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Full text of "Naturwissenschaftliche Wochenschrift"

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Naturwissenschaftliche 
wochenschriet 



BEGRÜNDET VON H. POTONlE 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

Prof Dr. H. MIEHE 

IN BERLIN 



NEUE FOLGE. 21. BAND 

(DER GANZEN REIHE 37. BAND) 

JANUAR — DEZEMBER 1922 

MIT 119 ABBILDUNGEN IM TEXT 




JENA 
VERLAG VON GUSTAV FISCHER 

1922 



Alle Rechte vorbehalten. 



Register. 



I. Originalartikel. 

Angersbach, A., Joseph Petzoldt. 640. 

Armbruster, L., Über das Farbenseheo 
bei Wespen. 419. 

Bayer, J., Die Ausbreitung des Men- 
schengeschlechts. 693. 

Becker, H. K., Reste eines alten Höhlen- 
flusses. 105. 

Becker, H. K., Beiträge zur Höhlenkunde. 
205. 

Bertsch, K. , Zuwachs und Alter der 
oberschwäbischen Hochmoore. 708. 

Brückner, G., Alfonso Corti. 322. 

Buttel-Reepen, Das Vogelleben auf 
dem Koralleneiland Laysan im Stillen 
Ozean. 301. 

Car, L., Velella spirans. 5S5. 

Collier, W. A., Idiosynkrasie und Ana- 
phylaxie. 17. 

Dahl, Fr., Kritische Betrachtungen über 
die Grundlagen der Relativitätstheorie 
Einsteins. 41. 

Dahms, F., Danzig als Heimat des Bern- 
steins. 89. 

Eckardt, W. R., Alfred Wegeners Theo- 
rie der Kontinentalverschiebungen und 
die Tiergeographie. 326. 

Eckardt, W. K., Die Beziehungen der 
afrikanischen Tierwelt zur südasiatischen. 
689. 

Feuerborn, H. J. , Das Problem der 
geschlechtlichen Zuchtwahl im Lichte 
neuer Beobachtungen, i. 

Fischer, E., Stoff und Eigenschaft. 129 

Fischer, H., Bemerkungen über Stand- 
orte und Verbreitung der deutschen 
Farnkräuter. 337. 

Fr icke, H., Das Wesen der Schwer 
kraft. 513. 

Fricke, H. , Zur Klärung des Äther- 
problems. 169. 

Frölich, W. , Segelflug und fliegende 
Fische. 64. 

Garns, H., Kulturpflanzen und Unkräuter 
der Wikinger. 81. 

Goebel, K., Helmut Bruchmann. I08. 

Goetsch, W., Beiträge zur Relativitäl 
der Individuen. I, 11, III, IV. 201, 481, 

529. 553- 
Günther, H., über Generationsrhythmen 

beim Menschen. 407. 
Heikertinger, Fr., Die Stinkdrüsen 

der Wanzen in ihrer Bedeutung als 

Schutzmittel. 558. 



Henkel, L., Über den Einfluß der Erd- 
umdrehung auf den Bau von Flußbetten. 
485. 

Hennig, Edw., Geologie und Wünschel- 
rute. 49. 

Ken de, O.. Das Donautal in Österreich. 
185. 

Kendc, O., Der österreichische Anteil 
am Böhmischen Massiv. 353. 

Kobbe, S. V., Die .-Vblenkung des Fix- 
sternlichtes im Schwerefeld der Sonne. 
3<7- 

Kobbe, S. V., Über Lichtablenkung nahe 
der Sonne und Perihelbewegung. 652 

K o p [1 li n y i , T h., Theoretische Erwägun- 
gen über die Entstehung der Alters- 
erscheinungen und des Todes. 5^9- 

Kranichfeld, H., Das Verhältnis der 
Relativitätstheorie Einsteins zur Kanl- 
schen Erkenntnistheorie. 593. 

K r e n k e 1 , Vom diluvialen Menschen und 
seiner lagd. 241. 

Krenkel, E. , Zum fünl'zigjährigen Be- 
stehen der Sächsischen Geologischen 
Landesuntersuchung. 321. 

Krieg, H., Probleme der Artveränderung. 
217. 

Kuhn, K. , Das Spektrum der elektro- 
magnetischen Wellen. 449. 

Latz in, H., Zur Grundlegung der Ganz- 
heitsforschung der Biologie. 50. 

Lech 1er, H., Der Köderwurm. 263. 

Lindinger, L. , Ein Vorschlag zur ge- 
nauen Festlegung des Fundorts. 132. 

Meyer, A. , Die logische Stellung der 
Biologie im System der Wissenschaften. 
57- 

M e y e r , F r. J., Die Vitülhypothese .\rthur 
Meyers. 633. 

Miehe, H., Der Rhythmus im Leben 
der Pflanze. 385. 

Mohor o vicic, St., Eine elementare 
Theorie der Gravitation. 145. 

Nachtsheim, H. , Gregor Mendel und 
sein Werk. 425. 

Nickel, E. , Neue Grundlagen für den 
einheitlichen Aufbau des GrundstotT- 
systems in mathematischer Ableitung. 
433- 

Nieschulz, O., Über das Vorkommen 
von Trypanosomen bei unseren heimi- 
schen Wirbeltieren und etwas über 
ihre Kultur auf künstlichen Nährböden. 
164. 
. Nölke,Fr., Zur Kimtraktionstheoric. 73. 



Olbricht, K. , Die Eiszeit in Deutsch- 
land und der vorgeschichtliche Mensch. 
369- 

Radovanovitch, A., Mathematik und 
Wirklichkeit. 625. 

Reck, H., Der neue zentralafrikanische 
fossile Menschenfund. 125. 

Reiche, K., Zur Kenntnis des Dicken- 
wachstums der ( >puntien. 33. 

Rudder, B. de, Axiom und Erfahrung. 
194. 

Rust, H, Mathematisches Neuland: Ar- 
nold Kowalewskis Buntordnungslebre. 

324- 

Schalow, E., Pflanzenverbreitung und 
vorgeschichtliche Besiedlung. 173. 

.Schalow, F.., Vom Einfluß des Krieges 
auf die Pflanzenverteilung. 499. 

S c h e m i n s k y , P". , Das Problem der 
Wünschelrute. 161. 

Scheminsky, F., Moderne Probleme 
der Elektrobiolügie. 541. 

S c h m i d , E., Biozönologie und Soziologie. 
518. 

Schweizer, Chr., Der Darmkanal des 
Maikäfers. 78. 

Schwickerath, M., Exaktwissenschaft- 
liches, philosophisches und künstleri- 
sches Welterkennen und Wellbegreifen. 
409. 

Sieberg, A. , Bemerkungen zum Erd- 
beben auf Jan Mayen am 8. April 
1922 usw. 443. 

Stadler, H., Wandernde Fledermäuse. 
649. 

S t i c k e r , G., Nährpflanzen und Heilpflan- 
zen in der Geschichte. 609. 

S t i e 1 e r , C, Rekonstruklionsversuch eines 
liassischen Flugsauriers. 273. 

Stolte, H. A., Mechanistische und vita- 
listische Strömungen in der Geschichte 
der biologischen Theorien. 281. 

Taube, E., Tierische Chimären. 457. 

Vogtherr, K., Über Fragen der Aber- 
ration und Lichtausbreitung. 20. 

Vügthcrr, K. , Ein neues Uhrenpara- 
doxon. 497. 

Voigt, J. , Euklidische Geometrie, Phy- 
sik und Vierdimensionalität der Materie. 
401. 

Vollrath, P., Das Meer zur Wellen- 
gebirgszeit zwischen Schwarzwald und 
Thüringerwald. 257. 

Waaser, Fr., Grundsätzliches zu Goethes 
Metamorphosenlehre. 473. 



3S847 



Register. 



Wächter, W., August Schulz f. 297. 

Weber, Fr., Die Viskosität des Proto- 
plasmas. 113. 

Wiegers, Fr., Entstehung der dilu- 
vialen Kalktuffe des Ilmtales bei Wei- 
mar. 574. 

Wiegers, Fr., Zur Wünschelrutenfrage. 
705. 

Wilser, I. L. , Sollen wir die Gold- 
wäscherei am Oberrhein wieder auf- 
nehmen? 393. 

Wolff, M., Über die neuen Zeifischen 
Mikroskop-Objektive und Okulare. 346. 

Vakowleff, N. N. , Die Wandlungen 
der AnheftuDg bei verschiedenen Grup- 
pen der Meerestiere. 603. 

Yakowlev, N. N. , Der Klimawechsel 
als Hauptfaktor der Veränderung der 
Organismenwell. 681. 

Zache, Ed., Die Lager aus tierischen 
und pflanzlichen Resten im Diluvium 
des Eibstromgebietes. 665. 

Zeuner, G., Das Biddersche Organ. 233. 

Ziegler, H. E., Über die Homomerie. 
537- 



II. Einzelberichte. 

A. Allgemeines, Biologie, 

Zoologie, Anatomie, 

Vererbungslehre. 

Bluhm, A., Wirkung des Alkohols auf 
das Verhältnis von Weibchen und Männ- 
chen. 267. 

Bormann, F. s. Lipschütz. 

Bridges, C. B., Chromosomen der Obst- 
fliege. 548. 

Cohen-Kysper, Kontinuität des Keim • 
plasmas oder Wiederherstellung der 
Keimzelle? 658. 

Davenport und Hurst, Teilweis ge- 
schlechtsgebundene Vererbung der 
Augenfarbe beim Menschen. 525. 

Ding 1er, H., Ökonomieprinzip. 654. 

Farbensinn der Biene. 349. 

G e r o u 1 d , Veränderung der Hämolymphe 
durch Mutation. 210. 

Goette, K., Hodenatrophie. 697. 

Gregory, A., Verjüngungsversuch. 697 

Heymons, R., Rapsrüßler. 467. 

Jacobshagen, Homologie der Wirbel- 
tiere. 52. 

Lichtenstein, Nahrungsgewinnung 

einer Schlupfwespe. 1 10. 

Lindner, Kr., Brutvorkoramen der Bart- 
meise. 68. 

Lipschütz, A., Bormann, F. und 
Wagner, K. , Bedeutung der Keim- 
drüsenzwischenzellcn. 350. 

Oye, P. van, Biologie der Pfeilwürmer. 
tg. 

Robertson, W. R. B. , Maultier und 
Pferd als Zwillinge. 292. 

Schneider, K. M., Lichterscheinungen 
an fliegenden Vögeln. 85. 

Schröder, R., Ovarialcyclus und Uterus, 
269. 

Sitowski, Kiefernspanner und seine 
Schmarotzer. 362. 

T baden, Cl. v., Künstliche Beleuchtung 
zur Förderung der Kükenaufzucht. 27. 

Wagner, K., s. Lipschütz. 



B. Botanik, Bakteriologie, 
Landwirtschaft. 

Bornmüller, s. Schuster. 
Brockmannn-Jerosch, Die ältesten 

Nutz- und Kulturpflanzen. 564. 
Correns, C, Versuche, bei Pflanzen das 

Geschlecht zu verschieben. 12. 
Guttenberg, H. v. , Phototropismus. 

659. 
Haberlandt, G., Embryobildung nach 

Verletzung der Fruchtknoten. 86. 
Haberlandt, G. , Parthenogenesis und 

Nekrohormone. 289. 
Hallier, Bedeutung der Linaceen für 

die Systematik. 227. 
Heinricher, E., Neue Mistelunter- 
suchungen. 591. 
Hertwig, G. und P., Vererbung des 

Hermaphroditismus bei Melandrium. 672 
Klebahn, H. , Blühendes Wasser. 671 
Kniep, Geschlechtsbestimmung und Re 

duktionsteilung bei Basidiomyzeten. 523 
Kochs, J., Giltwirkung des Meerrettichs 

.525- 
Lindau, G. , Pflanzenresle aus Pfahl 

bauten. 363. 
Lippmanu, E. O. v., s. Sabalitschka, 
Melin, E., Boletus- At\.en als Mykorrhizen 

pilze der Waldbäume. 488. 
Melin, E., Mykorrhizapilze der Nadel 

hölzer. 69S. 
Mühldorf, A., Xeromorpher Spalt 

öffoungsapparat bei Dikotyledonen. 564 
N o a k , K., Physiologische Untersuchungen 

an Flavonolen und Anlhoiyanen. 546 
Pop off, M., Stimulierung der Zellfunk 

tionen. 645. 
Regel, s Vavilow. 
Rikli, M., Die den 80." n. Br. erreichen- 
den oder überschreitenden Gefäßpflan- 
zen. 66 1. 
Ruoff, S. , Verbreitung der Vegetation 

im Europäischen Rußland. 577. 
Sabalitschka und v. Lippmann, 

Rohrzucker im Schilfrohr. 197. 
Schalow, E., Einwanderungsgeschichte 

von Matricur ia disroidea. 179. 
Schuster, P. und Bornmüller, J., 

Genossenschaft mazedonischer Pflanzen 

bei Aken an der Elbe. 268. 
Vavil ow, N. und R egel , R., Ursprung 

der Gelreidearten. 32S. 
VVettstein, F. v., Entomophile Moose. 

327- 
Wettstein, R. , Die Verwertung der 

Mendelschen Spaltungsgesetze auf die 

Deutung von Artbastarden. 487. 



C. Physiologie, Medizin, 
Psychologie, Hygiene. 

Abderhalden, Innervation und Inkret- 
bildung. III. 

R o m e i s , B. , Thymusdrüse und Wachs- 
tum. 26. 

Borchers, E., Epithelkörperverpflanzung 
bei postoperativer Tetanie. 157. 

Bresina, Treffsicherheit. 153. 

d 11 ereile, F., Parasiten in Bakterien? 
225. 

Üstwald, B. C. Pauli 

Paul C. und Ostwald, W., Farben- 
psychologische Studien an Kindern. 508. 

Pfeiffer, E., Homosexualität und innere 
Sekretion. 468. 1 



S u d e c k , P., Basedowsche Krankheit und 
innere Sekretion. 25. 

Tiedje, H., Gegen die „Pubertätsdrüse". 
629. 

Weil, A. , Psycho - inkretorischer Paral- 
lelismus. 227. 



D. Geologie, Paläontologie, 
Hydrographie, Geographie. 

Behr, J., Mächtigkeit des nordischen 
Inlandeises in Schlesien. 157. 

Bindemann, H., Verdunstungsmessun- 
gen an Binnenseen. 488. 

Cloos, H., Tektonik und Vulkanismus 
290. 

Friedländer, I., Tätigkeit des Pop 
catepetl. 181. 

Friedländer, I., Pico de Orizaba. 466 

GeologenkongreS in Brüsseler. 178. 

Koßinna, E., Tiefen des Weltmeeres 
177. 

Kranz, W., Torfmoore und deren Aus 
nützung. 700. 

Kranz, W., Nördlinger Ries. 710. 

Kranz, W., Wünschelrutenfrage. 712. 

Memelland. 381. 

Nölke, Ursache der Eiszeit. 68. 

Nordhagen, R. , Kulktuffstudien aus 
dem zentralen Norwegen. 133. 

Padtberg, A., Die Wahrheit über Beh- 
ringers Lithographia Wirceburgensis. 
628. 

Sieberg, A., Verbreitung der Erdbeben. 
547. 

Soergel, W., Elephas Columbi. loo. 

Soergel, W., Diluviale Aufscholterung. 
99- 

Wüst, Verdunstung und Niederschlag auf 
dem Meere. 64Ö. 



E. Völkerkunde, Anthropologie, 
Vorgeschichte. 

Kade, K., Vorgeschichtliche Getreide- 
funde. 675. 

Koch, W., Kastration bei den Skopzen. 
465. 

Martin, R., Körperkultur. 699. 

Rivers, .'\ussterben der Naturvölker. 630. 

Wiegers, Neue Funde aus der älteren 
Steinzeit. 207. 

Virchow, H., Menschliche Skelettrestc 
aus dem Weimarer Kalktuff. 398. 



F. Physik, Meteorologie, 
Astronomie. 

Ahlborn, Fr., Der Segeltlug. 644. 

AUiata, Zur Relativitätstheorie. 13. 

Kraufl, Zur Relativitätstheorie. 13. 

Boccardi, s. Schnauder. 

Brockmüller, J., Messung der Schall- 
geschwindigkeit. 100. 

Courvoisier, s. Schnauder. 

Einthoven, W., Der dünnste Faden 
sichtbar gemacht. 330. 

Eötvös, R., Der Eötvöseffekt. 525. 

Fischer, M. H., Theorie der Liesegang- 
schen Ringe. 196. 

Freundlich, Der sogenannte Einstein- 
turm der Potsdamer Sternwarte. 25. 



Register. 



Gluud, W., Neue Normaltemperatur 

+20» C. 581. 
Grofimann, Bewegung des Merkur- 

perihels. 28. 
John, St., Rotverschiebung. 717. 
Hartmann, Lichterscheinungen. 718. 
Lenard, Zur Relativitätstheorie. 13. 
Riem, Neuere astronomische Arbeiten. 

503- 
Rutherford, Künstliche Zerlegung von 

Elenjenten. 562. 
Sanford, Beziehungen der Spiralnebel 

zu der Milchstraße. 332. 
Schnauder, Courvisier, Boc- 

cardi. Sprunghafte Vergrößerung der 

geographischen Breite. 156. 
Sola, Zur Relativitätstheorie. 13. 
Strehl, Zur Relativitätstheorie. 226. 
Volkmann, W., Prüftafel für Fernrohre. 

332- 
Wilsing, Neue Forschungen über die 
Fixsterne. l8o. 



G. Chemie, Mineralogie, 
Kristallographie. 

Alles, s. Wieland. 

Aston, F. W., Neue Atomgewichtsfor- 
schungen. 673. 

Ballauf, s. Schlubach. 

Chandra Ghosh, Theorie der Elektro- 
lytlösungen. 224. 

Friedrich, s. Schwarz. 

Freudenberg, K. und Volbrecht, 
E., Gerbstoff der Eichen. 716. 

Glasstone, S. , Physikalische Chemie 
der Bleioxyde. 506. 

Gutbier, A., Analyse kolloider Systeme. 
267. 

Heller, H. , Neue Beiträge zur Theorie 
und Praxis katalytischer Hydrierungen. II. 
588. 

Hofmann, A. und Will, E., Produkte 
der unvollständigen Verbrennung. 717. 

Hopff, s. Meyer, K. H. 

HuUet, G. A. und Nelson, O., Che- 
mische Natur der Graphitsäure. 27. 

Jatrides, s. Winterstein. 

Keller, R.. Azidität und Basizität. 287. 

Krause, E, Di- und Triphenylblei. 363. 

Kuhn, K., Einheit und Isotopie der Ele- 
mente (Sammelbericht). 46. 

Li pp mann, E. O. v., Rohrzucker in 
Fingerhuiblüten. 717- 

Lüppo-Cramer, Desensibilisierung des 
Bromsilbers. 361. 

M a n c h o t , W.. Lösliche Modifikation des 
Siliciums. 266. 

Meyer, K. H. und Hopff, H., Cyan- 
wasserstoff. 69. 

Meyer, K. H. und Hopff, H., Substi- 
tutionsvorgänge. 360. 

Nelson, O., s. Hüllet, G. A. 

Ott, E. und Zimmermann, K., Pfeffer- 
geschmack und chemische Konstitution. 
507. 

Plotnikow, J. , Photochemisches Äqui- 
valentgesetz von Einstein. 422. 

Rast, K., Mikromethode der Bestimmung 
des Molekulargewichtes. 422. 

Riesenfeld, E. und Schwab, G., 
Reindarstellung des Ozons. 698. 

Seh lenk, W. , Freies Pentaphenyläthyl. 
714. 

Schlubach, H. H. und Ballauf, F., 
Freie Ammoniumradikale II. !;4. 



Schwab, s. Riesenfeld. 

Schwarz, R. und Friedrich, W., 

Röntgenstrahlen als Katalysatorengift. 

381. 
Seidell, A. , Silbervitaminverbindung. 

715- 
Teleczky, s. Winterstein. 
Volbrecht, s. Freudenberg. 
Weitz, E., Freie Ammoniumradikale 1. 

14. 
Wen dt, G., Dreiatomiger Wasserstoff. 

423- 
Wieland, H. und Alles, R., Giftstoff 

der Kröte. 490. 
Will , s. Hof mann. 
Winterstein, E. und Jatrides, D., 

Taxin. 359. 
Winterstein, E. und Teleczky, J., 

Glukosid des Safrans. 716. 
Zimmermann, K. s. Ott, E. 



III. Bücherbesprechungen. 

.Abraham, M., Theorie der Elektrizität. 
48. 

.Abel, O., Lebensbilder aus der Tierwelt 
der Vorzeit. 228. 

Arrhenius, Sv., Lebenslauf der Plane- 
ten. 128. 

Auerbach, F., Moderne Magnetik. 16. 

Auerbach, F., Raum, Zeit, Materie und 
Energie. 352. 

Bauer, E. , Grundprinzipien der rein 
naturwissenschaftlichen Biologie. 320. 

Bauer, H., Chemie-Büchlein. 452. 

Bavink, B., Atom'stik. 333. 

Bavink, B., Ergebnisse und Probleme 
der Naturwissenschaft. 446. 

Behrmann, W., Im Stromgebiet des 
Sepik. 567. 

Berg, A., .Vtherströmungs- und Äther- 
strahlungshypothese. 620. 

Böhm, Jos., Seelisches Erfühlen. 231. 

Böhmig, L., Die Zelle. 183. 

Bölsche, W., Vom Bazillus zum Affen- 
menschen. 126. 

Bölsche, W., Weltblick. 480. 

Braun, M. und Seifert, O., Die tieri- 
schen Parasiten des Menschen. 231. 

Brehm, A., Kleine Schriften. 367. 

Brehm, A. E, Leben der Vögel. 454. 

Bretscher, K., Vogelzug in Mitteleuropa. 
271. 

Brion, G., Luftsalpeter. 44S. 

Bruns, F., Zeichenkuust im Dienst der 
beschreibenden Naturwissenschaften. 509. 

Buchner, P., Tier und Pflanze in intra- 
zellulärer Symbiose. 143. 

Burckhardt-Erhard, Geschichte der 
Zoologie. 648. 

Bürger, C>., Venezuela. 184. 

Chowrin, A. N., Experimentelle Unter- 
suchungen auf dem Gebiete des räum- 
lichen Hellsehcns. 238, 

Citron, J., Immunodiagnostik und Im- 
munotherapie. 104. 

C 1 o o s , H. und Meister, E., Bau und 
Bodenschätze Osteuropas. 159. 

Collier, W. A., Variationsstatistik. 320. 

Cornin g, H. K., Entwicklungsgeschichte 
des Menschen. 319. 

Coulter, J. H., Evolution of sex in 
plants. 566. 



Czapek, Fr., Biochemie der Pflanzen. 55. 

Dahl, Fr., Vergleichende Psychologie. 
591. 

Dahl, Fr., Ökologische Tiergeographie. 
366. 

Dannemann, Vr., Plinius. 112. 

Dannemann, Fr., Aus der Werkstatt 
großer Forscher. 493. 

Deegener, H., Chemisch - technische 
Rechnungen. 454. 

Di eis, L., Methoden der Phytographie 
und der Systematik der Pflanzen. 534. 

Diener, K., Paläontologie und Abstam- 
mungslehre. 143. 

Driesch, H. , Philosophie des Organi- 
schen. 88. 

Driesch, H., Das Ganze und die Summe. 
269. 

Dungern, E. v. , Prinzipien der Be- 
wegung. 452. 

Dürken, B. und Salfeld, H., Phylo- 
genese. 311. 

Einführungsliteratur in den wissenschaft- 
lichen Okkultismus. 211. 

Farbe. 528. 

Fehringer, O., Singvögel Mitteleuropas. 
471. 

Fischer, E., Aus meinem Leben. 470. 

Fischer Fr. und Schrader, H., Ent- 
stehung und chemische Struktur der 
Kohle. 621. 

France, R. H., Süd- Bayern. 29. 

Freudenberg, W., Geologie von Mexi- 
ko. 663. 

Frobenius,L. und RittervonWilm, 
Atlas africanus. 662. 

Fuchs, Fr., Kunkentelegraphie. 592. 

Gehrcke, E., Physik und Erkenntnis- 
theorie. 28. 

Geiger, M. , Philosophische Bedeutung 
der Relativitätstheorie. 309. 

Geitler, J., Elektromagnetische Schwin- 
gungen und Wellen. "I. 

Geley, G., Materialisations-Experimente. 
215. 

G I a f e y , H., Rohstoffe der Textilindustrie. 
480. 

Goldschmidt, R., Ascaris. 333. 

Gramberg, E., Pilze der Heimat. 334. 

Großmann, H. und Wreschner, M., 
Anomale Rotationsdispersion. 48. 

Grüner, P. , Elemente der Relativitäts- 
theorie. 232. 

1 1 a e c k e 1 , F., llalienfahrt. 703. 

Haecker, V., Vererbungslehre. 30. 

Haecker, V., Umkehrbare Prozesse in 
der organischen Welt. 678. 

Llagen, W., Deutsche Vogel weit. 447. 

Hagen, W., Unsere Vögel. 703. 

Hahn, Fr. V., Kolloidale Lösungen 
anorganischer Stoffe. 451. 

Handbuch der biologischen Arbeitsmetho' 
den. 480. 

Handbuch der Entomologie. 15. 

Hansen, A., Pflanzendecke der Erde 

159- 
Hauser, G., Damaster - Coptolabrus 

Gruppe der Gattung Carabus. 632. 
Ilelmholtz, H. v., Schriften zur Er 

kenntnistheorie. 70. 
Hertwig, O., Werden der Organismen 

S5°- 
Hertwig, R., Lehrbuch der Zoologie 

565- 
Hof mann, A., Rätsel der Handstrahlen 

238. 
H ö r n e s , M., Gräberfeld von Hallstatt. 197 



Register. 



HoTvatb, Cl. V., Kaum und Zeit. 470. 

Jäger, G., Theoretische Physik IV. 320. 

Jungklaus, Fr., Münsterländer Vorsteh- 
hund. lOl. 

Kahler, K., Luftelektrizität. 87. 

Kaiser, A., Die Sinaiwüste. 647. 

Karsten, G., Methoden der Pflanzen- 
geographie. 552. 

Kaufmann, H. P., Chemie für Mediziner 
und Biologen. 367, 

Kay s er, E., Lehrbuch der Geologie. 158. 

Kays er, E., Abriß der Geologie. 7 18. 

Kayser, H., Lehrbuch der Physik. 352. 

Kerners Pflanzenleben. 231. 

Kirchner, O. v.. Obstbaumfeinde. III. 

Klautke, P., Nutzpflanzen und Nutz- 
tiere Chinas. 491. 

Klaus, A., Atome, Elektronen, Quanten. 

333- 

Kleinschmidt, O., Singvögel der Hei- 
mat. 663. 

K 1 u t , H., Untersuchung des Wassers. 647. 

Koch, A. und Lowartz, C, Zoologi- 
sche Bestimmungsübungen. 703. 

K o 1 b e , L., Flüssige Luft , Sauerstoff, 
Stickstoff, Wasserstoff. 624. 

Kolkwitz, R., Pflanzenphysiologie. 623. 

Kolkwitz, R., Pflanzenforschung. 623. 

Kossei, W., Valenzkräfte und Röntgen- 
spektren. 112. 

Krause, R., Mikroskopische Anatomie 
der Wirbeltiere. 399. 

Kretschmer, E., Medizinische Psycho- 
logie. 365. 

Kühn, A., Morphologie der Tiere. 127. 

Kukuk, P., Unsere Kohlen. 214. 

Langenbeck, B., Physische Erdkunde. 
664. 

Lassar-Cohn, Einführung in die Che- 
mie. 184. 

Laue, M. v., Relativitätstheorie. 166. 

Lehmann, E. , Experimentelle Abstam- 
mungs- und Vererbungslehre. 167. 

Lehmann, H., Obslmade. 5S3. 

Lehmann, H., Baumweißlingskalamität. 
607. 

Lehner, A., Tafeln zum Bestimmen der 
Mineralien. 31. 

L e n a r d , P., Über Äther und Uräther. 230. 

Liesegang, R. Ed., Kolloidchemie des 
Lebens. 408. 

Lietzmann, H., Anleitung zur Him- 
melsbeobachtung. 294. 

Linne, Föreläsningar öfer Dyrriket. 351. 

Lippmann, E. O. v. , Zeittafeln zur 
Geschichte der organischen Chemie. 295. 

L i p p s , G. F., Grundriß der Psychophysik. 
70. 

Lorentz, H. A., Einstein, A., Min- 
kowski, H. , Das Relativitiitsprinzip. 
510. 

Lud ewig, P., Radioaktivität. 31. 

Lundborg, H., Rassenbiologische Über- 
sichten. 271. 

Lüscher, H., Photogrammetrie. 16. 

Maag, E. und Reihling,K., Vom Re- 
lativen zum Absoluten. 620. 

Mahr, A. , Prähistorische Sammlungen 
des Museums zu Hallstatt. 197. 

M a n n h e i m , E., Pharmazeutische Chemie. 
368. 

Marzell, IL, Einheimische Pflanzenwelt 
im Volksgebrauch und Volksglauben. 
584. 

Mayer, A., Agrikulturchemic. 127. 

Meirowsky,E. und Lcvcn, L., Tier- 
zeicbnuDg, Menschcnscbeckung. 293. 



Meisenhe imer , J., Geschlecht und 
Geschlechter. 103. 

Metallurgie, Beiträge zur. 87. 

Meth, P., Planetenbewegung. 334. 

Mie, G., Einsteinsche Gravitationstheorie. 
239- i 

Miehe, H., Zellenlehre und Anatomie | 
der Pflanzen. 719. 

Molisch, H., Mikrochemie der Pflanze. 
198. 

Molisch, H. , Pflanzenphysiologie als 
Theorie der Gärtnerei. 664. 

Mönnig, O. H., Leucochloridium macro- 
stomura. 702. 

Montgelas, E. v., Tiergeschichten. 47 1 . [ 

Muckermann, H., Um das Leben der 
Ungeborenen. 294. 

Müller, F. W., Bau und Entwicklung 
des menschlichen Körpers. 719. 

Müller, L. R. , Altersschätzung beim | 
Menschen. 384. ' 

Müller, M., Anfangsgründe der Chemie. 
112. ! 

Neeff, F., Prolegomena zu einer Kos- 
mologie. 453. 

Nernst, W., Theoretische Chemie. 103. 

Neu burger, M. C, Radioaktivität des 
Kaliums und Rubidiums. 48. 

Neumayr, M., Erdgeschichte. 199. 

Newcomb, S. , Astronomie für jeder- 
mann. 294. 

Newcomb - Engelmanns populäre Astro- 
nomie. 592. 

New man, H. H., Biology of twins. 565. 

Nippoldt, A., Erdmagnetismus. 158. 

Paehler, Fr., Die Auskunft. 352. 

P a r e t , O. , Urgeschichte Württembergs. 
229. 

Pauli, W. jun., Relativitätstheorie. 239. 

Petersen, H., Histologie. 383 (Druck- 
fehlerberichtigung 528). 

Petzold, J., Weltproblem vom Stand- 
punkte des relativistischen Positivismus. 
454- 

Pfaff, A., Für und gegen das Einstein-, 
sehe Prinzip. 549. 

Pfeffer, W., Osmotische Untersuchungen. 
702. 

Pfeiffer, P. , Organische Molekülver- 
bindungen. 471. 

Pflanzenreich. 19S. 

Pietzsch, K., Geologische Literatur 
über Sachsen 1870 — 1920. 566. 

Planck, M., Vorlesungen über Thermo- 
dynamik. 31. 

Planck, M. , Entstehung und bisherige 
Entwicklung der Quantentheorie. 72. 

Planck, M. , Physikalische Rundblicke. 
320. 

Plate, S., Fauna et anatomia ceylanica. 
364- i 

Podestä, H, , Physiologische Farben-' 
lehre. 448. 

P r i e t z e , H.A., Natur und Volkstum. 
679. 

P u m m e r e r , K., Organische Chemie. 183. 

Rauther, M., Das Tierreich. 71. 

Reinhardt, K., Poseidonios. 252. 

Reling, H. und Brohmer, B., Unsere 
Pflanzen und Sage, Geschichte und 
Dichtung. 04S. 

Richter, H., Begriffe Kraft, Stoff, Kaum, 
Zeit. 549. 

Rom eis, B. , Taschenbuch der mikro- 
skopischen Technik. 384. 

Roth, W. A. , Physikalisch - chemische 
Übungen. 103. 



Rubel, Ed., Geobotanische Unter- 
suchungsmethoden. 552. 

Rusch, F., Himmelsbeobachlungen. l68. 

Rüther, R., Systematik und Synthese 
der Elemente. 620. 

Schaffer, J., Lehrbuch der Histologie. 
551- 

Schall, H., Fortpflanzung. 703. 

Schau, A., Statik. 87. 

Scheiner-Graff, Astrophysik. 294. 

Scherzer, H. , Erd- und pflanzenge 
schichtliche Wanderungen durchs Fran 
kenland. 15g, 632. 

Schilder, P., Wesen der Hypnose. 368 

Schips, M., Mathematik und Biologie 
Sil- 

Schmidt, C. W. , Herstellung mikro 
skopischer Präparate. 718. 

Schmidt, H. , Philosophisches Wörter 
buch. 310. 

Schoenichen, W., Praktikum der In 
sektenkunde. 128. 

Schröter, C, Aufgaben der wissen 
scbaftlichen Erforschung in National 
parken. 567. 

Scbwassmann, A., Relativitätstheorie 
und Astronomie. 160. 

Seh weinfurth, G., Auf unbetretenen 
Wegen in Ägypten. 182. 

Schworetzky, G., Weltäther und Welt- 
all. 620. 

Seelin g, O., Hypnose, Suggestion und 
Erziehung. 232. 

Sirks, M. J., Algemeene Erfelijkheidsleer. 
526. 

Soergel, W., Jagd der Vorzeit. 280. 

Stark, J., Natur der chemischen Valenz- 
kräfte. 383. 

Stern, E., Krankhafte Erscheinungen des 
Seelenlebens. 366. 

Stiny, J., Technische Geologie. 512. 

Stoklasa, J., Verbreitung des Alumi- 
niums in der Natur usw. 492. 

Straßburger, E. , Kleines botanisches 
Praktikum. 199. 

Straßburger, E. , Botanisches Prakti- 
kum. 144. 

Strasser, H. , Einsteinsche Relativitäts- 
theorie. 549. 

Strömgren, E. , Astronomische Minia- 
turen. 568. 

Study, E., Denken und Darstellung. 71. 

T h e i m e r , V., Praktische Astronomie. 3 1 . 

Thirring, H., Idee der Relativitäts- 
theorie. 23S. 

Till, A. , Petrographisches Praktikum. 
664. 

Timer ding, H. E., Fallgesetze. 334. 

Tischner, R. , Monismus und Okkul- 
tismus. 215. 

Titschak, E., Kleidermotte. 582. 

Troll, W., Goethes Naturanschauung in 
seinen Gedichten. 313. 

Trömmer, E. , Hypnotismus und Sug- 
gestion. 408. 

Tschirch, A., Erlebtes und Erstrebtes. 
607. 

Ucxküll, J. v., Umwelt und Innenwelt 
der Tiere. 55. 

Vageier, P., Bodenkunde. 567. 

Vanino, L., Handbuch der präparativen 
Chemie. 319. 

Verworn, M., Aphorismen. 399. 

Volk, K. G., Geologisches Wanderbuch. 
30- 

Wahnschaffe, F., Geologie des nord- 
deutschen Flachlandes. 102. 



kcgislelr. 



Vll 



Walte, W., Relativitätstheorie. 159. 

Walte, W., Einstein, Michelson, Newton. 
213. 

Warburg, O., Die Pflanzenwelt. 168. 

Weckmann, Ornithologisch - photogra- 
phische Naturstudien. 677. 

Wehrhahn, W., Laub- und Lebermoose 
Hannovers. 455. 

Weil, A., Innere Sekretion. 471. 

Weiser, M., Das Atom. 365. 

Wellmann, Fr., Vogelleben in Nieder- 
sachsen. 455. 

\V e n z , W., Geologischer Exkursionsführer 
durch das Mainzer Becken. 30. 

Werner, Fr., Das Tierreich. 71S. 

Wiegers, Fr., Geologisches Wander- 
buch. 455. 

Wien, W., Relativitätstheorie vom Stand- 
punkte der Physik und Erkenntnislehre. 
168. 

Wien, W. , Aus der Welt der Wissen- 
schaft. 312. 

Wiesners Rohstoffe des Pflanzenreichs. 215. 

Willner, R. und Kyrie, G., Berichte 
der staatlichen Höhlenkommission. 678. 

Wissler, Cl., The American Indian. 
632. 

Witt ig, H., Geltung der Relativitäts- 
theorie. 549. 

Wolff, H., Harze. 144. 

Woiterstorff, W. , Molche Deutsch- 
lands. 448. 

Zander, E., Handbuch der Bienenkunde. 
295. 

Zander, E. , Obstbau und Bienenzucht. 
295. 

Ziegler, H. E., Tierpsychologie. 408. 

Zoologischer Anzeiger, Register. 368. 



IV. Anregungen und Antworten. 

Ameisenhöcker auf den Grettstadter Wie- 
sen. 32. 

Anthropo-ökologische Forschung, Arbeits- 
gemeinscliaft. 624 



Aufruf. 704. 

Bewegungen von Insekten zur Nahrungs- 
suche. 688. 

Botanisch-anatomische Terminologie. 536. 

Farnkräuter, Verbreitung. 679. 

Flugsaurier. 456. 

Geologenkongreß in Brüssel. 68S. 

Getreidearten, Ursprung. 494. 

Graubündner, Trunksucht. 72. 

Gravitationstheorie. 456. 

Gyromitra esculenta, weifie. 400. 

Handstrahlen. 334. 

Helgoland, Biologische Anstalt. 335. 

Höhlentiere, Bedeutung für Mutationstheo- 
rie und Lamarekismus. 199, 239, 335, 

535. 719. 

Homöopathie. 160, 400. 

Kontraktionstheorie. 216, 336. 

Krebs, Lauterzeugung. 72. 

Lichtwellen. 400. 

Michelsonversuch. 680. 

Mikroskop, Leitzsches 200 000stes. 335. 

Mond, Strahlensysteme auf demselben. 704. 

Monistenbund. 296. 

Museen, Lage der deutschen naturwissen- 
schaftlichen. 688. 

Richtigstellung (Ulbricht). 592. 

Wegeners Hypothese, durch die südameri- 
kanischen Equiden nicht gestützt. 608. 

Wespen und Bienen, Ähnlichkeit. 32. 

Wisente in Pleß. 272. 



V. Abbildungen. 

Allium Cepa, AlUnante und Leukoplasten. 

h35- 

Arenicola piscatorum. 264, 265. 

Campanula trachelium , Zellkerne mit Ei- 
weißkristallen. 635. 

Cereus marginatus, Holzkörper. 40. 

Chlorella. 554. 

Chlorohydra viridissima. 557. 

Drosophila, Chromosomen. 548. 

Flugsuuiier. 275, 276, 277. 



Galtonia candfcans , Zellkerne aus der 

Wurzel. 
Goldlaufkäfer, Darmkanal. 78. 
Hochmoore, Skizze der oberschwäbischen. 

709. 
Hydra, Regeneration. 481—484. 
Kröte, Hand. 235. 

Kröte, Schnitt durch den Finger. 236. 
Maikäfer, Darmkanal. 78, 80. 
Mendel, Bildnis. 425. 
Mesembryanthemum linguiforme, AUinantc. 

635- 
Opuntia, Qucrschnittsbilder, sowie Stamni- 

und Wurzelskelette. 35 — 37, 39. 
Patella spec, Eikern. 637. 
Phyllocactus phyllanthoides, Epidermis- 

zellen mit Eiweißkristallen. 635. 
Planarien, Regenerationen, 529 — 533. 
Polytrichum commune , Protonemazelle. 

635- 

Psychodiden , Schmuck- , Duft- und Be- 
rührungsorgane. 7. 

Rattenkreuzungen. 539. 

Ricinus communis, Aleuronkörner. 636. 

Schlupfwespe. Iio. 

Seesterne. 213. 

Serumalbumin, Kristalle. 635. 

Stentor, Regeneration. 639. 

Triton, taeniatus, Chimären. 461 — 464. 

Tropaeolum majus. Kern und Chloro- 
plasten. 638. 

Trypanosomen, Kulturbilder. 166. 

Wünschelrute aus Metall. 161. 

Wünschelrutengänge, drei Kartenskizzen, 
706, 707. 

Wünschelrutenreaktion, Schema. 163. 

Zytoplasma, schematische amikroskopische 
Struktur. 639. 



VI. Literaturlisten. 

56, 72, 88, 104, 112, 128, 144, 232, 

240, 25Ö, 272, 296, 408, 424, 448, 456, 

472, 480, 512, 528, 552, 568, 584, 608, 
024, 64S, 6SS. 



G. Päti'sche Bucbdr. Lippert S Co. G. m. b. H., N« 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



B.ln<l : 

37- l'--> 



Sonntag, den i. Januar 1922. 



Nummer 1. 



Das Problem der geschlechtlichen Zuchtwahl im Lichte neuer 

Beobachtungen. 

Von Dr. H. J. Feuerborn (Kiel, Zool. Institut). 
Mit 1 Abbildung im Text. 



[Nachdruck verboten.] 

Bei getrenntgeschlechtlichen Tieren lassen sich 
die Geschlechter in vielen Fällen nicht nur durch 
die Geschlechtsorgane und ihre Anhänge, die 
sog. „primären Geschlechtsmerkmale", 
unterscheiden, sondern auch durch weitere Merk- 
male, welche nur dem einen Geschlecht zukom- 
men und sehr oft keine unmittelbare Beziehung 
zu den Genitalorganen zeigen. Derartige Merk- 
male werden als sekundäre Geschlechts- 
merkmale bezeichnet. Allerdings ist es nicht 
immer leicht, hier eine scharfe Grenze zu ziehen. 
Vielfach sind Organe, welche ursprünglich nichts 
mit der Fortpflanzung zu tun hatten, mehr oder 
weniger völlig in den Dienst der geschlechtlichen 
Funktion getreten, wie z. B. die Pterygopodien 
an den Bauchflossen der männlichen Haifische, 
die zu Hilfsorganen umgewandelten vorderen 
Abdominalbeine der männlichen Krebse, wie auch 
Teile des Kopulationsapparates der Insekten, die 
auf abdominale Gliedmaßen zurückgeführt werden. 
Derartige Bildungen rechnet man mit Plate,') 
auf dessen Zusammenstellung und Einteilung die 
nachfolgende Übersicht im wesentlichen fußt, 
am besten zu den primären Geschlechtsmerk- 
malen. Sehr viele differente Merkmale der Ge- 
schlechter stehen jedoch in keinem unmittelbar 
notwendigen oder kaum nachweisbarem Zusam- 
menhange mit der Fortpflanzung. Nur diejenigen 
seien hier ins Auge gefaßt, bei denen eine Be- 
ziehung zum Fortpflanzungsakt mehr oder weniger 
deutlich erkennbar ist. 

In der Regel, wenn auch nicht ausschließlich, 
ist es das männliche Geschlecht, das solche 
sekundären Merkmale aufweist. Aus der großen 
Fülle der Organe und Einrichtungen, die hier in 
Betracht kommen, lassen sich verschiedene Gruppen 
hervorheben. 

I. Meist ist das männliche Geschlecht hin- 
sichtlich der Fortpflanzung der aktive Teil, das 
Weibchen verhält sich mehr oder weniger passiv, 
es muß zum Zwecke der Fortpflanzung aufgesucht 
werden. Dementsprechend ist vielfach das Männ- 
chen mit besonderen Eigenschaften ausgestattet, 
die das Aufsuchen erleichtern, mit schärferen 
Sinnesorganen und größerer Beweglich- 
keit versehen. So sind bei vielen Insekten im 
männlichen Geschlecht die Geruchsorgane höher 

')Plate, Ludwig, Selektionsprinzip und Probleme 
der Artbildung. Ein Handbuch des Darwinismus. Leipzig 
und Berlin 1913, S. 275 fr. 



ausgebildet als im weiblichen Geschlecht, wie 
sich dies z. B. bei dem Maikäfer und anderen 
Coleopteren durch die stärkere Ausbildung der 
Fühler kennzeichnet. Oder es sind die Augen, 
z. B. bei den Bienen und manchen Fliegen, im 
männlichen Geschlecht größer als im weiblichen. 
Ein Unterschied in der Beweglichkeit der beiden 
Geschlechter liegt bei den Frostspannern vor, 
deren Weibchen verkümmerte oder gar keine 
Flügel besitzen, während die Männchen geflügelt 
sind. Bei manchen Parasiten ist nur das Männchen 
beweglich. Bei dem Molch Triton palmatus treten 
zur Brunstzeit breitgelappte Schwimmhäute an 
den Hinterbeinen auf, bei unserem großen Kamm- 
molch dient der breite Rückenkamm, außer viel- 
leicht als Mittel zur Erregung des Weibchens, vor- 
nehmlich zur Erhöhung der Beweglichkeit. 

2. Sehr oft ist das Männchen in besonderer 
Weise für den Kampf um das Weibchen ausge- 
rüstet, mit „Kam pforganen" versehen, die ihm 
einen Vorteil gegenüber Geschlechtsgenossen ge- 
währen. Man denke an das Geweih der Hirsche, 
die Hauer des Ebers, den Sporn des Haushahnes 
oder die vergrößerten Oberkiefer des männlichen 
Hirschkäfers. Es ist anzunehmen, daß derartige 
Gebilde sehr oft zugleich eine besondere Wirkung 
auf das Weibchen ausüben. In manchen Fällen 
sind sogar Organe, welche ursprünglich als Wafi'en 
dienten, ihrem primären Zweck mehr und mehr 
entfremdet und zu Erregungsorganen geworden, 
wie z. B. die Hauer des Hirschebers. 

3. Nicht selten sind besondere Vorrichtungen 
vorhanden, die zum Fangen, Überwältigen und 
Festhalten des Weibchens dienen. Vor allem bei 
den niederen Formen der Wirbellosen sind solche 
„Greif- und Klammerorgane" verbrehet, 
zumal bei den Krebsen und Insekten. Es sei an 
die umgebildeten Ruderantennen des männlichen 
Cyclops und die Saugscheiben an den Vorder- 
beinen des Dytiscits Männchens erinnert. Von den 
Wirbeltieren können die Daumenschwielen der 
männlichen Frösche als Beispiel dienen. 

4. In großer Mannigfaltigkeit treten schließlich 
Organe auf, deren Zweck darin besteht, die Gunst 
des Weibchens zu erwerben, es zu erregen und 
für die Begattung bereit zu machen. Derartige 
Organe und Vorrichtungen bezeichnen wir als 
„Erregungs- oder Reizorgane". Sie neh- 
men ohne Zweifel die hervorragendste Stelle 
unter den sekundären Geschlechtsmerkmalen ein. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. I 



Schon die Tatsache, daß manche dieser Merkmale 
erst zur Zeit der Geschlechtsreife oder zur Brunst- 
zeit auftreten, und bei den höheren Wirbeltieren 
Merkmale, die der Erregung des Weibchens dienen, 
fast den einzigen sekundären Unterschied zwischen 
den Geschlechtern ausmachen, darf als Beweis 
dafür gelten, daß die Reizorgane für die Fort- 
pflanzung und Erhaltung der Art eine bedeutsame 
Rolle spielen. Allerdings muß gesagt werden, 
daß wir über diese Rolle im einzelnen vielfach 
noch sehr wenig Klarheit besitzen. Es hat sogar 
— um das gleich zu betonen — nicht an Stim- 
men gefehlt, die den sog. Reizorganen jede Be- 
deutung für die Erregung des VVeibchens ab- 
sprechen. 

Wir können die Reizorgane nach den Sinnes- 
organen gliedern, auf die sie einwirken. 

a) Am auffallendsten und weitesten verbreitet 
sind jene Merkmale, die das Auge des Weibchens 
erregen. Die prunkvolle Färbung, die auffallend ge- 
formten und vielfach beweglichen Anhänge vieler 
Männchen legen es von vornherein nahe, diese Ein- 
richtungen als „S c h m u c k o r g a n e" anzusprechen. 
Sehr oft zeigt das Männchen außerdem besondere 
Instinkte, a u f f a llende Bewegungen und G e - 
stalts veränd eru ngen, mit denen es vor der 
Begattung das $ reizt. 

Aus der großen Fülle der Schmuckorgane, die 
vor allem die höheren Wirbeltiere, in erster Linie 
die Vögel aufweisen, die wir aber auch bei den 
Insekten verbreitet finden, seien nur einige wenige 
hervorgehoben. Gerade manche dieser schmücken 
den Merkmale treten nur zur Brunstzeit auf, als 
„Hochzeitskleid". Die bunten Farben vieler männ- 
lichen Vögel im Gegensatz zu den unscheinbaren 
P'ärbungen der Weibchen sind allgemein bekannt. 
Es braucht nur auf die Hühnervögel, Paradies- 
vögel und Kolibris hingewiesen zu werden. Von 
den Amphibien zeichnen sich unsere Molche durch 
zum Teil recht lebhafte Schmuckfärbung aus. 
Von den Fischen sei der dreistachelige Stichling 
genannt, dessen Männchen zur Laichzeit eine rote 
Bauchfärbung annimmt. Unter den Säugetieren 
sind manche Affen durch Schmuckfärbung aus- 
gezeichnet. 

Auffallende Formen sind sehr oft mit Schmuck- 
färbung vereinigt, man denke an die bisweilen 
geradezu absonderlichen Federbildungen bei Para- 
diesvögeln und Kolibris. Hörner und andere 
Fortsätze finden sich bei vielen Käfern. 

Bewegliche, oft intensiv gefärbte Anhänge 
scheinen von besonderer Wirkung zu sein. Manche 
Vögel, besonders Hühnervögel, tragen am Kopfe 
oder Halse allerlei gefärbte lappige Anhänge, 
andere sind mit aufrichtbaren Schöpfen oder Hals- 
kragen ausgestattet. Vielfach sind die Schwanz- 
federn oder Schwanzdeckfedern besonders beweg- 
lich, z. B. beim Pfau, beim Birkhahn und bei der 
Trappe. 

Auffallende Bewegungen und Gestaltsverände- 
rungen haben wir in den Balzspielen und Balz- 
flügen der Vögel vor uns. Als bekannte Beispiele 



seien die Balzbewegungen des Birkhahns und das 
eigenartige Gebahren des Kampfläufers, Maclicfcs 
piigiiax, erwähnt. Wie schon der Name des 
letzteren andeutet, haben diese Balzspiele häufig 
den Charakter des Kampfes mit anderen Männ- 
chen. Doch kann angenommen werden, daß 
hierbei zugleich eine Reizwirkung auf das Weib- 
chen stattfindet. Auch der Haushahn vollführt 
einige charakteristische Bewegungen, wenn er um 
die Henne wirbt. Die männliche Trappe bläst 
beim Balzen den Mundhöhlensack auf und treibt 
den Hals halbkugelartig vor. Interessant sind die 
absonderlichen Bewegungen und Stellungen man- 
cher Spinnen bei Annäherung an das Weibchen, 
besonders der Attiden. Bei diesen führen die 
Männchen die merkwürdigsten Prozeduren aus, 
„sie schaukeln sich von einer Seite zur anderen, 
heben das erste Beinpaar in die Höhe oder breiten 
es weit aus, strecken das Abdomen rechtwinkelig 
zum Cephalothorax nach oben oder suchen durch 
andere absonderliche Stellungen die Aufmerksam- 
keit des Weibchens zu fesseln, was ihnen auch 
ersichtlich gelingt. Sie bekommen ferner zur 
Brunstzeit lebhafte Farben (rot, schwarz, weiß, 
regenbogenfarbig), bei den verschiedenen Arten in 
den verschiedensten Mustern und verlängerte 
Haarbüschel am Kopf und an den Beinen. — Da- 
bei ist es unverkennbar, daß die Männchen sich 
stets so vor den Weibchen bewegen und solche 
Stellungen einnehmen , daß ihre Schmuckfarben 
möglichst sichtbar sind" (Plate). 

Ein besonderes Interesse dürfen noch die 
„Laubenvögel" des australischen Urwaldes bean- 
spruchen, deren Männchen keinen nennenswerten 
eigenen Schmuck aufweisen und ihn dadurch er- 
setzen, daß sie auf ihren Balzplätzen kunstvolle 
Lauben bauen und deren Umgebung durch aller- 
lei hellgefärbte Laubblätter, Früchte, Schnecken- 
schalen und bunte Federn verzieren. 

b) Neben dem Auge spielt der Geruchs- 
sinn im Geschlechtsleben der Tiere eine überaus 
wichtige Rolle. Zahlreiche Tiere finden sich zum 
Zwecke der Fortpflanzung in erster Linie mit Hilfe 
des Geruchssinnes zusammen. Es ist daher nicht 
verwunderlich, daß auch die Wirkung auf den 
Geruchssinn zur Steigerung der geschlechtlichen 
Erregung herangezogen wird. Viele männliche 
Tiere besitzen besondere Duftdrüsen, die 
lediglich zur Brunstzeit in Funktion treten. Von 
den Säugetieren mögen als Beispiele Ziegenbock, 
Gemse, Moschustier und Fuchs genannt werden. 
Vielfach ist der „Duft" dieser Tiere außerordent- 
lich penetrant und für unseren Geruchssinn 
alles andere eher als angenehm. Doch gibt es 
auch für unsere Begriffe angenehme Düfte, vor 
allem bei den Schmetterlingen. Der männ- 
liche Rübenweißling {Picris iiapi L.) duftet nach 
Melissengeist, Didoitis bihlis Fabr. nach Helio- 
trop, Callidryas argaiita Fabr. nach Moschus, 
Dirccinia xaiifho nach Vanille, „andere Lepidop- 
teren strömen Düfte aus, welche denen ver- 
schiedener Blüten oder Früchte nahe kommen" 



N. F. XXI. Nr. I 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



(Deegener). FritzMüller war es, der zuerst 
auf die Organe, welche diese Düfte hervorbringen, 
hingewiesen hat. Seitdem sind die Duftorgane 
der Schmetterhnge von zahlreichen Forschern 
untersucht worden. Bald sind es zerstreute 
Schuppen , sog. Duftschuppen, auf den Flügeln, 
bald zu Duftflecken vereinigte Gruppen von 
Schuppen. In anderen Fällen sind die Duft- 
schuppen in besonderen Falten untergebracht, 
durch die ein unnötiges Verdunsten des Sekretes 
verhindert wird. Bei dem Männchen von Hcpi- 
aliis Iiccfa L. sind die Hinterbeine zu einem Duft- 
apparat umgebildet, indem die Tibien stark ver- 
dickt und mit langen Dufthaaren versehen, die 
Tarsen verkümmert sind. Bei Nichtgebrauch 
können die Tibien in je einer taschenartigen Falte 
des Abdomens untergebracht werden. 

Sehr verbreitet sind nun gerade bei den 
Schmetterlingen auch Duftorgane des $ Ge- 
schlechts. Sie sind erst neuerdings durch F r e i - 
ling genauer bekannt geworden und befinden 
sich meist am Hinterende des Abdomens als Duft- 
büschel, Duftfalten oder auch ausstülpbare An- 
hänge. Der Duft der $$ ist als Lockmittel an- 
zusehen. 

Von welch weitreichender Wirkung dieser 
Lockduft einerseits und wie scharf und fein diffe- 
renziert andererseits die Geruchsorgane der Männ- 
chen sind, lehren Versuche von Standfuß, der 
mit einem unbefruchteten Weibchen des kleinen 
Nachtpfauenauges [Satunna carpini), das er im 
Freien aussetzte, im Laufe von 7 Stunden 127 Männ- 
chen herbeilockte. 

c) Um die Erregungsmittel, die auf das Ge- 
hör des $ einwirken, zu kennzeichnen, sei an das 
Röhren des Brunsthirsches, an den Gesang, be- 
sonders den Balzgesang der Vögel und an das 
Konzert der Wasserfrösche erinnert. Bei letzteren 
sind die Männchen mit besonderen Schallblasen 
versehen. Auch die zirpenden und singenden 
Töne mancher Insekten, z. B. der Heuschrecken 
und Grillen, deren $^ besondere Lautinstrumente 
besitzen, gehören hierher. 

d) Auch der Geschmackssinn des $ wird 
in einigen Fällen durch besondere Ausscheidungen 
des (J erregt. Erst kürzlich wurde von Wille 
bei der deutschen Schabe festgestellt, daß bei den 
oft über eine Stunde lang währenden Liebesspielen 
das $ auf den Rücken des Männchens klettert 
und hier an besonderen Saftdrüsen leckt. Von 
einer nordamerikanischen Gryllodee wird nach 
Plate ähnliches berichtet. 

e) Schließlich sind noch die Mittel anzuführen, 
die auf den Gefühlssinn des $ einwirken. So 
dienen z. B. die Drüsenschwielen der männlichen 
Frösche dazu, bei der Umarmung den Druckreiz 
zu erhöhen. Die männliche Chimäre, ein Knorpel- 
flosser, preßt ihren mit Stacheln besetzten Stirn- 
anhang in die Haut des Weibchens. Andere 
Fische versetzen ihren Weibchen Stöße und Püffe, 
um die geschlechtliche Erregung zu steigern. 

Diese kurze Übersicht mag genügen, um einen 



Einblick in die große und mannigfaltige Fülle von 
Merkmalen, Organen und Einrichtungen zu ge- 
währen, denen eine sexuelle Reizwirkung auf das 
Weibchen zugesprochen wird. Wer sich ein- 
gehender mit ihnen beschäftigt, ist erstaunt über 
das Raffinement der Mittel, die die Natur hier an 
wendet, um den Erfolg sicher zu stellen. 

Aber, so müssen wir uns jetzt fragen, be- 
steht tatsächlich die Auffassung, daß 
es sich hier um Reiz- oder Erregungs- 
organe handelt, zu Recht.' Und ferner, 
wie ist die Entstehung und Ausbildung 
dieser auffallenden Merkmale, die nur 
das eine Geschlecht aufweist, zu er- 
klären? 

Der erste, der diesen Fragen größere Aufmerk- 
samkeit zuwandte und sie zu lösen versuchte, 
war Charles Darwin. In seinem 1871 er- 
schienenen Werke über „Die Abstammung des 
Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl" 
wird die Bedeutung der sekundären Geschlechts- 
merkmale eingehend erörtert und auf ihr die 
Theorie der geschlechtlichen Zucht- 
wahl aufgebaut. Wie bei der natürlichen 
Zuchtwahl der „Kampf ums Dasein" die- 
jenigen Merkmale und Einrichtungen zur Entwick- 
lung gelangen läßt, welche dem Organismus in 
irgendeiner Weise für seinen Bestand nützlich 
sind, und so die verschiedenen Arten durch 
„Überleben des Passendsten" sich herausgebildet 
haben, so sind bei der geschlechtlichen 
Zuchtwahl einmal durch den Kampfder Männ- 
chen um das Weibchen alle jene Organe ent- 
standen, welche dem Männchen besondere Vor- 
teile gegenüber Geschlechtsgenossen gewährten, 
wie größere Beweglichkeit, schärfere Sinnesorgane, 
Kampfwerkzeuge und Greiforgane , das andere 
Mal durch die Wahl der Weibchen jene Or- 
gane und Einrichtungen, die in besonderer Weise 
auf das $ einwirkten, es erregten und für die Be- 
gattung bereit machten. Was insbesondere den 
letzteren Teil der Darwin sehen Theorie betrifft, 
so besagt er kurz folgendes : 

Bei der Fortpflanzung ist in der Regel das $ 
der aktive Teil, es sucht das $ auf und wirbt um 
dasselbe. 

Das $ verhält sich demgegenüber meist passiv, 
es zeigt eine gewisse Sprödigkeit und läßt nicht 
ohne weiteres jedes $ zu. Diejenigen Männchen 
nun, welche in irgendeiner Weise Vorzüge be- 
saßen, das 5 stärker erregten, hatten größere Aus- 
sicht, zur Fortpflanzung zu gelangen, da sie vom 
$ vorgezogen, gewählt wurden. Durch diese Wahl 
der $$ mußten sich die Erregungsmittel der 
Männchen, die schmückenden Farben und An- 
hänge, die Duftorgane, der Gesang usw. bei den 
betreffenden Arten zu immer größerer Vollkom- 
menheit steigern. Auch die Entwicklung des 
Menschengeschlechts ist nach Darwin vornehm- 
lich beherrscht durch die geschlechtliche Zuclit- 
wahl. Die Tatsache, daß heute der männliche 
Mensch in der Regel der Wählende ist und das 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 1 



weibHche Geschlecht sich schmückt und zu ge- 
fallen sucht, ist eine Abkehr vom ursprünglichen 
Verhalten, erklärt aber auch zugleich, weshalb 
beim iVIenschen das weibliche Geschlecht das 
„schönere" ist, wie ähnliches übrigens auch bei 
einigen Tierarten vorkommt. 

In der Tat, die Darwin sehe Theorie hat zu- 
nächst etwas durchaus Bestechendes an sich. Doch 
mußte schon Darwin selbst zugeben, daß der 
Theorie allerlei Schwierigkeiten im Wege stehen. 
Gerade dieser Teil seiner Selektionslehre hat zu 
sehr vielen Kontroversen Anlaß gegeben und ge- 
hört noch heute zu den am wenigsten geklärten 
Gebieten der Abstammungslehre. 

Um die Richtigkeit der Darwinschen Theorie 
zu prüfen, unterscheiden wir 3 Hauptfragen. 

1. Haben tatsächlich die sog. Schmuck-, 
Duft-, Stimmorgane usw. die Bedeutung 
von Erregungsorganen, d. h. wirken sie 
in besonderer Weise auf das $ ein? 

2. Wählt das $ das am besten ausge- 
stattete Männchen aus: Es mag hierzu be- 
merkt werden, daß von einer ,W'ahl" des Weib- 
chens natürlich nur im bildlichen Sinne gesprochen 
werden kann. 

3. Wenn diese Wahl bejaht wird, läßt 
sich durch sie die Entstehung und Aus- 
bildung der betr. Organe erklären? 

Betrachten wir zunächst, was die Beobachtungen 
lehren. 

Von den Vögeln, die doch durch so auffallende 
Erregungsmittel, durch prächtigen Schmuck und 
vollendeten Gesang sich auszeichnen, mußte Dar- 
win erklären; „Was Vögel im Naturzustande be- 
trifft, so ist die erste sich jedem aufdrängende 
und am meisten in die Augen springende Ver- 
mutung die, daß das $ zur gehörigen Zeit das 
erste Männchen, dem es zufällig begegnet, an- 
nimmt." Allerdings liegen einige Beobachtungen 
vor, die auf eine Wahl schließen lassen könnten. 
Ihnen stehen aber zahlreiche andere gegenüber, 
wo die Weibchen sich völlig gleichgültig der 
Schönheit des ^ gegenüber verhielten. Es ist 
bekannt, daß nicht selten die Birkhenne sich mit 
einem jungen Hahn, der sich nicht auf den Kampf- 
oder Balzplatz wagt, hinwegstielt, daß, während 
der Brunsthirsch ein Schmaltier treibt, die Alttiere 
sich von jungen Hirschen begatten lassen (Hesse). 
Mayer und Soul e haben Versuche mit Schmetter- 
lingen gemacht, um experimentell eine etwaige 
Wahl der Weibchen festzustellen. Sie beobachteten 
600 (^(3* von Odlosainia pvoinethca, von denen 
etwa die Hälfte mit grüner oder roter Tinte 
künstlich gefärbt war. Diese gefärbten Tiere ge- 
langten ebenso erfolgreich zur Kopulation wie die 
normalen. Einem Männchen wurden die Flügel 
eines Weibchens aufgeklebt, trotzdem wurde es 
von einem Weibchen angenommen. Immerhin 
zeigten andere Versuche, daß das Auge des 
Weibchens eine gewisse Rolle bei der Zulassung 
des Männchens spielt. Doch glaubt Plate von 
den Schmetterlingen zugeben zu müssen, daß 



,,eine Wahl der Weibchen bis jetzt nicht erwiesen 
ist, sondern sehr häufig das erste Männchen zu- 
gelassen wird, auch wenn es sich in sehr defektem 
oder künstlich gefärbtem Zustande repräsentiert". 

Anhänger der Wahltheorie helfen sich mit der 
Annahme, daß vielleicht die Arten sich früher 
anders verhalten hätten, oder daß, wenn nicht in 
jedem Einzelfall, so doch im allgemeinen die ge- 
schmückteren Männchen vorgezogen würden, oder 
auch, daß die Wahl des Weibchens nicht aktiv, 
sondern passiv sei, indem dasjenige $ zugelassen 
werde, welches dem $ am wenigsten zuwider sei. 
Oder sie machen, wie Weismann, den umge- 
kehrten Schluß : Weil die Erregungsorgane da 
sind, so muß auch eine Wirkung auf das Weib- 
chen und eine Wahl des $ stattfinden. Weis- 
m a n n sagt in seinen Vorträgen über Deszendenz- 
theorie : „Es scheint mir geboten, den Prozeß der 
sexuellen Selektion als wirklich wirksam anzu- 
nehmen, und anstatt ihn in Zweifel zu ziehen, 
weil man das Wählen der Weibchen nur selten 
direkt feststellen kann , vielmehr umgekehrt aus 
den zahlreichen sekundären Sexualcharakteren der 
Männchen, welche nur Liebeswerbung bedeuten 
können, zu schließen, daß die Weibchen solcher 
Arten für deraitige Auszeichnungen empfänglich 
sind und wirklich imstande zu wählen." Natür- 
lich ist mit einer solchen Schlußfolgerung, wenn 
ihr auch eine gewisse Berechtigung innezuwohnen 
scheint, das Problem nicht gelöst. 

Der Mangel an Beobachtungen über tatsäch- 
lich stattfindende Wahl der Weibchen, der 
Kramer zu dem Ausspruche veranlaßte, daß die 
Beispiele nur dem genügen könnten , der aus 
anderen Gründen von der Existenz der geschlecht- 
lichen Zuchtwahl überzeugt sei , hat denn auch 
schon bald Bedenken gegen die Richtigkeit der 
Darwinschen Theorie aufkommen lassen. Es 
seien hier nur die wesentlichen Einwände gegen 
dieselbe und anderweitigen Versuche 
einer Erklärung kurz besprochen. 

'1889 hat Wallace, der im übrigen der 
Theorie Darwins von der natürlichen Zucht- 
wahl zuneigte, den Einwand gemacht, daß das 
ästhetische Gefülil der Weibchen nicht so weit 
gehen könne, um kleine Differenzen in den Farben- 
mustern bzw. im Gesang zu unterscheiden. Eine 
allmähliche Züchtung komplizierter Färbungen 
sei deshalb durch Auslese geringfügiger Unter- 
schiede nicht möglich. Weiterhin sei es unwahr- 
scheinlich, daß alle Weibchen einer Art denselben 
Geschmack hätten, das eine würde dies, das andere 
jenes Merkmal vorziehen. Letzteren Einwand 
äußern in ähnlicher Weise auch Claparede, 
Günther, Morgan u.a. Beide Einwände, die 
auch Plate aus verschiedenen Gründen nicht 
anerkennt, verlieren wolil ihre Berechtigung, wenn 
wir annehmen , daß die Empfindungsqualitäten 
des Weibchens sehr fein abgestimmt sind und auf 
erblich fixierter, instinktiv, d. h. reflektorisch wir- 
kender Veranlagung beruhen, also sich stets in 
**" derselben Richtung äußern müssen. 



N. F. XXI. Nr. 1 



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s 



Wallace versucht nun die Entstehung der 
sekundären Geschlechtsmerkmale dadurch zu er- 
klären, daß er annimmt, sie beruhen auf einer 
Präponderanz des männlichen Geschlechtes, auf 
einem „Überschuß an Lebenskraft". Auch 
nach Eimer und Kicker t sind die „Pracht- 
farben" einfach „Kraftfarben", während die un- 
scheinbare Färbung der Weibchen eine Schutz- 
färbung darstellt. Für Wallace ist die natür- 
liche Auslese die Ursache der Weiterentwick- 
lung, da nur stets die kräftigsten IVlännchen und 
die geschützten Weibchen überleben. 

Diese Wallace sehe Theorie vom männlichen 
Kraftüberschuß ist in modifizierter F^orm von ver- 
schiedenen Forschern übernommen worden. So 
Iiat man vielfach die Ansicht ausgesprochen, daß 
das Weibchen für die Bildung der Eier, Brut- 
pflege usw. mehr materielle Kraft verbrauche als 
das Männchen zur Bildung des Samens, daß 
also im Männchen ein Überschuß an Energie vor- 
handen sei , der sich in größerer Beweglichkeit 
und in der Bildung der sekundären Geschlechts- 
merkmale äußere. Auch Hesse vertritt neuerdings 
diese Ansicht und versucht sie durch zahlreiche Bei- 
spiele einer männlichen Präponderanz zu stützen. 
Aber es ist hier Verschiedenes einzuwenden. Zu- 
nächst ist es nicht recht verständlich, weshalb 
dann nicht allgemein die Männchen vor den 
Weibchen ausgezeichnet sind. Von nahe ver- 
wandten Arten ist oft das cj der einen Art vor- 
züglich ausgestattet, das der anderen nicht. Der 
Kraftüberschuß müßte doch unter sonst gleichen 
Bedingungen annähernd bei allen Männchen in 
gleicher Weise vorhanden sein. Weshalb sollte 
ferner der Kraflüberschuß sich stets nur an be- 
stimmten Körperstellen äußern und in so merk- 
würdigen Organen und Merkmalen, die augen- 
scheinlich auf die weiblichen Sinne wirken sollen. 
Manche Farben beruhen zudem nur auf Struktur 
(physikalische Farben), es kommt in ihnen offen- 
bar gar kein Kraftüberschuß zur Geltung. Weiter- 
hin ist bisweilen auch das $ der bevorzugte, d. h. 
mit besonderen Färbungen oder anderen Merk- 
malen ausgestattete Teil. So sind z. B. bei den 
Schetterlingen — wie ich schon erwähnte — viel- 
fach gerade die Weibchen mit Duftorganen ver- 
sehen. Und endlich ist zu bedenken , daß die 
Erbfaktoren, auf denen die sekundären Geschlechts- 
merkmale beruhen, vermutlich allgemein in beiden 
Geschlechtern vorhanden sind, aber in bestimmter 
Abhängigkeit stehen von Faktoren , die mit den 
Keimdrüsen zusammenhängen. Diese Faktoren, 
über die noch keine völlige Klarheit herrscht, 
lassen beim Männchen die sekundären männlichen 
Merkmale hervortreten , hemmen die weiblichen 
Merkmale. Umgekehrt beim Weibchen. Ausfall 
dieser F"aktoren, etwa infolgeKastration, mangelnder 
Entwicklung der Keimdrüsen oder Alterssterilität 
läßt in vielen Fällen Merkmale des anderen Ge- 
schlechte« zur Entwicklung kommen. Es kaim 
also offenbar nicht ein etwaiger Kraftüberschuß 
des einen Geschlechtes der maßgebende Faktor 



für die Ausbildung gerade dieser sekundären 
Merkmale sein, wobei nicht in Abrede gestellt 
werden soll, daß vielfach das Männchen in der 
Weiterentwicklung dem Weibchen voranzugehen 
scheint. 

Es mag hier anschließend bemerkt werden, 
daß man versucht hat, die fraglichen Organe und 
Einrichtungen überhaupt durch korrelative 
Wirkung seitens der Geschlechtsdrüsen 
zu erklären. Zweifellos stehen, wie gesagt, die 
sekundären Geschlechtsmerkmale in gewisser Be- 
ziehung zu den Gonaden. Aber damit ist ihre 
Entstehung offenbar nicht erklärt! 

Doflein, um noch eine letzte Ansicht anzu- 
führen, weist darauf hin, daß vielfach der Fort- 
pflanzungsakt bei den Tieren mit Gewaltanwen- 
dung verknüpft ist. Er kommt zu dem Schluß, 
„daf3 die Künste, Kämpfe und sonstigen Proze- 
duren der Männchen nur einen Ersatz für die 
Gewaltanwendung bei der Werbung um die 
Weibchen darstellen. Sie sind andere Mittel, um 
den Selbsterhaltungsinstinkt des Weibchens zu 
überwinden." So könne es vollkommen unter 
dem Einfluß der natürlichen Zuchtwahl geschehen 
sein, daß diese Gewohnheiten sich herausgebildet 
haben, da durch sie eine Menge von Verletzungen 
und Todesfällen den betreffenden Tierarten er- 
spart werden. Doch muß auch Doflein zu- 
geben, daß es nicht sehr wahrscheinlich sei, daß 
durch natürliche Zuchtwahl allein die sekundären 
Merkmale erklärt werden können. Der geschlecht- 
lichen Zuchtwahl, d. h. einer Wahl der Weibchen, 
sei aber jedenfalls keine allzugroße Bedeutung bei- 
zumessen. 

Plate kommt schließlich, nachdem er die 
verschiedenen Theorien besprochen hat, zu der 
Schlußfolgerung, daß manche sekundären Ge- 
schlechtsmerkmale auf natürliche Zuchtwahl zu- 
rückgeführt, andere durch vermehrten Gebrauch 
oder Nichtgebrauch und verschiedene Lebensweise 
gedeutet werden können, daß für die W'atTen und 
Erregungsorgane der Männchen die sexuelle 
Zuchtwahl , also die Wahl der Weibchen, ge- 
nügende Erklärung biete, also in der Hauptsache 
die Darwinsche Theorie zu Recht bestehe. 
Immerhin muß er gestehen, „daß die Entstehung 
der sekimdären Geschlechtsmerkmale ein in vieler 
Hinsicht dunkles Gebiet ist." 

Das Eine kann jedenfalls gesagt werden, schon 
die Vorfrage, nach der es festzustejlen gilt, ob 
tatsächlich eine besondere Erregung 
der Weibchen durch die Reizorgane 
stattfindet, ist so wenig geklärt, daß von Be- 
weisen für die Richtigkeit der Zuchtwahltheorie 
bis jetzt wohl kaum die Rede sein kann. 

Versuchen wir nun, dieser Frage an der Hand 
eines Beispiels, das Verf. selbst zu untersuchen Ge- 
legenheit hatte,') näher zu treten. 



') Fe uer b or n, H. I., Der se.\uelle Keizapparut (Schmuck-, 
Duft- und Berührungsorgane) der Psychodidcn nach biolo- 
jisclien und physiologischen Gosichtspuiiktini untersucht, 
/.upieich ein Jlcitrag zur Kenntnis der Sinnesorgane und der 



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N. F. XXI. Nr. I 



Bei den Dipteren, den Zweiflüglern, sind bis- 
her — wenn wir von einigen unerheblichen 
sekundären Merkmalen, deren Bedeutung teilweise 
noch unsicher ist, absehen — sexuelle Erregungs- 
organe nicht bekannt geworden. Die beiden Ge- 
schlechter sind meist ziemlich gleich gefärbt und 
zeichnen sich auch sonst voreinander nicht wesent- 
lich aus. Und doch besitzt eine Dipterenfamilie 
sexuelle Erregungsmittel in einer Vollkommenheit, 
daß es verwunderlich ist, wie dieselben so lange 
unbeachtet bleiben konnten. Es handelt sich um 
die Schmetterlingsmücken {Psycltodidae), 
die ihren Namen dem Umstände verdanken, daß 
sie infolge ihrer dichten schuppigen Behaarung 
und breiten Flügel fast wie kleine Schmetterlinge 
aussehen. Es sind Mücken von nur 2 —4 mm 
Größe, von denen Arten der einen Gattung, 
Psychoda, wohl allgemein bekannt sein dürften, 
da die weißlichen oder grauen Mückchen, deren 
Flügel wie ein Dach stehen, zum Teil sehr häufig 
sind, besonders an Stallfenstern, in der Nähe von 
Dung, Abfällen und Küchenabwässern. In unge- 
heuren Massen bevölkern sie die biologischen Klär- 
anlagen der Großstädte. Die Arten der beiden 
anderen Gattungen Pcricovia und Uloniyia sind 
meist etwas größer, dunkler gefärbt, tragen die 
Flügel wagerecht ausgebreitet und halten sich an 
Uferpflanzen in der Nähe von Mühlenwehren, 
Quellen und Sümpfen auf. Unter den letzteren 
finden sich die Arten, die im männlichen Ge- 
schlecht mit allerlei besonderen Merkmalen aus- 
gestattet sind. 

Schon Eaton, bisher der bqgte Kenner der 
Psychodiden , bemerkte , daß manche Arten im 
männlichen Geschlecht auffallend geschmückt seien. 
Neuerdings hat der Belgier T o n n o i r auf die 
merkwürdigen Anhänge vieler Arten aufmerksam 
gemacht, ohne deren Bedeutung zu erkennen. Er 
hält sie zum Teil für Sinnesorgane. In der Tat 
handelt es sich um einen geradezu raffiniert 
ausgebildeten Apparat, der im Dienste 
sexueller Erregung steht. Dieser Reiz- 
apparat zeigt verschiedene Grade der Vervoll- 
kommnung. Von den etwa 60 Arten, die bisher 
untersucht werden konnten, sind etwa 35 sekundär- 
geschlechtlich modifiziert, bei etwa einem Dutzend 
Arten kann die Ausbildung der Reizorgane als 
hochdifferenziert bezeichnet werden. 

Was zunächst am meisten in die Augen fällt, 
sind die Schmuckorgane dieser Arten. Wäh- 
rend die Weibchen durchweg unscheinbar gefärbt 
sind, finden sich bei den Männchen ganz auf- 
fallende Schmuckfärbungen, besonders lebhafte 
Kontrastfarben. Gewöhnlich sind Kopf und 
Vorderbrust ausgezeichnet, vielfach ganz schnee- 
weiß oder sammetschwarz behaart. Bisweilen 
ist der Vorderrücken mit breitem Längs- oder 
Querband versehen. Auch Fühler, Taster, Vorder- 



Organe des Geschlechts- und Bereitschaftsduftes. Archiv f. 
Naturgeschichte (im Druck). — Hier, wie auch bei Plate, 
). c, tindel sich die weitere l^iteratur verzeichnet. 



beine und Vorderrand der Flügel nehmen an der 
Schmuckfärbung teil. Oft sind verlängerte Haare 
oder Schuppen zu abstehenden Pinseln, Hörnern 
oder Locken vereinigt. Aber damit nicht genug. 
Bei vielen Arten sind besondere Körperanhänge 
ausgebildet, um den Schmuck zu erhöhen. P. inibila 
hat einen dehnbaren Stirnanhang, der fast so 
groß wie der ganze Kopf ist, aufgerichtet werden 
kann und mit einem schneeweißen, schwarz unter- 
legtön Haarbusch besetzt ist. Andere Arten haben 
am Hinterkopf keulen- oder kolbenförmige An- 
hänge. An der Vorderbrust, dem Pronotum, 
weisen einige Arten mit langen Haarlocken ver- 
sehene Anhänge auf, die in der Ruhe beutelartig 
herabhängen, in der Erregung zu großen aufge- 
richteten Ballons aufgebläht werden können. Sehr 
verbreitet sind schließlich Anhänge der Mittel- 
brust in Gestalt von epaulettenförmigen Schulter- 
wülsten. Diese Wülste treten in der Ruhelage 
kaum hervor, erst wenn sie wie ein Handschuh- 
finger ausgestülpt werden, wirken sie als auffallen- 
des Schmuckorgan. Bei fitsca und auriculafa er- 
reichen diese mit sperrig abstehenden Schuppen- 
haaren besetzten Anhänge in gedehntem Zustande 
etwa die halbe Flügellänge. 

Zu dieser mannigfaltigen Schmuckausstattung, 
die auf den Gesichtssinn des Weibchens wirkt, 
treten nun bei den meisten Arten noch besondere 
Duftapparate zur Erregung des Geruchssinnes. 
Bei Uloviyia, Pcriconia mibila und anderen Arten 
sitzt jederseits unter der Schulterepaulette ein 
zartes, gestieltes Bläschen, das an der Spitze eine 
mit kleinen Papillen besetzte Platte trägt, die für 
gewöhnlich ganz in das Bläschen eingesenkt ist. 
Querschnitte zeigen, daß die Bläschen hohl und 
nur im distalen Teil , dort wo sich die Papillen 
finden, mit großen Drüsenzellen versehen sind, 
die in die Papillen einmünden. Diese Duftbläschen 
oder Duftorgane sind in der Ruhelage stark zu- 
sammengefaltet und unter den Schuppen der 
Epaulettes wie in einem schützenden Versteck ge- 
borgen. Sobald die Schmuckanhänge ausgespreizt 
werden , werden auch diese Duftbläschen mit 
Körperflüssigkeit vollgepreßt und die Sekrete der 
Drüsenzellen zur Absonderung gebracht. Bei 
anderen Arten fehlt das Bläschen und sitzen die 
Drüsenpapillen auf einer Platte vereinigt direkt 
dem Körper an, bei einer Art in einer Falte der 
Körperwand, bei P. alispinosa so angeordnet, daß 
die Papillenplatte von dem hier unbehaarten 
Schulteranhang zugedeckt wird. Bei Verwandten 
dieser Art stehen die Duftpapillen auf der Spitze 
der Schulteranhänge und werden in der Ruhelage 
in diese eingezogen. Bei fusca und auriciilata 
bilden das Duftorgan 2 lange Keulen, die an der 
Vorderbrust zu beiden Seiten des Kopfes herab- 
hängen. Andere Arten tragen die Duftorgane 
am Hinterkopf als 2 einfaltbare, zarthäutige, 
schlauchförmige Fortsätze, deren Enden mit den 
Duftpapillen besetzt sind. Statt der Duftpapillen 
finden sich bei einigen Arten auch besonders 
geformte Duftschuppen. Schließlich sind bei 



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Cbersichtsbild von Schmuck-, Duft- und Berührungso;rganen dei 



Psychodiden. 

1 . Thorax von Fericotim fiis- 
t\! Macq. (/' , von vorn. 
Die Schmuckanhänge (Te- 
gulae) ausgestreckt. 

2. Rechte Tegula und Duft- 
organ von Vlomyia fiui- 
i^inosa Afeig. , er', von 
vorn oben. 

3. Längsschnitt durch das 
Duftorgan von U. fitli- 
giiiosa Meig. 

4. Thorax von Perkoma 
alispbwsn sp. n., c/'t ^on 
vorn. Rechte Tegula in 
Ruhelage, linke ausge- 
streckt. 

5. Thorax von Pciicoma pa- 
iagiata sp. n. , o'^j von 
vorn. Rechtes Patagium in 
Ruhe mit um den Kopf 
gelegter „Haarlocke", 
linkes ballonförmig auf- 
gebläht. 

6. Kopf von Perkoina (C/y- 
tocerus) ocellaris Meig., er", 
von oben. Nur eine 
Antenne gezeichnet, mit 
S-förniig gebogenem Bor- 
stenbüschel am 3. Knoten. 

7. Antennenglied von Psy- 
clioila sp., mit dreizinkigen 
.\skoiden (Organen des 
Geschlechtsduftes). 

8. Viertes und fünftes An- 
tennenglied von Periiovia 
deminuciis sp. n., o'^i mit 
Stacheln und einfachen 
Askoiden , letztere beim 
(/' durch akzessorische 
Schläuche vermehrt. 

9. u. 10. Je ein Antennen- 
glied von I'eruoina deci- 
pkns Katon, c'"' u. 9i in 
etwa gleicher Vergröße- 
rung. Beim c/' sind die 
Askoide durch starke 
Vermehrung zu einem 
Reizorgan ausgebildet. 

11. Antenne von Perkoma 
niibila Meig. , ^ , mit 
Stacheln und Schmuck- 
schuppen. 

12. Bereitschaftsdrüse („Epi- 
pterygalorgan") einer 
Psyc/uh/a, von oben, bei 
abgespreiztem Flügel. Die 
gestrichelte Linie deutet 
den Bereich der Ver- 
schlußfalte an. 

13. Männchen und Weibchen von CUvnyia fidl^inosa .Meig. in der ,, Umarmung;", von oben gesehen. 

Abkürzungen. 

AI = Alula. Ask = „Askoide" (Organ des Gcschlechtsduftes). BD = Bereilschaftsdrüse („Epipterygalorgan"). 

Co, = Vordere Coxa. DO = Duftorgan. DW = Deckwulst, legt sich auf die Bereitschaftsdrüse (BD). DZ ^ Drüsenzellen. 

KA = Flügeladern. FV = Flügelvorderrand. K = .^nsatzslelle des Kopfes. Msn = Mesonotum. 

Pat = Patagium (Schmuckanhang des Prothorax). Pn = Pronotum. Sp = Chitinspangen der Verschlußfalte. St = Stacheln. 

Sti = Vorderes (mesothor.) Stigma. Tcg := Tegula (Schmuckanhang des Mesothorax). 

Hinsichtlich der Einzelheiten, die hier nicht genau wiedergegeben sind, vergleiche man die zitierte Arbeit. 




einer Reihe von Arten die Organe des Gcschlechts- 
duftes, auf die ich noch zu sprechen komme, in 
männlichen Geschlecht zu Erregungsorganen aus- 
gebildet. 

Zu den Schmuck- und Duftorganen treten 



nun bei manchen Arten noch Organe des Be- 
rührungsreizes, besondere Stacheln, die den 
Hautsinn des Weibchens erregen. Solche Stacheln 
finden sich einzeln oder zu Gruppen vereinigt 
besonders an den Fühlern, so bei dem Männchen 



8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. I 



von P. nubila, das mehrere untere Antennen- 
glieder dicht mit starren Stacheln besetzt zeigt. 
Auch an den Vorderbeinen und an der unteren 
Flügelfläche finden sich bei anderen Arten Stacheln 
oder Stachelreihen. 

Schließlich sind, im Einklang mit der Ausbil- 
dung der genannten Reizorgane, die Instinkte 
der Männchen in verschiedener Weise modifiziert. 
Bei seiner Werbung führt das Männchen allerlei 
Bewegungen aus, um das Weibchen zu erregen. 
Diese Bewegungen enden bei manchen Arten in 
einem eigenartigen Vorgang, der dazu dient, die 
Schmuck-, Duft- und Berührungsorgane zu aus- 
giebiger Wirkung zu bringen. 

Bevor wir nun versuchen, die physiologische 
Bedeutung dieser Einrichtungen, die in der Tat 
sowohl hinsichtlich ihrer Ausbildung im einzelnen 
als auch ihres Zusammenwirkens als überaus 
vollendet bezeichnet werden können, näher zu 
prüfen, muß noch einiges vorausgeschickt werden. 

Wie ich bereits erwähnte, finden viele Tiere 
sich vorwiegend durch den Geruchssinn zusammen, 
vor allem ist das bei den meisten Insekten der 
P"all. Es muß also den Individuen einer Art ein 
besonderer Geruch anhaften, den man als Spezies- 
duft, besser wohl — da er nach dem Geschlecht 
unterschieden sein muß — als Geschlechts- 
duft bezeichnet. Im allgemeinen wird ange- 
nommen, daß es diffus verteilte Hautdrüsen oder 
Drüsenhaare sind, die diesen Duft erzeugen. Bei i 
den Psychodiden, und zwar sämtlichen Arten, sindf 
es besondere Organe an den Antennen, zarte 
Schläuche in mannigfaltiger Form, die an den 
Geißelknoten paarig angeordnet sind. Die An- 
ordnung an den Antennen ist insofern auffallend, 
als sich bekanntlich auch die Organe des Geruchs- 
sinnes an den Antennen finden. Es ist das ein 
Beweis dafür, daß diese Geruchszapfen ganz ge- 
nau auf bestimmte Duftqualitäten eingestellt sein 
müssen, der eigene Duft wird offenbar gar nicht 
wahrgenommen. 

Dann aber besitzen beide Geschlechter aller 
Arten noch eine weitere sehr interessante Duft- 
drüse. Sie findet sich an jeder Seite des Brust- 
abschnittes dicht oberhalb der hinteren Flügel- 
wurzel in Form eines Zäpfchens, das an der Spitze 
ein Büschel von Haaren trägt. Das merkwürdigste 
an diesem Organ ist die Einrichtung, durch die 
es gewissermaßen bei Nichtgebrauch unter Ver- 
schluß gehalten wird. Die hintere P'lügelmem- 
bran bildet eine Falte, die durch 2 chitinöse 
Spangen gehalten und durch besondere Muskeln 
bewegt wird, so daß der Apparat auf- und zuge- 
klappt werden kann. Ich habe dieses Organ 
„Rereitschaftsdrüse" genannt. Es tritt erst 
dann in Funktion, wenn die Reifung der Ge- 
schlechtsprodukte beendet, also die Bereitschaft 
zur Kopulation eingetreten ist. Daß gerade dieses 
Bereitschaftsorgan für die Beobachtungen von wert- 
voller Bedeutung ist, wird einleuchten. 

Die Bereitschaft der Imagines tritt bei den 
hüherdiffcrcnzicrten Arten in der Regel erst i bis 



2 Tage nach dem Ausschlüpfen, bei den Männ- 
chen etwas früher als beim Weibchen ein. Die 
gesamte Lebensdauer umfaßt nur kurze Zeit, in 
der Gefangenschaft selten mehr als 5 — 8 Tage. 

Setzt man in eine Glaskammer zu einem reifen 
unbefruchteten Weibchen ein reifes Männchen, so 
„erkennen" sich vermöge ihres Geschlechtsduftes 
die beiden Geschlechter sofort, auch wenn sie 
sich nicht sehen. Das äußert sich darin, daß in 
der Regel ohne Verzug das i^ oder $ seine Be- 
reitschaft äußert. Diese „Bereitschaftsäuße- 
rung" besteht in einem ruckartigen, i — 2 maligen 
Flügelschlagen, bei dem zweifellos der Verschluß- 
apparat des Bereitschaftsorganes geöffnet wird, so 
daß etwas Duft entweicht, dessen Verbreitung 
durch das Schlagen mit den Flügeln beschleunigt 
wird. Bei einzelnen Arten sind Modifikationen 
dieser Bereitschaftsäußerung vorhanden. Bei den 
Weibchen scheint ziemlich allgemein das i — 2- 
malige Schlagen vorzuherrschen, die Männchen 
einiger Arten spreizen flatternd die Flügel oder 
zittern und rütteln mit dem ganzen Körper. 
Letzteres ist z. B. bei dem $ von Uloinyia fitli- 
ginosa Meig. der Fall, auf das ich hier im wesent- 
lichen mich beziehe. Der erste „Anruf" kann, 
wie gesagt, sowohl vom ^ als vom $ ausgehen, 
meist ist es das Männchen, das Weibchen nur 
dann, wenn es etwa hochgradig bereit ist. „An- 
ruf" und „Antwort" folgen sich bei bereiten Tieren 
, außerordentlich schnell, ein Beweis für die Wirkung 
ides „Bereitschaftsduftes". Verhält sich das ? 
zögernd, so beginnt das Männchen zu „werben". 
Es wiederholt immer von neuem seine Bereit- 
schaftserklärung, dabei häufig den Platz wechselnd, 
während das Weibchen gewöhnlich ruhig sitzen 
bleibt. Vollführt das Weibchen aber einen kurzen 
Flügelschlag, so ist in der Regel das Männchen 
in aller Kürze in seiner Nähe. Hier wird es immer 
aufgeregter, wiederholt das Zittern und Rütteln 
lebhafter und häufiger und läuft unruhig um das 
Weibchen herum. Schließlich bleibt es dicht vor 
dem Weibchen, ihm zugewandt, stehen. Das 
Rütteln geht in einen erregten Dauerzustand über, 
der einige Sekunden lang anhält. Dann wird — 
wenn das Weibchen aushält — plötzlich der 
eigentliche, bis jetzt in Reserve gehaltene Reiz- 
apparat in Funktion gesetzt. Das Männchen 
schnellt seine Schmuckanhänge hervor, so daß sie 
weit vom Körper abstehen, hebt den einen Flügel 
hoch, legt ihn nach vorn herüber an die Seite 
des Weibchens und preßt seinen Vorderkörper 
dicht an den des Weibchens heran. In dieser 
Stellung, die gewisse Ähnlichkeit mit einer „Um- 
armung" hat, verharren die beiden Tiere 4 bis 
6 Sekunden lang regungslos. Ohne Zweifel treten 
währenddessen die Duftblasen des Männchens in 
Tätigkeit. Hat der Duft genügend gewirkt, so 
nimmt das Männchen den nach vorn geschlagenen 
Hügel zurück, wendet sich zur Seite, ergreift mit 
seinen Greifzangen das Hinterende des weiblichen 
Abdomens und tritt in Kopula. 

So glatt N^erläuft aber der Vorgang nichl 



N. F. XXI. Nr. 1 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



immer. Es kommt vor, daß das Weibchen, auch 
wenn es bereits seine Bereitschaft geäußert hat, 
im letzten Moment vor der Umarmung abspringt. 
Dann muß das Männchen von neuem seine Wer- 
bung beginnen, bisweilen wirbt es bis zu ^U Stunde 
lang ohne Erfolg. 

Nun ist es recht interessant, diese Vorgänge 
bei verschiedenen Arten zu beobachten. Es zeigt 
sich , daß die Werbebewegungen des 
Männchens völlig im Einklang stehen 
mit der Ausbildung des Reizapparates. 
So fehlt z. B. bei Arten, die keine Berührungs- 
organe aufweisen, auch die „Umarmung". 

Um diese Beobachtungen theoretisch 
zu würdigen, müssen wir uns zunächst eins 
vergegenwärtigen. Es handelt sich bei den Äuße- 
rungen, die hier vorliegen, zweifellos um Instinkt- 
bewegungen, d.h. um erblich festliegende, 
selbstverständlich in gewisser Hin- 
sicht plastische, aber im Prinzip gesetz- 
mäßige Reflexe. Den Ablauf dieser 
Reflexe verstehen wir am besten, wenn wir 
alle psychologischen Erwägungen beiseite lassen 
und die Vorgänge nach rein physiologischen 
Gesichtspunkten betrachten. 

Jeder Reflex setzt einen Reiz voraus, der ihn 
auslöst. Betrachten wir unter diesem Gesichts- 
punkt einmal das Weibchen. 

Seine Äußerungen sind abhängig von im 
wesentlichen zwei Reizen. Zunächst dem inner- 
sekretorischen Reiz , der von den reifenden Ge- 
schlechtsprodukten (oder irgendwie mit der Rei- 
fung im Zusammenhang stehenden Faktoren) aus- 
geht. Solange die Reife nicht vorhanden ist, 
bleibt der Reflex aus. In zweiter Linie von dem 
Reiz, den das Männchen ausübt. Es ist nun 
klar, daß, wenn der erste Reiz — sagen wir 
der innere Trieb zur Begattung — bereits sehr 
stark geworden ist, der zweite Reiz, der vom 
Männchen ausgehende, nur schwach zu sein braucht, 
um den Endeffekt, d. h. den Begattungsreflex aus- 
zulösen. In der Tat läßt sich deutlich erkennen, 
daß die Bereitschaft des Weibchens, seine „Re- 
aktionsstimmung", steigende Grade aufweist. 
Steht das Weibchen im Beginne der Bereitschaft, 
so muß das Männchen sehr lange werben, häufig 
wirbt es dann vergebens. Nun wird das Weib- 
chen nur ein einziges Mal begattet. Die Männ- 
chen aber sind imstande, die Kopulation wieder- 
holt vorzunehmen, sie sind immer von neuem 
bereit und meist außerordentlich begierig. Es 
muß sich also, da die Tiere in der Regel wohl 
in größerer Anzahl nahe beieinander leben , ein 
gewisser Wettbewerb der Männchen um die Weib- 
chen ergeben. Wirbt ein Männchen vergebens 
um ein Weibchen, so kann inzwischen ein zweites 
Männchen aufmerksam werden und seinerseits 
Werbungsversuche anstellen. Verfügt es über 
bessere Reizmittel, so liegt die Möglichkeit vor, 
daß es ihm eher gelingt als dem anderen, weniger 
gut ausgestatteten, das Weibchen zu erringen. 

Sicherlich spielen auch die „Selbsterhaltungs- 



instinkte" des Weibchens, die Doflein im Auge 
hat, eine Rolle. Sie verzögern die Reaktions- 
stimmung. Selbst wenn wir nicht annehmen, daß 
der Fortpflanzungsakt durchweg mit Gewalt- 
anwendung verbunden ist, schon der bloßen Be- 
rührung gegenüber verhalten sich die meisten 
Tiere ablehnend. 

Die Reize, über die das Männchen bei 
seiner Werbung verfügt, sind folgende: Zunächst 
der Geschlechtsduft. Schon dieser kann genügen, 
um bei einem sehr reifen Weibchen die Bereit- 
schaft auszulösen. Dann der Bereitschaftsduft; 
beides Reize, die auf den Geruchssinn wirken. 
Weiterhin Reize, die den Gesichtssinn erregen, 
die Bewegungen des Männchens, schließlich die 
plötzliche Entfaltung des Schmuckapparates. Zur 
letzten Steigerung werden die eigentlichen Duft- 
organe in Tätigkeit gesetzt, zugleich mit dem 
Reiz, der durch die Berührung bei der Umarmung 
ausgeübt wird. Gerade diese Berührung scheint 
mir nicht unwesentlich zur Überwindung etwa 
noch im Wege stehender Selbsterhaltungsinstinkte 
zu sein. Jedenfalls finden wir in Korrelation zu 
den Graden der „Sprödigkeit" des Weibchens, 
wenn wir als solche die mangelnde Bereitschaft 
bezeichnen wollen, graduell gesteigerte Reize bei 
dem Männchen. 

Kurz zusammengefaßt ergibt sich also folgen- 
des: 

1. Da die Mäimchen den Fortpflanzungsakt 
sehr häufig vornehmen können, die Weibchen nur 
ein einziges Mal begattet werden, muß sich ein 
Wettbewerb der Männchen um die 
Weibchen ergeben. Die Männchen, zumal sie 
früher reif sind, „lauern" gewissermaßen auf den 
Eintritt der Bereitschaft des Weibchens. 

2. Da die Bereitschaft der Weibchen steigende 
Grade aufweist, ist die größere oder ge- 
ringere Intensität der Werbung des 
Männchens, die mehr oder weniger 
vollkommene Ausbildung der Reiz- 
organe von ausschlaggebender Bedeu- 
tung. 

3. Es findet also eine gewisse Wahl der 
Weibchen statt , nicht in dem Sinne, daß be- 
wußt ein Männchen ausgewählt wird, sondern in 
dem Sinne, daß im allgemeinen ein Männchen, 
das über stärkere Reize verfügt, bei 
seiner Werbung größere Aussicht auf 
Erfolg hat. 

Ohne Zweifel enthalten diese Beobachtungen 
und Schlußfolgerungen eine Antwort auf die bei- 
den ersten Fragen, die ich oben aufstellte. Die 
Reizorgane haben offensichtlich den Zweck, die 
Weibchen zu erregen und für die Begattung ge- 
fügig zu machen , das ergibt sich aus den Vor- 
gängen mit aller nur wünschenswerten Deutlich- 
keit. Ein „Wahl" der Weibchen kann daraus 
meines Erachtens schon rein logisch gefolgert 
werden, sobald, wie es hier der Fall ist, ein Wett- 
bewerb der Männchen vorliegt. 

Ich zweifle nicht, daß auch bei anderen Tier- 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. I 



arten, welche Erregungsorgane aufweisen, ähnliche 
Verhältnisse sich nachweisen lassen, falls man nur 
die Beobachtungen sorgfältig genug anstellt. Man 
kann über die Lebensäußerungen der 
Tiere — das gilt besonders für die In- 
sekten — nur dann zu richtigen An- 
schauungen gelangen, wenn man so- 
wohl die morphologischen Eigentüm- 
lichkeiten der betreffenden Art genau 
untersucht, als auch sich frei hält von 
anthropomorphen Deutungen, d. h. rein 
physiologisch die Erscheinungen wer- 
tet. Wenn Möbius den Einwand macht, daß 
Tiere keine Schönheit wahrzunehmen vermöchten, 
,,weil sie nicht imstande sind, das Gesetzmäßige 
in den auf sie einwirkenden Naturerscheinungen 
zu erkennen"; oder wenn Schneider die ge- 
schlechtliche Zuchtwahl bekämpft, weil sie bei 
den Weibchen eine „hohe geistige Veranlagung, 
direkt eine ästhetische Begabung" voraussetze, so 
zeigt das nur, daß die Vorgänge, um die es sich 
hier handelt, völlig falsch aufgefaßt werden. Es 
braucht nur darauf hingewiesen zu werden, daß 
selbst der intelligente Mensch in vielen seiner 
Handlungen völlig unter dem Einfluß rein physio- 
logischer, teils innersekretorischer, teils sinnlicher 
Reizwirkungen steht. Bei den erwähnten Ver- 
suchen mit Schmetterlingen, denen die Flügel 
übermalt oder abgeschnitten wurden, hat man 
festzustellen versäumt, ob nicht die Männchen 
noch über weitere Reizmittel verfügen (wie es in 
der Tat der Fall ist), und in welchem Zustande 
der Bereitschaft sich die Weibchen befanden. 

Nun aber kommt die weitere Frage: Ist die 
Entstehung und Ausbildung der Reiz- 
organeaufdieWirkungdiesersexuellen 
Zuchtwahl zurückzuführen, kann sie 
durch diese erkärt werden? 

Einer Bejahung dieser Frage stehen von vorn- 
herein prinzipielle Bedenken entgegen. 

Die F'orschungen über die Variabilität der 
Arten haben ergeben, daß die Eigenschaften 
nicht über eine gewisse Breite hinaus schwanken 
und diese Schwankungen nicht erblich sind, also 
durch Auswahl auch der extremsten Abweichungen 
nichts neues gezüchtet werden kann. Diese F"est- 
stellung, auf die hier nicht näher eingegangen 
werden soll, läßt es als unmöglich erscheinen, daß 
die sexuelle Zuchtwahl als solche die fraglichen 
Organe hervorgerufen und vervollkommnet hat, 
da nicht anzunehmen ist, daß die Variationsge- 
setze etwa in früheren Zeitperioden wesentlich 
andere waren. 

Ein Beispiel, das die Psychodiden bieten, scheint 
in der Tat einen deutlichen Beweis zu liefern, daß 
die .sexuelle Zuchtwahl nicht der maßgebende 
I'aktor für die Ausbildung der Reizorgane ist. Es 
gibt zwei Psychodidenarten, Pcruoiiiii iiithiLi Mcig. 
und tnvialis Eat. , die so nahe verwandt sind, 
daß die Larven und Puppen und auch die weib- 
lichen Imagines einander völlig gleichen, vielleicht 
nur etwas durch ihre Größe differieren. Die 



Männchen dieser Arten zeigen in der Ausbildung 
ihrer Reizorgane ganz auffallende Unterschiede. 
Bei frivialis ist der Reizapparat in jeder Hinsicht 
primitiv, bei iiubüa auf das höchste vervoll- 
kommnet. Zweifellos hängen die beiden Arten 
genetisch eng zusammen, die Organe der einen 
Art lassen sich von denen der anderen ableiten. 
Ich vermute daher, daß die eine, frivialis, die 
Stammart der anderen ist, falls es sich nicht über- 
haupt um eine einzige Art mit zwei Männchen- 
formen handelt. In jedem Falle müßte aber, 
wenn man die Entwicklung der sekundären Merk- 
male aus der Wirkung der Zuchtwahl erklären 
will, das nur kümmerlich ausgestattete irivialis- 
Männchen ausgestorben sein. Es ist aber eher 
das Gegenteil der Fall, frivialis ist die häufigere, 
überall verbreitete Art, iiubila ziemlich selten. 

Wir müssen also nach anderen Fak- 
toren suchen, um die Entstehung und Weiter- 
entwicklung der Reizorgane zu erklären. 

Die vergleichende Morphologie der Psycho- 
diden legt zunächst die Annahme nahe, daß bei 
den Imagines eine ererbte oder erworbene 
Neigung zur Ausbildung dieser Organe 
vorliegt, z. B. eine erworbene Neigung zur Bildung 
von Sekreten oder DuftstofTen vielleicht im Zu- 
sammenhang mit der Nahrung der Larven, eine 
ererbte Neigung zur Bildung von Anhängen an 
bestimmten Körperstellen auf phylogenetisch über- 
lieferten Grundlagen. Eine solche Neigung oder 
Prädisposition kann vielleicht als Vorbedingung 
für das Entstehen der Reizorgane betrachtet wer- 
den, bildet aber natürlich keine Erklärung für 
dieses. 

Weiterhin drängt sich die Vermutung auf, daß 
manche dieser Bildungen durch funktionelle Be- 
wirkung hervorgerufen sind, z. B. die ausstülp- 
baren Anhänge durch erhöhten Druck der Körper- 
flüssigkeit infolge der sexuellen Erregung oder 
die Stacheln an den Antennen durch den Reiz 
bei der Berührung, mit anderen Worten: durch 
den Gebrauch der betreffenden Organe 
nach der Auffassung Lamarcks, eine Erklärung, 
die auch Plate für manche Organe gelten läßt. 
Doch stehen hier einige Bedenken entgegen. Ein- 
mal können wir unmöglich wissen, was eher da 
war, der Gebrauch oder das Organ, z. B. der In- 
stinkt, das Weibchen zu berühren oder die 
Stacheln an den Antennen. Allerdings, die Über- 
einstimmung, die zwischen den Besonderheiten 
des männlichen Instinktes und den verschiedenen 
Modifikationen des Reizapparates herrscht, spricht 
für eine engere Beziehung zwischen beiden. Aber 
wir brauchen uns nur zu fragen, wieso etwa am 
4. oder 5. Glied jeder Anteime durch den Reiz 
bei der Berührung von den dort vorhandenen 
Wirtelhaaren je 3 zu starren Stacheln geworden 
sein sollten, um die Unmöglichkeit einer solchen 
Annahme zu erkennen. Sollen vielleicht sämtliche 
Männchen der betreffenden Art die Weibchen 
stets mit denselben Antennengliedern berührt 
haben ? Eine andere Form funktioneller Bewir- 



N. F. XXI. Nr. I 



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kung ist aber meines Erachtens undenkbar. Selbst 
wenn wir aber mit dieser Schwierigkeit uns ab- 
finden würden, so stoßen wir auf eine weitere. 
Es ist zu beachten, daß zu der Zeit, wo das 
Männchen die Reizorgane, etwa die Stacheln, ge- 
braucht, also durch den Gebrauch die Bildung der 
Organe gefördert werden könnte, die Geschlechts- 
produkte ausgereift sind. Es ist also nicht er- 
sichtlich, wie etwa durch den Gebrauch ent- 
standene oder weiterentwickelte Menkmale auf 
die folgende Generation vererbt werden können. 
Daher ist diese Deutung, wenigstens für unseren 
Fall, meines Erachtens zu verwerfen.^) 

Eine andere Auffassung geht dahin, daß, wenn 
ein „Bedürfnis" vorliege, ein „inneres Gefühl" 
oder eine „innere Reizempfindung" die 
Bildung von Organen zur Befriedigung des Be- 
dürfnisses verursache. Auf unseren F"all ange- 
wandt , würde man etwa sagen können : es hat 
eine größere Sprödigkeit der Weibchen die Ent- 
wicklung der Reizorgane notwendig gemacht und 
sie auf Grund innerer Bedürfnisempfindung her- 
vorgerufen. Mir scheint aber diese Auffassung 
doch zu viel des Hypothetischen an sich zu haben. 
Zunächst wissen wir von einer solchen „Bedürfnis- 
empfindung" de facto nichts. Weiterhin vermag 
man sich schwer eine Vorstellung davon zu 
machen, wie ein Bedürfnis nach einem Organ, das 
nicht vorhanden ist, dieses oder auch nur die 
Tendenz zur Hervorbringung eines solchen ins 
Leben rufen soll. Alle Anzeichen deuten darauf 
hin, daß das Verhalten der beiden Geschlechter 
in strengster Korrelation zueinander steht, aber 
es ist anzunehmen , daß nicht etwa zuerst die 
Sprödigkeit sich herausgebildet hat und dann der 
Reizapparat zur Überwindung derselben, also nicht 
das eine als die Ursache des anderen gelten 
kann, sondern beides zu gleicher Zeit aufgetreten ist. 

') Es mag von Interesse sein, hier das merkwürdige 
„Hypopygiura inversum" der Psychodiden zum Vergleich 
heranzuziehen. Wie ich an anderer Stelle (Zoolog. Jahrb., 
Anat. Bd. 42. S. 543) bereits kurz ausgeführt habe, ist die 
Muskulatur des aus dem 9. und 10. Abdominalsegment auf- 
gebauten Kopulationsapparates der Männchen bis auf einen 
dorsalen und einen ventralen Muskel, die die Verbindung mit 
dem 8. Segment herstellen, völlig selbständig. Nach dem 
Ausschlüpfen der Imago dreht sich der Apparat um 180^ und 
bleibt in dieser inversen Lage dauernd erhalten. Es handelt 
sich um eine vollendete Anpassung an die Lage der weib- 
lichen Genitalöffnung. Was liegt näher als die Annahme, daß 
diese Drehung durch den Gebrauch, d. h. funktionelle An- 
passung hervorgerufen ist! Das durch den weiblichen Lege- 
apparat behinderte Männchen mußte versuchen, durch Drehung 
des Hypopygiums das Begattungsglied von unten her einzu- 
führen. Wiederholter Versuch beseitigte nach und nach ent- 
gegenstehende Hindernisse (intersegmentale Muskeln usw.1, der 
Apparat wurde immer selbständiger und die Drehung zu einer 
obligatorischen ! Aber auch hier steht einer solchen Deutung 
die oben angeführte Tatsache durchaus entgegen. Soweit ich 
feststellen konnte , sind sämtliche Geschlechtsprodukte vor 
dem ersten Begaltungsakt ausgereift. Wie soll hier eine durch 
funktionelle Anpassung bei der Kopulation selbst erst er- 
worbene neue Eigenschaft erblich übertragen werden.^ Wie 
mir scheint, eine überaus schwierige Frage, falls wir nicht an- 
nehmen, daß etwa Vorfahren, die dieses Merkmal erwarben, 
hinsichtlich der Reifung ihrer Geschlechlsprodukte sich 
wesentlich anders verhielten. 



Des Eindruckes kann man sich nicht erwehren, 
daß in den Erregungsorganen, dem prächtigen 
Schmuck , den Anhängen und Duftdrüsen , ein 
gewisser Kraft Überschuß zutage tritt. Aber, 
wie ich schon betonte, dieser Kraftüberschuß kann 
nicht dem einen Geschlecht eigen sein, er muß 
meiner Ansicht nach in der Art liegen. Und 
gerade in dieser Hinsicht scheinen die Psycho- 
diden einigen Anhalt zu geben. Wir müssen dazu 
natürlich die Larven untersuchen, da diese allein 
etwaigen Kraftüberschuß erwerben können. Es 
unterscheidet sich nun die Lebensweise der Arten, 
die keine besonderen Erregungsorgane aufweisen, 
sehr wesentlich von derjenigen ausgestatteter 
Arten. Die ersteren leben vorzugsweise an schnell 
faulenden Substanzen, sind lebhaft und beweg- 
lich, ihre Entwicklung dauert nur kurze Zeit, in 
manchen Fällen nur einige Tage. Die Larven der 
anderen Gruppe leben auf moderndem Laub, sind 
außerordentlich träge, zeigen z. T. hochgradige 
Anpassungen an ihren Wohnort, ihre Entwicklung 
dauert bis zu einem Jahre. Inwiefern etwa die 
Nahrung dabei von Bedeutung ist, kann nicht ge- 
sagt werden. Jedenfalls liegt die Annahme nahe, 
daß die verschiedene Lebensweise eine verschie- 
dene Konstitution bedingt, und daß die trägen, 
langlebigen, geschützten Arten gewissermaßen 
Energien speichern, die in den Imagi- 
nes zur Geltung kommen. Aber wohl- 
gemerkt, es kann die Annahme eines Energie- 
überschusses gewisser Arten uns allenfalls als Er- 
klärung für die materielle Grundlage, auf 
der die Reizorgane entstehen konnten, dienen, 
nicht die Entstehung gerade der Reiz- 
organe erklären. 

Die Zuchtwahltheorie im Sinne Darwins 
glaubte ich ablehnen zu mi'ssen. Hat nun aber 
die „Wahl der Weibchen", die ich als solche in 
gewissem Sinne bejahte, gar keine Bedeutung für 
die Entwicklung der Reizorgane? Ich halte es 
für nicht richtig, ganz eine Bedeutung dieser 
Wahl zu leugnen. Sollte sie nicht den Erfolg 
haben, daß, wenigstens im allgemeinen, nur die 
besten Männchen zur Fortpflanzung gelangen, und 
damit die Konstitution der Art auf der 
vollen Höhe ihrer Potenz erhalten 
bleibt? Und weiter; sollte nicht gerade durch 
die Wahl die Potenz derjenigen Merk- 
male, die bei dieser Wahl ausschlag- 
gebend sind, im besonderen gefestigt 
werden? Mir scheint dieser Gesichtspunkt eine 
gewisse Erklärung für das Bestehen der Wahl und 
für die Möglichkeit der Weiterentwicklung des 
Reizapparates zu enthalten. Doch dürfen wir auch 
hier nur die „Grundlage", nicht die „Ursache" 
suchen. 

Diese Ursache muß in inneren Kräften 
des Organismus liegen, in einem Vervollkomm- 
nungsprinzip oder besser einer Tendenz fort- 
schreitender Differenzierung etwa im 
Sinne Nägelis. Der Nägelische Gedanken- 
gang, der neuerdings vor allem von Oskar Hert- 



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wig aufgegriffen und weiter ausgebaut ist, geht 
von der Auffassung aus, daß als Träger der erb- 
lichen Eigenschaften eine besondere materielle 
Substanz angenommen werden muß, das „Idio- 
plasma". Dem Idioplasma kommt die Fähigkeit 
zu, zu wachsen und sich zu differenzieren, d. h. 
vorhandene Erbanlagen bzw. Merkmale umzu- 
bilden und neue hinzu zu gewinnnen. Es ge- 
schieht dies unter dem Einfluß äußerer Bewir- 
kungen, wie Nahrung, Feuchtigkeit, Temperatur 
usw., deren Einfluß auf die Ausbildung oder Ver- 
änderung von Merkmalen des Organismus ja ex- 
perimentell festzustellen ist. 

Es läßt sich diese Auffassung unter mehr 
positiver Berücksichtigung der Zuchtwahl, 
die Hertwig nur als rein negativen Faktor 
gelten läßt, und unter Vernachlässigung der An- 
nahme, daß die Veränderungen des Idioplasmas 
a priori bestimmt gericlitet sind, vielleicht in 
folgender Weise kurz formulieren: 

Treffen den Organismus irgendwelche neuen 
Einflüsse, so kann er durch Umformung seines 
Idioplasmas neue Eigenschaften bilden. Diese 
mögen schädlich, gleichgültig oder nützlich sein. 
Die natürliche Zuchtwahl, d. h. der Kampf ums 
Dasein, sorgt dafür, daß im wesentlichen die 
Eigenschaften erhalten bleiben, die dem Organis- 
mus Vorteile bieten, bewirkt aber dadurch zu- 
gleich, daß die Potenz gerade dieser Merkmale 
auf gewisser Höhe gehalten und die Möglichkeit 
ihrer Weiterentwicklung gewährleistet ist. In 
gleicher Weise wirkt die sexuelle Zuchtwahl. Um 
auf unser Beispiel zurückzugreifen: Neue, sagen 
wir: günstige Lebensbedingungen haben bei ge- 



wissen Arten neue Differenzierungen des Idio- 
plasmas hervorgerufen. Sie äußerten sich darin, 
daß bei dem Weibchen die Reifung der Ge- 
schlechtsprodukte verzögert, seine „Sprödigkeit" 
vergrößert wurde, während bei dem Männchen 
Eigenschaften zur Geltung kamen, durch die es 
befähigt war, diese Sprödigkeit zu überwinden. 
Die geschlechtliche Zuchtwahl ließ gerade jene 
Männchen zur Fortpflanzung kommen, bei denen 
diese Eigenschaften höhere Qualitäten besaßen. 
So konnte die prospektive Potenz ge- 
rade dieser Merkmale durch die Wahl 
der Weibchen sich festigen und auf ihr, 
bei Fortbestehen der günstigen Ein- 
flüsse und der aus ihnen resultierenden 
Differenzierungstendenz, eine immer 
we iterge he nde Vervollkommnung fuße n,^) 
deren Resultat sich uns heute in den uns so 
wunderbar erscheinenden Einrichtungen des sexu- 
ellen Reizapparates offenbart. 

Daß mit dieser Auffassung alle Schwierigkeiten 
hinweggeräumt seien, die gerade die Frage der 
Entstehung der sekundären Geschlechtsmerkmale 
bietet, wage ich nicht zu behaupten. Vielleicht 
aber mögen die mitgeteilten Tatsachen uns einer 
Lösung des Problems der geschlechtlichen Zucht- 
wahl näher führen. 



') Die ,,Hypenelie" gerade bei sekuudaren Gesclilcchls- 
merkmalen dürfte als Stütze dieser Auffassung angesclu-u 
werden können. — Ob die ,, Vervollkommnung" als allnuih- 
liche oder sprunghafte anzunehmen ist, mag hier unerörtert 
bleiben. Das Beispiel trivialh-nubila deutet auf sprungweise 
erfolgte Mutation hin. 



Einzelberichte. 



A'ersuche, l)ei PHauzeii das (Geschlecht zu 
verschieben. 

In einem früheren Jahrgang dieser Zeitschrift 
(N. F. 17, S. 458) wurde über Versuche von Cor- 
rens, die sich mit der Frage der experimentellen 
Verschiebung der Geschlechtsverhältnisse bei 
Pflanzen beschäftigen, berichtet. Inzwischen sind 
zwei weitere Arbeiten desselben Forschers und 
neuerdings eine zusammenfassende Darstellung 
der bisherigen Ergebnisse erschienen (Uereditas, 
2. 1921). Bei dem Versuchsobjekt von Correns, 
der Lichtnelke (Melandrium) liegen die Verhält- 
nisse folgendermaßen : es werden nur einerlei Ei- 
zellen gebildet, aber zweierlei Pollenkörner, „Männ- 
chenbestimmer" und „Weibchenbestimmer" zu 
gleichen Teilen. Es ist das der sog. Drosophila- 
typus im Gegensatz zu dem selteneren Abraxas- 
typus (Schmetterlinge, Vögel), bei dem gleich- 
artige männliche und zweierlei weibliche Gameten 
produziert werden. Danach müßte man erwar- 
ten, daß bei der Lichtnelke männliche und weib- 
liche Pflanzen in gleicher .-Anzahl gebildet werden. 



Die Erfahrung zeigt aber, daß in der Natur die 
Weibchen sehr stark dominieren. Solche Unstim- 
migkeiten im Sexualverhältnis sind ja im Pflanzen- 
und Tierreiche häufig beobachtet. Bei Melandri- 
um beruhen sie nun in erster Linie darauf, daß 
die weibchenbestimmenden Pollenschläuche den 
männchenbestimmenden in der Konkurrenz durch 
ihr rascheres Wachstum überlegen sind ; sie über- 
holen ihre Partner auf dem Wege nach der Ei- 
zelle. Sorgt man nun dafür, daß jedes keimende 
Pollenkorn zur Befruchtung gelangen kann, indem 
man nur soviel Pollenkörner auf die Narbe auf- 
trägt, als Eizellen im Fruchtknoten vorhanden 
sind, dann zeigt sich, daß das Geschlechtsverhält- 
nis unter Umständen bis zum Gleichgewicht von 
Männchen und Weibchen verschoben werden kann. 
Das Voraneilen der weibchenbestimmenden Pollen- 
schläuche kann nun in folgender Weise sehr schön 
demonstriert werden : man erntet die Samen der 
oberen und der unteren Kapselhälfte getrennt und 
sät sie auch gesondert aus. Dabei offenbart sich, 
daß die Nachkommenschaft der oberen Kapsel- 
hälftc prozentual viel mehr Weibchen enthält als die 



N. F. XXI. Nr. I 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



der unteren. Das ist sehr einfach so zu deuten, 
daß die zuerst ankommenden Pollenschläuche die 
zunächstliegenden Samenanlagen der oberen Re- 
gion befruchten , so daß die Nachzügler auf die 
entfernter liegenden Eizellen der unteren Region 
angewiesen sind. Ganz so schematisch erfolgt 
der Prozeß nicht, so daß wir auch Männchen in 
der oberen und Weibchen in der unteren Hälfte 
antreffen. Einmal spielen zufällige Verhältnisse 
bei dem Erreichen der Samenanlage eine Rolle, 
dann aber ist die Wachstumsgeschwindigkeit der 
männchenbestimmenden Pollenschläuche bloß 
durchschnittlich geringer als die der weibchen- 
bestimmenden, während im einzelnen Ausnahmen 
vorkommen. Daß die Weibchenbestimmer die 
Männchenbestimmer auf dem Weg zur Narbe tat- 
sächlich überholen, kann in folgender Weise ver- 
anschaulicht werden. Man schneidet den Griffel 
einige Zeit, nachdem die Narbe mit Pollen belegt 
wurde, an der Basis ab und stellt nun das Ver- 
hältnis der Geschlechter bei derart behandelten 
Fruchtknoten fest. Es zeigt sich, daß hier die 
Weibchen viel stärker dominieren als in Parallel- 
serien ohne solchen Eingriff. Diese Erscheinung 
ist darauf zurückzuführen, daß durch das Ab- 
schneiden des Griffels alle nachhinkenden Pollen- 
schläuche — also in erster Linie die Männchen- 
bestimmer — von der Konkurrenz ausgeschlossen 
sind. Umgekehrt kann man das Minus an Wachs- 
tumsgeschwindigkeit bei den Männchenbestimmern 
einigermaßen dadurch ausgleichen, daß man den 
Weg zur Narbe verkleinert. Es ist dies dadurch 
zu erreichen, daß man den Pollen nicht wie ge- 
wöhnlich auf die Narbe aufträgt, sondern an die 
Basis des Griffels. Nun werden weniger Männchen- 
bestimmer von den Weibchenbestimmern überholt 
werden, und der Erfolg zeigt tatsächlich, daß sich 
nunmehr das Gleichgewicht zugunsten der Männ- 
chen verschiebt. Bei Melandrium liegen die Ver- 
hältnisse also ganz klar. Es ist von Bedeutung, 
daß Heribert Nilsson und Renner bei der 
Nachtkerze (Oenothera) ganz ähnliche Verhältnisse 
antrafen, und daß es Renner geglückt ist, die 
beiden Sorten von Pollenkörnern an ihren Stärke- 
körnern morphologisch - anatomisch zu unter- 
scheiden. Weiterhin fand C o r r e n s dann, 
daß eine Verschiebung des Geschlechtsverhält- 
nisses in der Richtung der Männchenproduktion 
durch Alternlassen des Pollens erzielt werden 
kann. Das beruht darauf, daß beim Altern mehr 
Weibchenbestimmer als Männchenbestimmer zu- 
grunde gehen, so daß um so mehr Männchen er- 
zeugt werden, mit je älterem Pollen man arbeitet. 
Es sei hier an die entsprechenden Versuche 
R. Hertwigs mit F"röschen erinnert. Hier ging 
die Verschiebung so weit, daß schließlich bloß 
Männchen resultierten. Endlich mag noch er- 
wähnt werden , daß es in jüngster Zeit Seiler 
bei seinen Versuchen mit der Psychide Talaeporia 
geglückt ist, für die Verschiebung der Geschlechts- 
verhältnisse eine zytologische Grundlage zu finden. 
Talaeporia ist heterogametisch im weiblichen Ge- 



schlecht; sie entwickelt 2 Sorten von Eiern 
(AbraxastypusI). Die weibchenbestimmenden 
haben 29, die männchenbestimmenden 30 Chro- 
mosomen, zeichnen sich also durch den Besitz 
eines Geschlechtschromosoms aus. Bleibt dies im 
Ei, dann entsteht ein Männchen, wandert es in 
den Richtungskörper, so resultiert ein Weibchen. 
Durch Altern der Eier sowie durch erhöhte Tem- 
peratur wird der Übertritt des Geschlechtschromo- 
soms in den Richtungskörper begünstigt. „Es 
wird also durch Alter und durch Wärme irgend- 
wie ein orientierender Einfluß auf das Geschlechts- 
chromosom ausgeübt und dadurch das Zahlen- 
verhältnis der beiderlei Eier und der beiden Ge- 
schlechter verschoben." Durch all diese Versuche, 
denen sich noch die bekannten Arbeiten Gold- 
schmidts über Intersexualität anreihen, ist also 
das Problem der Geschlechtsbestimmung in eine 
verheißungsvolle Phase eingetreten. 

Stark. 

Neues zur Kelativitälstheorie. 

Wohl das Überraschendste auf diesem Gebiet 
ist die Ausgrabung einer Arbeit aus dem Jahre 
1801 im Astronomischen Jahrbuch für 1804, durch 
Lenard, in den Annalen der Physik 1921, 
S. 593, wo er zeigt, wie der damalige Münchener 
Astronom und Physiker S o 1 d n e r auf Grund einer 
ganz modernen Auffassung vom Wesen des Lichtes, 
das er der Gravitation unterwirft, und dem er 
Eigenschaften der Materie zuschreibt, die Ab- 
lenkung der Lichtstrahlen am Rande eines F'ix- 
sternes, wie der Sonne ableitet, ohne irgendwelche 
relativistischen Gedanken. Hier ist Einstein 
also um ein Jahrhundert zu spät gekommen. 
Krauß befaßt sich in der Umschau Nr. 46 mit 
der „Unmöglichkeit der E i n s t e i n sehen Bewegungs- 
lehre". Der sehr wertvolle Aufsatz spricht der 
Theorie Einsteins den Charakter einer physi- 
kalischen Theorie schlechthin ab. Seine Kunst- 
griffe sind keine Physik mehr, sondern eine rein 
spielerische fiktive Rechenaufgabe, die in der 
Minko wskischen Einkleidung einen besonderen 
Reiz auf mathematische Köpfe ausübt, für die 
Laienwelt aber mit dem Ehrfurcht einflößenden 
Schimmer höherer und höchster Mathematik um- 
geben wird, vor der man sich schweigend und 
staunend zu beugen habe". Über die Uhren- 
verzögerung beim M i c h e 1 s o n - Versuch sagt 
Krauß: „Imaginäre Zeitkoordinaten mit reellen 
Uhren und Uhren mit Zeit selbst zu verwechseln, 
und von dem einen auszusagen, was von dem 
andern gilt oder auch nicht gilt], ist doch nur 
möglich, weil den Betreffenden jede Zucht rein- 
lichen Denkens und Sprechens abhanden ge- 
kommen ist. 

Giulio Alliata schreibt ein Werk über 
„Verstand contra Relativität", in dem er auf die 
zahlreichen Widersprüche der Theorie in sich und 
mit der Wirklichkeit hinweist. Sehr lehrreich ist 
eine Zeichnung, in der man ersehen kann, wie die 



14 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. 1'. XXI. Nr. 1 



Fachwelt die berühmte Ablenkung des Lichtstrahles 
an der Sonne gänzlich verschieden darstellt, teils 
konvex teils konkav zur Sonne, die Sache ist 
also offenbar un verstehbar, und zwar nach Gehrcke 
deswegen, weil sie falsch ist. 

Comas Sola gibt in den Veröffentlichungen 
der Sternwarte Fabra in Barzelona 1920 Heft 3 
in einem längeren Aufsatz den Nachweis, daß die 
absurden Konsequenzen der Relativitätstheorie 
sie sehr angreifbar machen, mit der nicht vor- 
handenen Rotverschiebung fällt sie, nach Einsteins 
Wort selbst. Dagegen ist die moderne Emissions- 
Undulations - Theorie des Lichtes, die sich auf 
unsern Anschauungen vom Äther aufbaut, im- 
stande, alle Erscheinungen zu erklären, für die 
die Relativitäts theorie angeblich notwendig ist. 
Comas Sola zeigt wie diese Anschauung alle 
astronomischen und physikalischen Widersprüche 
aufklärt, die zur speziellen Relativitätstheorie 
führten. Sie läßt die Formeln der Physik unbe- 
rührt. Sie erklärt die Sonnenfinsternislichtab- 
lenkungen. Sie ergibt keine Rotverschiebung. Sie 
erklärt die Abberration besser, als die Undulations- 
theorie allein. Sie ergibt keinen Ätherwiderstand. 
Sie führt zur Identität der Formeln von Fresnel 
und Descartes. Sie beseitigt den Einwand, daß 
der Äther keine Longitudinalschwingungen be- 
sitze. Sie läßt das Newton sehe Gesetz unbe- 
rührt. Sie erfordert nicht die von A. Hall, 
Weber und anderen eingeführten Korrektions- 
faktoren. Leider ist der Aufsatz spanisch ge- 
schrieben und schwer zugänglich. Riem. 

Freie Amnioniuinradikale I. 

Das freie Rhodan, d. h. das Radikal SNC — , 
ist vor kurzem erst dargestellt ') und damit er- 
neut der Nachweis erbracht worden, daß freie 
Radikale einigermaßen beständig nur in Lösung 
auftreten, außerhalb dieser sich jedoch rasch zu 
einem gesättigten Polymeren zusammenschließen 
oder aber zu stabilen Bruchstücken zerfallen. Das 
Radikal Ammonium NH, — , aus zahlreichen 
wichtigen Verbindungen wohlbekannt, in seinem 
Charakter den Alkalimetallen äußerst ähnlich, 
konnte bisher nicht isoliert werden. Man erhält 
in jedem Fall nur gasförmigen Ammoniak NH^. 
Immerhin ist an der Existenzmöglichkeit des 
Ammoniums nie gezweifelt worden; das Am- 
moniumamalgam bewies den autonomen, metall- 
ähnlichen Charakter des Radikals deutlich genug. 
Durch einen Kunstgriff versuchte man in neuerer 
Zeit die Isolierung. Auch das Radikal Methyl 
CH^ — ist auf keine Weise frei darzustellen ge- 
wesen, wohl aber ist es gelungen, einen Ab- 
kömmling davon in Lösung zu stabilisieren 
und den verschiedensten Umsetzungen zu unter- 
werfen. Gomberg ersetzte die 3 Wasserstoffe 
durch Phenylreste und erreichte durch diese Be- 
lastung des Kohlenstoffatoms die Gewinnung des 



Triphenylmethyls C(C|jH5)3 — , d. h. des substi- 
tuierten Melhylradikals. Ganz analog verfuhr 
W i e 1 a n d , der im Tetraphenylhydrazin (C^Hj), 
N — N(C,iH-)., einen Stoff fand, welcher unter ge- 
eigneten Bedingungen einen substituierten Radi- 
kaltypus liefert. Der Weg zur Gewinnung des 
freien Ammoniumradikals war damit gegeben : 
nicht das Ammonium selbst, sondern das substi- 
tuierte Radikal mußte zu isolieren versucht werden. 
Ansätze in dieser Richtung finden sich in zwei 
Arbeiten von P^ m m ert ') und von Sc h 1 u b ac h.'-') 
Es geht daraus hervor, daß das substituierte Am- 
moniumradikal und damit auch dieses selbst in 
Lösung eine blaue Farbe aufweist. Nunmehr 
glauben E. Weitz-') und seine Mitarbeiter einige 
freie Ammoniumradikale dargestellt zu haben. 
Wenn sie das Benzoylpyridiniumchlorid (Formel I) 
in Lösung mit Zink behandelten, so trat das Chlor, 
wie zu erwarten, an das Metall, und ein dunkel- 
brauner, bronzeglänzender Stoff von der Formel 
CijHjyON ließ sich abscheiden, dem die Struktur 
eines Benzoylpyridiniums zugeschrieben 
wird (Formel II). 



\ 



') Vgl. Naturw. Wochenschr. XIX, S. 138, 1920. 



N JN 

/\ /'•■■ 

CaHjCo Cl C„H,iCo 

Man kann die Reaktion im Reagenzglas leicht 
wiederholen, wenn man zu einer Lösung von 
Pyridin und Benzoylchlorid in Xylol etwas Zink- 
staub gibt. Es tritt sofort stürmische Reaktion 
ein. Für die angegebene Struktur des entstehen- 
den Stoffes spricht zunächst seine starke 
Farbigkeit. Wie immer, so muß auch sie 
auf eine „ungesättigte" Bindung in Molekül zurück- 
geführt werden. Es spricht sodann dafür, daß 
die Farbe der Lösung des Stoffes blau ist, den 
oben erwähnten Befunden entsprechend. An der 
Luft werden die Lösungen infolge Oxydation mehr 
oder weniger rasch entfärbt. Auch dies beweist 
den ungesättigten Charakter, ebenso die äußerst 
rasche, quantitative Umsetzung des Stoffes mit 
Chlor und Brom, wobei i Mol Substanz genau 
I Mol des Halogens verbraucht. Säuren dagegen 
sind ohne jede Einwirkung. Dies alles beweist, 
daß man es nicht mit einem basischen Stoff zu 
tun hat, der als substituiertes Ammoniak NH3 
aufzufassen wäre, sondern daß in der Tat ein 
substituiertes Ammonium NHj — mit einer sog. 
„freien", d. h. leicht reagierenden, Valenz vorliegt. 
Die Bestimmung des Molargewichtes bestätigt das. 
In Äthylenbromid und in Chlorbenzol erwies sich 
der Stoff als monomolekular. In Phenol da- 
gegen zunächst als dimolekular; der Wert des 
Molargewichtes sinkt jedoch allmählich auf den 

') Berichte d. d. Chem. Gesellsch. 53, S. 370, 1920. 

•■') Ebendas. S. 1689. 

'] Annalen d. Chemie 425, S. 161, 1921. 



N. F. XXI. Nr. I 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



'5 



einfachen Betrag. Man hat also, vor allem im 
freien Zustande, assoziierte Dopp el molekiile an- 
zunehmen, die sich leicht in Einzelmoleküle 
spalten. (Da auch die Doppelmoleküle stark 
farbig sind, so ist eine Formulierung der Sub- 
stanz mit 3 wertigem Kohlenstoff, die an sich 
möglich wäre, abzulehnen.) Im Benzoylpyridinium 
würde demnach ein substituiertes Ammonium- 
radikal vorliegen. 

Ganz analog glaubt Weitz") nun auch den 
Radikalcharakter desBenzylpyridiniums nach- 
weisen zu können. Als solches sieht Weitz 
einen Stoff an, den schon A. W. Hof mann 1881 
in den Händen hatte, als er Benzylpyridinium- 
halogenide reduzierte. Das Reduktioiisprodukt 
entsprach der Formel nach dem Benzylpyridinium, 
ohne daß freilich Hofmann dieser Auffassung 
beitritt. Er erwähnt lediglich, daß die alkoho- 
lischen Lösungen des Stoffes tiefbraun gefärbt 
sind, der Stoüf selbst aber sich farblos daraus ab- 
scheidet. Emmert sowohl wie Schlubach 
lehnen noch den absoluten Ammoncharakter des 
H o f m a n n sehen Stoffes ab. Weitz jedoch findet 
ihn bestätigt. In Methylalkohol nämlich löst 
sich das Reduktionsprodukt mit tief indigo- 
blauer Farbe, also ganz wie das Benzoylpyridi- 
nium. Beim Schütteln an der Luft verschwindet 
die Farbe, um nachher wieder zu erscheinen. Es 
findet also langsame Dissoziation eines Polymeren 
zum Radikal statt, das infolge seiner Reaktions- 
fähigkeit leicht oxydiert wird, was auch Emmert 
schon diskutierte. Weitz glückte es jedoch auch, 
daß freie kristallisierte Benzylpyridinium in Form 
tiefroter zackiger Kristalle zu isolieren, die in Al- 
kohol sofort mit blauer Farbe löslich sind. Wie- 
der ließ sich der Wahrscheinlichkeitsbeweis führen, 
daß es sich wirklich um das freie monomoleku- 
lare Radikal (F"ormel I) handelt. Das farblose, 
von Hofmann gefundene Produkt wird dann 
als das Dimere davon aufzufassen sein (Formel IV). 

Beide Stoffe würden sich also zueinander ver- 
halten wie N.,0, (farblose Dimeres) zu N0.> (stark 
farbig). Auch die monomolekularen Nitrosover- 
bindungen sind ja farbig, ihre Dimeren farblos. 



/\ /\ 



N 



N 



-N 



CßHß'CHa C^(H_^.CHo 



Wiederum beruht natürlich die Farbe auf dem 
ungesättigten Charakter des Radikals. Mit unseren 
heutigen Vorstellungen über das Wesen der che- 
mischen Valenz ist es nun aber unvereinbar, eine 
„freie", ungebundene Valenzeinheit anzunehmen, 
wie das in den oben stehenden Formeln der beiden 
neuen Radikale zum Ausdruck kommt. Weitz 
muß sich also entschließen, die fünfte „freie" Va- 
lenz irgendwie abgesättigt zu denken. Er gibt 
dem in den beiden Formelbildern 



/\ 






/■• 



Ausdruck. Es handelt sich also um einen Behelf, 
der zweifellos bestehenden Valenzzersplitterung 
graphisch Rechnung zu tragen. Wahrscheinlich 
kommt aber das Benzylpyridinium wegen seiner 
sehr großen Ähnlichkeit zum Ammonium der 
Formel III noch am nächsten. Die Unzulänglich- 
keit unserer Strukturformeln wird erneut offenbar. 

Man darf, wenn im einzelnen auch Widerspruch 
gegen die Auffassungen von Weitz erhoben 
werden wird, doch festhalten, daß die Existenz 
freier substituierter Ammoniumradikale nunmehr 
Tatsache ist. 

In einer soeben erschienenen Arbeit von H. 
H. Schlubach') sind Reaktionen des Tetra- 
äthylammoniumradikals sowie des Ammoniums 
selbst beschrieben. F.s wird demnächst darüber 
berichtet werden. H. Heller. 



') Annalcn d. Chemie 425, S. 187, 1921. 



') Berichte d. d. Chem. Gesellsch. 54. S. 2S11 und 2S25, 



Bücherbesprechungen. 



Handbuch der Entomologie herausgegeben von 
Prof. Dr. Schröder. Fünfte Lieferung ent- 
haltend: Band III, Bogen 8 — 13 mit 143 Abb. 
im Text. Inhalt: Bd. III, Kapitel 6 (Schluß); 
Terminologie der für die Systematik wichtigsten 
Teile des Hautskelettes. Von Dr. A. Hand- 
lirsch, Wien (S. 113 — 116, Abb. 44 — 51). 
Kapitel 7 ; Paläontologie. Von Dr. A. H a n d - 
lirsch, Wien (S. 117 — 208, Abb. 52 — 186). 
Jena 1920, G. Fischer. 20 M. 

Sechste Lieferung: Band III, Bogen 



14 — 19 mit 51 Abb. im Text. Inhalt: Band III, 
Kapitel 7; Paläontologie. Von Dr. A. Hand- 
lirsch, Wien (S. 209 — 304, Abb. 187 — 237). 
Jena 192 1. 15 M. 

Siebente Lieferung: Band I, Kapitel 8 
(Schluß); Geschlechtsorgane. Von Prof. Dr. 
Deegener, Berlin (S. 529 — 533). Kapitel 9 
(i. Teil); Mechanik des Insektenfluges. Von 
Dr. O. Prochnow, Berlin - Großlichterfelde 
(S. 534—560, Abb. 1—25). Band III, Kapitel 7 
(Schluß); Paläontologie. Von Dr. A. Hand- 



i6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. I 



lirsch, Wien (S. 305— 306). Kapitel 8; Phylo- 
genie oder Stammesgeschichte. Von Dr. A. 
Handlirsch, Wien (S. 307 — 368, Abb. 238 
bis 289 und 2 Stammbaumfig). Jena 1921. 
15 M. 

Die nach langer durch den Krieg bedingter 
Pause erschienene Fortsetzung des Schröder- 
schen Handbuchs behandelt in der 5. und 6. Liefe- 
rung hauptsächlich die Paläontologie der Insekten, 
ein Gebiet, auf dem der Verf., A. Handlirsch, 
eine allseitig anerkannte Autorität ist. Ihm ist es 
namentlich zu verdanken, wenn in das Chaos 
der fossilen F'ormen Ordnung gekommen ist, und 
wir uns ein Bild von der Insektenwelt vergangener 
Erdperioden machen können. Die Ergebnisse der 
Han dlirs chschen Forschungen, die in einem 
umfangreichen Spezialwerk niedergelegt sind, 
dürften allerdings bis jetzt wohl nur wenigen ge- 
nauer bekannt geworden sein; sie werden nun- 
mehr durch das Sc hröd ersehe Handbuch zum 
ersten Male auch weiteren Kreisen zugänglich ge- 
macht. Auch wer sich selbst mit Fossilien nicht 
abgegeben hat und nur die gegenwärtigen In- 
sektenformen kennt, wird sicherlich das Kapitel 
Paläontologie mit Interesse lesen und die historische 
Entwicklung der Insektenwelt verstehen lernen. 
Zum Verständnis tragen sehr wesentlich die vielen 
Abbildungen ausgestorbener Arten bei, die der 
Verf. auf Grund von Rekonstruktionen nach Flügel- 
abdrücken oder sonstigen Überresten gegeben hat, 
und dem Leser eine Vorstellung davon geben, wie 
die Insekten der Vorwelt ausgesehen haben mögen. 
Mitteilungen, die dem speziellen Teil vorausge- 
schickt sind und das Vorkommen, den Erhaltungs- 
zustand sowie die zweckmäßigste Behandlung 
fossiler Insekten betreffen, werden besonders allen 
denen willkommen sein, die sich eingehender mit 
derartigen Funden beschäftigen oder selbst forschend 
auf diesem Gebiete tätig sein wollen. Die siebente 
Lieferung bringt uns aus der Feder von Proch- 
now eine Darstellung von der Mechanik des In- 
sektenflugs, in der Bau und Verrichtungen der 
Flugorgane eingehend besprochen werden. Die 
in der gleichen Lieferung von Handlirsch be- 
handelte Stammesgeschichte der Insekten gibt 
einen guten Überblick, läßt aber leider vielfach 
die höhere Warte vermissen und bringt allzu ein- 
seitig die Ansichten des Autors zur Geltung, ohne 
den abweichenden Meinungen anderer Autoren 
gerecht zu werden. Überflüssig ist der Abschnitt IV: 
„Die Stellung der Insekten im Systeme der re- 
zenten Organismen" mit spaltenlangen Aufzählungen 
von Pflanzen- und Tiergruppen. Ebenso gehört 
auch der folgende Abschnitt „Schlußbemerkungen", 
in dem sich H a n d 1 i r s c h darüber beschwert, 



daß seine Ansichten über die Stammesgeschichte 
der Insekten „von manchen Seiten eine geradezu 
schroffe Ablehnung erfahren haben" nicht in ein 
Handbuch der Entomologie hinein. 

R. Heymons. 



Lüscher, H. , Photogramm et rie. Band 612 
von „Aus Natur und Geisteswelt". 128 S. mit 
78 Fig. im Text und auf 2 Tafeln. Leipzig 
und Berlin 1920, B. G. Teubner. — Kart. 2,80 M. 
und 100 "/u Teuerungszuschlag. 
Die Methoden der Bildmessung, d. h. jenes 
Zweigs des Vermessungswesens, der sich mit der 
Auswertung photographisch gewonnener Zentral- 
projektionen zur P'estlegung von Lage und Aus- 
maß eines Gegenstandes beschäftigt, haben in 
neuerer Zeit derart an Umfang und Bedeutung 
gewonnen, daß die gegenwärtige höchst anschau- 
liche und klare Darstellung der Photogrammelrie 
allgemeinem Interesse begegnen wird. Besondere 
Beachtung werden ihr naturgemäß die Geodäten, 
Geographen, Architekten und alle anderen Prak- 
tiker entgegenbringen, die sich mit Objektausmes- 
sungen zu beschäftigen haben; dem Lehrer und 
Studierenden mathematisch-naturwissenschaftlicher 
Disziplinen zeigt sie ein wichtiges Anwendungs- 
gebiet der Lehren der geometrischen Optik und 
der projektiven Geometrie. In 3 Abschnitten 
werden zunächst die grundlegenden Verfahren der 
einfachsten Photogrammelrie, dann mit größerer 
Ausführlichkeit die von Pulfrich begründete 
Stereophotogrammetrie oder Raumbildmessung 
und schließlich die namentlich durch den Welt- 
krieg geförderte Luftphotogrammetrie besprochen. 
Den durchweg elementaren geometrischen Be- 
trachtungen liegen zahlreiche schematische Zeich- 
nungen zugrunde. A. Becker. 



Auerbach, Felix, Moderne Magnetik. VIII 
und 304 S. 167 Abb. Leipzig 1921, Johann 
Ambrosius Barth. Geb. 55 M. 
Das Buch ist aus der Mitarbeit an dem großen, 
von Graetz herausgegebenen Handbuche der 
Elektrizität und des Magnetismus hervorgegangen. 
Es wendet sich in erster Linie an Lehrer und 
Techniker, in zweiter an alle wißbegierigen Laien 
und stellt, in knappem Rahmen, ein in sich ge- 
schlossenes Abbild des gegenwärtigen Standes der 
Lehre vom Magnetismus dar. Unterstützt wird 
die Darstellung durch zahlreiche P'iguren, teils 
graphische Darstellungen, teils Abbildungen von 
Apparaten und experimentellen Anordnungen. 

Fricke. 



lllllRlt: H. J. leuerborn, Das l'roblera der geschlechtlichen Zuchtwahl im Lichte neuer Beobachtungen. (l Abb.) S. I. 
— Einzelberlcbte: Correns, Versuche, bei l'Hanzen das Geschlecht zu verschieben. S. 12. Lenard, Krauß, 
G. .'\lliata, C. Sola, Neues zur Relativitätstheorie. S. 13. E. Weit/. , Freie Ammoniumradikale I. S. 14. — Bücher- 
besprechungen: Handbuch der Entomologie. S. 15. H. Lüs eher , Photogrammetrie. S. 16. F.Auerbach, Moderne 
Magnetik. S. 16. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidcnstraße 42, erbeten. 

Verlag von Gustav bischer in Jena. 

Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G.m.b.H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folgte 21. Band; 
der ganzen Reihe ,57. ba 



Sonntag, den 8. Januar 1922. 



Nummer 3. 



Idiosynkrasie und Anaphylaxie. 



(Nachdruck verboten.] Von Dr. W. 

Bei bestimmten Personen verursacht die Auf- 
nahme einer Reihe von Nahrungsstoffen oder Ge- 
nußmitteln besondere Erscheinungen, die man 
früher unter dem Namen der Idiosynkrasie zu- 
sammenzufassen versuchte. Diese Erscheinungen 
können in der verschiedensten Intensität auftreten, 
mitunter findet sich nur ein leichtes Unwohlsein, 
oft aber auch Zeichen einer mehr oder weniger 
heftigen Erkrankung, die sich unter Umständen 
längere Zeit hinziehen kann und in ein chronisches 
Stadium übergeht. So beobachtet man nach dem 
Genuß, von Eiern, Milch, Krebsen, Krabben, Erd- 
beeren und anderen Nahrungsmitteln Ausschlag, 
Hautjucken, Geruch aus dem Munde, starke Ver- 
dauungsstörungen, Ekzeme, Erbrechen und ver- 
schieden starkes Fieber. Sogar Todesfälle sind 
beschrieben worden. Auch gegen bestimmte Heil- 
mittel finden sich derartige Idio.'-ynkrasien. 

Eine Erklärung dieser sonderbaren Vorgänge 
fand sich erst, als die Lehre von der Anaphylaxie 
immer weiter ausgebaut wurde. 

Die Anaphylaxie oder Überempfindlichkeit 
wurde von Behr in g entdeckt. Dieser aber maß 
ihr keinen allzugroßen Wert bei, und erst nach 
fast zehn Jahren beschäftigte sich Richet ein- 
gehender mit ihr. Von ihm stammt auch der 
Name. 

Behring hatte beobachtet, daß Tiere, denen 
Diphtheriegift einverleibt worden war, auf den 
1000 sten bis lOOOOOOsten Teil einer Giftmenge 
stark antworteten, die für ein normales Tier voll- 
kommen unschädlich war. Die vorbehandelten 
Tiere also erkrankten heftig und starben sogar, 
während unvorbehandelte Tiere durch die gleiche 
Dosis überhaupt nicht berührt wurden. Durch die 
vorangegangene Behandlung mit Gift ist der 
tierische Körper gegen das betreffende Gift über- 
empfindlich, anaphylaktisch geworden. Diese 
Gittüberempfindlichkeit unterscheidet sich nur 
scheinbar von der eigentlichen Anaphylaxie, die 
wir unten besprechen werden. 

Eine Grundtatsache der „pathologischen Bio- 
logie", wie Much die Gesamtheit dieser Ge- 
biete bezeichnet, ist die Beobachtung, daß im 
Organismus nach dem Überstehen von Infektions- 
krankheiten eine derartige Umstimmung eintritt, 
daß eine neue Infektion überhaupt nicht oder 
doch nur in geringerem Grade erfolgen kann. 
Es ist in dem Körper eine Veränderung aufgetreten, 
die man weder chemisch noch histologisch nach- 
weisen kann, und die man als Immunität bezeichnet. 
Parallel zur Entstehung der Immunität findet sich 
das Auftreten von Antikörpern oder Antistoffen, 



die die verschiedenste Bedeutung haben können, 
die man aber auf keinen Fall mit der Immunität 
identifizieren darf, wenngleich es in der Literatur 
häufig genug geschehen ist. 

