig nieder- 
gelegt worden sind, findet man an stark besonnten 
und daher beträchtlichen Feuchtigkeitsschwankun- 
gen ausgesetzten Stellen den Trockentorf zu einem 
nur noch lose zusammenhängenden Pulver zer- 

'J Vgl. dazu den Querschnitt durch einen .\ara'i«-Büschel 
in Kästner, Wie untersuche ich einen Pflanzenverein? Samm- 
lung Biol. Arbeit Heft 7, Berlin u. Leipzig bei Theodor Fisher 
1919. S. 37, Abb. 28. 



fallen. Im oberen, flacheren Teil des Braunsdorfer 
Gneisgehänges (8 — 10*) wird ein 2 — 4 cm mäch- 
tiger, nicht sehr fester Trockentorf aus dem Ab- 
wurf von Birken, Eichen und Kiefern durch die 
Faserwurzeln von Vaccinium niyrfilliis in der oben 
geschilderten Weise zusammengesponnen. — In 
ähnlicher Weise verhält sich hier Calluna, nur 
daß bei ihm die kriechenden Grundachsen fehlen. 
Auf lichten Stellen des Fichtenwaldes im oberen 
Saubachtal stellte ich auf frischem Boden im Heide- 
kraut folgenden Querschnitt fest: 3 — $ cm offenes 
Gewirr hauptsächlich aus Fichten — , weniger aus 
Heidekrautwürzelchen, teilweise von Pilzfaden- 
häuten versponnen und locker von Hypiunn 
Sclircberi gedeckt; 4 cm lockerer, grobdurch- 
wurzelter Trockentorf; 4 — 5 cm fester, nicht oder 
wenig durchwurzelter Trockentorf; darunter die 
Erde durch hellere Töne von Braun in Bleicherde 
übergehend. Da die 4 cm lockerer Torf keines- 
falls erst nach der Ansiedlung des Heidekrauts 
entstanden, sondern augenscheinlich alter Fichten- 
torf waren, so ist nur die Deutung möglich, daß 
auch hier eine Lockerung von Trockentorf vor- 
liegt, und zwar durch Heidekraut. Ob das oben 
aufliegende, noch gänzlich frische Gewirr von 
Fichtenwürzelchen sich einmal zu Trockentorf 
verdichten und so die vorhandene Masse ver- 
mehren wird, vermag ich nicht zu sagen. — Auf 
einer, nahen Fichtenschonung, wo vor der Neu- 
bepflanzung der Trockentorf entfernt worden war, 
und wo Calluna einen geschlossenen, nur durch 
die Flclitenbäumchen unterbrochenen Bestand 
bildet, durchdringen dessen Wurzeln die obersten 
10 cm des Bodens. Sie gehen von einem kurzen, 
senkrechten, sich rasch verjüngenden Erdstamm 
wagerecht nach allen Seiten, ohne den mehligen 
Boden zu verfilzen; vielmehr läßt sich dieser leicht 
aus der wenig verzweigten Wurzelkrone heraus- 
klopfen. Die Anregung zu dieser Beobachtung 
verdanke ich Herrn Geh. Forstrat Dr. Vater- 
Tharandt, der die Liebenswürdigkeit hatte, mir 
mitzuteilen, daß Calluna sich am leichtesten und 
vielleicht auch am üppigsten auf nicht zu unfrucht- 
barem Boden ansiedele, der von Trockentorf 
künstlich befreit worden ist 

Aira, Calamagrostis, Molinia, Nardus, Carex 
brizoides, Luzula nemorosa dringen also mit 
ihren Wurzeln durch den Trockentorf hindurch, 
bis sie den Mmeralboden erreichen, wobei Luzula 
und Carex brizoides mit ihren wagerecht kriechen- 
den Grundach'-en anscheinend nur schwächere, 
Aira, Calamagrostis, Molinia und Nardus mit 
ihren steil abwärts dringenden Wurzeln aber 
auch mehr als dezimeterstarke Humusdecken zu 
bewältigen vermögen. Dabei wird der Trocken- 
torf nach kürzerer oder längerer Zeit vollständig 
gelockert und so für anspruchsvollere Pflanzen 
wieder bewohnbar gemacht. Die anderen, Heide- 
kraut, Heidelbeere, Maja)itliemu7n und Trienfalis, 
vermögen mit ihren flachstreichenden Grund- 
achsen und Wurzeln in der lockeren Bodenstreu 
ohne Zusammenhang mit dem Mineralboden zu 



N. F. XX. Nr. ^ 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



39 



leben. Häufig mag auch für die beiden letzteren 
der Fall so liegen, daß sie die Nachsiedler der 
oben genannten Trockentorfzerstörer, besonders 
von Aira flexuosa sind. Zuweilen beteiligt sich 
MaJaiiflieiJiuin an der Lockerung des Trocken- 
torfs, doch kommt es bei der Kleinheit der 
Pflanze und der geringen Dichte ihrer unter- 
irdischen Teile nicht zu einer durchgreifenden 
Wirkung. Heidekraut und Heidelbeere dagegen 
verfilzen in der Regel die Bodenstreu, lockern 
aber den darunterliegenden Trockentorf. Daß sie 
aber von sich aus die iWasse des Trockentorfs 
wesentlich vermehren könnten, indem sie immer 
neuen Abwurf der Waldbäume oder ihre eigenen 
Abfälle in den Verfilzungsbereich ziehen, ist mir 
nicht sehr wahrscheinlich. Einmal handelt es sich 
bei den Standorten dieser Pflanzen um stark ge- 
lichtete Stellen, wo der Laub- oder Nadelabwurf 
infolge der räumigen Stellung der Bäume stark 
eingeschränkt ist, ganz abgesehen davon, daß 
fallendes Laub und Genadel den Boden nicht un- 
gehindert erreichen kann und so oft ein Spiel 
des Windes werden wird. Sodann ist der eigene 
Abfall der Pflanzen so unbedeutend, daß er kaum 
in Betracht zu ziehen ist. Ob man sie daher als 
Trockentorf bildner bezeichnen darf, ist mir höchst 
fraglich; ich sehe in ihnen höchstens Trocken- 
torferhalter, während Aira, Calamagrosiis, Moliiiia, 
Nardus, Carcx brizoides und Lustda nemorosa 
Trockentorfzerstörer sind. Aus keinem der beiden 
Ausdrücke darf aber geschlossen werden, daß die 
genannten Pflanzen auch Trockentorfanzeiger 
wären. Ausgenommen hiervon ist nur Molinia. 
Die übrigen gedeihen mindestens ebensogut, an- 
scheinend sogar besser auf trockentorffreiem 
Mineralboden. 

Auch den Gedanken der Trockentorfzerstörung 
durch grüne Waldbodenbewohner finde ich bei 
Müller schon angedeutet, S. 49: „Sowohl in 
den Silkeborger (Jüiland) als auch in den nord- 
seeländischen Wäldern sieht man schon ein Jahr 
oder doch jedenfalls ein paar Jahre, nachdem der 
alte Buchenwald auf einem torfbekleideten Terrain 
weggehauen ist, den Boden mit Aira flexuosa 
vollständig bedeckt. Dieses Gras, das schon in 
dem nicht ganz geschlossenen Buchenwald in zahl- 
reichen isolierten Haufen vorkam, breitet sich, 
wenn das volle Licht auf den Waldboden herein- 
gelassen wird, zu einer zusammenhängenden Decke 
aus, deren dichtes und zähes Wurzelgewebe mit 
den harten nadelspitzen Ausläufern sich in das 
Torf hineinbohrt und dasselbe völlig durch- 
zieht . . . Ich habe den Torf an einer Stelle im 
Gribskov (Seeland) untersucht, welche mit der 
dichtesten und üppigsten Vegetation von Aira 
flexuosa bedeckt war, und wo diese mindestens 
zehn Jahre, wahrscheinlich weit länger, gestanden 
hatte . . . Der Obergrund bestand aus ziemlich 
stark lehmhaltigem Sande von bedeutender 
Mächtigkeit und die zwischen diesem und dem 
Torf liegenden Schichten haben anscheinend ganz 
denselben Charakter behalten, den sie im Buchen- 



walde hatten; aber das Gras erstreckte sein 
Wurzelgewirr tief unter die Torfschicht, und 
diese selbst hatte eine ihrer Eigentümlichkeiten 
in sehr lehrreicher Weise verändert. Die schwarze 
Masse war dichter, anscheinend fast strukturlos 
und machte den Eindruck eines fetten Schlamms. ') 
Aus der mikroskopischen Analyse ergab sich, 
daß fast alle die Reste von Blättern, Knospen- 
schuppen, Blüten usw., welche der frische Buchen- 
torf enthält, zu einem feinen schwarzen Schlamm 
umgebildet waren, in dem man zwar die Ele- 
mente, welche ihn ursprünglich zusammengesetzt 
hatten, noch spüren konnte, wo aber sowohl die 
Buchenwurzeln wie die Abfälle fast ganz in eine 
seifenartige Masse verwandelt waren. Dieselbe 
enthielt, soweit ich sehen konnte, nicht einen 
einzigen lebendigen Faden von dem schwarzen 
Mycelium, -) aber aus einer unendlichen Menge 
kleiner Bruchstücke desselben war zu ersehen, 
wie stark es ausgebreitet gewesen war und wie 
unverwüstlich dieses Gewebe ist; eine Reihe von 
Jahren hat es nicht ganz zu zersetzen vermocht.^) 
Allerdings war der Torf noch ungemein reich an 
freier Humussäure und der Regenwurm fehlte 
noch, aber die Schicht selber war unzweifelhaft 
in einem Auflösungszustande; ihre Konsistenz und 
Zähigkeit verdankte sie jetzt allein den Gras- 
wurzeln, welche sie doch vielfach durchbrochen 
und eine Reihe von Insektenlarven, die ich nie- 
mals im Buchentorf bemerkt habe und die ohne 
Zweifel das Zersetzungswerk fördern, herbei- 
gerufen hatten. Ob es der Schmiele und ihrer 
Fauna allmählich gelingen wird, diese Torf- 
bildung zu zerstören und die Stelle wieder für 
Pflanzen und Tiere bewohnbar zu machen, ist 
wohl nicht mit Bestimmtheit zu sagen, kommt 
mir aber doch sehr wahrscheinlich vor." 

Auch der inmitten größerer ßuchentorfgebiete 
auftretende „InsektenmuU", von dem Müller 
S. 38 — 41 spricht, und den er zunächst „für einen 
von Insekten zerteilten Torf" ansehen zu müssen 
glaubt, ist wahrscheinlich erst durch die Boden- 
flora gelockert worden, ehe ihn die Insekten in 
Angriff nahmen, denn aus einer Bemerkung am 
Schluß der Seite 40 geht hervor, daß es sich um 
begrünten Waldboden handelt. „Die meisten der 
Bodenpflanzen des Buchenwaldes können hier 
vorkommen, wenn die Schichten größere Mächtig- 
keit erreichen; doch scheint die Heidelbeere auf 
einem solchen zerteilten Torf gut zu gedeihen." 

d) Gegenüberstellung der alten und 
neuen Auffassung. 

Nach der immer noch herrschenden, P. E. 
Müller zugeschriebenen Auffassung spielt bei 
der Entstehung des Trockentorfs die Verfilzung 

') Wahrscheiolich eine Kolge des feuchten Seeklimas. 
Bei uns habe ich diese Erscheinung nicht beobachtet. K. 

'^) Der Buchenpihwurzel. K. 

') Aber die erhaltende Kraft des Trockentorfs war eben 
infolge der Durchlüftung durch die /ijVa-Wurzel im Schwin- 
den. K. 



40 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 3 



der Pflanzenreste durch Wurzeln, Pilzfäden und 
Moosrhizoiden die Hauptrolle. Demgegenüber ist 
zu bemerken, daß Müller vornehmlich vom 
Buchenwald Jütlands spricht, wo allerdings nach 
seiner ausführlichen und lebendigen Schilderung 
die Verfestigung der Bodenstreu durch die Pilz- 
wurzel der Rotbuche so auffällig ist, daß dieser 
Vorgang als Ursache der Trockentorfbildung er- 
scheinen kann. Müller lehnt freilich S. 78 f. 
diese Folgerung ausdrücklich ab. ') 

Aber die Verwerter seiner grundlegenden 
Arbeiten sind, wie die Ausführungen im Ab- 
schnitt a) beweisen, weniger vorsichtig gewesen. 
— Offenbar handelt es sich um einen sekundären 
Vorgang. Wenn Müller zeigt, wie auf dem 
„Mull" die ganze Erdkruste bis zum Untergrund 
zur Ernährung der Bäume beiträgt (S. 14), wäh- 
rend bei Trockentorfauflage „das unermeßliche 
Gewebe" der Buchenwurzeln in dieser Deckschicht 
zu einem dichten Filz zusammengedrängt ist 
(S. 33), so geht daraus m. E. ohne Zweifel her- 
vor, daß die Buche zu dieser Verlegung ihrer 
Wurzelmasse nach oben durch die Trockentorf- 
bildung gezwungen worden ist. Gewiß trägt die 
Buchenwurzel mit ihrem Pilzgeflecht unter den 
geschilderten Verhältnissen zur Erhaltung und 
wegen ihrer schweren Zersetzbarkeit auch zur 
Vermehrung der Trockentorfmasse bei, aber zuerst 
muß doch der Boden durch Trockentorf anderer 
Entstehung abgedichtet worden sein, ehe die 
Buchen ihre Saugwurzeln aus Atemnot nach oben 
zusammendrängten. 

Daß es für das Verständnis aller Fragen , die 
mit dem Trockentorf zusammenhängen , nicht 
gleichgültig ist, ob man in seiner Verfilzung die 
Ursache seiner Entstehung oder eine Folge sieht, 
ergibt sich aus einer Stelle des Müll ersehen 
Werkes selbst mit zwingender Logik. S. 37 sagt 
er: „Die gleichförmige Decke, welche der (Buchen-) 
torf oft auf große Strecken über den Waldboden 
zieht, ist jedoch hin und wieder durch Flecke, 
deren Vegetation einen anderen Charakter des 
Bodens verrät , unterbrochen. So kann man na- 



') „Wenn wir darauf aufmerksam gemacht haben, daß 
der (Buchen-)Mull im wesentlichen das Gepräge von der Ar- 
beit der Regenwürmer irägt, und dafi der (Buchen-)Torf 
hauptsächlich durch die verbindenden Elemente, die Buchen- 
wurzeln und das Pilzmycelium , seinen Charakter erhält, so 
haben wir damit noch keinen Aufschluß darüber gegeben, 
wodurch diese beiden Faktoren, jeder an seinem Ort, hervor- 
gerufen wurden. . . Unsere Beobachtungen beginnen mit den 
Strukturverhältnissen des Bodens, und erst darnach können 
unsere Schlüsse beginnen. Was dagegen für die besonderen 
Formen des organischen Lebens bestimmend ist, darüber be- 
sitzen wir nur in den Aufschlüssen über das Vorkommen der- 
selben schwache Andeutungen. , . Es ist nämlich wahrschein- 
lich, daß die hervorgehobenen faunistischen und floristischen 
Eigentümlichkeiten im Boden nur als der Ausdruck etnes Zu- 
standes von komplizierterem Charakter und mit einer bunteren 
Reihe von Voraussetzungen, als es sich überschauen ließ, auf- 
gefaßt werden muß; daß sie als ein Ausdruck, der im glück- 
lichsten Falle nur eins der wichtigsten Hauptmomente liefern 
kann, anzusehen sind. Denn hier, wie überall in der leben- 
den Natur, ist eine Erscheinung äußerst selten die einfache 
Folge einer einzigen Ursache." 



mentlich in den Niederungen und den kessei- 
förmigen Vertiefungen teils kleine Gebüsche von 
Himbeeren, teils Gruppen recht gedeihlicher 
junger Buchen sehen, die durch ihre Entwicklung 
und Form gegen die verkümmerten und ver- 
krüppelten kleinen Buchenpflanzen, welche hin 
und wieder auf dem Torf ihr Dasein fristen, deut- 
lich abstechen. ... In diesen kleinen Himbeer- 
gebüschen oder Gruppen von recht kräftigen 
jungen Buchen habe ich nämlich ... oft einen 
vortrefflichen Mull angetroffen, ohne daß es mög- 
lich war, in der Beschaffenheit des Bodens selber 
irgendwelchen Grund dafür zu finden, daß die 
Zersetzung der organischen Reste auf diesem 
Fleck . . . sich in anderer Weise als in den großen 
Torfflächen, die ihn umgeben, vollziehen sollte. 
Ich habe niemals . . . eine solche Mulloase unter- 
sucht, ohne dort Regenwürmer, sogar in bedeu- 
tender Menge zu finden, während in den angren- 
zenden Strecken keine Spur von ihnen vorhanden 
war." Es handelt sich offenbar um kleine Lich- 
tungen im Buchenwalde, in denen es eben wegen 
des Auftretens von Himbeeren usw. nicht zur 
Bildung von Trockentorf kommen konnte. 
Müller wird durch seine Stellung zur Frage der 
Trockentorfentstehung gezwungen, solchen Oasen- 
boden, der nach seinem Sprachgebrauch ganz 
unzweifelhafter „Mull" ist, an anderer Stelle seines 
Werkes als „mullartigen Torf' zu bezeichnen, was 
natürlich ganz unhaltbar ist — m. E. ein schlagen- 
der Beweis dafür, wie wichtig es ist, die primäre 
Ursache der Trockentorfbildung zu kennen. Daß 
Müller den naheliegenden Zusammenhang nicht 
selbst ausspricht, kann ich mir nur so erklären: 
In seinem Untersuchungsgebiet herrscht der durch 
Buchen-Pilzwurzel verfilzte Trockentorf bei weitem 
vor; in dem feuchten Seeklima Jütlands scheint 
das Zusammensetzen das Buchenlaubs rascher und 
auf größeren Strecken vor sich zu gehen als bei 
uns; die Buchenwurzeln werden schneller in Atem- 
not versetzt; so können sie in weiten Gebieten 
nur an der Bodenoberfläche für die Ernährung 
der Bäume tätig sein; die wenigen Stellen, wo 
sich die Buchen anders verhalten, bilden Aus- 
nähmen; kein Wunder, wenn dem Beobachter die 
Verfilzung des Buchentorfs als zu seinem Wesen 
gehörig erscheint. Auch Müller kennt (Buchen-) 
„Torf ohne Wurzelmasse", doch behandelt er ihn 
wegen seines selteneren Vorkommens als Abart. 
Meiner Meinung nach zeigt dieser „Torf ohne 
Wurzelmasse" die Entstehungsbedingungen des 
Trockentorfs aber reiner als der durch Wurzeln 
verfilzte. Aus dem Gesagten scheint sich doch 
die Notwendigkeit zu ergeben, daß man zur Ver- 
meidung von Mißverständnissen den ursprünglichen 
Schüttungs- oder Lagertorf von dem nachträglich 
verfilzten Torf unterscheidet. — 

Ich stelle also der Auffassung, daß Trocken- 
torf durch Verfilzung der Abfallmassen entstehe, 
die Anschauung entgegen, daß lediglich über- 
mäßige, d. h. von den zerstörenden Kräften nicht 
zu bewältigende Schüttung der Laub- und Nadel- 



I 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



41 



bäume die Ursache der Trockentorfbildung ist. 
Nebenbei gewinnen wir damit den Vorteil, die 
Entstehung des Buchentorfs nicht anders erklären 
zu müssen wie die des Fichtentorfs. (Vgl. dagegen 
die Anführungen aus Graebners „Pflanzenwelt 
Deutschlands" im Abschnitt a verliegender Ar- 
beit!) 

Ferner lehne ich die Ansicht ab, daß auch 
Glieder der Waldbodenflora {Call/i/ia, Vacciniitm, 
Carex hnzoides, Moose usw.) nennenswert an 
der Bildung von Trockentorf beteiligt seien. Die 
gesamte Waldbodenflora verhindert vielmehr die 
Trockentorfbildung oder zerstört bereits vor- 
handenen Trockentorf, auf dem sie sich bei gün- 
stiger werdenden Lichtverhältnissen ansiedelt. 
Callmia, Vacciiiintn und die Moospolster kommen 
höchstens als Erhalter des von den Waldbäumen 
erzeugten Trockentorfs in Frage. In ursprüng- 
lichen Gr/fo«(7-Heiden mögen die Verhältnisse 
anders liegen. Auch die Durchspinnung des 
Trockentorfs mit den Mycelien der saprophytisch 
lebenden Pilze bedeutet meines Erachtens in 
erster Linie eine sehr langsame Zerstörung der 
Waldbodendecke, die allerdings mehr chemischer 
Natur ist. 

Endlich ergibt sich aus den voranstehenden 
Ausführungen, daß auch unvorsichtige Lichtung 
des Waldes oder Kahlschlag nicht Ursache der 
Trockentorfbildung werden kann. Es handelt 
sich dabei nur um Verdichtung bereits vor- 
handenen Trockentorfs. Das ist aber eine vorüber- 
gehende Erscheinung; der freigelegte Trockentorf 
wird von den Wurzeln der massenhaft sich ein- 
stellenden Kahlschlagspflanzen im Laufe weniger 
Jahre zerstört. Die unleugbaren Schädigungen, 
die der Waldboden durch zu starkes Pläntern 
oder Kahlhieb erleidet, müssen also anderswo zu 
suchen sein als in unvermeidlicher Trockentorf- 
bildung. 

e) Ergebnisse. 

1. Trockentorf wird lediglich durch den Ab- 
wurf der Waldbäume, besonders der Buchen und 
Fichten, gebildet und zwar immer dort, wo die 
zerstörenden Kräfte die Abfallmassen nicht be- 
wältigen können. 

2. Da als solche Zerstörer in erster Linie die 
Pflanzen des Waldbodens in Frage kommen, die 
zu ihrer Entwicklung Licht brauchen, so kann 
Trockentorf nur an unbegrünten Stellen des 
Waldbodens entstehen, also im geschlossenen 
Fichtenwalde und an solchen Stellen des Buchen- 
waldes, wo das Fallaub so hoch aufgehäuft ist, 
daß die Frühlingspflanzen nicht durchbrechen 
können. 



3. An begrünten Waldstellen kommt es nicht 
zur Bildung von Trockentorf, weil einesteils die 
Bodenstreu in jedem Frühjahr durch massenhaft 
empordrängende Pflanzentriebe gehoben und ge- 
lockert wird und weil andernteils Sträucher, 
Gräser und Moospolster ein festes Zusammen- 
lagern des Baumabwurfs verhindern. 

4. Werden trockentorfbedeckte Waldstellen 
freigelegt, so siedeln sich Gräser und Stauden an, 
die mit ihren Wurzeln den Trockentorf vor allem 
mechanisch zerstören. Solche Trockentorfzerstörer 
sind besonders Aira flcxuosa, Calaiiiagrostis 
arimdinacca, Moliuia caerulea, Nardiis strida, 
Fesiuca heterophylla, Carex brizoidcs, Liiznla 
iicmorosa, Alajantliemitm bifoUum. 

5. Cnlluna vulgaris und Vacciuiitin myrtilhts, 
die unter den gleichen Umständen besonders im 
Nadelwalde auftreten, verzögern wohl die Zer- 
störung des Trockentorfs durch ihre Faserwurzeln 
und die sie umspinnenden Pilzfäden, lockern ihn 
aber durch ihre derben Haupt- und Nebenwurzeln. 
Im ganzen ist der Trockentorf unter ihnen 
weniger fest und dicht als an den Stätten seiner 
Entstehung, so daß doch wohl Luft und Wasser 
und andere zerstörende Kräfte ihn besser an- 
greifen können als an unbegrünten Stellen. 

6. Moospolster, die belichtete Waldboden- 
stellen besiedeln, scheinen im allgemeinen zwar 
nicht die vorhandene Trockentorfdecke selbsttätig 
zu lockern, setzen aber ihrer Verstärkung durch 
Neuaufschüttung eine Grenze. 

7. Die unter 5 und 6 genannten Pflanzen sind 
mit Ausnahme von Moliuia und Majaiifhevuwi 
keineswegs Trockentorfanzeiger. Vielmehr ge- 
deihen sie ebensogut, wahrscheinlich sogar besser, 
auch auf Mullerde {Calamagrostis, Carex bri- 
zoidcs, Luzula neiiiorosa) oder auf Waldböden, 
die bei der Bestandsverjüngung von der Trocken- 
torfdecke befreit, aufgerissen oder umgestürzt 
worden sind {Aira flcxuosa, Calluna vulgaris, 
Vacciuium myrfillus, Dicraiieüa heterornalla). 

8. An der Vermehrung des Trockentorfs ist 
die Waldbodenflora entweder gar nicht oder so 
unwesentlich beteiligt, daß der in Frage kom- 
mende Betrag gegenüber den Abwurfmassen der 
Bäume völlig zurücktritt. 

9. Als äußerst langsam und zwar hauptsäch- 
lich chemisch arbeitende Trockentorfzerstörer sind 
auch die saprophytisch lebenden Pilze anzusehen. 
Ihre Tätigkeit ist um so beachtlicher, als viele 
von ihnen auch den Trockentorf im geschlossenen 
Walde in Angriff nehmen, wohin ihnen die grüne 
Waldbodenflora aus Mangel an Licht nicht zu 
folgen vermag. 



Bücherbesprechimgen. 



Stöckhardt, Ad., Schule der Chemie. 22. Aufl., 
bearbeitet von Prof. Dr. Lassar - Co hn. 



Braunschweig 1920, Friedr. Vieweg. 24 M. 
geb. 32 M. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Bücher wie dieses, das seit nunmehr beinahe 
75 Jahren im Buchhandel erscheint, pflegt die 
Kritik als „alte, liebe Bekannte" zu begrüßen mit 
der Bemerkung, daß sie besonderer Empfehlung 
nicht mehr bedürfen. Ich betone, daß in diesem 
Falle der Eindruck eines alten Werkes bei mir 
vorherrschend ist. Es wird immer eine Unmög- 
lichkeit sein, ein Buch, das vor Jahrzehnten sehr 
wohl „den Bedürfnissen seiner Zeit entsprochen 
hat", im selben Geiste nur durch gelegentliche 
„Bearbeitungen" über lange Zeiträume auf der 
wissenschaftlicherseits zu fordernden Höhe zu 
halten. Es sei denn, man treibt die Verjüngungs- 
arbeit an jeder Neuauflage so weit, daß — 
schließlich ein neues Buch dabei herauskommt. 
In richtiger Würdigung dieser Sachlage hat denn 
auch der Verlag vor einigen Jahren den Wunsch 
geäußert, daß ein „ganz moderner Stöckhardt" 
geschrieben werde. Das ist durch Ostwald 
geschehen; und die Tatsache einer vierten 
Auflage seiner „Schule" beweist schon rein äußer- 
lich, daß den Bedürfnissen der Gegenwart Ost- 
walds Schule entspricht. Es ist deshalb falsche 
Ehrfurcht vor der inzwischen geschichtlich ge- 
wordenen Leistung Stöckhardts, seine „Schule" 
zum Prokrustesbett der ganzen modernen Chemie 
zu machen. 

Dies aber ist es, was durch die vorliegende 
Neuauflage geschehen ist. Zunächst hinsichtlich 
der geradezu unglaublichen Fülle des Stoffes. 
Was davon geboten wird, geht weit über den 
Rahmen einer „Schule", d. i. einer ersten Ein- 
führung, hinaus. Nicht allein die gesamte an- 
organische, sondern sämtliche Kapitel der or- 
ganischen Chemie sind, neben der „Tierchemie" 
und einem 2o Seiten langen „Analytischen An- 
hang", der aber in keiner Weise eine syste- 
matische Analyse ermöglicht!, als zum Thema 
einer erzieherischen Einführung in eine begriff- 
lich wahrlich nicht einfache Wissenschaft gehörig 
betrachtet worden ! Was für den geringen Um- 
fang der Chemie von 1846 recht war, ist aber 
für 1920 nicht billig. Es heißt ein oberflächliches 
Wissen um außerordentlich viel Tatsachen be- 
fördern, wenn dem Schüler die Konstitutions- 
formel des Chinins (S. 460) vorgesetzt (denn 
sie bleibt unbegründet) wird. S o erziehen wir 
Chemikanten, nicht Chemiker! Es ist mir 
nicht zweifelhaft, daß die trübe Erscheinung der 
chemischen Halbbildung, die zu insbesondere 
pharmazeutischen Alchimistereien der unerfreu- 
lichsten Art führt, dieser breiten, im Grunde aber 
unendlich seichten Schulung zuzuschreiben ist. 
Findet doch sogar Einsteins Theorie S. 330 
ehrfürchtige Erwähnung ! ! 

Nicht verwunderlich ist infolgedessen derIVlangel 
an exakter Erläuterung des Chemischen 
schlechthin andererseits. „Wasserfreie Säuren 
heißen Anhydride" (S. 162). „Das Vereini- 
gungsbestreben der Atome versinnbildlicht man 
durch Striche" (S. 50). „Oxydieren heißt: 
einen Körper mit Sauerstoff verbinden" (S. 92) — 



dies sind nur einige willkürliche Sätze über An- 
gelegenheiten, die sorgfaltigster Begriffsbestim- 
mung bedürfen. Die lonentheorie ist auf 
einer Seite abgetan; von einer Anwendung oder 
sonstigen Erwähnung findet sich nichts. In einem 
Buch, das über die allerersten Anfänge fortführen 
soll, das „angehende Apotheker, Landwirte" usw. 
unterrichten will, unentschuldbar. Ebenso, sagen 
wir; unmodern ist an der alten, ja ältesten Nomen- 
klatur hängen geblieben worden. Was Wissen- 
schaft und Industrie immer und immer wieder 
fordern, was zumal zum Verständnis der heu- 
tigen Chemiesprache unentbehrlich ist, nämlich 
die folgerichtige Anwendung einer sinngemäßen 
Namengebung, findet in diesem Buche nur neben- 
her und nicht einmal hervortretende Behandlung. 
Ja, S. 125 werden sogar Namen wie Kalium- 
sulfat u. ä. als „recht überflüssig" bezeichnet! 

So altertümlich wie die genannten Tatsachen 
sind auch die Abbildungen des Buches. Ihre 
Menge und unzweckmäßige Stilisierung be- 
schweren das ohnehin viel zu umfangreiche Buch 
um ein weiteres. Viele Bilder kommen doppelt 
und dreifach vor, teilweise auf einander gegen- 
überstehenden Seiten! So S. 130 und 131. Eine 
pädagogische Geschicklichkeit vermag ich darin 
nicht zu sehen. 

Weitere Einzelheiten glaube ich mir nach 
obigem ersparen zu dürfen. Nicht leichten Herzens 
entschloß ich mich zu dieser ablehnenden 
Besprechung, glaube aber, sie der Chemie und 
dem angesehenen Verlage, dem wir eine große 
Zahl bester Veröffentlichungen danken, schuldig 
zu sein. Er hat ja einen vollwertigen Ersatz des 
alten St öckhardt; möchte er sich entschließen, 
künftig nur ihn erscheinen zu lassen. Unseres 
Dankes darf er sich versichert halten. Hoch- 
achtung vor der großen Leistung von einst! 
Die Forderung des Tages aber lautet anders; 
und selbst des großen Berzelius berühmtes 
Lehrbuch hat das Schicksal erlebt, dem Fort- 
schritt der Wissenschaft zum Opfer gefallen zu 
sein . . . Hans Heller. 

Pauli, Prof Dr. Wo., Kolloidchemie der 
Eiweißkörper. I. Hälfte. Dresden und 
Leipzig 1920, Verlag von Theodor Steinkopfif. 
10 M. 

Nachdem Graham in den Kolloiden jene 
eigenartige Erscheinungsform der Materie kennen 
gelehrt hatte, die ein scheinbar grundsätzliches 
Gegenteil zu den Kristalloiden bildete, hat sich 
die Forschung jener neuen Welt „der vernach- 
lässigten Dimensionen" mit außergewöhnlichem 
Eifer hingegeben. Die formalen Ergebnisse dieser 
Arbeiten auf kolloidchemischem Gebiete zielen 
nun mehr und mehr dahin, den ursprünglichen 
Gegensatz zu den anderen physikochemischen 
Erscheinungen verschwinden zu lassen und als 
einen nur graduellen, nicht aber wesentlichen 
zu demonstrieren. Den ersten Schritt hierzu tat 
schon Zsigmondy, indem er Kolloide als dis- 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



43 



perse Anteile von der Größe 0,i ,« bis o,i ///t 
definierte und sie somit als einen Sonderfall der 
Lösungen überhaupt kennzeichnete. Immer- 
hin aber sind die in diesem Bereich zu verzeich- 
nenden Tatsachen und Vorgänge von solcher 
Eigenart, und erfordern eine von den üblichen 
Methoden stark abweichende Behandlung, daß sie 
ihre Sonderstellung im Gebiete der Gesamtchemie 
trotz aller Versuche, sie ihnen zu nehmen, beibe- 
hielten. Rein äußerlich fand dieses Verhältnis 
seinen Ausdruck in der entsprechenden Literatur, 
die erfahrungsgemäß dem „Chemiker" schlechthin 
stets eine Art Bibliophilenangelegenheit war. In 
neuester Zeit nun macht sich zunehmend eine 
Bewegung bemerkbar, die die Kolloidchemie ihres 
eigenartigen Charakters berauben und sie als einen 
Sonderfall der allgemeinen Chemie auch dann 
betrachtet wissen will, wenn unsere bisherigen 
„klassischen" Vorstellungen auf kolloidchemische 
Probleme nicht anwendbar zu sein scheinen. 
Mit anderen Worten, man sucht eine Deutung 
kolloidaler Effekte im Sinne und mit den Mitteln 
der Struktur- und Elektrochemie der 
echten Lösungen. 

Dies mußte vorausgeschickt werden, um den 
Charakter des vorliegenden Buches verständlich 
zu machen. Auch Pauli nämlich, dem wir zahl- 
reiche wertvolle Arbeiten auf dem im Titel ge- 
nannten Gebiet verdanken, glaubt, wenn ich den 
Sinn des ersten ganz vorzüglich geschriebenen 
Abschnittes seiner Arbeit recht verstehe, die in 
den folgenden Kapiteln niedergelegten Befunde 
„mit der Strukturchemie verknüpfen" zu können. 
Selbstverständlich ist dieses Bemühen an sich so 
zu billigen wie jeder Versuch der Zusammen- 
fassung heterogener Tatsachen unter allgemei- 
nen und einheitlichen Gesichtspunkten. Aber 
es darf doch nicht übersehen werden, daß solchen 
Versuchen durch den Stoff selbst Grenzen 
gezogen sind. Und es bestehen nun einmal, wo- 
rauf insbesondere Wo. Ostwald immer wieder 
eindringlich hinweist, kolloidchemische Fakten, 
die einstweilen in die klassische Chemie 
nicht einzureihen sind. 

Sie als solche ausdrücklich betont zu finden 
wird man in dem L Teil dieses Werkes ver- 
missen. Es läßt mithin in diesem Betracht 
unbefriedigt. Denn die vielen exakten Angaben 
und Diskussionen elektrochemischer Verhältnisse 
an Eiweißstoffen sind eben keine Kolloid- 
chemie dieser Stoffel Obwohl ihr einzigartiger 
Charakter sachlich natürlich nicht zu verkennen 
ist. Ich denke an die Maxim u merscheinungen, 
an den oft völligen Mangel stöchiometrischer Be- 
ziehungen und schließlich daran, daß die 72 Ta- 
bellen des Buches von einer Mannigfaltigkeit der 
Versuchbedingungen, Methodik und damit also 
von einer Unvergleichbarkeit sind, die ein- 
fach einzig ist! Solange noch eine derartige 
„Empirie" im behandelten Gebiet notwendig ist, 
fühlt sich der Berichterstatter außerstande, den 



„klassisch" gerichteten Gedanken und Absichten 
des Verf. folgen zu können. 

Im übrigen stört, daß absichtlich vorwiegend 
die aus Paulis Laboratorium hervorgegangenen 
Arbeiten behandelt werden. Sie bilden, bei aller 
Wertschätzung, doch nur einen Teil der hierher 
gehörenden Forschungsergebnisse. Aber dieser 
Teil ist hoch bedeutsam, und für den Arbeiter 
oder Liebhaber auf diesem Gebiet dürfte Paulis 
Buch unentbehrlich werden. Diesem zu wünschen- 
den Erfolge dient nicht allein die immer klare 
und gut lesbare Darstellung, sondern auch die 
vorzüglichen Abbildungen und Diagramme. 

Das Buch muß also angelegentlich empfohlen 
werden. Nachstehend die wichtigsten Kapitel- 
überschriften: Stabilitätsbedingungen der Eiweiß- 
lösungen; Elektrische Ladung von nativem lös- 
lichen Eiweiß; Eigenschaften bei isoelektrischer 
Reaktion; Eiweißsalze mit Säuren; desgl. mit 
Basen; Zeitliche Zustandsänderungen der Alkali- 
proteine; Salze des Globulins; Wanderungsge- 
schwindigkeit der Proteinionen. 

H. Heller. 

Bavink , Dr. B., Einführung in die anor- 
ganische Chemie. Sammlung Aus Natur 
und Geisteswelt. Berlin und Leipzig 1920, 
B. G. Teubner. 1,60 M. und Zuschlägen. 
Klein, Dr. Joseph, Chemie, Anorganischer 
Teil. 7., verbesserte Auflage. Sammlung 
Göschen. Vereinigung wissensch. Verleger. 
W. de Gruyter & Co. 2,10 M. und 100 7o- 
Beide Bändchen wollen einen ersten Überblick 
über das Gesamtgebiet der anorganischen Chemie 
geben, setzen jedoch verschieden vorgebildete 
Leser voraus. Bavink schrieb „so elementar als 
möglich", setzt nur einfachsten Volksschulunter- 
richt voraus und sucht seine Darstellung vor allem 
auch für Volkshochschulkurse brauchbar zu machen. 
Dies würde bedingen, die einfachen Grundtat- 
sachen möglichst eindringlich darzulegen, von 
jeder weitergehenden Vertiefung in Einzelheiten 
aber abzusehen, so sehr man gerade bei völligen 
Laien versucht ist, ihrem Wissensdurst durch Hin- 
weis auf bekannte und wichtige Tatsachen in 
Wissenschaft und Industrie entgegen zu kommen. 
Der Verf. hat auf engem Raum beiden Seiten 
der zweifellos schwierigen Aufgabe gerecht zu 
werden versucht. So kommt leider gerade die 
für den Nichtvorgebildeten wichtigste, nämlich 
die experimentelle Seite etwas zu kurz; so 
sehr, daß selbst für wesentlichste Versuche auf 
„ein gutes Experimentierbuch" verwiesen werden 
muß, z. B. S. 13. Die Notwendigkeit, fast auf 
jeder Seite auf andere einführende Bücher zu ver- 
weisen, muß das Studium immer beeinträchtigen, 
was um so mehr zu bedauern ist, als im gan- 
zen die Auswahl des Verf. in verschiedenen 
Richtungen glücklich getroffen und in recht an- 
genehmer Weise zur Darstellung gebracht ist. 
Aber , wie gesagt , wenn überhaupt eine 
wissenschaftliche Einführung ange- 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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strebt wird, darf die Wissenschaft auf 
keinen Fall vom bloßen Wissen um gewisse 
chemische Erscheinungen beeinträchtigt werden. 

Eine Neuauflage könnte in diesem Sinne je- 
doch unschwer umgestaltet werden. Viele durch- 
aus entbehrliche Einzelheiten müßten in Wegfall 
kommen, so, um nur einige Beispiele zu nennen, 
die Nennung der Loschmidt sehen Zahl (I) S. 27, 
StoiTe wie H y d r a z i n S. 60 , Cäsium S. 86, 
ferner der Anhang über Kristallsysteme 
u. a. m. Ich glaube, daß das Buch dadurch nur 
gewinnen wird. 

Im einzelnen sei noch bemerkt: für die Salz- 
bildung der Schwefelsäure auf S. 34 ist zweck- 
mäßig die Umsetzung mit Zink zu streichen, mit 
Rücksicht auf das Reaktionsbeispiel S. 33 unten. 

— Im Literaturverzeichnis vermisse ich jegliches 
Buch von Ostwald. Gerade dieser Meister 
chemischer Unterrichtung sollte aber nachdrück- 
lich empfohlen werden! Bücher, wie die von 
Werner, Nernst(!) hingegen gehören nicht in 
eine „Einführung" wie die vorliegende. — 

Für einen Leserkreis mit besserer Vorbildung 
schrieb Klein seinen gedrängten (und darum 
nur dem höher gebildeten Schüler leicht ver- 
ständlichen) Abriß, der nach einer Einleitung über 
die wichtigsten Grundtatsachen in zwei große klar 
disponierte Abschnitte zerlegt ist: Gesetzmäßig- 
keiten und Theorien, sowie die Elemente und 
ihre Verbindungen. Gut an der Darstellung ist 
neben der flotten Schreibweise die scharfe For- 
mulierung kennzeichnender Beispiele, von 
denen vielleicht nur das auf S. 32 unten gegebene 
unklar bleibt. Im übrigen zeigt das Buch selb- 
ständiges Urteil in der Stoffauswahl. S. 144 
möchte das „graue" Zinn Erwähnung finden als 
typischer Fall der bei Metallen als Regel erkannten 
Allotropieerscheinungen. Ob es richtig ist, 
unter diese auch den Ionen zustand zu rechnen 
(S. 42) bestreite ich. Nach den Forschungen ins- 
besondere von Hantzsch müssen die Ionen als 
Oxoniumsalze, mindestens aber als Kom- 
plexe, d. h. Verbindungen aufgefaßt werden. 

— Die nächste Auflage des Werkchens sollte 
einer Durchsicht auf eindeutige und einwandfreie 
Nomenklatur unterzogen werden. — Im Sinne 
der so sehr erwünschten Einheitlichkeit der 
Atomge Wichtsrechnungen liegt es endlich, daß 
grundsätzlich nur 0=i6 zur Grundlage genom- 
men wird. Die Tabelle auf S. 16 sollte längst 
dementsprechend abgeändert sein. 

Druck und Ausstattung des Bändchens sind 
sehr gut, und so ist es für jeden, der aus irgend- 
einem Grunde der anorganischen Chemie teil- 
haftig werden möchte, warm zu empfehlen. 

. H. Heller. 

Lehmann, K. B. und Neumann, R. O., Atlas 

undGrundriß derBakteriologie. 2 Teile. 

6. Aufl. Lehmanns medizinische Handatlanten. 

Bd. X. München, J. F. Lehmanns Verlag. 60 M. 

Endlich ist dies einzigartige Lehrbuch, auf das 



nicht besonders aufmerksam gemacht werden muß, 
wieder neu erschienen. Wenn auch die neue 
6. Auflage ein unveränderter Abdruck der 5. ist, 
so ist doch ein 70 Seiten langer übersichtlicher 
Nachtrag dazu gekommen, der die Fortschritte, 
die während des Krieges in der Wissenschaft ge- 
macht worden sind, in kurzer Form zusammen- 
faßt. Allerdings ist es unverständlich, warum die 
Nachträge nicht einfach an die betreffende Stelle 
im Hauptteil gestellt worden sind, zumal stets 
genau die Seitenzahl des Hauptteiles angegeben 
ist. Dieser Formfehler hätte sich wohl leicht ver- 
meiden lassen können. 

Im Anhange selbst wäre es S. 750 wünschens- 
wert, die Ergebnisse der Kolloidchemie ausführ- 
licher behandelt zu sehen, und S. 799 vermißt 
man sehr ein genaueres Eingehen auf die Much- 
schen Fartialantigene. Bei S. 808 wäre ein Ein- 
gehen auf die neusten Arbeiten über die Wasser- 
mannsche Reaktion (z. B. Nathan u. a.) ange- 
bracht. Sehr gut ist hingegen der Abschnitt über 
Influenza (S. 757), Thyphus, Dysenterie und Para- 
typhus (S. 763) und Cholera (S. 788). Auch das 
Fleckfieber, das ja erst während des Krieges ein 
gesteigertes Interesse hervorrief, ist vortrefflich, 
wenn auch etwas sehr kurz, behandelt worden. 
Alles in allem aber wird das Buch jeden be- 
friedigen, ist es doch das einzige umfassende Lehr- 
buch der bakteriologischen Diagnostik, das sich 
nicht nur auf pathogene Bakterien beschränkt. 
Auch die Tafeln dürfen uneingeschränktes Lob 
verdienen. Collier. 

Riebet, Charles, Die Anaphylaxie. Über- 
setzt von J. Negrin y Lopez. Leipzig 1920, 
Akadem. Verlagsgesellschaft m. b. H. 
Obwohl das Buch des bekannten Pariser Physio- 
logen bereits im Jahre 1913 geschrieben ist und 
nur einen kurzen späteren (191 4) Nachtrag über 
die durch Chloroform bedingte Anaphylaxie ent- 
hält, ist doch die deutsche LTbertragung mit Freude 
zu begrüßen. Der größte Mangel, und es ist wohl 
der einzige, liegt nur darin, daß die 19 14— 1920 
erschienene umfangreiche Literatur nicht berück- 
sichtigt worden ist. Obwohl es sich in dem Werk 
um eine systematische, objektive Betrachtung der 
Anaphylaxie handelt, hat doch Verf, der 1902 
selbst dieses Wissensgebiet zum ersten Male er- 
kannte und selbst den Namen Anaphylaxie prägte, 
eine große Reihe eigener, unveröffentlichter Be- 
obachtungen eingeflochten. So ist das Büchlein 
nicht nur eine zusammenfassende, kritische Ab- 
handlung, sondern auch zugleich eine Wiedergabe 
eigener Untersuchungen, und gerade dies ist es, 
was die Arbeit so wertvoll macht. Sehr gut ge- 
lungen sind neben den Kapiteln über die Ana- 
phylaxie in der Medizin und der geschichtlichen 
Einleitung der Abschnitt über die alimentäre 
Anaphylaxie, der aus einem Vortrag auf dem 
XVII. internationalen Kongreß für Medizin in 
London hervorgegangen ist. 

Die Anaphylaxie ist keineswegs nur ein für 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Mediziner wichtiges Gebiet. Im Gegenteil ist es 
notwendig, daß die Biologen sich in diese Pro- 
bleme, die mit den Fragen der Immunitätswissen- 
schaft in engstem Zusammenhange stehen, in weit 
größerem Umfange vertiefen. Alle diese Gebiete 
gehören ja auch eigentlich weniger zur Medizin 
als zur Biologie, wie schon seit langer Zeit H. Much 
erkannt hat, der sie unter dem Namen „Patho- 
logische Biologie" zusammenzufassen versuchte. 
So ist das Werk, das sich trotz seiner Übersetzung 
durch einen äußerst guten Stil auszeichnet, nicht 
nur Medizinern, sondern auch jedem biologisch 
interessierten Wissenschaftler zu empfehlen, zu- 
mal gerade die Anaphylaxielehre sich nicht in 
kleinste Einzelheiten verliert, sondern die Zusam- 
menhänge und das Wechselspiel der einzelnen 
Faktoren im Körper betrachtet. Collier. 



Schottler, Dr. W., Der Vogelsberg, sein 
Untergrund und Oberbau. Eine gemein- 
verständliche geologische Heimatkunde. Mit 
4 Tafeln und 30 Textabbildungen. Braun- 
schweig 1920. G. Westermann. 
Das vorliegende Buch bildet das 12. Heft der 
deutschen Heimatgeologie, die von Dr. C. Mord- 
ziol in Verbindung mit Fachgenossen herausge- 
geben wird. Das ansprechend geschriebene Werk 
ist der Niederschlag jahrelanger Forschungen, die 
der Verf als kartierender Landesgeologe in Vogels- 
berg angestellt hat. Im Gegensatz zu den schon 
vorhandenen Führern ist das Büchlein als eine 
volkstümliche Heimatkunde von Oberhessen ge- 
schrieben, die zugleich als Einführung in die Geo- 
logie dienen kann. Untergrund und Oberbau sind 
hierbei möglichst gleichmäßig berücksichtigt. Nach 
einer kurzen Betrachtung der heutigen Landober- 
fläche werden auf 74 Seiten die einzelnen For- 
mationen vomSilur bisTertiär mit ihren organischen 
Resten und Mineralschätzen behandelt, während 
der größte Teil der restlichen 94 Seiten dem Auf- 
bau des alten Vulkans gewidmet ist. An der 
Hand guter Abbildungen werden uns die charakte- 
ristischen Vorkommen der Basalte mit ihren 
Schlackenagglomeraten und Tuffen vor Augen 
geführt. Die Schilderung der Diluvialzeit mit 
ihren eiszeitlichen Bildungen, die Entstehung des 
Lösses und der Torfmoore bildet den Abschluß 
des Werkes. Ein ausgedehntes Ortsverzeichnis 
sowie eine Zusammenstellung der wichtigsten 
geologischen Karten und Schriften über Ober- 
hessen erhöhen den Wert derselben. 30 gut aus- 
gewählte Textabbildungen und 4 Tafeln mit Pro- 
filen erläutern aufs beste das Dargestellte. Somit 
dürfte dies Werkchen nicht nur dem Naturfreunde 
reiche Belehrung bieten, sondern auch dem Fach- 
manne eine willkommene Gabe sein. Möge dies 
treffliche Büchlein weit über die Grenzen von 
Hessen hinaus Interesse und Verbreitung finden. 

Haupt. 

Fitschen, J., Gehölzflora. Ein Buch zum Be- 
stimmen der in Deutschland und den angrenzen- 



den Ländern wildwachsenden und angepflanzten 
Bäume und Sträucher. Mit 342 Abb. 8 ". VIII, 
221 S. Leipzig 1920, Quelle u. Meyer. 
So viele Hilfsmittel uns zum Bestimmen der 
einheimischen Blütenpflanzen zur Verfügung stehen : 
Jeder, der sich auch mit den Gehölzen abgibt, 
mußte immer wieder als empfindliche Lücke ein 
Buch entbehren, das ihm ermöglichte. Bäume und 
Sträucher auch im blütenlosen Zustande zu be- 
stimmen, besonders aber die in Gärten, Anlagen, 
Parken usw. angebauten. Diese Lücke will vor- 
liegendes kleines Buch ausfüllen. Es enthält nicht 
nur alle bei uns wildwachsenden Holzgewächse, 
sondern auch die bei uns angepflanzten ausländi- 
schen, mit Ausnahme der größeren Seltenheiten. 
Dagegen sind Bastarde, Abänderungen usw. in 
größerem Umfange mit angeführt. Die Anord- 
nung ist die in neueren Bestimmungsbüchern 
übliche dichotomische ; als Merkmale sind in erster 
Linie die an beblätterten Zweigen sichtbaren, erst 
in zweiter Linie die Blüten und Früchte heran- 
gezogen. Eine kleine Sondertabelle behandelt die 
gefülltblütigen Holzgewächse. Die Bearbeitung 
ist, wie bei dem Rufe und der Erfahrung des 
Verfassers nicht anders zu erwarten, sehr geschickt ; 
es sind stets leicht kenntliche, scharf charakte- 
risierte Merkmale herangezogen und durch klare, 
charakteristische Abbildungen deutlich gemacht. 
Eine Anzahl Probebestimmungen führte jetzt, 
Mitte Oktober, sicher und ohne besondere Schwierig- 
keiten zum Ziele. Die Ausstattung ist eine (ür 
die jetzigen Verhältnisse sehr gute. So wird das 
kleine Buch jedem, der mit Gehölzen zu tun hat 
oder sich dafür interessiert, zur Freude gereichen 
Reh. 

Franz, V., Ursprüngliches in der warm- 
blütigen Tierwelt der Kriegsgebiete, 
in : Beiträge zur Naturdenkmalpflege , heraus- 
gegeben von H. Conwentz, Band 6, Heft 3, 
S. 313 — 412. Berlin 1919. 
Deutschland ist an warmblütigen Tieren wesent- 
lich ärmer als Rußland, die Karpathenländer und 
die Balkanhalbinsel. Die Fauna des nordöstlichen 
F"rankreichs, das der Verf. während des Feldzugs 
aus eigener Anschauung kennen lernte, zeigt in- 
folge stärkerer Besiedlung und ausgiebiger wirt- 
schaftlicher Pflege des Landes zwar viel weniger 
Ursprünglichkeit als diejenige Rußlands, übertrifi"t 
aber an Reichtum bei weitem die Tierwelt der 
meisten Gegenden Deutschlands. Den Ausdruck 
„Ursprünglichkeit" möchte der Verf., zumal bei 
der Fauna des Westens, allerdings in bedingtem 
Sinne verstanden wissen. Er besagt nur, daß 
manche Arten dort zahlreicher auftreten und sich 
günstigerer Existenzbedingungen erfreuen als bei 
uns. Wildkatze, Fuchs, Marder, Fischotter, Wild- 
schwein, Raubvögel, Krähen, Haselhuhn, Wachtel, 
wohl auch Wiedehopf, Waldschnepfe und Grau- 
reiher, sind im allgemeinen in Ost- und West- 
europa häufiger als in Deutschland. Für den 
Osten nennt der Verf. ferner Bär, Wolf, Luchs, 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Wisent, Elch, Adlerarten, Uhu, Kolkrabe, Auer- 
und Birkwild , weißen und schwarzen Storch, 
Blaurake, für den Südosten außerdem Geier, 
Kaiseradler, Edelreiher, Purpurreiher, zahlreiche 
Schwimmvögel , Steinhuhn , Dohle , Zwergtrappe 
und Elster. Manche Tierarten führen in den 
Kriegsgebieten noch eine ursprünglichere Lebens- 
weise als in Deutschland. Ob die Vorliebe der 
Misteldrosseln Nordfrankreichs und Belgiens für 
offenes, parkähnliches Gelände in diesem Sinne 
gedeutet werden darf, ist fraglich. Sicher aber 
ist die Amsel in Frankreich ebenso wie in Polen 
noch der scheue Waldvogel, der sie in Deutsch- 
land einst war. Im Walde brütend fand man im 
Rokitnogebiet und im Urwalde von Bialowieza 
den bei uns ganz an menschliche Bauwerke ge- 
wöhnten Mauersegler. Auch weißer Storch und 
Haussperling bevorzugen im Südosten hier und 
da Bäume als Niststätten statt menschlicher Bau- 
werke. Die Armut Deutschlands an größeren 
wildlebenden Tieren, die nicht nur bei einem Ver- 
gleich mit den östlichen Nachbarländern, sondern 
auch bei einer Betrachtung Frankreichs deutlich 
hervortritt, ist zweifellos eine Folge der wirt- 
schaftlichen Pflege unseres Landes. „Der Fort- 
schritt der Bodenkultur konnte und durfte nicht 
aufgehalten werden; aber durch die schonungs- 
lose Vernichtung der alten Vegetation in Wald 
und Feld und durch die unmäßige, durch Prämien- 
zahlungen unterstützte Verfolgung des Raubwildes 
ist unsere Tierwelt mehr, als unvermeidlich war, 
beeinträchtigt worden." F. Pax (Breslau). 



Grossmann, Prof. Dr. H., Fremdsprachiges 
Lesebuch für Chemiker. Leipzig 1920, 
Verlag von Johann Ambrosius Barth. 28,20 M. 
Der Verf., der während des Krieges durch 
zahlreiche Veröffentlichungen über den Wirt- 
schaftskampf der chemischen Industrien der krieg- 
führenden Länder hervortrat, setzt seine damalige 
im besten Sinne nationale Arbeit in diesem 
Buche fort. Mehr denn je kommt es für unsere 
chemische Wissenschaft und Industrie darauf an, 
jetzt, wo man uns trotz des angeblichen „Friedens"- 
zustandes von der internationalen Arbeit auszu- 
schließen willens ist, zu zeigen, daß ganz gewiß 
nicht w i r unter solcher wissenschaftlichen Kalt- 
stellung zu leiden haben. Es erübrigt sich zu 
erläutern, daß und warum die chemischen 
Arbeiten Deutschlands an Umfang und Inhalt 
nach wie voran erster Stelle im internationalen 
Wettbewerb stehen. Um diese unsere vielbe- 
neidete Stellung zu behaupten, um sie zu festigen, 
ist es nötig, daß wir die Torheit der Feinde 
nicht nachmachen, nämlich in falscher Über- 
heblichkeit zu glauben, es geht auch ohne die 
andern. Der Verf. betont in seinem Vorwort 
darum mit Recht, daß es jetzt „notwendiger als 
früher erscheint, daß die deutschen Chemiker in 
die Lage versetzt werden, die Literatur des Aus- 
landes im Original kennen zu lernen und zu ver- 
stehen." 



Diesem Zwecke dient das vorliegende Buch 
zweifellos in anerkennenswerter Weise. In 21 Ab- 
schnitten in französischer und englischer Sprache 
sind Lesestücke gegeben worden, deren Thema 
ausschließlich dem Gesamtgebiet der reinen und 
angewandten Chemie angehört. Da zum Teil 
höchst „moderne" Angelegenheiten darin abge- 
handelt sind, wie z. B. „Les soies de collodion", 
„Fixation of Atmospheric Nitrogen" usw., so darf 
man hofifen, daß allein das textliche Interesse 
eine eindringlichere Beschäftigung mit dem rein 
Philologischen begünstigen wird. Um freilich die 
beiden Sprachen „so weit zu beherrschen, daß 
man Verhandlungen darin zu führen imstande 
ist", muß weit mehr geschehen als das noch so 
aufmerksame Durchlesen dieses Buches. Diese 
Absicht kann nach meiner Schätzung nur durch 
„gemeinschaftliche seminaristische Übungen" voll 
erfüllt werden. Auf diese mußte der Verf. den 
Haupt ton in seinem ein wenig flüchtig ge- 
schriebenen Vorwort legen I Erst die sprach- 
lichen Übungen vermögen, so wie das che- 
mische Praktikum, eine einigermaßen flotte 
Behandlung fremder Texte und Aussprachen zu 
gewährleisten. Es ist doch leider Tatsache, daß 
nur wenige unserer Chemiestudierenden genügend 
Begeisterungsfähigkeit haben, um der Chemie 
willen Sprachstudien zu treiben. Das Seminar 
mit Gleichstrebenden könnte da Segensreiches 
wirken. Und für es ist das Buch von Groß- 
mann in der Tat eine sehr brauchbare und er- 
quickliche Unterlage. 

Ein Wörterverzeichnis ist für eine Neu- 
auflage dringend zu empfehlen. Viele Kunstaus- 
drücke, die übrigens in den üblichen Lexiken 
großenteils fehlen, würden alsdann dem leichten 
Lesen kein Hindernis mehr sein. 

Im übrigen ist die Sauberkeit und Lesbarkeit 
des Druckes anzuerkennen. Form und Einband 
sind einwandfrei. H. Heller. 



Legahn, Dr. med. A., Physiologische 
Chemie II. Dissimilation. 3. verb. Aufl. 
Berlin und Leipzig 1920, Vereinigg. wissensch. 
Verleger, W. de Gruyter & Co. 2,ioM. u. ioo"/o. 
Die in Einzelheiten sehr verbesserte Neu- 
auflage hat den Charakter eines angenehm les- 
baren und durch verständnisvolle Stoffauswahl 
auffallenden Repetitoriums bewahrt. Als solches 
wird es insbesondere Studierenden der Medizin 
und Naturwissenschaftlern beste Dienste tun 
können. Es sind nacheinander die Körperorgane, 
der Eiweißabbau, die Exkrete, schließlich Stoff- 
wechselanomalien und postmortale Zersetzungen 
behandelt. Neu ist ein Kapitel über die Li- 
poide. Hierzu ist zu bemerken, daß die Mem- 
brantheorie von O verton keineswegs allgemein 
angenommen worden ist. 

Im Literaturverzeichnis sollten die in Buch- 
form erschienenen Arbeiten, sowie überhaupt 
einige Lehrbücher hervorgehoben werden. 

H. H. 



N. F. XX. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



47 



Anregungen und Antworten. 



Die Ausbreitung eines dominanten Merkmales in der freien 
Natur. Den Anlaß zu den folgenden Bemerkungen bildet der 
Artikel von Dr. Hugo Fischer in dieser Zeitschrift.') In 
dem Hauptpunkte zwar, in der Überzeugung von der hohen 
Bedeutung der Mutationen und der Orthogenesis bei der l'^ot- 
stehung der Arten, stimme ich mit dem Verfasser durchaus 
überein. In einem Punkte aber ist seine Auffassung richtig 
zu stellen. Er nimmt nämlich an, daß ein durch Mutation 
neu aufgetretenes Merkmal, wenn es nach den Mendelschen 
Regeln erblich und zwar dominant ist, daß es dann bei freier 
Kreuzung von selbst, d. h. ohne daß es Selektionswert be- 
sitzt, sich weiter ausbreiten und „wie eine ansteckende Krank- 
heit allmählich die ganze Sippe ergreifen" werde. Diese 
falsche Auffassung ist mir auch sonst in der Literatur wieder- 
holt begegnet. Johannsen warnt in seiner Erblichkeits- 
lehre'-) davor. ,, Die Erscheinung der Dominanz hat . . . ge- 
legentlich zu der irrigen Auffassung Veranlassung gegeben, es 
müßte die Dominanz ein sukzessives Überwiegen dominierend 
charakterisierter Individuen mitführen. Davon ist aber keine 
Rede." Ebensowenig kann andererseits auch von einem all- 
mählichen Verschwinden eines rezessiven Merkmales als Folge 
der Mendelschen Gesetze allein, d. h. ohne Eingreifen von 
Selektion die Rede sein. 

Man kann sich durch eine einfache Rechnung von diesen 
beiden Tatsachen überzeugen. Sie ist 1908 von Hardy^) 
veröffentlicht. Ich habe die kleine Rechnung bald nach dem 
Bekanntwerden der Mendelschen Gesetze ebenfalls durchge- 
führt und dasselbe nur noch etwas allgemeinere Ergebnis 
erhalten. 

Die Aufgabe ist folgende : In einer Population tritt eine 
Art in zwei Varietäten auf, die sich zunächst nur durch ein 
Merkmal unterscheiden sollen. Außerdem können auch Bastarde 
zwischen den beiden Varietäten vorhanden sein, die sich, wenn 
vollkommene Dominanz des einen Merkmales vorliegt, von der 
einen Varietät äußerlich nicht unterscheiden. Die Anzahlen 
der Individuen der ersten Varietät zu denen der zweiten 
Varietät zu den Bastarden verhalten sich wie p:q:x, wobei 
X im speziellen auch gleich o sein kann. Die Individuen 
kreuzen sich , ohne daß irgendwelche Zuchtwahl stattfindet, 
d. h. nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitslehre. Für 
die Vererbung des unterscheidenden Merkmales gelten die 
Mendelschen Regeln. Welches ist dann das Verhältnis der 
Anzahlen der Individuen reiner Rasse der ersten Varietät (P) 
zu denen reiner Rasse der zweitenVarietät (Q) zu den Bastarden (X) 
in der nächsten und den weiter folgenden Generationen ? 

Die drei Gruppen von Individuen können auf 6 ver- 
schiedene Weisen zu zweien kopulieren ; es können nämlich 
gebildet werden die Kopulae PP, PQ, PX, QQ, QX, XX. 
Die Wahrscheinlichkeiten dieser Kombinationen verhalten sich 
nach den Regeln der elementaren Wahrscheinlichkeitslehre wie 
p(p — l); 2pq :2px; q(q — l):2qx:x(x — l). Hierfür kann man, 
wenn die Anzahl der vorhandenen Individuen nicht gar zu klein 
ist, mit großer Annäherung setzen p-: 2pq : 2px: q- :2qx:x'^. 
Nach den Mendelschen Regeln gehen nun hervor: 



Aus der Kombi- 
nation 


PP 


PQ 


PX QQ QX 


XX 


Nachkommen in 
der ersten Gene- 
ration 


lauter 
P 


lauter 
X 


V2P 
V2.X 


lauter 
Q 


VaQ 

V,x 


'/*p 

V«Q 

V,x 



Daraus erhält man die relative Häufigkeit der verschiedenen 
Individuen in der ersten Nachkommengeneration. Es ver- 
halten sich die Zahl der Individuen P zu den Q zu den X wie 

(p+£^(, + })^.(p + ^)(, + ^). 

*) Hugo Fischer: „Orthogenesis, Mutation, Auslese." 
Naturw. Wochenschr. 1920 Nr. 36. 

^) W. Johannsen: , .Elemente der exakten Erblichkeits- 
lehre." G. Fischer, Jena 1909, S. 378. 

^) Hardy; „Mendelian Proportions in a Mixed Popu- 
lation." Science N. S. 1908, Bd. 28. 



Für die folgende Generation erhält man auf entsprechen- 
dem Wege das Verhältnis der relativen Häufigkeiten wiederum 

P 4- ^f ^ (. + 'tf - (P + I) K I). -- 

kommt also zu dem Ergebnis, daß schon in der ersten Nach- 
kommengeneration ein Gleichgewichtszustand sich 
herstellt, der bei weiterer freier Kreuzung nicht wieder ver- 
lassen wird. 

Zu demselben Ergebnis kommt man leicht auch, falls das 
betrachtete Merkmal in drei oder beliebig vielen verschiedenen 
Ausprägungen auftritt. Im besonderen vermehrt sich 
nach der ersten Kreuzung die relative Häufig- 
keit der d ominan tm erkm aligen Individuen nicht 
weiter. Sie kann nur zunehmen, wenn das Merkmal durch 
wiederholte Mutationen immer neu erzeugt wird oder wenn 
es positiven Selektionswert besitzt. Johannes Reichel. 



Einige Bemerkungen zu dem Aufsatz von H. Fischer 
„Orthogenesis, Mutation, Auslese" (in Nr. 36, 1920, S. 561 — 566). 
Über die Möglichkeit einer Artveränderung durch direkte Ein- 
wirkung des Milieus zu streiten, hat wenig Zweck, da eine 
sichere Entscheidung nach dem gegenwärtigen Stande der 
experimentellen Forschung nicht möglich ist. Immerhin dürfte 
Fischer (S. 561, Sp. 2, Z. 24) die N i c h t vererbbarkeit auch 
körperlich erworbener Eigenschaften nicht als erwiesene Tat- 
sache hinstellen. Er dürfte höchstens sagen, die Vererbbar- 
keit derselben sei bisher nicht erwiesen, was natürlich etwas 
ganz anderes ist. Wird doch mancher z. B. auf Grund der 
Umfärbungsversuche Kammerers mit Salamandra (wobei nur 
eine ganz geringe Spur von. Licht zu den Keimzellen dringt, 
also sog. Purallelinduktion fast ausgeschlossen ist) und anderer, 
experimenteller Daten diese Vererbbarkeit somatischer Merk- 
male sogar für wahrscheinlich halten, wenn wir von allem 
nichtexperimentellem Material absehen, auf das ja auch F. — 
mit Recht — wenig Wert legt, wie aus einer Bemerkung 
gegen O. Hertwig (dessen extreme Stellungnahme mit Recht 
kritisiert wird) hervorgeht. Das hält F. jedoch nicht ab, als 
Beispiel für die Wirkung der Auslese selbst einen nichtexperi- 
meniellen, also nicht sicheren „Fall" zu verwenden (Anm. 
S. 562). Daß alle Organismenarten durch irgendeine Milieu- 
bedingung verändert werden müßten, noch dazu in gleichem 
Sinne, hat wohl noch niemand behauptet, Fischers diesbe- 
zügliche Erörterungen sind also überflüssig (S. 562, Sp. l). — 
Die auf den späteren Seiten mitgeteilten Fälle von nicht 
nützlichen Merkmalen — daß es solche gibt, hat schon be- 
sonders Nägeli hervorgehoben (Organisationsmerkmale) — 
sind allerdings kaum durch Auslesewirkung zu erklären, weniger 
sicher sprechen sie gegen die sog. Vererbung erworbener 
Eigenschaften. — Übrigens sind die Ansichten nicht bloß über 
diese letztere, sondern auch über die von F. bevorzugte 
Mutationstheorie recht verschieden. Denn das bisher beige- 
brachte experimentelle Mutationsmaterial ist für die Evolution 
so gut wie werllos, so daß als (noch dazu indirekte) Stütze 
dieser Ansicht eigentlich nur der Mendelismus mit seinen Erb- 
einheiten in Betracht kommt. — Auf Seite 562, Sp. I, Z. 8 
weist F. hin auf „die Frage der Artbastarde, die allein mit 
dem einfachen Mendelismus nicht aufzuklären" sei. Das ist 
mindestens mißverständlich. Denn daß Artbastarde ebenfalls 
mendeln, haben die Artkreuzungsversuche Baurs, Lotsys 
und anderer mindestens wahrscheinlich gemacht, wenn nicht 
erwiesen. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um t oder 2, 
sondern uro eine größere Zahl unabhängig mendelnder Fak- 
toren. Vielleicht soll sich hierauf Fischers unklare Be- 
merkung vom „einfachen" Mendelismus beziehen, wobei man 
allerdings nicht wüßte, bei wieviel Faktoren dieser einfache 
Mendelismus aufhört. — Unklar ist auch die Definition der 
Orthogenesis (auf S. 563, Sp. 1, Z. 29) als „Summe erblicher 
Abänderungen, die in gleicher Richtung erfolgen". Hierbei 
ist nicht zu erkennen, ob gemeint ist das gleichzeitige Auf- 
treten einer Reihe von Organismen, die in gleicher Weise 
von der Norm abwichen, oder das Auftreten einer Reihe von 
Veränderungen nacheinander, die sich in der gleichen Richtung 
bewegen, bei demselben Organismus oder wenigstens in der- 



48 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 3 



selben Deszendenzreihe. Dort scheint es, als wäre beides ge- 
meint (vgl. S. 563, Abschnitt 2). — Ganz verfehlt ist end- 
lich der Versuch, für die Orthogenesis (im ersten Sinne) den 
Mendelismus heranzuziehen (S. 563, Z. 54), auf den ich hier 
nicht eingehe, da es schon von anderer Seite kritisiert wurde 
(s. oben). W. Peter. 



Hellsehen nnd Namenraten. Das Referat von Wa sie- 
le wski über Tischners Ausführungen: ,,Über Telepathie 
und Hellsehen" (diese Zeitschrift N. F. 19, Nr. 28) veranlaßt 
mich, hier einige Bemerkungen vorzubringen, die auf das beim 
Hellsehen stattfindende psychische Geschehen ein höchst merk- 
würdiges Streiflicht werfen. Ich kenne die Originalarbeit 
Tisch n er s noch nicht, kann mich also derzeit nur auf obiges 
Referat stützen. In diesem steht als gelungenes Beispiel des 
Hellsehens folgendes: Die Versuchsperson sagt beim Be- 
trachten des verschlossenen Zettels: ,,Ganz schön geschrieben, 
fremder Name" und produziert dann die Namen: Zoroa, 
Zarathust, Zarastro (richtiger Name war Sarastro). Wie man 
sieht, wurde der aufgegebene Name nicht völlig richtig, aber 
doch mit sehr grofler Annäherung gefunden, aber — und das 
ist sehr wichtig — nicht auf einmal, sondern in 
stufenweisem, tastendem Heranraten erarbeitet. Ks 
ist, als hätte die Versuchsperson das aufgegebene Wort an- 
fangs wie im Nebel gesehen und hätten sich ihr allmählich 
einzelne Buchstaben (Vokale und Konsonanten) mehr oder 
' minder aufgehellt, bis das ganze Wort klar, d. h. also richtig 
zum Vorschein kam. 

Genau dasselbe Phänomen nun beobachtet man in 
bestimmten Fällen, wenn jemand einen ihm aus dem Ge- 
dächtnis entschwundenen Namen wieder aufsuchen will. Es 
kann dies häufig sofort oder wenigstens plötzlich in dem 
Sinne gelingen, daß nach einigem Nachdenken gleich das 
richtige Wort hervorspringt, oder aber es gelingt oft überhaupt 
nicht. In bestimmten Zwischenfällen jedoch kann infolge 
langsamen Ablaufes des psychischen Prozesses dieser analysiert 
werden, wobei es gelingt, die einzelnen Phasen dieses Vor- 
ganges festzuhalten. Ich gebe einige einfachere von mir ge- 
sammelte Beispiele, in denen das jeweils letzte Wort das ur- 
sprünglich vergessene, aber allmählich wiedergefundene Wort 
darstellt. (Die Wörter sind nicht orthographisch , sondern 
mehr oder weniger phonetisch geschrieben); I. oto, poto, 
ponto, pontis. — 2. matuschek, malischek, marlinek. — 
3. pastinak, pasternek, partinek, partonek. — 4. garibaldi, 
kanibali, chinaldi, califatti. — 5. heberdey, humperdink, 
korumpey. — 

Auch hier schwebt eine Art Nebelbild des vergessenen 
Wortes vor: man beachte, daß schon der erste Schritt in der 
Anzahl der Silben, oft auch in der Vokalfolge, in der Bildung 
charakteristischer Buchstabenkomple.xe oder Silben bereits 
große Ähnlichkeit mit dem Endwortc aufweist. Stufenweise 
werden dann unrichtige Buchstaben oder Kombinationen aus- 
geschaltet, immer richtigere eingefügt, bis das richtige Wort 
hervorkommt. 

Das nähere Studium dieses Heranratens birgt eine Fülle 
interessantesten Details und allgemeiner Gesetzmäßigkeiten, 
über die ich gelegentlich anderswo berichten will. 

Aber auch auf anderen Gebieten spielt das Heranraten 
eine auffallende Rolle. Am besten bekannt ist es wohl beim 
Kopfrechnen, wobei das Wesen desselben in einer Zerlegung 
des Rechnungsvorganges in Teiloperationen, in Annäherungs- 
Schritte besteht. Auch die Art und Weise, wie die rechnenden 
Pferde ihre Aufgabe lösen, ist wenigstens in manchen Fällen 
als ein Heranraten erkannt worden. In der Traumarbeit auf- 
tretende Wortbildungen erinnern durch den Verlauf ihrer 



Bildung mitunter ebenfalls an ähnliche Vorgänge, Verlesen 
und Versprechen sind damit in Zusammenhang zu bringen. 
Versuch und Irrtum (trial and error) stehen damit ebenfalls 
in gewisser Beziehung. Und die Als-Ob-Philosophie weist in 
manchen Fällen von Fiktionsbildung auf ähnliche Erschei- 
nungen hin. 

Ich konnte hier alle diese Dinge nur kurz andeuten und 
behalte mir ausführlichere Mitteilungen vor. Jedenfalls werfen 
die hier skizzierten Fälle, vor allem das Wiederauffinden 
vergessener Namen durch Gedächtnisarbeit ein 
höchst merkwürdig es Schlag licht aut verschiedene 
Gebiete psychischen Geschehens und werden 
vielleicht auch bei der Untersuchung gewisser 
Phänomene des Hellsehens zu überraschenden 
Ergebnissen führen. 

Klosterneuburg bei Wien. L. Linsbauer. 



Dem sehr beachtenswerten Aufsatz von O. Schnurre: 
„Die Schwalben in der deutschen Urlandschaft". Naturw. 
Wochenschr. 1920, Nr. 42, S. 665 möchte ich noch folgendes 
ergänzend hinzufügen. Da unserer Rauch- oder Stallschwalbe 
in Nordamerika die Scheunenschwalbe {^Chelidon erythrogaster 
Stcyn) entspricht, kann vielleicht deren Lebensweise über das 
Urlcben unserer Rauchschwalben Auskunft geben. Vor der 
Besiedlung Amerikas durcli die Europäer nistete die Scheunen- 
schwalbe in hohlen Bäumen, unter Vorsprüngen der Felsen, 
an Klippen, in Erdhöhlungen, Felsenritzen und ähnlichen Ort- 
lichkeiten, und auch heute noch hält sie in den westlichen 
Gebirgen an dieser ihrer primitiven Nistweise fest. „Sobald 
die Axt des fleißigen Ansiedlers erschallt, schreibt H. Nehr- 
ung („Die nordamerikanische Vogelwelt", Milwaukee 1891, 
S. 277), ertönt auch das Gezwitscher dieses traulichen Men- 
schenfreundes wie ein Echo, und sobald das primitive Block- 
haus inmitten des Waldes errichtet ist, hängt sie auch schon 
laut zwitschernd unter der Dachtraufe, in der Spitze des 
Giebels oder am Dachsparren, um sich einen passenden Platz 
für ihren Erdpalast auszusuchen." 

Auf Grund dieser Tatsachen, sowie auch noch auf Grund 
anderer Erwägungen möchte ich daher glauben, daß unsere 
Rauchschwalbe in der deutschen Urlandschaft nicht nur 
Steppen- sondern auch Waldbewohner war, namentlich 
natürlich in der Nähe der Wildwechsel sowie der Futterplätze 
der großen Tiere und der Lichtungen. Und wenn wir weiter 
in die Diluvialzeit zurückgehen und ferner bedenken, daß die 
Rauchschwalbe fast ausschließlich im Innern der Gebäude zu 
brüten pflegt, so wird die Annahme nicht ohne weiteres von 
der Hand gewiesen werden können, daß sie auch am Ein- 
gang der damals außergewöhnlich wildreichen Höhlen ge- 
brütet haben mag. Dr. W. R. Eckardt in Essen. 



Literatur. 

Oppenheimer, Prof. Dr. C, Kleines Wörterbuch der 
Biochemie und Pharmakologie. Berlin und Leipzig '20, de 
Gruyter & Co. 16 M. 

Großmann, Prof. Dr. H., Fremdsprachliches Lesebuch 
für Chemiker. Leipzig '20, Joh. A. Barth. 28,20 M. 

Planck, M., Die Entstehung und bisherige Entwicklung 
der Quantentheorie. Ebenda. 4 M. 

Boveri-Boner, Dr. Y. , Beiträge zur vergleichenden 
Anatomie der Nephridien niederer Oligochäten. Mit 6 Text- 
abb. u. 3 Tafeln. Jena '20, G. Fischer. 8 M. 

Czapek, Prof. Dr. Fr., Biochemie der Pflanzen. 2. Aufl. 
2. Bd. Ebenda. 66 M. 



Inhalt: M. Kästner, Bemerkungen zur Entstehung und Besiedlung des Trockentorfs. S. 33. — Bücherbesprechungen: 
Ad. Stöckhardt, Schule der Chemie. S. 41. Wo. Pauli, Kolloidchemie der Eiweißkörper. S. 42. B. Bavink, 
Einführung in die anorganische Chemie. J. Klein, Chemie, Anorganischer Teil. S. 43. K. B. Lehmann und R. 
O. Neu mann, Atlas und Grundriß der Bakteriologie. S. 44. Ch. Riebet, Anaphylaxie. S. 44. W. Schottler, 
Der Vogelsberg, sein Untergrund und Oberbau. S. 45. J. Fitschen, Gehölzflora. S. 45. V. Franz, Ursprüngliches 
in der warmblütigen Tierwelt der Kriegsgebiete. S. 45. H. Grossmann, Fremdsprachiges Lesebuch für Chemiker. 
S. 46. A. Legahn, Physiologische Chemie II. Dissimilation. S. 46. — Anregungen und Antworten : Die Ausbreitung 
eines dominanten Merkmales in der freien Natur. S. 47. Einige Bemerkungen zu dem Aufsatz von H. Fischer ,, Or- 
thogenesis, Mutation, Auslese". S. 47. Hellsehen und Namenraten. S. 48. Die Schwalben in der deutschen Urland- 
schaft. S. 48. — Literatur: Liste. S. 48. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstrafie 41, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 
Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge 20. Band ; 
der ganzen Reihe 36. Band. 



Sonntag, den 23. Januar 1921. 



Nummer 4. 



Das Typhetum in der frühen deutschen Graphik. 

Von Prof. Dr. Ernst Küster in Gießen. 



[Nachdruck verboten.] 



Mit I Abbildung im Text. 



Das Streben der Zeichner und Maler nach 
naturgetreuer Wiedergabe der Pflanzenwelt kennt 
zwei Ziele: das eine besteht in der möglichst 
porträtähnlichen Darstellung eines Pflanzenindivi- 
duums oder einer Pflanzenspezies, bei dem anderen 
handelt es sich um eine den natürlichen Verhält- 
nissen entsprechende Auswahl und Verteilung der 
Pflanzen im Bilde. 

Wie sorgfältig bereits die Künstler des 
15. Jahrhunderts die Merkmale zahlreicher Pflanzen- 
arten studiert und im Bilde wiedergegeben haben, 
lehrt ein Blick auf die Gemälde der frühen Nieder- 
länder, auf den Genter Altar, auf die Werke des 
Regier v. d. Weyden, Dirk Bouts, Hugo 
V. d. Goes u. a. und lehren noch eindringlicher 
die Zeichnungen eines Dürer, seine „Rasen- 
stücke", seine „Heilpflanzen" [Aiiagallis usw.), sein 
Chelidonimn. Hervorragend als Pflanzenbeobachter 
waren Botticelli, Leonardo da Vinci ^) 
und viele andere italienische Künstler des Quattro- 
cento und der ihm folgenden Jahrzehnte. 

Von der Fähigkeit der Maler, auch die Ver- 
teilung der Pflanzenarten auf verschiedenartige 
Standorte zu studieren und das Ergebnis solcher 
Studien künstlerisch zu verwerten, indem von 
ihnen wohlcharakterisierte, leicht erkennbare 
Pflanzenformen für die Kennzeichnung der im 
Bilde dargestellten Geländearten verwendet werden, 
gibt uns eine recht geringe Zahl von Werken 
überzeugende Kunde. Die ausgezeichneten Pflan- 
zenkenner, als welche wir die Meister des Genter 
* Altars zu bewundern haben, schenkten ihr Inter- 
esse nicht nur der Morphologie, sondern auch der 
Ökologie oder Standortslehre der ihnen zugäng- 
lichen Pflanzen. Rosen") macht darauf aufmerk- 
sam, daß die Brüder van Eyck im Mittelbild 
ihres Altarwerkes (Brunnen des Lebens) nicht nur 
sehr zahlreiche Pflanzenarten abbilden, sondern 
auch sehr verständnisvoll den Standortsbedürfnissen 
der Pflanzen gerecht werden: Nasturtutm offici- 
nalc und Cardamiiie pratensis lassen die Künstler 
in der Nähe des Baches grünen, Asperiila odo- 
rata wird im Schatten untergebracht, die Wiese 
bevölkern sie mit Wiesenpflanzen. 

Das biologische Verständnis der Brüder van 



') Vgl. namentlich R o s e n , Die Natur in der Kunst, 1903, 
S. 309. — Ich ergänze seine Bemerkungen über Leonardo 
mit dem Hinweis darauf, daß sich dieser auch mit dem Bau 
des £uJ>/ioriia-Zy3,Üiium beschäftigt und mit dieser Pflanze 
ein von den Malern und Graphikern seiner Zeit nur selten 
dargestelltes Objekt studiert hat (Zeichnung in Windsor). 

-) Rosen, 1903, a. a. O. S. 72. 



Eyck verdient um so höhere Bewunderung, als 
es ihr Werk vor so vielen gleichzeitigen und 
späteren niederländischen und deutschen Gemälden 
oder graphischen Erzeugnissen verschiedenster 
Art hervorragend auszeichnet: die Sorgfalt der 
Genter steht in auffälligem Widerspruch zu der 
Unbedenklichkeit, mit der die späteren Künstler 
Akelei und andere üppig grünende und prächtig 
blühende Gewächse zwischen den Backsteinen der 
Gemäuer und den Steinfliesen ihrer Hallen und 
Paläste sich entwickeln lassen, Taraxacum neben 
ConvaUaria stellen und anspruchsvolle Garten- 
pflanzen ebendort anbringen, wo wir auf ihren 
Bildern das Gras nur büschelweise gedeihen sehen. 
Die Entdeckung, daß man durch richtige Wahl 
der dargestellten Pflanzen den Schauplatz der 
vom Künstler dargestellten Handlung hervorragend 
gut charakterisieren kann, und daß in vielen Fällen 
bestimmter Gewächse gar nicht zu entraten ist, 
wenn die naturwahre Darstellung eines bestimmten 
Schauplatzes gelingen soll , ist erst sehr spät ge- 
lungen.') Die Maler und Graphiker des 15. Jahr- 
hunderts deuten zwar gelegentlich gern den Wald 
an , in dessen Schatten sich irgendein Vorgang 
abspielt, begnügen sich aber mit der Darstellung 
von Bäumen, ohne die einer bestimmten Baumart 
— abgesehen von den Eichen, deren charakte- 
ristische Blattform den Künstlern früh sich einge- 
prägt hat — auch nur zu versuchen. Der Blick 
auf „Kulturformationen" öffnet sich in vielen 
frühen Darstellungeti, aber wir erkennen die Ab- 
sicht der Künstler, Äcker und Felder usw. darzu- 
stellen, mehr aus der geometrischen Felderung 
des Geländes, den Zäunen und Hecken, aus aller- 
hand landwirtschaftlichen Zutaten als aus den 
botanischen Merkmalen der in Betracht kommen- 
den Arten. Mit großer Liebe und oft mit be- 
merkenswertem Geschick bauen Maler und Gra- 
phiker des 15. und 16. Jahrhunderts tropische 
Wälder und phantastische Vegetationen auf, wenn 
es sich darum handelt, Adam und Eva im Paradies, 
die Flucht der hl. Familie nach Ägypten -) oder 

') Die griechische Kunst — von der minoischen bis zur 
hellenistischen Periode — macht von den Pflanzen als Mitteln 
für Charakterisierung eines Schauplatzes keinen nennenswerten 
Gebrauch (wenn man von den Darstellungen der P/^/j-Sprosse 
und -Früchte und der dekorativen Verwendung der Bäume ab- 
sieht). Um so wirkungsvoller ist die Art, mit der die Künstler 
des alten Ägyptens sich des Lotos und des Papyrus bedienen, 
um die am Flußufer spielenden Szenen — Jagd .auf Wasser- 
geflügel usw. — zu kennzeichnen. 

'■') Vgl. Schenck, H., Martin Schongauers Drachenbaum 
(Naturw. Wochenschr. 1920, Bd. 19, Nr. 49, S. 775). 



50 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 4 



Johannes den Evangelisten auf Patmos zu zeigen. 
Selbst dann, wenn naturwahr gezeichnete Palmen 
das tropische Ensemble kennzeichnen helfen und 
phantasievoll erdachte Exotenformen zurücktreten, 
kann auch diese Art, den Schauplatz der Hand- 
lung durch richtig gewählte Pflanzen zu charakte- 
risieren, nicht mit der Beobachtungsgabe der 
van E y c k wetteifern. 

Unter den vielen Formationen der einheimi- 
schen Flora, die leicht zu beobachten und für den 
Maler und Graphiker leicht wiederzugeben sind, 
spielt das Typhetum — d. h. die von Sümpfen 
und Gräben her wohlbekannte aus Typha , dem 
Liesch- oder Rohrkolben (Schmackedutschke, 
Narrenzepter) gebildete Formation — eine be- 
merkenswerte Rolle in der Kunst des 15. Jahr- 
hunderts. Ihre gewaltigen Blätter und noch mehr 
ihre zylindrischen schwarzen Kolben haben ihr 
schon damals die Aufmerksamkeit der Pflanzen- 
freunde gesichert. Beim Studium der frühen 
Graphik muß es auffallen, daß das Typhetum im 
15. Jahrhundert als Kennzeichen sumpfiger Stand- 
orte, zur Charakterisierung der Fluß- und Seen- 
ufer auch bei denjenigen Künstlern, die im übri- 
gen keine besondere Begabung für die Beobach- 
tung des Pflanzenlebens und die naturwahre Dar- 
stellung der Standortsverhältnisse der Pflanzen er- 
kennen lassen, sich einer bemerkenswerten Beliebt- 
heit erfreut. 

Der hervorragende oberdeutsche Stecher, den 
wir als Meister E. S. zu bezeichnen pflegen (1450? 
— 1467), belebt seine Darstellungen gern mit 
reicher Flora. Die Begegnung der tiburtinischen 
Sibylle mit Kaiser Augustus (L. 192) findet vor 
einem Flusse statt. Daß die an seinem Ufer 
grünende Gruppe monokotyler Gewächse aus 
Typha besteht, halte ich für wahrscheinlich; alle 
anderen Pflanzen, die der Künstler darstellt, wird 
der Botaniker kaum zu benennen wagen : sie sind 
unter seiner Hand teils zu schwungvollen Orna- 
menten geworden, zum Teil zwar von ihm natura- 
listisch, aber unter Vernachlässigung der spezifi- 
schen Formen dargestellt; der Freude des Künst- 
lers am Beobachten vegetabilischer Naturformen 
stellen sie kein günstiges Zeugnis aus. Ganz 
ohne Zweifel ist, deiß die auf der Taufe Christi 
(L. 28) dargestellten Kolben eine Typlia-G:Tü-^^z 
darstellen; von den zahlreichen roseitenbildenden 
Pflanzen des Vordergrundes gilt dasselbe wie von 
den auf L. 192 sichtbaren. 735*//(7 Gruppen von 
befriedigender Naturwahrheit finden sich auf der 
großen Taufe Christi (L. 29), deren Vordergrund 
wiederum stilisierte Rosetten füllen. Nach Be- 
trachtung dieser Stiche werden wir kaum be- 
zweifeln können, daß auch die sterile Wasser- 
pflanze, die am Ufer des vom hl. Christophorus 
durchschrittenen Gewässers (L. 140) grünt, als 
Typha bestimmt werden darf — um so weniger, 
als inmitten des Wassers an einer felsigen Klippe 
ein kolbentragendes Exemplar sichtbar ist. 

Die Blätter des Hausbuchmeisters geben — 
trotz seiner Vorliebe für Kranzgewinde, für Garten- 



und Walddarstellungen — dem Botaniker nur ge- 
ringe Ausbeute. Die feine Beobachtungsgabe, die 
der Meister in den Dienst der Menschen- und 
Tierdarstellung stellt, scheint — wie bei so man- 
chem anderen Künstler — der Pflanzenwelt gegen- 
über untätig zu bleiben. ^) Um^ so überraschender 
ist, daß die Typha wiederholt und gut gelungen bei 
ihm erscheint, bei den Darstellungen des hl. 
Christophorus (L. 31 und L. 32) an Flußufern, wie 
die Ökologie der Pflanze es fordert, — in anderen 
Fällen (L. 41, L. 67, L. 71) ohne solche örtliche 
Beziehungen. Gerade für Christophorusdarstellun- 
gen hat aber auch der Hausbuchmeister gewiß 
schon so viele, mit Typha ausgestattete Vorbilder 
gehabt, daß wir aus den wohlgelungenen Typhetum- 
Darstellungen seines Griffels nicht auf eigene 
Naturbeobachtung zu schließen nötig haben. 

Eine stattliche Kollektion von Typhetum- 
darstellungen bringt der Illustrator der kölnischen 
Bibel von 1478, deren schöne Holzstöcke später 
noch einmal in der von Kob erger, dem Nürn- 
bergischen Drucker und Verleger des Schatz- 
behalters, der Schedeischen Chronik usw., heraus- 
gegebenen sog. Neunten deutschen Bibel (1483) 
Verwendung finden. Ich verweise für die letztere 
auf die Darstellung des Opfers von Kain und 
Abel (fol. VI), auf Moses vor seinem göttlichen 
Gesetzgeber (fol. XLIX), eine weitere Mosesszene 
aus den Numeris (4. Mos. 10; fol. LXXI), auf 
Tobias mit dem Engel (fol. CCXXXIIII). Überall 
erscheint Typha als leicht erkennbarer Begleiter der 
Wasserläufe. Der Illustrator der genannten Bibeln ist 
für unsere Frage besonders ergiebig, weil er es sehr 
liebt, seine Bildchen mit Bächen, Flüssen oder 
Seen zu beleben, auf deren Spiegel sich zumeist 
ein Schwan schaukelt. Auch durch vegetabilische 
Zutaten die Wasserläufe zu kennzeichnen, hat der 
Künstler freilich nur einige Male das Bedürfnis 
gefühlt. Wenn er auch seine Darstellungen gern 
mit Vegetation ausstattet, und seine Bäume gut 
beobachtet und gezeichnet sind, so bleibt doch 
die Typha, auch bei ihm die einzige mit Sicher- 
heit bestimmbare und ökologisch an die richtige 
Stelle gesetzte Pflanze. Gar nicht selten läßt der- 
selbe Künstler an den Ufern seiner Gewässer 
sterile Sumpfpflanzen sprießen , die nach dem 
Laub zu schließen, recht wohl Typha sein könnten ; 
vielleicht hat der Künstler auch bei jenen tat- 
sächlich an den Rohrkolben gedacht. 

Auf die Bibel läßt 1 49 1 K o b e r g e r den Schatz- 
behalter folgen, dessen Holzschnitte von Nürnberger 
Meistern stammen. Wir haben hier auf die 
„35. Figur" zu verweisen, die Auffindung Mosis: 
am Ufer des Nils läßt der Illustrator ein reiches 
Typhetum sich entwickeln, das vorn das Bild 
abschließt. Die lockenähnlich stilisierten Blätter 
unterscheiden den Schnitt deutlich von dem des 
niederrheinischen Meisters. Ähnliche Formen 



') Die vielen Bilder im „Spiegel menschlicher Behältnis" 
sind vollends so gut wie vegetationslos (vgl. Naumann, 
HolzschniUe des Meisters vom Amsterdamer Kabinett z, Sp. 
menschl. Beh., Straßburg 1910). 



N. F. XX. Nr. 4 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



5> 



zeigen die Typ/ia-?{iAnzen in Schedels Welt- 
chronik — ich verweise auf das Städtebild von 
„Constancia" (fol. CCXLI).i) — 

Auf den schönen Holzschnitten, die das von 
Bergman von Olpe 1494 herausgegebene 
„Narrenschiff'' Sebastian Brants schmücken, 
spielen vegetabilische Zutaten eine geringe Rolle. 
Am allerwenigsten ist versucht worden, durch 
Studium des natürlichen Vorkommens der Pflanzen 
in der Vegetation ein Mittel zur Kennzeichnung 
des Geländes zu finden. Einen schwachen Ver- 
such hierzu dürfen wir immerhin in der Dar- 
stellung des Narren am Vogelgarn erkennen : der 
Waldrand, an dem der Vogelsteller Platz ge- 
nommen hat, wird sogar durch Farnkraut ge- 
kennzeichnet. Um so wichtiger wird hiernach 
die Rolle, welche auch in dieser Holzschnittfolge 
das Typhetum spielt: den Narren, der „in pfütz 
und moß" watet, zeigt eine der ersten Darstel- 



deuten. Das geschieht auch bei den Typha- 
Pflanzen, deren Kolben als schwarze Massen in 
dem Bilde eingetragen sind. 

Ungefähr gleichzeitig mit dem Baseler Holz- 
schnitt ist die Typhetumdarstellung bei Felix 
H e m m e r 1 i n : Varie oblectationis opuscula et 
tractatus, Argentorati Joh. Preiß, 1477). ') Die 
hier reproduzierte Abbildung zeigt den von 
Wespen umschwärmten Hemmerlin, der inmitten 
eines 7)'Ma- Bestandes kniet. Wir bemerken an 
letzterem manche gut beobachtete Einzelheit und 
stellen fest, daß Mensch und Typha auf dem 
Straßburger Schnitt in richtigen Proportionen 
dargestellt sind. 

Von weiteren Holzschnittwerken erwähne ich 
noch das Exercitium super pater noster (Krems- 
münster) ^) mit einer schönen ökologisch richtig 
angebrachten Ty/^/^a-Gruppe. Das Berliner Kabi- 
nett bewahrt einen den hl. Christophorus dar- 




lungen des Buches inmitten einer dichten 
Typhagruppe; ihre Halme sind wie das Laub, 
allerdings unsorgfaltig gezeichnet und im Ver- 
hältnis zur Gestalt des Narren viel zu klein 
geraten. — Wie bekannt, hat man — wohl mit 
Unrecht — versucht, die Holzschnitte der Berg- 
manschen Offizin dem jungen Dürer zuzu- 
schreiben. Ich erwähne in diesem Zusammen- 
I hang, daß mir weder aus Dürers Werk noch 
I aus dem Schongauer sehen bisher eine Dar- 
stellung des Typhetum bekannt geworden ist, — 
j wie überhaupt beiden die Pflanzenwelt zur Cha- 
rakterisierung des Schauplatzes zu verwerten, fern 
lag. — Der Künstler der Bergmanschen Offizin 
liebt es wie andere Künstler seiner Zeit, einzelne 
Teile seiner Darstellungen schwarz auszufüllen, 
um den Lokalton der betreffenden Dinge anzu- 

') Vgl. auch das sterile Zy/^a-Exemplar von „Cracovia". 



stellenden Holzschnitt, *) der vielleicht schon dem 
16. Jahrhundert angehört. Er zeigt im Vorder- 
grund eine Typha — sie ist zwar schlecht be- 
obachtet, aber doch die einzige nach der Spezies 
bestimmbare Pflanze, die auf dem Schnitte sicht- 
bar ist. 

Bei der weiten Verbreitung der Rohrkolben 
in der frühen deutschen Graphik wäre es nicht 
zu verwundern, wenn gar mancher Zeichner von 
den Werken früherer Künstler seinen vegetabili- 
schen Motive entlehnt hätte und hierbei zur Dar- 
stellung mißverstandener und mißratener Typha- 



') Hain 8425, Proctor 581 : vgl. auch Jos. Baer&Co. 
Incunabula, xylographica et typographica 1455 — 1500, p. 52, 13. 

') Schreiber, Manuel de l'amateur de la gravure sur 
bois et sur metal, T. VII (1895), tab. LXVII ; vgl. auch 
T. VIII, 1900, tab. LXXXVIII. 

^) Kristeller, Holzschnitte im kgl. Kupferstichkabinelt 
zu Berlin. Zweite Reihe 1915, Tab. LXX. 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 4 



Pflanzen gekommen wäre. Beispiele für letztere 
ließen sich leicht erbringen : ich verweise auf die 
Zj'/'^ö'-Darstellungen eines holländischen „Specu- 
lum humanae salvationis" aus dem 15. Jahr- 
hundert oder auf die Holzschnitte zur Fridolins- 
legende (Ulm, Joh. Zainer, ca. 1480). 

Von der französischen Graphik erwähne ich 
den Pariser Totentanz von i486 („Miroer salutaire 
pour toutes gens"). Der Künstler, der in zahl- 
reichen kleinen Darstellungen den Boden mit 
einer Fülle kleiner Blümchen ausstattet, weiß 
nichts von Naturbeobächtung und naturalistischer 
Darstellung der Gewässer; seine Streublumen zu 
benennen, ist unmöglich — nur eine (in natur- 
widrig kleinem Format erscheinende) Typha- 
Pflanze scheint hiervon eine Ausnahme zu machen. 
Daß der Zeichner seine Typha von anderen gra- 
phischen Darstellungen entlehnt und abgeschrieben 
hat, ist wahrscheinlich. 

Von den Italienern mag Mantegna genannt 
sein ; Typheta stellt er auf seinen Tritonenkämpfen 
dar (B. 17, B. 18), die zweite Darstellung zeigt 
Typha neben blühendem Schilf. — 

Die große Beliebtheit, deren sich die Typha 
bei den Künstlern des Quattrocento erfreut, und 
die sie auch in späteren Perioden nicht verliert, 
ja bis in unsere Tage behalten zu wollen scheint, 
erklärt sich nicht nur durch die Auffälligkeit 
ihres Habitus und ihrer Färbung, sondern ebenso 
sehr aus dem Umstände, daß ihre charakteristi- 
schen formalen Eigenschaften mit wenigen Strichen 
und bescheidenstem Aufwand bereits befriedigend 
zur Darstellung gebracht werden können und in ' 



allen Techniken leicht zu bewältigen sind. Wie 
in Kupferstich und Holzschnitt sind die Rohr- 
kolben auch für den mit Pinsel und Farbe 
arbeitenden Künstler leicht wiederzugeben. Um 
auch hier Beispiele zu nennen, verweise ich auf 
das schöne Typhetum, das der Brügger IVIeister 
der Ursulalegende in der iVlartyriumszene gegeben 
hat (Kloster der Sceurs noires zu Brügge). Ein 
besonders schönes Werk der Miniaturmalerei 
finden wir in den Tres heiles heures de Chan- 
tilly (tab. VI, VII, XXXVII); auf einem der Bild- 
chen sehen wir Typha neben Kopfweiden die 
Vegetation eines Bachufers nicht übel kennzeichnen. 
Sogar der Bildhauer findet in der Typha ein 
Gewächs, das mit seinen besonderen technischen 
Mitteln charakteristisch wiederzugeben leicht mög- 
lich ist. Beispiele sind mir freilich zunächst nur 
aus der mit heraldischen Motiven beschäftigten 
Bildhauerei ') bekannt geworden. 



Wir besitzen noch keine vergleichend-ikono- 
graphischen Studien für die Taufe Christi, den 
hl. Johannes-Evangelist auf Patmos, die Christo- 
phoruslegende, den wunderbaren Fischzug. Ich 
zweifle nicht, daß das Studium der frühen Dar- 
stellungen dieser Szene uns noch zahlreiche 
weitere Belege für die bevorzugte Rolle kennen 
lehren würde, welche der Typha -Vi.o\htn in der 
Kunst des 15. Jahrhunderts spielt. 

^) Typhakolben finden wir im Wappen der Rohrbeck 
(Siebmachers Wappenbucli Bd. 5, Abt. 10, bürgerliche 
Geschlechter 1916), Ried und gewiß noch anderer Familien 
in deutlich „redender" Beziehung zum Namen. 



Einzelberichte. 



Die Aiistrockming Südafrikas. 

Zu dieser Frage gibt Fritz Jäger in seinen 
Beiträgen zur Landeskunde von Süd- 
westafrika (Mitt. aus den deutschen Schutzge- 
bieten, Ergänzungsheft Nr. 14, Berlin 1920, E. S. 
Mittler & Sohn) sehr beachtenswertes Tatsachen- • 
material. Er weist nach, daß an eine stetige Ver- 
minderung der Niederschläge in dem letzten Men- 
schenalter nicht zu denken sei, daß vielmehr die 
Menge des Grundwassers, neben welcher die des 
Oberflächenwassers gar keine Rolle spielt, sehr be- 
deutenden Schwankungen unterliege, nicht nur inner- 
halb einzelner Jahrgänge, sondern auch in Zeit- 
räumen von Jahren und Jahrzehnten. Daß die 
Abnahme dabei weit häufiger beobachtet wird als 
die Zunahme, liegt in der Hauptsache daran, daß 
das Wasser fast dauernd allmählich 
sinkt, also um so weniger von künstlichen Boh- 
rungen erfaßt werden kann. Demgegenüber kommen 
starker örtlicher Verbrauch, Entwaldung, Gras- 
brände, die hier und da lokal die Austrocknung 
kleiner Gebiete begünstigen mögen, im großen 
und ganzen doch kaum in Betracht. Sie ersticken 



wohl "in trockenen Zeiten den Wasserrückgang, 
ohne jedoch dadurch eine dauernde Verminderung 
herbeiführen zu können. Wenn häufig das Aus- 
trocknen des Ngamisees als ein Hauptbeweis für 
die fortschreitende Austrocknung Südafrikas ange- 
führt wird, so ist demgegenüber die Mitteilung 
von A. G. Stigand, Notes on Ngamiland, G. J. 
Bd. 39, S. 3766". von großer Bedeutung, nach 
welcher beim Rückzug des Wassers am Westende 
des Sees die Stümpfe von Steppenbäumen ent- 
blößt wurden, woraus hervorgeht, daß einstmals 
an Stelle des Sees Baumsteppe oder Trockenwald 
stand. 

Fragt man nun nach der Ursache der fast 
dauernden Senkung des Wasserstandes, so scheint 
sich Verf der Meinung Passarges anzuschließen, 
die auch Ref. mehrfach ausgesprochen hat, daß 
nämlich die Menge des in der Erdrinde befind- 
lichen Bodenwassers nicht bloß von der heutigen 
Niederschlagsmenge abhängig ist, sondern daß 
jene noch große Vorräte aus einer regenreicheren 
jüngsten geologischen Vergangenheit besitzt, die 
erst allmählich aufgezehrt werden, ohne daß des- 
wegen die Regenmenge wesentlich abnimmt. 



N. F. XX. Nr. 4 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Die heutigen Regen vermögen eben den Verlust 
durch Verdunstung und Abfluß nicht zu ersetzen, 
und dadurch trocknet tatsächlich der 
Boden Südafrikas langsam aber stetig 
aus, ohne daß deswegen eine wesentliche oder 
stetige Abnahme der Niederschläge zu konstatieren 
wäre. 

Erst wenn das Wasser im Boden sich dem 
heutigen Klima angepaßt hat, wird sich ein Still- 
stand im Austrocknen des Bodens bemerkbar 
machen. W. Halbfaß. 



Berieht über eiue Forschiiugsexpedition 
in Deutsch-Ostafrika. 

G. Krenkel teilt in den Berichten der 
Mathematisch • Physischen Klasse d. Sachs. Akad. 
d. Wissensch. z. Leipzig, LXXI. Bd. seine 
geologischen Ergebnisse mit. In vier Ge- 
bieten der Kolonie hat er unter schwierigen 
Kriegsverhältnissen — er kam wenige Wochen vor 
Beginn des Krieges dahin — seine Untersuchungen 
anstellen können: im Küstenland; im Uluguru- 
gebirge; in der Landschaft Ugogo und im abfluß- 
losen Rumpfschollenland; im Tanganjikaseegebiet. 

Im südlichen Teil der Küstenzone tritt an das 
Land unmittelbar der Kontinentalsockel an das 
Meer heran (2000 m Tiefe). Im mittleren Teile 
liegt vor der Küste ein 80 km breiter Schelf, aus 
dem die Koralleninseln Mafia und Sansibar als 
letzte Reste der alten zerstörten Küste hervor- 
ragen. An der Ostküste des Schelfes findet sich 
dann der Steilabfall des Kontinentalsockels. Im 
Norden trennt ein 900 m tiefer Grabeneinbruch 
die Insel Pamba vom Festland. Die Küstenlinie 
ist hier vielleicht von tektonischen Verhältnissen 
vorgezeichnet. 

Das Küstenland bauen entweder Riffgesteine 
(marine Kalke, echte Rififkalke, Korallensandsteine) 
oder Gesteine fluviatiler Entstehung mit Ver- 
witterungserden. Im mittleren Küstenland lagern 
diese jungen Gesteine auf dem Sockel aus meso- 
zoischen Gesteinen. Sowohl in den Rififgesteinen 
als auch in den nicht marinen Bildungen lassen 
sich zwei verschiedenaltrige Horizonte nachweisen. 
Das Küstenland ist in schaukelnder Bewegung. 
Man kann annehmen, daß eine Vernichtung des 
Küstenlandes vor sich geht. Küstenterrassen sind 
mehrfach stufenförmig übereinander gelagert. 
Wir haben an der ostafrikanischen Küste entweder 
eine Steilküste mit Kliff oder eine Flachsandküste 
mit Dünen und Strandwällen vor uns. Nicht allein, 
aber mit erklärt werden die „ertrunkenen" Täler 
der ostafrikanischen Küste. 

Das Ulugurugebirge steigt aus dem Steppen- 
und Buschgebiete steil auf und ist von einer brei- 
teren oder schmäleren Vorhügelzone umgeben. 
Kurze, steile Täler führen in das Gebirge, dessen 
höhere, regenreiche Abhänge von dichtem Urwald 
bedeckt sind. An dem Westabhang tritt der 
Graben der Mkatasteppe heran. Im Mkatagraben 
fanden sich Schichten der pflanzenführenden unteren 



Karruformation in Gestalt von dunklen Kohlen- 
schiefern. Ob sie einer versenkten Decke oder 
einem Becken angehören, ist noch nicht erwiesen. 
Im vorgelagerten Menduberge fand man Asbest- 
lager. Das Gebirge wird überwiegend von kristal- 
linen Schiefern (Gneisen und Glimmerschiefer), 
untergeordnet von Graniten und anderen Tiefen- 
gesteinen aufgebaut. Kristalline Kalke herrschen 
im Osten vor. Krenkel glaubt, daß ältere kristal- 
line Schiefer und granitisch-körnige Gesteine von 
jüngeren Graniten und verwandten Gesteinen 
durchdrungen worden sind. Die Gneise und 
Glimmerschiefer sind aufgerichtet, sogar stellen- 
weise steilgestellt. 

Als Ganzgesteine treten Pegmatite in 15 — 20 m 
Mächtigkeit auf. Die Gänge werden von Längs- 
und Querverwerfungen durchsetzt. Die Pegmatite 
liefern Glimmerplatten, die abgebaut werden. 

Das Hochplateau von Ugogo stellt im Gegensatz 
zu den umgebenden Hochschollen eine Tiefscholle 
dar. Morphologisch lassen sich folgende Bauele- 
mente erkennenn: i. die Fastebene von Nord- 
ugogo; 2. die Fastebene von Südugogo; 3. das 
Ugogomittelgebirge; 4. das Ugogogrenzgebirge ; 
5. das Rubehogebirge ; 6. die Turubruchstufe; 7. 
das Bergland von Hochussandaui. Das Grund- 
gebirge Ugogos bilden kristalline Gesteine. Jünger 
sind wenig verbreitete jungvulkanische Gesteine. 
Darüber legen sich die aus der Zerstörung der 
älteren Schichten hervorgegangenen Deckschichten. 

Krenkel nimmt an, daß die kristallinen Ge- 
steine dem Altpaläozoikum angehören und bis zum 
Präpaläozoikum hinabreichen. Die jungvulkanischen 
Gesteine sind jungtertiären Alters. Die Deck- 
schichten reichen vom Altquartär bis zur Jetztzeit. 
Während Grundgebirgsschichten und Deckschichten 
sich immer zusammen vorkommend zeigen, sind 
die jungvulkanischen Gesteine nur auf den Umkreis 
zwischen Makutupora und Manjoni in der Turu- 
bruchstufe vorhanden. Das Fehlen aller paläo- 
zoischen und mesozoischen Schichten ist eine 
Folge der Abtragung durch Erosion. Die jung- 
vulkanischen Gesteine treten in Gängen oder 
Decken auf, sind emporgestiegen, als sich die 
großen Brüche der ostafrikanischen Schollenzone 
bildeten. 

