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Full text of "Neue Jahrbücher für Philologie und Paedagogik"

IS c \f. { Y 3 . 



/ 



Neue 

JAHRBÜCHER 

für 

Philologie und Pädagogik, 

oder 

Kritische Bibliothek 

für das 

Schul- und Unterrlcbtswesen. 



In Verbindung mit einem Vereine von Gelehrten 

begründet von 

M. Joh. Christ. Jahn. 

Gegenwärtig herausgegeben 
von 

Prof. Reinhold Klotz zu Leipzig 

und 

Prof. Rudolph Dietsch zu Grimma. 




Fünfundfun fzigster Band. Erstes Heft. 



Leipzig, 1849. 

Druck und Verlag von B. G. Teubner. 




I d. Bibliothek des j 
ax-Gy,nnaslums, 

Mündien, I 

pusgesdileden 







Dem Andenken 
Johann Gottfried Jacob Hermann's, 

welcher, geboren zu Leipzig den 28. Nov. 1772, ein 
würdiger Schüler von Fr. Wolfg. Reiz , seit dem Jahre 
1794 als Privatdocent, seit dem Jahre 1798 als ausser- 
ordentlicher Professor der Philosophie, seit dem Jahre 
1803 als ordentlicher Professor der Beredtsamkeit und 
seit 1809 zugleich der Poesie, auf der Universität Leipzig 
in geistreichen Vorträgen die philologischen Wissen- 
schaften lehrte , den tieferen Sinn der classischen Vor- 
bilder mit schöpferischem Geiste erschliessend , durch 
dieselben sowie durch seine griechische Gesellschaft, 
seit dem Jahre 1799, und die Oberleitung des königl. 
philologischen -Seminars, seit dem Jahre 1834, eine 
treffliche Philologenschule bildete-, durch zahlreiche, 
gelehrte und scharfsinnige Schriften seine Verdienste, 
seinen Namen und seinen Ruhm über alle Länder euro- 
päischer Bildung verbreitete, als verdienstvoller Ge- 
lehrte geehr.t von seinem Könige und durch die Fürsten 
Europa's, als Mann ritterlichen Freimuths hochgeachtet 
von seinen Mitbürgern, als treuer Fürsorger zärtlich 
geliebt von den Seinigen, als väterlicher Freund verehrt 
von seinen Schülern, heimging in seiner Vaterstadt am 
31. Dec. 1848, 

widmen diesen Denkstein 

seine dankbaren Schüler 

Reinhold Klotz und Rudolf Dietsch. 



Kritische Beut theilungen. 



Die tragische Bühne in Athen. Eine Vorschule zum Studium der 
griechischen Tragiker.' Von August Witzschel. Jena, Druck und 
Verlag von Friedrich Mauke. 1H47. VIII und 186 6. 8. 

Die Reihe der neuesten Schriften und Abhand- 
lungen über das attische Theater wesen, welche Hr. 
Witzschel, dieser fruchtbare und treu-fleissige Arbeiter auf dem 
Gebiete der altgriechischen Tragödie, vor Kurzem in diesen Jhbb. 
Bd. 53. Hft. 2. S. 131—165 und Hft. 3. S. 272—288 (aus den 
Jahren 1842 — 1847) zur Anzeige und resp. Beurthcilung gebracht 
hat, beschliesst derselbe mit obiger aus seiner eigenen Feder her- 
vorgegangenen Schrift, welche sich von jenen nur insofern we- 
sentlich unterscheidet, als sie auf einen ganz anderen Kreis von 
Lesern berechnet ist. Zweck und Inhalt derselben lä'sst sich 
schon aus dem Titelblatte hinlänglich erkeunen, wenn sich auch 
die Einleitung über Zweck und Ziel des Buches nicht ausdrück-' 
lieh verbreitete und seine JNothwendigkeit dargethau hätte. Zwar 
existirt ein solches bereits unter dem Titel : Vorschule zum Stu- 
dium der griechischen Tragiker von C. G. Haupt (Berlin. 
1826. VIII und 104 S. 8.), und Hr. W. hätte sein Urtheil dar- 
über wohl vernehmen lassen sollen, zumal er mit einem Büchlein 
von ganz gleicher Tendenz hervortreten wollte. Sein Unterneh- 
men würde dann vollkommen gerechtfertigt, ja wünschenswerth 
erscheinen, da das in Bede stehende Werkchen , vermuthlich ein 
Product etwas eiliger Compositum, wiewohl nicht ohne eine gute 
Anzahl von erörternden Hinweisungen auf bemerkenswerthe theils 
sprachliche, theils artistische Eigenthümlichkeiten und allgemeine 
Gesichtspunkte, die bei Lesung der griechischen Tragödien und 
für ihr Verständniss näher ins Auge zu fassen sind , doch ebenso 
sehr einer planmässigen Anlage wie einer gehörigen Vollständig- 
keit crmangelt und Mancherlei zu wünschen übrig iässt. Dieser 
Umstand nicht weniger als der täglich lauter werdende Ruf un- 

1* 



4 Alterlhümer. 

serer materiell gesinnten und auf ha n dgr eif I ic he Nützlichkeit 
ausgellenden Gegenwart, dem Studium der altclassisohen Sprachen 
möglichst viel Zeit für andere Bildungsmittel der Gelehrtenschu- 
len abzudrängen, hatten auch den Ref. bereits vor längerer Zeit 
auf den Gedanken gebracht, ein Schriftchen vorzubereiten, worin 
das Wissenswürdigste für einen angehenden Leser der griechi- 
schen Tragiker kurz zusammengedrängt enthalten wäre. Dass es 
ihm Ernst damit war, können die Zwei Proben aus einer 
Vorschule zur griechischen Tragödie (1. Begriff und 
Wesen der tragischen Poesie; 2. Die Aufführung der Tragödien) 
beweisen, welche im Programme des Gymnas. zu Torgau vom 
Jahre 1844 (16 S. 4.) abgedruckt sind. Die Vollendung des Gan- 
zen hat sich aber unter dem Drange anderer Arbeiten in die Länge 
gezogen und scheint jetzt durch die der Oeffentlichkeit übergebene 
Vorschule von Witzschel wo nicht überflüssig, wenigstens bedenk- 
lich geworden zu sein. Darum denn hauptsächlich und weil sich 
Ref. mit den hier abgehandelten Gegenständen nach ihrem Zu- 
sammenhange und ihrer Zusammengehörigkeit in seinen Müsse- 
st üuden schon lange und immer gern beschäftigt hat, fühlt er sich 
berufen und gewissermaassen berechtigt, die gegenwärtige Lei- 
stung des Hrn. W. einer kritischen Prüfung zu unterwerfen und 
darüber seine unmaassgebliche Meinung auszusprechen. 

Den hergehörigen Stoff hat der Ilr. Verf. planmässig in 3 Ab- 
schnitten umfasst, von denen der erste (S. 1 — 44) die Ent- 
wickel ungsgeschic hte der attischen Tragödie, in 
4 Paragraphen, der zweite (S. 45 — 129) dieOekonomie der 
attischen Tragödie in 17 Paragraphen und der dritte (S. 130 
bis 186) die scenische Darstellung der griechischen 
Tragödie in 7 Paragraphen abhandelt. Daran lässt sich im 
Allgemeinen Nichts weiter ausstellen, als dass anstatt der einzel- 
nen Stichwörter in den Aufschriften der Paragraphen eine Zerle- 
gung des weitschichtigen und mannigfaltigen Materials in noch 
kleinere Theile, als die gemachten sind, für den Schüler unstrei- 
tig vortheilhaft und erspriesslich gewesen sein würde, da, was in 
einem derartigen Buche nie der Fall sein sollte, indices fehlen, 
mittelst deren er an irgend einen technischen Ausdruck anknü- 
pfend oder von einer dunkeln Reminisccnz ausgehend sich leicht 
über Specialitäten orientiren könnte. Das Iuhaltsverzcichniss 
(S. VII f.) und die daselbst getroffene Einrichtung passen mehr 
für den Sachkundigen , der schon weiss, unter welcher Rubrik 
ungefähr Dinge, worüber er der Aufklärung bedarf, zu suchen 
sind. — Weiter wünschte aber Ref. an die auf uns gekommenen 
Tragödien einen Schritt näher hinzutretend noch einen 4. A b - 
schnitt hinzugefügt, welcher in kurz gedrängten Einleitungen 
zu den einzelnen Stücken die hauptsächlichsten, den Inhalt so wie 
äussere Umstände betreffende Daten zusammenzustellen hätte, 
ohne deren Kenntniss weder die Interpretation derselben über- 



Witzschel: Die tragische Bühne in Athen. 5 

hunpt mit rechtem Erfolge betrieben werden kann, noch die so- 
fortige Orientirung für Einzelfälle möglich ist. Die umfiinglichc- 
ren Einleitungen, welclie Hr. VV. seinen neuesten Schulausgaben 
(Enrip. Alcestis, Soph. Antig., Oed. Tyr., Electr.) vorauszuschi- 
cken pflegt, können zwar ein mehr als liberreichlicher Ersatz da- 
für zu sein scheinen , allein erstlich besitzen wir deren noch nicht 
genug und Ilr, W. macht (wenigstens bei Euripides) nur für einen 
Theil der vorhandenen Dramen Aussicht dazu; zweitens aber 
möchten dieselben bis auf geringe Bestandteile eher zu einer 
ästhetischen Durchmusterung der jedesmal bereits gelesenen 
Tragödie hinsichtlich des fivfrog, der tf&y und der öiävota (nach 
Aristot. Poet. VI. 7) geeignet sein, Beginn und Verlauf der 
Leetüre selbst dagegen zufolge ihrer Ausführlichkeit mehr auf- 
halten als fördern und beleben. — Ferner hätte nach des Bef 
Dafürhalten einem Grundrisse des antiken Theaters, soweit 
sicli derselbe nach den Strackschen tableaux construireu lässt, 
ein Platz gebührt sowohl überhaupt zur besseren Veranschauli- 
chung der Auseinandersetzungen über die gegebenen sceuischeu 
Erörterungen , als auch besonders Behufs einer Hinweisung auf 
den nicht zur Sprache gebrachten Unterschied moderner und an- 
tiker ßühnenziisfämle, deren Berücksichtigung uns für die Rich- 
tigkeit der Vorstellungen über das attische Theaterwesen von 
grossem Gewicht zu sein scheint. — Endlich vermissen wir eine 
kurze L) eber sieht der tragisch en Litterat ur nach ihrem 
gegenwärtigen Stande, welche nicht nur die Textesausgaben 
sammt den dazu gehörigen Erklärungsmitteln und ihren VVcrth 
anzugeben hat, sondern der auch ein Bückblick auf die Schicksale 
der auf uns gekommenen Tragödien und die Geschichte ihres 
Studiums cum grano salis beizufügen sein würde. Weit entfernt, 
dass mit den letzten zwei Forderungen dem Primaner zu viel ge- 
boten oder zugemuthet wäre, das Interesse und der Muth des- 
selben wird vielmehr, wie Bef. erfahrungsgemäss versichern 
kann, aus jenen beiden Quellen stets neu angefrischt und lebendig 
erhalten. Den Einwand aber, dass dann das volumen des äusser- 
ste Kürze bezweckenden Werkchens zu sehr anschwellen möchte, 
können wir darum nicht gelten lassen, weil, wenn eine bestimmte 
Zahl von Seiten für den Umfang eines derartigen Schulbuches 
feststände (was doch nicht so ist , noch vernünftiger Weise sein 
kann), leicht eine Baumersparniss gemacht werden konnte durch 
Abkürzung und Zusammenziehung oder besser durch blosses Ex- 
cerpiren der zahlreichen Stellen, die wörtlich aus mehr räsonni- 
renden und für einen höhern wissenschaftlichen Standpunkt be- 
stimmten Werken, z. B. Welcker's, 0. Müller's, Bernhardys u. A., 
rut nomincn sind, und dies bis auf sehr wenige Ausnahmen ohne 
irgend ein näheres Citat, wodurch der junge Leser nach gehöriger 
Belehrung wenigstens in den Stand gesetzt wäre, früher oder 



6 Alterthümer. 

später einmal , wenn Beruf oder Neigung ihn veranlassten, darüber 
«las Weitere nachzulesen und selbst prüfend zu Werke zu gehen. 
Anderes von dem, was uns noch hinsichtlich des Inhaltes noth- 
wendig oder wenigstens räthlich scheint, dürfte sich eher als 
das Angeführte in Frage steilen lassen und soll deshalb lieber mit 
Stillschweigen übergangen werden. Wir wissen selbst nur zu 
wohl, dass es gar nicht so leicht ist, die Masse der mancherlei 
hier zu gruppirenden historischen, mythologischen, antiquari- 
schen , ästhetischen , sprachlichen , metrischen Materien aus dem 
Allgemeinen auszusondern und für ein Publicum gerecht zu ma- 
chen, das im Begriff stehet, im Studium griechischer Schriftwerke 
innerhalb des Schulbereiches einen letzten Schritt zu thun. 

In Betreff der Qualität des Buches kann es zunächst 
nicht unsere Absicht sein, dasselbe vom Anfange bis ans Ende zu 
durchmustern, sondern es scheint uns genügend, ein paar Para- 
graphen auszuheben und näher zu beleuchten. Wir beginnen zu 
diesem Zwecke mit §. 1, welcher auf S. 1 — 11 über die ersten 
Anfänge der at tischen Tra göd i e handelt. Hr. W. leitet 
denselben durch einige Worte über den Mangel und die Unzu- 
verlässigkeit der Quellen ein, aus denen hier zu schöpfen sei, und 
bezeichnet hiernach den zweifelhaften Standpunkt, von welchem 
aus er seine Darstellung über den Bildungsgang der in Rede ste- 
henden Gattung der griechischen Poesie angesehen wissen w r olle. 
Sodann kommt in folgerichtiger Entwickelung zur Sprache, was 
man unter dem Dithyrambus, aus dem die Tragödie hervorgegan- 
gen sei, verstehe, wie Arion, der „Erfinder der tragischen 
Weise ,, '■, denselben angewendet und ausgebildet zu haben scheine, 
wie die Satyrn damit zusammenhingen und das sprüchwörtliche 
ovdlv Tigog xov zliövvöov seine Erklärung finde. Das Wort 
TQccycpdia selbst heisse ,,Bocksopfergesang" und bezeichne nicht 
blos die eigentliche Tragödie , sondern auch den Dithyrambus, die 
W r iege des Drama. Dass die älteste Tragödie schon ein episches 
oder dramatisches Element, d. h. Erzählung oder Unterredung, ge- 
habt habe, ist ihm nach einer Stelle des Diog. Laert. und Aristot. 
Poet. c. 4 wenigstens wahrscheinlich. Der Dithyrambus erhielt 
darnach durch die Stegreifreden oder Autoschediasmen der Vor- 
sänger in den Pausen der Chorlieder eine gewisse Erläuterung oder 
Vervollständigung. Lieber die nähere Beschaffenheit jener theilt 
er O. Müller's und Welcker's Ansichten mit und gelangt schliess- 
lich zu dem Resultate, dass sich der Dithyrambus in den dori- 
schen Staaten Korinth und Sikyon entfaltet habe und in seiner 
ersten und ursprünglichen Bedeutung eine Dichtungsart bezeichne, 
.,die aus Chorliedern bestand, welche von einem kreisförmigen 
Chore um den Altar des Dionysos zum Festopfer gesungen wur- 
den; in eingeschalteten improvisirten Erzählungen und Zwischen 
reden des Vorsängers oder Chorführers ein episches , in aus- 
druksvollen Gesten und Tänzen ein mimisches Element enthielten, 



Witzschel: Die tragische Bühne in Athen. 7 

denen aber auch noch aus früherer Zeit herstammend Satyrn, die 
in Versen redeten und lustige Schwanke und Possen aufführten, 
zur allgemeinen Ergützlichkeit beigegeben und zugesellt waren.' 1 
Die weitere Ausbildung dieser Poesie in Atben zum vollkommenen 
Drama und die damit zusammenbängende Geschichte der Tragiker 
vor Aeschylus machen den Inhalt des §. 2 aus. Doch darauf kön- 
nen und wollen wir nicht weiter eingehen , da es nunmehr an uns 
ist , ein Urtheil über §. 1 abzugeben. 

Die Gerechtigkeit fordert für den Hrn. Verf. die unzweifel- 
hafte Anerkennung, dass er auf dem höchst schlüpfrigen Boden 
von Vermuthungen und Wahrscheinlichkeiten aller Art, worin sein 
Versuch, den Ursprung des Dramas zu entwickeln, wurzelt, sich 
gewandt und sicher bewegt und für den gelehrten Kenner treff- 
liche Combinationen gemacht habe. Allein vom Standpunkte des 
Schülers aus, der noch roh und unvorbereitet an diese Materie 
herantritt, fragen wir billig, welchen Gewinn und Reiz dieser 
weitschichtige Bau über so unsicherer Grundlage für denselben 
wohl haben werde. Er hat des Gewissen schon die Hülle und 
Fülle im Gedächtnisse aufzunehmen und geistig zu verarbeiten, 
mau verschone ihn also doch ja mit Expositionen, deren Werth 
für ihn sehr zweifelhaft ist. Kür ihn gehören Resultate und po- 
sitive Thatsachen : diese sind wenigstens in den Vordergrund zu 
stellen, wo es ohne Hypothesen, wie in gegenwärtigem Falle, gar 
nicht gehen will; alles Problematische aber finde seine Stelle in 
Anmerkungen unter dem Texte. Eine solche Ansicht hat den 
Ref. in dem geleitet, was er zur Beglaubigung derselben und um 
eine Vergleichung mit der hier besprochenen Partie der Witzschel- 
sclien Vorschule möglich zu machen, folgen lässt, woraus dann 
nach seinem Dafürhalten erhellen wird , dass sogar unter Herbei- 
zichung noch anderer als der oben erwähnten Momente sowohl 
auf kürzerem Wege, als auch in fasslicherer Weise zu gleichem 
Ziele mit Hrn. W. zu gelangen ist. Der Paragraph selbst würde 
demnach lauten: 

Den Schlussstein und Gipfel aller poetischen Schöpfungen 
griechischer Originalität bildet das aus dem Dithyrambus erwach- 
sene und an dem Chore herangebildete Drama, welches zugleich 
aus dem Epos und der Lyrik entnehmend , alle seine Bestandteile 
zur harmonischen Einheit verschmolzen hat. Das Epos mit seinen 
in edlerer Sprache vorgeführten Mythen und Heroengestalten, wie 
andererseits die mannigfaltigen Rhythmen und die musikalische 
Kertigkeit der Lyrik sind die nothwendigen Prämissen , ohne wel- 
che eine Entwickelung der dramatischen Schauspiele nicht mög- 
lich war. Ihren Vereinigungspunkt fanden sie in dem schranken- 
losen Festculte des Dionysos zur Zeit der Weinfeste, wobei man 
zur Lobpreisung und Feier des Gottes mit Gesang verbundene 
Ruiidtäuze in Begleitung der Flöte aufzuführen pflegte. Diese 
ursprünglich blos lyrischen Festreigen, nach und nach zu Gesängen 



8 Alterthümer. 

erweitert, die entweder die Siege und Triumphe oder die Unfälle 
des Dionysos feiernd durch Ton und Rhythmus das Ungestüm 
einer stürmisch erregten Seele ausdrückten, wurden rücksichtlich 
des auf den Bakchos bezüglichen Inhaltes Dithyramben ge- 
nannt, oder unter Hinweisung auf den damit verbundenen Tanz 
£oool JtiixAtot, weil die Tanzenden beim Vortrage der Bakchos- 
lieder einen Kreis bildeten. In demselben waren aber Mimik, 
Action und der Chor, mithin alle zum Drama erforderlichen Ele- 
mente gegeben : Schmerz und tiefer Ernst nun mittelst dieser 
dargestellt führten zur Tragödie, wilder Spott und Jubel zur Ko- 
mödie *). 

Ihre Heimath und vornehmlichste Pflege hatte jene Dich- 
tungsart bei den Dorern der Peloponnesos, die sich desbalb auch 
als Erfinder der Tragödie rühmten. Und Herodot **) wenigstens 
erzählt von den Tragödien der Sikyonier, Thespis ***) aber 
heisst der sechszehnte nach dem Tragiker Epigenes aus Sikyon. 
Allein sowohl was wir von diesem, als auch vom Dithyramben- 
dichter Arion aus Melhymna lesen, dem die Einführung der tragi- 
schen Weise (tgayuidg rgoiiog) zugeschrieben wird , gilt ohne 
Zweifel nur von dem einfachen Chorliede, welches zur Ehre des 
Dionysos gesungen wurde Weil aber spater diese Weise, den 
Gott zu feiern, vermuthlich durch vertriebene Dorer nach Attika 
verpflanzt ward , wo dann maskirte Personen hinzukommen , die 
in Iamben sprechend (Iccfißl^ovtfg) während der Pausen der Chor- 
gesänge einen alten Mythos extemporirten , betrachteten die Pe- 
Joponnesier auch diese acht dramatische Erweiterung als ihr Ei- 
genthum f ). 

So lange indess diese rohen Anfänge dramatischer Kunst nur 
auf dem Lande, besonders in lkaria, heimisch waren und der öf- 
fentlichen Gunst und Theilnahme sich noch nicht erfreuten, blie- 



*) Die auf Böotische Inschriften gestützte Meinung von der Exi- 
stenz einer lyrischen Tragödie und Komödie (Böckh Staatsh. der Athen. 
II. S. 362 ff.) ist neuerdings viel bestritten worden, nach G. Hermann 
in dissert. de tragoedia conioediar|ue lyrica (Leipzig 1836. 44. 4.) am 
gründlichsten von Lobeck im Aglaoph. S. 974 ff. (vergl. auch Jen. Lit. 
Ztg. 1845. Nr. 274. S. 1096). Geppert, die altgriech. Bühne etc. S. 20 
sucht ihre Annahme zu rechtfertigen. 
**) V, 67. 

***) Suid. v. Sißniq. 

4/) Böckh a. a. O. versteht dies von einer lyrischen Tragödie ; aber 
sowohl der aus dem dorischen Sqccv (Arist. Poet. 3, 6) entstandene Aus- 
druck ÖQÜau scheint auf den bezeichneten Gang der Ausbildung hinzu- 
führen , als auch beweisen das Gesagte ausdrücklich die Worte des The- 
mist. 19, 487 Patav. : Tfjctya>8iu$ fit v evqhcci 2rnvwvioi, tsltotovQyoi öl 
AztiHoi. 



Witzschel: Die tragische Bühne in Athen. 9 

ben sie auch aus Mangel an Unterstützung einfach und kunstlos. 
Erst nachdem sie (es ist ungewiss wann) in Athen seihst günstige 
Aufnahme und so allgemeinen Anklang gefunden hatten, dass der 
Staat die Sorge für die regelmässige Aufführung und für die zum 
Glänze erforderlichen Mittel durch seine Liturgien übernahm, 
entwickelte sich das Drama (die Tragödie früher als die Komö- 
die) von höchst unscheinbaren Anfängen in raschem Entfalten zur 
höchsten Vollendung. Wie demnach Athen überhaupt *) für den 
Bildungsheerd aller scenischen Poesie anzusehen ist, so verdankt 
insbesondere die Tragödie ihre Ausbildung und Blüthe diesem 
Brennpunkte aller Bildung des Alterthurnes. Alles wirkte auch 
hier vereint zusammen, um die Tragödie zu der Flöhe von Herr- 
lichkeit und Vollendung emporzufördern, welche die 3 Tragiker 
mit ihren meisterhaften Ueberresten einnehmen. 

Die Athcnienser alle hatten eine ungewöhnliche Elastieiliit 
des Geistes und Empfänglichkeit für Alles, was Bildung liefest. 
Ueberdem nämlich, dass ihnen der Sinn für das Schöne wie ange- 
boren war, besassen sie weit entfernt von widerlicher Affcrtation 
der Kunstkennern und kritischer Gleichgültigkeit einen sicheren 
Takt und eine gewisse Feinheit im Urlheile und waren kunsler- 
fahrene Richter **). Ihre Schule machten sie auf dem öffentli- 
chen Markte, bei den Spielen aller Art wml im Verkehre des 
täglichen Lebens, kurz mittelst der thä'tigen und aufmerksamen 
Theilnahme an allen Zweigen der vielgegliederten Staatsregierung. 
Und dies war niemals mehr der Fall, als seitdem der Staat durch 
Solon eine neue Verfassung erhalten hatte, die in einem fast vier- 
zigjährigen Kampfe durch Isagoras, Kleisthenes, Tyrannen und 
die Perserheere gefährdet ward. Wie aber das Volk aus langem 
Kampfe endlich siegreich hervorging und sich zu politischer 
Grösse emporgerungen hatte, war es auch geistig reif und em- 
pfänglich geworden für alles Schöne und Erhabene. Kein Wun- 
der also, wenn die tragische Kunst in einer solchen Zeit des 
Selbstgefühls und des Genusses errungener Lorbeeren mit kühnem 
Aufschwünge von talentvollen Meistern zur schönsten Blüthe ge- 
bracht werden konnte. Doch einem Meteore gleich entschwand 
sie nur zu bald. Wie der politische Aufschwung nur von kurzer 
Dauer war, so währte auch die Blüthezeit der Tragödie nicht 
volle zwei Menschenalter Die drei Meister der tragischen Muse 
sind die Vertreter ihrer Kunstbestrebuugen und Leistungen, durch 
sie werden die Stadien der Entwickelung bezeichnet. In rascher 
Folge häuften Aeschylus und Sophokles ihre. Erfindungen und 
drangen bis zum Gipfel der dramatischen Poesie empor, abwärts 
trug die hehre Kunst der wissenschaftlich gebildete Euripi des, 



*) Schlegel': drnmal. Kunst etc. I. 39. 
**) Schlegel a. a. (). I. S. 73. 



10 Altertliiimer. 

jedoch nicht irgend durch Unfähigkeit , sondern getriehen und mit 
fortgerissen von dem Geiste seiner Zeit. Demnach zerfällt der 
classische Zeitraum tragischer Produclionen wiederum in zwei 
Perioden , deren Grenzscheide um Ol. 89 gebildet wird durch die 
geringere Sorgfalt in den Rhythmen und Gesangsweisen, so wie 
in manchen minder tragischen Beisätzen, welche sich mehr und 
mehr in den späteren Tragödien des Euripides finden. 

So viel über den Ursprung und die Ausbildung der 
T ragödi e in dem oben ausgesprochenen Sinne. Das Gesagte, 
meinen wir, soll zur Genüge darthun, dass mit derlei Angaben, 
wie die gemachten sind , dem Primaner bei seinem ohnehin noch 
vielfach schwankenden Wissensstande deshalb hauptsächlich wahr- 
haft gedient ist, weil ihnen das Gepräge der Gewissheit aufge- 
drückt werden kann. Dem weiteren Verlaufe von specielleren 
Erörterungen wird dadurch aber nicht nur nicht vorgegriffen, son- 
dern dieser gleichsam leitende Artikel enthält blos den Hinweis 
auf gewisse Hauptpunkte, die einer näheren Beleuchtung bedür- 
fen. Dem Anschlüsse von § 2 mit seinem oben verzeichneten In- 
halte steht auch so Nichts im Wege , doch dürfte derselbe nicht 
mit Nachrichten von den dramatischen Darstellungen im Lenäon 
und an den Lenäen und von der noch sehr in Zweifel zu ziehen- 
den Reihenfolge der Tragödie und Komödie an den Spieltagen 
anzuheben sein, was Alles in ein Capitel von der Aufführung 
der Tragö die (hier §. 24 Anm ) gehört. Viel angemessener 
scheint uns ein Eingang in folgender Fassung: 

Je lückenhafter und dürftiger unsere Nachrichten über die 
Anfänge und Leistungen der dramatischen Künstler vor Aeschy- 
lus sind, um so mehr verliert eine Würdigung der Acschyleischen 
Verdienste um die Weiterbildung der tragischen Kunst und um 
die grossartigen Veränderungen, soweit sie von dem schöpferi- 
schen Genie des Vaters der Tragödie gefördert worden sind, an 
Zuverlässigkeit. Eine Uebersicht der Erfindungen, Fortschritte 
und technischen Bemühungen im Zusammenhange und auf histori- 
schem Grunde lässt sich gar nicht construiren, ohne zu unsiche- 
ren JYluthmaassungen die Zuflucht zu nehmen. Nur so viel steht 
fest, dass sich die Entvvickelungsperiode der attischen Tragödie 
an die Namen des Thespis, Pratinas, Chörilus und Phry- 
n ich us knüpft und ungefähr die Zeit von Solon bis auf die Per- 
serkriege umfasst. — Und nun möge folgen , was sich über Le- 
bensumstände und Kunstbestrebungen dieser Männer sagen lässt. 

Hierbei mag es sein Bewenden haben, damit zur Würdigung 
einer anderen Partie noch Raum bleibt. Wir wenden uns zu dem 
Schlussparagraphen (§21) des zweiten Abschnittes (S 124 — 129), 
der die Sprach e der Tra göd i e zürn Gegenstände hat, aber 
viel zu unvollständig ausgefallen ist. Denn ohne dass Hr. W. der 
tragischen Dielion überhaupt als solcher und ihrer Eigenthümlich- 
koiten irgend Erwähnung thut, beginnt er sofort nach dem an die 



Witzschel: Die tragische Büline in Athen. 11 

Spitze gestellten Grundsätze: ,, Der jedem Tragiker eigenthüm- 
lichen Auflassung der Charaktere und ihrer geistigen Physiogno- 
mie war auch die Sprache angcmessen u der Reihe nach die Sprach- 
idiome des Aeschylus, Sophokles und Euripides mit Bezugnahme 
auf O. Müller und Bernhardy abzuhandeln. Das Verfahren dabei 
selbst gehet einfach dahin . die charakteristischen Merkmale, wie 
der innern Gestaltung, so auch des äusseren Ausdruckes der Ge- 
danken bei jedem Einzelnen, namhaft zu machen und den Unter- 
schiedsverhältnissen derselben untereinander, namentlich des So- 
phokles und Aeschylus, und der euripideischen Schreibart zu der 
damaligen Zeitbildung ihre Erklärung zu geben. Und daran kann 
schwerlich Jemand, der sich bereits mit den Tragikern bekannt 
gemacht hat , eben viel auszusetzen finden. Allein anders ist es 
mit dem Anfänger, der so erst in ein neues Sprachgebiet einge- 
führt werden soll. Dieser wird sich oft, in Ermangelung ver- 
deutlichender Beispiele oder wenigstens bestimmter Hinweisungen 
auf leicht zugängliche Schriftstücke, wo er nachlesen oder Ein- 
zelfälle einsehen könnte, bei blossen Andeutungen beruhigen müs- 
sen , wie wenn es, um nur Etwas anzuführen, \om Aeschylus ohne 
alles Weitere heisst: ,,Das Streben, jeden hervorstechenden Ge- 
danken, jedes mächtige Gefühl durch Häufung sinnverwandter 
Begriffe in seinem ganzen Umfange auszudrücken, hat viele Pleo- 
nasmen und Tautologien erzeugt 1 ', oder vom Euripides: ,,Der 
Stil artet oft in Manier und Wiederholung beliebter Formeln und 
Wendungen aus." Doch ganz abgesehen davon, es bleiben immer 
noch zwei Punkte übrig, weiche völlig ausser Acht gelassen sind. 
Der eine betrifft die Beschaffenheit der dramatisch - poetischen 
Ausdrucksweise überhaupt, der andere die Anwendung der Dia- 
lekte. Ersterer hätte seinen Platz in einem Vorworte, das sich 
über die Af£ig tQayixt] verbreitet, finden können, letzterer in 
einem Anhange zu vorbenanntem Paragraphen. Wie sich Ref. 
Beides gedacht und bereits zusammengestellt hat, will er durch 
Skizzen davon zu erkennen geben. Diejenige, welche an Stelle ei- 
ner allgemeinen Vorbemerkung einzuschalten sein würde, heisst: 
Die Asiüg TQayixij bewegt sich innerhalb der durch das We- 
sen und die Kunstgesetze der Tragödie bestimmten und gezogenen 
Schranken einer gesuchten, pathetischen und oft bombastischen 
Phraseologie {tgayi-nog A^pog in Aristoph. Bau. 1005), von wel- 
cher das Wort Quintilian's *): — [quod poesis] necessario ad elo- 
quendi quaedam deverticula coni'ugiat: nee mulare quaedam modo 
verba, sed extendere, corripere, convertere, dividere cogatur — 
in hohem Maasse gilt. Die dramatischen Dichter lieben daher 
nach dem für sie allgemein gültigen Grundsatze**), sich über 
der Sprach weise des gewöhnlichen Lebens zu hal- 



*) Instttt. X. I, 29. **) Allst. Rhet. III. 1, 9. Pseudo-Arist. Poet. 
XXII. 8, 3, Hermann de di'T. pros. orat. Opp. I. p. 96. 



12 Alterthiimer. 

tenund dem minder G a n g I» a r e n den Vorzug zu gehen, 
ein mit pomphafter Gewandung umkleidetes und auf 
dem Kothurn ei nji ersch reiten des Sprach geprange, 
welches in d e u m e I i s c h e n P a r t i e e n viel schärfer her- 
vortritt als in den dialogischen. Mittel dazu sind Re- 
densarten, Wendungen und Ausdrücke mit besonders erhabenem 
Klange, figürlicher und gesuchter Bedeutung, voller tönende, 
alterthümliche und seltene Formen, welche der Sprache mehr 
Gewicht und Würde zu geben schienen *), eine gewisse Wortfülle 
und farbvolle Bilderpracht, einige Fälle der Krasis und der damit 
verwandten Synizesis, auffallende Constructionen, besonders in 
affectvollen Reden, endlich neue Wortbildungen und Composi- 
tionen, der allerlei syntaktischen und rhetorischen Figuren, als 
Periphrasis, Epexegesis, Hyperbaton u. s. w. nicht weiter zu ge- 
denken. Dass hiernach ihrer Sprache noch \ieles von der früh 
ausgebildeten ionisch-epischen Weise blieb, kann ebensowenig 
Wunder nehmen, als dass sie ihrem ursprünglichen Stammele- 
mente getreu eine ziemliche Menge von Dorisrnen beibehielt oder 
daher entlehnte **). (Die Anführung von Beispielen unterbleibt 
hier absichtlich.) 

Auf diese Weise wurde der Grund zu dem unerschöpflichen, 
für alle Stilarten so ergiebigen attischen Sprachschatze gelegt, ein 
Verdienst, das mit vollem Rechte den dramatischen Dichtern zu- 
geschrieben wird. Wie viel davon den übrigen Tragikern, welche 
meistens zu gelehrt, affectirt und schwülstig waren, und wie viel 
einem jeden der drei grossen Meister der tragischen Kunst ge- 
bühre, darüber lässt sich mit Bestimmtheit nicht mehr entschei- 
den. Quintiliau's Zeugniss ***) bespricht mehr die Aufnahme, 
welche die Dictum eines jeden im Publicum gefunden habe. All- 
gemein nur halten sich in dieser Hinsicht die Urtheile des Hirne 
rius f) , welcher Aeschylus rov (ityahoqiavözatov , Sophokles 
röv ykvxvv und Euripides rov Tiüvöoyov nennt, und des Plutar- 
chus ff), von dem nach Vergleichung der drei Tragiker dem er- 
sten örö^ua, dem andern loyiorrjs und dem dritten öoqot'a beige- 
legt worden ist. Dionys. von Halikarnass fff) endlich theilt von 
den angenommenen drei aQfiovlai dem Aeschylus riqv av6rr]Qav 
«Oft , dem Euripides t>)v yÄcMpvQuv und dem Homer mit seinem 



*) Heim, de diff. pros. orat. Opp. I. p. 96. 

**) Derselbe de Graecae lingtiae diät. Opp. I. p, 133. Bemhaidy 
„Sprachsystem der Tragiker" in Griecli. Lit. II. 714 IT. 

***) A. a. O. X. I, 66 ff. 

f) Bei Phot. p. 324 ed. Schott. 16ö3. 

ff) ( ' l! glor« Athen. 5 ed. Hütten. 

fff) De ad mir. vi Demösth, c. 41. p, 1083 eil. de compos. c. 24. 
p. 187 cd. Reiske. 



Witzschel: Die tragische Bühne in Athen. 13 

Nachahmer Sophokles (yikoprjQOt;) rt t v ntöijv zu. So viel nun 
auch die auf uns gekommenen Tragödien von guten Kennern der 
griechischen Sprache und aufmerksamen und feinen Beobach- 
tern der tragischen Diction, als Brunek, Musgrav, Valckenacr, 
Marklaud, Porson, Erfurdt, Elmslcy, G. Hermann, Seidler, Kei- 
sig, Blomfield, Loheck, Matlhiä, Püugk, Wunder und einigen 
Neueren kritisch und exegetisch bearbeitet und im Verständnisse 
gefördert worden sind , ihre Beobachtungen stehen noch zu ver- 
einzelt da, sind zum Theil noch nicht zum sichern Abschlüsse ge- 
bracht und können nur erst als gute Vorarbeiten zu einem umfas- 
senden Werke über diesen Gegenstand gelten. Demnach wird 
auch kein Versuch, die Aei-ig der drei Tragiker zu charakterisiren, 
auf erschöpfende Vollständigkeit Anspruch machen können. 

Hiervon somit genug. Daran schliesst sich ganz natürlich 
die Schilderung der bemerkenswerthesten Momente, welche im 
Gebrauche der für die Tragödie geschaffenen und weiter ausge- 
bildeten Sprache für jeden der drei Tragiker im Einzelnen in Be- 
tracht kommen, was von Hrn. W. in der bereits angegebenen 
Weise geschehen ist. Und nun sollten die mundartlichen Ele- 
mente als letztes Glied der schon genannten Ergänzungen hin- 
zutreten, welches wir dahin lauten lassen : 

Grosse Mannigfaltigkeit und eine etwas bunte Färbung erhält 
die dramatische Kunstsprache gegenüber den einzelnen abgeschlos- 
senen Dialekten durch die Mischung derselben. Diese hat 
aber in allen Dichtungsarten Statt. Denn man fand, was der tra- 
gischen Poesie in hohem Maasse eigen ist, das Versetzen einer 
Hauptmundart mit allerlei anderen dialektischen Zuthaten nicht 
nur nicht anstössig, sondern durchaus gehörig und ganz der her- 
kömmlichen Ordnung gemäss. 

Die Tragödie hat deren vorzugsweise zwei. Den der Lyrik 
eigenthümlichen in Festliedern und Preisgesängen auf Götter an- 
gewandten und durch die Wanderungen der Herakliden über ganz 
Griechenland verbreiteten Dorismus machten die aus poetischem 
Elemente, dem Dithyrambus, erwachsenen Chorlieder zu ihrer 
Grundlage, während im Dialog, der durch seinen Inhalt schon 
dem Charakter des athenischen Volkslebens näher kam, die atti- 
sche Mundart, die feinste unter allen, vorherrscht. In jedem 
dieser beiden trat grundsätzlich durch Inhalt oder metrische Form 
bedingt Episches, Dorisches, Ionisches, selbst Aeolisches hinzu. 
Bemerkenswert!! darüber ist G. Hermann's *) Erklärung, welche 
ungefähr dahin geht: ,,Die Tragödie hat in den lamben und Tro- 
chäen die attische Sprache, aber die alte, und einige Dorismen 
und epische Formen; in den melischen Theilen hält sie die allge- 
meine lyrische Sprachform fest mit massigem Dorismus und mit 



*) De Graec. ling. dial. Opp. I. p. 133 f. 



X4 Alterthümer. 

Ausschliessung violer Liceuzen der Epiker: mitten inne stellt 
grossen Theils die Mundart der Anapästen ^ *). 

Da sonacli mit ziemlicher Willkür aus den übrigen Dialekten 
entlehnt werden durfte, was dem Dichter individuell zusagte, oder 
was die Gewohnheit als tragisch sanetionirt hatte, und da demzu- 
folge die Tragiker theils auf die ältere Poesie gestützt , theils aus 
eigener Fülle schöpfend mit der Sprache etwas frei geschaltet 
haben, kann es nicht eben befremden, dass über derartige Gegen- 
stände eine Menge von Fragen ohne Aussicht auf sichere Ent- 
scheidung unter den Gelehrten schweben. Die mangelhaften 
Zeugnisse der Alten und die eigenen, nicht ausreichenden Beob- 
achtungen auf dem ziemlich weitschichtigen Felde der dramati- 
schen Litteratur ergeben keine allgemein gültige Norm , nach 
welcher Verwirrung und Irrthümer, Zweifel und Streitpunkte 
ohne Widerspruch beseitigt werden könnten. 

Die drei Tragiker müssen allerdings Vieles mit einander ge- 
mein haben, da sie sich in derselben Gattung der Poesie der Zeit 
nach fast neben einander bewegen; gleichwohl weichen sie im 
Einzelnen so weit von einander ab, dass es oft misslich erscheint, 
in Erklärung, Textesconstituirung und Emendation bei dem einen 
auf den Wahrnehmungen bei dem anderen wie mit einer gewissen 
Consequenz fussen zu wollen. Aeschylus gebraucht besonders in 
den entweder bald nach der Heimkehr aus Sicilien oder noch in 
Sicilien selbst verfassten auf uns gekommenen Tragödien, dem 
Prometheus und den Sieben gegen Theben, sicilisch- dorische 
Ausdrücke**) und Wortformationen, an die er sich während sei- 
nes Aufenthaltes unter den sicilischen Griechen gewöhnt haben 
mochte ***), er hat Seltsames in den Chören , einen Anstrich von 



*) Porson bemerkt darüber zu Eur. Hec. 100: In anapaestis neque 
nunquam, neque semper Dorica dialecto utuntur tragici. 

**) Boeckh, Graec. tragg. princ. V. 50 ff. Th. Bergk hat in der 
Recension der Poetae scenici von W. Dindorf in Ztschr. f. Alterth. 1835. 
Nr. 119. S. 954 — 957 eine Zusammenstellung dieser Eigentümlichkeiten 
gemacht, welche sich theils an den Endungen zeigen, z. B. — cofiu (s. 
Conr. Schwenck zu Aesch. Eum. p. 87 Anm) und — conog und — conig, 
ferner in der Contractionsweise , wie Prom. v. 122 sIgolxvsvgiv , v. 666. 
Spt. 78 u. s. w. , theils in der Anwendung von Wörtern, die dort in all- 
gemeinem Gebrauche waren oder einen besonderen Sinn hatten u. A. 
Dagegen macht W. Dindorf ebenfalls in Ztschr. f. Alterth. 1836. Nr. 1 
bemerklich , dass er wohl zu viel hieherziehe. So soll hw, £^r}6ciar]v 
(Bergk a. a. O.) , ßovvög s. ßovvig (Boeckh a. a. O.) , acx^Scogog in den 
Phorcides nach Athenäus (ders. a. a. O.) sicilisch, [iceHcigtov nQvtaviv 
Prom. 175 der gewöhnlichen Sprachweise der Sikelioten entnommen sein. 

***) Nach der bekannten Stelle bei Athen. IX. p. 402. C. an 8s 
Ata%vlog, diaxqi^ag &> Zixeh'oc nolXcclg xf'^tai cpcoveclg, ovdh 9av(iocat6v. 



Witzschel : Die tragische Bülmc in Athen. 15 

fremdartiger Sprache in den aus fremdartigem StotTe geschaffenen 
Dramen der Persae und Supplices, z. B. in Pers. 657 ßakrjv 
ßaöikevg, minder gewöhnliche, «lern Oriente eigeuthümliche Wort- 
fügungen; man darf also daraus für Sophokles und Euripides nur 
mit grosser Vorsicht Folgerungen ziehen. Wenn ferner der Bei- 
name des Sophokles qpiAofnypog wenigstens zum Theil von gewis- 
sen stilistischen und formellen Eigenheiten gilt, kann dann dieser 
glücklichste Jünger der tragischen Muse anders als in beschränk- 
ter Weise für einen andern Tragiker maassgebend sein'? Oder 
da Euripides aus einem individuellen Grunde *) ein gutes Theil 
von Dorismcn aufgenommen hat, dagegen den altattischen Dialekt 
allmälig aufgiebt und sich mehr zur Sprachweise des Volkes und 
zur leicht verständlichen Prosa hinneigt, wird nicht äusserst be- 
hutsam aus der Sprache, wie der Dialoge , so auch der Chorlieder 
seiner Dramen auf die seiner beiden grossen Vorgänger zurück- 
geschlossen werden können'? 

Es leuchtet hiernach ein , dass die Spracherscheinungen der 
tragischen Poesie in dieser Hinsicht neben einer Menge gemein-* 
schaftlicher Merkmale auch noch bei einem jeden einzelneu Dich- 
ter eine besondere Seite darbieten, dass es aber sehr schwer ist, 
wie selbst Porson**) bekennt, hier die Grenzen zu bestimmen. 

Die Grammatiken von Matthiä, Rost, Kühner u. A. enthalten 
nur zerstreute Bemerkungen über die mundartlichen Spracheigen- 
tümlichkeiten der Tragödie, eine übersichtliche Zusammenstel- 
lung derselben hat Friedr. Thiersch in seiner griech. Grammatik 
§. 243. S. 419—432 gegeben^ Der hierher gehörige Theil der 
oben genannten Vorschule von Haupt „Dialekt der Tragiker" auf 
S.63 — 81 bietet zwar mancherlei Material, ist aber zu desultorisch 
behandelt. Gewisse derartige, vornehmlich für Texteskritik wich- 
tige Fragen haben in ein paar vortrefflichen Monographien über 
den tragischen Dialekt eine gründlichere Erörterung gefunden. 
Wir besitzen solche von Th. C. W. Schneider in seiner Abhand- 
lung : De dialecto Sophoclis ceterorumque tragicorum Graecorum 
quaestiones nonnullae criticae (Jenae, Croecker 1822. 63 S. 8.), 
von C. Kühlstädt, dem Verf. der in Druck gegebenen Preis- 
schrift mit dem Titel: Observationes criticae de tragicorum Grae- 
corum dialecto (Revaliae, Lindorfs 1832. XXV1I1 und 140 S. 8.), 
worin Seh. vielfach berichtigt und ergänzt wird, und von Friedr. 
Eilend t in der dem Vol. 11. seines Lexicon Sophocleum voraus- 
geschickten Praefatio. 

Gern hätten wir auch aus dem 3. Abschnitte noch einen Pa- 
ragraphen vorgelegt und durchgeprüft, aber es dünkt uns nunmehr 
Zeit, in der Beurtheilung des Witzschel'schen Buches abzubre- 
chen , um sie nicht in ein Missverhältniss zum Umfange desselben 



*) S. Ellendt Lex. S ph. P. II. praef. p. XIV. 
**) Praef. Hec. XIV. 



1(3 Griechische Litteratur. 

kommen zu lassen. Wie wir nun unverhohlen Mängel und Un- 
vollkommenheiten in Anlage und Ausführung hervorgehoben und 
uuscru differirenden Ansichten Geltung zu verschaffen gesucht 
haben, so fordert andererseits die Gerechtigkeit von uns das Ge- 
stäudniss, dass sich auch der Lichtseiteu darin so viele finden, 
dass wir es als etwas Zweckdienliches und Zeitgemässes mit gutem 
Gewissen der Beachtung der Schulmänner für ihre Zöglinge anem- 
pfehlen können. — Der Preis (24 Ngr.) ist nicht unbillig, Papier 
und Druck sind gut. Die Correctur hätte sorgfältiger überwacht 
werden sollen. S. 9. Z. 7 u. steht: eine Vorstellung ww/erwerfen 
st. ew/w., S. 25'Anm. Z. 5 u. vitoxg vtgJv, S. 86. Z. 5 u. Ok/an. 
st. Okeaniden, was sich S. 87. Z 3 o. wiederholt, S. 126. Z. 11 o. 
Oxymora, S. 139. Z. 4 o. TiQoqöx. st. uqüök^viov, S. 148. Z. 13 o. 
ftsx<xvt] st. (iqxttvtji S. 152. Z. 11 o. Gem. st. Gamelion, S. 166 
Z. 14 u. TlTQCCy. st. TBtQaycovov. 

Torgau. Rothmann, 



nkoVTKQXOV ßlOL. Pllltarchi Vltae. Secundum Codices Parisinos 
recognovit Theod. Doehner. Graece et Latine. Vol. primum. Pa- 
risiis, editore Ambrosio Firmin Didot, instituti regii Franciae ty- 
pogiapho. MDCCCXLVI. II und 1—624 S. — Vol. "secundum 
MDCCCXLVII. IV und 625—1281 S. 

Der rasche und ununterbrochene Fortgang der Didot'schen 
Sammlung griechischer Klassiker neben andern verwandten gross- 
artigen Unternehmungen desselben Verlegers hat schon darum 
viel Erfreuliches,, weil er als unzweideutiger Beweis dient, dass 
Sinn und Neigung für diese Studien in einem Lande, das mau oft 
von ganz andern Interessen ausschliesslich in Anspruch genommen 
meint, noch keineswegs erstorben sind. Indessen ist dabei zu 
bedenken, dass diese Sammlung nicht für Frankreich allein be- 
stimmt, sondern durch Anlage und Einrichtung, man kann sagen, 
für die ganze Welt, wie kein anderes in gleicher Weise, selbst in 
seinen Mängeln, berechnet ist. Ein correct gedruckter, je nach- 
dem er in die rechten Hände kam, berichtigter Text, eine dasVer- 
ständniss erleichternde lateinische Uebersetzung und geschmack- 
volle Ausstattung, diese drei Dinge sind es, welche die schon 
ziemlich bändereiche Sammlung allen denen empfehlen, die min- 
der bedenklich im Einzelnen ein allgemeines Verständniss erstre- 
ben. Aber freilich, dass eine fortlaufende Nachweisung der Tex- 
tesquellcn vermisst wird und die Zuverlässigkeit im Einzelnen ab- 
geht, ist ein Mangel, den zu verzeihen der deutschen Gründlich- 
keit schwer fällt. Und doch war die Abhülfe dieses Uebelstandes 
ohne sonderliche Aenderung der ursprünglichen Anlage des Unter- 
nehmens leicht durch den Mehraufwand weniger Bogen zu be- 



Plutarchi vitae. Ed. Tlicod. Dochner. 17 

wirken. Eine weitere Ausführung der Gründe, warum dies für 
das ganze Unternehmen wünschenswerth gewesen wäre, ist über- 
flüssig, schon darum, weil auch liier, wie gewöhnlich, guterltath 
zu spät kommen würde. Dagegen kann ich nicht unterlassen gleich 
im Anfang dieser Anzeige zu bemerken, dass für den ersten Band 
dieses Plutarch Etwas dieser Art geschehen müsse, wenn es nicht 
für unbrauchbar gelten soll. Und das hat wohl Hr. üöhner, wenn 
ich seine Worte in der Vorrede zum zweiten Bande richtig deute: 
„quod tarnen detrimentum iis, quae in calce voluminis alterins ad- 
denda curavi , resarcire studui u , auch selbst gefühlt: gemeint sind 
doch wohl addenda am dritten noch nicht erschienenen Bande. 
Mit jenem eingestandenen detrimentum aber verhält es sich fol- 
gendermaassen: 

Der letzte Band meiner kritischen Ausgabe ist im Jahre 
1846 ausgegeben , demselben , in welchem der erste Band der 
Didot'schen Ausgabe erschienen ist; hieraus folgt, dass das etwaige 
Gute der Leipziger Ausgabe von Hrn. Döhncr benutzt werden 
konnte und musste. Leider ist das aber nicht in dem Grade ge- 
schehen, dass der Pariser Ausgabe in ihrem ersten Bande ein we- 
sentlicher Fortschritt der Texteskritik nachgerühmt werden könnte. 
Dies ist daher gekommen, dass Hr. Döhner bei der Bearbeitung 
des Textes den letzten Band der Leipziger Ausgabe noch nicht 
benutzen konnte ; in ihm aber ist das Material zu einer völligen 
Umgestaltung nicht weniger Biographien, namentlich der des Ly- 
curg, Numa, Solon, Publicola, Themistocles, Camillus, Aristides," 
Cato raaior, Fabius Maximus, Agesilaus, Pompeius, enthalten, 
abgesehen von der für die Kritik so bedeutungsvollen Hiatusfrage. 
So liegt also in dieser Ausgabe im Wesentlichen der Texf der 
Leipziger Ausgabe, vor ohne die nachträglichen Berichtigungen, 
ohne welche der Text gar nicht zu gebrauchen ist. Für die Leip- 
ziger Ausgabe war das ein Uebelstand; an dem ich ohne Schuld 
bin, weil mir die Benutzung gewisser Handschriften erst nach dem 
Erscheinen der beiden ersten Bände möglich wurde; aber wie 
über Hrn. Döhner's Ausgabe derselbe Unstern walten konnte , ist 
mir nicht recht begreiflich, da er, um gleich für seinen Text das 
zu leisten , was meine Nachträge liefern , nach dem Titel zu ur- 
theilen, von vornherein mit allen Mitteln ausgestattet war. Und 
nicht blos der Titel verspricht eine recognitio seeundum- Codices 
Parisinos, sondern auch das dem ersten Bande vorhergehende mo- 
nitum sagt geradezu , dass dem Herausgeber die Lesarten der Pa- 
riser Handschriften zu Gebote gestanden hätten. Anfänglich, 
so berichtet das, wohl von Hrn. Dubner geschriebene, monitum, 
wurde die von dem Griechen Kovdog auf Veranlassung des fran- 
zösischen Unterrichtsministeriums nach der Reiske'schen Ausgabe 
angefertigte Vergleichung (sie befindet sich auf der Pariser Bi- 
bliothek) dem Professor J. M. Schultz in Kiel mitgetheilt, der dem 
Verleger mitgetheilt hatte „se vitarum editionem prope iäm para 

y. Jahrb. f. Phil. ;/. Päd. od. Krit. Bibl. fid. LV. Hfl. I. 2 



18 Griechische Litteratur. 

lam habere*? Sed postca, heisst es weiter, virum doctissimum, 
atl quem variantes lectioncs statim miseramus , otium defecisse vi- 
detur, quin opus ea qua institutum nostrum postulat ratioue pera- 
geret. Biennio per lianc moram exacto Doehnerum ei negotio 
praefecimus, illud petentes, ut et Parisinorura codicura collationc 
secum communicata uteretur et Crusianae iuterpretationi , quae 
omues editiones graeco-latinas obsidet, substitueret egregium 
opus Xylandri, ubi res posceret correcturn." 

Wenn nach diesen Mittheiluugen angenommen werden muss, 
dass Hrn. Döhner gleich vom Anfange an die Lesarten der summt 
liehen Pariser Handschriften zu Gebote gestanden haben, eine 
Vergleichung seines Textes mit der Leipziger Ausgabe aber eine 
solche Uebereinstimmung in allem Wesentlichen zeigt, dass da- 
gegen die Abweichungen verhältnissmässig unbedeutend erschei- 
nen, die überraschende, eine gänzliche Textumgestaltung meh- 
rerer Biographien bewirkende Ausbeute einiger Handschriften 
nicht benutzt worden ist, so sollte man glauben zu der Ansicht 
berechtigt zu sein, dass er die Handschriften, deren Lesarten mit 
gebührender Anerkennung erst die Nachträge der Leipziger Aus- 
gabe gebracht haben , entweder nicht beachtet oder unrichtig be- 
urtheilt habe. Und allerdings war dies bis zum Erscheinen des 
zweiten Bandes auch die Ansicht des Unterzeichneten, da nach 
der im Vorstehenden aus dem monitum mitgetheilten Erklärung 
über die Benutzung der Kondosschen Variantensammlung und der 
• Verheissung des Titels ein anderer Gedanke nicht aufkommen 
konnte. Jetzt straft das Vorwort zum. 2. Bande das des ersten 
gewissermaassen Lügen: man erfährt zu seinem Erstaunen, dass 
Hr. -Döhner für den ersten Band jene Varianten leider nicht habe 
benutzen können. Ich vermag natürlich nicht zu beurtheilen, in 
Folge welcher Hindernisse, allein verschwiegen durfte dieser ver- 
driessliche Umstand nicht werden, der immer eine Täuschung 
bleibt, von der Niemand lieber als ich Hrn. Döhner selbst frei- 
spricht. Allein um so unabweisbarer wird deshalb für ihn die 
Pflicht, durch zweckmässig eingerichtete Nachträge dem Uebel- 
stande nach Möglichkeit abzuhelfen. Dabei raussten denn auch 
einige andere Fehler berichtigt werden , die bei einem nichts we- 
niger als eifrigen Nachsuchen mir aufgefallen sind. Denn ein 
Fehler ist es doch wohl nur, wenn Solon. 14 der bekannte Vers 
des Solon so geschrieben steht: döxov vöztgov dedeegfrea xditi- 
tSTQicp&ai ysvog statt aöxo'g, oder Lys. 22 & s o 6 ißgozov t s nl 
xv^a xvkivö6{iEvov JtolBfioio , Hr. Döhner wollte wohl qt&sg- 
öißQotov, wie ich vermuthet hatte; eine Inconsequenz, wenn ne- 
ben dixrutcoQcc (Camill. 5, 18) die Form dixtaToga erscheint 
(Camill. 39. 40, 42), Alvav falsch (Alexand. 36) neben Jdvav 
(Artaxerxes). Ebenso sind die wenigen Fehler der sehr correct 
gedruckten Leipziger Ausgabe ohne eine Verbesserung gefunden 
zu haben fortgepflanzt, z. B. Aem. Paul. 10 duxXws rt}V önov- 



Plutarchi vitae. Ed. Thcod. Doelmer. 19 

drjv statt öiexhvs xqv (pikot i (ltuv avxiov xal GJtovdyv: 
Comp. Lys. c. Süll. 2 avxoi ye tot ol Enagxiätai, der durch den 
hiatus verurtlieilte Artikel ist ein Zusatz Schäfer's, der in der 
Leipziger Ausgabe durch einen Irrthum, den die addenda ver- 
bessern, beibehalten worden. Aehnlich ist es mit Lys. 23, wo 
ein böser Zufall mich die unmögliche Wortstellung beibehalten 
Hess, die seit Coraes sich eingeschlichen hat: yivia&ai (tsv ovv 
sdei l'tfojg xivu xijg ixfitkovg xavxtjs qnAotifitag littttprjv: die 
Verbesserung des Irrthums steht in den Nachträgen. Dort steht 
auch die Berichtigung der irrigen und unbeglaubigten Lesart von 
Camill. 34 jgp^efrfu ßektöi xa&' sxzgov fiigog xal xgavytj, die 
Hr. Döhuer fortgepflanzt hat statt xQrjö&at, ßekeöi xal xgavyfj 
jca*r' he.gov ftegog. 

Der Beweis für die oben ausgesprochene Behauptung der 
Notwendigkeit zweckmässig geordneter Nachträge liesse sich 
durch eine Unzahl von Stellen führen. Ich wähle zunächst nur 
einige schon dadurch besonders auffallende, dass jene beiden 
Handschriften unbestritten richtigen und nothwendigen Vcrmu- 
thungen, die Hr. Döhuer als solche nicht anerkannt hat, nachträg- 
lich Bestätigung gegeben haben. Themist. 9 , 4 steht bei Hrn. 
Döhner die alte verkehrte Lesart: xeov 'A&rjvatcov enl näöt xe- 
xayyievav jeal öY dgezr]v psya xolg nengayfisvoig (pgovovvxav. 
die von mir schon in der Einzelausgabe ausgesprochene Behaup 
tung, dass ein vernünftiger Sinn nur durch die Umstellung enl 
iiäöt, xexayfievav 6V dgetrjv xal peya x. jr. qpp- erreicht werde, 
hat handschriftliche Bestätigung erhalten , ebenso wie unmittelbar 
vorher das Reiskesche did xäv ygaftfiaxcov , was Hr. Döhner 
gleichfalls nicht aufgenommen hat. — lü, 31 xiqv Eakaulva 
t&eiav , ovyl ö e i kif v ovÖs 6%ezkiav xakeiv xov %eov., die von mir 
freilich zu spät gemachte Verbesserung ovyl dsivrjv wird durch 
dieselbe Handschrift beglaubigt; ebenso 31, 4 dkkovg xe. Und 
wie würde ich mich gefreut haben , wenn ich 29, 34 e Ine xov 
4r][iugäxov x ij g %tiQog atyapbvog- avxt] ftev tj xlxagig ovx 
e%ti eyxetpakov ov xakvipei — die ganz vortreffliche Lesart rwg 
xvägag aipäpevog gekannt und zu ihrem Rechte hätte verhelfen 
können. — Als in dieser Biographie mir aufgestossene Abwei- 
chungen vom Texte der Leipziger Ausgabe habe ich zu bemerken : 
i\ 16 d{ivvt(j&ai statt ä[ivva6&ai, 4, 9 doxel statt öoxüv. 5 10 
evtovov statt övvxovov. 10, 49 ®eyu6xoxkeovg noietxai öxgaxri- 
yt][ia statt @e[ii6xoxkeovg yeveö&ai nouixai Gxgax^yrjua. 12 43 
Ttjvla xgiijgrjg mit Reiske statt Trjvla [iia xg. (die folgenden 
viel besprochenen Worte müssen so geschrieben werden: Söxe 
xal ftvfic) xovg"'Ekkrjvag 6 g[iij6ai (xexd xfjg dvdyxrjg ngög • 
xov xlvdvvov) lö, 4 e&yövxav st. e^ayayövxav 21,34j m Frag- 
ment des Timocreon dgyvgloiöt öxvßakixoiöi st. ccgyvgioig öxv- 
ßaktxxolöt und 38 d ' inavöoxevs st. de navöoxevg und f>2 öp - 
xiaxofiü st. ogxia xi^ivH. Mehrere dieser Abweichungen sind 

2* 



20 Griechische Litteratur. 

richtig, keine aber Hrn. Döhner cigenthümlich angehörig. Ent- 
schieden falsch ist 18, 30 die alte fehlerhafte Lesart hergestellt 
xcov xb vbxgäv xovg BXTCBöövxag biii6xotik>v nagele xrjv %dka66av, 
tog biÖb %BgixBi\iBv a ipskea %gvöa statt des nach Sinn und 
Sprachgebrauch gleich notwendigen nsgixsifiBvovg; eine 
monströse Lesart wird 19, 31 manchem Ungeübten Kopfbrechen 
verursachen : xov nsgl xrjg 'A%v\väg dtedoöav Xoyov, ag igiöavxa 
3t£Qi trjg %cögag xov üoöBidä öti^aöa xrjv fioglav xolg dixaöxalg 
bvixtjöb : vielleicht wollte Hr. Döhner die alte Lesart Igiöavxog — 
xov TIo6u8ävog herstellen, die gegen die andere schon durch 
ihre geringere Auctorität in keinen Betracht kommt. 

Um endlich das Verhältniss des Döhnerschen Textes zu dem 
der Leipziger Ausgabe an einer Biographie des ersten Bandes in 
grösserer Vollständigkeit nachzuweisen, sollen hier die haupt- 
sächlichsten Abweichungen beider Ausgaben in der Biographie 
des Aristides neben einander gestellt werden, wobei ich mir er- 
laube ganz kurz mein Urtheil zuzusetzen, mit der Bemerkung, dass 
diejenigen Abweichungen, die ich für richtig halte, schon in mei- 
nen Nachträgen Berücksichtigung und in der inzwischen erschie- 
nenen Schulausgabe Aufnahme gefunden haben, c. 2, 33 Idsa xb D. 
richtig statt IÖbcc Ös. — 5, 36 xaxa Asovtida xul ^Avxtoylba cpv- 
Arjv D. mit den frühern Herausgebern, unbeglaubigt statt xaxa 
xr}v Atovxlöa xa\ Avx. qp., allein das richtige ist xaxa xr)v Abov- 
xiÖa xal xrjv 'Avzio%ida <pvh\v. — 6, 43 %b'ixov dya&cov D. mit 
Reiske, richtig statt %bicov dyaftöv. — 7, 13 6 Öijfiog b^bKXbv 
snicpeQBiv xov ööxgaxov D. statt Bxq>EgBLv: Beides ist falsch, das 
Richtige cpegtiv. 7, 33 [irj xi xaxov avxöv 'Agi6xBidr]g 7iB7Coir]- 
xbv D. richtig statt avxco, und nachher 52 xäg %£lga$ avaxBivag 
slg xov ovQttvöv statt ngog. — 11, 34 xov xivövvov bv yrj iöiu 
noiovuivovg D. , soviel ich weiss unbeglaubigt statt bv xr] idia: 
das richtige ist, wie man jetzt weiss, bv yä löia mit Stephanus — : 
36 dviVB%%B\g D. mit Schäfer statt dTtBVBföBig — 12, 1 B&ysi- 
QO^Bvog xdyiöxa fiBXBUB^axo rovg BfinBigox äxovg D., die alte 
Lesart, entschieden falsch statt l^BygöyiBvog, worauf ich früher 
schon durch Conjectur gefallen war. — 13, 7 AafinxQBvg D. statt 
AafMQBvg, jenes ist nachKeiPs wiederholter Bemerkung das Rich- 
tige. — 15, 32 6 d' ov xakag £%biv £<pr] xavxa Ilavöaviav 
dTtoxgvipaö&at, bxblvco ydg dvaxBLö&ai xr)v rjyBfioviav , ngog dl 
xovg aklovg dggrjxa Ttgo xrjg [id%r}g bXb^bv höBöftai D. nach 
Schäfer's Muthmaassung statt böo^bv^ was ich für vollkommen 
richtig halte in der Bedeutung: man kam überein. Im Vorherge- 
henden: sifil fi.lv 'Ahtl-avdgog 6 MaxBÖövcov ßaöikBvg ist das 
letzte Wort in Klammern eingeschlossen , vielleicht in Folge der 
von mir erhobenen Bedenken, nach welchen ö MaxBÖcov zu schrei- 
ben sein dürfte. — 19, 1 ngoxot, D. richtig statt jtgäxov. In 
demselben Capitel ist der unächte Pentameter svxoXfia ifrvxqs 
lijfxaxi 3iEi&6(isvoi , doch in Klammern eingeschlossen , zugefügt. 



Plutarchi vitae. Ed. Theod. Döhner. 21 

20, 31 ü fii) ßovkovzcn D. richtig statt d ßövlovzcti firj. — das. 
47 alfiaxovQiav D. statt ai^ioxovglav. — 22, 2 zovg 'd&rjvcdovs 
[o ^ptöTa'ö^g] ^Toürrag £W^>a t^v drjfioxgaziav unoXaßüv D. st. 
Torg 'Aftqvaiovg bcqqcc tyzovvzag zrjv drjfioxgaziav dnoXaßslv. — 
das. 10 ovzco ydg töeö&at, yayiözovg dndvzcov xai xvglovg zovg 
'j4&7)vatovg D.st. ovzco ydg eösö&ai fxsylözovg xal xvgiovg dndv- 
zcov zovg 'J&rjvalovg. — 23, 44 zo zs dvayxalov D. richtig 
statt zo dvayxalov — das. 53 dg zag iÖiag itcczgidag D. richtig 
statt ilg zr\v Idlav jiazgida. — das. 5 diä zd (isye&r] zrjg t£av- 
oiag dLay&EigonEVOvg D. entschieden falsch, vielleicht sprachlich 
Unmöglich st. zcö nzykftti zrjg k^ovölag. für ebenso falsch halte ich 
gleich nachher KalnUiTtovzsg irii xov nökz^iov s7tavöccvzo zovg 
Gz gaz-qyovg st. Inccvöavzo özgazrjyovg. Zweifelhaft ist 25,4 2Jafii- 
ov Eiörjyov^svcJi' mit Schäfer st. xal 2Ja^iicov Ü6}]yov^tvcov. — 26 
nagi6%Bv D. statt itttgf6%r/xsv, jenes ist nur schwach beglaubigt. 
Günstigerwaren die Verhältnisse, unter denen der zweite 
Band, der die zweite Hälfte der Biographien vom Nicias an ent- 
hält, gearbeitet worden ist. Das gesammte kritische Material 
lag vor und es bedurfte von Seiten des Herausgebers nur einer 
Nachprüfung der Leistungen seiner Vorgänger; an dieser hat es 
Hr. Döhner nicht fehlen lassen, sondern sie mit Besonnenheit, 
Takt und Sachkenntniss geübt. In der Vorrede erklärt er nach 
sehr freundlicher Beurtheilung der Ausgabe des Unterzeichneten 
auf eine neueRecension es nicht abgesehen, sondern sich meist an 
den Text der Leipziger Ausgabe angeschlossen zu haben, „a quo 
quum mihi recedeudum duxi, raro id feci virorum doctorum vel 
meis coniecturis reeeptis, alias vulgatam incertae adeo fidei lectio- 
nem praeferens einendationibus librorumve lectionibus et ipsis non 
satis certis ac testatis, aliquando id quod probabile videretur vi t in 
re incerta latinis tantum significans verbis; tum non raro eas le- 
ctiones quas adhuc paueorum librorum niti auetoritate viderem, 
si dubitationem non admitterent, Parisinis testimoniis conlirmalas 
in ordinem reeepi: id quod factum saepius est in altero volumine, 
quam in priore , quoniam, quod vehementer doleo, et alios libros 
Parisinos et cum maxime qui numero 1676 notatur, egregium, ut 
mox demonstrabitur, in nonnullis vitis constituendi textus instru- 
mentum non potui adhibere. u Inzwischen war auch die Hiatus- 
frage , die für die Kritik nach vielen Seiten hin von ungemeiner 
Wichtigkeit ist, angeregt und der Versuch sie durchzuführen ge- 
macht worden. Ich weiss recht wohl, dass in der Wissenschaft 
blosse zuversichtliche und absprechende Behauptungen weder 
schicklich, noch der Sache im mindesten förderlich sind, kann 
mich aber in diesem Falle denn doch der Behauptung nicht er- 
wehren, dass für Jeden, der urtheilen kann oder auch nur offene 
Augen hat, die Sache selbst nicht zweifelhaft sein kann. Freilich 
gehört zur sichern Entscheidung über die vielen hier zur Sprache 
kommenden Einzelheiten gar Mancherlei, vor Allem eine geord- 



22 Griechische Litteratur. 

nete Sammlung aller einzelnen Fälle Ob diese Hrn. Döhner zu 
Gebote gestanden habe, weiss ich nicht; er selbst spricht sich so 
aus: „quo quidem adiumento, ubi primum ad id attendere coepi, 
usus sum ea tarnen temperantia , ut non ubique in novandi conatus 
praeeipitem me darein, sed ut in re nova needum omnihus opinor 
partibus decisa ibi mutarem ubi mutationis lenitas ipsara commen- 
daret ac paene flagitaret, aut ipsi libri, potissimum ille quem su- 
pra laudavi Parisinus 1676 et qui communem fere cum eo habere 
videtur originem 1677 , adstipularent*? 

Wer sich für die Sache interessirt, wird wissen, dass nach 
Benseler's und meinen Bemühungen für die Textesreinigung nach 
dieser Seite hin noch Manches zu thun sei; dies in dieser Ausgabe 
abgemacht zu finden würde, die Möglichkeit an sich vorausge- 
setzt, bei den Zwecken derselben eine unbillige Erwartung sein. 
Hr. Döhner begnügt sich mit der Benutzung der Resultate, welche 
sich ihm, wie er selbst sagt, aus den bisherigen Untersuchungen 
als unzweifelhaft herausgestellt haben. Wünschenswerth wäre 
in dieser Beziehung grössere Consequenz gewesen; denn während 
an einzelnen Stellen z. B. Umstellungen, die zur Entfernung des 
Hiatus vorgeschlagen worden waren, Aufnahme gefunden haben, 
ist diese an andern Stellen unter ganz gleichen Verhältnissen un- 
terlassen worden; selbstständige wesentliche Beiträge zur weitern 
Förderung der interessanten Frage habe ich ausser etwa Alex. 58, 
wovon weiter unten, nicht bemerkt. 

Um nun aber das Verhältniss anzugeben, in dem diese zweite 
unter günstigem Umständen erschienene Hälfte zu der Leipziger 
Ausgabe steht, zu bezeichnen und den Fortschritt anzugeben, 
welchen die Kritik des Textes gemacht hat, scheint es angemessen 
nicht etwa aus vielen Biographien zusammengesuchte Einzelheiten 
anzuführen, sondern die Textesabweichungen beider Ausgaben in 
einer einzelnen Biographie vollständig durchzugehen. Ich wähle 
zu diesem Zwecke eine der längsten, die Biographie des Alexander. 

Hier ist als erste bemerkenswerthe Abweichung von der Leip- 
ziger Ausgabe zu bezeichnen c. 4 in der bekannten Schilderung 
der Körperhaltung Alexander's: xr\v rs dvdxXiöiv xov avikvog 
tlg Bviövv^iov ^6v%rj xsxfoiisvov, nach Emperius' Vermuthung 
statt des handschriftlichen avataötv. Dies habe auch ich als 
falsch bezeichnet, aber unverändert gelassen, weil jener Vorschlag 
nicht unzweifelhaft schien. Denn abgesehen davon , dass die Zu- 
sammenstellung von uvccxkiöis mit xsxXifisvov etwas Auffallendes 
hat und in den von mir in der Note angeführten Stellen immer 
nur von einer syxliöig oder 7taQeyxhöig die Rede ist, schien die 
Vermuthung ccvccxlaöiv ausser grösserer paläographischer 
Leichtigkeit noch Anderes für sich zu haben, wofür ich mich wie- 
derholt auf die Anführungen bei Meineke fr. comic. 4, 611 und 
612 berufe. — c. 5, 31 steht onoiog üv\ KQog rovg noMpuovg: 
der Accent ist ein Ueberbleibsel der in den frühern Text auf- 



Piutarclii vitae. K<J. Tlicod. iJüluicr. 23 

genommenen lleiskc'schcn Gonjectur noke^iovg. - c. 6, 33 ecpelg 
edioxev mit Coraes statt dcpe\g ediaxtv. — c. 7, 14 xlvi ydg ext 
Öioiöo[i£v rjfielg xcöv dkkarv. exi ist ans Gellius hinzugefügt. Die 
Entscheidung hängt von der wohl noch nicht gelingend erwogenen 
Vorfrage ab, inwiefern Gellins mehr Glauben verdient als die 
Handschriften. — c. 8, 30 die von mir als unächt eingeschlosse- 
nen Worte xal q>Lko[ia%r]g hat Hr. Döhner ausgelassen. Eine sehr 
böse Stelle c. 10, 2 hat Herr Döhner so geschrieben : 6 dg 
tyikinnog aiö&öfievog fiövov övxa xov 'Ake^avdgov , elg xo dw- 
fiUTiov nagakaßav xav tptiav avxov xal övvrj&cov evcc — hn- 
Tifj,r]6sv i'ö^upajg: ich weiss nicht, woher er das zugesetzte [tovov 
genommen hat, glücklich ist dieser Versuch der Stelle aufzuhel- 
fen in keinem Falle, sachlich und sprachlich nicht (der Sinn soll 
wohl sein: eine Zeit wahrnehmend, wo Alexander allein war): dies 
nachzuweisen würde hier zu weit führen. Die vielleicht lücken- 
hafte Stelle kann nach dem Zusammenhange, in dem sie steht, 
schwerlich etwas Anderes gesagt haben, als dass Philipp hinter 
die Intriguen seines Sohnes gekommen sei. — 11, 47 zwischen 
'j4&i]vaiovg und tvftvg sind die von mir als unächt einge- 
schlossenen Worte edtkav dvrjg cpavrjiat ausgelassen. — 17, 
10 ovx d%agiv ev naiöiK xiy.rjv äitoÖidovg mit Benseier und mir 
statt ovx ä%agiv ev tkuÖiü dnodidovg zi[ir']v. Wenn aber Hr. 
Döhner das Fehlerhafte solcher Hiate und die Angemessenheit 
der vorgeschlagenen Abhülfe hier anerkannte, durfte er auch 18, 
30 nicht unverändert lassen: keyei gadlav avzä xrjv kvöiv yeve- 
GQcci e^ekövxL xov gvfiov toi/ föropa, wo die vorgeschlagene 
Umstellung eine nicht weniger leichte Hülfe bot. — 18, 4 cpkoico 
KQavHug statt cpkoicß xgavlag, für letzteres hatten mich die 
Zeugnisse bei Stephanus thes. 4. p. 1915 Par. bestimmt. — 18, 47 
vncedykovxo nagd xov &eov kapngd fiev y ev rj öeö&ai xal irs- 
gupavrj zd xwv Maxedovav , 'AkeZavdgov de xrjg pev 'Aölag 
xgazrjöeiv, — xayv de övv <5o£>; xov ßlov dnokefyeiv statt ye- 
veGxfai,. Hielt Hr. Döhner das für unerträglich — und ich will 
es eben nicht besonders in Schutz nehmen, obgleich Aehnliches bei 
Plutarch nicht selten ist — so durfte auch wohl 17, 49, worauf 
ich verwiesen hatte — dg%aicov ygaptiaxav, ev olg edtjkovzo 
Ttuvöaö&aL xrjv IJegtioäv dgxr)v vno Ekkrjvav xaxakv&elöav, 
nicht ungeändert bleiben, zumal schon Stephanus und vielleicht 
einige Handschriften itavösö&ai haben. — 19, 1 Kvvdov Druck- 
fehler statt Kvdvov. 20, 16 'Ake^avägog de negl xrjg ^idpjg eni- 
öxekkcov xolg negl xov "Avxlnaxgov ovx eYgrjxev ööztg y]v 6 xgeo- 
tfag, ort de xgcö%eir) xov ttrjgov ey%eigidico, dv6%egeg d'ovdev 
anq xov xgavfiaxog 6v{ißa!r], yeygacpe, so die vulg. und Hr. D., 
die Leipziger Ausgabe i'Ake^avdgog de negl xrjg pd%r]g eniöxek- 
kcov xolg negl xov 'Avxlnaxgov ovx, eigrjxev cöxig ijv 6 xgäöag, 
ort Ö£ xgeo&elr] xov (irjgov eyxeigidta)' dv6%egeg d'ovdhv dnö 



24 Griechische Litteratur. 

tov TQUvfiavos övfißüv ysygaq>s aus zwei Handschriften, und 
das halte ich auch jetzt noch für die wahre Lesart. Hätte Plu- 
tarch öv^ßair] geschrieben, so würde er vorher wohl Tga&sir) 
psv gesagt, gewiss aber nicht das dann ganz müssige ysygatps 
zugesetzt haben, das bei der andern Lesart eine wesentliche 
nachträgliche Angabe hinzufügt. — 21, 51 tov 8s Xoyov zalg 
yvvai^lv tJh&qov aal %gr]6Tov cpavsvxog sxi fiäkkov xd xüiv sg- 
ycov aTiTjVzcc yikdvftgama D., in der Leipziger Ausgabe : tov ös 
koyov Talg ywail-lv rjfisgov aal ^otjötoü cpavsvxog sxv (idkkov 
[ysvofisvaig al%nak<özoig] xd and tcjv sgycov aTtijVTa cpikdv- 
ftgajta: die eingeschlossenen Worte zu tilgen, schlug Schmieder 
vor, die Präposition ich. Dass jene Worte hier verkehrt sind, ist 
gewiss, aber sie ohne Weiteres aus dem Texte zu werfen, zu kühn. 
Wahrscheinlicher dürfte die in der Note von mir vorgeschlagene 
andere Auskunft sein. Sehr kühn ist im Folgenden nach Schmie- 
dens Vorschlag geschrieben: Tlag^sviavog 7igoTgsi>a(isvov tov 
'AksZ,avdgov, äg <pr)6LV 'Agtöxößovkog, aakrjg aal ysvvaiag 
äjpaöQ'ai yvvaiaog statt des handschriftlichen IIag}isvl(ovog xgo- 
xgstyap&vov TOv'Aksl-avdgov — aalyg aal ysvvaiag aal to adk- 
kog atyaö&ai, yvvaiaog, was freilich widersinnig ist. Gleich nach- 
her steht dvxsnidsiavv^svog di agog xyv saslvav to xfjg löias 
iyagaxsiag »tal 603cpgo6vvrjg adkkog aöJtsg ätyv%ovg siaovag 
dyak^dxav nagsTts^sv , hoffentlich nur durch einen Druckfehler 
statt dvxsiubsiavvyisvog ös ngög ty\v idsav Tiqv saslv cov. 
— 22, 3Q"Jyvavi, D. statt "Ayvavt, vsavlöxa, für die Tilgung 
des letzten Wortes hatte auch ich mich erklärt. 3— 22, 7 aal Täv 
öxgcoßdxav stilcov tu. dyysla aal tcöv i^iaxlcov skvsv STtiöxoTtäv, 
[iq Tt fiOL xgvcpsgov rj itsgiöööv rj (irjxrjg svxs& si-asv D. nach 
Emperius' sehr wahrscheinlicher Vermuthung statt 6vvxs% Si- 
as v. — 23, 24 aaxakvöag Ös Jtoct xgaTiöpsvog itgog kovxgöv if 
dksifi^ia, Tovg stii tcöv öixotioköv xea fiaystgcov aviagivsv, sl 
Ta ngög to dslnvov svxgsTtcög sypvdi D. nach Scbäfer's durch 
eine (interpolirte) Handschrift bestätigter Vermuthung statt xgs- 
itö\LSVog', dies halte ich für allein richtig. Das Verhältniss der 
beiden Participien ist natürlich ein ganz verschiedenes, sjtsl aaT- 
skvös aal hgsrcsTO. — 23, 35 ot %agisöTaToi tcöv itagövTcov 
snsTglßoVTO D., was mir eher einer Interpolation äbnlich schien 
als xagdözsgot. — 23, 46 xolg svTV%Tq^a6i Ttjg dandvrjg apa 
övvav^avofisvTjg D. : 6vvav%0(isvrjg vorzuziehen, veranlasste mich 
theils die handschriftliche Autorität, theils der überwiegende 
Sprachgebrauch des Schriftstellers. Von Hrn. Döhncr aber hätte 
die Consequenz verlangt, nun auch 39, 6 statt tcöv ngay^iaxav 
aviopsvav , das viel weniger sicher beglaubigt ist, (die vulg. av- 
lavopsvav beizubehalten. — 24, 15 Täv Ös Tvgicov nok'kotg 
aaxd Tovg vnvovg sdo£sv 6 'Jnokkcov ksysiv, äg dasiöt itgog 
'Aks'iavögov ov ydg dgsöasiv avxcä xd ngaGöopsva aaxd Tiqv 



l'lutarchi vitae. Kd. Tlicod. Döhuer. 25 

JtÖfoV- 'AkK OVXOl (IBV (ÜÖJIEQ CCV9()G)JtOV CCVVOfXOkoVVTCC itgog 

xovg nokt^iovg In avxotpcogoj xov &söv tiktjcpozsg ösigdg ze 
tw xokoööcp nsgüßakkov D. mit Schäfer statt dkk' avtoi: aller- 
dings ist die Entscheidung üher ovxoi und avtoi oft schwankend, 
allein hier scheint mir bei richtiger Auffassung des Gegensatzes 
avtoi nicht nur angemessen, sondern fast nothw endig. Was sie 
gethan im Gegensatz zum erklärten Willen des Gottes, war zu ur- 
giren. — ot öh fidvzEig zoviofia diaigovvrag ovx dmftdvcog 
txpaöav avzä „2Jd yevrjöETccL Tvgog", D. mit den übrigen Her- 
ausgebern statt £rj ysvqöaTcci Tvgog, was ich in der Note zu 
rechtfertigen gesucht hatte, vielleicht zu peinlich gewissenhaft. 
— 25, 4 (ksKevös D. mit Schäfer statt IxsksvE* und so auch 76, 3. 
Lieber ßolche Dinge ist nicht zu streiten , bis man über ein be- 
stimmtes Princip, nach dem das Einzelne zu beurtheilen ist, über- 
eingekommen. Für diesen Fall glaube ich auf die ausführliche 
Erörterung in der Vorrede zur Ausgabe des Themistocles epist. 
ad G. Hermannum p. LI ff. verweisen zu können. — 25, 8 yEvo- 
ixsvrjg ds kapngäg inißokrjq xal firjöi zcov an 6 örgatonsdov 
TtCtQXFQOVVTOOV, dkkd 6UTXg£%0VZG)V xal ngogßotj&ovvTav 1).: 
ich hatte mit Reiske zäv inl özgazonEÖov geschrieben und 
möchte dies noch jetzt für nothwendig halten in dieser negativen 
Form , während etwa zcov dno örgatonsöov EnEg%o^,Evoiv natür- 
lich ohne Anstoss sein würde. — 25, 13 6 Öl ögvig fqp' *ev räv 
(irjxccvfj^äzcov naftiöag EkaQsv svö^sfrag zolg vEvgivoig xExgv- 
(pdkoig, tilg ngog zag amöxgoqxxg zäv QypiviGZv E%gävzo D. mit 
Coraes vielleicht richtig statt vq> h>. — 25, 26 vvv öl (psiöo- 
[isvG) g %gä) zolg nagovai D. statt qfSidöjxsvog; jene andere 
Form kommt bei Plutarch nicht vor, für cpEiööfiEVog spricht offen- 
bar auch c. 28 xolg öl"Ekkrj6i [iszgiag xal vnotpEiööfxivog wv- 
zöv e&Q , sta£ ) E, wo abermals vnoopsido^svcyg schlecht beglaubigte 
Lesart ist. — 26, 12 ögvi&sg dnö zov norafiov xal zrjg kifivrjg 
nXiqftsi xs aneigoi xal xazd ysvog navzoöanol xal [isye&og 
sjil zov zönov xazaigovzEg vicpEöiv Eoixozsg ovöl (iixgov vns 
ksinovzo zcov dkepitav D. nach der auch von mir empfohlenen 
Conjectur von Emperius statt aal psydkoi eju, was der Sinn und 
der unerträgliche Hiatus verurtheilen. Doch hielt ich es nicht 
für so sicher, um es nach den befolgten Grundsätzen in den Text 
aufnehmen zu können. — 26. 30 rj zs ydg xvxV Ta ^ Enißokalg 
vnaixovöa xfjv yvcSfiqv iöyvgdv Inoiu xal xo &v[io£tölg d%gi 
xcöv &av [idxav vnEJ-syisgs zrjv cpikovEixiav drfxxqxov ov fio- 
vov nokefxtovg, dkkä xal xonovg xal xaigovg xaxaßia^Ofiivrjv 
D. und dazu die Uebersetzung: nara et fortuna conatibus eius fa- 
vendo animum confirmabat animique vigor ad stupenda usque facta 
invietam eius arabitionem provehebat, non hostes modo, sed loca 
etiam ac tempora vi superantis: das ist eine, wie ich glaube, ganz 
unglückliche Aenderung der vulg. a%gi xäv ngay ndxav , an 



26 Griechische Littoratur. 

welcher Nichts auszusetzen ist, wenn ngdypaxa nach Plutarehs 
Sprachgebrauch als synonym mit ngd&ig aufgefasst und der Ge- 
gensatz von iitißokai beachtet wird. — 29, 2 ^optuv xvxkicov 
I). mit Coraes , auch von mir empfohlen statt %ogc5v eyxvxhicov. 
— 30, 36 Tigeag D. statt Telgecog, was ich aus demPalat. vorzog, 
weil weiter unten diese Form die durch die bessern Handschriften 
beglaubigte vulg. ist. — 29, 39 epev xov Tlegöäv ^ eop^, öal^io- 
vog, xyv ßaöileag yvvalxa xal ddeXcprjv ov pövov al%tidlaxov 
ysveödai gaJöav, dkld xal xelevx^6aoav apoigov xsiödat, xcz- 
qprjg ßaöiXixijg D. mit Schäfer statt der vulg. epev xov IJegöäv^ 
£qp^, daipovog, el xqv ßaäiAzag — yzv£ö%<u, deren augenfälli- 
ges Verderbniss auf mehr als eine Weise zu verbessern versucht 
ist; da sich Hr. Döhner gemäss den Zwecken seiner Ausgabe für 
eine Abhülfe des Fehlers zu entscheiden hatte, kann man gegen 
diese Wahl Nichts einwenden, so gering auch ihre Wahrscheinlich- 
keit einer strengeren Kritik erscheinen muss. — 31, 38 xal xig 
avxä <pgdt,u — xovg dxokov&ovg Jtaitovxag elg ovo fisgrj diy- 
QtjXtvca öcpccg avxovg — , dg^afievovg de ßeohoig dxgoßoXlt,t6%ai 
jigog «AA^Aoug, fira irvyfialg, xekog exxexavöüai x(] tpikövstxiet 
xal iii%gi M%(ov xai ZvXcov noXkovg d v 6 xaxairavötovg yeyo- 
voxag: ich bin ungewiss, ob ich es einem Zufall oder bestimmter 
Absicht zuschreiben soll , dass Hr. Döbncr diese Lesart Coraes' 
und Schäfers, die ich schweigend berichtigt hatte {TtoKKovg xa\ 
Övöxax.) aufgenommen hat: doch wohl nur ersterem. - 31,9 
Vogdvatav D statt rogdvvalav, das ich aus vielleicht zu gros- 
sem Respcct vor den Handschriften beibehalten habe. — 31, 11 
dxsxfiagxog de xig (paitj öv^^ifuty^ievr] xal ftögvßog xcd ipdcpog 
ix xov öxgaxoneÖov xaQdneg e£ d%avovg ngoxr}%ei itekdyovg D. 
mit Schmieder statt Qogvßog xal <poßog: ich habe die beiden 
letzten Worte mit guten Handschriften ausgelassen und die Ent- 
stehung der Lesart nachzuweisen versucht. — 35, 37 litiav ös 
rr/v BaßvXäva aituöav ev%vg vit avxä ytvopevqv D. nach der 
stillschweigenden , aber ganz unnützen Aenderung von Coraes st. 
fit avxä. — 35, 8 itgoQv^iag de nag xal xov itatdaglov 86v- 
rog eotvxov itgog xtjv iteigav D. aus dem Monac , dem man nur 
folgen darf , wenn sonst gewichtige Gründe dafür sprechen; hier 
ist das besser beglaubigte didövxog völlig tadellos: „da er sich 
erbot". — 36, 51 Jivav D. falsch statt z/aiVwv, wie Hr. Döhner 
auch selbst im Artaxerxes geschrieben hat. — 37, 26 Keyexat de, 
xa%louvxog avxov xo itgäxov vno xov %gv6ovv ovgaviöxov iv 
xä ßctöifaxa ftgövat) xov Koglv&iov drjfidgaxov tvvovv [övxa] 
xal itaxgäov cpttov 'Alt^dvdgov itgeößvrixäg emöaxgvöav xal 
tiTttiv 1).: ich kann nicht errat hen, weshalb das Participium ver- 
dächtigt worden, ist das aus blosser Conjectur geschehen, so muss 
diese für sehr überflüssig gelten; näher lag es 'slkt^dvdgco zu 
schreiben, wie wirklich eine Handschrift hat, doch auch dies ist 



Plutarchi vitae. Kd. Thcod. Döliner. 27 

unnöthig. ■ — 39, 26 cag ovv elg xo 6(paig(£eiv nagayevöfievog 6 
Zteganiav aXXoig eßaXXe xrjv öcpalgav , elnovxog xov ßaöiXiag, 
ifiol de ov dldag', ov ydg alxüg, eine, xovxcp (iev df] yeXäöag 
noXXd edaxev D. mit Coraes und einer (interpolirten) Hand- 
schrift statt elnovxog de xov ßaGiXecag , das gleichfalls tadellos 
ist; in jenem Falle musste Hr. Döhner auch die Interpunction be- 
richtigen. — 39, 40 fiaxgdv 'Avxmdxgov xax avzrjg ygdipavxog 
entöxoXrjv D. statt 'Avxindxgov fiaxgdv, was andere Handschrif- 
ten haben. — 40, 24 kv talg öxgaxelaig xal xalg xvvyytöluig D. 
statt xolg xvvr\yeGioig und so auch 72,51 xvvijyeöiav statt xvviq- 
yeöiov. Beidemale habe ich aus Handschriften das neutrum her- 
gestellt, weil bei Plutarch so wenig als bei Xenophon ein sicheres 
Beispiel des femin. vorzukommen scheint. Auch hat FIr. Döhner 
Pomp. 51 ev Qqgaig xal xvvrjyeöloig beibehalten. — 43, 2 fio'- 
vovg de (paöiv e^tjxovxa 6vvei6neGelv elg xd öxgaxoneda xäv 
noXepiav D. mit Schäfer, vielleicht richtig statt GvvexneGelv, was 
ich so verstand : Gvvexneöelv ex xrjg dvvÖgov eig. — ■ 44, 42 eitel 
Öe xal xov tnnov ayovxeg rjxov D. nach meiner Verbesserung statt 
xov i'nnov avxä ayovxeg. Offenbar ist avxä aus den unmittelbar 
vorhergehenden Worten falsch wiederholt, ein Fehler, der gerade 
in dieser Biographie öfter vorkommt, z. B. auch 54, 21 Xdgqg öe 
6 MixvX7]valög cpqöi xov 'AXe^av dgov evxdj Gv (iitoö l a 
mövxa qjiäXrjv ngoxelvai xivv xäv (plXcav xov de de^dfxevov 
itgög eöxlav dvaözrjvai xal mövxa ngoöxvvijöaL ngäxov, eixa 
cpiXrjöai xov 'A X e £ a v d g o v ev xä 6v [in oö Leo xal xaxaxXi- 
dqvai,, wo Hr. Döhner zu meiner Verwunderung die unerträgliche 
Wiederholung beibehalten hat. — 45, 16 edico^ev Xnna Gxa- 
diovg exazov evoxXovpevog vnö diaggoiag D. nach meiner Ver- 
besserung statt edlal-ev enl öxad. — 47, 39 xö (iev äXXo nXrj- 
&og eXaöe xaxd %ägav, xovg de dgiöxovg e%av ev r Tgxavia pe& 
eavxov , diöpvgiovg ne^ovg xal xgi6%iXlovg inneig, itg oöeßa- 
Xe Xoyov, cog vvv [ihv avxovg evvnviov xäv ßagßdgav ogeov- 
to3v, av de fiovov xagä^avxeg xrjv 'Aöiav dnlaöiv, eni9i]6o^e- 
vav ev&vg äöneg yvvai&v D. mit M. du Soul statt ngoöeßaXe 
Xeycov^ ob das richtig ist und mit Reiske erklärt werden kann ad- 
ortus est, wage ich nicht zu entscheiden, noch weniger aber jene 
Conjectur zu billigen. — 49, 16 Maxedäv ovopa Alpvog ex Xa- 
Xdöxgag emßovXevcov 'AXe^dvdgco D. statt ex XaXaiöxgag [%aXe- 
näg] emßovXevcov. Warum übrigens Hr. Döhner hier die gar 
nicht beglaubigte Form XaXaGrgag und nachher XaXaGxgaiov 
aufgenommen hat, kann ich nicht errathen. — 20 KeßaXivco D., 
auch von mir empfohlen statt BaXelvcp. — 50, 11 Xoycp fievxot 
Gvvxi&evxeg dpa xal xr\v alx'iav xal xov xaigöv D.: ich habe 
nach den Handschriften, welchen ich in dieser Biographie folgen 
zu müssen glaubte, dpa xi\v aixiav geschrieben. — 53, 35 (iitiä 
öocpLöxtjv, ööxig ov% avxä Gotpbg D. nach der Anführung in den 



28 Griechische Litteratur. 

inoral. 1128 a. und bei Lucian statt ovd' avx co , was ich in die- 
sem Zusammenhange ganz passend finde. Nichts aber ist vergeb- 
licher und unkritischer, als bei Plutarch in Anführungen derselben 
Verse an verschiedenen Stellen Uebereinstimmung herbeiführeil 
zu wollen. — 55, 10 sv Makkolg '0<~vdgdxcug sind nach meiner 
Vermuthung als unächt bezeichnet — 57, 32 okiyovg (isv ydg 
?}vtcc6sv, oi ds nksiöxoi ßofj xai dkcckayfiä {isxu sv&ovo'iaößov 
xd [iiv dvayxala xolg dsofisvotg (isxadidövxccg, xd ds nsgiovxa 
zrjg iQÜag ccvxoi xaxaxaiovxsg xai diaq)ftslgovzsg OQfxrjg xai 
TtQo&vntctg, svsTci^utkaöav xöv'Aks^avdgov D. mit du Soul statt 
avxov xaxaxaiovxsg. Abgesehen davon, dass avxov zu ändern 
kein zwingender Grund vorliegt, hat ccvxoi zu billigen mich der 
Umstand abgehalten, dass dadurch in den Gegensatz einige Schief- 
heit kommt, weil beide Handlungen, das fisxadLÖovai und das 
xaxaxaisiv , von denselben Personen ausgesagt werden, eine Ent- 
gegensetzung derselben also nicht stattfinden kann. — 58, 31 %a\ 
ijdq xr\v aönida s%cov jisgdv tj&skrjösv D. statt xal ijdrj s%av xr\v 
uGnlÖa nsgäv tf&slr]6sv. Dies ist die vielleicht einzige Stelle, 
au der mir, ich weiss nicht durch welchen Zufall, ein unerträg- 
licher Hiat durchgegangen ist; die von Hrn. Döhner gewählte 
Umstellung, oder auch xal t%cov jjdrj rqv dönida würde auch ich 
unbedenklich gewählt haben. Denn dass dieser Hiat fehlerhaft 
sei, wird auch der Schwergläubige zugeben, wenn er erfährt, dass 
in den gesammten Biographien nur noch an drei Stellen durch die 
Zusammenkunft von ijdtj mit s bewirkte Hiate vorkommen, von 
denen die eine jetzt aus Handschriften verbessert ist , die beiden 
andern aus inneren Gründen als fehlerhaft nachgewiesen werden 
können. — 60, 27 ov [tovov ovv dcpt)xsv avxov dg%siv cov sßa- 
öiksvs öaxgdjirjv xakovpsvov, dkkd xal 7igo6s&ijxs %(6gav xal 
Toi)g avxovöfiovg xaxaötgstydfisvog, sv y Ttsvxsxaldsxa psv 
s&vrj, itöktig Ös %svxaxi6%iHccg d^iokoyovg , xiäpag ds nd^tnok- 
kag slvai qpatfiv, dkkrjv de x g ig x o6ccvx7]v, qg Oikmnov — 
öaxgdnrjv dnidsi^ev D. statt der von mir aufgenommenen Ver- 
besserung du Soul's äkkqg ds rglg xoöavxrjg <Z>iA. Jene von Hrn. 
Döhner beibehaltene Lesart pflegt man zu erklären: dkkrjv ds xg\g 
Toöavxrjv qxxöiv slvav^ so hart, dass es unglaublich ist, dass Plu- 
tarch so geschrieben habe, schon darum, weil bei dieser Lesart 
das Missverständniss unvermeidlich ist, dass Alexander auch die- 
ses Gebiet, zu dessen Statthalter er den Philipp gemacht, dem 
Porus übergeben habe. — 63, 55 xr^g dxldog svdsdvxvlag svl 
xcov oöxscav D., bei mir [sv] svl. — 64, 23 6 ns%gi xov vvv D. 
statt o (is%gi. vvv, was ich aus Handschriften um so mehr aufneh- 
men zu müssen glaubte, als diese artikellose Verbindung nicht nur 
sonst bei Plutarch vorkommt, sondern auch in eben dieser Bio- 
graphie noch zweimal, 62,12 und 69, 18. — 31 ftsxakaßcov 
ovv xov sxxov tfgcozcc D. aus der Aldina statt des handschriftli 



Plutarchi vitao. Kd. Thcod. Döhner. 29 

chen fisxaßakav. Wie Mr. Döhncr seine Lesart verstanden 
wissen will, ob mit Coraes reprenant la parole, oder anders, weiss 
ich nicht, denn in der Uebcrsetzung ist das Wort gar nicht be- 
rücksichtigt: sextus, qua ratione aliijuis efficere posset, nt maxime 
diligeretur, si , inqnit. — Ich vermuthe, der nicht ganz gewöhn- 
liche Gebrauch von ^exaßdkketv hat ihn abgehalten , das besser 
beglaubigte dem Zusammenhange der ganzen Stelle ungleich ge- 
mässere ^exaßakav aufzunehmen. Wie das zu verstehen sei, 
zeigen Stellen wie Xenophon Hellen. 4, 3, 13 6 {ilv ovv 'Ayr]6i- 

k(XOg JIV&6{18V0$ XCtVZCC ZÖ /Lt£V ngöÜTOV ^aAaJTWg £(p£Q£V , snel 

fisvvoi evsdv[irj&?i , öxi xov özgaxev^iaxog zo nkeiözov ettj avxä 
oiov dyudcov fihv ytyvo^ievcav rjdeag (texe^eiv^ el de xi %akenbv 
ogäev, ovx dvdyxyv üvai xoivcoveiv avxoig, ex xovtov (iexa- 
ß aktiv ekeyev. — 42 [xal] öv ngäxog D. statt öv ngazog. — 
66, 38 Iffivug D. statt l%%vg^ was besser beglaubigt ist. — 69, 2 
jn) ovv zrjg oklytjg zavzr\g yrjg (p\fov^ör}g , ij zovfiöv öcoaa negi- 
xakvnzei D.: ich habe aus Zonaras fjrj ovv zrjg oklyrjg poi zav- 
ti?S yrjg geschrieben , nicht nur weil der Sinn diesen Zusatz zu 
verlangen schien, sondern auch um Uebereinstimmung mit Arrian, 
Strabo und Bustathius zu bewirken. Paläographisch leichter wäre 
freilich piq poi ovv. — 72, 51 zö Koööaicav e'oh'og D. mit Co- 
raes statt to Kovööalov e&vog: allerdings ist jene Form die 
durch andere Schriftsteller beglaubigte, trotz dem die Entschei- 
dung in solchen Dingen bei Plutarch immer misslich. — 73, 34 
dnoövöa^tevov de ngög cckeifificc xal öcpalgav avzov nat£,ovzog, 
oi veavlöxoi övöyaigltpvzeg, <og hdei ndkiv kaßelv xd f^atta, 
xa^ogäöiv äv&ganov ev tc5 dgova xa&e^opevov öianjj xo did- 
dr]{iec xal xrjv özokr)v zr\v ßaöikixr]v negixelpevov D. statt ol 
vsavlöxo i ol ö(paigit,ovzeg: dass diese Lesart falsch sei, habe 
ich in der Note bemerkt, allein gegen die Aenderung Reiske's, 
die bei Hrn. Döhner Aufnahme gefunden hat, schien der Umstand 
zu sprechen , dass hier ein attributives Participium, also ol vea- 
vlöxoi, ol övö(paiglt,ovzeg<, wodurch der unerträgliche Iliat nicht 
entfernt wird, nöthig sein dürfte. — 73, 38 ^poVo?' noXvv dvav- 
öog rjv D. statt nokvv %govov ävavdog r)v, was ich aus zwei 
Handschriften aufgenommen habe, weil nokvv den Ton hat, wie 
im Folgenden , wo Hr. Döhner nach Benseler's und meinem Vor- 
schlag statt nokvv xgovov yeyovevai ev &eö(ioig geschrieben 
hat nokvv yeyovevai %govov ev deöpoig. — 74, 50 'lökag D. st. 
'Iökaog nach meinem Vorschlag, der in der Note verdruckt ist. — 

75, 28 ov fir)v dkkee xal %grjö{iG5v xcöv negl 'Hcpaiözicovog ex 
&eov xoyLiöftevzwv D. mit Schäfer statt ov [irjv dkkd xal %gr}- 
öficov ys , und allerdings scheint ye sehr überflüssig zu sein. — 

76, 42 Iv Öe xalg ecprmegiöiv ovtag yeyganzai x d negl xr]v vö- 
6ov D. nach Coraes und meinem Vorschlag statt yeyganzai negl 
tr]v vööov. 



30 Lateinische Litteratur. 

Aus dieser übersieht liehen Zusammenstellung, in der ich 
wissentlich Nichts übergangen habe, wird sich das Verhältniss bei- 
der Ausgaben zu einander von selbst ergeben. Mein Urtheil 
glaube ich mit aller der Unbefangenheit ausgesprochen zu haben, 
welche ein nur auf die Sache gerichtetes , von allen andern Rück- 
sichten freies Interesse geben kann ; persönlich bin ich Hrn. D. 
für die wohlwollenden, freundlichen Rücksichten, die er mir 
überall geschenkt hat, zu grossem Dank verpflichtet. Indem ich 
diesen hiermit abstatte, will ich zugleich den Wunsch ausgespro- 
chen haben, dass der dritte Band, der die Fragmente und die so- 
genannten Pseudoplutarchea nebst einem neu gearbeiteten Index 
enthalten soll, nicht zu lange ausbleiben möge. 

C. Sintenis. 



Episiola critica ad Carolum Halmium de Ciceronis pro P. Sulla et 
pro P. Sestio orationibus ab ipso editis, Scribebat Mauritius 
Setrffertus , Prof. gymn. Joachim. Berolin. Brandenburg^ prostat in 
libraria Adolphi Muelleri. 1848. 66 S. 4-maj. 

Wenn es der Unterzeichnete unternimmt, über eine an ihn 
selbst gerichtete Schrift öffentlich Bericht zu erstatten, so ge- 
schieht es weder um das Lob eines befreundeten Mannes mit über- 
schwenglichem Munde anzustimmen, noch auch um in selbstge- 
fälliger Weise eine Apologie gegen ungerechte Angriffe zu führen, 
sondern weil er, jetzt durch bessere Hülfsmittei unterstützt, eher 
als Andere im Stande ist , sowohl das hohe Verdienst der vorlie- 
genden Schrift zu würdigen, als auch viele controverse Producte, 
welche die Textesgestaltung der Rede pro Sulla darbietet, zur 
sicheren Entscheidung zu bringen. Die Epistola critica des Hrn. 
Prof. Seyffert ergänzt einen wesentlichen Mangel , an welchem 
die im Jahre 1845 erschienene Ausgabe des Ref. von der Rede 
pro Sulla leidet, in der, da es damals dem Unterz. nur um einen 
erschöpfenden erklärenden Coramentar zu thun war, die Kritik 
nur wenig berührt, noch weniger eine vollständige Varietas lectio- 
nis aus den bisher bekannten Quellen mitgetheilt ist. Dass Ref. 
diesen Mangel bald eingesehen hat, bewies bereits die Ausgabe 
der Sestiana, in welcher wenigstens die Varianten des Hauptcodex, 
des ausgezeichneten Parisänus Nr. 779£, vollständig mitgetheilt 
sind; noch mehr zeigt es die Ausgabe der Rede in Vatinium und 
die eben vollendete der Rede de Imperio Cn. Pomp. , die beide 
mit einem ausreichenden kritischen Apparate ausgestattet sind. 
Die von dem Ref. gelassene Lücke hat Hr. S durch seine mit eben 



Seyffert: Kpistola critica ad Carolum Halmium. 31 

so musterliaftcmFIcisse als glänzendem Scharfsinn geführte Unter- 
suchung ergänzt und sich durch dieselbe ein ganz entschiedenes 
Verdienst urn die Textesverbesserung der so vielfach verdorbenen 
Uede erworben; seine Abhandlung bildet ein würdiges Gegen- 
stück zu der berühmten Disputatio Madvigii de emendandis Cice- 
ronis orationibus pro P. Sestio et in 1*. Vatiniura in den Opusc. 
acad p. 411 sqq., die dem Verf. in dem ganzen Gange der Unter- 
suchung als Muster vorgeschwebt zu haben scheint. Ist es Hrn. 
S. nicht gelungen zu eben so sicheren Resultaten zu gelangen als 
Madvig, so beruht dies einzig und allein auf dem so ganz ver- 
schiedenen Standpunkte der beiden Kritiker, Madvig konnte näm- 
lich , gestützt auf den trefflichen cod. Parisinus 7794, seine Un- 
tersuchungen auf feste Basis bauen ; Hrn. S. lagen als Anhalts- 
punkte nur die bis jetzt bekannten spärlichen Angaben aus den 
besseren Quellen vor, und es bedurfte keiner geringen Sprach- 
kenntniss und Combinationsgabe, um auch in denjenigen Stellen 
der Rede, wo der Kritiker bisher von den besseren Quellen völ- 
lig verlassen war, unter einem Wüste von verderbten Lesarten das 
Richtige mit sicherem Tacte herauszufinden. Da sich Hr. Seyffert 
in der Mehrzahl der Stellen, welche er besprochen hat, für die 
Aufnahme derjenigen Lesarten entschieden hat, welche der Ref. 
in der fertig liegenden neuen Recension der Rede hergestellt hat, 
so ist es sehr zu bedauern, dass demselben nicht früher bekannt 
geworden ist, dass der Unterz. der ausgezeichneten Gefälligkeit 
der Herren Dr. The od. M o m rasen und Director W und er die 
Collation zweier Handschriften der nicht interpolirten Quelle 
verdankt, von denen der erstere zu Ravenna die in dem Gara- 
tonischen Nach'asse befindliche Collation des jetzt verlorenen 
cod. Bavaricus oder Tegern seensis abgeschrieben, der letz- 
tere ihm die von N i e b u h r u. Blume gefertigte Collation des Pa- 
latinus non. abgetreten hat, worüber ein näherer Bericht in dem Fe- 
bruarheft der Münch. gel. Anz. 1848 Nr. .H5 ff. erstattet ist. Ehe wir 
auf eine nähere Besprechung der Schrift des Hrn. S. eingehen, be- 
merken wir nur noch , dass derselbe die früher bekannten Quel- 
len mit dem grössten Fleisse und einer durchaus verlässigen Ge- 
wissenhaftigkeit benutzt hat; seiner Aufmerksamkeit sind blos die 
freilich auch noch von keinem Herausgeber gehörig benutzten 
Lesarten der Handschrift des Car. Stephan us entgangen, die 
dieser Gelehrte in dem Appendix seiner Ausgabe (Lutetiae 1554 
fol.) mitgetheilt hat. Sind diese auch nicht von solcher Wichtig- 
keit, wie z. B. in den Verrinen, so finden sich doch mehrere 
richtige Lesarten unter denselben , die Ref. aus keiner andern 
Quelle als aus dem Tegerns. nachzuweisen weiss, welches die 
einzige von den nicht interpolirten Handschriften ist, in der sich 
die Rede vollständig erhalten hat; denn der Pal IX. schliesst lei- 
der bereits §. 43 mit den Worten peiiado meminisse, wie bereits 
aus Gruter's Angabe bekannt war, was sehr zu bedauern ist, weil 



32 Lateinische Litteratur. 

sowohl die von Maries fürGaraloni besorgte Collation des'Fcgerns. 
nicht in allen Theilen verlässig scheint, als auch die ächte Quelle 
offenbar noch reiner in dem Pal. IX. als in dem Tegerns. erhalten 
ist. Der von C Stephanus benutzte Codex stimmt am nächsten 
mit den Excerpta ex cod. Pithoeano, die Graevius aus dem 
Rande einer Lambinischen Ausgabe bekannt gemacht hat, aber 
keineswegs vollständig, wie sich Ref. aus dem eigenhändigen 
Exemplar des Pithoeus überzeugt hat, welches aus der Bibliothek 
des Graevius in die Heidelberger Universitätsbibliothek gekom- 
men ist. 

Hr. S. berührt zuerst S. 4 einige Lesarten, die Ref. in seiner 
Ausgabe übergangen oder wo sich in den Angaben von Varianten 
eine Unrichtigkeit eingeschlichen hatte. Wenn es daselbst heisst: 
„XX. 56 quod scribis ,,fortasse rectius Sittinä", id non tuae, ut 
videtur, coniecturae, sed testirnonio Erfurtensis vindicare debe- 
bas", so ist zu bemerken, dass nach Gruter's Zeugniss der Erf. 
Siccius hatte; Ref. wollte aus der Lesart des Parcensis Sitius die 
von Caesar, Appian, Dio beglaubigte Form Sittius herstellen, die 
jetzt auch durch den cod. Tegerns. bestätigt ist. In diesem Ab- 
schnitte berührt Hr. S. auch die Stelle 28, 77, wo die Hand- 
schriften zwischen den Lesarten deserit , deseruit, deseritur, de- 
seiet , deseruerü schwanken. Da es Hr. S. unterlassen hat, seine 
Ansicht über die sehr zweifelhafte Feststellung des Textes an 
dieser Stelle mitzutheilen, so benutzt Ref. die Gelegenheit auf 
eine merkwürdige Lesart hinzuweisen , die sich im cod. Tegerns 
findet. In der Ernestf sehen Ausgabe von 1756, nach weicher 
der Teg. verglichen ist, lauten die fraglichen Worte also: quod 
ad tempus existimationis partae fruetus reservabilur , si in ex- 
tremo discrimine ac dimicalione forlunae deserit? si non ade- 
rit? si nihil adiuvabit? Zu deserit, wie auch der Parc. liest, ist 
keine Variante angemerkt, wohl aber zu in extremo, wofür im 
Teg. non extremo steht. Da noch zwei Glieder mit si und einer 
Negation folgen, so empfiehlt sich diese Lesart sogleich auf den 
ersten Blick; sie verräth aber zugleich, dass ein tieferer Fehler 
in den Worten steckt, den auch die merkwürdigen Varianten de- 
serit, deseruit, deseruerü etc. {deseret hat blos der Francianus 
primus) schon ahnen Hessen. Die Stelle ist wohl so herzustellen : 
quod ad tempus existimationis partae fruetus reservabilur , s i 
non extremo discrimine ac dimicalione fortunae deseruiet, 
si non aderit, si nihil adiuvabit? vgl. c. 9, 26 si ille labor mens 
prislinus . . . si operae, si vigiliae deserviunt amicis, prae- 
slo sunt omnibus etc. 

Zuerst wendet sich Hr. S. auf S. 4—9 zu einer kritischen 
Würdigung der wichtigen Lesarten des Ambrosianischen Scholia- 
sten , in welchem Abschnitte man den gewonnenen Resultaten in 
den meisten Fällen unbedingt beipflichten muss. Zu den .siche- 
ren Beispielen von nachlässiger Auslassung von einzelnen Wörtern 



Sej ffert : Epistola critica ad Carolura Halmium. 33 

rechnet Ilr. S. mit Reclit § 12, wo im Lemma des Schoüasten 
vis vor seil fehlt, und die ganze Stelle so lautet: non modo ani- 
7tio nihil comperi, seil ad aures mcas istius suspicionis fama 
pervenil, wozu Hr. S. bemerkt: quae plurihtis modis vitiosa sunt. 
Aus dieser Aeusserung ist zu schliessen, dass auch Hr. S. die bis 
jetzt nur von Hrn. Klotz aufgenommene Lesart animo, wofür die 
übrigen Handschriften enim lesen, verwirft; denn hätte er das 
Verfahren des Ref., der enim im Texte stehen liess, nicht ge- 
billigt, so würde er sicherlich etwas zur Rechtfertigung der Les- 
art des Schoüasten beigebracht haben. Dass aber diese alle Be- 
achtung verdient, zeigt jetzt das übereinstimmende Zeugniss des 
Pal. und Tegerns., die beide animo für enim haben Wir glauben 
nicht, dass sich enim etwa mit Hinweisung auf den Auctor ad 
Herenn. stützen lässt, wo gleichfalls IV. §. 25 für enim die be- 
sten Handschriften (s. Baiter 's Lectt. Var. p. 47) animo haben; 
denn wenn man den Zusammenhang der Worte sorgfältig erwägt, 
so muss man enim schon aus inneren Gründen verwerfen. Cicero 
sagt nämlich : lllius igilur coniuralionis , quae facta contra vos 
{contra vos facta Pal. IX), delata ad vos, a vobis portata esse 
dicitur , ego testis esse non potui : non modo enim (oder animo) 
nihil comperi, sed vis ad aures meas istius suspicionis fama 
pervenit. In den Worten non modo etc. wird nicht ein Grund 
angeführt, worin Cicero über die erste Verschwörung kein Zeug- 
niss ablegen kann (denn dieser lag vielmehr darin , dass er zu den 
Untersuchungen der Consuln Cotta und Torquatus nicht war bei- 
gezogen worden) , sondern der Ausspruch testis esse non potui 
wird nur noch durch eine neue Thatsache bekräftigt (geschweige 
dass ich Zeuge nicht sein konnte, habe ich etc.), so dass die 
Steigerung des Gedankens sich nicht kräftiger als in der Form des 
Asyndetons darstellen liess. Doch sagt dem Gefühle des Ref. 
eben so wenig animo, namentlich in Verbindung mit comperi, zu 
(soll dies soviel sein als divinando oder coniectando comperi'?), 
und er vermuthet jetzt , dass in diesem Worte eine alte Glosse, 
durch die man einen gesuchten Gegensatz so ad aures meas her- 
einbringen wollte, vorliegt, aus der sodann in den geringeren 
Handschriften die interpolirte Lesart enim entstanden ist*).— Auf 
derselben Seite, wo Hr. S. die eben behandelte Stelle berührt, 
ist uns die Aeusserung aufgefallen : „Lambini enim testimonio, qui 
ait se in uno libro mss. idem invenisse, quis tandem multum tri- 



*) Der Rec. scheint mit aller Absicht animo falsch zu fassen ; animo 
comperire alqd, was ein Pleonasmus ohne Gegensatz sein würde , heisst 
hier etwas so erfahren, dass daraus eine innere Ueber- 
zeugung erwächst, und konnte bei dem stattfindenden Gegensatze 
um so sicherer stehen, da andererseits fama , oculis comperire alqd gesagt 
wird, animo überhaupt sehr oft zu ähnlichen Zeitwörtern tritt, vgl. mein 
lat. Wörterb. S. 413, a. R. Klotz. 

X. Jahrb. f. Phil.u. Päd, od. Kr it. Bibl. Bd.L\. Hft. 1. 3 



34 Lateinische Litteratur. 

buerit'?" denn je mehr Vergleiclmngen man von guten Hand- 
schriften erhält, desto klarer zeigt es, dass die bedeutenden Ver- 
änderungen, die Lambin im Texte des Cicero getroffen hat, zum 
grössten Theile auf der besten handschriftlichen Autorität beruhen. 
Ausführlich bespricht in demselben Abschnitte Hr. S. die Stelle 
S. 21: An tu in tanto imperio tantaque potestate non dices me 
fuisse regem, nunc privatum regnare dicis? wie die Werte nach 
dem Lemma des Scholiasten lauten, dessen Text an vier Stellen 
von der vulgären Ueberlieferung [an tum in tanto imperio, tanta 
potestate non dicis fuisse regem) abweicht. Ueber die Lesart 
tu, wofür Ref. tum wegen des Gegensatzes nunc und des Paral- 
lelismus der Glieder beibehielt, wollen wir bei den überzeugenden 
Gründen, die Hr. S. für die Aufnahme von tu beigebracht hat, 
nicht mehr rechten; doch ist die Vermuthung, dass die Vulgata 
aus einer Zusammenziehung von tu nie , nachdem einmal me von 
seiner Stelle verrückt worden, auf das Zeugniss der zwei besten 
Handschriften, des Pal. IX. und Teg. , zurückzuweisen, welche 
die Lesart an tum . . . non dicis nie fuisse haben. Hingegen 
zweifelt Ref. jetzt sehr an der Richtigkeit des von dem Scholia- 
sten allein bestätigten Futurs dices, da einerseits drei Hand- 
schriften der letztern Familie (Pal. Teg. Parc), welche allein nie 
mit dem Scholiasten haben , an dem Präsens dicis festhalten , an- 
dererseits hier weder ein Gegensatz von Personen noch von Zei- 
ten stattfindet , welcher die Aufnahme des Futurs räthlich machen 
könnte. In den von Klotz zu Cic. de Senect p. 9(> f. und Stueren- 
burg zur Archiana p. 122 ed. pr. besprochenen Stellen, auf die 
sich Hr. S. beruft, findet Ref keine, die hier zur Aufnahme des 
Futurs im ersten Gliede der Disjunctivfrage berechtigte, so dass 
in der Lesart des Scholiasten wohl ein Schreibfehler anzunehmen 
ist. Auch §. 28 wird die Lesart des Scholiasten rem tantam ges- 
seritn für res tantas §. durch den Pal. und Teg. nicht bestätigt, 
welches äussere Moment, wenn auch in dem Scholiasten eine 
weit ältere Quelle vorliegt, aus dem Grunde von nicht geringer 
Erheblichkeit ist , weil die meisten Verbesserungen, welche der 
Scholiast an die Hand gab , jetzt auch durch den Pal. IX. (grossen- 
theils auch durch den Tegerns.) bestätigt sind , so §. 10 videor 
enim iam non solutn und verum etiam opinionis; §. 12 non modo 
animo; §. 21 me fuisse und in eosdem dixisse ; §. 23 nemo istuc 
(ohne enim) und Ti. Coruncanio ; §. 28 in qua urbe verser (aus 
dem Pal. schon früher bekannt); §. 31 hemini tnirum est (Gru- 
ter's Angabe aus dem Pal. IX. ist falsch); §. 32 in ceteros; §. 36 
ab Allobrogibus ; §. 40 dictum sit , wozu noch eine Stelle § 42 
kommt, an welcher noch kein Kritiker dem Zeugnisse des Scho- 
liasten Glauben schenkte, zumal als er eben daselbst einen für 
seine Erklärung entbehrlichen Relativsatz ausgelassen hat. Da- 
selbst lautet die Vulgata: At quos viros? non solutn summa vir- 
tute etßde . . . sed etiam quos sciebatn memoria, scientia, con- 



Sevffert: Epistola critica ad Carolina Malnahmt. 35 

suetudlne et celeritate scribendi facillime quae dicerentur conse- 
qni posse. Der Scholiast lässt consuetudine et aus, und selbst 
diese Lesart ist durch den Pal. IX. bestätigt, so dass auch diese 
Stelle für den Gebrauch von et im vierten Gliede künftig liin- 
vvegfällt. Andere dem Princip widerstrebende hat erst kürzlich 
wieder Wesenberg in seinen Emendatt. Tuscnl. Partie. III. p. 
17 sqq. (Viborg 1844) durch scharfsinnige Kritik beseitigt. 

In der Untersuchung über die Handschriften der Rede geht 
Hr. Seyffert mit Recht von dem Erfurtensis aus, in welchem 
der Text derselben ohne Zweifel in der reinsten Ueberlieferung 
vorlag. Ganz derselben Quelle gehörte der Palatinus IX. an , der 
in denjenigen Schriften, zu denen Ref. eine genaue Collation aus 
dem Pal. IX. (=— Vaticanus Nr. 1525) besitzt, bis auf die klein- 
sten Abweichungen mit dem Erfurt, zusammenstimmt *). In den 
meisten Stellen muss man auch hier der gründlichen Untersu- 
chung des Hrn. S. unbedingt beipflichten, und es sind nur wenige 
Punkte, wo Ref. in seiner neuen Recension der Rede von den 
durch Hrn. S. gewonnenen Resultaten abweicht. So hat er jetzt 
keinen Anstand mehr genommen, §.64 nach dem Erf., mit dem der 
Teg. stimmt, aufzunehmen: Si pairfo etiam longius , quam finis 
quotidiani ofßcii postulat^ pietas et fraternus amor L. Caecilium 
propulisset , implorarem sensus vestros etc., wo für propulisset 
die geringeren Handschriften protulisset lesen. Hr. S. bemerkt 
gegen propulisset: Quae non sponte moventur aut lentius progre- 
diuntur, ea propelluntur vi quadam extrinsecus allata, ut navis 
remis Tusc. Disp. IV. 5, 9. Itaque non nego recte dici aliquem 
ad impietatem aut aliquod facialis, quod invitus ac recusans sus- 
cipiat, propelli (jtQoäys6&ai); sed qui suo motu incitatus instin- 
ctusque longius quam par est fertur, is effertur aut profertur, non 
propellitur. Allein sollte hier, wo der Redner etwas annimmt, 
was der Wirklichkeit nach nicht stattfand, ein stärkeres Wort 
nicht am Orte sein? lässt sich nicht die brüderliche Liebe, wenn 



*) Dadurch ersetzt der Pal. IX. in denjenigen Schriften, die jetzt 
im Erfurt, fehlen, diese so schwer vermisste Quelle, so für den letzten 
Theil der Rede pro Caecina, zu welchem Ref. seinem Freunde Prof. 
Jordan durch die Güte des Hrn. Dr. Tycho Mommsen eine Collation 
verschafft hat. Eine genauere Beschreibung dieser eben so wichtigen 
als umfangreichen Handschrift soll an einem andern Orte erfolgen; jetzt sei 
nur bemerkt, dass Gruter in den verschiedenen Schriften sie mit ver- 
schiedenen Nummern bezeichnet hat, wie er selbst auf dem Vorblatte des 
codex (so wie er es auch mit seinen anderen Handschriften machte) mit- 
theilt. In den Reden heisst er gewöhnlich Pal. IX., jedoch de lege 
agraria, p. Caec, in Pis., Philipp. Pal. seeundus; in den Catilinarien 
Pal. primus; de imperio Cn. Pomp, ist er ohne Nummer, weil ihn hier 
Gr%ter gar nicht benutzt hat , wie sowohl aus seinen Anmerkungen zur 
betreffenden Rede als aus dem Vorblatte hervorgeht. 

3* 



36 Lateinische Litteratur. 

sie einen zu ungesetzlichen Schritten fortreisst, gleichsam als eine 
äussere Gewalt denken, die auch die freie Selbstbestimmung rau- 
ben kann? Dazu kommt noch, um der Stellen mit impellere und 
perpellere nicht zu gedenken, dass das Wort in metaphorischer 
Bedeutung in manchen Wendungen vorkommt, wo die starke Be- 
deutung des Verbum simplex beträchtlich geschwächt erscheint, 
wie wenn es in Tac. Annalen XI. 2|heisst: ipsa ad perniciem 
Poppaeae feslinat, subditis qai terrore carceris ad voluntariam 
mortem pr opeller ent. — Hingegen wird Jedermann das Urtheil 
des Hrn. S. unterschreiben , wenn er c. 33 , 92 in den Worten : 
vos . . . iudices consedistis , ab accnsatoribus delecti ad spem 
acerbitatis , a fortuna 7iobis ad praesidium constituti die Lesart 
des Erfurt, destituti, der nur aus diesem Codex bekannt ist, als 
einen keiner Beachtung werthen Fehler bezeichnet. Hr. S. benutzt 
die Gelegenheit, um sich ausfuhr lieh über den classischen Ge- 
brauch von destituere zu verbreiten , den er in folgender Weise 
feststellt: Cicero et optimusquisque scriptor nunquam. quod sciam, 
ea vi destituendi verbo usus est, qua vulgo constituendi , sed 
hanc ei addiderunt vim , quam sponte afferret praepositio de, tit 
esset statuere aliquera ita, ut solus ab aliis relictus aut desertus 
sit, ac sive proprie sive translate dicendum esset, adiieerent fere, 
quo rem dilueidiorem facerent, coniuneta nomina solum, nudum, 
inermem, alia. Deshalb hält er p. Sulla §. 90 sed cum huic 
omnia cum honore detraeta sint, cum in hac fortuna miserrima 
ac lucttwsissima destitutus sit , quid est quod expetas amplius ? 
für verdorben , und will nudus vor destitutus einfügen, weil er 
den späteren Gebrauch von destitutus im Sinne von inops, auxilio 
vel praesidio privatus für die Ciceronische Zeit noch nicht gelten 
lässt. Allein die Beweise, welche Hr. S. dafür beigebracht hat, 
dass in der Bedeutung desertus bei Cicero und seineu Zeitgenos- 
sen regelmässig die Begriffe solus, nudus, inermis beigefügt er- 
schienen , sind nichts weniger als überzeugend. Die Stelle aus 
den Verrinen V. 42, 110 qui (Eubulida), quia Cleomenem in de- 
fendendo filio laeserat, nudus paene est destitutus gehört des- 
wegen nicht hierher , weil Cicero sagt, dass man dem Eub. fast 
die Kleider von dem Leibe gerissen hätte; hier war also nudus un- 
entbehrlich und hätte auch von jedem späteren Schriftsteller bei- 
gefügt werden müssen. Eben so sicher ist es, dass Cic in der 
Rede p. Caecina §. 93 hunc vero , qui ab iure, officio, bonis mo- 
ribus ad ferrum, ad arma, ad caedem confugerit, nudum in 
causa destitutum videtis nur wegen der Gegensätze ad ferrum 
etc. nudum hinzugefügt hat , wie aus den folgenden Worten ut, 
qui armatus de possessione contendisset, inermis plane de 
sponsione certaret noch deutlicher erhellt. In der Stelle aus 
Caes. Bell. Civ. III. 93, 5 heisst destituti für sich bloss ge- 
stellt, verlassen; inermes ist aber, wie schon die Wortstel- 
lung zeigt, mit interfecti sunt zu verbinden. Wie sich Ref. das 
Verhältniss des Wortes vorstellt, so ergiebt sich leicht aus der 



Sevfiert: Epistola critica ad Carolum Halinium. 37 

natürlichen Bedeutung „weg, zur Seite st e 1 1 eu" die meta- 
phorische unbeachtet lassen, oft mit dem INebenbegriffe der 
Schmach und Verhöhnung, oder hilflos, verlassen hinstel- 
len. Indem erstem Sinne sagt Cicero in der von Hrn. S. aus 
den Verrinen III. £6, 66 angeführten Stelle: Vidctis pendere 
alios ex urbare, pulsari autetn alios et verber ari; parro alias in 
publica custodiri, destitui alias in cativivio, mit welchen letzte- 
ren Worten der Redner auf das Schicksal des greisen Q. Lollius 
(Verr. III. c 25) anspielt, den man vor dem Gastmahl des Apro- 
nius unbeachtet stehen liess, ohne sich um seine Klagen und Be- 
schwerden zu bekümmern. Zur zweiten Kategorie gehört die aus 
Liv. X. 4 angeführte Stelle: cohortes, quae signa amiserant, 
extra vallum sine lentoriis destitutas invenit , /so wie auch die 
von Hrn. S. mit Unrecht beanstandete Stelle der Sullana, in wel- 
cher die Worte cum in hac jortuna miserrima ac luctuosissima 
destitutus sit wohl am Richtigsten so übersetzt werden : da er in 
diesem so traurigen und jammervollen Geschicke 
ganz verlassen dasteht etc. Ausserdem ist noch eine Stelle, 
wo Hr. S. mit Unrecht von der Autorität des Erf. , die wieder 
durch den Teg. ihre Bestätigung erhalten hat, abweicht. In den 
geringeren Handschriften heisst es nämlich §. 84: Quid ergo? 
hoc tibi sumis , dicet fortasse quispiam , ut, quia tu defendas, 
innacens iudicetur? Die Lesart des Erf. und Teg. quia tu de- 
fendis behagt Hrn. S. so wenig, dass er sie sogar für einen Solo- 
cismus bezeichnet, „cum causae commemoratio cum ipsa obliqua 
oratione, non cum eo verbo, unde illa suspensa est, connexa sit 
atque cohaereat. Wir geben es gern zu, dass nach den strengen 
Gesetzen der Logik der Conjuuctiv stehen müsste; allein da die 
Frage an den Vertheidiger , der solche Ansprüche macht, direct 
gerichtet ist und der abhängige Satz nur in anderer Wendung 
folgenden Hauptgedanken darstellt: „Wie*? weil du die Vertei- 
digung führst, deshalb soll er für unschuldig erklärt werden ?* 4 so 
ist Ref. wenigstens überzeugt, dass der Indicativ eben so richtig 
und dem Ausdrucke nach weit energischer ist. 