Die Anaphylaxie oder Überempfindlichkeit 
stellt den Gegensatz der Immunität (=Prophylaxie) 
dar. Sie ist keineswegs eine Ausnahme, sondern 
vielmehr etwas durchaus Gesetzmäßiges und 
Regelmäßiges. Die engsten Beziehungen ver- 
knüpfen sie mit der Immunität. 

Das Wesen der Anaphylaxie läßt sich am besten 
bei der Eiweißanaphylaxie und hier besonders an 
der Serumüberempfindlichkeit beobachten. Wenn 
man einem Meerschweinchen ein artfremdes Serum, 
beispielsweise Katzenserum, einspritzt, so verträgt 
es dieses ohne jede Reaktion. Wird jedoch nach 
einiger Zeit die Einspritzung mit dem gleichen 
Serum wiederholt, so treten die heftigsten Reiz- 
erscheinungen auf, die vor allen Dingen außer- 
ordentlich plötzlich einsetzen. Es genügt in diesem 
Falle, die allergeringste Menge des Serums zur 
Einspritzung zu verwenden, so wirkt schon 0,001 g 
Pferdeeiweiß unbedingt tödlich (von Eiereiweiß 
genügt bereits 0,0001 g). 

Die Reizerscheinungen bestehen in der Regel 
aus Krämpfen und Atemnot und können zu einem 
schockartigen Ende führen, das man den anaphy- 
laktischen Schock nennt. Während dieses treten 
die heftigsten Veränderungen des Blutes ein: Das 
Fibrinferment, Fibrinogen und die Gerinnbarkeit 
des Blutes nimmt stark ab, und eine Leukozyten^ 
armut setzt ein. 

Die Tiere gehen nach wenigen Augenblicken 
an Erstickung ein und zeigen bei der nachfolgenden 
Sektion aufgeblähte und starre Lungen, die durch 
Krämpfe der Bronchialmuskulatur hervorgerufen 
sind. Mitunter jedoch gehl die Atemnot vorüber 
und schon nach ganz kurzer Zeit sind die Ver- 
suchstiere genau ebenso munter und frisch wie 
vorher. Wird nach der Genesung die Injektion 
wiederholt, so tritt keinerlei Schädigung ein, die 
Tiere sind gegen die Überempfindlichkeit geschützt, 
sie sind antianaphylaktisch geworden. 

Zum Eintritt der Anaphylaxie sind die ver- 
schiedensten Faktoren notwendig. So die vor- 
bereitende Injektion oder die Sensibilisierung, die 
Dosis, die Dauer der Inkubationszeit oder das 
präanaphylaktische Stadium, die Art und Größe der 
zweiten Dosis, die Tierart usw. 

Die Sensibilisierung erfolgt in der Regel paren» 
teral, also unter Ausschaltung des Verdauungskanals, 
am meisten wählt man die subkutane Injektion. 
Aber auch durch Verfütterung läßt sich unter 



18 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 2 



Umständen leicht Anaphylaxie erzeugen, wenn 
auch hier die Ergebnisse nicht so regelmäßig und 
prägnant sind wie bei der parenteralen Einver- 
leibung. Immerhin gelingt es leicht durch Ver- 
füttern tierischen Eiweißes in größeren Mengen 
an Pflanzenfresser, bei diesen die Symptome der 
Überempfindlichkeit hervorzurufen. Unter Um- 
ständen können also die Schleimhäute in unver- 
letztem Zustande bei bestimmten Versuchsbe- 
dingungen Stoffe passieren lassen, die Anaphylaxie 
hervorrufen. Aus diesem Grunde muß sie also 
auch durch Einatmung zu erzeugen sein, und in 
der Tat kann man beobachten, daß Meerschwein- 
chen, die längere Zeit in Pferdeställen gehalten 
werden, gegen Pferdeeiweis anaphylaktisch ge- 
worden sind. Bekannt ist auch die Tatsache, daß 
bei Asthmatikern starke Anfälle ausgelöst werden 
können, wenn sie Pferdeställe betreten haben. Es 
müssen also in den Ställen kolloide Pferdeeiweiß- 
substanzen in der Luft schweben, die durch die 
Schleimhäute der Atmungsorgane ins Blut ge- 
langen und dort die Anaphylaxie hervorrufen 
können. Auch das Heufieber ist eine Krankheit, 
die auf Überempfindlichkeit beruht und auf ähn- 
liche Weise entsteht. 

Wie schon oben bereits erwähnt, ist die Größe 
der Dosis von Wichtigkeit. Zur Sensibilisierung 
genügen bereits die allergeringsten Mengen, bei- 
spielsweise 

0,0 1 mg Rinderserum 
0,00 1 mg Pferdeserum 
0,00005 mg Eiereiweiß im kristallisierten Zustand. 

Für gewöhnlich verwendet man jedoch nicht 
diese kleinen Dosen, sondern wählt meistens 0,01 ccm 
Serum. Auch die wiederholte Verabfolgung ge- 
ringerer Menge hat stets eine sehr gute Wirkung 
(Summierung). 

Zum Zustandekommen einer regulären Anaphy- 
laxie ist stets eine gewisse Inkubationszeit not- 
wendig. Diese zeigt, daß auch hier die engsten 
Beziehungen zwischen Immunität und Anaphylaxie 
bestehen, wenn sich auch die gesamten Zusammen- 
hänge zur Zeit nicht klar überblicken lassen. In 
diesem Punkte finden sich aber auch Verschieden- 
heiten. Denn während die Immunität um so 
später eintritt, je geringer die injizierte Menge ist, 
tritt beispielsweise beim Meerschweinchen die 
Überempfindlichkeit später ein, wenn man zu viel 
Pferdeserum zur Sensibilisierung benutzt. 

Mit den Immunitätsreaktionen jedoch hat die 
Anaphylaxie einen sehr wichtigen Punkt gemein- 
sam, nämlich den, daß sie sich auch auf andere 
Tiere leicht übertragen läßt. Wird beispielsweise 
ein Hund gegen Rinderserum anaphylaktisch ge- 
macht, diesem Tiere Blut entzogen, und das 
daraus gewonnene Serum einem anderen Hunde 
eingespritzt, so wird auch dieses neue Tier über- 
empfindlich gegen Rinderserum, trotzdem es 
niemals früher auch nur eine Spur Rinderserum 
eingespritzt bekommen hat, es wird passiv ana- 
phylaktisch. In Analogie mit den Erscheinungen 



der Immunität redet man hier also von einer 
aktiven und passiven Anaphylaktisierung. 

Aus allem geht also mit Klarheit hervor, daß 
körperfremdes Serum, das bei einer einmaligen 
Injektion ohne jede Reaktion ertragen wurde, bei 
einer nochmaligen Einverleibung in denselben 
Organismus als Gift wirken kann. Fragen wir 
uns aber nun, was denn eigentlich der Haupt- 
bestandteil des Serums ist, so müssen wir uns 
antworten, daß es sich zum größten Teil um 
Eiweißbestandteile handelt, und diese werden es 
jedenfalls sein, die die besonderen Symptome der 
Überempfindlichkeit hervorrufen. Und in der 
Tat lehrt die weitere Untersuchung, daß jedes 
körperfremde Eiweiß, daß unter Umgehung des 
Verdauungsweges einem Individuum einverleibt 
wird, in der Lage ist unter gegebenen Bedingungen 
Anaphylaxie hervorzurufen. Allerdings müssen 
wir betonen, daß auch durch körperfremde oder 
besser gesagt durch blutfremde Neutralfette und 
Lipoide eine starke Überempfindlichkeit eintreten 
kann, daß also jeder hochmolekulare Stoff, der 
normalerweise nicht im Blute vorhanden ist, fähig 
ist, Anaphylaxie eintreten zu lassen. 

In fast allen Fällen aber handelt es sich um 
Eiweiße, wobei es gleichgültig ist, ob das Eiweiß 
wie im Serum ungeformt ist. Auch artfremde 
Zellen von Tieren oder Pflanzen, die als solche 
gar nicht giftig wirken, können die Überempfind- 
lichkeit eintreten lassen. So auch die Bakterien. 
Auf diese Weise läßt es sich verstehen, daß 
Bakterien, die an und für sich dem Körper gegen- 
über völlig indifferent sind und keinerlei Krank- 
heitserscheinungen auftreten lassen, doch unter 
nicht klar erkennbaren Voraussetzungen plötzlich 
stark giftig wirken und vielleicht gar den Tod des 
Tieres hervorrufen können. Hier wirken die 
Bakterien als solche gar nicht giftig, sondern das 
Individuum ist nur gegen die fremden Zellen wie 
gegen jede beliebige andere überempfindlich ge- 
worden und erliegt nun dem anaphylaktischen 
Schock. Nach neueren Untersuchungen, vor allem 
durch Pfeiffer und Wolff-Eisner, hat sich 
ferner die interessante Tatsache gezeigt, daß sogar 
Zellen des eigenen Körpers, so Zellen der Leber, 
Niere, Hoden, Gehirn und Linse, eine starke Über- 
empfindlichkeit eintreten lassen können, wenn sie 
in die Blutbahn gelangen. Aus diesem Grunde 
ist auch das oben Erwähnte leichter anzunehmen, 
daß zur Anaphylaktisierung alle normalerweise 
nicht im Blute vorhandenen Stoffe wirksam 
sein können, denn die erwähnten Zellen bedeuten 
ja nichts Artfremdes, wohl aber Blutfremdes, denn 
für gewöhnlich kommen derartige Zellen nicht in 
den Blutkreislauf hinein. 

Eine vollkommen befriedigende Erklärung für 
die gesamten Phänomene der Anaphylaxie hat sich 
bisher noch nicht finden lassen, nur das eine ist 
bisher sicher, daß die allerengsten Zusammenhänge 
zwischen Immunität und Überempfindlichkeit be- 
stehen. Da nun die Anaphylaxie meist etwas 
Schädliches und Ungünstiges darstellt, die Immu- 



N. F. XXI. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



ly 



nität aber gerade das Gegenteil, so nennt 
V. Pirquet jede Änderung der Reaktionsart eines 
Organismus, die durch Einverleibung eines Antigens 
bewirkt wird, Allergie. Unter Algergie würde 
man also anders geartete Reaktionen verstehen, 
und diese könnte man einteilen in prophylaktische 
und -anaphylaktische. Welcher Art aber diese 
Zusammenhänge zwischen Immunität und Ana- 
phylaxie sind, ist noch nicht geklärt. 

Wenngleich auch diese Fragen zurzeit noch 
als ungelöst angesehen werden müssen, so ist 
dennoch die Lehre von der Anaphylaxie bereits 
von großer Wichtigkeit in der gesamten Biologie 
der Krankheiten geworden. Eine große Rolle 
scheint die Überempfindlichkeit bei den Pocken, 
den Masern, dem Scharlach, bei Tuberkulose, 
Syphilis und anderen Infektionskrankheiten zu 
spielen. Die Serumkrankheit, die ausschließlich 
durch Behandlung mit Seren entsteht, ist die ty- 
pischste Anaphylaxie, auch die gesamten Idio- 
synkrasien und das oben erwähnte Heufieber. Bei 
allen hier erwähnten Krankheitsbildern handelt es 
sich um solche, die durch artfremde Stoffe erzeugt 
werden. Wie wir aber sahen, ist es auch mög- 
lich, daß körpereigene Zellen, die dem Blute 
fremd sind , Überempfindlichkeit erzeugen kön- 
nen. Dies tritt stets dann ein, wenn irgendwo 
im Körper eigene Zellen abgebaut werden, so 
unter anderm bei der Eklampsie. Hierbei dringen 
Zotten der Plazenta, die an sich ungiftig, dem 
Blute aber fremd sind, in den Kreislauf ein, und 
es kommt zu einer Immunkörperbildung. Bei 
einem erneuten Eindringen kommt es sodann zu 
einem plötzlichen, schnell einsetzenden Abbau, 
und die hierbei freiwerdenden Eiweißbausteine 
rufen die Erscheinungen der Eklampsie hervor. 
Auch die Urämie gehört hierher. 

Die größte praktische Bedeutung jedoch ge- 
wann die Lehre von der Anaphylaxie durch die 
Tuberkulindiagnostik, die immer mehr an Aus- 
dehnung gewinnt. Je nach der Anwendungsart 
und den Erscheinungen kann man folgende Ein- 
teilung vornehmen: 

1. Allgemeinreaktion. 

2. Herdreaktion. 

3. Örtliche Reaktion. 

a) Hautprobe. 

b) Unterhautprobe. 

c) Quaddelprobe. 

d) Einreibungsprobe. 

e) Augenprobe. 

f) Ohrenprobe. 

Es gibt zurzeit eine Anzahl der verschieden- 
sten Tuberkuline, die aber im wesentlichen alle 
auf das von Robert Koch entdeckte Alttuber- 
kulin zurückgehen. Dieses wird derart hergestellt, 
daß 4 — 6 Wochen alte Reinkulturen von Tuberkel- 
bazillen, die auf 5 "/(, Glyzerinbouillon gewachsen 
sind, filtriert werden, und daß das Filtrat durch 
Kochen auf ^|^^, des ursprünglichen Volumens 
eingedickt wird. Es ergibt sich eine sirupartige 
dunkelbraune Flüssigkeit, die unbegrenzt haltbar ist. 



Wir wenden uns nun zu den einzelnen Reak- 
tionen. Die Allgemeinreaktion besteht aus Un- 
wohlsein, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Übel- 
keit, Hustenreiz, Herzklopfen und vor allem aus 
Fieber. Dieses ist das konstanteste Symptom 
und gibt den Ausschlag bei der Auswertung der 
Probe. Sie ist selbstverständlich nicht anwend- 
bar, wenn bereits Fieber besteht. Ist solches 
nicht vorhanden, so gibt man ^j., mg Tuberkulin 
unter die Haut. Tritt kein Fieber ein, so steigt 
man nach einiger Zeit anf i mg und weiter auf 
5 und 10 mg. Eine Temperatursteigerung von 
0,5" gilt bereits als positiver Ausfall. 

Parallel zu dieser Allgemeinreaktion geht die 
Herdreaktion, die sich darin äußert, daß bei sicht- 
baren Herden, so bei Lupus, bei Iris- und Larynx- 
tuberkulose entzündungsähnliche Vorgänge nach- 
zuweisen sind. Auch in der tuberkulösen Lunge 
zeigen sich Herdreaktionen, die sich durch Auf- 
treten von Rasseln, durch Steigerung pathologi- 
scher Auskultationsphänomene u. a. kundgeben. 
Häufig treten auch stärkere Brustschmerzen auf. 

Viel wichtiger jedoch sind die örtlichen Reak- 
tionen, da sie stets ein viel klareres Bild ergeben. 

Die Hautprobe, die von v. P i r q u e t entdeckt 
wurde , besteht in folgendem : Im Abstände von 
etwa 10 cm bringt man auf die gereinigte Haut 
des Unterarms 2 Tropfen konzentriertes Alttuber- 
kulin und ruft mittels eines Impfbohrers zuerst 
zwischen den beiden Tropfen und dann unter 
jedem derselben eine schwache Verletzung der 
Haut hervor. An allen diesen drei Stellen ent- 
steht eine kleine Quaddel, die von einem rosa 
gefärbten Hof umgeben ist, bis nach einigen 
Stunden nur noch ein kleiner Schorf zurückbleibt, 
der rötlich umrandet ist. Von dieser „traumati- 
schen Reaktion", die bei Nichttuberkulösen ein- 
tritt, unterscheidet sich die „spezifische" Reaktion 
dadurch, daß sie nur bei den mit Tuberkulin in 
Berührung gekommenen Stellen auftritt und daß 
eine rote Papel entsteht, die schnell größer wird 
und einen Durchmesser von 10 — 30 mm gewinnen 
kann. Nach 48 Stunden ist ein Maximum erreicht, 
und die Reaktion klingt allmählich ab, doch kann 
leicht eine Pigmentierung der Impfstelle zurück- 
bleiben. Die Stichprobe wird in ähnlicher Weise 
ausgeführt, nur wird mit einem Impfbohrer bis in 
tiefere Hautschichten eingegangen. 

Mendel und Mantoux haben zuerst die 
Quaddelprobe oder Intrakutanreaktion angewandt. 
Bei tuberkulös infizierten Individuen entstehen 
hierbei schon bei geringfügigen Verdünnungen 
stark entzündliche Infiltrate. Das Tuberkulin wird 
in 0,1 ccm Flüssigkeit in die straff gespannte 
Haut gespritzt, worauf sich eine Quaddel bildet, 
deren Größe man messen kann. 

Dies Verfahren ist von Deyke und Much 
derart modifiziert worden, daß sie den Tuberkel- 
bazillus in vier Partialantigene zerlegt haben. 
Diese Partialantigene sind aus dem Tuberkel- 
bazillus durch Einwirkung von Milchsäure ge- 
wonnene Präparate, die getrennt benutzt werden 



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Die vier Partialantigene sind folgende: 

1. Wasserlösliches Partigen (L.) = Reintuber- 
kuiin. 

2. Rückstandspartigene (R.). 
a) Eiweiß (A.). 

bj Fettsäure -j- Lipoide (F.). 
c) Neutralfett -|- Fett- oder Wachsalkohol (N.). 
Das wasserlösliche Partigen (L.) wird von 
Much und Deyke fortgelassen, da es nach 
ihrer Annahme die Immunisierung ungünstig be- 
einflußt, vielmehr wird muteis der Hauireaktion 
die lokale Immunität gegen die Rücksiandsparti- 
gene einzeln geprüft, da sich wesentliche Unter- 
schiede gegen die einzelnen Pariigene erkennen 
lassen. Die tiweißgruppe (A.) pflegt die stärkste 
Reaktion hervorzurufen, am schwächsten ist die 
Reaktionsfähigkeit gegen das Ncutralfett. So 
pflegen zu reagieren 

Eiweiß in Verdünnungen von i : i Mill. — I : lOOOO Mill. 
Fettsäuiein „ „ i : loco — i : lo MiU. 

Neutralfett in „ „ i:iOJO — i:i Mill. 

Die Reaktionen bleiben verschieden lange Zeit 
sichtbar, so die der Neuiralfette 3 — 4 Tage, der 
Fettsäuren 3 — 7 Tage und der Eiweiße 3 — 4 Tage. 
Abgelesen wird die Reaktion meistens am 3. Tage. 

Eine andere Reaktion fanden JMoro und Do- 
ganoff, die Salbenreaktion, bei der eine 50proz. 
Tuberkulin-Lanolinsalbe auf einer kleinen Stelle 
der Bduchhaut verrieben wird. Im positiven Falle 
kommt es zum Aultreten knötchenförmiger Ef- 
floreszenzen, bei denen man je nach Zahl und 
Größe verschiedene Grade des Ausfalls unter- 
scheidet. Eine ähnliche Beobachtung machten 
Berger und Lignieres, die bei peilsüchtigen 
Rindern konzentriertes Alttuberkulin auf die 
rasierte Bauchhaut brachten und dort verrieben. 

Eine der wichtigsten IVlethoden zur Erkennung 
der Tuberkulose ist zweifellos die Ophthalmo- 
reaktion oder die Augenprobe geworden. Diese 
Wolff - Eisner sehe Augenprobe wird jetzt 
meistens folgendermaßen veranstaltet. Der Patient 
erhält zunächst einen Tropfen 2 proz. Tuberkulins 
in das eine Auge geträufelt. Stets wird das Alt- 
tubetkulin der Höchster Farbwerke verwendet, da 
nur dieses einwandsfreie Resultate ergibt. Der 
Tropfen darf nicht sofort wieder ausgepreßt werden 
sondern muß direkt in den Bindehautsack ge- 
langen. Schon nach etwa 12 — 24 Stunden tritt 
bei Tuberkulösen eine deutliche Reaktion auf, die 
von einer leichten Rötung der Innenseite des 



unteren Lides zu einer sehr starken Bindehaut- 
entzündung und anderen stärkeren Erscheinungen 
anwachsen kann. Fieber tritt nie auf, und die 
Reaktionen klingen sehr schnell wieder ab. Zur 
Kontrolle wird stets das andere Auge herange- 
zogen, und man muß sich daher vorher verge- 
wissern, daß in bezug auf Färbung keine Diffe- 
renzen bei beiden Augen zu beobachten sind. 
Auch bei allen Augenkrankheiten darf diese Me- 
thode nicht Anwendung finden. 

Gibt nun der Patient eine positive Reaktion, 
so handelt es sich in fast allen Fällen sicher um 
eine aktive Tuberkulose, will man jedoch ganz 
sicher gehen, so erhalt der Kranke nach dem 
Verschwinden der ersten Symptome in das andere 
Auge zur Kontrolle noch einen Tropfen i proz. 
Alttuberkulin. Ist die erste Reaktion aber nega- 
tiv, so gibt man meist in das andere Auge einen 
Tiopfen 4 proz. Alttuberkulin, und wenn auch hier 
die Probe negativ war, so ist Tuberkulose mit 
der größten Sicherheit auszuschließen. An Stelle 
der Tuberkulinverdünnungen kann man sich vorteil- 
haft auch einer Tuberkulinsalbe bedienen. 

Über die Ohrenprobe Tedeschis sind die 
Ansichten zur Zeit noch sehr geteilt. 

In Analogie zu dem Alttuberkulin sind aus 
den Bazillen des Rotzes das Mallein und aus den 
Kulturen von Trichophyton (Erreger der Bart- 
flechte) das Trichophytin hergestellt worden. Be- 
sonders das Maliern hat in der veterinärärztlichen 
Praxis eine große Bedeutung gewonnen. Auch 
die Luetinreaktion, die zur Erkennung der Spät- 
formen der Syphilis Verwendung findet, beruht 
auf ähnlichem Prinzip. In allen P allen handelt es 
sich um die Überempfindlichkeitsreaktion des 
Körpers, der gleichsam durch seine Krankheit mit 
dem spezifischen Gifte sensibilisiert worden ist. 

Dadurch nun, daß man biologische Vorgänge, 
die dem Körper eigentlich schädlich und gefähr- 
lich sind, dazu verwendet, um Krankheiten zu er- 
kennen, zeigt sich wieder einmal, wie der forschende 
Geist immer tiefer in die Natur einzudringen sucht 
und sich auch die gefährlichsten Mächte dienstbar 
macht, selbst wenn er sie und ihre Natur noch 
nicht genau kennt. 

Wichtigste Literatur: 

Friedberger, Die Anaphylaxie in: Kraus und Brugscli 
Handbuch der speziellen Palh. und Therapie Bd. I. Berlin- 
Wien 1919. 

Much, Pathologische Biologie. Leipzig 1920. 

Riebet, Die Anaphylaxie. Leipzig 1920. 



Über Fragen der Aberration und Lichtausbreitung.') 

[Nachdruck verboten. 1 Von K. Vogtherr, München. 

Der für die Physik des Äthers scheinbar un- 

lösbare Widerspruch zwischen der Tatsache der ') Nachstehende Betrachtungen dienen als Ergänzung zL 

Aberration und dem experimentell ermittelten de.« von iiiir in Nr. 27, 1921, dieser Zeitschrift veröffemhchten 

\r^, ,,j lu . r, r- I Aufsatze; ,,Uber die Kosmischen BcwepuBPen des Aihcrs". Die 

Vorgang der Lichtausbreitung auf der Erdober- dort gegebene Darstellung ist dahin zu berichtigen, daß au. 

Hache hat bekanntlich eine revolutionäre Bewegung die angenommene Rotationsbewegung des Äthers ein Sonnen- 



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hervorgerufen , die ohne Scheu auch die bisher 
regierenden Häupter der physikalischen Begriffe 
für abgesetzt erklärt und immer mehr die Herr- 
schaft über alle Gebiete der Physik an sich zu 
reißen sucht. Da jedoch die Relativitätstheorie, 
wie uns dünkt, trotz ihres glänzenden mathemati- 
schen Gewandes nicht frei von logischen oder 
erkenntnistheoretischen Mängeln ist, so kann der 
Gedanke nicht zur Ruhe kommen, daß auch auf 
Grundlage der bisherigen, Raum und Zeit betreffen- 
den Prinzipien eine Lösung irgendwie möglich 
sein muß. Freilich wird sich die alles umwälzende 
Revolution wohl nur dann vermeiden und die 
Bewegung in geordnete Bahnen lenken lassen, 
wenn man sich rechtzeitig zu Konzessionen an 
die Erfordernisse einer neuen Zeit verstehen will, 
d. h. in den grundlegenden Anschauungen über 
das Wesen des Lichts den neuen Beobachtungen 
entsprechende Änderungen vornimmt. 

Wir wollen im folgenden versuchen, aus den 
bis jetzt vorliegenden Beobachtungen und daraus 
gewonnenen Anschauungen einige einfache Folge- 
rungen hinsichtlich der Lichtausbreiiung im be- 
wegten Medium zu ziehen. Welche mathemati- 
schen Konsequenzen diese, wie uns scheint, nahe- 
liegenden und der Gesamtheit der Beobachtungen 
am ungezwungendsten Rechnung tragenden 
Schlüsse ergeben würden, muß allerdings zunächst 
unentschieden bleiben. Dabei wollen wir an der Vor- 
stellung festhalten, daß das Licht auf wellenartiger 
Fortpflanzung von Schwingungen beruht,^) und dies 
erfordert mit logischer Notwendigkeit ein Medium, 
den Äther, da der leere Raum nicht in Schwin- 
gungen geraten kann. Daß der Äther existiert, 
geht aus dem bekannten Versuch von Sagnac 
hervor, dessen Ergebnis in zwei Abhandlungen 
veröffentlicht wurde, die die bezeichnenden Titel: 
„L'ether lumineux, demontre par l'effet du vent 
relatif d'ether" und „Sur la preuve de la realite 
de l'ether lumineux" tragen (Compt. rend. 157, 
708 u. 1410, 1913). 

In diesem Versuch zeigt sich nämlich ein 
Agens wirksam, das die Lichtgeschwindigkeit von 
der Bewegung der Lichtquelle unabhängig macht. 
Da andererseits der Mich elson versuch ergab, 
daß die Lichtgeschwindigkeit relativ zur Erde 



System die Stokessche Aberrationstheorie nicht ange- 
wandt werden l^ann, denn diese erfordert eine Drehung der 
Wellenfront um den Aberrationswinkel, während eine solche 
Drehung für einen beispielsweise vom Pole der Ekliptik kommen- 
den Licbt'itrahl nicht erfolgen kann. Dieser würde vielmehr 
nahezu senkrecht durch parallel zueinander bewegte Äther- 
schichten dringen, welche in der Richtung des Lichtstrahls 
keine Drehung aufweisen. Die zitierien Äußerungen von 
Lodge beziehen sich entgegen dem Wortsinn, wie aus dem 
Zusammenhang seiner Darstellung hervorgeht, auf den als 
Ganzes gleichmäßig bewegten Äther, wa^ bedauerlicherweise 
übersehen wurde. In folgendem soll versucht werden , die 
dort fehlende Aberrationsetklärung zu geben. 

■) Wir lassen hier die Lichtquantenhypothese zunächst 
unbeiücksichtigt, welche ja nicht notwendig der Wellentheorie 
widerspricht (vgl. P. Lenard: „Über Relativitätsprinzip, 
Äther usw." 1920, S. 27), jedoch zurzeit noch wenig geklärt 
erscheint. 



unabhängig von deren Bewegung im Räume ist, 
so folgt aus beiden Versuchen als die unge- 
zwungenste Annahme die, daß Erde und Erdäther 
zusammen den gleichen oder nahezu gleichen Be- 
wegungszustand haben, d. h. daß der Äther rela- 
tiv zur Erde und Erdatmosphäre nahezu oder 
völlig ruht. 

Dem scheint jedoch bekanntlich die Aberration 
zu widersprechen. Nun hat F. Hasenöhrl schon 
1904 gezeigt, daß ein gewisser Kraftaufwand nötig 
ist, um die in einem Hohlraum eingeschlossene 
strahlende Energie in Bewegung zu setzen oder 
ihren Bewegungszustand zu ändern.*) Man hat 
daraus bekanntlich auf eine „scheinbare Masse" 
oder „scheinbare Trägheit" der strahlenden Energie 

E 
geschlossen, wobei die Beziehung M=-y besteht. 

Sind diese Folgerungen richtig, so muß auch dem 
Lichtstrahl infolge der ihm innewohnenden Energie 
scheinbare Masse und Trägheit zukommen und er 
würde dadurch in mancher Beziehung 
ähnliche Eigenschaften erhalten, wie sie 
ihm die Emissionstheorie seinerzeit 
beilegte. Die Tatsache der Interferenz, der 
Unabhängigkeit der Lichtgeschwindigkeit von der 
Bewegung der Lichtquelle und die ohne Störung 
erfolgende gegenseitige Durchdringung der von 
den verschiedensten Punkten des Raums aus- 
gehenden Lichtstrahlen nötigt jedoch unter allen 
Umständen, an der Wellennatur des Lichts fest- 
zuhalten. Die daraus sich ergebende Schwierig- 
keit erscheint jedoch nicht unüberwindbar, wenn 
man bedenkt, daß ja nur an den Stellen des 
Raums Masse sein kann, wo elektromagnetische 
Energie ist. Legt man die den elektromagnetischen 
Kräften innewohnende Polarität und Richtung 
auch der Masse im Äther bei, so daß „negative" 
und „poshive" Lichtmasse, welche getrennt jede 
für sich träge Masse ist, wo sie in gleichem Be- 
trage und in gleicher Richtung zusammentreffen, sich 
ebenso aufheben, wie die entgegengesetzt ge- 
richteten dielektrischen und magnetischen Polari- 
sationen im Äther, so lassen sich Emissions- und 
Undulationstheorie offenbar einander näher bringen. 
Wie Licht zu Licht gefügt unter Umständen 
Dunkelheit ergibt, so kann dann auch Masse zu 
Masse gefügt die Masse Null ergeben, wobei je- 
doch ebenso wie der Satz von der Erhaltung der 
Energie auch der von der Erhaltung der Masse 
gewahrt bleibt. Man darf daher erwarten, daß 
das Licht ungeachtet seiner Wellennatur sich in 
mancher Beziehung wie ein fortge- 
schleuderter Stoff verhält. 

Stellen wir unter diesem Gesichtspunkt die 
Frage: wie verläuft ein Wellenzug, der aus ruhen- 

') Wien. Akad. 113, 1039, 1904 und Starks Jahrb. 6, 
485, 190g. Die Vorstellung von einer Art Tiiigheit der Energie 
kann also auch unabhängig von den Gedankengangen der 
Relativitätstheorie gewonnen werden. Auch G. N. Lewis 
kommt zu einer Ableitung obiger Formel aus dem Strahlungs- 
druck, ohne auf die Relaiiviiätstheotie Bezug zu nehmen (siehe 
Phil. Mag. 16, 705, 1908). 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 2 



dem in bewegten Äther eintritt, so ergibt sich 
eine doppelte Möglichkeit: der Wellenzug kann 
vom Äther sofort im vollen Betrage seiner Be- 
wegung mitgenommen werden, wie es die Wellen- 
theorie bisher annahm, er kann aber auch seiner 
Korpuskularnatur und derihminnewohnendenTräg- 
heit entsprechend seine geradlinige Fort- 
pflanzung in Richtung und Geschwindig- 
keit wenn überhaupt, so erst allmä hlich 
dem Bewegungszustand des Äthers an- 
passen, wie es der Emissionstheorie entsprechen 
würde. Er verhält sich dann ähnlich wie ein sich aus 
eigener Kraft im Wasser bewegendes Torpedo, 
das in eine Strömung von geänderter Geschwindig- 
keit oder Richtung eintritt. Welche von beiden 
Möglichkeiten tatsächlich vorliegt, kann nur die 
Erfahrung lehren und die Beobachtung der 
Aberration lehrt, daß das letztere Ver- 
halten stattfindet. Nehmen wir nämlich 
entsprechend den Experimenten an, daß der Äther 
in der Erdatmosphäre mitbewegt ist, und ferner, 
daß die Mitführung des Lichtstrahls durch den 
Zither in der kurzen zur Durchdringung der Erd- 
atmosphäre benötigten Zeit (ca. Vinoo Sek.), zu 
geringfügig ist, um sich in einer Verkleinerung des 
Äberrationswinkels bemerkbar zu machen, so 
ergibt sich aus der Trägheit der strah- 
lenden Energie die Aberration im be- 
wegten Äther. 

Im Lichtstrahl ist also mit Lichtgeschwindig- 
keit bewegte Masse vorhanden, aber Masse von 
anderer vielseitigerer Art, als sie uns von der 
gewöhnlichen Materie her bekannt ist, in welcher 
sie nach allen Richtungen die gleiche Eigenschaft 
hat. Denn die elektromagnetische und Lichtmasse 
im freien Äther besitzt ebenso wie die elektrischen 
und magnetischen Kräfte in ihm die Eigenschaft 
der Polarität und Richtung; nur dadurch verträgt 
sie sich ja mit der Undulationstheorie, indem sie 
die Ausbildung und den Verlauf der Wellen in 
keiner Weise stört und indem je nach der Energie- 
verteilung im Räume entsprechend Masse vor- 
handen ist. Wegen der Wellennatur des Lichts 
kann also der bewegte Lichtstoff keine gewöhn- 
liche Masse sein, welche sich stets in einfacher 
Weise addiert und dadurch eine ungestörte 
wechselseitige Durchdringung der Lichtstrahlen, 
Interferenz, Beugung und Polarisation unmöglich 
machen würde. Wenn nun der Lichtmasse Vor- 
zeichen und Richtung zugesprochen werden 
müssen, ebenso wie den elektrischen und ma- 
gnetischen Kräften, denen sie ihr Dasein verdankt, 
so bezieht sich dies zunächst nur darauf, daß die 
Lichtmasse als Masse im Äther sich nicht in ein- 
facher Weise, sondern entsprechend ihren Vor- 
zeichen und Richtungen in geometrischer 
Weise addiert; aber es ist eine naheliegende 
Annahme, daß sie dann überhaupt nur in 
bestimmten Richtungen vorhanden, 
d. h. als Widerstand gegen Bewegungs- 
änderung wirksam ist. Nun zeigt sich in 
der Tat, daß wir gerade auf Grund dieser Vor- 



stellungen einer Erklärung der Erscheinungen 
näher kommen können. 

Wir machen zu diesem Zwecke, indem wir 
die Möglichkeit kosmischer Bewegungen des 
Äthers voraussetzen, folgende Annahme: Im 
Äther hat das Licht wohl in den Richtungen 
der Wellenebene Masse, also transversale 
Masse, wie die Aberration zeigt, in der Längs- 
richtung, d. h. in der Richtung der Wellennor- 
male jedoch keine, oder nur dann Masse, wenn 
die Geschwindigkeit des Lichts relativ zum Äther, 
in dem es läuft, größer oder kleiner wird, als die 
gewöhnliche konstante Lichtgeschwindigkeit c, 
welche Licht in „ruhendem" Äther zeigt. In 
diesem Falle wird der Widerstand des Äthers 
gegen die Bewegung der Lichtmasse die Diffe- 
renz allmählich ausgleichen und wieder konstantes 
c herstellen, wobei die longitudinale Masse 
zum Verschwinden gebracht wird. Diese An- 
nahme einer fehlenden oder nur temporär vor- 
handenen longitudinalen Lichtmasse ist deshalb 
notwendig, weil ohne sie die Geschwindigkeit des 
Lichts bei seiner Bewegung durch den Äther ent- 
weder durch dessen Widerstand eine allmähliche 
Abnahme bis auf Null erführe, oder, wenn man 
keinen solchen Widerstand annimmt, dauernd un- 
veränderlich bliebe, d. h. dauernd konstantes c 
relativ zu dem die Lichtquelle umgebenden 
Äther beibehielte, auch wenn das Licht in Äther 
von in der Fortpflanzungsrichtung verändertem 
Bewegungszustand übertritt. Letzterem wider- 
spricht aber die Beobachtung an Doppelsternen, 
wenn man, wie wir es tun, als Folgerung aus 
dem Michelson- und dem S a g n a c versuch 
annimmt, daß wie mit der Erde, so auch mit den 
Fixsternen der Äther der Umgebung oder der 
Atmosphäre mitbewegt sei. Es ergibt sich also 
die Möglichkeit, entweder überhaupt keine longi- 
tudinale, d. h. in der Fortpflanzungsrichtung vor- 
handene Lichtmasse anzunehmen, wobei dann in 
dieser Richtung die Lichtgeschwindigkeit relativ 
zum umgebenden Äther, auch bei Änderung der 
Bewegung desselben stets konstant bleibt, also 
mit der Bewegung des Äthers unmittelbar Schritt 
hält, oder eine nur zeitweilig auftretende longi- 
tudinale Lichtmasse, welche, sobald der Wider- 
stand des Äthers die ihm gegenüber in der Fort- 
pflanzungsrichtung vorhandene Relativbewegung 
der Polarisationen aufgehoben hat, mit dieser zu- 
gleich verschwindet. 

>;_ Diese Eigenschaft der Lichtmasse, nur Masse 
in den Richtungen der Wellenebene zu sein (und 
nur unter bestimmten Umständen vielleicht auch 
in der Richtung der Wellennormale) gilt jedoch 
nur gegenüber dem Äther. Denn bei 
Spiegelung und Absorption erzeugt ja die Licht- 
masse den Strahlungsdruck und wir müssen daher 
annehmen, daß sie sich beim Auftreffen auf 
gewöhnliche Materie wie gewöhnliche 
Masse verhält, d. h. nach allen Richtungen 
gleichen Widerstand gegen Bewegungsänderungen 
äußert. 



N. F. XXI. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



23 



Zu einer analogen Erklärung gelangt man, 
wenn man nicht die Eigenschaft der Lichtenergie, 
Masse zu sein als je nach der Orientierung zur 
Wellenebene verschieden ansieht, sondern dem 
Widerstand des Äthers gegen die Bewegung der 
Lichtmasse eine den Umständen entsprechende 
Verschiedenheit beilegt. Man kann dann etwa 
folgendermaßen argumentieren ; 

Auf die Erage: hat ein ruhender oder gleich- 
förmig-geradlinig ohne Aufwand von Kräften oder 
Energieverbrauch bewegter Körper, Masse, solange 
er in dieser Bewegung beharrt? — können wir ant- 
worten: wir wissen es nicht, denn als Wider- 
stand gegen Bewegungsänderung kann die Masse 
in diesem Falle nicht in Erscheinung treten. So 
wird auch die Masse des Lichts nur manifest als 
ein Widerstand gegen Bewegungsänderung des- 
selben, welche von selten des Äthers oder von 
festen Körpern beim Auftreffen auf diese verur- 
sacht wird. Dagegen tritt sie nicht in Erschei- 
nung bei dem gleichmäßigen Fortschreiten der 
Lichtausbreitung in ruhendem oder gleichförmig 
bewegtem Äther (so wenig als die Masse eines 
ohne Einwirkung von Kräften gleichförmig- gerad- 
linig bewegten Körpers), weil dies eine Aus- 
breitung ohne Widerstand, ohne Energieverbrauch, 
ohne innere Reibung ist. 

Der Äther leistet also nur Widerstand gegen 
eine Bewegung des Lichts, welche als Folge von 
dessen Masse in Erscheinung tritt, d. h. gegen 
eine Bewegung, bei welcher Äther und Licht- 
wellen eine Relativbewegung gegeneinander be- 
kommen; nicht aber gegen die gleichmäßige Aus- 
breitung des Lichts in ruhendem Äther, für welche 
kein Energieaufwand erforderlich ist. Anstatt 
also anzunehmen, daß in der Richtung der Wellen- 
normale keine Lichtmasse vorhanden ist, kann man 
auch annehmen, daß kein Widerstand des Äthers 
gegen die Bewegung der Lichtmasse existiert. 
Sobald jedoch die Lichtmasse außer ihrer ge- 
wöhnlichen Geschwindigkeit c noch eine Relativ- 
geschwindigkeit in beliebiger Richtung zum Äther 
bekommt, setzt mit dem Effektivwerden der 
Masse des Lichts auch der Widerstand des Äthers 
gegen diese (sit venia verbo!) abnorme Lichtbe- 
wegung ein, mit dem Erfolg sie nach Ablauf 
einer gewissen Zeit wieder zum Verschwinden zu 
bringen und wieder „normale" Verhältnisse her- 
zustellen. 

Endlich gibt es noch eine dritte Möglichkeit 
der Auffassung: Die beirn „normalen" Vorgang 
der Lichtausbreitung im Äther ruhenden Polari- 
sationen sind dasjenige, was im Äther Masse hat, 
also Widerstand gegen Bewegung besitzt, und sie 
sind es auch, deren Bewegung relativ zum Äther 
der Äther einen nach jeder Richtung vorhan- 
denen , wenn auch sehr geringen Widerstand 
entgegensetzt. Für gewöhnlich ruht dann gegen- 
über dem Äther die Lichtmasse im Äther. Die 
Schwierigkeit liegt dann darin, wie diese Licht- 
masse, die also für gewöhnlich gegenüber dem 



Äther gar nicht bewegte Masse ist, den Strahlungs- 
druck hervorrufen kann. Es bleibt dann zunächst 
die Paradoxie bestehen, daß sich die dem Äther 
gegenüber ruhende Lichtmasse der ponderablen 
Materie gegenüber als mit Lichtgeschwindigkeit 
bewegt verhält. — Die einfachste Annahme ist 
offenbar die : nur transversale Lichtmasse, welche 
sich bei Absorption und Spiegelung wie gewöhn- 
liche verhält, und dabei kein Widerstand des 
Äthers gegen die Bewegung der Lichtmasse. 

In der ersten und dritten der angeführten 
Auffassungsmöglichkeiten zeigt also die Lichtmasse 
gegenüber dem Äther andere Eigenschaften als 
gegenüber gewöhnlicher Materie. Im Falle zwei 
dagegen zeigt der Widerstand des Äthers gegen 
die Bewegung der Lichtmasse (welcher wegen der 
Doppelsternbeobachtungen angenommen werden 
muß) ein anderes Verhalten als der Widerstand 
gewönlicher Materie, z. B. eines Gases gegenüber 
der Bewegung gewöhnlicher Masse, z. B. starrer 
Körper; denn hat die Lichtmasse geringere Ge- 
schwindigkeit relativ zum Äther als c, so erfährt 
sie durch dessen Einfluß eine Beschleunigung, 
hat sie größere, eine Verzögerung, bis c herge- 
stellt ist. 

Wie es nun zugeht, daß die Lichtmasse sich 
gegenüber dem Äther ganz anders verhält als 
gegenüber gewöhnlicher Materie, oder auch der 
Äther gegenüber der Lichtmasse ganz anders als 
gewöhnlicheMaterie gegenüber gewöhnlicher Masse, 
bleibt freilich zunächst unerklärt; in der Annahme 
eines abweichenden Verhaltens liegt aber keinWider- 
spruch, sie hat im Gegenteil die Wahrscheinlich- 
keit auf ihrer Seite. Wir können sagen, ein 
gleiches Verhalten wäre höchst verwunderlich, ist 
doch Lichtmasse, wie wir sahen, etwas differen- 
zierteres als gewöhnliche Masse und ebenso der 
Äther etwas von Grund aus anderes als gewöhn- 
liche Materie. 

Als Fazit aus diesen Erörterungen und als die 
nächstliegende Folgerung aus den vorliegenden 
Tatsachen ergibt sich folgendes : Ein auf gewöhn- 
liche Weise im „ruhenden" Äther mit konstanter 
Geschwindigkeit laufendes Bündel paralleler Licht- 
strahlen zeigt keine effektive, d. h. in Erscheinung 
tretende Masse, vulgo Trägheit. Diese tritt je- 
doch zutage, sobald das Strahlenbündel 
gezwungen werden soll die Richtung, 
evtl. auch die Fortpflanzungsgesch win- 
digkeit der Lichtbewegung zu ändern, 
sobald es also entweder auf gewöhnliche Materie 
auftrifft (Strahlungsdruck), oder der Äther sich 
ihm gegenüber zu bewegen beginnt, bzw. die 
Lichtstrahlen in Äther von abweichendem Be- 
wegungszustand eintreten. In letzterem Falle tritt 
zum mindesten in transversaler, vielleicht auch in 
longitudinaler Richtung Masse und Trägheit in 
Erscheinung und dementsprechend wird Richtung 
und evtl. Geschwindigkeit erst allmählich dem 
geänderten Bewegungszustand des Mediums ange- 
glichen, nicht momentan, wie es die reine Wellen- 



24 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 2 



theorie fordert.^) Die Masse der Lichtstrahlen wird 
solange effektiv bleiben, bis durch den Widerstand 
des bewegten Äthers die Geschwindigkeit relativ 
zu ihm wieder konstant und die Richtung der 
Strahlen relativ zu ihm wieder die gleiche gewor- 
den ist, wie vordem gegenüber dem ruhenden 
Äther. 

Nun gibt es neben der Aberration noch eine 
zweite Beobachtung, die, vorausgesetzt daß sie 
richtig ist, zugunsten der Ansicht gedeutet wer- 
den kann, daß unter Umständen das Licht außer 
der Wellengeschwindigkeit noch eine seiner Träg- 
heit zuzuschreibende Eigengeschwindigkeit relativ 
zum Äther haben kann. Es ist dies die A. Ein- 
stein zu verdankende Entdeckung der Lichtstrahl- 
krümmung im Gravitationsfeld der Sonne. Wir 
haben dazu nichts weiter als die Annahme nötig, 
daß die träge Masse des Lichtstrahls auch schwere 
Masse involviert. Unter dieser Annahme nämlich 
würde sich die Ablenkung des Lichtstrahls als 
eine Schwerewirkung erklären und sich ergeben, 
daß die sich der Sonne genügend nähernden 
Lichtwellen der Fixsterne in derem Gravitations- 
feld eine quer zur Fortpflanzungsrich- 
tung gerichtete Bewegung relativ zum 
Äther annehmen.^) Da die Annahme, daß 
der Äther selbst unter dem Einfluß der Gravita- 
tion in die Sonne stürze, unzulässig ist und ebenso 
für die Annahme, daß unter dem Einfluß der 
Gravitation eine dem Winkel der Ablenkung ent- 
sprechende Drehung der Wellenfront eintrete, 
kein Grund vorliegt, so bleibt tatsächlich nur die 
Vorstellung übrig, daß der Lichtstrahl, also die 
Lichtwellen gegen die Sonne fallen, während der 
Äther ruht (immer vorausgesetzt, daß die Beobach- 
tungen richtig sind und die Ablenkung des Licht- 
strahls tatsächlich mit der Gravitation in Beziehung 
steht). Gerät aber ein Lichtstrahl unter 
dem Einfluß der Schwerkraft relativ 
zumÄther inBewegung, vermögen sich 
in diesem Falle die Lichtwellen trans- 
versal durch den Äther zu bewegen, so 
vermögen sie es offenbar auch unter 
dem Einfluß der Trägheit. Letzteres muß 
dann in Erscheinung treten, wenn der Lichtstrahl 
aus relativ zu ihm ruhenden in relativ zu ihm quer 
bewegten Äther eintritt. In beiden Fällen, sowohl 
bei der Aberration als bei der Schwereablenkung 
des Lichtstrahls, würde die Fortpflanzungsrichtung 
desselben relativ zum umgebenden Äther nicht 
mehr genau senkrecht zur Schwingungsebene 
stehen, sondern um die kleinen in Betracht kom- 
menden Winkel davon abweichen. 

Die Beobachtungen und Experimente, welche 



zur Aufstellung der Relativitätstheorie geführt 
haben , erklären sich in dieser Weise auch auf 
Grund der Vorstellung des mit der Erde 
bewegten Äthers. Der F i z e a u versuch wider- 
spricht dem nun nicht mehr, denn unter der 
Annahme auch longitudinaler Lichtmasse , wo- 
bei die Trägheit der Lichtenergie sich nicht nur 
quer zur Fortpflanzungsrichtung, sondern auch in 
dieser selbst bemerkbar machen wird, läßt sich 
vorstellen, daß im Fizeauversuch zwar 
Wasser und Luft wohl den Äther, je- 
doch dieser nicht in merkbarem Betrage 
das Licht mit sich führt.') Mit Rücksicht 
auf den Versuch von Sagnac, bei dem die in 
der Umgebung der Lampe wenigstens zum Teil 
in Mitbewegung versetzte Luft keinen Einfluß auf 
die Interferenz zeigte , ^) müßte man allerdings 
wohl die Einschränkung machen, daß zwar die 
große Masse der Erde den Äther in ihrer Be- 
wegung vollständig mit sich führt, kleinere Massen 
an der Erdoberfläche jedoch nur in einem ge- 
ringeren Betrage, der vielleicht sogar noch unter 
der Grenze der Wahrnehmung durch Interferenz- 
versuche liegt. Es ist dies um so eher möglich, 
als ja nun der Äther eine Art Viskosität besitzen 
kann, ohne daß dem die Versuche von O. Lodge 
widersprechen, weil hier die Lichtquelle nicht mit- 
bewegt war. Es ist aber auch zu erwägen, daß 
der Äther genau wie die Erde selbst eine kos- 
mische Eigenbewegung besitzen kann und mög- 
licherweise bis über die Neptunsbahn hinaus um 
die Sonne rotiert, mit der Geschwindigkeit, welche 
dem Newton sehen Gesetze entspricht.") In 
diesem Falle müsste die Mitführung des Licht- 
strahls durch den Äther außerordentlich gering 
sein oder gänzlich fehlen, um eine Erklärung der 
Aberration möglich zu machen. Verzichten wir 
auf longitudinale Lichtmasse, so kann auch bei 
einer derartigen Ätherbewegung eine Überein- 
stimmung mit den Doppelsternbeobachtungen 
leicht gefunden werden. *) Das Licht läuft dann 
bei der Emission zunächst relativ zum Stern, 
d. h. zum Sternäther, um nach einem relativ 
kurzen Intervall des Wechsels die konstante Ge- 
schwindigkeit relativ zum interstellaren Äther des 
Raums zu erlangen. Die relativ kurze Strecke, 



') Nimmt man nur transversale Masse an, so ist diese 
Angleichung, diese seilliche Mitführung des Lichts durch den 
bewegten Äther zur Erklärung nicht unbedingt notwendig. 

*) Allerdings müfite dann für die Dauer der völligen Mit- 
führung des Lichts durch den Äther ein größerer Wert ange- 
nommen werden, als wenn man die Aberration in der be- 
wegten Erdatmosphäre allein berücksichtigt, da ja sonst die 
Erscheinung auf Erden nicht mehr beobachtbar wäre. 



') Dabei erfolgt eine dem Fr esnel sehen Mitführungs- 
koeffizienten entsprechende Mitführung des Lichtes durch die 
an der Materie haftende elektromagnetische Energie (wie dies 
der herrschenden Theorie entspricht), nicht aber durch den 
mit der Materie bewegten Äther. 

'') Es wäre wohl der Muhe wert zu untersuchen, ob der 
Äther in der Umgebung der Lichtquelle nicht durch geeignete 
Vorrichtungen (z. B. Bleimantel um die Lampe) in Mitbe- 
wegung versetzt werden könnte, und ob dann die Streifen- 
verschiebung bei der Drehung des Apparates ausbleibt oder 
geringer wird. 

') Die Vorstellung eines mit den Planeten um die Sonne 
kreisenden Äthers findet sich übrigens schon bei Descartes 
(siehe Drude, Optik, 111 Aufl. S. 473. 

*) Es ist auch die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, 
daß die Milführung des Lichts durch den Äther in der Fort- 
pflanzungsrichtung und senkrecht dazu nicht von gleichem 
Betrag ist, z. B, in ersterer stärker in Erscheinung tritt. 



N. F. XXI. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



25 



in der das Licht mit Lichtgeschwindigkeit relativ 
zum Stern lief, kann bei dessen ungeheurer Ent- 
fernung sich in Beobachtung und Rechnung natür- 
lich nicht bemerkbar machen. ') 

Erhebliche Schwierigkeiten scheint allerdings 
die Vorstellung zu bereiten, daß die Geschwindig- 
keit des Mediums sich nicht stets zu der der 
Wellen nach dem Unabhängigkeitsprinzip addieren 
soll. Jedoch ist zu berücksichtigen, daß im Falle 
des Lichts es sich nicht um mechanische Schwin- 
gungen des Mediums selbst, analog den Schall- 
schwingungen in der Luft, sondern um die Schwin- 
gungen einesZustandesim Medium handelt. 
Man muß sich also denken, daß dieser Zustand 
der magnetischen und dielektrischen Polarisationen 
im Äther neben der Wellengeschwindig- 
keit seiner Fortpflanzung noch eine 



') Die hier vorgetragene Auffassung zeigt zwar nicht im 
Ausgangspunkt und der theoretischen Grundlage, wohl aber 
im Ergebnis eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit den 
neuen Anschauungen P. Lenards, welche in den Aufsätzen 
„Über Äther und üräther" (Starks Jahtb. XVII, H. 4, S. 307) 
und „Fiageu der Lichtgeschwindigkeit" (Astr. Nachr. 213, 
Nr. 5107) veröffentlicht wurden. Die Verwandtschaft zeigt 
sich darin, daß ein Lichtstrahl nach beiden Auffassungen mit 
annähernd gleicher aber an sich wechselnder Geschwindigkeit 
den Raum durcheilen würde. — Eine experimentelle Prüfung 
dieser Vorstellungen würde sich durch Anstellung des 
Mich elson Versuchs mit dem Lichte der Himmelskörper, 
also Sonnen-, Mond-, Planeten- und Fixsternlicht (letztere 
evtl. unter Anwendung photographiscber Methoden) ermög- 
lichen lassen, wie dies für Fixsternlicht auch P. Lenard 
(1, c.) vorschlägt. Es ist zu erwarten, daß mit Licht, 
welches die Aberration zeigt, also senkrecht 
zur Bewegungsrichtung der Erde verlaufend von 
außerird isch en Lieh t q ueUen kommt, der Michel- 
sonversuch positiv ausfällt und, wenn man auch 
longitudinale Masse annimmt, ebenso mit Licht von Himmels- 
körpern, welches in der Bewegungsricbtung der Erde läuft. 
Nach Einstein und Lorentz wäre in beiden Fällen ein 
negatives Resultat zu erwarten, nach Lenard möglicherweise 
ein positives, jedoch nur mit Licht der Fixsterne, welches in 
der Bewegungsrichtung der Erde läuft. 



Eigengeschwindigkeit relativ zum 
Äther besitzen kann, daß sich also unter 
Umständen, nämlich während der Übergangs- 
stadien die Lichtgeschwindigkeit relativ 
zum Äther aus zwei Komponenten zu- 
sammensetzt. Die elektromagnetische Licht- 
theorie birgt in dieser Hinsicht jedenfalls Möglich- 
keiten in sich, die der früheren mechanischen 
nicht zukamen. 

Auch die hier vorgetragene Auffassung ver- 
trägt sich mit dem Prinzip der Relativität der 
Bewegung. Man ist ja keineswegs gezwungen, 
sich den interstellaren Äther des Raumes als 
ruhend vorzustellen, er kann ebensogut in Strö- 
mungen begriffen sein, wie es sogar wahrschein- 
lich ist. denn in der Natur gilt der Satz: ndv%a 
Qti. Für ein absolut ruhendes Bezugssystem und 
Absolutgeschwindigkeiten findet sich also in un- 
serer Auffassung, wenigstens soweit es sich um 
Translationen handelt, kein Platz. Auch wenn 
der Mich elson versuch mit Sternenlicht positiv 
ausfallen sollte, so läge kein Anlaß vor, daraus 
auf eine Absolutgeschwindigkeit der Erde zu 
schließen; es ginge daraus nur hervor, daß zwi- 
schen Stern und Erde weite Gebiete des Äthers 
sein müssen, welche an der Erdbewegung nicht 
teilnehmen, wie dies ja auch selbstverständlich ist. 

Unseren Ausführungen liegt also die Vorstellung 
zugrunde, daß Lichtmasse und Lichtäther sich 
nicht notwendig ausschließen, sondern daß beide 
(indem die Lichtmasse auf einem gewissen physi- 
kalischen Zustand des Äthers beruht) zugleich 
vorhanden sind und sich unter Umständen gegen- 
einander bewegen können. Eine Synthese der 
Undulations- und Emissionstheorie, für die die 
neue Auffassung der Masse den Weg gebahnt hat, 
wird, wie man hoffen darf, den in der Optik 
bewegter Körper und bewegten Äthers bisher 
vorhandenen Widerspruch beseitigen. 



Einzelberichte. 



Der sogenannte Eiiisteiiitiirm der Potsdamer 
Sternwarte. 

Der Neubau ist, wie Freundlich auf der 
Potsdamer Astronomenversamrhlung mitteilte, ein 
Turmteleskop, dessen Errichtung durch schwe- 
dische Unterstützung möglich wurde, und dessen 
Zweck möglichst genaue Wellenlängenmessungen 
sowohl im Sonnenspektrum als auch in dem der 
Fixsterne sind. Durch diese Wellenlängenmes- 
sungen soll beigetragen werden zur Entscheidung 
der Frage, ob die Relativitätstheorie berufen ist 
an die Stelle der Newtonschen Mechanik zu 
treten. Mit der Herstellung des Beobachtungs- 
instruments, in erster Linie eines gewaltigen 
Cölostaten von 14V2 rn Brennweite, ist die Firma 
Zeiß beauftragt, auf deren Rat man sich für ein 
von einem Steinbau umschlossenes Holzgerüst 
entschieden hat, das größere Sicherheit gegen 



Schwingungen zu gewähren verspricht wie ein 
eisernes Gerüst. Die vom Cölostaten in eine 
unveränderlich bleibende Richtung geleiteten 
Lichtstrahlen werden durch einen Spiegel recht- 
winklig in einen unterirdischen Arbeitsraum mit 
unveränderlicher Temperatur geführt und sollen 
dort sowohl mit Hilfe eines Gitters, als auch durch 
einen Prismenspektrographen zerlegt werden. Vor- 
läufig ist der Bau erst im Rohen fertig. Es steht 
zu erwarten, daß dieses neue Hilfsmittel der For- 
schung nicht nur dem oben angegebenen Haupt- 
zweck dienen, sondern auch manche weitere Pro- 
bleme der Spektralanalyse erheblich zu fördern 
gestatten wird. Kbr. 

Basedowsche Krankheit und innere Sekretion. 

Die von Möbius aufgestellte Theorie einer 
engen Beziehung zwischen Schilddrüse und Mor- 



26 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 2 



bus Basedowii („Die Basedowsche Krank- 
heit ist eine Vergiftung des Körpers durch krank- 
hafte Tätigkeit der Schilddrüse") bildet gegen- 
wärtig die Grundlage für die operative Therapie, 
die in den meisten Fällen von Basedow scher 
Krankheit als erfolgreich bezeichnet werden kann. 
Seitdem man die Beziehungen der endokrinen 
Drüsen untereinander zu erforschen versucht, wer- 
den immer neue Argumente dafür erbracht, daß 
auch unter pathologischen Verhältnissen ein Zu- 
sammenarbeiten der Blutdrüsen stattfindet. So 
ist nach den Feststellungen verschiedener Forscher 
die Ursache der Basedowschen Krankheit nicht 
allein in einer Erkrankung oder Degeneration der 
Schilddrüse zu suchen, sondern es sind auch andere 
Drüsen mit innerer Sekretion mehr oder weniger 
an der Pathogenese beteiligt. An erster Stelle 
steht in dieser Beziehung der Thymus, aber auch 
Hypophysis, Nebenniere, Keimdrüsen, Epithel- 
körperchen und Bauchspeicheldrüse kommen in 
Betracht. 

Auf Grund dieser erweiterten Theorie wirft 
P. Sudeck in einem Aufsatz über „die chirurgi- 
sche Behandlung des IVIorbus Basedowii" (nach 
einem Vortrage im Ärztlichen Verein in Ham- 
burg am 17. V. 1921)') die Frage auf, „ob und 
inwieweit die bisher übliche operative Therapie 
(die Schilddrüsenverkleinerung) dnrch Einbeziehung 
der Thymusdrüse erweitert werden muß". S u - 
deck teilt zunächst die Ergebnisse seiner Schild- 
drüsenoperationen mit. Die operativen Eingriffe 
waren graduell verschieden und gipfelten in der 
totalen Exstirpation der Schilddrüse (bei Anwen- 
dung der Substitutionstherapie). Die Ergebnisse 
bestätigten das K o c h e r sehe Gesetz, wonach die 
Heilung der Basedowschen Krankheit propor- 
tional der entfernten Schilddrüsenmasse verläuft. 
Von den nicht radikal operierten Patienten waren 
nämlich nur 53 "/q, von den radikal operierten 
dagegen 90 "'(, und von den Totalexstirpierten 
sogar 100 "/„ geheilt. Diese Resultate zeigen also 
offensichtlich, von welcher Bedeutung die Schild- 
drüse für die Entstehung des Morbus Basedowii 
ist. Damit steht auch die Bedeutung 
der Schilddrüsenoperation fest. So 
sagt Sud eck: „Es liegt deswegen keine Veran- 
lassung vor, sich in der Indikationsstellung durch 
theoretische Erwägungen des pluriglandulären 
Charakters der Erkrankung nach der negativen 
Seite hin beeinflussen zu lassen." Um feststellen 
zu können, ob auch die Entfernung des Thymus 
zur Besserung der Basedow sehen Krankheit 
beiträgt, exstirpierte Sudeck neben der Schild- 
drüsenoperation in einigen Fällen die Thymus- 
drüse. Er hat aber weder unmittelbar nach der 
Operation noch bei der Nachuntersuchung einen 
entscheidenden Unterschied von den Erfolgen der 
üblichen IVlethode nachweisen können. Aus die- 
sem Grunde spricht er sich gegen eine grund- 



•) Deutsche Medizinische Wochenschrift, 47. lahrgang, 
Nr. 41, 1921. 



sätzliche Änderung der Operationsmethode aus 
und hält die Thymektomie nur in Fällen, 
„bei denen die wesentlich mitbestim- 
mende Einwirkung des Thymus dia- 
gnostisch erkannt und das Bedürfnis der 
Thymusentfernung festgestellt ist", für nötig. Ehe 
also die neuen Theorien, die neben der Schild- 
drüse den komplementären Drüsen eine Mitwir- 
kung in bezug auf Morbus Basedowii zu- 
schreiben, die Praxis irgendwie beeinflussen kön- 
nen, müssen sie durch vermehrte Kenntnis des 
Verhaltens einzelner Blutdrüsen wie des gesamten 
inkretorischen Drüsenkomplexes unter den Ver- 
hältnissen der Basedowkrankheit ergänzt und 
vertieft werden. Daß in vereinzelten Fällen die 
Thymektomie (auch ohne Schilddrüsenbehandlung) 
von Erfolg sein kann, ist von Garre schon vor 
längerer Zeit erwiesen worden. Ferner kennen 
andere Forscher Fälle von Morbus Basedowii, 
die als rein thymogen zu bezeichnen sind (Hart, 
Klose). Sie fordern in der Praxis neben der 
Schilddrüsenbehandlung die Thymektomie, um 
vor allem die Fälle auszuschalten, bei denen nach 
der Schilddrüsenoperation plötzlich der Tod ein- 
tritt, den sie auf Thymusvergiftung zurückführen. 
Daß der Thymus von nicht geringer Bedeutung 
ist, wird durch die Tatsache bewiesen, daß „man 
in über ^/^ der Fälle eine deutliche Ver- 
größerung desThymus findet" (Leschke). 
Im Hinblick auf die Mitwirkung anderer Blut- 
drüsen kann man die Basedowsche Krankheit 
überhaupt als pluriglanduläre Erkrankung 
bezeichnen. Treffend ist die folgende Definition 
Leschkes: „Wir müssen die Basedowsche 
Krankheit als ein pluriglanduläres Syndrom an- 
sehen, bei dem außerdem Zustandsänderungen 
des sympathischen Nervensystems eine wesent- 
liche Rolle spielen" (Die Wechselwirkungen der 
Blutdrüsen bei der Basedowschen Krankheit, 
dem Diabetes mellitus und dem Verjüngungs- 
problem). ') 

Dresden. Gustav Zeuner. 



ThyiiiHsdrüse und Wachstum. 

Einen interessanten Beitrag zur Kenntnis der 
Beziehungen zwischen Thymusdrüse und Wachs- 
tum liefert B. Romeis in einer Abhandlung über 
die „Beeinflussung minder veranlagter, schwäch- 
licher Tiere durch Thymusfütterung" (i. Teil der 
Experimentellen Studien zur Konstitutionslehre).-) 
Die darin veröffentlichten Versuche sollen im 
folgenden kurz geschildert werden. Als Versuchs- 
tiere verwendete Rom eis Rana-temporaria Lar- 
ven. Aus einer Aufzucht wählte er je 30 kräftige, 
schwächliche und stark zurückgebliebene Tiere 
aus und fütterte einen Teil der Larven aus jeder 

') Wiener Medizinische Wochenschrift, 71. Jahrgang, 
Nr. I, 1921. (S. auch mein Referat über „Pluriglanduläre 
Verjüngung" in der Naturw. Wochenschr. Nr. 42, 1921.) 

') Münchener Medizinische Wochenschrift, 68. Jahrgang, 
Nr. 14. 1921. 



N. F. XXI. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



27 



Gruppe von Zeit zu Zeit neben der gewöhnlichen 
Nahrung mit einem Präparat von Thymussubstanz. 
Der Einfachheit halber sei die Gruppeneinteilung 
im folgenden angeführt: 

Gruppe la: kräftige, normale Tiere; gewöhn- 
liche Nahrung, 
Gruppe Ib: desgleichen; Thymussubstanz, 
Gruppe IIa: schwächliche Tiere ; normale Nah- 
rung, 
Gruppe IIb: desgleichen; Thymussubstanz, 
Gruppe III a: sehr schwächliche Tiere ; normale 

Nahrung, 
Gruppe III b: desgleichen; Thymussubstanz. 
Die Tiere unter la und b hatten zu Beginn 
der Versuche eine durchschnittliche Länge von 
18 mm, diejenigen unter IIa und b eine solche 
von etwa 14 mm und diejenigen unter III a und b 
von etwa 12 mm. Nach dreimaliger Fütterung 
mit Thymusextrakten innerhalb von 12 Tagen 
ergaben sich folgende Wachstumswerte (aus jeder 
Gruppe wurden die drei kleinsten und die drei 
größten Larven gemessen und aus deren IVIaßen 
der Durchschnittswert berechnet). Die Kontroll- 
tiere unter la waren ca. 4,7 mm, diejenigen unter 
IIa 3,1 mm und diejenigen unter III a 2,3 mm 
gewachsen. Die mit Thymus behandelten Tiere 
der entsprechenden Gruppen waren dagegen 
6,5 mm, 6,8 mm und 6,6 mm gewachsen. Re- 
lativ war also das Wachstum der 
schwächlichsten Larven am stärksten. 
Nach 10 Extraktfütterungen stellte Rom eis fest, 
daß die mit Thymus gefütterten Tiere der Gruppe 
nib größer waren, als die normal kräftigen Larven 
unter la. Der günstige Einfluß des Thymus- 
extraktes ist also deutlich zu erkennen. Inter- 
essant wäre es auch, einen gewissen Zusammen- 
hang zwischen der inneren Sekretion des Thymus 
(auch anderer Blutdrüsen, vor allem der Keim- 
drüsen 1) und der Neotenie der Larven zu er- 
forschen.') Rom eis hat diese Frage in seiner 
Veröffentlichung nur kurz gestreift. Hoffentlich 
findet sie bei ähnlichen Gelegenheiten einmal ein- 
gehendere Berücksichtigung. Meiner Meinung 
nach kommen für die Neotenie der Amphibien- 
larven nicht nur äußere Lebensverhältnisse als 
Ursache in Betracht; in manchen Fällen wird die 
Konstitution eine nicht geringe Rolle spielen. 
Gustav Zeuner. 

Die chemische Natur der Graphitsiiure. 

Wenn Graphit durch Erhitzen mit Kalium- 
chlorat und Salpetersäure kräftig oxydiert wird, 
so entsteht ein unter dem Namen „Graphitsäure" 
bekannter Stoff mit sauern Eigenschaften. Die 
Konstitution dieses Stoffes war ungewiß, immer- 
hin nahm man an, daß die für organische Säuren 
kennzeichnende Karboxylgruppe — COOH auch 
in der Graphitsäure vorhanden sei. Diese Auf- 
fassung der Säure als einer Substanz mit wohl- 

') Ich erinnere an die Versuche von Hart (Berliner 
Klinische Wochenschrift 191 7, Nr. 45). 



gekennzeichneter Struktur wird durch Unter- 
suchungen von Geo. A. Hulett und O. Nel- 
son') erschüttert. 

Läge nämlich in der Graphitsäure eine wahre 
Karbonsäure vor, so müßte beim Entwässern der 
(stets feucht erhaltenen) Säure ein Punkt erreicht 
werden, wo alles adsorbierte Wasser oder auch 
das Kristallwasser verdampft ist und nur der in 
dem Säuremolekül selbst vorhandene Wasserstoff 
noch vorliegt. Auch diesen würde man entfernen 
und dann das Anhydrid der Säure gewinnen 
können; aber es bedürfte diese Maßnahme höchst- 
wahrscheinlich einer anderen Energiemenge. In 
einem Knick in der Entwässerungskurve würde 
sich dieser Sachverhalt zu erkennen geben. Die 
Verff. fanden jedoch, daß bei der Entwässerung 
die Dampfdruckkurve ohne jeden Knickpunkt 
völlig stetig dem Nullpunkt zustrebt. Die 
Substanz verhält sich ganz so wie ein Kolloid, 
das an der Oberfläche \X'asser adsorbiert hat und 
dieses naturgemäß stetig verdampfen läßt. In 
der Tat zeigt die Graphitsäure eine Oberflächen- 
struktur, die für Adsorptionen vorzüglich geeignet 
ist. Ihre durchsichtigen Tafeln bestehen aus einer 
großen Zahl äußerst dünner Täfelchen, besitzen 
also eine beträchtliche Oberfläche. Die Verff. 
erklären das Verhalten der Säure beim Entwässern 
auf Grund dieses Befundes nun mit einer neuen 
Auffassung der chemischen Natur der Graphit- 
säure. 

Die Graphitsäure soll ein festes niedri- 
ges Oxyd des Kohlenstoffs, etwa C3O 
oder Cj^O^, sein, das infolge seiner ungewöhnlich 
großen Oberfläche mit viel Adsorptionswasser 
bedeckt ist. Eine Anzahl von Literaturangaben 
soll diese Auffassung stützen. — 

Berichterstatter möchte demgegenüber bemer- 
ken, daß das Oxyd als solches natürlich keiner 
sauern Betätigung fähig ist, sondern immer ein 
Anhydrid darstellt. Die Graphitsäure muß also 
zum mindesten zu einem kleinen, vielleicht völlig 
dissoziierten Betrage in der Adsorptionsverbindung 
vorliegen. Die Verhältnisse lägen alsdann so wie 
in wässerigen Lösungen des Kohlendioxyds , die 
ja auch die (hypothetische) Kohlensäure ent- 
halten müssen. Man wird die Graphitsäure als 
ein festes Analogon hierzu betrachten dürfen. Es 
muß aber daraufhingewiesen werden, daß Selvig 
und Ratliff,-) die die Entwässerungsschwierig- 
keiten der Graphitsäure bestätigen , an deren 
Charakter als Karbonsäure festhalten, deren 
Kohlen- und Wasserstoff durch Verbrennung be- 
stimmbar sei. H. Heller. 

Künstliche Beleuchtung zur Förderung der 
Kükenaufzucht. 

In Nr. 9 der „Deutsch, landw. Geflügelzeitg." 
von 1921 teilt Cl. v. Thaden seine Erfahrungen 



') Transactions of the Americ. Klectr, Soc. 37, S. 103, 
[. 
-) Ebenda 37, S. 121. 



28 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 2 



mit über den günstigen Einfluß der künstlichen 
Beleuchtung auf die Küken, indem möglichst 
intensive Beleuchtung der Kükenstallungen wäh- 
rend der Nacht in Verbindung mit mehrmaligem 
Füttern sich als außerordentlich vorteilhaft er- 
wiesen hat, die Küken schnell wachsen und kör- 
perlich gedeihen zu lassen. Der Verf. ist geneigt, 
den Strahlen der elektrischen Lichtquelle eine 
mithelfende Wirkung zuzuschreiben. Über nach- 
teilige Nebenwirkung, wie Ausbildung eines ner- 
vösen Zustandes, mit dem bei der Jugend der 
Tiere durch die nächtliche Beleuchtung zu rechnen 
wäre, wird nichts erwähnt. Reuter. 

Die Bewegung des Merburpevihels 

nach den Arbeiten Newcombs betitelt Groß- 
mann in Astr. Nachr. Nr. 5115 einen Aufsatz, 
in dem er zeigt, wie Newcomb zu seinem be- 
kannten Wert gekommen ist. Er gibt für den 
Unterschied von Theorie und Beobachtung für 
die Bewegung des Perihels im Jahrhundert 43" 
an, mit einer Unsicherheit von 2". Da nun Ein- 
stein aus der Relativitätstheorie fast genau den- 
selben Wert ableitet, 42,89", eine Übereinstim- 
mung, die so auffallend ist, daß man geneigt ist, 
das Spiel des Zufalls für ausgeschlossen zu halten, 
und da Einstein hierin einen Beweis für die 
Richtigkeit seiner Theorie sieht, so ist es wert- 
voll zu sehen, wie Newcomb zu diesem Wert 
gekommen ist. Merkur ist sehr schwer zu be- 



obachten, nur bei Tage, in stets wechselnder 
Phase, und vor allem bei den Merkurdurchgängen 
spielen soviel Faktoren mit, daß die hieraus ab- 
geleiteten Merkurörter mit starken Fehlern be- 
haftet sind. Abweichungen, größer als 27 Sek., 
treten häufig auf Schon Leverrier ist sehr 
mißtrauisch gegen die Beobachtungen gewesen. 
Ferner gibt die Art und Weise, wie Newcomb 
das Problem aufgefaßt hat, zu vielen Bedenken 
Anlaß. Druck- und Rechenfehler lassen sich nach- 
weisen, die das Ergebnis beeinflußt haben. Meh- 
rere Korrektionen von Elementen sind von vorn- 
herein = o gesetzt worden, ohne einen zureichen- 
den Grund anzugeben. Die Ausgleichung der 
Bewegungen der 4 inneren Planeten ist nicht ge- 
nügend gelungen, und Newcombs Mitteilungen 
darüber sind recht unklar und unbefriedigend. 
Gerade die hier wichtige Bestimmung der den 
Merkur störenden Venus ist in wenig zweck- 
mäßiger und daher ungenügender Weise durch- 
geführt worden. Und Großmann kommt zu 
dem Schluß, daß in unserer Kenntnis der Merkur- 
bewegung noch mancherlei Widersprüche vor- 
handen sind, die der Aufklärung bedürfen. Jeden- 
falls aber ist das eine sicher, daß der gesuchte 
Wert der Bewegung des Merkurperihels im Jahr- 
hundert zwischen 28" und 38" liegt, das er also 
den von Einstein geforderten Wert von 43" unter 
keinen Umständen erreicht. Es geht also nicht 
an, hier eine Stütze der Relativitätstheorie finden 
zu wollen. Riem. 



Bücherbesprechungen. 



Gehrcke.E., Physik und Erkenntnistheorie. 
119 S. Leipzig und Berlin 1921, B. G. Teubner. 
Der Verf ist nicht nur durch seine physi- 
kalischen Forschungen, sondern auch durch die 
energische und systematische Art, mit der er in 
den Kampf um die Grundprobleme der Physik 
eingegriffen hat, bereits in weiten Kreisen rühm- 
lichst bekannt geworden. Hier betrachtet er nun 
vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes 
aus das Grenzgebiet zwischen Physik und Er- 
kenntnistheorie. Das vortreffliche Büchlein will 
in erster Linie anregen; es stellt aber m. E den 
höchst bedeutsamen Versuch dar, in dem Chaos 
der modernen Physik wieder eine feste Ordnung 
hineinzubringen, und die vielen Grundbegriffe, 
Prinzipien und „Weltpostulate", die sich jetzt meist 
hinter einem mathematischen Schleier verbergen, 
einer gründlichen Kritik zugänglich zu machen. 
Im ersten Teile werden allgemeinere Begriffe, wie 
Wahrheit, Wahrnehmung, Naturgesetze, Kontinuum 
und Diskretum, konditionale und kausale Natur- 
beschreibung behandelt, im zweiten Teile wird 
Besonderes!, wie Raum, Zeit, Bewegung, Energie, 
Kraft, Masse, Atome und Äiher näher besprochen. 
Als Beispiel sei hier das Kapitel über Entropie 
kurz erwähnt. Unter der Herrschaft des Forma- 



lismus in der Physik hat man die Bedeutung des 
sog. zweiten Hauptsatzes der Wärmetheorie, der 
eine erhebliche Einschränkung des Energieprinzips 
darstellt, bedeutend übertrieben, so daß man ihn 
in populären Darstellungen bereits als ein neues 
Weltprinzip ausgibt, das allerdings nur für mathe- 
matisch geschulte Köpfe erfaßbar sein soll. 
Gehrcke weist auf den Streit (1876) zwischen 
Loschmidt und Boltzmann über den Gel- 
tungsbereich des Prinzips hin; der erstere be- 
hauptete, es sei möglich, mittels einzelner oder 
weniger Gasmoleküle Wärme von einem Körper 
mit niederer zu einem solchen mit höherer Tempe- 
ratur überzuführen, der letztere wies durch Rech- 
nung nach, daß bei sehr vielen, quasi unendlich 
vielen, Gasmolekülen ein solcher Übergang nicht 
möglich sei. „Für geringe Molekülzahlen gilt der 
zweite Hauptsatz so ungenau, daß er als praktisch 
ungültig anzusehen ist." Der zweite Hauptsatz 
sei also eigentlich gar kein Hauptsatz, sondern ein 
Nebensatz; er erstreckt sich überhaupt nur auf 
spezielle Erscheinungen der Wärme. Die neueren 
Arbeiten von Zermelo und von v. Smolu- 
chowski (Naturforscherversammlung in Münster, 
191 2) werden nicht erwähnt, wohl weil sie be- 
sonders neue Gesichtspunkte nicht ergeben haben 



N. F. XXI. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



29 



Da der Entropiesatz sich nur auf die Wärmebe- 
wegung bezieht, bleibt natürlich auch die Frage 
offen, ob nicht noch unbekannte Energiebe- 
wegungen vorhanden sind, die dem bedrohlichen 
Wachsen der Entropie entgegenwirken. (Ich ver- 
mute, daß z. B. in der bisher wenig beachteten 
Schwerkraft eine solche Energiebewegung ent- 
halten ist.) Man erkennt hier an einem Beispiele, 
wie umstritten noch vielfach die Geltung physi- 
kalischer Prinzipien ist, und wie gefährlich es ist, 
aus ihnen allzu weitgehende Schlüsse über das 
Schicksal der Welt zu ziehen; wie notwendig es 
aber auch ist, die beschränkte Bedeutung dieser 
Grundbegriffe sich möglichst klarzumachen und 
nicht nur gedankenlos mit ihnen zu rechnen. 

Bemerkenswert sind auch Gehrckes Aus- 
führungen über den Äther. „Auch der Äther ist 
für den Physiker kein denkökonomischer oder aus 
anderen formalen Gründen zu behandelnder Ein- 
fall, sondern entweder eine Tatsache oder nichts: 
gibt es wirklich einen Welläther oder nicht? 
Welches sind seine wirklichen Eigenschaften? Das 
sind die wesentlichen Fragen, die zu beantworten 
Aufgabe der physikalischen Forschung ist." Weiter 
wird erwähnt „daß neuerdings der Äther wieder 
in Aufnahme gekommen ist, daß also der Triumph 
über diesen „phantastischen" und „übei flüssigen" 
Rest aus der „alten" Physik offenbar verfrüht war." 
— Die Abwesenheit jedes komplizierteren mathe- 
matischen Rüstzeugs ist durch die Natur des be- 
handelten Gegenstandes gegeben, der es mit 
Prinzipien, also mit etwas Einfachem zu tun hat. 
Mit Recht sagt der Verf.: „Komplizierte Prinzipien 
gibt es nicht." Allen, die sich mit physikalischen 
und erkenntnistheoretischen Fragen beschäftigen, 
sei das Büchlein dringend empfohlen. 

Fricke. 

Francs, R. H. , Süd -Bayern. Junks Natur- 
lührer. Berhn (W. Junk) 1922. 423 S. Geb. 
32 M. 

Die „Naturführer", von denen in früheren Jah- 
ren bereits die Bändchen Tirol (1913), Riviera 
(1914), Schweiz (1921) erschienen sind, wollen als 
sehr dankenswerte Ergänzung zu den herkömm- 
lichen Reiseführern in allgemeinverständlicher 
Form vor allem über die botanischen, zoologi- 
schen und geologischen Verhältnisse des betreffen- 
den Landes unterrichten. Leider muß gesagt 
werden, daß das eben erschienene Bändchen 
„Süd- Bayern", das den vielschreibenden France 
zum Verfasser hat, sich wenig vorteilhaft von den 
bereits erschienenen unterscheidet. So groß die 
Verdienste sein mögen, die sich France durch 
sein „Leben der Pflanzen" und andere botanische 
Werke um die Popularisierung der Naturwissen- 
schaften erworben hat und so sehr die Lebendig- 
keit seiner Darstellung zu loben ist, um einen 
„Naturführer" zu schreiben, dazu bedarf es ge- 
diegener Kenntnisse im systematischen 
Teil der Naturwissenschaften und solche besitzt 
m. E. Francs nicht, wie mir das angezeigte 



Buch deutlich beweist. Was er bringt, sind zum 
großen Teil Auszüge besonders aus den Werken 
von Sendtner (1854) und Gümbel (1894) und 
wenn der Verf. in der Einleitung behauptet, er 
habe „mehr als tausend Arbeiten über die Natur 
des voralpinen Bayerns durchlorscht", so ist es 
um so verwunderlicher, wenn er ein so grund- 
legendes Werk wie Vollmanns Flora von 
Bayern (1914) nicht benutzt hat. Sonst wären 
ihm nicht die zahlreichen veralteten und falschen 
Angaben über die bayrische Flora unterlaufen. 
Z. B. kommt der Sumpf Porst (Ledum palustre), 
den France vom Gallerfilz am Siarnbergersee 
angibt (S. 93), in ganz Bayern nicht vor, Euphra- 
sia salisburgensis hat ihre Nordgrenze nicht bei 
München (S. 74), sondern findet sich noch im 
fränkischen Jura, Gentiana germanica ist keines- 
wegs „eine seltenere Pflanze" (S. 54). Ein 
schlechtes Zeugnis als Pflanzenkenner stellt sich 
France aus, wenn er den bekannten Stech- 
apfel (Datura Stramonium) in ganz Bayern nur (11) 
am Lech bei Füssen vorkommen läßt. Eine Reihe 
Pflanzen, z. B. Trientalis europaea (S. 111), Cor- 
tusa Matthioli (S. 120J, Marsilia quadrifolia (S. 330) 
führt der Verf. von Fundorten auf, wo sie längst 
verschwunden sind. All das hätte er ver- 
meiden können, wenn er unter den „tausend Ar- 
beiten" auch die Vollmannsche Flora zurate 
gezogen hätte. Bei den wiedergegebenen Pflanzen- 
listen macht es sich bemerkbar, daß der Verf. 
oft nicht zwischen allgemein verbreiteten und den 
charakteristischen Pflanzen unterscheiden kann. 
Wenn also F'rance, der doch seiner ganzen bis- 
herigen Arbeiisrichtung nach als Botaniker gelten 
will, schon im botanischen Teil soviel „Versehen" 
passieren, so darf man wohl vom zoologischen 
und geologischen nicht allzuviel Gutes hoffen. 
Mehr als mangelhaft sind die Literaturangaben, 
die doch gerade für den, der sich in der be- 
treffenden Gegend näher orientieren will, recht 
wertvoll wären, ganz abgesehen von zahlreichen 
Druckfehlern, die auch gerade keine Zierde sind. 
Unter diesen Umständen glaube ich doch, daß es 
etwas überheblich ist, wenn F'rance seinen 
„Naturführer" als einen gewissenhaften Ver- 
such bezeichnet. Es mag zugegeben werden, daß 
es schwierig ist, einen guten, kritischen und zu- 
verlässigen „Naturführer" zu schreiben, wenn man 
wie France Jahr für Jahr ein um das andere 
Werk — sei es nun über Botanik, Geologie oder 
„objektive" Philosophie — auf den Markt bringt. 
Wahlloses Exzerpieren genügt für einen „Natur- 
führer" nicht, auch nicht die 600 Bergwanderungen 
und Streifzüge, die der Verf. gemacht hat. Das 
hat er wohl selbst eingesehen, wenn er sagt, daß 
sein Versuch vielleicht erst bei der „10. ver- 
mehrten und umgearbeiteten Auflage" das sein 
wird, was ihm als Ideal vorschwebte. Hoffentlich 
entschließt er sich aber bereits vor Herausgabe 
der zweiten Auflage seinen Führer gründlich 
durchzusehen und erfahrene Fachleute zu ersuchen, 
ihm dabei behilllich zu sein. Marzell. 



30 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 2 



Haecker, V., Allgemeine Vererbungs- 
lehre. 3. umgearbeitete Aufl. 444 S. mit 
einem Titelbilde und 149 Figuren im Text. 
Braunschweig 1921, F. Vieweg u. Sohn. Brosch. 
46 M. 

Das Buch von Haecker, eines der wichtigsten, 
das wir auf dem Gebiete der Vererbungswissen- 
schaft haben, bringt in der vorliegenden dritten 
Auflage mancherlei neues und trägt in allen Ab- 
schnitten den vielen in den letzten Jahren er- 
zielten Fortschritten der Wissenschaft gewissenhaft 
Rechnung. Beibehalten wurde aber der bewährte 
Grundplan des Werks, und beibehalten nament- 
lich auch die überall durchgeführte scharfe Unter- 
scheidung zwischen gesicherten Ergebnissen und 
Hypothese. So ist der Leser in der Lage, überall 
ein klares Bild von dem gegenwärtigen Stande 
der Dinge zu gewinnen, er wird hingewiesen auf 
viele noch offene Fragen und Lücken in unserer 
Erkenntnis und unwillkürlich zum eigenen Nach- 
denken angeleitet, wozu noch die vielen kritischen 
Bemerkungen des Verfs. wesentlich beitragen. 
Eine zum Feil recht scharfe Kritik übt Haecker 
an der Chromosomenhypothese, die manchen be- 
reits als festgefügtes Gebäude erschienen war. 
Gegenüber einer reinen Chromosomenhypothese 
der Vererbung wird eine Kernplasmahypothese 
derselben dargelegt. Nicht die Qualität der chro- 
matischen Kernsubstanz allein, sondern auch das 
Wechselverhältnis zwischen Kernsubstanz und 
Zellplasma spielt bei den Differenzierungsvorgängen 
der Zellen eine wichtige Rolle, eine Anschauung, 
die sich auch den Ansichten anderer neuerer 
Forscher nähert. Viel gedankenreiches enthalten 
besonders die Kapitel 28 und 29. Im ersteren 
weist Haecker darauf hin, daß der auf der 
Grundlage der M e n d e 1 sehen Regeln beruhende 
Weg der Eigenschaftsanalysen nicht der einzige 
ist. Auch eine rückläufige Eigenschaftsanalyse 
oder Phänogenetik ist möglich, die morphogene- 
tisch und eniwicklungsphysiologisch das Zustande- 
kommen der Eigenschalten in tunlichst frühe Ent- 
wicklungsstadien zurückzuverfolgen sucht. Im 
folgenden Kapitel werden die Zusammenhänge 
zwischen Entwicklung und den verschiedenen 
Vererbungsmodi eingehend erörtert und eine ent- 
wicklungsgeschichtliche Vererbungsregel ausein- 
andergesetzt. Nicht ganz glücklich wurde auf 
Seite 200 das Beispiel eines Bastards Capra 
hircus X Ovis aries gewählt, denn derartige 
Bastarde gibt es nicht. Bei dem Interesse, welches 
gegenwärtig der Vererbungswissenschaft entgegen- 
gebracht wird, ist das durch eine streng sachliche 
und überall klare Darstellungsweise ausgezeichnete 
Haeck ersehe Lehrbuch zweifellos sehr am Platze. 

R. Heymons. 



Volk, Prof. Karl G., Geologisches Wander- 
buch. Eine Einführung in die Geologie an 
Bildern deutscher Charakterlandschaften. Teil I. 
2. Aufl. 264 S., 201 Abb., 1 Taf. Teubners 



Naturwiss. Bibliothek H. 6. Berlin und Leipzig 
1921. Geb. 36 M. 

Das Werk, dessen 2. Teil gleichfalls bereits 
erschien, ist mit Recht verbreitet genug, um keiner 
langen Wiedergabe des Inhalts zu bedürfen. Es 
wendet sich an reifere Schüler, ist aber auch bei 
Studierenden wegen der wissenschaftlichen Zuver- 
lässigkeit des Inhalts noch beliebt. Die ausge- 
zeichnete Ausstattung, wobei besonders die Aus- 
wahl der Illustrationen Zustimmung verdient, trägt 
das Ihrige dazu bei. Sodann aber der warm- 
herzige Anschluß an die deutsche Heimat, der 
frisch-fröhliche, gesunde Ton des begeisterten 
Wanderers, der seit jeher ein Geselle auch des 
Humors ist. 

Eine Fülle von Wissensstoff in leicht zugäng- 
licher, den Boden des Echtwissenschaftlichen nie 
ganz verlassender Zubereitung wird im Plaudertone 
dargebracht. Der Hauptwert aber liegt in der 
Methode: der Wissensstoff ist nur Stufe zur Bil- 
dung des ganzen Menschen, nicht Selbstzweck, 
der im „Überhören" mündet. Des jungen Men- 
schen Seele soll empfänghch, ja durstig gemacht 
werden in bezug auf die Natur unserer schönen 
deutschen Landschaft und das, was sie dem zu 
sagen weiß, der ihre Sprache erlernte. Nicht 
totes Wissen, sondern Schauen, fröhlich Schauen, 
Trinken was die Wimper hält, darauf ist das ganze 
Buch abgestellt und solchen Jugendlehrern wollen 
wir dankbar sein! 

Gegenüber der ersten bewährten Auflage 
konnten sich die Ergänzungen in bescheidenen 
Grenzen halten. Sie gehen auf Abrundung aus 
und halten an der induktiven Art der Einführung 
in Probleme von allgemeiner Bedeutung fest. 

Hennig. 

Wenz, Dr. W., Das Mainzer Becken und 
seine Randgebiete (zwischen Hunsrück, 
Taunus, Vogelsberg, Spessart, Odenwald). 350 S. 
mit 518 Abb., 41 Tafeln. Heidelberg 1921, 
Ehrig. Geh. 50 M., geb. 60 M. 
Ders. , Geologischer Exkursions führer 
durch das Mainzer Becken und seine 
Randgebiete. 1 36 S. mit 30 Abb., 6 Tafeln. 
Ebenda 1921. Kart. 16 M. 
Als offenbaren Niederschlag einer sehr liebe- 
vollen und langjährigen Beschäftigung mit einem 
in Kürze und vorübergehender Neigung nun ein- 
mal nicht zu bewältigenden Stoff bietet der Verf. 
in Anlehnung an eine Vortragsreihe eine ein- 
gehende Darstellung des Mainzer Beckens, wobei 
mit voller Absicht und mit gutem Recht das 
Schwergewicht auf das Tertiär gelegt ist. Nicht 
weniger als 59 Seiten umfaßt für dies historisch 
wichtige, zeitlich und räumlich aber enge Spezial- 
gebiet der Aufzählung des Schrifttums und der 
Karten 1 Die Behandlung ist umfassend und klar, 
auch dem Nichtgeologen zugänglich. Besondere 
Sorgfalt ist auch auf die Veranschaulichung des 
Stoffes verwendet. Sämtliche Profile, Kärtchen, 
Fossilwiedergaben sind selbst gezeichnet (nur der 



N. F. XXI. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



31 



üreikanter, Fig. 38, erscheint mißglückt). Be- 
sonders eine Reihe paläogeographischer Kärtchen 
müssen auch dem Fachmann willkommen sein. 
Außerordentlich eingehend sind die Fossillisten. 
Dem Sammlerliebhaber kommt das Werkchen vor 
allem entgegen, leitet ihn aber zugleich an, nicht 
Fossilien zu sammeln, wie man Briefmarken 
sammelt, sondern darüber hinaus den Zusammen- 
hängen der Erscheinungen nachzugehen. 

Der geologische Führer ist praktischerweise 
abgetrennt worden, um dort nicht den Umfang 
zu überlasten, selbst handlich zu bleiben. Alles 
ist auch im kleinsten praktisch angefaßt und jedem 
möglichen Bedürfnis in glücklichster Weise ent- 
sprochen. Zuverlässigkeit in allen Angaben steht 
bei dem Verf. außer Frage. E. Hennig. 



Theimer, V., Praktische Astronomie, geo- 
graphische Ortsbestimmungen und 
Zeitbestimmungen. Teubners Technische 
Leitfäden Bd. 13. 127 S. mit 62 Fig. Leipzig, 
Berlin 1921. Kart. 20 M. 
Das Buch ist besonders den Bedürfnissen der 
Studierenden technischer Berufe angepaßt, die 
nur ein gewisses Kapitel der Astronomie sich an- 
eignen wollen, und darum hier alles vollständig 
beisammen finden. Von den Grundbegriffen und 
der Ableitung der Kepl ersehen Gesetze aus- 
gehend, werden die Koordinatensysteme und deren 
Umwandlung ineinander abgeleitet, dann die Kor- 
rektionen der Ablesungen der Kreise der Libellen, 
die Instrumentalfehler und die Einflüsse von Re- 
fraktion, Parallaxe und Radius der Gestirne, so 
daß nach Berücksichtigung dieser Größen die Be- 
stimmung des Meridians und der Zeit nach ver- 
schiedenen Methoden stattfinden kann. Die so 
erhaltenen Ergebnisse werden dann zur geogra- 
phischen Zeit- und Längenbestimmung verwendet, 
wie sie für geodätische und Vermessungszwecke 
notwendig ist. Die Beweisführung und Beschrei- 
bung der Methoden ist knapp und klar, das Werk 
ein willkommenes Handbuch für den beabsichtigten 
Zweck. Riem. 

Planck, M., Vorlesungen über Thermo- 
dynamik. 6. Aufl. 292 S. mit 5 Fig. im 
Text. Berlin und Leipzig 1921, Vereinigung 
wissenschaftlicher Verleger. Geb. 45 M. 
Das Planck sehe Werk ist für das Studium 
der Thermodynamik bis heute von so fundamen- 
taler Bedeutung, daß das Erscheinen dieser Neu- 
auflage zweifellos starkem Bedürfnis entspricht. 
Es will die Theorie der Wärme nicht erschöpfend 
behandeln, sondern zeigen, in welchem Umfang 
die thermodynamische Kenntnis aus den Gebieten 
der Physik und physikalischen Chemie auf der 
rein energetischen Grundlage der beiden Haupt- 
sätze entwickelt werden kann. Wo ihre Konse- 
quenzen nicht ausreichen, wird das Nernstsche 
Wärmetheorem eingeführt. Molekularkinetische 
und quantentheoretische Betrachtungen aber blei- 
ben ausgeschlossen. Unter den Ergänzungen, 



welche die neue Auflage erfahren hat, ist im 
wesentlichen eine Theorie der Gefrierpunktsernie- 
drigung starker Elektrolyte und die Debyesche 
Zustandsgieichung fester Körper hervorzuheben. 
Hingewiesen sei noch besonders auf die bei größter 
Reichhaltigkeit des Inhalts durchweg klare, leicht- 
faßliche Darstellung, die lediglich Vertrautheit 
mit den Elementen der Physik und Chemie und 
der Differential- und Integralrechnung voraussetzt. 

A. Becker. 

Ludewig, P., Radioaktivität. 317. Bänd- 
chen der „Sammlung Göschen". 133 Seiten 
mit 37 Abbildungen. Berlin und Leipzig 1921, 
Vereinigung wissenschaftlicher Verleger. Geh. 
4,20 M. 
Das vorliegende Bändchen ist als vortreftliche 
Einführung in das Erscheinungsgebiet der Radio- 
aktivität und in eine Reihe damit zusammen- 
hängender Fragen von allgemeinerer Bedeutung 
allen am Fortschritt der neueren physikalischen 
Forschung interessierten Lesern angelegentlich zu 
empfehlen. In kurzen Zügen gibt es zunächst 
einen klaren Einblick in die gegenwärtige Kennt- 
nis vom Bau der Atome, dem Atomzerfall und 
der im periodischen System enthaltenen gesetz- 
mäßigen Beziehungen der Elemente zueinander. 
Im folgenden wendet es sich dann den speziellen 
physikalischen Eigenschaften der radioaktiven 
Strahlen und den Grundlagen und der praktischen 
Ausführungsweise aller wesentlich in Betracht 
kommenden radioaktiven Messungen zu. Daß die 
Betrachtung hier nicht erschöpfend sein konnte, 
ist bei der Kürze der Darstellung selbstverständ- 
lich. Von besonderem Interesse ist das der An- 
wendung der radioaktiven Stoffe in der Medizin 
gewidmete Schlußkapitel. A. Becker. 



Lehner, Alfons, Tafeln zum Bestimmen 
der Mineralien mittels äußererKenn- 
zeichen. 72 S. Berlin und Leipzig 192 1, 
Vereinigung wissenschaftlicher Verleger. Walter 
de Gruyter u. Co. Preis geh. 10 M. 
Die Tabellen geben in der üblichen Reihen- 
folge für metallisch glänzende und nichtmetallisch 
glänzende Mineralien von farbigem oder weißem 
Strich die notwendigen Daten zur Bestimmung. 
Soweit durch Proben festgestellt wurde, ist die 
gleiche Vollständigkeit wie in den bekannten 
Tabellen von Weisbach-Kolbeck nicht ganz 
erreicht worden. Auch die dort angenehm emp- 
fundene Hervorhebung seltener, häufigerer und 
sehr häufiger Mineralien durch verschieden star- 
ken Druck wäre zu empfehlen gewesen. Die bei 
den einzelnen Gruppen angehängten sehr spär- 
lichen Angaben über zugehörige seltenere Mine- 
ralien sind für die Zwecke einer Bestimmung 
wertlos. Bei geringeren Ansprüchen an Voll- 
ständigkeit werden die Tabellen aber, zumal in- 
folge ihres billigeren Preises, genügen können. 

Spangenberg. 



32 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 2 



Anregungen und Antworten. 



Die Ameisenhöcker auf den Grettsladter Wiesen. Die 
Gretlstadter Wiesen, jenes südlich von Schweinfurt zwischen 
Schwebheim und Sulzbeim gelegene, in einer Ausdehnung von 
ungefähr 6 km Länge und 2,5 km Breite sich hinziehende 
Moorgebiet, gehören zu der dem Stcigerwald vorgelagerten 
Senkung, die wahrscheinlich dadurch entstand, daß dieser Teil 
des schwäbisch-tränkischen Muschelkalkplateaus abbrach und 
in die Tiefe sank. So bildete sich zwischen dem Steigerwald 
und den Honen nördlich des Mains ein weites Becken, dessen 
Wasser sich allmäblich nach Westen uod Südwesten einen 
.■\blluB schafften. Durch das Wegspülen der Gips-, Mergel- 
und Kalkbchichten bildeten sich flache Mulden, in denen das 
Wasser stehen blieb; kleine Seen, Sümpte und Moore zeugen 
heute noch von diesen Voigangen. 

Von den Schichten der Triasformation, zu der Unter- 
franken gehört, ist es der Keuper, der an dem Aufbau der 
Gegend hauptsächlich beteiligt ist und zwar die Lettenkohle, 
deren gelbgrauer und gelbbrauner Dolomit am Unter^pies- 
heimer Weg zurzeit wieder gebrochen wird, und der Gips- 
keuper, der ihm aufgelagert ist und besonders bei Sulzheim 
(Gipshügel und Gipstjruch) zutage tritt. 

Die eigentliche Torfscbicht ist meist überdeckt von einer 
30 — 40 cm dicken Humuslage, unter welcher der Torf an 
manchen Stellen bis 2 m hinabreicht. Weiter nach unten 
folgen gewöhnlich starke Lagen eines feinen, mit Millionen 
kleiner Schneckenhäuser durchsetzten Sandes, durch den sich 
weiflgraue Mergel- und Tonschichien ziehen, woraus sich das 
Stagnieren des Wassers zur Genüge erklärt. 

Seit Jahrhunderten ist dieses Gebiet bei den Floristen 
Deutschlands als Fuodstätte seltener Pflanzen bekannt. Nicht 
minder Interessantes bietet sie den Faunisten, und es wäre 
wohl an der Zeit, dafi von diesen eine systematische Durch- 
forschung der Gegend erfolgte. 

Zu den augenfälligsten Erscheinungen auf dem Gebiet 
gehören die Ameisenhocker, die zwischen dem alten und 
neuen Unkenbachbctt am östlichen Rande des Riedholzes 
sich fiaden m nächster Nähe jener Tümpel, die durch das 
Vorkommen verschiedener Charaarten und als Standoit von 
Cladium mariscus bekannt sind, infolge der Regulierung des 
Unkenbachs jetzt aber austrocknen. 

Auf dieser ungefähr 150 m langen, 130 m breiten, etwas 
höher als die Umgebung gelegenen und darum tiockenen 
Stelle erheben sicti Hunderle von ca. 30 — 40 cm hoben 
Ameisenhügeln, oft dicht beisammenstehend, manchmal auch 
l'/s — 2 m voneinander entfernt. 

Gebildet werden sie alle von staubfeinem, dunkelge- 
{arbtem Sand ; als Bewohner konnte ich ausschließlich Lasius 
flavus feststellen. Zahlreiche bleistift- und kleinlingerdicke 
Gänge durchziehen die Hügel, in denen ich bei meinem 
letzten Besuche anfangs September dieses Jahres neben ziem- 
lich vielen Weibchen noch einige geflügelte Männchen und 
Eier, Nymphen und Puppen fand, letztere in geringer Anzahl. 

An Bäumen erheben sich auf dem Platze nur eine fast 
armdicke Kiefer von etwas über 2 m Höhe und am Süd- 
und Westrande einige Birken und Eichen. (Das anstoßende 
Riedholz weist neben zahlreichen Stiäuchern in der Haupt- 
sache Kiefern und Eichen auf.) Zwischen den Hockern 
wachsen einige hundert Faulbaumsträucher (Frangula alnus) 
von verschiedener Höhe und Stärke, kleine Büsche unter I m 
und gröfiere bis 1 m hoch. 

An sonstigen Pflanzen stellte ich fest: Euphorbia Gerar- 
diana, Reseda luteola, Ononis spinosa, Jasione montana, Ga- 



lium boreale, Achillea millefolia, Scabiosa columbaria, Poten- 
tilla tormentilla. 

Auf dsn Höckern selbst wachsen: Galium boreale, Gali- 
um verum, Asperula cynanchica, Campanula rotundifolia, 
Thymus serpyllum. 

Leider ist auch dieses Gebiet — wie der Bestand der 
Grettstadter Wiesen überhaupt — durch die immer näher 
heranrückende Kultivierung bedroht. Jahr für Jahr werden 
neue Machen dem Ackerbau dienstbar gemacht und durch die 
Tieferlegung und Regulierung des Unkenbachs wird die Zer- 
störung dieses in Franken einzigartigen Moorgebietes und 
seine Umwandlung in Wiesen- und Ackerland immer mehr 
beschleunigt. Oberlehrer A. Jackel, Schweinfurt. 



Zu: Heikertingers Täuschende .Ähnlichkeit mit Wes- 
pen und Bienen (SphekoidieJ in Nr. 41, 20. Jabrg. mocme ich 
folgendes bemerken: Es ist merkwürdig, wie verschieden doch 
die üntersuchungsergebnisse jeweilig ausfallen. Ich habe im 
August 1894 '™ freien Versuche angestellt mit fast erwachsenen 
Kreuzspinnen (Araneus diadematus), denen ich Eristalis tenax, 
die große braune bchlammfliege, ins Netz warf. Die Versuchs- 
spinnen waren sehr lebhaft und höchst gefräßig — sie standen 
dicht vor der Keile und waren einfach unersättlich. Sie 
fraßen an Fliegen und Schmetterlingen, was ihnen nur ins 
Netz kam, hungrig Tag und Nacht, und stürzten sich mit 
Leidenschaft auf ihre Beutetiere. Als ich einer Spinne aber 
eine Scdlammfliege ins Netz gab, änderte sich ihr Benebraen 
beträchtlich. Sie stürzte zwar wie immer, so auch aut jetzi 
die Pseudobienendrohne los — aber kurz vor ihr stoppte sie, 
zuckte eine kleine W^eile an den nächsten Netziäden und stieß 
die Spitzen ihrer Vorderbeine nach der verdächtigen Beute. 
Erst aann begann sie in der Tat auch die Eristalis einzu- 
wickeln, aber sehr respekivoU : mit hochgestellten Beinen und 
den Rumpf in Beinlänge, also etwa I cm Eutlernung haltend, 
umspann sie mit einem breiten Gespinstband das gefährliche 
Kerl, wickelte es dicker ein als sie es mit anderer Beute 
machte; und dann erst brachte sie der Wehrlosen den ersten 
Biß bei. Ich habe das grausame Experiment — ich war da- 
mals sehr jung — an mehreren Tagen vielleicht ein dutzend- 
mal wiederholt mit mehreren Spinnen — sie verhielten sich 
alle und immer gleich. 

Nach meiner Meinung kann man diese Beobachtungen 
nur so deuten : Die Bienenähnlichkeit der Schlammfliege — ihr 
Aussehen, ihr Gebrumm, ihr ungebärdiges Rütteln im Netz — 
kam den Kreuzspinnen irgendwie zum Bewußtsein; sie zögeiten 
beim Überfall, und eine mit voller Wucht in ein Spinnennetz 
prallende Eristalis würde voraussichtlich durch diese Bienen- 
ähnlichkeit und das Stutzen der Angreiferin Zeit gewinnen, 
sich aus dem Netz zu befreien. 

Dagegen kann ich Herrn H eike rting er bestätigen, daß 
Wespen für Radspinnen gefährlich werden können. Unter 
einem Fenstersims an der Außenwand eines Hauses befand 
sich das Netz einer Meta merianae. Eine Arbeiterin von 
Vespa vulgaris, die die Hauswand nach Fliegen absuchte, 
geriet in das Netz hinein. Sie gebärdete sich sogleich wie 
rasend, strampelte und schnappte um sich und schnitt der 
unvorsichtig zufahrenden Spinne mit einem Biß 3 Beine und 
einen Taster ab. Einen Augenblick später war sie frei. 

Ich habe die Eristalisbeobachtung seinerzeit veröffentlicht 
in der längst eingegangenen Zeitschrift ,, Natur und Haus", 
Jahrg. 1S95; daher ist mir die Sache so gut in Erinnerung. 
D. Stadler (Lohr). 



Inhalt: W. A. Collier, Idiosynkrasie und Anaphylaxie. S. 17. K. Vogt her r. Über F'ragen der Aberration und Licht- 
ausbreitung. S. 20. — EiDzelbeiichte: Freundlich, Der sogenannte Einsteinturm der Potsdamer Sternwarte. S. 25. 
P. Sud eck, Basedowsche Krankheit und innere Sekretion. S. 25. B. Romeis, Thymusdrüse und Wachstum. S. 26. 
G. A. Hüllet und O. Nelson, Die chemische Natur der Grap'bitsäure. S. 27. Cl.v. Thaden, Künstliche Beleuch- 
tung zur Förderung der Kükenaufzucht. S. 27. Groß mann. Die Bewegung des Mcrkurperihels. S. 28. — Bücher- 
besprecbungen E. Gehrcke, Pbysik und Erkenntnistheorie. S. 28. R. H. F r a n c e , Süd Bayern. S. 29. V. H a e c k e r , 
Allgememe Vererbungslehre. S. 30. K. G. Volk, Geologisches Wanderbuch. S. 30. W. Wenz, Das Mainzer Becken 
und seine Randgebirge. Ders, Geologischer Exkursionsführer durch das Mainzer Becken uud seine Randgebiete. S. 30. 
V. The im er, Praktische Astronomie, geographische Ortsbestimmungen und Zeitbestimmungen. S. 31. M. Planck, 
Vorlesungen über Thermodynamik. S. 31. P. Ludewig, Radioakiivität. S. 31. A. Lehner, Tatein zum Bestimmen 
der Mineralien mittels äußerer Kennzeichen. 8.31. — Anregungen und Antworten: Die Ameisenhöcker auf den Grett- 
stadter Wiesen. S. 32. Täuschende Ähnlichkeil mit Wespen und Bienen. S. 32. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 

Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G.m.b.H., Naumburg a. d.S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge 21. Band: 
der ganzen Reihe 37. Band. 



Sonntag, den 15. Januar 1922. 



Nummer 3. 



Zur Kenntnis des Dickenwachstums der Opuntien. 

Von Karl Reiche. 



[Nachdruck verboten.] 



Mit 7 Textabbildungen. 



Die Umgebung der Hauptstadt Mexicos ist 
reich an Kakteen und besonders an Opuntien, — 
nur daß leider die Unterscheidung, zumal der 
flachsprossigen Arten, noch große Schwierigkeiten 
bietet. Mit den Vorstudien zu meiner Vegetations- 
skizze der Hochebene von Mexico beschäftigt, 
wurde meine Aufmerksamkeit natürlich auch auf 
diese physiognomisch bedeutsame Gruppe gelenkt ; 
und da in der mir zur Verfügung stehenden ziem- 
lich reichhaltigen Literatur eingehendere Aufgaben 
über die nachträgliche Verdickung von Stämmen 
und Wurzeln dieser Kakteen fehlten, so habe ich 
versucht, einige Beobachtungen über diese mir 
interessant erscheinenden Verhältnisse anzustellen. 
Ich glaubte mich um so mehr dazu veranlaßt, als 
man in Europa wohl schwerlich dickstämmige, 
vielleicht hundertjährige 0/?/w//«-Bäume, falls sie 
überhaupt existieren, dem Messer des Anatomen 
opfern würde. Neben Opiintia sollen gelegentlich 
auch andere Kakteen zum Vergleich herangezogen 
werden. — 

Hinsichtlich der Methodik der Untersuchung 
schicke ich voraus , daß ich zur Feststellung der 
gröberen Anatomie von der Mazeration in Wasser 
einen weitgehenden Gebrauch gemacht habe. 
Man erhält auf diese Weise von den Holzkörpern 
der Stämme und Wurzeln sehr anschauliche, jedem 
Museum zur Zierde gereichende Skelette (vgl. 
Abb. 5). Dieses Verfahren war durch die zahl- 
reichen ausgefaulten Stammstücke nahegelegt, 
welche man in der Steppe findet. Sofern es sich 
um Herstellung mikroskopischer Präparate handelt, 
ist es empfehlenswert, nur Material zu schneiden, 
welches gänzlich von Alkohol durchtränkt ist; 
sonst hat man, sobald man die Schnitte mit 
Wasser oder wässerigen Lösungen in Berührung 
bringt, von den unglaublichen Schleimmengen 
aller Gewebe mancherlei Unbequemlichkeiten zu 
leiden; übrigens scheinen die Opuntien weit reicher 
an Schleim als andere Kakteen. Schneidet man 
einen ausgewachsenen, aber noch nicht verholzten 
Flachsproß durch, so quillt eine beträchtliche 
Menge Schleim heraus ; er wird aus den Schleim- 
lücken in dicken, wurstförmigen Massen entleert, 
steht also unter einem gewaltigen, von dem um- 
gebenden Parenchym ausgeübten Druck. 

Das untersuchte Material läßt sich nach seinen 
Wuchsverhältnissen in drei Gruppen bringen ; 
I. niedrige, rasen- oder herdenweis wachsende 
Arten mit eiförmig- zylindrischen, weichen Körpern ; 
Typus: Opiintia funicata Lk. et Otto; 2. hoch- 
wüchsige Arten mit zylindrischen, deutlich ver- 



holzenden Stämmen; Typus: O. imbricaia DC; 
3. dickstämmige Bäume mit runder Krone, deren 
jüngere Sprosse flach sind ; Typus : O. toincntosa 
S.-D. Von ihnen stehen in anatomischer Bezie- 
hung die beiden ersten einander näher als dem 
dritten. 

Die nachfolgende Darstellung gliedert sich in 
drei Teile: zunächst ist die ursprüngliche Be- 
schaffenheit und Lagerung der an der späteren 
Dickenzunahme beteiligten Gewebe zu verzeichnen; 
alsdann ist ihre durch das Dickenwachstum be- 
dingte Veränderung zu schildern; daran sollen 
sich einige allgemeine Bemerkungen über den 
Aufbau des Skelettes der Kakteen schließen. 

I. Der Bau des Stammes und der Wurzel 
von Opuntia vor dem Dickenwachstum. 

A. Der Stamm. Als gemeinsamer Zug im 
inneren Aufbau ist festzustellen das Vorhandensein 
von stammeigenen , ein regelmäßiges Maschen- 
werk bildenden Gefäßbündeln und von unregel- 
mäßig anastomosierenden 
Blattspursträngen, welch letz- 
tere von den Areolen zu 
den stammeigenen Bündeln 
sich erstrecken. In den 
jungen, noch zylindrischen 
und in den älteren, flachen 
Sprossen von O. loviciitosa 
liegen die Blattspursysteme 
in der Ebene der stamm- 
eigenen Stränge; in den 
mit hervorragenden Warzen 
ausgestatteten Gliedern von 
O. tiiuicata und O. imbricaia 
bildet die Gesamtheit der 
Blattspuren, welche zu einer 
Areole gehören, den Mantel 
eines schiefen Kegels, dessen 
etwas abgestumpfte Spitze 
in der Areole, dessen Basis 
am Innenrande der Masche 
des stammeigenen Systems 

gelegen ist, über welche jene areolentragende 
Warze sich erhebt (Abb. i). An den Ein- 
schnürungen, welche die Glieder voneinander 
trennen, bilden die Bündel ein dichtes Geflecht; 
das ist selbstverständlich, insofern der Tochter- 
sproß von einer räumlich sehr beschränkten Stelle 
des Muttersprosses seinen Ursprung nahm. 

Betrachten wir zunächst a) die Arten mit zy- 
lindrischen Stämmen, so ergibt der Querschnitt 




Abb. I. 
Stücl< des Holzkörpers 
von Opuntia imbricaia^ 
die Lage der Areolen 
und das Maschenwerk 

zeigend. 



34 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 3 



durch ein Glied, in der Höhe einer Areole aus- 
geführt, das folgende Bild: Die dicken, stamm- 
eigenen Stränge sind nach Dikotylenart in einen 
Kreis gestellt, während die dünnen, zahlreichen 
Blattspurstränge der in ihrer Areole getroffenen 
Warze parallel mit deren Umrißlinie angeordnet 
und, ihrer geneigten Richtung zufolge, + schief 
durchschnitten sind. Die stammeigenen Bündel 
besitzen rindenwärts eine schwache Bastzell- 
gruppe, dann Phloem , Kambium und einen 
Xylemteil, der aus engen Schraubengefäßen und 
Vasalparenchym besteht; ihm schließen sich mark- 
wärts jene eigentümlichen, seit Seh leiden be- 
kannten , spindelförmigen Elemente an , welche 
dünne, unverholzte Membranen und ringförmige, 
stark nach der Mitte vorspringende (manchmal 
auch Schraubenbänder von '/a bis i Umgang 
bildende) und schwach verholzte Verdickungs- 
leisten besitzen, und in Anlehnung an den 
S c h 1 e i d e n sehen Ausdruck „Spiralfaserzellen" 
hier als „Spiraltracheiden" bezeichnet werden 
mögen. Von der Seite betrachtet, sehen sie den 
zu Illuminationszwecken benutzten „chinesischen 
Papierlaternen" nicht unähnlich. Außerdem findet 
sich an den Seiten und dem ins Mark vorspringen- 
den Ende des Xylems reichliches und typisches 
Collenchym, dessen weit nach dem Innern des 
Sprosses vorgeschobene Lagerung von dem son- 
stigen peripherischen Vorkommen dieses Gewebes 
abweicht. Die warzenständigen Blattspurstränge 
sind weit einfacher gebaut; sie entbehren zumal 
des Kambiums, der Spiraltracheiden und des Collen- 
chyms. 

b) Von den später flachsprossig werdenden 
Arten standen mehrere Keimlinge der O. touientosa 
(oder einer verwandten Art) zur Verfügung. Ihre 
Keimblätter waren, beiläufig bemerkt, oft ungleich 
lang. Das hypokotyle Glied zeigt im Querschnitte 
einen merklich zentral gelegenen Strang, der sich 
aus 4, um ein schwach entwickeltes Mark ge- 
legenen Bändeln aufbaut. Von ihnen gehen 2 
in die Keimblätter ab, die anderen beiden ver- 
zweigen sich unmittelbar bei ihrem Eintritt in 
das Stämmchen. Dieses ist hier, und ganz allge- 
mein bei den flachsprossigen Arten zylindrisch 
geformt und besitzt schwach hervorragende, 
areolentragende Warzen; die in einen Kreis ge- 
stellten Bündel enthalten im Xylem, neben den 
Schraubengefäßen, auch einige Spiraltracheiden, 
im Widerspruch zu den Eiteraturangaben, ') wo- 
nach sie den flachsprossigen Opuntien fehlen 
sollen. Das ist allerdings auch hier insofern rieh 
tig, als sie eben in der noch zylindrischen, jugend- 
lichen Pflanze auftreten, aber bereits im nächst- 
folgenden, schon sich abflachenden Sprosse nicht 
mehr gebildet werden. Aus dem Vorstehenden 
erklärt sich die Tatsache, daß man gelegentlich 
in der Markkrone am Grunde älterer Stämme 
noch Spiraltracheiden findet. — Der Übergang vom 
zylindrischen zum flachen Sproß gibt sich durch 



') Solercdcr, H., System. Anat. der Dikotylen, S. 463. 



den zunehmenden Horizontalabstand der in glei- 
cher Höhe liegenden Areolen kund; er betrug 
beispielsweise im zylindrischen Teil $ mm; aber 
2 cm höher, im abgeflachten Teil, bereits 8 mm; 
und mit dieser äußerlich meßbaren Entfernung 
der Areolen geht im Innern eine Zunahme der 
Bündel Hand in Hand; einem Areolenabstand 
von 5 mm entsprechen auf dem Querschnitt 6, 
einem solchen von 9 mm aber 13 Bündel; diese 
Vermehrung ist bedingt durch die neu einge- 
schalteten Anastomosen. — 

Die Oberfläche des Sprosses, der Schauplatz 
der späteren ausgiebigen Peridermentwicklung, 
wird bedeckt von einer einschichtigen Epidermis 
mit sehr stark verdickten Außenwänden; darauf 
folgt ein I — 2 Lagen mächtiges Hypoderm und 
alsdann die bekannte kristallführende Schicht, 
welche in ihrer Gesamtheit einen von kristall- 
freien Gewebestreifen unterbrochenen Steinmantel 
darstellt, der den Sproß umgibt. Die hier be- 
findlichen Kristallaggregate weichen von den 
im Grundparenchym enthaltenen dadurch ab, daß 
sie nicht die geläufige Morgensternform haben, 
sondern radialgestreifte Kugeln (Sphärokristalle) 
mit glatter Oberfläche darstelle«. Sie sind außer- 
ordentlich hart, so daß das Messer bei Anfertigen 
der Präparate knirscht; auch sind sie in Kalilauge 
und in Mineralsäuren so langsam zersetzbar, daß 
ich an ihrem Bestände aus Kalziumoxalat irre 
wurde und sie für Silikate zu halten geneigt war, 
bis ich beim Durchmustern älterer Präparate, die 
mit schwefelsäurehaltigem Anilinsulfat behandelt 
waren, den Zerfall jener Drusen in Gipsnadeln 
bemerkte. Unter jener kristallführenden Schicht 
breitet sich schließlich der Mantel aus unregel- 
mäßigem Collenchym aus, der hier und da von 
den schlotartigen Kanälen senkrecht durchbrochen 
wird, welche die Spaltöffnungen mit dem Assi- 
milationsgewebe in Verbindung setzen. 

B. Die Wurzel. Die untersuchten Wurzeln 
sind von typischem Bau, mit reichlicher Entwick- 
lung des Parenchyms. Das zentrale Gefaßbündel 
ist tetrarch bis hexarch. Spiraltracheiden wurden 
niemals beobachtet. 

II. Nach dem Dicken Wachstum. 
Wie bereits von allen Autoren festgestellt ist, 
wird die Volumenzunahme der Stämme großen- 
teils, wie bei fleischigen Pflanzen überhaupt, durch 
eine beträchtliche Vermehrung des (hier glykose- 
reichen) Grundparenchyms bedingt. Von histo- 
logisch wesentlicherem Interesse ist das vom 
Kambium aus unternommene Dickenwachstum. 
Nach Schumann ^) setzt dieser Vorgang erst 
nach Jahren ein : „bei den meisten Arten währt 
es sehr lange Zeit, ehe die gesonderten Stränge 
durch Interfaszikularbündel geschlossen werden 
und es zur Bildung eines zusammenhängenden 
Verdickungsringes kommt." Ich kann diese Mei- 
nung für die untersuchten Opuntien nicht be- 

') Natürl. Pflanzenfam. III 6a, S. IU5. 



N. F. XXI. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



35 



stätigen ; die Schumann sehen Angaben beziehen 
sich wohl auf das Verhalten kultivierter Exem- 
plare, wie denn überhaupt den sorgfältigen Kakteen- 
arbeiten dieses Verf.s (auch in der Systematik 
der Kakteen) ein Teil ihres Wertes durch die 
notgedrungene Beschränkung auf Gartenmaterial 
genommen wird. — Wie im vorigen Abschnitte, 
mögen zunächst O. tunicata und 0. imbricata 
einerseits, und alsdann O. tomciüosa andererseits 
betrachtet werden. Bei jenen ist folgendes Ver- 
halten zu beobachten: Neben den stammeigenen, 
das mehrfach erwähnte Maschensystem bildenden 
Strängen entstehen im Grundparenchym neue, 
mit ihnen parallellaufende, bzw. mit ihnen anasto- 
mosierende Bündel, die mit jenen durch Inter- 
faszikularkambium in Verbindung treten; damit 
wird zunächst ein in tangentialer Richtung ver- 
breiterter Strangkomplex geschaffen, der alsdann, 
durch -die kambiale Tätigkeit, auch in radialer 
Richtung verdickt wird. Für O. tunicata im be- 
sonderen gestalten sich die weiteren Verhältnisse 
folgendermaßen (Abb. 2): Das Kambium scheidet 
nach innen zu enge Schraubengefäße, weitere 



bedingt, daß das Kambium abscheidet i. dick- 
wandige, sehr stark verholzte, mit schiefen Spalten- 
tüpfeln versehene Holzfasern ; 2. kurzgliedrige, an 
Trachelden erinnernde Gefäße mit eiförmiger Per 
foration und breiten, quergestellten Tüpfeln, mi 
allen Übergängen vom einfachen zum Hoftüpfel 
diese Gefäße sind von verschiedener Weite 
3. spärliches Vasalparenchym und 4. Spiral 
tracheiden, diese wiederum nach dem IVIarke zu 
gelegen. Der Zusammenschluß zwischen den 
einzelnen Bündeln wird durch schmale und breite, 
verholzte oder streckenweis unverholzte IVlark- 
strahlen, deren Zellen stark getüpfelt sind, ver- 
mittelt. So entstehen im Querschnitt trapez- 
förmige oder dreieckige Stränge von außerordent- 
licher, an Knochen erinnernder Härte und von 
1,5 — 2 cm Dicke. Ihre Außenseite ist leicht 
längsgefurcht, weil die Markstrahlen nach außen 




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Abb. 2. Querschnitt aus einem mehrjährigen Holzstrange von 
0. Iiiiiirata. Der Pfeil weist auf die Spiraltracheiden hin. 

Netzgefäße (bzw. eine Übergangsform zwischen 
beiden, insofern sich die Schraubenbänder gabeln), 
Vasalparenchym und Spiraltracheiden ab, letztere 
zumal nach dem Marke hin. Zwischen den ein- 
zelnen, demselben Strang zugehörigen Bündeln 
bleiben breite, unverholzte Markstrahlen offen. 
Wie man sieht, ist der gesamte Strang von lockerer, 
und bei der Menge parenchymatischen Gewebes 
von weicher Beschaffenheit. Demgegenüber 
weist O. imbricata ein weit festeres Strangsystem 
auf (Abb. 3). Diese größere Festigkeit ist dadurch 




Abb. 3. Querschnitt aus einem älteren Skelettstrang von 

O. imbricata; A. nach der Rinde, B. nach dem Marke zu. In 

letzterer Figur sind am Innenrande des Stranges Spiraltracheiden 

und Collenchymfasern zu sehen. 

weniger vorspringen, als die Holzteile; ihre Innen- 
seite ist stark und unregelmäßig gebuchtet, weil 
die markwärts gelegenen Anteile der primitiven 
Bündel weit mehr vorspringen, als die sekundären 
Erzeugnisse des Kambiums. — 

Die im Vorstehenden angeführten Gewebe sind 
in den Holzsträngen in einer vom Alter des Indi- 
viduums und von der Jahreszeit abhängigen Weise 
verteilt. Nur in der Jugend gebildete und daher 
im erwachsenen Stamme ausschließlich in der 
Markkrone befindliche Elemente sind, wie im 
vorigen Abschnitte bereits ausgeführt wurde, die 
engen Schraubengefaße, Collenchymzellen und die 
Spiraltracheiden. Die Verteilung der übrigen 



36 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 3 



Elemente erfolgt in Abhängigkeit von der Jahres- 
zeit, bedingt also die Entstehung der Zuwachs- 
zonen. Von ihnen wurden auf dem dreieckigen 
Querschnitt eines Holzstranges von 2 cm Dicke 
etwa 15 — 16 von verschiedener Deutlichkeit ge- 
zählt; doch kommt auch die Einschiebung breiter, 
tangentialer Parenchymstreifen vor, so daß lokal 
die Altersbestimmung eines Sprosses nach der 
Zahl der Jahresringe unsicher werden kann. ') Das 
Dickenwachstum beginnt Anfang Mai mit der 
Bildung weiter Gefäße, großer Markstrahlzellen, 
etwas Vasalparenchym und Libriform ; und schließt 
im Dezember mit der Bildung von reichlichen, 
aber nicht tangential abgeflachten Nestern engerer 
Gefäße und kleineren Markstrahlzellen. Mark- 
strahlen, welche die ganze Dicke des Holzstranges 
durchlaufen, scheint es nicht zu geben, sondern 
nur begrenzte Stücke verschiedener Länge, auf 
dem Querschnitte gemessen; und von verschiede- 
ner Höhe, auf dem Längsschnitte beobachtet; nach 
der Rinde zu vergrößert sich ihre Breite; auch 
ist deutlich zu sehen, daß diese Markstrahlstücke 
unter sich streckenweise seitlich zusammenhängen. 
Der Tangentialschnitt zeigt, wie die Libriform- 
zellen und Gefäße bogenförmig um die unregel- 
mäßig gestalteten und verschieden mächtigen 
Markstrahlinseln herumlaufen. — 



-vf Äia^,;.;- 1-- r- »a'V:. 



"0^^.- 






Abb. 4. Querschnitt durch das Periderm eines alten Stammes 
von O. imbricata. 



Während nun die Dicke des Stammes durch 
Vergrößerung des Grundparenchyms und des 
Holzkörpers zunimmt, wird seine Außenfläche 
durch einen sich erweiternden Peridermmantel 
vergrößert (Abb. 4). Zu diesem Zwecke über- 
nimmt jene oben erwähnte, zwischen Epidermis 
und Kristallschicht gelegene dünne Zellage die 
Verrichtung eines Phellogens, welches einseitig 
nur nach außen Peridermzellen abscheidet, dabei 
selbst aber mehr und mehr in die Tiefe gerät. 
Der gesamte Peridermmantel liegt demnach außer- 
halb der Kristall- und der unmittelbar an sie an- 
schließenden Collenchymschicht, deren kamin- 

') De Bary (vgl. Anatomie S. 5 18, 519) stellt das \'or- 
handensein von Jahresgrenzen in den Stämmen der CJpunticn 
und der Kakteen überhaupt als unsicher hin. 



artige Spaltöffnungskanäle selbst noch in alten 
Stämmen erhalten bleiben. Durch den zunehmen- 
den Rindendruck werden die einzelnen Periderm- 
zellen zusammengedrückt und ihre ursprünglich 
radialen Reihen unregelmäßig verbogen. Zwischen 
sie sind schmale, tangential verlaufende Züge 
parallelepipedischer, bis zum Schwinden des Lu- 
mens verdickter und stark verholzter Zellen ein- 
geschaltet (Trennungsphelloide), längs deren die 
alimähliche Abstoßung der ältesten, äußersten 
Peridermlagen erfolgt. Da dies in dünnen Platten 
vor sich geht, macht die Rinde selbst alter, ge- 
legentlich noch Reste der ursprünglichen Stachel- 
bündel bewahrender, armstarker Stämme einen 
glatten Eindruck. — Besonders erwähnenswert 
erschien eine einmal beobachtete Abweichung in 
der Lokalisierung der Peridermbildung, insofern 
diese nicht, wie eben beschrieben, zwischen Epi- 
dermis und Kristallschicht, sondern unterhalb der 
CoUenchymlage stattfand, so daß natürlich jene 
beiden Schichten im Laufe der Zeit nach außen 
abgestoßen werden müssen. Ich kenne keinen 
analogen Fall von zwei derartig verschiedenen 
Peridermbildungen innerhalb derselben Art. 

Das Dickenwachstum der O. toDCiitosa und 
anderer, nicht sicher bestimmter, flachsprossiger 
Arten spielt sich in folgender, etwas abweichen- 
der, Weise ab. Zwischen den ursprünglichen, 
stammeigenen und den mit ihnen in einer Ebenen 
liegenden dünneren Blattspursträngen, bzw. deren 
Anastomosen wird bereits in den noch jugend- 
lichen Sprossen ein Interfaszikularkambium ange- 
legt; es tritt also das Dickenwachstum von an- 
fang an im ganzen Umfang des Flachsprosses und 
in einer großen Anzahl von Bündeln in Tätigkeit, 
nicht bloß, wie im vorigen F'alle, nur in den pri- 
mären, stammeigenen Bündeln und deren nächster 
Umgebung. Damit ist aber das Verhalten der 
O. tovicnfosa und Verwandten auf das allgemeine 
Dikotylenschema zurückgeführt und die noch zu 
erwähnenden Eigentümlichkeiten betreffen nur 
histologische Einzelheiten. Die in Betracht kom- 
menden Zellelemente sind unverholztes und ver- 
holztes Parenchym; Tüpfelgefäße in allen Über- 
gängen zu Netz- und Treppengefäßen, wobei die 
Tüpfel oft leicht behöft sind ; und stark verdicktes 
Libriform mit feinen, spaltenförmigen Tüpfeln. 
An Menge überwiegt das Parenchym, einmal als 
Vasalparenchym, und dann, und zwar ganz be- 
sonders, in Form von Markstrahlen, teils schwach 
verholzt und getüpfelt, teils unverholzte Inseln in 
jenen bildend. Alle diese parenchymatischen 
Elemente werden durch eine genügend lange 
Mazeration in Wasser zerstört. Bei dieser Ge- 
legenheit möchte ich auf eine, an unserer hier in 
Mexico geläufigen, aus Eichenholz dargestellten 
Holzkohle zu machende Beobachtung hinweisen; 
auch in ihr ist das reichlich vorhandene Mark- 
strahlgewebe durch das Glühen im Meiler zer- 
stört, während die prosenchymatischen Elemente 
erhalten bleiben. Es weist dies ebenfalls auf eine 
geringere Widerstandskraft und somit auf eine 



N. F. XXr. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



37 



andere chemische Beschaffenheit der Mari<strahlen 
hin.') — Um jenes oft mächtig entwickelte Strang- 
parenchym laufen die aus Gefäßen und Libriform 
bestehenden Holzgruppen im Bogen herum, der- 
gestalt, daß man auf Querschnitten durch den 
Opuntiastamm nur einige Holzpartien senkrecht 
zur Axe, die anderen aber + tangential durch- 
schneidet, und die Lupenvergrößerung des Tan- 
gential- und Querschnittes ungefähr dasselbe Bild 
gibt. — Die Verteilung der verschiedenen ana- 
tomischen Elemente in ihrer Abhängigkeit von 
der Jahreszeit, d. h. die Bildung der Zuwachszonen, 
ist schwieriger festzustellen als in der O. inibricata- 
Gruppe. Zwar werden auch hier zu Beginn der 
Vegetationszeit weite Gefäße, umgeben von dünn- 
wandigem Vasalparenchym ; und später im Jahr, 
außer Gefäßen, Gruppen sehr dickwandigen Libri- 
forms gebildet; aber der eben erwähnte schiefe 
Verlauf dieser Elemente, die Einschiebung der 
Markstrahlen bzw. Markflecken von wechselnder 
Breite macht die Ver- 
folgung der Jahresgrenzen 
über größere Strecken un- 
sicher. Da, wie gesagt, 
das Parenchym durch 
Mazeration leicht zerstört 
wird, so erhält man auf 
diesem Wege aus den 
Stammstücken ein System 
umeinander gelegter, ma= 
schiger Holzplatten von 
verschiedener Dicke, und 
von lokal wechselnder 
Menge und Weite der 
Maschen, wozu natürlich 
die Dicke der Holz- 
stränge in umgekehr- 
tem Verhältnisse steht. 
Streckenweise, d. h. auf 
der und jener Flanke, 
kommen auch fast mas- 
sive Holzkörper vor, deren 

Ausbildung wohl örtlichen mechanischen Anforde- 
rungen der stockwerkartig übereinander stehen^ 
den Generationen von Flachsprossen und Asten 
ihr Dasein verdankt. Bei dem unregelmäßig ge- 
wundenen Verlauf der Markstrahlen erklärt es 
sich außerdem, daß die Maschen der einen Platte 
durchaus nicht immer genau über denen der 
anderen liegen, so daß man durch dickere, aus 
mehreren Lagen bestehende Skelettstücke in der 
Richtung ihrer zerstörten Markstrahlen nicht hin- 
durchsehen kann. Die Trennung der aufeinander 
liegenden Platten ist auf größere Strecken des- 
halb möglich, weil ihre prosenchymatischen Ele- 
mente in radialer Richtung mit Ausnahme der 
Knoten (d. h. in den Verbindungsstellen der auf- 
einander folgenden Flachsprossen) wenig in Ver- 

') Auch in den als Braunkohle erhaltenen Dikotylen- 
hölzern werden die pareachymatischen Teile vollständiger zer- 
setzt als die faserigen (Gothan in Naturw. Wochenschr. 
Band 19, 1904, S. 574). 



bindung stehen (Abb. 5 A, B). Während man 
durch Mazeration des Stammes von O. imbricata 
einen einzigen, aus dicken, maschenbildenden 
Holzsträngen bestehenden Skelettkörper erhält, 
ergeben sich aus dem O. tomciitosa ■ Stamm 
(Abb. 5 C, D) mehrere, mit dem Alter des Baumes 
an Zahl zunehmende, verschieden dicke und kon- 
zentrisch umeinander gelegte Gitterplatten. Der 
Skelettkörper der O. imbricata macht mit dem 
regelmäßigen Maschensystem seiner Stränge einen 
eleganten, der von O. tonieiitosa mit seinen un- 
regelmäßigen, lokal eng- oder weitporigen Gitter- 
platten einen klobigen Eindruck. Bei der Schwierig- 
keit, das Alter solcher Opun tiastämme aus den 
Jahresringen zu bestimmen, bleibt nur der Aus- 
weg, durch Umfrage bei der Bevölkerung Aus- 
kunft zu erhalten. In einem Falle sollten etwa 
1,6 — 1,7 m hohe Opuntiabäume gegen 30 Jahre 
alt sein; da es sich hier aber um einen durch 
Bewässerung und Düngung von der Steppe ver- 




Abb. 5. Skelette von Stämmen und Wurzeln. A. von 0. hnbrUata; der Pfeil bezeichnet 
die Anschwellung an der unteren Seite der Einfügung des Astes. B. O; imbricata; der 
Pfeil bezeichnet eine unregelmäßige Masche infolge von Fäulnis. C. 0. tomentosa. Holz- 
körper des jungen Stammes. D. O. toiiientosa. Holzkörper des alten Stammes. E. Holz- 
körper der Wurzel. 



schiedenen Standort handelte, so scheint mir diese 
Mitteilung nicht von besonderem Wert; immer- 
hin gestattet sie vielleicht den Schluß, daß die 
höchsten, etwa 4 — 5 m erreichenden Opuntia- 
bäume wohl hundert und mehr Jahre alt sein 
können. Beiläufig gesagt, fehlt es in der Steppe 
nicht an jungem Nachwuchs. 

Die Korkentwicklung an der Oberfläche des 
Stammes geht im wesentlichen wie bei O. imbri- 
cata vonstatten. Auch hier sind die zwischen 
Epidermis und Kristallschicht eingeschobenen 
I — 2 Zellagen der Sitz der Korkbildung, deren 
Herd, indem die Abscheidung neuer Periderm- 
zellen immer nur nach außen erfolgt, mehr und 
mehr nach dem Innern des Stammes zu verlegt 
wird. Während aber bei O. imbricata zwischen 
die Peridermschichten nur spärliche und jedenfalls 
dünne, verholzte Trennungsphelloide eingeschaltet 
werden, kommt es hier zur Entwicklung mehr- 
facher, mächtiger Holzplatten, gegen welche die 



38 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 3 



Entwicklung der sie trennenden, verkorkten Peri- 
dermlagen stark zurücktritt. So kommt eine 
derbe Schuppenborke zustande, auf deren rauher 
Oberfläche zahlreiche Flechten und epiphytische 
Tillandsien, zumal T. rccurvata, sich ansiedeln. — 
Die tangentiale Spannung, welche die sich ver- 
dickenden Sprosse von O. inibricata und O. to- 
mmtosa erfahren, scheint keine bedeutende zu 
sein, da Längsschnitte, welche das Rindengewebe 
der lebenden Pflanze durchtrennen, zunächst nicht 
klaffen; späterhin treten die Wundränder natür- 
lich auseinander, in dem Maße, als sie aus- 
trocknen. 

Das Dickenwachstum der Wurzeln bietet wenig 
bemerkenswertes. Sie erreichen bei O. imhricata 
Daumenstärke, bei den hohen, flachsprossigen 
Opuntien die doppelte Dicke. IMit dem Holz- 
körper der Stämme stimmen sie im maschigen 
Bau überein, doch sind die Maschen hier viel 
enger, da ja hier jede Bezugnahme auf die Blatt- 
insertionen wegfällt (Abb. 5 E). Der Bau des 
Holzkörpers wird von außen nach innen dichter, 
insofern die Markstrahlen mehr und mehr an 
Menge zurücktreten und ein zentrales Mark über- 
haupt nicht vorhanden ist. Als Transpirations- 
schutz der oberflächlich streichenden Wurzeln ist 
ein stark verholzter Peridermmantel vorhanden. 
Die Holzmasse besteht aus schief getüpfelten 
Libriformfasern und sehr zahlreichen, kurzgliederigen 
und weiten Gefäßen, mit allen Übergängen von 
Tüpfel- zu Netz- und Treppengefäßen; die Tüpfel 
sind deutlich behöft. Die Libriformfasern einer 
flachsprossigen Art, deren Wurzeln ich bereits 
durch Wind und Wetter mazeriert fand, waren 
sehr deutlich spiralig gestreift. 



III. Allgemeine Bemerkungen über das 
Skelett der Kakteen. 

In diesem letzten Abschnitte sollen einige all- 
gemeine Erörterungen angestellt werden, die zu 
den vorstehenden Beschreibungen in Beziehung 
stehen. 

Zunächst sei nochmals die Aufmerksamkeit 
auf das eigenartigste Bauelement des Kakteen 
Stammes gelenkt, auf die Spiralstracheiden. Da 
sich für sie eine besondere Lebensaufgabe kaum 
wird feststellen lassen , so dürfen sie wohl als 
morphologisches Merkmal betrachtet werden, 
dessen Interesse sich noch dadurch erhöht, daß 
es unter den Opuntien nur den Jugendformen 
zukommt. Es lag nahe, nacli einem anatomisch 
so ausgesprochenen Element (wenn ihm auch 
Übergänge zu Gefäßen mit Spiral- und Netz- 
struktur nicht fehlen) im weiteren Verwandt- 
schaftskreise der Kakteen zu suchen; und die 
neuere Anschauung, diese doch recht isoliert im 
System stehende Familie mit den Centrospermen 
in eine wenn auch entfernte Beziehung zu bringen,^) 
gab für jene Nachforschungen einen Fingerzeig. 



Zwar zitiert Solereder^) diese spindelförmigen 
Tracheiden nur von den Kakteen ; aber auf S. 1 29 
des Hauptwerkes werden „zahlreiche, kurze, spin- 
delförmig gestaltete Spiraltracheiden im Mark" von 
Anacampseros (einer zu den Portulacaceen 
und somit zu den Centrospermen gehörigen Gat- 
tung) hervorgehoben. Doch ist dieser Tatsache 
wohl keine Bedeutung für phylogenetische Er- 
wägungen einzuräumen, da Anacampseros 
der südafrikanischen Flora angehört, die Kakteen 
dagegen fast ausschließlich amerikanisch sind, und 
die Entwicklung der betreffenden Florenreiche 
keine gemeinsamen Züge aufweist. — 

Von allgemeinem Interesse ist weiter die be- 
trächtliche Entwicklung des Markstrahlgewebes. 
Es wurde oben darauf hingewiesen , daß ein ur- 
sprünglicher, die fleischige Beschaffenheit der 
Kakteen bedingender Charakter in der mächtigen 
Entwicklung des Grundparenchyms beruht; dazu 
kommt nun noch als weiteres, von der Tätigkeit 
des Kambiums abhängendes Moment die starke 
Ausbildung des Markstrahlgewebes. Sie ist eben- 
falls als ein ursprünglicher, morphologischer Cha- 
rakter (wie bei den Protaceen usw.) aufzufassen, 
da er sich auch in den nicht fleischigen Pei res - 
kiastämmen findet und in anderen Kakteen bei 
Zunahme des Grundparenchyms auch seinerseits 
eine Weiterbildung erfährt. 

Eine eingehendere Erörterung verlangt ferner 
das Skelettsystem der oben besprochenen Kakteen 
einmal in Rücksicht auf seine physiologischen 
Leistungen, und dann auf seine Beziehungen zu 
den anderen Gewebssystemen, die mit und neben 
ihm im Kakteenkörper vertreten sind. Dabei 
dürfte zunächst von Interesse sein, daß die ge- 
ringste Entwicklung des Skelettes den niedrigsten, 
einzeln oder rasenförmig wachsenden F'ormen zu- 
kommt, die bei ihrer geringen Erhebung über 
den Boden nicht vom Winde gefaßt werden. Die 
innere Struktur von O. tniiicata mag dafür als 
Beispiel dienen; ebenso verhält sich die zum Ver- 
gleich herangezogene Miuiiillaria cciüncirrha, bei 
deren Mazeration man überhaupt kein zusammen- 
hängendes Skelett, sondern nur eine Menge regel- 
los anastomosierender, dünner Bündel erhält, ver- 
gesellschaftet mit unzähligen gegliederten Milch- 
röhren, zu deren Demonstration ein mazerierter 
M amillariakörper geradezu empfohlen werden 
kann. Auch die weichen Stämmchen von Echinv- 
ccreits ciiicrascois lassen beim Verfaulen kein 
Skelett, sondern nur die kaftonpapierartige Hülle 
ihres Peridermmantels zurück. Das mechanische 
System des ebenfalls vergleichsweise untersuchten 
Echiiiocactus cdniigcr besteht aus einem niedrigen, 
im Grunde des kugeligen Körpers gelegenen Holz- 
zylinders, von welchem die Bündel zu den Are- 
olen auslaufen. Weit mehr Gefahr, als vom 
Winde umgebrochen zu werden, laufen diese 
niedrigen Kakteen, von den Tritten der etwa über 



') Kngler, .X., .Syll^ibus, 1912, S. 273. 



') Solcrcdcr 
irags-Hand S. 38S. 



Syst. .'\ii;it. der Dikulyl.-n. Narli- 



N. F. XXI. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



39 



sie hinwegschreitenden Tiere verletzt zu werden; 
aber bei O. tiiiiicata bildet die furchtbare Be- 
stachelung eine wirksame Abwehr, während die 
tangential der Oberfläche des Körpers ange- 
schmiegten Stacheln von Mamillaria cenfricirrlia, 
M. elegans usw. einen federnden Außenmantel 
darstellen. Die anderen, vorstehend genauer be- 
schriebenen Opuntien sind hohe, stattliche Pflanzen. 
Die in ihrer regelmäßigen Verzweigung an eine 
Araucarie erinnernde O. inibricata erreicht 2 m 
Höhe bei 40 zu 45 cm Stammumfang über dem 
Boden. Ihr Innenskelett (Abb. 5 A, B) läßt sich 
einem zu einem Zylinder zusammengebogenen, 
weitmaschigen und dicksträngigen Drahtgitter 
vergleichen, dessen Biegungsfestigkeit noch durch 
die starre, wie aus steifem Karton gebaute Peri- 
dermhüUe verstärkt wird. Da wo die rechtwinklig 
abstehenden Seitenäste abzweigen, ist das Skelett 
des Hauptstammes an der Unterseite stärker ver- 
dickt, als auf der Oberseite, um die Äste in ihrer 
horizontalen Richtung erhalten zu können (Abb. 5 A) ; 
und wenn die Regelmäßigkeit des Maschensystems 
durch einen der in den fleischigen 
Kakteen häufigen Fäulnisherde lokal 
zerstört ist, so suchen die Nachbar- 
stränge durch veränderte Stärke und 
Richtung den Schaden im Sinne einer 
Erhaltung derGesamtfestigkeit wieder 
gut zu machen (Abb. 5 B). Es er- 
innert dies an die Umlagerung der 
Knochenbälkchen im Halse unseres 
Oberschenkelknochens infolge von 
Verletzungen. — ■ O. tomeutosa und 
verwandte flachsprossige Arten sind 
reichästige Bäume mit runder Krone, 
die 4 — 5 m Höhe bei 1,75 m Stamm- 
umfang über dem Boden erreichen. 
Von Interesse ist der Wechsel der 
Querschnittsform ihrer Glieder mit 
dem Alter; wie bekannt, ist die 
Hauptaxe der jungen Pflanze zylin- 
drisch, während die folgenden Aus- 
zweigungen flachsprossig werden. 
Aber, mit vorschreitendem Alter nehmen die 
älteren Flachsprosse zunächst einen elliptischen, 
dann einen kreisförmigen Querschnitt an, und 
die anfänglich deutlich ausgesprochene Gliede- 
rung (durch die nach Spitze und Basis ver- 
schmälerte Gestalt der Flachsprosse bedingt) ver- 
liert sich allmählich infolge des Dickenwachstums, 
bis auf eine leichte, gürtelförmige Einschnürung. 
Wenn man nun im Auge behält, daß die Hunderte 
von nach allen Richtungen und unter allen Winkeln 
zum Horizont abstehenden flachen Glieder um- 
fänglicher Opuntien dem Winde eine gewaltige 
Angriffsfläche darbieten, so ist mechanisch ver- 
ständlich, daß die unteren Sprosse, welche so- 
wohl auf Biegungs- als auch auf Säulenfestigkeit 
in Anspruch genommen werden, ihre abgeflachte 
Form durch die weniger flächenhafte zylinderische 
ersetzen. Wie man durch die Beobachtungen von 
Sachs und Goebel') weiß, bedingt das Licht 



die flache Form der Sprosse; aber sein Einfluß 
wird mit zunehmendem Wachstum des Individuums 
durch die Ansprüche an Standfestigkeit zurück- 
gedrängt, und die ursprüngliche, zylinderische Form 
wieder hergestellt. Die keilförmig in das Mark 
vorspringenden Holzteile setzen unter rechtem 
Winkel nach außen an, so daß an den schmalen 
Seiten der ellipsoidischen, in die Dicke wachsen- 
den Sprosse von O. tomeutosa Kurven entstehen, 
welche an Scharen konfokaler Parabeln erinnern 
und den Schmalseiten dieser Stämme besondere 
F"estigkeit verleihen (Abb. 6). Bei heftigem Winde 
sieht man die Individuen von O. imbricata, wie 
Gerten, als Ganzes schwanken, während von den 
dicken Bäumen der O. to)iic)itosa nur die jüngeren 
Auszweigungen in Bewegung gesetzt werden. — 
Ebenso wie bei U. tunicata werden auch bei den 
flachsprossigen Arten tief in den Holzkörper vor- 
dringende Fäulniswunden möglichst bald und wirk- 
sam geschlossen, und zwar durch dicht aufein- 
ander folgende, stark verholzte Peridermlagen, die 
durch dünne Parenchymschichten voneinander ge- 






/ 



/ 



.^: 



/ 





M 



X-'X 



Abb. 6. Querschuilt eines in die Dicke wachsenden , zylindrisch werdenden 

Stammes von O. tomeutosa. R. Rinde ; M. Mark. Die (dunkel gehaltenen) 

Holzkörper der gegenüberliegenden Seiten bilden je einen Bogen. 



trennt sind; nach der Mazeration erscheinen sie 
als aus konzentrischen Schichten gebildete Gänge 
und Höhlen, welche Rindenparenchym und Holz 
durchsetzen. — Der Holzkörper von Ccreus mar- 
giiiatiis (Abb. 7), der nun noch zum Vergleiche 
herangezogen werden mag, ist ein geschlossener 
Zylinder; wenigstens sind die Maschen, in welche 
die Blattspurstränge einmünden, so eng und un- 
bedeutend, daß sie nicht in Betracht kommen. 
Die Standfestigkeit der bis 7 m hohen Säulen, 
welche diese nicht oder wenig verzweigten 
Stämme (vom Volke „Orgelpfeifen" genannt) dar- 
bieten, trotzt den heftigsten Stürmen. 