Das kristalline Grundgebirge ist spätestens 
im Altpaläozoikum gefaltet worden. Das Grund- 
gebirge wurde in der Folgezeit teilweise bis auf 
den granitischen Kern abgetragen. Im Osten 
Ugogos haben sich in abgesenkten Gebieten 
Schiefermassen erhalten. Es entstand eine Fast- 
ebene. Schon in der Kreidezeit, im jüngeren 
Tertiär den Höhepunkt erreichend, begannen 
tektonische Ereignisse, die Ugogo in den Bereich 
der östlichen ostafrikanischen Zerrüttungszone 
führen. Zwei große, landschaftlich deutlich hervor- 
tretende Bruchlinien lassen Ugogo als Tiefen- 
scholle aus dem Landschaftsbild heraustreten. 
Durch das Innere Ugogos zieht als Bruchlinie 
die Ilindilinie. Krenkel bezeichnet Ugogo als 
„Kesselbruchfeld", das in seiner südwestlichsten 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Ecke, in der großen Salzsteppe, am tiefsten abge- 
sunken ist. Im Osten scheint eine weit gespannte 
Verbiegung den Übergang zur großen Salzsteppe 
zu vermitteln. 

Am nördlichen Ostufer des Tanganjikasees 
finden sich mächtige sedimentäre Ablagerungen 
mit Diabasen in Form von Decken und Gängen. 
Sie reichen bis zu dem GneisKungwestock im 
Süden, zu den kristallinen Schiefern beim Orte 
Njassa im Norden und in das Flußgebiet des 
Malagarassi und Vindi im Osten. Fossilien fehlen 
den Schichten bis jetzt völlig. Man hat die Schichten 
zur „Tanganjikaformation" zusammengefaßt, die 
Krenkel als den Absatz eines salzigen Binnen- 
meeres auffaßt. Diese Formation zerfällt in die 
liegenden „Sandsteinschichten" und die hangenden 
„Kalkkieselschichten". Die Diabase sind lokal in 
ihrem Auftreten beschränkt. Zusammenhängende 
JVIassen bilden sie im Plateau von Hochuha. Süd- 
lich davon zeigen sich Diabase in den Njamuri- 
bergen. Die Schichten der Tanganjikaformation 
sind wenig gestört, nur entlang einer Störungs- 
zone von 15 km Breite, die mit der Entstehung 
des Tanganjikagrabens zusammenhängt, finden sich 
auffallende Verwerfungen. Am See sind eine 
Menge Schollen vorhanden. Rudolf Hundt. 

Die geologische Stellung des Faläolithikuins. 

In den Mitteilungen der Wiener anthropolog. 
Gesellschaft 50, 1920, S. 69 — 71 wirft V. Hilb er 
aus Graz von neuem die Frage nach der geologi- 
schen Stellung des Paläolithikums auf. Nach der 
Boule-Obermaier sehen Gliederung ist das 
ganze Oberpaläolithikum (vom Aurignacien an) 
postglazial. Bekanntlich hat Penck und ihm im 
wesentlichen folgend auch Bayer die Ansicht 
vertreten, daß das Solutreen letztinterglazial, und 
das kalte Mousterien der vorletzten Eiszeit ange- 
höre. Die Stellung der Niederterrasse und des 
jüngeren Löß wollte sich mit diesen Ansichten 
jedoch nicht recht vereinbaren lassen. Wenn 
die Niederterrasse letztglazial ist, so könnte der 
jüngere Löß spätestens in einem früheren Ab- 
schnitt des Letztglazials zwischen den Bildungs- 
zeiten der Hoch- und Niederterrasse entstanden 
sein. Der Löß ist aber nach seiner Schnecken- 
fauna nicht eiszeitlich; der jüngste Löß müßte 
demnach, wie auch Penck folgerichtig annimmt, 
in das letzte Interglazial gehören und die zwei 
Terrassen würden nach Penck dann den letzten 
beiden Eiszeiten entsprechen. 

Diese Folgerungen aber widersprechen un- 
zweifelhaft den Tatsachen. Nicht nur das Solu- 
treen, sondern auch das Aurignacien und Magda- 
lenien liegen im jüngsten Löß. Was also für das 
unbestrittene postglaziale Alter des Magdaleniens 
gilt, gilt für das ganze Oberpaläolithikum. 

H i 1 b e r glaubt eine Lösung dadurch ge- 
funden zu haben, daß er die Schotterterrassen 
oder, wie er sie nennt, Baustufen, nicht in Eis- 
zeiten entstanden sein läßt. Da das Oberpaläo- 



lithikum nacheiszeitlich ist, so muß auch der 
Junglöß, welcher es enthält, nacheiszeitlicher Ent- 
stehung sein. Für die vielfach erwähnte Nicht- 
bedeckung der Niederterrasse durch Löß gibt es 
für ihn nur die Erklärung, daß dieser Löß älter 
ist als diese Terrasse. Da er aber wegen seines 
Magdaleniengehaltes nacheiszeitlich ist, muß es 
auch die (jüngere) Niederterrasse sein. In der 
Nacheiszeit haben sich also zuerst Löß und da- 
nach die Niederterrasse gebildet. 

Für das aus den Kulturen gefolgerte Alter 
des jüngeren Lößes sucht H i 1 b e r auch noch 
andere unmittelbare Beweise zu geben. Neue 
Analysen der Lößschneckenfauna ergaben nach 
ihm in der strittigen Frage nach dem Klima- 
charakter dieser Fauna deren gemäßigte Natur. 
Die entgegengesetzten Ergebnisse anderer Autoren 
sollen nach Hilber lediglich durch ausschließ- 
liche Berücksichtigung einzelner nordischer Arten, 
welche nach Hilber jedoch auch in nicht- 
glazialen Ablagerungen vorkommen sollen, ge- 
wonnen sein (?). Auch aus dem mehrfach be- 
obachteten Auftreten einer warmen Fauna 
zwischen zwei kalten im Löß will Hilber ein 
Zeichen für nichtglaziales, interstadiales Alter des 
jüngsten Lößes entnehmen. Es sei klar, daß das 
Intensitätsmaximum einer Klimaperiode in der 
Mitte der zugehörigen Ablagerung erscheinen 
müsse. Wenn Wiegers also den jüngeren Löß 
in drei Phasen, je eine kältere am Anfang und 
am Schluß, und eine wärmere in der Mitte ein- 
teile, so dürfe er dann nicht auf Eiszeit schließen, 
da dort die kalte Fauna in der Mitte stehen 
müßte. Es bleibe also weiter keine andere 
Deutung übrig als die, daß der Löß nicht glazial 
sei. Da der Löß ein Produkt klimatischer Fak- 
toren sei, müssen auch die älteren Löße nicht- 
glazial sein. Die Niederterrasse sei nach ihrer 
Nichtbedeckung durch den Löß nach diesem ge- 
bildet, also müsse sie ebenfalls postglazial sein. 

Die geologische Stellung des Paläolithikums 
denkt sich Hilber dann folgendermaßen: Chel- 
leen und das kulturell und faunistisch eng mit 
ihm verbundene Acheuleen gehören in die letzte 
Zwischeneiszeit, das Mousterien fällt als Kaltzeit 
in die jüngste Eiszeit und das ganze Oberpalä- 
olithikum gehört in die Nacheiszeit. 

Eine derartige Ansetzung löst gewiß „alle 
Schwierigkeiten" — aber diese Lösung geht nur 
zu glatt und zu einfach vor sich, als daß sie des- 
halb von vornherein als richtig gelten könnte. 
Schwerlich werden die Geologen von ihrer Seite 
aus der von Hilber gegebenen Ansetzung zu- 
stimmen. Das entscheidende Wort darüber liegt 
bei ihnen, ich will ihnen als Archäologe nicht 
vorgreifen. 

Zum Schluß nur noch eine kleine nebensäch- 
liche Bemerkung: Hilber schreibt ständig 
Chellean, Acheulean usw. Diese wohl als „Ver- 
deutschungen" gedachten neuen Formen sind 
sprachlich ebenso unschön wie durch nichts ge- 
rechtfertigt. Ich möchte deshalb dringend davon 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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abraten, sie etwa in die Literatur zu übernehmen 
und durch sie die alten französischen Fachaus- 
drücke ersetzen zu wollen. 

Wernigerode a. H. Hugo iWötefindt. 

Naturschutz in den Yereiuigten Staaten von 
Amerika. 

Im Jahresberichte 1919 des Nationalpark- 
dienstes zu Washington berichtet Direktor 
Stephan T. Math er über den Stand des Natur- 
schutzes in den Vereinigten Staaten von Amerika. 
Die Zahl der dort bestehenden Naturschutz- 
parks stieg im Jahre 1919 mit Errichtung des 
Canjonparks am Coloradofluß und des La Fayette- 
Nationalparks im Staat Maine auf 18. Dazu 
kommen noch 33 kleinere Naturdenkmäler, 
wovon 23 durch den Nationalparkdienst und 10 
durch das Ackerbauministerium verwaltet werden. 
Die gesamte Gebietsfläche der Naturschutzparks 
beträgt 27800 qkm, jene der Naturdenkmäler 
5000 qkm. Im Hauptlande der Vereinigten Staaten 
befinden sich 16 Naturschutzparks, außerdem 
je einer in Alaska und auf Hawaii. Östlich des 
Mississippi liegt nur ein einziger Naturschutz- 
park, nämlich der La Fayettepark in Maine. Es 
ist aber die Errichtung weiterer solcher Parks 
im Osten der Vereinigten Staaten zu erwarten; 
am meistenAussicht auf Verwirklichung scheint 
von den bestehenden Projekten jenes betreffend 
einen Naturschutzpark im Sanddünengebiet des 
Staates Indiana zu haben. 

Der erste von der Regieruag errichtete Natur- 
schutzpark war jener zu Hot Springs in Arkansas; 
sein Gebiet wurde schon 1832 reserviert. Erst 
1872 folgte dann der Yellowstone Nationalpark. 
Das erste Naturdenkmal, das unter den Schutz 
der Bundesregierung genommen wurde, ist die 
weltbekannte indianische Ruinenstätte von Casa 
Grande im Staat Arizona, nahe der mexikanischen 
Grenze ; ein diesbezügliches Gesetz kam 1 892 zu- 
stande. Dann folgte 1908 der sog. Teufelsturm 
im Staat Wyoming. 

Als Denkmäler der nordamerikanischen Indianer 
und ihrer Kulturen kommen besonders das Casa 
Grandegebiet und der Mesa Verde-Naturpark in 
Betracht, letzterer im Staat Colorado. Die Aus- 
grabungen im Mesa Verde-Park werden vom 
Direktor des Bureau of Ethnology am National- 
museum Dr. J. W. Fewkes geleitet, der auch 
die Rekonstruktion einer Anzahl alter Bauten 
ausgeführt hat. Außerhalb des Parkes, einige 
Kilometer westlich von seiner gegenwärtigen 
Grenze, befinden sich am Rande des Monte- 
zumatales die sog. Aztekenbrunnen-Ruinen, die 
von ihrem früheren Besitzer der Bundesregierung 
geschenkt wurden, um als nationales Denkmal 
erhalten zu werden. Auch im Nordwesten von 
Mesa Verde, im Hovenweepbezirk, liegen zahl- 
reiche indianische Ruinen, deren Schutz dringend 
geboten ist. 

Das Casa Grandenaturdenkmal und die weiter 



gegen die mexikanische Grenze zu gelegene 
Ruinenstätte von Tumacacori, die ebenfalls als 
Naturschutzgebiet erklärt ist, stehen unter Ver- 
waltung von Kustos P i n k 1 e y. Die Ausgrabungen 
sind an beiden Plätzen noch nicht weit vorge- 
schritten. Das Leben der Indianer der Gegen- 
wart ist ebenfalls in einigen Naturschutzparks zu 
beobachten, so im Grand Canyonpark des Colo- 
radoflusses, in dem großen Gletscherpark im 
Staat Montana (an der kanadischen Grenze) und 
anderwärts. 

Zu wichtigsten Aufgaben des Nationalpark- 
dienstes gehört der Schutz der einheimischen 
Tier- und Pflanzenwelt. Für wilde Tiere sind in 
den meisten Naturschutzgebieten musterhafte Zu- 
fluchtsstätten eingerichtet. Das ist notwendig, 
nicht nur weil zum Teil das Wild von den In- 
dianern abgeschossen wird, sondern auch, weil 
es der zunehmende Touristenverkehr noch mehr 
bedroht. Hatte doch 19 19 die Zahl der Besucher 
schon 755000 betragen, verglichen mit 253000 
1913 und 61000 1907. Bei Haus- und Wege- 
bauten usw., die im Interesse der Erschließung 
der Naturschutzgebiete für den Verkehr not- 
wendig sind, wird stets strenge darauf Bedacht 
genommen, den natüriichen Zustand der Land- 
schaften so wenig wie möglich zu stören. Wo 
in der Vergangenheit gegen diesen Grundsatz 
verstoßen wurde, ist der Naturparkdienst bestrebt, 
die ursprünglichen Verhältnisse wieder herzu- 
stellen. Direktor Math er regt an, daß die Natur- 
schutzgebiete in Zukunft mehr wie bisher für 
Studienzwecke seitens der Hochschulen, aber auch 
von Einzelpersonen, ausgenutzt werden sollen. 

H. Fehlinger. 

Die Natur des roten Farbstoffes der 
Crustaceen 

ermittelte der Franzose J. V e r n e. ') Der P arb- 
stoff, der in besonderer Menge und Reinheit 
beim Hummer in nahezu allen gepanzerten 
Teilen seines Körpers angetroffen wird, gab mit 
Jod eine veilchenfarbige Anlagerungsverbindung, 
mit Schwefelsäure eine Blaufärbung. Das Ab- 
sorptionsspektrum wurde für die Identifizierung 
entscheidend. Es wies nämlich alle die Absorp- 
tionsstreifen auf, die man auch am Carotin 
festgestellt hat. Dieser Farbstoff ist bekanntlich 
sehr verbreitet; es ist der Farbstoff" der Mohr- 
rübe, des Eigelb, -) sowie manch anderer kress- 
farbiger usw. Pigmentierungen Seine Überein- 
stimmung mit dem Crustaceenpigment wird außer 
den genannten Farbenreaktionen auch durch die 
chemische Elementaranalyse erwiesen. Danach 
ist in ihm das Verhältnis von Kohlen- zu Wasser- 
stoff" wie 5:7. Das ergibt in Verbindung mit 
ebuUioskopischen Bestimmungen die Bruttoformel 
CjoHse. die von WiUstätter für das Carotin 
sichergestellt ist. 

') C. r. de la Soc. de Biologie; 83, S. 963 (1920). 
'') Vgl. Naturw. Wochenschr., N. F. 17, S. 545 (1918). 



56 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 4 



Da das Chlorophyll, der Farbstoff des 
Blattgrüns, auch im Tierreich festgestellt worden 
ist,') so liefert der oben beschriebene F"und einen 
neuen Beleg für die Übereinstimmung einer 
ganzen Reihe physiologischer Bestandteile im 
Pflanzen- und Tierreich. Die biologische Be- 
deutung dieser Erkenntnis bedarf keines be- 
sonderen Hinweises. H. H. 

Atomgewicht von Wismut. 

O. Hönigschmidt und L. Birckenbach 
machen über diese Bestimmung eine vorläufige 
Mitteilung, -) aus der hervorgeht, daß der bisher 
international geltende Wert Bi = 208,o als erheb- 
lich falsch angesehen werden muß. Dieser Wert 
beruht auf Bestimmungen, die von Schneider, 
Marignac (1883) und Gutbier (1908) gemacht 
wurden und denen man unbesehen trauen zu 
dürfen glaubte, weil die von den Genannten ge- 
fundenen Werte bis auf geringe Abweichungen 
gut miteinander übereinstimmen. Nun fand zwar 
C lassen^) bereits 1890 einen Wert, der von 
den anderen um nahezu eine Einheit abwich, 
nämlich Bi =^ 208,9, «^ber da dieser Wert einzig 
dastand, so fand er überhaupt keine weitere Be- 
achtung. Ja, Brauner, dem man eine peinliche 
Durchsicht aller Alomgewichtswerte verdankt, *) 
ging so weit, die Sicherheit des international an- 
genommenen Wertes als bis auf eine Einheil 
der ersten Dezimale anzunehmen ! 

Die Analyse Hönigschmidts wurde am 
Chlorid und Bromid vorgenommen. Reinstes 
Wismut wurde in einem Quarzgefäß durch Er- 
hitzen im Chlorstrom in das Chlorid überführt. 
Dieses wurde in einem Stickstoffstrom in ein 
anderes Quarzgefäß sublimiert und darin einge- 
schmolzen zur Wägung gebracht. Aus dem so 
gewogenen Chlorid wurde alsdann unter Ver- 
wendung reinster Reagentien und Beobachtung 
allergrößter Exaktheit mittels Silbernitrat das 
Chlor bestimmt. Aus dem Verhältnis Wismut- 
chlorid : Chlor konnte der wahre Wert des Atom- 
gewichtes ermittelt werden. Als Mittelwert zahl- 
reicher Bestimmungen ergab sich so der Wert 
Bi = 209,06 ± 0,009. 

In vorzüglicher Übereinstimmung hiermit er- 
gab die Analyse des Bromids die Größe 209,034. 
Diese Werte weichen mithin um eine Einheit 
von dem bisher als richtig angesehenen Werte 
ab; der neue Wert, an dessen Richtigkeit zu 
zweifeln zunächst kein Grund vorliegt, ist also um 
nicht weniger als 0,5% höher. Da der Wert 
Classens ihm recht nahe kommt, so findet 
dieser damit eine sicherlich unerwartete Recht- 
fertigung. Im übrigen beweist dieser Fall wiederum. 



•) Naturw. Wochenschr., N. K. 18, S. 303 (1919). 

'') Sitzungsberichte d. Bayr. Akad. d. Wissensch. ; Math.- 
Phys. Kl.; 1920, S. 83. Ausführliche Mitteilung: Zeitschr. (. 
Elektrochemie 26, S. 403 (1920). 

') Ber. d. d. Chem. Ges. 23, S. 938 (1890). 

*) Vgl. A b e g g , Handb. d. anorg. Chemie. Leipzig 1 907 fl. 



daß auch in den exakten Wissenschaften nicht 
die Mehrheit ausschlaggebend gemacht werden 
sollte, daß auch hier gut begründete Annahmen 
nie sicher sind, eines Tages von den besser be- 
gründeten abgelöst zu werden. H. Heller. 



Gletscherbewegungen in der Schweiz 
im Jahre 1919. 

Seit 191 3 wurde in der Schweiz, ähnlich wie 
in den österreichischen Alpen (vgl. für diese den 
Bericht von Brückner in der Zeitschrift für 
Gletscherkunde, 10. Bd. 1916, S. 137) der Wieder- 
beginn des Vorrückens der Gletscher festgestellt, 
nachdem sie sich seit 1888 im Rückzug befunden 
hatten (vgl. die Berichte in den Jahrbüchern des 
Schweizerischen Alpenklubs; die folgenden An- 
gaben für das Jahr 191 9 sind zum Teil einer vor- 
läufigen Notiz im Bulletin de la Societe Vaudoise 
des Sciences Naturelles, Vol. 53, Nr. 198 ent- 
nommen). Das Vorrücken machte sich im Jahre 
1919 viel stärker als im Vorjahre bemerkar: von 
100 beobachteten Gletschern befanden sich 69 
im Zunehmen (1918: 46,5), 4 waren stationär 
(1918: 14), und 27 (1918: 39,5) im Abnehmen. 
Speziell im Kanton Wallis zeigten von 18 be- 
obachteten Gletschern 9 einen Vorstoß, 8 ein 
Zurückweichen, nur einer (der Mont- Fort- Gletscher 
im Nendaztal) blieb stationär. Am stärksten, 
nämlich um 25,30 m, ging der Zinalgletscher 
zurück ; die Vorstöße dagegen erreichten viel be- 
trächtlichere Werte, z. B. beim Trientgletscher 
im schweizerischen Teil des Montblancmassives 
31 m, beim oberen Grindelwaldgletscher 55 m, 
beim Blattengletscher im Lötschental sogar 67 m. 
Das Vordringen der Gletscher erfolgte oft mit 
großer Heftigkeit: Felsen und Erdreich mit den 
darauf stehenden Bäumen wurden mitgerissen und 
Gebäude zerstört, z. B. eine Steinbrücke durch 
den oberen Grindelwaldgletscher. 

Im großen und ganzen scheinen sich die 
Gletscherschwankungen ziemlich gut in die von 
Brückner (vgl. Klimaschwankungen seit 1700. 
Pencks Geogr. Abhdl. IV, 2, 1890) aufgestellte 
35 jährige Periode der Klimaschwankungen zu 
fügen ; die Zeiträume des Vorrückens umfassen in 
der Schweiz im vergangenen Jahrhundert die 
Jahre 1811 — 1822; 1840—1855; 1870—1888, und 
seit 191 3. Auch regenreiche Jahre mit zahl- 
reichen Bergstürzen folgen sich annähernd peri- 
odisch: 1816, 1846, 1876/78, 1908/10. Immerhin 
scheint die Periode mit 35 Jahren etwas zu groß 
zu sein; ein Zeitraum von 30 — 33 Jahren würde 
den Tatsachen besser entsprechen. — Für die 
Gletscher von Chamounix hat Mouzin (Etudes 
glaciologiques en Savoie, T. II, Paris 1910) eine 
Periode von 105 — 106 Jahren (also ein Vielfaches 
von 35) gefunden; hiernach wäre das mittlere i 
Maximum des gegenwärtigen Vorrückens im 
Jahre 1925 zu erwarten. 

Zürich. . M. Schips. S 



N. F. XX. Nr. 4 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



57 



^ 



Biologie und Anatoiiiie einiger 
Enchyträiden. 

Hierüber wurden in jüngster Zeit von Georg 
Jegen in der Vierteljahrsschrift der Naturforschen- 
den Gesellschaft in Zürich (65. Jahrg. 1920, S. 100 bis 
208) eingehende Untersuchungen veröffentlicht. 
Die Enchyträiden sind bekanntlich kleine (kaum 
einige Millimeter lange) Oligochäten, die im 
Boden und in Blumentöpfen (daher der Name, 
von chytra = Topf) oft in ungeheuren Mengen 
gefunden werden. Die Tatsache, daß sich die 
Enchyträiden häufig in absterbenden Pflanzen 
bzw. Pflanzenteilen vorfinden, legt die bisher all- 
gemein für richtig gehaltene Ansicht nahe, daß 
es sich um pathogene Parasiten handle. Es er- 
gaben aber Untersuchungen von erkrankten 
Pflanzen, die weiter noch durch Infektionsver- 
suche bestätigt wurden, daß die Enchyträiden 
nur bedingt als pathologisch angesehen werden 
dürfen. Die Krankheit der Versuchspflanzen war 
nämlich nicht durch die Enchyträiden, sondern 
durch Nematoden [Tylcnchiis devastatrix und 
Aphclctichys oniicroidcs) hervorgerufen ; die Enchy- 
träiden dringen den Älchen nach, wobei sie hem- 
mend auf die Ausbreitung der Nematoden ein- 
wirken und, sofern die Schädigung der Pflanze 
einen bestimmten Grad noch nicht überschritten 
hat, die Gesundung der Pflanze herbeiführen. 
Dabei bringen die Enchyträiden die Nematoden 
sehr wahrscheinlich durch Absonderung eines 
Verdauungssekretes zum Absterben, indem sie 
deren Körper in eine schleimige Masse auflösen 
und diese dann als Nahrung aufnehmen. Sind 
aber die Pflanzenteile durch die Älchen schon in 
erheblichem Maße geschädigt, dann werden nicht 
nur die Älchen, sondern auch die Pflanzenzellen 
selbst durch die Drüsenabscheidung der Enchy- 
träiden zersetzt, wodurch natürlich der Untergang 
der erkrankten Pflanze beschleunigt wird. Im 
Boden selbst dringen die basisch reagierenden 
Drüsensäfte leicht in abgestorbene, pflanzliche 
Gewebe ein und schaffen so für die Fäulnis- 
erreger günstige Existenzbedingungen. Es sind 
also die Enchyträiden nicht als Schädiger, sondern 
als Förderer des Pflanzenwuchses (bzw. der Humus- 
bildung) anzusehen, indem sie, freilich in anderer 
Weise als die Regenwürmer, an der ständigen 
Umsetzung des Bodens sich aktiv beteiligen. 
Tatsächlich sind denn auch fruchtbare Böden sehr 
reich an Enchyträiden (Jegen fand im Humus- 
boden je nach Jahreszeit 11 800— 150 000 Indi- 
viduen auf den Quadratmeter), während sie in 
unfruchtbaren Ton- und Lehmböden fast ganz 
fehlen. 

Die anatomischen Untersuchungen erstreckten 
sich besonders auf die Verdauungs- und auf die 
Fortpflanzungsorgane. Dabei stellte sich heraus, 
daß die inneren Organe je nach dem Alter des 
Individuums in weiten Grenzen voneinander ab- 
weichen. Es lassen sich Jugendstadium, Reife- 
stadium und Altersstadium unterscheiden. Im 



Jugendstadium zeigen besonders die Ge- 
schlechtsorgane, dann auch das Blutgefaßsystem, 
das Nervensystem und die Segmentalorgane ganz 
larvalen Charakter und können leicht in syste- 
matischer Beziehung zu I äuschungen Veranlassung 
geben. In diesem Stadium ernähren sich die 
Tiere vorwiegend von pflanzlichen Stoffen (faulende 
Pflanzenreste aus dem Boden), während die älteren 
Individuen ihre Nahrung, wie die Regenwürmer, 
der Erde selbst entnehmen. Das Alters- 
stadium ist charakterisiert durch den Zerfall 
besonders der Geschlechtsorgane. Für die syste- 
matische Einteilung dürfen nur die Merkmale der 
reifen Tiere verwendet werden; da dies bis 
jetzt nicht immer geschah, ist die Systematik der 
Enchyträiden ziemlich schwankend; vor allem 
sollten die inneren, stark veränderlichen Organe 
bei der Aufstellung des Systems möglichst wenig 
benutzt werden ; ihre Heranziehung für die Syste- 
matik erscheint aber auch gar nicht nötig, da die 
äußeren Merkmale, welche sich besonders auf das 
Borstenfeld (Borstentaschen), auf die Zahl, Form 
und Anordnung der Borsten und auf die Zahnung 
der Mund- und Kopflappen beziehen, zur Fest- 
stellung des Systems der Enchyträiden genügen. 
Zürich. Dr. M. Schips. 

Tönen der Telegraplien- und Fernsprech- 
leitungen. 

Aus Beobachtungen zweier Linien entgegen- 
gesetzter Richtung ermittelte H. Tietgen (Das 
Wetter 1920, S. 26) folgende Tatsachen: Das 
Tönen ist unabhängig vom Wind (bei Windstille 
ist es vielfach am heftigsten), von der Tempe- 
ratur (relativ heftiger bei niedrigen Temperaturen 
infolge der größeren mechanischen Spannung der 
Drähte) und den Tageszeiten (es tritt tagsüber 
wie nachts, morgens wie abends auf). Es tönen 
die an beiden Enden geerdeten und ungeerdeten 
Leitungen, bei sehr heftigem Tönen läßt sich 
häufig eine Grundschwingung von etwa 5 per/sec. 
feststellen, dabei tönen die Linien entgegengesetzter 
Richtung (N — S, — W) mit wesentlicher Inten- 
sität nie gleichzeitig, tönen sie zu gleicher Zeit, 
so geschieht es mit geringer Intensität und wenig 
auffallend. Nicht zu ermitteln ist ein fester Zu- 
sammenhang des Tönens mit dem Barometerstand, 
doch hat das Tönen der einen oder anderen 
Linie stets einen Witterungswechsel im Gefolge, 
welcher fast immer innerhalb der auf das Tönen 
folgenden nächsten zwei Tage eintritt, und zwar 
ist aufklärendes, heiteres, sog. schönes Wetter zu 
erwarten, wenn die N-S-Linie tönt, Trübung der 
Atmosphäre und Niederschläge aber beim Tönen 
der 0-W-Linie. Die Schroffheit und Heftigkeit 
des Wetterumschlages ist proportional der Stärke 
des Tönens, wieder einsetzendes Tönen der Drähte 
deutet auf weitere Verschärfung des eingetretenen 
Wetterzustandes, andernfalls nach Eintritt des- 
selben völlige Beruhigung der Drähte. Tietgen 
erklärt die das Tönen verursachenden Schwin- 



58 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 4 



gungen der Drähte magnetischer Natur, 
denn er hatte bei den Beobachtungen stets die 
Empfindung, als „ob die Drähte von mag- 
netischen Kraftl inien geschnitten wür- 
den oder magnetische Kraftlinien 
schneiden, wenn sie tönen". Letzteres 
könnte der Fall sein infolge der Erdbewegung, 
und die magnetischen Vorgänge wären kosmischer 
Natur. Dr. Bl. 

Verdunstung auf dem Meere. 

Unter diesem Titel erschien kürzlich eine Ar- 
beit von Dr. G. Wüst in den „Veröüfentlichungen 
des Instituts für IVIeereskunde an der Univ. Berlin. 
N. F. A. Geogr. naturw. Reihe Heft 6, mit 1 1 Fig.' 
im Text, Berlin 1920", welche die Versuche zur 
direkten Bestimmung der Verdunstung auf dem 
Ozean zusammenfaßt und dabei besonders das 
Beobachtungsmaterial verwertet, daß auf deutschen 
Schiffen von 191 1 bis 19 13 gesammelt worden 
ist. Als Verdunstungsgefäß dienten, wie bei den 
bekannten Lütgensschen Messungen, zylindrisch 
geformte Glasgefäße, die ein Volumen von 
2,4 cdm besaßen und möglichst gleichmäßig bei 
allen Beobachtungsreihen montiert worden waren. 
Die Analyse der Wasserproben, wobei die Ver- 
dunstungshöhe aus der Salzgehaltszunahme er- 
mittelt wurde, geschah allerdings oft erst mehrere 
Jahre nach der Ermittlung im Laboratorium, doch 
war Vorsorge getroffen, daß eine Änderung im 
Salzgehalt zwischen Entnahme und Titrierung in- 
zwischen nicht eintreten konnte. 

Als weitaus wichtigste Energiequelle für die 
Entstehung der Verdunstung stellt sich die Strah- 
lung heraus, an zweiter Stelle ist die Geschwindig- 
des Windes zu nennen. Bei 50 km/Stunde erwies 
sich die Verdunstung im Durchschnitt 6 mal 
größer als bei Windstille, und schon bei 10 km- 
Stunde doppelt so groß. Damit steht im engsten 
Zusammenhang das Ergebnis eigener Studien, die 
W. in der Ostsee durchführte, daß nämlich die 
Verdunstungsgröße an der IMeeresoberfläche eine 
im ganzen um 44 "/o geringere Verdunstung 
zeigen würde, als an Bordhöhe, obwohl der Unter- 
schied im Durchschnitt nur 6 m betrug. Die 
Windgeschwindigkeit nimmt nämlich in geringer 
Höhe über dem Horizont schon sehr schnell zu. 
Sehr sorgfältig werden von dem Verf der Einfluß 
der Lufttemperatur, des Luftdrucks, des Salzgehalts, 
der Luftbewegung, endlich der Größe und der 
Aufstellung des Gefäßes erwogen, so daß er glaubt, 
instand gesetzt zu sein, aus den Ergebnissen der 
Messungen im Beobachtungsgefäß auf die Ver- 
dunstung über dem freien Meer schließen zu 
können, ein Resultat, das bekanntlich bei Messun- 
gen der Verdunstungsgröße auf dem Festland 
noch lange nicht erreicht ist. 

Während W. Schmidt zu einer mittleren 
tatsächlichen Verdunstung des Weltmeeres von 
2,07 mm;24'^ oder 76 cm/Jahr gelangte, wobei er 
in der Hauptsache sich auf die bekannten Ergeb- 



nisse der Lütgensschen Beobachtungen stützte, 
ergibt sich aus den Wüst sehen Berechnungen 
eine mittlere Verdunstung von 2,24 mm/24i' oder 
82 cm/Jahr, also ein etwas höherer Betrag, wobei 
die Fehlergrenze etwa + 12 % beträgt. Für die 
Kalmen erhielt W. nur fast 45 "/^ höhere Werte 
als Schmidt, während in den Passaten nahezu 
Übereinstimmung besteht; in den Nordbreiten 
findet er höhere Werte als für die entsprechenden 
Zonen der Südhalbkugel, während die Auffassung 
von Schmidt das Gegenteil ergab. Die zonalen 
Unterschiede der Verdunstung sind im Weltmeer 
schwächer ausgeprägt als im Atlantischen Ozean. 
Dennoch ist wegen des verhältnismäßig großen 
Anteils der . verdunstungsarmen Polarmeere der 
Mittelwert für den Atlantischen Ozean (2,18 mm/ 
24'') kleiner als für das ganze Weltmeer. Die 
Maxima der Verdunstung im Weltmeer liegen 
zwischen 20 — 10" n. Br. und 10 — 20" s. Br., die 
Minima natürlich in den Polargebieten, sie er- 
scheinen gegen die Maxima des Salzgehalts um 
10 — 15" Breite gegeneinander verschoben, jeden- 
falls eine Folge des Einflusses der Niederschläge. 
Da wir über seine absoluten Beträge noch immer 
sehr mangelhaft unterrichtet sind, verzichtet W. 
darauf, auf seine Verdunstungsergebnisse die Bilanz 
des Wasserhaushaltes auf der Erde aufs neue zu 
ziehen, sondern verschiebt sie auf die Zeit, bis wir 
über die Niederschlagsverhältnisse auf dem Ozean 
genauer unterrichtet sein werden. 

Halbfaß. 



Die Löß- und Schwarzerdeböden Rheinhessens. 

Kürzlich hat Victor Hohenstein in den 
Mitt. d. Oberrhein. Geol. Vereins N. F. Bd. IX, 1920, 
über dieses Thema Untersuchungen veröffentlicht. 

In regionalen bodenkundlichen Arbeiten ist es 
zweckmäßig, der Beschreibung der Böden eine 
kurze Charakteristik des geologischen Aufbaues, 
der Morphologie, des Klimas, der Flora und der 
Anbauverhältnisse des betreffenden Gebietes voran- 
gehen zu lassen. 

Am geologischen Aufbau Rheinhessens 
beteiligt sich hauptsächlich das Tertiär, das Dilu- 
vium und das Alluvium, im SW und W als 
Liegendes auch noch das Rotliegende. Das Dilu- 
vium setzt sich aus Schottern und Sanden, sowie 
vor allem aus Löß zusammen, welcher eine bis 
mehrere Meter mächtige Decke auf den Hoch- 
flächen und besonders an den Abhängen (10 — 20 m 
gegen das Rheintal) bildet und damit zur hohen 
Fruchtbarkeit und intensiven Nutzung des rhein- 
hessischen Bodens wesentlich beiträgt. 

In engem Zusammenhang mit dem geologi- 
schen Aufbau steht der Landschaftscharak- 
ter. In mehreren Stufen steigt das rheinhessische 
Plateau zu einer größtenteils über 200 m über 
NN liegenden welligen Hochfläche an, die im SW 
häufig Höhen von 300 m über NN erreicht. 

Das Klima Rheinhessens ist günstig. Die 
Niederschlagshöhe beträgt 450—500 mm, die 



i 



N. F. XX. Nr. 4 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



59 



mittlere Jahrestemperatur 9 — 10" C. Rheinhessen 
gehört somit zu den trockensten und wärmsten 
Gebieten Deutschlands. 

Die Anbauverhältnisse Rheinhessens 
stehen ganz im Zeichen einer intensiven Kultur. 
Auf den Ackerbau entfallen 75 %. Hauptbrot- 
frucht ist Roggen, Weizen tritt zurück. Mangels 
an Wiesen und Weiden wird viel Luzerne und 
Esparsette angebaut. Wein nimmt 10 "/o '^^'^ 
landwirtschaftlich genutzten Fläche ein. In be- 
sonderer Blüte und Pflege steht der Obstbau; 
riesige Walnußbäume sind nicht selten. Die 
Dörfer und Landstraßen tragen reichlichen Baum- 
schmuck. Wald ist von Natur her sehr spärlich 
vertreten. In der rheinhessischen Flora, beson- 
ders aber in der Sandflora von Mainz sind charak- 
teristische weitverbreitete Typen der osteuropäisch- 
asiatischen Steppengebiete vertreten, wie Adonis 
vernalis, Gypsophila fastigiata, Stipa capillata und 
pennata usw. 

Die Unterlage der rheinhessischen Löß- und 
Schwarzerdeböden bildet der Löß, welcher wie 
anderwärts charakteristisch als gelber bis gelb- 
brauner kalkhaltiger Staubsand ausgebildet ist und 
durch sein außerordentlich feines gleichmäßiges 
staubartiges Korn ausgezeichnet ist. Der Gehalt 
an Feinboden (unter 2 mm) beträgt im Mittel 
98 — 99 "/q. Auf den Staub (0,05 — 0,01 mm) allein 
entfallen etwa 50 "/„. Der Kalkgehalt beträgt im 
Mittel 13 "/o; 8— 9 "/j sind seltene Ausnahmen, 
doch kann er auch auf 18 "jg ansteigen. Die 
Wasseraufnahmefähigkeit erreicht im Maximum 
48 Vol.-7o. 

Die Lößböden nehmen in Rheinhessen weite 
Gebiete ein und sind durch hervorragend günstige 
physikalische Eigenschaften ausgezeich- 
net: feinkörnig, lehmig, schwach humos, licht- 
braun, warm, wegen des Kalkgehaltes gut krümelig, 
deshalb sehr leicht bearbeitbar und nicht ver- 
krustend. Die Wasserfassung ist groß, so daß 
die Lößböden einerseits reichliche Wassermengen 
aufspeichern können, andererseits auch wieder 
dieselben bei langanhaltenden Trockenperioden 
an die Vegetation abgeben können, was bei der 
geringen Niederschlagshöhe von besonderer Be- 
deutung ist. Die Absorptionskraft für Nährstoffe 
ist eine gute. Nicht so günstig sind wie bei 
allen Lößböden die chemischen Eigen- 
schaften, die indessen hier noch verhältnis- 
mäßig gute sind, da infolge der geringen Nieder- 
schlagshöhe die Auswaschung sehr gering ist. 
Der beste Maßstab dafür ist der hohe Kalkgehalt, 
der im Mittel 5 % beträgt. 

Die rheinhessische Schwarzerde ist eine 
dem russischen Tschernosem entsprechende klima- 
tische Bodenart von 50 — 60 cm Mächtigkeit und 
schwarzbrauner Farbe, welche nach unten allmäh- 
lich in einen dunkelbraun bis hellbraun ge- 
sprenkelten Horizont und schließlich in den Löß 
übergeht. Sie ist in einem nacheiszeitlichen, 
trockenen steppenartigen Klima bei fortgesetzter 
Anreicherung von chemisch ausgefälltem Humus 



aus den langsam verwesenden Resten einer üppi- 
gen und gut bewurzelten Gras- und Kräuter- 
vegetation hervorgegangen. Ihre Eigenschaften 
sind ganz hervorragende, vielleicht noch etwas 
besser als jene der Lößböden: schwarzbraun, gut 
krümelig, tiefgründig, leicht bearbeitbar, kalkhaltig, 
sehr warm und nährstoffreich. Die Schwarzerde 
besteht aus reichlichen Wurmkrümeln, ebenso 
reichen senkrechte Regenwurmgänge bis 2 m 
Tiefe. Nicht selten kommen in der Schwarzerde 
wie auch in dem dicht anschließenden Löß runde 
oder ovale Tierlöcher von Wühlern, vor allem 
dem Hamster vor, welche mit Schwarzerde oder 
Lößmaterial oder beidem gemischt angefüllt sind. 

Unter der normalen Oberflächenschwarzerde 
ist in der ausgedehnten Lehmgrube der Dampf- 
ziegelei von Herrn Gebrüder Schnell am Bahn- 
hof in Sprendlingen dem etwa 8 — 10 m mächtigen 
Löß ein 30 — 100 cm mächtiger Horizont von „be- 
grabener Schwarzerde" in 4 m Tiefe eingelagert. 
Diese begrabene Schwarzerde zeigt weitgehende 
Übereinstimmung mit der Oberflächenschwarzerde. 
Auch hier sind Hamsterlöcher, Regenwurmgänge 
und -krümel häufig, woraus hervorgeht, daß die 
begrabenen Schwarzerdeböden dereinst echte 
Oberflächenböden waren und von Löß wieder 
eingedeckt wurden. Ähnliche Böden hat Verf. in 
der Provinz Sachsen nachgewiesen, außerdem 
kommen sie in Rußland und Kanada vor. 

Die rheinhessische Schwarzerde bildet sich 
unter der augenblicklichen landwirtschaftlichen 
Betriebsweise nicht mehr. Sie ist als Reliktboden 
eines trockenen kontinentalen Steppenklimas auf- 
zufassen, das an der Wende vom Diluvium zum 
Alluvium geherrscht hat. Die rheinhessische 
Schwarzerde bedeckt eine Fläche von 200 qkm. 

Auf Grund der agrogeologischen Untersuchun- 
gen muß angenommen werden, daß die rhein- 
hessischen Löß- und Schwarzerdeböden von 
Natur waldfrei waren. Es sind vortreffliche Acker- 
böden, die sich durch leichte Bearbeitbarkeit und 
große Fruchtbarkeit auszeichnen; auf ihnen ge- 
deihen alle Feldfrüchte gut. Roggen, Gerste und 
Luzerne werden besonders häufig angebaut. 

V. Hohenstein, Halle. 



Die Endmoräiieu der Hauptvereisung 

zwischen Teutoburger Wald und Klieiuischem 

Schiefergebirge 

behandelt R. Bärtling in einer interessanten 
Arbeit, welche in der Zeitschr. d. Deutschen 
Geolog. Ges., Monatsber. Nr. i — 3, 72. Bd. 1920, 
erschienen ist. 

Den langwierigen Untersuchungen zahlreicher 
Geologen der Preuß. Geol. Landesanstalt ist es 
gelungen, den Verlauf der Endmoränen im Rand- 
gebiete des größten Eisvorstoßes auch für Rhein- 
land und Westfalen festzustellen. Während sie 
auf der linken Rheinseite bei verhältnismäßig 
flachem Gelände als große, das ganze Landschafts- 
bild beherrschende Bergzüge erscheinen, sind sie 



6o 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 4 



dagegen im Hügellande rechts des Rheines zu 
mehr oder weniger undeutlichen Resten aufgelöst, 
deren Zusammenhang durch die Bergzüge des 
alten Gebirges, sowie durch die starke Löß- 
bedeckung verschleiert wird. 

Auf der linken Rheinseite endigt der süd- 
lichste Endmoränenzug in der Gegend von 
Krefeld. Von da ab fehlt jede Spur, da der 
Rhein die Reste zerstört oder überschüttet hat. 
Erst wieder im Gebiete der Saarner Mark auf der 
rechten Rheinseite konnten sie unter den Ablage- 
rungen der Rheinniederterrasse als mächtige lokale 
Blockpackung festgestellt werden, deren Untergrund 
(,, Flözleeres") deutliche Glazialschrammen zeigte. 
Ihre Fortsetzung finden diese Endmoränen der 
Ruhr entlang in dem großen die Stadt Essen in 
weitem Umkreis umziehenden Essener End- 
moränenbogen. Daran reiht sich der um die 
Stadt Bochum verlaufende Bochumer End- 
moränenbogen, der hauptsächlich aus sehr 
mächtigen, vorwiegend feinsandigen Ausschüt- 
tungen besteht. Nach einer Unterbrechung durch 
Karbon- und Kreidehöhen folgen ostwärts bei 
Dorstfeld mächtige Blockpackungen. Der an- 
stoßende Dortmunder Bogen erstreckt sich 
über die Stadt Horde bis östlich von Holzwickede. 
In der Hörder Endmoräne überwiegt ein- 
heimisches Karbon, in der Holzwickeder 
Endmoräne hauptsächlich Oberer Turonmergel. 
Stark nach Süden ausbiegend folgt nun in einem 
sehr flachen Bogen die Unnaer Endmoräne. 
Unsere Kenntnisse \on der weiteren östlichen 
F'ortsetzung sind sehr dürftig. Aus dem Vor- 
kommen der Grundmoräne südlich der Städte 
Soest, Lippstadt und Paderborn, sowie der dünnen 
Bestreuung mit vereinzelten nordischen Blöcken, 
die bis auf die Höhe des Haarstrangs hinauf- 
gehen, wissen wir, daß die Endmoräne in der 
Nähe der Kammlinie des Haarstrangs gelegen 
haben muß, daß aber der Kamm wahrscheinlich 
frei vom Eise blieb, wie man dies wohl auch 
vom südlichsten höchsten Teile des Teutoburger 
Waldes annehmen muß. 

Im Hinterlande dieser Endmoränen liegen 
weit ausgedehnte eintönige Grundmoränen, die 
erst wieder durch die erste Rückzugsstaft'el in der 
Gegend von Münster eine Unterbrechung er- 
fahren. Hier verläuft der große Endmoränen - 
bogen von Münster, an den sich nach 
Norden bis in die Gegend von Rheine der 
Neuenkirchener Bogen anschließt, dann die 
Emsbürener Endmoräne und die Lohner 
Berge, während nach Süden der Beckumer 
Endmoränenbogen sich hinzieht. In der 
Münsterschen Endmoräne fehlen Blockpackungen 
fast ganz. Ihre Oberflächenformen sind wenig 
frisch und überaus verwischt, so daß man an- 
nehmen muß, daß hier eine Gleichgewichtslage 
zwischen Nachschub und Zurückschmelzen des 
Eisrandes bestand. Der Rückzug vollzog sich 
ungleichmäßig und zwar im westlichen Teile von 
West nach Ost schneller (90 km) als gleichzeitig 



im östlichen Teile von Süd nach Nord (25 km). 
Vermutlich ist hier der Einfluß der See oder gar 
des Golfstromes bemerkbar, wie das auch bei 
später gebildeten Endmoränen, wie der schleswig- 
holsteinischen, der Fall ist. 

Beim weiteren Zurückschmelzen des Eises 
kam es in Westfalen nochmals zur Aufschüttung 
einer bedeutenden Endmoräne zwischen den süd- 
lichsten Kuppen und Kämmen des Teutoburger 
Waldes. Sie ist vor allem bei Lengerich, Lienen, 
Iburg, Hilter und Borgholzhausen beobachtet. 
Der Eisrand fiel lange mit den südlichsten 
Kämmen des Teutoburger Waldes zusammen, so 
daß nördlich des Gebirges die Grundmoränen, 
südlich der Kammlinie dagegen glaziale Sande 
{Schmelzwasserabsätze) vorherrschen, die sich in 
fast allen Schluchten bis nahe an die Kammlinie 
hinaufziehen. Auffallend ist dieser Gegensatz im 
Landschaftsbild: auf der Nordseite fruchtbare 
Grundmoränenflächen, auf der Südseite dagegen 
eintönige Heidesandflächen. 

Für die Art der Ausbildung der End- 
moränen war der Einfluß des Untergrundes 
und der Gebirge von ganz besonderer Be- 
deutung. In Holland herrscht der Typ der Stau- 
moränen vor, welche in Westfalen fehlen und 
hier durch Sandaufschüttungen und Blockpack- 
ungen vertreten werden. Nach Ansicht von 
Bärtling hat das Eis den Teutoburger Wald 
beim ersten Vorstoß größtenteils überschritten, 
während es sich dem Gebirgsrand des Rheinischen 
Schiefergebirges und des Haarstrangs anpassen 
mußte. Der Einfluß des Teutoburger Waldes mit 
seinen geschlossenen quer zur Stromrichtung des 
Eises verlaufenden Kämmen zeigt sich besonders 
in der Ausbildung der südlichsten Endmoräne auf 
der rechten Rheinseite, während links des Rheines 
und vor allem in Holland, wo keine derartigen 
Hindernisse bestanden, größere und geschlossene 
Endmoränen zur Ausbildung gelangten. Wo das 
Inlandeis ungehindert vordringen konnte, waren 
die Wirkungen wesentlich größer als dort, wo 
ein geschwächtes Eis im Lee oder wie Bärtling 
es treffend nennt, im „Eisschatten" des Teuto- 
burger Waldes erst noch die Höhen des Haar- 
strangs und der Grafschaft Mark hinaufsteigen 
mußte. Je höher die vorgelagerten Kämme, 
desto geringer die Ausbildung der südlichen End- 
moräne. Aber auch bei der Münsterschen End- 
moräne zeigt sich ein ähnliches Bild, indem ihre 
Fortsetzungen in den Lohner Bergen bedeutender 
sind, als die Sandrücken im Innern des Beckens. 

Die Wirkungen des Eises und vor allem 
seiner Schmelzwässer auf den Untergrund 
beobachtete Bärtling im Gebiete zwischen 
Rhein und Dortmund. Das untere Ruhrtal be- 
stand damals ebensowenig wie das Rheintal. Vor 
dem Herannahen des Eises verlief das Ruhrtal 
von der Quelle bis Witten wie heute; bei Witten 
aber brach die Ruhr nach Norden durch und 
schüttete mächtige Flußschotter auf den flachen 
Kreidehöhen des Gebirgsvorlandes im Gebiete 



N. F. XX. Nr. 4 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



6i 



zwischen Witten, Kastrop, Herne und Essen auf. 
Sie sind erheblich älter als das Eis, welches 50 m 
tief in diese Geröllablagerungen eingeschnittene 
Täler vorfand. Die Ausräumung dieser Täler hat 
entweder während der ersten Eiszeit oder in der 
ersten Interglazialzeit stattgefunden. Hernach 
sind die Täler wie die Höhen mit den Grund- 
moränen des vordringenden Inlandeises bedeckt 
worden. Das Eis hat wenig umgestaltend ge- 
wirkt, dagegen um so mehr die vor dem Eis- 
rande verlaufenden Schmelzwässer. Die außer- 
ordentlich tiefe Lage von Eisrandbildungen je im 
einspringenden Winkel zweier Endmoränenbögen 
ist auf die Erosionswirkung gewaltiger 
Wasserfälle vor dem Eisrand zurückzuführen, 
welche durch Zusammenströmen der auf der 
Oberfläche des Eises verlaufenden Schmelzwasser- 
flüsse in der Senke zwischen zwei Zügen des 
Eisrandes entstanden sind. Ähnliche auskolkende 
Wirkungen der Schmelzwässer auf den Unter- 
grund wurden auch bei der Münsterländischen End- 
moräne festgestellt, wo sie indessen nicht auf den 
einspringenden Winkel beschränkt sind, sondern 
der Endmoräne über weite Bogenstücke folgen. 
Bei der nördlicher liegenden Endmoräne des 
Teutoburger Waldes sind solche Wirkungen noch 
nicht beobachtet, da hier so tiefgehende Auf- 
schlüsse fehlen. Diese gewaltigen Wirkun- 
gen der Schmelzwässer sind nicht zu unter- 
schätzen; sie machen sich ohne Unterschied der 
Härte des Untergrundes bemerkbar. Bei Kupfer- 
dreh schufen sie Höhenunterschiede von 80 m, 
ebenso bei Langendreer, wo die Auskolkung bis 
13 m unter den heutigen Ruhrspiegel hinabgeht. 
Ohne die tiefgehenden Schächte wären diese Fest- 
stellungen nicht möglich gewesen. Sie zwingen 
uns, vor weitgehenden Schlüssen aus der Lage 
der Endmoränen zu den Talterrassen zu warnen, 
denn die Höhenlage der Endmoränen ermöglicht 
keinerlei Schlüsse auf ihre Beziehungen zu den 
Talterrassen. Während im Oberlaufe der Ruhr 
die Terrassen stufenweise in das anstehende Ge- 
stein eingeschnitten sind, haben sie sich weiter 



unten in die Endmoränenmassen der Auskolke 
eingeschnitten, so daß bei Altendorf oberhalb von 
Steele Grundmoränen unter der untersten Ruhr- 
terrasse festgestellt werden konnten. Die Moränen 
sind älter als die 3 Terrassen oder wenigstens 
gleichaltrig mit einer zur Hauptterrassenzeit zeit- 
weilig stark zurückgestauten Ruhr. 

Die Eismächtigkeit rechnet Bärtling 
zur Zeit des größten Eisvorstoßes bei Münster auf 
fast 500 m, da der Eisrand am Haarstrang bis in 
Höhen von über 200 m hinaufstieg und man in 
den randlichen Gebieten des Inlandeises wenig- 
stens 5 "0 Gefälle für eine Bewegung des Eises 
annehmen muß. 

Da der Abfluß der Schmelzwasser in nörd- 
licher oder nordwestlicher Richtung versperrt 
war, so entstanden vielfach Stauseen, deren 
Abflüsse auf die heutigen Täler, so z. B. der 
Ruhr, umgestaltend gewirkt haben. Das Hell- 
weger Tal, das sich am ganzen Nordrand des 
Haarstrangs bis in die Gegend von Paderborn 
verfolgen läßt und sich östlich von Soest mit 
dem Lippetal vereinigte, stellt wahrscheinlich den 
Abfluß des großen Sennestausees dar. Die 
Lippe führte die Schmelzwasser aus der Gegend 
von Detmold, Mastholte und Beckum ab, während 
die Stever jene des Münsterschen Endmoränen- 
bogens sammelte. Nachdem die Münstersche 
Tiefebene frei geworden war, sammelte die Ems 
die vom Teutoburger Walde kommenden Schmelz- 
wassermassen und führte sie nach Nordwesten 
ab. Die Talsysteme der Lippe, Stever und Ems 
stehen somit im Zusammenhang mit je einer ein- 
zigen Rückzugsphase des Inlandeises, woraus sich 
die Tatsache erklärt, daß diese Täler über dem 
heutigen Talboden nur die eine von den glazialen 
Schmelzwassermassen aufgeschüttete Talterrasse 
besitzen. Die interessanten, z. T. recht schwie- 
rigen Untersuchungen von Bärtling haben die 
Glazialgeologie Nordwestdeutschlands um ein be- 
trächtliches Stück vorwärts gebracht. 

V. Hohenstein, Halle. 



Bücherbesprechungen. 



Robien, Paul, Die Vogelwelt des Bezirks 
Stettin. 112 Seiten, Stettin 1920, Leon 
Sauniers Buchhandlung. 
Unter „Bezirk Stettin" versteht der Verf. nicht 
den gleichnamigen Regierungsbezirk, sondern ein 
Gebiet, das im Süden die Kreise Randow, Gräfen- 
hagen und Pyritz, im Osten Saatzig, Regenwalde, 
Naugard und Kammin, im Westen Ückermünde 
und im Norden das Gebiet von Swinemünde bis 
zur Regamündung umfaßt. Innerhalb dieses Be- 
zirks wurden von Robien durch eigene Be- 
obachtung rund 200 Vogelarten, darunter 127 
Brutvögel, festgestellt. Das Blaukehlchen ist er- 
freulicherweise im Bezirk Stettin nicht selten, der 



Ortolan, wie in anderen Gegenden Norddeutsch- 
lands, in Zunahme begriffen. Bemerkenswert ist 
das Vorkommen des Heuschreckensängers sowie 
der Gebirgsbachstelze, die ursprünglich dem Flach- 
lande fehlte. 1913 hat der Erlenzeisig in den 
Grabower Anlagen gebrütet. Die Wiesenweihe 
nistet nur westlich von Waldowshof Brutplätze 
der Sumpfohreule liegen in den Kreisen Pyritz 
und Greifenhagen. Der Wespenbussard soll in 
der Ückermünder Heide brüten. Der Kolkrabe 
dürfte im Osten des Gebiets noch einige Horste 
bewohnen; das gelegentliche Brüten der Raben- 
krähe wird vom Verf. nicht für unmöglich ge- 
halten. Schwarzstorch und Kranich sind in letzter 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 4 



Zeit nicht mehr mit Sicherheit als Brutvögel 
nachgewiesen worden. An vielen Stellen seiner 
Schrift tritt R o b i e n warm für die Idee des Natur- 
schutzes ein und wendet sich energisch gegen 
das unverantwortliche Treiben von Schießern und 
Eierräubern. Von dem Erlaß eines radikalen 
Schießverbots verspricht er sich guten Erfolg für 
den Schutz der einheimischen Vogelwelt. Den 
durch eine derartige Maßnahme bedingten Aus- 
fall an Fleisch empfiehlt er durch eine groß- 
zügige Zucht von Tauben, Hühnern, Gänsen und 
Enten auszugleichen. Da die Schrift in erster 
Linie für Vogelfreunde bestimmt ist, hat der Verf 
auf die Unterscheidung der Subspezies und die 
Hinzufügung von Autorennamen verzichtet. Daß 
der Verf. im Gegensatz zu führenden Ornithologen 
die Verwendung von Doppelnamen (z. B. Cocco- 
thraustes coccothraustes) ohne stichhaltigen Grund 
prinzipiell ablehnt, vermag der Referent nicht zu 
billigen. F. Fax (Breslau). 



Verworn, Max, Die Anfänge der Kunst. 

2. Aufl. 75 S. 31 Abb. u. 3 Tafeln. Jena 1920, 

Gustav Fischer. 
Das Buch führt uns in mustergültig einfacher 
Weise das allmähliche Werden der künstlerischen 
Ausdrucksfähigkeit des Menschen vor, von den 
leisesten Symptomen an Feuersteinfunden des 
ältesten Diluviums bis zu den „physioplastischen", 
ohne jede Ideenbildung wiedergegebenen Jagd- 
tieren der Höhlenbilder und Beinschnitzereien des 
mittleren Paläolithikums. Der Text ist ergänzt 
mit lehrreichen Abbildungen. Auch prinzipiell 
ist dem Verfasser seine Auffassung zuzugeben, 
daß der Naturalismus gerade dieser ältesten Figuren- 
darstellungen ein Ergebnis des noch ideenlosen 
Seelenlebens ihrer Verfertiger ist. Die darauf 
folgende, aus der nunmehr erst entwickelten Ein- 
bildungskraft entstehende „ideoplastische" Kunst, 
die nicht mehr direkt an das Naturbild sich hält, 
sondern aus der Phantasie schafft, rechnet Ver- 
worn nicht mehr unter die Anfänge der Kunst 
und berücksichtigt sie daher nicht weiter. Doch 
weist er überzeugend darauf hin, daß deren äußer- 
liches Ungeschick nur einen relativen Rückschritt • 
gegenüber der naturalistischen Überzeugungskraft 
der „physioplastischen" Kunst bedeutet. Denn sie 
hat dieser gegenüber den Vorzug eines unbe- 
grenzten Ideengehaltes. Da entsteht denn freilich 
sogleich eine grundsätzliche Frage: Sind die An- 
fange dessen, was wir im eigentlichen Sinne Kunst 
nennen im Gegensatz zu reiner Technik und 
naturalistischer Richtigkeit, nicht gerade erst da 
zu suchen, wo die „ideoplastische" Kunst beginnt? 
Verworn schließt seine Ausführungen mit dem 
Hinweise, die Aufgabe der Kunst sei, Bewußtseins- 
inhalte zum Ausdruck zu bringen. Wie aber, 
wenn man vielmehr Gefühlsinhalte verlangte? In 
dem Falle würden des Verfassers Ausführungen 
weniger den Anfängen der Kunst als ihren Vor- 
stufen und Voraussetzungen gelten. Rezensent ist 
dieser Meinung und bedauert daher, daß die so 



überzeugend sachlichen Ausführungen am Schluß 
durch eine Polemik gegen die ästhetische Nach- 
barwissenschaft ein wenig getrübt worden ist. 

K. Steinacker. 

Winteler, Dr. F., Die heutige industrielle 
Elektrochemie. Ein Überblick mit beson- 
derer Berücksichtigung der schweizerischen Ver- 
hältnisse. Sonderabdruck aus der Halbmonats- 
schrift für das Gesamtgebiet der Technik 
„Technik und Wirtschaft" Jahrg. 1918, Heft 17 
bis 24. 80 Seiten in kl. 8" mit 2ö Abbildgn. 
im Text und 2 Tafeln. Zürich 1919, Verlag 
von R. Ascher & Co. Preis geh. 1,70 Frs. 
In außerordentlich klarer Darstellung gibt der 
Verf eine Übersicht über die allgemeinen wirt- 
schaftlichen Grundlagen der Elektrochemie, ihre 
derzeitigen Leistungen und ihre Entwicklungs- 
möglichkeiten und -notwendigkeiten. Bei der 
Besprechung der heute praktisch im großen durch- 
geführten Verfahren, bei der die elektrothermi- 
schen Prozesse, die Schmelzelekttolyse und die 
Elektrolyse der wässerigen Lösungen in gleicher 
Weise berücksichtigt werden, befleißigt er sich 
großer Kürze und bringt so dem Leser das 
Wesentliche zur klaren Anschauung. Das Büch- 
lein verdient daher, auch wenn es sich in der 
Hauptsache auf die schweizerischen Verhältnisse 
beschränkt, doch das Interesse auch des deut- 
schen Publikums — des allgemein interessierten 
Wissenschafters wegen der Klarheit der Darstellung, 
des Spezialisten wegen vieler wertvoller Angaben 
über den Stand der elektrochemischen Technik in 
der Schweiz — , und es muß nur bedauert werden, 
daß der — an sich durchaus angemessene — 
Preis von 1,70 Frs. das Büchlein den deutschen 
Interessenten infolge des unglückseligen Tiefstan- 
des unserer Valuta heute fast unzugänglich macht; 
es ist dies ein weiteres kleines Beispiel für die 
Schwierigkeiten, die den wissenschaftlich inter- 
essierten Deutschen bei der — in Wirklichkeit 
unentbehrlichen — Benutzung der außerdeutschen 
Literatur entgegenstehen. 

Berlin-Dahlem. Werner Mecklenburg. 



Abel, O., Lehrbuch der Paläozoologie. 

500 S., 70oTextabb. Gustav Fischer, Jena 1920. 

Brosch. 40 M. 
Von dem überaus rührigen Verfasser liegt 
abermals ein umfangreiches, in gewohnter sorg- 
fältiger Weise illustriertes Lehrbuch vor. Es be- 
handelt diesmal auch die Wirbellosen unter den 
Fossilien. Freilich ist dabei, um für lehrhafte zu- 
sammenhängende Darstellung Raum zu gewinnen, 
bewußt nur ein kleiner Bruchteil von Einzel- 
erscheinungen der fossilen Tierwelt herausgehoben 
worden und mit gleicher Absichtlichkeit die Aus- 
führlichkeit von Gruppe zu Gruppe je nach dem 
tatsächlichen wissenschaftlichen Werte durchaus 
verschieden gehandhabt worden, Schematismus 
also in jeder Beziehung vermieden. 

Die Wahl des Ausdrucks Paläozoologie anstatt 



N. F. XX. Nr. 4 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



63 



Paläontologie bedeutet ein Programm, nämlich 
das Streben nach Eingliederung des Wissensstoffes 
in die biologischen Fächer, nach Unabhängigkeit 
vor allem von allzu geologisch betonten Bedürf- 
nissen. Daß biologische Betrachtungen einen 
größeren Raum einnehmen, ist bei der bekannten 
Arbeitsrichtung des Verf. selbstverständlich und 
ganz gewiß kein Schaden, um so weniger als 
gerade sie mit Recht als ein Brückenpfeiler 
zwischen geologischem und paläontologischem 
Ufer aufgefaßt werden. 

Dem speziell systematischen Teil gehen Kapitel 
allgemein-paläontologischen Inhalts voraus. Bei 
den sonst nicht zu ausführlich behandelten Säuge- 
tieren finden sich ebenfalls wertvolle Bemerkungen 
allgemeineren Inhalts vorausgeschickt. 

Das Werk dürfte neben anderen paläontologi- 
schen Lehrbüchern seinen Platz erobern und be- 
haupten, insbesondere weil es wirklich mehr auf 
Einführung in den Stoff als eine dem Schüler 
doppelt fernstehende vollkommene Übersicht über 
den gesamten Formenschiatz abgestellt ist. 

Hennig. 



Oppenheimer, C. und Wei§, O. , Grundriß 
der Physiologie für Studierende und 
Ärzte. I. Teil. Oppenheimer, Biochemie. 
3. Aufl. 522 S. Leipzig 1920, Georg Thieme. 
22 M. 
Über dieses Werk, das nach kaum Jahres- 
verlauf eine neue Auflage erlebte, erübrigt es 
sich eigentlich, ein Wort des Lobes zu sagen. 
War schon die vorangehende Auflage ein Kunst- 
werk, so ist die jetzt vorliegende neue Bearbeitung 
noch um vieles verbessert worden. So ist auch 
das schwierige Kapitel über den Zellstoffwechsel 
in prägnanter Weise ausgearbeitet, und keine 
wichtigen Tatsachen sind umgangen. Auch das 
Kapitel der Kolloide ist völlig neu umgestaltet 
worden. Es ist besonders erfreulich, daß hoher 
Wert auf möglichst klare, vollständige Darstellung 
der modernen Zellphysiologie gelegt ist, was in 
manchem Lehrbuch oder Grundriß vermißt wird. 
Und doch tritt die Wichtigkeit gerade dieses Ge- 
bietes immer mehr in den Vordergrund. 

Auch die Pathologie des Stoffwechsels tritt 
diesmal in ihr Recht: Es sind Zusätze über Gicht 
und Diabetes hinzugekommen, Ansätze zu der 
wichtigen Umgestaltung in der Pathologie, in der 
etwas weniger pathologische Anatomie aber desto 
mehr pathologische Physiologie wünschenswert 
ist. Ebenso ist der praktische Ausblick, der der 
. Ernährungslehre angefügt ist, eine wesentliche 
Bereicherung des Werkes. Oppenheimers 
Grundriß hält in trefflicher Weise den Mittelweg 
zwischen kompendienhafter, unzureichender Kürze 
und ermüdender Länge und ist daher für Studie- 
rende ebenso wie für Gelehrte, die mit dem Ge- 
biete der Biochemie Berührung haben, ein in 
seiner Art einzig dastehendes Lehrbuch. 

Collier. 



Spitta, O., Grundriß der Hygiene. Berlin 

1920, Julius Springer. 36 M. 
Ein Lehrbuch der Hygiene soll sich nicht nur 
darauf beschränken, die schädigenden Wirkungen 
der Außenwelt auf den Menschen der Reihe nach 
aufzuzählen, sondern es soll den Leser den Zu- 
sammenhang zwischen Mensch und Umwelt 
vor Augen führen. Es muß gleichsam ein Ge- 
samtbild der Umwelt mit dem Menschen in der 
Mitte malen und zeigen, wie im Wechselspiel 
zwischen beiden alles Geschehen darauf hinaus- 
läuft, den Menschen als Individuum oder als Gat- 
tung erstarken zu lassen, teils durch Ausschaltung 
ungünstiger oder gar feindlicher Momente, teils 
durch Verstärkung der günstigen und fördernden. 
Der Spittasche Grundriß erfüllt nun diese 
Forderungen in vortrefflichem Maße. Dies ist 
vor allen Dingen der Erfolg der Anordnung des 
Stoffes, der nach physiologischen Gesichtspunkten 
eingeteilt ist, da Verf. von dem sehr richtigen 
Grundsatz ausgeht, daß die Hygiene zum größten 
Teil angewandte Physiologie und Pathologie ist. 
So gibt das Buch einen einheitlichen Überblick 
über das Gesamtgebiet der Hygiene. Die ange- 
fügten kurzen Abschnitte über die Untersuchungs- 
methoden werden besonders dem Studierenden 
und die Literaturangaben jedem angenehm sein, 
der sich in einzelne Kapitel der Hygiene aus- 
führlicher vertiefen will. Die Gesetzgebung ist 
ebenfalls eingehend berücksichtigt, ein Umstand, 
der das Buch auch für solche Leser wertvoll 
macht, die in der sozialen Fürsorge beschäftigt 
sind, zumal noch der klare, leicht faßliche Stil 
dazukommt. Collier. 



Arndt, Kurt, DieBedeutung derKolloide 

für die Technik. Allgemeinverständlich 

dargestellt. 3. verb. Aufl. 53 Seiten in kl. 8". 

Dresden und Leipzig 1920. Verlag von Theodor 

Steinkopff. Preis geheftet 3 M. 

Die kleine Schrift, die sich an weitere Kreise 

des naturwissenschaftlich interessierten Publikums 

wendet, gibt zunächst einen ganz kurz und 

elementar gehaltenen Überblick über das Wesen 

der Kolloide und schildert dann an einer Reihe 

von Beispielen die praktische Bedeutung der 

Kolloidchemie. Daß das Büchlein jetzt schon 

in der dritten — übrigens wesentlich verbesserten 

und sorgfältig ergänzten — Auflage vorliegt, 

beweist seine Brauchbarkeit. 

Berlin-Dahlem. Werner Mecklenburg. 



Littrow, Atlas des gestirnten Himmels 
für Freunde der Astronomie. Taschen- 
ausgabe. Mit einer Einleitung von Prof. Dr. 
J. PI aß mann. 2. Auflage. Berlin 1920, 
F. Dümmler. il M. 
Auf diese unveränderte Auflage des bereits 
früher mehrfach besprochenen Büchleins seien die 
Freunde der Astronomie hier nur hingewiesen. 

Miehe. 



64 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 4 



Mieleitner, K., Die technisch wichtigen 
Mineralstoffe, Übersicht ihres Vorkommens 
und ihrer Entstehung. Mit einem Vorwort von 
P. Groth. VI und 195 Seiten in 8" und 9 Ab- 
bildungen im Text. München und Berlin 1919, 
Druck und Verlag von R. Oldenbourg. Preis 
geheftet 15,60 M. 
Das vorliegende Buch gibt eine Übersicht 
über die für die Chemie und chemische Techno- 
logie wichtigen Mineralvorkommen. Es wendet 
sich an alle die, die — aus allgemeinen theoreti- 
schen oder aus praktischen Gründen — Interesse 
für die genannten Industrien haben. Es ist sach- 
gemäß und sehr übersichtlich geschrieben — sein 
Verfasser ist Kustos der mineralogischen Samm- 
lungen des Bayerischen Staates in München und 
hat an der Aufstellung der großen dortigen topo- 
graphisch geordneten Sammlung der Minerallager- 
stätten aller Länder hervorragenden Anteil — 
und wird zweifellos allen Interessenten von großem 
Nutzen sein. Wenn der Referent einen Wunsch 
aussprechen darf, so möchte er bitten, daß in 
einer etwa notwendig werdenden zweiten Auf- 
lage auch einige Zahlenangaben über die wirt- 
schaftliche Bedeutung der einzelnen Mineralien 
gemacht werden ; sie würden für die Leser und 
Benutzer des Buches von großem Werte sein. 
Berlin-Dahlem. Werner Mecklenburg. 



Classen, Alexander, Handbuch der qualita- 
tiven chemischen Analyse anorgani- 
scher und organischerVerbindungen. 
7. umgearbeitete und vermehrte Auflage. IX u. 
341 Seiten in 8". Stuttgart 1919, Verlag von 
Ferdinand Enke. 
In dem vorliegenden Buche behandelt der be- 
kannte Aachener Hochschullehrer zunächst die 
wichtigsten Reaktionen der Metallionen und 
schildert im Anschluß daran den systematischen 
Gang, der zur Erkennung der einzelnen Metall- 
ionen in Mischungen dient. Weiter bespricht er 
das für den Analytiker wichtige Verhalten der 
anorganischen und eine größere Anzahl organi- 
scher Säuren und — sehr ausführlich — 
das der wichtigeren Alkaloide. Zum Schluß 
werden eine große Anzahl besonders wichtiger 



organischer Stoffe behandelt. Das Buch be- 
schränkt sich also nicht, wie die meisten, für den 
Gebrauch der Studierenden bestimmten Lehr- 
bücher der analytischen Chemie auf die Stoffe 
der anorganischen Chemie, es läßt auch die Stoffe 
der organischen Chemie zu ihrem Rechte kommen ; 
daher hat es auch für weitere Kreise Interesse. 
Für die Zuverlässigkeit der Angaben und die 
Klarheit der Darstellung bürgt der Name des 
Verfassers; bewiesen werden sie durch die Not- 
wendigkeit der Herausgabe einer siebenten Auflage. 
Berlin- Dahlem. Werner Mecklenburg. 



Wolff, W., Die Entstehung derlnselSylt. 

2. Aufl. Friedrichsen u. Co., Hamburg 1920. 

48 S., II Tafeln. Brosch. 6 M. 
Den zahlreichen Besuchern der Insel wird in 
kurzen Zügen ein zuverlässiges gemeinverständ- 
liches Bild von den geologischen Vorgängen ent- 
rollt, an deren Ende der heutige Zustand des 
Eilandes, seine Gestalt, Umgrenzung und sein Bau 
stehen. Eine Reihe guter Lichtbildwiedergaben 
führen noch sicherer in das Verständnis des Be- 
handelten ein. (Daß die Entwicklung des Menschen- 
geschlechts rückwärts „bis in die Braunkohlen- 
periode hinauf reiche, S. 34, ist eine wohl kaum 
allgemein geteilte Auffassung!). 

Edw. Hennig. 



Literatur. 

Mosler, Dr. H., Einführung in die moderne drahtlose 
Telegraphie und ihre praktische Verwendung. Mit 2l8 Text- 
abb. Braunschweig '20, Fr. Vieweg. 24 M. 

Andree, Prot. Dr. K., Geologie des Meeresbodens. 
Bd. II die Bodenbeschaffenheit und nutzbare Mineralien am 
Meeresboden. Mit 139 Textfig. , 7 Tafeln und I Karte. 
Leipzig '20, Gebr. Bornträger. 92 M. 

Heiberg, J. L., Naturwissenschaften, Mathematik und 
Medizin im klassischen Altertum. 2. Aufl. Leipzig u. Berlin '20, 
B. G. Teübner. 2,80 M. 

Binz, Dr. A., Schal- und Exkursionsflora der Schweiz. 
Basel '20, B. Schwabe & Co. 9 Fr. 

K ü k e n t h a 1 , Prof. Dr. W., Leitfaden für das zoologische 
Publikum. 8. Aufl. Mit 174 Textabb. |ena '20, G.Fischer. 
28 M. 

Mez, Prof. Dr. C, Hagers „Mikroskop und seine An- 
wendung. 12, Aufl. Mit 495 Textfig. Berlin '20, J. Springer. 
3S M. 



Inhalt: E. Küster, Das Typhetum in der frühen deutschen Graphik, (i Abb.) S. 49. — Einzelbericbte : Fr. Jäger, 
Die Austrocknung Südafrikas. S. 52. G. Krenkel, Bericht über eine Forschungsexpedition in Deutsch - Ostafrika. 
S. 53. V. Hilber, Die geologische Stellung des Paläolithikums. S. 54. T. Math er, Naturschutz in den Ver- 
einigten Staaten von Amerika. S. 55. J. Verne, Die Natur des roten Farbstoffes der Crustaceen. S. 55. . O. Hönig- 
schmidt und_ L. Birckenbach, Atomgewicht von Wismut. S. 56. Gletscherbewegungen in der Schweiz im 
Jahre 1919. S. 56. G. Jegen, Zur Biologie und Anatomie einiger Enchylräiden. S. 57. H. Tietgen, Tönen 
der Telegraphen- und Fernsprechleitungen. S. 57. G. Wüst, Verdunstung auf dem Meere. S. 58. Victor 
Hohenstein, Die Löl3- und Schwarzerdeböden Rheinhessens. S. 58. R. Bärtling, Die Endmoränen der Haupt- 
vereisung zwischen Teutoburger Wald und Rheinischen Schiefergebirge. S. 59. — Bücherbesprechungen : 1'. Robien, 
Die Vogelwelt des Bezirks Stettin. S. 61. M. Verworn, Die Anfänge der Kunst S. 62. F. Winteler, Die heutige 
industrielle Elektrochemie. S. 62. O. Abel, Lehrbuch der Paläozoologie. S. 62. C. Op penheimer und Q. Weiß, 
Grundriß der Physiologie für Studierende und Arzte. S. 63. O. Spitta, Grundriß der Hypienc. S. 63. K. Arndt, 
Die Bedeutung der Kolloide für die Technik. S. 63. Littrow, Atlas des gestirnten Himmels für Freunde der Astro- 
nomie. S 63. K. Mieleitner, Die technisch wichtigen Mineralstoffe. S. 64. A. Classen, Handbuch der qualita- 
tiven chemischen Analyse anorganischer und organischer Verbindungen. S. 64. W. Wolff, Die Entstehung der Insel 
Sylt. S. 64. — Literatur: Liste. S. 64. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 
Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folgre 20. Band; 
der ganzen Reihe 36. Band. 



Sonntag, den 30. Januar 1921. 



Nummer 5. 



Kakao und Schokolade bei den alten Mexicanern und anderen 
mittelamerikanischen Völkern. 



[Nachdruck verboten.] Von Dr. phil. Frau 

Vierhundert Jahre sind verflossen, seit Euro- 
päer zum ersten Male mit dem Kakao und der 
Schokolade bekannt wurden, die heute eine so 
hervorragende Rolle in der Ernährungswirtschaft 
spielen. Wie schnell sich der Kakao als eines 
der beliebtesten Genußmittel neben dem Kaffee 
und Tee eingebürgert hat, beweist nichts besser 
als ein kurzer Hinweis auf die Zunahme seines 
Verbrauches in Deutschland im Anfang dieses 
Jahrhunderts. Die Einfuhrzahlen für Kakao in 
den beiden Jahren 1900 und 1913 erreichten eine 
Höhe von 200000 dz im Werte von rund 29,6 
Millionen Mark und eine Höhe von 529000 dz im 
Werte von rund 67,1 Millionen Mark. Auf den 
Kopf der Bevölkerung entfielen im Jahre 0,8 kg. 

Bei diesem Import spielte die ursprüngliche 
Heimat der Pflanze überhaupt keine Rolle. Mittel- 
amerika fiel für Deutschland völlig aus. Sein 
Bedarf wurde vielmehr zum größten Teile durch 
Afrika gedeckt (297000 dz im Werte von 35,8 
Millionen Mark) , ') erst dann folgten Amerika 
(209000 dz für 27,8 Millionen Mark), Asien (10400 dz 
für 1,5 Millionen Mark) und die Südsee (6800 dz 
für I Million Mark). Von dem amerikanischen 
Kakao kamen wiederum die beträchtlichsten 
Mengen aus Südamerika, und zwar aus Ecuador 
(71 300 dz für 9,7 Millionen Mark) und aus Brasilien 
(63000 dz für 8 Millionen Mark). Der Rest ver- 
teilt sich außer auf die beiden Republiken Co- 
lombia und Venezuela ausschließlich auf West- 
indien, wo die Dominikanische Republik auf Haiti 
bevorzugt war (32 100 dz für 3,8 Millionen Mark). 
Unmittelbar vor Ausbruch des Krieges machte 
sich bereits auch eine erfreuliche Zunahme der 
Kakaogewinnung in unseren Kolonien bemerkbar. 

Wenn man die Steigerung des Kakaoverbrau- 
ches, die übrigens in gleichem Maße auch für die 
anderen europäischen Staaten zu verzeichnen ist, 
in solcher Weise durch Zahlen bestätigt findet, 
so darf man doch nicht außer acht lassen, daß 
sie eben nur in verhältnismäßig später Zeit ein- 
getreten ist. Früher war das keineswegs der 
Fall. 

Nach der üblichen Annahme kamen zum ersten 
Male in Europa Kakaobohnen den Abendländern 
zu Gesicht, als Hernan Cortes, der Eroberer 
Mexicos, im Jahre 1528 aus der Neuen Welt 
heimkehrte und am spanischen Hofe vor den 
Augen Karls V. neben den Kostbarkeiten und 

') Die eingeklammerten Zahlen beziehen sich auf das 
Jahr 1913. Sie sind der Statistik des Deutschen Reiches ent- 
nommen. 



z Termer. 

seltsamen Dingen der neu eroberten Gebiete auch 
Proben der dort heimischen typischen Agrikultur- 
gewächse ausbreitete. Von da an wurde in 
Spanien die Herstellung der Schokolade bekannt 
und schnell beliebt. Durch die strenge Abschließung 
der spanischen Kolonien in Amerika gegen andere 
Nationen — kein Nichtspanier, nicht einmal ein 
Portugiese durfte seinen Fuß auf spanisch-ameri- 
kanischen Boden setzen, — und ferner durch das 
sich abschließende Wesen der Spanier gegenüber 
ihren europäischen Nachbarn war es möglich, das 
Geheimnis der Schokolade das 16. Jahrhundert 
hindurch zu wahren. Erst 1606 wurden die 
Schranken durchbrochen, als ein längere Zeit in 
Spanien ansässiger Italiener Antonio Carletti 
bei der Rückkehr in sein Heimatland den Lands- 
leuten Kunde von dem angenehmen Getränk 
einer fremden Welt übermittelte. Nun schlössen 
durch Vermittlung der Italiener schnell auch die 
anderen europäischen Nationen mit dem Kakao 
Bekanntschaft, vor allem Frankreich, wo unter 
Ludwig XIIL und seinem Nachfolger die Schoko- 
lade zu einem Modegetränke wurde. Freilich war 
ihr Genuß nur den Vornehmen möglich, da alle 
Mengen von verbrauchtem Kakao Schmuggel- 
oder Seeräubergut waren, das natürlich sehr teuer 
bezahlt werden mußte. Zu Beginn ihrer lohnen- 
den Tätigkeit hatten allerdings die englischen 
wie holländischen Flibustier und Buccaniers die 
Kakaoladungen spanischer Beuteschiffe für nichts 
geachtet. Sie warfen den „Bockmist", *) wie sie 
spottend die Kakaobohnen bezeichneten, einfach 
ins Meer. 

Veranlassung zur Einbürgerung und Anpflan- 
zung in anderen Erdteilen gaben die Spanier 
selbst, die den Kakao um 1670 nach ihren philip- 
pinischen Besitzungen überführten. ^) Von dort 
kam er in die holländischen Kolonien Hinter- 
indiens und noch später findet er sich in Afrika. 
In Europa aber blieben Kakao und Schokolade 
nach wie vor bis ins 19. Jahrhundert hinein ein 
kostspieliges und daher nur von wenigen ge- 
nossenes Getränk, das dann erst die zunehmende 
tropische Produktion und damit verbundene Ver- 
billigung der Ware auch weniger Bemittelten zu- 
gänglich machte und so den europäischen Völkern 



') „cagarruta de carnero" nach Thomas Gage, Neue 
merkwürdige Reisebeschreibung nach Neuspanien. Leipzig 
1693, P- 230- 

') Vgl. des näheren hierüber: Padre Fray Manuel 
Blanco, Flora de Filipinas. 2. Aufl. Manila 1S45, P- 4 '9 
bis 423. 



66 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. s 



in ihren breiteren Volksschichten ein ebenso an- 
genehm schmeckendes wie nahrhaftes Getränk 
übermittelte. 

Lange bevor die Europäer Mittelamerika und 
Mexico betreten hatten, war der Kakaobaum in 
diesen Ländern eines der wichtigsten Kultur- 
gewächse gewesen. Welche Bedeutung er für das 
Kulturleben der alten Zeit errungen hatte, erhellt 
aus seiner Aufnahme in den mexikanischen My- 
thus. Kakaobohnen finden sich da des öfteren 
unter anderen Attributen bestimmter Gottheiten; 
der vornehmste und volkstümlichste Gott der 
alten Mexikaner, der Windgott Quetzalcouatl, muß 
natürlich als Heros und Repräsentant eines golde- 
nen Zeitalters unerschöpflicher Fülle an allem 
dem Erdenmenschen Notwendigen und Begehrens- 
werten unter seinen Besitztümern auch einen aus- 
gedehnten Garten mit erlesenen Kakaobäumen 
sein eigen nennen, die poetisch als „Blumenkakao" 
(xochicacauatl) bezeichnet wurden. Selbst in den 
erhaltenen Bilderschriften mythologischen Inhaltes 
aus dem mexikanischen Kulturreiche wird der 
Kakao mit abgebildet, sei es in der Form von 
Bohnen oder des ganzen Baumes, mit dem dann 
der mythische Baum des Südens gemeint ist, ^) 
sei es in der Form der Schokolade, die etwa bei 
der Göttin der Lebensmittel, Tonacaciuatl, -) oder 
bei der Wassergöttin Chalchiuhtlicue ") in einem 
Becher schäumend wiedergegeben ist. 

Das in den europäischen Sprachen gebräuch- 
liche Wort „Kakao" geht auf das mexikanische 
cacauatl zurück, das die einzelne Kakaobohne 
bezeichnet. Die Schoten, die reihenweise die 
Bohnen enthalten, hießen im Mexikanischen 
cacauacentli, während für den Baum mehrere 
Benennungen üblich waren. Man unterschied be- 
sonders vier Arten: zwei, die cacauaquauitl 
hießen und sich nur durch ihre verschiedene Größe 
voneinander trennen ließen, xochicacaua- 
quauitl und tlalcacauatl. Von letzterer 
wurde hauptsächlich die Schokolade zubereitet. 
Linguistisch mag noch hinzugefügt werden, daß 
die Herkunft und Etymologie des Wortes cacauatl 
unbekannt ist. 

Das Gedeihen des Kakaobaumes ist an be- 
stimmte klimatische Bedingungen geknüpft und 
daher sein Vorkommen geographisch begrenzt. 
Wärme ist für ihn eine Hauptnotwendigkeit seiner 
Existenz. Daher überschreitet denn auch in 
Mittelamerika seine Wachstumsgrenze nicht die 
Meereshöhe von 600 m. '') Er ist ganz an die 
warme Tieflandszone (tierra caliente) mit ihren 
Mitteltemperaturen von 27 — 23" C angepaßt. 
Tiefgründige Alluvialböden mit mäßigem Zusatz 
von Kalk sind für das Fortkommen des Baumes 
am geeignetsten, und daher findet er sich am 



') Codex Fejervary-Mayer, fol. I. Herausgegeben 
von E. Seier. 

'•') Codex Borgia, Blatt 57 ed. E. Seier. 

ä) Codex Borgia, Blatt 57 ed. E Seier. 

*) Nur selten kommen Exemplare bis über 900 m vor. 
Sapper, Nördl. Mittelamerika, S. 197. 



besten entwickelt in den Urwäldern des nördlichen 
Guatemala, in der Feten-Landschaft, wie in den 
heißen Küstengegenden des atlantischen und pa- 
zifischen Gestades des östlichen und südöstlichen 
Mexico. Analog liegen die Verhältnisse in anderen 
mittelamerikanischen Republiken, von denen El 
Salvador, Nicaragua und Britisch Honduras in 
Betracht kommen. 

Genau die gleiche Verbreitung besaß der Kakao- 
baum schon in vorspanischer Zeit. Für Mexico, 
wo das Kulturzentrum beim Eintreffen der Weißen 
mitten auf dem Hochlande lag, ergab sich aus 
diesen klimatischen und geographischen Momenten 
ein Import aus den warmen Tieflandsregionen 
auf die kühlen Flächen des Hochlandes. Die Haupt- 
importgegenden für diesen Zweig des mexikanischen 
Handels lagen im heutigen Staate Tabasco und an 
der pazifischen Abdachung von Chiapas, also in 
den beiden alten Landschaften Anauac Xicalanco 
und Anauac Ayotlan, dem heutigen Soconusco. 
Dort waren regelrechte Kakaopflanzungen ange- 
legt, in ihrer Einrichtung den modernen gleichend.*) 
Denn man pflanzte ebenso wie heute höhere Bäume 
zwischen die Kakaostämme, damit sie vermöge 
ihres höheren Wuchses dem Kakaobaum den ihm 
notwendigen Schatten spendeten. Die Spanier 
nannten diese hilfsmäßig gepflanzten Stämme später 
„Mutter des Kakao" (madre de Cacao).-) 

In den anderen bereits erwähnten mittelameri- 
kanischen Gebieten waren die vorhandenen Pflan- 
zungen in ihrem Umfange beschränkter und eben 
nur für den Unterhalt ihrer Besitzer bestimmt. 
Überall in den Urwäldern Guatemalas, die zwar 
vor langer Zeit von kulturell hoch entwickelten 
Indianerstämmen bewohnt waren, aber später nur 
noch primitiv lebende Nachkommen jener beher- 
bergten, trafen die Spanier im 17. Jahrhundert 
bei ihren Kriegszügen gegen diese „Lacandones" 
bei jeder kleinen Siedelung Kakaogärtchen (cacaua- 
tales) an. Erst in Yucatan, bei den Mayaindianern, 
und in Nicaragua, bei den Nicarao, einem Stamme 
mexikanischer Herkunft, fanden sich wieder um- 
fangreichere Plantagen. 

Über die Bedeutung des Kakaobaumes für die 
Wirtschaft der Bevölkerung Mittelamerikas in vor- 
spanischer Zeit läßt sich das Wesentliche zum 
größten Teile nur aus Mitteilungen über die mexi- 
kanischen Zustände und denen bei den Nicarao 
in Nicaragua entnehmen. Nur spärlich fließen 
demgegenüber die Quellen über die anderen mittel- 
amerikanischen Gebiete. Verwendung von dem 
Baume fanden nur die Bohnen — vielleicht auch 
das Holz — , und zwar nach zwei ganz entgegen- 
gesetzten Richtungen hin, nämüch zur Herstellung 

') Oviedo VIII. cap. 30 (= tom. I, p. 317 li.) 
*) Wenn Dufour als mexikanisches Wort hierfür ,,atl- 
inan" angibt, so ist zu bemerken, daß aus alter Zeit ein 
solches Wort nicht überliefert ist. Es scheint vielmehr eine 
Übersetzung des spanischen Wortes zu sein, wobei freilich nur 
der zweite Teil ,,inan" (= seine Mutter) versländlich ist, wäh- 
rend der erste „all" (Wasser) nicht recht am Platze ist. — 
Oviedo gibt als Namen für diese Bäume in Nicaragua 
„yaguaguyt" an (aquauiti?). 



I 



N. F. XX. Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



6? 



der Schokolade und als Zahlungsmittel im öffent- 
lichen Verkehr. 

Neben dem aus dem Saft der Agave gewon- 
nenen Pulque (mex. octli)') erregte kein anderes 
der einheimischen Getränke so sehr die Aufmerk- 
samkeit der Eroberer als die Schokolade. Dieses 
Wort ist seiner Herkunft nach mexikanisch. Die An- 
sicht eines neueren englischen Autors,-) der ein in 
seinen technischen Teilen recht wertvolles Werk 
über den Kakao verfaßte, daß es sich zusammensetze 
aus „choco" (= Frucht des Baumes) und „latl" 
(= Wasser), ist völlig unrichtig. Sie zeigt, daß 
ihr Vertreter nicht genügende Sprachkenntnisse 
besaß und daher ohne Besinnen die falschen An- 
gaben eines sonst vortrefflichen alten Autors, 
Thomas Gage,^) übernahm, die er allerdings 
insofern modifizierte, als Gage „choco" für eine 
Bezeichnung des Aufschäumens hält, das ja, wie 
sich zeigen wird, auch eine gewisse Rolle spielte. 
Die richtige Ableitung des Wortes ist vielmehr die 
von „coco" und „atl", wobei „coco" ein Synonym 
für „cacauatl" ist, wie Oviedo beweist (tom. I, 
p. 318 li.). Die Bedeutung wäre dann einfach 
„Kakaowasser", „Kakaogetränk". 

Die Mexikaner bereiteten ihre Schokolade nun 
auf folgende Weise zu. Über einem nicht sehr 
starken Feuer wurden die Kakaobohnen unter an- 
dauerndem Umrühren zum Schutz gegen An- 
brennen getrocknet. Dann schüttete man sie auf 
den steinernen Mahlstein (metlatl) und erhielt 
durch das Zerreiben der Bohnen mittels der 
steinernen Handwalze (metlapilli) ein Pulver, das 
„cacauapinolli" genannt wurde. Zu diesem fügte 
man darauf allerlei Ingredienzien, die dem Getränk 
hernach einen besonders angenehmen Geschmack 
verleihen sollten. Besonders bevorzugte Gewürze 
waren schwarzer und roter Pfeffer, Vanille und 
Bienenhonig. Dieser diente an Stelle von Zucker 
zum Süßen. Endlich mußte das Gemisch auch 
noch gefärbt werden, meist durch Achiote (Bixa 
Orellana) in roter Farbe, weil angeblich die Ein- 
geborenen durch ihre mit den Kulten zusammen- 
hängende Anthropophagie an Bluttrinken gewöhnt 
waren.*) Im Anschluß daran sei bemerkt, daß der 
Padre Avendaflo, der sich am Ende des 17. Jahr- 
hunderts bei den Itzä im nördlichen Guatemala 
aufhielt, berichtet, bei diesem Mayastamme sei es 
Brauch gewesen, den Opfern vor ihrer Hinrichtung 
einen Kakaotrunk zu verabfolgen.*) 

Eine zweite Art der Herstellung des Kakao- 
pulvers war einfacher. Man schüttete das Pulver 
einfach in Atolli, eine mit Wasser aufgekochte 
Maismasse, und genoß dann diese ohne besondere 
Würze. Dem Anschein nach ist diese zweite Art 
die beim niederen Volke übliche gewesen. 

') Das Wort Pulque gehört wahrscheinlich der arauka- 
nischen Sprache Chiles an. 

'■') Whymper. 

') Th. Gage, Neue merkw. Reisebeschr. usw. Part. II, 
Cap. 19. 

*) Oviedo 1. c. (= tom. I, p. 318 li.)- 

') cf. Ph. A. Means, History of the Spanish Conquest 
of Yucatan and of the Itzas. Cambridge, Mass. 1917, p. 134. 



In spanischer Zeit wurde es erst Sitte, noch 
andere Beitaten zu den alten hinzuzufügen, wie 
Zimt, Nelken, Mandeln, Haselnüsse, Pomeranzen- 
blütenwasser u. a.^) 

Das auf die erste Art zubereitete Gemisch 
mußte tüchtig durchknetet werden, bis es einen 
guten Teig ergab. Diesen ließ man in kleinen 
Tafeln trocknen und bekam so Tafelschokolade. 
So geschah es wenigstens in den Zeiten nach der 
Unterwerfung des Landes, als die Spanier die Her- 
stellung nach ihrem Geschmack vorgenommen 
hatten. In alter Zeit kannte man Tafelschokolade 
wohl nicht. Vielmehr ließ man es hier bei der 
Zubereitung des Pulvers bewenden. Um Schoko- 
lade zu erhalten, tat man es einfach in Wasser 
und rührte es mit kleinen — teilweise kunstvoll 
gearbeiteten — Quirlen um.'^) Hauptbedingung, 
die der mexikanische Schokoladetrinker an sein 
Getränk stellte, war einmal, daß die Schokolade 
kalt sein mußte und ferner, daß sie auf ihrer 
Oberfläche eine dicke Schaumschicht trug (Cacau- 
apogouallotl). Um den nötigen Schaum zu er- 
halten, gehörte ein gewisses Geschick und eine 
besondere Übung dazu, den Aufguß nicht zu dünn, 
aber auch nicht zu dick werden zu lassen. Zu 
geringes Aufschäumen wurde stets auf falsche 
Zubereitung oder auf eine minderwertige Sorte 
des Kakaos zurückgeführt. Letzteres war fast 
stets bei der Schokolade des kleinen Mannes der 
Fall. 

Trotzdem die Spanier in Einzelheiten Neue- 
rungen in der Schokoladeherstellung einführten, 
übernahmen sie doch zum größeren Teile das, 
was sie im Lande vorgefunden hatten. Auch sie 
gewöhnten sich daran, das Getränk mit einer 
dichten Schaumschicht zu genießen, was sie frei- 
lich oft dadurch zu erreichen suchten, daß sie die 
Flüssigkeit in einem langen Strahle sich aus dem 
Trinkgefäße in den Mund laufen ließen, vielleicht 
einer Sitte ihrer europäischen Heimat huldigend, 
der noch heute der spanische Bauer beim Wein- 
trinken aus dem Schlauche nachkommt. Nur 
darin wichen sie von dem indianischen Vorbilde 
ab, daß sie den Trank warm zu sich nahmen. Die 
Eingeborenen verharrten aber noch immer bei 
ihrer kalten Schokolade. 

Über die Zubereitung des Getränkes in den 
übrigen noch in Frage kommenden Gebieten 
Mittelamerikas sind Einzelheiten nicht überliefert 
worden. Sie wird aber ähnlich vorgenommen 
worden sein wie in Mexico. Denn aus Yucatan 
berichtet ein Autor das Vorhandensein eines Scho- 
koladegetränks aus Mais und Kakao, wie es ja 
in Mexico ebenfalls genossen wurde. Als das 
entsprechende Wort für chocolatl wird für die 
yukatekische Mayasprache „zaca" angegeben.^) 
Eine Besonderheit findet sich in Nicaragua bei 



') Vgl. darüber des näheren Colmenero. 
*) Abbildungen solcher Quirle bei Caec. Sei er, Auf 
alten Wegen usw. S. 130. 

"] Villagutierre lib. U, cap. 2 Ifol. 89 li.). 



68 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. s 



den mexikanischen Nicarao insofern, als dort die 
Kakaobutter für den Häuptling reserviert wurde.*) 

Wie bereits angedeutet, kannten die alten 
Mexicaner Qualitätsunterschiede einzelner Kakao- 
sorten. Bevorzugten sie schon den „tlalcacauatl" 
als besonders zur Schokoladeherstellung geeignet, 
so richtete sich dessen Güte wiederum nach der 
Gegend seiner Herkunft. Die beste Sorte wurde 
in Anauac Ayotlan, dem heutigen Soconusco 
(mex. Xoconochco), gewonnen, und selbst bis in 
neue Zeiten hinein hat es damit sein Bewenden 
gehabt. Denn noch zu Beginn des 19. Jahr- 
hunderts schreibt der gelehrte Historiker Guate- 
malas, Domenigo Juarros mit Bezug auf 
Soconusco: „en efecto su cacao es el mas apre- 
ciado del mundo, y el que se gasta en el Real 
Palacio" (in der Tat ist sein Kakao der am höchsten 
geschätzte der Welt und wird am Hofe des Königs 
verwendet.)") Außerdem waren noch andere 
Kakaogegenden in alter Zeit durch die Qualität 
ihrer Produkte angesehen. Als solche nennt unter 
anderen Sahagun die Gegend von Tochtepec, 
das heutige Tuxtepec am Rio Papaloapan, neben 
Guatemala und den beiden Anauac.^) 

Die feinen Sorten wanderten in die Küchen 
der Vornehmen und in die des Hofes. In diesen 
Kreisen war die Schokolade das Tafelgetränk, das 
nach den Mahlzeiten in kunstvoll aus edlem Me- 
tall gearbeiteten Trinkschalen *) genossen wurde, 
genau wie auch im modernen Europa der Kaffee 
im Anschluß an die Mittagsmahlzeit eingenommen 
wird. Wenn auch die Zahlenangaben der spanischen 
Autoren meist um ein Vielfaches die wirkliche 
Zahl übertreiben, so muß doch immerhin nach 
dem Überlieferten der Verbrauch an Kakao bei 
den in Betracht kommenden Stellen ziemlich be- 
deutend gewesen sein. So soll der Kakaospeicher, 
den die Truppen des Cortes bei der Einnahme 
der Hauptstadt Mexico plünderten, 4000 Cargas 
Kakaobohnen enthalten haben,*) was einer Zahl 
von 96 Millionen Bohnen gleichkäme, und bei der 
täglichen Mahlzeit des Herrschers Motecuhgoma 
sind nach Angabe desBernal Diaz 50 größere 
Gefäße mit Schokolade aufgetragen worden.*) 
Wenn der schon einmal zitierte W h y m p e r den 
jährlichen „Verbrauch" an Kakao am mexika- 
nischen Hofe auf 2744000 fanegas (^= ca. 1 10 Mil- 
lionen Kilogramm) beziffert, so ist das ein Miß- 



') Oviedo, 1. c. (= tom. I, p. 319 re.): „El calachuti 
. . , pönese de aquel graso por los labrios e toda la barba, 
e paresge que esid undato con agafran desleydo grueso, e re- 
luce como manteca." 

') Juarros trat. IV, cap. 14 (= Band II, p. 77). 

') Sahagun Hb. X, cap. 18. 

*) Bernal Diaz cap. 91: ,,copas de oro fino" (ed. 
Garcia I, p. 280). 

°) Herrera II, IX, 4 und Torquemada IV, 57. 

") Bernal Diaz, cap. 91. „En ello, mas lo que yo vi, 
que trayan sobre c;inquenta jarros grandes hechos de buen 
cacao, bon su espuma". . . Erst vor kurzem ist in einem Artikel 
der „Woche" über die Schokolade diese Stelle so ausgelegt 
worden, als habe der König selbst die 50 Gefäße getrunken. 
Davon kann keine Rede sein. Denn aus der Quelle geht her- 
vor, daß sie für die ganze Tafelgesellschaft bestimmt waren. 



Verständnis der benutzten Quelle. Bezieht sich 
doch diese Zahlangabe vielmehr auf die Tribut- 
leistungen in Form von Kakaobohnen an dem 
Hofe des mit dem mexikanischen König eng ver- 
bündeten Fürsten Negaualcoyotl von Tezcoco.*) 

Diese Tribute zeigen nun gleich den Kakao 
in der zweiten Art seiner Verwendung in Mexico 
sowohl wie im übrigen Mittelamerika, soweit der 
Baum kultiviert wurde, nämlich als Münze im 
öffentlichen Verkehr. 

Neben Metallstückchen, mit Goldstaub ange- 
füllten Federposen, Quetzalvogelfedern, Decken 
und Stoffstücken als Zahlungsmitteln nahmen die 
Kakaobohnen eine gleichwertige Stellung ein. Sie 
bildeten eine der beliebtesten einheimischen Geld- 
sorten. Ebenso war es mit ihnen in Yucatan der 
Fall, wo sie neben Steinen, kupfernen Glöckchen 
und Schellen benutzt wurden, wie auch in Nica- 
ragua, wo man sie mit Muschelschnüren, Edel- 
steinen, kleinen Beilen und kupfernen Schellen 
zusammen bei Handelsgeschäften verwendete. Auch 
in Guatemala waren sie die häufigste Münzsorte. 
Allgemein verwendeten die Indianer zu Münz- 
zwecken die weniger guten Kakaosorten, da ja 
die Qualität dabei nicht in Frage kam. 

Überall hatte sich eine bestimmte Währung 
herausgebildet, und alte Berichte lassen er- 
kennen, daß sich das Währungssystem auf der 
vigesimalen Zählmethode aufbante. 400 Bohnen 
bildeten ein „tzontli", 20 tzontli (8000 Bohnen) 
ein ,,xiquipilli" und 3 xiquipilli (24000 Bohnen) 
eine „carga", eine Bezeichnung spanischer Her- 
kunft, für die die entsprechende mexikanische Be- 
nennung unbekannt ist.-) Sie bedeutet „Last" und 
ist in Anwendung gebracht worden auf die weiten, 
umfangreichen Körbe aus Weidengeflecht, die eine 
so große Zahl von Bohnen fassen konnten. Es 
wird sogar erzählt, daß manche Körbe loo car- 
gas, also 24 Millionen Bohnen, enthalten hätten; 
sie wären von einem derartigen Umfange gewesen, 
daß sechs Männer sie nicht zu umspannen ver- 
mocht hätten. 

Die erwähnte Währungseinteilung erhielt sich 
nicht lange in die spanische Zeit hinein. Bereits 
im Jahre 1527 setzte ein Königliches Manifest 
unter, dem 28. Januar fest, daß an Stelle der Be- 
hälter, die die Bohnen in den abgestuften Zahlen- 
einheiten bargen, bestimmte durch einen offiziellen 
Stadtstempel signierte Maße zu treten hätten. 
Vielleicht waren die Spanier bei der früheren Me- 
thode zu oft von den Eingeborenen betrogen 
worden, daß sie auf eigene geeichte Hohlmaße 
zurückgriffen. Aber schon am 24. September 1536 
kam ein neuer Erlaß heraus, der wiederum die 
Abzahlung der Bohnen nach der alten Weise ver- 
langte. 

Eine der ältesten Quellen über die Eroberung 
Mexicos, der Bericht eines ungenannten und bis- 



') Torquemada II, 53. 

ä) Motolinia, Historia de los Indios de Nueva Espana 
(bei Icazbalceta I, p. 190). 



N. F. XX. Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



69 



her unbekannt gebliebenen Autors, des sog. Con- 
quistador Anönimo, gibt bereits den den euro- 
päischen Münzen damaliger Zeit entsprechenden 
Wert der Kakaomünze bekannt. Danach hätte 
eine Kakaobohne im Werte einem halben „mar- 
chetto" entsprochen,') der nach Ansicht des ge- 
lehrten französischen Herausgebers und Übersetzers 
spanischer Quellen aus dem ZeitaUer der Ent- 
deckungen, Henri Ternaux-Co m pans, etwa 
einem französischen Centime gleich gewesen wäre. 
Demnach müßte also eine Bohne gleich einem 
Centime gesetzt werden. Ob diese Rechnung 
stimmt, mag dahingestellt bleiben. Nach späteren 
Quellen wäre sie zu hoch gegriffen; denn Palacio, 
ein Geistlicher, der im Jahre 1579 Guatemala im 
Auftrage der spanischen Krone bereiste und über 
die Ergebnisse seiner Rundreise einen offiziellen 
Bericht abfaßte, bestimmt den Wert von 200 Bohnen 
zu einem Real, das wären 20 Pfennig. Dann käme 
auf eine Bohne Vio Pfennig. Er fügt aber noch 
ausdrücklich hinzu, daß eine carga im Werte 
24000 Reales gleichgekommen wäre. Eine carga 
sind, wie oben angegeben, 24000 Bohnen. Dem- 
nach hätte innerhalb der carga eine Bohne den 
Wert eines Reals gehabt, also von 20 Pfennig. 
Oviedo hat Angaben hinterlassen, aus denen 
sich auf die Kaufkraft des Kakaogeldes in der 
ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts schließen läßt. 
Danach hätte ein Sklave 100 Bohnen gekostet, 
für 4 Bohnen hätte man 8 Früchte erhalten, ein 
käufliches Frauenzimmer hätte sich für 8—10 
Bohnen hingegeben. =) Der Wert des Kakaogeldes 
ist demnach ziemlich hoch gewesen. 

Bis in die Gegenwart hinein hat sich der Kakao 
als Zahlungsmittel neben den Metallmünzen er- 
halten. Zur Zeit, als Otto Stoll Guatemala 
bereiste, um die Wende der siebziger Jahre, waren 
16 Bohnen gleich einem Viertel eines Reals 
(i cuartillo) ; ^) für eine Beichte zahlte man in 
Nebaj (Departamento Vera Paz) 1 5 Kakaobohnen 
und IG Maiskolben.'') Auch Desire Charnay 
hatte 1863 noch auf dem Markte in San Christo- 
bal (Chiapas) Kakaobohnen als Münzen im Um- 
lauf gefunden. ^) Und um auch noch ein Beispiel 
aus dem 17. Jahrhundert hinzuzufügen: so fand 
D a m p i e r auf seinen Seereisen in mittelamerika- 
nischen Gewässern Kakaomünzen im Umlauf an 
dem Gestade der Bai von Campeche, also wohl 
in Tabasco. ®) 

Die Verbreitung des Kakaos im mexikanischen 
Reiche erfolgte teils durch den Handel, teils durch 
Tributleistungen, die die aztekischen Eroberer 
des Landes den unterworfenen Provinzen auferlegt 

1) „Sono queste alberi (d. h. Kakaobäume) in grande 
stimaziüne perche quei grani sono tenuli per la principal 
moneta che corra in quel paese, et val ciascuno come un 
mtzzo marchetto fra noi." Conquistador anönimo (bei Icaz- 
balceta I, p. 3S0/81). 

*) Oviedo, 1. c. (= tom. 1, p. 316 re.). 

') Stoll, Guatemala, S. 103. 

♦) Stoll, ebendort, S. 394- 

>•) Charney, Cites et Ruines, S. 484. 

") Dampier, vol. I, S. 91. 



hatten. Der Kaufmannsstand nahm ja in der 
Bevölkerung eine hervorragende Stellung ein. 
Von seinem Handelszentrum in der Stadt Mexico 
zogen seine Mitglieder bis in die Gegenden von 
Honduras, ja vermutlich sogar bis in jene von El 
Salvador und Nicaragua, also Gebiete, die schon 
früher als besondere Produktionsländer des Kakao 
genannt wurden. Nach Überlieferungen soll der 
regelmäßige Kakaoimport unter der Regierung 
des letzten Königs von Tlaltelolco namens Mo- 
quiuix aufgenommen worden sein. Das wäre 
mithin etwa um 1470 n. Chr. gewesen, und dieses 
Datum hat eine um so größere Wahrscheinlich- 
keit für sich, als eben jene südlicheren Provinzen 
verhältnismäßig spät mexikanischer Oberhoheit 
Untertan wurden. 

Die Art des in Frage kommenden Handels- 
objektes brachte es mit sich, daß Betrug beim 
Handel mit Kakao nicht selten war. So röstete 
der Betrüger kleine schlechte Bohnen, um ihnen 
ein besseres Äußere zu geben, er tauchte sie in 
Wasser, damit sie durch Vollsaugen ihren geringen 
Umfang vergrößerten; bisweilen wurden sie auch 
mit Farbe bemalt, damit sie recht frisch erschie- 
nen. Ganz grob verfuhren Fälscher, die in die 
dünne äußere Haut der Bohnen einen aus Wachs 
hergestellten Kern einschlössen. ') 

Die Tributleistungen werden zumeist aus jenen 
Qualitäten zusammengesetzt gewesen sein, die für 
die Münzen verbraucht wurden. Daneben gingen 
natürlich auch Mengen besserer Sorten ein, durch 
die der Konsum am königlichen Hofe gedeckt 
wurde. Vielfach finden sich in den erhaltenen 
Bilderschriften derartige Kakaotribute bei einzelnen 
Städten angegeben. 

Unter den zahlreichen Kultzeremonien, die 
einzelnen Verrichtungen in der einheimischen 
Landwirtschaft gewidmet waren, finden sich natür- 
lich auch solche, die mit der Pflege des Kakao- 
baumes in Zusammenhang stehen. So mußte 
beim Einpflanzen eines Setzlings oder beim Aus- 
streuen der Samen das Ackerland zuvor mit dem 
Blute eines Menschen oder Tieres besprengt wer- 
den. Bei den Maya-Indianern der Halbinsel Yu- 
katan und ihren mittelamerikanischen Nachbarn 
hielt man vor der Aussaat zunächst ein Fest ab 
zu Ehren der Götter Ekchuah, Chac und Hobnil, 
die als Schutzgottheiten der Kakaopflanzungen 
verehrt wurden. Auf dem Landstück eines Dorf- 
genossen abgehalten, gipfelte die Feier in der 
Opferung eines Hundes, der auf seinem Fell einen 
der Farbe des Kakao entsprechenden Fleck tragen 
mußte. War diese auf Analogiezauber beruhende 
Handlung beendet, so brannten die Anwesenden 
vor den Götteridolen Weihrauch ab, und zum 
Schluß bekam jeder Teilnehmer einen Zweig vom 
Kakaobaume, den er als guten Talisman für das 
Gedeihen seiner Pflanzung daheim aufzubewahren 
hatte. 