In den Stellen, wo man die Lesart des Palatiuus uonus schon 
früher kannte, stimmt jetzt Ref. vollkommen mit Hrn. S. überein, 
über quod me ambitio §. 11 , fasces für falces §. 17; an dersel- 
ben Stelle hat Hr. S. für die Emendation von Ant. Augustinus und 
Ulrich §. 17 signa legionis statt sigtia, legiones sehr überzeu- 
gende Gründe beigebracht. Hingegen hält Hr. S. mit Unrecht 
14, 40 an der Lesart der geringeren Handschr. fest, nach welcher 
die Worte so lauten : vos profecto animum meum tum conser- 
vandae patriae cupiditate inceudistis , vos me ab omnibus cete- 
ris cogitationibus ad unam salutem rei publicae contulistis, 
vos denique in tantis tenebris erroris et inscientiae clarissimum 
lumen praetulistis menti meae. Für contulistis steht im Pal. und 
arc. conoertistis , und ohne Zweifel auch in mehreren Oxforder 
Handschr., indem contulistis nur aus zweien als Variante angeführt 



38 Lateinische Litteratur. 

ist, wozu jetzt noch der Tegerns. kommt. Da ein Hauptgrund, 
den Hr. S. für contulistis geltend gemacht hat, jetzt durch eine 
weitere Verbesserung, welche die besseren Handschr. an die 
Hand geben, hinwegfallt, so zweifeln wir nicht, dass er die Ver- 
teidigung der interpolirten Lesart sogleich aufgeben werde Er 
bemerkt nämlich: Ut multis saepe locis, sie hoc quoque Cicero- 
nem ut credam annominationis quam vocant ornamentum secutum 
esse , facit verborum ordo ad hanc ipsam rem compositus eamque 
prae se ferens , quode vide mea ad Cael. p. 157. Allein die letz- 
ten Worte stehen in dem Pal. und Teg., wie schon Lambin aus 
Conjectur herstellen wollte, in folgender Ordnung; menti meae 
praetulistis, wodurch für die drei Glieder das schöne Homoeote- 
leuton : incendistis — convertistis — praetulistis gewonnen wird, 
und dadurch zugleich ein neuer Grund für die Beseitigung von 
coJitulislis an die Hand gegeben ist; denn der übermässige Gleich- 
klang Hesse sich höchstens dann rechtfertigen, wenn er durch alle 
drei Glieder durchgeführt wäre. Noch mehr hat es den Ref. 
Wunder genommen , dass sich Hr. S. gegen eine von allen Heraus- 
gebern anerkannte vortreffliche Verbesserung aus dem Pal. IX. von 
einem Vorurtheil eingenommen zeigt, nämlich 7. 21, wo seit Gru- 
ter in allen Ausgaben steht: in quo magistratu non institutum est 
a nie, iudices, regnum, sed repressum. Gegen den Sinn von 
repressum hat er zwar Nichts einzuwenden; allein da alle andern 
Handschriften entweder permissum oder non permissum haben, 
und sich schwer erklären lasse, wie permissum aus repressum 
entstanden sei, so scheint ihm die Lesart im höchsten Grade der 
Interpolation verdächtig. Auch dieser Argwohn ist zu entschul- 
digen , da ihm die in dieser Rede ganz einzige Handschrift nur 
aus einzelnen, aber freilich vorzüglichen Varianten bekannt war. 
Die Entstehung der verschiedenen Verderbnisse ist allerdings 
schwer zu erklären; allein an diesem Gebrechen leidet auch die 
sehr gesuchte Conjectur des Hrn. S. sed praecisum, wie jeder im 
Lesen von Handschriften Bewanderte uns zugeben wird. Da aus- 
ser permissum die Handschriften auch promissum haben, wie 
selbst der sonst so treffliche Tegerns., so zeigt es sich deutlich, 
dass in repressum die Silbe pre durch Compendium geschrieben 
war und durch falsche Auflösung desselben und Versetzung der 
Mittelsilbe die Entstellungen der ächten Lesarten entstanden sind. 
Da ferner prae gewöhnlich ]J geschrieben ist, so lag es nahe, 
den Strich als das Zeuhen für m anzusehen, wodurch schon der 
Weg zu missum gebahnt war. — Die Besprechung der Stelle 
c. 2, 7 (bei Hrn. S. heisst es p. 19 unrichtig X. 21), in der alle 
Handschriften lesen maleficium , quod non modo non oecultari, 
sed etiam aperiri illustr urique deberet , und der einzige Pal. IX. 
das zweite non auslässt giebt Hrn. S. Veranlassung, die schwierige 
Frage über den Gebrauch von non modo für non modo non einer 
neuen Untersuchung zu unterwerfen , in der er durch genauere 
Scheidung der verschiedenartigen Fälle den Gebrauch von non moilo 



Scyfiert: Epistola ciitica ad Carolum Iluliniuni. 39 

I ii r höh modo ikiii auf bestimmte Grenzen zurückführt und mit 
Hecht auch die Lesart des Pal. in der eben berührten Stelle zu- 
rückweist. Doch ist es ihm leider bei Erörterung der Fälle, die 
auf S. 20 besprochen sind, begegnet, sich theils auf ganz falsche, 
theils auf unsichere Zeugnisse zu berufen. Wenn es nämlich 
heisst: „Adde de Legg. 111. 9, 21 nun modo ulla in domo, sed 
nullit in gente , quo loco Bakius p. 014 contrarium exeraplum af- 
fer t ex Vatin. 1. 3 cum ufjirmares nullum tibi sermonem non 
modo de Sestio aecusando, sed ulla unquam de re fuisse, cui 
adiieiendum de correctione Madvigii Catil. 11. 4, 8 I\emo non 
modo Romae , sed ullo in angulo totius Italiae oppressus aere 
alieuofuit etc.", so ist zu bemerken, dass das contrarium exem- 
pluin aus der llede in Vatin. blos auf der Einbildung des Hrn. 
Bake beruht, indem dort nicht blos die besten Handschriften, der 
Paris. 7794, Bern., Erfurt , sondern auch geringere, wie der von 
dem Ref. benutzte Salisb. und Frising. lesen: cum affirmares nul- 
luni tibi omnino cum Albinovano sermonem non modo de Sestio 
aecusando , sed nulla unquam de re fuisse; s. Madv. Opusc. 
acad. p. 508 sq. Auch in der Stelle aus der Catil. II. hatMadvig 
seine frühere Ansicht längst aufgegeben und zu Cic. de Finibus 
b. et m. pag. 819 gezeigt, dass mit dem codex Rhenaugiensis zu 
lesen ist: sed ne ullo quidem in angulo etc., worauf auch die 
verderbte Lesart der meisten übrigen Handschriften: sed ne ullo 
in angulo , die Ref. noch mit neuen Zeugnissen belegen könnte, 
führt. Auch die aus der Academica pr. II. 19, 62 angeführte 
Stelle, auf die sich auch Hr. Osann zu Cic. de Rep. p.484 beruft, 
quod non modo rede fieri., sed omnino fieri non polest ist keines- 
wegs sicher, wenigstens steht in dem cod. Erlang, non modo non 
rede fieri, wovon Goerenz freilich Nichts erwähnt, was nach den 
von Madvig zu den Büchern de finibus gegebenen Aufhellungen 
über die fides Goerenziana kein Wunder nehmen kann. Uebcr- 
haupt durfte bei dieser ganzen Untersuchung wohl auch der di- 
plomatische Grund bei manchen Stellen einiges Gewicht in die 
Wagschale legen, dass non modo non gewöhnlich durch die Ab- 
kürzung no mo no geschrieben wurde , und so das zweite non 
sehr leicht ausfallen konnte. Deshalb können wir es noch keines- 
wegs als eine ausgemachte Sache halten, dass p. Süll. c. 9, 26 zu 
lesen ist: quid? sime non modo reram gestarum vacatio, sed 
neque honoris neque aetatis excusatio vindicat a labore. Die 
Lesart nun modo rerum ist dem Ref. nur bekannt aus dem Pal. IX., 
wie aus Niebuhr's Stillschweigen zu schliessen ist, dem Barbari- 
nus Garatoui's, in dem aber am Rande noch von gleichzeitiger 
Hand non beigefügt ist; dem Electoralis, wozu noch einige Ox- 
ibrder kommen mögen , indem nur aus einem Codex non modo 
non als Variante angegeben ist. Ob die Lesart auch aus dem 
Parcensis angemerkt ist, muss Ref. noch bezweifeln, da nach Ga- 
ratoui's Versicherung die Ausgabe des Manutius, der Torrentius 



40 Lateinische Litteratur. 

die Lesarten des Parcensis beischrieb, das zweite non auslässt, 
und so Orelli wohl ex silentio collatoris folgern konnte. Diesen 
zum Theil unsicheren Zeugnissen stehen folgende ausdrückliche 
für die Lesart non modo non rerwn entgegen : des cod. Tegerns., 
Pithoeanus, Salisb., Bern , Genev., des Oxon. g, wozu noch die 
von Garat. angeführten Ausgaben kommen, denen Ref. noch die 
edit. Bononiensis 1499, Ascens. 1511 und Cratandriana beifügt. 
Ehe eine vollständige Collation einer besseren Handschrift 
bekannt war, war für einen Kritiker unstreitbar die schwierigste 
Untersuchung die über den cod. Parcensis, mit der Hr. S. die 
so nahe liegende Prüfung der Varianten des Codex des Henr. 
Stephan us verbunden hat. Die Lesarten des Parcensis hat 
Orelli bekanntlich in der Ausgabe der Orationes selectae XV. Tu- 
lici 1836 zu den Reden de imperio Cn. Pomp., in Catilinam und 
pro Sulla aus der Vergleichung von Torrentius mitgetheilt und 
aus denselben mehrere Steilen der Sullana richtig verbessert. 
Dieser Codex hat die Eigenthümlichkeit, dass, während er sich 
einerseits von den Interpolationen der italienischen Handscbriften 
frei hält und den ursprünglichen Text in viel reinerer Gestalt er- 
halten hat, er anderseits wieder eine grosse Anzahl von eigenthüm- 
lichen in den italischen Handschriften nicht vorfindlichen Interpo- 
lationen und Ausschmückungen darbietet, so dass es eine überaus 
schwierige, ja fast unmögliche Aufgabe ist, ohne anderen Halt- 
punkt überall das Rechte von dem Falschen zu scheiden. Hr. S. 
hat in dieser schwierigen Untersuchung, die zu den gelungensten 
Theilen seiner Abhandlung gehört, das Mögliche geleistet, aber 
mit seinen Vorgängern darin gefehlt, dass er, durch die vielen In- 
terpolationen des Codex argwöhnisch gemacht, seine Autorität 
allzu tief gestellt hat. Um nicht zu weitläufig zu werden, be- 
glaubigt Rec. zuerst ganz einfach eine Anzahl von Verbesserungen 
des Parcensis aus seinen besseren Quellen, wobei er der Ordnung, 
in welcher Hr. S die Stellen behandelt, sich anschliesst: §. 78 
vox en quae verissima et gravissima debet esse Teg., gravissima 
et verissima Parc, blos gravissima die codd. dett. — §. 71 sua 
vita ac natura Teg., sua natura ac vita Parc, sua ante acta vita 
cod. C. Steph., sua haec vita oder sua consuetudo ac vita codd. 
dett. — g, 42 cuius generis erat in senatu facultas maxima mit 
dem Pal. u.Teg., wo erat gegen die Sprachrichtigkeit, wenn sie auch 
Hr. S. nicht anerkennen will, in den geringeren Handschr. fehlt. — 
§. 3 clarissimi viri atque ornatissimi Pal., Teg., Pith., clariss imi 
atque om. viri Parc, clarissimi viri atque orn. cives codd. vulg. — 
§. 14 qui Autronio non adfuerim mit Pal. u. Teg. für qui Autronio 
afuerim, was, wenn auch die Stelle so in allen Lexicis aufgeführt 
wird, nichteinmal latein. scheint; wenigstens ist die Verbindung 
durch die von Wesenberg in den Emendatioues epistolarum Cic p. 62 
für abesse alicui beigebrachten Stellen nicht gerechtfertigt. — 
§. 1 facile potior oblatum mihi tempus esse mit Pal. und Teg. 
— §. 73 honestatis enim et dignitatis etc. mit Teg. — §.6 ne 



Sevffert : Epistolu critica ad Carolum Halniium. 41 

hie quidem Iiortensius mit Pal. — §. 22 quoniam für quia mit 
Pal. und Teg., wo sich aber aus diesen Handschr. noch die weitere 
Verbesserung quoniam ut tu ais für quia ut tu vis ergiebt. Dazu 
kommen noch die von Hrn. Seyffert übergangenen Stellen §. 13 
atque haec inier nos partitio mit Pal. und Teg. — §. 39 etenim 
dornt' mit Pal. und Teg. — §. 51 et id aeque valere debet mit 
Teg. — §. 62 quam pr o mulgar at (Parc. promulgaverut) mit 
Teg. und dem cod. C. Steph. — §. 72 in quo quisquam posset 
offendi mit Teg. — §. 73 quae familiär ium dig?iitas mit Teg., 
wie auch §. 72 aus dem Teg. ex hac familiär tum di guttäte 
herzustellen ist. Am meisten hat es uns gewundert , dass Ilr. S. 
auch die schöne von allen neueren Herausgebern aus dem Parc. 
aufgenommene Verbesserung §. '44 tu . ■. ä repenle tantam rem 
ementiar e, wie gleichfalls in dem Teg. steht, zurückgewiesen 
hat; denn dass der Vulgata tantam rem enunliare audeas blosse 
Interpolation ist, war leicht daraus zu ersehen, dass audeas im 
Salisb., Elect , Bern., 4 Oxonn. und ohne Zweifel in noch mehre- 
ren der geringeren Handschr. fehlt. Eben so entschieden muss 
usque vor a puerilia §. 70 verworfen werden, welches Wort viel- 
leicht gar keine handschriftliche Autorität für sich hat ; wenigstens 
fehlt es im Teg., Parc, Pith., Salisb., Elect., Bern , Oxonn. Um 
die wenigen Stellen , in welchen abweichende Wortstellungen des 
Parc. ihre Bestätigung erhielten, zu übergehen (in den meisten 
Fällen hat hier Hr. S. das Falsche mit ausgezeichnet feinem Takte 
erkannt), berührt Ref. nur noch einige schwierigere Stellen, die 
Hr. S. in dem betreffenden Abschnitte besprochen hat. S. 24 sq. 
verwirft Hr. S. mit Recht die interpolirte Lesart des cod. Hein*. 
Stephan!, die auch in dem Parcensis wiederkehrt, in der verdor- 
benen Stelle c. 22. §. 63. Doch ist es auch ihm nicht gelungen, 
aus den verdorbenen Worten der Vulgata: „Atque in ea re per 
L. Caecilium Sulla accusaltir, in qua re est uterque laudandus : 
primum Caecilius, fui id promulgarit , in quo res iudicatas vi- 
debatut ' voluisse rescindere y ut stalueretur, Sulla rede repre- 
hendit ; Status enim rei publicae maxime iudicatis rebus conti- 
nelur", eine Verbesserung zu gewinnen, die nur einigermaassen 
genügen könnte ; er will nämlich lesen : primum Caecilium, qui 
id promutgarat, in quo. . . rescindere, ut fratrem tueretur, 
Sulla rede reprehendit : Status enim etc. Auch diese Stelle 
lässt sich mit ziemlicher Sicherheit aus den Varianten des treffli- 
chen Tegerns. herstellen, aus dem folgende Abweichungen zur 
Ernesti'schen Ausgabe von 1756 bemerkt sind: promulgavit — 
ut stilueretur — reprehendis. Was der Sinn der Stelle verlangt, 
hatte Pantagathus, dessen Emendation ganz unbeachtet geblieben 
ist, mit glücklichem Scharfsinn bereits herausgefunden, der ver- 
muthete: qui si id promulgarit, in quo res iud. videbatur voluisse 
rescindere, ut restitueretur Sulla, rede reprehendis etc.; er 
irrte nur darin, dass er sich auch in den vorausgehenden Worten, 
in denen Nichts zu ändern ist, mit einer unglücklichen Conjectur 



42 Lateinische Litteratur. 

versucht hat. Doch verdankt die Stelle auch dem Scharfsinne 
Garatoni's eine nicht eben sehr nahe gelegene Verbesserung, 
von deren Richtigkeit wenigstens Ref. vollkommen überzeugt ist. 
Dieser schreibt nämlich, auf den Lesarten des Teg. fussend, am 
Rande seines in Ravenna befindlichen Handexemplars: primum 
Caecüius si id proniulgavit , in quo res iud. videatur voluisse 
rescindere, ut restilueretur Sulla, rede reprehendis, mit dem 
Zusätze : Quid autem voce primum faciendum sit, mihi non liquet. 
Ref. muss es missbilligen, dass Garatoni nicht die weit anspre- 
chendere Emendation von Pantagathus qui si id vorgezogen hat, 
woran wahrscheinlich der an primum genommene Anstoss Schuld 
gewesen ist; aber videatur scheint ihm eine evident richtige Ver- 
besserung. Dadurch gewinnen wir folgenden Sinn: Und zwar 
wird in dieser Angelegenheit Sulla unter dem Na- 
men des L. Caecilius augeklagt, bei der Beide Lob 
verdienen: zuerst Caecilius, den du (Torquatos) ein 
Recht hast (hättest) zu tadeln, wenn er einen Ge- 
setzvorschlag gemacht hat, bei dem es scheinen 
könnte, als habe er zur Wiederherstellung des Sulla 
gefällte Li rthei lssprüche umstossen wollen; denn 
etc. Allein man wird fragen: Wo ist denn dann das Lob des Cae- 
cilius enthalten'? und worauf bezieht sich das verwaiste primum'* 
Das erstere liegt in den Worten, die wir sogleich näher besprechen 
werden: Nihil de iudicio ferebat — legis Vitium corrigebal. In 
dem Sinne des Redners scheint nämlich das Benehmen des Cae- 
cilius insofern alles Lobes würdig, als derselbe in seiner beabsichtig- 
ten lex durchaus keine gesetzliche Schranke habe überschreiten, 
sondern biosein unbilliges hartes Gesetz verbessern wollen. Was nun 
das mehrseitig beanstandete^/ imum betrifft, so haben wir hier eine 
bei Rednern häufig vorkommende Anakoluthie, die durch die unmit- 
telbare Ausführung der laudatio des Caecilius herbeigeführt worden 
ist. Die laudatio des Sulla liegt in den Worten §. 65: Lex dies fuit 
proposita paucos : ferri cuepta nunquam, deposita est in senatum 
Kalendis Jan. — nihil est actum prins, et id mandatu Sullae Q. 
Metellus praetor se loqui dixit, Sullam Main rogationem de se nolle 
ferri: so lag auch bereits ferner in den Worten §. 62 ut. .. destiterit 
fratris auctoritate deductus angedeutet. Ref. verbindet damit 
sogleich die Besprechung einer Stelle, die in demselben §. einige 
Zeilen weiter unten folgt. Daselbst lesen die gewöhnlichen Hand- 
schriften: Nihil de iudicio ferebat, sed poenam ambitus eum fe- 
rebat , quae fuerat nuper superioribus legibus constituta. Statt 
eam ferebat hat der cod. Memmianus Lambini auferebat, welche 
Lesart bereits früher von mehreren Herausgebern gebilligt, und 
auch von Orelli, Klotz und dem Ref. aufgenommen wurde nach- 
dem sie durcSi den einen cod. Parcensis neue Bestätigung erhalten 
hatte. Auch Hr. S. scheint dieselbe zu billigen, indem er die- 
selbe S. 37 unter den Lesarten anführt, in denen der Parc. mit 
den besseren Handschriften stimmt. Niemand hat die von Orelli 



Seyffert: Epistola critica ad Carolum Halmiuni. 43 

angeführte Note des Torrentius einer genauere» Beachtung ge- 
würdigt: „auferebat cod. Parcensis alter; alter rejerebat^: d h. 
der zuletzt genannte Parc. liest eam referebat, da in der Ausgabe 
von Manutius eam ferebal steht. Ref. ist überzeugt, dass diese 
Lesart demjenigen Parc. angehört, aus der Torrentius die mei- 
sten seiner Varianten entnommen hat; er schliefst dies wenigstens 
aus der Uebereinstimmung und dem Tegerns., und kann nicht um- 
hin sein Schamgefühl einzugestehen, dass ihm früher diese aus- 
gezeichnete Textesverbesserung entgangen war. Denn mit Auf- 
nahme dieser Lesart gewinnen wir den allein richtigen Gedanken: 
Er wollte keinen Gesetzesantrag in Betreffdes rich- 
terlichen Spruches stellen, sondern nur jene Strafe 
für gesetzwidrige Amtsbewerbung wieder einfüh- 
ren, die noch kürzlich bestanden hatte, nach frühe- 
ren Gesetzen angeordnet. Ref. ist überzeugt , dass fuerat 
und constiiuta nicht zusammengehören, weshalb er der Deutlich- 
keit wegen in seinem neuen Texte nach nuper ein Komma gesetzt. 
— Pag. 26 macht es Hr. S. sehr wahrscheinlich, dass §. 71 aus 
dem einzigen cod. Parc. herzustellen sei: intelligetis unumquem- 
que ülorum prius a sua vita quam a nostra suspicione esse dam- 
natum , wo das zweite a in den übrigen Handschriften fehlt. Aus 
dem Tegerns. ist blos die aufzunehmende Variante vesira be- 
merkt. Bei der ausführlichen Besprechung des Ciceronischen 
Sprachgebrauchs, in Betreff dessen Hr. S. mit Recht den entge- 
genstehenden Beweisen Nipperdey's in den Quaestiones Caesar. 
p 57 entgegentritt , wird p. Sulla §. 56 richtig aus dem einzigen 
cod. Oxon. H. verbessert: non modo ob causam; sed etiam ob 
necessariam causam, welche Verbesserung jetzt durch den cod. 
Teg. sicher bestätigt ist, womit Rec. die ganz ähnliche Stelle in 
Cic. de finibus b. et m. II. c. 17 in. vergleicht: non igitur de im- 
probo, sed de callido improbo quaerimus. — Pag- ^9 bespricht 
Hr. Seyff. mehrere Stellen, in welchen der Parcensis verschie- 
dene Praenomina auslässt, woraus jedoch mit Unrecht dem Schrei- 
ber eine besondere Nachlässigkeit in solchen Dingen zugerechnet 
wird. Dem §. 6 fehlt C vor Cornelium vielleicht in allen Hand- 
schriften; Ref. hat wenigstens das bestimmte Zeugniss aus dem 
Pal. IX ., Teg , Parc, Bern., Salisb., Elect., wozu noch ein Peru- 
sinus und der Palatinus Nr. 1820 kommen , von welchen Hand- 
schriften Ref. Proben besitzt; denn auf die Angabe Orelli's, dass 
in dem Genev. C. Cornelium steht, möchte Ref. kein grosses Ge- 
wicht legen, da Orelli wohl auch ex silentio collationis unrichtig 
folgern konnte, wodurch sich z. B. in die Mittheilung der Varian- 
ten aus dem alten cod. Tegerns. der oratt. Catilinariae (s. Oratt. 
seil. XV. p. 175) leider viele Fehler eingeschlichen haben. Eben 
so ist die Auslassung des Praen. Manio vor Curio §. 23 ein ge- 
meinsamer Fehler aller bekannten Handschriften, den Garatoni 
richtig in denCurae seeundae ohne Kenntniss des Ambrosianischen 



44 Lateinische Litteratur. 

Scholiasten verbessert hat, wie auch die fälschliche Lesart Cur hm 
für Curio (vielleicht ist die Silbe ni eine Spur des ausgefallenen 
und auf dem Rande bemerkten Praenomen M') ein Gemeingut 
der besseren oder deutlicheren Handschriftcnfamilie (Pal. IX , 
Teg., Parc) ist. Wenn ferner der Parc. §. 6 ne hie quidem 
Hortensius statt der Vulgata Q. Hortensius liest, so wird Hr. S. 
wohl auf das Zeugniss des Pal. IX. künftigbin keinen Zweifel 
mehr in die Richtigkeit dieser Lesart setzen , wie auch §. 3 aus 
derselben Handschrift das Praenomen vor Torquate zu tilgen ist. 
Endlich in der Stelle §. 3, welche Hrn. S. Anlass zur Zusammen- 
stellung dieser verschiedenen Fälle gegeben hat, ist in dem Parc. 
zwar nicht die richtige Lesart, aber doch die Spur des Aechten 
treuer als in den übrigen Handschr. enthalten. Hier liest man 
nämlich in den bisherigen Ausgaben: Qui cum suppressa voce de 
scelere P- Lentuli, de midacia coniuratorum oinnium dixisset, 
tantum modo ut tos , qui eu probalis , exaudire possetis, de sup- 
plicio P. Lentuli, de carcere magna et queribunda voce dicebat. 
In dem Parc. steht de supplicio Lentuli; hingegen bringen der 
Pal. IX. und Teg. die neue Lesart de supplicio, de Lenlulo , de 
carcere, welche Ref vortrefflich findet, indem so der Redner nur 
die Schlagwörter erwähnt, durch welche Torquatos Missgunst 
gegen ihn erwecken wollte. Hingegen macht Garatoni in den 
Curae seeundae, der fälschlich, wie jetzt aus der JNiebuhr'schen 
Collation des Pal IX. erhellt, die Variante de Lentulo auf das 
frühere P. Lentuli [de scelere P. L.) bezogen hat, auf eine an- 
dere Schwierigkeit aufmerksam, die dem Ref. ganz begründet 
erscheint, sodass er nicht umhin kann, die Note Garatoni's zur 
weiteren Erwägung vollständig mitzutheilen: „Fortasse cod. op- 
timus iudicat, Lentuli Domen hie [nämlich in den Worten de sce- 
lere P. Lentuli] esse adiecticium et e margine irrepsisse. N on 
convenit eundem sc eins Lentuli exagitare et sup- 
plicium aversari. At hoc ipsum, inquies, Cicero reprehendit. 
Si quidem vulgata retineatur: sed haec tarnen aecusatorem ultra 
fidem stultum ac dementem facit. Satis omnino est ita dicere: 
qui quum suppressa voce de scelere, de audacia coniuratorum 
omnium dixisset. Junguntur saepissime scelus et audacia, recte- 
que coniuratis omnibus tribuuntur. Quid enim scelus uni Lentulo, 
audacia reliquis adsignetur 1 ? quaenam haec inaudita partitio*? Quin 
etiam infra Lentuli noraen abesse posset: nam supplicium et carcer 
ad quinque homines aeque pertinet. Quod autem Lentulus prae- 
tor erat et in urbe coniurationis dux constitutus (v. c. 11), eo 
iustior poena fuit: etiam scelus tarnen atrocius. Suspiciones in- 
dicans nihil adfirmo." Die letztere Vermuthung kann Ref. nicht 
theilcn; denn bei einer Gelegenheit, wo es galt die Flamme des 
Hasses gegen Cicero zu schüren, war die namentliche Erwähnung 
des Lentulus ganz an ihrem Orte, den nicht einmal seine prätori- 
sche Würde vor einer Hinrichtung geschützt hatte. 



Seyffert: Rpistola critica ad Carolum Halmium. 45 

Es würde zu weit führen, wollte Ref. auch die von p. 37 bis 
55 von Hrn. S. behandelten Stellen der Sullana mit gleicher Aus- 
führlichkeit besprechen, was Kef. um so eher kann, als er in den 
meisten dieser Stellen Hrn. S. vollkommen beistimmt und seine 
frühere Ansicht schon vor Kenntnissnahme der epistola aufgege- 
ben hatte. Daher mögen hier nur ein paar kurze Bemerkungen 
stehen. Dass §. 1 cives, re domiti atque vidi für redomili zu 
lesen sei, kann sich Ref. noch immer nicht überzeugen; die von 
Hrn. S. p. 39 beigebrachten Stellen, in denen allen re seinen be- 
stimmten Gegensatz mit verbis oder einem andern Begriffe hat, 
bieten zu der vorliegenden auch nicht die geringste Aehnlichkeit. 
— Wenn S. 42 Gruter ein vir diligentissimus genannt wird, so 
wird Hr. Seyffert dieses ehrende Prädicat zurücknehmen, wenn er 
die vollständige Collation des Palatinos nonus, die der Unterz. in 
der neuen Orelli-Baiter'schen Ausgabe des Cicero mittheilen wird, 
zu Gesicht erhält. Sagt doch Gruter selbst zur Rede p. Sulla c 
2. §• 7: „Idem nonus non modo oecultari, et sie saepe locutos 
auetores, diu est quod ostenderunt critici. Verum parcius dein de 
landabe nonum nostrura; ne si lectioni eins nimium ineumbam, finem 
nunquam ponam huic labori. Hoc tantum obiter dicam, ex eo co- 
dice sexcentis voeibus nunc meliorem , nunc leviorem fieri posse 
Tullium nostrum. Reperi autem inter libros bibliothecae Othonis 
Henrici Electoris Palatiui etc." Weitere Belege der unglaubli- 
chen negligentia Gruteri kann Ref. jetzt auch aus andern Codices 
Palatiui zur Fülle mittheilen. Auch wird die Rede schon nach 
den im Laufe der Recension gegebenen Belegen künftighin nicht 
mehr, wie sie Hr. S. p. 45 nennt, eine ,,satis emendata , ' , • heissen 
können; sie ist vielmehr, wie sie bis jetzt noch vorliegt, eine 
oratio corruptissima, was freilich Niemand als der scharfsinnige 
Spengel (s. Münchner gel. Anzeigen 1848. Nr. 37. S. 297 und S. 
3UÜ) zu ahnen gewagt hat. Hingegen müssen wir ganz besonders 
die kritische und exegetische Untersuchung , die Hr. S. p. 45 bis 
51 über die verschiedenen Formen und Grenzen des zweigliedri- 
gen Asyndetons angestellt hat, rühmen, welche Partie zu den 
vorzüglichsten Abschnitten seiner so reichhaltigen Abhandlung 
gehört. Nur ist mit Unrecht p. 4** auch Cic. Tusc. Disp. IV. 16, 
36 als Beleg angeführt: ex quo intelligitur , qualis ille sit, quem 
tum moderatum , alias modestum , temperantem , alias constan- 
tem continentemque dieimus , wo nach der Verbesserung von 
Hand zu Wopkensii Lectt. Tüll. p. 128 zu lesen ist: alias mode- 
stum, tum temperantem etc., welche durch den vorzüglichen 
cod. Judianus 294 (Ebert Nr. 238) ihre Bestätigung erhalten hat; 
vergl. auch Klotz Nachträge p. 165 und Wesenbergii emend. Tusc. 
part. 1H. p. 9. — Die auf derselben Seite mit Recht geschützte 
handschriftliche Lesart in Taciti Dial. de Orat. c. 3 ipsum , quem 
pridie recitaverat , librum, wo jetzt Ritter nach Haupt" s Conjec- 
tur ipsumque quem etc. geschrieben hat, hat auch Ref. in den 



46 Lateinische Litteratur. 

Heidelb. Jahrbb. der Litteratur 1842. S. 381 in gleicher Weise 
erklärt. 

Wir haben schon zu viel Raum in Anspruch genommen, um 
auch auf die aus der Rede pro Sestio besprochenen Stellen noch 
eingehen zu können. Hr. S. bespricht von S. 55 — 60 gegen -iO 
grossentheils schwierige Stellen der Rede, der auch bei den vor- 
züglichen kritischen Hilfsmitteln und den ausgezeichneten Kräften, 
welche zur Verbesserung des Textes zusammengetreten sind, dem 
kritischen Scharfsinne noch immer manche Räthsel zu lösen dar- 
bietet. Von den Conjecturen, die Hr. Seyffert mittheilt, haben 
uns am meisten angesprochen: \."lego autem, iudices, quo- 
niam qua voce etc. (worauf auch schon Ref. im Commentare 
p. 85 gedacht hat). - — Die Verbesserung der Interpunction §'. 16 
und 17 ififamis'i — sed fuit profecto etc. — c. 8, 18 ne in Scyl- 
laeo Mo aeris aiieni tanquam fr et o ad columnam adhaeres- 
ceret. — Der Verbesserung der Interpunction 11, 25 ut meam 
causam susciperent, agerent aliquid denique , ad senatum re- 
ferrent. — 17, 39 ne quis . . . perditorum civium vicem vel po- 
tius domesticorum hostium mortem moereret. — 24, 54 inter 
meum inter it um et suam praedam. — 25, 55 et uni helluoni 
bis i us de eadem re deliberandi et rogata lege fieret provinciae 
commutandae. — 33, 72 ex deserto Gavii — horto (mit C. F. 
Hermann im Göttinger Programm 1848). — 39, 84 vos taciti 
mor ab amini. — 41, 89 et vinci turpe putavit et deterreri et 
temer e perire. Effecit ut etc. — 67, 141 ut eam defendentem 
occidere honestius sit , quam oppugnantem rerum potiri. 

Hadamar, im Nov. 1848. K» Halm. 



Pomponii de origine iuris fragmentum recognovit et adnotatione 
critica instruxit F. Osannus , Professor antiquarum litterarum Gis- 
sensis. Gissae (prostat apud Jo. Rickerum). 1848. 

Der Unterzeichnete überzeugte sich unlängst in einer Debatte 
mit einem Anonymus über das Studium und den Umfang der Phi- 
lologie, dass es noch einzelne Philologen giebt, die weder wissen, 
was man unter Institutionen des römischen Rechts versteht, noch 
eine iustitutio iuris Roraani als zum philologischen Studienkreis 
gehörig betrachten, in welchen sie dagegen genug Bagatellen hin- 
einziehen und dadurch um die Wissenschaft sich hochverdient zu 
machen wähnen. Es sind aber solche Erscheinungen wie jener 
Anonymus jetzt selten; im Gegentheil sind viele unserer bedeu- 
tenden Philologen so wohlbewandert im römischen Rechte, dass 
sie mit Sicherheit über römiseh rechtliche Gegenstände urtheilen, 
was vor 20 Jahren nicht gar häufig der Fall war. Vor Allem wer- 



Pomponii de origine juris frngmentum. Rcc. F. Osannus. 47 

den aber die Juristen den Philologen danken, wenn diese sich mit 
Eifer der Kritik der Quellen des römischen Rechts zuwenden, um 
so mehr, da die Zeit jetzt an die Juristen Forderungen macht, die, 
wie sie nicht mit einem ,,hoc non pcrtinct ad edictum" abzuwei- 
sen sind, den Juristen es kaum noch gestatten, sich philologischen 
Arbeiten hinzugeben. Lach man n's Bemühungen um die Insti- 
tutionum commentarii des Gaiüs und die vorliegende Arbeit von 
Osann verdienen daher eine besondere Aufmerksamkeit. Es 
begann einst eine neue Aera für die Philologie und die Jurispru- 
denz, als Politianus aufforderte die Quellen des römischen 
Rechts als einen Theil der classischen Litteratur zu betrachten 
und von diesem Gesichtspunkte aus sie kritisch zu behandeln, auch 
selbst Hand ans Werk legte durch seine Collation der Florenti- 
ner Pandektenhandschrift. Wie wenig haben die Philologen des 
19. Jahrh. sich einer solchen Richtung geneigt gezeigt und wie 
wenig haben sie den Sprachschatz, der in den Quellen des römi- 
schen Hechts liegt, zu heben gewusst, ja auch nur geahnet. War 
doch die Meinung nicht ungewöhnlich, als könne sich ein classi- 
scher Philolog nicht mit der schlechten Latinität des Corpus iuris 
befassen, da doch die Pandekten in Cicero's Zeit zurückführen. 
Hr. 0. schont seine Fachgenossen nicht, wenn er in der Praefatio 
des vorliegenden Buches, die nicht zu den Vorreden gehört, 
welche man überschlagen darf, sich so ausspricht: ,,Etenim fallor, 
aut editum nunc Pomponii exemplum vel incredulum docebit Ju- 
stinianei iuris librorum ea qua par est diligentia et severitate cri- 
tica excussam expolitamque editionem etiamnum desiderari: quod 
non tarn iuris consultorum quam philologorum negligentia factum 
esse censeo, qui insignia haec sermonis et litterarum Romanarum 
monumenta tanquam provinciam alienam deseruerint aiiisque ad- 
miuistrandam commiserint. 1 " Möchten die Philologen hierin eine 
kräftige Mahnung sehen; manche Juristen stellen es nicht in Ab- 
rede, dass „der Text der Justinianischen Rechtsbücher in einer 
bei weitem weniger reinen Gestalt auf uns gekommen , als man 
gewöhnlich anzunehmen geneigt ist 1 -' (s. A Schmidt von Ilmenau 
civilistische Abhandlungen Bd. I. Vorrede S. VI). 

Hr. 0. versichert, dass er dieHülfsmittel für eine kritische Be- 
arbeitung des berühmten Fragments des Poraponius, welches in 
dem Pandektentitel de origine iuris enthalten ist , in möglichster 
Vollständigkeit benutzt habe, und das ist auch der Fall; aber wie 
konnte ihm E. Schrader's ,,Editionis Digestorum Tubingensis 
specimen coraplectens D. de orig. iuris I. 2. 1. 2. §. 41 — 44 (Berol. 
1837)", das als Gratulationsschrift zu dem Jubiläum der Göttinger 
Universität erschien, entgehen? Er hätte dadurch für 4 sehr 
schwierige §§. des Fragments einen grossen kritischen Apparat 
gehabt, abgesehen davon, dass er auf Sehr ad er's Resultaten 
hätte fortbauen können. 

Was Hr. Osann in der Vorrede gegen diejenigen vorbringt, 



48 Lateinische Litteratur. 

welche die Florentiner Pandektenhandschrift überschätzen, kann 
nicht hoch angeschlagen werden, da es nach Savigny's Beweis- 
führung wohl kaum noch einen Juristen giebt, der sich eine solche 
Ueberschätzung zu Schulden kommen lässt; denn der Holländer 
Smallenburg, den Hr. O. als Repräsentanten der unrichtigen 
Ansicht speciell angreift, schrieb den bezüglichen Passus schon 
im Jahre 1804, also 18 Jahre vor dem Erscheinen von Savigny's 
Geschichte des röm. Rechts im Mittelalter Bd. III. Auffallend 
ist es daher, wenn Hr. 0. behauptet: „nemo ad hunc ipsum diem, 
quantum sciam, ea de re quid statuendum sit, omnibus mornentis 
expensis, in clara luce posuit", ohne dass er dabei Savigny's mit 
einer Silbe erwähnt und ohne dass er uns neues Licht über den 
Gegenstand giebt. Wenn ferner Hr. 0. den Codex Neapolitanus 
der Florentiner Handschrift gegenüber hervorhebt und im Excurs 
S. 122 — 124 sein Lob desselben zu begründen sucht, so lässt sich 
doch dagegen anführen , dass wir von jenem Codex nur vier Blät- 
ter haben, in der Florentina dagegen die ganzen Pandekten. 

Hr. O- spricht in der Vorrede die Hoffnung aus, man werde 
jetzt, nachdem einige Stellen des Fragments von ihm verbessert 
seien, über die historische Glaubwürdigkeit des Pomponius, die 
so vielfach angegrifFen worden, günstiger urtheilen. Es liegt uns 
allerdings der Fall vor, dass das Urtheil über die Institutionen- 
Paraphrase des Theophilus sich sehr zu Gunsten dieses Juristen 
gestaltet hat, seit man die Institutionen des Gaius kennen gelernt 
und sich gründlicher mit dem postjustinianischen Recht beschäf- 
tigt hat, allein dieser Fall ist doch verschieden von dem vorlie- 
genden. Wenn freilich Hr. O. im §. 2 die anstössigen Worte: 
„Demarati Corinthii fiiius" nach Superbus zu streichen geneigt 
ist, ohne durch handschriftliche Judicien zu einem solchen Ver- 
fahren berechtigt zu sein, so befreit er allerdings den Pomponius 
von einem grossen Irrthum, den aber dieser sich doch wohl zu 
Schulden kommen liess, und wenn auch dieser Irrthum nicht vor- 
handen wäre, blieben doch noch manche zurück. Ich bin sehr 
geneigt, Cicero für einen zuverlässigeren Historiker und besseren 
Kenner der alten Geschichte Roms zu halten als Pomponius, und 
doch finden sich bei jenem einige nicht wegzuleugnende histori- 
sche Irrthümer. Dass Pomponius kein grosser Historiker war, 
zeigt wohl deutlich genug seine Entstehungsgeschichte der römi- 
schen Magistraturen von §. 14 an, zeigen seine trivialen Ansichten 
in §. 3. 4. 8. 9. 20. 21, ferner der Anfang von §. 38, in welchem 
§. er auch aus Lucius Atilius einen Publius macht und §. 40 den 
Q. Tubero zum Consul. Zu §. 42 bemerkt Hr. O. selbst : „Pom- 
poniura in hac operis sui parte nonnunquam errasse constat." Es 
darf wohl überhaupt angenommen werden, dass die Kritiker bei 
verschiedenen alten Schriftstellern viel zu geneigt gewesen sind, 
wirkliche Fehler, welche sich die Schriftsteller zu Schulden kom- 
men Hessen, durch Textesänderungen gut zu machen. 



Poniponii de origine juris fragmentum. Rec. F. Osamuis. 49 

Die Vorrede enthält einen wichtige» Beitrag zur juristischen 
Litteraturgeschichle über Melellus , den Gefährten des Antonius 
Augustinus, und damit hängt zusammen Nr. I. in der Mantissa par- 
ergorum entkomm , nämlich: ,,Metclli obscrvationes ad Pan- 
dectas Flurentinas cum adnotatiouc Taurellii e\ codice Gissensi 
descriptae. " 

Bemerkenswerth ist, was Hr. O. p. XIX. not. * dafür anführt, 
um den JN amen des berühmten Juristen Gaius (ein Trisyllabnm 
nach Lachmann) als Nomen, nicht als Praenomen hinzustellen, 
dass deutliche Beispiele vorliegen, wie das Praenomen Gaius in 
der späteren Kömerzeit häufig zu einem Nomen geworden , und 
Hr. O. ist geneigt dem bekannten Juristen den Namen Titus 
Gaius, den Puchta kurz verworfen hat, zu vindiciren. 

Unter dem Text des Fragments giebt der Herausg. nicht sei- 
nen vollständigen kritischen Apparat, sondern nur die Taurelliana 
lectionis varielas; sodann aber abgesondert vom Text eine reich- 
haltige adnotatio critica , in welcher er dann und wann , ohne 
dass eine nahe Veranlassung vorhanden war, aus dem Gebiet der 
Kritik in das der Sacherklärung übergeht. So ist der Excurs 
über Quinqueviri und Tiiumviri capüales und nocturni p 50 bis 
52 keine adnotatio critica*). Auch die Anmerkung auf p. 87 zu 
den Worten des §. 44: ,,ex quibus Varus et consul fuit" ist eine 
rein sachliche und verliert sich in einen Evcurs über einen sehr 
fern liegenden Gegenstand, die Etymologie des Wortes urbs. Wir 
wollen aber nicht mit Hrn. O. über dergleichen Ueberfluss rech- 
ten; nur eine Anmerkung dieser Art müssen wir wegwünschen, die 
erste zu §. 22, weil Hr. 0. sich hier aus ungenügender Bekannt- 
schaft mit den Bechtsquellen zu sehr verlaufen hat. Er will näm- 
lich dem Gaius hier ein bis jetzt übersehenes Fragment vindiciren 
(aus Serv. ad Verg. Georg. III. 307) und fügt hinzu, er habe an- 
fangs geglaubt, es sei ein Fragment aus des Gaius Commentar zu 
den XII Tafeln , er sei aber jetzt der Ansicht, dass es seinem 
Commentare zum Edict angehöre. Diese ganze Deduction zer- 
fällt in Staub , wenn man Gaius Inst. III. 141 und §. 2. 1. de emt. 
et vend. vergleicht, und Gaius muss sich mit seinem bisherigen 
Keichthum begnügen. 

Hr. O. hat sich mit Energie an die Verbesserung des Textes 
gemacht und mehrere Stellen sehr glücklich geheilt , so dass man 
ihm zugestehen muss, er habe den Beweis des in der Vorrede auf- 
gestellten Satzes, es sei der Text der Pandekten weniger gut als 
man glaube, geführt. Ein schwieriger Umstand für die erfolg- 
reiche Handhabung der Kritik, den Hr. O. vielleicht nicht genug 



*) Die Abhandlung von Zander (in Ratzeburg) de vigilibus Ro- 
manis (Hamburg 1843) hat Hr. O. wohl nicht gekannt, sonst würde er sie 
gewiss berücksichtigt haben. 

iV. Jahrb f. Phil. u. Päd. od. Kril. Bibl. Bd. LV Hfl I. 4 



50 Lateinische Litteratur. 

beachtet hat, war es, dass von einem Sprachgebrauch des Pom- 
ponius hier um so weniger die Rede sein kann, als das behandelte 
Fragment nicht rein aus den Händen des Pomponius gekommen 
ist und dass gerade die Construction unter Tribonian und Genos- 
sen sehr gelitten hat , wie der Vergleich der Institutionen des 
Ciiius und Justinian so deutlich zeigt. Daher scheint mir der 
Versuch O.'s, in §. 2 die Worte propterea quod — espediebat zu 
ändern, gewagt, indem die Notwendigkeit zur Aenderung nicht 
nachgewiesen ist. An andern Stellen kann man den Wunsch nicht 
unterdrücken, Hr. O. hätte sein Emendationstalent mehr anstren- 
gen mögen: so ist §. 26 das aliquo plures nicht zu ertragen; zu 
schnell geht er auch über das iure id est lege in §. 12 weg und 
über primum in §. 36. 

Zu §. 32 giebt Hr. 0. einen neuen Beitrag zu der vielfach 
behandelten Controverse über parricidium und paricidium und 
erklärt sich für die Herleitung von pater und caedere , wobei er 
dann auch über meine in der besonderen Abhandlung über diesen 
Gegenstand aufgestellte Ansicht polemisirt. Indem ich es mir 
vorbehalte , mich später zu erklären über die zahlreichen gegen 
mich erhobenen Einwendungen und durch meine Abhandlung ver- 
anlassten Erörterungen, die zum Theil von einem bedeutenden 
wissenschaftlichen Gehalt sind, kann ich nicht umhin zu bemer- 
ken, dass mir solche Behandlungen des Gegenstandes, wie die 
vorliegende , wenig zu frommen scheinen. Ich habe es , wie ich 
meine, in meiner Abhandlung deutlich genug ausgesprochen, und 
hoffte wenigstens in dieser Beziehung auf Beistimmung rechnen 
zu dürfen, dass für die Erklärung von altrömischen Rechtsbe- 
griffen Nichts geleistet werden könne, wenn Jemand die Bezeich- 
nung eines solchen Begriffes blos von der sprachlichen Seite be- 
trachte, auf die Sache und speciell auf die Bewegung und Entfal- 
tung des Begriffs in der Zeit aber nicht eingehe. Man wird frei- 
lich mit einem Wort leichter fertig, wenn man es als ein blosses 
vocabulum nimmt, und viel mehr hat Hr. O. nicht gethan, wäh- 
rend Rein und Rubin o den Gegenstand sprachlich und sachlich 
gefasst haben. Hrn. O.'s Deductiou bleibt daher mangelhaft, ob- 
gleich er auf den Uranfang der Sprache zurückgeht , auf den er- 
sten Laut , mit welchem griechische und römische Kinder ihren 
Erzeuger begrüsst haben und deutsche, französische, englische 
Kinder noch alle Tage es thun — das zauberische Pal Wie we- 
nig Hr. O. sich auf die Sache selbst eingelassen hat, zeigt auch 
besonders p. 61, wo er zu den Worten des Pomponius: „Deinde 
Cornelius Sulla quaestiones publicas constituit, veluti defalso, de 
parricidio, de sicariis" bemerkt: „Illud ipsura veluti ostendit, non 
omnia earum quaestionum argumenta enumerare, neque ad singula 
quaeque capita, qualia Sulla constituisset, distinguere Poraponium 
voluisse etc." hat Pomponius nicht sagen wollen : „Sulla setzte 
quaestiones perpetuae ein, z. B. eine für falsum, eine für parri- 



Pomponii de originc juris fragniontum. Rcc. F. Osannus. 51 

cidium u. s. w. u , so hat er sich unrichtig oder über die Maassen 
unklar ausgedrückt. 

Zu §. 35 kommt Hr. O. wieder auf die Redensart in prae- 
sentia und in praesentiarum , worüber wir schon seine frühere 
Exposition in der Zeitschrift für Alterth. 1839. S. 461 haben. An 
unserer Stelle lag es wohl näher, auf die von Dirksen im Ma- 
nuale angegebenen bezüglichen Stellen des Corpus iuris einzuge- 
hen , als auf Cicero. 

Der Text der §§. 41 — 44 incl., wie ihn Osann giebt, ist 
von dem, welchen Schrader in dem oben genannten Specimen 
exhibirt hat, sehr verschieden. Im Ganzen ist der Text Schra- 
der's, der einen weit grösseren kritischen Apparat zur Benutzung 
hatte, besser, aber für einzelne Stellen hat wohl Hr. O das Rich- 
tige gesehen. Ich will einige Differenzstellen hervorheben. Im 
§. 42 giebt Hr. 0. vt ea adeo omnes appetant. Schrader hat 
adeo, eine Conjectur Ruperti's, nicht. Wir sehen aus Schra- 
der's nota critica , dass das ad , welches sich in der Florentina und 
einigen anderen Handschriften befindet, in den meisten Codices 
fehlt, und Schrader's Erklärung ist sehr probabel: „Est vitium 
Flor, inde ortum , quod librarius statim post ea ineepit scribere 
adpetant , quod mox sentiens ad delere omisit. u — Weit mehr 
Wahrscheinlichkeit hat es nach Osann's Ausführung, dass Canne- 
gieser's Conjectur eis nach dem Namen Servius in den Text zu 
nehmen sei, denn dass complere libros suos heissen könne, wie 
R. Schneider will: ab omni parte diligenter componere et ab- 
solvere, oder, wie Schrader kürzer sagt: absolutos edere, ist 
nicht bewiesen. Schrader fuhrt nur e i n unrichtiges Citat dafür 
an, Gell. XVIII. 1 statt XIII. 5. An der letzteren Stelle steht: 
uti aliquo (magistro) ad studia doctrinarum complenda excolen- 
daque und kann wohl schwerlich zur Stütze der behaupteten Be- 
deutung des complere libros unserer Stelle dienen. Dagegen hat 
Schrader das gleich darauf folgende pro cujus scriptura gut in 
Schutz genommen, und es ist zu bedauern , dass Hr. (). diese nota 
crit. Schrader's nicht gekannt hat. 

§. 43 hat Hr. 0. contumelia iaetatus statt tactus und tra- 
etatus durch passende Belege gestützt Es ist übrigens iaetatus 
schon von Brenkmann vorgeschlagen , wie Schrader meldet. Allein 
ich möchte doch tactus festhalten , denn iaetatus contumelia ist 
hier zu stark , wie gerade Osann's aus den nichtjuristischen Clas- 
sikern angeführte Stellen zeigen. 

Im §. 44 hat Schrader proßeiscernnt nach der Auctorität 
mehrerer bedeutender codd. aufgenommen und er stützt diese 
seltene Form durch die in den Lexicis aufgeführten beiden Stel- 
len und fügt sodann als Grund für sein Verfahren hinzu: „Lectio 
quam reeepimus — librariis vix debetur , qui contra ceteras facile 
ex ea fingebant."- Hr. O. nennt proßuxerunt die Vulgata ('?) und 
hat die lectio Florentina profecerunt vorgezogen. — Die Schwie- 

4* 



52 Geschichte. 

rigkeit, welche in den hier aufgeführten Namen der ans des Serv. 
Sulpicius Schule hervorgegangenen Juristen liegt, sucht Hr. O. 
durch eine kühne Veränderung zu heben. Er nimmt an , ein Ab- 
schreiber habe zweimal Gaius an einer unrechten Stelle placirt, 
es sei aber nur einmal vor Ci/ina zu stellen und dieser sei wahr- 
scheinlich der bekannte Dichter C. Helvius Cinna ; dass wir Nichts 
von dessen juristischen Studien wiissten, stehe nicht entgegen, 
denn von den aufgeführten T. Caesius, Aufidius Tucca, Flavius 
Priscus wüssten wir auch nur durcli diese Stelle , dass sie Juri- 
sten gewesen. Aber es ist doch zu bedenken, dass Cinna ein 
sonst bekannter Jurist ist — 1. 2. §. 6. D. de R. N., 1. 40. §. 1. D. 
de condit. — an der letztern Stelle neben Ofilius und an beiden 
Stellen schlechtweg Cinna genannt. Wäre dieser eine und die- 
selbe Person mit dem bekannten Dichter Helvius Cinna gewesen, 
so würden wir darüber wohl eine Notiz haben. Auf die von O. 
hervorgehobene: „orationis aequabilitas, qua Pomponius proba- 
biliter usus est, ut binis nominibus quemque designaret" ist nicht 
viel zu geben. 

Die reichhaltige Mantissa parergorum criticorum findet pas- 
sender in einer speciell der Jurisprudenz gewidmeten Zeitschrift 
ihre Besprechung; es war meine Absicht, in diesen Jahrbüchern 
die Philologen, meine früheren Fachgenossen, auf das vorliegende 
Werk als auf eine anerkennungswerthe Leistung eines Philologen 
auf dem Gebiete des römischen Rechts aufmerksam zu machen 
und zur Nachahmung aufzufordern. Ich füge noch den Wunsch 
hinzu, es möge Hr. Osann sein kritisches Talent noch an einigen 
andern Pandektenliteln bewähren, die ein abgeschlossenes Ganzes 
bilden und zu akademischen Vorlesungen sich besonders eignen; 
ich meine zunächst die Titel de verborum significatione und de 
regulis iuris, von denen der erstere einen grossen Sprachschatz 
enthält und nicht weniger von Philologen als von Juristen gelesen 
werden sollte. 

Dorpat. Osenbrüggen. 



The times of Daniel , chronological and prophetical, exaniined with 
relation to the point of contact between sacred and profane chro- 
nology. By George Duke of Manchester. London. Publ. by Ja- 
mes Darling. 1845. 

Dass die Geschichte der vorderasiatischen Völker und Reiche 
vor der Begründung und Befestigung der persischen Weltmonar- 
chie mancherlei Räthsel und Schwierigkeiten darbietet, hat wohl 
Keinem entgehen können, der nur in die zunächst liegenden Quel- 
len einen Blick gethan. Zwar hat sich seit fast zwei Jahrtausen- 
den eine feste Anschauung darüber verbreitet, welche als unbe- 



< 



Duke of Manchester ; The times of Daniel. 53 

stritten hingenommen, in allen Lehrbüchern mit geringen Modifi- 
cationen vorgetragen und durch den ersten Unterricht von Ge- 
schlecht zu Geschlecht fortgepflanzt wird, die Anschauung näm- 
lich, dass neben dem s. g. neuassyrischen Reiche unter PJtuI 
u. s. w. sich allgemach ein medisches unter Dejoces bis Astyages 
und ein babylonisches unter Nabopolassar, Nebucadnezar u. s. w. 
erhoben , dass durch diese beiden jenes seinen Untergang gefun- 
den habe , bis auch sie der Alles überwältigenden Macht des per- 
sischen Cyrus unterlegen seien. Und dieser Cyrus wird allge- 
mein für den Koresch der heil. Schrift gehalten, welcher die Ju- 
den aus dem s. g. babylonischen Exil entliess. Zugleich aber gilt 
die Identität dieser beiden Personen und Namen als der sichere, 
unzweifelhafte Berührungspunkt zwischen den Berichten des A. T. 
und denen der griechischen Historiker, und ihr gemäss werden 
die widersprechenden Erzählungen, so gut oder übel es geht, ge- 
einigt, in einer Weise freilich, welche, wäre sie nicht die von 
Alters her reeipirte, gewiss eben so allgemein bestritten werden 
würde, wie sie jetzt allgemein angenommen wird. Es lässt sich 
nämlich leicht genug darthun, wie dadurch allen Theilen schreiende 
Gewalt gethan wird Oder wen hätte es noch nicht befremdet, 
dass die sieben im A. T. erwähnten persischen Königsnamen, von 
denen sechs dieselben sind und auch in derselben Ordnung auf- 
treten wie bei den Griechen, allgemein fast für blosse Ehren- 
titel angesehen und demgemäss gedeutet werden, wie es in das 
System des Forschers passt, dass Darius der Meder bald mit 
Astyages, bald mit Cyaxares II. identificirt wird, dass den Namen 
Achaschverosch Astyages, Cambyses und Xerxes, den Namen 
Artaschasta der falsche Smerdis und Artaxerxes Longimanus ge- 
führt haben sollen'? Diese ganz gewöhnlichen Deutungen setzen 
fürwahr eine grossartige Verwirrung der Namen bei den Schrift- 
stellern des A. T. voraus. Aber den Profanscribenten ergeht es 
im Grunde nicht besser. Die Berichte Ilerodot's wollen mit de- 
nen der Bibel nach der herkömmlichen Anschauung durchaus nicht 
stimmen. Wie hilft man sich'? Man entnimmt aus der Cyro- 
paedie, obschon sie den Charakter einer Dichtung trägt und ihr 
von Alten und Neuen jeder historische Werth abgesprochen wird, 
den Cyaxares II., des Astyages Sohn , um ihn mit Darius dem 
Meder, dem Eroberer Babylons, zu identificiren, und glaubt so 
die von Herodot berichtete Eroberung Babylons durch Cyrus in 
der jenes Darius wiederzufinden. Aber unbeachtet bleibt, wie 
kein Zug in dem Bilde jener Folie des Melden der Cyropaedie dem 
von Darius dem Meder Erzählten entspricht, wie beide Erobe- 
rungen , selbst wenn man noch die Fragmente des Berosus und 
Megasthenes zu Hülfe nimmt, einander so ganz unähnlich sind. 
Wie kann man freilich auch Rücksicht auf so untergeordnete Ver- 
schiedenheiten verlangen, wenn selbst der Umstand die durch so 
viele Jahrhunderte geheiligte Anschauung nicht einmal zu er- 



54 Geschichte. 

schlittern vermocht hat, dass Herodot von einem so mächtigen 
Reiche, wie das chaldäische nach dem A. T. gewesen sein mnss, 
und einem so gewaltigen Eroberer wie Nebucadnezar, welcher 
dem ganzen vordem Asien eine andere Gestalt gegeben, kein 
Wort weiss, und andererseits der Koresch in der Bibel eine un- 
vergleichlich unbedeutende Rolle gegen den siegreichen Staaten- 
gründer Cyrus. des Herodot spielt! Man kann mit Recht be- 
haupten , die recipirte Auffassung der Geschichte jener Zeiten, 
welche von der Identität des Cyrus und des Koresch ausgeht, setzt 
alle alten Quellen unter einander in die grössten Widersprüche. 
Eine ernstliche Revision thut daher dringend noth. Der Ver- 
fasser des in der Ueberschrift genannten Werkes, der gelehrte 
Herzog Georg von Manchester, ein Glied der englischen 
Königsfumilie, hat sie unternommen und den Versuch gemacht, 
auf genügendere Weise die Berichte mit einander auszugleichen. 
Seine Aufgabe war zunächst die, über die 70 Jahre der babyloni- 
schen Gefangenschaft und die damit zusammenhängenden 70 Jahr- 
wochen des Daniel ausführliche Untersuchungen anzustellen. In 
dieselben greift aber die Frage nach dem Verhältniss der Perser 
zu dem babylonischen Reiche tief ein. Dadurch ist er zu einer 
Prüfung der gangbaren Ansicht veranlasst worden und zu so über- 
raschenden Resultaten gelangt, dass ein theologischer Recensent 
nicht ohne Grund sagt: „Es ist, als ob das siegreiche Albion, nicht 
zufrieden die Meere und Küsten der Gegenwart in einem Umfange 
zu beherrschen, in welchem die Sonne nicht untergeht, nun auch 
seine Eroberungen in die graue Vergangenheit ausdehnen und 
uralle Weltreiche, die bisher in den Archiven der Wissenschaft 
ruhig und unangefochten neben einander lagen , übereinander 
stürzen und ihnen ganz andere Plätze anweisen wollte." Der 
Herzog äussert darüber selbst in der Vorrede (pag. XV): „Eine 
lange Zeit angenommene Voraussetzung wurzelt allein schon aus 
diesem Grunde tief in unserm Glauben, und der Versuch, eine 
entgegengesetzte Meinung aufzustellen, wird schwerlich viel vor- 
urteilsfreie Hörer finden. „„Es ist ein seltenes Glück, sagt Er- 
nesti, Jemanden zu treffen, der seine vorgefassten Ansichten auf- 
zugeben geneigt wäre, und der den Willen oder nur den Muth 
hat, die Meinungen Anderer zuzulassen. Ich darum, fährt er fort, 
hoffe in vielen Fällen nicht auf solchen Erfolg, und würde mich 
äusserst verwundern , sollte er mir mehr zu Theil werden als An- 
deren."' u Ich kann mir unglücklicher Weise diese Worte in ihrer 
ganzen Fülle aneignen ; denn meine Zweifel beginnen bei dem 
Punkte in der alten Geschichte, den alle Anderen als ganz fest- 
stehend angenommen haben. "• 

Ohne Zweifel ist viel Verwirrung in die Geschichte jener 
Zeiten gekommen , dass man die Angaben und Zeitbestimmungen 
des A. T. und der Profanschriftsteller nie genau einzeln für sich 
und unabhängig von einander in Erwägung gezogen, sondern sofort 



Duke of Manchester: Tlie times uf Daniel. 55 

aus den einzelnen Punkten an eine zu erzielende Uebercinstim- 
inung ihrer Berichte gedacht und darum Vergleichuiigen einge- 
mischt hat, welche den unbefangenen Blick trüben mussten. Ueber- 
dem ist man auch aus sonderbarer Missstimmung gegen das A. T. 
weit eher geneigt gewesen, die Profanschriftsteller trotz ihren 
vielfach unsicheren und zweifelhaften Uaten zum Ausgangspunkt 
zu machen und ihnen die Angaben desselben anzupassen. Ja, die 
Schrift ist nicht einmal mit der Redlichkeit behandelt worden, 
welche man anderen Autoren gegenüber gezeigt hat, und welche 
man ihr als einem jedenfalls beachtenswerthen Denkmale der Ge- 
schichte schuldet. Unser Verf. sucht darum die Data des A. T. 
zunächst für sich festzustellen und zieht dann erst die Profange- 
schichte in Vergleichung. Dass er damit wahrhaft wissenschaftlich 
zu Werke geht, kann nur Der leugnen, welcher von vorn herein 
geneigt ist, die Geschichte in das Procrustes-Bette seiner vorge- 
i'assten Anschauungen zu spannen , und sie am liebsten nach eigen 
ersonnenem Schematismus construirte. Uns scheint eine wahrhaft 
unbefangene Untersuchung nur auf diesem Wege möglich. 

Den ganzen Inhalt dieses reichen Werkes unsern Lesern vor- 
zuführen, kann schon wegen des vorwaltenden theologischen In- 
teresses desselben nicht in unserer Absicht liegen. Wir beschrän- 
ken uns darauf, die Untersuchungen über das Verhält- 
niss des medo- persischen Reiches zum chaldäisch- 
haby Ionischen darzulegen. Um eine Kritik derselben ist es 
uns nicht eigentlich zu thun. Freilich wird unsere Darstellung, 
welche aus dem längere Zeit fortgesetzten Studium des Werkes 
unter Hinzuziehung der Quellenschriften, soweit sie uns zugäng- 
lich waren, hervorgegangen ist, das offenbar Unrichtige und Un- 
haltbare ohne Weiteres aussondern. Doch ein Urtheil wagen wir 
nicht abzugeben , wenn wir auch gleich gestehen wollen , dass der 
erste Theil der Untersuchungen für uns völlig überzeugend ge- 
wesen ist. Es kommt uns zunächst nur darauf an, die Aufmerk- 
samkeit auch der Philologen auf dieses Buch zu richten; und wir 
wagen es erst, nachdem wir lange und vergebens auf eine Be- 
sprechung desselben in diesen Blättern gewartet hatten. Unter 
den Theologen haben Wieseler (in den uns nicht zu Gesicht 
gekommenen Gott, gelehrten Anzeigen 1846) und Ebrard (Stu- 
dien und Kritiken von Ulimann 1847. 3) das Ihrige gethau: viel- 
leicht dass auch diese Anzeige unter Denjenigen, für welche sie 
bestimmt ist , Einen anrege , das Ganze einer weiteren Prüfung 
zu unterwerfen. 

Mit Uebergehung der für unsern Zweck unwesentlichen 5 er- 
sten Capitel *) wenden wir uns sogleich zum sechsten, welches die 

*) Sie enthalten Untersuchungen über die Chronologie von Salomo 
bis zum Exil. Bekanntlich unterliegt dieselbe namentlich bis zur Zer- 
störung des Zehnstämmereiches manchen Schwierigkeiten, da in den BD. 



56 Geschichte. 

Nachrichten des A. T. über die modischen und persischen Könige 
feststellt. 

Darius der Meder (a^Q ü^-p) ist der erste Name der 
medischen Dynastie. Dan. 5, 31. Er war weder ein Mitregent 
noch ein Vasall des Koresch; wir sehen ihn in c 6 als selbst- 
ständigen Herrscher neue Einrichtungen treffen und müssen ihn 
nothwendig in Babylon, welches er eingenommen, als persönlich 
anwesend und nicht durch einen Stellvertreter handelnd denken. 
Seine Regierung wird von der des Koresch 6, 29 ausdrücklich 
unterschieden. Die alte Weissagung des Jeremias 51, 11. 28, 
dass die Meder den Sturz Babels herbeiführen sollten, ward durch 
ihn erfüllt; er stürzte den Belsazar und ward nun König über Babel, 
wie Esr. 5, 13 auch Koresch genannt wird. Das Exil der Juden 
nahm aber damit noch kein Ende; denn es währte bis auf die 
Herrschaft des Koresch. Dieser Darius kann nicht mit Darius, 
dem Sohne des Ach a seh verosch, identisch sein (c. 9, 1). 
Denn im ersten Jahre seiner Regierung ist nach v. 7 und 17 Jeru- 
salem schon wieder bewohnt, nur der Tempel liegt noch wüst, — 
eine Sachlage, wie sie nur zwischen der Regierung des Koresch 



der Kön. und Chron. beide Königsreihen so aufgeführt werden , dass die 
Zeitangaben in Beziehung zu einander gesetzt sind. Dadurch entstehen 
in der Berechnung der fortlaufenden Jahre an manchen Orten bedeutende 
Differenzen , denen die Chronologen durch die Annahme von Synarchien 
und Interregnen oder von Textescorruptionen zu entgehen suchen. 
Scharfsinnig und auf äusserst genauer Beobachtung beruhend ist die 
Bemerkung p. 8, dass die Regierungszeiten der Könige Judas mit allei- 
niger Ausnahme des letzten stets nach vollständigen Jahren in fortlaufen- 
der Reihe angegeben werden, indem die überflüssigen oder fehlenden 
Monate stets schon vom Autor eingerechnet sind. Der Verf. berechnet 
von Rehabeam bis auf das letzte Jahr des Ahasja 94 J., und vom 
ersten der Athalja bis zum 6. des Heskia oder der Wegführung der 
10 Stämme 154 J. In den schwierigen Stellen 2 Rg. 14, 17 und 15, l 
entscheidet er sich mit Recht, wie wir gegen Kbrard annehmen (s. Keil 
z. d. St. p. 454) für eine Textescorruption, und c. 17, 1 eil. 15, 30 findet 
er einen zweimaligen Regierungsantritt des Hosea. Den alleinigen Be- 
stand des Reiches Juda, den man gewöhnlich auf 134 Jahre angiebt , be- 
stimmt er auf 143 J. 6 Monat, indem er durch eine überaus scharfsinnige 
Combination der Angaben über die Jubelperioden und Sabbathsjahre 
schlagend darthut, dass 2 Rg. 21, 19 dem Amon nicht mit der rec. 2, 
sondern mit der LXX (Cod. Vat.) 12 Regierungsjahre beizulegen sind. 
Dies ergiebt für den Bestand des Seiches Juda von Rehabeam an einen 
Zeitraum von 391 J. 6 Mon., für den Bestand des Tempels, zu welchem 
im 2. Monat des 4. Jahres der 40jiihr. Regierung Salomo's der Grund ge- 
legt wurde, 428 J. 5 Mon. Wir müssen uns versagen, auf das Einzelne 
dieser äusserst interessanten Untersuchung einzugehen, glauben aber, 
dass durch dieselbe die Frage als erledigt anzusehen ist. 



Duke of Manchester: The times of Daniel. 57 

und des 2. Darius nach Esr. 4 Statt hatte. Mithin muss dieser 
zweite Darius derselbe sein, in dessen zweitem Jahre der Tempel- 
bau fortgesetzt wurde. Vergl. Esr. Magg. 1, 14. Sach. 1, 1. 12. 
Darius der Hleder, welcher vor Koresch, während Darius Ahas- 
veri nach ihm regierte, war übrigens scbon 02 Jahre alt, als er 
Babylon einnahm. 

Auf ihn, aber noch vor Beendigung des Exils durch Koresch, 
folgte Achaschverosch, des 2. Darius Vater, Dan. 9, 1. rOs 
ist der des Buches Esther. Seine Begierung, wie die Geschichte 
der Esther, fällt noch vor Koresch in die Zeit der Gefangenschaft. 
Dies mächtige, wenn auch der herkömmlichen Betrachtung ganz 
zuwiderlaufende Besultat ergiebt eine unbefangene Untersuchung 
des Buches Esther. Cap. 2,5 — 7 wird von Mardochai, dem 
Vetter der Esther, ausdrücklich erzählt, dass er zu den unter 
Jechonja durch Nebucadnezar Deportirten gehört habe; denn 
allen Begeln der Sprache zufolge können die Worte v. 6 „wel- 
cher weggeführt ward", nur auf ihn und nicht auf seinen Aelter- 
vaterKis, den Benjaminiden, bezogen werden. Welches Alter 
müssie der Mann erreicht haben, wenn Esther erst 50 — (>0 Jahr 
nach dem Exile zum Throne gelangte! Ja noch mehr, derselbe 
Mardochai kehrte wahrscheinlich aus dem Exil noch zurück. We- 
nigstens spricht Nichts als die hergebrachte Annahme dafür, den 
Mardochai, welcher als der Angesehensten einer neben Josua und 
Scrubabel und Nehemia genannt wird (Esr. 2, 2. Neh. 7, 7), für 
einenandern alsden Bekannten zuhalten. Wenn man nun noch dazu 
nimmt, dass zu keiner andern Zeit als während des Exils die Ju- 
den weder in so grosser Anzahl im persischen Beiche lebten, wie 
aus Est. 3, 7 — 9 u. a. St. hervorgeht, noch so bedrückt und be- 
drängt waren, als z. B. Est. 7, 4 zeigt ( — was stand denn, falls 
sie frei und vereinzelt lebten, ihrer Auswanderung entgegen? — ), 
so ergiebt sich unwidersprechlich, dass diese ganze Begebenheit 
in die Zeit der Gefangenschaft fiel. Und ein Achaschverosch 
„aus dem Stamme der Meder u war wirklich König in Chaldäa 
während des Exils, denn unter der Begierung seines Sohnes gin- 
gen die 70 Jahre der Verwüstung erst zu Ende (Dan. 9, 1. 2), 
und zwar in der frühern Zeit des Exils, denn am Ende desselben 
hatte sein Sohn schon wieder Söhne (Esr. 6, 10). 

Der nächste König scheint Koresch zu sein; von einem an- 
dern während des Exils ist wenigstens keine Andeutung vorhan- 
den. Er erlaubte den Juden die Bückkehr (Esr. 1, 1). Neben 
ihm regierte König Artaschasta (Esr. 4, 7 — 23), welcher die 
vom Koresch gegebene Erlaubniss zum Tempelbau zurückzog, so 
dass der Bau bis auf die Zeiten des Darius A h a s v e r i ruhte *). 



*) Der den Zusammenhang störende 6. Vers in Esr. c. 4, in wel- 
chem ein Ahasverus noch erwähnt wird, fehlt in den ältesten Ueber- 
setzungen und ist vermuthlich ein Glossem. 



58 Geschichte. 

Eben dieser ist der zunächst erwähnte König. Den Esr. 7 und 
Neh. 1 genannten Artaschasta hält der Verf. für verschieden von 
dem ersten und für einen Nachfolger des Darius; wir haben indess 
Gründe, diese Verschiedenheit zu bezweifeln, welche wir aus 
einer sorgfältigen Erwägung der Bücher Esra und Nehemia her- 
nehmen. Für jetzt wollen wir keinen Widerspruch erheben. Nach 
Daniel 4, 2 sollten in Persien noch 4 Könige auftreten, von denen 
der letzte, mächtiger als alle andern, „Alles aufregt gegen das 
Keich Griechenland." Dieser letzte kann nur der Neh. 12, 22 
genannte Darius der Perser sein, der nach den daselbst nam- 
haft gemachten drei priesterlichen Generationen geraume Zeit 
nach Artasch, gelebt haben muss. 

Die Schrift führt also folgende Königsreihe auf: Darius der 
Meder, Achaschverosch, Artaschasta und Koresch, Darius, der 
Sohn des Achaschverosch (Artaschasta), und Darius der Perser. 
Die Aehnlichkeit mit der Königsreihe: Darius Hystaspis, Xerxes, 
Artaxerxes, Darius Nothus u. s. w. fällt sofort auf, und Scaliger 
sowohl als Jim ins haben schon darauf aufmerksam gemacht. Der 
Herzog zieht jedoch diese Parallele erst nach einer eingehenden 
Prüfung der Einzelgeschichte dieser Könige. 

Darius der Meder ist mit Darius Hystaspis identisch. 
Beide erobern Babylon (Dan. 5, 30. 31. Her. III. 158). Beide er- 
heben zuerst nach einer neuen Einrichtung Steuern (Dan. 6, 2. 
Her. III. 89); unter Ahasverus und Artaschasta besteht dieses Be- 
steuerungssystem (Esr. 4, 13. 6, 8. Est. 10, 1). Darios Hystaspis 
eroberte nach Her. IV. 44 Indien ; der Nachfolger Darius des Me- 
ders, Achoschverosch, herrscht nach Est. 1, 1 über Indien. Sie- 
ben Fürsten „sahen das Angesicht des Königs Ach. und sassen 
obenan im Königreich' 4 (Est. 1, 14); wie die sieben, welche den 
Dar. Hyst. auf den Thron erhoben, es sich ausbedungen (Her. III. 
84). Ach. residirte in Susa, und Susa war nach Plin. 6, 27 von 
Dar. Hyst. erbaut. Diese Ansicht übrigens ist nicht neu. Por- 
phyrius (nach Hier, zu Dan. 9), Tertull., Cyrill. (cat. XII.), 
Maxim. Martyr. (bei Petau Uranologie p. 312 f.) und Andere wa- 
ren derselben , wie sie auch im Chron. Orient, und in einem aus 
Scaliger citirten Documente in der Niebuhr'schen Ausgabe des 
Chron. Pasch, auftritt. Ein altes in den Fragm. Vetustissimorum 
aufbewahrtes, angeblich von Megasthenes herrührendes Document 
lautet : „Nach Baltassar's Tode regierten Cyrus und Darius zusam- 
men 2 Jahre; nachher Cyrus allein 22 Jahre; der ältere Artaxer- 
xes Assuerus, des Darius Sohn, 20 Jahre. Cyrus Artabanus und 
Darius Longimanus, seine Söhne, kämpften 7 Monate um die 
Obergewalt, Longim. gewann die Oberhand. Darius Nothus 
u. s. w." Eben so nennt ein höchst merkwürdiges Fragment Phi- 
lo's einen Cyrus als Nachfolger des Darius Hyst. und führt diese 
Tradition auf die 70 Aeltesten zurück. Dieselbe ist um so unver- 
fänglicher, als er sie zu widerlegen sucht. 



Duke of Manchester: The timcs of Daniel. 59 

Gegen die Identität Darius des Medcrs und Dar. Ilyst. könnte 
man einwenden, dass Her. iliu einen Perser nennt. Wir wollen 
weiter nicht hervorheben, dass Dar. auf den Dareiken und auf 
seinem Grabmale ein medisches Gewand trägt; dass indessen in 
den Tagen des Dar. Ilyst. der medische Stamm der herrschende 
gewesen, dafür spricht Manches. Oder ist es zufällig, dass Thuc. 
I. 18. 23. 41. 89 von den Perserkriegen nur als den modischen 
redet, Ctesias (p. 49 — wir citiren nach der Pariser Ausgabe von 
C. Müller) Paus. VIII. 52 und Diod. Sic. XI. 4 Heer und Flotte 
der Perser als medische bezeichnen, dass Her. IV. 144 165 selbst 
Parteinahme für die Perser (iijdl&iv und (iTjdiöftog nennt'? Und 
wenn derselbe III. 126 von den Persern als vito Miqöav uTtagai- 
grjfisvoig ti)v ägxrjv redet, so entspricht dieser Ausdruck seiner 
späteren Erzählung von einem als Perser regierenden Magier nicht. 
Auch wäre es merkwürdig, dass die dem Otanes (III. 94) zuer- 
kannte Belohnung gerade in einem medischen Gewände bestanden 
haben sollte, wenn die Verschworenen gegen die Meder einen so 
grossen Hass gehabt hätten. 

Warder erste König in jener Reihe Dar. Hyst., so kann in 
Betreff der übrigen kaum ein Zweifel obwalten. Ac hasch ve- 
rosch wird fast allgemein schon mitXerxes identificirt und 
Artaschasta ist ohne Bedenken Artaxerxes. Den zwei- 
ten Darius halten zwar viele für den Darius Hyst. Auch Josephus 
in den Autiq.; doch weisen seine eigenen Notizen anf Darios 
Nothus. Darius Hyst. kann vor seiner Thronbesteigung unmög- 
lich das Gelübde gethan haben, „Jerusalem zu bauen, den Tem- 
pel wieder herzustellen und die Gefässe zurückzuerstatten , die 
Nebucadnezar geraubt", wie er XI. 3, 7 (auch 2 Esr. 4, 43) be- 
richtet; begreiflicher Weise aber wohl Darius Nothus, zumal wenn 
er, wie die jüdische Tradition behauptet, der Sohn des Xerxes 
eben von der Esther war. Auch will die ibid. gegebene Notiz, 
dass der König Dar. im ersten Jahre seiner Regierung die Satra- 
pen von Indien bis Aethiopien zu einem Feste versammelt habe, 
auf Dar. Hyst., der doch erst einige Jahre nach seinem Regierungs- 
antritt Indien erobern konnte, nicht zutreffen, wohl aber auf Da- 
rius Nothus. Eben so wenig hat Dar. Hyst. gleich von Anfang an 
über Babylon geherrscht , wie der in Rede stehende Darius nach 
Dan. 9, 1. Sach. 1 und Esr. 4. Und wirklich findet sich bei Ter- 
tull., Sulpit. Sev. und einigen Neueren schon die Ansicht ausge- 
sprochen, dass Darius Ahasveri mit Darius Nothus identisch ist. — 
Der dritte Darius endlich kann kein anderer als Darius Co- 
doma nun s sein; der gleichzeitige Hohepriester Jaddua ist der 
bekannte Zeitgenosse Alexander's des Grossen. 

Durch diese Identification der in der Schrift genannten me- 
disch -persischen Könige mit den anderweit bekannten erleidet 
freilich die gewöhnliche Auffassung der Geschichte einen gewal- 
tigen Stoss. Das babylonische Exil rückt fast ein Jahr- 



60 Geschichte. 

hundert tiefer in die Zeiten des Darin s H y s t , Xer- 
xesund Artaxerxes hinab; die Geschichte der Esther fällt 
unter Xerxes und doch noch ins Exil, gewinnt aber dadurch an in- 
nerer Wahrscheinlichkeit, indem die wichtigsten Einwürfe gegen 
ihre Glaubwürdigkeit verschwinden; der Koresch endlich, 
welcher den Juden die Rückkehr ertaubte, kann 
nicht der grosse Cyrus des Herodot gewesen sein. 
Das Jahr 423 a. Ch , das 2. Jahr des Darius Nothus, wird der si- 
chere Ausgangspunkt für die Bestimmung der Chronologie. 

„Wem entspricht aber in der Profangeschichte Nebncadnezar'? 
in welcher Beziehung steht seine Regierung zu der des Darios?" 
Mit dieser Frage schliesst der Herzog das 6. Capitel. Sehen wir 
zu, welche Antwort er im 7. uns giebt. 

Aus den Nachrichten der Schrift ergiebt sich mit ziemlicher 
Bestimmtheit, dass die Annahme Eines Nebncadnezar eine un- 
haltbare ist; es muss zwei gegeben haben. Nach Jer. 25, 1 und 
46, 2 besiegte Neb. in seinem ersten Jahre die Armee des Necho; 
er befand sich also gleich zu Anfang seiner Regierung im Besitz 
grosser Macht. Wie er dazu gelangte, erfahren wir nicht direct; 
doch führen verschiedene Andeutungen darauf, dass er die Armee 
der Assyrer (gegen Assyrien war Necho gezogen, 2 Rg. 23, 29) 
befehligte und an der Spitze seines siegreichen, ihm ergebenen 
Heeres sich in den Besitz von Babylon setzte und das assyrische 
Reich stürzte. Wenige Jahre vorher unter Josia war Assyriens 
Fall noch zukünftig (Jer. 6, 22. 2 Rg. 23, 29); und im 11. Jahre 
der Gefangenschaft Jechonja's war der König von Babel schon der 
Mächtigste unter den Heiden'''' (Ez. 32, 11), Assyriens Untergang 
längst geschehen. Möglich, dass er mit Neb. Thronbesteigung 
zusammenfiel. Was nun weiter von ihm erzählt wird, lässt sich 
auf Eine Person gar nicht unterbringen. Die Zeiten von seinem 
1. bis 8. Jahre u. vom 16. bis 20. sind mit seinen Unternehmungen 
gegen Juda ausgefüllt; vom 20. bis 33. muss die Belagerung von 
Tyrus fallen und nach dem 35. die Eroberung Aegyptens. Wohin 
soll man nun die 8 Jahre setzen, welche von der Vorhersagung 
seiner 7jährigen Krankheit bis zu seiner Genesung gerechnet wer- 
den müssen'? Daniel kam im 7. Jahre Nebuc. nach Babylon und 
nach dreijähr Unterricht (Dan. 1, 5), also im 10. Jahre, an den 
Hof. Mithin kann das Dan. 2, 1 erwähnte 2. Jahr Neb. nicht das 
zweite Jahr des Königs sein, in dessen 10. Jahre er an den Hof 
gezogen wurde. Oder sollte wirklich Jemand im Ernst glauben, 
es sei dort das Jahr vom Antritt seiner „Universalmonarchie" ge- 
rechnet, wie einige Ausleger annehmen? Wir haben dort viel- 
mehr einen Nebub. II. Dieses zweite Jahr kann nicht, wie wir 
sahen, vor das 11. J. seines Vorgängers gefallen sein, und auch 
nicht wohl vor das 15., wenn „der König von Babel*', der vom 16. 
bis zum 19. Jahr Nebuc. bei Jerusalem war, mit dem Nebuc. 
in Dan. 2 identisch ist. Jedenfalls genoss Daniel damals schon 



Duke of Manchester: The times of Daniel. 61 

den Ruf eines weisen Mannes (Ez. 26. 28, 3), der sich nur aus 
den Vorgängen jenes zweiten Jahres erklären lässt. Noch Be- 
stimmteres schliesst der scharfsinnige Verf. aus Jer. 51, 59. Dort 
wird einer feierlichen Gesandtschaft von Jerusalem nach Babylon 
im 4. Jahre des Zedekia gedacht, welcher vermuthlich ein wich- 
tiges politisches Ereigniss zu G runde lag. Wenn es nun die 
Thronbesteigung Nebuc. II. war, wenn es galt, dem neuen Herr- 
scher in Babylon zu huldigen, dem Zcd. zinspflichtig war, so fiel 
dieselbe ins 11. Jahr Neb. I. Doch kann es nur der Antritt einer 
Statthalterschaft, einer Mitregentschaft gewesen sein, da noch 
das 23. Jahr des ersten Neb. erwähnt wird. 

Einen doppelten Nebuchodonosor , Vater und Sohn, Konig 
und Mitregent, unterscheidet auch das Fragment des Berosus bei 
Jos. Ant. X 11, 1 und den ersten nennt er Nabopolassar c. Ap. 
1, 19. Von diesem Nabop. erzählen aber Alex. Polyh. und Aby- 
denus (bei Euseb. Chr. arm. p. 59 und 64), dass er von Saracus, 
der zu Ninive regierte, als Feldherr gegen ein vom Meer herauf- 
ziehendes Heer gesandt worden sei , und dass er seine Waffen 
gegen den Saracus selbst gewandt habe, der sich in seinem Pala- 
ste verbrannte. Der Letztere fügt hinzu, dass Nabop. seinen Sohn 
Nebuc. in Babylon als König einsetzte; und dies bestätigen die er- 
wähnten Fragmente des Berosus, welche den Sohn als Theilhaber 
der Herrschaft darstellen (pvvqöag reo vtä Nccßuv%. ovxi tri sv 
tjXixui fi£Qr] zivcc rrjg dvvd^iscog). 

Diese beiden Fürsten , die als Könige von Babel auftreten, 
gehörten nach dem A. T. dem chaldäischen Stamme, den B" 1 ?^:», 
an, und es entsteht nun die schwierige und schon oft besprochene 
Frage, wer diese Chaldäer waren. Aus den Strafreden 
des Propheten Jeremia geht so viel mit Bestimmtheit hervor, dass 
sie, die Vollstrecker der göttlichen Gerichte über Juda, aus dem 
Norden plötzlich hereinbrechen, ein mächtiges altes Volk, viele 
Stämme unter einem Haupte vereint, eine unbekannte Sprache re- 
dend, besonders fürchterlich durch ihren Bogen. (Vgl. 1, 14. 15. 
4, 6. 7. 29. 5, 16. 25, 9). Dass sie mit den semitischen Eingebor- 
nen des Landes zwischen Euphrat und Tigris, den Babyloniern, 
nicht identisch sind, wird allgemein zugestanden. Sie waren 
vielmehr von Norden hergekommene Einwanderer, welche ur- 
sprünglich die armenischen Gebirge, die südlichen Länder zwi- 
schen dem schwarzen und dem caspischen Meere bewohnten. Vgl. 
bes. Gesenius zu Jes. I. p. 744 ff. Eine von ihnen ausgegangene 
Priestercolonie mochte schon früher in Babylonien sich niederge- 
lassen haben ; die chaldäischen Söldner unter Nabopolassar grün- 
deten aber erst ein chaldäisches Reich daselbst und brachten, mit 
Heeren (Ideen I. 2. p. 168) zu reden, „in Asien eine ähnliche 
Revolution hervor als die, welche Cyrus bewirkte." Ihre Spra- 
che war von der babylonischen oder aramäischen — so sollte man 
das Chaldäische nennen! — der Volkssprache Babylons und später 



62 Geschichte. 

auch Palästinas, ganz verschieden; als bemerkenswerth wird es 
z. B. hervorgehoben, dass die chaldäischen Magier den König 
eben in dieser aramäischen Sprache anredeten, die darum nicht 
seine Muttersprache gewesen sein kann (Dan. 2, 4). Wer waren 
nun diese Chaldäer 4 ? Sollten denn die griechischen Geschichts- 
scheiber sie wirklich nicht kennen , wenn von ihnen der Sturz 
zweier so mächtiger Reiche wie Assyrien und Aegypten ausge- 
gangen ist'? Sollten sie wirklich neben den von Herodot erwähn- 
ten Völkern ein besonderes sein? Die Götter-, Königs- und Amts- 
namen, welche seit Nebuc. im A. T. vorkommen, lassen eine pas- 
sende Deutung aus dem Semitischen bekanntlich nicht zu; man hat 
in ihnen schon längst medo-persische Wurzeln und in der Sprache 
der Chaldäer einen medo-persischen Dialekt erkannt. Lorsbach 
(Archiv II. 236) erklärt den Namen Nebucadnezar aus dem Per- 
sischen Nebuchodan-sar d. i. Nebo, der Fürst der Götter; Nebo 
hiess bei den Zabiern der Planet Mercurius. Den Jer. 25, 26. 51 
vorkommenden Namen für Babylon "t^iü, in dem man vergebens 
kabbalistische Geheimthuerei gesucht hat, erklärt v. Bohlen ganz 
einfach aus dem persischen Schi-Schahs Fürstenhaus, und Gesen. 
stimmt bei. Unter den Begleitern des in Jerusalem siegreich ein- 
ziehenden Chaldäerkönigs ist ein ^-3*1, ein Vorsteher der Ma- 
gier; das Wort Magier ist bekanntlich persischen Ursprungs. Die 
Oberstatthalter im Reiche Nebucadnezar' s heissen D^E'vittjfix 
(Dan. 3, 2. 27. 6, 2); im persischen Reiche ebenso (Est. 3, 12. 8, 
9. 9, 3). Die Unterstatthalter heissen dort wie hier nns. Dazu 
vergl. man Wörter wie ^an? Dan. 2, 6; "jib Dan 3, 2; 1T& Dan. 
3, 4, deren Ursprung aus dem Persischen erwiesen ist. Sollte 
darum der kleine Schritt, den der Herzog weiter geht : die Spra- 
che der Chaldäer ist die persische selbst gewesen, 
und der darauf gegründete Schluss: Nebucadnezar, seine 
unmittelbaren Nachfolger und die Chaldäer sind 
die Perser der Profan geschieht e, zu gewagt erscheinen"? 
Man wird auf die weitere Begründung dieser überraschenden 
Hypothese gespannt sein. Der Verf. fasst zunächst die Religion 
ins Auge. Zwei von den Grosswürdenträgern Neb. heissen Ner- 
gal-Scharezer (Jer. 39, 3) und Nergal war der Götze der Cuthäer 
(2 Rg. 17, 30), welche nach Jos. Ant. IX. 14, 3 und X. 9, 7 (vgl. 
Zonar. I. p. 77) ein persischer Stamm aus den Gegenden des Ara- 
xes waren und die Sonne unter dem Bilde eines Hahnes verehrten, 
welcher desshalb auch bei Aristoph. der persische Vogel heisst. 
(Vergl. Movers. Rel. d. Phöniz. p. 68.) Nebuc. nannte den Da- 
niel nach seinem Gott Belsazar (Dan. 1, 7. 4, 5), und Bei war 
nach Agathias ein persischer Gott. In dem Namen Meschach (ib. 
1, 7) liegt der Name der Göttin Schech, der Erde, der ein fünf- 
tägiges Fest gefeiert wurde, welches nach Strabo ein ursprüng- 
lich persisches gewesen und von Cyrus nach Besiegung der Sacae 
oder Scythen angeordnet sein soll. Auf weitere Spuren führt 



Duke oi Manchester : The tiines of Daniel. 63 

die Errichtung des goldenen Hildes in Dan. 3. Es scheint, als 
ob es sich dabei um die Einführung eines neuen Cultus handelte; 
möglich, dass es auch in Beziehung stand auf das vorangegangene 
Orakel von der kurzen Dauer des Reiches, und entweder, wie die 
Habbinen annehmen, der Sonne geweiht war, oder, eine Statue 
des Königs, nach persischer Sitte seine Hoheitsrcchte personifi- 
ciren sollte, zu deren Anerkennung alle hohen Beamten zusam- 
menberufen wurden, indem jede Verweigerung als ein des Feuer- 
todes würdiges Verbrechen erschien. Etwas Aehnliches bietet 
die persische Geschichte dar. Merkhond erzählt, wie König 
D s c h e m s c h i d für sich göttliche Anbetung verlangt, Bilder von 
sich zur Verehrung im ganzen Lande umhergesandt und viele An- 
beter des wahren Gottes in die Flammen der Verfolgung geworfen 
habe , bis zuletzt Verwirrung und Wahnsinn seine Vernunft über- 
wältigt. Gelebt soll er haben zu den Zeiten „des Fitaguras, des 
ionischen Weisen", und des Thaies, ein Eroberer wie Alexander, 
so reich wie Salomo, weshalb er auch geradezu mit ihnen ver- 
wechselt wird. Wer findet in diesen Einzelheiten nicht den Ne- 
bucadnezar*? Und wenn persische Schriftsteller diese Dinge einem 
ihrer Könige beilegen, spricht dies nicht dafür, dass Neb. ein Per- 
ser war? Estaker oder Persepolis soll nach den Griechen von 
Cyrus erbaut sein; bei den Persern heisst es Tekhti Dschemschid, 
der Thron des Dsch., nach dem Erbauer. Ebn Haukai nennt in 
der Orient. Geographie Babel den Ruhm Irans, und nach verschie- 
denen Inschriften war Babylonien in den Zeiten der Söhne Dsch. 
den Persern unterthan. In dem Zendavest wird eine von Dsch. 
erbaute oder verschönerte Stadt Ver so beschrieben, dass man 
sofort Babylon darin erkennt. — Eine ähnliche Bestätigung entneh- 
men wir aus der Geschichte des Zerethoshtrö (Zaratescht, Zar- 
duscht) oder Zoroaster, welchen die gewöhnliche, auch von Kleu- 
ker vertheidigte Meinung zu einem Zeitgenossen des Darius II \ st. 
macht, während Andere, eben von der gewöhnlichen Auffassung 
ausgehend . ihm ein höheres Alter anweisen zu müssen glauben. 
Den einen persischen Zoroaster scheint die Sage verdreifacht zu 
haben, indem sie einen bactrischen und einen medischen hinzu- 
dichtete. Die persischen Sagen erzählen nun von diesem Zur,, 
„der von einem der Schüler des Jeremia unterrichtet worden und 
das Koramen eines Mannes wie Moses verkündet habe" (Merkh.), 
er sei ein frommer Einsiedler gewesen, der in einem Gebirge ge- 
lebt habe; als er dasselbe einst verlassen , hätten ihn Flammen 
umhüllt, ohne ihn zu beschädigen, weshalb der König der Perser 
mit den Edlen sich zu ihm begeben hätte mit der Bitte, für sie zu 
Gott zu beten — kurz eine sagenhafte Entstellung der in Dan. 3 
erzählten Vorgänge unter Nebucadnezar. Zoroaster gab sich nach 
Merkh. für einen Sohn Gottes aus, und Plato nennt ihn (Alcib. I. 
p. 122) einen Sohn des 'üpo/ua^g, des Ormusd , wie nach Plu- 
tarch de Is. et Os. p. 369, Plin. 30, 1, Diog. Laert. 1, 2 der Perser 



64 Geschichte. 

Zoroaster Gott nannte. Die Reformation der persischen Feuer- 
anbetung muss also in die Regierungszeit des Nebuc. gefallen sein, 
der auch wirklich in seinem Gefolge, wie wir sahen, einen Vor- 
steher der Magier hatte. Die Verbrennung des Amasis war nach 
Herod. III. 16 eine gottlose Handlung; die Verbrennung des Croe- 
sus (I. 86) scheint es nicht gewesen zu sein. Dies erklärt sich 
ganz einfach dadurch, dass mitteninne jene Reformation Statt 
hatte, welche eine, wie wir aus Merkhond und Jerem. 29, 2 se- 
hen , bis dahin nicht seltene Strafe als gottlos verbot. — Pytha- 
goras endlich ward von Cambyses nach Babylon gesendet und 
lernte dort die Weisheit der persischen (so nennen sie Cicero 
und Apul.) Magier kennen (Valer. Max. VIII. 7. Lactant. IV. 2. 
Euseb. praep. evang. 10), und zwar, wie Eus. 1. c. 13 ausdrück- 
lich behauptet, zu der Zeit, wo ein Theil der Juden nach Baby- 
lon , ein anderer nach Aegypten wanderte. Folgt nicht daraus 
einmal , dass Babylon der Sitz der persischen Magier und wohl 
auch des Königs war, und dass das 19. Jahr des Nebuc, wo 
jene Wanderung Statt hatte , mit der Zeit des Cambyses überein- 
stimmt? Jedenfalls gewinnt aus allen diesen Spuren die Hypo- 
these, dass Neb. ein Perser war, immer mehr Wahrscheinlichkeit. 
Heeren und Rosenmüller haben schon bemerkt, dass 
die Regierungsform der Chaldäer mit der der Perser ganz über- 
einstimme. Auch in Hinsicht auf Sitten und Gebräuche findet 
sich manche auffallende Aehnlichkeit. Dass in Dan. 1, 3 und 
Est. 2, 21 c^o^no vorkommen, ist weniger bedeutsam, da dies 
allgemeine orientalische Sitte ist. Mehr Gewicht hat es, dass die 
Caspii (die Casdim) nach Strabo XI. die Leichname von Hunden 
und Geiern verzehren lassen, was persische Sitte bis auf diesen 
Tag ist; dass die persische Strafe für Ehebrecherinnen, der Ver- 
lust von Ohren und Nase, als chaldäische Ez. 23, 25 erwähnt wird, 
und dass die Speisung Einzelner von des Königs Tafel (Dan. 1) 
nach Athen. 4, 10 in Persien Brauch ist. DieBelomantie endlich, 
deren sich nach Ez. 21, 21 der König von Babel bediente, ist 
ausser bei den Arabern nur bei den Persern bekannt*). Merkhond. 
p. 175 und vergl. Herod. V. 105. 



*) Auch der Keilschriften thut der Verf. Erwähnung , ohne jedoch 
diesen Gegenstand zu erschöpfen. Wir erlauben uns Ebrard 1 s Bemer- 
kungen darüber aus seiner o. ang. Abhandlung wörtlich mitzutheilen. Er 
sagt p. 672 ff.: „Wenn der Herzog darauf einen grossen Werth legt, dass 
in den babylonischen Ruinen dieselbe Schriftart wie in Persepolis vor- 
kommt und in beiden kein älterer Name als Darius Hystaspis , so ist ja 
damit noch immer nicht die Möglichkeit ausgeschlossen, dass vor dem 
Palaste zu Babylon, dessen Trümmer noch stehen und Darius als Erbauer 
nennen, nicht schon ein früherer, von einem babylonischen Könige er- 
bauter Palast könnte existirt haben, welcher eben bis auf den Grund 



Duke of Manchester : The times of Daniel. 05 

Es finden sich nun auch schon in der alten Zeit Spuren einer 
Anschauung, welche die Chaldäer und Perser identificirte. Dass 
nach Joseph. Ant. X. 11 Diocles des Ncbucadnezar im 2. Buche 
seiner persischen Geschichte Erwähnung thut, beweist wenig- 
stens so viel, dass zwischen den Chaldäern und Persern Verbin- 
dungen Statt fanden, welche nicht gut denkbar sind, wenn Neb. 



zerstört worden wäre. Ebensowenig stringent ist, was der Verf. über 
die babylonischen Gemmen und Ringe sagt, deren Embleme auf den von 
Dschemschid (Cyrus) in Persien eingeführten Ormuzdienst weisen. Könnte 
nicht die Sitte, solche Ringe zu tragen, erst mit Dar. Hyst. in Babylon 
eingewandert sein ? — So wenig aber diese vom Herzoge angeführten 
Umstände eine Beweiskraft haben, so sehr kann allerdings aus den Keil- 
schriften , nach dem, was VVestergaard und Bo tta neuerdings ent- 
deckt haben , ein wichtiger Beweis für seine Ansicht gewonnen werden. 
Vergl. Spiegel „Uebersicht des gegenwärtigen Standes der Forschun- 
gen über die Keilschrift" hall. Litt.-Zeit. 1845. Nr. 251 — 253. Wir 
beachten nämlich das Factum , dass von Xerxes bis Artaxerxes II. die 
Orthographie und Form der Keilschrift sich verändert hat; ferner dass 
an dem Einen Orte Persepolis drei Schriftarten vorkommen, zwei ältere 
unentzifferte und eine neuere. Die neuere erweist sich als aus der Zeit 
des Darius und Xerxes. Die beiden älteren können aber nicht älter sein 
als Cyrus, da Persepolis erst durch Cyrus erbaut ist. Diese beiden 
älteren Schriftarten sind also ebenfalls persisch. Nun findet sich 
aber die eine dieser altern Schriftarten sehr zahlreich in Babylon wieder 
(neben der jüngeren aus der Zeit des Darius). Wir haben also dieThat- 
sache , dass die Baudenkmale Babylons persische Inschriften aus der Zeit 
des Cyrus und Kambyses tragen. Eine andere Schriftart aber, eine 
solche, die sich zu Persepolis nicht wiederfände, die man also für eine 
von der persischen Schrift verschiedene, chaldäische zu halten berechtigt 
wäre, kommt in Babylon nicht vor. Schon das ist wichtig, wenn auch 
nur ein negativer Umstand. Nun aber hat Botta zu Chorsabad, in 
der Gegend des alten Nin ive, Sculpturen von Sphinxen entdeckt, wel- 
che alle und ohne Ausnahme genau mit den persepolitanischen überein- 
stimmen. Nach der gewöhnlichen, hergebrachten Anschauung der Ge- 
schichte jener Reiche ist es geradezu unbegreiflich, sowohl wie persische 
Sculptur nach Ninive als wie ninivitische nach Persepolis gekommen sein 
sollte. Schon vor der Gründung des persischen Reiches soll ja — sei 
es Nabopolassar von Babylon, sei es Cyaxares von Medien (Herod. 1.106), 
sei es Beide mit einander Ninive zerstört haben. Nach der Manchester- 
schen Ansicht und Combinationsweise wird Alles begreiflich. Jener Na- 
bopolassar, welcher Ninive einnimmt, ist Cyrus selbst, und er nimmt 
Ninive nicht als Eroberer, sondern als Usurpator, als assyrischer Feld- 
herr. Nun wird es ganz begreiflich , dass Cyrus bei der Erbauung von 
Persepolis Formen ninivitischer Sculptur anwandte. Das assyrische und 
persische Reich liegen nicht mehr um Jahrhunderte auseinander, sondern 
IV. Jahrb. f. Phil. u. Paed. od. Krit. liibl. ftd. LV. Hft. 1. 5 



66 Geschichte. 

lange vor Cyrus als König eines andern Reiches lebte. Bedeut- 
samer aber ist es, wenn Hecataeus Abd. (Jos. c. Apion. 1, 22) 
sagt, die Perser hätten viele Myriaden Juden nach Babylon ge- 
führt, wenn Cedrenus in die 3ü0 Jahre der persischen Herrschaft 
die 70 Jahre der babyl. Gefangenschaft hinein rechnet, und 
2 Macc. 1, 19 dieses Exil ohne Weiteres als Wegführung nach 
Persien bezeichnet wird. Sollte darum jene Stelle des Justin. 
36, 3 „Primum Xerxes, rex Persarum, Judaeos domuit" wirklich 
so ganz verkehrt sein, wie uns die Herausgeber sagen*? Auch 
die Esra 5, 12. 13 mitgetheilte alte Urkunde stellt Nebuc. und 
Koresch so zusammen , dass man sieht: der mit Koresch gleich- 
zeitige Schreiber jener Urkunde sah beide Fürsten für Herrscher 
desselben Reiches an. Er nennt dies Reich Babel, der Verf. 
des Buches Esra nennt es Persien (Esr. 4, 5 — 7). In Esr. 4, 
15 gelten die beiden Nebuc. als die Vorgänger des von Artaxerxes 
beherrschten Reiches; gegen seine Väter, schreiben die Samari- 
ter, hätten sich die Juden aufgelehnt. 

Den Hauptbeweis für seine Hypothese führt der Herzog aus 
der Specialgeschichte der einzelnen einander entsprechenden 
Herrscher. Mebucadnezar I. (Nabopolassar) i s t Cy r u s und 
Nebuc. II., sein Sohn und Mitregent, kein Anderer 
als Cambyscs. Diese Ansicht ist keineswegs ganz neu. Das 
alex. und Orient. Chronicon erklären beide, Cambyses, der Sohn 
des Cyrus, sei von den Hebräern Nebucadnezar II. genannt worden, 
und unter ihm hätten sich die Begebenheiten des Buches Judith 
zugetragen. Eusebius im Chron. versichert, dasselbe bei meh- 
reren Historikern gefunden zu haben. Suidas (s. v. Judith) ci- 
tirt den Africanus dafür; dass Nebuchodonosor, welcher auch 
Cambyses genannt wird, von der Judith getödtet ward, und Syn- 
cellus bestätigt es. Und in der That, die Geschichte des Cyrus 
und seines Sohnes bietet mit der der beiden Nebucadnezar so viel 
Vergleichungspunkte dar, dass sie schon längst hätten auffallen 
sollen. „Es kommen nichts als Doupleten zum Vorschein, sagt 
Ebrard. Aber freilich nach Columbus kann Jeder das Ei auf den 
Kopf stellen; und der Herzog von Manchester hat uns Nichts übrig 
gelassen als die Anerkennung, dass er zuerst schärfer sah als wir 
Anderen." 

Berosus erzählt (bei Jos. 1. c), dass Nebuc. die Stadt Babylon 



berühren sich aufs Engste. — So erklären sich dann auch die Negerge- 
stalten auf den Ruinen von Chorsabad. Vor Kambyses kamen jene Ge- 
genden mit Africa in keine Berührung (?). War aber Cyrus der Usur- 
pator, nicht der Zerstörer von Ninive, so lässt sich eine produetive 
friedliche Thätigkeit seiner und seines Sohnes in Ninive wohl denken." 
Wir geben das Ganze ohne Bemerkung; dass es aber der Annahme einer 
blossen Usurpation bedürfe, leuchtet nicht ein. 



Duke of Manchester: The tiines of Daniel. 07 

ans der Kriegsbeute aufs Herrlichste ausgebaut habe , dass er na- 
mentlich, ,, damit die Belagerer nicht mehr durch Ableitung des 
Flusses gegen die Stadt operiren könnten" — wie er also ver- 
muthlich gethan , und Cyrus nach Herod. I. 191 es angestellt 
hatte — , drei Mauern um die innere und drei Mauern um die 
äussere Stadt geführt, dass er nach der Befestigung der Stadt und 
geziemendem Ausbau der Thore für sich einen überaus herrlichen 
Palast errichtet und die s. g. hängenden Gärten angelegt habe. 
Dies letztere Werk legt Diod. Sic. ausdrücklich dem Cyrus bei. 
Weiter nennt Amyntas bei Athen, den Cyrus als Eroberer Nini- 
ves; Einige emendiren freilich — Cyaxares! Nach Alex. Polyh. 
eroberten die Meder und Chaldäer vereint unter Abasver und 
Nebuc. Ninive; Her. I. 106 macht nur den Cyaxares, den Meder- 
könig, namhaft, aber nicht den Anführer der ihn begleitenden 
Babylonier. Wir können ihn aus Strabo (üb. XI.) ergänzen, wel- 
cher erzählt, vor der Einnahme Ninives seien die Scythen in ihrer 
Trunkenheit niedergemetzelt worden — durch Cyrus. Das Zeug- 
nis» des Diodor. Amynt. und Strabo vereinigt sich so für die An- 
nahme des Verf. Mach Haies verwechseln die persischen Auto- 
ren die persische Invasion mit der früheren babylonischen unter 
Nebuc.; und gewiss nicht mit Unrecht. Nach ihm hielt Khonde- 
mir den Nebuc. für Gadarz, Tarik Montekheb und Lebtarik aber 
erklären ihn für Kuresch oder Cyrus. Gudarz aber war, wie wir 
noch aus Merkhond bemerken werden, der Vater des Bakhtauas- 
sar*), welcher Jerusalem zerstörte, also war es Cyrus, und 
Khondemir ist mit den andern pers. Schriftst. wohl im Einklänge. 
Eine Untersuchung über das Stammland des Cyrus führt übri- 
gens auf dasselbe Resultat. Cyrus ward „am Fusse des Gebirges 
nördlich von Ecbatana nach dem Pontus Euxinus hin u in der Nähe 
der Saspeirer erzogen (Her. I. 110). Diese Saspeirer wohnten 
westlich von den Caspiern, südöstlich von Colchiern, nordöstlich 
von Matiana und südlich von den Alarodiern , von denen sie durch 
den Kur oder Cyrus getrennt waren, weshalb auch Cyrus nach 
einigen von diesem Flusse seinen Namen angenommen haben soll. 
Unter den mit ihm gegen Astyages insurgirenden Stämmen werden 
auch die Mardier erwähnt (I. 125); diese gehörten nach III, 94 



*) Die Araber nennen Nebuc. Bochtonassar, und Feruzabadi erklärt 
dies Wort, eine offenbare Corruption aus Nebucadnezar , folgendermaas- 
sen: „Bochta-Nassara. Das erste Wort ist eigentlich ßoeht und bedeu- 
tet „Sohn", und Nassar ist der Name eines Götzen, neben welchem er 
gefunden ward, und da sein Vater unbekannt war, ward er nach dem 
Götzen genannt; er zerstörte Jerusalem." Dies ist eine andere Version 
der bekannten Fabel über Cyrus; sie bezieht sich wohl aber nicht auf 
Neb. II., dessen Vater wohl bekannt war, sondern auf Busalossorus den 
Vater, welcher seinen Sohn sandte, Jerusalem zu zerstören. 

5* 



08 Geschichte. 

zur 19. Satrapie, welche sich an der südöstlichen Küslc tles Pont. 
Eux. hinzog. In dieser Gegend, d. h. also in dem Chaldäerlande, 
hätten wir die ursprünglichen Sitze der unter Cyrus sich erheben- 
den Stämme zu suchen, und nicht in den fruchtbaren Ebenen von 
Persepolis. Wie hätte sonst auch Sardanes von dem Leben der 
Perser eine Beschreibung machen können, wie wir sie I. 71 lesen*? 
Wie hätte er sagen können, ibr Land bringe weder Wein noch 
Feigen hervor'? (Her. IX. 122. Arrh. V. 4. Plat. de legg. III. 
p. 695.) Zog doch auch Croesus gegen einen von Norden kom- 
menden Feind, denn Pteria lag nicht weit vom Pont. Eux.; und 
nach der unentschiedenen Schlacht suchte er bei den Aegyptern, 
den Lacedämouiern und Babyloniern Hülfe, aus dem Süden also, 
dem Westen und dem Südosten. Kann man sich wohl vorstellen, 
dass, wenn Cyrus, wie man annimmt, den Astyages in der Nähe 
von Persepolis besiegte und so Babylon zwischen ihm und Croe- 
sus mitten inne lag, dass die Babylonier dem Feinde ihr Land 
würden offen lassen, um dem Croesus beizustehen, oder dass Cy- 
rus das mächtige Babylon im Rücken behalten konnte, um dem 
Croesus in Cappadocien zu begegnen*? So müssen wir uns den 
Perser Cyrus aus denselben Gegenden kommend denken , aus wel- 
chen der Chaldäer Nebucadnezar kam. 

Die heil. Schrift, Berosus, die persischen Autoren und nach 
Syncellus auch die phönicischen erzählen von einer Eroberung 
Aegyptens durch Nebuc. II , schweigen aber von einer spätem 
durch Cambyses. Von dieser wissen aber nur Herod., Diod. Sic, 
Strabo und ihre ägyptischen Gewährsmänner. Sollen die Aegyp- 
ter etwa aus Schaam die erste verschwiegen haben*? Aber in den 
Hieroglyphen führt Amasis doch nur den Titel Melek, den nach 
Wilkinson nur zinspflichtige Könige trugen; somit gestanden sie 
seine Abhängigkeit ein, — und von wem könnte er dann anders 
abhängig gewesen sein als von Nebucadnezar*? Oder sollen die 
persischen Schriftsteller so unbescheiden gewesen sein*? Das 
rühmt man ihnen sonst eben nicht nach. Die Identität beider 
Eroberungen und somit beider Eroberer ist fast an sich schon 
wahrscheinlich, und dazu nehme man noch folgende Einzelheiten. 
Nach Jer. 43, 8 ff. erobert Nebuc. Thachpanhes = Daphnae Pelu- 
siae (Ez. 30, 18), und dort an der pelusischen Mündung des Nil 
erwartete Psamraetich den Cambyses (Her. III. 10). Jer. 46, 21. 
Ez. 30, 6 erwähnen ausdrücklich im ägyptischen Heere die Söld- 
linge, wie Her. III. 11. Vergl. Jer. 43, 11. Ez. 30, 10. 18 mit 
Her. III. 14. 27. Besonders bemerkenswerth ist die Art, wie rauh 
und roh Cambyses mit den ägypt. Tempeln und Göttern verfährt, 
Her. III. 29. 37. Diod. Sic. I. 4; dasselbe hebt Jer. 46, 25. 43, 13 
von Nebuc. hervor. Auch der leidenschaftliche, stürmische Cha- 
rakter des Nebuc, seine Wuth und Wildheit, die sich bis zur Ra- 
serei steigerte, wie wir aus Dan. sehen, gleicht ganz und gar dem 
Bilde, welches Her. III. 30 vom Cambyses entwirft, welcher nach 



Duke of Manchester: The times of Daniel. 69 

diesem Frevel rasend ward und vorher schon auch nicht recht bei 
Sinnen war." Recht auffallend sind noch die genealogischen Ver- 
hältnisse. Nach Herodot heirathete Mandane, des Astyages Toch- 
ter , den Cambyses, des Cyrus Sohn; das Kind dieser Ehe war 
Cyrus der Grosse und Carabyses sein Sohn. Nach Ctesias dage- 
gen warCyrus mit Astyages gar nicht verwandt, sondern heirathete 
erst nach seinem Siege die Tochter desselben, Amytis. Merk- 
würdig stimmt damit Alex. Polyh. überein , nur dass nach ihm der 
Sohn des Nabopolassar, Nebucadnezar, des Astyages Tochter 
Amäitis heirathete. Dies wird die richtige Genealogie sein; He- 
rodot irrt in seiner Verdoppelung des Cyrus und Cambyses, wäh- 
rend Xenophon zwischen ihm und Ctesias offenbar zu vermitteln 
sucht. 

Ueberschauen wir diese ganze Beweisführung, sehen wir die 
alten , jenen Zeiten nahe stehenden Zeugnisse sich für diese Hy- 
pothese vereinigen, sehen wir, wie die Voraussetzung der Ver- 
schiedenheit des chaldäischen und persischen eben nur eine Vor- 
aussetzung ist , die sich von andern nur dadurch unterscheidet, 
dass sie schon durch Josephus traditionell geworden, dessen Natio- 
naleitclkeit geschmeichelt ward , wenn er in dem mächtigen Cyrus 
einen Beschützer der Juden aufweisen konnte: — so müssen wir 
den Beweis für befriedigend geführt erklären. An der Verschie- 
denheit der Namen Nebucadnezar und Cambyses wird Niemand 
Anstand nehmen , der die Namenverhältnisse im Orient kennt 
(Vergl. Rosenmüller Bibl. Geogr. c 9. not. '29). Der Name übri- 
gens, aus dem das feine griechische Ohr Cambyses heraus hörte, 
mag noch ganz anders geklungen haben. Mit Ungrund würde man 
endlich noch gegen diese Meinung Jerem. 50, 51 anführen. Denn 
dort ist keineswegs von einem Sturze des chaldäischen Reiches 
durch das persische die Rede; im Gegentheil ist nur Medien er- 
wähnt, an welches die Herrschaft übergehen sollte (v. 28). Und 
bekannt ist es, wie verfeindet Cambyses mit den Medcrn war. 

[Schluss folgt im nächsten Heft.] 



Bericht über die zweite Versammlung Sächsischer 
Gymnasiallehrer zu Meissen am 28 — 30. Dcbr. 1848. 

Erstattet von R. Dietsch. 

Durch Beschluss war zu Leipzig am 19. Juli (vgl. den Bericht über 
die erste Gymnasiallehrer-Versammlung S. 35) eine zweite Versammlung 
zu Meissen auf den 23., 24. und 25. November anberaumt worden. Allerlei 
Umstände machten eine Verschiebung nothwendig , während andere bal- 
dige Abhaltung wünschenswert!» erscheinen Hessen; deshalb wurde die in 
der Ueberschrift angegebene Zeit angenommen. Der Versammlung wohnten 
bei: von der Thoraasschule zu Leipzig : Li p s i us , Zeste r man n , Er- 
ler; von der Nicolaischule: Kreussler, Fiebig, Ti ttroan n ; vom 
Gymnasium zu Freiberg: Dietrich, Benseier, Zimmer} vom Vitz- 
thum'schen Geschlechtsgymnasium zu Dresden: Bloch mann, Kuniss, 
Schäfer; von der Kreuzschule: Klee (designirter Rector), Hei big, 
Köchly, Baltzer, Albani, Schöne, Mor. Lindemann; von der 
Landesschule zu Meissen: Franke, Kreyssig, Oertel, Wunder, 
Flügel, Kran er, Schlurick, Grafl. und Graf II. ; von der 
Landesschule zu Grimma : Wunder, Fleischer, Palm, Dietsch, 
Müller, Löwe; vom Gymnasium zu Budissin: Hoffmann, Dress- 
ler, Seh aar Schmidt; vom Gymnasium zu Zittau: Kämmel, Lach- 
mann, Jahn. Von den zu Leipzig gewählten Ausschüssen hatten Be- 
richte erstattet: der für die alten Sprachen durch Palm (im Buchhandel 
erschienen unter dem Titel: lieber Zweck, Umfang und Methode des 
Unterrichts in den classischen Sprachen auf den Gymnasien. Leipzig, 
Vogel, 1848. 30 S. gr.8.), der für Nationalitäts-Bildung (Deutsch, Ge- 
schichte und Geographie) durch Dietsch, für Mathematik und Natur- 
wissenschaften durch Wunder aus Meissen, über die äussere Stellung 
und innere Einrichtung der Gymnasien, und über Vorbildung, Prüfung, 
Anstellung und Pensionirung der Gymnasiallehrer durch Köchly (sämmt- 
lich abgedruckt im Archiv für Philologie und Pädagogik 1849, I.Hft.), 
ausserdem über Religionsunterricht durch Lipsius, über das Hebräische 
durch Böttcher, über die neueren Sprachen durch Fiebig. Aus diesen 
hatte das Lehrercollegiuin zu Meissen ein Programm zusammengestellt. 



A. 

I. Erörterung über die Esnitaeilung der Classcn des 
(jiytnnasiuinN. ]. Ueber einjährige Lehrcurse. 2. Ueber Stellung 
und Ziel der Vorbereitungsclassen (Progymnasium) und ihr Verhältniss 
zu anderen Anstalten, a) nach Palm 2 Classen mit einjährigen Cursen. 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 71 

Das Progymnasium kann mit den unteren Classen der höheren Bürger- 
schule nicht völlig zusammenfallen; denn es gehört der Unterricht im 
Lateinischen noth wendig in dasselbe, und der Sprachunterricht ist in 
einer anderen Weise zu ertheileu, als die Bürgerschule es erfordert. Be- 
richt p. 1 und §. 10. (p. 5.) b) nach Köchly 3 C lassen mit einjähri- 
gen Cursen. In der 2. und 3. Classe wird nach einander das Französi- 
sche und Englische , in der l. das Lateinische begonnen. S. Pahn\s Be 
rieht p. 2., Köchly 's Bericht Jj. 18. 3. Dein Gymnasium geht voraus : 
„der auf die neueren Cultursprachen und die Elemente der Mathematik 
und Naturwissenschaften gerichtete Cursus der unteren Glassen einer 
Real- oder Bürgerschule", c) Dietsch (Bericht B. §. 6. b) weist von 
dem auf neun Jahre berechneten Gj mnasialcursus die 4 ersten Jahre dem 
Progymnasium zu, in welchem jeder nach allgemeiner Bildung Strebende 
die allgemeine Vorbildung gewinnen soll, ohne dass der Zweck specieller 
Vorbereitung für das Gymnasium ausgeschlossen wird. 3. Der Cursus des 
Gymnasiums ist nach Palm und Köchly sechsjährig, nach Wunder 
fünf- — oder sechsjährig, nach Dietsch fünfjährig. 4. Erörterung der 
Frage über die Verbindung der Realschule mit dem Gymnasium durch 
Parallelclassen. Köchly §. 20. — II. Unterrichtsfächer. A. He 
ligionsunterricht. 1. Als Zweck des Religionsunterrichts ist zunächst die 
Mittheilung einer wissenschaftlichen Erkenntniss der christlichen Heils- 
wahrheit, mit und durch diese aber auch die Erweckung und Belebung 
einer das ganze Leben beherrschenden christlichen Gesinnung zu betrach- 
ten. Wiefern aber die Schüler zu lebendigen Gliedern der evangelisch- 
lutherischen Kirche erzogen werden sollen , so muss der Unterricht im 
Sinne und Geiste dieser Confession ertheilt werden. Vergl. Köchly's 
Bericht §. 15. 2. Der Religionsunterricht zerfällt nach den wissenschaft- 
lichen drei Hauptstufen der Gymnasialbildung in drei Unterrichtsstnfen, 
deren jede drei Jahre umfasst. Für die zwei oberen Stufen werden 
mindestens zwei, für die unterste Stufe mindestens drei wöchentliche 
Lehrstunden erfordert. 3. Die Religionslehrer, welche sich nicht allein 
über ihre theologische, sondern auch über ihre allgemeine wissenschaft- 
liche Bildung auszuweisen haben, unterrichten, zu Vermehrung ihrer Be- 
rührungspunkte mit den Schülern, in denselben Classen , in welchen sie 
den Religionsunterricht ertheileu, auch noch in andern Gegenständen. Es 
unterrichten bei getrennten Classen an jedem Gymnasio mindestens zwei 
Religionslehrer. Die Combination von zwei Classen ist auch bei diesem 
Unterrichte möglichst zu vermeiden (und höchstens auf der obersten 
Stufe zulässig). Der Religionsunterricht ist vorzugsweise in die ersten 
Morgenstunden zu verlegen. 4. Die Vorbereitung zur Conhrmation ge- 
schieht durch den Religionslehrer der Tertia und Quarta, der zuglei< h 
die Anmeldung der Confirmanden bei den von ihnen erwählten Geistlichen 
zu besorgen hat. Köchly §. 15.: „Der besondere Vorbereitimgsuntcr- 
richt zur Conürmation bleibt einem Geistlichen derjenigen kirchlichen 
Gemeinde überlassen, in welche der l'räparand eintritt." B. Nationali- 
tätsbildung ; deutscher, geschichtlicher und geographischer Unterricht. 
Zur Nationa'itätsbildung gehören: a. freie Beherrschung der Sprache in 
mündlichem und schriftlichem Gebrauche; b. Kenntniss des Vaterlandes; 
c. Kenntniss der Geschichte des Volkes und seiner Literatur. Vergl. 
Bericht § 1 — 4. Zur Erreichung dieses Ziels hofft man den von der 
Gymnasiallchrerversammlung zu Leipzig angenommenen Antrag — es sei 
diesen Unterrichtszweigen hinlängliche Zeit sowohl für den Unterricht, 
als für das Privatstudium einzuräumen — so zur Ausführung zu bringen, 
dass von den 9 Jahren der Gymnasialzeit 4 Jahre dem Progymnasium 
und 5 Jahre dem Gymnasium zufallen und darnach die betreffenden Uu- 
terrichlsgegenstände auf folgende Weise eingetheilt werden (§ 5. u. 6.): 
]) Deutscher Unterricht. — Allgemeines § 7 — 16. a) Progymna- 



72 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer 

sium. Erste Stufe. § 14—19. Grammatischer Unterricht mit schriftlichen 
und mündlichen Uebungen. Wöchentlich 4 Stunden, b) Gymnasium. 
Zweite Stufe. § 30 — 48. In den drei unteren Gymnasialclassen in 3 Jahren 
nach 3 Abtheilungen: a. Stillehre, b. Metrik und Poetik, c. Rhetorik stets 
mit schriftlichen und mündlichen Uebungen. 3 Stunden, c) Dritte Stufe. 
In den zwei obern Classen in 2 Jahren: Deutsche Literaturgeschichte mit 
schriftlichen und mündlichen Uebungen. 4 Stunden, d) Der Lehrer des 
Deutschen hat bei den Receptionen , den Versetzungen und allgemeinen 
Censuren , insbesondere bei den Abgangszeugnissen eine entscheidende 
Stimme. §. 60. 2. Geschichtlicher Unterricht. Obwohl die Ge- 
schichte mit der Geographie in einem engen Zusammenhange steht, so 
ist doch eine völlige Verschmelzung beider Wissenschaften nicht zulässig. 
§. 73. 1. Progymnasium. Der Vortrag ist mehr biographisch unter* den 
§. 77 — 83 angegebenen Modifikationen. Wöchentlich 2 Lehrstunden. 2. Gym- 
nasium. Um die Entwickelung der Volksthümlichkeiten nachzuweisen, 
muss zur politischen Geschichte die der Cultur und Sitten hinzutreten 
und die pragmatische Behandlung wird nothwendig. (§. 8-i und 89) Antike 
Geschichte incl. der alten Geographie in zwei Jahren wöchentlich 3 Lehr- 
stunden in der 4. und 5. Gymnasialclasse. (§. 85 und 89.) Moderne Ge- 
schichte mit einer höheren Vaterlandskunde am Schluss in 3 Jahren — 
wöchentlich 3 Lehrstunden in den 3 ersten Gymnasialclassen. (§. 89 u. 111.) 
Mit einem höheren Cursus der altclassischen Geschichte den Geschichts- 
unterricht auf Gymnasien zu schliessen , erschien nicht zulässig. Vergl. 
§. 10 und 88. Der Geschichtsunterricht nimmt, wie der deutsche Unter- 
richt (§. 60), volle Gleichberechtigung mit anderen Unterrichtsfächern bei 
den Receptionen, Versetzungen, allgemeinen Censuren u. s. w. in Anspruch. 
(§. 72.) 3) Geographischer Unterricht. Allgemeines §. 92 — 95. 
Progymnasium. In 4 Jahren — wöchentlich 2 Lehrstunden im rein prak- 
tischen Cursus. (§. 96 — 102.) Gymnasium. In 2 Jahren — wöchentlich 
2 Lehrstunden — ein höherer wissenschaftlicher Cursus, der die Verhält- 
nisse der Erde in ihrer Beziehung zur Natur und zum Menschenleben 
erfasst. (§.103—112.). Anm. Sollte die bisherige Einrichtung — 3 Jahre 
Progymnasium und 6 Jahre Gymnasium — beibehalten werden, so wür- 
den die der Nationalitätsbildung bestimmten Pensa des letzten vierten 
Jahres im Progymnasium dem ersten Jahre im Gymnasium zufallen. Vergl. 
Anm. zu §. 48 und 89. C. Alte Sprachen. 1. Um den bei der Gymna- 
siallehrer-Versammlung zu Leipzig anerkannten und im Bericht zur Er- 
reichung des Zwecks des classischen Sprachunterrichts gestellten Forde- 
rungen (§. 1 und 2) zu entsprechen, kann a. im Gymnasium die dem 
classischen Unterricht zugewiesene Stundenzahl nicht weiter beschränkt 
werden, als es im Bericht geschehen ist (im lateinischen sind die 
Stunden von 36—38 auf 29 — 30 herabgesetzt). Es kommen daher auf 
Cl. IV und III 15 St., auf II 14 St. auf I 13—14 St., Bericht §. 35-37. 
b. Diejenigen welche in das Gymnasium eintreten, müssen eine zweck- 
mässige Vorbildung auch im Lateinischen erhalten haben; es sind dazu 
wenigstens 2 einjährige Curse mit je 7 — 8 Stunden erforderlich. (K ö c h 1 y's 
Minderheitsantrag s. oben I. 2 b.) Der lateinische Unterricht im Progym- 
nasium ist nicht schlechthin als lateinischer Unterricht, sondern in Ver- 
bindung mit dem Deutschen als Grundlage des sprachlich grammatischen 
Unterrichts überhaupt zu betrachten und zu behandeln. §. JO und 13. 
2. Der griechische Unterricht beginnt erst im Gymnasium (IV. Cl.). Um 
so weniger kann, da die Forderungen in dieser Sprache in keiner Weise 
ermässigt werden können, die Stundenzahl verringert werden. Anm. Bei 
halbjährlicher Versetzung und anderthalbjährigen Cursen ist die Tren- 
nung der unteren Abtheilung der Quarta unumgänglich nothwendig. 3.Die 
Erreichung des formalen Zwecks ist Hauptaufgabe des Progymnasiums 
und der unteren Gymnasialclassen, in denen der eigentlich grammatische 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 73 

Unterricht, wenigstens im Lateinischen, zum Ahschluss zu bringen ist. 
(Jj. 20. §. 35 — 37.) Als eigentliche Aufgabe der oberen Classcn ist der 
materiale Zweck im Auge zu behalten. Jj. 3 nebst Anm. 4. Wenn auch 
die im Berichte gegebenen Bestimmungen über Methode natürlich nicht 
bindend sein können (§. 4), so ist doch als unerlässlich festzusetzen, dass 
der gesammte Sprachunterricht gehörig in einander greife , die Behand- 
lung eine einheitliche, die Leetüre eine ptanmässig geordnete (§.28u.38) 
sei, und dass daher die §. 6 — 12 gestellten Forderungen erfüllt werden. 
5. IVlinderheitsantrag : Es scheint wünschenswert h, dass den 8chülern 
der obersten Stufen eine Uebersicht der Verfassungs- und Culturgeschichte 
des Alterthums gegeben werde. (Bericht p 16.) 1). Mathematik und 
Naturwissenschaften. 1. Die Deputation beantragt Einfuhrung einjähri- 
ger Curse, 2 für das Progymnasium, 5 bis 6 für das Gymnasium. % Der 
Stoff, welchen der mathematische Unterricht zu verarbeiten hat, ist fol- 
gender Maassen zu bestimmen : für die Aufnahme eines Schülers in die 
letzte Progymnasialclasse wird Fertigkeit im Rechnen in den vier Spe 
cies mit unbenannten Zahlen verlangt. In das Progymnasium selbst ge- 
hört der Unterricht im Rechnen in den vier Species mit unbenannten und 
benannten Zahlen, auch mit gemeinen Brüchen; ferner geometrische An- 
schauungslehre. Der Unterricht im eigentlichen Gymnasium umfasst : ge- 
meine Arithmetik; allgemeine Arithmetik; Algebra; Combinationslehre 
und deren Anwendungen; Wiederholung der geometrischen Anschauungs- 
lehre; geometrisches Zeichnen; Planimetrie; Stereometrie; ebene Tri- 
gonometrie; geometrische Uehungen und geometrische Analysis. 3. Für 
den Unterricht in jeder der sechs Gymnasialclassen werden wöchentlich 
vier Stunden verlangt. 4. Der natu rwissen schaftli che Unterricht 
hat zum Gegenstand: Naturgeschichte der drei Reiche; physische und 
mathematische Geographie nebst Astronomie; Elemente der Chemie; me- 
chanische Naturlehre ; Physik im engern Sinne. 5. In jeder Classe wer- 
den wöchentlich zwei Stunden verlangt, in den oberen Classen womög- 
lich drei. In den unteren Classen soll Naturbeschreibung, in den oberen 
Naturlehre vorherrschen ; die dritte Stunde in den obersten Classen wird 
zur Wiederaufnahme naturhistorischer und astronomischer Gegenstände 
beansprucht. 6. Die Deputation hält die §. 5, 8 — 10 gestellten Anträge 
im Interesse der Wissenschaft für unerlässlich. E. Neuere Sprachen. 
1. Die Literatur der beiden neueren Sprachen, der englischen und fran- 
zösischen, ist für den Gelehrten jedes Fachs von so hoher Bedeutung, 
dass beide auf dem Gymnasium gelehrt werden müssen. 2. Bei dem Ma- 
turitätsexamen, bei welchem die Prüfung in beiden Sprachen eben so 
wesentlich ist wie in anderen Unterrichtsgegenständen, ist zu fordern: 
im Französischen: a. Fertigkeit im mündlichen Uebersetzen der classi- 
schen Prosaiker und Dichter, b. Gewandtheit im schriftlichen Ausdruck 
und in der Conversation. c. Literaturkenntniss. Im Englischen: a. Fer- 
tigkeit im Uebersetzen der classischen Prosaiker und Dichter, b. Litera- 
turkenntniss. 3. Der Unterricht beginnt a. im Französischen in 
Sexta mit 3 Stunden; von Secunda an 2 Stunden, b. Im Englischen 
von Secunda an mit 3 Stunden, in Prima 2 Stunden. Nach Palm's 
Bericht beginnt das Französische in der ersten Progymnasialclasse (V.) 
mit möglichst viel Stunden. Nach Köchly beginnt auch das Englische 
im Progymnasium. 4. Die Lehrer sollen Deutsche sein und nach Pflich- 
ten und Rechten dieselbe Stellung im Collegium einnehmen wie die übri- 
gen Lehrer. F. Hebräischer Unterricht. 1. Der Gymnasialunterricht 
in der hebräischen Sprache hat den Zweck, den Schülern ein solches 
Maass von Formen-, Regel- und Wörterkenntniss mitzutheilen und anzu- 
eignen, dass sie im Stande sind, das durch die ganze Universitätszeit 
fortzusetzende Studium der höheren Grammatik und der Exegese des 
A. T. mit Erfolg zu betreiben. 2. Der Unterricht wird in zwei (wo 



74 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

möglich in drei) von den Schulclassen unabhängigen Abtheilungen, in je 
zwei wöchentlichen Stunden ertheilt. Der Cursus ist wenigstens in der 
unteren Abtheilung jährig und es findet der Zutritt nur zu Ostern statt. 
3. Die Theilnahme am hebräischen Unterrichte ist von Secunda an für 
die künftigen Theologen , wo möglich auch für die Philologen , obligato- 
risch, für die Uebrigen facultativ. Der Austritt kann ersteren nur gegen 
schriftliches, vom Rector vidimirtes , Zeugniss der Angehörigen über den 
Rücktritt vom theologischen Studium gestattet werden. Schüler, welche 
als künftige Theologen vom Anfang an am hebräischen Unterrichte Theit 
genommen haben , können sich der darauf bezüglichen Maturitätsprüfung 
nicht dadurch entziehen, dass sie kurz vor dem Abgänge auf die Univer- 
sität sich für ein anderes Studium als das der Theologie erklären. Eine 
Ermässigung der Anforderungen in der Mathematik ist für die hebräisch 
Lernenden wünschenswerth. — III. Aeussere Stellung und 
innere Einrichtung der €*yeana»«icn. I. Aeusscrc Stellung. 
A. im Staate. I. Alle Gymnasien sind Staatsanstalten. §. 1. 2. Sie 
stehen unmittelbar unter dem Ministerium der öffentlichen Volkserziehung, 
in welchem sie durch ein dem deutschen Gymnasiallehrerstande angehöri- 
ges Mitglied vertreten sind. §.2-3. Geschäftskreis des Ministeriums: 
Jf. 3. 3. Dem Ministerium stehen als berathende Organe zur Seite: a. die 
Gvmnasialsynode. §.6 — 9. b. der Gymnasialausschuss §. 10 13. B. zur 
Kirche. 1. Keine Kirche oder kirchliche Gemeinde hat auf die Gym- 
nasien irgend einen Einfluss oder irgend ein Aufsichtsrecht über einen 
Theil des Unterrichts. §. 14. 2. Religionsunterricht. §. 15. s. oben [I. 
A. 1. 3. Confession des Lehrers. 4. Kirchenbesuch und Abendmahl der 
Schüler. II. Innere Einrichtung. 1. Das Schuljahr geht von Ostern zu 
Ostern — Ferien §. 21. 2. Die Abfassung des Programms und der 
Schuinarhrichten 3. Stellung und Bcfugniss des Lehrercollegiums, Rang- 
verhältnisse, Conferenzen. §.23—27 4. Der Rector: a. Wahl, b. Rechte 
und Pflichten desselben. § 28—30. 5. Zahl der von den einzelnen Leh- 
rern zu übernehmenden Stunden. Vacanzen. — IV". Vorbildung, 
Prüfung, Anstellung und I'ensionirung der (Hymmislnl- 
lelirer. 1. Wissenschaftliches Examen der Candidaten des höliern 
Schulamtes §. 1 — 8. 2. Der Geprüfte erhält das Recht in das Gesammt- 
Seminar einzutreten. § 9. 3. Gesammt-Seminar. §. 10. a. theoretische, 
§. 11. b. praktische Bildlingsmittel. §. 12. 4. Nach dem in der Regel 
einjährigen Besuche des Seminars erfolgt die pädagogische Prüfung. 
Bestandtheile derselben §. 14. 5. Probejahr, Anstellung der Candidaten, 
§. 16 — 23. 6. Bei der gleichen Stellung aller Lehrer fällt das Princip 
der Ascension. §. 24. 7. Gehalte, Dienstwohnungen, persönliche Zulagen, 
Versetzungen, Pensionirung der Lehrer. §. 25 — 33. — Geschäftsordnung. 
I. Versammlungen. Erste Versammlung den 28. Decbr. Vormit- 
tags 9—1 Uhr. 1. Eröffnung und Begrüssung der Versammlung. 2. Auf- 
zeichnung der Namen der Versammelten. 3. Wahl des Vorsitzenden, des 
Vicevorsitzenden und der Schriftführer. 4. Abstimmung über die Ge- 
schäftsordnung. 5. Eröffnung der Berathung über das Programm. Zweite 
Versammlung den 28. Decbr. Nachmittags von 3 — 7 Uhr. Dritte 
Versammlung den 29. Decbr. Vormittags von 9 — 1 Uhr. Vierte 
Versa mm lung den 29. Decbr. Nachmittags von 3 — 7 Uhr. Fünfte Ver- 
sammlung den 30. Decbr. Vormittags von 8— 12 Uhr. II. Satzungen. 
1. Die Sitzungen sind öffentlich. 2. Auswärtige Gymnasiallehrer können an 
der Debatte Theil nehmen ; Stimmrecht haben nur anwesende sächsische 
Gymnasiallehrer. 3. Wer sprechen will, hat sich das Wort vom Vorsitzen- 
den zu erbitten. 4. Die Redner sprechen in der Ordnung, in welcher sie 
sich gemeldet haben, in der Regel nicht länger als 10 Minuten. Zur Be- 
richtigung von Thatsachen wird das Wort auch ausserdem ertheilt. 5. An- 
träge sind schriftlich einzureichen und bedürfen einer Unterstützung von 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 75 

l der Stimmenden, um zur Berathung zu kommen. 6. Auf den Scliluss 
der Berathnng über einen Gegenstand kann nur antragen, wer über den- 
selben noch nicht gesprochen hat. 7. Die Abstimmung geschieht durch 
Aufheben der Hände, in wichtigen Füllen auch durch Namensaufruf. Bei 
den Wahlen gilt erst dann relative Stimmenmehrheit, wenn zweimal die 
absolute nicht zu erlangen gewesen ist. 8. Der Vorsitzende eröffnet und 
schliesst die Versammlungen und die Berathungen über einzelne Gegen- 
stände durch die Fragestellung zur Abstimmung; er leitet die Ordnung 
der Verhandlungen, giebt den Angemeldeten der Reihe nach das Wort 
und verhindert Störungen, Persönlichkeiten und Abschweifungen vom 
Gegenstande der Rede. 9. Die Schriftführer führen die Protokolle, welche 
zu Anfang jeder Versammlung und zum Schlüsse der letzten zu verlesen 
und von zwei Anwesenden nach Bestimmung (\ea Vorsitzenden zu unter- 
zeichnen sind. Der erste Schriftführer hat zugleich die Registrande über 
alle Eingänge zu führen. 



Ausserdem vertheilte vor Beginn der Berathungen Hr. Subr. Dress- 
ler aus Bautzen einen Bericht über den Unterricht in den neueren 
Sprachen : 

B. 

1. Dass in den Gelehrten schulen neben den alten Spra- 
chen und Literaturen auch neuere als Bil dungsm ittel zu 
benutzen seien, wird als allgemein anerkannt vorausge- 
setzt. 2. Es darf jedoch nur eine neuere Sprache und Li- 
teratur zu solcher Benutzung gelangen. Die Aufnahme zweier 
neuen Sprachen ist nicht möglich, ohne die bereits schon zu grosse 
Menge des Lehrstoffes auf eine bedenkliche Weise zu vermehren. Es 
wird schon schwierig sein , die zu erfolgreicher Benutzung blos einer 
neuen Sprache erforderliche Zeit zu gewinnen. Bei der Benutzung zweier 
neuen Sprachen würde man die Verdrängung einer alten Sprache herbei- 
führen. 3. Diese eine neuere Sprache ist die französische. 
Die französische Sprache steht den alten Sprachen näher als die engli- 
sche ; sie bietet in ihrer Grammatik einen reichern und mannigfaltigeren 
und deshalb für den ersten Sprachunterricht geeigneteren Biklungsstoff; 
sie ist wegen ihrer feinen Aussprache für die Geschmacksbildung von 
höherer Wichtigkeit; ihre genauere Kennt niss ist zur Z 'it sowohl im 
Allgemeinen für jeden Gelehrten und Gebildeten wie insbesondere für 
zukünftige Diplomaten, welche ebenfalls ihre wissenschaftliche Vorbildung 
auf den Gymnasien suchen , mehr Bediirfniss. Die englische Sprache 
eignet sich dagegen wegen ihrer einfachen Grammatik mehr für ein spä- 
teres Lebensalter, wo Formenwesen weniger anspricht, und wegen der 
Erhabenheit und Tiefe vieler in ihr abgefassten Dichtungen und wissen- 
schaftlichen Schriften mehr für eine bereits weiter vorgeschrittene Bil- 
dung des Geistes. 4. Dem Unterrichte in der französischen 
Sprache mussfür den Anfang eine grössere Anzahl Lehr- 
stunden zugewiesen werden, als er bis jetzt gehabt hat. 
Die franz. Sprache ist in der Hauptsache und an sich nicht leichter zu 
erlernen als andere Sprachen. Die vorausgehende noch unvollkommene 
Kenntniss des Lateinischen erleichtert zwar das Studium des Französi- 
schen, aber nicht in so hohem Grade, wie man gewöhnlich glaubt. Die 
Erlernung der franz. Sprache wird nur dann wahrhaft bildend, wenn nicht 
bloss die Bestandtheile der Sprache aufgefasst , sondern auch mustergül- 
tige Werke der franz. Literatur zur lebendigen Anschauung gebracht 
werden. Die franz. Sprache kann nicht blos bis zu einem gewissen 



76 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

Punkte gleichsam theilweise mit Nutzen für wissenschaftliche Vorbildung 
erlernt werden, denn sie ist, wie jede Sprache, ein Ganzes, das als Bil- 
dungsmittel mit einer gewissen Vollständigkeit erfasst sein will. 5. D a m i t 
der franz. Unterricht ein wahrhaft bildender werde, ist 
zu wünschen, dass für ihn in der Classe, wo er beginnt 
(Quinta), 5 Stunden, in der folgenden 4, und in den übrigen 
3, 2, 2 (bei sechs Gy mna s ial classe n mit einjährigenCur- 
sen 4, 3, 3, 2, 2) angesetzt werden. Diese Ansätze bezeichnen ein 
Minimum, mit dem man sich unter den jetzigen Verhältnissen wahrschein- 
lich wird begnügen müssen. 6. Der franz. Unterricht ist, [wie 
schon angedeutet, nach dem lateinischen, der in Sexta 
beginnt, in Angriff zu nehmen. Diese Aufeinanderfolge ist die 
natürliche von dem Ursprünglichen zum Abgeleiteten. Bei der entgegen- 
gesetzten Ordnung geht der erwähnte Vortheil der Erleichterung durch 
das Lateinische ohne genügenden Ersatz verloren. 7. In Bezug auf 
Methode und Ziel des Unterrichts genüge die Bemerkung, 
dass man von der zweiten französischen Classe an bis mit 
der dritten (vierten) fleissigUebungen im Schreiben an- 
zustellen hat und dass in den beiden oberen Classen 
einige Fertigkeit im Sprechen zu erzielen ist. 

Dr. Köchly übergab in seinem und mehrerer Gleichgesinnter 
Namen in metallographischer Schrift folgende Anträge: 



Für die licrathunr/en der Versammlung sächsischer Gymnasiallehrer 
28—30. Decemhcr 1848. 

I; Einrichtung des Gymnasiums. 1. Die Einführung ein- 
jähriger Lehrcurse mit jährlichen Aufnahmen und Versetzungen ist u n - 
e r I ä s s 1 i c h e Bedingung einer durchgreifenden Reform des Gym- 
nasiums. 2. Das Gymnasium besteht aus 6, das Progymnasium aus 3 Clas- 
sen. 3. In den beiden unteren Classen des Progymnasiuins beginnt der 
Unterricht in den fremden Sprachen nach einander mit dem Französischen 
und Englischen, in der ersten Classe treten die Elemente des Lateinischen 
hinzu. Vrgl. den Bericht v. Dietsch §.6, c, v. Köchly I, §. 18—20. — 
II. Unterrichtsgegenstände. A. Religion. 4. Amendement 
zum Berichte von Köchly §.15: Entbindung einzelner Schüler von die- 
sem Unterrichte wird auf begründeten Antrag der Eltern oder ihrer Stell- 
vertreter vom Lehrercollegium ertheilt. B. Alte Sprachen. Bericht von 
Palm: 5. Nach dem §. 1 — 3 entwickelten Zwecke des Unterrichts in 
ihnen mnss derselbe nach Umfang und Ziel in beiden Sprachen durchaus 
gleichgestellt werden. Irgend eine Bevorzugung der lateinischen 
Sprache vor der griechischen rindet nicht mehr Statt: sie hat die Prio- 
rität, aber nicht die Superiorität. (i. Die Worte §. 17, S. 9 : „Diese 
Uebung — dringend zu empfehlen ist", und §. 29, S. 18 ff: „Bei den lateini- 
schen Schriftstellern — Latein nach Grammatik" mögen ausfallen und dafür 
der Satz angenommen werden: Das Lateinsprechen ist fortan 
gäuzli ch aufge h oben. 7. §.22, S. 11 heisse es: „leichter deut- 
scher Texte abwechselnd ins Griechische und Lateinische einge- 
übt." Dann folge der Zusatz : „Diese prosodisch-metrischen Uebungcn 
sind besonders als Extemporalien anzustellen." 8. §. 23, S. 12 heisse 
es : „griechischer Sprache dürfen auch von den Schülern oberer Classen 
nicht gefordert werden, sondern können höchstens ganz frei- 
willige Arbeiten sein." 9. §. 26, S. 14 heisse es: „Es versteht sich von 
selbst, dass in allen Classen das Verständniss — Abbildungen." Die 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 77 

Worte: „dasselbe — Statt" fallen aus. 10) Kbenda heisse es: „Endlich 
soll in allen Classen immer — gelesen werden." Darnach ändere sich 
§.30. 11) Zu §.32 und 33: a) die schriftlichen Uebiiugen in beiden 
Sprachen haben lediglich den Zweck, die Formenlehre und Syntax sowie 
hervorstechende Eigentümlichkeiten der Phraseologie einzuüben und fest- 
zuhalten, b) Sie sind daher in beiden Sprachen vollkommen gleichzu- 
stellen, im Lateinischen sehr zu ermässigen, im Griechischen einigermaassen 
zu erhöhen, c) Die sogenannten freien (?) Reproductionen sind 
demnach in beiden Sprachen auf reine Inhaltsangaben oder Auszüge ge- 
lesener erzählender Stücke zu beschränken. Alles, was darüber hinaus- 
liegt, darf ferner nicht mehr als verbindliche Schularbeit aufgegeben wer- 
den. Ganz verwerflich sind lateinische Aufsätze über „raisonnirende 
Themata." d) Die Anwendung und Ausdehnung der freien Reproductio- 
nen in beiden Sprachen wird von dem Lehrercollegium nach gemeinschaft- 
licher Berathung bestimmt. Hiernach sind die Worte S. 21 : 2) „in Se- 
eunda — dargeboten ist", und S. 22 : „Ob — überlassen" zu ändern. *) 
— C. Neuere Sprachen. 12. Den oben vorgeschlagenen Beginn mit dem 
Französischen und Englischen vorausgesetzt, können die Stunden darin 
für die 3 Oberclassen ganz in Wegfall kommen. 