Von der physiologischen Anatomie der Wurzeln 
ist nichts besonderes zu berichten; die Verlegung 
der festen Elemente nach dem Zentrum zu — 
Abnehmen der Markstrahlen, Fehlen des Markes 



Goebel, K., Organographie 1S9S, S. 213. 



40 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 3 



— steht mit den Anforderungen an einen zug- 
festen Bau im Einklang. Das Skelett von Cereiis 
hamatiis, der mit seinen langen, schlaffen Zweigen 
hoch in die Bäume emporsteigt, braucht keinen 
biegungsfesten, sondern mehr zugfesten Bau; sein 
Holzkörper ist weit nach innen gelagert und, ent- 
sprechend den 4 stark vorspringenden Rippen des 
Stammes, in 4 durch Parenchym getrennte Einzel- 
körper zerlegt. Diese Zwischenstreifen aus Paren- 
chym mögen wohl seitliche Verschiebungen der 
Holzkörper gestatten, wenn die Biegungen des 
kletternden Stammes sie nötig machen. 




Abb. 7. Stück aus dem durch Mazeration isolierten Holz- 
körper von Cetetis niarglnattis. Bs. die nach den in Ortho- 
stichen stehenden Areolen abgehenden Bündel (Blattspuren). 



Schließlich mag das Skelett der Opuntien 
(und anderer, mit ihnen verglichener Kakteen) 
betrachtet werden in seinen Beziehungen zu den 
anderen Verrichtungen dienenden Geweben. Die 
bisherige Darstellung suchte seine Konstruktion 
aus mechanischen Prinzipien verständlich zu 
machen; im folgenden soll gezeigt werden, daß 
sein Auf- und Ausbau auch von anderen, zumal 
durch die gesamten Organisationsverhältnisse ge- 
gebenen und den Familiencharakter der Kakteen 
ausmachenden Verhältnissen abhängt. Als solche 
kommen in Betracht die fleischige Beschaffenheit 
der Sprosse, die weitgehende Unterdrückung der 
Blätter, die Anordnung der Areolen nach hohen 
Divergenzen der Blattspirale, bzw. in dicht be- 
setzten Orthostichen. Das Überwiegen des 
fleischigen Parenchyms macht die Breite der aus 
ihm bestehenden Markstrahlen verständlich ; die 
große Anzahl der Areolen, von denen eine jede 
über eine IVIasche des Holzstranggewebes fällt, 
welche ihrerseits wieder einem Markstrahl den 
Durchgang gewährt, erklärt die Notwendigkeit 
jener Stränge, bogenförmig um jene umfänglichen 
Markstrahlkomplexe herumzulaufen, — ähnlich 
wie es im Maserholz mit seinem ebenfalls be- 
trächtlich vergrößerten Markstrahlgewebe ') vor- 
kommt. Dieser bogige Strangverlauf findet sich 



sowohl bei niedrigen, wie bei hohen Opuntien, und 
wenn er auch als Skelett für Biegungsfestigkeit sehr 
wirksam sein mag, wie der oben gebrauchte Ver- 
gleich mit einer Rolle Drahtgitter dartun soll, 
so kann er doch nicht als eine diesem Zwecke 
dienende Mechanomorphose aufgefaßt werden. 
Dagegen würde auch sein Vorkommen bei einer 
unter ganz abweichenden Verhältnissen lebenden 
Pflanzengruppe sprechen, nämlich in den Stämmen 
und Rhizomen zahlreicher Farne;-} dichte Blatt- 
stellung und reichliches Parenchym bestimmen 
hier ebenfalls seine Entwicklung. 

Auch die andere Eigentümlichkeit der Kakteen, 
die Unterdrückung der Blätter, weist eine eben- 
falls indirekte Beziehung zum Skelettsystem auf. 
Das Fehlen der Blätter bringt als Korrelation die 
Verlegung des grünen Assimilationsgewebes an 
die Oberfläche des Stammes mit sich, und weiter 
die Vergrößerung dieser Fläche durch Warzen 
{OpHiäia iuibricata, Mamillarid), Rippen {Ccre/ts, 
Echinücadits) und Flachsprosse {ü. /omcii/asa). 
Von diesen Einrichtungen sind die letzteren, wie 
bereits oben dargetan wurde, für die Herstellung 
der Biegungs- und Säulenfestigkeit wenig geeignet 
und werden daher schließlich durch zylindrische 
Achsen ersetzt. Dagegen sind die Warzen und 
zumal die Rippen und vorspringenden Kämme 
äußerst vorteilhaft zur Erhöhung der Biegungs- 
festigkeit, wie es jedes fächerförmig zusammen- 
gekniffene im Vergleich zu einem flachen Stück 
Papier zeigt, und wie es die höchsten Säulen- 
kakteen der Gattungen Qre/is, Piloccrcns usw. 
beweisen. Aber auch hier handelt es sich um 
Organisationen, die primär unter der Einwirkung 
des Lichtes im Dienste der Assimilation hervor- 
gerufen wurden, und sich sekundär auch als me- 
chanisch nützlich erwiesen haben. Denn es gibt 
kugelförmige, sehr niedrige und daher nie auf 
Biegungsfestigkeit in Anspruch genommene Kak- 
teen (z. B. Ecliinocactus inuUicostatus), welche 
außerordentlich tief und scharf gerippt sind. In 
der Tatsache, daß die gleiche Organisation ver- 
schiedenen Verrichtungen dienstbar gemacht wird, 
zeigt sich die Ökonomie eines Organismus, der 
ein Maximum von Leistung mit einem Minimum 
von Aufwand an Material vollbringt. 

Die Kakteen gelten mit Recht als Schulbeispiel 
für Organisationen, die bis in die feinsten Einzel- 
heiten für das Leben an trockenen, heißen und 
windigen Standorten abgestimmt sind. Es ist 
dies um so bemerkenswerter, als sie eine relativ 
junge Pflanzenfamilie sind, insofern man in dem 
Tertiär noch keine, an den Stacheln leicht zu er- 
kennende fossilen Reste von ihnen gefunden hat. 

Mexico, September 1915. 



') Küster, K., Pathologische Pflanzeuanalomie, .Mib. 6g. 
'-) De Bary , A., Vergleichende Anatomie, S. 295, Abb. 132, 



N. F. XXI. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



41 



Kritische Betrachtnug über die Grundlagen der Relativitätstheorie Eiusteiu)s. 



[Nachdruck verböte 



Von Friedr. Dahl. 



In einem neueren Vortrag „Geometrie und 
Erfahrung" spricht sich Einstein über die er- 
kenntnistheoretischen Grundlagen seiner Rela- 
tivitätstheorie aus, ') und es ist uns damit die 
Möglichkeit gegeben, die Prämissen, auf denen 
seine Theorie sich aufbaut, sorgfältig zu prüfen. 
Eine solche Prüfung der Grundanschauung und 
grundlegenden Tatsachen einer Theorie, die man 
allgemein als deren Prämissen bezeichnen kann, 
ist äußerst wichtig, da auf einem verfehlten Fun- 
dament ein ganzes Gebäude, auch wenn es sonst 
formgerecht aufgebaut ist, ins Wanken geraten 
kann. Wissenschaftliche Theorien bauen sich, wie 
man weiß, auf Prämissen auf, welche nach dem 
augenblicklichen Stande der Wissenschaft als 
durchaus gesichert erscheinen müssen. Jeder 
Fortschritt der Wissenschaft, der an den die Prä- 
missen liefernden Tatsachen etwas ändert, muß 
eine entsprechende Änderung der Theorie zur 
P'olge haben. Ist die Theorie einer entsprechen- 
den Änderung nicht fähig, so muß sie fallen. 
Eine Theorie, bei deren Aufbau schon unrichtige 
Prämissen zur Anwendung gelangt sind, muß 
von vornherein als verfehlt bezeichnet werden, 
auch wenn der Aufbau durchaus logisch durch- 
geführt ist. — Von diesem Standpunkte aus wolle 
man meine Ausführungen, die sich lediglich mit 
den jetzt von Einstein gegebenen Grundlagen, 
nicht mit der Theorie selbst befaßt, beurteilen. 

Einstein behauptet, daß die Sätze der 
Mathematik und speziell der Geometrie, soweit 
es sich um ihre Anwendung auf Gegenstände der 
Wirklichkeit, d. h. also auch um ihre Anwendung 
auf naturwissenschaftliche Gegenstände handelt, 
unsicher seien. Er sagt (S. 124) wörtlich: „Inso- 
fern sich die Sätze der Mathematik auf die Wirk- 
lichkeit beziehen, sind sie nicht sicher, und inso- 
fern sie sicher sind , beziehen sie sich nicht auf 
die Wirklichkeit." — Es ist das eine Behauptung 
von ungeheurer Tragweite für jeden Forscher auf 
naturwissenschaftlichem Gebiete, der sich bei 
seiner Forschung mathematischer Elemente be- 
dient. 

Wie begründet nun Einstein seine Behaup- 
tung? — Er meint, „daß die Mathematik ein von 
aller Erfahrung unabhängiges Produkt des mensch- 
lichen Denkens" sei. So sollen die Axiome der 
Geometrie „freie Schöpfungen des menschlichen 
Geistes" sein. Einstein ist also, um es mit 
etwas anderen Worten noch einmal klar auszu- 
drücken, der Ansicht, daß die Fundamente der 
Mathematik nicht der Erfahrung, sondern lediglich 
dem Denken des Menschen, unbeeinflußt durch 
die Erfahrung, entsprungen sind. -) — Diese An- 
sicht muß entschieden als verfehlt bezeichnet wer- 
den. — Nehmen wir als Beispiel das von Ein- 
stein gewählte Axiom der Geometrie, einerseits 
in der Fassung, wie ich es in einem mir vor- 



liegenden älteren Lehrbuche ^) finde und anderer- 
seits in der von Einstein gewählten Fassung, 
so lautet es an der erstgenannten Stelle: „durch 
zwei Punkte läßt sich nur eine einzige gerade 
Linie ziehen", an der zweiten Stelle: „durch zwei 
Punkte des Raumes geht stets eine und nur eine 
Gerade". — Schon aus dem verschiedenen Wort- 
laut erkennt man klar, daß sich der Mathema- 
tiker erst mühsam von den Tatsachen seiner 
Sinneswahrnehmung hat freimachen müssen. Bei 
dem ersten Wortlaut erscheint uns der Satz noch 
deutlich als Ergebnis der Sinneswahrnehmung. 
Erst bei dem zweiten Wortlaut hat sich der 
Mathematiker von der Sinneswahrnehmung völlig 
freigemacht. — Schon aus dieser Tatsache geht 
eigentlich klar hervor, daß das Axiom ursprüng- 
lich als Produkt der Erfahrung entstanden ist. — 
Den allmählichen , unmerklichen Übergang des 
gezeichneten Punktes und der gezeichneten geraden 
Linie in den nur gedachten mathematischen Punkt 
und die nur gedachte Gerade kann man aber 
auch genau verfolgen und damit den Beweis 
liefern, daß der Satz der Geometrie in gleicher 
Weise für das Produkt der Sinneswahrnehmung 
und das Produkt des Denkens gilt: — Machen 
wir einen sehr kleinen Punkt auf das Papier, so 
scheint dieser für unser unbewaffnetes Auge gar 
keine Ausdehnung zu besitzen und das ist in der 
Praxis, ebenso wie in der Mathematik, für den 
Begriff „Punkt" das Maßgebende. Wir haben in 
dem gezeichneten Punkt das Produkt der Erfah- 
rung vor uns, an welches das mathematische 
Denken anknüpft. — Unter dem Mikroskop er- 
scheint uns der mit unbewaffnetem Auge kaum 
noch sichtbare Punkt noch deutlich als Fläche. 
Aber auch unter dem Mikroskop erkennen wir 
bei jeder Vergrößerung Punkte, die wieder bei 
noch stärkerer Vergrößerung als Flächen erschei- 
nen. Es ist klar, daß wir uns durch fortgesetzte 
Verkleinerung des Punktes immer mehr einem 
Grenzwert nähern, der dem nur gedachten mathe- 
matischen Punkt beliebig nahe stehen kann. 
Dieser (schließlich auch nur noch zu denkende) 
kleinste wirkliche Punkt geht also unmerklich in 
den mathematisciien Punkt über. Dasselbe gilt 
für den Begriff „Linie" und speziell für den Be- 
griff „Gerade". Bei der Linie handelt es sich, 
wenn man zum Grenzwert übergeht, um eine 
Ausdehnung nur in einer Richtung. — Durch 
diese Erwägungen wird jedem Leser klar sein, 
daß der mathematische Begriff Punkt nichts an- 



') Sitzungsber. d. preufl. .\kad. d. Wissensch. Berlin 
1921, V, S. 123 — 130. 

') Wie weit die genannten Sätze von Einstein selbst 
herrühren oder auch von anderen Forschern vertreten werden, 
kann uns hier gleichgültig sein. 

'■') A. Wiegand, Erster Kursus der Planimetrie, lo. Aufl., 
S. 9. Halle 1874. 



42 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. ¥. XXI. Nr. 3 



deres ist, als der unendlich klein gedachte 
Punkt der sinnlichen Wahrnehmung, der mathe- 
matische Begriff Gerade nichts anderes als die 
unendlich fein gedachte gerade Linie. Was 
also für den mathematischen Punkt und die ma- 
thematische Gerade gilt, muß in der Praxis auch 
für den Punkt und die gerade Linie der sinnlichen 
Wahrnehmung gelten. 

Daß die mathematischen Begriffe „Punkt" und 
„Gerade" ohne die entsprechenden Begriffe der 
praktischen Erfahrung durch unser Denken allein 
nicht hätten gewonnen werden können, ergibt 
eine einfache Überlegung: Stellen wir uns 
einen Menschen vor, der weder einen Gesichts- 
sinn noch einen Tastsinn besitzt, wohl aber eine 
normal funktionierende Reflextätigkeit, also auch 
eine normale Ernährung und eine normal funktio- 
nierende Großhirnrinde, also auch ein normales 
Denkvermögen, so würde sich dieser Mensch 
offenbar weder einen mathematischen Punkt noch 
eine mathematische Gerade denken können, weil 
ihm eine Vorstellung von Punkt und Linie fehlt. 
Er würde allen geometrischen Sätzen völlig ver- 
ständnislos gegenüberstehen. — Wer sich über 
alle diese Tatsachen völlig klar geworden ist, der 
wird zu der Überzeugung gelangen, daß die oben 
genannte Behauptung Einsteins unzutreffend 
ist. — Nun sagt aber Einstein selbst, daß das, 
was er hier behauptet , seiner Relativitätstheorie 
als Grundlage dient. Diese Theorie würde dem- 
nach der zulässigen Grundlage entbehren und 
fallen müssen. Einstein sagt wörtlich (S. 126); 
„Dieser geschilderten Auffassung der Geometrie 
lege ich deshalb besondere Bedeutung bei, weil 
es mir ohne sie unmöglich gewesen wäre, die 
Relativitätstheorie aufzustellen." 

Ein längst in den weitesten Kreisen der Natur- 
forscher allgemein anerkannter Grundsatz bewahr- 
heitet sich also auch hier: Der Naturforscher darf 
lediglich von Erfahrungstatsachen als der allein 
sicheren Grundlage aller Forschung ausgehen. 
Weicht er von diesem Grundsatz ab, so verliert 
er den allein sicheren Boden unter den Füßen. 
— Als Naturforscher muß man also annehmen, 
daß das gesamte Wissen des Menschen der Er- 
fahrung entstammt, und daß alles Denken nur an 
Tatsachen der Erfahrung anknüpfen kann. Bei 
der Geburt ist eine „tabula rasa" vorhanden. Nur 
Fähigkeiten bringt der Mensch bei der Ge- 
burt als ererbte Tätigkeit der Großhirnrinde mit 
auf die Welt, nur die Denkfähigkeit, kein 
positives Denken, weil erst Sinneseindrücke vor- 
handen sein müssen, an welche das Denken an- 
knüpfen kann. • — Als geistige Fähigkeiten, deren 
Vorhandensein bei der Geburt wir notwendig 
annehmen müssen, um alles, was wir vom mensch- 
lichen Denken wissen, erklären zu können, sind 
folgende zu nennen: i. Die Fähigkeit, Sinnes- 
eindrücke als „Wahrnehmungen" ins Bewußtsein 
aufnehmen und durch das „Gedächtnis" festhalten 
zu können. 2. Die Fähigkeit, Sinneseindrücke 
unter Einschaltung eines Bewußtseinsvorganges 



auf eine Muskeltätigkeit überführen zu können. 
3. Die Fähigkeit, Sinneseindrücke und Muskel- 
tätigkeit mit „Gefühlen" bestimmter Art verbinden 
und diese Gefühle für die weitere Muskeltätigkeit, 
für das bewußte Handeln maßgebend sein lassen 
zu können. 4. Die Fähigkeit, frühere und gegen- 
wärtige Sinneseindrücke miteinander vergleichen 
zu können und das Gemeinschaftliche, — dem 
etwas Wirkliches in der Natur entsprechen muß, 
— als „Begriffe" herausschälen zu können. 5. Die 
Fähigkeit, Teile von Sinneseindrücken im Denken 
beliebig kombinieren zu können und von einzelnen 
Teilen derselben abstrahieren zu können. 6. Die 
Fähigkeit aus Erfahrungstatsachen mittels des 
Satzes vom Widerspruch logische Schlüsse ziehen 
zu können. 

Alles Denken knüpft also an Sinneseindrücke, 
an Tatsachen der Erfahrung an. — Zu den All- 
gemeinbegriffen, die der Erfahrung entstammen, 
gehören auch der Raum-, Zeit- und Kausalitäts- 
begriff. Auch sie leiten sich aus Sinneseindrücken 
ab, der Raumbegriff aus dem Nebeneinander der 
Sinneseindrücke, der Zeitbegriff aus dem Nach- 
einander der Sinneseindrücke und der Kausalitäts- 
begriff aus dem gesetzmäßigen Nacheinander 
bestimmter Erfahrungstatsachen. Daß wir uns 
Objekte nur im Raum und Vorgänge nur in der 
Zeit denken können, ändert, wie wir noch sehen 
werden, an dieser Tatsache nichts und ebenso, 
daß Sinneseindrücke und damit Erfahrungen ohne 
Kausalität undenkbar sind. — Der Naturforscher 
kommt also mit der Annahme, daß alles Wissen 
und Denken auf Sinneseindrücke, auf Tatsachen 
der Erfahrung zurückzuführen ist, sehr wohl aus. 

Was die philosophische Grundlage des Natur- 
forschers anbetrifft, so stehen wir noch heute im 
wesentlichen auf der von Hume und Kant ge- 
schaffenen Basis. — Da Sinnestäuschungen 
bekanntlich überall und immer wieder vorkommen, 
so mußte sich der Forscher schon früh die F"rage 
vorlegen, wieweit wir uns überhaupt auf unsere 
Sinneswahrnehmungen verlassen können. und 
da machte Kant die — zunächst theoretische — 
Annahme, daß allen unseren Sinneswahrnehmungen 
ein Etwas in der Natur, d. i. in der Wirklichkeit 
zugrunde liegen müsse. F"raglich sei nur, wie 
dieses Etwas, das er „das Ding an sich" nannte, 
in Wirklichkeit beschaffen sei, und darüber könnten 
uns unsere Sinne nur eine auf der Beschaffenheit 
der Organe beruhende beschränkte ."Auskunft 
geben. — Wenn diese Annahme Kants, welche 
bisher in keinem einzigen Falle auf Widersprüche 
gestoßen ist, bis in alle Einzelheiten hinein gilt, 
wenn sie sich auf alle Eigenschaften der Be- 
obachtungsobjekte und die feinsten Einzelheiten 
dieser Eigenschaften erstreckt, so muß das, was 
uns die Erfahrung über die Beziehungen der Dinge 
an sich lehrt, ein durchaus getreues Bild der 
Wirklichkeit sein. 

Kant ist sehr oft mißverstanden worden, und 
in der Tat drückt er sich vielfach sehr dunkel, 
fast möchte man sagen, geheimnisvoll aus. — Das 



N. F. XXI. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



43 



logische Denken, der Satz vom Widerspruch ist 
für ihn eine metaphysische Erkenntnisquelle a pri- 
ori. Als Naturforscher drücken wir das vielleicht 
etwas klarer aus, wenn wir diese Erkenntnisquelle, 
der wir allerdings sehr viel Wissen verdanken, 
und welche allerdings angeboren, also a priori 
vorhanden ist, wie oben geschehen, eine „Fähig- 
keit", eine psychische Fähigkeit nennen. Kant 
will mit seinem Ausdruck „a priori" keineswegs 
sagen, daß das Wissen, das wir dem logischen 
Denken verdanken, nicht doch letzten Endes aus 
der Erfahrung stammt. Das geht aus seinen 
Ausführungen hervor. In seinen „Prolegomena" 
sagt Kant (§ 2 b): „Eben darum sind auch 
alle analytischen Sätze Urteile a priori, wenn- 
gleich ihre Begriffe empirisch sind, z. B. Gold 
ist ein gelbes Metall . . . ." Das ist offenbar so 
zu verstehen: Aus der Erfahrung wissen wir, 
daß es ein gelbes Metall gibt. Wir nennen dieses 
gelbe Metall Gold. Damit ist unser Begriff „Gold" 
festgelegt. Sehen wir nun ein Metall, das nicht 
gelb ist, so kann es nach dem Satz vom Wider- 
spruch nicht Gold sein. Gold ist eben ein gelbes 
Metall. In diesem einfachen Satz, diesem „Urteil", 
wie die Philosophen es nennen, kommt also schon 
das logische Denken zur Anwendung. 

Recht dunkel wird Kant besonders dadurch, 
daß er Wahrnehmung, Erfahrung und Anschauung 
einander gegenüberstellt, obgleich es sich für den 
Naturforscher in allen drei P'ällen um Erfahrung 
und nur um verschiedene Grade der Gültigkeit 
und Gewißheit handelt. — Für den Naturforscher 
ist jeder Sinneseindruck , sobald er als Wahr- 
nehmung ins Bewußtsein übergegangen ist, mag 
er auch noch so vereinzelt gegeben sein, eine Er- 
fahrung. Kant nennt es zunächst nur eine ,, em- 
pirische Wahrnehmung" und zwar deshalb, weil 
das Wissen , das der ersten Wahrnehmung ent- 
stammt, durchaus subjektiv sein kann. Von einer 
Erfahrung spricht Kant erst dann, wenn das 
Subjektive abgestreift ist und das Urteil Allge- 
meingültigkeit erlangt hat. — Beispiel: Ich finde 
eine kleine Tierart im Walde. Ich darf diese 
Tierart dann noch keineswegs einen Waldbe- 
wohner nennen. Das Tier kann vielmehr durch 
besondere Umstände in den Wald gelangt sein. 
Vielleicht wurde es gar an meiner Kleidung hin- 
eingetragen. Erst wenn ich zahlreiche Wahr- 
nehmungen vergleiche, wenn ich statistisch fest- 
gestellt habe, daß die Tierart normalerweise nur 
im Walde und nur ausnahmsweise an anderen 
Orten gefunden wird, ist mein Urteil, daß es sich 
um einen Waldbewohner handelt, auch für Kant 
allgemeingültig und deshalb eine Erfahrung. Es 
muß also eine Vergleichung verschiedener Wahr- 
nehmungen, d. i. eine Verstandestätigkeit zu der 
Sinneswahrnehmung hinzukommen, um nach 
Kant die Sinneswahrnehmung in eine Erfahrung 
umzuwandeln. 

Das Beispiel zeigt zugleich, wie ein „Begriff' 
entsteht. Die Begriffe sind nicht etwa etwas 
durch menschliches Denken in die Natur Hinein- 



gebrachtes, wie vielfach, z. T. auch von Natur- 
forschern, falschlich angenommen wird. Es gibt 
tatsächlich in der Natur „Waldbewohner", die wir 
aber erst durch Vergleichung zahlreicher Wahr- 
nehmungen als solche erkennen. Das, was 
unseren Begriffen zugrunde liegt, ist also, genau 
ebenso wie das Ding an sich, das unserer Sinnes- 
wahrnehmung als wirklich vorhandenes Objekt 
zugrunde liegt, in der Natur vorhanden. — Es 
gilt das für alle Begriffe, auch für die Begriffe des 
alltäglichen Lebens. Die letzteren unterscheiden 
sich von den wissenschaftlichen Begriffen nur da- 
durch, daß ihre Entstehung im menschlichen Be- 
wußtsein weit zurückliegt, daß die Statistik unbe- 
wußt stattfand, und daß die Kenntnis dieser Be- 
griffe dem Kinde durch bewußten oder unbe- 
wußten Anschauungsunterricht erleichtert wird. 

Daß den von uns „geschaffenen" Begriffen tat- 
sächlich Beziehungen der Objekte in der Wirk- 
lichkeit zugrunde liegen müssen, mag ein Beispiel 
klar zeigen. — Nach der Plankton- Expedition teilte 
ich die in dem Material der Expedition befind- 
lichen Krebse der Gattung Copilia in Arten ein. 
Gleichzeitig arbeitete der Zoologe Giesbrecht 
in Neapel an dem Material einer anderen Expe- 
dition, welche andere Teile der Ozeane besucht 
hatte. Seine Veröffentlichung erschien vor meiner, 
und es zeigte sich, daß er genau dieselben Arten 
unterschieden hatte wie ich. Nur die Namen, die 
er ihnen gab, waren natürlich andere. — Also 
auch die Grundlagen für unsere systematischen 
Begriffe sind in der Natur, in der Wirklichkeit 
vorhanden. 

Wie Kant von der „Erfahrung" die „empirische 
Wahrnehmung" gewissermaßen als Vorstufe unter- 
scheidet, so unterscheidet er als gleichsam höhere 
Stufe der Erfahrung die „Anschauung". Von 
einer Anschauung spricht Kant nur dann, wenn 
Gewißheit vorhanden ist und je nach der Trag- 
weite dieser Gewißheit unterscheidet er eine 
„empirische Anschauung" und eine „reine An- 
schauung a priori". Bei der empirischen An- 
schauung erstreckt sich die Gewißheit nur auf 
den Einzelfall. Beispiel: Ich sehe ein weißes 
Pferd. Daß das Pferd weiß ist, ist für mich ge- 
wiß. Es gilt das aber nur für das Pferd, das ich 
gerade sehe. Will ich die Gewißheit zum Aus- 
druck bringen, so kann ich mit Kant meine 
Wahrnehmung „Anschauung" nennen. — Bei Kants 
reiner Anschauung a priori tritt schon mit der 
ersten Wahrnehmung eine allgemeingültige Ge- 
wißheit ein. Ja, schon durch Kombinieren und 
Abstrahieren kann aus früheren Wahrnehmungen 
eine Vorstellung zustande kommen, die allge- 
meingültige, apodiktische Gewißheit besitzt und 
deshalb nach Kant eine reine Anschauung a pri- 
ori ist, obgleich eine Wahrnehmung mittels unserer 
Sinne noch gar nicht vorliegt. Der Fall, daß die 
„Gewißheit" der Wahrnehmung mittels unserer 
Sinne vorhergeht, tritt besonders bei mathema- 
tischen Sätzen ein. Beispiel: „In einem Punkte 
können sich nicht mehr als drei Linien senkrecht 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 3 



schneiden". Es ist dieser Satz für uns gewiß, 
mögen wir uns einen Spezialfall durch Ziehen 
von Fäden anschaulich machen oder nicht. Der 
Naturforscher zählt Kants reine Anschauung a 
priori nicht zu den unmittelbaren Erfahrungen. Sie 
ist dem Naturforscher vielmehr durch Kombinieren 
und Abstrahieren aus vorangegangenen Erfahrungen 
entstanden und das setzt lediglich eine ange- 
borene Fähigkeit des menschlichen Geistes voraus. 
Nur Kants „empirische Anschauung", die dessen 
,, empirischer Wahrnehmung" vollkommen ent- 
spricht, ist für den Naturforscher eine Erfahrung. 

Auch die Mathematik geht lediglich von Ele- 
menten der Erfahrung aus: Die Begriffe „Linie", 
„Punkt" und „Zahl" entspringen der Erfahrung. 
Mit diesen operiert der Mathematiker und gelangt 
dabei bisweilen sogar zu imaginären Größen, 
denen keine Wirklichkeit entspricht und die des- 
halb für den Naturforscher gar nicht existieren. 

Es fragt sich nun, ob die Gewißheit, die 
bei einer „reinen Anschauung a priori" Kants 
vorhanden ist, eine Gewißheit, wie sie namentlich 
die Mathematik kennt, uns nötigt, eine besondere 
Fähigkeit des menschlichen Geistes, außer den 
oben schon genannten, vorauszusetzen. Der 
Naturforscher, der sich streng an die Erfahrung 
hält, muß diese Frage entschieden verneinen. Es 
liegt überhaupt nicht der geringste Grund vor, 
die Quelle dieser apodiktischen Gewißheit in dem 
Sukjekt, d. i. in dem denkenden Menschen suchen 
zu wollen. Der Naturforscher muß vielmehr an- 
nehmen, daß diese Gewißheit in der Natur selbst 
begründet ist, in der natürlichen Beschaffenheit 
des Raumes und der Zeit als Ding an sich, d. h. 
in dem, was unseren durch Abstraktion gewonnenen 
Begriffen von Raum und Zeit in der Wirklichkeit 
zugrunde liegt. — Es gibt manche Eigenschaften, 
die wenigen Körpern und wenigen Vorgängen 
eigen sind, manche Eigenschaften, die vielen Kör- 
pern und vielen Vorgängen eigen sind. Warum 
sollte es nicht auch Eigenschaften geben können, 
die, wie Ausdehnung und Dauer, allen Körpern 
und allen Vorgängen in der Natur zukommen ? 
Basiert aber unser Denken ausschließlich auf 
Erfahrung, so können wir natürlich einen Körper 
ohne Ausdehnung, einen Vorgang ohne Zeitdauer 
nicht einmal denken. Das, meine ich, wäre 
völlig klar und selbstverständlich. Ja, die Tat- 
sache, daß wir uns einen Körper nur von drei 
Dimensionen denken können, einen Vorgang nur 
in der Zeit, beweist eigentlich, daß unser Den- 
ken eng an die Erfahrung gebunden ist. Die 
apodiktische Gewißheit bei dem oben genannten 
Beispiel liegt dann einfach in den Eigenschaften 
des dreidimensionalen Raumes begründet. 

Kant verlegt den Grund der apodiktischen 
Gewißheit nicht in das Objekt, sondern in das 
Subjekt, während er sonst, genau so, wie der 
moderne Naturforscher die Grundlage unseres 
ganzen Siimeslebens in das Objekt verlegt. Er 
nimmt an, daß Raum und Zeit „Anschauungen" 
sind, die „als Form der Sinnlichkeit" in unserem 



Subjekt allen wirklichen Eindrücken voran- 
gehen. — Hier ist einer der Punkte, in denen 
der Naturforscher ihm nicht folgen kann. Der 
Naturforscher muß diese Annahme Kants als 
durchaus willkürliche Hilfshypothese bezeich- 
nen, da sich alle Tatsachen auch ohne sie durch 
die obige konsequent durchgeführte Annahme, 
daß alles Wissen und Denken auf Erfahrung zu- 
rückzuführen ist, sehr einfach erklären. Der 
Naturforscher bleibt damit in durchaus konsequenter 
Weise auf rein empirischem Boden. — Mit Recht 
wendet sich Kant (Prol. § 13) gegen die Annahme, 
daß Raum und Zeit Eigenschaften sind 
und verweist dabei als Beispiel auf die Symmetrie, 
welche zeigt, daß zwei der Masse nach genau 
gleiche Körper, die gleich ausgedehnt sind, einen 
verschiedenen Raum einnehmen können. Nicht 
Raum und Zeit, wohl aber Ausdehnung und 
Dauer sind für den Naturforscher Eigenschaf- 
ten und zwar Eigenschaften, die in einem be- 
stimmten Maße allen Körpern und allen Vor- 
gängen zukommen. 

Auch den Kausalitätsbegriff hat offenbar schon 
der Urmensch der Erfahrung entnommen. Der 
Regen, der stets den Boden netzt, der Wind, der 
stets die Blätter bewegt und dergleichen Erfah- 
rungen viele zeigten ihm, daß es eine Kausalität 
gäbe. Wie lange aber hat es gedauert, bis der 
Mensch zu der Überzeugung gelangte, daß wohl 
jeder Vorgang in der Natur eine Ursache haben 
möge und noch viel später wurde ihm klar, daß 
es ohne Kausalität gar keine Sinneseindrücke, 
also auch keine Erfahrung geben könne. Die 
letztere Einsicht wurde erst möglich als man er- 
kannt hatte, daß auch die Wärme, die Farbe usw. 
auf Bewegung kleinster Teile beruhe und daß die 
Bewegung es ist, welche in allen Fällen auf 
unsere Sinnesorgane einwirkt, die grobe, mecha- 
nische Bewegung und die Wärme auf unsere 
Tastnervenendigungen, die Luftwellen auf das 
Gehörorgan , die Ätherwellen auf das Auge und 
die als chemischer Reiz sich zeigende Atom- 
bewegung auf das Geruchs- und Geschmacks- 
organ. — Der Naturforscher, der mit Kant an- 
nimmt, daß jedem Objekt der Wahrnehmung ein 
Ding an sich in der Wirklichkeit entspricht, muß 
zugleich zugeben, daß der Einwirkung dieser Ob- 
jekte auf unsere Sinnesorgane, in welcher die 
Kausalität zum Ausdruck gelangt, also der Kausa- 
lität selbst ein etwas in der Wirklichkeit ent- 
sprechen muß. - Nur einige Philosophen hat es 
gegeben, welche die Kausalität leugneten. Diese 
mußten denn auch zu der Überzeugung gelangen, 
daß außer ihnen nichts existiere, daß die Welt 
vielmehr ein Produkt ihrer Phantasie sei. Be- 
weisen kann man diesen abnormen Denkern 
freilich nicht, daß eine Welt wirklich existiert, 
selbst durch Prügel nicht; denn auch diese wür- 
den sie, wie jedes andere Leiden für ein unange- 
nehmes Produkt ihrer Phantasie halten. — Der 
Naturforscher ist, auch ohne weiteren Beweis als 
seine Erfahrung, überzeugt, daß die Welt, die er 



N. F. XXL Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



45 



mittels seiner Sinne wahrnimmt, wirklich existiert, 
d. h. unter dem von Kant gegebenen Vorbehalt. 
— Von den Ursachen scharf unterscheiden 
muß der Naturforscher die Bedingungen, 
unter denen ein Vorgang verläuft, und die ihn 
modifizieren. Der Stoß auf die Billardkugel ist 
die Ursache des Rollens. Wie sie rollt, das hängt 
von den Bedingungen, von den Wänden des 
Billards und von der Stellung der anderen Kugeln 
ab. In der Vulgärsprache rechnet man oft auch 
die Bedingungen zu den Ursachen. In wissen- 
schaftlichen Schriften sollte nur der kinetische 
Anlaß des Vorgangs Ursache genannt werden. 

Auch von einer ganz anderen Seite aus ge- 
langt man zu dem Resultat, daß alles Wissen der 
Erfahrung entstammen muß. — Man stelle sich 
einen Menschen vor, der aller Sinne bar ist, nicht 
nur des Gesichtssinnes und Tastsinnes, sondern 
auch des Gehör-, Geruchs- und Geschmackssinnes, 
des Tast- oder Gefiihlssinnes nicht nur an der 
Körperoberfläche sondern auch im Innern des 
Körpers, einen Menschen, der also auch kein 
Schmerzgefühl, das infolge einer Überreizung 
irgendeines Sinnesorganes eintritt, kennt, der 
aber eine normale Reflextätigkeit, Verdauung und 
Gehirntätigkeit besitzt. Was sollte denn ein 
solcher Mensch wohl denken können ? Wie sollte 
er zu einem Raum- und Zeitbegriff oder gar zu 
einem Kausalitätsbegriff gelangen können.? Für 
ihn würde es höchstens ein „cogito, ergo sum" 
geben. Bei Vorstellung eines solchen Menschen 
wird uns so recht klar, daß alles, was wir denken, 
ausschließlich an die Erfahrung anknüpft. 

Man sieht also, daß die von Einstein auf- 
gestellten, oben genannten Sätze völlig in nichts 
zerfallen. — Auch mit Kant befindet sich Ein- 
stein in Widerspruch. Kant sagt allerdings 
(Prol. § 6), daß die „Erkenntnis", der wir in der 
Mathematik gegenüberstehen, welche „durch und 
durch apodiktische Gewißheit, d. i. absolute Not- 
wendigkeit bei sich führt, also auf keinen Er- 
fahrungsgründen beruht, mithin ein reines Pro- 
dukt der Vernunft ist". — Das klingt allerdings 
recht ähnlich wie der obige Ausspruch Einsteins, 
zumal da Kant hinzufügt: „. . . Setzt dieses 
Vermögen, da es nicht auf Erfahrungen fußt 
noch fußen kann, nicht einen Erkenntnisgrund 
a priori voraus . . ..?" Und doch besagen die 
Kant sehen Worte etwas völlig anderes als die 
Einsteinschen. — Wie an so vielen anderen 
Stellen so drückt sich Kant auch hier etwas 
dunkel aus. Durchaus verständlich wird er durch 
einige seiner nachfolgenden Sätze. Kant sagt 
weiter (§ 7): „Wir finden aber, daß alle mathe- 
matische Erkenntnis . . . ihren Begriff vorher i n 
der Anschauung . . . a priori . . . darstellen 
kann . . ." und (§ 9): „Hieraus folgt . . . daß An- 



schauungen, die a priori möglich sind, niemals 
andere Dinge, als Gegenstände unserer Sinne 
betreffen können." — Aus den letzten Worten 
geht hervor, daß nur die „Erkenntnis", nur das 
„Vermögen" zu erkennen, dem wir in der Mathe- 
matik begegnen, für Kant ein „reines Produkt 
der Vernunft" sein kann, nicht die Mathematik 
selbst, wie Einstein will. — So muß man 
Kants Aussprüche meist erst in die Sprache des 
modernen Naturforschers übersetzen, und dabei 
sind viele Naturforscher gescheitert. 

Was die Zuverlässigkeit unserer Sinneswahr- 
nehmungen anbetrifft, so stehen wir übrigens 
heute auf einer völlig anderen Basis als unser 
großer Denker Kant. — Wissen wir doch, daß 
der Mensch, wie alle Lebewesen, durch An- 
passung an seine Umgebung entstanden ist. 
Freilich pflegt man dieses unser Wissen von der 
Entwicklung des Menschen aus der Tierreihe z. Z. 
noch eine Theorie zu nennen, weil diese Ent- 
wicklung nicht unmittelbar wahrgenommen, sondern 
indirekt aus Erfahrungstatsachen geschlossen wird. 
Theorien können aber, wenn alle neu hinzukom- 
menden Erfahrungstatsachen sie bestätigen, gleich- 
sam zur Gewißheit werden. So ist die Deszen- 
denztheorie für uns schon fast eine Gewißheit, 
da sie ebenso wie unser Wissen von der Be- 
wegung der Himmelskörper, durch ein so unge- 
heures Tatsachenmaterial gestützt ist, daß an ihrer 
Richtigkeit nicht mehr gezweifelt werden kann. 

— Handelt es sich aber beim Menschen um eine 
Anpassung an die Umwelt, so dürfen wir an- 
nehmen, daß ihm durch seine Sinne eine mög- 
lichst gute Kenntnis dieser Umwelt gegeben wird, 
da eine selbsttätige Erhaltung nur dann für ein 
höheres Lebewesen, wie der Mensch es ist, mög- 
lich erscheinen muß, wenn dieses Lebewesen seine 
Umwelt möglichst gut kennt. Wir können uns 
also im allgemeinen darauf verlassen, daß unsere 
Erfahrung uns die Wahrheit sagt. — Nur soweit 
werden im allgemeinen Sinnestäuschungen vor- 
kommen, als dies nach physikalischen Gesetzen 
Naturnotwendigkeit ist. Zu diesen Sinnestäu- 
schungen gehören z. B. das scheinbare Schmäler- 
werden einer Allee in der Ferne, die scheinbare 
Bewegung der Sonne um die Erde, die schein- 
bare völlige Starrheit gewisser fester Körper usw. 

— Diese Täuschungen können wir durch andere 
Erfahrungstatsachen ausschalten, teils leicht, teils 
erst durch naturwissenschaftliche Forschung, die 
aber wieder lediglich auf Sinneswahrnehmung 
basiert. 

Der hier gegebene Gedankengang eines Natur- 
forschers wird vielleicht auch den Fachphilosophen, 
der der Naturforschung weniger nahe steht, inter- 
essieren und ihn zum Weiterdenken anregen. 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 3 



Einzelberichte. 



Die Einheit und Isotopie Aer Elemente. 

Nachdem Rutherford') aus einem halben 
Dutzend Elementen Wasserstoff durch «-Strahlen 
abgespalten hat, ist die vor loo Jahren durch 
William Prout aufgestellte Hypothese vom 
Wasserstoff als Urmaterie wieder sehr wahrschein- 
lich geworden. Daß sich jedoch die Atomgewichte 
der Elemente nicht stets als ganze Vielfache des 
Wasserstoffs erweisen, erklärt sich daraus, daß die 
meisten Elemente Gemische von chemisch völlig 
identischen aber im Atomgewicht unterschiedenen 
Stoffen (= Isotopen) sind. Zum erstenmal lehrte 
die Radiochemie einige Elemente kennen, die 
chemisch nicht trennbar waren und die doch 
nach genauesten Atomgewichtsbestimmungen einen 
geringen Unterschied der Atommassen aufwiesen 
( Uranblei-Thorblei ; lonium-Thorium). 

Im Jahre 191 3 fand J. J. Thomson-) bei 
der elektromagnetischen Kanalstrahlenanalyse von 
Neon, daß dieses Element eine Mischung zweier 
Grundstoffe vom Atomgewicht 20 und 22 dar- 
stellt; dies war der i. Fall, daß bei einem nicht- 
radioaktiven Stoffe das Vorkommen von Isotopen 
nachgewiesen wurde. F. W. A s t o n ^) verbesserte 
die Methode der Kanalstrahlenanalyse so, daß die 
Beimengung eines Isotopen zu einem Element bei 
weniger wie '/loo rng noch völlig sicher nach- 
weisbar wird. Die Kanalstrahlenanalyse besteht 
darin, daß ein Element im gasförmigen Zustand 
in einer Vakuumröhre durch Kathodenstrahlen 
stark ionisiert wird; die positiven Gasionen be- 
wegen sich dann mit zunehmender Geschwindig- 
keit auf die negative Kathode zu und treten durch 
einen feinen Kanal in der Kathode als Kanal- 
strahlen in den kräftefreien Raum hinter der Ka- 
thode. Hier werden die Kanalstrahlen durch ein 
starkes magnetisches und elektrisches Feld aus 
ihrer geraden Bahn abgelenkt und zwar hängt 
die Ablenkungsgröße von der Masse und der 
elektrischen Ladung der Kanalstrahlenteilchen ab. 

Aston hat mit der elektromagnetischen 
Kanalstrahlenanalyse bereits eine große Anzahl 
von Elementen daraufhin untersucht, ob sie ein- 
heitlich sind oder Isotopengemische darstellen. Im 
folgenden sind die neuesten Ergebnisse von Aston 
und anderen Forschern für die einzelnen Elemente 
angegeben. 

Wasserstoff erweist sich als einheitliches Gas 
vom A. G. ^) 1,008. In Wasserstoff kanalstrahlen 
wurde auch wieder das interessante Molekülion 
H3 '') beobachtet und seine Masse genau zu 3,024 
bestimmt. Heliumkanalstrahlen werden nur von 
Atomen mit der Masse 4 gebildet. 



') Nature Nr. 2680 (1921). 

*) Naturw. Wochenschr. XVI, S. 699 {1917). 

'J Nature Nr. 2689, S. 334 — 338, Vol. 107 (1921) 

*) A. G. = Atom-Gewicht. 

') Naturw. Wochenschr. XIX, S. 527/8 (1920). 



Neon hat das A. G. 20,2 und zeigt bei der 
Kanalstrahlenanalyse zwei Linien mit der Masse 
20 und 22, außerdem zwei Linien, die dem Ne+'i" 
angehören und wegen der doppelten Ladung ge- 
radeso stark abgelenkt werden wie die einfach 
geladenen Atome eines Elementes mit der Masse 
IG und II (Linien 2. Ordnung). Gewöhnliches 
Neongas vom A. G. 20,2 besteht aus 90 "/„ Ne 20 
und 10 "/„ Ne 22. Aston hat dann auch durch 
langwierige mühevolle Diffusion des Neongases 
in Tonröhren die Isotopen zu gewinnen versucht. 
Tatsächlich ergab sich zwischen der am rasche- 
sten und der am langsamsten diffundierenden 
Fraktion ein Dichteunterschied von 0,7 "/o- »Der 
isotope Bau des Neons ist daher über allen Zweifel 
festgestellt." 

Argon mit dem A. G. 39,88 sollte nach seiner 
Stellung im periodischen System der Elemente 
ein geringeres Atomgewicht wie Kalium (39,10) 
haben. Die Kanalstrahlenanalyse ergab auch 
wirklich eine schwache Linie von der Masse 36 
und eine starke bei 40, außerdem noch Linien 
2. Ordnung bei 20 und 13,3, die dem A+-i" und 
A+ '+ zugehören. Argon enthält etwa 3 ",„ von 
dem leichteren Anteil. Krypton und Xenon 
zeigten sich aus einer überraschend hohen Zahl 
von Isotopen zusammengesetzt. Kr ist ein Ge- 
misch von isotopen Gasen mit dem A. G. 78, 
So, 83, 84 und 86; X zeigt 5 Hauptlinien bei 
129, 131, 132, 134, 136, eine schwächere Kom- 
ponente bei 128 und eine zweifelhafte bei 130. 
Kr weist den größten numerischen Unterschied 
zwischen seinen Isotopen auf, nämlich 8 Einheiten. 
Fluor erwies sich einatomig (A. G. 19). Chlor 
mit dem A. G. 35,46 weist 2 starke Linien bei 
35 und 37 auf, aber keine Spur einer Linie vom 
A. G. 35,46; außerdem 2 sehr schwache Linien 
bei 39 und 40. Die gleichzeitig auftretenden 
Linien 36 und 38 rühren von HCIgr, und HCijj- 
her, die Linien 17,5 und 18,5 von Cl.,*r^ und Cl+^". 
Im Phosgen COCI., zeigten sich die 2 Linien 
des COCig-, und COCL,; bei 63 und 65. Durch 
Umladung negativ gewordene Chlorkanalstrahlen 
gaben nur die 2 Linien Cl.^ und Cl.^.. Den Grund, 
warum bei den vielen A. G. Bestimmungen von 
Chlor noch keine abweichenden Werte ') beobachtet 
wurden, findet Aston darin, daß alle irdischen 
Chlorverbindungen aus dem Meereswasser stam- 
men und daß dort eine vollkommene Mischung 
der Isotopen stattgefunden hat. Chlor aus anderen 
Quellen, etwa aus Meteoriten, könnte leicht ein 
abweichendes A. G. haben. Anscheinend erfolg- 
reiche Versuche, die Isotopen des Chlors durch 



') Neuerdings fand jedoch Irene Curie für Chlor au 
einem Salz von Zentralafrika den abweichenden Werl 35,60 
welcher nicht durch die .\awesenheit von Brom oder Jod ver 
ursacht ist. Chlor aus norwegischem Apatit und aus kanadi 
schem Sodalith hatte normales A. G. Nature S. 282, Vol. 100 
(1921). 



N. F. XXI. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



47 



fraktionierte Diffusion zu gewinnen, wurden von 
Hark ins ^) und Lorenz^) gemacht. 

Neuerdings hat das genaue Studium des ultra- 
roten -Absorptionsspektrums vom Chlorwasserstoff 
einen interessanten Beweis für das Vorkommen 
von CI35 und C\.,. geliefert. Die ultraroten Ab- 
sorptionslinien stammen zum Teil daher, daß das 
positive Wasserstoffion H+ und das negative 
Chlorion Cl~ gegeneinander schwingen. Die Fre- 
quenz dieser Schwingung hängt von der Masse 
des Cl ab; enthält also HCl die Ionen CI...r, und 
CI3,, so muß jede Linie von einer Nebenlinie be- 
gleitet sein. Tatsächlich finden sich in den sehr 
genauen IVIessungen des ultraroten Spektrums von 
HCl durch E. S. Im es Nebenlinien, welche die- 
ser nicht zu deuten vermochte. Das Intensitäts- 
verhältnis der Haupt- und Nebenlinien und deren 
Abstand stimmt nach Kratzer und Loomis"') 
genau damit überein, wie er sich aus der Annahme 
zweier Chlorisotoper, Clg., und CI3-, berechnet. 

ßromkanalstrahlen bestehen aus gleichen Teilen 
Br+; und Br+. Jod erwies sich bei der Kanal- 
strahlenanalyse mit großer Genauigkeit als ein 
einatomiges Element. Die Angaben von Kohl- 
weiler*) über erfolgreiche Zerlegungsversuche 
des Jods in Isotope durch Diffusion sind also 
kaum richtig. Sauerstoff und Schwefel sind ein- 
atomige Elemente; Selen und Tellur ergaben lei- 
der kein Resultat; beide müssen aber Isotopen- 
gemische sein. Bor ist ein Gemisch von Atomen 
mit der Masse 10 und 1 1 ; Silizium ergibt Linien 
bei 28, 29 und möglicherweise auch bei 30. Stick- 
stoff, Phosphor und Arsen sind anscheinend ein- 
fache Elemente, Antimon und Zinn konnten nicht 
gemessen werden. 

A s t o n '^) gelang es kürzlich, auch in Alkali- 
metalldämpfen Kanalstrahlen zu erzeugen und 
diese der elektromagnetischen Analyse zu unter 
werfen. Lithiumkanalstrahlen haben die Masse 6 
und 7; die Kerne der beiden Lithiumisotopen be- 
stehen also, wie Rutherford ") richtig voraus- 
sah, wahrscheinlich aus X3X., und X3He4, wobei 
die Indexzahlen die Atommassen angeben. Na- 
triumionen sind einheitlich und haben die Masse 
23. Kalium erweist sich zusammengesetzt aus 
2 Isotopen vom A. G. 39 und 41. Rubidium- 
kanalstrahlen sind positive Ionen von der Masse 
85 und 87. Cäsium ist einheitlich und hat das 
A. G. 133. 

A. J. Dempster •) gelang der Nachweis der 

') Naturw. Wochenschr. XIX, S. 705 (1920). 

-) Naturw. Wochenschr. XX, S. 566 — 567 (1921). — 
Durch fraktionierte Destillation von CCI4 hat H. Grimm 
(München) Chlorisotope gewonnen , deren A. G. zurzeit 
Hönigschmid bestimmt. Süddeutsche Apoth.-Ztg. S. 367, 
Nr. 61, Bd. 61 (2. VIII. 1921). 

^) Zeitschr. f. Phys. Bd. 3, S. 460 und Nw. S. 569 (1921). 

*) Zeitschr. f. phys. Chem. Bd. 95, S. 95 — 195 (l92o). 

'•) Nature Nr. 2681, S. 72,. Vol. 107 (1921). 

*) Baker Vorlesung. Proc. Roy. Soc. 1920. Deutsch von 
Norst. Leipzig 1921, S. Hirzel. 

■) Phys. Ber. S. 683, Bd. 2 (1921). — G. P.Thomson 
fand in Anodenstrahlen von Be nur Ionen mit der Masse 
9,0 + 0,1 Nature, S. 395 (1921). 



Isotopie des Magnesiums. Es zeigt bei der Kanal- 
strahlenanalyse eine sehr starke Komponente von 
der Masse 24 und zwei schwächere von der 
Masse 25 und 26. Quecksilber ergibt nach 
Aston*) ein verwaschenes Band, das Atomen von 
der Masse 197 bis 200 entspricht; deutlich wur- 
den dann in den Quecksilberkanalstrahlen noch 
2 Linien bei 202 und 204 gemessen. Brönsted 
und Hevesy-) melden eine teilweise Trennung 
der Quecksilberisotopen durch Verdampfung bei 
niedrigem Druck und Kondensierung der ver- 
dampften Atome auf einer gekühlten Fläche. Die 
Möglichkeit dieser Art der Isotopentrennung ^) be- 
ruht darauf, daß der Verdampfungsanteil von 
Isotopen der Quadratwurzel aus deren A. G. um- 
gekehrt proportional ist. Die Dichtebestimmung 
der erhaltenen Quecksilberfraktionen wurde mit 
großer Genauigkeit ausgeführt. Die Dichte des 
unverdampften Quecksilbers als Einheit gesetzt, 
wurde für die Dichte des kondensierten Anteils 
0,999980 erhalten und für die des nachgebliebenen 
Anteils 1^000031. 

Folgende Tabelle von Isotopen läßt sich nach 
dem heutigen Stand der Kanalstrahlenanalyse auf- 
stellen : 

Elemente u. A. G. Zahl u. Masse der Isotopen 

H 1,008 1,008 

He 4 4 

Li 6,94 6, 7 

Be 9,01 9 

B II 10, II 

C 1 2 12 

N 14,01 14 

16 16 
F 19 19 

Ne 20,2 20, 22 (21) 

Na 23 23 

Mg 24,32 24, 25, 26 

Se 28,3 28, 29 (30) 

r 31.04 31 

S 32,06 32 

Cl 35,46 35, 37 (39) 

A 39,88 36, 40 

K 39,1 39, 41 

Ni 58,68 58, 60 

As 74,96 75 

Br 79,92 79, 81 

Kr 82,92 78, 80, 82—84, 86 

Rb 85,45 85, 87 

1 126,92 127 

X 130,2 129,131,132,134,136(128,130) 

Cs 132,81 133 

Hg 200,6 (197—200) 202, 204 

Die Zahlen in Klammern sind noch nicht sicher. 



') Kanalstrahlen in Nickelkarbonyldarapf Iiestanden aus 
Nickelionen vom A. G. 58 und 60. Nature, S. 520, Vol. 107, 
Nr. 2695 (1921). 

'') Nature S. 144, Vol. 106 (1920), Phys. Ber. I. c. S. 27. 

■') Die gleiche Methode wurde auch bei HCl angewendet; 
die gewonnenen Chlorisotopen zeigten einen Unterschied im 
A. G. von 0,021. Nature, S. 019, Vol. 107, Nr. 2698 (1921). 



48 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 3 



F.W. Aston') zieht aus seinen Untersuchun- 
gen der Elemente in Kanalstrahlenform folgende 
Schlüsse: „Das bei weitem wichtigste Ergebnis 
dieser Messungen ist, daß mit Ausnahme von 
H die Gewichte aller gemessenen Atome und 
vielleicht aller Elemente ganze Zahlen sind und 
zwar nach den experimentellen Messungen mit 
einer Genauigkeit von i "/„„. Ursprünglich wurde 
von Prout im Jahre 1815 die Hypothese aus- 
gesprochen , daß alle Elemente aus Atomen des 
Protyls aufgebaut wären, einem hypothetischen 
Element, das Prout mit dem Wasserstofif zu 



') Nature Nr. 26!S9, Vol. 107 (1921) 



identifizieren suchte. Jetzt ist diese Hypothese 
mit der Abänderung wieder aufgelebt, daß wir 
2 Arten von Uratomen haben, nämlich die Atome 
der positiven und negativen Elektrizität. Letztere 
Einheit ist uns seit langem bekannt, es sind die 
Elektronen." Die mit Masse begabte Einheit der 
positiven Elektrizität und zugleich der Grund- 
bestandteil aller Atome ist der positive Wasser- 
stoffkern H+, der erst neuerdings erforscht wurde 
und der den Namen Proton oder Hydron erhielt. 
„Elektronen und Protonen dürfen heute mit Sicher- 
heit als die Bausteine betrachtet werden, aus denen 
die Atome aller Elemente konstruiert sind." 

K. Kuhn. 



Bücherbesprechungen. 



Gro^mann, H. und Wreschner, M., Die ano- 
male Rotationsdispersion. Heft 8/9 von 
Band 26 der „Sammlung chemischer und che- 
misch-technischer Vorträge"; herausgegeben von 
W. Herz. 56 S. mit 11 Abb. Stuttgart 192 1, 
F. Enke. 5 M. 
Die in der Hauptsache aus jüngster Zeit 
stammende Kenntnis der anomalen Rotations- 
dispersion erfährt in der vorliegenden Monographie 
eine erste vorzügliche Zusammenfassung. Mehr 
wie die Drehung der Polarisationsebene des Lichts 
an sich ist ihre Abhängigkeit von der Wellen- 
länge geeignet, zur Lösung wichtiger Fragen der 
Strukturchemie und zur Erforschung der Konsti- 
tution der Materie allgemein beizutragen. Möge 
die Schrift in dieser Hinsicht zu weiterem Ein- 
dringen in das noch wenig bekannte Erscheinungs- 
gebiet anregen. Die Verff. geben zunächst eine 
kurze historische Einleitung, besprechen dann in 
einem allgemeinen Teil den gegenwärtigen Stand 
der Theorie und die gebräuchlichen Untersuchungs- 
methoden und stellen schließlich in einem 
speziellen Teil die experimentellen Ergebnisse für 
eine Reihe bisher untersuchter Körper zusammen. 

A. Becker. 

Abraham, M. , Theorie der Elektrizität. 
L Band: Einführung in die Maxwell- 
sche Theorie der Elektrizität. Sechste, 
umgearbeitete Auflage. 390 S. mit 1 1 Fig. im 
Text. Leipzig und Berlin 1921, B. G. Teubner. 
Geh. 50,60 M. (einschließlich Teuerungszuschlag). 
Der 4. Auflage des 2. Bandes des wohlbe- 
kannten Abraham sehen Werkes, auf die wir 
kürzlich (20. Band, S. 391, 1921) hinweisen konn- 
ten, folgt jetzt der erste Band schon in 6. Auf- 



lage. Er enthält die Grundlagen der Max well - 
sehen Theorie in der bewährten Darstellung, die 
dem Werke einen ständig wachsenden Freundes- 
kreis sichert. Da die durcligehend benutzte 
Theorie der Vektoren und der Vektorfelder in 
seinem ersten Abschnitt eine gesonderte ein- 
gehende Behandlung erfährt, bietet der Band 
gleichzeitig eine vortreffliche Einführung in die 
Vektorentheorie. Gegen früher sind namentlich 
diese allgemeineren Betrachtungen etwas schärfer 
zusammengefaßt worden, während im übrigen 
keine sehr wesentlichen Veränderungen vorge- 
nommen worden sind. A. Becker. 



Neuburger, M. C, Neuere Ergebnisse der 
Forschung über die Radioaktivität des 
Kaliums und Rubidiums im letzten 
Dezennium. Heft 7 von Bd. 26 der „Samm- 
lung chemischer und chemisch-technischer Vor- 
träge"; herausgegeben von W. Herz. 10 S. 
Stuttgart 192 1, F. Enke. 
Die vielfachen Versuche der letzten Zeit, die 
lange vermutete Radioaktivität der Alkalimetalle 
kritisch zu untersuchen, werden hier unter Bei- 
fügung eines Literaturverzeichnisses kurz be- 
sprochen. Danach scheint es jetzt festzustehen, 
daß Kalium und Rubidium tatsächlich eine für sie 
charakteristische /S-Strahlung aussenden, daß sie 
also als radioaktiv zu bezeichnen sind, obwohl 
bis jetzt weder o-Strahlen noch Umwandlungs- 
produkte nachweisbar geworden sind. Daß die 
Ausführungen, wie Verf. angibt, keinen Anspruch 
auf Vollständigkeit in der Berücksichtigung der 
Literatur machen, bleibt zu bedauern ; denn ge- 
rade in der Vollständigkeit würde Ref. einen be- 
sonderen Wert erblicken. A. Becker. 



InbHit: K. Reiche, Zur Kenntnis des Dickenwachstums der Opuntien. (yAbb.i S. 33. Fr. Dahl, Kritische Betrachtung 
über die Grundlagen der Relativitätstheorie Einsteins. S. 41. — Einzelberichte: Die Einheit und Isotopie der Elemente. 
S. 46. — Bücherbesprechungen: II. Großmann und M. Wreschner, Die anomale Rotationsdispersion. S. 48. 
M. Abraham, Theorie der I lektrizität. S. 48. M. C. Neu burger, Neuere Ergebnisse der Forschung über die 
Radioaktivität des Kaliums und Rubidiums im letzten Dezennium. S. 48. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 

Druck der G. Pätz'schen Puchdr. Lippert & Co. G.m.b.H., Naumburg a. d. .S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge 21. Band; 
T ganzen Reihe 37. Band. 



Sonntag, den 22, Januar 1922. 



Nummer 4- 



[Nachdruck verboten.] 



Geologie und Wünschelrute. 

Von Edw. Hennig. 



In diesen Blättern wurde kürzlich mit Recht 
auf den Umstand aufmerksam gemacht, daß die 
Zeitströmung vom materialistischen Ufer wieder 
einmal stark zum entgegengesetzten hinüber- 
pendelt und sich auch in allerlei Nebenbewegungen 
auswirkt. Die Philosophie kommt endlich auch 
in der Naturwissenschaft wieder mehr und mehr 
zu Ehren. Die Zeit ist vorbei, in der jemand sich 
selbst mit der Behauptung betrügen konnte, er 
verlasse sich in Erfahrungswissenschaften nur auf 
seine fünf Sinne. 

Es ist nicht bloßer Zufall, daß in solcher zum 
Rationalen, aber darüber hinaus gleich auch zum 
Mystischen neigenden Periode beispielsweise auch 
die Wünschelrute wieder stärker in den Vorder- 
grund des Interesses rückt. Tatsächlich erlebt sie 
eine Art Hochkonjunktur. In Zeitschriften und 
Zeitungen jeden Schlages, Broschüren und Büchern, 
auf Kongressen wie im Stillen ist sie heiß um- 
worben und umstritten. Wären die an sie sich 
knüpfenden Probleme mit leidenschaftlichem 
Wollen zu erstürmen, wir ständen mit solchem 
Aufgebot nicht noch immer weit draußen an den 
ersten Forts. Im Kriege hat sie sich neuerdings 
Aufmerksamkeit erzwungen und seither die be- 
teiligten Kreise nicht wieder losgelassen. 

Man kann es nur begrüßen, daß das Stadium 
der mehr oder weniger gefühlsmäßigen Partei- 
nahme nunmehr überwunden ist. Es wird wirk- 
lich untersucht, streng wissenschaftlich, methodisch 
erforscht, was der Gegenwart an Fragen nur 
irgend zugänglich ist.') Bei der großen Rolle, die 
im Kampfe für und wider dem Geologen als einer 
der Kontrollstellen zugefallen ist, ist es besonders 
dankenswert, daß sich ganz neuerdings auch amt- 
liche Fachbehörden der Sache angenommen 
haben. Die beiden Landesanstalten in Preußen 
und Württemberg sind mit gutem Beispiel voran- 
gegangen. Niemand hat ein Recht, den ange- 
stellten Versuchen Parteilichkeit, Unzweckmäßig- 
keit, mangelnde oder übertriebene Skepsis vorzu- 
werfen. Volles Gefühl der Verantwortlichkeit hat 
obgewaltet. 

Da ist es denn sehr bezeichnend und höchst 
interessant, wie auch sonst fast regelmäßig, so 
wieder bei diesen offiziellen Veranstaltungen wider- 
sprechende Ergebnisse gezeitigt zu finden. Kommt 
die preußische Behörde zu einer restlosen Ab- 
lehnung, so hat die Tagung des Vereins zur Er- 



') Vgl. Graf C. vonKlinckowstrem: Neues von der 
Wünschelrute, Theoretisches und Kritisches. 2. Aufl. Tillessen, 
Berlin 1919. 



forschung der Wünschelrute in Heilbronn (Sep- 
tember 1921) im Beisein aller Angehörigen der 
geol. Landesaufnahme, anscheinend nicht so ent- 
mutigenden Ausgang genommen, nachdem schon 
im Vorjahre zu Görlitz die Geologie auf dem 
Wünschelrutenkongreß lebhaften Anteil genommen 
hatte. Hoffentlich wird man darüber in ähn- 
licher Weise unterrichtet, wie das durch eine 
Darstellung des Verlaufs der angestellten Ver- 
suche von selten der preußischen geologischen 
Landesanstalt ') geschehen ist. Auch die hollän- 
dische geologische Reichsanstalt ist mit holländi- 
schen und deutschen Rutengängern zu sorgsamen 
Versuchen geschritten.-) 

Daneben gehen die Einzeläußerungen von 
geologischen Fachleuten einher. Unter den zu 
ganz negativen Ergebnissen gelangenden seien die 
betreffenden Veröffentlichungen von Cloos-Bres- 
lau ^) und Gü rieh -Hamburg *) als besonders be- 
achtenswert hervorgehoben. Den in der einen 
oder anderen Form zustimmenden Vertretern hat 
sich nach Ax. Schmidt*) und anderen neuer- 
dings mit dem ganzen Gewicht seiner Autorität 
in heimatgeologischen Dingen Joh. Walther- 
Halle ") beigesellt. Er hat „selbst lange Jahre 
den Rutenproblemen ablehnend gegenüber ge- 
standen", fühlt sich aber nach sehr umfangreichen 
Versuchen mit Hilfe von Rutengängern nunmehr 
überzeugt, „daß manche rein wissenschaftliche 
geologische Frage sogar mit Hilfe der Wünschel- 
rute gelöst werden kann". Selbstverständlich weit 
entfernt, ersten überraschenden Eindrücken sich 
blindlings hinzugeben, hat er die ganze Proble- 
matik des eigenartigen Instrumentes erkennen 
und anerkennen gelernt und gibt seine Erfahrungen 
in ansprechender Weise wieder. 

So ist es ein sehr treffender Vergleich, wenn die 
gewöhnliche hydrologische Anschauung des Geo- 
logen von der Erdrinde dem Bilde zur Seite gestellt 
wird, das der Anatom aus dem vor seinen Augen 

') Zur Wünschelrutenfrage (l. Die mit Rutengängern im 
Dezember 1920 angestellten Versuche der Preuß. Geol. Landes- 
anstalt). Berlin N 4, 1921. 3 M. 

*) Zeilschr. f. Wünschelrutenforschung, Okt.-Heft 1921, 

s. 38—41- 

') H. Cloos: Zur Wünschelrutenfrage. Beobachtungen 
und Versuche. Zentr.-Bl. f. Min., Geol., Paläontol. 1918, 
Nr. I u. 2. 

*) G. Gürich: Die Wünschelrutenfrage in Hamburg, 
Untersuchungen und kritische Betrachtungen. Gente-Ham- 
burg 1920. 

*) Axel Schmidt: Der heutige Stand der Wünschel- 
rutenfrage. Jahrb. Ver. f. vaterl. Naturk. Württemberg 1919. 

") Joh. Walther: Das unterirdische Wasser und die 
Wünschelrute. Gernrode/Harz 1921. 32 S. 



so 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 4 



liegenden entbluteten Leichnam gewinnt, wogegen 
der Rutengänger dem Kliniker entspricht, „der das 
Spiel der Nerven, den Puls des Blutkreislaufs und 
den Blutdruck der lebenden Gewebe beobachtet". 
Daraus läßt sich mancherlei Nichtverstehen auf 
beiden Seiten wohl erklären. Walt her scheint 
sogar geneigt, in der Erforschung des Problem- 
komplexes Aufgaben zu sehen, „die geeignet sind 
unser Wirtschaftsleben einer neuen Blüte ent- 
gegen zu führen". Ob die Zeit schon reif ist, 
ein so gänzlich unerklärtes Phänomen schon der 
Praxis zu empfehlen, darüber darf man verschiedener 
Meinung sein, wenn schon es mit dem elektrischen 
Strom nicht viel anders gewesen ist. ,. Jedenfalls 
wird es sich immer lohnen, bei der Wasserver- 
sorgung eines größeren Verbrauchsortes zuerst 
dem Kenner der Geologie der Heimat das Wort 
zu geben." Ein vertrauensvolles Zusammenarbeiten 
der sicherer gegründeten Wissenschaft mit dem 
noch geheimnisvollen „Fühlhebel" ist es, dem er 
warm und mit guten Gründen das Wort redet. ^) 
Ein Widerspruch scheint darin zu liegen, daß 
Walt her die Wünschelrute als „ein mechanisches 
Hilfsmittel erklärt, um nervöse Reizzustände sicht- 
bar zu machen", nur mit Muskelreaktionen gegen 
die Reize von außen rechnet, nachdem vorher die 
in der Tat immer wieder überraschende Erfahrung 
geschildert wurde, daß „zwei kräftige Männer den 
Auftrag erhalten, mit je einer Hand die Rute 
festzuhalten, und ein stark begabter Rutengänger 
durch bloßes Auflegen der Hände die 
Rute zu kräftigstem Ausschlag bringt". 

Zu den förderndsten Beiträgen über die Frage 
dürften die statistischen Erhebungen zu rechnen 



') Ein wichtiger Erfolg ernsthafterer Beschäftigung der 
Geologenwelt mit dem Rutenproblem ist auch auf der anderen 
Seite schon sichtbar: Die Leitsätze Dr. T. Beyers (Zeitschr. 
für WünschelrutenforschuDg, November 1921, S. 52 — 53) für 
das Zusammenarbeiten untersagen dem Rutengänger die geo- 
logische Ausdeutung seiner Beobachtungen. Natürlich fällt 
damit die ganze Schwere der Verantwortung auf den Geologen. 
Man wird das aber sachlich nur gerechtfertigt nennen dürfen. 



sein, die Range*) in zwei getrennten Gebieten 
mit aridem Klima und daher ausgeprägterem 
Charakter der Grundwasserkörper anzustellen Ge- 
legenheit hatte : in Deutsch-Südwestafrika vor und 
an der Palästinafront im Weltkriege. Das Ergebnis 
sei hier in Kürze wiedergegeben: 





Afrika 


Orient 


Für die Statistik verwert- 






bare Bohrungen 


435 bzw. 227 


27 


davon überhaupt wasser- 






fundig 


347(8o<-/o) „ 184(810/0) 


io(37°/o) 


praktisch verwertbar 


2io(48''/„) „ S2(37»/o) 


4U5%) 


Tiefenangaben Uslars zu- 






treffend bei 


62''/„ „ 34 "/o 




(Fehlergrenze ges. 10 m). 







„Es haben also reichlich dreiviertel aller 
Wünschelrutenbohrungen Wasser angefahren, aber 
weniger als die Hälfte hat ein praktisch brauch- 
bares Ergebnis geliefert." „Ein unsicheres Hilfs- 
mittel, Wasser zu finden, wird die Wünschelrute 
wohl immer bleiben. Gerade dadurch aber, daß 
sie die Bohrtätigkeit anregte, hat sie manchen 
Nutzen gestiftet und so mancher Schatz ist ge- 
hoben, der ohne sie wohl noch lange ungenutzt 
im Schöße der Erde geschlummert hätte." Das 
ist ein reichlich indirektes Lob, aber doch auch 
keine Verdammung in Bausch und Bogen. Viel- 
mehr tut gerade die sehr klare Objektivität der 
Rangeschen Darstellung wohl. 

Zu welcher Stellungnahme sich immer der 
Einzelne im gegenwärtigen Zeitpunkt gedrängt 
fühlen mag, in der tatkräftigen Beschäftigung mit 
dem reizvollen Wünschelrutenproblem auf allen 
Seiten muß jeder, der am Ringen um die Hemm- 
nisse der Erkenntnis Freude empfindet, ein gutes 
Zeichen für den Geist der so tief aufgerührten 
Zeit erblicken. 



') P. Range: Die Ergebnisse des Wassersuchens mit der 
Wünschelrute in Südwestafrika und im Orient. „Die Wünschel- 
rute" 1920. Vgl. Ders. : Das Problem der Wünschelrute. 
Diskussion in der Ingenieur-Zeitung Sept. 1921, S. 313 — 315. 



[Nachdruck verboten.] 



Znr Grnndleguiig der Ganzheitsforderung der Biologie. 

Von H. Latzin, Atzgersdorf bei Wien. 
Mit I Abbildung im Text. 



In Fortsetzung einer in der Zeitschrift für all- 
gemeine Physiologie B. XIX H. 1/2 erschienenen 
Arbeit des Verfassers über organische Wahrschein- 
lichkeitstheoreme haben sich diesem einige merk- 
würdige neue Gesichtspunkte ergeben, die er, ob- 
wohl die funktionentheoretischen Untersuchungen 
über diesen Gegenstand noch nicht abgeschlossen 
sind, ihres allgemeinen Interesses halber doch in 
vorläufiger Fassung bekanntgeben möchte. 

Es betrifft das Postulat der Personalganzheit 
der Organismen, wie Driesch das Faktum be- 
nannt hat. 

Wir können unter Ganzheit dreierlei verstehen. 



Einmal Begrifisganzheit, diese kommt für uns als 
rein logisch nicht in Betracht. Sodann Wirkungs- 
ganzheit, wie es jede Maschine ist und schließlich 
Personalganzheit, die durch diesen Begriff zu- 
sammengefaßte Funktions- (Handels-) und Form- 
wesenheit der Organismen. 

Ich glaube von einer näheren Definition dieses 
Begrifies um so mehr absehen zu können, als ja in 
dieser Zeitschrift oft genug auf ihn hingewiesen 
wurde (siehe das Referat über Ungerer, Die Re- 
gulationen der Pflanzen.) 
I. 

Verfasser ging von der uns hier nicht weiter 



N. F XXI. Nr. 4 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Si 



berührenden metaphysischen Hypothese aus, daß 
die Ganzheit nur eine andere Form der 
Allheit, des Absoluten oder der Ge- 
samtwelt sei, derart daß der im Raum 
und Zeit beschränkte Organismus die 
in seinem Innern sich abspielenden Vor- 
gänge auf die Totalität des Raumes und 
der Zeit (= Welt) abbilde. Dann muß näm- 
lich jedes Lebewesen auch eine Ganzheit sein; 
denn ein größerer Abbildungsraum als die Un- 
endlichkeit ist nicht mehr möglich und ein klei- 
nerer widerspräche der Abbildungsfunktion, die 
ein ganz bestimmt definierbarer mathematischer 
Begriff ist. 

Als Veranschaulichung dieses unanschaulichen 
Theorems können wir eine unendliche Ebene 
heranziehen, die in unendlich viele kleine Rechtecke 
zerlegt ist. 

Teilen wir den Punkten dieser Ebene Z die 
Menge aller komplexen Zahlen z zu (Z als kom- 
plexe Zahlenebene), so wird durch eine gewisse 
Funktion f(z) jedes der Rechtecke nach den Regeln 
der Funktionentheorie umkehrbar, eindeutig und 
konform (=:winkeltreu) auf die gesamte unendliche 
Halbebene von Z abgebildet; f(z) ist eine ellip- 
tische Funktion spezieller Art. Die Menge 
derZahlen z ist ein Koordinatensystem 
(ein 2-dimensionalesl =x-(-yi), ihre 
Rolle in der Gleichung erfüllen in der 
lebenden Substanz die Anschauungs- 
formen des betreffenden Organismus. Wir 
fassen hier jegliche Anschauungsform, ohne auf ihre 
neuere erkenntniskritische Behandlung einzugehen, 
als Ordnungsschematischen Begriff auf, deren ein- 
zelne Teile die Begriffsganzheit in sich, nicht unter 
sich enthält. Für den Organismus sind die An- 
schauungsformen scheinbar a priori vorhandene 
Ordnungsschemata, mit denen er seine Erlebnisse 
auf seine Totalität abbildet (oder begreift ?). Und 
während wir jedes Koordinatensystem und die 
in ihm ausgeführten Funktionen in unserem In- 
tellekte trennen müssen (die „Kurve" Im Koor- 
dinatensystem ist eine fortwährende neue Asso- 
ziation zwischen Anschauungsform und Funktions- 
begriffl), sind in der lebenden Substanz beide innig 
verbunden. Mit dem Kategoroid, wie wir diesen 
organischen Faktor aus einem gleich näher zu er- 
örternden Grunde nennen wollen, ist die Unendlich- 
keitsabbildung und das dazugehörige Koordinaten- 
system zugleich gegeben, ein Hinweis darauf, daß 
Mathematik allein für Biologie ungenügend ist. — 
Die Gesetze des logischen Verbindens der er- 
füllten Anschauungsformen nannte Kant Kate- 
gorien (statt Gesetze ist vielleicht besser zu 
sagen Verknüpfungsformen!), und wir dürfen die 
Totalitätsfunktion f(z), das Vitalaxiom , als die 
den intellektuellen menschlichen Kategorien vor- 
hergehende, den Anschauungs formen noch 
immanente Kategorie ansehen. Vital- 
axiom deswegen, weil es wie ein Axiom einer 
Wissenschaft dem handelnden Leben als Richt- 
schnur für sein Verhalten dient. Es ist der 



mathematische Ausdruck des Instinktes. Seine 
wesensheitliche Verbindung mit den Anschauungs- 
formen ist eben das Kategoroid. 

Soweit das psychoide Element unserer Unter- 
suchung. 

II. 

Jede unendliche Ebene Z läßt sich so in unend- 
lich viele gleichgestaltete und gleichgroße Figuren 
— Gebiete zerlegen, daß sie gleichmäßig und 
lückenlos von diesen überdeckt erscheint. 

Aber nur in ganz bestimmt gestalteten solchen 
Gebieten F können durch eine Funktion f(z) alle 
Punkte im Innern von F eindeutig und umkehrbar 
den Punkten der ganzen Ebene Z zugeordnet 
werden. So also, daß die ganze Ebene Z auf 
jedes seiner Teilstücke abgebildet wird und um- 
gekehrt. 



V .V 



^ & ffi 



IV 



^ $ 

III 

^ ^ * 



^Pole^A 



(i> o> 



I Doppelperiode 

zu jedem Rechtecke (I...) gehören 
1 Pol (1..,6)A zweiter Ordnung 



Einfachste elliptische Funktion nach Weierslrass. 

Eine solche Funktion heißt eine elliptische 
(vgl. obenstehende Figur). Der Mathematiker 
unterscheidet die unendliche Halbebene Z, auf 
die alle F durch f(z) abgebildet werden, von der 
Ebene der Gebiete selbst und nennt sie aus nicht 
näher zu erörternden Gründen die unendlichblättrige 
Riemannsche Fläche f(z). Dieser bei weiterem 
Eindringen in unsere Materie sehr wichtige Um- 
stand kommt für den momentanen Bedarf zur vor- 
läufigen Orientierung nicht in Betracht. 

Rein funktionentheoretisch zerfällt jede ellip- 
tische Funktion f(z) in eine unendliche Summe von 
Teilfunktionen g(z), die selbst wieder von ihren so- 
genannten Polen, das sind Stellen in der Ebene Z, 
wo die Funktion unendlich wird, abhängig sind. 
Die Anzahl dieser Pole und deren 
funktionentheoretische Ordnung ist in 
jedem der Gebiete gleich. Aus der Lage 
der Pole in einem Gebiet kann nach dem Satze 
von Mittag Leffler die ganze Funktion f(z) bis auf 
einen additiven Bestandteil abgelesen werden. 
g(z) sind die sogenannten Hauptteile einer mero- 
morphen Funktion. 



52 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 4 



Jeder Pol liefert für den Hauptteil einen be- 
stimmten Bestandteil f/)(z), der, wenn nicht mehr als 
ein Pol im Gebiet oder allgemeiner der Doppel periode 
r (wegen der Periodizität dieser Funktion f(z); 
in jedem Gebiet durchläuft sie ja alle ihre Werte, 
um im nächsten erneut zu beginnen) vorhanden 
ist, selbst zum Hauptteil wird. Wir haben also 
oo 
f (z) = Konstante + ^ ((rJ^) • • • + yi(z) 

a . . . X die verschiedenen Pole in der Periode, 
oo 

:g ihre gemeinsame Summe über alle F. 
1 

Die Gesamtfunktion ist also eine bloße Summe 
von gleichwertigen Teilen. 

Sobald wir nur einmal die allgemeine iVIethode 
zur Entwicklung der Funktion g(z) = cpjz) . . . 
-j- yi(z) erkannt haben, können die Pole eines F 
beliebig angenommen oder ausgetauscht werden, 
jedesmal eine andere, aber ebenfalls eine ellip- 
tische Funktion ergebend. Ebenso, wie der 
Organismus eine ganzheitliche Summe 
der Funktionen oder Erbeigenschaften 
seiner Gene ist. 

Die Gene sind in unserer Theorie diejenigen 
Punkte im Organismus, wo das Psychoid, das Kate- 
goroid, mit der Materie zum innigsten Zusammen- 
wirken gelangt. Materiell entsprechen den Polen 
oder Genen eines Gebietes F unserer f(z) die De- 
terminanten. Daß hier der Angriffspunkt des 
Lebens an der Materie liegt, ergibt sich daraus, 
daß die Materie ebenfalls als eine F"unktion des 
Absoluten mit diskreten Häufungspunkten ähnlich 
den Polen als Unendlichkeitspunkten anzusehen 
ist. Die daraus fließende metaphysische Theorie 
der Materie wird in dem zusammenfassenden 
Werke des Autors nachzulesen sein. 

Jedes der Gebiete F einer Doppelperiode mit 
X singulären Stellen (oder Polen), die durch f(z) 
auf die Totalität abgebildet werden, ist ein Moment- 
bild des Lebewesens f(z) in einem bestimmten, 
durch die Hauptteile (p{z) festgelegtem Reizzustande. 
Diese Reizqualitäten (fiz sind die pri- 
mären Sinnesqualitäten der Psycho- 
logie! — 

Leben ist fortwährendes Fließen. Sein Wesen 
ist nicht allein seine Ganzheit, sondern ebensosehr 
auch die beständigen stationären Bewegungsvor- 
gänge seiner selbst. Eines der Gebiete F nach 
dem anderen wird zum Momentanzustand des Or- 
ganismus, ohne Rast werden sie vom Leben durch- 
laufen, fortdauernd den Reizzustand wechselnd, 
soweit die materielle Erfüllung der Gene mit den 
Determinanten der Veränderung folgen kann. Von 
dieser materiellen Menge, die den Genen koordiniert 



ist, hängt die Fassungskraft der primären Quali- 
täten, die Mneme ab. 

Denn das Kategoroid an sich, diese immer- 
währende Setzung von Funktionen in der Totalitäts- 
ebene, hat keine Grenzen in seinem Flusse. Ihm 
steht die gesamte unendliche Ebene offen. Grenzen 
der unendlichen Möglichkeit fordert allein die 
Materie, deren Anhäufung oder Verschwinden am 
Wirkungsgebiete der Pole, wo die Funktion f(z) 
materielle Eigenschaften annimmt. Grenzen, die 
einerseits zwar wie alles Grenzhafie Einschränkungen 
sind, andererseits aber die Erreichung eines bio- 
logisch-zweckdienlichen Gebietes F mit der ge- 
forderten Reizzustand cp^{z) . . . ffjz) (oder Polen) 
durch Vorhandensein der entsprechenden Deter- 
minanten sehr erleichtert. Überhaupt erst das 
bedingen, was statt der bisher behandelten statischen 
Ganzheit dynamische Ganzheit genannt werden 
kann. Das ist aber der eigentliche Inhalt des 
Lebens I 

Das Gedächtnis als reine Funktion der Materie 
ist die Ursache der immerwährenden Verknüpfung 
des Lebens an sich, der wirkenden Ganzheitsbe- 
ziehung, mit der lebensfremden Materie. 

Das Hinausfahren von F über das individuell 
mögliche Feld auf der Ebene Z führt zu neuen 
Organismen, vorläufig noch gleicher Art, die in 
einem konzentrischen Kreise um den Mutter- 
organismus gruppiert sind. Je weiter die Kreise 
werden, um so unähnlicher die Organismen. Die 
ganze Ebene Z repräsentiert die gesamte Lebens- 
heit, also ein und dieselbe Totalität f(z) für alle 
Lebewesen, nach Driesch's Nomenklatur 
eine, und nur eine Entelechie, oder 
nicht metaphysisch, Ganzheit für alle 
Organismen. 

Denn jedes Gebiet F, wo immer in der Ebene 
Z, wird durch f(z) auf die gleiche unendliche 
Ebene abgebildet. 

Die strenge Fassung eines einheitlichen Lebens, 
das sich in vielen diskreten Organisationen ob- 
jektiviert, und die mathematische Behandlung der 
Ganzheitsprobleme eröff'nen der hier kurz skizzierten 
Methode exakter biologischer Forschung die Mög- 
lichkeit, die zum Fortschritt einer wirklich wissen- 
schaftlichen Biologie unumgänglich nötige Philo- 
sophie in selbst für Nichtmetaphysiker einwand- 
freier Weise einzuführen. 

Ein Weg, den zuerst gewiesen und begangen 
zu haben, Driesch's Verdienst ist. Denn Bio- 
logie ist im tiefsten Grunde ihres Wesens eigent- 
lich Philosophie, das Problem der Realität, 
die Fragen der Erkenntnistheorie u. a. m. 
nur eine andere Formung zur Betrach- 
tung des Kategoroids! 



Einzelberichte. 



Die Homologie der Wirbeltierkiemen. 

Die Kiemenspalten der Wirbeltiere entstehen 
gewöhnlich zunächst als Ausbuchtungen des 



Schlunddarms, denen dann je eine Einbuchtung 
der Oberhaut entgegenkommt. Nach erfolgtem 
Durchbruch der Spalten bilden sich auf den 



N. F. XXI. Nr. 4 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



53 



stehengebliebenen Kiemenbogen die wagerechten 
blutreichen Kiemenblättchen aus, deren Gesamt- 
heit auf einem Bogen — die vorderen und die 
hinteren — je eine Kieme darstellt. Die bei 
dieser Sachlage oft schwer entscheidbare Frage, 
ob die Kieme Haut- oder Darmursprung hat, ist 
bisher verschieden beantwortet worden. Jacobs- 
hagen sucht sie einheitlich zu beantworten.*) 
Um das Ergebnis der Klarheit halber vorweg- 
zunehmen: er entscheidet sich für den ekto- 
der malen Ursprung des Kiemenepithels. 

Beim Lanzett fisch gibt es über loo Kiemen- 
spalten, aber keine aus Blättchen bestehenden 
Kiemen an ihnen. Am komplizierten Blutverlauf 
in den Kiemenspalten ist für unsere Frage das 
wesentlichste, daß das Blut von unten her an der 
Außenseite des Bogens emporgetrieben wird 
und nach gewissen Verzweigungen der Gefäße 
mehr an der Innenseite nach oben abfließt. 
Mithin entsprechen die Außengefäße den Kiemen- 
arterien der Wirbeltiere, und gerade über ihnen 
liegt besonders ausgebildetes Epithel von breiten, 
niedrigen Zellen auf sehr dünner Basalmembran. 
Wegen ihrer Außenlage ist kein Zweifel, daß sie 
der Haut angehören : „die Kiemenatmung der 
Akranier ist eine modifizierte Hautatmung". 

Die Kiemenblätter der Fische entstehen 
allgemein als je eine vordere und eine hintere 
Reihe anfangs knopfartiger Büschel, die zunächst 
in kurze Fäden ausgezogen werden, hierauf sich 
wagrecht zur Gestalt des Kiemenblattes verbrei- 
tern. Stets entstehen sie an der Außenkante 
des Kiemenbogens, so bei Lungenfischen (Cera- 
todus) nach Greil, beim Stör nach Goette 
und bei Selachiern und Knochenfischen nach 
übereinstimmenden Angaben. Greil hat zwar 
trotzdem für Ceratodus dargelegt, daß nach seiner 
Ansicht die Kiemenblätteranlagen seitens dorthin 
gewanderter Entodermzellen, die sich durch ihren 
großen Dotterreichtum als solche erweisen, ge- 
bildet würden. Jacobshagen legt dar, daß er 
ebenso wie Marcus dieser Ansicht nicht folgen 
könne, der Dottergehalt könne durch physiologi- 
sche Zustände innerhalb der Zelle modifiziert 
werden und beweise nicht entodermale Herkunft, 
zumal Jacobshagen alte Angaben vom Vor- 
kommen von Plakoidschuppen auf den Kiemen- 
blättern von Rochen oder von Teleostierschuppen 
auf denen von Orthagoriscus bestätige, und der 
histologische Aufbau der Kiemenblätter sich bei 
allen Fischen, einschließlich der Lungenfische, als 
homolog erweise. 

Die Kiemenblättchen der Zyklostomen 
werden vom Verf. für sich abgehandelt : ihr feinerer 
Bau entspricht wiederum dem bei Fischen, doch 
gilt seit Goette 1901 ihre Entstehung für ento- 
dermal, da sie sich nicht auf der Außenkante der 
Kiemenbogen, sondern auf deren Vorder- und 
Hinterwand ziemlich weit entfernt vom Außen- 
rande anlegen, insbesondere einwärts der hier 

') E. Jacobshagen, Die Homologie der Wirbeltier- 
Wemen. Jenaische Zeitschrift Bd. 57, 1920. 



wie immer im Außenrande gelegenen knorpeligen 
Kiemenbogenspange. Verf. macht nun darauf 
aufmerksam, daß das knorpelige Kiemenbögen- 
skelett der Zyklostomen wohl nicht dem ganz 
anders gebauten der übrigen Fische gleichzusetzen 
sei, ferner daß der die Kiemenblättchen bildende 
Fleischteil des Bogens embryonal vorübergehend 
fast gänzlich vom Knorpelbogenteil getrennt ist 
und daß er wohl dem Außenteil eines Selachier- 
kiemenbogens entsprechen könne , endlich daß 
nach Scheffer anscheinend ektodermale Epider- 
mis in die Kiemenspalten hineingedrungen sei 
und im Kiemenblättchen tragenden Bereich das 
entodermale Flimmerepithel teilweise verdrängt 
habe. Somit würde auch hier der ektodermale 
Ursprung des Kiemenepithels wenigstens als eine 
Möglichkeit erscheinen, vorbehaltlich erneuter 
ontogenetischer Prüfung. 

Die oft als „äußere Kiemen" bezeichneten 
Fadenkiemen der Embryonen der Sela- 
chier und einiger niederer Teleostier 
kommen für die hier behandelte Frage nicht in 
Betracht, da sie nur aus den Kiemenspalten nach 
außen herausragende Verlängerungen von Kiemen- 
blättern sind, also denselben Ursprung haben 
müssen wie letztere. 

Bei den wirklich äußeren Kiemen der 
Lungenfisch- und Krossopt ery gierem- 
b r y o n e n jedoch, die sich übrigens bei Protopterus 
zum Teil bis ins Alter erhalten, und die bei den 
genannten beiden Fischgruppen wiederum unter- 
einander übereinstimmenden feineren Aufbau 
zeigen, ist wesentlich, daß sie den Lungenfischen 
wiederum ohne Beteiligung der Entoderms und 
zwar als je eine knopfartige Erhebung auf der 
Außenkante der Kiemenbogen entstehen. Eine 
Art äußerer Kiemen fern von jeder Kiemenspalte, 
somit ganz sicher der Haut entsprossen , bildet 
übrigens das Männchen des Krossopterygiers Le- 
pidosiren vor der Fortpflanzungszeit aus, indem 
dann die Medialfläche der hinteren paarigen 
Flosse sich mit blutreichen Knöpfchen oder 
Fädchen besetzt, was es vermutlich ermöglicht, 
der Brutpflege obzuliegen, ohne zu der sonst ja 
auch den Krossopterygiern gegebenen Lungen- 
atmung greifen zu müssen. — Es ist, beiläufig 
bemerkt, klar, daß diese Ausbildung auch in Be- 
tracht kommt für die Frage der Ableitung der 
Fischflossen von Kiemenbogen. 

Bezüglich der embryonal oder dauernd vor- 
handenen äußeren Kiemen der geschwänz- 
ten Amphibien, die gleichfalls als je ein 
Knötchen auf den Außenfläche jedes Kiemenbogens 
angelegt werden, liegt die Streitfrage ähnlich wie 
bei den inneren Lungenfischkiemen: auch sie 
wurden von Greil als Gebilde dorthin gewan- 
derten Entoderms angesprochen, was Verf. mit 
Marcus nicht anerkennen möchte.*) Ähnlich bei 

') Es dürfte auch in Betracht kommen, daß sie nach 
Maurer, Morphol. Jahrbuch Bd. 14, 188S, vor Durchbruch 
der Kiemenspalten entstehen , nachdem Ektoderm und Ento» 
derm sich eben erst berühren. F. 



54 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 4 



den äußeren Kiemen der Froschkaulquappen ; *) 
obwohl hier die Teilnahme entodermaler Ele- 
mente am Aufbau der Kiemen unumstritten ist: 
sie beweise nicht die Bildung der Kiemen durch 
das Entoderm. Nach ihrem Schwinden entwickeln 
sich bekanntlich an den Kiemenbögen gleichfalls 
vorübergehend neue Kiemen, die als innere zu 
bezeichnen sind, weil sie unter einer inzwischen 
entwickelten kiemendeckelartigen Hautfalte liegen. 
Sie entstehen wie Fischkiemen als je eine Knöt- 
chenreihe an der Vorder- und Hinterkante der 
Außenfläche jedes Kiemenbogens, gelegentlich 
auch mehr der Mitte seiner Außenfläche genähert. 
Hiernach wägt Verf., da jene Kante mit der 
Ektoderm Entodermgrenze zusammenfällt, ab, daß 
der ektodermale Ursprung der wahrscheinlichere 
sei. Ekman gibt Greil, der auch hier ento- 
dermalen Ursprung annimmt, soviel zu, daß 
Entodermunterschiebungen auf der Außenfläche 
des Kiemenbogens vorkommen, hat aber nur 
selten einzelne Entodermzellen in den knötchen- 
förmigen Kiemenanlagen beobachtet. 

Franz. 

Freie Ammonium-Radikale II. 

Nachdem W e i t z ^) die Darstellung eines freien 
Ammoniumradikals gelungen ist, hat nunmehr 
H. H. S c h 1 u b a c h in Gemeinschaft mit F. B a 1 1 - 
auf die Existenz des Tetraäthylammoniums und 
sogar die des Radikals Ammonium NH^- selbst 
wenigstens in Lösung nachweisen können.^) Da- 
mit ist also auch das wichtige Ammonradikal 
seines nur hypothetischen Charakters entkleidet 
worden. Aus früheren Beobachtungen Schlu- 
bachs war hervorgegangen, daß die Farbe der 
Lösung von freiem Tetraäthylammonium, (C2H5)^N-, 
blau ist. In dem Auftreten und dem Bestehen 
dieser Farbe hat man also zunächst einmal einen 
Anhalt für das Vorhandensein des Radikals. Dessen 
Darstellung ist lediglich eine Frage der experi- 
mentellen Geschicklichkeit. Wenn bei — 70" eine 
Lösung von Tetraäthylammoniumjodid in flüssigem 
Ammoniak elektrolysiert wird, so tritt in bekannter 
Weise eine Wanderung der Ionen des Salzes ein: 
(C,H,\NJ = (QHJ.N- + y 

Da das Teiraäthylammonium Ion positiv ge- 
laden ist, so scheidet es sich an der Kathode ab. 
Die Flüssigkeit um die Kathode wird also tief- 
blau. Die tiefblaue Lösung zeigte nun in der 
Tat alle Umsetzungen des erwarteten Radikals, 
verhielt sich also in hohem Grade ungesättigt. 
Mit Jod trat augenblicklich Entfärbung ein (Rück- 
bildung des Tetraäihylammoniumjodids) , mit 
Schwefel bildete sich alsbald das wasserlösliche 
Sulfid. Es ist also außer Zweifel, daß in der 



') Sie entstehen unmittelbar nach Durchbruch der 
Kiemenspalten. K. 

2) Naiurw. Wochenschr. N. F. XXI. 

*j Der. d. d. ehem. Gesellsch. 54, S. 281 1 und 2825. 
1921. 



blauen Lösung wirklich Tetraäthylammonium der 
Formel (CjHg^^N- vorhanden ist. 

Die beschriebenen blauen Lösungen sind nicht 
beständig. Nach einigen Stunden schon sind sie 
entfärbt. Trotzdem geben sie auch dann noch 
die Reaktionen des freien Radikals. Auf Grund 
besonderer Versuche und in Analogie zu ver- 
wandten Erscheinungen muß man annehmen, daß 
sich alsdann die blaue in eine farblose Form 
des Radikals umgewandelt hat. Sie ist ebenfalls 
wenig stabil und zersetzt sich schon bei der 
Temperatur des siedenden Ammoniaks. Die farb- 
lose Form ist ein Dimeres der blauen, d. h. das 
hochgradig ungesättigte freie Radikal verkettet 
sich mit einem zweiten im Sinne der Beziehung: 
2(QH,),N... = (C,H,),N...N(,HJ, 
blau farblos 

Ganz entsprechende Verhältnisse sind von ande- 
ren Radikalen bekannt : *) so z. B. von Stickstofif- 
dioxyd. 

Nachdem also hiermit der Nachweis der Exi- 
stenzmöglichkeit eines weitgehend substituierten 
Ammonradikals geliefert ist, kann es nicht ver- 
wundern, daß auch dem Ammonium selbst, 
d. h. der Gruppe NH^ . . eine gewisse, wenn na- 
türlich auch sehr geringe StabiHtät bei gewissen 
Bedingungen zukommt. Diesen wichtigen Nach- 
weis zu liefern ist Schlubach und Bai lauf 
ebenfalls gelungen und damit die Entscheidung 
einer chemisch - experimentellen F"rage, die seit 
Davys Zeiten die besten Experimentatoren be- 
schäftigt hat. Noch Ruff und Moissan ver- 
neinten die Existenzmöglichkeit des Ammoniums 
ganz. Wenn man nämlich das Ammonium aus 
einer Ammoniumchloridlösung in flüssigem Am- 
moniak mittels metallischen Kaliums in Freiheit 
zu setzen versucht im Sinne der Gleichung 

NH.Cl -f K = KCl + NH,-, 
so gewinnt man Ammoniak, indem sich das zu- 
nächst bildende Ammonium sofort zersetzt nach : 
2NH^ =2NH3 + Ho. 

Es wird also Wasserstoff frei. Damit hat man 
gleichzeitig ein bequemes Mittel, die Zersetzung, 
bzw. die Bildung von Ammonium festzustellen. 
Wenn nun Schlubach eine sehr verdünnte 
Lösung von Kaliummetall in flüssigem Ammoniak 
in eine ebenfalls wenig konzentrierte Ammoniak- 
lösung von Ammoniumchlorid bei — 70" und unter 
Beobachtung größter Vorsicht zutropfen ließ, so 
entfärbte sich jeder Tropfen der blauen Kalium- 
lösuiig unter lebhafter Reaktion sofort, ohne 
daß Wasserstoff entwickelt wurde 1 Hier ist also 
zum ersten Male die Darstellung freien Am- 
moniums gelungen, und zwar der farblosen Form, 
denn an sich müßte analog dem Obigen das 
Ammonradikal natürlich blau sein. Der analyti- 
sche Nachweis freien Ammoniums ließ sich wie- 
der durch den momentanen Umsatz mit Jod 
führen. H. Heller. 



') Vgl. Anmerkung 2. 



N. F. XXL Nr. 4 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



55 



Bücherbesprechungen. 



Czapek, Prof. Dr. Fr., Biochemie der Pflan- 
zen. 2. umgearbeitete Auflage. Bd. II und III. 
Jena, G. Fischer. 66 bzw. iioM. 

Der erste Band der 2. Auflage dieses hervor- 
ragenden und in den Kreisen der Biologen und 
Chemiker wohlbekannten Buches erschien bereits 
191 3. Nach verhältnismäßig langer durch den 
Wellkrieg bedingter Pause erschien 1920 der 2. 
und überraschend kurz darauf der 3. Band, so- 
daß jetzt das Buch vollständig vorliegt. Leider 
hat der Verfasser sich des vollendeten Werkes 
nicht lange freuen können; kaum als Nachfolger 
W. Pfeffers nach Leipzig berufen, wurde er 
vom Tode ereilt. 

Czapeks Werk ist der erste umfassende 
Versuch, den Chemismus der Pflanze in seinem 
physiologischen Zusammenhange kritisch darzu- 
stellen, und bedeutet gewissermaßen die F"ort- 
setzung und den Ausbau der berühmten Pflan^.en- 
Physiologie seines Lehrers nach der chemischen 
Seite hin. Ein ungeheures Tatsachenmaterial ist 
hier, geordnet unter pflanzenphysiologische Ge- 
sichtspunkte zusammengetragen zu einem Buche, 
das, wenn auch gewiß nicht in allen Teilen 
gleichmäßig, doch überall in seiner Anlage ori- 
ginell ist und noch auf lange Zeit ein un- 
entbehrliches Hilfsmittel für physiologische und 
biochemische Forschung darstellen wird. 

Im zweiten, 541 Seiten starken Bande wird 
zunächst die Darstellung der im aufbauenden 
pflanzlichen Stoff"wechsel entstehenden Stoffgruppen 
fortgesetzt. Es wird der Gewinn der stickstoff- 
haltigen organischen Substanzen, namentlich der 
Proteide, geschildert, wie er sich bei Bakterien, 
Pilzen und grünen Pflanzen vollzieht. Bei letzteren 
werden auch die Stoffumsetzungen bei der Keimung, 
die Mobilisierungs- und Speicherungsprozesse usw. 
ausführlich erörtert. Dann folgt im IV. Teil die 
Darstellung der Rolle, die die Mineralstoffe im 
pflanzlichen Stoffwechsel spielen, die ebenfalls für 
die einzelnen Gruppen der Pflanzen sowie für 
einzelne Organe, wie Samen, Knollen, Laubblätter, 
Wurzeln gesondert durchgeführt wird. 

Der dritte Band von 852 Seiten Umfang ent- 
hält den Chemismus des abbauenden Stoffwechsels. 
Er beginnt mit den mit Sauerstoffaufnahme ver- 
knüpften Vorgängen der Atmung, die zunächst 
allgemein physiologisch geschildert werden, und 
geht dann über zu den mannigfaltigen weiteren 
oxydativen Prozessen, die sowohl nach den 
Materialien, die ihnen unterliegen, als auch nach 
den gebildeten Stoffen abgehandelt werden. Daran 
schließen sich die intramolekularen Atmungs- 
vorgänge, zu denen die Reduktions^vorgänge der 
Sulfate und Nitrate reduzierenden Bakterien sowie 
vitale Reduktionen von Kohlenstoffverbindungen 
und der Chemismus der Buttersäuregärung ge- 
rechnet werden, während auffallenderweise die 
typischen Fäulniserreger und das klassische Ob- 
jekt, die Hefe, in diesem Zusammenhange nicht 



berücksichtigt werden. Die Alkoholgärung ist 
vielmehr im ersten Bande bei der Aufnahme von 
Kohlehydraten durch Pilze, die Fäulnis dagegen 
im zweiten Bande oben beim Eiweißabbau be- 
handelt, was wohl nicht ganz zweckmäßig ist, da 
so sinngemäß zusammengehöriges getrennt wird. 
Es folgen dann die Produkte, die man gewöhnlich 
als Endprodukte auffaßt und die Czapek ge- 
radezu als „Ausscheidungsprodukte bezeichnet, 
zunächst die N haltigen wie die Senföle, die 
Purinderivate , Glukoside , Pyridinbasen usw. 
Schließlich finden die außerordentlich mannig- 
faltigen stickstoffreien zyklischen Kohlenstoff- 
verbindungen, die Farbstoffe, Gerbstoffe, Gluko- 
side, Benzolderivate, Terpene, Harze, Kautschuk- 
substanzen eine eingehende Behandlung. 

Besonders hervorzuheben ist, wie überall auch 
die historische Entwicklung der Kenntnisse be- 
rücksichtigt wird. 

Umfangreiche Nachträge und Ergänzungen 
sowie ein ausführliches Inhaltsverzeichnis machen 
den Beschluß. Miehe. 

Uexküll, J. V., Umwelt und Innenwelt der 
Tiere. Zweite, vermehrte und verbesserte 
Auflage. Mit 16 Textabbildungen. 224 Seiten. 
8°. Berlin 192 1, Julius Springer. Preis 48 M., 
geb. 54 M. 
Die Neuauflage des v. Uexküll sehen Buches 
ist um anschauliche (nicht originale) Habitusbilder 
vermehrt. An Stelle des Kapitels über den Reflex 
ist eins über den Funktion^.kreis getreten. Von 
sonstigen Änderungen und Verbesserungen sei 
erwähnt, daß ein Kapitel über die Pilgermuschel 
hinzugekommen ist. Die physiologischen oder, 
wie der Verf. sie nennt, biologischen Forschungen 
V. Uexkülls an den verschiedensten Wirbellosen, 
unter häufigem experimentellem Eingriff in das 
Nervensystem, haben stets die verdiente Beachtung 
gefunden ; ihr Ziel ist, die Reaktionsweise des Tieres 
im Einklang mit seinen Lebenserfordernissen zu 
verstehen, und ihr allgemeines Ergebnis besteht 
darin, daß das Tier nur auf die ihm vermöge 
seiner Sinnesorgane gegebene Umwelt, auf diese 
aber vollkommen eingestellt ist. Nehmen wir 
einmal als Beispiel die Pilgermuschel. Sie hat 
zwei sehr verschieden große Schließmuskeln. Der 
kleinere ist der „Sperrmuskel", er schließt die 
beiden Klappen fest aufeinander. Reizt man die 
linke Kommissur zwischen Zerebral- und Viszeral- 
ganglion und durchschneidet dann die Nerven- 
verbindung zwischen letzterem und dem Muskel, 
so bleibt er dauernd verkürzt oder „gesperrt". 
Reizt man aber vor Durchschneidung der Nerven 
die rechte Kommissur zwischen jenen beiden 
Ganglien, so hebt dies die Sperrung des Muskels 
auf. Der große Muskel ist dagegen der Bewegungs- 
muskel, der die schwimmende Bewegung der 
Muschel durch wiederholten Schalenschlag be- 
wirkt. Bei seiner Tätigkeit ist der Sperrmuskel 



S6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 4 



stets schlaff. Er untersteht dem Viszeralganglion 
und wird namentlich durch Reizung der bekann- 
ten Mantelrandaugen in Bewegung gesetzt. Ver- 
dunkelung läßt nämlich die das Auge umgeben- 
den Tentakeln auseinanderschlagen; nähert sich 
der die Verdunkelung hervorrufende Körper im 
Tempo eines Seesterns an, so flattern ihm alsdann 
die Tentakeln entgegen. Sobald er sie berührt, 
arbeitet der Bewegungsmuskel, und die Muschel 
schwimmt eilends davon. „Der Feind wird in 
eine Reihe aufeinanderfolgender Merkmale zerlegt, 
die eine Reihe von Handlungen auslösen." Der 
oft als rudimentär angesprochene Fuß dient in 
Wahrheit als Wischtuch, um größere Fremdkörper 
von den Kiemen fortzufegen. — Bezüglich der 
Manteltiere legt v. Uexküll dar, daß der ziem- 
lich einfache Organismus einer Ciona über einen 
durch Reizung der Kiemenhöhle hervorgerufenen 
Ausspeireflex und einen beide Öffnungen im Falle 
von deren Reizung verschließenden Schutzreflex 
verfügt, daß das bekannte Gehirnganglion den 
Tonus der gesamten Muskulatur dauernd herab- 
setzt, denn nach seiner Entfernung verfallen sie 
in Konlraktionsstarre oder „Sperrung", daß ferner 
nur bei vorhandenem Ganglion Reizung der einen 
Öffnung fast gleichzeitigen Verschluß beider be- 
wirkt, während bei fehlendem nur energische 
Reizung langsam zur gleichen Wirkung führt, 
dies augenscheinlich vermöge eines allgemeinen 
Nervennetzes, und daß die durch den Schutzreflex 
eintretende Steigerung des Wasserdrucks im Innern 
die Erregung herabsetzt, also den Reflex bald 
wieder aufhebt. Die Merkwelt einer Ciona be- 
steht hiernach „bloß aus Schädlichkeiten", wäh- 
rend „alle gute Nahrung reizlos in den Körper 
wandert", v. Uexküll meint wohl nicht wirk- 
lich, daß die Maschine einer Ciona ganz so ein- 
fach sei, sondern es handelt sich mehr um das 
Prinzip, Tier und Umwelt aufeinander zu beziehen. 
Man könnte z. B. in seiner Analyse die positiv 
phototropische Lichtreaktion, die auf auch hier 
vorhandenen Mantelrand - Lichtsinnesorganen be- 
ruht, vermissen. — In ähnlicher Weise werden 
mehr als ein Dutzend Tierformen behandelt. 

Die Schreibweise des Verf.s im vorliegenden 
Buche, wo er den Leser stets vom Alltagswissen 
ungezwungen in die Gelehrsamkeit , und zwar 
ebensowohl in v. UexküUs eigene Unter- 
suchungen wie in einschlägige anderer Forscher, 
hineinführt, dient der Verbreitung dieser anziehen- 
den Kenntnisse gut. Es ist nicht schwer, sich 
mit der manchmal eigenen wissenschaftlichen 
Terminologie des Verfs zu befreunden. „In der 
Umwelt eines Tieres gibt es nur Dinge, die die- 
sem Tier ausschließlich angehören." Dieser Satz 
scheint mir der wichtigste von den 2i Schluß- 



sätzen des Buches. Offenbar in diesem Gedanken 
findet der Verf. denn auch zur Tropismenlehre, 
die doch von einer ganz entgegengesetzten Auf- 
fassung ausging, eine allerdings nicht ganz klare 
Stellungnahme. 

Der Verf. steht unter „dem frischen Eindruck, 
den der Sturz des Darwinismus in uns allen her- 
vorgerufen hat". Daß aber der Darwinismus ge- 
stürzt sei und „die Erfolge eines halben Jahrhun- 
derts heute unwesentlich" sind, wird vom Verf. 
eben nur als seine Meinung hingestellt und keines- 
wegs begründet. Es müßte denn sein, daß der 
Verf. meint, der Darwinismus sei gleichbedeutend 
mit der wenige Zeilen später gleichfalls von ihm 
bekämpften „Lehre von der Vervollkommnung 
der Lebewesen". Diese ist aber nur ein kleiner 
Teil vom Inhalt des Darwinismus, allerdings der- 
jenige, den viele Biologen heute als den verfehl- 
testen der ganzen Entwicklungslehre betrachten, 
zugleich derjenige, der scheinbar durch den 
ganzen Inhalt des v. UexküUschen Buches 
widerlegt wird. Und doch wird er dadurch 
keineswegs widerlegt. Nehmen wir einmal 
als Beispiel die Manteltiere: v. Uexküll leitet das 
oben referierte Kapitel über diese Tiere mit aus- 
zugsweise folgenden Worten ein : „Die freischwim- 
menden Larven berechtigen zu den schönsten 
Hoffnungen. Und dann dieser Rückschlag ! Ja 
sie wirken in dieser moralischen Beleuchtung fast 
wie ein warnendes Beispiel. Und doch ist diese 
ganze Auffassung lächerlich." Wirklich? Wenn 
wir uns, wie es der Verf. in anderem Sinne 
für notwendig hält, „zu einem übermomentanen 
Standpunkte erheben", so wird man kaum be- 
zweifeln, daß die Fische längeren zahlreichen 
Bestand im Meere haben werden als die Aszidien, 
und jedenfalls sind sie bis heute schon viel zahl- 
reicher, und für viele ähnliche Verhältnisse im 
Organismenreich ist ganz dasselbe auch aus der 
Paläontologie abzulesen, die leider bei den Mantel- 
tieren versagt. Der Physiologe täte gut, auch der 
Frage nachzugehen, worauf dies beruht. Bei 
Jordan, den v. Uexküll oft erwähnt, finden 
sich Ansätze dazu. 

V. U e X k ü 1 1 s Buch soll daraufhin nicht weni- 
ger empfohlen sein. Zweifellos spricht es aber 
in diesem Punkte aus einer Zeitströmung, die auf 
Unkenntnis der phylogenetischen Tatsachen be- 
ruht. V. Franz, Jena. 



Literatur. 



Nee ff, Friedrich, Prolegoraena zu einer Kosmologie. 
Tübingen '21, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). 9 M. 

Bavink, Bernhard, Ergebnisse und Probleme der Natur- 
wissenschaft. 2. Aufl. Leipzig '21, S. Hirzel. 63 M., geb. 
75 M- 



lubalt: Edw. Hennig, Geologie und Wünschelrute. S. 49. II. Latzin, Zur Grundlegung der Ganzheitsforschung der 
Biologie. (I Abb.) S. 50. — Einzelberjcbte Jacobshagen, Die Homologie der Wirbeltierkiemen. S. 52. H. H. 
Schlubach und F. BaUauf, Freie Ammonium-Radikale II. S. 54. — Bücberbesprecbungen : Fr. Czapek, Bio- 
chemie der Pflanzen. S. 55. J. v. Uexküll, Umwelt und Innenwelt der Tiere. S. 55. — Literatur: Liste. S. 56. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstrafle 43, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 

Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Xeue Folfre ci. Band; 
der ganzen Reihe 37. Hand. 



Sonntag, den 29. Januar 1922. 



Nummer 5. 



Die logische Stellung der Biologie im System der Wissenschaften. 

(über den logischen Charakter der Biologie.) 



[Nachdruck verboten.] 



Von Dr. Adolf Meyer, Hamburg. 



Wie jede Definition oder jedes Theorem in 
der Wissenschaft, zu der es gehört, eine ganz be- 
stimmte, nur ihm eigentümliche logische Stelle 
einnimmt, so behauptet auch jede Wissenschaft 
als solche im Systeme aller Wissenschaften einen 
ganz bestimmten, nur ihr zukommenden , logisch 
eindeutig charakterisierbaren Platz. Das System 
der Wissenschaften ist vielleicht am ehesten einer 
gewaltigen musikalischen Symphonie vergleichbar. 
Die speziellen Wissenschaften sind dann charak- 
terisiert durch die verschiedenen Instrumente, aus 
deren Zusammenwirken dann eben jenes gewaltige 
Symphoniekonzert resultiert, das wir menschliche 
Wissenschaft heißen. Wenn es dann auch hin 
und wieder nicht an Dissonanzen fehlt, wer wollte 
sich darüber wundern, der weiß , wie jeglichem 
Menschlichen eine gewisse Unvollkommenheit an- 
haftet. Zudem ist die Komposition der Wissen- 
schaft ja nie vollendet. 

Im Folgenden soll nun versucht werden, den 
eigentümlichen Charakter, den das Biologie ge- 
nannte Instrument in jene Symphonie hineinträgt, 
sauber für sich herauszuarbeiten. Wie der geübte 
Musiker in der Lage ist, aus einem Konzert ein 
einzelnes Instrument stets deutlich herauszuhören, 
auch da, wo es nicht „die erste Geige spielt", so 
wollen wir ein gleiches mit der Biologie ver- 
suchen. Es handelt sich hier also, wohlverstan- 
den, nicht darum, das Verhältnis der Biologie zu 
ihren Schwesterwissenschaften genauer zu be- 
stimmen, sondern wir wollen zunächst nur das 
engere Problem in Angriff nehmen, die logischen 
Koordinaten, die die logische Stellung der Biologie 
im Systeme der Wissenschaften determinieren 
und damit ihren logischen Charakter konstituieren, 
genauer festzustellen. 

Das, was jede Wissenschaft in ihrem innersten 
Gefüge, in ihrer logischen Struktur letzten Endes 
konstituiert, ist ihr Ideengehalt. Unter einer 
Idee im logischen Sinne soll daher im 
folgenden stets ein solches Logisma*) 
verstanden werden, das den spezifi- 
schen Charakter einer Wissenschaft in 
programmatischer Weise beschreibt, 
das also auch das Ziel kennzeichnet, 
dem eine Wissenschaft mit den ihr 
eigentümlichen Logismen zustrebt. In 
diesem auf ein besonderes, den derzeitigen Be- 

') „Logisma" nenne ich jedes logisch charakterisierbare 
Element einer wissenschaftlichen Theorie , z. B. Konstanten, 
Gleichungen, Syllogismen usw. Vgl. diese Zeitschrift Nr. 50 
1920 und Nr. 25, 1921. 



Stand einer Wissenschaft übergreifendes theoreti- 
sches Ziel Gerichtetsein erblicke ich das logische 
Charakteristikum einer Idee. Nur dadurch unter- 
scheiden sich meines Erachtens Ideen von jenen 
Logismen, die, wie Theorien, Hypothesen, Empi- 
rismen, Prinzipien, Axiome usw., es sich lediglich 
angelegen sein lassen, den gegenwärtigen 
Bestand einer Wissenschaft möglichst zweck- 
mäßig, d. h. benutzbar, darzustellen. 

Durchmustert man nun nach solchen beherr- 
schenden Ideen das System der Naturwissen- 
schaften von der Geometrie bis zur Soziologie, 
so heben sich meines Erachtens zwei wohl cha- 
rakterisierte, als Gegenpole funktionierende Ideen 
ganz besonders deutlich ab. Es sind dies die 
Ideen der Mathematik un d der His t orie, 
die Mathematisierung und die Historisierung aller 
Empirismen, oder metaphysisch gesprochen, der 
mathematische und der historische Anblick oder 
besser Durchblick durch die Welt. Beiden Ideen 
gemeinsam ist das grandiose Bestreben, das Ganze 
der Welt und des Lebens in ihre logischen Netze 
einzulangen. Dabei stehen sie in fundamentalem 
Gegensatz zueinander. Wo die eine von ihnen 
unumstritten herrscht, hat die andere ihr Recht 
verloren, und wo die eine sich schwach erweist, 
fühlt sich die andere unendlich stark. Hätte eine 
von ihnen das leidenschaftlich erstrebte Ziel, alles 
Wirkliche absolut zu durchdringen, je erreicht, so 
würde die andere damit endgültig erledigt sein. 
Da aber bei der Unendlichkeit des Universums 
und der Begrenztheit alles Menschlichen ein sol- 
ches Ziel schwerlich je erreicht wird, so wird der 
Kampf beider Ideen um jedes Stück der Wirk- 
lichkeit ein ewiger sein. Trotz ihrer Totfeind- 
schaft sind sie beide doch voneinander abhängig 
und aufeinander angewiesen, ja oft schließen sie 
infolgedessen auf Zeit ein friedliches Kompromiß, 
indem in noch strittigen Gebieten jede von ihnen 
das zu leisten sich bemüht, was den Kräften der 
andern versagt geblieben ist. Würde übrigens 
eine von ihnen je das absolute Ziel erreichen, so 
hätte sie die andere damit nicht nur endgültig 
besiegt, sondern in einem höheren Sinne über- 
flüssig gemacht und überwunden; denn jede 
Frage, die die Überwundene nur hätte stellen 
können, müßte in dem angenommenen unwahr- 
scheinlichen Falle ja von der Siegerin beantwortet 
sein. So würde ein endgültiger Sieg der einen 
im Grunde auch eine versöhnende Vollendung 
der anderen mit sich bringen. Allein es ist gut, 
daß es soweit nie kommen wird, denn was gäbe 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 5 



es noch Anziehendes für den Geist des Men- 
schen, wenn der Kampf der Ideen fortfieie. 

Jede von beiden hat ihre Domäne, in der sie 
wurzelt, aus der sie immer aufs neue Kraft 
schöpft für ihre stets wiederholten Vorstöße ins 
unbekannte Land. So ist die Mathematik in 
der sog. Na tur Wissenschaft beheimatet. Das 
meint auch Kant, der geniale Schöpfer der 
modernen Logik, wenn er einmal sagt, daß in 
jeder echten Naturwissenschaft nur soviel wahre, 
eigentliche Wissenschaft angetroffen werde, als 
sie Mathematik enthalte. Demgegenüber ist die 
Historie in den sog. Geisteswissenschaf- 
ten verankert. Gleichwohl ist es absolut unzu- 
lässig, zwischen beiden Gebieten prinzipiell un- 
übersteigbare Grenzen zu ziehen. Denn wie bis- 
her wird die Entwicklung der Wissenschaften auch 
fernerhin alle prinzipiellen Schranken für nichts 
achten. Wer wollte so vermessen sein, der Zu- 
kunft unabänderliche Wege vorzuschreiben ? Es 
ist infolgedesssen auch nicht zulässig, den hier 
geschilderten Ideengegensatz auf eine so einfache 
logische Formel wie den Gegensatz des „Nomo- 
thetischen" und „Idiographischen", den die Badi- 
sche Philosophenschule') herausgearbeitet 
hat, zu bringen. Gewiß ist hier ein bedeutsames 
Motiv in unserer Ideensymphonie mit bewunderns- 
werter Klarheit herausgehört worden, ein Motiv, 
welches zudem für die gegenwärtige Situation der 
Wissenschaften besonders typisch ist; gleichwohl 
ist es, wie ja auch die Diskussion jener geistvollen 
These deutlich ergeben hat, unmöglich, den uns 
beschäftigenden grandiosen Ideengegensatz in eine 
so einfache Formel einzufangen. Man kann eine 
Idee eben nicht ohne Gewaltsamkeiten auf eine 
so glatte Formel bringen. Man muß sie schon 
von verschiedenen Seiten her betrachten. Eine 
andere, aber auch wieder für sich allein unzu- 
längliche Formulierung unseres Ideengegensatzes 
würde es sein, wenn man in der Mathematik und 
ihren Abkömmlingen die Welt des Quantitativen 
und ihre Ausbreitung, in der Historie dagegen die 
des Qualitativen sehen wollte. Auch das be- 
schreibt unfehlbar manche Eigentümlichkeiten 
unserer Ideen, erschöpft sie aber auch nicht, denn 
die Mathematik hat längst aufgehört, eine Wissen- 
schaft des nur Quantitativen zu sein. Man denke 
doch nur an den Zahlbegriff der Mengenlehre, 
der enorm qualitative Eigenschaften hat, oder an 
den Logiccaicul überhaupt, der die Synthese zwi- 
schen der Mathematik und den Qualitäten der 
Logik immer enger zu gestalten im Begriffe ist. 
Auch können die Ikgriffspaare intuitiv (Historie.) 
— discursiv (Mathematik) oder Welterkenntnis 

') Man vergleiche; W. Wind elband , „Geschichte und 
Naturwisscnschafi". Rede, Straflburg 1894. — H. Rickert, 
Die Grenzen der naturwissenschafilichen Begriffsliildung, 2. Aufl., 
1913; Kulturwissenschaft und Nalurwissrnschaft, 3. Aufl., 
1915 — Zur Kritik: E. Troellsch, ,,Über Maßstäbe zur 
Beurteilung historischer Dinge". Rede, Berlin 1016; „Über 
den Begrifl" einer historischen Dialektik. I. VVindelband- 
Rickeri". = Histor. Zeitschr. Bd. 119, 1919, Heft 3. — 
Auf Kroners BUcher komme ich später zurück. 



auf den Wegen von „Außen nach Innnen" (Mathe- 
matik) und von „Innen nach Außen" (Historie) 
unser Problem nicht restlos erschöpfen. Am ehe- 
sten wäre dazu vielleicht noch der letztgenannte 
Gegensatz ') imstande. Dafür ist er dann aber 
auch reichlich unbestimmt gehalten und insofern 
für wissenschaftliche Zwecke nicht zu ge- 
brauchen. Metaphysisch gibt er ja fraglos gewisse 
Perspektiven. Man sieht, es ist nicht möglich, 
den Gegensatz Natur — Geist, oder wie das Pro- 
blem in logischer Formulierung lautet, den Gel- 
tungsbereich von Mathematik und Historie auf 
endgültige Formeln zu bringen. Es handelt sich 
hier eben nicht um ein für allemal lösbare Pro- 
bleme, sondern um „Ziele" der Wissenschaften. 
Es gibt also keine prinzipielle Grenze zwischen 
Natur- und Geisteswissenschaften. Wer ihr Wesen 
kennen lernen will, muß sich nicht an bloßen 
Formeln genügen lassen, sondern die in ihnen 
wirksamen grandiosen Ideen der Mathematik und 
Historie auf ihre Arbeit begleiten und unvorein- 
genommen ihr Tun betrachten. Was er dabei 
an bequemen, aber inhaltsleeren Definitionen ver- 
liert, wird ihm reichlich ersetzt werden „durch 
den Zauber der Wirklichkeit, der ihre Scnöpfungen 
schmückt", durch die berauschend schönen Per- 
spektiven, die sie der Forschung stellen. 

Verfolgen wir zunächst einmal in kurzen 
Zügen die Idee der Mathematik auf ihrer 
Reise durch die Welt. Ihr Ziel ist die immer 
mehr fortschreitende Mathe matisierung der 
Naturwissenschaften. Dieser logische Prozeß 
ist freilich bekannter unter einem anderen Schlag- 
wort, der mechanistischen Naturforschung 
nämlich. Gleichwohl sind beide Ideen, wie ich 
andern Orts ^) nachzuweisen mich bemüht habe, 
im Wesen identisch. Wie z. B. die Mathemati- 
sierung in den verschiedenen Naturwissenschaften 
in logisch verschiedenem Grade aultritt, so auch 
die mechanistische Idee. Gewiß ist die Mathe- 
matisierung bis zu einem gewissen Grade un- 
abhängig von der Verwirklichung des mecha- 
nistischen Prinzips. Ist doch Mathematisierung 
zunächst, rein als Anwendung aufgefaßt, nur 
etwas Formales, während das mechanistische 
Postulat stets inhaltliche Bestimmungen mitbringt. 
Gleichwohl ist die äußerliche Mathematisierung 
als Anwendung nicht die logisch höchst mögliche 
Gestalt der Idee der Mathematik. In höchstem 
Sinne mathematisiert ist vielmehr eine Wissen- 
schaft nicht schon dann, wenn sie mathematische 
Rechnungsarten und Gleichungssysteme verwendet, 
sondern erst dann, wenn ihr Axiomensystem in 
irgendeiner bestimmten Form auf das mathe- 



') Dieses BegrifTspaar hat der Verf. in zwei, schon vor 
2 Jahren geschriebmen, aber noch unediert beim ,, Archiv 
f. syst. Philos." liegenden Aufsätzen: a) „Logik und Natur- 
wissenschaft", b) ,,Zur Metaphysik der Wissenschaft" behan- 
delt. Metaphysisch interessierte Leser seien darauf hinge- 
wiesen. 

■■'} Vgl. „Die mechanistische Idee in der modernen Natur- 
wissenschaft". Naturw. Wochenschr. Jahrg. 1920, Nr. 50. 



N. F. XXI. Nr. 5 



Naturwisseiiäctiaftliche Wochenschrift. 



59 



matische, speziell geometrische Axiomensystem 
fest bezogen ist. Diesen Prozeß hat ja erst jüngst, 
worauf vor allem Hilbert*) hingewiesen hat, 
die moderne Relativitätstheorie für die 
Physik geleistet, wodurch diese „eine Wissenschaft 
vom Range der Geometrie" geworden ist. Die 
Geometrie kann nämlich bekanntlich schon 
lange den Anspruch erheben, die im höchsten 
Sinne mathematisierte Naturwissenschaft darzu- 
stellen. Der Streit, ob die Geometrie eine aprio- 
rische oder empirische Wissenschaft ist, ist 
nämlich nicht nur völlig müßig, sondern enthält 
auch eine ganz falsche Problemstellung. Insofern 
als sie im höchsten Sinne — axiomatische Grund- 
lage mit mathematischen Deduktionen — mathe- 
matisiert ist, ist sie selbstverständlich eine aprio- 
rische Disziplin. Insofern aber, als sie Natur- 
wissenschaft ist und Empirismen in ihren Axiomen 
(Parallelprinzip 1) verwendet — darauf, daß diese 
Empirismen nur in den Axiomen verwendet 
werden, kommt es hier an ! — , ist die Geometrie 
auch eine empirische Disziplin. Denn Em- 
pirie und Apriorität schließen sich 
durchaus nicht aus. Jede Naturwissenschaft, 
und wenn Hilberts Diagnose richtig ist, erleben 
wir das zurzeit ja mit der Physik, kann eine apri- 
orische Disziplin werden, in dem Augenblick 
nämlich, wo sie logisch eine axiomatische Ge- 
stalt annimmt. Für diese ist es wesentlich, daß 
die fragliche Wissenschaft das, was sie auch an 
Empirismen bedarf, nur noch in axiomatischer 
Gestalt verwendet, womit natürlich nicht gesagt 
sein soll, daß alle Axiome Empirismen sein 
müßten. Ein großer Teil ist es jedenfalls. Alles 
übrige vollzieht sich in einer apriorischen Wissen- 
schaft dann nur noch in F"orm rein logischer 
oder mathematischer Ableitungen, zumeist in den 
Naturwissenschaften in Gestalt von D i f f e r e n t i a 1 - 
gleichungen. Wir haben das geometrische 
Problem hier deshalb so eingehend erörtert, 
weil es, wie es gegenwärtig für die Physik akut 
geworden ist, über kurz oder lang auch einmal 
für die Biologie bedeutsam werden kann. Denn 
wie alles in der Welt vollzieht sich auch die 
logische Entfaltung einer jeden Wissenschaft in 
streng gesetzmäßiger Weise, der näher nachzu- 
gehen eben ein nicht unwesentliches, obschon 
noch nicht genügend beachtetes Problem einer 
jeden Logik ist. 

Die Entfaltung der „mechanistischen" Idee in 
den einzelnen Naturwissenschaften ist nun, wie 
gesagt, nichts anderes als die Mathematisierung 
in unserem logisch höchsten Sinne, dessen Ziel 
eben auf eine Assimilation der Axiome der be- 
treffenden Naturwissenschaften an die Axiome 
derjenigen Naturwissenschaft, deren Mathemati- 
sierung als bereits abgeschlossen gelten kann, der 
Geometrie nämlich, hinausläuft. Es ist übrigens 
charakteristisch für diesen der Geometrie seit 



Euklid eigenen Charakter, daß man es fast ver- 
gessen hat, daß die Geometrie trotz ihrer aprio- 
risch-demonstrativen Konstitution dennoch eine 
Naturwissenschaft, die vom Räume nämlich, ist. 
Sonst hätte man den Prozeß der Mathematisierung, 
der nach der Geometrie zunächst in der Mecha- 
nik gewaltige Eroberungen machte, ja nicht 
„Mechanismus", sondern „Geometrisierung" nennen 
müssen. Dieser Begriff kommt erst heute, wo 
die Physik im Begriffe steht, sich zu einer „Welt- 
geometrie" auszugestalten, zu der ihm zukommen- 
den logischen Bedeutung. 

Von Geometrie und Physik kann man also 
oder wird man, wenn nicht alles trügt, bald sagen 
können, daß sie den Zustand höchster Mathemati- 
sierung erreicht haben. Daß sie damit nicht „reine" 
Mathematik geworden sind, braucht wohl nicht 
besonders mehr betont zu werden, da sie ja zum 
Unterschied von der „reinen" Mathematik in ihren 
Axiomen solche von unzweifelhaft empirischer 
Dignität stets behalten werden. Das hindert 
wieder nicht, daß gleichwohl eine Tendenz in 
diesen empirisch fundierten und apriorisch- demon- 
strativ konstituierten Wissenschaften wirksam 
bleibt, die dahin geht, die Empirismen unter den 
Axiomen in ihrer Zahl auf ein Minimum zu be- 
schränken. Das folgt ohne weiteres aus dem 
Streben nach Apriorität, für das es ja nur einen 
anderen, geläufigen Ausdruck bedeutet, wenn man 
verlangt, immer mehr Empirismen, die einst- 
weilen noch als „unabhängig" voneinander gelten 
und darum logisch noch unentbehrlich sind, als 
abhängig oder besser ableitbar von anderen auf- 
zuweisen. Je weniger unabhängige Empirismen 
noch in den Axiomen vorhanden sind, desto 
weiter ist eine Wissenschaft fortgeschritten auf 
dem Wege der Mathematisierung. Nur muß man 
sich dann sehr davor hüten, in diesen wenigen 
gebliebenen empirischen Axiomen und den deduk- 
tiven Methoden, mit deren Hilfe aus ihnen die 
abhängigen Empirismen errechnet werden können, 
so etwas wie ein „Abbild", im Sinne der primi- 
tiven Abbildtheorie, der wirklichen Zustände und 
Vorgänge sehen zu wollen. Das führt letzten 
Endes zu jenen gemachten Schwierigkeiten und 
Problemen, die der Philosophie Bergson's oder 
auch den damit innerlich verwandten Bemühungen 
eines Driesch oder Köhler ^) zugrunde liegen. 
Besonders Köhler hat in seinem außerordentlich 
dankenswerten und gerade für theoretisch inter- 
essierte Biologen besonders instruktiven Buche 
die sich aus solcher Auffassung vom Wesen der 
Naturwissenschaft, der er wohl unbewußt anhängt, 
ergebenden Schwierigkeiten für die mathematische 
Theoretisierung der Natur wohl am eindringlichsten 
aufgespürt. Aber alle diese zurechtgemachten 
Probleme fallen, wenn man sich völlig darüber 
klar wird, daß es nie und nimmer Aufgabe 



') „Die Grundlagen der Physik I." — Nachrichten von 
der Ges. d. Wiss. zu Göttingen. Math.-phys. Kl. 1915. 



') „Die physischen Gestallen in Ruhe und im stationären 
Zustand. Eine naturphilosophische Untersuchung." Braun- 
schweig 1920. 



6o 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 5 



der Naturwissenschaft ist, die Wirklich- 
keit zu beschreiben. Einziges Ziel ist, 
sie zu beherrschen. Wenn ich sie nur allen 
meinen irgendmöglichen theoretischen und 
praktischen Zwecken — das ist also kein Pragma- 
tismus! — nutzbar machen kann, dann ist es mir 
vollkommen gleichgültig, wie sie „an sich", „im 
Innersten", ihrem „Wesen" nach beschaffen ist. 
Darüber mehr oder weniger nützliche Betrach- 
tungen, deren Wert und Notwendigkeit für die 
Ethik wir keineswegs leugnen wollen, anzustellen, 
muß den Metaphysikern überlassen bleiben. Für 
die Wissenschaft ist die Metaphysik — darin sind 
wir völlig Positivisten im Sinne Machs — noch 
stets vom Übel gewesen. ^) Es ist daher auch 
niemals eine sinnvolle Aufgabe für naturwissen- 
schaftliche Deduktionen, z. B. das Resultanten- 
gesetz, wirkliche Vorgänge erschöpfend wieder- 
zugeben. Wenn sie nur die jeweils verlangten 
Empirismen, Konstanten, also zumeist Maß- 
zahlen, soweit sie für den bestimmten theo- 
retischen oder praktischen Zweck in Frage 
kommen, rechnerisch richtig ableiten, haben sie 
ihre Schuldigkeit getan. Mehr kann billiger Weise 
nicht von ihnen verlangt werden. Darüber hinaus 
können sie keine Wirklichkeit wiedergeben oder 
abbilden. Die Wirklichkeit selbst ist, das zeigt 
die ganze Geschichte ihrer bisherigen logisch- 
mathematischen Bewältigung, prinzipiell unaus- 
schöpfbar, nicht abbildbar, nicht wiederzugeben 
oder an sich zu beschreiben, „irrational", wie die 
Metaphysiker sagen, oder kontingent, wie wir 
als vorsichtige Logiker dergleichen logische Prozesse 
stets nennen wollen. Der Begriff der Kontin- 
genz wird leider in den herrschenden logischen 
und erkenntnistheoretischen Richtungen mit Aus- 
nahme des vortrefflichen Emile Boutroux, der 
ihn benutzt hat, um eine sehr interessante, wenn 
auch kaum unangreifbare Philosophie darauf auf- 
zubauen, über Gebühr vernachlässigt. Wir werden 
noch oft Gelegenheit haben, auf das Problem der 
Kontingenz und seine große Bedeutung für die 
Logik zurückzukommen. 

Logisch läßt sich die strukturelle Verschieden- 
heit von sogenannter „reiner" Mathematik und 
der mathematisierten Naturwissenschaft, von der 
inhaltlichen Verschiedenheit der beiderseitigen 
Theoreme natürlich eo ipso abgesehen, nunmehr 
dahin charakterisieren, daß die Axiome der 
Mathematik — und erst recht natürlich die der 
„reinen" Logik, die es nämlich auch gibt, obwohl 
sich die psychologistischen und metaphysischen 
Irrfahrten der nachkantischen Logik in Deutschland 
alle Mühe gegeben haben, sie nicht zu sehen — 
keine Empirismen enthalten. Daß Logik und 
Mathematik darum nicht rein formale Disziplinen 
sind, das weiß jeder, der jemals etwas von dem 
reichen Inhalt der Mathematik erfahren hat. 



Diesen Unterschied hat v. Kries^) sehr treffend 
so zu charakterisieren versucht, daß er die Urteile 
der Logik und Mathematik „Reflexionsurteile" 
nennt. Von der wissenschaftspsychologischen 
Terminologie, die uns nicht gefallen kann, ab- 
gesehen, trifft das durchaus die Sache. Die Rolle 
der empirischen Axiome spielen in der „reinen" 
Logik und Mathematik eben die Definitionen. 
Was man in den empirischen Disziplinen, soweit 
sie noch unmathematisiert sind, also rein des- 
kriptiv oder auch experimentell, natürlich mit 
Mathematik als Anwendung verfahren, Definitionen 
nennt, ist logisch etwas ganz anderes als in den 
sog. „reinen" Wissenschaften. Hier ist die Defi- 
nition, mit Dedeknid zu sprechen, immer eine 
„freie Schöpfung des Geistes", in den noch un- 
mathematisierten Wissenschaften dagegen nicht. 
Geisteschöpfungen sind sie hier zwar auch, aber 
nicht im selben Sinne „frei" und willkürlich. 

Allein mit dem Geltungsbereich der bereits 
weitgehend mathematisierten Wissenschaften Geo- 
metrie und Physik ist der Einfluß der mathe- 
matischen Idee auf die Naturwissenschaften 
keineswegs erschöpft. Er ist, wenn auch in 
anderer Verkleidung bis in die Soziologie hinein 
deutlich spürbar, ein Umstand, der uns a. a. O. 
geradezu dahin geführt hat, die Naturwissenschaften 
zu definieren als diejenigen Wissenschaften, die 
entweder bereits mathematisiert sind oder deren 
Mathematisierung prinzipiell möglich ist. So tritt 
die Idee der Mathematik in der Biologie auf 
unter dem typisch biologischen Schlagwort des 
Mechanismus, als dessen Widerspiel der 
Vitalismus fungiert. Sieht man von miß- 
verständlichen und logisch unhaltbaren oder zu 
engen Auffassungen, die die mechanistische Idee 
in der Biologie besonders von selten der Vita- 
listen erfahren hat, ab, so läßt sie sich in der 
Biologie als eine fortschreitende Physi- 
zierung^) charakterisieren. Analogerweise kann 
man dann in der Psychologie von einer 
Biologisierung und in der Soziologie von 
einer Psychologisierung reden. Alles Nähere 
hierüber findet sich in meinem oben zitierten 
Mechanismusaufsatz. 

Versuchen wir nunmehr das Gesamtergebnis 
unserer Reise mit der Idee der Mathematik 
durch die Welt der Naturwissenschaften zu- 
sammenzufassen, so dürften wir wohl mit einiger 
Berechtigung sagen, daß unsere Ausgangsthese, 
die Idee der Mathematik sei eine von 
den großen Triebkräften im logischen 
Aufbau der Wissenschaften, einigermaßen 
gerechtfertigt ist. 

Begleiten wir nun auch die zweite große 



') Das hindert natürlich nicht, dafl die Wissenschaft als 
Ganzes auch ein metaphysisches Problem darbietet. Man vgl. 
meinen oben zitierten Aulsatz: „Zur Metaphysik der Wissen- 
schaft". 



•) „Logik, Grundzüge einer kritischen und formalen Ur- 
leilslehre." Tübingen 1916. 

^) Von Chemie u. Chemisierung braucht hier nicht beson- 
ders die Rede zu sein. Denn seit den modernen physikalisch- 
chemischen l'orschungen über die Struktur des Atoms hat die 
Chemie aufgehört, eine logisch selbständige Wissenschaft neben 
der Physik zu sein. 



N. F. XXI. Nr. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



6i 



konstituierende Idee im Organismus der Wissen- 
schaften, die der Historie nämlich, noch ganz 
kurz auf ihre Reise. Auch sie ist eine universale 
Idee, d. h. auch sie will ihren Geltungsbereich 
auf das Ganze der Wissenschaften ausdehnen und 
damit auch der Ausschnitte aus der Wirklichkeit, 
mit denen die einzelnen Wissenschaften der Natur 
und des Geistes sich beschäftigen. Es gibt eben- 
sowohl eine historische Auffassung der Mathe- 
matik, wie eine mathematische der Geschichte. 
Hat doch unlängst nach Oswald Spengler in 
seinem sensationellen Buch vom „Untergang des 
Abendlandes" u. a. versucht, eine Hisiorisierung 
der Mathematik durchzuführen. Man wende nicht 
ein, daß es sich hier doch eigentlich viel eher 
um eine Naturalisierung der Geschichte handele, 
da Spengler doch eine „Morphologie der Welt- 
geschichte" liefern wolle. Alle Morphologie ist 
vielmehr in ihrem Wesen historisch - genetisch 
gerichtet. Infolgedessen trachtet die Biologie 
ja auch darnach, alles bloß Morphologische 
physiologisch und entwicklungsmechanisch zu 
überwinden und damit erst zu einer wirklichen 
Naturwissenschaft zu werden. Ferner bedeutet 
das a. a. O. zitierte, hochbedeutsame Buch von 
Koehler im Grunde eine Historisierung der 
Physik, denn alle „Gestalten" sind ja morpho- 
logische Dinge. Wieweit diese Historisierung 
der Mathematik und der von ihr logisch gespeisten 
Wissenschaften sinnvoll und berechtigt ist, das 
ist natürlich eine andere Frage. Hier handelt es 
sich nur darum, an einigen einleuchtenden Bei- 
spielen die Universalität der historischen Idee dar- 
zutun. 

Wie läßt sich diese nun genauer bestimmen? 
Ein solcher Versuch, das Wesen des Historischen 
definitorisch zu erfassen, ist natürlich, wie gerade 
die Diskussionen mancher Geschichtsphilosophen 
vom Range eines Windelband, Rickert oder 
Troeltsch beweisen, für einen Nichthistoriker 
ein außerordentlich schwieriges Unternehmen. 
Gleichwohl kommen wir nicht darum herum, wenn 
anders wir an der Rolle, die das Historische in 
unserer Wissenschaft spielt, nicht blind vorüber- 
gehen wollen. Vielleicht gelingt es uns, die wir 
von einer Wissenschaft ausgehen, die den Begriff 
des Historischen zwar verwendet, aber immerhin 
doch in einer Form , die gegenüber seinen Ge- 
staltungen in den sog. Geisteswissenschaften pri- 
mitiv genannt werden muß, das Wesen der 
Historie schlichter, ursprünglicher zu beschrei- 
ben, als es jenen ausgezeichneten Forschern, 
die sich einer unendlich komplizierten Lage 
gegenübersahen, gelingen konnte. Uns will 
es scheinen, als ob jene den beinahe selbstver- 
ständlich zu nennenden schlichten Gehalt unserer 
Idee allzu wenig beachtet haben. Historie ist 
doch wohl letzten Endes Beschreibung 
des Werdegangs aller Dinge, oder wie 
Ranke sagt, Feststellung, „wie es gewesen ist''. 
Alles übrige, ob die historische Beschreibung sich 
auf „Individuelles", „Einmaliges", „Besonderes", 



„Originales", „Wertbezogenes", „Zweckmäßiges", 
„metaphysisch-Sinnvolles", „Ganzes" erstreckt oder 
ob den historischen Prozessen mit der Dialektik 
Hegels oder einer anderen oder mit der Meta- 
physik des Aristoteles am besten beizukommen 
ist, sind doch erst, zwar sehr bedeutungsvolle, 
aber immerhin doch sekundäre Probleme. Diese 
Definition des Historischen als Feststellung, wie 
alles gewesen ist, mag es sich nun um politische 
Geschichte, Wissenschaftshistorie oder Kosmologie 
handeln, ist keineswegs ein Nurbanales. Vielmehr 
läßt sich die historische Idee so am besten gegen 
die mathematische abgrenzen. Denn man kann 
der wirklichen Geschehnisse einmal dadurch Herr 
werden, daß man sie alle in chronologischer Folge 
einfach aufzählt , das leistet letzten Endes die 
Historie ihrer Absicht nach, oder dadurch, daß 
man Methoden ersinnt, die es gestatten, jedes 
Stück Wirklichkeit, dessen man bedarf, im ge- 
wünschten Moment wieder zu erzeugen, das ist 
die Idee der mathematischen Beherrschung der 
Natur. Von beiden Ideen gilt natürlich , daß sie 
nie restlos zu verwirklichen sind. Aber gleich- 
wohl ergänzen sich beide in glücklicher Weise. 
Die Domäne der Mathematik ist die Natur, die 
der Geschichte das Geistesleben, die Kultur. 
Immerhin hat sich herausgestellt, daß da, wo die 
mathematische in befriedigender Weise arbeitet, 
die historische überflüssig geworden ist. Die 
Mathematik arbeitet eben exakter, sicherer und 
mit einfacheren Mitteln. Die Mathematik gewinnt 
so im Kampfe mit der Historie immer mehr an 
Boden. Freilich ist dieser logische Prozeß ein 
unendlicher, wie bereits hervorgehoben, so daß es 
der Mathematik nie gelingen wird, die Historie 
sich völlig zu unterwerfen. In den Geisteswissen- 
schaften jedoch, in die Mathematik noch nicht 
gelangen kann, leistet die historische Methode die 
vortrefflichsten Dienste. Gegenwärtig spielt sich 
der Hauptkampf beider Ideen in der Biologie 
ab, wie wir noch näher zu schildern haben wer- 
den, und wenn nicht alles trügt, wird hier in 
absehbarer Zeit die Mathematik die Historie auch 
völlig verdrängen, wird die Physiologie die Mor- 
phologie durchdringen. 

Wir haben oben die Formen der mathemati- 
schen Idee näher verfolgt und dabei festgestellt, 
daß ihre Ausdehnung keine gleichsam lineare 
ist, sondern in typischer, wohlunterscheidbarer 
Stufenfolge vor sich geht. Um zur Biologie zu 
gelangen, mußte die mathematische Idee die Ge- 
stalt der Physizierung annehmen. Der Psychologie 
konnte sie sich nur in der einstweilen wieder ab- 
geschwächten Form einer Biologisierung nähern. 
Die Soziologie verlangte endlich eine Psychologi- 
sierung, um der Mathematik Raum geben zu 
können. Ganz Analoges gilt auch von der all- 
mählichen „negativen" Ausdehnung, also Ver- 
ringerung des Geltungsbereichs der historischen 
Idee. Auch dieser historische Rückzug vollzieht 
sich nicht in gerader Linie, sondern stufenförmig, 
in Etappen. Die historische Idee hat, soweit sie 



&2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 5 



noch in der Physik Geltung besitzt, eine andere 
logische Gestalt als in der Biologie, und hier 
zeigt sie wieder ein anderes Gesicht, wie in der 
Psychologie. Wieder anders gebärdet sie sich in 
der Soziologie, und wieder ganz anders natürlich 
in ihrer eigentlichen Domäne, den sog. „histori- 
schen Wissenschaften" im engeren Sinne, den 
Geistes- oder Kulturwissenschaften. Wir können 
hier ebensowenig, wie bei der mathematischen 
Idee, die einzelnen Etappen dieses interessanten 
logischen Prozesses, der sich strategisch als ein 
meisterhaft geführter allmählicher Rückzug charak- 
terisieren läßt, näher verfolgen. In einer be- 
sonderen Arbeit werden wir demnächst darauf 
zurückkommen. Nur zur kurzen Verdeutlichung 
des Gemeinten soll es dienen, wenn wir sagen : 
In der Physik führt die historische Idee geist- 
volle Scheingefechte in Form dessen, was Köhler 
a. a. O. „physische Gestalten" nennt, in 
der Biologie verschanzt sie sich hinter die 
Zweckidee,') und in der Psychologie und 
Soziologie fühlt sie sich gar noch so fest im 
Sattel, daß sie mitleidig auf die schüchternen Steh- 
versuche des feindlichen mathematischen Bruders 
herabsieht. In der Psychologie ist das freilich 
schon mehr Pose geworden. Wohl ist ihr nicht 
mehr dabei. In den eigentlich historischen Wissen- 
schaften endlich nimmt sie jene hochkomplizierten 
Gestalten an, um deren Fixierung sich die Geschichts- 
philosophen seit Hegels genialem Wurf mit 
wechselndem Erfolg bemühen. In einem, ich hätte 
beinahe gesagt, in ihrem Vorzeichen, unterschei- 
den sich unsere beiden logischen Prozesse aber 
wesentlich voneinander. Während die Art der 
Ausbreitung der Mathematik über die stufenartigen 
Gebiete der Wirklichkeit als ein Fortschritt im 
Sinne einer ständigen Komplizierung der mathe- 
matischen Idee zu charakterisieren ist, müssen die 
verschiedenen Stufenbereiche der Historie als um 
so größere Vereinfachungen, Primitivierungen be- 
zeichnet werden, je weiter sie von der zentralen 
Domäne der historischen Idee sich entfernen. Hier 
liegt das Höchstkomplexe im Ausgangspunkt. 
Nur den Rückzug der historischen Idee kann man 
noch als eine fortschreitende Komplizierung deu- 
ten. Durch alle Historismen freilich zieht sich 
als ein Minimum an historischer Idee hindurch das 
Prinzip der Feststellung, „wie es gewesen ist", wie 
alles so im Laufe der Zeit zu dem geworden ist, 
was es ist. 