') Sahagun.lib. X, cap. 18. — Oviedo, 1. c. (=tom. I, 
p. 316 re.). 



70 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 5 



Die Bedeutung des Kakaobaumes für die Wirt- 
schaft der einheimischen Bevölkerungen von Mittel- 
amerika und Mexico ist nach allem Vorhergehen- 
den sehr hoch zu veranschlagen, Oviedo nennt 
ihn sogar den von den Indianern am höchsten 
geschätzten Baum.*) Für das letztere Land war 
er freilich nur Gegenstand des Importes, und 
daher mag er dort in alter Zeit bereits nicht 
billig gewesen sein. Nicht ohne Grund werden 
jedenfalls die Quellen fast stets nur von dem 
Schokoladegetränk der Vornehmen reden. Im 
Erzeugungslande selbst ist er neben den aus Mais 
gewonnenen Getränken von alters her auch bei 
dem niederen Volke zur Zubereitung der Schoko- 
lade verwendet worden. Und diese ist über die 
Zeiten der Eroberung hinweg das Nationalgetränk 
Mittelamerikas geblieben, ein Beweis mehr dafür, 
daß jene Zeiten trotz ihrer eingreifenden Umwäl- 
zungen in dem Kulturleben der eingeborenen 
Nationen vieles von dem alten Kulturgut und dem 
alten Volksleben weiter fortbestehen ließen. Und 
so sehr ist die Schokolade heute dem Mittel- 
amerikaner zum Bedarfsgegenstand geworden, daß 
seine Länder für den Kakaoexport so gut wie 
gar nicht in Frage kommen. Nur das nordwest- 
liche Chiapas mit seinem Departement Pichucalco 
macht davon eine Ausnahme. ^) Langsam hat 
der Kakao, wie anfangs gezeigt wurde, Fuß in 
Europa gefaßt; heute, so kann man wohl sagen, 
ist er zum Lieblingsgetränk vieler Millionen 
Europäer geworden. Aber auch bei niedriger 
stehenden Völkern , die ihn erst später kennen 
lernten, hat er sich bald eine Vorzugsstellung zu 



erringen gewußt, wie das Beispiel der Philippinen 
beweisen mag. *) 

Literatur. 

Blanco, Manuel, Flora de Filipinas. 2. Aufl. Manila 1845. 

Charney, Desire, Cites et Ruines Americaines. 1863. 

Colmenero de Ledesnaa, Antonio, De chocolata Inda, 
seu de eius qualitate et natura. Norib. 1644. 

Darapier, William, Voyages. Herausgegeben von 
Masefield, London 1906. 2 vols. 

Diaz del Castillo, Bemal, Historia verdadera de la 
Conquista de la Nueva Espana, ed. G. Garcia, Mexico 1904. 

Dufour, Philippe Sylvestre, Traite curieux du Cafe, The 
et Chocolate. Vienne (ohne Jahr). 

Herrera, Antonio de, Historia general de los hechos 
de los Castellanos etc. Amberes 1728. 

Icazbalceta, Joaquin Garcia, Colecciön de Docu- 
mentos para la Historia de Mexico. Mexico 1858 — 60. 

Juarros, Domenigo, Compendio de la Historia de la 
Ciudad de Guatemala. 2tom., Guatemala 1S08 — 18. 

Oviedo y Valdcs, Historia general de las Indias, 
Madrid 1851—55. 

Sahagun, Bernardino de, Histoire generale des choses 
de la Nouvelle Espagne, ed. R. Simeon, Paris 1880. 

Sapper, Karl, Das nördliche Mittelamerika. Braun- 
schweig 1897. 

, Mittelamerikanische Reisen und Studien, Braun- 
schweig 1902. 

Seier-Sachs, Cäcilie, Frauenleben im Reiche der Az- 
teken. Berlin 191g. 

— — , Auf alten Wegen in Mexiko und Guatemala, Berlin 
1900. 

Seier, Eduard, Gesammelte Abhandlungen zur ameri- 
kanischen Sprach- und Altertumskunde. Berlin 1901 ff. 

StoU, Otto, Guatemala. Leipzig 1886. 

Villagutierre y Sotomayor, Historia de la Pro- 
vincia de el Itza etc. Madrid 1700. 

Whymper, R. , Cocoa and Chocolate, their chemistry 
and manufacture. London 1912. 



') 1. c. (= tom. J, p. 315 re.). 

') Sapper, Nördl. Mittelam. S. 197. 



') Über die dortigen Verhältnisse unterrichtet Padre Kr. 
Manuel Blanco, Flora de Filipinas. Es scheint, als ob 
dort zuerst die Sitte aufgekommen ist, die Schokolade mit 
Kaffee vermischt zu trinken: „Otros le (dem Kakao) aiiaden 
cafe tostado en sustancia." 2. Aufl. S. 422. 



Täuschende Ähnlichkeit mit Bienen, Wespen und Ameisen. 



[Nachdruck vcrbotCD.] 



Von Prof. Dr. 



Auf Seite 752 des letzten Bandes dieser Zeit- 
schrift kommt Heikertinger, bezugnehmend 
auf meinen Aufsatz (S. 173) noch einmal auf den 
Bienenfang der Spinnen- und den Ameisenfang 
der Vögel zurück. — Da Heikertinger, um 
seine Theorie stützen zu können, unausgesetzt die 
Forschungsresultate anderer unrichtig wiedergibt 
und alles fortläßt, was gegen seine Theorie spricht, 
würde ich es nicht für nötig halten, noch einmal 
in diesem Punkt das Wort zu nehmen, wenn ich 
es nicht, als staatlich angestellter Spezialist in der 
Spinnentierkunde, für meine Pflicht hielte, weitere 
Kreise über den wahren Sachverhalt aufzuklären. 

Aus der etwas unklaren jetzigen Darstellung 
Heikertingers muß derjenige Leser, der meine 
früheren Arbeiten und Ausführungen nicht noch 
einmal vornimmt, den Eindruck gewinnen, i. daß 
zwischen den Bienen und Spinnen, mit denen ich 
experimentiert habe und denen, über die sonst 
gewöhnlich in der Mimikryliteratur die Rede ist. 



Friedr. Dahl. 

ein wesentlicher Unterschied bestehe, 2. daß auch 
nach meiner Ansicht die Kreuzspinne, mit der 
Heikertinger einige Versuche gemacht hat, 
zu denjenigen Spinnen gehört, welche Bienen in 
allen Fällen leicht bewältigen und 3. daß 
ich bei meinen Experimenten Bienen verwendet 
habe, welche im Verhältnis zur Spinne zu groß 
waren und deshalb freigegeben wurden. — Ein 
unbefangener Leser, dem ich Heikertingers 
Darstellung vorlegte, verstand diese wenigstens 
so. — Alles das ist aber unrichtig. 

Ad I. Zunächst verstehe ich auch jetzt noch 
nicht, warum die kleineren Bienen, die, ebenso 
wie die größeren, mit einem Stachel bewehrt sind, 
und denen, ebenso wie den größeren, wehrlose 
Fliegen in Bau, Haltung und Bewegungen täuschend 
ähnlich sind (Mimikry), nur deshalb, weil sie mit 
einer Theorie in Widerspruch stehen, „außerhalb" 
bleiben sollen. — Zudem habe ich, wie sich jeder 
Leser leicht überzeugen kann (Vierteljahrsschr. f. 



1 



N. F. XX. Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



7« 



wiss. Philos. Bd. 9 S. 177), auch mit Tieren ex- 
perimentiert, die annähernd so groß sind wie die 
Kreuzspinne und die Honigbiene. Ich benutzte 
Arama sclopetaria, Andrena labialis und Helophihis 
pcnditltis. Bei allen meinen Versuchen mit diesen 
Tieren entkam die genannte Biene und die bienen- 
ähnliche Fliege regelmäßig aus dem Netz. Nur 
das Abbeißen der haltenden Fäden ging in diesen 
Fällen so schnell vor sich, daß ich es nicht mit 
aller wünschenswerten Sicherheit feststellen konnte. 
Dieses Abbeißen habe ich dagegen bei Zilla 
x-noiata sehr deutlich gesehen. Worauf es aber 
bei der Mimikryfrage allein ankommt, das zeigte 
sich auch in diesen Fällen sehr klar und sicher: 
Die Spinne verhielt sich diesen Tieren gegenüber 
völlig anders als noch größeren gewöhnlichen 
Fliegen gegenüber und die Versuchstiere entkamen 
deshalb regelmäßig, während die größeren ge- 
wöhnlichen Fliegen regelmäßig gefangen wurden. 

— Bei meinen Versuchen ging ich allerdings viel 
sorgsamer zu Werke als Heikertinger, der die 
Honigbiene gewaltsam mit einer Pinzette am 
Hinterbein packte und ins Netz hielt. Solche Fälle 
kommen in der Natur nicht vor und können 
deshalb bei Schlüssen auf das Naturleben nicht 
maßgebend sein. Ich habe ausdrücklich einen Fall 
erwähnt, daß eine ziemlich stark gedrückte Biene, 
Nomada succincta, von der Aranea sclopetaria ein- 
gesponnen und an die Wohnung geschleppt wurde. 

— Was speziell die Kreuzspinne anbetrifft, so 
verweise ich auf das Spinnenwerk von A. Menge 
(Preußische Spinnen in: Sehr. d. naturf. Ges. Danzig 
1866 — 78 S.46), den ich in meinem Aufsatz als einen 
unserer vorzüglichsten Spinnenbeobachter bezeich- 
nete, und der als solcher den Biologen allgemein 
bekannt ist. Menge sagt: „Erkennt die Spinne 
das ins Netz gedrungene Tier als gefahrbringend, 
z. B. eine größere Wespe oder Ameise, oder ist 
es für sie ungenießbar, so beißt sie selbst die 
zurückhaltenden Fäden ab und ist dem Tiere zu 
seinem Entkommen behilflich." — Also auch da 
liegt eine durchaus zuverlässige Veröffentlichung 
vor. — Ad 2. Über das Bewältigen von Bienen 
im Netz der Spinnen, das ich nur nebenbei er- 
wähnte, konnte ich die ganze Literatur nicht 
bringen und glaubte durch den allgemeinen Hin- 
weis auf Menge für jeden, der sich weiter für 
die Frage interessiert, dargetan zu haben, daß die 
Kreuzspinne nicht zu ihnen gehört. Auch jetzt 
kann ich nicht alles bringen, da natürlich kritische 
Auseinandersetzungen nötig sind. Als eine Spin- 
nengattung, bei der man den Bienen- und Hummel- 
fang auch in der Natur beobachtete, nenne 
ich nur die Gattung Argyope. Die Gattung kommt 
für Deutschland fast gar nicht in Betracht, weil 
sie nur bei Berlin und am Rhein von Bingen bis 
Basel einzeln, selten zahlreich, vorkommt. Be- 
obachtungen in der Natur sind übrigens in allen 
Fällen, in denen es sich um Schlüsse auf das 
Naturleben handelt, viel wertvoller als Experi- 
mente. Experimente bleiben da immer nur ein 
Notbehelf. — Ad 3. Bei meinen Experimenten 



mit Bienen habe ich stets, wie jeder aus meiner 
genannten Arbeit ersehen kann, einen Gegenver- 
such gemacht und zwar, wenn möglich, mit Fliegen, 
die noch etwas größer waren als die Bienen. 

Wir kommen nun zu einer zweiten Frage, wie- 
weit Ameisen von den Vögeln gefressen werden. 
Heikertinger sagt, er habe „an erdrückendem 
Tatsachenmaterial nachgewiesen, daß die Ameisen 
eine Hauptnahrung der Vögel ausmachen". — Er 
selbst hat keine Untersuchungen am Objekt ge- 
macht. — Sehen wir uns also einmal an, wie er 
die Literatur benutzt. — Da er meine Arbeit über 
„Das Leben der Vögel auf den Bismarckinseln" 
(Mitt. a. d. zool. Mus. Berlin, Bd. i, H. 3, S. 107 ff.) 
nennt, mag uns diese Arbeit als Beispiel dienen. 

— In seiner Abhandlung (Biol. Zentralbl. Bd. 39, 
S. 98) sagt Heikertinger: „Eine Arbeit F. 
Dahls gewährt uns einigen Einblick in die 
Nahrung der Vögel der Bismarckinseln. Von 63 
zumeist insektivoren Vogelarten fanden sich in 
28 Ameisen vor und zwar ebensowohl geflügelte 
als ungeflügelte." — So kurz und allgemein diese 
Angabe ist, so falsch ist sie von Anfang bis zu 
Ende und zwar von ihm zugunsten seiner Theorie 
gefälscht. — Zunächst sei erwähnt, daß ich im 
ganzen 280 Mageninhalte von 97 Vogelarten ge- 
nau untersuchte. Unter diesen waren, wenn man 
von Fällen absieht, in denen Insekten höchstens, 
wie angegeben wurde, den hundertsten Teil des 
Mageninhalts ausmachten und nur zufällig mit 
Pflanzenteilen aufgenommen sein konnten, 167 
Mägen 54 insektenfressenden Vogelarten 
entnommen. In 41 Mägen, die 27 Vogelarten 
entnommen waren, befanden sich Ameisen; aber 
nur in 10 Mägen von 9 Vogelarten wurden sicher 
ungeflügelte Ameisen, d. i. Arbeiter, nachgewiesen. 
In 19 Mägen waren es sicher nur geflügelte, und 
in 12 Mägen von 10 Vogelarten waren die Ameisen 
soweit zerstört, daß man nicht erkennen konnte, 
ob es Geschlechtstiere oder Arbeiter waren. — 
Die Angabe H ei ker tingers, daß in den Mägen 
aller 27 (bzw. 28) ameisenfressenden Arten „so- 
wohl geflügelte als ungeflügelte" vorhanden ge- 
wesen seien, ist also falsch. Selbst wenn alle 
Ameisenbruchstücke von Arbeitern hergerührt 
haben würden, was als vollkommen ausgeschlossen 
gelten kann, könnten es höchstens 19 Vogelarten 
sein, welche Arbeiter gefressen hatten. Nach der 
Lebensweise der Vögel zu schließen aber waren 
es gewiß nicht mehr als 10 — 12 Arten. Auf die 
Arbeiter aber kommt es bei der Mimikryfrage 
allein an; denn Mimikryfälle nach geflügelten 
Ameisen sind bisher noch nicht bekannt geworden. 

— Es kommt hinzu, daß ich nur bei einer einzigen 
Vogelart im Bismarck- Archipel, bei Megaluriis 
iiiacntnis eine größere Zahl von Arbeitern (30) 
im Magen fand und daß gerade diese Vogelart nur 
ganz lokal vorkommt, von mir nur auf der kleinen 
Insel Uatom, niemals dagegen auf Neupommern 
selbst beobachtet wurde. Abgesehen von Alega- 
lurus fand ich höchstens 2 Ameisenarbeiter in 
einem Magen. — Zu diesen Befunden muß noch 



72 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX, Nr. 5 



eins berücksichtigt werden, worauf ich in meiner 
Arbeit „Das Leben der Ameisen im Bismarck- 
Archipel" (Mitt. a. d. zool. Mus. Berlin Bd. 2, 
H. I III) ganz besonders hingewiesen habe : Der 
Ameisenreichtum ist im Bismarck -Archipel, wie 
jedem Besucher sofort auffällt, ein ungeheurer. 
Nach meinen zahlreichen Köderfängen mittels 
Selbstfängers, die ich in Norddeutschland und im 
Bismarck-Archipel in gleicher Weise unter sorg- 
fältiger Vermeidung von Ameisennestern und 
Ameisenstraßen, ausführte, ließ sich berechnen, 
daß der Ameisenreichtum, d. i. der Reichtum an 
Ameisenarbeitern im Bismarck-Archipel etwa 30 
mal so groß ist als in Norddeutschland. Was be- 
deuten da, frage ich, die wenigen Ameisenarbeiter, 
die ich wirklich in Vogelmägen fand? 

Vergleichen wir aber nun einmal die Individuen- 
zahlen der verschiedenen Landarthropoden, die in 
den Mägen der Vögel des Bismarck- Archipels ge- 
funden wurden. — Zunächst sei darauf hinge- 
wiesen, daß, abgesehen von den Tagfaltern, die 
täuschende Ähnlichkeit sich ganz besonders beim 
ruhenden und kriechenden Tiere zeigt. Damit 
steht im Einklang, daß die fliegend fangenden 
Vögel des Bismarck-Archipels, wie die Magen- 
inhalte zeigen, beim Fange eine Auswahl nur in 
der Größe treffen, sonst aber Fliegen, Bienen, 
Ameisen, Käfer und Wanzen ohne Unterschied 
fressen. Wenn der Bienenfresser f'ili/d?;'^?/'^/' besonders 
Bienen frißt, so liegt das lediglich daran, daß an den 
Orten, wo er seine Jagd betreibt, die fliegenden 
Insekten von geeigneter Größe besonders Bienen 
sind. Da die fliegendfangenden Vögel für die 
Mimikryfrage, abgesehen von den Tagfaltern, also 
nicht in Betracht kommen, mögen sie zunächst 
aus unserer Statistik ausscheiden. Ebenso scheiden 
aus die Seeschwalben (Sterna), welche ihre Nahrung 
auf dem Meere suchen und gelegentlich tote oder 
halbtote geflügelte Insekten auf der Oberfläche 
treibend finden. — Es ergeben sich dann aus 
meinen Magenuntersuchungen folgende Zahlen : 
142 Vögel hatten gefressen: 87 Spinnen, mehr 
als 280 Käfer, 4 Schmetterlinge, mehr als I2i 
Raupen, 159 Ameisen (und zwar 42 Arbeiter, 
68 Geschlechtstiere und 49 zweifelhafte), 4 Bienen, 
2 Grabwespen, keine Faltenwespen und Schlupf- 
wespen, 23 Zweiflügler, 197 Zweiflüglerlarven, 4 
Ameisenlöwen, 39 Wanzen, 33 Zikaden, 22 Ohr- 
würmer und 69 Geradflügler. Die Zahlen ent- 
sprechen bei den Käfern, Raupen, Zweiflügler- 
larven, Zikaden, Ohrwürmern und Geradflüglern 
etwa dem Eindruck, den man selbst beim Sam- 
meln von ihrer Häufigkeit bekommt. — Entschie- 
den zu niedrig ist die Zahl der Schmetterlinge, 
Hautflügler, Zweiflügler und Wanzen. Auch bei 
den Spinnen scheint mir die Zahl keineswegs 
ganz der Häufigkeit zu entsprechen. — Z. T. er- 
. klärt sich das Mißverhältnis in den letztgenannten 
Tiergruppen daraus, daß die Tiere keine Teile 
besitzen , die sich bei der Druckwirkung des 
Muskelmagens gut erhalten und die schon in 
Bruchstücken erkennbar sind. Alle Tiere, welche 



feste Mundwerkzeuge oder einen festen Kopf be- 
sitzen, lassen sich leicht der Gruppe und der Zahl 
nach feststellen. Feste Mundwerkzeuge (Cheliceren) 
haben freilich auch die Spinnen. Wenn diese 
trotzdem in zu geringer Zahl erscheinen, so wird 
es daran Hegen, daß erfahrungsgemäß von den 
Vögeln oft nur der leicht abtrennbare weiche 
Hinterleib gefressen wird, dieser aber im Magen- 
inhalt schwer zu erkennen ist. Die sicher erkenn- 
baren Spinnwarzen sind zu klein und werden 
nicht leicht gefunden. Daß bei Vögeln gegen die 
Spinne als Nahrung irgendeine Abneigung vor- 
handen wäre, läßt sich also aus ihrer Zahl im 
Magen nicht nachweisen. — Viel zu gering ist 
die Zahl der Zweiflügler, die, nach meiner Be- 
rechnung aus den Köderfängen, im Bismarck- 
Archipel 35 "1^1 so individuenreich vertreten sind 
als bei uns (Mitt. a. d. zool. Mus. Bd. I, Heft 3, 
S. 1 29 f.), was sehr viel sagen will , da sie auch 
bei uns schon recht individuenreich vertreten sind. 
Da wir wissen, daß Fliegen allgemein von Vögeln 
gern gefressen werden, könnte man denken, daß 
sie als die geschicktesten Flieger unter den In- 
sekten, durch ihren geschickten Flug den Vögeln 
entgehen, ') und das mag in einem gewissen Grade 
auch richtig sein. Bei ihrem großen Individuen- 
reichtum erklärt uns der geschickte Flug aber 
auch nicht annähernd ihre äußerst geringe Zahl 
in den Mageninhalten der Vögel; denn auch bei 
den geschickt fliegenden, fliegendfangenden Vögeln 
ist offenbar die Zahl der Dipteren (57 in 23 
Mägen) viel zu gering. Nun wissen wir aber, daß 
die Dipteren durchweg sehr zart gebaut und da- 
bei äußerst brüchig sind und daß sie sehr feste 
Teile, die gequetscht leicht erkennbar wären, nicht 
besitzen. Ferner zeigt die Untersuchung der 
Mageninhalte, daß gerade bei den Vogelarten, bei 
denen Dipteren besonders als Nahrung in Frage 
kommen könnten, nach den Angaben in meiner 
Arbeit fast immer ein großer Teil des Magen- 
inhaltes als unerkennbare Masse vorhanden war. 
Da diese Masse aber meist Chitinteilchen erkennen 
ließ, dürfen wir wohl annehmen, daß die ge- 
fressenen Dipteren der Mehrzahl nach unter der 
Wirkung des Muskelmagens völlig zermalmt 
sind. — Dasselbe gilt für die Schmetterlinge 
namentlich für die Kleinschmetterlinge und die 
kleineren Heteroceren. — Schmetterlingsraupen 
und Dipterenlarven sind zwar auch dünnhäutig. 
Aber ihre Haut ist verhältnismäßig zäh , so daß 
diese trotz ihrer Zartheit meist erkannt wurde. 
Von den Raupen wurden allerdings bisweilen nur 
die Köpfe und die Stigmen erkannt. — Es bleiben 
dann nur die Hymenopteren und Wanzen, die, 
obgleich sie leicht erkennbare Hartgebilde besitzen, 
in zu geringer Zahl in den Mageninhalten sich 
finden. Besonders fällt das bei den Wanzen auf, 
die im Bismarck-Archipel außerordentlich viel in- 
dividuenreicher vorhanden sind als die Zikaden 



') Die schlimmsten Feinde der Dipteren sind zweifellos 
die netzbauenden Spinnen. 



N. F. XX. Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



73 



und sich trotzdem in den Mageninhalten in kaum 
größerer Zahl finden. Bei den Hymenopteren 
muß ganz besonders die geringe Zahl der Ameisen- 
a r b e i t e r auffallen, deren Individuenreichtum, wie 
schon hervorgehoben wurde, im Bismarck- Archipel, 
ganz enorm groß ist. Doch auch die Bienen, 
Grabwespen und Faltenwespen sind reich ver- 
treten und nicht annähernd in entsprechender 
Zahl in den Mageninhalten vorhanden. Bei den 
genannten Hautflügjern und den Wanzen bleibt 
uns nichts anderes übrig, als anzunehmen, daß sie 
von vielen Vögeln als Nahrung gemieden werden. 
Sie fanden sich auch nur in dem Magen verhält- 
nismäßig weniger Vogel arten. Während sich 
Käfer bei 29 nichtfliegendfangenden Vogelarten 
und die verhältnismäßig individuenärmeren Gerad- 
flügler bei 23 Vogelarten fanden, hatten nur 
8 Arten Bienen gefressen, nur 14 Arten Wanzen 
und auch nur 15 Arten geflügelte Ameisen. 
Ameisenarbeiter werden, wie schon oben ange- 
geben wurde, höchstens von 12 Vogelarten ge- 
fressen. 

Damit ist der Beweis erbracht, daß im 
Bismarck- Archipel die Ameisen, Wespen, Bienen 
und Wanzen unter den Vögeln weniger Feinde 
besitzen als andere Insekten, daß sie also, während 
sie ihrer Nahrung nachgehen und in der Brut- 
pflege tätig sind, weniger von Vögeln behelligt 
werden als andere Insekten. — Bewiesen ist da- 
mit freilich nur, daß sie von manchen Vögeln 
gemieden werden. Die Frage, warum sie ge- 
mieden werden, interessiert uns erst an zweiter 
Stelle. — Da wir wissen, daß besonders in diesen 
beiden Ordnungen unangenehme, ja, sogar gefähr- 
liche Absonderungen vorkommen, liegt der Ge- 
danke allerdings sehr nahe, das Gemiedenwerden 
diesen Absonderungen zuzuschreiben. Da die 
Absonderungen nicht bei allen Arten der Gruppe 
gleich stark sind, — wissen wir doch, daß bei 
manchen Wanzen, namentlich bei gestreckten, 
unscheinbar gefärbten Arten, der Geruch sehr 
schwach ist, — würde uns die Richtigkeit dieser 
Annahme noch klarer vor Augen treten, wenn 
wir bei unseren Vergleichen über die „Ordnung" 
hinaus, wenigstens bis auf die „Familie" weiter 
gingen. Wir würden dann sehen, daß unter den 
Wanzen manche, z. B. die sehr lebhaft gefärbten 
Pyrrhocoriden, fast nur von den Kuckucken ge- 
fressen werden, von diesen aber ziemlich regel- 
mäßig. Wir würden weiter sehen, daß es auch 
unter den Käfern einzelne Gruppen gibt, die (ab- 
gesehen von den fliegendfangenden Vögeln) nur 
von den Kuckucken gefressen werden , z. B. eine 
lebhaft gefärbte häufige Coccinellide und die eben- 
falls lebhaft gefärbte Gattung O'idcs. 

Steht nun fest, daß Bienen, Wespen und 
Ameisenarbeiter von vielen insektenfressenden 
Vögeln gemieden werden, so ergibt sich als 
logischer Schluß, daß diejenigen Tiere anderer 
Gruppen, die ihnen täuschend ähnlich sind, in 
dieser Ähnlichkeit einen großen Vorteil besitzen und 
nur das setzt die Selektionslehre voraus. Diese Lehre 



gibt dann für das, was der Neolamarckismus als 
Zufall ansehen muß, eine natürliche Er- 
klärung. 

Wie der Leser an dem hier gegebenen Bei- 
spiel sieht, muß der Forscher, um aus Vogel- 
magenuntersuchungen sichere Schlüsse ziehen zu 
können, äußerst sorgfältig. Schritt für Schritt vor- 
gehen. Bei Heikertinger bemerken wir von 
einer solchen Sorgfalt keine Spur. Bei ihm soll 
es die Masse tun. Die Masse soll das „erdrückende 
Beweismaterial" liefern. 

In meiner Arbeit über die Ameisen des Bis- 
marck-Archipels nannte ich die Vögel die schlimm- 
sten Feinde der Ameisen, und das ist richtig. Ich 
wies aber ausdrücklich darauf hin, daß gerade die 
Vernichtung der Geschlechtstiere den Be- 
stand der Ameisenstaaten gefährden könne. Die 
wenigen Arbeiter, die von den Vögeln gefressen 
werden, kommen dabei gar nicht in Betracht. 
Meine Worte schließen keineswegs aus, daß die 
Vögel anderen Tiergruppen noch weit schlimmere 
Feinde sind. Durch meine hier gegebenen Aus- 
führungen ist dafür der Beweis geliefert. 

Was die Magenuntersuchungen einheimischer 
Vögel anbetrifft, so bin ich bereits in einer ande- 
ren Zeitschrift („Aus der Heimat" Jahrg. 33, S. 22) 
näher auf dieselben eingegangen und werde in 
derselben Zeitschrift noch einmal auf das Thema 
zurückkommen. — Hier sei nur noch einmal her- 
vorgehoben, in wie geringer Zahl die Arbeiter 
unserer Waldameise, (der eine einheimische Spinne 
täuschend ähnlich ist), von Vögeln gefressen wer- 
den, namentlich während des Sommers. — Man 
kann es nicht genug betonen, daß Tiere, welche 
so offen auftreten wie unsere Waldameise, un- 
möglich viele Feinde haben können, weil sie dann 
schon längst ausgerottet sein würde; und damit 
decken sich alle Vogelmagenuntersuchungen voll- 
kommen. Neben den Ameisenstraßen könnten 
zahlreiche Vögel sich gütlich tun, wenn ihnen die 
Waldameise wirklich ein angenehmes Futter wäre. 
Jeder Tierbeobachter kann sich leicht davon über- 
zeugen, daß man mit einer Pinzette eine Ameise 
nach der andern aufsammeln kann, ohne von den 
anderen belästigt zu werden. — Man müßte also 
hunderte von Waldameisenarbeiter in den Vogel- 
mägen finden. Und was findet man? Während 
des Sommers günstigenfalls einzelne Stücke. Ist 
das alles Zufall? — Daß offen auftretende Tiere 
von den Vögeln gemieden, versteckt lebende 
gierig gefressen werden, ist übrigens eine so all- 
gemein gültige Erscheinung, daß jeder Naturbe- 
obachter, ja, sogar der Laie sie kennt. Welcher 
Garten- und Hühnerbesitzer wüßte nicht, daß die 
zahlreich frei auf dem Kohl lebenden Raupen des 
Kohlweißlings von den Hühnern, auch einzeln vor- 
geworfen, verschmäht, die im Innern der Kohl- 
köpfe lebende Raupe der Kohleule dagegen gierig 
gefressen wird. Ist das alles Zufall? — Heiker- 
ting;er sagt: „Eine Unterscheidung zwischen ge- 
fährlichen und harmlosen Ameisen müßte vom 
Vogel- und nicht vom Menschenstandpunkt vor- 



74 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 5 



genommen werden, was aber für uns Menschen 
undurchführbar ist." — Gewiß ist das durchführbar. 
Wenn man im Magen des Wendehalses, nach den 
bis jetzt vorliegenden Untersuchungen, während 
des Sommers fast nie Waldameisen, sehr zahl- 
reich aber andere Ameisen findet, so muß er sie 
doch wohl unterscheiden können; denn daß er 
Waldameisen, auch einzeln umherlaufende, im Som- 
mer nicht finden könne, wird doch wohl keiner, 
der das Tierleben der Heimat kennt, glauben 
wollen. — Der Vertreter der neolamarckistischen 
Zufallstheorie wird sich also immer wieder mit 
der Annahme beruhigen müssen, es ist Zufall, 
während sich für den Vertreter der Selektions- 
lehre das eine stets als notwendige F"olge aus dem 
anderen ergibt. 

Ich hoffe durch meine hier gegebenen Aus- 
führungen dem nicht voreingenommenen Leser 
klar vor Augen geführt zu haben, wie verschieden 
der Neodarwinismus und der Neolamarckismus 
den aus den Vogelmagenuntersuchungen sich 
ergebenden Tatsachen gegenüberstehen. 

Wundern muß man sich eigentlich über das 
nochmalige Wiederaufglimmen des Larmarckis- 
mus, da er doch das allgemeine Bedürfnis des 
Menschen, sich alle Erscheinungen in der lebenden 
Natur ursächlich zu erklären, so wenig befriedigt, 
da doch erst die Darwinsche Selektionslehre 
kommen mußte, um den Abstammungsgedanken 
zum vollen Siege zu führen. — Diese eigenartige 
Erscheinung dürfte in folgenden drei Tatsachen 
ihre Erklärung finden : Erstens darin , daß B o - 
taniker die Abstammungslehre mehr in die 
Hand nahmen, in der Botanik aber der Kampf 
ums Dasein und das Wirken der Selektion nicht 
so klar zutage tritt wie in der Zoologie. Zweitens 
daiin, daß über die wichtigsten Fragen der Se- 
lektionslehre, namentHch über die Mimikryfrage in 
erster Linie die Entomologie zu entscheiden hatte, 
diese sich aber vorwiegend in den Händen von 
Dilettanten befindet. Drittens darin, daß die Ver- 
treter der Selektionslehre sich über das Auftreten 
der ersten Anfangsstadien nützlicher Eigenschaften 
immer noch nicht völlig klar geworden sind. 

Dilettanten sind leicht geneigt ins Extrem zu 
verfallen. Nachdem die Entomologen von der 
Selektionslehre gehört hatten, suchten sie überall 
nach Mimikryfällen. Bald gab es für sie nur noch 
Schutzfarben, Trutzfarben und Mimikry. Jede 
auch nur annähernde Ähnlichkeit wurde von ihnen 
als Mimikry gedeutet. — ■ Die Folge war, daß sie 
die Mimikrylehre und damit auch die Selektions- 
lehre gründlich in Mißkredit brachten; denn jeder, 
der z. B. Vögel kennt, muß sich sagen', daß 
viele Farben der Tiere weder als Schutzfarben 
noch als Trutzfarben zu verstehen sind. Da man 
aber nicht auf den eigentlich recht nahe liegen- 
den Gedanken kam, daß das Weibchen jeder 
Tierart das Männchen der eigenen Art von denen 
anderer Arten, die am gleichen Orte vorkommen, 
zur Paarung muß unterscheiden können, daß, 
wenn der Geruchssinn versagt, wie bei den Vögeln, 



zum Erkennen außer dem Gehörssinn nur noch 
der bei Vögeln so hoch entwickelte Gesichtssinn 
in Frage kommen kann, die Farben also lediglich 
Erkennungs färben sein werden, so wandte 
man der Selektionslehre den Rücken und ließ unbe- 
kannte innere Ursachen, ließ den Zufall walten. 

— Die extremen Vertreter der Selektionslehre 
aber, die in sehr vielen Fällen durch die Selektion 
den Zufall ausgeschaltet sahen, wollten gar keinen 
Zufall mehr anerkennen und alles durch Selektion 
erklären. — Beides ist verfehlt : — Wie ein Stück 
Feuerstein einem Stück Bernstein lecht ähnlich 
sein kann, ohne daß beide Substanzen auch nur 
das Geringste miteinander gemein hätten, so kann 
auch ein Tier einem Tiere aus einer anderen 
Gruppe recht ähnlich sein, ohne daß zwischen 
beiden auch nur die geringste Beziehung bestände. 

— Freilich ist es viel merkwürdiger, wenn einmal 
zwei Tiere verschiedener Gruppen als wenn zwei 
Steine einander ähnlich sind, weil die Ähnlichkeit 
bei Tieren viel mehr an Einzelheiten gebunden 
ist. Der Fall ist um so merkwürdiger, je höher 
die einander ähnlichen Tiere organisiert sind. — 
Je ähnlicher zwei hochorganisierte Tiere ver- 
schiedener Gruppen einander sind, um so seltener 
wird es sich um eine zufällige Ähnlichkeit 
handeln. Sehen wir deshalb eine Ähnlichkeit mit 
Tieren einer Gruppe (z.B. mit Ameisen) in ver- 
schiedenen Gruppen wiederkehren, so sind 
wir, wegen der äußerst geringen Wahrscheinlich- 
keit eines Zufalls, genötigt, anzunehmen, daß die 
Fälle in der gleichen oder in einer sehr ähnlichen 
Weise zustande gekornmen sind. - — Sehen wir 
weiter, daß in der Ähnlichkeit ein Vorteil der 
einen Tiergruppe begründet ist, so haben wir da- 
mit einen Anhaltspunkt, mittels der Selektions- 
lehre den Zufall auszuschalten. Wir sind dann aber 
genötigt, das Wirken der Naturauslese anzu- 
erkennen. So zwingt uns schon die öfter wie- 
derkehrende Ähnlichkeit von Spinnen, die viele 
Feinde besitzen, mit Ameisenarbeitern, die wenige 
Feinde besitzen, die Entstehung der Ähnlichkeit 
duich Selektion anzunehmen. Das ist kurz der 
logische Gedankengang, welcher der Mimikrylehre 
zugrunde liegt. Es macht uns also schon die in 
meinem letzten Aufsatz hervorgehobene, in ver- 
schiedenen Spinnengruppen wiederkehrende Ähn- 
lichkeit mit Ameisenarbeitern, die von Vögeln 
selten gefressen werden, die Selektionslehre gleich- 
sam zur Gewißheit, weil die Wahrscheinlichkeit, 
daß in allen Fällen ein Zufall vorliegt, fast gleich 
Null ist. — Die Gewißheit wird noch, größer, 
wenn das nähere Eingehen auf irgendeinen Einzel- 
fall weitere Einzelheiten ergibt : — Sehen wir, daß 
bei der Gattung Myrmaradnic (Salticus) , im 
Gegensatz zu fast allen anderen Spinnen, die Taster 
des Weibchens stark erweitert sind und dadurch 
die Kiefer der Ameisen vortäuschen, daß die 
Vorderbeine beim Gehen vorgestreckt gehalten 
werden und dadurch die Fühler der Ameisen vor- 
täuschen, daß nicht nur die Gestalt und Haltung, 
sondern auch die Bewegungen ameisenartig sind, 



N. F. XX. Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



75 



so kann nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung ein 
Zufall als völlig ausgeschlossen gelten. Schon die 
Ameisenähnlichkeit bei den Spinnen genügt also, 
um die Richtigkeit der Selektionslehre dem Neo- 
lamarckismus gegenüber zu beweisen für jeden, 
der es gelernt hat, mathematisch zu denken. 
Diese Gewißheit darf uns aber nicht hindern, 
jeden neuen Fall einer Ähnlichkeit einer gründ- 
lichen Untersuchung zu unterwerfen. Wir dürfen 
niemals ohne erneute Untersuchung verallgemeinern 
wollen und müssen uns stets darüber klar sein, 
daß eine zufällige Ähnlichkeit niemals völlig 
ausgeschlossen ist. 

Kurz sei zum Schluß des Auftretens der ersten 
Anfange nützlicher Eigenschaften bei Tieren, in 
unserem Falle der Entstehung der ersten An- 
fänge einer Ameisenähnlichkeit gedacht, da die 
Neolamarckisten behaupten, die ersten Anfänge 
einer nützlichen Eigenschaft ließen sich durch Natur- 
auslese nicht erklären, die Vorteile seien zuerst 
zu unbedeutend um Selektionswert zu besitzen. 
Den Beweis für diese Behauptung sind sie uns 
freilich schuldig geblieben. — Nach allem, was 
der Systematiker täglich beobachtet, muß genau 
das Gegenteil von dem, was jene behaupten, als 
zutreffend angenommen werden. Der Systema- 
tiker weiß, daß bei jeder Tierart einige Eigen- 
schaften mehr, andere weniger abändern, und zwar 
pflegen alle Eigenschaften, die, soweit wir die 
Funktion kennen, für die Erhaltung der Tierart 
wichtig sind, wenig zu variieren, während die 
weniger lebenswichtigen Eigenschaften stark ab- 
zuändern pflegen. Schon Darwin wußte, daß 
die sog. rudimentären Organe, die keine lebens- 
wichtige Funktion mehr besitzen und deshalb ver- 
kümmern, meist sehr stark variieren. — Nach 
diesen unseren Erfahrungen muß bei den Mimikry- 
formen, z. B. bei den ameisenähnlichen Spring- 
spinnen die ameisenähnliche Gestalt, da sie lebens- 
wichtig ist, verhältnismäßig konstant sein, und 



das trifft zu. Nur die mächtig entwickelten Man- 
dibeln des Männchens, welche dessen Ameisen- 
ähnlichkeit bedeutend herabsetzen, variieren 
stark. Die Gestalt des Weibchens aber variiert 
wenig. Als bei den Vorfahren dieser Spinnen die 
Ameisenähnlichkeit noch nicht vorhanden war, 
war der allgemeine Habitus noch nicht lebens- 
wichtig und konnte stark variieren. Durch starke 
Variation der Körperform kann, namentlich bei 
einer gestreckten Springspinne, leicht eine ziem- 
lich hochgradige Ameisenähnlichkeit zustande 
kommen, so daß die Naturauslese an derartige 
Variationen anknüpfen konnte. — Starke Variationen 
kennen wir auch heute noch bei vielen Tierarten. 
Erinnert sei nur an die verschiedenen Farben und 
Zeichnungen des Hainschneckengehäuses (Helix 
)iemoralis) , einer gemeinen Ostseeassel (Idothea 
haWiica) und an die starken Farbenabänderungen 
fast aller Haustiere. Der Züchter hatte bei der 
Domestikation z. B. des Rindes natürlich besonders 
einen reichen Milch- und Fleischertrag im Auge. 
Die Haarfarbe war ihm ziemlich gleichgültig. Des- 
halb trat nach Aufhören der Naturzüchtung eine 
starke Variation der Farbe ein. Verwildert ein 
Haustier, wie man es beim Kaninchen kennt, so 
tritt sofort wieder die Naturzüchtung ein, und die 
Farbe wird wieder konstant. 

Ich möchte diesen Aufsatz nicht abschließen, 
ohne auf zwei vorzügliche kleine Abhandlungen 
von E. Study hingewiesen zu haben, die in der 
Zeitschrift „Die Naturwissenschaften" (7. Jahrg. 
S. 371 ff.) und in der „Zeitschrift für induktive 
Abstammungs- und Vererbungslehre" (Bd. 24, S. 33 ff.) 
veröffentlicht sind. Die erste wendet sich gegen 
die Anhänger der E im ersehen Schule und be- 
kämpft sie mit ihren eigenen Waffen. Die zweite 
geht mit der Logik O. Hertwigs ins Gericht. 
Beide zeigen klar, daß nur die Selektionslehrc 
unserem logischen Denken gerecht wird. 



Einzelberichte. 



Die Lehre von der inneren Sekretion. 

Vor dem Jahre 1890 finden sich in der Lite- 
ratur nur einige wenige Hinweise auf die endo- 
krinen Drüsen oder Blutgefäßdrüsen, welche ihre 
Absonderungen nicht in die äußere Umgebung 
des Lebewesens, sondern ins Blut desselben er- 
gießen. Immerhin hatte schon 1801 der Physio- 
loge Legallois, wie Gley') nachweist, eine 
sehr klare Vorstellung von den Beziehungen, die 
vorhanden sein müssen zwischen den verschiedenen 
Sekreten auf der einen, und den Schwankungen 
in der Zusammensetzung des venösen Blutes auf 
der anderen Seite. Der Göttinger Professor A. A. 

') Abhandlungen und Monographien aus dem Gebiete der 
Biologie und Medizin, I. Heft: Gley, „Die Lehre von der 
inneren Sekretion" (Bern J920, Ernst Bircher). 



Berthold demonstrierte 1849 ^'s erster durch 
Versuche, daß die Keimdrüsen auf dem Wege über 
das Blut den ganzen Organismus beeinflussen 
können. Auch sonst finden sich kurze Hinweise 
auf die Drüsen mit innerer Abscheidung. Die 
wahren Begründer der Lehre von der inneren 
Sekretion sind jedoch Claude Bernard und 
Brown-Sequard; den Anteil, den der eine 
und der andere an der Begründung dieser Lehre 
haben, zeigt Gley auf. 

Als wesentliche Kennzeichen der Drüsen mit 
innerer Sekretion werden genannt: i. Die Zellen 
der sog. Blutgefäßdrüsen müssen die Eigenschaften 
von drüsigen Elementen besitzen, und sie müssen 
um die Blutgefäße gelagert sein, die aus dem 
Organ austreten; 2. in diesen Zellen und in dem 
venösen Blut der Drüse oder in der austretenden 



1P^ 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 5 



Lymphe muß eine spezifische Substanz chemisch 
nachgewiesen werden Icönnen; und 3. muß das 
venöse Blut der Drüse die physiologischen Eigen- 
schaften dieser spezifischen Substanz besitzen. Für 
zahlreiche Organe — sagt Gley — die zu den 
Drüsen mit innerer Sekretion gerechnet werden, 
„sind ohne Zweifel nicht alle diese Bedingungen 
erfüllt worden ; manche dieser Organe sind jedoch 
ganz sicher auch vom Standpunkt der schärfsten 
Kritik als Drüsen mit innerer Sekretion aufzu- 
fassen, denn obwohl nicht alle oben erwähnten 
Merkmale zugegen sind, gestattet es eine Reihe 
übereinstimmender Tatsachen , sie als endokrine 
Drüsen anzuerkennen. . . . Niemand wird z. B. 
bestreiten wollen, daß die Schilddrüse eine Blut- 
gefäßdrüse ist, obwohl man bisher im venösen 
Blut dieses Organs keine spezifischen chemischen 
oder physiologischen Eigenschaften nachweisen 
konnte; aber die Folgen der Exstirpation dieses 
Organs sind so eigenartig und die Wirkung des 
Schilddrüsenextraktes, das diese schädlichen Folgen 
aufhebt, ist so charakteristisch, daß man gezwungen 
ist anzunehmen, daß die Stoffe, die in diesem Ex- 
trakt enthalten sind, das innere Milieu elektiv be- 
einflussen." 

Eine Ausnahme von der Regel, daß die Drüsen 
der inneren Abscheidung keine Beziehungen zum 
äußeren Milieu haben, bilden die Leber, das Pan- 
kreas, und auch die Schleimhaut des Zwölffinger- 
darms und des Leerdarms, die Stoffe sowohl nach 
außen wie nach innen abscheiden. Überdies be- 
stehen gewisse Wechselbeziehungen zwischen äuße- 
rer und innerer Abscheidung. Als typisches Bei- 
spiel wird u. a. der Harnstoff erwähnt, der in der 
Leber gebildet, ins Blut ausgeschieden und von 
der Niere abgefangen wird, um nach außen ab- 
gegeben zu werden. 

Der direkte Nachweis der Abscheidungspro- 
dukte in den Drüsen oder im Blut und die Er- 
mittlung ihrer chemischen Natur ist bisher erst 
ausnahmsweise gelungen. „Es sind nur wenige 
Stoffe, die in den Drüsenzellen chemisch nach- 
gewiesen werden konnten : so Fette in den Darm- 
zellen und in den Zellen des Fettgewebes, sowie 
Adrenalin in den Zellen der Nebennieren. Man 
hat allerdings auch in den Zellen der Schilddrüse 
ein Produkt der Zelltätigkeit nachgewiesen , die 
kolloide Substanz; aber wir wissen nicht, ob diese 
kolloide Substanz nur das aktive Prinzip des Schild- 
drüsensekretes enthält und ob es das ganze aktive 
Prinzip in sich beherbergt. Der chemische Nach- 
weis der spezifischen Produkte der Drüsen mit 
innerer Sekretion im venösen Blute ist ebenfalls 
nur für eine geringe Anzahl von Drüsen gelungen. 
In den Darmvenen und im Ductus thoracicus hat 
man Fette gefunden und sogar quantitativ be- 
stimmt; man hat Zucker und Harnstoff im Blut 
der Lebervenen nachgewiesen, und man hat schheß- 
lich Adrenalin im Blute der Nebennierenvene ge- 
funden." 

Sehr wichtig für den Beweis des Vorliegens 
innerer Sekretion ist die Feststellung, daß einem 



spezifischen Produkt der Drüsentätigkeit bestimmte 
physiologische Eigenschaften zukommen, die zeit- 
weilig auf das Blut übertragen werden. Es wäre 
nötig, daß er für alle endokrinen Drüsen erbracht 
würde; darauf abzielende Untersuchungen sind 
jedoch selten gemacht worden. Ein diesbezüg- 
licher Nachweis wurde erbracht für jene Drüsen, 
in denen Stoffe produziert werden, welche den 
Ablauf chemischer Reaktionen verändern und nach 
der Art von Fermenten wirken, nämlich das innere 
Sekret des Pankreas, das zur Regulierung des nor- 
malen Zuckergehaltes im Blute dient, und das 
Antithrombin der Leber, auf dem die Gerinnung 
des Blutes beruht. Auch hinsichtlich der beiden 
bestbekannten inneren Abscheidungsstoffe, des 
Sekretin der Schleimhaut des Zwölffinger- und des 
Leerdarms, sowie des Adrenalin, gelang die Fest- 
stellung, daß dieselben in das venöse Blut der 
Organe übergehen, in welchen sie gebildet werden. 

Statt die Anwesenheit der Sekrete im venösen 
Blut zu ermitteln, wurde gewöhnlich ein einfacheres 
Verfahren angewendet, das in der Beobachtung 
der Wirkung von Organextrakten besteht. Das 
Resultat jedoch istj meint Gley, daß beinahe 
alle Arbeiten, die seit fünfzehn Jahren über diese 
Frage ausgeführt wurden, auf einer Methode be- 
ruhen, die zwar nicht absolut mangelhaft, jedoch 
unvollständig und darum ungenügend ist. Ohne 
die große Bedeutung mancher Ergebnisse zu ver- 
kennen, zu welchen die Untersuchung mit Organ- 
extrakten führte, warnt Gley vor Schlüssen, die 
einzig auf solcher Wirkung beruhen; er sagt: 
„Wenn die chemischen und physiologischen Merk- 
male, d. h. der Nachweis des spezifischen Produktes 
im venösen Blute, nicht vorhanden sind, so kann 
eine innersekretorische Wirkung nur dann ange- 
nommen werden, wenn eine ganze Reihe von 
übereinstimmenden physiologischen, pathologischen 
und therapeutischen Momenten vorliegt : es muß 
nachgewiesen sein, daß die Exstirpation des Or- 
gans, dessen innersekretorische Wirkung vermutet 
wird, einen ganzen Komplex von funktionellen 
Störungen hervorruft, die auch beim Menschen als 
Krankheit vorkommen können; ferner daß man 
diese Störungen herabmindern oder zum. Ver- 
schwinden bringen kann durch regelmäßige An- 
wendung von Organextrakten oder durch Organ- 
verpflanzung, wenn die letztere möglich ist. Der 
Erfolg einer solchen Substitutionstherapie bildet 
die Gegenprobe zu den Versuchen, in denen ein 
Organ zerstört wird. Und nur weil eine solche 
Reihe von übereinstimmenden Tatsachen mit Be- 
zug auf die Schilddrüse und mit Bezug auf die 
interstitielle Drüse der Geschlechtsdrüsen ermittelt 
wurde, werden die Schilddrüse, die interstitielle 
Drüse des Hodens und das Corpus luteum mit 
Recht als Organe mit innerer Sekretion betrachtet." 
Gleys Einwände gegen die Methode der Organ- 
extrakte lese man in seiner Schrift selbst nach. 

Die inneren Sekrete werden in vier Gruppen 
eingeteilt: i. Innere Sekrete, die als Nährstoffe 
dienen (Glukose der Leber ; Fett der Darmschleim- 



N. F. XX. Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



n 



haut und des Panniculus adiposus; Fibrinogen der gänge oder Funktionen reguliert werden. 3. Hor- 
Leber). 2. Morphogenetische Substanzen oder mone und 4. Parhormone. Die Harmozone teilt 
Harmozone, durch welche die chemischen Vor- Gley wie folgt ein: 



Innere Sekrete: 



1. Substanzen, die im Stoffwechsel Substanz, die die Zuckerpro- 
eine Rolle spielen. duktion reguliert. 

2. Substanzen, die dazu dienen, Antithrombin, 
das innere Milieu unverändert 

zu erhalten. 

3. Morphogenetische Substanzen, Chemische Natur unbekannt, 
die durch ihre chemischen Wir- 
kungen die Formbildung be- 
einflussen. 



Organe mit innerer Sekretion: 
Pankreas. 



Leber. 



Interstitielle Drüse des Testi- 
kels und Corpus luteum. 
Schilddrüse. Hypophyse. 
Thymus. 



Die Hormone und die Parhormone werden nach ihrer physiologischen Funktion wie nach- 
stehend gruppiert: 



Innere Sekrete: 



Organe mit innerer Sekretion: 



Hormone mit chemischen Wir- Substanz, die das Trypsin akti- Milz. 



kungen. 



Hormone mit physiologischen 
Wirkungen. 



Parhormone. 



viert. 



Substanz, die den Stickstoffumsatz Schilddrüse, 
und den Gaswechsel steigert. 



Sekretin. 

Galaktagoge Substanz. 

Kohlensäure. 
Harnstoff. 



Schleimhaut des Duodenums 
und Jejunums. 

Myometrale Drüse , Plazenta 
oder Fötus (?). 

Muskeln und Drüsen. 

Leber. 



Entgegen dem sonstigen Gebrauch beschränkt 
Gley die Bezeichnung „Hormone" auf eine Ab- 
teilung der inneren Sekrete, welche als eigentliche 
Reizstoffe aufzufassen sind. 

Die Nährstoffsekrete werden in recht beträcht- 
lichen Mengen ans Blut abgegeben; sie sind für 
den Energieverbrauch bestimmt und werden des- 
halb auch Verbrauchssekrete genannt. Anderer- 
seits sind die „morphogenetischen Substanzen 
und die Hormone schon in sehr geringen Dosen 
wirksam; es handelt sich um Körper, die sich 
augenscheinlich in ähnlicher Weise verhalten, wie 
nervöse Reize oder Fermente. Mit ihnen gelangt 
keine Energie zu den Zellen, die von ihnen be- 
einflußt werden; sie setzen bloß präexistierende 
Energie frei, sie regeln die physiologische Funk- 
tion und lösen sie aus". Sehr wichtig ist, daß 
Harmozone und Hormone in ihrem Ursprung und 
in ihrer Wirkung spezifisch im anatomischen und 
physiologischen Sinne sind, nicht aber im zoolo- 
gischen Sinne, d. h. „die Sekrete, die mit einer 
elektiven Wirkung ausgestattet sind, stammen aus 
einem ganz bestimmten Organ und ausschließlich 
aus diesem Organ; aber welcher Art das Tier 



auch angehören mag, dem sie entnommen wur- 
den, sie üben ihre Wirkung auch auf Tiere aus, 
die anderen Arten angehören". Fraglich ist, ob 
die Beschränkung der Sekrete auf bestimmte Or- 
gane absolut ist, oder „ob sich trotz der Arbeits- 
teilung im Organismus nicht auch in anderen 
Organen Spuren von Eigenschaften nachweisen 
lassen, die bei einem bestimmten Organ die aus- 
schlaggebende Eigenschaft sind." 

Im letzten Teil seiner Arbeit unternimmt 
Gley, festzustellen, aus welchen Stoffen die Drüsen- 
zellen die von ihnen sezernierten spezifischen Sub- 
stanzen bereiten, oder mit anderen Worten, wie 
die Drüse geladen wird; weiterhin geht er auf 
die Ursachen ein, welche die Ausscheidung aus 
den Drüsenzellen oder die Entladung der Drüse 
hervorrufen. Dann untersucht er den Einfluß des 
Nervensystems auf die innere Sekretion und 
schließlich die Wechselwirkung oder gegenseitige 
Beeinflussung der Drüsen mit innerer Sekretion ; 
in dieser letzteren Beziehung sind wichtige patho- 
logische Probleme erstanden. 

Aus der Unter- oder Überfunktion der Drüsen 
mit innerer Sekretion erwachsen mehr oder min- 



fs 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 5 



der schwere Störungen der Gesundheit. Der Be- 
griff der Unterfunktion ist längst bekannt und 
manche Pathologen meinen, daß er überhaupt die 
Pathologie zu beherrschen habe. Da die endo- 
krinen Drüsen nur ganz kleine Mengen von außer- 
ordentlich wirksamen Stoffen liefern, meint Gley, 
es sei nicht anzunehmen, daß ihre Produktion 
allzu leicht ungenügend würde. Ebenso wie die 
Unterfunktion wahrscheinlich weniger häufig vor- 
kommt, als heute angenommen wird, spielt wahr- 
scheinlich auch die Überfunktion eine verhältnis- 
mäßig bescheidene Rolle. Gley sagt: „Man hat 
einen großen Mißbrauch mit Erklärungen durch 
Störungen der inneren Sekretion getrieben; man 
ging dabei so weit, daß, wenn man einen Sym- 
ptomenkomplex nicht allein durch Hyper- oder 
allein durch Hyposekretion einer Drüse erklären 
konnte, man einfach diese beiden Faktoren gleich- 
zeitig heranzog ; so hat man z. B. behauptet, daß 
bei der Akromegalie gleichzeitig ein partieller 
Hyperpituitarismus und ein Hypopituitarismus vor- 
handen sind." Auf solche kritiklose Weise kann 
man freilich leicht alle krankhaften Erscheinungen 
erklären, aber die Erklärungen bedeuten in Wirk- 
lichkeit gar nichts. 

Zum Schlüsse wird die Frage aufgeworfen, „ob 
nicht in den endokrinen Drüsen toxische Sub- 
stanzen gebildet werden, durch deren mehr oder 
weniger weitgehende Resorption krankhafte Sym- 
ptomenkomplexe hervorgerufen werden könnten. 
Eine solche Vorstellung ist natürlich hypotheti- 
scher Natur, aber manche Tatsachen lassen sie 
von Interesse erscheinen". So hat man z. B. ge- 
funden, daß die Schilddrüse bei vielen Infektions- 
krankheiten ein abnormes Kolloid ausscheidet, das 
nicht mehr seine normalen Farbreaktionen gibt. 
Neuerdings wurde versucht, die Erscheinungen der 
Akromegalie durch eine Störung in der inneren 
Sekretion der Hypophyse zu erklären , die von 
der physiologischen Sekretion qualitativ verschie- 
den sein soll. Es ist also möglich, daß die krank- 
haften Erscheinungen nicht alle aus einer Insuffi- 
zienz oder gar einem Verlust der Funktion resul- 
tieren; krankhafte Symptome können auch bedingt 
sein durch einen gestörten Stoffwechsel des Or- 
gans. H. Fehlinger. 

Das Gesetz der Verteilung der Fixsterne 
im Räume. 

Dieses Gesetz versuchten Kapteyn und 
van Rhijn durch sorgfältige Bearbeitung des 
reichen, jetzt vorliegenden Materials über Paral- 
laxen, Eigenbewegungen und Sternhelligkeiten zu 
erforschen (Astrophys. Journal, July 1920). In 
den galaktischen , d. h. auf die Ebene der Milch- 
straße bezogenen Breiten zwischen + 40 " bis 
+ 90" läßt sich die mittlere, jährliche Parallaxe 
von Sternen der Größenklasse m und der Eigen- 
bewegung ft befriedigend darstellen durch die 
Formel 

\gn= —0,691 — 0,0682 m -|- 0,645 lg /<. 



Durch Kombination dieser Formel mit dem be- 
reits früher ebenfalls von Kapteyn gefundenen 
Gesetz der Verteilung der Parallaxen von Sternen 
von gegebener Größe und Eigenbevvegung er- 
geben sich die beiden Hauptgesetze, welche die 
Anordnung der Sterne im Räume bestimmen. 
Das erste dieser Gesetze gibt die Häufigkeit der 
verschiedenen absoluten Helligkeiten M ') pro 
Raumeinheit wenigstens in der Umgebung der 
Sonne zwischen — 10,6 M und -{- 7,4 M an und 
stellt sich als eine symmetrische Wahrscheinlich- 
keitskurve dar von der Gleichung: 

lg cp (M) = — 2,394 + 0,1858 M — 0,0345 M^. 
Daraus folgt, daß die totale Anzahl von Sternen 
in der Nachbarschaft der Sonne vom hellsten bis 
zum schwächsten ganz gleichmäßig gleich 0,0451 
für die Raumeinheit (i parsec^) ist. Unter parsec 
oder Sternweite ist die Entfernung zu verstehen, 
die einer Parallaxe von i Sekunde entspricht, 
d.h. eine Entfernung 206225 Erdbahnhalbmessern 
oder 3 74 Lichtjahren. — Nimmt man an, daß die 
für die Nachbarschaft der Sonne abgeleitete Funk- 
tion <p (M) auch für alle weiteren Entfernungen 
gilt, so wäre die mittlere absolute Helligkeit aller 
Sterne 2,7 mit einem wahrscheinlichen Fehler von 
+ 1,69, d. h. ungefähr 2,9 M schwächer als die 
Sonne; die Sonne gehört somit zu den helleren 
Fixsternen des Milchstraßensystems. 

Das zweite Grundgesetz über die Anordnung 
der Sterne im Räume bezieht sich auf die Raum- 
dichtigkeit der Sterne als Funktion ihrer Entfernung 
von der Sonne. Setzt man die Sterndichtigkeit 
nahe der Sonne gleich I, so findet Kapteyn 
folgende Tabelle: 

Parallaxe Sterndichte Parallaxe Sterndichte 



0,296" 


1,00 


0,007" 


0,60 


0,118 


1,00 


0,005 


0.45 


0,047 


1,00 


0,003 


0,30 


0,030 


0,92 


0,002 


0,18 


0,019 


0,86 


0,001 


0,09 


0,012 


0,76 







Betrachtet man die Dichtigkeit der Sternverteilung 
in einer Ebene senkrecht zur Milchstraßenebene, so 
ergibt sich in der Richtung der Pole der Milch- 
straße praktisch als Grenze des ganzen Systems 
die Entfernung von 1500 parsec, während in der 
Milchstraßenebene die ebenso geringe Dichtigkeit 
von Sternen erst in einer achtmal so großen Ent- 
fernung angetroffen wird. Hierbei ist allerdings 
Symmetrie rund um die Pole der Milchstraße 
vorausgesetzt, die in Wirklichkeit, wie schon der 
Anblick der Milchstraße zeigt, nicht vorhanden 
ist. Auch ist bei allen diesen Untersuchungen 
der Einfachheit halber die Sonne als im Mittel- 
punkt des gesamten Systems stehend angenom- 
men, was bekanntlich ebenfalls nicht ganz richtig 
ist. Demnach müssen Kapteyns Forschungs- 



') d. h. der Größe, wie sie in der Einheit der Entfernung 
(i parsec) erscheint. 



N. F. XX. Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



79 



resultate auch jetzt noch als provisorische be- 
zeichnet werden, doch glaubt der geschätzte 
Groninger Astronom, daß die erst in Zukunft zu 
gewinnenden definitiven Ergebnisse die schon 
jetzt erkennbaren Gesetze nicht mehr wesentlich 
umgestalten werden. Kbr. 

Die Ansdehuuug des ultravioletten 
Spektrums. 

IVIillikan berichtet im vorjährigen Juliheft 
des Astrophysical Journal , daß durch hochge- 
spannte, im Vakuum überspringende Funken und 
Benutzung eines Hochvakuum-Spektrometers mit 
besonders für diesen Zweck hergestelltem Kon- 
kavgitter das ultraviolette Spektrum erheblich über 
die bisher bekannten Grenzen hinaus verfolgt wer- 



den konnte. Während Schumann mittels Vaku- 
umkamera das Spektrum Geißlerscher Röhren bis 

etwa 100 ixf.1 = looo Ängström-Einheiten zu ver- 
folgen vermochte, photographierte M i 1 1 i k a n als 
äußerste Linien der Funkenspektra von Kohlen- 
stoff, Zink, Eisen, Silber und Nickel solche von 
bzw. 260,5 ; 317.3; 271,6; 260,2; 202 Ängström- 
Einheiten. Da in allen diesen Spektren auch die 
Wasserstofflinie 1215,7 auftritt, glaubt Millikan, 
daß im hochgespannten Funken neben gleichfalls 
festgestellten Röntgenstrahlen Wasserstoff abge- 
spalten wird. Die ultravioletten Strahlen sind 
durch diese Beobachtungen den Röntgenstrahlen, 
deren Wellenlängen nach Haga und Wind zwischen 
I und 10 A.-E. liegen, erheblich näher gerückt. 

Kbr. 



Bücherbesprechungen. 



Stromer, Ernst, Paläozoologisches Prak- 
tikum. 104 S., 6 Textabb. Borntraeger, Berlin 
1920. Brosch. 10 M. 

Ohne mechanisches Handwerk geht es in 
keiner Naturwissenschaft ab. Der vorliegende 
Leitfaden geht von der sehr beherzigenswerten 
Mahnung aus, solche Hilfsarbeit nicht zu gering 
zu achten und etwa grundsätzlich Hilfskräfte 
damit zu betrauen. Das Sammeln und die Prä- 
paration von Fossilien gewähren nicht nur häufig 
unwiederbringliche Gelegenheit zu wichtigen Be- 
obachtungen, sondern sie müssen oft selbst aus 
bestimmtem, wissenschaftlich bedingtem Gesichts- 
winkel betrieben werden und sind dann ein un- 
lösbarer Bestandteil der geistigen Stoffbearbeitung. 
So sollte jeder Paläontologe die wichtigsten Hand- 
griffe selbst geübt haben und kennen. Um sich 
im Einzelfalle schnell über die vorteilhafteste 
Methode zu unterrichten, ebenso zur methodischen 
Aneignung ist die Stromer sehe Zusammenstellung 
der wesentlichsten mechanischen und chemischen 
Möglichkeiten ein trefflicher Führer. 

Ein kürzerer spezieller Teil geht zum Schluß 
die Tiergruppen in systematischer Reihe mit Hin- 
blick auf die jeweils in Betracht zu ziehenden, 
durch die normale Erhaltung bedingten Anwen- 
dungen durch. Ein sorgfältig zusammengestelltes 
und klar geordnetes Literaturverzeichnis gibt alle 
nötigen weiteren Hinweise. Edw. Hennig. 



einen aufreibenden Kampf gegen Sonnenglast und 
Dürre — die gekrümmten, verzerrten Formen der 
Stämme scheinen der Ausdruck dieses verzweifelten 
Ringens zu sein. Trotz seiner Armut beherbergt 
das Kaokofeld eine zahl- und artenreiche Tierwelt, 
die St. in lebhaften Bildern vor Augen führt. Wir 
erfahren u. a., wie sehr die Tiere der Dürre und 
Trockenheit angepaßt sind, daß sie im Kampfe 
ums Dasein andere Eigenschaften ausbildeten als 
Artgenossen im wasserreichen Kongobecken, an 
den Seen und den Sümpfen des Sudan. 

Große Teile der Steppe bewohnt ein Zweig 
des Hererovolkes, Ovatjimba genannt. Viehzüchter 
sind alle Ovatjimba in gleicher Weise; Anfänge 
von Ackerbau findet man im Norden des Kaoko- 
feldes. Dort werden Felder gerodet, gehackt und 
mit Mais oder Hirse bestellt. Die südlichen Ova- 
tjimba, soweit sie südlich des 18,45 Breitengrades 
leben, hausen ohne Stammesverband hordenweise 
im Busch. Über körperliche und psychische 
Eigenarten der Ovatjimba sagt St. Beachtenswertes. 
In ihrem friedfertigen, ja feigen Wesen unter- 
scheiden sie sich stark von ihren Nachbarn, den 
Ovambo. Unter letzteren gibt es auffallend viele 
Weißlinge oder Albino ; St. bekam den Eindruck, 
daß diese geistig augenscheinlich nicht ganz auf 
der Höhe stehen. H. Fehlinger. 



Steinhardt, Vom wehrhaften Riesen und 
seinem Reiche. 224 S. 24 Bildertafeln, 
I Karte. Hamburg 1920, Alster- Verlag. 
Eindrucksvoll schildert St. die Landesnatur des 
südwestafrikanischen Kaokofeldes sowie das Leben 
von Tieren und Menschen in dieser Steppe, die 
im steten Wechsel von Sonnenglut und eisiger 
Nachtkälte steht, die durchzogen ist von felsum- 
schlossenen Tälern, deren Hänge spärlicher Wuchs 
bedeckt; knorriger Steppendorn kämpft im Tale 



Walther, J., Vorschule derGeologie. Eine 
gemeinverständliche Einführung und Anleitung 
zu Beobachtungen in der Heimat. Siebente er- 
gänzte Auflage. Jena 1920, Gustav Fischer. 
Das vor 15 Jahren in erster Auflage erschienene 
Werk liegt nun in der siebenten Auflage vor, der 
beste Beweis für seine Brauchbarkeit und die An- 
erkennung, die es in geologisch interessierten 
Kreisen gefunden hat. Die Darstellung ist klar, 
verständlich und anregend, gegen frühere Auflagen 
vielfach verändert und ergänzt. Die Literatur für 
Exkursionen ist bis in die neueste Zeit nachge- 
tragen. Krenkel. 



8o 



Natui-wissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 5 



Anregungen und Antworten. 



Zu Höfers Grundwasser und Quellen. Die Bemerkungen 
des Herrn W. Halbfafi über mein Buch „Grundwasser und 
Quellen" (Nr. 39, S. 624, 1920 dieser Wochenschrift) scheinen 
mir geeignet, teilweise Irrungen im Leserkreise zu veranlassen, 
weshalb ich mir erlaube, sie richtig zu stellen. So sagt Herr 
Halb faß: „Man weiß nicht recht, ob der Verf. den Begriff 
des juvenilen Wassers überhaupt gänzlich ablehnt oder nicht." 
Hierzu habe ich zu bemerken, daß ich auf S. 67 das juvenile 
Wasser mit der Bemerkung erwähne, daß „es im Abschnitt 
Thermen eingehender besprochen wird". Da der Begriff ju- 
veniles Wasser zur Erklärung mancher Thermen von E. Sueß 
aufgestellt und auch nur für diese verwendet wurde, so ist 
es naturgemäß, daß jenes bei diesen 'besprochen wird. Da 
heißt es nach eingehenden Untersuchungen über Thermen auf 
S. 165: „nicht das heiße Thermal wasser, sondern nur seine 
Wärme ist juvenil; es gibt kein juveniles Wasser, 
wohl jedoch juvenile Thermen" , also ein juveniles, fremdes 
Heizgas, welches das Bodenwasser erwärmt. Damit glaube 
ich mich über allen Zweifel klar ausgesprochen zu haben. — 

Die Volgersche Kondensationsbypolbese habe ich auf 
6 Seiten als unhaltbar bewiesen und durch meine, auch meteo- 
rologisch begründete Nebellheorie ersetzt. Die „Umformung" 
jener Hypothese durch M e z g e r erscheint mir nicht ausreichend 
und deshalb zwecklos. Ich mußte mit den Zeilen sparen und 
Unnotwendiges unterdrücken. — Herr Halb faß scheint den 
wesentlichen Unterschied zwischen dem dickleibigen Lehr- 
buch Keilhacks und meinem kurzen Leitfaden manch- 
mal zu übersehen ; jenes kann die einzelnen Abschnitte mit 
vielen Einzelfällen, Beispielen und Bildern erweitern, während 
ich, meinem Programm gemäß, stets bemüht sein mußte, mich 
auf das Wesentliche zu beschränken. — Den ,, Zusammenbang 
des Grundwassers mit dem Meere" habe ich auf den Seiten 
76, 98 und 109 besprochen, auch Beispiele und Literatur- 
hinweise gegeben, was mir hydrogeologisch als ausreichend 
erscheint; ich wäre dem Hydrographen Herrn Halbfaß dank- 
bar gewesen, wenn er mir angedeutet hätte, in welcher Art 
ich meine diesbezüglichen Ausführungen zu ergänzen hätte. 

Wien III, 8. Oktober 1920. 

Dr. Hans Höfer-Heimhalt. 



Äther-Theorie und Einstein-Effekt. Da das Sonnenlicht 

elektro-magnetischer Natur ist, liegt die Annahme nahe, daß 
die Sonne im Äther nicht nur Bewegungserscheinungen, sondern 
auch Zustandsänderungen in Form von Spannungen und Zer- 
rungen hervorruft. Die Stärke derselben wird c. p. von der 
Größe der Entfernung der betreffenden Ätherpartie von der 
Sonne abhängen und in der Nähe derselben vergleichsweise 
am stärksten sein. 

Durch diese magnetische Beeinflussung des Äthers durch 
die Sonne kann die Ablenkung eines Sternlichtstrahles beim 
Vorbeistreichen am Sonnenrand hervorgebracht werden, indem 
die Verzerrungen des Fortpflanzungsmittels den Gang des 
Lichtwellenzuges in ähnlicher Weise beeinflussen müssen, wie 
eine Narbe das benachbarte Gewebe, d. h. an sich heran- 
ziehen. Hat doch schon Faraday eine Drehung des polari- 
sierten Lichtstrahls im magnetischen Felde nachweisen können. 

So kann der ,, Einst ein- Effekt " auch auf Grund der 
Äther-Theorie erklärt werden. 

Die Abweichung in der Perihelbewegung des 
Merkur aber, welche eigentlich das Vorhandensein von 
Planeten innerhalb der Merkurbahn, die aber tatsächlich 
fehlen, erfordern würde, ist ebenfalls durch ein, in der Son- 
nennähe am stärksten wirkendes, von der Sonne selbst aus- 
gehendes und den ihr am nächsten befindlichen Planeten am 



meisten beeinflussendes Magnetfeld einer prinzipiellen Er- 
klärung zugänglich, dazu bedarf es also ebenfalls nicht der 
Relativitätstheorie. Ar. Adler. 



F'ischende Hunde. Am Stagno di San Giusta bei Orislano 
an der Westküste Sardiniens beobachtete ich einstmals Hunde, 
die regelrecht Fische fingen. Als wir am Ufer des erv/ähnten 
großen Strandsees (den man kurz vor dem Kriege trocken zu 
legen begann) nach Milben und Insekten suchten, bemerkten 
wir wenige Schritte von uns entfernt ganz nahe am Wasser 
einen mittelgroßen Hund, der scharf ins Wasser schaute. Er 
ließ sich durch unsere Anwesenheit nicht stören (wurden doch 
die Hunde in Sardinien zumeist in merkwürdig freundlicher 
Weise behandelt, so daß sie wenig scheu sind). Nachdem der 
Hund einige Minuten unbeweglich ins Wasser gesehen, fuhr 
er plötzlich blitzschnell mit dem rechten Fang ins Wasser 
und schleuderte einen etwa 20 cm langen Fisch ans Land und 
trug ihn davon. Eine Strecke weiter fischte ein zweiter Hund 
in derselben Weise, ebenfalls mit Erfolg. , Da ich vermutete, 
es könnte sich vielleicht um matte, kranke Fische handeln, 
die die Hunde anzögen, weil leicht fangbar, untersuchte ich 
das Ufer genauer; es waren aber keine kranken oder toten 
Fische aufzufinden. Die Scharen von Fischen schwammen 
schnell davon, wenn ich näher hinzutrat; sie machten durch- 
aus nicht den Eindruck als wären sie krank. Diese Hunde 
fischten also regelrecht. Es wäre mir interessant, von ähn- 
lichen Beobachtungen zu hören. Wenn ich mich recht er- 
innere, habe ich einmal in einer Jagdzeitschrift im allge- 
meinen gelesen, daß Hunde zuweilen große Fischliebhaber 
seien und den Teichwirt dadurch schädigten. 

Dr. Anton Krausse, Eberswalde. 



Moderne, biologische Auffassung des Tierbaues bei J. Swift. 
Bei meiner heurigen Reiselektüre des bekannten satyrischen 
Werkes „Gullivers Reisen" von Swift, das bereits 1726 er- 
schienen ist, ist mir im 3. Kapitel der Reise in das Land der 
Riesen Brobdignag (Ausgabe der Reclamschen Universalbiblio- 
thek S. Ill), wo davon die Rede ist, daß drei Gelehrte Gul- 
liver untersuchen, eine hochinteressante Stelle aufgefallen, die 
wohl verdient, allgemein bekannt gemacht zu werden. Es 
heißt dort: „Alle drei stimmten darin überein, daß ich nicht 
nach den regelmäßigen Naturgesetzen geschaffen sein könne, 
weil ich nicht zur Erhaltung meines Lebens, durch Erklettern 
der Bäume oder durch Eingraben in die Erde, gebildet sei. 
Sie sahen ferner aus meinen Zähnen, die sie genau in Augen- 
schein nahmen, ich sei ein fleischfressendes Tier; da jedoch 
die meisten Vierfüßler mich an Kraft bei weitem überträfen 
und Feldmäuse sowie einige andere viel zu behende seien, 
könnten sie sich nicht vorstellen, wovon ich lebte, wenn ich 
mich nicht von Schnecken oder Insekten ernähre; zugleich 
aber erboten sich alle drei, durch sehr gelehrte Gründe zu 
beweisen, auch dies sei nicht wohl möglich." Diese Äuße- 
rung erinnert lebhaft an die Stelle in Goethes ,,Athrois- 
mos", der freilich so manches Jahrzehnt später erschienen 
ist: „Also bestimmt die Gestalt die Lebensweise des Tieres, 
und die Weise zu leben, sie wirkt auf alle Gestalten mächtig 
zurück." 

W'ien. Prof. Dr. E. Witlaczil. 



Literatur. 



Much, Prof. Dr. H., Pathologische Biologie (Immuni 
tälswissenschaft). 3. Aufl. Mit 6 Tafeln u. 7 Textabb. Leip- 
zig '20, C. Kabitsch. 45 M. 



Inhalt: Fr. Termer, Kakao und Schokolade bei den alten Mexicanern und anderen mittelamerikanischen Völkern. S. 65. 
Fr. Dahl, Täuschende Ähnlichkeit mit Bienen, Wespen und Ameisen. S. 70. — Einzelberichte: Gley, Die Lehre 
von der inneren Sekretion. S. 75. Kapteyn und van Rhijn, Das Gesetz der Verteilung der Fixsterne. S. 78. 
Millikan, Die Ausdehnung des ultravioletten Spektrums. S. 79. — Bücherbesprechungen: E. Stromer, Paläo- 
zoologisches Praktikum. S. 79. Steinhardt, Vom wehrhaften Riesen und seinem Reiche. S. 79. J. Walther, 
Vorschule der Geologie. S. 79. — Anregungen und Antworten: Zu Höfers Grundwasser und Quellen. S. 80. Äther- 
Theorie und Einstein-Effekt. S. 80. Fischende Hunde. S. 80. Moderne, biologische Auffassung des Tierbaues bei 
J. Swift. S. So. — Literatur: Liste. S. 80. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 41, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 
Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Fol^e 20. Band; 
der ganzen Reihe 36. Band. 



Sonntag, den 6. Februar 1921. 



Nummer 6. 



Über Moorbildungen im tropischen Afrika. 



tNachdruck verboten.] Von Prof. Dr. E. 

H. Potonie, dem die geologische Wissen- 
schaft eine Reihe höchst wichtiger Forschungen 
über die Bildungsweise und den Bau der rezenten 
Moore und über ihre Umwandlung zu Kohlen- 
lagern verdankt, ist seit vielen Jahren dafür ein- 
getreten, daß die großen Kohlenbildungs- 
perioden der Erde unter dem Einfluß eines 
tropisch- feuchten Klimas gestanden haben. 
Auf die Begründung dieser Ansicht, für die Po- 
tonie eine Anzahl vollgültiger Beweise beibringen 
konnte, soll hier nicht eingegangen werden. Bis 
in die neueste Zeit fand er Gegnerschaft, natur- 
gemäß von solchen, denen eine sachgemäße Ab- 
wägung aller hierbei in Frage kommenden Materien 
unmöglich war, vor allem, weil ihnen eine Kennt- 
nis tropischer Natur und tropischer Klimaeigen- 
tümlichkeiten fehlte. 

Eine wesentliche Stütze fand Potonie durch 
die Entdeckung eines 800000 Hektar großen 
Flachmoorgebietes in der heißen Ebene des flachen 
östlichen Teiles von Sumatra am Kamparfluß durch 
S. H. Koorders, dessen 30 m hoher immer- 
grüner Mischwald auf mächtigen Torflagen wächst. 
Andere Tropenmoore wurden später von Janensch 
aus Deutsch Ostafrika , von R. Lang aus dem 
malayischen Archipel und von K. Keilhack von 
Ceylon beschrieben.^) 

Während des Krieges ist es mir gelungen, die 
Zahl der bekannten Tropenmoore um einige zu 
vermehren, die sich in Deutsch-Ostafrika und in 
der Kongokolonie finden, also in recht verschieden- 
artigen Klimaprovinzen liegen. Diese seien im 
folgenden kurz geschildert. 

Kigoma, der Endpunkt der von Daressalam 
nach dem Tanganjikasee führenden Zentralbahn 
steigt am Suedgehänge einer geräumigen Ein- 
buchtung des Sees empor. Sie wird durch zwei 
Landzungen gegen die heftigen böigen Wirbel- 

') Über Tropenmoore und die ältere Literatur vgl, 
K. Keilhack, Über tropische und subtropische Torfmoore 
auf der Insel Ceylon, Jahrb. Preuß. Geol. Landesanst. 1915, 
H. 1; ferner K. Keilhack, Über tropische und subtropische 
Flach- und Hochmoore auf Ceylon ; Mitt. Oberrhein. Geol. 
Vereins, N. F. 4, S. 76. Keil hack gibt zum ersten Male 
Listen der gesammelten Pflanzen, die wichtige Schlüsse und 
Vergleiche mit außertropischen Mooren erlauben. — Weiter 
sind anzuführen: 4. Bericht über die Ausgrabungen und Er- 
gebnisse der Tendaguru- Expedition, Sitz.-Ber. Ges. Naturforsch. 
Freunde, Berlin 1911, S. 393. — Janensch, Die Torfmoore 
im Küstengebiet des südlichen Deutsch-Ostafrikas. Wiss. Er- 
geh, der Tendaguru-Expedition, 3. H., S. 265. — R. Lang, 
Geol.-Min. Beobachtungen in Indien, I — 3; Centralblatt für 
Min., Geol. u. Pal. 1914, S. 257, 513. — Ausführlichere An- 
gaben über die unten beschriebenen Moore und ihre klima- 
tische Stellung inE. Krenkel, Moorbildungen im tropischen 
Afrika, Centralblatt f. Min. 1920. 



Krenkel, Leipzig. 

winde des Grabensees abgeschlossen, der nach 
den neuesten, von Jacobs und Stappers aus- 
geführten Lotungen in seinem südlichen Teil- 
becken bis zu 1435 "^ Tiefe erreicht und damit, 
655 m unter den Spiegel des Indischen Ozeans 
eingesenkt, der zweittiefste See der Erde nach 
dem Baikal ist. Die genannten Landzungen, die 
Anhöhen um die Bucht von Kigoma wie die 
hohen Uferberge des Sees bestehen aus stark ge- 
störten eintönigen Sandsteinserien der Tangan- 
jikaformation. 

Die Bucht von Kigoma zeigt an ihrem innersten 
Rande einen flachen Strandsaum, der von hellen, 
aus der Zerstörung der Sandsteine der Tangan- 
jikaformation hervorgehenden Seesanden aufgebaut 
ist. Die übrigen Seiten der Umrahmung der 
Bucht steigen steiler aus dem Wasser empor. An 
diesen steiler geneigten Uferböschungen läßt sich 
um die ganze Bucht herum ein markantes Bran- 
dungskliff erkennen, wie solche auch von anderen 
Strecken des Sees bekannt geworden sind. Der 
Strand der innersten Bucht findet landeinwärts 
seine Fortsetzung in einem weiten ebenen Tal- 
boden, der hinter einer etwa loo m breiten den 
See von ihm abdämmenden Landbrücke einen 
ausgedehnten Sumpf mit einer offenen Wasser- 
fläche in der Mitte trägt. Sie wird von einem 
wechselnd breiten Streifen wasserliebender Ge- 
wächse umzogen , der sich durch seine saftig 
grüne Farbe namentlich zur Trockenzeit von dem 
fahlen Gelb der umgebenden Vegetation scharf 
umrissen abhebt. Auch an den Abhängen dieses 
Talbodens in der Umgebung des Teiches, der den 
Namen Kibirizi trägt, ist ein Strandkliff sehr 
deutlich zu erkennen, das sich in das eben er« 
wähnte lückenlos fortsetzt. Das den Teich Kibi- 
rizi umziehende Kliff beweist, daß sich die Bucht 
von Kigoma einst erheblich tiefer landein er- 
streckte. Es erklärt zugleich die Entstehung des 
Teiches, der als ein von der heutigen Bucht von 
Kigoma abgeschnürter Teil einer älteren, ausge* 
dehnteren Bucht des Sees anzusehen ist. 

Der Teich Kibirizi und seine Umgebung mit 
stagnierenden Regenwassertümpeln sollten, als 
Brutstätten malariaübertragender Mücken, während 
des Krieges der Gesundung Kigomas zu Liebe 
trockengelegt werden. Die vorgenommenen Ent- 
wässerungsarbeiten, so die Anlage eines den Teich 
mit der Bucht verbindenden Entwässerungsgrabens, 
gaben Gelegenheit, die geologische Beschaffenheit 
des Teichuntergrundes kennen zu lernen. Sie 
legten zugleich ein recht ausgedehntes Tropen- 
sumpfmoor frei. 



82 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift 



N. F. XX. Nr. 6 



Dieses Sumpfmoor erhält an einer Seite kleine 
Zuflüsse aus den Randbergen des Sees. In seinem 
Innern trägt es eine unregelmäßig gestaltete, von 
Schwimmpflanzen lückenhaft bestandene Wasser- 
fläche, die alle Anzeichen vorschreitender Ver- 
sumpfung durch Verlanderpflanzen zeigt. Denn 
von dem sie umgebenden innersten Vegetations- 
gürtel aus rücken locker stehende Ausläufer in 
sie vor, die sich nach außen mehr und mehr 
verdichten. Dieser innerste Vegetations- 
gürtel besteht aus einem sehr gleichmäßigen 
Bestände von Sumpfgräsern — fast ausschließlich 
wohl Cyperus Papyrus — von übermannshohem 
Wuchs, die in dicken Klumpen, die man als 
„Riesenbülte" bezeichnen könnte, beisammen stehen 
und von schmalen Wasseradern durchzogen wer- 
den. Auf diesen innersten „Papyrusgürtel" folgt 
nach außen mit abnehmender Wassertiefe ein 
zweiter, in dem die üppigen Papyrusstauden 
zurücktreten, kleiner werden und sich andere 
Gräser und Blütenpflanzen zwischenmischen. Am 
Rande des Sumpfmoores, dem ausdauernde Was- 
serlachen schon fast völlig fehlen, ist Papyrus 
nicht mehr zu finden, eine Reihe verschiedener 
Gräser und Stauden bilden vielmehr das vor- 
herrschende Pflanzenelement. Auch hier stehen 
die Süß- und Sauergräser noch in kleinen Bülten, 
eine Analogie zu unseren Mooren. 

Die Verlandung des Kibiriziteiches wird also, 
genau wie bei den Seen unseres Klimas, durch 
mehrere, zonenartig aufeinander folgende, wenn 
auch nicht scharf getrennte Vegetationsgürtel be- 
zeichnet. Eine genauere Beschreibung der diese 
Gürtel zusammensetzenden Pflanzengemeinschaften 
zu geben, ist mir unmöglich, so wünschenswert 
sie auch wäre, da ich dazu zu wenig Botaniker 
bin. Die gesammelten Pflanzen mußten in Afrika 
zurückbleiben. Auffällig war es, daß sich nirgends 
Moose und Flechten fanden. 

An seiner Grenze wird nun dieser Grassumpf 
— ein typisches Tropen flach moor, mit ver- 
landenden Pflanzen im Innern, Fortsetzern der 
Torfbildung im bereits landfest gewordenen Moor 
nach außen hin — von einem zweiten Moortypus 
umzogen, den man als Gehängemoor be- 
zeichnen könnte. Dieses Gehängemoor zieht sich 
über dem Sumpfmoor an den Böschungen des 
Tales aufwärts und endet da, wo die oben be- 
schriebene Strandlinie eines älteren, höheren 
Standes desTanganjikadasGehänge durchschneidet. 
Der Pflanzenwuchs auf ihm ist vielgestaltiger als 
im äußersten Sumpfmoorgürtel, vor allem finden 
sich viele blühende Kräuter, so Leguminosen. Als 
auffallendstes Unterscheidungsmerkmal zum Sumpf- 
moor, dem ein solcher völlig fehlt, zeigt das Ge- 
hängemoor einen sehr lückenhaften Baum- oder 
besser Buschwuchs von recht kümmerlichem Aus- 
sehen, was wieder als Analogie zu unseren Mooren 
gelten könnte. Das Gehängemoor endet mit 
scharfer Grenze an den in der Umgebung von 
Kigoma verbreiteten Pflanzenbeständen. 

Am nördlichen Rande des Sumpfmoores, in 



der Übergangszone zum Gehängemoor ansetzend, 
finden sich üppige Bestände tropischer Kulturen, 
so schöne Ölpalmen, die in dieser niedrigen Ufer- 
region des Tanganjikasees als Vorposten ihres 
Hauptverbreitungsgebietes inWestafrika in einzelnen 
Exemplaren vorkommen, Bananenhaine und Pa- 
payen. Sogar zu einzelnen P'eldkulturen ist der 
trockene Humusboden hier früher benutzt worden, 
der dann eine lockere krümelige Struktur durch 
das Auflockern mit der Hacke angenommen hat. 

Über die Untergrundsbeschaffenheit 
des Kibirizisumpfmoores wurde folgendes festge- 
stellt: Im Innern des Moores, unter der offenen, 
tiefbraun gefärbten Wasserfläche, fand sich ein 
breiiger, brauner P'aulschlamm, dessen Mächtig- 
keit nicht ermittelt werden konnte. Am Ent- 
wässerungsgraben dagegen, der ungefähr l^/g m 
an seiner tiefsten Stelle in der Landbarre einschnitt, 
wurde ein Profil erschlossen, das oben Torf, unter 
diesem Sande und Kiese mit gelegentlichen 
Tonschmitzchen zeigte , diese ganz ähnlich den 
Ablagerungen des Buchtrandes, jedoch im Gegen- 
satz zu deren kräftiger Färbung deutlich ausge- 
bleicht und hier und da mit beginnender ort- 
steinartiger Verfestigung. Die größte Mächtig- 
keit des Torfes betrug im Graben über i m; 
doch ist die wahre Mächtigkeit nach der Lage- 
rung sicher größer. Die Farbe des nassen Torfes 
ist braunschwarz bis schwarz, getrocknet dunkel- 
braun. Der getrocknete Torf zeigt ein innig ver- 
filztes Pflanzengewebe, in dem sich vor allem 
Wurzelfasern, seltener Reste von Stengeln und 
Blattstücken unterscheiden lassen. Der im Ge- 
hängemoor vorkommende Torf zeigt eine viel ge- 
ringere Mächtigkeit, die 20 cm erreicht. Er ist 
sehr viel lockerer als der vorbeschriebene. Seine 
Farbe ist heller. Unter seinen Bestandteilen über- 
wiegen Wurzelteile, während eine homogene, diese 
einbettende Grundmasse zurücktritt. 

Außer dem Kibirizimoor dehnt sich vielleicht 
zwischen Kigoma und dem Luitschetal ein anderes 
großes Moor aus. Nach seiner Lage und seinem 
Pflanzenbestand wäre es nicht ausgeschlossen, daß 
hier ein Tropen hoch moor vorliegt. Da es 
nicht besucht werden konnte, mag die bloße Er- 
wähnung der Möglichkeit eines solchen Vorkom- 
mens genügen. 

Zu streifen wären noch die klimatischen 
Verhältnisse am nördlichen Ostufer des Tanganjika- 
sees. Dieses gehört dem äquatorialen Klimatypus 
mit zwei Niederschlagsmaxima an; die kleine 
Trockenzeit ist nur schwach entwickelt. Udjidji, 
in der Nähe Kigomas, erhielt, um nur eine Be- 
obachtungsstation zu nennen, im Jahre 191 1 eine 
Regenmenge von 1092 mm; das Temperatur- 
maximum betrug 34, das Minimum 12,5° C. 

Wie gegenwärtig die Bedingungen zur Moor- 
bildung am See gegeben sind , so bestanden sie 
auch zur Karruzeit an beiden Ufern des noch 
nicht gebildeten Sees. Karrukohlen sind sowohl 
im Hinterlande von Karema wie im Lukugagraben 
gefunden worden. 



N. F. XX. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



H 



Nach meinen übrigen Beobachtungen und Er- 
kundigungen dürften Flachmoore auch in ande- 
ren Teilen Deutsch- Ostafrikas vorkommen. So 
wurde mir, um Beispiele aus verschiedenen Land- 
schaften zu nennen, aus dem „Zwischenseen- 
gebiet" berichtet, daß in den oft versumpften, 
dicht mit Papyrus bestandenen Talsohlen Urundis 
und Ruandas Torflagen festgestellt wurden. Ich 
habe ferner im Innern Deutsch - Ostafrikas im 
Nordugogo in einem Steppenbecken der Land- 
schaft Mletsche über grauschwarzeni, fettem Steppen- 
beckenton eine Torflage von etwa 20 cm Dicke 
gefunden. Es handelt sich um ein kleines Flach- 
moor, dessen Bau nicht weiter untersucht wurde. 
Vorkommen ähnlicher Art werden sich wohl noch 
öfter ermitteln lassen. Die Moore Ugogos sind 
beachtenswert deshalb, weil das Klima dieses 
Landes starke Extreme zeigt: so eine lange, 
scharf ausgeprägte Trockenzeit mit völliger Regen- 
freiheit während vieler Monate und eine kurze 
Regenzeit mit allerhöchstens 700 mm Regen in 
günstigen Jahren, dazu sehr hohe Temperaturen. 

Zwischen Daressalam und Bagamojo habe ich 
weiter an der Küste des Indischen Ozeans mehr- 
fach dünne Lagen von braunem Torf über fossil- 
führenden marinen Sanden oder in diese einge- 
lagert gesehen. Besonders diese Vorkommnisse 
der Küstenmoore (Mangrovenmoore?) von 
paralischem Typus, die rezenten Beispiele für 
eine unserer wichtigsten Erscheinungsformen der 
fossilen Kohlenlager, erscheinen mir aus vielen 
Gründen einer näheren Untersuchung wert, so 
auch wegen der sich in ihrer Lagerungsweise ab- 
spiegelnden jungen Bewegungen des Küstenlandes. 

Aus allen diesen Angaben ergibt sich — zu- 
sammen mit der Schilderung der Moore aus dem 
südlichen Küstengebiet Deutsch- Ostafrikas, die 
Janensch und v. St äff im Hinterlande von 
Lindi und Kilwa aufgefunden und ausführlich ge- 
schildert haben — daß Moorbildungen in den 
verschiedensten Teilen dieses großen Gebietes auf- 
treten. So an der mäßig feuchten ozeanischen 
Küste mit ihren geringen Temperaturschwankun- 
gen, im trockeneren Küstenhinterland, im regen- 
armen heißen Innern mit großen Temperatur- 
gegensätzen, an der inneren, dem regenreichen 
Kongobecken schon angenäherten Seengrenze am 
Tanganjika, und in den kühleren, regen- und 
nebelreichen Hochländern des Nordwestens. Zwei- 
fellos werden sich noch viele andere Vorkomm- 
nisse finden. 

Unter den ostafrikanischen Mooren ließen sich 
schon heute nach bestimmten Merkmalen ver- 
schiedene Typen aufstellen. Da aber gerade 
ihr Pflanzenbestand, als eins ihrer wichtigsten 
Merkmale, noch nicht genügend erforscht ist und 
fast nur lücken- und laienhafte Angaben über ihn 
vorliegen, müßte eine solche Aufstellung als ver- 
früht unterbleiben, solange nicht der Botaniker 
sein Urteil gesprochen hat. Trotzdem mag der 
Versuch einer nur orientierenden Übersicht der 
zu scheidenden Typen gewagt werden. Ihr sind 



die bisher bekannt gewordenen außerafrikanischen 
Vorkommen beigefügt. Die Moore Ostafrikas 
werden in ihrer Mehrzahl den tropischen Flach- 
mooren angehören; es ist aber kaum daran zu 
zweifeln, daß es auch hier tropische Hochmoore 
gibt. 

Zu unterscheiden wären : 

I. Tropische Moore. 
A. Rezente Tropenmoore. 

1. Tropenflachmoore 

a) mit tropischem Regenhochwald, der deut- 
liche Anzeichen eines Sumpfwaldes trägt, 
so Pneumatophoren, Besen- und Brettwurzeln ; 
Unterholz in verschiedenem Grade, oft nur 
gering entwickelt. Unter der Wurzeldecke 
dunkler schlammiger Humus. Offenen Wasser- 
stellen nicht selten. 

Vorkommen: im Kongobecken am Ruki; 
außerhalb Afrikas: Osiküste von und mitt- 
leres Sumatra, Ceylon? 

b) mit üppiger Baum- und Buschvegetation, 
z. T. in reinen, z. T. in gemischten Bestän- 
den; Kraut- und Graswuchs zurücktretend. 

Vorkommen : Großes und kleines Narunyo- 
moor am Lukuledi, Mto Nyangi am Mbem- 
kuru 

c) mit Sumpfgräsern : Grasmoor (mit Gramineen, 
Cyperaceen , Nymphaceen , Leguminosen). 
Durchsetzt von wenig dichtem, mäßig hohem 
Busch und niedrigen, nur vereinzelt höheren 
Bäumen. 

Vorkommen : (3.) Narunyomoor, Matumbica- 
tal. Außerhalb Afrikas: südliche Westküste 
von Ceylon 

d) mit reinem oder überwiegendem Sumpf- 
gräserwuchs im Innern („Papyrusmoor"), 
meist mit offenen Wasserstellen ; ohne Baum- 
und Buschwuchs. 

Vorkommen: Bucht von Kigoma, Hoch- 
länder des Zwischenseengebieies, (kleine) 
Steppenmoore, Katanga; 

e) paralische (Mangroven-) Moore: Pflanzenbe- 
stand noch unbekannt. 

Vorkommen: an der Küste Deutsch-Ost- 
afrikas zwischen Bagamojo und Daressalam, 
z. T. wohl subrezent. 

2. Ubergangsbildung:Gehängemoor von 
geringer Ausdehnung mit verkümmerter Baum- 
und Buschvegetation. 

Vorkommen : Bucht von Kigoma. 

3. Tropenhochmoore, mit niedrigen Gräsern, 
Farnkräutern und vereinzelten Baum- und Busch- 
gruppen ; Vegetation kümmerlich. 

Vorkommen: am Pindirobach im Mbemkuru- 
tale (Süden von Deutsch- Ostafrika), zwischen 
Kigoma und Luitsche? 

B. Subrezente Tropenmoore. 
Schwammige Torflager zwischen jungen Sedi- 
menten, mit Resten von Baumstämmen und an- 
deren Pflanzen. 

Vorkommen : am Kongo zwischen Buma und 
Lisala, eingelagert in junge Kongoalluvionen, 



g4 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 6 



darunter Bleichsand; in Katanga. — Außerhalb 
Afrikas : in mehreren, durch Bleichsande getrennten 
Lagen übereinander auf der Malayischen Halb- 
insel bei Ipoh und Tronoh. 

IL Subtropische Moore 
(mit Gebirgsklima im tropischen Gebiet). 

1. Flachmoore: Grasmoor ohne Bäume und 
Sträucher: die Flora zeigt viele Anklänge an 
unsere heimischen Moorpflanzen (mit Apono- 
geton, Juncus, Scirpus, Eriocaulon u. a.). 

Vorkommen: Nurelia, am Talagalla (2250 m) 
auf Ceylon. Hierher gehören wohl am besten 
die Papyrusmoore in den Hochländern des 
Zwischenseengebietes in Deutsch-Ostafrika. 

2. Hochmoore: Grasmoor mit verkümmertem 
Baumwuchs und wenig Staudenwuchs ; ohne 
Moose. 

Vorkommen: Nurelia auf Ceylon (weitgehende 
Übereinstimmung in den Familien und selbst 
in den Gattungen zu der Flora in den nord- 
deutschen Mooren). 

Daß auch außerhalb des eben besprochenen 
Gebietes Bedingungen zur Moorbildung im tropi- 
schen Afrika vorhanden sind, habe ich durch 
vielerlei Angaben bestätigt gefunden, die mir 
während meiner Reise durch die Kongokolonie 
gemacht worden sind. Von diesen mag nur eine 
erwähnt werden, die gut beobachtet erscheint. 
Es handelt sich nach der Beschreibung um ein 
großes mit Hochwald bestandenes Sumpfflach - 
moor. Es dehnt sich am Unterlaufe des Ruki 
aus, eines linken Nebenflusses des Kongo, der 
sich bei Coquilhatville unter dem Äquator in den 
Riesenstrom ergießt und die Urwälder der Mitte 
des Kongobeckens entwässert. Was mir die 
Schilderung dieses Moores als gut beobachtet er- 
weist, ist die Erwähnung von „kurzen dicken Ge- 
bilden, die zugespitzten Baumstümpfen gleichen 
und in großer Anzahl den sumpfigen Boden be- 
decken". Es kann sich hiernach nur um die 
kegelförmigen Atemwurzeln sumpfständiger Laub- 
bäume handeln, deren Lebensweise also eine 
große Übereinstimmung verrät zu der Sumpfwald- 
vegetation, wie sie uns Koorders und nach 
ihm Potonie aus dem ebenen Flachlande des 
östhchen Sumatra zwischen den Flüssen Siak und 
Kampar beschrieben haben. 

Auch subrezente Tropenmoore sind 
im Kongobecken vorhanden. So sah ich auf der 
Dampferfahrt kongoabwärts zwischen den an der 
äußersten nördlichen Biegung des Kongoknies 
gelegenen Stationen Buma und Lisala an einer 
durch eine der jüngsten Hochfluten mit ihren 
riesigen Wassermassen frisch abgebrochenen Ufer- 
wand ein wichtiges Profil junger Ablagerungen 
entblößt. Bis zum Wasserspiegel lagen Flußsande 
von heller Färbung, darüber, allmählich aus diesen 
hervorgehend, eine schwarzbraune, etwa I bis 1 ^4 ni 
mächtige, lockere torfige Schicht, in der 
noch schwärzliches Astwerk zu erkennen war, 
und über dieser als Abschluß, aber nun mit 
scharfer Abwaschungsgrenze ansetzend, jüngste. 



gelb und braun gefärbte Flußablagerungen des 
Kongo. 

Dieses Profil zeigt deutlich, wie sich in einer, 
wohl nur wenig zurückliegenden Zeit über jungen 
Flußsedimenten in einer Üferniederung ein Sumpf- 
flachmoor, wohl ein Waldmoor, gebildet hat. Es 
wuchs, nach Analogie des gegenwärtigen Wachs- 
tums der Flora im tropischen, feuchtigkeitschwan- 
geren Kongourwald zu urteilen, das in kürzester 
Zeit enorme Pflanzenmassen hervorbringt, rasch 
heran, wurde dann wieder zerstört und abgetragen 
und schließlich von einer neuen Lage von Sedi- 
menten eingedeckt. Ein Einschneiden des Kongo 
in seine Ablagerungen brachte das werdende 
Kohlenflöz wieder ans Tageslicht. 

Damit ist der Beweis erbracht, daß im tro- 
pischen Urwald des Kongobeckens Moore in junger 
geologischer Zeit entstanden sind, ebenso wie sie 
noch heute in ihm gedeihen. 

Dem vorbesprochenen ähnliche subrezente Torf- 
lager hat C. Guillemain aus der Südprovinz 
der Kongokolonie, aus Katanga, beschrieben. 
Nur im Aufbaumaterial mögen sie sich unter- 
scheiden, indem es sich bei ihnen um die Residuen 
ausgedehnter Papyrussümpfe handelt. In erheb- 
licher Ausdehnung finden sich diese jugendlichen 
Kohlenflözbildungen im unteren Lufiratale und an 
anderen Kongoquellflüssen. 

Gleichartige subrezente Bildungen hat R. Lang, 
der im östlichen Sumatra wachsende Waldmoore 
über weiten Gebieten fand, ähnlich denen am 
Ruki, von der Halbinsel Malakka bekannt ge- 
geben, wo sich in den Tagebauten der Zinngruben 
ausgezeichnete Profile von vertorften Waldsümpfen 
und ihrer Gesteinsunterlage finden. 

Daß im Gebiete des feuchten tropischen Kongo- 
urwaldes Ansammlung von Rohhumus keine Aus- 
nahme, sondern sogar eine Regel ist, deuten auch 
die Schwarzwasserflüsse des inneren Kongo- 
beckens an. Der tropische Urwald bedeckt in 
Zentralafrika ein ausgedehntes, wenn auch nicht 
geschlossenes Gebiet, das sich zwischen dem 
5. Grade nördlicher und dem 5. Grade südlicher 
Breite zonenartig zu beiden Seiten des Äquators 
ausstreckt, mit einzelnen Ausläufern südwärts. Die 
das Urwaldland durchziehenden zahlreichen Ge- 
wässer sind echte Schwarzwasserflüsse. Sie 
führen von gelöstem Humus tiefschwarz bis bräun- 
lich in verschiedenen Tönen gefärbtes Wasser. 
Obwohl es durch seine Farbe den Eindruck starker 
Trübung erweckt, lassen sich eingetauchte Gegen- 
stände viele Meter tief verfolgen. Dieses dunkle 
Schwarzwasser führen die Ströme des Kongo- 
beckens allein innerhalb des Urwaldbereichs, nicht 
aber außerhalb desselben, ein deutlicher Hinweis 
darauf, daß die dunkle Färbung mit der Erzeugung 
von Rohhumus zusammenhängt. 

Im großen ganzen ist das Urwaldland des 
Kongobeckens weniger regenreich, als meist an- 
genommen wird. Die hier fallenden Regen sind 
beträchtlich geringer als auf Sumatra und Java, 



I 



N. F. XX. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



8S 



wo Regenmengen von weit über 3000 mm durch- 
aus die Regel sind. Im Kongobecken bewirkt 
jedoch die Form der gewaltigen geologischen wie 
orographischen Mulde eine intensive Sammlung 
der Niederschläge in der Rinne des Kongo. Dazu 
ist die Verdunstung durch die üppige, den Boden 
vor Austrocknung bewahrende Pflanzendecke und 
die meist starke Wolkenbildung gehemmt. Diese 
Momente steigern die Wirksamkeit der kaum je- 
mals 2000 mm übersteigenden Regenfälle — solche 
Niederschläge finden sich z. B. als in einem der 
regenreichsten Gebiete des Landes zwischen Co- 
quilhatville und Lukolela am Kongo — für die 
Urwaldstrecken um das Mehrfache. 



Die aus dem tropischen Afrika bisher be- 
schriebenen Moore sind nicht eben zahlreich. Sie 
werden sich jedoch als verbreitet sehr rasch 
herausstellen, sobald aufmerksam auf ihr Vor- 
kommen geachtet werden wird. 

Ohne hier weiter auf spezielle, mit der Moor- 
bildung in den Tropen zusammenhängende Fragen 
eingehen zu wollen, die geologischer und klima- 
tologischer Natur sind, soviel jedenfalls ist sicher, 
daß die wichtigsten Perioden weit ausgedehnter 
und langandauernder Moorbildung auf der Erde 
unter der Herrschaft eines tropisch- feuchten Klimas 
standen mit allen seinen, einen üppigen Wuchs 
der Flora fördernden Eigenschaften. 



Spekulatives über die Endlichkeit der Welt. 

[N»chdjuck verboten,] Von E. J. Gumbel (Berlin). 

Die folgenden Zeilen sollen plausibel machen, Sonne aufgehen zu sehen 



warum ein experimenteller Nachweis der Endlich- 
keit der Welt auf optischem Weg heute und ver- 
mutlich immer unmöglich ist. 

Die Astronomen vermuten, daß die Welt end- 
lich, aber unbegrenzt ist. Die allgemeine Rela- 
tivitätstheorie hat sich dieser Vermutung ange- 
schlossen. Man veranschaulicht sich dies, indem 
man zweidimensionale Geschöpfe betrachtet, die 
auf der Oberfläche einer Kugel leben. Deren 
Welt hat nämlich beide Eigenschaften. 

Unsere Welt verhält sich geometrisch, als wenn 
wir auf der dreidimensionalen Oberfläche einer 
Kugel von vier Dimensionen lebten. (Die Begriffe 
Welt und Vierdimensionalität sind dabei nicht im 
Sinn des raum-zeitlichen Kontinuums gebraucht.) 

Da nur das Licht uns die Erkenntnis der uns 
umgebenden Sternenwelt bringt, so drängt sich 
zum experimentellen Nachweis der Endlichkeit der 
Welt folgender Gedankengang auf: Das Licht 
schreitet von einer Lichtquelle in Kugelwellen fort. 
Das Licht muß also, nachdem es die ganze Welt 
durchlaufen, wenn man von der Absorption ab- 
sieht, von der „entgegengesetzten" Seite wieder 
zurückkehren. Anders gesprochen: Es muß für 
jeden auf der dreidimensionalen Oberfläche der 
vierdimensionalen Kugel gelegenen Stern ein Bild 
existieren , wo die Kugelwellen zusammenlaufen 
und wieder auseinander gehen. Dieses Bild wird 
an unserem Firmament als Stern erscheinen, den 
wir an und für sich von den „wirklichen" Sternen 
nicht unterscheiden können. 

Nach der allgemeinen Relativitätstheorie wird 
das Licht beim Durchgang durch Gravitations- 
felder abgelenkt. Wir setzen bei der Überlegung 
also voraus, daß die Gravitationsfelder das Zu- 
standekommen des Bildes nicht verhindern. 

Die Frage des Nachweises der Endlichkeit der 
Welt konzentriert sich demnach auf die Auffindung 
des Bildsternes. Hierzu stehen uns eine Reihe 
von Methoden zur Verfügung. Zunächst könnte 
man sich auf einen geeigneten Punkt der Erde 
stellen und versuchen das Bild der untergehenden 



Oder allgemein ge- 
sprochen, es ist zu versuchen, zu bestimmten 
Sternen der einen Himmelshalbkugel die zuge- 
hörigen Bildsterne als Sterne der anderen Halb- 
kugel aufzufinden. Die beiden Sterne müssen be- 
zogen auf die Ekliptik an der Himmelskugel ieinen 
Längenunterschied von 180 Grad und die gleiche, 
aber entgegengesetzte Breite haben. 

Der Nachweis der Zusammengehörigkeit zweier 
Sterne als Stern und Bild läßt sich auf zwei 
Weisen durchführen: mit Hilfe der Dopplerver- 
schiebung und mit Hilfe der Parallaxenwerte. Wir 
betrachten zunächst die Dopplerverschiebung. 
Wenn der eine Stern sich in einer bestimmten 
Richtung zur Erde bewegt, so müßte sein Bild 
sich in entgegengesetzter Richtung bewegen. Also 
müßten die beiden Dopplerverschiebungen den 
gleichen Betrag, aber entgegengesetzte Richtung 
haben. Man müßte demnach die Sterne der nörd- 
lichen und südlichen Halbkugel einzeln darauf 
durchsehen, ob sich zwei Sterne mit diesen Eigen- 
schaften finden. 