Lehrplan 


ZU 


einem 


Gymnasium. 










Progymnasium. 


Untergymn. 


Ob 


ärgyn 




IX. 


VIII. 


VII. 


VI. 


V. 


IV. 
2 


III. 
2 


II. 
2 




2 


2 


2 


2 




5 


4 


4 


3 


3 


3 


4 


4 




— 


— 


8 


6 


6 


6 


7 


7 




— 


— 


— 


8 


6 


6 


7 


7 




8 


4 


2 


1* 


2 


2 


— 


— 




— 


6 


3 


2 


2 


— 


— 




2 


2 


2 


2 


2 


2 


3 


3 


Geographie 


2 


2 


2 


1 


1 


1 


— 


— 




3 


3 


3 


4 


4 


4 


4 


4 


Naturwissenschaft . . 


2 
24. 


2 


2 


2 


2 


2 


3 


3 


Gesammtzahl d. Stunden : 


25. 


28. 


30. 


30. 


30. 


30. 


30. 



Die Stunden für Zeichnen, Schreiben, Singen und Turnen sind hier 
mit Absicht übergangen. 



Erste Sitzung am 28, December, Vormittags %10 Vhr. Die An- 
wesenden wurden vom Rector Professor Dr. Franke begrüsst und 
Professor K r a n e r erklärte hinsichtlich des vorgelegten Programms 
(s. oben A.) , dass er und mehrere seiner Collegen auf Aufforderung 
des Präsidium der vorigen Versammlung dasselbe aus den eingegangenen 
Berichten zusammengestellt , die beschränkte Zeit möge für Manches 
darin zur Entschuldigung dienen. Auf Dr. Köchly's Antrag wurden 
die Vorsitzenden und Schriftführer von der Leipziger Versammlung 
durch Acclamation wieder erwählt (Lipsius als Vorsitzender, Klee 



*) Um der Leser willen , welchen der Palm'sche und andere Berichte 
nicht zur Hand sein sollten, werden wir im Folgenden, wo es das Bedürfniss 
erheischt, die Worte derselben anführen. 



78 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

als dessen Stellvertreter, Dietsch, Schäfer, Albani als Schrift- 
führer), als vierter Schriftführer aber Oberlehrer Graf I. von Meissen 
durch Stimmenmehrheit erkoren. Geheimer Kirchen- und Schulrath Dr. 
Meissner erklärte in herzlichen Worten, dass er vom Minister beauf- 
tragt worden sei, den Verhandlungen beizuwohnen, um dieselben für den 
durch eine Commission, zu deren Mitglied er ernannt worden sei, auszu- 
arbeitenden Entwurf eines allgemeinen Schulgesetzes zu benützen, und 
der Vorsitzende sprach demselben den Dank der Versammlung für die 
freundliche Theilnahme auf. Köchly stellte den Antrag, dass, im Falle 
Nicht-Gymnasiallehrer als Gäste anwesend seien, diesen, wenn sie es 
wünschten, das Wort ertheilt werden solle, und begründete diesen Antrag, 
nachdem er ausreichende Unterstützung gefunden hatte, dadurch, dass es 
sich hier um ein Princip handele, das er in seinem Berichte I. §.6.*) 
aufgestellt habe; die Versammlung werde nach Annahme seines Antrags 
die erste Gymnasialsynode Sachsens sein. Da Kran er schon vorher 
gebeten hatte, dem anwesenden Vorstande des Privat- Progymnasium zu 
Meissen, Dr. Milberg, das Recht der Rede zu ertheilen, da dessen An- 
stalt mit der Landesschule in enger Verbindung stehe, so stellte Heibig 
den zahlreich unterstützten Antrag, dem Genannten auch das Stimmrecht 
zu ertheilen. Blochmann bemerkte zwar gegen Köchly, dass die Er- 
laubniss den Nicht-Gymnasiallehrern wenigstens nicht auf Grund der an- 
gezogenen §. ertheilt werden dürfe, da die Annahme derselben und der 
Synodalverfassung noch nicht entschieden sei; da jedoch Köchly ent- 
gegnete*, dass er in der Annahme seines Antrags keine Präjudicirung sehe, 
so wurde derselbe einstimmig, der Helbig'sche mit grosser Majorität an- 
genommen. Kreussler wollte das dem Dr. Milberg zugestandene Recht 
auch den anwesenden Lehrern von gleichen Anstalten ertheilt wissen und 
erklärte auf eine Anfrage Palm's: ob der Beschluss sich dann nur auf 
den gegenwärtigen Fall beziehen oder ein Princip für alle Zeiten bilden 
solle, dass man sich wohl hier sogleich über das Princip einigen könne; 
da indess Dr. Milberg, für das ihm ertheilte Recht dankend, zu beden- 
ken gab, dass zu dem Antrage kein praktischer Grund vorliege, indem 
kein Lehrer von einem Privatprogymnasium anwesend sei, und Köchly 
bemerkte, dass man auf das Princip bei Berathung seines Berichts zurück- 
kommen werde, so zog Kreussler seinen Antrag zurück. Als nun der 
Vorsitzende die Besprechung auf die Geschäftsordnung lenkte , beantragte 
Palm, dass die. von dem Meissner Collegium vorgeschlagene Tagesord- 
nung sofort ohne Dabatte angenommen werden solle, und Köchly fügte 
zur Motivirung und Empfehlung des Antrages bei , dass in der von ihm 
ausgegangenen metallographischen Schrift (C.) diese Tagesordnung, wie 



*) „Die Gymnasialsynode tritt aller 2 Jahre einmal zusammen. 
Sie besteht aus sämmtlichen Gymnasiallehrern Sachsens, die probethuen- 
den Schulamtscandidaten eingerechnet, als ordentlichen Mitgliedern, und 
den gebildeten Laien, welche sich jedesmal freiwillig anschliessen, als aus- 
serordentlichen Theilnehmern. Nur Erstere haben bei den Wahlen und 
Beschlüssen Stimmrecht." 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 79 

er sie nach Mittheilungen erfahren, ebenfalls befolgt sei, demnach ihre 
Annahme zur Erleichterung der Berathung dienen werde; zugleich brachte 
er einen zweiten Antrag vorläufig zur Sprache, über Nr. 2. sub I. des 
Programms im Allgemeinen zu debattiren , ohne auf die einzelnen darin 
enthaltenen Anträge einzugehen. Palin's Antrag ward hierauf einstimmig 
angenommen. Da Schäfer der Meinung war, dass mit Annahme dieses 
Antrags auch die Satzungen angenommen seien, so widersprach dem zwar 
Köchly, beantragte aber die Annahme der Satzungen in Bauschund 
Bogen , welcher Antrag mit Einstimmigkeit zum Beschluss erhoben 
ward. 

Ueber I. 1 des Programms lag ein bestimmter Antrag in der metallo- 
graphischen Schrift vor und Köchly erhielt das Wort zu dessen Motivi- 
rung. Er beantragte, dass, da die Sache von Kraner in einer besondern 
Schrift*) und von den Ausschüssen in ihren Berichten hinlänglich behandelt 
sei, wenn sich kein Redner gegen das Princip erhebe, man ohne Debatte 
darüber entscheiden möge; hier handle es sich nur um Aufstellung eines 
Princips; die der Einführung entgegenstehenden Schwierigkeiten hinweg- 
zuräumen werde Sache der Gesetzgebung sein. Kr an er erklärte, dass 
er einen gleichen Antrag zu stellen beabsichtigt habe, nämlich, dass nur 
die Herren, welche gegen das Princip seien, aufzutreten ersucht werden 
sollten. Da aber Kreussler äusserte, er wünsche einige Bedenken 
auszusprechen, so erklärte Köchly seinen Antrag für erledigt. Kreussler 
bemerkte nun, dass seine Bedenken ethischer Art seien; das Princip der 
Beweglichkeit müsse bei den einjährigen Cursen leiden ; die Bewegung sei 
da nur eine ruckweise ; wenn die Schüler so immer im Voraus wüssten, 
dass sie nach einem Jahre versetzt würden, so würde bei ihnen eine 
gleichmässige Seelenstimmung eintreten , die an Gleichgültigkeit gränze ; 
bei halbjährlichen Versetzungen finde innerhalb jeder Classe ein fort- 
währender Wechsel statt; die vorher die unteren Schüler gewesen, wür- 
den nach einem halben Jahre die mittleren oder oberen ; ein solcher 
Wechsel aber errege Eifer bei den Schülern. B lochmann erklärte, 
bei seiner Anstalt hätten früher anderthalbjährige Curse mit anderthalb- 
jährlichen Versetzungen bestanden und nur günstige Resultate geliefert, 
bis das Regulativ eine Aenderung herbeigeführt habe ; gegen das Princip 
könne er sich also durchaus nicht erklären ; da aber gegen die einjährigen 
Curse sich sehr bedeutende äussere Schwierigkeiten entgegenstellten, so 
gebe er zu erwägen , ob nicht der Ausweg eingeschlagen werden könne, 
anderthalbjährige Curse einzurichten, wodurch man der bisherigen Ein- 
richtung näher bleibe ; unerlässlich finde er das Princip der einjährigen 
Curse deshalb nicht, weil ihm die Einheit der Curse mit anderthalb 
Jahren möglich und zu berücksichtigen scheine. Graf I. entgegnet gegen 
Kreussler, dass das Princip der Beweglichkeit durch die Einführung 



*) Ueber die Einführung einjähriger Lehrcurse in den Gymnasien. 
Meissen, 18i8. 



80 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

einjähriger Curse nicht aufgehoben werde , da ja durch dieselbe zeitweise 
Versetzungen unter den Schülern derselben Classe nicht ausgeschlossen 
seien; übrigens sei Ehrgeiz als Antrieb für die Schüler vielmehr zu ver- 
hüten, der beste sei das Interesse am Gegenstande, dieses aber werde 
sich nur steigern, wenn die Schüler raschere Fortschritte machten; gegen 
Blochmann : die Schwierigkeiten würden bei anderthalbjährigen Cursen 
nur vermehrt, nicht vermindert. Schäfer hebt die Vortheile , welche 
anderthalbjährliche Curse mit gleichen Versetzungen hätten, hervor, giebt 
aber zu, dass die Versetzungen grössere Schwierigkeiten darböten, in- 
dem schwächere Schüler, wenn sie das Ziel nicht erreicht hätten, noch 
ein und ein halbes Jahr in derselben Classe zurückbleiben müssten, ausser- 
dem eine zu grosse Stabilität erzeugt werde; halbjährige Curse, fährt er 
fort, hätten für viele Fächer des Unterrichts den offenbarsten Nachtheil, 
und so bildeten Jahrescurse einen Ausweg; er und seine Collegen seien 
für dieselben gestimmt, allein für unerlässlich könne er die Einführung 
derselben doch nicht anerkennen, rathe vielmehr bei den Berathungen 
darauf zu achten, wie man die Angelegenheiten zu ordnen haben werde, 
wenn die bisherige Einrichtung beibehalten werden sollte. Kran er er- 
klärt, dass das Princip der Beweglichkeit überhaupt durch einjährige 
Curse gar nicht ausgeschlossen werde, dieselbe vielmehr dann nur inner- 
halb der Classen stattfinden würde ; der Lehrer müsse nur verhindern, 
dass die Schüler Versetzung und Ordnung nicht für eine Naturnotwendig- 
keit hielten ; auch er halte übrigens die Sache nicht für unerlässlich, aber 
zur Bewältigung des Stoffes, der sich den Gymnasien aufdränge, im höchsten 
Grade vortheilhaft , wie er in seinem Schriftchen dargethan habe. 
Köchly bemerkt hierauf, die gleichmässige Seelenstimmung oder Gleich- 
gültigkeit der Schüler werde gewiss nicht eintreten, wenn man ihnen nur 
durch Wort und That fortwährend zeige, dass, wenn sie das Ziel nicht 
erreicht hätten, sie auch nicht versetzt würden; ein einziges solches Bei- 
spiel wirke unendlich Viel; die Unerlässlichkeit werde nicht durch Be- 
rufung auf das Bisherige widerlegt, sie beruhe auf dem Unterrichte in den 
Realien ; dieser habe bisher eine untergeordnete Stellung eingenommen ; 
dies eben müsse aber anders werden ; die Lehrer der alten Sprachen — 
dies gebe er zu — könnten sich allenfalls bei den halbjährlichen Ver- 
setzungen einrichten, die Reallehrer aber nicht ; deshalb sei die Sache 
eine unerlässliche Bedingung der Reform. Uebrigens sei es gerade noth - 
wendig, dass gesagt werde, die Sache sei unerlässlich, um die äusseren 
Schwierigkeiten zu besiegen; denn, wenn man dieselbe nur als wünschens- 
werth bezeichne, so würden sich schwerlich die Stände des Landes be- 
wogen finden, die dazu erforderlichen Geldmittel zu verwilligen. Palm 
entgegnete dem vorigen Sprecher: wenn die Sache wirklich unerlässlich 
sei, so müsse man es auch aussprechen ohne Rücksicht auf die Schwierig- 
keiten , aber man dürfe dies nicht aus der Absicht allein thun , um die 
Sache zu erreichen; er finde den Ausdruck zu scharf; denn Alles 
werde doch nicht mit der Einführung einjähriger Curse erreicht, und man 
müsse sich doch, ehe die Einrichtung erfolgen könne, auch sagen 
können, dass die Schüler in einzelnen Fächern nicht ganz vernachlässigt 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 81 

seien. Zestermann empfiehlt den Antrag von Köclily und Genossen 
noch einmal, indem er hinzufügt, dass man über die Gleichgültigkeit schon 
bei der jetzigen Einrichtung gar nicht hinwegkomme, da die oberen 
Schüler stets über gewisse Dinge, welche die unleren lernen müssten, im 
Reinen zu sein glaubten; Ehrgeiz müsse verbannt werden, und das In- 
teresse an der Sache allein gelten. Klee äusserte sich dahin: wenn man 
die praktischen Schwierigkeiten ins Auge fasse, so gehöre dazu auch die 
entsprechende Einrichtung der Universität; wenn wir einen Wunsch aus- 
sprächen, so werde man von anderer Seitedenseiben entweder abschlagen 
oder fragen, warum wir wünschten, und was könne in diesem Falle anders 
geantwortet werden , als: die Sache ist für uns nothwendig ; factisch sei 
dies auch. Denn in der Geschichte, Geographie, in Mathematik und Na- 
turwissenschaften sei bisher nicht das Nothwendige geleistet worden, weil 
die halbjährlichen Versetzungen die Einrichtung geeigneter Curse verhin- 
dert haben ; der Unterricht in den alten Sprachen werde übrigens auch 
gewinnen, jndem bei einjährigen Cursen zusammenhängendes Lesen und 
historische Aufeinanderfolge leichter möglich werde; der Ausdruck uncr- 
lässlich sei nicht .scharf , wünschenswerlh nur subjectiv. R. Wunder 
aus Grimma: zwei Bedenken seien ihm noch nicht beseitigt worden; es 
könne der Fall eintreten, dass ein Schüler nach einem Jahre zwar ziem- 
lich, aber noch nicht vollkommen reif für eine höhere Classe sei; ein 
solcher müsse dann noch ein ganzes Jahr in derselben zurückbleiben; 
ausserdem liege noch keine Erfahrung von der Zweckmässigkeit der Ein- 
richtung in allen Fächern vor; fasse man dies Beides und dann den Man- 
gel an Mitteln zur Einrichtung ins Auge, so scheine der Ausdruck uner- 
lässlich sehr bedenklich. Da Schäfer sich auf den Bericht des Aus- 
schusses für Nationalitätsbildung berief, dessen Mitglied er gewesen, 
und der die Einrichtung der einjährigen Curse für den geographischen 
und geschichtlichen Unterricht nicht für unerlässlich , sondern nur für sehr 
erspriesslich *) erklärt habe, so erwiderte als Ref. des Ausschusses 
Dietsch: wenn man in der Pädagogik nur dann etwas für unerlässlich 
erklären wolle, wenn keine andere Möglichkeit Etwas zu leisten bleibe, 
so werde man am Ende Nichts unerlässlich finden; den Geschichtslehrern 
sollte doch gewiss nicht das testimonium paupertatis ausgestellt werden, 
dass sie bei der bisherigen Einrichtung den Schülern gar Nichts in die 
Köpfe hätten bringen können; aber eben um mehr zu leisten, sei eine 



*) Ber. S 4, 6a: „In Rücksicht auf die dem Centralausschusse zur 
sorgfältigen Erwägung empfohlene Frage spricht sich der Ausschuss dahin 
aus, dass für die von ihm zu behandelnden Lehrgegenstände die Einführung 
einjähriger Curse sehr erspriesslich sein werde, er verbirgt sich aber dem 
entgegenstehende Bedenken und Schwierigkeiten nicht", und hier2U die 
Anmerkung: „Für den geschichtlichen Unterricht spricht der immer zu 
beachtende Umstand, dass bei kürzeren Lehrcursen ein Theil der Schü- 
ler niemals die Geschichte in ihrer natürlichen Ordnung hören werde. Vergl. 
Raschig, Rückblicke S. 17 ff." 

IS.Jnhrb.f. Phil. u. Päd. od, Krit. Bibl. Hd.LV. Hfl.. I. 6 



82 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

andere Einrichtung nothwcndig und dies bedeute der Ausdruck sehr cr- 
spricsslich ; die Geschichte könne jetzt von einem grossen Theile der 
Schüler nicht in ihrer natürlichen Folge gehört weiden; man habe sie 
durch Vorbereitung am Anfang des Halbjahres in den Gang bringen kön- 
nen und müssen, aber damit sei mindestens viel Zeit verloren und doch 
nicht sehr Viel erreicht worden; die Bedenken, welche sich der Ausschuss 
nicht verborgen, seien der Mangel an Geldmitteln und die von Anderen 
geäusserten Bedenken ; durch die beigefügten Worte habe eben nur an- 
gedeutet werden sollen, dass der Ausschuss diese wohl erwogen , nicht 
aber, dass er ihretwegen von der Einrichtung selbst absehen werde. 
Baltzer fügt den bisher geltend gemachten Gründen noch folgende bei: 
das bisherige Classensystem habe den Pennalismus in den einzelnen Clas- 
sen begünstigt; mit den einjährigen Cursen falle er hinweg; in der bis- 
herigen Einrichtung sei eine unglaubliche Halbheit; denn wie sei ein 
anderthalbjährlicher Cursus möglich, wenn verschiedene Schüler zu ver- 
schiedenen Zeiten in denselben eintreten könnten ? darauf .habe schon 
Mager hingewiesen, dessen Worte der Redner vorliest; dann fährt er 
fort: es sei bisher wohl gegangen, in den philologischen Stunden am 
leichtesten, aber es sei eben übel gegangen; die von Wunder geforderte 
Erfahrung werde durch Süddeutschland, England und die Schweiz ge- 
geben. Köchly fügt den genannten Ländern noch die Gymnasien zu 
Meiningen und Hildburghausen bei und bemerkt, dass, wenn man eine 
Erfahrung machen wolle, man dies nur dadurch könne, dass man die Sache 
anfange und versuche. Dietsch berichtigt, dass im Herzogthum Mei- 
ningen die halbjährlichen Versetzungen durch die einjährigen Curse nicht 
ausgeschlossen , die eine Versetzung aber stets eine sehr schwache ge- 
wesen sei. Fiebig erklärt: Englisch und Französisch bei drei ver- 
schiedenen Arten von Schülern mit Erfolg zu lehren sei unmöglich; die 
Aussprache sei von grosser Wichtigkeit; die, welche sie bereits gelernt, 
würden durch die neu Hinzutretenden, welche in ihr erst eingeübt wer- 
den müssten, in weiteren Fortschritten aufgehalten. Hoffmann macht 
auf den Umstand aufmerksam, dass in das Progymnasium oft Schüler, na- 
mentlich vom Lande, in bereits vorgeschrittenem Alter eintreten, dann 
aber in einem halben Jahre mehr lernten, als die übrigen in einein ganzen \ 
deshalb wünscht er für das Progymnasium die Ausnahme, dass eminente 
Köpfe auch halbjährlich versetzt werden könnten. Der von ihm darauf 
gestellte Antrag findet ausreichende Unterstützung. Palm glaubt, dass 
der Antrag nicht noth wendig sei, da Ausnahmen stets dem Ermessen des 
Lehrercollegiums anheimgestellt werden müssten; Baltzern kann er 
nicht zugestehen, dass dem lateinischen und griechischen Elementarunter- 
richt durch die halbjährlichen Versetzungen geringere Schwierigkeiten 
bereitet würden; in den oberen Classen sei es etwas Anderes, da bleibe 
in den zurückbleibenden Schülern ein guterKern und Stamm, die neu ein- 
tretenden wären aber beim Unterrichte deshalb nicht unbeschäftigt; 
übrigens habe er sich überzeugt, dass der Ausdruck unerlässlich in seiner 
Verbindung unbedenklich sei; wolle man eine durchgreifende Reform , so 
seien die einjährigen Curse als Bedingung dazu hinzustellen ; freilich 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. £3 

wünsche er, dass die Reform doch in mancher Hinsicht, z. B. in der Me- 
thodik des philologischen Unterrichts, sofort ins Leben treten möge. 
Schliesslich bemerkt er gegen Klee, dass das Nacheinander und die hi- 
storische Folge in der Leetüre auch bei einjährigen Cursen nicht ganz 
sich werde festsetzen lassen. Der von Linde mann beantragte Schluss 
der Debatte wird fast einstimmig angenommen. Die Frage des Vor 
sitzenden : Will sich die Versammlung für Einführung der einjährigen 
Curse erklären? wird einstimmig, die zweite: Soll dieselbe als unerläss- 
lich bezeichnet werden ? von 27 gegen 6 Stimmen bejaht. U I o c h m a u n 
motivirt seine Abstimmung gegen die letztere Bezeichnung dadurch, dass 
er den von ihm bezeichneten Ausweg noch für möglich halte. 

Da die Versammlung nunmehr nach Erledigung von Nr. 1 sich zu 2 
sub I. des Programms wendet, so beantragt Köchly, Nr. 2 und 3 so- 
gleich zu verbinden, da die Zahl der Classen sich nicht bestimmen lasse, 
wenn nicht das Nacheinander der Unterrichtsgegenstände fest stehe, und 
die Abtheilung nicht, wenn man nicht das unterscheidende Merkmal der 
unteren und oberen Classen kenne. — Der Vorsitzende schlägt vor, 
dass gewisse in diesen Nummern enthaltene Principfragen der Reihe nach 
zur Verhandlung kommen möchten, z. B. 1) soll das Englische aufge- 
nommen, 2) soll es erst in den oberen, oder schon in den unteren 
Classen beginnen, u. s. w. Palm glaubt, dass dieser Vorschlag durch 
den Antrag Köchly's nicht ausgeschlossen werde, und empfiehlt denselben 
zur Annahme. Dressler hält es für die Sache namentlich für sehr er- 
spriesslich, wenn die Frage, ob eine oder zwei neuere Sprachen, ent- 
schieden werde. Köchly's Antrag wird darauf mit Mehrheit angenom- 
men und es erhält derselbe das Wort, um seinen und seiner Genossen 
Antrag in der metallographischen Schrift (oben C) unter 2 und 3 zu be- 
gründen. Er führt zuerst an , dass das Gymnasium das Historische zu 
seinem Grundprinciue habe, wenn man aber dies festhalte, das Englische 
unbedingt zu den Bildungsmitteln desselben gehöre; schon J. A. Ernesti 
habe in seiner bekannten Schulordnung dasselbe gefordert, ausser dem- 
selben sogar auch das Italienische; die Schule habe zu untersuchen, wie 
sie ihren Zögling für das Leben vorbereite, und deshalb 1) den gegen- 
wärtigen Culturzustand und 2) das zu bildende Object zu berücksichti- 
gen; darin bestehe der Unterschied zwischen dem Gelehrten von Fach 
und dem Lehrer, dass jener nur die Wissenschaft, dieser das für die Er- 
ziehung Nothwendige zu berücksichtigen habe ; für die Priorität der 
neueren Sprachen liege zuerst ein praktischer Grund in dem Zustande 
der Jetztzeit vor; bei den verschiedenen Fachrichtungen sei es Bedürf- 
niss, die allgemeine Grundlage der Bildung- so lange als mög-lich zusam- 
menzuhalten, die Scheidewand, das Lateinische, so spät als möglich ein- 
treten zu lassen; die Neuzeit lehre, dass beim Volke die Gelehrten den 
Volksführern oder Volksverführern fast immer unterlegen seien; nur in 
der Versöhnung des Gegensatzes zwischen den tiefer Gebildeten und dem 
Volke beruhe die Möglichkeit, dass die Revolution un blutig zu einem 
glücklichen Ende geführt werde ; deshalb sei aber die gemeinschaftliche 

6* 



8-i Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

und gleichmässige Vorbildung Aller eine Pflicht der Pädagogen , deshalb 
müsse das Lateinische erst später angefangen werden; solle die tiefere, 
auf das Alterthum basirte Bildung an die Spitze des Volkes treten, so 
werde das nicht erreicht werden, wenn sie von der Jugend an vom Volke 
getrennt sei; dabei sei nun vor Allem auch das zu berücksichtigen, dass 
die modernen Sprachen von Vielen gebraucht würden, welche nicht Ge- 
lehrte werden wollten , diesen aber bei dem gemeinsamen Unterrichte 
jedenfalls Rechnung getragen werden müsse ; ein fernerer Grund für die 
Priorität der neueren Sprachen sei ein pädagogischer; das Erlernen einer 
fremden Sprache sei etwas Gewaltiges und um so gewaltiger, je grösser 
die Schwierigkeiten , deshalb müsse vom Leichten zum Schwereren, 
vom Näheren zum Ferneren fortgegangen werden; Englisch und Franzö- 
sisch seien aber dem 10jährigen Knaben viel leichter als das Lateinische; 
er verwahre sich gegen das Missverständniss , als wenn es sich hier um 
wissenschaftliche Sprachkenntniss handle, er meine nur: wenn ein Knabe 
wöchentlich 8 Stunden Französisch habe, so werde er nach einem Jahre 
fähig sein, zur Leetüre ihm angemessener französischer Schriften über- 
zugehen ; der lateinische Elementarunterricht sei wesentlich erschwert 
worden dadurch, dass so viele Schüler, welche keinen Nutzen davon sich 
für die Zukunft versprechen, an demselben mit Unlust Theil nehmen 
mussten; auch dieser Uebelstand falle durch die Priorität hinweg. Gegen 
den Bericht des Ausschusses für neuere Sprachen (oben Vorlage B) , der, 
um Ueberhäufung zu vermeiden, nur eine neuere Sprache wolle, sei zu 
entgegnen, dass gerade der von ihm vorgelegte Plan das multa beseitige, 
indem er den Unterricht in den neueren Sprachen in' die unteren Classen 
verlege, in den oberen aufhören lasse; trete das Englische erst in Se- 
eunda ein, so schade dies den alten Studien ; dass die neueren Sprachen 
von den Schülern der oberen Classen nicht fortbetrieben werden würden, 
sei nicht zu fürchten, da das Interesse bei denen, welche sie 6 Jahre ge- 
trieben, bleiben werde. Gegen den letzten Satz unter 3 in demselben 
Berichte sei einzuwenden , dass , weil die zusammengesetztere Grammatik 
für jedes Alter schwer sei, gerade das Leichtere, also das Englische, sich 
für das jüngere eigne; gegen 6 in demselben Berichte erwidere er, dass, wer 
das Latein nicht lernen wolle, doch nicht zu dem Französischen den Umweg 
durch dasselbe nehmen solle; wer Französisch vorher gelernt, werde 
dann auch das Lateinische leichterlernen. Dressler berichtigt, der 
von ihm vertheilte gedruckte Bericht sei nicht vom Ausschusse ausgegan- 
gen, er sei durch ein Missverständniss veranlasst worden, denselben zu 
verfassen; derselbe sei also als ein Sonderbericht zu betrachten. H ei- 
big bemerkt, dass der Nationalitätsausschnss seinen Antrag unter 2 c 
des Programms wohl fallen lassen werde; gegen Köchly aber, dass eine 
Versöhnung zwischen Gelehrten und Volk durch das spätere Beginnen des 
Lateinischen allein nicht erfolgen werde; diese müsse aus ganz anderen 
Dingen kommen. Oertel erklärt, der Nationalitätsausschuss nehme 
jetzt 3 Classen Progymnasium und 6 Classen Gymnasium an und lasse 
seinen Antrag fallen. Er legt einen von ihm mit Dietsch und Klee ent- 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 



worfenen gedruckten doppelten Lelirplan *) vor; gegen das Knglische 
erklärt er sich, weil es scheine, als ob man dasselbe zum Nachtheile des 
Deutschen, der Geschichte und Geographie einführen wolle; sei doch in 
dem metallographirten Lelirplan für VI, V, IV nur je eine Stunde Geo- 
graphie angesetzt, welche Zeit durchaus nicht ausreiche, abgesehen da- 
von , dass , was nur in einer Stunde getrieben werden könne, lieber gar 
nicht getrieben werden solle. Kämme 1: er werde mit Kö'chly stimmen 
und zwar aus folgenden Gründen; 1) werde durch den vorgelegten Plan 
verhütet, dass die Gymnasien durch die Realschulen verdrängt würden; 
richte man das Progymnasium darnach ein , so werde eine längere gleiche 
Bahn für Alle erreicht; 2) man erhalte sich dadurch in engerer Verbin- 
dung mit dem Leben; die Gymnasien müssten so recht aus dem Leben 
herauswachsen, sonst würden sie Ruinen, wenn auch ehrwürdige, wer- 
den; sie müssten Concessionen machen, um den Uebergang zu den übri- 
gen Unterrichtsanstalten zu ermöglichen; für das Progymnasium halte 
er übrigens 3 Classen mit einjährigen Cnrsen, nicht 2, für sehr erspriess- 
lich ; bei dem sprachlichen Unterrichte müsse von der Muttersprache 
ausgegangen werden; daran reihe sich dann als nächste Ergänzung das 
Englische; Sprachvergleichung müsse schon auf der untersten Stufe mög- 
lich sein; aus diesen Gründen sei er nicht für Zurückstellung des Engli- 
schen. — Palm: Die Volksbildung eine gewisse Zeit lang zusammenzu- 
halten sei nolhwendig; die Schüler aller Art dürften das Gefühl der Zu- 
sammengehörigkeit nie verlieren; die Scheidung , welche bisher leider ! 



* ) A. Stundenplan für 9 Jahre des Gymnasialunter- 
richts unter Priorität des lateinischen. 





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Classe IX. 


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- VIII. 


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- VII. 


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Gymnasium. 
























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V. 


2 


3 


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2 


2 


2 


2 


2 


7 


6 


31 


IV. 


2 


3 


3 


2 


2 


2 


2 


2 


7 


6 


31 


III. 


2 


3 


3 


— 


2 


2 


2 


2 


7 


6 


29 


II. 


2 


4 


3 


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2 


2 


2 


2 


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30 


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unter Priorität des Französischen. 

Progymnasium 
Classe IX. 

- VIII. 

- VII. 
Gymnasium 
Classe VI. 

V. bis I. wie unter A 



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25 

28 
28 

31 



86 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

noch bestanden, müsse wegfallen; daraus folge aber nicht der Wegfall 
jedes Unterschiedes; die Verschiedenheit des Weges werde einen solchen 
fort und fort begründen. Ziel und Aufgabe jeder Schule sei es, dass sie 
ihren Schülern möglich mache, in ihren Kreisen der Erfüllung ihrer Be- 
stimmung, des himmlischen wie des irdischen Berufes, nachzutrachten; 
wenn die Jugend die Schule verlasse, so müsse sie für ihren Kreis tüch- 
tig sein; die Verschiedenheit der Berufsarten aber scheide die Schulen 
und werde sie stets scheiden; ein Theil der Menschen sei auf die ma- 
teriellen Berufsarten angewiesen — diese würden durch die Elementar- 
schulen vorbereitet , — ein anderer betreibe dieselben Berufsarten auf 
mehr geistige Weise, — diese gehören auf die Realschulen, — ein drit- 
ter endlich sei mehr auf das rein Geistige gewiesen, — diese, welche 
in Folge davon einen längeren Weg der Bildung zu führen seien, gehören 
dem Gymnasium an und der Universität; eine zu späte Scheidung solcher 
verschieden zu Bildender könne nur nachtheilig sein; das hauptsäch- 
lichste Unterrichtsmittel für die letztere Classe bilde die Sprache; diese 
müsse auf dem Gymnasium offenbar anders gelehrt werden als auf der 
Realschule, wie hinwiederum Mathematik und Naturwissenschaften in die 
ser anders als in jenem; die längere Gleichheit des Unterrichts bringe bei 
späterer Scheiduug keine Versöhnung, ja führe zu einer Art Tyrannei; 
denn für Kinder Gebildeter sei es eine solche, gewaltsam mit denen Anderer 
vereinigt zu werden; er berufe sich auf die Erfahrung, dass solche Kinder 
in Elementarschulen entweder über- und hochmüthig oder ungezogen wür- 
den; die längere Vereinigung führe ferner zu einer Ueberladuug der Elemen- 
tarschule mit Unterrichtsgegenständen und diese erzeuge in den Gemüthern 
der nur auf ihr Unterrichteten eine gewisse Spannung von Jugend auf; fer- 
ner: es heisse zu viel verlangt, wenn ein Knabe im 10. Jahre Französisch, 
mit dem 11. Englisch, mit dem 12. Lateinisch, mit dem 13. Griechisch anfan- 
gen und dann in jeder Sprache etwas leisten solle ; jede fremde Sprache 
müsse im Zusammenhange mit der Muttersprache getrieben werden, dem- 
nach müsse wenigstens eine Classe eingerichtet werden, in welcher das 
Deutsche die Hauptsache sei; er stimme mit Dressler rücksichtlich des Eng- 
lischen ganz überein: nur eine neuere Sprache und zwar die französische; 
die Berufung auf J. A. Ernesti könne er nicht anerkennen, da derselbe ja 
auch die bürgerliche Baukunst aufgenommen; es sei damals eine Zeit gewe- 
sen, in welcher die Realien mit aller Gewalt in die Gymnasien eingedrungen 
seien; die Hecker'sche Realschule in Berlin habe zuletzt 10, ja 13 Lectio- 
nen täglich gehabt, weil sie alles Alte habe beibehalten wollen und doch 
vom Neuen möglichst viel aufnehmen. — Schöne: Nach der bisherigen 
Einrichtung habe das Durcheinander geherrscht, habe sich eine Fluth von 
Sprachelementenauf den Knaben angewälzt, die er nicht bewältigengekonnt; 
desshalb müsse als pädagogischer Grundsatz das Nacheinander angenom- 
men werden, d. h. der Schüler müsse, ehe er zu einer anderen übergehe, 
in der einen Sprache erst so weit sein, dass er sich in derselben fühle; 
erkenne man den Grundsatz: vom Leichtern zum Schweren an, so sei 
die Priorität der neueren Sprachen entschieden ; denn die neueren Spra- 
chen seien weltbekannt leichter als die lateinische und griechische; lasse 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 87 

man den Grundsatz gelten , dass vom Näheren zu dem Entfernteren über- 
gegangen werden müsse, so sei klar, dass die alten Sprachen in eine 
ganz fremde, die neueren in eine Welt, in welcher der Knabe fast zu 
Hause sei, einführten; das Lateinische sei bisher zum Schaden des La- 
teinischen zu früh angefangen worden; denn im 10. Jahre könne der 
Knabe den Bau der Sprache nicht begreifen, erst später nach längerem 
Lernen gehe ihm das Licht auf; er berufe sich auf die Erfahrung, dass 
ein Knabe, der im 14. Jahre Lateinisch angefangen, im J6. eben so weit 
sei, als Einer, der es im 10. begonnen; die Theorie, dass sich Lateinisch 
und Griechisch auf die französische Sprache nicht bauen Hessen, sei eine 
ganz leere Abstraction ; die neuern Sprachen würfen gewiss eben so viel 
Nutzen für die Erlernung der alten ab, wie diese für jene; endlich sei 
die Aussprache in den neueren Sprachen besonders wichtig, bekannt aber 
auch, dass dieselbe sich nur im früheren Alter erreichen lasse. Dress- 
ler: Dass die Kenntniss neuerer Sprachen für die wissenschaftlich Ge- 
bildeten nothwendig sei, und dass das Englische in den Kreis der Bildung 
aufgenommen werden müsse, werde Niemand leugnen; aber es sei nicht 
nothwendig, die Sprache so zeitig zu lernen, da man nicht zu gleicher 
Zeit auch die Literatur kennen zu lernen vermöge; man möge doch der 
Universität auch Etwas überlassen; es seien auf den Gymnasien nicht 
allein Sprachen zu erlernen, sondern die literarischen Erzeugnisse in den- 
selben; Sprachkenntniss könne an jeder Sprache erzielt werden, aber, 
wenn man dem Gymnasium die Betreibung der Sprachen ganz anheim 
gebe, so könne die Kenntniss der Literaturen gar nicht erreicht werden; 
deshalb bleibe er bei 2 in seinem Berichte stehen ; den Satz aus Nr. 3 
vertheidigt der Redner gegen Köchly damit, dass das Erlernen vom For- 
menwesen anerkannt das spätere Alter anwidere, demnach die englische 
Sprache, weil sie die einfachste in dieser Beziehung sei, sich am besten 
eigne, erst in späterem Alter begonnen zu werden; bei Nr. 6 äussert der- 
selbe ferner, dass er auf solche Schüler, welche Studien fortzuführen 
keine Lust hätten, gar nicht Rücksicht genommen habe. Kran er be- 
merkt gegen Schöne: Das Durcheinander, welches er als einen so grossen 
Fehler bekämpft habe, werde durch den von ihm vertheidigten Vorschlag 
nicht aufgehoben, da es ja gleich sei, mit welchen Lernobjecten der Knabe 
beschwert werde; es handle sich um 2 — 3 Jahre, in denen das Nach- 
einander gelten werde; er müsse die Weltanschauung, die durch das Fran- 
zösische gewonnen werde, näher bezeichnet wünschen; er frage, ob eine 
solche in bedeutendem Maasse durch die Grammatik, mit der doch das 
Studium auch dieser Sprache beginnen müsse, gewonnen werde; die la- 
teinische Sprache eigne sich durch ihr geschlossenes und naturwüchsiges 
Wesen für den Anfang des Sprachstudiums am besten; er spricht sich für 
den von Palm angegebenen Gang aus*) und beruft sich auf Mager, der 
das Latein nach dem Französischen für unmöglich erklärt habe. S c h äfe r 
geht von demPrincip des Gymnasiums aus; das nationale Princip fordere, 
dass von der Muttersprache, dem Deutschen, ausgegangen werde und die 



*) 8. Classe Beginn des Latein., 7. des Franz., 6. des Grie biseheu 



88 Bericht über die zweite Versammlung Sachs. Gymnasiallehrer. 

Berücksichtigung desselben müsse sich durch alle Unterrichtsfacher, auch 
durch die alten Sprachen hindurchziehen; das Alterthum müsse früher 
gelernt werden, weil auf ihm die moderne Bildung wurzele; demnach sei 
es auch das näher Liegende, weil es den Schlüssel zu dieser biete; es 
sei ferner die Frage, ob die Erlernung dessen, was an einer Sprache 
schwieriger, nicht für eine andere so erspriesslich sei, dass dadurch für 
diese ungemein Viel gewonnen werde; darnach müsse der Grundsatz vom 
Leichtern zum Schwerern modificirt werden ; das Latein habe durch seine 
logische Schärfe einen Vorzug vor allen Sprachen. Klar denken lernen 
sei die Grundlage aller Bildung, das Gemüthliche könne nicht aus der 
Sprache, sondern nur aus der Literatur gewonnen werden. Zum Beweise, 
was durch das Lateinische für das Französische gewonnen werde, führe 
er an, wie durch pater der Zusammenhang zwischen pire und paternell, 
durch lex zwischen loi und legislation erklärt werde; der Wortvorrath 
in der französischen Sprache gewinne ungemein durch die Kenntniss des 
Lateinischen; wenn man die neueren Sprachen systematischer und wissen- 
schaftlicher betreiben werde, dann würden sie im spätem Alter auch 
leichter werden; er stimme für Aufnahme des Englischen, aber nicht schon 
im Progymnasium, sondern erst im Gymnasium j die Leichtigkeit der 
Formen spreche nicht für den frühzeitigen Beginn desselben, da, wie be- 
kannt, die Armuth an Formen durch die Mannichfaltigkeit des Satzbaues 
ersetzt werde; die Begreifung dieses erfordere einen bereits logisch ge- 
bildeten Geist; wolle man die englische Literatur in das Gymnasium von 
Unten an aufnehmen, so würde ein wahrer Wust in dem Knaben erzeugt 
werden; gegen Köchly müsse er bemerken: wenn die Gelehrten in poli- 
tischen Angelegenheiten den Volksverführern unterlägen , so sei dies 
daher gekommen, weil sie sich nicht gleicher Mittel wie diese bedient; 
dies aber mache ihnen nur Ehre; für die Gleichheit der Bildung sei 
daraus Nichts abzuleiten; die Annahme der Priorität der neuern Sprachen 
sei eine Lebensfrage für die Gymnasien. 

Auf Beschluss der Versammlung wurde hier die Sitzung wegen vor- 
gerückter Zeit abgebrochen, den bereits angemeldeten Sprechern aber 
das Wort für den Nachmittag vorbehalten. 

Zweite Sitzung an demselben Tage Nachmittags %4 Uhr. Nach- 
dem das Protokoll von der ersten Sitzung durch den SchriftführerDietsch 
verlesen und von Blochmann und Wunder aus Grimma mitvoll- 
zogen war, kam der Vorsitzende auf den am Vormittag aus Versehen 
nicht zur Erledigung gelangten Antrag Hoffmann's zurück, dass bei 
Einführung einjähriger Curse im Progymnasium vorzüglich tüchtige Schü- 
ler auch nach einem halben Jahre möchten versetzt werden können. 
Blochmann hielt diesen Antrag für überflüssig, da auch in höheren 
Classen den Lehrercollegien das Recht, solche Ausnahmen eintreten zu 
lassen, nicht entzogen werden könne. Ebenso erklärte Köchly den 
Antrag für selbstverständlich, desgleichen Klee, doch stellte derLetztere 
die grösste Vorsicht bei solchen ausserordentlichen Versetzungen als noth- 
wendig dar, damit durch dieselben die Jahrescurse nicht leiden möchten. 
Der Antragsteller fasstc bei diesen Erklärungen Beruhigung. 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 89 

Indem nun die Versammlung zur Fortsetzung der unterbrochenen 
Verhandlung über I, 2 und 3 des Programms überging, verlas der Vor- 
sitzende folgenden Antrag von Palm: ,,Es mögen an die Stelle der 
§§. 18 bis 20 des Berichts von Köchly*) folgende Worte treten: Obwohl 
die Aufgabe aller Schulen die Bildung auf christlich nationaler Grund- 
lage ist, so ist doch ein nicht zu spätes Auseinandertreten der niederen 
und höheren Volksbildung so wie des Gymnasium« und der höheren Bür- 
gerschule (Realschule) nöthig, damit jede Anstalt eine möglichst durch 
greifende Einheit des Charakters bewahre. Das Gymnasium besteht 
daher a) aus dem Progymnasium, welches seine Zöglinge mit dem 
10. Jahre aufnimmt und die Fertigkeit im Lesen und Schreiben der Mutter- 
sprache, im Rechnen der 4 Species mit unbenannten Zahlen, Kenntniss 
der biblischen Geschichte, einige Geschichtskenntniss und die geogra- 
phischen Vorbegriffe bei ihnen voraussetzt. Es besteht aus drei Classen 
mit einjährigen Cursen , umfasst dieselben Unterrichtsgegenstände wie 
die entsprechenden Altersclassen höherer Bürgerschulen, nimmt aber (für 
den besonderen Zweck der Vorbereitung auf das Gymnasium) beim Be- 
ginn des 2. Jahrescurses den lateinischen Unterricht, im dritten den f ran 
zösischen auf; b) aus dem Gymnasium, dessen eigenthümliche Bildungs- 
mittel die alten Sprachen sind , das jedoch die im Progymnasium erwor- 
benen Kenntnisse in geeigneter Weise fortführt. §. 19. Das eigentliche 
Gymnasium soll fortan aus sechs Classen , jede mit einjährigem Lehrern sus, 
einjähriger Aufnahme und Versetzung bestehen. §.20. In den Gymnasial- 
städten, in welchen es noch an wohl eingerichteten Realschulen fehlt, sind 
Parallelclassen mit Quarta und Tertia zu errichten, welche die höhere Aus- 
bildung für Nichtstudirende zu Ende zu führen, den lateinischen Unterricht 
nur in beschränktem Maasse fortzusetzen , dagegen das Französische und 



*) §. 18: Es ist fortan Grundsatz, so lange als irgend möglich alle 
Kinder auf einer gemeinschaftlichen Grundlage der Bildung zu erziehen, 
die trennende Vorbildung für den künftigen Beruf so spät als möglich 
eintreten zu lassen. Indem nun die Gymnasien auf der gemeinsamen 
menschlich volksthümlichen Grundlage die allgemeine Vorbereitung zu den 
"wissenschaftlich gelehrten Fachstudien gewähren, so erwachsen sie: 1) aus 
der allen Kindern des Volkes gemeinsamen Elementarbildung der Volks- 
oder niedern Bürgerschulen; .gehen sodann "2) durch den auf die 
neueren Cultursprachen ( ,die neueren Cultursprachen" eventuell, wenn der 
diesfallsige Antrag durchgeht) und die Elemente der Mathematik und 
Naturwissenschaft gerichteten Cursus der unteren Classen einer Real- 
und höheren Bürgerschule hindurch, und nehmen erst dann 3) dem 
ihrer besondern Bestimmung entsprechenden historischen Grund principe 
gemäss die alt clas sis chen 8 1 udi en als ihr eigenthumlich.es Bildungs- 
mittel auf, führen jedoch die auf den ersten beiden Vorstufen erworbe- 
nen Kenntnisse in geeigneter Weise fort. §. 19. Das eigentliche Gym- 
nasium, insoweit es die unter l und 2 angedeuteten Bildungsstufen voraus- 
setzt, soll fortan aus 6 Classen mit einjährigem Lehrcursus, einjährigen 
Aufnahmen und Versetzungen bestehen. §. 20. Da es uns aber noch an 
wohleingerichteten Realschulen fehlt, so würden jetzt die mit den Gym- 
nasien verbundenen Progymnasien zu solchen Realschulen umzugestalten 
sein, welche zugleich von Nichtstudirenden, für diese noch durch zwei 
oder mehre Oberclassen vermehrt, besucht werden. 



90 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

die exacten Wissenschaften in grösserer Ausdehnung zu behandeln und das 
Englische als Lehrgegenstand aufzunehmen haben." Palm führte bei der 
Motivirung dieses seines Antrags an: in Beziehung auf das Progymnasium 
erscheine ihm ein zweijähriger vorbereitender Corsas für die alten Spra- 
chen ausreichend , aber darum sei er nicht gegen die Einrichtung von 
9 Classen, in der Meinung, es könne förderlich sein, wenn eine Classe 
mit der deutschen Sprache anhebe, obgleich er erkenne, dass auch der 
Vorschlag des Ausschusses für die Nationalitätsbildung , hier schon das La- 
teinische anzufangen, Vieles für sich habe; die Parallelclassen schlage 
er vor, um so weit wie möglich die Einheit des Unterrichts festzuhalten; 
das Lateinische scheine ihm um des formalen Nutzens willen auch für die 
Realschule nothwendig, wie das in der Praxis und neuerdings bei der 
hannoverischen Lehrerversamralung anerkannt worden sei. Sein Antrag 
findet ausreichende Unterstützung. Köchly protestirte im Namen der 
Realschule dagegen , dass das Latein um des formalen Nutzens willen für 
diese nothwendig sei, und ging dann von Neuem auf die Frage wegen der 
Stellung der neueren Sprachen ein; gemäss der in Leipzig angenommenen 
Feststellung des Grundprincips der Gymnasien müsse anerkannt werden, 
dass die neueren Sprachen gleich berechtigt neben den classischen stehen; 
durch die Priorität der neueren Sprachen werde an diesem Principe Nichts 
verändert; die Gemeinsamkeit der Volksbildung könne durch gleiche Be- 
handlung in verschiedenen Lehranstalten erreicht werden und er sei keines- 
wegs dafür, dass sie zu weit ausgedehnt werde; die Behauptung, ein zu 
grosser Sprachstoff dringe auf die Schüler ein, erledige sich bei einem 
Theile dadurch, dass derselbe gar nicht zu den alten Sprachen komme, 
sondern früher schon in das praktische Leben oder andere technische etc. 
Lehranstalten übergehe ; der andere Theil seien dann eben die gereif- 
teren , welche bereits Talent und Trieb für die Studien bewiesen 
hätten; man solle ihm ja nicht die Absicht unterschieben, als gedenke er 
die alten Sprachen auf einem Umwege zu beseitigen. Unsere Gymnasial- 
schüler würden allerdings vier fremde Sprachen erlernen, aber auf einem 
einfacheren und naturgemässeren Wege als bisher; es solle jede der neue- 
ren Sprachen sofort bei ihrem Beginne mit 8 Stunden angegriffen werden, 
aber so, dass die Leetüre vorherrsche, überhaupt die Methode mehr auf 
das Leben eingehe; so werde nach einem Jahre französischen Unterrichts 
der Schüler eine Schrift, z.B. etwa Florian, mit Vergnügen lesen können; 
Manche, welche für die Priorität der neueren Sprachen seien, wünschten 
doch das Englische beseitigt zu sehen; indess entstehe dann das Missver- 
hältniss, dass die Realschulen in einem Gebiete die Schüler auf die Uni- 
versität besser vorbereitet entHessen als die Gymnasien, was nicht sein 
solle; das Englische und Französische sollten nach dem in der metallo- 
graphirten Schrift enthaltenen Plane in den oberen Classen aus dem Unter- 
richte wieder wegfallen, weil die eigentliche Literatur auf die Univer- 
sität gehöre; es sei seine Ansicht, dass die in den unteren Classen ge- 
wonnenen Kenntnisse jener Sprachen in den Oberclassen benutzt und auf- 
gefrischt werden sollten, z. B. im deutschen Unterrichte durch Beispiele 
für die Poetik oder Rhetorik, oder indem für aufgegebene Arbeiten die 



Bericht über die zweite Versammlung säcbs. Gymnasiallehrer. 91 

Durchlesung einer französischen oder englischen Schrift verlangt werde; 
wenn Zeit dazu vorhanden sei, könne er prinzipiell Nichts dagegen haben, 
wenn in den oberen Classen '2 Stunden für beide Sprachen angesetzt wer- 
den sollten; es sei ferner behauptet worden, die Formen würden im spä- 
teren Alter schwerer erlernt; dem sei jedoch nicht so, sondern später 
könne die Formenlehre rationell behandelt werden und dies gewähre Er- 
leichterung , für den Schüler sogar grösseres Interesse; er frage die An- 
wesenden, ob sie nicht bei der griechischen Formenlehre, welche doch 
von Allen später gelernt würde als die lateinische, diese Erfahrung gemacht 
hätten; endlich müsse er sich gegen die Ansicht aussprechen; aismüsse der 
lateinische Unterricht die Grundlage für die sprachlich-grammatische Bil- 
dung überhaupt bilden; die bei dieser Ansicht obwaltenden Rücksichten 
fänden nur bei dem künftigen Fachgelehrten Anwendung; zum Schluss 
empfiehlt der Redner folgende FVagstellung : 1) Soll das Englische auf- 
genommen werden? 2) Sollen die neueren Sprachen die Priorität haben? 
3) Soll das Französische die Priorität haben ? und trägt auf Abstimmung 
durch Namensaufruf über diese Fragen an. Der Vorsitzende erwidert, 
dass er selbst schon eine gleiche Fragstellung gebildet, nur werde auch 
noch eine Frage auf die Eintheilung des Gymnasium in 9 Classen gestellt 
werden müssen. Klee erklärt, er müsse, obgleich er auf die neueren 
Sprachen einen sehr hohen Werth lege, gerade um dieser selbst willen 
und im Interesse der Schüler gegen die Priorität derselben stimmen; es 
erhebt sich hier bei ihm vor allen Dingen die Frage , was der Schüler in 
diesen Sprachen lesen solle; für die Schüler des Mittelgymnasium finde 
sich im Französischen nur eine Reihe höchst mittelmässiger Schriftsteller, 
da doch nur diejenigen Schriftsteller sich für das Gymnasium eigneten, 
welche in die tüchtigsten Seiten des französischen Wesens einführen; unter 
den Schriftstellern des Alterthums eigne sich z. B. C. Jul. Caesar viel 
besser zur Leetüre der Mittelclassen, als Florian, Rollin oder gar Stücke 
von Racine; letztere seien in Prima ganz nützlich, in einer Mittelclasse 
nicht; im Englischen steigere sich das noch; es gebe zwar Bücher, aber 
nicht solche, welche als testes linguae oder testes ingenii der englischen 
Nation vorgeführt zu werden verdienten; man werde den Mittelclassen 
nur schales Bier statt guten Weines bieten, gerade nun aber in den oberen 
Classen, wo den Schülern das Verständniss des Modernen näher trete, 
solle nach dem vorgelegten Plane der Unterricht in den neueren Sprachen 
aufhören und man wolle sich da auf den Privatfieiss der Schüler allein ver- 
lassen ; darauf aber könne man nicht trauen und um so weniger, da die 
mittelmässige Kost, bei der die Schüler aufgewachsen, keinen Reiz zunick- 
lassen könne; diese Erfahrung habe er an sich selbst gemacht; da er auf 
der Schule nur mittelmässige Schriftsteller kennen gelernt, habe er auf 
der Universität zu seinem späteren Leidwesen anfänglich alle französischen 
Bücher in den Winkel geworfen; bei dem französischen Unterrichte sei 
es eine allgemeine Erfahrung, dass die Schüler schwer anbissen ) dies 
werde anders werden, wenn man in den oberen Classen anfange; dann 
könne etwas Ganzes gelesen werden und dadurch würden die Schüler ein 
tieferes Interesse gewinnen; fange man in den unteren Classen mit dein 



62 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

Lateinischen an, so werde man, wenn nach einem Jahre das Französische 
hinzutrete, schon einen nicht unbedeutenden Nutzen wahrnehmen ; dies 
zeige sich schon bei der Declination , in der Conjugation sei das Fran- 
zösische schwerer als das Lateinische, der Schüler habe eine grössere 
Menge von Formen und zwar von corrumpirten zu lernen; rücksichtlich 
des Lexicalischen brauche er nur auf das zu verweisen, was Schäfer in 
der ersten Sitzung auseinandergesetzt; dann müsse er aber noch hinzufügen, 
ob etwa die Franzosen das Lateinische leichter lernten als die Deutschen ; 
Nichtstudirte, z.B. Kaufleute, die nur einen geringen Anfang im Lateini- 
schen gemacht, hätten ihm gestanden, wie wesentlich sie durch ihre ge- 
ringe Kenntniss des Lateinischen in dem Studium der neueren Sprachen 
gefördert worden seien, was das Englische betreffe, so wünsche er, es 
könnte in den Kreis der Schulfächer hereingezogen werden, nicht etwa 
wegen des Einflusses, den die englische Poesie auf die deutsche geübt — 
denn dann würde man mit demselben Rechte auch das Spanische und 
Italienische verlangen, sondern damit der Schüler wirklich kernige und 
patriotische Schriftsteller, an denen das englische Volk reich sei, kennen 
lerne; wenn aber das Englische hereingenommen werden solle, so müsse 
es auf andere Weise geschehen, als Köchly und Genossen vorgeschlagen 
hätten; denn wenn man, um Raum für das Englische zu gewinnen, die 
Geographie in mehreren Classen auf 1 Stunde und daneben die Geschichte 
auf "2 Stunden beschränke, so möge man jenen Gegenstand lieber ganz 
streichen; er gebe zu bedenken, dass man im Englischen bei einer kleinen 
Stundenzahl in einem Jahre mit einer Classe es leicht dahin bringe, gute 
Schriftsteller zu lesen. Endlich fühle er sich noch zu einer Bemerkung 
bewogen : das Latoin werde zwar von vielen Realschulen verbannt, und 
dennoch sei einige Fertigkeit in demselben für manche Stände, welche 
ihre Ausbildung in Realschulen suchten, wünschenswerth; die Erlernung 
des Französischen sei keine Feuerprobe für Befähigung zum Studium der 
alten Sprachen ; er halte es für zweckmässig, mit dem Latein zu beginnen, 
dann das Französische, hierauf das Griechische, endlich in drei oder vier 
oberen Classen das Englische zu lehren; was den Antrag von Palm be- 
treffe, so mache er aufmerksam, dass es sonderbar klinge, das Gym- 
nasium besteht aus dem Progymnasium und Gymnasium; er wünsche diese 
Scheidung ganz aufgehoben, um so mehr, als häufig die im Gymnasium 
beschäftigten Lehrer auf ihre Collegen im Progymnasium wie auf Unter- 
lehrer herabsähen; er beantrage: man nenne das Ganze Gymnasium und 
scheide es in Unter-, Mittel- und Obergymnasiuro. Mit dem letzteren 
Antrag erklärten sich Palm und Köchly ganz einverstanden und bereit, 
diese Bezeichnung in ihre Anträge aufzunehmen. Wunder aus Grimma 
stellt den Antrag: die allgemeine Debatte zu verlassen und die Verhand- 
lung auf folgende einzelne Punkte zu theilen: 1) über die Priorität der 
neueren Sprachen ; 2) ob das Englische zugelassen werden solle und 
a) ob in den unteren oder oberen Classen und b) ob obligatorisch oder 
facultativ. Per Antrag findet keine ausreichende Unterstützung. Hier- 
auf bemerkte Wunder aus Grimma, dass, wenn das Englische einmal 
aufgenommen weiden solle, er sich entschieden für dessen Fortführung 



Bericht über die zweite Versammlung Sachs. Gymnasiallehrer. 93 

durch alle Classen erklären müsse; aber, dass für dasselbe in allen be- 
stimmte Lehrstunden angesetzt würden, dem stünden bedeutende Beden- 
ken entgegen; vor Allem müssten die Lehrer in geschlossenen Anstalten, 
welche am meisten Gelegenheit hätten, derartige Erfahrungen zu machen, 
erklären, dass schon jetzt die aufgenommenen Lehrfächer von den Schü- 
lern kaum bewältigt werden könnten, von den begabten nicht, viel we- 
niger von den mittelmässigen , deren Zahl die grössere sei ; gegen die 
facultative Aufnahme des Englischen in den oberen Classen wolle er sich 
nicht erklären. Löwe: Als Lehrer einer der neueren Sprachen müsse 
er verlangen , dass das Französische gründlicher betrieben werde als 
bisher; es scheine ihm nothwendig, dasselbe von unten herauf bis zum 
Ende des Gymnasium durchzuführen; den Studenten auf der Universität 
zu überlassen, dass sie sich mit der Formenlehre und Aussprache des 
Englischen abgäben , erscheine ihm unzweckmässig, es möge in den oberen 
Classen mit 2 Stunden getrieben werden, dies werde ausreichen; was 
den Mangel an zur Leetüre geeigneten Schriftstellern in der französischen 
Literatur anlange, so erkenne er an, dass Florian zu bombastisch sei; 
auch die Leetüre von Racine und Corneille neben den altclassischen Tra- 
gikern in den oberen Classen möchte er nicht vorschlagen, aber man 
nehme Louis XI. von Delavigne, Napoleon von AI. Dumas; ferner Berquin 
für das Progymnasium, Aug. Thierry für die höheren Classen; im Eng- 
lischen weise er auf Walter Scott's Erzählungen eines Grossvaters als 
eine passende Leetüre hin; dass das Französische corrumpirt sei, könne 
er nicht zugeben ; übrigens stimme er für die Priorität des Französischen 
auf Grund des naturgemässeren Fortschreitens vom Leichteren zum 
Schwereren. Schöne spricht zur Widerlegung der gegen seine frühere 
Rede gemachten Einwendungen ; die Annahme der Priorität der neueren 
Sprachen sei das einzige Mittel, den pädagogischen Grundsatz des Nach- 
einandertreibens der Sprachen zur Wahrheit werden zu lassen; fange man 
mit den alten Sprachen an, so griffen die Elemente der einen Sprache 
noch in die Elemente einer neuen ein und so entstehe ein Durch- und 
Ineinander; es sei ihm nicht widerlegt worden, dass das Latein für einen 
Knaben von 10 oder 11 Jahren noch zu früh sei, weil es zu abstract sei; 
der Schluss von Schäfer, man müsse mit dem Alterthum anfangen, weil 
auf ihm die Bildung der neueren Zeit beruhe und es das eigentliche Element 
des Gymnasium sei, widerspreche der Logik; man könne nur mit einem 
antiken Gewissen so Etwas aussprechen, er seinerseits wolle den Knaben 
nicht zu früh von sich und dem Realen entfernen und in die dialektisch- 
kritische Richtung hineinziehen; an passenden Schriftstellern für die un- 
tern und mittlem Classen werde kein Mangel sein ; dass das Franzö- 
sische für die Erlernung des Lateinischen bedeutenden Nutzen abwerfen 
werde , bezweifle er gar nicht , die Erfahrung werde es bestätigen. 
Albani fordert auf, die Gründe zu widerlegen, welche er und seine 
Freunde vorgebracht hätten; sie seien praktischer, pädagogischer nnd 
politischer Art; dass ihr Weg der rechte sei, dafür werde schon die 
Frequenz der Gymnasien Zeugnis« ablegen; er könne, da er selbst die ent- 
gegengesetzte Erfahrung gemacht habe, nicht anerkennen, dass die neueren 



94 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

Sprachen dem jugendlichen Geiste widerstünden. Schlurick motivirt 
seine künftige Abstimmung: von dem praktischen Standpunkte aus müsse 
er sich gegen die Priorität des Englischen erklären; in Bezug auf die 
Pädagogik mache er geltend , dass den Engländern und Franzosen es 
noch niemals eingefallen sei, von dem Deutschen im Sprachunterrichte 
auszugehen; was den politischen Gesichtspunkt betreffe, so erwarte er, 
dem werde durch die politische Neugestaltung unseres Vaterlandes 
genügt werden; über die Zulassung des Englischen in den oberen Clas- 
sen sei er mit Klee einverstanden; dem Französischen die Priorität zuzu- 
gestehen sei er geneigt; es möge damit ein Versuch gemacht werden. 
B lo ch in a im : Er glaube seine 20jährige, an seinem Real- und humani- 
stischen Gymnasium gemachte Erfahrung geltend machen zu dürfen ; das 
erstere enthalte theils Schüler , welche nie Latein gelernt hätten, theils 
solche, die im Progymnasium und in Quarta, Tertia im Latein geübt wor- 
den seien; nun sei es eine in vielen Conferenzen ausgesprochene und von 
allen seinen Collegen anerkannte Thatsache, dass die Letzteren stets vor 
den Ersteren einen entschiedenen Vorzug gehabt; dieselbe Erfahrung sei 
gemacht worden bei solchen, die aus dem Gymnasium auf Militär oder 
technische Bildungsanstalten übergegangen seien, und viele Eltern, deren 
Söhne einen realistischen Bildungsgang einschlagen sollten, hätten deshalb 
für dieselben den Gang durch das Gymnasium bis einschliesslich Tertia 
gewählt; das Französische schon in den unteren Classen neben dem La- 
tein zu lehren biete keine besonderen Nachtheile; das Englische sei in 
seinem Gymnasium stets in den obersten Classen 3 Jahre lang in zwei 
wöchentlichen Stunden und zwar mit solchem Erfolg getrieben worden, 
dass die Schüler die Leetüre des Shakespeare mit Lust begonnen hätten. 
Graf II. schliesst sich der Ansicht Klee's an, dass die Schüler durch 
den vorausgegangenen lateinischen Unterricht im Französischen gefördert 
würden; umgekehrt sei es nicht so der Fall; das Englische rathe er 
fern zu halten; werde es im Progymnasium begonnen, so werde Ueber- 
füllung entstehen, im Gymnasium werde sich keine Zeit dafür finden; er 
könne nur dafür stimmen, dass 2 englische Stunden facultativ in Prima 
dazuträten; hinsichtlich Florian bemerke er, dass derselbe nur noch in 
Deutschland auf Schulen gelesen werde, in Frankreich denke Niemand 
mehr an ihn. Palm erinnert daran, dass nach dem Plane von Köchly 
die zu realistischen Fächern bestimmten Schüler doch noch zum Lateini- 
schen kommen würden, nach seinem Antrage blieben die Schüler nur in 
den unteren Classen zusammen ; er halte für nothwendig, dass das Alter- 
thum das Lebenselement des Gymnasiums bleibe; vom historischen Stand- 
punkte, der Einwirkung der Literatur auf die unsrige, auf die Frage 
einzugehen sei unmöglich ; denn es musste dann ja auch die zum Theil 
verderbliche Einwirkung der französischen Litteratur auf die unsrige bei 
dem Schüler reproducirt werden. Für Fiebig's hier gestellten Antrag 
auf Schluss der Debatte ergab sich anfangs Stimmengleichheit; da jedoch 
Köchly seine Abstimmung für denselben zurückzog , so wurde die Fort- 
setzungangenommen. Köchly erwidert auf Klee's Bemerkung über den 
Mangel zweckmässiger Leetüre für die Mittelstufe: Florian habe er nicht, 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 95 

weil er den Schriftsteller empfehlen gewollt, genannt, sondern nur zu einem 
Beispiele, wie weit die Schüler nach einem Jahre zur Leetüre befähigt sein 
könnten; im Lateinischen stehe es mit geeigneten Schriftstellern weit 
schlimmer, Cornel, Justin, Eutrop verdienten nicht den Schülern in die 
Hände gegeben zu werden ; wenn er seinen Ansichten allein folgen sollte, 
so würde er mit dem Griechischen vor dem Lateinischen beginnen und 
zwar mit der Odyssee; das sei eine Leetüre für die Jugend ; bei den 
lateinischen Schriftstellern herrsche einseitig der Verstand vor, unter 
Zurücktreten des Gemüthlichen; es fehle in dieser Literatur das Mär- 
chen, die Thiersage u. dergl., naturgeschichtliche Stolle suche man ganz 
vergebens ; die französische und englische Literatur aber böten solche 
in trefflicher Fassung; es werde nicht schwer fallen, zwar nicht ganze 
Schriftsteller, aber Lesestücke in hinreichender Zahl auszuwählen; stelle 
er nun die lateinischen Schriftsteller entgegen, so sei Cäsar sehr schwer, 
wenn er recht verstanden werden solle; man müsse gerade bei ihm Vieles 
zwischen den Zeilen lesen; überhaupt sei es ein Aberglaube, wenn man 
die Verhältnisse des Alterthums für so einfach erkläre ; die Römer hätten 
ihre diplomatischen und politischen Verwickelungen so gut gehabt wie 
wir; nicht die Geschichte selbst sei einfach, sondern nur die Art, wie 
sie erzählt werde; auch er müsse, wie Albani, aus eigner Erfahrung be- 
stätigen, dass die Schüler für das Französische sogar höheres Interesse 
hätten; er habe wider Willen in Tertia der Kreuzschule zwei franzö- 
sische Stunden übernommen und gefunden, dass, indem er schnell gelesen, 
die Schüler mit Eifer sich sogar mehr und weiter präparirt hätten , als 
er selbst gefordert ; er gebe zu, dass Schüler, welche Latein gelernt hät- 
ten, leichter Französisch lernten ; aber warum sollten Schüler, die auf der 
Mittelstufe das Gymnasium verliessen, mit der lateinischen Declination 
und Coivjugation sich plagen müssen; corrumpirt könne er die franzö- 
sischen Formen nicht nennen, sie seien durch organische Entwicklung 
entstanden; mit gleichem Rechte müsse man dann auch das Neuhoch- 
deutsche als aus dem Gothischen corrumpirt bezeichnen ; wenn man sage, 
dass wegen ihres Einflusses auf die deutsche Literatur auch Spanisch 
und Italienisch aufgenommen werden müssten , so entgegne er, dass diese 
Völker einen solchen Einfluss wie die Engländer und Franzosen auf un- 
sere Literatur doch nicht geübt hätten ; Stunden für die oberen Classen 
halte er nicht für nothwendig, aber er werde Nichts dagegen haben; mit 
der engl. Sprache anzufangen erscheine ihm jetzt noch nicht zeitgemäss, 
nach 10 Jahren werde es vielleicht geschehen müssen. Dressler will 
sich mit zwei kurzen Bemerkungen begnügen: 1) es fehle in der franzö- 
sischen Literatur an Material, d. h. an passenden Schulausgaben; 2) die 
Knaben bissen am Französischen schwer an , d. h. man halte es ihnen 
nicht lange genug vor, dass sie anbeissen könnten. Oertel: Er könne 
nicht anerkennen, dass die neueren Sprachen, wenn sie nicht bis zur 
ersten Classe fortgeführt würden, den gehörigen Nutzen gewährten; auf 
den Privatfleiss und den Trieb könne man nicht bauen; die Berücksich- 
tigung durch den Lehrer des Deutschen sei auch nicht ausreichend ; ein- 
mal begonnen , müssten die beiden neuern Sprachen auch fortgeführt 



96 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

werden, und da dies zu viel sei, so müsse das Englische wegfallen. Klee 
bemerkt, Chrestomathien könnten in den mittleren Classen bei der 
grossen Kenntniss, welche die Schüler gewonnen haben würden, und 
überhaupt nicht durch mehrere Classen ausreichen; bei der Behaup- 
tung , dass die französischen Formen corrumpirt seien , müsse er 
stehen bleiben ; die neuhochdeutschen seien eben so im Vergleich 
mit den mittelhochdeutschen corrumpirt; was das gegen die Einfach- 
heit der alten Schriftsteller Gesagte betreffe, so verstehe es sich von 
selbst, dass Niemand die augusteische Zeit für eine einfache erklären 
werde; ein Mann werde die alten Schriftsteller stets anders lesen als 
ein Jüngling und ein Knabe; aber das Alterthum habe etwas Plastisches; 
die Charaktere der alten Geschichte treten uns in viel bestimmteren und 
einfacheren Umrissen entgegen als die aus der neueren Geschichte; wenn 
man gesagt habe, der lateinische Unterricht treibe sich zu lange in Sätzen 
und Satzbildung herum , so habe man damit eine falsche Methode getrof- 
fen, die auch bei dem Französischen angewandt werde, aber überall ver- 
werflich sei, gegen die Sache folge Nichts daraus; was das Abstracte der 
lateinischen Sprache betreffe, so sei die französische Syntax so abstract 
wie die keiner anderen Sprache. Schaarschmidt erklärt, dass er als 
Lehrer des Gymnasium zu Budissin gegen die Einführung des Englischen 
in die unteren Classen stimmen müsse, weil in dasselbe viele Wenden 
eintreten, die erst das Deutsche zu erlernen hätten; wie viele Sprachen 
würden diese zu erlernen haben ? — Es hatte sich kein Redner mehr ge- 
meldet; Köchly verzichtete auf das Schlusswort. Palm bemerkte 
noch, dass der Antrag von Oertel, Klee und Dietsch (s. oben D.) in Be- 
treff des Untergymnasium principiell mit dem seinigen übereinstimme, 
worauf Dietsch berichtigte, dass sie keinen Antrag stellen, sondern 
nur eine Zusammenstellung, durch welche die Stundenzahl veranschaulicht 
werde, geben wollen. Nach einigen Bemerkungen über die Fragstellung 
machte Palm darauf aufmerksam, dass Köchly in seinem Berichte §. 18 
von dem in Leipzig angenommenen Antrage abgegangen sei, indem er 
für christlich-nationale jetzt menschlich-volksthümliche Grundlage gesetzt 
habe, worauf Köchly erwidert, er habe dies mit Absicht gethan, uin 
seine Fassung in Einklang mit den auf der Eisenacher allgemeinen Lehrer- 
versammlung gefassten Beschlüssen zu setzen. In Bezug auf die 1. Frage: 
Soll das Englische als obligatorischer Lehrgegenstand in das Gymnasium 
aufgenommen werden? wurde die beantragte namentliche Abstimmung mit 
Stimmenmehrheit (20 gegen 17, Mehrere enthielten sich derselben) ab- 
gelehnt, die Frage selbst mit 21 gegen 18 verneint. Die zweite Frage: 
Soll das Englische facultativ gelehrt werden ? wurde gegen eine Stimme 
bejaht. Dressler erklärte, dass er allein dagegen gestimmt, weil er 
überhaupt keinen facultativen Lehrgegenstand zulassen möge. Bei der 
3. Frage: Soll den neueren Sprachen die Priorität vor den alten zugestan- 
den werden? wurde der Namensaufruf beliebt, und es antworteten von 
40 Abstimmenden: 32 mit Nein (nämlich Lipsius, Dietrich, Schäfer, Hoff- 
mann, Wunder aus Grimma, Löwe, Heibig, Zestermann , Klee, Müller, 
Kreussler, Kraner, Oertel, Kreyssig, Dietsch, Wunder aus- Meissen, 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 97 

Graf IL, B'iebig, Lachmann, Franke, Palm, Flügel, Blochmann, Schaar- 
schmidt, Dressler, Schlurick , Kuniss , Fleischer, Milberg, Graf L, 
Tittmann und Benseier), 8 mit Ja (Albani, Kämmel, Baltzer, Köchly, 
Schöne, M. Lindemann, Erler und Jahn). Die 4. Frage: Soll dem 
Französischen die Priorität zugestanden werden? wurde bei namentlicher 
Abstimmung unter 40 Stimmenden von 23 verneint (Lipsius, Dietrich, 
Schäfer, Hoffmann, Wunder aus Grimma, Heibig, Zestcrmann, Klee, 
Müller, Kreussler, Kraner, Kreyssig, Wunder aus Meissen, Graf IL, 
Fiebig, Franke, Palm, Flügel, Blochmann, Dressler, Kuniss, Titt- 
mann, Benseier), von 16 bejaht (Albani, Löwe, Oertel , Dietsch, Käm- 
mel, Baltzer, Schaarschmidt, Köchly, Schöne, Schlurick, Frier, Flei- 
scher, M. Lindemann, Milberg, Graf I., Jahn), Einer, Lachmann, ent- 
hielt sich der Abstimmung. Nach Abwerfung dieser Frage erklärten 
Köchly, M. Lindemann, Baltzer, Jahn, Erler, Schöne, Kämmel, Albani, 
sich der ferneren Abstimmung über die Stellung der neueren Sprachen in 
dein Gymnasium enthalten zu wollen. Die auf Vorschlag Schäfer's ge- 
stellten beiden Fragen: 1) Soll das Englische in den letzten beiden Classcn 
zwei Jahre hindurch facultativ gelehrt werden ? und 2) Soll das Fran- 
zösische in der nächsten Classe nach der, in welcher das Lateinische beginnt, 
angefangen werden? wurden mit grosser Mehrheit bejaht. Die Frage, 
ob das Französische durch alle Classen gelehrt werden solle, wurde, da 
kein Widerspruch stattfand, als durch die Abstimmung über die vorher- 
gehende mit bejaht angenommen. Die Frage endlich : Soll das Gymnasium 
aus 9 Classen bestehen, so dass auf jede der $ Abtheilungen, Unter-, Mittel- 
und Obergymnasium , je iClassen mit einjährigen Cursen gerechnet werden, 
wurde einstimmig bejaht. In Folge dieser Abstimmung erklärte Köchly 
die Frage über seine Fassung der §§. 18 — 20 und den Palm'schen Antrag» 
für erledigt. Nachdem noch eine Bitte von Heibig: ,,die Versamm- 
lung möge sich ernstlich vornehmen, in den zwei für morgen bestimmten 
Sitzungen mit Abschnitt II. des Programms „Unterrichtsfächer" vollständig 
fertig zu werden, daher das Detail in den Verhandlungen möglichst bei 
Seite lassen'', von Köchly damit befürwortet war, dass es Zeit sei, die 
Lehrer Sachsens dächten auch an sich; sie hätten bisher rühmlicher Weise 
zuerst die Schule im Auge gehabt, ihre äusseren Verhältnisse, denen in 
anderen Ländern vorzugsweise die Verhandlungen gewidmet gewesen, 
gänzlich bei Seite gelassen, und Dietsch gebeten hatte, Anträge zum 
Berichte des Deutschen u.s. w. Ausschusses zeitig schriftlich einzugeben, 
wurde die Sitzung um 8 Uhr beendet. 

Dritte Sitzung am 29. December Vormittags %9 Uhr. Nach Ver- 
lesung des Protokolls von letzter Sitzung durch den Schriftführer Schäfer 
und dessen Mitvollziehung durch Tittmann und Löwe, erklärt Wunder 
aus Grimma über seine gestrige Abstimmung zu Protokoll : er sei nicht 
vollkommen überzeugt gewesen, ob das Französische vor dem Lateinischen 
getrieben werden solle oder nicht; wegen dieses: Non liquet, habe er so, 
wie das Protokoll besage, gestimmt, für Beibehaltung der bisherigen Un- 
terrichtsweise. Baltzer erklärt, dass er sich bei seiner gestrigen Ab- 
stimmung über die 9 Classen des Gymnasium übereilt habe, indem nach 
TV. Jahrb. f. Phil. u. Paed. od. Krit. Bibl. Dd. LV. Hfl. I. f 



98 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

Annahme der Priorität des Lateinischen dadurch ein 9jähriges Studium 
des Lateinischen eingeführt erscheine, wogegen er sich entschieden er- 
klären müsse. Köchly schliesst sich Baltzer an mit der Bemerkung, dass, 
wenn das Lateinische in der untersten Classe beginnen solle, er nur für 
ein 8jähriges Gymnasium stimmen könne. Dasselbe gaben Schöne, 
Lindemann, Albani u. A. zu erkennen , auch Klee erklärt sich für 
ein nur 8jähriges Gymnasium, 9 Jahre Latein scheine ihm zu viel. Palm 
verweist auf seinen Bericht, indem er ausdrücklich nur ein 8jähriges 
Studium des Lateinischen gefordert habe ; wenn 9 Classen beibehalten 
würden, so nehme er in der untersten ein Vorwiegen des Deutschen in 
Anspruch. Oertel hält die Frage über die Dauer des lateinischen Unter- 
richts noch für eine offene, und Di et seh erklärt, der Ausschuss für Na- 
tionalitätsbildung habe keineswegs die Meinung aussprechen wollen, dass 
das Lateinische in der untersten, 9. Classe beginnen solle; Zusatz zu §.29 
seines Berichts halte sich im Allgemeinen; ja selbst die Frage über die 
Priorität des Lateinischen oder Französischen sei von dem Ausschusse als 
eine durchaus offen zu erhaltende bei Abfassung des Berichts betrachtet 
worden. Kr an er meint, man solle die Frage jetzt sogleich debattiren 
und dann durch Abstimmung erledigen; Köchly jedoch verweist sie auf 
die Debatte über den Unterricht in den alten Sprachen, und diese Meinung 
findet die Beistimmung der Versammlung. 

Der Vorsitzende glaubt , dass durch die gestrige Abstimmung I. 4 des 
Programms (oben A.) erledigt sei, womit die Versammlung einverstan- 
den ist. 

Köchly stellt den Antrag: „die Versammlung erklärt es für wün- 
schenswerth, dass ein vaterländisches Gymnasium baldigst mit der Prio- 
rität des Französischen einen Anfang mache", und motivirt denselben 
damit: die Priorität des Französischen habe gestern eine sehr beachtens- 
werthe Minorität für sich gehabt, deshalb sei es wünschenswerth, dass 
die Erfahrung als Schiedsrichterin zwischen die Parteien trete und beide 
Parteien müssten sich in diesem Wunsche vereinigen. Nachdem der Antrag 
unterstützt war, erklärt Palm sich mit demselben einverstanden, doch 
müsse jedenfalls das Gymnasium, welches diesen Versuch mache, 9 Clas- 
sen haben , da sonst das Lateinische in seinem 8jährigen Cursus beein- 
trächtigt werden würde; auch Oertel erklärt sich dafür, zumal da die 
verlangte Aenderung an einem Gymnasium nicht das eigentliche Gymnasium, 
sondern nur das Progymnasium betreffe. Köchly nimmt in seinen An- 
trag auf: „ein vaterländisches Gymnasium mit neun Classen", mit welchem 
Zusätze der Antrag einstimmig angenommen wird. Nur Kreussler ent- 
hält sich der Abstimmung. 

Da nun die Versammlung zu II. der Uebersicht überging, so kam 
zuerst der auf alle Unterrichtsfächer bezügliche Antrag Baltzer 's auf 
die Tagesordnung: ,, den Lehrern eines jeden Unterrichtsgegenstandes steht 
das Recht zu, die Versetzung eines Schülers zu verbieten, welcher das 
angenommene Classenziel nicht erreicht hat." Der Antragsteller motivirt 
denselben : die Gleichberechtigung aller Unterrichtsfächer ergebe sich aus 
der Notwendigkeit aller ; auf das Ueberwiegen der formalen Bildung 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 99 

könne man sich nicht steifen; die Mathematik und Naturwissenschaften 
könnten durch kein anderes Bildungselement ersetzt werden, und die 
neueren Sprachen dürften consequenter Weise jetzt auch nicht neben den 
alten zurückgesetzt werden, die Schule müsse den Schüler und sich vor 
Einseitigkeit bewahren , und es gelte der Grundsatz: was gelehrt werde, 
müsse auch gelernt werden ; der Unterschied zwischen obligaten und fa- 
cultativen Lehrgegenständen müsse hinwegfallen ; für die Mathematik 
brauche er nicht zu sprechen, da dies beantragte Recht ihr schon jetzt 
zustehe, aber alle Ausschüsse hätten dasselbe für ihre Unterrichtsfächer 
ebenfalls in Anspruch genommen; er wünsche, dass die Classenziele nur 
massig bestimmt, aber auch dann streng über ihre Erreichung gewacht 
werde ; keinen grösseren Nutzen könne es für die Jugend geben als 
strenge Anforderungen; man möge nicht fürchten , dass das Veto häufig 
in Anwendung kommen werde. Der Antrag ward ausreichend unterstützt. 
Tittmann erklärt sich zwar nicht gegen den Antrag, macht aber darauf 
aufmerksam, dass man unter den Lehrgegenständen scheiden müsse; einige 
seien zur Behauptung des Classenplatzes unumgänglich nothwendig, in 
anderen könne Etwas fehlen; bei der Mathematik sei dies unmöglich, es 
könne Niemand Stereometrie ohne Planimetrie verstehen ; aber wohl könne 
man dem Vortrage in der Physik folgen, ohne in der Naturgeschichte 
Alles erreicht zu haben ; in den Sprachen habe er die Erfahrung ge- 
macht, dass bei Geschick und gutem Willen einem Schüler manchmal auch 
mehr zugemuthet werden könne, als gerade die Classe verlange, demnach 
dass auch hier ein Nachholen von Versäumtem nicht unmöglich sei, des- 
halb wünsche er kein unbedingtes Veto, aber dass 1) die Erfordernisse 
für die folgende Classe im Allgemeinen erfüllt seien müssen und 2) das 
Nachholen des Versäumten durch Privatstunden oder auf andere Weise 
verbürgt werde. Schäfer ist zwar im Principe mit dem Antrage ein- 
verstanden, findet denselben aber zu weit gehend; es gebe verschieden 
begabte Schüler ; die Einen seien für Mathematik, die Anderen für Sprachen 
begabter; völlig gleiche Reife in allen Fächern sei unmöglich, deshalb 
aber Verständigung unter den Lehrern, eine Art Compromiss nothwendig, 
das Veto eines Einzelnen gegen die Beschlüsse der Gesammtheit sei un- 
praktisch, exceptionelle Bestimmungen nicht gut", es könne ein Lehrer 
gegen einen Schüler ein Vorurtheil haben und dieses zu sehr einwirken 
lassen. Köchly : der vorige Redner habe in den Ausschüssen selbst für 
Anträge gleicher Art gestimmt, wie §. 60 und 72 des Berichts über Na- 
tionalitätsbildung beweisen; es handle sich hier um Aufstellung eines Prin- 
cips, dessen Anwendung auf einzelne Fälle allemal den Lehrercollegien 
anheim falle. Da hier der Schluss der Debatte beantragt ward, so er- 
klärte sich Klee dagegen, indem er daraufhinwies, dass ihm die Sache 
noch nicht hinlänglich besprochen scheine. Das jedem einzelnen Lehrer 
zuzugestehende Veto schrecke Viele ab : es frage sich , ob nicht eine Alle 
mehr befriedigende Fassung gefunden werden könne. Köchly beantragt 
deshalb, man solle §. 5 des Ausschussberichtes für Mathematik : „in eine 
höhere Classe soll kein Schüler aufrücken oder als neuer aufgenommen 
werden, welcher das der vorhergehenden Classe bestimmte Ziel in Mathe- 

7* 



100 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

niatik und Naturwissenschaften nicht erreicht hat" mit der Aenderung: 
„Ziel in irgend einem Unterrichtszweige nicht erreicht hat" annehmen, wo- 
mit §. 60 und 72 des Berichts über Nationalitätsbildung übereinstimmten. 
Baltzer: er scheine vielfach missverstanden worden zu sein; seine Ab- 
sicht sei nicht, dass der Schüler nicht versetzt werden solle, dem z. B. 
in dem Naturhistorischen noch Etwas fehle , sondern vielmehr : keinen 
Schüler in einer Classe zu dulden , der dem Unterrichte in derselben zu 
folgen nicht im Stande sei. Wunder aus Meissen stimmt mit Schäfer 
darin überein , dass die vorherrschenden Fähigkeiten der Schüler berück- 
sichtigt werden müssen; davon aber dürfe dennoch nicht abgegangen wer- 
den, dass der Schüler leiste, was in der vorhergehenden Classe gelehrt 
worden; er stimme deshalb für den Baltzer'schen Antrag, wenn auch in 
der milderen, von Köchly beantragten Form. Baltzer ändert darauf 
im Einverständniss mit Köchly seinen Antrag dahin, „dass die im Be- 
richte über Nationalitätsbildung §. 60 und über Mathematik §. 5 ausge- 
sprochenen Forderungen auf alle wissenschaftlichen Unterrichtsfächer aus- 
gedehnt werden", in welcher Fassung der Antrag gegen 1 Stimme, die 
Blochmann's, angenommen wird. Palm giebt zu Protokoll: er habe 
bei seiner Abstimmung als selbstverstanden vorausgesetzt, dass Ausnahms- 
fälle vorkommen können. B lochmann : er habe gegen den Antrag ge- 
stimmt, weil er ein vollkommen absolutes Veto den einzelnen Lehrern 
nicht gestattet wünsche. Hoffmann: er habe bei seiner Abstimmung 
für den Antrag ein pflichtgetreues Collegium vorausgesetzt; wenn ein Leh- 
rer von seinem Veto einen willkürlichen oder falschen Gebrauch machen 
wolle, so werde er über einen solchen Beschwerde führen. 

Da sich nun die Versammlung zur Besprechung von II, A. wandte, 
so übergab Lipsius den Vorsitz an seinen Stellvertreter Klee und nahm 
selbst als Referent des Ausschusses für Religionsunterricht das Wort, indem 
er bemerkte , ein vollständiger Bericht sei allerdings ausgearbeitet, und 
berathen gewesen, der Druck aber wegen Mangels an Zeit unmöglich ge- 
worden ; der Auszug in der Uebersicht enthalte alle wesentliche Punkte. 
Zuerst kam ein Antrag von K reüssier zur Debatte: „Die Punkte der 
Uebersicht II, A r l,2 und 3: „Als Zweck des Religionsunterrichts — in 
die ersten Morgenstunden zu verlegen 11 in Bausch und Bogen ohne alles 
Weitere anzunehmen. u Köchly wünscht in diesem Falle nach den Wor- 
ten des Religionsunterrichts aufgenommen : „welcher mit besonderer Rück- 
sicht auf das als historisch anerkannte Grundprinzip des Gymnasiums zu 
ertheilen ist', und dass darauf eine besondere Frage gestellt werde, wo- 
mit sich sowohl der Ref. als auch Kreussler einverstanden erklären. 
Schlurick spricht für den Kreussler'schen Antrag, fragt aber an, ob 
der Ausschuss den von ihm, dein Verfasser der Uebersicht, herrührenden 
in Parenthese gesetzten Zusatz „und höchstens auf der obersten Stufe 
zulässig u genehmige, ingleichen, ob der Ausschuss damit einverstanden 
sein werde, dass gegen §. 18 des Berichts die Bestimmung, in welchen 
Classen die Combination im Religionsunterrichte stattfinden könne, dem 
Lehrercollegium überlassen bleibe. Beide Anfragen werden von dem 
Referenten bejaht. Kümmel führt den von Köchly beantragten Zusatz 



Bericht über die zweite Versammlang sächs. Gymnasiallehrer. 101 

weiter aus: im Mittelgymnasiiim denke er sich das Biblisch -Geschichtliche, 
im Obergymnasium das Kirchengeschichtliche als den Gegenstand des 
.Religionsunterrichts. Schöne : er sei mit dem Köchly 'sehen Zusatz ein- 
verstanden, eben so auch damit, dass der Zweck des Religionsunterrichts 
die Erweckung und Belebung einer das ganze Leben beherrschenden christ- 
lichen Gesinnung sei, dagegen müsse er den Wegfall der Worte: Mit- 
theilung — mit und durch diese aber auch beantragen. Palm und Müller 
erklären sich für Abstimmung in Bausch und Bogen, Letzterer äussert 
zugleich gegen den Schöne'schen Antrag: wenn die christliche Gesinnung 
belebt und erweckt weiden solle, so müsse doch Etwas vorhanden sein, 
an dem sie sich erwärme und belebe ; dies sei die christliche Lehre ; 
deshalb müsse Mittheilung der christlichen Heilswahrheit einer der Zwecke 
des Religionsunterrichts bleiben. Blochmann: ihm scheine Mitthei- 
lung einer wissenschaftlichen Erkenntniss der christlichen Heilswahrheit 
nicht zunächst Zweck des Religionsunterrichts zu sein , sondern Mitthei- 
lung des Historischen; im Mittelgymnasiiim fordere er Bekanntschaft mit 
den Evangelien und Episteln, erst im oberen könne er eine systematische 
Zusammenstellung der christlichen Religionslehre wünschen; die eigent- 
liche Erkenntniss möchte er der Universität aufbewahrt wissen. Baltzer 
beantragt den Schluss der Debatte über den Antrag Kreussler's , worauf 
dieser bemerkt, dass na«h demselben eine Debatte über das Materielle 
der §§. gar nicht zulässig sei. Lachmann spricht gegen den Schluss der 
Debatte, weil sich dieselbe bis jetzt auf den Kreussler'schen Antrag noch 
gar nicht erstreckt habe. Köchly erklärt sich dennoch dafür, da eine 
gründliche Erörterung kaum möglich sein werde , übrigens auch eine Ver- 
änderung in der Kirchenverfassung bevorstehe, welche nicht ohne Ein- 
fluss auf den vorliegenden Gegenstand bleiben könne. Nachdem der Ref. 
noch erklärt hat, dass man eine weitere Erörterung und Ausführung der 
der in Uebersicht enthaltenen Punkte in dem nächstens durch den Druck zu 
veröffentlichenden Berichte finden werde, wird der Kreussler'sche Antrag 
vorbehaltlich der bereits zu den drei §§. gestellten einstimmig angenom- 
men. Der von Köchly beantragte Zusatz wird mit 2-i Stimmen angenom- 
men. Müller, dem sich Palm, Kr eussler, Schäfer, Dietsch, 
K n ii i s s , Graf I. und IL, Schlurick, S ch aarschmi dt , Flei- 
scher, Blochmann, Lipsius und Wunder aus Grimma anschliessen, 
erklärt zu Protokoll, dass er gegen den Zusatz gestimmt habe, weil man 
in demselben den Sinn finden könne, dass auch das Christenthum als etwas 
rein Historisches, der Vergangenheit Angehöriges zu behandeln sei. Der 
Schöne'sche Antrag wird gegen 7 Stimmen verworfen. — Die Versamm- 
lung wendet sich zu Punkt 4 unter IL B., in dem sich der Antrag des 
Ausschusses und der von Köchly in seinem Berichte I. §. 15 gestellte ent- 
gegenstehen. Referent motivirt den Antrag des Ausschusses nach der 
kurzen Bemerkung, dass in demselben Tertia und Quarta in Mittelgym- 
nasium abzuändern sei : der Ausschuss sei von der Meinung ausgegangen 
es dürfe Niemand sich seinen Wirkungskreis schmälern lassen, bisher aber 
hätten die Religionslehrer den Confirmandenunterricht besorgt; zweifel- 
haft sei es, ob der Geistliche denselben mit mehr Erfolg und mehr Segen 



102 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

ertheilen werde, da der Lahrer dem Schüler näher stehe und ihn und 
seine Bedürfnisse jedenfalls besser kenne; der entgegenstehende Antrag 
scheine übrigens nur wegen der Aufhebung des confessionellen Unter- 
richts gestellt; da der Ausschuss diese Prämisse leugne, so könne er 
auch nicht die daraus gezogene Consequenz annehmen. Köchly verwen- 
det sich für seine im Berichte I. §. 15 (s. A.) und in der metallographischen 
Schrift unter 4) gestellten Anträge: dass der Geistliche den Confirmanden- 
unterricht ertheile, liege im Interesse der Kirche, die im Geistlichen 
ihren Lehrer und Vertreter habe und deshalb für ihn jenen Unterricht 
fordern werde; es schliesse dies aber nicht aus, dass der Religionslehrer 
des Gymnasium von der Kirche als Geistlicher anerkannt werde, dann 
werde er aber auch den Confirmandenunterricht im Namen der Kirche er- 
theilen; es sei ein Gewissenszwang für die Eltern, wenn sie ihren Kin- 
dern den Confirmandenunterricht durch den Religionslehrer des Gym- 
nasiums ertheilen lassen müssten ; er gehöre zu der freiesten kirchlichen 
Richtung, wer aber wahre Freiheit für sich wolle, müsse sie auch an- 
deren gönnen ; wie er sich deshalb in seinem Berichte I. §. 15 gegen den 
confessionellen Religionsunterricht nicht erklärt habe, so fordere er hier 
für die Eltern Beseitigung jedes Zwanges; auch empfehle er den Antrag 
aus pädagogischen Rücksichten, da die Vereinigung mehrerer Classen im 
Confirmandenunterrichte unthunlich sei; der Sivche unwürdig sei es, dass 
der Confirmandenunterricht noch besonders honorirt worden sei, und er 
behalte sich deshalb den ferneren Antrag vor: -, Honorar für den vom 
Religionslehrer zu ertheilenden Confirmandenunterricht wird jedoch in kei- 
nem Falle gezahlt und angenommen"; allerdings sei es zweifelhaft, wer 
den Confirmandenunterricht besser ertheilen werde, der Geistliche oder 
der Religionslehier , dies lasse sich aber auch nur nach den einzelnen 
Personen und Verhältnissen beurtheilen ; in dem einen Fall werde der 
Religionslehrer, in dem anderen der Geistliche den Unterricht besser er- 
theilen; die Frage wegen des Confessionellen betreffend, so könne dies 
immer aus der Schule ganz ausgeschlossen werden , wenn man es grund- 
sätzlich ausschliesse ; das Amendement in der metallographischen Schrift 
habe er aus eben denselben Gründen gestellt, um nämlich der Kirche 
wie den Eltern die Freiheit zu wahren. Palm stellt den Antrag: „Die 
Vorbereitung zur Confirmation geschieht durch den Religionslehrer der 
Mittelclassen unter Voraussetzung des Einverständnisses der Eltern" und 
empfiehlt denselben , da er einerseits den Eltern ihre Freiheit wahre, 
andererseits den Wirkungskreis des Gymnasiums ungeschmälert lasse. Der 
Antrag wird ausreichend unterstützt. S chaars chmidt äussert sich 
dahin: er wünsche im Gymnasium keine der verschiedenen Richtungen in 
der evangelischen Kirche verletzt; er achte jede; deshalb aber könne er 
nicht wünschen, dass der Geistliche den Confirmandenunterricht über- 
nehme, weil daraus mancherlei ftlisshelligkeiten zwischen ihm und dem 
Religionslehrer entstehen würden; wenigstens so lange könne er dies 
nicht wünschen, als überhaupt nicht, wofür allerdings er sei, der ganze 
Religionsunterricht in den Händen der Geistlichen sei. Kran er bringt 
den Antrag ein: ,,Bei der Vorbereitung zur Confirmation steht den Eltern 



Bericht über die zweite Versammlung Sachs. Gymnasiallehrer. 103 

die Wahl zwischen dem Geistlichen und dem Religionslehrer frei" und 
findet ausreichende Unterstützung. Zestermann ist der Meinung, dass 
der Religionsunterricht schon jetzt vom Gymnasiallehrer im Namen der 
Kirche ertheilt werde; von dieser hange nun aber allein die Entscheidung 
ab, ob es ferner so bleiben solle, vorläufig müsse der Status quo bleiben, 
deshalb beantrage er nach den Worten : „die Vorbereitung zur Conrlr- 
mation geschieht" einzuschieben: „bis auf eine von Seiten der Kirche 
getroffene Aenderung." Wunder aus Grimma stellt den Antrag: „Der 
Unterricht der Confirmanden kommt der Kirche zu, zu welcher sich der 
Confirmand bekennt, kann aber auch mit Bewilligung der Kirche und der 
Eltern dem Religionslehrer der Schule überlassen werden," Derselbe 
findet Unterstützung. Dietsch beantragt: ,, in Rücksicht auf die Zeit 
und die noch weiter zu erledigenden Punkte über II. A. 4 und die dazu 
gestellten Anträge ohne weitere Debatte durch einfache Abstimmung zu 
entscheiden" und motivirt denselben : der Religionsunterricht sei ihm 
wichtig genug, um Tage lang darüber zu verhandeln; da indess Jeder 
über die hier vorliegenden Punkte mit sich im Reinen sein könne, so 
wünsche er für die anderen Unterrichtsgegenstände durch Abkürzung der 
Debatte noch Zeit gewonnen zu sehen. Ehe dieser Antrag zur Abstim- 
mung kommt, fügt Scblurick eventuell dem Antrage in der metallo- 
graphischen Schrift noch bei: „Die Angehörigen haben dann nachzuweisen, 
dass die dispensirten Schüler anderweit in der Religion unterrichtet wer- 
den", und Oertel: „aber der Vater muss nachweisen, dass und wie 
er seinen Sohn in der Religion unterrichten lässt." Der Antrag von Dietsch 
wird darauf angenommen. Für die Fassung des Ausschusses in der Ueber- 
sicht unter II. A. 4 erklären sich bei der Abstimmung 8, für dieselbe mit 
dem Zestermann'schen Zusatz 14, für den Antrag von Köchly im Be- 
richte I. §. 15 mit dem Zestermann'schen Zusätze 7 Stimmen, Palm und 
Kranerziehen ihre Anträge zu Gunsten des Wunder'schen zurück und 
es wird derselbe ohne den Zestermann'schen Zusatz mit 29 Stimmen an- 
genommen. — Köchly stellt jetzt seinen vorher vorbehaltenen Antrag 
wegen des Honorars und weist die Absicht zurück, als ob durch densel- 
ben dem Geistlichen, wenn er den Unterricht ertheile, das Honorar ent- 
zogen werden solle. Hei big spricht aus, dass man doch dem Religions- 
lehrer die unentgeltliche Ertheilung des Connrmandenunterrichts über das 
Maass seiner gewöhnlichen Lehrstunden nicht zumuthen dürfe, und Schi u- 
rick stellt darauf zu dem Köchly'schen Antrage das Amendement: „doch hat 
der Religionslehrer Anspruch auf Ermässigung seiner übrigen Unterrichts- 
stunden." Lachmann findet den Köchly'schen Antrag zu weit gehend; 
warum solle der Religionslehrer gezwungen werden, freiwillig für den 
Confirmandenunterricht angebotene Geschenke zurückzuweisen ? In 
gleichem Sinne äussern sich Graf I. und Palm. Letzterer weist zugleich 
darauf hin, dass das Verhältnis* nach dem Wunder'schen Antrage nur als 
Privatverhältniss erscheine. Köchly glaubt das Amendement Schlurick 's 
durch 33 seines ersten Berichts*) beseitigt, Seh lurick bleibt jedoch 



*) S. 10: „Ueber die Zahl der Stunden, welche jeder einzelne Leh- 



104 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

bei seinem Antrage stehen, da dieser §. noch nicht angenommen sei. 
Dietsch trägt auf Schluss der Debatte an, welcher angenommen wird; 
der Vorsitzende bringt indess noch den schon vorher eingereichten Antrag 
S chaar seh mid t's : „Es muss dem Religionslehrer freistehen, den Con- 
fiiraandenunterricht zurückzuweisen" zur Unterstüzung , welche aus- 
reichend erfolgt. Der Koch ly 'sehe Antrag allein erhält hierauf 12, der- 
selbe mit dem Schi urick'schen Amendement 14, der Sc haar seh midt'- 
sche Antrag 9 Stimmen für sich. Palm und Dietsch erklären zu Proto- 
koll, dass sie sich der Abstimmung enthalten haben, weil das Verhältniss 
zwischen dem Lehrer und den Eltern der Schüler nach dem zum Beschlüsse 
erhobenen Wunder'schen Antrage für ein Privatverhältniss, die Stunde 
für eine Privatstunde zu halten sei, über welche eine allgemein bindende 
Bestimmung nicht erlassen weiden könne. Auch Köchly u. A. erklären, 
dass sie die Sache durch den Wunder'schen Antrag für erledigt ansehen. 
Köchly, Schlurick und Oertel haben unterdess ihre verschiedenen 
Anträge in folgendem geeinigt: „Entbindung einzelner Schüler vom Re- 
ligionsunterricht wird auf begründeten Antrag der Eltern oder ihrer Stell- 
vertreter vom Lchrercoüegium ertheilt, wenn die Angehörigen nachweisen, 
dass die dispensirten Schüler anderweit in der Religion unterrichtet wer- 
den. u Für diesen Antrag stimmen 23, gegen denselben 6; die Uebrigen, 
wie Müller, Palm u. A., enthielten sich der Abstimmung, Dietsch 
mit der Erklärung, dass er zwar einerseits jeden Gewissenszwang ver- 
bannt sehen wolle, andererseits aber den Religionsunterricht für einen so 
wesentlich integrirenden Theil der Gymnasialbildung halte, dass er die 
Dispensation davon mehr erschwert wünsche, als in dem Antrage ent- 
halten sei. 

Lipsius übernahm jetzt den Vorsitz von Neuem, und die Ver- 
handlung wandte sich zu dem Berichte über Nationalitätsbildung. Der 
Vorsitzende schlug vor, denselben rubrikenweise zu berathen und darüber 
abzustimmen. Dietsch als Ref. des Ausschusses bemerkte zuerst, dass 
der in dem Berichte vorgeschlagene Gang des Unterrichts mit den ange- 
nommenen Bestimmungen über die Gestaltung des Gymnasiums sich leicht 
in Einklang setzen lasse; in der Geschichte und Geographie würden dem 
Untergymnasium , wenn man annehme, dass die Nichtstudirenden in das 
IVlittelgymnasium nicht übergingen, die für die unterste Stufe angesetzten 
Curse vollständig zuzuweisen sein, in dem ersteren Fache in der 6. Classe 
eine allgemeine chronologische Uebersicht über die Weltgeschichte folgen, 
in der Geographie ein dreijähriger Cursus durch das Mittelgymnasium 
durchgeführt werden; im Deutschen könne der Abschluss des grammati- 
schen Unterrichts immer in der untersten Classe des Mittelgymnasium 
erfolgen. Palm stellt den Antrag: „Der deutsche Unterricht ist in Ver- 
bindung mit dem classischen zu setzen; daher erscheint es nothwendig, 



rer übernimmt, wird sich das Lehrercollegium, mit Berücksichtigung der 
damit verbundenen Arbeiten und der sonstigen Verhältnisse, selbst eini- 
gen" — „doch können unter keiner Bedingung dem Rector über 14, den 
übrigen Lehrern über 20 Stunden aufgegeben werden." 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 105 

dass in dem Untergymnasium der deutsche und lateinische Unterricht zum 
Zwecke gegenseitiger Beziehung und Ergänzung in einer Hand ist. Zu 
demselben Zwecke dient im Mittel- und Obergymnasium die theilweise 
Wahl der Themata und des Stoffes zu freien Vorträgen aus dem Kreise 
der klassischen Leetüre", und motivirt denselben: Kr gebe zu, dass der 
Ausschuss dasselbe beabsichtigt habe; allein es scheine ihm, namentlich 
nach Wegfall der freien lateinischen Arbeiten , um so nothwendiger , dass 
der deutsche Unterricht den klassischen unterstütze, und er wünsche des- 
halb dies bestimmt ausgesprochen zu sehen. Der Antrag wird ausrei- 
chend unterstützt und Köchly empfiehlt ihn: derselbe sei zwar implicite 
im Berichte enthalten, allein es thue noth , dies explicite zu sagen, damit 
namentlich die vielen rüsonnirenden Themata in den Mittelclassen ganz 
wegfielen. Ref. bemerkt: Den ersteren Theil des Antrags habe der 
Ausschuss schon selbst aufgenommen (Zusatz zu §. 29: „Ks ist für diese 
Stufe zur Körderung des Unterrichts fast unerlässlich , dass der Lehrer, 
welcher den deutschen Unterricht besorgt, zugleich den Unterricht in 
einer fremden Sprache habe, also dass ihn der Classenlehrer ertheile"), 
nur habe er, da die Krage über die Priorität der neueren Sprachen und 
über den Beginn des Lateinischen noch nicht entschieden gewesen sei, 
eine aligemeinere Kassung gewählt; den zweiten Theil des Antrags habe 
man so explicite nicht aussprechen wollen, weil es hätte scheinen können, 
als mache man den Lehrern des Deutschen indirect einen Vorwurf; er 
finde übrigens materiell und formell Nichts gegen den Antrag einzuwenden. 
Der Antrag Palm's wird hierauf einhellig angenommen. Köchly 
stellt den Antrag: „zu dem Berichte einzelne Anträge und Zusätze stellen 
zu lassen, dann aber denselben über Bausch und Bogen anzunehmen." 
In Kolge dessen äussert Palm: Die 3 Stunden Geschichte in IV und V 
möchten wohl auf 2 reducirt werden können, da von der Cultur- und Li- 
teraturgeschichte auf dieser Stufe noch nicht viel vorkommen könne, gerade 
aber in diesen Classen , wo der grammatische Unterricht in den fremden 
Sprachen absolvirt werden müsse, Stundenhäufung zu vermeiden sei; auch 
mache er darauf aufmerksam , dass an mehreren Gymnasien Preussens und, 
wie er gehört habe, mit gutem Krfolge in denselben Classen ein Nacheinan- 
der des geschichtlichen und geographischen Unterrichts eingeführt worden 
sei; endlich frage er an, ob und in wie weit in diesen Classen eine Verei- 
nigung zwischen dem geographischen und naturhistorischen Unterricht mög- 
lich sei. Ref. : Gegen die Reduction der geschichtlichen Stunden in Classe 
IV und V müsse er sich erklären 5 Einiges aus der Cultur- und Literatur- 
geschichte werde auf dieser Stufe doch gewiss vorkommen müssen, und 
gründliche Betreibung der alten Geschichte sei hier um so nothwendiger, 
als der Unterricht zur Förderung des altclassischen Unterrichts in den 
3 oberen Classen dienen müsse; überhaupt möge man bedenken, dass, wenn 
man eine Unterrichtsstunde abziehe, man auch dem Lehrer die Möglich- 
keit verringere, in den Lectionen selbst Einprägung in das Gedächtniss 
zu bewirken, demnach von dem Schüler erhöhten Privatfleiss fordern 
müsse; werde unter dem Nacheinander des geschichtlichen und geogra- 
phischen Unterrichts eine solche Einrichtung verstanden , dass in V nur 



106 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

Geographie, in IV nur Geschichte gelehrt werden solle, so müsse er sich 
entschieden dagegen erklären, weil jede der beiden Wissenschaften, wenig- 
stens in der für die Schule möglichen Auffassung, so viel der anderen 
Fremdes enthalte, dass die eine dann zu sehr in den Hintergrund ge- 
drängt erscheine; dagegen habe es schon der Ausschuss als wiinschens- 
werth bezeichnet, dass Geschichte und Geographie möglichst in der Hand 
eines Lehrers vereinigt und dadurch ein Ineinandergreifen beider Fächer 
ermöglicht werde. Die letzte Aeusserung von Palm veranlasste Baltzer 
zur Stellung des Antrags : „Es ist wünschenswert!) , den geographi- 
schen Unterricht mathematisch und naturwissenschaftlich gebildeten Leh- 
rern zuzutheilen", welcher Antrag ausreichend unterstützt wird. Oer- 
tel als Mitglied des Ausschusses gegen Palm: Der Unterricht in der 
alten Geschichte komme im Gymnasium nur an dieser Stelle vor, und es 
sei mit ihm der sehr wichtige Unterricht in der alten Geographie ver- 
bunden ; übrigens möge man auch erwägen , dass dem historischen Unter- 
richte durch Arbeitstage und dgl. Ausfälle viele Stunden entzogen würden. 
Schäfer, Mitglied des Ausschusses, erklärt sich mit Dietsch und Oertel 
rücksichtlich der Reduction der Stunden einverstanden, empfiehlt aber 
dem zu bildenden Centralausschusse zu besonderer Erwägung die Krage, 
wie es bewerkstelligt werden könne, dass mit Ausnahme des Religions- 
unterrichts diejenigen Fächer, welche jetzt nur mit 2 Stunden bedacht 
sind, durch Combination gefördert werden. Köchly spricht für die 
beantragte Reduction der Stunden, indem er zu viele Specialitäten ver- 
mieden zu sehen wünscht; ausserdem empfiehlt er den Baltzer'schen An- 
trag. Ref.: Er sei für den Baltzer'schen Antrag und wünsche nament- 
lich , dass der geographische Unterricht nicht ferner mehr als ein solcher 
behandelt werde, den man jedem beliebigen Lehrer noch aufbürden könne, 
aber er verstehe den Antrag so, duss die Lehrer der Geographie nicht 
gerade studirte Mathematiker und Naturhistoriker sein müssten; diejeni- 
gen, welche aus dem neuen Gymnasium hervorgingen, würden in Mathe- 
matik und Naturwissenschaften jedeufallls so viele Kenntnisse besitzen, 
dass 6ie in den geographischen Unterricht sich mit Erfolg einarbeiten 
könnten. Baltzer erklärt sich mit dieser Auffassung einverstanden. 
Klee, Mitglied des Ausschusses, glaubt, dass allerdings in IV und V 
mit 2 Stunden Geschichte ausgereicht werden könne, doch müsse der 
geographische daneben noch besonders durchgeführt werden. Der An- 
trag Palin's : In Classe IV und V sind die 6 geschichtlichen Stunden auf 
2 zu reduciren, so wie der eben erwähnte B altz er' s werden mit grosser 
Majorität angenommen. Auf Köchly's Antrag wird darauf vorbehaltlich 
bereits eingegangener Anträge über den ganzen Bericht in Bausch und 
Bogen abgestimmt und derselbe angenommen. Nur Graf I. erklärt, 
dass er zwar den Bericht im Ganzen annehme, dagegen mancherlei Ein- 
zelnheiteu in demselben, namentlich rücksichtlich der Methode, nicht 
anerkenne, worauf Refere nt versichert, der Ausschuss habe keineswegs 
allgemein bindende methodische Vorschriften geben , sondern nur zeigen 
wollen, dass und wie nach seiner Ansicht die gestellten Forderungen er- 
füllt werden könnten. Schluss der Sitzung nach 12 Uhr. 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasialleiner. 107 

Vierte Sitzung den 29. Dccbr. Nachmittags Ufa Uhr. Nachdem auf 
Köchly's Vorschlag die Verlesung des Protokolls von der Vormittags- 
sitzung auf den folgenden Tag verschoben war, schritt die Versammlung 
zur Tagesordnung. Auf derselben stehen zunächst die zum Bericht über 
Nationalitätsbildung gestellten Anträge , zuerst der von Z estermann: 
„In der Uebersicht unter II, 15 werde nach den Worten: Zur Nationali- 
tätsbildung gehören eingeschaltet: in ethischer Hinsicht Weckung und Kräf- 
tigung des nationalen Selbstgefühls und der Vaterlandsliebe." Der Antrag- 
steller hält diesen Zusatz für nothwetidig, weil die ethische Seite in der 
Uebersicht ganz fehle, wiewohl sie im Berichte enthalten sei ; sein Antrag 
gehe übrigens noch weiter als der Bericht, in welchem §. 1 nur IV eckung 
und Kräftigung der Vaterlandsliebe stehe; das nationale Selbstgefühl 
habe aber bis jetzt gerade am meisten darniedergelegen und seine 
Weckung und Kräftigung sei vor Allem Aufgabe der Pädagogik. Ref. 
Dietsch: Es geschehe hier wieder, was schon öfters; man verlange 
Etwas ausgesprochen, was in der vorliegenden Fassung mit enthalten 
sei; dass der Ausschuss Vaterlandsliebe in dem Sinne gefasst habe, in 
welchem sie das nationale Selbstgefühl in sich begreife, beweise (j. 5 S. 4: 
Weil aber nun zur Weckung und Kräftigung des Nationalgefühls — ; die 
Uebersicht habe er nicht zu vertreten; dass die Worte des nationalen 
Selbstgefühls in den Bericht aufgenommen würden, dagegen könne und 
wolle der Ausschuss Nichts einwenden. Der Antrag Zestermann's wurde 
hierauf von der Versammlung genehmigt. Ein zweiter Antrag desselben: 
in §. 18 des Berichts*) statt der Worte: Der grammatische — zu be- 
schränken zu setzen: Der grammatische Unterricht in der Muttersprache 
hat denselben Umfang zu erhalten wie in der lateinischen Sprache, welcher 
von ihm dahin erläutert wird, dass er nicht die Stundenzahl, sondern das 
Material gemeint habe, in welches er namentlich die Lehre von der Wort- 
bildung eingeschlossen wünsche, und als dessen Motiv er ferner anführt, 
dass es unmöglich sei, den Schüler zur gründlichen Einsicht in die frem- 
den Sprachen zu führen, wenn demselben die gründliche Kenntniss der 
Muttersprache fehle, und dass die Unterlage, auf welcher nach dem 
Palm'schen Berichte die fremden Sprachen gelehrt werden sollen , doch 
eben so umfänglich sein müsste , als das auf derselben aufzuführende 
Gebäude, findet nicht hinreichende Unterstützung. Tittmann motivirt 
hierauf seinen Antrag, in dieselbe § des Berichts die Fassung anzunehmen: 
„Der eigentliche grammatische Unterricht in der deutschen Sprache ist 
auf die Flexionslehre nur so weit auszudehnen , als sie für die Flexions- 



*) Der grammatische Unterricht hat sich zu beschränken auf die Ein- 
übung der Conjugation und Declination, welche in Verbindung mit der 
Lehre vom einfachen Satze vorzunehmen ist. Daran schliesst sich die 
Rection der Präpositionen und der Gebrauch der Pronomina, welcher 
manche Schwierigkeit bietet; den Sclhuss bildet die Lehre vom zusammen- 
gesetzten Satze. Wenn in Bezug auf die Formenlehre mehr Abwehr der 
unrichtigen Gewohnheiten Zweck ist, so gilt es in der Syntax Einsicht in 
den Satzbau zu bewirken. Diese Grundlage zu jedem -Sprachunterricht 
wird am besten im Deutschen eele<rt. 



108 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

lehre fremder Sprachen vorbereitet " : im Deutschen solle nicht declinirt 
und conjugirt werden, damit der Schüler decliniren und conjugiren lerne, 
sondern er solle nur erkennen lernen, dass das Nomen durch Casus und 
Numeri, das Verbum durch Tempora u. s. w. verändert werde; die etwa 
vorkommenden Fehler gegen die Flexion , namentlich bei den unregel- 
mässigen Verbis sollten in jedem einzelnen Falle berichtigt werden. Von 
dem Vorsitzenden zur Kürze gemahnt, begiebt sich der Redner des 
Wortes und unterlässt einen zweiten Antrag zu stellen. Ref.: Es thue 
ihm leid, dass die Fassung der § so missverstanden worden sei, als hätte 
der Ausschuss die alte Paradigmenmethode, die, zuerst von Clains einge- 
führt, noch in der Heyse'schen und derartigen Grammatiken spuke, zurück- 
führen wolle; der Sinn der Fassung ergebe sich aus dem Folgenden; 
denn wenn das Unrichtige abgewöhnt werden solle, so könne dies eben 
nur dadurch geschehen, dass man das Richtige einübe; dass der Schüler 
im deutschen Unterrichte das Vorhandensein der Flexionsformen und ihre 
Bedeutung kennen lerne, verstehe sich so von selbst, dass es wohl nicht 
erst ausgesprochen zu werden brauche; solle eine Vorbereitung auf die 
Flexionslehre in anderen Sprachen in dem Sinne gegeben werden, dass 
der Schüler die Uebereinstimmung in der Formation erkennen lerne, so 
müsse man auf das Gothische zurückgehen, was Niemand wollen werde. 
Auch Graf I. erklärt, er werde gegen den Antrag stimmen, theils weil 
er wolle, dass der Unterricht im Deutschen nicht blos Mittel für den 
Unterricht im Lateinischen sei — der Schüler müsse z. B. doch er- 
fahren, dass es im Deutschen eine schwache und eine starke Declination 
und Conjugation gebe — theils, weil er der Ueberzeugung sei, dass die 
Bestimmungen des Berichts über die Methode im deutschen Unterrichte 
nur in ihren Hauptzügen, nicht in ihren Einzelnheiten bindend sein sollen; 
nur in dieser Voraussetzung unterlasse er selbst manche Aenderungsvor- 
schläge zu thun. Der Tittmann'sche Antrag ward darauf gegen 7 Stim- 
men abgelehnt. Da keine weiteren Anträge zu dem Berichte über die Na- 
tionalitätsbildung vorlagen, dieser demnach als angenommen zu betrachten 
war, so bemerkte Ref. auf eine Aufforderung Klee's, ausgesprochene 
Missverständnisse über §. 30 — 48 zu beseitigen, noch Folgendes: Dass 
unter Stylistik , Poetik und Rhetorik nicht wissenschaftliche Vorträge 
über diese Gegenstände gemeint seien, sei zwar bereits §.32 ausge- 
sprochen, er mache aber besonders auf §. 12 aufmerksam, nach welcher 
der deutsche Unterricht auf die Leetüre hauptsächlich zu basiren sei ; 
demnach habe der Ausschuss seine Anträge nur so verstanden wissen wol- 
len , dass in der Classe V die zu lesenden Stüke mit besonderer Rück- 
sicht auf die hier anschaulich zu machenden Gesetze der Stylistik gewählt 
werden sollen, ebenso in IV auf Poetik und in III auf Rhetorik*). — 



*) Der Berichterstatter erlaubt sich hier zur weitern Beseitigung von 
Missverständnissen noch Folgendes zu bemerken: Unter den in Cl. V. zur 
Anschauung zu bringenden Gesetzen der Stylistik ist das Hauptsächlichste 
— aber nur dies — von dem zu verstehen, was Götzinger in seiner deut- 
schen Sprachlehre für Schulen im 4. Buche „Styllehre oder Redelehre" 
(daher auch die Beibehaltung dieses Namens) §. 409—488 behandelt hat. 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 109 

Die Verhandlung wendet sich zu II, C der Uebersicht, alte Sprachen, 
in Betreff deren dem Berichte Palm's die in der metallographisclien Schritt 
(oben C) enthaltenen Anträge gegenüberstehen. In diesen letzteren 
hatte Köchly folgende Aenderungen vorgenommen; statt 7) und 8) einen 
Antrag Klee 's: „Besondere prosodisch-metrische Uebungen sind in der 
lateinischen eben so wenig als in der griechischen Sprache anzustellen ; 
ferner in 11 c) den Wegfall der Worte freien, reine, erzählende und als 
verbindliche Schularbeit. Zuerst spricht Palm als Ref. : Er freue sich, 
für seinen Bericht schon so vielfache Zustimmung erhalten zu haben; die 
§. 1 und 2 im Berichte gestellten Korderungen könnten zwar zu hoch er- 
scheinen, seien es aber in der That nicht) denn der classische Sprach- 
unterricht müsse seine Anforderungen steigern, da er in Zukunft nicht 
mehr blos zur Erlernung der Sprache betrieben werden, da er vielmehr 
jetzt in dem Umfange auf der Schule abschliessen solle, in welchem der 
Gebildete überhaupt seiner bedürfe, während er früher auf der Univer- 
sität eine Fortsetzung gefunden habe ; möglich werde die Erreichung die- 
ser gesteigerten Anforderungen, wenn der Unterricht nicht ein zerstückel- 
ter, sondern ein methodisch fortschreitender sei, wenn auf allen Stufen 
Uebereinstimmung der Lehrer in der Methode und in der Behandlung aller 
Sprachen , Gleichheit in der Terminologie hergestellt werde. Was die 
Gleichstellung des Griechischen und Lateinischen betreffe, so habe er in 
Hinsicht auf das Materiale nicht blos Gleichstellung, sondern Superiorität 
des Griechischen verlangt, anders in Bezug auf das Formale; denn die 
Schreibübungen hätten nur den Zweck, die Verschiedenheit des deutschen 
und des fremden Ausdrucks zum Bewusstsein zu bringen, wobei er auf 
den Satzbau, auf die Periodologie besonders Gewicht lege; an dem Aus- 
drucke in Köchly's Antrage unter 11) ,,Eigenthümlichkeiten der Phraseo- 
logie" nehme er um deswillen Anstoss, weil er an die Missbräuche mit 
dem Phrasenausziehen und Phrasenlernen, welche so lange bestanden, 
erinnere; bei dem Uebersetzen aus der Muttersprache in die fremde 
werde das Urtheil über die bezeichnete Verschiedenheit ein praktisches, 
während es bei dem Uebersetzen aus der fremden Sprache ein theoreti- 
sches bleibe; deshalb seien jene Schreibübungen noth wendig; es reiche 



§. 38 ist nur die Unterscheidung dem allgemeinsten Charakter nach zu ver- 
stehen : Der Schüler soll durch Leetüre lernen, was epische, lyrische, dra- 
matische Poesie sei; er soll durch Erklärung dahin einschlagender Gedichte 
die allgemeinsten Gesetze dieser Dichtungsarten kennen lernen. Wenn §• 39 
es heisst: „Da die deutsche Prosodik noch sehr schwankend ist," so ist 
damit gemeint, dass der Lehrer nicht den Schüler mit Regeln über die 
Quantität der Silben plagen soll. Dieser soll vielmehr lernen, dass die 
deutsche Sprache eine accentuirende sei, was Reim sei, wie die gangbar- 
sten Strophen zusammengesetzt sind. Die Worte §. 44: ,,Die schriftlichen 
Uebungen erstrecken sich auf alle Redegattungen" sollen nicht etwa vor- 
schreiben, dass der Lehrer hier eine Erzählung, eine Beschreibung eine 
Chrie u. s. w. aufgeben müsse , sondern dass von hier an die schriftlichen 
Arbeiten den weitesten Kreis erhalten. Während z. B. auf den früheren 
Stufen die Anfertigung einer Rede eine unzweckmässige Forderung sein 
würde, können in dieser und den folgenden Classen Versuche damit ge- 
macht werden. 



110 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

aber hin, wenn dieser Zweck in einer Sprache vollständig erreicht werde, 
und diese müsse dann wegen ihrer Geschlossenheit und grösseren Ein- 
fachheit, endlich weil sie mehr mit dem Leben verwachsen sei , die latei- 
nische sein; dass dasselbe Ziel schon jetzt auch in der griechischen 
Sprache erreicht werden könne, dies zu bejahen trage er Bedenken. 
Köchly als Antragsteller: Er freue sich, dass zwischen ihm und Palm 
im Wesentlichen Einverständniss herrsche; allein einige der von jenem 
gestellten Forderungen seien ihm nicht entschieden genug; es handle sich 
um bestimmte Vorschriften , welche der künftigen Gesetzgebung unterge- 
breitet werden könnten, damit nicht die abzustellenden Missbräuche durch 
eine Hinterthür oder ein Fenster sich wieder hereinschlichen; in dieser 
An- und Absicht habe er die Anträge in der Metallographie gestellt; darum 
heisse es unter 5) : „das Lateinische hat die Priorität, nicht dieSuperiori- 
tät"; dies sei nicht mechanisch zu verstehen, als ob der, welcher den 
ganzen Homer gelesen habe, auch den ganzen Virgil lesen müsse, sondern 
er wolle sich verwahren gegen die Vorschriften, welche für die Examina 
eine besondere Fertigkeit im Lateinsprechen oder Schreiben forderten, 
und wenn darauf ein besonderer Antrag gestellt werden sollte, so werde 
er sich dem gern anschliessen ; als Motiv zu 6. gelte ihm Folgendes: Die 
Palm'sche Methode sei die zweckmässigste, vorausgesetzt, dass überhaupt 
Latein gesprochen weiden solle ; allein die von Palm erwähnten Fälle 
seien Ausnahmen, welche nicht in die Gesetzgebung gehörten; über den 
statt 7) und 8) aufgenommenen Antrag werde Klee sprechen ; über 9) werde 
keine grosse Differenz entstehen. Palm erklärt sofort, dass er diesen 
Antrag annehme. Köchly fährt fort: 10) enthalte ein Princip, welches 
von dem Ref. zwar anerkannt, aber zu bescheiden durch den Optativ mit 
ccv, durch „könnte", „dürfte" ausgedrückt worden sei; statt dessen müsse 
man kategorisch sagen: Es soll nur ein Schriftsteller gelesen werden; 
zu 11) bemerke er: Das Lateinische sei allerdings mit dem Leben mehr 
verwachsen als das Griechische, aber es solle und werde dies künftig 
nicht mehr so sein ; man müsse eigentlich sagen: Das Lateinische laste 
auf manchen Verhältnissen des Lebens; deshalb wünsche er nicht den 
Verlust gesunder Glieder in dem geistigen Organismus, aber wohl die 
Entfernung einer solchen drückenden Last; unter Syntax verstehe er die 
von Palm erwähnte Periodologie mit eingeschlossen ; mit den von demsel- 
ben S. 22 aufgestellten Thematen sei er einverstanden, wünsche aber eine 
bestimmte Definition der S. 21 erwähnten freien Reproductionen oder Re- 
lationen ; er habe reine weggelassen, weil man wohl auch Auszüge und 
Inhaltsangaben von verschiedenen Gesichtspunkten aus machen könne, und 
erzählender, da sie auch auf Reden und dergl. Anwendung fänden; seine 
Fassung schliesse eine Erweiterung aus, welche durch das Wort Relation 
möglich werde; er berufe sich dafür auf ein Beispiel; in Jena sei es ihm 
vor 2 Jahren zum Vorwurf gemacht worden, namentlich von Hallensern, 
dass er nur Reproductionen dulden gewollt, da andere Arbeiten gar nicht 
\erlangt würden; aber eine Durchsicht der Themen in den Hallischen 
Programmen habe ihn belehrt, was man darunter verstehe, dass man doch 
räsonnirende Arbeiten unter dem Titel von Reproductionen aus dem Alter- 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 111 

thume, z. B. cur Aiax se interfecerit, eingeführt habe; deshalb müsse er 
für die Gesetzgebung eine bestimmte Fassung empfehlen ; was endlich 
unter 11, d) gesagt sei, solle dem vorbeugen, dass nicht die Gleichstellung 
beider Sprachen mechanisch verstanden werde. Klee zur Motivirung 
seines unter 7) aufgenommenen Antrags: Man müsse jetzt auf alle Weise 
mit der Zeit haushalten, da der lateinische Unterricht in Bezug auf die 
Zeit beschränkt worden sei; wenn metrisch-prosodische Uebungen beim 
ersten Lesen eines Dichters vorkämen, um zu zeigen, was ein Hexameter 
und wie er zu lesen sei, so habe er Nichts dagegen; diese Uebungen soll- 
ten aber nur dem Lesen dienen, und dies gelte eben so für die Metra des 
Terenz und Horaz, wie für die des Ovid; das Verfahren bei dem soge- 
nannten Einrichten der Verse sei ein traurig-mechanisches; da nehmen 
die Schüler die Worte her, zeichnen aus dem Grad, ad Parn. die Quanti- 
tät darüber, dann renken sie die Worte, ohne auf den Sinn und Zusam- 
menhang Rücksicht zu nehmen, und was am Ende herauskomme, sei ein 
lateinischer Vers; dazu komme nun ein schlimmer Nachtheil, indem der 
Schüler, welcher es zu einiger Geschicklichkeit im Einrichten lateinischer 
Verse gebracht, wohl zu dem Glauben verleitet werde, er sei ein lateini- 
scher Dichter, ja am Ende gar er sei ein geborener Dichter; positiven 
Schaden brächten diese Uebungen für die lateinisehe Wortstellung; selbst 
bei einzelnen lateinischen Dichtern seien die Worte in einer vom prosai- 
schen Gebrauche sehr abweichenden Weise durcheinander geworfen, dass 
das Verständniss sehr erschwert werde; bei den Griechen werde dies 
nicht in derselben Weise gefunden; die Wortstellung sei bei ihnen viel 
naturgemässer ; die rein mechanische Beschäftigung, die Beförderung einer 
eiteln Einbildung, der Nachtheil für die lateinische Wortbildung hätten ihn 
zu der Stellung seines Antrags bewogen; die Prosodie sei bei der Gram- 
matik zu lehren, die Metra bei der Lesung der Dichter kennen zu lernen. 
Palm: Auch er habe nichts Anderes gewollt, als Kenntniss und richtige 
Einsicht in die Metra, wie §. 23 seines Berichts zeige. Klee: Es habe 
ihn irre gemacht, dass diese Uebungen für das Lateinische besonders er- 
wähntseien; denn so weit sie zulässig seien, verständen sie sich von selbst; 
eine besondere Erwähnung im Lateinischen sei inconsequent , da sie ja 
sonst auch für das Deutsche, Französische und Griechische aufgeführt 
werden müssten. Palm nahm hierauf die Fassung in der metallographi- 
schen Schrift Nr. 8) statt der seinigen an. Dietsch: Er sei mit Klee 
vollkommen einverstanden und wolle zu dem von jenem Erwähnten nur 
noch zweierlei hinzufügen; man halte die lateinische Versmacherei für 
nothwendig, damit die Schüler die Prosodie lernten; es werde aber 
schlimm um den Unterricht stehen, wenn die Schüler durch richtiges 
Lesen und durch die Grammatik darin nicht fest würden; ein noch viel 
grösserer Irrthum scheine ihm, wenn man behaupte: Nur wer selbst Verse 
gemacht, könne Verse richtig lesen; in anderen Sprachen stelle man dies 
gar nicht auf, und seine Erfahrung habe ihn belehrt, dass Schüler, welche 
längere Zeit schon Verse gemacht, dennoch dieselben nicht richtig zu 
lesen verstanden. Kraner: Ervvolle die lateinischen Verse gern preis- 
geben, zumal da in St. Afra bei den zunächst damit beschäftigten Lehrern 



112 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

keine grosse Sympathie dafür vorhanden sei ; nur könne er den grossen 
Nachtheil für die lateinische Wortstellung nicht zugeben ; er sei mit 
Köchly wegen der von ihm gestellten Anträge im Principe einverstanden, 
aber der Palm'sche Bericht sage ihm vollkommen zu, da er Alles, was er 
gebe, methodisch rechtfertige und in der Methode Freiheit gestatte; 
dass für die Gesetzgebung schärfere Bestimmungen nothwendig seien, 
wolle er nicht in Abrede stellen. Kreussler: Er sei durch die ange- 
führten Gründe in Bezug auf die metrisch -prosodischen Uebungen nicht 
erschüttert; da es auch geborene Dichter unter den Schülern gebe, so 
müsse diesen doch irgendwo ein Tummelplatz geboten werden; der ge- 
rügte abusus spreche nicht gegen den usus, und diese Uebungen würden 
auch für den Unterricht in der Poetik nicht unnützlich sein. Da der 
Antrag auf Schluss der Debatte hier Annahme fand, so erhielten nur noch 
die Referenten das Schlusswort. Palm: Die Gleichstellung des Grie- 
chischen und Lateinischen liege in seinem Sinne, sie sei aber durch die 
Leipziger Beschlüsse noch in suspenso gelassen ; deshalb fordere er even- 
tuell, dass die genannten Schreibübungen, wenn sie im Griechischen nicht 
möglich seien, w enigstens im Lateinischen vorgenommen würden ; Latein- 
sprechen wolle er nur als eine Art von mündlichem Extemporale geübt 
wissen beim Wiedergeben des Inhalts von einem gelesenen Abschnitte; 
für die freien poetischen Arbeiten, welche sub 8) vorkämen, könne er 
nicht Advocat sein; die Schärfe berühre ihn nicht, wie er schon vorher 
bemerkt, denn er sei mit dem Inhalte einverstanden; zu 11: er habe ab- 
sichtlich die untere und die obersten Classen unterschieden, unterschieden, 
was für diese zulässig, für jene verwerflich sei; er habe sich an der an- 
geführten Stelle seines Berichts entschieden gegen die Unsitte erklärt, 
dass das Lateinische an blossen einzelnen Sätzen eingeübt werde ; der 
Wegfall von § 32, 1 des Berichts könne durch Köchly's Anträge wohl 
nicht gemeint sein. Köchly gibt dies als sich von selbst verstehend 
zu. Palm fügt noch hinzu, 11, c in der metallographischen Schrift 
stimme mit seiner Ansicht überein, aber völlige Gleichstellung der latei- 
nischen und griechischen Arbeiten sei wenigstens jetzt noch nicht erreich- 
bar. Köchly als Schlusswort: In Leipzig sei das Princip der Gleich- 
stellung beider Sprachen anerkannt worden durch Annahme des Wun- 
der'schen Antrags auf Angabe der Schriftsteller, deren Verständniss beim 
Abgange als Minimum gefordert werden könne, und durch Genehmigung 
des Kraner'schen Antrags auf gleiche Methode in beiden Sprachen. 
Wunder aus Gr. verwahrt sich hier dagegen, dass dies damals in sei- 
nem Sinne gelegen habe, und Kr an er weist auf die Protokolle und den 
Bericht von der Leipziger Versammlung hin, dass er den Versuch, eine 
Bestimmung über das Maass in den griechischen und lateinischen Arbeiten 
in seinem Antrage zu finden, wiederholt ausdrücklich zurückgewiesen habe. 
Köchly fährt fort: Um für die Gegenwart zu vermitteln, wolle er in sei- 
nem Antrage unter 11 b) vollkommen in möglichst ändern; gegen Kreuss- 
ler müsse er noch bemerken, dass es manchen usus gebe, der allemal in 
einen abusus ausarte, und ein solcher usus wären die metrischen Uebun- 
gen; für die geborenen Dichter gebe es ganz andere Tummelplätze, wie 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 113 

Schiller und Göthe bewiesen ; ein eigentliches ingenium lasse sich nicht 
unterdrücken, auch nicht durch Carcerstrafe. Als nun zur Abstimmung 
geschritten werden sollte, erinnerte Klee, dass, wenn im Antrage 
Köchly's das Wort durchaus gestrichen und für irgend eine nur eine ge- 
setzt werde, derselbe leichter allgemeine Beistimmung finden werde, mit 
welchen Acnderungen sich Köchly einverstanden erklärt. Der Antrag 
wurde darauf in folgender Fassung: „Nach dem §. 1 — 3 entwickelten 
Zwecke des Unterrichts in ihnen muss derselbe nach Umfang und Ziel in 
beiden Sprachen gleich gestellt werden. Eine Bevorzugung der lateini- 
schen Sprache vor der griechischen findet nicht mehr Statt: sie hat die 
Priorität, nicht die Super ioritäf- 1 - mit 25 gegen 11 Stimmen angenommen. 
Bei 6) zieht Köchly seinen Antrag in Bezug auf §. 17, S. 9 zurück 
und erkennt die Fassung in Palm's Belichte an ; dagegen hält er in Bezug 
auf §. 29, S. 18: „Bei den lateinischen Schriftstellern , namentlich den Hi- 
storikern und Cicero^s Reden, ist diese Uebung in der Regel in lateinischer 
Sprache vorzunehmen, dagegen bei den Dichtern und Griechen nur aus- 
nahmsweise 11 seinen Antrag fest: „Das Lateinsprechen ist fortan gänzlich 
aufgehoben.' 1 Auf Baltzer's Antrag wird namentliche Abstimmung 
genehmigt. Vom Vorsitzenden wird die Fragstellung dahin erläutert, 
dass, wer mit Ja antworte, für die Palm'sche Fassung sei , wer mit Nein, 
für den Köchly 'sehen Antrag. Es antworten mit Ja 17 (Lipsius, 
Schäfer, Hoffmann, W under aus Gr., Löwe, Zestermann, 
Müller, Kreussler, Kraner, Kreyssig, Franke, Palm, 
Flügel, Blochmann, Dressler, Kuniss, Tittmann), mit 
Nein 20 (Dietrich, Albani, Heibig, Klee, Oertel, Dietsch, 
Wunder a. M., Fiebig, Kämme 1, Lachmann, Baltzer, Schaar- 
schmidt, Köchly, Schöne, Schlurick, Erler, Lindemann, 
M über g, Graf I. und Jahn), der Abstimmung enthielten sich Flei- 
scher und Graf II. Zur Motivirung ihrer Abstimmung erklären zu 
Protokoll Dietsch: „Ich habe mit Nein gestimmt, weil ich jede Ue- 
bung , die zum Zwecke Fertigkeit im Lateinsprechen haben kann, ver- 
werfe; Entwickelung des Sinnes und Zusammenhangs einer gelesenen und 
erklärten Stelle fällt mir unter, den Begriff Interpretation, gegen deren 
Vornahme in lateinischer Sprache ich mich im Berichte über das Deutsche 
§. 8 Anm. erklärt habe." Dieser Erklärung treten Oertel, Heibig und 
Schaarschmidt bei. Schlurick: „Die Palm'sche Fassung schliesst 
die Gefahr nicht aus , dass aus der zweckmässigen Uebung, welche S. 9 
angeführt ist , in den oberen Classen Interpretation in lateinischer 
Sprache werde." Zestermann: „Ich habe mit Ja gestimmt, nicht um 
den Lehrer und Schüler zum Lateinsprechen zu verpflichten , sondern um 
denselben das Recht, diese Uebung gelegentlich vorzunehmen, zu erhalten.'* 
Kran er: „Ich habe mit Ja gestimmt, weil ich mich nicht überzeugen 
konnte , dass mit Annahme der Palm'schen Fassung der Köchly 'sehe An- 
trag abgelehnt sei, dem ich mich jedenfalls angeschlossen haben würde, 
wenn es sich um Lateinsprechen in der bisherigen Weise handelte, und 
wenn über denselben selbstständig abgestimmt worden wäre." — Als zur 
Fragstellung über 7. geschritten werden sollte, erklärte sich Palm für 
y. Jahrb. f. Phil. u. Päd. od. Krit. liibl. Bd. LV. Hft. 1. 8 



114 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

die ursprüngliche Fassung des Köchly 1 schen Antrags und Hess die des 
Berichts falten. Köchly hingegen erklärt sich für den Klee'schen Antrag, 
welcher in folgender Fassung: „Besondere prosodisch-mctrische Uebungen 
fallen künftig weg; Prosodie ist in der Grammatik , die erforderlichen 
metrischen Kegeln sind bei der Leetüre zu geben und für den Behuf rich- 
tigen Lesens einzuüben" 1 ., mit 20 gegen 16 Stimmen angenommmen wird. 
Ueber 8) u. 9) wurde keine Abstimmung vorgenommen, da sich Palm für 
die K ö c h 1 y ' sehe Fassung entschieden hatte. Zu 10) erinnert O e r t e 1 , 
dass das hier Geforderte nicht immer werde geschehen können, wenn die 
Stunden unter die Lehrer gleichmässig vertheilt werden sollten. Köchly 
ändert deshalb den Antrag dahin ab : Endlich soll in allen Classen wo mög- 
lich in jeder Sprache nur ein Schriftsteller gelesen werden. Da sich Palm 
mit dem Antrage in dieser Fassung vollkommen einverstanden erklärte, so 
hielt man keine Abstimmung für nöthig. Bei 11, a) wurde von Klee und 
D i e t s c h erinnert, dass eine Abstimmung kaum möglich sei, da der Köchly'- 
sche Antrag kurz gefasst sei, der Palm'sche Bericht §.32, 1) (S.20): „Ihr 
Zweck ist nicht allein Befestigung in der Grammatik ; es soll vielmehr 
durch dieselben die Verschiedenheit des deutschen und lateinischen Ausdrucks 
in Ansehung der Darstellungsmittel und des Satzbaus (Gebrauch der Con- 
junetionen, Anordnung der Perioden u. s. w.) zum Bewusstsein gebracht 
und dadurch der Sinn für eigenthümliche Darstellung (sprachliche Eigen- 
ihümlichkeit) geweckt iverden u nur eine weitere Erklärung enthalte. 
Köchly entscheidet sich ausser den bereits im Laufe der Debatte ge- 
machten Aenderungen noch für Wegfall der Worte sub b): im Latei- 
nischen — zu erhöhen , so dass also die Anträge nun lauten a) (unver- 
ändert), b) Sie sind in beiden Sprachen möglichst gleichzustellen, c) Die 
sogenannten Rcproductionen sind demnach in beiden Sprachen auf Inhalts- 
angaben und Auszüge gelesener Stücke zu beschränken. Alles, was dar- 
über hinausliegt , darf ferner nicht mehr aufgegeben werden. Ganz ver- 
werflich sind lateinische Aufsätze über „räsonnirende Themata." d) Die 
Anwendung und Ausdehnung der Reproduciionen in beiden Sprachen wird 
von dem Lehrercollegium nach gemeinsamer Berathung bestimmt. 11 Ohne 
Abstimmung nahm die Versammlung diese Fassung an und überliess dem 
Berichterstatter die redactionelle Aufnahme in den Bericht. Klee be- 
antragte sodann noch , dass das Minderheitsgutachten S. 5. Nr. 5 der 
Uebersicht: „Es scheint wünschenswerth — gegeben werde" (S. 16 des 
Berichts) gestrichen werde; denn für das blos Wünschenswerthe bleibe 
jetzt beim Unterrichte in den alten Sprachen keine Zeit; die Lehrer der 
Geschichte und der alten Sprachen würden das Nothwendige an der rech- 
ten Stelle zu geben wissen, und mehr als diese gäben, könne bei einem 
einstündigen Unterrichte auch nicht gelehrt werden , wie er sich über- 
haupt gegen nur eine Stunde in jedem Fache erklären müsse; ein be- 
sonderer Vortrag über die angeregten Gegenstände sei für das Gymnasium 
zu gelehrt. Kran er: das Minoritätsgutachten sei in die Uebersicht 
aufgenommen werden , wie andere Minderheitsanträge ; dem Antrage 
Stallbaum's im Ausschusse habe er sich deshalb angeschlossen , weil er 
einen solchen Unterricht allerdings für wünschenswerth und für einen 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 115 

zweckmässigen Abschluss des altclassischen Studium halte; wenn aber das 
Wünschenswerthe nicht berücksichtigt werden könne, so lasse er seinen 
Antrag fallen. Dietsch: Kr würde freudiger gegen das Minoritätsgut- 
achten stimmen, wenn man nicht am Morgen dem Unterrichte in der alten 
Geschichte eine Stunde abgezogen hätte. Der Antrag Klee's wurde mit 
grosser Mehrheit angenommen. Die Frage : „ob die Versammlung nach 
den beschlossenen Aendcrungen den ganzen Bericht über den Unterricht in 
den allen Sprachen annchme u wurde einstimmig bejaht. 