Ordnen wir nun — und damit ziehen wir das 
Fazit unserer Erörterungen — die verschiedenen 
Wissenschaften und Gruppen von solchen in eine 
Reihe, die den P'ortschritt der mathematischen 
und den Rückzug der historischen Idee deutlich 
erkennen läßt, so erhalten wir folgendes Bild. 



Man erkennt, die Biologie befindet sich zurzeit 
im Schnittpunkt beider Ideen und stellt so das 
Schlachtfeld dar, auf dem das Rückzugsgefecht 
der historischen Idee im gegenwärtigen Moment 
der Wissenschaftsgeschichte am intensivsten aus- 
gefochten wird. Das ist die logische Signa- 
tur der Biologie,-) die ihre augenblickliche 
logische Stellung im System der Wissenschaften 
am deutlichsten charakterisiert. Das im einzelnen 
auszuführen, wird das Thema einer bald vorzu- 
legenden größeren Arbeit über die „Logik der 
Biologie" sein. 

Anhang: Das System der Wissenschaften. 
Die Konsequenzen des vorhergehenden Ab- 
schnittes für die Gesamteinteilung der Wissen- 
schaften seien anhangweise hier noch aufgeführt. 
Eine Einteilung der Wissenschaften kann im 
wesentlichen nach drei Gesichtspunkten erfolgen : 
Nach ihren Gegenständen oder Gebieten, nach 
den von ihnen benutzten Methoden der Forschung 
und endlich nach den sie konstituierenden und 
die Forschung leitenden Ideen. Die historisch ge- 
wachsene, besonders im Unterrichtsbetrieb übliche 
Einteilung der Wissenschaften pflegt sich in erster 
Linie auf die Gegenstände oder Gebiete zu stützen. 
Die vollendetste und geistvollste Durchbildung 
einer Einteilung auf dieser Basis hat Stum-pf^) 
gegeben. Daneben verdient die von W u n d t ^) 
gegebene besondere Beachtung. Eine Einteilung 
nach den die Wissenschaften beherrschenden 
Methoden hat neuerdings M o o g *) zu geben ver- 
sucht. So gute Dienste alle diese Einteilungen 
der Forschung bisher geleistet haben und noch 
weiterhin leisten werden, für unsere Zwecke 
kommen sie nicht in Frage. Auf Grund der 
vorhergegangenen Ausführungen können wir nur 



Idee der Mathematik 



Schnittpunkt 

I 



') Man vergleiche das Buch von Kr oncr, „Das Problem 
der historischen Biologie", Berlin 1919, Abh. z. theoret. Bio- 
logie, H. 2. 

'^) Methodologisch erweist sich die Biologie so zurzeit als 
ein „Mischgebiet". Gleichwohl sind ihre Gegenstände, wie 
ich gegen Troeltsch (a. a. O. 1919, S. 379) bemerken 
möchte, darum nicht auch Mischungen. Wäre das so , dann 
wäre das doch von ganz offenbarem Erfolg begleitete Be- 
mühen , das Morphologische (Historische) physiologisch (ma- 
thematisch-kausal, ,,entwicklungsraechanisch") zu überwinden 
und damit alles Historische aus der Biologie zu eliminieren, 
gar nicht zu verstehen, unmöglich. Die Gegenstände, wenig- 
stens die Organismen, sind niemals Mischungen, sondern ein- 
heitliche Gebilde. Mischungen sind höchstens unsere logischen 
Methoden, durch die wir sie rationalisieren. Prinzipiell anders 
mögen sich natürlich historische Gegenstände, soweit sie ,, freie 
Schöpfungen des Geistes", Logismen also, sind, verhalten. 

^J Zur Einteilung der Wissenschaften. Abh. d. Berliner 
Akademie 1907. 

') Über die Einteilung der Wissenschaften. Philos. Stu- 
dien V. 1889. 

•*) Psychologie und Psychologismus. Halle 1919. 



Idee der Geschichte 



Mathematik (nometric Physik Biologie Psychologie Soziologie Eigentliche (Jeislcswisscnschaftcn 

« ► » > 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



63 



eine Einteilung auf der Basis der die einzelnen 
Wissenschaften konstituierenden Ideen akzep- 
tieren *). 

Alle vorhandenen Wissenschaften gruppieren wir 
dann zunächst in die beiden Gruppen der Ideen - 
Wissenschaften oder theoretischen 
Wissenschaften und der praktischen 
Wissenschaften, die natüriich auch Ideen in 
ihrem Aufbau verwenden, deren logische Ganz- 
struktur aber nicht durch Ideen, sondern durch 
die praktischen Bedürfnisse des Menschen konsti- 
tuiert wird. Auf diese Weise scheiden als 
praktisch im weitesten Sinne orientierte Wissen- 
schaften für unsere weiteren Erörterungen aus: 
Technik, Medizin, Politik, Ethik, Meta- 
physik. Am meisten wird es vielleicht, be- 
sonders auf philosophischer Seite, überraschen, 
die Metaphysik, die doch im allgemeinen gerade- 
zu für einen Ausbund von reiner Theorie gehalten 
wird, in dieser Gesellschaft zu finden. Indessen 
sachlich ist diese Einstufung, die selbstverständlich 
kein Werturteil darstellt, durchaus gerechtfertigt. 
Wer die Geschichte der Philosophie kennt, weiß, 
daß die vornehmste Aufgabe der Metaphysik stets 
gewesen ist, einen Ausgleich zwischen den Er- 
fordernissen des Intellekts und den sog. Bedürf- 
nissen des Gemüts herzustellen. Dergleichen 
Hineinspielenlassen gemütlicher Bedürfnisse in die 
rein theoretische Arbeit ist aber nie Sache der 
Wissenschaften gewesen. Auch wenn man mit 
Wundt die Aufgabe der Metaphysik darin er- 
blickt, die sog. Ergebnisse der Einzel Wissenschaften 
zu einer einheitlichen „Weltanschauung" zu ver- 
arbeiten, so ist, ganz abgesehen davon, daß man 
das heute kaum noch für möglich halten wird, 
auch dergleichen „Weltanschauung" alles andere 
als reine Theorie. In der „Weltanschauung" 
spielen bekanntlich wieder die Bedürfnisse des 
Gemüts eine nicht geringe Rolle. Reine Wissen- 
schaft hält sich von aller „Weltanschauung" 
möglichst rein, hat sie doch oft genug gerade im 
Kampfe mit dieser Mühe genug gehabt, sich 
durchzusetzen. 

Nach dieser, im Interesse Mißverständnisse zu 
vermeiden, notwendigen kurzen Abschweifung 
kehren wir zu unserem Hauptthema zurück. Die 
reinen Ideen- oder theoretischen Wis'^enschaften 
lassen sich ihrerseits wieder in zwei Gruppen 
trennen, deren wesentliche Eigentümlichkeiten 
wir uns am besten an zwei typischen Vertretern, 
etwa der Physik und der Geologie, klarmachen 
können. Wodurch unterscheiden sich beide, von 
ihrem veschiedenen Lehrgehalt natürlich abgesehen, 
also rein logisch voneinander ? Doch wohl darin, 
daß die Physik auf das große Ganze der Wirklich- 
keit geht, während die Geologie einen eng be- 
grenzten Ausschnitt zum Gegenstand ihrer Unter- 
suchungen macht. Dabei ist beiden gemeinsam, 

') Auf die auflerordentlich bedeutsame, jüngst erschienene 
Arbeit von Becher, ,, Geisteswissenschaften und Naturwissen- 
schaften", die mir erst nach Abschluß dieser Arbeit in die 
Hände kam, werde ich später zurückkommen. 



daß sie theoretische Wissenschaften sind, was 
natürlich wieder nicht besagt, wie hier gleich 
ein für allemal betont sei, daß sie jeder praktischen 
Anwendung, jeder technischen Verwertung bar 
sind, sondern womit lediglich gemeint ist, daß sie 
nicht um dieses praktischen Nutzens willen betrieben 
werden. Wir wollen den hier betonten logischen 
Unterschied zwischen den theoretischen Wissen- 
schaften, die zum Typus der Physik gehören, und 
denen, deren Paradigma die Geologie ist, in den 
Terminis „universale" und „partikulare Wissen- 
schaften" zum Ausdruck bringen. 

Zu den partikularen Wissenschaften 
rechnen wir die Astronomie, Geologie, 
Geographie, die Medizin als Wissen- 
schaft, die Nationalökonomie, die wis- 
senschaftliche Politik und die Kultur- 
geschichte, sowie die sog. philologisch- 
historischenGeisteswissenschaften. Sie 
sind, wie leicht ersichtlich, nach der zunehmenden 
Spezialisierung und Komplizierung ihrer Gegen- 
stände geordnet. Mit dem Wellali beschäftigt 
sich die Astronomie, mit dem — bit venia verbo 
— Genotypus der Erde die Geologie, während 
die Geographie sich für ihren Phänotypus inter- 
essiert, während sich alle übrigen partikularen 
Wissenschaften irgendwie mit den Problemen, die 
der physische oder geistige Mensch bietet, be- 
lassen. Aber immer geht die Tendenz auf theo- 
retische Bewältigung der Probleme, während man 
die Nutzanwendung den in Frage kommenden 
praktischen Wissenschaften überläßt. 

Die universalen Ideenwissenschaften 
lassen sich ihrerseits wieder in zwei Gruppen son- 
dern, die ich als originale und kombinierte 
Ideenwissenschaften trennen möchte. Zu den 
originalen gehören, wie für uns nun wohl ohne 
weiteres klar sein dürfte, nur die Mathematik 
und die Historie. Die beherrschende Rolle, die 
sie im Aufbau aller Wissenschaften und speziell 
in unserer Biologie spielen, haben wir ja soeben 
erst ausführlich besprochen. 

Zu den kombinierten Ideenwissen- 
schaften zählen wir die Geometrie, Physik, 
Biologie, Psychologie und Soziologie. 
Kombinierte heißen sie, weil in jeder von ihnen, 
wenn auch in verschiedenem Grade, beide Grund- 
ideen eine Rolle spielen; und ihre Reihenfolge 
gibt, wo'rauf wir ja auch schon hingewiesen haben, 
die Grade der Abschattungen an, in denen die 
Ideen der Mathematik und Historie in ihnen wirk- 
sam sind. Falsch würde es sein, wenn man 
glauben wollte, daß außer der Physik eigentlich 
alle von ihnen im Grunde partikularen Charakter 
besäßen, insoferne doch die Gegenstände der Bio- 
logie, P.-ychologie und Soziologie nicht das Uni- 
versum, sondern eng begrenzte Ausschnitte des- 
selben seien. Indessen so ist der Begriff des 
Universalen von uns nicht gemeint. Auch ein 
Ausschnitt des Universums kann uni- 
versal sein, dann nämlich, wenn nicht der 
Ausschnitt als solcher Ziel der Forschung ist, wie 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. _5 



es die Erde für die Geologie ist, sondern wenn 
er lediglich ein Mittel darstellt, um 
universale Gesetze aufzufinden. Ob das 
Organische sich auf der Erde oder wo anders 
findet, ist der Biologie einerlei. Sie will die Ge- 
setze und Bedingungen kennen lernen, unter 
denen sich überall Organisches bilden und dauern 
kann. So sind ja auch die Gegenstände, an denen 
die Physik ihre Untersuchungen macht, zweifellos 
partikular, aber die Ziele, die die Physik dabei 
verfolgt, ebenso zweifellos universal. In diesem 
Sinne darf man die Biologie wohl die Physik des 
Organischen , die Psychologie die Physik des 
Seelischen, die Soziologie die Physik der Gesell- 
schaft nennen. Damit ist nicht notwendigerweise 
gesagt, daß alle diese Wissenschaften einmal wirk- 
lich in eine universale Physik zusammenfließen 
werden. Man kann, da die Historie ebenso uni- 
versal ist, wie die Mathematik, auch das Gegen- 
teil annehmen und mit dem gleichen logischen 
Recht statt an eine zunehmende Physizierung an 
eine solche Historisierung aller kombinierten Ideen- 
wissenschaften glauben. Wer indessen offenen 
Auges den zunehmenden Siegeszug der Mathe- 
matik über die wissenschaftliche Welt seit der 
Renaissance beobachtet, dem wird es schwer, im 
Historismus, und trete er uns noch so geistvoll 
entgegen wie bei Spengler, mehr als ein 
langsames Rückzugsgefecht zu sehen. 

Am Schlüsse dieses Anhangs sei es gestattet, 
seine Ergebnisse in einer kurzen Tabelle über- 
sichtlich zusammenzufassen. 

Einteilung der Wissenschaften. 

A. Reine Ideenwissenschaften 

(Theoretische W.). 

I. Universale Wissenschaften. 

Mathematik 





Jl Geometrie 


Originale 

Ideen- 

wissenschaflen 


/ 1 Physik 
' ■ j Biologie 
\ f M Psychologie 
ij 1 Soziologie 
Historie 



!' 



Kombinierte 
Ideen- 
wissenschaften 



II. Partikulare Wissenschaften. 

Astronomie. Geologie. Geographie. Wissenschaftl. Medizin. 
Nationalökonomie. Politik als Wissenschaft u. Rechtswissen- 
schaften. 
Kulturgeschichte und die eigentlichen Geisteswissenschaften. 

B. Praktisch orientierte Wissen- 
schaften. 

Technik. Medizin. Politik. Kthik. .Metaphysik. 



Eine Wissenschaft haben wir nun noch ver- 
gessen, die für uns von besonderer Wichtigkeit 
ist, sich aber gleichwohl nicht in eine der ge- 
nannten Kategorien einfügen läßt. Das ist die 
Logik. Sie ist von uns ihrem Wesen nach zu 
charakterisieren als allgemeine Wissen- 
schaftslehre, d. h. Wissenschaft von der 
Wissenschaft selbst. Sie befaßt sich aber nicht 
mit dem jeweiligen Lehrgehalt der Einzel- 
wissenschaften, sie erforscht nur die logischen 
Werkzeuge, deren sich die Einzelwissenschaften 
bei ihrer Arbeit bedienen, sie vergleicht die be- 
sonderen logischen Strukturen der Einzelwissen- 
schaften miteinander mit dem Ziel, allgemeine 
logische Gesetzmäßigkeiten zu finden , die das 
Werden und Wachsen der Wissenschaften be- 
dingen. Die Methode der Vergleichung spielt 
eine große Rolle in ihr, ohne daß sie aber des- 
halb auf dem logischen Standpunkt einer nur 
vergleichenden Wissenschaft stehen bleiben müßte. 
Die Vergleichung liefert ihr nur die „empirischen" 
Unterlagen, aus denen sie, wie jede andere 
Wissenschaft ein deduktives System zu errichten 
hat. Am nächsten ist sie so der Mathematik 
verwandt, die man cum grano salis als die 
Logik des Quantitativen bezeichnen kann. Als 
solche hat die Mathematik ihre großen Erfolge 
errungen; und wenn man jetzt von ihr sagen kann, 
daß sie aufgehört habe, nur noch die Logik des 
Quantitativen zu sein, so besagt das doch nur, 
daß die bisherige Grenze zwischen 
Mathematik und Logik zu verschwinden 
beginnt und beide Wissenschaften sich in einer 
neuen gemeinsamen Wissenschaft, heiße sie nun 
Mengenlehre oder anders, zu verankern im Be- 
griffe stehen. Trotzdem bleibt die Mathematik 
dann, wenn anders man auf klare Begriffe Wert 
legt, vorzugsweise die Logik des Quantitativen. 
Bis wir soweit sind, daß die Logik mit ihren 
Qualitäten, wie Urteilen, Theorien usw., so exakt 
deduktiv operieren kann wie die Mathematik mit 
ihren Quantitäten, den Zahlen, wird es immerhin 
noch vieler Bemühungen der Logiker und Mathe- 
matiker bedürfen. Das Ziel, die „apriorisch- 
deduktive Logik", die Schwester der ebenso 
apriorisch deduktiven Mathematik, ist schon jetzt 
klar. Desgleichen, daß die Logik mit Normen 
ebensowenig zu tun hat wie die Mathematik, 
und ferner, daß sie ebensowenig eine formale 
Disziplin ist wie diese, da sie ja ebenfalls auf 
exakte deduktive Sätze gerichtet ist. Dergleichen 
Unterstellungen der Philosophen sind hoffentlich 
seit Husserl endgültig erledigt. 



Segeltliig und fliegende Fische. 

[Nachdruck verboten.) Von Dr. med. W. Frölich. 

Auf den Aufsatz von G. Lilien thal: „Über schrift) möchte ich folgendes erwidern.^) Ich 

den Segelflug der Vögel und das Fliegen •) soweit nichts anderes bemerkt ist, beziehen sich alle 

der F'ische" (Heft Nr. 45, 192 1 dieser Zeit- Zitate auf Brehms Tierlebcn 4. Auflage. 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



6S 



kann nur auf greifbare, nicht auf die eingangs 
gemachten allgemeinen Einwände eingehen. Wie 
aus dem ganzen Zusammenhang meiner Arbeit: 
„Der Segelflug und verwandte Bewegungen in 
Luft und Wasser" Heft 13, 1921 dieser Zeitschrift 
hervorgeht, benutzt der fliegende Fisch, der sich 
durch riesengroße Brustflossen und eine eben- 
solche Schwimmblase (bei 16 cm Körperlänge 
9 cm lange, 2,5 cm weite, 44 ccm fassende Schwimm- 
blase) auszeichnet, wie ich unten zeigen will, 
seine Brustflossen im Wasser gerade eben nur 
unter Bedingungen, unter denen eine Beobachtung 
des Tieres teilweis unmöglich ist. Der zweite 
greifbare Einwand des Herrn L i 1 i e n t h a 1 ist : 
„daß die Luft der Schwimmblase sich einseitig 
nach der Richtung, wo der Wasserdruck ver- 
mindert ist, ausdehnt, widerspricht dem Verhalten 
der Gase, welche immer auf alle Teile des ein- 
schließenden Gefäßes gleichmäßig drücken." Das 
letztere setze ich ja selbst voraus mit den Worten 
„daß in einer gasgefüllten Schwimmblase zu einem 
gegebenen Zeitpunkt überall derselbe Gasdruck 
herrscht". Ein freies Gas dehnt sich doch ge- 
gebenenfalls immer nach der Richtung des ge- 
ringsten Widerstandes, des geringsten Druckes 
aus. Das Gas in der Schwimmblase aber dehnt 
sich, da eine Lokomotion des Fisches während 
der Ausdehnung stattfindet, als Ganzes in 
Räume sich vermindernden Wasserdruckes hinein. 
Der bildliche Vergleich mit dem Fortschnellen 
eines schlüpfrigen Zitronenkernes, wie ich ihn ge- 
brauchte, veranschaulicht den Vorgang. Wie der 
segelnde Vogel den Wind, so benutzt das Wasser- 
tier die Wellenenergie im Meere vermittels der 
Schwimmblase oder Lunge, die durch den Druck 
des sich dem Tiere überlagernden Wellenberges 
gespannt wird, während unter dem nachfolgenden 
Wellental eine Entspannung und Ausdehnung der 
Schwimmblase in Räume sich vermindernden 
Wasserdruckes hinein erfolgt, so daß eine Phase 
der Energieaufnahme aus den Wellen und eine 
der Energieabgabe unterschieden werden können. 
Für weitgehende Ausnützung der Wellenenergie 
spricht z. B. das Verhalten eines Blauwals, der 
1850 einem Schiffe 24 Tage nicht von der Seite 
wich (Bd. 12 S. 503). Die Bartenwale haben be- 
sonders loses Brustkorbgerüst mit guter Schwimm- 
blasenwirkung; zu diesen gehören die Langflossen- 
wale mit Brustflossen von '/; bis fast '/g der 
Körperlänge. Unter diesen ist 1. c. Bd. 12 S. 504 ff. 
der Buckelwal eingehender behandelt : bis 1 5 m 
lang, Brustflosse je bis 4 m lang; „gewaltige" 
Lunge; also Analogie zum Flugfisch. Auch unter 
Wasser schwimmend „wirft er sich oft von einer 
Seite auf die andere und wiegt sich förmlich in 
seinem Element ganz so wie ein Vogel in der 
Luft. Das beliebte Rollen von einer Seite auf 
die andere wird durch die Brustflossen besorgt, 
das gewöhnliche Schwimmen durch die Schwanz- 
flosse, während die Brustflossen dann 
nur manchmal zur Aufrechterhaltung 
des Gleichgewichts etwas bewegt wer- 



d e n." Der riesige Buckelwal kann wohl nur durch 
Schwimmblasen-Mitwirkung Luftsprünge ausführen, 
daß die 4 m spannende Schwanzflosse das Wasser 
nicht mehr berührt. Volle Segelwirkung der 
Schwimmblase ist offenbar nur bei bewegter See 
unter Wasser möglich, also kaum oder nicht 
zu beobachten. — Die Pinguine schwimmen 
entweder mit den Ruderfüßen oder mit den 
P^lügeln. Sie fliegen unter Wasser. Das Fliegen 
unter Wasser, das vielleicht bei hohem Seegang 
bei manchen Arten in ein Segeln übergeht, wie 
es bei den sich ähnlich bewegenden Seeschild- 
kröten (vgl. meine Arbeit in Heft 13) statt hat, 
gibt einen Fingerzeig auch für die Beurteilung der 
Funktion der Brustflossen beim Segeln im 
Wasser, die wahrscheinlich der der Flügel der 
Vögel beim Segeln in der Luft ähnlich ist. Bei 
allen einer aktiven Fortbewegung fähigen Lebe- 
wesen dürfen wir wahrscheinlich grundsätzlich 
zwei Bewegungsphasen unterscheiden, eine aktive. 
Energieabgebende und eine passive, so ist z. B. 
beim Gang des Menschen das pendelnde Bein in 
der Regel passiv. So scheint auch bei einer ge- 
wissen Geschwindigkeit das Heben der Flügel 
beim Flug in der Luft durch Luftwirbelbildung 
unter der Flügelwölbung, durch die ein nicht 
unerheblicher Auftrieb gewonnen wird (vgl. Milla 
Bd. 6. S. 22), zu einer mehr oder weniger passiven 
Bewegung zu werden. Wahrscheinlich verhält 
sich nun auch beim Flügelheben des Pinguins 
unter Wasser das Wasser ähnlich zum Flügel wie 
dort die Luft unter dem Flügel. Ähnliches dürfte 
für die Brustflossen segelnden Wassertiere gelten; 
sie verhindern, daß das Tier wegen seiner großen 
Schwimmblase ein Spielball der Wellen wird, daß 
die ihrer Spannungsvermehrung widerstrebende 
Schwimmblase vor dem drückenden Wellenberge 
hergetrieben wird und nicht vielmehr stärkere 
Spannung der Schwimmblase erfolgt, daß das 
Tier in der beabsichtigten Bewegung gegen den 
Wellenberg verzögert wird. Die langen Brust- 
flossen wirken also Sperrzahnähnlich. Dem durch 
den andringenden Tierkörper auseinanderge- 
triebenen Wasser wird Beschleunigung erteilt. 
Dieses wird nicht ebenso wie der Tierkörper, 
der gegen den Wellenberg schwimmt, durch eine 
Schwimmblase, gegen die der Wellenberg drückt, 
verzögert, behält daher vergleichsweise einen Über- 
schuß an Bewegungsenergie, der zu einer rück- 
läufigen Bewegung an den Flossen führt, die wohl 
der Bewegung des Wassers bei aktiver Brust- 
flossenbewegung gerade entgegengesetzt ist. Je 
größer die Lunge bzw. Schwimmblase um so größer 
auch die Sperrzahn wirkung, die Brustflossenwirkung. 
Wenn beim Wassersegeln an den Brustflossen 
keine aktive Bewegung in der Phase der Energie- 
abgabe der Schwimmblase beobachtet werden 
kann, so widerspricht dem keineswegs das Vor- 
handensein einer Muskelanspannung, durch die 
das Wasser gezwungen wird, seinen Weg nach 
dem freien, nachgiebigen und absaugenden Flossen- 
saum hin zu nehmen. Der Muskel leistet be- 



66 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 5 



kanntlich auch „innere Arbeit", spannt sich ohne 
äußerlich unmittelbar sichtbaren mechanischen 
Effekt z. B., wenn der Mensch ein schweres Ge- 
wicht „heraushält". Wenn die Brustflossen des 
Flugfisches bewegungslos sind, so ist das keines- 
wegs der Beweis ihrer Inaktivität; sie könnten 
sich sehr wohl in einem Spannungszustand be- 
finden, der beim Aufhören des Wasserwider- 
standes ihre sofortige Ausbeitung veranlaßt. Nach 
Analogie des Buckelwals und Pinguins wird aber 
der Flugfisch gerade dann von den Brustflossen 
keinen sichtbaren Gebrauch machen, wenn er die 
Schwanzflossen aktiv bewegt. Der Hauptzweck 
der auffälligen Verlängerung des unteren Zipfels 
der Schwanzflosse ist offenbar der, zu verhindern, 
daß die ungeheure Schwimmblase bei der Fort- 
bewegung des Fisches durch die Schwanzflosse 
unter Wasser ein Überkippen des Fisches nach 
hinten herbeiführt. Ein analoges Verhältnis be- 
steht auch bei einem segelnden Vogel zwischen 
Luftsack und Schwanzlänge. Welchen Sinn sollte 
aber die riesengroße Schwimmblase haben, wenn 
nicht den, die Energie der Wellen auszunützen; 
sie erleichtert und hilft zwar beim Emporschnellen 
aus dem Wasser auch bei spiegelglatter See; der 
Fisch muß sie aber doch bei glatter See gerade 
erst vorher mit seiner eigenen Schwanzenergie 
spannen, weil ihm dann die Wellenenergie nicht 
zu Gebote steht. Darum ist er auch bei glatter 
See der schwimmblasenlosen Goldmakrele weit 
unterlegen (vgl. Bd. 3 S. 523); er würde ausge- 
rottet oder nicht entstanden sein, wenn die See 
meist glatt und zu einer Beobachtung unter 
Wasser geeignet wäre. Die für den Flugfisch 
ausnutzbare Wellenenergie ist viel größer als 
seine eigene nutzbare IVIuskelenergie. Ist die 
Schwanzflosse ihrer Ausdehnung nach als Über- 
tragungsmittel der eigenen Muskelenergie auf 
das Wasser geeignet, so ist sie ganz gewiß zu 
klein, um zu verhindern, daß der Fisch mit seiner 
Riesen-Schwimmblase ein Spielball der Wellen 
wird. Um vielmehr die Herrschaft über die 
Wellenenergie zu behaupten und sie auszunutzen, 
sind die Brustflossen notwendig, die gerade 
dann in Tätigkeit treten, wenn die Schwanzflosse 
von untergeordneter Bedeutung ist. Herr Lilien- 
thal dürfte den Flugfisch nicht bei starker 
Wellenbewegung unter den Wellenbergen gesehen 
haben mit einer Geschwindigkeit, die gelegentlich 
ein Emporschnellen bis 5 m über Wasser er- 
möglichte. — Gegen Gleichmäßigkeit des Windes 
über den Wellen spricht das Verhalten der Brust- 
flossen des Flugfisches bei dem Gleiten in der 
Luft : die mit der Windgeschwindigkeit wechselnden 
von den Wellenphasen nicht unabhängigen passiven 
Vibrationen der Brustflossen (Bd. 3 S. 327). Um 
schiefen Auffassungen meiner Ansicht über den 
Segelflug in der Luft vorzubeugen, muß ich von 
vorn herein betonen: die Luftverdünnung unter 
dem Gefieder ist an sich gar nicht der springende 
Punkt beim Zustandekommen des Segelflugs, 
sondern der springende Punkt ist, daß eine Klein- 



gefiederwirkung eintritt, die einen Analogievorgang 
zur Schwimmblasenwirkung beim Segeln im 
Wasser darstellt. Bei Luftsegeln tritt an Stelle 
der Schwimmblase das Kleingefieder, das das 
Körpervolumen des Vogels vervielfacht , bei 
manchen Vögeln sogar verfünffachen oder ver- 
sechsfachen soll. Wie die Schwimmblase durch 
den Wasserdruck gespannt wird so das Klein- 
gefieder durch die an ihm entlang strömende 
Luft, mit deren Geschwindigkeit die Gefieder- 
spannung zu und abnimmt. Wie sich die Schwimm- 
blase in Räume sich vermindernden Wasserdruckes 
dehnt so das Kleingefieder in Räume sich relativ 
zum Vogelkörper vermindernder Luftgeschwindig- 
keit. Dabei verhalten sich die langen schmalen 
Flügel analog wie im Wasser die Brustflossen. 
Das Kleingefieder ermöglicht (vgl. meine Arbeit 
Heft 13) den langphasigen Flug und damit unter 
günstigen äußeren Bedingungen auch das Segeln. 
Daneben spielen beim Fliegen und Segeln der 
Vögeln auch die Luftsäcke der Vögel eine gewisse 
Rolle. Kleingefieder und Luftsäcke fehlen den 
Fledermäusen, die deshalb auch nicht in der Luft 
schweben, die Luft nicht längere Zeit ohne Flügel- 
schlag durchschießen und nicht segeln können. 
Trotz ihrer langen Flügel hat daher die früh- 
fliegende Fledermaus, die an Fluggewandtheit am 
Tage mit den Schwalben wetteifert, keinen lang- 
phasigen Flug, sondern „umschwirrt mit raschen, 
fast zitternden Flügelschlägen geradezu unheimlich 
schnell die höchsten Baumkronen" (Bd. 10 S. 459). 
Sie entgeht dem Baumfalken, dem die Schwalbe 
zum Opfer fällt, weil der Falke wegen seiner 
Gefiederwirkung nicht so jäh bremsen kann wie 
die Fledermaus. — Der Mechanismus, durch den 
die Luftverdünnung unter den Deckfedern herbei- 
geführt wird, ist aus meiner Arbeit Heft 13 zu 
ersehen. Herr Lilienthal erhebt den Einwand, 
daß ja bei diesem Mechanismus auch an der Unter- 
fläche der Flügel eine Luftverdünnung entstehen 
müsse, die den Vogel nicht heben sondern her- 
niederziehen würde. Die selbstverständliche folge- 
richtige Anwendung dieses sehr einfachen Me- 
chanismus zeigt, daß der Einwand unberechtigt 
ist. Durch die an der Unterfläche der Flügel 
hinstreichende Luft, die trotz des positiven Über- 
druckes nicht nach oben durch das Gefieder 
hindurchgetrieben werden kann, weil sie sonst 
eben so schädlich wirken würde wie eine Luft- 
verdünnung unter den Flügeln, entfaltet bei ihrem 
Hinstreichen eine Saugwirkung, die wegen Durch- 
lässigkeit des Gefieders für Luft in der Richtung 
von oben nach unten geht, mithin den Vogel 
nach oben saugt. Die Saugwirkung von oben 
nach unten ist aber mindesteus ebenso groß wie 
die von unten nach oben; beide Saugwirkungen 
halten sich also die Wage. Der zweite Einwand, 
daß die Luftverdünnung auch innerhalb des Feder- 
balges gar nicht eintreten könne, weil er eine viel 
zu lockere, ungeschlossene Masse bilde, läßt wohl 
außer Acht, daß die Luft, abgesehen von der 
Unterfläche der Flügel, wo die Lultströmung ganz 



N. F. XXI. Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



67 



oder teilweise rückläufig sein kann, ohne deshalb 
ihre Saugwirkung einzubüßen, überall in der 
Strichrichtung abfließt und dabei auf rein dyna- 
mischem Wege die Luftverdünnung aufrecht er- 
hält, daß die Luftverdünnung sehr gering und 
zwar höchstens so groß ist, daß die Geschwindig- 
keit der Luft über den Deckfederfahnen gleich ist 
der „Ausflußgeschwindigkeit" der freien atmo- 
sphärischen Luft in den Raum unter den Deck- 
federn, daß die Lockerheit des Gefieders bei 
geringer Druckdifferenz gerade zweckmäßig ist, 
um ein freies elastisches Spiel des Gefieders zu 
ermöglichen, das mit harmonischer Trägheit neben 
den Geschwindigkeitsschwankungen der Luft ein- 
hergeht, endlich daß das in der Strichrichtung 
und seitlich dachziegelartig übereinander schließende 
Deckgefieder nicht nach einer solchen Richtung 
offen ist, daß eine Wiederaufhebung der Saug- 
wirkung durch eindringende Luft bei dem Heft 13 
beschriebenen Saugmechanismus wahrscheinlich 
wäre. Die allgemeinste Bedeutung des Gefieders 
ist die eines Schutzes gegen Wärmeverlust und 
Temperaturschwankungen. Es erhält die Tempe- 
ratur von 40 — 44" C konstant. Es würde für einen 
pfeilschnell fliegenden Kolibri oder für den 
kleinsten europäischen Vogel, des nur 5,5 g 
wiegenden Goldhähnchen, verhängnisvoll, wenn 
die durch ihre eigene Flugbewegung eintretende 
Luftbewegung ins Innere ihres Gefieders vordränge. 
Dem wird aber schon durch die Glätte des Ge- 
fieders vorgebeugt. Durch den Gefiedermechanis- 
mus wird eine sonst kaum möglich erscheinende 
gleichartige mechanische Beanspruchung des gleich- 
artig beschaffenen Gefieders erreicht. Durch ihn 
wird die Entstehung von Turbulenz über dem 
Gefieder verhindert, wodurch der Luftwiderstand 
in der Flugrichtung vermindert wird. E^ ist un- 
vermeidlich, daß das umfangreiche elastische Ge- 
fieder bei Geschwindigkeitszunahme irgendwie in 
stärkere Spannung versetzt wird. Es würde eine 
Energievergeudung bedeuten, wenn die zu dieser 
stärkeren Spannung erforderliche Energie nicht, 
wie bei den beschriebenen Mechanismus, wieder 
zugunsten des Vogels ausgenutzt würde. Bei den 
Vorstellungen des Herrn Lilienthal vermisse 
ich noch eine solche systematische Ausnützung 
der Gefiederenergie. Bei dem großen Volumen 
des Gefieders wäre ein Obsiegen im Daseinskampfe 
gegenüber anderen federlosen Flugtieren der erd- 
geschichtlichen Vergangenheit unmöglich gewesen 
ohne die zweckmäßigste Einrichtung des Gefieders. 
Schon der Archäopteryx hatte echte Federn. Bei 
den verschiedensten Vögeln haben sich die Federn 
sehr ähnlich gestaltet und erhalten. Auch die 
Schwungfedern mit ihren elastischen, nach den 
freien Enden hin sich verjüngenden und nach- 
giebiger werdenden Kielen werden dazu beitragen, 
daß der Vogel im Gegensatz zu angehängten, 
passiven künstlichen Modellen den Ablauf der 
Luft unmittelbar an seiner Oberfläche und an den 
Flächen seiner Flüge! und des Schwanzes, voll- 
kommen beherrscht, daß der Luftstrom unter dem 



Einfluß des Druckes des harmonisch angemessenen 
Vogelkörpergewichts und des feinen Spieles 
wechselnder Muskelspannungen den Weg vorwärts 
oder rückwärts einschlägt, der durch die Elastizitäts- 
verhältnisse und gegebene Führungslinien vor- 
geschrieben ist, ohne daß es dabei zu unzweck- 
mäßiger Turbulenz kommt. Eine solche Be- 
herrschung der Luft, die eine der passiven gleich- 
wertige aktive Phase der Flugbewegung zur 
Voraussetzung haben dürfte, wird aber auch beim 
Segelflug nicht möglich sein ohne Muskeltonus- 
schwankungen und unterhalb der Schwelle der 
Wahrnehmbarkeit liegende Flügelbewegungen. 
Ein Fehlen solcher Schwankungen besonders bei 
dauerndem Segeln wie dem der Möven wäre der 
physiologischen Ernährung des Muskels nicht 
günstig; es würde auch dem lebhaften Atmungs- 
bedürfnis des Vogels nicht entsprechen. Denn 
die Lungenventilation wird beim Fliegen und 
Segeln durch die Luftsäcke des Vogels vermittelt, 
die unter den Brustmuskeln, um die Luftröhre, in 
Brust und Bauch liegen, deren Füllungsgrad von 
Geschwindigkeitsschwankungen abhängt. Wegen 
der unvermeidlichen Volumenschwankungen der 
Luftsäcke müssen dieselben in einem harmonischen 
Abhängigkeitsverhältnis zu den Flugphasen stehen. 
Für Wechsel von aktiver und passiver Phase 
spricht auch, daß der Segelflug offenbar aus dem 
gewöhnlichen, unnachahmlichen Vogelflug phylo- 
genetisch hervorgegangen ist. Die Geschwindig- 
keitsschwankungen des Segelfluges relativ zur 
Luft zu beobachten, wird aber dadurch erschwert, 
daß eine Zunahme des Gegenwindes wegen der 
Flügelwirkung, die wohl sperrzahnähnlich ist, 
nicht zu sichtbaren Verzögerungen zu führen 
braucht, während umgekehrt ein Gleitflug durch 
beschleunigende Wirkung des Gefieders bei ab- 
nehmendem Gegenwind und entsprechender Flügel- 
haltung so umgestaltet oder verschleiert werden 
kann, daß ein Verlust an äußerer Lageenergie 
nicht eintritt oder nicht zur Wahrnehmung kommt. 
Über den Abhängen der Meereswellenberge ent- 
steht offenbar ein stärkerer Auftrieb als über den 
Tälern. Wäre der Auftrieb über Wellenberg und 
-Tal gleichmäßig, so wäre nicht einzusehen, warum 
ein Vogel nicht relativ zum Meeresgrunde im 
Auftriebe über dem Meere ohne zu rütteln still- 
stehen kann, wie der Raubvogel über dem Land- 
berge; warum große Vögel nicht dicht über den 
relativ zu kleinen Wellen größerer Binnenseen 
geradlinig segeln. Das Land bietet an seiner 
Grenze gegen Gewässer, an Bodenwellen, Sand- 
dünen, Bergen reichlich Möglichkeit zu Wechsel 
der Auftriebsstärke; bei Mangel daran schafft 
Kurvensegeln den erforderlichen Geschwindigkeits- 
wechsel relativ zur Luft; Flügelschläge oder ein 
Gleitflug werden eingelegt. Ein Gleitflug in be- 
deutender Höhe wird oft nicht vom Segeln zu 
unterscheiden sein, z. B. beim Baumfalken. Der 
künstliche Rhönsegelflug ist auch nach Herrn 
Lilien thals Ansicht kein echter Segelflug. 



68 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 5 



Einzelberichte. 



Die Ursache dei* Eiszeit. 



Mannigfache Hypothesen über die Ursache der 
Eiszeit sind bereits ausgesprochen worden, ist 
doch dieses Problem zweifellos die interessanteste 
Aufgabe, die uns die Erdgeschichte stellt. Vielen 
solchen Erklärungsversuchen liegen mehr oder 
weniger wahrscheinliche bzw. mögliche kosmische 
Ursachen zugrunde. Bald soll die Erdachse sich 
im Erdkörper verschoben haben, bald sollen 
Schwankungen der Exzentrizität der Erdbahn in 
periodischem Wechsel wärmere und kältere 
Epochen bedingen ; aber keine dieser verschiedenen 
Ansichten hat die Mehrzahl der Forscher bis jetzt 
zu überzeugen vermocht. Neuerdings vertritt 
Nölke^) die Ansicht, die Eiszeiten seien zurück- 
zuführen auf Durchquerungen kosmischer Nebel- 
massen, denen das Sonnensystem bei seiner mit 
rund 20 km Geschwindigkeit stattfindenden Be- 
wegung nach dem Sternbilde der Leyer begegnet. 
Die Absorption, die dabei die Sonnenstrahlen er- 
fahren, könnte nach Nölkes Meinung bei be- 
stimmten Dichtigkeitsverhältnissen größer sein als 
die durch den Aufprall der Nebelmassen auf die 
Himmelskörper entstehende Wärme. Wenn N ö 1 k e 
den großen Orionnebel für die diluviale Eiszeit 
verantwortlich macht, so übersieht er, daß der 
Apex der Sonnenbewegung nach den neuesten 
Bestimmungen eine Deklination von +30" bis 35" 
hat, während der Orionnebel in — 5" Deklination 
liegt, also durchaus nicht mit dem Antiapex zu- 
sammenfällt. Auch würde bei der von Berg- 
strand für den Orionnebel gefundenen Parallaxe 
von nur 0,008", der eine Entfernung von 400 
Lichtjahren entspricht, die Eiszeit schon 7 Mil- 
lionen Jahre hinter uns liegen, was sicherlich viel 
zu viel ist. Uns scheint es auch gar nicht nötig, 
daß das kosmische Gebilde, dessen Durchquerung 
die Eiszeit bedingte, sichtbar sein muß. Im Gegen- 
teil ist es wahrscheinlicher, daß es zur Gruppe 
der unsichtbaren, sich eventuell nur durch Ab- 
sorption des Lichtes schwächster, dahinter stehen- 
der Sterne bemerkbar machender Nebelmassen 
gehört, auf deren Existenz jüngst wieder Hagen 
aufmerksam gemacht hat. 

Die nur auf der südlichen Erdhalbkugel nach- 
gewiesene permische Eiszeit könnte verursacht 
gewesen sein durch einen Nebel von etwas größerer 
Dichte, so daß die bei der Durchquerung in der 
Richtung des Apex vorangehende, nördliche Erd- 
hälfte infolge des Aufpralls der Nebelmaterie er- 
höhte oder wenigstens nicht verminderte Tempe- 
ratur angenommen hätte, während auf der Süd- 
halbkugel, wo nur die Absorption des Sonnen- 
lichts zur Wirkung kam, starke Abkühlung ein- 
getreten wäre. Sogar das auffällige, durch Fehlen 
der Jahresringe der Ilolzgewächse angezeigte Vor- 
kommen tropischer Vegetationen auf Spitzbergen 

') Siehe „Die Naturwissenscliaftea" 1921, Hell 42. 



in früheren geologischen Epochen könnte mit der 
erwärmenden Wirkung dichterer kosmischer 
Massen auf der bei der Bewegung des Sonnen- 
systems vorangehenden, nördlichen Halbkugel der 
Erde in Verbindung gebracht werden. 

Die Wasserstoffschicht, die nach unserem 
gegenwärtigen Wissen unsere Stickstoffatmosphäre 
von etwa 80 km Höhe ab überlagert, könnte nach 
Nölkes Meinung sehr wohl aus dem Nebel, 
durch den unser Planet einst hindurchgegangen 
ist, entnommen sein, ebenso auch die von 230 km 
Höhe ab nach Wegen er vorhandene Geo- 
coroniumhülle, in der sich gewisse Polarlicht- 
erscheinungen abspielen. Kbr. 

Ein neues Bnitvorkomnien der Bartnieise in 
Beutsclilaud. 

Die Bartmeise, Panurus biarmicus L. , deren 
Verbreitungsgebiet Reichenow in seinen „Kenn- 
zeichen der Vögel Deutschlands" (Neudamm 1902, 
116) knapp, aber klar mit den Worten umschreibt: 
„Brütet in Holland, England, im südlichen Europa 
und Kleinasien", ist früher vereinzelt auch in 
Deutschland brütend nachgewiesen worden, in 
den letzten Jahrzehnten aber, obwohl ihr Vor- 
kommen auch in anderen ausgedehnteren Rohr- 
gebieten nicht ganz unwahrscheinlich erschien, 
als wahrscheinlicher Brutvogel nur noch bei Danzig 
beobachtet worden. Im verflossenen Sommer ist 
es dem als zuverlässigen Ornithologen geschätzten 
Pfarrer Dr. Fr. Lindner in Quedlinburg ge- 
lungen, auf dem Madüsee in Pommern, dem zweit- 
größten See dieser Provinz, das zweite Brutvor- 
kommen der Art in unserem Vaterlande nachzu- 
weisen. Über die Auffindung der Meise an dem 
neuen Vorkommen berichtet ihr Entdecker aus- 
führlich in der Ornithol. Monatsschrift (46, 1921, 
149 — 155), aus der hier das Folgende hervorge- 
hoben sei. Nachdem bereits bei einem im ver- 
gangenen Jahre erfolgten Besuche des Sees das 
Vorkommen des Vogels vermutet worden war, 
sein Nachweis aber nicht gelang, war dieser in 
einer überraschend glänzenden Weise in der ver- 
flossenen Brutsaison möglich. Bei einem Ein- 
dringen in das schwer zugängliche Rohr des See- 
gebietes am 30. Juni wurden drei jüngere Vögel: 
2 $5 und I (J gesichtet und längere Zeit hin- 
durch beobachtet; Vögel, die nur an Ort und 
Stelle erbrütet sein konnten. Wenige Tage später, 
am 10. Juli, wurden durch die Herren Besch 
und R ob ien Stettin, die von Dr. Lindner auf 
das Vorkommen aufmerksam gemacht worden 
waren, neben einem Nest mit 5 Jungen noch zwei 
Gesellschaften flügger Junger und mehrere Alte, 
im ganzen 30 Vögel, festgestellt. — Die Auffindung 
der Bartmeise in Pommern ist zugleich auch die 
erste sichere Beobachtung der Art wieder in der Pro- 
vinz seit 84 Jahren. Sie wird aus den Jahren 1826 
von Greifswald und 1833 aus der Nähe von Müg- 



N. F. XXL Nr. § 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



69 



genhall in -den (ungedruckten) ornithologischen 
Tagebüchern des ehemaligen Konservators Dr. 
N. Schilling Greifs wald erwähnt und ist dann 
in dem von ihm zusammen mit Hornschuch 
herausgegebenen „Verzeichnis der in Pommern 
vorkommenden Vögel" (Greifswald 1837) nur ganz 
allgemein als seltener Zugvogel aufgeführt. In 
seiner „Systematischen Übersicht der Vögel Pom- 
merns" (Anklam 1837) erwähnt E. F. v. Hoh- 
meyer die Beobachtung einer kleinen Gesell- 
schaft im Herbst 1835 bei Uckermünde und be- 
richtet im I. Nachtrag zu seiner Übersicht (1841) 
von der Sichtung einer Familie nochmals an der 
gleichen Stelle. Ein von ihm erwähntes Beleg- 
stück im Zoologischen Museum zu Greifswald ist 
nach dem Katalog des Museums mit noch einem 
zweiten, einige Monate später eingegangenen 1829 
bei Greifswald selbst erbeutet worden. Ein noch 
jetzt im Museum befindliches Stück trägt eben- 
falls die Bezeichnung Greifswald, ist aber sonst 
mit keinerlei weiteren Angaben über die Herkunft 
und die Zeit der Erbeutung versehen. 

Rud. Zimmermann. 



Zur Biologie der Pfeilwürmer. 

P. van Oye^) erwähnt aus dem Javameer vier 
Gattungen und 18 Arten von Chätognathen, dar- 
unter I Gattung und 6 Arten als neu. Es wur- 
den mit großen Planktonnetzen mehr Chäto- 
gnathen gefangen als mit kleinen, was in metho- 
discher Hinsicht Beachtung verdient und auf 
dem Seh- und schnellen Schwimmvermögen der 
Tiere beruhen dürfte. Die Ernährung besteht — 
was nicht ganz neu ist — meist aus Kopepoden 
und aus anderen Chätognathen. Die Beute wird 
von den großen, am Kopf stehenden Greifhaken, 
deren jeder für sich beweglich ist, ergriffen, von 
den Kiefern aber nur mundgerecht gemacht, in 
den sich trichterförmig öffnenden Mund hinein- 
geschoben und im Magen bis auf die Hartgebilde 
verdaut. Ihrerseits dienen die Chätognathen 
Medusen und Fischen zur Nahrung. Auf Chäto- 
gnathen fanden sich nicht selten peritriche Ciliaten 
als Parasiten. V. Franz, Jena. 



Die Konstitntion des Cyanwasserstoffs. 

Trotz der vielfachen Verwendung, die der 
Cyanwasserstoff (Blausäure) zu theoretisch und 
praktisch wichtigen Untersuchungen und Arbeiten 
findet, trotz der Unzahl von Derivaten, in denen 
sein Strukiurbild mehr oder weniger verändert 
vorliegt, ist man sich über die Formulierung dieses 
Stoffes im Sinne der Strukturchemie nicht emig. 
Rein formal besteht die Möglichkeit, die Verbin- 
dung HCN in den beiden Formeln H — N = C und 
H — C^N wiederzugeben. Nach der ersten wäre 

') P. van Oye, Untersuchungen über die Chätognathen 
des Javameers. In : Contributions ii la Faune des Indes neer- 
landaises. Buitenzorg 1918. 



Cyanwasserstoff ein Abkömmling des Ammoniaks, 
nämlich Carbylamin oder Iso-nitril. Nach der 
zweiten Auffassung wäre er das Nitril der ein- 
fachsten Carbonsäure, der Ameisensäure, also 
Formonitril. Beide Auffassungen haben ihre ex- 
perimentelle Begründung und dementsprechend 
ihre Vertreter unter den Chemikern gefunden. So 
betrachten, ohne daß dies im einzelnen erläutert 
sei, Nef und Lemoult den freien Cyanwasser- 
stoff als Isonitril, Gautier und Brühl den 
gleichen Stoff als Formonitril. Wade hinwieder- 
um erkennt die Nitrilform zwar der freien Blau- 
säure, den Salzen jedoch die Isonitrilform zu. 
Ähnlich zweideutig erscheint der Stoff auf Grund 
der Untersuchungen von Guillemard und von 
Auger. Und schon 1885 wandte K. Laar seine 
bekannte Oszillationshypothese auf die Blausäure 
an, um ihr zwiefaltiges Verhalten zu deuten. In 
der freien Säure sollte der Wasserstoff von N 
nach C schwingen, so daß je nach den Reaktions- 
bedingungen bald die eine, bald die andere Form 
die vorherrschend wirksame sein könne. So ein- 
fach die Erklärung erscheint, so ist sie, da sie in 
den meisten analogen Fällen versagte, doch ver- 
lassen worden. Statt dessen hielt man die freie 
Säure für ein allelotropes Gemenge beider For- 
men, wie in entsprechender Weise zahlreiche 
andere Beispiele bekannt wurden. ') Über die 
Mengenanteile der miteinander im Gleichgewicht 
angenommenen Formen war jedoch nichts aus- 
zusagen. In chemischen Umsetzungen war, das 
lehrten die genannten Forschungsergebnisse, ein 
einwandfreies Kriterium hierfür nicht zu erblicken. 
Ja, es entbehrt nicht der Komik, daß aus der 
elektrolytischen Leitfähigkeit des wenig disso- 
ziierten Quecksilbercyanides Kieseritzki auf 
die Isonitril-, Ley im strikten Gegensatz auf die 
Nitrilform schließt! 

Kurt H. Meyer, dem mehrere für das Ver- 
ständnis der tautomeren Stoffe förderliche Arbeiten 
zu danken sind, hat nun in Gemeinschaft mit 
H. Hop ff die Frage nach der Konstitution des 
freien Cyanwasserstoffs erneut angeschnitten. -) 
Unter gewissen Vorsichtsmaßregeln gelingt es be- 
kanntlich, tautomere Substanzen aus ihrer gegen- 
seitigen Mischung zu isolieren und sie so wenig- 
stens vorübergehend frei von der anderen Form, 
mit der sie in Gleichgewicht stehen, zu erhalten. 
Ein Weg hierzu ist die fraktionierte Destillation. 
Auf Grund analoger Verhältnisse war zu erwarten, 
daß hierbei zunächst das leichter flüchtige Iso- 
nitril destillieren würde. Aus einer Änderung 
des Brechungsindex der einzelnen übergehenden 
Fraktionen hätte sich also eindeutig die An- 
reicherung der einen Form erkennen lassen. Der 
Versuch ließ aber nicht die geringste Änderung 
des Brechungsindex erkennen. Man muß also, 
bei der Schärfe dieses Reagenz, schließen, daß 

') Vgl. Naturw. Wochenschr. N. F. XX, S. 672, 1921. 

^) Bcr. d. d. Chem. Gesellsch. 54, S. 1709, 1921. Da- 
selbst Angabe der sämtlichen bisherigen Arbeiten in der Lite- 
ratur. 



70 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



R F. XXI. Nr. s 



Blausäure keinesfalls ein Gemisch zweier 
Tautomeren sei, die sich mit meßbarer Geschwin- 
digkeit ineinander umlagern. Auch eine sehr 
hohe Umlagerungsgeschwindigkeit kommt nicht 
in Frage, denn Meyer und Hopff fanden weiter, 
daß flüssige und gasförmige Blausäure die gleiche 
Molekularrefraktion besitzen, was andernfalls aus- 
geschlossen ist. Endlich läßt sich die Molekular- 
refraktion der beiden Formen berechnen. Ver- 
gleicht man sie mit der experimentell gefundenen 
(MD = 6,48), so ergibt sich eine hinreichende 



Übereinstimmung nur für die Nitrilform , für die 
sich der Wert 6,52 berechnet. 

In Übereinstimmung hiermit führt auch eine 
thermochemische Betrachtung die beiden Verf. 
zu dem Ergebnis, daß freier Cyanwasserstoff im 
wesentlichen Formonitril mit einer geringen 
Beimengung von Carbylamin ist. 

Läßt sich dieser Befund erhärten, so würde 
sich die physiologische Wirksamkeit der Blausäure 
allerdings in bemerkenswertem Licht darstellen. 

H. Heller. 



Bücherbesprechuagen. 



Helmholtz, H. V., Schriften zur Erkenntnis- 
theorie. Hrsg. und erläutert von Paul Hertz 
und Moritz Schlick. Berlin 1921, Springer. 
Die Herausgabe dieses Werkes, das die Heraus- 
geber „dem Andenken an Hermann v. Helmholtz 
zur Jahrhundertfeier seines Geburtstags" gewidmet 
und womit sie diesem für die Geistesgeschichte der 
Menschheit so bedeutsamen Tage das schönste 
Denkmal errichtet haben, ist nicht nur in diesem 
Sinne ein großes Verdienst, sondern entspricht 
wirklich einem wissenschaftlichen Bedürfnis, wenn 
ich diesen etwas reichlich mißbrauchten Terminus 
auch einmal in wirklich zutreffender Weise an- 
wenden darf. Denn dieses Buch bietet zum ersten 
Male eine in sich geschlossene Gesamtdarstellung 
der Erkenntnistheorie Helmholtz' und zwar 
eine keineswegs subjektiv gefärbte Darstellung, 
an denen ja gerade kein Mangel herrscht, sondern 
eine insofern denkbar objektive, als sie Helm- 
holtz' Lehre von diesem selbst darstellen lassen! 
Die Herausgeber haben sich eben die Aufgabe 
gestellt, Helmholtz' in Frage kommenden Ab- 
handlungen in solcher Auswahl vorzulegen, daß 
eben dieses einheitliche Gesamtbild entsteht, ein 
bei der Zerstreuung zwar nicht der Hauptschriften 
Helmholtz' zur Erkenntnistheorie, wohl aber der 
vielen wichtigen ebenfalls hierhin gehörigen Be- 
merkungen in den anderen Abhandlungen keines- 
wegs leichtes Unternehmen. Die Herausgeber 
haben aber diese Aufgabe mit großem Geschick 
in der Weise gelöst, daß sie dem wörtlichen 
Abdruck der Hauptschriften reiche Anmerkungen 
haben folgen lassen , die abgesehen von ihrer 
kommentariellen Bedeutung eben alle jene ge- 
legentlichen Bemerkungen von Helmholtz 
gründlich verwerten. Besonders wertvoll an diesen 
Anmerkungen ist auch das ständige Fühlung- 
bewahren mit den modernen Problemen der Er- 
kenntnistheorie der Mathematik und Naturwissen- 
schaften. 

Hoffentlich hat diese meisterliche redaktionelle 
Arbeit nur nicht die Wirkung, daß manche ihrer 
Leser die Lektüre der Originalwerke Helmholtz', 
besonders der zu den klassischen Hausbüchern 
des modernen Gebildeten gehörenden „Vorträge 
und Reden", fortan für überflüssig halten. Hoffent- 



lich dient diese Neuausgabe vielmehr dazu, die 
Kenntnis jener herrlichen Bücher noch mehr zu 
verbreiten. Das wäre der schönste Dienst, den 
sie der Erinnerung an Helmholtz leisten könnte. 

Noch eine weitere Wirkung wünsche ich dem 
vorliegenden Buche, die nämlich, daß recht viele, 
die Helmholtz' Erkenntnistheorie bisher nur 
aus der flüchtigen Darstellung kennen, die sie 
in den gebräuchlichen Lehrbüchern der Geschichte 
der Philosophie gefunden hat, erkennen möchten, 
wie wenig diese Darstellungen, die Helmholtz' 
Lehre viel zu psychologisch schildern, in die 
Tiefe gegangen sind. Das psychologische, ge- 
nauer physiologisch-physikalische Element ist nur 
die äußere Form der Helmholtz'schen Lehren, 
die sich sehr einfach daraus erklärt, daß Helm- 
holtz der bisher bedeutendste Erforscher jener 
Probleme war, die mit gleichem Recht in drei 
Wissenschaften, Physik, Physiologie und Psycho- 
logie grundlegend sind. Im Grunde ist Helm- 
holtz' Erkenntnistheorie ebensowenig psycho- 
logistisch fundiert wie etwa die Lehre Kants, 
deren Problemen Helmholtz wieder einer der 
ersten Wegbereiter im Neukantianismus war. 

Nicht unwidersprochen möchte ich die Meinung 
der Herausgeber lassen, daß Helmholtz in 
seinen nicht erkenntnisheoretischen Werken, seinen 
Hauptleistungen also, für uns nur noch mehr 
historische Bedeutung habe. Mir will es so 
scheinen, als ob die modernen Probleme der 
Physik, wie sie sich in erster Linie um die Re- 
lativitätstheorie gruppieren, zurzeit mehr durch 
eine Betonung des Gemeinsamen mit der 
„klassischen Physik" gefördert werden können als 
durch die reichlich unhistorisch gedachte, ewige 
Betonung des Gegensätzlichen. Und dann ist 
auch der Physiker Helmholtz auch heute noch 
eine keineswegs bloß historische Größe. 

A. Meyer. 

Lipps, G. F., Grundriß der Psychophy sik. 
Mit 6 Zeichnungen. Dritte, neubearbeitete Auf- 
lage. Berlin und Leipzig, Vereinigung wissen- 
schaftlicher Verleger, Walter de Gruyter & Co. 
Sammlung Göschen Nr. 98. 
Dieses Buch, das jetzt in 3., weitgehend um- 



N. F. XXI. Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



7* 



gearbeiteter Auflage vorliegt, hat sich bereits in 
seinen früheren Auflagen als eine ebenso kurze, 
wie gründliche Einführung in denjenigen Teil der 
Psychologie bewährt, den man mit James als 
„naturwissenschaftliche Psychologie" bezeichnen 
kann und den Fechner bekanntlich Psychophysik 
genannt hatte. Es erübrigt sich daher, der neuen 
Auflage besondere Empfehlungen mit auf den 
Weg zu geben. Möge sie ebenso wie ihre Vor- 
gängerinnen dazu beitragen, klare Begriffe und 
gründliche Kenntnisse in demjenigen Teile der 
in prinzipieller Hinsicht so viel mißhandelten 
Psychologie zu verbreiten, der wegen der Exakt- 
heit seiner Methoden und der Objektivität seiner 
Ergebnisse noch am ehesten als Wissenschaft in 
dem strengen Sinne Kants auftreten kann. 

Als ganz besonders klar und lichtvoll sind uns 
Lipps kurze Darlegungen erschienen über „das 
psychische Maß und die psychophysischen Maß- 
methoden", demjenigen Gebiet, auf dem Lipps 
ganz besonders als Autorität gelten kann, sowie 
seine daraus folgenden Ausführungen über „Ord- 
nen und Messen" psychologischer Phänomene, 
einem Gebiete , auf dem von Philosophen und 
doktrinären Naturforschern bekanntlich sehr viel 
Verwirrung angerichtet worden ist. 

Wir wünschen dem treflflichen Büchlein auch 
weiterhin gute Wirkungen. Adolf Meyer. 



Geitler, J., Elektromagnetische Schwin- 
gungen und Wellen. „Die Wissenschaft" 
Band 6. Zweite, vermehrte Auflage. 2i8 S. 
mit HO Abbildungen. Braunschweig 1921, 
F. Vieweg & Sohn. — Geh. 30 M. 
Es ist sehr zu begrüßen, daß die Herausgabe 
der vorliegenden Neuauflage Gelegenheit gibt, 
weitere Kreise auf diese erstmalig im Jahre 1905 
erschienene vortreffliche Monographie nachdrück- 
lichst hinzuweisen. Ein besonderer Vorzug dieser 
klaren, alle wesentlichen prinzipiellen Fragen mit 
großer Sorgfalt und Vollständigkeit behandelnden 
Übersicht über das theoretisch und praktisch be- 
deutungsvolle Gebiet der elektromagnetischen 
Schwingungen ist die scharfe Hervorhebung der 
historischen Entwicklung und die unübertreffliche 
Herausarbeitung der großen das Gebiet der Nieder- 
frequenzen und die übrige Optik verknüpfenden 
allgemeinen physikalischen Gesichtspunkte. 

Die Schrift beginnt mit einer kurzen Betrach- 
tung der alten Vorstellung einer unmittelbaren 
Fernwirkung und zeigt dann sehr eingehend, wie 
die Theorie der vermittelten Fernwirkungen von 
Far ad ay begründet, von Maxwell vertieft und 
schließlich von Hertz experimentell verifiziert 
worden ist. Etwa den gleichen Raum nimmt die 
systematische Darstellung der weiteren Entwick- 
lung ein, die in den drei Abschnitten i. die elek- 
tromagnetischen Wellen und die Optik, 2. die 
Ausbreitung der elektromagnetischen Strahlung, 
3. Verfahren zur Erzeugung und Beobachtung 
elektromagnetischer Wellen gegeben wird. Die 
Neuauflage berücksichtigt hier in theoretischer 



Hinsicht insbesondere die Bedeutung des Quanten- 
begriffs in der Strahlungstheorie, und in prakti- 
scher Hinsicht sind die wichtigen neuen Verfahren 
der Erzeugung und Verwertung ungedämpfter 
Schwingungen aufgenommen worden. Im letzteren 
Fall wäre vielleicht etwas größere Ausführlichkeit 
zu wünschen. 

Die mustergültige allgemeinverständliche Dar- 
stellung ist in gleicher Weise sowohl zur Ein- 
führung in den Gegenstand als zur Vertiefung 
früherer Kenntnis bestens geeignet. 

A. Becker. 

Das Tierreich. IV. Fische. Von Prof. Dr. Max 
R a u t h e r , Konservator a. d. Württ. Naturalien- 
sammlung. Zweite, umgearbeitete Auflage. Mit 

42 Abbildungen. Sammlung Göschen Nr. 356. 
Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter 
de Gruyter & Co. Berlin W 10 und Leipzig 
192 1. Preis 6 M. 

Ein ausgezeichnetes Nachschlagewerkchen zur 
raschen verhältnismäßig genauen Orientierung 
über den Körperbau der Fische, über ihr System 
— für die Teleostier wurde Boulenger zu- 
grunde gelegt — und über die Kennzeichen der 
allermeisten bekannteren Arten und selbst Varie- 
täten, sowie über die Hauptzüge in ihren Lebens- 
verrichtungen. Nur durch ausgiebige Verwendung 
von Kleindruck und sehr knappen Stil war es 
möglich, diesen umfangreichen Stoff auf 144 Klein- 
oktavseiten zu bewältigen. Wie gesagt, wird das 
Büchlein als Nachschlagewerk selten versagen, 
außer allerdings bei Zierfischen der heutigen 
Aquariumliebhaberei; diese kommen sehr kurz 
weg, ja bleiben großenteils unerwähnt. Wer also 
von dieser Seite den Fischen nähergetreten ist 
und weiterhin nähertreten will, kann demnach 
an Hand des Rauth ersehen Büchleins seine 
Kenntnisse nur in allgemeinere einordnen. Wer 
sich über die deutsche oder über die bekannteste 
Meeres - Uschfauna unterrichten will, wird das 
Büchlein mit Nutzen verwenden. 'J 

V. Franz. 

Study, E., Denken und Darstellung. Logik 
und Werte, Dingliches und Menschliches in 
Mathematik und Naturwissenschaft. Sammlung 
Vieweg (Tagesfragen aus den Gebieten der 
Naturwissenschaft und Technik) Heft 59, 192 1. 

43 S. 8». 3 20 M. 

Der Verf. wünscht bei allen Lehrern natur- 
wissenschaftlicher P'ächer ein gründliches Studium 
der Differential- und Integralrechnung, damit das 



') Für einen Neudruck sei empfohlen , das Vorderhim 
der Fische den neuen Anschauungen entsprechend darzustellen, 
sowie Amphioxides zu streichen, da letztere 1905 aufgestellte 
Gattung ein Jahr später von ihrem Autor selber zurückgezogen 
worden ist. Dagegen wäre die Gattung Asymmetron zu nennen. 
Diese Ausstellungen werden dem Ref. nur dadurch nahegelegt, 
daß sie in von ihm selber bearbeitete Gebiete fallen. Die 
gewünschten Berichtigungen aber würden gerade solche Punkte 
betreffen, die der Aufmerksamkeit jedes Lesers sicher sein 
würden. 



72 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 



eiforderliche Gefühl erweckt werde für die Not- 
wendigkeit genauen Ausdrucks, und das Zutrauen 
in die Zuverlässigkeit längerer Schlußketten sich 
stärke. Er verurteilt die Abkehr von Theorie und 
„Spekulation" ebenso sehr wie oberflächliche, 
widerspruchsvolle Theorien. Zu letzteren rechnet 
er den Lamarekismus und die Kritik der Selek- 
tionstheorie. Er wünscht sich die biologischen 
Disziplinen nicht als beschreibende und begrüßt 
um so mehr exakte Physiologie und Erblichkeits- 
lehre. Darwins Abneigung, zu polemisieren, 
habe die Wirkung seiner Gedanken sehr beein- 
trächtigt. Der Vitalismus überkleistere Denk- 
lücken mit leeren Worten. In zahlreichen Fällen 
sei eine Nachprüfung vorhandener Lehren nötig. 
Gleichwohl müssen in der Naturwissenschaft eben- 
sowenig wie in der Mathematik alle Schlußketten 
in ihre letzten Elemente aufgelöst werden. 

V. Franz, Jena. 



Planck, M., Die Entstehung und bisherige 
Entwicklung der Quantentheorie. 
Nobel - Vortrag gehalten vor der Königlich 
Schwedischen Akad. d. Wiss. zu Stockholm am 
2. Juni 1920. 32 Seiten. Leipzig 1920, J. A. 
Barth. Geh. 4 M. 
Wer sich über das Wesen und die Bedeutung 
der Quantentheorie zuverlässig orientieren will, 
wird den Abdruck des Planckschen Nobelvor- 
trags ganz besonders begrüßen. Der Begründer 
dieser Theorie gibt hier einen unübertrefflichen 
knappen und doch durchweg klaren Überblick 
über die Entwicklung seiner theoretischen Unter- 
suchungen, den mühevollen Weg, auf dem er mit 
der Einführung des Energiequantums die Grund- 
lagen der Quantentheorie gelegt hat, und den ge- 
waltigen Einfluß der neuen Erkenntnis auf die 
gesamte gegenwärtige physikalische Forschung. 

A. Becker. 



Anregungen und Antworten. 



In Nr. 43 der Naturw. Wochenschrift 1921 erwähnt 
H. Kranichfeld in seinem hochinteressanten Aufsatz über 
fremddienliche Zweckmäßigkeit die Trunksucht der Grau- 
bündner. Ich bin Ostpreuße und lebe seit über 21 Jahren in 
Graubünden und habe das Land nach allen Richtungen hin 
durchstreift. Ich habe die Bündner als ruhige, nüchtern ab- 
wägende, dem Fremden gegenüber etwas verschlossene Men- 
schen kennen gelernt. Nie habe ich einen betrunkenen Bündner 
gesehen. Man schätzt ganz gewiß den herben und doch feu- 
rigen Veltliner Wein, der hier in der Gebirgswelt seine besten 
Eigenschaften entfaltet; man trinkt ihn, aber man säuft ihn 
nicht. Es wäre gewiß interessant zu erfahren, auf welche 
Beobachtungen Herr Kranichfeld seine Behauptung stützt. 
Dr. Otto Suchlandt. 



Lauterzeugung bei einem Krebs. Ein Geräusch , sehr 
ähnlich dem, das bei dem Herausziehen eines Stöpsels aus 
einer Flasche entsteht, habe ich an der Küste der Provinz 
St. Catharina (Südbrasilien) gehört. Es wurde hervorgebracht 
von einem Vertreter der Gattung Alpheus , der dort an den 
Felsen unter Schwämmen, Bryozoen usw. verborgen lebte. 
Es kam dadurch zustande, daß der bewegliche Finger der 
großen Schere einen zylindrischen Fortsatz besaß, der genau 
in eine Grube des unbeweglichen Fingers paßte. Wurde die 
Schere geöffnet, der Fortsatz aus der Grube gezogen, so ent- 
stand das Geräusch, das also ganz in der gleichen Weise zu- 
stande kam, wie das beim Offnen einer Flasche. 

G. W. Müller. 



Literatur. 

Thirriug, Hans, Die Idee der Relativitätstheorie. Ber- 
in '21, Julius Springer. 24 M. 

Pauli, W. jun., Relativitätstheorie. Leipzig-Berlin '21, 
B. G. Teubner. 40 M., geb. 50 M. 

Lenard, Prof. Dr. Ph., Über Äther und Uräther. Leip- 
zig '21, S. Hirzel. 9 M. 

Mie, Prof. Gustav, Die Einsteinsche Gravitationstheorie. 
Leipzig '21, S. Hirzel. 7 M. 

Sammlung Göschen: Bauer, Prof. Dr. Hugo, Geschichte 
der Chemie I/II. Berlin und Leipzig '21, Vereinigung wissen- 
schaftlicher Verleger. 

Aus Natur und Geisteswelt. Leipzig -Berlin '21, B. G. 
Teubner. 

675: Nienburg, W., Pilz und Flechten. 
720: Ziegler, K. und Oppenheim, S., Weltunter- 
gang in Sage und Wissenschaft. 
Mathematisch-physikalische Bibliothek Band 8: Meth, 
Paul, Theorie der Planetcnbewegung. Leipzig und Berlin '21, 
B. G. Teubner. Kart. 5 M. 



Cloos, Dr. H. und Meister, Dr. E., Bau und Boden- 
schätze Osteuropas. Leipzig und Berlin 21' B. G. Teubner. 
Kart. 30 M. 

Kultur und Welt: Brehm, Alfred, Kleine Schriften. 
Leipzig '21, Bibliographisches Institut. Geb. 37 M. 

Linck, Prof. Dr. G., Tabellen zur Gesteinskunde, 5. Aufl. 
Jena '21, Gustav Fischer. 15 M. 

Parek, Oskar, Urgeschichte Württembergs. .Stuttgart 
'21, Strecker & Schröder. 22 M., geb. 30 M. 

Wissenschaft und Bildung: Lehmann, Richard, Geo- 
graphische Beobachtungen. Leipzig '21, Quelle & Meyer. 
Geb. 10 M. 

Herlwig, Oscar, Zur Abwehr des ethischen, des sozia- 
len, des politischen Darwinismus. 2. Aufl. Jena '21, Gustav 
Fischer. 14 M. 

Vannino, Prof. Dr. Ludwig, Handbuch der präpara- 
tiven Chemie. I. Band : Anorganischer Teil. 2., vielfach ver- 
mehrte Auflage. Stuttgart '21, Ferdinand Enke. 140 M. 

V. Lippmann, Prof. Dr. Edmund O., Zeittafeln zur 
Geschichte der organischen Chemie. Berlin '21, Julius Springer. 
181 M. 



Illlinlt: A. Meyer, Die logische Stellung der Biologie im System der Wissenschaften. S. 57. W. Fr ö lieh, .Segelflug 
und fliegende Fische. S. 64. — Einzelberichte: Nölke, Die Ursache der Eiszeit. S. 68. Kr. Lindner, Ein neues 
Brutvorkommen der Bartmeise in Deutschland. S. 68. P. van Oye, Zur Biologie der Pfeilwürmer. S. 69. K. H. 
Meyer und H. Hop ff, Die Konstitution des Cyanwasserstoffs. S. 69. — Bücherbesprechungen: H. v. Helm- 
holtz, Schriften zur Erkenntnistheorie. S. 70. G. F. Lipps, Grundriß der Psychophysik. S. 70. J. Geitler, Elektro- 
magnetische Schwingungen und Wellen. S. 71. M. Rauther, Das Tierreich. S. 71. E. Study, Denken und Dar- 
stellung. S. 71. M. Planck, Die Entstehung und bisherige Entwicklung der Quantentheorie. S. 72. — Anregungen 
und Antworten : Trunksucht der Graubündner. S. 72. Lauterzeugung bei einem Krebs. S. 72. — Literatur: Liste. S. 72. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 

Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G.m.b.H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge 21. Band; 
der ganzen Reihe 37. band. 



Sonntag, den 5. Februar 1922. 



Nummer 6. 



INachdnick verboten.] 

Lange Zeit hat die al.s Kontraktions- 
theorie bezeichnete Annahme, daß der Erd- 
körper als ursprünglich feuriger Glutball einem 
Abkühlungsprozeß unterliege und daß die durch 
die entstehende Volumverkleinerung ausgelösten 
Kräfte, neben den an der Erdoberfläche selbst 
wirkenden zerstörenden und aufbauenden Kräften, 
in der geologischen Vergangenheit dem Antlitz 
der Erde seine Züge eingeprägt habe, in der 
Wissenschaft fast allgemeines, unbestrittenes An- 
sehen genossen. In den letzten Jahren sind aber, 
weil nach der Ansicht mancher Forscher mehrere 
Beobachtungstatsachen sich nur schwer mit ihr 
in Einklang bringen lassen, Angriffe auf diese 
Theorie erfolgt, und man hat versucht, sie durch 
andere Annahmen zu ersetzen. Einer ihrer Haupt- 
gegner ist A. Wegen er, und seine Argumente 
und die seiner Vorgänger sind wohl geeignet, 
den der Kontraktionstheorie anhängenden Geo- 
logen nachdenklich zu stimmen. Allein wenn 
man, diese Argumente anerkennend, versucht, sich 
mit Hilfe neuer Annahmen ein Bild von der Ent- 
wicklung der Erde zu machen, so stößt man bald 
auf andere, nicht weniger große Schwierigkeiten. 
Diese Tatsache zwingt zur Vorsicht. Bevor man 
das Alte, lange Zeit hindurch Bewährte aufgibt, 
empfiehlt es sich jedenfalls, durch eine gründliche 
Prüfung festzustellen, ob man Besseres dafür ein- 
tauscht. Und zeigt sich, daß die neuen An- 
nahmen vor einer strengen Kritik nicht bestehen 
können, so ist es natürlich, daß man sich wieder 
der alten Erklärung zuwendet, in der stillen Er- 
wartung, daß sie doch wohl das richtige treffe. 
Wir wollen im folgenden versuchen nachzuweisen, 
daß es sich mit der Kontraktionstheorie wirklich 
so verhält, daß nur eine falsche Auffassung schuld 
daran war, daß Zweifel an ihrer Richtigkeit auf- 
tauchen konnten. Für die Wissenschaft ist die 
Wanderung auf einem Irrwege immer bedauerlich ; 
aber etwas Gutes hat sie doch zur Folge. Nur 
durch eine sorgfältige Umschau und Ausschau 
gcHngt es vom Irrweg den rechten Weg zurück- 
zugewinnen, und dieser Zwang führt in der 
Wissenschaft zur Klärung der Vorstellungen und 
zur Vertiefung der Einsicht. 

Neue Hypothesen. 
A. Wegener führt die Entstehung der Ge- 
birge nicht auf die Schrumpfung des Erdkörpers 
zurück, sondern erklärt sie als die Wirkung eines 
doppelten Verschiebungszwanges der Kontinente, 
einer Polflucht und einer Ostwesttrift derselben. 



Zur Kontraktionstheorie. 

Eine Rechtfertigung. 

Von Prof, Dr. Fr. Nölke, Bremen. 



Die Polflucht ist eine Wirkung der Zentrifugal- 
kraft, die dadurch entsteht, daß der Schwerpunkt 
der aus den leichteren Sialmassen sich zusammen- 
setzenden Kontinentalschollen in einem etwas 
höheren Niveau liegt, als der Schwerpunkt des 
von ihnen verdrängten schwereren Simas; die 
Ostwesttrift ergibt sich aus der Richtungs- 
ablenkung, die alle dem Äquator zustrebenden 
IVIassen auf der Erdoberfläche erfahren. Daß 
Kräfte in dem von Wegener angegebenen Sinne 
wirksam sind, steht hiernach fest. Es zeigt sich 
aber, daß sie viel zu schwach sind, um die er- 
forderliche Wirkung hervorzubringen. Der die 
Polflucht bewirkende Verschiebungsdruck beträgt 
nämlich, selbst bei Kontinentalschollen von vielen 
tausend km Durchmesser, nur i bis 2 Atmo- 
sphären auf dem Quadratzentimeter ihrer Stirn- 
wand.^) Dieser Druck reicht bei gewissen An- 
nahmen über die Zähigkeit der die Kontinen- 
talschollen unterlagernden Simamassen nach einer 
Rechnung von P. Epstein-) gerade aus, um die 
Schollen mit der von Wegener hergeleiteten 
Geschwindigkeit wagerecht zu verschieben, vor- 
ausgesetzt, daß ihnen kein Hindernis 
im Wege steht. Da ihnen aber fast in ihrer 
ganzen Dickenerstreckung (100 — 120 km) die den 
Boden der Ozeane bildenden Gesteinsschichten 
in nur wenig geringerer Dickenerstreckung vor- 
gelagert sind, so kann die Verschiebung nicht 
erfolgen. Denn ein Druck von 2 Atmosphären 
auf dem qcm ruft bei Gesteinen gar keine er- 
kennbare Wirkung hervor. Eine Emporstülpung 
der Ränder würde nur erfolgen, wenn die dem 
Druck unterliegenden Massen flüssig wären, und 
auch dann würden nur Hügel von einigen Metern 
Höhe entstehen. Bei festen Schollen aber, wie 
sie wirklich vorliegen, führt der Druck nur zu 
einer geringen molekularen Spannung. 

Wegener ist sich des problematischen 
Charakters seiner physikalischen Beweisführung 
wohl bewußt, will aber, mit Rücksicht darauf, 
daß die Beobachtungstatsachen die Anerkennung 
der Verschiebungshypothese fordern und im Hin- 
blick auf die Möglichkeit einer zukünftigen besseren 
Begründung der Hypothese, ihr den wissenschaft- 
lichen Wert nicht absprechen lassen. Solange 



') Vgl. auch Prof. E. Hennigs gründliche Kritik der 
We g enerschen Hypothese in dem Aufsatze „Neue Ansichten 
vom Entstehen des Erdbildes", Naturw. Wochenschr. 1921, 
Heft 48, 

'') Über die Polflucht der Kontinente. Naturwissenschaften, 
1921, Heft 25, S. 499. 



u 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 6 



ihr das theoretische Fundament fehlt, wird ihr 
jedoch nicht leicht jemand vor der Kontraktions- 
hypothese, die diesen Mangel nicht besitzt, den 
Vorzug geben, vorausgesetzt, daß auch sie die 
Beobachtungstatsachen gut zu erklären vermag, 
was, wie wir noch zeigen werden, zutrifft. 

Ähnlich wie mit der Wegenerschen Er- 
klärung steht es mit einer andern, von geologischer 
Seite vertretenen Ansicht, nach welcher an den 
Stellen der Erde, wo eine Faltung eintrat, diese 
durch lokale Verhältnisse in den die gefalteten 
Schichten unterlagernden Massen verursacht wurde. 
Wenn man versucht, diese Hypothese in ihren 
Einzelheiten zu durchdenken , so erkennt man 
bald ihre Unzulänglichkeit. Denn man mag un- 
gleiche Zusammensetzung des Erdkörpers nicht 
nur in senkrechter, sondern auch in wagerechter 
Richtung, ungleiche Dichten und Temperaturen 
in den einzelnen Gebieten, lokale Kristallisations- 
vorgänge, oder was man sonst will, annehmen, 
so wird im Grunde damit nur wenig erreicht. 
Um z. B. eine Zusammenschiebung der Alpen 
bis auf die Hälfte oder gar ein Viertel ihrer ur- 
sprünglichen Breitenerstreckung zu erklären, müßte 
man einen förmlichen Schwund der in der Tiefe 
lagernden Massen annehmen. Es ist aber keine 
Möglichkeit vorhanden, eine solche Annahme 
physikalisch zu rechtfertigen. Ein vielleicht durch 
geringere Dichte bewirktes ursprüngliches Massen- 
defizit würde übrigens schon vor dem Einsetzen 
der Faltung durch eine Verschiebung der nach 
Druckgleichgewicht strebenden benachbarten 
Massen und Emporpressung jener weniger dichten 
Massen über die Erdoberfläche ausgeglichen 
werden; es würde also zu gar keiner Faltung, 
sondern zu einer Zerreißung der oberflächlichen 
Schichten kommen. 

Es soll nicht bestritten werden, daß lokale 
Verhältnisse auf die Faltungsvorgänge einen mit- 
bestimmenden Einfluß haben. Die Festigkeit der 
Erdkruste ist nicht überall dieselbe. Große, 
schollenartige Gebiete haben fast während der 
ganzen geologischen Vergangenheit nur gering- 
fügige Änderungen erlitten, während andere 
zwischen den Schollen gürtelartig sich erstreckende 
Zonen immer von neuem wieder gefaltet worden 
sind. Bei den Faltungen wird das Schweregleich- 
gewicht der Faltungszonen gestört. Gestörtes 
Gleichgewicht aber strebt einem Ausgleich zu, 
und infolge davon treten sekundäre Bewegungen 
(größere oder kleinere, durch örtliche Massen- 
defizite oder Massenüberschüsse oder durch 
Sedimentation von Geosynklinalen verursachte 
Hebungen und Senkungen) ein, deren Zeitdauer 
um so länger ist, je höher der Grad der Zäh- 
flüssigkeit der magmatischen Unterlage und je 
weiter der Ausgleich bereits vorgeschritten ist. 
Es muß jedoch mit Nachdruck darauf hingewiesen 
werden, daß es nicht statthaft ist, in diesen Be- 
wegungen, die nur als Folgeerscheinung 
eines Faltungsvorgangs zu betrachten sind, um- 
gekehrt die Ursache desselben zu sehen. Den 



Faltungszonen kommt, worauf besonders auch 
F. Koßmat aufmerksam macht,') keine aktive, 
sondern nur eine passive Bedeutung zu. Sie sind 
nicht selbst der Sitz einer bewegenden Kraft, 
sondern nur der Schauplatz ihrer Wirksamkeit. 
Ein ßewegungsvorgang, der in sich abgeschlossen 
ist, der keine neuen Anstöße von außen empfängt, 
muß allmählich abklingen und asymptotisch einem 
Ruhezustande zustreben. Versucht man bei den 
Faltungen ohne eine äußere Kraft auszukommen, 
so ist gar nicht einzusehen, warum die tektonischen 
Bewegungen in der Erdkruste nicht längst zum 
Stillstand gekommen, warum Perioden großartiger 
Faltungserscheinungen solchen verhältnismäßiger 
Ruhe immer wieder gefolgt sind. Es geht auch 
nicht an , diese äußere Kraft in gewissen kos- 
mischen Faktoren, z. B. in der Anziehung durch 
Sonne und Mond, oder ähnlich wie Wegener 
in der Rotationsbewegung der Erde zu suchen. 
Denn die Gezeitenkräfte des Mondes und der 
Sonne und die zentrifugalen Kräfte der Erd- 
rotation sind viel zu schwach, um die erforderliche 
Wirkung zu erzielen. Die Schwierigkeiten, zu 
denen die Kontraktionshypothese führen soll, er- 
scheinen bei dieser Erklärung vervielfacht; auch 
würde die Anerkennung ihrer unbestimmten, 
allgemein gehaltenen Voraussetzungen nur als ein 
verhülltes Eingeständnis des ignoramus zu be- 
werten sein. 

Die Kontraktionshypothese. 
Nach dem im vorigen Abschnitte Gesagten 
steht der problematische Charakter der Hypo- 
thesen, die man an die Stelle der Kontraktions- 
hypothese gesetzt hat, fest. Erscheinen diese 
Hypothesen in einem zweifelhaften Lichte, so ge- 
winnt ihnen gegenüber die Kontraktionshypothese 
jedoch von selbst wieder an Bedeutung. Verdient 
sie es wirklich, zum alten Eisen geworfen zu 
werden, oder braucht man sie vielleicht nur von 
altem Roste zu säubern, damit sie heller erstrahlt, 
als je zuvor? Treffen die Einwendungen, die 
man gegen sie erhoben hat, wirklich ihren 
eigentlichen Kern? Wäre es nicht denkbar, daß 
die Erklärung richtig, aber wegen unvollkommener 
Einsicht in die tatsächlichen Verhältnisse nicht 
ganz richtig dargestellt worden ist? Könnte sie 
den neuen Beobachtungsergebnissen nicht ange- 
paßt werden, oder besser, sind erst diese vielleicht 
geeignet, der Erklärung das richtige Kleid zu 
verleihen, während das frühere gar nicht das ihr 
angemessene war? Indem wir die gegen sie er- 
hobenen Einwände einzeln durchgehen, werden 
wir nachher zeigen, daß es sich tatsächlich so 
verhält. Vorher aber sind wir in der Lage, 
durch eine Betrachtung allgemeiner Art gleichsam 
einen indirekten Beweis für ihre Richtigkeit zu 
liefern. 



') Die mediterranen Kettengebirge und ihre Beziehung 
zum Gleichgewichtszustand der Erdrinde. Abb. d. math.- 
phys. Kl. d. Sachs. Akad. d. VViss., Bd. 38, 1921, Nr. 2. 



N. l'. XXI. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



7S 



We gener behauptet, es sei eine unbewiesene 
Annahme, daß die Erde zusammenschrumpfen 
müsse, weil sie sich abkühle. Es stehe keines- 
wegs fest, daß sie Wärme abgebe; es sei sogar 
möglich, daß sie sich, z. B. infolge Radiumzerfalls 
in ihrem Inneren, erhitze. Um über diesen Punkt 
Klarheit zu gewinnen, ist eine kurze kosmogonische 
Auseinandersetzung erforderlich. 

Niemand wird behaupten, daß die Erde von 
Ewigkeit her bestanden habe. Sie hat, wie alle 
Weltkörper, ihre Entstehungsgeschichte. Der Ur- 
zustand der Erde läßt sich in zweifacher Weise 
denken. Den einen Zustand beobachten wir bei 
den Sternen, die nach den neueren astronomischen 
Forschungsergebnissen ihre Entwicklung als hell- 
strahlende Riesensterne beginnen und allmählich, 
durch Wärmeausstrahlung ihr Volumen verkleinernd, 
in den Zustand der Zwergsterne übergehen, um 
dann zu erlöschen. Wenn die Entwicklung der 
Erde mit der der Sterne gleichartig, wenn sie 
ursprünglich ein gewaltiger Gasball war, so mußte 
sie, wie die Sterne, ihr Volumen verkleinern 
und allmählich aus dem gasförmigen in den 
dichteren flüssigen und festen Zustand übergehen. 
In diesem Falle würde die Kontraktionshypothese 
zu recht bestehen. Eine andere Beobachtung 
weist auf einen anderen Entwicklungsweg. Täglich 
fallen Sternschnuppen- und Meteoritenkörperchen, 
gelegentlich in großer Zahl, auf die Erde und 
vermehren ihre Masse. Es wäre denkbar, daß 
die Erde ihre ganze Masse allmählich aus Meteo- 
riten aufgebaut habe. In diesem Falle würde sie 
von Anfang an ein konglomeratartiger, fester, und 
verhältnismäßig kalter Körper gewesen sein, der 
sich nicht mehr merklich zusammenziehen konnte, 
für den also die Annahme Wegeners, daß er 
vielleicht sogar seine Temperatur erhöhe, zuträfe. 
Aus zahlreichen Gründen, z. T. rein analytisch- 
mechanischen, z. T. physikalischen Charakters, 
deren Erörterung hier zu weit führen würde, folgt 
aber unwidersprechlich, daß diese zweite Ent- 
wicklungsmöglichkeit für die Erde nicht in Frage 
kommt, daß die sog. Meteoritenhypothese, nach 
welcher sie sich aus einem die Sonne umkreisen- 
den Meteorringe allmählich gebildet hätte, un- 
richtig ist. ^) Dann bleibt nur die erste Möglich- 
keit übrig, und damit ist die Richtigkeit der 
Kontraktionshypothese zunächst theoretisch er- 
wiesen. 

Wir kommen nunmehr zu den Einwänden, die 
man gegen die Kontraktionshypothese erhoben hat. 
Von keinem Forscher ist sie ernstlicher und gründ- 
licher angegriffen worden, als von Wegener. '^j 
lici der Erörterung können wir uns daher auf 
seine Argumente beschränken; doch werden wir 
sie noch etwas schärfer präzisieren, als es von 
ihm geschieht. 



') Vgl. des Verf.s „Problem der Entwicklung unseres 
Planetensystems", eine kritische Studie. 2. Aufl., Julius 
Springer, 1919. 

^) Die Entstehung der Kontinente und Ozeane. 2. Aufl., 
Fr. Vieweg, 1920, S. I fl. 



1. „Nach der Kontraktionshypothese sind die 
Kontinente der einzelnen geologischen Epochen 
beim „Zusammenbruch des Erdballs" stehenge- 
bliebene, die Ozeane abgesunkene Schollen, die bei 
fortschreitender Kontraktion ihre Rolle auch mit- 
einander vertauschen können. Aus den neueren 
geologischen Forschungen ergibt sich aber, daß 
die meisten Sedimente Flachseebildungen sind, 
daß die Kontinente also bereits seit den ältesten 
Zeiten bestanden und nur ihre Randgebiete ge- 
legentliche Senkungen und Hebungen erfahren 
haben." 

Wenn die neueren Forschungen zeigen , daß 
die frühere Annahme, nach welcher beim „Zu- 
sammenbruch des Erdballs" die Kontinente teil- 
weise oder ganz zu beträchtlichen Meerestiefen 
absinken konnten, unrichtig sei, so steht der An- 
erkennung dieser Tatsache von selten der Kon- 
traktionshypothese nichts im Wege. Man hat 
sich nur von der Vorstellung, daß die Erde als 
Ganzes zusammenbreche, freizumachen, und 
den Zusammenbruch auf die äußerste feste Rinde 
zu beschränken, dann fällt jeder Widerspruch fort. 

2. „Nach den Lehren der Isostasie herrscht bei 
den die oberen Erdschichten bildenden Massen 
Druckgleichgewicht. Die Schrumpfungshypothese 
führt jedoch das Aufsteigen und Niedersinken der 
Kontinente auf den in mehr oder weniger schiefer 
Richtung wirkenden Gewölbedruck zurück. Dieser 
Gewölbedruck läßt die Entstehung eines Druck- 
gleichgewichts nicht zu." 

Die Dicke der Kontinentalschollen wird zu 
100 bis 120 km geschätzt. Nun zeigt z. B. die 
Alpenfaltung, daß nur die oberen Schichten in 
einer Dicke von ungefähr 10 km von der Faltung 
ergriffen worden sind. Die tieferen Schichten der 
Schollen nehmen bei ihrer höheren Temperatur 
unter der Einwirkung des Gewichtes der über 
ihnen lagernden Massen und der Einwirkung des 
seitlichen Druckes, der die oberen Schichten in 
Falten legt, plastische Eigenschaften an. Sie wer- 
den nicht gefaltet, sondern weichen nach unten 
aus und verdicken die Kontinentaltafel unter und 
seitlich von den Faltengebirgen. Der Gewölbe- 
druck beschränkt sich hiernach, soweit überhaupt 
von ihm die Rede sein kann, auf das obere 
Zehntel der Kontinentalschollen; er kann daher 
das Druckgleichgewicht der ganzen Schollen nur 
in unbedeutender Weise modifizieren. Vielleicht 
bildet er aber doch die Veranlassung, daß ge- 
legentlich eine geringe Senkung oder Hebung der 
Schollen und infolge davon eine wechselnde Über- 
flutung und Trockenlegung ihrer Randgebiete er- 
folgt, was, wenn genaues Druckgleichgewicht be- 
stünde, nicht stattfinden könnte. Die Schrump- 
fungshypothese wird hiernach den Tatsachen 
besser gerecht als die W e g e n e r sehe Hypothese, 
die keinen Gewölbedruck kennt. 

3. „Durch Glättung der Gebirgsfalten ergibt 
sich nach der Kontraktionshypothese der Betrag 
der Schrumpfung der Erdkugel seit der Entstehung 
der gefalteten Gebirge. Nun ist allein die ter- 



;6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 6 



tiäre Faltung so beträchtlich, daß eine Verminde- 
rung des Erdumfangs um 3 7o eingetreten sein 
müßte um sie hervorzurufen. Eme einfache Rech- 
nung zeigt dann aber, daß allein um die tertiäre 
Faltung zu erzielen, eine Temperaturerniedrigung 
der Erde um 20OO bis 3000", und seit den älte- 
sten Zeiten eine solche von ganz unwahrschein- 
lich hohem Betrage eingetreten sein müßte." 

Der Betrag der Schrumpfung des Erdkörpers 
ergibt sich nicht rechnungsmäßig allein aus der 
erfolgten Temperaturerniedrigung. Wenn nur 
diese in Frage käme, so würde allerdings das 
aus der Glättung der Falten resultierende Erd- 
volumen für die frühesten geologischen Epochen 
die Annahme einer unwahrscheinlich hohen Tem- 
peratur des Erdkörpers erfordern. Allein für die 
Schrumpfung kommt noch ein anderer Umstand 
in Betracht. Der Übergang aus dem flüssigen in 
den festen Zustand ist bei fast allen Stoffen mit 
einer nicht unbeträchtlichen Volumverkleinerung 
verbunden. Beachtet man, daß die Erdmasse 
zur Zeit der ersten Krustenbildung und ohne 
. Zweifel noch längere Zeit danach größtenteils 
flüssigen Charakter besaß, daß aber bei der Ab- 
kühlung ihre Zähigkeit allmählich wuchs, und 
daß sie jetzt, nach Untersuchungen von W. 
Schweydar u. a. , sogar als fester Körper be- 
trachtet werden kann, so wird es verständlich, 
daß der Betrag ihrer Schrumpfung nicht nur durch 
die eingetretene Temperaturerniedrigung, sondern 
außerdem durch den Volumverlust, den die Ände- 
rung des Aggregatzustandes mit sich bringt, be- 
stimmt wurde. Auch die Entgasung des Magmas 
konnte zu einer Volumverkleinerung desselben 
führen. 

4. „Legen sich die oberflächlichen Erdschichten 
infolge Schrumpfung des Erdinnern in Falten, so 
ist zu erwarten, daß diese Faltung, wie bei einem 
austrocknenden Apfel, überall ziemlich gleichmäßig 
erfolgt. Die tertiäre Faltung hat aber nur auf 
zwei größten Kreisen der Erde stattgefunden." 

Dieser Einwand ist der einzige, der einige 
Scheinbarkeit besitzt. Die Schlußfolgerung ist 
auch ohne Zweifel richtig, solange die das heiße 
Innere einhüllende Decke noch dünn ist und den 
tangentialen Schubkräften gegenüber keine ge- 
nügende Festigkeit besitzt. In der Tat sehen wir, 
daß die in frühen geologischen Zeitaltern ge- 
bildeten Sedimente stark gefaltet und gefältelt 
sind; die devonischen Schiefer z. B. zeigen schon 
auf kleinstem Raum, auf Strecken von einigen 
Metern, Falten und Doppelfalten. Die Verhält- 
nisse ändern sich aber, wenn die Schollen dicker 
werden. Zunächst ist zu beachten, daß schon 
eine verschwindend kleine Kraft ausreicht, um 
eine Kontinentalscholle, die an ihrer Unterseite 
keinen Reibungswiderstand zu überwinden und 
auf ihrer Vorderseite keine Massen aus dem Wege 
zu räumen hat, in Bewegung zu setzen ; denn ihre 
Verschiebung erfolgt auf einer Niveaufläche. Nun 
ist die Kraft, welche zur Überwindung der wirk- 
lich vorhandenen Reibung an der Unterseite der 



Scholle erforderlich ist, verhältnismäßig gering. 
Nach der schon einmal herangezogenen Rechnung 
Epsteins genügt ein Druck von wenigen Atmo- 
sphären auf dem Quadratzentimeter, um diese Wir- 
kung zu erzielen. Um die Scholle an einer Stelle 
aufzuwölben und zu falten, ist aber eine sehr große 
Kraft erforderlich. Wir müssen Klarheit darüber 
zu gewinnen suchen, ob die Scholle genügende 
Festigkeit besitzt, um einen seitlichen Druck von 
großer Stärke über tausende von Kilometern 
weiterzuleiten. 

100 km Schollendicke stehen zu 10 000 km 
Schollendurchmesser im Verhältnis i : 100. Man 
wähle quadratische Platten aus verschiedenem 
Material, Eis, Wachs, Metallen, Gesteinen, von 
I m Kantenlänge und i cm Dicke, die in ver- 
kleinertem Maßstabe der angenommenen Konti- 
nentaltafel entsprechen würden, übe auf ihrer 
schmalen Rückseite einen Druck aus und stelle 
experimentell fest, wie groß die Stirnwiderstände 
sind, welche diese Platten, ohne zu zerbrechen 
oder sich zu verbiegen, zu überwinden vermögen. 
Diese Widerstände sind erstaunlich, selbst bei der 
aus plastischem Material bestehenden und daher 
den Erdschollen einigermaßen ähnelnden Wachs- 
tafel. Man würde sogar die bei der Gebirgs- 
bildung sich abspielenden Vorgänge im kleinen 
nachahmen können, wenn man die Wachstafel 
mit einer dünnen Metallschicht, z. B. Zinnfolie, 
überziehen und die Widerstand leistende Masse 
ein wenig erwärmen würde, so daß die Tafel an 
ihrer Vorderseite etwas von ihrer Festigkeit ver- 
lieren und sich zusammenschieben würde. Jeden- 
falls liegt kein Grund vor, zu bestreiten, daß 
100 km dicke, fast reibungslos sich verschiebende 
Erdschollen in ihrer Längsrichtung, ohne sich auf- 
zuwölben, auf Strecken von 10 000 km und mehr 
ganz gewaltige Drucke fortzuleiten vermögen. 
Wenn der Druck eine gewisse Größe erreicht 
hat, so wird das Material der Scholle an einer 
besonders schwachen Stelle plastisch werden und 
ausweichen; die darüberliegenden oberflächlichen 
Schichten aber müssen sich in Falten legen. Hat 
der Ausgleich eingesetzt, so erniedrigt sich die 
Spannung allmählich bis zu einem gewissen Mini- 
mum. In diesem Minimum kann sie längere Zeit 
beharren, ohne daß die Schollenbewegung und 
der Faltungsvorgang zum Stillstand zu kommen 
braucht. Wenn z. B. eine Änderung des Aggregat- 
zustandes gewisser Massen des Erdinnern die 
Hauptursache der entstandenen Spannung war, so 
könnte angenommen werden, daß diese Änderung 
nicht überall gleichzeitig^ erfolgt, sondern sich von 
der Stelle, wo der erste Spannungsausgleich statt- 
fand, durch die benachbarten Gebiete, wo die 
Massen , gewissermaßen im Zustande der Unter- 
kühlung, erst den Zeitpunkt abwarten müssen, 
der ihnen gestattet, ebenfalls in den erstrebten 
neuen Zustand überzugehen , langsam fortsetzt. 
Ist dieser Zustand bei allen Massen, die ihm zu- 
streben, erreicht, so hat die Faltungsperiode ihren 
Abschluß gefunden, und es schließt sich ihr eine 



N. F. XXI. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



11 



kürzere oder längere Zeit dauernde Periode der 
Ruhe und des Gleichgewichts an. Wenn aber 
die Spannung allmählich wieder zunimmt und 
einen neuen Ausgleich sucht, so ist es leicht mög- 
lich, daß er wieder an derselben Stelle wie vor- 
her eintritt, da hier das innere Gefüge der 
Schollendecke nicht so fest ist wie an den anderen 
von den früheren Faltungsvorgängen nicht be- 
rührten Stellen. 

Wir waren soeben in der Lage zu erklären, 
warum Perioden großartiger Faltungen der Erd- 
oberfläche mit längeren Ruheperioden abge- 
wechselt haben. Die Spannung in den ober- 
flächlichen Schichten muß erst eine gewisse Größe 
erreichen, bis der Ausgleich erfolgt. Ist dieser 
aber eingetreten, so dauert es längere Zeit, bis 
die Druckspannung wieder einen Wert erlangt, 
der eine neue Faltung einzuleiten vermag. In 
diesem Punkte zeigt sich die Kontraktions- 
hypothese der Wegen ersehen Hypothese be- 
trächtlich überlegen. Nach Wegener läßt sich 
nicht erklären, daß die Kräfte der Gebirgsbildung 
nur in gewissen geologischen Perioden wirksam 
waren. Denn nach ihm sind es beständig 
wirkende Kräfte, welche die Erdteile ver- 
schieben, und diese Kräfte vergrößern sich 
nicht, wenn sie sich noch nicht in erkennbarer 
Weise zu äußern vermögen. Sie summieren sich 
nicht wie die Druckspannungen bei fortschreitender 
Abkühlung, sondern behalten stets einen kon- 
stanten Wert.') Wenn die Erde nach Wegener 
ursprünglich möglicherweise kälter war als jetzt, 
so fallt es ihm außerdem schwer, für die erste 
Entstehung der Kontinentalschollen eine Erklärung 
anzugeben, während die Beantwortung dieser 
Frage der Kontraktionshypothese keine großen 
Schwierigkeiten macht. Er begnügt sich mit 
der Behauptung, daß die ursprünglich die ganze 
Erde in gleichmäßig dicker Schicht umgebenden 
Sialmassen sich zusammengeschoben hätten, bleibt 
aber die physikalische Interpretation dieses Vor- 
gangs schuldig (a. a. O. S. 58). Die Schilderung 
des Faltungsvorganges, die Wegener geliefert 
hat (a. a. O. S. 31 — 33), ist einleuchtend und 
schön. Sie läßt sich ohne weiteres auf die Kon- 
traktionshypothese übertragen, und wir brauchen 



') Die Angabe W. Köppens („Ursachen und Wirkungen 
der Kontinentenverschiebungen und Polwanderungen", Pet. 
Milt. 1921, Juli- Augustheft), daß die die Polflucht bewirkenden 
Kräfte mit der Zeit zu beliebig großen Werten anwachsen, ist 
unrichtig. Sie sind von der Zeit ganz unabhängig, ebenso 
wie z. B. der Gewichtsdruck eines auf einer Tischplatte ruhen- 
den Gegenstandes, der sich gleich bleibt, einerlei ob der 
Körper eine Minute oder ein Jahrhundert auf der Platte liegt. 
Im Gegensatze hierzu nimmt die Druckspannung in der Erd- 
rinde mit der Zeit zu, da die Wärmeausstrahlung und die 
durch sie bewirkte Volumverminderung ununterbrochen fort- 
dauern. 



sie weder zu verbessern noch zu ergänzen. Ja 
sie wird eigentlich erst ganz verständlich, wenn 
man immer die gewaltigen Druckkräfte, welche 
die Zusammenziehung der Erde auslöst, vor 
Augen hat, während man bei Zugrundelegung 
der Wegener sehen Annahmen fast bei jeder 
Zeile die Inkongruenz zwischen den vorausgesetzten 
geringfügigen Ursachen und den gewaltigen 
Wirkungen fühlt. 

Daß es wirklich die Volumverminderung des 
Erdinnern war, was z. B. die großen tertiären 
Faltengebirge schuf, geht aus der Tatsache her- 
vor, daß zwei Hauptfaltungen in ungefähr auf- 
einander senkrechten Richtungen, die eine in 
nordsüdlicher (Kordilleren), die andere in west- 
östlicher Richtung (Alpen, Kaukasus, Himalaya) 
erfolgte. Denn die entstehende Spannung war 
eine allseitige und natürlicherweise bestrebt, in 
zwei aufeinander senkrechten Richtungen einen 
Ausgleich zu suchen. Bei der Verschiebung 
blieben auch die übrigen Gebiete der Kontinen- 
taltafeln von dem großen seitlichen Druck nicht 
ganz unbeeinflußt. Stellenweise trat eine Stauchung 
und Aufwölbung der Schollen ein. Daß auch 
noch gegenwärtig ein Spannungszustand in der 
Erdkruste vorliegt, zeigen die Erdbeben und die 
Hebungen und Senkungen gewisser Küstengebiete. 
Wir glauben durch unsere Ausführungen ge- 
zeigt zu haben, daß die Kontraktionshypothese, 
weit entfernt davon, sich als unzulänglich zu er- 
weisen, im Gegenteil die einzige Möglichkeit 
bietet, die Züge im Antlitz der Erde verständlich 
zu machen. Die Kontraktion ist nicht, wie 
Wegener will, ein bedeutungsloser Faktor, oder, 
wie andere Geologen annehmen, nur eine mit- 
wirkende, sekundäre, sondern die ausschlaggebende, 
primäre Ursache bei der tektonischen Umgestaltung 
der Erdoberfläche. Zwar wirken viele Faktoren 
zusammen, um die Einzelheiten eines Faltungs- 
vorganges zu bestimmen. Aber die Kraft, welche 
die Großschollen der Erdrinde in einen Spannungs- 
zustand versetzt, sie gegeneinander preßt und die 
weniger widerstandsfähigen Massen ihrer Rand- 
zonen verschiebt , auftürmt und faltet , ist der 
tangentiale Druck, der in der starren Rinde zu 
immer größeren Werten anwächst, wenn die 
Massen des Erdinnern durch Wärmeverlust, Än- 
derung ihres Aggregatzustandes oder Entgasung 
ihr Volumen verkleinern. Zuzugeben ist , daß 
diese Massendislokationen in der Erdrinde Stö- 
rungen des Schweregleichgewichts hervorrufen 
und dadurch zu neuen, einem Ausgleich zu- 
strebenden, sekundären Massenverschiebungen An- 
laß geben; doch können sich Umfang und Aus- 
maß derselben im allgemeinen mit den unmittel- 
bar durch die Kontraktion bewirkten nicht 



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[Nachdruck verboten.^ 



Der Darmkanal des Maikäfers. 

(Aus dem Zoolog. Institut der Technischen Hochschule in Stuttgart.) 

Von Christian Schweizer. 

Mit 4 Textabbildungen. 



In der Ordnung der Käfer kommen sehr 
mannigfaltige Ernährungsweisen vor, und dement- 
sprechend ist auch der Darmkanal verschieden- 
artig ausgebildet. Man könnte soweit gehen, jeder 
Art von Nahrung einen bestimmten Darmkanal 
zuzuschreiben, der sich schon bei äußerlicher Be- 
trachtung von einem Darmtraktus mit anderer 
Nahrung deutlich unterscheidet. Eine solche Be- 
trachtung hat Gorka (1901) angestellt, indem 
er für die Käfer sechs Ernährungstypen und dem- 
entsprechend sechs 
Darmtypen aufstellte. 
Diese Betrachtung muß 
aber mit Vorsicht an- 
gewandt werden. 
Selbstverständlich ist 
jeder Darmkanal seiner 
Nahrung angepaßt, 
allein die Art und 
Weise dieser Anpas- 
sung ist sehr ver- 
schieden , und sie 
kann eine versteckte 
bleiben , d. h. äußer- 
lich nicht zu erkennen 
sein. In einigen Fa- 
milien gibt es Käfer 
mit verschiedener Nah- 
rung, und sie weisen 
doch einen ähnlich 
gebauten Darmkanal 
auf, so daß man aus 
der Betrachung dessel- 
ben nicht auf die Art 
der Nahrung schließen 
kann ; dasselbe gilt 
vergleichsweise auch 
für die Orthopteren, 
welche teils Pflanzen- 
fresser (z. B. Locusta), 
teils Fleischfresser (z. B. 
Mantis), teils Alles- 
fresser (z. B. Blatta) 
sind, und doch im 
Darmkanal eine weit- 
gehende Übereinstimmung zeigen. 

Die Käfer sind mit den Orthopteren ver- 
wandt und waren im Darmkanal ursprünglich 
ihnen ähnlich, aber manche Käfer haben sich weit 
von dieser Grundform entfernt. 

Bekanntlich teilt man den Darmkanal der 
Käfer in 3 Abschnitte ein: Vorder-, Mittel- und 
Enddarm. Interessant ist zunächst das Verhalten 
des Vorderdarms, welcher verschiedene Stufen 
der Rückbildung oder Vereinfachung zeigt. Aus- 
gangspunkt ist ein hochentwickelter, in Schlund 
(Ösophagus), Kropf und Kaumagen gesonderter 




Abb. I. Darmkanal des Gold- 
laufkäfers, Carabus auratus 

(nach Du f cur). 
k Kopf mit den Oberkiefern 
und den Fühlern , oe Schlund, 

in Kropf, pv Kaumagen, 
cd Mitteldarm , vm Vasa Mal- 
pighii, ed Dünndarm, r Mast- 
darm, ad Analdrüsen mit Sekret- 
blasen (ab). 



Vorderdarm, der sich an denjenigen der Orthopteren 
anlehnt (Abb. i). Er kommt vor bei den Ade- 
phagen (Raubkäfern) und Rhynchophoren (Rüssel- 
und Borkenkäfern). Manche Käfer haben einen 
einfachen, nicht gegliederten Vorderdarm, wie 
z. B. der Maikäfer (s. Abb. 2). Der Endpunkt der 
Reduktionsreihe ist ein vollständig „geschwundener" 
Vorderdarm (bei Histeriden, Stutzkäfern). 




Abb. 2. Darmkanal des Maikäfers, 
vd Vorderdarm, md Mitteldarm, vm Stelle der Einmündung 
der Vasa Malpighii, dd Dünndarm, dk Dickdarm, ms Mastdarm. 
3 Ebene des Schnittes Abb. 3; 4 Ebene des Schnittes Abb. 4. 



Der Mitteldarm der Käfer ist ebenfalls 
sehr mannigfaltig gestaltet. Im wesentlichen 
kommen folgende Formen vor. Erstens ein kurzer, 
großenteils mit Blindschläuchen besetzter Mittel- 
darm, wie bei den Raubkäfern (Abb. i), Wasser- 
käfern und Aaskäfern, zweitens ein breiter, nicht 
langer Mitteldarm (z. B. bei Meloe), ohne Aus- 
stülpungen, drittens ein längerer Mitteldarm, etwa 
zweimal so lang als das Abdomen, vorne breit, 
hinten schmal, wie z. B. bei einzelnen Rüsselkäfern, 
viertens ein schmaler und langer Mitteldarm wie 
beim Maikäfer (Abb. 2). 



N. F. XXI. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



79 



Der End darm schließHch kann in verschiedener 
Weise bei den Käfern ausgebildet sein. Er be- 
steht meistens aus Dünndarm und Mastdarm (Abb. i). 
Aber bei den Scarabaeiden in der Unterfamilie 
der Melolonthinen kommt auch der Dickdarm 
vor, ein Organ, das in der Insektenklasse nur eine 
beschränkte Verbreitung besitzt. Bei der ver- 
wandten Unterfamilie der Coprophaginen (Geo- 
trupes) ist dieser Darmabschnitt nicht ausgebildet, 
ebenso bei allen übrigen Käfern. Die Entstehung 
dieses Organs kann als eine Neubildung innerhalb 
der Familie der Scarabaeiden aufgefaßt werden. 
Es wäre allerdings auch möglich, den Dickdarm 
dieser Gruppe von dem der Orthopteren (etwa 
von Periplaneta) abzuleiten, so daß er bei den 
Coprophaginen als reduziert anzusehen wäre. 

Nach dieser Übersicht über die Käfer komme 
ich nun zu dem Darmkanal des Maikäfers. 
Der Vorderdarm kann als vereinfacht und reduziert 
angesehen werden. Er ist sehr kurz und endet 
schon im Anfang des ersten Brustsegmentes 
(s. Abb. 2). Er hat eine birnförmige Gestalt und 
ist bei seinem Übergang in den Mitteldarm ver- 
engt, weshalb man von einer „abgesetzten Speise- 
röhre" spricht. 

Der auf den Vorderdarm folgende Mitteldarm 
ist sehr lang, worin man eine Anpassung an die 
Blätternahrung sehen darf. Er geht durch die 
Brust und einen Teil des Hinterleibs, wendet sich 
oralwärts und zieht in einem großen nach hinten 
gerichteten Bogen von der einen Seite zur anderen, 
verläuft dann direkt unter der Rückendecke quer 
über das Abdomen und bildet, ventralwärts ab- 
steigend, einen zweiten nach hinten gerichteten 
Bogen. Nun folgt eine Schleife, dann geht der 
Mitteldarm wieder analwärts bis zum Beginn des 
Enddarms (Abb. 2 bei vm). Der Mitteldarm 
ist fast durchweg gleich eng, mit Ausnahme seines 
ersten Teils, der etwas breiter ist, eine Erscheinung, 
die bei anderen Käfern (z. B. Lamia und Curculio) 
deutlicher entwickelt ist. Die sonstigen breiteren 
Stellen sind durch gestaute Nahrungsmassen ver- 
ursacht. Eine ziemliche Strecke weit besitzt der 
Mitteldarm schmale Querwülste, die nach hinten 
hin allmählich immer undeutlicher werden (Abb. 2). 
Der dritte und letzte Abschnitt, der Enddarm, 
beginnt nach Einmündung der vier Malpighischen 
Gefäße (Vasa Malpighii) und zerfällt in Dünndarm, 
Dickdarm und Mastdarm. Der kurze Dünndarm 
geht ohne scharfe Grenze in den Dickdarm über, 
der quer durch das Abdomen zieht. Der dünnere 
Mastdarm beschreibt einen großen nach vorne 
gerichteten Bogen und ist gegen das Ende keulen- 
förmig verdickt (Abb. 2). Er erscheint durch die 
Ringmuskeln geringelt. An dem keulenförmigen 
Teile erkennt man, daß der einheitliche Ring- 
muskelmantel auf dem Querschnitt aus sechs Ab- 
schnitten besteht (vgl. Abb. 4). — Auf den keulen- 
förmigen Teil des Mastdarms folgt noch ein kurzer 
schmälerer Endabschnitt (Abb. 2). 

Die Topographie des Darmkanals habe ich 
bei verschiedenen untersuchten Exemplaren im 



Prinzip konstant für beide Geschlechter gefunden. 
Beim Männchen bewirkt der mächtige Penis eine 
Verschiebung der Darmschlingen nach rechts. — 
Auch der Verlauf des Darmkanals beim Junikäfer 
und beim Roßkäfer läßt sich auf den des Mai- 
käfers zurückführen, so daß in dieser Familie die 
Topographie des Darmkanals ein charakteristisches 
Merkmal ist. 

Ich muß nun noch auf die histologische 
Beschaffenheit des Maikäferdarms eingehen. 
Bei dem Vorderdarm sind die einzelligen 
Speicheldrüsen beachtenswert. Sirodot(i858) hat 
dieselben bereits genau beschrieben. Es sind dies 
langgezogene Zellen, die außerhalb des eigent- 
lichen Epithels liegen; ein schlauchförmiger Gang 
verbindet den sezernierenden Teil der Zelle mit dem 
Ösophaguslumen. Mingazzini hat gezeigt, daß die 
Speicheldrüsenzellen genetisch zum Ösophagus- 
epithel gehören. — Sonst ist der Vorderdarm sehr 
einfach gebaut. Er zeigt von außen nach innen 
Längs- und Ringmuskulatur, Basalmembran, undeut- 
liches Epithel, welches schwache, unregelmäßige 
Längsfalten aufweist und eine Chitinintima. Der 
Vorderdarm ist in den Anfang des Mitteldarms 
eingesenkt. Das Lumen wird hierbei sehr eng und 
kann sowohl durch eine Ring- als auch durch die 
starke Längsmuskulatur geschlossen werden. Das 
plötzliche Anschwellen der Längsmuskulatur an 
dem eingesenkten Vorderdarm habe ich auch bei 
Geotrupes gefunden. Ein Verschluß des Vorder- 
darms gegen den Mitteldarm kommt dort aus- 
schließlich durch Kontraktion der Längsmuskeln 
zustande. Solches Verhalten der Muskulatur darf 
als eine Besonderheit der Lamellicornier gelten. 
Ebenfalls einfach ist der Mitteldarm des Mai- 
käfers gebaut. Seine Histologie ist an allen 
Stellen die gleiche; es gibt von außen nach innen 
eine schwache Muskulatur (Längs- und Ringmus- 
kulatur), eine Basalmembran und ein Epithel, welches 
im ruhenden Zustand einen Stäbchensaum besitzt, 
dessen Bedeutung nicht ganz geklärt ist. — Bei 
genauerem Zusehen bemerkt man an der Basis 
des Epithels kleine Ausstülpungen. Sie stehen 
mit dem übrigen Epithel in Verbindung, buchten 
die Basalmembran etwas aus, treten aber nicht 
durch den Muskelmantel hindurch. Diese Blind- 
schläuche enthalten in ihrem Fundus diesogenannten 
Regenerationszellen, d. h. Zellen, die ihren em- 
bryonalen Charakter bewahrt haben und damit 
die Fähigkeit der mitotischen Teilung. Die hier 
entstehenden Zellen differenzieren sich zu Epithel- 
zellen und treten an Stelle von funktionierenden 
Epithelzellen, welche durch ihre sezernierende 
Tätigkeit dem Untergang verfallen. Diese Re- 
generationsherde kommen bei allen Käfern vor 
und liegen bei den Raubkäfern (z. B. Carabus) 
in den Enden der zahlreichen Blindschläuche, 
welche durch die Muskelschichten nach außen 
treten und dem ersten Teil des Mitteldarms ein 
bürstenartiges Aussehen geben (Abb. i). 

Der letzte Abschnitt des Darmkanals, der End- 
darm, ist beim Maikäfer ziemlich hoch entwickelt 



8o 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 6 



und deutlich in Dünndarm, Dickdarm und Mast- 
darm gegliedert. Am Übergang des Mitteldarms 
in den Enddarm erblickt man auf Schnitten zwei 
zum Enddarm gehörende Lappen, welche in den 
Dünndarm hineinragen. Ihr Epithel unterscheidet 
sich nicht wesentlich von dem des darauffolgenden 
Abschnittes. Wir haben es hier wieder mit einer 
Besonderheit zu tun, denn bei vielen Käfern ist 
der Übergang des Mitteldarms in den Enddarm 
durch den sogenannten „hinteren Imaginalring" ge- 
bildet. Das Epithel dieses Ringes ist hoch, deut- 
lich von dem übrigen EpitheJ unterscheidbar und 
meist in vier Lappen aufgespalten (z. B. Geotrupes), 
in sechs (z. B. bei Carabus) oder in ein Multiplum 
von sechs (z. B. Dytiscus). Die Zellen des Imaginal- 
ringes müssen in der Metamorphose die nötigen 
Elemente zur Vergrößerung des Enddarms liefern, 
sie sind also auch embryonale Zellen. Der Imaginal- 
ring erhält sich bis ins Imago- Leben, trotzdem er 
eigentlich keine Bedeutung mehr besitzt, während 
als Verschlußapparat meist der darauf folgende 
„Pylorus" gilt, ein durch starke Muskulatur aus- 
gezeichnetes Organ, das beim Maikäfer auch vor- 
handen, aber vom Dünndarm nicht deutlich zu 
unterscheiden ist. 




Abb. 3. Querschnitt durch den Dickdarm des Maikäfers, 
i Chitinschicht (Intima), ep Epithel, Im Längsmuskeln, rm Ring- 
muskeln. 



Der Dünndarm ist allgemein bei den Lamelli- 
corniern sehr kurz. Das Längenverhältnis des 
Dünndarms zum übrigen Enddarm ist hier ein 
gerade umgekehrtes wie bei den meisten anderen 
Käfern. Beim Maikäfer bildet das Epithel des 
Dünndarms zahlreiche unregelmäßige Falten. Dies 
ist insofern ein abweichendes Verhalten, als der 
Dünndarm bei anderen Käfern im allgemeinen 
sechs deutliche Längsfalten besitzt. 

fün Teil des Enddarms hat sich beim Mai- 
käfer in den Dickdarm umgewandelt, ein ziemlich 



voluminöses Organ, dessen Epithel eine große 
Anzahl mächtiger Falten aufweist (Abb. 3). Das 
Epithel dieser Zotten trägt eine dicke, fein senk- 
recht gestreifte Chitinschicht (Intima, i), während 
das übrige Epithel nur eine schwache ungestreifte 
Chitinschicht hat. Die Muskulatur ist sehr schwach. 
Wahrscheinlich ist dieses Organ absorbierend tätig; 
ein stenger Nachweis fehlt jedoch, da Steudel 
verfütterte Präparate nur in der Chitinschicht, nicht 
aber in den Zellen selbst hat nachweisen können. 
An den Dickdarm schließt sich der Mastdarm 
(das Rektum) an. Er ist ziemlich lang und schwillt 
keulenförmig an, wobei seine Ringmuskulatur 
sukzessive stärker wird. Die Ringmuskelbündel 
ziehen im vorderen und längsten Teil glatt über 
die Falten weg; weiterhin macht sich aber die 




Abb. 4. Querschnitt durch den Mastdarm des Maikäfers, 
i Chitinscbicht (Intima), e Epithel, rm Ringmuskeln. 



Tendenz geltend, den Muskelmantel in sechs Ab- 
schnitte zerfallen zu lassen (Abb. 4). Der erste 
Teil des Mastdarms besitzt im Innern zahlreiche 
Längsfalten; diese ordnen sich weiterhin in sechs 
Gruppen an; so entstehen sechs große Längsfalten, 
welche spitze Winkel miteinander einschließen 
(Abb. 4). Deutlich sieht man das eine dünne 
Chitinschicht tragende Epithel. 

Überall wo mächtige Falten des Epithels sich 
entwickeln, zeigt sich die Neigung, den Ring- 
muskelmantel in so viel Teilstücke zu zerlegen 
als Falten vorhanden sind, natürlich nur dann, 
wenn in den Falten keine anderen Muskelelemente 
(Längsmuskeln) vorhanden sind. Es wird dadurch 
eine größere Wirksamkeit der Muskeln herbei- 
geführt und der leere Raum in den F"alten aus- 
genutzt. 

Die Ausgestaltung und Größe des Mastdarms 
beim Maikäfer ist wiederum eine Besonderheit 
der Melolonthinen, da dieses Organ in der Ordnung 
der Käfer meist keine eigenartige Ausbildung in 
histologischer Hinsicht zeigt und oft sehr unschein- 
bar ist. 

Zum Schluß möchte ich noch die vier Vasa 
Malpighii erwähnen, welche am Übergang des 



N. F. XXI. Nr. 6 



Naturwissenschaftlich e Wochenschrift. 



Mitteldarms zum Enddarm einmünden (Abb. 2 
bei vm). Zwei derselben sind einfache Schläuche, 
die zwei anderen verzweigt, d. h. mit zahlreichen 
Seitennästchen versehen '). Die Malpighischen 
Gefäße liegen dem Mitteldarm dicht an, alle seine 
Windungen mitmachend und gelangen bis zum 
Vorderdarm; desgleichen umschließen sie den 
Enddarm. Sie erscheinen als ein Gewirre von 
Fäden, welches leicht in die Augen fällt, wenn 
man den Hinterleib des Käfers aufgeschnitten hat 



M Auf der die Anatomie des Maikäfers betreffenden 
Wandtafel von Leuckart und Nitsche (Nr. 84), welche 
von Prof Eckstein gezeichnet wurde, ist die Histologie der 
Vasa Malpighii nach Leydig abgebildet. 



und in der üblichen Weise in der Präparierschale 
unter Wasser betrachtet. 

Literatur. 

G o r k a : Beiträge zur Morphologie des Verdauungsappa- 
rates der Coleopteren. Allgemeine Zeitschrift für Entomologie 
Bd. 6, 1901, S. 339. 

Jordan: Vergleichende Physiologie Wirbelloser. Jena 
19 13, S. 623. 

Mingazzini: Ricerche sul canale digerente dei La- 
mellicorni. Mitteilungen der Zoologischen Station zu Neapel 
Bd. 9, 18S9. 

Sirodot: Recherches sur les secretions chez les insectes. 
Annales des Sciences naturelles. Zoologie Vol. 10, 1858, 
S. 151 u. 251. 

Weitere Literatur ist erwähnt in dem Handbuch der 
Entomologie von Schröder (Abschnitt „Darmkanal"). 2. Liefe- 
rung, Jena 1913. 



Die Kniturpflanzen und Unkräuter der Wikinger. 



[Nachdruck verboten.] 

Bis vor kurzem waren wir für die Kenntnis 
der Kulturpflanzen des germanischen Altertums 
ganz auf literarische und linguistische Quellen an- 
gewiesen. Diesbezügliche Daten haben für Nor- 
wegen Schübeier, 01afsen,Növik, Schnit- 
1er, Skappel, Hasund, Bugge, Johnsen 
u. a. und für das gesamte germanische Altertum 
vor allem Hoops*) zusammengestellt. Da wurde 
1903 beim Hof Oseberg im norwegischen Amt 
Vestfold (an der IMündung des Kristianiafjords) in 
einem Grabhügel aus Torf ein wohlerhaltenes 
Wikingerschiff aus der Mitte des 9. Jahrhunderts 
entdeckt und im folgenden Jahre sorgfältig aus- 
gegraben und wieder zusammengesetzt. Die zahl- 
reichen , kulturgeschichtlich hochbedeutsamen 
Funde, die in die jüngere Eisenzeit gehören, wer- 
den in einem in Kristiania erscheinenden Pracht- 
werk „Osebergfundet" beschrieben. Soeben ist 
der die Nutzpflanzen und Unkräuter behandelnde 
Teil von Prof Jens Holmboe in Bergen er- 
schienen. -) Da diese Bearbeitung weit über 
Skandinavien hinaus großes Interesse verdient, 
sei der Inhalt hier kurz skizziert. 

Auf dem prächtig geschnitzten Schiff ist eine 
Wikingerkönigin mit ihrer Magd, ihren Pferden, 
Ochsen und Hunden und zahlreichen Geräten zur 
letzten Ruhe gebettet worden. Höchstwahrschein- 
lich war es Aasa, die Gemahlin Halvdan Svartes 
und Großmutter König Harald Haarfagres, der 
zum erstenmal ganz Norwegen zu einem Reich 
vereinigte. Sowohl die Beisetzung der Königin 
wie die Geburt ihres Enkels erfolgten zwischen 
840 und 850 n. Chr. — Kurz zuvor soll dessen 
Mutter folgenden Traum gehabt haben: Sie stand 
in ihrem „Grasgarten" und zog einen Dorn aus 

') Joh. Hoops, VValdbäume und Kulturpflanzen im 
germanischen Altertum. Straflburg 1905. 

^) Jens Holmboe, Nytteplanter og ugraes i Oseberg- 
fundet. Osebergfundet Bd. V, Kristiania 1921. — Vgl. auch 
die vorläufige Mitteilung desselben Verf.s im Nyt Magazin for 
Naturvidenskaberne Bd. 44, 1906. 



Referat von Dr. H. Garns. 



dem Gewand. Dieser erwuchs zu einem mächti- 
gen Baum, und seine Äste breiteten sich über 
ganz Norwegen und darüber hinaus. — Aus die- 
sem königlichen Garten, der wohl bei Borre 
2 Stunden von Oseberg lag, dürften also die 
meisten der auf dem Schiff gefundenen Pflanzen- 
reste stammen. Diese lassen sich auf 5 Gruppen 
verteilen : 

1. Von im Lande selbst nicht gebauten Pflan- 
zen stammende, von auswärts eingeführte Pro- 
dukte. Hierher wahrscheinlich nur die Walnuß 
(liiglcms regia), von der eine halbe Schale in der 
Grabkammer gefunden worden ist. Im Neolithi- 
kum wurde der Nußbaum im Mittelmeergebiet 
und von Südfrankreich bis in die Schweiz kulti- 
viert, seit der Bronzezeit auch im übrigen West- 
und Mitteleuropa. Die Hof- und Klostergarten- 
inventare des 9. Jahrhunderts nennen ihn iiiicarios, 
die ältesten angelsächsischen Glossare hnutbcam. 
Nach Skandinavien gelangte der Baum selbst wohl 
erst im späteren Mittelalter, doch wurden die 
Nüsse schon früher aus Westeuropa (daher valhiwt, 
Walnuß = welsche Nuß) geholt, so im 11. und 
12. Jahrhundert von den Königen Harald Haar- 
drade und Sigurd Jorsalfar aus Miklagard. Der 
1 1 39 gestorbene Sigurd Slembedegn soll ein 
Feuerzeug in einer Nußschale besessen haben. 
Erst aus dem 16. Jahrhundert werden aus Nor- 
wegen auch grüne Nußschalen in Hexenurkunden 
genannt. 

2. Von auswärts eingeführte, aber im Land 
selbst gebaute Getreide , Küchen- , Faser- und 
P'ärbepflanzen. Von Getreidekörnern enthielten 
Kisten der Oseberggrabkammer Hafer {Avena 
sativd) und Weizen {Triticum vulgare). Noch 
Theophrast nennt den Hafer als halbwilde Kultur- 
pflanze, von größerem Haferbau berichten erst 
Galen und Plinius. Aus der Bronzezeit liegen 
Haferfunde außer aus Savoyen und der Schweiz 
auch aus Dänemark und Schweden vor. Hafer- 
abdrücke auf vorgeschichtlichen Töpfen aus 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Schweden und Norwegen haben Sarauw und 
Holmboe wiederholt nachgewiesen, einzelne 
schon aus der Eisenzeit. Wie das lateinische 
avcna vielleicht mit ovis, so hängt das altnordische 
hafri mit hafr = Bock zusammen. Beides scheint 
auf die Verwendung als Viehfutter zu deuten. 
Wohl schon zur Wikingerzeit ist der nordische 
Name auch ins Englische und Finnische {kakra, 
kaurd) übergegangen. Daneben findet sich in 
der Edda auch korkt, wohl ein keltisches Lehn- 
wort. Nächst der Gerste war der Hafer wohl das 
wichtigste Getreide der Wikinger. In dem um 
goo entstandenen Harbardslied nennt ihn Tor mit 
dem Häring zusammen. Ob schon die in alt- 
nordischen Gräbern nicht seltenen Bratpfannen 
aus Schmiedeeisen zur Herstellung von „Flabröd" 
aus Hafer gedient haben, mag dahingestellt blei- 
ben. Von alten Ortsnamen leiten sich Hartveit 
in Norwegen wie Haverthwaite in Cumberland 
vom Hafer ab. Gegen 1300 heißt er in Nor- 
wegen und Schweden auch licstakoru (Pferdekorn), 
welchen Namen der 1302 bei Bergen hingerichtete 
Edelmann Audun Hugleiksson bekommen haben 
soll, da er als erster Getreide an Pferde verfüttert 
haben soll. Doch haben solches schon früher die 
Pferde Olafs des Heiligen und des Bischofs be- 
kommen. • — Der gefundene Weizen gehört sicher 
zu Triticitm vulgare, da die Spelzen fehlen. Die 
Körner sind im Verhältnis zu anderen vorge- 
schichtlichen Funden groß. Aus dem mittel- 
europäischen Neolithikum sind sowohl Nackt- 
weizen {T. vulgare und cotnpachi.ni) wie auch 
Spelzweizen [T. monococciim und dicoccuni) 
bekannt, aus Oberitalien auch T. iurgidum. Auf 
neolithischen Töpfen aus Dänemark fand Sarauw 
Abdrücke von vulgare, dicoccuin und nionococcum. 
Letztere beide sind in Nordeuropa aus späterer 
Zeit nicht bekannt. T. vulgare stellte er auch 
für das schwedische Neolithikum, T. compactnni 
für die dänische Bronzezeit fest. Holmboe 
fand Abdrücke von vulgare an Töpfen aus Nor- 
wegen, die wesentlich älter als das Osebergschiff 
sind, die Annahme Körn ick es, daß der Weizen 
erst im 12. Jahrhundert nach Norwegen gekom- 
men sei, ist also unhaltbar. Noch heute wird um 
Oseberg reichlich Weizen gebaut. Zur Zeit Haar- 
fagres wurde nach der Egilssaga Weizen aus 
England importiert, damals war auch bereits 
dünnes Weizenbrot bekannt. Neben hveiti findet 
sich seit dem 12. Jahrhundert auch Jiainalkynii, 
das ursprünglich wohl Weizen und Roggen be- 
zeichnete, wogegen im Deutschen, Dänischen und 
Englischen Amelkorn vor allem für Emmer {T. 
dicoccuin) gebraucht wurde. Jetzt bedeutet es in 
den norwegischen Dialekten {hunivulkoii, Iiaiiilc- 
konii, Iiunivielkyriie) zumeist Mengfrucht aus Hafer 
und Gerste. — Das Hauptgetreide der Wikinger 
war wohl die Sommergerste (Hordeum 
disficliitni). Das altnordische barlak findet sich 
im englischen barlcy wieder. Im Hallingdal ist 
daraus harlindbygg geworden , das natürlich mit 
der Eibe (norw. barlitid) nichts zu tun hat. Zur 



Wikingerzeit ist sicher Getreide auch aus England 
eingeführt worden, worauf u. a. die Namen val- 
^ySS (welsche Gerste) und valrugr (welscher 
Roggen) deuten. Damals scheint der Ackerbau 
überhaupt große Ausbreitung und manche Ver- 
besserung und Bereicherung erfahren zu haben. 

— Vom Roggen (Secalc cereale) soll eine später 
verloren gegangene Mehlprobe des Osebergschiffs 
stammen ; mit Sicherheit ist er in Norwegen erst 
aus dem christlichen Mittelalter, in Schweden 
schon aus dem 3. — 4. Jahrh. n. Chr., in Dänemark 
aus der späteren Eisenzeit bekannt. 

Eine bei einem der Pferdeskelette gefundene 
runde Holzschachtel enthielt reichlich Schötchen- 
reste und Samen der Gartenkresse {Lepidium 
sativum f. typicmn Thell.). Vorgeschichtliche 
Kressenfunde waren bisher nur aus Ägypten be- 
kannt. *) In England wurde sie schon in angel- 
sächsischer Zeit gebaut; in Deutschland nennen 
sie zuerst die heilige Hildegard und Albertus 
Magnus, in Dänemark, gleichfalls als Heilmittel, 
der Kräuterbuchverfasser Henrik Harpestreng (geb. 
1164, gest. 1244). Auch für Schweden wird sie 
schon in älteren Kräuterbüchern, für Norwegen 
erst aus dem 17. Jahrhundert angeführt. Der 
Osebergfund lehrt, daß sie auch daselbst zu den 
ältesten Bestandteilen des Küchengartens zählte. 

— Andere Gewürz- und Gemüsepflanzen der 
Wikinger waren Lauch {Allium - Arten, wohl 
zuerst sativum , dann scJiocnoprasum und cepa ; 
ersteres ist wohl der gcirlaukr der alten Texte, 
letzteres unioen bei Harpestreng; die Deu- 
tung von hjalmlaukr, itrlaukr und nattlaukr 
ist ungewiß), Engelwurz {Angelica Archange- 
lica, altnordisch Jivoiin , jetzt kvaini) und Rüben 
(Brassica N^apus, altnord. naepa, angelsächs. nacp). 
Lauch und Lein werden schon in der Runen- 
inschrift eines Fleischmessers von Alversund bei 
Bergen genannt, das aus dem 4. Jahrh. stammt 
und wohl zu rituellen Zwecken in einem altnor- 
dischen Phalluskult diente. Engelwurz schenkte 
bereits im Jahre 1000 König Olav Tryggvason 
zu Nidaros (Drontheim) seiner Gemahlin, die frei- 
lich so gemeine Speise verschmähte. — Auch 
Kohl, Erbsen, Bohnen {Vicia Faba) und 
Hopfen waren schon in der Sagazeit bekannt, 
und Gesetze aus dem 13. Jahrhundert sprechen 
von Bohnen-, Erbsen- und Rübenbeeten (batmareitr, 
ertrareitr, naepnareitr). — Vielleicht baute man 
auch den Leindotter {Camelina safiva), denn 
mehrere mit dotJira zusammengesetzte Ortsnamen 
müssen älter als die Wikingerzeit sein. Cameliiui 
ist aus dem Neolithikum für Ungarn (Aggtelek), 
aus der La Tene-Zeit für Schlesien und aus dem 
3. — 4. Jahrhundert für Gothland nachgewiesen. 
Nach Dioskurides wurde Dotteröl zu Fackeln ge- 
braucht, in Osteuropa ist es noch allgemein be- 
kannt und in den Kriegsjahren auch in Deutsch- 



') Samen einer nicht weiter bestimmten Kressenart hat 
Neu weil er vor kurzem in den Pfahlbauten des Zürichsees 
gefunden. Anm. d. Referenten. 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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land wieder empfohlen worden. Gunnerus nennt 
die Pflanze daadre und liindotter ; heute ist sie 
in Norwegen nur noch ein seltenes Unkraut. 

Von Gespinnst- und Färbepflanzen hat das 
Osebergschiff einzelne Samen von Flachs {Liimm 
usitatissimton) und Hanf {Cannabis sativa) und 
eine ganze Schachtel voll Schötchenresten vom 
Waid (Isaf IS tindorid) aufbewahrt. Die Bestim- 
mung der meisten alten Leinreste ist immer noch 
umstritten. L. usitafissiinuni ist sicher im alten 
Mesopotamien. Ägypten und Italien gebaut wor- 
den. Der Pfahlbautenlein wird bald als L. aii- 
i;iisti/oliuiii , das sicher die Stammpflanze von 
L. usitalissimum ist, bald als L. aiistriaciiin ge- 
deutet. (Nach Gentner ist er sicher der zwei- 
jährige Wintetflachs, der noch jetzt in einigen 
Tälern der Zentral- und Ostalpen gebaut wird. 
Ref.) Aus Deutschland stammen die ältesten 
Leinfunde aus der älteren Eisenzeit, aus Däne- 
mark aus der jüngeren Bronzezeit, aus Schweden 
aus der Eisenzeit. Aus Westnorwegen wird liiui 
neben laukar (Lauch s. oben) bereits in einer 
Runeninschrift aus dem 4. Jahrh. genannt. Alte 
Leinhecheln und Spinnräder sind oft gefunden 
worden, Leintuch z. B. in einem Grab aus dem 
10. Jahrh. Mehrere aus liii- und -vin zusammen- 
gesetzte Ortsnamen müssen spätestens aus der 
Wikingerzeit stammen, der nördlichste liegt im 
Troms-Amt (später soll Flachs sogar bis Skjervö 
gebaut worden sein). Neben altnordisch lüi 
kommt auch horr vor. In einem leinenen Frauen- 
gewand soll Tor seine Fahrt zu den Riesen an- 
getreten haben. Noch im 19. Jahrh. war der 
Flachsbau bis Drontheim von Bedeutung; 1907 
war er auf 8 Ämter beschränkt (am meisten noch 
in Opland und Hedmark). Interessanterweise 
treten Flachs und Kresse heute oft zusammen 
ruderal oder in Äckern auf, wie sie schon auf 
dem Osebergschifif beisammen lagen. ■ — Die Hanf- 
kultur reicht in Indien bis ins 8. und 9., in China 
bis ins 5. Jahrh. v. Chr. zurück, war dagegen im 
alten Ägypten, Palästina und Griechenland an- 
scheinend unbekannt. Die Skythen bereiteten 
nach Herodot aus Hanf Gewebe und Narkotika 
(Haschisch 1), und von ihnen ist er wohl zu den 
Germanen und Galliern gelangt. Während die 
Römer Hanf erst seit dem 2. Jahrh. bauten, ließ 
Hiero II. von Syrakus schon im 3. Jahrh. v. Chr. 
Hanfseile aus dem Rhonetal kommen. Die Ger- 
manen haben den Hanf schon vor der Abtrennung 
der Angelsachsen, also wohl schon im 4. oder 
5. Jahrh. v.Chr. aus Südosteuropa erhalten. Aus 
Deutschland nennt ihn zuerst das Capitulare de 
villis. Prähistorische Hanfsamen waren aus Mittel- 
und Nordeuropa bisher nicht bekannt, hingegen 
ist Segeltuch aus Hanf außer im Osebergschiff 
auch in Wikingergräbern der norwegischen West- 
küste gefunden worden. Für Hanfkultur mußte 
im 12. und 13. Jahrh. in Norwegen und Schwe- 
den Zehnten bezahlt werden. Hemden aus Hanf 
oder Flachs waren für den Besuch am norwegi- 
schen Königshof vorgeschrieben. Für die Gegend 



von Oseberg ist Hanfbau fürs 16. Jahrh. nachge- 
wiesen, im 18. reichte er bis Surendalen und 
Bradsbierg, ging aber schon damals rasch zurück. 
Schon im Mittelalter mußte Hanf aus England 
und später von den Hansastädten in Preußen und 
Livland eingeführt werden, und heute ist der 
nordische Hanfbau trotz aller Bestrebungen zu 
seiner Wiederbelebung ganz erloschen. 

Von besonderem Interesse ist der Waid 
[Isafis tindoria), von dem sich eine Menge zer- 
fallener Schötchen fand. Die Pflanze ist sicher 
nicht in ihrem ganzen heute von Madeira, Nord- 
afrika und Indien bis Schweden und Finnland 
reichenden Areal urwüchsig. Die ursprüngliche 
Westgrenze dürfte kaum über Ungarn hinaus- 
gehen. Ihren Gebrauch zum Blaufärben beschreibt 
schon Demokrit. Die Römer nannten sie vitruvi 
oder glastum^ wohl von keltisch glas = blau. 
Die Britannier bemalten sich zu Cäsars Zeit damit 
den Körper, daher hatten wohl auch die Picter 
ihren Namen. Der schon im Gotischen und Alt- 
hochdeutschen nachweisbare Name Waid ist in 
verschiedenen Formen ins Spätlateinische, Italieni- 
sche , Französische, Tschechische und Russische 
übergegangen und ist wohl auch mit dem lateini- 
schen und griechischen Namen stammverwandt, 
so daß die Pflanze wohl schon vor der Abzweigung 
der Hellenen und Italer von den übrigen Indo- 
germanen bekannt gewesen sein wird. Sicher 
bauten sie die Kelten. In Deutschland wird sie 
zuerst aus dem 9. Jahrh. [uiiatsdu im Capitulare 
de villis) genannt. Der ausgedehnte Waidbau in 
Thüringen und im Languedoc geht mindestens 
bis ins 10. Jahrh. zurück, von welchem an bis zur 
Einführung des Indigo der Waid den wichtigsten 
blauen Farbstoff in Mittel- und Nordeuropa lieferte. 
Von Waidhändlern wurde die Universität Erfurt 
1392 gestiftet, der dortige Waidbau erreichte 
seinen Höhepunkt im 16. Jahrh. Von 1570 an 
mußte er aber trotz behördlicher Maßnahmen 
dem asiatischen und später dem synthetischen 
Indigo weichen. Von den 1616 noch vorhandenen 
300 „Waiddörfern" Thüringens waren 1629 nur 
noch 30, 1750 noch 17 und 1850 nur noch 9 
übrig. Bis gegen 1800 hielt sich der Waidbau 
in England und Kärnten und bis heute stellen- 
weise in Portugal, Italien und Rumänien. Ver- 
gebens suchten Schreber 1752 und F". A. 
V. Resch 181 2, ihn wieder emporzubringen. Im 
Altertum (z. B. bei Dioskurides) und im Mittel- 
alter (z. B. bei der heiligen Hildegard und Macer 
floridus) war der Waid auch Heilpflanze. Des 
letzteren Werk war die Hauptquelle für Henrik 
Harpestreng. In mehreren seiner Handschriften 
und selbst in isländischen Arzneibüchern ist von 
dem Heilmittel vifrnin gegen Blasensteine die 
Rede, wobei aber nicht immer sicher ist, ob die 
betreffenden Verff. die Pflanze kannten. Verwil- 
derter Waid wird aus der Umgebung eines däni- 
schen Klosters 1688 angegeben, und 1761 galt er 
bereits als in Dänemark einheimisch, ist aber seit- 
her bis auf seltene adventive Vorkommnisse ver- 



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schwunden. In Schweden wird der Waid zuerst 
1623 als wild und bald darauf auch als Färber- 
pflanze {färgvedc) genannt. L i n n e traf ihn am 
Strand Von Öland (1741) und einigen Inseln bei 
Gotland wie wild. In Schweden, besonders in 
Vestergötland , wurde er damals und bis ins 
19. Jahrhundert zusammen mit Wau {Reseda 
luteola) viel gebaut. Der Waid lieferte die blaue 
und der Wau die gelbe Farbe für die schwedi- 
schen Uniformen und Fahnen. Jetzt ist der Waid- 
bau auch dort verschwunden, die Pflanze hat sich 
aber noch hier und da am Strand zu behaupten 
vermocht. Aus Norwegen fehlten bisher sichere 
Angaben aus älterer Zeit. Gefärbte und nament- 
lich blaue Kleider waren schon zur Wikingerzeit 
bei den Vornehmen in Gebrauch, nach der Svarf- 
doela- und Finnboga-Saga auch auf Island. Dort 
wurden blaue Tücher nachweisbar von außen be- 
zogen. Als einheimische Farbpflanze kommen 
nur Geraniinii silvaticiim , Vaccinium Alyrtillus 
und Campaiuda rotundifolia in Betracht. Blaue 
Wollfäden aus einem Grab aus dem 5. Jahrh. am 
Nordfjord sind nach Hilda Christensen sicher 
durch einen Indigofarbstoff, also wohl durch Waid 
gefärbt. Ähnlich gefärbte Wolle fand sich in 
einem Grab aus dem 10. Jahrh. in Mörkedal. 
Erst aus viel späterer Zeit liegen Angaben über 
Waidbau in Norwegen vor, er war dort nie von 
ähnlicher Bedeutung wie in Schweden. Im 
18. Jahrh. wurde z. B. Waid von Bischof Gunnerus 
bei Drontheim gepflanzt, etwas später von Sommer- 
feit in Toten. Von 1768 bis 1843 wurde der 
Waidbau besonders von der Gesellschaft für Nor- 
wegens Wohlfahrt wiederholt empfohlen. Reife 
Samen wurden noch am Maalselv im nördlichen 
Norwegen und in Hallingdal bis 470 m ü. M. 
geerntet. Jetzt tritt die Pflanze nur noch selten 
als Kulturrelikt oder ruderal auf, so noch in Saiten 
und Lavanger im Amte Troms fern von jeder 
Kultur, wohl aus verschwemmten Samen. 

3. Sammelfrüchte einheimischer Arten. Von 
solchen sind in größerer Zahl Haselnüsse 
{Corylns avclland) und Holzäpfel {Malus sä- 
vestris) auf dem Osebergschiff gefunden worden. 
Wie in den Pfahlbauten fanden sich von der 
Haselnuß sowohl f. süvestris wie f. oblonga. Die 
Hasel wird in der Saga-Literatur oft genannt. — 
Die gefundenen Holzäpfel , wovon 54 ganze, 
stimmen mit heutigen norwegischen Wildäpfeln 
überein. In Süd- Helgeland überschreitet der 
Holzapfel heute den 66. Breitegrad. Auf dem 
Osebergschiff fanden sich eine mehr fünfseitige, 
zugespitzte Form und eine mehr kugelige, da- 
gegen nicht der zuerst von Heer beschriebene 
„größere Pfalilbauapfel", wohl die älteste Kultur- 
sorte in Europa. 1908 wurde diese auch in dem 
neolithischen Pfahlbau Alvastra in Vestergötland 
gefunden. Die bronzezeitlichen Äpfel von Vam- 
drup in Dänemark gleichen dagegen der runden 
Form von Oseberg. Sicher haben die alten Ger- 
manen einheimische Holzäpfel in Kultur genom- 
men. Von dem altnordischen apaldr für den 



Baum und epli für die Frucht leiten sich nicht 
nur die germanischen, sondern auch slavische und 
keltische Namen ab, vielleicht auch der Name der 
italienischen Stadt Abella. Bekanntermaßen spielen 
Äpfel auch in der nordischen Mythologie (z. B. 
bei Idun und Fröi) eine Rolle, wogegen die „Äpfel 
des Paradieses" nach Thorild Wulff auf eine 
unrichtige Übersetzung zurückgehen. Abgesehen 
von dem Alvastrafund kennt man sicher kultivierte 
Äpfel in Skandinavien erst aus christlicher Zeit. 
Wahrscheinlich wurde der Obstbau hauptsächlich 
durch die Mönche gefördert. Von apaldr abge- 
leitete Ortsnamen sind bis in die Gegend von 
Drontheim (Abelvik) nachweisbar, und aus dem 
Mittelalter werden öfter Apfelgärten erwähnt. 