Da aber zu jedem Stern ein Bildstern gehört, 
so könnte man auch untersuchen, ob wenigstens 
entsprechende Sterngebiete der nördlichen und 
südlichen Halbkugel im Mittel die gleiche, aber 
entgegengesetzte Dopplerverschiebung aufweisen. 
Dem liegt die Annahme zugrunde, daß die ge- 
samte durch die Schwerkraft herbeigeführte Ab- 
lenkung des Lichtes zwar nicht verschwinde, aber 
verhältnismäßig klein sei. In Erweiterung dieses 
Gedankens wäre zu untersuchen, ob nicht für die 
nördliche und südliche Halbkugel im ganzen die 
gleiche, aber entgegengesetzte Dopplerverschiebung 
herauskommt. 

Tatsächlich werden aber im Mittel ebensoviele 
Sterne sich auf die Erde zu, als von ihr weg be- 
wegen. Daher wird sich für dieses Mittel in 
beiden Fällen Null ergeben, was für unsere Theorie 
nichts aussagt. Dies ist nur einer der Einwände, 
die die Unausführbarkeit unseres Gedankenexperi- 
ments und damit überhaupt des Nachweises der 
Endlichkeit der Welt auf optischem Weg zeigen. 



86 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 6 



Es ist nämlich überhaupt unwahrscheinlich, daß 
das Licht seinen Umlauf um die Welt vollendet. 
Denn es ist zu befürchten, daß es von den schwarzen 
Massen aufgeschluckt wird. Endlich haben wir 
bei unserem Vergleich stillschweigend vorausge- 
setzt, daß der Stern seine Geschwindigkeit in der 
kolossalen Zeit, die das Licht vom Stern zum 
Bild braucht, nicht wesentlich verändert hat. (Eine 
an sich schon sehr unwahrscheinliche Hypothese.) 
Entscheidend aber ist, daß stets einer der 
beiden zusammengehörigen Sterne so weit von 
uns entfernt sein muß, daß die genauen spektro- 
skopischen Untersuchungen, die die Feststellung 
der Dopplerverschiebung verlangt, überhaupt nicht 
vorgenommen werden können. Dies läßt sich 
einfach zeigen. Die Entfernung eines Sternes wird 
mit Hilfe seiner Parallaxe gemessen. 

Dies gibt uns scheinbar ein zweites Mittel um 
die Zuordnung von Stern und Bild durchzuführen. 
Die Entfernung des Sternes von der Erde und die 
Entfernung des Bildes von der Erde müßte näm- 
lich zusammengerechnet den halben Umfang eines 
größten Kreises der vierdimensionalen Kugel 
geben. 

Aber eine einfache Überlegung zeigt, daß die 
Parallaxe des Bildes tatsächlich immer dann un- 
meßbar ist, wenn die Parallaxe des Sternes meß- 
bar ist und umgekehrt. Nehmen wir den gün- 
stigsten Fall für die gleichzeitige Messung von 
Bild und Stern, so müssen beide gleichweit von 
der Erde entfernt sein. Dann beträgt ihre Ent- 
fernung je einen Quadranten eines größten Kreises 
der vierdimensionalen Kugel. Aber nach einem 
Satz der Geometrie ist der Umfang eines größten 
Kreises auf einer n dimensionalen Kugel wie bei 
der gewöhnlichen Kugel 2R7T. Wir brauchen 
also zur Bestimmung der Parallaxe den Radius 
der vierdimensionalen Kugel. Dieser ist natürlich 
nicht exakt bestimmbar. Nach den Schätzungen 
de Sitters ergibt er sich als das 10*^- bis 10'*- 
fache des Erdbahnradius. Rechnen wir mit der 
ersten Zahl, so gibt eine elementare Rechnung 
eine Parallaxe von höchstens einhunderttausendstel 
Bogensekunde. Eine solche ist aber durch unsere 
astronomischen Messungen nicht nachweisbar. Also 
selbst im günstigsten Fall kann man die Beziehung 
für die Parallaxen, die sich daraus ergibt, daß die 
Entfernung von Stern und Bild gleich einen halben 
Weltumfang ist, nicht nachweisen. 

Wenn der Stern sichtbar ist, so ist also sein 
Bild nicht sichtbar und umgekehrt. In dem oben 



erwähnten günstigsten Fall ist, da der Erdbahn- 
radius 150 MiH. Kilometer beträgt und das Licht 
300000 km in der Sekunde macht, die Entfernung 
von der Erde zum Stern ungefähr 10 Mill. Licht- 
jahre. Der Arcturus ist aber z. B. nur lOO Licht- 
jahre entfernt. Bei quadratischer Abnahme der 
Intensität mit der Entfernung wäre also ein Stern 
von gleicher Größe 10 milliardenmal schwächer 
als der Arcturus, also ein Stern von der 40. Größen- 
klasse. Stern und Bild können also nicht gleich- 
zeitig gesehen werden. 

Jetzt sehen wir auch, wie unberechtigt unsere 
frühere Annahme war, daß Stern und Bild sym- 
metrisch gelegen sein müßten. Denn aus einer 
bestimmten Lage eines Bildes zu einer gewissen 
Zeit kann nur gefolgert werden, daß der zuge- 
hörige Stern vor 20 Mill. Jahren die dazu sym- 
metrische Lage eingenommen hat. 

Da es unmöglich ist, zu einem Stern das zu- 
gehörige Bild zu finden, ist es unmöglich die End- 
lichkeit der Welt auf diesem optischen Weg ex- 
perimentell zu beweisen. Dies könnte nur ge- 
schehen, wenn man ein Verfahren finden könnte, 
um den Bildcharakter eines Sternes nachzuweisen. 
Durch optische Eigenschaften ist dies sicher nicht 
möglich. Denn, da das Bild über seine Geschichte 
nichts aussagt, so sind für die Optik Stern und 
Bild völlig gleichberechtigt. 

In mechanischer Hinsicht dagegen werden 
Sterne und Bilder einander nicht äquivalent sein. 
Zwei Bilder werden sich ungefähr verhalten wie 
zwei Sterne, da nahe gelegene Bilder nahe gelegenen 
Sternen entsprechen. Dagegen wird das gegen- 
seitige Verhalten eines Sternes und eines Bild- 
sternes gegenüber dem Verhalten zweier wirk- 
licher Sterne bemerkenswerte Abweichungen zeigen. 
Denn nur das vom Bild ausgestrahlte Licht wird 
durch den Stern eine Gravitationswirkung erfahren, 
nicht aber das vom Stern ausgestrahlte. Eine 
Gravitationswirkung, die von der Masse des Bildes 
herrührt, wird nicht vorhanden sein. Hat man 
nun von zwei Sternen, die wir als sehr benach- 
bart sehen, die Parallaxen so genau gemessen, daß 
man entscheiden kann, daß sie nicht etwa nur 
zufällig auf derselben Gesichtslinie stehen, sondern 
„wirklich" benachbart sind, so ist es vielleicht 
einmal möglich, durch den Unterschied in der 
Größenordnung der Gravitationswirkung des 
Lichtes und der Gravitationswirkung der Masse 
den Nachweis für den Bildcharakter eines Sternes 
und damit der Endlichkeit der Welt zu erbringen. 



[Nachdruck verboten.] 



Zum Kreislaufprozeß des Wassers, 

Von Prof. W. Halbfaß, Jena. 



Daß der Kreislaufprozeß des Wassers auf der 
Erde nicht in mathematisch genauem Sinne ge- 
nommen werden darf, bedarf wohl kaum einer 
besonderen Erwähnung. Dennoch geht aus dem 
meiner Ansicht nach wohlbegründeten Beweis- 
verfahren von G n i r s *) hervor , daß wenigstens 



in den zwei letzten vergangenen Jahrtausenden 
eine meßbare Erniedrigung des Niveaus der 
Ozeane, die gegenüber der Gesamtmasse der 
Erde eine nur verschwindend dünne Oberflächen- 



') MiU. Geogr. Ges. Wien 1908. 



N. F. XX. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



87 



Schicht darstellen, nicht stattgefunden hat. Es 
hat sich ferner herausgestellt, daß alle Behaup- 
tungen von einer dauernden Abnahme des 
Wasserstandes der Flüsse und der Binnenseen 
nicht zu erweisen sind und daß endlich von einer 
gleichmäßigen, die ganze Erde umspannenden, 
Abnahme der Niederschläge nicht die Rede sein 
kann, daß vielmehr ein vielleicht periodisches An- 
und Abschwellen im Wasserstand der Flüsse und 
Seen und der Niederschlagsmengen erfolgt. 

Auf der anderen Seite aber läßt sich nicht 
bestreiten, daß die Erde beständig von ihrem 
Wasservorrat einbüßen muß. Von den Ober- 
flächenschichten der Erde sickert Wasser unauf- 
hörlich in tiefere Schichten der Erdkruste, aus 
denen es nur zum Teil in Gestalt von Quellen 
und in Dampfform wieder an die Oberfläche zu- 
rückkehrt. Die ,, Bergfeuchtigkeit" des Gesteins 
auch in den größten Tiefen beweist, daß das 
Wasser in Tiefen sinken kann, aus denen es frei- 
willig nicht wieder emporsteigt. Am Meeres- 
boden herrscht ein Druck, der in einer Tiefe von 
9000 m mit 900 kg auf I qcm entspricht, d. h. 
ein Druck, dem selbst die Wände des stärksten 
Dampfkessels nicht standhalten könnten, ge- 
schweige denn der viel weichere Boden der Welt- 
meere. Es muß also in die unter dem Meeres- 
boden liegenden Erdschichten fortwährend Wasser 
abfließen, an dessen Wiederemporsteigen natürlich 
nicht zu denken ist. Weiter binden die unaus- 
gesetzt sich vollziehenden Kristallisationsvorgänge 
in der Natur chemisch Wasser und halten es fest, 
lassen es also in den atmosphärischen Kreislauf 
nicht wieder zurückgehen. Endlich aber erfolgt 
in Vulkanen, sobald das durch Erdspalten ver- 
sinkende Wasser mit dem heißen Magma der 
tieferen Schichten in Berührung kommt, sofort 
eine Zersetzung in seine Bestandteile: Wasserstoff 
und Sauerstoff, wobei ersterer wegen seiner 
Leichtigkeit explosionsartig in die Höhe schießt 
und in den oberen Schichten des gasförmigen 
Erdgürtels der sog. Wasserstoffschicht dauernd 
verbleibt. 

Es muß also irgendeine andere Quelle der 
Erneuerung und Vermehrung des Wassers auf 
der Erdoberfläche vorhandens sein, welche imstande 
ist, alle die geschilderten Verluste zu decken. Da 
an eine irdische Quelle nicht zu denken ist, so 
kann sie nur kosmischen Ursprungs sein, auf 
welche Tatsache bereits namhafte Physiker hin- 
gewiesen haben. Nur von den eigentlichen Geo- 
graphen und Hydrographen scheint die Lücke, 
die hier in unsere Kenntnisse von einer der wich- 
tigsten Vorgänge in der Natur klafft, noch nicht 
genügend beachtet zu sein. 

Eine höchst originelle Erklärung versuchten 
in einer sehr umfangreichen Schrift — sie umfaßt 
nicht weniger als 772 Seiten Text im Lexikon- 
format mit 312 Abbildungen — der Ingenieur 
Hörbiger und der Astronom Fauth,*) welche 
wohl deswegen bisher so wenig Beachtung ge- 
funden hat, weil sie unmittelbar vor dem Welt- 



krieg erschien und weil sie z. T. in einem wenig 
lesbaren Stil geschrieben wurde. Ohne Zweifel 
gehört dieses Werk zu den bedeutendsten und 
gedankentiefsten Leistungen menschlichen Geistes 
und wir Deutsche können stolz darauf sein, daß 
es ein Werk deutscher Forscher ist. Vor kurzem 
ist von einem begeisterten Anhänger dieser Lehre, 
dem Ingenieur Dr. ing. Voigt,") ein Buch er- 
schienen, das eine gemeinfaßliche Einführung in 
Hörbiger- Fauths Glazialkosmogonie sein 
will, sehr faßlich geschrieben und durch bildliche 
und graphische Darstellungen vortrefflich unter- 
stützt, sehr geeignet erscheint, solche Leser in die 
Hörbigerschen Ideenwelt einzuführen, denen es 
an Zeit und Geduld gebricht, das umfangreiche 
Hauptwerk selbst zu studieren. Wir können uns 
hier auf die Begründung der Hörbigerschen 
Glazialkosmogonie im einzelnen und auf die 
Folgerungen, die aus ihr auf die Entstehung der 
Sedimentgebirge, Kohlen-, Erdöl- und Salzlager- 
stätten gezogen werden, nicht einlassen, sondern 
wollen nur diejenigen Gedankengänge hervorheben, 
die ein Hineinspielen kosmischer Einflüsse auf den 
Kreislaufprozeß des Wassers an der Erdoberfläche 
wahrscheinlich machen sollen und es m. E. auch 
wirklich tun. 

Hörbiger weist zunächst auf die Schwierig- 
keiten hin, welche sich der Erklärung so gewalti- 
ger Hagelwetter entgegenstellen, wie dasjenige 
vom 13. Juli 1788, das durch ganz Frankreich 
vom Süden des Landes über Belgien bis nach 
Holland hinein sich erstreckte, eine Gesamtbreite 
von 150 km, eine Länge von über lOOO km er- 
reichte oder dasjenige vom 24. Mai 1830, welches 
Rußland vom baltischen bis zum schwarzen Meer 
von einer Ausdehnung von 15 Längegraden und 
10 Breit egraden verwüstete und eine durch- 
schnittliche Geschwindigkeit von 94 km in der 
Stunde besaß, oder endlich dasjenige, welches am 
7. Juni 1894 Wien heimsuchte, wobei im Durch- 
schnitt auf I qm Bodenfläche nahezu i Zentner 
Eis fiel ! Die kurze Dauer des Zerstörungswerkes, 
der lange schmale Weg, den das Unheil nimmt 
und die schnelle Aufklärung nach dem Rasen 
und Toben der Elemente führen eigentlich von 
selbst zu den Gedanken, daß hier außerirdische 
Kraftäußerungen vorliegen müssen. Sie gehen 
weit über alles hinaus, was man etwa als Wirkung 
einer Störung im atmosphärischen Gleichgewicht 
ansehen könnte, welche die Temperatur-, Feuchtig- 
keit- und Schwereunterschiede der atmosphärischen 
Schichten begleiten. 

Dasselbe gilt von den tropischen Regen, die 
mit fast absoluter Pünktlichkeit eintreffen und 
durch ihre Anschmiegung an den Sonnenhoch- 
stand nach geographischer Breite und Tageszeit 
auf kosmischen Ursprung hinweisen. Nach einer 



') Hörbiger-Fauth, Eine neue Entwicklungsgeschichte 
des Weltalls und des Sonnensystems. Kaiserslautern 1913. 

-) Dr. ing. Voigt, Eis ein Weltenbaustoff. Berlin- 
Wilmersdorf, Hermann Paetel. 312 S. in 8" nebst Atlas in 
15 Taf. u. 4". 24 M. 



as 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 6 



vollkommen klaren Nacht, nach einem klaren 
Sonnenaufgang gegen lo Uhr morgens, bewölkt 
sich derHimmel, und Regen setzt mit großartiger Ge- 
nauigkeit gegen 4 Uhr nachmittags ein, der dann 
bis gegen Abend anhält, um dann wieder eine 
klare Nacht folgen zu lassen. Wären diese enor- 
men Niederschläge einfach eine Folge der Kon- 
densation von Wasserdämpfen, die der Erdboden 
verdunstet, so ist absolut nicht abzusehen, warum 
die tagsüber verdampften Wassermengen nicht in 
der kühleren Nacht als Regen niederfielen! Von 
der physikalischen Erklärung der Hagelstürme 
und tropischen Regen zu derjenigen der tropischen 
Wärme ist nur ein Schritt, den Hör biger auch 
tut. Diese Stürme bestehen in einem stoßweisen 
Herabsteigen rasch bewegter Luftschichten in die 
unterste am Erdboden zurückgehaltene Schicht, 
welches selten länger als i Minute dauert, aber 
gewaltige Wirkungen hervorruft. Der jüngst ver- 
storbene Mathematiker Reye hat berechnet, daß 
zur Bewegung der einströmenden Luft, welche 
auf Kuba im Jahre 1844 einen furchtbaren Zyklon 
hervorrief, eine halbe Milliarde PS. 3 volle Tage 
lang aufgewendet worden ist. Solche in kürzester 
Zeit sich austobenden Gewalten können unmög- 
lich Einregelungsversuche sein, welche die Atmo- 
sphäre macht, um das durch Sonnenbestrahlung 
gestörte Gleichgewicht wieder herzustellen, sie 
können vielmehr nur kosmischen Ursprungs sein. 
Hörbiger weist nun auf die Tatsache hin, 
daß schon wiederholt in sehr großen Höhen 
Wolken in einer Höhe bis zu 150 km am völlig 
klaren Himmel beobachtet wurden, welche nur 
aus Cirruseis bestehen können, ihren optischen 
Eigenschaften entsprechend. Wie kommen Eis- 
kristalle und Eisblöcke von solchem Umfange in 
so unfaßbare Höhen, wo bereits die atmosphäri- 
sche Luft begonnen hat sich in ihre Elemente 



aufzulösen.? Da sie sich nur abwärts senken 
können, so müssen sie zumal als Gebilde, die gar 
nicht an die Erdrotation gebunden sind , vom 
Weltenraume her hereingekommen sein. Sie bil- 
den einen quantitativen Zuwachs von Wasser zur 
Erde, welcher jenseits des irdischen Kreislauf- 
prozesses des Wassers steht. Es gibt also einen 
Wasserzufluß zur Frde, der aus dem Weltenraum 
quillt und seinen Ursprung aus dem ungeheuren 
Strom von Flüssigkeiten nimmt, der von der 
Sonnenkorona ausgeht und im kalten Weltenraume 
erstarrt. 

Die sonstigen Konsequenzen , welche Hör- 
biger aus seiner Annahme, daß namentlich die 
äußeren, unsere Sonne umkreisenden Planeten, 
aus Eis bestehen, worauf schon ihr spezifisches 
Gewicht hinweist, und daß unser Mond ursprüng- 
lich als Planet die Sonne umkreist habe, können 
wir hier beiseite lassen, da sie mit seiner Theorie 
des kosmischen Anteils am Kreislauf des Wassers 
auf der Erde nur in einem losen Zusammenhang zu 
stehen scheinen, wollen aber die Fachmänner nach- 
drücklichst auf die Lektüre des Originalwerkes oder 
wenigstens des Voigt sehen Auszuges hinweisen. 
In der Geschichte der Theorien vom Kreislauf- 
prozeß des Wassers müssen jedenfalls Hörbiger 
und sein Schüler Fauth mit Achtung genannt 
und die von ihnen beigebrachten Tatsachen sorg- 
fältig auf ihre Richtigkeit geprüft werden. Dar- 
aus, daß die „Wissenschaft" sie bisher durch- 
gehends abgelehnt hat, folgt noch lange nicht 
ihre Unrichtigkeit. Die Geschichte der Wünschel- 
rute bietet ein glänzendes und schwerwiegendes 
Beispiel dafür, daß Tatsachen und Theorien, wel- 
che anfangs Männer der Wissenschaft mit einer 
verächtlichen Handbewegung glaubten abtun zu 
können, später doch allgemeinste Beachtung ge- 
funden haben. 



Einzelberichte. 



Petrographie des älteren Paläozoikums 
zwischen Albuugen und Witzhausen. ^) 

In dem behandelten Gebiet nehmen nach M o - 
esta Grauwacken den weitaus größten Teil der 
Oberfläche ein, am Südrande erscheinen aber in 
den tiefsten Geländeteilen auch Tonschiefer mit 
Einlagerungen von Quarziten, Kieselschiefern, 
Hornsteinen, Kalken und Diabasen. Eine sichere 
Alterbestimmung ist mangels sicher bestimmbarer 
Versteinerungen nicht möglich. Mo esta ver- 
gleicht die Grauwacken mit den Tanner Grau- 
wacken und die Schiefer mit den Wieder Schiefern 
des Harzes. 

Die Schiefer sind namentlich an den Hängen 
des Hölltals aufgeschlossen. Sie sind reich an 
Quarz, ziemlich serizitisch, etwas eisen- und kohle- 



') O. Mügge in den Nachr. v. d. Ges. d. Wissenschaften 
zu GöUingen. Math, naturw. Klasse. 1919. 



haltig und oft sehr zierlich gefältelt. Ihre Kalk- 
einlagerungen sind dicht bis marmorartig. Die 
Kieselschiefer sind voll von meist elliptisch defor- 
mierten Radiolarien ; sie erscheinen auch im Kon- 
takt mit den unten besprochenen Diabasen. Die 
von Moesta als älter angesprochenen Grau- 
wacken sind sandig, im großen bankig, im Hand- 
stück fast kompakt. Auf Grund der Mineralge- 
mengteile und der z. T. nur wenig abgerollten 
Gesteinsbruchstücke und weil im Gelstertale die 
Grauwacke, nicht der Schiefer, vom Zechstein 
überlagert wird, weil ferner nur die Schiefer, nicht 
auch die Grauwacken, Diabase eingeschaltet ent- 
halten, endlich auch weil Lagerungsverhältnisse, 
die auf jüngeres Alter der Schiefer hinwegweisen, 
ihm nicht bekannt geworden sind, hält Mügge 
die Grauwacken im Gegensatz zu Moesta 
für jünger als die Schiefer. Die Grauwacken 
könnten etwa, wie es B e y s c h 1 a g für die petro- 



N. F. XX. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



89 



graphisch durchaus ähnlichen Grauwacken von 
Oberellenbach tut, zum Culm gestellt werden, 
wenn die Parallelisierung der Schiefer mit den 
Wieder Schiefern zu Recht besteht. 

Die Diabase, die in den Schiefern sehr häufig 
auftreten, sind alle sehr zersetzt. An der Grenze 
zu den Schiefern werden sie zuerst feinkörnig, 
schließlich völlig dicht. In den dichten Gesteinen 
ist Olivin reichlich ausgeschieden, z. T. als größere 
Einsprengunge, z. T. als sehr kleine Einspreng- 
unge, die im Längsschnitt als zweizinkige Doppel- 
gabeln, im Querschnitt als abgestumpfte Rhomben 
mit großem Grundmasseeinschluß erscheinen. Sie 
sind völlig zersetzt. 

Die von M o est a erwähnte variolitische 
Varietät ganz nahe am Bahnhof Albungen wurde 
vonMügge wieder aufgefunden. Ihre Variolen haben 
dieselbe Zusammensetzung wie die dichten Diabase, 
die Zwischenmasse der Variolen dagegen scheint 
Glas nur mit Ausscheidungen zahlreicher kleiner 
Olivine gewesen zu sein. Sie ist jetzt vollständig 
zersetzt. Im Gegensatz zu den Sphärolithen der 
sauren Ergußgesteine lassen sie keinen Kristalli- 
sationsmittelpunkt erkennen. Warum sie sich 
trotzdem längs Kugeloberflächen von der um- 
gebenden Glasmasse abgrenzen, dürfte nach des 
Verf. Ansicht in folgendem begründet sein : Vom 
jetzigen Mittelpunkte der Variolen, in dem zuerst 
Feldspatkeime auftauchten, wuchsen diese anfangs 
strahlig nach allen Richtungen, wurden aber als- 
bald durch die schon ausgeschiedenen zahlreichen 
kleinen Olivineinsprenglinge, sehr bald auch durch 
die fast gleichzeitig einsetzende Kristallisation des 
Schrnelzrestes zu Augit fortwährend unterbrochen. 
An jeder Unterbrechungsstelle entstand ein neues 
Wachstumszentrum und nur, weil diese Unter- 
brechungen wegen der großen Zahl, Kleinheit und 
regellosen Verteilung der Olivine auf allen Seiten 
gleichmäßig erfolgte, blieb die Grenze zwischen 
dem durch die Ausscheidung von Plagioklas und 
Augit völlig kristallin werdenden Teile des Mag- 
mas und jenem, der nur aus Glas mit mikro- 
skopischen Olivineinsprenglingen bestand, zu jeder 
Zeit annähernd eine Kugelfläche. Diese „Variolen" 
stehen also den „Spärolithen" der sauren Erguß- 
gesteine, deren regelmäßig radialstrahliges Wachs- 
tum nicht durch das Vorhandensein zahlreicher 
kleiner älterer Einsprengunge behindert wurde, 
als kugelige Wachstumsformen von 
Faseraggregaten ohne regelmäßigen 
Bau gegenüber. 

Aus verschiedenen Gründen nimmt der Verf. 
an, daß die Diabaseinlagerungen als Ergüsse unter 
hohen Wasserdruck entstanden sind. Exogene 
Kontakterscheinungen erheblicher Art fehlen. In 
chemischer Hinsicht zeigen die Analysen der 
Variolen und ihrer Zwischenmasse größere Unter- 
schiede, als nach der mikroskopischen Untersuchung 
erwartet wurde. Die Variolen weisen einen et- 
was höheren Gehalt an Alkalien auf, die Zwischen- 
masse eine starke Anreicherung des Magnesia- 
eisengehaltes. F. H. 



Asphaltgäuge im Fischflußsandstein im Süden 
von Südwestafrika. 

In Südwestafrika war schon seit längerer Zeit 
das Gerücht verbreitet, in den Sandsteinen des 
Fischflusses kämen Kohlen vor. Im Februar 191 5 
erhielt H. Schneiderhöhn („Senkenbergiana", 
Bd. I, Nr. S, 191 9) vom Kommando der Schutz- 
truppe den Auftrag, diese Vorkommen zu unter- 
suchen. Leider sind später seine Sammlungen, 
Photographien und Skizzen über diese Gegend 
verloren gegangen, indem nach dem Friedensschluß 
in Südwest seine Koffer von englischen Offizieren 
in Windhuk gestohlen worden sind. Es konnte 
daher nur eine kurze Beschreibung der Vorkommen 
gegeben werden. 

Die geologischen Verhältnisse stellen sich in 
ihren Grundzügen nach P. Range') wie folgt 
dar : Auf einem kristallinen Sockel der afrikanischen 
Primärformation liegt eine mächtige Folge kon- 
kordanter Sedimente, die folgendermaßen gegliedert 
werden : 

Karrooformation 



Fischflußschichten 
Schwarzrandschichten 


Obere 


Nama- 


Schwarzkalk 

Kuibisschichten 

Basisschichten 


Untere 


formation 



Alle diese Schichten liegen heute so gut wie 
horizontal mit einem kaum merklichen Einfallen 
nach Südosten. Der Fischfluß hat sich in seinem 
Mittellauf in die nach ihm benannten Schichten 
eingeschnitten. Infolge des ganz schwachen süd- 
östlichen Einfallens kommt man nach Süden zu 
in immer höhere Horizonte, wobei sich deutlich 
ein Faziesübergang von Flachsee- bis zum reinen 
Litoralgestein beobachten läßt. 

Von Bedeutung sind zwei Absonderungs- oder 
Kluftsysteme. Sie setzen senkrecht durch die 
horizontalen Gesteinsbänke hindurch und durch- 
kreuzen sich unter 60". Die eine Kluftrichtung 
streicht ost — westlich, die andere südsüdwestlich 
— nordnordöstlich. Beide Kluftsysteme sind meist 
reine Zerrungs- bzw. Druckklüfte. Die Ost-West- 
klüfte bilden die Lagerstätte des als Kohle ange- 
sehenen Asphaltes. 

Eine sehr eigenartige Erscheinung ist an dem 
Ausstrich dieser Klüfte zu sehen. Längs der 
Klüfte ist oft die oberste Gesteinslage dachförmig 
aufgebuckelt. Die Aufwölbung erreicht manch- 
mal 50—70 cm Höhe und ist fast nur längs der 
Ost- Westklüfte entwickelt. Sie ziehen sich oft 
viele hunderte von Metern hin. Die Entstehung 
dieser Aufbuckelungen ist auf Kosten der hohen 
Erwärmung zu setzen, welche die oberste, durch 
keinerlei Schutt oder Vegetation geschützte Sand- 
Steinlage durch die Sonnenbestrahlung erfährt. 
Nach unten setzen sich diese Aufwölbungen nicht 
fort. 



') P. Range: Geologie d. d. Namalandes. Beitr. z. 
geol. Erforsch, d. d. Schutzgebiete. 1912, H. 2. 



90 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 6 



Die Asphaltgänge sind bis jetzt nur in dem 
tiefeingeschnittenen Fischflußtal und in einigen 
Seitenschluchten beobachtet worden, und zwar an 
folgenden drei Stellen : 

1. Etwa 4 km südlich vom Übergang Unis 
gaos, der etwa 13 km südöstlich Berseba liegt. 
Dort sind an der östlichen Steilwand des Fisch- 
flußtales 2 größere und etwa 20— 25 kleinere Gänge 
aufgeschlossen. 

2. In einer 2 km nördlich dieser Stelle von 
Westen einmündenden Seitenschlucht 6 kleinere 
Gänge. 

3. Am Übergang Rukadomes, 50 km südlich 
Unis gaos am westlichen Talhang 3 kleinere Gänge. 

Sämtliche Gänge sind mit einer brekziösen 
Gangmasse erfüllt. Ihre Mächtigkeit schwankt 
zwischen 0,75 m bis zu 1 mm. Sämtlich asphalt- 
führende Gänge sind dadurch ausgezeichnet, daß 
in ihrer Umgebung das rote Gestein auf einige 
Zentimeter fahlgrün ausgebleicht ist. 

Die Gangfüllung besteht aus tonig-sandigen 
Zerreibsei, Kalkspat und Asphalt. Letzterer bildet 
stets die innerste, jüngste Gangausfüllung, zu beiden 
Seiten ist er von Kalkspat umsäumt, und den 
äußersten Saum bildet das Zerreibsei. Der As- 
phalt ist eine geruchlose, glänzende, tiefschwarze 
Masse von der Härte 2 — 3 und mit muschligem 
Bruch. Er läßt sich leicht schon mit einem Streich- 
holz zum Entflammen bringen und brennt dann 
mit heller, starker, wenig rußender Flamme, die 
leicht bituminös riecht. Nachdem der asphaltartige 
Anteil verbrannt ist, bleibt ein erheblicher Rest 
von porösem, anthrazitähnlichem Kohlenstoff übrig, 
der, einmal entzündet, lang nachglüht, eine starke 
Hitze dabei entwickelt und zum Schluß wenig 
Aschenbestandteile übrig läßt. In dem breitesten 
beobachteten Gang, an der Fundstelle i betrug 
die Asphaltmächtigkeit 0,25 m. In anderen Gängen 
ist sie bedeutend geringer und sinkt bis auf 1 mm 
herab. Auf dem Plateau konnten einige Gänge 
bis zu I km weit verfolgt werden, dann hinderten 
Schuttmassen einer Senke daran. Aus den Mächtig- 
keiten ergibt sich, daß trotz der guten Qualität 
an eine bergmännische Gewinnung des Materials 
nicht zu denken ist, wenn nicht noch mehr und 
größere Vorkommen gefunden werden. Doch ist 
das nicht anzunehmen, da die Hottentotten schon 
laOge dieses Material zum Feueranzünden benützen 
und in dem dortigen gut aufgeschlossenen Gebiet 
andere Gänge sicher schon längst aufgefunden hätten. 

Der Verf. nimmt für den Asphalt am Fisch- 
fluß die anorganische Entstehung an und denkt 
an hydrothermale Exhalationen, die vielleicht im 
Gefolge der Entstehung des Explosionstrichters 
des Großen Brukaros auftraten, der 20 km nörd- 
lich von Berseba liegt. Es erscheint ihm sehr 
wahrscheinlich, daß im Gefolge dieser, wohl der 
Postkarroozeit angehörigen Explosion auch die 
Asphaltsubstanz in Form von Kohlenwasserstoffen 
empordrang und zusammen mit Schwerspat, Quarz, 
Chalcedon, Kalkspat und Kupferkies der hydro- 
thermalen Phase angehört. F. H. 



Entfernung des großen Orionnebels. 

Bergstrand glaubt durch eine indirekte Er- 
mittlung der Parallaxe der mit dem Orionnebel 
in nahem Zusammenhang stehenden, die Helium- 
linien zeigenden Sterne ß, y, ö, e, C, x usw. Orionis 
Aufschluß über die Entfernung des Nebels ge- 
wonnen zu haben (Astron. Nachrichten Nr. 5038). 
Bei diesen Sternen sind nämlich die Geschwindig- 
keiten im Visionsradius aus den Linienverschie- 
bungen im Spektrum auf Grund des Doppl er- 
sehen Prinzips ziemlich genau in Kilometern be- 
stimmt. Vergleicht man nun die durchschnittliche 
Bewegung im Visionsradius, die bei diesen Sternen 
von der Sonne fort gerichtet ist, mit den aus ge- 
nauen Positionsmessungen von verschiedenen Daten 
zu ermittelnden relativen Eigenbewegungen, die 
eine langsame perspektivische Zusammenziehung 
der ganzen Gruppe hervorbringen, so läßt sich 
unter der Voraussetzung, daß die wirklichen Be- 
wegungen der einzelnen Sterne unregelmäßig nach 
dem Gesetz des Zufalls verteilt sind (daß also 
auch die Bewegungen senkrecht zum Visionsradius 
die gleiche durchschnittliche Geschwindigkeit haben, 
wie diejenigen im Visionsradius), die mittlere Ent- 
fernung dieser Sterne und damit auch des von 
ihnen umgebenen Orionnebels abschätzen. Berg- 
strand findet eine Parallaxe von 0,008", d. h. 
der Erdbahnhalbmesser würde vom Orionnebel 
aus unter diesem Sehwinkel erscheinen, was einer 
Entfernung von etwa 400 Lichtjahren entspricht. 

Kbr. 



Die Geschlechtsbestimmnng bei den Motten- 
läusen. 

Der sog. Hymenopterentypus der Geschlechts- 
bestimmung gilt, soweit wir heute wissen, für alle 
Hymenopteren. Bei allen Hautflüglern entstehen 
die Männchen aus unbefruchteten Eiern, die zwei 
Richtungskörper abgeschnürt und eine Reduktion 
ihrer Chromosomenzahl erfahren haben. Die 
Hymenopterenmännchen sind infolgedessen haplo- 
ide Organismen, bei deren Samenreifung die Re- 
duktionsteilung ausfallen muß. Im Gegensatz zu 
ihnen sind alle Weibchen diploid. Sie gehen aus 
befruchteten Eiern hervor oder aber aus solchen, 
die zwar unbefruchtet geblieben sind, ihre Chro- 
mosomenzahl aber nicht reduziert haben. Den- 
selben Modus der Geschlechtsbestimmung be- 
sitzen offenbar auch die heterogenen Rädertiere, 
doch sind bei diesen die Unsersuchungen noch 
nicht so genau durchgeführt wie bei den Hymeno- 
pteren. Nach kürzlich veröffentlichten Unter- 
suchungen von Schrader*) gehören auch die 
Mottenläuse, die Aleurodinen, hierher, oder wenig- 
stens gewisse Formen von ihnen. 

Die Mottenläuse, kleine zarte Tierchen von 



') Schrader, F., Sex determination in Ihe white fly 
(Trialevrodes vaporariorum). Journ. of Morphology, vol. 34, 
1920. 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



91 



I — i'/q mm Größe mit vier mehlig bestaubten 
Flügeln, die man früher zu den Schildläusen rechnete, 
sind eine nicht sehr artenreiche Gruppe der Schnabel- 
kerfe. Viele von ihnen leben als Schädlinge auf 
Kulturpflanzen, so Aleurodes citri, die „weiße 
Fliege" oder Orangenfliege, die in Orangen- und 
Zitronenkulturen südlicher Länder oft in derartiger 
Masse auftritt, daß die ganzen Blätter wie mit 
Mehl bestäubt erscheinen. Solche Pflanzen er- 
kranken und liefern nur kümmerliche Früchte. In 
unseren Breiten finden sich auf Kulturpflanzen die 
Kohlmottenlaus und die Erdbeermottenlaus, die 
aber in der Regel nicht in so großer Zahl auf- 
treten, daß sie schädlich werden. Außerdem gibt 
es viele harmlose Mottenläuse auf anderen Pflanzen, 
so Aleurodes aceris auf dem Ahorn , Aleurodes 
proletella, wie schon der Name andeuten soll, eine 
der gemeinsten Formen, auf dem Schöllkraut. Die 
Spezies, die Seh rader zu seinen Untersuchungen 
gedient hat, ist Trialeurodes vaporariorum, eine 
auf verschiedenen Nachtschattengewächsen lebende 
Mottenlaus. Bei einer in Amerika lebenden Rasse 
dieser Form kommen Männchen und Weibchen 
in mehr oder weniger gleichem Verhältnis vor. 
In England scheint neben dieser Rcisse eine andere 
zu existieren, die lediglich aus Weibchen besteht. 
Die Weibchen pflanzen sich offenbar partheno- 
genetisch fort und erzeugen immer wieder Weib- 
chen. Auch bei der amerikanischen Rasse gibt 
es eine parthenogenetische Entwicklung, aber 
hier gehen aus den unbefruchteten Eiern nur 
Männchen hervor. Der Modus der Geschlechts- 
bestimmung bei dieser Rasse wurde durch die 
zytologische Untersuchung ermittelt. 

Trialeurodes vaporariorum besitzt im weib- 
lichen Geschlecht 22 Chromosomen. Vor der 
Reifung der Eizellen findet eine paarweise Ver- 
einigung der homologen Chromosomen statt, die 
Doppelchromosomen werden zu Tetraden, und so 
treten 11 Tetraden in die erste Reifungsteilung 
ein. Da die einzelnen Komponenten der Tetraden 
vor der Reifung miteinander verschmelzen, er- 
scheinen allerdings die Doppelchromosomen in 
der Äquatorialplatte der ersten Reifungsspindel 
als einfache Gebilde. Auf dem Stadium der 
Äquatorialplatte verharrt die Reifungsspindel, bis 
das Ei abgelegt ist. Nur wenn die Ablage des 
Eies verzögert wird, kann die erste Reifungsteilung 
noch etwas weiter ablaufen. Die 1 1 Tetraden 
werden geteilt, so daß 1 1 Dyaden in den ersten 
Richtungskörper kommen , 11 im Ei verbleiben. 
Der Richtungskörper bleibt unter der Oberfläche 
des Eies liegen und trifft ebenso wie der Eikern 
sogleich die Vorbereitungen zu einer neuen Tei- 
lung. Der Richtungskörper ist meist in der Tei- 
lung hinter dem Eikern etwas zurück, führt die 
Teilung aber auch immer vollständig durch. So 
erhalten wir vier Chromosomengruppen, jede aus 
1 1 einfachen Chromosomen bestehend. Die 
Richtungskörper bleiben alle drei im Eiplasma 
unter der Oberfläche liegen und gehen nach 
einiger Zeit zugrunde. Die innerste Chromosomen- 



gruppe stellt den gereiften Eikern dar, oder viel- 
mehr, sie wandelt sich in diesen um und wandert 
ins Zentrum des Eies. 

Ist das Ei unbesamt geblieben, so liefert der 
Eikern im Zentrum des Eies allein die erste 
Furchungsspindel mit 1 1 Chromosomen, der haplo- 
iden Zahl. Diese Zahl wird während der ganzen 
Entwicklung und auch beim ausgebildeten Indi- 
viduum beibehalten, wie eine Untersuchung der 
verschiedensten Somazellen zeigt. Immer ist es 
ein Männchen, das aus einem solchen unbefruch- 
teten Ei mit haploider Chromosomenzahl hervor- 
geht. 

Ist aber das Ei besamt worden, so trifft der 
gereifte Eikern auf seiner Wanderung ins Eiinnere 
auf den Samenkern, der inzwischen aus dem Kopf 
des Spermatozoons hervorgegangen ist, und ver- 
schmilzt mit diesem zu einem einheitlichen Fur- 
chungskern. So wird hier die diploide Chromo- 
somenzahl wieder hergestellt, und in die erste 
Furchungsspindel treten 22 Chromosomen ein. 
Aus dem befruchteten Ei entsteht ein Weibchen. 

Wie läuft nun bei den Männchen dieser 
Mottenlaus die Samenreifung ab ? Da die Männ- 
chen haploide Organismen sind, müssen wir er- 
warten, daß bei ihnen, ähnlich wie bei den Männ- 
chen der Hymenopteren, die Reduktionsteilung 
ausfällt. Das ist in der Tat der Fall. Bei den 
Hymenopteren macht die Spermatozyte — man 
möchte sagen — wenigstens noch den Versuch zu 
der Reifungsteilung. Hier fällt sie vollständig aus. 
Die einzige Spermatozytenteilung, die zur Bildung 
der Spermatiden führt, ist eine Äquationsteilung 
und unterscheidet sich in nichts von den voraus- 
gehenden Spermatogonienteilungen. Da auch im 
übrigen die „Spermatozyte" nicht die geringsten 
Unterschiede gegenüber einer Spermatogonie auf- 
weist — eine Wachstumsperiode fehlt vollkom- 
men — , so ließe sich darüber streiten, ob über- 
haupt von einer Spermatozyten- oder Reifungs- 
teilung die Rede sein kann. Aus allen Sperma- 
tiden gehen funktionsfähige Samenfäden hervor 
— ■ weibchenbestimmende Spermatozoen mit II 
Chromosomen. 

Bleibt ein Weibchen unbegattet, so vermag es 
nur Männchen hervorzubringen, ähnlich wie die 
drohnenbrütige Bienenkönigin. Das regelrecht be- 
gattete Weibchen erzeugt weibliche und männ- 
liche Nachkommen, doch ist das Geschlechtsver- 
hältnis sehr variabel; es ist wahrscheinlich von 
äußeren Faktoren abhängig. Wie die Hymeno- 
pterenweibchen den Charakter des abzulegenden 
Eies bis zu einem gewissen Grade willkürlich zu 
bestimmen vermögen, so scheint es auch bei der 
untersuchten Mottenlaus zu sein. 

Es wäre von besonderem Interesse, die eng- 
lische Rasse von Trialeurodes vaporariorum, die an- 
scheinend aus rein parthenogenetisch sich vermeh- 
renden Weibchen besteht, *) auf ihre zytologischen 



') Es wäre aber auch denkbar, dafi es sich um eine Form 
mit Heterogonie handelt. 



92 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 6 



Verhältnisse hin zu untersuchen. Ist der Modus 
der Geschlechtsbestimmung bei dieser Form ganz 
ebenso wie bei den Hymenopteren, so sollte man 
erwarten, daß die parthenogenetisch entstandenen 
Weibchen diploid sind, daß sie aus Eiern ihren 
Ursprung nehmen, in denen die Reduktionsteilung 
unterbleibt. 

Was uns aber den hier beschriebenen Fall als 
besonders wertvoll erscheinen läßt, daß sind die 
so außerordentlich klaren Chromosomenverhält- 
nisse, die er bietet. Es ist kürzlich die Ansicht 
geäußert worden, haploide Organismen seien nicht 
lebensfähig, die haploide Natur der Hymenopteren- 
männchen wurde angezweifelt. Läßt sich auch 
die Haltlosigkeit einer solchen Auffassung ohne 
Schwierigkeit darlegen, so muß doch zugegeben 
werden, daß die Chromosomenverhältnisse bei den 
Hymenopteren sehr ungünstig sind; nicht nur 
sind die Chromosomen sehr klein und sehr zahl- 
reich, die Chromosomen der Reifungsteilungen 
sind Sammelchromosomen, die in den somatischen 
Zellen wieder in geringerwertige Elemente zer- 
fallen, und das erschwert weiterhin die Unter- 
suchungen. Alle diese Schwierigkeiten bestehen 
bei Trialeurodes nicht, hier tritt es klar zutage, 
daß auch eine (die mütterliche) Chromosomen- 
garnitur vollauf genügen kann, einen lebensfähigen 
Organismus zu produzieren. In diesem Falle wie 
in den anderen uns bisher bekannten Fällen ist 
es immer ein Männchen, das auf diese Weise ent- 
steht. Zwar lassen sich bei Trialeurodes ebenso- 
wenig wie bei den Hymenopteren morphologisch 
dififerente Geschlechtschromosomen nachweisen, 
aber wir haben guten Grund zu der Annahme, 
daß wie bei vielen Tieren so auch hier zwei Ge- 
schlechtschromosomen oder zwei X das weibliche, 
ein X das männliche Geschlecht bestimmen. 

Nachtsheim. 



(London) mitgeteilten Strukturen von abnormen 
Liesegan gschen Schichtungen dürften die Er- 
klärung noch erschweren.^) 

Um den im Organismus auftretenden Bestand- 
teilen möglichst nahe zu bleiben, verwendete H a t - 
schek zum Studium die Bildung von Kalzium- 
phosphaten in Gelatine -Gelen. Zu diesem 
Zweck wurden Lösungen von Kalziumsalzen auf 
mit Trinatriumphosphatlösung imprägnierte Gela- 
tineschichten in Probiergläsern aufgefüllt, so daß 
allmähliche Diffusion eintrat. Es zeigte sich ein 
Unterschied im Reaktionsverlauf je nach der Her- 
kunft der Gelatine. Übereinstimmend aber wurde 
festgestellt, daß die Schichtenbildung von Kalzium- 
phosphat von sehr großer Schärfe und Regel - 
m ä ß i g k e i t war, vollkommen frei von Umsetzungs- 
produkt in den Räumen zwischen den Nieder- 
schlagsschichten. Aber daneben zeigten sich einige 
sonderbare Anomalien. 

So waren in einigen Fällen die Schichten g e - 
krümmt, und zwar merkwürdigerweise mit der 
konkaven Seite nach unten. In anderen 
Fällen waren die Schichtungen durch 2—3 mm 
breite Brücken miteinander verbunden. Endlich 
aber zeigte sich in einigen Fällen, daß die Schich- 
tungen weit voneinander entfernt lagen, und daß 
gleichzeitig zwischen zwei Schichten von mikro- 
skopischenKristallen drei Schichtungen 
von makroskopischen Aggregaten gelegen 
waren. Derartiges ist bisher nie beobachtet worden. 
Eine Deutung mit heutigen Mitteln ist zunächst 
unmöglich. 

Es dürfte für Biologen wie Geologen von 
hohem Belang sein, zu erkennen, daß, wie be- 
schrieben, sehr viel verwickeltere Strukturen als 
die bisher bekannten durch einfache, von außen 
unbeeinflußte Diffusion sich zu bilden vermögen. 

H. Heller. 



Abnorme Liesegangsche Schichtniigeu. 

Man versteht unter Liesegangschen Ringen ') 
im allgemeinen bekanntlich rhythmische Fällungen 
der verschiedensten Salze, wie sie bei der Diffusion 
der ihnen zugrundeliegenden Lösungen in Gelatine 
entstehen. Läßt man beispielsweise eine mit 
Natriumchromat versetzte Gelatinelösung erstarren, 
und bringt nachher einen Tropfen Silbernitratlösung 
darauf, so diffundiert er in die Gelatine hinein und 
fällt dabei naturgemäß das sehr schwerlösliche 
rote Silberchromat aus, aber merkwürdigerweise 
nicht gleichmäßig, sondern in zahlreichen 
deutlich voneinander abgehobenen 
Ringen. Diese oft untersuchte Erscheinung ist 
von hervorragender Wichtigkeit für biologische 
und geologische Schichtungen, beispielsweise wer- 
den die Achatbänderungen darauf zurückgeführt. 
Eine restlos einwandfreie Theorie darüber aber 
besteht noch nicht. Die von Emil Hatschek 



Die Polychromie des kolloidalen Schwefels. 

Unter geeigneten Versuchsbedingungen durch- 
läuft ein System kolloidalen Schwefels nahezu alle 
Farben der Farbenskala. Diese Erscheinungen 
sind deshalb besonders interessant, weil die zu 
beobachtenden Farberscheinungen lediglich auf 
dem Grade der Verteilung des Dispersoids 
ohne weitere chemische Veränderungen beruhen. 
Im Gegensatz zu den Metallsolen, bei denen be- 
kanntlich ebenfalls lebhafte Farberscheinungen 
wahrgenommen werden, ist das Dispersoid hier 
ein Dielektrikum. Die Versuche bilden ein 
besonders schönes Beispiel für die Beziehungen 
zwischen Farbe und Dispersitätsgrad, ein Thema, 
das heute besonders lebhaft erörtert wird; u. a. 
werden von Wo. Ostwald auch die Farbum- 
schläge bei den gebräuchlichen Indikatoren auf 
kolloidale Phänomene, d. h. solche der Teilchen- 
größe des Indikators zurückgeführt, worüber er in 
eine Kontroverse mit Hantzsch, dem erfolg- 



') Vgl. hierzu: ,, Liesegangsche Ringe" vom Verfasser; 
Prometheus 30, S. 409 (Nr. 1561 (1919)). 



') KoUoid-Zeitschr. 27, S. 225 (1920). 



N. F. Joe. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift 



9i 



reichen Erforscher der chemischen Natur der In- 
dikatoren geraten ist. 

Rudolf Auerbach^) geht von einer ~ - 

20 
Lösung von Natriumthiosulfat NaoSgOg aus. Wer- 
den 10 ccm hiervon mit 9,9 com Wasser und 
hierauf 0,1 ccm Phosphorsäurelösung (HgPOJ 
von der Dichte 1,70 versetzt, so bemerkt man, 
wie bei jedem Säurezusatz zu dem genannten Salz 
zunächst eine schwache Trübung, dann gelbblaue 
Opaleszenz eintritt, und hierauf verschiebt sich die 
Durchsichtsfarbe allmählich von gelb über kreß, rot, 
veil nach blau. Alsdann fällt der abgeschiedene 
Schwefel aus und setzt sich als Niederschlag zu 
Boden. Ein Versuch, der sich im Probierglas an- 
stellen läßt und innerhalb etwa 20 Minuten be- 
endet ist. 

Quantitativ ließ sich die Farbenskala nun mes- 
sen mittels der Farbnormen von Wi. Ostwald-) 
derart, daß das Bild der in einer Küvette befind- 
lichen Lösung auf einen Schirm von Normalweiß 
geworfen und daselbst mit den Ostwaldschen 
Normalaufstrichen verglichen wurde. Gegen Ende 
der Umsetzung wird die Messung ungenau infolge 
wachsenden Weißgehaltes. Der Verlauf der 
Trübung des Gesichtsfeldes ist nun sehr inter- 
essant. Man erkennt bei Kreß 10 einen Knick 
im Weißgehalt und der Schwarzgehalt der Farb- 
töne nimmt plötzlich stark zu. Dieser Punkt ist 
als Beginn der Flockung zu betrachten. Er 
ist nach etwa 3 Sekunden erreicht. Von da an 
werden die Farben wachsend trüber, bis nach 
Eintritt des Blau der bunte Farbton verschwindet 
und man in die Grau reihe hineinkommt. Hier 
beginnt der Schwefel sich abzusetzen, und man 
kommt durch die verschiedenen Grau nach dem 
reinen Weiß zurück. Die Messung ergab einen 
hohen Gehalt an Vollfarben in den bunten Sta- 
dien. Da das Beersche Gesetz als gültig be- 
funden wurde, so sind die Farbänderungen nicht 
als Folge der wachsenden Schwefelkonzentration 
aufzufassen. 

Aus Vorstehendem ergibt sich eine neue Be- 
stätigung des Satzes von Wo. Ostwald, nach 
dem sich das Maximum der Absorption disperser 
Systeme mit abnehmendem Grade der Dis- 
persion nach dem langwelligen Ende des 
Spektrums zu verschieben pflegt. 

H. Heller. 



Die Herkunft des Benzols bei der Leuchtgas- 
gewinnung. 

Hierüber liegt eine neue Arbeit von Franz 
Fischer und H. Schrader vor.'') Benzol ist 

M Kolloid-Zeitschrift 27, S. 223 (1920). 

^) Vgl. „Ostwalds Forschungen 2ur Farbenlehre" vom 
Verfasser, Naturw. Wochenschr. N. F. 19, Heft 9, S. 129 
(1920). Darin auch Erklärung der hier gebrauchten Farb- 
benennungen. 

') Franz Fischer und H. Schrader, Brennstoff- 
Chemie I. Bd., S. 4 (1920). 



das wichtigste Ausgangsmaterial für die Darstellung 
aromatischer Verbindungen. Es wird der Haupt- 
menge nach als „Nebenerzeugnis" der Gasanstalten 
und Kokereien gewonnen, also aus rohen Kohlen 
bei hohen Temperaturen. Die Frage, auf welche 
Weise es hieraus entstehe, hat offenbar ein hohes 
theoretisches, in gleichem Maße aber auch prak- 
tisches Interesse. Kann man doch hoffen durch 
Kenntnis der Entstehung die dazu führenden Um- 
setzungen und Bedingungen derart willkürlich zu 
beeinflussen, daß der wertvolle Stoff in der theo- 
retisch höchstmöglichen Menge gewonnen wird. 
Für die Theorie war die Frage in mehrfacher Hin- 
sicht von Belang. 

B u 1 1 e r o w zuerst gelang es, beim Leiten von 
Azetylen durch glühende Röhren Benzol synthe- 
tisch zu erzeugen. Man nahm früher auf Grund 
dieser Reaktion an, daß das Kokereibenzol in ähn- 
licher Weise entstehe, etwa so, daß normale Kohlen- 
wasserstoffe durch thermische Zersetzung unter 
Ringschluß zusammentreten. Für z. B. Hexan 
ergäbe sich etwa das Schema 



CH.2 — CHj 



CH., 



CH 



CHa, 

chJ 



CHy 

CH, 



^,CH, 
CH, 



CH, 



,CH 



chI Jch 

CHj— CH3 CHj CH 

1896 aber zeigte Haber, daß Hexan bei der 
thermischen Zersetzung nur ganz geringe Mengen 
von Benzol liefert. Dieser Weg konnte also 
nicht der sein, der in der Kokerei vorliegt. Man 
dachte dann daran, daß aus Paraffinen, Naphtenen 
ungesättigte Verbindungen entstehen könnten, 
die sich dem Azetylen ähnlich verhielten. 
Auch dagegen sprach der Versuch, der, während 
des Krieges in Amerika durchgeführt, klägliche 
Benzolausbeuten ergab. Endlich meinte man auch, 
daß in den Kokereigasen Azetylen selbst entstehe 
und sich zum Benzol kondensiere. Über die Her- 
kunft des Azetylens aber wußte man nichts aus- 
zusagen. 

Nun ist durch die Arbeiten der letzten Jahre, 
an denen die beiden Forscher hervorragenden An- 
teil haben, festgestellt worden, daß bei vermindertem 
Druck und tiefen Temperaturen aus der Kohle 
der sog. U r t e e r entsteht, der beim gewöhnlichen 
Kokereiverfahren natürlich ebenfalls primär auf- 
treten muß. Der Urteer also muß diejenigen 
Stoffe enthalten, aus denen infolge weitergehender 
Zerlegung das Benzol hervorgeht. Urteer besteht 
im wesentlichen aus zwei großen Stoffklassen, 
aus dem Erdöl ähnlichen Kohlenwasserstoffen und 
aus Phenolen, d. h. also ringförmigen Verbindungen. 
Aus welchem Anteil kommt das Benzol? 

Die Anwort ist nach Obigem naheliegend : da 
aus aliphatischen Verbindungen nicht oder wenig 
Benzol entsteht, so müssen die Urteerphenole da- 
für verantwortlich gemacht werden. Ein einfacher 
Reduktionsvorgang würde zur Entstehung hin- 
reichend sein. Die Untersuchung bestätigte den 
Schluß in vollem Umfange. Wurde z. B. o-Kresol 



94 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 6 



mit Wasserstoff bei 700 — 800 Grad durch ein 
Porzellanrohr geschickt, so trat die Bildung von 
benzolartigen Flüssigkeiten ein. Daneben fand 
sich stets Methan. Es muß mithin eine vollstän- 
dige Reduktion aller Seitenketten stattfinden: 



CH3 




CHs 


/\0H 


+ 


H^ = f 1 + H 


Kresol 




Toluol 


CH3 






^^ 


H, 


= 1 1 + CH^. 


\y 




Benzol Methan 



Bei dieser in thermochemischer Beziehung 
wichtigen Umsetzung ergab sich nun ein be- 
merkenswerter Einfluß der Gefäßwandungen auf 
den glatten Verlauf des Prozesses. In Eisenröhren 
nämlich trat starke Rußabscheidung und Verminde- 
rung der Benzolausbeuten ein. Erst ein ver- 
zinntes Rohr lieferte Benzolkohlenwasserstoffe 
bis zu 78 "/o ohne jegliche Kohlenstoffabscheidung, 
vermutlich deshalb, weil Zinn nicht imstande ist, 
Karbide zu bilden. 

Durch diese Versuche ist die Entstehung des 
Benzols in den Kokereien und in der Gasretorte 
aufgeklärt Daneben ist das allgemein wichtige 
Ergebnis gezeitigt worden, daß Benzolhomologe 
durch Reduktion quantitativ ihre Seitenketten 
verlieren und in Benzol übergehen können. Dies 
ist ein für die präparative Chemie zweifellos 
wichtiger Befund. Für die Technik ist ein 
gangbarer Weg gewiesen, die bei der Urteerge- 
winnung in großen Mengen anfallenden Phenole 
in kostbares Benzol überzuführen, und zwar auf 
eine Weise, die den Anforderungen wissenschaft- 
licher Betriebsweise entspricht, dabei aber nicht 
mit Unkosten verknüpft ist. H. H. 

Bleiwasserstotf zum ersten Male dargestellt. 

Nachdem vor kurzem die Entdeckung zweier 
neuer gasförmiger Hydride , des Wismut- und 
des Zinnwasserstoffs, gelungen war, lag es 
nahe, nach dem Analogen dieser Stoffe, dem 
Blei Wasserstoff, zu forschen. Diese Arbeiten sind 
nach vielen vergeblichen und äußerst mühevollen 
Versuchen nunmehr von Erfolg gekrönt worden. 
Zwar gelang es Fritz Paneth (Hamburg) und 
O. Nörring") einstweilen nicht, wie bei den 
beiden anderen Metallen, den gesuchten Bleiwasser- 
stoff aus Blei-Magnesiumlegierungen darzustellen, 
dagegen führte eine andere nicht minder inter- 
essante Methode zum Ziel. Tellur und Arsen 
lassen sich durch Gleichstromelektrolyse in die 

') In der Urabbandlung durch grobe Druckfehler ent- 
stellt! 

') I: Berichte d. deutsch. Chem. Geselisch. 53, S. 1693 
(1920). II: Zeitschr. f. Elektrochemie 26, S. 452 (1920). 



Hydride überführen ; andererseits gelingt es durch 
elektrische Zerstäubung mittels Induktionsfunken 
in Wasserstoffatmosphäre oder durch kolloidale 
Zerteilungen ') Hydride herzustellen. Beide Wege 
versagten beim Blei, führten aber zu dem ge- 
suchten Hydrid, wenn sie auf eine ebenso einfache 
wie sinnreiche Weise miteinander gekoppelt 
wurden. 

Eine Schwefelsäurelösung wurde bei 220 Volt 
mit einer in besonderer Weise konstruierten 
B 1 e i kathode elektrolysiert. Hierdurch trat augen- 
blicklich in der bekannten Weise kathodische 
Wasserstoffentwicklung auf. Infolge der besonde- 
ren Form der Kathode (deren Herstellung im 
Original I nachzulesen ist) bildet der Wasserstoff 
eine Hülle um das Blei, so daß momentan Strom- 
unterbrechung eintritt. Alsbald hört die Gasent- 
wicklung auf, die Säure gelangt wieder an die 
Kathode, es tritt neue Wasserstoffentwicklung auf 
usw. Nun ist jede dieser Stromunterbrechungen 
mit kräftigen Funken an der Kathode verbun- 
den. Sie bewirken ein teilweises Verdampfen des 
Metalls, das mit dem ja unmittelbar vorher ent- 
standenen Wasserstoff nunmehr zum Bleiwasser- 
stoff zusammentritt. Unter geeigneten Versuchs- 
bedingungen ist das Funken sehr regelmäßig und 
lebhaft und damit die Bildung des Hydrids stetig 
gewährleistet. 

Mit dem Strom des molekular entweichenden 
Wasserstoffs geht der gasförmige Bleiwasserstoff 
hinweg. Sein Nachweis gestaltet sich nicht eben ein- 
fach, gelang jedoch schließlich auf folgende Weise. 
Durch die Zerstäubung entstandenes Blei wurde 
natürlich im Gasstrom mitgerissen. Es wurde 
durch dichte Wattefilter zurückgehalten. Das 
gebildete Hydrid wurde in einem mit flüssi- 
ger Luft gekühlten Gefäß kondensiert. Wurde 
die Kühlung alsdann aufgehoben, so verdampfte 
der Bleiwasserstoff wieder und konnte in einer 
angeschlossenen Marsh sehen Röhre durch Bildung 
eines Bleispiegels nachgewiesen werden. Da- 
mit ist einwandfrei erwiesen, daß in der Tat ein 
gasförmiger Beiwasserstoff entsteht und es sich 
nicht nur um eine Suspension von Bleiteilchen 
kleinster Ausmessung in Wasserstoff handelt. Die 
Identifizierung des Bleispiegels, der den bekannten 
Arsen- bzw. Antimonspiegeln ganz analog ist, ge- 
schah u. a. durch Zufügen eines Körnchen Jods, 
wodurch der graue Bleibeschlag beim Erwärmen 
plötzlich in das gelbe Jodid überging. 

Nun ließ sich ein Bleispiegel solcher Art dar- 
stellen gleichgültig, ob man Schwefelsäure oder 
Kaliumhydroxydlösung elektrolysierte. Es kann 
mithin nur eine Umsetzung zwischen Blei und 
dem beiden Elektrolyten gemeinsamen Wasser 
stattgefunden haben. Da ferner gasförmige Oxyde 
oder Hydroxyde des Bleis nicht wahrscheinlich 
sind, so muß als sichergestellt gelten, daß sich 
der kathodisch entwickelte Wasserstoff mit dem 
Blei zu dem erwarteten Hydrid vereinigt hat. 



Vgl. Naturw. Wochenschr. N. F. 18, S. 427 (1919)- 



N. F. XX. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



55 



allerdings , so ist hinzuzufügen, erst nachdem 
Funken durchschlag stattgefunden hat. Ohne 
diese fand keine nachweisbare Hydridbildung statt. 
Es ist mithin weiter anzunehmen, daß entweder 
durch die F"unken entstehender atomarer Wasser- 
stoff in statu nascendi sich mit dem fein zer- 
stäubten Blei verbindet, oder aber, daß aktiver 
Wasserstoff Hg ') für die Hydrierung verantwort- 
lich gemacht werden muß, was deshalb wahr- 
scheinlich ist, weil er mit Schwefel, Arsen usw. 
unmittelbar Hydride ergibt. 

Im Anschluß an diese Untersuchungen erörtert 
P a n e t h die Frage , welche Elemente gas- 
förmige Hydride zu bilden imstande 
sind? Meist nimmt man an, daß solche Hydride 
nur von Nichtmetallen gebildet werden, so 
daß man im allgemeinen sie geradezu als ein 
Kennzeichen dieser betrachtet, während die Hy- 
dride von Metallen entweder fest -) oder nicht 
unzersetzt vergasbar seien. Mit der Entdeckung 
des Zinn-, vor allem aber des Bleiwasserstoffs ist 
jedoch dieser Satz nicht mehr aufrecht zu erhalten. 
Zu einer überraschenden Gruppierung der Ele- 
mente mit gasförmigen Wasserstoffverbindungen 
gelangt man nun, wenn das periodische Sy- 
stem in der Anordnung von Staigmüller^) 
betrachtet wird. Man ersieht daraus sofort, daß 
eine scharfe Trennungslinie zwischen den genannten 
und anderen Elementen mit gasförmigen Hydriden 
(insgesamt sind es 20) und denjenigen Grundstoffen 
ohne dieses Kennzeichen möglich ist. Nur das 
Bor steht außerhalb dieser Gruppe. Diese Schar 
von Elementen aber umfaßt alle die, die I — 4 
Stellen vor einem Edelgas stehen. Diese 
Eigenart steht mit dem elektronen Atombau natur- 
gemäß in engsten Beziehungen, die hier jedoch 
noch nicht berührt werden sollen. Im übrigen 
beweist die Entdeckung des Bleiwasserstoffs, daß 
die Stellung des Bleis im Periodischen System 
neben Silicium und Zinn in der gleichen Gruppe 
auch valenzchemisch gerechtfertigt ist. 

Der Berichterstatter möchte nicht unterlassen 
hinzuzufügen, daß die Arbeit Pan eths ein Muster 
chemischer Methodik und bester Experimeniier- 
kunst ist, und eine schlechthin klassische Leistung 
genannt zu werden verdient. H. Heller. 

Die Ursache der Unterschreitung des 
Eienientarquantunis. 

Hierüber macht E. Regener eine wichtige 
Mitteilung.^) In einem Aufsatz in dieser Zeit- 
schrift ') hatte der Unterzeichnete beiläufig er- 
wähnt, daß neuere Messungen von F. Ehren- 
haft*") ergeben haben, daß die Ladung des 



') Vg'- iiOzonform des Wasserstoffs", Ref. in Naturw. 
Wochenschr. N. F. 19, S. 527 (1920). 

') ^g'- i.Wasseritoff, die schwächste Säure", Ref. in Na- 
turw. Wochenschr. N. F. 19, S. 782 (1920). 

') Zeitschr. f. physik. Chemie 39, S. 245 (1902). 

*) Königl. PreuS. Akad. d. Wissensch., Berlin 1920, S. 632. 

*j Naturw. Wochenschr. N. F. XVIII, Nr. 20, S. 275. 

») Annalen d. Physik 56, I9l8ff. 



Elektrons, des kleinst möglichen elektrischen Quan- 
tums, Werte annehmen könne, die weit unter- 
halb dessen liegen, der bisher auf verschiedene 
Weise als die absolut kleinste existenzfähige Menge 
angenommen werden mußte. Daraus war ohne 
nähere Kritik der erwähnten Untersuchungser- 
gebnisse gefolgert worden, daß „die Atomistik 
der Elektrizität sehr in Frage gestellt" sei. Die 
Bedeutung einer solchen Möglichkeit bedarf nicht 
der Erörterung. Es ist darum von Wichtigkeit, 
daß Regener zu einer ganz anderen Deutung 
der an sich einwandfreien Messungen Ehren- 
hafts kommt. Er macht nämlich sehr wahr- 
scheinhch, daß die Unterschreitung des Elementar- 
quantums in den genannten Arbeiten nur schein- 
bar sei. 

Die Begründung dieser Auffassung wird ge- 
wonnen aus Versuchen, die im Auftrage Rege- 
ners von E. Radel gemacht wurden. Dieser 
stellte Ladungsmessungen an Teilchen an, deren 
Größe in dem weiten Intervall von 2,8 -lO^^ bis 
8-io~* cm Radius gelegen war. Wurde an diesen 
nach der ursprünglichen Methode (Beobachtung 
der Steig- und Fallgeschwindigkeit im elektrischen 
und Gravitationsfeld) gemessen, so ergab sich bei 
Anwendung des Widerstandsgesetzes von Stokes- 
Cunningham immer dann der bekannte Wert 
der Elementarladung von ca. 4,8- lo^^*^, wenn die 
Radien der Teilchen größer waren als etwa 
2,7 • 10^^ cm. Dabei war es ganz gleichgültig, ob 
an Teilchen aus Kolophonium, Paraffinöl, Queck- 
silber, Gold oder anderen Stoffen gemessen wurde. 
Bei sehr kleinen Teilchen aber ergaben sich 
in der Tat die von Ehrenhaft mitgeteilten 
großen Unterschreitungen des Ladungs- 
wertes. Sie müssen jedoch als nur scheinbar 
reell gewertet werden. Denn wenn der Ladungs- 
wert bei diesen aus der Brownschen Be- 
wegung berechnet wurde, so ergab sich eben- 
falls ein Mhtelwert nahe dem bekannten von 
4,8-10""'*'! Nun kommt bei der letztgenannten 
Art der Berechnung ein Faktor nicht vor, der 
in der ersten Rechnung enthalten ist: der Radius 
der Teilchen. Er also muß für den Widerspruch 
verant wertlich gemacht werden. 

R e g e n e r macht über den Einfluß des Radius 
nun folgende Erörterungen. Jedes Teilchen ver- 
dichtet auf sich eine Gasschicht. Diese ver- 
größert die Reibung der Teilchen am umgeben- 
den Gas. Im allgemeinen ohne Belang wird der 
Wert dieser Reibungseinflüsse nun von Bedeutung, 
wenn es sich um sehr kleine Teilchen handelt. 
Alsdann nämlich läßt er die Beweglichkeit 
geringer erscheinen. Man findet infolgedessen 
rechnerisch eine bewegende Kraft der Teilchen, 
die ohne den Reibungseinfluß größer gefunden 
würde. Aus der Bewegungskraft aber ermittelt 
man die Ladung, und so wird auch sie unter 
den angegebenen Umständen zu klein ge- 
funden. 

Radel hat sogar die Grenze, bei der die hier 
geschilderten Einflüsse wirksam zu werden be- 



96 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift 



N. F. XX. Nr. 6 



ginnen, genau bestimmen können. Goldteilchen 
von 2,7 • io~^ cm Radius zeigen noch das richtige 
Quantum , aber bereits Teilchen von 1,5 bis 
2,o. 10^^ cm zeigen nur mehr die halbe Ladung. 
Der Radius ist in erster Linie von der Dichte der 
Substanz abhängig. Daraus folgert Regen er 



weiter, daß die Teilchen mit einer gegen die Ober- 
fläche hin zunehmenden Gasschicht umhüllt sind. 
Diese Ausführungen sind so überzeugend, daß 
sich die aufsehenerregenden Versuchsergebnisse 
Ehrenhafts damit erledigt haben dürften. 

Hans Heller. 



Bücherbesprechungen. 



Eilers , Georg , Am Schattenstab, eine 
Himmelskunde in geschichtlicher An- 
ordnung. 192 S. Braunschweig 1920, Georg 
Westermann. Geb. 16 M. 
Scheiner, J., DerBau desWeltalls. 5. Aufl. 
Von Prof. Dr. Guthnick. 120 S. Leipzig 1920, 
Teubner. 
Peter, B. , Die Planeten. 2. Aug. Von Dr. 
Hans Naumann. 125 S. Leipzig 1920, Teubner. 
Voigt, Dr. Ing. e. h.. Eis, ein Weltenbau- 
stoff, gemeinfaßliche Einführung in Hörbigers 
Glazialkosmogonie (Welteislehre). 312 S. mit 
Atlas, 15 Tafeln in Quart. Berlin 1920, Her- 
mann Paetel. Geh. 24 M., geb. 32 M. 
Das erste Werk, mit hübschen Bildern und 
Zeichnungen, wendet sich an solche, die ohne 
Vorkenntnisse in die Astronomie eindringen 
wollen, es ist sehr anschaulich und mit großem 
pädagogischen Geschick geschrieben, und stellt 
den Werdegang der Astronomie von der Urzeit 
her dar, wo man die ersten Messungen der Zeit 
am Schattenstab vornahm. Als Geschenk vorzüg- 
lich geeignet, wird es jedem Anfänger eine reine 
Freude bereiten. Die beiden nächsten Bücher 
sind aus der Sammlung „Natur und Geisteswelt", 
und beide durch ihre neuen Verfasser auf den 
gegenwärtigen Stand der Forschung gebracht. Bei 
der Beschreibung der Planeten ist leider die so 
sehr ausführliche und brauchbare Erklärung der 
Marserscheinungen von Bau mann nicht benutzt, 
die doch vieles von dem Rätselhaften sehr be- 
friedigend erklärt. Sonst ist das gegebene Material 
gut und reichhaltig. Ganz ausgezeichnet ist die 
Darstellung Guthnicks über den Bau des Welt- 
alls. Man stellt auf jeder Seite den erfahrenen 
Beobachter und Forscher fest, der hier aus Eige- 
nem berichtet. Die Ergebnisse der Sonnenforschung, 
die der Spektralanalyse auf allen Gebieten sind 
so eingehend dargestellt, als es der beschränkte 
Raum gestattet. Mit besonderer Befriedigung 
wird man aber die beiden letzten Abschnitte 



studieren über die Fixsterne und die Nebelflecken 
und über den äußeren Bau des Weltalls. Gerade 
hier wird gegenwärtig ungeheuer viel gearbeitet, 
und es ist schwer, die Ergebnisse zu finden, die 
hier in übersichtlicher Weise zusammengestellt 
werden, unter stetem Hinweis auf das Proble- 
matische, das vielen Ergebnissen noch anhaftet. 
Über die Hör biger sehe Glazialkosmogonie 
ist hier Bd. 191 3, S. 561 ausführlich die Rede 
gewesen. Wegen des allzu großen Umfanges des 
Originalwerkes hat hier Voigt die wichtigsten 
Gedankengänge klar dargestellt, der Atlas stellt 
die Vorgänge bildlich dar, und gibt Abbildungen 
aus der Sternenwelt. Soviel man auch kritisch 
zu dieser Kosmogonie sagen kann, sie ist jeden- 
falls eine schöpferische Idee und jeder, der sich 
mit kosmologischen Problemen befaßt, kann hier 
die Vielseitigkeit bewundern, mit der der an sich 
einfache Grundgedanke vom Welteneis auf Pro- 
bleme der verschiedensten Art vom Fixstern bis 
zur Eiszeit und dem Hagelwettern angewendet 
worden ist. Der Preis ist für das Gebotene billig 
zu nennen. Riem. 

Förster, Wilhelm Die Freude an derAstro- 
nomie. 2. Aufl. 32 S. Berlin 1920, Ferd. 
Dümmler. Brosch. 2,50 M. 
An einen sehr interessanten kulturgeschicht- 
lichen Rückblick, in dem eine Szene aus dem jetzt 
kaum bekannten Kindermärchen von Tieck, „Der 
gestiefelte Kater" eine Rolle spielt, in der König, 
Gelehrter und Hofnarr sich über die großen Zahlen 
der Astronomie unterhalten, an Erinnerungen an 
Alexander v. Humboldt und dessen Kosmos 
knüpft der Verfasser Betrachtungen, wie auch der 
Laie von der bloßen Freude an der Schönheit 
des Sternhimmels fortschreiten kann zur tätigen 
Mitarbeit auf vielen Gebieten, auf denen schon 
mit geringen Mitteln, aber mit Sorgfalt und Aus- 
dauer etwas geleistet werden kann, was wissen- 
schaftlichen Wert haben kann. Riem. 



Inhalt: E. Krenkel, Über Moorbildungen im tropischen Afrika. S. 81. E. J. Gumbel, Spekulatives über die Endlich- 
keit der Welt. S. 85. W. Halbfaß, Zum Kreislaufprozefi des Wassers. S. 86. — Einzelberichte: O. Mügge, Petro- 
graphie des älteren Paläozoikums zwischen Albungen und Witzhausen. S. 86. H. Schneiderhöhn, Asphaltgänge 
im Fiscbflußsandstein im Süden von Siidwestafrika. S. 89. Bergstrand, Entfernung des großen Orionnebels. S. 90. 
Schrader, Die Geschlechtsbestimmung bei den Mottenläusen. S. 90. E. Hatschek, Abnorme Liesegangsche Schich- 
tungen. S. 92. R. Auerbach, Die Polychromie des kolloidalen Schwefels. S. 92. Fr. Fischer und H. Schrader, 
Die Herkunft des Benzols bei der Leuchtgasgewinnung. S. 93. F. Paneth, Bleiwasserstoff zum ersten Male darge- 
stellt. S. 94. E. Regener, Die Ursache der Unterschreitung des Elementarquantums. S. 95. — Bücherbesprechun- 
gen: G. Eilers, Am Schattenstab. J. Scheiner, Der Bau des Weltalls. B. Peter, Die Planeten. Voigt, Eis, 
ein Weltbaustoff. S. 96. W. Förster, Die Freude an der Astronomie. S. 96. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Mi ehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 
Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge so. Band; 
der ganien Reibe j6. Band. 



Sonntag, den 13. Februar 1921. 



Nummer 7. 



Wind und Wetter als Feldwirkiingen der Schwerkraft. 



[Nachdiuck verboten.] 



Von Dr. phil. H. Fricke. 
Mit 5 Abbildungen im Text. 



Die Ergebnisse der britisciien Expeditionen 
zur Beobachtung der Sonnenfinsternis vom 30. Mai 
1919 scheinen die Auffassung zu bestätigen, daß 
das Gravitationsfeld die Lichtstrahlen ablenkt. Man 
hat darin bekanntlich einen Beweis für die Ein- 
steinsche Relativitätstheorie erblicken wollen, 
doch läßt sich die Erscheinung wohl natürlicher 
mit der Äthervorstellung in Zusammenhang 
bringen. ') Die neu entdeckte Erscheinung 
zeigt im Grunde ja weiter nichts, als daß der 
Äther im Schwerkraftfelde seine Struktur geändert 
haben muß, derart, daß das Licht nicht nach allen 
Seiten sich mit der gleichen Geschwindigkeit fort- 
pflanzt. Damit wäre jedoch eine Erscheinung ent- 
deckt, die über das Wesen der bisher so geheim- 
nisvollen Schwerkraft etwas Wichtiges aussagt. Sie 
zeigt, daß die Gravitation, die seit Newton durch 
ihre Zeit- und Widerstandslosigkeit eine Sonder- 
stellung unter den Naturkräften einzunehmen schien, 
Ähnlichkeit mit dem elektromagnetischen Kraft 
felde besitzt, und dieses stellt man sich seit Fa- 
raday bekanntlich als einen elastischen Zwangs- 
zustand im Äther vor. Es wäre damit eine Un- 
vollständigkeit in der von Newton gegebenen 
Darstellung der Schwerkraft nachgewiesen. Aller- 
dings hatte man diese Lückenhaftigkeit bereits 
lange vor Einstein erkannt, wie die Arbeiten von 
Riemann, W. Weber, Tisserand, Gerber, 
Levy^) u. a. beweisen. Bei allen bisher unter- 
suchten Abweichungen von der Newtonschen 
Theorie handelt es sich jedoch um Störungen 
höherer Ordnung, die eben an der Grenze der 
Nachweisbarkeit liegen. 

Demgegenüber soll hier die Aufmerksamkeit 
auf Wirkungen gelenkt werden, die ganz unmittel- 
bar in bisher unerklärter Weise mit der Schwer- 
kraft zusammenzuhängen scheinen und die zu den 
gewaltigsten und auffallendsten Naturerscheinungen 
auf der Erdoberfläche gehören. Gemeint ist vor 
allem die unten genauer beschriebene tägliche 
Doppelschwingung des Barometers, die 
Ebbe und Flut im Luftmeer der Erde. Es ist 
jedoch nicht ausgeschlossen, daß der größte Teil 
der geophysikalischen Erscheinungen überhaupt 

') Vgl. hierzu die Arbeit E. Wiecherls; „Die Gravi- 
tation als elektrodynamische Erscheinung" in den Annalen der 
Physik, 1920, Bd. 63, S. 301 ; ferner die Darstellung der 
Arbeilen L. Silbersteins, Physikal. Berichte, 1920, 
S. 1514— 16. 

') Vgl. die Darstellung von Zenneck über die Gravi- 
tation in der Enzyclopädie der math. Wissenschaften. Leipzig, 
Teubners Verlag, 1903. Bd. V, I, bes. S. 35— ?3; f"°" <"*= 
oben angeführte Arbeit von Wjechert. 



— Wetterstürme, Erdbeben, Vulkane und gebirgs- 
bildende Kräfte, für die eine allgemein anerkannte 
Erklärung bisher merkwürdigerweise nicht ge- 
funden ist — sich einheitlich als Feld wirkungen 
bisher unbekannter Art der sich fortwährend in- 
einander verdrehenden kosmischen Schwerkraft- 
felder darstellen lassen. Die Newton sehe Theorie 
kann zu einer solchen Erklärung nicht führen, da 
sie Widerstände bei den Bewegungen der Schwer- 
kraftfelder nicht kennt. Doch ist Newtons Auf- 
fassung logisch kaum haltbar, da eine Kraft nur 
da wirken kann, wo sie auf Widerstände stößt. 
Die Mängel der Newtonschen Theorie scheinen 
also viel offener zutage zu liegen, als man bis- 
her ahnte. 

Es soll hier nun an der Hand von Abbil- 
dungen gezeigt werden, daß die tägliche Doppel- 
schwingung des Barometers genau mit Struktur- 
änderungen des Schwerkraftfeldes parallel läuft. 
Nur der Umstand, daß die mehr als 200 Jahre 
alte Newtonsche Theorie Feldwirkungen dieser 
Art nicht kannte, scheint die klare Einsicht in die 
einfachen Zusammenhänge bisher verhindert zu 
haben. 

Die erste Abbildung erklärt zunächst einmal 
den merkwürdigen Umstand, daß wir auf der Erde 
von einer Anziehungskraft der Sonne nichts merken. 
Man sollte meinen, daß die Gravitation auf der 
Erde einen höheren Wert besitzen müßte, wenn 
die Sonne in Richtung des Erdmittelpunktes steht, 
und ihre Wirkung zu der der Erde sich addiert, 
als wenn sie senkrecht über uns steht und der 
Erde entgegenwirkt. Nach der Newtonschen 
Theorie wird die Soiinenanziehung jedoch durch 
die Trägheitsbewegung der Erde ausgeglichen. 
Man kann die Erdbahn mit genügender Annähe- 
rung als einen Kreis betrachten; die Sonnenan- 
ziehung wird dann durch die Zentrifugalkraft der 
Erdbewegung aufgehoben, die scheinbar relativ zu 
einer ruhend gedachten Erde entsteht. Die Erde 
steht im Schwerkraftfelde der Sonne also dauernd 
unter der Wirkung zweier entgegengesetzt gleicher 
Kräfte, der Sonnenanziehung und der Fliehkraft 
ihrer Bahn. Nach der Newtonschen Auffassung, 
die Widerstände im Schwerkraftfelde nicht kennt, 
heben sich diese Kräfte in allen Teilen der Erde 
vollständig auf. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, 
daß das Gleichgewicht zwischen den beiden gleich 
starken Gegenkräften erst eintritt, wenn der Erd- 
körper seine Struktur geändert hat und in einen 
inneren Spannungszustand versetzt ist. Schon die 
einfache Logik fordert eine solche Annahme ; denn 



98 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 7 



wenn die Newton sehe Auffassung richtig wäre, 
so würde sich die Erde in einem vollkommen 
kräftefreien Räume genau so wie in dem Schwer- 
kraft-Trägheitsfelde der Sonne verhalten, in dem 
zweifellos in verschiedenen Richtungen verschiedene 
Kräfte wirksam sind, das also relativ zur Sonne 
„polarisiert" ist. An elastische Feldwirkungen dieser 
Art, die bei den elektromagnetischen 
Kräften stets auftreten, scheint man bei der 
Schwerkraft bisher gar nicht gedacht zu haben. 



," 



^ 



Abb. 



Abb. 2 soll nun ganz schematisch die zunächst 
als starr betrachtete Erde und ihr elastisches Luft- 
meer veranschaulichen, wie es 




Abb. 2. 

ohne ein fremdes Kraftfeld aussehen wird. Abb. 3 
dagegen soll die Wirkung des als relativ zur Erde 
ruhend gedachten Sonnenfeldes zeigen, wie es sich 
als Folge der in Abb. i veranschaulichten Kräfte 
darstellen muß. Die aus den Schwerkraft- und 
Trägheitswirkungen sich zusammensetzenden Kraft- 
linien entsprechen ganz den Kraftröhren Fara- 
days, in deren Längsrichtung ein Zug, in deren 
Querrichtung ein Druck herrscht. Der Mechanis- 
mus der Äiherbewegungen, der einen solchen 
Spannungszustand erklärt, kann vorläufig unerörtert 
bleiben. Doch mag erwähnt werden, daß mög- 
licherweise infolge einer Schirmwirkung des ge- 
waltigen Erdkörpers auf der der Sonne zuge- 
kehrten Seite die Sonnenanziehung, auf der ent- 
gegengesetzten Seite die Fliehkraft stärker wirk- 



sam ist. Auf den dadurch elastisch gespannten 
Erdkörper würde dann noch seitlich die Quer- 
kontraktion wirken (Abb. 3). 



AA^i^^A^AtA 




Y Y t t y V y t y V V 



Abb. 3. 

Nun verhält sich nach Lord Kelvin der Erd- 
körper kosmischen Kräften gegenüber wie der 
beste Stahl, aus dem sein Inneres vermutlich auch 
besteht. Nicht wie Stahl können sich jedoch die 
weicheren Oberflächenschichten, vor allem aber 
nicht die Lufthülle verhalten. Da diese keine 
Gestaltselastizität besitzt, muß sie den inneren 
Kraft wirkungen nachgeben, es tritt ein F 1 i e ß e n , 
eine Strömung ein. Es muß also auf den der 
Sonne zugewendeten und den ihr gerade gegen- 
überliegenden Teilen der Erde eine aufsteigende, 
auflockernde Luftströmung, auf den seitlich dazu 
liegenden Erdteilen dagegen eine absteigende, 
verdichtende Luftströmung entstehen. 

Nun ruht die Erde jedoch nicht im Schwere- 
felde, sondern dreht sich fortgesetzt darin. Je 
nach dem Stande der Sonne muß die Erscheinung 
sich daher im steten Wechselspiele wiederholen. 
Abb. 4 stellt einen Querschnitt durch die Äqua- 
torialebene der Erde dar und veranschaulicht die 
Verhältnisse zur Zeit der Nachtgleichen. Man 
kann das Kraftfeld der Sonne in vier Quadranten 
teilen; in je zwei gegenüberliegenden herrschen 
die gleichen Zustände. In dem der Sonne zuge- 
kehrten und dem gegenüberliegenden Quadranten 
überwiegt die auflockernde Komponente, in den 
rechtwinklig zur Sonne stehenden die nieder- 
drückende. Also von 3 Uhr morgens bis 9 Uhr 
vormittags erzeugt die Sonnengravitation einen 
absteigenden Luftstrom, so daß um 9 Uhr vor- 
mittags ein Druckmaximum eintreten muß; von 
da ab beginnt allmählich die Auflockerung, die 



N. F. XX. Nr. 7 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



99 



bis 3 Uhr nachmittags dauert, so daß um diese 
Zeit das Minimum eintritt. Von da an tritt wie- 
der bis 9 Uhr abends Verdichtung, weiterhin bis 
3 Uhr nachts Verdünnung ein. -Die Zeiten der 
Luftverdichtung sind in der Abb. 4 durch schraf- 
fierte Flächen angedeutet. Daß die Maxima und 
IVIinima in Wirklichkeit erst eine Stunde später 
eintreten — morgens um 10 Uhr ist ja eine be- 
kannte Wetterkrisis — erklärt sich zwanglos aus 
der Trägheit der Luft. 

Dieser Verlauf der täglichen Barometer- 
schwankung wird nun durch die Naturbeobachtung 
in der allergroßartigsten Weise bestätigt. Abb. 5 
stellt die täghche Doppeloszillation für verschiedene 
Breitengrade dar. Ich entnehme einer Darstellung 
von Hann') (in Himmel und Erde, VI, S. 345) 
das folgende: 



9^Jtm. 




6^3Un. 



if^Tlm. 



tiefsten Stände. Die Luftdruckunterschiede er- 
reichen und überschreiten selbst 3 mm, sind also 
sehr in die Augen fallend. Die jetzt schon viel- 
fach in Anwendung gebrachten, kontinuierlich die 
Luftdruckänderungen aufzeichnenden Barographen 
liefern Tag für Tag die gleichen schönen Doppel- 
wellen, so daß es manchem fast langweilig und 
unnötig erscheinen möchte, in solchen Gegenden 
den Luftdruck regelmäßig aufzuzeichnen, der sich 
ja vom Wetter ganz unabhängig gemacht hat 
und keine Warnung mehr vor Witterungsände- 
rungen zu geben vermag. In der Tat finden wir 
bei einem sorgfältigen Beobachter in Gambia 
(Westafrika, 13^2" nördlicher Breite) die von diesem 
Standpunkte aus erklärliche, sonst aber doch 
kuriose Bemerkung, „daß daselbst die Luftdruck- 
beobachtungen wohl kein wissenschaftliches Inter- 
esse haben, weil die Barometerschwankungen bei 
jeder Witterung ganz gleichmäßig vor sich gehen 
und der heftigste Tornado nicht den geringsten 
Effekt darauf habe". 

Trotzdem der kosmische Charakter der ganzen 
Erscheinung eigenthch unverkennbar ist, hat die 



Abb. 4. 




bo'j\f: 



„Die Regelmäßigkeit der stündlichen Schwan- 
kungen des Barometers unter den Tropen", sagt 
A. V. Humboldt, „ist so groß, daß man be- 
sonders in den Tagesstunden die Zeit nach der 
Höhe der Quecksilbersäule bestimmen kann, ohne 
sich im Durchschnitte um 15 — 17 Minuten zu 
irren. In der heißen Zone des Neuen Kontinentes, 
an den Küsten wie auf Höhen von mehr als 
12000 Fuß (3900 m), wo die mittlere Temperatur 
auf 7 " herabsinkt, habe ich die Regelmäßigkeit 
der Ebbe und Flut des Luftmeeres weder durch 
Sturm, noch durch Gewitter, Regen und Erd- 
beben gestört gefunden" (Kosmos, I, S. 336). Tag 
für Tag erreicht das Barometer zwischen 9 und 
10 Uhr vormittags und abends seine beiden höchsten 
und um 4 Uhr morgens und abends seine beiden 

') Vgl. auch Hann, Lehrbuch der Meteorologie, Leipzig 
1906, bes. S. 138 flf. 



meteorologische Wissenschaft bisher jeden Ver- 
such einer solchen Erklärung mit Gründen abge- 
wiesen, deren Unrichtigkeit ohne weiteres ersicht- 
lich ist. So schreibt Hann in dem erwähnten 
Aufsatze (S. 361): „Die tägliche Barometerschwan- 
kung mit ihren zwei Maximis und Minimis hat 
auf den ersten Blick die größte Ähnlichkeit mit 
der Ebbe und Flut des Meeres. Man nennt sie 
deshalb oft kurzweg „eine atmosphärische Ebbe 
und Flut". So bezeichnend diese Ausdrucksweise 
für die Art des Auftretens der täglichen Luft- 
druckschwankung ist, so verfehlt wäre es, dabei 
auch an eine ähnliche Ursache zu denken. Die 
atmosphärischen Gezeiten können keine Gra- 
vitationserscheinung sein, denn sonst 
müßten sie vor allem dem Mondtag folgen und 
nicht dem Sonnentag. Der Mond hat eine 2,2 mal 
größere fluterzeugende Kraft als die Sonne, was 
auch für die Atmosphäre gültig ist. Die Gravi- 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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tationsfluten , die der Mond in der Atmosphäre 
erzeugt, sind aber sowohl nach der Theorie, als 
auch nach dem Ergebnis der Beobachtungen un- 
merklich klein (o,o6 mm) und lassen sich gar 
nicht vergleichen mit der geschilderten Barometer- 
schwankung, die in nicht mißzuverstehender Weise 
vom täglichen Laufe der Sonne abhängt." 

Der Trugschluß in dieser Argumentation liegt 
klar auf der Hand. Die Begriffe „Gravitations- 
wirkungen" und „Ebbe und Flut erzeugende Kräfte" 
sind miteinander verwechselt worden. Die Schwer- 
kraftwirkungen entsprechen nach Newton der 

Funktion -5 , worin m die Masse und r die Ent- 

fernung bedeutet. Während die Schwerkraft der 
Sonne auf der Erdoberfläche noch 0,6 Promille 
der Erdschwere beträgt, ist die des Mondes nur 
0,0000033 (ein Dreihunderttausendstel) der Erd- 
schwere, also 200 mal schwächer als die der 
Sonne. Wenn es also unmittelbare Wirkungen 
des Schwerkraftfeldes gibt, wie es hier angenom- 
men wird, so müssen diese der Sonne und 
nicht dem Monde folgen! Eine Überschlags- 
rechnung zeigt auch, daß die in den Tropen be- 
obachtete Barometerschwankung der Größe nach 
mit den Änderungen im Gravitationsfelde genau 
übereinstimmt. Bei der Ebbe und Flut des Meeres 
handelt es sich überhaupt nicht um eine solche 
unmittelbare Schwerkraftwirkung, sondern um 
eine Störung zweiter Ordnung (Differentialfunk- 
tion), bei der Entfernungsänderungen infolge der 
Erddrehung die Hauptrolle spielen ; diese Erschei- 
nung, bei der der Mond wegen seiner großen 
Nähe allerdings einen bedeutenderen Einfluß als 
die Sonne ausübt, ist von einer viel geringeren 
Größenordnung als das hier betrachtete I'hänomen. 

Da in der Newtonschen Formulierung Feld- 
wirkungen nicht vorkommen, glaubte man, die 
der Sonnenbewegung genau folgende Luftdruck- 
änderung könne nur durch die Wirkung der 
Sonnenstrahlung verursacht worden sein. Nun 
paßt der Gang der Temperatur mit seinem nur 
einmal täglich eintretenden Maximum und Mini- 
mum und seinen starken örtlichen Unterschieden 
zu der so unverkennbar als Gravitationswirkung 
verlaufenden Erscheinung wie die Faust aufs 
Auge. Man fand aber doch einen Ausweg; man 
sagte einfach, die tägliche Doppeloszillation sei 
die erste Oberschwingung der durch rätselhafte 
Widerstände unterdrückten Hauptschwingung — 
eine Erklärung, die man wohl nur so lange bei- 
behalten wird, als man absolut keine andere findet. 

Die Abhängigkeit der täglichen Barometer- 
schwankung von der geographischen Breite, wie 
sie in Abb. 5 ersichtlich ist, ist nach der hier ge- 
gebenen Erklärung ohne weiteres verständlich, 
denn am Pol ändert die Sonne im Laufe des 
Tages ihre Höhe nicht mehr, eine Schwingung 
kann daher nicht eintreten. Dagegen müßte eine 
Drehung des Windes eintreten, und man hat solche 
täglichen Drehungen des Windes mit der Sonne 
tatsächlich vielfach beobachtet. 



Die Sonnenschwerkraft wirkt also täglich zwei- 
mal wie die Hübe einer gewaltigen Saug- 
und Druckpumpe auf die Erde. Dadurch werden 
vom Äquator ausgehend gewaltige auf- und ab- 
steigende Luftströmungen erzeugt, die die Haupt- 
ursache der irdischen Luftbewegungen und der 
Winde darstellen. Indem sich die periodischen 
Wirkungen in bestimmter Richtung aufsummen, 
werden auch Bewegungen der Luft, des Meeres, 
und der Erdschichten von längerer Dauer und 
bestimmter Richtung erzeugt werden. Es ist also 
hier ein ganz neuer Weg zum Verständnis der 
das Leben unseres Planeten erhaltenden Natur- 
kräfte aufgefunden, lediglich dadurch, daß wir die 
leeren Räume, durch die Newton seine Schwer- 
kraft zeit- und widerstandslos hindurchwirken Heß, 
mit anschaulichen Vorstellungen ausgefüllt haben 
und kontinuierlich wirkende Kräfte darin vermuten, 
wie sie uns seit Faraday im elektromagnetischen 
Felde längst geläufig sind. 

Es mag zunächst überraschend und befremdend 
erscheinen, wenn der Gravitation, deren Gesetze 
man längst nach jeder Richtung hin für erforscht 
und aufgeklärt hält, hier ganz neue Eigenschaften 
beigelegt werden. Man muß jedoch bedenken, 
daß wir auf der Erde mit Schwerkraftfeldern 
wegen deren Kleinheit eigentlich gar keine Ex- 
perimente anstellen können. Wir sind daher auf 
das kosmische Gedankenexperiment und die dar- 
aus abgeleiteten astronomischen Berechnungen 
angewiesen, und diese kann man meist gar nicht 
nachprüfen. Die vom Verf. seit langer Zeit ver- 
tretene Ansicht, daß die Gravitationsfelder in 
Wirklichkeit viel mehr unmittelbar wahrnehmbare 
Eigenschaften besitzen, als die dürre Newton- 
sche Theorie ahnen läßt, ist daher nicht zu wider- 
legen. Die neueren Bestrebungen vieler Theo- 
retiker (u.a. Wiecherts, s.o.), das Schwerkraft- 
feld als einen Teil des elektromagnetischen Kraft- 
feldes aufzufassen, würden dadurch eine ganz neue 
Unterstützung erhalten. Daß Newtons Formu- 
lierung sich in der Astronomie bisher leidlich 
bewährt hat, liegt vielleicht nur daran, daß die 
Schwerkraft- und Trägheitserscheinungen, wie wir 
am Beispiel der Erde in Abb. i sahen, mit ent- 
gegengesetzt gleichem Betrage in die Formeln 
eingehen. Man braucht nur anzunehmen, daß 
der Einfluß der Zeit und der räumlichen Wider- 
stände sich nicht nur bei der Schwerkraft, son- 
dern in genau derselben Weise auch bei den 
Trägheitsbewegungen der Massen geltend macht 
— eine Symmetrie, wie sie bei den Strönnungen 
einer inkompressiblen Flüssigkeit, hier des Äthers, 
stets zu erwarten ist — so erklärt es sich sofort, 
wie die Täuschung eines von Zeit und räumlichen 
Widerständen unabhängigen Kraftfeldes zustande 
kommen mußte. Nur diesen eigenartigen Verhält- 
nissen verdankt Newtons seltsame, aller Logik 
widersprechende Lehre von der zeitlosen Fern- 
kraft ihre Erfolge, wenigstens für eine erste An- 
näherung. Die oben erwähnten neueren Theorien 
von Riemann bis Einstein lassen jedoch 



N. F. XX. Nr. 7 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



loi 



schon deutlich erkennen, daß bei genaueren Be- 
rechnungen Glieder zu berücksichtigen sind, die 
vom Quadrat der Lichtgeschwindigkeit abhängen, 
und die die Gravitation somit als Ätherwirkung 
kennzeichnen. Abgesehen von diesen geringen, 
bisher allein beachteten Unstimmigkeiten lassen 
sich aber, wie unsere Ausführungen zeigten, viel 
schwerere Bedenken gegen Newtons Theorie 
geltend machen. Es mag in diesem Zusammen- 
hange noch darauf hingewiesen werden, daß die 
auf Grund der herrschenden Ansichten aus den 
Bahnen der Gestirne abgeleiteten Berechnungen 
der „schweren Massen" bei den meisten Weltkörpern 
so geringe Werte geliefert haben, daß die Richtig- 
keit der Voraussetzungen recht zweifelhaft er- 
scheint. So hat man beispielsweise für den Jupiter 
eine mittlere Dichte von 1,4 (auf Wasser als Ein- 
heit bezogen), für den Saturn sogar nur eine 
solche von 0,7 herausgerechnet, obgleich man auf 
diesen Planeten deutlich vulkanische Ausbrüche 
erkennen zu können glaubt. Auch die aus den 
Bahnelementen der Finsternisveränderlichen vom 
Algoltypus errechneten Massen haben ganz un- 
wahrscheinlich geringe Werte ergeben. In allen 
diesen Fällen wird die Newton sehe Theorie wohl 
gar nicht anwendbar sein, denn es können offen- 
bar neben der Schwerkraft noch ganz andere Kräfte 
die Bahnen der Gestirne bestimmen. Man mag 
dabei zunächst an elektromagnetische Kräfte 
denken, die in dem Bohrschen Atommodell be- 
kanntlich auch zur Berechnung von Planetenbahnen 
führen. Es können bei der ungemein schnellen 
Rotation der äußeren Planeten jedoch auch Flieh- 
kräfte im. Äther wirksam werden, die eine schein- 
bare Verminderung der Schwerkraft und damit 
der Massen bewirken würden. Das unbedingte 
Vertrauen, das namentlich die Astronomen seit 
200 Jahren der Ne wtonschen Theorie entgegen- 
bringen, dürfte vor einer schärferen Kritik wohl 
kaum noch bestehen können. Man mag über die 
dunklen Prinzipien Einsteins denken wie man 
will, man wird ihm jedoch das Verdienst zuer- 
kennen müssen, daß er endlich einmal zu einer 
gründlichen Prüfung der Gravitationstheorie ange- 
regt hat. Eine solche Kritik darf jedoch nicht bei 
einigen praktisch wertlosen kleinen Störungen höhe- 
rer Ordnung Halt machen ; man muß vielmehr die 
Möglichkeit erwägen, daß die herrschende Schwer- 
kraftlehre ganz große , unmittelbar wahrnehm- 
bare Mängel enthält, und daß es die höchste Zeit 
ist, sie durch eine rationelle Feldwirkungslheorie 
nach Art der elektromagnetischen oder noch besser 
durch eine alle Kraftfelder umfassende Äther- 
strömungstheorie zu ersetzen.') Dann erst können 

') Die weitere Ausgeslallung des hier entwickelten Ge- 
dankenganges findet sich in meinem, in Nr. 10 des Jahrg. 1920 
dieser Zeitschrift besprochenen Buche „Eine neue und ein- 
fache Deutung der Schwerkraft", Wolfenbüttel, Heckners Ver- 
lag, 1919, weiter in den 1920 cbendort erschienenen Schriften 
„Der Fehler in Einsteins Relativitätstheorie" und „Die neue 
Erklärung der Schwerkraft". Eine kurze Darstellung meiner 
Äthertheorie habe ich in „Glasers Annalen für Gewerbe und 
Bauwesen", 1920, Bd. 86, Nr. 1032, S. 95 — 96, gegeben. 



wir dem pulsierenden Leben und Atmen unseres 
Erdballs wirkliches Verständnis entgegenbringen. 
Es erscheint auch keineswegs ausgeschlossen, daß 
die Kenntnis der Vorgänge im Schwerkraftfelde 
uns ganz neue Methoden zur Energiegewin- 
nung zur Verfügung stellen wird. 

Es mag noch zum Schluß darauf hingewiesen 
werden, daß der Gedanke, ein Pulsieren der 
Schwerkraft sei die Ursache der Barometerschwan- 
kungen, von keinem Geringeren als von Goethe 
herrührt. Er hat ihn nicht nur in seinen umfang- 
reichen meteorologischen Arbeiten, sondern auch 
in seinen Dichtungen („Zahme Xenien") mehrfach 
behandelt. So schreibt er am Anfang seiner 
„Italienischen Reise" während einer Wetterbe- 
obachtung auf dem Brenner : „Ich glaube nämlich, 
daß die Masse der Erde überhaupt, und folglich 
auch besonders ihre hervorragenden Grundfesten 
nicht eine beständige, immer gleiche Anziehungs- 
kraft ausüben, sondern daß diese Anziehungskraft 
sich in einem gewissen Pulsieren äußert, so daß 
sie sich durch innere notwendige, vielleicht auch 
äußere zufällige Ursachen, bald vermehrt, bald 
vermindert. Mögen alle anderen Versuche, diese 
Oszillation darzustellen, zu beschränkt und roh 
sein, die Atmosphäre ist zart und weit genug, 
um uns von jenen stillen Wirkungen zu unter- 
richten." Goethe verband offenbar mit dem Begriff 
der Schwerkraft weit anschaulichere, lebendigere und 
wohl auch richtigere Vorstellungen als der von ihm 
bekämpfte Newton. Leider vermochte er nicht 
wie dieser durch exakte Formulierung seinen Ideen 
in den Augen der Fachphysiker das nötige Gewicht 
zu verleihen, so daß seine bedeutsamen Anregungen 
bisher unbeachtet und unverstanden geblieben 
sind. Wenn die Ausführungen dieses Artikels 
nun atich noch keine abgeschlossene Theorie ent- 
halten, so lassen sie den Weg zu einer solchen 
doch bereits klar erkennen; sie lassen auch die 
Fragen, die heute durch den Kampf um Ein- 
stein das allgemeine Interesse erregen, in einem 
ganz neuen Lichte erscheinen.') Newtons 

') Einstein geht bekanntlich von dem Widerspruche 
aus, der zwischen den Versuchen von Fizeau und Michel- 
son bestehen soll. In beiden Fällen bleiben die optischen 
Gesetze realativ zu dem auf der Erde ruhenden und mit ihr 
bewegten Beobachter konstant. Einstein schlofl daraus 
etwas voreilig auf eine geheimnisvolle Bedeutung des „Be- 
obachterstandpunktes" für die Optik, eine gänzlich un- 
physikalische Idee. Er leitete daraus das logisch un- 
haltbare ,, Prinzip von der Konstanz der Vakuumlicht- 
geschwindigkeit relativ zu beliebig bewegten Beobachtern" 
ab, das bereits durch die Versuche von Sagnac mit 
bewegten Beobachtern widerlegt erscheint. Denn selbst- 
verständlich kann ein Beobachter die optischen Erscheinungen 
nur insoweit beeinflussen, als er mit einem Kraftfelde ver- 
bunden ist. Natürlicher ist wohl die Idee, in den Versuchen 
von Fizeau und Michelson sei nicht dem Beobachter, 
sondern dem genau wie dieser bewegten Schwerkraft felde 
der Erde der entscheidende Einfluß zuzuschreiben, wie ich in 
der Schrift: ,,Der Fehler in Einsteins Relativitätstheorie" 
(Wolfenbüttcl 1920) näher ausgeführt habe. Die Physiker 
konnten auf diese einfache Lösung bisher nicht kommen, da 
optische Feldwirkungcn der Schwerkraft unbekannt waren; 
erst die Ergebnisse der Sonnenünsternisexpedition haben hier 
Wandel geschaffen. Der Gedanke von Stokes, das Ergeb- 



102 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 7 



Theorie der Schwerkraft scheint so unvollständig 
zu sein, daß sie nicht nur den Störungen höherer 
Ordnung, sondern bereits den nächstliegenden, 
uns unmittelbar berührenden Erscheinungen und 



nis des Mich eis onschen Versuchs durch eine Mitführung 
des Äthers durch die Erde zu erklären, läßt sich zwanglos mit 
tneiner Auffassung verbinden, da das hier behandelte„Schwer- 
kraft-Trägheitsfeld" offenbar nichts anderes als der „Äther" ist. 



Kräften gegenüber versagt. Der Ersatz der alten 
unhaltbaren Lehre von der Fernwirkung der 
Schwerkraft durch eine moderne Feldwirkungs- 
und Äthertheorie dürfte daher zu den dringend- 
sten Aufgaben der physikalischen Wissenschaft 
gehören. Ihre Lösung wird uns einen ganz un- 
erwarteten und überraschenden Einblick in den 
Zusammenhang der Naturkräfte gewähren. 



[Nachdruck verboten.] 

Über das Vorkommen des Ziesels in Sachsen 
verdanken wir die ersten ausführlicheren Mit- 
teilungen J. Thaliwitz, der 1895 (10) die Frage 
aufwarf; „Ist das Ziesel ein Bewohner unserer 
sächsischen Schweiz?", um danach 1898 (11) des 
Tieres Vorkommen im äußersten östlichen Erz- 
gebirge um Lauenstein sowie in der Gegend der 
Orte Olsen, Ölsengrund, Breitenau, Liebenau und 
Hellendorf festzustellen. Jacobi (4) führt diese 
zusammenhängenden, auf ein Gebiet von nur 
gegen lO qkm Fläche sich erstreckenden Vor- 
kommen unter Berufung auf Thaliwitz dann 
ebenfalls an und bezweifelt eine ältere,aufR eichen - 
bach und E. Besser sich stützende Angabe 
Reibis ch's (8) von einem Vorkommen des Tieres 
auch in der Lausitz. Ihm sowohl wie auch Thall- 
witz ist dabei entgangen, daß Citellus citellus 
aus Sachsen aber noch früher erwähnt wird. 
Chrst. Frdr. Ludwig (6), dem wir die erste 
umfassendere Zusammenstellung auch der sächsi- 
schen Säuger verdanken, führt das Tier bereits 
1810 allerdings ohne alle weiteren, in diesem Falle 
aber ganz besonders wünschenswerten näheren 
Angaben auf, und Schumann (9) schreibt dann 
1822 in seinem Lexikon von Sachsen:„Der russische 
Balk aber, welcher mit russischem Getreide mit- 
gekommen und im mittleren Sachsen sehr zahl- 
reich geworden war, ist glücklich wieder aus- 
gerottet". Endlich bezeichnet Fechner (3) unsere 
Art 1851 als „sehr selten in der Zittauer Gegend, 
bei Bjnzlau (Schlesien) häufiger". Nach einer 
späteren Angabe in den Meyer und Helm sehen 
Jahresberichten der ornithologischen Beobachtungs- 
stationen im Königreich Sachsen (7) wurde schließ- 
lich im Jahre 1891 ein Ziesel auch im Vogtlande, 
und zwar auf Feldern bei Chrieschwitz (bei Plauen) 
erschlagen, wobei gesagt wird, daß „er bisher noch 
nicht beobachtet, seitdem aber auch nicht wieder 
gesehen worden ist". Jacobi (4) äußert hierzu 
den Verdacht, daß es sich in diesem Falle um 
ein aus der Gefangenschaft entwischtes Tier ge- 
handelt haben könne. 

Aus den vorliegenden, ja nur bescheidenen 
Angaben ein sicheres Urteil über das sächsische 
Vorkommen des Ziesels zu fällen, ist nicht ganz 
leicht. Das eine aber steht jedenfalls fest, daß 
das Tier in Sachsen ältere Bürgerrechte besitzt, 



Über das Vorkommen des Ziesels in Sachsen. 