Ein Antrag von Dietsch : „Man möge die Berathung der Berichte 
über Mathematik und Naturwissenschaften, die neueren Sprachen und 
das Hebräische zurückstellen bis nach Berathung der äusseren und inneren 
Angelegenheiten des Gymnasium, Anträge zu jenen Berichten aber schrift- 
lich stellen und zur Mitunterzeichnung circuliren lassen, und wenn dann 
wegen Zeitmangels eine besondere Besprechung nicht möglich sei , die 
Capitel D., E. und F. der Unbersicht in Bausch und Bogen annehmen" 
fand Genehmigung. Schluss der Sitzung nach 4 Uhr. 

Fünfte Sitzung den 30. December Vormittags 8 Uhr. Nach Vor- 
lesung der Protokolle von den beiden letzten Sitzungen durch die Schrift- 
führer Albani und Graf I. und deren Mitvollziehung durch Kämmel, 
Lachmann, Kraner und Kreussler erwähnt der Vorsitzende , dass 
von der gestrigen Sitzung die Abstimmung über die Classenzahl des Gym- 
nasium noch übrig sei. Köchly schlägt vor: man solle 9 Classen ohne 
Debatte annehmen, Stoff werde sich für eine 9. Classe im Deutschen fin- 
den. Palm erklärt sich mit dem vorigen Redner einverstanden und ver- 
weist auf die von ihm eingereichte Redaction der §§. 18 — 19 im Berichte 
Köchly's I. Die Versammlung entscheidet sich darauf für 9 Classen des 
Gymnasiums. 

Die Verhandlung geht hierauf zur Tagesordnung über , auf welcher 
zuerst der Bericht Köchly's über die äussere Stellung und die innere Ein- 
richtung der Gymnasien steht. Mehrfache Anträge sind zu demselben be- 
reits eingegangen. Köchly bemerkt, er werde sieh als Antragsteller 
mehrmals des Vorworts begeben können, andere Male aber Aenderungen, 
über die er sich bereits mit Anderen geeinigt , vorlegen. 

Zu §.1*) wird ein eingegangenes Schreiben von R. Nobbe zu 
Leipzig verlesen : 

„An die Gymnasiallehrer-Versammlung zu Meissen fühle ich mich ver- 
anlasst , auch aus der Ferne , wie ich es in der Deputation gethan habe, 
mein Bedenken geltend zu machen, dass die Gymnasien von dem Patro- 
nate des Staates unmittelbar abhängig sein sollen. Ich finde es weit ge- 
rathener, dass, wo Stiftungen vorhanden oder Commundotationen gegeben 
sind, die Verwaltung durch die Commun oder den Stiftungen gemäss statt- 
finde, der Staat aber als Oberaufsicht führende Behörde über den Voll- 
zug der in dieser Hinsicht geltenden gesetzlichen Bestimmungen zu Gun- 
sten der Lehrer und der ganzen Schule wache. Denn wo der Staat sein 
eigener Controleur an Anstalten seines Patronates ist, da pflegt, wie dieEr- 



*) „Alle Gymnasien sind unmittelbar Staatsanstalten, die Lehrer an 
ihnen Staatsdiener. Die städtischen Patronatsrechte mit allen ihren Con- 
sequenzen hören auf." 

8* 



116 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

fahrung lehrt, das Loos der Lehrer sich nicht zu bessern und die Dispo- 
sition über die Fonds eine willkürliche zu sein. Ich erkenne daher die 
Notwendigkeit eben so wenig als die Zweckmässigkeit des Satzes an, 
dass die Gymnasien Staatsanstalten sind. Da ich nun nicht in Meissen 
anwesend sein kann, so fühle ich mich verpflichtet als Deputationsmit- 
glied mein Separatvotum gegen diesen Satz hierdurch geltend zu machen." 
Schäfer: Die in §.1 angeregte Frage sei eine theoretische und 
rechtliche; in Bezug auf das Gedeihen der Anstalten sei durch den in 
Leipzig angenommenen Klee'schen Antrag hinlänglich gesorgt ; durch 
einen anderen Beschluss werde ein Eingriff in die Rechte Einzelner be- 
wirkt werden; wenn die Städte nicht die Mittel hätten, den gesetzlich 
bestimmten Aufwand zu bestreiten, so würden sie bereit sein, mit dem 
Staate einen Vertrag über die Abtretung einzugehen ; auf einem anderen 
Wege könne nicht vorgegangen werden; das Vitzthum'sche Geschlechts- 
Gymnasium werde zwar durch §. 1 nicht getroffen, komme aber doch in 
Betracht, da es unter dem Oberaufsichtsrechte des Staates stehe; es 
könne dies seiner Stiftung nach nie eine Staatsanstalt werden ; übrigens 
sprächen auch die Grundrechte des deutschen Volks dafür, dass die 
Städte ihre Gymnasien behalten könnten. Nach der kurzen Gegenbemer- 
kung Köchly's: man debattire hier nicht über Privat- sondern über 
Staatsanstalten , formulirt Schäfer folgenden Antrag : „§. 1 laute : Alle 
Gymnasien stehen unter Aufsicht des Staates. Die Lehrer an den öffent- 
lichen Gymnasien sind Staatsdiener. Die städtischen Patronate haben die 
Verpflichtung, die Lehrer an den städtischen Gymnasien in Beziehung auf 
ihre äussere Stellung den Lehrern an den Staatsgymnasien gleichzustellen, 
nicht minder für die erforderlichen Lehrmittel zu sorgen." Köchly: 
er nehme mit Unlust das Wort über eine Frage , über welche bereits 
überall entschieden sei ■ — in Preussen zu Halle und Berlin habe man sie 
sehr schnell bejaht — und von deren scharfer Bejahung man zu Leipzig 
nur durch dort obwaltende persönliche Rücksichten abgehalten worden sei; 
was die Rechtsfrage betreffe, so handle es sich zunächst um die Fonds; 
die der Kreuzschule zu Dresden gehören nicht der Stadt, sondern der 
Schule und gehen deshalb selbstverständlich mit der Schule an den Staat 
über; ein hier gefasster Beschluss sei nicht der einer constituirenden Ver- 
sammlung; hier habe man also nicht nach dem Rechte zu fragen, sondern 
nur nach der Zuträglichkeit der Sache; die städtischen Gymnasien seien 
aus der lateinischen Schule entstanden; dieStädte hätten gewünscht, dass 
ihre Söhne Gelegenheit fänden, die für die damalige Zeit geltende höhere 
Bildung zu erlangen; eine solche Schule, die hauptsächlich und ganz im 
lateinischen Sprachunterricht ihren Mittelpunkt gehabt und nur von 
Bürgerssöhnen besucht worden , habe wohl einer Stadt gehören können, 
etwas ganz Anderes aber sei es mit dem Gymnasium nach den Begriffen der 
neueren Zeit; er frage: reichen die Mittel an den städtischen Gymnasien 
wirklich aus ? haben sich die unteren Lehrer an den Leipziger Gymnasien 
wirklich wohl befunden ? zur Beaufsichtigung eines Gymnasium gehöre 
Sachkenntniss; könne man diese bei den Stadträthen der Gegenwart und 
der Zukunft voraussetzen ? die städtischen Gymnasien verderben ausserdem 
die Gliederung des Lehrerstandes; in einem so grossen Staate wie Preus- 



Bericht über die zweite Versammlung säclis. Gymnasiallehrer. 117 

sen finde dies weniger statt; aber in einem so kleinen wie Sachsen 
sei durch das städtische Patronat die Beförderung der Lehrer wesentlich 
erschwert; nach dem Rechte und der Art der Ablösung habe die Gesetz- 
gebung, nicht die Lehrerversammlung zu fragen; in Dresden werde sie 
leicht erfolgen; seit dem März seien noch ganz andere Rechte abgelöst 
worden. Klee: Er sei mit Köchly einverstanden und habe seinen Antrag 
in Leipzig nur gestellt, um die Versammlung zum Ende zu bringen; der- 
selbe mache die städtischen Gymnasien eigentlich zu Staatsanstalten; die 
Patrone seien nach demselben nur von dem Staate mit der Ausführung 
Beauftragte und sie würden sich wohl nicht vom Staate lieber zwingen lassen 
als abtreten. Er wünsche jetzt die Annahme von §. 1 in Köchly's Berichte ; 
hier werde nur ein Verlangen ausgesprochen; wie der Staat sich aus der 
Sache herausziehen werde , sei hier nicht zu fragen ; in Leipzig könne 
nicht über die Härte des Patrons geklagt werden; er für seine Person 
habe demselben nur zu danken, aber das Genügende — dies behaupte er 
ohne alle Scheu — sei auch dort nicht geschehen. Kreussler : er sei 
nicht gegen das Princip , es frage sich nur , in welchem Umfange es gel- 
ten solle; auch die städtischen Gymnasien seien in gewissem Sinne Staats- 
anstalten, die Lehrer daran Staatsdiener; jedenfalls müsse er sich dagegen 
wahren, dass das Princip auf dem Wege der Expropriation ausgeführt 
werde; die städtischen Gymnasien beanspruchten auch für sich Freiheit; 
Vieles von dem, was Köchly gesagt , beweise zu Viel und darum Nichts; 
wenn es z.B. gar wohl geschehen könne, dass eine städtische Behörde 
sich aus lauter Demokraten constituire , so könne, wovor uns Gott be- 
wahren möge, das auch mit einem Ministerium geschehen. Schäfer: 
Sein Antrag stehe von dem Köchly's gar nicht so weit entfernt ; er habe 
das Aufsichtsrecht des Staates gewahrt, die Gleichstellung der Leh- 
rer an den Patronatsgymnasien mit denen an den Staatsgymnasien des- 
gleichen; Uniformität des Lehrerstandes sei in vieler Hinsicht bedenk- 
lich, auch ein Ministerium verfahre zuweilen bei Besetzung von Stel- 
len einseitig ; durch Köchly's Antrag aber werde die Wahrung des 
Vertragsrechts nicht ausgesprochen. Der von Oertel und Dress- 
ler beantragte Schluss der Debatte wird angenommen. Köchly als 
Ref.: Dem Rechte, Privatanstalten zu gründen, werde durch seinen Antrag 
nicht vorgegriffen, aber das würden dann auch wirklich Privatanstalten 
sein; das bisherige Verhältniss der städtischen Gymnasien sei ein halbes 
nnd störendes; Verordnungen des Ministeriums kämen , weil sie durch 
den Stadtrath gingen , oft sehr spät in die Hände der Lehrercollegien ; 
Kreussler werde, wenn er eine Pension vom Staate begehre , sogleich 
sehen, dass er nicht Staatsdiener sei; dass nicht eine Staatsbureaukratie 
an die Stelle der städtischen trete, dies solle eben durch die demokra- 
tische Einrichtung, die er den Gymnasien gebe, verhindert werden. 
§. 1 des Köchly'schen Berichts wird darauf gegen 8 Stimmen angenom- 
men. — Der Vorsitzende legt darauf einen Antrag Kämmel's zu §.6: 
„Die Gymnasialsynode tritt aller zwei Jahre einmal zusammen. Sie be- 
steht aus sämmtlichen Gymnasiallehrern Sachsens, die probethuenden 
Schulamtscandidaten eingerechnet, als ordentlichen Mitgliedern, und den 



118 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymmasiallehrcr. 

Gebildeten Laien , welche sich jedesmal freiwillig anschliessen, als ausser- 
ordentlichen Theilnehmern. Nur Erstere haben bei den Wahlen und Be- 
schlüssen Stimmrecht", lautend : „Die Gymnasialsynode ist vorbereitend 
für die Schulsynode (§.9) und findet, wie diese, aller dr ei Jahre statt, 
kurze Zeit vor der Schulsynode", und fragt dann , ob Jemand noch zu 
dem Abschnitte A. einen Antrag zustellen habe. Köchly: der Geist 
seiner Anträge bedürfe keiner Erläuterung; er habe vor Allem Freiheit 
des Lehrerstandes beabsichtigt; bei den Lehrerversammlungen zu Halle 
und Berlin, wo man sich fast nur mit den äusseren Verhältnissen beschäf- 
tigt, habe er Viel gewonnen und namentlich dies, dass die Formen mög- 
lichst einfach zu schaffen seien. Zug. 3, a *) wünsche Zestermann 
die Aenderung: ,,das Ministerium hat die Lehrer mit — Wünsche anzu- 
stellen und in den gesetzlich zu bestimmenden Fällen dieselben zu versetzen 
und abzusetzen (vgl. §. 11)"; er mache diese ganz zu der seinigen. Gegen 
§.6 habe ihm Schlurick privatim ein Bedenken mitgetheilt und die Auf- 
nahme eines Passus gewünscht, dass bei der Gymnasialsynode alle Gym- 
nasien des Landes vertreten sein sollten ; er könne sich nicht dafür erklä- 
ren , da sonst leicht durch das Ausbleiben der Lehrer von einem Gym- 
nasium die ganze Gymnasialsynode paralysirt werden könne; in §. 6 
wünsche er jetzt selbst, dass nach den gebildeten Laien noch zugesetzt 
werde: und den nichtsächsischcn Gymnasiallehrern; die Theilnahme von 
Laien habe er gewünscht, damit die Schule die auch ausser ihr sich er- 
hebenden Stimmen hören könne; man solle nicht fürchten, dass die Sache 
gemissbraucht werden werde ; aber freiwilligen Anschluss habe er ge- 
wünscht, weil uns die, welche innerlichen Beruf und Trieb in sich fühl- 
ten, nützen könnten} §.7 ändere er selbst jetzt: ,, Das Ministerium hat 
— die einschlagenden Vorlagen zu rechter Zeit an den Gymnasialausschuss 
oder die einzelnen Lehrercollegien gelangen zu lassen." §. 11 *) mache 
er einen Antrag Zestermann's, die Worte : letztere mit oder ohne Ruhe- 
gehalt zu streichen, zu dem seinigen } man sei zwar in Sachsen immer 
ziemlich frei gewesen und unfreiwillige Absetzung sei deshalb nur sehr 
selten vorgekommen, es gebe aber Gründe, welche die Entfernung eines 
Lehrers nothwendig machen könnten , dem dann Ruhegehalt zu entziehen 
eine Härte sein würde. Klee fragt Köchly, ob er nicht, um alle Miss- 
verständnisse zu beseitigen, in §. 6 lieber folgende Fassung annehmen 
wolle: „Als ordentliche Mitglieder sind sämmtliche Gymnasiallehrer Sach- 
sens, die probethuenden Schulamtscandidaten eingerechnet , zu betrachten; 
gebildete Laien und nichtsächsische Gymnasiallehrer haben als ausser- 
ordentliche Theilnehmer Zutritt." Köchly erklärt sich für diese Fas- 
sung, wünscht aber, dass Kämmel's Antrag zu derselben §. nicht ange- 

*) „Das Ministerium hat a) die Lehrerstellen mit möglichster Berück- 
sichtigung der von dem betreffenden Lehrercollegium ausgesprochenen 
Wünsche zu besetzen;" 

*) „Das Ministerium hat die Pflicht, den Gymnasialausschuss in allen 
Pällen zu befragen, in denen es cus rein pädagogischen Gründnn die un- 
freiwillige Versetzung oder Absetzung eines Lehrers — letzterer mit oder 
ohne Ruhegehalt — in den gesetzlich noch näher zu bestimmendnn Fällen 
verfügt , wenn der Betheiligte nicht selbs davon abzusehen wünscht." 



Bericht über die zweite Versammlung säclis. Gymnasiallehrer, i 19 

nommen werde, weil es unpraktisch sei, jetzt, wo über die Schulsynode 
noch Nichts bestimmt sei, über die Zeit der Gymnasialsynode Etwas fest- 
zusetzen. Karamel zieht hierauf seinen Autrag zurück. Schlurick 
thut dasselbe in Bezug auf seinen Antrag zu §. 6, fragt aber an, ob nicht 
§. 11 ein Zusatz zweckmässig sei: aus pädagogischen Gründen und nach 
vorheriger Anwendung eines mildern Verfahrens. K ö'chly spricht gogeu 
diesen Zusatz, einmal weil er durch die Worte in den gesetzlich noch 
näher zu bestimmenden Fällen beseitigt sei , sodann weil auch ein Unglück, 
wie z.B. Erblindung, Grund einer Absetzung werden könne. Palm 
beantragt, dass für Absetzung das Wort Entfernung gesetzt werde. 
Köchly bittet diese Bemerkungen zu Protokoll zu nehmen; bei einer 
nochmaligen Redaction der Berichte werde er sie berücksichtigen und be- 
nutzen. Palm sowohl als Schlurick erklären sich damit beruhigt, 
obgleich Klee über Schlurick's Antrag, da er nicht blos eine redactio- 
nelle Verschiedenheit, sondern einen ganz neuen Zusatz enthalte, Ab- 
stimmung für nöthig hält. Der Abschnitt A. §. 1 — 13 wird darauf unter 
Berücksichtigung der beantragten und angenommenen Aenderungen und 
Amendements gegen eine Stimme angenommen; der Abstimmung enthielten 
sich Schäfer, Palm und Müller. — Die Verhandlung wendet sich zu 
dem Abschnitt B. §. 14 — 17: Verhältniss des Gymnasiums zur Kirche, und 
es kommt zunächst ein Antrag Müller's zum Vortrage: ,,die gegenwärtige 
Versammlung wolle von einer Beschlussfassuug über das Verhältniss der 
Schule zur Kirche absehen." Der Antragsteller begründet denselben: 
eine Reform der Schule könne nur auf Grund bereits gegebener Verhält- 
nisse stattfinden; wie sich das Verhältniss der Kirche zum Staate heraus- 
stellen, wie sich die Kirche im Innern gestalten werde, dies sei noch 
nicht entschieden; davon hange aber das Verhältniss der Schule zur Kirche 
ab, und deshalb könne jetzt kein Beschluss darüber gefasst werden. Der 
Antrag findet Unterstützung. Köchly dagegen: die Versammlung werde 
auf gegebenen Verhältnissen bauen; der bereits anerkannte Grundsatz: 
dass die Verschiedenheit des Glaubens auf die bürgerlichen Verhältnisse 
keinen Einfluss übe, sei hier entscheidend; der Schule müsse die Freiheit 
gewahrt werden, und da in der Kirche Gährung sei und sich vielleicht noch 
mehren werde, so sei die Schule auch vor dem Einflüsse dieser Gäh- 
rung zu wahren; gestern sei der Kirche die Freiheit gewahrt wor- 
den, heute müsse sie der Schule erhalten werden. Müller: erstelle 
in Abrede, dass die staatlichen und kirchlichen Verhältnisse bereits ge- 
ordnet seien, und ehe dies nicht der Fall, könne Nichts geändert werden; 
es gebe Tausende, welche die Schule nicht von der Kirche getrennt wis- 
sen wollten, und diesen dürfe die Freiheit auch nicht entzogen werden. 
Köchly: Das Princip , auf dem die Verhältnisse geordnet werden sollten, 
sei bereits gefunden; dasselbe, welches Lessing im Nathan dem Weisen 
ausgesprochen , sei zwar oftmals unterdrückt worden , aber im März dieses 
Jahres zur vollen Anerkennung gekommen ; die Staatskirche sei gefallen 
und deshalb müssten und könnten die Lehrer das Verhältniss zur Kirche 
feststellen; wenn nun verschiedene Seelen auftauchten, welche Kirche 
solle dann Einfluss auf die Schule haben ? auf der allgemeinen Lehrer- 



120 Bericht über die zweite Versammlung säclis. Gymnasiallehrer. 

Versammlung zu Dresden seien über das Verliältniss der Schule zur Kirche 
die gleichen Beschlüsse gefasst worden; auch das Gymnasium solle frei 
sein von jeder Kirche; die Lehrer werden deshalb immer der Kirche an- 
gehören, und der Religionslehrer müsse seine Ueberzeugung lehren ; der 
Kirche selbst werde man zu nahe treten, wenn man ein anderes Verhält- 
niss annehme. Da Müller auf das Wort verzichtet, so ist die Debatte 
geschlossen und es wird zur Abstimmung geschritten, wobei sich für den 
Antrag nur 7 Stimmen ergeben. — Es kommt zum Vortrage der Antrag 
G raf 's I. zu §. 14 *) „Der Kirche steht ein Aufsichtsrecht über den Re- 
ligionsunterricht auf den Gymnasien zu." Der Antragsteller begründet 
denselben: Wenn, wie gestern bei den Verhandlungen über den Religions- 
unterricht anerkannt worden, der Religionsunterricht ein confessioneller 
sein solle, so müsse auch die Kirche ein Aufsichtsrecht haben; der Re- 
ligionslehrer müsse frei, aber er dürfe nicht unverantwortlich sein, ver- 
antwortlich könne er aber nur der Kirche sein. Der Antrag wird unter- 
stützt. Köchly: wenn er von confessionellem Unterrichte spreche, so 
meine er, dass Niemand Knaben vom 14. Jahre an Religionsunterricht er- 
theilen könne ohne eine Confession; Confession sei ihm aber nicht ein 
kirchliches Glaubensbekenntniss, es gelte ihm als solche auch der Aus- 
druck des philosophischen Bewusstseins, ein pantheistischer u. dgl. , des- 
halb habe er jenen nicht gewünscht , aber zugegeben ; wenn er den Graf- 
schen Antrag ins Auge fasse , so müsse er fragen : welcher Kirche solle das 
Aufsichtsrecht zustehen; man verwechsele Aufsichtsrecht der Kirche und 
Zusammenhang mit der Kirche; die kirchliche Gemeinde, welcher der 
Religionslehrer angehöre, werde sich vielleicht um seinen Unterricht be- 
kümmern, vielleicht auch nicht; das persönliche Verhältniss zwischen 
jedem Gemeindegliede und der Gemeinde gehe die Schule Nichts an. 
Grafl.: Durch das Gesagte sei er in seinem Antrage nur bestärkt; es 
falle ihm die Geschicklichkeit auf, mit welcher Köchly zu seinem Ziele zu 
gelangen suche, indem er heute das Wort confessionell in einem Sinne 
nehme, über den er sich gestern nicht erklärt; confessionell sei für ihn 
nicht subjeetiv , sondern objeetiv; er müsse sich dagegen verwahren, als 
sei jenes Princip bereits angenommen; wenn sein Antrag hypothetisch ge- 
staltet werden solle, so könne er Nichts dagegen haben. Köchly: er 
suche allerdings allmälig zu seinem Ziele zu gelangen , aber nicht auf ver- 
steckte oder unredliche Weise; als Pädagog verlange er, dass der Re- 
ligionslehrer vollkommene Freiheit habe, nach seiner wissenschaftlichen 
und herzlichen Ueberzeugung zu lehren ; er werde auch einem Orthodoxen 
nie sein Gewissen verkümmern wollen. Graf I.: er habe dem Redner 
nicht Unredlichkeit vorwerfen, nur vor seiner Geschicklichkeit warnen 
wollen; er beantrage Namensaufruf über seinen Antrag. Müller, dem 
sich Palm und Kren ssler anschliessen , erklärt zu Protokoll: „Ich be- 
gebe mich der weiteren Theilnahme an der Verhandlung und Beschluss- 



*) „Keine Kirche oder irgend eine kirchliche Gemeinde hat auf die 
Gymnasien irgend einen Einfluss oder irgend ein Aufsichtsrecht auf einen 
Theil ihres Unterrichts." 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 121 

fassung über den Abschnitt B. aus den von mir entwickelten Gründen." 
Seil lur ick: Er habe für den Müller\schen Antrag gestimmt; wenn 
Köchly dem beistimme, dass ein Verhältniss zwischen Kirche und Schule 
bestehen müsse, so habe er nur zu bedauern, dass kein Band im Berichte 
bezeichnet sei; er schliesse sich der letzten Erklärung Müller's an. Der 
Antrag Baltzer's auf Schluss der Debatte wird angenommen. Graf I. 
als Antragsteller : Denen, welche sich der Abstimmung enthalten wollten, 
rufe er zu , dass, wenn man auch Gott die Zukunft der Kirche überlassen 
müsse , dieser selbst doch Menschen zu seinen Werkzeugen gebrauche ; 
wer eine Ueberzeugung habe, der müsse sie auch vertreten. Köchly 
als Ref. schliesst sich diesem Wunsche an und entgegnet Schlurick, er 
verwechsele Schule und Gymnasium. Bei der namentlichen Abstimmung 
enthalten sich ausser den genannten 4 noch Flügel und Kr an er der 
Abstimmung. Mit Ja, d. h. für den Kö'chly'schen Bericht, antworten 15 
(Albani, Zestermann, Klee, Oertel, Graf II., Fiebig, 
Kämmel, Lachmann, Baltzer, Köchly, Schöne, Linde- 
mann, Milberg, Jahn, Tittmann), mit Nein , d. h. für den Graf- 
schen Antrag, erklären sich 7 (Lipsius, Heibig, Kreyssig, 
Dietsch, Wunder aus Meissen, Kuniss, Graf T.). Andere waren 
entweder abgereist oder im Augenblicke in der Sitzung nicht anwesend. 
Zu Protokoll erklären Motive noch folgende: Kämmel: Er finde §. 14 
unbedenklich und darin eine Aufforderung an die Kirche, sich aus ihrer 
Indolenz aufzuraffen; dieser Erklärung schliesst sich Lachmann an und 
findet nur den Ausdruck Indolenz zu scharf. Palm: Er würde , wenn 
er sich nicht der Abstimmung enthalten, gegen §. 14 gestimmt haben. 
Zestermann: Er glaube den Einfiuss der Kirche auf den Religions- 
unterricht in Gymnasien genügend gesichert durch die §. 15 angegebene 
Anstellung eines geprüften Theologen als Religionslehrer, und ausserdem 
wünsche er jeden gegen den Religionslehrer möglichen Gewissenszwang 
vermieden. — §. 15 hält Köchly durch die gestrige Debatte über den 
Religionsunterricht für erledigt und empfiehlt §. 16 und 17 in seiner Fas- 
sung zur Annahme. Klee glaubt, dass §. 15 nicht ganz erledigt sei; die 
Worte von einem hehrer — bestanden hat, seien nicht besprochen worden; 
indess lässt er, um die Verhandlung nicht zu verlängern, dies Bedenken 
fallen, fragt aber, warum in §. 16: ,, dagegen sind die übrigen Lehrer 
ohne einen Unterschied der Confession, jedoch mit Rücksicht auf das 
numerische Uebergewicht der evangelisch-protestantischen Schüler, an- 
zustellen", der beschränkende Zusatz aufgenommen worden. Köchly: 
• es werde für die Schüler ein drückendes Verhältniss sein, wenn die Mehr- 
zahl der Lehrer einer andern Kirche angehörten als sie. Der Vorsitzende 
erklärt: wenn diese Worte wegfielen, so müsse er dagegen stimmen; 
wenn in §. 17 der Besuch der Kirche und die Theilnahme am Abendmahl 
in den freien Wiilen gestellt werde, so frage er, ob der Ref. die Auf- 
hebung der bis jetzt in geschlossenen Anstalten bestehenden Verhältnisse 
und Einrichtungen beabsichtige. Köchly: er habe den Antrag ganz all- 
gemein gefasst, die Ausführung aber müsse jedenfalls der Praxis über- 
lassen werden. §. 16 und 17 werden darauf mit Mehrheit angenommen. 



122 Deriebt über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

— Den Abschnitt C. erklärt Köchly durch die Annahme des Palm'schen 
Amendement für erledigt. Palm legt folgende Redaction der §.18 ff. vor. 
„Obwohl die Aufgabe aller Schulen Bildung auf gemeinsamer christlich- 
nationaler Grundlage ist, so ist doch ein nicht zu spätes Auseinandertreten 
der niedern und höhern Volksbildung sowie des Gymnasiums und der Real- 
schule (höhern Bürgerschule) nöthig, damit jede Anstalt eine durchgrei- 
fende Einheit des Characters bewahre. Das Gymnasium besteht daher 
a) aus dem Untergymnasium, welches seine Zöglinge im 10. Jahre auf- 
nimmt und bei ihnen die Elementarkenntnisse (Fertigkeit im Lesen und 
Schreiben der Muttersprache, Kenntniss der biblischen Geschichte, Fer- 
tigkeit im Rechnen der vier Species mit unbenannten Zahlen und die 
geographischen Vorbegriffe) voraussetzt. Es zerfällt in 3 Classen mit 
einjährigen Cursen, umfasst dieselben Unterrichtsgegenstände wie die 
entsprechenden Altersclassen höherer Bürgerschulen, nimmt aber (für den 
besonderen Zweck der Vorbereitung auf den höheren Gymnasialunterricht) 
im zweiten Jahrescurs den Unterricht im Lateinischen und im dritten den 
im Französischen auf. b) Aus dem Mittel- und Obergymnasium , dessen 
eigenthümliches Bildungsmittel die altclassischen Sprachen sind, das jedoch 
die im Untergymnasium erworbenen Kenntnisse in geeigneter Weise fort- 
führt. Es besteht aus 6 Classen mit einjährigen Lehrcursen, Aufnahmen 
und Versetzungen. §. 20. In den Gymnasialstädten, in welchen es an 
wohleingerichteten Realschulen fehlt, sind Parallelcla>sen mit dem Mittel- 
gymnasium zu verbinden, welche die höhere Ausbildung von Nichtstudi- 
renden fortzuführen haben. Sie behandeln das Französische und die exaeten 
Wissenschaften in grösserer Ausdehnung und nehmen das Englische als 
Unterrichtsgegenstand auf." 

Palm bemerkt, dass ausserdem noch der Antrag, auf einem vater- 
ländischen Gymnasium möge ein Versuch mit der Priorität des Französi- 
schen gemacht werden, zu diesem Abschnitte gehöre. Die Palm'sche Fas- 
sung wird , als den gefassten Beschlüssen entsprechend, einstimmig ange- 
nommen. Zu §. 19 hat Oertel den Zusatzantrag gestellt: „Die Ver- 
sammlung möge erklären : die höchste Zahl der wöchentlichen Lehrstun- 
den für das Obergymnasium sei 30, für das Mittelgymnasium 31, für das 
Untergymnasium 26." Da Köchly genauere Erklärung darüber wünscht, 
ob Turnen , Singen , Schreiben und Zeichnen in dieser Stundenzahl ein- 
geschlossen sein sollen, so erklärt Oertel, dass er nur wissenschaftliche 
Sprachstunden gemeint habe, Palm aber ist der Meinung, dass im Un- 
tergymnasium die Zahl der Stunden auch mit Einschluss jener Gegen- 
stände angenommen werden könne. Köchly dagegen hält dafür, dass 
Turnen und Singen im ganzen Gymnasium von den gewöhnlichen Lehr- 
stunden getrennt werden müssen. Palm giebt dies zu, ist aber der Ansicht, 
dass Zeichnen und Schreiben, welches doch eine Arbeit für die Schüler sei, 
eingeschlossen seien, womit K öch 1 y einverstanden ist. Der Antrag Oer- 
tel's wird darauf einstimmig angenommen. — Da sich die Versammlung nun 
zu II. A des ersten Berichts von Köchly wendet, so erklärt dieser: er habe 
sich an die Eintheilung des Regulativs gehalten, obgleich dieselbe ihm nicht 
ganz gefalle. Rücksichtlich der Vorbemerkung giebt er zu erkennen, dass 
er die Sache für unerheblich halte und eine längere Besprechung darüber 
nicht anregen wolle. Klee wünscht, da nicht viele Zeit mehr übrig sei, 
die wichtigeren Abschnitte vorher zu nehmen ; die Antragsteller möchten 
ein Opfer bringen. Da dieser Antrag angenommen und die Besprechung 



Bericht über die zweite Versammlung süchs. Gymnasiallehrer. 123 

auf Abschnitt II. B übergeführt wird, so motivirt Baltzer nur noch zu 
künftiger Erwägung 1) den Antrag: „die durch das Regulativ aufgestell- 
ten Censuren sind aufzuheben und nur 4 Grade anzunehmen", mit den von 
Raschig in seinen Rückblicken dafür entwickelten Gründen; 2) den An- 
trag: „der Anfang des Schuljahrs ist nach den grossen Ferien, die im 
August zu halten sind , zu legen" damit , dass er eine Zersplitterung des 
Cursus durch die Ferien vermieden wünsche. Ueber den bezeichneten 
Abschnitt spricht zuerst Köchly: Die alte Meinung, dass der Rector die 
Seele der Schule sei, könne nicht mehr festgehalten werden; in der 
lateinischen Schule , wo das Lateinische den Mittelpunkt gebildet habe, 
sei es ganz natürlich und praktisch gewesen, dass der, welcher die höch- 
ste Blüthe im Lateinischen erreicht, auch die Seele der Schule gewesen; 
jetzt sei es anders, jetzt müsse statt des patriarchalischen ein republikani- 
sches Verhältniss geschaffen werden; die verschiedenen Lehrgegenstände 
müssen ihre Einigung im Lehrercoriegium finden , deshalb habe er diesem 
ausgedehntere heschliessende Gewalt gegeben , dem Rector aber die exe- 
cutive im vollen Maasse gelassen, ja sogar durch §. 29, 2 eine Art Dictatur 
eingeräumt; ein Hauptpunkt, über den er anderwärts in der Minorität ge- 
blieben, sei der Wahlrector; die Debatte darüber wünsche er verschoben, 
bis man sich über die übrigen Punkte geeinigt. In §. 24 nehme er den 
letzten Satz in der von Baltzer beantragten Fassung: „Alle eine Rang- 
und Fach- Verschiedenheit andeutenden Titulaturen hören auf" an. Zu 
denselben §. stellt Heibig den Antrag: „Es wird allen definitiv ange- 
stellten Lehrern der Amtstitel Gymnasialprofessor ertheilt" und motivirt 
denselben damit, dass im bürgerlichen Leben Titel noch Etwas gelten. 
Köchly erklärt sich dagegen, weil man die Initiative ergreifen und auf 
alle Titel verzichten müsse, damit das Volk von seinen Vornrtheilen ge- 
heilt werde ; auf eine Anfrage des Vorsitzenden weist er das Vorhanden- 
sein eines allgemeinen Dienstprädicats „Gymnasiallehrer" nach. Helbig's 
Antrag findet nicht ausreichende Unterstützung. Köchly bemerkt fer- 
ner über den ganzen Abschnitt, dass Einwendungen, die sich aus den be- 
sonderen Verhältnissen einzelner Lehranstalten herleiteten, durch §. 31 
begegnet sei. In §. 30 beantragt Heibig zwischen 2 und 3 einzuschie- 
ben: „Nach vorgängiger Berathung mit den Lehrern den Lectionsplan zu 
entwerfen und dem Lehrercollegium zur Berathung vorzulegen", dann aber 
§. 25, 1 „Entwerf ung" zu streichen. Köchly: im Principe müsse er 
sich gegen diese Befugniss des Rectors erklären. Hei big: er stelle die 
Genehmigung des Lehrercollegiums als Bedingung. Klee : finde eine vor- 
gängige Berathung des Lehrercollegiums statt, so werde dem Rector durch 
den Antrag weiter Nichts auferlegt, als aus dem Protokolle eine Zusam- 
menstellung abzuschreiben. Hei big: er habe nur das Wort „Entwer- 
fung" im §. 25, 1 bestimmt erläutert sehen wollen. Köchly: er habe 
verhüten wollen, dass der Rector einseitig den Lectionsplan entwerfen und 
verändern könne. Heibig zieht seinen Antrag zurück, Köchly aber 
erklärt auf Klee's Wunsch §. 25, 1 die Worte : „Entwerfung und" strei- 
chen zu wollen. Zu §. 30, 1 hat Palm den Antrag gestellt: ,,§. 30, 1 
wünsche ich nach dem Regulativ §. 30, S. 32, 3. Absatz geändert" und 



124 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

motivirt denselben damit, dass die Fassung des Regulativs bei Beibehal- 
tung der bisherigen Verhältnisse zweckmässiger sei als die zu viel einräu- 
mende Köchly's. Dieser erklärt sich damit einverstanden, mit der Be- 
merkung, dass er den Wahlrector vor Augen gehabt. Mit Vorbehalt des 
Mindergutachtens für den Wahlrector wurde darauf Abschnitt B. ange- 
nommen. Köchly motivirt das Separatvotum: er rechne nicht auf den 
Erfolg, dass dasselbe durchgehen werde; es genüge ihm, Bodenken dar- 
über rege zu machen, ob die bisherigen Verhältnisse bleiben könnten; die 
zeitweise Wahl des Rectors sei eine nothwendige Consequenz des ange- 
nommenen Princips ; der Rector könne nicht mehr die Seele der Schule 
sein — denn er würde stets eine einseitige Seele darstellen — das Lehrer- 
collegium müsse sie werden ; die bisher dem Rector obliegenden Arbeiten 
würden jetzt zum grossen Theil dem Lehrercollegium zugewiesen , ja es 
könne nach §. 31 sogar ein Theil von denselben auch einem anderen Col- 
legen übertragen werden ; also ein jahrelanges Einarbeiten in die Recto- 
ratsgeschäfte sei nicht nöthig, zumal da die Zeit hoffentlich die vielen 
Schreibereien beseitigen werde; bei der zeitweiligen Wahl werde sich jeder 
der Lehrer bestreben, durch Tüchtigkeit zur Wahl zu gelangen , zugleich 
aber auch es dem Interesse des Collegium entsprechen, den Besten an seiner 
Spitze zu sehen; wer sich tüchtig bewährt, werde auch wieder gewählt 
werden; es sei keine Frage, dass Mancher im vorgerückten Alter noch 
recht tüchtig zum Lehrer, aber nicht zum Rector sei; durch die Wahl 
würden ferner die öfter vorgekommenen Kränkungen der älteren Lehrer 
durch Nichtbeförderung zum Rectorate hinwegfallen; das Rectorat werde 
in Zukunft mehr eine Last als eine Ehre sein ; bei Lebenslänglichkeit des 
Rectors sei Stabilismus unvermeidlich; Missgriffen des Lehrercollegium 
werde durch das Veto des Ministeriums vorgebeugt. Da die Zeit eine 
weitere Berathung unmöglich machte, so erklärten auf Köchly's 
Wunsch Diejenigen, welche schon jetzt für seinen Antrag seien, ihre 
Meinung zu Protokoll. Mit Köchly (6 Jahre Wechsel) stimmen Lin- 
d eman n und Oe rt e I im Allgemeinen, Baltzer, Albani und Graf]., 
nicht für 6jährige, sondern für 3jährige Wahl: Schöne mit dem Zu- 
sätze: „doch nicht auf allzukurze Zeit"; Hoffmann mit dem Zusätze: 
„aber das Wahlrecht auch so weit thunlich auf die Schüler ausgedehnt." 
— Dietsch stellt nun noch folgende Anträge: 1) die Versammlung 
möge das von Köchly hinsichtlich der Gehalte Beantragte durch Accla- 
mation annehmen — was sofort erfolgt; 2) der Bericht über die Versamm- 
lung solle wieder in derselben Weise wie der über die Leipziger Ver- 
sammlung veröffentlicht werden, was ebenfalls ohne Weiteres angenommen 
wird; 3) es solle sofort ein Gymnasialausschuss gewählt werden. Kra- 
ner empfiehlt in Betreff des letzteren Punktes : die Referenten sollten zu 
einem Ausschusse zusammentreten, während Köchly einen Gymnasialaus- 
schuss (nicht einen blossen Redactionsausschuss) durch Wahl von 7 Mit- 
gliedern wünscht. Da Palm dagegen bemerkt, dass eine solche Wahl 
jetzt, wo nur noch 30 Mitglieder anwesend seien, bedenklich sei; Titt- 
mann's Vorschlag aber, dass von sämmtlichen Gymnasiallehrern Sachsens 
Stimmzettel an den Vorsitzenden eingesandt werden möchten, von Köchly 



Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 125 

mit dem Bemerken bekämpft wird , dass man nicht nach Namen wählen 
könne und wolle, so beschliesst die Versammlung: „Die Referenten der Aus- 
schüsse (Lipsius, Köchly, Dietsch, Palm, Klee, Fiebig, Wun- 
der aus M., Scharschmidt) sollen zur Weiterführung der Beschlüsse, 
Verkehr mit dem Ministerium und Vorbereitung einer neuen Versammlung 
zu einem Ausschusse zusammentreten." Die anwesenden Referenten wählen 
Dietsch zum Geschäftsführer. Dem Ausschusse wünscht Baltzer die 
Festsetzung der Classenziele ans Herz gelegt, Zestermann aber giebt 
den Wunsch zu erkennen: ,, die Berichte der Commissionen auf öffentliche 
Kosten zu drucken und an die Lehrercollegien rechtzeitig vor der bevor- 
stehenden Gymnasiallehrerversammlung unentgeltlich zu vertheilen." — 
Zwei Anfragen Köchly's: „ob die Versammlung mit seinem zwei- 
ten Bericht im Allgemeinen zufrieden sei", und ob sie das Princip : „der 
Mann , nicht die Stelle werde bezahlt", anerkenne , werden durch die Mehr- 
heit bejaht. Der Vorsitzende theilt noch mit, dass Prof. Mützell aus Ber- 
lin 30 Exemplare der Verhandlungen zu Berlin übersandt und eine engere 
Verbindung des Gymnasiallehrervereins der Provinz Brandenburg mit dem 
Sächsischen gewünscht habe. Die Versammlung erklärt sich einstimmig, 
auf diesen Wunsch dankbar eingehen zu wollen. Nachdem den Vorsitzen- 
den und Schriftführern Dank ausgesprochen und von diesen erwidert war, 
trennte sich die Versammlung. 

Zu Protokoll sind folgende Anträge zur Erwägung bei einer dritten 
Gymnasiallehrerversammlung gegeben worden : 

A. Zu dem Berichte über die neueren Sprachen. 1): „In Folge und 
auf Grund der bei der diesmaligen Versammlung in Bezug auf die künftige 
Stellung der französischen Sprache unter den übrigen Lehrobjecten ausge- 
sprochenen Gründe und Erörterungen, erscheint es als unerlässlich noth- 
wendig, bei einem 7jährigen Lehrcursus für die ersten 3 Jahre wöchent- 
lich 6, für die folgenden zwei 4, für die letzten zwei 2 Stunden als Minimum 
zu verlangen. Hermann Löwe. Unterschriften: a) Dr. Chr. E hr. 
Dressler, insoweit diese Ansätze mit seinem Berichte übereinstimmen, 
b) Nach den Worten ,, unerlässlich nothwendig" folge: im Untergymna- 
sium 6, im Mittelgymnasium 4, im Obergymnasium 2 wöchentliche Lehr- 
stunden als Minimum zu verlangen". K. H. Graf II. c) Ich halte 4 Unter- 
richtsstunden für das Unter - und Mittelgymnasium , 2 für das Obergym- 
nasium für ausreichend. Dr. O. Fiebig. 2) ,,In Bezug auf den fran- 
zösischen Unterricht stellen die Unterzeichneten folgenden Antrag : 1) das 
Ziel desselben ist a) Fertigkeit im mündlichen Uebersetzen der classischen 
und prosaischen Dichter, b) grammatische Richtigkeit im schriftlichen Aus- 
druck , c) übersichtliche Kenntniss der Literaturgeschichte. 2) Der Un- 
terricht beginnt in der 7. Classe mit 5—6 Stunden und wird dann durch 
alle Classen mit 2 Stunden bis Prima fortgesetzt. Klee, Palm, Kra- 
ner, Oertel, Schlurick, Heibig, Hoffmann, Flügel. Mit 1) 
als Minimum einverstanden Graf II. Im Fall eine gewisse Gewandtheit 
im mündlichen Ausdruke hinzugefügt wird, einverstanden Löwe. Ich 
halte es beim französischen Unterrichte für eine unabweisbare Forderung 
der Methode, mit der Conversation so zeitig als möglich zu beginnen, ver- 



126 Bericht über die zweite Versammlung sächs. Gymnasiallehrer. 

lange daher als Unterrichtsziel Gewandtheit im mündlichen Gebrauche die- 
ser Sprache, deren Kenntniss ohne solche Uebung einen wesentlich gerin- 
geren Werth hat. Fiebig. Mit Fiebig stimmt Tittma n n. MitAus- 
nahme von 2) einverstanden Lindemann. Mit Löwe und Fiebig stimmt 
und seinem Berichte gemäss Dressler. Ich stimme dem Antrage bei, 
bis auf die Zahl der Stunden in der 7. Classe, die ich nur auf 4 bestimmt 
wünsche. Kuniss. Zestermann. Ich stimme bei. Kreyssig. 3) An- 
trag von Fiebig: Die Versammlung wolle an das Cultusininisterium den 
Antrag stellen: dahin zu wirken, dass auf der Landesuniversität ein den 
übrigen ebenbürtiger Lehrstuhl für die neuern Sprachen gegründet und 
angemessen dotirt werde, damit die Ausbildung der Lehrer neuerer Spra- 
chen nicht mehr wie bisher dem Zufalle überlassen bleibe. 4) Antrag 
von Fiebig: Die Versammlung möge erklären, dass der Lehrer der bei- 
den neuen Sprachen ein Deutscher sein müsse, welcher seine Lehrtüchtig- 
keit in den betreffenden Sprachen in der angeordneten Staatsprüfung 
nachgewiesen und Sitte und Sprache der beiden Nationen an Ort und 
Stelle studirt, oder wenigstens durch längeren Umgang mit Engländern 
und Franzosen genauer kennen gelernt hat; ein Ausländer sei nur dann 
für eine Lehrstelle im Gymnasium zulässig, wenn er die nöthige classische 
Bildung nachweist und einige Jahre auf einer deutschen Universität 
studirt hat. 

B) lieber den hebräischen Unterricht: Der Zweck des Unterrichts 
im Hebräischen ist nicht blos, den künftigen Theologen eine Erleich- 
terung für ihr Fachstudium zu gewähren, sondern es soll derselbe den 
Gymnasiasten, wie überhaupt Schülern von höherem wissenschaftlichen 
Triebe, die Möglichkeit darbieten, in die Eigenthümlichkeit des morgen- 
Iändischen Geistes und Lebens Einsicht zu gewinnen und so eine wahr- 
haft geistbildende Ergänzung zu den übrigen Sprachstudien des Gym- 
nasiums sein. Uebrigens ist derselbe für alle daran Antheil nehmende 
Schüler nur facultativ. Karamel. Köchly. Lachmann. 
Baltzer. Schöne. 

C) Allgemeines. Albani giebt den Wunsch zu Protokoll, es möch- 
ten an allen Gymnasien des Landes a) Schulfeste eingeführt, b) die Schü- 
ler unter die Lehrer als Stellvertreter der Eltern (Verleger) vertheilt, 
c) für das Unterbringen der auswärtigen Schüler in geeigneten Familien 
gesorgt werden. 

Eingegangen sind die Berichte über den Religions-, hebräischen und 
Gesangsunterricht, und werden demnächst gedruckt erscheinen. Alle 
sächsischen Collegen ersucht um Zusendung der Anträge, deren Bera- 
thung auf der nächsten, wahrscheinlich zu Ostern in Leipzig zu haltenden 
Versammlung gewünscht wird, 

Dietsch, 
Geschäftsführer des provisor. Gymnasialausschusses. 
Grimma, am 11. Jan. 1849. 



Inhalt 

von des fünfundfunßigsten Bandes erstem Hefte. 



Seite 
Wilzschcl: Die tragische Bühne in Athen. — Vom Suhrector Iioth- 

mann zu Torgau 3 — 16 

Doehner: Plutarchi Vitae. Vol. I. Vol. II. — Vom Professor Dr. C. 

Sintenis zu Zerhst 16 — 30 

leyffert: Epistola critica ad Carolum Halmium. — Vom Professor Dr. 

Halm zu Hadamar , 30 — 46 

hann: Pomponii de origine iuris fragmentum. — Vom Prof. Dr. jur. 

Osenbrüggen zu Dorpat 46 — 52 

ierzog von Manchester : The times of Daniel. — Vom Gymnasiallehrer 

Dr. Klix zu Cottbus 52—69 

ericht über die zweite Versammlung sächsischer Gymnasiallehrer zu 

Meissen am 28. — 30. December 1848. Erstattet vom Professor Dr. 

R. Dietsch zu Grimma 70 — 126 







Leipzig, 

Druck und Verlag von B. G. Teubner. 
1849. 



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Ncuo 

JAHRBOGHER 

für 

Philologie und Pädagogik, 

oder 

Kritische Bibliothek 

für das 

Schul- und Unterrichtswesen. 



In Verbindung mit einem Vereine von Gelehrten 

begründet von 

M. Joh. Christ. Jahn. 

Gegenwärtig herausgegeben 
von 

Prof. Reinhold Klotz zu Leipzig 

und 

Prof. Rudolph Dietsch zu Grimma. 




KEVIZGHKTER JAHRGANG. 

Fünfundfun fzigster Band. Zweitee Heft. 



Leipzig, 1849. 

Druck und Verlag von B. G. Teubner. 



Kritische B e u r t li e i 1 u 11 g e n. 



1. Syntax der griechischen Sprache, besonders der altischen 

Sprachform , für Schulen. Von Dr. J. N. Madvig , Professor an 
der Universität in Kopenhagen. Braunschweig, Druck und Verlag 
von Fr. Vieweg und Sohn. J8-t7. 

2. Elementar grammatik der griechischen Sprache. Von Dr. 

Rob. Enger, Dir. des Gyninas. zu Ostrowo. Breslau, Verlag von 
Leuckart. 1847. 
o. Griechische Sprachlehre für Anfänger. Von K. W. Krüger. 
Beilin, K. W. Kriiger'sche Verlagsbuchhandlung. 1847. 

Erster Artikel. 
Die Gleichheit des Zweckes, für welchen die drei genannten 
grammatischen Schriften verfasst sind , wird ihre Zusammenstel- 
lung in einer beurtheilenden Anzeige ungeachtet mannigfacher 
Verschiedenheit sowohl in der nähern Bestimmung desselben als 
auch in Standpunkt, Ansichten und Leistungen der Verfasser 
rechtfertigen. Insofern die Modification des im Allgemeinen glei 
chen Zweckes und die leitenden Gesichtspunkte, welche die Ver- 
fasser für die Lösung ihrer Aufgabe aufgestellt haben, nicht ohne 
Einfluss auf die Grundsätze der Beurtheilung selbst bleiben kön- 
nen, wird es uöthig sein , auf dieselben sogleich hier hinzuweisen. 
Kolgen wir dabei in unserer Anordnung von dem Standpunkte aus, 
welchen die Verfasser selbst beanspruchen, der Stufenfolge vom 
iNiedern zum Höhern, so fand Hr. Dr. Enger nicht in unbefrie- 
digten wissenschaftlichen Anforderungen, sondern in einem äus- 
sern Umstände Veranlassung, in engstem Anschlüsse an Buttmann's 
Lehrbücher nach zweckmässigem methodischen Gesichtspunkten 
eine Elementargrammatik für die untersten Classen zu bearbeiten. 
Als ein Ministerialerlass verordnete, dass grammatische Lehrbü- 
cher, welche an derselben Anstalt nach einander gebraucht wer- 
den, in Anordnung, Terminologie und Begriffsbestimmung mög- 
lichst übereinstimmen sollen, und dadurch das durch Kühner's 

9* 



130 Griechische Litteratur. 

Elemcntargrammatik zeitweilig an mehreren Gymnasien befrie- 
digte Bedürfniss allgemeiner wurde: so bestimmte der Verf. sein 
in Rede stehendes Buch für diejenigen Anstalten, auf denen die 
Grammatik von Buttmann in den obern Classen zu Grunde gelegt 
wird. Denn die Schulgramm. Buttmann's selbst schien ihm trotz 
ihrer grossen Vorzüge doch den Anforderungen , die man an eine 
Elementargrammatik zu machen berechtigt ist, dass sie sich näm- 
lich nicht auf einen blossen Schematismus beschränke, noch we- 
niger aber den ganzen grammatischen Stoff in systematischer Ord- 
nung mit rationaler Begründung dem Anfänger vorführe, sondern 
sich mit Uebergehung aller vereinzelter Erscheinungen auf die 
Ilauptgesetze der Sprache beschränke, schon aus dem einen Grunde 
nicht zu entsprechen, weil sie sich nicht darauf beschränkt, nur 
so viel zu geben, als der Schüler auf der Stufe, für die das Buch 
bestimmt ist, wirklich braucht. Der Verf. wies daher alle ver- 
einzelt stehenden sprachlichen Erscheinungen, soweit ihre Kennt- 
niss bei der Lcctüre entbehrt oder später leicht ergänzt werden 
kann, aus und beschränkte sich auf die Hauptgesetze der griech. 
Formbildung; in der Syntax aber behielt er den von Buttmann be- 
folgten Gang mehr bei, suchte nur die Regeln zu vereinfachen und 
beschränkte sich bei der Wahl der Beispiele auf Xenophon's Ana- 
basis aus Rücksicht auf die Leetüre dieser Schrift in den meisten 
Anstalten. Endlich gab er in einem Anhange eine kurze Ueber- 
sicht der Formenlehre des epischen Dialekts, während er in der 
Gramm, nur den attischen Dialekt berücksichtigte. Seine Auf- 
gabe ist demnach eine rein methodische; der wissenschaftliche 
Inhalt gehört ihm weder als Verdienst an, noch will er dafür in 
Anspruch genommen werden. 

Krüger hat, seinem Grundsatze des beredten Schweigens und 
reichen Inhalt in möglichst wenige Worte zu fassen getreu, uns 
in keinem Vor- oder Nachworte über Veranlassung und Plan zu 
seiner griech. Sprachlehre für Anfänger unterrichtet, noch eine 
nähere Bestimmung des Zweckes, den er bei Ausarbeitung der- 
selben verfolgte, bezeichnet. Statt dessen führt er dieselbe durch 
eine meisterhaft geschriebene Einleitung über die Wichtigkeit und 
den Charakter der griech. Sprache ein , deren Verdienst abge- 
sehen von der Gediegenheit und dem Reichthum ihres Inhalts in 
der grossen Klarheit und Verständlichkeit der Darstellung liegt, 
wodurch derselbe selbst dem angehenden Lehrlinge nahe gebracht 
werden kann , und schliesst sie mit einer Reihe didaktischer The- 
sen, in denen bei unverkennbarer polemischer Tendenz einige 
wichtige methodische Gesichtspunkte mit treffendem Urtheil und 
unterstützt von dem Nachdrucke scharfer Beobachtung und reicher 
Erfahrung — leider nur nicht am rechten Orte — besprochen 
werden. Ausführung und Gestaltung des Buches selbst aber be- 
rechtigt zu der Annahme, dass der Anstoss, welchen des Verf. 
griech Sprachltdire für Schulen durch den übergrossen Reichthum 



Mudvig: Syntax der griechischen Sprache. 131 

ihres Inhaltes und den Mangel anUcbersichtlichkeit als Schulbuch 
erregte, und die dadurch begründete Verweigerung der Einfüh- 
rung in Schulen, den Verfasser zur Abfassung des vorliegenden 
Buches bewog; auch Fassung des Titels und Inhalt des Schlusses 
weisen daraufhin, dass der Verf. dasselbe vornehmlich aus prak- 
tischen Gesichtspunkten bearbeitete. Wir finden ihn also mit 
Enger insofern auf gleicher Stufe, als seine Sprachlehre für Ab* 
fänger in demselben Vcrhältniss zu seiner grössern Sprachlehre 
stellt, wie das Enger'sche Buch zu Buümann's Grammatik; doch 
haben wir schon hier den Unterschied geltend zu machen, dass 
Krügerauch den Inhalt des Buches als seinEigentlium in Anspruch 
zu nehmen berechtigt ist, und sowohl in wissenschaftlicher wie in 
methodischer Hinsicht für das Gegebene einzustehen hat. 

Während Enger und Krüger sich die eine Aufgabe des für 
den praktischen Zweck des Schulgebrauchs bestimmten Lehr- 
buches gestellt haben , ist die Aufgabe, deren Lösung Ilr. Prof. 
Madvig in seiner Syntax für Schulen versucht hat, eine schwieri- 
gere; er will den wissenschaftlichen und methodischen Gesichts- 
punkt mit einander verbinden , macht in der letztern Beziehung 
ausdrücklich auf das Verdienst Anspruch, die Wissenschaft der 
Grammatik selbst bereichert und gefördert zu haben; in beiden 
Beziehungen aber misst er sich den deutschen Grammatikern ge 
genüber Einsicht im eminenten Sinne bei und macht auf das Ver- 
dienst Anspruch, in seinem Lehrbuche ein Muster der Behandlung 
für dieselben aufgestellt zu haben. Denn wenn die Eingangs der 
Vorrede angegebenen Beweggründe zur Bearbeitung der gricch. 
Syntax nach gleichen Grundsätzen mit seiner latein. Grammalik, 
die einmal auf der einleuchtenden Wichtigkeit beruhen, welche 
es für den Unterricht und das Studium hat, ,,zwei Sprachen, die 
in dem Verhältniss wie das Griechische und Lateinische zu einan- 
der stehen, auch in der grammatikalischen Behandlung einander 
so nahe zu rücken, als es sich thun lässt, ohne irgend einer Eigeu- 
thümlichkeit der einen oder der andern zu nahe zu treten, und die 
au der einen entwickelten grammatikalischen Vorstellungen in 
derselben oder in einer etwas modificirten Form auf die ganz oder 
zum Theile entsprechenden Phänomene der andern zu übertragen 
und anzuwenden", und dann auf der gleich wichtigen Anforderung, 
„jede derselben für sich sclbstständig hervortreten und ihren gan- 
zen Bau in allen seinen Hauptgliedern nach dem Zusammenhange 
derselben entfalten zu lassen", — wenn diese Angabe der Beweg- 
gründe den Standpunkt des Verf. noch nicht über die Gränze der 
wissenschaftlichen Anforderungen, wie sie an jedes Schulbuch ge- 
stellt werden müssen, hinweghebt: so stellt sich derselbe doch 
weiterhin auf einen höhern Standpunkt. ,,Dass ich, so sagt er 
p. VII der Vorrede, auch abgesehen von der Wichtigkeit einer 
gleichartigen Bearbeitung der lateinischen und griechischen Syn- 
tax, eine neue Darstellung der letztern, in der diellauptbegriffe 



132 Griechische Litteratur. 

bestimmter und klarer gefasst und in pracisern , einfachem und 
leichtern Kegeln durchgeführt wurden, als es in den bisherigen 
Bearbeitungen geschehen ist, an und für sich für nothwendig an- 
sah, habe ich schon früher geäussert, und indem ich nun diese 
Darstellung in dem vorliegenden Buche zu geben mich bestrebt' 
habe , hoffe ich in der Form des Schulbuchs zugleich eine nicht 
ganz verächtliche Ausbeute für die philologische Erkenntnis.? ge 
wonnen zu haben; denn ich sehe keinen Grund, weshalb ich nicht 
unverhohlen sagen sollte, auf welchen Standpunkt ich meine 
eigene Arbeit stelle. Ich hoffe , dass man mehrere zum Theil 
ziemlich umfangreiche Abschnitte, z. B. die Lehre vom Optativ, 
oder Stücke einzelner Capitel , z. B. der Lehre vom Genitiv oder 
vom Infinitiv, auf richtigere oder doch besser ausgedrückte Grund- 
begriffe zurückgeführt und aus diesen in klarerer Uebersichtlich- 
keit (ohne llaisonnementj entwickelt und zu festeren und anwend- 
bareren Regeln gebracht finden soll, natürlicher Weise, was die 
Verfolgung einzelner Modifikationen und Ausnahmen betrifft, in 
nei halb der durch die Bestimmung des Buches gesetzten Gränze ; 
von einzelnen Punkten, und das wahrlich nicht fernliegenden, 
z. B. von der Bedeutung des Aorists im Optativ und Infinitiv, vom 
Gebrauche von ort und cog in declarativen Objectsätzen u. s. w. 
glaube ich, dass sich hier überhaupt zum ersten Mal eine be- 
stimmte Angabe und Regel findet. Endlich hoffe ich , dass aus- 
serdem nicht so ganz wenige Regeln und Erklärungen durch die 
Art, wie sie formulirt und an andere angeknüpft sind, nicht nur 
an Fasslichkeit für den Schüler, sondern auch selbst an Genauig- 
keit und Bestimmtheit gewonnen haben werden." Auch noch 
einige andere Stellen der Vorrede können dafür angeführt werden, 
wie p. XIII. und XIV.; doch es bedarf dieser nicht weiter; nach 
der mitgetheilten Stelle kann es keinem Zweifel unterliegen, wel- 
chen Standpunkt der Verf. einnehmen und von welchem er also 
auch sein Buch beurtheilt wissen will. 

Nach dieser allgemeinen Bezeichnung der Gesichtspunkte, 
aus welchen die genannten Verfasser ihre Aufgabe gefasst haben, 
wird es für den Unterzeichneten keiner weitern Rechtfertigung 
bedürfen, wenn er sich besonders zum Verweilen bei Hrn. Prof. 
Madvig's Syntax veranlasst sieht, zumal über Krügers Leistungen 
sich schon durch den gleichen Charakter und die gleiche Bedeut- 
samkeit fast aller seiner Schriften ein so festes Urtheil gebildet 
hat, dass hier ein weiteres Eingehen und ausführlichere Begrün- 
dung für überflüssig gelten muss. Doch mag es nicht unerwähnt 
bleiben, dass Rec, durch mannigfache Umstände von der zeitigern 
Abfassung der vorliegenden Beurtheilung abgehalten, in der Be- 
schaffenheit der ihm inzwischen zu Gesicht gekommenen Beur- 
theilungen in dem litterarischen Berichte in Heyderaaun's und 
MützeU's Zeitschrift für d. Gymnasialwesen 1. Jahrg., 4. Heft 
p. 98 — 105 , und in der Allgem. Litteraturzeitung d. .1. Nr. 19. 20 



IMadvig: Syntax der griechischen Sprache. 133 

Veranlassung zur ausführlicheren Begründung seines zum Theil 
abweichenden Urlheils fand. Der Verl", der erstem, G. Curtius, 
bezeichnet es selbst als Zweck seines lilterar. Berichtes, nur vor- 
läufige Notiz zu geben von der Art und dem Inhalte dieses Buches. 
Ohne auf die Brauchbarkeit desselben für Schulen einzugehen, 
bespricht er daher theils beifällig , theils missbilligend einige be- 
sonders eigentümliche Ansichten des Verfassers, wie den Namen 
Gerundivum für die Adjectiva verbalia auf ztog, und die Aus- 
schliessung des Ilom. Sprachgebrauchs aus einer Schulgrammatik; 
verweilt dann besonders bei einigen von den Abschnitten, in wel- 
chen Madvig wesentliche Verbesserungen vorgenommen zu haben 
behauptet, namentlich bei der Lehre über die Bedeutung des Ao- 
rist im Optativ und Infinitiv, und hebt zuletzt noch mehrere 
Punkte hervor, welche für die Behandlungsweise des Verf cha- 
rakteristisch sind. Während er es hier missbilligt, dass der Verf. 
einige von ihm selbst aufgestellte richtige Grundsätze nicht be- 
folgt habe, statt einfacher und klarer Anordnung des Stoffes Ke- 
geln gebe, die blos aus einer IVJasse verschiedener Fälle abstrahirt 
sich in ganz allgemeinen, schwer fassbaren Begriffen bewegen, 
die verschiedenartigsten Fälle ohne Beachtung des Gleichartigen 
zusammenstelle und statt der verheissenen Zurückführung auf 
richtigere oder besser ausgedrückte Grundbegriffe schwerfällige 
und dunkle, auch zum Theil vage und weniger scharfe Kegeln 
aufstelle: verkennt er es auf der andern Seite nicht, dass in dem 
Abschnitte über die Praeposiüonen einige neue treffende Bestim- 
mungen enthalten sind, hebt die Reichhaltigkeit des Abschnittes 
über den Infinitiv hervor und rühmt dem Werke überhaupt reich- 
haltige und selbstständige Verarbeitung des Stoffes nach. — Die 
Beurtheilung in der Allgem. Litteraturztg. von Voigt hingegen be- 
griisst Madvig's Syntax als eine ausgezeichnete Erscheinung. Ne- 
ben den grossen und zahlreichen Vorzügen findet er die wenigen 
Mängel derselben in der Ausschliessung des Homerischen Sprach- 
gebrauchs und in der Berücksichtigung einzelner Eigenthümlich- 
keiten der späteren Schriftsteller. Die Anordnung kann zwar 
nach streng logischem und sprachwissenschaftlichen Maassstabe 
nicht gebilligt werden, aber die Brauchbarkeit des Buches wird 
dadurch nicht vermindert, da dieser Mangel durch die eleganteste 
und reichste Einrichtung in den einzelnen Theilen vollkommen 
ausgeglichen wird. Denn die Behandlung des Einzelnen ist nach 
seinem Urtheile vortrefflich, und vieles Wichtige, was sich in 
mehreren Schulgrammatiken entweder gar nicht, oder unklar und 
unvollständig findet , trifft man hier entweder zum ersten Male 
oder in grösster Präcision und Vollständigkeit; besondere Hervor- 
hebung verdient die Behandlung des Pronomen demonstr. und rel.; 
die Attraction, der Optativ und seine Zeiten, Infinitiv und Par- 
tieip. „Da ist Nichts von jener unseligen sich selbst überschla- 
genden Spitzfindigkeit, die so viele Commentare mit ihren ver- 



134 Griechische Litteratur. 

schwimmenden Nebelbildungen angefüllt hat, sondern überall ist 
das in der Sprache selbst liegende Gesetz erforscht und darge- 
stellt, überall treten lebendige Gestalten in schönster Distinction 
entgegen.' 1 — Bei solcher Verschiedenheit der ürtheile darf es 
für gerechtfertigt gelten, wenn es sich eine beurtheilende Anzeige 
zur Aufgabe macht, den Gehalt des betreffenden Werkes durch 
näheres Eingehen auf seinen Inhalt vorurtheilsfrei zu prüfen. 
Auf diese Weise können die widersprechenden Ansichten am über- 
zeugendsten gewürdigt werden und Bestätigung oder Widerlegung 
finden. Der Unterzeichnete verzichtet übrigens auf eine allsei- 
tige und vollständige Beurtheilung; mancherlei Charakteristisches 
liegt so offen vor Aller Augen , dass er es für überflüssig hält, mit 
ängstlichem Streben nach Vollständigkeit Nichts zu übergehen ; 
er begnügt sich damit, das Urtheil darüber den Hauptpunkten nach 
so weit festzustellen, als es sich aus der nähern Prüfung eines Ab- 
schnittes ergeben wird. Auf Ausgleichung der dadurch theilweise 
nöthig gewordenen grösseren Ausführlichkeit wird er bedacht 
sein und übergeht deshalb alle diejenigen Punkte, welche in den 
angeführten Beurtheilungen bereits hinlänglich besprochen oder 
doch wenigstens berührt sind, wie die Anordnung im Ganzen, die 
Ausschliessung des Homer. Sprachgebrauches , die für neu aus- 
gegebene Lehre von der Bedeutung des Optativ und Infinitiv des 
Aorists , so wie Alles , was zum Lobe des vorliegenden Werkes 
gesagt ist, indem er diesem gern beistimmt, so weit es nicht durch 
das Ergebniss seiner Prüfung unmöglich wird. 

Bevor sich jedoch Rec. der Lösung seiner Aufgabe zuwendet, 
scheint es nothwendig, wenigstens mit einem Worte der Prote- 
station zu gedenken, welche Hr. Prof. Madvig in seiner Vorrede 
gegen Widerspruch und Abweichung von seinen Ansichten im Vor- 
aus erhoben hat, da diese eine unverkennbare Verdächtigung jeder 
nicht beifälligen Beurtheilung in sich schliesst. Gegen das Ende 
der Vorrede äussert Hr Prof. Madvig in Einklang mit mehreren 
früheren Stellen derselben : „Dass dieses Buch bei nicht Wenigen 
dasselbe Missfallcn erregen wird, das meine lateinische Gram- 
matik und die begleitenden Bemerkungen, die sich aufdrängende 
zum Theil in Opposition gegen angepriesene Ansichten, Formen 
und Werke tretende Arbeit des rücksichtslos urtheilenden und un- 
umwunden redenden Fremdlings, bei Denjenigen hervorgerufen 
haben, die dadurch am nächsten berührt wurden (übrigens Män- 
ner von unter sich höchst verschiedenen Richtungen) , so wie bei 
Denen, die aus verschiedenen Gründen mit Jenen sympathisirten, 
dies weiss ich und werde nicht dadurch beunruhigt; im Stillen und 
allmälig macht sich wohl , wovon ich schon nicht so wenige An- 
zeichen sehe, die Anerkennung des Gültigen in den Urtheilen und 
in dem Bestreben Platz und gewinnt sogar den Muth sich auszu- 
sprechen; dass Jemand mit besonderem Eifer für den um kein 
Wohlwollen Buhlenden in die Schranken trete, kann ich nicht 



Madvig: Syntax der griechischen Sprache. 135 

verlangen." Rec. überliebt sich der unerquicklichen Mühe, diese 
Stelle nach Inhalt und Form zu commentiren; die Mitlheilung 
derselben setzt jeden Leser in den Stand, dies selbst zu über- 
nehmen, sofern die Sache für ilin Interesse hat; allein er kann 
nicht umhin, dem Hrn. Verf. gegenüber , auch für sich das Recht 
auf Uebung der von den Griechen so hoch gehaltenen naQQYjGia 
in Anspruch zu nehmen, wie es der Hr. Verf. selbst getban hat. 
Wenn im Uebrigen Rec. die Versicherung, dass er lediglich durch 
die Hochachtung, welche ihm andere Arbeiten des Verf. einge- 
flösst hatten, bestimmt wurde, die griechische Syntax desselben bei 
seinen Studien auf diesem Gebiete zur Hand zu nehmen, als eine 
unbeweisbare nicht in Anschlag bringen kann : so mag die Beur- 
theilung selbst für seine Lirparteilichkeit Zeugniss geben. Er 
wird in derselben nicht Ansicht gegen Ansicht stellen, sondern 
nur auf den Grund der Beweisführung sein Urtheil aussprechen; 
wird Alles meiden und mit Stillschweigen übergehen, was auch 
nur den Schein einer Parteilichkeit erregen könnte. Namentlich 
lässt er deshalb alle Forderungen, die von einem Standpunkte 
ausserhalb gestellt werden könnten, bei Seite, beurtheilt vielmehr 
von des Verf. eigenen Principien aus, wie sie sich zum Theil aus 
seiner Kritik fremder Leistungen ergeben, zum Theil in positiven 
Bestimmungen von ihm ausgesprochen sind, die vorliegende Lei- 
stung., und wählt gerade einen von dem Verf. in der Vorrede her- 
vorgehobenen Abschnitt zur Grundlage seiner weiteren Bespre- 
chung. Erst nach solcher Beseitigung des möglichen Verdachtes 
wird er sich erlauben, einige allgemeinere difFerirende Ansichten 
ohne weitere Begründung bis ins Einzelne auszusprechen, und 
hofft sie ohne das Vorurtheil einer Parteiansicht angenommen 
zu sehen. 

Der Verf. bezeichnet in der Vorrede p. VII namentlich die 
Lehre vom Optativ, Stücke der Lehre vom Genitiv und vom Infini- 
tiv als Abschnitte, von denen er hofft, dass er sie auf richtigere 
oder doch besser ausgedrückte Grundbegriffe zurückgeführt und 
aus diesen in klarerer Uebersichtlichkeit (ohne Raisonnement) 
entwickelt und zu festeren und anwendbareren Regeln gebracht 
habe. Theils weil die Kritik seiner Lehre vom Optativ in dem 
fast gleichzeitig oder vielmehr noch früher erschienenen Baeum- 
lein'schcn Werke über die Modi bereits vollständig enthalten ist, 
theils weil der Zusammenhang derselben mit der ganzen Lehre 
von den Modis, so wie der Lehre vom Genitiv mit der von den 
Casus überhaupt zu grösserer Ausführlichkeit nöthigen und sich 
nicht ohne Nachtheil aus dem Ganzen herausreissen lassen würde, 
wählen wir den zuletzt bezeichneten Abschnitt vom Infinitiv. Zu- 
dem wird dieser auch von Curtius als reichhaltig und von Voigt 
als vortrefflich hervorgehoben und giebt sich durch seinen Um- 
fang — er umfasst §. 143 — 173. p. 156 — 191 — als einen be- 



136 Griechische Litteratur. 

sonders wichtigen und vorzugsweise mit Sorgfalt bearbeiteten zu 
erkennen. 

Sogleich die Fassung des ersten Grundbegriffes weicht von 
der in den deutschen Grammatiken enthaltenen ab. „Der In- 
finitiv, sagt der Verf., drückt den Begriff des Ver- 
bums im Allgemeinen in den verschiedenen Zeiten 
aii8. u Wir wollen nicht näher darauf eingehen, dass die letzte 
Angabe die nöthige Strenge und Sorgfalt vermissen lässt, und ver- 
weisen in dieser Beziehung der Kürze halber auf Etzler, Sprach- 
erörterungen p. 8i — 92; Reisig's Vorlesungen über lat. Sprach- 
wissenschaft, herausgegeben von Haase p. 488, A. 446 u. p. 742; 
Becker ausfüllt liehe deutsche Gramm. Th. 1. §. 98; Grimm deut- 
sche Gr. Th. 4 p. 56, deren Resultate auch für die richtige Auf- 
fassung der bei Krüger griech. Sprach! §. 53, 2, 9. 6, 10. 8, 3. 4 
initgetheilten Beobachtungen von Gewinn sein werden; allein bei 
dem ersten Theile der Erklärung müssen wir ein wenig verweilen. 
In Uebereinstimmung damit lehrt der Verf. §. 141, A. 2, dass bei 
dem Gebrauch des Infin. in der Bedeutung des Imperativ die Vor- 
stellung von der Handlung blos im Allgemeinen hingestellt werde. 
Rec. vermag darin keinen glücklichen Ausdruck für das räthsel- 
hafte Wesen des Infinitiv zu erkennen, vielmehr vermisst er die 
Beachtung der ersten Anforderungen, welche man an grammati- 
sche Grundbegriffe zu stellen berechtigt und genöthigt ist. Prüfen 
wir die Theorie des Verf. an dem von ihm angeführten Beispiele, 
in welchem Imper. und Infin. in gleicher Bedeutung neben einan- 
der stehen: xal xavx leov eiöa Xoylt,ov , xav kccßyjg (x hpzvöfxh- 
vov (pccöxttv xrl. , so wird es schwerlich Jemandem einleuchten, 
dass durch den Infin. die Vorstellung von der Handlung blos im 
Allgemeinen hingestellt sei, und der Hr. Verf. möchte selbst in 
Verlegenheit kommen, wenn er uns dazu den Gegensatz für das 
Verbuin finitum im andern Satze nennen sollte; und versueben 
wir sie auf irgend eine andere Gebrauchsweise des Infinitiv anzu- 
wenden, auf den Infinitiv, welcher als Subject oder als Object er- 
scheint, auf die verschiedenen Casus mit dem Infin, auf den In- 
finitiv der obliquen Rede nach c3g, ots u. s. w. , so erscheint uns 
des Verf. Lehre ebenso unvollkommen und ungeeignet, um über 
das Wesen dieser Erscheinungen den nöthigen Aufschluss zu geben. 
Wir werden es daher fürs Erste für eine unbegründete Zumuthung 
halten, dieselbe in unsere Lehrbücher als Verbesserung aufzuneh- 
men; denn wir müssen fürchten, dass der schwächere und trägere 
Schüler sie nur gedankenlos nachsprechen werde, ohne dadurch 
Etwas zu lernen, den nachdenkenden aber wird sie zur Verach- 
tung und Gleichgültigkeit gegen grammatische Studien führen, da 
er sich durch dieselbe in dem Verständnisse der Sprache nicht 
gefördert sehen wird. Um ihm den Gebrauch des Infinitiv im 
Sinne des Imperativ, so wie in seinen andern Gebrauchsweisen 
begreiflich zu machen, ist die Nachweisung erforderlich, dass in 



Madvig: Syntax der griechischen .Sprache. 187 

der Form des lnfin. die Beziehimg der Thätigkeit auf ein Subject 
nicht bezeichnet ist, und dass ihr ausserdem die Bezeichnung der 
Modalität und des Numerus abgeht. Alles dies wird aber am 
leichtesten und klarsten aus der Verglcichung des Verb um 
finitum mit dem Verhuin inliuituin gewonnen werden , und 
geht man nach den Gesetzen der Methodik davon aus, so 
wird es nicht schwer halten, den Schüler zu der Einsicht 
zu führen , welche in den Untersuchungen unserer tüchtigsten 
Forscher ihre wissenschaftliche Begründung findet, dass nämlich 
der lnfin. den reinen Verbalbegrilf ohne Persönlichkeit, Numerus 
und Modus enthält. Mit grossem Scharfsinn erkannte hierin schon 
Apollon. de synt. 1, 8. 8, 6. 18 das Wesen des lnfin., und unter 
den deutschen Grammatikern lehrte nach W. v. Humboldt in 
Schlegel's indischer Bibl. 2. p 78 in J. iHr2f4 unter andern der mit 
Bn. unterzeichnete llecensent von Schmidt's Programm de infi- 
nit. (Prenzlau 1827) in Seehöde's Neuem Archiv für Phil. u. Päd. 
1829. Nr. 50. p. 198, dass man den lnfin. nicht blos als Substau- 
tivurn (wie es auch ziemlich gleichzeitig in dem bekannteren Pro- 
gramm von Max. Schmidt über den Infinitiv. Uatibor 1826 gesche- 
hen war) auffassen dürfe, sondern in ihm den reinen, allen Modi- 
ficationen durch die finite Form zu Grunde liegenden Inhalt des 
Verbums finden müsse. Dass damit die Lehre J. Grimm's detit. Gr. 
Th. 4. p 56 und Krüger's § 55, 1: ,.I)er lnfin. drückt die reine 
auf kein Subject fixirte Idee des Verbums aus", vollkommen in 
Einklang steht, ergiebt sich daraus, dass die- Modalität des Ver- 
bums nur in den finiten Formen desselben liegen kann , wie unter 
Andern Scheuerlein in seinem gehaltvollen Programme über den 
Charakter des Modus in der griech. Sprache (Halle 1842) nach- 
gewiesen hat. Meinte der Verf. indess nur in der Kategorie 
der Allgemeinheit die treffende Bezeichnung für das Wesen des 
Infinitivs finden zu können, so dürfte er die gerügte Unklarheit 
vermieden haben, wenn er sich die Definition angeeignet hätte, 
welche A. Grotefend in seiner beinahe vor 20 Jahren erschiene- 
nen ausführl. Grammatik der latein. Sprache aufstellte : der lnfin. 
ist die allgemeinste Form, in welcher eine Thätigkeit als Object 
einer andern oder als Subject eines Satzes dargestellt wird. — 
Für deutsche Schüler wird übrigens nicht ohne Gewinn darauf 
hingewiesen werden, dass die deutsche Sprache mit grösserer 
Consequenz im Gebrauche der infinitivformen noch weiter gegan- 
gen ist, indem sie auch das Genus in manchen Fällen unbezeich- 
net lässt; s Grimm IV. p. 60. Doch mag dies mündlicher Unter- 
weisung überlassen bleiben. 

Mit einem Worte mag hier noch einer andern Abweichung 
Madvig's von der vulgären Satztheorie gedacht werden, deren Be- 
rührung nach der besprochenen Entgegenstellung des Verb, fini- 
tum und infinitum nahe liegt; zumal auch Rampel in seiner Casus- 



138 Griechische Litteratur. 

lehre u. A. ihm darin beistimmen. Madvig verwirft bekanntlich 
in seinen Bemerkungen über verschiedene Punkte des Systemes 
der latein. Sprachlehre p 67 die Annahme der Copula als Satz- 
theil und erklärt seine Ansicht für die wissenschaftlich einzig 
richtige. Allein wie scharfsinnig sie auch von ihm und von J. Fr. 
Hörn (in dem Programme des Glückstädter Gymn. 1*46 über die 
begriffliche Entwickelung der Redetheile) unterstützt sein mag: 
diese Theorie wird an der wirklichen Erscheinung der Bretoni- 
schen Verbalformen zu Schanden, und schwerlich würde Madvig 
diese alte Streitfrage wieder aufgenommen haben, hätte er den 
Aufsatz eines von den bedeutendsten Auctoritäten anerkannten 
Sprachforschers, des verstorbenen Prof. Landvoigt über den 1. und 
2. Th. der Abhandlungen des Frankfurter Gelehrtenvereins in der 
Jenaer A. L. Z. 1819. Nr. 188 sq. gekannt. Mögen die betreffen- 
den Worte Landvoigt's, weicheich Hiccke's Abb. de partibus ora- 
tionis (Merseburg 1845) entnehme, hier Raum finden, da in den- 
selben die bündigste Widerlegung enthalten ist. „Uebrigens ist 
der Sprachlogiker, so sagt L. p. 80, in gleichem Falle mit dem 
Chemiker und Anatomen. Der Chemiker umfasst nach der Be- 
dingung seiner Aufgabe die ganze Körperwelt; wenn er nur ihre 
einfachen Stoffe vollständig aufzählt; auf diese Weise kann er frei- 
lich keine lebenden Gestalten aufzeigen, aber man wird sie bei ihm 
auch nicht vermissen. Die Zerleger des Verbums pflegen übri- 
gens darin zu fehlen, dass sie neben der Copula das Particip als 
Bestandtheil desselben betrachten. — — Schreiber dieses glaubt 
die wahren nackten Bestandtheile des Verbums in folgenden, dem 
wissenschaftlichen Sprachlehrer willkommenen, aber in einer wirk- 
lichen Sprache fast befremdenden Schema des Bretonischen Prä- 
sens (aus A. L Z. 1801. Nr. 21 genommen) aufzeigen zu können: 

me a gar, amo. ni a gar, amamus. 

le a gar, amas. chui a gar, amatis. 

con a gar, amat. int a gar, amant. 

Dieses a ist ein reinerer Ausdruck der im Verbum liegenden Co- 
pula als das „ist", welches in der Bretonischen Sprache a so 
lautet. Wenn me a gar sich vergleichen lässt mit cpüog sl(ii, so 
sagt: „ich bin liebend" ungefähr das, was ei/xi opt'Aog cov sagen 
würde; es ist ein Ueberfluss der Bezeichnung in dieser Auflösung. 
Das im Verbum liegende Attributiv, das nicht abgesondert in den 
gewöhnlichen Sprachen zu haben ist, ist etwas Einfacheres als das 
Particip." Noch vgl. m. hierzu W. v. Humboldt über das Entste- 
hen grammatischer Formen und ihren Einfluss auf die Ideenent- 
wickelung (Werke. Th. 3. p. 277 fl. 288—290. 297) und über die 
Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues etc. p. 267 (Werke. 
Th. 6. p. 257). 

Doch vielleicht finden wir auf dieser Grundlage , welche un- 
seren Anforderungen nicht eben entsprach, ein um so vollkomm- 
neres Gebäude aufgeführt Hören wir also weiter: „Durch das 



Madvig: Syntax der griechischen Sprache. 139 

Hinz u f Vi gen des Artikels zum Infinitiv wird der Be- 
griff des Verbums als bestimmt und für sich gedacht 
hervorgehoben." — Wiederum etwas Abweichendes; suchen 
wir es uns im Einzelnen klar zu machen. Der Verf. setzt die Be- 
deutung des Artikels beim I nun. in die Hervorhebung des 
Verbalbegriffes. Will dies der Verf. im Verhältniss zu den an- 
dern Satzthcilen , oder in rhetorischer Beziehung oder wie sonst 
verstanden wissen? Wir vermögen diese Fragen nicht zu beant- 
worten , denn weder das Eine noch das Andere wird durch die 
Beobachtung des griech. Sprachgebrauches bestätigt. Und nicht 
viel besser steht es mit dem übrigen Inhalte des Satzes. Zwar 
sagen wir uns leicht, was mit dem weniger treffenden Ausdrucke 
„bestimmt" bezeichnet sein soll; allein dass der Artikel die Kraft 
habe, den Begriff des Verbums als für sich gedacht zu bezeichnen, 
und was mit gemeint sein soll, ist uns vollkommen unverständlich. 
Leider ist kein Beispiel hinzugefügt, das uns von der Betrachtung 
eines concreten Falles zum Verständniss führen könnte. Ergänzen 
wir diesen Mangel, und wählen dazu den ersten besten Satz, in 
welchem ein Infinitiv mit und ohne Artikel neben einander steht. 
Wir finden ein solches Beispiel bei Krüger §. 50, 6, 10 aus Andocidcs : 
lisydXq drjnov xo e^auccgtavstv dvönga^la eöxlv, alX söxiv ev 
xeo xoivä itäötv dv%Q(07toig xcel a£cc[iaQTccvuv xi ncd xaxdyg 
jr'p䣫i (vergl. Xen. Mem. 1, 2, 10. 3, 14, 1. Eur. Iph. A. 342). 
Allein wie wir uns auch damit bemühen, es gewährt die erwartete 
Hilfe nicht; im Gegentheil sehen wir bei Vergleichung von xo !§. 
mit dem blossen e£. recht klar, dass Madvig die Sache nicht trifft, 
und wenn wir uns im ersten Satze die Veränderung erlauben , zu 
sagen : fisy. övöjiq. söxiv s^cc^i., und beide Ausdrucksweisen mit 
einander vergleichen, so finden wir nur neue Bestätigung. — Ver- 
gebens sehen wir uns auch in der Lehre vom Artikel nach Auf- 
schlnss um. Madvig's Worte §. 15, a: „Der Artikel steht bei In- 
finitiven, um zu bezeichnen, dass die Vorstellung der Handlung 
substantivisch aufgefasst wird", treffen den Unterschied des Infin. 
mit und ohne Artikel gar nicht, und es ist eine seit Apollonius 
(de synt. 1, 8. p. 31. ed. Bekk.: jiqohuxui ovv 6 koyog cpvöt,- 
uäxaxog 5 og ov itaoa xäg ikXütyug xoöv Üq&qcov ij Tcagaftsöeig 
i£,skiyZ,u xo a [ilv slvcci ovofictxcc , a dh py ■ vergl. Sommer in 
diesen NJahrbüchern Bd. 24. p. 138. Ellendt Lex. Soph. T. 2. 
p. 243) feststehende Sache, dass der Infinitiv auch ohne Artikel 
substantivisch gebraucht wird , und nur die Grenzlinie zwischen 
dem zwiefachen Gebrauch desselben ist noch Gegenstand wissen- 
schaftlichen Streites gewesen, zu dessen Kenntniss und Beurthei- 
lung die bereits oben erwähnten Programme von M. Schmidt und 
von C. E. A. Schmidt instruetiv sind, wenn man auch im Resul- 
tate weniger mit ihnen als mit W. v. Humboldt in der angeführten 
Abh. und mit dem gleichfalls angeführten Rec. des Programmes 
von C. E. A. Schmidt übereinzustimmen geneigt sein muss. Wenn 



140 Griechische Litteratur. 

aber die völlige Entscheidung; dieser Frage bis jetzt noch nicht 
gelungen ist, so rauss man sich wohl auch hier des grossen Ver- 
dienstes von Lobeck erinnern, der auf mehr als einem speciellen 
Gebiete überzeugend nachgewiesen hat, wie sich das geistige 
Wesen der Sprache gerade darin offenbart, dass die Begrenzung 
ihrer verwandten Bildungen selbst für den schärfsten Verstand oft 
eine unlösbare Aufgabe darbietet. — Machen wir endlich den 
letzten Versuch , um uns über die Meinung des Verf. Gewissheit 
zu verschaffen, indem wir unsern Blick auf die Durchführung des 
Allgemeinen in den besondern Erscheinungen richten und die Ab- 
schnitte verfolgen , welche speciell den Gebrauch des Infin. mit 
dem Artikel zum Vorwurf haben, so sehen wir uns auch da ohne 
besonderen Gewinn abgewiesen. Bevor wir indess zur Durchfüh- 
rung dieser Behauptung schreiten, lassen wir den Schluss des bis 
jetzt besprochenen §. folgen. In seiner Fassung: „Dadurch 
kann zugleich der Infinitiv auf substantivische 
Weisein den verschiedenen Casus rait den übrigen 
Gliedern des Satzes in Verbindung treten", werden 
wir nicht eben ein Muster von Bestimmtheit und Klarheit, von 
präciser, einfacher und leichter Darstellung finden können. Die 
Eingangs gebrauchten Worte ..dadurch kann zugleich bt besagen 
unzweifelhaft, dass zu der im vorhergehenden Satze angegebenen 
Wirkung des Artikels beim Infin. ein Anderes und Neues hinzuge- 
fügt werden solle. Und was ist Das 4 ? Die Substantivirung des 
Infin. durch denselben. Kann er denn aber wirklich , müssen wir 
da fragen, mit dem Artikel auch anders als substantivisch ge- 
braucht werden ? Denn nur dann würde diese Fassung richtig 
sein. Nicht weniger giebt der übrige Theil dieses Satzes zu Miss- 
verständnissen Veranlassung. Denn abgesehen davon dass der 
Ausdruck „mit den übrigen Gliedern des Satzes in Verbindung 
treten", auch hier eine Verschiedenheit des Infin. mit dem Art. 
vom blossen Infin. vermuthen lässt, während er nichts Anderes 
bezeichnen soll, als , gebraucht werden 1 -', so drängt sich gleich 
als Gegensatz die Folgerung auf, dass der Infin. ohne Art. nicht 
in den verschiedenen Casus substantivisch gebraucht wird. Wenn 
sich nun diese auch so natürlich aus den Worten des Verf. er- 
giebt, dass sie keinerlei Bedenken erregen kann, so muss es doch 
immer schon an sich für einen Mangel gelten, in einem Lehrbuche 
einen vielfach bestrittenen und noch nicht zum Abschluss gebrach- 
ten Punkt ohne weitere Begründung als Lehrsatz auszusprechen 
oder gar nur implicite anzudeuten. Im vorliegenden Falle ist dies 
aber um so schlimmer, als die deutschen Philologen, deren Be- 
lehrung doch der vorzügliche Zweck dieses Buches ist, sich mit 
dieser Annahme wieder in einen Irrthum zurückgeführt sehen, 
den sie bereits überwunden zu haben glaubten. Denn die von 
Eichhoff, meines Wissens, zuerst aufgestellte und dann von Küh- 
ner, wenn auch nicht mit Consequenz (Ausführl. Gr. §. 635, 3. 



Madvig: Syntax der griechischen Sprache. 141 

636, A. 1. 649, 8. vergl. mit 748, A. 2) angenommene Behaup- 
tnng, dass der Infin. ohne Artikel immer als ein regiertes Ohject 
und zwar im Accus, stehe, wurde mit Kecht als ein gegen alle 
Satztheorie verstossender Irrthum von seinen Rec. Mehlhorn in 
Zeitschr. für Alterthumsw. 1837. p. 883; 4 und Sommer in diesen 
NJahrbb. 1838. Bd. 24. p. 138, so wie von Fuisting in der Ahh. 
de natura acc. c. inf. p. 19 zurückgewiesen, und ist in neuere 
grammat. Schriften nicht wieder aufgenommen worden. Durften 
wir demnach kaum erwarten, von Hrn. Prof. Madv. diese Ansicht 
adoptirt zu sehen, und erregte uns dies gegen die Richtigkeit der 
Folgerung Zweifel, so finden wir doch in der Lehre des §. 165: 
„Der Acc. c. inf. steht als Object eines unpersönlich ausgedrückten 
Urtheils (xcdöv e Gxi , %qtj u. s. w.)', eine offenbare Bestätigung 
derselben. Ja aller Wahrscheinlichkeit nach müssen wir auch 
den räthselhaften Inhalt des §. 144 in gleichem Sinne auffassen, 
eine Vermuthung, welche durch die auffallende Uebereinstira- 
mung dieses §. mit Kühner Gr. §. 635, Anm. 1 unterstützt wird. 
Denn auch dieser führt zum Beweise seiner widerspruchsvollen 
Lehre (vgl. §414, Anm. 2), dass der Infin. ohne Artikel nur 
scheiubar die Stelle des Subjects vertrete, in der That aber im 
Verhältniss der Abhängigkeit stehe und ein zu Thuendes oder 
zu Bewirkendes ausdrücke, welches durch den Accus, bezeichnet 
werde, die deutsche Redeweise an, z. B. nicht schlecht ist es 
König zu sein, ohne zu bedenken, dass der präpositionalc Infini- 
tiv erst dann als Subject in Gebrauch kam, als die Präposition 
beim Infin. ihre Bedeutung verloren hatte, und dass der präposi- 
tionale Inf an die Stelle des einfachen trat. S. Grimm deutsche 
Gramm. Th. -!. p.'lü4 fl bes. 107. 112 und über die Vertretung 
des Subjects durch das Pronomen Götzinger Sprach!, für Schulen 
§. 350, 2. — Allein so wenig bestimmt treten die Ansichten un- 
sers Verf. hervor, dass wir ihn demungeachtet noch nicht mit 
voller Zuversichtlichkeit den Grammatikern beizuzählen wagen, 
welche den blossen Infin. stets für ein regiertes Object im Accus, 
halten, und ebensowenig zu denen, welche behaupten, dass der 
substantivirte Infin. den Artikel nur als Nominativ und Accusativ 
entbehren könne. Denn in §. 7 finden sich bei der Aufzählung 
der Impersonalien unter 2): ,, die Verben, welche im Allgemeinen 
das Verhältniss des Geziemenden oder Möglichen von einer Hand- 
lung aussagen, und die einen Infinitiv oder einen Accus, mit Infin. 
statt des Subjects bei sich haben, wie du, XQV'"'' e * c - un ^ nach- 
dem der Verf. § 156, A. gelehrt hat, dass nach den aus Substan- 
tiven und Verben gebildeten Redensarten, wie öypl^v Öidovai, 
cc6%oliav 7taQS%uv u. s. w., in der Regel ein einfacher Infin. und 
nur selten der Genitiv folgt, macht er mit Hinzufügung des Eur. 
Verses: qpo'ßw ö' a ßij %grjv uGoqüv xad'iqueQ'a öiyrj die Bemer- 
kung: „die Dichter gehen im Gebrauche des einfachen Infinitiv 
anstatt des Gen. noch weiter" und geht damit einer entschiedenen 



142 Griechische Litteratur. 

und unzweideutigen Erklärung über diese schwierige Controverse 
mit Ja oder Nein aus dem Wege. Und doch wäre es nach unserm 
Bedünken nicht eben eine unwürdige Aufgabe für eine Grammatik 
gewesen, welche höheren Anforderungen entsprechen will, diesen 
Punkt ins Reine zu bringen, da die bedeutendsten Auctoritäten 
darüber mit einander in Widerspruch sind, und die Entscheidung 
der Frage durch mancherlei Erscheinungen erschwert wird. 

Matthiae Gramm. §. 472, 2,b. 542, A. a. b. p. 1063 fl. 2 Aufl. 
erklärt die Auslassung des Artikels beim Infinitiv nicht nur im 
Nomin. und Accus desselben, sondern auch im Genitiv für zuläs- 
sig; letzteres ebenso nach Substantiven und Adjectiven zur Be- 
zeichnung der Wirkung, wie auch nach Verben. Mit ihm findet 
sich Thiersch Gr. §. 296, 2. 3. 4. der Theorie nach in fast voll- 
kommener Uebereinstimmung, gestattet aber in den Beispielen 
diesem Gebrauche eine ungebührliche Ausdehnung, wie insbe- 
sondere die Annahme des Infin. als Genitiv und Dativ bei Homer 
ganz unbegründet und irrig ist, und nach Bopp's Bemerkung, dass 
bei Homer der Infin. nicht leicht als Nomin., nie als Genitiv und 
Dativ gefunden werde, befremdet. Ebenso erklärt sich M.Schmidt 
über den Infin. §. 21 ausdrücklich mit Matthiae einverstanden, 
und macht in zweifelhaften Rectionsfällen die Entscheidung von 
der Gebräuchlichkeit der Construction abhängig; in Bezug auf 
Homer lässt er sich durch Thiersch zu demselben Irrthume ver- 
leiten und kann kaum die betreffenden Stellen sorgfältig nachge- 
sehen haben. Mehlhorn endlich stellt in der Zeitschrift f. Alter- 
thumswissenschaft 1837. p. 884 gleichfalls die Behauptung auf, 
dass sich alle Casus am Infin. ohne Artikel meist ebenso gut unter- 
scheiden lassen wie am Infin. mit dem Artikel. Diesen und an- 
dern Grammatikern steht nach G. Hermann's Vorgange zum Viger 
p 702 fl. (3. Ausg.) Krüger Gramm. §. 50, 6 mit dem Lehrsatze 
entgegen : „Mit dem schon an sich substantivartigen Infinitiv ver- 
bindet sich der Singular des Art. xo in allen Casus" 1 ; und A. 3: 
„entbehren kann der substantivirte Infin. den Artikel nur als No- 
minativ oder Accus., nie wenn er von einer Präposition abhängt" 
und giebt in dieser Fassung zugleich ein Muster von Kürze und 
Präcision des Ausdrucks, zu den die vielbesprochene Fassung der 
entsprechenden Lehren bei Madvigin directem Gegensätze steht. 
— Verfolgt man nun die Hermann -Krüger'sche Auffassung der 
Erscheinungen , welche die gewöhnlichere Ansicht unter dem 
Titel des Infin. mit ausgelassenem zov oder tiß aufführte, so muss 
man bald inne werden , dass die Abweichungen von derselben , so 
weit wenigstens die von den genannten Grammatikern beigebrach- 
ten Beispiele den Beweis dagegen liefern sollen, nur in der Be- 
fangenheit im deutschen Idiom ihren Grund hat, da sie sämmtlich 
unter die von Krüger aufgestellten Kategorien fallen, so weit der 
Infin. in ihnen wirklich substantivisch steht, in den übrigen aber 
der Infin. zur Bezeichnung des Behufs und der Folge als wirk- 



Madvig: Syntax der griechischen Sprache. 148 

licher Verbalinfinitiv angesehen werden kann, ohne die Schranken 
zu überschreiten , welche man mit Lobeck zu Soph. Aj. S69 p. 
381 fl. für diese Construction anzunehmen hat. Vergl, Bäumlein 
Unters, über die griech. Modi p. 338 fl. — So kann es nicht zwei- 
felhaft sein, dass wir nicht unserm Sprachgefühle nachgeben und 
das attributive Genitivverhältniss in den §. 50, 6, 4 angeführten 
Beispielen verlangen dürfen, sondern im Sinne der griechischen 
Auffassungsweise das prädicative Satzverhältniss anerkennen müs- 
sen, wenn man die gleichartigen Sätze, in welchen der Infinitiv mit 
dem Artikel verbunden ist, z. B. bei Krüger a. a. O. A. 5 und 
Matth. §. 543, A. 3 zu Ende, vergleicht. Wie leicht die deut- 
sche Auffassungsweise hierbei zu Irrthümern verleitet, beweist am 
besten, dass sich selbst die scharfsinnigsten Grammatiker dadurch 
zu offenbar unrichtigen Erklärungen haben verleiten lassen. So 
findet Mehlhorn a. a. O. in Hom. II. M. 246: öol ö' ov deog fW 
änoXeö&cci den Genitiv des Infin.; während der Gedanke wie in 
den beiden andern Hom. Stellen, in welchen Öeog mit Infin. vor- 
kömmt, Od. f, 347. #, 563, dnoXiöftui als Subject, deog als Prä- 
dicat verlangt , und unter Anderen Duncan schon ganz richtig in 
seiner Uebersetzung ausdrückt: tibi nullus esse potest terror a per- 
eundo ; nam es fugax et fuga tutfite a periculo. Ebensowenig darf 
man sich von demselben in seinem Programme de appos. in gr. I. 
p. 8, N. 8 verleiten lassen, wenn er warnt: ne confundas illum 
multo ampliorem usum , quo infinitivi cum substantivis ut genitivi 
construuntur, ut Iph. A. 1350: Qogvßog Xevö%rjvcu vel Cyrop. 
7, 4, 5 äöyakeia egyu&ö&ai. In der ersten Stelle (die von Mehl- 
horn angegebenen Citcte sind beide unrichtig) ist der appositive 
Infin. gerade wegen der Wechselrede in kurzen Sätzen: Ach. eg 
doQtjßov eycoye xccvtdg rjk&ov. Clyt: eg xiv o5 £,£vei Ach. ; 6co(icc 
Kevö^fjvai tütqoi6l ohne allen Anstoss; in der zweiten aber: «V 
dl elgijvvjv Vfilv tcoitjöco %a\ üöyakeiav sgya^söftat dfiqjoregoig 
rrjv yrjv ist der Infinitiv als Verbalinfin. zur Bezeichnung der be- 
absichtigten Folge, Sicherheit zum Ackerbau (s. Matth. §. 533. 
Krüger lat. Gr. §. 489, A. 3. Grimm Th. 4. p 112), aufzufassen, 
da er nicht von dem blossen Substantiv, sondern von der Phrase 
uöqxxketav noielv abhängt. Er wird durch die ähnlichen Bei- 
spiele, welche Krüger a. O. Anra. 6 aufzählt, hinreichend ge- 
schützt, und Mehlhorn's Auffassung ist um so auffallender, als er 
selbst unter Anführung von zahlreichen Sammlungen auf den um 
fangreichen Gebrauch verweist, quo periphrasis vel duae cogna- 
tae rationes coniunetim tertiam regunt. In gleicher Weise hat 
man den Infin. auch in der von Matthiae angeführten Stelle Soph. 
Phil. 1023: uvxri yccg ^v öot rtgoyccötg exßcduv sfie zu verste- 
hen, wie nahe hier auch die Annahme des Genitivverhältnisses 
liegt, und wie gewichtig für diese auch PJllendt's Auctoritä't ist 
der in seinem mit staunenswerther Sorgfalt gearbeiteten Lexicon 
Sophcl. T. 2. p. 243 an dieser Stelle und ebendas. 1360: vvv 

N. Jahrb. f. Phil. u. Paed. od. Krit. Dibl. Bd. LV. Hft. 2. \Q 



144 Griechische Literatur. 

xccigog sgdeiv den blossen Infin. für den Genitiv hält, in der 
letztern jedoch auch die Annahme des Piädicativ Verhältnisses zu- 
lässig findet. Mit grösserer Wahrscheinlichkeit hätte er vielleicht 
noch El. 22: dg lviav& spsv^ iv ovx fr öxveiv xaigog avU' 
kgyav dx^iq dafür anführen können ; doch möchte sich für beide 
Stellen diese Annahme durch Vergleichung von V. 1330 : rö {ihv 
pkkXtiv xctxov Iv xoiovxoig söx\ dni]XA,d%&cci d' dxfirj als un- 
uöthig erweisen. Der Anstoss aber, welchen an vielen Stellen in 
diesem Prädicativverhältniss die Bedeutung der zum Theil ab- 
stracten Substantiven zu haben scheint, ist durch Lobecks Bemer- 
kung zu Soph. Aj. 114, so wie durch Mehlhorn de appos. p. 9 und 
p. 10, N. 11 und die daselbst Angeführten nebst Krüger Gr. §, 61, 
7, 5 beseitigt. Zu der Stelle aus Soph. Phil, vergleiche man auch 
Xen. Hell. 3, 5, 5 : oi [ibvxoi Accxeöaifiövioi dö^ievoi ekccßov 
Ttgotpaöiv örgazevEiv Inl xoitg (äJrjßatovg Jiähcci ogyi^öpsvoi av- 
Tolg. Sollte man aber dem oben angedeuteten Unterschiede in 
den verschiedenen Ausdrucksweisen etwa Thuc. 4, 126, 5: av- 
xoxqÜxcoq Öl pdyri pdkiüx av xal ngöyaöLV xov öoS&ö&ul xivi 
TCQSJiövicog Jtoglötisv. entgegenstellen , so ist wohl zu beachten, 
was Grimm Th. 4. p. 112 lehrt. — Der zweite Fall, welchen 
Krüger in Anm. 6 bespricht, dass der einfache Infin. gebraucht 
wird, wenn das Substantiv in einer Redensart enthalten ist, welche 
ebenso gefügt wird wie das entsprechende einfache Verbum, kann 
bei der häufigen Geltung der phrasis pro verbo (s. Lob. zu Soph. 
Aj. 802. p. 353 und vergl. unter den von Mehlhorn de appos. p. 8 
angeführten Gelehrten besonders Matthiae §. 421, Anm. 4. Auch 
wird man nicht ohne Gewinn damit die gleiche Erscheinung im 
Latein , s. G. T. A. Krüger latein. Gramm. §. 476, 3 und die for- 
melhafte Verbindung von Substantiven mit Verben im Deutschen 
zusammenhalten, in welchen das Verbum gleichsam nur dazu dient, 
das Substantivum zu verbalisiren. S. Grimm Th. 4. p. 594 fl. und 
p. 610; über den Unterschied derselben von den ähnlichen latei- 
nischen und griechischen Rumpefs Casuslehre inbesond. Beziehung 
auf die griech. Spr. p. 148 fl.) gewiss ebensowenig bezweifelt 
werden, als der dritte (Krüger a. O. Anm. 7 vergl. mit dess. Anm. 
zu Thuc. 1, 74, 1), in welchem Krüger nach der Analogie von 
ctixiog und a'ijtog mit dem Accus, xl und ovdev auch den blossen 
Infinitiv nach diesen Wörtern nicht für den Gen., sondern für den 
Accus, des Infin. oder Verbalsubstantivs erklärt Die Beispiele, 
in welchen sich nach diesen Wörtern der Accus, des Artikels selbst 
beim Infin. findet, wie Plat. Lach. p. 190, E: eya aixiog xo ös 
djcoxgivaö&at, (vergl. Matth. 543, A. 3. Poppo ad Xen. An. 2, 5, 
22) verbürgen die Richtigkeit dieser Ansicht, die ausserdem durch 
die Construction mehrerer Verben, welche den Gen. eines Subst. 
bei sich zu haben pflegen, mit dem Accus, eines neutralen Pron. 
oder Adjectivs (s. Matth. §. 414, A. Kumpel p. 252. Ilaase zu 
Xen. Rep. Lac. p. 72) unterstützt wird. Gleiche Bewandtniss wie 



Madvig: Syntax der griechischen Sprache. 145 

mit aXtiog Hat es mit s^inodiov und s^inodav tlvai mit Infiti. 
(Heins, zu PI. Crat. p. 416, c.) wie sich in seiner Verbindung mit 
xo fiy elvai Xen. An. 4, 8, 14 zeigt ; und in dieselbe Kategorie 
werden wir auch die Verba aufzunehmen haben, welche zwar ge- 
wöhnlich den Genit. eines Inf. bei sich haben, bisweilen aber auch 
den Accusativ (s Matth. §.548, A. 3. Sauppe zu Xen. Mem. 1, 
3, 7. 4, 3, 1. 4, 7, 1. 5. Krüger zu Thuc. 1, 73, 3); so dass auch 
die von Matth. §. 542. A. 1, b. y. aufgezählten Constructioncn kei- 
nen Einwand gegen Hermann's und Krüger's Ansicht begründen 
können. Das Verbum öci&iv ist durch Hermann's Erklärung zum 
Viger p. 703. 898, womit Lobeck zu Soph. Aj. 40. p. 92 za ver- 
gleichen, aus der Zahl der Wörter verschwunden, welche hier in 
Betracht zu ziehen sind. 

Allein wird hierdurch die Behauptung, dass der Infinitiv nur 
im Nominativ und Accusativ den Artikel entbehren kann, auch für 
die Mehrzahl der Beispiele als richtig erwiesen, so lassen sich 
doch einige Erscheinungen nicht ohne Aufhebung dieser Beschrän- 
kung erklären. Zu dieser Annahme nöthigt zuerst der Gebrauch 
des Inlin. beim Genitivus absolutus impersoneller Verben. Statt 
des gewöhnlichem Nominativus oder Accus, absol. dieser Verben 
finden sich schon in der klassischen Gräcität bisweilen ihre Geni- 
tive; s. Matth. §. 564; Buttm. §. 145, Nr. 7, 1; Rost §.131, A.5; 
Beruhardy p. 481; Krüger §. 47, 4, 4. 5. 56, 9, 5—9. In diesem 
Falle ist das Subject bisweilen zu ergänzen , meist findet sich als 
solches ein Pronom. demonst. oder ein Satz mit ort, wie z. B. 
Thuc. 1, 74, 1. 116, 3. Xen. Cyr. 1, 4, 18; auch ein Fragsatz mit 
€i, z. B. Xen. Hipp. 4, 2; an einigen Stellen aber auch der Infinit. 
So Thuc. 1, 76, 2: ott'rog ovo' rjfteig &av}ia6T6v ovösv itvxoir\- 
xayav ovo' KJtö avftganslov xgönov, sl dg%tfv xs didopevrjv 
sÖsizctfiB&cc, xal rccvtrjv /ui? dvslfisv — — ovd' av itgäxoi xov 
xoiovxov vnäg^avrsg , «ÄA' dsl x a%s6xc5xog xov tj 6 6a vno 
xov 8vv axaxkgov xaxsigys6%ai a%iol xs apa vo^l- 
£ovtsg xxh Zwar ist dies die einzige derartige Stelle, welche 
ich aus der klassischen Zeit beizubringen vermag; doch fürchte 
ich nicht , dass daraus ein Grund gegen die aufgestellte Behaup- 
tung hergenommen werden kann. In der späteren Zeit scheint 
diese Redeweise häufiger gewesen zu sein ; wenigstens finde ich 
sie zweimal in Stellen, welche von Koen ad Gregor. Cor. p. 159 
aus Phurnutus mit solchen Gen. absol. angeführt werden. Dieser 
schreibt nämlich nach Koen's Verbesserung de nat. deor. XV. 
p. 162 , ngog ähkrjv öh k^tpaötv yvpval nagsigdyovxai (a£ Xd- 
gixsg), ag xal xäv firjdhv xvr}[ia s%bvxav vnovgysiv xivä xal 
acpski^tag %aglZ,s69aL aoXXd öwa^isvar, xal ov itsgiov6id- 
£t6&ai nuvxag, Iva xtg svsgysrixcg y , dsovxog. und eben- 
daselbst XVI. p. 168 : ag avxä dsovxog sig nä6uv 3iga%iv yye- 
pöi'i xgrjö&ai* Unterstützt wird übrigens die auf Thucydides 
gegründete Annahme durch die Analogie anderer Stellen, in wel- 

10* 



146 Griechische Litteratur. 

chen dieselbe Construction mit andern Prädicaten vorkommt. So 
heisst es bei Andoc. in einer von Krüger 50, 6, 5 angeführten 
Stelle: xifxijöiv fiot eitoirjöccv xov vofiov XH{ievov xov aitoxxd- 
vavxa avxuitoftuvüv (vergl. Soph. Trach. 614) und bei Plut. 
Ages. 10: xaigov d bvxog uv&ig s^ßdKksiv elg *yv noXsfilav , wo 
die Annahme des Genitivus Infiuitivi nothwendig ist, man mag von 
dem Satze l^ißälXuv xaigog söxiv oder xcagog xov apßcckksiv 
iöxlv ausgehen. — Die zweite Erscheinung der Art bietet der so- 
genannte epexegetische Infinitiv nach substantivirten Neutren be- 
sonders von Pronominaladjectiven dar, welchen Krüger § 57, 10, 7 
ohne Zweifel ebenso wie den gleichartigen Infinitiv nach Substan 
tiven mit pronominalen oder qualitativen Adjectiven, s. ebendas. 
Anm. 6, für den Nomin. oder Accus, gehalten wissen will. Die 
natürliche und regelmässige Construction verlangt anerkannter 
Maassen in diesem Satzverhältniss Gleichheit der Casus, die nur 
unter besondern Umständen verletzt werden kann. Daher wird 
sich bei unbefangener Auffassung gewiss {Niemand bedenken, in 
der Euripideisehen Stelle, welche Krüger a. a. 0. erwähnt: svög 
fiövov del xägde övyxgvxpai täös den Infin. für einen epexeget. 
Genitiv zu evog fiovov zu erklären. Und das mit Recht; denn 
Krüger's Ansicht, der auch hier den Infinit, nicht als Genit. gelten 
lassen will, kann man nicht frei von Härte finden, wenn man auch 
der Verbindung von zwei verschiedenen Constructionen bei den 
Griechen den weitesten Umfang zugesteht. Er begeht hier ge- 
wissermaassen den Fehler selbst, den er an einer verschieden ge- 
schriebenen und erklärten Stelle, Xen. An. 2, 5, 22 durch alle 
drei Ausgaben hindurch vermied , indem er ungeachtet der schwa- 
chen handschriftlichen Grundlage 6 8[iög egag xovxov ecixcog tov 
tolg"ElXrjöt,v spe niöxov yevEö&at, beharrlich festhielt, ohne sich 
durch Mehlhorn's Besprechung derselben in Zeitschr. für Alter- 
thumswiss. 1837- p. 885 irren zu lassen. Ferner rechne ich hier- 
her Eur. Orest. 1155 (Matth.): nuvöofxcci ö' alvcov, snel ßägog 
tl xav Ta5d' eöxiv alveiG&cu Mar. Die von Matthiae in der Anm. 
verglichene Stelle Hippol. 393: r}g1~ä[i7]v [isv ovv Ix xovds öiyäv 
xtjvös xui xgvnxuv voöov gehört zwar nicht zu den unzweifel- 
haften; bedenkt man aber, dass Phaedra selbst den Inhalt ihrer 
Darlegung in den Worten des 391. V. : ks%a ös xal <3oi xfjg S{iijg 
yvconqg 6d6v angegeben, dass Anfang und Ursache in den folgen- 
den Versen: Inü ja egag hgaösv, söxojiovv öncog xäXkiöx Iv- 
äyxcafA avxöv hinlänglich bezeichnet war, so kann man zumal bei 
der Folge der Gegensätze: xd dsvxzgov Bs xqv avoiav sv epegew 
tüj öaxpgove Iv vixäöa ngovvorjöä^irjv ' xglxov d\ snuÖrj toiötd' 
ovx s^rp'vxov Kvngiv xgocxfjCcu, xctx&avslv sdo^s uoi xgocxiörov 
das Verschweigen und Verbergen ihrer Leidenschaft nicht hin- 
länglich durch ^g^ä^itjv als die erste Stufe ihres Strebens be- 
zeichnet finden und Ix xovds durch hierauf erklären, sondern 
muss es mit dem Infin. verbinden: begann ich damit sie zu ver- 



Madvig: Syntax der griechischen Sprache. 147 

schweigen. Dahingegen ist Matthiae's Ansicht über Enr. Phoen. 
520 in der Anm. zu dieser Stelle zuverlässig unrichtig. — Auch 
der Prosa ist diese Ausdrucksweise nicht fremd, und nur wegen 
der geringern Strenge in der grammatischen Fügung, welche 
durch die Trennung der Sätze in der Gesprächsform herbeigeführt 
wird , könnten einige von diesen Stellen weniger Beweiskraft ha- 
ben. Sie findet sich Plat. Phileb. 00, B. : So. ovxovv xai xöÖB 
xai xöxe xalvvv fjfiiv dv ^vvo^okoyolzo ; Prot, to nolov; So. 
zijv zdya%ov dia<pegeiv <pvöiv zcfiöe fidkkov zcov dkkcov. Prot. 
TtVt; So. to nagelt] zovz del zcov t,äcov öid zekovg ndvxcog xai 
ndvxri (.irjäsvög ezegov noze ezi Ttgoööelö&ai zo de ixavov zeked- 
zazov eyeiv, wo Stallb. früher bei beiden Infinitiven die Hinzufü- 
gung des Artikels verlangte; und S^mpos. p. 192. D. el avzovg 
sqolzo ' ^Agdye zovÖe ejti&v{iehe ev zo) avxop yeveöftai ort pd- 
Xlötu dkkiqkoig, coöxe xai vvxxa xai rjfiegav (irj ditokeineö'&ai, 
dkkTJkcov; wofür die Anerkennung des Genitivs Infin. auch die 
Wiederholung derselben Construction im Folgenden: ei ydg zov- 
zov em&vixelxe xxk. beweisend sein dürfte. Ein ganz schlagen- 
des Beispiel der Art, welches Madvig §. 157 nach der nicht wei- 
ter bewiesenen Bemerkung, dass bei Dichtern der Artikel von dem 
Infinitiv nach dem Demonst. bisweilen gegen die Regel ausgelas- 
sen werde, erwähnt, findet sich bei Thuc. 4, 64, 3 : zdde Ttoiovv- 
zeg sv zco nagovxi dvolv dyaftolv ov 6xgegrJ6o{isv zrjv Uixekiav, 
'A&qvalav zs dnakkayqvai aal oixeiov nokepov. Endlich Lu- 
cian. Hermot. 1: %gi] Öh fi7]deva xaigov, otjuat, nagievav eldozeg 
dkrj&hg ov zb vjiö zov Kcpov iatgov elgrjfievov, dg Sega ßga%vg 
jufv 6 ßlog, naxgr) öe i] ze%v7j- xaizoi ixelvog lazgixijg liegt 
zavx ekeyev evfiafteözegov ngdypazog' &iko6ocpta dh xai (ia- 
xga zo) %gövcp dvecpixzog, r]v ^nij ndvv zig eygyyogozag del xai 
yogyov dnoßkemj tig avzrjv, xai zö xivdvvev^ia ov negl yu- 
xgcjv, rj dxfkiov elvai ev zop nokkeö zo5v Idiazcov övgtpexcp ita- 
ganoköfievov rj. evÖai^iov^öai cpikoöocpiqöavxa. Mehr Beweise 
würden mir vielleicht zu Gebote stehen, wenn Schäfer's App. 
Dem. zur Hand wäre, wo Tom. I. p. 561 über die Auslassung des 
Artikels beim Infin. nach vorangehendem Demonstr. gehandelt 
wird, so wie Engelhardt Annott. Deraosth. p. 53. Indess dürfen 
schon die angeführten Stellen für hinreichend gelten, um den Au- 
stoss hinwegzuräumen , den man bisweilen an der Auslassung des 
Artikels nach Comparativen mit ankündigendem Gen. des Pron. 
demonstr. gefunden hat, und man wird nach Beachtung derselben 
nicht mehr nöthig haben Plat. Gorg. 519, I). : xai xovxov xov 
köyov xi uv dkoyuxegov Sit] %gäy{ia dvftg&novg dya&ovg xai 
öixaiovg yevoycevovg e^aige&evxag per ddixlav vito xov öida- 
öxdkov 6%6vxag de öixaioßvvtjv ddixelv xovxa, cp ovx exovGiv 
mit Stallbaum statt des gebrauchten Comparativs den gleichbe- 
deutenden Ausdruck mit dem Superl. xai omog 6 koyog dkoyä- 
zaxog av eXz\ zu substituiren. Ebensowenig finde ich danach ein 



148 Griechische Litteratur. 

Bedenken, in der Syntax der Worte xi yag yvvaixl xovxov (piyyog 
ijdiov dgaxeiv und özgatsiag ävöga öcaöavxog ftsov nvkecg dvol- 
|at; bei Äesch. Ag. 60, in welcher vollends Haupt's Meinung, der 
Infin. sei ohne Ergänzung der Partikel iq als Acc. der Bedeutung: 
in Bezug auf, in Vergleich mit aufzufassen, grosse Kunst erfordert, 
um von ihr aus auf den Sinn zu kommen , den der Zusammenhang 
mit Notwendigkeit erfordert. — Fraglicher sind hingegen die 
Sätze, in welchen nach einem Comparativ der blosse Infinitiv ohne 
vorausgehenden Genitiv eines Pronomens folgt, wie z. B. Eur. 
Ale. 900: xl yag dvdgl xaxov (isl^ov cc^iagtslv möxrjg ül6%ov; 
wenn auch nicht nach Thiersch's und Blomfield's Ansicht ; denn 
jener lässt Gramm. §. 281, 7 in der eben angeführten Stelle des 
Aesch. xovxov ohne Weiteres aus und stellt sie mit dieser Eurip. 
zusammen; dieser findet ebenfalls in der Anm. zu Aesch. a. a. O. 
die Auslassung von ?j durch die gleiche Erscheinung bei Eur. ge- 
rechtfertigt. Hermann'» Erklärung zu Viger p. 884: quid enim 
tristius est ad amittendum quam fida u\or '? hat Matthiae mit Grund 
durch die Bemerkung zurückgewiesen: infinititivi, qui sie adie- 
ctivis adduutur, ut respectum (sit venia verbo) designent, quo illa 
adiectiva ponuntur, omitti etiam possunt ita, ut seusui ad integri- 
tatem nihil desit, ad perspicuitalem nonnihii; wonach der Sinn 
jener Stelle vielmehr sein würde: nam quodnam maius malura 
est quam fida uxor nirairum ad penlendum. Auch hat Hermann 
die Ünhaltbarkeit derselben später stillschweigend in seinen Adnott. 
ad Med. ab Elmsl. editam zu Vs. 633 und zu Eur. Ale. a. O. an- 
erkannt, und diese Stellen durch Annahme der Umstellung zu er- 
klären gesucht. Krüger ist ihm darin in seiner Gramm §. 49,2,2 
und zu Time. 1, 33, 2 mit Beschränkung dieses Gebrauches auf 
die Comparative vor interrogativen und Relativsätzen (die Bei- 
spiele verlangen vielmehr vor reinen und gemischten Bedingungs- 
sätzen) gefolgt, und bemerkt zu Thuc. Worten: öxsipuöftz xig sv- 
nga%icc öTiaviaxhga ijj xig xolg noks/xioig kvarjgoxsgcc, d rjv vfisig 
av ngo nokkäv %gy][iccxcov ttccl ßdgixog lxipLTqöaö%s dvvupuv 
vpZv Ttgogysveödcu, avxiq ndgsöxiv avxsndyyekxog mit Verglei- 
chung von Lys. 13, 77 : nag äv ysvoixo civftganog (tuaoamoog, 
oörtg hokfirjöev sk&slv InX xovxovg und Eur. Ale. a. O.: wie man 
sagen könnte: et avxt] r} dvva^itg nägsöxiv avxsjtdyyskxog; xig 
svxga^ia önavicoxhga, so finde sich rj zuweilen auch bei voran- 
gehendem Comparativ ausgelassen. Allein damit ist nur die rhe- 
torische Seite dieser Ausdrucksweise gefasst, eine grammatische 
Erklärung der Sache ist damit in Wahrheit nicht gegeben, viel- 
mehr diese nur um eine Stufe zurückgeschoben. Soll der Ge- 
danke seinen vollständigen grammatischen Ausdruck haben, so 
müssen wir auch nach der Umstellung der Sätze wieder rj avxr\ 
oder xavxfjg suppiiren. Diese Notwendigkeit verräth sich auch 
in der Herroanu'schen Auseinandersetzung zu Elmsley's Ausgabe 



Madvig, Enger, Krüger: Syntax der griechischen Sprache. 149 

der Medea a. a O. , indem ihm hei derselben: afiagtsiv mözrjg 
d\6%ov., xl tovtov (tsi^ov dvdgl xccxov, der Genitiv rovrov 
unwillkürlich entschlüpft. Neben dieser Erklärung hat sich Mat- 
thiae's Ansicht die Beistimmnng namhafter Philologen erworben. 
Kr geht von der Ausdrucksweise mit vorbereitendem Pronomen 
aus, findet aber die Undeutlichkeit, welche durch das Fehlen des 
Pronomens entsteht, so hart, dass er sich für Annahme einer Con- 
struetion nach dem Sinne entscheidet. Ziemlich gleichzeitig 
sprach sich F. V. Fritzsche in Quaestt. Luc. p. 89 fl. in demsel- 
ben Sinne über die Ursache dieser Construction aus: rationem 
illius usus inde repetimus , quod sensu» specie formaque orationis 
visus sit potior. Erhebliches wird sich ausser der Warnung, wel- 
che Bernhardy Synt. p. 121. N. 85 gegen die Theorie verwirrter 
Structuren ergehen lässt, gegen diese Erklärung an und für sich 
bedachtet, nicht einwenden lassen; doch, meine ich, darf man 
nicht ohne Noth zu besondern und verschiedenen Erklärungen 
specieller Erscheinungen schreiten , wenn es noch irgend möglich 
ist sie von dem Gesichtspunkte einer allgemeineren Erscheinung 
aus zu fassen, und die Ansicht, welche Matthiae wegen ihrer 
Härte verwarf, würde deshalb immer den Vorzug verdienen, 
wenn ihr nicht ein anderes Bedenken entgegenstände. In beiden 
Fällen, iu welchen der blosse Infin als Genitiv erscheint, lehnt 
er sich immer an einen erkennbaren Casus an und wird von dem- 
selben getragen; hier aber haben wir durchaus kein äusseres 
Kennzeichen des Genitiv. Darauf gründet sich ohne Zweifel auch 
Matthiae's Urtheil über die Härte dieser Construction. Statt in- 
dessen mit ihm und Fritzsehe zur Annahme der Constr. nach dem 
Sinne meine Zuflucht zu nehmen, bedenke ich mich nicht, wie es 
in anderen Formen der Vergleichung unzweifelhaft ist, auch hier 
eine Vergleichung ohne folgendes ij mit blosser Nebeneinander- 
stellung beider Glieder anzunehmen, bei der allerdings rhetori- 
sche Hervorhebung des ersten Theiles annehmbar ist, von einer 
Ellipse der Part, tj aber nur in dem Sinne die Rede sein kann, in 
welchem diese Mehlh. schema and xoivov bes. p. 4 fasst, und 
Bäumlein Unters, über die griech. Modi p. 4. Die verkehrte An- 
nahme der Ellipsen und der wohlverdiente Verruf derselben scheint 
von dieser Erklärung abgeschreckt zu haben, obgleich uns zu 
ihrer Begründung die schlagendsten Analogieen zu Gebote stehen. 
Wir haben dieselbe Form der Vergleichung nach %Uov , tXazxov 
und pislov (Krüger §. 49, 2, 3) mit ganz entsprechender Con- 
struction im Latein. (G. T. A. Krüger latein. Gramm. §. 586. 
A. 4), und dürfen darin einen hinlänglichen Beweisgrund finden. 
Denn wenn Hermann zum Viger p. 884 entgegensetzt, dass nicht 
die Ergänzung von f t zulässig sei, vielmehr der Genitiv des No- 
mens ergänzt werden müsse, so liegt ja gerade darin das Zuge- 
ständniss , dass aus dem vorhergehenden Comparativ das Verhält- 



150 Griechische Litteratur. 

niss des folgenden Satzgliedes zum vorhergehenden erkannt wer- 
den muss, da sicli dies aus seiner eigenen Form nicht erkennen 
lässt Ausserdem erweist sich seine Behauptung dadurch als un- 
begründet, dass auch im Griech. der gleiche Casus folgen kann; 
denn nicht nur in dem von Krüger aus Aristopji. beigebrachten 
Beispiele: ne^a ögvig tri ccvxov nküv s%axo6iovs xbv agtä- 
jio'v, sondern auch in dem von Hermann selbst angeführten ou 
nXeov xrjg nökzaq öxadiovg änixovxa stcxcc ist die Er gänzung des 
Gen. unthunlich. Noch unwiderleglicher beweisen dies die von 
Lobeck zum Phryn. p. 411 gesammelten Beispiele, in welchen 
das Nomen selbst dem Zahlbegriffe hinzugefügt ist, und Lobeck 
hatte sich bereits gegen die Ergänzung des Gen. erklärt. — Wie- 
fern man sich hierbei auch auf die Auslassung der Part, tj nach 
Corapar. vor dem Relativum berufen darf, statt deren Sommer in 
der Beurtheilung von Plat. Sympos. ed. Hommel, Leipz. NJahrbb. 
Bd. 14 p. 72 vielmehr die Auslassung des Relativs zulässig und 
durch handschriftliche Grundlagen gesichert hält, vermag ich jetzt 
nicht zu verfolgen; doch möge noch au eine Bemerkung Butt- 
mann's erinnert werden, welche für die richtige Auffassung des 
fraglichen Punktes nicht ohne Gewicht ist Er bemerkt zu Dem. 
Mid. §. 33. c. : dklä (irjv ojg dhjdt] Afyco, neu xr] [ilv jroot£oa/'a 
6r£ xavt sktytv Ü6ifa}Xv\rti xcci Öiüktxxo Ixüvco: Ratio requirit 
particulam y\ ante oxs eamque inseri iubet Taylorus. — Ego probe 
quidem perspicio, quam facile littera rj in his locis atque etiam in 
nostro excidere potuerit; sed probe etiam, quam facile in ipso 
quotidiano sermone, qui tarn crebro logicas rationes posthabet 
compendiis et sonorum levi iuneturae. Quare potuit Plato quidem 
aut si quis criticus exempla eins limavit, severiorem cogitandi re- 
gulär« sequi, sed oratores et legum scriptores populi loquelam. — 
Unzweifelhaft aber hat man eine gleiche Erscheinung in der häu- 
figen Wendung des Piaton. Dialogs: uklo xi mit hinzugefügtem 
Fragsatze anzuerkennen, welche nach Stallbaum zu Plat. Euthy- 
phro p. 104 der ersten Ausg. in lebhafter und erregter Rede für 
aklo xi r\ gebraucht wird, nach Bekker als feststellende Formel 
erscheint. S. Krüger §. 62, 3, 8. Hermann's Erklärung zum 
Viger p 730. N. HO stehen Sätze entgegen wie Plat. Men. 82, 6, 
in welchen die Trennung vom Folgenden nicht zulässig ist, so wie 
die Antworten, welche auf diese Fragsätze folgen. Mehr sagt 
Buttmann's Ansicht zu im Index zu Plat. Diall. quatuor s. v. akko 
rt; den besten Aufschluss aber giebt G. T. A. Krüger in latein. 
Gramm. §. 585. A. 3. Treffend ist Rumpel's Erklärung über eine 
ähnliche Erscheinung p 244 fl. 

Der letzte Theil dieser Abschweifung führt uns wieder auf 
Madvig zurück ; er betrifft einen anderen Abschnitt der Syntax, 
und wir dürfen es nicht versäumen, unsern Verf. auch dahin zu 
folgen, um bei unserer Aufgabe möglichst vor Einseitigkeit be- 
wahrt zu bleiben. Aber auch nach Vergleichung dieses Abschnittes, 



Madvig, Enger, Krüger: Syntax der griechischen Sprache. 151 

der Lehre von der Comparation §. 89 — 94- , können wir eine grös- 
sere Berechtigung zur Geringschätzung der deutschen Grammati- 
ker nicht anerkennen. Zum Beweise wird es genügen, unter 
Verweisung auf Krüger §. 49, 2, 3, den §. 92 milzut heilen , wel- 
cher einen eben berührten Punkt betrifft, um die begonnene Be- 
urtheilung des Capitels vom Infinitiv nicht noch länger zu unter- 
brechen. Er lautet wörtlich: ,,Wenn eine in Zahlen ausgedrückte 
Grösse durch tcXsov (nXeiov, nXelv) vergrößert oder durch kXaz- 
zov ((lüov) verringert wird, werden diese Wörter mit oder ohne 
v\ zu der Benennung der Grösse gefügt, ohne Einfluss auf den Ca- 
sus derselben. Ilkkov q zQidxovzcc Ttkh&Qa yfjg xzr\Qa6\Sai 
(Avö. 19, 29) u — u. a. Beisp. — „Wenn der Casus Nominativ oder 
Accusativ ist, können tcKbov und slazzov auch selbst als Nominat. 
oder Accus, stehen und den Namen der Grösse im Genitiv regie- 
ren: Ei6svr]vtxtai vjieo 'AQidxocpdvovs xal zov nuxQoe; ovxh'Xaz- 
xov UVC3V zsztagäxovzoe. (Avö. 19, 43) — Anm.: Auch heisst es 
häufig nliiovs (psiovg, eknööovg) rj %ifaoi und itküovg %iXicov 
z. B. Thuc. 8, 65. 6, 25» ^Ei>oxXfjg övvolkeI rrj yvvaixl nltico 
ij oxza STt] Tjörj ('Iöcu. 3, 31) (ÜXiya IkäöQovg nsvzrjxovza. 
®ovx. 4, 44; Jisvztjxovza als Genitiv)." 