4. Unkräuter (altnordisch ülgye^i). Unter den 
Getreide- und Kressenamen und zwischen Federn 
in der Grabkammer wurden Samen und Frücht- 
chen folgender Unkräuter festgestellt: Polygonum 
cf. lapatlii/ülüim^ auch aus zahlreichen stein- und 
bronzezeitlichen Funden in Mitteleuropa bekannt, 
in Großbritannien seit dem Neolithikum, in Däne- 
mark in vielen mittelalterlichen Ablagerungen, in 
Norwegen heute bis Drontheim und Ostfinnmarken. 

— Polygoinim Con-i'olvulus\ in Mitteleuropa seit 
dem Neolithikum, stellenweise so reichlich , daß 
vielleicht an alten Anbau zu denken ist (vgl. 
„wild Baukweite" in Pommern), in Kopenhagen 
in den mittelalterlichen Kulturschichten, in Nor- 
wegen heute bis Nordland und Ostfinnmarken. — 
Chciiopodium albitm ; ebenfalls in alten Ablage- 
rungen (z. B. in den Pfahlbauten der Schweiz, in 
dänischen Funden, in einem Eisenzeitfund am 
Mälarsee) häufig und wohl auch alte Mehlfrucht, 
in Norwegen heute bis Finnmarken. — Urtica 
uretis ; bisher aus Mittel- und Nordeuropa prä- 
historisch nicht nachgewiesen, in Dänemark erst 
in den mittelalterlichen Kulturschichten von Kopen- 
hagen, aus Deutschland zuerst bei der heiligen 
Hildegard und Albertus Magnus, in Norwegen 
jetzt bis Finnland verbreitet. — Stellaria media; 
in England und Schottland schon in dem prä- 
glazialen Cromer forest bed, in der Schweiz in 
paläolithischen Pfahlbauten usw. Der altnordische 
Name arfi (jetzt vassarv) ist in einigen norwegi- 
schen Ortsnamen vermutet worden. Die Art ist 
in Norwegen eines der gemeinsten Unkräuter, 
wohl auch sicher urwüchsig, und ist von V. B. 
Wittrock (Vetenskapsakademiens Arsbok 19 18) 
für die am meisten kosmopolitische Phanerogame 
überhaupt erklärt worden. — CapseUa Bursa 
pastoris ; bisher anscheinend prähistorisch nicht 
nachgewiesen , jetzt allgernein verbreitet. — La- 
inium cf. purpiirtutii ; in Österreich in den Hall- 
statterfunden, in Kopenhagen in den alten Kultur- 
schichten nachgewiesen, in Norwegen jetzt bis 
Nordland und vereinzelt bis Finnmarken verbreitet. 

— Galeopsis tctrahit; in England und Schottland 
schon im Spätglazial, in der Schweiz und Deutsch- 
land im Neolithikum, in Dänemark (eher G. spe- 
eiosa) in den Kulturschichten von Kopenhagen, 
in Schweden schon in Torf aus dem Anfang der 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Tapeszeit, jetzt in ganz Norwegen verbreitet. Auf 
diese Pflanze werden altnordisch akrdai und doglia 
bezogen , doch wurden darunter jedenfalls auch 
aromatische oder narkotische Pflanzen verstanden, 
die dem Met und Bier zugesetzt wurden, so auf 
den Shetlandsinseln nach dem Hildinalied und in 
späterer Zeit in Sogn. — Cirsmm arvense ; in 
Norwegen heute bis zum Kvaefjord, bisher prä- 
historisch nicht nachgewiesen, wohl aber C. pa- 
histre und lanceolatutn aus Großbritannien und 
Dänemark. Disteln werden als fJiisfill schon im 
Eddalied Skirnismal (etwa um 900 entstanden) 
und in einer Übersetzung alttestamentlicher Texte 
aus dem 13. Jahrh. genannt. — Daß auch andere 
Unkräuter in der Wikingerzeit bekannt waren, 
geht aus der Literatur hervor. Der für Matricaria 
inodora bis Island gebräuchliche Name balderbraa 
muß sehr alt sein, denn schon in der h-dda wird 
der Glanz von Haiders Augenbrauen mit „dem 
weißesten aller Kräuter" verglichen. Heute ist 
die Art in allen nordischen Gegenden mit primi- 
tiver Kultur um die Siedlungen gemein , so na- 
mentlich bei den Erdkammern der Seelappen des 
nördlichen Norwegens und auf Island. — Alt- 
nordische Namen besitzen ferner: Lolinvi fenw- 
lentum, im Kongespeil als skjathak , schon im 
alten Ägypten und in Schweizer Pfahlbauten unter 
Getreide, früher ein gefürchtetes Unkraut, jetzt 
selten. — Rumex cf. acetosa, als sura oder akr- 
sura, u. a. auch als Schlafmittel empfohlen. — 
Epilobüim angustifoUimi heißt noch jetzt in ein- 
zelnen Dialekten geitskor (Ziegenhufe, nach einer 
anderen Deutung Ziegenfell). — Plantago 7najor 
wurde als laehnsgras gegen Schlangenbiß emp- 
fohlen. — Sonchns arvensis ist wohl dylla und 
dyndül der Sagen, auch als Übername und in 
Flurnamen. — Taraxacmn ist altnordisch fifiU, 
als fivel noch jetzt in einzelnen norwegischen 
Dialekten. In den Sagen werden gelbliche Pferde 
als fifilbleiker bezeichnet. — Lolmm, Pol)gom<m 
Convolvulus, Urtica, Chowpodimn und Lamhim 
furpureiim (oder amplcxicaiile) sind sicher mit 
Kulturpflanzen eingeschleppt worden, vielleicht 
auch Polygoimm lapatla'foluim , Stellar ia media 
und Capsella, die heute als einheimisch erscheinen. 
Plantago major, Sonc/ms arvensis und Matricaria 
inodora sind wohl als Strandpflanzen spontan ein- 
gewandert, ähnlich auch Cirsium arvense und 
Galeopsis, sowie als Wiesenpflanzen Rumex, Ta- 
raxacmn und Epilobiiim. — Um den Gegensatz 
zwischen Archaeophyten und Neophyten zu be- 
leuchten, seien einige Arten genannt, die erst 



zwischen 1700 und 1900 in Norwegen eingewan- 
dert sind:') Chrysanthevmm segetwn (1704), 
Barbar ea vzdgaris ( 1 790), Senecio viscosus ( 1 804), 
Anthenns tinctoria (1807), Bunias orientalis{i%i2), 
Gerast ium arvense und Berter oa incana (1826), 
Alyssum calyctnum (1857), Co7iringia orietitalis 
(1859), Matricaria discoidea (1862), Campanula 
patiila (1870), Xantimmi spinosum (1872), Eri- 
geron canadensis (1874), Thlaspi alpestre (1876), 
Rudbeckia hirta und Galinsoga parvißora (1880) 
und Lepidinni virginiciun (1889). 

5. Sonstige Reste einheimischer Pflanzen. Aus 
Eichenholz war das Schiff gezimmert, aus Birken- 
rinde einzelne Geräte gefertigt. Die Flaum- 
birke {Betula pubesccns) ist durch zwischen den 
Waidschötchen gefundene Kätzchenschuppen und 
Flügelfrüchtchen nachgewiesen. — Aus dem 
Mageninhalt zweier Ochsen und eines Pferdes 
konnten bestimmt werden: Nadeln des Wachol- 
ders {Juniperus communis), des ersten in Skan- 
dinavien eingewanderten Nadelholzes, Zweigstücke 
des erst während des Maximums der postglazialen 
Senkung eingewanderten, in Dänemark dagegen 
schon interglazial und spätglazial nachgewiesenen 
Heidekrauts ( Calliina vulgaris), ein Rosen- 
stachel (Rosacf.mollis), Früchtchen von Carex- 
Arten, Samen von Luznla campestris (zum ersten- 
mal prähistorisch nachgewiesen), Nüßchen und 
Kronblätter von Ranmicidus repens in größerer 
Zahl und auffallend gut erhalten. Die Art ist in 
Großbritannien schon präglazial, in Dänemark 
diluvial und interglazial, aus Schweden und Nor- 
wegen wie aus Mitteleuropa dagegen erst post- 
glazial nachgewiesen. — Zwischen Federn an 
einem Teppich der Grabkammer fand sich ein Frucht- 
kelch von Agrimonia cnpaforia, die sonst prähisto- 
risch nur aus 3 meist neolithischen Pfahlbauten 
der Schweiz bekannt ist und in Norwegen heute 
bis Drontheim, im Osten noch weiter nördlich 
reicht. — Aus dem Torf des Grabhügels konnten 
schließlich u. a. Leo7itodon autii^nualis (inter- 
glazial in England, aus dem Neolithikum in Schott- 
land) und einige gemeine Astmoose bestimmt 
werden: Thuidiiim Philiberfi, Acrocladium cus- 
pidatnm, Climacium dendroides und Rhytidiadel- 
p/iiis sq/iarrosiis, letztere beide auch aus dem Grab- 
hügel des schon früher bei Gokstad ausgegrabe- 
nen Wikingerschiflfs, von dem sonst keine bemerkens- 
werten Pflanzenfunde bekannt geworden sind. 



') Nach J. Holmboe, Nogle ugraesplanters indvandring 
i Norge. Nyt Mag. for. Naturvidensk. XXXVIII. 1900. 



Einzelberichte. 



Lichterscheiunngen an fliegenden Yögeln. 

In den Sagen der verschiedensten Völker, der 
Japaner, Irokesen, Kelten, Polynesier und in den 
alten tatarischen und vedischen Heldengesängen 



begegnen wir dem Glauben an einen Vogel, der 
Feuer vom Himmel holt oder den Blitz hält. 
Mehrfach ist dieser Vogel eine Möwe, was insofern 
auffallend ist, als an diesem Tier von wissen- 
schaftlich einwandfreier Seite wirklich Licht- 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 6 



erscheinungen gesehen wurden. Es handelt sich 
um die von Dr. K. M. Schneider in den „Orni- 
thologischen Monatsberichten" 192 1, Heft 12 (Her- 
ausgeb. Prof. Reichenow und Dr. S t r e s e - 
mann) besprochenen Möwenbeobachtungen des 
Prof. Dr. A. Kirschmann auf der Insel Sylt. 

An einem heißen Sommerabend fiel Prof. 
Kirschmann auf, daß bei einem Unwetter etwa 
50 Möwen jeden neuen Gewitterausbruch einige 
Minuten vorher durch erregtes Schreien anzeigten. 
Bei hereinbrechender Dunkelheit sah er vorm 
Fenster, an das die Vögel dicht heranflogen, 
Gruppen von 2 — 4 Feuerchen durcheinander 
schweben und konnte feststellen, daß die Möwen 
an Schnabel, Flügelspitzen und Schwanz diese 
Flämmchen trugen. Die Vögel schrien dann 
immer sehr erregt und beruhigten sich wieder 
etwas, wenn mit neuen heftigen Entladungen 
zugleich auch die Flämmchen verschwanden. 
Dr. Schneide r erklärt die Erregung der Möwen 
mit der, diesen ungewohnten, Lichterscheinung, 
meint, das Leuchten könne auch mit einem Zischen 
und Knistern verbunden sein, oder die Tiere ver- 
spürten das sonderbare Kribbeln in der Haut, 
das wir beim Elektrisieren in den Haarwurzeln 
wahrnehmen. 

Die helle violettrote Flammenfärbung, die der 
Feuererscheinung bei einer elektrischen Entladung 
gleicht, läßt vermuten, daß es sich hier um etwas 
Ähnliches wie ein „Elmsfeuer" gehandelt hat. 
Prof. Dr. Wenger, Leiter des Leipziger 
geophysikalischen Instituts, erklärt die Erscheinung 
folgendermaßen: „Kommt ein Vogel aus einer 
Gegend mit hoher Spannung, wo er also stark 
elektrisch geladen worden ist, in eine Region 
mit wesentlich niedrigerer Spannung, so wird 
sich der Unterschied ausgleichen. Derlei Ent- 
ladungen vollziehen sich bekanntlich am stärksten 
an Spitzen. In unserm Fall ist nun das Aus- 
strömen der Elektrizität in der Dunkelheit an den 
spitzen Körperteilen in Lichtbüscheln sichtbar 
geworden. Eine solch stille langsame Entladung 
kann natürlich eintreten, wenn der Vogel eine 
Region mit sehr verschieden starker Ladung 
gleichnamiger Elektrizität durchfliegt, aber ebenso 
dann, wenn er in Luftschichten kommt, die mit 
Elektrizitätsmengen ungleichen Vorzeichens (po- 
sitiv oder negativ) kräftig geladen sind, wobei 
er entweder als Anode oder Kathode wirkt. Die 
Flammenerscheinung ist dann ähnlich derjenigen, 
welche den Luftschiffern so gefährlich werden 
kann, wenn diese mit ihrem leichtentzündlichen 
Fahrzeug rasch durch Gebiete mit stark ver- 
ändertem Potential kommen." — 

W. Sunkel. 

Einbryobildung nach Verletzung der Frncht- 
kuoteii und SanienanLigen. 

Die früher hier besprochenen Arbeiten G. 
Haberlandts (vgl. Naturw. Wochenschr. 1921, 
S. 592) haben in ihrer weiteren Verfolgung den 



Verf. zu Versuchen geführt, die das Ziel hatten, 
bei Blütenpflanzen durch Anregung der Bildung 
von Wundhormonen künstliche Parthenogenesis 
und Entstehung von Adventivembryonen aus dem 
Nuzellus der Samenanlagen hervorzurufen. 1910 
hatte Bataillon durch Anstechen reifer Frosch- 
eier parthenogenetische Larven gezüchtet, und 
Anstichversuche mit Eizellen einer Vaucheria sind 
1920 von F. v. Wettstein veröffentlicht worden. 
Bei den höheren Pflanzen ist das Anstechen der 
Eizellen schon wegen ihrer Kleinheit technisch 
unmöglich. Nach den Erfahrungen Haber- 
landts konnte angenommen werden, daß es 
genügen würde, durch mechanische Verletzung 
der Samenanlagen oder des Fruchtknotens die 
Bildung von Wundhormonen in der Nachbarschaft 
der Eizellen zu veranlassen. Verf. benutzte zu 
seinen Versuchen die dazu besonders geeignete 
Oenothera Lamarckiana. Um Bestäubung auszu- 
schließen, wurden die Blütenknospen durch Füh- 
rung eines Querschnittes, der Antheren und Narbe 
entfernte, kastriert. Die mechanische Verletzung 
wurde teils durch Drücken (Quetschen) der Frucht- 
knoten zwischen Daumen und Zeigefinger, teils durch 
mehrmaliges Anstechen oder Durchstechen der 
Fruchtknoten mit einer feinen Stahl- oder Glasnadel 
herbeigeführt. Die meisten der so behandelten 
Fruchtknoten gingen nach i — 3 Wochen zugrunde, 
blieben aber häufig länger grün als nichtverletzte 
Vergleichsfruchtknoten in kastrierten Blüten. Eine 
Anzahl verletzter Fruchtknoten wuchs aber weiter, 
ohne jedoch die Größe der sich normal ent- 
wickelnden Fruchtknoten zu erreichen. Einige 
Fruchtknoten wurden verletzt, ohne daß die Blüten 
kastriert worden waren; sie wuchsen in vielen 
Fällen kräftig weiter und wurden fast ebenso 
groß wie die normalen. 

Durch das Quetschen traten in den Frucht- 
knoten Zerreißungen auf. Die Nuzelluszellen der 
Samenanlagen zeigten sich vielfach abgestorben 
und kollabiert; einige aber hatten sich blasen- 
artig abgerundet und stellten mögUcherweise An- 
fange von Adventivembryonen dar. Von den 
Embryosäcken andererseits entwickelten sich einige 
ungestört weiter und wiesen dann einen normalen 
Eiapparat auf; andere starben ab oder teilten sich 
durch eine Querwand. Am Eiapparat wurde in 
ein paar Fällen der Anfang der partheno- 
genetischen Entwicklung der'Eizelle 
beobachtet. Die Eizelle hatte sich mit einer 
zarten Membran umkleidet und eine kopfförmige 
Ausstülpung gebildet. Aber nur einmal war eine 
Teilung eingetreten, die die kopfförmige Aus- 
stülpung von dem übrigen Teil der Eizelle (dem 
Suspensor) abgetrennt hatte. Verf. nimmt an, 
daß die parthenogenetische Entwicklung deshalb 
nicht weiter fortschreitet, weil infolge der Quet- 
schung die die Baustoffe zuleitenden Zellen der 
Chalaza geschädigt werden und ihre Aufgabe nicht 
vollführen können, so daß die jungen Embryonen 
verhungern. 

Bei angestochenen Fruchtknoten treten 



N. F. XXI. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



87 



Kalluswucherungen auf, die in den Wundkanal 
hineinwachsen, aber auch in gewisser Ent- 
fernung von diesem an den Innenseiten der 
Fruchtknotenwände, an den Scheidewänden und 
den Plazenten auftreten können. Sie entstehen 
auch an den durch die Nadel verletzten Samen- 
anlagen. Wenn sie hier vom Nuzellus oder vom 
inneren Integument aus in den Embryosack hin- 
einwuchern, so können sie zu monströsen oder 
auch typisch geformten Adventivembryo nen 
werden oder solche aus sich hervorsprießen lassen. 
In einem besonders lehrreichen Fall hatten sich 
in einer durch Anstich verletzten Samenanlage 
zwei mit Suspensoren versehene, typischen Ei- 
embryonen ganz ähnliche Nuzellarembryonen ge- 
bildet, die an einander gegenüberliegenden Stellen 
in den Embryosack hineinragten. In angestoche- 
nen Fruchtknoten nich t kastrierter Blüien wurden 
keine Nuzellarembryonen gefunden; vielleicht 
wird deren Ausbildung durch die Entwicklung 
der Eiembryonen verhindert. Ansätze zur Bildung 
parthenogenetischer Eiembryonen konnten in den 
angestochenen Fruchtknoten kastrierter Blüten 
nicht beobachtet werden. Dagegen entwickelte 



sich in den Fällen, wo Kalluswucherungen aus 
dem Nuzellus und Adventivembryonen entstanden, 
aus dem (haploiden) Polkern des Embryosacks 
auf parthenogenetischem Wege Endosperm. 

Die Entwicklung von Nuzellarembryonen, die 
bei Oenothera Lamarckiana vom Experimentator 
durch Nadelstiche bewirkt wird, erreicht die Natur 
bei Ficus Roxburghii in viel vollkommenerer 
Weise mit Hilfe eines Hymenopters, das die 
Fruchtknoten dieser Feige mit seiner Legeröhre 
ansticht. Cunningham, der den Vorgang be- 
schreibt, führt die Wirkung auf vermehrten Nah- 
rungszufluß zurück, während Haberlandt hier 
wie bei Oenothera die Ursache der Embryonen - 
bildung in der Entstehung von Wundhormonen 
(besser „Nekrohormonen") erblickt. Als weitere 
Bedingung für die Entwicklung solcher Adventiv- 
embryonen nimmt er an, daß die Pflanze eine 
erhöhte Neigung zu Kalluswucherungen, auch im 
Nuzellargewebe, besitze. (Sitzungsberichte der 
preußischen Akademie der Wissenschaften, Physik.- 
math. Kl. 1921, Nr. 40, S. 695 — 725). 

F. Moewes. 



Bücherbesprechungen. 



Kahler, Dr. Karl (wissenschaftl. Hilfsarbeiter am 
Preußischen Meteorologisch-Magnetischen Obser- 
vatorium Potsdam), Luftelektrizität. 2. Aufl. 
134 S. mit 19 Abb. Sammlung Göschen Nr. 649. 
Berlin W 10 und Leipzig 1921, Vereinigung 
wiss. Verleger Walter de Gruyter & Co. 2,10 M. 
und 100 "/o Verlegerteuerungszuschlag. 
Die neuen Arbeiten in Washington und auf 
dem stillen Ozean, sowie in Deutschland, die seit 
dem vor 8 Jahren erfolgten Erscheinen der ersten 
Auflage unsere Kenntnis über die Luftelektrizität 
wesentlich erweiterten, haben ihre Berücksichtigung 
erfahren, so daß der Leser durch das sehr emp- 
fehlenswerte Büchlein über den neuesten Stand 
der Forschung unterrichtet wird. Fricke. 



Schau, A., Statik. Aus Natur und Geisteswelt 

Bd. 828. 2. Aufl. iioS. 112 Fig. Leipzig 192 1, 

B. G. Teubner. 
Schau, A., Festigkeitslehre. Aus Natur und 

Geisteswelt Bd. 829. 2. Aufl. iii S. 119 Fig. 

Leipzig 192 1, B. G. Teubner. 
In dem ersten Bändchen werden die grund- 
legenden physikalischen Gesetze und ihre An- 
wendungen auf die Baukonstruktionen mitgeteilt. 
Das zweite Bändchen enthält die Festigkeitslehre ; 
sie ist in der neuen Bearbeitung als ein besonderer 
Teil abgetrennt, weil dem mehrfach ausge- 
sprochenen Wunsche, auch über Anwendungen 
für den Maschinenbau unterrichtet zu werden, 
Rechnung getragen werden sollte. Dem Verf., 
der Baugewerksschuldirektor in Essen ist, ist die 
Auswahl aus dem großen Stoffgebiet vortrefflich 



gelungen und wie die erste Auflage draußen im 
Schützengraben anregend gewirkt hat, wird diese 
neue beim Wiederaufbau vortreffliche Dienste 
leisten. PVicke. 

Beiträge zur Metallurgie und andere Arbeiten 
auf chemischem Gebiet. Festgabe zum 60. Ge- 
burtstag für Prof Dr. Dr. ing. e. h. Hans 
Goldschmidt. Herausgegeben von Oscar 
Neuß, Leiter des wissenschaftlichen Labora- 
toriums Prof Dr. Goldschmidt. 80 Seiten 
mit II Abbildungen und einem Porträt von 
Prof Dr. Goldschmidt. Dresden und Leip- 
zig 192 1, Verlag von Theodor Steinkopfif. Preis 
geh. 15 M. 
Prof Dr. Hans Goldschmidt, der auch 
weiteren Kreisen des naturwissenschaftlich und 
technisch interessierten Publikums als Erfinder 
der Aluminothermie und der autogenen Schweißung 
und Mitbegründer der Weltfirma Th. Gold- 
schmidt A.-G. in Essen bekannte Chemiker, in 
dem sich die Vereinigung von wissenschaftlichem 
und technischem Denken zu einem einheitlichen 
Ganzen in vorbildlicher Weise vollzogen hat, hat 
in diesem Jahre seinen 60. Geburtstag gefeiert. 
Aus Anlaß dieses Ereignisses hat Oscar Neuß, 
der Leiter des wissenschaftlichen Laboratoriums, 
das Hans Goldschmidt nach seinem vor 
einiger Zeit vollzogenen Austritt aus der Essener 
Firma in Berlin errichtet hat, eine kleine Fest- 
schrift herausgegeben, in der Freunde und Schüler 
Goldschmidts ihm nach schönem Brauch 
durch kleinere Abhandlungen wissenschaftlichen 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 6 



Inhaltes ihre Verehrung beweisen. Aus dem 
bunten Inhalt des Heftes seien die allgemeinen 
Betrachtungen von Max Buchner in Hannover 
über Zweck und Wert wissenschaftlicher Vereine 
und Kongresse, von Oscar Neuß über das 
Aspochin, das Azetylsalizylat des Chininazetyl- 
säureesters C2oH23N.,0., -CgH^Oj • CgH^O^ , das 
ausgezeichnete Dienste bei gewissen Menstruations- 
störungen (Schmerzen und zu großem Blutverlust) 
sowie bei Anfällen von Bronchialasthma leistet, 
die metalltechnischen Beiträge von Doerinckel, 
Stavenhagen, B. Strauß und Tammann, 
sowie eine Untersuchung von Prätorius über 
Nachweis und angenäherte Bestimmung kleiner 
Mengen von Aluminium im Beryllium angeführt. 

Die Ausstattung der kleinen Schrift, der ein 
recht gutes Bild von Goldschmidt beigegeben 
ist, entspricht allen berechtigten Anforderungen. 

Berlin-Dahlem. Werner Mecklenburg. 



Driesch, Hans, Philosophie des Organi- 
schen. 2. verbesserte und teilweise umge- 
arbeitete Auflage. Leipzig 1921, W. Engel- 
mann. 
Es ist jetzt 12 Jahre her, seit die „Philosophie 
des Organischen" erschienen ist, und in diesen 
12 Jahren hat sich so manches geändert, einmal 
ist die Gegnerschaft gegen den von Driesch 
verfochtenen Vitalismus angewachsen, andererseits 
ist aber auch so mancher Forscher in das Lager 
der Vitalisten übergegangen, sei es, daß er es 
ofifen bekennt und daß er es bewußt tut, sei es, 
daß er es unwissentlich getan hätte. Aber auch 
Driesch hat sich geändert, vom philosophieren- 
den Biologen ist. er zum biologisch orientierten 
Philosophen geworden. Das merkt der Leser 
deutlich, wenn er sich in das Werk vertieft. 

Die biologischen Grundlagen, die den Haupt- 
teil des Werkes bilden, sind im wesentlichen die 
gleichen geblieben. Und doch ist überall zu er- 
kennen, daß die Einzeltatsachen und die Probleme 
auf den heutigen Stand der Forschung gebracht 
sind, denn seit dem Erscheinen der ersten Auf- 
lage hat sich die Entwicklungsmechanik die ersten 
Kinderschuhe abgelaufen und bewiesen, daß sie 
ein selbständiges Gebiet ist, vor allem durch Be- 
schaffung eines gewaltigen Tatsachenmaterials 
und durch ganz exakte ,, präzise Festlegung be- 
stimmter Lehrmeinungen. Hier ist das Werk auf 
dem Laufenden erhalten worden, ich nenne nur 
die trefflichen Ausführungen über die Welt des 
Organischen als Ganzes. 

Anders ist es mit dem letzten philosophischen 
Teil des Buches. Hier ist etwas völlig Neues ge- 



schaffen worden : Der Philosoph von heute hat 
das Wort. Hier wird der Naturphilosoph zum 
Logiker, aber auch zum Metaphysiken Die 
Sprache der vorigen Auflage, die dem flüchtigen 
Leser schon schwer faßlich erschien, ist hier da- 
durch stärker kompliziert worden, daß Driesch 
die Terminologie seiner „Ordnungslehre" einführt. 
Mancher Leser mag ihm dies sicherlich verübeln, 
aber schließlich dürfte die „Philosophie des Orga- 
nischen" nicht für flüchtige Lektüre bestimmt 
sein. Einfach mit Schlagworten abtun läßt sich nun 
einmal der Vitalismus auf keinen Fall, wenn auch 
nicht verhehlt werden soll, daß so manche Theorie 
des Vitalismus auf schwachen Stützen steht. 

Es ist schwer, etwas über den Inhalt dieses 
letzten Teiles zu sagen. Jegliche Kritik daran 
wäre gewagt und würde sicherlich von jedem 
Leser Widerspruch erfahren , denn sie wäre zu 
subjektiv gehalten. So muß es aber jedem gehen, 
der sich ernsthaft hineinversenkt und den „Stand- 
punkt" Drieschs zu verstehen sucht. Ein jeder 
aber, mag er ausgesprochenster Mechanist oder 
mag er Vitalist sein, muß Driesch das Verdienst 
zuerkennen, ein nachdrücklich strenges und klares 
Gedankensystem des Vitalismus geschaffen zu 
haben. Die Energie und die Begeisterung, mit 
der Driesch hier vorgegangen ist, ist zum min- 
desten der Achtung wert, andererseits aber auch 
sein heißes Mühen, die Gesamtheit alles mensch- 
lichen Wissens in ein „Eines" zu fassen. Das 
ist nach Driesch Liebe zur Weisheit, das ist 
Philosophie. Collier (Frankfurt). 



Literatur. 

Lassar-Cohn, Einführung in die Chemie. 6. Aufl. 
Leipzig '21, Leopold Voß. 

Wissenschaftliche Forschungsberichte. Naturwissenschaft- 
liche Reihe. Herausgegeb. von Dr. Raphael Ed. Liesegang. 
Band III. Pummerer, Dr. R., Organische Chemie. Dres- 
den und Leipzig '21, Theodor SteinkopfT. 36 M. 

Kaufmann, H. P., Lehrbuch der Chemie für Mediziner 
und Biologen. 1. Anorganischer Teil. Leipzig-Berlin '21, B. 
G. Teubner. 30 M., geb. 38 M. 

Aus Natur und Geisteswelt. Leipzig-Berlin '21 , B. G. 
Teubner. 

19g: Trömmer, E., Hypnotismus und Suggestion. 
4. Aufl. 

Planck, Max, Physikalische Rundblicke. Leipzig '21, 
S. Hirzel. 20 M., geb. 30 M. 

Mathematisch-physikalische Bibliothek. Leipzig '21, B. 
G. Teubner. 

Band 5: Timme rding, H. E., Die Fallgesetze. 2. Aufl. 

Auerbach, Felix, Raum und Zeit. Materie und Ener- 
gie. Leipzig '21, Dürrsche Buchhandlung. 14 M., geb. 16 M. 

Klaus, Dr. Alfred, Atome- Elektronen -Quanten. Die 
Entwicklung der Molekularphysik in elementarer Darstellung. 
Berlin '21, Winckelmann & Söhne. 15 M. 



Inbalt: Fr. Nölke, Zur Kontraktionstheoric. S. 73. Chr. Schweizer, Der Darmkanal des Maikäfers. (4 Abb.) S. 78. 
n. Garns, Die Kulturpflanzen und Unkräuter der Wikinger. S. 81. — Einzelbericbte: K. M. Schneider, Licht- 
erscheinungen an fliegenden Vögeln. S. 85. G. Haberlandt, Embryobildung nach Verletzung der Fruchtknoten und 
Samenanlagen. S. 86. — BUcbeTbesprecbungen: K. Kahler, Luftelektrizität. S. 87. A. Schau, Statik. Ders. 
Festigkeitslehre. S. 87. Beiträge zur Metallurgie. S. 87. H. Driesch, Philosophie des Organischen. S, 88. — Lite- 
ratur: Liste. S. 88. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 

Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge 21. Band; 
der ganzen Reihe 37. Band. 



Sonntag, den 12. Februar 1922. 



Nummer 7. 



[Nachdruck verboten.] 

Jeder Sturm, der den Seegrund aufwühlt, 
bringt Bernstein empor und treibt ihn gegen 
unsere Küste. Seit die Ostsee ihre Ufer und 
Wellen hat, ist das der Fall gewesen, und aufge- 
lesen hat ihn der Mensch, seit er ihn beachtete 
und zum Schmuck für geeignet hielt. 

Überall an der Südküste der Ostsee findet er 
sich als Auswurf des Meeres und im Dünensande 
vor. Ans Ufer geworfen, bleibt er dort ruhen, wird 
mit Sand bedeckt und bildet Lager. Sein geringes 
spez. Gewicht, das höchstens i,o8 beträgt, bringt 
ihn schon bei sanfter Strömung zum Schwimmen ; 
ist er von Tangmassen umhüllt , so wird seine 
Fähigkeit, sich längere Zeit schwebend im Wasser 
zu halten, noch größer. Flaut die Strömung an 
unterirdischen Sandbänken oder anderen Er- 
hebungen ab, so sinkt er zu Boden. Aycke 
schildert bereits anschaulich, wie der organische 
Auswurf des Meeres, das sog. „Mill" (Müll) an 
das flache Ufer geworfen und oft bei zurück- 
tretenden Wasser dort zurückbleibt und vertrocknet, 
wie die sog. „Reffe" (Riffe, Sandbänke), welche 
dem Ufer parallel bis dicht unter die Oberfläche 
des Wassers emporsteigen, die Landung des Mills 
verhindern, wie gelegentlich aber auch die Wellen 
über diese Hindernisse hinweg einen Teil des 
Mills nebst dem Bernstein hinüberschleudern 
(3, S. 3, 4). — In der früheren Provinz West- 
preußen waren allein 26 Abnahmebezirke für am 
Strande gefundenen Bernstein eingerichtet; im 
Gebiete des jetzigen Freistaats Danzig liegen nur 
noch 10 von ihnen (30, S. 53). 

Das Niedersinken schwebenden Bernsteins in 
ruhigerem Wasser an Erhebungen auf dem Meeres- 
boden gab Veranlassung zur Bildung von Legenden, 
die von unterirdischen Bernsteinadern erzählen. 
Eine solche war nach Aurifaber nahe bei 
Danzig in der Putziger Bucht. Dort glaubten sie 
die Fischer bisweilen bei ruhiger See auf dem Grunde 
des Wassers zu erblicken. Sie besaß die Form eines 
Rückens und glänzte von den vielen Bernstein- 
stücken. Leider könne man sie — wie es in der 
Beschreibung heißt — wegen ihrer Tiefe nicht 
ausbeuten. — Eine ähnliche Fabel erzählten freilich 
auch die Fischer an den Ufern des Samlands von 
ihren Gewässern dem Bischof Wigand. Daß es 
sich hier um ein bloßes Erzeugnis der Phantasie 
handelt, geht aus der weiteren Angabe hervor, 
an diesen Stellen im Wasser fänden sich die Fische 
ein, um den noch weichen Bernstein als Speise 
oder Arzenei zu verschlucken. Auch im Orzechower 
oder Szontag See (Masuren) soll — wie 1841 be- 
richtet wurde — 3 bis 4 m unter dem Wasserspiegel 



Danzig als Heimat des Bernsteins. 

Von Dr. Paul Dalims, Zoppot a. d. Ostsee. 



ein ähnlicher Bergrücken liegen. Im Glauben der 
Anwohner dieses Gewässers bleiben die Netze an 
dem ,, Bernsteinfelsen" oft hängen und bringen dann 
und wann größere Stücke von ihm mit glänzenden 
Bruchflächen in die Höhe (11). In allen diesen 
Fällen handelt es sich um bloße Fabeln, die von 
dem glühenden Wunsche beseelt sind, den wert- 
vollen Stein zu erbeuten. Sie haben bei den 
Schriftstellern viel Nachdenken verursacht und zu 
der Auffassung geführt, daß auf dem Boden der 
Gewässer Quellen hervorbrächen, aus denen die 
Substanz des Bernsteins „wie der Asphalt im 
Toten Meere" flösse. Auch Sendel spricht noch 
von solchen offenen Bernsteinadern auf dem 
Meeresgrunde (28, § 39, S. 274, 275). Einen ge- 
wissen Kern finden diese Mutmaßungen in der 
Tatsache, daß Bernstein sich am Grunde von Ge- 
wässern in großen Mengen ansammeln kann. Auf 
sie ist der großartige Erfolg zurückzuführen, den 
die Baggerarbeiten in der Fahrrinne von Königs- 
berg bis Memel, vorzugsweise bei Schwarzort 
aufweisen konnten. 

Bemerkenswerte Lager sind auf der Nehrung, 
bei Heubude und Weichselmünde vorhanden. Die 
ersteren erwähnt bereits Aurifaber (2, S. Cy). 
Dagegen beschreibt Aycke solche von Weichsel- 
münde nahe der See, 1,7 — 3,3 m unter dem Sand- 
boden des angrenzenden Waldes. Er schildert sie 
als von recht beträchtlicher Ausdehnung und von 
gleicher Beschaffenheit wie bei dem Auswurf mit 
Sehr vielen „Sprock" und Holzstücken (3, S. 7). 
Wie Bock berichtet, ließen die Danziger Bernstein- 
künstler in dem ehemaligen Walde, der dort stand, 
graben, wenn der Stein am Strande nur spärlich 
gesammelt werden konnte; die Unkosten wurden 
ihnen bisweilen reichlich ersetzt (6 II, S. 184). 

In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts 
wurde zwischen Heubude und Weichselmünde 
auf diese Weise viel Bernstein erbeutet (30, S. 5 1). 
Um das Jahr 1890 versuchte die Firma Daniel 
Alter auf diesem Gelände das Edelharz zu ge- 
winnen. Als durch Bohrungen festgestellt war, 
daß unter dem Dünensande Bernstein in Nestern 
liege, wurde deren Begrenzung festgestellt und 
der Boden bis zum Grundwasserspiegel abgekarrt. 
Bagger hoben den Dünensand weiter heraus; das 
Material der bernsteinführenden Schicht wurde 
durch Siebe geworfen, um das Fossil von dem 
Sande zu trennen. Die Bernstein führende Schicht 
soll etwa I — 4 m unter dem Wasserspiegel^ ge- 
legen haben (22, S. 11). Später wurde die Ge^ 
winnung hier eingestellt auf Grund einer Abmachung 



go 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 7 



zwischen dem preußischen Fiskus (Kgl. Bernstein- 
werke) und der Stadt Danzig (30, S. 51). 

Die älteste Art der Gewinnung des Bernsteins 
auf dem Sirandsande der Danziger Nehrung ist 
von Aurifaber (2, S. Cy) beschrieben. Nach 
ihr benutzten die Arbeiter eine starke Stange, die 
vorn ein schaufelähnliches, scharfes Eisen trug. 
Mit ihm durchtasteten sie den Boden, der dem 
Eindringen bei seinem Gehalt an eingeschlossenen 
Seepflanzen und seiner dichten Packung Schwierig- 
keiten entgegensetzte. Trafen sie auf Bernstein, 
so konnten sie das durch eine eigentümliche Er- 
schütterung der Stange mit ihren Händen wahr- 
nehmen; dann gruben sie nach und holten ihn 
heraus. — Für das Gelände an der Danziger Bucht 
(sinus Codanicus) war nach VVigand (35, S. 23, 24) 
die Gewinnungsweise eine andere. Auch bei ihr 
wurde das Gelände, wie eben besprochen, abgetastet, 
der Bernstein aber nur dann durch bloßes Graben 
ans Licht geschafft, wenn er tiefer als mannestief lag. 
In anderen Fällen legten die Gräber eine Grube 
an, stießen von ihr aus zugespitzte Pfähle in den 
Boden, bewegten sie gewaltsam nach allen Seiten 
und rissen sie dann wieder heraus. Auf diese 
Weise trieben sie trichterförmige Löcher in den 
Sand, und was in deren Nähe an Bernstein war, 
kam hervor. Dann legte man Netze in die Grube, 
die sich mehr und mehr mit Wasser gefüllt "hatte, 
bewegte sie hin und her und fischte mit ihnen 
heraus, was sich von ihm angesammelt hatte. — 
Interessant ist ein Vergleich dieses Verfahrens mit 
dem, das Daniel Alter 400 Jahre später an- 
wandte; das letztere ist dem älteren fast voll- 
kommen gleich, nur bediente es sich statt der 
hänfenen Netze solcher aus Metalldraht, wie sie 
von der Firma Stantien und Becker zuerst 
bei der Arbeit mit den Dampf baggern bei 
Schwarzort mit Vorteil benutzt wurden. 

Unter der Regierung des Markgrafen Georg 
Friedrich scheint in Ostpreußen der erste Versuch 
gemacht zu sein, nach Bernstein zu graben. Es 
war der Danziger Bernsleinschreiber Andreas 
Meurer, der am i. Mai 1585 Erlaubnis erhielt, 
dort zu graben, wo früher das alte Lochstetter 
Tief gewesen war (12, S. 588, 589). Das Datum 
liegt zwischen den Jahreszahlen für die Ver- 
öffentlichungen von Aurifaber (1551) und 
Wigand {1590). 

Bei der Gewinnung des Bernsteins mit Dampf- 
baggern bei Schwarzort handelte es sich um die 
Ausbeutung des großen Lagers, das sich unter 
dem Schutze der Nehrung angesammelt hatte 
und 4 — 10 m unter dem Haffspiegel lag. Es war 
dadurch entstanden, daß alle gegen die Küste ge- 
richteten Stürme mit den Wassermassen auch 
den durch die aufgeregten Wasser schwebend er- 
haltenen Bernstein in den Windschatten zu drängen 
streben. Das Haff war ein Klärungsbccken, in 
dem sich Sand und Bernstein zu Boden senkten; 
beide sanken um so leichter zu Boden, als das 
Seewasser im Bereiche des Haffs brakisch ge- 
worden und ein niederes spez. Gewicht ange- 



nommen hatte. — Bei Brüsterort, wo die Ge- 
winnung des Bernsteins durch Taucher etwa 
10 Jahre hindurch blühte, hatte sich unter dem 
Schutz großer Blöcke ebenfalls eine Art Klär- 
becken gebildet. Bei der Zerstörung des Vor- 
gebirges durch die Brandung waren diese aus dem 
Grundmoränenschutt herausgewaschen und mehrere 
hundert Meter weit in der See liegen geblieben. 
Dort hielten sie zurück, was an Bernstein aus 
dem zerwaschenen Boden oder von anderen Stellen 
ans Ufer gebracht wurde (17, S. 42—44). Diese 
Tatsachen sind von Bedeutung, wenn man in Be- 
tracht zieht, daß gerade das Danziger Ufer als 
Fundstelle für Bernstein erwähnt und bis in die 
jüngste Zeit hinein au.sgebeutet wurde. Sicherlich 
hat Heia einen Einfluß auf die Ansammlung ge- 
rade an dieser Stelle, wenn auch nicht in Abrede 
gestellt werden soll, daß der Eintritt der Ostsee 
in die Danziger Bucht im Vergleich mit den Tiefs 
der beiden Haffe eine viel zu große Uffnurg auf- 
weist, um einen hinreichenden Schutz gegen das 
bewegte Wasser bieten zu können. Der Salzgehalt 
ist ferner kaum so erheblich, daß er von irgend 
welcher deutlich wahrnehmbaren Wirkung auf das 
Niedersinken schwebender Körper sein dürfte, 
immerhin ist er vor Heia rund '/i mal so hoch wie 
in unserer Bucht. 

Ein Einfluß auf die Ansammlung wird aber 
keineswegs vollkommen abzulehnen sein, schon 
aus dem Grunde nicht, weil jede Ausbuchtung 
an den Küsten sammelnd wirkt; außerdem mag 
auf die Tatsache hingewiesen werden, daß nach 
jedem Sturm am Danziger Strand die Beute an 
Bernstein gerade dann als besonders reichlich an- 
gesehen wurde, wenn der Wind aus Nordwest 
und West blies; so daß dann die Wellen in der 
Danziger Bucht eine weniger bewegte Stelle an- 
treffen, wo sie das von ihnen mitgeführte Gut ab- 
setzen können (3, S. 3). 

Der einzige Weg, den Bernstein hier zu ge- 
winnen, war der, ihn zu sammeln oder aus dem 
Sande herauszugraben ; ein Schöpfen mit Keschern 
wurde nie betrieben (35, S. 16; 28, S. 275). 

Da der Strand in früheren Zeiten fast der 
einzige Ort war, an dem Bernstein gefunden 
wurde, so suchte man ihn vor unberufenen Be- 
suchern zu sichern. Schon zu Wigands Zeiten 
waren am Strande Galgen aufgerichtet, um 
Diebe zu hängen, die man bei der Tat antraf 
Ebenso wie auf die Anwohner des Strandes wurde 
eine strenge Aufsicht über alle geführt, welche 
ihres Gewerbes wegen an den Strand kamen. 
Der Bernsteineid, ein besonderes Strand- und 
Bernsteingericht, zeitweise Einrichtung einer Zivil- 
Jurisdiktion an die Strandpächter, körperliche 
und Geldstrafen bezweckten, die jährlichen Ein- 
nahmen zu vermehren, bis seit ungefähr 100 Jahren 
erträglichere Verhältnisse platzgreifen (12, S. 589 ff. ; 
30, S. 51, 52 Anm.). 

Für unser Gebiet übersteigt die jährliche Aus- 
beute der See die an gegrabenem Bernstein, was 
die Menge angeht, bei weitem ; dagegen ist der 



N. F. XXL Nr. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Wert des letzteren bedeutend höher, weil er 
größere Stücke liefert, dann aber auch eine wert- 
vollere Beschaffenheit hat. Wie Aycke (1835) 
schätzt, ist sie „ungleich höher anzunehmen, . . . 
als eine 10 und mehrfache Menge des See-Bern- 
steins überhaupt betragen dürfte" (3, S. i). 

Im Samlande sind wiederholt Versuche ge- 
macht worden, das Gold der Ostseeküste in regel- 
rechtem bergmännischen Beirieb zu gewinnen, 
doch erst im Jahre 1875 hatte man nach manchem 
Mißerfolg damit Gelingen. Für Danzig und seine 
Umgegend fallen solche Versuche natürlich fort. 
In weiterer und geringerer Entfernung vom Strande, 
in geringer Erhebung über dem Meeresspiegel 
und auf den Höhen hat man mehr oder weniger 
tief im Diluvium und Alluvium nach dem Stein 
gegraben. Meist wurde ihm von 5 bis 6 Bauern, 
die ohne jede Kenntnis der Verhältnisse und ohne 
Führung ihr Glück versuchten, nachgespürt. Je 
nachdem sie auf Spuren von fossilem oder sub- 
fossilem Holz, Wurzeln und Bernstein trafen, folgten 
sie den gegebenen Spuren und gingen der sog. 
Ader nach oder sie wiederholten den Versuch an 
anderer Stelle (3, S. 12 — 14). Um in eine ge- 
nügende Tiefe hinabzukommen, legten sie aus 
Brettern in bestimmten Höhen abwech.selnd 
Bühnen an, von deren unteren der losgelöste 
Boden zu gegenüberliegenden nächst höheren be- 
fördert wurde. Bei der Willkür der Anlage ge- 
schah es verhältnismäßig oft, daß die Wandungen 
der Grube den Halt verloren und die Gräber 
verschütteten. Besonders auf den Höhen im Süd- 
westen von Danzig waren solche Anlagen früher 
in Betrieb bei Klein Kleschkau, Rosenberg, Klem- 
pin, im Bankauer Wald (sämtlich im Kreise Danziger 
Höhe) und — weiter abgelegen — in der Tucheier 
Heide (30, S. 50). Zaddach gibt eine ein- 
gehende Beschreibung von den ehemaligen Bern- 
steingräbereien beiSteegen und Leba im Alluvium, 
bei Gluckau (Danz. Höhe), Karthaus, Treten und 
Rohr (nördlich von Rummelsburg), sowie in der 
Tucheier Heide im Diluvium (36, S. 3 — 12). 

Die bekanntesten primitiven Bernsteingräbereien 
stehen mit denen Danzigs in einer gewissen Be- 
ziehung. Sie liegen am Südfuße des Uralisch- 
Baltischen Höhenzuges in den masurischen Kreisen 
Orteisburg und Johannisburg, im alten Sudauen, 
dort wo vor dem Rande der einstigen Inlands- 
eisdecke der gewaltige Sander beginnt und sich 
weit nach Polen hineinzieht: bei Orteisburg, 
Willenberg und Johannisburg. Der Stein kommt 
hier in zahlreichen Nestern in i — 3 m Tiefe vor; 
die Mächtigkeit der Bernstein führenden Schicht 
schwankt zwischen 0,3 und i m. Der meiste sog. 
„Blaue" oder „Russische Bernstein", der sehr hoch 
geschätzt ist, stammt hierher. Sein Abbau reicht 
mit Sicherheit bis in die graue Vorzeit zurück 
(15, S. 68, 69; 17, S. 41, 42). — Caspar Schütz 
(1592) erzählt, daß nicht weit von dort, wo jetzt 
Danzig steht, der Ort Wike gelegen hätte; in 
ihm hätten Fischer und Krüger in ziemlicher 
Anzahl gewohnt. Diese tauschten mit den „Su 



dawischen Preußen" seit alters Fische gegen Bern- 
stein aus (25, S. 7, 8). Es ist verhältnismäßig 
schwer zu verstehen, wie diese Handelsbeziehung 
zu denken ist, besonders wenn man sich vorstellt, 
daß der Transport wohl ausschließlich zur See 
erfolgen mußte, und dann für die Sudauer nichts 
näher lag, als von den nächsten Küstenbewohnern 
die Fische zu beziehen. Eine Aufklärung erfährt 
die gemachte Angabe dadurch, daß an der sam- 
ländischen Küste Danziger Fischer beschäftigt 
waren. Der Orden hatte ihnen nach der Erobe- 
rung des Landes das Sammelrecht im Jahre 1312 
abgetreten, später ging dieses (1342) an das 
Kloster Oliva über (33, S. 8), doch werden die 
mit dem Sammeln betrauten Leute von den Be- 
wohnern des Innenlandes wohl auch weiterhin als 
Danziger bezeichnet worden sein. Von Beruf 
Fischer, gaben sich diese dem Fischfang mit Eifer 
außer zu ihrer Ernähung hin, wenn in ruhiger 
Sommer- oder Winterzeit die See keinen Bernstein 
auswarf. Dann benutzten sie die gemachte Beute 
zu Handelszwecken und tauschten sie gegen den 
Bernstein der Sudauer im Binnenlande aus. Die 
Erträge der dortigen Gräbereien waren nicht un- 
bedeutend; sie betrugen noch zwischen 1812 und 
1838 durchschnittlich für eine Grube, an der 
6 Mann 5 Tage lang gearbeitet hatten, etwa 
45—100 Reichstaler (17, S. 42). 

Es muß hier bemerkt werden, daß man etwa 
2^/3 Jahrhunderte später bereits das Samland 
^Sambia) als den Sudauern gehörig ansah. Auri- 
faber (2, S. Cuj) gibt 155 1 an, daß an diesem 
Strande 7 Buchten (Wicken) seien. Je nach Ge- 
legenheit wehten die Stürme in die eine oder 
andere hinein und brächten Bernstein mit; eine 
Windrichtung allein käme nicht für alle in Be- 
tracht. Auch Wigand erwähnt (1590) das 
sudanische Gestade im Samland. 

Daß Bernstein als eine Harzbildung anzusehen 
ist, wurde bereits von Aristoteles, Plinius 
und Tacitus ausgesprochen. Die vielen bis ins 
feinste erhaltenen Einschlüsse weisen auf seine 
ursprünglich flüssige Beschaffenheit hin. Nadeln 
von Fichten, bzw. Tannen, Holzsplitter und andere 
Reste von diesen und von Laubbäumen, sowie 
weitere Reste aus dem Pflanzenreich sprechen 
dafür, daß er sich an der Luft und nicht im Boden 
bildete, besonders auch der Umstand, daß man 
Holz- und Rindenreste von ihm durchdrungen 
fand. — Dieser Auffassung gegenüber machte sich 
später um das Jahr 1563 eine andere geltend. 
Sie behauptete den mineralischen Ursprung und 
stützte sich darauf, daß Bäume, die den Bernstein 
hervorbrächten, nirgends anzutreffen seien und 
seine wahre Heimat im Schoß der Erde zu suchen 
wäre. Die Fabeln von den unterirdischen Höhen- 
rücken, die man in der Tiefe des Wassers zu 
sehen meinte, gaben dieser Ansicht eine gewisse 
Stütze. Man übersah dabei, daß das fossile Harz 
Körper umschloß, die sich nicht in der Erde oder 
im Meere, wohl aber in Wäldern mit Nadelhölzern 
bilden konnten. 



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Die Einschlüsse von Insekten sollten dadurch 
zustande gekommen sein, daß diese Tiere bei ein- 
tretender Kälte sich in den Boden verkröchen 
und während des langen Winterschlafes hier von 
einer Art Erdöl umflossen würden. In solche 
Tiefen, wo der Bernstein gefunden wird, vermögen 
aber die Insekten oft nicht vorzudringen. Bei dem 
trefflichen Erhaltungszustande dieser Einschlüsse 
muß man wegen ihrer Lage, Ausbildung und 
anderer Umstände ferner annehmen, daß sie nicht 
schlafend von der konservierenden Flüssigkeit um- 
sponnen wurden. Eine Erklärung für die voll- 
kommene Nichtachtung der Inklusen liegt darin, 
daß man sie lange Zeit als bloße Naturspiele ansah. 
Diese Auffassung wäre zu verstehen gewesen, 
hätte man andererseits nicht auf solche Einschlüsse 
Gewicht gelegt, die tatsächlich als Naturspiele be- 
zeichnet werden können: Es sind das Sprünge, 
die durch Spannungsunterschiede im Inneren des 
Bernsteins zustande kommen, meist goldig glänzen 
und bald wie Pflanzenreste, besonders wie Moose 
und Tange aussehen, bald an Federn erinnern 
oder die Form von Rosetten haben. Wo sie 
kreisrund sind, meinte man Schuppchen und 
Blättchen, sogar Münzen von Gold, wo sich ihnen 
Markasit infiltriert hatte, Erze in ihnen zu sehen 
(lo, S. 194, 217). Metall- und Erzproben konnten 
nur im Boden entstehen, und damit meinte man 
festgestellt zu haben, daß der Ursprung des Bern- 
steins nur dort gewesen sein könne. 

Weiteres Beweismaterial dafür, daß Bernstein 
nicht durch ausgeschwitztes Erdharz oder flüssiges 
Erdöl gebildet wurde, liefern die unzähligen Tropf- 
stücke, sowie die zapfenförmigen und schlaubigen 
Stücke; sie verlangen zu ihrer Entstehung, daß 
das Material, das sie bildete, sich — hängend oder 
aus einer Unterlage fließend — von oben nach 
unten bewegte. Die Möglichkeit zu derartigen 
Bildungen liegt in der Erde nicht vor. 

Später hat Linne in seiner „Reise durch 
Schonen" (6 II, S. 256) die Möglichkeit der Ent- 
stehung des Bernsteins aus Harz angedeutet, doch 
erst der Russe Lomonossow konnte in einer 
zu Petersburg vor der Akademie gehaltenen Rede 
(1757) klar und überzeugend zum Ausdruck bringen, 
daß Bernstein allein als fossiles Harz aufgefaßt 
werden könne. Erst hiermit kam es zu einem 
abermaligen Umschwung in der Auffassung von 
der Entstehung des Bernsteins, zurück zu der, wie 
sie vor fast 2 Jahrtausenden bereits von den Alten 
zum Ausdruck gebracht war. Auch hinsichtlich der 
Mutterpflanze kehrte man schließlich zu der An- 
nahme des Plinius zurück, daß Nadelhölzer allein 
in Frage kämen, nachdem man vorher an Eichen, 
Erlen, Ölbäume, Palmen, Pappeln, Weiden, Rham - 
n US- Arten und andere Gewächse gedacht hatte. 

Die Heimat des Bernsteins suchte man in 
Norwegen, Schweden, auf f)land, Gotland und 
anderen Inseln; man nahm sogar an, daß seine 
Mutterpflanze noch gedeihe. Dieser Auffassung 
war mit dem Zweifel zu begegnen, ob die Nadel- 
hölzer an den nördlichen Gestaden so viel Harz 



auszuschwitzen vermöchten, als von der preußischen 
See ausgeworfen würde. Ebensowenig war zu 
verstehen, wie der schwedische Bernstein in die 
Berge und über das ganze Land gekommen sei 
(6, S. 256). Auch Preußen, besonders das Sam- 
land, und unsere Ufer hat man als Entstehungs- 
stätte des Bernsteins angesprochen. Dort wo man 
keine Wälder fand , wies man sie aus früherer 
Zeit nach und gab auch den Grund für ihr Ver- 
schwinden an. Diesen Annahmen gegenüber 
sprachen sich Bock und John dahin aus, daß 
solche Wälder nur in der Einbildung beständen, 
daß Bernstein nicht überall dort gebildet werde, 
wo Nadelhölzer am Meeresufer gediehen, daß er 
aus Pflanzen hervorgegangen, die nicht mehr 
existierten, und daß seine Entstehung in die älteste 
Zeit zurückzuverlegen sei (6 II, S. 256, 257, 282, 
283, 295, 256; 14, S. 159). 

Vergleicht man den Charakter der Wälder 
allein in verschiedenen Teilen Deutschlands, so 
findet man, daß in den einen ein bestimmtes 
Nadelholz vorherrscht, in anderen je nach den 
äußeren Umständen wieder ein anderes; auch der 
Bernsteinwald muß eine örtliche Verbreitung ge- 
habt haben. Sein Boden bestand viele Jahrtausende 
hindurch, und sein durch Krankheitserscheinungen 
gesteigerter Harzerguß häufte von zahlreichen 
Baumgenerationen große Massen künftigen Bern- 
steins an. Er versank im Laufe der Zeit in die 
Fluten des Meeres und setzte während der Tertiär- 
zeit aus seinen Bestandteilen und den Harzmassen 
die Bernsteinerde ab. 

Die Lage des Bernsteinwaldes hat man fest- 
zulegen versucht. Nach Berendt und Klebs 
grünte er auf einem Festland, das sich südlich von 
Skandinavien etwa bis zum 55" nördlicher Breite 
hinzog und auch über das Gebiet der heutigen 
Ostsee erstreckte; teilweise lag er nördlich vom 
heutigen Samland. — Die hauptsächlichste Ab- 
lagerungsslelle für die Trümmer dieses Waldes 
ist die Blaue Erde des Samiandes, und dieses hat 
lange Zeit für die einzige Stätte gegolten, an der 
Bernstein auf primärer Lagerstätte abgesetzt war. 
Später konnte man die Tatsache feststellen, daß 
der nordische Bernstein sehr weit verbreitet ist, 
vorzugsweise in den Ländern, die der Ost- und 
auch der Nordsee benachbart sind; dabei gilt 
Norfolk in England als Westgrenze überhaupt, 
die Ostgrenze liegt nahe am Ural bei Kaltsche- 
dansk unweit Kamensk. .Auf Jütland und fast 
allen dänischen Inseln, einschließlich Bornholm, 
findet er sich im Diluvium, ferner kommt er auch 
in den schwedischen Provinzen Schonen und 
Halland, sowie auf der Insel Öland vor. Man hat 
ihn also wunderbarer Weise später dort antreffen 
können, wo man früher seine Heimat vermutete. 

Die weite Verbreitung und das massenhafte 
Vorkommen in manchen Gegenden lassen sich 
nicht allein durch einen längeren oder kürzeren 
Transport während der Eiszeit erklären, obgleich 
an mehreren Stücken deutliche Spuren einer solchen 
Wanderung in Form von Schrammen zu erkennen 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



95 



sind. Man muß annehmen , daß die bernstein- 
führenden Schichten früher eine größere Ver- 
breitung hatten. Grünsandschollen mit Bernstein, 
Grünsande, die nach ihrer Beschaffenheit mit dem 
Material des samländischen Oligocäns durchaus 
übereinstimmen, Anhäufungen von Bernstein an 
verschiedenen Orten in zentnerschweren Massen 
weisen darauf hin, daß sie einer Ablagerung ihren 
Ursprung verdanken, die nicht weit von ihrem 
Fundorte entfernt lag (9, S. 175, 176; 17, S. 41). 
Von den ursprünglichen Ablagerungen zur Tertiär- 
zeit sind später vom Inlandeise während des 
Diluviums mächtige Schollen aufgenommen, ver- 
schleppt und in die Grundmoräne übergegangen, 
aus der sie stellenweise hervorragen. Sie und 
zerstörte Schichten des vordiluvialen Untergrundes 
liegen dort vor, wo man mit Vorteil mittels 
Gruben Bernstein erbeutet. — Unteroligocäne 
Bildungen finden sich nahe bei Danzig in Nenkau 
und Schüddelkau (30, S. 42). 

Aus dem Gebiete der Pommerellischen Herzöge 
wissen wir, daß bereits vor der Ankunft des 
Ordens in Preußen eine Art Bernsteinregal aus- 
gebildet war. Sie erkannten, daß die Nachfrage 
nach ihm größer war als sein Bestand, und daß 
er damit ein bedeutender Handelsgegenstand 
werden würde. Deshalb verliehen sie an einzelne 
Untertanen das Recht des Bernsteinsammeins, 
während sie für sich selbst das Recht des Kaufs 
des gewonnenen Bernsteins ausbedungen hatten. 
Es waren das die ältesten F'ormen des Regals und 
Monopols, die sich mit geringen Abweichungen 
bis in die jüngste Zeit erhalten haben. — Die 
Schenkungsurkunde Conrads von Masovien (1230) 
und die kulmische Handfeste erwähnen Bernstein 
nicht, dagegen führen sie Gold und Silber, jede 
Art Erz oder Metalle und Edelsteine auf. Es war 
dem Orden, bevor er an die Eroberung Preußens 
ging, ohne Zweifel ganz unbekannt, ob sich im 
Lande Metalle auffinden ließen oder Bergwerke 
anzulegen seien. Er hatte sich deshalb von 
Kaiser Friedrich II. das Bergwerksrecht erteilen 
lassen und machte Kraft dieser kaiserlichen Ver- 
leihung in der Kulmer Handfeste die Auffindung 
der Metalle und Bergwerke als sein Regal geltend. 
Wo irgendwelche Funde an Metallen gemacht 
wurden, betrachtete der Orden deren Gewinn als 
sein gutes Recht. Deshalb behielten sich auch 
die Ordensgebietiger sowohl wie die Bischöfe in 
ländlichen Verschreibungen die Auffindung aller 
Metalle immer ausschließlich als Regal vor (34, 
S. 629). Die Eroberung der einzelnen Gaue des 
neuen Landes nahm vorläufig die ganze Tätigkeit 
des Ordens in Anspruch. Doch gleich nach der 
Erwerbung des Samlandes trat er in gleicher 
Weise, wie früher die Pommerellischen Herzöge, 
das Sammelrecht an einzelne seiner Untertanen 
ab, zuerst 1264 an den Bischof von Samland; 
13 12 kam das Vorkaufsrecht des Ordens hinzu. — 
Eigentümlich ist es, daß auch in den Schenkungs-, 
Verkaufs- und Verleihungsurkunden Pommerellens 
von den Herzögen Mestwin und Sambor von 



Pommern und Markgraf Waldemar von Brandeif- 
bürg aus der Zeit von 1266 — 13 10 der Bernstein 
nirgends ausdrücklich erwähnt wird. Man sicherte 
sich freilich die Bodenschätze, indem man sie aus- 
drücklich in solche unterschied, die über oder 
unter der Erde und im Wasser gefunden würden, 
und in solche, die jetzt oder in Zukunft gefunden 
würden (21, S. 176, 274, 282, 308, 353, 372, 373, 
388, 603). 

Die Geschichte des Bernsteinregals in Preußen 
ist von W. von Brünneck, H. L. Elditt 
und W. Tesdorpf behandelt worden. Auf das 
große Gebiet irgendwie näher einzugehen, ist hier 
nicht möglich. Soweit Beziehungen zu Danzig vor- 
liegen, sei erwähnt, daß Markgraf Albrecht 15 18 
mit Kauf leuten aus Königsberg, Danzig und Lübeck 
einen Vertrag abschloß, der von den Lieferungen 
des rohen Bernsteins an sie handelte (12, S. 585). 
Bemerkenswerter ist ferner der Kontrakt mit den 
Kaufleuten Jasky in Danzig und Genossen, der 
vom 18. Dez. 1533 bis zum 21. Febr. 1647 dauerte 
(12, S. 586—592). — Bei seinem Abschluß hatte 
man sich gedacht, daß er ewig währen sollte, 
doch stellten sich bald Schwierigkeiten heraus. 
Als nämlich die Ausbreitung der Reformation 
durch den verminderten Absatz des sog. geringen 
Steins zu Räucherwerk und zu Rosenkränzen die 
Pächter schädigte, scheinen sie trotz ihres Pfandes 
von 1000 Mark den Vertrag gekündigt zu haben. 
Der Markgraf schloß darauf einen anderen, setzte 
die Preise fest und versprach, daß diese fallen 
sollten, wenn die Kauflust noch mehr abnähme. 
Es war aber nicht vorgesehen, daß die Pächter 
eine größere Summe zu zahlen hätten, wenn der 
Bernstein im Preise stiege. Diese Unvorsichtigkeit 
rächte sich, als die in Peru entdeckten Silber- 
Minen Europa mit diesem Edelmetall überschütteten 
und dadurch den Wert des Geldes und die Preise 
der Waren sich änderten. Schließlich konnten 
die Unkosten der Verwaltung kaum gedeckt 
werden, und Markgraf Georg Friedrich behielt 
deshalb zuerst den groben, dann allen Bernstein 
zurück, um ihn an den Meistbietenden zu verkaufen. 
Die Jasken hatten aber vorsichtigerweise ihren 
Kontrakt vom König von Polen bestätigen lassen 
und kamen mit großer Beschwerde bei ihm ein. 
Von dem Kontrakt wollten sie nicht zurücktreten, 
da sie im Voraus bezahlt hatten und wegen ihres 
Bernsteinhandels, den sie bis in die Türkei, Persien 
und sogar bis Indien ausgebreitet und mit großen 
Kosten in vielen Städten eingerichtet hatten. Es 
kam zu einer neuen Vereinbarung, doch auch 
diese brachte nicht den gewünschten Vorteil für 
die Preußischen Fürsten. Der oft erwähnte Kon- 
trakt war Schuld daran, daß die Einnahmen sich 
von Jahr zu Jahr verschlechterten; in einigen 
Jahren überstiegen die Verwaltungskosten sogar 
die Einnahmen. Endlich gelang es dem Großen 
Kurfürsten unter Zahlung von 40000 Talern ihn 
zu lösen. Später kam es unter seiner Regierung 
bereits zu einem Kontrakt mit den Bernsteindrehern ■ 
in Danzig, die während der Zeit des Pachtvertrages 



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Naturwissenschaftlich e Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 7 



mit den Jaskis von diesen ständig und hart ge- 
drückt waren. — 

Früh setzte auch das Suchen nach der Heimat 
des Bernsteins ein. Die alte, von vielen Dichtern 
behandelte Fabel von Phaeton, der den Wagen 
mit den Sonnenrossen seines Vaters nicht zu 
lenken vermag und, von Jupiter mit dem Blitz 
erschlagen, in den Eridanus geschleudert wird, 
bot einen geeigneten Ausgangspunkt für Mut- 
maßungen der verschiedensten Art. IVIan hoffte 
den Ort ausfindig zu machen, wo die in Bäume 
verwandelten Nymphen den Tod ihres Bruders 
beweinten und Tränen aus Bernstein in den Fluß 
fallen ließen. 

Woher der Name dieses Flusses stammt, ist 
unbekannt. Vielleicht handelt es sich um eine 
phönizische und karthagische Bezeichnung, die 
übersetzt wurde. Als die Griechen sich mit ihrer 
Schiffahrt noch in den Anfängen befanden 
und sie nur in dem östlichen Teil des Mittel- 
ländischen Meeres betrieben, vermuteten sie den 
Eridanus im Westen, wohin die Schiffe der unter- 
nehmungslustigen östlichen Völker fuhren. Zuerst 
sah man ihn hauptsächlich im Po, dann im Rhone- 
strom. Hierher kam der Bernstein auf Handelsstraßen 
längs der größeren Flußläufe von Norden her. 
Später waren auch andere Gegenden im Norden 
des östlichen Miitelmeeres Ausmündungsstellen 
solcher Handelsstraßen (i6, S. 17, 18), auf denen 
Güter von Volk zu Volk südwärts weitergegeben 
wurden. Als man am Mittelmeer vergeblich nach 
Bernsteinbäumen Umschau gehalten hatte, die 
Griechen ihre Fahrten über das ganze Gebiet 
dieses Gewässers erstreckten und Carthager und 
Massilier sich über die Säulen des Herkules hinaus- 
wagten, verlegte man den rätselhaften Fluß in 
die nördlichen Teile von Europa. Von dem Eri- 
danus bei Athen um den ganzen Erdteil herum 
bis zur Düna hat man nach ihm gesucht. • — Was 
von der Geheimnistuerei phönizischer Seefahrer 
erzählt wird , ist nur mit Vorsicht zu glauben ; 
wahrscheinlich ist mit dem Namen gar keine be- 
stimmte Stelle gemeint, sondern nur ein Ort, an 
dem man je nach den Verhältnissen die Ware 
gewinnen konnte und dessen Bezeichnung sich 
auch auf andere weitererbte. 

Mehr Glück hatte man beim Suchen der 
gläßarischen Inseln oder Elektriden, die Britannien 
gegenüber im germanischen Meere liegen sollten. 
Nach vielen Bemühungen, bei denen man nicht 
davor zurückschreckte, sogar in Halbinseln diese 
Inseln wiederzuerkennen, fand man sie schließlich 
in denen , die sich längs der ganzen Westküste 
der jütischen Halbinsel hinziehen (19, S. 9, lO). 
Bei diesen Betrachlungen drängt sich immer stö- 
rend die Annahme in den Weg, daß Preußen 
allein das Bernsteinland sein könne; wenn seine 
geographische Lage den gestellten Forderungen 
nicht entsprach, so nahm man einfach an, daß sie 
in früheren Zeiten eine andere gewesen sei (13, 
S. 17, 18), und gab sich dem Glauben hin, daß 



die Phönizier auf ihren Fahrten trotzdem bis nach 
Preußen gekommen seien. 

Der Begründer der historischen Erdkunde und 
erste große Geograph vom alten Deutschland 
Philipp Clüver (Cluverius), geb. 1 580 in Danzig, 
dem ein anderes Vaterland des Bernsteins noch 
nicht bekannt war, sah die Werder in der Weichsel- 
mündung für die Elektriden der Alten und die 
kleine Radaune bei seiner Vaterstadt für den Eri- 
danus an. Die späteren stützten sich zum Teil 
auf seine Angaben, während andere sie zu wider- 
legen trachteten (7, S. 128, 137; 13, S. 18 — 24; 
19, S. 8, 9). Tatsächlich hatte seine Theorie sehr 
viel für sich : Die Werder werden im Lateinischen 
als „insulae" bezeichnet, vor ihrer Eindeichung 
während der Jahre 1283 — 1299 (6 1, S. 418. 419) 
bildeten sie ein „aestuarium", d. i. ein flaches Ge- 
lände, das zeitweise überspült wurde, dann wieder 
trocken lag; hier fand das Sinken und Steigen des 
Wassers freilich nicht täglich, sondern nur im 
Wechsel der Jahreszeiten statt. Hatte man bereits 
in der Weichsel den Eridanus vermutet, so lag 
es nahe, durch die Übereinstimmung in den Na- 
men Eridanus und Radaune eine Bestätigung für 
die Annahme zu sehen. Sicher haben die Fund- 
stellen für Bernstein gerade an der Mündung der 
Weichsel dazu beigetragen, in ihr und ihren Zu- 
flüssen den Bernsteinstrom der Fabel zu sehen. 
Man konnte vermuten, daß der Strom das kost- 
bare Material der See zuführte, die es dann an 
den Strand warf. Daß aber die Weichsel Bern- 
stein mit sich führt, wird von verschiedenen Schrift- 
stellern angegeben, so von Hartmann 1677 
(13, S. 26), Biörn 1803 (5, S. 32) und Aycke 
1835 (3, S. 12). Als Ort seiner Herkunft wird 
Polen genannt; doch auch das linke Stromufer 
könnte ihn geliefert haben, wo er reichlich im 
Boden verteilt ist und darauf hinweist, daß im 
nordwestlichen Teil Westpreußens tertiäre bernstein- 
führende Bildungen vorhanden gewesen sind oder 
noch vorhanden sein müssen. Durch die Diluvial- 
gletscher sind ungeheure Mengen von Tertiär auf- 
gewühlt, den Moränen einverleibt und durch die 
Schmelzwasser fortgeführt. Bernstein ist deshalb 
durch das ganze norddeutsche Diluvium verbreitet 
und kann überall in kleinen Mengen angetroffen 
werden. 

Noch ein anderer Danziger, der Sekretär des 
Rates Reinhold Curicke, versuchte in seiner 
Chronik (1687; S. 3, 34, 35) den Ruhm seiner 
Vaterstadt auf griechische und römische Schrift- 
steller zurückzuführen; wie Clüver in der Ra- 
daune, so wollte er in der Weichsel und der Ra- 
daune den Eridanus der Alten wiedererkennen. 
Einen Schritt weiter ging der Danziger Schöppen- 
meister Joh. Uphagen. Er griff die Fabel von 
der Fahrt der Phönizier bis nach Preußen auf und 
spann sie weiter aus. In seinen „Parerga historica" 
(1782) spricht er mit Stolz von seiner Vaterstadt; 
auch für ihn ist die Radaune zweifellos der sagen- 
hafte Eridanus, und eine angebliche Kolonie der 
Phönizier, Scurgon, verlegt er nach Heia. Diese 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Auffassung ist deshalb von Bedeutung;, weil sie 
zeigt, daß die Bernsteininseln für ihn nicht mehr 
in den künstlich umhegten Weichsel werdern ge 
sehen wurden, vielmehr in der Inselreihe, in welche 
die Halbinsel Heia wiederholt auf kurze Zeit zer- 
fallen ist. Durch Unterbrechungen, welche teils 
die Natur bei Überspülungen (Sturmfluten) und 
andererseits der Mensch hervorriefen, stellte sie 
sich gelegentlich als aus mehreren Einzelinseln 
zusammengesetzt dar. — Nordstürme füllen die 
Durchlässe zwischen ihnen mit Wasser, bei ruhiger 
See sind sie mit Sand gefüllt. Der Sandstrom, 
der im Wasser an der Küste entlang läuft, und 
Flugsand schließen solche Durchbrüche jedesmal 
kurz nach ihrer Entstehung. 

P. Sonntag führt 20 ältere Karten von Heia 
an; von ihnen stellen 6 Heia als Inselreihe dar, 
und von diesen weisen 4 je 5 und 2 je 6 Durch- 
lässe auf. Er berichtet sogar über einen Plan, der 
von Großendorf bis Putziger Heisternest 45 Unter- 
brechungen aufweist und aus dem Jahre 1694 
stammt (19, S. 17; 29, S. 36, 37, 39, 40 ; 3i,S. I2b*). 
Es ist wohl anzunehmen, daß die Teilstücke, die 
sich bei Nordwinden immer wieder zeigen, bei 
Uphagen den Gedanken wachriefen, in ihnen 
lägen die Elektriden vor. 

Der Elbinger Arzt Nath. Sendel vertritt 
ebenfalls die Meinung, daß Preußen das alte Bern- 
steinland sei. Aus seinen Schriften zeigt sich, daß 
•er noch vollständig unter dem Banne der Auto- 
rität von Albertus Magnus steht, der die 
Entstehung des Bernsteins unter der Erde sich 
abspielen läßt. — 

In dem Zeitraum seit den ältesten Zeiten bis 
zum Einfall der Sarazenen in Europa (642) haben 
mehr als 33 Schriftsteller über die Entstehung 
dieses Minerals Angaben gemacht. Von ihnen 
sind 25 für seine Herkunft aus dem Pflanzenreich, 
3 aus dem Tierreiche; 5 lassen ihn auf andere 
Weise gebildet werden: aus dem Meeresschaum, 
durch Einwirkung der Sonne auf das Meer oder 
dessen Schlamm oder als ein Produkt der Erde 
(Plato). Die Auffassung von seiner vegetativen 
Natur überwiegt also die anderen um mehr als 
das Dreifache. 

Im Jahre 1563 sprach Albertus Magnus 
in seinem Werke „De rebus mineralibus et rebus 
metallicis" die Ansicht aus, daß das Succinum 
eine Art Gagat oder Katabre sei. Es werde an 
das Meeresufer Libiens oder Britanniens und Teu- 
toniens angespült; vorzugsweise finde er sich in 
England. Diese Meinung des großen Gelehrten, 
daß Bernstein eine Art Gagat sei, wurde für die 
Folge herrschend; sie gab u. a. zu dem Glauben 
Veranlassung, daß es auch schwarzen Bernstein 
gebe (14, S. 45, 46, 188, 199). — Bis zur Rede 
des Mineralogen Lomonossow im Jahre 1757 
und Bocks eingehenden „Versuch einer kurzen 
Naturgeschichte des preußischen Bernsteins und 
einer neuen wahrscheinlichen Erklärung seines 
Ursprungs" im Jahre 1767, die überzeugend für 
die Herkunft des Bernsteins aus dem Pflanzen- 



reiche eintraten , zähle ich 48 weitere Arbeiten, 
die Angaben über seinen Ursprung machen. Der 
Persönlichkeit des Albertus Magnus ist es 
wohl zuzuschreiben, daß sich seit dem Mauren- 
einfall nur 13 Schriftsteller für den vegetativen, 
dagegen 29 für den fossilen Ursprung entscheiden, 
während die 6 anderen ihn aus dem Meeres- 
schaum, der Fettigkeit der See, aus dem Schaum 
von Walen und Seehunden, in Fischen und aus 
dem Honig entstehen lassen. Sieht man von 
diesen zuletzt genannten vereinzelten Hypothesen 
ab, so findet man, daß die Zahl der Anhänger 
einer mineralogischen Entstehungsart um das 
Doppelte die für eine pflanzliche überwiegt. 

Sendel kam durch eigenartige Umstände 
dazu, von seiner ursprünglichen Auffassung abzu- 
weichen. Er wurde mit der Beschreibung der 
großen Bernsteiijsammlung betraut, die August 
der Starke im Dresdner „Grünen Gewölbe" auf- 
bewahrte, und die später ein Raub der Flammen 
wurde. In seinem berühmten Werke „Historia 
succinorum Corpora aliena involventium" beschreibt 
er sie nach dem Stande des damaligen Wissens 
(1742) und bildet viele Stücke ab (17. S. 48; 18, 
S. 218). Für uns ist es von besonderem Inter- 
esse, daß die Sammlung wohl ausschließlich aus 
Danziger Erwerbungen hervorgegangen ist und 
daß Sendel sich bei der Abfassung seines Werkes 
vielfach mit Danziger Gelehrten in Verbindung 
setzte und auf ihre Ansichten Bezug nahm. 

Der Orden hatte das Verbot erlassen, daß kein 
Bernsteindreher oder Ankäufer sich am Strande 
blicken lassen dürfe; dieses wurde später auf alle 
herumziehenden Geweibetreibenden, ja sogar auf 
Spaziergänger ohne Paß ausgedehnt und mit 
Strafen belegt. Um Diebstahl und Betrügereien 
zu unterbinden, suchten der Orden und die ersten 
deutschen Herzöge die Bernsteinzünfte möglichst 
weit vom Fundorte des Materials fern zu hallen. 
Es ist deshalb kein bloßer Zufall, wenn sie erst 
langsam mit der Zeit von Westen nach Osten 
vorrückten. Von der ältesten in Brügge schritt 
ihre Entstehung über Lübeck weiter nach Siolp, 
Kolberg, Danzig, Elbing nach Königsberg. — 
Erst nach dem Niedergang der Blüte des Ordens 
ertrotzte die Stadt Danzig etwa um 1477 sich das 
Recht, eine eigene Bernsteindreherzunft zu haben. 
In Königsberg wurde erst etwa 200 Jahre später, 
1641 , eine solche vom Großen Kurfürsten ins 
Leben gerufen. Trotzdem nahe bei Königsberg 
das eigentliche Bernsteinland ist und trotz seiner 
Universität trat es erst später in den Vordergrund 
(33. S. 9, 21, 23, 24, 35, 36). Danzig besaß in 
früherer Zeit außerdem dadurch hohe Bedeutung, 
daß es eine Zeillang Vorort für die Zünfte Stolp, 
Kolberg und Elbing war. 

Als Sendel das Dresdener Bernsteinkabinett 
beschrieb, ließ er sich besonders von dem Dan- 
ziger Stadtsekretär Klein teils Originalstücke, 
teils Zeichnungen nach Dresden schicken. Ferner 
benutzte er Stücke von verschiedenen anderen 
Danziger und von Königsberger Naturforschern. 



96 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXL Nr. 7 



Die seinem Werke auf Tafeln beigegebenen Kupfer- 
stiche stellen die seltensten Stücke aus dem 
Dresdener Schatz in natürlicher Größe dar; die 
Zeichnungen für sie stammen von der Hand eines 
Danziger Schulmanns (6 II, S. 630 — 632). — Wie 
sehr er davon überzeugt ist, daß das Material zu 
seiner Arbeit am Strande Preußens oder bei 
Danzig selbst entstanden ist, geht aus verschie- 
denen Angaben, besonders solchen für die Pflanzen, 
hervor. Diese konnten — wie er meint — nur 
dann eingeschlossen werden, wenn sie in größter 
Nähe des Meeres, zum wenigsten auf preußischem 
Boden gedeihen; fremdländische oder auch nur 
wenig vom Ufer entfernte seien nur selten einge- 
schlossen gefunden; sie müssen von den Wogen 
ans Ufer geworfen oder von heftig wehenden 
Winden aus der Nähe herangetrieben sein. Dabei 
sei es nicht immer notwendig, daß die weiche 
Bernsteinmasse auf sie falle; die Pflanzenteile 
könnten auch auf sie hinaufgeweht und von neu 
hinzukommender Substanz eingebettet werden. — 
Bei den eingeschlossenen Pflanzenresten ist von 
Buchsbaum die Rede, der in Preußen häufig vor- 
kommt, von Coronilla herbacea, die in den Hecken 
oft angetroffen wird (satis familiaris), oder von 
Onobrychis secunda, die auch in Preußen daheim 
sei. In einem anderen Stück sieht er ein Laser- 
kraut {LaserpUium dancoldcs pniloüctini), das 
von seinem Mitarbeiter, dem Arzte Dr. Joh. 
Philipp Breyn in Danzig, zuerst beschrieben 
wurde und bei dem Dorfe Zoppot, in der Nähe 
von Danzig, vorkommen sollte. Einen anderen 
Einschluß hielt er mit Klein für einen Rest des 
am Ufer gedeihenden Mauerpfeffers (28). 

Wie früher bereits Hartmann hielt Sende 1 
den Bernstein und das oft mit ihm zusammen 
auftretende fossile Holz für mineralischen Ursprungs 
und glaubte, daß es noch jetzt wie von Anfang 
der Welt an entstehe. Gebildet sollte der Bern- 
stein werden aus Vitriol, Schwefel und Erdharzen, 
wie sie in Gängen und Klüften der Erde vorhan- 
den seien ; den Anstoß zu seiner Bildung sollten 
feine Dünste, Geister, Rauch und Ausdünstungen 
geben, die, von der Luft oder den Sonnenstrahlen 
in Bewegung gesetzt, sich mit dem Samen ver- 
dichteten, der zur Bildung erforderlich und in der 
Erde enthalten sei. — Statt der früher geäußerten 
Auffassung, daß Insekten in die Erde kriechen 
müßten, um vom Bernstein umhüllt zu werden, 
äußert Sendel sich bereits dahin, daß sie — wie 
auch Pflanzen und ihre Teile — in zutage tretende 
harzige Adern geweht wurden. Hatte er durch 
diese Annahme den Gegensatz und die Schwierig- 
keit beseitigt, der bisher zwischen der Bildung 
von Tier- und Pflanzeninklusen bestand , so 
machte ihm nun die Bildung der Tropfen und 
Schlauben des Bernsteins weitere Mühe. Um 
sie zu deuten, mußte er annehmen, daß eine 
Bewegung der Bernsteinsubstanz von oben nach 
unten möglich sei, und, um ihre ungehemmte 
Ausbildung zu erklären, daß die Berge, in denen 
sie entstanden, durch Risse geborsten seien. Diese 



Annahmen sind um so interessanter, als sie in der 
Zeit eines Lomonossow (1727) gemacht wur- 
den und es nur noch eines kleinen Schrittes be- 
durfte, um zur Auffassung der Alten zurückzu- 
kehren. Der an einem Nadelbaum hernieder- 
fließende und tropfende Balsam bot bequem die 
Möglichkeit, alle Fragen zu beantworten, die sich 
auf die Bildung von tierischen und pflanzlichen 
Einschlüssen, von Tropfen und schlaubigen Flüssen 
bezogen. 

Im Jahre 1803 brachte der Königl. preuß. 
Kammer - Kommissionsrat und Oberplantagen- 
Inspektor Sören Biörn in Danzig ejne weitere 
Erklärung für die Entstehung des Bernsteins, die 
von Wäldern mit Nadelbäumen ihren Ausgang 
nahm. Von der See aus stieg nach ihm bis zu 
den Gebirgsketten der Karpathen das Land lang- 
sam empor. Frühzeitig bedeckten sich die oberen 
Teile mit Waldungen, vorzugsweise mit Nadel- 
hölzern; von ihnen wurden ganze Strecken zu 
Siedelungszwecken und aus anderen Gründen 
niedergebrannt. Dabei träufelte sehr viel Harz 
aus den Bäumen; die zur Ostsee führenden Ge- 
wässer, die noch keine eingeengten Flußbetten 
hatten , rissen Waldboden und Bäume mit Harz 
zeitweise los und führten das letztere mit sich 
fort. In der See wurde es von dem aufgewühlten 
Sande verschüttet und von heftigen Stürmen mit 
dem zerbröckelten Holz an die Küste geworfen, 
bei umspringendem Wind aber wieder fortgeführt. 
So gelangte es mit Holz, Erde und Sand in 
früheren Zeiten durch die Mündungen der Flüsse 
in die damals mehr landeinwärts gelegenen 
Meeresbuchten der Ostsee. Die Ströme, die vor- 
zugsweise in Frage kommen, „fließen bei Danzig 
herab, nämlich die Weichsel, und die sich kurz 
vor dem Ausflusse derselben darin ergießende 
Radaune (der sog. Eridanus)" (5, S. 52). 

Auf diese Weise erklärt Biörn die Bildungs- 
möglichkeit des Seebernsteins und des gegrabenen 
Steins. Da er nach Überschwemmungen an den 
Ufern Stücke von diesem Material gefunden hat, 
ist für ihn die Richtigkeit seiner Annahme be- 
wiesen. Interessant ist es, wie er der Schwierig- 
keit ausweicht, das Fehlen der Stämme von den 
Bernsteinbäumen zu erklären. Er läßt sie an 
ihrem Entstehungsoft verbrennen , den Rest der 
See zuführen und hier durch die Brandung zer- 
bröckeln. Die schwarze Farbe der ausgeworfenen 
Holzstücke stützt seine Auffassung. Durch den 
Waldbrand vermag er ferner zu erklären, wie es 
möglich war, daß Bernsteinstücke von oft so er- 
heblicher Größe entstanden, wie sie heute aus 
Harz in unseren Waldungen nicht angetroffen 
werden. Aus „historisch- geographischen" Gründen 
spricht sich bereits Joh. Gottfr. Haße in den 
letzten Jahren des i8. Jahrhunderts für die Mit- 
wirkung von Bränden aus ; ausschlaggebend war 
für ihn freilich die Phaeton-Sage, nach der der 
Sonnen wagen den Erdkreis in Flammen setzte. 

13 Jahre nach Biörn veröffentlichte der Le 
gationsrat von Struve in Leonhards Jahrbuch 



N. F. XXI. Nr. 7 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



'^7 



(14, S. 122, 123) eine weitere Ansicht über die 
Entstehungsart des Bernsteins. Er lebte in Danzig 
und wandte hier der Entstehungsart des Natur- 
körpers sein Interesse zu. In Anlehnung an die 
Auffassung des Jenenser Professors John war er 
der Meinung, daß Bernstein aus Tannenharz ent- 
stehe; es war ihm das hinreichend dadurch er- 
wiesen , daß in ihm „Tannenzapfen und Tannen- 
haar" gefunden würden. — Seine Theorie knüpft 
an die großen Waldungen von Tannen an , die 
sich am Danziger Strande fänden. Das Harz aus 
ihnen bahne sich mittels seiner Schwere auf den 
schwach geneigten Ufergelände seinen Weg ins 
Meer. Diese Bewegung gehe besonders im Som- 
mer gut von statten, wenn der Sand heiß und 
deshalb trocken sei. Gelangte er ins Meer, so forme 
er sich dort nach verschiedenen Zufälligkeiten 
und erhalte unter der Wirkung des reibenden 
Sandes mit der Zeit seine Glätte, bleibe er unter- 
wegs hängen, so erhalte er im Boden eine Kruste. 

Es ist von S t r u V e entgegnet, daß dieser Auf- 
fassung verschiedenes entgegengehalten werden 
könne, u. a., daß der Bernstein sich noch heute 
auf diesem Wege erzeugen müsse, wie er es vor 
langen Zeiten getan hätte. Entstände er aber 
noch heute so , dann müßten sich an ihm alle 
möglichen Übergänge nachweisen lassen, von der 
Weichheit des ausgeflossenen Harzes bis zur 
Härte des fertigen Bernsteins. — Dieser Einwurf 
ist unberechtigt, wenn man daran denkt, daß in 
früheren Zeiten das Vorhandensein von weichem 
Bernstein mit Sicherheit angenommen wurde. 
Sendel widmet ihm in seiner 2. Abhandlung 
(missus secundus) eine eingehende Besprechung, 
als er die ursprünglich weiche Beschaffenheit 
des Bernsteins beleuchtet (27, S. i — 20). Er 
berichtet, daß er ihn häufig genau betrachtet und 
verschiedene Grade der Härte an ihm wahrge- 
nommen habe. Auch John behandelt den flüssi- 
gen und teigigen Bernstein eingehend (14, S. 268 
bis 278) und gibt gleiche Resultate, ebenso Bock 
(6 II, S. 187 — 195). Nach ihm kann man an ein 
und demselben größeren Stück verschiedene Härte- 
stufen wahrnehmen (6 II, S. 192, 193). Eine Er- 
klärung hierfür ergibt sich durch die Betrachtung, 
daß mit dem Fortschreiten der Verwitterung die 
Härte zunimmt; selbstverständlich ist hierbei von 
keinem Mineral teigiger Beschaffenheit die Rede. 
Auch Pfannenschmidt in Danzig gibt noch 
vor 30 Jahren an, daß hin und wieder unter dem 
Bernstein Stücke gefunden wurden, die eine ziem- 
lich weiche, fast gummiartig elastische Beschaffen- 
heit besäßen, während ihre chemische Beschaffen- 
heit der des Edelharzes sehr nahe käme (22, S. 67). 
Kopal- und Harzstücke werden nun aber am 
Ufer, besonders an Strommündungen öfter auf- 
gelesen und als Bernstein angesehen ; sie stammen 
wohl aus Schiffsladungen her. Auch Bock weiß 
von derartig kolophonähnlicher Substanz zu be- 
richten (611, S. 258, 259). 

Die ersten Mitteilungen von solchem weichen 
Bernstein sind recht alt. Von dem ersten Bern- 



steinherrn, der an der Küste für den Orden die 
Aufsicht über den Stein führte, Hermann von 
Arsenberg, wird erzählt, daß er in der Zeit, 
als Herzog Luderus von Braunschweig 
Hochmeister war, einen Versuch mit solchem 
weichen Material anstellte. Er drückte einen 
Zettel mit näheren Angaben hinein und warf es 
wieder in die See. Das Stück soll, wie die Fabel 
erzählt, im Jahre 1498, zu vollkommenem Bern- 
stein erhärtet, wieder aufgefischt sein (12, S. 579). 
— Wie sehr man sich mit dieser Angelegenheit 
beschäftigte, geht aus einer anderen Legende her- 
vor, in der man die weiche Harzmasse mit dem 
Danziger Sternkundigen Hevelius in Beziehung 
bringt. Am Strande zwischen Danzig und Königs- 
berg soll er ein wachsweiches Stück Bernstein 
gefunden und seinen Siegelring darin abgedrückt 
haben. Das Stück diente ihm später als Beweis- 
stück dafür, daß der Stoff des Bernsteins ehemals 
weich gewesen sei; dann soll das Stück nach 
England geschickt und dort Neugierigen als große 
Seltenheit gezeigt worden sein (24, S. 177). — 
Von größerer Bedeutung ist eine Notiz, nach der 
eine Gesellschaft junger Leute von Danzig nach 
Heia fuhr und unterwegs neben ihrem Boote eine 
klebrige Masse schwimmend fand, die für weichen 
Bernstein gehalten wurde (6 II, S. 192). Von be- 
sonderem Interesse hierbei ist der Umstand, daß 
der angetroffene Körper schwamm , also ein ge- 
ringeres spez. Gewicht als das Meerwasser hatte. 
In dieser Hinsicht würde er mit dem sog. unreifen 
Bernstein übereinstimmen, der von G. Berendt 
und H. Spirgatis (4; 32) untersucht und als 
gleich mit der als Krantzit bezeichneten Bernstein- 
art ermittelt wurde. 

Über die Entstehung unseres Edelharzes be- 
richtet im Jahre 1835 auch Aycke in seinen 
„F'ragmenten zur Naturgeschichte des Bernsteins", 
nachdem er 14 Jahre vorher die Pacht des Bern- 
steinsammelns am Danziger Seestrande übernom- 
men und eine reiche Sammlung von typischem 
Belegmaterial zusammengebracht hatte. Er knüpft 
an die Beobachtung der Landleute und Bernstein- 
gräber an, daß Nester von Bernstein unter den 
Wurzeln umgerissener Fichtenstämme angetroffen 
sein sollen. Er selbst hat an ausgegrabenen 
Wurzelstöcken und in den Gruben, aus denen 
sie geholt waren, Bernstein nicht wahrnehmen 
können, dagegen aus anderen Gruben des Berna- 
dower Forstbezirks, unweit Gr. Katz bei Danzig, 
Bernsteinnester mit Wurzelfasern erhalten, ohne 
ihre Abstammung erkennen zu können. — Nach 
Phil. Jac. Hartmann berichtet Agricola 
von ähnlichen Bildungen aus der Nähe des Klosters 
Oliva ; er bezeichnet das Material der Stücke frei- 
lich als Bitumen (13, S. 39, 40). 

In den Bernsteinwäldern sonderte sich — nach 
Aycke — Stammharz ab, der Überfluß wurde 
der Wurzel zugeführt. Eine Erdrevolution zer- 
störte sie, wühlte ihre Wurzeln aus dem Boden 
und zerstreute sie nebst Stämmen und Harz i« 
dem neu aufgeschütteten Lande. Die tieferliegen-. 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 7 



den Wurzelfasern blieben mit ihren Produkten in 
dem teilweise unberührten Boden zurück, über 
den sich neue Schichten ablagerten. Die fossilen 
Holztrümmer und vereinzelte Bernsteinstöcke fin- 
den sich deshalb nur zerstreut in den obersten 
Erdschichten der jüngsten Formation und enthalten 
oft Spuren ihres vegetativen Ursprungs. Wo die 
Wurzeln in größerer Tiefe vorkommen, sind ,, Holz- 
splitter und Insekten nie, wohl aber Wurzelreste, 
festere Erdteile, Sumpfeisen und Kiesel-Konglo- 
merate" (! 1) in dem fossilen Harz eingeschlossen. 
Von dem gegrabenen Bernstein ist ein Teil unter 
der Erde ausgeflossen und erhärtet und beim 
öffnen der Grube zum erstenmal ans Tageslicht 
gelangt. Man sollte annehmen dürfen, daß heftige 
Winde gewöhnlich nur den Bernstein ans der 
See hervorbrächten, der früher an den Stämmen 
und Ästen der Bäume ausgeflossen ist oder in 
ihrem Inneren sich ansammelte. Die stärksten 
Stürme griffen dagegen bis in die tieferliegenden 
Wurzeln und den unter ihnen liegenden Stein 
herunter und brächten ihn ans Ufer (3, S. 25, 31, 
32, 33, 60). Nach dieser Auffassung müßten die 
Stämme der ursprünglichen Bernsteinbäume heute 
noch auf dem Boden der See vorhanden sein. 
Doch sind sie freilich bis heute noch nicht nach- 
gewiesen worden. Schon früher ließ man sie 
durch Waldbrände zugrunde gehen oder später 
— sogar noch 1889 — beim Untergang des 
Bernsteinwaldes ins offene Meer hinaustreiben und 
verschwinden (16, S. 12), während der Bernstein 
sich in der Nähe des fortgespülten Landes ab- 
setzte. 

Conwentz hat schließlich in seiner „Mono- 
graphie der Baltischen Bernsteinbäume" (1890) 
gezeigt, weshalb man die Stämme aus jenen 
Wäldern der Vorwelt nicht aufzufinden vermöchte 
(8, S. 143): Durch allmähliches Zusammentrocknen 
entstehen im toten Holz Risse. Saprophyten be- 
wirken in Gemeinschaft mit atmosphärischen 
Niederschlägen und mit Wärme eine immer 
stärkere Zersetzung und Zerstörung, so daß 
schließlich ein Nährboden entstand, auf dem an- 
dere Pflanzen zu keimen und sich zu entwickeln 
vermochten. Hinzu kam die Tätigkeit von Insekten, 
die das Holz annagten, ihre Gänge darin anlegten 
und darin verbreiteten. Auf physikalischem und 
chemischem Wege wurde die Zerstörung des 
Holzes so immer weiter geführt, bis es in größere 
und kleinere Teilchen zerlegt war. die mit tieri- 
schen und pflanzlichen Resten den Mulm des 
Waldbodens ausmachten. 

Tropfte Bernsteinbalsam auf ihn hernieder, so 
durchtränkte er ihn und bildete Stücke, die mit 
Verunreinigungen erfüllt und deshalb wenig an- 
sehnlich sind. Diese Bildung ergibt den sog. 
Firniß des Handels, der nur zur Herstellung von 
Lacken Verwendung findet. 

Die bis hier erwähnten Schriften sind nicht 
die einzigen, welche die Heimat, die Entstehung 
und das Vorkommen des Bernsteins bei Danzig 
behandeln ; viele andere Autoren kommen bei 



der einen oder anderen Gelegenheit auf diese 
Frage zu sprechen, aber die aufgeführten sind die 
wichtigsten. Mit dem Jahre 1845, als Georg 
Carl Berendt sein Werk über „die im Bern- 
stein befindlichen organischen Reste der Vorwelt" 
herauszugeben begann, hat man den einen oder 
anderen bisher zweifelhaften Punkt näher beleuchtet 
und manche noch vorhandene Lücke zu füllen 
gewußt. Dies gelang immer mehr und in um- 
fassenderem Maße, als die Phys. Ökonom. Gesell- 
schaft in Königsberg wissenschaftlich zu sammeln 
und auf weite Kreise anregend zu wirken begann. 
In edlem Wettstreit mit Ostpreußen hat West- 
preußen und besonders Danzig das Wissen vom 
Bernstein weiterzuführen und abzuschließen ge- 
sucht und dabei die Erkenntnis gewonnen, daß 
jede gelöste Frage zu vielen weiteren Veranlassung 
gibt, die der Beantwortung harren. 

Beuutxte Literatur. 

I. Abel, Olhenio, Die Tiere der Vorwelt. Aus Natur 
und Geisteswrlt, Bd. 399; 1914. 

2 Aurifaber, Andreas, Succini historia. Ein kurtzer 
gründlicher Bericht, woher der Agisiein oder Börnstein vr- 
sprünglich komme usw. Königsberg 1551. 

3 Aycke, Joh. Chr., Fragmente zur Naturgeschichte 
des Bernsteins. Danzig 1835. 

4. Berendt, G., Unreifer Bernstein. Schrift, d. phys.- 
ökun. Ges. zu Königsberg i. Pr,, Bd. 13, 1872, S. 133—135. 

5. Biörn, Sören, Bemerkungen über die vormalige und 
gegenwärtige Lage und Beschaffenheit der preufiischec und 
danziger südbaltischen Ufer usw. Danzig 1803. 

6. Bock, Friedrich Samuel, Versuch einer wissen- 
schaftlichen Naturgeschichte von dem Königreich Ost- und 
VVestpreuSen. Dessau; Bd. i, 1782; Bd. 2, 1783. 

7. Clüver, Philipp, Germaniae antiquae libri tres. 
Lugduni Batavorum 1616. 

8 Conwentz, H., Monographie der Baltischen Bern- 
steinbäume. Danzig 1890. 

9. Conwentz, H., Über die Verbreitung des Succinits, 
besonders in Schweden und Dänemark. Schrift, d. Naturf. 
Ges. in Danzig. N. F. Bd. 7, Heft 3. Danzig 1890, S. 165 
bis 176. 

10. Dahms,Faul, Verwitterungsvorgänge am Bernstein. 
Min. Unters, über Bernstein XI. Schrift, der Naturf Ges. in 
Danzig. N. F. Bd. 13, Heft 3/4. Danzig 1914, S. 175 243. 

II. Dcwischeit, F., Bericht über einen Brrnsteirfund- 
ort in Masuren. Preuß. Prov.-Bl. Königsberg i. Pr., Bd. 26, 

184I, S. 195 - 300. 

12. Elditt, H. L., Das Bernsteinregal in Preu8en. Alt- 
preuß. Monatsschrift. Königsberg i. Pr., Bd. 5, 1868, S. 577 
bis 611, 673— bqS; Bd. 6, 1869, S. 432—462; Bd. 8, 1871, 
S. 385-426. 

13. Hartiuann, Phil, jac, Succini prussici physica et 
civilis hisioria etc. Francofuni 1677. 

14. John, J. F., Naturgeschichte des Succins, oder des 
sog. Bernsteins. I. Teil. Köln 1S16. 

15. Kaunhowen, F., Der Bernstein in Ostpreußen. 
Jahrb. d. Königl. Preuß. Geol. Landesanstalt für 1913, Bd. 34, 
Teil 2, Heft 1. Berlin 1913, S. 1 — 80. 

16. Klcbs, Richard, Aufstellung und Katalog des 
Bernsteinmuseums von Stantien und Becker, Königsberg i. Pr. 
Nehsl einer kurzen Geschichte des Bernsteins. Königsberg 
1889. 

17. Klebs, Richard, Der Bernstein und seine Bedeu- 
tung für Ostpreußen. Königsberg in der Naiurforschung und 
Medizin. Königsberg i. Pr. 1910, S. 38 — 52. 

iS. Klebs, Richard, Über Bernsieineinscblüsse im 
allgemeinen und die Colcoptcren meiner Bernsteinsammlung. 
Schrift, d. phys.-ökon. Ges. zu Königsberg i. Pr. Jahrg. 51, 
Heft I. Leipzig und Berlin 191 1, S. 217 — 242. 

19. 1-ohmeyer, Karl, Ist Preußen das Bernsteinland 



N. F. XXI. Nr. 7 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



99 



der Alten gewesen? Altpreuß. Monatsschrift Bd. 9. Königs- 
berg i Pr. 1872, S. I — 17. 

20. Perlbach, M., Preußische Regesten bis zum Aus- 
gang des 13. Jahrhunderts. Alipreuß. Monatsschrift. — 1874, 
Bd. II, S. 1—32, 97—128, 326—348, 385—432, 546—572, 
609—624 und 1875, Bd. 12, S. 1—26, 97 — 144, 193 — 216, 
3>9— 344. 385— 42S, 577—645. Königsberg 1876. 

21. Perlbach, M. , Pommerellisches Urkundenbuch. 
Danzig 1882. 

22. Pf annenschrai d t, Ed., Über Bernstein usw. Mün- 
chen (ohne Jahreszahl). 

23. Roy, C. VV. van, Ansichten über Entstehung und 
Vorkommen des Bernsleins, sowie praktische Miuheilungen über 
den Werth und die Behandlung desselben als Handelswaare. 
Danzig 1S40. 

24. Rzaczynski, Gabr. , Historia naturalis curiosa 
regni Poloniae, magniducatus Lituaniae, annexarumque provin 
ciarum etc. Sandomiriae 1721. 

25. Schütz, Caspar, Historia rerum prussicarum etc 
Zerbst 1592. 

26. Schuster, Julius, Hundert Jahre Phytopaläonto 
logie in Deutschland. Naturw. Wochenschr. N. F. Bd. 20 
Nr. 21, S. 305—310. 

27. Sendel, Nathan, Electrologiae per varia tenta 
mina faistorica et physica cnntinuandae missus secundus etc 
Elbingae 1726. 



28. Sendel, Nathan, Historia soccinorum corppra 
aliena involventium. Lipsiae 1742. Pars II, Cap. I, S. 264 
bis 277. 

29. Sonntag, P., Heia, die Frische Nehrung und das 
Haff. Schliff, d. Naturf. Ges. in Danzig. N. F. Bd. 14, 
Heft I. Danzig 1915, S. 32 — 59. 

30. Sonntag, P. , Geologie von Westpreußen. Berlin 
1919. 

31. Spiegel, V., Heia. 26. und 27. Ber. des Westpr. 
Bot.-zool. Vereins. Danzig 1905. S. 126* — 143*. 

32. Spirgatis, H., Über die Identität des sog. unreifen 
Bernsteins mit dem Krantzit. Schrift, der phys.ökon. Ges. 
zu Königsberg i. Pr. Bd. 13, 1872, S. 136—137. 

33. Tesdorpf, W., Gewmnung, Verarbeitung und Han- 
del des Bernsteins in Preußen usw. Staatswissenschafiliche 
Studien. Bd. i, Heft 6. Jena 1887. 

34. Voigt, Johannes, Geschichte Preußens, von den 
ältesten Zeiten bis zum Untergänge der Herrschaft des deut- 
schen Ordens. Bd. 6. Königsberg 1834. 

35. Wigand, Joh., Vera historia de succino bonissico 
etc. Jrnae 1590. 

36. Zaddach, E. G. , Beobachtungen über das Vor- 
kommen des Bernsteins und die Ausdehnung des Tertiär- 
gebirges in Westpreußen und Pommern. Schrift, d. Königl. 
phys.-ökon. Ges. zu Königsberg, Jahrg. 10; Königsberg 1869, 
S. 1-82. 



Einzelberichte. 



Die Ursachen der diluvialen Anischotteniiig 
und Erosion. 

Als Ausgangspunkt für die Untersuchungen 
W. Soergels') über die Ursachen der diluvialen 
Aufschotterung und Erosion wurde das im Dilu- 
vium nicht vereiste Thüringen gewählt. Doch 
sind die für Thüringen durch seine Untersuchungen 
als gültig erwiesenen Tatsachen auch für weite 
Gebiete Mittel- und Westeuropas zutreffend. 

Die diluviale Aufschotterung steht als ganz 
besondere, bisher kaum richtig in ihrer Bedeutung 
für das Eiszeitproblem gewürdigte Erscheinung 
im zeitlichen Rahmen zwischen Pliozän und Allu- 
vium. 

Die diluviale Aufschotterung ist eine 
durchaus regionale, erstens, weil sie in großen 
und kleinen Flußtälern wirksam war, nicht aber 
an bestimmte, durch ihre Wasserführung oder 
Talrichtung ausgezeichnete Wasserläufe gebunden 
ist, zweitens im Hinblick auf ihre weite Erstrek- 
kung im Talgebiete des gleichen Flusses. Regio- 
nale Verbreitung und petrographische Zusammen- 
setzung der diluvialen Aufschotterung beweisen nun, 
daß, — man könnte zu ihrer Erklärung tektonische 
und klimatische (Ab- und Zunahme der Nieder- 
schläge) Ursachen heranziehen — es vor allem 
klimatische Ursachen waren, die die Bildung 
der diluvialen Schottermassen beherrschen. Weder 
kontinentale noch orogenetische Bewegungen 
können als Ursachen der Aufschotterung ange- 
sehen werden. Sie ist rein klimatisch bedingt. 
Das gleiche gilt für die Erosion insofern, als 
ihr Einsetzen ohne Klimaänderung nicht möglich 

') Verlag (iebr. Borntracger, Berlin 1921. 



war, mag das Ausmaß auch durch kontinentale 
Bewegungen beeinflußt sein. Während ein kal- 
tes, halbarides Klima, das regional in Mittel- 
und Westeuropa herrschte, die Zeiten der Auf- 
schotterung kennzeichnet und ihre unbedingte 
Voraussetzung ist, zeichnet ein humides die 
Zeiten der Erosion aus. Im wiederholten, durch 
die Schotterterrassen bewiesenen Wech-^el dieser 
beiden Klimate ist zugleich der Wechsel von Eis- 
zeiten und Zwischeneiszeiten zu erkennen — wie 
er in anderen Gebieten als Thüringen und auf 
Grund anderer Beobachtungen nachgewiesen wurde. 
Wie in dem zur Diluvialzeit vergletschert ge- 
wesenen Alpengebiete jeder Glazialzeit eine Auf- 
schotterung der aus ihm führenden Flüsse, resp. 
eine Schotterterrasse zugehört, so muß sich auch 
in Thüringen die Anzahl der Eiszeiten und der 
Schotterterrassen entsprechen. 

Der Aufschotterungsvorgang selbst ist auf die 
glazial beeinflußte und die glaziale Übergangszeit 
vom interglazialen zum hochglazialen Klima im 
wesentlichen beschränkt. 

In den regionalen Schotterterrassen unvereister 
Gebiete ist ein sehr wertvolles Mittel vorhanden, 
die in diluvial vereisten Gebieten festgestellte 
Reihe von Glazial- und Interglazialzeiten gegen- 
seitig zu kontrollieren. 

Mit der endgültigen Ausschaltung interglazialer 
regionaler (lokale mögen vorhanden sein) Schotter- 
terrassen, an denen die Monoglazialisten bis heute 
festhallen, tritt der bedeutsame Gegensatz von 
Glazial- und Interglazialzeiten von neuem in 
schärferes Licht. Beiden gemeinsam ist allein 
eine regionale Verwitterung; diese aber ist 
in Glazialzeiten eine mechanische, in Inter- 
glazialzeiten eine chemische. Neben diesem 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 7 



Unterschiede in der Verwitterung tritt als ein 
weiterer durchgreifender zwischen beiden Zeiten 
die Gesteinsbildung ein. Es bildeten sich 
in Glazialzeiten die regional verbreiteten Geschiebe- 
mergel und ihre Auswaschungsprodukte, Schotter 
und Löß. In den Intergiazialzeiten bildeten sich 
jedoch nur lokal beschränkte Schotterlagen, Ton- 
lagen, Kalktuffe und Torfmoore. 

Soergel betont auf Grund seiner Unter- 
suchungen besonders, daß, wenn durch Prüfung 
von Tatsachen ein Fragenkomplex der Diluvial - 
geologie kritisch beleuchtet wird, das Ergebnis 
stets eine Verschärfung des Gegen- 
satzes zwischen glazialen und inter- 
glazialen Verhältnissen ist, im vollen 
Widerspruche zur monoglazialistischen Auffassung. 

Krenkel. 

Elephas C'oluuibi Falc. 

Während die diluvialen Elefanten Europas be 
reits ausgiebig von verschiedenen Autoren bear- 
beitet worden sind, fehlte bisher eine entsprechende 
Zusammenfassung der nordamerikanischen Arten. 
Einen sehr wesentlichen Beitrag in dieser Richtung 
liefern die Untersuchungen W. Soergels über 
Elefhas coliimbi Falconer.\) Das der Arbeit zu- 
grundeliegende Material wurde 1906/07 von Doren - 
berg aus einer inzwischen wohl völlig abgebauten 
diluvialen Kalktuffiafel nordöstlich der Stadt P u eb 1 a 
gesammelt, und befindet sich gegenwärtig im Frei- 
burger Geol. Institut. Es umfaßt neben einem 
wohlerhaltenen Unterkiefer ein Kieferbruchstück, 
verschiedene Zähne und Zahnbruchstücke, sowie 
einige Extremitätenknochen und Teile des Rumpf- 
skelelts, insgesamt Reste von 8 Elefanten. 

Den ersten Teil der Arbeit bildet eine sehr ein- 
gehende Beschreibung der Fundstücke. Wertvoll 
ist die eingehende Vermessung, deren Resultate, in 
Tabellenform mit entsprechenden Maßen europäi- 
scher Elefanten zusammengestellt, deutlich die Be- 
ziehungen zu denselben erkennen lassen. Die Ver- 
hältnisse des Metacarpale III, des Unterkiefers und 
der Molaren trennen EL. coliunbi von der hysitdriciis- 
indicus- und der aitti(]iiiis-^€\\\z und fügen ihn der 
trogont}icrii-primige)niis-^€\\\& an. Ausgiebig wird 
die Dentition der amerikanischen Art behandelt, 
welche eine eigentümliche Verquickung trogon- 
theroider und primigenoider Merkmale aufweist, in- 
sofern als der erste Molar stark, der zweite schwach 
trogontheroid, der dritte ganz primigenoid ist. 

Von allgemeinerem Interesse sind die Resultate 
über Stammesgeschichte und Entwicklungsmecha- 
nik, denen der zweite Teil der Arbeit gewidmet 
ist. Die Unterscheidung des EL coliunbi von dem 
älteren El. imperator l.eidy wird auf der geringeren 
Größe.größeren Lamellenzahl und dünnerem Schmelz 

') Soergel, W., Elcphas Columbi Falconer. Kin Bei- 
ürag zur Slammesgeschichte der Elefanten und zum Enlwick- 
lungsmechanismus des Elefantengebisses. Geol. u. paläonl. 
Abbandl., N.F. bd. 14, Heft 1/2, 1921, qg S. mit 15 .Abb. im 
Text und 8 Tafeln. (Preis 150 M.) 



basiert, doch wird eiri fließerider Übergang beideV 
Arten postuliert. Das Mammut des nördlicheren 
Nordamerika wird als eingewanderte eurasiatische 
Form angesehen, nicht als Endform der uiiperator- 
(uliivibiYLe\\\c. Diese selbst dürfte sich von El. 
iiuridionalis Nesti ableiten. 

Die Entstehung des Elefantengebisses wird auf 
entwicklungsmechanischer Basis zu klären versucht. 
Bolks Dimerentheorie wird als unwahrscheinlich 
abgelehnt; ebenso wird gegen A ich eis Ansichten 
die Theorie vom „mobilen Gebiß" verteidigt. Ent- 
scheidend für die Genese des Elefantengebisses 
war die Entwicklung der Incisiven. Durch ihre 
Vergrößerung erforderten sie eine Kieferverkürzung, 
und diese bedingte die Besonderheiten in Zahn- 
form und Zahnwechsel. Steigender Druck führte 
zu steigender Wellenzahl des Schmelzes; vielleicht 
ist aber nicht gesteigerte F"altenbildung direkt 
durch den Druck, sondern vielmehr stärkere Ent- 
wicklung des Schmelzorganes unter dem Einfluß 
des Druckreizes als bestimmend anzunehmen. Das 
Vorkommen „tortuoser" Molaren besonders bei 
jüngeren Elefanten {triinigcnitis, iudicns) wird als 
Beleg für die unmittelbar wirkende entwicklungs- 
mechanische Bedeutung des Druckes herangezogen, 
dürfte aber auch in dem vom Ref. berührten 
Sinne indirekter Beeinflussung ausgelegt werden 
können. Die Korrelation zwischen Incisivengröße 
einerseits und Molarengröße, Lamellenzahl und 
Tortuosität andererseits ist mit einiger Wahrschein- 
lichkeit auf ein Kausalverhältnis zurückzuführen, 
bei welchem die Incisivenvergrößerung die anderen 
Wandlungen veranlaßte. Weiter wird dann die Kor- 
relation zwischen Incisivenvergrößerung und Milieu 
betont. Ob hier auch ein Kausalverhältnis vorliegt, 
mag dahingestellt bleiben. Moderne Erblichkeits- 
forschung hat noch keineswegs erweisen können, 
daß jede Entwicklung durchaus zwangsläufig von 
vornherein vom Milieu bedingt sei, und hat fast nur 
dagegen sprechende Tatsachen ergeben. Die An- 
sichten über die Bestimmung der Molarenfaltung 
durch die Natur der Nahrung werden ja auch vom 
Verf. in diesem Sinne durch Hinweis auf das Ver- 
halten der pla>iifn'/!s - hysitdricus iudicns - Reihe 
bekämpft. Prell (Tübingen). 

Schallgefscbwiudigkeit uud ihre Messiiug. 

Wie eine dem Fizeau sehen Versuch nach- 
gebildete Methode zur Messung der Schallge- 
schwindigkeit in gasförmigen, flüssigen 
und festen Körpern dienen kann, führte in der 
letzten Sitzung des Naturwissenschaftlichen Ver- 
eins in Hamburg Dr. J. Brockmüller, Ham- 
burg, aus. Die von dem Vortragenden gegebenen 
Darlegungen wurden erläutert durch die Demon- 
stration einer Versuchsanordnung, die über die 
Einzelheiten der Methode sehr gut unterrichtete. 
Einleitend wurden die Beziehungen des Fizeau - 
sehen Versuchs zu dem des Vortragenden er- 
wähnt. Das Prinzip der Methode besteht darin: 
Die Zeit, welche der Schall benötigt , sich längs 



N. F. XXI. Nr. 7 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



eines vorgeschriebenen , kleinen Weges fortzu- 
pflanzen , wird durch eine rotierende Walze von 
bekannter sekundlicher Umdrehung gemessen. 
Diese Hartgummiwalze trägt auf ihrem Umfange, 
parallel der Achse, zwei voneinander getrennte, 
mit zwei Schleifringen verbundene Lamellen, die 
mit zwei Schleiffedern elektrischen Kontakt geben. 
Der eine Kontakt wird zur Erzeugung des Schalles, 
der andere zum Empfang desselben verwandt. 
Der vom Schall zu durchlaufende Weg wird durch 
ein Rohrsystem von bekannter Länge dargestellt. 
Zu Anfang des Rohrsystems befindet sich ein 
dem ersten Kontakt angeschlossenes Telephon zur 
Lautangabe, am Ende ein Mikrophon zur Laut- 
aufnahme. Dem Mikrophon angeschlossen ist ein 
lautsprechendes Telephon, dessen Stromkreis über 
den zweiten verstellbaren Kontakt geht. Die 
Einstellung dieses Kontaktes wird registriert durch 
einen Gradzeiger; die sekundlichen Umdrehungen 
der durch einen Motor getriebenen Walze be- 
stimmten Zählwerk und Uhr. — Das Ansprechen 
des lautsprechenden Telephons erfordert die 
Schließung des über den zweiten Kontakt laufen- 
den Stromkreises durch Wirken desselben Kon- 
taktes in dem Moment, da der Schall das Mikro- 
phon trifft. Aus der entsprechenden Einstellung 
des Gradzeigers, dem Drehungswinkel et, der Um- 
drehungszahl u, der rotierenden Walze pro Sekunde 
und dem Schallweg s folgt die Schallgeschwindig- 
keit V nach der Gleichung: 

360- u-s 
V = — 
a 

Als Mittelwert ergab sich für v in der Luft 
bei etwa 15" Temperatur 333,5 m. Für andere 
Gase werden die Werte gleicherweise ermittelt, 
indem das betreffende Gas durch das Röhren- 
system langsam hindurchgeleitet wird, wobei die 
Strömungsgeschwindigkeit des Gases der Schall- 
geschwindigkeit gegenüber vernachlässigt werden 
kann. Für Kohlensäure ergab sich so der Mittel- 
wert V =^ 269 m, für Wasserstoff v = 1258 m. 

Das lautsprechende Telephon kann ersetzt 
werden durch einen Oszillographen, der die rich- 
tige Stellung des Gradzeigers für den zweiten 
verstellbaren Kontakt zu erkennen gibt durch das 
Auftreten von Schwingungen des Lichtzeigers. 
Eine weitere Möglichkeit, den Drehungswinkel « 
mit Hilfe des Auges einzustellen, bietet die Flam- 



menkapsel von König. Man verbindet sie sinn- 
gemäß mit dem lautsprechenden Telephon und 
beobachtet im rotierenden Spiegel die Flammen- 
bilder. 

Bei der Bestimmung der Schallgeschwindigkeit 
in festen und flüssigen Körpern ist das laut- 
sprechende Telephon dicht ans Ohr zu bringen, 
damit der verstellbare Kontakt richtig eingestellt 
werden kann. Der in dem lautsprechenden Tele- 
phon den Schall erzeugende Wechselstromimpuls 
ist hier schwächer als bei Gasen, das die richtige 
Stellung des zweiten Kontakts anzeigende An- 
sprechen demzufolge auch schwächer. Zur 
Ausführung einer derartigen Bestimmung ist ferner 
nötig, das zu untersuchende Mittel an Stelle des 
Röhrensystems einzuschalten, sei es in Form eines 
runden, ■ massiven Stabes, der an einem Ende 
dicht aufsitzend das Telephon und am anderen 
Ende das Mikrophon trägt, oder sei es, wie z. B. 
bei Wasser, daß man das Telephon mit einem 
Schalltrichter versieht, der ins Wasser taucht und 
das Mikroplion auf einem Holzbrettchen, Membran 
parallel der Wasseroberfläche und ihr zugekehrt, 
schwimmen läßt. Auch in Röhren lassen sich 
Flüssigkeit einschließen und zweckentsprechend 
zwischen Telephon und Mikrophon bringen. Als 
Schallwege für feste Körper eignen sich gespannte 
Drähte oder Fäden. Schließlich braucht man nur 
Telephon und Mikrophon mit schwachem Druck 
gegen die Zimmerwand zu halten oder auf den 
Tisch zu setzen, Membran parallel der Oberfläche, 
um die Schallgeschwindigkeit in der Wand (Mauer- 
werk) und im Tische (Holz) zu ermitteln. 

Ohne Schwierigkeit läßt sich mit dem Zeit- 
bestimmungsapparat eine sekundliche Umdrehungs- 
zahl gleich 60 erzielen. Wird der verstellbare 
Kontakt demgemäß auf 30" eingestellt, so ergibt 
sich V720 Sekunde, so daß der Schallweg bei 
Wasser etwa 2 m wäre, eine relativ kleine Weg- 
länge. Bei. Metallen ist die Weglänge etwa 8 m 
unter gleichen Umständen. 

Vortragender hat seine Versuche in bezug auf 
flüssige und feste Körper noch nicht abgeschlossen, 
hält aber jetzt schon eine weitere Verminderung 
des Schallwegs für möglich. Da der Versuch 
als Schulversuch gedacht ist, so ist auf etwaige 
Korrektionen des Versuchsresultats keine Rück- 
sicht genommen, da sie das Resultat nicht wesent- 
lich ändern würden. Petersen. 



Bücherbesprechungen. 



Jungklaus, Fr., Der kleine Münsterländer 
Vorstehhund (Westfälischer Wachtelhund, 
Heidewachtel, Spion, Stöber, Vogelhund, Ha- 
bichtshund) als Jagd- und Haushund, unter Be- 
rücksichtigung der verwandten Schoßhundformen 
in historischer und zoologischer Beleuchtung. 
112 Seiten. Mit Titelbild, 4 Vollbildern und 
54 Abbildungen im Text. Neudamm 1921, 
Verlag J. Neumann. 
Mit Freude begrüßen wir alle diejenigen Be- 



strebungen, welche dahin zielen, die alten heimi- 
schen Hunderassen wieder zu Ehren und erneuter 
Geltung zu bringen. Einer der bewährtesten 
Vorkämpfer auf diesem Gebiet ist der Verf des 
oben genannten Büchleins, der mit diesem die 
Aufmerksamkeit auf eine der interessantesten 
deutschen Rassen, den Münsterländer Vorstehhund, 
lenkt. Nachdem er uns mit dem Wesen und der 
Verbreitung der hierhin gehörenden Hundeformen_ 
bekannt gemacht hat, erfahren wir von der in früherer' 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 7 



Zeit scharf durchgeführten Unterscheidung zwi- 
schen Bracke und Vogelhund, wobei unter letz- 
terem ein Hund zu verstehen ist, welcher nicht 
etwa den Vogel zu erbeuten, sondern ihn nur 
aufzustöbern hat, während das Fangen der Beute 
damals mit Hilfe des Beizvogels ausgeübt wurde. 
Mit großem Geschick und außerordentlicher Um- 
sicht hat Dr. Jungklaus alles ausfindig gemacht, 
was sich auf diese in früherer Zeit so wichtige 
Form von Hunden bezieht; besonders sind es 
hierbei Abbildungen und Gemälde aus mittel- 
alterlicher Zeit, die ihm als Wegweiser dienen 
konnten und wertvolle Aufschlüsse gegeben haben. 
Dieser historische mit vielen interessanten Bildern 
geschmückte Teil ist unseres Erachtens einer der 
wichtigsten und bemerkenswertesten Abschnitte 
des Büchleins, ein Teil, der weit über den -engeren 
Kreis der Kynologen hinaus Beachtung und Auf- 
merksamkeit verdient. Dasselbe gilt übrigens 
auch für den folgenden Abschnitt, in dem von 
dem Namen der Rasse die Rede ist, und welcher 
viel Anregendes auf etymologischem Gebiet ent- 
hält. Jagdfreunde werden mit besonderem Inter- 
esse die folgenden Kapitel lesen , in denen die 
alten Jagdbräuche und die Eigentümlichkeiten der 
bei den Jagden verwendeten Hunde geschildert 
werden. Eine genaue Kennzeichnung der Rasse 
und ihrer Unterschiede im Vergleich zu anderen 
Jagdhunden sowie Mitteilungen über Zucht und 
Züchter schließen sich an. Der letzte Abschnitt 
behandelt die Stellung der Rasse im zoologischen 
System. Hier urteilt der Verf. wohl allzu ein- 
seitig. Seine Ansichten über die zoologische Be- 
nennung der Hunde dürften da schwerlich ohne 
weiteres den Beifall der Fachzoologen finden. 
Welchen Standpunkt man aber auch immer ein- 
nehmen mag, auf jeden Fall sind die Darlegungen 
des Verfs in vieler Hinsicht anregend, und wir 
hoffen auch, daß seine Schrift zu weiteren erfolg- 
reichen Forschungen ähnlicher Art Anstoß geben 
wird. R. Heymons. 

Wahnschaffe, Felix, Geologie und Ober- 
flächengestaltung des norddeutschen 
Flachlandes. 4. Aufl., neu bearbeitet von 
Friedrich Schucht. 472 S., 82 Texibilder, 
29 Beilagen. Stuttgart 1921, J. Engelhorns Nachf. 
Unter den Büchern über das Diluvium, ins- 
besondere das Diluvium des norddeutschen Flach- 
landes, war dasjenige von Felix Wahnschaffe, 
dem verstorbenen Leiter der F'lachlandsabteilung 
der Preuß. geol. Landesanstalt, von seinem ersten 
Erscheinen an das bestgenannte und meistgelesene. 
Diesen Vorzug verdankte es seiner klaren, leicht 
faßlichen Darstellungsweise, seinem erschöpfenden, 
sorgsam durchgearbeiteten Inhalt und seiner guten 
Illustrierung. Wahn schaffe suchte seinen Ruhm 
in vollständiger und gerecht abwägender Bericht- 
erstattung über die Ergebnisse der geologischen 
Forschung. In theoretischen Dingen war er zu- 
rückhaltend; der kühne Wurf war nicht seine 
Sache, er wartete als guter Beobachter, bis die 



Dinge ausreiften, und verzichtete auf geistreiche 
Spekulationen, zu denen gerade die phantasie- 
geslüizte Diluvialgeologie nur zu leicht verführt. 
Sein Buch war vor allen Dingen durch und durch 
solide. 

Die dritte Auflage ging zur Neige , und 
Wahnschaffe hatte mit den ersten Vorberei- 
tungen für die vierte begonnen, als Ende 1913 
der Tod den noch rüstigen Mann zu früh von 
seinem Werk abrief Sein Flachlandsbuch aber 
lebt fort und hat in Friedrich Schucht 
einen neuen Bearbeiter gefunden, der es in reiner 
sachlicher Hingabe verstanden hat, ihm die Ge- 
diegenheit des Gehaltes und die faßliche Form zu 
wahren. Wir kennen F. Schucht bereits als 
verdienstvollen Mitarbeiter Wahnschaffes an 
dessen „Anleitung zur wissenschaftlichen Boden- 
untersuchung". Als Landesgeologe im Flachlande 
vielseitig erfahren und als Bodentorscher bekannt 
geworden, war Schucht ohne Zweifel der ge- 
eignetste Adoptivvater dieses Werkes. Er hat 
die mühevolle Arbeit geleistet, die in den letzten 
12 Jahren gewaltig angewachsenen Kartierungs- 
ergebnisse extensiver wie intensiver Art in Nord- 
deutschland der neuen Auflage einzufügen, ohne 
das Buch aus der bewährten Richtung zu drängen. 
Veraltetes und Entbehrliches ist entfernt, mancher 
Satz und Abschnitt durch wenige geschickte Ab- 
striche und Zusätze zeilgemäß gemacht, das Ganze 
wesentlich bereichert und vermehrt. Insbesondere 
ist auch die Zahl der Abbildungen, nicht zum 
wenigsten durch vorzügliche Aufnahmen von Frau 
Therese Wahnschaffe, sehr vergrößert wor- 
den. Ausführlicher als früher finden wir jetzt den 
Rahmen und den Gebirgsuntergrund des nord- 
deutschen Tieflandes dargestellt, wogegen die 
Tabellen der Tiefbohrungen im Quartär nicht 
mehr fortgeführt, sondern als zu einseitige Material- 
sammlung auf einen ganz kurzen Auszug einge- 
schränkt sind. Überhaupt ist die innere Struktur, 
der geologische Bau des Flachlandes neben den 
Oberflächenformen und ihrer Deutung entschie- 
dener zur Geltung gebracht und dadurch die Er- 
weiterung des Werktitels durch den Ausdruck 
„Geologie" gerechtfertigt. 

Nach gründlicher Darstellung der Struktur- und 
Formelemente des Flachlandes kommt Wahn- 
schaffe- Seh ucht dann auf die zeitliche Glie- 
derung des Diluviums zu sprechen. In dieser 
Frage hält er offensichtlich den Augenblick für 
eine kritisch durchgreifende Grenzziehung der 
verschiedenen Vereisungen und Einstufung der 
nichtglazialen Bildungen noch nicht für gekommen, 
sondern verhält sich vorwiegend referierend und 
behutsam sichtend. So kommt es, daß die auf 
diesem sehr schwierigen, noch große neue Ent- 
deckungen versprechenden Gebiet vorhandenen 
Auffassungsverschiedenheiten der einzelnen Autoren 
nicht selten in sein Buch unausgeglichen über- 
gehen. Es ist in der Tat unmöglich, gewisse 
Dinge, wie z. B. die Alters- und Höhenbeziehun- 
gen der Terrassensysteme der mitteldeutschen 



N. F. XXI. Nr. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



103 



Randflüsse von Schlesien bis zum Rheinland auf 
Grund der Spezialliteratur einheitlich darzustellen, 
und es werden noch viele Jahre vergehen, bis die 
Möglichkeit näher rückt. Hier versagt die refe- 
rierende Darstellungsmethode in gewisser Hin- 
sicht, hier muß wissenschaftlich befruchtete Intui- 
tion, Kritik und schöpferische Forschung sich her- 
vorwagen, um die hinheit zu schaffen. Dies ist 
ein Wunsch, den wir für eine künftige Auflage 
des Baches hegen, und der eine kräftige Entwick- 
lung der F'lachlandsgeologie nach dieser Richtung 
einschließt. W. Wolff. 

Meisenheimer, J. , Geschlecht und Ge- 
schlechter im Tierreiche. I. Die natür- 
lichen Beziehungen. 8g6 S. mit 737 Abb. im 
Text. Jena 1921, G. Fischer. Preis brosch. 
180 M., geb. 2io M. 

Ein monumentales Werk, welches das Riesen- 
gebiet der Sexualität und der Sexualprobleme 
in unifassender Weise behandelt. Ausgehend von 
den niedersten Organismen, den Einzelligen, bei 
denen schon geschlechtliche Vorgänge einfachster 
Form sich abspielen , führt uns der Verf weiter 
zu den mehrzelligen Pflanzen und Tieren , deren 
Körper als Gametozytenträger die spezifischen 
Geschlechtszellen hervorzubringen hat. Hier wird 
uns dann die ungeheure Mannigfaltigkeit aller 
Einrichtungen vor Augen geführt, die in Be- 
ziehung zum Geschlechtsleben stehen. Zwittertum 
und getrenntes Geschlecht, die Eigenart zwittriger 
Organismen, die Begattungsformen und Begattungs- 
apparaie mit allen ihren Nebeneinrichtungen sind 
ebenso wie die verschiedenen Formen der ge- 
schlechtlichen Annäherung, die sexuellen Waffen, 
Eiablage und Brutpflege, Geschlechtsmerkmale 
und deren Übertragung von Geschlecht zu Ge- 
schlecht, nebst vielen anderen das Geschlechts- 
leben betreffenden Einrichtungen und Vorgängen 
in vergleichender Form behandelt. Auf Einzel- 
heiten einzugehen würde den Raum dieses Refe- 
rates weit überschreiten. Nur soviel sei gesagt, 
daß der Verf es mit großem Geschick fertig ge- 
bracht hat, den gewaltigen Stoff zu meistern. 
Wir erhalten auf diese Weise ein Gesamtbild, das 
in solcher Vollständigkeit noch nirgends existiert 
und uns einen einheitlichen Überblick über das 
ganze Gebiet des Geschlechtslebens und der ge- 
schlechtlichen Einrichtungen von den niedersten 
Tieren bis einschließlich zum Menschen hinauf 
verschafft. In einer Zeit, in der notgedrungen die 
Spezialisierung in allen Zweigen der Wissenschaft 
immer weiter fortschreitet, und der Einzelne längst 
nicht mehr die Fülle der Veröffentlichungen zu 
übersehen vermag, sind zusammenfassende Werke, 
wie das hier in Rede stehende Buch über Ge- 
schlecht und Geschlechter von unschätzbarem 
Werte; sie sind um so bedeutungsvoller, wenn, 
wie dies im vorliegenden Falle zutrifft, der Verf, 
selbst forschend auf dem betreffenden Gebiete 
tätig war, und sich nicht begnügt, Tatsachen zu 
registrieren, sondern überall kritisch sichtet und 



selbst zu wichtigen Fragen und Problemen Stel- 
lung nimmt. So hat in dem vorliegenden Werk 
der Autor z. B. bei der Beurteilung des Herma- 
phrodiiismus, bei der Deutung der Geschlechts- 
verhältnisse inneihalb der Gruppe der Wirbel- 
tiere und an vielen anderen Stellen seine eigene 
Meinung begründet. Das M eisen he im ersehe 
Buch darf als eine der wichtigsten neueren Er- 
scheinungen begrüßt werden, es ist ein Werk, auf 
das der Zoologe immer wieder zurückgreifen 
wird, ebenso wie es für den auf dem Gebiete der 
Sexualforschung tätigen Mediziner von großem 
Interesse ist. Die Ausstattung und der reiche 
Schmuck mit Abbildungen verdienen in der gegen- 
wärtigen Zeit alle Anerkennung. 

R. Heymons. 

Roth, Dr. W. A., Physikalisch- c hemische 
Übungen. 3. vermehrte und verbesserte Auf- 
lage. VllI u. 278 Seiten mit 75 Abbildungen 
im Text. Leipzig 1921, Verlag von Leopold 
Voß. Preis geb. 30 M. 
Die physikalisch ■ chemischen Übungen von 
Dr. W. A. Roth, ordentl. Prof an der Techni- 
schen Hochschule in Braunschweig, die nunmehr 
in der dritten, erheblich vermehrten und ver- 
besserten Auflage erschienen sind, stellen ein für 
den praktischen Gebrauch im Laboratorium be- 
stimmtes Buch dar und haben den Zweck, Stu- 
dierende auf experimentellem Wege in die Grund- 
lehren und Grundtatsachen der physikalischen 
Chemie einzuführen. Dichtebestimmungen, Mole- 
kulargewichtsbestimmungen in Lösungen, thermo- 
chemische Untersuchungen, Bestimmung optischer 
Konstanten, Versuche zur chemischen Statik und 
Kinetik, elektrische Messungen aller Art und 
kolloidchemische Versuche sind der Gegenstand 
der wichtigsten Abschnitte. Das ganze Buch ist 
sehr sorgfältig und gewissenhaft durchgearbeitet, 
die Darstellung ist hinsichtlich der Besprechung 
sowohl der theoretischen Grundlagen als auch der 
praktischen Ausführung der Versuche sachlich 
einwandfrei, klar und verständlich, die Beurteilung 
der Versuchsergebnisse wird durch Diskussion der 
Fehlerquellen, ihre rechnerische Verwertung durch 
zahlreiche Zahlenbeispiele einfacherer und schwie- 
rigerer Art gründlich erläutert. Die nötigen Ta- 
bellen sind beigefügt. Kurz, es ist ein Werk, aus 
dem wissenschaftlichen Laboratorium geboren und 
für die Praxis wissenschaftlicher Versuche gemacht. 
Um den Preis des Buches möglichst niedrig 
zu halten, ist die dritte Auflage nicht neu gesetzt, 
die zweite Auflage ist vielmehr photomechanisch 
vervielfältigt worden. Die erforderlichen Zusätze 
und Ergänzungen — diese behandeln besonders 
die Kolloidchemie — sind als Zusätze gedruckt 
worden. 

Berlin-Dahlem. Werner Mecklenburg. 

Nernst, Walther, Theoretische Chemie 
vom Standpunkte der Avogadroschen Regel 
und der Thermodynamik. 8. — 10. Auflage. 



t'04 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift 



N. F. XXI. Nr. 7 



XVI und 896 Seiten mit 58 Abbildungen im 

Text. Stuttgart 1921, Verlag von Ferdinand 

Enke. Preis geh. 141 M. 
Von allen Lehrbüchern der theoretischen 
Chemie ist das von Walther Nernst das be- 
kannteste und verbreitetsle. Das ist nicht erstaun- 
lich. Einerseits ist Nernst, der als ordentlicher 
Professor und Direktor des Instituts für physika- 
lische Chemie an der Universität Berlin wirkt, 
wohl unbestritten der erste physikalische Che- 
miker der Gegenwart, seine Theorie des galvani- 
schen Elements und die Entdeckung des dritten 
Hauptsatzes der Thermodynamik sind Leistungen 
allerersten Ranges, und wenn Nernst jetzt den 
Nobelpreis erhalten hat, so wundert sich der Fach- 
mann nur, daß er ihn erst jetzt erhalten hat. 
Andererseits ist sein Lehrbuch dank der über- 
legenen Art der Darstellung, dank seiner Einfach- 
heit und Klarheit tatsächlich ein Meisterwerk, wie 
es eben nur ein Nernst schaffen konnte. Die 
lange erwartete und nunmehr endlich vorliegende 
Neuauflage ist von ganz besonderem Interesse, 
weil die physikalische Chemie in den letzten 
Jahren eine große Reihe ungemein wesentlicher 
Fortschritte gemacht hat, die ihren Ausgangs- 
punkt einerseits in der Quantentheorie, anderer- 
seits in der Lehre von der Radioaktivität haben. 
Alle diese Fortschritte, an denen Nernst zum 
Teil selbst mit größtem Erfolge mitgearbeitet hat, 
sind mit großer Sorgfalt in das Lehrbuch hinein- 
gearbeitet worden, so daß sich dem Leser wieder 
ein dem neuesten Stande der Wissenschaft ent- 
sprechendes Bild entrollt. Daher ist auch für 
alle Besitzer der älteren Auflagen des Nernst- 
schen Lehrbuches die Beschaffung der neuen 
Ausgabe eine dringende Notwendigkeit. 

Berlin-Dahlem. Werner Mecklenburg. 

Citron, J. , Die Methoden der 1mm uno- 
diagnostik und Immunotherapie und 
ihre praktische Verwertung. Leipzig 
1919, Georg Thieme. 

In vorliegendem Buche sind die wichtigsten 
Methoden der Immunitätsforschung in einer Weise 
dargestellt, die es auch dem wenig erfahrenen 
Biologen, der ja auch immer mehr die Arbeits- 
mittel und Errungenschaften der Immunitäts- 
wissenschaft benötigt, möglich macht, diese in 
seinem Sonderfach mit gutem Erfolg anzuwenden. 
Jede Wissenschaft hat ja ihr Fundament in ihrer 
speziellen Arbeitsmethodik, und diese gibt zugleich 
eine Vorstellung davon, wie weit sich Tatsachen 
und Theorien die Wage halten. Wenn man nun 
die Methodik von diesem Gesichtspunkte aus be- 



trachtet, so weist sie zugleich einen Weg zu den 
Ergebnissen ihres Wissensgebietes. 

Dies ist in dem Citronschen Werke erreicht. 
Dem praktisch arbeitenden Biologen gibt es eine 
Reihe guter und erprobter Arbeitsmethoden zur 
Hand, nicht nur allgemeiner Natur, sondern auch 
unter Berücksichtigung speziellster und neuester 
Forschung. So sind die Abschnitte über die Par- 
tigene, die Ausfällungsreaktionen, die Meiostagmin- 
reaktion und den Nachweis der Abderhalden- 
schen Abwehrfermente ganz vorzüglich ausgear- 
beitet. Das Kapitel über Chemotherapie hätte 
vielleicht etwas mehr ausgebaut werden körmen. 
Allein auch demjenigen, der sich nur rein theo- 
retisch mit dem Gebiete der Immunitätsforschung 
befassen will, ist das Buch ein vortrefflicher 
Führer in dieses Gebiet, umsomehr als gerade 
hier äußerste Vorsicht an Verallgemeinerungen 
und kein Theoretisieren geboten ist. Die sichere 
Hand des als erfahrenen Praktikers bekannten 
Verfs vermeidet aber, den Boden sicherer Tat- 
sachen zu verlassen. Collier (Frankfurt). 



Literatur. 

Kayser, Dr. H., Lehrbuch der Physik für Studierende. 
n. Aufl. Stuttgart '21, Ferdinand Enke. 72 M. 

Wien, W., Aus der Welt der Wissenschaft. Leipzig '21, 
Joh. Ambr. Barth. 60 M. 

Aus Natur und Geisteswelt. Leipzig-Berlin '21, B. (J. 
Teubner. 

20: Wedding, W., Das Eisenhüttenwesen, ö. Aufl. 
541 : Fischer, P. B., Darstellende Geometrie. 
558: Schmitt, N. , Aufgaben aus der technischen 
Mechanik. 1. Bewegungslehre, Statik und Festig- 
keitslehre. 2. Aufl. 
601 : Köhler, F., Friedrich Nietzsche. 
Sammlung Göschen. Fans er, Oberbaurat Otto, Melio- 
rationen. Berlin '21, Vereinigung wissenschaftl. Verleger. 
M. 

Teubners Untenichtsbücher für maschinenlcchnische Lehr- 
anstalten. 

Band 3: Wiegner-Stephan, Lehr- und Aufgaben- 
buch der Physik. 111. Teil: Elektrizität. Leipzig- 
Berlin, B. G. Teubner. Kart. 26 M. 
Band 2: Wiegner-Stephan, Lehr- und Aufgaben- 
buch der Physik. II. Teil: Lehre von der Wärme, 
Lehre vom Licht, Wellenlehre. Kart. 22 M. 
Bibliothek für Philosophie, herausgeg. von Ludwig Stein. 
20. Band: Auerbach, Mathias, Mitleid und Charakter. 
Berlin '21, Leonhard Simion Nachf. 

Henze und Meyer, Führer in die Arbeitsschule. Bd. 2 : 
Grupe, Heinrich, Natur und Unterricht. Frankfurt a. M. '21 , 
Moritz Diesterweg. 10 M., geb. 12 M. und 100 %■ 

Landsberg-Günthart-Schmidt, Streifzüge durch 
Wald und Flur. Leipzig-Berlin '21, B. G. Teubner. Geb. 
34 M. 

Lebensvoller Unterricht. Band 7: Forker, Prof. Dr. 
Georg, Chemie und Mineralogie. Leipzig '22, Dürrsche Buch- 
handlung. 



InllHlt: P. Dahms, Danzig als Heimat des Bernsteins. S. S9. — Einzelberichte: \V. So er gel, Die Ursachen der dilu- 
vialen Aufscholterung und Erosion. S. 99. W. Soergel, Elcphas Columbi Falc. S. 100. J. Brockmüller, Schall- 
geschwindigkeit und ihre Messung. S. 100. — Bücherbesprechungen: Fr. Jungklaus, Der kleine Münsterländer 
Vorstehhund. S. 101. F. Wahnschaffe, Geologie und Oberflächengeslahung des norddeutschen Flachlandes. S. 102. 
J. Meisenheimer, Geschlecht und Geschlechter im Tierreiche. S. 103 W. A. Roth, Physikalisch-chemische 

Übungen. S. 103. W. Nernst, Theoretische Chemie. S. 103. J. Citron, Die Methoden der Immunodiagnostik und 
Immunotherapie und ihre praktische Verwertung. S. 104. — Literatur: Liste. S. 104 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidcnstraße 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 

Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G.m.b.H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge 21. Band; 
der ganzen Reihe 37. Hand. 



Sonntag, den 19. Februar 1922. 



Nummer 8. 



Reste eines alten Höhlenflusses. 



[Nachdruck verboten.! 

In Nr. 8 1920 der Naturwissenschaftlichen 
Wochenschrift berichtet Herr Dr. L i n d n e r über 
unterirdische Flüsse und Bäche, wobei er auch 
einige Überreste in der fränkischen Schweiz er- 
wähnt, ohne dabei auf ein klassisches Beispiel der 
Reste eines nachweisbaren Höhlenflusses in jener 
Gegend einzugehen. Da ich mich mit der Frage 
der geologisch chemischen Tätigkeit des Wassers 
befasse, möchte ich nicht verfehlen, dieses schöne 
Schulbeispiel näher zu behandeln. Ich meine 
hierbei den oberen Teil des Oberailsbachtales in 
der Gegend zwischen Oberailsfeld und Kirchahorn. 
Um meine Ausführungen verständlich zu machen, 
muß ich zuerst auf die grundsätzlichen Faktoren 
dieses Problems eingehen. Im allgemeinen sind 
uns unterirdische Flüsse zurzeit nur aus dem Ge- 
biet des Karstes bekannt. Diesen zu besuchen 
ist in der Jetztzeit für die Bewohner Deutschlands 
und Österreichs fast zur Unmöglichkeit geworden, 
wodurch meine Aufgabe mitten im Deutschen 
Reiche einen derartigen Höhlenfluß, wenn auch 
nur in Überresten, nachzuweisen, besonders dankbar 
geworden ist. Stellen wir uns zunächst einmal die 
für einen Höhlenfluß charakteristischen Einzelteile 
seines Laufes vor, so haben wir folgende Gliederung 
vorzunehmen. 