Von Rud. Zimmermann, Dresden. 
Mit einer Kartenskizze. 



als man bisher im allgemeinen anzunehmen ge- 
neigt war, und daß es bei uns einmal auch schon 
weiter verbreitet gewesen zu sein scheint, als sein 
heutiges nur beschränktes Vorkommen schließen 
läßt. Nun sagt ja schon Blasius (i): „Man hat 
eine Zeitlang geglaubt, daß das Ziesel von Osten 
her in Deutschland eingewandert sei; man kann 
aber eher umgekehrt behaupten, daß es allmählich 
immer weiter nach Osten zurückgedrängt worden 
ist." Doch scheint es, daß er sich bei dieser 
Behauptung, wie ihm ja auch entgegengehalten 
worden ist, lediglich auf eine mißverständliche 
Auslegung eines alten Schriftstellers (Albertus 
Magnus), nicht aber auf wirkliche beglaubigte 
Funde gestützt hat. Heck (2) dagegen läßt auf 
Grund einer noch zu erwähnenden Beobachtut g 
Liebes die Möglichkeit bestehen, daß Citellus 
citellus „vor gut loo Jahren schon einmal viel 
weiter westlich gewesen zu sein scheint". — Ist 
es nun schon auffallend genug, daß das Tier be- 
reits in unserem ältesten umfassenden Verzeichnis 
der sächsischen Säugetiere genannt wird, so gewinnt 
die Möglichkeit seiner ehemals größeren Ver- 
breitung in Sachsen vor allem durch die Angabe 
Schumanns, den ich zwar nicht immer als emen 
in zoologischen Dingen absolut zuverlässigen Ge- 
währsmann halte, dessen Mitteilungen in diesem 
Falle aber doch so bestimmt gehalten sind, daß 
man nicht achtlos an ihnen vorübergehen kann, 
sofort eine fast zwingende Wahrscheinlichkeit. *) 
Inwieweit dabei die Behauptung von einer Ein- 
schleppung des Ziesels mit russischem Getreide 
zu Recht besteht, muß zunächst in Ermangelung 
aller weiteren Unterlagen noch unerörtert gelassen 
werden. Vielleicht glückt uns noch einmal ein 
literarischer Fund — bisher war allerdings das 
Fahnden nach weiteren Belegen im älteren Schrift- 



') Man könnte sich höchstens an die für den Ziesel sonst 
nicht gebrauchte Bezeichnung „Balk" stoßen. Mir ist die 
Herkunft dieses Ausdruckes, den aber schon der verstorbene, 
bekannte sächsische Faunist Robert Berge unserer Art zu- 
schreibt, nicht bekannt; doch entsinne ich mich, ihn früher 
schon einmal für den Ziesel gebraucht gefunden zu haben, 
ohne aber heute der Quelle nachkommen zu können. Aber 
abgesehen davon, läßt die Angabe Schumanns schon im 
Zusammenhang mit seinen übrigen Mitteilungen kaum auf eine 
andere Art als Citellus schließen. 



N, F. XX. Nr. 7 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



103 



tum ein vergebliches ^) — , der eine weitere Klärung 
in die Angelegenheit bringt. Steht die ehemalige 
Weiterverbreitung des Tieres in Sachsen aber sicher, 
so gewänne damit auch die diese Weiterverbreitung 
bereits stützende Mitteilung Liebes (5), nach der 
dieser Mitte der siebziger Jahre des verflossenen 
Jahrhunderts auf dem Wolgen bei Leubsdorf in 
Ostthüringen (unweit der sächsischen Grenze) zahl- 
reiche, von ihm auf gegen 80 Jahre alt geschätzte 
Tierbauten fand, die er als solche des Ziesels 
deutete, ein viel bestimmteres Aussehen. Für die 
Beurteilung des mittelsächsischen Vorkommens 
des Ziesels ist vielleicht auch die Tatsache nicht 
unwichtig, daß des Tieres Verschwinden — wenn 
seine Einschleppung nicht etwa erst um oder nach 
1813, zu welcher Zeit russisches Getreide aller- 
dings in ungewöhnlich großen Mengen in Sachsen 
eingeführt wurde, geschehen und einer ungewöhn- 
lich raschen Ausbreitung des Tieres ein ebenso 
schnelles Wiederverschwinden (die Schumann- 
sche Mitteilung stammt ja schon aus dem Jahre 
1822) nachgefolgt sein sollte") — zeitlich mit 
jenen durchgreifenden Veränderungen in der land- 
wirtschaftlichen Ausnutzung des Bodens zusammen- 
fallen würde, die gegen Ausgang des 18. Jahr- 
hunderts begannen und sich ins 19. hinein fort- 
setzten und die sich in dem damals schon am 
intensivsten genutzten Nordwest- und Mittelsachsen 
am auffallendsten fühlbar machten. Die bis dahin 
übliche Dreifelderwirtschaft nämlich, die immer 
ein Drittel des genutzten Bodens brach liegen ließ, 
ging in die heute noch übliche Reihenwirtschaft 
über, wodurch für das Tier, das jeder regelmäßigen 
Bodenbearbeitung abhold ist, die Lebensbedingungen 
natürlich zu viel ungünstigeren wurden. 

Unabhängig von dem mittelsächsischen Vor- 
kommen des Ziesels müssen wir das heute noch 
bestehende osterzgebirgische betrachten, das m. E. 
zu jenem in keinerlei Beziehung steht oder jemals 
gestanden hat und das man allgemein als eine 
Einwanderung des Tieres aus Böhmen deutet. 
Ich vermag mich dieser Ansicht heute aber nicht 
mehr anzuschließen, sondern halte das Vorkommen, 
das mit dem böhmischen in unmittelbarstem Zu- 
sammenhang steht und sich nur wenige Kilometer 
über die Grenze erstreckt, für die von jeher 

') Dieser Mangel an älteren Angaben trifft allerdings 
nicht nur für den Ziesel zu, sondern gilt gerade für Sachsen 
auch noch für viele andere, zum Teil sogar viel auffallendere 
Tierarten. Beispielsweise läßt sich das bis um die Mitte des 
19. Jahrhunderts bestandene Vorkommen des sich der Be- 
obachtung sicherlich kaum entziehenden Bibers in Sachsen in- 
folge eines derartigen Mangels jeglicher älterer Fundorts- 
bezeichnungen heute nicht mehr mit völliger Sicherheit um- 
grenzen; besäßen wir hierüber als einzige nicht auch wieder 
eine Angabe Schumanns und drei zufällig erhalten ge- 
bliebene Belegstücke, so wüßten wir heute kaum etwas von 
dem einem erst nach der Mitte der vierziger Jahre des ver- 
flossenen Jahrhunderts erloschenen Vorkommen des Tieres an 
der Mulde bei Würzen. 

'') Die rasche Ausbreitung des Tieres besäße dann in der 
Gegenwart ein Analogen in der Ausbreitung der Bisamratte, 
sein schnelles Verschwinden würde sich aus den wenig gün- 
stigeren Lebensbedingungen infolge einer intensiveren Bear- 
beitung des Bodens erklären. 



bestandene äußerste nördliche Ausstrahlung des 
letzteren. Für ein Vorrücken des Tieres nach 
Norden besitzen wir aus Böhmen auch keinerlei 
Anhalt : die Tatsache etwa, daß sein Vorkommen 
hier erst in verhältnismäßig jüngster Zeit sicherer 
festgelegt worden ist, berechtigt uns noch nicht 
zu dieser Annahme. Jeder Faunist weiß es ja 
auch, wie spät die sorgfältigere Erforschung der 
Kleinsäugerfauna überall erst eingesetzt hat und 
wie spärlich nicht nur in der Vergangenheit, 
sondern selbst in der Gegenwart noch vielfach 
die Nachrichten über die meisten unserer Klein- 
säuger fließen und wie lange manches alte Vor- 
kommen sich der allgemeinen Kenntnis entzogen 
hat. Übrigens erwähnt auch schon ein sächsischer 
Schriftsteller des 17. Jahrhunderts das Tier aus 
Böhmen; Chr. Lehmann (f 1688) schreibt in 
seinem, erst nach seinem Tode 1699 erschienenen 
„Historischen Schauplatz derer natürlichen Merck- 
würdigkeiten in dem Meißnischen Ober-Ertzgebirge" 
über unser Tier: „In Böhmen ist eine Hamster- 
Art / die sie Zeisele oder Tritschele nennen / fahl 
und grünlicht an der Farbe / und streiffigt wie die 
ramigten Katzen / so groß als Eichhörnchen und 
fast eine Art wie die Meerschweingen. Hingegen 
sind die Hamster größer / braun und weiß- 
gilbicht . . .". Daß unser Gewährsmann das sächsi- 




, Breitenau/^Oelseri, 
Lauensleln '»[ö£lsen'gr''"i> 
-^■, ";*;Bieni;of, . 

Liebenau v*peierswäl() 
V.-.-; ;■• ; -. •..-•,■.-. 



BÖHMEN 
Vorkommen das Ziesels in Sa 



sehe Vorkommen nicht kennt, ist aber noch kein 
Grund etwa zu der Annahme, daß es zu seiner 
Zeit noch nicht bestanden hätte. Denn einmal 
ist dasselbe ja ein räumlich nur ganz beschränktes 
und außerdem auch kein besonders häufiges, und 
zum anderen bestand zwischen dem Wohn- und 
Wirkungsort Lehmanns (Scheibenberg) ein viel 
lebhafterer Verkehr mit Böhmen als mit dem auch 
bedeutend weiter entfernteren Osterzgebirge. — 
Für das Bestehen des osterzgebirgischen Vor- 
kommens von jeher spricht vor allem auch der 
landschaftliche Charakter des Gebietes, das in 
reichlich vorhandenen und vielfach dürftigen Wiesen 
noch große steppenartige Anklänge zeigt und in 
dem, soweit sich dies zurückverfolgen läßt, auch 
schon von jeher mehr als in anderen sächsischen 
Landesteilen der Wald zugunsten von Wiesen- 
und Weideflächen zurückgetreten ist. 

M. E. besitzt unser Tier auch gar keine so 
große Fähigkeit, sein Verbreitungsgebiet aus- 



I04 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 7 



zudehnen und sich etwa wie der Hamster dem 
Feldbau anzupassen. Viel eher kann man von 
ihm behaupten, daß sein Vorkommen immer mehr 
an Umfang einbüßt und besonders durch die 
Zunahme des Feldbaues stark eingeengt wird. 
Als ich 191 1 die rumänische Dobrudscha, in der 
das Tier noch eine ganz gewöhnliche Erscheinung 
ist und wo ich in reichstem Maße Gelegenheit 
hatte, es zu beobachten, bereiste, wurde mir mehr- 
fach mitgeteilt, daß es überall dort, wo der Feld- 
bau an Ausdehnung gewinnt, in seinem Bestände 
zurückgeht und ich selbst traf es in den Weide- 
und Steppengebieten auch immer viel häufiger 
an als in solchen mit überwiegendem Feldbau. 
Im Einklang damit steht ja auch die von H e c k (2) 
mitgeteilte Erfahrung von Falz -Fein, daß auch 
in Südrußland die rasch zunehmende Kultivierung 
der Steppe das Vorkommen des Tieres immer 
mehr beschränkt. Die Vergrößerung des Ver- 
breitungsgebietes des Tieres in Gebieten, in denen 
der Landbau noch eine ganz andere Rolle spielt 
und der Boden dabei auch viel gründlicher und 
tiefer umgearbeitet wird, als etwa in der Dobrudscha 
und in Südrußland, will daher auch wenig wahr- 
scheinlich erscheinen. 

Nun scheint aber aus der seinerzeit von 
Jacobi (4) veranstalteten Umfrage eine Zunahme 
des Ziesels und die Ausdehnung seines Ver- 
breitungsgebietes wenigstens in Schlesien festzu- 
stehen. Ich will mich hier auch, da ich die 
schlesischen Verhältnisse zu wenig kenne, jedes 
Urteils enthalten, möchte aber betonen, daß ich 
heute im allgemeinen allen derartigen, auf Rund- 
fragen sich stützenden und nicht durch völlig 
einwandfreie Beobachter bekräftigten Angaben 
sehr skeptisch gegenüber stehe. Wer sich mit 
faunistischen Arbeiten beschäftigt und sein Material 
dabei auch auf eigenen Nachforschungen im 
Lande gesammelt hat, weiß, wie unendlich schwer 
oft sichere Angaben selbst von bekannteren 
Tierarten zu erlangen sind und wie wenig manches 
Tier auch an den Orten häufigeren Vorkommens 
sogar solchen Personen bekannt ist, von denen 
man die Kenntnis desselben wohl erwarten dürfte. 
Wenn auf ein derartiges Vorkommen aber erst 
einmal die Aufmerksamkeit der Menge gelenkt 
worden ist, wird schärfer auf dasselbe geachtet 
und es mehren sich damit auch die Mitteilungen 



über dasselbe und unter ihnen sind sicherlich dann 
auch solche wenig geschulter Beobachter, die 
infolge ihrer erhöhten Aufmerksamkeit auf ein von 
ihnen vorher nicht gekanntes und nicht beachtetes 
Tier und der dadurch bewirkten häufigeren Be- 
obachtung desselben ein von Jahr zu Jahr zahl- 
reicheres Vorkommen behaupten, ohne sich bewußt 
zu sein, daß sie sich lediglich einer Selbsttäuschung 
hingeben. Meine Schlafmausforschungen in Sachsen 
sind ein ganz besonders redendes Beispiel dafür! 
Wie manchesmal ist mir nun nicht schon von 
einem Häufigerwerden des Siebenschläfers an Orten 
berichtet worden, von denen ich das Vorkommen 
länger als meine Gewährsmänner kenne und an 
denen sich eine solche Zunahme durchaus nicht 
behaupten läßt, wie manchesmal mir ein Fundort 
nicht als zweifellos neu geschildert worden, an 
dem dann sorgfältige persönliche Nachforschungen 
ergaben, daß uralte Leute das Vorkommen schon 
aus ihrer Kindheit kannten I Und könnte es daher 
mit dem Ziesel nicht ganz ähnhch sein ? 

Literatur. 

1) Blasius.J.H., Naturgeschichte der Säugetiere Deutsch- 
lands und der angrenzenden Länder von Mitteleuropa. Braun- 
schweig 1S57 (S. 276 — 278). 

2) Breiims Tierleben. IV. Auflage. Säugetiere , 2. Bd. 
Leipzig 1914 (S. 498—503). 

3) Fechner, K. A., Versuch einer Naturgeschichte der 
Umgegend von Görlitz. Zweiter, zoologischer Teil : Wirbeltier- 
fauna. 14. Jahresbericht über die höhere Bürgerschule zu 
Görlitz. Görlitz 1857. 

4) Jacobi, Arnold, Der Ziesel in Deutschland nach 
Verbreitung und Lebensweise. Arch. f. Naturgeschichte, Jahrg. 
1902, Bd. I, Heft 3, S. 199 — 238. 

5) Liebe, K. Th. im Zoologischen Garten, 17. Jahrg. 
1876, S. 106—108. 

6) Ludwig, Chr. Fried r., Initia Faunae Saxonicae. 
Fase. I. Leipzig 1810. 

7) Meyer, A.B. und Helm, F., VII.-X. Jahresbericht 
der ornithologischen Beobachtnngsstationen im Kgr. Sachsen. 
Anbang: Die sonstige Landesfauna betreffende Beobachtungen. 
Dresden und Berlin 1896. 

8) Reibisch, Th., Verzeichnis der Säugetiere Sachsens. 
Sitzungsber. d. naturw. Ges. Isis in Dresden. Jahrg. 1869, 
S. 86—89. 

9) Schumanns Lexikon von Sachsen. 9. Bd. Zwickau 
1822 (Säugetiere S. 714 — 715). 

10) Thallwitz, J., Ist das Ziesel (Spermophilus citillus 
L.) ein Bewohner unser sächsischen Schweiz? Über Berg und 
Tal, 18, 1S95, S. 139—140. 

11) Thaliwitz, J. , Über das Vorkommen des Ziesels 
in Sachsen. Sitzungsber. d. naturw. Ges. Isis in Dresden. 
Jahrg. 1898, S. 95 — 96. 



Einzelberichte. 



Zinkblende iiu Basalt des Bühls bei Kassel. 

So häufig die Blende als Gangmaterial auftritt, 
so selten hat man sie in Effusivgesteinen be- 
obachtet, und deshalb sind die Einschlüsse einer 
schwarzen Zinkblende, die sich unter den zahl- 
reichen wissenschafthch wertvollen Einschlüssen 
in dem Basalte des Bühls bei Weimar in der Nähe 
von Kassel finden, besonders merkwürdig. W. 



EiteP) konnte an der Hand eines vorzüglichen 
Materials aus der Sammlung des verstorbenen 
Prof. Hornstein die paragenetischen Verhält- 
nisse der Blendevorkommnisse klären und daraus 
ihre Vorgeschichte ableiten. 

Makroskopisch erscheinen die Blendeeinschlüsse 
in der Regel als unregelmäßige, manchmal auch 



') Centralbl. f. Min. usw. 1920, Nr. 17/18, S. 273—285, 



N. F. XX. Nr. 7 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



105 



fast platten- oder linsenförmige Einlagerungen in 
den normalen Bühlbasalt. In den meisten Fällen 
ist die Blende ganz schwarz gefärbt, verrät also 
sofort ihren hohen Gehalt an beigemengtem Eisen- 
sulfid. In wenigen Handstücken aber bemerkt 
man eine fast farblose, nur schwach gelbliche oder 
honiggelbe Zinkblende, die nach dem umgeben- 
den Basalte zu in eine Zone von gelblichroter 
Farbe übergeht, um schließlich am Kontakt in 
der gewöhnlichen tiefschwarzen F'arbe zu er- 
scheinen. „Es machen derartige Einschlüsse ganz 
den Eindruck, als hätte eine ursprünglich sehr 
schwach eisenhaltige Zinkblende aus dem Basalt 
oder aus anderen Substanzen der unmittelbaren 
Umgebung randlich Eisensulfid aufgenommen, als 
sei aber die isomorphe Mischung nur an den 
Randpartien der Blende zustandegekommen, 
während die Zeit nicht ausreichte, um in den 
anisotropen Medium durch Diffusion den ungleich- 
mäßigen Sulfidgehalt überall auszugleichen." 

Häufig findet sich eine oft innige durch- 
wachsung mit wasserklarem Quarz und braunem 
Gesteinsglas. Sehr bemerkenswert ist das Auf- 
treten von Magnetkies, der sich zuweilen mit der 
Blende und dem Quarz zusammen, teils in den 
Basalt direkt eingelagert findet, dann jedoch im- 
mer in der nächsten Umgebung der anderen 
Mineralien. Es ist nicht zu bezweifeln, daß auch 
der Magnetkies mit der Zinkblende und dem Quarz 
paragenetisch verknüpft ist und nicht etwa in 
Basalt eine primäre Ausscheidung darstellt. Ein 
Dünnschliff, der Zinkblende, Magnetkies und Quarz 
nebeneinander zeigt, läßt darauf schließen, daß 
die drei Mineralien gleichaltrig sind. Es fragt 
sich nur, ob der Magnetkies eine primäre Bildung 
oder etwa aus Pyrit durch thermische Dissoziation 
entstanden ist. Bemerkenswert ist, daß man keine 
Magnetkiesreste in der Nachbarschaft der oben 
erwähnten zonaren Zinkblendeeinschlüsse mehr 
findet. An sonstigen Akzessorien treten noch auf 
Cordierit und in einem Einschluß auch Zirkon, 
den der Verf. für ein zufällig in die Nähe des 
Einschlusses geratenes Begleitmineral des Basaltes 
selbst hält. 

Untersuchungen im auffallenden Licht zeigten, 
daß von einer Abschmelzung der Blende im Ba- 
salt nicht die Rede sein kann, sie hat stets zackige, 
scharfe Ränder. Beim gelinden Anätzen mit 
kaltem Bromdampf treten mitunter die charakte- 
ristischen Zwillingslamellen nach (in) auf. Die 
erwähnte Glasmasse muß ziemlich leichtflüssig ge- 
wesen sein, denn sie dringt in äußerst feinen 
Äderchen in die aufgeblätterte Blende ein. Im 
innigen Zusammenhang mit dem Glas stehen die 
zahlreichen gerundeten Quarzkörner, die von un- 
regelmäßigen Sprüngen durchsetzt sind und zahl- 
reiche Interpositionen von Glas enthalten. Sehr 
wichtig ist das in einem Schliff festgestellte Vor- 
kommen von Pyrit in Paragenesis mit Quarz und 
Zinkblende. Dies Mineral war völlig in die Blende, 
einige kleinere Körner z. T. auch in Quarz ein- 
gewachsen. Der Verf. kommt zu der Annahme, 



daß es sich in dem vorliegenden Falle nur um 
ein zufällig erhalten gebliebenes Relikt der pri- 
mären Blende— Pyrit— Quarz — Paragenesis handeln 
könne. Nach dem Gesamtbild zu urteilen, liegt 
in den Blendeeinschlüssen jedenfalls ein primäres 
Gangvorkommnis vor, das von dem Basall aus 
der Tiefe nach oben befördert wurde. Irgendein 
Anhaltspunkt für das geologische Alter dieser Gang- 
bildungen sind jedoch nicht vorhanden. Es ist 
immerhin nicht ausgeschlossen, daß die primären 
Quarzgänge mit Blende und Pyrit ähnlich wie in 
dem Vorkommen des Finkenberges in paläozoischen 
Horizonten, also in beträchtlicher Tiefe gesucht 
werden müssen. 

„Wo ist nun aber der Pyrit, der zweifellos doch 
einmal in größerer Menge in dem Gange vor- 
handen war, neben der Blende verblieben?" Bei 
Atmosphärendruck ist das Eisendisulfid von 575 " 
ab nicht mehr beständig, sondern geht, besonders 
rasch bei höheren Temperaturen, im Sinne des 
Dissoziationsgleichgewichts 

FeS., :<=>: FeS + S 
in Magnetkies über. Dieser thermischen Um- 
wandlung wurde der ursprünglich vorhandene Pyrit 
unterworfen. Infolgedessen findet man jetzt reine 
Magnetkieskonkretionen als unmittelbare sulfidische 
Einschlüsse des Bühlbasaltes sehr häufig, höchst 
selten jedoch (erst neuerdings vom Verf. festge- 
stellt) reliktische Pyritaggregate. 

Die Vorgeschichte der Blendeeinschlüsse ist 
nach dem Verf. also kurz folgende: Ein in unbe- 
kannter Tiefe das Gebirge durchsetzender Gang 
von Blende mit wenig Pyrit und viel Quarz wurde 
von dem Basalt durchbrochen. Mitgerissene Bruch- 
stücke des Ganges erlitten dabei eine weitgehende 
thermische Umbildung, indem der Pyrit in Magnet- 
kies und Schwefeldampf dissoziierte. Bei der 
hohen Temperatur konnte der Magnetkies mit der 
Blende jedenfalls in isomorphe Mischung eingehen. 
Es stimmt damit aufs beste überein, daß man 
höchstens reliktischen Magnetkies in der nächsten 
Umgebung eines völlig schwarzen, offenbar an 
Schwefeleisen gesättigten Blendekristalls trifft, 
ferner auch der Umstand, daß die oben erwähnte 
honiggelbe Blende randlich dunkelbraun bis tief- 
schwarz gefärbt erscheint. Dabei braucht der 
Schmelzpunkt des Schwefeleisens (1183" in H.,S- 
Atmosphäre gemessen) nicht erreicht worden zu 
sein, so daß dieses in flüssigem Zustand die Blende 
umspült hätte. Es genügt völlig die Annahme, 
daß die festen Phasen P'eS und ZnS bei den Zu- 
standsbedingungen lebhafter atomistischer Beweg- 
lichkeit im Mischkristall koexistierten und demzu- 
folge ineinander diffundierten. Während dieses 
Diffusionsprozesses unterbrach die Erstarrung des 
Basaltes und die fortschreitende relativ rasche 
Abkühlung des Gesteinskörpers bald den Aus- 
gleich der Konzentrationsunterschiede, und im ge- 
wissermaßen halbfertigen Zustande sind die Ein- 
schlüsse auf uns überkommen. 

Die chemische Untersuchung ergab außer Zink, 
Eisen und Schwefel Spuren von Mangan und 



io6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Kadmium. In einer von M. D i 1 1 r i c h analysierten 
Probe ist das Verhältnis von FeS : ZnS ca. = i : 4, 
also beinahe dem Marmatit (1:3) entsprechend. 
In einem vom Verf. analysierten Stück vom spez. 
Gew. 4,033 + 0,005 ist das Verhältnis FeS: ZnS 
etwa wie 1:3, also einem normalen Marmatit 
ungefähr entsprechend. F. H. 



Limulus, ein zum Wasserleben übergegangener 
Arachnide ? 

Sollen, wie die Lankest ersehe Limulus- 
theorie 1881 es will, die Spinnen von Limulus 
oder, allgemeiner gesagt, die Land - Arachniden 
von den Limuliden abstammen, so müßten die 
Tracheenlungen der ersteren aus den Kiemen der 
Merostomen hervorgegangen sein. Der Unter- 
schied in der Lage der Organe — bei Limulus 
frei an der Hinterseite der Blattfüße, bei Spinnen 
eingesenkt und nur durch ein enges Stigma Luft- 
zutritt gewährend — läßt sich aus der verschie- 
denen Lebensweise — dort Wasser-,' hier Land- 
leben — erklären. Nach Metschnikoff 1871 
und anderen Untersuchern entstehen bei Arachni- 
den und zwar bei Skorpioniden sowie Araneen 
die Tracheenlungen als Einstülpungen dicht an 
der Hinterseite der Gliedmaßenanlagen des Ab- 
domens, die zur Embryonalzeit vorhanden sind, 
was allgemein mitKingsley 1885 im Sinne der 
Lankest ersehen Hypothese aufgefaßt wird. 
Ähnlich Mac Leod 1884. 

Im Sinne einer entgegengesetzten Auffassung, 
nämlich der, daß die Limuliden — mit Sim- 
roth, Jarowski, Bütschli, Montgomery, 
B. Hall er — von landbewohnenden Tieren ab- 
stammen und ihre Kiemen aus den Tracheen- 
lungen der Arachniden hervorgegangen sind, führt 
Versluys etwa folgendes aus. ^) i. Die Ablei- 
tung der Tracheenlungen aus Kiemen bei Deutung 
der Limulusblattfüße als echte Gliedmaßen würde 
uns mit Fu reell 1909 zur Annahme eines diphy- 
letischen Ursprungs der Skorpioniden und der 
übrigen Arachniden zwingen, denn bei den Skor- 
pionen erscheint das 2. Paar jener Gliedmaßen 
als die sog. „Kämme" der Skorpione, ohne 
Atmungsfunktion, und man könnte sich nicht 
denken, daß Kämme sich später, im Araneen- 
stadium, wieder hätten zu Tracheenlungen 
umbilden können. Zu einer diphyletischen 
Ableitung der Arachniden aber kann sich Vers- 
luys offenbar nicht verstehen. 2. Sehr schwie- 
rig würde auch eine Ableitung der Spinnwarzen 
der Araneae sein. Die Spinnwarzen sollen ja 
nach Montgomery 1909 und Kautsch 1910 
aus rudimentären Gliedmaßen des 3. und 4. Ab- 
dominalsegments hervorgegangen sein. Dies im 
Verein mit der Limulustheorie würde heißen, daß 
kiementragende Blattfüße zunächst, im Skorpio- 

') J. Versluys, Die Kiemen von Limulus und die 
Lungen der Arachniden. In: Bijdragen tot de Dierkunde. 
XXI. Feestnummer. Leiden 1919. 15 Seiten. 



nidenstadium der Phylogenese, zu Tracheenlungen 
und schließlich, bei Arachniden, zu Spinnwarzen 
wurden! 3. Ferner haben bekanntlich viele 
Spinnen und Milben, die Pseudoskorpione und 
die Phalangiden statt der Tracheenlungen, wie sie 
den übrigen Arachniden eigen sind, Röhren- 
tracheen. Es würden demnach vielmals Röhren- 
tracheen aus Tracheenlungen entstanden sein 
müssen, und „dieser Vorgang wird um so un- 
wahrscheinlicher, je öfter er angenommen werden 
muß". 4. Ferner treten bei Solifugen und Aka- 
riden auch Tracheen auf, deren Stigmata am 
Zephalothorax liegen, und die sich somit nicht 
von den abdominalen Blattfußkiemen des Limulus 
ableiten lassen. — Heymons 1905 war schon 
geneigt, Limulus und die Arachniden auf gemein- 
same, an feuchten Orten als Ufertiere lebende 
Vorfahren zurückzuführen. Es liegen aber, meint 
nun Versluys, die Kiemen der Gigantostraken 
un^i des Limulus überhaupt nicht an dem Hinter- 
leib von Gliedmaßen, sondern von Sterniten, 
denn, wie besonders der Vergleich eines Giganto- 
straken mit einem Skorpion auf den ersten Blick 
lehre, die abdominalen Blattfüße von jenen seien 
— mit Sarle 1903, Clarke und Ruedemann 
191 2 — keine echten Gliedmaßen, sondern eben 
Sternite, wie solche auch die Bauchseite des Prä- 
abdomens der Skorpioniden und anderer Arach- 
niden bedecken. „Zugunsten dieses Vergleiches 
fällt schwer ins Gewicht, daß neben den Blatt- 
füßen an den entsprechenden Segmenten keine 
Sternite vorhanden sind, wohl aber ein typischer 
Sternit am ersten darauffolgenden Segmente, wo 
kein Blattfuß auftritt." Die Ähnlichkeit der Ab- 
dominalfüße von Limulus mit den Spaltfüßen der 
Crustaceen sei eine sehr oberflächliche. Höch- 
stens: „in diesen modifizierten Sterniten sind die 
Reste abdominaler Gliedmaßen mit enthalten und 
mögen vielleicht etwas zur Kompliziertheit des 
Baues der Blattfüße beitragen". Die Blattfüße der 
Merostomen als bewegliche Sternite müssen nun 
den abgeleiteten Zustand darstellen gegenüber den 
unbeweglichen Sterniten der Skorpione; mithin 
seien auch die Kiemen von Limulus von den 
Tracheenlungen abzuleiten als Anpassungen an 
das Wasserleben. V. Franz (Jena). 

Beobachtungen der „Vogelwarte Noordwijk 

aan Zee".') 

Die bisher nur primitive holländische „Trek- 
station", „eigentlich das Studierzimmer der Villa 
nova", also bisher ein privates, aber von Freunden 
der Sache unterstütztes wissenschaftliches Unter- 
nehmen, fand in der angesehenen holländischen orni- 
thologischen Zeitschrift „Ardea" Aufnahme für ihren 
ersten umfangreichen Bericht über Beobachtungen 
von Juni 1 9 1 8 bis Februar 1 9 1 9, angestellt von den Ver- 

') G. A. Brower en Jan Verwey; Waarnemingen 
van het ,,Trekstalion Noordwijk aan Zee". In; Ardea, Tijd- 
schrift der Nederlandsche Ornithologische Vereeniging. Jahr- 
gang VlII, Afl. 1, Wageningen 1919, S. 1 — 96. 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



107 



fassern und einigen Helfern auf zwei hochgelegenen 
Punkten — Wasserturm und Hoteldach — am 
Innen- und Außenrand des Dünengürtels bei Tag 
und Nacht. Die tagebuchmäßige Wiedergabe der 
Einzelbeobachtungen nimmt, wie nicht selten in 
ornithologischen Arbeiten, ziemlich bedeutenden 
Raum ein. Von allgemeineren Feststellungen sei 
folgendes erwähnt: Die kleinen Singvögel, Stein- 
schmätzer, Braunkehlchen, Fliegenfänger, Würger 
usw. halten sich auf dem Zuge tags über an ge- 
eigneten Funkten längs dem Binnenrand des Dünen- 
gürtels auf, ziehen dagegen abends und nachts 
längs der Küste. Die Beobachter kamen zu der 
Überzeugung, daß an den geeigneten Rastplätzen 
die Vögel meist 3 bis 6 Tage verweilen. — Als 
Zugstraßen an der holländischen Küste sind für 
den Herbstzug drei verschiedene zu verzeichnen: 
I. ONO»«WZW, längs der Küste, 2. O^-'W, 
also vom Land seewärts, 3. umgekehrt: W«->0 
(ZO). Die unter i genannte Straße ist die haupt- 
sächlichste, die weitaus meisten Vögel folgen dem 
Küsten- oder Dünenstreifen, obschon bei geeignetem 
Wetter mehr oder minder zahlreiche auch über das 
ganze holländische Land fliegen. Die zweite Straße 
schlagen Vögel aus Zentral- und Westeuropa nach 
England ein, sei es um dort oder in Irland zu 
überwintern, sei es um über Großbritannien süd- 
wärts zu ziehen : Saatkrähen, Kiebitze, wohl auch 
Dohlen schlagen diesen Weg ein und ziehen da- 
bei sehr hoch. Die dritte Zugrichtung ist eine 
neu festgestellte (während über die zweite bereits 
Eagle Clarke berichtet hat): Drosseln, Klein- 
vögel und Krähen verschiedenster Art sah man 
in der Abenddämmerung oder des Morgens vom 
Meere her landwärts fliegen, und gelegentlich an- 
gespülte Vogelleichen zeigen, daß der Flug übers 
Meer nicht gefahrlos ist. — Hinsichtlich der 
Schnelligkeit des Vogelzugs treten die Verfasser 
besonders den übertriebenen Vermutungen Gät- 
kes entgegen und stellen ausführliche Tabellen 
auf, beruhend auf Beobachtung des Vogelzugs 
durch zwei um i km voneinander entfernte Posten 
und genaue nachträgliche Vergleichung aller 
sicher vergleichbaren Beobachtungen. So fand 
sich, daß für Stare eine Geschwindigkeit von 30 
bis 68 km in der Stunde anzunehmen ist, ähnlich 
kleinere Vögel, unter denen die Sperlinge die 
schnellsten sind, worauf Finken, Bachstelzen und 
Wiesenpieper folgen. Nebelkrähen ziehen ver- 
hältnismäßig am langsamsten. 

Den Schluß des Berichts bildet eine Aufzählung 
sämtlicher beobachteter Vogelarten mit kurzer 
Charakterisierung einer jeden hinsichtlich ihrer 
Zugverhältnisse im Beobachlungsgebiet. Besonders 
erwähnenswerte Arten darunter sind der Kolkrabe 
und dieGabelschwanzmöve.Xemasabinii; vielleicht 
ist nicht minder erwähnenswert, daß von Meisen 
nur zwei Arten, Kohl- und Blaumeise, zur Be- 
obachtung gelangten. 

Man wird sich dem Wunsche der Redaktion 
der „Ardea" anschließen, daß die holländische 



„Trekstation" fortbestehen und weitere Berichte 
liefern möge. V. Franz (Jena). 

Das Eude des Wiseuts. 

Von den beiden europäischen Wildrindern hat 
sich nur der Wisent bis in unsere Tage zu halten 
vermocht. Neben einem kleinen Bestand, den 
der Fürst von Pleß auf seinen schlesischen Be- 
sitzungen unterhielt und der aus vier, 1865 von 
Bialowies bezogenen Tieren hervorgegangen war, 
kam die Art in freier Wildbahn nur noch an 
zwei Stellen vor : einmal in dem russischen Kron- 
forst Bialowies, wo sich das Tier des weitgehend- 
sten Schutzes und einer, im einzelnen freilich stark 
übertriebenen Pflege erfreute, und zum anderen 
an einer räumlich kleinen Stelle im Kaukasus. An 
dem einen dieser beiden Vorkommen, im Wald- 
gebiet von Bialowies, das ja bereits im August 
191 5 in deutsche Hände fiel und bis zum Kriegs- 
ende auch unter deutscher Verwaltung stand, 
lernten wir während des Krieges das Tier auch 
selbst noch kennen. Allerdings hatte es, als 
deutsche Truppen in das Waldgebiet einzogen, 
bereits stark unter den Kriegshandlungen gelitten; 
der Bestand, der bei Ausbruch des Krieges noch 
fast 750 Stück betragen hatte, umfaßte nur noch 
150- 160 Stück. Infolge der unmittelbar nach 
der Besetzung des Gebietes von der deutschen 
Verwaltung ergriffenen Schutzmaßnahmen aber 
erholte er sich in einer recht erfreulichen Weise, 
und konnte, nachdem das Frühjahr 191 8 emen 
Zuwachs von nicht weniger als 23 Kälbern ge- 
bracht hatte, bei einer im Herbst desselben Jahres 
vorgenommenen Zählung auf wieder gegen 200 
beziffert werden. Was wir aber dann bei der 
Räumung des Gebietes als unabwendbar hinneh- 
men mußten, hat sich inzwischen leider auch er- 
füllt: der Bialowieser Wisent gehört heute nur 
noch der Geschichte an ; er, der sich ja so leidlich 
noch durch die Kriegswirren selbst hindurch ge- 
rettet hatte, wurde ein Opfer dieser elenden nach- 
kriegszeitlichen Verhältnisse. Russische Bauern 
haben ihm, so schreibt mir Konrad Löns, der 
gleichfalls den Bialowieser Besatzungstruppen an- 
gehört hatte und der dann, als nach jenen trüben 
Novembertagen 1918 Offiziere und Mannschaften 
nur noch daran dachten, auf raschestem Wege die 
Heimat zu erreichen, freiwillig mit nur noch 25 
Mann in dem Gebiet ausharrte, um den Rückzugs- 
weg unserer Ukrainetruppen zu sichern, ein Ende 
bereitet und ein paar der letzten mußte dann 
schließlich auch das kleine, pflichttreu ausharrende 
Häuflein dieser letzten Besatzungsmannschaften 
unter dem eisernen Zwange der Verhältnisse für 
die eigene Verpflegung abschießen. „So ist er 
dahingegangen", schließt Löns seinen Bericht, 
„unrühmlich, wie es das Ende dieses entsetzlichen 
Völkermordens ja auch war!" — 

Zur Geschichte auch des Bialowieser Wisents 
gibt Szalay, der dabei das gesamte ältere 
Schrifttum benutzt und kritisch verarbeUet hat. 



io8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



in seiner fleißigen Arbeit „Wisente im Zwinger" 
im Zoologischen Beobachter, 57. — 59. Jahrgang, 
1916— 1918, interessante und wertvolle Daten; 
neueres Material enthält das von der Militärforst 
Verwaltung Bialowies herausgegebene Lieferungs- 
werk „Bialowies in deutscher Verwaltung", aus 
dem hier besonders 

Gent he, F., Die Geschichte des Wisents in 

Europa; 3. Heft, Berlin 1918, S. 119— 140, 
Rörig, G., Die Säugetiere [des Waldgebiets 
von BialowiesJ, ebenda, S. 141 — 171 (Der 
Wisent, S. 142 — 150) sowie 
E s c h e r i c h , G., In den Jagdgründen des Zaren, 
ebenda, S. 192 — 204 
hervorgehoben seien. Einige eigene Beobachtun- 
gen und die Mitteilung über des Tieres Ausrottung 
habe auch ich selbst in 

Europas letzte Wisente, Zeitschrift für Vogel- 
schutz und andere Gebiete des Naturschutzes, 
2. Jahrg., Berlin 1921 (im Druck), 
niedergelegt. Photographische und kinematogra- 
phische Aufnahmen des Tieres, die im Januar 
19 iS erfolgten und mit deren Leitung ich 
betraut worden war, ließ der Bund für Vogel- 
schutz in Stuttgart vornehmen, das dabei ge- 
wonnene Material befindet sich im Besitze des 
Bundes. 

Über das Vorkommen im Kaukasus besitzen 
wir keinerlei neuere Nachrichten. Der russische 
Zoologe D.Filatow, der in den Jahren 1908 — 191 1 
drei Reisen in den Kaukasus zur Erforschung des 
Tieres, das K. A. Satunin übrigens als eine 
eigene Spezies Bos (Bison) bonasus caucasicus Sat. 
beschrieben hat, unternommen und über die Er- 
gebnisse seiner Forschungen in einer längeren 
Arbeit in den „Memoires de l'Academie Imperiale 
des Sciences de St. Petersbourg, VIII. Serie, Classe 
PhysicoMathematique, Vol. XXX, Nr. 8, St. Peters- 
burg 191 2" berichtet hat, gibt die Ausdehnung 
des im Kaukasus vom Wisent bewohnten Gebietes 
mit 50 Werst in West-Ost- und 20 Werst in Nord- 
Süd-Richtung an (und das an Größe damit noch 
um ein Merkliches hinter dem Waldgebiet von 
Bialowies zurückbleibt). Über die Größe des 
Bestandes sagt er, daß die Zahl der Tiere „schwer- 
lich weniger als 100 betragen, andererseits aber 
wohl kaum an 1000 heranreichen" wird. Es soll 
hier nicht weiter auf die Filatowschen Mit- 
teilungen, die Hermann Grote in deutscher 
Übersetzung im Zoologischen Beobachter (55, 1914, 
S. TJ — 85) auszugsweise mitgeteilt hat, eingegangen 
werden. Nur das eine sei noch hervorgehoben, 
daß schon damals F i 1 a t o w den Bestand als stark 
gefährdet bezeichnete und vorschlug, die Reste 
desselben durch die ungesäumte Schaffung günsti- 
gerer Lebensbedingungen für die bedrohten Tiere 
zu erhalten zu versuchen, vor allem den Wald- 
abtrieb in den vom Wisent bewohnten Tälern 
einzustellen und den Weidebetrieb, in dem Filatow 
infolge der damit verknüpften Beunruhigung der 
Tiere und ihrer Verdrängung von den freien 
Weideflächen in. den dumpfen Urwald des Gebirges 



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eine besonders ernste Gefahr für den Wisent er- 
blickte, wesentlich einzuschränken. Da die von 
ihm vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen während 
des Krieges aber wohl kaum haben ergriffen 
werden können und zu ihrer Unterlassung dann 
vor allem auch noch die Wirkungen dieses letzleren 
selbst besonders mit dem Überhandnehmen des 
Wilddiebstahls gekommen sind, dürfte nach 
menschlichem Ermessen auch dem Kaukasus- 
Bestand das gleiche Schicksal geworden sein, das 
den Bialowieser Bestand betroften hat. Meine 
noch während des Krieges entstandenen Be- 
fürchtungen teilte auch der inzwischen verstorbene 
Herr von Falz- Fein, der die Vernichtung auch 
des Kaukasus- Wisentes während bzw. nach dem 
Kriege für eine kaum noch anzuzweifelnde Tat- 
sache hielt. 

Um die Tragik des Wisents zu einer er- 
schöpfenden zu gestalten, machte Prof. P a x -Breslau 
auf der neunten Jahreskonferenz für Naturdenkmal- 
pflege in Berlin (5. und 6. Dezember 1919) die 
Mitteilung, daß auch der Pleßsche Wisentbestand, 
der m. W. zuletzt gegen 30 Stück umfaßte, durch 
den schlesischen Grenzschutz völlig zusammen- 
gewildert und (wenn sich nicht inzwischen schon 
sein Schicksal erfüllt haben sollte) an den Rand 
des Abgrundes gebracht worden ist. — Wir werden 
daher den Wisent, wenn nicht schon heute, so 
doch zum mindesten in allernächster Zeit, in die 
Annalen der Geschichte einreihen müssen. 

Rud. Zimmermann, Dresden. 

Das Problem der Zyauophjzeenzelle. 

Seit Ferdinand Cohn, 1875, ist es Brauch 
geworden, die Zyanophyzeen und Bakterien mit- 
einander zu den Schizophyten zu vereinigen. 
Wesentliche Unterschiede zwischen beiden in der 
äußeren Morphologie wohl einander ähnlichen Grup- 
pen, den Zyanophyzeen und den eigentlichen oder 
Eubakterien, hat neuerdings namentlich Arthur 
Meyer hervorgehoben, der den Bakterien, wie 
191 8 auch Paravazini, Zellkerne und wegen 
der Endosporen — während die Zyanophyzeen 
Chlamydosporen bilden — Askomyzetenverwandt- 
schaft nachsagt. Demnach bleiben die Zyano- 
phyzeen als ganz isoliert stehende Gruppe übrig, 
zumal sie, sei es infolge primitiver oder regres- 
siver Organisation, keinen unzweifelhaften Zellkern 
besitzen. Diese Sachlage und der Wunsch, eine 
definitive Neuorientierung der Blaualgen , Rot- 
algen und Spaltpilze in der botanischen Stammes- 
geschichte vorzubereiten, veranlaßte O. Baum- 
gärt eis Studie (Das Problem der Zyanophyzeen- 
zelle, Archiv für Protistenkunde, Bd. 41, 1920, H. i, 
S. 50 — 148, I Tafel). Der Arbeit ist eine vor- 
zügliche Zusammenfassung beigefügt, deren gekürzte 
Wiedergabe am besten über ihren Inhalt Auskunft 
geben wird. 

Der Protoplast der Zyanophyzeen besteht aus 
dem peripheren Chromatoplasma, welches 
als Assimilationspigment ein Gemisch von Chloro- 



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phyll, Phykozyan und Karotin in diffuser Ver- 
teilung enthält, wobei es zu winzigen Ansamm- 
lungen in Form Meyerscher Granula sich an- 
sammeln kann, und dem hyalinen Zentro- 
plasma; letzteres hat lakunösenBau und in seinen 
Alveolen „Plasten"; zunächst die Endop lasten, 
flüssige bis steifgelige Gebilde, die wohl aus 
Glyko- und P-Proteiden bestehen, und deren Sub- 
stanz die Matrix für die beiden anderen Plasten- 
arten ist : an der Peripherie der Endoplasten ent- 
stehen bei optimaler Assimilation die Epiplasten; 
sie bestehen aus einer sehr resistenten Hülle von 
hochkondensiertenNukleoglykoproteiden und einem 
weniger resistenten Kern, der mehr Proteincharakter 
zeigt. Ektoplasten, vorwiegend aus Protein- 
substanzen, entstehen an der Peripherie des Zen- 
troplasmas, wenn, bei minimalem Lichtgenuß und 
überwiegend saprobiontischer Ernährung, die Ei- 
weißproduktion über die Kohlehydralassimilation 
überwiegt. 

f Zentroplasma und Plasten stellen 
einen offenen Zellkern dar, der außerdem 
noch die Rolle von Kohlehydratplasten hat, einen 
„Karyoplasten", der „phylogenetisch jene Stufe be- 
deutet, wo die Arbeitsteilung zwischen Karyo- 
plasma und den Kohlehydratplasten noch nicht 
durchgeführt erscheint". Der Kernsaft höherer 
Pflanzenkerne entspricht den Endoplasten, die 
Chromiolen den Epiplasten und die proteinhaltigen 
Xukleolen den Ektoplasten. 

Dem Karyoplasten fehlt eine typische mito- 
tische Verlagerung von chromatischen Individuali- 
täten mittels eines komplizierten Spindelfaser- 
apparates; die vorhandenen Plasten werden bei 
der Zerschneidung des Zentroplasmas ohne be- 
sondere Gruppierungsvorgänge auf die Tochter- 
zellen verteilt, wobei steifgelige Plastenaggregate 
chromosomähnliche Gebilde vortäuschen können. 

V. Franz, Jena. 

Die Nahrung der am Wasser lebenden Yögel. 

Folgende drei graphischen Tabellen gibt der 
Ornithologe Wilhelm Schuster in der Allge- 
meinen Fischereizeitung 1920: 



Tabelle! 
Fischnahrung 



1 
2 
3 
4 
5 
6 
7 
8 
9 
10 
It 

Die Länge der Rechtecke bezeichnet die Meoge der von je 
einem Vogel erbeuteten und verzehrten Nahrung. 

Diese Tabellen erscheinen recht anschaulich und 
einleuchtend und wohl nicht zu gewagt, obwohl 
sie der Verf. selbst als „gewagt" hinstellt. In 



anderen Punkten ist der Verkünder der „Wieder- 
kehrenden Tertiärzeit" auch hier recht hypothe- 
tisch, so in der durch Beobachtung nicht erhärte- 
ten Vermutung, die herabfallenden flüssigen Ex- 
kremente des Graureihers möchten Plsche anlocken, 



Tabelle2. 

Sonstige Nahrung 




Weiß: 
Wertlose Fische (kleine, kranke) 

Schwarz: 
Nutzfische mit Küchenwert. 

1 Grauer oder Fischreiher, Ardea cinerea. 

2 Fischadler, Pandion haliai-tos. 

3 Großer und Mittlerer Säger. 

4 Große Rohrdommel, Botaurus stellaris. 

5 Taucher und Möwen, Podiceps und Larus. 

6 Kleiner Säger, Zvv-ergrohrdommel. 

7 Seeschwalben, Sterna. 

8 Schwarzbrauner Milan. 

9 Eisvogel und Wasseramsel. 

10 Enten, Kiebitz, Rotschenkel, Wasser-, 
Tüpfelhuhn, Rohrweihe. 

11 Weißer Storch, Ciconia alba. 



Teich-, 



zumal sie — nach Adolf Müllers bisher nicht 
bestätigter Angabe — bei Nacht leuchten sollen 
wie Phosphor. Erwähnt wird, daß der Graureiher 
auch Wassersalamander, Molche und Muscheln 
frißt. 1) V. Franz (Jena). 

Die Bedeutung einer anthropologisclien 
üutersucliung der Jugend. 

Rudolf Martin spricht sich in einem Vor- 
trag, der in einer Versammlung des Münchener 
Lehrerverbandes gehalten wurde (abgedruckt im 
„Volksschulwart", 8. Jahrg. Heft 10) darüber 
folgendermaßen aus. In der Vergangenheit war 
die Erziehungstendenz ganz auf die Entfaltung 
der geistigen Fähigkeiten gerichtet. Man war sich 
nicht bewußt, daß alle geistige Entwicklung nur 
dann von Dauer sein kann, wenn sie von einer 
adäquaten körperlichen begleitet wird, und daß 
der Körper um so kräftiger sein muß, je größer 
die Anforderungen sind, die an Gehirn und Nerven 
gestellt werden. Der Begriff der Körperkultur 
mußte von unserer Zeit erst neu geschaffen werden 
und es gilt nun, die Geister aufzurütteln, damit 

') Ich fand außer Mäusen und Aalen einmal auch den 
dreistachligen Stichling in Reihermägen. 



HO 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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uns nicht der Vorwurf gemacht werden kann, 
wir hätten der Jugend gegenüber unsere Pflicht 
versäumt und unsere Aufgabe verkannt. 

Um die körperliche Ertüchtigung der Jugend 
zweckmäßig einleiten und durchführen zu können, 
ist vorerst Klarheit über ihre Leibesbeschaffenheit 
erforderlich. Wir brauchen einen Gradmesser für 
die körperliche Beschaffenheit des Einzelnen, eine 
Methode, die es uns ermöglicht, den physischen 
Habitus eines Menschen in meß- und wägbaren 
und damit in vergleichbaren Größen auszudrücken. 
Diese weicht von Person zu Person stark ab, 
erstens wegen der Verschiedenheiten der elterlichen 
Erbanlagen, dann infoige der mannigfachen Ein- 
wirkungen der Umwelt, die schon vor der Geburt 
beginnen, jedoch besonders nachher die Entwick- 
lung weitgehend beeinflussen. 

Bei der Frage der Berufseignung spielt bereits 
die Kenntnis der Körperkonstitution eine wichtige 
Rolle, „hängt doch der Erfolg in den meisten 
Berufen, weit mehr als offen zutage liegt, nicht 
nur von dem erworbenen Wissen, sondern auch von 
der körperlichen Beschaffenheit des Einzelnen ab". 
Martin macht sich anheischig, „durch ein genaues 
Studium der Körperproportionen eines Menschen 
ein sicheres Urteil abgeben zu können über die 
Funktionstüchtigkeit seiner einzelnen Körperteile 
und damit über seine spezielle Leistungsfähigkeit 
und Eignung zu gewissen Berufen". 

Da aber der Körper ein äußerst verwickelter 
Merkmalkomplex ist, gilt es, die wesentlichen 
Eigenschaften auszuwählen und festzustellen. 
Martin empfiehlt zwölf meßbare und vier nur 
zu beschreibende Merkmale bei Schulunter- 
suchungen zu berücksichtigen. Die Beteiligung 
an der Erhebung ist von selten der Eltern und 
Kinder als eine freiwillige gedacht. Erforderlich 
ist u. a. die Vornahme aller Messungen nach einer 
einheitlichen genau vorgeschriebenen Technik. Es 
handelt sich dabei zwar um Handhabung recht 
einfacher Instrumente, aber eine Vertrautheit mit 
ihnen ist dennoch unerläßlich; jeder Lehrer kann 
sie leicht erwerben. Beachtenswert sind Martins 
Ausführungen über die Zeit der Beobachtung. Die 
in dieser Hinsicht bestehenden Schwierigkeiten 
sind am besten zu beheben, wenn in jeder Schule 
am Anfang des Jahres die Schüler nach ihrem 
Geburtsdatum in Monatslisten zusammengestellt 
werden. Ungefähr zwischen dem lO. und 20. eines 
jeden Monats werden dann die in diesem Monat 
geborenen Kinder gemessen. Unter Umständen 
könnte man sich auch damit begnügen, die Kinder 
in Vierteljahrsgruppen zusammenzufassen. Ein 
solches Verfahren ist wegen der Wachstums- 
periodizität der Kinder erforderlich. Das Längen- 
wachstum des Körpers ist „in der Zeit von April 
bis Ende Juli am intensivsten, in der Zeit vom 
August bis Dezember aber am geringsten. Um- 
gekehrt fällt die stärkste Gewichtszunahme in die 
Sommer- und Herbstmonate, während im Winter 
und Frühjahr das Körpergewicht wenig oder gar 
nicht zunimmt. Gewicht- und Längenwachstum 



verhalten sich also alternativ. Die Zeit der größten 
Längenzunahme ist für das Kind in körperlicher 
und geistiger Hinsicht die ungünstigste; hier besitzt 
es die geringste Widerstandskraft und Leistungs- 
fähigkeit, während in der Periode der größten 
Gewichtszunahme seine gesundheitliche und geistige 
Verfassung am besten zu sein pflegt." 

Das bei anthropologischen Schuluntersuchungen 
gewonnene Material ist vielseitig verwendbar. Es 
läßt sich daraus z. B. der Einfluß der sozialen 
Umwelt auf das Wachstum und das Körpergewicht, 
die Wirkung der geographischen Faktoren auf den 
Körperbau, die Rassenzusammensetzung der Be- 
völkerung usw. ermitteln. 

Die geplanten Untersuchungen sollen unsere 
Einsicht in die physiologischen Prozesse vertiefen 
und beitragen, einer rationellen Körperkultur die 
Wege zu ebnen. Dabei ist es besonders wichtig, 
auch die Zweckmäßigkeit der einzelnen körper- 
lichen Übungen festzustellen, denn jede derselben, 
das Turnen, der Sport und die rhythmische 
Gymnastik, hat ihre spezielle Bedeutung, und sie 
alle sollen zur Ertüchtigung der Jugend heran- 
gezogen werden. 

Leibesübungen finden in der körperlichen Ent- 
wicklung deutlich Ausdruck. Es wurden junge 
Männer gemessen, die Turnvereinen angehören, 
wobei sich ergab, daß „die Leute mit einer 
mittleren Turnzeit von 2^/^ Jahren in sämtlichen 
Köpermerkmalen diejenigen übertrafen, die nur 
eine 4^/2 -monatliche Turnzeit hinter sich hatten. 
Der Unterschied zugunsten der erstgenannten 
Gruppe betrug für die Körpergröße 13 mm, für 
das Gewicht 4700 g, für den Brustumfang 87 mm, 
den Oberschenkelumfang 23 mm, den Oberarm- 
umfang 15 mm und den Unterschenkelumfang 
17 mm." Es zeigte sich auch, daß das Turnen 
kein Auslese faktor ist, d. h. daß die länger 
Turnenden nicht schon von vornherein die besser 
Entwickelten waren, denn die erst kurze Zeit 
Turnenden haben sich in der F"o]gezeit in gleicher 
Weise entwickelt, wie die länger Turnenden. Die 
Kräftigung der Muskulatur durch Leibesübung 
trägt zur Ausbildung normaler Wirbelsäulen- 
krümmungen bei, und ein erweiteter Brustkorb 
dehnt die Lunge und macht sie widerstandsfähig 
gegen Tuberkulose. Namentlich in den Perioden 
raschen Wachstums erhöhen Leibesübungen die 
Widerstandskraft der Kinder und verhüten oft, 
daß krankmachende Einflüsse zur Geltung kommen 
können. H. Fehlinger. 



Weshalb ist die Hirnrinde gefaltet? 

Es steht längst fest, daß die Faltung der grauen 
Hirnrinde nur zum allerkleinsten Teil ein Aus- 
druck der Intelligenzhöhe des Tieres sein kann, 
da fast ausnahmslos kleinere Tiere eine viel 
weniger gefaltete Hirnrinde haben als ihnen nahe 
verwandte größere, ja es ist zum Beispiel bei 
kleinen Nagern die Hirnrinde einfach glatt, während 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



III 



sie bei größeren mehr oder weniger gefaltet ist. 
Mit anderen Worten : die Natur scheint es zu ver- 
meiden, der Hirnrinde eine größere Dicke zu 
geben als bis zu einem bestimmten Maß; wird 
das Tier größer, so wird die Rinde nicht mehr 
dicker, sondern stattdessen ausgebreiteter und da- 
her gefaltet. So ist die Rinde der Walgehirne 
sehr stark gefaltet. Warum dieses Verhältnis be- 
steht, darauf gab man bisher die ziemlich ein- 
leuchtend erschienene, obwohl nicht ganz ein- 
wanddichte Antwort, dies diene der besseren Er- 
nährung, wobei man sowohl an die erleichterte 
Blutzufuhr wie auch an den erleichterten Lymph- 
abfluß dachte und die Furchen des Gehirns ge- 
geradezu Nährschlitze genannt hat. Seitz 1887, 
Kükenthal und Ziehen 1889. 

C. U. Ariens-Kappers greift neuerdings 
dieses Problem in anziehender Weise auf.^) Ob 
man seinem Gedankengang in allen Stücken folgen 
wird, ist wohl die Frage, und es sei daher, da 
ich nicht alle seine Betrachtungen in seinem Sinne 
werde wiedergeben können, außer auf das folgende 
Referat auch nachdrücklich auf die Originalarbeit 
hingewiesen. Jedenfalls zeigt der Verfasser ein- 
leuchtend, daß die obige Erklärung nicht genügen, 
ja wohl kaum irgendwie zutreffen kann. Denn 
das von ihm beigebrachte Tatsachenmaterial be- 
steht in dem Hinweis auf zahlreiche im Innern 
des Gehirns gelegene, also zu den Ernährungs- 
wegen keine bestimmte Beziehung innehaltende, 
gleichwohl aber sich faltende „Kerne", d. h. 
Ganglienzeil- oder kurz „Grau"-Massen. Ein solcher 
Kern ist zum Beispiel die Oliva inforior in der 
unteren Oblongata des Säugetiergehirns. Ähnlich 
erweist sich die dem weißen Hinterhorn im Rücken- 
mark auflagernde graue Substantia gelatinosa 
Rolandi ihrem gefältelten Querschnitt nach als 
„Oberflächenorgan", ähnlich sehr deutlich der 
Nucleus dentatus im Kleinhirn der Säuger, nicht 
minder ist der Gollsche Kern bei Cebus, wo er 
sehr groß ist, rindenähnlich lamelliert, ferner das 
Grau der absteigendenTrigeminuswurzel beim Pferd, 
der Nucleus laminaris im Acusticuskern ver- 
schiedener Wirbeltiere und andere mehr; bei 
Fischen mit starker Funktion des Sehorgans faltet 
sich das Mittelhirndach ein, ebenso das Corpus 
geniculatum externum (Franz). — Auch den 
der Länge nach gefalteten Sehnerven von Pleu- 
ronectes zieht der Verfasser als Beispiel kurz 
heran, obwohl er doch kein Grau, sondern eine 
weiße Fasermasse ist, also kaum hierher passen 
kann. Als roten Faden durch alle diese Angaben 
hindurchziehend findet Kappers, daß es sämt- 
lich „Organe der Sensibilität oder Bestandteile 
aufsteigender Bahnen sind", die bei stärkerer Aus- 
dehnungOberflächenausdehnung gewinnen. Schließ- 

') C. U. Ariens-Kappers: Über das Rindenproblem 
und die Tendenz innerer Hirnteile, sich durch Oberflächen- 
yermehrung statt Volumzunahme zu vergrößern. In : Folia 
neuro-biologica, Band VUI, Nr. 5, :9I4. Seite 507 bis 531. 



lieh ist die Großhirnrinde selber ein Beispiel, das 
um so mehr auffällt, weil gerade in den olfak- 
torischen, visuellen und sensiblen Regionen die 
Rinde am dünnsten bleibt, also ihre Vergrößerung 
am meisten durch Flächenausdehnung stattfindet. 
Diese Erscheinungen im zentralen Nervensystem, 
meint Verfasser weiter, laufen parallel mit Er- 
scheinungen in der Peripherie. Die Sensibilität der 
Haut ist eine Oberflächenausdehnung, die Akustik 
zeigt in der gewundenen Fläche der Scala tym- 
pani ein Oberflächenbild, die Retina zeigt eine 
exquisite Oberflächenausdehnung von wenigen 
Zellschichten, und der Geruch ist bei vielen Tieren, 
bei denen diese Qualität mächtig ist, in einer 
stark lamellierten Schleimhaut der Nase lokalisiert. 
Diese Tatsachen dienen teils der vermehrten 
Exposition gegenüber den Reizen, teils deren 
besseren Lokalisation. „Wäre es angesichts dieser 
Tatsachen befremdend, wenn dasselbe Prinzip im Ge- 
hirn wiederholt würde ?" Verf. meint in der Tat, daß 
„die Zweckmäßigkeit für die vermehrte Reizauf- 
nahme und die leichtere Erhaltung des lokalisatori- 
schen Stigmas durch Flächenausdehnung exquisit 
rezeptorischer Teile klar ist" und sucht nun ferner- 
hin — was ja stets berechtigt ist ■ — auch nach 
einer entwicklungsmechanischen Erklärung für die 
Erscheinung, denn „die Zweckmäßigkeit erklärt 
eben nicht den biologischen Prozeß, wodurch diese 
Flächenausdehnung zustande kommt". Für diese 
Erklärung zieht er vielmehr die Neigung zur 
flächenartigen Ausbreitung des Dendritengezweigs 
der in Frage kommenden Zellen heran, und so 
erwähnt er aus der Retina besonders die Hori- 
zontalzellen, aus dem Kleinhirn die Purkinje- 
schen Zellen, die Dendriten im Rückenmark von 
Ammocoetes. Diese Flächenausdehnung der Den- 
driten soll nun ihrerseits auf dem Kappers sehen 
Gesetz der Neurobiotaxis beruhen, nach welchem 
die Zellausläufer der maximalen Reizentladung 

entgegenwachsen. Ganz schön, meine ich, 

aber ist diese Neurobiotaxis wirklich eine „Taxis", 
etwas irgendwie physikochemisch Erklärtes? 
Kappers meint es, doch könnte ich dazu nur 
meine Auffassung wiederholen, ') daß die Neuro- 
biotaxis bisher nur vergleichend-anatomisch fest- 
steht und nur aus Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten 
„erklärt" werden kann. — Wie dem nun auch 
sein mag, es scheint vom Verf. treffend darge- 
legt, daß die Oberflächenausbildung jener grauen 
Hirnmassen eine „inhärente" ist. „So wird 
doch auch kein Mensch annehmen, daß ein Knochen, 
ein Muskel, ein Sinnesorgan sich nur so und so 
gebaut hat wegen einer bestimmten Blutzufuhr. 
Dazu kommt, daß man Organe findet, wie die 
Leber, wo jede Zelle in der sorgsamsten Weise 
von Kapillaren umgeben ist, und doch von einer 
Flächenausdehnung des Organs keine Rede ist." 

V. Franz (Jena). 



') Naturw. Wochenschr. 1919. Nr. 29, S. 414. 



112 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 7 



Goldschmidt, Prof. Dr., Rieh., Einführung in 
die Vererbungswissenschaft. 3. neu- 
bearbeitete Auflage mit 178 Abb. Leipzig 1920, 
Wilh. Engelmann. 
Kurz nach dem Erscheinen von E. Baurs 
„Vererbungslehre" ist nun auch Goldschmidts 
bekannte „Einführung in die Vererbungswissen- 
schaft" neu herausgekommen. Das Buch weist 
in der Anordnung und Auswahl des Stoffes eine 
große Anzahl von Änderungen auf, die teils aus 
den auch während der Kriegsjahre gemachten 
Fortschritten auf dem Gebiet der Vererbungs- 
forschung resultieren, vor allem aber auf einer 
weher vertieften kritischen Durcharbeitung des 
bekannten Tatsachenmaterials wie auf einer teil- 
weisen Umgruppierung des gesamten Stoffes be- 
ruhen. 

Schon der Abschnitt über die Variabilität zeigt 
derartige Veränderungen. Eine größere Einheit- 
lichkeit ist hier dadurch erzielt, daß in der ersten 
Vorlesung die elementaren Tatsachen über die 
Zellteilung und die Chromosomen in Reifung und 
Befruchtung fortgelassen sind und dafür in einer 
besonderen Vorlesung Platz gefunden haben, die 
im Anschluß an die Besprechung der Spaltungs- 
gesetze den gesamten Chromosomenmechanismus 
bei der Mendelspaltung behandelt. — Auch die 
übrigen Vorlesungen über die Variabilität weisen 
wesentliche Änderungen auf Die jetzt am Schluß 
des ganzen Abschnittes stehende Vorlesung über 
die IVIodifikabilität hat eine merkliche Verkürzung 
erfahren. 

Es folgt dann wie früher am Anfang des Haupt- 
teiles über den IVIendelismus die Besprechung der 
Dominanz- und der einfachen Spaltungserschei- 
nungen. Alle schwierigeren Fälle, wie das Auf- 
treten von Neuheiten, die durch ihre Häufigkeit 
immer mehr an Bedeutung gewinnenden Poly- 
merien, ferner die Koppelungen, die Lethalfak- 
toren u. a. sind dagegen in einem Abschnht über 
„höheren Mendelismus" zusammengestellt. Hier 
finden sich auch im Anschluß an die Besprechung 
der Tatsachen über Geschlechtschromosomen, ge- 
schlechtsbegrenzte Vererbung und ähnliches die 
neuen Forschungsergebnisse von Morgan und 
seinen Schülern (an der Taufliege Drosophila). Die 
aus ihnen abgeleiteten theoretischen Folgerungen 
Morgans, die den Mechanismus der Mendel- 
spaltung bis in seine feinsten Einzelheiten aufzu- 
hellen scheinen, wie z. B. über die Lagerung der 



Bticherbesprechungen. 



Faktoren im Chromosom, über den P"aktorenaus- 
tausch zwischen benachbarten Chromosomen u. a. 
erfahren dabei eine durchdringende Erörterung. 

Das eigentliche Problem der Geschlechtsbe- 
stimmung ist von den übrigen Tatsachen über 
Vererbung des Geschlechts abgetrennt und in 
verkürzter Form in der vorletzten Voriesung dar- 
gestellt. Auch die früher nur kurz im Anschluß 
an die geschlechtsbegrenzte Vererbung diskutierte 
Frage der Intersexualität wird in einer besonderen 
Vorlesung auf Grund der neuen Untersuchungen 
des Verf. und seiner Mitarbeiter sehr eingehend 
behandelt. 

In der Voriesung über die Mutationstheorie 
hat der über die Oenotherafrage handelnde Teil 
eine wesentliche Umarbeitung erfahren im Hin- 
blick auf die weitgehende Klärung, welche dies 
Problem inzwischen durch die neu hierzu erschiene- 
nen Untersuchungen insbesondere durch Renners 
Ergebnisse und ihre Interpretation gefunden hat. 
Auch der Vorlesung über die Vererbung erwor- 
bener Eigenschaften ist die kritische Durcharbeitung 
besonders anzumerken. Hier sind Guthries 
jetzt wohl endgültig widerlegte Transplantations- 
versuche ausgemerzt. Auch fehlen Kamm er ers 
Versuche über die Farbenvariationen beim Feuer- 
salamander und andere nicht eindeutige früher oft 
zitierte Befunde. Denn wie der Verf selbst ein- 
leitend betont, ist hier „die Interpretation der im 
Vordergrund des Diskussion stehenden Unter- 
suchungen in letzter Zeit schwankend" geworden. 
So ist in fast jedem Kapitel die kritisch sich- 
tende Hand des Verf. zu spüren. Nur einige Un- 
genauigkeiten auf botanischem Gebiet bedürfen 
noch der Korrektur. Die Neuauflage ist, darin 
müssen wir dem Verf. recht geben, ein fast neues 
Buch geworden, das seine Aufgabe, in die Ver- 
erbungswissenschaft einzuführen, voll und ganz 
erfüllen wird. Um so mehr ist es deshalb zu be- 
dauern, daß es dem Verleger trotz der Verwendung 
eines überaus dürftigen Papiers nicht möglich war, 
den Preis des Buches niedriger anzusetzen. Da- 
durch werden naturgemäß der Verbreitung dieses 
empfehlenswerten Buches in den Kreisen der 
Studierenden unserer Hochschulen leider sehr enge 
Grenzen gezogen. S. V. Simon-Göttingen. 

Literatur. 

Spitta, Prof. Dr. O., Grundrifl der Hygiene. Mit 
197 Textabb. Berlin '20, J. Springer. 36 M. 



Inhalt: H. Fncke, Wind und WeUer als Feldwirkungen der Schwerkraft, (s Abb.) S. 97. Rud. Zimmermann, Über 
das Vorkommen des Ziesels in Sachsen, (i Abb.) S. :o2. — Einzelberichte: W. Eitel, Zinkblende im Basalt des 
Buhls bei Kassel. S. 104. J. Versluys, Limulus, ein zum Wasserleben übergegangener Arachnide? S. 106. G A 
Brower und Jan Verwey, Beobachtungen der „Vogelwarte Noordwijk aan Zee". S. I06. R. Zimmermann Das 
Ende des Wisents. S. 107. O. Bau mgärtel, Das Problem der Zyanophyzeenzelle. S. 108. W. Schuster' Die 
Nahrung der am Wasser lebenden Vögel. (3 Abb.) S. 109. R. Martin, Die Bedeutung einer anthropologischen Unter- 
suchung der Jugend. S. 109. C. U. Ariens -Kapp ers, Weshalb ist die Hirnrinde gefaltet? S. iio. — Bücher- 
besprechungen : Rieh. Goldschmidt , Einführung in die Vererbungswissenschaft. S. 112. — Literatur: Liste. S. 112. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, BerUn N 4, luTalidenstrafie 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 
Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge 20. Band ; 
der ganzen Reihe 36. Band. 



Sonntag, den 20. Februar 1921. 



Nummer 8. 



Das Problem der Wirtswahl bei den parasitischen Pilzen/) 



[Nachdruck verboten.] 



Von Dr. Fritz 



I. 



Wenn wir von parasitischen Pilzen sprechen, 
müssen wir zuerst vorausschicken, was wir unter 
diesem Begriff verstehen; denn von den Pilzen, 
die nur auf totem Substrat exjstieren können 
(Saprophyten), gibt es mancherlei Übergänge (z. B. 
Wundparasiten) bis zu den Formen, die unbedingt 
auf lebendes Gewebe angewiesen sind. In diesem. 
Aufsatz werden nur die letztgenannten Typen, 
die strengen Parasiten, berücksichtigt. 

Das Problem der Wirtswahl bildet einen guten 
Ausgangspunkt zur Diskussion über Neubildung 
biologischer und morphologischer 
Arten. Doch werde ich diese Fragen im vor- 
liegenden Aufsatz nicht in die Besprechung ein- 
beziehen, indem ich auf einen Vortrag von Ed. 
Fischer verweise (Fischer 1916). Im folgen- 
den wird also die Wirtswahl der Parasiten als 
gegebene Tatsache angenommen und nur den 
Gründen nachgegangen , die sie so und nicht 
anders gestalten, wie sie eben ist. 

Daß zwischen den strengen Parasiten und 
ihren Wirten innige Beziehungen existieren müssen, 
ist von vornherein anzunehmen; denn der Pilz 
benutzt die Pflanze nicht nur als Wohnplatz, son- 
dern auch in bezug auf seine Nahrung ist er voll- 
ständig auf sie angewiesen, vermag er doch nicht 
die geringste Spur von Baustoffen selbst zu pro- 
duzieren. Dieser tiefen Abhängigkeit wegen 
können die Gründe von Immunität oder Empfäng- 
lichkeit nicht nur durch das eine der beiden Lebe- 
wesen bedingt sein. Pilz und Wirt müssen viel- 
mehr in sehr feiner Weise aufeinander abgestimmt, 
aneinander angepaßt sein. 

Betrachten wir vorerst die Tatsachen dieser 
Anpassung und der dadurch bedingten Speziali- 
sation ohne uns über ihre Gründe irgendwelche 
Vorstellung zu machen, so fällt uns die außer- 
ordentliche Kompliziertheit der Verhältnisse auf. 
Diese möge einleitend an Hand einiger Beispiele 
gezeigt werden. 

Zuerst möchte ich auf die bekannte Erschei- 
nung hinweisen, daß die Spezialisation der ein- 
zelnen Pilze in sehr weiten Grenzen schwankt. 
So ist beispielsweise der sehr häufige „weiße Rost" 
des Hirtenläschchens (Cystopus candidus) 
nach den Untersuchungen von Eberhardt 
(Eberhardt 1904) in ein und derselben biologischen 
Form sowohl auf Capsella als auch noch auf 
mancher anderen Cruciferengattung verbreitet. 
Für Peronospora parasitica dagegen, einer 
anderen Kreuzblütler- bewohnenden Peronosporee, 



Kobel (Bern). 

hat Gäumann erwiesen (Gäumann 1918), daß 
sie so weitgehend spezialisiert ist, daß kaum ein 
und dieselbe Form Vertreter verschiedener Gattun- 
gen zu befallen vermag. Ähnliche Beispiele ließen 
sich aus den Versuchen von Stäger (1905 — 10) 
mit dem Mutterkorn der Gräser (Claviceps 
purpure a) und denjenigen von Bürens mit 
Protomyces (v. Büren 191 5) und noch aus 
anderen Pilzgruppen erwähnen. Doch möchte ich 
nur noch anführen, daß man in den sehr zahl- 
reichen Untersuchungen der Rostpilze fast durch- 
weg weitgehende Spezialisierung gefunden hat. 
Aber gerade hier gibt es einige interessante Aus- 
nahmen, auf die ich noch zurückkommen werde. 
Neben Coleosporium- Arten , P u c c i n i a 
Isiacae und P. subnitens handelt es sich 
hauptsächlich um das vielbesprochene Cronar- 
tiumasclepiadeum. Es ist dies eine Uredineen- 
Art, die ihre Aezidiosporen, d. h. ihre geschlecht- 
lich entstehenden Fortpflanzungsprodukte, auf der 
Kiefer ausbildet. Ihre Uredo- und Teleutosporen- 
generation lebt für gewöhnlich auf Vince toxi - 
cumofficinale. Ed. Fischer konnte dann 
aber einwandfrei dartun — nachdem schon 
Geneau de Liamarliere dies wahrscheinlich 
gemacht hatte — , daß auch Paeonia befallen 
wird. Seither hat besonders Kle bah n noch eine 
ganze Anzahl anderer Wirte experimentell aufge- 
funden und zwar aus den verschiedensten Familien, 
wie die nachstehende Zusammenstellung zeigt: 
(Tabelle siehe nächste Seite.) 

Es ist aber ausdrücklich hervorzuheben , daß 
dieser Pilz nicht etwa omnivor ist , d. h., daß er 
nicht auf jede beliebige Pflanzenart überzugehen 
vermag (vgl. hinterste Kolonne der Tabelle). 

Betrachten wir nun die Wirtswahl vom Ge- 
sichtspunkt der systematischen Verwandtschaft 
der Pilze unter sich aus. Da sind denn auch 
wieder alle möglichen Fälle realisiert: 

Es ist allgemein bekannt, daß morphologisch 
nicht unterscheidbare Formen in ihrer Wirlswahl 
verschieden sein können. Solche biologische 
Arten oder Spezial formen hat die Forschung 
sehr viele bekannt gemacht. So fand ich, um nur 
ein Beispiel anzugeben (Kobel 1920), daß Uro- 
myces Trifolii in zwei morphologisch nicht 
verschiedene Formen zerfällt. Davon hat die 
eine als Hauptwirt Trifolium pratense, geht 
daneben auch auf andere Trifolien über, nicht 



') Dieser Aufsatz wurde als Vortrag im Winter 1919/20 
in der ,, Bernischen botanischen Gesellschaft" gehalten und für 
die „Naturwissenschaftliche Wochenschrift" etwas umgeändert. 



114 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 8 



Familien 
Asclepiadaceae: 

Ranunculaceae: 

Solanaceae: 
Scrophulariaceae: 

Verben aceae: 



Balsaminaceae: 

Rosaceae: 
Tropaeolaceae: 



Wirte 

Vincetoxicum officinale 
„ fuscatum 

Paeonia officinalis 
„ peregrina 
„ tenuifolia 

Schizanthus Graham! 

Fedicularis palustris 
Nemesia versicolor 

Verbena teucrioides 
erinoides 



Immun 



Impatiens balsaminea 



Grammatocarpus volubilis 

Tropaeolum minus 
„ majus 

„ Lobblanum 

,, canariense 



P. silvatica 



V. officinalis 
„ Aublietia 
„ biseriata 
„ bonariensis 
„ bracteosa 
„ urticifolia 
„ venosa 

J. nolitangere 
„ glandulosa 
„ parviflora 



aber auf T. ochroleucum. Die andere wird 
auf T. ochroleucum gefunden, ging in den 
Versuchen auf weitere Arten über, nie dagegen 
auf T. pratense. Von Interesse für unsere 
Frage ist dabei, daß trotz dieser offenbaren bio- 
logischen Verschiedenheit einige gemeinsame 
Wirte aufgefunden wurden (T. alpinum, ar- 
vense, pannonicum, squarrosu m). 

Angesichts dieser verschiedenen Wirtswahl von 
morphologisch nicht unterscheidbaren Formen 
verwundern wir uns durchaus nicht, daß Pilze aus 
Gruppen, die im System weit auseinander liegen, 
auf demselben Wirtspflanzenkreis nicht die gleiche 
Auswahl treffen. Ich verweise auf die Umbelli- 
feren bewohnenden Puccinia- und Protomyces- 
Arten und auf die Gramineen-Bewohner unter den 
Rostpilz- und Claviceps- Arten. 

Dagegen wurde auch beobachtet, daß mor- 
phologisch verschiedene Arten fast durchweg die- 
selben Wirte befallen. Dies gilt z. B. für Pucci- 
nia Jaceae und P. Centaureae f. spec. 
Transalpinae, wie Hasler (1918) nachge- 
wiesen hat. 

Einen interessanten Fall fand ich auch unter 
meinen Versuchsobjekten (Kobel 1. c). Uro- 
myces Trifolii-hybridi, U. Trifolii-re- 
pentis und U. flectens sind offenbar einander 
nahe verwandte Spezies. Denn weder in ihren 
Aezidien oder Uredosporen (wo solche vorkommen), 



noch in ihren Teleutosporen zeigen sie greifbare 
Unterschiede. Auch die Wirtswahl ist in weit- 
gehendem Maße identisch. Dagegen weichen die 
3 Arten im Entwicklungsgang sehr deutlich von- 
einander ab. 

Von großem Interesse für die Frage der Wirts- 
wahl ist die Erscheinung des Wirtswechsels, 
wie sie sich am ausgesprochensten bei den Rost- 
pilzen findet. Es zeigt sich, daß die Wirte der 
beiden Entwicklungsabschnitte aus systematisch 
meist weit entfernten Gruppen stammen: Cupres- 
saceen — Rosaceen (Gymnosporangien), Abieiaceen 
— verschiedene Dikotylenfamilien (Coleosporien 
nnd Cronartien), Papilionaceen — Euphorbiaceen 
(verschiedene Uromyces-Arten) usw. Auch der 
Grad der Spezialisation ist oft in beiden Ab- 
schnitten sehr verschieden. Während z. B. für 
Cronartium asclepiadeum und einige 
Coleosporien die Aezidien - Generation sehr 
spezialisiert und die Uredo - Teleuto - Generation 
multivor ist, wurde für Puccinia Isiacae und 
P. subnitens das Gegenteil erwiesen. 

Als Komplikation für die Frage der Wirtswahl 
tritt hinzu, daß man nicht zwischen Anfälligkeit 
und Immunität schlechtweg unterscheiden kann. 
Es kommen vielmehr alle möglichen graduellen 
Abstufungen vor zwischen vollkommener Wider- 
standsfähigkeit und leichtestem Befall. So findet 
man z. B. häufig — um nur einen solchen Emp- 



N. F. XX. Nr. 8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



HS 



fänglichkeitsgrad zu kennzeichnen — , daß auf be- 
stimmten Pflanzen eine Uredinee wohl Pykniden, 
nicht aber Aezidien zu bilden vermag. Doch ist 
noch eines anderen Punktes zu gedenken. Der 
Amerikaner Siakman (1915) hat nämlich er- 
wiesen, nachdem schon Ward, Klebahn u. a. 
darauf aufmerksam gemacht hatten, daß der Nicht- 
befall einer Pflanze auf zwei diametral entgegen- 
gesetzten Gründen beruhen kann : auf der Immu- 
nität im eigentlichen Sinne und auf „Überempfäng- 
lichkeit". Stak man konnte nämlich beobach- 
ten, daß oft die Keimschläuche der Uredineen- 
sporen in normaler Weise in eine Wirtspflanze 
eindringen und sich dort einige Zeit entwickeln. 
Dann aber töten sie die Wirtszellen in ihrer Um- 
gebung ab. Da nun die Rostpilze strenge Para- 
siten sind, können sie in diesem abgestoibenen 
Gewebe nicht weiter gedeihen und schaffen sich 
so durch zu intensives Einwirken selbst ein zu 
ihrem Fortkommen unbrauchbares Substrat. 

II. 

Nachdem wir uns die Haupttatsachen der 
Spezialisation vergegenwärtigt haben, wollen wir 
ihre Ursachen diskutieren. 

Wir wollen zuerst die Frage berücksichtigen, 
ob vielleicht rein pflanzengeographische 
Gründe für die Wirtswahl maßgebend seien, 
so, daß ein Pilz sich an die Pflanzen angepaßt 
hätte, die an seinem ursprünglichen Entstehungs- 
ort gerade wuchsen. Es sind wirklich einige 
Beispiele bekannt geworden, die für diese Annahme 
sprechen. So hat Stäger (1905) vom Mutter- 
korn der Gräser eine Spezialform gefunden, die, 
soweit die Versuche reichen, nur die beiden wald- 
bewohnenden Gramineen Brachypodium sil- 
vaticum und Milium effusum befiel, nicht 
aber ihre verwandten Wiesenbewohner. Ein 
anderes schönes Beispiel hat Ed. Fischer be- 
kanntgegeben. Es handelt sich um Uromyces- 
caryophyUinus, einen Rostpilz, der seine 
Aezidien auf Euphorbia Seguieriana (^ E. 
Gerardiana) bildet. Fischer konnte nun dartun, 
daß dessen Teleutosporengeneration im Wallis 
(Schweiz) in gleicher Weise sowohl Saponaria 
ocymoidesals auch Tunica prolifera befällt. 
Mit Infektionsmaterial aus dem Großherzogtum 
Baden konnte er die Tunica sehr stark, die Silene 
aber nur äußerst schwach infizieren. Da die letzte 
in Baden nicht vorkommt, liegt hier eine sehr 
schöne Kongruenz zwischen Pflanzengeographie 
und Wirtswahl vor. Es scheinen dies aber Aus- 
nahmefälle zu sein, denn in weitaus den meisten 
Untersuchungen zeigt sich, daß die Spezialisation 
mit der Verbreitung der Wirtspflanzen nicht 
parallel geht. Ich verweise nur auf das Cronartium 
asclepiadeum (vgl. die Tabelle), das eine Menge 
Pflanzen zu befallen vermag, die in seinem natür- 
lichen Verbreitungsgebiet — und dieses ist durch 
die Kiefer bedingt — nicht vorkommen. 

Lange hat man geglaubt, die Immunität mit 
gewissen morphologischen Eigentümlichkeiten 



der betreffenden Pflanzen erklären zu können. 
Es liegt ja nahe, etwa eine dicke Cuticula oder 
Epidermis oder einen dichten Haarbesatz als Schutz- 
mittel anzunehmen. Dies mag in einigen Fällen 
berechtigt sein, ist aber sicher nicht von großer 
oder gar allgemeiner Bedeutung. 

Dann hat man vielfach versucht, die Empfäng- 
lichkeit mit der systematischenVerwandt- 
schaft zu parallelisieren. Man hat dafür wirklich 
einige schöne Beispiele gefunden, wovon ich be- 
sonders die Puccinia Hieracii anführen will. 
Diese Sammelart zerfallt zuerst in zwei Unterarten; 
sie weisen geringe morphologische Unterschiede 
auf; davon lebt die eine nur auf Euhieracien, die 
andere ausschließlich auf der Untergattung der 
Piloselloiden. Jede von ihnen zerfällt dann weiter 
in eine Anzahl Spezialformen, die auch in recht 
weitgehendem Maße der weiteren Aufteilung der 
Gattung Hieracium folgen. Als ferneres Beispiel 
dieser Art möchte ich die Resultate anführen, die 
Schweizer (1919) mit einer Compositen - be- 
wohnenden Peronosporee, dem Verursacher der 
unter dem Namen „Salatschimmel" bekannten 
Krankheit des Salates und vieler anderer Compo- 
siten, erhielt. Diese BremiaLactucae zerfällt 
in eine Anzahl Spezialformen, wovon jede nur 
Vertreter von einer Gattung befällt, nicht aber 
auch — soweit wenigstens die eingehenden Ver- 
suche reichen — auf Vertreter anderer Gattungen 
übergeht. 

Meist liegen die Verhältnisse aber so, daß eine 
Art, bzw. Spezialform vorzugsweise Ver- 
treter einer bestimmten systematischen 
Gruppe befällt, daneben aber auch auf einzelne 
Vertreter aus verwandten Gruppen übergeht. Je 
nach dir Infektionsweite des Pilzes sind diese 
Gruppen bald Gattungen, bald Untereinheiten von 
solchen. Daß dem so ist, zeigen fast alle mit einer 
genügend großen Anzahl Pflanzen ausgeführten 
Versuche, so z. B. die von mir mit Trifolien ■ be- 
wohnenden Uromyces -Arten eingeleiteten und die 
von Steiner mit den Alchemillen-bewohnenden 
Formen der SphaerothecaHumuli gemachten 
Experimente (Steiner 1908). Wichtig für unsere 
Frage ist die Tatsache, daß auch innerhalb 
der Hauptnährpflanzengruppe einzelne 
Arten unempfänglich sein können. Bei 
den sehr eingehend studierten Getreiderosten hat 
man sogar gefunden, daß es innerhalb einer 
empfänglichen Art, ja, innerhalb einer empfang- 
lichen Varietät, Rassen geben kann, die praktisch 
immun sind. Es ist dies ein Resultat, das für 
die Züchtung widerstandsfähiger Sorten von Kultur- 
pflanzen von größter praktischer Bedeutung ist. 

Sehen wir also schon in diesen Beispielen, daß 
die Empfänglichkeit nur bis zu einem gewissen 
Grade mit der systematischen Verwandtschaft 
Hand in Hand geht, so zeigt das mehrfach erwähnte 
Cronartium asclepiadeum ein Verhalten, 
das gleichsam jeden derartigen Parallelisierungs- 
versuch verhöhnt. Dieser oft großen Willkür und 
Unregelmäßigkeit halber ist es durchaus nicht 



ii6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 8 



ratsam, umgekehrt für Pflanzen, die von denselben 
Parasiten befallen werden, eine systematische Ver- 
wandtschaft geltend zu machen, wenn nicht zugleich 
auch andere Verhältnisse (morphologische, genetiche 
usw.) im gleichen Sinne sprechen. 

Wenn wir von der systematischen im Stich 
gelassen werden, so haben manche Forscher auf 
die chemischeVerwandtschaft hingewiesen 
und dies sicher mit viel größerer Berechtigung. 
Der Pilz ist ja in höchstem Maße von den Stoffen 
der Wirtspflanze abhängig, da sie seine einzige 
Nahrungsquelle darstellen. 

Wir müssen aber diese Verwandtschaft näher 
zu definieren trachten, indem wir das Wesentliche 
im komplizierten Chemismus der Pflanze heraus- 
suchen. Dies sind nun unzweifelhaft die Ei weiß - 
Stoffe, die ja als die eigentlichen Träger der 
Lebenserscheinungen anzusehen sind. Obschon 
man chemisch von ihnen leider wenig weiß, ist 
doch sicher, daß sie große und komplizierte 
Moleküle darstellen, und daß infolge der Isomerie 
— worauf für unsere Frage besonders Heske 
hinweist — eine unübersehbare Anzahl unter sich 
wenig verschiedener Eiweiße existieren kann. 
Daß sie faktisch existiert, hat die Serodiagnostik 
erwiesen, indem sie verschiedene Methoden zur 
biologischen Eiweißdifferenzierung gefunden hat. 
Diese sind bereits so verfeinert, daß man sogar 
Varietäten einer Art in ihren Eiweißen auseinander 
halten kann. Daneben existieren aber auch 
Methoden, die dazu taugen, große Unterschiede, 
wie sie z. B. zwischen Familie und Familie vor- 
kommen, nachzuweisen. 

Auf den ersten Blick scheinen die Ergebnisse 
der Serodiagnostik für unsere Frage keine Be- 
deutung haben zu können, denn sie zeigen, daß 
die Eiweißverwandtschaft mit der systematischen 
parallel zu gehen scheint, und diese haben wir 
ja als nicht durchaus maßgebend für die parasitäre 
Wirtswahl erkannt. Aber die Verhältnisse liegen 
bei weitem nicht so einfach. Vor allem ist zu 
bedenken, daß die Eiweißähnhchkeit nicht immer 
durch die stammesgeschichtliche — was soviel 
heißt, wie systematische — Verwandtschaft bedingt 
sein muß. Es können vielmehr auch Konvergenzen 
in den Eiweißstoffen systematisch weit auseinander 
Stehender Lebewesen möglich sein, ein Punkt, der 
auch von den Serodiagnostikern zugegeben wird. 
So müßten denn Vincetoxicum officinale, 
Nemesiaversicolor,Tropaeolum und alle 
die anderenWirtedesCronartium asclepiadeum 
unabhängig von ihrer Stammesgeschichte gewisse 
Eiweißähnlichkeiten erworben haben. Diese fürs 
erste fast unmöglich anmutende Forderung gewinnt 
durch die Untersuchungen von Thöni und 
Thaysen (1915) bedeutend an Wahrscheinlich- 
keit. Sie konnten nämlich dartun, daß ein und 
dieselbe Pflanzenart mehrere Eiweiße besitzt. Es 
gelang ihnen bei Weizen, Roggen und Gerste eine 
ganze Anzahl durch fraktionierte Ausfällung mit 
Ammoniumsulfat zu isolieren und ihre Verschie- 
denheit dann auf serodiagnostischem Wege dar- 



zutun. Diese Forscher weisen selbst darauf hin, 
daß man das Problem der parasitischen Pilzwahl 
damit in Zusammenhang bringen könne, sind sich 
aber bewußt, daß Einwände dagegen zu gewär- 
tigen seien. Diese verlieren aber bedeutend an 
Kraft, wenn man auch den Einfluß anderer Fak- 
toren, auf die ich noch zurückkommen werde, 
nicht vergißt. 

Daß unter der Zahl der Eiweißstoffe in den 
verschiedenen Wirten des Cronartiums asclepiadeum 
nun auch gewisse gemeinsame Typen vorkommen 
können, erscheint uns schon viel wahrscheinlicher. 
In diesem Zusammenhang betrachtet, erscheint es 
interessant , daß dieser Rostpilz zwei Wirte mit 
einigen ebenfalls mullivoren Coleosporien gemein- 
sam hat (Schizanthus Grahami und Tropaeolum 
minus). Ferner wird Tropaeolum majus zugleich 
von Cronartium und der vielleicht in ihrer Wirts- 
wahl noch extremeren Puccinia Isiacae befallen. 
Diese hat wiederum sechs Gattungen mit der 
vierten multivoren Uredinee, mit Puccinia sub- 
nitens, gemeinsam; davon stimmen drei sogar 
in den Arten überein (dies nach den Unter- 
suchungen von Klebahn, Tranzschel, 
Arthur und Bethel zusammengestellt). Es 
ist möglich, daß in weiteren Untersuchungen 
eine noch größere Übereinstimmung gefunden 
wird. Es scheinen demnach nicht nur die ge- 
nannten Pilze sehr multivor, sondern ebenso die 
betreffenden Pflanzen sehr empfänglich. Dies kann 
seinen Grund darin haben, daß gewisse, von 
mehreren Pilzen ausnutzbare Eiweißstoffe, immer 
wieder auftreten, ohne daß in den befallenen 
Pflanzen andere chemische Verbindungen vorkom- 
men, die einen Befall durch den Parasiten ver- 
hindern. Es wäre höchst wünschenswert — und 
Ed. Fischer hat diesen Gedanken schon 1916 
(1. c.) geäußert — , daß Serodiagnostik und Myko- 
logie zusammenarbeiten , um diese interessante 
Frage abzuklären. Dabei dürfte man allerdings 
vor den feinsten Methoden, und besonders vor 
einem Isolierungsversuch der verschiedenen Ei- 
weiße, nicht zurückschrecken. 

Aus den bisher gemachten serodiagnostischen 
Versuchen ist für unsere Frage noch nicht viel abzu- 
leiten. Doch muß ich eine Angabe vonWendelstadt 
undFellner(i9ii)erwähnen. Sie konnten nämlich 
konstatieren, daß ImpatiensBalsaminea mit 
Tropaeolum minus — wenn auch nur schwach 
— positiv reagierte. Und sie erklären es als auf- 
fallend, daß hier zwei Pflanzen aus verschiedenen 
Familien in ihren Eiweißen so nahe übereinstim- 
men, daß sie (in ihrer Versuchsdisposition 1) eine 
Verwandtschaft anzeigen. Für uns hat dieser 
Punkt aber besondere Bedeutung dadurch, daß 
die beiden Pflanzen zugleich Wirte des Cronar- 
tium asclepiadeum sind. 

Wir müssen aber noch auf andere Faktoren 
hinweisen, die die Verhältnisse noch unübersicht- 
licher gestalten können. Vorerst" haben wir zu 
berücksichtigen, daß in der Wirtspflanze noch 
sehr viele andere Stoffe als nur Eiweiße vor- 



N. F. XX. Nr. 8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



117 



banden sind, Verbindungen, die unter Umständen 
auch von Bedeutung für den Pilz sein können. 
So hat V. Kirchner gefunden, daß zwei für 
Gelbrost empfängliche Weizensorten einen ge- 
ringeren Säure-, dafür aber einen bedeutenderen 
Dextrosegehalt aufwiesen als zwei wenig empfäng- 
liche. Ähnliches hat er für den Befall durch 
Steinbrand dargetan und war schon vor ihm für den 
Rebenschädling Peronospora viticola be- 
kannt. Er ist geneigt, diesen Verschiedenheiten 
die Schuld am Befall oder Nichtbefall zuzuschreiben. 
Dabei darf man nicht vergessen, daß solche Re- 
servestoffe (und Stofifwechselprodukte) , von Art 
zu Art bekanntHch, im Gegensatz zu den Eiweißen, 
sowohl in quantitativer als auch in qualitativer 
Hinsicht, sehr variabel sein können. Es ist daher 
sehr virohl möglich, daß ihnen manche Art inner- 
halb der oben erwähnten Hauptnährpflanzengruppe 
die Immunität gegenüber einem bestimmten Para- 
siten verdankt. Da diese Stoffe bis zu einem ge- 
wissen Grad auch von äußeren Einflüssen, z. B. 
der Düngung, abhängig sind, könnten indirekt auch 
die Infektionsmöglichkeiten der Pilze einigermaßen 
beeinflußt werden. Doch hebt v. Kirchner 
nachdrücklich hervor, daß die Anfälligkeit (bzw. 
Widerstandsfähigkeit) durchaus erbliches IMerkmal 
sei. Dies ist natürlich für die Beurteilung der 
ganzen Frage von fundamentaler Bedeutung, speziell 
auch für die Züchtung widerstandsfähiger Sorten 
unserer Kulturpflanzen. 

Ein interessantes Beispiel, das auch in diesen 
Zusammenhang gehören dürfte, führt Lang an. 
Er experimentierte nämlich unter anderen mit 
einer für den Gelbrost (Puccinia gluniarum) 
nicht empfänglichen Weizensorte. Infizierte er 
aber die betreffenden Pflanzen vorher mit dem 
Brandpilze Tilletia Tritici, so verloren sie 
ihre Immunität gegenüber dem Rostpilz. Lang 
nimmt wohl mit Recht an, daß durch das Auf- 
lösen des Tilletiamyzels der Chemismus der Weizen- 
sorte verändert wurde. 

III. 

Suchen wir uns zum Schluß noch eine Vor- 
stellung über die Vorgänge bei derNahrungs- 
aufnahme der parasitischen Pilze zu machen; 
denn das Wie der Aufnahme könnte geeignet 
sein, auch einige Anhaltspunkte über die Wirts- 
wahl selbst zu liefern. 

Wir dürfen von vornherein nicht annehmen, 
daß die Eiweißsubstanzen der Wirtspflanzen als 
solche aufgenommen werden. Wir müssen viel- 
mehr annehmen, daß die Pilze Fermente aus- 
scheiden, die fähig sind, die komplexen Moleküle 
zu zerlegen. Auf diese Fermentwirkung hat neben 
anderen Forschern besonders Heske hingewiesen. 
Die Teilstücke des Eiweißes müssen jedenfalls so 
klein sein, daß sie durch die Haustorienwand des 
Parasiten hindurchzutreten vermögen. Erst dann 
kann der Pilz sie aufnehmen und in Teile von 
sich selbst umwandeln. 

Ehrlich^ denkt sich das Eiweißmolekul zu- 



sammengesetzt aus einem „Kern" von unbekannter 
chemischer Zusammensetzung, an den die sog. 
„Seitenketten" gebunden sind. Er stellt sich 
darunter gewisse chemische Gruppierungen vor, 
die fähig sind, sich mit bestimmten chemischen 
Stoffen zu vereinigen. Ist diese Bindung geschehen, 
so entstehen im Eiweißmolekül drin Umlage- 
rungen, die die aufgenommene Substanz in Teile 
des aufnehmenden Organismus selbst umwandeln. 
Diese Gedankengänge bilden die Grundlage zu 
E h r 1 i c h s berühmter „Seitenkettentheori e", 
die in der Immunitätslehre eine so bedeutende 
Rolle spielt. Die weiteren Punkte dieser Theorie 
können wir für unsere Frage entbehren. Für uns 
ist wichtig, daß die Seitenketten des Pilzeiweißes 
— gleichsam als Fangarme wirkend — sich mit 
den durch die Fermente gebildeten Teilprodukten 
des Pflanzeneiweißes, unfd mit anderen geeigneten 
Produkten der Pflanzenzelle, verbinden können. 
Ja, es erscheint möglich, daß sie diese sogar in- 
folge der chemischen Valenz durch die Haustorien- 
membran hindurchzuziehen vermögen. Nun sind 
drei Fälle denkbar: 

1. Die aufgenommene Substanz kann so an 
eine Seitenkette gebunden werden, daß sie nach- 
her durch intramolekulare Umwandlungen ver- 
arbeitbar ist. 

2. Sie kann mit einer Seitenkette eine so feste 
Bindung eingehen, daß sich dieser intramolekulare 
Umbau nicht mehr zu vollziehen vermag. Abge- 
sehen davon, daß der aufgenommene Teil so für 
den Pilz nutzlos wird, ist für ihn auch ein „Fang- 
arm" verloren, da die Seitenkette durch die feste 
Bindung gleichsam lahmgelegt wird. 

3. Und schließlich ist auch der Fall denkbar, 
daß ein aufgenommener Stoff zu den Seitenketten 
des Pilzeiweißes gar keine Affinität besitzt (wenn 
in diesem Fall überhaupt eine Aufnahme erfolgt). 

Weil nun sowohl bei den Eiweißstoffen der 
Wirtspflanzen als auch bei denjenigen der Pilze 
eine große Mannigfaltigkeit möglich ist, und weil 
auch eine große Anzahl von Fermenten in Be- 
tracht kommen kann, verwundert uns die große 
Vielgestahigkeit in der Wirtswahl durchaus nicht. 
Daß die.«e aber in den weitaus meisten Fällen mit 
der systematischen Verwandtschaft der Wirte 
Hand in Hand geht, wird verständlich durch die 
damit mehr oder weniger parallel gehende Ei- 
weißverwandtschaft. 

Die Unempfänglichkeit könnte nach dieser 
Hypothese ihren Grund in einer Lahmlegung der 
Seitenketten haben, wenn nicht schon die Fer- 
mente des Pilzes ungeeignet waren zum Auflösen 
des betreffenden pflanzlichen Eiweißes. Die Uber- 
empfänglichkeit dagegen ist wohl am einfachsten 
als zu heftiges Einwirken der Fermente erklärbar, 
da man ja ein Absterben der Wirtspflanzenzellen 
konstatiert. 

Eine geringe Änderung im Chemismus des 
Pilzes — sei sie nun durch Mutation oder 
sonstwie entstanden — hätte sogleich eine Ände- 
rung in der Wirtswahl zur Folge, also die Bildung 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift, 



N. F. XX. Nr. 8 



einer neuen Spezialform. Von dieser aus ist der 
Schritt zu einer neuen morphologischen Art kein 
großer und kaum mehr prinzipieller Natur. Man 
weiß im Grund nie, ob bei den „biologischen 
Arten" nicht doch geringe, mit den derzeitigen 
Hilfsmitteln nicht beobachtbare morphologische 
Unterschiede vorhanden sind, und die Übergänge 
zu „guten Arten" sind ja allmähliche. 

Überblicken wir noch einmal unser Problem, 
so erscheint es uns als sehr wahrscheinlich, 
daß die Wirtswahl in erster Linie ab- 
hängig ist von den Eiweißsubstanzen 
der Wirtspflanzen. Da aber ein und 
dasselbe Lebewesen verschiedene Ei- 
weißkörper besitzt, und da ebenfalls 
Stoffwechselprodukte und Reserve- 
stoffe, sowie morphologische Eigen- 
tümlichkeiten von Einfluß sein können 
und indem auch verschiedene Fermente 
entscheidend einwirken werden, treten 
in der Wirtswahl eines Parasiten viele 
Unregelmäßigkeiten auf, so daß sie 
nicht durchaus mit der systematischen 
Verwandtschaft der Wirtspflanzen par- 
allel geht. Mit H.lfe der Ehrlichschen 
Seitenkettentheorie kann man sich einigermaßen 
eine Vorstellung von den komplizierten Wechsel- 
beziehungen machen. Möge bald die Eiweiß- 
chemie die Hindernisse, die einen tieferen Einblick 
in diese Fragen verwehren, überwinden. Dann 
wird man für unser Problem, und auch für die sich 
eng anschließende Frage der Bildung neuer Formen 
im Pflanzenreich, auf besserer Grundlage stehen. 



Literatur. 
Für die Literatur über die Rostpilze verweise ich auf die 
alljährlichen Zusammenstellungen von Ed. Fischer (Fischer, 
Ed., Publikationen über die Biologie der Uridineen, Zeitscbr. 
f. Botanik). 

1. V. Büren, G. , Die schweizerischen Protomycetaceen 
mit besonderer Berücksichtigung ihrer Entwicklungsgeschichte 
und Biologie. (Beilr. zur Kryplogamenflora d. Schweiz V, I, 
1915)- 

2. Eberhardt, R., Contiibutions a l'etude de Cystopus 
candidus (Centralblatt f. Bakteriologie usw. 2. Abt XII 
1904.) 

3. Fischer, Ed., Der Speziesbegrifif und die Frage der 
Speziesentstehung bei parasitischen Pilzen. (Verhandl. Schweiz. 
Naturf. Ges. 98. Jahresvers. Schuls 1916, II. Teil). 

4. Gäumann, E., Über die Formen der Peronospora 
parasitica. (Beih. z. Bot. Centralbl. XXXV, Abt. I, 1918.) 

5. Hasler, R., Beitr. z. Kenntn. d. Crepis- u. Centaurea- 
Puccmien vom Typus d. P. Hieracii. (Centralbl. f. Bakterio- 
logie usw. Abt. 11, 48, 191S). 

6. Kobel, F., Zur Biologie der Trifolien-bewohnenden 
Uromyces-Arten. (Ibidem 52, 1920). 

7 Schweizer, J., Untersuchungen am Salatschimmel, 
Bremia Lactucae Regel. (Verh. d. thurgauisch. naturf. Ges. 
Hefl 23, 1919). 

8. S tag er, R., Verschiedene Publikationen in Bot. Zei- 
tung 51, 1003, Centralbl. f. Bakteriologie II. Abt. 14, 190?: 
17, 1907; 20, 1908; 27, 1910. 

9. S t a k m a n , E. C, Relation between Puccinia graminis 
and plants highly resistant to its attack. (Journ. of Agric. 
Res. Vol. 44, 1915). 

10. Steiner, R. , Die Spezialisation der Alchimillen- 
bewohnenden Sphaerotheca Humuli. (Centralbl. f. Bakterio- 
logie usw. 21, J908). 

11. Thöni und Thaysen, Zeitschr. f. Immunitätsf. I, 
23, 1915, S. 82—107, vgl. besonders S. 106. 

12. Wendelstadt undFellmer, ibidem 8, 1911. 
S- 43—57- 



Die Birotationstheorie. 



[Nachdruck verboten.] Von Hans Passarge 

Die neue Theorie der Schwerkraft, deren 
Grundzüge hier kurz entwickelt werden sollen, 
hat ihren Ursprung in erkenntniskritischen Er- 
wägungen zur theoretischen Mechanik. Sie stellt 
im Sinne der Mechanik von Heinrich Hertz 
einen Versuch dar, die unter dem Einfluß der 
Gravitation verlaufenden gleichförmig beschleu- 
nigten Bewegungen auf rein gleichförmige, nur 
dem Trägheitsprinzig unterliegende Bewegungen 
zurückzuführen oder mit anderen Worten, eine 
mechanische Erklärung für Ursprung und Wesen 
der Gravitation zu liefern. ^) 

Nach der klassischen Mechanik Newtons ist 
jede Masse Ursache einer Beschleunigung, ohne 
daß aber der Begriff „Masse" über seine mathe- 
matische Richtigkeit und Anwendbarkeit hinaus 
definiert wird. In dieser Gestalt erfordert der auf die 
Mechanik der Himmelskörper angewandte Begriff 
„Masse" eindeutig die Annahme, daß den Himmels- 
körpern eine verschiedene mittlere Dichte eigen- 

') Heinrich Hertz, Die Prinzipien der Mechanik, in 
neuem Zusammenhang dargestellt. Leipzig 1894. 



(Königsberg i. Pr.). 

tümlich ist, eine Annahme, die sich nicht ohne 
weiteres mit sehr bestimmten Ergebnissen der 
Astrophy.sik in Übereinstimmung bringen läßt. 
Eine unbefangene Überlegung, d. h. eine solche, 
der der Begriff „Masse" im Sinne Newtons nicht 
vertraut ist, würde viel eher auf die Annahme 
verfallen, daß die mittlere Dichte aller Himmels- 
körper die gleiche ist, und eine Theorie der 
Gravitation, die zu einem solchen Ergebnis führen 
würde, würde den geschulten Astronomen und 
Physiker zwar befremden, eine Überlegung aber 
befriedigen, die sich ohne Kenntnis des Gravitations- 
gesetzes, aber mit Kenntnis der Ergebnisse der 
Spekt^o^kopie zum ersten Mal der Frage gegenüber- 
sähe, welche Dichte den einzelnen Himmelskörpern 
eigentümlich ist. Der Begriff einer unterschied- 
lichen Dichte ist uns nur von den irdischen Stoffen 
her unmittelbar geläufig, denn ohne weiteres und 
logisch widerspruchslos führen wir bei zwei ihrem 
Volumen nach gleichen, ihrem Gewicht nach aber 
verschiedenen Körpern den Gewichtsunterschied 
auf die verschiedene Dichte zurück. Die Frage 
läßt sich aber nicht abweisen: ob es logisch zu- 



N. F. XX. Nr. 8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



119 



lässig ist, den Himmelskörpern einen Dichteunter- 
schied im gleichen Sinne beizulegen, wie den 
irdischen Körpern, die wir greifen und wägen 
können. Der Zweifel gründet sich vornehmlich 
darauf, daß die Ergebnisse der Spektralanalyse 
selbstleuchtender Himmelskörper eine sehr weit- 
gehende Übereinstimmung der sie zusammen- 
setzenden Stoffe ausweisen. Läßt man daraufhin 
die heuristische Hypothese zu, daß alle Himmels- 
körper, von denen eine Attraktionswirkung ausgeht, 
von gleicher mittlerer Dichte sind, so gerät man 
sofort mit dem Gravitationsgesetz in Widerspruch, 
von dem nur die weitere Hypothese befreien kann, 
daß zwar ein gewisser Teil des Himmelskörpers 
inbezug auf seine Dichtigkeit dem Zustand ent- 
spricht, der aus dem Gravitationsgesetz abgeleitet 
werden muß, daß aber seine weitaus größere Masse 
von gleicher Dichte wie die mittlere Dichte der 
Erde ist. Eine solche Hypothese ist deshalb logisch 
zulässig, weil es sich bei den Werten, die wir für 
die Masse und Dichte der einzelnen Himmels- 
körper kennen, immer nur um relative Werte 
handelt. 