Charakteristisch für des wissenschaftliche Verfahren des 
Verfassers ist die Verfolgung der in §. 143 aufgestellten Grund- 
lehren in den einzelnen Erscheinungen. Wir schliessen deshalb 
dem oben bezeichneten Plane gemäss, die §§. 144. 154 bis 15/ 
und 170 an. Der Verf. scheidet in ihnen die verschiedenen Ge- 
brauchsweisen des Infin. mit dem Artikel in drei Gruppen , je 
nachdem derselbe nämlich Subject oder Prädicat oder Object ist, 
und bespricht den Accus, c. infin. mit dem Artikel noch besonders 
im letzten der angeführten §§. Der betreffende Theil des §. 144: 
„Der Infinitiv kann als Subject und als Prädicatsnomen stehen, 
wenn eine Handlung im Allgemeinen char akter isirt wird (s B. 
Tovzo (i av&dv eiv xakslz a i). Der Infinitiv als Subject 
hat den Artikel, wenn er deutlich hervortritt , als der gegebene 
und erste Begriff des Satzes, von welchem etwas ausgesagt 
werden soll ', begnügen wir uns hier wörtlich anzuführen , und 
unter Verweisung auf die nähere Beurtheilung desselben im Zu- 
sammenhange mit dem anderen Theile desselben vorläufig zur Ver- 
gleichung mit den oben mitgetheilten Sätzen des §. 143 zu em- 
pfehlen. In §. 154, a. wird ferner gelehrt: „Mit dem Artikel 
steht der Iujinitiv, wenn wir den Nominativ desselben (von 
welche/n §. 144 nachzusehen) nickt berücksichtigen , zugleich 
als substantivisches Glied des Satzes und so , dass die dadurch 
bezeichnete Handlung als Prädicat in Beziehung zum Subject 
oder Object des Satzes oder zu einem im Zusammenhange lie- 
genden Subject zu denken ist. Ein solcher substantivischer In- 
finitiv kann jedoch, nach der Beschaffenheit des Begriffes und 
nach griechischem Sprachgebrauch nicht in alle die Verhältnisse 



152 Griechische Litteratur. 

treten, in denen Casus eines wirklichen Substa?itives gebraucht 
weiden können." Beispiele hinzuzufügen hat dem Hrn. Verfasser 
nicht beliebt, und das müssen wir schon im Interesse des Schülers 
bedauern, da es für eine griechische Syntax zum Schulgebrauch 
wie bei allem Unterrichte eine der ersten Anforderungen ist, 
keine Gebäude in die Luft aufzurichten, ohne ihnen eine feste und 
tüchtige Grundlage zu geben ; denn derartige Luftgebäude kom- 
men höchstens einem Schüler mit gutem Gedächtnisse, etwa bei 
einem Examen durch seinen eigenen Lehrer zu Gute, der Ausbil- 
dung des Verstandes aber können sie nicht förderlich sein. Noch 
mehr aber haben wir den bemerkten Mangel in unserem und des 
Verfassers eigenem Interesse zu bedauern, da die Beispiele, auf 
welchen diese Beobachtung beruht, nicht eben häufig sein können. 
In dem Aufsätze von Lipsius ,,über den Gebrauch des Artikels 
beim Infinitiv im Griechischen, wenn dieser im Nominativ oder Ac- 
cusativ steht", in Seebodes 1 krit. Biblioth. 1821, p. 237—246, der 
wenigstens als reiche Beispielsammlung noch heute für verdienst- 
lich gelten darf, finden sich ausser dem von Rost §. 12.'), 3. c. 
p. 6.")4 (äs Aufl.) aufgenommenen Beispiele, aus Plat. Gorg. 
483, C. : XeyovöiV cSg ccIö%q6v xal äövxov xö itktov&xxüv, xal 
xuvxö eöxi xo adixüv xö nkkov xeov äkXoav Zflxiiv l^stv. nur noch 
zwei gleichartige aus Plat. Gorg. p. 490, a. und p. 495, b. ; nir- 
gends aber ein Beispiel , in welchem das Prädicat in Beziehung 
zum Objecte steht. Hr. Madvig durfte sich aber um so weniger 
der Mühe überheben, die Beispiele nachzuweisen, aufweiche er 
seine Lehre gründete, als auch die beigefügte Anmerkung: „Die 
zu einem Infinitiv mit dem Artikel gehöi igen Zusätze werden 
zwischen den Artikel und den Infinitiv hineingesetzt (ro xovg 
sv SQyexrjxox ccg del xal n uvxi xqojico dvTSveQys- 
tblv) oder nach dem Infinitiv (ro t,ijv jjäfög)" den gerüg- 
ten Mangel nicht ersetzt. Uebrigens ist dieselbe nicht nur an 
einem ganz ungehörigen Orte eingeschaltet, da sie für jedes Satz- 
verhältniss gültig ist, in welchem der lnfin. mit dem Artikel vor- 
kömmt, und die angegebenen Beispiele aller Wahrscheinlichkeit 
nach, wie sich sogleich zeigen wird, nicht dem prädicativen Ver- 
hältnisse angehören; sondern sie ist auch ihrem Inhalte nach ganz 
unzulänglich, wie bei ihrer Vergleichung mit Matth. §. 278. A. 2. 
540. p. lOtiO (2. Aufl.) und Krüger §. 50, 10 mit Anm. in die Au- 
gen fällt. — Doch sehen wir ab von dem Mangel an Beispielen 
und wenden unsere Aufmerksamkeit auf den Inhalt des §. selbst, 
so schmilzt derselbe immer mehr zusammen, je mehr wir unbe- 
irrt durch sein überflüssiges Beiwerk den eigentlichen Kern blos 
zu legen suchen. Es bleibt uns am Ende nicht ein Minimum mehr 
übrig, als der dritte Theil-des Satzes, dass der substantivische 
Infinitiv im Griechischen als Subject, Object und Prädicat er- 
scheint; und setzten wir hinzu, dass dies sowohl mit als ohne Ar- 
tikel , mit als ohne Nomen , welches im Verhältniss des Subjects 



Madvig, Enger, Krüger: Syntax der griechischen Sprache. 153 

zu diesem Infinitiv steht, geschehen könne, so hätten wir in die- 
sen wenigen Zeiten weit mehr Inhalt, als unser Hr. Verf. in den 
ganzen ersten sechs Zeilen dieses Lehrsatzes, der uns noch dazu 
als präcise , leichte und fassliche Rede dargeboten wird. Was 
aber nicht so leichten Kaufes zu haben war, aber vor Allem in 
diesem §. enthalten sein sollte, die Lehre, dass der Infinitiv wie 
das Nomen nur selten und nur unter bestimmten aus der Wirkung 
des Artikels zu erklärenden Modificationen, als Pradicat mit dem 
Artikel verbunden erscheint, weil es, wie Krüger in der Recen- 
sion der Kühncr'schen Schulgramm, iti diesen NJahrbb. Bd. 22. 
p. 63 lehrte, „in dem Wesen des Prä'dicats liegt, das ja mehren- 
theils ein blosser, noch nicht anderweitig näher bestimmter Be- 
griff i^t, gewöhnlich ohne Artikel zu erscheinen", und wie sich 
der Infinitiv mit dem Artikel auch im Pradicat vom einfachen In- 
finitiv unterscheidet, darüber finden wir kein Wort; und doch 
wäre dadurch zugleich die Seltenheit der Beispiele, vielleicht auch 
der gänzliche Mangel derselben bei dem zum Object gehörigen 
Prädicativvcrhä'ltnisse erklärt worden. Betrachten wir endlich 
noch die Form, in welcher uii9 der Hr. Verf. seine Lehre dar- 
bietet, so kann man ohne Besorgniss Dem eine Prämie aussetzen, 
der einen gleich nachlässigen Satz bei Hermann, Lobeck, Lehrs, 
Krüger und Dutzenden unter den bessern deutschen Grammatikern 
auffindet. Der Verf. schliesst im Eingänge den Nominativ aus- 
drücklich von der Erörterung aus. Steht denn aber der Infinitiv 
als Pradicat in Beziehung zum Subject, mag es in einem besondern 
Worte enthalten sein oder im Zusammenhange liegen , nicht auch 
im Nominativ? Mit dem Artikel, lehrt er weiter, steht der In- 
finitiv als substantivisches Glied des Satzes. Soll damit wiederum 
behauptet werden, dass er ohne denselben nicht auch substanti- 
visch gebraucht wird? Er lehrt ferner: mit dem Art. steht der 
Infin-, wenn wir den Nomin. nicht berücksichtigen , als substant. 
Glied des Satzes. Gilt dasselbe nicht auch vom Nominativ, und 
ist die Bedeutung des Art. beim Infin. nicht in allen Casus die- 
selbe? Und wozu endlich der Zusatz, dass die durch den Infin. 
bezeichnete Handlung als Pradicat in Beziehung zum Subject oder 
Object, oder zu einem im Zusammenhange liegenden Subject zu 
denken sei? Setzt man nicht bei jedem Schüler, der sich mit 
diesem Theile der Syntax beschäftigt, die Kenntniss vom Pradi- 
cat voraus, oder kömmt hier etwas darauf an, ob der Infinitiv mit 
dem Art. im prädicativen Verhältniss auch zum Object vorkömmt 
oder nicht? Ebenso entbehrlich ist auch der zweite Satz dieses 
Paragraphen, da sich sein Inhalt aus dem Folgenden hinlänglich 
ergiebt. 

Unter lit. b. desselben §. geht der Verf. zur Darstellung des 
objeetiven Verhältnisses über, in welchem der Infin. mit dem Ar- 
tikel verbunden wird. Auch hier berührt er die Verschiedenheit 
des Infin. mit und ohne Artikel noch nicht, sondern lässt sich nur 



154 Griechische Litteratur. 

auf den Unterschied zwischen Infin. mit Art. und Snbstant. ab- 
stractum ein, indem er lehrt: „Der Accusativ des Infinitivs 
kommt (ausser als Subject in einem Accusativ mit dem Infinitiv) 
bisweilen als Object transitiver Verben vor (wo ein entsprechen- 
des Verbalsubstantiv entweder fehlt oder die Vorstellung von 
der Handlung als einzeln und vor sich gehend nicht so deutlich 
ausdrückt oder zur übrigen Form des Satzes nicht so gut passt)." 
Die Flüchtigkeit, mit welcher die meisten §§. hingeworfen sind, 
verrät!» sich auch hier sogleich in der ersten Parenthese. Der 
Verf. will vom Infin. mit dem Artikel im objeetiven Satzverhältniss 
reden , und um diesen Gesichtspunkt in Rücksicht auf etwaige 
Missverständnisse hervorzuheben, fügt er die erste Parenthese 
hinzu , lässt aber ausser Acht, dass er im unmittelbar vorherge- 
henden Lehrsatze einen Accus, des Infin. im prädicativen Verhält- 
nisse zum Object angenommen hatte, und dass derselbe auch von 
Präpositionen abhängig sein kann, wie im folgenden Satze unter 
lit. c. gelehrt wird. Wenn er aber weiter in der zweiten Paren- 
these den Unterschied desselben von dem Verbalsubstantiv darin 
findet, dass durch dieses die Handlung als einzeln und vor sich 
gehend nicht so deutlich ausgedrückt werde, so ist abgesehen von 
dem Mangel an planmässiger Ordnung, indem bei einem speciellen 
Falle berührt wird, was allgemeine Geltung haben muss , die Sa- 
che selbst damit nicht getroffen. Vergleicht man z. B. den ersten 
von Madvig angeführten Satz aus Isoer. Dem. 43 : T6 tsAevrijöcu 
itdvxav r\ nSTtQaj.üvt] xaxsxgivsv^ xö ds x.a\tijg ano&aviiv idiov 
xolg GnovÖatoig rj (pvöig oniivup,iv. etwa mit Soph. O. C. 1470: 
co nalÖsg -fast, xaÖ' in dvögi ftiöyaxog ßiov xtktvxr] xovx £V 
f.öz dnoGxgoqu} und ebend. 1127 : [irj cpvvai xov äitavza vixa 
Koyov. Eur. Tr 653: tö pt] ysvsö&cci reo ftccvtlv Xöov kiya' xov 
£rjv ds kvngwg xqhööÖv iöxi xnx%uvuv. mit Soph. fr. Scyr. ov- 
öhv ydg ccXyog olov ij noXXfj £or/'. El. 812: %dgig fthv , ip* xxdvy, 
kimn d' idv £w - rov ßiov d' ovöelg nöftog. und endlich Eur. 
Iph. T. 1065: ögäxe ö" cog xgeig fiia xv%rj xovg cpilxdxovg r) yrjg 
naxgcoag voöxog ij Qaveiv U%u. Anacr. : cpvöig xigaxa xavgoig 
OTckag ö' idcoxev Inno ig , xolg X%%v6iv xo vtjxxov xolg ogvsoig 
jtsxccödca" nebst Plat. Phaed. 79, C. : tj ipv%rj oxav xeo öoapLuxi 
7cgog%grjxai slg xö öxonslv xi rj öiä xov ogäv rj diu xov dxovsiv 
ij dt ä.klr}g xivög alö^rjöeojg xxL — und erinnert man sich der im 
Griechischen so häufigen Plurale der Noraina abstraeta (s. Krüger 
§. 44, 3 mit Anm. vergl. mit Nitzsch zu Hom. Od. a, 7. Bremi 
Exe. VII. zu Isoer. oratt fasc. 1; Ellendt Lex. Soph. s. v. &dva- 
xog) : so erscheint der erste Unterscheidungspunkt von selbst als 
durchaus nichtig. Der weiteren Beurtheilung des zweiten glaube 
ich mich überheben zu können, da diese besser, als ich sie zu 
geben vermag, in llumpel's Auseinandersetzung, Casuslehre p. 110. 
115 fl mit Anm. enthalten ist, welche im Wesentlichen mit K. E. 
Chr. Schneider, akademische Vorlesungen über griech. Gramm., 



Madvig, Enger, Krüger: Syntax der griechischen Sprache. 155 

Schluss der 19. und Anfang der 20. Vorl. p. 170. 2, so wie mit 
Krüger lateiu. (»ramm. §. 473 in Uebereinstimmung stellt — Die 
Unrichtigkeit des ersten Punktes ist augenfällig, da statt eines 
Verbalsnbst. auch der blosse Iniin. stehen kann und unter Umstän- 
den stehen muss ; der letzte Punkt endlich , dass der Infin. ge- 
braucht wird, wenn das entsprechende Verbalsubstantiv nickt so 
gut zur übrigen Form des Satzes passt , konnte bei genauerer 
Angabe und Durchführung für die Kenntniss der Eigenthümlich- 
keit des griech. Sprachgebrauches vielleicht recht lehrreich sein, 
in der beliebten Unbestimmtheit aber, die das Mysterium, dessen 
Besitz dem Verfasser zu bestreiten bei so unzweifelhaftem Be- 
weise keinem Verständigen einfallen wird, Niemanden verrathen 
will, können wir ihn ohne grossen Verlust entbehren und durch 
Beachtung individueller Verschiedenheit bei den griech. Klassikern 
vielleicht theilweise nicht ungenügend ersetzen. — Dass die Be- 
deutung des Artikels beim Infin. hier ganz ausser Acht gelassen 
ist, wurde bereits bemerkt. Nur in der Anm. „Hin und wieder 
findet der Artikel sich auch beim Infinitiv nach den §. 145. 146. 
147 und 149 angeführt , Verben und Adjectiven mit slfii, um 
den Begriff im Gegensatze zu anderen oder als schon envähnt 
besonders hervorzuheben , oft so, dass der Infinitiv zugleich mit 
Nachdruck vorhergeht (fast wie', was das betrifft — zu): To 
<T av J-vvotxBLV trjd' 6[iov rt'g ccv yvvi) dvvairo', Soph. 
Tr. 545. Xeti. Oec. 13, 4. Thuc. 2, 53, 2", nimmt der Verf. ei- 
nen Ansatz dazu, wobei es ihm sichtlich weder um Erschöpfung 
des Stoffes , noch um Uebereinstimmung mit seiner allgemeinen 
Grundlehre zn thun ist. Die Vergleichung der in §. 143 enthal- 
tenen Theorie wird zur Würdigung dieser Anm. hinreichend sein; 
bezüglich der darin erwähnten Sache giebt uns vielleicht eine 
Beobachtung J. Grimm's über den deutschen Artikel beim Nomen 
den besten Aufschluss, die sich mir wenigstens bei diesen Er- 
scheinungen immer vergegenwärtigt; Gramm. Th. 4. p. 366: 
„Gleich dem persönlichen Pronomen beim Verbum steht der Ar- 
tikel Anfangs beim Nomen, in besonderen Fällen, als herzugeru- 
fener seltener Geleiter nachdrucksam; bald zur Bürde geworden, 
schleppt er sich fast allenthalben mit." 

Die letzte Abtheilung des §. 154 enthält eine Aufzählung der 
Präpositionen , von welchen der Infin. abhängig ist; §. 155. 156. 
die Lehre von der Rection des Dat. und Gen. des Infin ; die An- 
merkungen zu dem letztgenannten §., eine Uebersicht der Fälle, 
in welchen eine mehrfache Ausdrncksweise gestattet ist; und 
§. 157 endlich an ungehöriger Stelle die Lehre vom Infinitiv mit 
und ohne Art. nach vorangehendem Demonstrativ um. Wir müssen 
es uns des Baumes wegen versagen , auch hier auf das Einzelne 
einzugehen, und schliessen daher sogleich §. 170 an. 

„Ein Accusativ mit dem Infinitiv , sagt der Verf. unter a), 
wird durch den Artikel als zu einer bestimmten substantivischen 



156 Griechische Literatur. 

Vorstellung zusammengefasst bezeichnet {das Verhältnisse 
dass — ). Der Nominativ dient, ein stattfindendes Verhältniss 

(der Umstand, dass — , quod) als Subject zu bezeichnen. 

Der Accusativ wird gebraucht, um ein gewisses Verhältniss 
{ein gedachtes oder ein wirkliches) als Object eines Verbums 
oder bei Präpositionen, besonders bei diu, tlg und rcoo'g, zu be- 
zeichnen." Indem wir nur im Allgemeinen auf die verwirrende 
Zerreissung des zusammengehörigen Stoffes , welche durch die 
Trennung der Lehre vom blossen Infinitiv mit dem Artikel von 
dem Inhalte des vorliegenden §. herbeigeführt ist, so wie auf die 
dadurch veranlasste nutzlose Weitläuftigkeit aufmerksam machen, 
welche nur bei ganz äusserlicher Betrachtung als Reichthura des 
Iuhaltes angepriesen werden kann, sehen wir uns durch den In- 
halt dieses §. besonders dazu veranlasst, den Nachweis zu liefern, 
dass der Verf. in seiner Theorie ebensowenig die aufgestellten 
Grundbegriffe mit Festigkeit und Consequenz durchführt, als er 
dabei von haltbaren Ansichten ausging, dass er es vielmehr ver- 
säumte, den Gegenstand in seinem natürlichen organischen Zu- 
sammenhange zu erfassen, allgemeine Grundbegriffe aus den ein- 
zelnen sprachlichen Erscheinungen zu abstrahiren und dann in 
systematischer Darstellung den Zusammenhang zwischen diesen 
und dem positiven Sprachgebrauche nachzuweisen. Wir dürfen 
zu dem Ende nur auf die früheren Lehren zurückgehen und sie 
zusammenstellen. Da finden wir in §. 143 als Grundbedeutung 
des Artikels beim Infinitiv angegeben , dass er den Begriff des 
Verbums als bestimmt und für sich gedacht hervorhebe ; nach 
§. 144 hat der Infin. als Subject den Artikel, wenn er deutlicher 
hervortritt als der gegebene und erste Begriff des Satzes, von wel- 
chem etwas ausgesagt werden soll; nach §. 154 kömmt der Accus, 
des Infin. mit dem Art. als Object transitiver Verben vor, wo ein 
entsprechendes Verbalsubstantiv entweder fehlt oder die Vor- 
stellung von der Handlung als einzeln und vor sich gehend flicht 
so deutlich ausdrückt oder zur übrigen Form des Satzes flicht 
so gut passl ; und es bedarf weiter keiner künstlichen Combina- 
tionen, um den Mangel an Uebereinstimmung zwischen dem 
Grundbegriffe und den einzelnen Lehrsätzen, die Zufälligkeit und 
Willkürlichkeit in der grammatischen Feststellung der einzelnen 
Erscheinungen, und die Unzulänglichkeit des Inhaltes in dem vor- 
liegenden §. zu erkennen. Ein vollständiges Phantasiegebilde ist 
aber vollends, was uns Hr. Prof. Madvig über die Verschiedenheit 
des Nominativ und Accusativ vorträgt ; ja man möchte fast glauben, 
er treibe Scherz mit uns, und wolle die Gränzen unserer Leicht- 
gläubigkeit dadurch zu erforschen suchen. Nun Gutmüthigkcit 
und Ehrlichkeit ist nicht unser schwächstes Erbtheil, und wir 
folgen ihm aufsein Wort, wenn er uns nur sagen will, wer denn 
eigentlich unter den drei coneurrireudeu Potenzen das Chamäleon 
ist, ob der Artikel, oder der Infinitiv, oder der Casus*? Bis uns 



Madvig, Enger, Krüger: Syntax der griechischen Sprache. 157 

die Antwort auf diese Frage zugeht, mögen wir uns durch Ver- 
wandlung der Form mit dem Nominativ in den Accusaliv und um- 
gekehrt den aufgestellten Unterschied recht fest einzuprägen* 
Wir haben uns also zu merken: in dem ersten Beispiele aus Dem. 
19, 3: tö xqovov yiytvi]ö%ca yuza Trjv ngsößtiav nokvv, dsöoi- 
xa, fiij tiva krj&7]V v{iiv t[iit£iioi,rjxy. steht der Nominativ, weil 
ein stattfindendes Verhältniss zu bezeichnen war; hätte es dem 
Redner gefallen, statt dessen vielleicht zu sagen: öid rd %qvvov 
ytyevijöftcu nara zr)v npsößtlav nolvv öädotxa, (ii] xig faförj 
vfilv i^inoiijtai- so würden wir ein gewisses, ein gedachtes oder 
ein wirkliches Verhältniss darin zu erkennen haben. Nach die- 
sem Muster wird man auch festzustellen haben, wie sich der Ge- 
danke des Thuc. 1, 41: q ivsgytGia avzrj) rö öY rjfiäg IJskonov- 
vrjöiovs ccvTols {iq ßoq&fjGai, naQtöxsv v^tlv Uafiiav xokaöiv. 
veränderte, wenn es etwa hiesse: öiä rrjv tvsgysöiav Tavttp\ td 
cV i]{iäs Ilekonovvijöioig tolg 2Jcc^iiovg fifj ßotj&rjöai jrapr;v 
Vfilv ctvrovg xoXätttv. Doch wir wollen unseren bitteren Scherz 
nicht noch weiter treiben und nach einigen Sätzen suchen, in wel- 
chen beide Formen abwechselnd vorkommen ; es würde sich in der 
That der Mühe nicht verlohnen. Statt dessen kommen wir noch 
der übernommenen Verpflichtung nach, den Widerspruch, in wel- 
chem die Ansicht des Hrn. Prof. Madvig mit dem positiven Sprach- 
gebrauch steht, nachzuweisen, und bringen zur Bequemlichkeit 
der Leser wenigstens ein Beispiel aus Soph. Trach. 6 5 bei, wo auf 
Dcianiras Tadel: ei nectgog ovtco öagov e^svco^iivov tö fxr] nv- 
•Oäöftai nov'öTLV al6%vvrjv q>EQti. die Antwort des Ilyllos: äkX 
otda, {iv&oig y tX vt niötaveiv %q£cov. wohl sonnenklar darthut, 
dass auch ein nur angenommenes, nicht blos ein stattfindendes 
Verhältniss durch dan Nominativ bezeichnet werden kann. Für un- 
gläubige Zweifler aber, besonders für Grammatiker, welche sich 
in der griech Sprache gern in allzu feine Distinctionen verlieren 
und in dem Wahne befangen sind , dass der griech. Sprache eine 
besondere Feinheit und Subtilität in gramm. Beziehung beizulegen 
sei, wie sie nach des Verf. Versicherung, Vorr. p. IX. XI. viel- 
fach in Deutschland anzutreffen sind , verweisen wir zu Widerle- 
gung dieser überfeinen Distinction noch auf die Beispiele, welche 
Matthiae §. 540 g., Rost §. 98, B. c. p. 442. §. 125, 2. p. 650; 
Kühner §. 651; Krüger §. 50, 6, 2. 3; Ellendt Lex. Soph. T. 2. 
p. 221, 4, a. darbieten. Und damit auch Die nicht leer ausgehen, 
welchen des Hrn. Verf. zweideutige Bezeichnung: gewisses Ver- 
hältniss nicht klar ist, und die darunter ein unbekanntes nicht 
eben bestimmbares verstehen könnten , verweisen wir auf Krüger 
Gramm. §. 50, 3, 3. 6, 3 vergl. mit der oben angeführten Beur- 
theilung p. 47 ; über die Bedeutung des Infin. und Acc. c. inf. auf 
Scheuerlein's Programm p. 10 fl.; G. T. A. Krüger lat. Gramm. 
§. 496. A. 1. 563. p. 761 ; 565. A., 567. A. 2. — Die hinzuge- 
fügte Schlussbemerkung: „Auch bei einem Verbum der Aeusse- 



158 Griechische Litteratur. 

rung oder Meinung kann der Accusativ mit dem Infinitiv durch 
den Artikel als Ausdruck einer bekannten und früher genannten 
Vorstellung bezeichnet wer den , gewöhnlich jedoch nur als Ap- 
position zu einem Pronomen oder Substantiv: töds ys ftot 
Öoxsl ev hsyeö&cu zö tovg Qeovg slvat utk. Plat. 
Phaed. 62" kann uns nach dem oben Bemerkten nicht mehr von 
besonderer Bedeutung sein, und wir überheben uns ebenso der 
Fragenach dem Grunde zur besonderen Beachtung dieser Verba, 
wie nach Begründung der in der letzten Zeile ausgesprochenen 
Behauptung. 

Die unrichtige Ansicht des Verfassers über die Bedeutung des 
Infinitiv, tritt auch wieder in der Anmerkung zum ersten Ab- 
schnitte des §." hervor. „Ein Umstand oder ein Verhältnisse 
das stattfindet und von dem etwas ausgesagt. wird, tvird auch 
durch einen Satz mit ort bezeichnet'"'' ; denn eben dies, dass der 
Satz eine Thatsache enthält, sei es im Verhältniss des Subjects 
oder des Objects (s. Krüger § 65. 1, 3) ist die eigentliche Bedeu- 
tung der mit ort gebildeten Sätze , und eben darin liegt die Ver- 
schiedenheit derselben von der Construction mit dem Infinitiv. — 
Auch an anderen Stellen , wo der Verfasser diese und die ver- 
wandten Formen zu unterscheiden unternimmt, hat er den rechten 
Punkt nicht getroffen. So, wenn er §. 159 sagt: „Nach den Ver- 
ben der Aeusserung steht auch ein Objectssatz mit ort oder 
dg, nach deren der Meinung bisweilen einer mit dg 1 " 1 und ebend. 
Anm. 3: „Die Anwendung des Accus, mit dem Infin. oder eines 
Satzes mit ort oder dg beruht zum grossen Theil auf Wahl des 
Schriftstellers nach Deutlichkeit und Angemessenheit in Bezie- 
hung auf den Bau des ganzen abhängigen Satzes und der Pe- 
riode. Man kann sich jedoch über den Unterschied dieser drei 
Constructionen merken, dass nach affirmativ ausgesagten Verben 
der Aeusserung ohne Nebenbedeutung fast immer ein Accus. 
mit dem lnfin. oder öxi steht, dass aber dg gesetzt wird, wenn 
die Rede als unsichere oder unwahre Behauptung, Vorgeben 
oder Ausflucht bezeichnet wird , also auch nach einem vernein- 
ten Verbum (ov Kkyco, dg — oder, wenn die Aeusserung 
selbst verneinend ist, ov Xsya, dg ov). Nach Verben der 
Meinung wird nur d g, nicht ort gebraucht, und in ihm liegt 
auch gern der Nebenbegiiff einer falschen Meinung {ji&iftcd, 
dg suche einzubilden, dass)'"'', womit zu vergleichen §. 178, a. 
Anm. 5: „Die angeführten Verben — sehen, merken, wissen, 
erfahren , erinnern , zeigen, nachweisen, finden, befinden — ha- 
ben auch, einige häufiger, z, B. oiö «, andere seltener, einen 
Satz mit özt (oder dg ?neist nach einer Negation, s. §. 159. 
A. 3.) ohne Unterschied der Bedeutung , je nachdem es für die 
übrige Rede bequem ist 1 - 1 - — ohne diese Unterscheidung aus dem 
Begriffe der Coniunctionen und des Infinitivs abzuleiten n-nd zu be- 
gründen, und ohne sie an dem Sprachgebrauche einer gründlichen 



Madvig, Enger, Krüger: SjiUax der griechischen Sprache. 159 

Prüfung zu unterwerfen. Hätte der Ilr. Verfasser Schauh's Aus- 
einandersetzung über die Bedeutung der Partikel cog der Berück- 
sichtigung gewürdigt, deren Trefflichkeit von Passow und Ellendt 
durch die Aufnahme in ihre lexikalischen Schriften anerkannt ist, 
den Artikel ort in Kllendt's Lex. Soph. T. 2. p. 394 ss. vergl mit 
p. 1004 — 6, so wie die speciclle Untersuchung in Prof. Weller's 
Bemerkungen zur griechischen Syntax (Meiningen 1845, im Aus- 
zuge mitgetheilt von Jahn in diesen Jahrbb Bd. 48, 3. p. 282 bis 
287); namentlich aber die betreffenden §§. in Krüger's Gramm. 
55, 4; 5ö, 7 bes. Anm. 12 ; (15, 1, 3. 4 mit Jalm's Ansicht a. a (). 
p. 287 verglichen und an der reichen Beispielsammlung Ellendt's 
geprüft: so winde er der Wahrheit um ein Bedeutendes näher ge- 
kommen und zugleich über seinen Glauben enttäuscht sein, dass 
er zuerst über den Gebrauch von ort und cog in declarativen Ob- 
jeetssätzen eine bestimmte Angabe und Regel ausgesprochen habe 
(Vorr. p. VIII). 

Die zweite und dritte Abtheilung des §. 170 über den Dativ 
und Genitiv des Accus, c. Infin. mit dem Artikel enthalten nichts 
Bemerkenswerthes. Wir nehmen daher die Aufmerksamkeit und 
Geduld unserer Leser noch einmal in Anspruch, um nach der Prü- 
fung der allgemeinen Lehre des §. 143 und ihrer speciellen An- 
wendung zum Ausgangspunkte zurückzukehren und den Hrn Verf. 
dort noch durch einen kleinen Theil seines Werkes zu begleiten. 

Dem ersten §. über den Infin. schliesst derselbe folgende An- 
merkung an: ,,/Jer Infin. wird im Griechischen (ivie zum Theil 
im Deutschen) bisweilen in einer ziemlich losen Verbindung ei- 
nem Prädieale zur näheren Bestimmung beigefügt , so dass das 
Verhällniss sich nur schwierig begränzen lässt und dass bis- 
weilen eine Verbindung in verschiedenem Zusammenhang eine 
verschiedene Auffassung erlaubt, z. B. övv uro g noislv (s. 
§. 149. 150). In verschiedenen Verbindungen wird statt des 
blossen Infinitiv auch [mehr oder weniger selteti) mit geringem 
oder gar keinem Unterschiede der Infin. mit aörs gebraucht, 
welche Partikel überhaupt eine Wirkung oder eine Absieht be- 
zeichnet (so dass, damit dass), deren bestimmte Bedeutung 
aber bisweilen fast ganz verschwindet. 1 " 1 — Erinnern wir uns, 
dass der Verf. im ersten Hauptsatze Nichts als eine Definition vom 
Infin. gab, die Modifikation seiner Bedeutung durch Hinzufügung 
des Artikels und die dadurch bewirkte Flectirbarkeit desselben 
darlegte, von seiner Verbindung mit andern Wörtern aber und 
namentlich mit dem Prädicat noch kein Wort sagte: so wird es in 
methodischer und logischer Hinsicht schwer zu rechtfertigen sein, 
dass ein Grammatiker, der sich die Aufgabe gestellt hat, die Re- 
geln sowohl auf richtigere Grundbegriffe zurückzuführen und aus 
diesen in klarerer (Jebersichtlichkeit ohne Raisonnemeut zu ent- 
wickeln als auch durch die Art, wie sie formulirt und an andere 
angeknüpft werden, neben Genauigkeit und Bestimmtheit auch 

CT. Jahrb. f. Phil. u. Päd. od. Krit. UM. lid.LV. Hft. 2. XI 



160 Griechische Litteratur. 

Fasslichkeit für den Schüler zu erreichen , eine besondere Ge- 
brauchsweise , die den Anschein einer Unregelmässigkeit hat, in 
einer Anmerkung an die Spitze stellt. Ueberdies ist diese Anm. 
so abstract gehalten und wenigstens für Deutsche, die an eine 
feste grammat. Terminologie gewöhnt sind, so dunkel ausgedrückt, 
dass sie dem Schüler vollkommen unverständlich sein muss ; ja ich 
sehe mich zu dem Geständniss genöthigt, dass ich selbst nicht 
mit Zuversicht zu behaupten wage, in den Sinn des Verf. einge- 
drungen zu sein. Uebersehen wir die mitgetheilte Anm. noch 
einmal, und versuchen wir, ob es uns vielleicht gelingt, wenn wir 
sie Satz für Satz verfolgen. Der Anfang leitet uns durch den 
Ausdruck lose Verbindung und durch die Vergleichung des Deut- 
schen — worin uns aus Grimm Th. 4. p. 103 unser Iufiu. in der 
Bedeutung der Conj. auf dass als der seltenste gegenwärtig ist 
— auf den Infin. zur Bezeichnung der Bestimmung, des Erfolges, 
der Absicht; denn die folgende Bezeichnung mit den Worten zur 
näheren Bestimmung ist weit genug, um daraus auf keinen be- 
stimmten Sprachgebrauch zu schliessen, und das letzte Kennzei 
chen : so dass das Verhältniss sich nur schwierig begränzen lässt, 
enthält eine so relative und subjectiveBezeichnung, dass wir auch 
dadurch von der Eingangs gefassten Meinung nicht abgebracht 
werden. Kurz, bis hieher finden wir kein Wort, das uns auf 
einen andern Gebrauch hinwiese. Da lesen wir die beiden letzten 
Zeilen „und dass bisweilen eine Verbindung in verschiedenem 
Zusammenhang eine verschiedene Auffassung erlaubt, z. B. 
dvvcctög noii.lv. — und erkennen uusern Irrthum. Durch 
den Schluss des Satzes auf den richtigen Weg geleitet, kehren 
wir zum Anfange zurück. Aber was hilft es uns? Nun treten 
uns neue Schwierigkeiten und ein Räthsel nach dem andern ent- 
gegen. Zuerst: findet denn hier in der That eine lose Verbin- 
dung Statt? S. Krüger §. 55, 3, 20. Lobeck zum Ajax 2. p. 71: 
int', laxius pendens. Ferner : ist denn der Gebrauch des Infin. in 
dem angezogenen Beispiele so schwierig zu begränzen? Der Verf. 
führt ja aus seiner eigenen Grammatik die Stellen an, in welchen 
die Begränzung angegeben ist , und hat er diese Worte in dem 
Gefühle geschrieben, dass sie nicht genügt, so ist das doch am 
Ende nur seine Schuld *). Und ist denn ferner die Doppelsinnig 



*) Um jedem Leser Gelegenheit zu einem selbstständigen Urtheil 
über die angezogene Stelle zu geben und nicht durch Vorenthalten der- 
selben dem Hrn. Verf. irgend Unrecht zu thun, theile ich dieselbe mit 
Ausnahme der beiden Anm. zu §. 150 und der dritten Abtheilung dessel- 
ben §. mit. §. 149: „Der Infin. steht bei Adjectiven, welche Vermögen, 
Tüchtigkeit und Fähigkeit oder Eifer und Bereitwilligkeit zu Etwas, Vor- 
trefflichkeit in Etwas oder das Gegentheil bezeichnen, und bei «|tog und 
avd^ios , um das Adjectiv näher zu bestimmen (wie bei den §. 145 ange> 



Madvig , Enger, Krüger: Syntax der griechischen Sprache. 161 

keit von dvvavcg noulv im Infin. hegriindet, und nicht vielmehr 
in der activen und passiven Bedeutung von övvaxöql S. Kr. 41, 
11, 20. Buttmann §. 102, Aura. 6; gegen Mehlhorn's Behauptung 
Lobeek Paralip. gramm. gr. p. 40, und über ähnliche Beispiele 
Ast zu Plat. Leg. 1, 12. p. 72 mit Vergl. von W. v. Humboldt 
Werke Th. 3. p. 276. Wie pässt endlich dazu die Vergleichung 
mit dem Deutschen'? Nach diesen Erwägungen sehe ich mich zu 
dem Geständnis genöthigt, den Hrn. Verf. nicht verstanden zu 
haben. " Nicht in gleicher Weise nehme ich an dem andern Theile 
der Anra. Anstoss; denn dieser lässt sich weder dem Inhalte noch 
der Form nach rechtfertigen. Sieht darin nicht die Parenthese 
mehr oder weniger selten einem Lückenbüsser zum Verwechseln 
ähnlich? spricht sich da nicht Mangel an Schärfe und Unsicher- 
heit in den Worten mit geringem oder keinem Unterschiede aus, 
die man in einem Schulbuche schon des bösen Beispiels wegen vor 
Allem zu vermeiden hat? kann man ferner in dem Beiworte be- 
stimmte auch nur die geringste Bedeutung finden *? und ist es 
nicht vollkommene Tautologie, noch arr Schlüsse hinzuzufügen: 
deren bestimmte Bedeutung aber bisweilen fast ganz verschwin- 
det , nachdem bereits gesagt worden ist, dass coöze mit dem Infin. 
mehr oder weniger selten, mit geringem oder keinem Unter- 
schiede statt des blossen Infin. gebraucht werde 4 ? Denn weiter, 
will der Verf. diese Behauptung doch wohl nicht ausgedehnt 



gebenen Verben, so dass also das Subject des Adjectivs auch das des In- 
finitivs ist). Anm.: Beiden Adjectiven, welche nicht schlechthin eine 
Tüchtigkeit bezeichnen, sondern eine selbstständige Eigenschaft, die bei 
der Handlung in Betracht kommt, steht auch wfftf, um zu, z. B. q>QOviiidzs- 
qoi aazs (lu&stv Xen. Cyr.4,3, 11. 'OXiyoi ia^ilv apvvuv Thuc. 1,50 und 
vllyot ia/isv coazs synqatstg shcci zwv ayudciv Xen. Cyr. 4, 5, 16. Auch 
bei laavög steht bisweilen (aazs. "A^iog hat auch einen activen Infin. in 
derselben Bedeutung wie den passiven nach §. 150, a. — §. 150, a : Ein 
Infin. (activ in Form oder Bedeutung) steht bei Adjectiven, um zu be- 
zeichnen, dass die Eigenschaft dem Subject in Beziehung auf eine gewisse 
Handlung beigelegt wird, welche als am Subject ausgeführt oder vor sich 
gehend gedacht wird (so dass das Subject des Adjectivs als Object des 
Infin. zu denken ist, oder als Dativ bei denjenigen Verben, welche diesen 
Casus regieren): %Q^6%ai zolg Qccozoig svzvy%ävstv (Xen. Mem. 1, 6, 9 
was am leichtesten zu bekommen ist). §. 150,b. : Bisweilen bezeichnet 
der Infin. bei dem Adjectiv eine Beziehung auf eine Handlung eines an- 
dern Subjects, welche nicht am Subject des Adjectivs als Object, son- 
dern in, mit oder an demselben (als Ort, Werkzeug, Stoff u. s. w.) vor 
sich gehend gedacht wird, besonders bei Adjectiven, die geeignet oder 
hinreichend bedeuten, oder wenn von dem Grade der Eigenschaft in Be- 
ziehung auf die Handlung die Rede ist: ' O %qövoq ßqa%vg u&cog dirjyrj- 
oaodcci zu n^a%%ivxa. u 

11* 



162 Griechische Litteratur. 

wissen. Findet man nun im Folgenden , dass der Verf. kaum ir- 
gend etwas mit solcher Sorgfalt bemerkt, als die Fälle, in wel- 
chen neben dem Infin. auch coörs mit Infin. vorkömmt, so ist e9 
verwunderlich, dass er, anstatt einen Ueberblick über dieselben 
an geeignetem Orte zu geben , mehr als vier Zeilen so dürftig an 
Inhalt niederschreiben konnte. Ob übrigens bei der strengen 
Scheidung, welche der Verf. zwischen dem attischen und nicht 
attischen Sprachgebrauche durchgeführt zu haben behauptet, die 
Angabe, coöts, bezeichne überhaupt eine Wirkung und Absicht, so 
dass, damit dass , hinreichend begründet ist, daran möchte noch 
Mancher zweifeln, wenn nicht ein anderer Beweis dafür vorgelegt 
wird. Wenigstens hat der Unterzeichnete noch keine Veranlas- 
sung gehabt, die Richtigkeit von Bäumlein's Behauptung (Unters, 
über die griech. Modi p. Bft, vergl. Krüger Gramm §. 65, 3, 4. 
Ellendt Lex. Soph. T. 2. p. 1011 fl. Haase zu Reisig's Vorle- 
sungen Anm. 482), wonach coöts nach und nach vorzugsweise 
dem Folgesatze verblieb, cog dagegen mehr dem Causal- und Ab- 
sichtssatze zugeschieden wurde, während noch Ilerodot ohne Un- 
terschied cog und coöxe im Causalsatz wie im Folgesatze brauchte, 
zu bezweifeln; ja er findet eine nicht zu verachtende Bestätigung 
derselben in Krüger's Gramm. §. 6', 3 und §. 69, 65, wo äörs nur 
• durch so dass übersetzt wird. Passow's Behauptung in Lex. 
Th. 2. p. 1496, a (vierte Aufl.), taörs stehe als Conjunction be- 
sonders beim Folgesatze, und ebenso, wo ein Vorsatz oder eine 
Absicht ausgedrückt werden solle, kann dagegen kein Gewicht 
haben, da sie ohne allen Beweis hingestellt ist. Einen indirecten 
Beweis dagegen liefert endlich auch Matthiac §. 629, 5. p. 1286, 
indem er die Bedeutung der Absicht nur aus Herodot nachweist. 
Hätte der Hr. Verf. die Behauptung von cog ausgesprochen, so 
würde er mehr Zustimmung gefunden haben, wie Hermann zu 
Soph. Ant. 292 (wo auch Aesch. Eum. 421 angeführt werden 
konnte); nach ihm Näheres über den Gebrauch in der Prosa mit 
Unterscheidung der Autoren bei Sintenis zu Plat. Them. p. 1Ö6; 
Nitzsch zu Hom. Od. ß\ 137. Haase zu Xen. Rep. Lac. im Index 
s. v., und über rj cog Matthiae 448, b., Sauppe und Kühner zu Xen. 
Mem. 1, 4, 10; Krüger Gr. §. 49, 4 und zur Anab. 1, 2, 4. Intpp 
zu Xen. Cyr. 6, 3, 22. 

Ein Theil des §. 144 ist bereits oben mitgetheilt worden; 
doch müssen die wenigen Zeilen hier des Zusammenhanges und 
der Besprechung wegen nochmals ihre Stelle finden „Der In- 
finitiv kann als Subject und als Prädicatsnomen stehen , wenn 
eine Handlung im Allgemeinen char akter isirt wird (z. B. xov- 
ro n av&dveiv xakilr ai). Der Infinitiv als Subject hat den 
Artikel, wenn er deutlich hervortritt , als der gegebene und 
erste Begriff des Salzes , von welchem etwas ausgesagt werden 
soll. 1 ''' Um in möglichster Kürze über den Theil hinwegzukom- 
men, der uns noch zu besprechen ist, verweisen wir in Bezug auf 



Madvig, tinycr, Krüger: Syntax der griechischen Sprache. 163 

den lulialt des ersten Satzes auf Rumpel'fi Casuslehrc p. 108 bis 
113, und bemerken, dass der Verf. liier in Widerspruch mit an- 
deren §§. den substantivischen Gebrauch des Infin. auch ohne Ar- 
tikel annimmt. Wunderbar sieht es mit dem zweiten Satze aus. 
Kaum hatten wir in §. 1*3 gelernt, dass der Artikel beim Infin. 
die Geltung habe, den Begriff des Verbums als bestimmt und für 
sich gedacht hervorzuheben; hier finden wir den Artikel von an- 
dern Bedingungen abhängig, die sich nicht damit vereinigen wol- 
len. Denn wenn auch die Forderung, dass der Infin. mit dem 
Art. als Subject deutlich als gegebener Begriff hervortreten müsse, 
wenigstens zum Theil mit der Forderung der Bestimmtheit in Ein- 
klang zu bringen ist, so leuchtet doch dies bei den andern sich 
entsprechenden Bestimmungen „für sich gedacht" und „erster 
Begriff des Satzes" gar nicht ein. Was sollen wir uns überdies 
unter dem Ausdrucke denken, dass der Infin. der gegebene Be- 
griff des Satzes sein müsse'? Durch eine glückliche oder unglück- 
liche Vermuthung nur kommen wir darauf, dass damit das gemeint 
sein kann, was man sonst bekannt, bestimmt nennt; aber mit der 
letzten Erforderniss, dass er mit dem Art. als Subject der erste 
Begriff des Satzes sein müsse, kommen wir gar nicht ins Reine. 
Freilich liegt die Vermuthung nahe , der Verf. habe die Beoabach- 
tung gemacht, dass ein solcher Infin. stets zu Anfange des Satzes 
stehe; allein diese wird durch die mitgetheilten Beispiele bald als 
irrig erwiesen, und mit einer andern Vermuthung, dass an die 
Bedeutsamkeit des Begriffes gedacht werden soll, Verstössen wir 
•wieder gegen das Elementargesetz der Satzlehre, das wir zu wi- 
derlegen nicht im Stande sind , dass das Verhältniss des Prädicats 
zum Subject sich nicht als Unterordnung auffassen lässt (s. Krug, 
latein. Gramm §. 283. Anm. 3 mit N. 1. Kumpel a. O. p. 110. 
235). Vielleicht eröffnet sich uns das Verständniss dieses Aus- 
drucks im Folgenden. „Er steht aber , wird hier im Gegensatz 
zum Infin. mit dem Art. gelehrt, ohne Artikel, wo das Prädicats- 
nomen mit iöxiv gewissermaassen zu einem unpersönlichen Aus- 
druck verwächst , der als Haupt glied hervortritt und durch den 
Infinitiv vervollständigt wird (im Deutschen : es ist gut, es ist 
eine Sünde — zu) , oder auch das Prädicat aus einem einzelnen 
Verbum besteht, das sich ebenso auffassen lässt. — und der Ge- 
gensatz giebt uns die Ueberzeugung von der Richtigkeit unserer 
zweiten Vermuthung. Leider ist damit der obige widerstrebende 
Lehrsatz nicht beseitigt. Allein selbst dies angenommen, haben 
wir noch nicht alle Schwierigkeiten überwunden. Was sollen wir 
uns denn dabei denken, wenn als Kriterium aufgestellt wird, dass 
das Prädicatsnomen mit 1,6x1 gewissermaassen zu einem unpersön- 
lichen Ausdruck verwächst 1 ? Sind wir denn nach so langen und 
eifrigen Studien in der Grammatik noch nicht zu einer festen Be- 
gränzung des impersonellen Ausdrucks gekommen, dass wir noch 
zu einem geivissermaassen unsere Zuflucht nehmen müssen und 



164 Griechische Litteratur. 

zu einem Prädicatsverbum, das sich ebenso auffassen lässf? Und 
welchen Unterschied macht es denn, fragen wir, im Betreff der 
Impersonalität, wenn der Infin. mildem Art. verbunden ist, und 
wenn nicht'? sollte nicht in den von dem Hrn. Verf. beigebrachten 
Beispielen: Ov% ovxa 7]6v iöxt xo iytiv iQr\\naxa o5g äviaaov xo 
ccjioßakktiv. und: ov% rjdv noXkovg e%&Qovg ^%uv. das imperso- 
nelle Prädicat das eine Mal so gut zu einem gewissermaassen un- 
persönlichen Ausdruck verwachsen sein als das andere Mal? Doch 
wir sind mit diesen grammatischen Subtilitäten noch nicht zu 
Ende; wir finden auch noch zuletzt als Kriterium bezeichnet, dass 
das Prädicat durch das Subject vervollständigt wird! Denn wie soll 
man anders davonkommen bei den Worten: er (der Infin.) steht 
(als Subject) ohne Art., wo das Prädicat mit gört gewisserm. zu 
einem unpersönlichen Ausdruck verwächst, der als Hauptglied her- 
vortritt und durch den Infin. vervollständigt wird'? Wir über- 
gehen die schiefe Vergleichung des deutschen Ausdruckes mit 
Stillschweigen und empfehlen zum Prüfstein der Theorie nur noch 
den Soph. Vers : xccx xävds ,uot Xaßslv 9"' o^ioicog xeu xo XY\xä- 
G%ai Ttskst. — Zwischen den Beispielen schaltet der Verf. zuPlat. 
Gorg. 483 : xovxö sdxi xö ädtxElv, xo tcXsov xäv äkXav tyxsiv 
BVBtv. die Bemerkung ein: „So fast immer bei einem Infin., der 
zuerst durch ein Pronomen angedeutet ivird." An dergleichen 
Limitationen, .wie fast, beinahe, ziemlich u. a. Verräthern un- 
gründlicher und unzulänglicher Beobachtung lässt es unser Herr 
Verf. selten fehlen ; wir haben am Schlüsse der Anm. zum vori- 
gen §. die dreifache „bisweilen fast ganz" mit Stillschweigen über- 
gangen. Diesmal macht es uns der Hr. Verf. selbst leicht, ihre 
Verkehrtheit nachzuweisen; denn in seiner eigenen Syntax wird 
in Uebereinstimmung mit Krüger § 51, 7, 4. 57, 10, 6 — 8 ge- 
lehrt §. 157: „Bisweilen wird ein Begriff erst durch ein demon- 
stratives Pronomen, bes. tovro (avxo xovxo, mit hinzugefügtem 
Adjectiv: xovxo [xovov , bisweilen mit einem Substantiv: roüro to 
Ttädog) angedeutet und alsdann genauer angegeben durch einen 
Infinitiv als Apposition zum Pronomen mit oder ohne Artikel, je 
nachdem dieser erfordert wurde oder nicht, wenn der Infinitiv 
unmittelbar zum regierenden Worte gefügt wäre; der Artikel 
steht daher fast immer, wo das Pronomen der Dativ oder Genitiv 
ist", und nach Hinzufügung mehrerer Beispiele: „beiden Dichtern 
wird bisweilen der Artikel gegen die Regel ausgelassen", worauf 
ein Beispiel aus Thucyd. den Schluss macht, ohne dass die voran- 
gehende Behauptung auch nur durch ein dichterisches Beispiel 
unterstützt ist. — Uebrigens zeigt sich auch in der Auswahl der 
zu dem besprochenen §. mitgetheilten Beispiele keine besondere 
Sorgfalt, und namentlich muss der Dat. c. inf. in Xen. Hier. 10, 1 : 
Sötceq Iv Znitoig , ovxa xa\ sv äv^oditoig xiGiv \yylyvtxai, ööw 
av Hxjtksa xu dsovxa £%a6i : xoöovxcp vßgiöxoxsQotg Btvai. An- 
stoss geben . da diese Construction noch nicht erklärt worden ist. 



JMadvig, Kluger, Krüger: Syntax der griechischen Sprache. 165 

In «1er ersten Amii.: „Sehr selten wird bei einer solchen un- 
persönlichen Auffassung cüöxs vor dem Infin. hinzugefügt ; 
ddvvnxov vutv äöxs llgcotay Öqov xovöb öoydxt- 
QÖvTtvnskeG&cußQaßevTrjv xav Xöyav PI. Prot. 338 u 
ist der Verf. nicht so glücklich gewesen, durch seine abweichende 
Formulirung grössere Fasfdichkeit und Bestimmtheit zu erreichen. 
Kr verleitet im Gegentheil zu Mißverständnissen , da der (»rund 
von der Seltenheit der Partikel aöxs nach dem Neutrum des Adj. 
dvvaxog und ähnlichen, nicht in der Impersonal i tat liegt, sondern 
vielmehr nothwendige Folge davon ist, dass die Griechen bei die- 
sen Wörtern die personelle Ausdrucksweise ungleich häufiger ge- 
brauchen als die impersonelle. S. Krüger §. 55, 3, 7. 10. §. 57, 5 
mit Anm. Das Adjectivum övvccxog insbesondere wird überdies 
wegen seines Begriffes selten statt des Infin. mit wörs verbunden. 
S. Heind. und Stallb. zu der angeführten Stelle des Prot, und die 
von ihnen genannte Gramm. Hätte es der Verf. nicht verschmäht, 
die deutschen Commentare zu der angezogenen Stelle nachzu- 
schlagen und ihren Angaben nachzugehen, so würde er siel« hin- 
reichend davon haben überzeugen können; auch würde er sich 
dann wohl bedacht haben, den personellen Gebrauch §. 177. 
Anm. 4 so vorzugsweise den Dichtern zuzuschreiben. 

Anm. 2. „Zu einem Infinitiv, der allgemein {ohne bestimm- 
tes Subject) ausgesagt wird, kann ein Nebensatz in de?- dritten 
Person gefügt werden , ohne ausdrücklich angegebenes Subject, 
da dies dasselbe ist , das man beim Infinitiv hinzudenken muss 
(jemand, man); (doch ivird häufiger xig hinzugefügt). To 
ddvaxovdedi£vcci,ovdsväkA.os<}xlv rj doxslv öoqidv 
sivai iifj ortet' doxslv.y <xq sldevcci söxlv, a ovx ol- 
ötv (PI. Apol. 29). Ovx uvtad lx tlv dsl ovxe xaxäg 
Ttoihlv ovo eva d v.&q w ji av , ovo' äv oxiovv ndövn 
vii uvxäv (PI. Crit. 49). Gleichfalls kann avxog, savxov 
auf das im Inf. liegende Subject bezogen tvorden: Ovk uqcl 
xovx söxl xö {läycc dvvaö&cci, xö itoteiv, d doxsl 
avxcfi (PI. Gorg. 469)" stimmt in ihrem Inhalte mit unseren 
Gramm übereiu , und hält sich frei von den Mängeln, welche wir 
bisher an den meisten Lehrsätzen hervorzuheben hatten. Die 
Vergleichung von Krüger § 55, 2, 6. Gl, 4, 5. 6 wird aber auch 
hier lehren, wie sehr der Hr. Verf durch die unvollständige Be- 
achtung der verschiedenen Fälle und durch Anordnung sowohl in 
wissenschaftlicher als methodischer Hinsicht hinter Krüger zu- 
rücksteht. 

Mit dem folgenden § beginnt die Lehre vom blossen Infinitiv 
nach Verben, Adjectiven und Partikeln, und umfasst §. 145 bis 
153; darauf folgt §. 154—157 die oben bereits besprochene 
Lehre vom Infin. mit dem Artikel; §. 158 - 169 die Lehre von 
den verschiedenen Casus mit dem Infin.; § 170 vom Accus, c. 
inf. mit dem Artikel; §. 171. 172 von den Zeiten des Infin,; und 



166 Lateinische Litteratur. 

§. 173 vom Infin. mit av. Weitere Mittheilungen aus diesen Ab- 
schnitten zur Feststellung des allgemeinen Urtheils darf ich nach 
dem Gegebenen für überflüssig erachten; ja vielleicht ist schon 
bei dem Maasse des Gegebenen nicht die billige Rücksicht auf 
die Ermüdung der Leser genommen worden. Mögen dann die 
oben mitgetheilten Gründe wenigstens zu meiner Entschuldigung 
dienen , wenn sie zur Rechtfertigung nicht zureichend sein sollten. 
Zeitz. . j?, p e ter. 



M. Tullii Ciceronis de officiis libri tres. Mit einem deutschen Com- 
mentar besonders für Schulen bearbeitet von Joh. Friedr. Degen. 
Gänzlich nach dem Zeitbedürfnisse sowohl in grammatischer als 
sachlicher Hinsicht umgearbeitet von Eduard Eonneil, Director u. 
Professor des Friedrichwerder'schen Gymnasiums. Vierte Ausgabe. 
Beilin, bei Veit u. Comp. 1848. 8. X und 306 S. 

Wenn von einem Manne, der den philologischen und pädago- 
gischen Ruf des Hrn. Director Bonnell besitzt, eine neue Schul- 
ausgabe eines klassischen Autors erscheint, so wird jeder Berufs 
genösse eine wesentliche Bereicherung dieses wichtigen Zweiges 
der Litteratur erwarten. Dass diese Erwartung auch durch das 
vorliegende Buch gerechtfertigt wird, sei hier gleich im Voraus 
Demerkt. 

Ueber die Entstehung desselben äussert sich der Hr. Verf. 
in der Vorrede. Nachdem er nämlich die besondere Vorliebe 
Friedrichs des Grossen für Cicero's Werk über die Pflichten — 
der wir die Uebersetzung und Erklärung desselben von Garve zu 
verdanken haben — erwähnt und ihre Gründe nachgewiesen hat, 
erklärt er sich dahin, dass die gegenwärtige neue Ausgabe sich 
zunächst an die 1825 erschienene dritte Degen'sche anschliesse 
und somit als eine vierte Auflage derselben zu betrachten sei. Die 
Veranlassung hierzu habe für ihn zuvörderst in der Aufforderung 
der Verlagshandlung, nächstdem aber in der Ueberzeugung ge- 
legen, dass eine in deutscher Sp räch e abgefasste vollstän- 
dige Sach- und Spracherklärung der am meisten gelese- 
nen Schriften des Alterthums gegenwärtig die angemessenste sei. 
Die Degen'sche Bearbeitung enthalte aber einerseits vieles jetzt 
Entbehrliche, andererseits lasse sie auch gar Manches vermissen. 
Daher habe er nur das Brauchbare (mit D. bezeichnet) beibehal- 
ten, und dies theils durch Bemerkungen anderer Gelehrten, theils 
durch eigene vervollständigt. — Den Text habe er ebenfalls nach 
den ihm gebotenen kritischen Hilfsmitteln umgestaltet, wobei er 
besonders die Trefflichkeit des codex Bernensis c. anzuerkennen 
oft Gelegenheit gefunden habe. — Von den seit der letzten De- 
gen'schen Ausgabe erschienenen Hilfsmitteln seien ihm , neben 



M. Tüll. Cic. de off. Von Ed. Bonneil. 167 

dem, was Gelegenheits- oder Zeitschriften oder Commcntarc zu 
andern Schriftstellern boten, die beiden Ilciisiiiger-Zumptschen 
und die Orelli'sche Ausgabe, sowie die Uebersetzung von A. W. 
Zumpt, von älteren Werken die Bcier'sche Ausgabe besonders 
nützlich gewesen. 

Wenden wir uns nun zunächst zu dein Texte, den diese 
neue Ausgabe darbietet. Da dem Bearbeiter keine andere kriti- 
schen Hilfsmittel als seinen nächsten Vorgängern, Orelli und 
Zumpt, zu Gebote standen, so ergiebt sich von selbst, dass er 
eben nur als Eklektiker verfahren konnte, seine Arbeit also nur 
als eine Kecognition des Textes zu betrachten ist, die liier der 
Orelli'schen, dort der Zumptschen, bisweilen auch einer dritten 
Lesart den Vorzug giebt. Dass dabei — unbeschadet fester kri- 
tischer Grundsätze, die wir auch Hrn. Bonneil nicht absprechen 
wollen — die Subjectivität einen bedeutenden Spielraum hat, und 
daher nicht jeder Leser überall mit dem Bearbeiter einverstanden 
sein wird, liegt eben so zu Tage — Wir stellen zunächst die 
Abweichungen des Bonnellschen Textes von dem Zumpt'schen in 
Bezug auf das erste Buch der Officien zusammen. 

Cap. 1. §. 8 Z. volumus esse; B. esse volumus; §. 4 Z. hoc 
arroganter. B. arroganter hoc; §. 5 Z. se jam Ulis fere; B. jam 
illis fere se; ib. Z. dicendi major est in illis; B. major in illis 
dicendi. 

Cap. 2. §. 1 Z. maxime volui; B. volui maxime. 

Cap. 3. §. 3 Z minus id; B. id minus; '§. 4 Z. ohne, B. mit 
xcc&ijxov. 

Cap. 4. §. 9 Z. honestum sit; B. honestum est. 

Cap. 5. §. 3 Z. implicata; B. implicita; §. 6. Z. est adhibenda; 
B. adhibenda est. 

Cap. 7. §. 1 Z. viri boni; B. boni viri; §. 5 Z. gignantur; 
B. gignuntur. 

Cap. 9. §. 2 Z. expetant — soleant; B. expetuut — solent ; 
§. 3 Z. in alterum ineidunt; B. iu altero delinquunt; §.6Z. Quando 
igitur; B. Quoniam igitur. 

Cap. 10 §. 1 Z facere promissum ; B. promissum facere ; 
§ 4 Z. IJippolyto fiüo; B. filio Hippolyto; §. 5 Z. tibi ea noceant; 
B. tibi noceant; §. 10 Z. habeo praeter auditum; B. praeter au- 
ditum habeo; ib. Z. ne — agerent; B. ut ne — agerent. 

Cap. 11. §. 8 Z. tantopere; B. taute opere. 

Cap. 12. §. 4 Z. gloria proposita est; B. proposita gloria est; 
§ 6 Z. aepite; B. aeeipe. 

Cap. 14 § 7 Z. Alter erat locus; B. Alter locus erat. 

Cap. 1 5. §. 1 Z. multa jam ; B. jam multa ; § 9 Z. vel morbo 
in omnes ; B. [vel modo in omnes] 

Cap. 16. §. 2 Z. naturae prineipia; B. natura prineipia; §. 7 
Z. commodari possit; B. possit commodari. 

Cap. 18. §. 6 Z. ex quibus; B. e quibus. 



168 Lateinische Litteratur. 

Cap. 19. §. 1 Z. Non enim modo; B. JVon modo enitn ; §. 4 Z. 
Non solura, inquit; B. Non, Inquit, solum; §. 10 Z. Nullum enitn 
est tempus; B. Nnilum est enim tempus. 

Cap. 21. §. 10 Z. efficiendi cura; B. cura efficiendi. 

Cap 22. §. 9 Z. attingit etiam; B. attingit enim etiam. 

Cap. 25 §. 11 Z. verbis castigat; B. verbis faligat. 

Cap. 26. §. 4 Z. snmns; B. simus; §. 10 Z. parta sit; B. pa- 
rata sit. 

Cap. 28. §. 1 Z. possumus existimare; B. existimarc possu- 
mns; §. 9 Z vim; B. viam. 

Cap. 29 §. 1 Z. non possis; B. non possit; §. 12 Z. remisso 
liomine libero; B. ohne libero. 

Cap. 30. §. 2 Z anquirit; B. inquirit; §. 6 Z. intelligemus; 
B. intelligimus; §. 10 Z. nominarunt; B. nominaverunt; §. 14 Z. 
alium; B. alium quem. 

Cap. 31. §• 2 Z graviora; B. graviora atque meliora; §. 3 Z. 
naturae repugnare; B. repugnare naturae; ib §. Z. invita Minerva, 
ut ajunt; B. invita, ut ajunt, Minerva; §. 12 Z. sapiens vir; B. sapiens. 

Cap. 32. §. 1 Z. his personis; B. iis personis; §. 9 Z. quod 
Optimum esset; B. quid Optimum esset; §. 11 Z. ad diligendum; B. 
ad dcligeiidum; § 12 Z. Optant; B. exoptant. 

Cap. 33. §. 3 Z. natus est; B. est natus; ib. Z. est cura; B. 
est ei rei cura; ib. Z. vitae perpetuitate; B. perpetuitate vitae; 
§. 4 Z. in diligendo ; B. in deligendo ; §. 5 Z. uonnumquam ipsa ; 
B nonnunquam tanquam ipsa; §. 6 Z. vitiosae; B. vitiosum. 

Cap. 34. §. 2 Z. deligere; B diligere; § 4. Z. velint Inter- 
esse; B. interesse velint; § .7 Z. dedecus coucipit ; B concipit de- 
decus; §. 11 Z. anquirere; B. inquirere. 

Cap. 35. § 5 Z aperta actio rerum illarum; B. actio rerum 
illarum aperta; §. 6 Z. nominibus ac verbis; B. blos verbis; ib. Z. 
turpia sunt; B. turpia sint. 

Cap. 36. §. 3 Z. sunt saepe; B, saepe sunt. 

Cap 37. § 8 Z. in illo ipso; B. in ipso ilio; §. 15 Z. ncque 
enim iisdem de rebus; C. ncque enim omncs iisdem rebus. 

Cap. 38. §. 5 Z. esse susceptum ; B, susceptum esse. 

Cap. 39. § 3 Z. ignominiam etiam; B. ohne etiam. 

Cap. 41. §. 1 Z. animadversores; B. animadversoresque. 

Cap. 42. §. 6 Z. eae; B. hae; §. 9 Z contulerit J B. contulil; 
§. 10 Z nihil dulcius; B. nihil uberius, nihil dulcius. 

Cap. 43. §. 5 Z. digna sint; B. digna sunt; §.. 9 Z. judicat; 
B. indicat. 

Cap. 44. §. 6 Z. ob eamque etiam causam; B. ohne etiam. 
Andere Abweichungen sind ohne Zweifel als Druckfehler an 
zusehen , deren leider nur zu viele das Buch verunzieren, wenn 
auch ihre Zahl im Text nicht so bedeutend ist wie in den dar- 
unter sl eilenden Anmerkungen. In crstereui sind dem lief, im 
ersten Buche folgende aufgestossen : 



M. Tüll. Cic. de off. Von Ed. Bonneil. 169 

Cap. 3. §. 9 sind nach sed ctiam die Worte: duobus propo- 
sitis honcstis, utrum honestius, itemque, ganz ausgelassen. 

Cap. (i. §. 4 fehlen nach quod die Worte: quidam nimis ma- 
gnum Studium raultamquc. 

Cap. 9. § 1 steht del'erendi statt deserendi. 

Cap. 16. §. 1 erat statt erit. 

Cap. 17. §. 1 proprior statt propior. 

Cap. 20. §. 12 uteretur statt uterentur. 

Cap. 24. §. 8 minimum statt minimam. 

Cap. 27. §.11 solent statt solet. 

Cap. 32. §. 1. judicia nostra statt judicio nostro. 

Cap. 39. §. 3 carissimi statt clarissirni. 

Cap. 40. §. 10 ah statt ab; §. 12 sie statt sie. 

Cap. 44. §. 6 complecitur statt complectitur. 

Cap. 4."). §. 4 sapientiam statt sapientem. 

Das Hauptverdienst der vorliegenden Ausgabe besteht in dem 
Commentar. Derselbe ist deutsch abgefasst; womit wir um 
so mehr einverstanden sein müssen, da er nach der Absicht des 
Bearbeiters nicht blos für junge Studirende bestimmt ist, sondern 
auch den allgemeinen Bedürfnissen der Freunde des classischen 
Alterthums entsprechen soll. Sein Ziel ist eine „vollständige 
Sach- und Spracherklärung." Die erstere, die Sacherklärung, 
überwiegt und scheint dem Ref. auch der vorzüglichste Theil des 
Werkes zu sein. Nicht nur, dass die nöthigen historischen Er- 
läuterungen vollständig und mit umsichtiger Vermeidung des Zu- 
viel gegeben sind ; sondern es ist auch die Darlegung der ein- 
zelnen, grammatisch oft ganz klaren, logisch aber schwierigen 
und unklaren Gedanken Cicero's und die Nachweisung ihres Zu- 
sammenhanges ein Hauptaugenmerk des Hrn. Herausg. gewesen 
und ihm in ausgezeichneter Weise gelungen, wenn auch dasselbe 
Resultat hier und da, nach unserem Dafürhalten, mit wenigeren 
Worten hätte erreicht werden können. Mit der Erklärung ver- 
bindet er an geeigneten Stellen eine kurze Beurtheilung der An- 
sichten Cicero's, indem er diese mit der christlichen Sittenlehre 
in Vergleichung stellt. Eins nur vermissen wir in Betracht des 
Umfanges der Officien und des Commentars: eine ähnliche spe- 
cielle Disposition des Ganzen, wie sie Zumptin seinem conspectus 
totius operis Cic. de offieiis gegeben hat; eine solche würde nicht 
nur für unsere Schüler, die das Werk ja mit so vielen Unterbre- 
chungen lesen, sondern für jeden Leser zur fortwährenden Ver- 
gegenwärtigung des grösseren Zusammenhanges von wesentlichem 
Nutzen sein. — In ähnlicher Weise, wie die historischen Er- 
läuterungen und die Gedankenerklärung, bietet auch der gram- 
matische Theil der Anmerkungen ein schätzenswerthes und wohl- 
gcwähltes Material dar, wobei es besondere Anerkennung ver- 
dient, dass, wo es irgend möglich war, die einzelnen sprachlichen 
Erscheinungen durch Parallelstellen aus demselben Werke er- 



170 Lateinische Litteratur. 

läutert sind. Im Ucbrigen giebt der Hr. Verf. in diesem Theile 
des Commentars allerdings weniger Eigenes und Neues, als in den 
vorher angegebenen Beziehungen. 

Im Folgenden wollen wir nun einzelne Stellen, zunächst aus 
dem ersten Buche, besprechen, wo wir entweder mit dem Hrn. 
Herausgeber verschiedener Ansicht sind oder eine grammatische 
Bemerkung vermissen. Dass wir unsere Meinung über das Mehr 
oder Weniger in dieser Beziehung eben auch nur als eine sub- 
jeetive betrachten, brauchen wir wohl nicht erst auszusprechen. 
Wir wollten damit nur das lebhafte Interesse bekunden, welches 
das vorliegende Werk in uns hervorgerufen hat, und dem Hrn. 
Herausgeber unsern Beitrag an Vorschlägen zu kleinen Verbesse- 
rungen und Vermehrungen für eine neue Ausgabe darbieten 

Im ersten Buche Cap. 1. §. 1 könnte bei annum darauf auf- 
merksam gemacht werden, dass der Lateiner das Zahlwort unus 
bei Substantiven, die ein Maass, besonders der Zeit, angeben, 
weglässt, wenn nicht ausdrücklich der Gegensatz gegen die Mehr- 
heit hervorgehoben werden soll. Vergl. z. B. Cat. M. 4, 10; 
fj, 19; 7, 24; p. Quint. 4, 15; Liv. 23, 25; 29, 13 u. a. St. 

ib. §. 3. Nostra „meine Schriften." So lässt sich das Neutr. 
Plur. eines Adjectivs im Deutschen oft nur durch Anwendung von 
Substant. wiedergeben ; z B. 12, 6 illa: folgende Worte; 2, 8, 1 
externa — domestica: ausländische und vaterländische Geschichte; 
Cat. M. 23, 83 ad meliora: zu einem besseren Leben; de orat. 
1, 43, 194 nostra — aliena: unser — fremdes Eigenthum; ib. 2, 
38, 160 sua quaedam : seine eigenen Ansichten ; 3, 12, 46 illa 
lata: jene breite Aussprache. 

ib. §. 3 hätte Ref. bei efficies — pleniorem (,,du wirst mit 
der Zeit — machen") eine Hinweisung auf den Unterschied die- 
ses Verbums von facere oder reddere mit doppeltem Acc. ge- 
wünscht. Ebenso unten 12, 3. Vergl. des Ref. Note zu Cat. 
M. 1, 2. 

ib. §. 4 -ist die Degen'sche Bemerkung zu vindicare nicht ganz 
richtig. In der elastischen Latinität wird dies Verbura in der 
Bedeutung „in Anspruch nehmen" in der Reg el ohne mihi etc. 
gebraucht. Cic Orat. 19, 61 dürfte die einzige Ausnahme sein, 
die überdies durch das zugesetzte quisque sich erklärt. 

Cap. 2. §. ö scheint uns die Erklärung von et non interdum 
(^= ne interdum quidem) gekünstelt, und die Zumpt'sche „und 
nicht vielmehr 1 *' weit natürlicher. Vergl. Zumpt Grammatik 
§. 781 s. f. 

Cap 4. §. 8 ist die bei conservandum gemachte Bemerkung, 
dass „Cicero bei der Verbindung mehrerer Nomina verschiede 
neu Geschlechts das Genus des Attributivums sich nach dem zu- 
nächststehenden richten lässt", in dieser Allgemeinheit unrichtig. 
Zumpt §. 376 sq., welchen Hr. Bonneil citirt , sagt das auch gar 
nicht. Vergl. vielmehr 2,6, 5 seeundae res, honores, imperia, 



M. Tüll. Cic. de off. Von Ed. Bonnell. 171 

victoriae fortuita sunt; de fin. 3, 11, 30 stnltitiam et injustitiam 
et inteniperantiam dieimus esse fugieud«; Ueisig's Verlesungen 
§. 188. 

Cap. 5. §. 5 konnte bei multo magis bemerkt werden, dass 
der Lateiner das deutsche „nochj 1 ' bei Comparativcn keineswegs 
immer mit etiam übersetzt, wie Zumpt Gr. §. 480 sagt, sondern 
es eben so oft unübersetzt lässt. Besonders häufig ist Letzteres 
der Fall, wenn, wie liier und 33, 3 multo dabei steht, und fast 
immer, wenn dasselbe Adjectiv im Positiv vorhergegangen ist; 
doch auch ausserdem, z. B. unten 13, 10; 15, 4; 17, 3; de orat. 
2, 59, 242; 3, 4, 15; de sen. 4, 12; 8, 25. 

Cap. 7. §. 8 tritt der Hr. Herausgeber durch seine Erklärung 
des aliqua perturbatione, wie 21, 3 bei aut valetudinis imbecilli- 
tate aut aliqua graviore causa, der Ansiebt bei, als sei in aliquis 
ein alius enthalten. Allein: 1) die Stellen, die man dafür anführt, 
lassen sich auch anders erklären. Gewöhnlich geht nämlich , wie 
hier und in Verr. 2, 5, 28, 72, aut vorher, so dass dann zu über- 
setzen ist: „oder überhaupt irgend einer"; und an den wenigen 
Stellen, wo dies nicht der Fall ist, ist alius eben so leicht zu 
suppliren , wie dies in einigen anderen Verbindungen, insbeson- 
dere bei multi, oft geschieht, z. B. unten 44, 2; de sen. 23, 82; 
Brut. 41, 152; 81, 282; de fin. 5, 18, 48 und 49; de orat 3,, 36, 
147; in Verr. 2, 4, 66, 147. 2) kommt in der Bedeutung „ir- 
gend ein anderer" ausser alius quis auch alius aliquis öfter vor. 
Vergl. Haase zu Reisig's Vorlesungen S. 338 (im Text) und Anm. 
351 und 355. — In demselben Paragraphen konnten bei est in 
vitio die Parallelstellen 14, 3 in eadem sunt injustitia; 15, 3 illud 
est in officio; 39, 8 in exemplo est, angeführt werden. 

Cap. 8. §. 1 wäre es wohl nicht überflüssig gewesen, bei ad 
perfruendas voluptates auf Zumpt §. 657 zu verweisen und die 
Parallelstellen 1, 15, 5; 1, 30, 4 und 2, 25, 7 anzuführen. Dabei 
konnte zugleich darauf aufmerksam gemacht werden, dass dage- 
gen in der Verbindung mit esse diese Participia stets unpersön- 
lich gebraucht werden; so 16, 8; 26, 6; 38, 3. 

ib. §. 10 hätte über den bei Cicero nicht seltenen passivi- 
schen Gebrauch von meditatus etwas gesagt sein können. 

Cap. 9. §. 4 vermissen wir bei ita justum est wegen der be- 
schränkenden Bedeutung „nur insofern 1,4 eine Verweisung auf 
Zumpt §,281 und 726, die im Commentar erst weiter unten 
(25, 1 ') stattfindet. Ein solches ita ist zuweilen auch zu suppli- 
ren , z. B. 11, 2 bei confugiendum est. 

ib. §. 6 ist mit Recht an die Stelle des Zumpt'schen Quando 
wieder Quoniam gesetzt, da es jetzt als erwiesen zu betrachten 
ist, dass Cicero quando nie in causalem Sinne gebraucht. 

Cap. 10. §. 8 konnte bei Summum jus summa injuria wegen 



172 Lateinische Litteratur. 

der Auslassung der Copula auf Zurapt §. 776 extr. verwiesen und 
zur Vergleichung 19, 10 quo difficilius, hoc praeclarius angezo- 
zogen werden. 

ib. §. 10 war bei ne — qnidem zu bemerken, dass dieser 
Ausdruck nicht immer eine Steigerung, sondern bisweilen, wie 
hier, nur eine Fortsetzung der Verneinung bezeichnet: „auch 
nicht." So: 30, 16 ne Xenocratern quidera; 34, 8 Ac neillud 
quidem alienum est; de invent. 1, 30, 47; de orat. 2, 65, 263; 
Brut. 14, 54; 54, 199; de sen. 20, 76 ; 21, 78 und öfter. 

Cap. 11. §. 1 vermag Ref. Döderlein's und des Herausgebers 
Ansicht, dass in dem überlieferten Texte offenbar eine unrichtige 
Gedankenfolge stattfinde, nicht zu theiien. Warum soll denn die 
Reue , die Jemand über ein von ihm begangenes Unrecht äussert, 
durchaus nicht die Wirkung haben können, eiuen Andern von dem 
gleichen Unrecht abzuhalten'? — Lässt man dagegen mit Döder- 
lein den Satz ut et ipse — tardiores unmittelbar von modus ab- 
hängen, so steht es mit dem Sinn schlimmer als vorher. Jst das 
die von Cicero empfohlene Beobachtung von Pflichten gegen Straf- 
bare, wenn man das Maass der Strafe nach der Abschreckungs- 
theorie bestimmt, wenn man exemplarische Strafen anwendet'? 

ib. §. 2 konnte bei dem Gegensatze von illud und hoc auf die 
Unrichtigkeit dessen, was Zumpt § 700 über diese Pronomina 
sagt, hingewiesen werden. Vergl. unsere Note zu CatoM. 19, 68. 
Andere Beweisstellen sind : unten 39, 3; de orat 2, 14, 58; ib. 
54, 218 und 220; Brut. 68, 240; 71, 248. 

ib. §. 3 hätte auf die passivische Bedeutung von sine injuria 
aufmerksam gemacht werden können: „ohne Unbill zu erfahren." 

ib. §. 11 lassen sich mit dem Conjunctiv obliget nach scripsit 
aus Cicero allenfalls noch die Stellen: p. Mur. 11, 23 Inventus est 
scriba quidam , qui cornicum oculos confixerit etc. und p. Rose. 
Am. 35, 99 Quid erat, cur Capitonem primum scire voluerit'? in 
Vergleichung ziehen. 

Cap. 12. §. 3 ist die herkömmliche Regel über den Unter- 
schied von quicum und quocum wiederholt. Sie ist aber auch bei 
Cicero nicht ohne Ausnahmen. So wird z. B. p. Quint. 6, 25 und 
17, 54 quicum in Bezug auf eine bestimmte Person gebraucht, 
und p. Rose. Am. 27, 74 gefragt: Quicum locutus- est? Noch we- 
niger begründet aber ist des Hrn. Herausgebers Behauptung, dass 
nach quicum immer der Conjunctiv folge. Ref. hat, ausser den 
angeführten, aus de invent. I. allein sechs Stellen mit dem Indi- 
cativ sich notirt: 8, 10; 31, 51 und 53; 44, 82 (zweimal); 55, 10 K 

ib. §. 5 konnten als Parallelstellen zu alter (letzterer) — alter 
(ersterer) aus unserer Schrift noch 3, 10, 16 und 18, 5; ferner 
Tusc. 1,38, 91; p. Quint. 1, 1; p. Rose. Com. 6, 16 u. a. ange- 
führt werden, so dass es eines Citats aus Quintil. nicht bedurfte. 
Die Stellen dieser Art sind nach Klotz (Handwörterbuch s h. v.) 
eben so zahlreich wie die, wo alter — alter „ersterer — letzte- 



M. Tüll. Cic. de olT. Von Ed. Bonncll. 173 

rer" heisst, so dass der Lateiner dem verständigen Leser das Auf- 
finden der näheren Beziehung überlassen zu haben scheint. — In 
demselben Paragraphen ist Poeni foedii'ragi etc. eine der seltenen 
Stellen, wo das Praeteritum von esse zu suppliren ist, von Zumpt 
Gr. §. 776 mit Unrecht als Beispiel der Ellipse von sunt ange- 
führt. 

ib. §. 6 vermissen wir eine kurze Bemerkung über die Syni- 
zcsis in Eorundem und über digna Aeacidarum genere. 

Cap. 13. §. 3 fehlt bei Erwähnung des Elvenich'schcn Pro- 
gramms die Jahrzahl 1834. — Kurz darauf, bei relinqucre in 
aerariis, scheint dem Ref. jeder Zweifel daran, dass relinqnere 
hier seine gewöhnliche Bedeutung habe, ganz unbegründet 

ib. §. 6 ist nicht zu leugnen, dass Cicero's Ausspruch, aus 
dem Zusammenhange gerissen, auch umgekehrt zu Gunsten der 
reservatio mentalis verstanden werden könnte. 

ib. §. 7 heisst es : eine Verbindung wie a Pyrrho perfuga sei 
dem Cicero nicht ganz fremd, und es wird dafür ein Beispiel, ad 
fam. 2, 17, 1 litteras a te, angeführt. Cicero sagt vielmehr re- 
gelmässig litterae (epistola) ab aliquo ohne verbalen Zusatz. 
(Vergl. Fr. Schneider in diesen Jahrbb. Bd. 49. S. 205.) Ebenso 
hatten wir oben 11, 12 epistola ad M. filium; desgl. ad Att. 4, 1,1 
und 11, 7, 9. Auch konnte hier gleich auf §. * interitus cum 
scelere hingewiesen werden. Nicht selten ist auch bei Cicero 
sine c. Abi. statt eines negativen Adjectivs; s. Fr. Schneider in 
Bergk's Zeitschrift 1848. Nr. 57 in. und BonnelPs Anmerk. zu 
IS, 7 extr. 

ib. §. 7. Venenum dare ist bei Cicero kein cuiat, elgtj^isvov. 
Vergl. p. Cluent. 61, 169; Philipp. 11, 6, 13. 

ib. §. 9 konnten bei der Stelle quibus non male praeeipiunt 
qui ita jubent uti, wo quibus der zu uti gehörige Ablativ ist, als 
Beispiele einer ähnlichen Attraction angeführt werden: 1"), 1 in 
quibus praeclare agitur si sunt simulacra virtutis, wo in quibus zu 
sunt gehört; p. Sext. 19, 33 Consules, quos nemo est qui non 
modo ex memoria, sed etiam ex fastis evellendos putet; Cato M. 
2, 5 u. a. 

Cap. 14. §. 2. Mit ne obsit benignitas et — et — für aut — 
aut — vergl die Stellen 25, 13; 26, 10; 29, 103; 39, 8; 40, 10; 
de orat. 1, 58, 247 ; Lael. 9, 32, wo die betreffenden Wörter frei- 
lich fast überall ziemlich gleichbedeutend sind, auch et nicht dop- 
pelt gesetzt ist. 

ib. §. 5 wären zu tantum abest officio (ohne ab) als Parallel- 
stellen ad Att. 3, 15, 2 tantum illum puto isto scelere abfuisse, 
ut — ; Caes. B. G. 7, 63 toto abesse bello, und Liv. 26, 13 pu- 
licis cousiliis abesse, passender als die einzige angeführte, da in 
dieser das Verbum nicht, wie im Text, in übertragener, sondern 
in localer Bedeutung gebraucht ist. (Solcher Stellen giebt es 



174 Lateinische Litteiatur. 

mehrere , z. B. ad fam. 4, 6, 2, obwohl auch da die Zusetzung der 
Präposition weit gewöhnlicher ist.) 

ib. §. 6 konnte bei Nihil enim est liberale auf den Unter- 
schied im Sinne hingewiesen werden, den Nihil est enim liberale 
bewirken würde. Vergl. Seyffert zum Laelius S. 97 fg. 

Cap. 15. §. 5. Der hier vorkommende Gebrauch von an nri 
nonne ist gar nicht so selten. Wir fügen zu den von Zumpt an- 
geführten Stellen noch hinzu: de orat. 2, 10, 43 Quidnam'f an 
laudationes'l ib. 3, 5, 18 Quinam igitur locus? an in media silva 
placet*? Tusc. 2, 18, 42 Ünde igitur ordiar*? an eadem breviter 
attingere, quae modo dixi? Ebenso de fin. 5, 14, 40; Acad. post. 
1, 3, 10; ferner Caes. B. G. 1, 47 Quid ad se venirent'? an specu- 
landi causa'? Virg. ecl. 3, 1 cujum pecus*? an Meliboei'? 

ib. §. 7 war zu bemerken, dass non reddere viro bono non 
licet so viel ist wie reddere autem (beneficium) virum bonum 
oportet. Nur dadurch erklärt sich der Zusatz: modo id facere 
possit sine injuria. 

ib. §. 10 konnte bei indigere (gegen Zumpt Gr. § 460) her- 
vorgehoben werden, dass die Construction dieses Verbums mit 
dem Ablativ weit seltener ist als die mit dem Genitiv. So 
kommt es z. B. in de invent. üb. 1. 19 mal mit dem Genitiv, 4 mal 
mit dem Ablativ vor 

Cap. 16. §. 2 wäre die Bemerkung wohl nicht überflüssig ge- 
wesen, dass der Fragesatz, streng genommen, nicht vom Haupt- 
satze abhängt , sondern dass eine Ellipse (etwa ut docea.m oder ut 
intelligas) stattfindet. 

ib. §. 3 und 4 hätte auf die gewiss absichtliche Paronomasie 
in ratio et oratio aufmerksam gemacht werden könuen. 

ib. §. 5. Est „es heisst il bei Citaten, kommt mit folgendem 
Acc. c. Inf. auch 19, 7 und 25, 6 vor; ebenso ad fam. 6, 18, 2. 

ib. §. 6 musste in der Anmerkung über omnium die gewöhn- 
liche Lesart (omnia) doch angegeben werden. 

Cap. 17. §.11 hätte darauf aufmerksam gemacht werden 
können, dass der Nachsatz hier, wie häufig, nicht streng logisch 
angeknüpft ist. Es müsste heissen: omnium societatum nullam 
reperies esse graviorem etc. 

Cap. 18. §. 5 hätte bei ex quo aptum est officium (= ex quo 
pendet, was 19, 12 vorkommt) gesagt sein können, dass diese 
Bedeutung und Construction von aptum esse (eigentl. Particip von 
apere) zwar nur bei Cicero, in dessen philosophischen Schriften 
aber ziemlich oft vorkommt; so Tusc. 5, 12, 36; ib. 25, 70; de 
fin. 2, 14, 47; Acad 2, 10, 31; de fato 15, 34; Parad 2, 17. 

ib. §. 6 konnte bei animo humanas res despicieule bemerkt 
werden, dass Zumpt Gr. § 438 die Regel vom Gebrauch der Par- 
ticipia Präsentis mit dem Genitiv zu allgemein hingestellt hat. 
Man findet nämlich bei vielen Participien, auch wenn sie eine blei- 
bende Eigenschaft ausdrücken, den Accusativ, z. B. unten 19, 1 



M. Tüll. Cic. de off. Von Bd. Honneil. 175 

immanitatis omnem humanitatem repellcntis: de seil. 20, 74 mor- 
tem timens; de orat. 3, 50, 220 gestus, non hie verba exprimens, 
scenicus, sed universam rem et sententiam declarans; Brut. 38, 
14 i. Es sind eben nur die von Zumpt aufgezahlten, die dann im- 
mer mit dem Genitiv verbunden werden. 

ib. §. 7 wäre es für den Schüler wohl nicht überflüssig ge- 
wesen , den Vers Salraaci etc. als einen iamhischen Senar zu be- 
zeichnen , allenfalls auch das Schema hinzuzufügen. 

ib. §. 8 ist nescio quo modo ,, auf unbegreifliche Weise" über- 
setzt. Diese Bedeutung passt hier so wenig wie 41, 4; Cato M. 
23, 82; Tusc. 3, 33, 80; ad Q. fr. 1, 1, 6, 18 und vielen andern 
Stellen, wo es durch „unwillkürlich" wiederzugeben ist. 

ib. §. wird mancher Leser im Texte des fimal vorherge- 
gangenen hin«; vor iunumerabiles alii vermissen. Es konnte daher 
bemerkt werden, dass bei der inavaepogä das betreffende Wort 
nicht nothwendig vor jedem neuen Satze oder Satzgliede wieder- 
holt wird. Vergl. des Ref. Anm. zu Cato M. 7, 2 3. Ebenso : de 
orat. 3, 27, 107 ; ib. 32, 128 ; A. ad Her. 4, 5, 7. 

Cap. 19. §. 2 konnte bei cum — dieunt darauf aufmerksam 
gemacht werden, dass cum „wann" oder „wenn" leicht, wie hier, 
in die Bedeutung „dadurch dass" übergeht, in der es also mit dem 
Indicativ verbunden wird. So i2, 9 und 24, 9; de orat. 2, 75, 
303; Brut. 89, 305; p. Quint. 26, 81; p. Rose. Am. 19, 54; in 
Catil. 1, 8. 21; p. Dej. 13, 36 und öfter. 

Cap. 21. §. 3. Vergl. wegen aliqua graviore causa unsere 
Bemerk, zu 7, 8. 

Cap. 22. §. 2 konnte darauf hingewiesen werden, dass con- 
tingit, gegen den gewöhnlichen Gebrauch, hier sich auf etwas 
Bedauerliches bezieht; ebenso Cat M. 19, 71; Tusc. 5, 6, 15; de 
orat. 2, 4, )5; in Catil. 1, 7, 16; ad fam. 11, 16, 2. 

ib. §. 4 ist es unbeachtet gelassen, dass dasselbe Wort, con- 
silium , kurz nach einander dreimal und zwar in verschiedener Be- 
deutung (die allerdings auch dem deutschen „Rath" eigen ist) an- 
gewandt wird: § 4 und 6 „Beschluss", §. 5 „Behörde". Der- 
selbe Fall ist es mit consilium im Cato M. 6, 19; mit civitas : p. 
Balbo 12, 29; mit causa: p. Rose. Am. 2, 5. Man vergl. auch 
Cat. M. 13, 45 erat quidarn fervor aetatis , qua progrediente om- 
nia fiunt mitiora , wo unter aetas zuerst eine bestimmte Alters- 
stufe (die des Jünglings), dann, in qua, die Zahl der Lebensjahre 
überhaupt zu verstehen ist. Andere Beispiele giebt Seyffert zum 
Laelius p. 268. — Ueber hoc — illud s. des Ref. Bemerkung 
eu 11, 2. 

Cap. 24. §. 8. Bei paratus sum setzt Cicero ungleich häu- 
figer ad mit d. Gerund, als den Infinit., doch findet sich letzterer 
1. B. p. Quint. 2, 8; de invent. 1, 16, 23 und 17, 25. 

ib. §. 9 übersetzt der Hr. Herausgeber vertit omnia : „er warf 
Alles um", und fügt hinzu: „nämlich quae egregie fecerat." Hef. 

A'. Jahrb. f. Phil. u. Paed. od. Krit. Bibl. Bd. LV. Uft. '2. 12 



176 Lateinische Litteratur. 

ist der Ansicht , dass vertit omnia (ein an. elg. bei Cicero) selbst- 
ständig aufzufassen ist: ,,er stürzte Alles um, d. h. kehrte das 
Unterste zu Oberst"; wenigstens gebraucht Tac. hist. 1, 2 cuncta 
vettere ebenso. 

Gap. 25. §. 2 ist die Umwendung der Construction in ut 
cnim tutela, sie procuratio reipubl. ad utilitatem eorum. qui com- 
missi sunt, non ad eorum , quibus commissa est (für quibus com- 
missi sunt), gerenda est, von dem Erklärer unbeachtet gelassen. 

ib. §. 13 konnte bei quae placet Peripateticis et recte placet 
auf Zumpt Gr. §. 717 verwiesen werden. Ebenso 27, 7 pertinet 
— et ita pertinet, ut — . 

Cup. 26. §. 2 kann Ref. die von Hrn. Bonncll aufgenommene 
Bemerkung Beters über seeundas res immoderate ferre nicht pas- 
send finden. Ihm scheint es vielmebr unzweifelhaft, dass nach 
Cicero's Meinung derjenige seeundas res immoderate fert. bei dem 
sie superbiam, fastidium arrogantiamque hervorrufen. Cicero 
tadelt das sanguinische Temperament , welches alle äusseren Ein- 
drücke eine bedeutende Wirkung auf das eigene Verhalten üben 
lässt. 

ib. §. 7 muss das Chat zu adulari „Zumpt Gr. §. 389. A. 3 U 
heissen. 

ib. §. 10 hat der Hr Herausgeber, von Orelli und Zumpt ab- 
weichend . parata (in Bezug auf res familiaris) für parta aufge- 
nommen. Beide Lesarten haben ziemlich gleiche handschriftli 
che Autorität; doch bezweifeln wir, ob rem familiärem parare 
,, Vermögen erwerben"' sich nachweisen lässt, während parere 
bona, praedam, gloriatn u. dergl ganz gewöhnlich ist. 

Cap. 28. §. 4 ist auf das Zeugma in den Worten vitiosis quid 
conveniat et quid deceat aufmerksam gemacht, ohne Anführung 
einer Parallelstelle. Es kommt dieser Fall (dass ein Pron. de- 
monstr. in verschiedenen Casus aus dem Vorhergehenden zu sup- 
pliren ist) sehr häufig vor; vergl. Brut. 4, 15 mihi salutaris fuit 
admpnuitque; de orat 1, 16, 72 utrum simus carinii rüdes an di- 
dicerimus; ferner ib. % 6, 25 und 3, 30, 118; Brut. 33, 12/. 
Seltener ist der umgekehrte Fall , dass ein erst beim folgenden 
Yerbum stehendes Nomen zum vorhergehenden in einem anderen 
Casus zu suppliren ist, wie p. Sest. 44, 95 diem dixit et aecusa- 
vit Milonem; s. Schneider zu Caes. B. G. 1, 45, 2. 

ib. § 9 ist bemerkt: „vehemens „kräftig"" hier ungewöhnli- 
cher Weise im guten Sinne, sonst gewöhnlich von leidenschaft- 
licher Heftigkeit." Vehemens wird gar nicht so selten im loben- 
den Sinne gebraucht; so de orat. 3, 21, 80 vehemens orator; in 
Catil. 1, 1, 3 senatusconsultum vehemens et grave; besonders häu- 
fig aber das Adverbium, welches Cicero — - valde mit den ver- 
schiedenartigsten Begriffen verbindet, z. B. mit den Adjectivis 
necessarius (de inv. 2, 58, 175), aecommodatus (ad Her. 4, 29, 
39), utilis (de orat. 2, 54, 216), magnus 'ad Her. 4. 51, 65), 






M. Tüll. Cic. de off. Von Ed. Bonnell. 177 

iiiiquus (ib. 44, 57), und mit den Verbis placere (Brut. 32, 122), 
displicere (ad Ätt. 13, 21. 3), hortari (Brut. 81, 281), probare 
(de orat. 1, 35, 164), admirari (ib. 20, 93), assentiri (ib. 24,110), 
delectari (ib. 2, 11, 48), studere (ib. 1, 3, 10), se exercere (ib. 
33, 152), errare (ib. 4fi, 203), pertinere (ad fam. 8, 8, 10) u. a. 

Cap. 30. §. 3 werden die Worte sed si quis est paulo ere- 
ctior übersetzt: „sondern wenn einer sich nur etwas über die Nie- 
drigkeit erhebt'"' — was gewiss das Richtige ist, während Zumpt 
erectior durch excitatior, paulo quam decet hilarior, erklärt 

ib. §■ 6 fällt es dagegen auf, dass Hr. B. intelligimus, wel- 
ches nur ein Codex (Bern, e) hat, für inteiligemus aufgenom- 
men hat. 

ib. §. 8 konnte bei in formis aliis — aliis auf die Nichtwie- 
derholung der Präposition aufmerksam gemacht werden. Diese 
Art der Ellipse kommt am häufigsten vorm Pronom. relat. vor 
(Zumpt §. 778); doch auch ausserdem, z. B. unten 31, 7 Num 
alia in causa M. Cato fuit, alia ceteri? 37, 12 Videat, quibus de 
rebus ioquatur : si seriis, severitatem adhibeat: sijocosis, lepo- 
rem; Cat. M. 6, 15 A rebus gerendis senectus detrahit. Quibus'? 
auch Tusc. 3, 17, 37; stets aber nur dann, wenn kein Verbum 
dabei steht. 

ib. §. 12 hätte über das höchst auffallende, aber in allen 
Handschriften stehende vita ejus für vita sua etwas gesagt sein 
sollen. Vergl. Zumpt Gramm. §. 550. S. 499 und Reissig Vor- 
lesungen §. 223. 

ib. §. 13 konnte bei dispar mit d. Dativ, im Gegensatze zu 
Zumpt Gramm. §. 411 extr., bemerkt werden, dass par und dis- 
par mit Ausnahme d^r beiden dort citirten Stellen nie mit dem 
Genitiv verbunden zu werden scheinen. 

Cap. 31. §. 2 heisst es bei regula metiamur nicht richtig: 
„für ad regulam." Der Maassstab steht vielmehr immer im Ab- 
lativ. Vergl. Freund im Wörterbuch s. h. v. 

ib. §. 8 konnte bei aliquando bemerkt werden, dass dies Wort 
sehr oft, wie hier, von dem, was nach langem Erwarten ge- 
schieht, gebraucht wird: „endlich einmal. 1 ' 1 Mitunter steht dann 
tandem dabei, z. B. in Cat. 1, 7, 18; 2, 1, 1; weit öfter aber fehlt 
es; so p. Mil. 2, 4; 9, 23; 31, 85; p. Plane. 7, 17; 15, 36 u. s w. 
— in demselben Paragraphen wäre bei quo animo traditur das Ci- 
tat „Zumpt Gr. §. 70)" wohl nicht überflüssig gewesen; ebenso 
§. 11 zu quem ego memini: Zumpt § 440. 

Cap 32. §. 1. Bei aecommodare braucht Cicero den Dativ 
nicht blos von Personen , wie der Hr. Herausgeber glaubt, sondern 
auch von Sachen. Vergl. in Clod. et Cur. 5, 3; p. Cluent. 1, 2; 
Cato M. 19, 70; fragm. p. Cornel 7. 

ib. §. 5 konnte bei ad eam landein doctrinae gloriam adjeeit 
(„zu diesem Ruhme fügte er den der Gelehrsamkeit hinzu u ) dar- 
auf aufmerksam gemacht werden, dass hier gloria nur zur Ab- 

12* 



178 Lateinische Litteratur. 

wechselung für laus gesetzt ist; s. Zumpt §. 767. Ebenso: de 
orat. 3, 30, 119 discrepuit ab Antonii divisione nostra partitio ; 
Liv. 23, 10 in amicitiam suara — Romanae societati; ib. 23, 22 
inopiam senatus — paucitatem civiura; ib. 24, 13 in potestatc ju- 
niurum — in manu plebis. 

ib. §. 9 hat Mr. Bonnell sich in auffälliger Weise übereilt. 
Er ändert nämlich quod Optimum esset in quid Optimum esset (die 
Lesart eines einzigen Codex), weil: „quod sprachwidrig ist, da 
nach judicare nur die indirecte Frage möglich ist, und sonst 
auch der Conjunctiv keine Begründung hätte." 1 Freilich; aber 
quod ist ja hier das adjeeti vische Fragepronomen, auf 
genus vivendi bezüglich. 

ib. §. 11 ist das Citat ad fam. 14, 7, 3 unrichtig. 

Cap. 33. §.11 ist der Vater des altern Africanus Cn. statt 
P. genannt. 

Cap. 34. §. 1 sagt der Hr. Herausg. (mit Degen): juvenes, 
im Gegensatze von seuiores, hiessen alle Männer von 20 bis f)0 
Jahren. Ref. glaubt nicht . dass für die zweite Hälfte der 40er 
Jahre dies Wort sich nachweisen lässt; gesetzlich wurde die Ju- 
ventus bis zum 45. Jahre gerechnet. (Vergl. Varro bei Censor. 
14; Gell. 10, 28). Liv. 30, 30 wird Hannibal, noch nicht 50 Jahr 
alt, senex genannt. 

ib §. 2 heisst es bei exque his: „Dass que auch weiter in den 
Satz hineingeschoben wird, lehrt Zumpt Gramm. §. 356." Die- 
ser Ausdruck erscheint uns zu unbestimmt, da er sich doch nur 
auf die Anhängung von que an das zweite Wort, wenn das erste 
eine Präposition ist, bezieht — zumal da dieser Gebrauch, wenn 
es auch viele Ausnahmen von ihm giebt, als das eigentlich Regel- 
rechte angesehen werden muss, indem eine Präposition mit ihrem 
Casus zusammen nur einen (adverbialen) Begriff giebt. Vergl. 
Ellendt zu de orat. 1, 1, 2 und Ferd. Schultz latein. Sprachlehre 
S. 284. 

ib. §. 9 konnte bei gerere personam civitatis dieüebersetzung 
gegeben werden: den Staat repräsentiren. 

Cap. 35. §. 6 findet sich die Bemerkung, dass Cicero immer 
res und verbum, nicht nomen, einander entgegensetze. Vergl. 
dagegen: Acad. 2, 5, 15 nominibus differentes, re congruentes. 

Cap. 37. §. 11 konnte bei in possessionem suam auf die dop- 
pelte Bedeutung des latein. Pron. possess. aufmerksam gemacht 
werden (worauf Zumpt durch die Erklärung: in possessionem ali- 
quam suam , wenigstens hindeutet). Servus tuus kann zwar heis- 
sen: „dein Sklave" -- 6 öög dovkog oder 6 öovhog <5ov aber 
ebenso gut: „ein Sklave von dir" -~6o v g öovkog oder dovXog 6ov. 
Der Zusammenhang muss also lehren , wie das Lateinische zu 
übersetzen ist. Beispiele für den unbestimmten Artikel, also Par- 
allelstellen zu der unserigen , sind : de orat. 3, 49, 189 verbo uno 
meo; divin. in Caec. 11, 34 nullo suo peccato; ad Att. 2, 23, 1. 



M. Tüll. Ck. de olV. Von Ud. Bonnell. 179 

epistolam rneam; ad farn. 2, 13, 1 tuas littcras; p. Dej 1, 1 in 
tuo periculo; ib. 2, 4 sui periculi judex; p. Kose. Am. 30, 10 i 
tua res permagna (eine sehr wichtige Sache, die dich betrifft). 

Cap. 38 gehört die unter §. 'I stellende Bemerkung über ira 
— ignavia zu §. 1. 

Cap. 39. §. 3 konnte bei ille — hie wegen der Bedeutung 
dieser Pronomina auf 11, 2 zurückgewiesen werden. 

ib. §. 5 hätte bei in ceteris „in den übrigen I>ingcn t< " über den 
substantivischen Gebrauch der Adjectiva im INeutr. Flur., in an- 
tlereii- Casus als dem Nom. und Acc, Etwas gesagt sein können. 
Nach des Ref. Beobachtungen kommt er bei Cicero noch am häu- 
figsten von solchen Wörtern vor, die eine Quantität ausdrücken, 
z. B. de orat 3, 40, 161 ex omnibus; Lael. 4, 13 in plerisque ; ad 
Her. 4, 5, 7 in paucis; Cato M. 1, 3 und ad Att. 16, 15, 2 de ce- 
teris; Cato M. 7, 24 in aliis; de off. 1, 41, 2 ex ceteris similibus; 
ib. §. 13 de singulis; 2, 25, 89 ex quo et mullis aliis. 

ib. §. 7 scheint uns die beibehaltene Degen'sche Behauptung : 
„in der frühesten Zeit waren die Deponentia wohl durchgehends 
Passiva 11 doch eine sehr gewagte zu sein. 

Cap. 40. §. 8 rnusstc die Anmerkung zu At enirn vor der zu 
Atque stehen. In At enim behalten beide Partikeln ihre Bedeu- 
tung: „aber dagegen ist Etwas einzuwenden; nämlich — "; also zu 
übersetzen : „aber — ja — "; 

Cap. 41. §. 8 konnte auf die Umschreibung ii qui signa fabri- 
cantur für unser „Bildhauer" (Zumpt §. 714) aufmerksam ge- 
macht werden. De nat. D. 1, 29, 81 sagt Cicero dafür fictores. 
(Die Wörter statuarius, sculptor, plastcs gehören alle erst dem 
silbernen Zeitalter an.) — Ausserdem rnusstc der Gräcismus in 
ut pictores — et poetae suum quisque opus considerari vult, wo 
das Appositionsverhältniss statt des partitiven pictorum — quisque 
gesetzt ist, nicht unbemerkt bleiben. Aelinliche Stellen sind: de 
nat. D. 1, 31, 87 Quinque stellae — aliae pröpius — aliae remo 
lins — cadem spatia conficiunt; Cat. M. 16, 58 id ipsum utnun 
lubebit (für eorum ipsorum utruro), wo Otto's Anmerk. zu ver- 
gleichen ist. 

Cap. 42. §. 3 war bei operae — artes statt des Gesagten ein- 
fach auf 7, 5 zurückzuweisen; also: „körperliche Arbeiten — Ge- 
schicklichkeiten. " 

ib. §. 7 konnte bei si placet „wenn du willst" bemerkt wer- 
den, dass bei dieser Höflicbkeitsformel , wie bei nisi raolestum 
est (und dem griech. d ÖohsI) der Dativ des Fron, stets wegge- 
lassen wird, während bei dem gleichbedeutenden si videtur der 
Sprachgebrauch schwankt. Vgl. des Ref. Note zu Cato M. 2, 6. 
Cap. 43. §. 10 liess sich bei cupidus in perspicienda rerum 
natura, einem an. £to., anführen, dass Cicero das ähnliche Adjec- 
tiv rudis eben so oft mit in wie mit dem Genitiv, prudens (ausser 
p. Quint. 3, 11) vielleicht immer mit in (und zwar nicht blos, wenn 



180 Aeltere Geschichte. 

es „besonnen"' heisst, sondern auch z. B. pruderrs in Jure civili) 
verbindet. Beispiele s. bei Freund s. hb. vv. Davon sagt Zurapt 
Gramm §. 437 sq. Nichts. 

Cap. 44. §. 8 hätte bei solivagus, wenn überhaupt, lieber 
Etwas über die Bedeutung dieses Wortes bei Cicero, als bei Mart. 
Capell., gesagt werden sollen. 

Cap. 45. §. 6 wäre die Aufnahme von Zumpt's treffender Er- 
klärung wohl nicht überflüssig gewesen ; ebenso wie §. 8 eine 
Hinweisung auf die Auslassung des Subjects reliqua. 
[Schluss folgt im nächsten Heft.] 



The times of Daniel , chronological and prophetical, examined with 
relation to the point of contact betvveen sacred and profane chro- 
nology. By George Duke of Manchester. London. Publ. by Ja- 
mes Darling. 1845. 

[Schluss des im vor. Heft abgebrochenen Artikels.] 

Das 8. Capitel hat der Verf. zu einer Untersuchung über die 
Nachrichten bestimmt, welche uns der persische Dichter Ferdusi 
und die Annalisten Merkbond und Khondemir über ihr Volk auf- 
bewahrt haben. Dieselben verdienen ohne Zweifel mehr Beach- 
tung, als man ihnen gewöhnlich zugesteht; eine neuere Bearbei- 
tung der persischen Geschichte aus diesen orientalischen Quellen, 
etwa wie sie in der All gem. Welthistorie IV. p. 318 ff. ver- 
sucht ist, wäre ohne Zweifel ein verdienstliches Unternehmen. 
Ueber den Charakter derselben im Unterschiede von den griechi- 
schen, macht der Herzog die gute Bemerkung, dass die Perser 
die Wahrheit erzählen, als wäre sie Dichtung, die Griechen da- 
gegen Dichtungen berichten, als wären sie Wahrheit. In der 
legendenhaften Form der persischen Erzählung birgt sich ein Kern 
der Wahrheit, während die Griechen, durch die Form ihrer Er- 
zählung ihre Fabeln so anziehend der Wahrheit so ähnlich dar- 
zustellen wissen. Wer würde z. B. eine Fabel wie die von der 
Geburt des Cyrus annehmen, hätte nicht Herodot's Darstellung 
um sie den Schein unschuldiger Wahrheit geworfen'? Und wäre 
es nicht um der Uebertreibungen willen ', würde man nicht andrer- 
seits das Substrat der Wahrheit bei den Persern willig anerken- 
nen'? Freilich kommen ausser der bombastischen Erzählungsart 
auch starke Anachronismen zu Tage. Doch wenn es nicht ge- 
länge, die Wahrheit von dem orientalischen Gewände und dem 
poetischen Beiwerke zu sondern, so würden sich aus diesen Be- 
richten wohl Unterstützungsgrüude, die Geschichte jener Zeiten 
zu erhellen, gewinnen lassen; denn sie sind zum Theil aus sehr 
beachteuswerthen schriftlichen Urkunden geschöpft. Diese Son- 
derung hat der Herzog mit nicht geringem Scharfsinn - vollzogen, 



Duke ut Manchester: Tlie Limes ol Daniel. lMl 

doch müsse» wir uns für jetzt auf eine kurze Angabe seiner Re- 
sultate beschränken. 

Nachdem er den Beweis geführt hat, dass die als einander 
folgend dargestellten Dynastien vielmehr als gleichzeitig zu be- 
trachten seien, zieht er die Geschichte der letzteren, der kaiani- 
schen , in welcher der Cyrus des Ilerodot zu suchen ist, in Er- 
wägung. Diese Dynastie stammte aus der an der Südseite des 
caspischen Meeres gelegenen Provinz Deilem oder Dilcm, deren 
Könige Kai genannt wurden — ein Titel, welcher auf die zweite 
persische Dynastie überging. Aus eben dieser Gegend muss nach 
Her. Cyrus, nach der Schrift die Chaldäer gekommen sein. Die 
Regierung des hol) ad und Ka'oos (Nimrod der Unsterbliche ge- 
naunt) erstrecken sich über einen unendlich laugen Zeitraum; erst 
mit Kai Khosru, dem Enkel des Ka'oos, scheint die Geschichte 
aus dem Fabelhaften emporzutauchen. ' Die Berichte über seine 
Jugend gleichen denen des Her. über Cyrus so sehr, dass über 
ihre Identität so wenig ein Zweifel erhoben wird als darüber, dass 
Louis Quatorze und Ludwig XIV. derselbe französische König ist. 
Sein Nachfolger Lohorasp, der Enkel eines Bruders des Ka'oos, 
gelangte durch Wahl auf den Thron, wie angedeutet wird, aus 
niederem Stande und noch vor Khosru's Tode. Merkhond er- 
wähnt ausdrücklh h, dass er sich mehr als seine Vorgänger be- 
müht habe, die Welt zu unterwerfen, und dass man ihm die Ein- 
führung einer geordneten Steuererhebung beilege. Er setzte den 
Sohn des Gudarz, Reham, Bakht-massar genannt, zum selbststän- 
digen König in Irak Ajem ein; und dieser B. verwüstete den Tem- 
pel zu Jerusalem, „befreite den Jeremia und zog gegen Aegyp- 
ten. u Pharao der Lahme (Necho) ward von ihm überwunden. 
Als Zeitgenossen des Lohorasp werden Daniel und Jeremia ge- 
nannt. Wir linden in ihm den Darius Hystaspis, den Meder, 
wieder; die Erhebung eines unabhängigen Reiches durch den 
mä'chtigeu Bakhtuassar und seine Thaten weisen auf den chaldäi- 
schen Herrscher. Nach orientalischer Sitte heisst der Enkel häu- 
fig wie der Grossvater; dem Sohne des Hystaspes folgte Gusch- 
tasp oder Kischtasp. Er führte die Religion des Zardust ein, 
prägte zuerst Goldmünzen, Hess einen seiner Minister hängen, 
die Mutter seines Sohnes und Nachfolgers stammle von Saul. 
Seine persönliche Erscheinung wird uns ähnlich geschildert wie 
die des Xerxes durch Her. Er ist der Xerxes-Ahasver. Der 
nächste König heisst Be Innen, genannt Daraz-dast d.i. Lang- 
hand. Er setzte Bakhtnassar's Sohn in Babel ab und übertrug die 
Regierung dem Kuresch, dessen Mutter von den Kindern Israel 
stammte. Er befahl ihm , die gefangenen Israeliten zurückzusen- 
den in das Gebiet des heil. Tempels und ihnen nach ihrer Wahl 
einen Statthalter zu geben. Der Verf. des Lebtarikh nennt diesen 
Kuresch ausdrücklich als den Erbauer Jerusalem's, während Pa- 
rikh Montekheb dasselbe dem Bahaman beilegt: ganz recht; Ku- 



182 Aeltere Geschichte. 

resch stellte während der Regierung und nach der Anweisung des 
Behmen die Stadt wieder her. Der in der Schrift genannte 
Befreier der Juden kann also nur ein Satrap des 
Artaxerxes Longim. gewesen sein. 

Das Gesammtzeugniss der persischen Autoren, so viel steht 
fest, setzt den Anfang des babyl. Exils unter Lohorasp und sein 
Ende unter Behmen. Sie haben zweifelsohne aus eignen alten 
Ueberlieferungen geschöpft, und mit Unrecht beschuldigt man sie 
einer verkehrten Auffassung derselben. Die Verkehrtheit liegt 
auf Seiten Derer, welche, Khosru und Cyrus identificirend, ihm 
die Befreiung aus dem Exil beilegen, obgleich weder Perser noch 
Griechen dies erzählen , und dann eben dieser falschen Annahme 
zu Liebe behaupten, die Perser irrten, welche dieses Ereigniss 
in die Zeit Behmens verlegen. 

Aber die Schrift nennt jenen Satrapen Behmen's einen König 
von Persien. Einiges Licht wirft darüber die gelegentliche Notiz 
des Jos. Ant. XI. 6, dass dem Xerxes sein Sohn Cyrus folgte, 
den die Griechen Artaxerxes nennen. Sie zeigt, dass man in Ba- 
bylon allein von Cyrus wusste, während die Griechen nur von 
Artaxerxes gehört hatten; Joseph, und mit ihm Syncellus und Ce- 
drenus verwechselten Beide und machten Eine Person daraus. 
Vermuthlich haben wir uns das Verhältniss so zu denken , dass 
nach dem Sturze der assyrischen Monarchie durch die Meder und 
Chaldäer diese in Babylon ein Reich gründeten, welches auch das 
persische Irak, die Provinzen Babylon und Elam (Dan. 2, 49; 8,2) 
umfasste und je nach den Umständen die Obermacht des damals 
in Balkh residirenden „grossen Königs 14, anerkannten oder nicht, 
der wenigstens dem Namen nach von Indien bis Aethiopien wal- 
tete. So scheint denn auch die kurze und glänzende Herrschaft 
des Kuresch oder Koresch über Persien und Babylonien (Esr. 1, 1. 
5, 13) in die lange Regierungszeit des „grossen Königs" Artaxer- 
xes gefallen zu sein. So erklärt es sich, wie die Perser ihn zu 
einem Satrapen des Behmen machen, wie die Schrift ihn König 
nennt, und Herod. ihn gar nicht erwähnt. 

Der Einwand , dass die dem Nebuc. und Koresch beigelegte 
Grösse die Möglichkeit einer Abhängigkeit ausschlösse, ist nichtig. 
Fast immer begegnen wir im Orient einem grossen Könige, dem 
eine Anzahl untergeordneter Fürsten zinspflichtig sind. Von 
seinen persönlichen Eigenschaften hängt es ab, ob das Reich das 
Bild eines Ganzen zeigt, oder die einzelnen Theilc nur in losem 
Verhältniss zu einander stehen. Die Gesammtgcschichte jener 
Länder zeigt übergross gewordene Reiche, die in selbstständige 
kleinere zerfallen, bis ein späterer thatkräftiger Herrscher sie 
wieder vereint. Das Verhältniss Mehemed Alfs zum türkischen 
Sultan bietet die passendste Parallele. Auf die Sprache in der 
Proclamation des Koresch Esr. 1, 1. 2 wird man kein Gewicht le- 
gen können; die Herrschaft über alle Königreiche der Erde ist 



Duke of Manchester: The timcs of Daniel. 183 

cum grano salis zu verstellen (cf. 1 Rg. 18, 10). Es ist eine 
orientalische Hyperbel. Wäre Koresch ein Universalmonarch ge- 
wesen, so würde er sich ohne Zweifel einem Bisba ^ba genannt 
haben, wie Esr. 7, 12 Artaxerxes heisst. 

Ungleich bedeutsamer und schwieriger ist die Lösung einer 
andern Differenz. Ist Nebucadnczar-Cambyses der Bakhtnassar 
der Perser, wie kann er gleichzeitig mit Darius llystaspis ge- 
lierrscht haben'? Die persischen Schriftsteller versichern es; 
aber aus Herodot wissen wir, dass er sein Vorgänger war. Der 
Herzog hat sich darum im 9. Gap. einer sorgfältigen Untersuchung 
der Chronologie Herodot's unterzogen, um zu.beweisen, dass darin 
ein Irrthum bei ihm obwalten müsse. Die Vergleichung nämlich 
seiner griechischen und asiatischen Chronologie zeigt die Unsicher- 
heit der letzteren zur Genüge. 

Der Angriff des Cyrus auf Croesus muss sehr bald nach sei- 
nem Auftreten erfolgt sein. Mit Sicherheit geht aus Her. Dar- 
stellung hervor, dass Astyages gegen Ende der Regierung des 
Croesus gestürzt wurde (I. 46) und nach I. 75 ward Sardes den 
Winter darauf erobert. Dazu erscheinen damals die Perser noch 
als halbe Barbaren in Felle gekleidet (I. 71), während kurz vor 
des Cyrus Tode Croesus von „persischen Gütern und Annehm- 
lichkeiten ihres Lebens" redet (I. 207). Wenn es nun nach der 
Antwort der Pythia I. 91 scheint, dass zwischen der Orakelbe- 
schickung des Croesus und seinem Falle 3 Jahre liegen, so ist die 
Annahme, dass derselbe zwischen das 2. und 4. Jahr des Cyrus 
gefallen, nicht unbegründet. 

Als Croesus über die Mächtigsten unter den Hellenen und 
über die Lage insbes. der Athener Erkundigungen einzog (I. 56), 
hatte sich Pisistratus zum dritten Male derHerrschaft 
bemächtigt. 

Herodot fügt I. 59 ff. einen Bericht über Pisistratus ein. Als 
er sich zum ersten Male zum Tyrannen machte, „hatte er sich 
schon vordem Ruhm erworben als Oberster im Kriege gegen Me- 
gara und hatte noch andere grosse Thatcn gethan"; er kann also 
nicht mehr ganz jung gewesen sein. „Nicht lange darauf " ver- 
jagten ihn die Parteien des Megacles und Lycurgus wieder. Seine 
Heirath mit der Tochter des Megacles vermittelte seine Rückkehr; 
seine Söhne waren damals schon erwachsen. Doch musste er 
wegen seines Betragens gegen seine Frau wieder entweichen, 
vermuthlich ein Jahr später. Erst im 11 Jahre dieses zweiten 
Exils gelang es ihm, zum dritten Male Athen einzunehmen. „Also 
ward P. Herr über die Athener; von diesen aber waren einige in 
der Schlacht gefallen, andere aber mit den Alkmäoniden aus der 
Heimath entwichen."" Mit diesen Worten schliesst c. 64 die 
Schilderung der Lage, in der sich damals Athen befand. Tovg 
phv vvv 'A&rjv. Toiavta xov iqovov tovzov envv&ccveTO o Kgol- 
öog xatexovra, beginnt c. 65. Vernünftiger Weise lässt sich dies 



184 Aeltere Geschichte. 

gar nicht anders verstehen , als dass, während Croesus sich zum 
Kriege gegen Cyrus rüstete, die dritte Tyrannei des Pis. begonuen 
hatte. Danach fällt die Eroberung von Sardes aber weit später. 
Solinus setzt sie ebenfalls in die 58. Ol., und wenn Periander nach 
Diog. Laert. 80 Jahre alt, nach Sosicrat. Hhod. 40 Jahre vor 
Croesus und ein Jahr vor der 49. Ol. starb , so erhalten wir das- 
selbe Resultat. 

Die Pisistratiden waren nach V. 65 36 Jahre im Besitz der 
Herrschaft, die drei letzten regierte Hippias allein, im Laufe des 
vierten ward er vertrieben. Zweifelhaft ist, wie lange jedes Exil 
und jede Tyrannei währte, wie lange Hipparch nach seinem Vater 
lebte, und ob die 3ö Jahre von der ersten oder von der dritten 
Tyrannei zu zählen sind. Die Vermuthungen der Chronologen 
hinsichtlich des ersten Punktes gehen sehr weit auseinander; hat 
aber Aristoteles Recht, dass die dritte Tyrannei 17 Jahre währte, 
so werden den früheren nicht allzulange Zeiträume zuzuweisen 
sein, zumal da das letzte Exil 11 Jahre währte. Die gewöhnliche 
Ansicht beginnt die Zählung der 36 Jahre vom Anfang der letzten 
Tyrannei und lässt den Hipparch noch 15 Jahre nach des Vaters 
Tode leben. Indessen als Hippias zur Schlacht bei Marathon zog, 
hoffte er noch, er werde „im Vaterlande sterben in seinen alten 
Tagen", wiewohl er schon „ein ziemlich bejahrter Mann u war 
(VI. 107). Er kann also kaum älter als 60 Jahre gewesen sein. 
Erwachsen war er schon, als sein Vater zum dritten Male aus 
Athen floh, etwa '20 Jahre alt. Rechnet man nun dazu das lljäh- 
rige Exil, die 36 Jahre der Herrschaft, und die 20 Jahre von sei- 
ner Vertreibung bis zur Schlacht bei Marathon, so muss man ihm 
das offenbar viel zu hohe Alter von 85 Jahren im J. 490 a. Ch. 
zuweisen. Darumist es wahrscheinlicher, die 36 Jahre als eine 
Zeitbestimmung für die Tyrannei der Pisistratiden überhaupt von 
der ersten Tyrannei an zu rechnen. Beschickte nun Croesus das 
Orakel im 1. Jahre der 3. Tyr. des Pisistratns und fiel sein Sturz 
etwa 3 Jahre später, so liegen zwischen demselben und der 
Schlacht bei Marathon ungefähr 35 Jahre. Nach den asiatischen 
Daten des Herod. fiel dieser Sturz des Croesus ins 4. Jahr des 
Cyrus. Regierte dieser nun noch 26 Jahre, Cambyses 8 Jahr und 
Darius bis zur Schlacht bei Marathon 31 Jahr, so erhalten wir 
eine Differenz von 65 Jahren für dieselben Ereignisse. Man be- 
greift nun das Interesse der Chronologen, durch willkürliche An- 
nahmen und Deutungen der Worte Herodofs diese Kluft einiger- 
maassen auszufüllen. 

Aber noch mehr : die Orakelbeschickung des Croesus muss 
sogar in di e letz ten Jahre des Pis. gefallen sein. Dies er- 
weist folgende Combination. Cimon, der Sohn des Stesagoras, 
gewann zu Olympia den Preis und lies seinen (Halb) Bruder Mil- 
tiades für sich bekränzen (VI. 103). Dieser selbe Sieg wird auch 
VI. 30 erwähnt; denn es ist kaum glaublich, dass, hätte Miltiades 



Duke of Manchester: The times of Daniel. 185 

selbst gesiegt , er sich einen Preis von einem andern hätte über- 
tragen lassen. Cimon fand seinen Tod 9 Jabr nachher, als Pi- 
sistrat. schon todt war (VI. 103). Innerhalb dieser 8 Jahre, der 
letzten des Pis. also, zog Milt. nach dem Chersonnesus. Es ver- 
gingen einige Jahre, ehe er die Halbinsel befreite, die Mauer 
aufführte und in die Gefangenschaft der Lampsacener gerieth, 
ans der ihn Croesus befreite (VI. 38) — nicht eher als 
etwa 5 Jahre vor dem Tode des Pisistratus. iVliltiades regierte 
noch nach dem Tode des P., als sein Bruder Cimon ermordet 
wurde (VI. 103); gleichwohl geht aus der Erzählung hervor, dass 
er nicht lange mehr nach seiner Befreiung durch Croesus lebte. 
Croesus muss bis zum Schluss der letzten Tyrannei des Pist. ge- 
herrscht haben. Des Milt. Machfolger, sein Neffe Stesagoras, 
kam nach kurzer Regierung im Kriege mit den Lampsacenern um 
(VI. 38). Es folgte ihm sein Bruder Milliades, welcher aus Athen 
kam; er kann die Regierung nicht lange nach des Pis. Tode an- 
getreten haben und regierte nach VI. 40 3 bis 4 Jahre vor den 
ionischen Unruhen, bei deren Beginn Athen von seinen Tyrannen 
6chon befreit war (V. 55). Mithin können die Pisistratiden nur 
4 Jahre noch nach ihres Vaters Tode geherrscht haben, ihre 
Herrschaft endigte 8 — 9 Jahre nach der Zeit, wo wir den Croe- 
sus noch auf dem Throne fanden. 

Von der Vertreibung des Hippias bis zur Schlacht bei Mara- 
thon setzt man gewöhnlich 20 Jahre. Ob wohl mit Recht'? Von 
der Empörung des Aristagoras bis auf die Eroberung von Milet 
sind 6 Jahre (VI. 18). Die Perser überwinterten hier und er- 
oberten im anderen Jahre (c. 31) Chios, Lesbos und Tenedos. 
Als Miltiades hört, dass sie in Tenedos seien, flieht er nach 
Athen (c. 41. 42). In diesem Jahne thaten die Perser den Io- 
niern nichts weiter zum Schaden. Im folgenden Frühjahr über- 
nahm Mardonius den Oberbefehl, ohne Etwas auszurichten (43 bis 
45). Aus c. 46 und 95 ergiebt sich, dass die Truppen im näch- 
sten Jahre nach Marathon geführt wurden. — Nach Dion Hai V. 
p. 17 war die Schlacht bei Mar. 16 Jahre nach dem Tode des 
Brutus und die Vertreibung der Könige aus Rom gleichzeitig mit 
der Ermordung des Hipparch. Dies stimmt mit jener Berechnung 
den Angaben Herodot's, wonach die Schlacht bei Mar. un- 
gefähr 16 Jahre nach Hipparc h's Tode und 1 9 J a h r e 
nach der Eroberung von Sardes fällt, und das Alter des 
Hippias in dem Jahre der Schlacht sich etwa auf 61 Jahre bestimmt. 
Nach den Angaben in der asiatischen Geschichte liegen aber 
zwischen jenen Ereignissen 65 Jahr. 

Wie löst man diesen schreienden Widerspruch, in den der 
Vater der Geschichte mit seiner Chronologie geräth'? Nicht an- 
ders als durch die Annahme . dass die als successiv darge- 
stellten R egierungen gleichzeitig waren. Der termi- 
nus ad quem, das 32. Jahr des Darius, steht fest ; 19 Jahre vorher 
stürzte Cyrus in seinem 4. Jahre den Croesus. Cyrus begann also 



136 Aeltere Geschichte. 

seine Herrschaft im 9. Jahre des Darius und regierte von 513 bis 
482. Wir wollen auf die letzte Zahlangabe kein Gewicht legen, 
da sie durch andere Angaben noch wichtige Correcturen erleiden 
wird, und halten nur die Gleichzeitigkeit des Cyrus und Darius 
als bedeutsames Resultat fest. So sehr dieselbe der Gesammtan- 
schauung Herodot's widerspricht , so finden sich gleichwohl noch 
einzelne Spuren. Syennesis von Cilicien war ein Zeitgenosse des 
Cyaxares (I 74) und seine Tochter gleichzeitig mit Darius (V. 118). 
Das Lebensalter des Harpagus reicht schon nach der gewöhnlichen 
Auffassung ungemessen weit und bis auf Darius, wenn der VI. 28. 
30 erwähnte derselbe ist; nur die gewöhnliche Auffassung würde 
dagegen sprechen! Anaxandrides und Ariston, die spartanischen 
Könige, regierten schon im Anfange der Herrschaft des Croesus 
(I. 67. 69). Ihre Söhne Leonidas und Demaratus sind bei Ther- 
mopylae thätig. Nach den griechischen Angaben liegen also zwi- 
schen Croesus und dieser Schlacht nur zwei Generationen , nach 
den asiatischen mindestens 3 oder etwa 85 Jahre! Die Worte des 
Prexaspes III. 62 an den Carnbyses: „Wenn die Todten aufer- 
stehen, erwarte, dass auch Astyages der Med er gegen Dich wie- 
der aufstehen wird' 1 - (ejtava6rr]6e6d(u) lassen übrigens auch, wenn 
sie Sinn haben sollen, an ein näheres, anderes Ereigniss als an 
die entfernte Rebellion des Vaters des Carnbyses gegen den 
Astyages denken. Setzt nicht alles Dies den Darius in grössere 
JNähe zum Astyages, als Herodot uns glauben machen will'? 

Interessant ist die Vergleichung der Chronologie anderer 
Schriftsteller. Nach Herod. regierte Astyages 85 Jahr und Cy- 
rus 29; nach Abyden. und Polyh. verheiralbete Busalossar, der 
Satrap von Medien , seinen Sohn Nebucadnezar mit des /Xstyages 
Tochter und erlangte dadurch die Herrschaft über Babylon. Bu- 
saloss., gleichzeitig mit Astyages, regierte 29, nach d. ('an. Ptol. 
21 J, Neb. aber 43 J. Während der ganzen Zeit, wo nach Her. 
Cyrus geherrscht haben soll , regierte Neb. in Babylon. Ganz 
ähnlich Hessen ja auch die pers. Quellen den Lohorasp (Darius) 
den Bakhtnassar (Nebucadnez.) zum Satrapen von Irak-Ajem ein- 
setzen, also vor Neb. schon regieren. 

Herod. berichtet allerdings von eigenen Regenten in Babylon 
(I. 185 — 188. 74). Er nennt zwei Könige gleichen Namens La- 
bynetus, Vater und Sohn, jenen gleichzeitig mit Cyaxares und 
Alyattes, und zwischen beiden die Königin Nitocris. Umsonst 
hat man in jenem den Nebuc. der Schrift, in diesem den Nabon- 
nid gesucht, und es höchstens unentschieden gelassen, „ob Nit. 
seine Tochter oder seine Gemahlin war (Heeren 1. c. p. 169)." 
Es spricht kein einziger haltbarer Grund für diese Identification. 
Herodot setzt die Nitocris 5 Generationen nach der Semiramis, 
„wie die Macht der Meder gross ward", also in die Zeit des Cya- 
xares, mithin in die Generation vor Nebucadnezar's Vater. Na- 
bonnid regierte bis zum 20. Jahre nach dem Ende des Astyages, 



Duke of Manchester : The times of Daniel. 187 

mittun liegen zwischen ihm und NU. mindestens 3 Generationen. 
Labynetus 11. wurde vielmehr von dem Krieger gestürzt, welcher 
sich mit der wachsenden medischen Macht gegen die Scythen ver- 
band und Babylon einnahm. Die Eroberung Babels, von der Her. 
spricht, geschah durch Busalossar, den er Cyrus nannte. — ■ So 
scheint Her. auch in seiner Erzählung vom Tode des Cyrus ver- 
schiedene Ereignisse und Personen mit einander vermengt zu ha- 
ben. Mach ihm begehrte er die Tomyris zur Ehe und bekriegte 
sie auf ihre Weigerung. Zuerst war er glücklich, besiegte die 
Scythen und metzelte ihrer eine grosse Menge in trunkenem Zu- 
stande nieder. Später wurde er besiegt und getödtet. Nach 
Ctesias (1 c. p. 47) wurde er im Feldzuge gegen die Derbiker 
durch einen Indier tödlich verwundet und starb im Lager ; auf Be- 
fehl des Cambyses ward er durch Bagapates feierlich in Pasarga- 
dae bestattet, und sein Grabmal erwähnen noch Arr., Curt. , Plut. 
und Strab. Nach Trog. Pomp. (Just. II. 5, 9) und Jornand. ver- 
langte Darius die Scytheukönigin zur Gemahlin, und nach einem 
Fragment des Megasthenes rächte Artaxerxes Assuerus seines 
Vaters Darius Tod an der Tomyris. Ist der Tod des Cyrus von 
dem des Darius ungefähr 40 J. entfernt, so ist eine Verwechselung 
kaum denkbar; wohl aber, wenn beide, was wahrscheinlich ist, in 
denselben Krieg verwickelt waren. Ist vielleicht die erste dieser 
Schlachten mit der Niedermetzelung der Scythen durch Cyrus vor 
der Einnahme von Ninive identisch, welche nach Strabo dem Feste 
der Sacaea seinen Ursprung gab? 

Waltet bei Her. ein Irrthum ob in der Beziehung, in welche 
er die griechische Chronologie zur asiatischen setzt , so muss 
auch etwas Aehnlichos in Betreff der ägyptischen Statt linden. 
Schon Manetho bei Jos. beklagte sich darüber, und Diod. Sic. 
bemerkt, dass er sehr willig Fabeln über Aegypten aufnahm. 
Bekennt doch Her. III, 2 selbst, dass er von den ägyptischen Be- 
richten abweiche. Nach ihm entthronte Amasis den Apries 
und starb nach 44jähriger Regierung kurz vor der Invasion des 
Cambyses, welche Am. noch durch die Täuschung mit der schö- 
nen Tochter des Apries veranlasst hatte. Cambyses hätte danach 
die Nitetis erst 40 Jahre nach ihres Vaters Tode geheirathet! 
Wie unwahrscheinlich! Doch achten wir auf Einzelnes. Rhodopis, 
erzählt Herod., war eine Mitsklavin des Fabeldichters Aesop und 
kam nach Aegypten unter Amasis (111,134.135). Nach Strabo XVII 
war sie die Geliebte des Bruders des Sappho und ward die Frau 
eines ägyptischen Königs, dessen Namen er nicht nennt. Aesop 
war später am Hofe der Crösus und starb im Dienste des Perian- 
der. War er nun weit früher mit der Rhodopis in Aegypten, so 
war diese eher eine Zeitgenossin des Psammetich als des Amasis. 
Von Psammetich wäre es nicht unwahrscheinlich, dass er eine 
Griechin zur Frau genommen, und wirklich nennt Aeliaü XIII, 33 
die Rhodopis als Gemahlin des Psammetich. Jener oben bezeich- 



188 Aeltere Geschichte. 

nete Irrthum Her. in der griech.-asiat. Geschichte würde eben 
diese Differenz von zwei Generationen in der griech.-ägypt. Ge- 
schichte nothwendig machen. Idanthirsns , der Neffe des Ana- 
charsis und Zeitgenosse des Crösus (Her. IV, 76. 120), zwang 
nach Megasth. den Cyaxares zur Aufhebung der Belagerung von 
Ninive, er zog gegen den Darius und drang bis an die Grenzen 
von Aegypten vor — in den Zeiten des Psammetich (Her. I, 105). 
Diese Synchronismen bestätigen den Aelian. Und wenn nach 
Strabo die grosse Seefahrt der Phönicier unter der Regierung des 
Darius Hyst. , nach Herod. unter Necho Statt fand, müssen Necho 
und Darius nicht Zeitgenossen gewesen sein? Und sie waren es 
nach der Manchester'schen Ansicht noch über 12 Jahre. Nach 
ihr hätte Neb.-Cyrus den Pharao Necho besiegt, Neb.-Cambyses 
den Apries entthront und an seine Stelle den Araasis als einen 
zinspflichtigen König eingesetzt: — Nach Wilkins. führt er ja 
auch nur den Titel Melek, — und auffallend ist es, dass in dem 
alten Chron. die 26. Dynastie die der Memphiten heisst und aus 
7 Königen besteht, während sie bei Manetho als die der Saiten 
auftritt und 9 Könige umfasst. Amasis stammte nach Plato Tim. 
21 B. aus Sais. Liegt die Vermuthung nicht nahe, dass er mit 
seinem Sohne hinzugefügt und um seinetwillen der Name der Dy- 
nastie geändert wurde, um Herod. mit der vorausgesetzten Chro- 
nologie der Schrift in Einklang zu setzen, während Vaphries wirk- 
lich die Dynastie schloss und Amasis nur ein Melek, ein den 
Persern tributärer König war*? Die ägyptischen Empörungen nach 
Xerxes sehen so aus , als hätte es sich um die Wiedereinsetzung 
der rechtmässigen Königsfamilie gehandelt, und wenn, wie nach 
Wilkinson die Sculpturen in Theben zum Ueberfluss bezeugen, 
Amasis die Tochter des Psammetich heirathete — desselben Ps., 
dessen Sohn Inarus nach Thuc. I, 10+, HO. Herod. III, 12, 15. 
Diod. Sic. XI, 20 als Prätendent auftrat, — ob vielleicht dieTheil- 
nahme des Araasis an solchen Bestrebungen den grossen Zorn 
des Cambyses gegen ihn erregte'? 

Die Chronologie Herodot's ist also sehr unsicher; mit ihr fal- 
len auch solche Angaben, welche auf bioser Berechnung seiner 
Daten beruhen. Eine solche Berechnung ist z. B. die einstimmige 
Angabe des Diod. Sic, 'Phallus, Castor, Polyb., Phlegon, dass 
Cyrus Olymp. 55, 1 König geworden sei, oder die Bestimmung 
Diodor's, „dass, wie Herodot sagt, Cyaxares Ol. 17, 2 den Thron 
bestiegen." Die Rechnung nach Olympiaden ist weit späteren 
Ursprungs, die erste Geschichte, in der sie vorkommt, soll be- 
kanntlich Timaeus um 270 a. Ct. geschrieben haben. Jene An- 
gaben haben also gerade so viel Gewicht als Herodot selbst. Nicht 
minder unsicher ist auch die Chronologie des Can. Ptol. Die 
Zeiten zwischen den astronomischen Daten wurden mit Angaben 
ausgefüllt, die zum Theil eben auf Herodot wieder beruhten, und 
die mannigfachen Differenzen zwischen den verschiedenen, uns 



Duke of Manchester: The times of Daniel. 189 

aufbewahrten Ueccnsioncn, welche oft die Absicht verrathen, die 
alten Historiker auszugleichen, zeigen die Unsicherheit. Der 
Herzog beweist im 10. Cap. mit eminentem Scharfsinn, dass die 
Ilauptvcrwirrung durch die Verwecbselung des IVabopalassar mit 
dem Sardanapalus und Esar Haddon entstanden ist. 