Die Stelle, wo der an der Oberfläche fließende 
Bach in dem Untergrund oder in einer senkrecht 
vor ihm aufsteigenden Wand verschwindet, nennen 
wir das Ponor. Öfter ist diesem Ponor ein weites 
muldenartiges Tal vorgelagert, welches zu Zeiten 
besonders starker Wasseranschwellung von diesem 
erfüllt ist und einen See bilden kann. Dieses Tal 
wird dann Polje genannt, wobei ich an das be- 
rühmteste derartige Versickerungstal, das Popovo- 
polje erinnern möchte. In diesem Tal können 
nun schon eine Anzahl Versickerungslöcher ver- 
teilt sein, die wir in diesem Falle als Vorponore 
bezeichnen können. In Deutschland können wir 
derartige Ponore sehr gut an der Donauversickerung 
bei Immendingen beobachten. Wir sehen hier zu 
manchen Zeiten des Jahres vor allem im Hoch- 
sommer zuerst in dem Wasserspiegel Strudel, die 
deutlich zeigen, wie das Wasser hier nach unten 
versickert und zu Zeiten gänzlicher Trockenheit 
können wir diese Löcher selbst am Boden in 
großer Anzahl beobachten. Verschwindet das 
Wasser direkt in der Felswand, so können wir 
entweder wie bei der Recka eine Höhle oder 
Grotte sehen (Mahorcicgrotte), oder das Wasser 
verschwindet in der P^elswand durch ein kaum 
dem Auge sichtbares Loch, welches an die Mün- 
dung einer Kanalöffnung erinnert. Letzteres können 



Von Dr. H. K, Becker. 



wir besonders deutlich bei der „Pegnitz" bei der 
Stadt Pegnitz beobachten, wo dieser Fluß bei der 
Wassermühle in dem Wasserberg verschwindet. 
Einen Übergang zwischen diesen beiden Arten von 
Ponoren war mir vergönnt während des Krieges 
bei der belgischen Grotte von Han sur Lesse zu 
beobachten, welche ich als Heeresgeologe zu durch- 
forschen hatte. Der sog. Perte de la Lesse oder 
das Gouffre de Belveaux stellte eine kleine Grotte 
dar, in welcher das Wasser der Lesse plötzlich 
nach unten verschwindet, ohne daß es möglich 
wäre, den Lauf weiter zu verfolgen. Der sog. alte 
Eingang zu den oben erwähnten Grotten, der 
heute nur noch in ganz seltenen Fällen besonderer 
Wasseranschwellung von der Lesse erreicht wird, 
ist als ein ganzes System horizontal in den Berg 
eindringender Kanäle aufzufassen. Dem Höhlen- 
forscher ist auch reichlich der Grund bekannt, 
warum es so oft unmöglich ist, an der eigent- 
lichen Einbruchsteile des Flusses, diesem zu folgen. 
Die Ursache hierfür ist ein Deckensturz, der den 
Kanal derartig abschließt, daß das Wasser ihn nur 
nach Art kommunizierender Röhren durchfließt. 
Sehr oft ist es unmöglich auf seitlichen Spalten 
diesen „Siphon" zu umgehen, wie es so bei der 
Peuck im Karste der Fall ist. Der P'luß durcheilt 
dann, mehr oder weniger verzweigt, das Gebirge, 
wobei das Wasser gar oft durch Strudellöcher in 
tieferen Höhlengängen verschwindet, zu denen wir 
uns wieder mühsam den Zugang erkämpfen müssen, 
um dann bei dem Austritt des Flusses die über- 
raschende Beobachtung zu machen, daß wir in 
einem ganz anderen Flußsystem angelangt sind, 
als dasjenige war, aus welchem der Höhlenfluß 
vor seinem Eintritt in das Gebirge entstanden ist. 
So treffen wir die bei Immendingen verschwinden- 
den Wasser der Donau in der Aachquelle wieder, 
die dem Rhein ihre Wasser zufließen läßt. Über 
die Art wie man derartige Höhlenflüsse durch 
Färben des Wassers oder durch Salzlösungen ver- 
folgen kann, auch wenn ein Befahren des Laufes 
selbst ausgeschlossen ist, kann ich an dieser Stelle 
nicht weiter eingehen. Nicht verfehlen möchte 
ich aber darauf hinzuweisen, daß unter Umstän- 
den durch derartig verschwindende oder an unge- 
eigneten Stellen wieder auftauchende Höhlen- 
flüsse wirtschaftliche Folgen hervorgerufen werden 
können, die von katastrophaler Bedeutung sind. 
Denken wir z. B. an den Fall, daß der obere Lauf 
der Donau einst sein ganzes Wasser an den Rhein 
abgibt, so wird eine ganze Anzahl von Industrien, 
die ihr Wasser aus diesem Lauf nehmen, vernichtet. 
Als typisches Beispiel möchte ich noch den Zirk- 



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nitzersee erwähnen, über den im Mittelalter der 
Ausspruch im Umgang war, man könne nach der 
jeweiligen Zeit in ihm pflügen, säen, ernten, fischen 
und Wasservögel jagen. Wenn auch dieser Aus- 
spruch selbstverständlich übertrieben ist, so wurden 
doch im Laufe der Jahrhunderte wiederholt Fälle 
beobachtet, wo der See vollständig trocken lag, 
oder wo er plötzlich wieder von Wasser angefüllt 
wurde, nachdem die umwohnenden Bauern in ihm 
Äcker angelegt und Häuser gebaut hatten. Dies 
alles sind Fragen, die den Geologen des Karst- 
gebietes eingehend zu beschäftigen haben und ihm 
die P'rage vorlegen, ob es möglich ist, derartige 
Höhlenflüsse und ihr Zutagetreten durch eventuelle 
Vermauerung ihres Austrittes zu beeinflussen. 

Dieses Austreten des Höhlenflusses aus dem 
Gebirge kann nun wieder in verschiedener Weise 
zur Geltung kommen. Im schon erwähnten Fall 
der Aach, haben wir einen sog. Quelltopf vor 
uns, d. h. den Fall, daß das Wasser in Form einer 
sehr starken Quelle anscheinend senkrecht aus 
der Erde hervortritt. Als weiteres Beispiel hierfür 
möchte ich die drei Quellen der Wiesent bei der 
Stempfermühle erwähnen. Der Unterschied ist 
der, daß ein ganzer Fluß d. h. also nicht der 
dünne Wasserstrahl einer Quelle aus dem Gebirge 
hervortritt; diesen Fall nennen wir nach dem 
klassischen Beispiel in Frankreich Vauclusequelle. 

Die Frage, ob der Fluß zwischen seinem Ponor 
und seiner Vauclusequelle in ununterbrochenem 
Lauf das Gebirge durchströmt, oder ob er sich 
zwischendurch erst einmal auf die Grundwasser 
verteilt hat, und somit aus der Vauclusequelle 
nicht der ursprüngliche Höhlenfluß sondern das 
Grundwasser zutage tritt, können wir auch an 
dieser Stelle nicht behandeln. Kraus und 
Knebel haben diese Frage an dem Beispiel der 
Recka, des Timavo, der Peuck, der Donau und 
anderer Flüsse eingehend behandelt, ohne zu 
einem definitiven und für alle Fälle zu verallge- 
meinernden Schluß zu kommen. Für unser klas- 
sisches Beispiel des alten Höhlenflusses im Ober- 
ailsbachtal kommt diese Frage nicht in Betracht. 

Ohne auf die Bildung von Höhlen im allge- 
meinen an dieser Stelle einzugehen, möchte ich 
doch darauf hinweisen, daß wir bei Betrachtung 
dieser Frage wesentlich mehr die Bildungen durch 
einen Höhenfluß berücksichtigen sollten, als es 
seither geschah. In vielen Fällen, wo zuerst nur 
das versickernde Regenwasser den Weg durch 
Korrosion von Spalten anbahnte, ist in späterer 
Zeit ein Fluß eingebrochen und hat diesen kleinen 
Kanal durch Erosion mechanisch erweitert. Diese 
Spalten können sich zu regelrechten Strudellöchern 
vergrößern, was noch ganz besonders begünstigt 
wird, wenn das Wasser in der Lage ist, ganze 
Geröllstücke mitzureißen und die Spalten nach 
Art einer Gletschermühle zu vertiefen. Wir sehen 
derartige Strudellöcher im Verlauf des Oberails- 
bachtales und auch an dem Wege durch das 
Püttlachtal in großer Anzahl. Den Besuchern der 
Schweiz ist wohl der wunderbare Trömmelbachfall 



bekannt, der ja aus einem solchen Strudelloch in 
dickem starkem Strahl mit solcher Kraft herab- 
stürzt, daß er an manchen Stellen sofort wieder 
den Untergrund aufstrudelt und in ihm ver- 
schwindet. Was wir hier zutage sehen, kann 
natürlich auch in den unterirdischen Räumen eines 
Höhlenflusses geschehen. Wenn dann einmal die 
Decke eines solchen Tales einbricht, ein Fall, auf 
den wir am Schlüsse unserer Betrachtung einzu- 
gehen haben werden, so sehen wir ein enges, 
schluchtenartiges Tal, dessen Wände muschelartig 
vertieft, die Reste einer fortgesetzten Bildung und 
Aufarbeitung von Strudellöchern zeigen. Ich er- 
innere hierbei an die Aaretalschlucht bei Meiringen, 
die Partnachklamm und einige von Flüssen durch- 
strömte Schluchten. Besonders deutlich sehen 
wir die Reste des alten Höhlenflusses, am Quacken- 
schloß und an der Riesenburg bei Doos. 

Wenn wir das seither Ausgeführte auf das 
Oberailsbachtal anwenden wollen, so müssen wir 
im Interesse der klaren Übersicht einen Augen- 
blick die Frage, woher dieser Bach kam, zurück- 
stellen. Deutliche Beispiele für die von allen 
Seiten hervorbrechenden und in die Haupthöhle 
(deren Verlauf wir uns ungefähr von der Schweins- 
mühle an der Ruine Rabenstein vorbei bis an das 
Gasthaus zum Oberailsbachtal vorstellen müssen) 
verschwindenden Wasserstrahlen sehen wir ganz 
besonders in der Nähe des großen und des kleinen 
Schneiderloches, wie ja auch die Ludwigshöhle 
in ihrem hinteren Teile einzelne Läufe erkennen 
läßt, die in einem domartigen Hauptraume, der 
heutigen eigentlichen Höhle zusammenströmen. 
Daß neben dieser Flußhöhle auch die sonst 
üblichen nur durch Sickerwasser und Deckensturz 
entstandenen Höhlen auftreten konnten, beweist 
die heute neben dem Tale, früher neben der 
Flußhöhle befindliche Klausstein Sophiengrotte. 
Erstere, die Klaussteinhöhle, gehört unbedingt noch 
in das Gebiet des Höhlenflusses hinein, wurde 
ich doch bei ihrem Anblick äußerst stark an das 
eingangs erwähnte Ponor der Lesse erinnert. Die 
Sophiengrotte ist indessen lediglich eine Sicker- 
wasser-Einsturzhöhle, die mit dem Flusse nichts 
zu tun hat, vielleicht sogar erst später entstanden 
ist. Selbstverständlich kann das Wasser eines 
solchen Höhlenflusses sich durch Strudellöcher 
immer tiefer bohrend, auch ein altes früher ent- 
standenes Höhlensystem in Besitz nehmen und 
somit nachträglich dieses zu dem System eines 
Höhlenflusses umwandeln. Ohne einen in sehr 
vielen Phallen anwendbaren Satz nun unbedingt 
verallgemeinern zu wollen, möchte ich annehmen, 
daß bei allen Höhlengebieten, die zwischen Ponor 
und Vauclusequelle eines Höhlenflusses liegen, ohne 
daß zwischen Eintreten und Austreten aus dem 
Gebirge ein nennenswertes Gefälle besteht, eine 
reine Höhlenflußbildung vorliegt. Besteht aber 
zwischen l'onor und Austritt des Flusses ein sehr 
starker Niveauunterschied, so liegt der Verdacht 
nahe, daß der einmal in das Gebirge eingetretene 
Fluß nunmehr mit seinen Strudellöchern sich in 



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vorhandene Höhlensysteme eingebohrt und sie 
dann durchflössen hat. Hierher möchte ich das 
Beispiel der Maximiliansgrotte bei Krottensee 
stellen. Das immer tieferbohren eines solchen 
Flusses und sein damit verbundenes Herabsinken 
in tiefere Stockwerke können wir ebensowohl an 
bekannten Höhlenflüssen wie an dem Fluß des 
Oberailsbachtales beobachten. Als derartig be- 
kanntes Beispiel möchte ich die Schwindlöcher 
der Peuck erwähnen die übereinanderliegen, ebenso 
wie es bei der Eishöhle im Tämnengebirge der 
Fall ist, einem unterirdischen Flußsystem, das 
mein Kollege Herr Dr. H a u s e r auf 26 km Länge 
durchforscht hat. Im Oberailsbachtal beobachten 
wir wieder die untereinanderliegenden Strudel- 
löcher, am schönsten an der Flußpartie gegenüber 
der Rabensteiner Burg, zwischen der Ludwigs- 
höhle und dem Komplex der Schneiderlöcher. 

VieUeicht hat uns die Natur auch noch ein 
bisher unbekanntes Stück des alten Flußlaufes 
aufbewahrt. Unterhalb der Sophienhöhle befindet 
sich nämlich ein seither noch nicht durchforschtes 
Höhlensystem, welches wegen seiner schwierigen 
Befahrbarkeit die Verzweiflungshöhle genannt 
wurde und deren Durchforschung ich mir noch 
vorbehalten habe. Daß eine Verbindung zwischen 
ihr und dem System der Klaussteinhöhle besteht, 
ist an letzterer erwiesen. 

Sind die Gesteinsschichten, die von dem Fluß 
durcheilt werden, von einem flachen, geringen 
Einfall nach der Talsole zu geneigt, so finden wir 
oft die Decke dieses unterirdischen Laufes in der 
Nähe des Tales eingebrochen und können uns 
sodann Bildungen erklären, wie sie in der Riesen- 
burg bei Doos vorliegen. Wir haben, wie ich in 
anderer Arbeit ausführen werde, hier einen unter- 
irdischen Lauf der ehemaligen Wiesent vor uns, 
der mit ziemlich starkem Gefälle von der Höhe 
des Gebirges nach der Talsole herabstürzt. In 
der Mitte der Riesenburg stehend, haben wir nach 
oben blickend das unzerstörte Höhlenflußsystem 
vor uns, während wir in der Richtung nach dem 
Tale zuschauend, d. h. nach unten zu, nur noch 
die Reste einzelner Brücken und schroffe Wände 
sehen. 

Wie kommt es nun, daß wir heute den Ails- 
bach mit sehr mäßigem Gefälle aus der Gegend 
von Kirchahorn kommend, sich nach der Wiesent 
zu ergießen sehen, wobei er zwischen der Schweins- 
mühle und Oberailsfeld wohl ein schluchtartiges 
Tal durchfließt, nicht aber eine tunnelartige 
Höhle? Neischl, der Vater der Höhlenforschung 
in der fränkischen Schweiz, erklärt die Bildung 
der meisten derartigen Täler durch Einsturz ehe- 
maliger Höhlensysteme, indem er schildert, wie 
allmählich durch Abbruch der Höhlendecke diese 
immer dünner wird, und schließlich die über- 
ragende Gesteinsmasse nicht mehr getragen wer- 
den kann und so einstürzt. In dieser Anschauung 
stimme ich mit Neischl fast vollständig überein, 
wobei ich allerdings diejenigen, die bei dem 
bloßen Lesen dieser Theorie Zweifel hegen, bitten 



möchte, sich erst an Ort und Stelle die typischen 
und handgreifbaren Beweise dieser Theorie anzu- 
sehen. Nur in dem einen weiche ich etwas von 
Neischls Ansicht ab, nämlich darin, daß ich 
nicht diese Talbildung auf Einsturz von einfachen 
Sickerwasserhöhlen zurückführen, sondern hierbei 
unbedingt die Mithilfe alter Höhlenflüsse zu Hilfe 
nehmen und einschließen möchte. Meines Er- 
achtens haben alle diese Flüßchen und Bäche der 
fränkischen Schweiz einen Vorfahren aus der Eis- 
zeit oder der ihr nachfolgenden Zeit gehabt, der 
das Kalkgebirge ähnlich durchhöhlt und durch- 
strudelt hat, wie es heute die Bäche und Flüsse 
des Karstgebietes tun. Bei dem schon wiederholt 
erwähnten Beispiel der Donauversickerung dürfen 
wir ohne weiteres ein derartig unterirdisches 
Höhlensystem annehmen, und haben sogar die 
Gelegenheit, den Beweis für die eben erwähnte 
Theorie zu studieren. Wenige hundert Meter 
oberhalb der Aachquelle ist nämlich bereits ein 
langgestrecktes dolinenartiges Tälchen zu sehen, 
welches nur dadurch entstanden sein kann, daß 
das untere Höhlensystem des Donau-Rhein-Höhlen- 
flusses hier bereits eingebrochen ist. Von dem 
Laufe der Recka kennen wir ja auf der Strecke 
zwischen der Marinitschgrotte und der darauf- 
folgenden Gebirgswand eine Strecke von 300 m, 
auf der sie in einer tiefen Talschlucht fließt, wäh- 
rend sie vorher und nachher in unterirdischen 
Tunnellen dahineilt. Wir haben hier also ein 
derartiges Beispiel, daß ein Teil der Decke ein- 
gebrochen ist. Ein ganzes System solcher, bald 
überirdisch, bald unterirdisch verlaufender Wasser, 
ist das Gebiet der Peuck-Unz-Laibach. 

Die Zuhilfenahme unterirdischer Flüsse bei 
der Erklärung durch Einbruch entstandener Täler 
erscheint mir vor allen Dingen deshalb notwendig, 
weil wir doch immerhin mit Wasser von einer 
gewissen Wirkungskraft rechnen müssen, um uns 
die Entfernung des durch den Deckensturz ent- 
standenen mächtigen Schuttes erklären zu können. 
Bei unserem Beispiel des Ailsbachtales glaube ich 
auch in der glücklichen Lage zu sein, nachweisen 
zu können, wo dieser Schutt hingekommen ist. 
In dem Dorf Oberailsfeld befindet sich eine Stelle 
von Sand, welcher in der Literatur als eine Art 
Meeressand bezeichnet wird. Nachdem ich seiner- 
zeit reichlich Gelegenheit hatte, rezenten und 
fossilen Meeressand zu studieren, glaube ich ein- 
wandfrei einen Meeressand von einfachem Fluß- 
sand unterscheiden zu können. Ganz besonders 
auffallend ist nun an dieser Stelle die gänzliche 
Fossilleerheit dieser Sande, obwohl sie derartig 
feinkörnig sind, daß selbst ganz zarte Reste in 
ihnen hätten erhalten bleiben müssen. Selbst in 
den stark ausgelaugten Meeressanden des Mainzer 
Beckens ließen sich doch immerhin die Reste von 
besonders widerstandsfähigen Fossilen nachweisen, 
d. h. von solchen, deren Schalen von kohlen- 
saurem Kalk in der Form des widerstandsfähigen 
Kalkspates statt des leicht zerstörbaren Aragonites 
vorlagen. In den Sanden des Oberailsbaches 



I08 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 8 



konnte ich in der mir zur Verfügung stehenden 
Zeit keine Fossilien nachweisen. Hierbei möchte 
ich sogar noch die geringe Wahrscheinlichkeit, 
daß sich hier ganz lokal in den Resten des Jura- 
meeres eine Insel von Strandsand erhalten hätte, 
nicht weiter ausführen. An der Stelle, wo das 
heutige Gasthaus zum Oberailsbachtal steht, d. h. 
an der Stelle, wo sich auch die Vauclusequelle 
des Ailsbaches aus der das Tal steil abschließen- 
den Felswand ergoß, verbreitert sich das heutige 
Tal des Baches und bildet etwa an der Stelle, 
wo der Sandrücken zu sehen ist, eine Kurve , in 
die an dieser Stelle der mitgerissene Schutt ab- 
gelagert wurde. Lediglich die Feinkörnigkeit des 
Sandes deutet auf längeren Transport. 

Der Einbruch des Tales und damit das Fest- 
legen des Ailsbaches in seinem heutigen Bette ist 
erst später erfolgt, sonst würde sich dieser Bach 
wahrscheinlich an der Stelle der heutigen Gais- 
kirche weiter in der Tiefe in ein schon vorhan- 
denes oder von ihm zu schaffendes Höhlensystem 
ergossen haben. Das ganze Äußere der Gais- 
kirche zwingt uns, in ihr ein Ponor mit mehreren 
Sauglöchern zu sehen, so daß wir also von dem 
Ailsbach nunmehr aus oberen Stockwerken nach 
unten, d. h. nach der heutigen Talsole gerichtete 
Sauglöcher erblicken, daß wir ein unter der Tal- 
sole gelagertes Höhlensystem annehmen dürfen, 
und daß uns auch wahrscheinlich der Austritt, 
d. h. die Vauclusequelle bekannt ist. 

Es bleibt uns also nunmehr nur noch die 
Frage zu lösen, woher dieser Fluß kam. Bei der 
Kürze des Laufes und seiner Kraftentfaltung dürfen 
wir ihm nicht als nur aus Niederschlägen ent- 
standen annehmen. Wesentlich wahrscheinlicher 
ist wohl die Annahme, daß eine große Wasser- 
menge, in die das Tal damals noch bei der 
heutigen Schweinsmühle abschließenden Felswand 
durch ein Ponor eindrang und somit das spätere 
Höhlental schuf. Daß gerade die Felswand an 
dieser Stelle abschnitt, erklärt sich dem Geologen 
dadurch, daß die Doggerschichten in die Höhe 
der Malmschichten verworfen sind, derart, daß die 
unteren Doggerschichten etwa in Höhe des heu- 
tigen Talbodens lagern , während das Tal selbst 
in den obersten Malmschichten, d. h. im fränki- 
schen Dolomit eingeschnitten ist. Wieso die einst 
über dem Dogger lagernden Malmschichten ver- 
schwunden sind, kann uns an dieser Stelle nicht 
näher beschäftigen. Tatsache ist, daß wir nach 
Abtragung dieser Malmschichten hier ein weites 
Tal vor uns hatten , welches sehr wohl mit den 
großen Wassermassen der Nacheiszeit angefüllt 



war und das seinen Verlauf durch die eben be- 
zeichneten Malmwände suchen mußte. Hierbei 
dürfen wir dann annehmen, daß bei dem ursprüng- 
lichen höchsten Wasserstand dieser Eintritt durch 
hochgelegene Sauglöcher erfolgte (etwas höher 
als die Schneiderlöcher), während bei späterem 
Absinken des Wasserlaufes sehr wohl ein torartiges 
Ponor wenig höher als der heutige Talboden be- 
standen haben kann. 

Daß ursprünglich derartige Wassermassen vor- 
handen waren, dürfte aus dem Umstände hervor- 
gehen, daß der Ort Kirchahorn in seinem Namen 
auf das Wort Sumpf hinweist. Kirchahorn soll 
nämlich, wie mir ein dortiger Lehrer liebenswürdig 
erklärte, Kirchahora, d. h. die Kirche arn Sumpf 
bedeuten. Daß dieser Sumpf als alter Überrest 
des alten Sees aufzufassen ist, erscheint mir sehr 
glaublich. Als heutiges Beispiel für einen der- 
artigen See , der seinen Abfluß in einer vorge- 
lagerten Felswand nimmt, möchte ich nochmals 
den Zirknitzersee erwähnen. Wir haben somit 
den Eintritt, den Austritt des Ailsbachhöhlen- 
flusses kennen gelernt und wissen ebensowohl wo 
er sein Wasser hergenommen und wo er seinen 
Schutt abgelagert hat. Nicht ebenso vollständig 
läßt sich das Bild des vorgeschichtlichen Wiesent- 
höhlenflusses rekonstruieren. Einzelne Teile von 
ihm kennen wir indessen. Ich erinnere hier an 
die Oswaldhöhle und das Quackenschloß mit 
ihren typischen Strudellöchern, erwähne die 
Riesenburg bei Doos, die vielleicht den Zufluß 
eines unterirdischen Nebenflusses darstellt und 
möchte zum Schluß nur noch anführen, daß es 
mir auch noch gelungen ist, bei einer ganzen 
Anzahl der anderen auf dem Plateau gelegenen 
Höhlen, wie der Schönstein - Brumsteinhöhle — 
und im Schwingbogen deutliche Reste ehemaliger 
Flußwirkungen festzustellen, möchte aber auf 
Einzelheiten an dieser Stelle nicht näher eingehen. 
Alle diese Betrachtungen zusammenfassend, möchte 
ich die PVänkische Schweiz als ein Deutsches 
Karstgebiet bezeichnen, das uns allerdings infolge 
von Klimaveränderung heute nur noch als nicht 
mehr in diesem Sinne fortschreitende Endbildung 
vorliegt. 

Gar manchmal steht der Geologe vor einer 
1 albildung, die er nicht ohne weiteres zu erklären 
imstande ist. Sollten da meine Ausführungen die 
Möglichkeit geben, durch die Annahme einge- 
stürzter Höhlenflußsysteme Aufklärungen zu 
schaffen, so wäre die Aufgabe meiner Ausführun- 
gen erfüllt. 



[Nachdruck verboten.] 

Mit dem vor einem Jahre {25. XII. 1920) von 
uns geschiedenen Prof. Dr. Helmut Bruch- 
mann in Gotha ist der Botanik ein Forscher 



Helmut Bruchmanu. 

Von K. Goebel. 



entrissen worden, der aus mehr als einem Grunde 
verdient, daß wir uns dankbar seiner erinnern. 
Es ist nicht nur der Glanz seiner Entdeckungen, 



N. F. XXI. Nr. 8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



109 



sondern auch seine ganze Persönlichkeit eine 
Ehre für die deutsche Wissenschaft. Wir sind 
gewöhnt, daß die wissenschaftliche Tätigkeit in 
den Instituten der Hochschulen und den wenigen 
Forschungsinstituten, die wir besitzen, sich ab- 
spielt. Unsere jungen Botaniker sind unglücklich, 
wenn sie nicht ein „den Anforderungen der Neu- 
zeit" entsprechendes Laboratorium zur Verfügung 
haben und glauben nur in einem solchen mit 
Erfolg wissenschaftlich tätig sein zu können. 
Bruchmann hat gezeigt, daß man ohne ein 
Institut mit den einfachsten Hilfsmitteln noch 
ungemein viel leisten kann und wenn wir seine 
Lebensarbeit überblicken, so werden wir zugeben 
müssen, daß sie an Bedeutung die nicht weniger 
Universitätsprofessoren seiner Zeit recht erheblich 
übertroffen hat. 

Sein Lebensgang war ein sehr einfacher. 
Geboren am 13. November 1847 in Pollow in 
Pommern als Sohn eines Ackerbürgers widmete 
er sich zunächst der Vorbereitung für den Lehrer- 
beruf. Aber bald ging er zur Universität über. 
Er studierte in Jena, wo Strasburger, damals 
auf der Höhe seiner Tätigkeit, sein Lehrer war. 
Er legte im Jahre 1874 das Doktorexamen ab 
und erhielt 1877 eine Lehrstelle in Gotha, wo er 
bis zu seiner im Jahre 1906 erfolgten Pensionie- 
rung wirkte. Seine wissenschaftliche Tätigkeit 
fiel in die Periode der Botanik, welcher das Genie 
Wilhelm Hofmeisters den Stempel aufge- 
drückt hatte. 

In Hofmeister feierte die entwicklungs- 
geschichtliche Richtung, die namentlich durch 
S c h 1 e i d e n und N ä g e 1 i eingeleitet worden war, 
ihre höchsten Triumphe. Ihm gelang es, durch 
Auffindung des Generationswechsels die Homo- 
logien zwischen Moosen und Farnen aufzufinden 
und die Kluft zu überbrücken, welche zwischen 
„Kryptogamen" und „Phanerogamen" zu bestehen 
schien. Die Pteridophyten oder Gefäßkrypto- 
gamen boten den Schlüssel zum Verständnis der 
Lebensgeschichte der Samenpflanzen. Sie rückten 
demgemäß für längere Zeit in den Mittelpunkt 
des wissenschaftlichen Interesses. Ihnen gehörte 
auch die Lebensarbeit Bruchmanns an. Schon 
seine auf Strasburgers Veranlassung ausge- 
führte Dissertation „Über Anlage und Wachstum 
der Wurzeln von Lycopodium und Isoetes" (1874) 
beschäftigte sich mit den Pflanzen, mit welchen 
Bruchmanns Name jetzt für immer verbun- 
den ist. 

Schon diese Erstlingsarbeit zeigt eine vortreff- 
liche Beobachtungsgabe und ein ungewöhnliches 
Geschick in der Anfertigung mikroskopischer 
Präparate. 

Damals war eine Streitfrage vor allem das 
Vorhandensein einer „Scheitelzelle". Unter dem 
Einflüsse Nägel is glaubte man eine solche an 
den Vegetationspunkten allgemein voraussetzen 
zu müssen. Der Verf. dieser Zeilen erinnert sich, 
daß noch im Jahre 1876 der verstorbene bekannte 
Botaniker Schwendener ihm erklärte, er halte 



das Wachstum eines Vegetationspunktes ohne 
Scheitelzelle „mechanisch für unmöglich". Bruch- 
manns Untersuchungen aber hatten (mit anderen) 
dieses Dogma (denn weiter war es nichts) aber 
schon als unhaltbar erwiesen und die eigenartige 
Verzweigung der Wurzeln — sie weicht von den 
aller anderen Pflanzen ab — bei den Lycopodien 
aufgehellt. 

Die Gattung Lycopodium war die, deren Ent- 
wicklungsgang auch von Hofmeister nicht er- 
mittelt werden konnte. Zwar bilden die Lyco- 
podien unserer Wälder so massenhaft Sporen aus, 
daß diese einen Handelsartikel (Sporae Lycopodii) 
(für Apotheken u. a.) bildeten. Aber alle Ver- 
suche, diese Sporen zur Keimung zu bringen, 
schlugen fehl — nur de Bary war es gelungen, 
von Lycopodium inundatum einmal wenigzellige 
Körper aus Sporen zu erziehen — sie gingen 
durch einen Zufall zugrunde und konnten später 
nicht mehr erhalten werden. Man wußte nicht 
einmal sicher, ob Lycopodium zu den isosporen 
oder heterosporen Pteridophyten gehöre — im 
letzteren Falle wären die Sporen als Mikrosporen 
zu betrachten gewesen. Diese Frage wurde ent- 
schieden als Fankhauser in der Schweiz 1872 
Prothallien von Lycop. annotinum mit Keim- 
pflanzen fand. Es waren unterirdische chlorophyl- 
lose Knöllchen, die offenbar als Saprophyten 
lebten. Aber der Entdecker wußte mit seinem 
Fund nicht eben viel anzufangen und die wichtig- 
sten Bauverhältnisse der Prothallien blieben im 
Dunkeln. 1884 fand der Verf. bei Rostock chloro- 
phyllhaltige Prothallien von Lycopodium inunda- 
tum, da aber T r e u b seine javanischen Funde im 
selben Jahre veröffentlichte, unterblieb zunächst 
eine Beschreibung. Treub und Bruchmann 
sind es gewesen, welche die große Lücke in 
unseren Kenntnissen über Lycopodium ausgefüllt 
und uns die merkwürdigen Gestaltungs- und 
Lebensverhältnisse der Geschlechtsgeneration er- 
schlossen haben. Diese ist nicht nur biologisch 
höchst interessant — bei den meisten Arten lebt 
sie als Saprophyt im Boden mit einem Pilz ver- 
gesellschaftet — sondern auch für die systematische 
Gliederung der Gattung wichtig. 

Bruchmann gelang es , bei fast allen deut- 
schen Arten die Entwicklungsgeschichte des Pro- 
thalliums und des Embryos lückenlos festzustellen. 
Das war nur möglich durch zielbewußte, rastlose 
Arbeit, bei der er durch seine Frau aufs beste 
unterstützt wurde, und durch eine ganz seltene 
Beobachtungsgabe. Die Arbeiten, in denen Bruch- 
mann seine Funde beschrieben hat, sind Muster 
der Exaktheit und mit schönen, lehrreichen Ab- 
bildungen geschmückt. Es gelang ihm schließ- 
lich auch die Sporen zur Keimung zu bringen. 
Wir kennen jetzt die Lebensverhältnisse dieser 
Prothallien ebensogut wie die der anderen Pteri- 
dophyten. 

Außer den Lycopodien war Bruchmanns 
Tätigkeit namentlich den Selaginellen gewidmet. 
Ihre gesamte Morphologie hat durch ihn die 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 8 



größte Förderung erfahren. Er lehrte uns die 
verschiedenen Keimungstypen der Makro-Prothal- 
lien kennen, wies für einige Formen Zeugungs- 
verlust (Apogamie) nach, erforschte die Embryo- 
entwicklung, die Bildung der merkwürdigen Wurzel- 
träger, deren Regeneration und Umbildung. Die 
technischen Schwierigkeiten, die namentlich bei 
der Untersuchung der Prothallien zu überwinden 
waren, sind sehr große. Bruchmann besiegte 
sie auch ohne Mikrotom. Seine Abbildungen 
zieren unsere Lehr- und Handbücher. Auch die 
merkwürdige Formengruppe der Ophioglosseen 
(bei uns vertreten durch Ophioglossum und Botr- 
ychium) verdankt iKm eine wesentliche Förderung 
unserer Kenntnisse. Die Geschlechtsgeneration 
dieser Formen zeigt merkwürdige Konvergenz- 



erscheinungen zu der der meisten Lycopodien. 
Auch sie lebt als Holosaprophyt unterirdisch und 
hat sich deshalb lange der Nachforschung ent- 
zogen. Bruchmanns Scharfsinn hat auch hier 
Erfolge gefeiert. Er behielt seine Schätze aber 
nicht für sieht. Zahlreiche botanische Institute 
verdanken ihm sorgfältig montierte Sammlungen 
von Prothallien und Keimpflanzen von Lycopodium, 
Ophioglossum u. a. 

Er hat gezeigt, was ein Naturforscher, der ganz 
auf sich allein gestellt ist, leisten kann, wenn er 
sich auf ein bestimmtes Gebiet konzentriert und 
wenn er der rechte Mann dazu ist, es auszubeuten. 
Es wird für alle Zeiten unter den Botanikern der 
Hof meist ersehen Ära einen Ehrenplatz ein- 
nehmen. 



Einzelberichte. 



tiber die eigentümliche Naliruiigsgewinuuuj 
einer Schlupfwespe (Habrocytus cionicita). 

(Mit 1 Abbildung.) 

In den Cpt. rend. hebdom. des seances de 
l'acad. des sciences Bd. 173, Nr. 17, 192 1 berichtet 
Jean L. Lichtenstein über die Biologie einer 
Schlupfwespe (Chalcidide) und weist besonders 
auf die ganz eigentümliche Art ihrer Nahrungs- 
gewinnung hin. Da die von L. beschriebenen 
und abgebildeten Verhältnisse bis jetzt wohl einzig 
dastehen, so seien sie hier wiedergegeben unter 
Benutzung der L.schen Abbildung. Einige Be- 
merkungen füge ich hinzu. Zunächst ist voraus- 
zuschicken, daß die von L. neu beschriebene 
Schlupfwespe Habrocytus cionicita im Jugend- 
stadium parasitiert, und zwar an den Larven und 
Puppen des Käfers Cionus thaspi (Familie Curcu- 
lionidae). Das legreife Wespenweibchen sucht 
sich Körner aus, in denen die Käferlarve lebt und 
sticht durch die Schale hindurch die Käferlarve 
an: einmal um sie zu lähmen und zweitens um 
ihre Eier — sie schlüpfen nach 2 bis 3 Tagen 
aus — unterzubringen. Die schlüpfende Wespen- 
larve saugt, wie viele ektoparasitäre Larven dieser 
Art, die Käferlarve aus. Ganz eigentümlich ist 
nun die Art, wie das Weibchen die Käferlarven 
derselben Art zur eigenen Ernährung auswertet. 
Hierzu schicken wir voraus, daß eine ganze Reihe 
von Schlupfwespen Raupen oder Eier anstechen 
und durch die mit dem Stachel gesetzte Stich- 
stelle diese Nahrungsobjekte aussaugen. Ich selbst 
bearbeite zurzeit eine Braconide (Habrobracon 
brevicornis Wesm.), welche genau in der gleichen 
Weise verfährt. Darüber wird an anderer Stelle 
berichtet werden. Diese Eigentümlichkeit scheint 
bei den Schlupfwespen und ihren Verwandten 
weiter verbreitet zu sein als man bisher annahm. 
In derselben Art und Weise verfährt auch die 
durch L. bekannt gewordene Art Habrocytus. — 
Da aber die Käfcrlarve, von welcher sich die 



• 'i^t( Wespe ernährt, in einem Samenkorn lebt, und da 
.|' ein Zwischenraum zwischen Käferlarve und Samen- 

, schale bleibt, so kann die Wespe nicht ihren 
Mund auf die von ihr gesetzte Stichstelle in der 
Käferlarvenhaut anpressen. In der Abbildung sind 
die Verhältnisse wiedergegeben. Die Wespe muß 
den Zwischenraum (in der Abbildung schwarz 
gehalten) auf irgendeine Art und Weise über- 
brücken. Sie verfährt folgendermaßen. Der Lege- 
stachel ist so lang, daß er durch die Samenschale 
über den Zwischenraum hinweg bis in die Käfer- 




larve reicht. Diesen Umstand benutzt die Wespe 
wie folgt. Das Weibchen sticht durch die Schale 
die Larve an und läßt seinen Legestachel bis zu 
einer halben Stunde in dieser Lage stecken. Dabei 
tritt ein eigentümliches Sekret, über dessen Natur 
L. keine weiteren Angaben macht, längs des 
Stachels aus; es gerinnt und umschließt den Stachel 
schließlich wie eine feste Scheide. Ist dies ge- 
schehen, so zieht die Wespe den Stachel heraus, 
und nun hat sie sich selbst mit Hilfe ihres Lege- 
stachels eine feine kapillare Röhre gebildet, die 
vom Inneren der Käferlarve durch die Samenschale 
nach außen geht. Die L.sche Abbildung gibt 



N. F. XXI. Nr. 8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



diese höchst sonderbaren Verhältnisse sehr an- 
schaulich wieder. Der Außenöffnung der selbst 
geschaffenen Steigröhre preßt jetzt die Wespe den 
Mund auf und saugt nun durch dieses Rohr die 
Käferlarve von außen her mit aus, so wie in 
der Samenschale die Larve der Wespe die Käfer- 
larve aussaugt. — Die Richtigkeit der L. sehen 
Beobachtungen vorausgesetzt, hätten wir hier die 
sehr eigentümlichen Verhältnisse, daß der Lege- 
stachel, bzw. Wehrstachel, zu bestimmter Ver- 
wendung bei der Nahrungsaufnahme kommt. In 
dieser Hinsicht sind die L.schen Beobachtungen 
völlig neu. Daß die mütterlichen Tiere bei Schlupf- 
wespen zugleich mit ihren Nachkommen an ein 
und demselben Objekt saugen wie Habrocytus, ist 
auch von anderen Formen bekannt. Genau die 
gleichen Verhältnisse habe ich jetzt bei der an 
Mehlmotten parasitierenden Braconide Habr. brev. 
(s. o.) festgestellt. Die erwachsenen Tiere (Weibchen) 
leben von der gleichen Nahrung (auch am gleichen 
Stück) wie die Larven. Für die Deutung be- 
stimmter sozialer Erscheinungen bei Wespen er- 
scheinen mir diese Beobachtungen wichtig. 

A. Hase (Berlin-Dahlem). 



Innervation und Inkretbildung. 

In einem Aufsatz „Über das Wesen der Inner- 
vation und ihre Beziehungen zur Inkretbildung" ') 
stellt Abderhalden Befunde zusammen, die 
uns in beachtlichem Maße weitergebracht haben 
in der Behandlung der Frage, ob die Einwirkung 
der Nerven auf die Erfolgsorgane eine direkte 
oder indirekte ist. Es handelt sich hier darum, 
ob die innervierten Organe etwa durch einen Stoß 
beeinflußt werden, dessen Bildung durch die in 
Frage kommenden Nerven bewirkt wird. 

Schon vor längerer Zeit beobachtete H o w e 1 1 , 
daß der Kaliumgehalt der Herzflüssigkeit zunimmt, 
wenn der Nervus vagus gereizt wird. Es liegt 
also nahe, die hemmende Wirkung, die bei Reizung 



•) Klinische Wochenschrift, i. Jahrg., Nr. i, 1922. 



des Nervus vagus am Herzen zu beobachten ist, 
auf das Kalium oder überhaupt auf eine Gruppe 
von Stoffen zurückzuführen, die infolge der Reizung 
in der Durchspülungsflüssigkeit des Herzens ver- 
mehrt auftreten. Abderhalden geht in seinem 
Aufsatz besonders auf Versuche von O. Loewi 
(1921) ein, der diese bedeutsame Frage in der ge- 
schilderten Richtung weiter aufrollt und der neuen 
Theorie von der Beziehung der Inkrete zur Inner- 
vation eine festere Basis verschafft. Im Nach- 
stehenden folge ich den Ausführungen Abder- 
haldens, der die Methode und die Ergebnisse 
der Loe wischen Versuche der besseren Ver- 
ständlichkeit halber in vereinfachter Form dar- 
stellt. Loewi beobachtete, daß die Herzflüssig- 
keit (Ring ersehe Lösung) eines von Reizen un- 
beeinflußten Herzens auf ein ebensolches ohne 
Einfluß bleibt. Reizte Loewi dagegen den Nervus 
parasympathicus, wobei eine Verlangsamung der 
Herzschlagfolge eintritt, so konnte er nach Über- 
tragung des Herzinhaltes feststellen, daß auch das 
von Reizen unbeeinflußte Herz langsamer schlägt, 
also ebenso reagiert wie das Herz, dem die Flüssig- 
keit entnommen wurde. Der Inhalt eines Heraens, 
das unter dem Einfluß des Nervus sympathicus 
steht, auf ein unbeeinflußtes Herz übertragen, be- 
wirkt raschere Schlagfolge und stärkere Zusammen- 
ziehungen. Es scheint also durch die Reizung 
der erwähnten Nerven eine Inkretbildung verur- 
sacht zu werden. Die Inkrete bewirken dann erst 
Hemmung oder Steigerung der Herztätigkeit. 

Wie aus einer Mitteilung ') von Loewi selbst 
hervorgeht, entstehen die Inkrete nicht etwa i n - 
folge der gehemmten oder gesteigerten Tätigkeit 
des Herzens, sondern „unmittelbar unter dem Ein- 
fluß der Nervreizung vor aller Tätigkeitsänderung 
des Herzmuskels". Die entstehenden chemischen 
Stoffe bezeichnet Loewi als „lokal gebildete und 
wirksame Hormone". Nach allen Befunden scheint 
also der Herzmuskel mit den endokrinen Organen 
auf einer Stufe zu stehen. Schließlich weisen auch 
die neuen Ergebnisse auf einen nahen Zusammen- 
hang zwischen Nervensystem und Inkretion hin. 
Gustav Zeuner. 



Kirchner, O. v. , Di 

ihre Erkennung und Bekämpfung. 

4. Auflage. 44 Seiten. Mit über loo farbigen 

Abbildungen auf 2 Tafeln und 21 Textfiguren. 

Stuttgart 1921, Verlag E. Ulmer. 
Das treffliche Büchlein ist für weitere Kreise 
bestimmt und dürfte sich in der Hand von Obst- 
züchtern und Gartenfreunden als treuer Ratgeber 
bewähren, indem es nicht allein zuverlässige Aus- 
kunft über die vielen tierischen und pflanzlichen 
Schädlinge gibt, die den Obstbau bedrohen, son- 
dern auch gleich den richtigen Weg zeigt, wie 
den Schädlingen erfolgreich zu begegnen ist. Die 



Bücherbesprechungen. 

Obstbaum feinde, Benutzung gestaltet sich dem Zweck entsprechend 
so einfach wie möglich. Ein langwieriges Be- 
stimmen oder Vergleichen mit mehr oder minder 
passenden Beschreibungen, Dinge, die erfahrungs- 
mäßig dem Anfänger immer viel Schwierigkeiten 
bereiten, sind unnötig, weil wohl in fast allen 
Fällen schon ein Blick auf die bunten, im allge- 
meinen trefflich gelungenen farbigen Bilder ge- 
nügen wird, um festzustellen, welcher Feind ge- 
rade in Frage kommt. Nähere Angaben und 
namentlich die Vorschriften zur Bekämpfung sind 
dann leicht im Text zu finden. Letzterer ist 
sachgemäß durchgearbeitet und in der neuen 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 8 



Apf läge dem Stande der Wissenschaft entsprechend. 
Den praktischen Bedürfnissen kommt ein beson- 
deres Kapitel entgegen, in dem die verschiedenen 
Maßnahmen zur Bekämpfung, wie Leimringe, 
Fanggürtel und deren Anwendung, sowie die 
Herstellung und Benutzung der wichtigsten pilz- 
tötenden und insektentötenden IVIittel geschildert 
werden. Eine Anzahl der bewährtesten als Be- 
zugsquellen in Betracht kommenden Firmen ist 
genannt, ebenso sind auch die wichtigsten Gerät- 
schaften und Apparate abgebildet worden. Für 
eine etwaige Neuauflage möchten wir empfehlen, 
den Apfelsauger (Psylla mali), der in manchen 
Jahren sich als ungemein lästig erweist, möglichst 
auch mit Larve bildlich darzustellen. Es könnte 
dafür die in Fig. 30 gegebene und nicht beson- 
ders gelungene Abbildung des Birnsaugers aus- 
gemerzt werden. R. Heymons. 

Dannemann, Friedrich, Plinius und seine 
Naturgeschichte in ihrer Bedeutung 
für die Gegenwart (Klassiker der Natur- 
wissenschaften und der Technik, herausgegeben 
von Fr. Strunz). 250 S. Jena 1921, Eugen 
Diederichs. Preis brosch. 30 M., geb. 40 M. 
Bei dem erfreulicherweise immer mehr er- 
starkenden Interesse für die Geschichte der Natur- 
wissenschaften ist es sehr begrüßenswert, daß 
sich Dannemann entschloß, die berühmte 
„Naturgeschichte" (Naturalis historia) des 
Römers Plinius, die das ganze IMittelalter hin- 
durch das höchste Ansehen genoß, auszugsweise 
in guter deutscher Übersetzung herauszugeben. 
Die bereits vorhandenen Übersetzungen sind z. T. 
recht schwerfällig und oft auch nicht leicht zu- 
gänglich. Außerdem sind sie für den, der nicht 
iVIuße hat, sich eingehender mit Plinius zu be- 
fassen, zu umfangreich, da sie den ganzen Text 
enthalten. Dannemann hat sich bemüht aus 
den 37 Büchern des Plinius das auszuwählen, 
„was heute noch in hohem Grade fesselnd und 
von Wert ist und daher die Beachtung der ge- 
bildeten Kreise im weitesten Sinn des Wortes 
verdient". Im großen und ganzen dürfte ihm 
diese Auswahl gelungen sein. Sehr wünschens- 
wert wäre es aber gewesen, wenn der Heraus- 
geber bei seinen Auszügen die betr. Pliniusstelle 
angegeben hätte, was doch leicht durch Rand- 
noten hätte gemacht .werden können. Die Ein- 
leitung bringt einen kurzen Überblick über die 
antike Naturwissenschaft und einiges über das 
Leben und die Quellen des Plinius. Wer sich, 
ohne zeitraubende Studien machen zu können, 
über die naturwissenschaftlichen Kenntnisse des 
klassischen Altertums unterrichten will, dem sei 



das Buch bestens empfohlen. Die Ausstattung 
ist, wie beim Diederichsschen Verlag nicht 
anders zu erwarten, recht gut. Marzell. 



Müller, Dr. Max, Anfangsgründe der Che- 
mie. Ein Leitfaden für Haushaltungs- und 
Gewerbeseminare, höhere Mädchen- und Fort- 
bildungsschulen, Chemieschulen und ähnliche 
Anstalten. Zweite durchgesehene und vermehrte 
Auflage. IV und 273 Seiten mit 41 Abbil- 
dungen im Text. Berlin 192 1, Verlag von 
Julius Springer. Preis geh. 20 M. 
Ein ganz elementar gehaltenes, recht geschickt 
abgefaßtes, nur auf das Praktische gerichtetes, die 
wissenschaftliche Seite der Chemie absichtlich 
ganz unberücksichtigt lassendes, mit vielen lehr- 
reichen Abbildungen ausgestattetes Büchlein. Der 
vom Verf. ins Auge gefaßte Leserkreis, für den 
das Buch in seiner ganzen Anlage zweifellos recht 
geeignet ist — in gut geleiteten Chemieschulen 
wird man an die Schülerinnen allerdings auch 
einige Anforderungen in theoretischer Chemie 
stellen — geht aus dem Untertitel mit genügen- 
der Deutlichkeit hervor. 

Die Ausstattung ist einfach, aber durchaus 
ausreichend, der Preis ist als niedrig zu bezeichnen. 
Berlin-Dahlem. Werner Mecklenburg. 

Kossei, Dr. W. , Valenzkräfte und Rönt- 
genspektren. Mit II Abb. Berlin 192 1, 
Julius Springer. 12 M. 
Zwei gut stilisierte Aufsätze des bekannten 
Physikers über das Elektronengebäude des Atoms 
in der heute herrschenden Vorstellung. Einige 
Sachkenntnis vorausgesetzt, ist die Schrift eine 
sehr gute Zusammenfassung und Diskussion aller 
neueren , selbst neuesten experimentellen und 
spekulativen Ergebnisse. Die Einwände gegen 
die geschilderte Vorstellung des Atomgebäudes 
treten bei der ausgesprochenen Stellung des Verf.s 
naturgemäß zurück. Zur Ergänzung in dieser 
Beziehung sei auf die Arbeit von J. Starck im 
Jahrbuch der Radioaktivität 17, Heft 2, 1920 ver- 
wiesen. — S. 48 ist der Wert für E„ versehent- 
lich negativ gesetzt. H. H. 



Literatur. 

Abbandlungen und Vorträge aus dem Gebiet der Mathe- 
matik, Naturwissenschaft und Technik. Heftö: Hochmuth, 
Dr. Kurt, Der Kreiselkompaß. Leipzig- Berlin '21, B. G. 
Teubner. 12 M. 

Lebensvoller Unterricht. Band 8: Walt her, Prof. 
Ernst, Tierkunde. Leipzig '21, Dürrsche Buchhandlung. 

Kraepelin, K., Einführung in die Biologie. Grofle 
Ausgabe. Leipzig-Berlin, B. G. Teubner. Geb. 35 M. 



Inhalt: H. K. Becker, Reste eines alten Höhlenflusses. S. 105. K. Goebel, Helmut Bruchmann. S. 108. — Einzel- 
berichte: J. L. Lichtenstein, Über die eigentümliche Nahrungsgewinnung einer Schlupfwespe (Habrocytus cionicita). 
(I Abb.) S. iio. Abderhalden, Innervation und Inkretbildung. S. III. — Bücberbesprechungen: O. v. Kirch- 
ner, Die Obstbaumfeinde, ihre Erkennung und Bekämpfung. S. Iil. Fr. Dannemann, Plinius und seine Natur- 
geschichte in ihrer Bedeutung für die (Jegenwart. S. 112. M. Müller, Anfangsgründe der Chemie. S. 112. W. 
Kos sei, Valenzkräfte und Röntgenspektren. S. 112. — Literatur: Liste. S. 112. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 

Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Reihe 37. Band. 



Sonntag, den 26. Februar 1922. 



Nummer 9. 



tNachdruck verboten.] 

Auf zahllosen Wegen arbeitet sich die F"orschung 
an die Rätsel des Lebens heran; je näher dem 
Ziele, um so schwerer gangbar werden die Wege ; 
bisher enden sie alle vor unüberwindlichen Hinder- 
nissen. Daher wird immer wieder Ausschau ge- 
halten nach neuen Wegen, neuen Methoden, die 
neue Fortschritte versprechen. 

Als man zuerst im Mikroskop in viel hundert- 
facher Größe die lebendige Substanz unmittelbar 
vor Augen sah und endlich erkannte, an welchen 
Teil der Lebenseinheit, der Zelle, das Leben selbst 
wirklich und wesentlich gebunden ist, da mochte 
begeisterte Hoffnung entstehen, nunmehr die 
letzten Geheimnisse zu ergründen; es galt ja nur 
noch die Eigenschaften des Lebenssubstrates zu 
erforschen und zu analysieren. Doch vor diesem 
neuen, scheinbar so nahen Ziele türmten und 
türmen sich gewaltig immer neue Hindernisse. 
Das Mikroskop gestattete in stetig gesteigerter 
Vollkommenheit das Studium der Morphologie 
der lebenden Substanz; einen wie reichen Inhalt 
aber auch allmählich der morphologische Begriff 
des Protoplasmas gewann, es waren damit kaum 
Lösungen irgendwelcher nach dem Wesen der 
Lebenserscheinungen gerichteter Fragen gewonnen. 
Auch die Chemie — selbst in der ungeahnten 
Verfeinerung ihrer Methodik als Mikrochemie — 
kann wohl das Leben nicht restlos erfassen ; sie 
arbeitet meist nur mit tödlich wirkenden Mitteln; 
aber im Tode verrät die Zelle nur wenig von 
den Vorgängen und Kräften, die ihrem Wesen 
eigen waren, eben dem Leben, das sie verlor. 

Wesentlich mildere, wenn auch immer noch 
rohe Methoden stehen der physikalischen 
Chemie zu Gebote; diese völlig neuartige, ge- 
waltig aufstrebende Wissenschaft ist wohl berufen, 
auch das direkte Studium der lebendigen Substanz 
ganz wesentlich zu fördern. 

Schon der Entdecker der lebenden Substanz 
der Pflanzenzelle, derjenige der zuerst in völliger 
Klarheit ihre wahre Bedeutung erkannte, der 
Schöpfer des Protoplasmabegriffes Hugo von 
Mo hl hat in der ersten Beschreibung dieser ge- 
heimnisreichen Materie (1846) eine physikalische 
Eigenschaft derselben als besonders charakteristisch 
hervorgehoben : er nennt sie eine „zähflüssige 
Masse", eine „zähe Flüssigkeit". Die relativ hohe 
Zähigkeit oder Viskosität ist also das- 
jenige Merkmal des Protoplasmas, das zunächst 
Erwähnung fand. Das Studium dieser Eigenschaft, 
lange Zeit hindurch vernachlässigt, ist erst in den 
letzten Jahren zu erhöhter Bedeutung gelangt. 

Wir wollen sehen, welche Methoden dieses 



Die Viskosität des Protoplasmas. 

Von Dr. Friedl Weber, Graz. 



Studium ermöglichen und welche Ergebnisse hier- 
mit bisher erzielt worden sind. 

Die Viskosität oder innere Reibung 
einer F"lüssigkeit ist der Widerstand, der sich der 
Bewegung ihrer Teile gegeneinander entgegen- 
setzt. Ihre Messung ist bei Flüssigkeiten im all- 
gemeinen nicht schwierig. Die einfachste und 
gebräuchlichste Methode ist die Auslauf- 
methode. Sie beruht darauf, daß die Ausfluß- 
menge einer in bestimmter Zeit aus einer Kapillar- 
röhre ausströmenden Flüssigkeit abhängig ist von 
der Viskosität der Flüssigkeit. Die Messung wird 
so vorgenommen, daß man eine bestimmte Menge 
Flüssigkeit durch eine Glaskapillare „das Viskosi- 
meter" strömen läßt und die Durchfließzeit bzw. 
Auslaufzeit bestimmt. Durch ein derartiges Vis- 
kosimeter läßt sich aber das lebende Protoplasma 
nicht pressen. Allerdings finden sich auch in der 
Natur Verhältnisse realisiert, unter denen lebendes 
Protoplasma in analoger Weise durch Kapillaren 
strömt, wie eine Flüssigkeit in einem Viskosi- 
meter. Es sind dies die zarten Strenge der Plas- 
modien der Myxomyceten, die in wechselndem 
Rhythmus vom Endoplasma durchflössen werden. 
Wäre der Druck oder die Kraft bekannt, welche 
diesen Strom in dauender Bewegung hält, so ließe 
sich wohl in diesem Falle nach dem Poiseuil le- 
schen Gesetz die Viskosität des Protoplasmas be- 
rechnen. Dies ist aber derzeit nicht der Fall, und 
so ist es heute nicht möglich, mit Hilfe der Aus- 
laufmethode die Viskosität des Protoplasmas zu 
ermitteln. 

Die beschriebene Auslaufmethode wird in der 
physikalischen Chemie verwendet zur Viskositäts- 
messung leicht beweglicher Flüssigkeiten; soll die 
innere Reibung zähflüssiger Lösungen gemessen 
werden, so leistet eine andere die sog. Fall- 
m et ho de bessere Dienste (vgl. neuestens Gibson 
1920). 

Diese Methode beruht darauf, daß die Sink- 
geschwindigkeit von Kugeln, die in einer Flüssig- 
keit unter dem Einflüsse der Schwerkraft fallen, 
abhängig ist von der Zähigkeit der Flüssigkeit. 
Die Messung der Zähigkeit nach diesem Prinzipe 
ist höchst einfach. Man füllt einen Glaszylinder 
mit der Flüssigkeit, läßt darin eine Glaskugel 
sinken und mißt die Zeit, die sie braucht, um 
eine bestimmte von zwei Marken begrenzte Strecke 
zu durchfallen. Will man die Messung, um Mittel- 
werte zu erhalten, wiederholen, so braucht der 
Glaszylinder nur um 180" gedreht zu werden. 

Bestimmte Pflanzenzellen stellen nun selbst 
nach obigem Prinzipe gebaute Viskosimeter dar. 



114 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 9 



Es ist das Verdienst Heilbronns (1912, 1914), 
dies erkannt und damit als erster das aktuelle 
Interesse auf die Viskositätsverhältnisse des Proto- 
plasmas gelenkt zu haben. 

Die Zellwand entspricht der Wand des Glas- 
zylinders; sie schließt die Flüssigkeit: das Proto- 
plasma ein und in dieser eingebettet liegen die 
zur Fallzeitmessung benötigten „Kugeln", nämlich 
bewegliche Stärkekörner. Wie bekannt, haben 
Haberlandt und Nemec gezeigt, daß manche 
Zellen, z. B. die Stärkescheidenzellen der Stengel 
höherer Pflanzen mit beweglichen Stärkekörnern 
ausgestattet sind, die dem Zuge der Schwerkraft 
folgend sich stets an die physikalisch untere Zell- 
wand anlegen. Dreht man einen derartigen Stengel 
um 180", so wandern die Stärkekörner der gegen- 
überliegenden nunmehr unteren Wand zu und 
treffen dort nach bestimmter „Wanderzeit" ein, 
wie sich an nachher angefertigten Schnitten ohne 
weiteres mikroskopisch feststellen läßt. Heil- 
bronn hat nun gefunden, daß bei geeigneten 
Versuchspflanzen (Stengel von Phascolus vidgaris) 
das Sinken der Stärkekörner an Schnitten direkt 
in der lebenden Zelle verfolgt werden kann. Die 
Schnitte kommen zu diesem Behufe in einem 
Tropfen Wasser auf dem Objektträger auf das 
horizontal umgelegte Mikroskop ; um die Drehung 
um 180" durchzuführen wird entweder der Objekt- 
tisch gedreht oder das ganze Mikroskop an einer 
Drehscheibe. Um die Fallzeit der Stärkekörner 
stets längs der gleichen Wegstrecke zu messen, 
schaltet man in das Okular ein Mikrometer ein 
und wählt die Entfernung zweier beliebiger Teil- 
striche als Fallhöhe. 

Nach dem gleichen Prinzipe läßt sich auch 
die Viskosität des Zellsaftes lebender Pflanzen- 
zellen messen (Weber 1921). Man beobachtet 
auch hier das Sinken spezifisch schwererer 
Körperchen, z. B. von Calciumoxalatkristallen, die 
sich nicht selten im zentralen Zellsaftraum vor- 
finden. (Vgl. auch Prankerd 1920.) 

Auch in tierischen Zellen gibt es bisweilen 
spezifisch schwerere Inhaltskörper, die unter dem 
Einflüsse der Schwerkraft innerhalb des Cyto- 
plasmas absinken. Froscheier,überhaupt Amphibien- 
eier besitzen eine weiße und eine dunkle Hemisphäre. 
Der weiße Pol, der vegetative, ist dotterreich und 
stets nach unten gekehrt, da die weißen Dotter- 
plättchen ein größeres spezifisches Gewicht be- 
sitzen als das leichtere Eiprotoplasma. In den 
noch unreifen Hierstockseiern finden sich die 
Dotterkörperchen, obwohl sie schon schwerer sind 
als das Cytoplasma noch nicht nach der physika- 
lisch unteren Eihälfte verlagert; erst in einem 
späteren Entwicklungsstadium des Eies sinkt der 
weiße Dotter im Eiinnern nach unten. Es muß 
sich also wohl — was gewiß von Interesse ist • — 
in diesem Entwicklungsstadium der Widerstand, 
der sich der Sinkbewegung entgegensetzt, das ist 
eben die Zähigkeit des Cytoplasmas, verringert 
haben. Aber noch vor diesem Stadium der 
Viskositätsverringerung lassen sich die Dotter- 



plättchen verlagern, wenn man sie nicht dem 
schwachen Zuge der Schwerkraft überläßt, sondern 
bei raschem Zentrifugieren hohen Schleuderkräften 
aussetzt. Dann wird auch bei höherer Plasma- 
viskosität, die unter natürlichen Verhältnissen ein 
Absinken der Inhaltsbestandteile nicht mehr ge- 
stattet, eine Umlagerung erzwungen werden. 

Diese Zentrifugierungsmethode mit 
ihren abstufbaren Kräften ist daher ein ganz vor- 
zügliches Mittel, um Viskositätsänderungen des 
lebenden Protoplasmas auf die Spur zu kommen. 
Aus den von verschiedensten Gesichtspunkten aus 
schon lange ausgeführten Zentrifugierungsversuchen 
lassen sich daher auch manche Schlüsse auf die 
innere Reibung des Cytoplasmas ziehen. Doch 
erst Heilbrunn in Amerika hat die Zentri- 
fugierungsmethode zu diesem Zwecke eigens an- 
gewendet (191 3 und später) und zwar an tierischen 
Eiern. Ebenso verspricht diese Methode mit 
Pflanzenzellen Erfolge, wie aus früheren Versuchen 
von Szücs 191 3 und neuen von Weber 192 1 
mit Spirogyren hervorgeht. 

Auch auf andere Weise nicht nur durch 
Schwer- und Zentrifugalkraft lassen sich im Cyto- 
plasma eingebettete Körper vor allem der Zell- 
kern zur Verlagerung bringen. Es hat jüngst 
Meier (1921) erwiesen, daß beim Hindurchsenden 
eines elektrischen Stromes durch Wurzelspitzen 
(von Pisnm sativiiiii) eine Verlagerung des Zell- 
inhaltes und zwar im wesentlichen ein Wandern 
nach der -\- Elektrode erfolgt. Dieses Wandern 
geschieht nach dem Prinzipe der Kataphorese. 
Taucht man Elektroden in eine Suspension und 
schaltet einen Strom ein, so wandern die suspen- 
dierten Teilchen nach einer der Elektroden. Diese 
Bewegung, Überführung der Teilchen unter der 
Einwirkung des elektrischen Stromes heißt Kata- 
phorese. Auch lebende Einzelzellen wie Blut- 
körperchen, Hefe, Bakterien lassen sich elektrisch 
transportieren. Dagegen war bisher kaum etwas 
bekannt, ob auch innerhalb der von der Membran 
umschlossenen Pflanzenzelle eine kataphoretische 
Wanderung einzelner Bestandteile und Organe des 
lebenden Inhaltes vor sich zu gehen vermag. Die 
Geschwindigkeit der elektrischen Überführung ist 
nun begreiflicherweise abhängig vom Widerstände 
der sich ihr entgegensetzt, d. i. von der inneren 
Reibung des Suspensionsmittels. Es gilt die Formel 

V = vt f wo V die Geschwindigkeit der kata- 

phoretisch bewegten Teilchen, H das Potential- 
gefälle, D die Dielektrizitätskonstante der Flüssig- 
keit, e der Potentialsprung zwischen dem suspen- 
dierten Teilchen und der Flüssigkeit und // die 
Viskositätskonstante bedeutet. Wird letzterer Wert 
allzu groß, so muß natürlich die kataphoretische 
Fortführung schließlich ganz unterbleiben. Daher 
schließt auch Meier (1921) aus dem Unterbleiben 
der kataphoretischen Umlagerung des Kerns in 
den Zellen bestimmter Regionen der Wurzelspitze, 
daß in diesen die Suspensionsflüssigkeit, das ist 
eben das Cytoplasma, eine starke Viskositäts- 



N. F. XXI. Nr. 9 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



"5 



erhöhung erfahren habe, aus dem Sol- in den 
Gelzustand übergegangen sei. Es ist anzunehmen, 
daß auch diese Kataphoresemethode sich 
in Zukunft zu quantitativer Viskositätsbestimmung 
als brauchbar erweisen wird. 

Doch damit sind die Möglichkeiten der Me- 
thoden, welche am lebenden Cytoplasma den 
Zähigkeitsgrad und seine Änderungen zu erkennen 
gestatten, noch nicht erschöpft. In vielen tieri- 
schen und pflanzlichen Protoplasten lassen sich 
mit starker oder stärkster Vergrößerung, beson- 
ders schön aber bei Dunkelfeldbeleuchtung im 
Ultramikroskop, kleinste Körnchen oder tröpfchen- 
artige Körperchen unterscheiden. Sie mögen 
ohne Rücksicht auf ihre mannigfache chemische 
Natur und physiologische Wertigkeit mit dem 
Sammelnamen „Mikrosomen" bezeichnet werden. 
Diese Mikrosomen sind nun nicht selten auch im 
an und für sich ruhigen, keinerlei Strömungen 
aufweisenden Cytoplasma keineswegs regungs- 
und bewegungslos. In nie endender Unrast, in 
endlosem Tanze führen sie ruckweise zitternde 
Bewegungen aus. Diese Zitterbewegung vom 
englischen Botaniker Brown zuerst beobachtet, 
wird als Brown sehe Molekularbewegung be- 
zeichnet, weil man annimmt, die Mikrosomen 
werden durch die in ewigen Schwingungen be- 
findlichen Flüssigkeitsmoleküle, die an sie stoßen, 
zu diesem rastlosen Tanze getrieben. Man hat 
es dabei keineswegs mit einer der lebenden Sub- 
stanz spezifischen Eigentümlichkeit zu tun; in 
jeder auch leblosen Flüssigkeit tanzen kleinste 
suspendierte Körperchen, die eine Größe von 
wenigen // nicht übersteigen, diesen ewigen Tanz; 
aber nur solange die Flüssigkeit den Charakter 
ihres Aggregatzustandes typisch bewahrt, ihre 
Fluidität nicht allzu geringen, ihre Zähigkeit nicht 
allzu großen Wert erreicht. Die Intensität 
der Brownschen Molekularbewegung ist näm- 
lich abhängig vom Viskositätsgrade der Flüssig- 
keit. Die Beziehung der mittleren Geschwindig- 
keit (Weglänge, Amplitude) A zu der Viskosität /; 
der Flüssigkeit ist ausgedrückt durch die Glei- 
chung: A ■ jj = konstant. Die Weglänge in der 
Zeiteinheit ist also umgekehrt proportional der 
Viskosität. Die genaue Bestimmung der Ampli- 
tude der B. M. B. erfordert eine komplizierte 
Apparatur; an der lebenden Substanz sind solche 
Messungen noch nicht angestellt und eine quanti- 
tative Ermittlung von Viskositätsänderungen ist 
auf diesem Wege bisher nicht durchgeführt wor- 
den; doch führt schon die gewissermaßen quali- 
tative Prüfung, ob unter bestimmten Verhältnissen 
die Mikrosomen im Cytoplasma in B. M. B. sich 
hefinden oder nicht zu interessanten Aufschlüssen : 
Erweisen sie sich in Bewegung, so läßt dies er- 
kennen, das Protoplasma befindet sich in einem 
dem Solzustande der Kolloide entsprechendem 
Stadium; zeigen sie sich aber unbeweglich, so ist 
das Protoplasma in den Gelzustand übergegangen. 

Mit Hilfe dieser Methode der Brown- 
schen Molekularbewegung konnte sich 
Bayliss (1920) an Amöben von der reversiblen 



Gelbildung des lebenden Protoplasmas überzeugen ; 
die Beobachtung der B. M. B. geschah bei Dunkel- 
feldbeleuchtung mit Hilfe eines Paraboloidkonden- 
sors, nachdem ein Modellversuch von der Zulässig- 
keit des Verfahrens überzeugte : Ein Stück Gummi- 
gutt wird in einem Tropfen 5 proz. Gelatinelösung 
auf einem erwärmten Objektträger verrieben; so- 
fort unter dem Mikroskope untersucht zeigen die 
Partikel lebhafte B. M. B. Kühlt aber der Objekt- 
träger aus, beginnt die Lösung zu einer Gallerte 
zu erstarren, so werden die Bewegungen der 
Teilchen träge und träger und hören schließlich 
auf. Bei neuerlichem Erwärmen erscheint die 
Bewegung wieder. Auch andere Autoren haben 
sich der B. M. B. , dieses Kriteriums des flüssigen 
Aggregatzustandes zur Beurteilung des Plasma- 
viskositätsgrades bedient, so u. a. Chifflot et 
Gautier 1905, Russo 1910, Leblond 1919, 
Seifriz 1920. 

Ein weiterer neuer Weg, auf dem die For- 
schung die Viskositätsverhältnisse der lebenden 
Substanz aufzuklären strebt, ist die Methode 
der Mikrodissektion. 

Die Mikrodissektion, auch Mikrovivisektion 
genannt, das Operieren, Sezieren, Zerschneiden 
unter dem Mikroskop an der makroskopisch un- 
sichtbaren Einzelzelle ist eine in Amerika zu er- 
staunlicher Vollkommenheit ausgebildete Methodik. 
An und für sich mit den gewaltsamen, rohen 
Mitteln des Operateurs arbeitend, gelingt es durch 
eine wunderbare Verfeinerung der Instrumente 
der geübten Hand an Mikroorganismen operative 
Eingrifi'e zu vollführen, die man bei der Winzig- 
keit, der Empfindlichkeit, ja der „Unfaßbarkeit" 
dieser kleinsten Individuen kaum für möglich 
halten sollte. Die in der Hand amerikanischer 
Forscher in den letzten Jahren zu wahrer Virtuo- 
sität ausgebildete Methode der Mikrodissektion ver- 
spricht Erfolge nicht nur auf dem Gebiete der 
physikalischen Analyse der lebenden Substanz. 
Zu ihrer modernen Form wurde die Methode zu- 
erst von K i t e ausgestaltet, bald darauf von seinem 
Schüler Chambers (191 7) weiter ausgearbeitet 
und neuestens auch von Seifriz (1920) mit 
Meisterschaft und Kritik geübt. 

Das Prinzip der Methode ist einfach. Sie 
sucht aus dem Verhalten des Protoplasmas ins- 
besondere aus Strömungserscheinungen und Form- 
veränderungen während des operativen Eingriffes 
auf den Fluiditätszustand der lebenden Substanz 
Schlüsse zu ziehen. Das Instrument des Mikro- 
dissektionisten ist meist nicht das Messer, sondern 
■ eine Glasnadel; diese ist so fein, daß sie an ihrer 
Spitze im Durchmesser weniger als i Mikron 
(0,001 mm) mißt; zu diesem feinen Ende wird 
ein Röhrchen aus Spezial- Jena -Glas ausgezogen. 
Die Nadel ist befestigt an einem eigenen Halter 
(Stativ), der Bewegungen nach 3 facher Richtung 
zuläßt. Die Zelle, an der die Operation vorge- 
nommen werden soll, befindet sich in einer 
feuchten Kammer [die aber an einer Seite offen 
und so der Nadel zugänglich sein muß] und zwar 
in einem hängenden Tropfen an der Unterseite 



ii6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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des Deckglases, das die feuchte Kammer oben 
abschließt. Die Operationsnadel, der mittels der 
Mikrometerschrauben des Stativs minimalste Be- 
wegungsimpulse in gewünschter Richtung erteilt 
werden können, arbeitet also nicht zwischen Ob- 
jektiv und Objektträger, wobei immer nur schwache 
Vergrößerungen anwendbar wären; sie arbeitet 
vielmehr unterhalb des Deckglases, das hier zu- 
gleich als Objektträger fungiert, da auf dessen 
Unterseite sich das Objekt im hängenden Tropfen 
suspendiert befindet. Es kann daher selbst das 
stärkste Immersionsobjektiv, ohne die Bewegungs- 
freiheit der Nadel zu behindern, in unmittelbarste 
Nähe an das Objekt heran. 

Einen Begriff von der Leistungsfähigkeit der 
Methode geben die Angaben von Kite, der be- 
reits 191 3 mit seiner Seziernadel an sich teilen- 
den Zellen einzelne Chromosomen herausschneiden 
konnte und ihre Viskositätsverhältnisse sowie die- 
jenigen der Spindelfasern zu prüfen imstande war. 

Man könnte glauben, das Protoplasma erfährt 
unmittelbar während der mechanischen Eingriffe 
und Verletzungen weitgehende Veränderungen; 
dies würde die Brauchbarkeit der Methode in 
Frage stellen, denn eine Ermittlung des Zustan- 
des, wie er normalerweise zu Lebzeiten besteht, 
ließe sich dann damit ja überhaupt nicht durch- 
führen. In der Regel treten nun aber derartige 
irreführende Veränderungen noch während der 
operativen Eingriffe keineswegs auf und bei ge- 
nügender Vertrautheit mit den Untersuchungs- 
objekten und kritischer Deutung des Geschehenen, 
lassen sich zuverlässige Einblicke in die normalen 
Verhältnisse des lebenden Zelleibes gewinnen 
(siehe insb. Seifriz 1. c.).') 

Was nun dabei die Ermittlung des jeweiligen 
Viskositätsgrades der lebenden Substanz betrifft, 
so begnügt man sich neuestens keineswegs damit, 
zu eruieren, ob das Protoplasma flüssig oder fest, 
schwach oder stark viskos, dünn- oder zähflüssig 
sei. Es hat Seifriz (1920) vielmehr eine Viskosi- 
tätsskala mit 10 verschiedenen Graden aufgestellt; 
diese Skala wird ähnlich gute Dienste tun wie 
die allbekannte Härteskala der Minerale. Die 
„Standard"-Werte lassen sich durch verschieden- 
prozentige Lösungen gewöhnlicher Gelatine jeder- 
zeit leicht herstellen. Einige Grade dieser Skala 
seien angeführt: 



Viskosi- 
tätsgrad 


Bezeichnung 


»/o-Gehalt der 
Gelatine 


Substanzen, 
die einen ent- 
sprechenden 
V.-G. besitzen 


I 


wässerig 


0,0 


Wasser 


3 


flüssig 


0,2 




5 


ziemlich viskos 


°.5 


Paraftinöl 


7 


sehr viskos 


o,7 


Glyzerin 


9 


gelartig 


I 


Vaseline 


10 


starres Gel 


2 


feste Gelatine 



') Eine Kritik dieser Methode gibt Ileilbrunn 1921. 



Es spricht jedenfalls sehr für die Leistungs- 
fähigkeit der Dissektionsmethode , daß es mit 
ihrer Hilfe möglich ist, die einzelnen 10 Grade 
voneinander zu unterscheiden. Natürlich vermag 
die Methode Aufschluß zu geben über physikali- 
sche Eigenschaften auch spezieller Bestandteile 
und Organe des lebenden Zelleibes, so des Zell- 
kerns, der Piastiden, der Plasmamenbran (über 
letztere macht insbesondere Seifriz 1921 be- 
achtenswerte Angaben). 

Schließlich sei noch einer Methode gedacht, 
die an Genialität keiner anderen nachsteht. Leider 
ist bisher nur eine vorläufige Mitteilung darüber 
erschienen, Heilbronn hat 1918 kurz davon 
berichtet. In der Wahl des Untersuchungsobjektes 
ist hier eine Beschränkung nötig; es lassen sich 
nämlich nur Protoplasten verwenden, welche nackt, 
d. h. von keiner dauernd verfestigten Membran 
umschlossen sind und daher auch ungelöste Par- 
tikel in sich aufzunehmen vermögen. Daraus geht 
schon hervor, daß das geeignete Objekt die Plas- 
modien der Schleimpilze abgeben. Diesen nackten 
Protoplasmamassen werden mikroskopisch kleine 
Eisenstäbchen zur Aufnahme dargeboten. Sobald 
diese von der lebenden Substanz umflossen sind, 
wird das einzelne Eisenstäbchen mittels eines 
Elektromagneten um 90" gedreht, bzw. das Eisen- 
teilchen vom Magneten in seiner Lage fixiert, 
während der umschließende Protoplast mit seiner 
Unterlage eine Drehung erfährt. Die zur Drehung 
des Eisenstäbchens resp. zur Verhinderung der- 
selben aufgewendete Stromstärke an einem Gal- 
vanometer abgelesen, gibt ein Maß für die Größe 
der Reibungswiderstände (also der Viskosität), 
welche das Protoplasma der Bewegung der Eisen- 
teilchen entgegensetzt. Auf den ausführlichen 
Bericht über diese Galvanometermethode 
und die mit ihr erzielten Ergebnisse darf man 
äußerst gespannt sein. 

Damit schließen wir den Bericht über die 
Methoden der Plasmaviskositätsmessung und 
-Schätzung. Fragen wir uns nun, was wurde bis- 
her mit diesen Methoden geleistet; inwieweit 
wurden Aufschlüsse über die Zähigkeitsverhältnisse 
und -Veränderungen der lebenden Substanz ge- 
wonnen. Bei der Beurteilung der Ergebnisse 
dürfen wir nicht vergessen, daß die Forschung 
hier an einem Anfange steht. Die Methoden sind 
alle neu, ja meist ganz neu und nur wenige haben 
bisher damit gearbeitet. Trotzdem verspricht der 
Anfang viel. 

Hugo von Mo hl selbst , der Schöpfer des 
Protoplasmabegriffes, war wohl auch der erste, 
der Änderungen der Plasmaviskosität beobachtet 
hat; er war der erste Mikrodissektionist, wenn 
auch mit noch roher Methodik. In der so oft 
zitierten aber so selten mehr gelesenen Schrift, 
„Über die Saftbewegung im Innern der Zellen" 
(1846) beschreibt er, wie das Protoplasma häufig 
in rascher strömender Bewegung anzutreffen ist; 
dabei muß es von relativ leichtflüssiger wenig 
zäher Beschaffenheit sein ; in zarten feinsten Ström- 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



117 



chen fließt es mitten durch den Zellsaftraum. Je 
älter aber die Zelle wird, um so mehr scheint die 
Substanz der Strömchen zu erhärten , ja in ge- 
wissen Fällen werden die Strömchen zu festen 
F"äden. Im Fleische der Frucht von Rhanuius 
fraiignla liegen vereinzelt auffallend große Zellen; 
in ihrer Mitte ist der Zellkern an feinen Plasma- 
fäden aufgehängt. Werden solche Zellen , wenn 
sie altern, mit einem scharfen Messer quer durch- 
schnitten, so strömt das Protoplasma dieser Fäd- 
chen keineswegs aus oder kugelt sich ab, wie es 
dies im jugendlichen leichtflüssigen Zustande ge- 
tan hätte; die Plasmafäden haben vielmehr im 
Alter eine solche Festigkeit erlangt, daß sie 
auch im durchschnittenen Zustande steif in ihrer 
Lage verbleiben. 

Damit ist eine interessante Tatsache festgestellt: 
Die lebende Substanz büßt mit dem Alter an 
Beweglichkeit allmählich ein; es verhält sich mit 
ihr, sagt de Vries, genau so wie mit unserem 
Körper, der auch mit jedem Jahr an Beweglich- 
keit verliert. Mit dem Alter nimmt die 
Viskosität des Protoplasmas zu so wie 
auch in leblosen Kolloiden beim „Altern" Ände- 
rungen im Grade ihrer inneren Reibung sich ein- 
stellen können. *) 

Aber nicht nur beim Altern auch sonst gehen 
während des natürlichen normalen Ablaufes des 
Zellebens Viskositätsänderung der lebenden Sub- 
stanz vor sich. Nach Lebion ds Untersuchungen 
an Algen (1919) zeigt sich der Solzustand, also 
das Stadium geringer Viskosität im Protoplasma 
keineswegs permanent, ja es ist bisweilen nötig, 
um überhaupt sein an lebhafter Brownscher 
Molekularbewegung erkenntliches Auftreten zu 
beobachten, lange Zeit hindurch die individuelle 
Entwicklung zu verfolgen. Im allgemeinen gilt 
die Regel: Die Umwandlung aus dem relativ 
starren Gelzustand in den Solzustand geht nur 
dann vor sich, wenn die Zelle aus einer Periode 
der Ruhe übergeht in eine Periode funktio- 
neller Aktivität, so während des Wachs- 
tums, der Teilung, der sexuellen und asexuellen 
Reproduktion. '-) An jungen Sporenkeimlingen 
von Oedogoiiiuin z. B., die erst aus einigen Aell- 
elementen bestehen und in lebhaftem Wachstum 
begriffen sind, findet man das Cytoplasma zur 
Gänze im Solzustand und die winzigen Mikrosomen 
darin in lebhaftester Brownscher Bewegung. 
Bei anderen Algen, bei denen sonst keine B. M. B. 
innerhalb der lebenden Substanz zu sehen ist, 
tritt sie auf in den Oogonien oder im Moment 



') Wenn Miehe (1901) findet, daß in alleren Mono- 
kotylenblättern der Kern durch Zentrifugierung in den Zellen 
schwerer verlagert wird als in jüngeren, so beruht dies viel- 
leicht auch auf Viskositätszunahme des einbettenden Plasmas 
mit dem Alter. Über Verschiedenheiten des Plasmazustandes 
in alten und jungen Zellen vgl. besonders Chifflot und 
Gautier (1905) sowie Russo (1910). 

^) Ebenso gaben Chifflot und Gau tier (1905) an: 
„Ces mouvements sont visibles chez des organismes jeunes en 
voie de croissancc (cellules de Spirogyra en voie de cloisonne- 
ment, zygospore de Cosmarium germant, usw.)." 



der Bildung ungeschlechtlicher Sporen. Bei den 
Konjugaten repräsentiert die Umwandlung aus 
dem Gel- in das Solstadium eines der ersten An- 
zeichen beginnender Reproduktionsaktivität; sie 
tritt ein noch vor der Bildung der Kopulations- 
schläuche. Lebion d versucht auch eine Erklä- 
rung der Viskositätsherabsetzung zu geben : Wenn 
sich Spirogyren zur Kopulation entschließen, 
werden die vorher parallel zueinander stehenden 
Längswände bogig nach außen vorgewölbt. Die 
Zellen nehmen tönnchenförmige Gestalt an. Dies 
geht zurück auf ein Ansteigen des Innendruckes, 
das seinerseits wieder bedingt ist durch Anreiche- 
rung von Ionen im Innern der Zelle. Gleich- 
zeitig bewirken diese Ionen aber den Übergang 
kolloider Substanz aus dem Gel- in das Sol- 
stadium. 

In vollkommener Übereinstimmung mit den 
Befunden Leblonds stehen die mit Hilfe der 
Mikrodissektion von Seifriz (1920) ermittelten 
Tatsachen. Auch Seifriz gibt Belege für weit- 
gehende Viskositätsänderungen des Protoplasmas 
während der verschiedenen Lebensphasen; dabei 
ist der Spielraum dieser Schwankungen ein auf- 
fallend großer. Die Viskosität kann abnehmen 
bis zu einem Grade, der nur wenig höher ist als 
der des Wassers und wieder ansteigen bis zur 
Festigkeit eines gänzlich starren Gels. Auch 
Seifriz findet einen Zusammenhang zwischen 
der Änderung der Protoplasmakonsistenz und den 
Schwankungen der physiologischen Aktivität. 

Besonders eingehend wurden die Verhältnisse 
bei den Myxomycetenplasmodien studiert. Im 
aktiven vegetativen Stadium ist ihr Protoplasma 
flüssig (Viskositätsgrad = V.G. = 3) ; im ruhen- 
den Zustand dagegen sind die Plasmodien sehr 
zähe (V.G. 8), klebrig und elastisch oft von ganz 
plastischer Qualität, ähnlich wie Brotteig. Ganz 
analoge Beobachtungen liegen für Amöben vor. 
Im aktiven Zustand, dem ein flüssiges Protoplasma 
zukommt, herrscht allgemein im Inneren äußerst 
lebhafte Brownsche Bewegung; wenn aber zu- 
gleich mit der Abnahme der Aktivität die Zähig- 
keit zunimmt, dann wird sowohl die Zahl der 
tanzenden Teilchen geringer (weil die größeren 
unbeweglich werden) als auch die Amplitude der 
Bewegung. Von Interesse sind fernerhin die 
Zähigkeitsänderungen während der aufeinander- 
folgenden Entwicklungsstadien der Oogonien, z. B. 
von Fucus. Das junge einkernige Oogon weist 
den Viskositätsgrad 3 auf, vielleicht sogar nur 
2 = sehr flüssig. Im beinahe reifen Oogon, nach- 
dem die Teilung in 8 Eier eben vollendet er- 
scheint, ist die Viskosität auf 4 gestiegen. Sind 
dann die Eier selbst fast reif geworden, so haben 
sie das Viskositätsstadium 5 erreicht und die 
Vollreifen freiwerdenden Eier sind „entschieden zäh" 
(V.G. 6). Diese Zunahme der Konsistenz fällt 
zusammen mit einer Abnahme der physiologischen 
Aktivität. „Das junge Oogon mit dem Proto- 
plasma von flüssiger Konsistenz befindet sich im 
Stadium lebhaften Wachstums, während das ganz 



Il8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 9 



und gar zähe reife Ei in einem mehr oder weniger 
ruhendem Stadium die Befruchtung erwartet." 

Noch größeres, ganz allgemeines Interesse 
verdient die Beobachtung der Änderung der 
Cy toplasmavisko sität während der 
Zellteilung. Die Befunde sind wenigstens in 
ihren Grundzügen völlig gesichert, da sie an ver- 
schiedenen Objekten von verschiedenen Autoren 
mit verschiedenen Methoden gewonnen wurden. 
Heilbrunn 1917, Chambers 1919, Seifriz 
1920. 

Heilbrunn experimentierte mit Seeigeleiern; 
in kurzen Intervallen wurde nach erfolgter Be- 
fruchtung die Viskosität des Eicytoplasmas mittels 
der Zentrifugierungsmethode bestimmt. Werden 
unbefruchtete Ardaaa-Eier kräftig zentrifugiert, so 
wird alsbald im Cytoplasma eine Scheidung in 
vier Zonen sichtbar. An dem zentrifugalen Pole 
sammeln sich die Pigment granula; dies ist die 
Pigmentzone; ihr zunächst folgt eine zweite 
granuläre Zone, dann eine hyaline und an dem 
der Pigmentzone gegenüberliegenden Pol, bildet 
sich die ihrer Farbe entsprechend „gray cap" ge- 
nannte Schicht. Wenn ein Ei nach der Zentri- 
fugierung alle diese Zonen typisch aufweist, wird 
es als geschichtet („stratified") bezeichnet. Nimmt 
nun die Viskosität des Protoplasmas zu, dann ist 
eine derartige Schichtung immer schwieriger zu 
erzielen oder (bei gleicher Zentrifugalkraft) immer 
undeutlicher ausgebildet und in einem ganz ver- 
festigten Ei wird eine solche künstliche Schichtung 
überhaupt unmöglich. 

Es ergab sich nun folgendes; Nach der Be- 
fruchtung nimmt die Plasmaviskosität allmählich 
zu bis zu einem Maximum, das in 20 — 25 Minuten 
erreicht wird. Durch Zentrifugalkräfte selbst der 
doppelten Intensität, die vorher leicht die Schichtung 
im Ei bewirkte, läßt sich nunmehr keine Scheidung 
in eine granuläre und hyaline, glasige Zone er- 
zielen. Ist dann aber bei beginnender Furchung 
die Teilungsspindel erschienen, dann folgt eine 
stetige Abnahme der Zähigkeit; das Eicytoplasma 
kehrt wieder zurück zu seinem ursprünglichen 
Fluiditätszustande. Bei den mitotischen Vor- 
gängen, die zum 2. Teilungsschritt des sich 
furchenden Eies führen, spielt sich ähnlicher 
Viskositätswechsel ab. 

Noch eingehender verfolgt wurden die Ände- 
rungen der Protoplasmakonsistenz in ihrer Be- 
ziehung zur Zellteilung von Chambers (1917, 
1919) durch Mikrodissektionsstudien, insbesondere 
am Ei von Ccrebratitlus. Die wichtigen Ergeb- 
nisse seien ausführlicher, zum Teil in der eigenen 
Schilderung des Autors wiedergegeben : 

Die Konsistenz, die das Cytoplasma in den 
Perioden vom Moment der Befruchtung bis zur 
Beendigung der ersten F"urchungsteilung zeigt, 
wurde ermittelt durch sorgfältige Prüfung mit der 
Mikrodissektionsnadel. Unmittelbar nach der Be- 
fruchtung werden die Granula durch die Nadel 
leicht in ausweichende, fließende Bewegung ge- 
setzt. Nachdem das Sperma in das Ei einge- 



drungen ist, bildet sich die bekannte Sperma- 
strahlung aus in unmittelbarer Nachbarschaft des 
Spermakopfes. Zugleich mit dem Spermakern 
wandert die Strahlung dem Eikerne entgegen und 
nimmt allmählich an Größe zu, je mehr sie sich 
dem Eizentrum nähert. Wenn die Spermastrahlung 
in voller Entwicklung steht, zeigt die operierende 
Nadel den hoch viskosen Zustand des Cytoplasmas 
an. Anstatt daß die Granula wie früher durch 
die Bewegungen der Nadel im Innern des Eies 
leicht aus ihrer Lage gebracht werden könnten, 
erweisen sie sich als festgehalten, an Ort und 
Stelle fixiert wie in einer Gallerte, und die Be- 
wegungen der Nadel bewirken nunmehr Torsionen 
der gesamten Eisubstanz. Dieser Starrezustand 
erreicht seinen Höhepunkt ungefähr 15 Minuten 
nach der Befruchtung (Übereinstimmung mit dem 
Viskositätsmaximum H e i 1 b r u n n s). Gleichzeitig 
mit dieser Verdichtung der strahligen Cytoplasma- 
region vergrößert sich die im Zentrum der 
Strahlung gelegene Hyaloplasmasphäre. Diese Ver- 
größerung ist bedingt durch Ansammlung hyaliner 
Flüssigkeit, letztere aber scheidet sich ab aus den 
sich verdichtenden Plasmapartien und strömt in 
feinsten konvergierenden Strömchen dem Strahlen- 
zentrum zu. Dadurch ist wohl auch das charakte- 
ristische Aussehen der Sperma-„Strahlung" erklärt. 
Einige Minuten später beginnt diese Strahlung zu 
verblassen und gleichzeitig kehrt das Cytoplasma 
zurück vom halbfesten zu einem mehr flüssigen 
Zustand. Die Granula sind jetzt wieder leichter 
verschiebbar durch die Bewegungen der Nadel. 
Das Verschwinden der Spermastrahlung bedeutet 
also einen Prozeß der Verflüssigung. 

Die flüssige Substanz des vergrößerten hyalinen 
Areals strömt nun am Teilungskern vorbei an 
dessen beide Pole; dabei kommen die für dieses 
Stadium bezeichnenden hyalinen Streifen zustande, 
die sich klar abheben von dem sonst granulären 
Cytoplasma des Eies. Gegen Ende dieses Stadiums, 
das ca. 20 — 30 Minuten dauert, sammelt sich das 
Hyaloplasma schließlich in zwei halbkugeligen 
Massen an den Polen des Nukleus. Kurz vor der 
eigentlichen Zellteilung also etwa 40 — 50 Minuten 
nach der Befruchtung bildet sich in jeder dieser 
flüssigen Halbkugeln ein Zentrum, von dem aus 
das Cytoplasma sich neuerdings zu verfestigen 
beginnt. Die Verdichtung breitet sich von jedem 
der beiden Polzentren aus, so kommt der „Amphi- 
aster", die Gegenpolstellung der Astrophären zu- 
stande. Nun verlängert sich das Ei; die Längs- 
achse geht durch die Zentren des Amphiasters. 
Jetzt erst erscheint die Teilungsfurche und nun 
ca. 10 Minuten nach dem Erscheinen der beiden 
.'\strospharen wird die Teilung rasch beendigt. 
In den neu entstandenen Blastomeren persistiert 
die Starrheit des Cytoplasmas aber nur, solange 
sie noch + kugelig sind. Später drängen sich 
die Blastomeren gegeneinander und jede nimmt 
halbkugelige P'orm an. In diesem Stadium ist 
das Cytoplasma wieder ganz flüssig. 

Es besteht also eine ausgeprägte Perio- 



N. F. XXI. Nr. 9 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



119 



dizität im physikalischen Zustand des 
Eies nach erfolgter Befruchtung und 
während des Zellteilungsprozesses: Im 
unreifen Ei ist die Viskosität hoch, 
nach der Reifung nimmt sie ab, nach 
der Befruchtung beginnt sie neuerdings 
anzusteigen und erreicht das Maximum 
zur Zeit des Höhepunkts der Sperma- 
strahlung. Dann sinkt die Zähigkeit 
neuerdings, bleibt gering bis die 
Teilung naht, steigt hierauf aufs Neue 
und sinkt erst wieder nach Beendigung 
der ersten Furchungsteilung. Dasselbe 
Spiel wickelt sich wohl bei der 2. Furchungs- 
teilung ab. 

Chambers sieht daher das Wesen des 
Furchungsprozesses in einer Änderung des physi- 
kalischen Zustandes des Cytoplasmas, wobei sich 
zwei halbfeste Massen, die Astrosphären bilden, 
die heranwachsen auf Kosten der flüssigen Plasma- 
teile; damit ist eine neue Vorstellung gewonnen 
über den Mechanismus der Zellteilung.') Es ist 
schon lange bekannt, daß die Eier verschiedener 
Tiere zur Zeit der Teilung eine Längsstreckung 
erfahren und die Teilungsfurche in einer Ebene 
senkrecht zur Längsachse sich einstellt. Eine be- 
friedigende Erklärung dieser Längsstreckung konnte 
nicht gegeben werden. Die neuen Feststellungen 
sollen nun aber ein Verständnis vermitteln: Die 
beiden verfestigten kugeligen Massen wachsen auf 
Kosten der sie umgebenden flüssigen Teile so 
lange, bis alles flüssige Cytoplasma aufgenommen 
ist; da nun aber die beiden Durchmesser dieser 
Kugeln zusammen größer sind als der ursprüng- 
liche Durchmesser des Eies, so muß sich dieses 
in die Länge strecken. 

Wenn man bedenkt, wie viel Arbeit, vor allem 
auch theoretische Spekulation, schon darauf ver- 
wendet wurde, um die Vorgänge im Cytoplasma 
während der Teilung dem Verständnis näher zu 
bringen, und zwar ohne besonderen Erfolg, so 
bedeuten diese exakten Feststellungen einen ge- 
waltigen Fortschritt und eine Bestätigung theo- 
retischer Vermutungen. Es ist daher von großer 
Wichtigkeit, daß auch von anderer Seite Gleiches 
gefunden wurde. 

S eifriz hat, ebenfalls am Seeigelei, nach seiner 
Skala die verschiedenen Viskositätsgrade noch 
genauer zu charakterisieren vermocht: das reife 
unbefruchtete Ei besitzt den Viskositätsgrad 7. 
Beim Erscheinen der Spermastrahlung steigt im 
peripheren Cytoplasmateil die Viskosität auf 8. 
Im Amphiaster bestehen die polaren Hyaloplasma- 
sphären sowie die Strahlen der Astrosphären selbst 
aus stark verflüssigtem Plasma (V.G. 3). Be- 
sonders der Nachweis des flüssigen Charakters 
der hyalinen Strahlen ist von hohem Interesse, da 
er schon vielfach theoretisch postuliert worden 
war, andererseits aber auch eine verfestigte Kon- 



sistenz behauptet wurde. Dagegen sind das 
periphere Protoplasma sowie die keilförmigen 
Plasmateile, die mit den hyalinen Strahlen ab- 
wechseln und die eben das sternförmige Aus- 
sehen der mitotischen Figuren bedingen von 
extrem hoher Viskosität (7 — 8). 

S eifriz hat auch an pflanzlichen Eiern (Fucus) 
die nach der Befruchtung sich einstellenden 
Viskositätsänderungen studiert; es ergaben sich 
analoge Verhältnisse, doch ist hier die Beobachtung 
durch die dunkle Färbung der Chromatophoren 
erschwert. 

Abgesehen von den genannten amerikanischen 
Forschern haben sich auch andere Autoren, zum 
Teil schon früher, eine Vorstellung über die 
Viskositätsverhältnisse während der Zellteilung zu 
machen gesucht. Als erster hat wohl Albrecht 
(1898) auf Grund primitiver Kompressionsversuche 
angenommen, daß nach der Befruchtung tierischer 
Eier eine Viskositätszunahme im Plasma erfolgt. 
191 8 hat Speck bei seinen Studien über die 
Ursache der Zellteilungen beobachtet, wie bei 
Nematoden-Eiern sich das periphere Cytoplasma 
in ständiger amöboider Bewegung befindet; 
in dem Moment nun, in dem zu Beginn der 
Teilung die Spindel sichtbar wird, steht diese 
Bewegung ganz plötzlich still. Wahrscheinlich, 
meint Speck, ist dies auf eine Viskositätszunahme 
zurückzuführen. 

Es sei ferner daran erinnert, daß Nemec(i9i5) 
auf Grund von Studien an zentrifugierten Wurzel- 
spitzen, wobei die ruhenden Zellkerne aber auch 
die Teilungsfiguren als Ganzes in bestimmter 
Weise verlagert befunden wurden, sich folgende 
Vorstellung gebildet hat : „Wenn sich die Figuren 
wie einheitliche Gebilde verhalten, an denen es 
nicht möglich ist durch das Zentrifugieren irgend- 
einen Teil herauszureißen, und wenn sie sich aus 
einer labilen in eine stabile, standfeste Lage heraus- 
drehen, so kann man dies so deuten, daß sie im 
ganzen ein starres, einheitliches Gebilde vor- 
stellen. Sie verhalten sich so, wie wenn sie aus 
einer festen Substanz bestünden, oder wie wenn 
sie wenigstens ein festes Gerüst besäßen." Er 
hat auch erkannt, daß die achromatische Spindel 
ein starres System darstelle.^) Da es nun nach 
Nemecs Erfahrungen gelingt, ohne die Zelle zu 
töten, durch Einwirkung bestimmter Substanzen — 
er verwendete ^4 "io Chloralhydratlösung — die 
achromatische Spindel „aufzulösen", so müßten 
sich die Teilungsfiguren bei Zentrifugierung nach 
solcher Narkose anders verhalten. Dies war tat- 
sächlich der Fall. Die Chromosomen erschienen 
nunmehr ganz an die Wand gedrückt und man 
sah zahlreiche Zellen, in denen sich die Chromo- 
somengruppen wie freibewegliche spezifisch 



') Betreffs anderer Theorien und bisheriger Modellver- 
suche vgl. Rhumbler 1921. 



') Andrews (igis) hat ähnliches konstatiert: Wenn die 
Chromosomen sich an den Polen befanden, wurde die Spindel 
bei Zentrifugierung nicht zerquetscht. ,,Dies zeigt, daß sie 
eine starrere Struktur besitzt, als man voraussetzen möchte." 
Befanden sich die Chromosomen jedoch an der Äquatorial- 
platte, dann wurden die Spindeln platt gedrückt. 



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schwerere Körperchen verhalten hatten. Die 
„erweichte" Spindel leistete der Bewegung der 
Chromosomen keinen Widerstand mehr. 

Damit kommen wir zur Erörterung der 
künstlichen Beeinflussung der Proto- 
plasmaviskosität. Auch hier stehen wir vor 
einem aussichtsreichen Forschungsgebiet, dessen 
Bearbeitung eben erst in Angriff genommen wurde. 
Daß die lebende kolloide Substanz so wie die im 
kolloiden Zustande befindliche Materie überhaupt 
unter der Einwirkung der verschiedensten Außen- 
faktoren chemischer und physikalischer Art Vis- 
kositätsänderungen erleiden und erkennen lassen 
würde, war von vornherein zu erwarten (Weber 
191 7). Damit soll aber keineswegs gesagt sein, 
das lebende Protoplasma verhalte sich in jeder 
Beziehung ganz wie ein lebloses Kolloid; ja bei 
Heilbronns Versuchen an Plasmodien (191 8) 
zeigte es sich, daß die Beeinflußbarkeit der Plasma- 
viskosität „keineswegs rein den für Kolloide 
geltenden Gesetzen der physikalischen Chemie 
folgte, sondern daß vielmehr ein innerer vitaler 
Faktor regulierend eingriff". Aber gerade diese 
Inkongruenzen werden besonderer Ansporn sein 
zum Studium am lebenden Objekt. 

Es seien zunächst Versuche Heilbrunns 
(1915, 1920) besprochen. Er ging von der Vor- 
stellung aus, die von ihm bewiesene Viskositäts- 
steigerung, die Gelbildung zu Beginn der Zell- 
teilung sei keine nebensächliche sekundäre Er- 
scheinung, sie sei vielmehr vorherbestimmend und 
maßgebend für die Ausbilduug der Spindel; ist 
diese Annahme richtig, so muß es gelingen durch 
Verhinderung der Gelbildung auch die Entstehung 
der Teilungsfigur sowie die Zellteilung überhaupt 
zu verhindern und umgekehrt muß es sich nach- 
weisen lassen, daß äußere Einflüsse, die die Zell- 
teilung hemmen, der Viskositätssteigerung des 
Cytoplasmas entgegenwirken. Diese Vermutung 
fand in glänzender Weise volle Bestätigung. 

Heilbrunn untersuchte den Einfluß einer 
Reihe lipoidlöslicher Substanzen. Dabei wurde 
die Lösung eines der grundlegenden Probleme 
der Zellphysiologie gefördert, der P'rage nach der 
Wirkungsweise der Narkotika auf die 
lebende Substanz. Heilbrunn stellte sich 
die P'rage: Welches ist der Effekt der Narkotika 
auf die Protoplasmaviskosität der Seeigeleier ? Die 
Anästhetika wurden zunächst in Konzentrationen 
verwendet, bei welchen typische narkotische Wir- 
kung zur Gehung kommt, d. h. die Zellfunktion 
(in diesem F'alle die Teilung) eine reversible Läh- 
mung erfährt. Werden solche narkotisierte Eier 
gleichzeitig mit normalen Kontrollobjekten zen- 
trifugiert und zwar mit einer Geschwindigkeit 
und Dauer, die nicht ausreicht um die Granula 
in den normalen Eiern zu verlagern, so zeigen 
sich in den narkotisieren Eiern die Granula gänz- 
lich verlagert, in die zentrifugale Hälfte des Eies 
geschleudert; hier hatte also der Widerstand des 
Cytoplasmas beträchtlich abgenommen: Die Vis- 
kosität des narkotisierten Cytoplasmas war zweifel- 



los viel geringer als die der normalen Eier. Die 
Konzentration der Narkotika, die diese Herab- 
setzung der Plasmaviskosität bewirkt, war nun 
genau dieselbe, die auch die Zellteilung verhindert. 
Dagegen verursachen höhere Narkotikakonzentra- 
tionen, die eine dauernde, schließlich zum Tode 
führende Schädigung der Eier hervorrufen, eine 
irreversible Zunahme der Plasmazähigkeit. 

Diese Versuche und Ergebnisse sind in zwei- 
facher Hinsicht von großem Interesse. Erstens 
lassen sie es verständlich erscheinen, warum die 
Narkose die Zellteilung hemmt; es wird nämlich 
die für die ersten Teilungsstadien maßgebende 
Viskositätszunahme verhindert, ja rückgängig ge- 
macht und in das Gegenteil verkehrt. Zweitens 
bilden sie einen bedeutungsvollen Fortschritt in 
dem langumstrittenen Problem der Narkose- 
theorie überhaupt. (Über die Theorien der 
Narkose vgl. Winterstein 1919.) Gerade in 
letzterer Beziehung ist es daher besonders erfreu- 
lich, daß die Befunde Heilbrunns über die 
Viskositätsänderung unter dem Einfluß der Nar- 
kotika keineswegs allein stehen. 1914 hatte Heil- 
b r o n n 1) mit Hilfe der Fallmethode den Nach- 
weis erbracht, daß verdünnte Ätherlösungen die 
Plasmaviskosität pflanzlicher Zellen herabsetzen. 
Größere Bedeutung mißt Heilbronn allerdings 
der durch stärkere Narkotikadosen hervorgerufenen 
reversiblen „Plasmastarre" bei, die er für den 
Ausdruck der eigentlich , .narkotischen" Wirkung 
hält. Einen vermittelnden Standpunkt nimmt 
neuestens Weber (1922) ein, der an ätherisierten 
Spirogyrcii, je nach der Konzentration des Nar- 
kotikums durch Zentrifugierung eine Erleichterung 
bzw. Erschwerung der Verlagerungsfähigkeit des 
Chloroplastenbandes feststellte, was er als Ernie- 
drigung bzw. Erhöhung der Cytopiasmazähigkeit 
deutet. „Die Frage, ob der Zustand des Plasmas, 
bei welchem eine Herabsetzung der Plasmavisko- 
sität erfolgt, dem Erregungs- oder dem Lähmungs- 
stadium der Narkose entspricht, muß für Spiro- 
gyra verschieden beantwortet werden, je nach 
der Zellfunktion, die als Maß des Narkosegrades 
verwendet wird. Für die Funktion der Proto- 
plasmaströmung scheint es sich dabei um das 
Erregungs-, für die Zellteilung um das Lähmungs- 
stadium zu handeln." 

Doch kehren wir nochmals zurück zu den 
Versuchen Heilbrunns. V.x faßt den Begriff 
der Anästhesie relativ weit; er nennt Anästhetika 
alle Substanzen, welche einen vitalen Prozeß zum 
Stillstand bringen, ohne daß die Zelle, in der sich 
der Prozeß abspielt, getötet wird. Dazu gehören 
dann natürlich nicht nur die lipoidlöslichen Nar- 
kotika. Heilbrunn fand nun: Nicht alle 
Anästhetika verursachen eine Abnahme der Plasma- 
viskosität, einige vielmehr gerade den gegenteiligen 
Effekt (Magnesium-Narkose). „Es gibt zwei Typen 

') Die Namensähnlichkeit der Autoren, die Identität des 
bearbeiteten Problems, sowie die Gleichzeitigkeit der For- 
schungen dürfte für die, welche an das „Gesetz der Serie" 
(Kamm er er 1919) glauben, von Interesse sein. 



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der Narkose beim Seeigelei; in dem einen ist die 
Viskosität des Cytoplasmas verringrert, in dem 
anderen ist sie erhöht." Aber beide Typen hem- 
men die Zellteilung; der eine hält das Cytoplasma 
dauernd im flüssigen, der andere dauernd im 
starren Zustand, aber gerade der periodische 
Wechsel im Viskositätszustand, der für die Mitose 
von Bedeutung ist, kann bei beiden Narkosetypen 
nicht normal ablaufen : das Ei ist auf jedem Fall 
narkotisch an der Teilung gehemmt. 

Überhaupt ist es wohl verständlich, daß ein 
und dieselben Außenfaktoren recht verschieden 
auf die Zellteilung einwirken können, je nachdem 
sie in ein oder das andere durch die bestimmten 
Viskositätsgrade charakterisiertes Stadium des 
Teilungsprozesses eingreifen. In rebus biologicis 
ist eben alles viel komplizierter, als man zunächst 
annehmen zu dürfen glaubt, und hier gilt wohl 
selten der Satz, die erste Erklärung sei auch 
gleich immer die beste und zutreffende. Wenn 
nach Heilbrunn die Hemmungswirkung auf 
die Zellteilung sowohl durch Mittel ausgeübt 
werden kann, die die Gelbildung befördern als 
auch durch solche, die sie verhindern, dann kann 
es uns andererseits auch nicht verwundern, wenn 
sich anscheinend widersprechende Angaben vor- 
liegen über diejenigen Stoffgruppen, welche för- 
dernd auf die Zellteilung einwirken. 

In seinen Studien über künstliche Par- 
thenogenese hat Heilbrunn schon 191 5 ge- 
zeigt, daß alle künstlichen Parthenogenetika vis- 
kositätserhöhend wirken, Gelbildung oder Koagu- 
lation innerhalb des Eicytoplasmas hervorrufen. *) 
Eine derartige die Viskosität steigernde Wirkung 
kann sowohl von hypertonischen Lösungen aus- 
gehen, die Wasseraustritt (Exosmose) bedingen, 
als auch von hypotonischen, die Eintritt von 
Wasser in die Zelle ermöglichen. Eine gering- 
fügige Änderung der Salzkonzentration im Innern 
des Eies reicht eben aus um die Gelbildung aus- 
zulösen und dadurch entwicklungserregend zu 
wirken. Die Viskositätserhöhung tritt fast un- 
mittelbar ein nach erfolgter natürlicher oder 
künstlicher Befruchtung, bevor noch irgendein 
anderes Anzeichen der beginnenden Entwicklung 
zu sehen ist. Es ist daher anzunehmen, daß man 
es dabei mit einem der primärsten Glieder der 
Kette von Prozessen zu tun hat, die zur Zellteilung 
führen. 

Von anderen Versuchen und Gedankengängen 



') Bereits 1905 versuchten Fischer und Üstwald den 
Nachweis zu erbringen, „daß sämtliche Mittel , durch welche 
eine Astrosphärenbildung im Ei oder eine Befruchtung hervor- 
gerufen werden kann, Mittel sind, durch welche ein Sol von 
der ungefähren Beschaffenheit des Eiplasmas zur Gelbildung 
veranlaßt werden kann". Erst 10 Jahre später ist die Vis- 
kositätssteigerung im Ei selbst fnach der Befruchtung) kon- 
statiert worden. Über die künstliche Nachbildung der Astro- 
sphären, Kernteilungsspindeln, Spermastrahlung usw. siehe 
die neue zusammenfassende Darstellung Rhumblers (1921); 
hierzu auch Buscalioni 1920 und über die Mechanik der 
Mitose überhaupt die eben erscheinende große „Allgemeine 
Pflanzenkaryologie" von Tischler 1921/22. 



ausgehend hat Spek (1920) experimentelle Bei- 
träge zur Kolloidchemie der Zellteilung 
geliefert. Seine Fragestellung war die: Kann 
man durch Erhöhung des Wassergehaltes der 
Zelle dieselbe zu Teilungen anregen. Spek hält 
die Wasserentziehungstheorie für verfehlt und 
vermutet für den Beginn der Zellteilung eine 
„Verflüssigung der Zellkolloide". Sollte diese 
aber nicht nur sekundäre Begleiterscheinung, son- 
dern auslösende Ursache sein, dann müßte eine 
geeignete Behandlung der Zellen mit quellungs- 
fördernden Substanzen die Teilung stimulieren. 
Damit war das Arbeitsprogramm gegeben. Die 
Zellen mußten unter dem Einfluß quellungs- 
fördernder und quellungshemmender Substanzen 
gebracht werden. Das Hauptversuchsobjekt war 
Paramaeciiim caudatnm, die geprüften Substanzen 
verschiedene Salzlösungen. Die Salze wurden der 
Kulturflüssigkeit beigegeben. Das Ergebnis ent- 
sprach der Erwartung. „Stark quellende Salze, 
d. h. Salze, bei denen Ionen stark quellungs- 
fördernd wirken, oder aber nur eins, ohne daß 
das andere entgegengesetzt wirkt, fördern die Zell- 
teilung ganz bedeutend. LiBr, LiCl und KSCN 
wirken auf diese Weise. Daß diese Salze auch 
auf die Plasmakolloide der Paramäcien quellungs- 
fördernd wirken, geht aus einer Volumszunahme 
der Tiere hervor. — Entquellend wirkende Salze 
wie CaCl., oder Sulfate hemmen die Zellteilungen 
im hohen Maße." 

Spek stellt auf Grund seiner glänzenden 
Versuchsergebnisse eine „Quellungstheorie 
der Entwicklung" auf, nach der Substanzen, 
welche das Quellen befördern und Kolloide ver- 
flüssigen, zur Entwicklung anregen. Er sieht 
sich daher genötigt zu der anscheinend entgegen- 
gesetzten „Koagulationstheorie der Entwicklung" 
Stellung zu nehmen. Letztere war 1905 von 
Fischer und Ostwald aufgestellt worden und 
hat in den erörterten neuen amerikanischen Ar- 
beiten nunmehr experimentelle Stütze gefunden. 
Auf die interessante Diskussion kann nur ver- 
wiesen werden. Spek erkennt an, daß in be- 
stimmten Partien des Eies nämlich den Astro- 
sphären lokale Koagulationsprozesse stattfinden 
können; dies muß nunmehr durch die Unter- 
suchungen von Chambers als feststehend be- 
trachtet werden. Dagegen können andere Bezirke 
des Zelleibes gleichzeitig verflüssigt werden. Auch 
diese Annahme hat ja durch Chambers Be- 
stätigung gefunden. Eine solche Verflüssigung 
nimmt Spek insbesondere für die Äquatorzone 
der sich teilenden Zelle an; sie soll unter natür- 
lichen Verhältnissen verursacht werden durch das 
Auftreten einer Base, die als Nebenprodukt der 
Nukleinsynthese entsteht und in die Äquatorregion 
der Zelle diffundiert. 

Viskositätsänderungen des Cytoplasmas spielen 
aber gewiß nicht ausschließlich während der Zell- 
teilung eine bedeutungsvolle Rolle. Mit der Zeit 
wird sich vielmehr gewiß herausstellen, daß die 
Zähigkeitsverhältnisse auch in anderen Lebens- 



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lagen der Zelle von Bedeutung sind; doch ist 
darüber noch wenig bekannt und noch weniger 
kann hier Erwähnung finden. 

G. u. F. Weber haben 19 16 zu erweisen ge- 
sucht, daß in gewissen Pflanzenzellen unter dem 
Einfluß des Schwerkraftsreizes, der die 
Orientierung der Pflanzenteile im Räume ermög- 
licht, eine Änderung der Plasmaviskosität als 
primäre Wirkung sich einstellt; dieser „geovisko- 
sische Effekt" sollte eines der ersten Glieder sein 
in der Reiz- und Reaktionskette, die mit der Aus- 
führung der geotropischen Krümmung endigt. Der 
geoviskosische Effekt wurde ermittelt durch Messung 
der Fallgeschwindigkeit der Statolithenstärkekörner 
in den Stärkescheidenzellen der Stengel von Bohnen- 
keimlingen. Bei einer eingehenden Nachprüfung 
konnte Zollikofer (191 8) das Eintreten eines 
geoviskosischen Effektes in vielen Fällen nicht 
bestätigen. Die Autorin glaubt daher, der ur- 
sprüngliche positive Befund (nach dem durch 
Schwerkraftsreiz eine Änderung der Plasmavisko- 
sität bewirkt wurde) sei durch in der Versuchs- 
methodik gelegenen Fehlerquellen vorgetäuscht 
worden. Leider hat sich seitdem niemand mehr 
entschlossen, die zeitraubenden Versuche erneut 
in Angriff zu nehmen. Im allgemeinen muß man 
sagen, daß heute die Konstatierung eines geovis- 
kosischen Effektes keineswegs so überraschend 
erscheinen würde als zur Zeit des Beginnes der 
Plasmaviskositätsstudien. Die geotropische Krüm- 
mung als deren Vorläufer die Änderung der 
Plasmaviskosität angesehen wurde, beruht in Unter- 
schieden der Wachstumsintensität an den antago- 
nistischen P'lanken des Organs. Bei einem negativ 
geotropischen Keimstengel wächst nach geotro- 
pischer Reizung die Unterseite stärker als die 
Oberseite. Daß aber bei Wachstums Vorgängen 
Plasmaviskositäts-Änderungen beteiligt sind, muß 
heute als höchstwahrscheinlich bezeichnet werden,') 
und so kann auch mit einer Verschiedenheit der 
Plasmazähigkeit an den entgegengesetzten Stengel- 
tlanken nach geotropischer Reizung gerechnet 
werden. Zudem sind heute andere Fälle bekannt, 
wo die lebende Substanz auf einen äußeren 
Reiz hin mit reversibler Änderung der Zähigkeit 
reagiert.') 

Bayliß, der Autor der vorbildlichen „Prin- 
ciples of General Physiology", hat das Verhalten 
der Pseudopodien lebender Amöben im Dunkel- 
feld beobachtet vor, während und nach elek- 



') Nach Borowikow (1913) fördert die Quellung der 
Kolloide der Zelle den Wachstumsprozeß (Streckungswachs- 
tum). Vgl. hiezu ferner Lloyd (1916/17) sowie dessen aus- 
gezeichnetes Praktikum der allgemeinen Physiologie 1921. üin 
analoges Praktikum fehlt in der deutschen Literatur; zu ver- 
gleichen sind nur die neuen Praktika der Kolloidchemie bzw. 
physikalischen Chemie von Üstwald und Michaelis, die 
aber naturgemäß die Verbältnisse der „lebenden Substanz" 
nicht so eingehend berücksichtigen. 

") Gräfe hat igig Gedanken über den Zusammenhang 
zwischen Quellung und Kntquellung und den Reizreaktionen 
im allgemeinen publiziert. Mittel die fjuellungsfördernd wirken, 
fördern die Erregungsleitung. 



trischer Reizung. Im ungereizten hyalinen 
Pseudopodium-Protoplasma werden durch ihre 
glänzenden Beugungsbilder eine immense Anzahl 
winzigster Mikrosomen sichtbar; sie befinden sich 
in lebhaftester Brownscher Molekularbewegung. 
Der allgemeine Eindruck ist der einer schimmernden 
zitternden Unruhe im Gesichtsfelde. Schon Kühne 
hatte festgestellt, daß bei elektrischer Reizung 
einer derartigen Amöbe die Protoplasmaströmung 
in ihr momentan stillsteht. Bayliß nahm nun 
an, daß diese Strömungssistierung bedingt sei 
durch eine plötzliche Viskositätserhöhung, durch 
den Übergang aus dem Sol- in den Gelzustand. ^) 
Dies konnte nur bewiesen werden durch Beob- 
achtung der Brownschen Bewegung; so lange 
sie lebhaft ist, manifestiert sich dadurch die 
Flüssigkeitsnatur, der Solzustand des Systems. Bei 
richtig abgestimmtem elektrischen Reiz ist der 
Effekt ungemein auffallend. Die kontinuierliche 
zitternde Bewegung der glänzenden Punkte, die 
auf die B. B. zurückzuführen ist, hört fast momentan 
auf, als wäre das Protoplasma erstarrt. Sobald 
dies erfolgt, wird der Reiz unterbrochen und fast 
zur selben Zeit beginnt die Brown sehe Bewegung 
aufs neue".") Ist der elektrische Shok aber zu 
stark, so daß der Organismus getötet wird, dann 
bleibt das starre Gelstadium, die Totenstarre bis 
zur autolytischen Auflösung der Leiche erhalten, 
das Solstadium und mit ihm das Leben kehrt 
nicht mehr zurück.^) 

Osterhout hat 1916 die Frage diskutiert, 
ob zwischen Permeabilität und Viskosität 
eine direkte Beziehung besteht, ohne zunächst 
dabei zu endgültigen Ergebnissen zu gelangen. 
Nach den Erörterungen Trau bes (1914) müssen 
wir jedenfalls annehmen, daß die Reibungskonstante 
auch bei osmotischen Prozessen zur Geltung 
kommt. Traube gelangte dazu ein „osmotisches 
Gesetz" aufzustellen, „ganz analog demjenigen, 
welches für andere Energien besteht und für die 
elektrischen Vorgänge von Ohm formuliert wurde. 
Ist G die osmotische Geschwindigkeit, d. h. die 
in der Zeiteinheit osmotisch fortgeführte Menge 
eines Stoffes, K die durch die Oberflächenaktivität 
gemessene osmotische Kraft und R die Reibungs- 

]^ 
konstante, so ist G^ „, d. h. die osmotische Ge- 

K 

schwindigkeit ist proportional der osmotischen 
Kraft und umgekehrt proportional der Reibungs- 
konstante" (vgl. auch Girard 1914). Änderungen 
der Zähigkeit besonders an den peripheren Plasma- 



') Auf den Zusammenhang zwischen Protoplasma-Visko- 
sität und -Strömung wurde schon von zahlreichen Autoren 
hingewiesen, vgl. insbes. Ewart 1903. 

'-) In diesem Zusammenhange ist die neue Theorie 
A. Meyers (192t, S. 638) von Interesse, nach der die Proto- 
plasmaströmung verursacht ist durch eine geordnete Wärme- 
bewegung der Moleküle. 

') Über die zahlreichen Beobachtungen verschiedener 
Autoren (Gaidukow 1914, Russo 1910, Chambers 1917, 
Seifriz 1920/21 u.a.) über die Viskositätsverhältnisse während 
der Nekrobiose und beim Eintritt des Todes kann hier nicht 
referiert werden. 



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schichten müssen daher für die Geschwindigkeit 
des osmotischen Stoffaustausches mit verantwort- 
lich sein. 

Zum Schluß sei noch auf die Beziehung zwischen 
Z e 1 1 f o r m und Protoplasmaviskosität ver- 
wiesen. Eine solche wurde schon wiederholt ge- 
legentlich angenommen u. a. von Spiro (1910), 
Gräper (1919).') Hier sei jedoch nur der 
speziellere Fall erörtert, wobei die Konsistenz des 
Protoplasmas maßgebend ist für die Art und Weise 
der Pseudopodienbildung einzelner Zellen. Schon 
1910 hat Leo Loeb gezeigt, daß die Pseudo- 
podienbildung der Blutzellen von L i m u 1 u s ") von 
denjenigen Ionen des umgebenden Mediums be- 
günstigt wird, die einer Quellung von Gelatine 
oder einer Verflüssigung von Eiweiß entgegen- 
wirken; umgekehrt hemmen diejenigen Ionen die 
Pseudopodienbildung, welche die Ouellung und 
Verflüssigung gewisser Kolloide fördern. 1921 
hat Loeb diese Versuche wieder aufgenommen. 
Beim Austreten des Limulus-Blutes bildet sich 
ein Klumpen künstlichen Gewebes, welches aus- 
schließlich aus Amöbocyten besteht. Dies Gewebe 
wird im hohlgeschliffenen Objektträger kultiviert 
und sein Verhalten insbesondere der Grad des 
„Auswachsens" und die Form der Pseudopodien 
in den verschiedensten Kulturmedien und -be- 
dingungen studiert.^) Durch Änderung im osmo- 
tischen Druck des umgebenden Mediums ist es 
möglich die Konsistenz der Zellen zu verändern 
und zugleich auch den Charakter der amöboiden 
Bewegung. Die Pseudopodien können die mannig- 
fachste Gestalt annehmen. Die normalerweise im 
Innern des Tieres zirkulierenden Blutzellen sind 
flache Scheiben; nach Verlassen des Körpers 
kugeln sie sich ab; in hypertonischen Lösungen 
bilden sie fadendünne Pseudopodien oder spitz- 
zungenförmige, in isotonischen können breitzungige 
entstehen, in schwach hypotonischen überwiegen 
die letzteren, bei stärkerer Hypotonie bildet sich 
das „Ballonpseudopodium" aus. Vereinigen sich 
diese verschiedengestalteten Zellen, so entstehen 
Gewebe mit Strukturen analog dem Nerven- resp. 
Gliagewebe. Alle diese verschiedenen Pseudo- 
podienformen stehen in Zusammenhang mit be- 
stimmten Viskositätsgraden des Protoplasmas. Die 
Änderungen der Konsistenz sind der primäre 
Faktor bei der amöboiden Bewegung und Ge- 
staltung der Amöbocyten sowie der Leukocyten 
überhaupt und ebenso auch der Protozoen. Die 
Änderung der Oberflächenspannung, der man bisher 
allzuhohe Bedeutung beigemessen hat, folgt erst 
sekundär nach. Auch ein prinzipielles Verständnis 
dieser ständig wechselnden reversiblen Konsistenz- 
änderungen ist ermöglicht (insbesondere nach den 
kolloidchemischen Forschungen eines Wo. Pauli 

') Über die Bedeutung von Viskositätsänderungen für 
Fragen der Biochemie siehe Richter (1921). 

-) Limulus, der Molukkenkrebs gehört zu den l'feil- 
scliwänzen (Xiphosuren). 

■') Vgl. auch die inhaltsreiche Studie von Levi (1919) 
über Kulturen tierischer Zellen in vitro. 



(1920) und eines J. Loeb (1918, 1920) ') durch 
die kombinierte Einwirkung von Säuren, Alkali 
und Neutralsalzen auf die Proteine. Schwach hypo- 
tonische KCl-Lösungen führen z. B. zu einer deut- 
lichen Erweichung der ganzen Zelle und zu merk- 
würdigen „Zirkus-Bewegungen". 

Aber nicht nur chemische Veränderungen der 
umgebenden Flüssigkeit, sondern ebenso die physi- 
kalischen, vor allem die Temperatur-Verhält- 
nisse beeinflussen die Form der Pseudopodien- 
bildung. Geringe Temperaturerhöhung begünstigt 
das Einziehen der Fortsätze und eine Abrundung 
und Kontraktion der ßlutzellen. Bei etwas stärkerem 
Temperaturanstieg gehen ganz spezifische Form- 
änderungen vor sich, die am ausgeprägtesten sich 
äußern in der Bildung von multiplen Tropfen- 
pseudopodien, wodurch eigenartige „Maulbeer- 
zellen" zustande kommen. Die Erklärung, sagt 
Loeb, ist gegeben in einer zunehmenden Ver- 
flüssigung des Protoplasmas infolge der Tempe- 
raturerhöhung. Die Viskositätsabnahme, welche 
reversibel ist, äußert sich bei den Blutzellen im 
Auftreten von Brown scher Bewegung von vorher 
unbeweglichen Mikrosomen. 

[Eine eingehende messende Verfolgung der 
Temperaturabhängigkeit der Plasmaviskosität hatten 
im übrigen an pflanzlichen Zellen mit Hilfe der 
Fallmethode bereits 191 7 F. u. G. Weber ge- 
geben. Dabei wurde ebenfalls Viskositätsabnahme 
bei steigender Temperatur konstatiert und der 
Temperaturkoeffizient (Qk,) mit durchschnittlich 
I — 2 bestimmt.] 

Von ganz besonders schöner Ausbildung sind 
die Pseudopodien der Foraminiferen; sie können 
anwachsen bis zu einer Länge von mehreren mm 
ja selbst von Zentimetern und doch überschreitet 
ihr Breitendurchmesser einige tausendstel Milli- 
meter nicht. Dies schien mit den physikalischen 
Gesetzen der Flüssigkeiten unvereinbar. Die Kräfte 
der Oberflächenspannung zerreißen einen Faden, 
wenn er über eine gewisse Länge hinaus ausge- 
dehnt wird. Man nahm daher zur Erklärung der 
langen fadenförmigen Rhizopoden-Pseudopodien 
an, daß in deren Achse ein fester Faden, ein 
Achsenfaden eingelagert sei. Doflein hat nun 
1916 die Entstehung der Foraminiferen-Pseudo- 
podien eingehend studiert. Bei Dunkelfeldbeleuch- 
tung konnte er tatsächlich sehen, daß diese Pseudo- 
podien aus zwei verschiedenen Substanzen be- 
stehen : Ein gerader fast wie ein Telegraphendraht 
aussehender fester Achsenfaden das „Stereo - 
plasma" wird außen vom flüssigen Protoplasma, 
dem „Rheoplasma" wie von einem Mantel 
umhüllt. Auf welche Weise stretkt sich solch 
ein Pseudopodium aus.? Man sieht „einen feinen 
Strahl stark leuchtender Substanz sich vollkommen 
geradlinig vorschieben. Manchmal geht dies ziem- 
lich langsam vor sich. . . . Nicht selten streckt 
sich der Faden aber auch sehr rasch vor, man 
hat geradezu den Eindruck eines Aufschießens." 



') Siehe auch McDougal und Spoehr (1920). 



124 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 9 



Sofort, oder erst später sieht man dann den 
Achsenfaden von Rheoplasma umflossen. Dieser 
ganze Prozeß läßt sich an Modellversuchen nach- 
ahmen. „Schiebt man z. B. ein sehr feines Haar 
durch einen auf einem Objektträger ausgebreiteten 
Wassertropfen, so läßt sich ein langer pseudo- 
podienähnlicher Fortsatz des Tropfens erzeugen; 
das Wasser bildet einen Mantel um das Haar"; 
dieser Überzug hat die Tendenz sich zu kugeligen 
Tropfen zusammenzuziehen. Dieser Tendenz wirkt 
aber die Adhäsion an das Haar entgegen; infolge- 
dessen entsteht ein „Unduloid". Dieses hält sich 
relativ lange, noch länger bei Flüssigkeiten von 
größerer Viskosität. So lassen sich derartige 
„künstliche Pseudopodien" besonders schön er- 
zielen aus Canadabalsam mit Hilfe eines Haares 
in Glyzerin. 

Für unsere Betrachtung ist es von besonderem 
Interesse, daß in diesem stereoplasmatischen 
Achsenfaden ein Protoplasma vorliegt, das einen 
ganz besonderen Grad von Zähigkeit, ja Festig- 
keit erlangt hat; die Achsenfäden können sich 
elastisch biegen und zurückschnellen, ja knicken 
und brechen. Der Übergang aus der normal 
flüssigen in diese feste Phase vollzieht sich rasch 
und ebenso rasch der entgegengesetzte Prozeß 
der Verflüssigung. Wie so oft in der lebenden 
Substanz bestehen Teile flüssiger und fester Kon- 
sistenz nebeneinander und können ineinander 
übergehen, verbunden durch alle Grade der Vis- 
kosität. 

Doflein schließt seine Pseudopodienstudien 
mit den Worten: „Das Rätsel des Protoplasmas, 
welches das Rätsel des Lebens ist, wird jeden 
Naturforscher immer wieder anziehen. Wo wir 
eine Möglichkeit sehen, ihm näher zu kommen, 
müssen wir sie ergreifen. Ich glaube, daß die 
hier von mir verzeichneten Beobachtungen uns 
manche bisher nicht erklärbaren Besonderheiten 
des Protoplasmas auf bekannte Gesetzmäßigkeiten 
zurückzuführen erlauben. Sie zeigen, welche neue 
Gesichtspunkte uns oft eine neue Methodik an 
viel untersuchten, alt bekannten Objekten anzu- 
wenden erlaubt. Ich hoffe, daß eine Verfolgung 
der hier berührten Probleme uns ein Stück dem 
Ziel näher bringen wird, die Besonderheiten des 
Protoplasmas, der lebenden Substanz auf Gesetze 
der Chemie und Physik zurückzuführen" — oder 
aber wir. werden so erkennen, daß es doch vitale 
Besonderheiten gibt, die sich nicht „erklären" 
lassen, daß wir das Ziel nicht erreichen werden. 
Und nur das unerreichte Ziel scheint uns er- 
strebenswert und schön. 



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N. F. XXI. Nr. 9 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Zollikofer, 1918, Wirkung der Schwerkraft auf die 
Plasmaviskosität. Beiträge zur allgemeinen Botanik. 1. 

Nachtrag. Während der Drucklegung erschienen: 
Chambers, 1921, The formation of Ihe Aster in arli- 

ficial Parthenogenesis. Journ. Gener. Physiol. 1. 

H e i 1 b r u n n , 192 1 , Protoplasmic viscosity changcs during 

mitosis. Journ. experim. Zoölogy. 34. 



[Nachdruck verboten.] 



Der neue zentralafrikanische fossile Menschenfund. 

Von Hans Reck, 

Geolog. -paläontolog. Institut der Universität Berlin. 



Durch die Zeitschriften und Zeitungen der 
letzten Wochen gingen — besonders in England 
aber auch bei uns — zahlreiche Artikel über einen 
neuen Fund vorzüglich erhaltener Reste eines 
Menschen in einer Höhle in Broken-Hill-JVIine in 
Nord-Rhodesien. Die Erhaltung der Einzelteile 
läßt darauf schließen, daß ein ganzes Skelet vor- 
gelegen haben dürfte, von dem jedoch nur Teile 
gerettet wurden. 

Es ist eine immer wiederkehrende Erscheinung, 
daß bei solchen Funden der Sensation des Neuen, 
Seltenen sofort das Aufeinanderplatzen der ab- 
weichendsten Meinungen folgt und die weitest- 
gehenden Hypothesen auf ganz unsicherem Grunde 
wie Pilze aus der Erde schießen. 

So sieht A. Keith verschiedene Merkmale des 
Schädels als primitiver an, als die des deutschen 
Neandertalers, sucht und findet viel Vergleichbares 
mit dem Gibraltarschädel und möchte nun das 
Ursprungsland dieses ganzen Menschentypus so- 
gleich nach Südafrika verlegen, von wo dann auch 
unser deutscher Neandertaler seine Wanderung 
begonnen hätte. 

Wood ward dagegen spricht den Schädel als 
im ganzen weniger primitiv und daher jünger als 
den Neandertaltyp an, obwohl auch er noch Spuren 
eines affenartigen Vorfahren in ihm zu entdecken 
glaubt. Moderner Gehirnschädel und primitives 
Gesicht erscheinen in merkwürdigem Gegensatz. 

Nun hat schon Prof Martin in einem Auf- 
satz in den Münchener Neuesten Nachrichten all 
diese Behauptungen einer sehr nötigen abwägenden 
Kritik unterzogen. Ich will daher auf das anthro- 
pologische Moment der Frage hier nicht .mehr 
eingehen, kurz beleuchten möchte ich dagegen die 
geologischen Begleitumstände des Fundes. 

Man kann wohl sagen, daß nicht nur anthro- 
pologisch sondern auch geologisch bisher nichts 
Beweisendes für das Alter des Fundes beigebracht 
ist. Die geringe Fossilisation der Knochen spricht 
eher gegen wie für ein hohes Alter der Funde, 
denn der Fossilisationsprozeß kann in den Tropen 
erstaunlich schnell und intensiv vor sich gehen, 
während andererseits der restlose Zerfall sehr 
rasch sich zu vollziehen pflegt, wo keine guten 
Fossilisationsbedingungen vorliegen — man wird 
aber nicht sagen dürfen, daß dem in allen Fällen 



so sein muß. Auf diesem Wege allein ist kaum 
ein entscheidender Beweis möglich. 

Geologisch höchst uncharakteristisch ist auch 
der Fundort. Eine Höhle kann jeden Alters sein. 
Und selbst wenn die Höhlenbildung eines be- 
grenzten Gebietes ihrem Alter nach geologisch 
bestimmt werden kann, was hier meines Wissens 
noch nicht der Fall ist, so wird dies immer nur 
eine generelle Bestimmung sein, ohne für die 
Bildungszeit der Einzelhöhlen eine scharfe Grenz- 
ziehung zu ermöglichen, außerhalb der nach oben 
oder unten keine Höhle mehr entstanden oder 
weiter gebildet worden sein könnte. 

Außerordentlich wichtig dagegen sind für die 
Altersdeutung die den Menschenfund begleitenden 
tierischen fossilen Reste. Von diesen wird aber 
allseits hervorgehoben, daß sie völlig rezent seien. 
Das spricht sehr gegen ein auch nur jung- bis 
mitteldiluviales Alter, denn wir wissen von einigen 
anderen zentralafrikanischen Fundpunkten heute 
bereits sicher, daß die jung-mitteldiluviale Fauna 
Afrikas wesentlich abweichend von der heutigen 
zusammengesetzt war. Das gilt in erster Linie 
von den Elefanten. Den heutigen afrikanischen 
Elefant kennt man im Diluvium Afrikas noch 
nicht, wohl aber bildet eine ganz und gar ab- 
weichende Elefantenrasse, ein Elephas antiquus, 
einen überaus charakteristischen Bestandteil dilu- 
vialer afrikanischer Säugetierfaunen. 

Ist also — und das muß auch noch festgestellt 
werden — der Mensch gleichzeitig mit der heute 
mit ihm vereinten Fauna in die Höhle geraten — 
wobei die Massenanhäufung verschiedenartiger 
Knochenreste nichts geologisch Seltenes ist, wenn 
auch die Genese solcher Lagerstätten ein noch 
nicht befriedigend gelöstes Problem darstellt — 
und ist diese Fauna in der Tat rezent, dann ver- 
ringert sich die Wahrscheinlichkeit, daß hier ein 
diluvialer Menschenfund vorliegt, noch um ein 
Beträchtliches. 

Doch ist auch hier Vorsicht nötig. Bei den 
Tausenden von Tierknochen der Höhle bedarf es 
einer sehr eingehenden Untersuchung, um be- 
stimmt sagen zu können, ob die Fauna rezent 
oder prärezent ist. Eine solche genaue Unter- 
suchung scheint aber noch nicht geschehen zu 
sein. Denn nicht alle Tierformen haben sich seit 



126 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 9 



diluvialer Zeit gleichmäßig geändert. Manche gar 
nicht. Viele nur in bestimmten Skeletteilen. 
Andere ältere Formen dagegen fehlen der heutigen 
Fauna vollständig. 

Trotz unserer geringen Kenntnis der diluvialen 
zentralafrikanischen Fauna können wir doch heute 
schon mit Sicherheit sagen, daß sie in vielem 
(und das gilt besonders für wenig charakteristische 
Einzelknochen) der heutigen zwar gleich oder ähn- 
lich ist, daß sie aber auch zahlreiche Abweichungen 
von heutigen Formen und vor allem zahlreiche 
ausgestorbene Typen und selbst Genera hat, welche 
ihren Gesamthabitus von dem heutigen Bild ganz 
wesentlich verschieden erscheinen lassen. 

Und noch einen Funkt möchte ich in die Dis- 
kussion des neuen Fundes tragen. Vor dem 
rhodesischen Fund bereits hat eine deutsche Expe- 
dition in deutsch-afrikanischer Erde einen fossilen 
zentralafrikanischen Menschen gefunden und ge- 
borgen. Es war die 191 3 von Berlin ausgegangene 
Oldoway Expedition, welche mit den ersten reichen 
Funden einer jung-mitteldiluvialen zentralafrika- 
nischen Säugetierfauna auch ein vollständiges 
fossiles Menschenskelet mit nach Hause brachte, 
das heute im Berliner Museum für Naturkunde 
aufbewahrt wird. 

Die Ungunst der Verhältnisse und der Zeit 



hat die Bearbeitung und Veröffentlichung der 
Resultate dieser Expedition immer wieder ver- 
zögert. Außer der teilweisen Bearbeitung des 
Elefantenmaterials konnten bisher nur vorläufige 
Mitteilungen darüber publiziert werden. Über 
den Menschenfund ist das letzte Wort noch 
nicht gesprochen. Die Fauna, mit der er zu- 
sammenliegend in festen gebankten Tuffen längst 
erloschener Vulkane gefunden wurde, ist sicher 
jung- bis mitteldiluvial. Das hat besonders 
die Bearbeitung der Elefanten gelehrt. Das 
Menschenskelet selbst jedoch, dessen fossiler 
Habitus ebenso wie seine Vollständigkeit auffällt, 
gehört sicher einem hoch entwickelten Typ an. 
Wohin er zu stellen ist, ist noch fraglich. Meist 
sprechen ihm die Anthropologen negroide Eigen- 
schaften ab, und sehen Hinweise auf eine indisch- 
asiatische Heimat, was mit dem Bild der Fauna 
in gutem Einklang stehen würde. — Ist der Mensch 
nun in der Tat gleichzeitig mit dieser ihm nicht 
fremd gegenüberstehenden Fauna in die Tuffe ein- 
gebettet worden, so haben wir hier einen geologisch 
fixierbaren diluvialen afrikanischen Menschenfund 
vor uns, der bei dem neuen rhodesischen Vor- 
kommen an erster Stelle zum Vergleich heranzu- 
ziehen wäre, was meines Wissens bisher noch 
nicht geschehen ist. 



Bücherbesprechungen. 



Bölsche, Wilhelm, Vom Bazillus zum 
Affenmenschen. Naturwissenschaftliche 
Plaudereien. 11. — 15. Tausend. Vollständig 
umgearbeitete und erweiterte Neuausgabe. 320 S. 
Jena 192 1, Eugen Diederichs. 40 M., geb. 55 M. 
Es ist eine wahre Erquickung — auch für 
den Fachmann — sich in den jetzigen Zeiten in 
ein Werk wie das vorliegende versenken zu können. 
Der Titel verleitet zu der Vorstellung, als ob wir 
es hier mit einer mehr oder weniger streng 
durchgeführten entwicklungsgeschichtlichen Dar- 
legung zu tun hätten, wie sie sich etwa in dem 
Werke Konrad Guenthers: „Vom Urtier 
zum Menschen" findet. Wie sich aber schon aus 
dem Untertitel und aus den Kapitelüberschriften 
ergibt, liegt hier doch etwas ganz anderes vor 
und der Titel deckt nicht den vielseitigen Inhalt. 
Die einzelnen Abschnitte lauten : Bazillusgedanken ; 
Vom klassischen Boden des Ichthyosaurus (dieses 
Kapitel wurde ganz neu niedergeschrieben) ; Wenn 
der Komet kommt; Ein lebendes Tier aus der 
Urwelt; Das Geheimnis des Südkontinents; Der 
Affenmensch von Java; Vom dicken Vogt; Das 
Märchem des Mars. 

Wir wollen doch sehr dankbar sein, daß wir 
einen Bölsche haben, der die Resultate der 
wissenschaftlichen Arbeit, wie sie in unseren 
Laboratorien, Museen, Sternwarten und Studier- 
stuben in mühsamer, tiefgründiger Forscherarbeit 
heranreiften, in weite Kreise hinausträgt und sie 



meist erst auf diese Weise der Allgemeinheit nahe 
bringt und sie dem Verständnis der Laien er- 
schließt. Freilich kommt es hierbei alles auf das 
wie an und da ist der Leser bei Bölsche 
unter gewissenhafter und sachkundiger Führung. 
Allein schon das hier zur Besprechung stehende 
Buch ergibt ein erstaunlich umfassendes Studium, 
oft bis in kleinste Einzelheiten hinein, sowohl 
nach der literarischen, geschichtlichen, philosophi- 
schen als auch vor allem nach der naturwissen- 
schaftlichen Seite hin, ferner eine verblüffende 
Übersicht über die Bewertung der einschlägigen 
Forschungen. Bei dieser glänzenden Beherrschung 
der Spezialgebiete und bei der hinzutretenden 
geistreichen künstlerisch gewandten Behandlung 
baut sich ein Ganzes von bestrickendem Reiz 
auf, dessen Fundamente, wie gesagt, immer 
auf dem Boden der Wissenschaft ruhen. Und 
dort wo die Wissenschaft selbst noch tastet und 
Zuflucht nehmen muß zu Hypothesen, und wie 
oft ist das der Fall, da sehen wir nicht selten 
bei Bölsche eine vorsichtige und zurückhaltende 
Weiterführung in oft wundervollen Entwicklungs- 
gängen, die den Wert oder Unwert dieser oder 
jener Hypothese durch diese Gesamtschau in eine 
neue Beleuchtung rückt. 

Seit langem ist die Fähigkeit Bölsches an- 
erkannt, auch die trockenste und schwierigste 
Materie dem Laien schmackhaft und mundgerecht 
zu machen. Sein Stil ist einfacher und schlichter 



N. F. XXI. Nr. 9 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



127 



geworden, aber, wie mir scheint, um so eindrucks- 
voller. 

Auf die einzelnen Kapitel kann hier nicht ein- 
gegangen werden. Es sei nur bemerkt, daß die 
geistvolle Skizze: „Vom dicken Vogt" wohl das 
Beste sein dürfte, was je über Karl Vogt ge- 
schrieben worden ist mit warmer Anerkennung, 
humorvoller Satyre und „mit feiner Bonhomie, 
aber doch mit einem Stich in die Karikatur". 
V. Büttel-Reepen. 



Mayer, Adolf, Lehrbuch der Agrikultur- 
chemie in Vorlesungen. 7. neubearb. 
Aufl. Bd. I. Die Ernährung der grünen Ge- 
wächse in 27 Vorlesungen zum Gebrauch an 
Universitäten und höheren landwirtschaftlichen 
Lehranstalten, sowie zum Selbststudium. 8 ". 
VIII und 460 S. 40 Textabbild, und i Tafel. 
Heidelberg 1920, Carl Winters Universitäts- 
buchhandlung. Geb. 54 IVI. u. Sortim.- Zuschlag. 
Wenn man die Zahl der Auflagen als Maßstab 
für die Güte eines Buches anlegt, so erscheint es 
überflüssig, dem May er sehen Lehrbuch noch 
eine besondere Empfehlung mit auf den Weg zu 
geben. Im Jahre 1870 zum ersten Male erschienen, 
hat es bisher 6 Auflagen erlebt und das große 
Interesse, das sowohl von Seiten der Studieren- 
den als auch Lehrer und Forscher für dieses Buch 
besteht, hat eine Neuauflage notwendig gemacht. 
Wieder auf den neuesten Stand unseres Wissens 
gebracht, gibt das vorliegende Buch ein klares, 
übersichtliches und vollständiges Bild von der 
Pflanzenernährungslehre; dabei hat deren histori- 
sche Entwicklung soweit Erwähnung gefunden, als 
zum Verständnis des Gegenwärtigen notwendig 
ist. Gerade darin besteht ein besonderer Vor- 
zug dieses Lehrbuches. Denn nichts ist mehr 
geeignet, ein vollständiges Verständnis für eine 
Sache zu erzeugen, als sie werden zu sehen. Der 
Umstand, daß Adolf Mayer als Nestor der 
Agrikulturchemiker die Entwicklung miterlebt und 
außerdem selbsttätig mit gefördert hat, verleiht 
ihm die Lebhaftigkeit der Schilderung, die Gründ- 
lichkeit und Klarheit der Darstellung. 

Der Stoff ist in Form von Vorlesungen dar- 
gelegt und folgendermaßen eingeteilt: 

I. Abschnitt: Die stickstoffreien organischen 
Bestandteile der Pflanzen. 

Vorlesung i — 5: Die Produktion von orga- 
nischer Substanz. 

Vorlesung 6: Wanderung der organischen 
Substanz. 

Vorlesung 7: Die Pflanzenatmung. 

Vorlesung 8 — 10: Die stickstoffreien orga- 
nischen Bestandteile der Pflanze. 

II. Abschnitt: Die stickstoffhaltigen Bestand- 
teile der Pflanze. 
Vorlesung ii — 15. 

III. Abschnitt: Die unverbrennlichen Bestand- 
teile der Pflanze. 
Vorlesung 16 — 20. 



IV. Abschnitt: Die Gesetze der Stoffaufnahme. 
Vorlesung 21 — 25. 

V. Abschnitt: Sonstige Vegetationsbedingungen. 
Vorlesung 26 — 27. 

Am Ende jedes Abschnittes sind die wichtig- 
sten Ergebnisse in kurzen Sätzen zusammen- 
gefaßt. Auf diese Weise ist die ganze Lehre der 
Pflanzenernährung auf 99 Thesen zusammenge- 
drängt. Diese Zusammenfassung nützt dem Lehrer 
zur schnellen Orientierung über den Inhalt der 
einzelnen Abschnitte; dem Studierenden aber 
bietet diese Vereinheitlichung des reichen und 
mannigfaltigen Stoffes eine klare Übersicht, die 
ihm bei Wiederholung wertvolle Dienste leistet. 

Da das May er sehe Lehrbuch hauptsächlich 
die rein pflanzenphysiologischen Momente hervor- 
hebt, bietet es eine willkommene Ergänzung zu 
dem Lehrbuch von Schneidewind, welches in 
erster Linie die praktische Seite der Pflanzen- 
ernährung beleuchtet. Es ist für den Bota- 
niker, der sich über die Ernährung der Pflanzen 
eingehender unterrichten will, ebenso wertvoll 
wie für den Agrikulturchemiker, wenn dieser be- 
absichtigt, nach der theoretischen Seite hin sich 
zu vervollkommnen. 

Die Ausstattung des Buches ist eine sehr gute. 
Wießmann (Berlin). 



Kühn, Alfred, Morphologie der Tiere in 
Bildern, i. Heft: Protozoen; i.Teil: Flagel- 
laten. 106 S. Berlin 1921, Gebr. Borntraeger. 
21 M. 

Das erste Heft eines groß angelegten Werkes 
liegt vor uns. Der Verf. beabsichtigt in einer 
großen Anzahl von Einzelheften eine vollständige 
Bildersammlung des gesamten Tierreiches zu 
geben, um dadurch das Verständnis der tierischen 
Baupläne zu erleichtern. Das erste Heft, welches 
die Klasse der Flagellaten behandelt, ist erschienen. 
Mit sehr großem Fleiß sind die Abbildungen der 
wichtigsten Formen und Typen dieser Protozoen- 
gruppe aus den Originalarbeiten zusammengesucht 
und in einheitlicher Darstellung wiedergegeben. 
Der kurze zu den Bildern gehörige Text bringt 
eine ganz kurze, aber klare Übersicht über die 
wichtigsten, charakteristischen Eigenschaften und 
Bauverhältnisse des betreffenden Tieres. Sämt- 
liche Abbildungen sind als Federzeichnungen um- 
gezeichnet und als Zinkätzungen wiedergegeben. 
Gerade diese einheitliche Ausführung der Figuren 
ermöglicht eine Vergleichung der verschiedenen 
Formen und damit eine Ableitung der einzelnen 
Typen voneinander und die Klärung ihrer ver- 
wandtschaftlichen Verhältnisse. Die außerordent- 
lich klaren und sauberen Zeichnungen sind teils 
vom Verf. selbst, teils von Fräulein Else Arm- 
bruster hergestellt. Daß allein die Darstellung 
der Klasse der Flagellaten über lOO Seiten Raum 
einnimmt, zeigt, daß die getroffene Auswahl der 
P'ormen sehr reichhaltig ist und, daß man in dem 
Heft sehr viel mehr Typen vertreten findet als 
etwa in den üblichen Lehrbüchern. 



128 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 9 



Diese neue Bildersammlung wird daher sowohl 
dem Forscher, der die Verwandtschaftsverhältnisse 
der Formen untersucht, eine reiche Materialsamm- 
lung an die Hand geben, als auch dem Lernen- 
den, der die Bauverhältnisse der Tiere kennen 
lernen will, mühseliges Einzelstudium erleichtern; 
und besonders der Unterrichtende, sei es in der 
Schule oder im Kolleg, findet in diesem Werke 
eine übersichtliche Auswahl brauchbarer Abbil- 
dungen aller wichtigeren Typen. IVIögen weitere 
Hefte diesem ersten recht bald folgen und das 
Werk die ihm gebührende Verbreitung finden. 
A. Pratje, Halle a. S. 