Auf dieser Hypothese also fußt die Birotations- 
theorie, indem sie, zunächst nur in Anwendung 
auf die zum Sonnensystem gehörigen Himmels- 
körper, voraussetzt, daß nur die äußeren Erstar- 
rungs- oder Abkühlungsrinden der Planeten und 
der Sonne in ihrem Dichtigkeitsverhältnis den aus 
dem Gravitationsgesetz abgeleiteten verschiedenen 
Werten entsprechen, daß aber der ganze innere 
Kern bei allen von gleicher mittlerer Dichte ist. 
Unter solcher Voraussetzung würde sich wegen 
des unterschiedlichen Trägheitsmoments von Rinde 
und Kern die Rotation eines Planeten unter ver- 
schiedenen Bedingungen vollziehen, und es wäre 
die weitere Annahme zulässig, daß die Rotation, 
die wirklich beobachtet wird, nicht die ursprüng- 
liche Rotation, des Planeten ist, sondern — im 
Rahmen der über unbegrenzte Zeitfristen sich 
erstreckenden kosmischen Entwicklung — ein 
posthumer Bewegungszustand nur der Planeten- 
rinde, während das ganze Innere um eine anders 
gerichtete innere Achse in entgegengesetzter 
Richtung rotiert. Einen äußeren Anhalt für eine 
solche Annahme bieten die Eigenbewegungen der 
Gebilde auf der Oberfläche von Saturn, Jupiter und 
Sonne, aber es bietet sich eine schwache Analogie 
auch auf der Erde selbst, wenn man sich der Ent- 
stehung der äquatorialen Meeresströmungen und 
der Passatwinde erinnert. Beschränken wir zu- 
nächst die Betrachtung allein auf den Planeten 
^ Erde, so gewinnen wir folgendes Bild: Die 
ganze Erdrinde, Lithosphäre und Atmosphäre 
als eine Einheit genommen, rotiert von Westen 
nach Osten im Ablauf eines Sterntages einmal 
um die Hauptträgheitsachse; diese Rotation ist ein 
Folgevorgang der hypothetischen Rotation des 
ganzen Erdinnern von Osten nach Westen, die in 
kosmischer Vorzeit die einzige und ursprüngliche 
Rotation der Urerde war, heute aber noch als 
Innenrotation fortdauert. Aus beiden Rotationen 



resultieren „Fliehkräfte", und aus Gründen, die 
wohl in der atomistischen Struktur der Materie zu 
suchen sind, stehen alle der Erde zugehörigen 
Körper unter der Einwirkung beider „Fliehkräfte", 
die wir uns aber nicht als Fliehkräfte im gewöhn- 
lichen Gebrauch des Wortes vorzustellen haben, 
sondern als Lageverrückungen unter dem Ein- 
fluß gleichförmiger Bewegungen. Die so beein- 
flußten Körper nehmen dann den Weg, der sich 
als Resultierende eines Wegeparallelogramms ergibt, 
und die Resultierende selbst ist nach Richtung 
und Strecke der freie Fall. Ist dies alles richtig, 
dann muß sich nachweisen lassen, daß die von 
einem freifallenden Körper in einer Sekunde, unter 
der Annahme, seine Bewegung erfolge mit gleich- 
förmiger Geschwindigkeit, zurückgelegte Strecke 
abzuleiten ist aus den gleichförmigen Bewegungen, 
die die beiden Rotationen, weil allein dem Trägheits- 
prinzip gemäß verlaufend, darstellen. Man kann 
aber die Fallstrecke als mit der halben End- 
geschwindigkeit in gleichförmiger Bewegung 
zurückgelegt ansehen und also schreiben: 
I 2 ?r (r — e) 

I) -y- — T — 

wenn / in m/sec'^ die Schwerebeschleunigung, r den 
ganzen Radius der Erde, q den Radius der inneren 
Erdkugel und T in Sekunden die Frist eines 
Sterntages bezeichnen. Die Gleichung ist rein 
geometrisch und homogen, weil auf beiden Seiten 
beschleunigungslose Bewegung ausgedrückt ist, 
nachdem man den Wert für die beobachtete 
Schwerebeschleunigung g so auf y reduziert hat, 
daß er der Länge eines Sternzeit Sekundenpendels 
entspricht. Indem wir so verfahren, schalten wir, 
ganz im Sinne der Hertz sehen Mechanik, den 
Begriff „Kraft" aus der Überlegung aus und führen 
jede Bewegung, die man sich gewöhnlich als unter 
dem Einfluß von Kräften verlaufend vorstellt, auf 
eine Bewegung zurück, die nur unter dem Träg- 
heitsprinzip verläuft. Das berechtigt oder vielmehr 
zwingt zu einer geometrischen Behandlung des 
Problems. Dann entspricht, wenn man dem Radius 
der Erde r den Wert i gibt, die Länge des In- 
nenradius q bezogen auf die Erdoberfläche, der 
Länge eines Sternzeit- Sekundenpendels L, und 
es ist: 



— = — oder o = rL. 
r I ^ 



2) 

Setzt man diesen Wert für q in Gleichung i) ein, 
so erhält man, da y = sr-L, als Wert für die Länge 
des mittleren Erdradius: 



1) r = — TT T j- 

•" 4 I — L 

Die Ausrechnung ergibt in Übereinstimmung 
mit den geodätischen Messungen für r^^ den Wert 
6 367 331m. Für q ergibt sich der Wert 6 300 370 m, 
und der Abstand x—q, also die Mächtigkeit der 
Lithosphäre, ist dann 66961 m, in Übereinstim- 
mung mit der Rechnung nach geothermischen 
Tiefenstufen, denen zufolge in einer Tiefe von 



120 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 8 



rund 6; km unter der Erdoberfläche alle auf ihr 
bekannten Stoffe schmelzflüssig sein müssen. Die 
Masse der Erde muß nun nach der Birotations- 
theorie definiert werden nicht als Masse des ganzen 
Erdballes, sondern als Produkt des Rauminhalts 
der Lithosphäre in die mittlere Dichtigkeit der 
die Lithospäre zusammensetzenden Stoffe. Diese 
Dichtigkeit hat nach den Ergebnissen der Geo- 
logie und der Geophysik den runden Wert 2,6; 
dem Rauminhalt der Lithosphäre entspricht der 
Ausdruck (i — L)". Das Resultat muß, wenn die 
Birotationstheorie richtig ist, das gleiche sein wie 
das aus der allgemeinen Gravitation abgeleitete 
Ergebnis für die Masse der ganzen Erde. In der 
Tat ist (i— L)3 ■ 2,6—1 : 330593. Wir dürfen 
also sagen: Der aus der Birotationstheorie abge- 
leitete Wert für die Masse der Lithosphäre ist, 
bei nicht ganz sicherem Wert für ihre mittlere 
Dichte, identisch mit dem auf Grund der allge- 
meinen Gravitation abgeleiteten Wert für die Masse 
der ganzen Erde. Der Wert für L ist 0.9894836 m, 
Log (i—L) = 0,0218671 —2. Auf welche geo- 
graphische Breite bei vorstehenden Ausrechnungen 
die Länge des Sekundenpendels zu beziehen ist, 
muß zunächst außer Betracht bleiben, um die 
weitere Darstellung der Theorie nicht zu ver- 
zögern und zu Beweisen zu gelangen, die noch 
eindringlicher für sich selbst sprechen. 

Wir übertragen die Birotationstheorie auf die 
Bewegung des Systems Erde -Mond. Da beide 
Himmelskörper gemäß unserer Hypothese von 
gleicher Dichte sein sollen, berechnet sich die 
Lage des Schwerpunktes des Systems nicht aus 
den „Massen", sondern aus den Volumina. Be- 
deutet R den Abstand des Mondes vom Schwer- 
punkt des Systems, und P den Abstand des Erd- 
mittelpunktes vom Schwerpunkt des Systems, ist 
also R -f P der aus der Mondparallaxe berechnete 
Abstand Erde Mond, und V: i das Volumenver- 
hältnis Erde : Mond, dann liegt der Schwerpunkt 
des Systems außerhalb der Erde, 1317000 m von 
der Oberfläche entfernt, und es muß, wenn die 
Theorie richtig ist, der Wert für die Schwerkraft 
des Mondes sich aus seiner Bewegung um den 
Schwerpunkt des Systems ableiten lassen. Wir 
können aber auch einfacher verfahren, indem wir 
Erde und Mond als nur einen Himmelskörper 
auffassen und auf eine solche fiktive räumliche 
Einheit die Birotationstheorie unmittelbar wie auf 
die Erde allein anwenden. Dann haben wir in 
Gleichung 2) r durch R zu ersetzen, und es ist 
der Quotient q:R gleich der Länge des Sekunden- 
pendels für den Mond, ein Wert, der mit tt- 
multipliziert, die Schwerkraft des Mondes im Ver- 
hältnis zur Schwerkraft der Erde ergeben muß. 
Ist also die mittlere Entfernung Erde Mond aus 
der Parallaxe zu 38442OGOO m bestimmt, so 
findet man, wenn V: 1=49,504 das Volumen- 
verhältnis ausdrückt, nach den obigen Angaben 
R = 376 808 300 m und P =761 1673 m. Dann 
ist ?7:2j5 R-i = 0,165 S die Schwerkraft des Mondes, 
ein Resultat, das mit den besten Bestimmungen 



der „Masse" des Mondes, insbesondere mit der 
Bestimmung von Hinks aus Störungen in der 
Bahn des kleinen Planeten Eros, vollkommen über- 
einstimmt. Die gleiche Auffassung, nämlich die 
Auffassung des Systems Erde-Mond als einer Ein- 
heit, führt aber auch zu den Relationen 

4) 



„ 2 TT R dm 

g T t 



5) 



2 TT P V^ 



vi7orin g in mjsec'^ die Schwerebeschleunigung der 
Erde, R, P und V wie oben angegeben, dm ein 
unendlich kleines Massenteilchen, T einen mittleren 
Sonnentag in Sekunden und t die Frist einer 
synodischen Lunation in mittleren Sonnentagen 
bedeuten. 

In Wahrheit sind Erde und Mond ein Doppel- 
stern. Die Zusammenordnung zweier oder mehrerer 
Himmelskörper zu Systemen von Doppelsternen 
oder mehrfachen Sternen sind wir vielleicht be- 
rechtigt, als eine allgemeine Regel im Aufbau des 
Kosmos zu verstehen, i) Das Verhältnis zweier 
gleich schwerer, durch eine gewichtslose Stange 
verbundener Körper a und b und ihre gleichförmige 
Bewegung um den in der Mitte ihres Abstandes 
gelegenen gemeinsamen Schwerpunkt können wir 
uns in der Weise veränderlich denken, daß a an 
Größe stetig bis zur Größe A zunimmt und b 
stetig bis zur verschwindend kleinen Größe ß ab- 
nimmt; dann rückt der Schwerpunkt immer mehr 
nach der Seite des zunehmenden Körpers, während 
auf beiden Seiten die Bewegungsenergie gleich 
bleibt. Setzen wir dann die Veränderung soweit 
fort, daß b zu /J und a zu A, d. h. daß die Größe 
b verschwindend klein gegen A und demgemäß 
der Abstand des Körperchens ß vom Schwerpunkt 
des Systems unendlich groß wird gegen den Ab- 
stand des Körpers A vom Schwerpunkt des Systems, 
so daß wir also keinen Fehler mehr machen, wenn 
wir den Schwerpunkt des Systems mit dem 
Schwer- und Mittelpunkt des Körpers A zusammen- 
fallen lassen, dann ist ein so entstanden gedachtes 
und bewegt vorgestelltes System mit der Zentral- 
bewegung eines Körpers von kleinstem Gewicht 
um einen festen Punkt identisch, und wir stehen 
ganz unter dem Emdruck, als ob von dem festen 
Punkt eine „Kraft" ausgeht, die das Körperchen ß 
nach einem Zentrum, nämlich nach A hinzieht. 
Übertragen wir nun diese Betrachtungsweise auf 
ein fingiertes isoliertes System Sonne Erde, so 
dürfen wir nach Analogie mit den Relationen 4) 
und 5) schreiben : 

4)' r3^27tRfi 



r« = 



T t 

2 TT ff V 

T t 



Hierin bedeutet /'die zunächst nachStrecke/sec- 



') W. Trabert, Kosmische Physik. Leipzig 191 1, 
S. 196. 



N. F. XX. Nr. 8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



121 



noch unbekannte Anziehungskraft der Sonne an 
ihrer Oberfläche, R den Abstand der Erde vom 
Schwerpunkt des Systems Sonne-Erde, /< die Masse 
der Erde, a den verschwindend kleinen Abstand 
des Sonnenmittelpunktes vom Schwerpunkt des 
Systems , V = i ^ das Volumen der Sonne, 
T in Sekunden einen mittleren Sonnentag, t in 
mittleren Sonnentagen die Frist eines Jahres- 
umlaufes der Erde. Multipliziert man 4)' und 5)' 
miteinander und gibt zugleich der verschwindend 
kleinen Strecke den Wert i m, dann muß auch 
auf der linken Seite F in Metern ausgedrückt 
werden und man erhält, wenn G diese in m/sec" 
ausgedrückte Schwerkraft der Sonne ist: 

6) G«=^f;^. 



Die Ausrechnung mit den Zahlenwerten der 
einzelnen Größen bestätigt die Richtigkeit, und 
die Auflösung der Gleichung nach R ergibt für 
die Berechnung die astronomische Einheit: 

worin k die Gaus sehe Sonnenkonstante ist. Die 

Gleichung enthält aber auch das dritte Keplersche 

Gesetz : 

R« 
,, = const. 

und sie bestätigt damit die Richtigkeit der Biro- 
tationstheorie, deren Voraussetzung es eben war, 
daß alle Himmelskörper, von denen eine Attraktions- 
wirkung im Sinne des Newton sehen Gravitations- 
gesetzes ausgeht, von gleicher Dichte sind. 



Einzelberichte. 



Der positive Spitzenstrom. 



Die elektrische Entladung zwischen einer Spitze 
und einer Platte als Elektroden erfolgt in Gasen 
in Form des sogenannten Spitzenstroms. Ist die 
Spitze Kathode, d. h. negative Elektrode, so ist 
selbst bei Atmosphärendruck die selbständige Ent- 
ladung ein Glimmstrom mit den charakteristischen 
Kathodenlichtschichten. Auch bei positiver Spitze 
kann sich ein Glimmstrom ausbilden; nur zeigen 
sich dann die leuchtenden Kathodenschichten an 
der negativen Plattenelektrode. Unter besonderen 
Bedingungen (großer Elektrodenabstand, geringe 
Stromstärke und nicht zu niedriger Gasdruck) kann 
aber bei einer Spitzenanode eine ganz andere 
Entladungsform auftreten, wobei die Plattenkathode 
ganz dunkel bleibt und sich nur an der positiven 
Spitze ein Lichtbündel zeigt. Diese ganz andere 
Art der Entladung wurde von Johannes Stark der 
, .positive Spitzenstrom" genannt. Durch Erhöhung 
der Stromstärke geht der positive Spitzenstrom 
leicht in die gewöhnliche Glimmstromentladung 
über; an der vorher dunklen Kathodenplatte treten 
dann die Glimmstromkathodenschichten auf und 
gleichzeitig sinkt der Spannungsabfall an der 
Spitzenanode von einigen hundert Volt auf den 
kleinen Wert des Glimmstromanodenabfalls. 

Auf Veranlassung von J. Stark untersuchte 
MaxWeth') die Leuchterscheinungen des posi- 
tiven Spitzenstromes spektrographisch. Um ein 
helles großes Anodenlichtbüschel zu erzielen, 
erzeugte Weth den positiven Spitzenstrom in 
Wasserstoff von nur einigen Millimetern Gasdruck. 
Er fand, daß bei geringem Druck die Anode 
durchaus nicht eine scharfe Spitze zu sein braucht. 
Weth benützte zur Erzielung großer Lichtstärke 
als Anode einen Messingstift von 1,5 bis 5 mm 
Durchmesser, der bis an sein Ende in eine Glas- 



') Ann. d. Phys. Bd. 62, S. 58g — 602, 1920. 



röhre eingeschmolzen und mit dieser zusammen 
glatt abgeschliffen war. Trotzdem war an der 
kleinen ebenen Anodenfläche der Spannungsabfall 
zur Ausbildung eines positiven Lichtbüschels hin- 
reichend. Als Entladungsgefäß diente ein Liter- 
kolben mit Quarzfenster. Der beschriebenen 
Anode gegenüber war das untere Drittel des Glas- 
kolbens innen versilbert und bildete die Kathode. 
Als Stromquelle diente eine Hochspannungs- 
dynamomaschine von 35CO Volt, von der beliebige 
Spannungen abgenommen werden konnten. 

In Wasserstoff von 2 mm Druck zeigte der 
positive Spitzenstrom folgendes Aussehen: die 
ebene Endfläche der Drahtanode ist von einer 
dünnen, weißblauen und ziemlich hellen Lichthaut 
überzogen; dann folgt eine viel dunklere 0,3 mm 
dicke Schicht. Auf dieser sitzt ein weißlicher 
Kegel, der ganz allmählich in einen braunrötlichen 
Lichtpinsel von etwa 12 mm Länge übergeht und 
dann im Gasraum erlischt. Bei ganz niedrigen 
Drucken wird das Lichtbüschel zwar bis 25 mm 
lang, aber auch äußerst lichtschwach ; unter 1 mm 
Gasdruck ist der Spitzenstrom nur noch schwierig 
zu erhalten. 

Diese beobachteten Leuchterscheinungen 
stimmen völlig mit der von Stark aufgestellten 
Theorie des positiven Spitzenstroms überein. Infolge 
der kleinen Oberfläche der positiven Elektrode 
konzentriert sich der Potentialabfall an dieser; 
daher strömen auf die Anode aus dem Gasraum 
mit wachsender Geschwindigkeit negative Ionen 
und vor allem Elektronen. Die Elektronen treffen 
schließlich mit einigen hundert Volt Geschwindig- 
keit auf das Anodenmetall und werden reflektiert 
oder lösen sekundäre Kathodenstrahlen aus. Daher 
herrscht an der Anode durch den dichten Elektronen- 
schwarm der verschiedensten Geschwindigkeiten 
eine lebhafte Oberflächenionisation; durch Elek- 
tronenstoß wird unmittelbar an der Anode das 
Gas stark ionisiert und die hier entstehenden 



122 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 8 



Atom- und Molekülionen emittieren bei ihrer 
Bildung Licht, das uns in der sehr hellen weiß- 
blauen Anodenlichthaut entgegentritt. 

Aus diesem Gebiet stärkster Ionisation unmittel- 
bar an der Anode werden die positiven Ionen 
abgestoßen und laufen mit zunächst wachsender 
Geschwindigkeit in den Gasraum. In nächster 
Nähe der Anode ist aber die Geschwindigkeit der 
positiven Ionen noch zu gering, um beim Zusammen- 
stoß mit Gasmolekeln ionisierend oder licht- 
erregend zu wirken. Wir haben hier die auf die 
Anodenlichthaut folgende viel dunklere Schicht 
vor uns, welche — wie oben erwähnt — in Wasser- 
stoff von 2 mm Gasdruck 03 mm dick ist. Am 
Ende dieses „Dunkelraumes" ist aber die Ge- 
schwindigkeit der positiven Ionen so groß geworden, 
daß sie die lonisierungsarbeit beim Zusammenstoß 
mit Gasmolekeln leisten können. 

Auf den Dunkelraum folgt also eine zweite 
Zone lebhafter Ionisation und Lichterregung durch 
den Stoß der raschen positiven Ionen. Dies ist 
das Gebiet des mit dem Auge sichtbaren weiß- 
lichen Lichtkegels und des Lichtpinsels. In dem 
dichten Gas verlieren allmählich die positiven 
Ionen durch Zusammenstöße mit Gasmolekeln 
und durch lonisierungsarbeit an Geschwindigkeit 
und können diese auch nicht mehr zurückgewinnen, 
da in größerer Entfernung von der Spitzenanode 
das elektrische Feld immer schwächer wird. Die 
positiven Ionen laufen dann langsam auf die Platten- 
kathode zu, wo sie neutralisiert werden. Auf dem 
letzten Teil ihres Weges können sie wegen ihrer 
geringen Geschwindigkeit weder Ionisation noch 
Leuchten hervorrufen und erleiden daher auch 
keine Umladungen mehr. 

Großes Interesse bietet die spektrographische 
Untersuchung des positiven Spitzenstroms. Nach 
Starks Theorie werden von der Spitzenanode 
positive Ionen in den Gasraum hinausgestoßen 
und bewirken die Bildung des positiven Licht- 
büschels. Wenn dieses wirklich von schnellen 
leuchtenden Ionen (= Kanalstrahlen) hervorgerufen 
wird, so stellen diese eine rasch bewegte Licht- 
quelle dar und die Spektrallinien der Wasserstoff- 
ionen müssen nach Dopplers Prinzip eine Ver- 
schiebung der Wellenlänge aufweisen. Wirklich 
beobachtete Weth bei den Linien Hß und Hy des 
des Balm er sehen Serienspektrums eine Ver- 
schiebung um 3 Angströmeinheiten (== AE), ^) 
was einer Geschwindigkeit der leuchtenden Wasser- 
stoffteilchen im Lichtpinsel des positiven Büschel- 
lichts von i8o-Volt entspricht. Da im Lichtpinsel 
auch ganz langsame Teilchen leuchten und da 
nach Dempster neutrale Kanalstrahlenteilchen 
unter 50 Volt Geschwindigkeit nicht mehr leuchten, 
so zieht Weth den wichtigen Schluß, daß es nur 
die positiv geladenen Wasserstoffteilchen sind, 
welche Licht aussenden. Dies entspricht Starks 
Hypothese, daß das Balm ersehe Serienspektrum 

') I AE == 0,000000 1 mm. 



vom positiven Wasserstoffatom emittiert wird, 
während nach Bohrs erfolgreicher Theorie die 
Balmerlinien vom neutralen Wasserstoffatom 
stammen sollen. Immerhin ist durch Unter- 
suchung des positiven Büschellichts BohrsTheorie 
wohl nicht entscheidend zu widerlegen, da durch 
den hohen Gasdruck im positiven Spitzenstrom 
die Möglichkeit der Neutralisierung und Umladung 
der Ionen nicht mit völliger Sicherheit aus- 
geschlossen werden kann. 

Das Bandenspektrum des Wasserstoffs fand 
Weth am stärksten in der Nähe der Spitzenanode. 
Es i^t bekannt, daß es vorzugsweise von langsamen 
Elektronenstrahlen angeregt wird und solche haben 
wir ja auch nach Starks Theorie des positiven 
Spitzenstroms in erheblicher Dichte an der Anoden- 
oberfläche anzunehmen. Das Bandenspektrum 
des Wasserstoffs ist nach Stark dem positiven 
Molekülion Ho+ zuzuschreiben und auch Bohr 
teilt es wegen seiner KompHziertheit dem Wasser- 
stoffmolekül zu. 

Auch das von Stark auf Grund theoretischer 
Erwägungen entdeckte kontinuierliche Wasserstoff- 
spektrum ist im positiven Büschellicht in erheblicher 
Stärke vorhanden. Während sich Elektronen an 
positive Atom- oder Molekülionen anlagern, gehen 
diese aus dem stabilen Zustand des Ions kontinu- 
ierlich in den ebenfalls stabilen neutralen Zustand 
über. Deshalb müssen sich die Spektrallinien 
ebenfalls kontinuierlich ändern und während sich 
das Elektron auf einer Spiralbahn dem Ion all- 
mählich nähert, werden die emittierten Spektral- 
linien einen gewissen Wellenlängenbereich über- 
streichen. Für Auge und Spektrograph, welche 
über die verschiedenen Übergangsphasen und 
über die Emission vieler einzelner Lichtquellen 
integrieren, entsteht so ein kontinuierliches 
Spektrum. „Seinen Träger, das im Übergang vom 
positiven zum neutralen Zustand begriffene Atom 
oder Molekül bezeichnet Stark als Quantenpaar." 
Beim positiven Büschellicht haben wir in der Nähe 
der Anode auch langsame Elektronen, die keine 
vollständige Ionisation bewirken können. Diese 
lagern sich an positive Ionen an und die so ge- 
bildeten Quantenpaare erklären das Auftreten des 
kontinuierlichen Wasserstoffspektrums an der Anode 
des positiven* Spitzenstroms. 

Die spektrographische Untersuchung des 
Büschellichts durch Weth hat also ergeben, daß 
die Balm ersehen Serienlinien des Wasserstoff- 
spektrums, Starks Anschauung entsprechend, 
möglicherweise vom positiven Wasserstoffatom 
stammen; das Auftreten des kontinuierlichen und 
des Bandenspektrums des Wasserstoffs, das nach 
der Theorie zu erwarten war, ist tatsächlich fest- 
gestellt worden. Schließlich ist die Theorie des 
positiven Spitzenstroms von Stark durch die 
Auffindung des Dopplereffekts am Büschellicht 
glänzend bestätigt worden. 

Karl Kuhn. 



N. F. XX. Nr. 8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



123 



Restitution des Auges uaoh Exstirpation TOn 
Retina und Linse bei Tritonen.*) 

Weitere Prüfung der Frage, inwieweit das Vor- 
handensein von Netzhautzellen notwendig sei für 
das Zustandekommen der Linsenneubildung aus 
der oberen Iris (vgl. Naturw. Wochenschr. 1920, 
Nr. 31, S. 492), führte HorstWachs zu folgen- 
den wiederum sehr beachtenswerten Versuchen 
und Ergebnissen. Es wurden aus dem Auge 
gleichzeitig Linse, Glaskörper und Netzhaut ent- 
fernt und zwar durch Herausdrücken dieser Teile 
aus einer an der Schläfenwand des Augenfelds ge- 
setzten Öffnung an den mit Y2 P^oz. Chloreton- 
lösung betäubten Tieren. Hierauf bildet sich die 
Netzhaut und die Linse neu, und zwar letztere — 
wie nach den früheren Ermittlungen des Verf zu 
erwarten — erst nachdem bereits die neue Reiina 
den Hohlraum austapeziert hat, wobei jedoch deren 
Zellenmaterial noch nicht die Ausbildung der 
Stäbchen- und Zapfenzellen erreicht zu haben 
braucht. Material zur Neubildung der Netzhaut 
wird vom Wundrande im Umkreise der ganzen 
Iris geliefert, wo bekanntlich in der Grenzzone 
zwischen Netzhaut und innerem Irisblatt die 
normale Zuwachszone der Netzhaut liegt, außerdem 
erhält die Anlage der neuen Netzhaut Zuwachs 
von dem stehengebliebenen Figmentepithel oder 
Außenblatt der Netzhaut aus. Dieser Zuwachs 
erfolgt möglicherweise innerhalb breiter Berüh- 
rungsflächen, sicherlich aber findet eine Zellabgabe 
statt an deutlichen Umschlagsstellen des Tapetums 
in das Material der neuen Netzhaut hinein. Mit 
letzterem ist gemeint, das Tapetum ringsum er- 
hebt sich hier und da zu Falten, deren Scheitel- 
kante zu Netzhaut wird und sich mit den übrigen 
Netzhautregeneraten im Auge vereinigt unter Ab- 
schnürung von dem gleichzeitig sich wieder zu- 
sammenschließenden Tapetum nigrum. — Die 
Neubildung der Lmse erfolgt in der bekannten 
Weise von der oberen Iris aus. — An der Um- 
bildung von Tapetumzellen in Netzhautzellen ist 
besonders beachtenswert, daß hierzu keineswegs 
etwaige Reservezellen verwendet werden, denn 
solche sind gar nicht vorhanden, sondern die 
pigmenthaltigen Zellen des Tapetums entledigen 
sich ihres Pigments durch Ausstoßung, werden 
also „entdifferenziert" — nicht rückdifferenziert 
— treten in rege Zellvermehrung ein und liefern 
so das Material für oben besagten Zweck. ■') So 
vollziehen sich im Grunde des Augapfels Vor- 
gänge, die durchaus an die bei der Linsenneubil- 



') H. Wachs, Restitution des Auges nach Exstirpation 
von Rilina und Linse bei Tritonen. Zweiter Teil. Archiv f. 
Entwicklungsmech., Bd. XLVI, Heft 2 und 3, 1920, S. 328 
— 389 7 Tafeln. 

''] Noch 1916 schrieb Barfurth, gemäß dem damaligen 
Stande der Forschung, in ,, Regeneration und Transplantation, 
Rückblick auf die Ergebnisse 25Jähriger Forschung" (Anat. 
Hefte, ..Ergebnisse", S. 452): ,,üie Regeneration geschieht 
nicht als Erneuerung bereits differenzierter oder in Rückbildung 
begriffener Gewebe, sondern immer als vollständige Neubil- 
dung von undifferenzierten Anlagen aus, die in der typischen 
Ontogenese reserviert wurden," 



dung aus der oberen Iris erinnern: Ausstoßung 
des Pigments der Zellen, Einsetzen reger Zell- 
teilungen und Abgabe der gebildeten Zellen an 
das zu Regenerierende in Gestalt von Umfaltungen. 
Gelegentlich finden sich in der neuen Retina noch 
Klümpchen schwachen Pigments, das wahrschein- 
lich aus den zum Aufbau verwendeten Tapetum- 
zellen stammt. 

Gegenüber dieser vollständigen Netzhautregene- 
ration, bei welcher übrigens anfangs infolge der 
starken Verkleinerung des Augapfels das Tapetum 
gleichsam der neuen Retinaschale entgegenkommt, 
fällt auf, daß nach Spemann 1912 Entfernung 
eines Teils der Augenanlage bei wesentlich jün- 
geren, nämlich Neurulastadien nicht mehr die 
Bildung eines Auges von normaler Größe gestattet, 
sondern statt dessen ein kleineres Auge ent- 
steht. Somit ist hier, vielleicht entgegen dem, 
was man hätte erwarten können, aber in Über- 
einstimmung mit früheren Befunden Wachs' an 
der Linse, die Regenerationsfahigkeit nicht am 
größten bei den jüngsten Stadien, und der Verf. 
legt des weiteren dar, daß sie, mit höherem Alter 
nach Zuwachs zu einem Optimum wieder ab- 
sinkend, anscheinend parallel sei dem „Ausgesetzt- 
sein", vielmehr der Verletzungsmöglichkeit unter 
Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeit des Über- 
lebens der verletzten Tiere. — 

In einer bei uns wenig bekannten Arbeit hat 
schon Colucci 1891 ') die Regeneration der 
Netzhaut von Triton untersucht und wenigstens 
soviel richtig gesehen, daß die Neubildung vom 
Tapetum nigrum aus erfolgt. Doch erkannte er 
weder die Bedeutung der Linsen- noch der Netz- 
hautregeneration richtig, sondern suchte als Er- 
gebnis einen Parallelismus zwischen den regene- 
rativen und den normal-embryonalen Vorgängen 
festzustellen. V. Franz. 



Der Ursprung des Menschengeschlechts. 

Wieder eine neue Hypothese über den Ur- 
sprung des Menschengeschlechtes! so könnte man 
ausrufen. Doch bedeutet das nicht, daß den Aus- 
führungen Hilzheimers,-) die der Autor selbst 
als aphoristische bezeichnet und als solche zur 
Diskussion stellen will, geringe Aufmerksamkeit 
gebührte. Sie sind vielmehr sehr anregend. Wenn 
von zwei verwandten Tierarten — führte H i 1 z - 
heim er schon in seinem Handbuch der Biologie 
der Wirbeltiere aus — die eine den Wald, die 
andere die Steppe oder offene und Parklandschaft 
bewohnt, so ist das Waldtier allgemein das pri- 
mitivere: man vergleiche Okapi und Giraffe, Hirsch 
und Renn, Wisent und Bison, Dendrohyrax und 
Procavia, Tiger und Löwe. Der höchststehende 

') Mera. Accad. Sc. Ist. Bologna, Ser. 5, Vol. I, erwähnt 
nach H. Wachs, wie auch die vorangehende Fußnote. 

^) M. Hilzheimer: Aphoristische Gedanken über einen 
Zusammenhang zwischen Erdgeschichte, Biologie, Menschheits- 
geschichte und Kulturgeschichte. Zeitschrift für Morphologie 
und Anthropologie, Band XXI, Heft 2, S. 185—208. 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Büffel, der Kaffernbüffel, das spezialisierteste 
Schwein, Phacochoerus, die eigenartigsten Hunde, 
die Mähnenhunde, die höchststehenden Beuteltiere, 
die Känguruhs, die ihnen konvergenten Nagetiere 
Springhase, Springmaus und Taschenmaus sind 
Steppentiere. Den letztgenannten Beispielen eignet 
der nach allen Seiten freibewegliche Kopf auf 
schlankem Hals hoch über den Schultern — wie 
beim Menschen. Also dürfte auch die Mensch- 
werdung, die Erhebung zum aufrechten Gang bei 
verlängerten Hintergliedmaßen, in der Steppe er- 
folgt sein. Nur in ihr konnte sich Kultur ent- 
falten, weiter entwickeln und den jetzigen Höhe- 
punkt erreichen. 

Europas Steppen nach der Eiszeit hatten 
reiches Säugetierleben. Vertreter, die schon durch 
ihre Körpergröße sich als fortgeschritten erweisen 
gegenüber ihren im Wald gebliebenen Verwandten, 
waren Breitstirnelch, Riesenhirsch, wollhaariges 
Rhinozeros, Bison priscus und Mammut. Ihre 
weniger ursprüngliche Organisation ist, wie das 
Hilzheimer des näheren ausführt, auch im 
einzelnen erweisbar. Was diese Tiere vernichtete, 
war der Wald, als er in ihre Wohngebiete ein- 
zog. Edelhirsch und Reh konnten, obwohl auch 
sie offenbar in Anpassung an die Steppe oder 
offene Landschaft ihre Eigentümlichkeiten erworben 
haben, im Wald noch fortbestehen, die großen 
Steppensäuger dagegen nicht. Mag auch Sibirien 
nie Wald gehabt haben, so wurden das Mammut, 
Bisonten und Rhinozeros an ihren winterlichen 
südwärts gerichteten Wanderungen — die sie 
mutmaßlich ausführten — durch einen Waldgürtel, 
die heutige Taiga südlich der Tundra, gehindert; 
in Nordamerika dagegen, wo sich eine gewaltige 
Prärie unbegrenzt nach Süden erstreckt, hat sich 
der Bison erhalten. 

Sucht man nun die Sätze, daß das Heraus- 
treten aus dem Wald Fortschritt bewirkt und die 
Rückkehr in ihn auf einer gewissen Organisations- 
höhe nicht mehr möglich ist, auf den Menschen 
anzuwenden, so findet man in der Tat die körper- 
lich und kulturell tiefstehenden Völker im Wald 
lebend: die zurückgebliebensten Indianer Amerikas 
(wenn wir von den besonders unwirtlichen Ver- 
hältnissen im äußersten Süden absehen), die Zwerg- 
völker Asiens und Afrikas. Die Erwerbung des 
aufrechten Ganges wird mit dem Heraustreten 
aus dem Wald erfolgt sein; die Pygmäen, kurz- 
beinig, sind also vor Erwerbung der verlängerten 
Hinterextremitäten in den Wald wieder zurück- 
gekehrt. In einem mehrmaligen Vorrücken und 
Rückgehen der zwischen dem Eis- und dem Wald- 
gürtel gelegenen Zonen liegt der Anstoß zur 
körperlichen und kulturellen Entwicklung des 
Menschen. 

Nordostafrika, in der Tertiärzeit ein Entwick- 
lungszentrum der Elefanten, Sirenen, Zetazeen 
und mancher Huftiere, das ehemalige Wohnge- 
biet eines Affen, den Schlosser wohl mit Recht 
für den Stammvater aller Anthropoiden und 
Hominiden hält, dürfte auch die Menschenaffen 



und den Menschen geliefert haben; irgendwo auf 
dem Gebiet südlich des nördlichen Waldgürtels 
treimten sich Menschenaffen und Menschen von- 
einander. Zu Beginn der Eiszeit paßte der Mensch 
sich dem südwärts rückenden Walde an. Im 
Norden aus ihm hervortretend, ergab er die 
Neandertalrasse. Er konnte nicht mehr zurück in 
den nordwärts vorrückenden Wald, und so mußte 
der Homo primigenius aussterben. Mit Beginn 
der jungen Altsteinzeit drangen ein zweites Mal 
Menschen in die nördliche Steppe vor, schon von 
höherer Kultur, sie ergaben den Homo aurigna- 
censis; auch er starb aus, getötet von dem wie- 
der nach Norden vorrückendem Walde. — Süd- 
lich des nördlichen Waldgürtels ist wohl die Kul- 
turentwicklung nie gestört worden. Zunehmende 
Wärme und Trockenheit nach der Eiszeit züchtete 
Wüstennomaden und als deren ausgeprägtesten Typ 
den feinknochigen, bei guter Muskulatur fettarmen, 
lebhaften, nervösen, dem Ackerbau seit alters ab- 
holden Juden. 

In dem Maße wie Eis, Tundra und Waldgürtel 
sich nordwärts zurückzogen, folgte die Kultur: es 
blühte Medien und dann Persien auf. Vor dem 
Wald der nordwärts vorliegenden Gebirge mußte 
die Kultur nach Westen ausweichen. Athen, 
Sparta, Korinth, Frankreich. Wir Deutschen da- 
gegen sind im Begriff, aus einem Waldvolk ein 
Steppenvolk zu werden, indem wir unter Mithilfe 
der Natur die Kultursteppen schaffen. 

So hypothetisch wie die Darlegungen des Ver- 
fassers sind, werden sie unausbleiblich auf manches 
Bedenken stoßen, doch betrachte ich es gerade 
aus diesem Grunde nicht als meine Aufgabe, auf 
solche Möglichkeiten im einzelnen hinzuweisen. 

V. Franz (Jena). 



Der Siiiupfzypressenwald iu Florida.^) 

Der Klang dieser Bezeichnung erweckt beim 
Leser unwillkürlich die Vorstellung von Sumpf, 
Moor, von schlammigem Boden und wuchernder 
Pflanzenwelt, allein von alledem habe ich soweit 
ich gekommen bin, d. h. bis zur ungefähren Hälfte 
der Halbinsel, nichts angetroffen, nichts wie das 
märkische Luch, das Hochmoor der Lüneburger 
Heide, die unergründlichen Moore des hohen 
Venns oder die Sümpfe des norwegischen Fjelds. 
Florida ähnelt in dem mir bekannt gewordenen 
Stromgebiet des St. John-River, der amerikanischen 
Riviera, der weiteren Umgebung von Berlin nach 
Osten zu ■ — fester grobkörniger Sandboden mit 
kärglichem Pflanzenwuchs und seichten Gewässern. 
Schematisch zerfällt die Landschaft in vier scharf 
gegeneinander abgegrenzte Zonen, die in unmittel- 



') Aus Anlaß der Veröffentlichung des Aufsatzes: Die 
Entstehung der bodenständigen Braunkohlen- 
flöze. Eine Würdigung des gegenwärtigen Stand es 
der Forschung in Nr. 38 dieser Zeitschrfft hat der Geh. 
Rat Prof. Eugen Bracht, Darmstadt, dem Verfasser einen 
Brief übersandt, der mit gütiger Erlaubnis hier abgedruckt 
sei, 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



125 



barer Abhängigkeit von ihrer Erhebung über dem 
Wasserspiegel stehen. 

Der Kiefernwald als erste Zone, der auf 
einem Boden steht, der sich dort meist nur um 
wenige Dezimeter über den Nullpunkt des Wasser- 
spiegels erhebt, nimmt den größten Raum ein. 
(Die Nadeln erreichen eine Länge, daß ich sie 
zweimal zusammenlegen mußte, um sie in der 
Brieftasche zu bergen.)') 

Der Boden wird als Unterholz von einer 
kriechenden Fächerpalme eingenommen, so daß 
eine Durchquerung dieser Kiefernwälder einige 
Schwierigkeiten bereitet. 

Von Zeit zu Zeit erblickt man in Gesichts- 
höhe eine der gefährlichen grafitfarbenen dicken 
Schlangen, die sich auf einem Fächerblatt aufge- 
rollt hier sonnen, beim Herannahen von Menschen 
jedoch nach unten verschwinden. Der Biß dieser 
Schlange ist tödlich. Hier und da erhebt sich 
über die Kronen der Kiefern ein etwas höheres 
Stockwerk, das von hohen Fächerpalmen gebildet 
wird. Diese Fächerpalme ist ein Uferbaum, der 
nur an feuchten Stellen wächst und daher den 
Lauf der Ströme und die Seeränder begleitet, in 
Buchten sogar im Wasser wurzelnd und der ganzen 
Landschaft einen tropischen Zug verleihend. Die 
Kiefernwaldzone ist eintönig und wird nur hier 
und da durch kleine Lichtungen oder Teiche unter- 
brochen; an den offenen Stellen bildet dann die 
Yucca am Boden vereinzelte Beete, während als 
größte Laubhölzer eine Nußbaumart ihre mächtigen 
Kronen über alles erhebt. 

Die zweite Zone seewärts ist die uns inter- 
essierende Sumpfzypressenzone. Sie tritt 
am Monroe Lake, wo ich sie zu beobachten Ge- 
legenheit hatte, nicht als ein zufällig und willkür- 
lich begrenztes Gebiet auf, sondern ihre Grenzen 
sind durch die Wassertiefe gegeben, die schätzungs- 
weise zwischen o — 1,50 m liegen mag. Auf 
dem festen Ufer wuchsen keine Zypressen, sondern 
nur Fächerpalmen, dagegen kam sie vereinzelt im 
Buschwerk auch auf höherem Standort an den 
Flußrändern vor. 

Die Zypresse erscheint unmittelbar als ein 
Anpassungsergebnis an sinkenden Boden. Nach- 
dem sich die Pflanze durch Bildung der Atem- 
wurzeln dem Leben im stehenden Wasser ange- 
paßt hat, iieht sie die Seichtwasserzone dem Fest- 
land vor. Sie ist aber in derselben an ein be- 
grenztes Maximum der Wassertiefe gebunden; es 
gibt somit in Seen wie dem Monroe- Lake keine 
Wälder von beliebiger Flächenausdehnung, sondern 
nur mäßig breite Gürtel, die im Seichtwasser 
wachsen, dessen Tiefe zwischen ziemlich engen 
Grenzen schwankt. Der Wald ist also nur vom 
Kahn aus zu erreichen; da aber die Atemwurzeln 
den Stamm rings umgeben, so bedarf es einiger 
Vorsicht, um ohne Leck durchzukommen. Die 
eigentlichen Wurzeln sind sehr dicht und radial 
angeordnet und liegen ganz flach dem harten 



•) Pinus palustris, Longleavedpine ? 



Seegrund auf; Pfahlwurzeln habe ich bei ent- 
wurzelten Exemplaren nicht bemerkt. Aus den 
Wurzeln erheben sich die hohlen flachgedrückten 
Atemwurzeln bis etwa 50—75 cm über die Was- 
seroberfläche heraus und besorgen die Luftzufuhr 
für das Wurzelsystem. 

Die äußere Erscheinung des Sumpfzypressen- 
waldes ist sehr eigenartig; unheimlich ist der 
Anblick der zum Teil mächtigen, sehr locker 
stehenden Stämme mit ihrem stark verbreiterten 
Fußende! Da jeder Baum eines ausgebreiteten 
Podiums bedarf, so ist der lichte Bestand erklär- 
lich. Beim Fehlen jeglichen Unterholzes ist kein 
Vogel zu sehen noch zu hören — es herrscht 
vollkommenes Schweigen. Die Belaubung der 
älteren Bäume ist sehr dürftig, die winzigen 
Schüppchen wirken kaum als Laub und oft ist 
mehr Spanisches Gras vorhanden als Laub ; dieser 
Epiphyt hängt in massigen schwarzen Floren 
von den Asten, als Trauerschmuck das unheim- 
liche der Stimmung unterstreichend, und ich fühlte 
mich wie in eine geologische Vergangenheit ver- 
setzt. 

Dort wo die zunehmende Tiefe des Seewassers 
dem Fortkommen der Zypresse eine Grenze setzt, 
beginnt die dritte, die Graszone; diese schließt 
sich ohne merkliche Übergangszone dem Wald- 
gürtel an und auch diese botanische Art ist offen- 
bar an eine gewisse Wassertiefe gebunden. (Zahlen 
vermag ich leider nicht anzugeben.) Ich kann 
nur erwähnen, daß unsere langen Ruder beim 
Durchqueren der Graszone nicht mehr bis auf 
den Grund reichten, so daß wir mehrfach stecken 
blieben; wir mußten alsdann Bündel der über 
mannshoch aus dem Wasser ragenden Halme zu- 
sammenraffen und uns auf diese Weise mit dem 
Kahn weiterziehen. Ähnlich wie die Zypresse 
stellt auch dies Schilfgras eine Anpassung an den 
sinkenden Boden dar. Bei seinem dichten Bestand 
muß es einen ergiebigen Produzenten von Pflanzen- 
substanz abgeben, die sich unter günstigen Ver- 
hältnissen als abgestorbene organische Masse, als 
Flöz anhäufen kann. 

Diese breiten Schilfgrasflächen werden nun 
seewärts von einem letzten Vegetationsgürtel, als 
vierter Zone, abgelöst, nämlich von einer auf der 
Wasserfläche schwimmenden Pflanzen- 
decke. Dieselbe besteht meiner Erinnerung 
nach ganz oder wenigstens der Hauptmasse nach 
aus entwurzeltem Schiifgrase und zwar in so 
dichter und tiefer Packung, daß wir unser Boot 
nur mit größter Mühe hindurchzubringen ver- 
mochten. Das Rudern war natürlich ausgeschlos- 
sen und das Abstoßen mit den Rudern, um von 
einer kleinen Lücke zur anderen zu gelangen, 
hatte wegen des Ausweichens der schwimmenden 
Massen nur geringen Erfolg. 

Diese schwimmende Decke enspricht wohl der 
größten Tiefe, bis zu welcher das Schilfgras zu 
wachsen vermag und bei der Wind und Stürme 
ihre Entwurzelungstätigkeit ausüben. 

Was nun die Senkungsvorgänge anbetrifft, so 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift, 



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haben, wie ich las, Bohrungen im Gebiet von 
New Orleans das Vorkommen von zwei oder gar 
drei Horizonten von Sumpfzypressenstämmen, bei 
30 — 40 und öo m ? Tiefe ergeben ; zwischen diesen 
Horizonten lagern anorganische Ablagerungen; 
hiermit dürften frühere Senkungen wohl ge- 
nügend erwiesen sein; in Florida dagegen würde 
bei einer heutigen plötzlichen Senkung zur 
Ausfüllung eines tieferen Seebeckens, um den 
Boden für einen neuen Zypressenwald zu schaffen, 
das Schwemmaterial fehlen mangels eines höher 
gelegenen Hinterlandes. 

Die Betrachtung des von der schwarzbraunen 
Kohlenumhüllung entblößten Stubbenhorizontes 
in der Lauchhammerschen Grube im Senfienberger 
Revier versetzte mich unwillkürlich nach dem noch 
lebenden Sumpfzypressenwald in Florida und regte 
mich zum Feststellen des Gleichartigen sowie der 
Unterschiede an. Es lag zunächst kein Grund 
vor anzunehmen, daß der einstige deutsche Zy- 
pressenwald wesentlich anders ausgesehen habe 
wie der amerikanische; dagegen hatte ich keine 
klare Vorstellung davon, welche Naturereignisse 
zur Ausbildung eines Stubbenhorizontes führen 
konnten. Schon die bloße Tatsache, daß alle 
Bäume in einer gewissen Höhe abgebrochen zu 
sein schienen, versetzte mich in Erstaunen; auch 
vermochte ich mir aus der Erinnerung an den 
heutigen Wasserwald ohne jede andere Vegetation 
noch Unterholz zunächst nicht klarzumachen, 
welche Pflanze, oder welche Pflanzengemeinschaft 
das IVlaterial zu einer solchen Einbettung geliefert 
haben konnte. 

Nun stellt sich bezüglich einer solchen Ein- 
bettung seit dem Erscheinen der Po tonieschen 
Arbeiten bei jedem Beobachter unwillkürlich der 
Begrifif der Vertorfung ein, die ja in normalen 
Verhältnissen rasch verläuft; es war mir auch 
gegenwärtig wie schnell solche Vertorfungen sich 
vollziehen können. 

Auf dem Torfgebiet des Hohlohs zwischen Gernsbach 
und Wildbad pflegen I m tiefe Entwässerungsgräben bereits 
nach wenigen Jahren wieder völlig zugewachsen zu sein. 
Einen chronologischen Anhalt kenne ich von den Hochmooren 
des Hohen Venns, wo die bisherige preußisch-belgische Grenze 
entlang einer Römerstraße, „la Vecquee" genannt, verläuft. 
Diese Straße liegt unter dem Torf auf der alten Bodenober- 
fläche und wurde zu der Zeit, als ich mich dort aufhielt, der 
Steingewinnung wegen ausgehoben. Dicht dabei fanden sich 
auf der alten Bodenfläche beträchtliche Schlackenlager ausge- 
breitet, die von einstiger Eisenverhüttung herrührten, aus einer 
Zeit, als die Höhen des Venns mit Wald bestanden waren 
und man das Erz zum Brennmaterial heraufführle, anstatt um- 
gekehrt wie heute. Römerstraße und Schlackenlager liegen 
2 m unter der jetzigen Torfoberfläche, so daß diese Vertorfung 
an 1700 Jahre beansprucht hat. 

Es erscheint mir daher verständlich, daß ein 
Sumpfzypressenwald durch eine geringe Senkung 
des Bodens gelötet werden kann, um dann sofort 
durch jene Schilfgrasvegetation, die ich oben be- 
schrieb, vollkommen eingebettet zu werden, und 
zwar schnell genug, daß noch keine weitgehende 
Vermoderung der Wurzelstumpfe eingetreten ist. 
Es liegt wohl auf der Hand, daß dieses Schilfgras 



bei dem nahezu völligen Fehlen einer Winterruhe 
zu einer schier unbegrenzten Wachstumsleistung 
gelangen konnte, um in verhältnismäßig kurzer 
Zeit ungeheuere Mengen abgestorbenen organischen 
Materials zu erzeugen, so daß selbst in den 
Subtropen eine Art Torfbildung auf diesem Wege 
möglich war. 

Fassen wir die für Florida so einschneidenden 
Senkungsvorgänge näher ins Auge, so ergibt sich, 
daß dieselben nicht ganz einfach zutage liegen. 
Mein Eindruck des Landes war nämlich nicht nur 
derjenige von Landsenkung, sondern es erweckte 
die gänzlich verschlissene Oberfläche, die ganz 
geringe Hügelbildung und das Fehlen von Auf- 
schlüssen und anstehendem Gestein die Vorstellung 
von einer nach früherem Untergetauchtsein wieder 
gehobenen Landmasse. An Steinen traf ich nur 
einigemal im Urwald kleine bemooste Häufchen, 
die dem Begriff einer Indianerbestattung ent- 
sprachen; sonst gibt es da wo ich war, keinen 
Siein und die Reste einer einstigen Steinzeit sind 
nur als Analogie als solche zu deuten. Schon 
bei der Landung in Sanford am Lake Monroe auf 
den paar Schritten vom Garteneingang bis zum 
Hotel wußte ich, daß ich auf vorgeschichtlichem 
Material wandelte; die Wege waren nämlich mit 
Muschelschalentrümmern bekiest und ein fünf- 
pfennigstückgroßes Bruchstück eines halbgebrannten 
Napfes verrieten dies. Der Gärtner bestätigte mir 
die Herkunft dieses „Kieses" aus einem erreich- 
baren „Shellmound", den ich bald aufsuchte. 

Wenn nun die Bildung der Stubbenhorizonte 
an sich schwer verständlich erscheint und in der 
Tat ohne die Annahme einzelner, innerhalb der 
säkularen Senkung vorgekommener instantaner 
Senkungen unerklärlich bleiben müßte, so bietet 
das Bild des Shell-mound's in schroffem Gegensatz 
hierzu den Begriff äußersten Stillstandes und 
säkularen Verharrens ohne die leiseste physikalische 
oder klimatische, botanische sowie zoologische 
Veränderung. 

Die bloße Umschau von den Muschelbergen, 
8 — 10 m hoch, 50 Schritte breit und kilometerlang 
sich am Seeufer hinziehend, erweckt zunächst die 
Vorstellung unermeßlich langer Zeiträume, die 
erforderlich waren, um bei dem äußerst geringen 
täglichen Zuwachs an zerstampften Gehäusen solche 
Anhäufungen zu schaffen. Hier haben Geschlechter 
in vollkommenem kulturellen Stillstand eben gerade 
nur gelebt und sich ernährt — ohne Klimaänderung, 
ohne Jahreszeiten, ohne Winterkälte — jeden 
Kulturanstoßes enthoben und nur Schnecken- 
gehäuseschichten über ältere Schichten häufend. 
Ihre einzige Sorge war, Brennholz für das Rösten 
sowie Feuer oder allenfalls Ton für die Herstellung 
roher Gefäße zu beschaffen. Jedes Gehäuse wurde 
mit einem Holzstäbchen angebohrt, um das ge- 
bratene Tier herauszuholen. Als einziges anderes 
Gerät kommen als große Seltenheit fossile Haifisch- 
zähne vor, die von anderen Gebieten mitgebracht 
werden mußten. Ich habe trotz eifrigen Suchens 
nicht die leiseste Spur eines Gerätes angetroffen 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



127 



— nur die dünnen Aschenschichten fanden sich 
in allen Lagen. 

Steigt man den steilen Abhang zu dem 
brackischen Seewasser hinab, so sieht man, daß 
die Schalenmassen bis unter den Wasserspiegel 
reichen — und daß in dem klaren seichten Wasser 
heute noch die gleiche Schnecke weilerlebt, deren 
Schale die Muschelberge bildet, wie ein Zeugnis 
zugunsten der S i m r o t h sehen Pendulationstheorie. 
Es hat somit hier seit den — wir dürfen wohl 
sagen — vielen Jahrtausenden seit dem Auf- 
treten des Menschen eine wesentliche Senkung 
des Bodens nicht stattgefunden; es ist dies eine 
Tatsache, an der nicht vorbeizukommen ist, wie 
sie indessen mit den sonstigen Anzeichen und 
den auf „Senkung" eingestellten Annahmen in 
Widerspruch steht 1 

Dieser Widerspruch ist indessen doch nur ein 
scheinbarer, denn eine Betrachtung der Tiefenkarte 
des mexikanischen Meerbusens liefert den Schlüs- 
sel dazu. 

Da zeigt es sich nämlich, daß die Halbinsel 
nicht als Ganzes gleichmäßigen Senkungsvorgängen 
unterworfen wurde, sondern die Westküste ganz 
anders davon betroffen wurde als die Ostküste. 
Dies geht aus dem Verlauf der Steilabsturzlinie 
nach dem mexikanischen Meerbusen zu hervor, 
die im Westen bei 270 km Entfernung von der 
Küste von 200 auf 2000 m, im Süden sogar von 
95 auf 3700 m absinkt und hiermit bezeugt, daß 
die Halbinsel einst an dieser Westseite mehr als 
doppelt so breit warl 

Im Osten dagegen ist der Absturz nur ganz 
gering und verläuft nahe der Küste bei nur unbe- 
deutender Landeinbuße. 

Es bedeutet dies, daß die Senkung sich in 
einer Art Kippbewegung um eine Drehachse voll- 
zog, die fast genau mit dem Verlauf der Ostküste 
zusammenfallt, welche somit nahezu stillstehend 
in ihrer alten Lage verharren konnte. 

Da der beschriebene Shellmound ganz nahe 
der Ostküste gelegen ist, wird dessen Verbleib im 
ursprünglichen Zustande ganz begreiflich und die 
etwaigen Senkungen und Hebungen, die hier statt- 
gefunden haben mögen, müssen vor Anwesenheit 
des Menschen sich zugetragen haben. 

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß 
der Zypressenwald des Monroesees zwar eine be- 
stimmte Form des Vorkommens im seichten 
Seewasser darstellt, während die Verhältnisse im 
Süden der Halbinsel etwas andere sein mögen, 
dennoch aber insofern auf gleiche Wachstums- 
verhältnisse hinauskommen als die Okefeno swamps 
mit ihrer Fläche von ca. 900 qkm, und die Ever- 
glades Cypress swamps mit 275 km Länge und 
95 km Breite, d. h. 20 000 qkm ein Seichtwasser- 



gebiet von 0,30 — I m Tiefe darstellen, die in der 
Regenzeit noch anwächst; eine wesentlich ver- 
schiedene Moorvegetation, die für die Vertorfung 
in Frage kommen könnte, darf somit kaum vor- 
ausgesetzt werden ! 

Fassen wir die Ergebnisse der Beobachtungen 
zusammen, um die heutigen noch im Sumpfzy- 
pressenwald bestehenden Verhältnisse mit den 
fossilen tertiären Vorkommen im heimischen Ge- 
biet zu vergleichen, so ergeben sich folgende Tat- 
sachen : 

1. Es gibt in Florida heute noch Sumpfzy- 
pressenwald im Seichtwasser der Seen, der bei be- 
schränkter Wassertiefe einen Vegetationsgürtel 
darstellt. 

2. Für eine eigentliche Sumpfvegetation ist an 
diesen Stellen kein Platz. 

3. Die Sumpfvegetation wird durch eine Schilf- 
graszone ersetzt, deren Zerfallprodukte eine Art 
Vertorfung erzeugen könnten. 

4. Die Einbettung von Strecken des Sumpf- 
zypressenwaldes in organische Schichten, eventuell 
in abgestorbenem Schilfgras ist an eine Senkung 
des Untergrundes, beziehungsweise an ein Vor- 
rücken des Schilfgrasgebietes landeinwärts bei 
wachsender Wassertiefe gebunden. 

5. Während die Bohrungen im Mississippigebiet, 
500 engl. Meilen westlich, das Vorhandensein von 
Sumpfzypressenhorizonten in größeren Tiefen an- 
deuten, denen Senkungen, säkulare sowie in- 
stantane, entsprechen müssen, zeigt ein Muschel- 
haufen eine nur unwesentliche Senkung des Bodens 
seit seines Entstehens, obwohl die Bildung zwar 
unmeßbare, aber sicherlich ungeheuere Zeiträume 
in Anspruch genommen hat. 

6. Der scheinbare Widerspruch zwischen die- 
sem Stillstand und den sonstigen Anzeichen von 
Bodensenkung findet seine Erklärung in einem 
verschieden gearteten Anteil an den Bodenbewe- 
gungen der Ost- und der Westküste der Halb- 
insel, in dem Sinne, daß während die erstere 
ziemlich unberührt verblieb, die Westküste durch 
starke Senkungen ins Meer versank und die Halb- 
insel auf weniger als den halben Flächenraum 
einschrumpfte. 

7. In Anbetracht der Wahrscheinlichkeit, daß 
organische Ablagerungen nur dann der Zerstörung 
zu entgehen vermögen, wenn ihnen durch baldige 
Bedeckung mit anorganischen Sedimenten der 
nötige Schutz zuteil wird, darf für Florida, bei 
dem Fehlen eines abtragungsfähigen höheren 
Hinterlandes, die Bildung von Stubbenhorizonten 
in Verbindung mit Braunkohlenflözen wie unsere 
heimischen nicht vorausgesetzt werden. 

Eugen Bracht. 



Bücherbesprechimgen. 



Disp er, Peter, Über die Massenverteilung 
und Verschiebung der Druck- und 



Zugkräfte in einemKometen. Montabau 
1919, WUly Kalb. 3 M. 



128 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 8 



Der Verfasser gibt leider nicht genau an, wie 
er sich die physikalische und chemische Be- 
schaffenheit eines Kometen vorstellt, was aber 
zwischen seinen mathematischen Ableitungen an 
Bemerkungen eingestreut ist, setzt jedenfalls ganz 
andere Gebilde voraus, als sie über die Natur der 
Kometen durch die Beobachtung bekannt geworden 
sind. Es könnte sonst nicht auf S. 15 heißen: 
„Der Schweif besitzt also einen, wenn auch äußerst 
geringen Grad von Elastizität und Biegsamkeit, 
wie sie etwa einem erhitzten und schnell abge- 
kühlten Stück Eisen eigentümlich ist." Der Ko- 
metenkopf scheint nach Disper eine Gasmasse 
zu sein, und keine meteorische Wolke, so daß die 
von ihm abgeleiteten Ergebnisse für die wirklichen 
Kometen kaum in Betracht kommen dürften. 
Interessant sind die von ihm gefundenen Be- 
ziehungen zwischen Gravitation und Wärme, die 
mit den Anschauungen von Fricke identisch 
sind (vgl. S. 158 dieses Bandes). Riem. 

Beutner, R., DieEntstehungelektrischer 
Ströme in lebenden Geweben und 
ihre künstliche Nachahmung durch 
synthetische organische Substanzen. 
Stuttgart 1920, Verlag von F. Enke. 
In dem vorliegenden, streng wissenschaftlichen 
Werke berichtet der Verf. vor allem über seine 
äußerst interessanten Versuche über die Entwick- 
lung elektromotorischer Kräfte bei der Einschal- 
tung einer mit Wasser nicht mischbaren organi- 
schen Flüssigkeit (kurz als „Öl" bezeichnet) zwi- 
schen wässrige Lösungen verschiedener Salze oder 
eines Salzes in verschiedendn Konzentrationen, und 
über Ketten, die aus zwei verschiedenen, zwischen 
identische wässrige Salzlösungen geschaltete „Öle" 
aufgebaut wurden. 

Ganz abgesehen vom großen Interesse, daß 
diese Ketten und ihre Theorie für die physikalische 
Chemie besitzen, sind sie von außerordentlichem 
Werte für die Deutung der elektrischen Ströme, 
die an allen lebenden Geweben zwischen einer 
normalen und einer verletzten Gewebsstelle auf- 
treten. 

So sei z. B. nur darauf hingewiesen, daß nach 
Ansicht der Ref aus Beutners Versuchen her- 
vorgeht, daß alle Versuche, die schädigende 
Wirkung verschiedener Salze auf tierische Gewebe 
an der Größe des von ihnen hervorgerufenen 
elektrischen Stromes zu messen, ihr Ziel verfehlten, 
weil nicht die Giftwirkung des Salzes, sondern 
sein Teilungskoefizient zwischen Wasser und Ge- 
websoberfläche die Ursache der Verschiedenheit 



der entwickelten elektromotorischen Kräfte zu 
sein scheint. 

Die den Physiologen am meisten interessierenden 
elektromotorischen Wirkungen der tierischen Ge- 
webe, die „Akiionsströme" werden vom Verf. nicht 
diskutiert; sicher werden auch bei ihrer Deutung 
die Beutnerschen Versuche zu berücksichtigen 
sein. 

Es ist hocherfreulich, daß die Verlagsbuch- 
handlung dieses Buch, obwohl es vielleicht zu- 
nächst leider nur auf einen kleineren Leserkreis 
hoffen darf, der Wissenschaft zugänglich gemacht 
hat. Brücke, Innsbruck. 



Schulz, H., Das Sehen, eine Einführung 
in die physiologische Optik. Stutt- 
gart 1920, Verlag F. Enke. 
Das vorliegende Werk entstammt der Feder 
eines Physikers und hat die Vorzüge und Nach- 
teile dieser Abstammung. 

Es führt den Leser gut in die mit der physio- 
logischenOptik zusammenhängenden physikalischen 
Probleme ein. In die Darstellung der speziell 
physiologischen und psychologischen Tatsachen 
hat sich aber leider eine recht beträchtliche Zahl 
von Irrtümern eingeschlichen. 

Dennoch wird das Buch als Ganzes weiten 
Kreisen wertvolle Kenntnisse vermitteln können. 

Brücke, Innsbruck. 



Literatur. 

Seifert, Prof. Dr. O. , Die tierischen Parasiten des 
Menschen. II. Teil. Klinik und Therapie der tierischen Para- 
siten des Menschen. Mit 19 Te.xtabb. 2. Aufl. Leipzig '20, 
C. Kabitsch. 72 M. 

Pauli, Prof. Dr. Wo., Kolloidchemie der Eiweifikörper. 

1. Hälfte. Mit 27 Textabb, Diesden u. Leipzig '20, Th. 
Steinkopf. 

Beniner, R. , Die Entstehung elektrischer Ströme in 
lebenden Geweben und ihre künstliche Nachahmung durch 
synthetische organische Substanzen. Mit 15 Textabb. Stutt- 
gart '20, F. Enke. 40 M. 

Fehlinger, H., Das Geschlechtsleben der Naturvölker. 
Mit 9 Textabb. Leipzig '21, C. Kabitsch. 15 M. 

Gothan, Prof. Dr., Potonies Lehrbuch der Paläobotanik. 

2. umgearb. Aufl. 2. Lief. Berlin, Gebr. Bornträger. 22 M. 

Cassirer, E., Zur Einsteinschen Relativitätstheorie. Er- 
kenntnisiheoretische Betrachtungen. Berlin '21, B. Cassirer. 

Schulz, Dr. H., Das Sehen. Eine Einfuhrung in die 
physiologische Optik. Mit 86 Textabb. Stuttgart, F. Enke. 
25 M. 

Donath, Prof. Dr. und Lissner, Dr. A. , Kohle und 
Erdöl. Mit 8 Abb. Ebenda. 7,50 M. 

Kauffmann, Prof. Dr. H., Beziehungen zwischen phy- 
sikalischen Eigenschaften und chemischer Konstitution. Ebenda 
60 M. 



Inhalt: F. Kobel, Das Problem der Wirtswahl bei den parasitischen Pilzen. S. 1:3. H. Passarge Die Birotations- 
Iheorie. S. 118. — Einzelberichte: M. Weth, Der positive Spitzenstrom. S. 121. H. Wachs, Restitution des Auges 
nach E.xstirpation von Retma und Linse bei Tritonen. S. 123. Hilzheimer, Der Ursprung des Menschengeschlechts. 
S. 123. E. Bracht, Der Sumpfzypressenwald in Florida. S. 124. — Bücherbesprechungen: P. Disper, Über die 
Massenverteilung und Verschiebung der Druck- und Zugkräfte in einem Kometen. S. 127. R. B eutner, Die Ent- 
stehung elektrischer Ströme in lebenden Geweben und ihre künstliche Nachahmung durch synthetische organische Sub- 
stanzen. S. 1 28. H. S c h u 1 z , Das Seh en, eine Einführung in die physiologische Optik. S. 128. — Literatur: Liste. S. 128. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Mi ehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. 

Verlag Ton Gustav Fischer in Jena. 
Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Naturwis senschaftliche Wochenschrift. 

Sonntag, den 27. Februar 1921. Nummer 9. 



Neue Folge so. Band; 
der ganxen Reihe 3Ö. Band. 



[Nachdruck verboten.] 



Pflanzen als Wetterpropheten. 

Von K. Goebel. 
Mit 2 Abbildungen. 



Das Wetter vorhersagen zu können, war von 
jeher ein eifrig erstrebtes Ziel — bekannthch ist es 
auch jetzt nur noch unvollkommen erreicht. So- 
lange man aber diesem Wunsch hilflos gegenüber- 
stand, suchte man ihn auf einem Umweg zu be- 
friedigen. Man nahm an, daß andere Organismen 
bessere Wetterpropheten seien als der Mensch. 

Zu diesen Organismen rechnete man auch 
einige Pflanzen, die durch mehr oder minder auf- 
fallende Bewegungen erkennen lassen sollten, ob 
gutes oder schlechtes Wetter bevorstehe. Dieser 
Glauben war so fest begründet, daß manche dieser 
Pflanzen sogar ihre Artbezeichnung daher erhielten. 
Allgemein bekannt sind bei uns die „Wetterdistel" 
(Carlina acaulis) und das „Wettermoos" (Funaria 
hygrometrica). ^) In unseren botanischen Gärten 
aligemein verbreitet (auch als Zierpflanze angebaut) 
ist eine Kappflanze, Dimorphotheca p 1 u v i a 1 i s , -) 
so genannt, weil sie ihre Blütenköpfe bei Regen 
schließen soll. Auch der aus Peru stammende 
Strauch Porliera hygrometrica verdankt seinen Art- 
namen einem ähnlichen Glauben. Aber auch 
solche Pflanzen, denen man es nicht schon am 
Namen anmerkt, haben zeitweise als Wetter- 
propheten Aufsehen erregt. So der unten zu er- 
wähnende Abrus precatorius und andere. 

Wenn wir uns fragen, wie diese Pflanzen zu 
ihrem Rufe gekommen sind und ob dieser be- 
gründet ist, so sei zunächst daran erinnert, daß 
die Bewegungen, welche diese Pflanzen ausführen, 
ganz verschiedener Natur sind. 

Bei Porliera, Abrus, Dimorphotheca u. a. 
handelt es sich um Bewegungen lebender Blatt- 
organe, bei Carlina, Funaria u. a. dagegen um 
tote Pflanzenteile, die hygroskopische Bewegungen 
ausführen. Diese bedürfen hier keiner ausführlichen 
Besprechung — man findet sie ja in jedem 
botanischen Lehrbuch erwähnt. Es sei deshalb 
nur weniges hervorgehoben. 

1. Die hygroskopische Empfindlichkeit ist eine 
außerordentlich verschiedene. Am größten ist 
sie unter den mir bekannten Pflanzen bei einigen 
australischen „Strohblumen". Als Strohblumen 
oder „Immortellen" bezeichnet man bekanntlich 
einige Kompositen, deren Hochblatthülle aus 
Blättern besteht, die, wenigstens in ihrem oberen 
Teile, aus totem Gewebe bestehen, das sich ohne 



•) Linne führt bei Besprechung des Nutzens des Moose 
ausdrücklich an; „Mnium hygrometricum utwisar luftens 
torka eller fuktighet (Skrifter afCarl v. Linne II, p. 137). 

^) Noch im Katalog für 1921 von einer Erfurter Firma 
steht bei dieser Pflanze ,, zeigt Regen an". 



erhebliche Schrumpfung im trockenen Zustand 
erhält und so dem ungeübten Auge als „lebend" 
erscheint. Die Bezeichnung „Immortellen" ist also 
eine ebenso irrige, als die der „Jerichorose" als 
„Auferstehungspfianze" (Anastatica), in beiden 
Fällen handelt es sich um totes Gewebe, das 
weder nochmals sterben noch wieder aufleben kann. 

Bekannt sind auch außer der schon genannten 
Wetterdistel namentlich die auf trockenen Wiesen 
bei uns wachsenden „Katzenpfötchen", Antennaria 
dioica. Die hygroskopische Empfindlichkeit der 
Hüllblätter dieser Pflanzen ist aber eine recht 
bescheidene gegenüber der einiger australischer 
Helipteres - Arten , die in unseren Gärten nicht 
selten als Zierpflanzen gezogen werden, weil 
deren Hüllblätter durch ihre lebhafte Färbung 
(rot, gelb usw.) ebenso als „Schauapparat" — 
wenigstens für das menschliche Auge — auffallen, 
wie bei anderen Kompositen die Randblüten. 

Diese Hüllblätter besitzen eine kurze mittlere 
Zone, die als hygroskopisches Bewegungsgelenk 
tätig ist. ') Bestreicht man diese Zone auf der 
Außenseite mit Wasser, so tritt augenblicklich 
eine starke Einwärtskrümmung des oberen Blatt- 
teiles ein, während keine Bewegung erfolgt, wenn 
man den oberhalb des Gelenkteiles gelegenen 
Teil des Involukralblattes benetzt. Das Gelenk 
ist eine ganz kurze schmale Zone an der Grenze 
zwischen dem unteren, teilweise noch aus lebendem 
Gewebe bestehenden Teil des Involukralblattes 
und dem oberen, schmäleren gefärbten. Es ist 
dorsiventral, denn nur die Außenseite (Unterseite) 
ist in erheblichem Maße hygroskopisch. Diese 
aber ist sehr empfindlich. Es genügt, daß man 
einen „geöffneten" Blütenkopf in einen wasser- 
dampfreichen Raum bringt, um sofort einen Ver- 
schluß der Blütenköpfe herbeizuführen. Als solchen 
Raum benutzte ich das Victoria regia- Haus unseres 
Gartens. Die Blütenköpfe von Helipteres roseum 
blieben darin dauernd geschlossen. Nur bei sta;i:em 
Sonnenschein, der zunächst eine Verminderung 
der relativen Luftfeuchtigkeit bedingte, trat eine 
schwache Öffnung ein. Es genügt also Wasser- 
dampf, um eine Schließbewegung herbeizuführen. 
Demgemäß blieben an luftfeuchten Tagen auch 
die Blütenköpfe geschlossen. Es kann keinem 
Zweifel unterliegen, daß auch der abendliche Ver- 
schluß derHelipteres-Blütenköpfe auf eine Zunahme 
der relativen Luftfeuchtigkeit, also auf einer hygro- 



') Vgl. Goebel, Die Entfaltungsbcwegungen der Pflanzen, 
Jena 1920, S. 93. 



130 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 9 



skopischen Bewegung beruht. Um einigermaßen 
zahlenmäßige Anhaltspunkte für die hygroskopische 
Empfindlichkeit dieser Involukralblätter zu ge- 
winnen, wurden im Exsikkator durch Schwefelsäure 
verschiedenen Wassergehaltes verschiedene Grade 
relativer Luftfeuchtigkeit hergestellt. Bei Anwendung 
von 40proz. Schwefelsäure (57% relative Luft- 
feuchtigkeit) blieben die Köpfe offen. Bei 35proz. 
(etwa ö5"/(, relative Luftfeuchtigkeit) waren sie halb- 
geöffnet, bei 30proz. (/Ö^/q relative Luftfeuchtig- 
keit) geschlossen. IMan kann also wohl annehmen, 
daß Verschluß erfolgt, wenn etwa 70% relative 
Luftfeuchtigkeit erreicht ist. Eine Verminderung 
um 13% genügt, um die Offnungsbewegung herbei- 
zuführen. 

Man wird geneigt sein, anzunehmen, daß diese 
starke hygroskopische Empfindlichkeit der Pflanze 
von Nutzen sei, derart etwa, daß nachts die Blüten 
durch den Verschluß des Involukrums gegen die 
schädliche Einwirkung von Feuchtigkeit geschützt 
seien. 

Das ist möglich. Aber es sei darauf hinge- 
wiesen, daß eine hygroskopische Empfindlichkeit 
auch vorkommt, wo diese Schutzbedeutung aus- 
geschlossen ist. So ist es bei Ammobium alatum, 
der bekanntesten „Strohblume", die gleichfalls 
dem australischen Florengebiet entstammt. Hier 
sind die Hüllblätter so kurz, die Blütenköpfe so 
dick, daß die letzteren von ersteren zur Blütezeit 
nicht mehr ,, geschlossen" werden können. Trotz- 
dem sind die Hüllblätter hier ebenfalls hygrosko- 
pisch. Diese Eigenschaft ist also gewiß nicht im 
„Kampf ums Dasein" zum Schutz der Blüten er- 
worben worden. Vielmehr sehen wir den oberen 
Teil der Hüllblätter an den Blütenköpfen einer 
ganzen Anzahl von Kompositen aus ganz oder 
größtenteils abgestorbenem Gewebe bestehen 
(z. B. Xeranthemum, einige Centaurea-Arten u. a.), 
ohne daß sie ausgesprochen hyproskopische Be- 
wegungen ausführen. Bei Helipteres ist die pri- 
märe Funktion des Gelenks die der Öffnung des 
Hüllblattapparates beim Austrocknen. Das ge- 
schieht durch Schwinden des Gelenks auf der 
Außenseite. Die Schließbewegung kann ja mög- 
licherweise auch von Nutzen sein. Aber wenn 
ein solcher vorhanden ist — was nur experimen- 
tell erwiesen werden kann — , so ist er nur ein 
sekundärer. 

Die kurz besprochenen hygrometrischen Pflan- 
zen können also insofern einigermaßen als „Wet- 
terpropheten" gelten, als sie eine Zunahme der 
Luftfeuchtigkeit anzeigen, die ja vielfach dem 
Regen voran geht. 

Geheimnisvollere Kräfte schrieb man der 
zweiten Gruppe von Pflanzen zu, bei denen es 
sich namentlich um Öffnungs- und Schließbe- 
wegungen von Blütenköpfen und Blättern handelt. 

Vaucher, in dessen — mit Unrecht fast ver- 
gessenem — Werk sich eine Menge „biologischer" 
Beobachtungen finden, sagt ^) von Dimorphotheca: 
„Ce que le Pluvialis presente de remarquable, c'est 
le mouvement de ses ligules qui s'ouvrent le 



matin, si la temp^rature est sereine, mais qui 
restent fermes, si le temps annonce une pluie 
durable, et non pas une pluie d'orage." Er folgte 
darin im wesentlichen dem, was Linne von einer 
anderen Pflanze anführte: „Den Sonchus Sibiriens 
(= Lactuca sibirica) hat Linne-) sogar zum Wet- 
terpropheten gemacht, indem er sagte, daß der 
folgende Tag meistens schön ist, wenn die Blüthen 
des Sonchus die Nacht hindurch geschlossen sind; 
der folgende Tag wäre aber unbeständig und 
regnigt, wenn die Blüthen des Sonchus die ganze 
Nacht hindurch offen geblieben wären. Ich habe 
zwar nicht Gelegenheit gehabt den Sonchus 
Sibiriens des Nachts zu beobachten, aber wahr- 
scheinlich wird er ein ebenso schlechter Wetter- 
prophet sein, als die Calendula pluvialis, von der 
man sagt, daß sie sich schließt, wenn Regen bevor- 
steht; diese Blume richtet sich aber mehr nach 
dem Sonnenschein, als nach dem kommenden 
Regen. Herr Link sagte, daß er die Calendula 
pluvialis sehr oft beobachtet und gefunden habe, 
daß sie sich nur dann an das Wetter kehrt, wenn 
es lange trocken gewesen ist, wenn aber oft 
Regenschauer kommen, so richtet sie sich auf 
keine Weise darnach, woraus man auf ein Ge- 
wöhnen an schlechtes Wetter schließen könnte."^) 
Tatsächlich handelt es sich bei diesen Kompositen 
aber nicht um Wetterpropheten. An einem warmen 
Julitage blieben in unserem Garten die Pflanzen 
von Dimorphotheca pluvialis trotz 10 Minuten 
langem prasselndem Regens geöffnet — während 
die Blütenköpfe von Helipteres roseum und H. 
Manglesii durch die Bewegungen ihrer Involu- 
kralblätter geschlossen waren. Das periodische 
Offnen und Schließen dieser Pflanzen wird viel- 
mehr wie in anderen Fällen durch ihre Empfind- 
lichkeit für Schwankungen der Licht- und Wärme- 
intensität bedingt. Je nach den einzelnen Pflanzen 
überwiegt die thermonastische oder die photo- 
nastische Reizbarkeit. Dimorphotheca gehört zu 
den ersteren — man kann sich leicht überzeugen, 
daß Pflanzen im Victoriahaus auch nachts 10'', 
wenn die im Freien stehenden längst geschlossene 
Blütenköpfe zeigen, diese noch offen haben. Daß 
die Blütenköpfe auch photonastisch reizbar sind, 
soll nicht in Abrede gestellt werden, indes ver- 
dankt die Pflanze ihren Namen jedenfalls nicht 
ihrer photonastischen, sondern ihrer thermo- 



') Vaucher, Histoire pbysiologique des plantes d'Eu- 
rope, Vol. III (1S41), p. 140. 

^) Vgl. Linne, Phil. bot. ed. II, p. 275 wo es von „Ca- 
lendula africana" heißt: . . . at vero si vigilias non adsumat, 
seu non aperiat flores hora septima matutina, pluviae hac 
die cadent, coustanti lege umbres autem ex tonitru evilare non 
facile didiscit. Sonchus Sibiriens si noctu claudatur proxi- 
ma dies plerumque serena erit, si vero aperto flore per noctem 
vigilet insequens dies plerumque erit pluviosa." Offenbar be- 
ruht diese Annahme darauf, daß die Blütenköpfe stärker ther- 
monastisch als photonastisch sind, in einer warmen Nacht 
also offen bleiben. Nach einer waimen Nacht regnet es öfter 
als nach einer kalten. Darauf dürfte Linnes Annahme be- 
ruhen. 

') M e y e n , Neues System der Pflanzenphysiologie, III 
(1839), S. 497- 



N. F. XX. Nr. 9 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



131 



nastischen Reizbarkeit. Als Regenprophet ist sie 
jedenfalls ganz unbrauchbar. 

Die Pflanzen, die man seit Pfeffers Unter- 
suchungen gewöhnlich zur Demonstration der 
Öffnungs- und Schließungsbevvegungen der 
Blüten zu benutzen pflegt: Crocus und Tulipa 
sind im getriebenen Zustand nicht sehr empfind- 
lich. Die thermonastisch am stärksten empfind- 
liche Pflanze, die ich derzeit kenne, ist 0.\'alis 
hirta, eine wie Dimorphotheca vom Kap 
stammende Oxalis-Art. Sie bildet in unserem im 
Winter auf 12 — 15" gehaltenen Kaphause zwar 
ihre Blütenknospen, aber sie entfaltet sie bei 
dieser Temperatur nicht. Bringt man aber eine 
Pflanze mit noch geschlossenen, hinreichend aus- 
gebildeten Blütenknospen in ein Gewächshaus mit 
25", so öffnen sich die Knospen innerhalb von 
5 Minuten. In das kühle Haus zurückgebracht, 
schließen sich die Blüten wieder, brauchen dazu 
aber eine längere Zeit — mehrere Stunden. Sie können 
sich bei höherer Temperatur dann noch einmal 
öffnen.^) Gegen Benässung sind die Blüten sehr 
empfindlich, nicht nur öffnen sie sich in warmes 
Wasser gelegt überhaupt nicht, sondern es genügt 
ein kurzdauernder Aufenthalt im Wasser, um sie 
abzutöten. Es mag also, da Regen und niedrigere 
Temperatur miteinander zusammen aufzutreten 
pflegen, auch aus diesem Grunde für die Blüten 
vorteilhaft sein, daß sie nur bei höherer Tempe- 
ratur sich öffnen. 

Es gibt aber auch Blüten, deren Öffnungs- 
und Schließbewegung von anderen Faktoren ab- 
hängt, die man bisher meist übersehen hat und 
zwar deshalb, weil die meisten Botaniker die 
(Jffnungs- bzw. Schließbewegung nur als einen 
durch Wachstumsverschiedenheit auf den beiden 
Seiten der Blumenblätter usw. bedingt betrachten. 
Es geschah das auf Grund der berühmten Unter- 
suchungen von Pfeffer. Dieser'-) glaubte nach- 
gewiesen zu haben, daß die Krümmungsbewegun- 
gen der Blüten durch Wachstum vermittelt werden. 

Gewiß ist das in den von Pfeffer unter- 
suchten Blüten und vielen anderen so. Aber man 
kann nicht von Crocus und Tulipa auf die Ge- 
samtheit der Blüten schließen. Unzweifelhaft 
handelt es sich bei manchen davon nicht um 
Wachstumsverschiedenheiten auf Ober- und Unter- 
seite, sondern um Verschiedenheiten der Turgor- 
spannung. Das läßt sich besonders leicht bei den 
Blüten von Silene Arten zeigen. 

Manche davon zeigen bekanntlich ein periodi- 
sches Offnen und Schließen, wobei der Verschluß 
durch Einrollen der Blumenblätter stattfindet. 
Letzteres erfolgt bei Melandryum noctiflorum, 
Silene nutans u. a. am Tage, die Öffnung abends. 
Man kann aber auch am Tage leicht eine Öffnung 
der Blüten herbeiführen, bzw. sie geöffnet er- 
halten. 



Meine Beobachtungen an Silene nutans und 
Mel. noctiflorum ergaben zunächst folgendes. 

Wenn man Blüten von Sil. nutans oder Mel. 
noctiflorum mit eingerollten Petalen in Wasser 
legt, findet bald eine Ausbreitung statt. So hatte 




Abb. I. 




Abb. 2. 



') Bei Pflanzen, die schon länger im Warmhaus stehen, 
tritt die photonastische Reizbarkeit hervor. 

-) Pfeffer, Pflanzenphysiologie, 2. Aufl., II, S. 175. Auf 
die sonstige Literatur kann hier nicht eingegangen werden. 



z. B. die in Abb. i abgebildete Infloreszenz 5^1$ 
nachmittags drei Blüten mit eingerollten Petalen. 
Abb. 2 zeigt dieselbe, nachdem die Blüten ^/^ Stun- 
den in Wasser von 20° gelegen hatten — bei 
höherer Temperatur geht die Ausbreitung wesent- 



132 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 9 



lieh rascher vor sich.') Dem entspricht, daß diese 
Blüten an trüben feuchten Tagen gleichfalls ge- 
öffnetbleiben können, ebenso wenn man sie öfters 
bespritzt. Selbstverständlich spricht dabei aber 
die Wasserversorgung der ganzen Pflanze mit. 
Daß die Einrollung auf einer Turgorverminderung 
der Oberseite beruht, ist mir nicht zweifelhaft. 
iVIan kann sie bei Silene conoidea herbeiführen 
dadurch, daß man die Blüten wiederholt hin- und 
herbewegt oder daß man sie abgeschnitten in 
trockener Luft liegen läßt. Es ist derselbe Vor- 
gang, welcher früher ^) von Gräsern wie Leersia 
clandestina und Phalaris arundinacea beschrieben 
wurde, nur daß er bei Sil. nutans und Mel. nocti- 
florum mehrere Tage hintereinander sich einstellen 
kann. Ferner erhielt ich sehr rasche Einrollung 
der Blumenblätter von Mel. noctiflorum, wenn ich 
die abends geöffneten Blumenblätter auf ihrer 
Oberseite mit einem heißen Körper in Berührung 
brachte und dadurch den Turgor aufhob. Be- 
streichen mit hypertonischen Lösungen wirkt viel 
langsamer und schwächer, weil die Blumenblätter 
schwer benetzbar sind. Andere Sileneen zeigen 
die Einrollung nur beim Abblühen. 

In dem Ein- und Aufrollen der Blumenkrone eine 
Anpassungserscheinung nachzuweisen, wird nicht 
leicht sein. Man kann die Einrollung nicht etwa als 
eine Schutzvorrichtung für die'Staubblätter und ihren 
Pollen ansehen, denn die Staubblätter von Silene 
nutans ragen, wie Abb. i zeigt, aus den einge- 
rollten Blumenkronen weit hervor, die von Mel. 
noctiflorum treten über die „Nebenkrone" über- 
haupt nicht hervor, brauchen also auch keinen 
Schutz. Die eingerollten Blumenblätter versperren 
auch durchaus nicht immer den Eingang in die 
Blüte. Daß die Blumenblätter aber gegen Schä- 
digung durch Austrocknen empfindlicher seien 
als die anderer Silene- Arten, welche keine peri- 
odische Bewegung zeigen und sich gegen diese 
Gefahr durch Einrollung schützen, ist weder nach- 
gewiesen noch wahrscheinlich. Es liegt eine Ab- 
hängigkeit des Turgors der Oberseite von äußeren 
Faktoren vor — ähnlich wie in anderen Fällen, 
ohne daß man diese derzeit als eine adaptative 
bezeichnen könnte. 

Daß beim Offnungsvorgang der Blumenkrone 
die Blumenblätter noch erheblich heranwachsen, 
ist auch ohne Messung leicht wahrnehmbar. Dann 
aber wirkt der Antagonismus zwischen Ober- 
und Unterseite so, daß nur bei starker Turges- 
zenz der ersteren die Blüte geöffnet bleibt. Sinkt 
die Turgeszenz auf der Oberseite, ^) so tritt Ver- 

') Vaucher (Histoire physiol. des plan'es d'Europe, I 
(1841), p. 365), welcher die Bewegungen der Fetalen einiger 
Silene- Arten erwähnt, meint, sie seien ,,independants de tout 
ageut exterieur, puisqu'ils ont lieu par un temps pluvieux 
comme par un ciel serein, et dans l'obscurile comme au plein 
jour". Daß das nicht zutrifft, geht aus dem oben Mitge- 
teilten hervor. 

'■') Goebel, Entfaltucgsbewegungen, S. 44. 

^) Wenn man eingerollte Blumenblätter ausbreitet, schnellen 
sie wieder (wie schon Gärtner beobachtete) in ihre ur- 
sprüngliche Lage zurück. 



Schluß ein. Das kann bei manchen Sileneen 
mehrmals (periodisch) erfolgen, bei anderen ge- 
schieht es nur einmal beim Abblühen. Künst- 
lich kann der Vorgang, wie die bei Silene 
conoidea angeführte Beobachtung zeigt, auch vor 
dem Abblühen durch Transpirationssteigerung, 
und mehrmals hervorgerufen werden. Der Unter- 
schied liegt also nur in einer größeren Empfindlich- 
keit der Oberseite bei den Silenazeen mit mehr- 
mals sich öffnenden Blüten. 

Sehen wir noch zu, wie es sich mit den 
„Wetterpflanzen" verhält, deren Blattbewegungen 
als ein Anzeichen für die Witterungsfestslellung 
abgeben sollten. 

Porliera hygrometrica ist ein zu den Zygo- 
phyllen gehöriger Strauch, der an trockenen Stand- 
orten in Peru wächst. Der Artname rührt von 
den Beobachtungen her, die schon die ersten Be- 
schreiber der Pflanze, Ruiz und Pavon') ver- 
anlaßten, diese als Wetterpropheten zu betrachten. 
Zunächst sei erwähnt, daß die Blätter sehr schöne 
Schlafbewegungen ausführen. Sie sind doppelt 
gefiedert. Die Fiederbläitchen schlagen sich nach 
oben zusammen, die Blattspindel senkt sich. Das 
Aussehen der ganzen Pflanze wird durch diese 
„nyktinastische" Bewegung so verändert, daß sie 
auf die genannten Forscher den Eindruck machte, 
als ob sie blattlos und vertrocknet sei. Die Wet- 
terprophezeiung soll nun darin bestehen, daß 
wenn der folgende Tag trocken sein wird, eine 
halbe Stunde vor Sonnenuntergang die Blätter 
anfangen sich zusammenzufalten, was früher ein- 
tritt, wenn der folgende Tag neblig und stürmisch 
sein wird. 

Die Zeit, in der die nyktinastische Bewegung 
eintritt, soll also anzeigen, wie das Wetter am 
folgenden Tage sich gestalten wird. Außerdem 
kommt das Verhalten zum Regen in Betracht : R u i z 
und Pa von geben an, wenn es nachmittags stark 
geregnet habe und die Pflanze naß geworden sei, 
so schließen sich die Blätter vor oder kurz nach 
Sonnenuntergang vollständig. Das tun sie aber 
auch sonst. 

Endlicher-) dagegen meint , die Blätter 
seien bei heiterem Wetter ausgebreitet, wenn 
Regen bevorstehe (instante pluvia) aber geschlossen. 
Ob das auf eigener Wahrnehmung oder auf einer 
mißverstandenen Mitteilung von Ruiz und Pa- 
von beruht, vermag ich nicht zu sagen. Jeden- 
falls ist die Angabe nicht richtig. 

Eingehender untersucht wurde das Verhalten 
von Porliera von Pantanelli. ') Wie zu erwar- 
ten war, ergab sich dabei, daß Porliera kein 
Wetterprophet ist. Die Blattbewegungen können 



') Ruiz et Pavon, Systema vegetabilium florae peru- 
vianae et chilensis, 1, 1798, p. 94 u. 95. 

*) Endlicher, Genera plantarum ( 1836 — 1840), II, 110. 

') Enr. Pantanelli, Studi d'anatomia e fisiologia sui 
Pulvini motori di Robinia Pseudacacia L. et Porliera hygro- 
metrica R. et P. Atti della societa dei Naturalisti e Matematici 
de Modena, Ser. IV, Vol. II, 1901. Daselbst auch weitere 
Literatur. 



N. F. XX. Nr. 9 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



133 



zwar abgesehen vom Licht auch von anderen 
äußeren Einwirkungen — namentlich der Luft- 
feuchtigkeit — beeinflußt werden, aber wenn die 
alten Autoren daraus auf eine Vorahnung des 
Wetters am folgenden Tage geschlossen haben, 
so beruht das nur darauf, daß nach einem trüben 
feuchten Abend am folgenden Tage häufig schlechtes 
Wetter eintritt. Im übrigen bestätigte Panta- 
nelli, daß je nach der Luftfeuchtigkeit die Schlaf- 
bewegungen früher oder später eintreten können, 
derart, daß ein Steigen der Luftfeuchtigkeit im 
allgemeinen die „Schlafbewegung" und die Wach- 
bewegung früher eintreten läßt, was nicht zu ver- 
wundern ist, da es sich dabei um Beeinflussung 
des Turgors der Gelenkpolster handelt. Doch ist 
der Einfluß ein verhältnismäßig wenig starker 
gegenüber den „inneren", die Turgoränderungen 
bedingenden Einflüssen. Eine höhere Luftfeuchtig- 
keit begünstigt nur zeitweilig die Ausdehnung der 
gerade „aktiveren" Hälfte des Gelenkpolsters. 

Außerdem nimmt Pantan eil i noch eine„Regen- 
scheu" der Pflanze an. Nach oder während eines 
Regens verändern sich die Öfi'nungswinkel der 
Blättchen und noch mehr der Blätter. Dabei kann 
es sich nicht um den Einfluß der Luftfeuchtigkeit 
handeln, sondern entweder um den der Benetzung, 
einer Temperaturdifferenz oder den mechanischer 
Erschütterung. Letzteres lehnt Pantanelli ab, aber 
er ist über die eigenthche Ursache nicht ins Klare 
gekommen. Denn es ist nur eine teleologische 
Zurechtlegung, wenn er sagt, „wir stehen also vor 
einer Abwehreinrichtung gegen das Wasser in den 
Beziehungen auf die Ernährungsphysiologie: ein- 
mal um die Transpiration nicht zu hemmen, sodann 
um die Infiltration zu verhindern, oder auch für 



beide Zwecke. Daß die Spaltöffnungen auf der 
Oberseite der Blättchen zahlreicher sind, wird 
diese Annahme stützen". Daß aber Porliera nicht 
einen Regen voraus ahnen kann, ist klar. Es ist 
möglich, daß Endlichers Angabe darauf beruht, 
daß einem Regen starke Licht- oder Temperatur- 
abnahme vorausging. 

Die Bewegungen von Porliera sind also zwar 
noch nicht vollständig aufgehellt, aber sicher ist, 
daß sie ihren Artnamen „hygrometrica" ebenso- 
wenig zu Recht trägt, wie Dimorphotheca 
„pluvialis" genannt zu werden verdient. 

Im Jahre 1888 tauchte eine neue „Wetter- 
pflanze" auf. Es erschien in Prag eine Broschüre 
„J. F. Nowacks Wetterpflanze, deren Eigen- 
schaften, Cultur und Pflege, mit Anleitung, wie 
durch dieselbe jegliche Witterungs- und Temperatur- 
veränderung für den Horizont, die Umgebung und 
Local unbedingt verläßlich und genau 48 Stunden 
vorher bestimmt werden kann". 

Diese Pflanze, deren Eigenschaften in so merk- 
würdigem Deutsch gepriesen wurde, ist Abrus 
precaiorius, eine Leguminose. 

Eine sorgfältige in Kew von F. W. Oliver 
ausgeführte Untersuchung ') ergab, daß die Blatt- 
bewegungen wie bei anderen Leguminosen un- 
mittelbar von Schwankungen des Lichtes und 
der Wärme beeinflußt werden, aber keine Vor- 
ahnung für künftige Ereignisse erkennen lassen. 
Das wird nicht hindern, daß solche Wetterpflanzen 
wieder auftauchen — Mysterien haben die Menschen 
stets mehr angezogen als nüchterne Beobachtung! 



') The weather plant, Bulletin of miscellaneous infor- 
mation Royal Gardens, Kew, Nr. 37, 1890. 



[Nachdruck verboten.] 



Der Holunder (Sainbucus uigra) iu der Volkskuudfe. 

Von Dr. Heinrich Marzell, Gunzenhausen (Bayern). 



Obwohl sich der Holunder meist in nächster 
Nähe der menschlichen Siedelungen findet, so 
daß es scheinen könnte, er wäre überall der Kul- 
tur entsprungen, so ist er doch ein in Mitteleuropa 
wirklich einheimischer Strauch. Seine natürlichen 
Standorte sind Auenwälder und Flußufer. Aller- 
dings wurde er sicher schon sehr früh auch von 
den Menschen angepflanzt, so daß ein Vorkom- 
men im Walde nicht selten ein Überrest früherer 
Kultur sein mag. Auch haben wohl beerenfres- 
sende Vögel viel zu seiner Verbreitung außerhalb 
seines natürlichen Standortes beigetragen. In den 
steinzeitlichen Niederlassungen der Schweiz und 
den bronzezeitlichen Oberitaliens wurden Samen 
des Holunders aufgefunden. Dies läßt darauf 
schließen, daß schon der prähistorische Mensch 
die Beeren einsammelte und (zu Mus gekocht) 
verzehrte.^) Da der Holunder auch in Südeuropa 
ein ziemlich häufiger Strauch ist, so haben ihn 



die Völker des klassischen Altertums sicher ge- 
kannt. Theophrast') beschreibt den von ihm 
,akte' genannten Strauch sehr ausführlich, gibt aber 
keine arzneilichen Verwendungen an. Daß aber 
solche bekannt waren, beweisen die Schriften der 
Hippokratiker, die die akte als abführendes, harn- 
treibendes und gynäkologisches Mittel nennen, 
vorausgesetzt daß hier dieser Pflanzenname das- 
selbe bedeutet wie bei Theophrast und nicht 
etwa den verwandten Attich (Sambucus Ebulus). 
Dioskurides') unterscheidet akte (Sambucus 
nigra) und chamaeakte (^„Erdholunder"; Sam- 
bucus Ebulus). Er sagt aber, daß Anwendung und 
Wirkung bei beiden Pflanzen die gleiche sei. Als 
solche gibt er die harntreibenden Eigenschaften 
an, ferner führen die als Gemüse gekochten Blätter 
Schleim und Galle ab. Die in Wein gekochte 
Wurzel dient den Wassersüchtigen; auch soll sie 



Buschan 1895, 137. 



') Hist. plant. 3, 13. 
') Mat. med. 4, 173. 



134 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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gegen Schlangenbiß helfen. Die frischen Blätter 
lindern als Umschlag Entzündung und Geschwüre, 
ferner helfen sie bei Podagra, wenn sie mit Ochsen- 
oder Bockstalg aufgelegt werden. Die Beeren 
werden schließlich zum Schwarzfärben der Haare 
benutzt. Viele dieser von Dioskurides ange- 
gebenen Anwendungen finden wir noch heute in 
der Volksmedizin. P 1 i n i u s ^) berichtet von einem 
Aberglauben der Hirten, demzufolge Hörner und 
Posaunen, die aus dem Holz des „sabucus" ge- 
fertigt sind, lauter schallen, wenn das Holz dazu 
da geschnitten wurde, „wo der Strauch das Krähen 
der Hähne nicht hören kann". An anderer Stelle -) 
bespricht er die Heilkraft des Holunders. Seine 
Angaben decken sich ungefähr mit dem bei 
Dioskurides Gesagten. Die Masern werden 
vertrieben, schreibt Plinius, wenn man die von 
ihnen befallenen Körperstellen mit einem Holunder- 
strauch peitscht. Es erinnert dies an die „Über- 
tragung" des Rotlaufs auf einen Holunderzweig, 
wie sie die deutsche Volksmedizin kennt. 

Die medizinischen und botanischen Schriften 
des deutschen Mittelalters behandeln den Holunder 
ausführiich, nicht nur weil ihn die alten Arzte so 
hoch schätzten, sondern weil der Baum auch im 
deutschen Volksglauben ein ganz besonderes An- 
sehen genoß. Albertus Magnus (gest. 1280) 
sagt am Schluß seines Kapitels über den Holunder, ^j 
daß er nicht alle Eigenschaften des Strauches be- 
sprochen habe, weil sie ja ohnehin allgemein be- 
kannt seien. Ferner behauptet er, daß die innere 
Rinde des Holunders, wenn sie von unten nach 
oben geschabt werde, ein Brechmittel, wenn von 
oben nach unten ein Abführmittel sei; 
ja er setzt sogar hinzu: „et haec saepius est ex- 
pertum" (und dies ist schon öfter erprobt worden). 
Daß diesem Glauben eine Art „Sympathie" zu- 
grunde liegt, ist ohne weiteres ersichtlich. Ein 
schlagender Beweis für die Gleichartigkeit des 
primitiven Denkens ist, daß wir diese Meinung 
bei den verschiedensten Volksstämmen finden, 
so daß es ausgeschlossen ist, daß sie von einem 
Volk zum anderen gewandert und über- 
nommen worden ist. Wir treffen nämlich den- 
selben Glauben im südlichen und westlichen Ruß- 
land in der Form an, daß der Saft der frühmorgens 
von unten nach oben geschabten Rinde brechen- 
erregend, der von oben nach unten geschabten 
abführend sei.*) Dem Pharmakologen Kobert 
wurde er aus Sibirien mitgeteilt und der Ethno- 
graph Bartels berichtet ihn von den Winnebago- 
Indianern, die der Meinung sind, daß die Ho- 
lunderrinde (wohl von der verwandten S. cana- 
densis L.) nur dann abführende Wirkung zeige, 
wenn sie der Medizinmann von oben nach unten 
schabe, d. h. von den Zweigen nach der Wurzel 
zu. Schabt er sie aber in umgekehrter Richtung, 
also von der Wurzel aufwärts, so wirkt sie nicht 

') Hist. nat. 16, 180. 

^) Hist. nat. 24, 52 f. 

') De Vegctabilius, 6, 220 f. 

*) Demitsch 1889, 230. 



abführend, sondern als Brechmittel.^) Entsprechend 
glauben die Rumänen in der Bukowina, daß man 
die Spulwürmer los werde, wenn man Hollerrinde, 
die man nach unten geschält hat, kocht und 
diesen Absud trinkt, denn dann „kommen sie 
herunter", hat man aber die Hollerrinde nach 
oben geschält, dann kommen die Spulwürmer 
zum Mund heraus.-) Noch heute ist diese Meinung 
im deutschen Volksglauben ziemlich verbreitet. 
Aus Röckingen am Hesseiberg (Mittelfranken) wird 
mir berichtet (1909), daß die aufwärts geschabte 
und in Milch gekochte Holunderrinde Erbrechen 
bewirke („es geht überschie"), die nach unten ge- 
schabte aber Diarrhöe („es geht unterschie"). Das 
Tatsächliche an diesem wirklich „internationalen" 
Aberglauben ist übrigens, daß die Holunderrinde 
brechenerregende und abführende Wirkung zeigt. 
Wie volkstümlich übrigens der Holunder auch in 
früheren Jahrhunderten war, beweisen schließlich 
noch die Worte Bocks:") „In Teutscher Nation 
ist freilich der Holder jederman bekant / darumb 
nit von nötten viler wort / wie / wo oder wann 
derselbig wachse / sintemal ein jeder zuvor den 
Holder kennet. Denn kaum ein gemeiner bäum 
under allen zu finden / als eben Holder." 

Soweit die ältere Geschichte des Holunders. 
Was seine Stellung in der Volkskunde betrifft, so 
kann hier über dieses Gebiet nur ein kurzer 
Überblick gegeben werden, denn der Holunder 
ist wohl die Pflanze, die die meisten volkskund- 
lichen Beziehungen aufweist, und eine „Volkskunde 
des Holunders" würde eine umfassende Arbeit 
sein. Was ist nun der Grund, daß gerade der 
Holunder so innig mit dem Denken und Fühlen 
des Volkes verknüpft ist? Als Baum, der schon 
in der Urzeit bei den Wohnungen der Menschen 
wuchs, der diesem in allen seinen Teilen Heil- 
mittel liefert — „die lebendige Hausapotheke des 
deutschen Einödbauern", wie Höfler so treffend 
sagt — , ist er die Personifikation oder der Sitz 
eines guten Hausgeistes, dem der Mensch zu Dank 
verpflichtet ist. „Vor dem Holunder soll man 
den Hut abnehmen", heißt ein Bauernspruch. Er 
ist heilig, unverietzlich. Wenn man einen Holunder- 
busch umhaut, so stirbt jemand, meint man auf 
der schwäbischen Alb *) und im Bergischen glaubt 
man, daß der Verstümmler eines Holunderbusches 
bisweilen am dritten Tag nach seinem Frevelwerk 
verschieden sei. ^) Hierher gehört es wohl auch, 
wenn man sich vielerorts scheut das Holunder- 
holz zu verbrennen. In verschiedenen Gegenden 
wird dies verschieden begründet. In Siebenbürgen 
glaubt man, daß man sonst das ganze Jahr Zahn- 
schmerzen habe,«) in der Schweiz, daß man sich 
Krankheiten oder andere Unfälle zuziehe, ') in der 



') Henri ci 1894, &• 

^) Zeitschr. f. österr. Volkskunde 7, 256. 

") Kreutterbuch 1551, 376a. 

*) Thierer, Ortsgesch. v. Gussenstadt 1912, 1, 204. 

S) Zeitschr. Ver. rliein.-westf. Volkskunde 11 (1914), 266, 

*) Schullerus 1901, 3. 

') Schweiz. Id. 2, 1185. 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



135 



Altmark würden die Pferde des Bauern, der mit 
Holunderholz einheizt, zugrunde gehen.') Nach 
dänischem Glauben sitzt im Holunder ein Geist, 
die Hyldemoer (Holundermutter), ihr opferte man, 
indem man Milch über die Wurzeln des Baumes 
goß. Zahlreiche Beispiele für die Personifikation 
des Holunders als guter Dämon bringt W. Mann- 
hardt in seinen geistvollen, für mythologische 
und volkskundliche Forschungen so fruchtbaren 
„Wald- und Feldkulten". ^) Der Holunder ist nach 
dem Volksglauben der geeignetste Baum, auf den 
Krankheiten „übertragen" werden können. Manch- 
mal geschieht dies auf eine recht einfache Weise 
z. B. wenn man in Schlesien, um sich von Zahn- 
schmerzen zu befreien, am Karfreitag in einen 
Holunderast beißt.^) Oft wird dagegen der Ho- 
lunder mit einem Spruch angeredet. Einen alten 
„Schwinsegen" (Schwindsegen, d. i. Segen gegen 
die Schwindsucht) enthält eine 161 7 niederge- 
schriebene Handschrift aus dem Kloster St. Blasien: 
„Gang an einem Sonntag zu Vesperzeit zue einem 
Holderstock und brich ein schoß darab, daß in 
einem jähr gewachsen ist und brich dreimal daran 
ab und sprich dreimal allemal wann du es brichst: 
Was ich brich das schwin, und was ich darmit 
bestrich das wachs. Im Namen usw." *) Das 
Fieber zu vertreiben bindet man in Zechlin (Ost- 
Prignitz) in der Nacht bei abnehmendem Mond 
einen Bindfaden um einen Fliederbaum, der auf 
der Scheid' (Grenze) steht und spricht: 

Guten Morgen, Herr Flieder, 

Ich bring dir mein Fieber 

Ich binde dich an 

Nun gehe ich in Gottes Namen davon 1 °) 

In Mecklenburg geht man drei Tage hinter- 
einander vor Sonnenaufgang zu einem Flieder- 
baum, umfaßt ihn und spricht: 

„Fleder, ich hevv de Gicht, 

Du best se nich 

Nimm se mi af, 

So hevT ik se nich." ^) 

Auch das geschriebene Wort tut seine Wirkung. 
Auf ein Blatt Papier werden folgende Worte ge- 
schrieben: Gott der Herr ging über das Land; 
da begegneten ihm die siebenzigerlei Gichter und 
Gichtinnen. Da sprach der Herr: Ihr siebenziger- 
lei Gichter und Gichterinnen, wo wollt ihr hin? 
Da sprachen die siebzigerlei Gichter und Gichte- 
rinnen: Wir gehen über das Land und bringen 
die Menschen um ihre Gesundheit und Glieder. 
Da sprach der Herr: ihr sollt zu einer Holler- 
staude gehen, da sollt ihr alle Ästlein abbrechen 
und lassen nur dem N. N. (Name des Kranken) 
seine geraden Glieder. Im Namen usw. Dieser 
Spruch muß in Bockleder genäht und dem Kranken 
als Amulett umgehängt werden." ') 



') Danneil 1859, 53. 

2) 2. Aufl. 1904, z. B. 1, 10 ff. 

') Drechsler 1 (1903), 90. 

*) Mones Anz. f. Kde. Vorz. 6 (1837), 461. 

^) Zeitschr. Ver. f. Volkskunde 7 (1897), 70. 

•) Bartsch 2 (1879), 404. 

') Panzer, Beitr. 2 (1855), 305. 



Ganz besondere Wirkung hat der Holunder 
am Johannistag, der verchristlichsten Feier der 
heidnischen Sommer- Sonnenwende, an der die 
Geister besondere Macht haben. Wer am St. 
Johannistag um 12 Uhr mittag unter der Feuer- 
esse (Sitz der Hausgeister!) eine Holunderdolde, 
die in Butter gebraten wurde, ißt, bekommt ein 
Jahr lang kein Fieber.') Ebenso wird, wer am 
Johannistag gebackene Hollerküchlein ist, das 
ganze Jahr nicht krank.-) 

Daß der Holunder als „guter Hausgeist" die 
bösen Geister vertreibt, ist nach dem Gesagten 
ohne weiteres verständlich. „Die Leipziger nehmen 
um die Hexen zu vertreiben Holunder", sagt 
Praetorius (1668, 459) im 17. Jahrhundert und 
die alte „Rockenphilosophie" ^) schreibt: „Einen 
Holunder-Strauch vor eine Stall-Thür gepflantzt, 
bewahret das Vieh vor Zauberey". Der Holunder- 
strauch am Haus oder Stall schützt gegen Hexen 
und böse Geister, meint noch heute der Grau- 
bündner.*) Ähnlich wie mit Hilfe des Gunder- 
manns kann man auf der schwäbischen Alb die 
Hexen entlarven: In der Nacht vom Gründonners- 
tag auf den Karfreitag muß man mit dem Schlag 
12 Uhr auf dem Kirchhof einen Holunderzweig 
abschneiden und aushöhlen. Damit kann man am 
Karfreitag während des vormittägigen Gottes- 
dienstes die Hexen ausfindig machen, die verkehrt 
dasitzen. Jedoch dreht die Hexe ihrem Beobachter 
den Kragen um, wenn er sich nicht vor dem 
Läuten aus der Kirche macht.*) 

Und doch ist auch der Holunder in schlechten 
Ruf gekommen, denn nach einem weitverbreiteten 
Volksglauben (z. B. Posen, Mecklenburg, aber auch 
in der Haute-Bretagne) hat sich der Verräter Judas 
an ihm aufgehängt. Als Erinnerung an diese Be- 
gebenheit sendet der Strauch einen unangenehmen, 
leichenartigen Geruch aus. Ein Nachklang an 
diese Sage ist es, wenn der an den Stämmen des 
Holunders wachsende Holunderschwamm (Auri- 
cularia auricula Judae) häufig als „Judasohr" be- 
zeichnet wird. Dieser zu den Basidiomyzeten ge- 
hörige Pilz war übrigens früher als Fungus Sam- 
buci offizineil. 

An dem Namen Holunder ist vielfach von 
Unberufenen herumgedeutelt worden, und er wurde 
bald mit „hohl", auch mit der „Göttin Holle" 
(Frau Holle), ja sogar mit „heilig" in Verbindung 
gebracht. Die althochdeutsche Form holuntar 
zeigt, daß im 2. Bestandteil die Ableitung -tar 
steckt, die wir auch in Maßholder (ahd. mazzaltra), 
Wacholder (ahd. wechalter) finden. Sie bedeutet 
soviel wie „Baum" (vgl. engl. tree). Den ersten 
Bestandteil treffen wir z. B. in hyll, der schwe- 
dischen Bezeichnung des Holunders an. Ein ety- 
mologischer Zusammenhang mit dem russischen 
jkalina' (Viburnum opulus) wird vermutet. Im 



') Mitteil. Nordböhm. Exk -Kl. 20, 71- 

^) Oberösterreich; Baumgarten 1862, 28. 