Bei dieser Lage der Dinge ist man auf Vermuthungen gewie- 
sen; im elften Capitel betritt der Vf. dieses Gebiet, dessen Bo- 
den ein überaus schlüpfriger ist. Denn nur spärliche Notizen 
gehen den Conjecturen schützend zur Seite, und wo finden wir 
den Faden, der uns aus dem Labyrinthe der widersprechendsten 
Berichte heraus leitete? Erscheinungen in der Geschichte wie 
ein Cyrus Nebucadnezar werden nur zu leicht zu Mittelpunkten 
von Sagenkreisen , und wer sondert die Zusätze der Sage von ih- 
rem geschichtlichen Gehalt*? Hatten die frühern Untersuchungen 
das Resultat gegeben, dass die beiden Nebucadnezar der Cyrus 
und der Cambyses der Profangeschichte sind, dass mit dem baby- 
lonischen Exile auch die Zerstörung Jerusalems um etwa 80 Jabr 
herunter rückt , dass sie als die persischen (chaldäischen) Könige 
von Babylon gleichzeitig mit den medischen Königen Darin s, 
Xerxes u. s. w. in Susa zu setzen sind , wie stellt sich ihre Ge- 
schichte im Einzelnen 'i 

In Betreff des Vaters des Cyrus, Cambyses, verräth Herod. 
nicht geringe Verwirrung; einmal stellt er ihn in der Traum- 
geschichte als einen unbedeutenden Menschen dar, dann spricht 
er wieder von Cyrus, dem Sohne des Cambyses, in einer Weise, 
welche auf sein Ausehen und seine Würde deutet. Ausserdem 
fiibrt er zwei Personen des Namens Cambyses und zwei des Na- 
mens Cyrus auf (der Vater des altern Camb. soll auch Cyrus ge- 
heissen haben), von denen nur zwei Könige waren. Nun ist es 
aber mehr als wahrscheinlich, dass Cyrus wie Cambyses könig- 
liche Titel waren, welche dann jedenfalls zuerst von Königen 
getragen wurden Her. nahm vielleicht seineu Cambyses von 
Nawser (Nebo-chod-Nawser) mit dem Beinamen Kumbakbt, der 
Unglückliche, oder Kambothth, wie ihn Kosellini auf einer Car- 
tusebe zu Kairo entziffert. Cyrus soll ja bekanntlich Agradatug 
geheissen und diesen Namen später mit Horschid „Glanz der 
Sonne" vertauscht oder, wie Andre wollen, sich nach dem Flusse 
Kur genannt haben. Jedenfalls musste dann Cyrus der Grosse 
der erste seines Namens gewesen sein. — Nach Herod. I, 95 gab 
es von der Geschichte des Cyrus noch 4 Relationen; ob er die 
am meisten wahrscheinliche ausgewählt, steht eben so dahin, wie 
ob sie sich auf dieselbe Person bezogen. Photius sagt uns in sei- 
ner Inhaltsangabe des Ctesias, er erzähle ganz abweichend von 
Herodot -^svörrjv avzov imXiyicav sv itokXoig xal hoyoitoiov 
ävuxu'Käv und giebt folgende Reihe, die wir neben die Her. 
stellen. 



190 Aeltere Geschichte. 

Herodot. Ctesias. 

Cambyses, der Vater des Cyrus, Cynis heirathet Amytis , die 

heirathet die Tochter des Tochter des Astyages. 

Astyag. 
Cyrus. Cambyses. 

Cambyses. Darius. 

Darius. Hystaspes sein Sohn. Xerxes. Hystaspes sein Sohn. 

Empörung Babylons. Zopy- Empörung Babyions ; sein 

rus erobert Babylon. Schwiegersohn Megabyzus er- 

obert es. 
Xerxes. Achaemenes, seinBru- Artaxerxes. Achacmenes, sein 

der. Aegypten unterworfen. Bruder, Aegypten unterwor- 
fen. 
Hier ist ein offenbarer Unterschied von einer Generation. Der 
Cyrus bei Ctesias ist wahrscheinlich der Ptfebucadnezar II. des 
Alex. Polyh., welcher die Amnitis, die Tochter des Astyages, hei- 
rathete. Erwähnt doch auch Xenophon, dass nach einigen Auto- 
ritäten Cyrus nicht die Tochter des Cyaxares, sondern dessen 
Schwester, also die Tochter des Astyages, geheirathet habe. Aber 
in derThat hat auch Ctesias sich noch um eine Generation geirrt. 
Die persischen Autoren lassen in ihren sagenhaften Berichten im 
Kas. Kobad, dem ersten der kaianischen Dynastie, das Bild des 
Cyrus erkennen: — Merkh. schildert ihn als einen durch Macht, 
Gerechtigkeit, Freigebigkeit und Weisheit ausgezeichneten Mon- 
archen, kurz als das Urbild des Xenophonteischen Cyrus, und 
lässt den Afrasiab ihm das Land zwischen llu'ui und Hindostan 
abtreten, was an die Vorgänge zwischen Cyrus und Astyages 
erinnert — und im zweiten, Ka'oos, die Umrisse des Cambyses 
durchblicken: — er versuchte in den Himmel zu steigen, baute 
Observatorien in Babylon, verlor seinen Verstand auf längere Zeit 
und gelangte später wieder zur Herrschaft. Die Jugendgeschichte 
des dritten Kbosru scheint Her. irrthümlich auf den ersten, auf 
Cyrus, übertragen zu haben. Dieser Irrthum erklärt aber zur 
Genüge die Differenz der beiden Generationen zwischen ihm und 
Alex. Polyh., indem er den Cyrus zum Enkel des Astyages (wie 
die Perser den Khosru zum Enkel des Afrasiab), dieser den 
Nebuc. II., den Cambyses zum Schwiegersohn des Astyages macht. 
Dieser Irrthum würde aber auch die Differenz zwischen der grie- 
chischen und asiatischen Chronologie Herodol's erklären ; nach 
jener waren Darius und Astyages beinahe Zeitgenossen, nach die- 
ser liegen drei Generationen zwischen ihnen. Und verdient er 
nicht in seinen griechischen Angaben mehr Glauben? 

Der Grundsatz, dass man von dem Sicheren zu dem minder 
Sicheren aufsteigen müsse, leuchtet ein. Der Vf. geht demnach 
vom ersten Jahre des Königs Darius Nothus aus, in welchem nach 
seiner Annahme die 70 Jahre der Verwüstung endeten. Der Tod 
des Artaxerxes ward in Ephesus im Winter 425 — 24 bekannt, 



Duke of Manchester: The times uf Daniel. 191 

hatte also Statt im Herbste 425. Mach der neunmonatlichen 
Zwischcnregicrmig desXerxes undSogdiauus bestieg Darius Mitte 
424 den Thron. Im 11. Jahre des Zedekia, im 19. des Nebu- 
caduezar hatte die Verwüstung 70 Jahre vorher mit der Zerstö- 
rung des Tempels begonnen. Mithin ist das erste Jahr Neb. oder 
des grossen Cyrus das J. 541. Und Orosius bezeugt, dass um 
die Zeit der Vertreibung der Könige aus Rom Cyrus Babylon ein- 
nahm ; wie auch Clemens Alex, in den Strom. ( s. Clinton 
124. Olymp, p. $79) angiebt, dass zwischen der Erbauung Roms, 
24 Jahre nach der ersten Olympiade , und Babylons Eroberung 
243 J. und dann bis zum Tode Alexanders 18Ö J. liegen. Wir 
erhalten das J. 5( 9 So war das erste Jahr des Neb. -Cyrus das 
10. des Darius Hystaspis — und nach Her. hatte sich gezeigt, 
dass das erste Jahr des Cyrus ungefähr das 9. des Darius sein 
müsse. Vor Nebucadnezar hat in Babylon ein Fürst geherrscht, 
in dessen 7. Jahre eine Sonnenfinstcrniss war, im J. 523; nach 
jener Bestimmung hätte er 18 Jahre regiert Ptol. nennt ihn 
Cambyses; es war Nabonnad oder Nabonnabus nach Jul. Afric. 
oder Labynetus II nach Herod. Ihm werden 17 Jahre beigelegt. 
Er muss schon frühzeitig mit dem spätem Cambyses verwechselt 
worden sein ; denn Ctesias giebt dem Carnb. 17 Jahre, Clemens 
und Manetho 18 Jahre. Vgl. Vossius zu Justin. I, 5. 

In dem Zustande gänzlicher Verwüstung, d.h. ehe die ersten 
Versuche zum Neubau gemacht wurden, lag nach Jos. c. Ap. 1.21 
der Tempel 50 Jahre vom 18. des Neb. bis zum 2. des Kyros. 
Dies rechtfertigt er aus den tyrischen Annalen; 54 J. 3 Monate, 
sagt er, seien vergangen von der Regierung des Ithobalus, in des- 
sen 7. Jahre die seine ganze übrige Lebenszeit ausfüllende, 13jäh- 
rige Belagerung von Tyrus begann, bis zum Regierungsantritt des 
Kyros. Danach verflossen von der Aufhebung der Belagerung bis 
auf Kyros 35 J. 3 M. War nun das 1. Jahr des Neb. 511, so war 
das elfte Jahr der Gefangenschaft Jechonja's, in welches Ez 26,1 
fällt, a Xt. 493, und das 27., in welchem Tyrus wenigstens nicht 
mehr belagert wurde (Ez. 29, 17), a. Xt. 477. Das Ende der 
Belagerung fiel danach zwischen 480 — 477, die Thronbesteigung 
i\es Kyros zwischen 445 — 442. — Als das Jahr der Zerstörung 
Jerusalems giebt das A. T. richtiger das 19. J. des Neb. an, 
a. Xt. 493. Der Tempel verbrannte im 5. Monat und ward neu 
gegründet im 2. Mon.; genauer bestimmt sind die 50 Jahre des 
Joseph, entweder 49 J. 9 Mon., oder 50 J. 9 Mon.; wahrschein 
lieh das Erstere. Also wäre Ende April 443 der Tempel aufs 
Neue gegründet worden und die Proclamation des Koresch 444 
ergangen. 

Wenn nun nach Beros. Neb. I. 29 J. und Neb. II. 43 Jahre 
regierten, so erhalten wir, auch wenn wir einige laufende Jahre 
als ganze gezählt annehmen, für beide Regierungen mindestens 
70 Jahre; nach jener Bestimmung aber, wenn das J. 444 das Jahr 

1\. Jahrb f. Phil. n. Päd. od. Krit. Bibl, Dd. LV. Hft. 2. 13 



192 Acltere Geschichte. 

der Usurpation Babels durch Koresch bezeichnet, nur 67 Jahre. 
Vielleicht verhielt sich die Sache so, dass, während Nebuc. Cam- 
byses am Ende seiner Regierung gegen Aegypten zog, Koresch 
seine Abwesenheit benutzte, sich der Herrschaft von Babylon zu 
bemächtigen, und Cambyses durch seinen Tod verhindert ward, 
gegen ihn zu ziehen. Dann hätte Camb. vielleicht noch bis zum 
J. 442 gelebt, und Koresch doch schon 444 geherrscht 

Nebucadnezar I. (Cyrus) machte sich als Befehlshaber der 
Armee, mit welcher er den Pharao Necho besiegt hatte, zum 
Herrscher von Babylon. Mit Darius Hystaspis, dem medischen 
Konige in Susa, vereint, zog er gegen die Scythen und gegen 
Ninive. Inzwischen regierte sein Sohn Neb. II. (Cambyses), wel- 
cher mit einer Tochter des Darius verheirathet war, in Babylon 
vom 11. bis zum 19. Jahre seines Vaters 7 1 /* Jahre. Dann ward er 
wahnsinnig; und merkwürdig, Herod. lässt seinen Camb. eben so 
lauge regieren und im Wahnsinn sterben. Während des Wahn 
sinus versah Bclsazar seine Stelle. War dieser B. der Siyäwesch, 
Sohn des Ka'oos, von dem die Perser erzählen, so ward er von 
Afrasiab, dem Feinde seines Vaters, erschlagen, doch sein Tod 
von seinem Vater gerächt. Diesen Afrasiab findet der Herzog in 
dem Buche Judith wieder; Nebucadnezar zieht gegen den Ar- 
phaxad von Medien und überwindet ihn nach dem Griechischen in 
seinem 17. Jahre a. 48."). Dies wäre das Todesjahr des Darius, so 
dass Arphaxad und Darius identisch sind. Die Const. Apost. 
setzen den Nebuchodonosor des Buches Judith ebenfalls in die 
Zeit des Dar. Hyst. Der Herzog erwähnt noch einen auffallenden 
Umstand. Nach Herod. befand sich Aegypten beim Tode des 
Darius in vollem Aufruhr; aber nach Wilkinson ist er der einzige 
Perser, dessen phonetischer Name von einem Vornamen wie die 
alten ägyptischen Pharaonen begleitet ist, wie denn auch Diod. 
von der grossen Ehre spricht, die ihm nach seinem Tode in 
Aegypten noch erwiesen worden sei. Eine offene Rebellion würde 
das ausschliessen. Umsonst wendet sich auch Nebucadnezar im 
Buche Judith an die Aegypter um Hülfe gegen Arphaxad; sie 
wollten nicht gegen ihn sich erheben. Nebuc. schwor ihnen 
Rache; er war es, der im 2. Jahre des Xerxes sich Aegypten 
unterwarf, den Apries entthronte und den Amasis zum Melek ein- 
setzte. Nach Beros. war Neb. II. in Aegypten, als er auf die 
Nachricht von dem Tode seines Vaters nach Babylon zurück- 
kehrte*). — Den Evil Merodach, welcher im 37. Jahre der Ge- 



*) Auch die Sonnenfinsterniss des Thaies sucht der Vf. zu bestim- 
men. Sie wird nach dem Zeugniss des Plin. Ol. 48. a. Xt. 585 angenommen, 
jedoch beruht diese Angabe auf bioser Berechnung der Ereignisse und 
ist ohne Gewicht. Die Finsterniss war nach Her. total; der Tag ge- 
wann ein nächtliches Ansehen. Dergleichen Finsternisse kommen überaus 



Duke of Manchester: The times of Daniel. 193 

fangenschaft Jechonja's regierte (2Rgg. 2"), 27.), hält der Vf. nur 
für einen Statthalter seines Vaters. — 

„So habe ich versucht — mit diesen Worten schliesst der 
Herzog diese Untersuchungen — mit mehr oder weniger Sicher- 
heit einen oder zwei Punkte zu bestimmen. Die Atmosphäre der 
alten Zeiten ist aber so beschairen, dass sie um die Daten einen 
Nebelriug wirft , der ihre bestimmten Umrisse zu erkennen ver- 
hindert. Der Ehrgeiz und die Verschwägerungen der medischen 
und der chaldäischen Monarchen verursachten bald so unnatür- 
liche Kriege, bald so auffallende Verbindungen unter ihnen, je 
nachdem verwandtschaftliche Rücksichten oder Eroberungsdurst 
vorwalteten, dass der Verlauf der Geschichte sich nicht mit 
Sicherheit feststellen oder nur mit dem Ansrhein von Wahr- 
scheinlichkeit vermuthen lässt. Ich hoffe, dass Jemand, der die- 
sem Gegenstande einen frischeren Geist zubringt, ihn aufneh- 
men wird." 

Wir glauben diesem Wunsche des Vf. dadurch entgegen ge- 
kommen zu sein, dass wir die Resultate seiner Forschungen im 
Zusammenhange, ohne etwas Wichtiges zu übergehen, dargelegt 
haben. Für abgeschlossen erachten wie sie keinesweges. Sollte 
sich die Identität des Nebucadnezar und Cyrus und die gänzliche 
Verschiedenheit des Koresch der Bibel bewahrheiten, — und wir 
zweifeln kaum: wie viel noch ganz ungelöste oder nur sehr un- 
befriedigend gelöste Fragen erheben sich nicht? Denn es handelt 
sich um nichts Geringeres als einen ganz neuen Aufbau der Ge- 
schichte jener Zeiten und Reiche. Vielleicht wird die weiter 
fortschreitende Entzifferung der Inschriften für die Forschung 
der sicherste Haltpunkt werden. Hätte der Herzog die auch in 
diesen Blättern (Bd. 50 Hft. 4) besprochene „Grabschrift 
des Darios zu Nakschi Rufam" schon gekannt, so würde 
er wahrscheinlich die grosse Unwahrscheinlichkeit, welche beson- 
ders seine letzten Vermuthungen bedrückt , mehr gefühlt haben. 
Ausserdem vermissen wir eine eingehende Untersuchung der Bü- 
cher Esra und Nehemia, welche ihn wohl in manchem Punkte zu 
andern Resultaten geführt haben würde. Wohl hat sich auch 
uns bei der eingehenden Beschäftigung mit dem Manchester'schen 
Werke manche Vermuthung aufgedrängt, welche uns verschiedne 
Ereignisse in ein helleres Licht zu stellen scheint: doch halten 



selten vor. Sie muss ferner in eine Jahreszeit gefallen sein, wo Kenige 
zn Felde ziehen, und auch an einer entsprechenden Tageszeit. Diesen 
Anforderungen genügt am besten die Finsterniss am 19. Juni 549, welche 
um 7 Uhr Morgens total und im Südosten Europas, im Osten Africas 
und in Asien sichtbar war. War Darius = Astyages, so fiel sie 28 Jahr 
vor seine Thronbesteigung, und Volney rechnete 30 Jahre vor dein Tode 
des Cyaxares heraus. 

13* 



194 Aeltere Geschichte. 

wir das Eigne für noch zu unreif, um es schon jetzt der Öffent- 
lichkeit zu übergeben. Es genügt uns, auf das Werk aufmerksam 
gemacht zu haben- Wir schliessen mit dem Wunsche, dass 
deutsche Forscher die Untersuchungen aufnehmen möchten 
Cottbus. Dr. G. A. Klioe. 



Ares. Ein Beitrag zur Entwickelungsgeschichte der griechichen Reli- 
gion. Von Heinrich Dietrich Müller. Braunschweig, Verlag von 
Friedrich Vieweg und Sohn. 1848. 8. VIII u. 134 S. (16 Gr.) 

Der Verf. ist bei Herausgabe dieser Schrift von dem richti- 
gen Gesichtspuncte ausgegangen, dass „Monographien über ein- 
zelne Götter, die besonders das ursprüngliche Wesen derselben 
zu ermitteln suehen, ein anerkanntes Bedürfniss" sei; denn ,,ohne 
Klarheit und Sicherheit in diesem Punkte ist eine Einsicht in den 
Entwickelungsgang der ältesten Periode der griechischen Religion 
geradezu eine Unmöglichkeit. Und doch ist an diese Einsicht 
die Entscheidung so vieler bedeutender Fragen geknüpft, Fragen, 
die nicht blos für die Kenntniss des griechischen Alterthums von 
Belang sind" (Vorrede S. V). „Die Wahl des Gegenstandes ist 
durch vorangegangene allgemeinere Untersuchungen hervorgeru- 
fen. Hätten den Verf. äussere Gründe zum Schriftstellern bewo- 
gen, so möchte sie wol auf eine im historischen Griechenland 
bedeutender hervortretende Gottheit gefallen sein. So aber 
wählte er einen der unbedeutendsten Götter, weil es ihm zweck- 
mässig erschienen, seine Ansichten und seine Kräfte zunächst auf 
einem möglichst eng begrenzten Felde zu prüfen." (Ebendas. 
S. VI f.) Nichts destoweniger glaubt der Verf. „annehmen zu 
dürfen, dass die gewonnenen Resultate und die Art, wie sie ge- 
wonnen sind, nicht ohne Bedeutung für das Ganze sein werden. 
Denn da es galt, alle Spuren des ursprünglichen Wesens dieses 
Gottes sorgfältig zu beachten und darzuthun , warum und in wie 
weit dieselben ihn als Unterweltsgott zeichnen, so musste dies zu 
einer genauem Erörterung und", er dürfe wohl hinzufügen, „zur 
Entdeckung vieler Charakterzüge und Kriterien chthonischen We- 
sens überhaupt führen, von denen gewiss manche als Stützen wei- 
terer Forschungen und Combinationen willkommen sein werden." 
(S. VII.) 

Der Verf. hat Recht, wenn er sich über derartige Monogra- 
phien (S. V. der Vorrede) dahin äussert, dass selbige „mit 
grossem Schwierigkeiten zu kämpfen hätten als in jedem andern 
Zweige der Altertumswissenschaft. Denn kommt es bei mono- 
graphischen Darstellungen der letztem Art hauptsächlich nur dar- 
auf an, das zerstreute Material mit möglichster Vollständigkeit zu 



Müller: Ares. Ein Beitrag zur Entwickelungsgescli. der gr. Religion, 19f) 

sammeln, zu sichten und zu ordnen und die alsdann sich ergeben- 
den Resultate in das bereits fertige Fachwerk der betreffenden 
Specialwissenschaft einzureihen; so ist bei mythologischen Mo- 
nographien die Sammlung des Materials eine mehr untergeord- 
nete Operation, mit deren Beendigung noch nicht einmal der Grund 
zu dem aufzuführenden Gebäude gelegt ist. Es gilt dann erst 
die weit schwierigere Aufgabe, über die Grundsätze zu entschei- 
den, nach welchen das Material bearbeitet und zurecht gelegt 
werden soll, damit mehr daraus entstehe als ein bloses Chaos von 
Notizen, womit gerade dieser Wissenschaft doch am Ende wenig 
genützt ist" (S. V f.). Und „woher diese Grundsätze entnehmen'? 
Sieht man sich darnach in den Werken der bedeutendsten Mytho- 
logen unserer Zeit um, so findet man dieselben in einem so 
ungeheuren Widerspruche unter einander, dass man fast nur 
zwischen zwei Wegen die Wahl hat: entweder einem der herr- 
schenden Systeme beinahe blindlings zu folgen oder — wenig- 
stens vorläufig — alle bei Seite zu lassen und , so gut es gehen 
will seine eigne Richtung einzuschlagen" (S. VI). 

Hr M. hat die letztere Partie ergriffen, was um so lobens- 
werther, je schwieriger sie ist. Er zeigt sich durchaus als selbst- 
ständiger Forscher und dazu noch als ein sehr besonnener und 
umsichtiger Forscher, der es sich zur Aufgabe gemacht (vgl. 
Vorrede S. VII), in jedem Falle, wo der Gang der Untersuchung 
ihn auf einen fraglichen Punkt geführt hat, erst denselben für 
sich zu betrachten und möglichst zu erweisen, ehe er weiter 
schrille Es schien ihm dies um so nothwendiger, ,,da wohl nir- 
gend so oft und so crass gegen diesen ersten Grundsatz einer je- 
den Wissenschaft Verstössen ist als in der Mythologie l * 

Einem solchen Manne folgt man gern in seine Untersuchun- 
gen, auch wenn man nicht überall seinen Ansichten und Folgerun- 
gen beistimmen kann : in welchem Falle Ref. offen gesteht sich 
zu befinden. 

Vorarbeiten, klagt der Verf., habe er bei der Arbeit gerade 
sehr selten gefunden, dagegen sehr häufig Gelegenheit zu polemi- 
siren. Er habe aber von der letztern nur selten Gebrauch ge- 
macht. Wo es ihm jedoch nothwendig erschienen, da hat er „sich 
auch nicht gescheuet, selbst den anerkanntesten Auctoritäten mit 
Entschiedenheit entgegenzutreten." Da er indessen dabei immer 
nur die Sache im Auge gehabt habe, so fürchte er nicht, dass 
dieser Umstand einer ruhigen Besprechung der aufgestellten An- 
sichten hinderlich sein sollte. Eben so wenig erwartet er, dass 
das Urtheil darüber, statt aus der Sache geschöpft zu werden, 
von irgend einem herrschenden Systeme dictirt werde (Vorrede 
S. VI11). Und dieser Erwartung wird Ref. nach Möglichkeit zu 
entsprechen suchen. 

Die Untersuchung des Hrn M. läuft in die Spitze aus, dass 
der Ares der Griechen ein Unterwelts-, ein chthonischer Gott 



196 Geschichte. 

sei. Sehen wir, durch welche Beweise er diese Behauptung 
stützt! 

Der erste derselben ist hergenommen von den an den Gott 
sich knüpfenden Mythen , und zwar 1) an die Argonautensage, 
-2) an den Mythos von Cadmus, 3) an den Mythus von Ares und 
den Aloiden, der zweite vom Namen, der dritte vom Cultus des 
Gottes, der vierte von der Aehulichkeit der Grundvorstellungen 
der Griechen von der Kirke, von der Echidna, dem Typhaon und 
Kronos, welche ebenfalls für ursprüngliche Unterweltsgötter vom 
Verf. erklärt werden 

Ref. fürchtet, dass schon bei dieser kurzen Uebersicht die 
Sache denen unserer Leser etwas befremdlich erscheinen dürfte, 
die sich zutrauen können, von dem Gegenstande eine genügende 
Kunde zu besitzen, weil in den betreffenden Notizen und Quellen 
bei den Alten gar kein Anlass dazu vorliegt. Ares wird nicht nur 
nirgends ausdrücklich %\t6vLO$ oder V7to%\t6vioq genannt, oder in 
die Unterwelt als seinen gewöhnlichen Aufenthalt, versetzt, son- 
dern es existirt auch nicht im Entferntesten eine Andeutung dazu. 
Beim Homer lebt der Gott nur auf der Oberwelt, und zwar auf 
dem Olymp: dort buhlt er mit der Aphrodite, dort wird er von 
Hephästos mit der Aphrodite umgarnt; dort verkehrt er mit Zeus 
(Hom. II. V, 866 ff.); Homer lässt ihn von Zeus genannt werden 
%i%i6xog fttoöv, ot "Okv pnov £%ovöcv (II. V, 890). Und 
doch soll er ein Uuterweltsgott sein*? Selbst unter den spätem 
und spätesten Dichtern und Mythographen ist keiner, der das zu 
behaupten auch nur versucht, der solches sich auch nur abstrahirt 
hätte aus etwanigen dunkeln Anzeichen. Aber freilich, Hr. M. 
weiss oder sucht vielmehr diese offenbaren Zeugnisse, diese 
schlagenden Beweise, veranlasst durch eine nicht ganz richtig 
aufgefasste Behauptung Preller's (inderRealencyclopädie), zu ent- 
kräftigen oder gänzlich zu beseitigen durch folgende nicht ganz 
klare und in mehreren Prämissen schief angelegte Beweisführung: 
der Arescult erscheint in den uns noch zu Gebote stehenden 
Nachrichten nicht als ein griechischer National-, sondern als ein 
Stammes- und Localcult (was sich schon nicht erweisen lässt); 
es gälte aber dem Verf. das Nationale, Ursprüngliche in der grie- 
chischen Religion als die unbekannte Grösse, die wir mit allen 
uns zu Gebote stehenden Mitteln zu suchen haben; diese Ur- 
zeiten, wo das Hellenenthum noch eine wirkliche Einheit der Na- 
tionalität und zugleich des religiösen Bewusstseins besessen, lägen 
in der dunkelsten Ferne und wären dem historischen Auge nicht 
mehr erkennbar (der Verf. dieser Anzeige hat in dem 4. Hefte 
seiner Schrift über die Religion der Römer den Ursprung der 
griechischen Religion zurückverfolgt selbst bis nach Asien, bis 
dahin, wo der indo- germanische Volksstamm noch nicht getrennt 
war); wir könnten nur durch Schlüsse zu dem Satze gelangen, 
dass es eine solche Periode in der Entwickelung des griechischen 



Müller: Ares. Ein Beitrag zur Entwickeliuigsgcsch. der gr. Religion. 197 

Volkes einmal gegeben haben müsse. Historisch (V) wäre es 
aber, dass sich jenes Urvolk der Hellenen in eine grosse Menge 
von Stämmen getrennt habe, die sich erst später in ihren ge- 
schichtlich bekannten Wohnplätzen wieder ('?) zusammen gefun- 
den und dort ihre nationale Verwandtschaft erkannt hätten, ohne 
•aber irn Geringsten das Bewusstsein der Stammesverschiedenheit 
aufzugeben. Diese Verschiedenheit und Trennung fänden wir 
vielmehr, je weiter wir zurückgingen, desto schärfer ausgeprägt, 
wie in der Sprache, so in den Sitten und dein Rechte. Daraus 
folge für die Beiigionsgeschichte und Mytbologie, dass wir uns 
vorläufig und vielleicht für immer begnügen müssten, aus dem Ge- 
wirr der religiösen Anschauungen und Mythen, wie sie das spä- 
tere Griechenland — auch das homerische Griechenland gälte in 
Bezug auf die Religion und Mythologie bereits als ein späteres — 
in ein dürftiges, unhaltbares System gebracht habe, das Eigcn- 
thum eines jeden Stammes wieder zu erkennen und dasselbe, ge- 
reinigt von den mancherlei Zuthaten und Modificationen der spä- 
tem Zeit, dem ursprünglichen Eigenthümer, so weit sich derselbe 
ermitteln lasse, zu restituiren. Die ältesten Quellen wären nun 
allerdings Homer und Hesiod; allein selbst deren Poesie datire 
aus einer Zeit, wo die Schroffheit der Stammesunterschiedc frü- 
herer Jahrhunderte bereits sich bedeutend gemildert habe und 
das Bewusstsein gemeinsamer Nationalität sich geltend mache. Sie 
selbst gälte zwar allerdings als dasEigenthum der gesammten Na- 
tion, habe eine nationale Bedeutung ; sie sei aber Vertreterin der 
später gewordenen, nicht der ursprünglichen Nationalität (was wir 
läugnen; die ursprüngliche Nationalität war im Allgemeinen auch 
in der Getrenntheit der Stämme nicht verloren gegangen und 
tritt in der epischen Poesie des Homer ganz besonders klar und 
recht vereint hervor). Sie hätte also die Aufgabe gehabt, das- 
jenige, was von den Stammesreligionen nicht schon durch den 
Verkehr selbst sich in ein friedliches Verhältniss zu einander ge- 
setzt hätte, möglichst mit einander zu vermitteln und in Einklang 
zu bringen , sich aber auf diese Weise von dem Ursprünglichen, 
welches gerade in den unvermittelten Stammesreligionen gele- 
gen (?), immer mehr entfernen müssen ('?). Namentlich schienen 
die directen Beziehungen auf die Natur, welche in den Local- 
und Stammculten meistens entschieden in den Vordergrund träten, 
der religiösen Anschauung jener Zeit schon nicht mehr zugesagt 
zu haben. Was demnach Homer und Hesiod böten, bedürfe der 
sorgfältigsten Kritik , die sich besonders das zur Aufgabe machen 
müsse, die wirkliche Ueberlieferung, welche sich bei diesen 
Dichtern fände, von ihrer Auffassung und Verarbeitung oder der 
ihrer Vorgänger zu sondern und ausserdem alle Veränderungen 
aufzuspüren, die durch das Bestreben zu vermitteln entstanden 
sein möchten. Zu dieser Kritik lieferten uns nun die Localculte 
ein vortreffliches Hülfsmittel ; denn diese hätten an der Heiligkeit 



198 Geschichte. 

des Cultus und au den Oertlichkeiten selbst für die Bewahrung 
des Ursprünglichen feste Anhaltlingspunkte, welche der Poesie, 
sobald sie sich über die locale Beschränkung erhöbe, abgingen. 
Daher fänden wir in der Regel in ihnen mehr sinnliche, oft rohe 
und eben dadurch ihr höheres Alter beurkundende Elemente, 
welche die Poesie aufzunehmen verschmähte (S. 7 ff.). 

Sicherlich werden nicht wenige unserer Leser mit uns das 
Stumpfe und das so zu sagen in „der Luft u Schwebende, keinen 
festen , sichern Boden Habende und Gewährende dieser Beweis- 
führung fühlen und erkennen. Wird schon hierdurch Das min- 
destens zweifelhaft, was der Verf. durch diese seine Schrift hat 
erreichen wollen: so tritt es uns geradezu als unwahr entgegen, 
wenn wir die eigentlichen Beweise näher ins Auge fassen, auf 
die es doch vornehmlich ankommt. 

Was also den ersten anbelangt, der hergenommen wird von 
der Argonautensage, so lautet er folgendermaassen: Der Name 
des Ares ist in die Argonautensage vielfach verflochten : das 
Wichtigste aber ist offenbar, dass das goldene Vliess, um welches 
sich die ganze Argonautensage dreht, nach den übereinstimmen- 
den Zeugnissen der Quellen in einem Haine des Ares aufbewahrt 
sein soll. Nun wird in der orphischen Argonautik erzählt, dass 
jener Hain von einer siebenfachen Mauer umgeben gewesen und 
von Hekate bewacht worden sei. Ilekate aber, die beständige 
Dienerin und Begleiterin der Persephone (vgl. Preller: Demeter 
und Persephone S. 52), welche die Verstorbenen in den Hades 
und aus demselben führt (ebend. S. 208), kann aber nur dann ('?) 
als Wächterin den Eintritt in jenen Hain, den kein Mensch je be- 
treten hat, der durch dreifache eherne Thore verschlossen, weh- 
ren, wenn jener Hain die Unterwelt selbst ist. Wenn nun also 
der Hain des Ares in Ära die Unterwelt ist, so kann Ares selbst, 
dem er geweiht ist und von dem er den Namen trägt, auch nur als 
unterweltliche oder chthonische Gottheit in dem Zusammenhange 
jenes Mythus gedacht sein. Liesse sich aber an der Richtigkeit der 
Bedeutung dieses Haines noch zweifeln — woran Ref. allerdings 
stark zu zweifeln wagt bei dem Contorten und Gewagten der Be- 
weisführung und bei den gewaltigen Sprüngen, die der denkende 
Verstand dabei machen muss — so glaubt der Verf. auch noch 
nachweisen zu können, dass das ganze Ära, jenes unbestimmte 
und erst später localisirte Fernland, Nichts ^veiter als die Unter- 
welt sei. Ära sei fc=H yala und s= %&cöv , folglich auch ^Lijtrjg 
-- %&6viog. Einer Widerlegung dieser Beweisführung glauben 
wir vor unsern Lesern enthoben zu sein. Eben so wenig können 
wir als gründliche Beweise für die Sache halten 1) den Drachen, 
welcher sich in dem Hain des Ares zu Ära befunden haben soll, 
weil Schlangen die Symbole der Unterwelt wären; denn das 
Schlangensymbol reicht weiter, und oft ist eine Schlange nur irgend 
wohin gedichtet, um das Grausige und Gefährliche des Ortes zu 



Müller: Ares. Ein Beitrag zur Entwickelungsgescli. der gr. Religion. 199 

malen; 2) die Verbindung des Ares mit der Erinys Tälphossa; 
denn auch hier ist die Combiuation viel zu frei und zu kühn; 
'/>) das von Poseidon und einer Erinys oder der Demeter Erinys 
erzeugte Boss Areion, weil der Name Areion deutlich genug ('?) 
zeige, dass nicht Poseidon, sondern Ares nach ursprünglicher 
Sage der Vater des llosses gewesen sein müsse ('?): Poseidon 
habe in dem Mythos den Ares verdrängt, theils weil man die Ent- 
stehung des Bosses überhaupt auf ihn zurückzuführen liebte, 
theils weil der Cult des Poseidon Hippios in Onchestos in Bootien 
vorzüglich geblühet; denn die hier in Verbindung gesetzten Vor- 
stellungen sind ebenfalls zu künstlich verwebt. 

Der zweite Beweis, hergenommen von der Fesselung des 
Ares durch die Aloiden, soll gewichtiger, der Angelpunkt der gan- 
zen Argumentation sein. Auch hier nimmt der Verf. einen viel 
zu grossen Umweg, bringt viel zu fern Liegendes herbei, bauet 
aus Allem ein viel zu künstliches Gebäude auf, als dass wir sei- 
nen Worten Vertrauen und Zuversicht schenken könnten. Jene 
Fesselung des Ares sei, meint er, eben so zu fassen und zu erklä- 
ren als die der Giganten und Titanen in der Unterwelt. Das 
wären aber chthonische Wesen; von den erstem läge es klar vor 
Augen, der Name Titan wäre abzuleiten von xizaiu die Erde 
(nach Völeker und Otfr. Müller); also ('?) Tuävss == ^do'ftot, 
wie sie von Hesiod (Theog Ö97) auch geradezu genannt werden. 
Der Sinn, welcher dein homerischen Mythus zu Grunde liege, 
besage also in der Hauptsache weiter nichts, als dass Ares ein 
Unterweltsgott sei. Die Unterwelt sei nämlich nach echtgrie- 
chischer Vorstellung ein so grauenvoller Aufenthalt, dass Nie- 
mand, sogar der Unterweltsgott selbst nicht, als freiwillig in 
derselben verweilend gedacht werden konnte; auch dieser befinde 
sich in derselben wie in einem Gefängnisse gebunden und zurück- 
gehalten durch eine friedliche Macht, und das homerische kbqk- 
fios wäre nichts weiter als eine symbolische Bezeichnung der 
Unterwelt. Der Ausgang des Mythos bei Homer, dass Ares 
durch Hermes listiger Weise wieder befreiet und in den Olymp 
gebracht worden , wäre nur ein späterer Zusatz. — Besser ist es 
wohl, entweder zu gestehen, dass wir den Sinn des besagten 
Mythos nicht mehr zu erfassen im Stande sind, oder dass der 
selbe sich auf das Einstellen des Krieges bezieht in irgend einer 
Gegend Griechenlands für die Zeit der Ernte und des Dreschens 
auf der Tenne. 

Im dritten Capitel wird nun von S. 56 an das Verhältnis«) 
der spätem Auffassung und Darstellung zu dem ursprünglichen 
Begriffe des Gottes besprochen. Natürlich muss sich jetzt 
jegliche Nachricht aus der historischen Zeit bequemen aus jenem 
aufgefundenen Urbejrriffe sich herleiten zu lassen, zunächst au 
Homer, obwohl Hr. M. selbst gar nicht leugnen kann, „dass bei 
diesem Dichter Ares als Kriegsgott so sehr erscheint, dass er fn 



200 Geschichte. 

vielen Fällen als reine Personification des Kriegs und der Schlacht 
dasteht; man könnte nicht selten die Worte Krieg oder Schlacht 
an die Stelle dieses nora. propr. setzen, ohne den Sinn zu ent- 
stellen." Indessen wird auch sofort zur Schwächung dieses offen- 
baren Gegenbeweises hinzugefugt: „Aber vorzugsweise ist es 
das Morden im Kampfe, das sich an seinen Namen knüpft; da- 
her Epitheta wie Ttokvdccxgvg , ävdgsicpovTrjs , avdooqpdvog, 
{timcpövog , ßooroAoiyög, und schon dieser ('?) Umstand weise 
auf den alten Unterweltsgott hin, nur dass an die Stelle des all- 
gemeinen Todesgottes hier der Begriff eines den Tod in der 
Schlacht bewirkenden Gottes getreten sei. 14 — Allein verhält es 
sich mit dem „vernichtenden" Gotte Apollo und der Artemis 
nicht eben so*? Und sie sind doch olympische Gottheiten 
und keine chthonische gewesen , und nur Artemis als Hekate 
— welche Zusammenstellung freilich Hr. M. ableugnet — ist in 
spätester Zeit zu einer Unterweltsgottheit geworden. Unser 
Verf. erkennt ferner S. 76 f. an: „Die im Homer bereits fest- 
gestellte Bedeutung des Ares als eines Kriegsgottes bleibt nun 
auch bei den spätem Dichtern im Allgemeinen dieselbe, um so 
mehr, da anzunehmen ist, dass Homer nicht einer willkür- 
lichen Auffassung folgt, sondern entweder, wenn man ihn 
als Schöpfer dieser Auffassung ansehen dürfte, einer in den Ver- 
hältnissen des polytheistischen Systems liegenden Notwendigkeit 
nachgab, oder 1 ', was unserm Verf. sicher ist, „nur einer bereits 
vor ihm fixirten Vorstellung sich anschloss." Aber dennoch will 
er „später noch einige Spuren der altern Auffassung finden", 
als z. B. in dem Epitheton fiekag (*?) bei Aeschylus, welches der 
Dichter (Eumen. 52) dem Ares gäbe. (Aber in dieser Stelle ist 
ja von den Gorgonen die Rede und nicht von Ares'?) Deutli- 
cher noch sei die Sache bei Sophocles (Oed. R. 190 ff;. Hier 
soll Ares' Name so gebraucht sein, dass eine Beziehung auf den 
alten Unterwelts - und Todesgott schwerlich geleugnet werden 
könne. Die Ansichten der berühmtesten Philologen der neuesten 
Zeit über diese Stelle sind anderer Art. Näke sagt z. B.: [in 
dieser Stelle] "j4qt]$ non proprie appellatur, sed est Aot^io'g, qui 
similis Marti eoque non minus perniciosus etc. Es geht aus die- 
ser Stelle gerade das Gegentheil von Dem hervor, was der Verf. 
beabsichtigt hat zu erweisen: nämlich dass die ursprüngliche 
Idee von Ares als Kriegsgott — eine Idee übrigens, die ge- 
rade recht angemessen ist einem Volke in der Kindheit seiner 
Cultur, welchen gewichtigen, recht schlagenden Punkt der Verf. 
ganz unberücksichtigt gelassen hat, aber freilich war er ihm am 
meisten und gleich von vorn herein im Wege! — sich mit der 
Zeit, und zwar bei einem eben lyrisch begeisterten und erhaben 
sprechenden Dichter, verallgemeinert, gleichsam höher potenzirt 
worden ist. Es kann also hier nicht von einem Zurückkehren zum 
Frühem die Rede sein, sondern vielmehr von einem Fortbilden 



Müller: Ares. Ein Beitrag zur Entwickelungsgesch. der gr. Religion. 201 

der Uridee. Und sagt ja doch selbst Hr. M. S. 40: „Der Begriff 
der Unterwelt ist ein geistiger", und S. "28: ,,dass die Anschauun- 
gen der ältesten Völker in religiöser Beziehung, je höheres Alter 
sie haben, desto mehr auf das Sinnliche basirt und damit ver- 
wachsen sind." Wie reimt sich das zusammen'? 

Haben sich müssen die Mythen und die Stellen der alten 
Griechen gefallen lassen, den Ares als Unterweltsgott darzustellen, 
so muss sich nun auch im vierten Capitel (S. 80 ff.) der Name 
und der Cultus des Gottes darein fügen. Der erstere wird mit 
apo'co, ägovQcc, aro, arvum, area zusammengestellt; daraus er- 
gebe sich die Wurzel ar, welche durch Antritt von Bildungs- 
elementen zu are (aber im Griechischen heisst es ja «poto!) und 
aro — daher das äolische'^pgug — sich erweitert habe. Hier- 
von wird nun erst auf einen agrarischen Gott dieses Namens und 
von diesem dann endlich auf einen chthonischen geschlossen. Der 
Ursprung des Cultus des Ares wird bei den Thrakern gesucht, 
aber nicht bei den pierischen, sondern bei den eigentlichen. Hier 
übersieht der Verf. , dass das nur spätere poetische Fiction ist, 
dass Ares bei den durch ihre Kriegslust im Alterthum berühmten 
barbarischen Thrakern wohnen solle; daher kann also der Cul- 
tus nicht stammen ; er wird unter den Griechen selbst entstanden 
sein, unter welchem Volksstamme aber, das auszumachen ist 
unmöglich. Wenn dagegen den picrischen Thrakern die Bildung 
des olympischen Götterkreises als eines abgeschlossenen Kreises 
zugeschrieben werden muss, so brauchen sie darum nicht auch 
die darin aufgenommenen einzelnen Gottheiten erfunden zu 
haben. 

Steht es mm mit dem Beweise, dass Ares ursprünglich kein 
olympischer Oberwelts-, sondern vielmehr ein Unterweltsgott 
gewesen, schon so misslich und haben wir durch die ganze 
Deduction für eine richtigere Auffassung dieses fingirten Wesens 
Nichts gewonnen: so steht es noch viel schlimmer um die Be- 
hauptung, dass auch die Geäa, Kirke, Kalypso, Echidna, Ty- 
phaon, Kronos dergleichen Wesen von Hause ausgewesen, und 
nur erst später durch Fortbildung und Umbildung der ursprüng- 
lichen Ideen zu Wesen anderer Art, solcher Art, wie sie in der 
historischen Zeit uns erscheinen, geworden seien. 

Es thut uns leid, dieses Urtheil — und wahrlich nicht von 
einem einseitigen Standpunkte , oder aus sonst einem andern 
Grunde als nur aus Rücksicht auf das Wahre — aussprechen zu 
müssen, und das um so mehr, als Hr. M. anderweitig sehr richtige 
Ansichten zeigt, und sehr richtige Urtheile fällt, durch welche 
der Unterzeichnete dankbar bekennt mehrfach angeregt und be- 
lehrt worden zu sein. Dahin rechnen wir, dass ihm das homeri- 
sche Griechenland in Bezug auf die Religion und Mythologie 
bereits als ein späteres gilt (S. 8. Not.) , dass die Anschauungen 
der ältesten Völker, welche uns besonders in Sprache und Religion 



202 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeige». 

überliefert sind, je höheres Alter sie haben, desto mehr auf das 
Sinnliche basirt und damit verwachsen sind, je weiter aber die 
Cultur fortschreitet, um so mehr sich von den sinnlichen Elemen- 
ten emancipiren und zu rein geistigen Vorstellungen gestalten 
(S. 28); dass der Weg, den der Mytholog zur Erschliessung des 
Verständnisses mythischer Ausdrucksweise einzuschlagen habe, 
kein anderer sei als der, welchen der Sprachforscher gehe 
(S. 34 f.); dass die griechische Mythologie sich darin besonders 
gefallen habe, bei den Mythen von Herakles auf alle Weise die 
Stärke, den Muth ihres Lieblingshelden und die Selbstüberwin- 
dung zu feiern, mit welcher er den Befehlen eines schlechtem, 
schwächern Menschen gehorchte (S. 48); dass einerseits die epi- 
sche Poesie gewaltig auf die Mythen eingewirkt, sie oft in hohem 
Grade verflüchtigt hat. dass aber andrerseits in den homerischen 
Gedichten eine Masse alter mythischer Ueberlieferung steckt, 
welche freilich erst mit allen Hebeln der Kritik aus ihren verbor- 
genen Schlupfwinkeln zu Tage gelordert werden muss (S. 61); 
dass die polytheistische Götterwelt, welche bereits in den ältesten 
Quellen ziemlich fest geordnet erscheint und später immer mehr 
zu einem förmlichen Systeme sich gestaltet, in keiner Weise auf 
Ursprünglichkeit Anspruch machen dürfe, und dass jede mytholo- 
gische Forschung, welche zu dem ursprünglichen Wesen einer 
Gottheit durchdringen will, sich vor allen Dingen von den Fesseln 
jedes Systems zu emancipiren habe; dass dagegen dem Forscher 
dennoch nicht dasselbe als ein willkürlich ersonnenes gelten lasse, 
eben so wenig als die Götter selbst einer bewussten oder unbe- 
wussten Erfindung ihr Dasein verdankten; es sei vielmehr ein 
historisch gewordenes (S. 130) u. s. w. 
Ein Register beschlies*t das Werk. 

Dr. He/ffer. 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

1. De Zenodoli slndiis Homericis. Scripsit Henricm Ducn- 
izer. Gottingae in libraria Dieterichiana. MDCCCXLVJIl. 8. VIII und 
218 S. (1 Thlr. 15 Sgr.) 

2. Jristophanis Byzanlii grammatici Alexandrini frag- 
menta. Collegit et disposuit Augustus Nauck. Accedit R. Schmidtii 
comm. de Callistrato Aristophaneo. Halis, sumptibus Lipperti et Schmidtii. 
1848. VIII und 338 S. 8. (2 Thlr.). — Mit Zenodot, dem Alexan- 
driner , beginnt eigentlich die wahre Geschichte der äusseren Kritik der 
Gedichte Homer's; denn er war der erste, der eine solche Kritik übte 
und von dessen Verfahren in der Sache wir noch geschichtliche Nachrichten 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen- 203 

haben. Indessen kann auch die innere Kritik , wie solche gegenwärtig 
gehandhabt wird, von einem Lachmann , Haupt, Bäumlein, nicht wenig 
(Gewinn ziehen aus einer genauen Untersuchung über die Verfahrungs- 
weise eines Zenodot , so weit wir sie kennen, insofern dieser Kritiker 
auch nicht unterlassen hat, durch seine Athetesen zu zeigen, dass er bei 
der Kritik der homerischen Werke nicht minder dem Inhalte die nöthige 
Aufmerksamkeit geschenkt. Um in der kritischen Behandlung der Ge- 
dichte des ionischen Sängers einen festen Grund zu haben , ist es von 
höchster Wichtigkeit, Zenodot's Verfahren nach Möglichkeit kennen zu 
lernen und aus demselben auf die Beschaffenheit des homerischen Textes 
zur Zeit der alexandrinischen Gelehrten zu schliessen. Wollen wir auf- 
richtig sein, so ist bis auf unser gegenwärtiges Zeitalter auf Zenodot bei 
unsern homerischen Studien viel zu wenig Rücksicht genommen worden, 
selbst von einem F. A Wolf, der sich indessen sowohl in seinen Prole- 
gomenen , wie in seiner praefatio novae editionis bisweilen höchst aner- 
kennend über den alexandrinischen Kritiker ausgesprochen, auch manche 
Lesarten desselben in den Text aufgenommen hat. 

Durchdrungen von solcher Ueberzeugung , unternahm der Unter- 
zeichnete es im Jahre 1839, das gelehrte Publicum auf den alexandrini- 
schen Kritiker von Neuem aufmerksam zu machen in dem Schulprogramme 
de Zenodoti studiis Homericis. Er war gesonnen darzuthun , dass nicht 
wenige der sogenannten Zenodoteischen Lesarten verdienten in den Text 
aufgenommen zu werden ; was zu gleicher Zeit der Director des Gymna- 
siums zu Oels, Dr. Lange, ebenfalls und unabhängig vom Unterzeichne- 
ten empfahl, auch eine solche Ausgabe der homerischen Gedichte ver- 
sprach. Der Unterzeichnete wollte sich und Anderen den Weg zur rich- 
tigen Auffassung und Würdigung der zenodoteischen Studien über Homer 
anbahnen durch Vorausschickung einer möglichst vollständigen Biographie 
des gelehrten Mannes, anderweitige Forschungen aufsparend, die Unter- 
suchung 1) über die Quellen , aus denen man die Kunde seiner Verfah- 
rungsweisen schöpfen kann, 2) über diese Verfahrungsweisen und ihre 
Gründe, so dass man seine Arten und Unarten in Uebersicht bekäme, seine 
Ansichten über lexikalische, grammatische, mythologische und ästhetische 
Gegenstände in Homer's Gedichten erkannte und zu würdigen in den 
Stand gesetzt würde. Anderweitige Studien zogen ihn von dem Ziele 
ab. Auch vernahm er mittlerweile, dass der Dr. Hudemann in Schles- 
wig, ein Schüler von Nitzsch in Kiel, eine derartige Preisaufgabe bear- 
beitet und vor hätte, die Abhandlung drucken zu lassen, was leider, 
selbst auf des Unterzeichneten wiederholte Bitten und Aufforderungen, 
nicht geschehen ist. 

Da kommt wie gerufen die anzuzeigende Schrift Nr. 1 und hilft dem 
gefühlten Mangelab, und Ref. freuet sich die Aufgabe gelöst zu sehen, 
wie er sie bei Mangel an Müsse und an litterarischen Hülfsmitteln schwer- 
lich würde gelöst haben. Auch findet er zu seiner Befriedigung in meh- 
reren Punkten seine biographische Abhandlung berichtigt, wofür er dem 
Verf. nur seinen aufrichtigen Dank zu zollen sich gemässigt sieht. 

Die Anordnung des Werkes ist folgende: Ohne auf die Lebensbe- 



204 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

Schreibung des Mannes einzugehen und die derzeitigen politischen, Cul- 
tur-, litterarischen u. a. mit dem Gegenstande zusammenhängenden Ver- 
hältnisse zu berühren, handelt der Verf. unter I. de Zenodoteae quaestio- 
nis fontibus, II. de Zenodoti scriptis et recensione Homerica , III. de 
formis grammaticis et dialecticis (deren sich Z. bedient hat im Gegen- 
satze zu den später durch Aristophanes und Aristarch geltend gemachten), 
IV. de constructione grammatica, V. de verbis synonymis, VI. de va- 
rietate formarum grammaticarum sensum immutante, VII. de varietate 
singulorum vocabulorum sensum inimutant, VIII. de versibus immuta- 
tis, IX. de versibus transpositis, X. de versibus adjectis et omissis, 
XI. de versibus obelo notatis, XII. de Zenodotea dierum Iliadis compu- 
tatione. Addenda und emendanda , ingleichen ein index locorum Home- 
ricorum und ein index rerum et vocabulorum schliesscn das Ganze , das 
der Verf. mit gewohnter Belesenheit und Gelehrsamkeit ausgestattet hat. 
So haben denn die künftigen Herausgeber und gegenwärtigen Erklärer 
des Homer einen festen Grund für ihre Studien und Arbeiten , und es 
dürfte wohl kein Hauptpunkt von unserem Verf. übergangen, sondern 
jeglicher in ein klares Licht gesetzt sein. Nur im Einzelnen kann man 
und wird man mit dem Verf. zuweilen rechten können : was dem allge- 
meinen Werthe der Schrift keinen Eintrag zu thun im Stande ist. 

Durch die gelehrte und ausführliche Abhandlung über die Quellen 
des zu gewinnenden und gewonnenen Stoffes bahnt sich der Verf. nach 
Lehrs' Vorgange den Weg zur eigentlichen Untersuchung auf gründliche 
Weise. Man folgt ihm mit Vergnügen und unter vielseitiger Belehrung, 
und man kommt zur Ueberzeugung, dass, so dürftig auch und nicht sel- 
ten unzuverlässig die noch vorhandenen Quellen sein mögen, sie doch 
hinreichen , um sich ein ziemlich vollständiges Bild von dem Verfahren 
und dem Verdienste des Zenodot bei der Kritik der homerischen Schrif- 
ten zu bilden. 

Der zweite Abschnitt belehrt uns zunächst über das Leben des Ze- 
nodot aus Suidas mit dessen Worten blos, also etwas sehr kurz, zu kurz, 
wobei Hr. D. in der ersten Note indessen nicht unterlässt, seine Zustim- 
mung der Annahme zu versagen, dass Z. der Erzieher der Prinzen des 
ersten Ptolemäers gewesen sei , aber ohne neue Gründe anzuführen als 
den alten: quum ille Ptolemaeus II. Philetae, Zenodoti magistri, fuerit di- 
scipulus, den doch schon Geier entkräftet hat. Hr. D. äussert zu kühn: 
Ptolemaei IL, qui Zenodotum bibliothecae praefecit , liberos educavit. 
Denn woher weiss er das so bestimmt, dass erst Philadelphus den Zeno- 
dot zum Bibliothekar gemacht? Ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass 
Ptolemäus Lagi schon Museum und Bibliothek zu Alexandrien angelegt 
hat? Nun und dann wird derselbe Ptolemäer auch einen Bibliothekar 
angestellt haben, und der erste ist Zenodot gewesen. Dann kann er 
immer solches geblieben sein unter Ptolemäus II. und unter diesen die 
griechischen Dichter bearbeitet haben, wie wir von ihm in den Einlei- 
tungen zu den Scholien des Aristophanes lesen. Auch Bernhardy in sei- 
nem Grundriss der griechischen Litteratur hat: ,,Philetas von Kos, in 
den Zeiten Alexander's und des ersten Ptolemäers, dessen Sohn Philadel- 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 205 

phus er unterrichtete" etc. (II. Bd. S. 397), welche Ansicht derselbe 
freilich in einem Briefe an den Unterzeichneten und in den Anmerkungen 
zum Suidas (T. I. p. 7*22) umgestaltet. 

Weiterhin zählt Hr. 1). die Zenodote auf, die uns überhaupt ge- 
nannt werden, und will, vielleicht nur richtig — auch Schneidewin hat 
neuerdings (im Philologus II. Jahrg. 4. H. S. 760 — 4.) die Frage un- 
entschieden gelassen , ob der Krateteer mit dem Alexandriner identisch 
sei — die drei getrennt wissen: den Z. aus Ephesus, den aus Mallus, 
einen Schüler des Krates, und den aus Alexandrien, der auch 6 iv üoiti 
(sc. 'y4Xs^avd(}Bia) zubenamt worden , nicht zusammengeworfen, die bei- 
den letzteren , wie auch der Unterzeichnete gethan und Meier (de Ando- 
eidis orat. commentat. VI. part. 3. p. XVI.) nach dem Vorgange von Kr. 
A. Wolf. Ein vierter Zenodot war der Geschichtschreiber der Umbrer, 
aus Trözen (Dionys. Halic. II. 49), um die Zahl der Männer dieses Na- 
mens, so viele in den alten Schriften vorkommen } voll zu machen. 

Indem darauf der Verf. zur Recension der homerischen Werke über- 
geht, vertheidigt er nochmals seine und Welcker's Ansicht, dass Zenodot 
den Cyclus homerischer und cyclischer Gedichte gesammelt und geordnet 
habe, in Folge der bekannten Stelle bei Ausonius: „Quique sacri laceruin 
collegit corpus Homeri." Ref. ist nicht von der Wahrheit dieser erneu- 
ten Behauptung überzeugt worden, hält jene Worte noch immer für eine 
dichterische Hyperbel und hat nun zum Gefährten seiner Ansicht nicht 
blos den geistvollen Köchly (Zeitschr. f. Alterthumsw. 1843. Nr. 15), son- 
dern neuerdings auch noch den besonnenen und trefflichen H. Keil erhal- 
ten , der im Rhein. Museum für Philologie (Neue Folge. VI. Bd. 2. H. 
S. 244) sagt — unser Verf. hat dessen vortreffliche Mittheilungen und 
Bemerkungen noch nicht benutzen und nur in den Addendis erwähnen 
können — und sicherlich mit vollem Rechte: ,,WeIckeri interpretatio ce- 
leberrima, qua ad cyclum epicura, a Zenodoto constitutum, latini gram- 
matici — und folglich auch des nun bekannten griechischen Scholiasten 
zum Aristophanes — testimonium docte et subtiliter revoeavit, vereor 
ne graecis verbis labefactetur potius quam adjuvetur." Denn das in 
unum collegisse et in ordinem redegisse im lateinischen Scholium Plauti- 
num ist offenbar Nichts weiter als eine falsche Auffassung und Erklärung 
des Verbi Sloq&ovv im griechischen Originale. Vgl. Keil a. a. O. S. 243. 

Mit der Auseinandersetzung der Hülfsmittel des Zenodot bei der 
Recension der homerischen Gedichte und des Verfahrens und der Ver- 
dienste desselben bei solchem seinem Geschäfte wird sich dagegen jeder 
Leser einverstanden und dadurch befriedigt erklären. Ref. hat Nichts 
darin vermisst, im Gegentheil sich der gelehrten und erschöpfenden Er- 
örterung im hohen Grade gefreut, so wie darüber, dass dem alexandri- 
nischen Gelehrten endlich einmal gerechte, seiner Verdienste würdige 
Anerkennung widerfährt. Womit Nauck's Urtheil in der Schrift Nr. 2 
p. 50 Not. übereintriift: ,,At vero tarn scholia nostra quam recentiores 
viri docti Zenodotum consentiunt unum omnium fuisse audacissimum. Re- 
spondes, eo crimine nil fingt posse injustius. — — Ergo Zenodotus di- 



206 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

gnus erit qui ex se ipso potius aestimetur quam e perversis veterum et 
recentium Aristarcheorum judiciis." 

Dem Verfasser weiter zu folgen in die ohnehin oft spinösen Einzel- 
heiten der übrigen Abschnitte, fehlt es dem Ref. gegenwärtig an Zeit und 
auch an Lust. Mögen andere Gelehrte , die sich vornehmlich mit der 
Leetüre und der Einzelkritik des Homer vorzugsweise befassen, des Hrn. 
D. Ansichten und Meinungen über die einzelnen Stellen, Wortformen und 
Wörter prüfen und sichten, was zu sichten ist. Er begnügt sich, indem 
er nach einer solchen, die Sache erschöpfenden Arbeit gern darauf 
verzichtet, das eigene, früher begonnene Werk weiter fort zum Schlüsse 
zu führen, nur auf Folgendes hinzuweisen, was er in seine desfallsigen 
Collectionen eingetragen und in vorliegender Schrift vermisst hat. Die 
Praefatio novae editionis von Wolf vom Jahre 1804 enthält manche noch 
immer beherzigenswerthe Winke über Zenodot, die Hr. D. nicht berück- 
sichtigt zu haben scheint; über die Zenodoteische Lesart: II. I. 404 vgl. 
Schümann: Theogon. Hesiod. compar. cum Homerica pag. 14. Not. 39; 
über die in 11. I.. 424 s'novzo statt snovtca, s. Bäumlein in der Zeitschr. f. 
die Alterthumsw. 1848. Nr. 41; über II. VI1L 448 Fritzsche zu Aristoph. 
Thermophor, pag. 531; über II. XV. 64 — 68. Nitzsch in d. Protokoll 
der Zusammenk. in Gotha S. 54. Darauf, dass Zenodotus bei seinen 
Athetesen insbesondere auf das Schickliche Rücksicht genommen habe, 
macht Ed. Müller aufmerksam in seinem Werke über die Theorie der 
Kunst bei den Alten. — Ueber das Verhältniss des lateinischen plauti- 
nischen Scholiums zu den Scholien des Aristophanes in Cramer's Anecdo- 
tis und zu den neu entdeckten des Codex der ambrosianischen Bibliothek 
s. Keil's Abhandlung: Joannis Tzetzae scholiorum in Aristophanem pro- 
legomena, partic. II. im Rhein. Museum a. a. O. 2. Heft, S. 243 ff., wel- 
che die Sache in ein sehr klares Licht setzt, der man schwerlich seine 
Ueberzeugung vorenthalten kann. 

Die Schrift Nr. 2 hat eigentlich eine andere, eine mehr allgemeine 
litterarische Tendenz; denn sie stellt die Bruchstücke der Schriften des 
Grammatikers Aristophanes zusammen, unter Zugabe der nöthigen Ein- 
leitungen und Erläuterungen, und enthält nur das Nöthige über die Re- 
cension der homerischen Werke durch den genannten alexandrinischen 
Gelehrten als Einschaltung, wie man aus folgender Uebersicht der Ca 
pitel erkennt: Cap. I. De Aristophanis vita et scriptis. Cap. IL de no- 
tis prosodiacis et criticis ab Aristophane adhibitis. Cap. IN. de studiis 
ad Homerum aliosque poetas ab Aristophane collatis; de recensione Ho- 
merica, de ceteris poetis, de canone Alexandrino. Cap. IV. Aristopha- 
nis Xs^sis- Cap. V. Aristophanis naooi^iica. Cap. VI. Aristophanis 
comm. in Callimachi TTivaKag et argum. fabb. Aristophani tributa. Cap. 
VII. Ceteri Aristophanis libri. (Reichhaltige IV.) Indices beschliessen 
das Werk , zu welchem der Verf. neuerdings im Rhein. Museum (Jahrg. 
1847) bereits mehrere Nachträge geliefert hat. Möge er den interessan- 
ten Mann und Gegenstand auch fernerhin nicht aus den Augen verlieren 
und besonders die Verdienste des gelehrten Kritikers um Homer's Werke 
recht hervorheben und ins Licht stellen. 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 207 

Wir vermissen nämlich in der Beziehung 1) (mit Düntzer in dem 
oben angezeigten Werke pag. 200) eine Aufzählung und allgemeine Kritik 
der Quellen , aus denen wir des Aristophanes homerische Studien erken- 
nen, im Einzelnen sind viele vortreffliche Winke hierzu gegeben; 2) eine 
scharfe Kritik seiner Leistungen , von welcher der Verf. mit Vorsatz zwar 
selbst abgestanden; denn in judicio de Aristophanea recensione feiendo 
haue sibi scripsit modestiae legem, ut neve laudaret conlidenlius probas 
lectiones neve falsas castigaret, epias incertum esset utrum proprio Marte 
Aristophanes exeogitasset an aliunde suseepisset (pag. 20). Was wir 
aber von unserem Standpunkte aus gerade wünschten. Indessen nehme 
man diese Worte unseres Verfassers nur nicht so genau: in den meisten 
Fällen hat er sich nicht enthalten, sein Urtheil auszusprechen, und man 
gewinnt aus diesem Grunde, lässt man sich nur nicht die Mühe verdries- 
sen, das Einzelne zusammenzufassen, sehr leicht ein allgemeines Bild von 
der Sache, dem ohnehin durch den Fleiss und durch viele treffliche Be- 
merkungen des Verfassers kein geringer Vorschub geleistet ist. 

Indem sich so diese Schrift würdig einerseits oder der Zeit nach 
rückwärts an die des Hrn. Düntzer, andererseits oder vorwärts an die 
des Hrn. Lehrs (de Aristarchi studiis Homericis) lehnt, haben wir an 
allen darin zusammengenommenen ein vortreffliches Kleeblatt, was die 
homerischen Studien unendlich fördern muss *). 

Dr. Heffter. 



De vi ac potestate , quam habuil pulchri Studium in omnem 
Graecorum et Romanorum vitara. Scripsit W . Junkmann. Coloniae ap. 
fratres Sticken. 1847. 8. — Man sollte auf den ersten Augenblick 
nicht glauben , dass dieses Werk sich auf die Religion der Griechen und 
Römer bezöge und zu zuigen suche, welchen Einfluss die Religion bei 
diesen Völkern auf die Sittlichkeit gehabt habe. Allein dem ist so. Hr. 
J. definirt nämlich das Schöne zugleich als das absolut moralisch Gute, 
das auch die Pflichten gegen die Gottheit umfasse, gemäss den Vorstel- 
lungen und Definitionen der Alten. Der erste Abschnitt handelt de vi et 
natura pulchritndinis (nämlich nach der Vorstellung und gemäss den Er- 
klärungen und Andeutungen der Alten, die bei -naXog auch das Sittliche 
mit in den Begriff aufnehmen); der zweite behandelt die Frage: quam 
vim in Graecos Studium pulchri habuerit? Der dritte: quam vim in Ro- 
manos Studium pulchri habuerit? Davon hat uns der letzte am besten 
gefallen: er ist reich, er ist vollständig an Beweisstellen aus den ver- 
schiedenen Zeiträumen und giebt das Gehörige ; dagegen ist der zweite, 
der gerade der reichhaltigere sein sollte, theils dürftig, theils mit an- 
deren Notizen ausgestattet, die eigentlich nicht zur Sache gehören. Der 
Verf. zieht da die Völkerschaften Asiens herein, um von ihnen das Hel- 



*) Eine ausführlichere Besprechung der verdienstvollen Arbeit des 
Hrn. Dr. Nauck wird eines der nächsten Hefte dieser Jahrbh. enthalten. 

Anm. der Redaction. 
iY. Jahrb. f. Phil. u. Päd. od. Krit. liibl. Bd.L\. Hft. 2. 14 



208 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

lcnische herzuleiten ; er sucht also nachzuweisen, woher die Griechen 
ihre religiösen Vorstellungen hatten? nämlich aus der Fremde, statt dass 
es räthlicher erscheint, denselben ihre ihnen gebührende Originalität 
zu lassen. 

Dr. Henricus Wickemannus: commentationis de ßösßgittg ygcupf) 
sive de impietatis actione tum aliis viris claris tum maxime philosophis ab 
Atheniensibus intenta. Particula I. Hersfeld , Gymnasial-Progr. 1846. 4. 

Prof. Schwalbe: lieber die Bedeutung des Paean als Gesang 
im Apollonischen Cultus. Magdeburg. Progr. des Pädagog. zum Kloster 
U. L. Fr. 1847. 4. 

Dr. Kahlert: Com. Taciti sententiae de natura , indole ac re- 
gimine Deorum. Part. II. Leobschütz. 1847. 

Carl Schwarz: Das Wesen der Religion. Halle, bei Schwetschke 
u.Sohn. 1847. VIII u. 240 S. — Vorrede S. III. „Die Religion ist 
eine w es entl ich , unzerstörbar, ewig berechtigte Kraft, die nur aus 
den Heizen der Menschheit gerissen werden kann, wenn das Herz selbst 
aus ihr gerissen wird." 

Die Schrift ist gerichtet gegen ,,die dogmatische Fassung der Re- 
ligion selbst, welche Nichts weniger als Religion, nur das caput mortuuin 
derselben ist." Gegen sie tritt die gleich scharfe Antithese hervor, 
welche durch diese Schrift hindurch geht, die gegen den Supranatu- 
ral ismu s in allen seinen theoretischen und praktischen Formen. Da- 
gegen ist die Bedeutung der Mystik im bessern Sinne, d. h. der innerli- 
chen Religiosität, der unmittelbaren Bezeugung des göttlichen Geistes im 
menschlichen, welche der versöhnende und tragende Mittelpunkt des gan- 
zen Lebens ist , stark hervorgehoben, in ihr das primitive Wesen der 
Religion erkannt. Und von ihr aus sind dann die nothwendigen Ueber 
gänge in die wissenschaftlichen wie die sittlichen Vermittelungen , in die 
Philosophie wie die concrete Sittlichkeit nachgewiesen, die beständigen 
Ein- und Rückwirkungen, die geistige Fluctuation zwischen dem inten- 
siv-religiösen Leben und der expandirten Wirklichkeit in der Mannigfal- 
tigkeit ihrer Formen dargestellt. Die unreinen Zwischengestalten aber 
des Wissens wie des Thuns, das ist die dogmatische Reflexion und die 
auf sie gebaute religiöse Praxis, werden hinweggespült von dem vollen 
durch sie hindurch treibenden Lebensstrom und dann erst, wenn sie sich 
befestigen und versteinern, stockt der organische Process und — die 
Religion stirbt ab oder bricht durch rein reformatorische Krise zu neuer 
Kraft hindurch. So ist sie dann das freieste, innerlichste, tiefste Leben 
der Menschheit und zugleich die von dem Mittelpunkte aus befreiende, 
gestaltende , alle Anlagen der Menschen-Natur entwickelnde Kraft Und 
die dogmatische Religion mit ihrer äusseren Auctorität, ihrer äusserlichen 
und vereinzelten Offenbarung, ihrer dem Menschengeist fremden Gottheit 
ist Nichts als ein Krankheitssymptom, eine Carricatur der innerlichen 
Religiosität. 

Gewiss — eine Revision des Religionsbegriffs ist gerade in jetziger 
Zeit nothwendiger als je, da sich nicht allein in der Theologie, auch in 
der Philosophie so viel Verkehrtes und Entstellendes an diesen Begriff 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 209 

angesetzt hat. (Und, fügen wir hinzu, wie ist es möglich, ein historisches 
Werk zu schreiben, wenn man nicht mit den Principien einig ist, die wie 
ein rother Faden sich durch das ganze historische Werk hindurch ziehen 
müssen und sollen.) 

Fuchs: De Nemesi. Progr. von Straubing. 1846 (auf 4 Seiten) 
unbedeutend (vergl. NJahrbb. 1847, L. Bd. 3. Hft. S. 363.) Nt^sais 
von vifxnv (distribuere) abgeleitet, soll distributio talis sein, quae ae- 
quitati non repugnet, aber immer die Nebenbedeutung der Indignation 
enthalten , qua quis (?) de injuria quadam , de rebus indecoris , inhone- 
stis etc. afficitur. Dieser inliegende Begriff gerechter Indignation wird 
aus drei homer. Stellen dargethan. Nemesis, persönlich gefasst, st im 
subjeet. Sinne justa indignaüo de injuria, quam ille ipse, qni indignatur, 
perpetravit , fastidium facinoris , quod iustam indignationem movere vel 
deorum vindietam excitare possit, pudor famae atque juris 11. 13, 123. 

Suchier: De Diana Braucotlia. Marburg. (Hersfeld, Zimmer- 
mann). 1847. 10 Sgr. — Das Topographische bespricht Ross und giebt 
Einzelnes der Autopsie in der Allg. Litt. Ztg. 1847. Novbr. Nr. 246 f. 

Walz imSchneidewin'schenPhilologus (I. Jahrg. S.547 — 51) hat ge- 
sprochen über den Gebrauch der Götter- u. Heroennamen als Eigennamen 
für Menschen. Auf der Philologenversammlung in Basel hat Vischer den- 
selben Gegenstand behandelt, nicht blos mit grösserer Ausführlichkeit, 
sondern auch bemüht, gewisse Klassen und Unterschiede aufzustellen. Für 
den Gebrauch der Heroennamen konnte nach Lehrs (de Aristarchi stud. Hom. 
p. 282) eine grosse Menge von Beispielen angeführt werden, aus denen 
sich ergiebt , dass kein Unterschied zwischen üblichen und nichtüblichen 
Namen zu machen und das Fehlen einzelner entweder ominis causa oder 
als reiner Zufall zu erklären ist. Von Götternamen finden sich beson- 
ders die der Meer- und Flussgötter, aber auch die der höheren Götter 
kommen besonders in späteren Zeiten häufig vor; nur die höchsten mögen 
mit heiliger Scheu gemieden worden sein. — Professor Klein gab 
weitere Beiträge aus Inschriften und Professor Paper machte auf 
denselbeu Gebrauch in christlicher Zeit aufmerksam, wo die Namen 
selbst der grossen Götter und Göttinnen sehr häufig werden, und das 
Ominöse- verschwindet. 

Zur griechischen Mythologie. Ein Bruchstück. Ueber die 
Behandlung der griechischen Mythologie. Von August Jacob. Berlin. 
Druck und Verlag von G. Reimer. 98 S. 8. 12 Gr. Ein unbedeutendes, 
gar nichts Neues zu Tage förderndes Schriftchen. Der Verf. zweifelt 
an manchen Behauptungen Creuzer's, Ottfr. Müller's, ohne sie gründlich 
und bündig zu widerlegen, und giebt zum Schlüsse ein Stück aus einer 
homerischen Mythologie Okeanos und Tethys , wahrscheinlich soll es ein 
Vorläufer sein einer solchen sogen. Mythologie des Homer. Aber wir 
haben ja schon eine von Burckhard. Der Stil breit und matt. 

Eine traurige Verirrung, die Namen der Götter und anderer Mytho- 
logische aus dem Keltenthume herzuleiten, ist: Keltische Studien 
oder Untersuchungen über das Wesen und die Entstehung der griechi- 

14* 



210 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

sehen Sprache, Mythologie und Philosophie, vermittelst der keltischen 
Dialekte , von Sparschuh. 1. Bd. Frankfurt a, M. 1848. 25 Sgr. 8. 
Der Gewinn dieser Schrift ist == 0. 

lieber den Entwickelungsgang des griech. und r'öm. und 

den gegenwärtigen Zustand des deutschen Lebens. Von v. Lassaulx. 
München, 1847. 4. Er kommt dort S. 13 auf das Verhältnis der Philo- 
sophie zur Religion zu sprechen und bringt manches Gute, aber sonst 
auch wohl schon Bekanntes dafür bei. 

Stich : lieber den relig. Charakter der griech. Dichtung und 

die Weltalter der Poesie. Bamberg. 1847. 

Lutterbeck (lieber die Notwendigkeit einer Wiedergeburt 

der Philologie zu deren Wissenschaft). Vollendung. Mainz bei Kupfer- 
berg. 1847. 8.) steht ganz auf Lassaulx's Standpunkt und erwartet von 
einer christlichen Auffassung und Deutung des Heidenthums das Heil. 
Vergl. dagegen das folgende Werk S. 24 f. „Die Philologie, in dieser 
Richtung fortschreitend , würde in der That das Bild des Alterthums bald 
bis zur Unkenntlichkeit verfälschen." 

Schümann: Das sittlich-religiöse Verhalten der Griechen in 

der Zeit ihrer Blüthe. Eine Rede. Greifswald. 1848. Koch's Ver- 
lagshandlung. Eine Rede gehalten den 9. Decbr. zum Winkelmannsfeste. 

Heffter. 

Die neuesten Handbücher der classischen Mythologie. 

Während die griechische und römische Mythologie in den 20er und 
30er Jahren unter den Händen rüstiger und des Alterthums kundiger For- 
scher sich immer mehr vertiefte und zur Wissenschaft gestaltete , gingen 
die in jener Zeit erschienenen Handbücher , welche bestimmt sind, das 
durch die wissenschaftliche Forschung Erworbene für weitere Kreise zu 
einem Ganzen zusammenzustellen und die Wissenschaft mit dem Leben 
zu verbinden, unberührt von dem regen Treiben in dem alten Geleise 
fort. Erst in den 40er Jahren begann man auf dem neubebauten Felde 
zur Ernte zu schreiten und die Garben zu binden; es erschien in dieser 
Zeit eine ziemliche Anzahl von Handbüchern der classischen Mythologie, 
welche bei der neuen Wissenschaft ihren Reichthum geholt hatten, oder 
doch geholt haben wollen, und zwar so schnell hinter einander, dass man 
erkannte, es müsse das Erscheinen solcher Bücher ein dringendes Be- 
dürfniss sein. 

Neben diesen Büchern tauchten übrigens zu derselben Zeit auch noch 
andere auf, welche sich um ein halbes Jahrhundert verspätet zu haben 
schienen, so bunt sind in ihnen die Vorstellungen der verschiedensten 
Zeiten, der Griechen und Römer unter einander gemengt, ohne alle hi- 
storische Kritik , ohne die geringste Berücksichtigung und Würdigung des 
religiösen und mythenbildenden Geistes der alten Völker. Zu diesen 
zählen wir unter andern : 



.Bibliographische Belichte u. kurze Anzeigen. 211 

Carlo: Mythologie der Griechen und Römer, zur Unterhaltung für 

die erwachsene Jugend. Breslau, 1846. 
Fürstcdler, L., die Göttenvelt der Allen oder vollständige Darstel- 
lung der Mythol. der Griechen und Römer , nebst einem An- 
hange, enthaltend eine kurze Schilderung der Sitten und Gebräuche 
dieser Völker und die Mythol. der alten Deutschen. Pesth, 1846. 
Ferner wurden in den letzten Jahren früher erschienene Handbücher 
der Mythologie, welche zu ihrer Zeit weit verbreitet waren, dem Pu- 
blicum in neuen Aurlagen übergeben, wie: 
Moritz, K. Ph., Götterlehre oder mythoL Dichtungen der Alten. 

Berlin. 8. Aufl. 1843. 9. Aufl. 1847. 
Petiscus, A. II. , Der Olymp, oder Mythologie der Aegypter, Grie- 
chen und Römer , zum Selbstunterricht für die erwachsene Jugend 
und für angehende Künstler. Berlin. 7. Aufl. 1848. 
Die letzte Auflage von J. Ch. L. Schaaf's Mythologie der Griechen 
U. Römer , als I. Thl. 3. Abthl. der Encyclopädie der class. Alterthums- 
kunde , ist, soviel dem Ref. bekannt, die 4., bearbeitet von J. Ch. G. 
Schincke, Magdeb., 1839. 

Dieses letzte Buch hat sich durch Aufnahme von Resultaten der 
neueren Forschung aufzufrischen gesucht, jedoch ist dies nur stückweise 
geschehen und so, dass im Allgemeinen die alte Anordnung geblieben ist; 
die Schriften von Moritz und Petiscus aber sind trotz dem neuen Kleide 
ganz und gar alte Bücher geblieben und haben für immer ihre Zeit gehabt. 
Was der geistreiche Moritz für seine Zeit geleistet, das wollte un- 
serer Zeit bieten : 

Mundt, Th-, Die Götterwelt der alten Völker , nach den Dichtungen 
der Orientalen, Griechen und Römer dargestellt, nebst 
49 Abbildungen nach Antiken. Berlin, 1846. 
Der Verf. will nur die Resultate der neueren wissenschaftlichen Forschung 
für das gebildete Publicum zusammenstellen , ohne auf etwas Weiteres 
Anspruch zu machen als auf das Verdienst populärer Darstellung. Allein 
er bekundet auf jeder Seite seine Unkenntniss in der Sache, er liefert 
eine oberflächliche, unwissenschaftliche Compilation , welche eine Menge 
von Fälschungen und halbwahren Behauptungen enthält und die Inhalts- 
losigkeit unter leeren Floskeln zu verbergen sucht. Siehe Rec. von 
Heffter in NJahrbb. Bd. 47. p. 436—440. 

Ein Werk ähnlicher Tendenz war einige Jahre vorher erschienen: 
Gepjiert , C. E., Die Götter und Heroen der alten Welt, nach class. 

Dichtern dargestellt. Leipzig , 1842. 
Der Verf. hält es für „nicht unverdienstlich, den Stoff der Mythologie 
aufs Neue zu sammeln und in einer Weise darzustellen, wie es zugleich 
dem heutigen Stande* der Wissenschaft angemessen wäre und dem Be- 
dürfniss des gebildeten Publicums (der Studirenden, Künstler und Ge- 
bildeter im weiteren Sinne) genügen könnte." Hauptsache ist es ihm, 
objeetiv , ohne Deutung und ohne Rücksicht auf den Volksglauben und das 
religiöse Bewusstsein der Alten den Mythus, anschliessend an die alten 
Quellen, zu erzählen und die Götter nach den Darstellungen der Kunst 



212 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

zu beschreiben. Das Buch hat ein ähnliches Schicksal erfahren wie 
das von Mundt, es ist ziemlich unberücksichtigt geblieben und später von 
einem Recensenten (He'Tter in NJahrbb. Bd. 26. p. 17) mit einigen Wor- 
ten abgemacht worden: ,,Es ist weder Quellenstudium, noch logische 
Anordnung , noch überhaupt Durchsichtigkeit und Klarheit zu erkennen ; 
daher ist das Buch als ephemere Erscheinung zu betrachten , die gar kei- 
nen Erfolg gehabt und nicht einmal die Aufmerksamkeit und eine Würdi- 
gung der Gelehrten erfahren hat." 

Wir wenden uns zu einer andern Reihe von seit dem Jahre 1842 er- 
schienenen Handbüchern, denen man auf den ersten Blick ansieht, dass ihre 
Verfasser mit dem Gegenstande vertraut sind und dass sie , die Mängel 
und Fehler der bisherigen Handbücher der Mythologie erkennend und mit 
Bewusstsein vermeidend, einen von der neuen Wissenschaft gezeigten 
Weg eingeschlagen haben. Es sind folgende; 

1. P. van Limburg-Brouwer, Handbuch der griech. Mythologie für 
latein. Schulen und Gymnasien, aus dem Holländischen übersetzt von 
J. Zacher. Breslau , 1842. (124 S. 8.). 

2. BurMardt, G. E., Handbuch der class. Mythol. nach genetischen 
Grundsätzen. 1. Abthl. Griechische Mythologie. 1. Band: 
Die Mythol. des Homer und Hesiod. Leipz. 1844. (419S. 8.). 

3. Schwende, Konr., Die Mythol. der asiatischen Völker , der Ae- 
gypter , Griechen, Römer, Germanen und Slaven. 1. Bd. 
Die Mythol. der Griechen, mit 12 lithogr. Tafeln. 2. Bd. Die 
Mythol. derRömer. 1843—45. (1. Bd. 604 S. 2. Bd. 491 S. 8. 
Bd. 3 enthält die Mythol. der Aegypter. 1846). 

4. Heffter, M. W., Die Religion der Griechen und Römer , nach 
historischen und philosophischen Grundsätzen , für Lehrer und Ler- 
nende jeglicher Art. Brandenb. 1845. (580 S. 8.) 

Diese Bücher haben bald nach ihrem Erscheinen ihre genügende 
Beurtheilung gefunden ; es kann also unsere Absicht nicht sein , dieselben 
nochmals einer ins Einzelne gehenden Besprechung zu unterwerfen. Wir 
wollen nur in dieser Zusammenstellung aus den bisherigen Beurtheilungen 
kurz die Resultate ziehen und daran einige Erörterungen allgemeinerer 
Art anknüpfen. 

Nr. 1. Der durch seine Geschichte der sittlichen und religiösen 
Cultur der Griechen bekannte Limburg-Brouwer dringt zuerst den bishe- 
rigen Handbüchern gegenüber auf Trennung des Römischen und Grie- 
chischen, auf Unterscheidung der Zeit, sorgfältige Benutzung der Quel- 
len , Fernhalten aller philosophischen Deutungen und Vermengungen spä- 
terer Schriftsteller , namentlich der Philosophen und Grammatiker, auf 
Erforschung des Religiösen , so dass das Dichterische vom Religiösen un- 
terschieden wird. Diese historisch litterarische Kritik und tiefere Er- 
fassung des religiösen und mythenbildenden Geistes ist es, wodurch sich 
die letztgenannten Schriften mehr oder weniger vor den früheren aus- 
zeichnen. Was an dem Büchlein L.-Brouwcr's auszusetzen ist, ist die 
grosse Dürftigkeit und Magerkeit; es fehlt ein Abriss der Geschichte der 
Religion , statt dessen giebt der Verf. nur hier und da sehr unbestimmte 



bibliographische Berichte und kurze Anzeigen. 213 

und verworrene Andeutungen. Bei Behandlung der einzelnen Gottheiten 
finden wir manche gelehrte Bemerkungen und Citate , aber die Katego- 
rien sind nicht erschöpfend und es fehlt eine eigentliche Entwickelung 
der einzelnen Götterideen nach Zeit und Ort, trotzdem dass der Verl', 
selbst in der Vorrede eine solche fordert. (Rec. von Heffter in NJbb. 
Bd. 46. p. 17 ff.) 

Nr. 2. Burkhardl giebt in diesem ersten Bande eine Myth. des Ho- 
mer und Hesiod für Mittelclassen von Gymnasien , eine geordnete und zu 
sammenhängende Darstellung der griechischen Götter- und Heroensage, 
wie diese Dichter selbst sie uns kennen lehren, mit beständigem Hinweis 
auf ihre Werke. Bei den Quellen übrigens vermisst man eine Charakte- 
risirung der einzelnen Werke; Dias, Odyssee und Hymnen, Theogonie, 
Aspis und Erga sind hier auf ganz gleiche Stufe nebeneinander gestellt. 
Der Verf. hat mit der grössten Genauigkeit und mit vielem Fleiss gear- 
beitet, die Uebersicht ist sehr verständig geordnet und ausgeführt, prak- 
tisch klar, vollständig und ganz objeetiv gehalten, ohne alle Erklärung 
und Deutung. Wenn man daher den bis jetzt erschienenen ersten Band 
mit Rücksicht auf seinen Zweck für sich betrachtet, so muss man, nach 
Ansicht des Ref. , im Allgemeinen ein günstiges Urtheil über dasselbe 
fällen; eine andere Frage dagegen ist es, ob der Verf. in der beabsich- 
tigten Fortsetzung seines Werkes, was er bezweckt, erreichen wird und 
kann. Er will nämlich , auf der Voss-Lobeck'schen Voraussetzung fus- 
send, dass die griech. Mythologie ein Product der Poesie und Litteratur 
überhaupt sei, in den folgenden Bänden die griech. Mythol. nach den 
übrigen Dichtern, wie sie in der Zeit auf einander folgen, zunächst den 
anderen Epikern, dann den Lyrikern und zuletzt den Tragikern, und 
hierauf nach der prosaischen Litteratur zusammenstellen, um so die all- 
mälige Entwicklung der griech. Mythol. und Religion zu zeigen. Für 
die Zeiten des Homer und Hesiod , an welche Dichter wir als die Grund- 
lage aller mythologischen Forschung anknüpfen müssen , kann jene Vor- 
aussetzung statthaben , und deshalb thut dieselbe dem ersten Bande des 
Burkhardt'schen Werkes keinen Abtrag; allein in den folgenden Bänden 
wird B., wenn er nach den von ihm ausgesprochenen Grundsätzen ver- 
fährt, seinen Zweck schwerlich erreichen; eine vollständige und genaue 
Kenntniss und Uebersicht der gesammten griech. Mythologie in ihrer 
Grundlage, Fortbildung und Vollendung zu geben. (Rec. von Stoll in 
Zeitschr. f. die Alterthumsw. 1845. Nr. 92.; von Heffter in NJbb. Bd. 46. 
p. 21 ; von Preller in Jen. Littztg. 1846. Nr. 223). 

Nr. 3. Das Buch von Schwende zeichnet sich aus durch seine mög- 
lichst objeetive Haltung und die Selbstständigkeit der Ansichten, durch 
ein reiches Material und grosse Vollständigkeit, was Vertrautheit mit den 
Quellen verräth, im Einzelnen durch eine Menge von feinen und geist- 
reichen Deutungen der Mythennamen und Epitheta; allein es fehlt an 
Uebersichten und Einleitungen , das reiche Material ist nicht unter allge- 
meine Gesichtspunkte geordnet. Daher ist das Werk ein dankenswer- 
tes Repertorium für mythologische Thatsachen , das dem der Litteratur 
Kundigen gute Dienste thut, der Unkundige dagegen wird sich schwer- 



214 Bibliographische Berichte u, kurze Anzeigen. 

lieh in der oft verworrenen, unzusammenhängenden Masse zurecht finden 
können. „Seine Auffassung ist zart und sinnig, und zwar geht er mit 
eindringender Sympathie für das schaffende Leben der Sprache und des 
Glaubens der alten Welt auf die obersten geistigen und natürlichen An- 
fänge der Mythenbildung zurück — aber freilich geht er in der Nicht- 
achtung der neuerdings geltend gemachten historischen Principien ein 
bischen gar zu weit." (Preller). Die geschichtliche Entwickelung des 
Jüngeren aus dem Aelteren tritt in der Behandlung der einzelnen Götter- 
ideen ganz zurück, auf die verschiedenen Epochen und Formen des Cul- 
tus, der allgemeineren religiösen Vorstellungen u.„ s. w. ist geringe Rück- 
sicht genommen. Die vielfachen Mängel, welche grossentheils in dem 
Uebereilten und Unvorbereiteten des Werkes liegen, hat Ref. in einer 
bald nach Erscheinen des ersten Bandes geschriebenen Recens. in Zeit- 
schrift f. die Alterthumsw. 1815. Nr. 91 u. 92 vornämlich hervorgehoben ; 
durch längeren Gebranch des Buches hat er wohl sein dort abgegebenes 
Urtheil bestätigt gefunden, aber zugleich ersehen, dass dasselbe einseitig 
war , indem auch die guten Seiten des Buches hätten erkannt und aner- 
kannt werden müssen. Man sehe ausser dieser Recens. noch Heffter in 
NJbb. Bd. 46. p. 21 ff. und Preller in Jen. Littztg. 1846. Nr. 224 u.225. 
Die röm. Mythol. ist auf ähnliche Weise behandelt wie die griechi- 
sche , indessen sind hier die Deutungen willkürlicher als in dem ersten 
Theile; auch hätten die neueren Untersuchungen über römische Religions- 
aiterthümer und Topographie besser benutzt werden können. Zu loben 
ist, dass der Verf. die Schweigsamkeit über die Quellen, welche im er- 
sten Theile unangenehm auffällt, hier aufgegeben hat. 

Nr. 4. Heffter hat sein Buch mit viel Fleiss und Ausdauer und mit 
besonderer Liebe zur Sache ausgearbeitet; seine Forschung , aufweiche 
O. Müller besonderen Einfluss geübt hat, ist überall verständig, gründ- 
lich und gewissenhaft. Er führt uns jedoch nicht durch eine Menge mi- 
krologischer Untersuchungen hindurch, sondern liefert meistens nur Re- 
sultate, welche compendiarisch zusammengestellt sind. Sein Standpunkt 
ist im Allgemeinen ein historisch-rationeller, während der von Schwenck 
ein durchaus idealistischer ist. Heffter zeigt ein lebendiges Interesse für 
Religion und auch die übrigen Bewegungen des Volkslebens, namentlich 
für Philosophie und Geschichte der Philosophie , obgleich er hier nicht 
immer so lebendig eingedrungen ist, wie zu wünschen wäre; auch ist 
seine Auffassung von religiösen Erscheinungen oft zu nüchtern und mate- 
rialistisch. Wodurch sich sein Buch besonders vor allen vorhergehenden 
auszeichnet, das ist die Rücksichtnahme auf die geschichtliche Ent- 
wickelung der Religion; dieser widmet er einen besonderen, ausgedehn- 
ten Abschnitt , welcher viel Treffliches enthält. Ueberall sucht er all- 
gemeine Standpunkte zu gewinnen, von denen aus er die einzelnen Er- 
scheinungen überblickt und ordnet. In dem speciellen Theile, bei den 
einzelnen Gottheiten, hebt er nur die Hauptmomente hervor, giebt die 
Entwickelung der Idee nach Zeit und Ort (doch geht er dabei gewöhn- 
lich von einer zu speciellen Basis aus), und bespricht alsdann die späte- 
ren Deutungen der Philosophen, so wie die Darstellungen durch die Kunst. 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen, 215 

Die Rucksicht auf die Kunst fehlt auch bei Schwende und L.-Brouwer 
nicht. In der zweiten Abtheilung des Buches ist die römische Keligion 
nach gleichen Principien behandelt. (Recens. von Schweizer in Mager's 
Päd. Rev. 1846. Januar p. 70 — 77 und Juni p. 423 — 428, von Stoil in 
Zeitschr. f. Alterthumsw. 1847. Nr. 41 und 42, von Preller in Jen. Lit- 
teraturztg. 18 *6. Nr. 225 und 226.) 

Limburg-Brouwer nennt sein Buch Handbuch der Mythologie , des- 
gleichen Burkhardt und Schwenck ; Heffter dagngen wählte den Titel: 
Religion der Griechen und Römer. Heffter will Religion und Mythologie 
streng von einander geschieden haben ; deshalb führt er den Mythus nur 
hier und da an zur Aufzeigung der religiösen Idee und verbannt in der 
griech. Religion die Theogonie und die heroische Mythologie gänzlich aus 
seinem Buche, letztere mit Ausnahme des Herakles, weil dieser auch als 
Gott verehrt ward. Wenn auch eine strenge Scheidung der Religion 
und Mythologie, wie Heffter will, anzunehmen wäre, so hätte er doch 
unseres Erachtens die Heroen nicht ganz ausscheiden dürfen, weil ihr 
Andenken bei dtn Griechen mit der Zeit entschieden einen religiösen 
Charakter annahm und der Cultus der Heroen über ganz Griechenland 
verbreitet war. Religion und Mythologie sind allerdings zwei Begriffe, 
die einander nicht decken; allein sie sind bei dem griech. Volke aufs 
Engste mit einander verbunden, die Mythologie ist wesentlich religiöser 
Natur und die Religion bewegt sich ganz und gar in dem Symbol, in 
Mythus und Cultus. Heffter giebt dem Mythus in Vergleich mit dem 
Cultus nicht die ihm gebührende Stellung zur Religion und zwar deswe- 
gen, weil er die natürliche Poesie der ersten Mythenbildung nicht genug- 
sam von der späteren Kunstpoesie unterscheidet. Am besten wird es 
sein, da weder die Mythologie ohne Religion, noch die Religion ohne 
Mythologie sein kann, den Titel: Religion und Mythologie der Griechen 
zu wählen, wenn man einmal nicht mehr mit der hergebrachten Bezeich- 
nung Mythologie zufrieden sein will. L.-Brouwer hat den gewöhnlichen 
Titel Mythologie beibehalten , obgleich man auch hier von Mythus wenig 
findet. Der Mythus wird gewöhnlich nur citirt , während dem Verf. die 
abstracte Darlegung der religiösen Idee die Hauptsache ist. Schwenck 
lässt dem Mythus sein volles Recht angedeihen. 

Heffter ist in sämmtlichen Anzeigen seiner Schrift vornämlich wegen 
seiner Etymologien angegriffen worden, in denen er oft unglücklich ist 
und aufweiche er, zum Schaden des Buches, gewöhnlich die ganze Ent- 
wickelung der Gottesidee basirt. Auch Schweizer tadelt ihn in dieser 
Beziehung, nicht aber wegen des ausgedehnten Gebrauches der Etymo- 
logie überhaupt, sondern wegen der Einseitigkeit und Willkür in der- 
selben; er will, dass man auch das Indische zuziehe, damit nach Gesetz 
und Regel verfahren werde. Aber auch dagegen müssen wir uns er- 
klären, denn wir befürchten, dass Gesetz und Regel hier noch gar wenig 
befestigt sein möchten, und dass durch diese Zuziehung die Verwirrung, 
welche durch das Etymologisiren in die Mythologie gebracht worden ist, 
nur noch vermehrt werde. Wir beziehen uns hier auf ein kürzlich er- 
schienenes Schriftchen von dugust Jacob: Zur griechischen Mythologie, 



216 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

ein Bruchstück. Ueber die Behandlung der griech. Mythologie. Berlin, 
1848, in welchem die Unsicherheit des von Schweizer vorgeschlagenen 
Weges'ausführlich nachgewiesen wird. Das Etymologisiren werden wir 
in der Mythologie nicht ganz entbehren können , allein es ist mit der 
grössten Vorsicht und Besonnenheit anzuwenden , und nie sollte man 
allein auf eine Etymologie hin die Erklärung einer Gottesidee oder eines 
Mythus versuchen. Schweizer verlangt fierner in seiner Recension , dass 
bei Behandlung der griech. Mythol. auch auf die Religionsweisen der 
übrigen heidnischen Völker, die nicht zu den sogenannten classischen ge- 
hören , besonders auf die der indogermanischen Stämme , Rücksicht ge- 
nommen werde. Denn weil diese Völkerstämme einst gleiche Sprache 
hatten, darum hätten sie auch mit dieser gleichartige Religionsvorstel- 
lungen in ihre neuen Wohnsitze mitnehmen müssen. Bedenkt man aber, 
welchen Verwirrungen und Vermischungen bei den vielen Wanderungen 
und Kämpfen von jener Völkertrennung an bis zur Besitznahme einer 
neuen festen Heimath die verschiedenen Stämme ausgesetzt waren , so 
fragt man wohl mit Recht , ob dabei ein noch zu keiner Festigkeit gelang- 
tes Volk sein ursprüngliches Religionsbewusstsein, ausser in den allge- 
meinsten und dunkelsten Zügen, die überhaupt in der menschlichen Natur 
begründet sind , festhalten konnte. Dass übrigens Heffter in seinein 
Glauben an Autochthonie bei den Griechen hier und da zu weit geht, 
wie z. B. in dem Artikel über Aphrodite, das soll hier nicht geleugnet 
werden. 

Eine der grössten Schwierigkeiten bei Abfassung einer griechischen 
Mythologie liegt in der Eintheilung der Gottheiten, weil die reich j 
griech. Götterwelt sich nicht nach den Kategorien der Logik zusammen- 
, gesetzt hat, und weil die meisten Gottheiten nicht die Repräsentanten 
von abstracten Begriffen, sondern lebendige Persönlichkeiten sind, wel- 
che die mannigfaltigsten Seiten in sich schliessen , so dass leicht eine 
Gottheit in den Wirkungskreis einer anderen übergreift. Darum weichen 
hierin auch die verschiedenen Handbücher am meisten von einander ab, 
und gewöhnlich ist an jeder Eintheilung nicht wenig auszusetzen. Wir 
wollen die vorliegenden Handbücher in dieser Beziehung einer Muste- 
rung unterwerfen. 

L -Brouwer theilt folgendermaassen ein : 1) Theile der Welt und die 
Naturerscheinungen in und ausser dem Menschen, z. B. Sonne, Mond, 
Erde, Tod, Schlaf (physische Mythologie). 2) Die Personifikationen der 
Triebe und Neigungen, Empfindungen, Tugenden und Untugenden, der 
Zustände, in welchen sich der Mensch befindet, z. B. Entrüstung, Liebe, 
Glück , Sieg (moralische Mythol.). 3) Die eigentlich sogenannten Göt • 
ter, die man sich als wirklich existirende Personen dachte, wie Zeus, 
Hera u. s. w. 4) Solche Gottheiten, die zuvor als Menschen auf der 
Erde gelebt haben, als Dionysos, Herakles. 

Wenn dieser Eintheilung auch die richtige Unterscheidung zwischen 
den Wesen einer pandämonistischen Weltanschauung (Naturgottheiten 
und Personificationen von seelischen , sittlichen oder sonst unkörperlichen 
Zuständen) einestheils und den individuellen Göttern der polytheistischen 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 217 

Weltanschauung andererseits zu Grunde liegt, so ist doch die Bezeich 
nung des Verf. selbst eine ungehörige; denn wenn unter 2 und 3 Perso- 
nificationen und wirklich existirende Personen gestellt werden, so sollte 
man glauben, die Wesen unter 1 entbehren aller Persönlichkeit. Aber 
ein Helios, Nereus, eine Iris und Eos, die Nymphen sind dem Griechen 
wirklich existirende Personen so gut wie Zeus und Hera. Ferner ste- 
hen blasse Personificationen der Dichter neben individuellen Göttern; 
sub 1 finden sich physische Potenzen und Naturgottheiten der verschie- 
densten Art bunt neben einander, sub 2 sehen wir Kratos , Phobos, 
Lyssa und Kairos an der Seite von Eros, den Erinyen , Hören, Musen', 
Chariten u. a. Wesen , welche ganz selbstständige und in sich geschlos- 
sene Personen sind. 

Eine ganz unlogische Eintheilung hat Burkhardt. Er unterscheidet: 
1) die 12 grossen Götter (Zeus, Hera, Poseidon, Ares, Athene, Hephai- 
ßtos , Aphrodite, Apollon, Artemis, Hestia , Demeter, Hermes). 2) An- 
dere mächtige Götter (Leto, Trremis, Hades, Persephone, Hekate , Dio- 
nysos, Helios u. s. w. die meisten Naturgottheiten. Warum Hades und 
Persephone nicht zu den grossen Göttern gezählt sind , sehen wir nicht 
ein). 3) Dienende Gottheiten (Iris, Hebe, Ganymedes, Päeon , Hören 
und Chariten). 4) Schicksalsgottheiten. 5) Allegorische Gottheiten. 
6) Geringere allegorische Gottheiten. 7) Ungeheuer. 

Schwende macht drei Hauptabteilungen der Götter, nämlich: 
I. Himmel, Feuer, Licht und Nacht, Sonne, Mond, Gestirne, Winde, 
Zeugung. II. Wasser, Erde, Gewächsesegen. III. Personificationen, 
Märchen und Heroensagen. — Vergleicht man bei dem ersten Ueber- 
blick die einzelnen Abteilungen, so fragt man wohl mit Recht, warum 
die Götter der Zeugung (z. B. Hermes, Aphrodite, Eleithyia, Auxesia 
und Damia, Hymen, Eros, Pan, Priapos, Aristaios) statt unter II. noch 
unter I. gestellt sind, da diese Gottheiten doch mit denen des Gewächse- 
segens zum Theil eng zusammenhängen und ihre Wirksamkeit grössten- 
theils auf der Erde Statt hat; denn Nr. I. und IL stehen sich ungefähr 
entgegen wie Himmel und Erde. Ferner sieht man nicht ein, warum 
Personificationen und Heroensagen unter eine Rubrik gebracht sind. 
Nr. I. und IL schliessen die Personificationen sub III. nicht aus ; wenn 
die Erinyen, Musen und Chariten unter III. gestellt werden konnten, so 
konnte dasselbe mit den unter I. befindlichen Pleiaden , Hören, Eirene 
u. s. w. geschehen. Der Grund aber, warum Schwenck die Erinyen, 
Themis, Nemesis, Moiren , Musen, Chariten unter III. geworfen hat, 
liegt wohl darin , dass er seiner Eintheilung die Naturseite der Gotthei- 
ten zu Grunde gelegt, die ethische Seite aber ganz ausser Acht gelassen 
hat. Daher konnte er die letztgenannten Wesen nicht unter I. und IL 
unterbringen und war genöthigt, Alles, was sich nicht auf irgend eine 
Weise in Nr. I. und IL fügte, in eine dritte Abtheilung zusammenzuthun. 
Der Hauptfehler des Schwenck'schen Buches, der auch auf die Einthei- 
lung influirt hat, beruht gerade darin, dass er die gesammte griechische 
Mythologie zu einseitig von der Naturseite aufgefasst und die weitere 
Entwickelung der Gottheiten zu sittlich-geistigen Mächten nicht gehörig 



218 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

gewürdigt hat. Daher kommen denn auch in den einzelnen Abteilungen 
die verschiedenartigsten Wesen neben einander, wodurch der Leser zu 
mancherlei falschen Auffassungen veranlasst werden kann. Gehen wir 
z. B. die einzelnen Gottheiten sub I. nach den verschiedenen dort auf- 
gestellten Kategorien durch, so ergiebt sich folgende Vertheilung: 

Himmel: Zeus, Hera. — Feuer: Athene und Gorgonen, He- 
phaistos und seine dienende Schaar, Prometheus, Hestia. — Licht u. 
Nacht, Sonne, Mond und Sterne: Dioskuren, Helena, Apollon, 
Asklepios, Artemis und die ihr gleichbedeutenden Wesen, Helios, Selene, 
Eos. — Winde. — Dann folgen Iris, Pleiaden , Hyaden, Hören. 
Unter welche Kategorie diese zu stellen seien, wissen wir nicht; hier 
hätten zugefügt werden müssen Jahreszeiten und Witterung. 
Weil eine der Hören Eirene ist, so folgt diese in einem besondern Ar- 
tikel auf die Hören, und an sie, die Göttin des Friedens, schliesst sich 
Ares, der Gott des Krieges. Warum Ares überhaupt unter I. gestellt 
ward , liegt wohl in der Hypothese Schwenck's , dass er ursprünglich ein 
Lichtgott gewesen sein möge. An Ares reihen sich die Gottheiten der 
Zeugung: Hermes u. s. w. Wem nach diesen Kategorien die einzel- 
nen Gottheiten vorgeführt werden, der muss von vornherein eine ganz 
schiefe Ansicht von denselben erhalten. 

Hcffter's Eintheilung ist diese: I. Gottheiten des lichten Oberreichs: 
A) Die Wesen des Himmels und des Aethers. B) Die Gottheiten mensch- 
licher Zustände und Verhältnisse: a) Der Kreis der erotischen und Ehe- 
Gottheiten, b) Haus und Staat, c) Gottheiten der Güter des Glücks 
und des Geschickes und der Strafe, d) Götter menschlicher Fertigkeiten 
und Beschäftigungen, e) Götter der Erfolge menschlicher Thätigkeiten. 
f) Götter körperlicher Zustände, g) Götter moralischer Eigenschaften. 
IL Die Götter der Unterwelt. III. Die Gottheiten des Wasserelementes: 
A) Nymphen. B) Flussgötter. C) Meergottheiten. 

Mit der Dreitheilung I. II. III. sind wir im Allgemeinen einverstan- 
den; allein an den Unterabtheilungen möchte Manches auszusetzen sein. 
Jede Gottheit ist hier nur von einer einzigen Seite aus aufgefasst, wäh- 
rend die meisten doch eine Fülle von Eigenschaften in sich schliessen 
und weit über den Kreis der angenommenen Kategorie hinausgehen. So 
ist Zeus unter die Gottheiten des Himmels und Aethers gestellt und gilt 
insofern blos als ein physischer Gott; er könnte auch unter die Gotthei- 
ten des Staates , des Geschickes oder der Erfolge menschlicher Thätig- 
keiten eingereiht werden. Apollon und Artemis sucht man wohl schwer- 
lich unter den Göttern körperlicher Zustände. Die Gottheiten mensch- 
licher Fertigkeiten und Beschäftigungen, wie Hermes, Pallas Athene, 
können auch Gottheiten der Erfolge menschlicher Thätigkeiten sein. 
Durch eine so weit gehende Zertheilung kommt der Leser leicht in Ge- 
fahr, den Gottheiten eine zu enge und dabei abstracte Bedeutung zuzu- 
schreiben. Unzweckmässig erscheint es ferner , dass Gottheiten, welche 
stets zusammengedacht werden, von einander getrennt sind; so steht 
Zeus unter I, A. Hera dagegen unter I, B, a. 

Sowohl die Eintheilung von Schwenck als die von Heffter scheint 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 219 

uns eine gewaltsame und der Sache nicht angemessene, jene, weil sie auf 
der Naturreligion, der ersten und niedrigsten Stufe der griech. Religion, 
basirt, diese, weil sie die meist vielseitigen Götterindividuen in zu eng 
begrenzte Classen zwängen will. Es ist die Aufgabe eines Handbuches 
der griech. Mythologie und Religion, diese auf der höchsten Stufe ihrer 
Ausbildung darzustellen, also die in ein gewisses System gebrachte, durch 
Homer und seine Zeit begründete Nationalmythologie in dem hellenischen 
Zeitalter. Die Vorstufen wie die Zeiten des Verfalles haben hier eine 
secundäre Stellung. Jene auf Homer beruhende Nationalmythologie nun 
zeigt uns, wie es mir scheint, selbst den Weg, wie wir das ganze Reich 
der Götter einzutheilen haben; wenn in der Mythologie selbst eine solche 
Eintheilung ausgesprochen ist, so muss diese wohl die der Sache ange- 
messenste sein. Nachdem Kronos und die Titanen besiegt sind, theilen 
die drei Kroniden die Welt unter sich: Zeus erhält die Herrschaft des 
Olympos , Poseidon die des Meeres, Hades das Reich der Unterwelt. 
Danach wäre die Eintheilung zu machen; I. Götter des Olympos (Reich 
des Zeus). II. Gottheiten der Gewässer (Reich des Poseidon). III. Gott- 
heiten der Unterwelt (Reich des Hades). Die Erde blieb den drei Herr- 
schern gemeinschaftlich, denn die Menschenwelt ist den Einwirkungen 
sämmtlicher Götter unterworfen; diejenigen Gottheiten aber, weiche zu 
dem Erdboden selbst und zu der Vegetation in besonderem Bezug stehen, 
wie Ge, Demeter, Dionysos u. A., müssen der dritten Classe zugetheilt 
werden, weil sie vorzugsweise mit den Göttern der Unterwelt zusammen- 
hängen. Statt des obigen III., Götter der Unterwelt, ergäbe sich also : 
Götter der Erde und der Unterwelt. Weitere Unterabtheilungen, wie sie 
Helfter versucht hat, halten wir aus den oben angegebenen Gründen für 
gewaltsam und unzweckmässig, mit Ausnahme der einzigen Unterschei- 
dung zwischen Hauptgottheiten und denen untergeordneten Ranges. In 
dem Reiche des Zeus z. B. wären zuerst die olympischen Hauptgötter 
abzuhandeln; daran reiheten sich alsdann diejenigen Wesen niederer und 
beschränkterer Art, welche mit jenen in einer gewissen Verbindung ste- 
hen und besondere Seiten des Olympiers in sich verselbstständigt enthal- 
ten, wie die Gottheiten der Witterung, des Schicksals, des Rechts u. s. w. 

Manche physische Potenzen der Theogonie sowie die Titanen, 
welche nicht in das Reich der Kroniden übergegangen sind , können in 
obige Eintheilung nicht aufgenommen werden ; sie fänden ihren Platz in 
einem vorausgehenden allgemeineren Theil , welcher von den mythischen 
Vorstellungen der Griechen über die Entwickclungen der früheren Zeit 
bis zu der Begründung der unter den Kroniden stehenden Weltordnung 
handelt, von der Entstehung der Götter und Göttergeschlechter, von 
dem Sieg der Olympier über die Titanen , von der mythischen Weltan- 
schauung der hellenischen Zeit. 

In der römischen Mythologie theilen Heffter und Schwenck auf ähn- 
liche Weise ein wie in der griechischen. Es möchte hier wohl vorzu- 
ziehen sein, mehr auf historische Weise zu verfahren, so dass zuerst die 
Gottheiten der altitalischen Religionsweisen , auf welchen die römische 
beruht, nach den einzelnen Stämmen, alsdann die Gottheiten der römi- 



220 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

sehen Staatsreligion nach dem Grade ihrer Würde, darauf die mit der 
Zeit in Rom eingedrungenen fremden Götter, italische, griechische, orien- 
talische und ägyptische, abgehandelt würden. 

Betrachten wir schliesslich die vier vorliegenden Handbücher in 
Bezug auf ihren Gebrauch für die Schule, welche sich mit dem Alter- 
thume beschäftigt, das Gymnasium. Schwende hat sein Buch für Gebil- 
dete und die studirende Jugend bestimmt, Heffter „für Jedermann, der 
für den Gegenstand Interesse hat und haben soll: für Männer der Wis- 
senschaft wie für gebildete Laien, für Lehrer wie für Lernende, für ei- 
genes Studium wie zur Grundlage bei Vorträgen auf Schulen, auf Uni- 
versitäten." Beide haben also bei Ausarbeitung ihrer Werke nicht spe- 
ciell die Schule im Auge gehabt. Dabei enthält das Buch von Schwenck, 
wie schon früher hervorgehoben wurde, eine zu grosse Masse von Stoff, 
so dass sie, auch wenn sie gehörig geordnet wäre, dennoch von dem 
Schüler nicht würde bewältigt werden können. Das Handbuch von 
Heffter ist zwar klar und nach festen Principien geordnet , so dass der 
Schüler, was diese Seite anlangt, keine Hindernisse hätte; aber es kann 
doch seinem Inhalte nach und in seinem Umfange nur von den Reiferen 
der obersten Gymnasialclassen , und von diesen allerdings mit grossem 
Nutzen, gebraucht, werden. Im Allgemeinen bietet es dem Schüler, dem 
nur die nothwendigsten Andeutungen und Nachweisungen über den tiefe- 
ren Gehalt der Mythologie und deren Entwickelung zu geben sind, zu 
viel; auf der anderen Seite dagegen enthält es auch wieder zu wenig, da 
dem Schüler fürs Erste der mythol. Stoff die Hauptsache sein muss, Heff- 
ter aber auf den Mythus geringe Rücksicht genommen und namentlich die 
Heroensage ganz ausgeschlossen hat. 

L.-Brouwer hat sein Handbuch speciell für lateinische Schulen und 
Gymnasien geschrieben ; es sollte die Grundlage bilden für den Unter- 
richt, und enthält daher nur dürftige, oft unzusammenhängende Notizen, 
die von dem Lehrer bei dem Unterrichte erst belebt und zu einem Gan- 
zen verbunden werden müssen. Nun aber kann auf unseren deutschen 
Gymnasien ein besonderer Cursus der Mythologie nicht ertheilt werden, 
man kann ihn nur anknüpfen an andere Unterrichtsgegenstände, vornehm- 
lich an die Leetüre der Classiker , und muss den grössten Theil dem Pri- 
vatstudium überlassen ; daher ist das Buch für den Schüler deutscher 
Gymnasien von geringem Nutzen, es ist ihm unmöglich, ohne beständige 
Leitung und Ausführung eines der Sache gewachsenen Lehrers die abge- 
rissenen Einzelheiten zu einem lebendigen Bilde zu vereinigen. Dazu 
sind die Citate grossentheils aus dem Schüler völlig unzugänglichen Bü- 
chern genommen; wir erwähnen unter anderen nur: Scholl. Apoll. Rh. — 
Scholl. Hesiod. — Eustath. ■ — Achill. Tat. — Philostr. Icon. — Phi- 
loch. fr. ed. Lenz et Sieb. — Arctin. ap. Müller de cycl. gr. ep. u. s. w. 
Dagegen finden wir Homer sehr selten angeführt. Der Uebersetzer 
scheint selbst das Unzulängliche des Buches eingesehen zu haben , denn 
er verweist überall, wo es ihm möglich ist, auf das mythol. Wörterbuch 
von Jacobi, damit der Schüler sich dort das Fehlende hole. Somit wäre 



bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 221 

aber dein Schüler neben einem mythol. Handbuche auch noch ein mythol. 
Wörterbuch nöthig. 

Burkhardt hat sein Buch zum Privatstudium für die Mittelclassen 
des Gymnasiums, für Anfänger in der Lcctüre des Homer, bestimmt und 
der Mythologie noch eine Schilderung des heroischen Zeitalters zugefügt, 
so dass das Buch zugleich auch als Einleitung in die Leetüre des Homer 
dienen könne. Die Darstellung ist so gehalten, dass sie dem Alter der 
bezeichneten Classen angemessen ist , nur sind manche Partien dadurch, 
dass zu viel Unwesentliches hineingezogen ist, zu weitläufig ausgefallen. 
Ausserdem müssen wir einem Bedenken , worauf Preller aufmerksam ge- 
macht hat, Raum geben, dass bei einer prosaischen Uebersicht der Art, 
wie sie der Verfasser giebt, wo alle poetische Momente sorgfältig her- 
ausgeschnitten werden, der Schüler über der Prosa den Blick für die 
Poesie des Epos verlieren möchte. Das Buch wäre also weniger als Ein- 
leitung in die Leetüre des Homer als vielmehr nach der Leetüre zur 
Recapitulation der stofflichen Data zu empfehlen. Aber Burkhardt lie- 
fert uns in diesem ersten Bande nicht die ganze griech. Mythologie, son- 
dern nur die des Homer und Hesiod : wenn er sein Werk nicht fortsetzt, 
so hat der Schüler nur ein Bruchstück der Mythologie , im entgegenge- 
setzten Falle erhält er noch mehrere Bände, durch welche er sich durch- 
arbeiten müsste. Das ist offenbar zu viel. 

Nach dein, was im Bisherigen gesagt, glaubt Ref. kein unnützes 
Werk unternommen zu haben , wenn er in der Schrift : 

Handbuch der Religion und Mythologie der Griechen. Nebst 
einem Anhange über die römische Religion. Für Gymnasien bearbei- 
tet von Heinrich Wilhelm Stoll, Lehrer am Gymnasium zu Wiesbaden. 
Mit 12 Abbildungen. Leipzig, Druck und Verlag von B. G. Teubner, 
1849. 8. 

die griech. Mythol. mit besond. und ausschliessl. Rücksicht auf die vier 
4 Obercl. eines aus 8 Cl. bestehenden Gymnas. behandelte. Der Verf. hat 
sich als Hauptaufgabe vorgesetzt, die Nationalmythologie der Griechen, 
wie sie von Homer und Hesiod ausgegangen, darzustellen, und zwar in 
möglichster Kürze. Darum werden gewöhnlich von den einzelnen Gott- 
heiten , welche nach der oben von mir vorgeschlagenen Eintheilung ge- 
ordnet sind , die Grundzüge mit besonderer , jedoch nicht einseitiger Be- 
rücksichtigung des Homer gegeben. Damit aber der Schüler in einem 
gewissen Grade eine Vorstellung von der Entwickelung der griech. Reli- 
gionsbegriffe erhalte, ist ferner bei einzelnen Gottheiten auch auf frühere 
und spätere Stufen der Entwickelung und auf diesen oder jenen Localcult, 
aber in beschränktem Maasse, hingewiesen. Um zu dieser Einsicht in 
die früheren und späteren Auffassungsweisen vorzubereiten , ist dem 
Haupttheile , der die einzelnen Gottheiten abhandelt, ausser einer kurzen 
Darstellung der Theogonie und der mythischen Vorstellung von der Welt 
im hellenischen Zeitalter, ein einleitendes geschichtliches Capitel vor- 
ausgeschickt, welches mit der Stufenfolge der religiösen Entwickelung 
bei den Griechen bekannt machen soll. Wie sich der Verf. in dem gan- 



222 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeige». 

zen Buche , oft mit Widerstreben , die möglichste Kürze und Beschrän- 
kung zum Gesetz gemacht hat, so hat er in diesem Capitel sich auf das 
Nothwendigste und die allgemeinsten Umrisse beschränkt, doch so, dass 
ein strebsamer Schüler durch dieses und das in dem speciellen Theile 
Gegebene zu tieferem Eindringen hingeführt werden kann. In den Ci- 
taten sowie in Anführung der einzelnen Benennungen der Gottheiten ist 
vor Allem Homer berücksichtigt, ausserdem Hesiod und die Tragiker. 
Weil ferner durch die bildende Kunst die Vorstellung des Gottes erst 
ihre volle und ins Auge fallende Abrundung erhalten hat, so hielt es der 
Verf. für nöthig, bei den meisten Gottheiten auch die Darstellungen der 
bildenden Kunst zu charakterisiren und aus K. O. Müller's Denkmälern der 
alten Kunst auf 12 Tafeln eine Auswahl der hervorragendsten Gottheiten 
beizufügen (Zeus, Hera, Athene, Apollon, Artemis, Aphrodite, Hermes, 
Poseidon, Demeter, Dionysos in Statuen und Köpfen , für deren Ausfüh- 
rung der Verleger , Hr. Teubner , aufs Besste gesorgt hat). Von den 
Heroensagen sind nur die hauptsächlichsten und zwar die , welche vor- 
nämlich von den Dichtern behandelt worden sind, ausgewählt; dabei ist 
besonders auf ihre allmälige Ausbildung und Erweiterung Rücksicht 
genommen. — Eine besondere Mythologie der Römer hält der Verf. für 
die Schüler des Gymnasiums nicht für nöthig, da die Zeit der Schrift- 
steller, welche auf Gymnasien gelesen werden, fast ganz die griechi- 
schen Vorstellungen aufgenommen hat. Daher ist den griechischen Gott- 
heiten der römische Name beigesetzt und, wo es nöthig war, die Ab- 
weichung in der Vorstellung der Römer am Schlüsse jedes Artikels in 
wenig Worten angedeutet. Ausserdem liefert ein Anhang eine kurze 
Uebersicht über die römische Religion und bespricht einige Gottheiten, 
welche den Römern eigenthümlich sind. 

Zum Schlüsse führen wir noch zwei hieher gehörige Werke an : 

Eckermann, K.: Lehrbuch der Religions%eschichte und Mytholo- 
gie der vorzüglichste?! Völker des Alterthums , nach der Anord- 
nung K. O. Müller's, für Lehrer, Studirende und die obersten Classen 
der Gymnasien. Halle, 1845—1848. 4 Bde. (Band 1 und 2 1845. 
Die Orientalen, Griechen und Römer. Bd. 3. 1846, Die 
Kelten. Bd. 4. 1. Abth. 1848. Di e Slaven (und Finnen). 

Nork, Populäre Mythologie oder Götterlehre aller Völker, in 
10 Theilen , mit einer Menge von Abbildungen , herausgegeben von 
der Gesellschaft zur Verbreitung guter und wohlfeiler Bücher. Stutt- 
gart, 1845. 

Von dem ersten Buche gehören Bd. 1 und 2 hierher. Sie haben 
ein trauriges , aber wohlverdientes Loos gehabt. In der Zeitschr. für 
die Alterthumsw. 1845. Nr. 12 und 1846 Nr. 34 und 35 erklärte und be- 
wies Schiller , dass in dem ganzen Buche , mit Ausnahme weniger Seiten, 
die Vorlesungen O. Müller's über Mythologie und Religionsgeschichte der 
Alten abgeschrieben sind, und dass zudem das Heft Müller's nicht rein 
und unverfälscht geliefert worden , sondern durch Zuthaten und Missver- 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 223 

htändnisse verunstaltet und verderbt ist. Dieses Urtheil wird bestätigt 
durch J. Caesar in der Beilage zur Zeitschr. für die Alterthumsw. Nov. 
1845. cf. Heffter in NJahrb. Bd. 46. p. 23 ff. und besonders Preller in 
Jen. Littztg. 1846. Nr. 223 und 224, welcher diese verderbten Vorlesun- 
gen Müller's ganz passend mit einem guten Stücke Tuch vergleicht, das 
in die Hände eines ungeschickten Schneiders gerathen ist. 

Von dem Buche Nork's wollen wir vorerst den ersten Satz der Vor- 
rede hersetzen: „Die unzähligen Handbücher der Mythologie , welche seit 
der Erfindung Guttenbcrg's bis in das tausendste Glied sich vermehrten, 
haben sich sämmtlich damit beschäftigt, uns eine genaue Kenntniss von 
der Beschaffenheit und dem Alter der Schale beizubringen , in welche die 
Frucht eingehülst worden; — aber zu ahnen, dass unter dieser Hülse 
auch ein Kern verborgen , war die Sache weniger Archäologen , der Ver- 
such , sie zu sprengen, um plötzlich zum Resultate so vieler gelehrten 
Vermuthungen zu gelangen, wurde aus falscher Hypothesenscheu ganz 
aufgegeben." Nork will von dieser Hypothesenscheu Nichts wissen , er 
springt in wilder Phantasie aus einer Hypothese in die andere und wirft, 
„um den spiritualistischen Faden aufzufinden", Alles bunt und abenteuer- 
lich durch einander. Er will „die gebahnte Heerstrasse verlassen, um 
auf bisher unbetretenem Wege zu suchen, was sich dort bis jetzt dem 
Blicke zu entziehen strebte — des Bildes entschleiert: eine neue Theo- 
rie zur Behandlung der Götterlehre aufzustellen und nach der Weise der 
Chemiker zu verfahren, welche die Stoffe, deren Wesen sie kennen ler- 
nen wollen, in ihre ursprünglichen Bestandtheile auflösen und dann wie- 
der zusammensetzen ; also erst das dogmatische Element zu berücksich- 
tigen , aus welchem allein das religiöse Leben der Alten verstanden wer- 
den kann, und dann zu den Sagenstoffen überzugehen, erst das symbo- 
lische Object in der Natur selbst aufzusuchen und dann auch den Per- 
sonificationen nachzuforschen." Es hat uns bisher gut geschienen, den 
Worten des Hrn. Nork so viel als möglich nachzugehen , wir wollen auch 
im Folgenden, um zu zeigen, welche Resultate durch jene neue Methode 
erzielt werden , irgend ein Beispiel aus dem Buche mit Nork's eigenen 
Worten herausnehmen, das erste beste, welches uns aufstösst. Bd. II. 
p. 45 will der Verf. die Identität zweier sich gegenseitig bekämpfenden 
Götter oder Heroen als Personificationen der beiden Jahreshälften dar- 
thun : ,,In der Odyssee (3, 136) erscheinen auch die sonst so einigen Brü- 
der Agamemnon und Menelaus im grössten Hader mit einander ver- 
wickelt. Warum? weil Agamemnon, der wie ein Stier vor der Heerde 
dahergeht (II. 2, 480) und wie ein Stier an der Grippe geschlachtet 
ward (Od. 4, 535), der im Zodiak vorfindliche Aequinoctialstier des Früh- 
lings, der stierfüssige "Dionysos ist, den die Böoter als Repräsentan- 
ten der erfrischenden Feuchte — daher des Bacchus Prädicat Hyes — 
aus dem Meere hervorriefen , und welcher sich vor seinem Verfolger 
(dem Dürre verbreitenden Hundsstern, nämlich dem Wolf) Lykurgus 
ins Meer flüchtete; hingegen Menelaus in seinem Sohne Megapenthes 
jener schon durch seinen Namen die Trauer um die von der Gluth- 
sonne des Sommers vernichtete Vegetation ankündigende Pentheus, 
N. Jahrb. f. Phil, u. Päd. od. Kr it. Bibl. II d. LV. Hft. 2. 15 



224 Schul- und Universitätsnachrichten, 

»elcher den Cult des Dionysos unterdrücken wollte." Wen die ange- 
führte Stelle lockt, einen tieferen Trunk aus dieser Quelle zu thun, der 
gehe an das Buch selbst, dessen 10 Bändchen überall Aehnliches bieten. 
Uns übrigens scheint es, der Verf. wäre besser auf der bisherigen, ge- 
bahnten Heerstrasse geblieben. 

Wiesbaden. H. W. Stoll. 



Schul- und Universitätsnachrichten, Beförderungen 
und Ehrenbezeigungen. 



Brandenburg a. H. Im vorjährigen Osterprogramm ist enthalten 
ausser dem angefügten Jahresberichte die Abhandlung: des Quintus Smyr- 
näus dritter Gesang, metrisch übersetzt, nebst einer Einleitung über 
das Leben des Dichters und einer Inhaltsangabe der übrigen Gesänge, 
vom Collaborator II. E. Dökler. Der Verf. giebt I. das Nöthige über 
die Person des Dichters nach der dürftigen Quelle, die sich im Werke 
selbst findet (XII. 308 — 313), worin freilich Nichts weiter gesagt ist, 
als dass Quintus in seiner frühen Jugend auf Smyrnäischem Boden in der 
Nähe eines Tempels der Artemis die Heerden geweidet und sich gern mit 
Poesie beschäftigt habe. Er beseitigt die figürliche Erklärung der Stelle u. 
lehrt in derselben Nichts weiter finden, als dass Quintus aus Smyrna müsse 
gewesen sein, wofür noch besonders seine specielle Kenntniss der ganzen 
Gegend spricht, die aus mehreren seiner Verse erhellt. Der Name Ca- 
laber ist dein Dichter erst in späterer Zeit beigelegt, weil man das erste 
Exemplar des Werkes in Calabrien (im Kloster des heiligen Nicolaus zu 
Otranto) aufgefunden hat. Auffallend ist es, dass Quintus nur, und nur 
erst von Tzetzes , einem Dichter des 12. Jahrhunderts, angeführt wird. 
Aus diesem Schweigen gleichzeitiger und der zunächst auf ihn folgenden 
Schriftsteller dürfte man vielleicht höchstens schliessen können, dass 
Quintus keinen besonders grossen Ruf als Dichter erlangt hat. Sein 
Zeitalter lässt sich aus dem Grunde — da er obendrein auch selbst keine 
specielleren Andeutungen giebt — nicht genau angeben. Dass er in die 
Zeit der römischen Kaiser gehöre, dahin leiten mehrere Stellen des Dich- 
ters, z. B. des Vaticinium des Kalchas (VIII. 339) von der künftigen 
Grösse Roms, ferner die Stelle (VI. 533 sqq.), wo offenbar eine An- 
deutung ist der Kämpfe mit wilden Thieren im Circus. Welchen Quel- 
len der Dichter bei Anfertigung seines Werkes* gefolgt sei, scheint nicht 
zweifelhaft, wenn man einzelne Partien mit Virgil's Aeneide und anderen 
Dichtern, welche denselben Stoff behandelt haben , vergleicht. Unzwei- 
felhaft ist die Hauptquelle die kleine Ilias des Lesches und Arktinos. 
Im Urtheite über das Gedicht stimmt der Verf. mit Bernhardy (Grundr. 
der griech. Litteratur II. Bd. S. 247) im Wesentlichen überein. Er 
mag es kein episches Kunstwerk nennen, so sehr sich auch der Dichter 



Beförderungen und Ehrenbezeigungen. 225 

bemühte, es als solches geltend zu machen, sondern nur eine poetische 
Erzählung von Ereignissen , welche in einer Zeit von etwa 40 Tagen 
sich zugestragen haben. Fern von der Genialität eines Homer giebt er 
ein blosses nüchternes Aneinanderreihen von einzelnen Tliaten der home- 
rischen Helden- wie sie die Sage oder die poetische Litteratur überlie- 
fert hat, ohne alle Einheit, ohne jene nä9rj , die das innerste des Men- 
schen zur Erscheinung bringen und seine Handlungen als selbstständige 
Mächte darstellen, kurz ohne alle Plastik. Das Didaktische tritt in den 
Vordergrund; es ist überall ein übertrieben ängstliches Streben zu ent- 
decken, keinen von den Zügen, welche überliefert sind , zu übersehen, 
Alles genau so zu berichten, dass das Ganze einen vollständigen Schluss 
bilde ZU Dem, wo Homer in der Ilias aufgehört hat. Diese penible Ge- 
nauigkeit führt zu der Vi rmuthung , dass der Verfasser des Gedichtes 
ein Grammatiker gewesen sein dürfte. Aber aus dem Grunde lässt das 
ganze Gedicht kalt. Das wahrhaft Poetische, die Quintessenz der Dicht- 
kunst, fehlt gerade, jene tiefen Seelenzüge, jene eigenthümlichen , aus- 
drucksvollen Persönlichkeiten, welche die Träger und Lenker der unserer 
Phantasie vorgeführten Begebenheiten sind. Keine Charakterzeichnung 
ist zu finden; keine Person tritt in den Vordergrund, um welche sich die 
anderen Gestalten gruppiren. Im Einzelnen liebt der Dichter besonders 
die Gleichnisse; aber diese sind auch nur künstliche Figuren, ohne eigent- 
liche innere Energie. Auffallend sind die oft wiederkehrenden morali- 
schen Sentenzen, und vor Allem die, dass ein wackerer Mann im Un- 
glück nicht verzagen dürfe. Die Uebersetzung des betreffenden Gesan- 
ges liest sich leicht und verständlich. Trochäen sind in den Hexametern 
nicht gemieden , und darüber wird Niemand mit dem Verf. rechten , da 
neuerdings selbst Metriker (z. B. Gotthold) solche unbedenklich im Deut- 
schen , wo es so wenig Spondeen giebt, gut heissen. 

Hefter. 
MÜNSTER. Zur Ankündigung der Vorträge auf der theologischen 
und philosophischen Akademie zu Ostern und zu Michaelis hat das Pro- 
gramm beide Mal geschrieben der Prof. der Geschichte Dr. Wilhelm 
Heinrich dauert. Beide Abhandlungen , die darin enthalten sind , stehen 
in gegenseitigem Verhältnisse und ergänzen sich einander. Der Verf., 
ausgehend von der heut zu Tage so gewöhnlichen Geringschätzung der 
römischen Litteratur, besonders der poetischen, als welche nur eine 
Nachtreterei der griechischen wäre, so dass im Latein sogar die Namen 
der Gottheiten anfangs gefehlt hätten zur Bezeichnung der betreffenden 
Künste und Künstler (man vergl. Aug. Wilh. Schlegel), will zeigen, dass 
solche Meinung durchaus falsch sei. Zur Erhärtung dessen führt er im 
ersten Programme aus, dass in der lateinischen Sprache schon in alten 
Zeiten ein eigenthümlicher und ursprünglicher Ausdruck zur Bezeichnung 
des Berufes und der Anlage eines Dichters (vates), im zweiten, dass auch 
Göttinnen der Dichtkunst und aller (Rede-) Künste unter einheimischen 
Namen von Anfang an vorhanden gewesen. Was den ersten Punkt anbe- 
langt, so sucht er durch betreffende Stellen zu erweisen, dass das Wort 
vates nicht eigentlich und vor Alters blos Prophezeiet, Verkünder der 

15* 



226 Schul- und Universitätsnachrichten, 

Zukunft genannt worden wären, sondern die Dichter. Solches ginge 
aber vernehmlich auch hervor aus der bestimmten Nachricht, dasß zu der 
Priesterschaft der Salier, die doch sicher eben so alt wie Rom selbst ge- 
wesen, ein vates erwähnt wird (Jul. Capitolin. vita M. Antonin. Philos. 
c. 4. cf. Valer. Max. I. 1, 9), d. h. ein sacerdos, qui carmina Saliaria 
sive axamenta choro sacerdotum praecinebat, eadem ratione qua Praesul 
saltantem chorum ducebat itaque prae ceteris et kkz' ^x°XV v cantor voca- 
tur (S. Gutberleth de Salus p. 38 sqq.). Und dieser vates recitirte ohne 
Zweifel, indem er zugleich die übrigen Genossen zum Singen desselben 
aufforderte, den Gesang, der so lautete: Divum exta (empta) cante, di- 
vom deo supplice cante. Sänger und Dichter aber seien den Alten Glei- 
ches bedeutende Wörter. So müsse man auch den Ennianischen Vers 
nehmen: scripsere alii rem Versibus quos olim Fauni vatesque canebant; 
denn dass hier unter vates nicht blosse Propheten zu verstehen seien, 
gehe daraus hervor, dass Varro in irgend einer Stelle das Wort durch 
poeta erklärt. Und in derselben Bedeutung gebrauchen es häufig die 
Schriftsteller der classischen Periode. Igitur non transtulerunt hoc no- 
men a prophetis ad poetas scriptores Augusti aetate; potius Graecum poe- 
tae vocabulum posteriore aetate aliunde accitum ac praeter patrium illud 
et primitivum usu receptum est: id quod similiter apud nos evenit, quum 
verba Poesie, Poet, poetisch rel. pro Germanicis iisque egregiis vel quo- 
tidianam in consuetudinem admissa sint. Quam facile autem antiquiora 
vocabula recentioribus reprimantur, hac eadem in re Graeci exemplo 
suntipsi, quum noirjvrj? veterem ccoiduv obscuraverit. Dieser Ueber- 
gang des griechischen Wortes zu den Römern ist sicherlich zu der Zeit 
geschehen, wo die griechische Litteratur, namentlich die poetische, auf 
römischen Boden verpflanzt wurde, also etwa zur Zeit des Ennius, in 
dessen Fragmenten wirklich öfter die Wörter poeta, poema vorkommen. 
Für jenen altern Gebrauch des Wortes vates spricht sodann aber auch 
der spätere Usus bei Dichtern und (poetisirenden) Prosaikern, quum ve- 
tusta vocabula priscaeque linguarum formae poetis maxime conveniant. 
Aber vates werden Dichter nur im höheren Sinne genannt (ii tantum, qui 
superiorum ordinum generibus poesis se addicebant, lyrico, epico, tra- 
gico, iis ergo, in quibus divino quodem afflatu et coelesti mentis instin- 
ctu omnino opus est), wogegen poetae Dichter jeglicher Art heissen. 
Hieraus lässt sich denn nun wohl erklären, warum vornehmlich Wahr- 
sager vates genannt worden sind. Denn Wahrsager und Weissager gel- 
ten noch mehr von heiliger Begeisterung entflammt als die Dichter. Im 
Allgemeinen aber pflegten Beider Geschäfte in höherem Alterthume so 
nahe verwandt zu sein, dass sie für Eins galten. Daher canere von 
Sängern und auch von Weissagern gebraucht wurde. Hier konnte an 
die Verwandtschaft der Begriffe undWörter im Deutschen: sagen, singen, 
wahrsagen, weissagen erinnert werden. Und so sind denn auch wohl 
jene annosa volumina vatum (bei Horat. epistol. II. 1, 26) auf die Ge- 
sänge der ältesten Dichter zu beziehen, wie schon Niebuhr (röm. Gesch. 
I. Bd. S. 289 der 3. Ausg.) bemerkt, neuerdings ohne Grund Carsten in 
Abrede gestellt hat. Woraus sich zugleich erklären lässt, warum vates 



Beförderungen mul Ehrenbezeigungen. 227 

nicht blos von ausgezeichneten Dichtern in späterer, Zeit, sondern selbst 
auch von solchen Männern gesagt wurde, die sich in den ernsteren Wis- 
senschaften auszeichneten (medicinae vates iniranda arte hei Hin. Ii. u. 
XI. 37. §. 88, leguin clarissimus et certissimus vates bei Valer. !NIa\. 
VIII. "2, 1); denn auch zu diesen Wissenschaften gehört gewissermaassen 
öfters ein Anflug von göttlicher Begeisterung und Anregung. Zur völ- 
ligen Bekräftigung der Sache wird zuletzt noch auf die Etymologie des 
Wortes aufmerksam gemacht, das offenbor das griechische cprjtrjg ist, was 
von qptvco herkommt, das auch So» (vgl. i)v Ö' iyca r, i\ o og u. s. w.) oder 
yüco (xfc: vao) gelautet hat. Vates ist also mit fari verwandt und fari 
nicht durchaus = loqui, sondern ==s dicere cum aliqua gravitate, digni- 
tate, majore mentis invitatione. Daher es von altern Dichtern fe=canere 
gesagt wird. INlan vergl. affari und profan*. Auch fatum ist daraus zu 
erklären. Vates ist also eigentlich qui fatur, i. e. cum gravitate et al- 
tiore mentis instinctu orat , atque canit, coram populo vel choro. — So 
der Verf. zu kräftiger Ueberzeugung. Wir möchten noch hinzugefügt 
haben, dass auch das höchst wahrscheinliche Vorhandensein der Sache 
in ältester Zeit dafür bürgt. Denn kein Volk ist so roh, dass es nicht 
Gesang liebte und übte. Auch die Römer hatten (man vergl. das Lied 
der Areal-Brüder, das sicher mit der Colonisirung Roms von Alba Longa 
dahin gewandert) von Anfang an solche Gesänge, und das saturnini- 
sehe Versmaass; folglich haben auch die älteren Latiner solches gehabt. 
Wo aber die Sache war, mussten auch die zur Bezeichnung derselben 
dienenden Wörter da sein. Und dass vates nicht fates gesprochen und 
geschrieben worden ist, deutet auf eine hohe Urzeit hin, wo die Ortho- 
graphie, wo die Aussprache sich noch nicht fixirt hatte, oder wo die 
letztere bei den Wörtern fari und vates schon längst auseinandergegangen 
war , so dass die erstere nicht vermochte fari und vates analogisch zu- 
sammenzubringen und wagte, auch fates zu schreiben. Schon die Pe 
lasger werden das dem griechischen cpävrjg entsprechende Wort mit nach 
Italien gebracht, folglich auch die Sache besessen haben. Eine Bemer- 
kung, die ebenfalls für die zweite Abhandlung kein geringes Gewicht hat. 
Denn wenn in dieser der Verf. zu erweisen sucht, dass die Römer oder wohl 
vielmehr die Latiner, bereits die Göttinnen des Gesanges gekannt und mit 
einem heimischen Namen benennt hätten : so muss eigentlich jener obige 
Beweis, dass sie bereits die Sache gekannt, zu Grunde gelegt werden. Denn 
hatten sie die Sache, so war es auch möglich, so war es leicht, ja so 
lag es gewissermaassen noth wendig in den Verhältnissen, in dem Charak- 
ter der ältesten Zeit, dieselbe zu personificiren, sie einer, oder nach 
Maassgabe der Mannigfaltigkeit der Sache, mehreren Gottheiten zuzu- 
weisen oder unterzustellen. Hr. Dr. Grauert hat diesen Beweis zu aller- 
letzt, zu Ende der zweiten Abhandlung erst angebracht. Man hätte ihn 
wohl wenigstens zum Schlüsse der ersten angedeutet erwartet. Das 
lateinische Wort ist für die betreffenden Göttinnen Camenae. Dieser 
Ausdruck ist zwar erst in späterer Zeit von Augustus an in der Littera- 
tur gäng und gäbe und aus dem Grunde meistentheils von den Gelehrten 
der neueren Zeit behauptet worden, Camenas non proprie et antiquitus 



228 Schul- und Universitätsnachrichten, 

Musas fuisse sed Nymphas tantum falidicas maxime ac medicas, easque 
posteriore demum tempore , cognitis Graecarum Musarum artibus, cum 
bis ipsis quasi confusas esse et permutatas : inter quos viros nonnulli Ca- 
menas , Nymphas, vates fatidicas , Sibyllas, Lares , Egeriam , Carmen- 
tum , cuncta inter se commiscent atque confundunt. Diesen synkretisti- 
schen Aiterthumsforschern gegenüber behauptet der Verf., antiquissimis a 
temporibus Camenas divina nuraina artibus ingenuis praeposita fuisse, et 
Graecas Musas postea earum in locum ex parte successisse. Eine Be- 
hauptung, die an sich schon, nach dem, was wir eben bemerkt haben, 
nicht unwahrscheinlich ist, die aber Hr. Dr. Gr. durch folgende Gründe, 
zu erweisen sucht; ]) vor dem Caponischen Thore bei Rom war ein hei- 
liger Hain mit einer Grotte, aus welcher eine lebendige Quelle hervor- 
rann. Quelle uud Grotte waren der Egeria heilig, der Hain aber den 
Camönen. Hier sollte Nnraa mit der Egeria und mit den Camönen Um- 
gang gepflogen haben. Woraus erhellt, dass jener Cultus der Camönen 
zu den ältesten Heiligthümern in Rom gehört hat; 2) Die den griechi- 
schen Musen entsprechenden römisch-latinischen Göttinnen sind nicht erst 
zu Augustus Zeiten aufgekommen, sondern haben schon für solche Gott- 
heiten gegolten seit der ältesten Zeit. Denn a) der älteste römische 
Dichter Livius Andronicus übersetzt den Vers , "Avöqcc uot tvvsns, Movoa, 
TtoXvzQOTtov'. „Virüm mihi, Camena, insece versiitum." Damit verbinde 
man den Vers des Naevius: Immortales mortäles (lere si foret fas, Fle- 
rent divae Camenae Naevium poetam, und den eines andern alten Dich- 
ters: Musas quas memorant, nösce nös esse Casmenas (oder Musäs quas 
memorant esse nösce nos Casmenas). L. Attius *) begann : Veteres, Cas- 
menae, cäscas res volo profäri Et Priamum. 3) Dionysius von Hali- 
carnassus und Plutarch nennen öfters jene latinisch- römischen Camenen 
als deren Cultus Numa sollte hergestellt haben, Musen: in quo haud du- 
bie antiquos auctores secuti sunt. (Dieser etwas dunkle Beweis sollte 
wohl so ausgedrückt sein: jene beiden griechischen Schriftsteller spre- 
chen von ihrem griechischen Standpunkte aus von Musen , denen Numa 
einen Cultus eingerichtet haben soll, und in dieser Angabe sind sie höchst 
wahrscheinlich alten Autoren gefolgt; aber unter den Musen sind die 
Camenen zu verstehen!). 4) Beim Circensischen Festzuge, der doch 
gewiss ins höchste Alterthum, seinem Ursprünge nach, zurückging, 
wurden mit den übrigen Götterbildern auch die der Musen umhergetragen 
(Fabius Pictor bei Dionys. Haue. VII. 72) , und hier können nicht dar- 
unter Nymphen verstanden werden, da es ausdrücklich dort heisst: aus- 
ser den Nymphen und anderen Gottheiten ähnliches Wesens. 5) Im Zeit- 
alter des L. Attius bestand zu Rom ein Tempel der Camenen, in wel- 
chem den Dichtern Standbilder gesetzt wurden , so wie der selber sich 
eines darin gesetzt hat (Plin. bist. nat. XXXIV. 10), er, der in seinen 



*) Nicht dem Dichter L. Accius gehört diese Stelle an , sondern 
dem Carmen Priami, s. Varro de ling, La.t, 7, 28. Müll. Auch 
schrieb Accius nicht und konnte kaum mehr im saturnischen Maasse schrei- 
ben, s. mein Handb. der lat. Literaturgeschichte Thl. 1. S. 287 fgg. 
Anm. 296. Klotz. 