Schoenichen, W., Praktik um der Insekten- 
kunde nach biologisch ökologischen Gesichts- 
punkten. Zweite, vermehrte und verbesserte 
Auflage. 227 S. mit 261 Abb. im Text. Jena 
1921, G. Fischer. Preis brosch. 34 M., geb. 
40 IVI. 
Wer den Körperbau der Insekten in seiner 
unerschöpflichen Mannigfaltigkeit und Zweck- 
mäßigkeit seiner einzelnen Teile näher kennen 
gelernt hat, wird mit dem Verf darin überein- 
stimmen, daß sich die Insekten wie kaum eine 
andere Tiergruppe als Studienobjekte für mikro- 
skopische Untersuchungen und zur Einführung in 
biologisch- ökologische Betrachtungen eignen. Von 
diesem Gesichtspunkt aus ist das Schoenichen- 
sche Praktikum entstanden, das jetzt in zweiter 
Auflage vor uns liegt. In erster Linie für den 
Unterricht an Schulen und zur Ausbildung von 
Lehramtskandidaten bestimmt, hat es auch rasch 
an den Hochschulen Verbreitung gefunden. Bei der 
Darstellung ist grundsätzlich nur das Chitinskelett 
berücksichtigt worden, dessen Teile sich ohne 
Mühe für mikroskopische Studien herrichten lassen, 
ohne daß wie bei den inneren Organen kompli- 
ziertere Methoden, wie Färben, Schneiden u. a. 
nötig werden. In den Kreis der Betrachtungen 
sind Vertreter aus den verschiedensten Insekten- 
gruppen gezogen, vorzugsweise solche, die aus 
biologischen Gründen unser Interesse beanspruchen 
dürfen. Neu hinzugefügt wurden in der vorliegen- 
den Auflage Abschnitte über die niedersten In- 
sekten, die Thysanuroidea , und über blüten- 
besuchende Hautflügler, Käfer und Fliegen. Sehr 
zu begrüßen ist, daß auch weiter mehrere wirt- 
schaftlich oder hygienisch wichtige Insekten, wie 
die Kleiderlaus, der Hundefloh, Borkenkäfer u. a. 
aufgenommen worden sind. Bemerkenswert sind 
die vielen gut gelungenen Textfiguren, die den 
Gebrauch des Buches wesentlich unterstützen. 
Die Zahl dieser Abbildungen wurde in der vor- 
liegenden Auflage noch um 60 vermehrt. 

R. Heymons. 



Arrhenius, Svante, Der Lebenslauf der 
Planeten. 35 Abb. 166 S. Leipzig 1921, 
Akadem. Verlagsgesellschaft m. b. H. 
Der Verf. gibt hier eine Ergänzung seiner 
Kosmogonie im „Werden der Welten". Er be- 
spricht zunächst ausführlich die Ergebnisse der 
neueren Forschungen über Wesen, Form und 
Ausdehnung der Milchstraße, der Grundlage des 
Sternsystems und erörtert dann die Frage nach 
der Stellung der Nebel und kugeligen Sternhaufen 
zur Milchstraße, wieweit man annehmen darf, es 
hier mit selbständigen Systemen zu tun zu haben, 
wobei die Untersuchungen Shapleys die ge- 
bührende Würdigung finden. Aus den nächsten 
drei Kapiteln spricht ganz der Physiker, wenn er 
die klimatische Bedeutung des Wasserdampfes 
höchst anschaulich schildert und die physikalische 
und chemische Bedeutung der Atmosphären, ihrer 
Zusammensetzung und chemischen Veränderung 
in geologischen Zeiten hervorhebt. Mars verdient 
ein besonderes Kapitel, wenig bekannte Einzel- 
heiten aus der Marsforschung, wie die Feststellung 
des Wassergehaltes der Marsatmosphäre, finden 
wir hier, und auf sie sich aufbauend eine Mars- 
meteorologie, die viel für sich hat, wenn sie auch 
andern Arbeiten, vor allem der sonst ansprechend- 
sten von Baumann widerspricht. Hier wird die 
nächste Marsopposition neues Material herbei- 
schaffen müssen. Das letzte Kapitel ist der zu- 
sammengehörigen Gruppe von Merkur, Venus 
und Mond gewidmet, je mehr wir vom Monde 
wissen, um so mehr muß das überaus dürftige 
Beobachtungsmaterial der beiden anderen Planeten 
mit Hilfe von Analogien ausgewertet werden, so 
daß ein einigermaßen brauchbares Ergebnis erzielt 
werden kann. Die Darstellung ist, wie immer bei 
Arrhenius, sehr klar und flüssig, man merkt 
dem Text nicht an, daß es sich um eine Über- 
setzung aus dem Schwedischen handelt. 

Riem. 



Literatur. 

Karny, Dr. Heinrich, Der Insektenkörper und seine 
Terminologie. Wien '21, A. Pichlers Witwe & Sohn. 7 M. 

Süßwasserflora Heft 7: Heering, W. , Chlorophyceaue 
IV. Siphonoclodiales, Siphonales. Jena '21, Gustav Fischer. 
15 M., geb. 20 M. 

Teubners naturwissenschaftliche Bibliothek Heft 5 : R u s c h , 
Himmelsbeobachtungen. Leipzig und Berlin '21, B. G. Teubner. 
Geb. 20 M. 

Collier, Dr. W. A., Einführung in die Variationsstatislik. 
Berlin '21, Julius Springer. 33 M. 

Pringsheim, Peter, Kluoreszenz und Phosphoreszenz 
im Lichte der neueren Atomtheorie. Berlin '21, Julius Springer. 
4S M. 

Laue, Prof. M. v., Das physikalische Weltbild. Karls- 
ruhe i. B. '21, C. F. MüUerschc Hofbuchhandlung m.b.H. 



Inbftlt: l'riedl Weber, Die Viskositiit des Protoplasmas. S. 113. H. Reck, Der neue zentralafrikanische fossile 
Menschenfund. S. 125. — Bücberbesprechungen: W. Bölsche, Vom Bazillus zum Affenmenschen. S. 126. 
A. Mayer, Lehrbuch der Agrikulturchemie in Vorlesungen. S. 127. A. Kühn, Morphologie der Tiere in Bildern. 
S. 127. W. Schoenichen, Praktikum der Insektenkunde. S. 128. Sv. Arrhenius, Der Lebenslauf der Planeten. 
S. 128. — Literatur: Liste. S. 128. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 

Druck der G. Patz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge 21. Ba 
T ganzen Reihe .^7. 



Sonntag, den 5. März 1922. 



Nummer 10. 



[Nachdruck verbotea.) 

Der schlimmste Vorwurf, der einen Chemiker 
treffen kann, ist die Behauptung, daß die Verbin- 
dung, die er dargestellt und sogar mit einer For- 
mel bezeichnet hat, nicht rein sei. Denn diese 
Formel will ja nicht nur der Garantieschein sein 
für die in ihr ausgedrückte qualitative und quan- 
titative Zusammensetzung des neuen Körpers, 
sondern auch die konzentrierteste Beschreibung 
seiner Eigenschaften. Eine stoffliche Unreinheit 
läßt mithin sofort in Zweifel ziehen, ob die be- 
obachteten Eigenschaften dem definierten Körper 
oder nicht vielmehr seinen Verunreinigungen zu- 
gerechnet werden müssen. Erst einem analysen- 
reinen Produkt ordnen wir die Mannigfaltigkeit 
seiner Eigenschaften bei und erwarten, sie in ihrer 
Gesamtheit immer dann wiederzufinden, wenn der 
gleiche Stoff vorliegt. Es soll nicht nur der Stoff, 
auf verschiedene Art hergestellt, immer die näm- 
lichen Umsetzungsreaktionen geben, sondern auch 
die physikalischen Merkmale sollen konstant sein; 
ja gerade an ihnen, z. B. an Kristallform und 
Lichtbrechung, an Schmelzpunkt und Siedepunkt, 
an Dichte und Löslichkeit erkennt der Chemiker 
die stoffliche Individualität. Und doch, wie häufig 
kommt es vor, daß zwei bisher als identisch er- 
achtete Stoffe bei einer neuen, verfeinerten Unter- 
suchung voneinander abweichen, vielleicht nur in 
einer, ganz untergeordneten, Richtung. Ist diese 
geringfügige Unterschiedlichkeit die Folge einer 
gleichfalls sehr feinen, materiellen Andersartigkeit? 
Zeigt schon ein neuer Körper seine Existenz an 1 
Wie eng sind überhaupt stoffliche Zusammen- 
setzung und Eigenschaften miteinander gekoppelt ? 

Ein künstlicher Rubin und der natürliche Edel- 
stein-Rubin sind für einen Chemiker dasselbe, 
nämlich Aluminiumoxyd, das durch Chrom ange- 
färbt ist; auch der Physiker und der Mineraloge 
werden in Kristallform und Lichtbrechung beide 
als identisch erkennen. Der Juwelier dagegen 
wird den nachgemachten vom echten scharf 
sondern, für ihn ist die Entstehungsart ein wesent- 
liches Merkmal. Welche Unterschiede in den 
Sorten sieht der Kenner, der Maurer in den Kalk- 
steinen, der Gerber in dem Leder, die einem Laien 
alle als gleich erscheinen! Von der Gründlichkeit 
unserer Untersuchung hängt es ab, ob wir zwei 
Stoffe für ungleich, ähnlich oder identisch erklären. 
Auch unser Urteil ist maßgebend, je nach dem 
Wert, den wir einer Eigenschaft zugestehen, richtet 
sich die stoffliche Klassifizierung. So manche 
Polemik in der Chemie erklärt sich daraus, daß 
dem einen Forscher die Merkmale seiner von ihm 
hergestellten Verbindung schon reichen, um die 



Stoff und Eigenschaft. 

Von Ernst Fischer, Leipzig. 



Existenz eines neuen Stoffes zu behaupten, während 
sie dem anderen nicht genügen. 

Vor einigen Jahren gab es in den Apotheken 
das echte Aspirin von Bayer & Co., und daneben, 
zum halben Preise, das Äcidum acetosalicylicum. 
Chemisch und auch therapeutisch waren beide 
identisch, die Verschiedenheit des Herstellungs- 
ortes war dem orientierten Käufer nicht wesent- 
lich genug, dem teureren Produkte den Vorzug 
zu geben. So sind die vielen künstlichen Pro- 
dukte der chemischen Großindustrie nicht mehr 
verschieden voneinander: der Alkohol, der bei der 
Gärung der Kartoffel erhalten wird, ist nicht reiner 
oder besser als derjenige, den die Verzuckerung 
des Holzes liefert. Der Stoff, welcher die Eigen- 
schaften, auf die es uns ankommt, in stärkstem 
und reinstem Maße besitzt, wird als höchstpro- 
zentiger gewertet, und deshalb geben wir bei 
Riechstoffen und Düngemitteln und Farben dem 
Fabrikprodukte vor dem natürlichen den Vorzug. 

Nur auf einem Gebiete sind uns die „Surrogate" 
in schlechter Erinnerung : bei den Genußmitteln. 
Künstlicher Honig ist eben doch kein Bienenhonig, 
trotzdem er süß und gelb und klebrig ist. Die 
Übereinstimmung der echten und der Ersatznähr- 
mittel erstreckt sich nur auf die sekundären Merk- 
male. Der stoffliche Aufbau ist nicht nachge- 
macht worden, und gerade mit ihm ist der Nähr- 
wert verknüpft. Und wie wenig bekannt selbst 
die Zusammensetzung der Nahrungsmittel ist, lernt 
die physiologische Chemie erst in neuester Zeit 
kennen. Bis vor kurzem hielt man außer den 
anorganischen Salzen drei Klassen organischer 
Verbindungen zur Ernährung für notwendig: Die 
Fette, die Kohlehydrate und die Eiweiiästoffe. 
Nach dieser vermeintlich restlosen qualitativen 
Feststellung war man bereits zu quantitativen Ver- 
suchen übergegangen und bemühte sich, eine 
rationelle Ernährung auf grund des Energiebedarfes 
des Menschen und des durch Verbrennung fest- 
stellbaren Energiegehaltes der Nahrungsmittel zu 
begründen. Bis sich plötzlich zeigte, daß diese 
Speisekarte noch unvollständig war, und daß zu 
den klassischen Nahrungsmitteln noch weitere Zu- 
taten kommen müssen. Diese neuen Bestandteile 
finden sich in den Schalen der Hülsenfrüchte, im 
Salat usw. Werden sie dem Organismus vorent- 
halten, so stellen sich Stoffwechselkrankheiten ein, 
z. B. Skorbut oder Beri-Beri. Diese Ergänzungs- 
stoffe erhielten den bezeichnenden Namen: Vita- 
mine, aber ihre stoffliche Natur ist noch durch- 
aus unbekannt. Ihre Menge steht in keinem Ver- 
hältnis zu ihrer Wirkung, so daß sie eher den 



ISO 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. R XXI. Nr. 10 



Katalysatoren verglichen, denn als energieliefernde 
Nahrungsmittel bezeichnet werden können. Der 
biologische Wert unserer 'Nahrungsmittel geht 
noch weit über die chemische Charakteristik 
hinaus, noch immer hat die Küche der Hausfrau 
ihr Recht. Es ist ein weiter Weg, bis den biolo- 
gischen Eigenschaften Geschmack oder Verdau- 
lichkeit ein stofflich chemisches Verhalten zuge- 
ordnet werden kann : in der Erkennung des alt- 
backenen Brotes, des schaumigen Bieres, des glasigen 
Fisches, des brotigen Fleisches ist der Fein- 
schmecker dem Physiko-Chemiker noch immer 
überlegen, und der Weinkenner wird noch lange 
Blume und Aroma ohne die Umwege des Ana- 
lytikers prüfen. 

Sogar in seinem eigensten Gebiete läßt sich 
der Chemiker von dem Biologen helfen : er borgt 
sich von ihm die Ausdrucksweise für die Charakteri- 
sierung des stofflich chemischen Verhaltens. Wenn 
ein Katalysator, der einen chemischen Prozeß be- 
schleunigt, mit Zyankali oder Quecksilbersalzen 
versetzt wird, so stellt er seine Wirkung ein, er 
ist „vergiftet". Wird die gleiche Giftmenge in 
homöopathischen Dosen zugegeben, so „gewöhnt" 
sich der Katalysator daran. „Gesundes" Zinn, das 
unterhalb -j- 20^ mit einem Bröckchen des grauen, 
pulvrigen Zinnes, einer anderen Modifikation, „ge- 
impft" wird, verfällt der „Ansteckung" und der 
„Zinnpest". Oft finden solche Reaktionen nicht 
sofort nach der Berührung der „trägen" Kompo- 
nenten statt, sondern es bedarf einer „Inkubations- 
zeit" bis sie ihre ,, Verwandtschaft" betätigen. 
Unterbleibt aber jede Umsetzung, dann zeigt das 
Metall eine „Passivität", weil es sich vielleicht mit 
einer „Haut" seines Oxydes überzogen hat. 

In vorliegenden Beispielen kann der Fachmann 
anstelle des lebendigen Ausdruckes die farblosere 
Beschreibung geben, die das Verhalten auf die 
zugrunde liegenden Substanzen und Kräfte zurück- 
führt, und er wird es sogar bevorzugen, weil die 
biologische Terminologie eine Reihe von Neben- 
vorsiellungen erweckt, die der Prozeß nicht be- 
stätigt. Sonst bliebe verwunderlich, daß Gips, der 
einmal „totgebrannt" worden ist, nach genügend 
langer Berührung mit Wasser wieder reagiert und 
die festesten Stuckaturen liefert. 

Aber in sehr vielen Fällen ist es noch gar 
nicht möglich, den lebendigen Ausdruck für das 
Totalverhalten in eine Summe von Reaktionen 
zwischen bestimmten Umwandlungsprodukten auf- 
zulösen. Das „Umschlagen" der Farbe eines Indi- 
kators beim Überschreiten des Neutralisations- 
punktes zwar läßt sich erklären, aber die Er- 
scheinung, daß ein Farbstoff bei wiederholtem 
Umfallen oder Umkristallisieren „leidet", hat noch 
nicht immer ein chemisches Korrelat gefunden. 
Die Periodizität, mit der gewisse Metalle von 
Säuren angegriffen werden, ist ebenso rätselhaft, 
wie die „rhythmische" Fällung mancher Nieder- 
schläge, wie sie z. B. die Bänderung der Achate 
bewirkt hat. Der „Reifungsprozeß" der photo- 
graphischen Schicht läßt das Bromsilber dichter 



und empfindlicher werden, aber der gleiche End- 
zustand kann auch durch eine Vorbelichtung er- 
zielt werden, ohne daß bekannt wäre, ob die 
stofflichen Veränderungen beidemal die gleichen 
sind. Die „aktiven" Formen der Elemente zeichnen 
sich durch eine erhöhte Reaktionsfähigkeit aus. 
Beim Ozon, dem dreiatomigen Sauerstoff, ist die 
starke Affinität die Folge einer lockeren Bindung 
der drei Atome, die noch Teile jener Energie frei 
haben, welche im gewöhnlichen Sauerstoff je zwei 
Atome fester aneinander kettet. Auch die stärker 
reduzierende Wirkung des Wasserstoffs im ,, Status 
nascens" ist auf den größeren Energieinhalt der 
gerade entstehenden freien, einzelnen Wasserstoff- 
atome zurückzuführen, der beim gewöhnlichen, 
zweiatomigen Wasserstoff teilweise schon zur Bil- 
dung des Moleküls verbraucht ist. Die Reaktions- 
fähigkeit vieler Wasserstoffverbindungen, z. B. die 
leichte Ersetzbarkeit des darin gebundenen Wasser- 
stoffs durch Metalle, läßt sich meistens begründen 
durch den besonderen Zustand, in dem sich dieser 
Wasserstoff befindet: er ist gelrennt von den 
anderen Atomen der Verbindung und bewegt 
sich, mit einer elektrischen Ladung begabt, frei 
in der Lösung. Ist denn aber nicht dieses Wasser- 
stofflon damit als ein neuer Stoff anerkannt, als 
ein Bestandteil aller Säuren, dem wir die Sauer- 
keit zuordnen f In organischen Verbindungen ist 
der Verband im Molekül viel fester, es ist nicht 
angängig, gemeinsame Eigenschaften der Sonder- 
existenz eines gemeinsamen Bestandteiles zuzu- 
schreiben, und man muß sich damit begnügen, 
die Gruppen, deren Einführung in das Molekül 
eine solche Eigenschaft in stärkerem Maße hervor- 
treten läßt, als „reaktivierende" zu bezeichnen, ohne 
diese Wirkung energetisch oder valenzchemisch 
bis auf die Elemente verfolgen zu können. 

Die rationelle Beschreibung und Erklärung 
einer Erscheinung steht immer vor den schwieri- 
gen Fragen : liegt der neuen Eigenschaft ein neuer 
Stoff zugrunde, ist sie nur die Folge eines be- 
sonderen, aber ihm eigentümlichen Zustandes, 
oder wird die Eigenartigkeit des Verhaltens über- 
haupt erst durch die Prüfungen verursacht, die 
wir mit ihm vornehmen ? Oft sind die Opera- 
tionen, die wir zur Erkennung der Merkmale be- 
benutzen, schon Eingriffe, die das Untersuchungs- 
objekt tiefgehend verändern. Die neutralsten 
Lösungsmittel können zersetzend wirken. Um- 
kristallisationen oder Destillationen den Stoff zer- 
stören, und bei besonders empfindlichen Substan- 
zen kann keine Identifizierung zart genug sein, um 
d i e Eigenschaften festzustellen, die ihnen eigent- 
lich zukommen. 

Kalkspat, der aus seiner wässerigen Lösung in 
Rhomboedern kristallisiert, kommt bei Zusatz 
eines Fremdkörpers, z. B. von Magnesiumsalzen, 
in rhombischen Säulen, dem Aragonit, heraus. 
Nicht die Spur einer fremden Beimengung ist 
im letzten Niederschlag erkennbar, beide Aus- 
scheidungen sind reines Kalziumkarbonat, und 
nur gegen Kobaltsalzlösungen zeigen sie einen 



N. F. XXt. Nr. lö 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



tjt 



Unterschied: der Aragonit wird beim Betupfen 
damit violett, der Kalkspat nicht. Wie hier die 
bloße Anwesenheit eines „Lösungsgenossen" sich 
in den Eigenschaften, und sogar in einer, wenn 
auch nicht sehr wesentlichen, stofflichen wieder- 
spiegelt, so zeigt auch die „Vorgeschichte" oft 
einen Einfluß auf das Verhalten einer Verbindung. 
Chemisch reines Berylliumhydroxyd wird von 
Lösungsmitteln ganz verschieden aufgenommen, 
je nachdem es vor kürzerer oder längerer Zeit 
hergestellt worden ist. Aus einer „Jugendform" 
geht es in einen Zustand über, in dem es weniger 
schnell reagiert; doch analytisch ist auch der 
„gealterte" Stofif noch immer Berylliumhydroxyd. 
Ist denn aber die stoffliche Charakterisierung, 
welche man aus den analytischen Fällungen er- 
schließt, die „feinste" stoffliche Beschreibung? 
Der rote Phosphor ist doch stofflich etwas ande- 
res als der weiße, trotzdem der Chemiker bei 
beiden dieselben analytischen Reaktionen be- 
kommt. Denn die beiden allotropen Modifika- 
tionen unterscheiden sich nicht nur physikalisch 
hinsichtlich Farbe und Dichte, sondern auch 
chemisch physiologisch: der weiße ist giftig, der 
rote nicht. Sind nun diese verschiedenen Eigen- 
schaften zwangsläufig miteinander verbunden, ver- 
schwinden die chemischen Verschiedenheiten, so- 
bald die physikalischen aufgehoben sind, oder 
gehen sie darüber hinaus? Es gibt ein gelbes 
und ein rotes Ouecksilberjodid, beide von der 
Zusammensetzung HgJ,. Sie lösen sich in ver- 
schiedenem Maße in Wasser auf, aber beide Lö- 
sungen sind farblos. Trotzdem zeigt die Lösung 
Eigenschaften, die je nach den äußeren Bedingun- 
gen, den gelösten Stoff, bald der roten, bald der 
gelben Form ähnlicher, auch in der Lösung noch 
als weiter existierend erscheinen lassen. Eine 
Lösung, die durch Auflösen der gelben Form 
entstanden ist, scheidet beim Impfen nur mit 
einem Körnchen der roten, nicht der gelben Mo- 
difikation rotes Ouecksilberjodid aus. Die Lösung 
war also „übersättigt" an roter Form, aber ist 
diese Bezeichnungsweise nur eine philologische 
Bequemlichkeit.'' Wäre denn die Ausscheidung 
überhaupt erklärlich, wenn wir nicht die Präexi- 
stenz oder zum mindesten die Prästabilisierung 
des roten Jodides in der Lösung annehmen wür- 
den, dessen Moleküle eben nur durch gleichartigen 
Stoff zur Sammelkristallisation veranlaßt werden 
können? Wir sind auf einem Gebiete zwischen 
Physik und Chemie, und unsere Erkenntnis sucht 
vergeblich die ineinander verfließenden Grenzen. 
Daß eine kolloide Silberlösung, deren Teilchen 
sehr klein sind, eine hellere Farbe besitzt, als 
eine solche mit größeren Teilen, scheint nicht 
befremdlich: einen physikalischen Efifekt führt 
man leicht auf eine nur morphologische Ver- 
schiedenheit zurück. Wenn aber Salpetersäure, 
die kompaktes Silber sofort auflöst, das latente 
Bild auf einer photographischen Platte nicht an- 
greift, so sind wir doch schon sehr im Zweifel, 
I ob wir dem feinverteilten Silber, aus dem das 



latente Bild bestehen soll, so ganz andere Eigen- 
schaften als dem gewöhnlichen Metall zugestehen 
dürfen, oder ob wir nicht für dieses neuartige 
Verhalten auch einen neuartigen Stoff verantwort- 
lich machen müssen. Einen Stofif, der mangels 
einer schärferen Charakterisierung nur als „Photo- 
haloid" bezeichnet werden kann. Ein Katalysator 
wird eine chemische Reaktion zwischen zwei 
Stoffen vermutlich nur deshalb „auslösen", weil, 
wenigstens als Zwischenstufen, Produkte entstehen, 
an deren Aufbau er sich beteiligt. Bei einer 
Oxydation kann ein „O.xydator" nur „übertragend" 
wirken , wenn er sich in erster Phase mit dem 
Sauerstoffe belädt, den er dann an den zu oxy- 
dierenden Körper abgibt. 

Es war das gedankliche Leitmotiv der Chemie, 
bei jeder neu beobachteten Eigenschaft auch nach 
einem neuen Träger zu fahnden. Je geringer 
sich die Eigenschaftsverschiedenheiten zweier 
Stoffe erwiesen, desto feinere stoffliche Differenzen 
wurden erwartet. In den Isomeren bedingt schon 
nicht mehr die Art und Zahl der Atome, sondern 
die Variation ihrer Verkettung die unterschied- 
lichen Substanzen. Strukturelle und dann räum- 
liche Verschiedenheit sollte durch einen immer 
diffiziler werdenden Feinbau die minimalsten Ab- 
weichungen im Verhalten erklären, aber jetzt ver- 
mag die Formulierung nicht mehr die immer 
wachsende Zahl der Isomeren abzubilden. Oft 
muß sich die organische Chemie damit behelfen, 
die verschiedenfarbigen Erscheinungsformen eines 
Stoffes als „Chromoisomere" zu registrieren, einem 
anderen Stoff eine „Pseudoform" beizuordnen, 
oder neben einer „«Modifikation" eine „/?■ Modi- 
fikation" bestehen zu lassen. Substanzen endlich, 
deren Merkmale sich nicht scharf genug mit denen 
der einen oder der anderen Form decken, werden 
als Gleichgewichte, als Gemische jener reinen 
Extreme angesprochen. Selbst in der anorgani- 
schen Chemie, in der sich wegen der Einfachheit 
der Verbindungen eine solche Variation nicht 
entwickeln konnte, hat sich durch die radioaktiven 
Forschungen eine Differenzierung sogar der 
Stoffe als notwendig erwiesen, die bisher als die 
einheitlichsten und einfachsten galten: der Ele- 
mente. Das gewöhnliche Element Chlor wurde 
in zwei Chlorarten gespalten, nicht auf chemischen, 
sondern auf kompliziertem , elektrodynamischen 
Wege. Die neuen „wahren" beiden Elemente 
Chlor sind chemisch vollkommen gleichartig, nur 
in ihrem Atomgewicht unterscheiden sie sich, 
und nur dieses ermöglichte ihre Trennung. Da- 
mit hat das Atomgewicht, das bisher als das 
schärfste Charakteristikum eines Elementes an- 
gesehen wurde und als Grundlage der Klassifi- 
kation im periodischen System galt, seine Be- 
deutung verloren. Es gibt Elemente, die ein ver- 
schiedenes Atomgewicht besitzen und trotzdem 
sich chemisch und weitgehend physikalisch, z. B. 
bis zum gleichen Licht- und Röntgenemissions- 
spektrum nicht unterscheiden: die Isotopen. Ein 
solches Paar bilden auch Blei und das Endprodukt 



132 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. P. XXt. Nr. 10 



des Radiumzerfalls RaF. Will man solche Sub- 
stanzen doch noch als verschiedene Stoffe erklären, 
dann hat man kein chemisches Kriterium mehr, 
sie unterscheiden sich nur durch elektrische Ein- 
heiten, und damit sind diese als die einstweilen 
feinsten Bauelemente als Registrierungsmerkmale 
an Stelle des Atomgewichtes getreten. 

Die Erforschung der Materie ist eine immer 
tiefer gehende Spaltung des Stofies. Je gründ- 
licher diese Zerlegung, desto mehr Eigenschaften 
werden uns bekannt; und nur die Eigenschaften 
überhaupt sind es, die wir vom Wesen des Stoffes 
begreifen. Für Dalton waren Wärme und Licht 
noch Stoffe, die mit der wägbaren Materie so 
verbunden waren, wie heute in unseren Ionen 
Atome und Elektrizität. Und wie jene Hüllen 



ohne materiellen Inhalt befunden wurden, so 
spaltet die gründlichste Analyse auch weiterhin 
die Substanz in Kräfte und . . . einen immer 
kleiner werdenden Rest. In den Schalen der 
Elektronen ist der Sitz der physikalischen und 
chemischen Eigenschaften, aus ihnen werden Lös- 
lichkeiten und Affinitäten abgeleitet, die einst die 
Eigenschaften der Materie waren. Diese selbst 
nimmt heute tief im Inneren des beinahe leeren 
Atoms den kleinsten und noch unzugänglichen 
Platz ein. 

Die Kräfte sind es, die wir in den Eigen- 
schaften beobachten, der Stoff wird immer mehr 
zum untergeordneten Begriff und tritt, so sinnlich 
anschaulich er erst auch erschien, als Subjekt 
hinter seinen Prädikaten zurück. 



Ein Vorschlag zur genauen Festlegung des Fundorts. 



[Nachdruck verboten.] Von Leouhai'd Liniliiiger, Hamburg. 

(Mitteilung aus dem Institut für angewandte Botanik zu Hamburg; Direktor; 



Prof. Dr. A. Voigt.) 



Ein Mangel in den Faunen und Floren ist die 
Ungenauigkeit der Fundortsangabe. Mit der 
bloßen Angabe einer Ortschaft, in deren Nähe 
eine Feststellung gemacht worden ist, kann man 
wenig anfangen; das wird jeder wissen, der ein- 
mal den Versuch gemacht hat, daraufhin z. B. 
eine Pflanze aufzufinden. Will man aber die 
Fundstelle näher bezeichnen , so ist eine lang- 
atmige Beschreibung nötig, welche die in Betracht 
kommende Veröffentlichung unübersichtlich macht 
und außerdem große Druckkosten verursacht. 
Eine Vereinfachung, die zugleich eine Verbesse- 
rung bedeutet, ist deshalb gerade unter den 
heutigen Verhältnissen wünschenswert. 

IMun sind zwar viele Leute Gegner einer ge- 
nauen Fundortsbezeichnung, weil sie fürchten, daß 
dann die Ausrottung seltener Tiere und Pflanzen 
noch schneller vor sich gehen werde als sie es 
heute annehmen. Ich stehe einer solchen „Aus- 
rottung" im allgemeinen sehr skeptisch gegen- 
über. Daß streng lokal eine Ausrottung möglich 
und auch schon erfolgt ist, das abzuleugnen, wäre 
angesichts der tatsächlichen Feststellungen töricht. 
Soweit es sich aber nicht um Plätze handelt, die 
durch städtische Bebauimg für immer dem Pflan- 
zenwuchs entzogen sind, kann es sich bei kleinen 
Tierformen z. B. aber ebensogut nur um eine 
zeitliche Verschiebung im Vorkommen handeln. 
Von den großen Tierformen ist hierbei durchaus 
abzusehen. Solche zeitlichen Verschiebungen 
können auch ohne jedes menschliche Zutun in 
der Natur vorkommen, ja die Regel sein, ohne 
daß man das bisher hat nachweisen können, weil 
man eben die Fundstellen zu ungenau bezeichnet 
hatte und aus diesem Grund ein etwaiges Ver- 
schwinden und anderweitiges Auftauchen nicht 
bemerkte, auch nicht bemerken konnte. 

Als ich vor einiger Zeit meinen Aufsatz über 
einen neuen Weg der Schädlingsforschung ver- 



öffentlichte, war ich mir hinsichtlich der darin 
aufgestellten Forderungen der Unzulänglichkeit 
der Fundortsbezeichnungen klar; ich konnte aber 
noch nichts Besseres vorschlagen. Unterdessen 
habe ich eine neue, kurze Bezeichnungsart ausge- 
dacht, die ich hiermit der Öffentlichkeit über-, 
geben will. 

Wie bisher verwende ich als Anhaltspunkte, 
die Namen der Ortschaften, die Himmelsrichtungen, 
Flüsse, Seen, Kanäle, Wege und Eisenbahnen. 
Auch die Entfernungsangaben und die Begriffe 
„links" und „rechts" sind allgemein verständlich. 
Es handelt sich nur noch darum, alles in eine 
kurze, jede Mißdeutung ausschließende Formel 
zu bringen. Dazu verwende ich einige im Druck 
gebräuchliche Zeichen, die also in jeder Druckerei 
vorhanden sind, den senkrechten und wagrechten 
Strich, den doppelten wagrechten Strich, den 
Doppelpunkt und den einfachen und doppelten 
Pfeil. Indem ich diese Zeichen mit dem oder den 
Ortsnamen in Verbindung bringe, erhalte ich einen 
kurzen Ausdruck. Der Sinn dieser Zeichen ist 
folgender: 

I bedeutet Luftlinie; 

— „ Fahrweg, Straße; 

: „ P'ußweg (gewissermaßen die 

Schritte andeutend); 
^= „ Eisenbahn; 

<- bzw. -> „ einen Flußlauf, wenn nötig in 
Verbindung mit dem Namen 
des Flusses, Baches usw.; gibt 
zugleich auch die Richtung an, 
indem •e- flußaufwärts, -=» fluß- 
abwärts bedeutet; 
^ -> „ ein Gewässer ohne Strömung, 

also je nach der Örtlichkeit 
einen Kanal oder See ; Namen 
nur zu gebrauchen, wenn nötig. 
Die Abkürzungen der Himmelsrichtungen N, 



N. R XXL Nr. lo 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



133 



S, O, W und ihre Verbindungen werden als be- 
kannt vorausgesetzt. Der kleine Buchstabe 1 be- 
deutet „links", ein r „rechts". Böschungen können 
bei Straßen, Eisenbahnen und Kanälen sowohl in 
Einschnitten als an Dämmen auftreten, sie werden 
mit den kleinen Buchstaben a (aufwärts) und n 
(niederwärts), von der Straße usw. aus gerechnet, 
bezeichnet, a kann auch bei Seen und Flüssen 
gebraucht werden. 

Die Entfernungen gebe ich auf zweifache Art 
wieder. Einmal größere in bezug auf die Ort- 
schaften in km, wobei die Buchstaben „km" weg- 
gelassen, Bruchteile als solche geschrieben werden. 
0,263 bedeutet also 263 m. Kleinere Entfernun- 
gen in der Art , wie sie aus den Beispielen her- 
vorgehen wird, werden in m angegeben, z. B. 
10 m usw. 

Zum besseren Verständnis lasse ich nun Bei- 
spiele mit Erklärung folgen : 

Ortschaft A | NO 2,3 Heide will heißen: 
Im Nordosten von Ortschaft A auf einer in einer 
Entfernung von 2,3 km gelegenen Heide. 

Ortschaft A : W 0,24 1 n Wiese 12 m be- 
sagt : auf einer Wiese links am Abhang an einem 
nach Westen führenden Fußweg in 240 m Ent- 



fernung von Ortschaft A, und zwar 12 m die 
Wiese einwärts. 

Ortschaft A — Ortschaft B 3,2 r Kiefern- 
wald r 200 m, an der Straße von A nach B bei 
Kilometer 3,2 rechts im Kiefernwald und zwar 
200 m rechts am Waldrand. 

OrtschaftA^OrtschaftB 5,9 IlLaub- 
wald r 25 m, bei Kilometer 5,9 an der Bahn 
von A nach B links dem Fußweg folgend 25 m 
im Laubwald zur rechten Seite. 

Ortschaft A ^- 0,230 r a, 230 m fluß- 
abwärts von A rechts am Abhang. 

Ortschaft A «^ 0,12 r. 1., 120 m flußauf- 
wärts von A rechts und links. 

Ortschaft A < — =» B r. 1., am Kanal (See; 
je nachdem) zwischen A und B, rechts und links. 

Die hier vorgeschlagene Formel läßt sich mit 
Vorteil auch bei der Festlegung von mineralogi- 
schen und heimatkundlichen Beobachtungen ver- 
wenden. Bei ihrer Anwendung ist darauf zu 
achten, die kürzeste unter mehreren möglichen 
Formeln zu wählen. Gehen z. B. von einer Ort- 
schaft nur wenige Straßen aus, so genügt ein 
Ortsnamen und die Himmelsrichtung. Kommt 
nur ein Fluß in Betracht, so erübrigt sich sein 
Namen, ijsw. 



Einzelberichte. 



Kalktulfstudieu aus dem zentralen Norwegen 

(mit 3 Abb.). 

Die Stratigraphie der Quelltuffe in dem 
trockenen Gudbrandsdal im zentralen Norwegen 
bildete für Axel Blytt eine Hauptstütze für 
seine bekannte, zuerst 1876 ausgesprochene Theorie 
von einem mehrmaligen Wechsel feuchter und 
trockener Klimate in postglazialer Zeit. Diese 
Theorie, zuerst auf einem vorwiegend pflanzen- 
geographischen und nur zum kleineren Teil palä- 
ontologischen Beobachtungsmaterial aufgebaut, hat 
mit der fortschreitenden Erforschung der Moore 
und Kalktufie besonders in Skandinavien zu äußerst 
lebhaften Kontroversen geführt. Während die 
einen Forscher wie Sernander (vgl. vor allem 
die Darstellung in „Postglaziale Klimaverände- 
rungen", Stockholm 1910) für Blytt eingetreten 
sind und seine Theorie weiter ausgebaut haben, 
haben sie andere besonders wegen ihrer „Kompli- 
ziertheit" in z. T. schroffer Form abgelehnt, nicht 
zuletzt auch in Norwegen. Sie ist so zu einem 
wahren „Sturmzentrum nordischer Quartärgeologie" 
geworden, und es ist daher lebhaft zu begrüßen, 
daß die wichtigen Ablagerungen im Gudbrandsdal 
in Rolf Nordhagen einen überaus gewissen- 
haften und gründlichen Bearbeiter gefunden haben 
(Kalktufstudier i Gudbrandsdalen. Videnskaps- 
selskapets Skrifter. L Mat.naturv. Klasse 1921, 
No. 9, Kristiania). Die in den Jahren 1914 bis 
1920 zunächst auf Sernanders Anregung unter- 



nommenen Untersuchungen haben sowohl für den 
Bearbeiter, wie u. a. auch für den Referenten, die 
beide der Blyttschen Auffassung sehr skeptisch 
gegenüberstanden, zu ganz überraschenden und 
für manche paläoklimatologischen Fragen ent- 
scheidenden Ergebnissen geführt. Da diese auch 
für Mitteleuropa von weittragender Bedeutung 
sind, wie Verf. und Referent demnächst zeigen 
werden, wird ein ausführliches Referat über die 
norwegische Originalarbeit wohl manchem er- 
wünscht sein. Hoffentlich wird diese auch eine 
gründliche Neuuntersuchung der mitteleuropäischen 
Ablagerungen (z. B. der von N e u w e i 1 e r in der 
Schweiz und von Schreiber und Zailer in 
den Ostalpen mit so abweichenden Ergebnissen 
untersuchten Torfmoore) nach modernen Methoden 
(u.a. der pollenanalytischen Methode von L. von 
Post und für die Tuffe der Kollodiummethode 
von Nathorst und Halle) zur Folge haben. 

I. Spezielle Beschreibung der ein- 
zelnen Tufflager im Gudbrandsdal (vgl. 

Fig- i)- . 

I. Leine in Kvam. Wo die Veikia in den 
Hauptfluß Laagen mündet, liegen um die alten 
Höfe von Leine gewaltige Moränenmassen aus 
kalkhaltigem Geschiebelehm. In diesen haben 
wiederholt — in besonders katastrophaler Form 
1876 — große Erdrutsche stattgefunden, so daß 
der Moränenlehm vielfach in steilen, besonders 
an den trockenen Südhängen stellenweise völlig 
nackten Böschungen ansteht. Die ganze Masse 



134 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 10 



wird durch viele, großenteils sicher ganz junge 
Erosionsrinnen durchfurcht. Die heute unbe- 
deutende Quelle, die die schon von Blytt und 
Öyen untersuchten Tuffmassen gebildet hat, ver- 
dankt ihren Kalkgehalt namentlich auch dem 
darüber anstehenden Kalksandstein. Die Haupt- 
fundstelle liegt etwa 520 m ü. M., inmitten von 



JemHand 




-300 

■ kOO \ ]solntjel"en 



Abb. I. Übersichtskarte (nach R. Nordhagen). 

der Kultur freilich stark beeinflußter Gehölze aus 
Grauerlen {Alii/ts iiicana und Birken [Befida 
piibcscrns = odorata und B. pendula = lurnicosa). 
Letztere und Lomccra Xylustcmn sind heute die 
einzigen etwas höhere Wärme fordernden Holz- 
arten der Örtlichkeit. Von thermophilen Kräutern 



seien vor allem Brachypodinui piimatum, das hier 
an seiner absoluten Nordgrenze noch Bestände 
bildet, Origamon vulgare, Dracocephaluju Ruy- 
siliia?ia, Trifolium medium und ]'iola collina ge- 
nannt. In den recht trockenen Wiesen, die in 
ihrer Zusammensetzung z. T. an mitteleuropäische 
Bromus t77(/«.r- Wiesen erinnern, dominiert Festuca 
oviiia, auf den offenen Rutschhalden Calamagrostis 
Epigeios. Dazu kommen aber auch eine ganze 
Reihe Gebirgspflanzen wie ^Isfragalus alpiiius, 
Oxytropis lappoi/ica, Draba iiicana, Saxifraga 
ai::oides, Primula scotica u. a., an Schieferfelsen 
höher oben (in ca. 700 m) u. a. auch A)itennaria 
alpiiia, Ceraslium alpiiium, Draba hirta, Gen/iatia 
nivalis und tenella, Phyllodoce caerulea, Juncus 
trißdus und Poa cacsia, also Arten, die sonst 
vorzugsweise in der alpinen Stufe auftreten, oft 
in Gesellschaft von Dryas, die heute der Gegend 
vollständig zu fehlen scheint. In 850 m Höhe 
kommen dazu noch Betula nana, Salix glauca, 
lappoiiica, herbacea, reticulafa, Juncus biglumis u. a. 
Der Leinetuff bedeckt eine 15 — 20*' geneigte, 
mindestens 20 m breite und über 30 m lange 
Halde. Es glückte dem Verfasser, die genaue 
Lage der beiden 1891 von Blytt untersuchten 
Profile festzustellen. Neben Blytts Hauptprofil, 
links (südlich) vom Quellbach, legte er eine Serie 
von 8 Profilen, längs dem Bach einen 20 m langen 
und I */., — 2 m tiefen Profilgraben und rechts da- 
von 8 mit ersteren parallele Profile an, ferner 
eine Querserie von 3 Profilen und 2 Profile weiter 
unten (ca. 25 m vom obersten Profil entfernt) 
unterhalb dem das Tufflager überquerenden Fahr- 
weg. Das I. von Blytt untersuchte Profil weist 
von unten nach oben folgende Schichten auf: 
I. Geschiebelehm. 

II. Eisenschüssiger Lehm ohne Fossilien bis 3 cm. 

III. und IV. Moostuff und darüber gelbgrauer, 

schiefriger Birkentuff ohne Föhrenreste 45 cm. 

V. Gelbgrauer, z. T. erdiger Dryastuff (mit Föhre) 
bis zu 3 cm. 

VI. Grauweißer Föhrentuff 58—68 cm. 

VII. iVIuUerde 10—15 cm. 

Es würde zu weit führen, hier die Schilderung 
aller 23 Profile wiederzugeben, trotzdem manche 
durch die zunächst schwer verständlichen Ab» 
weichungen viel Interessantes bieten. Die auf 
Grund aller Profile konstruierten Profile der Fig. 2 
mögen hier genügen, um das Gesamtbild darzu- 
stellen, das die mühevollen Einzeluntersuchungen 
gezeitigt haben. Es lassen sich folgende Schicht- 
glieder unterscheiden : 

I. Blauer, unverwitterter Moränenlehm, 
wohl aus der letzten Periode mit Lokalver- 
gletscherung stammend. Zu oberst 3 heute all- 
gemein verbreitete Schnecken { 1 Y/rina pellucida, 
Conulus fulvus, Limnaca tnotcalula). 

II. In allen Profilen etwa 3 — 4 cm lebhaft 
roter, fossilleerer Ton, der sicher ein Ver- 
witterungsprodukt des Moränenlehms darstellt. Es 
scheint sich dabei um eine wirklich aride Boden- 
bildung zu handeln, was insofern nicht verwundern 



N. F. XXI. Nr. lo 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



135 



I<ann, als im obersten Gudbrandsdal (Dovre und 
Lesje) und in dem in dasselbe oberhalb Leine 
einmündenden Ottadal (Vaage und Skjaak) noch 
heute eine solche vorkommt (vgl. Fig. i). Es 
handelt sich um die von J. Five (Om saltbitter- 
jorden i Nordre Gudbrandsdalen. Kristiania 191 1) 
beschriebene Salzbittererde. Sie ist in 
Skandinavien auf die 4 genannten Talstrecken, die 
sämtlich unter 300 (Skjaak nur 254) mm jährliche 
Niederschläge aufweisen, beschränkt und besteht 
hauptsächlich aus Gips mit reichlich Magnesium- 
sulfat und Spuren anderer Alkalisulfate und Chloride. 
Bei trockener Witterung entstehen regelrechte Salz- 
ausblühungen. 

So erscheint es verständlich, daß in einem 
vielleicht noch etwas kontinentaleren Klima eine 
geradezu an Terra rossa erinnernde Ferrettobildung 
eintreten konnte, wie wir sie ähnlich in größerem 
Maßstab erst in den Südalpen wiederfinden. 

III. Der Mo ostu ff komplex, dessen unterer 
Teil in allen Profilen wiederkehrt. Ein poröser, 
unreiner, bald schlacken- und bald korallenartiger, 
dunkler, wohl aus Hypjhnccit gebildeter Tuff von 
etwa 3 — 25 cm Mächtigkeit. Der unterste Teil 
ist wie der liegende Ton stark durch pj'sen ge- 
rötet und enthält schlecht erhaltene J^'(?//.i-Reste. 
Im ganzen Moostuffe treten Röhrchen von Ütaracccii 
auf, ferner in großer Menge im unteren Teil 
Equisctuiii varifgafiiiii, außerdem vereinzelt Mar- 
chautia polyniorp/ia und Coiiulus fidvits. Darüber 
folgt öfier eine hauptsächlich von Craiouciiron 
fakatiiiii gebildete Lage, die also ebenfalls 
sedentär, d. h. durch fortwachsende Pflanzen 
erzeugt ist, wogegen zu oberst stellenweise eine 
mehr sedimentäre Lage mit eingeschwemmten 
Blaltresten von Bcfiila puhescciis, Pupultis tronitla 
und Saliccs folgt. Die zuerst von Sernander 
1916 eingeführte Unterscheidung von „sedentären" 
und „sedimentären" Lagen (Ref. hat hierfür „bion- 
togen" und „nekrogen" vorgeschlagen, vgl. Naturw. 
Wochenschr. 1921 S. 569) ist bei allen Kalktuff- 
untersuchungen sehr wichtig. — In einem großen 
Teil der Profile (dagegen z. B. nicht in denen von 
Blytt und in den untersten) wird der Moostufif- 
komplex durch eine dünne, sedentäre Lage abge- 
schlossen, die neben Resten der genannten Sträucher, 
von Eqnisctiiiii varicgaliiiii und einem Lebermoos 
(Pcllia sp.^ reichlich Dryas octopctahi und Salix 
arbusciila enthält, also einen unteren Dryas- 
horizont darstellt. Blylts Angabe, daß alpine 
und subalpine Arten im untersten Teil des Tuffes 
fehlen, ist also irrig, und weiter lehrt dieser 
Horizont, daß vor der Absetzung der folgenden, 
ausgesprochen sedimentären Schicht eine Unter- 
brechung der Sedimentation, also wohl eine 
vorübergehende Versiegung der Quelle stattge- 
funden hat. 

IV. Der Blättertuff. Ein meist regelmäßig 
geschichteter Tuff von 8 — 25 (zu unterst bis 30) cm 
Mächtigkeit mit übereinander liegenden Blättern 
von Betula pubescens, Populus tremula, Salix 
caprea, glaiica, hastata u. a. {nigricans und pky- 



lici/olia?) in großer Menge. Blytt fand auch 
Ribes rubrum, dagegen ist seine Bestimmung von 
Alniis wohl irrtümlich. Von der Föhre ist nur 
Pollen nachgewiesen, so daß der Baum vielleicht 
erst in größerer Entfernung gewachsen ist. In 
der rechten und in der Querserie zeigt sich ein 
Auskeilen des Blättertuffs, ebenso wie auch der 
folgenden Lagen ; an ihre Stelle tritt Verwitterungs- 
schutt, in dem aber Reste des Blättertuffs dessen 
früheres Vorhandensein auch hier beweisen. 
Weder gegen den liegenden Moostuff noch gegen 
den hangenden Dryastuff bestehen scharfe Grenzen. 




ms 



Humus mit Erlen, 
tuff 

Erlentuff (oben ab- 
gewittert) 

Föhrentulf 



Verwitterungsreste 
von Föhren-, Dryas- 
und Blättertuff 

t-'berer Dryastuff 

Blättertuffbank 



Moostuff mit unterem 
Dryashorizont 

Roter Lehm unterm 

Moostuff 

Blauer Geschiebe- 
lehm 



Höhenmaßstab 



J_ 



Längenmafistab 



Abb. 2. Längsprofil (A) und Querprofil (B) durch das 
Tufflager von Leine (nach R. Nordhagen). 



V. Der Dryastuff. Eine bald nur ange- 
deutete oder durch Verwitterung entfernte, bald 
(besonders in den oberen Profilen) bis 15 cm 
mächtige, oft aus mehreren verschiedenen Lagen 
zusammengesetzte, meist graugrüne, seltener röt- 
liche Schicht voll von prächtig erhaltenen Resten, 
auch zahlreichen Blüten und Früchten von Dryas 
ocfopitala, dazu mit Salix rcticnlata und herbacea, 



136 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 10 



Pyrola cf. minor, spärlichen Resten von Birken und 
Espen, Carex sp., Equisdum varirgatuvi, Hypna- 
cecji und Cyäiiopliyccoi ; in den oberen Lagen 
reichlich zarte, wohl stark verwitterte Föhren- 
nadeln. Als zweifelhaft führt Blytt auch Co/o- 
ncastcr vulgaris, Bctula nana und infcnncdia und 
ArcfosfapJiylos uva ursi an. Von Landschnecken 
treten Cochlicopa liibrica , Conulus fiihiis, Hya- 
linia radiafula und Pyravüdula riidfraia auf. 
Die Silberwurz muß damals den ganzen Hügel 
und jedenfalls auch die darüber gelegenen Schiefer- 
felsen bekleidet haben , wo heute noch einige 
Gebirgspflanzen vorkommen. Der Baumwuchs 
muß damals sehr gering gewesen sein, da die 
ausgeprägt xerophile Dryas Beschattung sehr 
schlecht erträgt. Dasselbe gilt von Salix rdicii- 
lafa, heute einem der treuesten Begleiter der nor- 
dischen Dryas ■ Heiden (ebenso wie Carex rit- 
pcs/ris^ Tlialictriim alpinuin u. a.). Die Quelle war 
offenbar die meiste Zeit versiegt und überzog nur 
von Zeit zu Zeit die Heidevegetation mit einer 
Kalkkruste. In den obersten Lagen werden 
Föhrennadeln immer häufiger, ihre Kleinheit und 
die kleienartige Beschaffenheit der Ablagerung 
deuten auf starke Zersetzung. An einzelnen Orten 
ist nicht nur der Dryastuff, sondern auch der 
darunterliegende Blättertuff gänzlich abgewittert. 
Der überhandnehmende Föhrenwald hat offenbar 
die Dryas vollkommen vernichtet. 

VI. Der Föhrentuff. Ein etwa 20—70 cm 
mächtiger Tuffkomplex voll von Resten (großen 
Nadeln, Zapfen, Rindenstücken usw.) von Piniis 
silvcstris, dazu mit Preißelbeere {Vacciuiuin viiis 
idaca) und spärlicher auch Moorbeere (f. ulii^i- 
nosiivi). Im oberen Teil treten da und dort Reste 
von Kräutern auf {Cirsii/m hctcrophyUitm mit 
wohlerhaltenen Körben und Blättern, ein Blatt 
von Fragaria vesca, Pyrola minor und Tofiddia 
palustris), dazu einzelne Laubbäume [Bdula p/i- 
bcsccns und verrucosa , Popiilus trcmula, Salix 
caprea, Sorbits aiiciiparid), sowie auf den Bäumen 
gewachsene Flechten [Partiidia pliysodes , Pelti- 
gcra canind) und ein Moos (Älniiim pitnctatmii 
nach Blytt), von Schnecken Conuliis fulviis, 
Ilyalinia radiafula und / ^ilrina pdlucida. Die 
reichliche Tuffbildung und der üppige Pflanzen- 
wuchs sprechen für reichliche Bewässerung, das 
Auftreten der Warzenbirke und der Erdbeere für 
eine entschiedene Temperaturerhöhung gegenüber 
den vorhergehenden Zeiten. Erstere steigt heute 
im mittleren Norwegen selten über 400 — 500 und 
letztere selten über lOOO m. Der Föhrentuff ist 
stets von dem Hangenden und oft auch von 
dem Liegenden durch eine deutliche Diskordanz 
mit Verwitterungsprodukten getrennt. Da und 
dort tritt Holzkohle auf, wohl Anzeichen für durch 
Blitz verursachte Waldbrände. Da die obere 
Diskordanz sicher auf langdauernde Verwitterung 
zurückzuführen ist, dürfte die ursprüngliche Mäch- 
tigkeit des Föhrentuiifs an den meisten Stellen 
größer gewesen sein. 

VI. Der Erlentuff. Schon kleine Bruchstücke 
können an dem reichlichen Vorkommen von 



Blättern und Kätzchen der noch heute am Fund- 
ort wachsenden Aliius incana erkannt werden. 
Nur stellenweise ist der Erlentufif in größerer 
Mächtigkeit (in der rechten Serie bis zu 95 cm) 
erhalten , in den meisten anderen Profilen aber 
bis auf geringe Bruchstücke in der 10 — 30 cm 
mächtigen Humusdecke abgewittert und daher 
auch von Blytt übersehen worden. Er enthält 
weiter Bdula pubesccns, Populus trcmula, Salix 
caprea, Piiius silvcstris (spärliche NadeJn), Equi- 
sdum hicmalc, Reste von Gramineen, Cyperaceeti, 
Moosen, Cyanopliyccen und Schnecken [Coc/ilicopa 
lubrica, Hyalinia radiatula, Pyramidula ruderata, 
J "crtigo alpestris, Hydrobia Stcini). Der Tuff ist 
jedenfalls, wie der Mangel einer deutlichen Schich- 
tung zeigt, recht rasch gebildet worden, stimmt 
also darin mit manchen jungen Tuffen Schwedens 
überein. Die Fichte hat sich auch nicht durch 
Pollen nachweisen lassen. Ob sie zur Zeit des 
Absatzes noch nicht so weit vorgedrungen war, 
kann aus dem negativen Befund nicht mit Sicher- 
heit geschlossen werden. Jedenfalls bildet der 
Erlentuff den Übergang zur Gegenwart, in welcher 
der Tuffabsatz freilich wieder geringer ist. Es 
ist wiederum eine Verwitterungsphase eingetreten, 
die aber an Intensität derjenigen zwischen dem 
Föhrentuff und dem Erlentuff nachsteht. 

Insgesamt haben wir also zwei stärkere Ver- 
witterungszeiten (oberer Dryastuff und nach dem 
Föhrentuff) und zwei schwächere (unterer Dryastuff 
und nach dem Erlentufi"). Daß es sich dabei wirklich 
nicht nur um lokale Veränderungen , etwa Ver- 
schiebungen des Quellmundes, handelt, lehrt der 
Vergleich mit den anderen Tuffvorkommnissen. 

2. Der Kalktuff von Gillebu und der 
Schwemmkegel von Tingvold in ( )ier (etwa 
60 km südöstlich von Leine). Von dem ursprüng- 
lich zusammenhängenden Tufflager, das in etwa 
240 m ü. M. liegt, haben sich 2 Platten zu beiden 
Seiten eines Baches erhalten, der etwa 50 m tiefer 
bei Tingvold einen großen Schwemmkegel ange- 
häuft hat. Beide Vorkommnisse sind erst 1917 
von Oyen und Holme entdeckt worden. In 
der heutigen Vegetation herrschen Fichten und 
Föhren, in der Bodendecke Preißelbeere und Ast- 
moose. Das Tälchen ist trotz der heute geringen 
Wasserführung recht feucht. Das Tufflager dürfte 
ursprünglich etwa 90 m lang und 30 m breit ge- 
wesen sein. Aus einem Profil an der Ostseite 
und dreien an der Westseite ergibt sich folgende 
Schichtfolge von unten nach oben (Abb. 3): 

I. Grober, stark oxydierter Moränenschutt mit 
großen Blöcken. 

II. Der Blättertuffkomplex von 20 bis • 
50 cm Mächtigkeit. Die unterste Lage ist durch 
Eisenverbindungen rostig bis schokpladenbraun 
oder selbst etwas bläulich gefärbt und stellt einen 
koksschlackenähnlichen, stellenweise bis 30 cm 
mächtigen „Eisentuff" dar. Er ist deutlich ge- 
schichtet , aber entsprechend der Unterlage sehr 
uneben. Schon die untere Fläche zeigt massen- 
hafte Abdrücke von Blättern des Sanddorns 
{dlippopkacs rhavDwides), dazu von Birken {Bdula 



N. F. XXI. Nr. lo 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



'37 



fjibcscciis) und Weiden (wohl hauptsächlich Salix 
pliylüifolia und caf^rca, doch meist kaum sicher 
bestimmbar). Einige fasrige Strukturen scheinen 
von Moosen oder Blaualgen herzurühren, doch 
fehlt eine durchgängige sedentäre Schicht. Die 
oberen Schichten sind mehr graugelb und ent- 
halten Laubblätter in allen möglichen Lagen, die 
also nicht wie bei Leine schön geschichtet, son- 
dern sehr rasch eingebettet worden sind. Da 
und dort ist Moostuff eingelagert. Die oberste, 
oft sehr dünne Schicht ist deutlicher geschichtet, 
neben den genannten Arten enthält sie auch 
Poptdus frevnila ; die früheren Bestimmungen von 
Preißelbeere und Grauerle scheinen nicht haltbar 
zu sein. Als eine besondere Ausbildungsform ist 
ein Tuffkonglomerat bemerkenswert mit durch 
regelmäßig geschichteten Sinter verkitteten Ge- 
rollen, die wohl aus der Rinne stärkster Strömung 
stammen , ferner eine mehr breccienartige Form 
des Eisentuffes. 




kegel, in dem über 80 cm Kies eine doppelte, 
20 — 25 cm mächtige Lage voll Kalktuffstücken 
liegt. Zu oberst folgt Gehängeschutt, in dem 
stellenweise ein ortsteinartiger Horizont bemerkbar 
ist. O y e n und Holme fanden darin auch einen 
Kohlenmeiler, der möglicherweise aus der Eisen- 
zeit stammt. Aus der Beschaffenheit des Schwemm- 
kegels ergibt sich, daß auf die Bildung des Föhren- 
tuffs eine Erosions- und Akkumulationsperiode mit 
reichlicher Wasserführung gefolgt ist. Der Bach 
war also ebenso wie die Leinequelle intermittie- 
rend: Blätter- und Föhrentuff sind durch eine 
Trockenheit andeutende Verwitterungsschicht ge- 
trennt, und auch hier folgte vor der heutigen 
Verwitterungsphase eine feuchtere Periode, aus 
der freilich kein neuer Tuffhorizont, sondern ein 
Schwemmkegel stammt. Vielleicht ist das gänz- 
liche Aufhören der Tuffbildung dadurch zu er- 
klären, daß sich der Bach bis unter die den Kalk 
liefernden Schichten eingeschnitten hat. Sicher 
ist der Kegel nicht einer 
i ün geren Hoch wasserkata- 
strophe zuzuschreiben, 
denn der uralte „Königs- 
weg" führt über ihn hin- 
weg, und auch der ge- 



Abb. 3. Halbschematisches, doppelt überhöhtes Profil durch den Gillebu-Tuff. 
(Nach R. Nordhagen). 

III. Der Erdstreifen. Eine S bis 20 cm 
mächtige Verwitterungsschicht, die nur an der 
Oslseite des Baches gut erhalten, dagegen in den 
westlichen Profilen gleich dem hangenden Föhren- 
tuff durch spätere Verwitterung größtenteils ab- 
getragen ist. Dryas fehlt hier im Gegensatz zu 
Leine ganz, auch Öyens Angabe vox\ Salix nii- 
culafa scheint sehr zweifelhaft. 

IV. Der Föhrentuff. An der Ostseite noch 
etwa 30 cm mächtig, an der Westseite bis auf 
spärliche Reste abgewittert. Die unterste Schicht 
ist sehr brüchig und fossilfrei, auch der eigent- 
liche Föhrentuff ist sehr locker, stellenweise zu 
einer konglomeratartigen Masse verbacken. Neben 
der Waldföhre kommen Birken, Espe, Ulme (durch 
Pollen nachgewiesen), Weiden und Preißelbeere 
vor; der Sanddorn fehlt dagegen vollständig, ist 
also wohl ebenso wie Dryas bei Leine der Be- 
schattung durch den Föhrenwald erlegen. Ur- 
sprünglich scheint der Föhrentuff mindestens so 
ausgebreitet und mächtig wie der Blätlertuff ge- 
wesen zu sein, die obersten Schichten sind aber 
überall abgewittert, und eine jüngere Tuffbildung 
scheint hier möglicherweise nie bestanden zu haben. 

Der Schwemmkegel von Tingvold, den der 
das Tufflager durchsägende Bach gebildet hat, 
erreicht eine Mächtigkeit von 3 m. Über Grund- 
moräne folgt fluvioglazialer Kies mit Überguß- 
schichtung, darüber der eigentliche Schwemm- 



nannte Kohlenmeiler und 
das Fehlen der Fichte 
in der ganzen Ablagerung 
sprechen für vorge- 
schichtliches Alter. 

3. Der Kalktuff bei 
Nedre Dal in Faaberg. 
Dieser liegt unterhalb dem 
vorigen in 225 m ü. M. und ist schon von Blytt 1892 
eingehend beschrieben worden. Im Gegensatz zu den 
vorigen Vorkommnissen handelt es sich hier nicht 
um ein geschichtetes Lager, sondern um einzelne 
Tuffblöcke im Boden unterhalb einer steilen Halde. 
Die meisten sind heute entfernt. Auch hier sind 
deutlich ein Blättertuff mit Birke, Espe, Weiden 
und ohne makroskopische Föhrenreste und ein 
völlig mit den vorbesprochenen übereinstimmen- 
der Föhrentuff zu unterscheiden. Übergangs- 
bildungen und Dryastuff fehlen. Blytt schrieb 
beiderlei, heute nebeneinander liegende Tuffarten 
verschiedenen Zeiten zu, glaubte aber, daß sie 
doch an Ort und Stelle entstanden seien, wogegen 
die Neuuntersuchung ergab, daß die Blöcke an 
sekundärer Lagerstätte liegen. Sicher handelt es 
sich um Reste eines größeren, abgerutschten Tuff- 
lagers. Im Blättertuff fand Blytt u. a. auch 
Prunus Padiis, Salix )iigricaiis und die Schnek- 
ken Vitriiia pellucida, Pupilla iiiuscor/nn und 
Arianta arbuslonuii, im Föhrentuff u. a. Liiitiaca 
borcalis. Auf jeden Fall entsprechen die beiden 
Tuffe denen von Gillebu und Leine. 

4. Kalktuffe bei O n s e t in Biri am Mjösensee. 
Blytt hat 1S92 ein dortiges Tuffvorkommnis 
untersucht, seine Befunde aber bis auf eine kurze 
Notiz in seinem Nachlaß, worin er Föhren- und 
Birkentuff in getrennten Blöcken nennt, nicht 
publiziert. In seiner Sammlung von Biri liegt 



138 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 10 



nach seiner eigenen Aufzeichnung nur ein Stück 
Föhrentuff von Undset (Onset) und mehrere von 
Eriksrud, sowie Blättertuff von Undset. Auf Grund 
dieses Materials hat Öyen eine ganze Schicht- 
folge zu rekonstruieren versucht, dabei aber un- 
statthafterweise auch die wohl viel jüngeren Stücke 
von Eriksrud mitverwandt, und außerdem die 
ganze Bildung für autochthon gehalten , was 
ebensowenig wie bei Nedre Dal zutrifft. Es han- 
delt sich sicher um lauter lose, oberflächlich an- 
gewitterte Brocken. Die Blattreste, die Öyen 
als Dryas deutete, stellten sich als Fragment 
eines Erlenblattes heraus. Die Fundstelle selber 
(in etwa 250 m ü. M.) bietet keine Aufschlüsse 
mehr, aber darüber lagen im Boden einzelne Tuff- 
brocken, die, wie Abdrücke von Fichtennadeln 
zeigen, wohl ganz jungen Alters sind. Irgend- 
welche sichere Schichtfolge ist nicht nachweisbar. 
Noch höher oben finden sich an den Felswänden 
halbrezente Tuffausscheidungen mit zahlreichen 
lebenden Moosen (vor allem Gyiiniosfoiiimii ni- 
pi'sfn) und Blaualgen (Scyfoiifiiia )iiirabilc, Pctalo- 
iicma ala/iiin, C/iroocow^/s-Arttn u. a.). Als re- 
zente Tuffbildner waren aus Skandinavien bisher 
nur CrnfoncK ?-a - \ricn, Distichium capillaccion, 
Rivnlaria liacinatiics und wenig andere Blaualgen 
bekannt. Von diesen jungen Ausscheidungen 
sind jedenfalls die fraglichen Bruchstücke minde- 
stens zur Hauptsache abgestürzt. — 

Auch einige kleinere Tuffvorkommnisse im 
oberen Gudbrandsdal (Kringen, Sorem, Pillarviken, 
Mysuholet) erwiesen sich als zu unbedeutend oder 
unzugänglich, um stratigraphische Untersuchungen 
zu ermöglichen. 

IL Allgemeiner Teil. 
I. Der Gletscherrückzug im Gud- 
brandsdal. In diesem Abschnitt gibt der Verf. 
einen — bisher in der Quartärliteratur noch fehlen- 
den — Überblick über den Rückzug der Vereisung 
in Norwegen, hauptsächlich auf Grund der zahl- 
reichen Arbeiten von Konservator Öyen. Dieser 
unterscheidet für das Gebiet des Kristianiafjords 
folgende Rückzugsstadien, die auffallend an solche 
der Alpengletscher (Penck und Brückner, 
Hug) erinnern (vgl. auch das Kärtchen Abb. i): 
„ „ ,. I Smaalenene-Jarlsberg-Stufe 

Ra-Stadium \ Moss Horten-Stufe 

j Aas-Stufe 

1 SkiStufe 

(Nydals Stufe 

IMaridals-Stufe 
„ ., „, ,. fSkedsmo-Stufe 

Romer.k-Stadium IßergerStufe. 

Die unbekannte Zeitdauer der diesen Rück- 
zugsstadien zugrunde liegenden Gletscherschwan- 
kungen bildet eine ganz bedeutende Fehlerquelle 
für die quartäre Chronologie. Ganz besonders 
gilt das für die innerhalb des Romerikstadiums 
folgende ,, epiglaziale" oder „Seenstufe", so genannt 
nach der Lage ihrer Moränen vor den Seen Mjö- 
sen, Hurdalsvand, Randsfjord, Spirillen und Krö- 



Aas-Stadium 



Aker- Stadium 



deren, die ebenso wie das ihr möglicherweise 
entsprechende „Bühlstadium" der Alpen sehr um- 
stritten ist. Nach Öyen ist der Gletscher hier 
über marine Ablagerungen wiederum vorgestoßen. 
Es handelt sich um die in Romerike und weiter 
bis Elverum gefundenen Lehme mit der „jüngeren 
Poitlaiidia {= \ 'oldia) arciica-YaMna.". Die Eis- 
meermuschel tritt hier in einer kleineren Varietät 
auf, welches Vorkommen De Geer als Relikt 
zu deuten versuchte. Dagegen spricht, daß diese 
Fauna eine ziemliche Ausbreitung besitzt und 
ihrer ganzen Zusammensetzung nach eine tiefere 
Wassertemperatur anzeigt als die des vorangehen- 
den , J/)'//7//.y-Stadiums" (mit J^Iytiliis cdulis, Mya 
tniiicala, Saxicava p>ioladis u. a.), das bei Kristi- 
ania in 221 m Höhe, etwas höher als die Purt- 
Icuidia-FdiUndL von Romeiike liegt. Auch Blytt 
hatte bereits einen jüngeren Gletschervorstoß in 
manchen Gebirgstälern zu finden geglaubt. Nach 
Öyen entspricht das „J/j/Ä^i' - Niveau" sowohl 
der wärmeren „arktischen Zeit" Blytts, wie der 
Achenschwankung Pencks, das jüngere „PivA 
landia-^iwtdiU" Blytts „subglazialer Zeit", Pencks 
„Bühlvorstoß" und der „Post- Wisconsin-Periode" 
der Amerikaner. Auch die neueren Beobachtun- 
gen von Rekstad, Holme, Björlykke u. a. 
stimmen gut mit dieser Erklärung. Ähnliche Be- 
obachtungen haben Kaldhol und Kolderup 
auch an der norwegischen Westküste gemacht. 
Andere nordische Geologen verhalten sich dieser 
Auffassung gegenüber noch skeptisch. Viele 
Fragen bedürfen weiterer Untersuchungen, z. B. 
die, wieweit sich das Eis im J/j/Z/^i'-Stadium 
zurückgezogen hat, welche Zeitdauer und welche 
horizontale Verbreitung diesem zukommt. Jeden- 
falls muß die Ansicht schwedischer Geologen ab- 
gelehnt werden, daß eine größere Gletscherzunge 
im Gudbrandsdal überdauert habe. 

Für die Auffassung Öyens sprechen auch 
einige Beobachtungen in Dänemark („Alleröd- 
Schwankung" zwischen der älteren und der jüngeren 
D/yas-Zt\i, die wohl den beiden Purtlaiidia- 
Zeiten entsprechen) und Schweden (lokale Gletscher 
nach Enquist). 

Der Verlauf der Rückzugsmoränen im Gud- 
brandsdal zwischen Lillehammer und Olta spricht 
auch für eine nochmalige Gletscherbewegung tal- 
abwärts. Die Eisscheide lag zwischen Dovre und 
Sei. Die letzten großen PJndmoränen entsprechen 
der jüngeren Portlainiia Zeit oder aber • — für die 
eine eine solche nicht anerkennenden Geologen — 
dem letzten Rückzugsstadium des Inlandseises. 
Zu diesen Moränen gehören die mächtigen Auf- 
füllungsmassen von Leine, deren Material sicher 
von Norden und Nordosten stammt. Endmoränen 
finden sich auch noch höher, bis 700 m ü. M., 
eine genaue Altersbestimmung ist aber noch nicht 
durchgeführt. 

2. Bemerkungen über die erste Flora 
und Vegetation nach dem Eisrückzug. 
Aus dem Vorhergehenden ergibt sich, daß von 
einer einheitlichen, für ganz Skandinavien geltenden 



N. F. XXI. Nr. lo 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



139 



„DrjasZeh" nicht die Rede sein kann, wenn 
diese Annahme auch für manche Gebiete wie 
Südschweden zutreffen mag. Anderwärts findet 
man oft neben arktischen Arten (z. B. Salix 
polaris bei Kristiania) viele subarktische. Die 
Herkunft der Gebirgspflanzen ist recht umstritten. 
Mehrere Forscher wie schon Blytt und Ser- 
nander und neuerdings Hansen, Wille, 
Th. C. E. Fries und Tengwall nehmen ein 
Überdauern der letzten Vereisung sowohl auf 
Nunatakkern im Gebirge, wie auch auf einem eis- 
freien Küstenstreifen an. Für letztere Annahme 
spricht der Fund arktischer Pflanzenreste an der 
Westküste und weiter Öyens Parallelisierung der 
„Örlandsbank" an der Mündung des Trondhjemfjords 
mit den äußersten Endmoränen der letzten Eis- 
zeit. Daselbst wurden seit 1900 wiederholt auch 
Reste von Sa/u polaris und niiciilafa und von 
Dryas gefunden, die aber aus späterer Zeit als 
die genannte Moräne stammen. Sehr zu Unrecht 
stellte Enquist alle Funde arktischer Pflanzen 
in eine einzige Periode. Eine sichere Altersbe- 
stimmung ist leider auch für die wohl recht alten 
Reste arktischer Pflanzen, die H. Smith kürzlich 
im oberen Jemtland und Herjedalen entdeckt hat, 
kaum möglich. Daß zahlreiche Arten von der 
Westküste ins Hochgebirge eingewandert sind, 
scheint immerhin gesichert. 

Andererseits muß man bei der Annahme von 
Überdauerung sehr vorsichtig sein. Fries und 
Tengwall sind sicher zu weit gegangen, wenn 
sie eine solche z. B. für Carc.x scirpuidea und 
Saxifraga Aizoon annehmen. Erstere hat in ganz 
Europa nur zwei Standorte im Solvaaggebirge 
beim Junkerdal, die sicherlich unter Eis begraben 
lagen. Hingegen war das rauhe Klima einem 
Überdauern der postglazialen Wärmezeit, die ander- 
wärts durch die starke Erhöhung der Waldgrenze 
viele Gebirgspflanzen vernichtet hat, unzweifelhaft 
günstig. Ähnliches gilt für das kleine Areal der 
Saxifraga Aizooii um das Balvand südlich vom 
Sulitjelrna. Woher und wann beide Arten zu 
diesen Örtlichkeiten gekommen sind, wissen wir 
einstweilen nicht. iVIanche Gebirgspflanzen sind 
sicher von Süden und von Osten gekommen, von 
Süden z. B. Kobresia bipartita, NigritcUa nigra, 
Ranunciilus platanifolius , Gentiana piirpurea, 
Pedicularis Oederi und Cainpaiiula barbata. 

In solchen Schwankungsperioden, wie der des 
„il^'/Z/z/j^-Niveaus" und der „AUeröd-Gyttja" kann 
die alpine Vegetation eine sehr große Ausdehnung 
erlangt haben, wir wissen jedoch auch hiervon 
noch sehr wenig. 

3. Die Kalktuffe von Gudbrandsdal 
und Blytts Theorie. Blytts Theorie, die 
sich u. a. auf einzelne Torf- und Tuffprofile stützte, 
ist heftig angegriffen worden, ist aber doch auch 
durch die neuesten Untersuchungen immer wieder 
in einzelnen Punkten bestätigt worden. Mindestens 
die obere („subboreale") Stubbenlage hat sich in 
den skandinavischen wie in den nordeuropäischen 
Torfmooren überhaupt ganz allgemein nachweisen 



lassen. Selbst so skeptische Forscher wie C. A. 
Weber und G. Andersson nehmen für diese 
Bildung eine trockene Periode an. Die neuen 
Untersuchungen von Sernander, L. von Post 
und ihrer Schüler in Schweden, von Holmsen 
in Norwegen und Jessen in Dänemark haben 
weiter auch den tiefer liegenden „borealen Aus- 
trocknungshorizont" Blytts bestätigt, wogegen 
die Schichtfolge unter diesem noch stärker um- 
stritten ist. Seinen „subarktischen Torf" teilte 
Blytt später in einen „infraborealen Torf und 
eine weitere „subarktische Stubbenlage". Diese 
Zweiteilung hat sich jedoch bisher an den meisten 
Orten nicht nachweisen lassen, weshalb die meisten 
Forscher mit Sernander die ganze Folge zwischen 
dem Glazial und dem borealen Horizont als „sub- 
arktisch" bezeichnen. 

Wie schon 1882 Blytt, so suchte neuerdings 
Öyen die Ergebnisse der Torfmoorforschung und 
derStrandterrassenuntersuchungen zu parallelisieren. 
Dabei zeigt sich, daß bei letzteren die den „sub- 
arktischen Torfschichten" entsprechenden Ablage- 
rungen zwischen der „marinen Grenze" und dem 
„7';?/i('v-Niveau" gerade die am besten bekannten 
sind (Brögger, Öyen). Auf das „jüngere y-'f/'-A 
/«//•(//rf-Niveau" folgt das durch kräftige Muschel- 
bänke, aber geringe Akkumulation eine relativ 
trockene Zeit andeutende ,Jjtturiiia-Wi.v^sxi!' (nicht 
zu verwechseln mit der erst viel späteren „Lifforii/a- 
Zeit" in den Ostseeländern), darauf das durch große 
Lehmterrassen ausgezeichnete und somit starke 
Akkumulation und Feuchtigkeit anzeigende „Pholas- 
Niveau" und schließlich das „J7(/r//'fl'-Niveau" mit 
fehlender Akkumulation und reichen Schalenbänken 
mit wärmeliebender Fauna. Auf dieses folgte 
nach den vorangegangenen Hebungen wieder eine 
Senkung (die Z/Mv/'z/^/Senkung der Ostseeländer), 
die zum eigentlichen „7)?/(\f- Niveau" mit seiner 
starken Akkumulation überleitet. Diese Folge 
scheint also Blytts spätere Auffassung durchaus 
zu bestätigen. Die meisten norwegischen Geo- 
logen anerkennen sie, weniger dagegen die folgen- 
den Stufen, von denen Öyen zunächst ein durch 
ausgesprochen wärmeliebende, südliche Arten wie 
Trivia enropaca, Lima loscoutbi und Couitlus 
i/iilltgraiiiis charakterisiertes „TyvT^rt-Niveau", ein 
unteres, gleichfalls Wärme und Trockenheit an- 
zeigendes „ (Jsfraca-Kiwt&u" (einen Wasserstand von 
II — 22 m über dem heutigen entsprechend) und 
ein „jüngeres Osfraca-H'wtaM" unterscheidet, auf 
welches das „il/jw-Niveau" der Gegenwart folgt. 
Offenbar entsprechen sich: 
il/)'//7/«-Niveau arktisch 

jüngeres/'(7;-/'/(?//(?'^rt-Niveau subglazial 
Lifforiiia-Kiwea.\i subarktisch sensu stricto 

P/wlas-H\vt2L\i infraboreal 

Macfra-'H\wtAü boreal 

Tapcs-Kive&w atlantisch. 

Weniger einleuchtend ist, daß Öyen nur das 
ältere Osfraca-KivtAM mit subboreal und das 
jüngere mit subatlantisch parallelisiert, dagegen 
das 7>7i7'«-Niveau als „neoboreal" vor die subboreale 



140 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 10 



Periode einschiebt. Vielleicht gehört es als die 
Zeit mit der am meisten wärmefordernden Fauna 
doch auch in die subboreale Zeit. Auf jeden Fall 
ist beachtenswert, daß nach Öyen wie nach den 
schwedischen Moorforschern nicht die atlantische, 
sondern die darauf folgende Zeit das postglaziale 
Wärmemaximum gebracht hat. Andererseits hat 
z. B. die Parallelisierung mit den archäologischen 
Perioden (nach S e r n a n d e r z. B. subboreal = 
jüngeres Neolithikum und Bronzezeit, subatlan- 
tisch = Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit) 
noch zu keiner Einigung geführt. Auf jeden Fall 
sind wir nicht berechtigt, die B 1 y 1 1 sehe Theorie 
nur deswegen abzulehnen, weil sie einen so kom- 
plizierten Verlauf annimmt. 

Einen solchen bestätigen durchaus auch die 
Kalktufifuntersuchungen, wie solche besonders in 
Schweden (Benestad in Schonen, Skultorp in 
Västergötland , mehrere Tuffe in Jemtland) von 
Hulth, Kurck, Sernander, Halle, Kjell- 
mark u. a. durchgeführt worden sind. Besonders 
instruktiv ist der Tuff von Skultorp, dessen ver- 
schiedene Lagen Sernander 1916 unter Be- 
nutzung der De Geerschen Datierung folgender- 
maßen bestimmt: 

Unter der rezenten Humuslage loser Tuff: 

subatlantisch, bis 500 v. Chr. 
Humuslage und dichter Tuff mit Weiden- 
blättern: subboreal, 500—3500 v. Chr. 
Rasch gebildeter, loser Tuff: atlantisch, 

3500 — 5500 V. Chr. 
Dichter, wenig mächtiger Föhrentuff zwi- 
schen zwei Humuslagen: boreal, 5500 
bis 6500 V. Chr. 
MoostufT und Seekreide mit Zwergweiden, 
darunter Sand: subarktisch, 6500 bis 
7500 V. Chr. 
Darunter Eisseebildungen und Moräne. 
Auch im Benestadtuff zeigen sich deutlich eine 
„subboröale" und eine „boreale" Unterbrechung, 
und mindestens eine solche zeigt auch der floristisch 
bemerkenswerte Tuff von Botarfve auf Gotland 
(nach Halle 1906). 

Bei der Neuuntersuchung der Tuffe von Gud- 
brandsdalen hat sich überraschenderweise heraus- 
gestellt, daß diese besser zu Blytts Theorie 
stimmen, als dieser selbst ahnen konnte. Er 
kannte nämlich bei Leine weder den unteren 
Dryashorizont noch den Erlentuff. Zunächst hielt 
er deshalb den Blättertuff („Birkentuff") für atlan- 
tisch, den Dryastuff und begleitenden Kalklehm 
für subboreal und den Föhrentuff für subatlantisch, 
später, nach der Untersuchung des tieferen Vor- 
kommnisses bei Nedre Dal, den Birkentuff für 
infraboreal, den Dryastuff für boreal und den 
Föhrentuff für atlantisch. Subboreale und sub- 
atlantische Schichten konnte er also nicht finden, 
erklärte aber ausdrücklich, daß er deren Vor- 
handensein sowohl bei Leine wie bei Nedre Dal 
für möglich, wenn auch nicht besonders wahr- 
scheinlich erachte. Beides hat sich nun 30 Jahre 
später bei Leine tatsächlich nachweisen lassen: 



der subboreale Verwitterungshorizont und der sub- 
atlantische Erlentuff. Damit ist auch die Ver- 
bindung mit der Gegenwart hergestellt. Daß es 
sich nicht um eine bloß lokale Sukzession handelt, 
lehren die Ablagerungen von Gillebu-Tingvold und 
Nedre Dal, sowie die schwedischen Kalktuffe. 
Die Blyttsche Deutung zwingt sich mit Not- 
wendigkeit auf, ohne sie reiht sich Rätsel an 
Rätsel. Ganz vor kurzem ist übrigens durch 
Henrik Printz ein Klimawechsel im heutigen 
Sibirien mit Vordringen der Steppe auf Kosten des 
Waldes direkt beobachtet worden. 

Aus allem ergibt, sich folgende Korrelation : 

(Siehe Seite 141.) 

4. Bemerkungen Über die Vegetations- 
entwicklung im Gudbrandsdal. A. Die 
subarktische Zeit. Eine scharfe Trennung 
in eine subarktische und eine infraboreale Periode 
scheint vorerst nicht angängig. Unter der Ab- 
schmelzung der letzten Gletscher war das Klima 
sicher ausgeprägt kontinental, wie die starken 
Oxydations- und sonstigen Verwitterungsvorgänge 
beweisen. Daß sich die Tufflager infolge des 
durch die Schmelzwässer erhöhten Grundwasser- 
standes in wenigen Jahrhunderten gebildet haben 
sollen, wie Andersson und Birger 1912 be- 
haupteten, ist sicher falsch. Die Tuffbildung hat 
erst nach einer längeren Unterbrechung einge- 
setzt. Die genannten Autoren haben auch die 
Eisscheide fälschlich zwischen Leine und Gillebu 
verlegt, während sie viel höher als Leine lag 
(vgl. Abb. i). 

Da das Klima noch heute in Gudbrandsdalen 
ausgeprägt kontinental ist, brauchen wir nicht 
anzunehmen, daß auch Gebiete mit heute ozeani- 
schem Klima ebenso starke Klimawechsel durch- 
gemacht haben. Daß aber ein Klimawechsel auch 
in der Umgebung von Kristania und Drontheim 
stattgefunden hat, lehren die Strandablagerungen. 
Über die erste Vegetation wissen wir sehr wenig. 
Als der Tuffabsatz begann, herrschte eine sub- 
alpine Laubholzvegetation. Mindestens bei Leine 
fanden sich auch Alpenpflanzen. Der Fund von 
vereinzeltem F'öhrenpollen kann auf Ferntransport 
talaufwärts beruhen. Da die Föhre heute neben 
der Fichte bei Gillebu dominiert und auch noch 
vereinzelt in der weiteren Umgebung von Leine 
auftritt und an beiden Orten in der atlantischen 
Periode absolut dominierte , müssen besondere 
Gründe vorliegen, die sie in früherer Zeit auf 
Kosten der Laubhölzer fernhielten. Wir müssen 
eine Birken - Espenperiode annehmen, mit einer 
Vegetation ähnlich derjenigen in der heutigen 
subalpinen Stufe. Diese schon 1842 von Steen- 
strup geäußerte Annahme scheint nicht überall 
in Skandinavien zuzutreffen. Auf Gotland, in 
Südschweden und auf Seeland, nach Holms en 
auch im südöstlichsten Norwegen scheint die 
P'öhre gleichzeitig mit den Laubhölzern aufgetreten 
zu sein. Wohl aber scheint die Steenstrup- 
sche Auffassung für das zentrale und westliche 



N. P. XXt. Nr. lö 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



141 



Klimaperiode 


Leinetuff 


Gillebu-Tingvold ' Nedre Dal 


Strandzonen 


Gegenwart 
(relativ trocken) 


VerwUierung, 
schwache Moostuff- 
bildung 


Verwitterung Verwitterung 


^/yrt-Niveau 


Subatlantisch 
(feucht und ziemlich warm) 


Krlentuff 


Erosion, Bildung 
eines Schwemm- 
kegels mit Tuff in 
sekundärer Lager- 
stätte 


Rutschungen? 


Jüngeres Ostraea- 
Niveau 


Subboreal 
(trocken und sehr, warm) 


Verwitterungs- 
horizont 


Verwitterung 


} 


Älteres Ostraea- 

Niveau (und Trivia- 

Niveau?) 


Atlantisch 
(feucht, mäßig warm) 


Föhrentuff 


Föhrentuff 


Föhrentuff 


Tß/fj-Niveau 


Boreal 
(trocken, kontinental) 


Dryas-Tuff und 
Diskordanz 


Humusstreifen 


Diskordanz 


Mactra-^vitaXi 


Subarktisch 


infraboreal 

(feucht) 


Blältertuflf 
und Moostuff 


Blättertuff 


Blättertuff 


P/w/as-Niveixi 


s. lat. (kühl) 


subarktisch 

s. sir. 

(trocken , 

kontinental) 


Roter Lehm 

(Verwitterungsschichl 

unter dem Tuff) 


Stark verwitterte 
Moräne mit Eisen- 
anreicherung 


• 
? 


Li/ioriria-Niveau 


Letzte Vergletscherung: | Blauer Moränenlehm 
Subglazial (sehr kalt) | mit Blöcken | Moränenschutt 


Moräne 


Jüngeres Portlandia- 
Niveau, 


Arktisch (et 


vas wärmer) 








yJ/c^/Äij-Niveau 



Norwegen zuzutreffen. Die Föhrengrenze lag 
wohl wesentlich tiefer als heute. Andererseits 
waren aber die Gletscher schon stark zurückge- 
wichen. Auf dem offenen Gelände konnten sich 
lichtbedürftige Arten wie Hippopliacs und höher 
oben Dryas ausbreiten. Es können nur lichte 
Birkenhaine bestanden haben, denn sobald sich 
geschlossener Nadelwald einstellte, starben die 
beiden genannten Arten aus. 

B. Die boreale Zeit. Diese bedeutet eine 
völlige Unterbrechung der Tuffbiidung. Das Klima 
wurde nicht nur trockener, sondern wenigstens 
im Sommer auch wärmer. Von Wäldern können 
nur ganz lichte Birken -Föhrenhaine bestanden 
haben, denn sonst wären die geschlossenen Dryas- 
Teppiche von Leine unverständlich. Ein solcher 
bedeckte zweifellos auch die Schieferfelsen höher 
oben, wo heute Dryas fehlt. Von ihren Beglei- 
tern haben sich daselbst folgende bis heute zu 
behaupten vermocht: Cetraria nivalis, Selaginella 
spinulosa, Poa alpiiia und caesia, Carex capillaris 
und sjiarsiflora, Junais Irifidus, Polygonum vivi- 
parum, Cerastium alfinurn, Draba Jiirta und 
incana, Parnassia palustris, Potei/tilla Crantzii, 
Astragalus alpinus, Giiitiaua nivalis und tenella, 
Veronica saxatilis und Aiitouiaria alpiiui. Ein- 
zelne davon können natürlich auch später einge- 
wandert sein. Auf j'eden Fall war in der borealen 
Zeit die alpine Stufe ausgedehnter als heute. Die 



Schneegrenze lag kaum tiefer, wohl aber die 
Waldgrenze. Über deren Beschaffenheit sind die 
Meinungen geteilt. In der postglazialen Wärme- 
zeit, deren Höhepunkt sicher in die subboreale 
■ Periode fällt, lag die Föhrengrenze im mittleren 
Skandinavien 1 50 bis 300 m als heute, es ist aber 
sehr fraglich, ob auch die Birkengrenze eine ähn- 
liche Verschiebung durchgemacht hat. Die Föhre 
verlangt eine wesentlich höhere Sommertemperatur 
als die Birke, für welche dafür die Länge der 
Vegetationsperiode von ausschlaggebender Be- 
deutung ist (Fries, Tengwall, Smith). Es 
muß daher für jede Periode besonders untersucht 
werden, ob ein „subalpiner Birkengürtel" bestan- 
den hat oder nicht. Für die subarktische Periode 
scheint dies für das mittlere und westliche Nor- 
wegen sicherzustehen, für die nachfolgenden 
kontinentalen Perioden dagegen nicht. Sernander 
will keine größere Ausdehnung der alpinen Stufe 
in subarktischer und borealer Zeit annehmen, wo- 
mit aber die neuen Befunde in Widerspruch stehen. 
Eine Parallelisierung zwischen den Tuffen von 
Gudbrandsdalen und Jemtland ist nur schwer 
durchführbar, doch stimmen sie wenigstens soweit 
überein, daß in den untersten Schichten die Föhre 
fehlt oder doch nur ganz vereinzelt auftritt, dafür 
Dryas und Hippoplia'cs in Menge erscheinen, um 
später mit dem Überhandnehmen des Föhren- 
waldes ganz zu verschwinden. Ein Blättertuff 



142 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 10 



fehlt dagegen in Jemtland, wahrscheinlich deshalb, 
weil sich dorten das Eis erst später zurückgezogen 
hat als im zentralen Norwegen. Die Zweiteilung 
des Eisrestes im schwedischen Gebirge hat nach 
De Geer und Sernander wohl in borealer 
Zeit stattgefunden. Jedenfalls war aber Gudbrands- 
dalen damals schon eisfrei. Sowohl dort wie in 
Jemtland bestanden günstige Bedingungen für 
Alpenpflanzen, bis zu ihrer Verdrängung durch 
den aufrückenden Föhrenwald. 

Ganz besonders interessant ist das Auftreten 
des Sanddorns, J/ippopIiai's rliaiinioidcs , dessen 
Ausbreitung in Fennoskandinavien der Verf. ein- 
gehend schildert und auch kartographisch dar- 
stellt. Heute ist er in Skandinavien mit Aus- 
nahme vereinzelter Vorkommnisse an dem 
Trondhjemsfjord und in Saiten streng an die 
Küsten gebunden, namentlich an diejenigen Strek- 
ken, wo durch stärkere Landhebung ständig Neu- 
land erzeugt wird. Fossil ist die Art außer bei 
Gillebu an 7 Stellen in Jemtland und an je einer 
in Äsele- Lappmark, in ^edelpad und auf Got- 
land nachgewiesen, sie war also sicher in sub- 
arktischer und borealer Zeit viel weiter verbreitet, 
hat aber dann an den meisten Orten der Kon- 
kurrenz der Föhre und wohl auch der Laubhölzer 
weichen müssen. Die lichtbedürftige Art hat nur 
ein sehr geringes Konkurrenzvermögen und zieht 
sich daher auf schwer besiedelbare Felsen, Geröll- 
halden (so im Junkerdal in Saiten), auf Allu- . 
vionen und Dünen zurück. Klimatisch ist sie in 
hohem Grad indififerent, dagegen deutlich etwas 
kalkhold, namentlich im nördüchen Teil ihres 
Areals. Ihre Gesamtverbreitung, die vom zentral- 
asiatischen Hochland bis Westeuropa reicht, und 
ihr Massenauftreten auf den Alandsinseln hat 
Palmgren eingehend geschildert. Oyen ist 
sicher im Unrecht, wenn er die Verbreitung dieser 
Art allein auf klimatische Ursachen zurückführen 
wül. 

Ähnlich verhalten sich wohl auch manche 
andere Arten, so die im Gegensatz zu Hipf>op1ia'h 
noch heute in Gudbrandsdalen vorkommende 
Myricaria germanica, die sowohl in Mitteleuropa 
wie in Hochtibet oft den Sanddorn begleitet. 
Aster subintcgirrinius (= Sibiriens L.) reicht von 
Sibirien bis Pinnland und hat dann ein ganz iso- 
liertes kleines Areal am . offenen Kies- und Sand- 
strand des Aursundsees bei Röros. Auch Carcx 
bicolor zeigt solch disj unkte Areale, die vielleicht 
ähnlich zu erklären sind. Einige östliche Arten 
haben ein ganz unvermitteltes Areal im Gud- 
brandsdal selbst, wo sie wohl kaum (wie Wille 
für Atragcnc sihirica annahm) erst in neuerer Zeit 
eingewandert sind, sondern sich dank günstiger 
Umstände bis heute erhalten konnten. Von diesen 
reicht Alhyrium crciiaf/an von Nordasien bis Nord- 
und Mittelfinnland (fehlt im übrigen Europa), 
Cystopteri?. sudctica von Rußland bis in die Kar- 
pathen und Atragenc sihirica von Nord- und Mittel- 



asien nur bis Rußland und Südostfinnland. Eine 
befriedigende Erklärung für das Auftreten dieser 
Arten im Gudbrandsdal steht zurzeit noch aus. 

C. Die atlantische Zeit. In dieser Zeit 
herrschten dichte Föhrenwälder. Wahrscheinlich 
waren auch einzelne wärmeliebende Laubhölzer 
weiter verbreitet als heute, so Corylns Avcllana, 
Uliniis ))io)üaiia (reicht heute bis Faaberg, durch 
Pollen im Föhrentuff von Gillebu nachgewiesen), 
Acer plafaiioides und liehila Terriicosa (im Leine- 
tuff). Das Klima war also wohl mindestens so 
warm wie heute. Für den Rückgang von Ilippo- 
pJiaes, Dryas und anderen lichtliebenden Arten ist 
hauptsächlich das Vordringen des geschlossenen 
Waldes verantwortlich zu machen. 

D. Die subboreale Zeit. Über deren 
Vegetation wissen wir aus den Tufifablagerungen 
nicht mehr, als daß es sich um eine trockene Zeit 
mit intensiver Verwitterung handelte. Nach den 
Befunden in den Mooren und an der Küste war 
es die wärmste Periode der ganzen postglazialen 
Folge. Der Verf. fand z. B. neben Trivia enropaca 
die Muschel Solecurtiis eaiididns, die heute nicht 
über die Irische See nach Norden reicht, noch 
auf den Froöern vor dem Trondhjemsfjord. In 
diese Zeit fällt wohl die Einwanderung und maxi- 
male Ausbreitung zahlreicher südlicher Arten, u. a. 
Trapa iiataiis, Dracocephaluiii Rnyscltiaiia und 
Brnc/iypodiJini pinnafum. 

E. Die subatlantische Zeit. Die starke 
Erosion und Akkumulation bei Gillebu-Tingvold 
und das Überhandnehmen der aus früheren 
Schichten nicht mit Sicherheit nachgewiesenen 
Grauerle bei Leine deutet auf zunehmende 
Feuchtigkeit. Wahrscheinlich ist damals auch die 
Fichte (Picea excelsa) in Norwegen eingewandert, 
vielleicht aber noch nicht bis Leine, wo der 
negative Befund freilich nicht beweisend ist. Die 
obersten Schichten sind eben auch dorten stark 
verwittert. Die Waldgrenze rückte abermals 
herab, und durch Erdrutschungen wurde manchen 
Alpenpflanzen auch eine Ansiedlung in tieferen 
Lagen ermöglicht. Andererseits scheint das 
milde , ozeanische Klima auch manchen wärme- 
liebenden Arten ein Verbleiben gestattet zu haben, 
namentlich in so begünstigten Tälern wie Gud- 
brandsdalen. Die letzte Entwicklungsphase kenn- 
zeichnen die Ausbreitung des F'ichtenwaldes und 
schließlich die zunehmende Umgestaltung von Ge- 
lände und Vegetation durch den Menschen. 

Die geschilderte Entwicklung gilt natürlich zu- 
nächst nur für das untersuchte Gebiet. Ähnliche 
Untersuchungen müssen in anderen Gegenden erst 
durchgeführt werden. 

Verzeichnisse der gefundenen Pflanzen- und 
Schneckenarten, der benutzten umfangreichen Lite- 
ratur und 5 Tafeln mit wohlgelungenen Wieder- 
gaben der wichtigsten Funde von Leine und Gillebu 
beschließen die gehaltvolle Arbeit, der größte Be- 
achtung nicht nur in Skandinavien, sondern auch 
in Mitteleuropa zu wünschen ist. H. Gams, 



N. F. XXI. Nr. lö 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



143 



Bücherbesprechungen. 



Diener, K., Paläontologie und Abstam- 
mungslehre. Sammlung Göschen, Nr. 460, 
2. Aufl. 137 S. mit 9 Abb. Berlin-Leipzig 1920, 
Vereinigung wissensch. Verleger. 4,20 M. 
Die Erforschung der vorweltlichen Tiere und 
Pflanzen hat uns ein biologisches Material zur 
Verfügung gestellt, das in manchem hinter d^n 
Lebewesen der Gegenwart an Wert zurückstehen 
muß, mindestens aber quantitativ unvergleichlich 
viel vollständiger ist und durch die historische 
Aufeinanderfolge vor allem für entwicklungstheo- 
retische Probleme von ganz überragender Be- 
deutung ist. Die Frage nach der Umwandelbar- 
keit der organischen Formen steht nicht mehr 
zur Diskussion. Die ganze Paläontologie ist eine 
einzige Bejahung, der es freilich kaum mehr be- 
durft hätte. Dagegen sind die Gesetzmäßigkeiten, 
nach denen sich die Wandlung vollzieht, ein schier 
unübersehbares Feld wissenschaftlichen Suchens 
geworden. Die Antworten früherer Zeit, allen 
voran diejenigen Lamarcks und Darwins 
haben an Wert wenig eingebüßt, genügen aber 
längst nicht mehr für die Fülle neuer Beob- 
achtungstatsachen. 

Die Paläontologie hat ein gewaltiges Material 
beigebracht, durch das früher erkannte Gesetz- 
mäßigkeiten von neuer Seite her beleuchtet und 
bestätigt wurden. Darüber hinaus haben sich 
nun Erkenntnisse gewinnen lassen, durch welche 
frühere ergänzt, erweitert, bereichert wurden. So- 
dann haben sich doch auch an älteren Ergebnissen 
der Wissenschaft sehr bedeutsame Abänderungen 
vollzogen durch das, was der Überblick über die 
Vergangenheit an neuen Gesichtspunkten hervor- 
treten ließ. Umformungen, zum Teil sehr durch- 
greifender Art (es sei nur an das Vergleichsschema 
des „Stammbaums" erinnert) waren erforderlich, 
grundlegende Anschauungen (z. B. der Zweck- 
mäßigkeitsgedanke) mußten fallen oder erheblich 
eingeschränkt werden. Viele neu aufgeworfene, 
noch ganz ungelöste Probleme (Aussterben der 
Gruppen u. a. m.) haben frische Impulse verliehen. 
Über alles das ist ein sehr großer Teil der 
Gebildeten, selbst in akademischen Kreisen un- 
bmittelar benachbarter und bewährter Wissens- 
zweige allzu wenig unterrichtet. Verf. hat sich 
dankenswerterweise der Aufgabe unterzogen, eine 
Fülle von Material zu solchen Fragen zusammen- 
zutragen und kurz übersichtlich einem größeren 
Leserkreise zugänglich zu machen. Jedes der zahl- 
reichen Einzelkapitel behandelt einheitlich ein be- 
stimmtes Problem oder einen Problemkomplex 
mit äußerst zahlreichen und mannigfaltigen Belegen 
aus der Paläozoologie. Die Paläobotanik bleibt 
leider völlig aus dem Spiel, obwohl auch ihr für 
den Stoff viel zu entnehmen wäre. In der An- 
ordnung der Kapitel wird eine Gesamtdisposition 
nicht recht ersichtlich, so daß der Eindruck eines 
Mosaiks entsteht. Doch tut das dem sachlichen 
Wert des Heftchens keinen Abbruch. 



Die Zuverlässigkeit der Behandlung des Stoffes 
braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. 
Wenn von dem verschiedenen Tempo der Ent- 
wicklung tertiärer Wirbellosen und Wirbeltiere die 
Rede ist (S. 69), so bleibt anscheinend unbeachtet, 
daß unsere Artbegriffe in beiden Fällen gänzlich 
abweichend geartet sind und nicht einfach als ver- 
gleichbare Werte einander gegenübergestellt wer- 
den dürfen. Zu Ausstellungen inhaltlicher Art 
ist im übrigen kein Anlaß, es sei denn, daß auf 
S. 51 der „Urschildkröte" Eunnotosaurus hätte 
Erwähnung getan werden sollen und Belodon 
unmöglich als „ältestes Krokodil" hingestellt wer- 
den kann. Dem Werke kann nur weiteste Ver- 
breitung gewünscht werden, da es in deutscher 
Literatur ziemlich vereinzelt dasteht. 

Edw. Hennig. 

Buchner, Paul, Tier und Pflanze in intra- 
zellulärer Symbiose. 462 S., 103 Abb. 
und 2 Taf. Berlin 1921, Gebr. Bornträger. 
Das Buchn ersehe Werk eröffnet eine neue 
Disziplin zwischen Zoologie und Botanik. Im 
wesentlichen im letzten Jahrzehnt einen ungeahnten 
Aufschwung nehmend, zeigt heute die Lehre von 
der Symbiose ganze große Gruppen des Tierreichs 
in engstem und notwendigen Zusammenleben mit 
verschiedenen Klassen niederer Pflanzen. Zum 
Teil (Algen) waren Erscheinungen dieser Art 
schon länger bekannt, im volleren Umfang er- 
kannt und geklärt sind sie erst durch die Arbeiten 
eines Pieranto nie, Sulc, nicht zum wenigsten 
durch Buchn er selbst, der hier zuerst eine ein- 
heitliche erschöpfende und klare Darstellung gibt. 
Das Buch schildert die Algensymbiose der 
Protozoen, Schwämme und Cölenteraten, Sym- 
biosen bei Würmern mit Algen und Bakterien, 
bei Bryozoen, Echinodermen, Mollusken und Turii- 
katen, endlich die intrazelluläre Pilz- oder Bakterien- 
Symbiose bei Insekten und die Leuchtsymbiosen 
bei Coleopteren, Pyrosomen und Cephalopoden. 
Es erscheint unmöglich, auch in einem längeren 
Referat dem Inhalt der einzelnen Kapitel auch 
nur annähernd gerecht zu werden. Die meiste 
Förderung erfuhr durch Buchners eigene Ar- 
beiten der Teil, der die Insektensymbiose und die 
Leuchtsymbiosen behandelt. Man liest von den ent- 
wicklungsgeschichtlich merkwürdigen Zusammen- 
hängen zwischen Symbionten und den tierischen 
Organen in denen sie wohnen; von ihren Be- 
ziehungen zum Fortpflanzungsprozeß, der Über- 
tragung der Symbionten auf die Eier, die wie 
bei den Aleurodiden in ganzen Zellen — Myceto- 
zyten — des mütterlichen Organismus erfolgt, die 
im jungen Tier eine freilich begrenzte Rolle 
spielen; endlich von den ungewöhnlich kompli- 
zierten Verhältnissen bei den Cikaden — die 
Buchner entwicklungsgeschichtlich zu deuten 
versucht — und hört die Lösung des alten Problems 
vom tierischen Leuchten. 



144 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 10 



Eine große Anzahl von Originalen und anderen 
Abbildungen ermöglicht auch dem Nichtzoologen 
die Verfolgung der Schicksale der Symbionten 
im tierischen Organismus, bei der nur gelegentlich 
der Mangel von Angaben über die verwandte Ver-' 
größerung störend empfunden wird. 

Die physiologische Seite des Problems steckt 
freilich noch in den Anfängen. Buchner hat 
sorgsam alle Theorien über die mögliche Be- 
deutung der Symbionten für den Stoffwechsel 
und das biologische Verhalten des Tiers gesammelt 
und selbst neue Wege und Möglichkeiten aufge- 
wiesen. 

Botaniker haben sich mit der Sache erst in 
sehr geringem Umfang beschäftigt. Und doch 
ist die Lösung der physiologischen Fragen erst 
nach Identifizierung, Isolierung und Reinkultur 
der betreffenden Symbionten möglich, die mehr- 
fach versucht wurde und in einigen Fällen ge- 
lungen sein soll. 

Die Einsicht in die betreffenden Original- 
arbeiten läßt aber bereits erkennen, daß es sich 
hier um zum Teil mit ganz unzureichenden 
Methoden unternommene Versuche handelt und 
daß positiven Resultaten gegenüber — mit sehr 
wenigen Ausnahmen — die größte Skepsis am 
Platze ist. Burgeff. 

Stra^burger, E. , Das Botanische Prakti- 
kum. Anleitung zum Selbststudium der mi- 
kroskopischen Botanik für Anfänger und Ge- 
übtere. Zugleich ein Handbuch der mikrosko- 
pischen Technik. Sechste Auflage, bearbeitet 
von M. Ko ernicke. XXVI und 873 S. mit 
247 Holzschnitten und 3 farbigen Bildern im 
Text. Gr. S". Jena 1921, Gustav Fischer. — 
Brosch. 120 M., geb. 135 M. 
Das große botanische Praktikum erscheint zum 
zweiten Male seit Straßburgers Tod, ganz in 
seinem Sinne von Koernicke weiter geführt. 
Es ist seit langem nicht nur das Vademekum des 
mikroskopierenden Botanikers, sondern auch man- 
cher Zoologe hat seine Technik im Fixieren, 
Schneiden, Färben und Mikroskopieren an der 
Hand des Altmeisters der botanischen Cytologie 
ausgebildet. Es gibt auch sicherlich kein modernes 
Buch, das so klar und umfassend die Grundlagen 
der mikroskopischen Technik darstellt, wie der 
Straßburger- Koernicke. Die altbewährte Anord- 
nung ist dieselbe geblieben, dabei wurde aber der 
Stoff vollkommen durchgearbeitet und mit dem 
Stand des heutigen Wissens in Einklang gebracht. 
Eingehender noch als in den früheren Auflagen 
wurden die Literaturbelege angegeben, und vor 
allem eine möglichste Lückenlosigkeit auf mikro- 



skopisch-technischem Gebiete angestrebt. Das ist 
bis zu einem überraschend hohem Grade gelungen 
und dabei auch die ausländische Literatur benutzt, 
soweit das unter den heutigen Umständen mög- 
lich ist. Erreicht wird das wie in den früheren 
Auflagen durch ein besonderes umfangreiches 
Register, in dem für die Vertreter aller Abteilungen 
des Pflanzenreichs die empfehlenswertesten Fixie- 
rungs- und Färbungsverfahren, für die niederen 
zudem noch in möglichster Vollständigkeit die 
besten Kulturmethoden angegeben sind. Zu er- 
wägen wäre vielleicht gewesen, ob die im Text 
angeführten Preisangaben für mikroskopische 
Utensilien, die sich noch durchweg auf der Basis 
der Vorkriegszeiten halten, besser fortgelassen 
wären. Bei der nächsten Auflage müßten wohl 
auch einige der zarteren Klischees erneuert werden. 

Nienburg. 

Wolff, Dr. Hans, Die Harze, Kunstharze, 
Firnisse und Lacke. Berlin und Leipzig 
1921, Vereinigung wissenschaftlicher Verleger 
W. de Gruyter & Co. 6 M. 
Eine vorzügliche Übersicht aus der Feder des 
bekannten Fachmannes in diesem analytisch wie 
konstitutionschemisch gleich unübersichtlichen 
Gebiete I Dem Anfänger wird eine gute Vor- 
stellung von der Mannigfaltigkeit des Themas 
gegeben, — beinahe freilich ist zu viel des Guten 
an Stoff geboten. Bei den dankenswerterweise 
häufigen Literaturhinweisen könnte manches Pro- 
blematische zugunsten des Grundsätzlichen gekürzt 
werden. Viele ebenso gute wie knapp dargestellte 
analytische Hinweise werden dem Büchlein im 
Kreise der Fachgenossen Eingang verschaffen, und 
Berichterstatter bestätigt, daß man wirklich danach 
„arbeiten" kann. Eine Bereicherung des Schrift- 
tums, der Verbreitung dringend zu wünschen ist! 

H. H. 



Literatur. 

Vaerting, Dr. M., Die weibliche Eigenart im Männer- 
staat und die männliche Eigenart im Frauenstaat. Karlsruhe 
i. B. '21, G. Braunsche Hofbuchdruckerei und Verlag. 25 M. 

V. Frisch, Karl, Über den Sitz des Geruchssinnes bei 
Insekten. Jena '21, Gustav Fischer. 18 M. 

Tschulok, Dr. S., Deszendenzlehre. Jena '22, Gustav 
Fischer. 48 M., geb. 58 M. 

Das Ftlanzenreich, herausgeg. von A. Engler, IV, 252. 
A.Brand, Borraginaceae-Borraginoideae Cynoglosseae. Leip- 
zig '21, W. Engelmann. 144 M. 

Vegetation der Erde , herausgeg. von A. Engler und O. 
Drude. IX.: A. Engler, Die Pflanzenwelt Afrikas, insbe- 
sondere seiner tropischen Gebiete. III. Band, 2. Heft. Leip- 
zig, W. Engclmann. 340 M., geb. 375 M, 

— — , XIV.: L. Cockayne, The Vegetation of New 
Zealand. 210 M., geb. 250 M. 



InbBlt: E. Fischer, Stoff und Eigenschaft. S. 129. L. Lindinger, Ein Vorschlag zur genauen Festlegung des Kund- 
orts. S. 132. — Einzelberichte: R. Nordhagen, Kulktuffstudien aus dem zentralen Norwegen. (3 Abb.) S. 133. — 
BUcberbesprecbungen : K. Diener, Paläontologie und Abstammungslehre. S. 143. P. Büchner, Tier und Pflanze 
in intrazellulärer Symbiose. S. 143. E. Straßburger, Das Botanische Praktikum. S. 144. H. Wolff, Die Harze, 
Kunstharze, Firnisse und Lacke. S. 144. ^ Literatur: Liste. S. 144. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. II. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstrafie 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 

Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge 21. Band; 
der gaDzen Reihe 37. Band. 



Sonntag, den 12. März 1922. 



Nummer 11. 



Eine elementare Theorie der Gravitation. 



oder: 



Von Stjepan Mohorovifcli- 

[Nachdruck verboten.] Mit 2 Abbildurigen. 

I. Es ist bekannt/) daß A. Einstein zuerst 
das Gravitationsfeld mit Hilfe seines Coupes er- 
klären wollte, in welchem sich eingesperrt ein 
Beobachter (x', y', z', t') befindet; dieses Coupe 
bewegt sich gegen einen „ruhigen" Beobachter 
(x, y, z, t) mit einer variablen Geschwindigkeit. 
Ein konstantes Gravitationsfeld wird der Beob- 
achter im Coupe nur dann konstatieren, wenn sich 
sein Coupe mit einer gleichmäßig beschleunigten 
Geschwindigkeit (mit konstanter Beschleunigung g) 
bewegt. Diesen Fall werden wir hier etwas näher 
betrachten und wir nehmen in erster An- 
näherung an, daß die beiden Systeme S' und S 
mittels der Galilei sehen Transformationsglei- 
chungen gebunden sind: 

x' = X — vt, y' = y, z' = z, t' = t; (i) 
in unserem Falle müssen wir anstatt der Ge- 
schwindigkeit V die mittlere Geschwindigkeit v 
annehmen, wo 

^•=.V = ^^, (2) 



X = o, y ^ + w t, 
und mit Rücksicht auf (3): 



X^= t , 

2 



I e 



= + wt 



— -,.T72y 



p 

O' 



(4) 



(5) 



(6) 



und mit Rücksicht auf (i): 



z, i' = t. 



(3) 



^' — ■a—t'', y' = y, 
2 

In der Zeit t' = t = o fallen die beiden Systeme 

zusammen, so auch die Anfangspunkte O' und O 

[siehe Abb. i], und wir werden annehmen, daß in 

diesem Augenblicke der eingesperrte Beobachter 



2 w- 
Der eingesperrte Beobachter in O' wird sich 
denken, daß er sich in einem konstanten Gravi- 
tationsfelde befindet, und daß der Körper P in 
einer Parabel p hinunterfällt; dies zeigt uns, 
daß die Beschleunigung und die Gravitation nur 
von mathematischer Seite gleichwertig sind, wie 
ich dies schon in einer anderen Arbeit betont habe.') 
2. Dieses Ergebnis der Newtonschen IVIechanik 
müssen wir hier etwas umändern, da sich in der 
Tat die Geschwindigkeit v nach einem anderen 
Gesetze als in der klassischen Mechanik ändert; 
sie darf nie größer als die Lichtgeschwindigkeit c 
werden, d. h. für t ^ co ist v == c. Wir können 
sehr leicht finden, daß:-) 



1/ 



1 + 



g-i' 



Um den zurückgelegten Weg in der Richtung der 
negativen x'- Achse zu finden (Abb. i), müssen wir 
das Integral berechnen: 




x' = — ,/' V dt. 



(II) 



wo wir für v den Wert aus (7) einsetzen müssen, 
und wir finden für den zurückgelegten Weg sofort : 



im Coupe einen Körper P längs der y-Achse mit 
einer konstanten Geschwindigkeit w geworfen hat; 
d. h. wir haben 



') S. Mohorovicic, Die Folgerungen der allgemeinen 
Relativitätstheorie und die Newtonsche Physik. Diese Zeitschr. 
20, 1921, 737—739, Nr. 52. 

Dieses Beispiel habe ich deshalb hier so ausführlich be- 
trachtet, um zu zeigen, daß wir auch in der klassischen Me- 
chanik auf diese Weise das Gravitationsfeld „erzeugen", und 
die Erscheinungen, welche sich in ihm abspielen, mathematisch 
beschreiben können. Die Stärke dieses Gravitations- 
feldes wird hier von der Zeit unabhängig. 

'-| Um das Gesetz über die Änderung der Geschwindig- 
keit mit der Zeit abzuleiten, können wir aus der Formel (Sg) 
in dem Buch von M. v. Laue, Die Relativitätstheorie I. Bd. 
S. 90 (4. Aufl.), nachdem wir sie etwas vereinfacht haben, 
ausgehen: 

X- — c-t''= \,. (8) 



Wenn 
oder 



') Wegen leichteren Verständnisses und gröflerer Klarheit 
der Theorie sind wir genötigt in den §§ I — 5 einige vorbe- 
reitende Ausführungen durchzuführen, welche ganz elementarer 
Natur sind. 



vir diese Gleichung diflferentieren, bekommen wir: 

xdx — c-tdt = o (9) 

v = ^'. lio) 

X 

Setzen wir den Wert von x aus (8) in (10) ein, so haben wir 
unmittelbar das gesuchte Gesetz (7). 



146 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. II 



Da nach der Voraussetzung 

y= + wt, 
so finden wir, wegen y' := y, aus (12): 



oder: 



(-11 



x'-^ =^.+ 



— 2 — x' :^ — 5 y' 



(12) 



(13) 



(14) 



(14»'^) 



und dies ist eine Hyperbel, welche einen 
Scheitelpunkt in dem Koordinatenursprung O' 
hat (siehe Abb. 2), und uns wird nur dieser Ast 
interessieren, für welchen x' < o ist. Wir haben 
im voraus eiije hyperbciartige Kurve erwartet, da 
nach einiger Zeit der Körper P annähernd längs 




der Gerade (Asymptote) MMoo sich bewegen 
möchte, weil seine Geschwindigkeit, mit welcher 
wir ihn längs der y-Achse geworlen haben, konstant 
ist und die Geschwindigkeit längs der negativen 
x'- Achse wird nach einiger Zeit schon fast ihr 
Maximum c erreichen. 

Wir können noch zeigen, daß die Parabel p 
der klassischen Mechanik nur die erste An- 
näherung unserer Hyperbel h ist. Suchen wir 
im Koordinatenursprung O' die Näherungskurve 
unserer Hyperbel h, so finden wir mit Hilfe des 
analytischen Dreiecks, daß dafür nur die Glieder 
mit x' und y'-' in Betracht kommen; somit finden 
wir als Nährungskurve die Parabel p (6) der 
klassischen Mechanik, wo immer g <C c sein muß. 
Dieselbe bekommen wir aus (m*"'^), wenn wir sie 
mit c" dividieren und dann c = ^c einsetzen.') 



') Für c = 00 nimmt (12) unbestimmten Wert an; wir 
werden auch später zeigen, daß in diesem Spezialfall x' den 
Wert (i) annehmen wird. Jetzt können wir in erster An- 
näherung (12) in der Form schreiben: 

'^ gl' r"*"2cVj 2' 

und dies ist das Gesetz (5) der klassischen Mechanik. 



Wir werden noch die große und kleine Achse 
a und b unserer Hyperbel h (m*"'') berechnen; 
dafür finden wir: 

Ma=a = '^, MN=b = '^*^; (15) 
g g 

die große Achse und die Lage des Hyperbel- 
mittelpunktes M sind unabhängig von der Ge- 
schwindigkeit w des Körpers P. 

3. Wenn der eingesperrte Beobachter im Coupe 
den Körper P mit der Lichtgeschwindigkeit c 
längs der y- Achse geworfen hätte, so wäre dann 

b^ -== a; d. h. unsere Hyperbel h wäre eine 

g 
gleichseitige Hyperbel, und gerade dieselbe, 
welche Born in der xt- Ebene bekommen hat.') 
Diese gleichseitige Hyperbel möchte auch ein 
Lichtsignal beschreiben, wenn es der Beobachter 
im Coupe längs der y- Achse abgesendet hätte, in 
dem Augenblick t = o. Da das Licht die Energie, 
dann auch die schwere Masse hat, so wird es 
für den Beobachter im Coupe, welcher glaubt in 
einem „konstanten" Gravitationsfelde sich zu be- 
finden (welches Feld in der Wirklichkeit immer 
schwächer und schwächer wird), dieselbe gleich- 
seitige Hyperbel beschreiben: 

x'" — 2 — x' — y'- = o. (16) 

g 
Wenn das Coupe ein Fenster hätte, so möchte 
der eingesperrte Beobachter den Siern Moo, bzw. 
M'oo (Fig. 2) in der Richtung der positiven, bzw. 
negativen, y'- Achse sehen; er möchte die Hyperbel 
(16) als seine y'- Achse bezeichnen, und wir möchten 
sagen, daß dieser Beobachter „natürlich" mißt, da 
er die Krümmung des Lichtstrahles nicht kon- 
statieren könnte; für ihn pflanzt sich das Licht 
geradlinig fort, gerade so, wie auch für den 
„ruhigen" Beobachter in O, für welchen kein 
Gravitationsfeld besteht. Auf diese Weise sind 
wir gekommen zu dem Satz der Relativität des 
Gravitationspotential, bzw. der Gravitationswir- 
kung.-) Daraus folgt, daß wir alle diese Erschei- 
nungen behandeln können, als wenn kein Gravi- 
tationsfeld vorhanden wäre, und wir können auch 
die Loren tzschen Transformationsgleichungen 
benützen. Da wir gerade die Unterschiede finden 
wollen, welche im „konstanten" Gravhationsfelde 
bestehen, so müssen wir einige Korrekturen durch- 
führen, d. h. wir müssen „rationell" messen. 

4. Wenn der Beobachter im Coupe ein Licht- 
signal nach allen Seiten im Augenblicke t' ^ t = o 
aus O' sendet, dann wird es ihm scheinen, falls 

') M.V.Laue, I.e.; siehe auch M.Abraham, Theorie 
d. Klektr. 11. Bd., 4. Aufl., 1920, S. 376—377. Dort steht es, 
daß die Geschwindigkeit v deshalb nicht großer als die Licht- 
geschwindigkeit c werden kann, weil die Beschleunigung mit 
wachsender Zeit beständig abnimmt. Die Stärke des 
Gravitationsleides wird deshalb, für den Be- 
obachter im Coupe, mit der Zeit beständig ab- 
nehmen. 

2) Vgl. z. B. G. Mie, Die Einsteinscbe Gravitations- 
Iheorie. Leipzig 1921; S. 37— 38 und 46—47. So sagt er 
(S. 38) : „Ks scheint, als ob eine brauchbare Gravitations- 
theorie ohne ihn wohl nicht zu machen ist, . . . ." 



N. F. XXI. Nr. 1 1 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



147 



er „natürlich" mißt, daß sich das Licht als Kugel- 
welle nach allen Seiten ausbreitet: 

X'- + y'- + z'- = c-t'-, (17) 

welche für den „ruhigen" Beobachter in S alle 
innerhalb des Asymptotenkegels 

Ax- + y- + z- = Ac-t- (18) 

sich befinden werden. Setzen wir jetzt: 



(19) 



wo V mit der Relation (7) gegeben ist, dann 
müssen wir v, welche wir als mittlere Geschwin- 
digkeit bezeichnen werden, so bestimmen, daß 
(18) gerade den gesuchten Asymptotenkegel dar- 
stellen wird. Mit anderen Worten, wir haben hier 
folgende Transformationsgleichungen benützt : 



X — vt 



y- 



-y, z' = z, t': 



t iX 



y^:' 



(20) 



d.h., daß wir bei den bekannten Loren tzschen 
Transformationen eine kleine Korrektur durchge- 
führt haben. 

Anderseits wird v auch folgende Bedingung 
erfüllen müssen : 



x' + vt' 



t'+-,x' 



y = y', z ^ z', t = 



f 



(21) 



Auf den ersten Blick könnte jemand behaupten, 
daß die Transformationsgleichungen (21) den 
Transformaiionsgleichungen (20) widersprechen, 
aber wir dürfen nicht vergessen, daß für einen 
Beobachter ein Gravitationsfeld existiert und für 
den anderen nicht; oder umgekehrt, für den ersten 
Beobachter existiert kein Gravitationsfeld, sondern 
nur für den zweiten und das noch entgegen- 
gesetzter Richtung. 

Um die mittlere Geschwindigkeit v abzuleiten, 
gehen wir von der Relation (7) aus, welche wir, da 



1/ 



1 + 



r^=f-^' (") 



in der Form schreiben können: 



oder mit Rücksicht auf (21): 

v=-gt' + 4,x'v. 

Setzen wir jetzt: 

v= 2v-j-k 
in (23) ein, dann bekommen wir: 

*(2 -^ix') = gt'- 
oder mit Rücksicht auf (21): 



(7bi,) 



(23) 



(24) 



(25) 



|/,_y:_^,.v-i 

f c- c- 



(26) 



Da wir aus (26) und aus (24) denselben Wert für 
V bekommen müssen, werden wir annehmen: 



k== — 4x'v, 



und dann wird: 



gt 



Y' 



2 — -., x' 



(27) 



(26), 



bzw. mit Rücksicht auf (22) und (7), oder direkt 
aus (27) und (24): 

(26), 



^,x' 



In der klassischen IVlechanik war die mittlere Ge- 
schwindigkeit bei der gleichmäßig beschleunigten 

V 

Bewegung v = , welche wir aus (26)3 bekommen 

können, indem wir c = 00 einsetzen, d. h. in erster 
Annäherung. 

5. Wir werden wieder unseren horizontalen 
Wurf betrachten, um ihn mit Hilfe der neuen 
Transformationsgleichungen (20) mathematisch zu 
beschreiben. Da der Körper P in der Richtung 
der y- Achse geworfen ist, so muß für den ,, ruhigen" 
Beobachter, lür welchen kein Gravitationsfeld 
existiert, fortwährend sein: 

X := o, y = + w t. (4) 

Setzen wir (4) in (20) ein, dann bekommen wir: 



gl' 



4x' 



') 



(28)j 



(28), 



y = + wt 

und aus (28)1 folgt, mit Rücksicht auf (28).,, die 
gesuchte mathematische Beschreibung des hori- 
zontalen Wurfes: 



=^'y 



w 



(14'''^) 



') Daraus folgt für c = oo das Gesetz für den zurück- 
gelegten Weg der klassischen Mechanik (5I. — Vergleichen 
wir (,28)1 mit 112), so könnte jemand behaupten, daß wir ein 
anderes Resultat bekommen haben. Aber das kommt nur auf 
den ersten Blick so vor, da wir (28), in der Form schreiben 
können ; 

• c'^ 

x''^ — 2 — x' = c-t-, (29) 

S 
und wenn wir diese quadratische Gleichung nach x' lösen, 
haben wir sofort: 



-t^ 



+ C-t2 



(30) 



und dies stimmt für das negative Vorzeichen genau mit der 
Relation (12) überein, welche wir dort mittels der Integration 
gewonnen haben. 



148 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 1 1 



und dies ist unsere, schon bekannte Hyperbel h. 
Zu demselben Resultat sind wir auf zwei ganz 
verschiedenen Wegen angelangt. 

6. Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des 
Lichtes längs der gleichseitigen Hyperbel (i6) 
für den Beobachter im Coupe, welcher glaubt in 
einem „konstanten" Gravitationsfelde sich zu be- 
finden, wird gegeben durch : 



r 



c^ + 



g-l- 



1+^ 



1 1 



2S <■ 



g^l^ 



(31) 



1+' 



(32) 



oder mit großer Annäherung: 

g-t-_5 S*l\ 

2c- 8 c* '■ 
Betrachten wir jetzt das Licht, welches sich 
von dem Stern IVFoo (Abb. 2) längs der Hyperbel h 
ausbreitet; ein Beobachter — welcher sich gegen 
den Koordinatenanfang O' längs der negativen 
x'- Achse mit der beschleunigten Geschwindigkeit 

(33) 






g't^ 



so bewegt, daß er den Fokus F, erreicht, wenn 
das Licht in O' ankommt — , wird nicht nur be- 
merken, daß das Licht die Hyperbel h beschrieben 
hat, sondern daß es seine mmimale Geschwindig- 
keit in O' erreicht hat. Für diesen Beobachter 
wird die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichtes 
längs der Hyperbel h gegeben durch 

(34) 



"^2c'' 8 c* 



oder 



l-S + iO (3*' 



Dieser Beobachter wird jetzt denken, daß er im 
Zentrum eines zentrisch- symmetrischen Gravi- 
tationsfeldes sich befindet, welches zwingt das 
Licht eine Hyperbel zu beschreiben, gerade so, 
wie wenn dieses ,, Lichtquantum" ein Komet wäre, 
welcher „zu große" Anfangsgeschwindigkeit hätte. 
Für diesen Beobachter ist c^ die Fortpflanzungs- 
geschwindigkeit des Lichtes in unendlich großer 
Entfernung, wo kein Gravitationsfeld existiert. Die 
Relation (34'''') wird deshalb mit Rücksicht auf 
(34) folgende Form übernehmen: 

Die Lichtgeschwindigkeit c wird eine Funktion 
der Entfernung r von Fj und eine Funktion der 
IVIasse M, welche um Fj gerade das betrachtete 
Gravitationsfeld verursacht hat,') und wir können 
einsetzen : '-') 



^^^'^"(■-c^-^r-^c^r^ (35) 

wo wir die Konstante ^ nachträglich bestimmen 
müssen. Setzen wir 

? = 2 - q, (36) 

ein, dann bekommen wir aus (34)1 und (35): 

g-t- kM , / , i\ k-M- , , 

__2c„-c„-^r+(^ + 3)c„V-- (37) 

Für t- können wir den Wert aus (28)1 einsetzen, 
wo wir anstatt x' x' -[- f nehmen müssen, da 
jetzt der Koordinatenanfang in dem Brennpunkte 
Fl (Abb. 2) sich befindet, und { = 0'b\. So 
haben wir: 

g-^C^ -. _ g (x' + f) ^2 - ^^,. (X' + f)| , (38) 

wo wir c„ anstatt c eingesetzt haben, da jetzt 
Co die Lichtgeschwindigkeit im leeren Räume 
(unendlicher Entfernung) bedeutet. Da 

r -=- — x' - f (39) 

ist, (weil wir hier x' < O betrachtet haben), so 
bekommen wir aus (37), mit Rücksicht auf (38) 
und (39), 

2kMco 



r + 2^! 



. / , i\2k-M- , , 



und daraus, wenn wir wie bis jetzt das negative 
Vorzeichen der zweiten Wurzel beibehalten, 

Co- f I , 2kM . / , i\2k-M-|, , 



oder : ^) 



kM , k-M-' 

.■2 +q„-o .■ 



(42) 



Diese Formel unterscheidet sich von der Formel 
(43) der Newtonschen Mechanik dadurch, daß 
in ihr noch ein sehr kleines Glied vorkommt. 
Für Co = 00 geht (42) über in : 



') Auf diese Weise haben wir nicht nur das zentrisch- 
symmetrische Gravitationsfeld , sondern auch die Masse M 
„erzeugt", da die beiden untrennbar sind. 

kM 
') Das zweite Glied „ in (35) haben wir deshalb 

genommen, um in erster Annäherung die Newton sehe Theorie 
zu bekommen (k ist die bekannte Gravitationskonstante). Des- 
halb darf dieses Glied keine andere Konstante besitzen, wie 
dies bei der E. Wie eher t sehen Theorie der Fall ist. 



^) Aus (34bis), mit Rücksicht auf. (28)1, folgt: 



2 + 2 



g^f 



(32)' 



(32)" 



Wenn wir hier den Werl für g aus (42) einsetzen, so bekom- 
men wir sofort die Formel (35). Behalten wir in (32)" nur 
das zweite Glied, dann haben wir, mit Rücksicht auf (43), 

c = Co(x-^^g (44) 

und dies ist die Kortpllanzungsgeschwindigkeit des Lichtes in 
transversaler Richtung, welche uns in erster Annäherung die 
K in st einsehe Gravuationstheorie gibt. 



N. F. XXI. Nr. II 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



149 



und dies ist die bekannte Formel ') der klassischen 
Mechanik für die Beschleunigung g, welche ein 
Himmelskörper einer Masse in der Entfernung r 
erteilt. Wir müssen aber die genauere 
Formel (42) bei der Berechnung der 
Planetenbahn verwenden. 

7. Bei unserer ganzen Betrachtung ist sehr 
wichtig, daß wir den relativen Zeitbegrifif und die 
vierdimensionale Raum-Zeit-Mannigfaltigkeit über- 
haupt nicht gebraucht haben, da wir die §§ 4 
und 5 auch weglassen könnten. Deshalb werden 
wir unser Problem nur in dem Räume weiter 
betrachten. Da die Planetenbahnen einige Be- 
dingungen erfüllen, welche bereits auch in der 
klassischen Mechanik für die zentralen Kräfte F 
ganz allgemein untersucht sind, so werden wir 
bei der Berechnung der Planetenbahn von der 
bekannten B inet sehen Formel'-) ausgehen: 



F = — 



f(7 + 



dfp-' 



(45) 



wo r und (p die Polarkoordinaten sind, und die 
Konstante B erfüllt die Bedingung 



dt 



B. 



(46) 



Hier ist - B die Flächengeschwindigkeit und des- 



halb ist: 



B=:= 



2?rao-yi — «^ 



(47) 



wo T die Umlaufzeit, a^ die große Achse der 
Bahnellipse und £ die nummerische Exzentrizität 
bedeutet : 



]/■ 



(48) 



(b„ ist die kleine Achse der Bahnellipse). 

Die zentrale Kraft wird mit Rücksicht auf (42): 

„ /kM , k'M-\ , ^ 

F .-m(^,+q^,^J, (49) 

und die Binetsche Formel (45) wird die Form 
übernehmen: 



kjl k-M- 

B- "'"^B^c --r 



^ - + 



üff"- 



(50) 



Diese Differentialgleichung werden wir versuchen 
zu lösea durch 





I -j-«cosA.f/' 


^5U 


und 


P = ao(i — «') 


(52) 



') O. D. Chwolson, Lehrbuch d. Physik. Bd. 1, S. 206; 
Braunschweig 1902. 

^) P. Appel et .S. Dautheville, Prfcis de mecaniquc 
rationelle. S. 267 ; Paris 1910. 



ß=const. (53) 

und ihren Wert werden wir später bestimmen. 

Wenn wir (51) in (50) einsetzen, geben uns 
die Koefizienten von cos Ay: 

k-^M^ 



/■-=i-q. 



(54) 



Co'-B-" 

und das Absolutglied wird gleich Null; daraus: 

k'-'M- 
Mkp — Mkp + q ^- ^ B-. (55) 

Hier werden wir zuerst den Wert für p und B 
aus (52) und (47) einsetzen, und da wir annehmen 
dürfen: 

47C-ao^ 



so folgt aus (55) 



kM = ^^^, (56) 



? -- q 7 o . (53''") 

worauf wir noch zurückkommen werden. 

Setzen wir aus (56) und (47) die Werte für 
kM und B in (54) ein, so bekommen wir: 
45T-ao- 



/.-= I — q 



Co'T'^i— f^) 



und daraus: 



I— q 



(57) 



(58) 



Die Perihelverschiebung nach jedem Umlauf wird:*) 
^1=1 —2 71, (59) 

und, mit Rücksicht auf (58): 

4 7r=*ao- 



^1 



(60) 



Co'^T-(i — £-)■ 
Bezeichnen wir mit J die Dauer eines Erd- 
jahres, dann werden wir, für die Perihelverschiebung 
nach 100 Erdjahren, bekommen: 

47r»a(," 100 J .- , 

und dies ist gerade die Formel, welche E. W i e - 
chert'-) als T isser and sehe Formel bezeichnet 
hat. Jetzt stellt sich von selbst die Frage auf, 
was für einen Wert wird q übernehmen, und 
diesbezüglich mache ich aufmerksam auf die 
zitierte Arbeit von E. Wiechert. Hier werden 
wir nur betrachten, zu welchem Resultat uns 
unsere Theorie führen wird, wenn wir voraus- 
setzen, daß die Relation 

c = Co(i+^J (62) 

genau erfüllt ist, wo </> das Gravitationspotential 
ist, welches wir, mit Rücksicht auf (35), in der 
Form schreiben können : 



') Vgl. z.B. E. Reichenbächer, Grundzuge zu einer 
Theorie der Elektrizität und der Gravitation. Ann. d. Physik 
(4) 52. 1917; S. 161. 

^) E. Wiechert, Die Gravitation als elektrodynamische 
Erscheinung. Ann. d. Physik (4) 63, 1920; S. 311. Diese 
Arbeit gibt uns auch eine schöne Darstellung der älteren 
Versuche. 



ISO 



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N. F. XXI. Nr. II 



^ _ _ kM _ k^j^a 



(63) 



Wir können aber <1> noch aus (42) berechnen, 
und wir bekommen: 

kM qk-M2 



* = — 

r 2 Co^i^ 

und daraus sehr wichtige Relation: 



(63)' 

(36)' 

(64), 
(64), 



Vergleichen wir (36J' mit (36), so folgt: 
q = f = i.33, 
- 2 , 

C = = 0,67. 

' 3 ' 

Wir haben auf Grund der Voraussetzung 
(62) den Wert von q bestimmt, und aus (61) folgt 
für die Perihelbewegung des Planeten Merkur für 
100 Erdjahre: 

'/'ioo = ll.5", (65) 

während der wahrscheinlichste Wert — wenn wir 
auch die Andi n gsche Drehung des empirischen 
Koordinatensystems von ca. 8" im Jahrhundert 
berücksichtigen — ist i/^jog = 34" + 5", welcher 
dreimal so groß ist als der Wert (65). Den Rest 
von 23" können wir leicht mittels Newcomb')- 
S ee liger sehen ^) intramerkurialen Massen er- 
klären, welche im Zusammenbang mit Zodiakal- 
licht sein dürfen. Hier muß ich aber betonen, 
daß die Relation (62) vielleicht in keinem Zu- 
sammenhang mit der hier entwickelten Theorie 
ist; ihre Schönheit besteht darin, daß sie den 
relativen Zeitbegriff und die vierdimensionale Raum- 
Zeit-Mannigfaltigkeit nicht notwendig braucht, da 
wir die §§ 4 u. 5 auch weglassen können. Es 
genügt nur den Satz zu behalten, daß sich ein 
Körper mit größerer Geschwindigkeit als Licht- 
geschwindigkeit nicht bewegen kann. Da wir die 
§§ 4 u. 5 weglassen könnten, so sehen wir, daß 
die Relativitätstheorie im besten Falle 
nur einen heuristischen Wert hat. 

8. Uns wird nicht nur die Perihelbewegung 
interessieren, sondern wir wollen auch die Planeten- 
bahn um den zentralen Körper M näher be- 
stimmen. Die Gleichung der Planetenbahn ist 
durch (51) gegeben, welche wir noch in der Form 
schreiben können: 



r + R = 



R 



I -{- £ COS A (p' 



(5, bis) 



(66) 



I -\- £ COi).<f 

ist. Daraus sehen wir, daß die Planeten etwas 
näher von der Sonne kreisen werden (wegen 
größerer zentraler Krafi) als in der klassischen 



') F. Tisserand, Traitt; de mecanique Celeste. T. IV, 
pag. 539- 

«) Vgl. 7.. R K. Wiechert, 1. c. S. 308. 
■') E, Wiechert, 1. c. S, 31S, 



Mechanik. Alle diese Entfernungen, wieviel die 

Planeten sich jetzt der Sonne näher befinden, sind 

Radiusvektoren einer Ellipse; die Sonne befindet 

sich in einem Brennpunkte und der Parameter q 

ist durch die Relation (53'''^) gegeben. Da für 

kM 
unsere Sonne — 5= 1,448 km ^) ist, so haben wir: 

Co" 

(. = 1,448 q km; _ (53^=) 

auch für den extremen Wert q = 6 ist der Unter- 
schied gegen die klassische Mechanik sehr klein. 
Die Ellipse (66) hat dieselbe numerische Ex- 
zentrizität wie die Ellipse (si*"'^) der klassischen 
Mechanik, wo p = o ist. Wenn wir mit aj und 
bj die große und kleine Achse der Ellipse (66) 
bezeichnen, dann ist: 

e = a](i — «'). (67) 

und daraus, mit Rücksicht auf (48) und (52): 
a -^a 

l (68) 

Der Parameter p ist unabhängig von 
der Entfernung des Planeten von der 
Sonne, d. h. alle Ellipsen (66) für verschiedene 
Planeten werden konfokal sein und sie möchten 

gehen durch zwei feste Punkte R = ?, (f ^ 

■1 

und R = — Q, (p = 7t, wenn sich auch ihrer 

Perihel nicht bewegen möchte. R wird alle Werte 

zwischen . und — - — annehmen, wo immer 
1 -f- f I — £ 

o <; £ <C I ist. 

9. Unsere Theorie führt auch zur Ablenkung 
des Lichtes in der Nähe der zentralen Masse M. 
Man kann sehr leicht zeigen, daß hier nur das 
erste Glied in (63), bzw. das erste und das zweite 
Glied in (35) in Betracht kommen, welche ganz 
unabhängig von jeder Voraussetzung sind; (das 
zweite Glied in (63) ist gegen dem ersten ca. 
millionmal kleiner), so daß wir für die Lichtab- 
lenkung in der Entfernung r von dem Mittel- 
punkte der Masse M bekommen werden: 

T^ 2kM ,, . 

K= -, , (69) 

Cfl-r 

d.h. wir bekommen nur dieHälfte desjenigen 
Betrages, welchen uns die allgemeine Relativitäts- 
theorie von A. Einstein gibt.') Diesen Betrag 
(69) haben schon viele andere Autoren auf Grund 
der Newton sehen Theorie gewonnen.''') Dieser 
Wert ist auch wahrscheinlicher als der 
zweifache von A. Einstein,^) wenn wir 
noch die jährliche Refraktion von Courvoisier*) 

') Da bei uns die Verzerrung des Raumes nicht in Be- 
tracht kommt. 

') Vgl. z. B. S. Mohorovicic, 1. c. 

') Vgl. 2. B. A. Koppf, Grundzüge der Einsteinschen 
KelalivitStstheorie. S. 178 ff. Leipzig 1921. 

*) Th. Banachiewicz, Deflexione de radios de luce 
per Sole. Circul. de rObservatoire de Cracovie. Nr. 10, 1921. 



N. F. XXI. Nr. II 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



151 



berücksichtigen, welche in der Nähe der Sonne 
am größten ist. Es scheint, daß der Einst einsehe 
Wert zu groß ist,') aber darüber kann man heute 
noch nicht entscheiden; wir müssen die nächste 
totale Sonnenfinsternis abwarten und was sehr 
wichtig ist, solange die Frage der jähr- 
lichen Refraktion nicht endgültig ge- 
löst ist.-) 

10. Unsere Theorie führt uns auch zur Rot- 
verschiebung der Spektrallinien. Es genügt, wenn 
wir von der Formel (35) für die Fortpflanzung 
des Lichtes im Gravitationsfelde ausgehen, welche 
wir in erster Annäherung in der Form schreiben 
können: 

^ = '^°(;-c7^r) (44) 

und dies ist, wie wir 'schon betont haben, die 
Einst einsehe Formel für die Fortpflanzung des 
Lichtes in transversaler Richtung. Die Formel 
(44) ist genügend, um auch ohne Relativisierung 
der Zeit die Rotverschiebung der Spektrallinien 
abzuleiten, wie ich dies auf eine sehr einfache 
Weise in der zitierten Arbeit gezeigt habe. Auf 
dieselbe Weise bekommen wir hier: 
Jl kM 

T--c~^7 (70) 

d. h. dieselbe Verschiebung wie in der Ein- 
st einschen Theorie. Hier ist l die Wellenlänge 
und Jl die Differenz der Wellenlängen im Gravi- 
tationsfeld und in unendlich großer Entfernung 
(z. B. auf der Sonne und auf der Erde usw.). 

11. Die hier entwickelte elementare Gravi- 
tationstheorie führt uns noch zu einem sehr wich- 
tigen Satz, welcher uns zuerst sehr überraschen 
wird; aber er ist auch in einigen anderen Gravi- 
tationstheorien enthalten. Die Beschleunigung, 
welche die zentrale Masse (Sonne) M dem Planeten 
m erteilt, ist durch (42) gegeben: 

kM , k^VI^ , ^. ^ 

&M = -^ + q -T73 (42*"^) 

r "-O ' 

daraus folgt, daß die zentrale Masse M den Planeten 
m mit der Kraft 



es ist: 



/kM , k-M'n 
FM = -m(^+q^ (49" 



anzieht. Dagegen wird der Planet m der zentralen 
Masse M in der Entfernung r die Beschleunigung 
erteilen : 



km 



+ q 



k-^r 



(71) 



d. h. der Planet m zieht die zentrale Masse M mit 
der Kraft an: 

„ -,/km , k-m'\ , , 

Fn. = -M(-^+q^^-^^,). (72) 

Vergleichen wir die beiden Kräfte (72) und (49'''='), 
so sehen wir, daß sie nicht gleich sind, sondern 



') Vgl. z, B. E. Wiechert, 1. c. S. 319. 
^) Vgl. z. B. B. Wanach, Die Polhöhenschwankungen. 
Die Naturwissensch. 1919; Heft «6 u. 27. 



FM-F„| = q 



k-Mi 



(M-m)=5; (73) 



d. h. die Sonne M zieht den Planeten m 
mit größerer Kraft, als der Planet die 
Sonne (vorausgesetzt, daß M > m). In 
unserer Theorie gilt das dritte New- 
tonsche Gesetz von der Gleichheit der 
Wirkung und Gegenwirkung nicht 
mehr.') Ü wird zweimal den Wert Null über- 
nehmen, und zwar für m = o und m = M; der 
Wert von 2 ist aber sehr klein. Setzen wir 
C|, = 00, so bekommen wir ä = o, d. h. das N e w- 
tonsche Gesetz von der Gleichheit der Wirkung 
und Gegenwirkung gilt erst in erster Annäherung, 
da auch alle Formel unserer Theorie für c„ = 00 
sich auf die Formel der klassischen Mechanik 
reduzieren. Dieses Resultat (73) darf uns nicht 
überraschen, da gerade das zweite Glied in der 
Formel (49^'^) die Perihelbewegung verursacht. 
Es wird nicht nur der Planet um den mit der 
Sonne gemeinsamen Schwerpunkt kreisen, sondern 
auch die Sonne, und der Perizenter ihrer Bahn 
wird mit derselben Winkelgeschwindigkeit rotieren. 
Wenn im Gegenteil das Aitraktionsgesetz gelten 
möchte : 

kmM , k-m'-^M" , , 

F' = --r-+q^27^. (74) 

dann hätte auch das dritte Newtonsche Gesetz 
seine Gültigkeit, aber die Perihelbewegung wäre 
noch von der Planetenmasse abhängig, worüber 
wir uns sehr leicht mittels Binetscher funda- 
mentalen Relation (45) überzeugen könnten. Und 
gerade deshalb können wir die Formel (74) nicht 
übernehmen, sondern nur (49'''^) und (72), welche 
gleichzeitig bestehen. Wir könnten noch sehr 
leicht zeigen,-) daß ß ihr Maximum erreichen 
wird, wenn 

m = ^- M. (75) 

Zu dem erwähnten Resultat führt auch die 
Wiechertsche elektrodynamische Theorie der 
Gravitation, da sein Potential (80) ^) wird, mit 
Rücksicht auf seine Relation (95), die Form über- 
nehmen: 

kM . r- + 2£ k'-M- , ^, 

-^ + -^ — ^rT72' (76) 



<?v 



wo wir eine additive Konstante nicht berück- 
sichtigen werden. .Aus (70) und (63)' folgt: 



q = — 2^ 



(77) 



Das unsere und das Wiechertsche Potential 
sind ganz ähnlich, und da 

g=-,7' (78) 



') Vielleicht ist dies die Ursarhe der An dingschen 
Drehung des erwähnten eropiiischcn Koordinatensysti ms. 

*) Wir brauchen nur (73) derivieren nach m und der 
Null gleichsetzen. 

^) E. Wiechert, L c. 



152 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 1 1 



so besteht auch in seiner Theorie das dritte 
Newtonsche Gesetz nicht mehr. Damit werde 
ich mich nicht weiter befassen, aber es wäre sehr 
wichtig darüber auch die anderen Gravitations- 
theorien genau zu prüfen. In der neuesten Zeit 
hat O. Wiener ') seine groß angelegte Kinematik 
des Äther entwickelt, und er hebt bei seinen 
positiven und negativen Massen hervor, daß dort 
auch das dritte Newtonsche Gesetz von der 
Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung viel- 
leicht seine Gültigkeit verliert. 

12. Die hier entwickelte elementare Theorie 
der Gravitation erklärt uns nicht die Gravitation 
und ihre Ursache, sondern sie beschreibt uns nur 
die Vorgänge im Gravitationsfelde ähnlich wie 
auch die Einst einsehe Theorie; sie zeichnet 
sich aber durch ihre Einfachheit und Durch- 
sichtigkeit aus. Sie führt uns zur Perihelbewegung 
der Planeten, welche wahrscheinlich bei dem 
Planeten Merkur nicht so groß ist, wie dies die 
Einst einsehe Theorie verlangt. Und gerade 
wurde dieses Resultat von den Relativitätstheo- 
retikern am meisten hervorgehoben als besondere 
experimentelle Bestätigung ihrer Theorie,'-) obwohl 
die erhaltenen Werte für die Erde und Mars nicht 
stimmten. Seinerzeit hat A. Hall eine Hypothese^) 
hervorgebracht, welche man fast vergessen hat. 
Er versuchte die Perihelbewegung der vier inneren 
Planeten dadurch erklären, indem er folgendes 
Attraktionsgesetz vorausgesetzt hat: 

^ kMm , , 

^=^^' (79) 



N = 2 + ff, (8o), 

und für 

<7 = o,ooo ooo 1 5 1 (8o)., 

hat er folgende Perihelverschiebungen im Jahr- 
hundert bekommen: Merkur 41", Venus 16", Erde 
10" und Mars 5"; für die Verschiebung des 
Perigeums unseres Mondes 140". Wir können 
ganz offen sagen, daß diese Resultate mit der 
Beobachtung vorzüglich übereinstimmen. Trotz- 
dem bin ich überzeugt, daß uns solche Versuche 
nicht befriedigen können, da sie nicht imstande 
sind auch einige andere Vorgänge im Gravitations- 
felde zu beschreiben oder eventuell erklären, so- 
lange wir nicht berücksichtigen, daß 
auch dem Licht Energie und schwere 
Masse zukommt. Jetzt könnten wir auch die 

') O. Wiener, Das Grundgesetz der Natur und die 
Erhaltung der absoluten Geschwindigkeiten im Äther. Ab- 
handl. d. math.phys. Kl. d. sächs. Akad. d. Wiss. XXXVIII. Bd. 
Nr. IV, S. 42; Leipzig 1921. 

-) In neuerer Zeit strüuben sich viele dagegen; so- sagt 
z. H. F. Nölke (Das Pioblem der Entwicklung unseres Pla- 
netensystems. S 3^q, Berlin 1919), wenn er über das Zodiakal- 
licht spricht, wörtlich: ,,Ob die auf die Relativitätstheorie 
sich giündende Einsteinsche Erklärung der Vorwärts- 
bewegung des Merkurperihels zulässig ist, kann wegen des 
problematischen Charakters, den die Theorie selbst noch be- 
sitzt, vorläufig nicht entschieden werden." 

') Vgl. z. K. V. Tisserand, 1. c. T. IV, S. 539. 