') 1707, 2, 328. 

') Ulrich, 1S97, 39- 

''} Alemannia 13, 199. 



136 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Oberdeutschen ist das Wort oft zu Holler, Holder sowie Kelke, Keilke sind ebenfalls niederdeutsch, 
verkürzt. Die Bezeichnung Flieder ist Ursprung- Thüringisch sind Zwebchen, Zwöbbeken, Ziwecken, 
lieh eine niederdeutsche. EUhorn und Älhorn sächsisch Schibicke. 



Einzelberichte. 



Untersuchungen von Metallen mittels 
Röntgenstrahlen. 

Hierüber berichten S. Nishikawa und 
G. Asahara in „The Physical Review" (Americ. 
Phys. Soc.) Band XV, S. 38—45 (Januar 1920). — 
Läßt man ein enges Bündel inhomogener (weißer) 
Röntgenstrahlen durch ein dünnes Metallblech 
gehen, so erhält man photographisch ein Röntgeno- 
gramm, das außer von der allgemeinen kristal- 
linischen Beschaffenheit des betr. Metalls abhängig 
ist besonders auch von der Vorgeschichte des 
untersuchten Stückes, d. h. z. B. von mechanischer 
Bearbeitung oder von verschiedenartiger Bean- 
spruchung durch Wärme usw. Die Verfasser 
haben in dieser Hinsicht die Wirkung des Walzens 
mit nachfolgendem Glühen bei verschiedenen 
Metallen untersucht und glauben, daß derartige 
Studien zu wichtigen Schlüssen für die Metallurgie 
führen werden. Geprüft wurden AI, Cd, Cu, Pb, 
Ag, Th, Sn, Zn und verschiedene Arten von 
Messing. Die Metalle wurden in jedem Falle zu 
Stücken von 30X30X4 mm geschnitten; diese 
Platten wurden dann bis zu einer Dicke von 
0,1—0,18 mm (bei AI bis 0,54 mm) ausgewalzt. 
Die Photogramme wurden durch heterogenes 
Röntgenlicht von einer CoolidgeRöhre bei 60000 
Volt Maximalspannung erhalten. Abstand von 
photographischer Platte und Objekt betrug 5 cm, 
der Durchmesser des Strahlenbündels war 3 mm. 
Expositionszeit i Stunde bei einer Stromstärke 
von 5 Milliampere. Insgesamt wurden über 100 
Photogramme aufgenommen. 

Gewalztes AI uminium,Ca dm ium,Kupfer, 
Zink und Messing lieferte schlecht ausgebildete, 
verwaschene Röntgenogramme, aber alle sym- 
metrisch in bezug auf die Walzrichtung 
und in jedem Falle charakteristisch für das be- 
treffende Metall. — Silber und Zinn gaben 
ebenfalls schlecht ausgebildete verwaschene Laue- 
Diagramme, aber diese gingen während der 
folgenden 2 oder 3 Wochen allmählich bei Wieder- 
holung der Aufnahme in deutliche Punktdiagramme 
über, wie sie bei den anderen Metallen nur nach 
längerem Glühen erhalten werden. Für diese 
beiden Metalle tritt also das Kristallwachstum, 
das für den geglühten Zustand charakteristisch 
ist, bereits bei Zimmertemperatur ein. Selbst bei 
-j-S" dauert hier noch die Erholung der kristalli- 
nischen Struktur von der kristalldeformierenden 
Beanspruchung durch das Walzen in gleicher 
Weise an, wenn auch weniger schnell. — Blei 
und Thallium ergaben unregelmäßig verteilte 
Flecke, die keinerlei Symmetrie in bezug auf die 



Walzrichtung erkennen ließen. Für diese Metalle 
ist also entweder die kristallinischen Struktur 
durch das Walzen überhaupt nicht gestört worden, 
oder die Wiederherstellung der ursprünglichen 
Struktur ist außerordentlich schnell schon bei 
gewöhnlicher Temperatur erfolgt. Beim Thallium 
war indessen das Röntgenogramm nicht identisch 
mit dem durch Glühen erhaltenen. 

Die Wirkung des Glühens nach dem Walzen 
wurde mit Hilfe eines besonderen Ofens beobachtet, 
der die Herstellung der Röntgenogramme ermög- 
lichte, während die Metallbleche bei jeder ge- 
wünschten Temperatur bis zu 800" gehalten wurden. 
Die verschiedenen Metalle unterscheiden sich hin- 
sichtlich ihres Verhaltens beim Glühen ganz be- 
trächtlich. Bei Silber und Zinn genügen z. B. 
30 Minuten langes Erwärmen auf 80", um die 
Wirkungen des Walzens zum Verschwinden zu 
bringen, während beim Kupfer zweistündiges 
Erwärmen auf 800" hierzu noch nicht genügt. 
In beigegebenen Photogrammen werden die ver- 
schiedenenWirkungen des Erhitzens für C a d m i u m 
bei 100", 150^', 200" und 250" gezeigt. Die Ver- 
fasser glauben auf Grund ihrer Ergebnisse sagen 
zu können, daß diese Methode sich zur Unter- 
suchung der Wirkung aller Arten von mechanischer 
wie thermischer Behandlung von Metallen besonders 
eignen wird. 

Übrigens hätten sich auch auf Grund der ver- 
schiedenen Röntgenogramme die Umwandlungs- 
punkte von Thallium und Zinn bestimmen 
lassen. Wenn man nämlich die in oben geschil- 
derter Weise erzeugten Röntgenogramme von 
erhitztem Thallium für eine Reihe von steigenden 
Temperaturen herstellt, so ergibt sich, daß nach 
Überschreitung des Umwandlungspunktes das Dia- 
gramm plötzlich in das eines einfachen Kristalles 
übergeht. Beim Abkühlen des Metalles kehrt sich 
der Wechsel um. Unter Berücksichtigung der 
Verzögerungserscheinungen ergab sich hierdurch 
als Umwandlungspunkt ca. 227", in guter Über- 
einstimmung mit Bestimmungen nach anderen 
Methoden. Auch Zinn wurde in dieser Weise 
nachgeprüft und zwar besonders in der Nach- 
barschaft von 160", es wurde jedoch keinerlei 
Veränderung des Röntgenogramms beobachtet. 

Spbg. 

Untersuchungen über Osmose. 

Zu einer neuen Methode der Bestimmung von 
Molekulargewicht und Dissoziationsgrad, die wie 
die bekannte de Vriessche Methode der plas- 
molytischen Grenzkonzentration auf pflanzen- 



N. F. XX. Nr. 9 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift 



137 



physiologischer Grundlage ruht, gelangte neuer- 
dings C. V. Wisse li n gh "^j bei seinen Unter- 
suchungen über die Epidermiszellen der Samen 
der Gattung Cuphea. Es handelt sich dabei um 
folgendes: Wie die Lythraceen überhaupt, so 
besitzen auch die Samen von Cuphea die Eigen- 
schaft, beim Quellen in Wasser auf ihrer ge- 
samten Oberfläche Haare auszustülpen, so daß 
sie nachher aussehen wie ein krauses Lockenhaupt. 
Diese Erscheinung, die man bisher irrtümlicher- 
weise auf Quellungsprozesse zurückführte, beruht 
nach den Versuchen von Wisselingh auf osmo- 
tischen Vorgängen. Normalerweise ragen die 
Haare ins Innere der Epidermiszellen herein und 
sind dort ihrer Länge halber spiralig aufgerollt. 
Bringt man nun die Samen in Wasser, dann ent- 
steht ein osmotisches Gefalle, das sich dadurch 
auszugleichen sucht, daß Wasser durch die Plasma- 
haut in die Zellvakuole eindringt. Dadurch wird 
der Turgordruck in der Zelle so erhöht, daß die 
Haare mit Gewalt durch die Außenwand heraus- 
gequetscht werden, wobei sie sich handschuh- 
fingerartig umstülpen, bis sie das Innere vollstän- 
dig nach außen gekehrt haben. Das Volumen 
der Zelle kann auf diese Weise durch das ein- 
dringende Wasser auf das Vierfache erhöht wer- 
den. Bringt man nun die Haare während dieses 
Vorgangs in immer höher konzentrierte Salz- 
lösungen, dann kommt ein Moment, wo das Aus- 
stülpen innehält, weil die Außenkonzentration der 
Innenkonzentration das Gleichgewicht hält. Ist 
der osmotische Wert der Außenlösung bekannt, 
dann ist damit auch derjenige der Zelle in dem 
gerade erreichten Ausstülpungsstadium gegeben. 
Mit dieser einen Lösung (a) kann man nun jede 
beliebige andere Lösung (b) aichen. Man braucht 
zu dem Zwecke nur zu bestimmen, welche Konzen- 
tration dieser zweiten Lösung ein Verharren des 
Haares in genau demselben Stadium bedingt, a 
und b werden dann isosmolisch sein. Ist b ein 
Nichtelektrolyt (z. B. Saccharose), dann kann man 
das Molekulargewicht direkt berechnen; ist es 
dagegen ein Elektrolyt, also dissoziiert, dann er- 
gibt sich aus dem Gleichgewichtszustand unmittel- 
bar der Dissoziationsgrad von b. Von Wisselingh 
hat diese Bestimmung für verschiedene Sub- 
stanzen (Saccharose, Glyzerin, NaCl, KNOg) be- 
stimmt und gefunden, daß die Genauigkeit 
der Methode der Größenordnung nach hinter den 
physikalischen Methoden (Gefrierpunktserniedri- 
gung, Siedepunktserhöhung, elektrolytisches Leit- 
vermögen) keineswegs zurücksteht. So bestimmte 
er, um nur 2 Beispiele anzuführen, das Molekular- 
gewicht von Saccharose auf 342,1 (statt 342,2) und 
von Glyzerin auf 93,3 (statt 92,1). Weiterhin 
kann man auf Grund des Ausstülpungsvorganges 
auch die Permeabilitätsverhältnisse bestimmter Sub- 
stanzen näher umgrenzen, und das bildet eine zweite 
Analogie zu der Methode der plasmolytischen 
Grenzkonzentration von de Vries. Handelt es 



*) Flora, N. F. 13, 1920. 



sich um Stoffe, für die das Plama in höherem 
Maße permeabel ist, dann wird bei der Über- 
tragung von Wasser in die isotonische Lösung 
kein dauernder Stillstand eintreten, sondern in 
dem Maße, als der Stoff eindringt und mithin die 
Konzentration im Zellinnern wächst, das Aus- 
stülpen weiter fortschreiten, und die Schnelligkeit, 
mit der dieser Prozeß sich fortsetzt, wird als Maß 
für die eingedrungenen Stoffmengen dienen können. 
Auf diesem Wege stellte von Wisselingh fest, 
daß z. B. für Salze wie NaCl und KNO3 eine leicht 
nachweisbare Permeabilität vorhanden ist und daß 
selbst Saccharose — wenn auch in beschränkten 
Mengen — aufgenommen wird. Es wird der 
Zukunft überlassen bleiben, den Anwendungsbe- 
reich und die praktische Bedeutung dieser neuen 
Methode schärfer herauszuarbeiten. 

Peter Stark. 



Eigenartige Form des Parasitismus. 

Sowohl der Parasit (Chaetocladium) als auch 
der Wirt (Mucor) gehören der Gruppe der Joch- 
pilze (Zygomyzeten) an. Der Vorgang der In- 
fektion wurde von H. Burgeff (Zeitschr. f. Bo- 
tanik, 12, 1920) Schritt für Schritt auf Objekt- 
trägerkultur beobachtet. Sporen von Parasit und 
Wirt wurden gemeinsam ausgesät und keimten zu 
Hyphen aus. Es ergab sich nun die merkwürdige 
Tatsache, daß die Fäden des Mucor (Wirtspflanze !) 
— offenbar durch einen chemischen Reiz ange- 
lockt — auf die Hyphen des Parasiten gerade- 
wegs zuwuchsen, bis Berührung stattfand. Nun 
machen sich in dem Parasiten folgende Änderungen 
bemerkbar. In der Hyphenspitze, die dem Mucor- 
faden anliegt, reichern sich die Kerne an und die 
Spitze wird durch eine Zellwand von dem übrigen 
Faden abgegrenzt. Diese Zelle tritt nun dadurch, 
daß die Mucorzellwand resorbiert wird, in offene 
Kommunikation mit dem Plasrria des Wirtes. Nun 
treten Plasma und Kerne aus dem Mucorfaden in 
den „Schröpfkopf", wie die Zelle weiterhin ge- 
nannt werden kann, über, der also nebeneinander 
lebende Substanz zweier verschiedener Gattungen 
enthält und sich weiterhin zu einer auffälligen 
Gallenbildung auswächst. Die Zelle schwillt kugelig 
an und bildet Seitenverzweigungen, an die sich 
weitere Chaetocladiumhyphen eng anschmiegen, 
so daß ein inniger Kontakt zwischen Galle und 
Parasit erzielt wird und ein Stoffaustausch über 
möglichst große Flächen stattfinden kann. Bur- 
geff nimmt an, daß die Chaetocladiumkerne in 
der Galle („Pionierkerne") die Aufgabe haben, die 
Plasmahaut permeabel zu machen für die Stoffe, 
die aus dem Wirte übertreten wollen. Um die 
Entstehungsgeschichte dieser seltsamen Gallen, 
die innerhalb einer einzigen Zelle zweierlei art- 
fremde Kerne friedlich nebeneinander beherbergen 
(„Heterocaryose") verständlich zu machen, erinnert 
Burgeff an die geschlechtlichen Vorgänge, wie 
sie für die Jochpilze bezeichnend sind. In der 
Mehrzahl der Fälle werden die Geschlechtspro- 



138 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 9 



dukte, die Zygoten, dadurch gebildet, daß die 
Hyphenenden zweier Mycelien miteinander ver- 
schmelzen. Im einzelnen spielt sich dieser Vor- 
gang in folgender Weise ab : ^ Fadenäste wachsen 
aufeinander zu, platten sich an der Berührungs- 
stelle gegeneinander ab und grenzen sich von der 
Traghyphe jeweils durch eine Zellwand ab. An 
der Berührungsstelle selbst wird die trennende 
Wand gelöst und die Zellinhalte der beiden ab- 
gegrenzten Zellen, der Gametangien, verschmelzen 
miteinander. Die so entstandene Zygote, welche 
die absterbenden Myzelien überdauert und einer 
neuen Generation den Ursprung gibt, enthält also, 
genau wie die beschriebenen Gallen, zweierlei Kerne' 
ist also ebenfalls heterokaryotischer Natur. Es be- 
steht demnach eine weitgehende Anologie zwischen 
beiderlei Prozessen. Da nun selbst zwischen weit 
entfernten Arten und Gattungen der Jochpilze 
wenigstens Versuche sexueller Betätigung bestehen 
und da auf der anderen Seite auch der Parasit 
nicht jede beliebige Gattung befällt, sondern sich 
auf bestimmte systematische Gruppen beschränkt, 
so besteht die Möglichkeit, die Chaetocladium- 
gallen so zu erklären, daß sie sich von Kopulations- 
vorgängen herleiten, und daß erst sekundär die 
Entwicklung in andere Bahnen gedrängt worden 
ist. Eine Entscheidung ließe sich auf folgende 
Weise anbahnen: es ist bekannt, daß — von 
speziellen Fällen abgesehen — , bei den Zygomy- 
ceten nicht jede beliebigen Myzelien miteinander 
kopulieren, sondern daß bereits eine geschlecht- 
liche Differenzierung eingetreten ist, die sich zwar 
noch nicht in morphologischen Merkmalen, sondern 
bloß in der geschlechtlichen Stimmung äußert. 
Man redet dementsprechend nicht von Männchen 
und Weibchen, sondern von -\- und — Myzelien. 
Bloß Myzelien mit entgegengesetzten Vorzeichen 
besitzen das Vermögen, miteinander zu kopulieren. 
Sollte es sich im Verlaufe weiterer Untersuchungen 
herausstellen, daß dieser sexuelle Charakter auch 
über die Möglichkeit der Gallenbildung entscheidet, 
daß also bloß + Myzelien von Chaetocladium mit 
— Myzelien von Mucor in parashäre Verbindung 
treten können und umgekehrt, dann würde die 
ausgesprochene Hypothese eine ganz wesentliche 
Stütze erhalten. Peter Stark. 

Zweck des Trasrens toii Nasen-, Lippen- 
nnd Waiigenpflöcken. 

Dieser Brauch ist sehr weit verbreitet. Unter- 
lippenpflöcke werden in Ostafrika und im west- 
lichen Sudan getragen, ausnahmsweise sind Pflöcke 
in Ober- und Unterlippe zugleich eingesetzt. Unter- 
lippenpflöcke sind^in Südamerika häufig zu finden. 
Noch öfter kommt Durchbohrung der Nase vor 
und zwar in zweierlei Form: als solche der Scheide- 
wand, die dann einen Quer- oder einen Hänge- 
pflock trägt, oder als solche der Nasenflügel bzw. 
der Nasenwand unmittelbar oberhalb derselben. 

Der Auffassung, daß die Durchbohrung und 
die Befestigung von Gegenständen in den durch- 



löcherten Körperteilen der Befriedigung des 
Schmuckbedürfnisses dient, kann Ludwig Cohn^) 
nicht beipflichten. Er erhieh dafür auf Neuguinea 
von Eingeborenen eine ganz andere Erklärung. 
Auf den Admiralitätsinseln ist Durchbohrung der 
Nasenscheidewand üblich ; Pflöcke darin (und zwar 
Hängepflöcke aus Muscheln, bis zu etwa 15 cm 
Länge und schön ornamentiert) werden aber nur 
bei Festen getragen. Am Alltag steht das Loch 
meist leer; nur gelegentlich sieht man einen Stroh- 
halm oder ein Endchen von einem Zweig darin 
stecken. Auf die Frage, warum man das macht, 
erhielt C. die Auskunft, der Strohhalm sei eben- 
sogut wie der Pflock, denn er hindere dadurch, 
daß er quer vor den Nasenlöchern stecke, die 
Krankheit (d. h. Krankheit bringende Geister), 
durch die Nase in den Körper einzudringen. Diese 
Erklärung wirkt überzeugend, schreibt C, denn 
sie geht dahin, daß das Tragen eines Gegen- 
standes in der durchlöcherten Nase von den Natur- 
menschen als gesundheitliche Maßregel 
aufgefaßt wird, als Schutz gegen krankheits- 
bringende Geister, denen der Primitive, neben dem 
Zauber, alle körperlichen Übel zuschreibt. Später 
allerdings ist dieser ursprüngliche Zweck aus dem 
Bewußtsein der allermeisten Völker verschwunden; 
in dem von C. angeführten Fall aber hat er sich 
noch erhalten. Nach der Meinung der Naturvölker 
dringen die Krankheiten durch die Körperöffnungen 
ins Innere hinein; lag da nicht der Gedanke nahe, 
ihnen diese Öffnungen unzugängHch zu machen? 
Da ein Verschluß derselben an Lebenden nicht 
möglich war, so griff man eben zu dem Mittel 
der Barrieren und Palisaden: man machte an der 
Nasenöffnung entweder ein Loch in der Scheide- 
wand und steckte einen Pflock hindurch, oder aber 
man durchbohrte die Nasenflügel, da hier hinein- 
gesteckte Stifte die Luftwege ebenso wirksam für 
die Eindringlinge versperrten. C. hält dafür, daß 
die gleichen Gesichtspunkte auch maßgebend 
waren für Mund und Ohren : Für den Mund leistete 
der melanesische Hängepflock, der heute nur noch 
bei Festen getragen wird, den Dienst einer Weg- 
sperre; sonst wurde aber sein Eingang dadurch 
geschützt, daß man ihn mit scharfspitzigen Pali- 
saden umgab : man durchbohre Ober- und Unter- 
lippe, wohl auch die Wangen zu beiden Seiten 
des Mundes und steckte spitze Gegenstände (mit 
der Spite nach außen) hinein, um der Krankheit 
den Eingang zu verleiden. An den Ohren wurden 
die Läppchen und manchmal auch der Rand der 
Ohrmuschel durchbohrt, um einen gleichen Schutz 
zu tragen. Späterhin, als der ursprüngliche Zweck 
all dieser Durchbohrungen aus dem Volksbe- 
wußtsein verschwunden war, wurden einige der 
früher zum Schutz eingesteckten Gegenstände als 
reine Schmucksachen weiter ausgebildet, so in der 
Nase (unten wie seitlich), in den Lippen und den 
Ohren, während die Löcher in den Wangen zu 



') Korrespondenzblau der deutschen Gesellschaft für An- 
thropologie (51, Jg., Nr. 5—10). 



N. F. XX. Nr. 9 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



139 



Seiten des Mundes, vielleicht weil sie keiner starken 
Vergrößerung fähig sind, allmählich ausgeschaltet 
wurden und der Vergessenheit anheimfielen. 

Die Durchbohrungen, die Naturmenschen an 
sich vornehmen, lassen sich aus dem allverbreiteten 
Geisterglauben derselben zwanglos erklaren, ürst 
nachträglich erhiehen sie den Zweck, als Schmuck- 
träger zu dienen. Bei dieser Erklärungsweise 
nimmt es auch nicht Wunder, wenn sich aut 
Grund altchinesischer Quellen das frühere Aut- 
treten des Oberlippenpflocks in Südchina nach- 
weisen läßt, weitab von dem Gebiet, wo er heute 
noch vorkommt. H. Fehlinger. 

Über die Radioaktivität aller Elemente. 

Die Erscheinung der Radioaktivität ist bisher 
an 37 Elementen von hohem Atomgewicht fest- 
gestellt worden. Von Elementen mit niedrigem 
Atomgewicht senden nur Kalium und Rubidium 
dauernd sehr weiche, d. h. wenig durchdringungs- 
fähige /S Strahlen aus. Ob bei Kalium und Ru- 
bidium die /!? Strahlen aus dem Atomkern stam- 
men und ob daher ihre Emission mit einem Atom- 
zerfall verknüpft ist, ist noch nicht bekannt. 

Bei /i-Strahlenumwandlung müßte aus Kalium 
das Erdalkalimetall Kalzium und aus Rubidium 
Strontium entstehen. Das gebildete Kalzium und 
Strontium hätten etwasabweichende Atomgewichte, 
doch ist deren Nachweis experimentell kaum mög- 
lich. Das Alkalimetall mit dem nächst höheren 
Atomgewicht, das auf Rubidium folgt, ist das 
Cäsium. An diesem ließ sich aber bis jetzt keine 
/S Strahlung nachweisen; sie könnte jedoch so 
schwach und wenig durchdringungsfähig sein, daß 
sie sich vielleicht der Meßbarkeit entzog. Aus 
Cäsium würde als Umwandlungsprodukt Baryum 
vom Atomgewicht 132,81 entstehen, während ge- 
wöhnliches Baryum das Atomgewicht 137.37 hat. 
O. Hahni) jgt mit der Bestimmung des Atom- 
gewichts von Baryum aus den sehr wertvollen 
Cäsiummineralien beschäftigt. 

Für die Radioaktivität aller übrigen Elemente 
mit niedrigem Atomgewicht liegt bis jetzt kein 
Anzeichen vor. Das könnte an der nicht ge- 
nügenden Empfindlichkeit der bisherigen Meß- 
methoden liegen; nun hat aber G. Hoff mann ) 
ein Elektrometer zum Nachweis kleinster Elektri- 
zitätsmengen von ungeheurer Empfindlichkeit 
konstruiert. Das neue Elektrometer ist auf Bruch- 
teile eines Millimeters Gasdruck evakuiert und 
die Bewegung des sehr leichten Elektrometer- 
systems wird durch einen Lichtzeiger auf einer 
sich gleichmäßig drehenden Trommel aufgezeichnet, 
die mit photographischem Papier bespannt ist. 
Ein einzelnes a-Teilchen erzeugt auf seinem gan- 
zen Weg etwa 150000 Ionen. Weil durch die 
Empfindlichkeit von Ho ff man ns Elektronieter 
bereits 5000 Ionen einen Ausschlag des Licht- 

•) Pbys Zeitschr. Bd. 20, 1919. 

2) Ann. d. Pbys. Bd. 62, S. 738—758, i92o. 



Zeigers um i mm bewirken, so markiert sich der 
lonisationsvorgang eines jeden einzelnen «■ 1 eil- 
chens mit einer stoßweisen gut meßbaren Be- 
wegung des Lichtzeigers. Über dem Elektrometer 
ist ein kugelförmiger lonisationsraum von 7,72 cm 
innerem Durchmesser aus Messing aufgesetzt, in 
den ein mit dem Elektrometersystem verbundener 
Zerstreuungskörper hineinragt. 

Mit diesem Apparat hat H o f f m a n n 810 Stoße 
des Lichtzeigers aufgenommen und hat die btoB- 
größe, d. h. die Menge der bei jedem Stoß eines 
«-Teilchens gebildeten Ionen in einer Tabelle 
mitgeteilt. Für die Ionisation ergaben sich fol- 
gende Werte: durchschnittliche Zahl der Stoße 
L :2 in der Stunde; durchschnittliche Große 
= 157 mm = 81700 Ionen; Zahl der Stoße 
pro qcm der Kugeloberfläche und Stunde = 0,28; 
gesamte «Ionisation im Durchschnitt = 1 190 Ionen 
in der Sekunde. Die gleichförmige Bewegung 
des Lichtzeigers zwischen den Stößen der « 1 eil- 
chen entspricht einer lonenbildung von 1 39p m 
der Sekunde infolge der durchdringenden Strahlung 

der Erde. , , t> u „ 

Hoff mann hat dann emgehende Berechnun- 
gen über die Erklärung der beobachteten btoß- 
größen durch eine radioaktive Verunreinigung 
der Wände des lonisationsgefäßes angestellt. Bei 
einer lonenabsättigung von 90 «/o ist für die 
kürzeren Stöße die Annahme einer neuen Radio- 
aktivität nötig, die nicht der gewöhnlichen Uran- 
Radium- und noch viel weniger • der Thorium- 
familie zugeschrieben werden kann. Hoffmann 
nimmt daher eine «-Aktivität des Messings oder 
dessen Hauptbestandteils, des Kupfers/) an, wo- 
raus die Wand des lonisationsgefäßes besteht. 
Ein Quadratzentimeter Metall sendet sekundlich 
,.io-^ «-Teilchen von der geringen Reichweite 
von 1,8 cm in Luft von O« und 760 ^m aus. 
Die Aktivität des Kupfers ist mindestens i, 5 Mil- 
lionen mal geringer wie die des Urans. Kein 
Wunder, daß eine derartig geringe Radioaktivität 
bisher nicht nachweisbar war. „Als Resultat der 
näheren Diskussion der Stoßverteilungskurve der 
«-Aktivität in einem kugelförmigen Metallgetaß 
ergibt sich, daß es nicht angängig ist, die be- 
obachteten «Aktivitäten allein auf das Radiurn 
und seine Abkömmlinge zu schieben. Es ist mit 
Sicherheit das Vorhandensein langlebiger Radio- 
elemente mit kurzer Reichweite nachgewiesen. 
Ob allerdings die neue Aktivität dem Kupfer oder 
einem die Gefäßwand verunreinigenden unbe- 
kannten Glied der Uranreihe zuzuschreiben ist, 
ist noch nicht völlig sicher ausgemacht. 

Hoff mann hat dann noch interessante Ver- 
suche zur Erzielung von Räumen angestellt, die 
möglichst frei von a Ionisation sind. Um die von 
der Wand des lonisationsgefäßes ausgehenden «• 
Teilchen zu vermindern, wurde eine Reduktion 



nToie^Ausdehnung der Versuche auf Hohlkugcin aus 
Metallen mit hoben Atomgewichten scheint besonders aus- 
sichtsreich Ergab doch Platinfolie emen dreimal so hohen 
Wert der «-Aktivität pro qcm Oberfläche wie Messmg." 



140 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



der Wandoberfläche durch Ersetzung der massiven 
Wand durch ein weitmaschiges Drahtnetz vorge- 
nommen. Der Einfluß der Wände gegenüber den 
radioaktiven Stoffen in der Luft wurde dann noch 
durch eine beträchtliche Erhöhung des Gasdrucks 
vermindert. Als lonisationsgefäß diente ein aus 
feinen Platindrähten zusammengeschweißter Netz- 
korb, der in einem Gefäß aufgehängt wurde, in 
welchem durch eine kleine Kompressionspumpe 
bis zu 15 Atmosphären Druck hergesteHt werden 
konnte. 

Bei 5 Atmosphären Druck wurden in Luft 
und Kohlensäure verschiedener Herkunft 2 bis 
14,5 Stöße in der Stunde am Elektrometer be- 
obachtet. „Blieb die Luft tagelang im Beobach- 
tungsgefäß, so stieg die Radioaktivität an. Die 
Bildungsgeschwindigkeit entsprach ungefähr der 
Radiumemanation. Offenbar stammt diese Akti- 
vhät von einem Radiumgehalt der Wandungen 
des äußeren Druckgefäßes, das aus roh bearbei- 
teten Eisenteilen zusammengesetzt war." 

Weitere Versuche wurden bei normalem Luft- 
druck mit 2 Kupferdrahtkugeln von 8 cm Durch- 
messer als lonisationsgefäße ausgeführt. Die 
Kugeln wurden in einem großen Zinkgefäß von 
solchen Dimensionen aufgehängt, daß die «-Strah- 
lung der Wandung nicht in den Kugelraum ein- 
treten konnte. Bei der einen Drahtkugel (Nr. i) 
war die Maschenweite etwa 1,5 cm, die andere 
Kugel (Nr. 2) bestand nur aus 3 zueinander senk- 
rechten größten Drahtkreisen. Mit Kugel 2 
glückte es trotz des Volumens von 260 ccm ganz 
außerordentlich geringe Ionisationen bis herab zu 
3,1 Stößen in der Stunde zu erzielen. 

„Das Verhältnis der Stoßzahlen für Bomben- 
luft bei Kugel i und Kugel 2 ist ungefähr gleich 
dem Verhältnis der Drahtoberflächen. Man ist 
versucht, daraus zu schließen, daß die Restaktivität 
im wesentlichen auf radioaktiven Stößen beruht, 
die von den Drähten ausgehen." 

Wenn die Stoßzahlen auf 3—4 Stöße in der 
Stunde herabgehen, dann kann mit großer Ge- 
nauigkeit die gleichförmige Ionisation infolge der 
durchdringenden Strahlung der Erde gemessen 
werden. Die Größe der durchdringenden Strah- 
lung bleibt nach den Aufzeichnungen der unmittel- 
bar aufeinanderfolgenden Teile der Registrier- 
kurven bis auf 1—2 %o konstant. In jeder Se- 
kunde werden infolge der durchdringenden Strah- 
lung im ccm etwa 3,88 Ionen neu gebildet. 

Die Versuchsanordnung mit den Drahtkugeln 
als Ionisationskammern ist auch sehr empfindlich 
für jede Änderung der durchdringenden Strahlung. 
„Die Strahlung stärkerer Radiumpräparate konnte 
durch dicke Mauern aus entfernteren Teilen des 
Gebäudes her beobachtet werden. Die Strahlung 
eines Gefäßes, das ein Kaliumsalz enthält, kann 
in wenigen Minuten gemessen werden." 

In der Zusammenfassung seiner Ergebnisse 
stellt Hoffmann noch einmal folgendes fest: 
„Es zeigt sich, daß zur Erklärung der Beobach- 
tungen die Strahlung des Radiums und seiner 



N. F. XX. Nr. 9 



Abkömmlinge nicht ausreicht, sondern daß lang- 
lebige radioaktive Substanzen mit Strahlungen 
kurzer Reichweite außerdem vorhanden sein 
müssen Die Möglichkeit einer Aktivität, etwa 
des Cu, wird diskutiert. Es wird gezeigt, wie 
Räume hergestellt werden können, die eine sehr 
geringe ß-Ionisation aufweisen." 

Karl Kuhn. 



Die Kristallstruktur einiger Karbonate der 
Calcitgruppe. 

R. W. G. W y c ko f f bringt im American Journal 
of Science (IV. Folge) 50. Bd. (1920) S. 317—360 
hierüber ausführliche Untersuchungen auf Grund 
von Röntgenaufnahmen nach der Laue-Methode. 
Die Struktur des Calcits wurde bereits 191 5 durch 
W. L. und W. H. Bragg mit ihrer Reflexions- 
methode (vgl. Naturw. Wochenschr. 1917, S. 522) 
ermittelt, ebenfalls die analoge Struktur des Side- 
rits (FeCOg) und Manganspats (MnCOg). Die 
vorHegenden Untersuchungen von Wyckoff wur- 
den ursprünglich in der Hoffnung unternommen, 
daß die weitgehenden Hinweise, welche Laue- 
Diagramme bei entsprechender Auswertung zur 
Erforschung einer Struktur liefern können, dazu 
dienen könnten, die O- Atome im Gitter mit 
größerer Genauigkeit als sonst möglich einzuord- 
nen. Es sollten vor allem entscheidende Anhalts- 
punkte hinsichtlich der Existenz der Baugruppe 
COg im Gitter gewonnen werden. ^) 

Von den hierher gehörigen Karbonaten kom- 
men nach Wyckoff nur CaCOg, FeCOg und 
MnCOs, seltener auch noch MgCOg und ZnCOg 
in für diese Untersuchung geeigneten natürlichen 
Kristallen vor. Von CrCOg, CdCO, und NiCOg 
ist kein brauchbares natürliches Material verfüg- 
bar. — Zur Auswertung der in der üblichen Weise 
erhaltenen Laue-Röntgenogramme verwendet der 
Verf. nicht die z. B. von Rinne [Ben Verhandlgn. 
K. Sachs. Ges. d. W. zu Leipzig 67. Bd., S. 303 ff. 
(191 5)] vorgeschlagene stereographische Projektion, 
sondern die gnomonische, weil diese ihm folgende 
Vorteile zu bieten scheint. (Diese Projektionsart 
wurde übrigens auch schon von E. Schiebold 
mit Vorteil angewendet.) Die Indizes der 
reflektierenden Gitterebenen sind sehr leicht und 
einfach abzulesen. Ferner bietet diese Methode 
den Vorteil, daß auch infolge von ungenauer 
Orientierung der Kristallplatte zur Richtung des 

1) Anm. d. Ref. Die von W. H. Bragg für den Calcit 
als die wahrscheinlichste angenommene Struktur besitzt näm- 
lich hinsichtlich der Lage der 0-Atome zunächst einen Frei- 
beitsgrad. Aus diesem Grunde ist auch von E. Schiebold 
in seiner ausführlichen Untersuchung „Über die Verwer- 
tung der Laue- Diagramme zur Bestimmung der 
Struktur des Kalkspates" (Abhandlungen der mathem.- 
phys. Kl. d. S. Ak. d. \V. z. Leipzig XXXVI. Bd. (1919) 
der gleiche Weg bereits eingeschlagen worden. (Diese Arbeit 
ist dem Verf. offenbar noch nicht bekannt gewesen.) Das 
Ergebnis Schiebolds ist übrigens mit dem des Verf. iden- 
tisch, das Braggsche Struklurmodell wurde als beste Lösung 
bestätigt. 



N. F. XX. Nr. 9 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



141 



Primärstrahles unsymmetrisch ausgefallene Laue- 
Diagramme danach ganz einfach ausgewertet 
werden können. Der zweckmäßigen Herstellung 
und Auswertung dieser gnomonischen Projektionen 
werden danach eingehende Betrachtungen ge- 
widmet, besonders hinsichtlich der Auswertung 
unsymmetrischer Diagramme. 

Die so erhaltenen Werte der Flächenindizes 
der reflektierenden Gitterebenen dieser Laue- 
Diagramme würden übrigens, wie schon bei NaNOg 
früher von Wyckoff geschehen (The Physical 
Review, American Phys. Soc. Bd. XVI (1920) 
S. 149 — 157) nicht auf die Kanten des Spaltungs- 
rhomboeders als kristallographische Achsen be- 
zogen, wie dies nach der IVIill ersehen Bezeich- 
nungsweise für die rhomboedischen Kristalle üb- 
lich ist. Es wurden vielmehr zunächst Achsen 
zugrunde gelegt, die den Diagonalen der Flächen 
desSpaltungsrhomboeders (-j- R) entsprechen, d. h. 
die Polkanten des Rhomboeders — 2 R. Dadurch 
wird eine viel größere Einfachheit in den Flächen- 
indizes der Diagrammpunkte erzielt. Da aber bei 
der weiteren Auswertung der Intensitäten dieser 
Diagrammpunkte gewisse Strukturebenen schein- 
bar Wellenlängen reflektieren würden, die kürzer 
sind als sie überhaupt in dem benutzten Röntgen- 
licht enthalten waren, so wird man gezwungen 
ein besseres Achsensystem auszuwählen. Wenn 
nun die Diagonalen der Flächen dieses bisherigen 
Bezugsrhomboeders ( — 2 R) zu Achsen genommen 
werden (das sind nun aber die Polkanten des 
Rhomboeders -}~4R). so verschwinden auch die 
erwähnten Unstimmigkeiten. Die Rechnung zeigt, 
daß in diesem nunmehr als Struktureinheit ge- 
wähltem Rhomboeder 2 Moleküle CaCOg ent- 
halten sind. ') 

Über den Einfluß der Spannung, mit der die 
Röntgenröhre betrieben wird, auf die Natur des 
erhaltenen Diagramms wird vor Beginn der Mit- 
teilung der Auswertungsversuche noch gesagt, 
daß I. die brauchbarsten Photogramme mit Hilfe 
einer Wolfram-Antikathode bei einer Spannung 
von 50000 Volt erhalten wurden und 2. daß die 
Verwendung verschiedenartiger Absorptionsschirme 
unnötig und nicht wünschenswert ist. 

Die Auswertung der Laue- Diagramme des 
Calcits führt zunächst zu der Feststellung, daß 
das Strukturmodell der Raumgruppe D°3,\ oder 
D^s.a angehören muß. Es erwächst hiernach die 
Aufgabe, alle Möglichkeiten zu besprechen, nach 
denen CaCOg in einer dieser Raumgruppen ange- 
ordnet werden kann. Durch Vergleich der in 



') Anm. d. Ref. Es muß nochmals darauf hingewiesen 
werden, daß das gleiche Ergebnis auf analogem Wege schon 
in der älteren Arbeit von E. Schiebold erhalten worden 
ist (vgl. a. a. O. S. 84 u. 85). Die auf diese Weise aus den 
Laue- Diagrammen allein abgeleitete Struktur stimmt übrigens 
mit der von W. H. Bragg ermittelten überein, bei der bei 
näherer Betrachtung ebenfalls das Rhomboeder 4 R als Grund- 
einheil zu wählen ist. Die von H Tertsch (Tscberm. Min., 
petr. Mittig. Bd. 34 (1917) abgeleitete Struktur, deren Einheit 
das Spaltungsrhomboeder ist, kann infolgedessen nicht ange- 
nommen werden. 



den Laue-Diagrammen beobachteten Reflexpunkte 
von bestimmten Strukturebenen mit den lediglich 
durch die folgende Annahme errechneten ergibt, 
daß nur die Raumgruppe D^aa passend sein kann. 
Die hierzu notwendig anerkannte Annahme ist die, 
daß die Intensität des von den einzelnen Atomen 
abgebeugten Röntgenlichts proportional ist der 
betreffenden Atomordnungszahl. — Nach der Ent- 
scheidung über die Raumgruppe bleibt die Frage 
nach der genaueren Plazierung von O, Ca u. C 
noch offen. Die Diskussion ergibt dann das be- 
reits von Bragg ermittelte Modell (s. Natur w. 
Wochenschr. 1917, S. 525). Unter Beziehung auf 
die Kanten a der obengenannten Struktureinheit 
als Achsen ergeben sich folgende Koordinaten 
der innerhalb einer Einheit liegenden Atome: 



Ca = 



4' 4 4 



3a 35 3^ 

4' 4' 4" 



_ a a a 

C = o, o, o; — , — , . 
' ' 222 



O := u, u, O; u, o, u; O, u, u; 



, a a , a a a 

u H — , - ; u H — , — , — 
' ■> 2 222 



u. 



— u, 



"+2' 

worin u den Wert von nahezu "/^ hat und jeden- 
falls innerhalb 0,24 und 0,26 liegt. Der Winkel 
zwischen den Achsen (Koordinatenwinkel) be- 
trägt 46" 06'. Die Polkantenlänge dieses Rhom- 
boeders ist a = 6,16 X 10-' cm.ij 

Während zur Untersuchung beim Calcit islän- 
discher Doppelspat verwendet wurde, stand für 
Manganspat solcher von Lake County, Colorado, 
zur Verfügung [nahezu reines MnCOg nach Ana- 
lyse vgl. Wash. Acad. Science, 7. Bd., 365 (1917)]. 
Zur Ermittlung der Ausmaße der Struktureinheit 
wurden mit den Linien der L Serie von Wolf- 
ram eine vergleichende Spektralaufnahme von 
Calcitspaltungstücken und von diesen MnCOj- 
Spaltungsrhomboedern hergestellt. Wenn der Wert 
d=304X io~* cm für Calcit als genau bekannt 
vorausgesetzt wurde, ergab sich danach für MnCOg 
der Wert d = 2,83 X I0~" cm. Dieser weicht aber 
erheblich von dem für MnCOg von Bragg (X-rays 
and crystal-structure) ermittelten Werte ab. Da 
für den dort verwendeten Manganspat weder 
Fundort noch chemische Zusammensetzung ange- 
geben wird, kann eine Aufklärung dieser Un- 
stimmigkeit nicht versucht werden. — Durch ana- 
loge Auswertung von Laue Diagrammen desMnCOg 
wird nun das gleiche Strukturmodell ermittelt, wie 
bereits für den Calcit geschehen. Der Wert u bei 
den oben angegebenen Koordinaten für O liegt aber 
hier wahrscheinlich bei 0,27 und a^ S,6i8Xio-* cm 
Koordinatenwirkel ^47 " 46'. 

Die Struktur von Siderit (FeCOg, Mol.-Gew. 



•) Diese Zahlen weichen von den z. B. bei E. Schie- 
bold angegebenen ab; dort ist a = 6,345 X ■°""''' '^'"' 



142 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 9 



= 114,93) wird der von Manganspat (MnCOg, 
Mol.-Gew. = 115,85) als völlig identisch gefunden. 
Eine Reihe von Laue Photogrammen des Eisen- 
spats ließ sich nicht von denen des Manganspats 
unterscheiden. Vergleichsspektra von Spaltungs- 
rhomboedern (wie oben angegeben) lieferten für 
FeCOg den Wert 2,81 X lo-^* cm. Innerhalb der 
Versuchsfehler kann also die Struktur des FeCOg 
und ihre Ausmaße mit der des MnCOg gleich ge- 
setzt werden. 

Die Struktur von MgCOg konnte wegen Mangels 
an ebensogut geeignetem Material nicht in gleicher 
Weise überprüft werden. 

Aus diesen Daten ergeben sich nun hinsicht- 
lich der Existenz der „Baugruppe" CO., in den 
untersuchten Karbonaten folgende Anhaltspunkte. 
Für CaCOg wird gefunden : der kürzeste Abstand 
von O zu C zu 1,21 X io~* cm/) von O zu Ca zu 
2,30 X I0"~* cm, von Ca zu C zu 3,04 X lO""* cm. 



') Auch diese Zahl wird bei E. Schiebold hiervon 
abweichend mit 1,54 X lO"** cm angegeben. 



Beim MnCOg dagegen sind die entsprechenden 
kürzesten Abstände vonO zu C= 1,225 X io~* cm, 
von O zu Mn = 1,96 X io~^ cm, von Mn zu C 
= 2,83 X io~* cm. Für Siderit wären nach obigem 
die gleichen Werte anzunehmen. Daraus ergibt 
sich, daß die Abstände zwischen den C Atomen 
und den 3 dicht darum angeordneten OAtomen 
in beiden Fällen innerhalb der Versuchsfehler 
gleich sind, während die Abstände zwischen Mn 
bzw. Ca und O und ebenfalls zwischen Mn bzw. 
Ca und C verhältnismäßig stark verschieden sind. 
Daraus darf wohl auf die Existenz der 
Baugruppe CO3 geschlossen werden. 

Zum Schluß der Arbeit werden noch die Mög- 
lichkeiten der Bindungen zwischen den einzelnen 
Atomen besprochen mit dem Resultat, daß die 
Annahme von elektrisch geladenen Ca- bzw. CO^- 
lonen als am wahrscheinlichsten sich aufdrängt. 
— Betrachtungen über den Zusammenhang der 
ermittelten Kristallstruktur mit den beim Calcit 
in der Natur beobachteten häufigsten Kristall- 
flächen bilden den Schluß der Arbeit. Spbg. 



Bücherbesprechungen. 



Ulbricht, K. , Das Kugelphotometer (Ul- 
brichische Kugel). 1 10 Seiten mit 31 Textabb. 
u. 3 Tafeln. München und Berlin 1920, Ver- 
lag K. Oldenburg. Geh. 24 M., geb. 28 M. 
Bringt man eine Lichtquelle in das Innere einer 
Hohlkugel (von 1,5 — 3 m Durchmesser) deren 
Innenwandung mit einem weißen Anstrich von 
möglichst vollkommenem Zerstreuungs- und ge- 
ringem Absorptionsvermögen versehen ist, dann 
ergibt sich nach dem Lambertschen Gesetz, 
daß die Wandbeleuchtung durch das von den 
Wand flächen- zurückgeworfene Licht 
überall die gleiche ist ganz unabhängig davon, an 
welcher Stelle der Hohlkugel die Lichtquelle an- 
gebracht ist. Verschiedenheiten in der Wandbe- 
leuchtung treten lediglich durch die unmittel- 
bare Bestrahlung der Lichtquelle auf. Schaltet 
man durch Anbringung einer Blende diese an 
einer Stelle der Kugelwandung aus, trennt man 
also auf diese Weise das zurückgeworfene Licht 
von der unmittelbaren Bestrahlung, dann kann 
man an dieser Stelle die Wandbeleuchtung messen, 
indem man in der Wand eine Öffnung anbringt 
und das heraustretende Licht mit einem Photo- 
meter mißt; man erhält auf diese Weise eine 
Größe, die in geradem Verhältnis zur mittleren 
räumlichen Lichtstärke des Leuchtkörpers 
steht und sonach als Maß derselben dienen kann. 
Das ist der Gedanke, der dem Kugelphotometer 
von Ulbricht (auch Integrator genannt) zugrunde 
liegt. Es ist das Meßinstrument, das heute, 
namentlich seitdem es seit 1906 in den Vor- 
schriften des Verbandes deutscher Elektrotechniker 
aufgenommen ist, vorwiegend für die Photo- 
metrierung von Glüh- und Bogenlampen verwendet 



wird. Die Arbeiten des Verfassers darüber sind 
in den Jahren 1900 bis 1910 in der elektrotech- 
nischen Zeitschrift erschienen. Das vorliegende 
Buch ist eine Neubearbeitung dieser Aufsätze unter 
Benutzung fremder Veröffentlichungen; es enthält 
an Theorie und Praxis alles, was über das Kugel- 
photometer wissenswert ist. K. Seh. 



Pfeiffer, L., Die Werkzeuge des Steinzeit- 
menschen. Aus der technologischen Ab- 
teilung des Städtischen Museums in Weimar. 
415 S. mit 540 Textabbildungen. Jena 1920, 
Gustav Fischer. 
Für die Erforschung der vorgeschichtlichen 
Technik ist bisher außerordentlich wenig getan. 
Um so dankbarer müssen wir dem Städtischen 
Museum in Weimar dafür sein, daß es in mühe- 
voller Arbeit Jahrzehnte hindurch all das zu sam- 
meln versuchte, was uns über die steinzeitliche 
Technik ein klares Bild geben kann. Die An- 
regung zu dieser Sammelarbeit ging von dem 
Medizinalrat Dr. Pfeiffer aus, der die Sammel- 
arbeit auch während der ganzen Zeit mit dem 
größten Interesse begleitete und durch persönliche 
Opfer sowie durch Gewinnung von Geldmitteln 
ermöglichte. Pf. hat sich mit dieser Sammelar- 
beit jedoch nicht begnügt, sondern auch versucht, 
die Ergebnisse dieses Sammeins in einer Reihe 
von Arbeiten, darunter mehreren Büchern, bekannt, 
zugeben. All diese Arbeiten will das jetzt er- 
schienene neue Buch zu einem abschließenden 
Werk zusammenfassen, gleichzeitig aber auch ein 
Leitfaden zur Einführung in die Technik, „speziell 
für Museen, Volkshochschulen, landwirtschaftliche 
und technische Schulen, für Sammler" sein. 



N. F. XX. Nr. 9 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



143 



Das Werk wird gewiß von Fachleuten als 
Materialsammlung benutzt werden können; sie 
werden dann einmal darin blättern und dankbar 
des Verfassers gedenken. Eine Verbreitung über 
die Fachkreise hinaus dürfen wir dem Werke je- 
doch aus rein wissenschaftlichen Erwägungen 
heraus nicht wünschen. Denn das Buch steht 
keineswegs mit dem in Einklang, was Pf. durch 
die Förderung des Museums durch seine Einzel- 
forschungen geleistet hat; und so fürchte ich, daß 
Pf. sich selbst den schlechtesten Dienst erwies, als 
er dieses Werk als seine Lebensarbeit bezeichnete. 

Doch zum Inhalt. Drei Leitgedanken hat der 
Verf. wie einen roten Faden in den Aufbau des 
Ganzen hineingewebt. Einmal seine eigene An- 
schauung von der Chronologie: das Solutreen ge- 
höre hinter das Magdalenien, weil es an der ihm 
sonst eingeräumten Stelle nicht in Pf.s Theorien 
hineinpaßt. Zweitens: Der Übergang zur Jung- 
steinzeit und die in der Jungsteinzeit auftretenden 
neuen Kulturgüter seien lediglich durch die Ein- 
wanderung eines neuen Volkes zustande gekom- 
men. Drittens: In der Technik lasse sich von der 
jüngeren Steinzeit an ein „Dualismus" erkennen, 
der sich durch eine Oberschicht in der Bevölke- 
rung erkläre, die immer neues, feineres Werkzeug 
habe anfertigen lassen, während die in Sklaven- 
stellung stehende Unterschicht sich mit den alten 
Werkzeugen habe begnügen müssen. Mit diesen 
drei Leitsätzen werden sich jedoch wohl die 
wenigsten Fachgenossen befreunden können. 

Der Gesamteindruck des Buches ist entschieden 
nicht günstig. Allzuoft finden sich langatmige 
Wiederholungen. Die Gliederung ist des öfteren 
nicht innegehalten. Was soll z. B. in dem Ab- 
schnitt Werkzeuglehre die Schilderung der Jagd- 
tiere oder in dem gleichen Abschnitt unter der 
Überschrift Rhinoceros die Angabe über Vogel- 
eier usw. Und was hat schließlich das Kapitel 
„Rösten der Getreidekörner" überhaupt mit Prä- 
historie zu tun? 

Jede Benutzung des Buches wird übrigens sehr 
beeinträchtigt durch zahlreiche Druckfehler und 
Entstellungen. 

Wernigerode a. H. Hugo Mötefindt. 



La Baume, Wolfgang, Vorgeschichte von 
Westpreußen in Grundzügen allgemein 
verständlich dargestellt. Herausgegeben von 
der naturforschenden Gesellschaft in Danzig. 
102 S., i8 Tafeln, 84 Textabbildungen. Danzig 
1920, in Kommission bei R. Friedländer und 
Sohn in Berlin. 
Einstmals hatte die Provinz Westpreußen 
mehrere Jahrzehnte lang im Vordergrund der vorge- 
schichtlichen Forschung gestanden, als Abraham 
Lissauer in Danzig ansässig war und sich mit 
Feuereifer den vorgeschichtlichen Studien zuwandte. 
Seine Arbeiten und die seiner Freunde Anger und 
Dorr waren für ihre Zeit mustergültig und gehören 
noch heute zu dem unentbehrlichen Rüstzeug des 
Vorgeschichtsforschers. Die von diesen drei 



Forschern geleistete Arbeit versuchte der hoch- 
verdiente Direktor des ProvinziaJmuseumsConwentz 
fortzusetzen. Aber zu seiner Unterstützung fanden 
sich keine Mitarbeiter, und so bereitete sich all- 
mählich ein Stillstand vor, der dann dazu führte, 
daß Westpreußen zu derjenigen Provinz wurde, die 
am allerwenigsten literarische Veröffentlichungen 
auf vorgeschichtlichem Gebiet aufzuweisen hat. 
Merkwürdig fügt es nun das Schicksal, daß gerade 
in dem Augenblick, wo die Provinz durch die 
Bestimmung des Friedens von 1919 zerstückelt 
wurde, sie sich noch einmal zu einer mustergültigen 
Verarbeitung ihrer vorgeschichtlichen Funde auf- 
raffte. Von sachkundiger Hand erhalten die aus 
ihr vorliegenden reichen Funde in der La Baume- 
schen Vorgeschichte eine für die weitesten Kreise be- 
rechnete Zusammenfassung, eine Zusammenfassung, 
wie ich sie mir gar nicht besser und klarer denken 
kann und für die es eigentlich auch nur ein Gegen- 
stück in dem von Oskar Mertins verfaßten „Weg- 
weiser durch die Urgeschichte Schlesiens" (2. Aufl. 
Breslau 1906) gibt. In übersichtlicher zusammen- 
hängender Form wird ein gutdurchdachter Über- 
blick über die Vorgeschichte der Landschaft ge- 
boten. Dabei werden die wichtigsten Funde aus- 
führlich erörtert und in gut gewählten Abbildungen 
vorgeführt. Am Schlüsse der einzelnen Abschnitte 
findet sich jeweilig die wichtigste Literatur ver- 
zeichnet. Möchte das Buch zu ähnlichen gleich- 
guten zusammenfassenden Darstellungen der Vor- 
und Frühgeschichte der übrigen Provinzen und 
Landschaften Deutschlands anregen und möchte 
gleichzeitig mit seinem Erscheinen für die hart- 
geprüfte Landschaft, der es gewidmet ist, eine 
neue Periode eifrigster Forschung und reichster 
wissenschaftlicher Ergebnisse auf dem Gebiete 
der Vorgeschichte heranbrechen I 

Wernigerode a. H. Hugo Mötefindt. 



Weil, L. W., Neue Grundlagen der tech- 
nischen Hydrodynamik. München und 
Berlin, Verlag R. Oldenburg. 219 Seiten mit 
133 Abbildungen. Preis geh. 26 M., geb. 30 M. 
Die Hydrodynamik hat für zahlreiche Strömungs- 
probleme, die wissenschaftlich und wirtschaftlich 
von der größten Bedeutung sind, noch keine 
exakte Erklärung bzw. analytische Lösung finden 
können, da einerseits die experimentelle Erforschung 
außerordentlich schwer ist, andererseits die rein 
theoretische Behandlung auf oft unüberwindliche 
Schwierigkeiten stößt, die zur Aufsteilung ver- 
einfachender Annahmen über den Strömungs- 
verlauf geführt haben. Das hat zur Folge gehabt, 
daß der praktische Hydrodynamiker seine mathe- 
matischen Beziehungen ausschließlich aus der 
praktischen Erfahrung auf empirischem Wege 
gewinnt, während er das Feld der wissenschaft- 
lichen Bearbeitung derselben vollständig den 
Theoretikern überläßt. Zwischen beiden besteht 
eine Kluft. Das vorliegende Buch (es ist in mehr- 
jähriger Kriegsgefangenschaft geschrieben) macht 
den Versuch, diese Kluft zu überbrücken ; alle 



144 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 9 



durch theoretische Betrachtung gewonnenen Er- 
gebnisse werden sorgfältig geprüft, ob sie quali- 
tativ und quantitativ mit der praktischen Erfahrung 
übereinstimmen. Folgende Themata werden in 
den einzelnen Abschnitten behandelt: i. Die turbu- 
lente Strömung, 2. die Zentralströmung, 3. das 
Ausfluß oder iVIündungsproblem, 4. der Energie- 
satz der kreisenden Flüssigkeit, 5. der hydraulische 
Stoß, 6. die Kreiselräder. K. Seh. 



Diels, Paul, Die Slawen. 141 S. (Aus Natur und 
Geistes weit Nr. 740.) Leipzig 1920, B. G. Teubner. 
Das Büchlein D i e 1 s' ist recht zeitgemäß heraus- 
gekommen. Es enthält reichliches Tatsachen- 
material u. a. über die Urheimat der Slawen, ihre 
Gliederung in Sprachstämme, deren geographische 
Verbreitung, die Sprachen, Schrift, Religionen 
und kulturellen Eigenarten. Die Abschnitte über 
die Kaschuben, Polen und Tschechen verdienen 
besondere Beachtung, weil es sich hier um Nach- 
barvölker handelt, deren Sprachgebiete in geringer 
Ausdehnung über Deutschlands Grenzen herein- 
reichen. Ganz innerhalb unserer Grenzen lebt 
nur der kleine Slawenstamm der Sorben oder 
Wenden. So manche Tatsachen, wie etwa gerade 
die Erhaltung der sorbischen Sprache in der 
Lausitz und des Kaschubischen und Polnischen in 
Ostpommern, sind noch nicht klar gedeutet, sie haben 
vielleicht auch mehr als eine Ursache. Es scheint 
(und das ist ganz natürlich), daß die Intensität 
der deutschen Besiedelung nach Osten zu abnahm ; 
daß wir jenseits der Lausitz und Pomerellens, in 
Schlesien und Preußen, wieder eine starke und 
siegreiche deutsche Kolonisation vorfinden, muß 
(und kann) aus der besonderen Geschichte der 
letztgenannten Länder erklärt werden. Stellen- 
weise mag auch die Bodenbeschaffenheit die 
deutschen Ansiedler weniger angezogen und somit 
der alten Bevölkerung zum Schutz gedient haben 
(Kaschubenland). Auch die für uns ganz unlösbare 
Frage erhebt sich, ob nicht die Slawenbevölkerung 
Ostdeutschlands von vornherein verschiedene 
Grade der Dichtigkeit aufwies. — Nicht in den 
Bereich der Darstellung gezogen sind die 
materielle Kultur, Lebensweise und Gebräuche 
der slawischen Völker. H. Fehlinger. 



Literatur. 



Herz, Prof. Dr. W., Leitfaden der theoretischen Chemie, 
Als Einführung in das Gebiet für Studierende der Chemie, 
Naturwissenschaften und Pharmazie , Arzte und Techniker, 
2, Aufl. Ebenda. 50 M. 



Virchow, H. , Die menschlichen Skelettreste aus dem 
Kämpfeschen Bruch im Travertin von Ehringsdorf bei Weimar. 
Mit 42 Textabb. u. S Tafeln. Jena '20, G. Fischer. 100 M. 
Neumayer, M., Erdgeschichte. 3. Aufl., gänzlich neu- 
bearbeitet von Prof. F. E. Sueß. I. Bd. Dynamische Geo- 
logie. Mit 132 Te.xtabb. 30 Tafeln u. 2 Karten. Leipzig 
und Wien '20, Bibliographisches Institut. 

Praktikum und Repetitorium der quantitativen Analyse. 
111. Teil : Elektroanalyse. Mit 27 Textfig. Leipzig '20, J. A. 
Barth. 10,80 M. 

Aus Natur und Geisteswelt. Leipzig und Berlin , B. G. 
Teubner. 

Rüsberg, Dr. F., Einführung in die analytische Che- 
mie. I. Teil: Theorie und Gang der Analyse. Mit 
15 Textfig. 2. Teil: Die Reaktionen. Mit 4 Textfig. 
Sommer, Dr. G, Leib und Seele in ihrem Verhältnis 

zueinander. 
Egerer, Dr. A., Kartenkunde. I. Einführung in das 

Kartenversländnis. Mit 49 Textabb. 
Krantz, Prof. P. , Sphärische Trigonometrie zum 

Selbstunterricht. Mit 27 Textfig. 
Schmidt, Prot. Dr. F. A. , Wie erhalte ich Körper 

und Geist gesund? 
Bloch, Dr. W., Einführung in die Relativitätstheorie. 

2. verb. Aufl. Mit 18 Fig. 
Scheiner, Piof. Dr. J. f , Der Bau des Weltalls. 
5. Aufl. bearbeitet von Prof. Dr. P. Guthnick. Mit 
28 Textfig. 
Peter, Prof. Dr. B. f. Die Planeten. 2. Aufl. durch- 
gesehen von Dr. H. Naumann. Mit 16 Textfig. 
Roth, A., Grundlagen der Elektrotechnik. 3. Aufl. 

Mit 70 Abbildungen. 
Vater, Prof. R. 'f , Einführung in die technische 
Wärmelehre. 2. erweiterte Aufl. bearb. von Dr. 
F. Schmidt, Mit 46 Textabb. 
Thomes, Prof. Dr. K. , Nahrung und Ernährung. Mit 
einer Erläuterung von Rubners Nahrungsmilteltafel. Ebenda. 
10 M. 

U h 1 i c h , Prof. Dr. R. , Untersuchungen zur Erklärung 
der fernwirkenden Kräfte. Ebenda. 4 M. 

Hahn, Dr. K., Grundriß der Physik. Für höhere Lehr- 
anstalten und Fachschulen, sowie zum Selbstunterricht. Mit 
326 Figuren. Ebenda 16 M. 

Bader, Dr. H. G., Grundlagen der Flugtechnik. Ent- 
werfen und Berechnen von Flugzeugen. Mit 47 Textfiguren. 
Ebenda. 36 M. 

Voigt, Prof. Dr. A., Exkursionsbuch zum Studium der 
Vogelstimmen. 8. vcrm. u. verb. Aufl. Ebenda. 20 M. 

Fitschen, J., Gehölzflora. Ein Buch zum Bestimmen 
der in Deutschland und den angrenzenden Ländern wild- 
wachsenden und angepflanzten Bäume und Sträucher. Mit 
342 Abb. Ebenda. 15 M. 

Brohmer, Dr. P., Fauna von Deutschland. Ein Be- 
stimmungsbuch unserer heimischen Tierwelt. Mit 935 Abb. 
Ebenda. 22 M. 

Guenther, Prof. Dr. K., Kultur und Tierwelt. Mit 
33 Abb. Ebenda. 6 M. 

Graebner, Prof. Dr. P., Lehrbuch der nichtparasitären 
Pflanzenkrankheiten. Mit 244 Textabb. Berlin '20, P. Parey. 
Kirchberger, Prof. Dr. P., Was kann man ohne Ma- 
thematik von der Relativitätstheorie verstehen? Karlsruhe '20, 
C. F. Müller. 8 M. 

Reichenbach, Dr. H., Relativitätstheorie und Erkennt- 
nis a priori. Berlin '20, J. Springer. 

Born, M., Die Relativitätstheorie Einsteins. Mit 129 
Textabb. u. einem Porträt Einsteins. Ebenda. 34 M. 



Inhalt: K. Goebel, Pflanzen als Wetterpropheten. (2 Abb.) S. 129. H. Marzell, Der Holunder (Sambucus nigra) in 
der Volkskunde. S. 133. — Einzelberichte : S. Nishikawa und G. Asahara, Untersuchungen von Metallen mittels 
Röntgenstrahlen. S. 136. C. v. Wisselingh , Untersuchungen über Osmose. S. 136. H. Burgeff, Eigenartige Form 
des Parasitismus. S. 137. L. Cohn, Zweck des Tragens von Nasen-, Lippen- und Wangenpflöcken. S. 138. Hoff- 
raann, Über die Radioaktivität aller Elemenie. S. 139. R. W. G. Wyckoff, Die Kristallstruktur einiger Karbonate 
der Calcitgruppe. S. 140. — Bücherbesprechungen: K. Ulbricht, Das Kugelphotometer. S. 142. L. Pfeiffer, 
Die Werkzeuge des Steinzeitmenschen. S. 142. W. La Baume, Vorgeschichte von Westpreufien. S. 143. L. W. 
Weil, Neue Grundlagen der technischen Hpdrodynamik. S. I43. P. Diels, Die Slawen. S. 144. — Literatur: Liste. S. 144. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miebe, Berlin N 4, InvalidenstraSe 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 

Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge 20. Band; 
der ganzen Reihe 36. Band, 



Sonntag, den 6. März 1921. 



Nummer 10. 



Deszendenzprobleme, erörtert am Fall der Steinheimer Planorben. 



[Nachdruck verboten.] 



Von M. Rauther (Stutlgart). 
Mit 3 Abbildungen. 



Das Mittel einer denkmäßigen Ordnung ge- 
gebener Mannigfaltigkeiten ist der Vergleich. Ver- 
gleichbarkeit der Lebewesen besagt, daß diese, 
obwohl im ganzen konkret- gestaltlich verschieden, 
doch „in gewisser Hinsicht" gleich sein können. 
Der Ausdruck umfassenderer oder engerer Grade 
dieser relativen Gleichheit ist das vielgliedrige 
System der Organismen. Was aber ist das 
gleiche, das systematische Zusammengehörigkeit 
bedingt? Etwa ein einzelner konkreter Teil der 
verglichenen Wesen? Wenn wir Säuger, Vögel, 
Fische usw. „Wirbeltiere" nennen, so tun wir das, 
weil sie alle sich im Besitz einer Wirbelsäule 
gleichen. Aber die Wirbelsäule haben sie nicht 
als gestaltlich identisches Gebilde gemein: nicht 
als eine Wirbelsäule von dieser Größe, Form 
und Beschaffenheit; sondern nur als eine Wirbel- 
säule überhaupt, d. h. ein sinnlich wahrnehm- 
barer, Qualitäten entbehrendes, unwirkliches Ge- 
dankengebilde. Und so ist auch „das Wirbeltier", 
dem wir außerdem noch ein Rückenmark-über- 
haupt, ein Bauchherz-überhaupt u. a. m., sowie 
ein allgemeines Lageschema dieser Teile zu- 
schreiben mögen, ein Gedankengebilde. Also: 
nur in denkhaft-abstrakten Zügen spricht sich 
das Gemeinsame, die Einheit systematischer 
Gruppen aus. 

Sollte was hinsichtlich der mehr oder minder 
umfassenden „Genera" sehr einleuchtend, nun 
nicht auch für die Art, als engste „systematische 
Kategorie", Geltung haben? Auch die Art er- 
scheint ja vielen Naturforschern nur als künstliche 
Zusammenfassung des Gemeinsamen vieler unter 
sich, wenn auch meist nur geringfügig verschie- 
dener Individuen oder „Personen". Pendeln diese 
nur wenig um eine „Normalform", so scheint 
es in der Tat möglich, auch das Wesen der Art 
in einem abstrakt allgemeinen Charakter auszudrük- 
ken. Tritt aber eine Art in mehreren gut gekenn- 
zeichneten Formen (geographischen usw.) auf oder 
ist sie physiologisch in höherem Grade dimorph 
oder polymorph, so wird es deutlich, daß ihr 
Wesen nur in eine umständliche Beschreibung 
unter Berücksichtigung der konkreten Grenzfälle 
zu fassen ist. 

Die Art kann also in der Tat nicht gleich den 
übrigen systematischen Kategorien wie ein „Genus" 
behandelt werden. Und zwar darum nicht, weil 
artgleiche Wesen nicht nur durch allgemeine Be- 
griffe, sondern auch konkret-körperlich zusammen- 
hängen. Die Art, als ein ununterbrochener Strom 
durch Zeugung sich wiederholender, „voneinander 



abstammender" Personen, ist demnach selbst durch- 
aus ein reales Wesen. Sie, nicht die Person 
(wie meist gelehrt wird), ist das eigentliche 
Element des Systems, nicht aber selbst schon 
begriffliche Kategorie desselben. 

Der Zusammenhang durch Zeugung erscheint 
nun als der eigentlich der Natur eigene, allein 
wirkliche, gegenüber dem nur denkhaften der 
systematischen Einheiten. Nichts lag daher näher 
als daß es den Naturforscher reizte, diesen 
Dualismus zu überwinden und das Hineinspielen 
von nur Denkhaftem in die Natur zugunsten 
durchaus wirklicher Verknüpfungen zu beseitigen. 
Diesen Schritt tat die Abstammungslehre. 

Es scheint so einfach, daß, wie die Personen 
zum allgemeineren Charakter der Art hinzutretende 
Besonderheiten zum Ausdruck bringen, so auch 
verschiedene Arten nur allmählich sich ausbildende 
Sonderungen aus einer ihnen als leiblicher Vor- 
fahr zugrundeliegenden Siammart von allge- 
meinerem Charakter seien. „Varietäten sind be- 
ginnende Arten" (D arw in). Wie jene von ihren 
Ahnen die Artähnlichkeit „erbten", so könnte ja 
auch das Gemeinsame mehrerer Arten Erbgut 
von selten der gemeinsamen einfacheren Stamm- 
art sein. Hier liegt aber eine trügerische Analogie 
vor; denn jede Art ist eben nichts Einfacheres, 
als die ihr zugerechneten Personen, sie ist kein 
Regriff, sondern ein mehr oder minder hohe 
konkrete Mannigfaltigkeit umschließendes Wesen. 

Übersieht man dies, so erscheint freilich das 
System mit einem Schlage in einem neuen Sinn : 
die Gattungsbegriffe (mehr oder minder hoher 
Ordnung) werden zu Repräsentanten von (dennoch 
als konkret geforderten) Ahnenformen. Und das 
logische Gesetz der mit ihrem Umfang fort- 
schreitenden inhaltlichen Verarmung der systema- 
tischen Begriffe erscheint nun als Naturgesetz des 
Wurzeins aller Organismenmannigfaltigkeit in ge- 
staltlich Einfachem — der „Entwicklung" vom 
Niederen zum Höheren. — Wie die Abstammungs- 
lehre sich die Triebkräfte dieses Fortgangs denkt, 
braucht hier nicht erörtert zu werden. Jedenfalls 
würde sie den Verstand schon in hohem Maße 
befriedigen, wenn es ihr gelänge, alle Organismen 
unter der Voraussetzung genealogisch historischer 
Folge einstämmig widerspruchsfrei zu ordnen. 
Hiermit steht und fällt im Grunde die ganze 
Deszendenztheorie (was ihre konsequenten Ver- 
fechter auch stets gefühlt haben). Denn gäbe es 
zahlreiche oder gar so viele von Grund auf besondere 
Abstammungsfolgen wie besondere Arten, so 



146 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 10 



verlöre sie das ihr wesentliche Erklärungsprinzip 
für das Dasein systematischer Einheiten: die Ab- 
stammung aller Unterglieder dieser von gleichen 
realen Ahnen. 

Läßt sich denn nun die im System zwar nur 
denkhaft, aber doch in engster Anlehnung des 
Denkens an das Naturwirkliche gegebene Ee- 
ziehungsstruktur durch den Stammbaum ange- 
messen abbilden? Wir sehen dabei davon ab, 
daß die durch Vergleich gewonnenen Generalia 
des Systems selbst sich nie mit in noch so 
nebelhafter Vorzeit lebenden Stammarten decken 
können; denn alle Bestimmungen sind bei jenen 
selbst wieder begrifflicher, bei diesen konkret- 
gegenständlicher Art. Aber die begriffliche 
Dichotomie des Systems scheint doch zum 
Stammbaumbilde trefflich zu passen? 

Auf den ersten Blick wohl. Nicht aber, sobald 
man ins einzelne geht. Die Dipnoer z. B. zeigen 
in ihrem knöchernen Skelett, ihrer Beschuppung, 
ihren Flossenstrahlen u. a. sicherlich generelle' 
Übereinstimmung mit den Ganoiden, so daß man 
sie mit diesen aus einer Wurzel herleiten möchte; 
andererseits aber lehnen sie sich durch ihren 
autostylen Schädel, uneingeschränkte Chorda, Lage 
des Geruchsorgans u. a. an die Holocephalen an, 
die mit den Ganoiden gar nichts (außer dem all- 
gemeinsten Fischcharakter) gemein haben, sich 
vielmehr enger an die Plagiostomen anschließen. 
Solche Doppelbeziehungen stören die Logik des 
Systems nicht (ein Begriff kann ja mit vielen 
anderen Begriffen einzelne Bestimmungen gemein 
haben); abstammungsmäßig aber sind sie nicht 
zu erklären. Denn da man sich, der Einwurzelig- 
keit zuliebe, den hypothetischen Artenzuwachs 
des Stammbaums gleichsam auf dem Wege der 
ungeschlechtlichen Vermehrung (analog dem 
Wachsen eines wirklichen Baumes) vorstellt, so 
kann jede Art nur zu einer Ahnenart, bzw. einer 
Linie von Ahnenarten; blutsverwandtschaftliche 
Beziehungen haben. Man muß also den Erbgutwert 
der akzessorischen Ähnlichkeitsbeziehungen leugnen 
und sie für phylogenetisch belanglose, auf diesen 
oder jenen Zufallsgründen beruhende „Konver- 
genzerscheinungen" erklären. Etwas anderes wäre 
es, wenn, wie jede Tierperson in der Regel zwei 
Eltern hat, jede Art zwei Elternarten hätte und 
so auch hier eine Doppelbeerbung, bzw. von den 
„väterlichen" und „mütterlichen" Ahnenartenketten 
her eine Mehrfachbeerbung, eintreten könnte. 
Wäre dergleichen irgendwie denkbar? 

Erst jüngst hat W. Lu bosch i) die nicht nur 
innerhalb der Arten, sondern in jedem Kreise 
und auf jeder Stufe des Systems begegnenden 
„netzförmigen" Ähnlichkeitsbeziehungen mit der 
Vorstellung einer progressiven Umbildung der 
Lebewesen in Einklang zu bringen versucht. Die 
Ergebnisse verschiedener Erfahrungsgebiete haben 

') Das Problem der tierischen Genealogie. Nebst einer 
Erörterung des genealogischen Zusammenhangs der Stein- 
heimer Schnecken, in: Arch. mikr. Anat. Festschr. Hertwig 
1920. ^ 



in diesem Versuch eine sehr geistvolle Ver- 
knüpfung erfahren. Bei ihrer gedrängten Dar- 
legung werde ich mich indessen nicht rein 
referierend verhalten. 

Das erste ist die klarere Einsicht in die 
genealogischen Verhältnisse überhaupt. 
Man verdankt sie sehr wesentlich einem von den 
Biologen anfangs wenig beachteten Werke des 
Historikers Lorenz. 1) Später erst haben 
O. Hertwig, Lewin u. a. das Genealogie- 
problem in biologischer Rücksicht durchdacht. 
Die Grundtatsache ist, daß bei allen zweielterlich 
gezeugten Organismen — und es ist zweifelhaft, 
ob es tierische Organismenarten gibt, die sich 
dauernd nur durch ein- oder ungeschlechdiche 
Zeugung erhalten — die Zahl der Ahnen jeder 
Person rückwärts in geometrischer Progression 
zunimmt. Stellt man die wirkliche Ahnentafel 
eines „Probandus" auf, so ergibt sich gerade das 
umgekehrte Bild eines Stammbaums, d. h. die Ab- 
stammungslinien zweigen sich, je weiter man 
zurückgeht, um so mehr auf. Dabei ist freilich 
zu berücksichtigen, daß nicht die Ahnenlinien 
aller Personen selbständig bleiben. Da Geschwister 
nur ein gemeinsames Elternpaar haben und da 
nahe und fernere Verwandten- sowie Mehrehen 
auch in der Natur nichts Seltenes sind, so werden 
die Aszendenzlinien verschiedener Personen kommu- 
nizieren, d. h. das Bild eines Netzwerks geben. 
Das Bild eines Stammbaums können wir aus 
diesem Netz nur herauslösen, wenn wir allein den 
Mannes- oder Weibesstamm verfolgen. Da sich 
in unseren menschlichen Familien der Name allein 
im Mannesstamm vererbt, so ist uns die männ- 
liche Stammtafel ganz besonders geläufig. 

Infolge des „Ahnenverlustes" durch Verwandten- 
ehen wird die Zahl der Ahnen jeder Person nie 
so groß sein, wie sie theoretisch sein könnte. 
Soweit wir aber auch zurückgehen, so muß doch 
als „Stamm" jedes Personenbestandes einer Art 
eine Vielheit von Personen bleiben, allermindestens 
ein Stammvater und eine Stammutter, die nach 
der Definition der Art als genealogischer Einheit 
unter sich und mit ihren Nachkommen bereits 
artgleich sein mußten. Wäre es dennoch und 
wie wäre es etwa denkbar, daß in diesem strengen 
Rahmen genealogischen Geschehens Neuentstehen 
von Arten stattfindet? 

Hier treten nun zweitens Erfahrungen und 
Theorien der Variabilitäts- und Ver- 
erbungslehre ein. — Wir wissen, daß Personen 
und Personenfolgen einer Art unter wechselnder 
„Umwelt" sich ihrer Erscheinung nach verändern 
können. Größe, Gestalt, Färbung, Gewohnheiten 
usw. können auf bestimmte durch Nahrung, 
Temperatur, Licht, Bewegung u. a. m. gegebene 
Bedingungen in bestimmter Weise (meist aber 
durch ein Mehr oder Weniger) antworten. Erblich 
sind diese „Modifikationen", wenngleich sie 

') Lehrbuch d. gesamten wissensch. Genealogie, usw. 
Berlin 1898. 



N. F. XX. Nr. lo 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



147 



sog. Nachwirkungen zeigen können, im strengen 
Sinne nicht. Andern sich die äußeren Bedingun- 
gen, so ändert sich auch bei den Nachkommen 
wieder der Habitus. — Im Grunde müßte man 
schon hieraus die Konsequenz ziehen, daß das 
Wesen einer Art nicht in einem festen Komplex 
von erscheinungsmäßigen IVIerkmalen zu sehen 
ist, sondern in etwas Dynamischem, einem s p e - 
zi fischen Reaktionsvermögen auf die 
Umwelt. D a aber allein die wechselnden gestalt- 
lichen Reaktionen ein sichtbarer Ausdruck dieses 
dauernden Wesens sind, so bleibt praktisch nichts 
übrig, als jede Art nach den unter den normalen, 
d. h. häufigsten Bedingungen vorkommenden IVIerk- 
malen zu kennzeichnen, aber mit einem durch 
die Berücksichtigung anderer Bedingungen ge- 
setzten Spielraum. Wie wichtig es ist, sich vor 
Augen zu halten, daß in jeder Person einer Art 
viel mehr an Möglichkeit stecke, als sich unter 
jeweiligen Bedingungen erscheinungsmäßig reali- 
siert, wird sich weiterhin noch eindringlich zeigen. 
Eben darum aber ist bei der Bewertung dessen, 
was sich etwa unter ungewöhnlichen Bedingungen 
realisiert, als artlich neu stetes Mißtrauen ge- 
boten. 

Für die, wie gesagt , nicht erblichen Modifika- 
tionen leuchtet ohne weiteres ein, daß sie auch 
durch Zuchtwahl extremer Abweicher sich nicht 
zu einem als artlich neu anzusprechenden Maße 
steigern lassen. Man nimmt an, daß von der 
Veränderung hier nur das Soma, nicht aber die 
Erbmasse betroffen wird, und nennt sie daher 
auch Somationen(Plate). Andere Abweichun- 
gen hält man auf Grund ihrer Vererbbarkeit für 
auf Veränderung der Keimkonstitution beruhend 
und faßt sie jetzt — ungeachtet ihres Charakters 
und Ausmaßes — als Mutationen zusammen. 
Die besonderen Gesetze ihrer Erblichkeit machen 
bekanntlich das hauptsächliche Arbeitsfeld der 
modernen Vererbungsforscher aus. Mutanten er- 
scheinen nun meist als ganz ausgesprochene 
„Nova"; oft, wenn auch nicht ausnahmslos, als 
sprungweise Abweichungen von der Norm. Diese 
können sich auf alles erdenkliche Eigenschaftliche 
erstrecken: Form, Größe, Proportionen, Farbe, 
Zeichnung usw. 

Mutation gilt gegenwärtig für das wahrschein- 
lichste Mittel der Natur zur Bildung neuer Arten. 
Indessen sehen wir wohl, daß durch sie erblich 
gefestigte Rassen entstehen können, aber — nicht 
mehr. Diese Rassen kreuzen sich stets unter- 
einander und mit der Normalform unbegrenzt 
fruchtbar, während selbst nahe verwandte Arten 
in der Regel keine fruchtbaren Bastarde ergeben. 
Tritt diese Rassenkreuzung, etwa bei Verwilde- 
rung, ungehemmt ein, so erfolgt in der Regel 
auch gestaltlicher Rückschlag in die Wildform 
(Hybridatavismus). Selbst veränderte Lebenslage 
scheint gleiches bewirken zu können (Spontan- 
atavismus). Sonach haben wir gar keinen Grund 
anzunehmen, daß durch Mutation irgend etwas 
Konstitutives zur Keimesveranlagung hinzukommt 



Wir dürfen uns nach gegenwärtiger Erfahrung 
vorstellen, daß die durchschnittliche Erscheinungs- 
form jeder Art das Produkt zahlreicher, meist 
antagonistischer Bildungstendenzen (Erbeinheiten, 
Faktoren) ist, die sich in einem fein abgestimmten 
Gleichgewicht befinden. Die ausgebildete Er- 
scheinung eines Mutanten mag nun noch so be- 
fremdend sein, schwerlich nötigt sie je zu der 
Annahme anderer als der normalerweise bei der 
Art anzunehmenden Faktoren; nur scheinen diese 
in ungewöhnlichen Wechselbeziehungen wirksam 
zu sein. Gewisse Faktoren werden zugunsten 
anderer gehemmt, ohne doch vielleicht dauernd aus- 
geschaltet zu werden. Sehr häufig erscheinen die 
Mutanten daher als ausgesprochene „Defekt- 
variationen"; will man in anderen Fällen die Ent- 
bindung eines sonst kompensierten Faktors „pro- 
gressiv" nennen, so ist das lediglich Geschmack- 
sache. Man wird also sagen dürfen, daß das 
dynamische Wesen der Art (s. o.) in den 
Mutanten nicht an sich selbst geändert oder gar 
bereichert, wohl aber durch eine Störung seines 
ersten Werkzeugs, der Keimesanlagen nämlich, 
zu einer abnormen Äußerung gedrängt sei. Da- 
mit ist wohl verträglich, daß Mutanten einzelne 
Charaktere in exzessiver, auch qualitativ weit 
von der Norm abweichender Ausbildung auf- 
weisen. Neu — (und zwar auch wohl meist nur 
in dem .Sinne: zum erstenmal wissenschaftlich 
festgestellt) — ist an den Mutanten nur die ak- 
tuelle Störung einer spezifischen Anlagenkonsti- 
tution, ohne daß diese aber in ihrem potentiellen 
Charakter bereichert würde. 

Sollte nun die progressive Artenumwandlung 
ein notwendiges Postulat der Biologie sein, so 
muß man, da die Somationen als Material aus- 
scheiden, dennoch das Neuauftreten von Faktoren, 
oder wenigstens die dauernde Verselbständigung 
von Rassen mit neuen Faktorenkombinationen, 
auch postulieren. Und da Mutation oft plötzlich 
bei zahlreichen Personen eines Artbestandes zu- 
gleich auftritt (bisweilen scheinbar spontan, aber 
meist im Zusammenhang mit der Verpflanzung 
unter ungewöhnliche Bedingungen, Kultivation 
usw.), so liegt die Annahme nahe, daß im Lebens- 
lauf der Arten labile, d. h. zu mutativer Abände- 
rung disponierte Perioden mit solchen der Konstanz 
abwechseln. 

Daß auch bei den „wilden" Arten normaler- 
weise mutative Erscheinungen bis zu einem ge- 
wissen Grade mitspielen, geht aus züchterischen 
Erfahrungen hervor, die deren Peisonenbestände 
(Populationen) als der Keimesveranlagung nach 
(genotypisch) gemischt erscheinen lassen. Man 
kann züchterisch aus einer äußerlich in kontinu- 
ierlichen Übergängen variierenden Population 
mehr oder minder zahlreiche Stämme (Biolypen) 
isolieren , die für sich eine geringere somatische 
Variationsbreite haben als die Gesamtart (Jo- 
hannsen). Es gibt also im Rahmen dieser wohl 
stets verschiedene Konstellationen der Erbfaktoren. 
Die Biotypen entsprechen etwa dem, was de 



148 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Vries „elementare Arten" nennt — („die 
verschiedenen konstanten Faktorenkombinationen, 
welche bei heterozygoten Eltern vornehmlich ent- 
stehen müssen"). 

Innerhalb einer „Großart" oder Population, 
deren Personen sich trotz leichter genotypischer 
Verschiedenheiten beliebig kreuzen, kann es also 
gar nicht ausbleiben, daß ein bestimmtes geno- 
typisch bedingtes Merkmal bei mehreren Elementar- 
arten in verschiedener Kombination wiederkehrt. 
Denn es kann ja die ihm entsprechende Faktoren- 
konstellation auf den netzartigen genealogischen 
Linien in der mannigfachsten Weise sich ver- 
teilen. — Nehmen wir nun aber das Auftreten 
eines nicht nur kombinativ, sondern konstitutiv 
neuen IVIerkmals von Artwert in einer Personen- 
gruppe als möglich an! Müßte es nicht als sol- 
ches die fruchtbare Kreuzbarkeit mit dieser und 
damit die Verteilungsmöglichkeit des neuen Merk- 
mals auf die Stammart oder Schwestermutanten 
aufheben ? 

Lubosch glaubt nun „die Lösung des genea- 
logischen Problems" in einer kühnen Hypothese 
zu finden: in Mutationsperioden — Zeiten der 
„Labilität einer Art" — könnte zunächst doch 
noch die Möglichkeit fruchtbarer Kreuzung trotz 
bereits eingeleiteter genotypischer Sonderung von 
Personengruppen der Art bestehen. Diese Kreu- 
zungen, denen eine Nachkommenschaft mit 
mannigfachen konstanten Kombinationen der 
neuen Merkmale entwüchse, würden die Erklärung 
geben „für die so oft im Tierreiche beobachteten 
Erscheinungen, daß das gleiche Merkmal sich in 
verschiedenen Arten und Ordnungen vorfindet, 
und daß eine Art oder Ordnung Merkmale in 
sich vereinigt, die bei anderen Arten isoliert vor- 
kommen". 

* * 

* 

Lubosch hat vor weiterem Ausbau zunächst 
getrachtet, seine Gedankengänge an einem reichen 
Tatsachenmaterial, dem aus dem Tertiärbecken 
von Steinheim a. A. gehobenen Formenschatz 
des Planorbis (Gyrauhis) viulHformis, zu prüfen. 
Da es sich hier in der Tat um „eines der 
wichtigsten Demonstrationsobjekte der 
Deszendenztheorie"^) handelt, das zudem 
durch neue (leider erst nach dem Abschluß von 
Luboschs Abhandlung erschienene) p-orschungen 
in ein verändertes Licht gerückt wird, so lohnt 
es sich wohl, den Deutungen jenes Materials er- 
neute Aufmerksamkeit zu schenken. 

Das Steinheimer Becken enthält Ablagerungen 
aus einem später anscheinend völlig abgeschlos- 
senen Süßwassersee. Es läßt sich aus den älteren 

•) Die Gründe, mit denen Fleischmann (Die Deszen- 
denztheorie, l<;oi) die Steinheimer Planorben als solches zu 
diskreditieren suchte, hat Plate (Biol. Centralbl., 21. Bd., 
1901), wie mir scheint, nicht ohne Erfolg bekämpft. Eine 
sehr sorgfältige Abwägung der Beweiskraft der Planorbisreihen 
m Wigands „Darwinismus" (i. Bd , 1874, S. 427 ff.) ist, 
soweit ich sehe, von allen neueren Erörterern der Frage unbe- 
achtet geblieben. 



Schichten eine 17 Arten umfassende Schnecken- 
fauria nachweisen (Gottschick). In den jüngeren 
Schichten finden sich dagegen nur die Reste von 
dreien dieser Arten; Linmaea dilatata Noulet, 
Pseudamnicola ps6ndoglobulus d'Orbigny und PI. 
vmüiformis Bronn. Diese letztere erregt eben 
hier besonderes Interesse durch ihre erstaunliche 
Variabilität. Ältere Autoren — Klein, Sand- 
berger, Quenstedt, auch noch Miller — 
rechneten die einzelnen Formen verschiedenen 
Gattungen zu. Diese Ansicht kann aber schwer- 
lich aufrechterhalten werden seitdem Hilgen- 
dorfi) ein rundes, glattes, in einer Ebene auf- 
gerolltes Embryonalende 2) und die schiefe voll- 
ständige Mündung als gemeinsamen Charakter und 
zwischen allen Formen fortlaufende Übergänge 
nachwies. 

Es ist H i 1 g e n d o r f s Verdienst, die Verteilung 
dieser Formen auf verschiedene Horizonte im 
ganzen durchaus zutreffend erkannt und sie da- 
nach in einen zeitlichen Zusammenhang gebracht 
zu haben. Als gemeinsame Stammform betrachtet 
Hilgendorf vermutungsweise die Varietät 
aeqiieumbüicahis. Von ihr läßt er eine Haupt- 
und zwei Nebenreihen ausgehen (Abb. i). 

DieHauptreihe enthält den gröfleren steinheimensis, den 
mit leichter Spiralfurche versehenen teiiuis; bei sukatus tritt 
hierzu eine Abflachung der Winduogswandungen. Bei discoi- 
dms erfährt der obere Rand der Windungen eine lei.'Jtenartige 
Verdickung, während sich zugleich die Unterseite der Spirale 
eintieft. Durch stärkere Ausprägung dieses Charakters zweigt 
sich hier eine Seitenlinie rotundatiis — aber ohne Leisten- 
bildung I — ab. Die Hauptreihe setzt sich fort in den hoch- 
gewundenen und mit Leisten versehenen trochiformis, von dem 
wiederum eine Seitenlinie zu dem niederen elegans führt. An 
trochiformis schließen sich dann in den obersten Schichten 
Formen, die wieder früheren sich nähern (oxystoma, sufremus), 
ja fast zur Ausgangsform zurückkehren {„revertem"). 

Von den Nebenreihen ist die eine sehr formenarm; 
sie führt über kraussi nur zu dem winzigen, in der Trochi- 
formiszeit aussterbenden pseudottnuis. Reichhaltiger ist die 
Nebenreihe, die über parvus und nmiutus zu crescens und in 
Seitenlinien einerseits zu Iriguitrus, andererseits zu dem stark 
gerippten costahis und dem hochgetürmten, aber winzigen und 
rippenlosen denudatus führt. 

Dies Stammbaumbild ist in seiner schematischen 
Klarheit natürlich sehr verblüffend. Zieht man 
aber die vielen neben den charakteristischen vor- 
kommenden „Zwischenformen" in Betracht, so 
wird die Eindeutigkeit der Zusammenhänge bald 
zweifelhaft. Schon Hilgendorf selbst hat 
abweichende Möglichkeiten in Einzelfällen erwogen 
— z. B. den Übergang auch von rotundatus in 
trochiformis, der dann „zwei Wurzeln" hätte, was 
aber „ein höchst unwahrscheinliches Verhalten" 
wäre — und Wigand (a. a. O. S. 433) hat in 
seiner Kritik gerade auf die vielfachen „Konver- 
genzen" gebührenden Nachdruck gelegt; doch 
wollen wir darauf erst später eingehen. 

Eine sehr eingehende Bearbeitung der Stein- 

') Planorbis raultiformis im Steinheimer Süfl wasserkalk, 
in: Monatsber. Akad. d. Wissensch. Berlin, 1866. 

') Nach Gottschick sind „kleine Unterschiede an den 
Embryonalwindungen der einzelnen Formen immerhin wahr- 
nehmbar". 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



149 



heimer Planorben durch H y a 1 1 ') brachte eine 
sehr vertiefte Kenntnis der enormen Formenmenge 
und ihrer Wechselbeziehungen. Hinsichtlich der 
Abstammungsverhältnisse äußert sich Hyatt sehr 
vorsichtig; doch neigt er dazu, bei der IBewertung 
dieser die bloße Formenvergleichung gegenüber 
der genauen Beachtung der Schichtenfolge zu be- 




•#■ 

Abb. I. Hilgendorfs Stammbaum von Planorhis midtiforniis 
(ausgezogene Linien). 

günstigen. Eine erhebliche und theoretisch wich- 
tige Abweichung von Hilgendorf liegt darin, 
daß Hyatt keine in sich gleichartige Ausgangs- 
form annimmt, sondern bereits 4 ursprünglich in 
den See eingewanderte Varietäten von PI. levis. 
Diese umfassen aber auch ihrerseits schon eine 
solche Fülle verschieden gerichteter Untervarietäten, 
daß man sagen kann, es komme in der späteren 
Entwicklung kaum noch etwas Neues, vielmehr 
lediglich eine Steigerung der hier bereits ange- 
deuteten Tendenzen zum Vorschein. Und zwar 
entsprechen den 4 Ausgangsformen auch 4 Stamm- 

') The genesis of the tertiary species of Planorbis at 
Steinheini, in: Anivers. Mem. Boston Soc. nat, Hist., 1882. 



reihen, von denen die I. ungefähr Hilgendorfs 
Hauptreihe bis trocJiiformis, die II. deren Strecke 
oxystoma-siipremits verselbständigt enthält, während 
die III. und IV. Hilgendorfs /rr;-7w^- Nebenreihe 
modifiziert darstellen. Schon diese IVleinungsver- 
schiedenheiten sehr sorgfältiger Beobachter weisen 
ja wieder auf verschiedene Verknüpfungsmöglich- 
keiten hin. Die Ableitung der oxystoma-^€\\i^ 
von levis dürfte allerdings, nach Gottschick, 
einem „Mißgeschick" (Vermengung des levis mit 
einer nicht nach Steinheim gehörigen Form) zu- 
zuschreiben sein. 

Gottschick,*) zu dessen Darstellung der 
Verwandtschaftsverhältnisse wir uns nun zunächst 
wenden wollen, hat gerade die stratigraphischen 
Befunde mit erhöhter Sorgfalt berücksichtigt und 
dabei Hilgendorfs Ansichten über die zeitliche 
Reihenfolge der Formen weitgehend bestätigen 
können. Mit Hyatt aber berührt er sich inso- 
fern, als auch er die Umbildung nicht von einer 
Stammrasse ausgehen läßt, sondern von einem 
vor dem Abschluß des Sees eingewanderten, inner- 
halb gewisser Grenzen vielgestaltigen , aber alle 
Übergänge aufweisenden (somit wohl allgemeine 
Promiskuität der Personen erlaubenden) Formen- 
kreise. 3 „Normalformen" lassen sich daraus her- 
vorheben (Abb. 2): I. der extreme G. m. appla- 
)iatus Thomae mit bis zu 5^/2 in einer Ebene 
liegenden, stark involuten und mit scharfer Außen- 
kante versehenen Windungen; 2. der extreme 
G. m. kleini Gottsch. et Wenz mit 3V2 — 4 weniger 
involuten, rasch zunehmenden und im Querschnitt 
rundlichen Windungen; 3. zwischen beiden die 
Mitte haltend G. )ii. dcalbatus Sandb. Hinsicht- 
lich der gleich tiefen oberen und unteren Ein- 
nabelung entsprechen sie H ii g e n d o r f s aegtieian- 
lilicatHS. An diese 3 Normalformen lassen sich die 
3 Hilgendorfschen Reihen passend anknüpfen; 
und zwar die Hauptreihe an dealbatus, die kraiissi- 
Reihe an kleini, die minitttis Reihe an applauatus. 

Im einzelnen ist dazu folgendes zu bemerken. Alle 3 Ur- 
rassen gehen zunächst gleichsinnig in eine als stci'ihcimcitsis 
Hilg. zu kennzeichnende Form über, deren Vertreter sich zwar 
jeweils mehr oder weniger eng an a/>pliuialus, dealbatus oder 
kleini anschließen, aber durch Größe, Dickschaligkeit und be- 
sonders geringe Einsenkung der Mitte der Oberseite durchweg 
ausgezeichnet sind (Abb. 3 a). Ganz allmählich nimmt dann 
der obere Rand der Windungen das Aussehen einer stumpfen 
Kante an und die Oberseite der Windungen senkt sich zu 
einer Ilachen Furche ein. — Bei einem Teil der Stücke mit 
besonders rasch zunehmenden Umgängen tritt dagegen starke 
Einsenkung der Umgänge ineinander ein, so daß sich ein 
sieinheimeiisis involutiis Hilg. unterscheiden läßt. Dieser be- 
hält die rundlichen Umgänge bei und geht allmählich in iraussi 
über, doch bleiben auch ferner Übergänge mit ab- 
geplatteten Umgängen bestehen. Es ist also die 
/!vi7Kjj(-„Reihe'' von der Hauptreihe nicht scharf gesondert, 
iraussi vielmehr nur eine extreme Form innerhalb eines ge- 
schlossenen Formenstroms. Überhaupt ist durchweg zu be- 
denken, daß jede unterschiedene ,,Form" auf charakte- 
ristischen Repräsentanten beruht, neben denen Individuen 
von minder reinem Charakter beständig in Menge hergehen. 

Eine andere Schar behält die starke Abplattung von 



') Die Umbildung der Süflwasserschncckcn des Terliär- 
beckens von Steinheim a. A. usw., in; Jena. Zeitschr. f. Na- 
turw., 56. Bd., 1920. 



ISO 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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applanatus bei, zeigt aber sehr geringe Gröfle ; sie entsprecheD 
dem (als besondere Form nicht aufrerhtzuerhaltenden) par- 
fus Hilg, scheinen sich aber nicht weiter fortzusetzen. Die 
minu/tis-Reihe ist eher an kleine und sich abplattende äeal- 
batiis- und /i'/d'/«/-ähnliche Formen anzuknüpfen. 

Die Hauptreihe geht dann durch völlige Abflachung 
der Umgänge, Einfurchung der Oberseite, Ausbildung einer 
oberen und Verschärfung der unteren Außenkante und Ein- 
nabelung der Unterseite in tentiis (Abb. 3 b) über — wie ge- 
sagt mit ständiger Bewahrung der Hinneigung zum imvliilus- 
Typ. Rasch vollzieht sich dann der Übergang zum siilcattis 
Hilg. mit starker Wulstbildung entlang der Naht des stark in- 
volutcn Gehäuses. Und bald schließt sich hieran der typische 
planotbiformis (== dtscoideus Hilg.) mit flacherem Längswulst, 
schärferer (bis kielförmiger) Außenkante und geringerer In- 
volution der Windungen — , anfangs noch klein, dann an 
Größe zunehmend. 






Abb. 2. Querschnitte von Gyrauliis imtltiformis applanatus (a), 
dealbatus [y] und klehn (c) ; nach Gottschick. 




CP?32D 



Abb. 3. Querschnitte von Gyrauliis multiformis steinhcimeiisis 
(a) und teniiis (b); nach Gottschick. 

In den oberen planoriiformisScinchien finden sich be- 
reits mehrfach, aber nicht kontinuierlich, Ansätze zur Erhöhung 
der Spiralenmitte. Ziemlich plötzlich, obwohl Übergänge nicht 
ganz fehlen, treten dann die hochgewundenen trochiformis auf. 
Der Übergangsperiode gehört wohl auch der etwas zweifel- 
hafte rotitndatus Hilg. an. Trochiforviis selbst ist in viele 
Unterformen zerlegbar; zunächst ist das Gehäuse noch ziem- 
lich stumpf, erst später wird es spitzer. Anfangs skalarid, 
legen sich die Windungen später oberhalb der Kante des vor- 
hergehenden Umgangs an. Oft sind die Gehäuse ganz be- 
sonders dickschalig. — Sehr rasch, trotzdem aber mit allen 
Zwischenstufen, tritt dann oxysloma Klein auf, indem bei 
trochiformis mit schwachem Kiel das Gehäuse niedriger wird. 
Trochiformis mit starkem Kiel bilden sich entsprechend in 
elegans Hilg. um. Die Übergänge von trochiformis zu oxy- 
stoma erweisen sich insofern bereits als rückläufig, als sie 
wieder rundliche Windungen, weiten perspektivischen Nabel 
und dünne Schale haben; doch nimmt die Schalendicke beim 
typischen oxystoma wieder zu und häufig tritt eine kräftige 
Lippenbildung auf. 



Das Überraschendste an der Hauptreihe war von jeher 
der ,, Rückschlag" der fast jüngsten Form revertetis in die Aus- 
gangsform, bezeichnet durch Größenabnahme, prallrunde Um- 
gänge, allerdings etwas tiefere Einnabelung als bei steinhei*nensis. 
Und dann setzt mit siipremus nochmals eine Umbildung in 
der alten Richtung ein, die durch Wulst- und Furchenbildung, 
Zunahme der Größe und Schalendicke wieder an teiiuis er- 
innert. 

Was nun die Nebenreihen angeht, so wurde die An- 
knüpfung von miiiutus schon erwähnt. Triqiietrtis Hilg. ist 
nur ein miniiiiis mit etwas kantigen Umgängen, aber von 
diesem nicht scharf zu trennen; er ,, berührt sich" auch mit 
pseudolemiis , der andererseits ,,in der Hauptsache [1] von 
kraiissi abzuleiten ist '. — Mehr rundliche minutiis zeigen in 
der planorbiformis-'Ltxi Ansätze zur Rippenbildung, die sich 
dann zum Habitus des typischen costalus Klein steigern. Auch 
hier treten nun gleichzeitig mit trochiformis Skalaridenforraen 
auf mit allmählich bis zu völligem Schwund sich ausflachenden 
Rippen, die endlich den korkzirherförmig gewundenen demi- 
ciatus Hilg. ergeben (Skalariden, aber mit kantigen Umgängen, 
sind auch von viinitttts selbst aus der pla>iorbiformiS'Y.t'\\. be- 
kannt). — Andererseits erfährt minutus auch eine Zunahme 
der Umgänge, wobei diese flacher (im Querschnitt herzförmig) 
werden. So entsteht mit crescens Hilg. wieder eine Foim, die 
sich der Ausgangsform applanatus täuschend anähnlicht — 
eine bemerkenswerte Parallele zum gleichzeitigen Rückschlag 
von „revertens". 

Auch die Anknüpfung der Nebenreihe kraussi an stein- 
heimensis-involutus und deren Verwachsung mit der /«««'i-Bahn 
wurde schon berührt. Selbst die Umbildung zum trochiforinis- 
Typ ,, macht kraussi einigermaßen mit, indem er seine Mitte 
erhöht", doch nicht durchweg. Für pseudotenuis ist die Ab- 
leitung von kraussi oft zweifelhaft; derartige Formen könnten 
z. T. ebensogut ,,von verkümmerten planorbiformis oder von 
kantigen minutus" (s. o.) abgeleitet werden. 

Überblicken wir das Tatsächliche, so zeigen 
sich zwischen den „Reihen" sehr viel innigere 
Beziehungen, als sie der Hilgendorfsche 
Stammbaum erkennen ließ. Alle scheinen in der 
Tat einen ähnlichen Fond von Bildungstendenzen 
mitbekommen zu haben, die nur jeweils schwächer 
oder stärker hervortreten. Bedenkt man die 
Variationsbreite bei jeder der unterschiedenen 
Formen, so darf man kaum mehr von selbständi- 
gen Reihen sprechen, sondern nur von einem 
breiten, allenfalls durch inselartige Lücken unter- 
brochenen, bald mehr bald minder polymorphen 
Formenstrom. Nur indem man extreme Formen 
herausgreift, benennt und durch Linien verbindet 
(so daß sie als alleinige Stammväter der nächst- 
jüngeren extremen Form erscheinen), entsteht das 
Bild des Stammbaums. Auf die enge Verschmel- 
zung der kratissi-pseitdo(emiis-Kt\ht mit der 
Hauptreihe wurde schon hingewiesen; desgleichen 
auf die Anlehnung von pscmioteniiis an friqiietnis. 
Die Tendenz zur Gehäuseerhöhung tritt mehrfach 
hervor. Die terminalen Formen verschiedener 
„Reihen" (revertens und cresccns) nähern sich ein- 
ander fast bis zur UnUnterscheidbarkeit (Gott- 
schick S. 177) USW. Also: ein netzförmiges 
Bild — es ist durch einige punktierte Linien in 
Abb. I wenigstens angedeutet — der gestaltlichen 
Beziehungen liegt hiermit unbedingt vor. 

Lubosch hat auf Grund der Darlegungen 
Hyatts bereits grundsätzlich ähnliche Schlüsse 
gezogen. Als Schulfall zum Belege der Kreu- 
zungshypothese sind die Befunde geeignet zunächst 
unter der Voraussetzung, daß alle die beschrie- 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



ISI 



benen Hauptumbildungsfcfrmen „genotypisch be- 
dingt" seien. Wenn aber ihre Kreiizbarkeit nur 
in statu nascendi möglich sein soll , so müßten 
sie nach Ablauf der „Labilitätsperioden" wohl 
sogar als neue Arten bewertet werden. Hyatt 
entschied sich auch in diesem Sinne; dies, wie 
auch die von älteren Autoren geübte Aufteilung 
in verschiedene Gattungen, beruht aber sicherlich 
auf einem Überschätzen von bloßen Habitusunter- 
schieden. Hilgendorf und Gottschick 
sprechen auch als Systematiker nur von Varie- 
täten. 

Nun hat die Gottschicksche Untersuchung 
ein — übrigens schon von IM i 11 er') nebenher 
berührtes — IVIoment in den Vordergrund ge- 
rückt, wodurch auf die merkwürdige Umbildungs- 
intensität dieser Schnecken helleres Licht fällt. 
Das Vorkommen von Arragonit in den Stein- 
heimer Schichten, erst spärlicher, dann reichlicher, 
endlich zurücktretend und Kieselsäureab- 
scheidungen Platz machend, weist nämlich 
darauf hin, daß jener tertiäre See • — • wohl im 
Zusammenhang mit den dort nachgewiesenen 
vulkanischen Vorgängen — zeitweilig einen reichen 
Zufluß aus Thermalquellen erhielt. In der 
Zeit der ursprünglichen 3 rniilti/oniiis-Wznt\'ä.\.en 
ist davon noch nichts nachzuweisen; sie waren 
also wohl Kaltwasserformen, wie sie auch außer- 
halb des Sees lebten. Die regste Abartung setzt 
eben dann ein, als sich die Einwirkungen der 
heißen Zuflüsse am meisten bemerkbar machten, 
zur piano rbisformis- und trochiformis-T.€\\. Daß 
neben dem wechselnden Chemismus des Wassers 
(Ca- und COa- Gehalt u. a.) die Wärme schon 
durch Veränderung des ganzen Lebensrhythmus 
(in Ernährung, Wachstum, Fortpflanzung, senso- 
rischen und motorischen Reaktionen) auch starke 
gestaltliche Abänderungen gleichsam herausfordern 
mußte, ist leicht auszudenken. Als endlich die 
Einflüsse der Thermen zu schwinden begannen, 
kehrten auch die Planorben annähernd wieder 
zur Normalform zurück ; — ein Vorgang, der mit 
einem Widerspruch gegen das „Gesetz" von der 
Unumkehrbarkeit der Phylogenese in seinem ur- 
sprünglichen Sinne wenig zu schaffen hat. Denn 
hier liegt eben gar keine phyletische Entwicklung 
vor, sondern nur Abänderung im Rahmen einer 
Art unter dem Einfluß besonderer Außenbedingun- 
gen; Abänderungen, wie sie in mehr oder minder 
ähnlicher Weise auch von Thermalformen anderer 
Mollusken bekannt geworden sind (s. bei Gott- 
schick S. 192 ff.). 

Im Steinheimer See selbst erhielten sich nach 
dem Wirksamwerden der Thermalwasser außer 
G. multiformis nur noch 2 weitere Schnecken- 
arten : Limnaea dilatata und Pseudamiiicola pseii- 
doglobiilus. Auch für sie konnte Gottschick 
zeigen, daß sie, eben zur Zeit als bei den Planor- 
ben die Abartung einsetzte, gleichfalls, wenn auch 



') Die Schaeckcnfauna des Steinheimer Obermiozäns, in : 
Jahresh. Ver. f. vaterl. Naturk. Württemberg. 56. Jahrg., 1900. 



nicht in so vielen und ausgeprägten Richtungen, 
entsprechende Umbildungen erlitten (Dicken- 
zunahme der Schale, zeitweilige Größenzunahme, 
Änderungen des Windungstyps). Ps. kehrt end- 
lich, ähnlich und gleichzeitig mit den Planorben, 
wieder zu der Ausgangsform weitgehend gleichen- 
den Formen zurück. Die Lünuaea dagegen ver- 
mochte offenbar nicht, unter den veränderten 
Verhältnissen ihr physiologisches Gleichgewicht 
dauernd zu behaupten, denn sie stirbt schon zur 
trocJnfonins-2.€\\. aus. 

Daß bei den Planorben die gestaltlichen Re- 
aktionen auf die qualitativ gleichartigen Thermal- 
einflüsse mehrere Haupt- und Nebenrichtungen 
aufweisen, kann — angesichts des Umstandes, 
daß Formen aller „Reihen" durcheinanderlebten, 
örtliche Besonderheiten also wohl kaum maß- 
gebend waren, und auch selektive Einflüsse nicht 
näher zu begründen sind — wohl am ehesten 
aus dem Vorhandensein mehrerer Biotypen 
(Stammrassen Hyatts und Gottschicks!) in 
der Ausgangspopulation verstanden werden. (Auch 
in anderen Fällen, z.B. in den bekannten Tower- 
schen Versuchen mit dem Coloradokäfer, traten 
übrigens auf den gleichen Reiz hin — Wärme 
und Feuchtigkeit — verschiedene Mutanten auf.) 
Im übrigen ist es so ganz leicht nicht zu ent- 
scheiden, wieweit die Variabilität der Planorben 
auf genotypischen Umordnungen oder auf regu- 
lativen, nur somatischen Modifikationen beruhe. 
Für letzteres spricht gerade die Kontinuität der 
Umbildungen. Das Auftreten auch ungewöhn- 
licher qualitativer Merkmale ohne ersichtlichen 
adaptativen Wert macht indessen ersteres wahr- 
scheinlich, wie denn auch nach anderweitiger Er- 
fahrung abnorme Außenbedingungen Mutation zu 
begünstigen scheinen. 