Beförderungen und Ehrenbezeigungen. 229 

Gedichten die Camenen angerufen; 6) Evander soll mit seinen Coloni- 
sten aus Arcadien die bereits dort ausgebildete Musik mit nach Latien 
gebracht haben : eine Kunst, in welcher die Arkadier besonders ausge- 
zeichnet waren; die Musik aber bestand bei den Alten zum grössten 
Theile aus Gesang, und Gesang und Dichtkunst können nicht getrennt 
werden. Itaque artem Musarum prisco ante Romulum tempore in Latio 
non ignotam fuisse veteres fabulae referebant: quo magis explicatur quod 
Nuraam Camenarum eultum credebant instituisse. 7) Plutarch erzählt 
(Nuni. c. 8), Numa habe vor den übrigen Camenen die schweigsamen zu 
verehren angeordnet: verissime sane ac subtilitejr, quum non possit poc- 
tae et philosophi mens ad altiora assurgere nisi tacente hominum strepitu 
ac dulei solitudinis silentio , was der Verf. vornehmlich gegen des Ref. 
Ansicht und Erörterung in dessen Religion der Römer 8. 570, und gewiss 
sehr richtig, bemerkt. So viel ist also als sicher anzunehmen, der (la- 
tinische) Cultus der Camenen war zu Rom von Alters her heimisch. Wie 
er gewesen? gewiss sehr einfach (vergl. Serv. zu Virgil. Bucol. VIT. 21), 
wie bei den Griechen der der Musen, und hierzu stimmt, wenn berichtet 
wird, dass der Musendienst ziemlich früh aus Hellas nach Rom nebst dem 
des Hercules Musagetes gebracht worden ist. Durch diese Uebersiede- 
lung ist aber zweierlei bewirkt worden: einmal dass die griechischen 
Musen neben den latinischen Camenen sich ein- und dieselben nach und 
nach ein Wenig in den Hintergrund gedrängt haben, zweitens dass jener 
alte in Latium einheimische Cult der Camenen durch die Vereinigung mit 
dem Musendienste erweitert und verbreiteter geworden ist. Hinsicht- 
lich der Zahl der besagten Göttinnen, welche geglaubt worden ist, meint 
Hr. Gr. nichts bestimmen zu können, auch nicht nach Varro , der, wahr- 
scheinlich nach Vorgange älterer griechischer Autoren, drei angenommen 
und nach damaliger Weise deutelnder Alterthümler sie physikalisch ge- 
deutet. Die Dichter (Nävius z. B, und Horaz) folgen der allgemeinsten 
Annahme der griechischen Dichter (seit Hesiodus) und haben neun im 
Munde. Nachdem Hr. Gr. so gefunden hat, dass der Dienst der Came- 
nen in Rom von alten Zeiten her existirt, glaubt er noch einen Beweis 
dafür zu entdecken in dem, dass Moneta (die griechische Mvrjfioavvr]) 
ebendaselbst als Mutter der Camenen verehrt worden sei. Denn der rö- 
mische Geschichtschreiber Fabius Pictor hatte (nach Dionys. Halic. 
VII. 72) berichtet, dass bei dem circensischen Festzuge auch das Stand- 
bild dieser Göttin umhergetragen worden sei. Auch fussen hierauf ei- 
nige Notizen bei Hygin. Wir müssen gestehen , dass dieser Beweis 
etwas matt ist und zu sehr nach der griechischen Religionsmythologie 
schmeckt, weil doch Moneta nichts weiter ist als eine latinische Verdol- 
metschung, die Ersinnung der Sache also den Hellenen zukommt, ob- 
wohl nicht zu leugnen , dass der kirchliche Gebrauch bei dem circensi- 
seben Aufzuge allerdings auf ein hohes Alter des Monetacultus hinweist. 
Derselbe dürfte wenigstens nicht mit den Pelasgern nach Italien , nach 
Latium gekommen sein, sondern erst nachmals mit der griechischen Lit- 
teratur und Cultur und allenfalls von Alba Longa nach Rom, wofern nicht 
nach dem letztern Orte unmittelbar von Hellas oder einer der helleni- 



230 Schul- und Universitätsnachrichten, 

sehen Colonien. Denn eine solche dreifache Classification der Verpflan- 
zung der griechischen Cultureleraente ist jedenfalls zu statuiren , und es 
ist nur bei jeder concreten Einzelheit zu erwägen, in welche dieser drei 
Perioden die Verpflanzung fällt. — Von den Camenen ist nun durchaus 
die Egeria zu trennen , zwar eine Wassernymphe , die Nymphe einer 
lebendigen Quelle in einer schattigen Grotte in der Nähe von Rom , und 
als solche zwar mit den Camenen verbunden als ursprünglichen begei- 
sternden Quellennymphen, aber nicht zu ihnen gezählt, sondern mehr als 
Heilquelle betrachtet (Egeria eigentlich Aegeria von aeger) und in die 
Mythologie des vermeintlichen Königs Numa verflochten, weil sie Nym- 
phe war, und im Alterthume gern die vaterländischen Mythen die uralten 
Könige mit Nymphen verkehren Hessen. So nämlich, meint Ref., ist diese 
mythische Gruppirung natürlicher erklärt, als Hr. Gr. gethan, wenn er 
sagt (pag. 14) : ,, Egeria in fabulis ac nescio an etiam in eultu et caerimo- 
niis , conjuneta cum Camenis apparet: quod quidem omnino sane consen- 
taneum est; illud enim numen, quod nobilissimos sensus de re publica 
sapienter instituenda , de eultu deorum , de populo excolendo atque eru- 
diendo Numae suppeditabat, libenter cum iis se consociabat, quibus om- 
nino summae animi mentisque vires et facultates exprimebantur, quaeque 
item ut ipsa ex genere erant Nympharum. — Noch mehr verschieden 
von den Camenen als Egeria ist Carmenta oder Carmentis. Diese er- 
scheint nämlich nirgends mit jenen verbunden; sie ist vielmehr durchaus 
weissagerischer Natur, wie es die Camenen nicht sind. Sie war beson- 
ders eine Gottheit der Frauen und von diesen vorzugsweise verehrt: fe- 
minarum res curaeque et labores maxime illi dicatae erant, ideoque iropri- 
mis quaeeunque pertinent ad liberos parturiendos, nutriendos , fovendos. 
Hinc explicatur quidquid de eultu Carmentae ejusque caeriinonis traditur. 

Hoc sane attendendum est, quod majoris haec dea dignitatis fuit 

et altioris gradus quam Egeria et Camenae: ei enim et festum peculiare 
agebatur Carmentalia et templum atque altaria dicata erant, et proprius 
Flamen fuit, per eumque ac per poutificem sacrificabatur. Est autem 
Carmenta simile sane numen Egeriae ejusque ad Faunum et Evandrum si- 
milis ratio fuit ei quae Egeriae ad Numam. — Um das Ganze, d. h. die 
Natur der Camenen und ihr Verhältniss zur Egeria und Carmenta, mehr 
noch aufzuklären, macht der Verf. im Verlaufe der Schrift auf das eigen- 
thümliche und ursprüngliche Wesen der Musen bei den Griechen aufmerk- 
sam als das eigentlicher Nymphen , was hinlänglich bekannt ist aus Butt- 
mann's, Hermann's, Creuzer's etc. Nachweisungen, und zuletzt geht er 
noch ein auf die Etymologie der Namen, als den letzten Beweis für die 
Sache: welches Verfahren ihm richtiger und lobenswerther erscheint als 
das Verfahren dessen, qui ab ea interpretatione tanquam propriis argu- 
mentis ac testimoniis proficiscitur , wie z. B. der Unterzeichnete bei sei- 
nem Werke gethan hat, der deshalb auch von Hrn. Gr. getadelt wird. 
Indessen glaubt der Ref. doch Vieles für sich und sein Verfahren zu ha- 
ben und kann den Tadel nicht so ohne Weiteres hinnehmen , so gern er 
sich sonst belehren und eines Besseren überzeugen lässt. Doch ist hier 
nicht der Ort darüber zu disputiren. Hr. Gr. weist die von den alten 



Beförderungen und Ehrenbezeigungen. 231 

Etymologen schon gegebene Ableitung von cano zurück und glaubt iu 
ndöco (kÜ£w) die Wurzel gefunden zu haben, weil man ja im Älterthumc 
Caamena gesagt. Da wäre denn auch Cadmus, Cadmilus, Casmillus und 
Camillus und Camilla damit verwandt. Ref. findet diese Etymologie 
etwas bedenklich, und obwohl er sonst nicht viel von den Etymologien 
der Alten hält , so hält er doch die dessfalsige einstimmig von den Gram- 
matikern gegebene, von cano, für die allein richtige, weil die Bedeu- 
tungen der betreffenden Wörter zusammenstimmen und die Einfügung des 
s im höheren lateinisch-römischen Älterthumc sich durch andere Beispiele 
erklären lässt, das dann bei der Fortbildung der Sprache als überflüssig 
und lästig wieder abgeworfen wurde , in einigen Worten aber als r blieb, 
z. B. in carmen. Dies S ward eingefügt vor Alters vor m und n: es war 
Gewohnheit geworden zu sprechen: poesna statt des späteren poena, 
cesna statt des späteren cena oder coena , cosmitto statt committo u. s. w. 
und so nun auch Casmena und in classischer Zeit Camena. Daraus lässt 
sich dann durch Uebergang des S in R erklären Carmen, Carmenta, Car- 
mentis. — D'es der Inhalt der beiden sehr lehrreichen Abhandlungen, die 
auch durch ihren fliessenden acht lateinischen Stil Jeden einnehmen wer- 
den. Dr. Heffter. 

Neubrandenburg. Das dasige Gymnasium entliess am Schlüsse 
des Schuljahrs 1846 — 47 einen Schüler zur Universität. Die Schüterzahl 
betrug während des Wintersemesters von 47 — 48 115, während des fol- 
genden Sommersemesters 103. Veränderungen im Lehrercollegium sind 
nicht eingetreten. Den Michaelis 1848 erschienenen Schulnachrichten ist 
vorausgeschickt eine Abhandlung des Subrector Funk: Wie sind die latei- 
nischen Participia deutsch zu übersetzen? ("20 S. 4.), ursprünglich für den 
Schulgebrauch ausgearbeitet, weshalb auch alle Beispiele aus Cornelius 
Nepos gewählt sind, veröffentlicht, um thatsächlich zu beweisen, wie die 
alten Sprachen in den Gymnasien getrieben werden. Das Wesen und die 
Bedeutung des lateinischen Particips wird mit grosser Klarheit und Gründ- 
lichkeit in der Weise entwickelt, dass der charakteristische Unterschied 
der lateinischen und deutschen Sprache und die in der Eigentümlichkeit 
jeder von beiden enthaltenen Vorzüge recht deutlich in die Augen sprin- 
gen und so auch -für den richtigen Gebrauch der Muttersprache viel ge- 
wonnen wird. Je weniger in den meisten lateinischen Schulgrammatiken 
die Lehre vom Participium nur einigermassen erschöpfend behandelt wird, 
um so dankenswerther ist der von dem Hrn. Verf. gegebene Beitrag zu 
denselben, ebenso dankenswerth aber auch die Darlegung einer Methode, 
durch welche der Unterricht in den alten Sprachen für den Deutschen 
recht fruchtbar wird. Zu bedauern ist einzig und allein, dass der Druck 
durch mehrere den Sinn störende Fehler entstellt ist. [/?,] 

Offenburg. In Beziehung auf die Lehrer sind im verflossenen 
Schuljahre folgende Veränderungen eingetreten : Gymnasiallehrer Langcn- 
bach wurde auf sein Ansuchen von dem Gymnasium zu Donaueschingen 
an das Gymnasium nach Offenburg versetzt; Pfarrer Müller erhielt eine 
Lchrerstelle an unserer Anstalt und bekleidet zugleich die Pfarrstelle an 
der hiesigen evangelischen Gemeinde; Lehramtspraktikant Blatz wurde dem 



232 Schul - und Universitätsnachrichten, 

Gymnasium in Tauberbischofsheim zugewiesen; Prädicaturverweser Wai- 
dele erhielt die Pfarrverwaltung in Weier, dagegen wurde sein Nach- 
folger Prädicaturverweser Singer an der Anstalt, und zwar vorzugsweise 
als Religionslehrer verwendet; Prof. Trotter wurde auf sein Ansuchen 
von dem Lyceum zu Constanz an unser Gymnasium , dagegen Lehramts- 
praktikant Eble von dem Gymnasium in Offenburg an das Lyceum nach 
Constanz versetzt. Lehrer Brunner erhielt eine provisorische Anstellung 
an der hiesigen Anstalt, dagegen wurde Lehrer Baumgartner an das Ly- 
ceum zu Freiburg versetzt. Nachdem die Prädicaturstelle dahier definitiv 
besetzt und das Dienstverhältnis^ des Prädicators zum hiesigen Pfarramte 
sowohl als zum Gymnasium von der Staats- und Kirchenbehörde geregelt 
war , trat Stadtprediger Valois als Lehrer der Anstalt ein, da Prädica- 
turverweser Singer auf die Pfarrverwaltungsstelle in Donaueschingen ab- 
gegangen war. Im Laufe des Schuljahres hat die Anstalt zwei Beamte 
verloren : den Grossherz. Ephorus durch die Versetzung des Oberamt- 
mannes Lichtenauer nach Mosbach und den Grossherz. Gymnasiumsfond ;- 
Verwalter durch den Tod des Verwalters Strobel. Die erste Stelle war 
am Schlüsse des Schuljahres noch nicht wieder besetzt , die zweite ist 
nebst anderen Verwaltungen dem früheren Stiftungsr evidenten Eisinger 
provisorisch übertragen worden. Aus dem landesherrlichen katholisch 
theologischen Stipendienfond wurden 800 fl. an 9 Schüler vertheilt, wel- 
che sich dem geistlichen Stande widmen wollen. Die Schülerzahl des 
Jahres 1847 — 48 war im Ganzen 92, und zwar in der höheren Bürger- 
schule 7 und im Gymnasium 85. Davon traten im Laufe des Jahres aus: 
in der höheren Bürgerschule 2 und im Gymnasium 12, so dass die Anstalt 
am Schlüsse des Schuljahres noch 80 Schüler zählte. 

Pforzheim. Das hiesige Pädagogium, mit welchem die höhere 
Bürgerschule vereinigt ist, wurde im verflossenen Schuljahre von 13 L 
Schülern besucht. Welchen Confessionstheilen diese angehören oder ob 
auch Israeliten unter denselben sind, finden wir im Programme nicht an- 
gegeben. Von Seiten des Grossherz. Ministeriums des Innern und des 
Grossherz. Oberstudienrathes wurde der Diensttausch des Lehrers Ger- 
hardt am hiesigen Pädagogium und des Lehrers Schönlein am Pädagogium 
in Durlach genehmigt. — Der Unterricht im Turnen wurde von den 
beiden Hauptlehrern Schumacher und Schönlein geleitet. — Die katho- 
lischen Schüler erhielten den Religionsunterricht von Decan Schindler. 
Die combinirte Anstalt zählt 5 Hauptlehrer (Hcnn, Dir., Helfrich, Schuma- 
cher, Eisenlohr, Schönlein) und 2 Fachlehrer (Huber, Zeichnenlehrer, Idler, 
Gesanglehrer). Noch fehlt der Anstalt ein sechster Lehrer, um die hö- 
here Bürgerschule vervollständigen zu können, sie hat jedoch Hoffnung 
einen solchen zu erhalten, woran auch bei der Vorsorge, welche unsere 
Regierung dem Schulwesen zuwendet, wohl nicht zu zweifeln ist. 

Schwerin. Das Lehrercollegium des dasigen Gymnasium Frideri- 
cianum besteht aus dem Director Dr. Wex, dem Prorector Reitz, den 
Oberlehrern Dr. Büchner, Dr. Schiller und Dr. Dippe, den Gymnasialleh- 
rern Dr. Heyer, Dr. Huther und Dethloff, dem Schreiblehrer Schulz und 
dem Turnlehrer Laufer. Die Schülerzahl betrug Mich. 1848: 133 (15 in 



Beförderungen und Ehrenbezeigungen. 



233 



I., 24 in II, 28 in III a, 30 in III b, 36 in IV). Zur Universität wurden 
Ostern 1848 5 entlassen. Wir theilcn liier den Lectionsplan des Gymna- 
sium mit, weil wir in demselben mehreren Fächern mehr Zeit eingeräumt 
finden als auf andern Gymnasien. 





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I. 


9 


6 


3 


3 


2 


2 


3 





4 





2 








II. 


9 


6 


3 


3 


2 


2 


3 





4 





2 


— 





lila. 


10 


5 


3 


3 


— 


2 


2 


2 


4 


— 


1 








111 b. 


9 


4 


3 


3 


— 


2 


2 


2 


4 





— 


2 


1 


IV. 


10 


— 


3 


3 


— 


3 


2 


3 


— 


4 


— 


2 


3 



Dem Einladungsprogramm zu der am 28. und 29. Sept. abzuhalten- 
den Öffentlichen Prüfung geht voraus Commentatio de Hesiodi carminc, 
quod Opera et Dies inscribitur, von Dr. Göttlich Ludolph Heyer (30 S. 4.). 
Es ist schwierig, von dieser Schrift, welche die Resultate langjähriger 
gründlicher Studien bietet und von dem Scharfsinne und den Kenntnissen 
ihres Hrn. Verf. ein schönes Zeugniss giebt, einen kurzen Auszug zu lie- 
fern, Ref. hält es aber für seine Pflicht wenigstens die hauptsächlichsten 
Ansichten des Hrn. Verf. über den allgemein interessanten Gegenstand 
darzulegen. Nachdem derselbe kurz die sich diametral entgegenstehen- 
den Ansichten von Lehrs, Soetbeer und G. Hermann einer-, und Ranke's 
und Vollbehr's andererseits kurz charakterisirt, spricht er sich dahin aus, 
dass er im Princip sich für die erstem entscheiden , gleichwohl aber die 
von der letzteren geltend gemachte Auctorität der historischen Ueberlie- 
ferung so achten müsse, dass ihm gewissermaassen ein Mittelweg einzu- 
schlagen scheine. Gegen Ranke und Vollbehr weist er zuerst nach, dass 
Proculus das ihm von jenem zugeschriebene Ansehen schon um desswillen 
nicht verdiene, weil er, wie überhaupt seine Zeit, der Grammatik und 
Kritik unkundig gewesen sei und seinen Commentar nur um doctrineller 
Zwecke willen (ov.on6q 7raiSsvTtyi6s) geschrieben habe; dagegen theilt er 
die von Ranke aufgestellte Ansicht, es gehe aus seinem Commentar her- 
vor, dass Plutarch, dessen Commentare er fast zu jedem Verse eingesehen 
zu haben scheine, dieselbe Recension des Gedichts vor sich gehabt habe, 
wie jener, obgleich dies nur vom Ganzen, nicht von einzelnen Versen gelte 
(Beispiele vs. 265 und 794, über welche leztere Stelle beiläufig scharfsin- 
nige und neue Resultate zu Tage fördernde kritische Erörterungen an- 
gestellt werden). Dass die Alexandriner eine von der des Plutarch nicht 
sehr verschiedene Recension des Gedichts gehabt haben, folgert der Hr. 
Verf. daraus, dass die anonymen Scholien, welche aus den Bemerkungen 
jener grossen Grammatiker geflossen, sich auf alle Theile des Gedichts 
erstrecken; daraus, dass Diodor den mit Recht von den Kritikern aufge- 
nommenen V. 120 allein erhalten habe, sei Nichts weiter zu schliessen, als 
dass die Alexandriner verschiedene, zwar im Ganzen gar nicht, aber doch 
im Einzelnen von einander abweichende Recensionen geliefert, für deren 



234 Schul- und Universitätsnachriclvten, 

Existenz der Beweis auch aus den Handschriften entnommen werde. Ueber 
die Codices des Hesiod theilt der Hr. Verf. eine Vermuthung mit, welche 
er freilich jetzt noch nicht vollständig zu erweisen im Stande ist, dass 
nämlich dieselben in drei Familien zerfallen , von denen die eine dieselbe 
Recension gebe wie Proculus (Vatic), die zweite, eine von einem Gram- 
matiker corrigirte (Medic. 5), die dritte eine jüngste (Vatic. nr. 1332). 
Indem nun die Geschichte des Textes weiter aufwärts verfolgt wird, tritt 
kein Beweis dafür hervor, dass die Alexandriner, Aristoteles oder Plato, 
alte Exemplare gekannt , welche das Gedicht in einer von der späteren 
ganz verschiedenen Gestalt enthielten. Proculus erwähnt, dass Praxiteles, 
des Theophrast Schüler, ein ocKscpedov gesehen habe, und demPausanias (IX, 
31,4) war eins, welches die rjinfqca nicht enthielt, zu Orchomenos gezeigt 
worden. Mit Recht weist der Hr. Verf. den Beweis, den Göttling auf 
Aristoph. Ran. Vs. 1034 stützt, zurück. Dagegen fehlt es aber nicht an 
Beweisen dafür , dass in einzelnen Versen schon vor der Zeit der Alexan- 
driner Varianten cursirten. Der Hr. Verf. wünscht, dass der gleiche Fleiss, 
den Mützell und van Lennep auf die Theogonie gewandt, auch den Opera 
et Dies zu Theil werden möge, ist aber im Voraus des Resultates gewiss, 
dass es zwar in älterer Zeit schon verschiedene Recensionen gegeben habe, 
aber das Gedicht von den Alten weder länger noch kürzer in schriftlicher 
Aufzeichnung gelesen worden sei. Dafür findet er den Beweis in den An- 
klängen an das Werk, welche sich bei den Lyrikern finden. Zuerst be- 
gründet er dies für die Opera (Vs. 405 — 617), deren sieben Theile so an 
einem Faden zusammenhangen, dass sie unmöglich von verschiedenen Ver- 
fassern herrühren können und, wenn Jemand einen derselben kannte, er 
gewiss alle gekannt haben muss , durch Anführungen aus Alcäus, Theo- 
gnis, Pindar, Archilochus, Alcman, Xenophanes Colophonius, Stesichorus 
und Aeschylus, für die vavziXCr] aus Theognis und Solon. Die Stelle Vs. 
685 — 705 hat Simonides der Amorginer nachgeahmt. Von den Versen 
706—764 ist aus Diogenes Laertius, aer Vs. 721 dem Chilon, 727, 742 ff. 
und 748 ff. dem Pythagoras zuschreibt, zu folgern, dass sie nicht ganz un- 
ter Hesiod's Namen bekannt waren; auch hat Aristarchus den Vs. 740 mit 
einem Obelos bezeichnet; dennoch muss die Zusammenstellung der Sprüch- 
wörter zum grossen Theile schon vor Theognis und Empedocles erfolgt 
gewesen sein, da Beide daraus Nachbildungen gemacht haben. Von den 
Dies wird, so viel dem Hrn. Verf. bekannt ist, kein Vers bei einem alten 
Dichter angeführt oder nachgebildet gefunden. Auf die gleiche Weise zeigt 
der Hr. Verf. besonders aus Simonides Ceus, dass das Gedicht Vs. 11 — 382 
vor den Perserkriegen bereits als ein vollständiges Gedicht, die darauf fol- 
genden ersten Proverbien aber wenigstens zum Theil dem Theognis und Pin- 
dar bekannt waren. So gelangt er zu demselben Resultate wie Schömann 
(ind. lect. aestiv. 1842 Gryphisw.), dass die Opera et Dies ein Theil der 
ältesten griechischen didaktischen oder philosophischen Poesie waren, und 
weicht nur darin von jenem ab, dass er die Zusammenstellung derselben in 
eine viel frühere Zeit verlegt, und zwar nach Analogie der Litteraturen 
anderer Völker (vergl. W. Grimm Vorrede zum grossen Rosengarten) in 
die, wo die epische und didaktische Poesie der Griechen bereits verblüht 



Beförderungen und Ehrenbezeigungen. 235 

waren, die lyrische aber sich zu erheben begann. Damit die ursprüngliche 
Gestalt des Gedichtes oder der einzelnen Lieder gefunden werde, stellt er 
dieselben Grundsätze auf, welchen schon Aristarch und Apollonius ge- 
folgt sind; nämlich sich eben so weit von Abneigung gegen das historisch 
Ueberlieferte wie von blinder Anhänglichkeit daran fern zu halten, zur 
Richtschnur aber die Gesetze der Dichtkunst und den Charakter des Dich- 
ters zu nehmen. Dass Hesiod die allgemeinen Gesetze der Dichtkunst 
recht wohl gekannt und befolgt habe, wird an dem Abschnitte von dein 
Landbaue und der Schifffahrt gezeigt, ebenso aber auch das Vorhanden- 
sein eines bestimmten sprachlichen und poetischen Charakters nachgewie- 
sen. Die Ansicht des Hrn. Verf. läuft nun auf Folgendes hinaus: Nicht 
bloss einzelne Verse, sondern ganze zusammenhangende Stellen sind in das 
ursprüngliche Gedicht eingeschoben., die Hand der Rhapsoden erkennt der- 
selbe nur an einer Stelle, Vs. 646, aber an sehr vielen die der Diaskeu- 
asten; so bilden Vs. 11 — 49, 90 — 105, 202 — 276 ein wohl zusammenhan- 
gendes, einen grossen Dichter bekundendes Gedicht. Ref. muss sich ver- 
sagen, auf die an feinen sprachlichen Bemerkungen reiche, mit eben so 
grossem Scharfsinne wie Kühnheit viele neue Ansichten zu Tage fördernde 
Beweisführung für jene Behauptung, welche den Inhalt des zweiten Capi- 
tels bildet, weiter einzugehen. Das Gesagte wird hinreichen , um die 
Schrift der Beachtung unserer Leser zu empfehlen. [ZJ.] 

Zeitz. Am dasigen Stiftsgymnasium war der Rector, Prof. Dr. 
Kiessling durch Krankheit an Ausübung seines Amtes gehindert. Seine 
Stelle vertrat der Prorector Kahnt. Ausser ihm arbeiten an der Anstalt 
der Oberlehrer Dr. Grebel, Conrector Fehrner , Subrector Dr. Hoche, die 
Oberlehrer Peler , Dr. Feldhügel und Dr. Rinne, und der Cantor Kloss 
besorgt den Schreibe-, Zeichnen-, Gesang- und Turnunterricht. Die Schü- 
lerzahl betrug 71 (8 in I, 12 in II, 16 in HI , 16 in IV, 19 in V). Zur 
Universität wurden Michaelis 47 2, Ostern 48 3 entlassen. Die wissen- 
schaftliche Abhandlung: Commentatio critica de M. Tulli Ciceronis de 
legibus libris (20 S. 4.) hat zum Verf. den Oberlehrer Dr. Feldhügel, 
welcher sich bereits durch sein früheres Programm 1841 und durch seine 
in unserem Archive 1846 und 1847 abgedruckten Abhandlungen um die auf 
dem Titel genannte Schrift des Cicero nicht unwesentliche Verdienste er- 
worben hat. Zu wiederholter Behandlung derselben hat ihm jedenfalls 
die Bekanntschaft mit Madvig's Schriften , mit Bake's Ausgabe und Halm's 
schedis criticis in Schneidewin's Philolog. I. p. 171 ff., Veranlassung ge- 
geben. Zuerst stellt er allgemeine Grundsätze für die Kritik der Schrift 
auf. Ausgehend von Dem, was schon Madvig und Orelli bewiesen, dass 
alle Handschriften der Bücher de legibus aus einem und demselben fehler- 
haften Urcodex geflossen, stellt er den Grundsatz auf, dass man an jeder 
Stelle zuerst die Lesart jenes zu untersuchen und auf diese allein bei 
einer Einendation sich zu stützen habe. Um aber über jenen sicher ur- 
theilen zu können, nahm er eine Untersuchung über die Beschaffenheit der 
einzelnen Handschriften vor und gewann dabei das Resultat, dass diesel- 
ben in zwei Familien zerfallen, von denen die eine aus einer weniger, die 
andere aus einer mehr fehlerhaften Abschrift des Urcodex geflossen. Von 



Schul- und Universitätsnachrichten, 

dem Lagomarsinischen Apparat glaubt er, dass nur die mit 10, 11, 39, 58 
und 96 bezeichneten Lesarten aus Handschriften entnommen seien, die mit 
47, 48 und 120 bezeichneten dagegen, welche Bake für handschriftliche 
Varianten hielt, um desswiüen nicht, weil sie I, 1, 4 und III, 19, 45 Les- 
arten darbieten , von denen sich sonst in keinem Codex eine Spur findet. 
Ob dieser Schluss ein hinlänglich gerechtfertigter sei, wagt Ref. nicht 
zu entscheiden. Zu der besseren Familie rechnet der Hr. Verf. die 
Codd. ABCE S Gud. 2., 11. 65. und den cod. 5. Victor., zu der schlech- 
teren aßyS Cr. W. Mon. Tar. Reg. Harl. 1. 2. Med. El. Ball. U. Ex. ip. 
Dr. 1 und 2. Cass. Gud. 1. und 10. 39. 58. 96. Zwischen beiden Fami- 
lien in der Mitte stehen Br. und Vind. , welche wahrscheinlich aus einer 
schlechteren Handschrift abgeschrieben , aber aus einer besseren corrigirt 
sind. Den Versuch, die Familien wieder in Stirpes zu ordnen, musste 
der Hr. Verf. aufgeben, da die einzelnen Codd. für diesen Zweck noch zu 
ungenau verglichen sind. Nach diesen mit grosser Gründlichkeit geführ- 
ten Untersuchungen stellt der Hr. Verf. folgende Grundsätze auf, die ge- 
wiss nur allgemeine ßeistimmung finden werden: 1) dass die Lesart, in 
welcher alle die besseren und ein grosser Theil der schlechteren Hand- 
schriften übereinstimmen, für die des Urcodex zu halten sei ; 2) dass, wenn 
eine oder mehrere der schlechteren Handschriften eine dem inneren Ge- 
halte nach die der besseren übertreffende Lesart bieten , diese nur für 
eine Conjectur gelten könne; 3) dass, wenn die Lesung des Urcodex mit 
Sicherheit ermittelt sei und keinen Anstoss gebe, diese beibehalten wer- 
den müsse. Hierauf bespricht derselbe einzelne Stellen und zwar zuerst 
solche, in welchen die Lesart des Urcodex beizubehalten, sodann solche, 
in welchen aus ihr eine Conjectur zu suchen scheint. Ref. wird die von 
dem Hrn. Verf. aufgestellten Lesarten kurz anführen und nur einige Be- 
merkungen beifügen. I, 18, 49, vertheidigt derselbe die Lesart: ubi gra- 
tus, si non eum ipsi cernunt grati cui referunt gratiam, und erklärt ipsi 
durch ultro, sua sponte , i. e. non alia re (utilitate) adducti. Allein ipsi 
heisst in solchen Fällen stets nur von selbst, d. i. ohne äussere Veranlas- 
sung. Wie kann aber von einer Dankbarkeit, die ohne äussere Veranlas- 
sung geübt wird, die Rede sein? Nach dem Vorhergehenden kann nur 
von einer solchen gesprochen werden, welche ohne jegliche Rücksicht auf 
Vortheil (Erlangung neuer Wohlthaten) die Person allein ins Auge fasst, 
der man dankbar verpflichtet ist, nicht etwas Anderes. Daher ist ipsum, 
wenn es auch nicht Lesart des Urcodex ist, gewiss richtig, wie auch durch 
die folgenden Worte: ubi illa sancta amicitia, si non ipse amicus per 
se amatur toto pectore, zur Evidenz bewiesen wird. Gern wird man 
dagegen beistimmen, dass II, 1, 1: sive quid aut lego aut scribo die rich- 
tige Lesart sei. II, 2, 5, vertheidigt der Hr. Verf. die Worte: idem ego 
te accipio dicere Arpinum, indem er in ihnen den Sinn findet: Quem lo- 
cum patriam tuam germanam esse dicis, eundein ego te accipio dicere Ar- 
pinum, und also idem im Neutrum durch Attraction von Arpinum gesetzt 
erklärt. Ref. kann nicht beistimmen. Der Sinn kann nur der sein : Ich 
verstehe, dass, indem du von deiner eigentlichen Heimath sprichst, du Ar- 
pinum , nicht diese Villa damit meinst, nicht: dieselbe Stelle, welche du 



Beförderungen und Ehrenbezeigungen. 237 

deine eigentliche Heimath nennst, nennst du, wenn ich recht verstehe, auch 
Arpinum. Da von den aufgestellten Conjecturen keine befriedigt, so ist 
Ref. geneigt, idem für den Nom. masc. zu erklären. Bedenkt man, dass 
im Vorhergehenden der Sinn liegt: non aeeipio quäle sit, quod dixisti hunc 
locum j>atriam tuam germanam, so wird man den Zusatz von idem zu ego 
in der Parenthese gerechtfertigt finden: ,, indem ich nicht verstehe, — , 
verstehe ich doch zugleich recht wohl, dass du an Arpinum, nicht an diese 
Villa gedacht wissen willst." Ebensowenig kann sich Ref. überzeugen, 
dass daselbst die Lesart: qua rei publicae nomen universae civitatis est, 
die richtige sei, ja er findet selbst die Erklärung des Hrn. Verf. dunkel. 
Jedenfalls ist Madvig's (d. em. libr. d. legg. p. 61) Coniectur: e qua po- 
pulo Romano [oder lieber Romano populo] nomen universae civitati est, 
vorzuziehen. In Betreif der Stelle IJ, 6, 14 stimmt Ref. nach Bake's 
klarer Bemerkung bei, dass quam quidem richtiger sei als quamquam qui- 
dem, hält auch mit dein Hrn. Verf. den Jndicativ perfecti für tadellos, 
würde aber denselben lieber auf die Weise erklären, welche Krüger Lat. 
Gr. p. 850 Anm., angedeutet hat. II, 7, 16 ist aut a vera vom Hr. Verf. 
als richtige Lesart erwiesen, aut aber nicht durch „oder auch", sondern 
durch „oder vielmehr" zu übersetzen (vergl. Hand. Turs. I. p. 540 und 
des Ref. Bern, zu Sal. Cat. 26, 2). Eben so richtig ist der Conjunctiv 
sint erklärt, aber am Ende der § wird Ref. die Lesart His habes so lange 
für unrichtig halten , bis der Hr. Verf. den Gebrauch durch ein ander, s 
Beispiel, als die Stelle d. Fin. II, 3, 8 erweist. II, 10, 24 empfiehlt sich 
die Lesart ut casto corpore adeatur, welche der Hr. Verf. mit grosser 
Wahrscheinlichkeit als die des Urcodex bezeichnet, allerdings in mancher 
Hinsicht, doch scheint das Bedenken desselben gegen die bisherige Lesart: 
„certe novum est, quod corpore tamquam aeeidentia hominis ad Deos 
adeuntis mente informari necesse est'", nicht begründet, da, wenn das Ge- 
setz lautete : ut caste ad deos adeatur , und einmal die Frage aufgeworfen 
ist, ob leibliche oder geistige Keuschheit gefordert werde, der Gedanke 
und Ausdruck: wenn man fordert, dass keusche Körper zum Heiligthum 
kommen, so ist noch vielmehr nothwendig, dass die Geister keusch seien, 
nicht unangemessen erscheint, um so weniger, als die Körper doch die 
sichtbar kommenden sind. Das folgende in animis empfiehlt überdies den 
Plural casta corpora. Wenn ferner II. II, 26 opinionis species deorum 
durch Beispiele wie confirmatio doctrinae, belli laus, superiorum 
dierum Sabini eunetatio , funetio animi vel corporis gravioris operis et 
muneris, iudicia senatus — conservatae patriae erklärt wird, so ist da- 
mit noch keineswegs bewiesen, dass opinionis species ein durch die Ein- 
bildung geschaffenes Bild bedeuten könne. Es liegt die Erklärung auf 
der Hand: es giebt eine Art von Gottesahnung, die in den Augen, d. h. 
in der Anschauung der Welt ihren Grund hat. Dass interpretari bedeu- 
ten könne: ein fremdes Wort mit geringer lateinischer Umgestaltung auf- 
nehmen, glaubt Ref. dem Hrn. Verf. nicht, und hält deshalb interpreta - 
tum, vor dem man, selbst wenn man jene Bedeutung zugestehen könnte, 
immer eine Adversativpartikel vermissen würde, für nicht richtig. Da 
der Urcodex, wie der Hr. Verf. selbst zugiebt, viele aus Fahrlässigkeit 



238 Schul- und Universitätsnachrichten u. s. w. 

entstandene Lücken gehabt hat, so sieht Ref. nicht ein , was man gegen 
die alle Schwierigkeiten beseitigende Coniectur Halm's: non interpreta- 
tum, einzuwenden habe. III. 1, 2 hat der Hr. Verf. dici potest ganz rich- 
tig vertheidigt. Die hierauf mitgetheilten ConiectHren sind zum grössten 
Theil sehr scharfsinnig. I. 9, 26 hat er nach des Ref. Urtheil gewiss 
das Richtige getroffen , indem er et rerum plurimarum intelligentias in- 
choavit (dies nach Auratus glänzender Coniectur) für Cicero's Worte er- 
klärt, welche durch das Glossem nee satis enodavit verdrängt worden. 
I. 19, 50 weist er als Lesart des Urcodex nach: ac me istorum philoso- 
phorum pudet, qui nulluni iudicium vitare nisi ipso vitio mutatum putant, 
und verbessert daraus, wie er zum Theil schon in seinem früheren Pro- 
gramme aufgestellt, qui nullum impudicum nisi isto vitio muletatum pu- 
tant. Stellt diese Emendation auch einen richtigen Gedanken her, so 
scheint doch die gänzliche Wegwerfung des vitare durch Nichts gerecht- 
fertigt (wie es aus vitio entstanden sei, ist kaum ersichtlich), was um so 
mehr zu verwundern ist, als der Hr. Verf. sonst immer eine Erklärung 
verlangt, wie dergleichen Worte in den Text gekommen. II. 3, 7 er- 
kennt Ref. das vorgeschlagene quem für quam als richtig an und billigt 
ebenso I. 9,27 (nicht II. 11, 27, wie irrthümlich gedruckt ist) die vom 
Hrn. Verf. jetzt aufgestellte Emendation in primis arguti ; dagegen hält er 
satis esse in ipsa lege für richtig, und glaubt, dass super ebenso wie 
illare durch Glosseme, welche in ipsa lege erklären sollten, entstanden 
seien. Gegen die kühnen Emendationen II. 15, 38 (iam ludi publici quo- 
niam sunt cavea circoque divisi, sit corporum certationi cursu, pugilla- 
tione, luctatione, curriculisque equorum circus constitutus, cavea cantu 
[i. c. cantui] voce ac fidibus et tibiis), II. 22, 57 (inieeta gleba tumulus 
is, quo humatus est, vocatur, ac tum denique multa religiosa iura com- 
plectitur), II. 25, 63 (Nam et Athenis iam ille mos a Cecrope, nt aiunt, 
permansit ac ius humandi) gehen allerdings dem Ref. noch manche Be- 
denken bei, dagegen billigt er II. 25, 63 quam quidquid veri , II. 16, 41 
apud Solenses, III. 18 (nicht 17, wie gedruckt ist), 42 nihil minus est 
civile et humanuni. Mögen dem Hrn. Verf. diese Bemerkungen die Auf- 
merksamkeit bezeugen , mit der er seine Schrift , die er unbedenklich als 
einen wichtigen Beitrag zur Kritik der Bücher de legibus erklärt, ge- 
lesen. [■*'•] 



Inhalt 

von des f'iinfmdfimfügsten Bandes zweitem Hefte. 

Seite 
Madviy: Syntax der griechischen Sprache. ),, ni , , n „ , 

Enger : Elementargrammatik der griech. Sprache. J Vom O b ^hrer Dr. Peter 

Krüger: Griechische Sprachlehre für Anfänger. ) zu z,cltz i-fif—ioo 

Bonneil: M. Tullii Ciceronis de offieiis libri tres. Mit einem deutschen Com- 

mentar. — Von Dr. Tücher zu Brandenburg 166—180 

Herzog v. Manchester: The times of Daniel. — Von Dr. Klix zu Cottbus. . 180 — 194 
Müller: Ares. Ein Beitrag zur Entwickelungsgeschichte der griech. Religion. 

— Von Prorector Dr. Heffter zu Brandenburg 194 — 202 

Bibliographische Berichte und kurze Anzeigen. . . • 202 — 210 

Buentzer: De Zenodoti studiis Homericis. — Von Prorector Dr. Heffter 

zu Brandenburg 202 

Nauck : Aristophanis Byzantii Fragmenta. — Von Berns 207 

Junkmann : De vi ac potestate, quam habuit pulchri Studium in omnem 

Graecorum et Romanorum vitam. — Von Berns 207 

Schwarz: Das Wesen der Religion. — > Von Berns 208 

Fuchs: DeNemesi. — ■'Von Berns 209 

Suchier: De Diana Brauconia. — Von Berns 209 

Jacob: Zur griechischen Mythologie. — Von Berns 209 

v. Lassaulx : Ueber den Entwickelungsgang des griechischen u. römischen 

Lebens. — Von Berns 210 

Lulterbeck: Ueber die Notwendigkeit einer Wiedergeburt der Philologie. 

— Von Berns 210 

Die neuesten Handbücher der classischen Mythologie. — Von Conrector 

Stoll zu Wiesbaden 210—222 

Carlo: Mythologie der Griechen und Römer 211 

Fürstedter: Die Götterwelt der Alten 211 

Moritz: Götterlehre .' . 211 

Peüscus: Der Olymp 211 

Munal: Die Götterwelt der alten Völker 211 

Geppert: Die Götter und Heroen der alten Welt 211 

van Limburg-Brouwer : Handbuch der griech. Mythologie 212 

Burckhardt; Handbuch der classischen Mythologie. . 221 

Schwenk: Die Mythologie der asiat. Völker, der Aegypter, Griechen u.s.w. 221 

Heffter: Die Religion der Griechen und Römer 221 

Stoll: Handbuch der Religion und Mythologie der Griechen 221 

Eckermann: Lehrbuch der Religionsgeschichte und Mythologie der vor- 
züglichsten Völker des Alterthums 222 

Nork: Populäre Mythologie oder Götterlehre aller Völker 222 — 224 

Schul- und Universitätsnachrichten, Beförderungen und Ehrenbezeigungen. 224 — 238 

Brandenburg 224—225 

Böhler: Des Quintus Smyrnaeus dritter Gesang. — Von Prorector Dr. 

Heffter zu Brandenburg 225 

Münster 225—231 

Grauert : Zwei Programme. — Von Bemselben 225 

Neubrandenburg 231 

Funk: Wie sind die lateinischen Participien deutsch zu übersetzen? — 

Von Prof. Dr. Bietsch zu Grimma 231 

Offenburg. 231—232 

Pforzheim 233 

Schwerin 233—235 

Heyer: Commentatio de Hesiodi carmine, quod Opera et Dies inscribi- 

tur. — Von Prof. Dr. Bietsch zu Grimma • 235 

Zeitz 235—238 

Feldflügel : Commentatio critica de M. Tullii Ciceronis de legibus libris. 

— Von Bemselben 235 





Leipzig, 

Druck und Verlag von B. G. Teubner. 
1849. 



i 




Neue 

JAHRBOGHER 

für 

Philologie und Pädagogik, 

oder 

Kritische Bibliothek 

für das 

Schul- und Unterriclitswesen. 



In Verbindung mit einein Vereine von Gelehrten 

begründet von 

M. Joh. Christ. Jahn. 

Gegenwärtig herausgegeben 
von 

Prof. Reinhold Klotz zu Leipzig 

and 

Prof. Rudolph Dietsch zu Grimma. 




KI2l!S%HIIKTK:il J1HRGAK». 

Fünfundfnnfzigeter Band. Drittes Heft. 



Leipzig, 1849. 

Druck und Verlag von B. G. Teubner. 



Kritische Beurtheilungen. 



Demosthems Philippicae ed. C. Aug. Rüdiger. P. I. Auch unter 
dem Titel: Dem. Olynthiacae tres , Philippica prima et De pace. 
Textum ad codicem 2? et novissimas editiones recognovit, harum 
discrepantiam et selectas aliorum suasque notas subjecit, duo excur- 
sus et tabulam chronologicam addidit etc. Editio tertia denuo ap- 
parata. Lipsiae , apud Weidmann. 1848. VIII und 287 S. 8. 

War schon die vor 30 Jahren (1818) erschienene erste und 
die vielfach berichtigte zweite (1829) Auflage verdienstlich und 
fördernd , so ist dies von der dritten wenigstens in gleichem Grade 
zu erwarten, und unsere Erwartung fanden wir gerechtfertigt. 
Diese Arbeil schliesst sich an die Ausgaben von Franke u. Sauppe 
würdig an, und was der Titel verspricht, ist redlich geleistet, und 
mehr noch, denn das Buch enthält auch Libanii vita Demosthenis 
auf gleiche Weise bearbeitet. Damit wäre unsere Ansicht eigent- 
lich vollständig ausgesprochen. Ich ergreife aber die Gelegen- 
heit, einige kritische Beiträge zu liefern, zu welchen mir Hr. R. 
dadurch Gelegenheit giebt, dass er sich auf die bisherige Ver- 
gleichung der Handschriften, namentlich des 2J verlassen hat. 
Ich habe im Jahre 1846 und 1847 £ und Sl selbst genau vergli- 
chen. Den letzteren Codex hatte ich sogar im Hause zu Frankfurt. 

Liban. Vit. Dem. §. 3: ov yaQ du tpevÖBö&ai aus Aesch. 
Ctes. §. 171 schreibt Hr. R. statt dervulg. i\)&v<5a6%ai, wie selbst 
der Marcianus des Aeschines hat. Es bleibt immer bedenklich, 
die Citate nach ihren jetzt vorhandenen schriftlichen oder ge- 
druckten Büchern zu corrigiren. In der Handschrift des Aeschi- 
nes , welche Libanius brauchte, kann ipivöuö&ai gestanden haben 
In diesem Falle schrieb Libanius i/jfuöaöfrea, und was diese» 
schrieb, wollen wir wissen, nicht ihn selbst berichtigen. Allein 
es findet sich nicht blos bei Aeschines, sondern auch in folgenden 
Handschriften des Libanius das Präsens: in Pal. 1. F.(Bav.). Aug. 2. 
Was Hr. Rüdiger zum Theil nicht wissen konnte. 

16* 



242 Griechische Litteratur. 

§. 2 (§. 5): BdxxaXog — BdxxaXov — BaxrdXovg schreibt 
Hr. R. mit vulg. aus zwei Gründen, weil, wie er meint, 2 Cor. 
§. 180 Bäxtalog habe und weil das VVort von Bdvxog komme. 
Allein dort hat 2J ßdxxaXov — ßdxaXog^ beide Schreibarten. 
Denn bei Dindorf ist falsche Angabe, als wenn Z beidemal xx hätte. 
Sodann ist es zweierlei Wort: ßdxxaXog ein Lallender, Stammler, 
wie das Etym. M. sagt xaxd ^[(irjöLV (pcavrjg , womit man ßaxxu- 
Qittiv, ßdgßaoog, balbutire, und, wie Lobeck (Pathol. p. 255) 
thut, butubatta (Scalig. ad Fest, und Voss. Etym.) vergleichen 
kann. S. Herodot. IV, 155. Ein anderes aber ist ßdxalog von 
einem unzüchtigen Menschen gebraucht, welches man von ßotxsiv 
in unzüchtiger Bedeutung ableitet. Beide legte man dem De- 
mosthenes bei, jenes kommt von seiner Amme und den Gespielen 
her, die den lallenden Knaben, der das o nicht aussprechen konnte, 
so bezeichneten , dieses ist eine boshafte Aussprache des Feindes. 
VVestermann Quaest. Dem. IV- p. 89 f. Da nun Libanius hier aus 
Aeschines (s. leg §. 99 cf. Timarch. §. 126. §. 131) schöpft, wo 
die besten Codd. ein x schreiben, wie auch Plut. Vit. Dem. c. 4. 
X. Orr. p. 847 E. Phot. Bibl. p. 806 extr. Harpocr. Hesych. 
Suid. Maxim. Planud. T. V. p. 537 Walz. Anecd. Bkk. p. 185. 
p. 221. Lucian. adv. indoct. c. 23, so muss wenigstens hier bei Li- 
banius nur ein x gesetzt werden, wie die Handschriften Sl. u. 
Vind. 3. Pal. 1. F. (Bav.) Aug. 2 bieten. Die zweierlei Schreibart 
in Z (Cor. §. 180) kann Nichts beweisen. Wenn wir aber sonst 
xx finden (Etym. M. p. 191, 15. Thom. M. und bei Libanius, wo 
er die Stelle Cor. vor Augen hat, Apolog. Dem. T. IV. p. 312 R.), 
ja wenn bei Iledylius (Athen, p. 176 D.) sogar das Metrum dies 
fordert, so scheinen die Begriffe nicht immer gesondert worden zu 
sein, nicht blos von Abschreibern, sondern auch im Volke. Je- 
denfalls muss in der Stelle de Corona gleichmässig geschrieben 
werden, da es sich beidemal von einerlei Sache handelt, nämlich 
vom Schimpfnamen, den Aeschines aufgebracht, und da BdtaXov 
dem rjgaa entgegengestellt wird, mit einem Seitenhieb auf den 
Declamator Aeschines. Ich verstehe darum nicht, warum Wester- 
mann dort ßdxakov — ßdxxcdog vorschlägt. 

§■ 3 (§• 6): övyxaofjöcu Ttaaaßaktiv avxä xy öixrj. So 
haben ß. u. Vind. 3. Bav. und so giebt Hr. R. mit der Note : 
„Schaeferus avxä post 6vy%. collocari vult, neque injuria." Aller- 
dings müsste eine Umstellung vorgenommen werden, auch wenn 
man avxä mit den Zürchern schriebe. Allein Pal. 1, Aug. 2, r 
liefern uns avxöv, welches offenbar richtig ist. 

§. 3 (§. 7) : diaQ&äö&at, ist nicht blos Conjectur von Wolf, 
sondern steht auch in der Morel., sicher nach Handschriften. In 
einem solchen Falle ist die Anführung älterer Ausgaben von Nutzen. 

§ 5 (§. 12): Jtoorjk&ov dglö%vv statt der vulg. nagrjl&ov 
eig iöx- nac h dem Rande der Morel. Vergl. p. 7. 4. p. 201 , 12. 



Rüdiger: Dcmosthcnis Pliilippicac. 243 

Allein unten steht auch dg ti]V fiaöiktiav nagrjtö. Vergl. Phil. 
III. §. 24. 

Zu den Hypothese« des Libanius bemerke ich hier Nichts. 
Weil sie in 2J von neuer Hand mit vielen Abkürzungen an den 
Rand, oder wo sonst Platz war, geschrieben, diese schöne, sonst 
so werthvolle Handschrift wahrhaft verunstalten, so habe ich es 
der nicht ganz geringen Mühe nicht werth geachtet, sie zu ver- 
gleichen. Man iiat Unrecht, auf dieseTheile von 2 grossen Werth 
zu legen. Hier sind mir alle meine übrigen Codices lieber. Es 
führte mich aber jetzt zu weit, diese anzuführen; ich eile zu den 
Reden selbst. 

In Olynth. I. stossen wir gleich im Anfange auf Schwierig- 
keiten wegen des Spiritus , welcher bei Vergleichungen gewöhn- 
lich nicht beachtet worden ist. §. 2 : täv ngay\xätav vplv exel- 
vav avtolg ävtilr]7itsov töuV, tiing vn\g GGJtrjglas avxäv 
<pgovtlt,et£' rjfiEis ö' ovk otd' övtivä (iot öoxovfisv e%£iv tgönov 
ttqos avzä. Diese Lesart will Hr. R. folgendermaassen verthei- 
digen: Spiritum lenem defendit Westerm. Qu. I. p. 23 intelligens 
Olynthios. At haec sententia „Olynthiis subveniendum est, si 
quam eorum curam geritis" non solum frigct, sed ipso nexu im- 
probatur. Imo haec est mens oratoris in omni oratione conspicua: 
„nisi vos Olynthiis opem fertis, in vestram Macedo irruet terram." 
Allerdings wäre es mehr als matt zu sagen: man muss den Olyn- 
thiern zu Hülfe kommen , wenn ihr für sie Sorge tragt. Allein 
das lässt auch Weserroann den Demothenes keineswegs sagen, 
sondern dieser Gelehrte will blos avtäv auf Ixdvcov bezogen 
wissen, so dass auch nach dieser Meinung avtolg die Hauptsache 
bleibt: „ihr müsst selbst euch der Sache annehmen", mag man 
min im untergeordneten Satze den einen oder den andern Spiritus 
setzen, avtäv haben Bav. (Fi) und AldB. (= = die Aldina des 
Budäus, welche in Berlin auf der königl. Bibliothek liegt). So 
vermuthete Wolf und nahmen die Felic. und andere auf, das Pro- 
nomen auf die Athenienser bezogen, statt vpäv avtäv. Allein 
selbst wenn es auf die zweite Person zu beziehen wäre, wäre das 
Rcflexivum falsch , weil es dem andern Pronomen entgegengesetzt 
ist und des Gegensatzes wegen avtäv geschrieben werden musste, 
wozu (aus (pQovtit,st£) vficöv zu ergänzen wäre. Es haben aber 
auch alle anderen Handschriften, wenigstens die meinigen und 
namentlich 2J und Sl den Spiritus lenis. Ich weiss recht gut, dass 
dergleichen nicht so wichtig ist als eigentliche Lesarten. Es 
ist aber doch immer auch Etwas, wenn gute Handschriften über- 
einstimmen. Der Scholiast bezieht avtäv nach unserer Meinung 
richtig auf täv Tigay^idtov. Vergl. Olynth. III. §. 21: zqv täv 
ngaypdtcov öatrjgLav. Pro Phorm. §. 30: öatrjgtav xolg iav- 
xov ngäy^aöiv. Cf. Pac. §. 7 negl öcotrjgias xai xoiväv nga- 
yiiätav. Denn wenn der Redner das Wohl der Athenienser ge- 
meint hätte, so würde er, wie ein Gelehrter in der Hall Littztg, 



244 Griechische Litteratur. 

1828. Suppl. 10 bemerkt, xrjg avxäv Gcox. geschrieben haben. 
Es wäre aber ferner auch ein sehr abgebrochener Satz , so anmo- 
tivirt im Anfange der Rede gleichsam hinzuwerfen, dass das Wohl 
der Athenienser von dem Wohl der Olynthier abhänge, und dann 
nicht diesen Gedanken , sondern deu zu beweisen, dass sich die 
Bürger selbst rüsten müsstcn. Darauf, dass beider Staaten Wohl- 
fahrt sich bedinge, führt der Zusammenhang erst später (§. 12 ff.). 
Der Gedankengang, der so richtig fortgeht, würde durch das auf 
die Athenienser bezogene avxäv sehr gestört Dass aber das 
Pronomen auf xcov ngay^iaxav exetvcov , tcsql av vvvl öxonsixs 
zu beziehen sei, beweist auch das folgende Ttgog avxä, wel- 
ches sonst ganz in der Luft stände. Der Sinn ist also : ihr selbst 
müsst jene Angelegenheit angreifen, wenn ihr sie zum Heil auszu- 
führen gedenkt. Mit dieser Erklärung und Schreibart stimmtauch 
Hermogenes überein T. III. p. 410, obschon Dasypodius und Walz 
vtiIq öiottjQLag vficöv ctvxäv herausgegeben haben, was sich mit 
dem dort vorausgehenden et ds (irj , dnokelvai xu ngay^iata nicht 
verträgt. Denn so muss nach [ty interpungirt werden. Es fehlt 
v^uäv mit Recht in cod. Vind. und in den Ausgaben des Portus 
und des Laurent. 

Anderes in diesem §. ungern überspringend, namentlich das 
QTtcog — ßoq&rjöers des Pal. 2 und der neueren Augaben, die 
Conjectur von Döderlein in seiner Uebersetzung der ersten Olynth. 
fxrj xal tclvtÖv TtäQyxe statt xai (irj naft. xccvxov, als ob dies 
Letztere nicht auch von doxovvxcc etc. abhinge, bespreche ich das 
äv&QG07tog §. 3 aller neueren Herausgeber, besonders auf die ver- 
meintliche Autorität von 2J hin, der aber ganz deutlich ~avog hat 
und zwar mit dem alterthümlichen Zeichen des lenis. Und die 
Handschriften haben Recht. Denn wiewohl an Philipp dabei zu 
denken ist (anstatt äv&gcoTtog haben & und Marl. Oikinnog, die- 
ser am Rande otv&ganog), so war der König doch noch nicht in 
der Rede genannt Hier kann daher der Artikel leicht entbehrt 
werden: „es möchte ein verschlagener Mensch. 1 ' Gerade so 
Plat. Phaedon p. 98 B. : ogco ävdga xä {isv i'w ovdlv %gcöii£vov, 
ich sehe einen die Vernunft nicht anwendenden Mann (Anaxago- 
ras). Anders verhält es sich mit §. 23, wo ZI ebenso avög hat, 
aber falsch. Demi da war Philipp im Vorhergehenden genannt. 
Richtig aber Phil. I. §. 9 dieselbe Handschrift äv&gconog und so 
an mehreren Orten. 

Ebend. yg. ä&oitiöxa 2J am Rande von der Hand des endi- 
genden XIII. Jahrhunderts, auch auf dem Rande von F. 

xgeipy xs xal nagaöTtdörjxai xi Conjectur von Wolf bestätigt 
zwar meines Vict. xgiiprjxs gewissermaassen. Da ich aber nun in 
der von Engelhardt „ne sibi advertat" angegebenen Bedeutung 
das Medium gefunden habe Herodot. III. 72, 7: Iva xi — hiuönü- 
öavxat, xtgdog xai xi (icchXov GfpiGi xganr]xai (var. Eitixgan-qxai) 
und da ohnehin in dem geringen Vict. das £ ein Schreibfehler sein 



Rüdiger: Dcinosthenis Phttippicae. 245 

kann für <n, so stelle ich die alte Lesart aller anderen Handschrif- 
ten wieder her und lasse mich durch Bake (Bibl. Crit. Nov. V. 1. 
p. 200) nicht irre machen, der an dem xsxal zwischen Synonymen 
Anstoss nimmt und xtjv änovöiav trjv rjpsxsQccv svxQSitlövjxca 
vorschlägt, jedoch selbst zugiebt, dass auch von diesem Verbum 
das Activ svxQSfttör] gewöhnlicher wäre. Jenen Gebrauch von 
xs xal hat Stallbaum zu Plat. Phaedon. p. 460 D. hinlänglich ge- 
rechtfertigt und Klotz zu Devar. II. p. 740 als gewichtiger wie 
xal allein nachgewiesen. Es findet sich sogar xccXd xe xaya%a 
so gut wie xakä ts xal al6%QU- Xcnoph. Mem. II f. 8. 

Bibend. 7tavxa%ov avxöv will Benseier lliat. p. 62 diesen 
einzigen Hiatus dieser Rede verändern in navxa%äg , und in der 
Schrift De Hiat. Dem. p. 2 den Satz umstellen in xal avxoi> nav- 
za%ov nuQslvtti. Es ist aber blos eine Pause vor dem nach- 
drucksvollen avxov zu machen. 

§. 7 l$QvXtixs , cbg 'Ohvv&lovg sxnols^wöai dsi (frilinncp. 
So Hr. R. Der Kürze wegen rede ich hier nicht von &gvXsiv mit 
einem A, auch nicht, ob xscog demosthenisch sei, welches hier 
einige Handschr., auch der Rand 2J (yg. süqvXXovv xs) haben 
und Schäfer aufnehmen will um ötiv der besten Codd. statt ösl zu 
retten, sondern ich bemerke nur, dass 2J s&tjvXehs tag mit dem 
altertümlichen rechtwinklichen Circumflex und mit dem gleich- 
alten eckigen Spiritus asper hat. Die zweite Person ist hier 
passender als s&qvXovv , um den Vorwand dem Zuhörer zu be- 
nehmen, und cog mit dem Infinitiv (dsiv) ist kein Anstoss. Schoe- 
mann. ad Isaeum p. 328. Fritzsch. Lucian. p. 172 f. Demosthe- 
nes selbst Leochar. §. 53 sagt: syysyganxai, ag örj^oxrjg sivcci. 
Ich habe auch nicht bemerkt, dass in 2J das v von dsiv eine zweite 
Hand zugesetzt habe; indess kann mir das entgangen sein. Aber 
in £1 ist das v von zweiter Hand. Richtig ist der von Hrn. Rüd. 
angegebene Grund für den lndicativ : „dgt vel propterea praefero, 
quod oratio direeta cum raaxime huic loco convenit." Nach c5g 
wird nie die Rede eines andern direct angeführt. S. Klotz ad 
Devar. II. p. 765 f. Krüger. Gramm. §. 65, I. 1, 2. Das Merk- 
würdigste der Stelle ist sx7Zo?.E{ir)öai , welches pr. 2?, pr. Vind. 1 
statt des vulg. sxnols^icoöai haben und in welches auch die erste 
Hand verändert worden ist. Die Hand des Correctors U ist aber 
in diesen olynthischen Reden nicht überall eine alte, auch nicht 
jene alte des 8to3Q%oxai^ welches unter anderen Reden steht, son- 
dern meist die neuere (aus dem XII. Jahrhundert), die nicht 
mehr mit einer spitzen Metallfeder, sondern mit einem breiteren 
Rohr eoöca schrieb und nicht den rechtwinklichen , sondern den 
halbrunden Circumflex setzte. Auch Olynth. III. §. 7 hat pr. ZI 
sxTioXsfiijöca, hier setzt eine zweite nicht viel jüngere Hand als die 
des Kalligraphen ein jetzt fast ganz verblichenes eo mit dem alten 
Circumflex, aus welchem Accentzeichen ein neuerer wieder mit 
schwärzerer Dinte ein c5 mit gebogenem Circumflex gemacht hat. 



246 Griechische Litteratur. 

Ein Schwänzchen zwischen »; und g scheint zufällig zu sein. Es 
ist aber EXTtoXsjxrjöat die Lesart der Atticianischen Codd. Vid. 
Harpocr. cf. Suid. und Zonar. Man sehe Saupp. Epist ad Herrn. 
p, 49 f. Wenn dieser Gelehrte seine Meinung später zurücknahm, 
so that er es, weil er nicht wusste, dass auch an unserer Stelle 
pr. 2J £X7iokE(ir}(3Ui hat. Die Grammatiker unterscheiden zwar 
beide Formen. Vid. Valck. ad Amnion, p. 72 f. Nicephor. Gramm. 
§. 135. p. 339 in Herrn. Emend. Gr. Gr Allein, so oft auch 
beide von Schriftstellern und Abschreibern verwechselt werden, 
so giebt es doch einige zuverlässige Stellen für den Gebrauch von 
Bxnoksfirjöai zum Kriege reizen, statt des in dieser Bedeutung 
gewöhnlichem Ex7ioÄ£[iG)6cci. So nach den Handschriften Thtic. 
VI. 91 (welche Stelle Krüger indess anders versteht). VIII. 57 
(wo sich in einem Cod. die Var. ExitokEtiGiö&ai findet). Xenoph. 
Hell. V. 4, 20. Plut. Pericl. c. 21 (die andere Form c. 29). Isid. 
p. 379 extr. Wolf. Dionys. Ant V. c. 40 X. c. 16. Anonymi 
Fragm. ap. Suid. s. v. Kaftüitat, et Schol ad Chers. §. 20 Mor., 
um von Josephus nicht zu reden, in dessen Werken die Form zu 
oft variirt , wie denn auch in den obigen Stellen die Herausgeber 
willkürlich verfahren sind. Beide Wörter sind nicht sowohl in 
der Bedeutung, als vielmehr in der Conjugation verschieden, nur 
dass £X7toA£/uco6ca nicht fi'ir erobern gesagt wird , axitoksfi^öat, 
aber beides heisst, sowohl 71oA.lv l&ktiv, wie Amnionitis hat, als 
auch TtoXtpco l&lftüv, wie Ptolemaeus Ascat. (bei Fabric Bibl. 
Graec. VoI.'lV. p. 518) §. 57. Ich möchte daher die Stellen bei- 
der Grammatiker lieber aus einander ergänzen als, wie Valcke- 
naer will, auch bei Ptolemäus aus Ammonius blos rd nofov f£e- 
Keiv lesen. 

§ 13. Nach den bisherigen Vergleichungen musste man glau- 
ben, £ habe '^QVfxßav. Es ist daher verzeihlich, wenn Hr. R. 
Nichts weiter bemerkt als „Arymbam s. Arybam u , ccgv^ißccv aber 
haben ß, Vind. 1, 3, 4, Pal. 1, 3, Rehd., Vict., vulg. und Diodor. 
XVI. 72. Dagegen dgvßßav Z\ wo eine Hand des XII. Saec. 
dies in ctQVußav corrigirt und eine spätere den Accent darüber 
gesetzt hat. In dieser Handschrift sind (.iß und ßß allerdings we- 
nig verschieden (das ß hat nur nicht den unter die Linie gezoge- 
nen Strich des {i, und das ß gleicht, wie auch im ß, dem u der 
jetzigen lateinischen Cursivschrift). Ausser H haben agvßßav a 
(~ s). Aug. suppl Aug. 1. Pal. 2 eine Inschrift bei Curtius 
(Inscr. Att. p. 12 ff.) sechsmal. Pausan. I. 11, 1. Plutarch. Pyrrh. 
1. §. 5 zweimal (mit der Var. 'Agvßag). — Auch hat so Bav., 
aber mit darüber gesetztem p. — dgvßav Harl. Harpocr. (dessen 
cod. Ang. uQvpß .), pr- Vat., dessen Corrector ein p darüber hin- 
zufügte. Ueber das p paragog. s. ausser andern die Ausleg zu 
Justin. VII 6, 11, wo Arruba steht (Schneidewin Conject. Grit. p. 
25, das in meinem Apparat notirt steht, ist mir jetzt nicht zur Hand). 
§. 17. 21 soll ötgatiä haben, wie Hr. llüdiger meint, oder 



Rüdiger: Demostheiris Philippicae. 247 

s£ 
örgccTid nach Bkk. und Dind. Damit bürdet man dem guten Co- 
dex eine arge Verwechselung auf. Er hat von erster Hand Orga- 
na (ohne Accent) und eine gleichzeitige andere schrieb u über t, 
und das ei hat eine neue (vielleicht aus dem XIV. Saec.) wieder 
in i verschlechtert. 

§. 18. 27 hat nicht äpvvexai von erster Hand, sondern 
afivvai, welches im XII. Saec. in äfivvelxai verbessert wurde. 

Ich eile über die andern olyuthischcn Reden weg zur ersten 
philippischen. §. 2. eitel xoi ye el vulg. Hr. Rüd. aber nimmt 
„e vestigiis 27 eitel e'i toi" Bekker's Conjectur eitel xot et auf. 
Allein ganz deutlich haben 27, Aug. 2, und der Text von Bav., 
auch Vind. 1 (in welchem aber et ausgelöscht ist) exet, e'i rot. 
Und diese Lesart ist von Hrn Klotz (ad Devar. II. p. 531 f.) voll- 
ständig vertheidigt. Die Stelle Phil. III. §. 5 ist zwar vollkommen 
übereinstimmend im Gedanken, im Ausdruck aber nicht ohne 
mehrfache Veränderung. 

§. 7. rjv alle Msc, nur Harr, hat el. Weil diese Conjunction 
statt der vorhergehenden äv wiederholt wird , will Benseler (ad 
Isoer. Areop. p 148) ijv in äv verändern. Ich würde noch vor- 
ziehen äv — eftekrjörjxe — , ei vpäv avzcöv eftehrjöere yeveö&at, 
aal itdvöai6&' oder vielmehr navöeöft' . Denn vergl. Chers. §. 34 
und §. 37 : ei egoivfr' vpäg — , äv xavxa Xeyaöiv. Aristocr. 
§. 172 äv piev — ei Öh firi, wie oft. Demosthenes braucht an kei- 
ner andern Stelle ijv» Denn Cor. §. 176, wo vulg. rjv gelesen 
wird, haben, was man bisher nicht wusste, auch 27, £1 und an- 
dere äv. und Phil. IV. §. 2 haben 27, F, r, Aug. 1 u s. w. ij statt 
des vulg. ijv. Ausserdem ist Phil. IV. unächt. Es scheint De- 
mosthenes, der so sehr die Abwechselung im Ausdrucke liebt, 
hier einmal, da er den Hiatus el vpäiv vermied, rjv gebraucht zu 
haben, wie Isokrates, der sonst nie eäv sagt, sondern ijv auch 
dem äv vorzieht, doch einmal der Abwechselung wegen Paneg. 
§. 163 eäv ^iev — , rjv de schreibt. 

§. 10 negiövxeq (statt des iteguovxeq) haben pr. 27 (der Cor- 
rector des Saec. XIV. hat das zweite t hinzugefügt), Vind. 1, 
Rehd. F, u, pr. v, Pal. 1, Goth. Die Variante ist beachtenswerth, 
so häufig und leicht sie auch ist. Vergl. §. 48. Denn jetzt findet 
sich diese Form auch in den Fragmenten des Hyperides (iv. C. 6). 
Vielleicht war es die Umgangssprache zu Athen. S. Böckh zu 
dem Fragment. 

Zugleich muss ich hier bemerken, dass der Pariser Codex a 
des Hrn Rüdiger (== Thiesch a) kein anderer als 27, und dessen 
ß == T ist. Es ist also auf die Auctorität einer Handschrift hin 
mehr als bedenklich, xig zu streichen. Weil dieses Wörtchen 27 
auslässt zwischen dväyxr) $, entsteht ein bösartiger Hiatus. Nur 
noch mein nachlässiger Aug. lässt es fort; mein Pal. 1, der sonst 
mit ihm übereinstimmt, hat es. Wie leicht aber u*j ausfällt, hat 
Bast gezeigt zu Gregor, p. 8. 



248 Griechische Litteratur. 

8. 26. Das vielfach angefochtene Imperfecturn hat 22 so : 
oval %eiqotovsit£. Das e ist von i gestrennt und £ ist von neue- 
rer Dinte corrigirt. Das spricht aber doch nicht für die Schäfer- 
sche Conjectur xal %ugozov&Zt£ , obgleich die erste Hand in 22 
das praesens geschrieben hatte. Denn wenn ihr Original dies ge- 
habt hätte, so stände nicht ovx da, sondern ov. Das Imperfecturn 
ist aber richtig hier von der vergangenen Zeit gebraucht, und 
auch die im laufenden Jahre bestehenden Feldherren und Anführer 
waren vor dieser Rede gewählt. 

§. 27 innägiovg vulg. 22 aber hat ganz richtig lnitag%ov. 
Denn es handelt sich hier nicht, wie viele Hipparchen gewählt 
würden, sondern wer ins Feld gehen müsste. Nun musste aber 
der eine von den beiden Hipparchen zu Hause bleiben, um die in 
der Stadt ihm zukommenden Obliegenheiten zu versehen. Wenn 
alle Taxiarchen und Hipparchen gemeint wären , müsste der Ar- 
tikel zovg dabei stehen. Sonderbarer Weise meint Hr. R., dass, 
wenn Demosthenes nur an einen Hipparchen gedacht hätte, es 
tov L7i7iccQ%ov mit dem Artikel heissen müsste. — Die alte Inter- 
punetion (nach der Aldina, welche nach ltiti. ein Komma setzt) hat 
Sauppe aus dem Grunde gerechtfertigt, dass nach den 2 Beispie- 
len (den Taxiarchen und dem Hipparchen) alle Anführer zusam- 
mengefasst würden, ug%ovzag olxslovg, denn wenn dies Prädicat 
sein sollte, wäre entweder nag v^icov oder oixuovg überflüssig. 
Diese Gründe werden nicht aufgehoben mit der Anmerkung: „Ne- 
que idem Vir doctissimus mihi persuasit ante ug%ovzag distin 
guendum esse. Zu dem tivai muss man noch das unmittelbar 
vorhergehende Inl tov it6ke[iov ziehen." Zu dem Kriege mussten 
alle Führer heimische (keine Fremde) sein. 

§. 28. zovzo dt} xal nsgaivco 22 (statt vulg. jtegavä). Das 
Präsens erklärt Engelhardt sehr gut „jarn exsequor." Es wird 
auch unwidersprechlich bewiesen durch Dem. Symm. §. 32 : {isza 
xuvza Xeyco (vulg. Ae|;g>). Cf. leg. §. 32: xaxaßcdvco. Aeschin. 
f. leg. §. 183 : ijdr] ocazccßaivG). Demnach verwirft es Dindorf mit 
Unrecht als ein Futurum, indem er sagt: „ut hujusraodi futura 
in codieibus non raro scripta sunt." 

§. 29. Es ist kein sehr grosser Werth auf die Anführungen 
der Rhetoren zu legen, denn ihre Handschriften und Ausgaben 
lesen gewöhnlich wie vulg. 

§. 30. xal sv zalg. Auch 22, wie alle andere Handschriften, 
lässt hier iv weg. Dagegen hat 22 die Präposition gleich hernach 
aal iv xoig epyoig, wo die übrigen Mss. sie nicht haben. In 
dieser Stelle herrscht bei der Angabe von Varianten viel Ver- 
wirrung. 

§ 33. « ö' vTcdg^ai. nicht hier , sondern etwas weiter unten 
vor Kiya lässt 22 a aus. 

§. 35. zoöovzov o%kov %a\ jiagaöxsvyv , o6f]v so 22 und an- 
dere, ohne zoöavzrjv nach xai, wie vulg. Schäfer's Einwand „non 



Rüdiger : Demosthenis Plrilippicae. 249 

videtur TOöavtrjv abesse possc, quum statim scquatur oöijv" ist 
nichtig. Denn so wird auch Pac. §. 10 das Relativum auf das 
nächste Masculinum bezogen: xoiavxag sknldag aal <PsvaM<3[iovg, 
olg ohne Wiederholung von TOiovxovg. 

§. 40. ovösvög ö' dnokeins6$s, aöTttg ot ßagßaQOi jcvxxsv- 
ovöii» , o£»rco noke^slrs Oikinna. So Hr. It. und dazu die krit. 
Note: ovo sv d' cc7CoksiJitxs, äöneg oi ßagß. n •, ovxco nokefxelv 
0. Tur. etc. — Equidem cum Bekk. — nisi quod — de post 
agnsg , a 21 omissum, retinuit. — Und in der Erklärung: ovde- 
vög cT äjtokeiTisö&e, nulio (subsidio) destituimini. Etenim patet, 
haue enuntiationem proximae opponi, dicit: subsidiorum, quae 
vobis sunt, nullo recte usi estis, quamquam nullum vobis deest. — 
äönsQ oi ß. De vineulo particulae omisso vid. ad §. 32. Qui 
Turic edit. rationem sequuntur — ita hunc 1. interpretatur: nihil 
reliquum facitis , quin, ut barbari luitantur , ita cum Phüippo 
bellum geratis, — At primo ovöev est mera Dobraei conjeetura, 
deinde Ttokeyalv pr. 27 legitur, cujus lectiones paene omnes pra- 
vas esse docui Jen. A. Litt. Zig. 1^44. Nr. 53, Denique cenoksi- 
nexe, quod in 2? legitur, adamassem, si usus linguae ferret, qui 
lectionera vulgatam dnoke tntö&e , loco nostro aptissiraam, retineri 
jussit 1 ' Hr. R. würde anders gegeben und erklärt haben, wenn 
er über 27 genauer wäre berichtet gewesen. Denn bei pr. 27 
kommt das Verhältniss zum Corrector in Betracht, welches sehr 
verschieden ist. Hat der Kalligraph selbst verbessert oder ein 
gleichzeitiger Schreiber, so hat diese Veränderung äusserlich be- 
trachtet mehr Werth als die spätere. Und auch die spätem sind 
verschieden, die einen aus dem XL, die andern aus dem XII., die 
andern aus dem XIV. Saec. Bei vorliegender Stelle nun habe 
ich, wie bei mehreren andern, auch noch Hrn. Pillon zu Itathe 
gezogen, wie ich mich denn überhaupt in schwierigen Fällen der 
geübten Augen und Kenntnisse eines Hase, Miller und des leider 
nun gestorbenen Letronne zu erfreuen hatte. Auch Hr. Dübner 
hatte mir schon früher mehrere Stellen nachzusehn die Gefällig- 
keit gehabt. Unsere Stelle aber hat keine andere Correctur in 
27 als die, dass nach coötcsq die Abbreviatur von ds aus dem 
XIV. Jabrhundert eingeschoben worden ist, auch ist an nokepsiv 
das v radirt. Es liefert aber pr. 27 den besten Sinn, wenn wir 
nur nicht den Schreibfehler änokeinsxe aufnehmen, sondern das 
durch den Genitiv ovöevog gebotene Medium beibehalten. Hätte 
ich dies Alles früher gewusst, so würde ich nicht dem vermeint- 
lichen, sondern dem wahren 27, der nicht noktfisixs hat, gefolgt 
sein und übersetzt haben: minime autem imperiti estis, ut barbari 
pugäles pugnant, sie belli gerendi contra Philippum. An dem &' 
aber uach »gjflfso in meiner Pariser Ausg. bin ich unschuldig, wie 
auch die Uebersetzung derselben zeigt. Ueber diesen Sinn von 
ovdsvög änokeljtsöQs es entgeht euchNichts, vom Begreifen 
und Lernen gesagt, vergl. Leochar. §.8. Plat. Hipp. Min. p.3ti4B. 



250 Griechische Litteratur. 

§. 45: av — (iBQog xt xrjs noltcoq övvanoöxaly^ xäv fifj 
näöa. Dazu sagt Hr. R. : näöa £. — näöa itttQrj vulg. et post 
xv%f]S additur rftiiv. Quamquara H a criraine omissionum liberari 
nequit, tarnen hac utraque — voce — omissa orationi gravitas 
quaedam conciliatur. Es kann aber nagy zu leicht wegen jteüöa 
ausgefallen sein, wie näöa wegen nagf] im Pal. 1 ausgefallen ist, 
wo der Rand beide Wörter nachträgt. Eben so fiel §. 50 roig 
jigäy^iaöi. in U wegen des nahen jrooöf^Ta aus i w ' e Ang. beides 
nur am Rande hat. Denn ngog und ngay^a ist häufige Ver- 
wechslung. Anders verhält es sich mit jj/itv, was freilich der 
einzige ZI auslässt. Allein das Pronomen tanzt, in andern Hand- 
schriften steht es hinter fttäv (in Pal. 1. Aid. T.), wegen der 
Nachbarschaft kann es nicht ausgefallen sein und ccvxä wäre pas- 
sender. Ohne Pronomen passt jedenfalls zu dem Gvvaitoöxccfoj 
das övvayeavi&Tcci besser. 

Die Richtigkeit der Lesart xiftvaöi tc5 öiti xovg xoiovxovs 
hat Hr. R. längst durch den Nachweis Dem. f. leg. §."81 über 
allen Zweifel erhoben. Vgl. Plat. Rpbl. V p.465. Polyb.1,39, 12. 
Arrhian. Exped. VII, 9, 4 (6). Aristid. Pro IV viris T. II p. 210 
Dind ibiq. Schol., woraus Phot. Bibl. p. 426 med. BKK. Aeschyl. 
S. Theb. vs. 287 (275). Soph. Electr. vs. 123 ibiq. intrr. Der 
Accusativ hängt vom Begriff des xe&vdvai xa dhi ab~ vjiegcpo- 
ßtlö&cu. S. Schümann. De Eurip. Medea (Ind. Lect. 1836) p. 12. 

§. 46. Hr. R. zieht das vulg. •qyfjxcci [ihv 6 öTQaxrjydg 
cc&Mav dnoftiöxtcov %£rcov vor dem fjxrrjxcu u. s. w. des 2, weil 
er rjxxrjxccti nach Jahn übersetzt noch schlechter ist. 1 ' Allein 
es heisst: wenn d er Feldherr von elenden Ausländern 
ohne Sold abhängig ist, wie es schon Reiske erklärte. Der 
Einwand von Schäfer, dass dies wegen des Beisatzes uftXLcov 
(nicht etwa ctKoküöxav) nicht ginge, hebt sich, wenn man denkt, 
dass der Feldherr den Horden auch das Rauben nachsehen muss, 
weil sie sonst nicht leben können. Es ist auch unwahrscheinlich, 
dass das häufige rjyijxat, in das c<na^ Xeyo^ievov jjrrjjrca soll ver- 
ändert worden sein. 

In demselben §. steht vulg. uv nach ccvöqu. Es fehlt in Z?, 
Aug. 1, T, Rehd, Harr., Urb., Vind. 3, 4. Das ist schwerlich aus 
Zufall, weil avöga vorausging. Ohne av ist der Sinn der Stellet 
es ist nicht möglich , dass jemals ein einziger Mann euch Alles, 
was ihr wollt, hat thun können (und wird es auch nie können). 
Hr. R. geht nicht weiter auf diese Variante ein und behält die 
Vulg bei. — Nicht so steht es mit dem unten folgenden «V, 
welches wegen des unmittelbar vorhergehenden c5v, wie Pac. 
§. 2 wegen des unmittelbar folgenden au in H und zwar in kei- 
nem andern Cod. ausgefallen ist. Die von Hermann "Av p. 117 
angeführten Stellen rechtfertigen nicht diesen Mangel der Parti- 
kel an unserer Stelle. 

§. 50. av%QU7io$ ohne Spiritus uud Accent £. 



Rüdiger: Demosthenis Philippicac. 251 

§. 51. Hr. R. findet an dem in diesem langen Paragraphen 
viermal vorkommenden v^tlv Anstoss und streicht es zweimal, 
wie er sich irre führen liess, auf die vermeintliche Autorität 
von 2. Dieser Codex hat es allerdings nicht nach dem erstem 
övvolösiv, er hat es aber nach dem zweiten Gvvoiöeiv ^ wo es 
Hr. Hüd. streicht. Dann fehlt es wieder, und zwar in dieser 
Handschrift allein, vor [läkkei, aber mit Beibehaltung des v in 
näöiv, an dem erst hernach der letzte Buchstabe radirt ist. Also 
hatte wohl die erste Hand vfilv schreiben sollen. Jedoch ist das 
v Ig), auch vor Oonsonanten im Z häufig, wenigstens vor Pausen. 

Pac. §. 1. Es ist nicht an dem, wie bisher behauptet wor- 
den, dass Z schlechtweg jtgoiöftai habe, welches darum Hr. II. 
aufnahm, sondern pr. Z hatte wohl itgo£ö&ai, was aber hernach 
(im XIV. Saec.) in itgo&Zö&eci, corrigirt wurde mit Recht, denn 
das Perfectum passt am besten zum Praesens. Schol. Venet. in 
Hermog. T. IV. p. 752 Walz, hat itgoUö&ai. 

§.3: xä Ttgoupeva 6G>9i]6aTcci. Statt vulg. itgoupiva 
hatte pr. Z vielleicht ngo£i6£{i£va, zwischen u und p sind zwei 
Buchstaben radirt, so dass ngo£i (i£va übrig ist. Auf das Radirte 
hat die Hand des XIV. Saec. qij geschrieben, slgr^iiva haben auch 
Schol. Venet. 1. cit , Urb. (in welcher Handschrift aber gt] wie- 
der radirt ist), Vict a , Vict b (dessen Rand aber yg. ngosifisvcc hat). 
Sauppe schlägt nsgijjgrjfiiva vor. Wenn da stände xä äitokakoxa 
öw&jjderat, so müsste man sich eine Aenderung gefallen lassen. 
Aber das Vernachlässigte (xä ngoai^sva) kann noch erhalten 
werden (öaj&ö&cu). Vgl. Dem. f. leg §. 6. Phil. II. § 15. Man 
kann öa&tv (unversehrt machen) sowohl durch erhalten als 
durch wiedererwerben. 

§. 5. Kai aöo^ov hat freilich 2?, allein xal ist mit stärkerer 
Dinte punktirt. Es verdankt sein Entstehn gewiss dem benach- 
barten Kai. 

Ebend. Das erstere [iovog der pr. Z ist von späterer Dinte 
getilgt und das richtige ngäxog darüber geschrieben. 

Ebend. vno räv enl [iLxgoig kyjfi^iaöt noXkä Kai (iByäk' 
ufiägtdvELV Vfiäg itsiöävrcov so pr. Z in fliessenderer Verbin- 
dung als die Vulg. v[iäg äfiagxävuv ituöävxav. Diese Wort- 
stellung wird auch in Z durch die gewöhnlichen Strichelchen 
gegeben, aber von neuer Dinte. 

Ebend. tgjv xöx£ xavxa, so hat 27, dieser lässt xavxa nicht 
weg, die andern aber haben xoxe nicht. 

§. 7. ei — xgaycodovg £&£u6a6&£ älXu fit] iz£gl öcoxrjglag 
Kai KOLväv ngayfiäxav i\v 6 Aoyog, ovx äv ovxcag — tfxov6ax£. 
Die Noten dazu heissen: „e&Edöuö&E vulg. et pr. 2/, e%eü6%£ 
Bekk. — 'E&£cc6u6%£) quod 1818 scripseram, revoeavi: si speetas- 
setis fabulam, me non infestius audissetis. Aoristus, qui facile cum 
imperfecta £&£aö&£ confundi potuit, etsi defendi, tarnen non pro- 
bari potest. Artic. 6 ante koyog significat sermonem praesentem.' 4 



252 Griechische Litteratur. 

Das ist unklar. Im Text steht der Aorist und das Iraperfectum 
wird vertheidigt, aber so verteidigt, als könnte dies nur vom 
hypothetischen Präsens gebraucht werden. Ein Irrthura , wel- 
cher aus der lateinischen und der deutschen Sprache in die grie- 
chischen Grammatiken übergegangen, aber schon seit Beruhardy 
berichtigt ist. Das Imperfectum ist vielmehr, um nacb Bäumlein 
zu reden (Untersuchungen über die griech. Modi S. 9 i ff.) auch 
nach d die werdende Handlung in der Vergangenheit. Beispiele 
für diesen Gebrauch, wie für den, dass auch das griechische Im- 
perfectum für die hypothetische Gegenwart steht, ünden sich 
überall, ich will nur wenige aus der Rede v. d. Kranze anführen 
zum Beweise, dass dieses Imperfectum mit und ohne äv seine 
eigentliche Bedeutung behauptend auch von der Vergangenheit 
gesagt wird. Cor. §. 24: El yäg v^islg apa zovg [ihv'Ekkrjvag 
dg Tiöktpov itagexccksize, avzol de ngög Oikmitov ntgl zrjg 
dorjvijg Ttgiößeig eTcepinszs, Evgvßäzov ngay^ia — öieTtgazte- 
öfra, wenn ihr — Gesandte schicktet, so vollbrachtet ihr eine 
Handlung des Eurybates, d. h. wenn ihr — geschickt hattet, so 
hättet ihr vollbracht. §. 44 : d de {iq yöQävovzo, ezsgog 6 ke- 
yog, ov ngog £(is, wenn sie es aber nicht merkten, so ist die Rede 
eine andere (so ist das eine andere Rede) , keine, die mich was 
angeht. Diese Stelle gehört auch auch wegen des 6 koyog hier- 
her. Rein hypothetisch sind folgende Beispiele. §. 171: d [iiv 
zovg öa&fjvai zr\v nokiv ßovkofisvovg nagekfreiv edsi, Tcävzsg 
äv v^ieig — dvaözdvTBg snl to ßrjß' eßadi&ze, wenn die — 
hätten auftreten müssen, so wäret ihr alle aufgestanden u. s. w. 
§.174: d ZOV&' ourtög ezvy%avev f#ov, ovx äv avtov rfnovojAEv 
sv 'Ekazela ovra, wenn dem so gewesen wäre, so hätten wir ge- 
hört. §. 233: d filv ikäzzovg ejtoir t 6a rag dvvä[iEig, ,?mp' 
£{io\ zdöixrjfi' äv iÖstxvvsv 6V, d Ö£ nokkä pd^ovg , ovx äv 
eövxocpdvzsi , wenn ich die Macht verringert hätte, so hätte er 
das Unrecht an mir nachgewiesen, wenn ich sie aber sehr ver- 
grössert, so hätte er mich nicht chicanirt. Vgl. Klotz ad Devar. 
II. p. 489 ff. Dies vortreffliche Buch führt Hr. R. nirgends an. 
Dass sich aber die vorliegende Stelle auf die Vergangenheit be- 
zieht, zeigt, wie überall, so auch hier der Zusammenhang, aber 
auch schon das, dass Demosthenes' Beispiele xtiv Ttgöztgov neh- 
men will. Indess hat 2 ursprünglich gar nicht einmal das Imper- 
fectum, sondern so: s&eä 6&e. Dazwischen sind zwei Buchsta- 
ben radirt, wahrscheinlich öa, und, wenn man aus dem neuen 
Circumflex schliessen darf, den wohl dieselbe Hand gesetzt hat, 
so ist die Rasur neu. Die andern Handschriften haben beide 
Tempora, nämlich l&e.döaöQs £1, Goth. , 2 1 , u, v, Bav. (F '?), 
Ang., Urb., Vind. 1, 3. — sfteüö&s Aug. 1, 2, 17, fr, Appfrancof, 
AldLess., yg. AldVöm., Pal. 1, Vind. 4, Herodian. p.438 ed. Piers. 
Wenn man die sonst verwandten Codices vergleicht, wie V und 
Vind. 4, Urb. und Aug. 1, Pal. I und Ang., so muss man glauben, dass 



Rüdiger: Demosthenis Philippicae. 253 

in den einen mir das 6a ausgefallen ist, dass sie aber keine ältere 
verschiedene Lesart bieten. Herodian beweist Nichts gegen diese 
Verniuthung , wenn ich anders oben richtig über die Citate der 
Grammatiker und Uhetoren geurtheilt habe. 

§. 8 lässt pr. 27 knoitföato aus, der Corrector des XII. Saec. 
setzt es. Ich glaube, es muss Funkhänels Verteidigung dieser 
Auslassung (Zeitschr. f. Älterth. 1841. p. 406) berücksichtigt 
werden, obschon ich nicht glaube, dass man in Prosa sagen kann 
xi)v xöxt äcpi^iv oX%txai. Der Satz scheint mir vielmehr ironisch 
verstanden werden zu müssen: ihr habt, glaub' ich (olfiai) , alle 
jetzt die Ueberzeugung, dass seine damalige Reise zu den Fein- 
den geschah, wie er sagte, um sich dort Schulden zur Bestreitung 
einer hiesigen Liturgie einzutreiben und (xal vor tovrco nicht 
s= auch, damit fällt auch Schäfers Conjectur, welcher Funkhänel 
Quaest. p. IX zustimmt, dass nach Inuöij müsste ds eingeschoben 
werden, und wirklich haben ensl ös T, corr. Sl, Appfrancof.), 
nachdem er wegen des Friedens Sicherheit erlangt, seine hiesigen 
und liegenden Güter verkaufte und damit zu jenem fort ist. 

§. 9. xolg xöxs, vulgo. Es lässt nicht blos 27 das xote au8, 
in welchem Codex es eine neuere Hand darüber geschrieben hat, 
sondern auch Bav., Aug. 3, Vind 1, 3, Rehd. In solchen Fällen 
sollte nach meiner Meinung am wenigsten blos die Variante aus 
27 angegeben werden. 

§. 10: Oeöntdg xivcov xal Ilkaxaiag VTH6%vov\xivav olxi- 
6%Tq6n5%ai . „xal xivgjv pr. 27" Es ist das xai vor xivav fast 
ganz radirt, ausserdem noch durch Punkte geächtet, und von einer 
gleichzeitigen Hand xai nach nviov geschrieben. 

Von derselben alten Hand ist ebend. vor xaläg das aus- 
gefallene (dritte) ot>t£ nachgetragen. Wenn dies Franke und die 
Zürcher gewusst hätten, würden sie es schwerlich getilgt haben, 
und Hr. R. würde wohl nicht sagen, dies wäre geschehen „ex 
fönte satis turbido." 

Ebend. tcqoUö&s pr. 27, corrigirt im XII. Saec. in si. Vgl. 

Ebend. tv oW vulgo. Es lassen ev weg 25 und Vind 3. 

Ebend. xavxa ovxe otda vulgo. Dieses ovxs hat die alte 
Hand (die gleichzeitige) hinzugefügt auf drei radirten Buchsta- 
ben, denn wegen des vorausgehenden xavxa war ovxt ausgefallen, 
und wegen des folgenden ngoödoxä war zuerst ngoGoida ge- 
schrieben 

§. 12 vertheidigt Funkhänel (Zeitschr. f. Alt. a. a. 0.) die 
Lesart von 27, der ort auslässt. Auch Hr. R. streicht es, weil 
das Ansehn seines Codex a dazu käme. Der ist aber 27, in wel- 
chem es auch durch Nachlässigkeit fehlen kann, zumal zwischen 
s und n. Denn i% ist dem ort sehr ähnlich. 

Ebend. jrooöoiö pr. 27, woraus eine neue Hand jtodö ovo 
machte. 



254 Griechische Litteratur. 

Ebend. äv nach ovdevög fehlt in 2, Bav, Vind 1, y. 

§. 13. ojtoicc Ttoz' vulgo. 2J hat oitolct xl$ nox nicht 
ohne not . 

Ebend. H hat nicht den Accusaüv yeyevqfisvt] vvv, son- 
dern yeyevrjfisvrjvvv , welches die Vulgata ist und von Beck 
schlecht vertheidigt wird. Dindorf, welcher sie dennoch auf- 
genommen hat, muss Schäfers Note nicht gehörig beachtet haben. 
Mit Recht hatte Reiske ysysvrj^isvtjv vvv vermuthet. So haben 
Pal. 1, Vind. 1, 3, 4, T1 corr. ÄldVöm. und eine alte Randschrift 
meiner kleinem Herwag. — yeysvTjfxävov vvv hat Vict. 

§ 15: Yöaöiv (seil. O^ßalot) dagißäg, — ort, ei yevqözzai, 
TioKi^iog tcqÖs rj[iäg ccvvovg, rä pev Haxä tiÜvxf'' s£ov6lv av- 
xoi etc. Dies avtovg, von U (im Texte), Bav, v, corr. ß, ß, y, 5, 
Ilarl, Goth, Pal- 1, Ang., Vind. 3, Rehd, Vict% Vict b , Aid. und 
AldTayl. geboten, glaubt Hr. R. durch die Erklärung „nemine 
intercedente u vertheidigen zu können. Ich finde keinen Sinn 
darin und glaube die Entstehung dieses Accusativs dem unmittel- 
bar dabei stehenden (vpüg) zuschreiben zu müssen. Den Dativ 
hat 2J am Rande mit yg. aus dem XII. Saec, pr. Si, yg. AldVöm., 
Urb, Vind 1, 4, der Rand meiner kleinen Herw. Im Vict. ist es 
punktirt. 

Vieles übergehend muss ich noch von einer Stelle handeln, 
§. 17 derselben Rede: ovx a%gi xrjg %6r\g exccötog eöviv svvovg 
ov&' tjfiiv ovtb 0r]ßccioig, Söxs tivai %al xgazsiv xcav «IIdji/, 
ctXXa öcog [xiv dvai nuvzsg äv ßovkoivxo bvs% eavzäv, Kguxfj- 
öavzag de xovg ezegovg dsöitöxag vnägiuv avzäv ovö\ ag. 
Die Schwierigkeit liegt bekanntlich in dem coörs eivui> deren 
Lösung man bald in ungenügender Erklärung, bald in mehr oder 
weniger glücklicher Aenderung suchte. Dies ilvav auch prägnant 
für Dasein gebraucht werde, ist wohl wahr, und das nicht blos 
von spätem Schriftstellern, wie gegen mich hervorgehoben wurde, 
sondern auch von den besten Prosaikern , z. B. Plat. Phaedon. 
p. 70 A. Criton. p. 50 B. und selbst von Demosthenes Phil. II. 
§. 15. III. §'. 5ö. Chers. §. 17. Cor. §. 72. Androt. §. 74. (Timocr. 
§. 182). Theocrin. §. 17. Die Stellen des Thucydides s. bei 
Krüger im Register. Die des Xenophon in Sturz Lexikon. An- 
dere in Funkhänels Quaest. p. 17. Allein wo das Prädikat, wie 
hier, die Hauptsache ist, kann slvcci allein nicht genügen, es kann 
nicht so viel sein wie 6c5g ttvat, nicht heissen unversehrt erhal- 
ten werden. Denn zwischen Bestehen und Herrschen liegen 
noch viele andere Möglichkeiten, als dass es blos auf jene beiden 
Kategorien hier ankäme. Aber auch grammatisch genommen kann 
die Stelle nicht richtig sein. Denn es fehlt das Subject des Infi- 
nitivs. Das kann nicht fehlen, wenn nicht auf irgend eine Weise, 
sei es als Prädikat ein Adjectiv und Particip dabei steht oder das 
Subject vorausgeht. Was sollte aber bei aöxs slvcci Subject 
sein ? Nicht eKccöTos ? denn es ist der andere gemeint. Nicht 



Rüdiger : Demosthcnis Philippicae. 255 

rj[iäg oder Qrjßaiovg; denn das wäre eine harte Ergänzung: und 
Td'K, wie man geglaubt hat, fehlt nur bei Impersonalien, wie 
öelv, z B. §. 24. Demnach liegt die Reiskische Conjectur gjöts 
in öäg xe zu ändern sehr nahe. Wogegen zwar Schäfer den 
Einwand macht, dass so der blosse Infinitiv im Griechischen nicht 
stehen könnte. Er will daher gjöte öäg xe ßovkEö&ai nach dem 
Index Lambini (so hat auch äkkcog yQ. AldVöm.). Leichter wäre 
wöre öüg xe nach Auger's Vorgang. Aber dies ist Misslaut und 
der blosse Infinitiv ohne cjöte dient auch sonst zur Erklärung des 
Vorhergehenden, wie Neaer. §. 71: inl xolgÖE dirjkkajzav, — 
(iijÖEfiluv (iveiav noislv. So nach ovzcog Xenoph. Cyri Disc. 
VIII, 7, 10(3) , nach g3Ö£ Aeschyl. Agam. vs. 480, nach a'g xods 
Eurip. Orest. vs. 5Ö6. Um von Seeger's kühner Conjectur nicht 
zu reden, will noch kühner Dindorf die gauze Stelle cjöxe — 
(xkkav wegwerfen und klammert sie daher ein. Schon der Arti- 
kel a%Qt tr/g 'iäng fordert nothwendig eine nachfolgende Erklä- 
rung, wie kennte dnmnach unmittelbar auf &rjßaUwg der Satz 
dkkd u. 8. w. folgen'? Keiske's Conjectur ist jetzt aber auch nicht 
ohne handschriftliche Autorität. Denn AldB. giebt am Rande 
Gag und AldVöm. öaJgxE. Es ist ohnehin dies fast keine Conjec- 
tur , paläologisch angesehen ; denn der ganze Unterschied zwischen 
0t]ßaioi66aöT und ®qßcctoi6co6x besteht in weiter nichts als in 
Verdoppelung des <y. Und wie leicht hier gefehlt werden kann, 
ist von selbst klar, zeigt aber auch im Folgenden die Handschrift 
27, wo die Zeile endigt mit äkkaö und die folgende anfängt mit 
öcoöpEv , wo aber das erste g" vor die Zeile zugefügt ist. Ich lese 
also: ovx ä%Qi rijg Xaijg— &qßaioig, öäg x eIvccl xul xqcctslv 
xäv ukkav , dkkä öcog [xev eivcli u. s. w. So allein sind die Ge- 
gensätze richtig. Damit aber Niemand an dem xe hol in Bezie- 
hung auf 'fofjg Anstand nehmd, so vergl. Rhod. Libert. §. 10: ov 
yag ofiolag ovdug vjceq xe xov tcIeoveüxeiv TCokE^rjöEiEv av 
% «l xäv euvxov , dkkä u. s. w. Fast zum Ueherfluss bemerke 
ich noch, dass 2 'nicht cog ßlv Etvac hat, sondern so, wie ich 
eben sagte. Wenn dies Funkhänel gewusst hätte, würde er 
Ztschr. für Alterth. a. a. 0. dies nicht gesucht haben zu verthei- 
digen, so wenig als er das in 27 nach tjp äg ausgefallene öncag (wei- 
ter unten) würde gerechtfertigt haben, wenn er gesehen wie 
ähnlich beide Wörter in dieser Handschrift sind. 

In einigem Zusammenhange mit der auf sorgfältiger Verglei- 
chung der Handschriften beruhenden Textkritik steht die gleiche 
Grundlage habende Orthographie einer demosthenischen Ausgabe 
nur darf dies Capitel nicht auf den Handschriften allein beruhen] 
es müssen die alten Ueberlieferungen zugleich dabei zu Rathe ge- 
zogen werden. Dies aber führte mich hier zu weit und noch wei- 
ter, wenn ich nun auch auf die Sacherklärung des Hrn. Rüdiger 
eingehen könnte, namentlich über die chronologischen Angaben 
und über die beiden Excurse De Demosthene und De Philippo 

N. Jahrb. f. Phil, u. Paed. od. Krit. Bibl. Bd. LV. Hft. 3. 17 



256 Griechische Litteratur. 

Ein so reichhaltiges Buch könnte eine gleiche Bogenzahl Erörte- 
rungen hervorrufen. 

Frankfurt a M. Dr. Vömef, 



Fragments du commentaire de Galten sur le Time'e de Piaton, 
publies pour la premiere fois en Grec et en Francais, avec une 
introduction et des notes, suivis d'un essai sur Galien considere* 
comme philosophe, par CA. Daremberg. Paris et Leipzig. 1848. 8. 

Lange Zeit begnügten sich die Philologen , die schon früher 
bekannt gewordenen Schriftdenkmale zu erläutern und auf ein ge- 
naueres Verständniss derselben hinzuarbeiten; jetzt dagegen, be- 
sonders etwa seit den letzten 30 Jahren, ist ein immer lebhafter 
werdendes Bestreben hervorgetreten, , neue, bisher unbekannte 
Quellen für die umfassendere Erkenntniss des Alterthums und sei- 
ner gesammten Cultur aufzufinden. In dieser Absicht haben viele 
Gelehrte Zeit und Mühe nicht gescheut, die Bibliotheken zu 
durchsuchen. Diesem ausdauernden Fleisse verdankt man die 
Veröffentlichung vieler bisher meist unbekannt gewesener, nur in 
Handschriften erhaltner Werke, die nicht nur, als Erzeugnisse 
der antiken Cultur an sich betrachtet, ein neues Licht auf den 
Entwickelungsgang derselben werfen, sondern auch mehr oder 
weniger vielseitig das Verständniss der einzelnen Ueberlieferungen 
aus dem Alterthume erleichtern. Wenn daher überhaupt schon 
dem Philologen alle neue Erscheinungen auf dem Gebiete der 
klassischen Litteratur interessant sein müssen, so muss dies um so 
mehr der Fall sein, wenn durch eine solche neue Grundlagen ge- 
wonnen werden für die Beurtheilung zweier Männer, welche unter 
ihren Zeitgenossen so ausgezeichnet dastehen, wie Piaton und 
Galenos. 

In dem oben genannten Werke wird die philologische Litte- 
ratur bereichert durch die Fragmente eines Commentars des Ga- 
lenos zum Timäos des Piaton , welche zwar schon seit der Mitte 
des 16. Jahrhunderts in lateinischer Uebersetzung bekannt ge- 
wesen sind, jetzt aber zum ersten Male im griechischen Original- 
texte gedruckt erscheinen. Schon in der zweiten Editio Juntiua 
(Venet. 1550, fol.) finden sich dieselben, übersetzt von Aug Ga- 
daldinus; Charterius in seiner Ausgabe des Hippokrates und Ga- 
lenos (Lutet. Paris. 1679, fol ) hat dieselben wieder abdrucken 
lassen und hat die betreffenden Stellen aus dem Platonischen Ti- 
mäos mit der lateinischen Uebersetzung derselben von Marsilius 
Ficinus hinzugefügt. Daremberg, der vor einiger Zeit in Auftrag 
des französischen Ministeriums Deutschland, Belgien und England 
bereist, um in den Bibliotheken dieser Länder Handschriften 
der Aerzte des Alterthums aufzusuchen , und schon manche intet- 



Paremberg: Fragni. du comment. de Galien sur le Timee de Platon. 257 

essante Arbeit in diesem Fache geliefert hat , fand in einem Pa- 
piercodex ans dem 16. Jahrhundert (Mr. 2283 der königl. Biblio- 
thek zu Paris) eine unbetitelte griechische Schrift, in der er bald 
die Ueberbleibsel der Galenischen Schrift negi zqjv iv xa Tipala) 
laxgtacSg eigrjiievav erkannte. Leider stellte sich heraus, dass 
dieselben zu den schon früher bekannten nichts Neues hinzufügten 
und nur in griechischer Sprache das enthielten , was in der Edit. 
Juutina II. in lateinischer sich befand ; zu jedem Abschnitte im 
Codex hatte eine andere Hand die betreffende Stelle des Platon 
hinzugeschrieben. Nach der Beschaffenheit der Uebersetzung 
des Gadaldinus zu urtheilen, scheint der Text, der jenem vorlag, 
von dem dieses Codex nicht sehr verschieden gewesen zu sein, 
üaremberg's Werk zerfällt in 4 Theile. 

I. In der kurzen Einleitung (S. 1 — 5) wird mit kurzen Worten 
über die Stellung des Galenos zur Philosophie überhaupt, und dann 
über die neuaufgefundene Schrift desselben insbesondere berichtet. 

II. Der Text nebst der franz. Uebersetzung nimmtS. 6 — 36 
ein. Derselbe zerfällt in 20 (bei Gadaldinus 19) Abschnitte von 
verschiedener Länge, und zwar besteht jeder dieser Abschnitte 
1) aus einer Stelle aas dem Platon. Timäos, und 2) aus dem Galen. 
Commentar dazu. Obgleich nun dieser Commentar fast rein phy- 
siologischen Inhalts ist, so enthält er doch manches Interessante. 
Galenos beruft sich nur an wenigen Stellen auf andere Schriftstel- 
ler als auf Platon, so dass unsere Kenntniss in dieser Beziehung nur 
wenig gewinnt. Aber für die Kritik des Textes im Timäos bietet diese 
Schrift manche schätzbare Hülfsmittel dar. In dieser Hinsicht ist vor- 
züglich der dritte Abschnitt (S. 12) wichtig, wo zu einer Stelle des 
Timäos, an der selbst die besten Handschriften nur ungenügende 
Lesarten enthalten , und deren Erklärung deshalb bis hierher im- 
mer streitig war, von Galenos selbst nach damaligen Handschrif- 
ten eine vollkommen passende Emendation gegeben wird. Stall- 
baum in seiner Ausgabe des Timäos (Piatonis opera ed. Stallbaum, 
vol. 7, p. 314) giebt diese Stelle so: — nsnrjye diu xo xfjg vq> 
sccvxov xivrjösag s6xsgr(6$ui, und bemerkt keine abweichende 
Lesart. Wenn man diese Stelle so liest, geräth man in Wider- 
spruch mit sich selbst, wenn man nicht der spitzfindigen Erklärung 
Ast's u. A. beipflichten will. Viel einfacher wird die Schwierig- 
keit dieser Stelle beseitigt durch die Emendation des Galenos. 
Die hierher bezügliche Stelle lautet: Avxr\ fisv rj s^yrjölg uoc 
ykyovs xaxd xi]v xäv ccxxixäv ävxiygäcpav sxöoöiv^ ev sxsgotg 
d' svgav ysygcc^nivov „öta xo xijg hl avxov xivriöeag", sv- 
svörjöcc Xslnsiv xö G> öxoiyslov, ygccipccvxog xov TlXäxtovog „diä 
xo xfjg f£<o sccvxov 11 -, Iva xrjv (isxccßccxixrjv xivijöiv djtoq>T]ötj 
xäv cpvxäv tiovrjv. Der Vorzug dieser Lesart (g£co sccvxov) ist 
unbestreitbar. Zu weitläufig wäre, bis in das Einzelne hier anzu- 
geben, welche Ausbeute sich für den kritischen Apparat zum Ti- 
mäos aus der vorliegenden Ausgabe des Galenischen Commentars 

17* 



258 Griechische Litteratur. 

gewinnen lässt; es geniige hier darauf aufmerksam zu machen, 
dass der Herausgeber, welcher schon früher auf diesem Gebiete 
der Philologie mehrere tüchtige Arbeiten geliefert hat, mit Ge- 
nauigkeit und Sachkenntniss verfahren ist und durch die Heraus- 
gabe dieses Werkes den Dank aller Freunde der klassischen Stu- 
dien sich erworben hat. 

III. Im Commcntar, welcher S. 39 — 56 einnimmt, ist nicht 
nur genau bemerkt, welche Varianten im Codex (im Text selbst, 
oder am Rande, oder zwischen den Zeilen), von derselben oder 
von anderer Hand geschrieben , sich vorfinden , sondern auch die 
Uebersetzung des Gadaldinus ist mit Gewissenhaftigkeit verglichen 
und aus der Beschaffenheit derselben auf den Text, welcher je- 
nem vorgelegen haben mag , zu schliessen versucht worden. Hier- 
bei scheint der Herausg. die grösste Sorgfalt angewandt zu haben. 
In einigen Fällen geht derselbe auch in ausführlichere sachliche 
Untersuchungen ein, z. B. über den Sinn der Wörter 'fiegog und 
jifÄog, die Galenos etwas anders angewandt hat als Aristoteles; 
über die Unterscheidung von q>ksßsg und dgtsglca, welche Pia- 
ton noch nicht kannte; über die Kennt niss der alten Aerzte von 
den Nerven ; über die von Piatön aufgestellte Vergleichung des 
menschlichen Körpers und seiner innern Theile mit in einander 
befindlichen Fischreusen; über Platon's Ansicht vom Process des 
Athemholens u. a. m. Diese Bemerkungen sind vorzüglich des- 
halb interessant, weil sie die physiologischen Ansichten des Pia- 
ton und einiger anderer Philosophen des Alterthums beleuchten 
und vergleichen. Der Unterz. glaubt nur in Bezug auf eine Stelle 
mit dem Verf. sich nicht einverstanden erklären zu dürfen. Diese 
Stelle lautet bei Galenos (S. 12) so: — avrr] fiev if kl-ijyrjöis fioi 
yeyove xcczä zy\v täv 'AtriKoäv uvriygcccpav exöoöiv u. s. w. Da- 
remberg nun glaubt das Wort 'Artixäv emendiren zu müssen und 
schlägt (im Commentar S. 42 f.) deshalb vor zu lesen 'Attmiocvcoi', 
indem er die Erläuterung hinzufügt, dass wohl von einer Ab- 
schrift die Rede sei, welche der Atticus besorgt habe, welchen 
Lukianos in der Schrift jrpög uiiuLd&vxov als ßißXioygdcpog ge- 
nannt habe, und der besonders wegen der von ihm angefertigten 
Abschrift der Reden des Demosthenes rühmlich bekannt sei. Ob- 
wohl nun der Unterz. keineswegs in Abrede stellen will, dass diese 
Conjectur geistreich ist, ja möglicherweise auch richtig sein kann, 
so glaubt er doch seine Bedenken dagegen aussprechen zu müssen. 
Erstens spricht Galenos im Plural (ccvziygctcpav) ; dabei erscheint 
es wahrscheinlicher, dass es mehrere 'Artixa avtLyguya, d. h. 
Attische oder in Attika befindliche Abschriften gegeben habe, als 
dass ein Atticus mehrere Abschriften derselben Platonischen 
Schrift geliefert habe; zweitens war es nicht ungewöhnlich im 
Alterthume, die verschiedenen Exemplare eines und desselben 
Schriftstellers nicht nur nach dem Namen des Herausgebers oder 
Abschreiberg, sondern auch häufig nach den Orten zu bezeichnen, 



Daremberg: Fragm. du commeut. de Galien sur le Tiraec de Piaton. 259 

wo dieselben aufbewahrt wurden oder in der betreffenden Form 
verbreitet waren ; dass also , um ein Beispiel zu gebrauchen , wie 
von Homeros Ilias neben einer Ausgabe des Autimachos, Arislo- 
phanes u. A. auch eine Argiva, Chia, Cretensis u. s. w. bekannt 
waren, ebenso auch neben einander mehrere Textesrecensionen 
von Platonischen Schriften existirten, von denen eine (vielleicht in 
vielen Exemplaren) als die Attische bezeichnet zu werden pflegte. 
Der Unterz. glaubt daher, dass man Bedenken tragen muss , von 
der in der Handschrift stehenden Lesart ('/JrtLxäv) , welche auch 
durch die Uebersetzung des Gadaldinus ihre Bestätigung findet, 
ohne Noth abzuweichen. Diese und wenige andere Abweichungen 
von dem Texte der Handschrift abgerechnet, wo eine solche nicht 
gerade nothwendig war , hat der Herausg. bei der Constituirung 
des Textes allen billigen Anforderungen der Kritik Genüge geleistet. 
IV. Weniger günstig als über die bisher besprochenen 
Theile des Werkes muss das Urtheil ausfallen über die Abhand- 
lung Essai sur Galien considere comme philosophe, welche der 
Verf. schon früher einmal in der Gazette me'dicale de Paris ver- 
öffentlicht hatte. Ueber denselben Gegenstand hat, wenn das 
Wenige unberücksichtigt bleibt, was in den Werken über die Ge- 
schichte der Philosophie (von Brucker tu A.) enthalten ist, K. 
Sprengel geschrieben (Briefe über Galen's philosophisches System 
— in den Beiträgen zur Geschichte der Medicin, Bd. I. St. 1. 
S. 117 — 195). Daremberg's Abhandlung zerfällt in 9 Abschnitte, 
die der Unterz. einer Besprechung im Einzelnen unterwerfen muss, 
ehe er über das Ganze urtheilt. Abschn. 1 (S. 3 — 5) enthält eine 
Charakteristik der Gelehrsamkeit des Galenos im Allgemeinen 
und schildert in kurzen Zügen, dass derselbe sich keiner der 
gleichzeitigen philosophischen Schulen unbedingt angeschlossen 
habe, dass er vielmehr gestrebt habe, sich mit den Vorzügen 
einer jeden bekannt zu machen, dabei aber stets sich sein freies 
Urtheil zu bewahren, so dass man ihn wohl als Eklektiker be- 
zeichnen könne. Galenos sei in mancher Beziehung mit Aristote- 
les zu vergleichen. 

Abschn. 2: De la vie et des ouvrages de Galien (S. 5—8) 
enthält nur das Bekannte, was Ackermann in Fabric. Bibl. Graec. 
Bd. 5. S. 377 ff. und nach diesem Baehr in Pauly's Realencyclop. 
Bd. 3. S. 581 ff. zusammengestellt haben; und hätte mit grösserer 
Genauigkeit und Ausführlichkeit behandelt werden sollen. Zum 
Beweise, dass ein solcher Tadel verdient ist, will Rec. einige Irr- 
thümer des Verf. anführen: unter den Lehrern des Galenos wird 
nicht der Platoniker Cajus selbst, sondern ein Schüler desselben 
genannt; ebenso wird gesagt, Galenos habe den Platoniker Albi- 
nos noch in seiner Vaterstadt (Pergaraum) gehört, da dieser doch 
in Smyrna, wohin Galenos später ging, lehrte; nach den Worten 
des Verf. muss es scheinen, als ob Galenos in Begleitung seines 
Vaters Nikon nach Smyrna gegangen sei, während er doch diese 



2Ö0 Griechische Litteratur. 

Reise erst in seinem 21. Lebensjahre unternahm, nachdem sein 
Vater schon gestorben war; auch in Beziehung auf die Zeit des 
Todes des Galenos lässt der Verf. sich eine Ungenauigkeit zu 
Schulden kommen, indem er, ohne einen Beweis beizubringen, 
die Behauptung aufstellt, Galenos sei erst im Anfange des dritten 
Jahrhunderts gestorben, obgleich wir in dieser Hinsicht Nichts 
weiter wissen, als dass derselbe im Jahre 197 n. Chr. noch lebte: 
ob er aber das genannte Jahr lange überlebt habe oder nicht, 
wissen wir keineswegs. Der Verf. scheint sich an Ackermann's 
Darstellung angeschlossen zu haben, doch ohne solche Sorgfalt 
und Gewissenhaftigkeit anzuwenden wie dieser. In dem folgen- 
den Theile dieses Abschnittes spricht der Verf. noch über die 
philosophischen Werke des Galenos, ohne sich jedoch in specielle 
Untersuchungen einzulassen, und charakterisirt die Methode, wel- 
che derselbe in seinen philosophischen Werken zur Anwendung 
gebracht hat. Diese Schilderung mag für die Franzosen manches 
Neue enthalten, doch scheint sie ein Gleiches für die deutschen 
Philologen nicht zu leisten, da Baehr (a. o. a. O.) denselben Ge- 
genstand besser behandelt hat. 

Abschn. 3: Influence de Galien sur la logique (S. 8 — 10). 
Der Verf. sucht hier nachzuweisen , dass Galenos in Bezug auf die 
Logik (oder Dialektik) vorzugsweise an Aristoteles sich angeschlos- 
sen habe; denn nicht nur erkenne er die Kategorien desselben an, 
sondern auch dessen Lehre von den Schlüssen. Die Araber 
schreiben ihm die Erfindung der Schlussform vom Besonderen auf 
das Allgemeine zu : ob dies mit Recht geschehen sei, lasse sich 
nicht erweisen, doch sei soviel gewiss, dass Galenos diese Schluss- 
form gekannt habe. Den strengen Gegensatz, welchen die Peri- 
patetiker zwischen Materie — vkr] und Form -— eldog annehmen, 
habe Galenos nicht in allen Consequenzen erkannt und festgehalten. 
Abschn 4: Opinions de Galien sur la nature (S. 10 — 14). 
Ueber den allgemeinen Begriff der Natur scheint Galenos nicht 
zu einer entschiedenen und klaren Anschauung gekommen zu sein. 
Dies ist im Grunde daraus schon erklärlich, dass es ihm, dem 
Arzte und Naturforscher, der als solcher alle Erscheinungen der 
Natur empirisch und einzeln aufzufassen gewohnt war, sehr schwer 
werden musste, von den Einzelnheiten der praktischen Beobach- 
tungen zu abstrahiren und von rein philosophischem Standpunkte 
aus den idealen Begriff der Natur festzustellen. Aus dieser nach 
2 Seiten zugleich thätigen Geistesrichtung entstand das Schwan- 
ken in seiner Ansicht, indem er die Natur bald als Kraft, bald als 
Wesen auffasste. Auf die Darstellung und Würdigung der (von 
einander abweichenden) Definitionen und der Stellen des Galenos, 
an denen er seine auf diesen Gegenstand zu beziehenden Ansich- 
ten bespricht, ist der Verf. mit genügender Ausführlichkeit und 
Gründlichkeit eingegangen. In Bezug auf die Elemente hat Ga- 
lenos sich vorzugsweise den Ansichten des Aristoteles angeschlossen ; 



Daremberg: Fragt», du comment. de Galicn sur le Timde dt; Piaton. 201 

federn der 4 Elemente lege er je 2 Eigenschaften bei. z. B. das 
Feuer ist heiss und trocken, die Erde kalt und trocken it. s. w. 
Doch fänden sich hierbei manche Spuren, dass die Lehren der 
Stoiker auf seine Ansicht von Einfluss gewesen seien. Die Lehre 
von den Elementen ist vom Verf. übrigens nicht so gut behandelt 
worden als die Lehre von der Natur. 

Abschn. 5: Opinions de Galien sur Tarne (S. 14 — 16). Der 
Seele schrieb Galenos eine Art von Körperlichkeit zu : ein Ge- 
danke, auf welchen wohl leichter der Arzt zu kommen pflegt als 
der Philosoph- Dass die ärztlichen Beobachtungen in der That den 
Galenos auf diese Idee gebracht haben , geht bestimmt hervor aus 
einer vom Verf. in Uebersetzung angeführten Stelle, wo jener 
seine Bedenken gegen Platon's Ansicht ausspricht. Uebrigens 
vertheidigte er in der Schrift negi xäv c lnnoxQ<xTOvg je«! lila- 
xcavoq Öoyfiäzav die Ansicht Platon's von der Dreitheilnng der 
Seele und dem Sitze derselben im menschlichen Körper; in letz- 
terer Beziehung besonders erklärt er sich entschieden gegen Ari- 
stoteles und die Stoiker, welche das Herz als den Sitz der Seele 
annahmen. 

Abschn. 6: Origine des idees suivant Galien (S. 16 — 17). 
Ueber die Entstehung der Begriffe und Ideen im menschlichen 
Geiste setzt Galenos seine Ansicht auseinander in der oben ge- 
nannten Schrift (Bd. IX. Cap. 7). In Bezug auf diese Stelle 
meint der Verf., dass Galenos nicht aus Mangel an besserem Wis- 
sen die einander zum Theil entgegengesetzten Lehrsätze der ver- 
schiedenen philosophischen Schulen im Grunde für identisch er- 
klärt habe, sondern nur deshalb, weil er diese Unterscheidungen 
für Spitzfindigkeiten und für unwichtig gehalten habe. Das 
Schwankende seiner Ansicht tritt übrigens auch hier hervor. 

Abschn. 7: Morale de Galien (S. 17—20). Galenos glaubte, 
dass der Mensch eine natürliche Neigung zum Guten und Abnei- 
gung gegen das Böse habe; die Philosophie sei es, durch die er 
das wahrhaft Gute vom Bösen unterscheiden lerne und die eben 
dadurch zu seiner Besserung und Veredelung beitrage. Galenos 
erkennt, wie Piaton, 4 Cardiualtugenden an: Mässigung, Muth, 
Weisheit und Gerechtigkeit. Es finden sich aber auch Stellen in 
seinen Werken, wo er ausspricht, dass die Aenderungen der Seele 
denen des Körpers folgen und Ergebnisse physischer Dispositionen 
sind; ja er hat der Besprechung dieser Ansicht eine besondere 
Schrift gewidmet: "Ort rä *% i/nr^s ij9rj ruig tov öco^iarog xqcc- 
6e6iv sitszcci. An einer Stelle sagt er, dass die Neigungen der 
Kinder vorherrschend böse seien , und dass nur nach und nach die 
Neigung zum Guten in ihrer Seele die Oberhand gewinne, je mehr 
die vernünftige Seele über die beiden anderen zur Herrschaft ge- 
lange. Ueberhaupt seien alle Fehler, die der Mensch begehe, 
den 3 Seelen desselben entsprechend. Obgleich aber Galenos 
den ethischen Grundsätzen Platon's vor denen der andern Philoso- 



262 Griechische Litteratur. 

phen den Vorzug gebe, so habe er übrigens die Ansicht des Ari* 
stoteles gebilligt, dass jede Tugend nur die richtige Mitte zwi- 
schen zwei einander entgegengesetzten Lastern sei; dass man sich 
daher die Tugend angewöhnen könne. 

Abschn. 8: Utilite des oeuvres de Galien pour l'histoire de 
]a philosophie (S. 20 — 22). Wenn sich auch bei genauerer Prü- 
fung herausstellt, dass die Ansichten des Galenos sich wohl nicht 
in ein völlig durchdachtes förmliches System zusammenschlössen, 
sondern in hohem Grade schwankend waren , besonders in der 
Beziehung, dass er im Laufe der Zeit manche seiner früher ver- 
tretenen Meinungen aufgegeben und dagegen andere aufgenom- 
men hat, so ist doch nicht zu bestreiten, dass seine Werke eine 
wahre Fundgrube für die Geschichte der philosophischen Systeme 
darbieten, und dass dieselben noch lange nicht in dem Maasse 
ausgebeutet worden sind, als es im Interesse der Wissenschaft zu 
wünschen wäre. Dass aber nicht alle seine Schriften in gleichem 
Grade wichtig für das Studium der Geschichte der Philosophie 
sind , versteht sich von selbst. Manche waren geradezu der Aus- 
einandersetzung oder Bekämpfung .der Lehren früherer Philoso- 
phen gewidmet, andere dagegen enthalten wenigstens zahlreiche 
Andeutungen und mehr oder weniger ausführliche Besprechungen 
von Lehrsätzen der verschiedenen philosophischen Schulen, noch 
andere waren rein medicinischen Inhalts. Besonderen Eifer 
weihte Galenos dem Studium der Systeme des Piaton und Aristo- 
teles, aber auch das Epikureische und das Stoische sind ihm kei- 
neswegs fremd geblieben : gegen die Letzteren tritt er meist als 
Gegner auf. Seine litterarische Thätigkeit war zwar grösseren- 
theils auf die Medicin und Naturwissenschaften gerichtet, doch 
ist die Zahl seiner philosophischen Schriften ebenfalls sehr be- 
deutend: sie soll 113 betragen haben. Schon aus der so grossen 
Anzahl dieser Schriften lässt sich wohl ersehen , dass Galenos als 
Philosoph nicht sowohl selbst schaffend aufgetreten sei, als dass 
er vielmehr die Gedanken, welche das Lesen der Werke anderer 
Philosophen in ihm hervorrief, niedergeschrieben habe. Dies fin- 
det man auch bestätigt, wenn man die Titel seiner philosophischen 
Schriften betrachtet; auch die oben angezeigte Schrift des Gale- 
nos zeugt in ihren Fiagmenten für die Nichtigkeit jener Beurthei- 
lung. Obgleich nun diese Schriften bei dem Brande des Teraplum 
Pacis in Rom, wo Galenos seine Schriften grossentheils aufbe- 
wahren Hess, im Jahre 191 n. Chr. beinahe alle verbrannten, so 
dient doch der Umstand, dass wir von ihnen Kenntniss erhalten 
haben, dazu, dass wir in Bezug auf Geschichte der Philosophie 
den Galenos als einen der bestunterrichteten Gewährsmänner an- 
zusehen veranlasst werden. In diesem Abschnitte hätte daher der 
Verf. auf eine ausführlichere Darstellung eingehen sollen , als er 
gethan hat; denn auf einem so geringen Räume, wie zwei Octav- 
seiten, lassen sich wohl einige charakterisirende Andeutungen 



Darcmberg: Fragm. du comment. de Galien sur lc Tim£e de Piaton. 263 

geben, doch kann eine solche Behandlung das Lob der Gründlich- 
keit und genügenden Ausführlichkeit nicht beanspruchen. 

Abschn. 9: Doctrines niystiques de Galien (S. 22—24). Ga- 
lenos ist von den Anfängen der mystischen Richtung, der sich 
später die Alexandrinische Schule entschieden hingab, nicht ganz 
frei geblieben; dies tritt an mehreren Stellen seiner Schriften 
deutlich genug hervor, z. B. schon in dem Titel der Schrift nsgl 
rrjs i£ ivvJtvtov öiayvcäöEag', noch deutlicher aber zeigt es sich 
in einer Stelle der Schrift 7t£gl Övvdfiecjv cpvöixcciv (I. 12), wo 
Galenos so weit geht, sogar die Möglichkeit der Vorhersagungen 
aus dem Stande der Gestirne, dem Vogelfluge u. s. w zu verthei- 
digen. Doch trotz dieser Verirruugen darf man den Galenos doch 
nicht härter beurtheilen, als sein Zeitalter überhaupt, da ja Nie- 
mand im Stande ist, sich von allen seiner Zeit eigenthümlichen 
Schwächen und Irrthümern ganz frei zu machen. Im Gegentheile 
wird jeder billige Beurtheiler der philosophischen Ansichten des 
Galenos zugeben, dass derselbe trotz der Fehler, welche er mit 
seinem Zeitalter gemein hatte, doch ausgezeichnet neben seinen 
Zeitgenossen dasteht, nicht allein als Arzt, sondern auch als 
Philosoph. 

Fassen wir nun endlich das Urtheil iibes diese Abhandlung 
zusammen, so muss man zwar berücksichtigen, dass der Verf. selbst 
dieselbe nur als einen Versuch bezeichnet, doch aber ist man be- 
rechtigt, ziemlich bedeutende Ansprüche zu stellen, da derselbe 
die Arbeit SprengePs über denselben Gegenstand travail an peu 
interessant, mais tres-incomplet nennt. Befriedigt nun der Ver- 
fasser solche höhere Ansprüche? Dies kann der Rec. nicht zu- 
gestehen. Denn die ganze Abhandlung macht bei dem Durchlesen 
nicht den Eindruck eines systematischen Ganzen , sondern er- 
scheint nur als eine Besprechung einzelner, unter gewisse Rubri- 
ken geordneter, aber doch in keinem organischen Zusammenhange 
mit einander stehender Meinungen des Galenos: daher fordert es 
die Gerechtigkeit, auch auf diese Bearbeitung den Ausdruck an- 
zuwenden, dass sie noch keineswegs als vollständig gelten könne. 
Im Gegentheil kann der Unterz. nicht verschweigen, dass eine 
genauere Vergleichung der Arbeiten SprengePs und Daremberg's 
ergiebt, dass der Letztere vom Ersteren Vieles entlehnt hat: man- 
che Stellen entsprechen einander fast Wort für Wort, andere 
scheinen excerpirt zu sein; zum Beweise dieser Behauptung will 
ich wenigstens eine Stelle der ersteren Art hier folgen lassen. 
Sprengel (a. a. O. S. 146) sagt: „Galen nimmt vier Gattungen der 
Ursachen an: die erste ist die Endursache, warum (öV 6) Etwas 
geschieht; die zweite die wirkende, von wem (t5<p' ov); die dritte 
die materielle, woraus (e| ov); die vierte die Hülfsursache, wo- 
durch (ÖV ov). Dazu könne man noch die fünfte oder die exem- 
plarische setzen , nach welchem Muster ( xatf o). Diese Eintei- 
lung ist, die letztere Gattung ausgenommen, welche den Piatoni- 



264 Griech. AHerthümer. 

sehen Ideen zu Gefallen dazustehen seheint, durchaus acht Ari- 
stotelisch 11 u. s. w. Dasselbe giebt Daremberg so wieder: „ — il 
distingue la cause principale , le öV o, puis le vq? otf, le s£ ov, et 
Je öV ov , qui sont e'videmment le but , la cause formelle (c'est-ä- 
dire la cause de la forme), la cause materielle et la cause organi- 
que ou du moyen. Galien en ajoute une cinquieme, le xa^' o 
ou l'exemplaire, se qui semble etre une reminiscence de la do- 
ctrine des idees de Piaton". Eine leichte Mühe würde es sein, 
viele derartige Parallelstellen zusammenzustellen. Wenn aber 
auch durch diese Abhandlung unsere Kenntniss von den philoso- 
phischen Ansichten des Galenos zwar nur geringe Fortschritte ge- 
macht hat, so müssen wir doch bedenken, dass der Verf. zunächst 
für Frankreich geschrieben hat, und müssen ihm Dank wissen, 
dass er einen Gegenstand von Neuem in Anregung gebracht hat, 
welcher für das ganze Feld der Geschichte der alten Philosophie 
noch reiche Früchte tragen kann. 

Die Ausstattung des Werkes entspricht den billigen Anforde- 
rungen; doch sind leider nicht alle Druckfehler vermieden wor- 
den; z. B. Essai, S. 12 unten ist statt Clements et zu lesen element 
est; S. 15, Z. 19 ist aus dem Worte doctrine fälschlich das t aus- 
gefallen; S. 20, Z. 22 ist zu lesen lesquelles; u. A. m. 

Leipzig. Hermann Brandes. 



])as Satyrspiel. Nach Maassgabe eines Vasenbildes dargestellt von 
Friedrich Wieseler. Abgedruckt aus den Göttinger Studien. 1847. 
Göttingen bei Vandenhöck und Ruprecht. 1848. 208 S. 8. 

Während für das Satyrspiel der Griechen in litterar -histori- 
scher Beziehung, namentlich von Welcker Vortreffliches geleistet 
ist, so stehen doch die Alterthümer, d. h. die scenische Darstel- 
lungsweise desselben noch ziemlich auf derselben Stufe, zu wel- 
cher sie Casaubonus in seinem Buche de satyrica Graecorum poesi 
et Romauorum satyra gebracht hat. Denn sind seit jener Zeit 
auch zahlreiche einzelne dahin gehörige Bemerkungen gemacht 
worden, so treffen doch alle diese Bemerkungen nach des Verf. 
Lrtheil, da sie keineswegs aus einer gründlichen Durchdringung 
des Gegenstandes hervorgegangen sind, die Wahrheit häufig ent- 
weder nur halb oder auch gar nicht. „An einer umfassenden 
Darstellung, die auf einer möglichst vollständigen, allseitigen und 
eindringlichen Benutzang der schriftlichen sowohl als der beson- 
ders reich fliessenden bildlichen Quellen beruhte, fehlt es gänz- 
lich ." Eine solche ist nun in dieser Abhandlung versucht. Der 
Verf. bezeichnet aber diese Darstellung, wenn auch als das Haupt- 
resultat, doch eigentlich nur als Nebenzweck seiner Abhandlung. 
Ihr Hauptzweck sei vielmehr die Erklärung der Vorstellung auf 



Wieseler : Das Satyrspiel. 265 

einer im Jahre 1836 zu Ituvo ausgegrabenen Vase, welche, richtig 
verstanden, die umfassendste Hinsicht in die Alterthümer des S;.- 
tyrspiels gewährt. Diese Erklärung dürfte vielleicht einigermaas- 
sen des Verf. Darstellungs- und Behandlungsweise entschuldigen, 
welche mehrfachem Tadel mit Recht unterliegen dürfte, wenn 
man das Hauptresultat der Schrift, nämlich die Erörterung der 
seenischen Darstellung des Satyrspieles nach einem Vasenbilde, 
zugleich auch als den eigentlichen Zweck derselben anzusehen 
hätte. Darüber am Ende dieser Anzeige noch eine Bemerkung. 
Zunächst wollen wir den eigentlichen Kern dieser ziemlich ins 
Weite und Breite auslaufenden Untersuchung zu erfassen und in 
einer kurzen Relation darzulegen versuchen. 