Lichtablenkung wie in der Newton sehen Physik ') 
ableiten, sowie die Verschiebung der Spektral- 
linien.-) Solche Theorie ist aber nicht durch- 
sichtig und wir sehen nicht die Ursache, warum 
wir ein anderes Attraktionsgesetz annehmen müssen. 
Aber auch unsere Theorie kann uns 
vorläufig nicht ganz befriedigen, da 
sie uns nicht die Gravitation erklärt.") 
Sie sagt uns gar nichts darüber, mit welcher Ge- 
schwindigkeit sich die Gravitation ausbreitet. In 
der allerletzten Zeit sind darüber wichtige Fort- 
schritte zu bezeichnen. Die Gravitation selbst 
haben versucht P. Lenard,^) E. Wiechert'') 
und O. Wiener") zu erklären. Schließlich dürfen 
wir nicht den interessanten Versuch vonH. Fricke") 
verschweigen, welche eine originelle Idee vorge- 
bracht hat, „daß die Gravitationsfelder den gravi- 
tierenden Massen dauernd Energie zuführen" und 
diese Energie wird von der Materie in Form von 
Wärme und Licht wieder ausgestrahlt. Aus allen 
diesen Bemühungen tritt eines klar hervor, daß, 
wie auch sich die Physik weiter ent- 
wickeln wird und in irgendwelcher 
Richtung ihre Entwicklung gehen wird, 
wir ohne den Begriff des Weltäthers 
kaum auskommen werden können. So 
hat P. L e n a r d schon den Uräther **) eingeführt. 
Solange G. Mie den Äther fast negiert") und 
will die Materie als Knotenstellen der Energie 
erklären, negiert H. Poincare*") die Materie und 
nicht den Äther ; dagegen trachten O. Wiener") 
mittels Wirbel zweiter Ordnung im Äther die 
Materie zu konstruieren, welche dazu belebt wäre. 



') Vgl. E. L i h o t z k y , Zur Frage der Verschiebung der 
scheinbaren Fixsternorte in Sonnennähe. Physik. ZS. 1921, 
S. 69 — 71 und dazu die Berichtigung von A. Koppf (ebenda 
S. 495-496). 

'-) S. Mohoroviöic, Die Rotverschiebung der Spektral- 
linieü vom Standpunkte der Newtonschen Physik. Ann. d. 
Physik (4) 66, 1921, 227—228. Siehe dann die zitierte Arbeit 
in Naturwiss. Wochenschrift, wo ich dies ganz einfach ohne 
jede Voraussetzung abgeleitet habe. 

') Nach dem Abschluß der vorliegenden Arbeit habe ich 
eine mechanische Erklärung der Gravitation gefunden. 

*) P. Lenard: Über Äther und Materie. Heidelberg 
191 1 ; dann, Über Relalivitätsprinzip, Äther, Gravitation. 3. Aufl. 
Leipzig 1921. 

■') E. Wiechert, 1. c. 

") O. Wiener, 1. c. 

') H. Fricke, Eine neue und einfache Deutung der 
Schwerkraft und eine anschauliche Erklärung der Physik des 
Raumes. Wolfenbüttel 1919. 

*) P. Lenard, Über Äther und Uräther. Leipzig 1921. 

") G. Mie, Die Einsteinsche Gravitationstheorie. Leipzig 
1921. Er sagt (S. 27); ,,Auch in einem leeren, d. h. atom- 
freien, Raum sind physikalische Ereignisse denkbar, d. h.; 
Störungen seiner Homogenität . . ." und weiter; ,, Insofern das 
Leere physikalisch existiert und Obj<-kt der Naturforschung 
sein kann, nennen wir es auch noch heutigentags den Äther." 

"*} H. Poincare, Die neue Mechanik. Leipzig und 
Berlin 191S (3. Aufl.), wo er sagt (S. 21): ,,Man kann beinahe 
sagen, es gibt keine Materie mehr, es gibt nur noch Löcher 
im Äther; und soweit diese Löcher eine aktive Rolle zu 
spielen scheinen, besteht sie darin, daß diese Locher ihren 
Ort nicht verändern können, ohne den umgebenden .\ther zu 
beeinflussen, der gegen dergleichen Veränderungen eine Reak- 
tion ausübt." 

"1 1. r. 



N. F. XXI. Nr 1 1 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



153 



Die Gravitation wäre eine Eigenschaft, welche 
der Materie innewohnt, und welche sich unendlich 
rasch fortpflanzt; es ist ihm auch gelungen das 
Newtonsche Attraktionsgesetz mathematisch ab- 
zuleiten. Seine groß angelegte Kinematik des 
Äthers scheint mir als der bisher wichtigste Ver- 
such einer einheitlichen Weltanschauung ') ; wenn 
uns ihre weitere Entwicklung und Resultate be- 
friedigen würden, so möchte sie das ganze Ge- 
bäude der heutigen absoluten Theorie der Rela- 
tivität zusammenstürzen. Der heutige Stand der 
Entwicklung der Physik ist nur ein Übergang, es 
ist wieder die Zeit der Skepsis -') und Solipsismus 
gekommen; was sich aber aus allen diesen Be- 
mühungen auskristallisieren wird ist uns noch 
unbekannt. Wir können jetzt nur sagen, daß 
jede Theorie, welche uns die anziehende, bzw. 
abstoßende Kraft, und speziell die Gravitation 
nicht erklärt — wie dies auch unsere Theorie, 
sowie auch von rein physikalischem Standpunkte 
die Einst einsehe Theorie nicht tat — , nur 
einen vorübergehenden Charakter besitzt; ihr 
Wert ist nur heuristischer und erkenntnistheore- 
tischer Natur.^) Je einfacher solche Theorie 

') Was z.B. O.Wiener von der Einsteinschen Rela- 
tivitätstheorie hält, zeigen uns klar seine folgenden Worte (1. c. 
S. 36): ,,Man stellt die Relativitätstheorie in ein ungünstiges 
Licht, wenn man behauptet, sie begründe eine neue Welt- 
anschauung. Denn gerade diese Behauptung ist es, die ihre 
wahre Bedeutung verkennen läßt und ihr Verständnis er- 
schwert hat." 

^) Vgl. z.B. H. Dingler, Physik und Hypothese. Berlin 
und Leipzig 1921, wo er fragt (S. 196): ,,Wie stehen wir 
nach dem Resultat, daß keinerlei geformte P'.rkenntnis aus der 
Realität entnommen werden kann, zu der Realität?" und er 
antwortet: „Die Realität selbst hat keinerlei System in sich, 
sie ist das unendlich vielgestaltige unaussprechliche Sein, das 
durchaus in seiner Eigenart mir gegeben ist, mit dem ich un- 
mittelbar verknüpft bin als ein Teil desselben." 

**) In einer folgenden Arbeit gedenke ich eine elementare 
Theorie des Äthers und eine mechanische Erklärung der 
Gravitation mathematisch durchzuführen. 



ist, um so willkommener ist sie uns, da mit Recht 
E. Gehrcke') sagt: „Die Wahrheit über das 
Wirkliche in der Natur kann nur eine sein, 
während es logisch denkbare, d. h. widerspruch- 
freie Möglichkeiten einer Natur viele gibt." 

Zusammenfassung. Hier haben wir eine 
elementare Theorie der Gravitation durchgeführt, 
indem wir angenommen haben, daß vom mathe- 
matischen Standpunkte die Beschleunigung und 
Gravitation gleichwertig sind. Zuerst haben wir 
den horizontalen Wurf im „konstanten" Gravi- 
tationsfelde betrachtet, dann sind wir übergegangen 
auf das zentrischsymmetrische Gravitationsfeld, 
wo wir ein neues Attraktionsgesetz gefunden 
haben. Folgerungen unserer Theorie: Perihel- 
bewegung, Lichtablenkung, Rotverschiebung und 
die Ungültigkeit des Gesetzes von der Gleichheit 
der Wirkung und Gegenwirkung. Alle Bewegungs- 
gesetze dieser Erscheinungen in der Newtonschen 
Mechanik können wir aus den neuen Bewegungs- 
gesetzen in erster Annäherung ableiten, indem wir 
für die Lichtgeschwindigkeit einen unendlich 
großen Wert annehmen. Um die Rechnung durch- 
sichtig zu machen, sind wir ganz elementar vor- 
gegangen, ohne den Zeitbegriff relativisieren zu 
brauchen und die vierdimensionale Raum-Zeit- 
Mannigfaltigkeit einzuführen, da wir die §§ 4 u. 5 
auch weglassen könnten. Die einzige Voraus- 
setzung war gerade, daß sich ein Körper im Räume 
mit größerer Geschwindigkeit als Lichtgeschwindig- 
keit nicht bewegen kann. Die hier entwickelte 
Theorie hat vorläufig rein formalen Charakter, da 
sie uns noch nicht die Gravitation erklärt — was 
aber in der nächsten Arbeit gezeigt wird — , 
sondern sie beschreibt nur die Vorgänge, welche 
sich im Gravitationsfelde abspielen. 



') E. Gehrcke, Physik und Erkenntnistheorie. S. 3. 
Leipzig und Berlin IQ2I. Gerade dieser Verfasser hat sehr 
oft betont, daß jede Relativitätstheorie uns notwendig zu phy- 
sikalischem Solipsismus führt. 



Einzelberichte. 



Treffsicherheit. 

(Mit 2 Abbildungen.) 



Der Augenblick zwischen Zielen und Treffen 
gehört zu den verhängnisvollsten des menschlichen 
Lebens. Tod oder Leben können, wie beim be- 
rühmten Tellschuß, im Kriege, auf der Jagd von 
ihm abhängen. Aber auch für zahlreiche lierufe, 
für Feinmechaniker, Gravierer, Bildhauer, Maler 
und Zeichner, ja Schreiber, ferner beim Nähen, 
Sticken, Stricken, kurz bei fast allen Handarbeiten 
ist gute Treffsicherheit das erste Mittel zum Er- 
folge. Und doch sind wir über ihr Wesen und 
ihre Art, ob und bis zu welchem Grade sie von dem 
oder jenen überhaupt zu erreichen ist, ferner über 
die günstigste Zeit und die Dauer des Treffen- 
könnens noch sehr wenig unterrichtet. Jeder 



Fortschritt, jede Erkenntnis auf diesem wichtigen 
Arbeitsgebiet ist daher dankbar zu begrüßen. Der 
Mensch ist nun einmal keine Maschine , sein 
Arm, seine Hand keine Präzisionshebel, die nur 
gehörig geschmiert, d. h. ernährt und fleißig geübt 
werden, höchstens Nachts noch ihre ausreichende 
Ruhe zur Beseitigung der giftigen Ermüdungs- 
stoffe haben müssen. Wohl hat uns die Wissen- 
schaft durch Erfindung von Ergographen- und 
Plethysmographenapparaten bereits instand ge- 
setzt, die Größe der Muskeltätigkeit und -ermüdung 
während einer bestimmten Anstrengung zu prüfen, 
aber zur Erforschung der Treffsicherheit genügte 
das nicht. Immerhin lieferten die mit jenen 
Apparaten von A. Mosso, E. Weber, Blix, 
Weichard t und Hugo Lindner gemachten 
Erfahrungen dem Erforscher der Treffsicherheit, 



154 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 1 1 



Prof. Ernst Bresina in Wien, die unentbehr- 
lichen Unterlagen. E. Weber fand, daß die vom 
Plethysmographen gezeichnete absteigende Kurve 
nach großer Ermüdung eines Körpergliedes viel 
größere und gedrängter stehende Zacken als sonst 
lieferte. Ferner fand er, daß, wenn nun z. B. 
nach einem Dauerlauf kräftige Armbewegungen 
vorgenommen wurden, die Kurve wieder normal 
ward, d. h. daß die frisch zu arbeiten beginnenden 
und reichlich blutdurchströmten Armmuskeln die 
durch die Ermiidungsstoffe zusammengezogenen 
Blutgefäße der Beinmuskeln " erweiterten , mit 
frischem Blut füllten und so belebten, daß die 
Ermüdungsstofife hinweggespült wurden. Beim 
Ersinnen seines neuen Apparates ging nun Bre- 
sina von der durch Pelnär, Piper u. a. er- 




Abb. I. Der Palmograph von Ernst Bresina. 
(Aus dem Archiv für Hygiene, Bd. Sg, 1920.) 
In dem Holzbrett a das Zielloch b, c der Zielstift, d der 
Rahmen, e das Stativ, f die vier Befestigungs-itellen des Draht- 
kreuzes h, g der Aluminiumring darin, i die Befesligungsösen, 
von denen aus der Faden k über Rollen zum Schreibhebel 1 führt. 



wiesenen Tatsache aus, daß jene Zackenkurven 
der Ausdruck von Zitterbewegungen sind, in denen 
die Arme und Beine des Menschen acht bis drei- 
zehnmal in der Sekunde in sehr kleinen Weilen 
schwingen. Wodurch dieses Zittern der Muskeln 
hervorgebracht wird, ist noch nicht ganz erforscht, 
doch scheinen nicht nur die Beuge- und Streck- 
muskelnerven daran beteiligt zu sein, sondern 
hauptsächlich eine im Gehirn oder Rückenmark 
liegende Zentralstelle. Bresina ging ferner da- 
von aus, daß sein Apparat unter Benutzung jener 
ZitterkurvenSchreibmethode nicht nur die gegen- 
wärtige Ziel- und Treffsicherheit der geprüften 



Personen selbst zeigen, sondern daß gleichzeitig 
und umgekehrt durch die Art und Weise des 
Zielens und Treffens die veränderten Zacken- 
kurven verraten sollten, ob und wie sehr den 
Prüfling eine kurze Zeit vorher getane Arbeit er- 
müdet hatte. 

Prof Bresina taufte seinen Apparat Palmo- 
graph, zu deutsch etwa Zitterschreiber. Er be- 
stand aus einem quadratischen, fensterrahmen- 
artigen Holzgestell von 20 cm Seitenlänge mit 
einem das Treffziel bedeutenden Loch in der 
Mitte. An den vier Ecken des Rahmens waren 
Haken zum Einhängen eines sonst freischweben- 
den spiralfedernden Drahtkreuzes, dessen Mittel- 
punkt, genau dem Rahmenloch gegenüber, 4 cm 
von diesem entfernt war. In diese mittlere Draht- 
kreuzungsstelle war ein Aluminiumring eingelassen, 
durch den hindurch man das Loch zu treffen 
suchen mußte. Als Zielinstrument diente ein 
Hartgummistift, dessen Spitze genau in das Loch, 
dessen Stielrund genau in den Aluminiumring 
hineinpaßte. Hatte man gut gezielt, so traf der 
Stift glatt in das Loch hinein, der Ring wurde 
dabei in völlig gerader Richtung dem Loch ge- 
nähert. Hatte man schlecht gezielt, so mußte die 
Stiftspitze sich erst ihren Weg zu dem Loch 
suchen, wobei der Ring des federnden Draht- 
kreuzes mehr oder weniger zur Seite gedrückt 
wurde, um nach Herausziehen des Stiftes wieder 
in seine zentrale Lage zurückzuschnellen. Diese 
vorübergehende Verschiebung ergab nach den 
angestellten Versuchen einen vorzüglichen Grad- 
messer der Treffsicherheit eines Stoßes und des 
dabei von der betreffenden Person bekundeten 
Ermüdungszitterns. Um letzteres graphisch durch 
eine Zackenkurve auszudrücken, war oben an dem 
Aluminiumring eine Schnur befestigt, die über 
Rollen zu einem Schreibhebel führte, welch letz- 
terer die Bewegungen des Ringes in vergrößertem 
Maßstab auf einer Drehtrommel verzeichnete. 
Damit das mehr oder weniger sichere Treffen 
auch zeitlich wahrgenommen und geschätzt wer- 
den konnte, führte von dem einen Pol eines 
Akkumulators ein Kupferdraht von hinten in das 
Zielloch, während von dem anderen Pol ein Draht 
ausging, der über einen Leitungswiderstand durch 
den Hartgummistift hindurch bis zu dessen Spitze 
reichte. Bei jedem Treffversuch wurde so der 
Stromkreis geschlossen und dies auf der Dreh- 
trommel durch eine entsprechende Zacke ver- 
zeichnet, die, ins Zeitliche übersetzt, von einer 
Uhr mit Fünftelsekunden - Einteilung abgelesen 
werden konnte. Der ganze Apparat stand , von 
einem Stativ gehalten, so auf dem Tisch, daß der 
Prüfling das Ziel etwas links in Augenhöhe vor 
sich hatte, so daß die Rechte aus 2 cm Entfer- 
nung mit dem Stift völlig frei und ungezwungen 
nach dem vom Ring, wie gesagt, noch 4 cm ent- 
fernten Loche zielen und stoßen konnte. 

Die sechs Personen, vier männliche und zwei 
weibliche, die Prof. Bresina für seine ersten 
Versuche zur Verfügung hatte, standen im Alter 



N. F. XXI. Nr. u 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



»55 



von i8 bis 44 Jahren. Jeder Versuch bestand 
aus 10 bis 25 in ununterbrochener Reihenfolge 
ausgeführten Stößen. Jeder konnte dabei das ihm 
zusagende Tempo selbst wählen. Aus den vom 
Apparat geschriebenen Kurven war nun deutlich 
folgendes zu ersehen und zu vergleichen: die 
Zeitdauer jedes Einzelstoßes, seine etwaige Rich- 
tungsänderung, kenntlich an der Zahl seiner Zitter- 
zacken, die Länge des Weges, den die Stiftspitze 
vom Ring bis zum Loch zurückgelegt hatte, ferner 
die Lage und Anordnung der Zacken zueinander 
und im Vergleich zu einer durch ihre Mitte ge- 
legten Kurvenlinie, endlich die Zahl der Zacken 
und die Länge ihres Weges in je einer Sekunde. 
Diese sieben IMerkmale und besonders die mittlere 
Kurvenlinie waren nicht nur 
bei jeder Person verschieden, 
sondern von einer für letz- 
tere charakteristischen Art 
der Zusammensetzung und 
Richtung. Da aber die Einzel- 
stöße doch auch erhebliche 
Schwankungen in der Treff- 
sicherheit zeigten, wurde zur 
summarischen Beurteilung 
stets die Durchschnittszahl 
je eines, wie gesagt, nur 
aus 10 bis 25 Stößen be- 
stehenden Versuches genom- 
men. Bei dieser bescheide- 
nen Anzahl war auch eine 
Ermüdung der Personen 
durch das leichte Zielen und 
Stoßen selbst ausgeschlossen ; 
die gewonnenen Resultate 
geben daher ein getreues 
Abbild der inneren Muskel- 
und Nervenermüdung, aus- 
gedrückt in der Größe und 
Art der Treffsicherheit je 
nach der kurz zuvor ge- 
leisteten Größe und Art der 
Arbeit. Als solche wurden 
verrichtet Beugen und Strek- 
ken bald leichter, bald 
schwerer belasteter Arme, 
Beugung des Schulter- und 
Ellbogengelenkes durch Ge- 
wichtsziehen mittels Schnur 
über eine Rolle, Dynamo- 
meterübungen und Holz- 
sägen. 

Ein Beispiel zeige, wie bei einem 44jährigen 
mittelkräftigen Arzt das Gewichtheben auf die 
Treffsicherheit wirkte. Vor Beginn betrug die, 
immer aus je 8 bis 13 Stoßserien gewonnene Durch- 
schnittszahl der Fehlstoßabweichungen 66,7, nach 
400 maligem Gewichtheben von 4 kg 63,8, nach 
Verdopplung der Hubanzahl 66,3, nach Verdrei- 
fachung 63,7. Nach 10 Minuten Ruhe wurde die 
Treffunsicherheit noch größer und stieg auf 72,5 
Fehler, aber nach weiteren 60 Minnten Ruhe wurde 



sogar die Anfangszahl mit 63,6 Fehlern unter- 
boten: es hatte also eine Einarbeitung, eine innere 
Festigung stattgefunden. Jetzt wurde das Gewicht 
auf 5 kg erhöht, und hier vermehrten sich die 
Fehler nach den ersten 400 Hebungen auf 77,8, 
nach den zweiten auf 84,1, nach den dritten auf 
92,6 Fehler. Aber, merkwürdig, nach weiteren 
300 Hebungen von 6 kg stieg diese Zahl nicht 
weiter, sondern sank auf 90,7. An einem anderen 
Tage betrugen bei demselben Herrn die Fehl- 
stöße vor dem Heben 69,1, nach den ersten 400 
n^i*- 5 ^S 54.6> nach den zweiten 400 = 62,4 und 
nach weiteren 200 mit 6 kg 69,8, d. h. fast genau 
so viel wie vor Beginn des ganzen Hebens. Nach 
ihm völlig ungewohnten Holzsägen stieg die Zahl 




Abb. 2. 

Charakteristische Kurven des Ermüdungszilterns und der dadurch bedingten Treffsicher- 
heit am Palmographen, links vor der Arbeit, rechts nach der Arbeit; oben von einem 
44jährigen mittelkräftigen Arzt, mitten von einem sehr kräftigen 18jährigen Studenten, 
unten von einem 54 jährigen Schmied. 
(Aus dem Archiv für Hygiene, Bd. Hg, 1920, R. Oldenbourg in München.) 



der Fehler um 122, sie überstieg auch nach 10 
Minuten Ruhe die Anfangsziffer noch um 69. Bei 
jeder Person läßt sich so für jede Arbeit am 
Palmographen das zusagende spezielle Durch- 
schnittsgewicht der zu bewegenden Last ermitteln 
aus der Zahl der gemachten Treffer oder Nieten. 
Erhöhung des Tempos einer Arbeit wirkt genau 
so, als wäre das Gewicht entsprechend erhöht 
worden. In einzelnen Fällen wurden merkwürdiger- 
weise die Treffer nicht sofort nach Beendigung 



156 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. II 



der Arbeit weniger, sondern erst nach lO Minuten. 
Ferner kann man beobachten, daß die nach Ruhe 
von einer schweren Arbeit auf das normale Maß 
gesunkenen Treffehler sogleich sich unverhältnis- 
mäßig zu häufen beginnen, wenn zwischendrein 
eine kleine leichte Arbeit verrichtet wird, eine 
Erscheinung, die besonders deutlich eine tiefere, 
innerlich nicht überwundene und daher ernstlich 
durch ungestörtes Ausruhen zu berücksichtigende 
Übermüdung verrät. Sie zeigte sich z. B. einmal 
an zwei jungen Versuchspersonen, die dann trotz 
der ganz leichten Zwischenbeschäftigung plötzlich 
erklärten, sie jetzt unter keinen Umständen weiter 
fortsetzen zu können. Ferner, wenn die nach 
Muskelarbeit gestiegene Zahl der Nieten in der 
Ruhezeit sinkt, so sinkt sie nicht selten unter die 
vor der Muskelarbeit erreichte Zahl. Da nun in 
solchen Fällen gerade die meisten und besten 
überhaupt beobachteten Treffer vorkamen, so dürfte 
hier eine von B r e s i n a noch nicht näher erforschte 
wichtige gesetzmäßige Erscheinung körperlicher 
Erholung verborgen sein. Die Treffsicherheit der 
rechten Hand wurde andererseits ganz im gleichen 
Maße vermindert, mochte sie selbst die Arbeit, 
oder mochte die Linke oder die Füße z. B. durch 
Marschieren oder Treppensteigen sie verrichtet 
haben. Die an i6 Arbeitern und Arbeiterinnen 
einer Floridsdorfer Maschinenfabrik vor und nach 
der Arbeit beobachteten Treffversuche bestätigten 
durchaus die bisher gewonnenen Erfahrungen. 
Was die Beschäftigungsart betrifft, so lieferten an 
Durchschnittsnieten vor der Arbeit die Schmiede 
und Schlosser 73,7, nach der Arbeit 86,3, die 
Former und Gießer 78,6 bzw. 80,7, andere Arbeiter 
86,5 bzw. 80,8. Auch das Alter drückte sich im 
Ermüdungszittern und dadurch bedingten Treffen 
des Zieles aus: vor der Arbeit leisteten an Nicht- 
treffern die über 45 Jahre alten Arbeiter 88,7, 
nach der Arbeit 102,0, die zwischen 38 und 45 
Jahren stehenden 79,5 bzw. 75,0, die unter 38 Jah- 
ren 75,4 bzw. 79,0 Nieten. 

Der Palmograph belehrt uns also, wie wir 
gesehen haben, im negativen Sinne darüber, welche 
Mengen einer bestimmten Arbeit unser Ermüdungs- 
zittern mehr oder weniger steigern; im positiven 
Sinne darüber, wie wir die Grenzen unserer Treff- 
sicherheit im allgemeinen erkennen, ferner die 
günstigste Zeit für unser persönliches treffsicheres 
Arbeiten ermitteln und wie wir unsere erworbene 
Treffsicherheit durch ein bestimmtes Maß gewisser 
Muskelarbeiten für einen gerade beabsichtigten 
einmaligen Zweck oder dauernd, wenn auch nicht 
immer steigern, so doch auf einer notwendigen 
Höhe erhalten können. 

Beim Prüfen durch den Palmograph war, wie 
gesagt, das Zielen und Treffen selbst mit fast 
keiner Anstrengung verbunden: außer den wenig 
beanspruchten Muskeln des rechten Armes waren 
nur die der Augen beschäftigt. Das ist im prak- 
tischen Leben oft anders, hier kommt durch die 
Art und Länge der augenblicklichen Arbeit meistens 
eine sich stetig vergrößernde, die Treffsicherheit 



allmählich herabsetzende Anstrengung und Er- 
müdung aller möglichen Muskeln hinzu. Nun 
wissen wir ja wohl, daß es ganz gleichgültig ist, 
durch welchen Körperteil das Ermüdungszittern 
hervorgerufen wird, da es sich stets sehr bald 
dem ganzen Körper mitteilt. Aber da die Muskeln 
durch ihre Eigenschaft als Hebel physikalischen 
Gesetzen unterworfen sind, so werden natürlich 
größere Neigungswinkel beim Bewegen z. B. der 
großen Halsmuskeln auch größere Ermüdung und 
Treffunsicherheit hervorrufen, als wenn sich nur 
kleinere Muskeln anstrengen. Ein lehrreiches Bei- 
spiel lieferte Ernst Haase, das er kürzlich in 
der Zeitschrift für pädagogische Psychologie be- 
schrieb, durch sein Studium an 373 zehn- bis 
vierzehnjährigen Schülern und Schülerinnen über 
deren Treffsicherheit im Abzeichnen verschie- 
dener Winkel von der Wandtafel. Die Kinder 
sollten von ihren Bankplätzen aus zwölf mit 
der Schenkelöffnung bald nach oben, bald nach 
unten, bald schräg nach rechts, bald nach 
links gerichtete Winkel von 45 bis 90 Grad 
mit Lineal und Bleistift nachzeichnen. Bei der 
Beurteilung der 4398 gezeichneten Winkelbilder 
auf ihre richtige Schenkelöffnung hin wurden die 
gemachten Treffehler gruppenweise in leichtere, 
mittlere und schwerere geteilt und die Entfernung 
der Zeichenplätze von der Wandtafel berücksich- 
tigt. Diese betrug für die Abteilung der Vorder- 
plätze höchstens 4,20 m, für die der Hinterplätze 
mindestens 5,75 m. Die Treffsicherheit im ganzen 
war bei den auf den vorderen und hinteren Bän- 
ken sitzenden Knaben gleich groß, nämlich 38 %; 
bei den Mädchen erzielten die auf den vorderen 
3i"/(,, die auf den hinteren 32 "/q Treffer. Be- 
trachtet man aber nur die schweren Verschätz- 
ungen, so schnitten Knaben und Mädchen auf 
den Hinterbänken wesentlich besser ab: diese 
Knaben hatten nur 7 "Z^, die Mädchen nur 9 "/(, 
Treffehler, während die auf den vorderen 9 "j^ 
bzw. 12 "/o zeigten. Es stellte sich heraus, daß 
beim Abzeichnen von den Hinterplätzen aus die 
Bewegung der größeren Muskeln des Nackens und 
Halses z. T. ganz bedeutend kleiner zu sein 
brauchte als vorn. Die Quelle des Ermüdungs- 
zitterns und der Treffunsicherheit war also einerseits 
die , daß jene Großmuskeln verschieden lange 
Wege zurückzulegen hatten. Gegen Ende der 
Stunde mußten jedoch die auf den Hinterplätzen 
andererseits ihre kleinen Augenmuskeln mehr an- 
strengen, wodurch ihnen ihr Vorsprung vor den 
Kameraden der Vorderplätze geraubt wurde. 

H. Radestock. 

Sprun^hnt'te Vergrößerung der geographischen 
Breite. 

In der zweiten Hälfte des Jahres 192 1 hat eine 
solche in Mitteleuropa nach übereinstimmenden Be- 
obachtungen von Schnauder in Potsdam, Cour- 
voisier in Neubabelsberg und Boccardi in 
Pino Torinese um nahezu eine halbe Bogensekunde 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



stattgefunden. Sollte auf dem gegenüberliegenden 
Meridian eine ebensogroße Verminderung der 
Breite festgestellt werden, so würde damit eine 
Verlagerung der Erdachse um rund 15 m erwiesen 
sein, für die vorläufig eine Ursache nicht ange- 
geben werden kann. Jedenfalls wird eine Neu- 
bestimmung der Breiten in verschiedenen Längen 
zunächst volle Klarheit darüber bringen müssen, 
ob diese von der Theorie nicht vorausgesehene 
Verlagerung der Erdachse wirklich stattgefunden 
hat, oder ob andere Ursachen für die in Mittel- 
europa beobachtete Breitenzunahme zu suchen 
sind. F. Kbr. 



tiber die Mächtigkeit des uordischeu Inland- 
eises in Sclilesien. 

Auf dem letzten internationalen geologischen 
Kongreß zu Stockholm im Jahre 1910 wurde auch 
über die Mächtigkeit des europäischen Inlandeises 
verhandelt. F. Frech führte damals aus, daß 
die vereinzelten nordischen Geschiebe, die sich 
am Rande der Sudeten mitunter noch in Höhen 
von 555 m, z. B. bei Gottesberg im Waldenburger 
Gebirge finden, uns durchaus noch nicht berech- 
tigen, diese Höhenlage ohne weiteres der Dicke 
des nordischen Inlandeises gleichzusetzen.') Für 
die Bestimmung der Mächtigkeit des einstigen In- 
landeises sind vielmehr vor allem die sog. Nuna- 
takkar maßgebend. Nach den Untersuchungen 
von Frech sollte nun neben dem Zobten auch 
die ungefähr 60 m hohe Gipfelkuppe des Rum- 
melsberges südlich von Strehlen als Nunatak die 
Inlandeisdecke überragt haben. P"rech konnte 
nämlich auf dem stark verwitterten Gipfel dieses 
fast 400 m hohen Berges keine nordischen Ge- 
schiebe mehr feststellen, wohl aber eine aus Quar- 
zitgeröUen bestehende Lokalmoräne. Auch die 
eigenartige, nach Norden ziemlich steil abfallende 
Bergspitze sollte dafür sprechen, daß der Gipfel 
vom Eisstrom nicht mehr erreicht wurde. Auf 
Grund dieser Erscheinungen schätzte Frech die 
Mächtigkeit des nordischen Landeises im mittelsten 
Schlesien auf höchstens 200 m. 

Nun ist in den letzten Jahren das Rummels- 
berggebiet geologisch aufgenommen worden und 
es verdient hervorgehoben zu werden, daß Landes- 
geologe J. Behr der im vorstehenden dargelegten 
Ansicht von Frech nicht beipflichten kann.-) 
Nordische Geschiebe beobachtete Behr noch in 
einer Höhe von 320 m und große Quarzitbiöcke 
kommen selbst noch auf dem aus Granit be- 
stehenden Gipfel vor, wohin sie nur durch das 
nordische Eis gebracht worden sein können. 
Außerdem konnte B. in dem am Ostabhange des 

') Vgl. F. Frech, Über die Mächtigkeit des europäischen 
Inlandeises und das Klima der Interglazialzeilen. Congres 
geologique intern. Stockholm 1910. — Vgl. auch Frech u. 
Kampers, Schlesische Landeskunde I. Bd., S. 86. 

'-) Vgl. J. Behr, Erläuterungen zur Geolog. Karte von 
Preuflen. Blatt Strehlen. Berlin 1921. 



Berges anstehenden Ouarzit in 230 m Höhe einen 
ganz vorzüglich ausgebildeten Gletschertopf fest- 
stellen, dessen Bildung bei einem Durchmesser 
von 12 m und einer größten Tiefe von 4 1/, m 
eine ganz gewaltige Kraft des Eises voraussetzt. *) 
Da im übrigen am benachbarten Zobten die Ober- 
kante des Eises sicher bis 500 m heraufging, 
so wäre es auch zum mindesten sehr unwahr- 
scheinlich, wenn das Eis am Rummelsberg nie- 
driger gestanden hätte. Behr kommt nach diesen 
Beobachtungen und Erwägungen zu folgendem 
Ergebnis : „Wenn also auch die Tätigkeit des In- 
landeises unmittelbar auf der höchsten Erhebung 
nicht nachzuweisen ist, so liegen doch Zeugen in 
so geringer Entfernung davon, daß kein stich- 
haltiger Grund zur Annahme eines Nunatakers 
besteht." 

Tiergeographische Tatsachen, die z. B. für den 
Zobten den Nunatakcharakter bezeugen, wie das 
vereinzehe Vorkommen von Patula solaria-) 
sind vom Rummelsberg nicht bekannt, auch kaum 
zu erhoffen. So ist nur von der weiteren geo- 
logischen Aufnahme des Vorlandes der Sudeten 
eine endgültige Klärung dieser nicht unwichtigen 
hVage zu erwarten. 

E. Schalow (Breslau). 



Epithelkörpei'verplianzung bei postoperativer 
Tetanie. 

Bekanntlich sind die nach Kropfoperationen 
manchmal zu beobachtenden krampfartigen Zu- 
stände — die sog. postoperative Tetanie — auf 
den Verlust der Epithelkörperchen zurückzuführen, 
die mit der Schilddrüse zusammen entfernt wor- 
den sind. Gelegentlich treten nach der Exstir- 
pation Spannungsgefühle in den Händen oder 
auch in den Füßen auf, die mit großen Schmer- 
zen verbunden sein können und bis zum Starr- 
krampf führen. Die Anfälle wiederholen sich oft 
nicht wieder, können aber auch in rascher Folge 
auftreten und schließlich den Tod herbeiführen. 
Da man die Ursache dieser postoperativen Er- 
scheinungen kennt, sucht man möglichst den 
Verlust der Epithelkörperchen zu vermeiden. 
Doch stehen dabei dem Kropfoperateur große 
Schwierigkeiten im Wege. Zunächst sind die 
Epithelkörperchen sehr schwer aufzufinden; ferner 
sind die winzigen Drüsen während der Operation 
leicht Schädigungen ausgesetzt, vor allem durch 
die Unterbindung der Arteria thyreoidea inferior, 
die zur Verringerung der Blutung vorgenommen 
werden muß. Schließlich aber ist die Entfernung 
der Epithelkörperchen bei Radikaloperationen gar 
nicht zu vermeiden. So kommt es, daß die post- 
operative Tetanie immer noch hier und da auf- 
tritt. Durch die Kenntnis der Ursache ist man 

') Vgl. J. Behr, Über Glazialerscheinungen am Rum- 
melsberg in Schlesien. Jahrb. Preuß. Geol. Landesanstalt. 
Berlin 1911. 

-) Vgl. F. Fax, Tierwelt Schlesiens. Jena 1921. 



158 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 1 1 



jedoch in die Lage versetzt, entsprechende Gegen- 
maßregeln zu ergreifen. 

Immer mehr macht sich als wirksames Mittel 
die Verpflanzung der Epithelkörperchen geltend. 
Mit neuen Erfahrungen ausgerüstet empfiehlt 
E. Borchers in einer dieses wichtige Gebiet 
der modernen Chirurgie eingehend behandelnden 
Arbeit über „Epiihelkörperverpflanzung bei post- 
operativer Tetanie" '] die Methode der Organ- 
transplantation. Borchers stützt sich vor allem 
auf fünf Fälle von postoperativer Tetanie aus den 
letzten Jahren in der Tübinger Chirurgischen 
Klinik (Prof Perthes). Es wurden darunter ein 
Mißerfolg, zwei teilweise Erfolge und zwei Dauer- 
erfolge beobachtet. Im ersten F"all stellten sich 
in Zwischenräumen von ca. i Jahr schwere Rück- 
fälle ein; in den beiden weiteren Fällen waren 
nur noch leichte Spannungsgefühle in den Finger- 
muskeln und Trübung der Augenlinsen, nur wäh- 
rend der Menses leichte Krampferscheinungen zu 
beobachten. In den beiden letzten Fällen wurden 
die Patienten als geheilt betrachtet. Wenn die 
Verpflanzung auch nicht von unbedingtem Erfolg 
ist, so ist doch das zeitweilige Gelingen der Me- 
thode dankbar zu begrüßen, zumal man mit an- 
deren Methoden ähnliche Ergebnisse nicht fest- 
stellen konnte. Gegenüber dem Versagen der 

') Münchener Medizinische Wochenschrift Nr. 50, 68. Jahrg. 



Substitutionstherapie bezeichnet Borchers die 
Epithelkörpertransplantation „als das 
Normal verfahren in der Behandlung 
der postoperativen Tetanie". Die bis- 
herigen Mißerfolge anderer Autoren können auf 
Irrtümer in der Bestimmung der Epithelkörper- 
chen zurückzuführen sein, die zur Transplantation 
verwendet wurden. Borchers weist deshalb 
darauf hin, daß nur eine genaue histologische 
Untersuchung der Epithelkörperchen vor Ver- 
wechslungen schützen kann. Um die bei Men- 
struation und Gravidität leicht auftretenden Rück- 
fälle zu vermeiden, empfiehlt Borchers die 
Sterilisation aller Frauen mit chronisch exazerbie- 
render postoperativer Tetanie. 

Trotz mancher Schwierigkeiten , die sich bei 
der Organverpflanzung nicht vermeiden lassen, ist 
gegen die große Bedeutung der Epithelkörper- 
transplantation nichts einzuwenden. Sehr treffend 
sagt E. Frank in einer Übersicht über „das 
Tetaniesyndrom und seine Pathogenese":*) „Die 
neuerdings von Borchers und Eiseisberg 
gemeldeten Erfolge, die wenigstens die Tetanie 
auf den Zustand der latenten, nur selten und dann 
milde aufflackernden Diathese zurückbrachten, 
warnen vor übertriebener Skepsis." 

Gustav Zeuner. 



') Klinische Wochenschrift Nr. 7, l. Jahrg., 1922, 



Bücherbesprechungen. 



Nippoldt, A., Erdmagnetismus, Erdstrom 
und Polarlicht. Sammlung Göschen Nr. 175. 
Dritte, verbesserte Aufl. 135 S. mit 7 Tafeln 
und 18 I'^g. im Text. Berlin und Leipzig 1921, 
Vereinigung wissenschaftl. Verleger. — Preis 6 M. 
Das vorliegende Bändchen gibt einen vor- 
trefflichen Einblick in die außerordentlich inter- 
essanten, allerdings großenteils noch wenig 
gelösten Fragen der elektromagnetischen solar- 
terrestrischen Vorgänge, die für uns im Erd- 
magnetismus und den verschiedenen Arten seiner 
Variation, in den Erdströmen der festen Rinde 
und der Atmosphäre und im Polarlicht in die 
Erscheinung treten. 

Als Lamont im Jahre 1851 das erste volks- 
tümliche Werk über den Erdmagnetismus schrieb, 
mußte er sich auf die Mitteilung von Beobachtungs- 
ergebnissen beschränken und die P'rage nach 
deren physikalischen Ursachen und etwaigem 
inneren Zusammenhang völlig offen lassen. Auch 
die I. Auflage dieses Bändchens aus dem Jahre 
1903 ließ nur in Bezug auf das Polarlicht eine 
merkliche Förderung unseres Verständnisses des 
Erscheinungsgebiets erkennen. Das in der neuesten 
gegenwärtigen Auflage gezeichnete Bild ist un- 
verkennbar vollständiger. Als wesentliche Ur- 
sachen der geophysikalischen Vorgänge kennen 
wir jetzt nach den Untersuchungen von Birke- 



land und Störmer die elektrische Strahlung 
der Sonne und den von Haie entdeckten Sonnen- 
magnetismus. Damit ist allerdings erst eine 
breitere Grundlage für weiteres Eindringen ge- 
schaffen, das noch der Zukunft vorbehalten ist. 

A. Becker. 

Kayser, E., Lehrbuch der Geologie. All- 
gemeine Geologie, i. u. 2. Bd., 6. vermehrte Aufl. 
Stuttgart 192 1, F. Enke. 
Vor nicht langer Zeit erst wurde die fünfte 
Auflage dieses umfangreichen und allbekannten 
Werkes hier besprochen. Dem damals Gesagten 
ist nicht viel nachzutragen. Das äußerliche Ge- 
wand des „Großen Kayser" hat sich erheblich 
geändert; der ständig anwachsende Stoff gab 
den Anlaß, ihn nun in vier Bänden erscheinen zu 
lassen an Stelle der bisherigen zwei. Die „Allge- 
meine Geologie", die jetzt in sechster Auflage vor- 
liegt, ist behandelt im ersten Bande, der Physio- 
graphische Geologie und Äußere Dynamik, und 
im zweiten Bande, der die Innere Dynamik bringt. 
Der Umfang ist wiederum angeschwollen, damit 
auch der Preis, der nur für diese ersten beiden 
Bände schon über 200 M. beträgt. 

Verbesserungen zeigen der petrographische Ab- 
schnitt, der eine den modernen Anschauungen 
entsprechende Umarbeitung erfuhr; die geologische 



N. F. XXI. Nr. II 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



159 



Bedeutung der Klimate, Tiefeneruptionen und Erd- 
beben wurden ausführlicher behandelt; als neues 
Kapitel wurde die Bodenbildung zugefügt. 

Bei einer weiteren Auflage wäre zu erwägen, 
ob nicht an Stelle der bei einigen Kapiteln einge- 
streuten Referate über neuere Arbeiten, die sich 
nicht immer recht harmonisch dem übrigen Texte 
einfügen, einheitlich gegossene Durcharbeitungen 
nach umfassenden Gesichtspunkten eintreten sollten. 
Dann könnten auch manche Ausführungen, die 
die moderne Geologie überholt hat, erbarmungslos 
ausgeschaltet werden. Nicht nur Fülle der Einzel- 
heiten ist erstrebenswert, sondern vor allem Hervor- 
hebung der großen, für die Zukunft weiterführen- 
den Gedankengänge in der Geologie. Krenkel. 



Hansen, Adolf (f), Die Pflanzendecke der 
Erde. Eine allgemeine Pflanzengeographie. 
Mit I Karte und 24 Abbildungen. 276 S. 
Bibliographisches Institut 1920. 
Das Buch stellt einen Auszug aus dem 3. Bande 
des von ihm neubearbeiteten Kern ersehen 
„Pflanzenlebens" dar, dazu bestimmt, die allge- 
mein interessierende Pflanzengeographie in kurzer 
handlicher Form weiteren Kreisen von Bildungs- 
bedürftigen zugänglich zu machen. 

In einem 50 Seiten umfassenden einleitenden 
Teil, der neu für diese Ausgabe geschrieben ist, 
werden allgemeine pflanzengeographische Gesichts- 
punkte in sehr anziehender Weise erörtert. Nach 
einem kurzen historischen Abriß werden die Ent- 
stehung der Flora, ihre Veränderungen im J^aufe 
der Zeiten, ihre Beeinflussung durch den Boden, 
das Klima, den Menschen besprochen — den Un- 
kräutern, der Herkunft und Verbreitung der Kultur- 
pflanzen ist ein besonderes Kapitel gewidmet. 

Der spezielle Teil schildert die einzelnen 
Florengebiete, beschreibt die ihnen eigentümlichen 
Verhältnisse, ihre Charakierpflanzen, wobei die 
anschauliche Schilderung von einer Anzahl guter 
Vegetationsbilder unterstützt wird. In einem 
2 Seiten umfassenden Verzeichnis ist zum Schluß 
die wichtigste pflanzengeographische Literatur 
zusammengestellt. 

Einen kurzen Abriß der Pflanzengeographie 
für weitere Kreise wollte der Verf. schaffen, diese 
Aufgabe ist ihm glänzend gelungen. Ihm selbst 
war es nicht mehr vergönnt, das Erscheinen des 
Buches zu erleben, so hat denn G. Funk nach 
dem am 24. Juli 1920 erfolgten Tode Hansens 
die letzte Feile angelegt. Burret (Berlin). 



Scherzer, Hans, Erd- und pflanzenge- 
schichtliche Wanderungen durchs 
F' ranken land. i. Teil: Die Keuper- und 
Muschelkalklandschaft. Mit zahlreichen Natur- 
aufnahmen, Profilen und einer geologischen 
Tabelle. 184 S. Wunsiedel 1920, Gg. Kohler. 
Geb. 42 M. 
Ein prächtiger „Naturführer" durch die Keuper- 
und Muschelkalklandschaft des bayrischen Fran- 
kens, der allerdings nur die botanischen und geo- 



logischen Verhältnisse berücksichtigt. Besonders 
eingehend werden geschildert die Gegend um 
Nürnberg, um Erlangen, der Zenn- und Bibert- 
grund, der Aischgrund, die F"rankenhöhe, der 
Schwanberg bei Iphofen, der Maingau (Grett- 
stadter Wiesen !), die Gegend um Rothenburg o. T. 
Überall wird der enge Zusammenhang zwischen 
geologischer Unterlage und Pflanzenwelt hervor- 
gehoben. Gut ausgewählte Skizzen von geologi- 
schen Profilen, sowie Naturaufnahmen ergänzen 
den flüssig geschriebenen Text aufs beste. Dem 
Botaniker, insbesondere dem Pflanzengeographen, 
werden die langen, ausführlichen Pflanzenlisten 
viel Freude machen, wenn auch ab und zu die 
lateinischen Pflanzennamen nicht ganz korrekt 
wiedergegeben sind. Schade ist, daß der Verf. 
die wichtigen Arbeiten von Süßenguth (Ideen 
zur Pflanzengeographie Unterfrankens in Ber. 
Bayr. Botan. Gesellsch. 15 [191 5]. 255—294) und 
E. Pritzel (Die Grettstadter Wiesen in Ber. d. 
freien Vereinig, f. Pflanzengeogr. u. System. Botanik, 
1919, 83 — lOö) nicht benutzt hat bzw. nicht mehr 
benutzen konnte. Hoffentlich erscheint der 2. Teil, 
der die jurassischen und nachjurassischen Bildun- 
gen behandeln soll, in nicht allzu ferner Zeit. 

Marzell. 

Cloos, H. und Meister, E., Bau und Boden- 
schätze Osteuropas. Veröffentlichungen 
des Osteuropa-Instituts in Breslau. Leipzig 1921, 
B. G. Teubner. 
Die Beschäftigung mit der Geologie Rußlands 
war für den Geologen, der der russischen Sprache 
nicht mächtig war, bisher mit den größten 
Schwierigkeiten verknüpft. Vieles aus der reichen 
russischen geologischen Literatur mußte ungenutzt 
bleiben. Es ist deshalb mit F"reude zu begrüßen, 
daß in dem vorliegenden Werke diesem sehr fühl- 
baren Mangel abgeholfen wird, das nicht nur Ruß- 
land, sondern auch Galizien, Rumänien und Ungarn, 
wenn diese letzteren drei auch in kürzester Form, 
behandelt. 

Nach einem erdgeschichtlichen Überblick wer- 
den die größeren geologischen Regionen (z. B. 
Finnland, Donetzgebiet, Ural, Kaukas-is) nach ihrem 
Bau und mit ihren Bodenschätzen an Erzen, Kohlen, 
Salz, Erdöl dargestellt. Vor allem diese praktischen 
Angaben machen das Werk zu einem unentbehr- 
lichen Hilfsmittel für die Beschäftigung mit den 
geologischen Verhältnissen Osteuropas. Es zeigt 
so recht, wie reich an natürlichen Hilfsquellen 
gerade Rußland ist, und welche Möglichkeiten 
zu einer geologischen und bergmännischen Auf- 
schließung hier noch vorliegen. Eine von 
S. V. Bubnoff bearbeitete schöne Strukturenkarte 
von Osteuropa ist beigefügt. Krenkel. 

Walte, Wilhelm, Einstein, Michelson, 

Newton, Die Relativitätstheorie, 

Wahrheit und Irrtum. 47 S. Hamburg 

192 1, W. Gente. 

Der Verf. bemüht sich zu zeigen, daß Ein- 



i6o 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 1 1 



Steins Formeln der Wirklichkeit nicht ent- 
sprechen, daß man vielmehr zu New tons Licht- 
theorie zurückkehren müsse, da unsere Elektronen 
dasselbe sind, wie Newtons Lichtpartikeln. Der 
Äther ist demnach nichts anderes als ein den 
Raum füllendes IVleer von Elektronen, deren Druck 
auch die Gravitation hervorbringt. Die von der 
Sonne ausgehenden, die Erde treffenden Elektronen 
üben aber keine solche Stoßwirkung aus, sondern 
werden in Wärme umgesetzt, so daß also diese 
Erwärmung der Erde die Erde an die Sonne 
kettet, indem nur die von außen kommenden 
Elektronen die Gravitationswirkung ausüben. Es 
läßt sich auch so die Entstehung und Lage der 
Kometenschweife erklären. Es erscheint das 
Gravitationsgesetz in der Form, daß die Anziehung 
des ersten Körpers von der Masse des zweiten 
abhängt. Hieraus vermag der Verf. auch die Er- 
scheinungen der Gravitationsfelder zu erklären, 
und zeigt, daß diese in der Nähe glühender Massen 
besondere Eigenschaften haben, die sich z. B. in 
der Bewegung des Merkurperihels äußern. Das 
Heft ist ein geistvoller Versuch zur Lösung des 
Äther- und Gravitationsproblems in einer dem 
Einst einschen entgegengesetzten Sinne. 

Riem. 



Schwassmann, Arnold, Relativitätstheorie 
und Astronomie. 34 S. mit 15 Fig. Ham- 
burg 192 1, Henri Grand. Geh. 4 M. 
^ ^Das Heft ist ein Sonderabdruck aus der neuen 
24. Auflage von Diesterwegs populärer 
Himmelskunde und behandelt darum die wichtigen 
Beziehungen der Theorie zur Astronomie, aus- 
gehend von der Deutung des Michelsonschen 
Versuches durch Loren tz und dem daraus 
folgenden Einst einschen Prinzip der Konstanz 
der Lichtgeschwindigkeit in bewegten oder ruhen- 
den Systemen, und weiterhin dem Äquivalenz- 
prinzip. Die Darstellung ist sehr klar. Der Verf. 
hält diese Theorie für erwiesen auf Grund der 
Beobachtungen an der Sonnenfinsternis und der 
Rotverschiebung, sowie der Perihelbewegung des 
Merkur, ein Material, das man jetzt anders be- 
wertet; besonders die von Schwaßmann ange- 
führten Messungen von Grebe sind als falsch 
von Lenard und Glaser erwiesen. Sehr an- 
schaulich sind die Darlegungen des Einflusses der 
Rel. Th. auf die Raumanschauung, auf die Gravi- 
tationslheorie und die Kosmologie, so daß sich 
das kleine Heft sehr vorteilhaft von den zahllosen 
Arbeiten anderer über dies Thema abhebt. 

Riem. 



Anregungen und Antworten. 



Homöopathie und allgemeine Physiologie. In Heft 44 
der Naturw. Wochenschr. 1921 bricht Herr Dr. med. Tisch - 
ner eine Lanze für die wissenschaftliche Berechtigung der 
Homöopathie. Seine Worte sind aber seitens der Physiologie 
nicht stichhaltig — von Therapie und ,, Heilerfolgen" will ich 
nicht reden. T. beruft sich auf das ,, biologische Grund- 
gesetz", dafl schwache Reize förderlich, starke schädlich wir- 
ken. In der Mehrzahl der Fälle wird es sich dann aber wohl 
um die Häufung bzw. die Übertreibung der Wirkung handeln, 
nicht um die von der Homöopathie behauptete ,, Umkehr der 
Wirkung". Essen ist notwendig, Zuvielessen ist ungesund — 
aber das ist keine Stütze iür den Grundlehrsatz der Homöo- 
pathie. Nach diesem müßte es kein besseres Schlafmittel 
geben als Kaffee oder Tee in äußerster Verdünnung, kein 
besseres Mittel gegen die Wirkungen des Alkoholismus als 
stark verdünnten Alkohol. Die Physiologie lehrt ja gerade, 
daß die Giftwirkung streng quantitativ verläuft: x mg 
Gift töten I kg Lebendgewicht. Darum ist es im höchsten 
Grade zweifelhaft, ob die , .homöopathischen" Dosen auf einen 
Menschen überhaupt wirken. Die Homöopathie verwendet 
(ob heute noch ?) Kochsalz in starker Verdünnung. Nun 
frage ich : da der Mensch täglich in Speisen und Getränken 
etliche Gramm Chlornatrium zu sich nimmt, was soll es hel- 
fen, wenn er überdies noch 0,0000001 mg davon verschluckt- 
Und weiter; I g Kochsalz hat gar keine zu verspürende Wir. 
kung — wovon soll denn die ,, homöopathische" Dosis das 
Gegenteil bewirken? Die Erfahrungen der Bakteriologie und 
Schutzimpfung passen gar nicht zum homöopathischen Um- 
kehrsatz; denn auch die Wirkung der Impfung ist quantitativ. 



ebenso ist es bei Einführung von Antiserum, und eingeführte 
Bakterien wirken im Körper nur, wenn sie sich dort ver- 
mehren können. — Im Anschluß daran möchte ich auf ein 
überaus gefährliches Schlagwort der Neuzeit hinweisen: 
die „(jleichberechtigung der Heilmethoden". Das klingt recht 
harmlos, kommt aber praktisch darauf hinaus, den gewissen- 
haften Arzt, der sein Fach gründlich studiert und der ein 
Herz für seine Kranken hat, auf eine Stufe zu stellen mit dem 
gewissenlosesten Kurpfuscher. Deutschland ist z. Zt. gesund- 
heitlich nicht stark genug, um für solche Zwecke als Ver- 
suchskaninchen zu dienen! Wenn Schiller mit seinem 
Wort: „Verstand ist stets bei Wenigen gewesen" nicht gar 
so sehr recht hätte, die Deutschen müßten wie ein Mann 
aufstehen und verlangen, daß nur d er Arzt sein darf, der das 
Fach in ordnungsmäßigem Unterricht studiert hat, und sie 
würden die ,, Gleichberechtigung der Heilmethoden" zum 
Teufel jagen. — Beiläufig bemerkt: auch in der Politik! 
Dr. phil. Hugo Fischer. 



Literatur. 

Zur Wünschelrutenfrage I, herausgegeb. von der preußi- 
schen geologischen Landesanslalt. Berlin '21. 

Wing, Easton, Jr. N., The Billitonites. Amsterdam '21, 
Koninklijke Akademie van Wetenschappen. 

Kofoid, Charles Atwood and Sezy, Olive, The free- 
living unarmored Dino flagellata. Berkeley '21, University of 
California Press. 



Inlinit: St. MohoroviOii-, Eine elementare Theorie der Gravitation. (2 Abb.) S. 145. — Einzelberlcbte: 15resina, 
Treffsicherheit. (2 Abb.) S. 153. Sprunghafte Vergrößerung der geographischen Breite. S. 15Ö. J. Behr, Über die 
Mächtigkeit des nordischen Inlandeises in Schlesien. S. 157. E. Borchers, Epithelkörperverpflanzung bei postopera- 
tiver Tetanie, S. 157. — Bücherbesprecbungen: A. Nippoldt, Erdmagnetismus, Erdstrom und Polarlicht. S. 158. 
E. Kayser, Lehrbuch der Geologie. S. 158. A. Hansen (j), Die Pflanzendecke der Erde. S. 159. H. Scherzer, 
Erd- und pflanzengeschichtliche Wanderungen durchs Frankenland. S. 159. H. Cloos und E. Meister, Bau und 
Bodenschätze Osteuropas. S. 159. W. Walle, Einstein, Michelson, Newton, Die Relativitätstheorie, Wahrheit und 
Irrtum. S. 159. A. Schwassmann, Relativitätstheorie und Astronomie. S. 160. — Anregungen und Antworten: 
Homöopathie und allgemeine Physiologie. S. 160. — Literatur: Liste. S. 160. 

Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 

Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G.m.b.H., Naumburg a. d. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge 21. Band: 
der ganzen Reihe 37. band. 



Sonntag, den 19. März 1922. 



Nummer 12. 



Das Problem der Wünschelrute. 

Von Ferd. Sehemin/ky, Wien. 



[Nachdruck verboten.] 



Mit 2 Abbildungen. 



In den letzten Jahren, besonders in der Kriegs- 
zeit hat sich eine lebhafte Diskussion über die 
Wünschelrutenfrage entwickelt. Die an der 
deutschen und österreichischen Front von der 
Heeresverwaltung verwendeten Rutengänger haben 
immerhin eine ganz ansehnliche Zahl von Treffern 
aufzuweisen gehabt, so daß wohl an der Tatsäch- 
lichkeit des Phänomenes nicht mehr zu zweifeln 
ist. Eine ganz andere Frage aber ist die, ob es 
zweckmäßig ist, bei Bohrungen und ähnlichen 
Anlässen einen Rutengänger zu Rate zu ziehen, 
mit anderen Worten, ob das als tatsächlich zu- 
gegebene Problem auch einer praktischen Ver- 
wertung fähig ist. Das theoretische Problem, das 
allein den Physiologen interessiert, kann ja be- 
stehen bleiben, auch wenn es sich herausstellen 
sollte, daß die Wünschelrute für Terrainunter- 
suchungen nicht brauchbar ist. 

Unter Wünschelrutengängern versteht man 
bekanntlich Individuen, welche die merkwürdige 
Eigenschaft besitzen, daß sie von unterirdischen 
Substanzen, wie Wasser, Kohle, Erze, Erdgas und 
dergleichen mehr in einer eigenartigen Weise be- 
einflußt werden. Diese Beeinflussung zeigt sich 
entweder darin, daß gewisse in den Händen ge- 
tragene und allgemein als Wünschelruten be- 
zeichnete Apparate durch eine reflexartige Muskel- 
bewegung eine Drehung ausführen — die Wünschel- 
rute schlägt aus — oder daß diese besonders 
sensitiven Individuen eine charakteristische, meist 
unangenehme Empfindung erhalten. Die Eigen- 
schaft der Wünschelrutenfähigkeit ist nicht gerade 
sehr häufig. Immerhin dürften wohl 4 — 6 Proz. 
zu brauchen sein. 

Die Wünschelrutenfähigkeit scheint sich beim 
gleichen Individuum nicht stets in der gleichen 
Stärke zu offenbaren. So sehen wir, daß abnorme 
Witterungsverhältnisse, ja schon bedeckter Himmel, 
Ermüdung, freudige und traurige Erregungen 
hemmend einwirken können. ' Dies ist natürlich 
begreiflich, da ja der Rutengänger kein physika- 
lischer Apparat ist, sondern ein lebendes Indi- 
viduum. Die Tatsache, daß der Rutengänger von 
unterirdischen Objekten beeinflußt wird, und daß 
seine Empfindsamkeit von den Witterungsverhält- 
nissen abhängig ist, zeigt uns nun, daß wir das 
Phänomen bei den geopsychischen Erscheinungen 
einreihen müssen, jenen Erscheinungen unter 
denen Hellpach^) die psychischen Wirkungen 
von Wetter, Klima und Landschaft versteht. 

Die einfachste Form der Wünschelrute ist eine 
Astgabel, deren Zinken einfach mit der Hand er- 



griffen werden. Die einen halten sie so, wie man 
einen Turnstab oder ein Hantel erfaßt, also von 
oben her, andere umgreifen die beiden Äste von 
unten, wieder andere halten sie bloß mit einer 
Hand, entweder an einem Aste oder am gemein- 
samen Stiele. Den gebrechlichen Holzruten werden 
oft nachgeahmte Formen aus Metall vorgezogen. 
So zeigt uns die Abb. i eine sog. Schiingenrute, 




Abb. I. Schiingenrute aus Metall. 



wie sie bei Wiener Rutengängern häufig im Ge- 
brauche ist. Ihre Dimensionen sind meistens so 
bemessen, daß die Höhe (b in Abb. i) etwa 10 
bis 20 cm beträgt, die Breite hingegen etwa 15 
bis 25 cm (a). Wenn nun einzelne Rutengänger 
angeben, daß sie zum Aufsuchen bestimmter Ob- 
jekte verschiedene, auf diese jeweils abgestimmte 
Ruten haben müssen, so stellt der unparteiische 
Statistiker dem bloß die Tatsache gegenüber, daß 
es Rutengänger gibt, die für die gleichen Sub- 
stanzen gerade die entgegengesetztesten Formen, 
Materialien und Haltungen verwenden, ja, daß 
viele auf spezielle Wünschelruten ganz verzichten, 
und entweder stets mit dem gleichen Instrument 
arbeiten, oder erst an Ort und Stelle sich eine 
Rute vom nächstbesten Baume schneiden, daß 
endlich einige wenige die Rute vollständig ent- 
behren können, und sich bei ihren Mutungen 
lediglich auf ihre subjektiven Gefühle verlassen. 
Aus der Fülle der sich oft widersprechenden An- 
gaben zieht der Statistiker nur den Schluß, daß 
die F"orm, das Material und die Haltung 
der Wünschelrute ganz belanglos sind. 
Hat auch so mancher Rutengänger seine Lieblings- 
rute, so leistet doch jeder von ihnen das gleiche 
mit ihr, soferne er eines besitzt: hinreichende 
Wünschelrutenfähigkeit. 

Zwischen dem wirkenden Objekt und der 
Reaktion des Rutengängers besteht nun, wie die 
Erfahrung gelehrt hat ein Zusammenhang, derart, 

>) W. Hell p ach, Die geopsychischen Erscheinungen. 
Leipzig 191 ", 2. Aufl., Kngelmann. 



l62 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. i^ 



daß der Rutengänger aus der Art seiner Reaktion 
auf die Natur des wirkenden Körperss schließen 
kann. Der Rutengänger weiß, ob er sich über 
Wasser, Kohle, Kupfer oder Eisenerze befindet. 
Die Hochempfindlichen, das sind jene, die auf die 
Rutenbewegung ganz verzichten, und sich ihren 
Gefühlen überlassen, haben auch charakteristische 
Empfindungen: so spürt der eine über Wasser 
ein Stechen in den Schläfen, der andere über 
Kali krampfartige Schmerzen in der Magengegend, 
über Kohle mehr Herzschmerzen und so fort. Es 
sei von vornherein darauf hingewiesen, daß es 
sich in den zuletzt genannten Fällen wahrschein- 
lich auch nicht um eine direkte Wirkung handeln 
wird, sondern um eine Projektion allgemeiner 
Empfindungen in bestimmte Körperregionen, eine 
Erscheinung, welche wir bei hysterischen Indi- 
viduen und anderweitig erkrankten Personen 
wiederholt vorfinden. 

Für die Drehung der Wünschelrute sind noch 
bis vor ganz kurzer Zeit, und in minder kritischen 
Köpfen auch heute noch, die verschiedensten 
mehr oder minder mystische Energien verant- 
wortlich gemacht worden. Dank der Arbeiten 
von H ä n e 1 ') einerseits, von P o 1 1 a k - R u d i n -) 
andererseits wissen wir heute, daß die wiederholt 
ausgesprochene Vermutung, daß die Rutendrehung 
einfach ein Ergebnis der IVIuskeltätigkeit des 
Sensitiven sei, zu Recht besteht. Wir werden 
also sagen, daß der Rutengänger über unter- 
irdischen Objekten unbewußt seine Rute dreht, 
und daß diese Bewegung ihn erst selbst von der 
Anwesenheit der wirkenden Substanzen unter- 
richtet. Diese Rutendrehung wird als Ausschlag 
bezeichnet. 

Nun ergeben sich für uns zwei wichtige Fragen : 

1. Welcher Natur ist die Fernwirkung, welche 
die Objekte ausüben? 

2. Welche Vorgänge spielen sich dabei im 
Körper des Rutengängers ab ? 

Zunächst sei auf das Phänomen der Abbildung 
der Flußläufe in den Wolken verwiesen, eine Tat- 
sache, welche zur Erklärung des Wünschelruten- 
phänomens zuerst von Blacher herangezogen 
wurde. ^) Es wurde nämlich von Astronomen 
wiederholt die Beobachtung gemacht, daß an 
windstillen Tagen gewisse Wolkenlücken direkt 
ein Spiegelbild der darunter liegenden Wasser- 
läufe sind. Man führt diese Erscheinung darauf 
zurück, daß aus dem Erdinneren kurzwellige 
Strahlen, den ;■ Strahlen des Radiums ähnlich, 
austreten, welche ihrer großen Reichweite wegen 
auch als durchdringende Strahlung bezeichnet 
werden. Da nun diese Strahlen in der Luft Ionen 
erzeugen und diese wiederum als Kondensations- 
kerne für den Wasserdampf dienen, so wäre es 

') Zur physiologischen Mechanik der Wünschelrute. 
.Schriften des deutschen Verbandes zur Klärung der Wünschel- 
ruteufrage. München. 

'') Uraniavortrag Wien, 1919. 

') Zur Kliirung des Problemcs der Wünschelrute. Um- 
schau der Chcmikerztg. Cöthcn 1914. 



ganz verständlich, wenn nur dort eine Wolken- 
bildung auftritt, wo diese Strahlen die Erdrinde 
ungehindert verlassen und in die Lufthülle ein- 
dringen können. Nun wissen wir aber, daß die 
einzelnen Körper diese Strahlen nur in ganz ver- 
schiedener Weise durchlassen. Wasser absorbiert 
sie gänzlich. Über Flüssen müßten daher Wolken- 
lücken sein. Wenn dieses Phänomen der Ab- 
bildung der Wasserläufe trotzdem nur selten rein 
zur Beobachtung gelangt, so liegt es daran, daß 
ja die gebildeten Wolken durch Luftbewegungen 
von ihrer Geburtsstätte weggeführt werden, und 
andererseits die Luftionen ja nicht die ausschließ- 
lichen Kondensationskerne darstellen. Als solche 
können sie nur in absolut reiner Luft wirken, da 
ja sonst sich auch die Staubteilchen an dieser 
Aufgabe beteiligen. Wenn wir nun die Annahme 
machen, daß der Rutengänger auf solche durch- 
dringende Strahlen empfindsam sei, und daß er 
quantitative und qualitative Änderungen wahr- 
nehmen kann, so haben wir eine ganz plausible 
und brauchbare Arbeitshypothese gewonnen, die 
auch noch durch andere Tatsachen gestützt wird. 
Es ist ja bereits früher darauf hingewiesen worden, 
daß der Rutengänger auch die chemische Natur 
der unterirdischen Körper feststellen kann. Es 
ist nun interessant, daß diese durchdringenden 
Strahlen von den verschiedensten Körpern in 
ihrer Wellenlänge verändert werden, wenn sie den 
Körper auf ihrem Wege zur Erdoberfläche durch- 
dringen müssen. Es treten nämlich Sekundär- 
strahlen auf, welche den charakteristischen Stempel 
des durchdrungenen Objektes in ihrer Wellenlänge 
aufgeprägt haben. Mosely hat auf Grund dieser 
Tatsache im Jahre 1914 die Elemente nach diesen 
Atomspektren neu gruppiert. Wir hätten also in 
dieser zweiten Tatsache auch eine Möglichkeit, 
uns das Erkennen der chemischen Natur des Ob- 
jektes seitens des Rutengängers zu erklären. 

Aber auch eine Reihe anderer Feststellungen 
spricht zugunsten dieser Hypothese. So hat 
Ambronn') vergleichende Feststellungen über 
Wünschelrutenreaktionspunkte und sonstigen phy- 
sikalischen Änderungen gemacht. Es hat sich 
dabei gezeigt, daß die Rutenreaktionen immer an 
geologisch merkwürdigen Punkten auftreten und 
daß an solchen Stellen auch die radioaktiven 
Zustandsgrößen eine ausgiebige Veränderung er- 
fahren. Trägt man beides untereinander in gra- 
phischer Form auf, so erhält man in den beider- 
seitigen Schwankungen eine sehr schöne Überein- 
stimmung. Auch das würde auf die Strahlungs- 
hypothese hinweisen. 

Vor ganz kurzer Zeit sind nun von H a s c h e k -) 
im II. physikalischen Institut der Wiener Uni- 
versität eine Reihe interessanter Versuche mit 
dem Rutengänger Waagen, Chefgeologe der 
Geologischen Reichsanstalt zu Wien durchgeführt 

') Objektives von der Wünschelrute. Die Umschau, 1920, 
Heft 13. 

-) Kin Beitrag zur physikalischen Erklärung des Wünschel- 
rutenproblems. Die Naturwissenschaften, 1921, Heft 51. 



N. F. XXI. Nr. 12 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



163 



worden. Die mit den nötigen Kontrollmaßnahmen 
versehenen Experimente zeigten, daß der Ruten- 
gänger auf Änderungen des elektrischen Feldes 
der Erde reagiert. Dort wo die Stromlinien ver- 
dichtet würden, trete die Reaktion ein; das ist 
aber nur dort der Fall, wo in einem Gebiete 
schl'echterer Leitfähigkeit ein besserer Leiter ein- 
geschlossen ist. Auch diese Angaben würden mit 
den Befunden von Ambron n übereinstimmen, 
da ja die radioaktiven Zustandsgrößen mit dem 
elektrischen Verhalten des betreffenden Erdpunktes 
in einem innigen Zusammenhange stehen. 

Es ist auch interessant, daß die eigentliche 
Rutenreaktion schon vor den Grenzen des wirken- 
den Körpers erfolgt. Die beigegebene Abb. 2 
soll dies illustrieren. A B sei eine unterirdische 
Wassermenge. Die Linie C A' B' D stelle den 
Erdboden vor. Der Rutengänger gehe in der 
Richtung des Pfeiles von links nach rechts. Die 
Rute befinde sich in der Höhe der Linie i, 2, 3, 
... 8, und die Zahlen mögen verschiedene Mo- 
mente der Begehung darstellen, mit den jeweiligen 






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Abb. 2. Schema zur Wünschelrutenreaklion. 



Momentphotographien der Rutendrehung. Bei i 
ist die Rute noch horizontal, d. h. sie ist noch 
in der Ausgangsstellung, der Rutengänger hat 
noch keine Reaktion erhalten. Bei 2 kommt er 
bereits in den Wirkungsbereich des Wassers, die 
Rute beginnt ihre Aufwärtsdrehung. Diese schreitet 
fort, eine Mittelstellung ist 3 und endlich bleibt 
sie stehen. Nun weiß der Rutengänger, daß er 
über der Grenze des Objektes steht. Die Rute 
hat dabei eine Drehung von 90" gemacht; aus 
der Größe dieses Winkels schließt der Sensitive, 
daß er z. B. über Wasser ist. Die vertikale 
Stellung wird von der Rute so lange beibehalten, 
d. h. der Rutengänger hält die Rute so lange ruhig, 
bis er wieder aus dem Bereich des Wassers kommt. 
Erst dort, in unserer Figur Punkt 5 beginnt wieder 
die Bewegung. 

Es sei im Anhange erwähnt, daß der Ruten- 
gänger auch Tiefenangaben machen kann. Diese 
beruhen vielfach darauf, daß der Schwellenwert 



der Erregung bei einer bestimmten Einfallsrichtung 
der Strahlen — etwa bei 60 " — liegen dürfte, 
wie eine Reihe gelungener und richtiger Be- 
stimmungen zu zeigen scheinen. Dadurch kann 
die Entfernung, die vom Beginn der Ruten- 
reaktion bis zu ihrer Vollendung durchschritten 
wurde, zu der Tiefe in eine bestimmte Relation 
gesetzt werden. Wir sehen auch hier theoretisch 
noch nicht ganz klar, wenn auch die Tatsachen 
nicht mehr geleugnet werden können. 

Den Ausschlag, welchen die Rutengänger über 
den unterirdischen Objekten erhalten, nennt man 
auch natürlichen Ausschlag, im Gegensatze 
zum suggestiven, der auftritt, wenn sich der 
Rutengänger einbildet über einem solchen zu sein. 
Dieser suggestive Ausschlag tritt gerne bei minder 
geübten und sehr unkritischen Rutengängern auf. 
Und diese Erscheinung lenkt unsere Aufmerksam- 
keit auf die psychischen Einflüsse hin. Suggestive 
Einflüsse sind es auch, welche dem Rutengänger 
ein bestimmtes Material, eine bestimmte Ruten- 
form und eine bestimmte Haltung vorschreiben. 
_ Wenn er glaubt, nur mit einer Holz- 

g rute, an der eine Kugel hängt, und 

-•-— 0-- nur bei Haltung im Untergriff Wasser 
■ zu finden, so wird er auf dieses nicht 

reagieren, wenn er sie anders erfaßt, 
oder die Kugel fehlt. Und so wie eine 
Hysterische unter dem Einflüsse ihrer 
Suggestionen die unglaublichsten Krank- 
heitserscheinungen produziert, so kann 
auch der Rutengänger allerlei aufführen, 
wenn er einer entsprechenden Vorstel- 
lung gegenübersteht. 

Wir haben früher festgestellt, daß es 
unter der Einwirkung der Substanzen 
beim Rutengänger zu einer charakte- 
ristischen Muskelbewegung kommt. 
Die Verknüpfung des unbewußt bleiben- 
den Reizes mit der Muskelbewegung 
ist schon ein psychischer Akt. Dies 
erkennen wir daraus, daß der Sensi- 
tive nicht alle Substanzen erkennen kann, son- 
dern nur solche, über denen er geübt. Mit 
anderen Worten : soll ein Rutengänger zum 
Wassersucher ausgebildet werden, so muß er vor- 
her öfters über Wasser gegangen sein und den 
Ausschlag probiert haben. Die wiederholte Be- 
einflussung hat endlich in irgendwelchen Nerven- 
zellen eine Veränderung zurückgelassen — ein 
Engramm im Sinne S e m o n s — welches zusam- 
men mit dem Bilde der Muskelbewegung fixiert 
wird. Kommt der so vorbereitete Rutengänger 
neuerlich über Wasser, tritt also ein für ihn be- 
reits bekannter Reiz auf, so tritt auch die zuge- 
ordnete Muskelbewegung in Erscheinung. Ob 
diese das erstemal zufällig bestimmt war, oder 
aber eine bewußte oder unbewußte Nachahmung 
der Bewegung anderer war, mag wohl in jedem 
einzelnen Fall speziell zu untersuchen sein. Übt 
sich der Sensitive so auf verschiedene Substanzen 
ein, so wird er sie im Terrain unterscheiden 



i64 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 12 



können. Und so wie etwa ein Hund dressiert 
werden kann auf einen bestimmten Ton durch 
einen Reifen zu springen, auf einen anderen aber 
eine Leiter zu ersteigen, so dressiert sich der 
Rutengänger durch Übung auf verschiedene, aller- 
dings meist unbewußt bleibende Reize mit ver- 
schiedenen Bewegungen zu antworten. 

Da nun diese mit dem Reiz in keinem ursäch- 
lichen Zusammenhang stehen, sondern mit diesem 
nur durch Assoziation künstlich verknüpft erschei- 
nen, so wird es uns verständlich, daß die Drehung 
auch realisiert werden kann, wenn der Original- 
reiz fehlt. Wird eben durch die Erwartung das 
Engramm ekphoriert, so kommt auch die Zu- 
ordnung zum Vorschein. 

Eine weitere Stütze dieser Auffassung ist es, 
daß der Ausschlag in seiner Größe willkürlich 
geändert werden kann. Wenn der Sensitive sich 
vornimmt, bei Wassernähe eine andere Bewegung 
auszuführen, die frühere dafür zu unterlassen, und 
dieses über Wasser einübt, so kommt eine neue 
Assoziation zustande, welche dazu führt, daß in 
Hinkunft nur mehr die neue Bewegung realisiert 
wird. 

Gerade aber die psychischen Komponenten 
zeigen uns Fehlerquellen, die in der Praxis schwer 
zu meiden sind. Und die Tatsachen bestätigen 
diese Skepsis. Speziell die im vergangenen Jahre 
vom internationalen Verein der Wünschelruten- 



forscher in Bad Pyrmont veranstaltete Tagung 
hat für die Rutenverwendung ein Fiasko ergeben. 
Es gibt bestimmt einzelne sehr verläßliche Ruten- 
gänger, aber im allgemeinen können wir schließen, 
daß die Rutenfrage wohl ein den Theoretiker, 
nicht aber den Praktiker interessierendes Gebiet 
darstellt. 

Rekapitulieren wir, was wir momentan von 
der Wünschelrute eigentlich wissen, so ergibt sich 
herzlich wenig. Es existieren einzelne 
Individuen, welche von unterirdischen 
Objekten in einer eigenartigen W eise 
beeinflußt werden. Diese Tatsache ist 
uns heute nicht mehr wunderbar. Hat 
uns doch die Forschung der letzten 
Jahre gezeigt, daß unser Leben viel 
mehr unter dem Einfluß von Wetter, 
Klima und Boden steht, als wir es bis 
jetzt glauben wollten. Diese Beein- 
flussung äußert sich in einer assoziativ 
verknüpften Muskelbewegung, oder 
bei Hochsensitiven in einer Empfin- 
dung. Ein Ausschlag kann aber auch 
durch Suggestion seitens des Ruten- 
gängers entstehen und dieser sugges- 
tive Ausschlag bildet eine der schwer- 
sten Fehlerquellen für die Praxis. Die 
Natur, die Art, und der Ort der Beein- 
flussung des Rutengängers ist aber 
noch unbekannt. 



Über «las Vorkonnnen von Trypauosonieu bei unsereu heiinischeu Wirbeltiereu und etwas 
über ihre Kultur auf küustliclien Nährböden. 

Von cand. zool. Otto Nleschlllz. 
Mit 4 Abbildungen. 



Fast allgemein trifft man, vielfach auch in 
zoologischen Kreisen, auf die Ansicht, daß die 
Trypanosomen fast ausschließlich Blutparasiten 
tropischer und subtropischer Tiere sind und bei 
uns nur ganz ausnahmsweise auftreten. Für die 
pathogenen, wirtschaftlich wichtigen Arten (Er- 
reger der Schlafkrankheit, Ngana, Surra, des Mal 
de Caderas usw.) trifft dies zwar zu, aber neben 
diesen findet man noch nicht- pathogene Vertreter 
der Gattung auch bei unseren Wirbeltieren in 
weiter Verbreitung. Auf das Vorkommen dieser 
interessanten Parasiten in unserer Heimat auf- 
merksam zu machen und etwas über die neueren 
Ergebnisse der Züchtung mitzuteilen, soll der 
Zweck dieser Zeilen sein. 

Aus Deutschland selbst liegen bisher nur wenige 
Beobachtungen über Trypanosomen vor, aus anderen 
europäischen Ländern teilweise erheblich mehr. 
Aber auch unter Berücksichtigung dieser Befunde 
läßt sich nur ein sehr lückenhaftes Bild von ihrer 
wirklichen Verbreitung gewinnen, da noch kaum 
systematische Untersuchungen an einem größeren 
Material unternommen sind, sondern es sich meist 
nur um Gelegcnheitsbeobachtungen handelt. Immer- 



hin werden auch schon die angeführten Beispiele 
zeigen, daß bei uns diese Parasiten recht häufig 
vorkommen. 

Wie bereits erwähnt, sind die pathogenen 
Trypanosomen meist auf die wärmeren Gegenden 
beschränkt. Die einzige Ausnahme bildet das 
'l^rypaiiosonia r(j/iipcniin/i Doflein, der Er- 
reger der Beschälseuche oder Dourine der Pferde. 
Durch die großen Pferdeverschiebungen der Kriegs- 
und Nachkriegszeit wurde diese Krankheit auch 
in unsere Heimat und einige Nachbarländer ver- 
schleppt, wo sie zurzeit glücklicherweise nur 
regional verbreitet ist. Da die Übertragung nur 
durch den Koitus ohne Vermittlung eines Zwischen- 
wirts geschieht, so läßt sich die Seuche, wenn sie 
richtig erkannt ist, durch Ausschluß der erkrankten 
Tiere von der Zucht verhältnismäßig leicht unter- 
drücken. 

Die nicht-pathogenen Trypanosomen treten im 
Blut ihrer Wirte nie in solcher Menge auf wie 
die pathogenen Arten, meist lassen sie sich über- 
haupt nur schwer nachweisen. Im Nativpräparat 
kann man die lebenden I'^lagellaten durch ihre 
schlängelnde Bewegung und die Unruhe, die sie 



N. F. XXI. Nr. i: 



Naturwissenschaftliche Wochenschritt. 



165 



unter den Blutkörperchen hervorrufen, noch ver- 
hältnismäßig leicht erkennen; man muß aber trotz- 
dem häufig eine ganze Anzahl Präparate durch- 
sehen, bevor man einen Parasiten zu Gesichte 
bekommt. Gewöhnliche Blutausstriche, bei denen 
ein Tropfen Blut in dünner Schicht auf einen 
ganzen Objektträger verteilt wird, sind bei der 
Suche nach Trypanosomen im allgemeinen recht 
ungeeignet, während bei der sog. Dickentropfen- 
methode, nach welcher man einen großen Tropfen 
Blut einfach auf einem Objektträger gut antrocknen 
läßt und das Hämoglobin der Blutkörperchen vor 
dem Färben mit destilliertem Wasser auszieht, die 
Wahrscheinlichkeit, Parasiten zu finden, natürlich 
bedeutend größer ist. Die günstigsten Erfolge 
werden zweifelsohne erzielt, indem man ähnlich 
wie in der Bakteriologie von dem Blute auf ge- 
eigneten Nährböden Kulturen anlegt; doch hier- 
von unten Näheres. 

Von unseren Haustieren sind mit nicht- patho- 
genen Trypanosomen Rind und Schaf recht häufig 
infiziert, dieses mit dem Trypaiivsoina uiclophagium 
Flu, jenes mit T. tJicikri Bruce; von den 
kleinen Säugern besonders die Nagetiere und unter 
diesen vor allem die Haus- und Wanderratten — 
mit Tryp. Icnusi Kent — , bei denen sie fast 
überall und meist in beträchtlicher Anzahl vor- 
kommen. Ferner sind als Wirtstiere bekannt ge- 
worden: Feld- und Waldmäuse, Garten- und Sieben- 
schläfer, Hamster, Kaninchen, Ziesel, dann noch 
Dachs und Maulwurf und schließlich verschiedene 
Fledermausarten. 

Die Vögel scheinen noch häufiger infiziert zu 
sein als die Säugetiere. Über 1 50 Arten sind bis- 
lang als Wirtstiere bekannt, aber trotzdem stellt 
diese Zahl sicher nur einen kleinen Prozentsatz 
der wirklich infizierten Vögel dar, wie sich schon 
daraus ersehen läßt, daß von neun Vogelarten, 
bei denen ich während eines Studienaufenthaltes auf 
der Biologischen Anstalt Helgoland diese Parasiten 
fand, sechs als Trypanosomenträger noch nicht 
bekannt waren (Nieschulz, O., Tijdschr. v. 
Diergeneeskd., Bd. 48, 1921). 

Unter den Vögeln hat man bei den Sängern 
die meisten Trypanosomen gefunden, in Europa bis- 
her bei etwa 40 Arten. So bei einer Anzahl F"inken, 
Drosseln, Rotschwänzen, Rotkehlchen, Würgern, 
Meisen, Bachstelzen, Grasmücken, Fliegenfängern, 
Schwalben, Zaunkönig, Steinschmätzer, Sperling, 
Häher, Rabe u. a. m. Aus anderen Ordnungen 
z. B. ferner noch bei Eulen, Falken, bei der Nacht- 
schwalbe, dem Wiedehopf und der Schnepfe. Im 
Blut unseres Hausgeflügels hat man noch keine 
Trypanosomen angetroffen, obwohl sie in tro- 
pischen Gegenden mehrfach beobachtet wurden. 

Unsere heimischen Reptilien haben sich, wie 
bereits erwähnt, bis jetzt noch als trypanosomen- 
frei erwiesen. Bei ihnen ist allerdings auch in 
den Tropen nur vereinzelt eine Infektion vorge- 
funden worden. 

Von den Amphibien findet man beim braunen 
Grasfrosch seltener, beim grünen Grasfrosch fast 



immer Trypanosomen. In manchen Gegenden 
ist es überhaupt kaum möglich, von diesem 
parasitenfreie Exemplare für Infektionsversuche 
zu erlangen. Sonst hat man noch beim Laub- 
frosch — in Portugal — Trypanosomen nachge- 
wiesen. 

Die Fische endlich beherbergen wieder recht 
häufig Trypanosomen. Diese sind im Gegensatz 
zu denen der Vögel und mancher Säugetiere 
wegen ihrer verhältnismäßig großen Anzahl im 
Blut im allgemeinen leicht aufzufinden. 

Bei Untersuchungen im Hamburger Hafen fand 
ich dort ungefähr die Hälfte der Flußbarsche, die 
meisten Aale, eine Anzahl Flundern und zwei von 
drei Hechten infiziert. Außer diesen sind noch als 
Trypanosomenträger bekannt geworden : Karpfen, 
Goldfisch, Karausche, Schleie, verschiedene Weiß- 
fische, Schlammpeitzger, Bartgrundel, Quappe u. a. m. 

Aus Meeresfischen sind ebenfalls zahlreiche 
Trypanosomen beschrieben worden. Merkwürdiger- 
weise habe ich auf Helgoland bei einem großen 
Material von Pleuronektiden, Rochen und Haien, 
das mir dort zur Verfügung stand und bei denen 
sonst recht häufig Trypanosomen gefunden sind, 
kein einziges infiziertes Exemplar angetroffen. 

Bereits oben ist schon darauf hingewiesen, daß 
sich die Trypanosomen, ähnlich wie es von den 
Bakterien bekannt ist, auf künstlichen Nährböden 
leicht züchten lassen. Dies gilt jedoch nur für 
die nicht-pathogenen Arten, während man bei 
den pathogenen Formen hierbei auf große 
Schwierigkeiten stößt. Immerhin liegen auch für 
diese schon einige günstige Resultate vor. 

Als Nährmedium benutzt man zunächst meist 
entweder sog. Blutbouillon, ein Gemisch von etwa 
gleichen Teilen einer Nährbouillon und defibri- 
nierten Blutes, oder Blutschrägagarkulturen, bei 
denen zu der Nährbouillon noch ungefähr 2 Proz. 
Agar-Agar hinzugefügt sind. Um den Agar zu 
lösen, wird dieser letzte Nährboden, bevor man 
das Blut dazu gießt, erwärmt. Das Ganze läßt 
man dann in schräger Schicht in einem Reagenz- 
glas erstarren und wartet mit dem Impfen, bis 
sich reichlich Kondenswasser ausgeschieden hat. 
Hierin wachsen dann die Trypanosomen. Bei 
den Blutbouillonkulturen vermehren sich die 
Flagellaten auf der Oberfläche der Blutkörperchen- 
schicht und zwar so schnell, daß man sie bereits 
nach einer Woche vielfach schon makroskopisch 
als feinen, weißlichen Belag erkennen kann. 

Nöller gebührt der Verdienst, durch Ein- 
führen des sog. Plattenverfahrens die Züchtungs- 
technik erheblich vervoUkomnuiet zu haben 
(Nöller, W., Arch. für Schiffs- und Trop.-Hyg. 
Bd. 21, 1917). Er verwandte einen festen Nähr- 
boden von ähnlicher Zusammensetzung wie bei 
den erwähnten Blutschrägagarkulturen, mit wel- 
chem der Boden einer hohen Petrischale bedeckt 
wird, während in die Deckelschale, nachdem das 
Gefäß natürlich vorher umgekehrt ist, eine Subli- 
matlösung gegossen wird , welche die Kultur 
gegen Verdunsten schützt und zugleich ein Ein- 



166 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 12 



dringen von Keimen verhindert. Auf der Unter- 
fläche des Nährmediums wird eine dünne Schicht 
Kondenswasser ausgeschieden , in der die Trypa- 
nosomen günstige Wachstumsbedingungen vor- 
finden. Wenn man für ein rechtzeitiges Über- 
impfen der allmählich degenerierenden Kultur auf 
eine neue Platte sorgt, kann man die Trypano- 
somen auf diese Weise unbegrenzt halten; ich 
selbst züchte einige Stämme so schon beinahe 
zwei Jahre lang fort. 

Wenn man die Trypanosomenmasse in Form 
eines geraden Striches auf die Kulturplatte auf- 
trägt, so sieht man bei vielen Arten bald Aus- 
läufer von dieser Mittellinie hervortreten, die, da 
ihre Gestalt konstant ist, für die systematische 



Abbildungen die IVIannigfaltigkeit der Wachstums- 
formen demonstrieren. 

Manche Trypanosomen wachsen überhaupt 
ohne jede Ausläuferbildung, so z. B. das aus dem 
Frosch und vom Hühnerhabicht (Stamm Mayer). 
Auch einige Fischtrypanosomen , deren Platten- 
kultur mir bei Verwendung einer leichten Modi- 
fikation des Po n seileschen Nährbodens ge- 
lungen ist, bilden keine Ausläufer. 

Die Ausläufer selbst können nun ihrerseits 
beim Rindertrypanosom {'fryp. fkdkri) beispiels- 
weise sehr fein, dichtstehend und verhältnismäßig 
kurz sein (Abb. i), beim Kreuzschnabeltrypanosom 
(Stamm Nöller) sind sie auch kurz, dafür aber 
ganz plump. Das Singdrossel- und das Ring- 






Abb. I. 

Kultur des Tyypanosoina theikri. 

-';',-, nat. Gr. Orig. 



Abb. 2. 
Kultur des Kreuzschnabeltrypanosomas. 
% nat. Gr. Nach Nieschulz (1921). 



Abb. 3. 

Kultur des Singdrosseltrypanosomas. 

'-/.; nat. Gr. Nach Nieschulz (1921), 




Abb. 4. Kultur des Kingdrossellrypanosomas. 
-/.r, nat. Gr. Nach Nieschulz (1921). 

Unterscheidung verschiedener Spezies von großer 
Bedeutung sind und dies um so mehr, als mor- 
phologische Unterschiede nur selten vorhanden 
sind. An anderer Stelle habe ich dies für einige 
Vogeltrypanosomen dargelegt (Arch. f. Protisten- 
kunde; im Druck), hier möchte ich nur ^n einigen 



drosseltrypanosom (Abb. 3 und 4) zeigen lange 
schlanke Ausläufer in verschiedener Gestalt. 

Nöller hat bereits von der Wachstumsform 
Gebrauch gemacht, um zwei Trypanosomen zu 
identifizieren. Es gelang ihm nämlich, aus Ta- 
baiii/s glaiicopis ein IVypanosom zu züchten, 
dessen Kulturform der des nicht - pathogenen 
Rindertrypanosoms völlig glich. Hieraus folgerte 
er, daß die Tabanide der Überträger des Para- 
siten sei, ein Schluß, der um so berechtigter war, 
als die beiden Flagellaten auch morphologisch in 
der für das Iryp. tlicilcri typischen knöpfchen- 
förmigen Verdickung des freien (jeißelendes über- 
einstimmten. 

Ich habe hier nur die Bedeutung des Plattcn- 
züchtungsverfahrens für die Trypanosomensyste- 
matik hervorgehoben. Durch die Möglichkeit, reine 
P'lagellatensubstanz fast ohne Beimengung von 
Sera zu gewinnen, wird ihm eine große vielseitige 
Bedeutung zukommen. Doch hierüber liegen bis- 
lang noch kaum Untersuchungen vor. 



Bücherbesprechungen. 



Laue, Dr. M. v., Die Relativitätstheorie. 
2. Band, 276 S. Braunschweig 1921, Fr. Vie- 
weg & Sohn. Preis geb. 23 M. und Tcucrungs- 
zuschlag. 



Dieser zweite Band behandelt die all ge- 
rn eineRelativitätstheorie und Einsteins 
Lehre von der Schwerkraft. Er will eine 
streng wissenschaftliche Darstellung des Themas 



N. F. XXI. Nr. 12 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



167 



vom Standpunkte des Physikers aus geben, 
denn der Verf. glaubt mit Recht, daß nur dieser 
die Schwierigkeiten ganz nachempfinden kann, 
die die große Mehrzahl seiner Fachgenossen zur- 
zeit noch von der allgemeinen Relativitätstheorie 
fernhält. Besonderer Wert ist auf die Zusammen- 
stellung der mathematischen Hilfsmittel gelegt, 
da die Ursache für die zögernde Haltung der 
Physiker vor allem in der ungenügenden Bekannt- 
schaft mit nichteuklidischer Geometrie und der 
zugehörigen Tensorrechnung erblickt wird. Sollte 
sie aber nicht viel mehr in der unzureichen- 
den Begründung der dem normalen Denken zu- 
widerlaufenden Prinzipien und Postulate Ein- 
steins, insbesondere seiner allzu kühnen Deutung 
des Michelsonschen Versuchs zu suchen sein? 
Was v. Laue an einer Stelle über Gerber sagt 
(der bekanntlich die auch von Einstein benutzte 
Formel für die Perihelbewegung des IVIerkurs be- 
reits lange vorher aufgestellt hat), daß nämlich 
„die physikalischen Vorstellungen, mit denen 
Gerber seinen Potentialansatz begründen will, 
soweit sie nicht überhaupt gänzlich verschwom- 
men sind, vollständig falsch angewandt sind", ist 
ein Urteil, das der Physiker m. E. vor allem über 
Einstein selbst fällen müßte. Denn die sog. 
allgemeine Relativitätstheorie Einsteins ist 
durchaus nicht als systematische Weiterentwick- 
lung der speziellen Relativitätstheorie aufzufassen. 
Sie bedeutet vielmehr die Erkenntnis der Un- 
durchführbarkeit der letzteren und einen Rückzug 
ins Unfaßbare und Verschwommene. — Sehr ge- 
ring denkt v. Laue über die älteren mechani- 
schen Deutungen der Schwere. „Seit freilich die 
Relativitätstheorie uns gelehrt hat, daß der leere 
Raum von allem Substantiellen, auch vom „Äther", 
völlig frei ist, müssen alle diese mechanischen 
Theorien als überholt gelten." Wie ein Physiker 
so etwas schreiben kann, ist mir nicht recht faß- 
lich. In Wirklichkeit ist der Zusammenhang doch 
wohl ein gänzlich anderer. Die Relativitätstheorie, 
namentlich das etwas voreilig aufgestellte „Prinzip 
von der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit relativ 
zu beliebig bewegten Beobachtern", das lediglich 
mathematisch, aber nicht physikalisch denkbar ist, 
war allerdings mit dem Äther nicht vereinbar. 
Da der substantielle Charakter des „leeren" 
Raumes sich aber doch in allerlei Kraftwirkungen 
offenbarte, die sich nicht gut wegleugnen ließen 

— man denke nur an den Versuch von Sagnac 

— führte Einstein das Schwerkraft - Trägheits- 
feld ein. Hierbei scheint ihm nun allerdings eine 
wirklich wertvolle Entdeckung gelungen zu sein, 
die jedoch im Grunde mit der Relativität nichts 
zu tun hat und die die etwas dunkle Bezeichnung 
des „Äquivalenzprinzips" erhalten hat. „Es ist 
dieselbe Eigenschaft der Körper, welche sich ent- 
weder als Trägheit oder als Schwere äußert." 
Dieser Satz enthält einen gewiß recht wertvollen 
Gedanken, der aber mit der Relativität nichts zu 
tun hat. Wenn v. Laue nun weiter sagt : „Darin 
besteht Einsteins Lösung für das „Rätsel von 



der Schwerkraft", so erkennt man darin doch 
wohl eine allzu große formalistische Genügsam- 
keit. Mir scheint die Ein st einsehe Idee über- 
haupt erst fruchtbar zu werden, wenn man sie 
nicht aus abstrakten, relativistischen Ideen über 
Beobachterstandpunkt und Betrachtungsart ab- 
leitet, sondern anschaulich aus der verachteten 
Ätherwirbeltheorie deutet. Die Masse als Zentrum 
einer wirbelartigen Ätherströmung kann man dann 
nämlich als einen in den Fluß des Äthers einge- 
schalteten Widerstand auffassen. Ist nun die 
Schwere (wie ich auf dem Jenaer Physikertage 
näher ausgeführt habe, vgl. die Physikalische 
Zeitschrift 1921, S. 636) eine irgendwie geartete 
Strömung im Äther, so wird sie durch den Wider- 
stand der Masse merkbar; umgekehrt ist bei Be- 
wegung der Masse der Ätherwiderstand als Träg- 
heitswiderstand fühlbar. Trägheit und Schwere 
haben also tatsächlich die gleiche Ursache: den 
Widerstand der Masse im Äther. So vermag 
gerade der von v. Laue verachtete substantielle 
Äther das neue Prinzip Einsteins anschaulich 
zu deuten. Man erkennt auch, warum die neue 
Schwerkrafttheorie Einstein etwas aus der Ver- 
legenheit helfen konnte. Er hatte in der spezi- 
ellen Relativitätstheorie den Äther einfach ver- 
gessen und konnte ihn nun unter dem Namen 
„Schwerkraft-Trägheitsfeld" wieder einführen, ohne 
einen Fehler eingestehen zu müssen. Die neue 
Schwerkrafttheorie Einsteins scheint sich dabei 
an die Äthertheorie viel besser anschließen zu 
lassen, als die alte Schwerkrafttheorie New- 
tons, die der Äthervorstellung geradezu wider- 
spricht; sie scheint Newton gegenüber also 
vielleicht einen Fortschritt zu enthalten. Nur 
die falschen Grundpostulate der beschränkten 
Relativitätstheorie hindern Einstein noch an 
der Anerkennung des substantiellen Äthers. — 

In dieser Weise müßte ein Physiker m. E. 
Einsteins Schwerkrafttheorie behandeln. In 
der Darstellung v. Laues dagegen vermag ich 
nichts Physikalisches zu erkennen. Der Physiker 
hat vor dem Mathematiker und F"ormalisten die 
Waffen gestreckt. Ich vermute daher, daß der 
Verf. mit diesem Werke sein Ziel, die noch 
zögernden Physiker der Relativitätstheorie zu ge- 
winnen, nicht erreichen wird. Fricke. 

Lehmann, Ernst, Experimentelle Abstam- 
mungs- und Vererbungslehre. Zweite 
Auflage. 1 22 S. mit 27 Abb. im Text. (379. Band 
der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt".) 
Leipzig und Berlin 192 1, B. G. Teubner. 
Lehmanns vor dem Kriege erschienene 
kleineEinführung in die experimentelle Vererbungs- 
lehre liegt in zweiter Auflage vor. Die großen, 
in den letzten Jahren trotz des Krieges auf dem 
Gebiete erzielten Fortschritte bringen es mit sich, 
daß das Büchlein in völlig neuem Gewände er- 
scheint. Auf wenig mehr als 100 Seiten das im 
Titel genannte umfangreiche Thema in allgemein 
verständlicher Form zur Darstellung zu bringen, 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 12 



ist nicht leicht. IVIan darf behaupten, daß es dem 
Verf. treffHch gelungen ist. Das Büchlein kann 
als erste Einführung bestens empfohlen werden. 
In einer leicht faßlichen, sehr ansprechenden Form 
werden wir in großen Zügen mit der modernen 
Genetik bekannt gemacht^ Daß der Verf. fast 
immer da, wo eine Frage besonders interessant 
wird, die Darstellung abbrechen muß, ist bei dem 
beschränkten zur Verfügung stehenden Räume 
nicht anders möglich. Das Gebiet ist heute be- 
reits so umfangreich, daß es sich wohl verlohnen 
würde, einzelne Teilgebiete, wie z. B. den Mechanis- 
mus der Vererbung oder die Bestimmung des 
Geschlechtes, in der viel gelesenen Sammlung 
gesondert zu behandeln. Mancher, der Leh- 
manns Büchlein zur ersten Einführung benutzt 
hat, wird freilich, davon bin ich überzeugt, gleich 
zu einem unserer bewährten Lehrbücher, zu dem 
von B a u r oder Goldschmidt, greifen, um sich 
mit den fesselnden Problemen weiter zu be- 
schäftigen. Nachtsheim. 

Wien. W., Die Relativitätstheorie vom 
Standpunkte derPhysik undErkennt- 
nis lehre. Vortrag gehalten im Verwaltungs- 
gebäude der P'irma Siemens u. Halske, Siemens- 
stadt. 36 S. Leipzig 192 1, Johann Ambrosius 
Barth. 6 M. 
Das Buch ist ein erfreuliches Zeichen dafür, 
daß die Kritik an der Relativitätstheorie auch in 
den führenden Kreisen der F'achphysiker immer 
weitere Fortschritte macht. So wendet sich der 
Verf. u. a. gegen die voreilige Abschaffung des 
Äthers. „Der Äther, welcher als Träger der 
elektromagnetischen Wellen zu gelten hatte, er- 
scheint ausgeschaltet. Es sollen sich abstrakte 
Größen, wie elektrische oder magnetische Kräfte 
mit Lichtgeschwindigkeit im Räume fortbewegen. 
Es scheint mir sehr fraglich, ob hiermit das letzte 
Wort gesprochen wurde. Die Neigung, den Äther 
wieder einzuführen, ist durch die Theorie der 
Strahlung wieder wachgerufen. Ist aber einmal 
der Äther wieder da, so werden die Zweifel, ob 
nicht doch eine Bewegung relativ zu ihm eine 
physikalische Bedeutung hat , nicht zum Ver- 
schwinden zu bringen sein." Die Bedenken des 
Verf.s richten sich allerdings zunächst haupt- 
sächlich gegen die allgemeine Relativitätstheorie, 
während die spezielle Relativitätstheorie noch 
wohlwollend besprochen wird. Auf einem ähn- 
lichen Standpunkt befand sich auch ursprünglich 
Lenard; er hat ihn jedoch neuerdings zugunsten 
einer völligen Zurückweisung der Relativitäts- 
theorie aufgegeben. In der Tat scheint mir der 



Grundgedanke Einsteins mit der Äthervor- 
stellung nicht vereinbar. Vielleicht nimmt der 
Verf. in einer späteren Auflage seines Buches zu 
dieser Kernfrage noch etwas schärfer Stellung. 

Fricke. 

Warburg, Prof. Dr. O., Die Pflanzenwelt. 
3. Bd. Mit 10 farbigen, 18 schwarzen Tafeln 
und 278 Textabbildungen. Leipzig 1922, Biblio- 
graphisches Institut. 
Mit diesem Bande hat Warburg sein Werk 
beendet. Er enthält den Rest der Dikotyledonen, 
von den Myrtifloren bis zu den Kampanulaten, 
und die Monokotylen. Die systematischen Zu- 
sammenhänge sind überall durch knappe Kenn- 
zeichnungen der Reihen und Familien hervorge- 
hoben. Innerhalb der Familien sind, meist wieder- 
um nach ihren Unterabteilungen gesondert, die 
wichtigsten Gattungen herausgehoben und an 
wichtigen Arten charakterisiert. Dabei ist für die 
Auswahl das allgemeine Interesse in biologischer, 
pflanzengeographischer und vor allem wirtschaft- 
licher Hinsicht maßgebend gewesen. Eine große 
Zahl von Bildern, die die vegetativen Teile, den 
Blüten- und Fruchtbau und die Samen wieder- 
geben, sowie zahlreiche Habitusdarstellungen und 
Standortsaufnahmen, darunter prächtige farbige, 
unterstützen das eingehende Studium und ergän- 
zen den Text. Das Werk, das nunmehr fertig 
vorliegt, reiht sich würdig an die übrigen allbe- 
kannten Sammelwerke des Verlages an und ist 
auf das wärmste zu begrüßen, da es die einzige, 
für einen großen gebildeten Leserkreis berechnete 
Schilderung der gesamten Pflanzenwelt ist. 

Miehe. 



Rusch, F., Himmelsbeobachtungen mit 
bloßem Auge. 2. Aufl. mit 30 Textabb. 
und einer Sternkarte. Leipzig und Berlin 1921, 
B. G. Teubner. 20 M. 
Die F'reunde der Astronomie, die keine Ge- 
legenheit haben, den gestirnten Himmel mit einem 
guten Instrument zu studieren — und das ist ja 
die große Mehrzahl — , finden in diesem Büchlein 
eine Anleitung, wie man die Sternenwelt mit 
bloßem Auge beobachten kann. Der Verf. führt 
dabei auf bequemem Wege — nur die mathema- 
tischen Kenntnisse eines Primaners werden voraus- 
gesetzt — in die Himmelskunde überhaupt hinein 
und gibt namentlich eine Vorstellung von den 
Methoden der Astronomie. Gute Abbildungen 
und eine Sternkarte erhöhen den Wert des faßlich 
und anziehend geschriebenen Buches. Miehe. 



Inhalt: r. ScheminsUy, Das Problem der Wünschelrute. (2 Abb.) S. 161. O. Nieschulz, Über das Vorkommen von 
Tryp.^nosomcn bei unseren heimischen Wirbeltieren und etwas über ihre Kultur auf künstlichen Nährböden. (4 Abb.) 
S. 164. — BUcberbesprecbungen : M. v. Laue, Die Relativitätstheorie. S. 166. E. Lehmann, Experimentelle Ab- 
stammungs- und Vererbungslehre. S. 167. W. Wien, Die Relativitätstheorie vom Standpunkte der Physik und Er- 
bcnntnislehre. S. 168. O. Warburg, Die Pflanzenwelt. S. 168. F. Rusch, Himmelsbeobachtungen mit bloßem 
Auge. S. 16S. 

Manuskripti- und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstrafie 42, erbeten. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena. 

Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G.m.b.H., Naumburg a. d. S, 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge 21 
der ganzen Reihe 



Band; 
37. Band. 



Sonntag, den 26. März 1922. 



Nummer 13» 



[Nachdruck verboten.; 



Zur Klärung des Ätherproblems. 

Von Dr. phil. H. Fricke. 
Mit I Abbildung. 



Der große Streit um die sog. Relativitäts- 
theorie Einsteins hat in immer weiteren Kreisen 
das Interesse für das Problem des Weltäthers 
erweckt. Einstein wollte diesen bekanntlich 
kurzerhand abschaffen, ist dabei aber doch auf 
einen allmählich stärker werdenden Widerstand 
gestoßen. Die Schwierigkeiten der alten Äther- 
theorie, die in der Einsteinliteratur meist in 
sehr einseitiger Weise übertrieben dargestellt 
werden, haben mich nun bereits vor 17 Jahren auf 
einen neuen Weg zur Behandlung des Problems 
geführt, der sich bisher aufs beste bewährt hat 
und überall den einfachsten Überlegungen des 
gesunden Menschenverstandes entspricht. Nach- 
dem ich auf dem Physikertage in Jena 1921 einen 
für engere Fachkreise bestimmten Überblick über 
meine Arbeiten gegeben habe (Physikalische Zeit- 
schrift 192 1, S. 6361—639), sollen hier die ein- 
fachen leitenden Gedanken in ganz allgemeinver- 
ständlicher Form kurz dargelegt und ein bisher 
noch wenig beachteter aber allgemein gangbarer 
Weg zur Lösung des Problems vom Weltäther 
gezeigt werden. 

Um eine Reihe von physikalischen Erschei- 
nungen, wie Licht, elektrische und magnetische 
Fernkräfte zu erklären, hat man bekanntlich die 
Annahme gemacht, auch der scheinbar leere Raum 
sei mit einer wirksamen Substanz, die man den 
„Äther" nannte, erfüllt. Diese Substanz tritt uns 
also bald fühlbar als „Kraftfeld", bald unfühlbar 
als „leerer Raum" entgegen, und dieser Umstand 
war die Veranlassung dafür, daß man dem Äther 
in der Theorie widersprechende Eigenschaften 
gab. Man führte zwar den Äther als Substanz 
— etwa als Flüssigkeit, gelegentlich auch als 
elastischen festen Körper — in die Physik ein, 
behauptete aber von ihm, er müsse „reibungslos" 
sein, denn er setze den Bewegungen der Massen 
im Räume keinen Widerstand entgegen. Auf 
dieser Annahme beruht ja bekanntlich die New- 
tonsche Himmelsmechanik. Der Äther sollte 
also gleichzeitig Substanz und leerer Raum, Stoff 
und unfühlbares Nichts sein. Darin aber steckt 
von vorne herein ein Widerspruch, an dem die 
Physik seit den Tagen Newtons krankt. 

Man muß also die Frage aufwerfen, ob man 
nicht mit einer der beiden Eigenschaften für den 
Äther auskommen kann. Nun liest man allge- 
mein, selbst bei den Vorkämpfern der Äihertheorie, 
man dürfe dem Äther natürlich nicht die gewöhn- 
lichen Eigenschaften eines Stoffes zuschreiben. 
Aber gerade hier scheint die Quelle aller Miß- 



verständnisse zu liegen. Der Äther zeigt nämlich 
offenbar alle Eigenschaften einer ganz gewöhn- 
lichen Substanz, besonders diejenigen einer nor- 
malen Flüssigkeit mit innerer Reibung. Man 
braucht nur einmal die Veranschaulichung der 
magnetischen Kraftlinie um einen elektrischen 
Strom zu betrachten (jeder Magnet ist ja ein 
Wirbel elektrischer Kraft), wie es die Abbildung 
zeigt, um zu erkennen, daß der geheimnisvolle 
Zusammenhang zwischen „elektrischer" und „mag- 
netischer" Kraft, der angeblich jeder mechanischen 
Deutung spottet und dessen Verständnis sich nur 
dem Mathematiker mit Hilfe der „Maxwell- 
Lorentzschen Grundgleichungen" erschließen 
soll, offenbar nichts anderes ist, als die allgemein 
bei Flüssigkeiten bekannte innere Reibung, Zähig- 
keit oder Viskosität. Denn man kann die zur 
Veranschaulichung der magnetischen Kraftlinie 




Magnetische Kraftlinie um einen elektrischen Strom. 
(Nach Ebert.) 



verwendete Figur mit gleichem Recht auch zur 
Veranschaulichung von Rauchringen oder von 
Wellenkreisen um einen ins Wasser fallenden 
Stein benutzen. In der Tat hat Maxwell seine 
Gleichungen ursprünglich vermittels eines aus 
lauter Friktionsrädern, also Reibungskuppelungen, 
bestehenden Modells abgeleitet. Die mathematische 
Physik hat diese einfachen Zusammenhänge jedoch 
verdunkelt, da ihr nichts unsympathischer ist, als 
die Beschäftigung mit der Reibung. Diese wird 
gewohnheitsmäßig vernachlässigt, obgleich in ihr 
im Grunde nichts anderes als der stoffliche Zu- 
sammenhang, die Kontinuität, der Widerstand der 
Substanz, also allgemein die Eigenschaft des 
„Substantiellen" zum Ausdruck kommt. Nicht 



170 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift 



N. F. XXI. Nr. 13 



ganz mit Unrecht meint R i e d 1 e r (Wirklichkeits- 
blinde; Berlin 1919): „Richtige Erkenntnis der 
Reibung muß in ein Urbrachfeld eindringen, 
das seit IVIenschengedenken kein Forscher betreten 
hat. Die Physiker betreten dieses Riesenfeld über- 
haupt nicht, weil ihnen der schwankende, ver- 
änderliche Boden nicht paßt, der mit ihren ver- 
meintlich „strengen" Verfahren unfruchtbar scheint." 

Neuerdings hat aber doch ein Theoretiker das 
Problem in der hier angedeuteten Weise in An- 
griff genommen. Fr. Sla-te (California Univer- 
sity) hat in den Philos. Mag. 1920 und 1921 eine 
Reihe von Untersuchungen veröffentlicht. Er 
zeigt darin (vgl. auch Phys. Ber. 1921), daß ein 
weitgehender Parallelismus besteht zwischen den 
Gleichungen der Elektronentheorie von Loren tz 
und der Relativitätstheorie einerseits und den 
Gleichungen der klassischen Mechanik, nach wel- 
chen die Bewegung einer Masse unter dem Ein- 
fluß einer konstanten äußeren Kraft und einer dem 
Quadrat der Geschwindigkeit proportionalen 
Reibungskraft erfolgt. Hier sind also die 
Grundlagen einer Reibungstheorie des Elektro- 
magnetismus gegeben. Bemerkenswert ist, daß 
die quadratische Funktion der Geschwindigkeit 
sowohl bei der Flüssigkeitsreibung wie bei der 
Trägheitsenergie auftritt. 

Außer der Reibung muß man dem Äther aber 
noch eine zweite Eigenschaft zuschreiben, die die 
Grundlage zum Verständnis der ganzen Physik 
bildet, nämlich eine innere ewige, unzerstörbare 
Eigenbewegung. Diese Bewegung ist nur zu einem 
Teil fühlbar und sichtbar, zum größten Teil ver- 
läuft sie unsichtbar in feinen und feinsten Wirbel- 
bildungen. Fortwährend verwandelt sich sicht- 
bare Bewegung in unsichtbare, grobe in feine, 
und umgekehrt unsichtbare in sichtbare zurück. 
Newton lehrte, die Ursache der Bewegung sei 
die „Kraft"; jetzt sehen wir, daß die Bewegung 
offenbar nur ihre Form ändert, die Kraft nicht 
die „Ursache" der Bewegung an sich sein kann. 
Wir können uns den Raum stetig mit dem dem 
fließenden Wasser vergleichbaren Äther erfüllt 
denken, die gröberen Strömungsfiguren mit ver- 
wickelter atomistischer Struktur erscheinen uns 
dann als Stoff und Materie, die feineren bei ober- 
flächlicher Betrachtung zunächst als leerer Raum. 
Das ist die berühmte Ätherwirbeltheorie des 
Lord Kelvin, dargestellt u. a. in dem Buche 
von Lodge, der Weltäther (Braunschweig 191 1), 
hier aber noch mit einer wesentlichen Erweiterung. 
Indem man nämlich die allen physikalischen Er- 
scheinungen zugrunde liegende Ätherbewegung 
als unveränderlich betrachtet, gelangt man zu 
einer viel einfacheren Ätherkinematik, als bei An- 
wendung der Newtonschen Mechanik, in der 
die Bewegungsgröße noch für veränderlich ge- 
halten wird. I3as einfachste ist offenbar, einem 
jeden punktförmigen Teilchen des Äthers die 
gleiche absolute Eigenbewegung, die von der 
Größenordnung der Lichtgeschwindigkeit sein muß, 
zuzuschreiben, und man erhält so eine Anschauung, 



aus der man alle diejenigen Erscheinungen ab- 
leiten kann, zu deren Begründung Einstein das 
logisch unhaltbare Gesetz von der Konstanz der 
Lichtgeschwindigkeit relativ zu beliebig bewegten 
Beobachtern und Minkowski das vierdimensio- 
nale Raumzeitkontinuum erfunden hat. Daß es 
sich bei dem Gedanken, die Physik aus einer 
gleichartigen unzerstörbaren und unveränderlichen 
Urbewegung des Äthers oder aller Raumpunkte 
abzuleiten, um einen gangbaren Weg handelt, 
zeigt eine neue Arbeit O. Wieners über „Das 
Grundgesetz der Natur und die Erhaltung der 
absoluten Geschwindigkeiten im Äther", die kürz- 
lich in den „Abhandlungen der sächs. Akademie 
d. Wissenschaften" Bd. 38, H. 4 erschienen ist. — 
Eine sehr interessante und ausbaufähige anschau- 
liche Ableitung der elektromagnetischen Erschei- 
nungen aus der Ätherwirbeltheorie hat neuerdings 
C. Westphal in einer kleinen Schrift „Wirbel- 
kristall und elektromagnetischer Mechanismus", 
Braunschweig 1921, gegeben. 

Wir schreiben der Ursubstanz der Welt also 
zwei Eigenschaften zu. Erstens soll sie eine 
ewige unzerstörbare innere Bewegung be- 
sitzen, also die kinetische Energie eines jeden 
Raumpunktes soll konstant bleiben. Zweitens 
soll sie einen inneren Zusammenhang, eine Art 
Zähigkeit, Viskosität oder innere Reibung be- 
sitzen. Wie hier im einzelnen nicht weiter aus- 
geführt werden kann (ich verweise zur eingehen- 
den Begründung auf meine älteren, vor allem die 
bei Heckner in Wolfenbüttel erschienenen Ar- 
beiten über Äther und Schwerkraft, besprochen 
u. a. in dieser Zeitschrift, Jahrg. 1920, S. 158), 
genügen diese beiden Grundannahmen tatsäch- 
lich, ein anschauliches Bild der ganzen Äther- 
physik einschließlich der als Ätherwirbel aufge- 
faßten wägbaren Atome und Substanzen zu geben. 
Es scheint aber in der ganzen theoretischen 
Physik das Vorurteil zu bestehen, Reibung und 
Erhaltung der Geschwindigkeit seien nicht mit- 
einander vereinbar. Und doch lehrt schon das 
Energieprinzip das Gegenteil. Wir beobachten 
allerdings, daß beispielsweise beim Bremsen 
durch Reibung Bewegung großer sichtbarer Kör- 
per verzögert oder vernichtet wird. Wir wissen 
aber längst, daß in demselben Umfang die innere 
Bewegung der Atome wächst. Wenn also die 
Reibung eine Eigenschaft der ewig bewegten 
Weltsubstanz ist, so bedeutet das nichts weiter, 
als daß diese Bewegung ständig ihre Form wech- 
selt. Haben sich also größere sichtbare Strömungs- 
figuren, Wirbel od. dgl. gebildet, so werden diese 
sich allmählich in immer feinere Bewegungs- 
formen auflösen, die sich nach allen Seiten im 
Räume ausbreiten oder wie man sagt „ausge- 
strahlt" werden. Das ergibt dann die allmähliche 
Entwertung der Energie, die die Entropielehre 
behauptet, und die wir auch tatsächlich in vielen 
Fällen beobachten können. Wenn nun aber der 
Äther wirklich eine kontinuierliche Substanz mit 
überall unveränderlicher Bewegung ist, so ergibt 



N. F. XXI. Nr. 13 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



171 



sich ganz von selbst, daß diese Entwicklung nicht 
so einseitig vor sich gehen kann, wie es meist 
dargestellt wird. In demselben Maße, wie die 
Strömungsfiguren zerfließen, müssen sich auch 
wieder neue bilden. Diese energiesammelnden, 
aufbauenden Kräfte oder Ätherströmungen sind 
im physikalischen Weltbilde bisher unbeachtet 
geblieben. Nun scheint aber die Schwerkraft 
nichts weiter zu sein, als eine feine durchdringende 
Ätherströmung, die an einzelnen Stellen im Räume 
zusammenfließt und dort scheinbare Quellpunkte, 
die Massen, bildet. Sowohl die atomistische 
Schwerkraftlehre des Le Sage wie auch die An- 
schauung des gerade von den Relativitätstheore- 
tikern besonders geschätzten Mathematikers R i e - 
mann stimmen mit dieser Auffassung überein. 
Man erhält so das Weltbild nicht als reibungslose 
Bewegung von unwandelbaren, ewigen Massen, 
sondern als ein fortgesetztes Entstehen, Umwan- 
deln und Vergehen von Strömungsgebilden, die 
uns als Massen erscheinen. Wir beobachten einen 
ewigen Kreislauf der Dinge, bei dem das Einzelne 
vergeht, das Ganze aber bleibt. Diese Anschau- 
ung knüpft die Physik der Materie in viel natür- 
licherer Weise an die Lebenserscheinungen an, 
als die alte mechanistische Auffassung. Aber auch 
die unhaltbare Lehre von der fortwährenden Er- 
kaltung aller Gestirne findet endlich ihre Wider- 
legung. Schon 1869 hatte Leray die Konstanz 
der Sonnenwärme aus der Schwerkrafttheorie des 
Le Sage abgeleitet. Neuerdings ist auch E. Wi e^- 
chert auf dem Potsdamer Astionomentage für 
eine Erwärmung der Massen durch den Äther 
eingetreten (Vierteljahrsschrift der Astronomen- 
Gesellschaft, 1921, S. 187 — 191). Er nimmt an, 
daß die Gestirne mit zunehmender Masse nicht 
kälter, sondern immer heißer werden, nach ihm 
erfolgt die Entwicklung der Weltkörper gerade 
im umgekehrten Sinne, als wie man bisher an- 
nahm. 

Die „Kräfte" sind also nicht die Ursachen 
eines Entstehens und Vergehens, sondern nur der 
Umformung der Bewegungen. Es gibt im 
Grunde nur noch eine formende und zerstörende 
Kraft, die sich aus dem „Zusammenhange" des 
Weltganzen, aus seiner „inneren Reibung" ergibt. 
Daß die magnetischen Kräfte als Reibung zu 
deuten sind, war schon erwähnt. Aber auch die 
Trägheit kann als Reibungswiderstand des Äthers 
gedeutet werden. Geht man zum hinteren Aus- 
gang eines Straßenbahnwagens, während dieser 
seine Bewegung verzögert, so hat man deutlich 
das Gefühl, sich durch ein widerstehendes Mittel 
zu bewegen — oder der Schwerkraft entgegen, 
„bergauf" zu gehen. Denn auch die Schwerkraft 
läßt sich ohne weiteres als eine feine, sehr durch- 
dringende Strömung im Äther auffassen, die uns 
durch eine Art von Reibung mitzureißen , gegen 
die Erde zu pressen sucht. So lassen sich alle 
Kraftlinien in Strömungslinien des zusammen- 
hängenden Äthers auflösen, alle Kraftfelder wer- 
den Ätherströmungs- und Wirbelfelder. 



Die Quelle aller Mißverständnisse ist aber die 
Idee der Theoretiker, der Vorgang der Reibung 
sei mit dem der ewigen Bewegung nicht verein- 
bar, obgleich wir beide Erscheinungen doch un- 
mittelbar in der Natur beobachten, und ihre Ver- 
bindung auch der Vorstellung bei näherer Über- 
legung keine Schwierigkeit bereitet. 

Die Wissenschaft des 18. Jahrhunderts hat 
uns, auf Newton fußend, die seltsame Welt- 
anschauung des Materialismus beschert, die die 
Welt als ein reibungsloses mechanisches Uhrwerk, 
von Trägheit und Schwere gelenkt, auffaßt. Un- 
veränderlich sollen die Massen sein, deren uner- 
bittliche Gesetze die Welt regieren und sich in 
mathematische Formeln fassen lassen. Für Geist 
und Leben war kein Raum mehr in der Welt. 
Jetzt sehen wir, daß jene Anschauung von der 
Materie und ihren mechanischen Gesetzen nur 
als ein erster Versuch zu bewerten ist. Den 
leeren, reibungslosen Raum, auf dessen Vorhan- 
densein die mathematischen Formulierungen 
Newtons beruhten, kann es gar nicht geben, 
wir müssen die Erscheinungen anders erklären. 
Die einfache Lösung ist die, daß ein „leerer" 
Raum dort vermutet wird, wo Bewegungen von 
Massen keinen Widerstand finden. Diese Er- 
scheinung kann man nun aber auch dadurch er- 
klären, daß man um die bewegte Materie herum 
ein feines Strömungs- und Wirbelfeld annimmt, 
in dem gleichviel hemmende wie beschleunigende 
Bewegungen vorhanden sind. Zu jedem Körper 
gehört daher noch eine besondere Ätherströmung, 
sein „Kraftfeld". Jede Änderung der Bewegung 
bedingt eine Umformung dieses F"eldes und seiner 
Strömungen, die wir als Arbeitsleistung und Träg- 
heitswiderstand empfinden. Die Atome der Ma- 
terie sind, dabei als Wirbel im Äther, richtiger 
als Zentren der Wirbelfelder, aufzufassen. Von 
den Luftwirbeln wissen wir, daß sie durch eine 
scheinbar ruhende Umgebung fortschreiten, so 
daß eine Windhose oft auf der einen Seite eines 
Baumes die stärksten Zweige zerbricht, auf der 
anderen Seite alles unberührt läßt. Gleichwohl 
ist in der umgebenden Luft eine „Spannung", die 
dem Wirbel die Kraftströme zuführt, die ihn 
scheinbar widerstandslos durch die Luft fort- 
schreiten läßt. In ähnlicher Weise bleibt auch 
der größte Teil des Äthers in der Umgebung 
der Wirbelatome in Ruhe, nur ein feines Kraft- 
oder Spannungsfeld begleitet sie, erst im Zentrum, 
im „Wirbel", von fühlbarer Gewalt. 

Der Äther ist als Trägheitswiderstand also 
überall im Räume fühlbar, der „leere" Raum ist 
nirgends vorhanden. Der Eindruck der Leere 
entsteht dort, wo sich die beschleunigenden und 
hemmenden Kräfte im Äther das Gleichge- 
wicht halten. Es ist eben ein naiver Irrtum, 
daß der Äther stets nur als Widerstand fühlbar 
sein müßte. Er kann uns ja auch Kraft zuführen, 
uns beschleunigen. Dann muß es aber auch 
einen Zwischenzustand geben, wo wir den Äther 
nicht mehr fühlen und er uns als leerer Raum 



172 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. XXI. Nr. 13 



erscheint. Das sind die besonderen Fälle, an die 
die Theoretiker von Newton bis Einstein 
anknüpfen, wenn sie ihre Theorien unter Ver- 
nachlässigung oder Ableugnung des substantiellen, 
realen, fühlbaren Äthers aufbauen. Äther und 
Materie sind in Wirklichkeit gar keine getrennten 
Substanzen, sondern stehen in engster Verbindung 
miteinander, so daß es gar nicht ohne weiteres 
möglich ist, eine Relativbewegung gegen den 
Äther willkürlich zu erzeugen. Alle angeblichen 
Experimente über den Äther enthalten willkür- 
liche Annahmen — wie z. B. diejenigen von 
Lorentz, wonach der Äther in absoluter Ruhe 
verharren soll — und entbehren daher der Be- 
weiskraft. Wer den Äther nicht im Licht, in 
Elektrizität und Magnetismus, in Schwerkraft und 
Trägheitswiderstand unmittelbar zu fühlen vermag, 
dem ist auch mit dem Mich eis onschen Ver- 
such nicht zu helfen, dem wird er ewig „hypo- 
thetisch" bleiben. 

Die Gegner des Äthers haben eben alle fühl- 
baren Ätherwirkungen mit anderen Namen belegt; 
so hat Einstein ihn vor allem als Schwerkraft- 
Trägheitsfeld eingeführt. Bei Newton waren 
Schwerkraft und Trägheit unveränderliche Eigen- 
schaften der Materie, auf denen sich seine ab- 
strakte, ätherlose Himmelsmechanik gründete. 
Seine Ansichten über die Schwerkraft widerstrebten 
dem gesunden Menschenverstände, aber der 
mathematische Erfolg war zunächst auf seiner 
Seite. Man überschätzt aber dessen Beweiskraft; 
eine Rechnung kann nämlich auch dann ein 
richtiges Ergebnis liefern, wenn in ihr derselbe 
Fehler zweimal mit entgegengesetztem Vorzeichen 
gemacht wird. Das scheint nun bei Newton 
tatsächlich geschehen zu sein. Bekanntlich wird 
bei allen astronomischen Bewegungen die Wir- 
kung der Schwerkraft durch die Trägheit ausge- 
glichen. Newton hat nun einerseits die Träg- 
heitsenergie als unveränderliche, also zeitlose 
Masseneigenschaft angenommen, die nirgends auf 
Widerstand (Reibung) stoßen soll, zweitens auch 
die Ausbreitung der Schwerkraft als widerstands- 
und zeitlos betrachtet. Beides muß vom Stand- 
punkt der Ätherphysik aus falsch sein, aber der 
Fehler hebt sich ungefähr heraus. Ich habe den 
grundsätzlichen F"ehler der abstrakten Newton- 
schen Betrachtungsweise kürzlich in der „Astro- 
nomischen Zeitschrift" (Hamburg; Märzheft 1921) 
systematisch aufzudecken versucht. In der Tat 
geben die Newt onschen Annahmen nur ein 
ganz unvollständiges Bild, es ist eben nur ein 
mathematisches Gerippe, dem die substantielle 
Ausfüllung durch den Äther fehlt, und das uns 
die auffallendsten Wirkungen übersehen läßt, wie 
ich in dieser Zeitschrift (Jahrg. 1921 , S. 97) in 
dem Aufsatz „Wind und Wetter als Feldwirkungen 
der Schwerkraft" zu zeigen versucht habe. Die 
Idee der Relativitätsthcoretiker, ein dem elektro- 
magnetischen Krafifelde nachgebildetes „Schwer- 
kraft-Trägheitsfeld" einzuführen, scheint mir 
Newton gegenüber einen Fortschritt zu bedeuten. 



ist aber noch längst keine Lösung des Schwer- 
kraftproblems. 

Die Frage, ob der Formalismus Newtons 
oder derjenige Einsteins richtiger ist, braucht 
hier also vorläufig nicht entschieden zu werden. 
Beide befinden sich mit der Äthervorstellung im 
Widerspruch. Es liegt vielleicht in der Natur der 
Sache, daß eine mathematische Theorie vor allem 
an diejenigen Erscheinungen anknüpft, bei denen 
sich die Ätherwirkungen das Gleichgewicht halten 
und herausheben. Und da die Welt als Ganzes 
im Gleichgewicht ist, müssen sich schließlich alle 
Ätherwirkungen herausheben. Der Theoretiker 
ist somit der geborene Feind des Äthers, dessen 
Einflüsse seine Gesetze dauernd stören. Man hat 
die Ätherphysik daher frühzeitig als unbequeme 
Störung aus der Mechanik ausgeschieden und sie 
in das Sondergebiet der Elektrizitätslehre ver- 
wiesen, ein Verfahren, das für den Formalismus 
bequem, aber doch wohl nicht allzu befriedigend ist. 

Wie verhält es sich nun mit dem Hauptein- 
wand gegen den Weltäther, den auch Möller in 
seinem Überblick „Vom hypothetischen Weltäther" 
(Naturw. Wochenschr. Jg. 192 1, S. 577) hervor- 
hebt, daß nämlich die Lichtschwingungen trans- 
versaler Natur seien, solche aber nur in fest- 
elastischen Körpern möglich wären. Hier handelt 
es sich ganz einfach um ein durch einseitige 
theoretische Betrachtungsweise entstandenes Miß- 
verständnis. Transversale Schwingungen sind in 
allen Flüssigkeiten und Gasen möglich, wenn 
diese nur innere Reibung besitzen. (Vgl. Schäfer, 
Theoretische Physik i. Bd., S. 893—894.) Indem 
man dem Äther die Reibung nahm, nahm man 
ihm alle Widerstandskraft gegen seitliche Ver- 
schiebung, alle Festigkeit. Mit dem unglück- 
seligen Begriff der „reibungslosen" Flüssigkeit 
konnte man natürlich nichts anfangen. Zwischen 
einem festen Körper und einer Flüssigkeit mit 
innerer Reibung bestehen aber gar keine grund- 
sätzlichen Unterschiede. Festigkeit ist nichts anderes 
als sehr große innere Reibung. So schnellen Kraft- 
wirkungen gegenüber, wie sie bei den elektromagne- 
tischen Schwingungen auftreten, verhält sich jede 
Substanz wie ein fester Körper. Hier liegt also 
ein vollständiges Mißverständnis vor. Im übrigen 
behauptet die Ätherwirbeltheorie auch gar nicht, 
daß es sich beim Licht um elastische Schwingungen 
handelt. Vielmehr nimmt man eine aus der un- 
zerstörbaren Eigenbewegung folgende innere 
Wirbelstruktur der Ätherströmungen an, die rhyth- 
misch wechselt und die — wie man schon beim 
fließenden Wasser beobachten kann , mit den 
Schwingungen eines festelastischen Körpers die 
größte Ähnlichkeit besitzt. Wahrscheinlich beruht 
die ganze Elastizität festerKörper auf einer Bewegung 
der Wirbelatome in ihren scheinbar elastischen 
Strömungsfeldern. Daher erscheinen auch die 
Kraftfelder und Kraftlinien, obgleich sie als 
Strömungs- und Wirbelfclder und -fäden des 
Äthers aufgefaßt werden, uns als elastisch ge- 
spannte und tordierte feste Körper. Die Ein- 



N. F. XXI. Nr. 13 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



»73 



führung besonderer „elektrischer" Kräfte ist im 
Gegensatz zu den mechanischen offenbar über- 
flüssig. Das ist alles bei ruhiger Überlegung ganz 
selbstverständlich und es ist nicht recht einzu- 
sehen, warum immer wieder in der ganzen deut- 
schen physikalischen Literatur die Legende von 
den unlösbaren Widersprüchen in den Annahmen 
über die substantielle Beschaffenheit des Äthers 
aufgewärmt wird. Der Äther ist eben keine 
ideale, theoretische, mathematische, sondern eine 
ganz gewöhnliche wirkliche Substanz. Was wir 
als Substanz in der Welt fühlen, ist stets ein Teil 
des Äthers. 

Die größte Verwirrung ist nun neuerdings 
durch die mathematische Theorie von Loren tz 
hervorgerufen, die den Äther als absolut ruhenden 
festen Körper betrachtete und den — an sich 
ganz interessanten — Versuch machte, ihn dem 
absoluten Räume Newto ns gleichzusetzen. Von 
dieser Theorie ging Einstein aus, sie scheint 
das einzige gewesen zu sein, was er von der 
Physik gekannt hat. Indem er nun — vielleicht 
mit Recht — den absoluten Raum Newtons 
bekämpfte, schüttete er das Kind mit dem Bade 
aus, und wollte den Äther überhaupt abschaffen. 
Daß man dem Äther nur die ihm von Loren tz 
unberechtigterweise genommene Beweglichkeit 
zurückgeben muß, um die Widersprüche in den 
Ergebnissen der optischen Versuche von Fizeau 
und Michelson zu beseitigen, scheint den Ver- 
tretern der Relativitätstheorie bis zum heutigen 
Tage nicht klar geworden zu sein. Sonst würden 
sie längst erkannt haben, daß der alte substantielle 
Äther dasselbe und viel mehr leistet, als das an 
seine Stelle gesetzte ,,Raum-Zeitkontinuum". 

Denn die Behauptung von Lorentz, der 
Äther müsse im Weltraum als absolut ruhend be- 
trachtet werden, entbehrt jedes Beweises. Aller- 
dings hat Lorentz unter dieser Voraussetzung 
brauchbare Formeln • für die Aberration ent- 
wickelt; er hat aber, worauf vor allem Gehrcke 
hingewiesen hat, gar nicht behauptet, daß eine 
Erklärung der Aberration bei Annahme eines teil- 
weise mit der Erde bewegten Äthers nicht auch 
möglich sei. Andere — z.B. Stokes, Lenard, 
Devantier, Silberstein, neuerdings auch 
Vogtherr in dieser Zeitschr. Jg. 1922, S. 20 



— haben die Erscheinung auch unter dieser Vor- 
aussetzung abgeleitet. Der Umstand, daß die 
Formeln von Lorentz vielleicht einfacher sind, 
beweist natürlich nicht das Geringste für ihre 
Richtigkeit. Die Aberration scheidet als Beweis 
für die absolute Ruhe des Äthers daher aus. 

Was Lorentz für den absolut ruhenden 
Äther gehalten hat, ist wahrscheinlich das Schwer- 
kraft-Trägheitsfeld der Erde, das mit seinen 
feinsten inneren Gegen- und Wirbelströmungen 
die scheinbar fest elastische Struktur des Äthers 
darstellt. Da sich dieses Feld einerseits mit der 
Erde bewegt, andererseits an den Bewegungen 
der Massen auf der Erde nur in geringem Maße 
teilnimmt, klärt sich der angebliche Widerspruch 
in den Versuchen von Michelson und Fizeau 
sehr einfach auf. 

Die Einführung des Schwerkraft - Trägheits- 
feldes in die Optik erfolgt daher viel besser im 
Anschluß an die Äthertheorie als auf Grund der 
problematischen, in sich widerspruchsvollen Rela- 
tivitätspostulate Einsteins. 

Es war der Zweck meiner Darlegungen, da- 
rauf hinzuweisen, daß die angeblichen Wider- 
sprüche in der Lehre vom substantiellen, realen, 
fühlbaren Weltäther nur in der Einbildung der 
Theoretiker vorhanden sind und einer ruhigen 
sachlichen Kritik auf der Grundlage des gesunden 
Menschenverstandes nirgends standhalten. Es 
wäre wichtig, wenn diese Auffassung in immer 
weiteren Kreisen bekannt würde, denn das Äther- 
problem ist keine Spezialfrage der mathematischen 
Physik, sondern gehört allen Wissenschaften, be- 
sonders auch der Philosophie, der Biologie, der 
Medizin und der Theologie an. Der Streit zwischen 
Ätherphysik und Relativitätstheorie beleuchtet 
nicht nur eine einmalige gelegentliche Entgleisung 
der theoretischen Physik, sondern er zeigt, wie 
diese beim Ätherproblem seit Jahrhunderten ver- 
sagt hat, wie sie mit unhaltbaren Prinzipien 
arbeitet. Sobald man sich darüber klar wird, daß 
der Satz der Theoretiker : „Die Weltsubstanz muß 
reibungslos sein, da sie sich in ewiger Bewegung 
befindet" ein verhängnisvoller Trugschluß ist, ist 
auch die einfache Lösung des scheinbar so ver- 
wickelten Ätherproblems klar gegeben. 



[Nachdruck verbotea.] 



PflanzenTerbreitung und vorgeschichtliche Besiedlung. 

Von E. Schalow, Breslau. 



Das Vorkommen von steppenähnlichen Pflan- 
zengemeinschaften in Deutschland hat von jeher 
die Aufmerksamkeit der Pflanzengeographen auf 
sich gelenkt. Obwohl diese charakteristischen 
Pflanzenverbände in ihrem Aussehen, ihrer Zu- 
sammensetzung und in ihren Ansprüchen an Bo- 
den und Klima eine große Übereinstimmung 
zeigen, sind sie in der Literatur doch mit den 
verschiedensten Namen belegt worden, von denen 
ich hier nur die bekanntesten anführen möchte: 



Heidewiese (Südbayern), Steppenheide (Schwäbi- 
sche Alb), trockene Hügelformation (Mitteldeutsch- 
land), Grastrift (Eibhügelgebiet), Formation der 
pontischen Hügel (Norddeutschland), Federgrasflur 
(Niederösterreich) u. a. ^) Allen diesen Pflanzen - 
beständen ist vor allem gemeinsam, daß ihre 

') Vgl. J. Eichlei, R. Gradmann und W.Meigen, 
Die pflanzengeographische Durchforschung von Württemberg. 
Jahreshefte des Ver. f. vaterländische Naturkunde in Württem- 
berg. 70. Jahrg., 1914. 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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eigentlichen Leitpflanzen ganz vorwiegend eine 
im allgemeinen südöstliche, also mehr kontinen- 
tale Gesamtverbreitung besitzen ; es sind sog. 
„Steppenpflanzen" oder pontische Gewächse. Auf 
die schwierige Frage nach der Einwanderung 
unserer Steppenpflanzen kann hier nur ganz kurz 
eingegangen werden. Nach den Untersuchungen 
von K. Bertsch^) sind die zahlreichen Wärme- 
pflanzen des oberen Donaugebietes als Relikte 
der letzten Interglazialzeit aufzufassen. Dagegen 
muß die Besiedlung Norddeutschlands mit Steppen- 
pflanzen in eine postglaziale Trockenzeit verlegt 
werden, die durch die gründlichen Moorunter- 
suchungen C. A. Webers*) mit einiger Sicher- 
heit erwiesen ist. Während dieser Zeit fanden 
die Steppenpflanzen selbst noch im norddeutschen 
Flachlande geeignete Wohnplätze. Einige von 
ihnen konnten selbst noch bis Südschweden vor- 
dringen. Es soll damit jedoch keineswegs gesagt 
sein, daß das gesamte deutsche Tiefland während 
dieser Trockenzeit einen allgemeinen Steppen- 
charakter angenommen hatte. Weite Strecken 
deutschen Bodens waren auch damals mit dichten 
Wäldern bedeckt und in den Niederungen wird 
es an Sümpfen und Mooren nicht gefehlt haben. 
Die Steppenpflanzen hatten sich namentlich auf 
kalkreicheren Böden, in den Lößlandschaften, im 
niederen Berglande und an den steilen Ufern der 
Hauptströme zu eigenartigen Pflanzenverbänden 
zusammengefunden , die an die weiten Steppen- 
fluren Südrußlands erinnerten. 

Von besonderer Wichtigkeit erscheint nun die 
Frage nach der PLrhaltung der licht- und wärme- 
bedürftigen Steppenpflanzen während der Folge- 
zeit mit ihrem kühleren und feuchteren Klima, 
durch welches vor allem der Waldwuchs noch 
mehr begünstigt wurde. Der Wald ergriff nun 
stellenweise auch von den bisher freien und offe- 
nen Landstrichen Besitz und drängte die Steppen- 
pflanzen zurück. In diesem Kampfe mit dem er- 
folgreich vordringenden Walde erhielten nun die 
Steppenpflanzen an vielen Orten eine wirksame 
Unterstützung durch den vorgeschichtlichen Men- 
schen, der nach der übereinstimmenden Ansicht 
zahlreicher Forscher ■') während der Trockenzeit 
als Neolithiker eingewandert war und sich auf 
offenem und waldfreiem Gelände niedergelassen 
hatte. Durch die Tätigkeit der vorgeschichtlichen 
Bevölkerung blieben diese Landstriche selbst wäh- 
rend der feuchteren Zeit vor einer allgemeinen 
Waldbedeckung bewahrt, so daß sich hier zahl- 
reiche Steppenpflanzen bis auf die Gegenwart er- 
halten konnten. Im folgenden soll nun näher 
geprüft werden, inwieweit auch der vorgeschicht- 

') Vgl. K. liertsch, Wärmepflanzen im oberen Donau- 
tal. Engl. bot. Jahrb. 55. lid., 1919. 

') Vgl. C.A.Weber, Aufbau und Vegetation der Moore 
Norddeutschlands. Engl. bot. Jahrb. 40. Bd., 1908. 

') Vgl. A. Penck in Kirchhoffs Länderkunde von Euro- 
pa 1, 1887, S. 441. — M. C. Jerosch, Geschichte und 
Herkunft der Schweizerischen Alpenflora. Leipzig 1903. — 
H. Hausrath, Pflanzengeographische Wandlungen der deut- 
schen Landschaft. Leipzig u. Berlin 191 1. 



liehen Bevölkerung ein Anteil in der Erhaltung 
unserer Steppenpflanzen zuerkannt werden muß. 
R. Gradmann ^) hat m. W. zuerst einen 
deutlichen Zusammenhang zwischen der Verbrei- 
tung unserer Steppenpflanzen und den ältesten 
menschlichen Siedlungsstätten angenommen. Ein- 
gehende Arealstudien im Gebiete der Schwäbischen 
Alb lehrten ihn, „daß die Verbreitungsbezirke der 
südosteuropäischen Steppenheidegenossenschaften 
zugleich die Stätten uralter Kultur sind" (S. 355). 
Ausgesprochene .Steppenpflanzen wie : Allmm fal- 
lax, Alyssuni montaniim, Anemone silvestris, As- 
perula glauca, A. tincloria, Aster Amellus , A. 
Ltnosyris, Rosa gallica, *) Inula hirta , Libanotis 
moniana, Melica ciliata, Orobanche cervartae, 
Seseli Hippomarathrum, Stipa capillafa, SL pennata, 
Thesium intermedium u. a. bilden den Haupt- 
bestandteil dieser Pflanzengemeinschaft, welche die 
sonnigen Hänge und Lehnen der Schwäbischen 
Alb wie mit einem bunten Teppich überzieht. 
Nach Gradmanns Auffassung haben diese 
steppenähnlichen Fluren noch niemals Wald ge- 
tragen, „weil die menschliche Kultur, Karst und 
Pflug, die Sense und der Zahn der Weidetiere 
ihn daselbst nie hat aufkommen lassen" (S. 358). 
An anderer Stelle') kennzeichnet Gradmann 
die Einwirkung des vorgeschichtlichen Menschen 
auf das heimatliche Landschaftsbild folgender- 
maßen : „Die erste Bevölkerung Mitteleuropas hat 
sich daselbst niedergelassen zu einer Zeit, als die 
alten Steppenbezirke mindestens noch sehr wald- 
arm waren; sie hat diese Bezirke bald so dicht 
besetzt, daß auch unter dem später wieder feuchter 
werdenden Klima der Waldwuchs daselbst nie- 
mals überhand nehmen konnte. . . . Indem jede 
nachfolgende Bevölkerung sich der waldfreien 
Bezirke bemächtigte und sie allein besiedelte, 
konnte es geschehen, daß die Züge der alten 
Steppenlandschaft ... bis zum Beginn des Mittel- 
alters erhalten blieben" (S. -nd). „Die Herden 
des vorgeschichtlichen Menschen sorgten schon 
von selbst dafür, daß auf den Weideplätzen kein 
Waldwuchs aufkam; dann und wann mag auch 
die Axt nachgeholfen haben, um etwaigen Wald- 
anflug wieder zu beseitigen, er diente ja zugleich 
zur Feuerung." „Die alte Ursteppe wurde so 
ganz unmerklich zur Kultursteppe" (S. 436). Auf 
diesem lichten und freien Gelände inmitten dich- 
ten Urwaldes soll nun die südosteuropäische 
Steppenheidegenossenschaft eine Zufluchtsstätte 
gefunden haben. Um diesen Zusammenhang im 
einzelnen beurteilen zu können, ist vor allem auch 
eine eingehende Kenntnis der örtlichen Verhältnisse 
notwendig; doch auch dann bliebe der Anteil, 



') Vgl. K. Gradmann, Das Pflanzenlcben der Schwä- 
bischen Alb. 1. Bd., 1900. 

-) Nach J. Seh Werts c hl ager (Die Rosen des Franken- 
jura. München 1910) ist diese Rose durchaus den pontischen 
Gewächsen zuzurechnen. 

") Vgl. R. Gradmann, Das mitteleuropäische Land- 
schaftsbild nach seiner geschichtlichen Entwicklung. Geogr. 
Zcitschr. VII (1901). 



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den die vorgeschichtliche Bevölkerung an der 
Erhaltung der Steppenheidegenossenschaft haben 
soll, recht schwer einzuschätzen in einem Gelände, 
das schon von Natur aus das Vorkommen von 
Steppenpflanzen ungemein begünstigt. Außerdem 
ist stets zu bedenken, daß sich an geeigneten 
Örtlichkeiten Steppenpflanzen auch ganz selb- 
ständig ohne jedes Zutun des Menschen erhalten 
haben. Ich erinnere z. B. an das märkische 
Oderbruchgebiet, für das E. Wähle i) keine 
dichtere neolithische Besiedlung angibt. An den 
mergeligen Steilufern des märkischen Oderbruches 
hat sich eine reichhaltige Steppenflora bis auf 
den heutigen Tag erhalten können, ohne daß 
man eine Mitwirkung des prähistorischen Men- 
schen anzunehmen braucht. -) Deshalb wird es 
in vielen Fällen recht schwer halten, den erhal- 
tenden Einfluß der frühesten Bevölkerung auf die 
einstige Pflanzendecke überzeugend nachzuweisen. 

In einer späteren Arbeit^) hat Gradmann 
noch andere Landstriche namhaft gemacht, die 
sich nicht nur durch einen reichen Flor von 
Steppenpflanzen, sondern auch durch eine frühe 
und dicht gedrängte dauernde vorgeschichtliche 
Bevölkerung auszeichnen, nämlich: das Wiener 
Becken, das Marchfeld, die Wachau, die Welser 
und Garchinger Heide, das Lechfeld, die ober- 
rheinische Tiefebene, das Nahe- und Moselgebiet. 
Kritischen Einzeluntersuchungen muß es jedoch 
noch vorbehalten bleiben, einen direkten Zusam- 
menhang zwischen der vorgeschichtlichen Besied- 
lung und dem Vorkommen der Steppenpflanzen 
für diese einzelnen Gebiete zu erweisen. 

Für das mittelste Schlesien dürfte dieser Nach- 
weis schon erbracht sein.^) Wie die zahlreichen 
Altertumsfunde erkennen lassen, war das mittelste 
Schlesien (Silingien) im Gegensatz zu den benach- 
barten Landstrichen von der jüngeren Steinzeit 
an bis in die geschichtliche Zeit ununterbrochen 
dicht besiedelt. Das lehrt überzeugend das zu- 
verlässige Kartenwerk, welches Oberlandmesser 
Hell mich im Auftrage des Schlesischen Alter- 
tumvereins in nächster Zeit herausgeben wird.*) 
Beim Einzüge des Neolithikers hatte unsere 
Silingische Landschaft noch nahezu Steppen- 
charakter. Durch die Siedlungstätigkeit des vor- 
geschichtlichen Menschen blieb nun unser Gebiet 
auch während der F'olgezeit vor einer allgemeinen 
Waldbedeckung verschont, so daß sich Reste der 
einstigen Steppenvegetation bis auf den heutigen 

') ^g'. ^' Wähle, Ostdeutschland in jungneolithischer 
Zeit. Würzburg igiS. 

') Vgl. Roman Schulz, Eine floristische und geologi- 
sche Betrachtung des märkischen unteren Odertales. Verh. 
bot. Ver. Prov. Brandenburg 1916. 

^) Vgl. R