Sicherlich müssen wir nun erwarten, daß die 
Verteilung der etwa genotypisch in den Stamm- 
rassen abgeänderten Merkmale nach den bei 
Kreuzung zwischen Mutanten geltenden Regeln 
vor sich gehe; wie dabei das gleiche Merkmal 
in verschiedenen Kombinationen auf die abge- 
leiteten Rassen übergehen könne, hat Lubosch 
sehr einleuchtend gezeigt. Trat dann etwa aus 
physiologischen oder ökologischen Gründen — 
aus konstitutionellen ist es kaum anzunehmen — 
eine sexuelle Isolierung der Rassen ein, so wer- 
den sich doch innerhalb dieser bei neuen Muta- 
tionen wieder die gleichen Regeln der unter ge- 
kreuzten Mutanten möglichen Merkmalkombina- 
tionen geltend machen. Nimmt man aber an, 
daß etwa hier (entgegen der Regel) die Mutationen 
an sich schon die weitere genealogische Einheit 
aufhoben, so ist es allerdings schwierig, sich die 
Verteilung der Neukombinationen durch Kreuzung 
vorzustellen; die Annahme besonderer nur wäh- 
rend der „Labilität" der Art gegebener Bedingun- 
gen hilft darüber schlecht hinweg. — Aber auch 
ohne Kreuzung wäre es nicht so wunderbar, wenn 
gleiche Teiltendenzen hier und dort wieder zum 
Ausdruck kämen; da doch alle Rassen die 



152 



gleiche Artveranlagung mit sich nahmen, — 
wie denn auch das Wiedereinlenken in die 
Ausgangsgestalt sich in divergenten Reihen als 
möglich erweist (Spontanatavismus!). Nur wenn 
irgendwo etwas konstitutiv Neues aufträte, so wäre 
es allerdings nur durch Kreuzung verteilbar. Es 
kann aber nicht sicher ausgemacht werden, daß 
etwa die Leisten- oder Rippenbildung oder die 
Gehäuseerhöhung etwas den Rahmen der von 
vornherein arteigenen Potenz überschreitendes 
Neues sei; denn der Habitus der Stammrassen 
zeigt ja nur, was die Art unter „normalen" Be- 
dingungen vorzugsweise realisierte, nicht aber, was 
sie potentiell bedeutet. Auch Lub ose h steht 
dieser Auffassung nicht fern. Unterstreicht er doch 
selbst Hyatts Ausführungen über die Vorbe- 
reitungaller später sich steigernden Abwandlungen 
schon in den Stammrassen und bringt er doch 
das ganze Phänomen schließlich auf die Formel, 
daß „die einwandernden Steinheimer Schnecken 
und ihre nächsten Abkömmlinge gruppenweise 
oder insgesamt unter dem Einfluß des neuen 
Milieus ein sich immer mehr steigerndes und im- 
mer weiter um sich greifendes Freiwerden ge- 
bundener Grundfaktoren erlebten, die das IVIaterial 
zu verhältnismäßig wenigen echten Neubildungen 
und zahlreichen Neukombinationen lieferten." Die 
von V. Haecker^) erfolgreich angebahnte weitere 
Durchdenkung der Pluripotenzerscheinungen 
dürfte auch den in manchen Fällen von Artum- 
bildung noch nötig erscheinenden Annahmen des 
Auftretens von konstitutiv Neuem den Boden 
vollends entziehen. 

Bei dieser Deutung büßen die Stein- 
heimer Planorben allerdings ihren ver- 
meintlichen Wert als hervorragendes 
Belegstück der Deszendenztheorie ein.-') 
Und dann scheinen sie auch wenig geeignet zu 
zeigen, wie sich die Kommunikationen der Ver- 
zweigungen vermeintlich progressiver Stammbäume 
vom genealogischen Netzwerk aus verstehen ließen. 

') Über Gedächtnis, VererbuDg und Pluripotenz, Jena 
1914. und Entwicklungsgeschichtliche Eigenschaftsanal vse. 
Jena 1918 (Kap. 25). ^ 

2j Plate (in seinen der Gottschickschen Abhandlung 
angeschlossenen „Bemerkungen") geht sogar so weit, den 
Multiformis-Stammbaum nur für „eine Kette von Somationen" 
zu erklären. Wenn er in ihm zugleich den Ausdruck einer 
orthogenetischen „Zickzackevolution" sieht, so ist das also 
offenbar nicht im üblichen Sinne einer artlichen Umbildung 
zu verstehen. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 10 



Eine andere Frage wäre, ob nicht etwa die bei der 
rassenmäßigen Differenzierung einer Art auftreten- 
den gestaltlichen Wechselbeziehungen eine ana- 
logienhafte Beurteilung des „systematischen Netz- 
werks" erlauben würden.? 

In einer früheren Abhandlung i) versuchte ich 
am historischen Gange zu zeigen, daß die An- 
sichten über die Zusammenhänge der Lebewesen 
zunächst, gemäß der Natur des menschlichen 
Denkens, in zwei Richtungen gehen können: man 
kann sie in abstrakt -generellen Zügen suchen (den 
Einheiten des Systems) oder in mehr konkret- 
gegenständlichen („Affinitäten", worunter dann 
nicht nur die spezifische Ähnlichkeit der Artge- 
nossen, sondern auch viele „Konvergenzen" zwischen 
Genera fallen). Beide Möglichkeiten verschmelzen 
endlich in der insbesondere von Goethe ausge- 
bildeten (den Pluripotenzgedanken in umfassendster 
Form enthaUenden) Idee des Typus. Des Typus 
nicht etwa in demSinne eines abstrakten Grundplans 
(Schema), sondern als konkret anzunehmendes, aber 
die ganze gestaltliche Mannigfaltigkeit der Einzelfor- 
men potentiell umfassendes Wesen. Einer Gemein- 
schaft solcher wahrhaft ursprünglicher Wesen müßte 
begriffliche Einheit mit der realen genealogischen 
Einheit (wie jetzt nur bei der Art) zugeschrieben 
werden ; damit bestände aber die Möglichkeit der 
„Metamorphose" in Unterformen mit mannigfach 
gekreuzten Merkmalskombinationen. Man könnte 
also die Artenbildung nach Analogie der Rassen- 
bildung in der Art immerhin denken, d. h. wie 
Rassen in der Art wurzeln, so Arten in einer 
realen „Überart". Freilich ist damit das Prinzip 
des Naturfortschritts preisgegeben (aber dies darf 
auch nur Folgerung, nicht Dogma sein). Und 
freilich kommen wir auch dabei ins Hypothetische 
und zunächst sogar schwer Faßbare (die Arten 
sind eben nicht nur kombinativ, sondern poten- 
tiell — ihrer begrifflich - systematischen Stellung 
nach — etwas Besonderes, vgl. a. a. O. S. 133). 
Aber wir bleiben doch auf dem Boden denknot- 
wendiger Deutung des Tatsächlichen (während 
progressive Mutationsperioden weder denknotwen- 
dig, noch tatsächlich erweisbar sind), und müssen 
uns damit trösten, daß alle Deutungen des Natür- 
lichen doch in irgendeinem Sinne letzten Endes 
auf „Wunderbares" hinführen. 



') Über den Begriff der Verwandtschaft, in: Zool Jahrb 
Suppl. XV. 3. Bd. (Festschrift Spengel), 1912. 



Einzelberichte. 



Blastogener Hermaphroditismus. 

Im Gegensatz zum somatischen oder erworbe- 
nen und unechten Hermaphroditismus, wie er 
durch das Auftreten sekundärer heterogener Ge- 
schlechtsmerkmale sich manifestiert, ist der blasto- 
gene bei den hochentwickehen Tieren eine seltene 



Erscheinung. Ein ausgeprägter Fall von ange- 
borenem und echten Hermaphroditismus, bei dem 
sogar die Feststellung, ob weiblicher oder männ- 
licher Zwitter in Frage kommt, unentschieden 
bleibt, wird in der „Berl. Tier. W." Nr. 49, 1920, 
von Oberstabsveterinär K a r s t e d t mitgeteilt. Im' 
Jahre 1915 wurde dem Berichterstatter auf dem 



N. F. XX. Nr. lo 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



153 



Vormarsch in Kurland ein Pferd einer Kolonne 
vorgeführt mit dem Bemerken, daß es ein „Zwitter" 
wäre. Das betreffende Pferd war ein kleines 
Bauern- sog. Panjepferd. 

Die Untersuchung ergab folgendes Bild: „Die 
Scheide zieht sich bedeutend weiter nach unten, 
sie hat fast die doppelte normale Länge, sie steht 
dauernd offen und an Stelle der Klitoris sitzt ein 
normal ausgebildeter Penis, welcher aus der Scheide 
heraushängt. Dieser Miniaturpenis hat die Länge 
von etwa 8 — 10 cm, beim Urinieren wird er aber 
steif und erigiert und hat in diesem Zustand eine 
Länge von etwa 20 cm. Der Penis ist vollkom- 
men normal ausgebildet, er besitzt einen Schwell- 
körper und Eichel, welche von der Harnröhre 
durchbohrt ist. Nach dem Urinieren schwillt der 
Penis wieder ab. Ein Gehänge ist nicht vorhan- 
den, an seiner Stelle sitzt ein Gebilde, einem ver- 
kümmerten Hodensack ähnlich. Hoden sind in 
ihm nicht nachweisbar. IVlangel an Zeit erlaubte, 
da die Untersuchung auf dem Marsche stattfand, 
dem Berichterstatter nicht, noch eine innere 
Untersuchung, ob ein Uterus vorhanden wäre, 
vorzunehmen. Bei solcher Sachlage, da ebenso 
viele Kriterien für das mäunliche, wie für das 
weibliche Geschlecht vorliegen, das Entscheidende 
für das weibliche Geschlecht, nämlich das Vor- 
handensein eines Uterus, aber nicht erhoben ist, 
ist es nach dem Berichte tatsächlich unmöglich, 
die Natut des Zwitters festzustellen. 

Der Fall hat in gewisser Hinsicht Ähnlichkeit 
mit der „Trächtigkeit eines männlichen Hasen", 
den der römische Geschichtsschreiber A e 1 i a n 
in seinem Werke „De venatione" berichtet: „Ein 
Jäger, dessen Wahrheitsliebe zu mißtrauen er sich 
nicht entschließen könne", schreibt Aelian, „habe 
beobachtet, daß ein erbeuteter Rammler in seinem 
Leibe zwei vollkommen ausgebildete Junge ge- 
tragen habe. Da sein Bauch sehr stark ange- 
schwollen war, habe man ihn aufgeschnitten und 
aus ihm zwei Junge entfernt. „Unter den beleben- 
den Strahlen der Sonne" hätten sie sich bald er- 
holt und dargebotene Nahrung begierig angenom- 
men." Trotzdem die Erzählung aufgelegtes Jäger- 
latein ist, hat sie doch eine tatsächliche Grundlage. 
Der trächtige Rammler war nämlich ein weiblicher 
Hermaphrodit; infolge der starken Schwellung 
des Bauches traten die männlichen Geschlechts- 
organe, die die Natur des Rammlers dokumen- 
tierten, deutlich hervor. Der Beobachter unter- 
ließ es aber, sich nach der Geschlechtsöffnung 
umzusehen, oder, was wahrscheinlicher ist, er ver- 
schwieg, daß auch diese vorhanden war. 

Tatsächlich sollen unter den Feldhasen bis- 
weilen echte Zwitter vorkommen. Im Altertum 
bis hinein in die neueste Zeit war daher in Jäger- 
kreisen vielfach der Aberglaube verbreitet, daß 
der Hase sein Geschlecht manchmal auch „ändern" 
könne, eine Anschauung, welche erstmals „Her- 
mann Döbel" in seinem 1745 erschienenen 
Werke „Neueröffnete Jägerpraktika", das beste 
Werk über Jagdhunde seiner Zeit, als im Bereiche 



der JVIöglichkeit gelegen, mit Entschiedenheit be- 
kämpft. Reuter. 

t'ber die Ursachen des periodischen Dicken- 
wachstums des Stammes. 

In früheren Versuchen bemühte sich Klebs, 
durch bestimmte Kulturbedingungen die Ruhe- 
periode bei gewissen tropischen Holzpflanzen 
auszuschalten, d. h. sie zu ständigen Treiben zu 
bringen. Auf Veranlassung von Klebs stellte 
sich nun Andre (Zeitschr. f. Bot. 12, 1920), die 
Aufgabe, zu untersuchen, ob es durch entsprechende 
Eingriffe gelingt, auch die Periodizität, die sich 
bei den meisten Holzpflanzen in der Jahresring- 
bildung äußert, zu unterdrücken, d. h. den Unter- 
schied zwischen Frühholz und Spälholz auszu- 
merzen. Es ergab sich, daß Nicotiana und Lan- 
tana Camara die Fähigkeit besitzen, dauernd ihr 
Kambium weiter wachsen zu lassen und bei kon- 
stanter Wasser- und Nährsalzversorgung homogenes 
Holz zu bilden. Welchen Charakter dieses Holz 
besitzt, hängt von den gewählten Ernährungs- 
bedingungen ab. Einschränkung der Nährsalz- 
zufuhr, die bewirkt werden kann durch Bewurze- 
lung von Stecklingen in Leitungswasser, durch 
Kultur bereits bewurzelter Stecklinge in Nähr- 
lösung, durch Reduktion des Wurzelsystems bei 
normal kultivierten Pflanzen und schließlich durch 
Züchtung relativ großer Exemplare in relativ 
kleinem Topf, verursacht die Bildung von Engholz. 
Umgekehrt wird bei reichlicher Nährsalzzufuhr 
Weitholz produziert. Der Experimentator hat es 
also in der Hand, durch willkürliche Eingriffe 
die Ausgestaltung des Holzes nach der einen oder 
der anderen Richtung zu verschieben und mög- 
licherweise die Jahresringbildung zu unterdrücken. 
Damit ist aber gezeigt, daß die Periodizität in 
hohem IVIaße von äußeren Faktoren abhängig ist. 
Ob sie sich aber, wie Klebs will, restlos durch 
solche Einflüsse erklären läßt, das erscheint auch 
nach den Versuchen H. Andres recht fragUch. 
Er führt selbst ein Beispiel an, wo es nicht ge- 
lang, die Periodizität zu unterdrücken (Zimmer- 
linde) und weist mit Recht auf die Fälle hin, wo 
innerhalb eines Jahres der Charakter des Holzes 
mehrmals zonenweise wechselt, ohne daß äußere 
Faktoren dafür verantwortlich gemacht werden 
könnten. Da ist es immerhin noch das Nahe- 
liegendste, diese Prozesse auf einen autonomen, 
im Wesen der Pflanze selbst beruhenden inneren 
Rhythmus zurückzuführen. P. Stark. 



Einflüsse des Klimas auf die Gesundheit. 

Einige Beispiele der Beeinflussung der Gesund- 
heit durch das Klima seien aus der beachtens- 
werten Schrift von C. Domo „Klimatologie im 
Dienste der Medizin" ') hier angeführt. Für Sonnen- 
bestrahlungskuren ist der Wechsel der spektralen 



') Sammlung Vieweg, Nr. 50. Braunschweig 1926. 



154 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 10 



Zusammensetzung der Sonnenstrahlung mit der 
Tages- und Jahreszeit von großer Bedeutung Be- 
obachtungen in Davos haben gezeigt, wie ver- 
schieden schnell die Hauptwirkungen der Sonnen- 
strahlung mit steigender Sonne zunehmen. Am 
wenigsten schwankt die Wärmestrahlung, während 
die ultraviolette Intensität sowohl im Tages wie 
im Jahreslaufe ganz gewaltige Verschiedenheiten 
aufweist. „Wenn Wärme- und ultraviolette In- 
tensität für den 15. Juli mittags einander gleich 
gedacht sind, so ist die Wärmeintensität am 15. 
Januar mittags etwa 10 mal so groß, am 15. Januar 
morgens fast 20 mal so groß als die ultraviolette 
Strahlung. Es ist also nicht die größere Intensität 
der Sonne, welche im Sommer bei forzierten 
Sonnenkuren die Haut verbrennt, sondern der 
größere Gehalt an ultravioletter Strahlung, die 
Wärmeintensität nimmt sogar ein wenig ab in- 
folge des erhöhten Wasserdampfgehaltes der At- 
mosphäre." Dazu kommt ein „großer Unterschied 
zwischen Frühjahrs- und Herbstsonne trotz der 
annähernd gleichen Sonnenhöhen ; die Herbstsonne 
ist viel reicher an ultravioletten Strahlen". Der 
winterlichen Sonnenstrahlung fehlen auch dort, 
wo sie verhältnismäßig stark und anhaltend ist 
(im Hochgebirge), die kürzesten Strahlen, die zur 
Pigmentbildung am meisten beitragen und die 
Haut muß sich im Frühjahr stets aufs neue an 
sie gewöhnen. Die Betrachtungen über die 
Schwankungen der Wärme- und uhravioletten In- 
tensität mit der Tages- und Jahreszeit führen zu 
dem Schluß, daß es nicht die Gesamtiniensität der 
Sonne ist, welche im Hochsommer, etwa bei 
Sonnenkuren, Schaden anrichten kann, sondern der 
zu große Gehalt an ultravioletten Strahlen. Schirmt 
man diese ab, was durch einen einfachen Glas- 
schirm geschehen kann, so bringt die Sonnenkur 
keine Gefahren mit sich. Auch bei partiellen Be- 
strahlungen müßten wohl aus dem spektral zer- 
legten Sonnenlicht geeignet ausgewählte Strahlen- 
gattungen spezifische und daher energischere 
Wirkungen ausüben. 

Mit Recht wird beim Klimawechsel dem 
psychischen Moment großer Wert beigelegt. Es 
ist gut, daß anscheinend überall psychische und 
physische Einflüsse einander entgegenwirken, einen 
Ausgleich schaffen. Das Hochgebirgstal z. B. 
bietet ein Bild absoluter Ruhe; die Küstenland- 
schaft dagegen ist durch nie rastende von Tönen 
verschiedener Höhe begleitete Bewegung ausge- 
zeichnet, die Nervenreiz erzeugen, während die 
übrigen begleitenden Faktoren (mittelhohe und 
wenig schwankende Temperatur, geringe Ver- 
dunstung, großer Luftdruck, geringe Strahlung) 
beruhigend wirken, im großen Kontrast zum Hoch- 
gebirgstal, in welchem alle durch das Auge auf- 
genommenen Erscheinungen das Bild voller Ruhe 
bieten, alle anderen genannten Faktoren aber in 
hohem Maße stimulierend wirken. In dem Zu- 
sammenhang kommt Domo auf Störungen des 
Wohlbefindens auf Reisen zu sprechen. Er weist 
darauf hin, daß schon das bei plötzlichem An- 



fahren und plötzlichem Anhalten von Wagen aus- 
gelöste Gefühl ein recht unangenehmes ist; „im 
Lift macht sich das recht deutlich geltend, wer 
es aber je einmal im Fesselballon kennen gelernt 
hat, weiß, daß die allermeisten da ihren Tribut 
zahlen müssen. Die Ursache? Induktionsströme? 
Das würde auf das schlüpfrige Kapitel des tierischen 
Magnetismus führen. Genügt nicht neben der 
Annahme psychischer Einwirkungen die Erklä- 
rung durch verschiedene Elastizität der Zellen- 
wände und des flüssigen Zellinhaltes sowie durch 
den Wechsel des Druckes, unter welchen die in 
Körperhöhlen eingeschlossenen Gase kommen? 
Haben wir nicht in der Seekrankheit dieselben 
Momente, also auch wohl die gleichen, soeben 
erwogenen Ursachen ? Das Ausbleiben der Krank- 
heit bei ganz kleinen Kindern würde für diese 
Deutung sprechen. 

Es ist bekannt, daß das Tropenklima auf den 
Europäer nachteilig einwirkt, doch gilt es, in dieser 
Hinsicht noch manches zu klären. Man weiß, 
daß sich der Europäer in den Tropen nicht unbe- 
deckten Hauptes der Sonne aussetzen darf, aber 
man kennt bisher die Ursache der Gefahr des 
Hitzschlages nicht. Die Wärmestrahlung, meint 
Domo, „dürfte diesen Effekt schwerlich aus- 
lösen, denn der starke Wasserdampfgehalt schwächt 
dieselbe sehr erheblich, auch ist ja die Lufttempe- 
ratur im allgemeinen kaum heißer als an heißen 
Tagen in der gemäßigten Zone. Ungeklärt ist also 
noch, ob der ultraviolette Anteil an der Strahlung 
der Tropensonne so verderbenbringend gesteigert 
ist oder ob die Ursache der Erscheinung in dem 
überaus geringen physiologischen Sättigungsdefizit 
liegt. Tatsache ist, daß in den Tropen zur heißen 
Jahreszeit am Tage die leichteste Bewegung ein 
Ausbrechen des Schweißes über den ganzen Körper 
zur Folge hat und daß zur Mittagszeit trotz der 
gesteigerten Temperatur die unerträgliche Schwüle 
etwas weniger belästigt, da das Sättigungsdefizit 
sich bei Zunahme der Temperatur wenigstens ein 
klein wenig erhöht." Zum Schluß gibt Domo 
Hinweise darauf, wie die Bearbertung meteoro- 
logischer Beobachtung gestaltet werden sollte, um 
sie der Medizin besser dienlich zu machen. 

H. Fehlinger. 



Neue Farbreaktionen zur llutersclieidung 
der Pilze. 

J. Barlot (Sitzung vom 22. November 1920 
der Pariser Akademie) ließ wässerige oder alko- 
holische, 20— 40proz. Pottasche- oder Sodalösungen 
auf verschiedene Pilze einwirken. Mycena pura 
wurde augenblicklich grünlichgelb verfärbt, wäh- 
rend die äußerlich ähnliche amethystfarbene Va- 
rietät der Laccaria laccata schwarzbraune Färbung 
ergab. Die beiden häufigen Goniphidius- kn^n 
verhalten sich ebenfalls verschieden: G. viscidus 
färbt sich violettbraun, G. glutinosus schwach 
gelbbraun. Herten 



N. F. XX. Nr. 10 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



IS5 



Solarlsationserscileiniiiieen (Uiiikehrerschei- 

nungeu) in photoKraphiscIien und röutgeuo- 

graphischen Aufnahmen. 

Professor Dr. B. Walter vom Hamburger 
Physikalischen Siaatslaboratorium führte in dem 
Naturwissenschaftlichen Verein in Hamburg hier- 
über folgendes aus: Während bei normaler Be- 
lichtung einer photographischem Platte auf der- 
selben ein sog. Negativ entsteht, von dem das 
eigentliche Positivbild erst durch einen abermaligen 
photographischen Prozeß, nämlich durch emen 
Abdruck auf lichtempfindlichen Papier oder sog. 
Diapositivplatte erhalten wird, kann man durch 
sehr starkes oder auch sehr langes Belichten auch 
schon direkt auf der Originalplatte ein positives 
Bild erhalten, das allerdings niemals so gute Kon- 
traste zeigt wie das auf normalem Wege zustanden 
gekommene. Derartige direkte Positivbilder be- 
zeichnet man als „solarisierte" Bilder — von sol, 
die Sonne — , weil nämlich die Erscheinung zu- 
erst bei den Bildern dieses Gestirns beobachtet 
wurde. Die Belichtung, welche zur Erzielung 
eines solchen solarisierten Bildes nötig ist, ist bei 
den verschiedenen Plattensorten des Handels, auch 
wenn sie für normale Belichtungen die gleiche 
Empfindlichkeit haben, sehr verschieden, sie liegt 
nämlich etwa zwischen der hundert- und der 
hunderttausendfachen von derjenigen, welche zur 
Erzielung eines normalen Negativs nötig ist. 
Solarisationserscheinungen ganz besonderer Art 
treten ferner bei Aufnahmen von Blitzen oder 
elektrischen Funken auf, hier nämlich nur dann, 
wenn die Platte nach der Aufnahme des Blitzes 
oder F"unkens noch einer schwachen allgemeinen 
Belichtung ausgesetzt wird. Man erhält dann im 
normalen Positivbitd einen schwarzen Blitz bzw. 
Funken. Die Erscheinung wird nach dem Eng- 
länder Clay den, der sie zuerst beobachtete und 
auch aufklärte, als Claydeneffekt bezeichnet. 

Auch bei Aufnahmen mit Röntgenstrahlen 
können, wenn man übermäßig lange Expositions- 
zeiten anwendet, Solarisationserscheinungen auf- 
treten. Eine solche liegt z. B. bei den zuerst vor 
einigen Jahren von dem Röntgenarzt Professor 
Köhler in Wiesbaden am äußeren Schattenrande 
der Röntgenbilder gewöhnlicher menschlicher 
Gliedmaßen beobachteten hellen Randstre ifen 
vor, einer Erscheinung, welche, da sie zunächst 
nicht einwandfrei erklärt werden konnte, das leb- 
hafteste Interesse der Physiker erregte, weil man 
dabei an eine neue Art von Beugungs- oder In- 
terferenzerscheinungen, ja sogar an eine Total- 
reflexion der Röntgenstrahlen dachte, bis sie von 
dem Vortragenden eben als eine Solarisations- 
erscheinung erkannt wurde. Dieselbe entsteht 
nämlich dann, wenn die photographische Platte 
bei der Aufnahme so stark bestrahlt wird, daß 
der freie Hintergrund derselben schon solarisiert 
ist und daher das Maximum der Schwärzung ' 
nicht mehr hier, sondern in dem der Randlinie 
des abgebildeten Organs entsprechenden Streifen 



liegt. Jener Randlinie entspricht nämlich in einem 
solchen Röntgenbilde keine genaue mathematische 
Linie, sondern — wegen der nicht punktförmigen 
Gestalt des Brennflecks der Röntgenröhre — ein 
mehr oder weniger breiter Streifen. In diesem 
Streifen ferner findet in unserem Falle von außen 
nach innen zu ein sehr starker Abfall der Strahlungs- 
intensität statt, so daß wir also darin im Negativ 
ein verhältnismäßig schmales Schwärzungsmaxi- 
mum oder eben im Positivbilde einen solchen 
hellen Streifen erhalten, wie ihn die Kohl er- 
sehen Bilder zeigen. Die Richtigkeit seiner Auf- 
fas'^ung konnte der Vortragende u. a. dadurch er- 
härten, daß es ihm auf Grund derselben gelang, 
die Köhler sehen Streifen mit zum mindesten 
derselben Deutlichkeit zu erhalten wie ihr Ent- 
decker. Daß ferner der letztere die Erscheinung 
bei seinen diesbezüglichen Aufnahmen nicht im- 
mer, sondern nur gelegentlich erhielt liegt daran, 
daß auch hinsichtlich der Solarisierbarkeit für 
Röntgenstrahlen nicht bloß die photographischen 
Platten verschiedener Fabriken, sondern auch so- 
gar die verschiedenen Emulsionen einer bestimmten 
Plattensorte einer und derselben Fabrik oft ganz 
gewaltige Unterschiede zeigen, und daß ferner 
auch die Erscheinung bei der Aufnahme mensch- 
licher Organe nur auf einer sehr leicht solarisieren- 
den Platte mit größerer Deutlichkeit hervortritt. 
Noch sehr viel deutlicher aber als bei solchen 
Organen lassen sich die Randstreifen, wie zuerst 
von dem Münchener Oberingenieur Janus be- 
obachtet wurde, in den Röntgenbildern von Me- 
tallstücken erzeugen; und der Grund hierfür 
liegt nun, wie in einer kürzlich in den „Fort- 
schritten auf dem Gebiete der Röntgenstrahlen" 
veröffentlichten Abhandlung des Vortragenden 
gezeigt wurde, darin, daß man in diesem Falle 
die Platte viel länger bestrahlen und also auch 
den freien Hintergrund derselben viel stärker 
solarisieren kann, ohne daß deswegen hier — wie 
bei jenen menschlichen Organen — die durch den 
bestrahlten Gegenstand hindurchgegangene Strah- 
lung schon so stark wird, daß die von ihr be- 
wirkte Schwärzung fast ebenso stark ist wie die- 
jenige in dem nach dem Obigen in der Rand- 
zone des abzubildenden Gegenstandes liegenden 
Schwärzungsmaximums. Denn wenn dies der Fall 
ist, so kann ein Randstreifen der in Rede stehen- 
den Art natürlich nicht mehr zustande kommen, 
da ja dann die innere Seite desselben von der 
hindurchgegangenen Strahlung sozusagen wegge- 
wischt wird. Bei dickeren Metallstücken tritt dies 
aber erst bei viel stärkerer Bestrahlung ein; und 
es ist dann auch meist nicht die durch sie hin- 
durchgegangene primäre, sondern die in der Unter- 
lage der Platte erzeugte sekundäre Strahlung, 
welche hier die Verwischung der inneren Seite 
des Randstreifens bewirkt. 

Spiropterakrankheit bei Vögeln. 

Nach dem „Journ. of comp. Path. and Therap." 
starben in 7 Jahren 135 Vögel, davon ii8 Papa- 



156 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. lo 



geien an Spiroptera incerta. Die Würmer wurden 
nicht über 14 mm lang und 0,45 mm dick. Sie 
verursachten den Tod der Tiere durch die Zer- 
störung der für die Vögel unentbehrlichen pro- 
ventrikulären Drüsen, Verstopfung des Schlundes, 
Zerreißung des Proventrikels und durch Hervor- 
treten toxischer Wirkungen. Die Lebensgeschichte 
des Parasiten ist unbekannt. Er kann spontan 
absterben und die befallenen Tiere werden dann 
wieder gesund. Therapeutisch sind die Würmer 
nicht zu beeinflussen. Die Bekämpfung der Krank- 
heit ist auf hygienischen Maßnahmen aufgebaut. 
Mittels Kalium hydroxyd werden die Exkremente 
gelöst und zentrifugiert. Der Bodensatz wird nach 
Eiern der Spiropteren durchsucht. Bei positivem 
Befund ist das Tier zu isolieren. Mit dieser Me- 
thode gelang es in dem beschriebenen Falle der 
Seuche Herr zu werden. 

Eine ähnliche Bedeutung wie dem Innen- 
schniarotzer Spiroptera kommt dem Ektoparasiten 
Laminosioptes gallinarum sive Sarcoptes cysticola 
insofern zu, als derselbe seine pathogene Wirkung 
auf endogenem Wege im Gegensatz zu den übrigen 
Milbenarten entfaltet. Die Sarcoptes cysticola 
lebt im Unterhautgewebe, also nicht wie die 
Räudemilbe in den Gängen der Oberhaut, welche 
sie gegraben hat und bewirkt dort die Bildung 
kleiner flacher, fettiger Knötchen, die mitunter so 
zahlreich werden, daß die Schlachtstücke ein un- 
appetitliches Aussehen bekommen. Das Fleisch 
ist zwar genießbar, aber minderwertig. Eine Be- 
handlung ist nicht möglich. Die bei der Spiro- 
ptera erprobten hygienischen Bekämpfungsmaß- 
nahmen sind auch gegen diesen Schmarotzer von 
Erfolg. Vgl. Reuter, Die Geflügel Krankheiten 
und ihre Behandlung. Verlag von Dr. Paul Trüben- 
bach, Chemnitz. Reuter. 

Geologie der Scholleu iu schlesischen Tiefen- 
gesteinen. 

Neue Untersuchungen im Grenzgebiet der Ge- 
birgsbildung. 

Die Arbeit von R. C 1 o o s (Abhandl. d. Preuß. 
Geolog. Landesanstalt, N. F. H. 81) ist be- 
merkenswert dadurch, daß in ihr eine ganz neue 
Forschungsmethode angewendet wird. Damit 
werden weite, bisher so gut wie völlig verschlossene 
Gebiete der geologischen, insbesondere der tekto- 
nischen Untersuchung zugänglich. Es handelt 
sich um die großen Massive von granitisch-körnigem 
Tiefengestein, die sich überall auf der Erde im 
Gebiete alter, jüngerer und jüngster Faltengebirge 
finden. Der Geologe empfand sie nicht selten 
als unerwünschte Störung, wenn sie ihm tektonisch 
wichtige Glieder des Gebirgsbaus gewissermaßen 
„aufgefressen" oder fossil führende Schicht gruppen 
durch Metamorphose unkenntlich gemacht hatten. 

Cloos geht nun den Gängen, Stöcken, Lak- 
kolithen und Batholithen mit geologischen Mitteln, 
mit Kompaß und Meßband, zu Leibe. Den Granit 
untersucht er auf die Richtung von Bankung und 



Klüftung, sowie auf die oft nur angedeutete 
Streckung; bei den gangförmigen Nachschüben 
des Magmas wird besonders die Lagerung studiert. 
Die im Granit eingeschlossenen Schollen werden 
behandelt „als ob sie tektonische Gebirgsteile 
wären"; Streichen und Fallen ihrer Begrenzungs- 
flächen werden bestimmt, schließlich wird der 
Kontakt mit dem Nebengestein und das Neben- 
gestein selbst, soweit es von Gängen durchzogen 
ist, in die Untersuchung einbezogen. 

Dem beschreibenden Teil der Arbeit geht ein 
kurzer Überblick über die geologische Struktur 
Schlesiens voraus; er wird in einer Skizzenkarte 
illustriert. Die jungen Sedimente im Sudetenvor- 
land werden abgedeckt und dadurch der schein- 
bare Gegensatz zwischen dem Bau der Sudeten 
und dem ihres Vorlandes beseitigt. Ihr Unter- 
grund bildet eine zusammengehörige Einheit. Auf 
Grund der Kulmkonglomerate werden vier schon 
in unterkarbonischer Zeit bestehende „Blöcke" aus 
kristallinem Gestein und altpaläozoischen Schichten 
unterschieden. 

Im jüngeren Karbon erhielten nun drei dieser 
Blöcke einen neu empordringenden Granitbatho- 
lithen als Kern eingeschaltet. 

Diese jüngeren Granitmassive und einige der 
in ihnen eingeschlossenen Schollen werden sodann 
beschrieben. Es handelt sich meist um diskor- 
dante Schollen, d. h. solche, deren Begrenzung in 
keiner Beziehung zur Schichtung und Schieferung 
der die Scholle bildenden Sedimentgesteine steht. 
Bei konkordantem Verband dagegen drängt sich 
der Granit zwischen die einzelnen Lagen und 
Blätter der schiefrig struierten Scholle und be- 
rührt sie auch außen an Schichtfugen oder Schiefe- 
rungsflächen. 

Diese Verhältnisse finden sich vor allem bei 
den älteren vorkulmischen Graniten und Gneisen. 
Die Gleichzeitigkeit von Faltung und Intrusion 
ist für die Konkordanz verantwortlich zu machen. 
Im allgemeinen Teil zieht Cloos nun aus den 
angedeuteten Beobachtungen seine Folgerungen. 
Der Granit ist durch sein Emporsteigen in die 
Zone der gebirgsbildenden Prozesse geraten und 
daher dem gerichteten Druck, dem Tangential- 
druck, ausgesetzt. Je nach dem Zustand, in dem 
sich der Granit befindet, hat der Druck ver- 
schiedene Wirkungen. 

Im völlig erstarrten Granit kommt es entweder 
zu echter Kataklase, mechanischer Quetschung 
und Zertrümmerung, oder es entstehen Klüfte, die 
sich auch ins Nebengestein fortsetzen. Ihre große 
Mehrzahl streicht parallel NO, N, oder in anderen 
Teilen Schlesiens NW. Das ist die Richtung der 
Druckkraft, der sie ihren Ursprung verdanken. 

Ganz anders verhält sich der Granit, bevor er 
völlig erstarrt ist. Er ähnelt dann nicht einem 
festen Körper, sondern einer großen ungeschichteten 
Tonmasse. Auf den gerichteten Druck reagiert 
er durch seitliches Ausweichen. Daraus folgt dann 
eine Paralleleinstellung der Glimmerblättchen und 
der scheibenförmigen Einschlüsse. 



N. F. XX. Nr. 10 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



157 



Da wir es aber mit einer zähen, nicht mehr 
flüssigen Masse zu tun haben, reißen auch Spalten 
auf, und zwar in der Druckrichtung, senkrecht 
auf der Ebene der Streckung. Daß dies die erst- 
entstehenden Spalten sind, wird durch Füllung 
mit Aplit bewiesen. 

Die ersten Anzeichen der horizontalen Bankung 
sind auf die Kontraktion infolge von Abkühlung 
zurückzuführen. Der noch flüssige Granit zeigt 
sich den Streckungserscheinungen noch beträcht- 
lich zugänglicher. 

Die Bedeutung des graniti^chen Magmas für 
die gebirgsbildenden Bewegungen wird am Bei- 
spiel des Werdegangs des Riesengebirges verfolgt. 
Der ältere Granit tritt konkordant mit den Sedi- 
menten verfaltet und verwebt auf; dann erfolgt 
Erstarrung und eine längere Pause in der Gebirgs- 
bildung. Mit dem Zutritt des jüngeren Granits 
„kommt neues Leben in die tektonische Werk- 
statt". Aber diesmal sind es nicht Faltenbe- 
wegungen, denn der Gebirgsteil hat durch die 
erste Intrusion die Fähigkeit dazu eingebüßt. Man 
trifft vielmehr Schollentektonik und diskordante 
Kontakte an. Mit der Erkaltung und Erstarrung 
des jüngeren Granits ersterben die Bewegungen. 
Der Granit hat sich aus einem Förderer und Leiter 
der tektonischen Kräfte in ein grobklotziges Hinder- 
nis verwandelt. Cloos bezeichnet ihn dann ge- 
radezu als eine tektonische Insel im Meere der im 
Sedimentgebiet fortdauernden Faltungsvorgänge. 

Zum Schluß betont Cloos nochmals die engen 
Beziehungen zwischen Vulkanismus und Tektonik. 
Dabei teilt er dem Magma jedoch weniger eine 
aktive als eine passive Rolle gewissermaßen als 
Schmier- und Füllmittel zu. 

Bis in jene Zone, wo kein Seitendruck mehr 
auf das granitische Magma wirkte, reichen die 
Aufschlüsse im schlesischen Granit nicht hinab. 
Überall ist die Wirkung tektonischen Druckes zu 
verspüren. Kockel, Leipzig. 



Körpermängel in den Vereinigten Staaten 
von Amerika. 

C. B. Davenport undA. G. Love behandeln 
im Scientific Monthly, Bd. 10, 1920 ein auf Grund 
militärischer Rekrutierungsaufzeichnungen aus dem 
Weltkrieg gewonnenes Material, umfassend 2754000 
iVIänner im Alter von 18 bis 30 Jahren. Ver- 
hältniszahlen wurden auf je lOOO der ßeobachtungs- 
masse berechnet. Im Durchschnitt hatten je 
468 von 1000 Männern körperliche Mängel, die 
jedoch größtenteils nicht schwerer Natur waren. 
Da manche Männer mehrere Defekte aufwiesen, 
kamen deren 557 auf je 1000 Männer. 

Am häufigsten waren Defekte mechanischer 
Art, welche die Knochen, Gelenke, Arme, Beine, 
Hände und Füße betrafen ; sie bildeten 39 "/^ aller 
festgestellten Körpermängel. Den zweiten Platz 
nehmen Mängel der Sinnesorgane mit la"/,, ein, 
dann folgt Tuberkulose mit 1 1 "', usw. Von den 



einzelnen Mängeln des Körperbaues waren schwäch 
lieh gebildete oder mißgebildete Füße am zahl 
reichsten, es kamen ihrer 124 auf 1 000 Männer, 
Vom biologischen Standpunkt, sagen Davenport 
und Love, ist dieses Versagen der Füße bei 
jungen Männern ein Zeichen dafür, daß diese Or 
gane den Ansprüchen, welche das moderne Kul- 
turleben stellt, schlecht angepaßt sind. Unter den 
Fußdefekten wiegt wieder Plattfuß vor, und zwar 
ani stärksten in den Staaten an der Küste des 
Stillen Ozeans und den nördlichen Felsengebirgs- 
staaten (145—231 von lOOo), während er in den 
Siidoststaaten am seltensten ist (47—79 von looo, 
mit Ausnahme von Florida und Alabama); hier 
lebt der weitaus größte Teil der mit Vorliebe 
barfuß gehenden Neger, die ebenso wie die weißen 
Südstaater weniger massig im Körperbau sind als 
die Nordstaater. 

Die Hammerzehe und gebogene große Zehe 
kommt am häufigsten vor in einigen Neuengland- 
und mittelatlantischen Staaten, am oberen Mis- 
sissipi und in den meisten Staaten des fernen 
Westens. 

Mißbildete oder verstümmelte Hände und 
Finger hatten je 8 von looo Männern. Verhält- 
nismäßig am häufigsten ist dieser Mangel in Neu- 
england und im Nordwesten festgestellt worden. 

Mißbildung, Atrophie oder Verlust der Arme 
wurde in mehr als 15000 Fällen festgestellt und 
zwar am öftesten in den mittelatlantischen und 
Südost Zentralstaaten und am Stillen Ozean. Noch 
um so 7o häufiger ist Beinmißbildung oder Verlust. 

Hernien und vergrößerte Leistenringe kamen 
bei durchschnittlich 40 von 1000 Männern vor. 
Die Häufigkeitsverteilung nach Staaten ist ganz 
unregelmäßig; obenan stehen Neu-Jersey, die 
beiden Virginia, Florida, Wyoming, Nevada, Ore- 
gon und Californien (51 — 116). 

Überraschend häufig ist die doch hauptsäch- 
lich auf mangelhafter Erbveranlagung beruhende 
Rückgratsverkrümmung usw., sie trifft auf 55 von 
1000 Männern. Mehr wie 60 Behaftete kamen 
auf 1000 in Neuengland und den meisten der 
dichtbevölkerten Staaten an den großen Seen, 
dann in Tennessee, Virginia, Colorado, Utah und 
Oregon. In den westlichen Präriestaaten und 
den meisten Südstaaten ist dieses Entartungs- 
zeichen selten. 

Eine andere Überraschung ist, daß der Kropf 
in Amerika gar nicht so selten vorkommt als 
dort bisher angenommen wurde. Seine relative 
Häufigkeit ist 8 auf 1000, doch kommt er meist 
im Gebiet der großen Seen und im Nordwesten 
vor, in den Südstaaten vom Kap Fearfluß bis 
Colorado ist er dagegen fast unbekannt. 

Von den Defekten des Nervensystems steht 
Geistesschwäche obenan; sie wurde bei der ersten 
Untersuchung der Auszuhebenden in fast 40000 
Fällen (15 auf loOO), nachher aber noch vielfach 
durch psychologische Prüfungen festgestellt. 

Fehlinger. 



158 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 10 



Nene Untersnchnngen über die Aufnahme von 
Stoffen in die Zelle. 

Auf Grund früherer Untersuchungen gelangte 
Tröndle zu der Auffassung, daß die Stoffauf- 
nahme in die Pflanze kein reiner Diffusionsprozeß 
ist, sondern daß dabei das lebende Plasma wesent- 
lich beteiligt ist. Es zeigte sich nämlich, daß die 
Aufnahmegeschwindigkeit nicht dem Fickschen 
Diffusionsgesetz folgt (d. h. proportional geht der 
Außenkonzentration), sondern zunächst konstant 
bleibt, um späterhin abzunehmen. Das deutet 
Tröndle in folgender Weise: „Die Salze reizen 
das Protoplasma; die Reaktion besteht darin, daß 
das Protoplasma die Salze zufolge aktiver Tätigkeit 
in die Vakuole hineinschafft. Wenn eine bestimmte 
IVIenge Salz aufgenommen ist, so macht sich eine 
Ermüdung geltend, die dem Weber sehen Gesetz 
folgt." Diese Deutung wurde nun in weiteren Experi- 
menten geprüft und bestätigt. *) Von dem Gedanken 
ausgehend, daß die aktive Beteiligung des Plasmas 
durch Narkose ausgeschaltet werden kann, wurde 
das Palisadengewebe von Buche und Ahorn vor 
dem Verbringen in die Salzlösungen der Ein- 
wirkung von Äther und Chloralhydrat ausgesetzt. 
Es trat nun tatsächlich der erwartete Erfolg ein: 
Die Salzaufnahme in die Zellen blieb völlig aus. 
Weiterhin wurde dann dasselbe Gewebe mit ver- 
dünnter Säure behandelt; dadurch wird das Proto- 
plasma, ohne dauernd Not zu leiden, vorübergehend 
geschädigt. Unter diesen Umständen nun findet 
die Salzaufnahme nicht wie bei normalem Ver- 
halten mit konstanter Geschwindigkeit statt, 
sondern sie geht der Außenkonzentration propor- 

') Biochem. Zeitschr. igzi. 



tional, d. h. das Ficksche Diffusionsgesetz ist hier 
verwirklicht. Das dauert aber bloß so lange, bis 
die Zelle den schädigenden Einfluß der Säure 
überwunden hat. In einer dritten Reihe von 
Versuchen wurde die Aufnahme von Alkaloiden 
in die Spirogyrazellen untersucht. Das Ein- 
dringen ist hier sehr leicht zu erkennen 
dadurch, daß die Alkaloide den in der Vakuole 
vorhandenen Gerbstoff ausfällen. Es zeigt sich 
nun, daß die freien Alkaloidbasen sehr rasch 
eindringen, während zugesetztes Alkaloidsalz 
erst nach wesentlich längerer Zeit einen Nieder- 
schlag bildet. Dieser Niederschlag ist aber bloß 
auf die gleichzeitige Anwesenheit freier Alkaloid- 
ionen zurückzuführen, das undissozisierte Salz dif- 
fundiert nicht. Das kann man derart erweisen, 
daß man dem Salz eine Spur Säure zusetzt; da- 
durch wird die Hydrolyse vollständig zurückge- 
drängt und eine Fällung bleibt nun völlig aus. 
Diese Tatsache, daß die Zelle zwar die freien 
Alkaloide passieren läßt, nicht aber deren Salze, 
ist wiederum auf die Einwirkung des lebenden 
Plasmas zurückzuführen. Das läßt sich in sehr 
einfacher Weise dartun: „Wenn man in einer 
Vergleichsreihe freie Alkaloidbase , Alkaloidsalz 
und Alkaloidsalz -|- verdünnte Säure in äquimo- 
laren IVlengen anwendet, aber alle 3 Lösungen mit 
Chloroform sättigt, dann erfolgt der Niederschlag 
zu derselben Zeit, und das ist eine Folge davon, 
daß durch das Chloroform die Zellen zumeist 
rasch abgetötet werden. Insgesamt genommen 
bilden die Versuche wieder einmal einen deut- 
lichen Hinweis darauf, wie ferne wir noch einer 
rein physikalisch- chemischen Deutung der Stoff- 
aufnahmeprozesse stehen. Peter Stark. 



Bücherbesprechungen. 



Mosler, H., Einführung in die moderne 
drahtlose Telegraphie und ihre prak- 
tische Anwendung. 240 Seiten mit 218 
Figuren. Braunschweig 1920, Fr. Vieweg. 
Geb. 24 M. 
Das Buch kommt einem Bedürfnis entgegen. 
Durch den Weltkrieg wurde die Entwicklung der 
drahtlosen Telegraphie und ihre Anwendung ganz 
außerordentlich gefördert. Die vorhandenen vor- 
züglichen größeren Werke, die vor bzw. während 
des Krieges entstanden sind, bringen meistens 
noch nichts über die Kathodenröhe, der vor- 
wiegend der große Aufschwung der Funken- 
telegraphie zu danken ist, und über die Rahmen- 
antenne. Das vorliegende Buch gibt in sehr 
dankenswerter Weise eine wissenschaftliche Zu- 
sammenstellung alles dessen, was in der drahtlosen 
Telegraphie von Interesse und Bedeutung ist. 
Der Stoff wird vornehmlich vom Standpunkt der 
Praxis aus behandelt. Allen denen, die sich für 
die Telegraphie ohne Draht interessieren, kann 
das Buch warm empfohlen werden. K. Seh. 



Günther, Hanns, Elektrotechnik für Alle, 
eine volkstümliche Darstellung der Lehre vom 
elektrischen Strom und der modernen Elektro- 
technik. 2. stark verm. u. verb. Aufl. von „Der 
elektrische Strom". 318 S. mit 373 Abbildgn. 
Stuttgart 1920, Franksche Verlagshandlung. 
Wie der Untertitel andeutet, ist das Buch 
nicht für Fachleute, sondern für Laien geschrieben 
und zwar für die vielen, die gern wissen möchten, 
wie und warum die elektrischen Straßenbahnen 
sich bewegen, die Telephone sprechen, die elektri- 
schen Lampen leuchten. Der Stoff ist in 4 Ab- 
schnitte gegliedert: Die Grundlagen der Elektro- 
technik, elektrische Maßeinheiten und Maßinstru- 
mente, die Erzeugung des elektrischen Stroms, die 
Anwendung der Elektrizität. Dieser letzte Ab- 
schnitt umfaßt nahezu ^/j des ganzen Buches. 
K. Seh. 

Binz, Dr. A., Schul- und Exkursionsflora 
der Schweiz. Basel 1920, L. Schwabe & Co. 
9 Fr. 



N. F. XX. Nr. 10 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift . 



159 



Da diese Flora außer dem Gesamtgebiet der 
Schweiz auch die angrenzenden Teile Badens und 
des Eisasses berücksichtigt, reicht ihre Benutzbar- 
keit über die Schweizer Grenzen hinaus. Sie ist 
sorgfältig abgefaßt und würde auch denen zu 
empfehlen sein, die in der Schweiz reisend ein 
zuverlässiges Bestimmungsbuch zu benutzen wün- 
schen. Abbildungen sind nicht beigegeben, der 
Verf. meint, daß reichliche Abbildungen dazu ver- 
leiten, das genaue Studium der Pflanze selber zu 
vernachlässigen; scharfe Beschreibungskunst ersetze 
die Bilder und erziehe zu scharfer Beobachtung. 
Das ist in gewisser Hinsicht richtig, doch würde 
das Bild so gut wie das Wort eine eingehende 
Vergleichung veranlassen müssen, und schließlich 
bleibt dem wahren Pflanzenfreunde doch immer 
die Aufgabe, sich seine Objekte viel genauer an- 
zusehen, als es durch die Feststellung der für 
die Bestimmung erforderlichen Merkmale geschieht. 
Wollte man in der Hinsicht ein übriges tun, so 
würden kurze, das Gesamtbild der Pflanze be- 
lebende Zusätze über allerhand andere wissens- 
werte Eigenschaften und Eigenheiten sehr wün- 
schenswert sein. Freilich würde eine solche Be- 
reicherung bald mit den Rauminteressen zusam- 
menstoßen. Miehe. 

Voigt, Prof. Dr. A., Exkursionsbuch zum 
Studium der Vogelstimmen. 8. verb. 
Aufl. Leipzig 1920, Quelle & Meyer. 20 M. 
Dies hübsche Büchlein, dessen Beliebtheit und 
Brauchbarkeit durch die zahlreichen Auflagen be- 
wiesen ist, will dem Vogelfreunde eine Anleitung 
geben, wie er draußen im Feld und Wald rasch 
und zuverlässig die Vogelstimmen erkennen kann, 
bzw. wie er möglichst praktisch selber Notizen 
über seine Wahrnehmungen machen kann. Die 
schriftliche Fixierung des Vogelgesanges ist eine 
außerordentlich schwere Aufgabe. Dem Verf. 
kommt es drauf an, eine durch eigene langjährige 
Erfahrung ausgestaltete und ausgeprobte Methode 
anzugeben, die dem, der sich in sie hineinarbeitet, 
erlaubt, die Vögel auch unter den schwierigen 
Verhältnissen der freien Natur zu erkennen. Er 
hat sogar die Laute in einer Tabelle angeordnet, 
nach der eine Bestimmung ausgeführt werden 
kann. Im speziellen Teil sind unsere wichtigsten 
Vögel im einzelnen geschildert, wobei naturgemäß 
auch das Aussehen, die Lebensweise, das Vor- 
kommen usw. dargestellt werden. Miehe. 



Das Pflanzenreich. Herausgegeben von A. Engler. 

Leipzig 1920, W. Engelmann. Heft 71 (30 M.), 

72 (24 M.j, 73 (60 M), 74 (16 M.). 

Mit dem Heft 74, das den allgemeinen Teil 

und das Register enthält, ist die interessante 

Familie der Araceen zum Abschluß gebracht. 

Auch das Heft 73, in welchem die Araceae- 

Aroideae und -Pistioideae von Engler bearbeitet 

wurden, sowie Heft 71, das die von Engler und 

K. Krause dargestellte Gruppe der Araceae Coloca- 

sioideae sowie einen Nachtrag zu den Araceae- 



Philodendroideae bringt, waren noch dieser Familie 
gewidmet. Im 72. Heft hat A. Lingelsheim die 
Familie der Olaceen fortgesetzt, in dem er die 
Gattungen Fraxinus, Fontanesia, Syringa, Schrebera 
und Forsythia behandelt. Miehe. 



Brohmer, Dr. P., Fauna von Deutschland. 

2. vermehrte Aufl. Mit 935 Abbildungen. Leipzig 

1920, Quelle und Meyer. 22 M. 
Dies Bestimmungsbuch ist seinerzeit mit Recht 
freudig begrüßt worden. War es doch der erste 
Versuch, den Zoologen ein auch auf Exkursionen 
benutzbares Hilfsmittel zum Bestimmen von Tieren 
zu geben. Naturgemäß hafteten einem solchen 
ersten Versuch noch allerlei Mängel an, doch 
zeigt der verhältnismäßig rasche Absatz der ersten 
Auflage, daß das Büchlein viel benutzt wurde. 
Die neue Auflage ist nach manchen Richtungen 
verbessert, wobei sich aber der Umfang des Buches 
sogar noch hat , verringern lassen. Nicht auf- 
genommen sind die Meerestiere, dagegen sind die 
mikroskopischen Tiere (z. B. die Protozoen) ein- 
bezogen. Dadurch, daß die einzelnen Gruppen 
von Fachleuten bearbeitet wurden, ist Gewähr für 
Zuverlässigkeit gegeben. Eine Auswahl hat natür- 
lich immer stattfinden müssen, es ist aber über- 
raschend, wie reichhaltig das handliche Büchlein 
ist, das überdies eine große Zahl lehrreicher 
Bilder enthält. Miehe. 

Wenz, W., Geologie. Aus der Sammlung: 
„Die Auskunft." Nr. 5 — 7. Heidelberg 1920, 
Willy Ehrig. 
Diese reichhaltige Zusammenstellung von Fach- 
ausdrücken in alphabetischer Folge aus den Ge- 
bieten der Geologie und Stratigraphie und in be- 
schränkterem Maße aus denen der Petrographie, 
Mineralogie und Bergbaukunde ist für weitere 
Kreise bestimmt, die sich mit Geologie beschäftigen, 
und bezweckt, als erste Orientierung das Verständ- 
nis der Fachausdrücke zu fördern. Bei der Er- 
klärung der stratigraphischen Begriffe sind die 
deutschen und mitteleuropäischen Verhältnisse 
besonders berücksichtigt; dem ist auch in der 
Weise Rechnung getragen, daß bei den einzelnen 
Formationen die Gliederung in den wichtigsten 
deutschen Verbreitungsgebieten in tabellarischer 
Form gegeben wird. 

Die Erläuterungen zu den Schlagwörtern sind 
knapp, aber klar und zuverlässig, so daß das Werk 
empfohlen werden kann. Krenkel. 



Ulbrich, E., Pflanzenkunde. Band II: Die 
Blutenpflanzen. Leipzig 1920, Ph. Reclam jun. 
Der erste Band der Ulbrich sehen Pflanzen- 
kunde wurde in Nr. 40 des vor. Jahrg. besprochen. 
Der vorliegende 2. Band grenzt zunächst die 
Blütenpflanzen von den niederen Pflanzen ab, und 
bringt sodann eine gedrängte Über>icht über das 
System der Gymnospermen und der Angiospermen. 
Der Besprechung der einzelnen Familien und 
ihrer wichtigsten Vertreter geht beide Male ein 



i6o 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. 10 



allgemeiner Abschnitt über die Vegetations- und 
Reproduktionsorgane sowie die phylogenetischen 
Verwandtschaftsverhältnisse voraus. Bei dem 
knappen Raum mußte sich der Verf. natürlich 
auf das Wichtigste beschränken; er hat es aber 
verstanden, durch übersichtliche Gliederung und 
ansprechende Darstellung dem Leser Interesse 
für den immerhin etwas spröden Stoff abzuge- 
winnen. 

Eine ganze Reihe von Textabbildungen, sowie 
mehrere z. T. farbige Tafeln sind dem empfehlens- 
werten Büchlein beigegeben. Esmarch. 



Literatur. 



Adametz, Leopold, Herkunft und Wande- 
rungen der Hamiten, erschlossen aus 
ihren Haustierrassen. (Osten und Orient, 
I. Reihe: Forschungen, 2. Bd.) 8". 107 S. 24 
Kunstdrucktafeln mit 44 Abb. Wien 1920, 
Verlag des Forschungsinstitutes für Osten und 
Orient. [Zu beziehen durch Otto Harrassowitz, 
Leipzig.] 30 M. 
Es wird hier systematisch die Haustierforschung 
zur Lösung ethnologischer Probleme herangezogen. 
Nach Adametz' Untersuchung der ältesten, den 
Sumerern und vordynasiischen Ägyptern gemein- 
samen Haustierrassen muß die Geburtsstätte 
sumerisch hamitischer Kultur mehr oder weniger 
in den Gegenden des heutigen Afghanistan, Be- 
ludschistan und anschließenden Persien gelegen 
gewesen sein; ja sie dürfte sich sogar noch bis 
ins nordwestliche Indien erstreckt haben. Auf 
gleichem Wege kommt der Verf zu dem zweiten 
Hauptergebnis, daß eine der ältesten Besiedelungen 
Afrikas — und zwar jene, die die ersten Anfänge 
der Kultur und die ersten Haustiere mit sich 
brachte — nur vom Norden her über die Land- 
enge von Suez erfolgt sei. 

Der Zweck meiner Anzeige an dieser Stelle 
kann nur sein, auf Adametz' neuartige 
Forschungswege hinzuweisen.^) Auf Einzelheiten 
können wir uns hier nicht einlassen. Wie sich 
die afrikanistische Wissenschaft zu Adametz' 
Folgerungen von den Wanderungen der Hamiten 
zu stellen hat, wird Bernhard Struck in seinem 
demnächst erscheinenden Buche über Völkerpro- 
bleme in Afrika noch mit berühren. 

Dresden. Rudolph Zaunick. 

') Der Titel des Buches müßte vielleicht richtiger lauten : 
Die hamitischen Hauslierrassen, mit Rückschlüssen auf die 
Herkunft und Wanderungen der Hamiten. 



Cassirer, E, , zur Einsteinschen Relativitätstheorie. 
Berlin '21, B. Cassirer. 

Wenz, Dr. M., Geologie. Nr. 5— 7 der Sammlung „Die 
Auskunft" usw. Heidelberg, M. Ehrig. 

Oppenheiraer, Prof. Dr. C, Kleines Wörterbuch der 
Biochemie und Pharmakologie. Berlin und Leipzig '20, de 
Gruyier. 16 M. 

Kaiser, Prof. Dr. E., Bericht über geologische Studien 
während des Krieges in Südwestafrika. Gießen '20, A. Töpel- 
mann. 6 M. 

Niggli, Prof. Dr. P. , Lehrbuch der Mineralogie. Mit 
560 Textfig. Berlin '20, Gebr. Bornträger. 80 M. 

France, R. H., Zoesis. Eine Einführung in die Gesetze 
der Well. München '20, F. Ilanfstaengel. 5,50 M. 

Falck, Prof. Dr. A., Die Arzneibücher (Pharmakopoen) 
vergleichend besprochen mit einem Verzeichnis der Arznei- 
bücher. Leipzig '20, J. A. Barth. 24 M. 

Much, Prof. Dr. H., Die Partigengesetze und ihre All- 
gemeingüliigkeit. Erkenntnisse, Ergebnisse, Erstrebnisse. Leip- 
zig '20, C. Kabitzsch. 15 M., 

Burgerstein, Prof. Dr. A., Die Transpiration der 
Pflanzen. 2. Teil (Ergänzungsband). Jena '20, G. Fischer. 
35 M- 

Lang, Prof. Dr. R., Verwitterung und Bodenbildung als 
Einführung in die Bodenkunde. Stuttgart '20, E. Schweizer- 
barth. 24 M. 

Hildebrandt, Dr. K., Norm und Verfall des Staates. 
Dresden '20, Sibyllen-Verlag. 23 M. 

Hildebrandt, Dr. K., Norm und Entartung des Men- 
schen. Ebenda. 27 M. 

Roscoe, Sir H., Ein Leben der Arbeit. Erinnerungen. 
Übersetzt von R. Thesing. Mit 21 Abb. Leipzig '19, Aka- 
dem. Verlagsgesellschaft. 41,60 M. 

Engelhardt, Dr. V., Einführung in die Relativitäts- 
theorie. 

Fricke, Dr. H., Die neue Erklärung der Schwerkraft. 
Kurzgefaßte und gemeinverständliche Darstellung. Wolfen- 
büttel '20, Heckner. 6,60 M. 

Fricke, Dr. H., Der Fehler der Einsteinischen Rela- 
tivitätstheorie. Ebenda. 10 M. 

Loele, W., Die Phenolreaktion (Aldaminreaktion) und 
ihre Bedeutung für die Biologie. Mit 2 Textfig. u. 24 Photo- 
grammen. Leipzig '20, W. Klinkhardt. 12 M. 

Weizen, Dr. S. K., Thoden van, Psychoencephale Studien. 
V. verm. Aufl. Joachimsthai i. d. M. '20, Weizen. 

Hennig, Prof. Dr. E., Strukturelle und skulpturelle Züge 
im Antlitz Württembergs. Mit 15 Textabb. Öhringen '20. 
F. Rau. 5,70 M. 

Wegner, Prof. Dr. G. , Die Landschaftsformen von 
Württembergisch Franken. Mit besonderer Berücksichtigung 
des Muschelkalkgebietes. Ebenda. 4,20 M. 

Pfeiffer, Dr. L., Die Werkzeuge der Steinzeitmenschen. 
Mit 540 Textabb. Jena '20, G. Fischer. 48 M. 

Gerke, Dr. O., Kurzes Lehrbuch der Pflanzenkunde. 
Mit 40 Abb. Hannover '20, M. u. H. Schaper. 23,80 M. 

Wegen er, Prof. Dr. A., Die Entstehung der Kontinente 
und Ozeane. 2., gänzlich umgearbeitete Aufl. Mit 33 Abb. 
Braunschweig '20, F. Vieweg. 12 M. 

Hauser, Dr. O., Ins Paradies des Urmenschen. 25 Jahre 
Vorweltforschung. Mit 18 Bildertafeln. Hamburg und Ber- 
lin '20, Hoffmann u. Campe. 



Inhalt: M. Rauther, Deszendenzprobleme, erörtert am Fall der Steinheimer Planorben. (3 Abb.) S. 145. — Einzel- 
bericbte: Karstedt, Blastogener Hermaphroditismus. S. 152. Andre, Über die Ursachen des periodischen Dicken- 
wachstums des Stammes. S. 153. C. Domo, Einflüsse des Klimas auf die Gesundheit. S. 153. J. Barlot, Neue 
Farbreaktionen zur Unterscheidung der Pilze. S. 154. B. Walter, Solarisationserscheinungen (Umkehrerscheinungen) 
in photographischen und röntgenographischen Aufnahmen. S. 155. Reuter, Ppiropterakrankheit bei Vögeln. S. 155. 
R. Cloos, Geologie der Schollen in schlesischen Tiefengesteinen. S. 156. C. B. Davenp ort und A. G. Love, 
Körpermängel in den vereinigten Staaten von Amerika. S. 157. Tröndle, Neue Untersuchungen über die Aufnahme 
von Stoffen in die Zelle. S. 158. — Bücherbesprechungen: H. Mosler, Einführung in die moderne drahtlose Tele- 
graphie und ihre praktische Anwendung. S. 158. H. Günther, Elektrotechnik für Alle. S. 158. A. Binz, Schul- 
und Exkursionsflora der Schweiz. S. 158. A. Voigt, Exkursionsbuch zum Studium der Vogelstimmen. S. 159. Das 
Pflanzenreich. S. 159. P. Brohmer, Fauna von Deutschland. S. 159. W. Wenz, Geologie. S. 159. E. Ulbrich, 
Pflanzenkunde. S. 15g. L. Adametz, Herkunft und Wanderungen der Hamiten, erschlossen aus ihren Haustierrassen. 
S. 160. — Literatur: Liste. S. 160. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstrafie 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 
Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge 20. Band; 
der ganzen Reihe :)6. Band. 



Sonntag, den 13. März 1921. 



Nummer 11. 



Über Altern und Verjüngung.*) 



tNachdnick verboten.] Von Dr. med. 

Soweit wir in der Geschichte des mensch- 
lichen Geistes zurückblicken, überall und immer 
wieder sehen wir die Frage auftauchen, weshalb 
der Mensch altere und vergehe, weshalb nur den 
Göttern und nicht auch ihm ewige Jugend ver- 
liehen sei. Priester und Philosophen, Ärzte und 
Naturforscher haben sich seit jeher mit diesem 
Problem eifrigst beschäftigt. Wir wollen hier aber 
von jeder geschichtlichen Erörterung absehen und 
nur in aller Kürze zusammenfassen, was die heutige 
Wissenschaft vom Leben, die Biologie, uns auf 
diese uralte Menschheitsfrage zu antworten hat. 

Wenn wir unser eigenes Leben, das Leben 
unserer Mitmenschen, ja der ganzen lebendigen 
Umwelt verfolgen, so sehen wir überall einen 
völlig gesetzmäßigen Ablauf: Entstehung, Ent- 
wicklung, Wachstum, Stillstand; dann der ab- 
steigende Teil der Kurve : Niedergang, Ende, Auf- 
lösung. Auch wenn keine äußeren Ursachen, wie 
Krankheiten, Unfälle u. dgl. hinzutreten, geht aus 
inneren Ursachen jedes Leben aus in Altern und 
Tod. Dieser physiologische Tod ist freilich außer- 
ordentlich selten. Nach der amtlichen Statistik 
sterben in Preußen 90 "jg aller Menschen an Krank- 
heiten, nur 10 "/o an Altersschwäche. Aber selbst 
diese Zahl ist unzutrefifend. Genaue Sektionen 
haben uns gelehrt, daß auch bei alten Leuten fast 
immer eine Krankheit die Todesursache ist, und 
die Behauptung Nothnagels, daß von 1 00 000 
Menschen vielleicht einer an wirklicher Alters- 
schwäche sterbe, besteht auch heute noch zu recht. 

Die Wissenschaft hat die Gesetze des Lebens- 
ablaufs nach allen Richtungen hin durchforscht, 
viele Rätsel gelöst, die wichtigsten freilich, die 
Endfragen , wie immer ungelöst gelassen. Was 
das Alter kennzeichnet, weiß jeder, auch ohne 
Biologe oder Arzt zu sein. Wir alle kennen die 
Veränderungen der Haut und Haare, die Steifig- 
keit der Gelenke, Brüchigkeit der Knochen, Ab- 
nahme der Muskelkräfte, Abnahme der Sinnes- 
empfindungen, besonders die Alterssichtigkeit, 
Nachlassen des Gedächtnisses und der Intelligenz, 
gewisse seelische Veränderungen wie Egoismus, 
Geiz usw. Besonders wichtig ist der nachweis- 
bare Schwund der inneren Organe. Schon den 
alten Ägyptern war dies gelegentlich der Balsa- 
mierung der Leichen aufgefallen. Sie nahmen an, 
daß z. B. das Herz bis zum 50. Leben.^jahre jähr- 
lich um 2 Drachmen zunähme, von dann in 
gleichem Maße wieder ab. Wenn auch dies nicht 
so genau zutrifft, grundsätzlich ist die Beobachtung 
richtig. Wir finden in der Tat bei Greisen eine 
Verkleinerung des Herzens, der Leber, Nieren usw. ; 



E. Liek, Danzig. 

das Gehirn z. B. füllt die Schädelkapsel nicht mehr 
aus. Sehr zu beachten ist die Tatsache, daß diese 
Vorgänge nicht an ein bestimmtes Alter gebunden 
sind. So wissen wir z. B. daß die Fähigkeit der 
Linse, ihre Gestalt verschiedenen optischen Auf- 
gaben anzupassen, von der Geburt an gleich- 
mäßig abnimmt, daß also die Alterssichtigkeit nur 
eine Stufe einer bestimmten Entwicklung darstellt. 
Wir kennen Organe wie die Urniere, die schon 
während des Embryonallebens ihre Aufgabe er- 
füllt haben und zugrunde gehen. Andere Or- 
gane wie die Thymusdrüse stellen ihre Tätigkeit 
in der Pubertät ein und verfallen dem Alters- 
schwund. Aus diesem Grunde hat Virchow 
nicht mit Unrecht das Leben ein langsames 
Sterben genannt. Diese Tatsachen erklären auch 
die Unmöglichkeit, wissenschaftlich einen be- 
stimmten Zeitpunkt festzusetzen, von dem an das 
Altern beginnt. Wir werden noch sehen , daß 
ganz einschneidende Veränderungen im Sinne des 
Alterns schon bei der Geburt einsetzen. 

Mikroskopisch finden wir, daß der Schwund 
der Organe auf einer Abnahme und Schrumpfung 
gerade der wichtigsten Bestandteile, der Zellen, 
beruht. Sie wissen, daß unser Körper aus Mil- 
liarden einzelner Zellen zusammengesetzt ist, einen 
Zellenstaat darstellt. Diese Zellen, die Träger des 
Lebens, schwinden im Alter, die Zwischensubstanz, 
das für den Lebensprozeß viel weniger wichtige 
Bindegewebe, nimmt zu. Es ist natürlich nicht 
gleichgültig, wo, in welchen Organen, diese Wand- 
lung stattfindet. Es genügt, daß in ganz be- 
grenzten Provinzen des Zellenstaates, sofern sie 
nur lebenswichtig sind, solche Veränderungen auf- 
treten, um den Fortbestand des ganzen Organis- 
mus zu gefährden. Die Brüchigkeit der Knochen, 
die Abnahme der Muskelkraft, die Alterssichtig- 
keit z. B. sind für den Lebensvorgang ziemlich 
belanglos. Der Schwund der Herzmuskelzellen 
aber, die Zunahme des Bindegewebes in den 
Blutgefäßen, die dadurch ihre Elastizität einbüßen 
und starrwandig werden, können den Lebensprozeß 
erheblich stören und endlich aufheben. Man war 
früher geneigt, diesen Veränderungen im Herzen 
und in den Blutgefäßen die größte Bedeutung 
für Altern und Tod zuzuschreiben. Man brachte 
diese Anschauung in Formeln wie: jeder Mensch 
hat das Alter seiner Gefäße, oder: jeder Mensch 
stirbt am Herzen, an Herzschwäche. Wir sind 
heute von dieser Vorstellung abgekommen. Ein 



') Nach einem Vortrag in der Naturforschenden Gesell- 
schaft zu Danzig am 5. Januar 1921. 



102 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. II 



russischer Forscher Kuljabko hat gezeigt, daß 
auch dort, wo anscheinend ein ganz sicherer Herz- 
tod vorliegt, die Herzmuskelzellen funktionsfähig 
bleiben. Er entnahm z. B. Kindern, die infolge 
einer Diphtherie unter schweren Vergiftungser- 
scheinungen gestorben waren — für uns Ärzte 
ein sicherer Herztod — , ich sage, er entnahm den 
Leichen das Herz, einmal sogar 24 Stunden nach 
erfolgtem Tode, brachte es in geeignete Nähr- 
flüssigkeit, führte Sauerstoff zu und siehe da, das 
anscheinend tote Organ begann wieder zu schlagen 
Und viele Stunden regelrecht zu arbeiten. 

Diese und andere Beobachtungen haben uns 
gelehrt, die Ursache des Todes, auch des physio- 
logischen Todes an Altersschwäche, nicht im 
Herzen, sondern im Zentralnervensystem zu suchen. 
Wir wissen, daß von einer bestimmten Gruppe 
von Nervenzellen — im verlängerten Mark — 
Atmung und Herztätigkeit unterhalten und ge- 
regelt werden. Versagen diese Nervenzellen, sei 
es infolge Krankheit, sei es durch Altersverände- 
rungen, auf die wir noch zurückkommen, dann 
hört die kunstvolle Arbeit des Herzens auf, das 
Leben erlischt. 

Doch brechen wir diese Betrachtungen, die uns 
zu weit von unserem Thema wegführen würden, 
ab und kehren zu den Altersveränderungen zurück. 
Wir wissen jetzt, ungefähr wenigstens, wie wir 
altern, wir fragen, warum wir altern. 

Der Vergleich des menschlichen Körpers mit 
einer sehr kunstvoll gebauten Maschine, die sich 
im Laufe der Zeit durch die ständig geleistete 
Arbeit abnutzt, schließlich unbrauchbar wird und 
stillsteht, hegt nahe und ist auch häufig gezogen 
worden. Er trifft aber nicht ganz zu. Auch 
wenn ich von der Fortpflanzung, also der Er- 
zeugung neuer Maschinen, absehe, hat der 
lebendige Organismus vor der kunstvollsten 
Maschine ungleich viele Vorteile: er paßt sich in 
vollendeter Weise wechselnden äußeren Bedin- 
gungen an (in dieser Weise hat man das Leben 
überhaupt definiert), er ersetzt selbsttätig schad- 
haft gewordene Teile, ja er erneuert sich von Zeit 
zu Zeit. Wir wissen z. B., daß unsere roten Blut- 
körperchen (5 Millionen in einem Kubikmillimeter 
Blut) nur 14 Tage leben und dann durch neue 
ersetzt werden. Wir wissen, daß die Zellen unserer 
Haut und Schleimhäute einem ständigen Erneue- 
rungsprozeß unterliegen. Die alten, unbrauchbar 
gewordenen Zellen schilfern an der Oberfläche 
ab, immer wieder frische wachsen aus den tieferen 
Schichten nach. Ja man hat berechnet (Mole- 
schott), daß der menschliche Körper in etwa 
7 Jahren seinen ganzen Zellenbestand erneuert. 
Aber nicht nur der Körper als Ganzes ändert sich, 
sondern auch die einzelnen Organe. Immerfort 
wird Verbrauchtes abgetragen, völlig selbsttätig 
werden im Laufe des Lebens Organe, die ihren 
Zweck erfüllt haben, in Ruhe gesetzt, neue Or- 
gane entwickeln sich usw. Wir sehen, der Ver- 
gleich des Alterns mit der Abnutzung einer 
Maschine, ein Vergleich, den Männer der Wissen- 



schaft, wie Virch'ow und Verworn, gezogen 
haben, trifft nicht ganz zu. An sich besteht zu- 
nächst kein Zweifel, daß der lebende Organismus, 
also auch der Mensch, sehr viel länger ausdauem 
könnte als es tatsächlich der Fall ist. Weshalb, 
fragen wir wieder, altert er trotzdem? 

Viel Aufsehen hat seinerzeit die Antwort er- 
regt, die Metschnikoff auf diese Frage gab: 
der Mensch altert infolge Vergiftung des Körpers 
durch die Stoffwechselprodukte seiner Darm- 
bakterien. Wir wissen, daß der Darm, besonders 
der Dickdarm, von ungeheuren Mengen Bakterien 
— ein Forscher hat ihre Zahl auf 100 000 Milliarden 
berechnet — bevölkert ist. Die Stoffwechselpro- 
dukte dieser Bakterien schädigen nach M. den 
Körper, besonders die empfindlichen Nervenzellen, 
die dann von Freßzellen (Phagozyten) zerstört 
und durch Bindegewebe ersetzt werden. Tiere, 
die einen kurzen Darm haben, wie z. B. die Vögel, 
leben länger. Man sollte, folgert M., dem Menschen 
den Dickdarm ausschneiden oder, da wohl nur 
wenige für diesen immerhin gefährlichen Eingriff 
zu haben sein werden, zum mindesten die schäd- 
lichen Darmbakterien durch harmlose, z. B. Milch- 
säurebazillen verdrängen; daher Empfehlung des 
Genusses saurer Milch. 

M. hat sich die Sache doch etwas zu leicht 
gemacht. Viele seiner Behauptungen stimmen 
einfach nicht. So gibt es Tiere, die als Pflanzen- 
fresser einen langen Darm haben und doch sehr 
lange leben, z. B. der Elefant 2CX) Jahre. M. hatte 
ferner behauptet, es gäbe in Bulgarien viel mehr 
alte Leute als anderswo, und zwar aus dem Grunde, 
weil die Hauptnahrung der ländlichen Bevölkerung 
in saurer Milch bestände. Auch das ist nicht 
richtig. Es gibt in Bulgarien viele alten Leute, aber 
noch mehr Analphabeten; die Landleute kennen 
oft ihr Geburtsjahr nicht und bezeichnen sich, 
wenn sie ein hohes Alter erreicht haben, kurzweg 
als Hundertjährige. 

Also mit dieser Theorie war es nichts. Er- 
wähnenswert ist hier vielleicht der Umstand, daß 
viele Wundermittel zur Lebensverlängerung, so das 
„Lebensmanna" des Grafen von St. Germain, auch 
nichts weiter waren als starke Abführmittel. 

Tiefer als Metschnikoff faßte Weismann 
das Problem des Alterns auf. Nach ihm liegt der 
Natur nur an der Gattung, nicht am Einzelwesen. 
Daher sind nur die Geschlechtszellen, das Keim- 
plasma, unsterblich, die Einzelzellen sind, sobald 
der Zweck der Fortpflanzung erfolgt ist, über- 
flüssig, sie altern und vergehen. Weismann 
erklärt den Tod als eine Zweckmäßigkeitsein- 
richtung der Natur; durch ihn wird Platz ge- 
schaffen für neues Leben. Die Arbeiten Weis- 
manns haben Anlaß gegeben zu einer großen 
Reihe von Untersuchungen über Beziehungen 
zwischen Lebensdauer und Fortpflanzung, zwischen 
Geschlechtszellen und den übrigen Körperzellen, 
usw. Bütschli und später v. Hanse mann 
z. B. nahmen ein Ferment an, daß in den Keim- 
drüsen gebildet werde, auf den übrigen Körper 



N. F. XX. Nr. n 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



163 



einwirke und ihn jung erhalte. Mit dem im Alter 
einsetzenden Schwund dieser Drüsen sei auch der 
Leib dem Altern und dem Tode verfallen. Ich 
muß es mir versagen, auf diese Fragen, die reich 
an Widersprüchen sind, hier näher einzugehen. 

Hertwig hat aufmerksam gemacht auf die 
Wechselbeziehungen zwischen Zelleib und Zell- 
kern; im jugendlichen Körper viel Zellmasse und 
ein verhältnismäßig kleiner Kern, im weiteren 
Leben eine fortschreitende Verkleinerung des Zell- 
leibes im Vergleich zum Zellkern. Diese Ver- 
armung an Protoplasma führe endlich zum Unter- 
gang des Organismus. 

F"riedenthal weist darauf hin , daß der 
Körper, abgesehen von den Zellen, aus deren Ab- 
kömmlingen, den sog. Zwischensubstanzen, bestehe. 
Dies Zwischengewebe, eine funktionell tote Masse, 
nehme im Laufe des Lebens immer mehr zu, der 
aktiv täüge Zellenanteil ab. Schließlich werde 
der mechanische Anteil am lebenden Organismus 
so groß, daß er den aktiv tätigen unterdrücke. 

Pflüger erklärt den Ablauf des Lebens durch 
einen Wachstumstrieb aller lebenden Substanz. 
Mißt man z. B. die Zeit, die ein Lebewesen braucht, 
um sein Gewicht zu verdoppeln, so sehen wir 
diese Zeiten immer länger werden (Mi not, 
Friedenthal). Die befruchtete Eizelle wächst 
ungeheuer schnell (ein Körper von 75 kg ist 
iSocxD Millionen mal so schwer als die Eizelle). 
Beim Eintritt ins Leben hat der Mensch bereits 
V20 seines Gewichtes erreicht, am Ende des 
I. Lebensjahres schon */a bis '/?> verdoppelt sich 
jetzt also höchstens noch dreimal in immer länger 
werdenden Zeiträumen. Ist der Körper ausge- 
wachsen, dann reicht der Wachstumstrieb, den sich 
Pflüger an eine besondere Zellsubstanz gebunden 
vorstellt, gerade hin, um das Leben zu erhalten. 
Ist die Substanz verbraucht, so daß Verluste nicht 
mehr ersetzt werden können, dann verfällt der 
Organismus der Atrophie und dem Tode. 

Ahnlich sind die Gedankengänge Rubners 
über die Beziehungen des Stoffwechsels zur Lebens- 
dauer. Die lebendige Substanz hat, abgesehen 
von Wachstum und Wiederaufbau, die Fähigkeit, 
die ihr in der Nahrung zugeführte Energie je nach 
Bedürfnis in Arbeit und Wärme umzuwandeln. 
Aber das Maß dieser Energieumwandlung ist be- 
schränkt. Beim Menschen ist nach den Berech- 
nungen Rubners bis zum Eintritt der Pubertät ^|^, 
bei vollendetem Wachstum Vs der Energie ver- 
braucht. Ist diese Fähigkeit der lebenden Sub- 
stanz erschöpft, so hört schließlich jeder Ersatz 
auf, es erfolgt naturnotwendig Zusammenbruch 
und Tod. 

Auch gegen diese Gedankengänge sind ge- 
wichtige Bedenken erhoben. Man hat darauf hin- 
gewiesen, daß der Stoffwechsel bei Greisen nicht 
wesentlich herabgesetzt ist, daß Wunden und 
Knochenbrüche auch bei alten Leuten ausge- 
zeichnet, wenn auch etwas langsamer, heilen usw. 
Ich gehe auf das Für und Wider hier nicht näher 
ein. Eins nur ist seltsam. Wer wird bei dem 



Wachstumstrieb Pflügers, bei der Energie der 
Biogene Rubners nicht an einen Begriff erinnert, 
der in früheren Zeiten, noch vor 100 Jahren, die 
größte Rolle spielte und dann Jahrzehnte lang in 
der Wissenschaft streng verpönt war. Ich meine 
den Begriff der Lebenskraft, des Vitalismus. Die 
Wiederkehr dieses Ausdrucks als Wachstumstrieb, 
als Zellenergie, in neuester Zeit als ererbte An- 
lage, als Konstitution, beweist, daß wir das rein 
materialistische Denken in der Naturwissenschaft, 
die Zeit, in der wir uns vermaßen, die Lebens- 
vorgänge nur chemisch-physikalisch erklären zu 
können, überwunden haben. Wir sagen heute 
nicht mehr, das Leben ist bedingt durch physi- 
kalisch-chemische Prozesse, sondern es verläuft 
unter physikalisch-chemischen Vorgängen. 

Alle bisher genannten Erklärungen haben etwas 
Unbefriedigendes. Sie erklären eigentlich nicht, 
sondern umschreiben nur Vorgänge, die wir beim 
Ablauf eines Lebens beobachten. Das Leben eines 
Zellenstaates, nun gar des Menschen, der die natür- 
lichen Lebensbedingungen durch Wohnung, Klei- 
dung, Art der Ernährung, kurz durch das, was 
wir Zivilisation nennen, vielfach von Grund auf 
geändert hat, ich sage, das Leben eines solchen 
Zellenstaates beruht auf zu verwickelten und schwer 
zu übersehenden Vorgängen, um so grundlegende 
Fragen wie die nach Altern und Tod beantworten 
zu können. Ist denn, fragen wir jetzt, Altern und 
Tod wirklich eine notwendige Erscheinung alles 
organischen Lebens? Verlassen wir den Vielzellen- 
verband , wie ihn die höheren ■ Tiere darstellen 
und wenden wir uns zu den einfachsten Lebe- 
wesen, die nur aus einer einzigen Zelle bestehen. 
Wir stoßen auf die überraschende Tatsache, daß 
hier der Tod unbekannt ist. Zwar bleibt das 
Einzelwesen als solches nicht bestehen, aber es 
zerfällt jede Zelle durch einfache Teilung in 2 gleich 
große, neue Zellen usf Es bleibt kein Rest, es 
gibt keine Leiche, keine Verwesung. 

Die Frage der Unsterblichkeit der Einzeller ist 
lange heftig umstritten worden, jetzt aber in 
positivem Sinne entschieden. Frühere Unter- 
sucher (Maupas, Calkins, Hertwig) hatten 
gefunden, daß in Einzellerkulturen nach einiger 
Zeit, sagen wir nach 3, 4, 500 Generationen, 
Alterserscheinungen auftreten. Die Tierchen werden 
kleiner, es werden weniger Geißelfaden gebildet, 
der Zelleib trübt sich, kurz es treten Alterser- 
scheinungen auf (Depression), die dann auch schließ- 
lich zum Aufhören der Teilungen und zum Tode 
der Einzelwesen führen. Woodruff konnte nun 
in einer großen Reihe ausgezeichneter Beobach- 
tungen mit unwiderstehlicher Beweiskraft zeigen, 
daß das Altern und Absterben der Einzeller aus- 
schließlich auf die Überladung der Nährflüssigkeit, 
also des Wassers, mit Stoffwechselprodukten zu- 
rückzuführen sei. Er beobachtete die Teilung 
eines Einzellers (Paramaecium, Pantoffeltierchen) 
unter dem Mikroskop im hängenden Tropfen und 
brachte jedesmal nach der Teilung das eine Tier- 
chen in neue Nährflüssigkeit. Er fuhr so fort. 



164 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XX. Nr. II 



7 Jahre lang, durch nahezu 5000 Generationen, 
ohne daß Erscheinungen des Alterns, geschweige 
denn des Absterbens nachzuweisen waren. Woo- 
druff wies ferner nach, daß nur die eigenen Stoff- 
wechselprodukte schädlich wirkten. Brachte er 
z. B. Pantoffeltierchen, die er lange in derselben 
Kulturflüssigkeit gezüchtet hatte, und die infolge 
dessen die erwähnten Alterserscheinungen auf- 
wiesen, in eine von anderen Einzellern belebte 
Nährlösung, die also auch gesättigt war von Stoff- 
wechselprodukten, aber von fremden, so lebten 
die Pantoffeltierchen wieder auf, teilten sich, 
usw. usw. 

Die Schlußfolgerung aus diesen Versuchen ist, 
daß ein ungestörter Stoffwechsel, d. h. hinreichende 
Zufuhr von Nährstoffen, ausreichende Abfuhr der 
Stoffwechselschlacken dem Einzeller ein unbegrenzt 
langes Leben sichern. Noch eine wichtige Be- 
obachtung konnte W. bei seinen Versuchen machen. 
Auch in stets frischer Nährlösung wurden von 
Zeit zu Zeit die Teilungen seiner Versuchstierchen 
langsamer. W. konnte in solchen Pausen be- 
obachten, wie bei der Teilung der Zellen Anteile 
der Kernsubstanz ganz abgestoßen wurden. Auf 
diese Weise kam eine Verjüngung zustande, die 
weiteren Lebensäußerungen, Teilungen usw. er- 
folgten wieder regelmäßig. 

Andere Maßregeln der Einzeller, dem drohenden 
Alter und Tod zu entgehen, wie die Vereinigung 
zweier Zellen (Kopulation, Vorläufer der ge- 
schlechtlichen Fortpflanzung), sowie die Einkapse- 
lung übergehen wir. Für unsere Betrachtungen 
kommt nur der ausgiebige Stoffwechsel und die 
fortdauernde Zellteilung mit gelegentlicher Aus- 
stoßung unbrauchbar gewordener Kernanteile in 
Betracht. 

Ein Vergleich nun mit den vielzelligen Wesen, 
zu denen auch der Mensch gehört, zeigt sofort, 
wie viel ungünstiger diese gestellt sind. Der Ein- 
zeller ist rings von seiner Nährflüssigkeit, dem 
Wasser, umgeben, die ganze Oberfläche ist am 
Stoffwechsel beteiligt. Bei den Vielzellern liegt 
Zelle an Zelle zu großen Verbänden, Organen, 
zusammengefaßt, die Nährflüssigkeit wird als Blut 
und Lymphe an die Zellen herangebracht. Die 
einfachste Überlegung zeigt, daß aus rein mecha- 
nischen Gründen von einem so ausgiebigen Stoff- 
wechsel wie beim Einzeller keine Rede sein kann. 
Es muß daher zur allmähligen Anhäufung von 
Stoffwechselprodukten innerhalb der Zellen kom- 
men. Diese Stoffwechselschlacken sind in der 
Tat direkt nachweisbar. In Form von fetthaltigen 
Farbkörnchen, dem sog. lipoiden Pigment, treten 
sie schon in den ersten Lebensjahren auf, nehmen 
immer mehr an Zahl und Ausdehnung zu, bis 
sie im hohen Alter schließlich den ganzen Zell- 
leib ausfüllen. Es kommt zu dem eingangs er- 
wähnten Altersschwund der Zellen, der sog. Pig- 
mentatrophie. Besonders wichtig sind diese 
Pigmentanhäufungen in den Herzmuskelzellen und 
in den Nervenzellen. Um ihre Erforschung hat 
sich vor allem Mühlmann verdient gemacht. 



Sehr beachtenswert ist die Tatsache, daß wir 
gleiche Befunde bei allen Wirbeltieren, ja auch 
bei niederen Tieren antreffen. So hat H. Hodge 
in den Ganglienknoten der alternden Biene, 
Harms im Hirn und in den Schlundganglien eines 
kleinen Röhrenwurms (Hydroides pectinata) die 
gleiche Pigmentatrophie, wie sie in den Nerven- 
zellen des menschlichen Gehirns vorkommt, auf- 
gefunden. Alle Einwände gegen die Deutung der 
Befunde haben sich bisher nicht als stichhaltig 
erwiesen. Man hat z. B. darauf aufmerksam ge- 
macht, daß hervorragende Männer (Bunsen 88, 
Pflüger 88, Mommsen 86 Jahre) bis ins höchste 
Alter trotz pigmentierter Hirnzellen ungeschwächte 
geistige Kräfte bewiesen hätten. Dieser Einwand 
hält genauer Prüfung nicht stand. Ich sehe davon 
ab, daß erfahrungsgemäß, aus einem leicht be- 
greiflichen Gefühl der Ehrfurcht heraus, an die 
geistigen Leistungen alter Leute ein etwas mil- 
derer Maßstab angelegt wird. Wir wissen aber 
auch, daß stärkere Arbeit eine stärkere Durch- 
blutung bedeutet. Ein stark benutztes Großhirn 
wird also unter günstigeren Stoffwechselbedingun- 
gen leben, und demnach seine Zellen erst später 
und weniger schwer der Pigmentatrophie ver- 
fallen. Sodann ist überhaupt das Großhirn, der 
Sitz des Verstandes, für den rein mechanischen 
Ablauf der Lebensvorgänge nicht von so großer 
Bedeutung. Das zeigen Versuche an Hunden, 
denen das Großhirn entfernt war, ferner Beobach- 
tungen an Menschen mit schweren Hirnverletzun- 
gen. Die Nervenzellen, die für unser Leben, für 
Altern und Tod, ausschlaggebende Bedeutung 
haben, liegen, wie schon erwähnt, in den Zentren 
für Atmung und Herztätigkeit, im verlängerten 
Mark. Die Pigmentatrophie dieser Zellen läßt 
den Geistiggroßen ebenso altern wie den Geistes- 
schwachen. 

Auch die zweite Möglichkeit der Verjüngung, 
die wir bei den Einzellern kennen lernten, die 
fortgesetzte Zellteilung, ist beim Vielzeller be- 
schränkt. Wenn ich eingangs sagte, daß der Zell- 
bestand unseres Körpers sich immer wieder er- 
neuert, so muß ich jetzt eine Einschränkung 
machen. Gerade die wichtigsten Zellen des Kör- 
pers machen leider eine Ausnahme. So wissen 
wir, daß die Nervenzellen, die im Embryonalleben 
eine schier unbegrenzte Vermehrungsfähigkeit auf- 
weisen, sich nach der Geburt nicht mehr teilen. 
Gewiß, die einzelnen Nervenzellen werden größer, 
ihre Ausläufer wachsen und vermehren sich, die 
Zahl der Zellen nimmt aber nicht mehr zu. Ein 
Hundertjähriger hat daher auch Nervenzellen, die 
100 Jahre alt sind und ebenso lange ununter- 
brochen haben arbeiten müssen; ein Verlust an 
Nervenzellen ist völlig unersetzlich. Das Gleiche 
gilt von den Herzmuskelzellen und wahrscheinlich 
auch von den Zellen der großen Drüsen, wie 
Leber, Niere usw. Dadurch also, daß mit der 
Geburt die Teilungsfähigkeit gerade der wichtig- 
sten Körperzellen aufhört, macht der Mensch beim 
Eintritt ins Leben den größten und folgenschwer- 



N. F. XX. Nr. 1 1 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



165 



sten Schritt zu Altern und Tod. Man kann dies 
Verhältnis auch so ausdrücken: Altern und Tod 
sind der Preis, den wir für unsere hohe Organi- 
sation der Natur entrichten müssen. 

Eine vollkommenere Organisation wäre viel- 
leicht denkbar, Ansätze dazu sehen wir. So ist 
bei den vielzelligen Wesen der Schlaf als eine 
Einrichtung zur Regelung und Besserung des 
Stoffwechsels aufzufassen. Bei den Manteltieren 
(Ascidien), immerhin schon hoch entwickelten 
Tieren, geben zu gewissen Zeiten die Zellen ihre 
Differenzierung auf, der verwickelte Aufbau des 
Körpers nach Organen schwindet, es kommt 
wieder zu einer Anhäufung von einfachen Plasma- 
zellen, aus der heraus sich das Tier neu verjüngt 
entwickelt. Doch das sind Ausnahmen. Im all- 
gemeinen — und das gilt auch für den Menschen 

— entsteht die unbegrenzte Teilungsfähigkeit der 
Zellen erst wieder durch die Vereinigung zweier 
verschiedengeschlechtlicher Keimzellen, der Kreis- 
lauf des Lebens beginnt damit von neuem. 

Weshalb das alles so ist, weshalb unser Stoff- 
wechsel unvollkommen eingerichtet ist, weshalb 
die Nervenzellen ihre Teilungsfähigkeit verlieren, 
das sind Fragen, die ebensowenig zu beantworten 
sind wie das Rätsel des Lebens überhaupt. Alle 
naturwissenschaftliche Forschung, auch die Bio- 
logie, zielt auf das Warum und endet bestenfalls 
bei einer Erklärung des Wie. 

Haben wir somit Altern und Tod als gesetz- 
mäßige Phasen des Lebens aller vielzelligen Wesen 
kennen gelernt, so stehen wir jetzt vor der zweiten, 
praktisch wichtigeren Frage: ist es möglich, diesen 
notwendigen Ablauf hinauszuschieben oder gar 
rückläufig zu machen, ist, mit anderen Worten, 
eine Verlängerung des Lebens oder gar eine Ver- 
jüngung möglich, und auf welchen Wegen ? Be- 
schäftigt die Frage nach den Ursachen des Alterns 
und Sterbens in erster Linie den Naturforscher, 
so stoßen wir hier, bei der Verlängerung des 
Lebens, auf ein Problem allgemeinster Art, eine 
Aufgabe, vor die sich jeder einzelne Mensch ge- 
stellt sieht, und die jeder nach seiner Art zu 
lösen sucht. Wie auch immer der einzelne Mensch 
zum Leben steht, ob als Gläubiger oder Zweifler, 
ob als Philosoph oder als ein Mensch des Alltags, 

— ist sein Leben bedroht durch Krankheit oder 
Altern , dann steht vor uns Ärzten der Mensch, 
oft nicht nur körperlich, sondern auch seelisch 
nackt, ein Mensch, der auf ein Hinausschieben des 
Scheldens von dieser Welt hofft und drängt. Der 
Wunsch lange zu leben gehört wie der Wunsch 
der Nachkommenschaft — auch dies ist ja nur 
eine Form des Weiterlebens — zu den Urtrieben 
alles organischen Lebens, und nicht umsonst ver- 
heißt das mosaische Gesetz als stärkste Belohnung 
für erfüllte Kindespflicht — auf daß du lange 
lebest auf Erden. 

Seit es schriftliche Urkunden der Menschheit 
gibt, fehlt es nicht an zahllosen Vorschriften und 
Ratschlägen, die das Leben verlängern, den Ein- 
tritt des Alterns nach Möglichkeit hinausschieben 



sollen. Berufene und Unberufene haben über dies 
Problem eine schier unübersehbare Bibliothek zu- 
sammengeschrieben. Es würde uns hier viel zu 
weit führen, wollten wir auch nur in gedrängtester 
Kürze einen Abriß dieser Anschauungen und Be- 
strebungen geben. Aber ich empfehle diese Wan- 
derung einem jeden, der das menschliche Leben 
einmal wieder von der ergötzlichen Seite sehen 
möchte. Neben klugen Gedanken und verstän- 
digen Vorschlägen welch eine Fülle von Aber- 
glauben, Narrheiten, ja Betrug. Wer kennt nicht 
die mittelalterlichen Sagen vom Jungbrunnen, der 
Altweibermühle usw.? Zaubertränke, Goldtinki- 
turen, Lebenselixiere, Wunderbetten, Übertreibun- 
gen in der Lebensführung bis ins Lächerliche 
hinein, ziehen an unseren Augen vorüber. Immer 
das gleiche Ziel; die Verlängerung des Lebens, 
das wirklich Erreichte oft das Gegenteil. 

Letzten Endes dienen ja alle menschlichen 
Einrichtungen, der Staat, die gesamte Hygiene 
(Wohnung, Kleidung, Ernährung), die Heilkunde 
usw. nur dem einen Zweck: Verlängerung des 
menschlichen Lebens. Was äußere Umstände 
eines Volkes, politische und wirtschaftliche, für 
die Lebensaussichten des einzelnen bedeuten, dar- 
über wird gerade unsere Generation sehr lehr- 
reiche Vergleiche anstellen können. Hinter uns 
in der Zeit von 1870 — 1914 eine von Jahr zu Jahr 
sinkende Sterblichkeit, eine Zunahme der Lebens- 
erwartung für den einzelnen. Vor uns ein ver- 
stärkter Kampf ums Dasein, eine Auslese, die an 
Grausamkeit, an Zahl der Opfer die Schrecken 
des Krieges weit übertreffen wird. 

So verlockend es auch wäre, diese Gedanken- 
gänge weiter zu verfolgen, so z. B. einmal das 
Gebiet der Heilkunde, die soziale Fürsorge und 
ähnliche Fragen vom Standpunkte des Biologen 
aus zu betrachten, die Kürze der Zeit zwingt, den 
Faden wieder aufzunehmen , zu unserem eigent- 
lichen Thema zurückzukehren. Wir wollen sehen, 
was die heutige Wissenschaft dem einzelnen über 
die Möglichkeit der Lebensverlängerung zu sagen 
hat. Verschiedene Wege der Erforschung sind 
möglich. Zunächst die Statistik. Man hat mit 
vielem Fleiß unendliche Zahlenreihen über alt 
gewordene Leute zusammengetragen und hat 
daraus Schlüsse gezogen über Ursachen und 
Mittel zu langem Leben. Was lehren uns diesö 
Zahlen? Das Lebensalter der Menschen ist, sd 
weit wir zurückblicken, immer das gleiche ge- 
wesen. Überlieferte höhere Zahlen, wie z. B. das 
Alter der biblischen Patriarchen, finden ihre ein- 
fachste Erklärung in einer anderen Zeitrechnung. 
Weiter; auch heute werden vereinzelte Menschen 
sehr alt, 100, 120, ja 150 Jahre. Es gibt mehr 
alte Frauen als Männer, aber die ganz hohen Altef 
sind bisher nur von Männern beglaubigt. ' ' 

Soweit die sicheren Daten, weitere Feststellun- 
gen sind nicht mehr einwandfrei. Wie immer 
entnimmt auch hier jeder den Zahlenreihen das,' 
was in seine Vorstellung paßt. So findet def 
Abstinenzler, daß nüchterne Leute die meiste AuS' 



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sieht haben, alt zu werden. Aber wie häufig sind 
es Lebensschwache, die nüchtern leben, und wie 
viele frohe Trinker erreichen ein hohes Alter. So 
hören wir von einem Lothringer Chirurgen Polit- 
man, der 140 Jahre alt wurde, stets rüstig und 
arbeitsfreudig blieb, so daß er noch am Tage vor 
seinem Tode seine eigene Frau an einem Krebs- 
leiden operierte; dabei soll dieser Mann von seinem 
25. Lebensjahre an nicht einen Tag nüchtern gewesen 
sein. Ahnliches gilt von anderen Genußmitteln. 
Elisabeth Durieux z. B. soll täglich 40 Tassen 
Kaffee getrunken haben und wurde dabei 140 
Jahre alt. Ich bitte mich nicht mißzuverstehen. 
Ich möchte beileibe nicht den Kaffee oder gar 
. den Alkohol als Mittel zur Lebensverlängerung 
empfehlen; aber bei der bekannten Übertreibung 
aller Lebensfanatiker ist es ganz gut, die Dinge auch 
einmal von der anderen Seite her zu betrachten. 
Ein zweites Beispiel. Man hat herausgefunden, 
daß alle Männer, die ein hohes Lebensalter er- 
reichten, verheiratet waren, oft vielfach verheiratet 
waren. Wir lesen von einem Franzosen, de 
Longueville, der iio Jahre alt wurde, mit 
99 Jahren sich zum zehnten Male verheiratete 
und, 101 Jahre alt, Vater wurde. Die Feinde 
oder wohl richtiger gesagt, die Feindinnen des 
Junggeselientums schließen daraus, die Ehe sei 
das beste Mittel der Lebensverlängerung. Aber 
hören wir auch die andere Seite, den bedrängten 
Junggesellen. Er sagt, vielleicht unter Berufung 
auf Newton, Kant, Schopenhauer und 
viele andere, das sei noch lange nicht bewiesen. 
Mit das durchschnittlich höchste Lebensalter er- 
reichen die im Cölibat lebenden katholischen 
Priester. Wenn ein Mann wie der erwähnte Fran- 
zose zehnmal verheiratet war, und trotzdem so 
alt wurde, so beweise das doch nur, daß es ganz 
unverwüstliche Leute gäbe, denen selbst 10 Frauen 
nichts anhaben könnten; die meisten Männer 
hätten an weit weniger genug. 

Wer hat Recht? Ganz gewiß beide Teile 
Das ruhige Gleichmaß der Ehe, die Vermeidung 
von Ausschweifungen, die Freude an den heran- 
wachsenden Kindern und Enkeln können sicher 
im höchsten Maße lebensbejahend und damit 
lebensverlängernd wirken. Aber auch die andere 
Seite hat Recht. Wer so alt wird, wessen Keim- 
drusen sich so lange funktionstüchtig erhalten, 
der ist in der Tat unverwüstlich. Man hat 150- 
jahrige seziert, deren Organe keine groben Alters- 
veranderungen aufwiesen. Die Statistik hat uns 
auch gelehrt, daß langes Leben erblich sein kann. 
Diese glücklichen Leute bekommen von der Keim- 
masse ihrer Eltern her eine ungewöhnliche Energie 
ihrer Gewebe mit, ein Etwas, das wir mit Messer, 
Mikroskop, chemisch- physikalischen Untersuchungs- 
methoden, Blutproben usw. schlechterdings nicht 
fassen können. Früher nannte man das, wie schon 
erwähnt, Lebenskraft, heute spricht man von einer 
guten Anlage, von einer ererbten und vererbbaren 
Konstitution. Verschiedene Namen für die gleiche 
Sache. ^ 



Und noch eins. Viele, die ein ungewöhnlich 
hohes Alter erreichten, schrieben dies einer be- 
stimmten Lebensweise zu. Wenn wir aber genauer 
hinsehen, welch eine Fülle verschiedenster, oft 
geradezu widersprechender Ansichten. Das Gleiche, 
wenn wir uns im Kreise der Mitlebenden um- 
sehen. Jeder sucht die Aufgabe, jung zu bleiben, 
in verschiedener Weise zu lösen. Der eine lebt 
vegetarisch und trägt Jägerhemden, der andere 
hält Fleisch für das beste Nahrungsmittel, dieser 
geht dem Alkohol und Tabak ängstlich aus dem 
Wege, jener sieht in beiden Sorgenbrecher und 
damit Lebensverlängerer. Der eine müllert fleißig 
und stählt seine Muskeln durch Sport, der andere 
hält mit Kant eine erheiternde Lektüre für ge- 
sünder als körperliche Bewegung usw. Auf einem 
römischen Grabstein der Kaiserzeit lesen wir (nach 
Hufeland), daß der Tote 115 Jahre alt wurde, 
und dies hohe Alter der Tatsache zuschreibe, daß 
er sich dauernd dem Anhauch junger Mädchen 
aussetzte. Wem sollte das nicht einleuchten I Ein 
anderes Beispiel. Als ich mich im Frühjahr 19 12 
einige Monate in Amerika aufhielt, machte gerade 
ein Verjüngungsmittel großes Aufsehen, das ein 
findiger Mann in Chicago vertrieb. Er fing vom 
Dache seines Hauses den Sonnenschein in Flaschen 
auf und verkaufte ihn, i Dollar für die Flasche. 
Der Mann machte glänzende Geschäfte. Und ich 
bin Ketzer genug zu glauben, daß dieser ver- 
gnügte Schwindler mehr Menschen geholfen hat, 
als viele in pharmazeutischen Fabriken hergestellte, 
hochwissenschafillche Medikamente. Die Klugen 
lachten und die Dummen, wie überall in der 
Mehrzahl, glaubten. Beides aber, Lachen und 
Glauben, wirkt außerordentlich lebensbejahend 
und damit lebensverlängernd. 

Geistige Vorgänge, die Entwicklung seelischer 
Energien sind es, die bei allen Arten der Lebens- 
verlängerung eine sehr wichtige, wenn nicht die 
ausschlaggebende Rolle spielen. Unter diesem 
Gesichtspunkt lösen sich die vielen, vorher be- 
rührten Widersprüche. Wir verstehen, weshalb 
Leute mit einem schwachen, bresthaften Körper, 
wie Kant, ein sehr hohes Alter erreichten. Wir 
verstehen den Sinn der Askese, z. B. der Abstinenz. 
Die Entsagung, das Opfer machen seelische Kräfte 
frei, lösen Spannungen aus, die dem Ablauf der 
rein körperlichen Lebensvorgänge zugute kommen. 
Wir verstehen die lebensverkürzende Wirkung der 
Hypochondrie. 

Ohne weiteres ist damit aber auch der häufige 
Wechsel, das rasche Verschwinden einst hochge- 
priesener Methoden erklärt. Wer spricht z. B. 
heute noch von Kneipp, und doch hat er 
zweifelsohne vielen Leuten genützt, nämlich denen, 
die an ihn und seine Wasserkur glaubten. Mit 
dem Glauben schwindet die Wirkung. Auch der 
Aberglaube kann in diesem Sinne lebensverlängernd 
wirken. 

Doch genug hiervon. Nur auf einen Versuch 
von wissenschaftlicher Seite, der in letzter Zeit 
erhebliches und berechtigtes Aufsehen erregt hat. 



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möehte ich noch eingehen, die von St ei nach 
vorgeschlagene experimentelle Verjüngung. Ich 
muß, da ich nicht nur vor Ärzten spreche, die 
Grundlagen des Verfahrens etwas ausführlicher 
behandeln. Den Ablauf der Lebensvorgänge stellte 
man sich früher so vor, daß Gehirn und Rücken- 
mark, allgemein gesagt das Zentralnervensystem, 
einerseits durch die Sinnesorgane Eindrücke der 
Außenwelt empfing, andererseits wieder auf dem 
Wege der Nervenbahnen die Tätigkeit der Körper- 
organe teils bewußt, teils unbewußt anregte und 
unterhielt. In den letzten Jahrzehnten wissen wir, 
daß auch andere, sehr wichtige Organe, die Drüsen 
mit innerer Sekretion, in den Ablauf der Lebens- 
vorgänge erregend und hemmend eingreifen. Wir 
unterscheiden in unserem Körper zweierlei Drüsen, 
solche mit und solche ohne Ausführungsgang. Zu 
ersteren gehören z. B. die Schweißdrüsen, Talg- 
drüsen, Speicheldrüsen, Tränendrüsen, Brustdrüsen, 
Leber, Nieren, Bauchspeicheldrüse usw. Ihre Ab- 
sonderungen werden in bekannter Weise teils auf 
die äußere, teils auf die innere Körperoberfläche 
geleitet. Daneben gibt es aber noch eine Menge 
anderer Drüsen, die, ohne Ausführungsgang, ihre 
Absonderungen direkt der Blutbahn zuführen. Es 
sind dies, um nur einige anzuführen, Schilddrüse, 
Thymus, Epithelkörper, Hirnanhang, Zirbeldrüse, 
Nebenniere, gewisse Zellinseln der Bauchspeichel- 
drüse und Leber usw. Man wußte früher mit 
diesen Drüsen nicht viel anzufangen, hielt sie wohl 
gar für überflüssig, für Reste früherer Entwicklungs- 
stufen. Erst in den letzten 4 Jahrzehnten haben 
Experiment und klinische Beobachtung uns über 
die ungeheure Bedeutung dieser Drüsen für den 
Körperhaushalt aufgeklärt. In aller Kürze einige 
Beispiele. Die Nebennieren sind kleine, unschein- 
bare Organe, die, am oberen Nierenpol gelegen, 
mit der Niere selbst nichts zu tun haben. Wir 
wissen heute, daß sie wichtige Stoffe (z. B. Adre- 
nalin) ins Blut abgeben. Die Zerstörung der 
Nebennieren durch Verletzung oder Krankheit 
führt unausbleiblich in kürzester Zeit zum Tode. 
Das Gleiche gilt von dem sog. Hirnanhang, der 
Hypophjrse, und von den winzigen, hinter der 
Schilddrüse gelegenen Epithelkörperchen. Weiter, 
die Schilddrüse steht, wie wir jetzt wissen, in 
nahen Beziehungen zum ganzen Wachstum, zur 
Entwicklung der Geschlechtsorgane usw. Ihre 
Entfernung bedingt bei jungen Tieren Störungen 
des Wachstums und der Entwicklung, bei er- 
wachsenen körperlichen und geistigen Verfall 
(Cachexie). 

Ahnlich wirken Erkrankungen dieser Drüsen. 
So wissen wir, daß die Erkrankung der Schild- 
drüse, die wir als Basedowsche Krankheit be- 
zeichnen, schwere Veränderungen, vor allem Ent- 
artung des Herzmuskels, he