Die Darstellung, um welche es sich hauptsächlich handelt, 
ist durch de Witte sehr getreu abgebildet in den Monum. d. Inst, 
di corrisp. arch. Vol. III. tab. XXXI. und darnach wiedergegeben 
in des Verf. Werke „Theatergebäude und Denkmäler des Bühnen- 
wesens bei den Griechen und Römern 1 "'" Taf V. 2. Unserem vor- 
liegenden Buche ist sie nicht beigegeben. Der Verf. sagt: „Da 
dieses Werk — nämlich die „Theatergebäude und Denkmäler 
etc. — „etwa gleichzeitig mit dieser Abhandlung ausgegeben und 
von denen, welche sich für den Gegenstand interessiren, ohnehin 
benutzt werden wird, hielt ich es für unnöthig, die Abbildung 
noch einmal wiederholen zu lassen. " Wir möchten diese Sparsam- 
keit nicht gerade loben. Zweckmässiger ist es jedenfalls, die zum 
Verständniss und zur Beurtheilung einer Schrift nothwendigen 
Bedingungen dieser so weit als möglich selbst beizufügen , zumal 
wenn es so leicht wie hier geschehen konnte *). 

Nachdem der Verf. S. 5 — 24 eine genaue Beschreibung des 
Vascnbildes gegeben und den Gegenstand desselben , nämlich die 
Berücksichtigung und Verherrlichung eines in Athen aufgeführten 
Satyrspiels auf einem in Unteritalien gefundenen Thongefässe, 
festgestellt, dabei mehrere die antike Aufführungsweise angehende 
allgemeine Bemerkungen gemacht hat, beginnt er die Vorstellung 
des Vasenbildes mit den sonst bekannten Daten über das Satyr- 
spiel zusammenzustellen und daraus, wo möglich, neue Ergebnisse 
zu ziehen. 

Was die Zahl der Schauspieler betrifft, so sind deren 
drei auf dem Bilde dargestellt, ein namenloser, dann Herakles und 
Silen. Diese Wahrnehmung giebt dem Verf. Veranlassung, die 
Ansicht Bernhardy's und Anderer zurückzuweisen, welche meinen, 
im Kyklops des Euripides vertrete Silen die Stelle des Koryphäos 



*) Dazu kommt, dass das erwähnte Kupferwerk nicht gleichzeitig 
ausgegeben zu sein scheint. Ref. hat es weder in Buchhändleranzeigen 
als erschienen oder bald erscheinend angekündigt gefunden, noch auf dem 
Wege des Buchhandels bis jetzt erlangen können. 



266 Griech. Alterthiiraer. 

und es agirten nur zwei Schauspieler, und überhaupt diese Zwei- 
zahl als etwas dem Satyrspiele Eigentümliches erachten. „Wir 
hegen die feste Uebcrzeiigung, sagt Hr. W. S. 30, dass das Sa- 
tyrspiel der Tragödie ganz parallel ging, dass also zuerst die 
Zweizahl, dann die Dreizahl Statt hatte, diese aber die herrschende 
war." Chore uten sind auf dem Gemälde elf dargestellt. 
Einen Satyrchor aber von elf Personen glaubt der Verf. trotz der 
Notiz des Is. Tzetzes (Proleg. in Lycoph. p. 254) durchaus nicht 
zulassen zu dürfen. Und mit Recht. Um nun eine gehörige 
und durch andere Nachrichten beglaubigte Anzahl Chorpersonen 
zu gewinnen, wirft der Verf. zuerst die Frage auf, ob etwa nicht 
alle Chorpersonen dargestellt seien. ,, Mancher wird dies zunächst 
anzunehmen geneigt sein, zumal es sich um ein Vasenbild han- 
delt, und vielleicht auch das deutlich ersichtliche Streben nach 
Symmetrie als Grund mit in Anschlag bringen, warum es nicht un- 
wahrscheinlich sei, dass eine nicht wohl unterzubringende Figur 
weggelassen. Wir können diese Ansicht nicht theilen. Unter 
Vasenbildern und Vasenbildern ist ein grosser Unterschied. Pracht- 
stücke dürfen nicht mit Duzendarbeiten zusammengestellt werden ; 
blos andeutende Darstellungen nicht mit solchen, bei denen das 
Bestreben möglichst zu umlassen klar zu Tage liegt. Der Maler, 
welcher in Darstellung eines bestimmten Ereignisses elf Chorsa- 
tyrn bildete, wird nicht durch Weglassung des einzigen an einer 
passenden Zahl fehlenden gegen die Wahrheit haben Verstössen 
wollen. Ein Maler wie der, auf welchen dieses Bild zurückzu- 
führen ist, wird nicht nöthig gehabt haben, einem künstlerischem 
Princip die historische Treue zu opfern; im Gegentheil, die hi- 
storischen Daten werden für die Composition maassgebend gewe- 
sen sein." Ein anderes Auskunftsmitte], einen von denen, welche 
Satyrn darstellen, zu den Bühnenpersonen zu zählen, so dass wir 
auf diese Weise einen Chor von 10 Personen erhielten, findet Hr. 
W. gleichfalls unzulässig, nicht als ob unter den Bühnenpersonen 
nicht auch Satyrn gewesen sein könnten, s. S. 31 — 39, sondern 
weil ein Satyrchor von 10 Personen sonst nirgends nachweisbar 
sei. Aller Wahrscheinlichkeit nach habe der Chor im Satyrspiele 
eine gleiche Personenzahl gehabt mit dem in der Tragödie; O. 
Müller's Annahme eines Satyrchors von nur acht Personen stehe 
auf sehr schwachen Füssen. Deshalb meint der Verf. den oben 
auf dem Vasenbilde mit dem Namen Demetrius bezeichneten Chor- 
lehrer den Chorpersonen zuzählen zu müssen, S. 40 f. ,,Es wäre 
denn doch auch seltsam, wenn unter den edlern Jünglingen gerade 
der tüchtigste in Tanz und Gesang diese seine Talente nicht öf- 
fentlich dargelegt haben sollte. Wir glauben vielmehr, dass es 
wahrscheinlich sei, derselbe werde sich, sobald es zu der öffent- 
lichen Aufführung kam, an die Spitze der Choreuten gestellt ha- 
ben. So haben wir in dem, welcher uns augenblicklich als Chor- 
lehrer erscheint, wohl den späteren Chorführer zu erkennen. 



Wieseler: Daß Satyrspiel. 267 

Und in der Tltat konnte der Künstler , um ihn als solchen zu be~ 
zeichnen, nicht leicht eine passendere Darstellungsweise wählen('f). 
Um als Chorag auftreten zu können , wird sich Demetrius bald 
auch mit Satyrmaske und Satyrcostüm versehen müssen. — Auf 
diese Weise erhalten wir die gesetzliche Anzahl von zwölf Cho- 
reuten. u Auf wie schwachen Füssen aber diese Erklärung, eine 
rein subjeetive Ansicht, steht, sieht ohne weiteren Nachweis ein 
Jeder von selbst ein. lief, hält, um seine Meinung in einer kaum 
erweisbaren Sache kurz auszusprechen , das erste, vom Verf. ver- 
worfene Auskunftsmittel für weit annehmbarer und wahrschein- 
licher, dass nämlich der Maler auf seinem Bilde den Chor durch 
eine beliebige Anzahl Personen hat darstellen wollen, ohne auf 
seine wirkliche Personenzahl streng und ängstlich Rücksicht zu 
nehmen, zumal wenn künstlerische Rücksichten, das Streben nach 
Symmetrie, wie der Vf. andeutete, ersichtlich sind; eine Annah- 
me, die auch dadurch noch einige Wahrscheinlichkeit erhält, wenn 
der Maler nicht einen Chor von zwölf, sondern von fünfzehn Per- 
sonen andeuten wollte. Denn sind wir der Ueberzeugung, dass 
der satyrische Chor an Zahl dem tragischen gleich kam , so ist es 
doch immer gerathener, den Chor im Satyrspiele auf fünfzehn 
Personen zu setzen, da diese Zahl erwiesen, die Anzahl von zwölf 
Choreuten aber nach Sophokles fast eben so problematisch ist, 
als O. Müllers Satyrchor von acht Personen. Als durchaus un- 
haltbar müssen wir daher auch die Behauptungen erklären, welche 
Hr. W. auf S. 42 ausspricht: ,,So viel ist sicher, dass, wer die 
Funfzehnzahl für den Satyrchor zulässt, was auch G. Hermann 
in der Ausgabe des Kyklops (S. 34 f.) thut, auch die vor der Ein- 
führung der Funfzehnzahl allein und später neben dieser vorkom- 
mende Zwölfzahl wird annehmen müssen. Unser Vasenbild hat 
noch das Interessante, dass es uns die Zwölfzahl aus einer Zeit 
zeigt, die weit hinter derjenigen liegt, in welcher jene durch So- 
phokles zuerst aufkam." Welche Argumentation ! Das Vasenbild 
zeigt nicht zwölf, sondern elf Choreuten. Zwölf Choreuten 
bringt erst der Verf. durch eine zwar an sich mögliche, aber durch- 
aus unerweisbare Annahme darauf. Und nun soll das Vasenge- 
mälde „noch das Interessante haben", dass es einen Chor von 
zwölf Personen in einer weit hinter Sophokles' Choreinrichtung 
gelegenen Zeit darstellt. 

Was die Musiker betrifft, so zeigt das Bild einen Flötenspie- 
ler und einen Kitharisten inmitten der Chorpersonen. „Auch 
sonst führen alle Indicien darauf, dass bei den dramatischen Auf- 
führungen der Chor nur einen Flötenspieler hatte", heisst es 
S. 44. — Der Verf. handelt von S. 49 an ziemlich ausführlich 
und weitschweifig über Musik, Gesang und Tanz bis S. 66; eine 
Partie des Buches, durch welche man nur mühsam dem Verf. zu 
folgen vermag. Die Untersuchung wendet sich dann zu den Mas- 
ken und Costümen, und zwar zunächst zu denen der Schau- 



268 Griech. Alteithumer. 

spieler. „Masken und Costiime der Schauspieler dürfen wir, 
wie schon Casaubonus (p. 103) einsah, insofern diese höhere 
Götter oder Personen der Heroenmythologie darstellen, als gleich 
mit denen der Schauspieler in der Tragödie betrachten. So ist 
denn auch unter den für die Schauspieler bestimmten Masken auf 
dem Pompejanischen Mosaik wenigstens bei einer der bekannte 
Oiikos deutlich zu sehen. Wahrscheinlich soll der Büschel auf 
der Scheitel der Maske des unbekannten Heros unseres Vasen- 
bildcs nichts Anderes als derselbe Onkos sein, dessen 6xrj{ia Xccß- 
ßöoeiöi g freilich nicht scharf ausgedrückt wäre. — Auf der Maske 
des Herakles gewahrt man freilich keinen Onkos, wohl aber den 
Kopftheil der Löwenhaut. Dies könnte auffällig erscheinen , da 
der Schauspieler noch ausserdem das Löwenfell trägt. Doch der 
Verf. weist aus andern Gemälden nach, dass diese Darstellungs- 
weise nicht eben ungewöhnlich ist. Ferner ist die Maske des 
Herakles auf unserem Vasenbilde bärtig und allem Anscheine 
nach nicht ohne Würde im Ausdruck. Demnach würde diese 
Maske einem tragischen Herakles sehr wohl anstehen. — Die 
Maske des Silen ist ausser dem Epheukranze mit einer Stephane 
geziert. Diese Stephane findet sich auch sonst nicht selten als 
Stellvertreter des Onkos. „Was den Epheukranz anbelangt, heisst 
es S. 69, so begleitet derselbe gerade dieses Wesen des Bacchi- 
schen Thiasos in den Schriftwerken und besonders auf den Kunst- 
denkmälern von den ältesten Zeiten bis herab zu den spätesten; 
während dasselbe bei den Satyrn auf den Bildwerken, welche der 
römischen Epoche angehören , verhältnissmässig sehr selten anzu- 
treffen ist. Nächst dem Epheukranze machen wir — um von der 
nicht gar häufigen Bekränzung mit Weinlaub zu schweigen — auf 
den Lorbeerkranz aufmerksam , mit welchem der Silen zuweilen 
geschmückt ist, wie neben dem Epheu auch Lorbeer als Bekrän- 
zung des Dionysos angeführt wird in dem Homer. Hymn. XXV. 9." 
— Sonst findet sich Silen auch mit einer blossen Tänia oder Mi- 
tra versehen. Hr. W. führt diesen Punkt noch genauer aus, weil 
es ihm wohl als ausgemacht gilt, dass der Kopfschmuck auch bei 
dem Theatersilen nicht ohne Absicht gewählt war, wie diese 
Hauptperson des Satyrdrama gewiss in recht verschiedener Auf- 
fassungsweise und Charakteristik auf die Bühne gebracht worden 
ist. Dem Silen in Eur. Kyklops wird die Stephane gewiss nicht 
eigen gewesen sein, wie auch andere Abbildungen dieser Maske 
zeigen. Ferner hat die Maske des Silen auf unserem Vasenbilde 
nicht das Mindeste an sich, was die Worte des Pollux: 6 nannos 
2Jsikrjv 6 st^v Ideav sötl &}]QL00Ös6vsQog fordern. ZumTheil komme 
dies wohl auf Rechnung des ausführenden Künstlers, im Kyklops 
war Silen von besonders rother Gesichtsfarbe, s. V. 229 f., wie 
auch das Pompejanische Mosaik zeigt; eben so hatte er in diesem 
Stücke einen Glatzkopf, V. 229. Bärtig findet er sich fast immer 
dargestellt. 



VVieseler: Das Satyrspiel. 269 

Da die tragischen Schauspieler, wenigstens die aus der hö- 
heren Sphäre, bekanntlich Kothurne trugen, so entsteht die Frage, 
ob diese auch im Satyrspiele gebräuchlich waren oder nicht. Ko- 
thurne finden sich nun auf dem Vascnbilde auch bei dem unbe- 
kannten Heros und bei dem Herakles. Es sind aber die Jagd- 
kothurne (IvÖQO^ilöeg) , welche ziemlich hoch binaufgehen und 
die Waden uraschlicssen , wie bei dem Herakles, oder bei der an- 
deren Figur möglicherweise die ganz ähnlichen aber niedrigeren 
Kothurne, welche dem Dionysos mehr noch als jene zukommen 
und auch auf diesem Bilde von ihm getragen werden. Diese Ko- 
thurne haben nicht den stelzenartigen Sohlenunterbau, machen 
vielmehr den Fuss zu einer leichten und schnellen Bewegung be- 
sonders geeignet. Das Resultat der ganzen Untersuchung über 
die Anwendung der Kothurne im Satyrspiele lesen wir auf S. 80, 
wo der Verf. dargethan zu haben hofft , „dass im Satyrspiele die 
durch Hang und Würde hervorragenden Bühnenpersonen je nach 
den Umständen sowohl mit dem hohen tragischen Kothurn als 
auch ohne denselben, aber in diesem Falle doch mit einem Ko- 
thurn aufgetreten sind." Zwei grössere Anmerkungen über die 
Beschaffenheit der Kothurne sind dieser Untersuchung beigefügt, 
von denen die eine hauptsächlich die unter dem Namen IIsQöixai 
vorkommende Fussbekleidung, die andere den Unterschied zwi- 
schen %6%oqvoi und sfißddsg betrifft. Die tftßccöeg erklärt der 
Verf. für einfachere Kothurne. Dem dritten Schauspieler, 
dem Silen, der mit nackten Füssen auf dem Vasenbilde darge- 
stellt ist, giebt der Verf. weisse Schuhe. „Diese eleganteren 
Schuhe passen vortrefflich zu den anderen Zeichen der Eleganz 
unseres Silens , von welchen wir jetzt besonders die Stephane 
hervorheben. Der Silen im Euripideischen Kyklops wird eine 
minder elegante Fussbekleidung gehabt haben. u Wir lassen diese 
missliche Silenen Schuhfrage auf sich beruhen. 

Was die weitere Costümirung der auf dem Vasenbilde darge- 
stellten Bühnenpersonen angeht , so ist Herakles durch seine ge- 
wöhnlichen Attribute, Löwenfell, Keule, Köcher, der an einem 
über die rechte Achsel gehenden Bandeliere hängt, ausgezeichnet. 
Sein übriges Costüm ist eigentümlich : ein , wie es die Bühneu- 
sitte fordert, mit Aermeln versehener, kurzer, nur bis zu den 
Knieen reichender Leibrock, die y.vTtaöölg, und darüber, am 
Oberleibe, ein Harnisch, wie es scheint von Leder, önokag. „So 
ganz wie ein Krieger ist der Herakles der komischen Bühne nie 
costümirt, auch der der tragischen nicht. Doch mag Letzteres 
zufällig sein , da wir nur sehr wenig sichere Darstellungen des He- 
rakles der tragischen Bühne haben, alle diese, auch die unsiche- 
ren, in späte Zeit fallen und die Stelle Lucian. Nigrin. C. 11, 
wenn nicht durch die Bemerkung, dass auch sie nicht alle Arten 
der Costümirung des tragischen Herakles nothwendigerweise an- 
zudeuten brauche, so doch durch die Beschränkung auf die spätere 



270 Griech. Alterthüuier. 

Zeit beseitigt werden kann." — Der Verf. wendet sich hierauf 
zu dem Silen. Er bemerkt gleich im Voraus, dass die Stelle bei 
Pollux (IV, 118), welche. über die üatvQixrj sö&rjg handelt, zu- 
nächst nur von dem Costüme der Bühnenpersonen zu verstehen 
sei, ein Umstand, welcher hinlänglich erkläre, weshalb der 
Schwanz , der den Satyrn in Schrift und Bilderwerken zugetheilt 
werde und auf den letzteren den Chorsatyrn nie fehle, mit keinem 
Worte erwähnt sei. „Der Silen nun, heisst es S. 90, trägt einen 
Stab, hat ein Pantherfell über die linke Achsel geworfen, ist mit 
der bekannten zottigen , den ganzen Körper bis auf die Hände, 
Hals und Gesicht, Füsse bedeckenden, eng anliegenden Beklei 
düng angethan." Diese Garderobe wird dann im Einzelnen noch 
genauer erörtert und besprochen S. 90 — 155. Es würde uns zu 
weit führen , wenn wir diese Einzelnheiten hier weiter verfolgen 
und alle die verschiedenen Bemerkungen und Wahrnehmungen , die 
Hr. W. über die Bestandtheile dieses Costüms gemacht hat, in 
Auszügen mittheilen wollten. Der ganze Abschnitt giebt aller- 
dings ein reiches Material zur Bestimmung des theatralischen Co- 
stüms des Silen; er zeugt von des Verf. Gelehrsamkeit, Belesen - 
heit und grossem Sammelfieisse , entbehrt aber aller Uebersicht- 
lichkcit und ist in zu grosser Breite und Weitschweifigkeit 
geschrieben. Die Gelehrsamkeit ist dem Verf. über den Kopf 
gewachsen und er vermag den Reichthum seiner Notizen und 
Samminngen nicht mit der nöthigen Sparsamkeit und Mässigung 
zu beherrschen und zu benutzen. 

Es folgen die Choreuten, die Satyrn. Ihre Masken zeigen 
die bekannten Stumpfnasen und Ziegenohren. Das auf der Stirn 
aufrecht gestellte Haar ist nur in einigen Fällen bemerkbar. Durch- 
gängig Barte; überall ziemlich gleiches Alter, gleicher Gesichts- 
ausdruck. Auf dem Pompejanischen Mosaik ist die Maske des 
einen Choreuten violett röthlich und das besonders deutlich und 
auffallend gegebene Vorderhaar an der Spitze roth. Man könnte 
es auffallend finden, dass gerade der Bart und nur er hervorge- 
hoben. Das ist aber geschehen, meint der Verf., entweder weil 
er durch Dicke und Länge besonders hervorstach oder weil nur er 
röthlich war und diese röthliche Farbe als besonders bezeichnend 
galt. Wem keine dieser beiden Erklärungen zulässig erscheine, 
der möge an rothe B acken denken. Ref. gesteht, dass ihm der 
Sinn dieser Worte nicht recht klar ist. „So viel ist sicher, fährt 
Hr. W. fort, dass Färbung des Gesichts und auch des ganzen Kör- 
pers, namentlich rothe, bei den Satyrn ebensowohl vorkam als bei 
andern ähnlichen Wesen des Bacchischen Kreises u. Kultusbildern 
und anderen Bilderwerken und in den Mummereien der Feste , an 
welche sich das Theater anschliesst, auch bei menschlichen Fest- 
feiernden des Gottes, und zwar in der Weise, dass die Färbung 
ursprünglich auch die Maske vertrat. Und auch das röthliche 
Haar ist bei einem Satyr, als Barbaren und verschmitzten Wesen, 



Wiesclcr: Das Satyr.spicl. 271 

sehr passend, man denke nur an den bekannten Sclavennameu 
lIvQ$la$ und au die Sclavcnmasken in der Komödie bei Poll. IV. 
l-i ( J. u Verstehen wir diese Worte recht , so will der Verf den 
besonders hervorgehobeneu rotheu Hart als ein äusseres Zeichen 
der barbarischen Abkunft und der Verschmitztheit des Satyrs au- 
gesehen wissen. Gut. Dann hätte aber der Deutlichkeit halber 
diese Erklärung oben hingestellt werden müssen und von den ro- 
then Backen nachher die Hede sein sollen. Auf derartige Un- 
dcutlichkeit , die darin ihren Grund hat, dass der Verf. seinen 
reichen Stolf nicht gehörig zu beherrschen und zu vertheilen weiss 
und darum öfters ungeordnet und tumultuarisch behandelt, sind 
wir öfters gestossen. Wichtiges und minder Wichtiges gellt durch 
einander, die Hauptsachen verlieren sich unter einer Menge von 
Beiwerken und Nebendingen. Das ganze Buch enthält fast in 
allen Abschnitten eine wenig verarbeitete , ungeordnete Anhäu- 
fung von Bemerkungen und Notizen, gleicht einer Colleclaneen- 
sammlung, einer rudis indigestaque moles, der alle Ordnung und 
Uebersichtlichkeit fehlt. Dies zeigt sich auch in dem Abschnitte, 
der von S. 15ß ff. die Bekleidung der Satyrn behandelt. Diese 
besteht aus einem Schurz (ji£Qit,co}ia) um den Unterleib aus Zie- 
genfell. Hinten erscheint der Schweif, vorn das aufrecht stehende 
Glied (Eur. Cycl. 444 ff.), das wahrscheinlich aus rothem Leder 
nachgemacht war. Nur in einem Falle ist der Schurz von Zeug. 
Beide Arten von Schurz kommen in den Chorsalyrn auch sonst vor. 
Der Schurz von Zeug auf unserem Vasenbilde ist durch Stickerei 
verziert. Die Auffälligkeit, dass ein Schurz von Zeug neben so 
vielen von Bocksfell auf dem Bilde vorkommt, sucht der Verf. als 
eine besondere Auszeichnung zu erklären. „Wie nun, heisst es 
S. 159, wenn ein Schurz wie der des Eunikos auch dem Deme- 
tiins und dem namenlosen Choreuten, der die bunteste und \ oll- 
ständigste Kleidung hat, zuzuweisen, wenn diese drei als durch 
jene Eigenthümlichkeit des Schurzes vor den übrigen Choreuten 
ausgezeichnet, als Protostaten oder Aristerostaten zu denken wä 
ren'f " Diese Erklärung setzt freilich voraus, dass Demetrios der 
Chorführer gewesen sei und dass der Chor aus zwölf Personen 
bestanden habe. — Ausser dem Schurze haben die Choreuten auf 
dem Bilde keine weitere Bekleidung. Und diese Nacktheit findet 
sich auch auf allen anderen Kunstdarstellungen. Und so hat denn 
schon früher Welcker behauptet, die Satyrn seien bis auf ein um- 
geworfenes Bocksfell (Eur. Cycl. 81 f.) nackt erschienen. Indessen 
scheint es dem Verf. ein eigenes Ding zu sein mit den Ausdrücken 
yvpvöq und nudus. Darum sucht er ihnen im weiteren Verlaufe 
der Untersuchung auch noch andere Bekleidung zu verschaffen. 
„Kleidungsstücke von Fellen sowohl als von Zeug, lesen wir 
S. 162 , lernen wir als theatralische Satyrtracht kennen aus der 
Stelle des Pollux über die öccTVQixr} £tfir^g; darunter mehrere, 
die auf einen Luxus deuten, welcher bei Wesen der Art mehrfach 

N. Jahrb. f. Phil, u. Päd. od. Krit. DM. Dd. LV. Hfl. 3. 18 



272 Griechische Allcrthümer. 

auffallend erschienen ist. Betrachtet man den Pollux nicht als 
einen gar zu kopflosen Zusammenstoppler ursprünglich nicht ver- 
bundener Notizen, so wird man nicht umhin können, wegen der 
Bemerkung, welche er bei Erwähnung des letzten Stückes, des 
%OQtaiog %lt(üv macht, anzunehmen, dass alle übrigen auch den 
Satyrn zukommen. Nun haben wir freilich gesehen, dass sich 
die Stelle des Pollux zunächst auf die Bühnenpersonen aus dem 
Thiasos des Dionysos beziehe. Aber das verschlägt hier Nichts. 
Auch die Chorsatyrn werden unter Umständen die gefärbten und 
prächtigen Gewänder getragen haben. Sie hatten ja auf dieselben 
eben den Anspruch als die Satyrn der Bühne, und es konnte nicht 
anders als auffallend erscheinen , wenn sie ihres Gleichen gegen- 
über in einem wesentlich verschiedenen Costüme auftraten. u Der 
Verf. denkt hierbei hauptsächlich an einen Chiton. Dann scheint 
es ihm aber ganz unwahrscheinlich, dass bei den Satyrn an den 
von dem Gewände nicht bedeckten oder nicht durch ein anderes 
Mittel dem Anblick entzogenen Theilen des Körpers ihre eigene 
Haut zum Vorschein kam. Letzteres sei wohl zu beachten. 
„Denn wo von der Bühne die Rede ist, muss zwischen schein- 
barer Nacktheit (durch welche die Nacktheit des Lebens nach- 
geahmt wird, des reellen sowohl als des ideellen, indem der nach- 
ahmende Schauspieler diese wohl an seinem Körper veranschau- 
licht, aber nicht durch ihn darstellt) und zwischerr wirklicher 
Nacktheit streng unterschieden werden. — Ich nehme keinen 
Austand zu behaupten, dass, wie regelmässig auch die scheinbare 
Nacktheit bei dem Chore vorgekommen sein möge, die wirkliche 
in guter griechischer Zeit nie Statt hatte. Wie tief es im Geiste 
der alten Griechen begründet war, den Menschen von dem Schau- 
spieler zu trennen, zeigt der Gebrauch der Masken. 1 ' Diesem 
letzten Grunde möchte Ref. für die vorliegende Frage nicht viel 
Bedeutsamkeit zugestehen. Der Gebrauch der Masken — dies 
lässt sich geschichtlich nachweisen — ist nicht aus der Absicht, 
den Menschen vom Schauspieler zu trennen, hervorgegangen, 
auch nicht durch dieselbe aufrecht erhalten worden. Den eben 
mitgetheilten Ansichten und Ueberzeugungen zufolge,, sucht der 
Verf. weiter darzuthun, dass die Satyrn mit Tricots bekleidet 
waren S 182 — 186 „Die Tricots konnten aber, heisst es weiter, 
durch ein Mittel ersetzt werden, welches älter war als sie und 
nicht weniger als das zu betrachten ist, was ihnen der Ursprung 
gab: wir meinen die Färbung des Leibes. Ja man kann man wohl 
sagen , dass die Tricots sich naturgemäss aus den Anaxyrideu und 
der Färbung entwickelt haben. Von Hause aus Gebrauch im 
Bacchischen Cultas, noch ursprünglicher als die ersteren, ward 
auch die letztere Zweck, wo es galt, das Nackte dem Anblick 
zu entziehen oder dem Körper ein anderes Aussehen zu geben, 
als das gewöhnliche. Vor der Maske die unmittelbare Färbung 
des Gesichts, die später auch an der Maske vorgenommen ward; 



Wieseler: Das Satyrspiel. 273 

vor den Tricots die Färbung der nackten Stellen des Leibes. 
Wie wir noch in Zeiten, da die Masken schon längst aufgekommen 
waren, wenn auch nur ausnahmsweise, von Schauspielern hören, 
welche sich das Gesicht nur färbten und ohne eigentliche Maske 
auftraten , so wird auch die Färbung des Leibes nach der Erfin- 
dung der Tricots noch nicht ganz aufgehört haben. — Vor Allem 
darf es wohl von den Thiasoten des Dionysos, bei denen die Fär- 
bung des Körpers im Cultus und in der Sage begründet war, an- 
genommen werden, dass sie auch auf dem Theater noch späterhin, 
wenn auch nicht durchweg, so doch öfters mit derselben erschie- 
nen. Und dahin gehören ganz besonders die Satyrn." Auch die 
Hände, meint der Verf., sind bei den Schauspielern oder Choreu- 
ten, welche anders farbige oder anders gestaltete Personen dar- 
stellten, nicht ohne Färbung oder Bedeckung geblieben. Diese 
konnte aber nur eine sehr dünne und fest anliegende sein, was 
dann, wenn sie etwa für menschlich geformte Hände angewandt 
wurde, gewöhnlich Statt gehabt haben wird. Meist wird man 
sich aber mit einer mehr oder weniger starken Färbung begnügt 
haben. In einer Anmerkung hierzu tritt der Verf. der irrtüm- 
lichen , von Böttiger hauptsächlich herrührenden Meinung entge- 
gen, wonach man den wesentlichsten Zweck der xeigidsg in einer 
Verlängerung des Armes gesucht und ihren Gebrauch auf die Tra- 
gödie beschränkt hat. In allen jenen Stellen, welche beweisen 
sollen, dass die %£iQldes die Hände verlängert hätten, be- 
deute das Wort nichts Anderes als lange Aermel. Nach diesen 
Mittheilungen glaubt Hr. W. nun auch die Frage nach der Fuss- 
bekleidung im Allgemeinen beantworten zu können. Er schreibt 
S. 189: „Mit blossen Füssen erschienen die Choreuten gewiss 
nie, eben so wenig als die Bühnenpersonen. Wohl aber dürften 
die von den Choreuten und selbst die von den Schauspielern dar- 
gestellten Personen zuweilen als baarfüssig vorgeführt sein, indem 
die der Hauptfarbe der Dargestellten entsprechenden. Tricots auch 
die Füsse der Darstellenden umschlossen und diese sonst keine 
Fussbedeckung hatten, sondern nur etwa Sohlen unter den Füs- 
sen, welche mit den Tricots zusammenhingen. Inwiefern hier 
blosse Färbung für ausreichend befunden wurde, ist eine Frage, 
welche sich nicht so leicht beantworten lässt. Doch kann so Etwas 
bei vollständiger er Färbung des übrigen Körpers auch vor- 
gekommen sein. Da nun auf Bildwerken die Satyrn theils ohne, 
theils mit Fussbekleidung vorkommen, die zuweilen in Halbstie- 
feln , meist aber in Schuhen besteht, so spricht der Verf. über 
diesen Punkt zuletzt seine Ueberzeugung noch dahin aus, dass 
die Satyrn vielleicht auch ohne Fussbekleidung, gewiss aber mit 
derselben dargestellt und dass diese wenigstens seit Sophokles 
öfters auch eine elegantere gewesen sein möge. Ohne Kopf- 
schmuck erscheinen die Chorsatyrn sowohl auf dem der ganzen 
Abhandlung zu Grunde liegenden Vasenbilde als auch auf drei 

18* 



274 Griechische Alterthümer. 

anderen Bildwerken, welche Chorsatyrn enthalten. Doch möchte 
der Verf. auf diese Umstände noch keineswegs den Schluss grün- 
den, „dass Schmückung des Hauptes den Bühnensatyrn gegenüber 
den Chorsatyrn eigentümlich gewesen, oder auch nur, dass die 
letzteren häufiger ohne dieselbe erschienen seien"; und er zeigt 
durch Bildwerke, dass der Kopfschmuck der Satyrn nicht minder 
mannigfaltig als der des Silen und der anderen Bacchischen Thia- 
soten gewesen ist. Auch in den Händen tragen die Choreuten 
auf dem Vasenbilde keins der gewöhnlichen Abzeichen. Daraus 
folge aber ebenfalls nicht, dass diese Choreuten im Theater ohne 
dergleichen aufgetreten seien, zumal da sie auf anderen Bildwer- 
ken theils mit dem Thyrsos, theils mit dem Pedum erscheinen. 
,, Jeuer, welcher auch als Waffe vorkömmt, und dieses, welches den 
Landleuten überhaupt zusteht, sind die beiden Hauptattribute der 
Satyrn. — In Betreff mancher Fälle dürfte es jetzt schwer halten 
zu entscheiden, ob man den Satyrn den Thyrsos oder das Pedum 
gegeben habe. Für die in dem Kyklops des Euripides scheint 
dieses passender. Oder sollte es etwa von den Dienern und der 
Thyrsos von den anderen Choreuten getragen sein'? Die Attri- 
bute wurden, insofern sie bei dem Tanze im Wege standen, vor 
demselben abgelegt, vergl. Aristoph. Pac. 730 ff' k Zuletzt heben 
wir noch hervor, was über denselben Punkt S. 196 gesagt ist. 
„Dass eben so wie der Silen auch die Satyrn, wenn die Situatio- 
nen, Handlungen, Beschäftigungen, in denen sie vorgeführt wur- 
den , es erforderten, andere Attribute als die gewöhnlichen hatten, 
versteht sich von selbst. Eben so sicher ist es aber, dass diese 
Attribute denen sehr nahe standen , welche den Satyrn nach einer 
oder der andern unter den verschiedenen Auffassungeweisen zu- 
kamen, wie denn auch die Kleidung in den Formen stets gleich- 
artig gewesen sein wird. Häufig scheint ein Wechselverhältniss 
zwischen Attribut Statt gehabt zu haben, in der Weise, dass, 
wenn jenes von dem Gewöhnlichen abwich, diese die eigentliche 
war, und umgekehrt." Und auf der folgenden Seite: ,,Es ist 
noch keine Schriftstelle, kein Bildwerk gefunden, aus denen mit 
Sicherheit hervorginge, dass der Silen oder die Satyrn des grie- 
chischen Schauspiels mit Hörnern am Kopfe, geschweige denn 
mit thierischen Füssen erschienen. Rücksichtlich des Schwanzes 
wird man in Folge einer durch berühmte Gelehrte allmälig fast 
gäng und gebe gewordenen Ansicht etwa annehmen wollen , dass 
die Silene Pferdeschwänze, die Satyrn Bocksschwänze gehabt. 
Wir stellen es durchaus in Abrede, dass je ein Unterschied dieser 
Art in irgend welcher durchgreifenden Weise Statt gefunden habe. 
Silene und Satyrn kommen sowohl mit dem Pferdeschwanze als 
mit dem Bocksschwanze vor. Bei jenen sowohl als bei diesen ver- 
kürzt sich der Schwanz, je nachdem die Figur minder barock, von 
mehr Adel und Zartheit, oder die Darstellung nicht ein Gemälde 
oder Relief, sondern ein rundes Werk ist. Doch ist nicht einmal 



Wieseler: Das Satjrftpjqh , 275 

diese Kegel, die einzig passende, welche man aufstellen könnte, 
oline Ausnahmen, wenigstens was die erstcre Classe der Bildwerke 
anbelangt. — Eine jede Unterscheidung zwischen Silencn und 
Satyrn, welche auf einem anderen Grunde beruht als auf dem des 
verschiedenen Alters, muss für irrthümiieh gehalten werden. u 

Dies sind etwa die Ilauntresultate der Untersuchung, insofern 
sie die scenische Darstellung oder Ausstattung des Satyrspicles 
angeht. Was die Form und Darstellungsweise derselben betrifft, 
so hat lief, schon oben bemerkt, dass sie breit, schwerfällig und 
unklar ist. Ilr. W. verliert sich oft auf Abwege und in Irrgänge, 
aus denen man sich nur mit Mühe wieder herauswindeu kann. 
Hr. Sommerbrodt sagt in seiner Beurtheilung von des Verf Schrift 
über die Thymele: „Nur selten führt der Weg eine längere Strecke 
gerade aus; in fortwährendem Wechsel geht es bald vorwärts bald 
rückwärts, bald rechts bald links, so dass mau am Ende die Rich- 
tung ganz verliert, und nicht mehr weiss, weder woher man ge- 
kommen, noch wohin man gewollt. Ich wenigstens muss gestehen, 
dass es mir sehr schwer geworden ist, mich in dem Gange der 
Untersuchung zurecht zu finden, und räume gern ein, dass ich 
unter diesen Umständen möglicher Weise den Hrn. Verf. nicht 
immer ganz verstanden habe. So weit aber darf ich versichern, 
dass ich bemüht gewesen bin, den Verlauf der Forschung nach 
bestem Wissen mitzutheilen, so weit ich im Stande war, ihren 
Schlangenwindungen zu folgen ." Dieses Urtheil lässt sich auch 
über das vorliegende Buch fällen; uim lief, glaubt das gleiche 
Geständniss mit derselben Versicherung auch hier aussprechen 
zu dürfen. 

Als einen Nachtrag zu unserem früheren Berichte über die 
neueste, das attische Bühnenwesen betreffende Litteratur (s. diese 
Jahrbb. 53. Bd. S. 131 ff. 272 ff.) lassen wir noch eine Relation 
folgen von einer Abhandlung von A.W. v. Schlegel, welche als 
ein Anhang zu dessen Vorlesungen über dramatische Kunst und 
Litteratur in der neuen Ausgabe, besorgt von E Böcking (Leipzig, 
Weidmann'sche Buchhandl. 184ö). Bd. 1. S. 251 — 328, unter fol- 
gendem Titel mitgetheilt ist: 

lieber die scenische Anordnung der griech. Schauspiele. 
Schlegel's Anhang ist leider ein Fragment geblieben. Er umfasst 
nicht alle die Gegenstände, deren Behandlung man unter der an- 
gegebenen Ueberschrift zu finden hofft. Je grösser nun das An- 
sehen ist , welches Schlegels Vorlesungen über die dramatische 
Kunst und Litteratur, namentlich der Griechen, theils behauptet 
haben, theils noch behaupten, und je mehr man daher geneigt sein 
dürfte, seinen Ansichten über das attische Theater gleichfalls eine 
nicht geringe Auctorität schon im Voraus beizulegen, um so we- 
niger bedarf es der Entschuldigung, wenn wir auf diesen Anhang 
hier etwas genauer eingehen. Es gewährt aber derselbe nach 
unserm Dafürhalten keineswegs den wissenschaftlichen Gewinn, 



276 Griechische Alterthümer. 

den man erwarten möchte. Denn offen geredet, das Nene in dem- 
selben ist nicht richtig und das wenige Richtige ist nicht neu. 
Schlegel ist in mehreren Dingen ganz bei den durchaus unhalt- 
baren Ansichten GenellPs stehen geblieben; bei anderen Fragen 
und Erörterungen hat er sich durch die moderne Darstellungs- 
weise auf unseren Theatern und durch die Urtheile und den Ge- 
schmack der Gegenwart in scenischen Dingen offenbar irre leiten 
lassen. Bei der Erklärung und Benutzung der wenigen, oft nicht 
ganz klaren Andeutungen und Notizen , die sich über das attische 
Bühnenwesen hier und da in den Schriften der Alten oder bei 
späteren Lexicographen und Scholiasten zerstreut vorfinden, ist er 
befangen gewesen und von unrichtigen Voraussetzungen ausge- 
gangen. Namentlich scheint er gar nicht daran gedacht zu haben, 
dass die Griechen bei dem scenischen Arrangement ihrer Tragö- 
dien und Komödien Manches nur symbolisch angedeutet und des- 
sen Ergänzung und Vervollständigung der Phantasie der Zuschauer 
überlassen haben, etwa in der Weise, wie wir es in späterer Zeit 
bei Aufführung der Shakspeare'schen Stücke antreffen; ein Punkt, 
auf den G. Hermann neuerdings mit vollem Rechte aufmerksam 
gemacht hat. Vergl. unseren früheren Bericht a. a. 0. S. 141. 
Fr. A. Wolf und A. W. v. Schlegel hatten bekanntlich Genelli zur 
Ausarbeitung seines Buches über das Theater in Athen veranlasst 
und die Aufmerksamkeit des Publicums aufsein Erscheinen hinge- 
lenkt. Daher erklärt sich denn die grosse Anhänglichkeit an Ge- 
nelli's Ansichten, die der Verf. selbst noch in diesem Anhange, 
namentlich in Betreff der Architektonik, an den Tag legt. Der 
ganze erste Abschnitt, überschrieben: ,, Bis her ige Bearbei- 
tungen dieses Gegenstandes", enthält gewissermaassen 
eine Apologie Genelli's und sucht dessen Verdienste um die Er- 
klärung und Beschreibung des alten griechischen Theaters in ein 
besseres Licht zu setzen. Es ist nicht zu leugnen, Genelli war 
ein Mann von Geist und Geschmack , dabei , was allerdings sehr 
hoch anzuschlagen ist, ein praktischer Architekt. Er wusste da- 
her, was thunlich und ausführbar war; er hatte eine deutliche 
und klare Anschauung von dem, was er schilderte und in der Idee 
construirte. Daher denn auch die Construction seines Theaters 
in sich zusammenhängt, gerundet und folgerecht ist. Und darin 
besteht der Vorzug seines Buches vor den Arbeiten seiner Vor- 
gänger und wohl auch seiner meisten Nachfolger. Der Fehler aber 
und der Hauptmangel seiner Arbeit ist, dass seiner Construction 
und Darstellung des Theaters in Athen die historische Begründung 
und Beglaubigung fehlt. Genelli hatte weder das ganze nöthige 
Material aus den Schriften der Alten beisammen , noch wusste er 
das, was er kannte und vorräthig hatte, in der richtigen und be- 
sonnenen Weise zu benutzen, um die Vorstellungen und Ideen, die 
er als praktischer Architekt sich gebildet hatte, nun als Antiquar 
uud Alterthumsforscher darauf zu basiren und zu berichtigen. Von 



v. Schlegel: UeO. d. sceiiiscliu Anordnung d, griech. Schauspiele. 277 

diesem Tadel vermag (üenelli Niemand freizusprechen. Auch ist 
es ganz natürlich, dass unter solchen Umständen sein Buch eine 
vereinzelte Erscheinung' gebliehen ist, von der die Philologen und 
Alterthurusforscher freilich wenig oder keine INotiz genommen 
haben und auch nicht nehmen konnten. Darin aber hat Schlegel 
allerdings recht, wenn er am Ende dieses Abschnittes sagt: „Mit 
den gelehrten Herausgebern der Dramatiker bin ich seltener in 
Gefahr in Widerspruch zu geratheil : denn sie haben meistens über 
die von mir zu erörternden Punkte gar keine Meinung geäussert; 
ja Manchen scheint es niemals eingefallen zu sein, dass man dar- 
über eine Meinung hegen könne." — Aus einer Mittheilung des 
Herausgebers in der Vorrede zur dritten Ausgabe ersieht man, 
dass diese Abhandlung etwa vor sieben bis acht Jahren vom Verf. 
geschrieben worden ist. Der zweite Abschnitt handelt von den 
„Quellen unserer Kenntnisse' Schlegel scheint hier das 
Ansehen und die Bedeutung des Nomenciator Pollux zu hoch an- 
zuschlagen. Ferner weist der Verf. auf „eine leicht zugängliche, 
jedoch bisher nur selten besuchte 1 ' Quelle , auf die Dichter selbst 
hin. „Ich habe sie nach der Reihe befragt , und sie haben mich 
Vieles gelehrt; mehr als ich vor angestelltem Versuch zu hoffen 
wagte. Oftmals sagen sie mit ausdrücklichen Worten, was auf der 
Bühne geschah und nach ihrer Absicht geschehen sollte : andere 
Male deuten sie es nur an, aber auf solche Weise, dass der Zu- 
sammenhang keinen Zweifel übrig lä'sst. ,w Die Dichter sind aller- 
dings für manche scenische Fragen eine gute Quelle. Im Gan- 
zen möchte aber diese Quelle doch nicht so reichlich fliessen, als 
der Verf. zu glauben scheint; auch sind die Dramatiker da, wo es 
sich um die scenische Anordnung einer Tragödie und Komödie 
handelt, mit grosser Vorsicht zu benutzen, da hier überall die 
Frage entsteht, was auf der Bühne wirklich dargestellt, was blos 
symbolisch angedeutet worden ist. Denn, wie auch der Verf. 
sagt : „der Schiuss von den Aufforderungen der Dichtung auf die 
Mittel der sichtbaren Darstellung würde nicht in allen Gebieten 
der dramatischen Litteratur gültig sein." Dazu kommt, dass, um 
die Dichter für diesen Zweck richtig zu benutzen, eine Kenntniss 
und Anschauung der antiken Darstelluugsweise und ihrer Mittel 
bereits vorhanden sein muss. — Der dritte Abschnitt „Gliede- 
rung des Baues" giebt eine Construction des Theaters in sei- 
nen 1 lau j)U heilen: Theatron , der Zuschauerraum, Orchestra und 
Scenengebäude. Nach Erörterung der verschiedenen Bedeutun- 
gen , welche die Begriffe &£cczqov und öurjvrj bei den Alten nach 
und nach angenommen haben, fährt Schlegel S. 264 fort: „Diese 
beiden Haupttheile des Baues, einerseits des Theatron, in Form 
eines stark ausgeweiteten, in der Mitte senkrecht durchgeschnit- 
tenen und unten abgestutzten Trichters sammt dem vertieften 
Räume, den es umgab, der Orchestra; andererseits das Sceuen- 
gebäude; diese beiden Theile wurden durch einen in der ganzen 



278 Griechische Alterthiinier. 

Länge zwischen ihnen hinlaufenden Streif gesondert, dessen beide 
Enden durch ein Portal mit einem Thorwege verschlossen waren. 
Genelli nennt die Bahn nicht unschicklich den Dromos. u Diese 
durchaus nicht nachweisliche Bahn hätte der Verf. nicht wieder 
in das griechische Theater hineinbringen sollen. Die antiquari- 
schen Architekten haben ganz recht gethan , wenn sie dieselbe 
einstimmig daraus entfernt haben. Das Theatron oder die Zu- 
schauerplätze, deren Reconstruction für uns allerdings mit Schwie- 
rigkeiten verbunden ist, lassen sich wohl noch ohne einen solchen 
Dromos herausbringen Schlegel hat, um das Dasein dieser lan- 
gen Bahn zu sichern und zu vertheidigen, Dinge ersonnen und 
Schwierigkeiten geschaffen, deren Widerlegung und Ilinweg- 
räumung in jetziger Zeit durchaus überflüssig ist. — Gegen das, 
was wir von S. 207 ff. über das Scenengebäude und seine Einrich- 
tung lesen, hat Ref. Nichts von Bedeutung zu erinnern. Dass die 
Orchestra , d. h. der Standort und Tanzplatz des Chores , ein höl- 
zerner Boden gewesen ist, der vor dem Beginn der Theaterspiele 
aufgeschlagen und nach Beendigung derselben wieder weggenom- 
men wurde, ist gleichfalls richtig bemerkt. „Wo das Material 
bereit liegt, im voraus gemessen, und mit der Axt, der Säge und 
dem Hobel so bearbeitet, dass sich Alles von selbst verschränkt und 
zusammenfügt, da ist das Aufschlagen und Abnehmen einer sol- 
chen Bretterbühne eine ganz leichte Sache."' Auch ist es bei der 
Prachtliebe der Athener und dem grossen Aufwände, den sie für 
den Theaterbau machten, allerdings nicht glaublich, dass sie in 
einem grossen regelmässigen, zu Volksversammlungen mancher 
Art geeigneten und bestimmten Platze den Erdboden sollten nackt 
gelassen haben. Der Verf. setzt demnach mit Fug und Recht un- 
ter dem Zimmerwerk der Orchestra eine mit behauenen Quadern 
belegte Grundfläche voraus, wozu die Brüche des benachbarten 
Berges Pentalikos den Marmor in Ueberfluss lieferten. Von der 
Orchestra selbst aber hat der Verf. eine durchaus unrichtige Vor- 
stellung- ,,Es ist kaum nöthig zu erinnern , heisst es S. 274, dass 
die Orchestra sammt den beiden Eingängen und der dazwischen 
liegenden Bahn mit Ausnahme der erhöhten Thymele, eine völlig 
ebene Fläche darbot. Für jeden Gebrauch dieses Raumes, so- 
wohl für die Schwenkungen des Chores , als für den Durchzug von 
Rossen und Wagen, wären Terrassen oder Absätze irgend einer 
Art nur hinderlich gewesen. Auch Charons Nachen, der offenbar 
im Kreise herumfährt, konnte nur über die ruhigen Gewässer des 
acherusischen Sees, nicht über Thäler und Hügel hingleiten." 
Es würde zu weit führen, alle die einzelnen lrrthümer und falschen 
Voraussetzungen, welche dieser Vorstellung von der Orchestra 
zu Grunde liegen , zu beseitigen und aus dem Wege zu räumen. 
Wir verweisen nur auf G. Hermann^ Recension des Kupferwerkes 
von Strack in der Jen. Littztg. 1848. Nr. 14ö f. Des Rec. Ansicht 
über diesen Punkt fiudet sich auch in unserem früheren Berichte 



v. Schlegel: Ueb. d. scenisclic Anordnung d. griecli. Schauspiele. 279 

a. a. O. S. 273 f. in Kürze mitgetheilt. Durch Hormann's Dar- 
stellung dieser Sache wird noch ein anderer Irrthtim Schlegels 
über das Verhältnis» der Erhöhung des Prosceniums über die Or- 
chestra, welcher ans einer falschen Beurtheilung und Erklärung 
einer Stelle "bei Vitruv hervorgegangen ist, vollkommen beseitigt. 
S. 271 lesen wir nämlich: .,Das Proscenium und Logeum lagen auf 
gleicher Fläche. (Proscenium und Lageion sind aber, beiläufig 
gesagt, nur verschiedene Namen für einen und denselben Ort.) 
Die Erhöhung beider über die Orchestra nimmt Genelli zu zehn 
bis zwölf Fuss an. Dies gründet sich auf eine falsche Lesart im 
Texte des Vitruvius , die ich noch in keiner Ausgabe weggeräumt 
gefunden habe. Es heisst in dem Abschnitte vom griechischen 
Theater: Ejus logei altituilo non minus debet esse pedurn decem, 
non plus duodeeim. Er wäre seiner eigenen Lehren ganz uneiu- 
gedenk gewesen, wenn er dies gesagt hätte: denn er hatte kurz 
zuvor für das römische Theater die Vorschrift ertheilt, die Bübne 
dürfe nicht mehr als fünf Fuss über die Orcbestra erhöht sein, 
damit die darin sitzenden Senatoren die Bewegungen aller Schau- 
spieler sehen könnten. Dies gilt nun ebenfalls von den Choreuten; 
der Unterschied liegt nur im Sitzen und Stehen. Mit einem 
Worte: es muss latitudo gelesen werden." Eine solche Ansicht 
und Verkennung der Stelle des Vitruvius würde nicht hervorge- 
treten sein, wenn der Verf. der Abhandlung sich von Genelli's 
Meinung hätte losreissen können und beachtet hätte, dass, wie 
schon Hermann in der Rec. von O. Müller's Eumeniden (Opusc. 
VI. p. 145) erinnert hat, das Wort Orchestra zwei Bedeutungen 
hat. In der einen bezeichnet es nämlich den ganzen Raum zwi- 
schen dem Proscenium und dem Theatron ; in der anderen den 
mit Dielen belegten and über jenen Raum erhöhten und dem Pro- 
scenium zunächst liegenden Standort und Tanzplatz des Chores. 
Vkruv spricht an jener Stelle als Baumeister von der Erhöhung 
des Prosceniums über den eigentlichen Fussboden des ganzen 
Theatergebäudes. Dieser Fussboden wird hier und da mit dem 
Namen Koni st ra bezeichnet und ist der eigentliche Erdboden, 
von dem aus das Proscenium und die aufsteigenden Sitze der Zu- 
schauer sich erhoben. Diesen Irrthurn Schlegefs hat auch Hr. 
Sommerbrodt in seiner kürzlich erschienenen Schrift: De Aeschyli 
re scenica. Pars I. (Liegnitz 1848.) S. 23 f. siegreich bekämpft. 
— Der vierte Abschnitt, überschrieben „Abfertigung der 
Konistra", liefert gleichfalls einen deutlichen Beweis, wie we- 
nig der Verf. mit den Stellen der Lexicographen hat ins Reine 
kommen können. Hermann in der angeführten Rec. S. 597 und 
Sommerbrodt in seiner Schrift: Disputationes scenicae haben auch 
hier richtiger gesehen und geurtheilt. Vergl. unsern Bericht 
S. 273. Zum fünften Capitel, welches von der „Grösse des 
athenischen Theate rs' 1, handelt und einige allgemeine Au 
gaben darüber enthält, haben wir Nichts hinzuzufügen. Im 



280 Griechische Alterthümer. 

nächsten Abschnitte meint der Verf., dass die „Theaterpo- 
lizei" überall da aufgestellt gewesen sei, wo ihre Aufsicht am 
nöthigsteu war und wo sie den Zuschauern am wenigsten hinder- 
lich waren: an den Eingängen, oben unter dem Säulengange, von 
woher sich Alles überschauen Hess (der hier erwähnte Säulengang 
ist aber ein noch ganz unerwiesener Theil des griech. Theaterge- 
bäudes), unten am inuern, den Zuschauern verborgenen Rande 
der Orchestra, dicht unter den Sitzen der Kampfrichter und Pry- 
taneu, von denen sie Befehle zu empfangen halten. „Aber dem 
Suidas, dessen tiefe Unkunde des Theaterwesens wir bereits nach- 
gewiesen haben, werden wir es um keinen Preis glauben, dass die 
Stabträger, weit entfernt sowohl von den Zuschauern als von den 
Vorsitzern, auf der Thymele gestanden und solchergestalt den 
würdigen geweihten Mittelpunkt eingenommen hätten, von wel- 
chem die Choreuten den Namen Thymeliker führten. Es wäre 
gerade so schicklich gewesen, als wenn man bei uns den Wacht- 
posten der Polizei in der königlichen Loge aufstellte." Mit Un- 
recht beschuldigt hier Schlegel den Suidas der tiefsten Unkunde 
des Theaterwesens : mit Unrecht leugnet er, dass die Rhabdo- 
phoren an der Thymele ihren Platz gehabt haben. Beides würde 
nicht geschehen sein, wenn er von der Orchestra und von der 
Thymele eine richtige Ansicht gehabt hätte. Der siebente Ab- 
schnitt, die Decoration und das Maschinenwesen betref- 
fend, ist unvollständig, insofern er mehrere hieher gehörige 
Dinge, über die sich, wenn auch spärliche Nachrichten und dürf- 
tige Andeutungen vorfinden, ganz unbesprochen und unberück- 
sichtigt lässt.- Der ganze Abschnitt handelt mit einiger Genauig- 
keit und Vollständigkeit eigentlich nur von zwei Dingen : von dem 
unter dem Proscenium befindlichen Räume, dem Hyposkenion — 
Schlegel gebraucht unrichtig den Plural Hyposcenien — und von den 
Periaktcn. Ferner leidet er an Undeutlichkeit, da einige Maschinen, 
Exostra, Ekkyklema, Distegie, zwar erwähnt werden, aber ohne 
alle weitere Angabe und Beschreibung ihrer Beschaffenheit und 
ihres Zweckes. Endlich finden sich in demselben auch einige 
Unrichtigkeiten Dahin gehört erstlich die Annahme eines Vor- 
hanges, eine Annahme, die nach dem, was in neuerer Zeit dar- 
über gesagt ist, allerdings befremden muss. Der Artikel Aulaeum 
in Paulys Realencyclopädie hätte schon allein, um andere Schrif- 
ten nicht anzuführen , vor diesem Irrthume bewahren können. 
Eine ganz seltsame Vorstellung hat der Verf. ferner von den Pe- 
riakten oder Drehmaschinen. Er findet es nämlich kümmerlich, 
dass auf jeder Seite der Bühne nur ein einziges Dreieck gestanden 
habe, und meint, dass auf der rechten und linken Seite mehrere 
hinter einander nach Art der heutigen Coulissen angebracht ge- 
wesen , so dass durch die von der vordem Ecke der Parascenicn 
nach hinten zu vorlaufende Reihe der Periakten an jeder Seite des 
Prosceniums ein durch jene verkleidetes Dreieck abgeschnitten 
gewesen sei. „Dieses konnte dazu dienen, die über einander ge- 



Franz: Die Didaskalie zu Aeschylos Septem contra Thebas. 281 

schichteten Tafeln der grossen Decoration nach einer Verwandlung 
zu bergen. " Diese Darstellung der Sache lässt sich durch keine 
einzige Stelle aus den Schriften der Alten rechtfertigen, sie be- 
ruht lediglich auf einer modernen Anschauung. Die geringe Tiefe 
des griechischen Prosceniums licss eine solche Periaktenreihc gar 
nicht zu, da ja die Seiten der einzelnen Periakte nicht ganz 
schmal sein konnten, wenn man die daran angebrachten Malereien 
bei der grossen Entfernung der Zuschauer nur einigermaassen er- 
kennen wollte. Jede Deutlichkeit der Malerei wäre verloren ge- 
gangen, wenn eine Seite des Dreiecks nicht mehr als „vier bis 
fünf Fuss" gemessen hätte. — Der achte Abschnitt bespricht 
eine Hy p othese Genelli's. Dieser halte in seinem Buche 
über das Theater in Athen die Ansicht geäussert, dass bei land- 
schaftlichen Darstellungen auf der Bühne auch die lebendige Na- 
tur zu Hülfe gerufen worden sei. Im Oedipus zu Kolonos z. B. 
nimmt der Hain der Furien den ganzen Hintergrund ein. Dazu 
wurden nun, wie Genelli behauptet, Oel- und Lorbeerbäume und 
Weinreben in Gefässen herbeigeschafft, und diese Gefässe waren 
mit ausgestochenem Rasen belegt. Solche Kunstgärten nach Art 
unserer Orangerien, wo aber nicht, wie bei uns, Gewächse einer 
heissen Zone, sondern einheimische Bäume und Stauden in Kasten 
oder Körben gezogen worden wären, die ohne Pflege in dem müt- 
terlichen Boden weit besser gediehen, solche Gärtnerei verweiset 
der Verf. mit Recht ganz und gar von dem griech. Theater. Ge- 
nelli's Hypothese gründet sich auf eine Stelle des Appulcjus (Me- 
lam. lib. X. p. 734 ff. Oudend.), wo ein pantomimisches Ballet, 
das Urtheil des Paris, als auf dem Theater in Korinth aufgeführt 
beschrieben wird. Schlegel zeigt, in die Einzelnheiten der Be- 
schreibung eingehend, dass Körperlichkeit und" Wirklichkeit der 
Gegenstände hier anzunehmen durchaus unstatthaft sei, die ganze 
Beschreibung sei Nichts als eine rhetorische Figur, wonach das 
täuschend Gemalte als wirklich vorhanden vom Appulejus geschil- 
dert wird. Ueber den 9 Abschnitt „Sceno grap hie" 1 und den 
letzten der ganzen Abhandlung „Stil der gemalten Archi- 
tektur" wollen wir kurz sein, da beide Abschnitte ihrem Haupt- 
inhalte mehr der Archäologie als den scenischen Alterthüinern an- 
gehören. Der Verf. sucht die Kenntniss und Anwendung der 
Perspective, besonders gegen Lessing, der Scenographie zu vin- 
diciren und in dem 10 Abschnitte eine Erörterung der Bauart zu 
geben, welche an den Decorationen der Tempel und königlichen 
Paläste nachgeahmt wurde. Auf diesen letzten Theil der Ab- 
handlung bezieht sich ganz besonders die gleich im Eingänge die- 
ses Berichtes ausgesprochene Bemerkung, dass der Verf. zu wenig 
dem Gedanken an symbolische Decoration Raum gegeben hat. Doch 
dem sei wie ihm wolle. Im Ganzen glauben wir durch diesen Bericht 
unser oben ausgesprochenes Urtheil über den wissenschaftlichen 
Werth dieses Fragments hinreichend gerechtfertigtzu haben. 



282 Griechische Alterthümer, 

Einen weit wichtigeren Beitrag zur Kenntnis« des attischen 
Bühnenwesens haben wir kürzlich durch ein Scholion erhalten, 
welches Hr. Dr. Franz aus einem Mediceischen Codex des Aeschy- 
los in folgender kleinen Schrift veröffentlicht und erörtert hat: 
Die Didaskalie zu Aeschylos Septein contra Thebas. EinProömimu 
für den Lections-Catalog der Universität in Berlin 1848 — 49 von 
Dr. Johannes Franz, Prof. P. O. Berlin, 1848. 8 S. 4. 
Wir beschränken uns hier nur auf eine einfache Mittheilung dieses 
Scholion , in welchem die Didaskalie zu den „Sieben gegen The- 
ben" enthalten ist. Es lautet vollständig so: 'Tjto&eöig xäv enxd 

iV 

en\ &rjßag. r\ (iev öxqvr] xov dgäfiaxog e%\ Orjßaig vitöxei- 
xai' 6 de %OQÖg ix (tfrjßaiav iöxl nagdevcov r\ de vnöfteGig 
GTQaxeia AgysLav TtoliovQxovöa Siqßaiovg xovg xcu vixr'jöav- 
xag' xccl dävaxog 'Eteoxheovg xca Tlokvveixovg. edtdaffir] eit\ 
&eayevovg (leg. &eccyevLdov) i 'Olv^7ii(xdtor]. evixa Aaico , 01- 
dlnodi, *Enxu enl ®rjßug, Ucpiyy) öaxvQixij. devxegog 'Aqiöxicov 
(leg. 'AQiGziag) IleQGei, TavxuXca, IlaXaiGxuig öaxvQixolg xotg 
IIqccxlvöv TtuxQÖg. XQixog TIüXvfpQttölHüv (leg. IJokvcpQädpcov) 
AvxovQyia xezgaXoyla. 

Einige andere, gleichfalls beachtenswerte Notizen dieser Art 
finden sich in den kürzlich vom Prof. Cobet in Leyden herausge- 
gebenen Scholien zu den Tragödien des Euripides. Dieselben 
sind als ein Anhang zu einer Ausgabe der Phönissen von Geel hin 
zugefügt, die unter dem Titel erschienen ist: 
Kufipidis Phoeiiissae cum coinmentario edidit Jacobus Geelius. Scho- 

lia antiijua in Euripidis tragoedias partim inedita partim editis in- 

tegriora adjunxit C Gr. Cobetius. Lugduni Batavorum apnd H. VV. 

Hatzenberg et socios. 1846. XII und 326 S. gr. 8. 
Geel's Ausgabe der Phönissen , welche ohne Zweifel die wichtig- 
ste und bedeutendste Erscheinung auf dem Gebiete der euripidei- 
schen Litteraiur in der neuesten Zeit ist, hier näher einzugehen, 
liegt nicht in der Absicht des Unterzeichneten. Zu einer Beurthei- 
Inng dieser Ausgabe fehlt uns jetzt die nöthige Müsse. Sie würde 
eine genaue Yergleichung des vom Herausgeber Geleisteten mit den 
Arbeiten seiner Vorgänger, namentlich mit den Ausgaben von 
G Hermann und R. Klotz, erfordern. Und dazu fehlt uns, wie 
gesagt, die nöthige Zeit. Wir beschränken uns für diesmal nur 
auf eine kurze Nachricht über die der Ausgabe beigefügten Scho- 
lien , zu denen uns die Erwähnung der neuesten Entdeckung des 
Hin Prof. Franz geführt hat. Hr. Prof. Cobet fand unter mehre- 
ren italienischen Handschriften des Euripides, im 15. Jahrhundert 
oder auch noch später geschrieben und mit ganz werthlosen Scho- 
lien ausgestattet, auch drei alte Handschriften, die wichtige und 
heachtenswerthe Scholien enthalten. Die erste derselben befindet 
sich in Venedig in der Marcus-Bibliothek (Nr. 471), ein Perga- 
ment-Codex, etwa aus dem 1*2. Jahrhundert, mit zierlicher, aber 
sehr kleiner Schrift. Er enthält neben dem Dionysius Pcricgetes 



Euripidis Phocnissae. Ed. CJeel et Cobet. 283 

mit werlhlosen Scholien vom Euripides die Hekabe, den Orestes, 
die Phönissen, die Andromache und den Hippolytos, letztere am 
Ende verstümmelt. Dem Rande des Codex sind alte, gute Scho- 
lien beigeschrieben, aus denen Hr. C. das, was neu oder besser 
als das Bekannte ist, mittheilt. Der andere Codex ist der be- 
kannte Vaticanus 90:) aus dem 13; Jahrb. Er enthält: Hekabe, 
Orestes, Phönissen , Hippolytos, Medeia, Alkesiis. Andromache, 
Troadcn und Rhesos, der hier und da und am Ende gleichfalls 
verstümmelt ist. Aus den Scholien zu allen diesen Stücken theilt 
Hr. Cobet das Vorzüglichste mit. Es ist dieselbe Handschr. , aus 
welcher schon früher Hieronymus Amati die Scholien zu den 
Troaden und dem Rhesos abgeschrieben hatte, die zuerst in der 
Glasgower Ausgabe erschienen, dann von Ludw. Dindorf , zuletzt 
von Kampmann wiederholt abgedruckt wurden, und aus welchen 
W. Dindorf das bekannte didaskalische Fragment zur Älkestis mit- 
getheilt hat. — Der dritte Codex ist in Neapel, dem Museum 
Borbonicum gehörig. Er stammt aus dem 14. Jahrb. und enthält: 
Hekabe, Orestes, Phönissen, Troaden. Am Rande dieser Hand- 
schrift befinden sich zahlreiche Scholien, die aber zu den drei 
ersten Tragödien wert!) los sind. Die Scholien zu den Troaden, 
die von demselben Abschreiber später nachgetragen worden sind, 
stimmen ganz mit denen des Vaticanus überein. ,,Non est ovum 
ovo similius: etiam in levissimis erroribus plerumque conspirabant. 
Accedebat titulus: 'Aoiörocpävovg ygan^axixov 6%6kia üg xö 
ÖQÜfia xenv xov EvQinidov TgcodÖcov, unde hoc saltem confici 
potest, subesse in iis reliquias commentariorum Aristophanis, qui- 
bus deinde aliunde alia sint intermixta. Aus diesen Handschriften 
nun, deren äussere Beschaffenheit Hr. Cobet noch genauer an- 
giebt und bezeichnet, werden mit Auswahl die Scholien zu den 
Tragödien mitgetheilt, die in ihnen enthalten sind. Die Versehen 
der Abschreiber sucht der Herausgeber, ubieunque simplex emen- 
dandi ratio oecurrebat , zu verbessern, fügt jedoch stets die Les- 
arten der Handschrr. genau und sorgfältig hinzu; sucht ferner den 
Ursprung der fehlerhaften Lesart möglichst aufzuzeigen, das 
Uebrige, wo ihm eine wahrscheinliche Verbesserung nicht mög- 
lich war, überlässt er dem Scharfsinne und der genaueren Beach- 
tung der Kritiker. 

Um nun den Lesern eine genauere Mittheilung über den 
Werth und innere Beschaffenheit dieser Scholien zu geben, wollen 
wir Einiges aus denselben hier hervorheben. Wir beginnen mit 
dem, was sie zunächst für die Kritik und Erklärung des Euripides 
bieten. Das wichtigste Scholion ist in dieser Beziehung ohne 
Zweifel das zur Andromache, Vs. 446: n itäöiv dv&gc6iioi- 
6lv z%%i6xoi ß go xäv tavxa enl xG>'Avdgofid%r]g ngo6%rj- 
(lati (prjöiv EvQiitidqg koiöogov^ievog xoig Enagxidxccig diu xov 
£vt6xäxa nokspov xal ydg 8rj nul nccgi6nov8^Ki6av Big 'd&q- 
vaiovg, xa&dneg ol tcsqi xov <&ik6%ogov dvaygd<pov6iv. dh- 



284 Griechische Alterthümer. 

xgiväg ds xovg xov dgdfiaxog %gövovg ovx söxi kccßsiv. ov ds- 
dldaxrcct, ydg 'Adrjvt]6LV. 6 ds Kakki[icc%og sitiygacprjval (prjöi 
T fj tgaycodla Ar\\ioxgdxriv. — Am Ende des Scholion lesen wir 
»och : xai (palvsxai ds ysygccfifisvov xo dgäfia sv dg%fj xov 77s- 
koTtovvfjöcaxov noksfiov. Ferner das Schoi. zu Vs. 724: e'ön 
ydg xig ov jrpoöoo' svtol cpuGi nagd rovg %govovg alvlxxsQ- 
%ai xd TJskoTiovvrjßiccxd. ovx dvayxalov ds xaxa6vxoq>avxsiv 
xov Evginl8r]v , äkkä cpdöxsw nKdöfiaxi xsxgfjö&oti. Dadurch 
scheint nun erstlich Zirndorfer 1 sMuthmassung eine Bestätigung zu 
erhallen, der die Abfassung der Andromache zu Anfang des J 422 
oder Ol. 89, 2 setzt, da Vs. 44 r > ff Hindeutuugen auf die Zeit zu 
enthalten scheinen, wo nach dem Abschluss eines einjährigen 
Waffenstillstandes die Spartaner dennoch unter Brasidas Bundes- 
städte der Athener in Thrazien zum Abfall verleiteten. S. Thu- 
cyd. IV. 122 und 123. Der Waffenstillstand wurde geschlossen 
im Anfange des J. 423 (Ol. 89. 1) und wieder erneuert 3 Jahre 
nachher. Demnach bliebe für unser Stück füglich keine andere 
Abfassungszeit übrig, als die von Zirndorfer bezeichnete. Vergl. 
auch Fix in der Chronologia fabularum vor s. Ausgabe p. IX. Eine 
ganz neue und unerwartete Notiz ist aber die, dass die Tragödie 
nicht in Athen gegeben worden sei. Was soll man daraus machen? 
Wir wollen unsere Vermuthungen hierüber noch zurückhalten. 
In einer besonderen Abhandlung über diese Tragödie hoffen wir 
auch auf diesen Punkt zurückzukommen. Eben so merkwürdig 
ist die Ueberschrift, welche der Schol. nach Kallimachos mittheilt. 
Sollte man in späterer Zeit darauf gekommen sein , den Dramen 
nach der besonderen Tendenz, die man in ihnen wahrzunehmen 
glaubt, Ueberschriften and Titel zu geben? — Eine dramatur- 
gische Bereicherung giebt das Scholion zu Hippol. 67. Die bisher 
bekannten Scholien melden , dass das Lied von den Jagdgenossen 
des Hippolytos gesungen werde, welche einen von den Trezoeni- 
schen Frauen verschiedenen Chor bildeten, wie auch im Alexan- 
dros ein Chor von Hirten neben dem Hauptchore erscheine. Un- 
sere Scholien fügen hinzu : mg xui sv xrj 'Avxiotiiq ovo %ogovg 
sigdysi xöv xs ©rjßalav ysgövxav diöXov xai xov fisxd zJlgxrjg. 
Diese Notiz bestätigt, um dies nebenbei zu erwähnen ? Orellis 
glückliche Conjectur, welcher bei Cic. de Divin. II. 64 anstatt 
„tum AtticA respondent u vorschlägt: tum astici resp.; ferner 
Welcker's Vermuthung (Griech. Trag. II. 823) , dass Dirke „ohne 
Zweifel in Begleitung von Mänaden" auftritt. In der Hypothe- 
sis zur Alkestis lesen wir bei Hrn. Cobet richtiger als bei W. Din- 
dorf : xo dgäfia snoirjftr] i£\ Eben so hat Hr. C. am Ende der 
Hypothesis aus der Ilandschr. richtig herausgefunden: nagd xäv 
xgayixav sxßdkkszat u. s. w. Dindorfs Lesart: neegd xolg xga- 
yixoig, hat mehrere Conjecturen hervorgerufen, die jetzt über- 
Üüssig sind. — In dem Schol. zu Orest V. 258 erhalten wir eine 
den Schauspieler betreffende Anmerkung. Es heisst dort: löst 



Kmijiicli.s Phocnissae. Ed. Geel et Cobet. 285 

OVV XOV VKOxgiXl)v XttßoVTtt XO^tVSLV. Ot Öl VVV VJlOXQLVÖfllVOt 

xöv ijgcoa alxovöi fllv xd x61~u, pi] d(i,6^BVOi öi öxr^iaxi^ovxai 
rol-evEiv. Eine solche Bemerkung berechtigt uns zu der Annahme, 
dass wohl manche dieser Scholien, sei es mittelbar oder unmittel- 
bar, aus einer Zeit stammen, in welcher Euripides noch auf der 
Bühne fortlebte. — ■ Andere Scholien geben uns Bemerkungen 
und Urtheile des Didymos über des Dichters Verfahren und Kunst; 
so die Scholien zu Hek. 830, Androm. 329, wo D den Gedanken 
nagd xd ngödana findet; öspvöxtgoi ydg ol Xöyot i] xaxd ßdg- 
ßccgov yvvalxa xal dvöTv%ov6av. Aehnliches steht auch zu Vs. 
1054. Das Schol. zu Hek. V. 240 lautet: syva de ö' 'EXivrj- 
dniftavov xd nXdöfia xal ov% O^tjgixoV ov ydg &v sölytjösv 
r Exaßr] TCoXsfiiov &sa6ausvr] xaxonxsvovxa xd xctxd xot)g Tgriaag 
ngdy^iaxa. r\ 81 'EXf.vrj ilxöxcog. Man darf bei dieser Bemerkung 
wohl auch an denselben Gewährsmann denken, obschon er hier 
nicht genannt ist. 

Varianten von einiger Bedeutsamkeit und kritische Winke 
finden sich in den Scholien nicht; nur zwei Noten zur Andromache 
können wir hier ausnehmen. Härtung schlägt ihren Werth in 
dieser Beziehung nach unserem Dafürhalten zu hoch an. Die bei- 
den eben erwähnten Scholien zur Andromache gehören zu Vs. 6 
und 1228. Zur ersten Stelle bemerkt der Scholiast, dass die 
Schauspieler den Vers hinzugesetzt v7tovo}j6avxsg sivai xr\v yga- 
(piqv' vvv drj rig äXXfj xai dvxl xov övyxgixixov xd dvöxv- 
Xeöxdxrj cptjöiv. Somit hätte Valckenär Recht gehabt, der den 
Vers für unächt hielt, und es stände nach Entfernung desselben 
die Lesart fest vvv d' s'i xig dXXrj bvQxvyhGxdxt] yvvq. Dasselbe 
sagt er zu Vs. 1228: xalitsg itsöovöijg TlaXXäöog Ttgo&Vfiicc, 
nämlich Iv xoig %oA.Xolg xcSv dvxiygdcpav ov yigzxai 6 "ufißog. 
In den bisher bekannten Scholl, liest man dieselbe Bemerkung zu 
Vs. 1 2 50 : %&d ysyäöa xal &zov naxgog xexog. Jedenfalls hat 
sich in diesen die Bemerkung an eine falsche Stelle verirrt. — 
Zuletzt sei, was den Euripides angeht, noch bemerkt, dass das 
Schol. zu Hec. 285 die Fragmente des Theseus um einen Vers: 
xaixoi (p%6vov yuv [iv&ov ä^iov opoaöoj , vermehrt. Es Hessen 
sich für Euripides noch manche andere interessante Bemerkungen, 
besonders in Betreff seiner mythologischen Quellen , aus diesen 
Scholien herausheben. Doch wir brechen hier ab , und fügen nur 
noch hinzu, dass neben Euripides auch andere Dichter, hier und 
da auch Prosaiker, eine Bereicherung oder Aufklärung erhalten. 
So Phrynichos : Schol. ad Orest. 859. Aeschylos : Schol. ad Ale. 
12. 785. Sophokles : Schol. ad Hec. 3. Androm. 276. Auch für 
die Epiker fällt hier und da Etwas ab. Für Homer zu den Phon. 
Vs. 886 ; für Hesiod zu Orest. 239. Das Bedeutendste in dieser 
Beziehung findet sich in dem Schol. zu Androm. 14. Nach die- 
sem Scholion sind nämlich sechs Verse, die nach einer Note des 
Tzetzes «um Lykophron Vs. 1263 zur kleinen Uias gehörten, nicht 



286 Lateinische Litteratur. 

dieser, sondern dem Simias ev JHooyöw gehörig. Nach Simias 
nämlich erhält Neoptolemos bei der Vertheilung der Kriegsbeute 
den Aeneias und die Andromache als ein ysQag. Die Verse lauten : 
sx ö' eksv 'Avdgo[iä%i<]v ^vtcovov nagccxocuv 
"fijtrooog, ijvrs oi avtä aptöt^sg Uavayaiciv 
dcoxav £%eiv sniqQov dpeißöpevoi, yigaq uvÖqi, 
avtöv % 'Ay%L<5ao xkvxbv yovov innodcc^ioto 
Alvuav kv vqvöiv sßqöuzo jtovzonoQOLdiv 
ex Ttdvxav <dccvac5v dyefisv yegag h%o%ov akkcov. 
Die Scliolien zur Andromache scheinen überhaupt aus einer älte- 
ren, gelehrteren Quelle geflossen zu sein. Im Vergleich zu den 
übrigen bieten sie das meiste Neue und Interessante dar, das auf 
eine gute , alte Quelle zurückzugehen scheint. Wir könnten 
diese Meinung noch durch manche Mittheilung aus diesen Sclio- 
lien unterstützen. Doch das Gegebene kann dieser Ansicht wohl 
schon hinlänglich Geltung verschaffen. 

Awg, Witmchel. 



M. Tullii Ciceronis de officiis libri tres. Mit einem deutschen Com- 
mentar besonders für Schulen bearbeitet von Job. Friedr. Degen. 
Gänzlich nach dem Zeitbedürfnisse sowohl in grammatischer als 
sachlicher Hinsicht umgearbeitet von Eduard Bonneil, Director u. 
Professor des Friedrichwerder'schen Gymnasiums. Vierte Ausgabe. 
Berlin, bei Veit u. Comp. 1848. 8. X und 306 S. 

[Schluss des im vor. Heft abgebrochenen Artikels.] 

Im zweiten und dritten Buche bietet der Text der vor- 
liegenden Ausgabe folgende Abweichungen von dem der beiden 
Heusinger-Zumpt'schen Ausgaben dar: 

Lib. II. Cap. 2. §. 1 Z. erant satis; B. satis erant; §. 5 Z. 
anquirunt; B. inquirunt; §. 12 Z. Quae enim esset; B. quae enim 
[esset]; Z. sed etiam; B. sed ; §. 14 Z. probabilia mihi; B. mihi 
probabilia; §. 15 Z. disputatur; B. disputantur. — Cap. 3. §. 3 Z. 
In quo lapsa; B. In quo verbo lapsa; Z. esse honestum ; B. hone- 
stum esse. — Cap. 4. §. 7 Z. coustituti; B. constituti sunt; §. 8 
Z. commodandis; B. commodis. — Cap. 5. §. I Z. belli; B. bello; 
§. ö Z. in usu et tractatione; B. iu tractatione. — Cap. 7. §. 2. Z. 
Praeclare enim Ennius; B. Praeclare Ennius; Z. oderuut; B. öde- 
re; §.5 Z. Malus enim est; B. Malus est enim; §. 13 Z teluin 
occultaretur; B. oecultaretur teium. — Cap. 8. §. 9 Z. ac perdi- 
tis; B etperditis; §. 17 Z facillime possimus; B. possimus facil- 
lime; §. 21 Z. tum ad cetera; B. cum ad cetera. — Cap. 9. §. 4 
Z. benefica voluntate; B. voluntate benefica; §. 6 Z. ex bis; B ex 
eis; §. 12 Z callidior est; B. callidior. — Cap. 10. §. 5 Z perti- 



TV1. Tüll. G'ic de off. Von Ed. Bonncll. 287 

ncreitt ; B. pcrtinent; §. 13 Z. cum aliqua Ins; IS. cumque aliqua 
iis. — Cap. 11. §. G Z. injusti; J{. injustique; §. 12 Z. et in con- 
stiUita rcp. ; B. ohne et. — Cap. 12. §. 2 Z. initio ; B. in otio; Z. 
retinebat; B. continebat. — Cap. 13. §. 2 Z. quales simus ; B. qua- 
les suraus; §. 4 Z. ii simulac; B. Iii simulac; §. 9 Z. cac res; B. 
liae res; Z. graviores; B. gratiorcs. — (Jap. 14. §. 2 Z deliniant; 
B. deleniant; §,7Z. et defensionc; B et ex defensionc. — Cap. 15. §. 
7 Z quo quid sordidius rogi 'l B. quia sordidurn regi ; Z. esse dixit; 
B. dixit esse; §. 8 Z. quae constct; B. quae constat; §. 9 Z. repu- 
diandum est; B. repudiandum. — Cap. 16. §. 6 Z. Aristo Ccus; 
B. Aristoteles; Z. deliniendam; B. dclcniandam; §. 7 Z. mina co- 
gerentur; B. cogantur mina; §. 10 Z. inveterasse jara; B. invete- 
rasse et jam. — Cap. 17. §. 9 Z. tarnen haec ; B. haec tarnen — 
Cap. 19. §. 7 Z. dicendi facultas et gravior et ornatior; B. dicendi 
gravior facultas, et gratior et ornatior; §. 12 Z. animadvertant; B. 
animum advertant. — Cap. 20. §. 6 Z. aut clientes; B. et clien- 
tcs; § 14 Z. operaque danda ; B. operaque danda est. — Cap. 21. 
§. 7 Z. oratio et ad; B. oratio est, ad; § 8 Z. tuerentur; B. tene- 
rent; §. 12 Z. necessariae ad victum; B. necessariae; § 15 Z. 
quando; B. si quando. - Cap. 22. §. 2 Z. intulit praeter memo- 
riam nominis sempiternam; B. praeter memoriam Hominis sempi- 
tcrnam intulit; §. 5 Z principibus et rempubl. gubernantibus; B 
ohne et; §. 7 Z. nulla re alia ; B. milla re ; §. 13 Z. accepit; B. 
accipit. — Cap. 23. §. (5 Z. iniquissimum esse; B. iniquissimum; 
§. 10 Z. republica nostra; B. nostra re publica. — Cap. 24. §. 3 
Z. hoc totum malum; B. hoc tantum mal um ; §. 5 Z. quae cogita- 
rat, ea perfecit; B. quae cogitarat, cum ipsius intererat, tum ea 
perfecit. — Cap. 25. §. Z. hominem, inquit, occidere?; B ho- 
minem occidere'? §. 8 Z persequamur; B. persequemur. 

Lib. III. Cap. 1. §. 1 Z. appcl latus sit; B. appellatus est; 
§. 2 Z. Itaque; B. lta; §. 3 Z. idem dicere; B idem vere dicere; 
§. 8 Z. Ita; B. Itaque. — Cap. 2. §. 8 Z. exsolvit; B exsolvit id ; 
§. 13 Z. tripertita; B. tripartita ; § 14 Z. Coae Veneris; B. in Coa 
Venere; Z. esse persecutum; B. persecutum. — Cap. 3. § 6 Z. 
ejusmodi debuisse; B. debuisse ejusmodi; §. 9 Z. divelli; B. de- 
velli; § 13 Z. qui quidem ; B. qui iidcm; Z. unaquaque re; B. 
(piaque re. — Cap. 4 §. 2 Z. aut Aristides; B. Aristidesve; §. 3 
Z. nee ii; B. nee hi; §. 5 Z. dicetur; B. dicitur; §. 6 Z. de Ins ; 
B. de iis; § 7 Z ii solent; B hi solent; §. 9 Z. haec etiam; B. 
etiam haec; §. 13 Z. est conseenta; B. secuta est. — Cap. 5. § 1 
Z. augere commodum; B. commodum augere; § .2 Z dirumpi; B 
disrumpi; §. 13 Z. existimat se; B. se existimat — Cap. 6. §. 4 
Z. sui commodi; B. commodi sui; §. 6 Z ii dirimunt; B hi diri 
muut; §. 7 Z. Ab Ins; B. Ab iis; Z quae vacent injustitia; B quae 
non vacent justitia .- § 11 Z. utilitatis tuac; B. tuae utilitatis; ^. 13 
Z. ejusmodi; B. hujusmodi; Z. atque appetitio; B. aut appetitio; 
^. 17 Z. Nulla est cnim societas nobis; B. Nulla enim nobissocietas. 

A 7 . Jahrb. f. Phil. u. Päd. od. Krit. Bibl. Rd. LV. Hft. 3. 19 



288 Lateinische Litteratur. 

— Cap. 7. §. 2 Z. quid sit quod idcirco ; B. quid idcirco ; Z. turpe non 
est ; B. turpe nou sit ; §. 5 Z. in hoc Panaetius ; B. Panaetius in hoc. — 
Cap. 8. §. 8 Z. ea deliberatio; B. ipsa deliberatio. — Cap. 9. §. 1 Z. 
descendit in illuni hiatum ; B. in illum hiatum descendit ; §• 4 Z. nihil 
plus;B. nihilo plus. — Cap. 10. §.2 Z. facere injuste; B. facere id in- 
juste; §. 13 Z. facere possit; B. facere posset. — Cap. 13. §. 3 Z. 
num [id] injuste; B. num injuste. — Cap. 14. §. 1 Z. vituperandi; 
B. vituperandi sunt; §. 8 Z. ille inquit; B. inquit ille. — Cap. 16. 
§. 9 Z. Eae [Sergio] serviebant; B. Eae serviebant. — Cap. 17. 
§. 1 Z. ergo postulat; B. ergo hoc postulat; §. 4 Z. dicendum ta- 
rnen est; B. dicendum est tarnen; Z hominum inter homines ; B. 
omnium inter omnes; §. 7 Z. CT INTER; B. INTER. — Cap. 18. 
§. 1 Z. in iis; B. et in iis; §. 6 Z. cives rem habere; B. civis rem 
habere. — Cap. 19. §. 10 Z. jam coittritum; B contritum. — Cap. 
20. §. 4 Z. escenderent; B. ascenderent. — Cap 21. §. 5 Z. con- 
cupierit; B. concupiverit; §. 10 Z. qui injuste; B. qui id injuste; 
§. 12 Z. Alt ins; B. Accius. — Cap. 22. §. 8 Z. fultura esse debet; 
B. debet l'ultum esse; §. 9 Z. soleremus; B. solemus; Z. quo; B. 
quod; §. 10 Z. utilitas; B. utilitas reipublicae; § 11 Z. utilem di- 
ceret; B. utilem diceret esse. — Cap. 23. §. 1 Z. utilitate officium; 
B. utilitate., ut putat , officium; §. 7 Z. id quidem est; B. id qui- 
dem; §. 12 Z putet; B. putat. — Cap. 24. §. 2 Z. item; B. He- 
rum. — Cap. 26. §. 4 Z. liaec audiat; B. hoc audiat. — Cap. 28. 
§. 6 Z. habebat; B. habebit; §. 8 Z. vim hostium; B. vim [ho- 
stium]. — Cap. 29. §. 13 Z. sumunt; B. sument; §. 14 Z. Est jus; 
B. Est autem jus; §. 22 Z. dedidissct; B. dedisset. — Cap. 31. 
§. 10 Z. terrore coactus; B. coactus terrore. — Cap. 32. §. 1 Z. 
Hannibal in castra; B. Hannibal se in castra; §. 4 Z. destringit; 
B. astringit; §. 10 Z. quae timidoanimo; B. ea, quae timido animo. 

— Cap. 33. §• 2 Z. esse utile; B. utile esse; §. 17 Z. dissimilli- 
mis; B. dissimilibus; §. 20 Z. dicetur; B. dicitur. 

Von Druckfehlern im Texte dieser beiden Bücher sind 
dem Ref. folgende aufgefallen: 

Lib. II. Cap. 2. §. 4 steht definitium statt definitum; ib. §.9 
fehlt nos zwischen hoc und Studium; ib. §. 17 steht nobillissima 
statt nobilissima; Cap. 4. §. 6 multae statt multa; Cap. 6. §. 5 in- 
teritu statt interitus; ib. §. 10 propriores statt propiores; Cap. 7. 
§. 7 civitale statt civitate; ib. §. 12 culttros statt cultros; Cap. 8. 
§.18 und Cap. 10. §. 2 accomodare statt accommodare; Cap. 23. 
§. 2 disceordiae statt discordiae; ib. §. 7 pecuniae st. pecunia. 

Lib. III. Cap. 1. §. 11 sotitudine statt solitudine; Cap. 2. 
§. 14 afferebat statt auferebat; Cap. 3. §. 9 develli statt divelli; 
Cap. 24 §. 4 arbritor st. arbitror; Cap. 31 am Rande §. 19 st. 10. 

Was den Coramentar zum 2. und 3. Buche betrifft, so hat 
sich Ref darüber im Allgemeinen bereits in seinem ersten Artikel 
ausgesprochen. Im Einzelnen veranlasst ihn derselbe zu folgen- 
den Bemerkungen. 



M. Tüll. Cic. de off. Von Ed. DonneN. 289 

Lib. IL Cap. 1. §. 2 konnte darauf hingewiesen werden, das» 
es für quid utilius eigentlich utrum utilius heissen müsste, wie 
1, 3, 9 steht, dass hier jedoch das folgende aut quid maxime utile 
offenbar eingewirkt hat. lieber quis für uter s. Fabri zu Liv. 21, 
39, 8. Derselben Art ist: quisque für uterque, Liv. 2, 44; Ovid. 
Fast. 2, 71"); primus statt prior, unten 3, 1, 1; Lael. l'6, 100; 
(andere Beispiele s. bei Fr. Schneider in diesen Jahrbb. Bd. 53. 
S. 40); und maximus statt major, p. Sulla 4, 13. — Zu dicere ag- 
grediar in demselben Paragraphen vergl. Orator 38, 133 aggres- 
sus est dicere; de invent. 2, 2."), 74 aggredietur id improbare. — 
Cap. 2. §. 1 hätte bei nostri „unsere Landsleute"' bemerkt wer- 
den können, dass der Lateiner dafür gewöhnlicher, z. B. 15, 14, 
nostri homines sagt; doch kommt das blosse nostri auch de orat. 
3, 11, 43 und 34, 137; Brut. 31, 118 und sonst bisweilen vor. — 
ib. §. 3 war die Bemerkung, dass praeter bei guten Schriftstellern 
öfters für nisi stehe, auf den Fall zu beschränken: wenn eine 
Verneinung vorhergeht. So ist es 1, 34, 11; 2, 22, 2; 3, 3, 11; 
ib. 7, 3; 13, 2; ferner ad fam. 6, 1, 4; ad Ätt. 1, 1, 2; 5, 3, 2 ; 
Caes. B. G. 4, 1; Liv. 38, 21, 5. Auf diese Weise ist auch die 
von Hrn. B. citirte Stelle de orat. 2, 69, 279 rogavit, numquid 
aliud ferret praeter arcam ? zu erklären. — ib. §. 5 ist gegen das 
vom Hrn. Herausg. über anquirere und inquirere Gesagte Seyffert 
zu Laelius 21, 81 zu vergleichen, wonach sich zugleich ergiebt, 
dass anquirere keineswegs immer, wie Hr. B. glaubt, die indi- 
recte Frage nach sich hat. — ib. §. 10 war zu oecurritur == (ver 
bis) repugnatur die Parallelstelle Acad. 2, 14,44 oecurretur enim, 
sicut oecursura est, anzuführen. — In demselben Paragraphen 
hätte videri als pleonastisch bezeichnet und dabei auf Zumpt. Gr. 
§. 751 verwiesen werden können. — ib. §• 12 nimmt Hr. B. an 
dem Conjunctiv Imperfecti in den Worten Quae enim esset 
ista mens vel quae vita potius? Anstoss. Ref. findet ihn dadurch 
gerechtfertigt, dass der Fragesatz negativen Sinn hat ~t= Nulla 
enim esset ista mens vel vita potius. — ib. §. 15 hat der Hr. Her- 
ausg. die Vulgata (disputatur) , welche er bekämpft und statt de- 
ren er disputantur aufnimmt, zu nennen vergessen. Dies kommt 
im Cornmcntar öfter vor, z. B auch 21, 15 bei si qnando; 3, 1,8 
bei itaque; ib. 2, 14 bei in Coa Venere. — ib §. 17 konnte auf iis 
simillimo, im Gegensatz zu Zumpt Gramm §. 411, hingewiesen 
werden. Der Dativ bei diesem Adjectivum is>t auch zur Bezeich- 
nung einer iunern Aehnlicbkeit gar nicht selten. Beispiele dieser 
Art, so wie solche, wo der Genitiv von äusserer Aehnlicbkeit ge- 
braucht ist, s. bei Freund in s. Wörterbuche. — Cap. 3. §. 7 
spricht Hr. B. bei Quorum error eripiendus est von dem „absolu- 
ten Gebrauche dieses Verbums" und citirt als Parallelstelle 1, 20, 
8. Ref. sieht die Sache s o an: Nicht selten verbindet der Latei- 
ner ein Nomen mit dem Object des activischen oder dem Subject 
des passivischen Satzes, welches der Deutsche mit dem Verhorn 

19* 



290 Lateinische Littcratur. 

verbindet, so dass im Lateinischen der Genitiv, wo im Deutschen 
der Dativ steht. So ist es hier, und ganz ähnlich: p. Quint. 11, 39 
non pecuniam modo, verum etiam hominis propiuqui sanguinem 
vitamque eripere conatur. Ferner gehört hierher: 22, 2 finem 
afferre tributorum; dann das ganz gewöhnliche lincm facere ali- 
cujus rei, z. B. de rep. 2, 44 fin., de orat. 2, 55, 224; Brut. 51, 
292; ferner stragem hostium facere, Liv. 23, 18; fidem oratiouis 
facere, de orat. 3,27, 104; oratiouis suppeditare copiam, Orat. 
4, 16; praestringere oculos alieujus, Cato M. 12, 42, u dgl. ra. — 
ib. §.H kann in Bezug auf den Unterschied zwischen proximus 
und seeundus zu der Stelle aus Quintilian eine ganz entsprechende 
aus Ncpos hinzugefügt werden: Pelop. 4, 3 Denique haec fuit al- 
tera persona Thebis, sed tarnen seeunda ita, ut proxima esset 
Epaminondae. — ib. §. 12 gehörte die Bemerkung über item bei 
eadem vor die über deos putant. — §. 13 konnte als Beispiel Tür 
den Uebergang aus der relativen in die demonstrative Construc- 
tion auch II, 11 angeführt werden. — ib. §. 14 ist der Ausdruck 
ungenau: „fruetus, wenn es unterschieden wird von fruges, be- 
zeichnet vorzugsweise Baumfrüchte, dagegen fruges Feldfrüchte. " 
Denn an unserer Stelle ist fruetus (da reliqui dabeisteht) ja der 
allgemeinere, fruges der speciellere Begriff. In jener Bedeutung 
kann man also hier wohl fruetus reliqui, aber nicht fruetus neh- 
men. — ib. §. 15 konnte bei jam vero bemerkt werden, dass es, 
wie auch das blosse jam , nicht immer die propositio minor bei 
einem Syllogismus ( - atqui „nun aber") einleitet, sondern auch 
häufig, wie hier, bei äusserer Aneinanderreihung von Dingen ge- 
braucht wird, = porro. Vergl. 3, 33, 8; Cato M. 16, 56; de 
nat. D. 2, 52, 129 und 56, 141; p. lege Man. 14, 41; ad fam. 5, 
2, 10; Brut. 17, 66; 43, 159. — ib. §. 16 heisst es bei penitus 
abditum: „Hier eigentlich und gewählt, weil dieses die Natur 
selbst that; geschieht es durch Menschen, so ist es conditum." 
Dieser Unterschied ist nicht haltbar, wie eine Menge von Stellen 
in den Lexicis von Freund und Klotz, auch de off. 3, 1, 8 lehren; 
sondern abdere heisst: etwas verbergen (so dass man es nicht 
sieht), condere: etwas bergen (so dass es in Sicherheit ist). Die 
Verbindung penitus abditus kommt übrigens öfter vor, z. B. de 
nat. D. 1, 19, 49 und 2, 60, 151. — Cap. 4. §. 1 konnte bei aut 
postea subveniri, wo tectis aus dem vorhergegangenen teeta dari 
zu suppliren ist, auf 1, 28, 4 vitiosis quid conveniat et quid de- 
ceat zurückgewiesen werden. Vergl. ausser unserer Bemerkung 
zu dieser Stelle auch Liv. 22, 60 Non enim modo sequi recusa- 
runt bene monentem , sed obsistere ac retinere conati sunt. Der 
umgekehrte Fall kommt 3, 3, 13 vor. — ib. §. 6 findet Hr. B. die 
übliche Lesart nisi tarn multae nobis artes ministrarent affectirt 
und den Zusatz quibus rebus exculta hominum vita tantum distat 
a victu et eultu bestiarum schleppend. Nach dem einzigen cod. 
Bern. c. ändert er daher multae in multa und streicht das nach 



M. Tüll. Cic. de off. Von Ed. Bonnell. 291 

<|iiil)(is stehende rebus. Uen erstercu Grund wenigstens kann 
Ref. nicht anerkennen, rlcmi ministrare wird auch sonst bei leb- 
losen Subjecteu als Intransilivum gebraucht, und multrteartes ent- 
spricht der im vorhergehenden Satze erwähnten inultitudo artiura. 
— Cap. 5. §. 3 ist Atque mit Unrecht als adversativ bezeichnet; 
denn dass, wie des Menschen Glück, so auch sein Unglück zum 
Theil von andern Menschen abhängt, ist doch kein adversatives 
Vcrhältniss. — ib. § 7 ist Hr. B. mit Zumpt einig in der Auf- 
nahme von ex quo quidque gignatur (welches sich, nach Orelli, 
nicht in den besten Handschrift eil , sondern nur in dem einen 
cod. Bern. c. findet) für ex quo quaeque gignantur, da der Plural 
von quisque sich sprachlich nicht rechtfertigen lasse. So ausge- 
macht dürfte die Sache wohl noch nicht sein; wenigstens haben 
im Cato M. 22, 80 alle Handschriften: quo quaeque discedant; 
und ebenso kommt — abgesehen von Verbindungen mit dem Su- 
perlativ — quisque im Plur. auch Quintil. 9, 4; Flor# 1, 9; Suet. 
Aug. 89, vor, ohne dass es darum ganz -—= omnes würde, wie 
Zumpt („non est enim, unde omnia oriantur, sed unde singula u ) 
anzunehmen scheint. — ib. §. 8 konnten als Beispiele des nicht 
seltenen Uebergangs von dem Substant. res zum Neutrum von Ad- 
jeetivis noch angeführt werden: 7, 1 Omnium rerum nee aptius 
est quidqnam — nee alienius — ; ebenso ad fam. 16, 4, 2 sump- 
tui ne parcas ulla in re, quod ad valetudinem opus sit; de fin. 4, 
10, 25 earum rerum quam plurima et quam maxima adipisci; de 
divin. 1, 52, 119 earum rerum utrumque; und Cato M. 22, 80 be- 
zieht sich auf ceterarum rerum, auch wenn man in quaeque dis 
cedaut das Femin. annehmen will, nachher das Neutrum omnia. 

— Cap. 7. §■ 4 ist quum maxime durch „selbst noch jetzt" über- 
setzt ; richtiger wohl: „ganz besonders jetzt." Vergl. p. Cluent. 

5, 12. — In demselben Paragraphen ist von Hrn. B., wie von 
Zumpt, nach der Minderzahl der Handschriften quantum odium 
hominum valeut, für das von Orelli beibehaltene valet, aufgenom- 
men. Dass aber im Cicero an einzelnen Stellen, die nicht als 
directe Fragen oder als Epiphoneme, sondern nur als indireetc 
Fragen aufgefasst werden können, der Indicativ handschriftlich 
vollkommen gesichert ist, ist nicht zu leugnen. So p. Flacco 

6, 13 ut memineritis, quarum rerum invidia certus est inquisitioni 
comitum numerus constitutus; fragm. orat. in toga cand. (bei 
Orelli II. 1. p. 553) Me, qua amentia induetus est, ut contemne- 
ret, constituere nun possum. Vergl. Seyffert zu Laelius p. 534. 

— ib. §. 14 wird gesagt, das Wort pellicatus komme, ausser hier, 
nur noch einmal, bei Justin, vor. Freund citirt dafür allein aus 
Cicero noch 2 Stellen. — ib. §.16 konnte bei praeter ceteros für 
Schüler bemerkt werden, dass dieser Ausdruck (nicht etwa prae 
ceteris, was ganz unlateinisch wäre), der bei Cicero feststehende 
für unser „vor Andern — vor Allen = vorzugsweise" ist. So 
z. B. p. Rose. Am. 1, 2; 6, 16; 50, 145; Brut. 2, 6; de orat, 2, 



292 Lateinische Litteratur; 

54, 217 u. s. w. — Cap. 8. §. 3 war der Coiijuncüv in si socios 
aequitate et fide defendissent wohl passender nach Zumpt §. 549 
als nach § 509 zu erklären, und zugleich über die auffällige Aus- 
lassung der Präposition cum etwas zu sagen, zumal da dies Zumpt 
§. 472 nicht thut. — ib. §. 6 hätte bei Desitum est videri quid- 
quam iniquum auf das Passivum desitum est aufmerksam gemacht 
werden können Es kommt dies, gleich dem Gegentheil coeptus 
sinn , nur in Verbindung mit einem Infinitiv Passivi (als solcher ist 
auch videri „für etwas angesehen werden" zu betrachten) vor; 
doch findet sich bei einem Infin. Pass. auch das Activum von de- 
sinere (was in Bezug auf coepisse bei Cicero nicht der Fall ist). 
Beispiele beider Art s. bei Freund s. h. v. Vergl. auch Ferd. 
Schultz lat. Sprachl. §. 15G Anm. — ib. §. 12 musste in den Wor- 
ten Nee vero umquam bellorum civilium semen et causa deerit, 
zumal bei dem Unterschiede, den der Hr. Hcrausg. zwischen se- 
inen und causa annimmt, et für aut als auffällig bemerkt werden. 
Vergl. Zumpt Gramm. § 337. — Cap. 9. §. 1 vergl. wegen duo 
nostri libri des Ref. Bemerk, zu 1, 37, 11. — Cap. 11 gehört die 
Bemerkung über quod == id quod nicht zu § 4, sondern zu §. 3. 
— ib. §. 1J war bei quem Laelius comminuit ferocitatemque ejus 
repressit auf 3, 13 zurückzuweisen. — Cap. 12. §. 2 hat der Hr. 
Herausg. in otio für initio aufgenommen. Er sagt: „in otio erin- 
nere recht an die allere Geschichte Borns, wo gerade zur Frie- 
denszeit der Druck der Mächtigen am fühlbarsten ward, gegen 
welchen man in Born Hülfe und Schutz bei Einzelnen, wie beim 
Sp. Cassius, Sp. Maelius, M. Maulius , oder bei den Volkstribu- 
nen sllchte. , ' , ' Beirn ersten Anblick hat diese Lesart etwas Beste- 
chendes; allein in otio bekäme dadurch, als Gegensatz gegen in 
bellis, einen solchen Nachdruck, wie er gar nicht hierher passt. 
Ausserdem ist vorher — und unser Satz fängt mit Nam an ! — 
ausdrücklich von der Wahl der römischen Könige die Bede ge- 
wesen, wie auch in dem Folgenden nur von Königen gesprochen 
wird. — - Die Aenderung von retinebat in continebat, welches nur 
schwache Autorität für sich hat, war eine not h wendige Folge der 
Aufnahme von in otio, — Der Hr. Herausg. legt ja sonst — und 
mit Becht — ein so grosses Gewicht auf den Bern, c ! — ib. §. 12 
konnten als Parallelstellen zu tarn diu — dum (für quamdiu oder 
quam) in Verr. 2, 4, 3, ö; ad fam. 9, 12, 1; ad Att. 9, 6, 5; Cato 
M 12, 41 angeführt, und in demselben Paragr. der Ausdruck nu- 
merum obtiuent jure caesorum, wie bei Zumpt, kurz erklärt wer- 
den. — Cap. 13. § 8 vermissen wir bei Mihi — suseepta est eine 
Hinweisung auf Zumpt Gr. §. 419. In diesem Gebrauche des 
Dativs (für ab mit d. Abi ) liegt, indem die thätige Person dadurch 
mehr in den Hintergrund geschoben wird, eine Art von Beschei- 
denheit. Es sind nämlich hauptsächlich die Dative mihi und no 
bis, die so gebraucht werden. Vergl. de invent. 2, 12, 39; 15, 
50; 20, 59; de orat. 1, 30, 130; 38, 172; 2, 34, 146; 73, 296 



M. Tüll. Cic. de olT. Von Kd. ßoimell. 293 

Brut. 58,211. Andere Stellen aus Cicero liatSchneider in d.Jabrbb. 
Bd. 52. S 284 gesammelt. — ib. § 11. Hei quos sibi delegerint ad 
imitandum konnte bemerkt werden, dass man bei dcligere nach der 
Analogie von tradere, suscipere u. dgl. (Zumpt §. 653) das Partie. 
Fut. Pass.,also hier imitandos erwarten sollte. Doch vgl. de orat. 3, 
31, 125 ornatissimos scriptores oratoresque ad cognoscendum imitan- 
dumque delegerit; wie lief, ad imitandum auch bei proponcre 2raal, 
de or. 2,22,93 u. p. Mur. 31, 06, gefunden hat. — ib. §. 13 wäre es 
wohl passend gewesen, anzudeuten, wie Nam zu der adversativen Be- 
deutung „freilich" - „dagegen" kommt; es ist nämlich in solchen 
Fällen vor nam ein Satz zwischen den Zeilen zu lesen , für den es 
die Begründung bringt. So hier: „es giebt allerdings Ausnah- 
men." Aehnliche Beispiele s. bei Freund s. h. v. — Cap. 14. 
§. 5 konnte bei si ea sunt in adolescente, wo das Neutrum des 
Pronomens sich auf modestia und gravitas bezieht , auf 5, 8 (tri- 
bus in rebus, quarum una — alterum — tertium) zurückgewiesen 
werden. Noch ähnlicher sind die Stellen : unten 3, 6, 6 benefi- 
centia, liberalitas, bonitas, justitia — quae qui tollunt, impii ju- 
dicaudi sunt; de nat. D. 3, 24, 61 Fortunam nemo ab inconstantia 
et temeritate sejunget, quae digna certe non sunt Deo; de fin. 3, 
11, 39 stultitiam et injustitiam et intemperantiam dieimus esse fu- 
gienda; Sali. Cat. 31 laetitia atque laseivia, quae diuturna quies 
pepererat; id. Jug. 38 nox atque praeda hostes remorata sunt; 
Liv. 37, 32 postquam ira et avaritia imperio potentiora erant. — 
ib. §. 8 Hess sich zu der Bemerkung über adolesceus hinzufügen, 
dass bei Sallust Cat. 49 Cäsar, der damals 35 Jahre alt war, sogar 
adolescentulus heisst, und Cicero Phil. 2, 46, 118 sich selbst, den 
44 jährigen Consul, adolescens nennt, so dass an solchen Steilen 
adolesceus - juver.is ist. Die Juventus aber reicht, als Gegen- 
satz gegen die senectus, gesetzlich bis zum 45. Jahre einschliess- 
lich; s, 1, 34, 1. — In demselben Paragr. ist cum — voeavit wie- 
der „dadurch dass — u ; s. des Ref Note zu 1, 19, 2. Vergl. 
auch 3, 22, 10 und 28, 1. — ib. §. 12. Vergl. wegen contingit 
das 1, 22, 2 Bemerkte. Ebenso 19, 5. — Cap. 16. §. 7 ist emere 
aquae sextarium mina, so wie 17, 3 asse modium populo dedit, 
wieder ein Beispiel zu unserer Anmerk. zu 1, 1, 1. — ib. § 8 
hätte bei cum praesertim zunächst darauf aufmerksam gemacht 
werden können, dass praesertim sehr häufig, wie hier, hinter das 
Wort, wozu es gehört, gestellt wird. So cum praesertim : p. 
Rose. Am. 8, 22; 18, 51; 24, 66; Brut. 1, 3; 77, i67; p. Quint. 
2. 8; de invent. 1, 4, 5 ; vergl. auch Fr. Schneider in diesen Jhbb. 
Bd. 48. S. 145. Sodann war mit Bestimmtheit darauf hinzuweisen, 
dass cum praesertim hier nicht einen Grund für das eben Gesagte 
angiebt, sondern dass wir hier eine construetio ad synesin haben, 
indem vor cum praesertim aus dem ganzen Sinne der Stelle hinzu- 
zudenken ist: „dies sei aber Unrecht." So kommt es, dass cum 
praesertim sich mit „obgleich" übersetzen lässt. Vgl. 3, 30, 7. — 



294 Lateinische Litteratur. 

Cap. 17. §. 3 konnte bei nuper bemerkt werden, dass diese Par- 
tikel oft von ziemlich entfernter Vergangenheit gebraucht wird; 
so hier von Etwas, was vor 27 Jahren geschah, Cato M. 17, Ol 
von einem Manne, der vor 40 bis 50 Jahren lebte; ja de divin. I, 
39, 86 und de nat. D. 2, 50, 126 beträgt die Entfernung Jahrhun- 
derte. Es kommt eben Alles auf den Maassstab an, mit dem man 
gerade die Zeiten misst. — In demselben §. ist wegen der Be- 
deutung von ne — quidem 1. 10, 10 zu vergleichen. — ib. §. 4 
wäre die Angabe des Jahres der von Cicero berührten Facta 
(57 v. Chr.) zweckmässig gewesen. Nuper bezeichnet also hier 
eine Zeit von 13 Jahren; 3, 11, 3 von 21 Jahren. — ib. §. 7. Wie 
hier, steht gloriari mit in für de auch Tusc 1, 21, 48 und de nat. 
D. 3, 36, 87; ebenso laetari, Phil. 11, 4, 9; exsultare et trium- 
phare und aecusare, in Cat. 2, 2, 3; accasare und excusare, ad Q. 
fr. 2, 2, 1; vituperare, ad Q. fr. 2, 6, 5; reprehendere, p. Plane. 
34, 84, und ähnliche Verba. — Cap. 18. §. 2 ist es unberück- 
sichtigt gelassen, dass hier auf alius, statt eines zweiten alius 
oder atque, et folgt, welches Zumpt §. 340 in dieser Bedeut- 
ung mit Unrecht nirgends anerkennen, sondern überall 
in ac geändert wissen will. Doch ist es, wie hier, noch au 
einigen Stellen in Cicero durch die Handschriften gesichert; 
z. B. p. Caecina 20, 57 Non enim alia causa est aequitatis in 
uno servo et in pluribus; p. Cael. 2^, 67 Lux longe alia est 
solis et lychnorum; ad fam. 8, 1, 3 solet enim aliud sentire et 
loqui. Vergl. Klotz im Lexic. s. v. alius und aliter — ibid. 
§. 3 ist es wohl nur ein Versehen der Herrn Herausgeber, 
dass es das Futurum debebit, so wie §. 10 conveniet und 
21, 12 debebunt, mit der Bemerkung „das Futurum beim Er- 
theilen von Vorschriften u als lern Futurum disces 1, 1 , 3 analog 
bezeichnet. — In demselben Paragr. konnte bei omnino bemerkt 
werden, dass dies Adverb, ganz wie das deutsche „allerdings", 
öfter den Sinn einer Concessivpartikel bekommt. Vergl. 20, 10; 
21, 3 ; de sen. 9, 28. — ib §. 6 hätte Ref. bei ut iis ingratis esse 
non liceat das Citat „Zumpt Gr. § 601" zweckmässig gefunden.— 
ib. §. 15 Vergl. wegen vehementer utile (und 19, 2 vehementer 
pertinere, 21,6 vehementer moderatus und 24,2 vehementius 
continere) des Ref. Bemerk, zu 1, 28, 9. — Cap. 19. §. 9 über- 
setzt Hr. B. mit Garve die Worte hominis facile laborantis durch : 
„eines Mannes, der sie (die Kunst) mit Leichtigkeit ausübt"; also 
wäre facile laborare genau das deutsche „ leicht arbeiten". Das 
ist aber, wenigstens nach des Ref. Meinung, gegen allen Sprach- 
gebrauch , indem es dann wenigstens elaborare heissen müsste. 
Daher ist Zumpt's Erklärung vorzuziehen : libentcr laborare „gern 
eine Mühe übernehmen." Die Wiederholung in nou gravate, 
wenn es eine ist (, ohne Schwierigkeiten zu machen, ohne Zau- 
dern", cf. 3, 14, 7) darf man bei Cicero nicht so sehr urgiren. — 
Zu facile „gern" führt Zumpt 2 Stellen an: ad fam. 4, 16, 6 in 



M. Tüll. Cic. de oft". Von Ed. Bonneil. 295 

marit imis facillimc sum (womit ad Att. 13, 10, 2 Locum habeo nul- 
luni, u!ii facilius esse possim, i|iia!n Asturae, zu vergleichen ist), 
und ib. 4, 4, 2 facile cedo tuorum scriptorum subtiiitati et elegan- 
tiae. Am häufigsten ist der Gebrauch von facile in diesem Sinne 
bei pati „siel) etwas gern gelallen lassen" 1 , z. B. 21, und 16; 
Tusc. 1, 33, 81; p. Arch. 9, 20; p Plane. 26, 63; und bei audire, 
z. B. de orat. 2, 56, 229; ib. ß5, 346; ad Her. 4, 37, 49. Vergl. 
auch de off. 3, 3, 13 desistunt lacile sententia ; Cato M. 3, 7 Pa- 
res, veterc proverbio, cum paribus facillime congregantur. — 
Cap. 20. §. 6 lallt die Stellung ii ne obligari quidem beneficio vo- 
lunt auf. Man sollte ne volunt quidem benef. obl. erwarten. — 
In demselben §. hat Hr. B. das aut vor clientes appellari, welches 
in allen bessern Handschriften steht, mit Unrecht in et geändert, 
das überdies weniger passend ist, da mortis instar putant - s ora- 
nium minime volunt, also negativen Sinn hat. — Cap. 21. §. 1 
dürfte der Ausdruck : „quae — pertinent ist im activen Sinne zu 
verstehen, ut — pertinent (§. 2) im passiven 14 weniger verständ- 
lich sein, als wenn gesagt wäre: quae ad singulos speetant und 
quae ad universos — pertinent bezeichnet die Wohlthaten in Be- 
zug auf den Geber; dagegen §. 2 ut — pertineant und ut — attin- 
gant in Bezug auf den Empfänger. — ib. §.3 erklärt der Hr. Her- 
ausgeber die Worte: Danda opera est omuino, si possit, utrisque, 
nee minus, ut etiam singulis consulatur, sed ita, ut ea res aut 
prosit aut certe ne obsit reipubl , so, dass er den Nachsatz mit 
nee minus anfängt: „Man muss im Allgemeinen seine Dienste Bei- 
den widmen (et singulis et universis), so dass zugleich die Ge- 
sammtheit wie der Einzelne berücksichtigt wird ; nicht weniger 
ist es aber für den Staatsmann in einer Republik Pflicht, auf das 
Wohl auch Einzelnei- seine Thätigkeit zu richten, jedoch mit der 
nach sed ita folgenden Beschränkung. u Ref. meint dagegen, dass 
der Nachsatz erst mit sed ita beginne: „Man muss allerdings, wo 
möglich, seine Thätigkeit für Beide verwenden, und zwar nicht 
weniger dafür , dass den Einzelnen geholfen werde (als dafür, dass 
der Gesammtheit — ), aber doch nur insoweit, dass—". — 
ib. §. 6 heisst es: Philippus — quum legem agrariam ferret, quam 
tarnen antiquari facile passus est, et in eo vehementer se modera- 
tum praebuit. Dazu bemerkt Hr. B. : „et in eo statt et in quo 
„und wobei". Vergl zu 3, 13. '.' In der citirten Stelle aber ist 
der Fall ein anderer, da der Relativ- und der Demonstrativsatz 
dort einander coordinirt sind , während in unserer Stelle in eo sich 
auf legem antiquari passus est bezieht, so dass für et in eo hier 
unmöglich et in quo , sondern nur in quo stehen könnte. — Cap. 
23, §. 6 sagt der Hr. Herausg. am Schluss seiner Anmerkung zu 
possessiones movere ganz richtig, dass movere hier „verändern" 
bedeutet; also ist possessiones movere: die Besitzverhältnisse wan- 
kend machen. Eben darum aber hätte er nicht vorher sagen sol- 
len: der Ausdruck sei ungewöhnlich statt possessione movere, zu 



296 Lateinische Litteratur. 

welchem letzteren auch seine Beispiele gehören. Als Parallel- 
stelle war anzuführen: ad Att. 7, 3, 6 Tantum abest, ut meam ille 
seil teil tiam moveat, ut valile ego ipsi , rjuod de sua sententia de- 
cesserit, poenitendura putem. — ib. §. il konnten als Beispiele 
zu atque (ac) nach einer Negation , wo dafür auch sed stehen 
könnte, noch angeführt werden: ad Q. fr. 1, 1, 8 Nihil acerbum 
esse, nihil crudele, atque omnia plena dement iae humanitatis ; 
ferner de orat. 2, 34, 147; 3, 33, 132 und 36, 145) Caes. B. G. 
4, 35. Nicht selten steht dann potius bei atque oder ac, z. B. 
oben 1, 20, 9; Orat. 31, 112; de orat. 2, 18, 74; de legg. 1, f ; , 
18. Uebrigens werden auch et und que bisweilen so gebraucht, 
ersteres z. B. Lael. 8, 26 und Nep. Eum. 6 ohne , de off. 3, 6, 17 
mit potius; letzteres de off. 1, 7, 5; Tusc. 1, 29, 71; Lael. 9, 30. 
Ueber den Unterschied zwischen den copulativen Conjunctionen 
und der adversativen in diesem Falle s. Seyffert zum Laelius p. 
182. — Cap. 24. §. 4 vergl. wegen hie nunc victor Ferd. Schultz 
lateiu Sprachl. S. 323 Anm. Aehnliche Stellen, wo nach grie- 
chischer Weise das Adverb, durch die Wortstellung adjeetivische 
Bedeutung bekommt, aus Livius sind z. B. 23, 8 p. m. Nee domi- 
norura invitatione nee ipsius iuterdum Hannibalis vinci potuit; ib. 
c. 16 s. f duabus circa portis. — Gleich darauf konnte bei tum 
quidem victus bemerkt werden, dass quidem, weil es dazu dient, 
einen Begriff stark hervorzuheben , in dem Falle , wenn der Ge- 
gensatz dazu schon vorhergegangen ist, die Stelle einer Adver- 
sativpartikel vertritt. So unten 3, 31, 2; de orat. 1, 11, 49 und 
25, 114; 2, 27, 119 und 56, 227; Cato M. 19, 69 und 20, 74; 
p. Cluent. 19, 54; p. Marc. 9, 29 und öfter. — In demselben Pa- 
ragraphen konnte bei hoc ipsum peccare auf die nicht häufig und 
wohl nur in Ciceros didaktischen Schriften vorkommende adjeeti- 
vische Verbindung eines Pronomens mit einem substantivisch ge- 
brauchten Infinitiv aufmerksam gemacht werden. Parallelstellen 
sind: Cato M. 14, 47 ergo hoc non desiderare dico esse jueundius 
(sc. quam frui) ; de orat. 2, 6, 24 me, quum huc veni, hoc ipsum 
nihil agere et plane cessare delcctat; ib. 54, 218 leve est totum 
hoc risum movere. 

Lib. III. Cap. 1. §. 1 ist mit Recht qui appellatus est dem 
von Zumpt aufgenommenen Conjunctiv, der sich gar nicht recht- 
fertigen lässt, vorgezogen. — Wegen primus für prior s. unsere 
Bemerkung zu 2, 1, 2. — ib. §. 2 sagt der Hr. Herausg.: vero 
vereinige hier mit der affirmativen die adversative Bedeutung, 
indem er „daraus zu ersehen glaube, dass Cato jene Worte des 
Scipio nicht in ihrer vollen Geltung erfasst habe, die ihnen erst 
Cicero verschaffe.' 1. Das vermag Ref. aus unserer Stelle nicht zu 
ersehen. Welchen andern Sinn , als den von Cicero angegebe- 
nen, kann denn überhaupt Jemand in Scipios Worten finden? — 
Cap. 2. §. 8. Zu nee (häufiger in diesem Falle neque) =p= neque 
vero oder neque tarnen, vergl. unten 10, 5 und 25, 10; de orat. 



M. Tüll. Cic. de off. Von Ed. Bonneil. 297 

2, 08, 277; Brut. 24, 02; 44, 164; 68, 241 ; 05, 327; auch Livius, 
%. B. 23, 1") (Nee — tenuit) und c. 29 (Nee oranes Numidae — ). 
Docli stehen in diesem Sinne auch , und zwar mit grösserem Nach- 
druck , ac nun und et non; s. Seyffert Pal. Cic. 2. Aufl. S. 117 in. 
— ib. §. 9 konnte bei triginta annis vixisse Panaetium , postea- 
quam — edidisset, bemerkt werden, dass vivere nicht jeder Be- 
deutung des deutschen ,, leben" entspricht (welches oft im Latein, 
diuch esse auszudrücken ist, z. B. Cato M. IT), 54 Homerus, qui 
multis ante seculis fuit), sondern liier „noch am Leben sein" 
heisst. So steht Brut. 65, 231 ii qui vivunt zweimal im Gegen- 
satz von ii qui jam sunt mortui. — Cap. 3. §. 13 hätte auf die 
Construction ut delectentur imperiti laudentque ea, quae — , wo 
aus dem folgenden ea zu delectentur ein iis hinzuzudenken ist, 
hingewiesen werden können. Vergl. des Ref. Bemerk, zu 1,28,4. 
— • Cap. 4. §. 9 sagt Hr. B. mit Berufung auf Zumpt Gramm. 
§. 724: non modo — sed etiam werde öfter, wie hier, beim Her- 
absteigen vom Grösseren zum Kleineren gebraucht. Diese Auf- 
fassung können wir durchaus nicht als richtig anerkennen. Non 
modo — sed (oder sed etiam) drückt vielmehr stets eine Stei- 
gerung aus, wie im Deutschen „nicht nur — sondern auch"; 
häufig allerdings eine Steigerung nicht in der Affirmation, sondern 
in der Negation. So in den von Zumpt angeführten Stellen: p. 
lege Man. 22 Quae civitas est in Asia, quae non modo imperato- 
ris aut legati, sed unius tribuni militum animos ac Spiritus capere 
possit'? s= Asiae civitates non modo imperatoris, sed etiam tri- 
buni animos capere non possunt; div in Caec. 8 Qua in re non 
modo ceteris speeimen aliquod dedisti, sed tute tui periculum fe- 
cisti? t£= Non modo nulla in re — dedisti, sed nulla in re — fe- 
cisti ; p. Scst. 20 jeeissem me ipse potius in profundum, ut cete- 
ros conservarem, quam illos non modo ad certam mortem, sed in 
magnura vitae discrimen adducerera, == illos non modo ad certam 
mortem, sed in magnum vitae discrimen adducere nolui. Eben 
so wenig ist an der vorliegenden Stelle eine Steigerung zu leugnen. 
— Was etiam bei sed betrifft, so wird durch sed etiam der zweite 
Begriff oder Satz mit Hervorhebung neben den ersten gestellt, 
durch das blosse sed der erste ganz bei Seite geschoben. — Cap. 6. 
§. 3 konnte bei prohibere bemerkt werden, dass Cicero dies Ver- 
bum nicht blos „häufig 1 ' (Zumpt §. 544 und 607), sondern in der 
Regel mit dem Acc. c. Inf. und im Passivum mit dem Nom c. 
Inf. verbindet. Vergl. 11, 3 und 5. Quorainus steht ad fam. 12, 
5, 1; ne: div. in Caec. 10, 33; sehr auffallend einmal ut: p. Rose. 
Am. 52, 151. — ib. §. 14 drückt sese diligens unleugbar eine 
bleibende Eigenschaft aus: „aus Eigenliebe'*' 1 , und doch der Accu- 
sativ ! Ebenso 33, VI scientiam suppeditantem voluptates, depcl- 
lentem dolores. Vergl. zu 1, 18, 6. — In demselben Paragraphen 
war die Verbindung causam habere ad injuriam als ungewöhnlich 
zu bezeichnen; nur im Terenz kommt sie mehrmals vor. Doch 



298 Lateinische Litteratur. 

ähnlich ist: spem habere ad vivenduin , ad Att. 15, 20, 2, und fa- 
cultas ad dicendum data, p. Font. 6, 11. — Cap. 9. §. 1 fehlt bei 
inducitur a Piatone das Citat (de republ. II. in.), auf welches nach- 
her Beziehung genommen wird. — ib. §. 5 konnte auf die nicht 
häufige Verbindung von defendere mit dem Acc. c. Inf. aufmerk- 
sam gemacht werden. Beispiele dazu sind: de orat. 1, 39, 178 
und 57, 244; ib. 2, 50, 203 und 82, 335. — Cap. 10. §. 1 ist die 
Degen'sche Bemerkung aufgenommen: „Multus wird öfters noch 
an saepe gesetzt, obgleich dieses eigentlich den Begriff von jenem 
schon in sich schliesst." Multi saepe ist kein reiner Pleonasmus, 
sondern - ■ multi alius alio tempore; s. Fr. Schneider in diesen 
Jahrbb. Bd. 52. S. 280. — ib. § 10 konnte persona m ponere — 
induere passender durch „eine Bolle abgeben ■ — übernehmen" 
übersetzt werden. — Cup. 11. §. 3. Z. 4 v. u. wäre statt „der 
Vorschlag" passender gewesen „das Gesetz". — Cap. 13. §.4 
vermisst Ref. eine Hinweisung darauf, dass sancire hier nicht, wie 

16, 1, seine gewöhnliche Bedeutung, sondern gewissermaassen die 
entgegengesetzte hat: „Etwas gesetzt, verbieten, verpönen". Ebenso 

17, 3 ; de leg. 2, 9, 22 ; 3, 20, 46 ; p. Plane. 19, 47 ; ad Att. 10, 1, 2. 
— Cap. 14. §. 5 war es nach unserer Ansicht nicht nothwendig, aqua 
tio ausnahmsweise als Concretum zu nehmen; sondern hie aquatio 
heisst: hier findet das Wasserholen statt, von hier holt man das 
Wasser, s. Klotz im Lex. s. v. — Cap. 15. §. 7 konnte zu semel „ein- 
für allemal-' verglichen werden : p. Dejot. 14, 39 quibus semel 
ignotum a te esse oportet; Liv. 25, 6 Ilostis est datus, cum quo 
dimicantes aut vitam semel aut ignominiam finirent; häufig in die- 
ser Bedeutung ist es von Quintilian gebraucht. — ib. §. 10 hätte 
in der Anmerkung über Q. Tubero bei den Worten „seines gros- 
sen Oheims" der Name „Scipio Africanus minor" genannt werden 
sollen. Die Mutter des Tubero war nämlich , als Tochter des Ae- 
milius Paullus Maced., eine Schwester des jüngeren Africanus, — 
Cap. 16. §.11 konnte bei Quorsus haec'? Etwas über diesen ellip- 
tischen Ausdruck gesagt werden. Als Verbum dazu kann man 
nämlich entweder pertinent, speetant, oderdico, profero u. dgl. 
ergänzen; denn beide Arten von Verbis finden sich bisweilen zu- 
gesetzt; z. B de leg. 1, 24, («2 Sed quorsum haec pertinent? de 
orat. 3, 24, 91 Quorsum igitur haec spectat tarn longa, tarn alte 
repetita oratio? ebenso Phil. 7, 8, 26; dagegen ad Quirit. 2, 5 
Quorsum igitur haec disputo? quorsum? ut intelligere possitis — . 
Cap. 17. §. 5 hätte bei den Worten Itaque majores aliud jus gen- 
tium, aliud jus civile esse voluerunt, darauf hingewiesen werden 
können, dass velle öfter, so wie hier, als publicistischer terra, 
techn. für „bestimmen, festsetzen" gebraucht wird, und zwar be- 
sonders häufig mit dem Subject majores nostri, doch auch ausser- 
dem. Vergl des Ref. Note zu Cato M. 17, 60 quantum spatium 
aetatis majores nostri ad senectutis initium esse voluerunt. Ebenso 
unten 29, 5 und 31, 3. - ib. §. 10 ist die Anmerkung über pouit 



M. Tüll. Cic. de off. Von Kd. Ronncll. 299 

ante aus Versehen zu §. 9 gesetzt. Angeführt konnte dabei noch 
werden, dass i prac eine bei den Komikern sehr gewöhnliche 
Tmesis ist. Aus Cicero lassen sich damit nur noch die Tmesis von 
per und seinem Adjectivum und die Trennung des eunque von qni, 
quantus, quantulus, qualis, in Vergleichung stellen. So: de orat. 
1, 47, '20') pergrata perque jueunda; ib. 49, 214 per mihi rainiin 
visum est; ib. 2, 67, 271 per mihi scitum videtur; ad Att. 10, l 
Per enim magni aestimo; und de orat. 2, 23, 97 quantulum id eun- 
que est; 3, 16, 60 quam se eunque in partem dedisset; de leg. 2, 
18, 46 quod ad eunque legis genus rne disputatio nostra deduxe- 
rit; de nat. D. 2, 30, 76. (Freund s. v cumque führt nur Dich- 
terstellen an.) — Cap. 19. §. 7 bemerkt Hr. B. bei audiebam de 
patre nostro, nachdem er eine Parallelstelle citirt, blos: häufiger 
stehe ab bei andire. Dazu konnte ex gefügt und Etwas über den 
Unterschied dieser Präpositionen bei audire, cognoscere, scire 
und ähnlichen Verbis gesagt werden. Klotz im Lexik, s. v. audire 
giebt ihn so an: ab dient zur Bezeichnung der Quelle überhaupt, 
de (wenn es nicht nsgl c. Gen. ist) zur Angabe Dessen, von 
wem wir uns tötwas hörend angeeignet haben, ex zur Be- 
zeichnung der Person , aus deren Munde wir Etwas vernom- 
men. Ab ist also allgemeiner als de und ex, so dass der Hörende 
die Mittheilung nicht direct von der genannten Person zu haben 
braucht ; doch wird es auch oft für das speciellere ex gebraucht. 
Vergl. ad fam. 10, 28, 3 Sed illa cognosces ex aliis: a me patica 
et ea summatim. — Cap. 20. §. 5 sagt der Hr. Commentator über 
si quaeris: „eine rhetorische Wendung, wenn man voraussetzt, 
dass der Hörer auch den fernen Erfolg gern wissen wolle-" Diese 
Erklärung würde zwar hier passen, aber die gewöhnliche Bedeu- 
tung von si quaeris Ist das nicht. Si quaeris oder si quaerimus 
(was ebenso gebraucht wird) heisst wenigstens in der Regel: 
„wenn man die Sache recht untersucht ~— um aufrichtig zu sein 
= in der That u ; denn als Object ist verum hinzuzudenken, wel- 
ches auch oft dabei steht. Vergl. ad fam. 7, 1, 2 omnino, si 
quaeris, ludi apparatissimi, sed non tui stomachi; ib. 12, 8, 1 si 
verum quaeris; Cato M. 18, 65 At sunt morosi senes: si quaeri- 
mus, etiam avari ; p. Rab. Post. 22 verum si quaerimus. — ib. §.8 
konnte hei Possumusne aut illum Marium virum bonum judicare 
aut hunc*? darauf aufmerksam gemacht werden, dass possumusne 
hier == mim possumus ist; also in der directen Frage ne mit ver- 
neinendem Sinne auch an das Verbum gehängt, gegen Zumpt 
Gramm. §. 352 und zu Verr. 2, 2, 46, 112. Ebenso: Cat. M. 16, 
56 Poteratne tantus animus non efficere jueundam senectutem '? ad 
fam. 2, 11, 1 Putaresne umquam aeeidere posse, ut mihi verba 
deessent? de fin. 3, 13, 44; Acad. 2, 36, 116; Tusc. 1, 27, 67; 
de orat. 1, 52, 226. Und umgekehrt findet sich auch oft ne an ein 
anderes Wort als das Hauptverbum in dem Sinne von nonne an- 
gehängt, z. B. Tusc 1, 34, 84 Mitto alios: etiamne nobis expedit'? 



300 Lateinische Litteratur. 

ib. 3, 17, 37 Numquid est aliud? rectene interpretor sententiam 
tuam? Brut. 82, 285; Plin. epist. 2, 17, 29. Ne wird vielmehr, 
ohne Rücksicht darauf, ob es sich mit mim oder nonne vertau- 
schen lässt, immer an das Wort gehängt, worauf der Nachdruck 
liegt. — ib. ib '. finden wir bei quae sit species, forma et notio viri 
boni die Bemerkung gemacht, dass der Gebrauch von et, ac oder 
atque vor dem letzten von mehreren aufgezählten Wörtern (oder 
Satztheilen) bei Cicero „höchst selten' 1 sei. Die Richtigkeit die- 
ses Ausdrucks kann Ref. nicht einräumen. Vergl. allein aus de 
oratore: 1, 34, 157; 43, 194; 2, 27, 116; 38, 159; 43, 182; 3, 
24, 91; 29, 113; 58, 219; ebenso u. A. Tusc. 5, 14, 41; ad Att. 
1, 20, 1; Orat. 11, 36; Lael. 3, 12; Brut. 67, 238; 75, 262; p. 
Rose. Am. 3, 7. — Cap. 21. §. 12 wäre es für viele Leser vielleicht 
nicht überflössig gewesen, bei (regnum) a Tantalo et Pelope pro- 
ditura das Particip proditum, wie es von Heusinger durch per 
manus traditum geschehen , zu erklären. — Cap. 22. §. 4 hätte 
über den Widerspruch , in welchem die Bedeutung: senatui no- 
stro, qui numquam utilitatem a dignitate sejunxit, mit dem gleich 
darauf (§. 6) erzählten Factum steht oder wenigstens zu stehen 
scheint, Etwas gesagt werden sollen. — Cap. 23. §. 4. Vergl. zu 
non plus für non magis auch Brut. 86, 295 und ad Her. 4, 44, 57. 
— ib. §8 ist bemerkt: aecusare komme in dem Sinne „Jemandem 
Vorwürfe machen''' (aussergerichtlich) besonders in der Komö- 
die und in Briefen (Cicero's) vor. Auch ausserdem ist es gar 
nicht selten; so hier; ferner de orat. 1, 58, 246; p. Süll. 22, 63; 
p. Cael. 12, 29; p. Plane. 4, 9; Sali. .lug. 1 und 73; Liv. 4, 11; 
36, 29 u. s. w. — Cap. 24. §. 2 ist ab eo, quicum pepigerat, wie- 
der ein Beleg zu dem, was Ref. zu 1, 12, 3 bemerkt hat. — Cap. 
25, §. 3 konnte mit der allerdings auffälligen Verbindung quo op- 
tato impetrato folgende Stellen verglichen werden, wo auch ein 
substantivisch gebrauchtes Particip mit einem andern Particip zu 
Abi. absol. verbunden ist: de invent. 1, 38, 69 scripto legis omis- 
so; ib. 2, 11, 37 ante factis omissis; 34, 104 concesso peccato; de 
orat. 3, 21, 80 praeeeptis cognitis. — ib. §. 10 liest man bei Ci- 
cero: quam sint virtutis inimica. Hr. B. bemerkt Nichts dazu; 
Zumpt (in der Gramm. §. 410 und in s. Ausg ) citirt Stellen, wo 
inimicus und inimica als Substantiva den Genitiv bei sich ha- 
ben. Anders aber ist es hier, und Ref. glaubt nicht, dass eine 
der vorliegenden analoge Stelle sich nachweisen lässt. Er würde 
daher die Lesart des cod. Bern.c, virtuti, vorziehen. — Cap.26. §. 1 
hätte bei den Worten „ein 'OdvOöevg (icctvo^isvog 11 ' der Zusatz „des 
Sophokles" nicht fehlen sollen. — ib. §. 2 scheint es uns gesucht, 
in ut aliquis fortassc dixerit eine Hindeutung auf Cäsar und Antonius 
finden zu wollen. — Cap. 27. §. 8 konnte bei cuiquam civi bemerkt 
werden, dass quisquam adjeet. von Cicero nur von Menschen 
gebraucht wird. Vgl. p. Rose Am. 23,64; 27,74; 33,94; de orat. 
2,90, 365 etc. Von leblosen Dingen (nach Weissenborn) überhaupt 



M. Tüll. Cic. de off. Von Ed. Bonnell. 301 

nur 3raah Lucr. 2, 857; 3, 23"); Tac. dial. 29. - Cap. 29. §. 1 
hätte bei den Worten Non fuit Jupiter metueudus, ne iratus no- 
ceret, über diese dem Griechischen nachgebildete Constructiou 
Etwas gesagt sein sollen. Vergl. des Ref. Anmcrk. zu Cato M. 
2, 6 istuc videre, quäle sit. Eine ähnliche Stelle ist auch: de 
inv. 2, 57, 150 vim rei, qualis et quanta sit, cognoscamus ; beson- 
ders aber: Caes. B. G. 1, 39 Kern frumentariam , ut supportari 
posset, timere dicebant. - — ib. §. 5 vergl. zu der Tmesis jus igitur 
juraudum: p. Cael. 22, 54 jurisque jurandi. — ib. §. 21 ist nach 
et tot um jus fetiale bei et multa jura das Pron. alia zu suppliren ; 
s. zu 1, 7, 8. — Cap. 30. §. 3. Vergl. zu hujus deditionis suasor 
et auctor: Suet. Tib. 27 Alium, dicentem, auctorc eo (sc. Tibe- 
rio) senatum sc adiisse, verba mutare et pro auctore suasorem 
dicere coegit. — ib. §. 7. Wegen cum praesertim s. zu 2, 16, 8. 
Die Anwendung der causalen Satzverbindung rechtfertigt sich hier 
dadurch , dass Cur igitur ad senatum proficiscebatur f= Non igi- 
tur ad senatum proficisci debebat. Behält man im Deutschen die 
Frageform bei, so lässt sich cum praesertim durch „obgleich" 
übersetzen. — Cap. 32. §. 1 konnte bei den Worten quorum (sc. 
castrorum) erant potiti Poeni bemerkt werden, dass der Genitiv 
bei diesem Verbum (Zumpt §. 466) ■ — abgesehen von rerum, wo 
er immer, und imperii und regni, wo er ziemlich häufig (auch bei 
Cicero einigemal) steht — doch im Ganzen nur selten ist. Ref. 
wenigstens kennt ausser der vorliegenden und den von Freund 
angeführten Stellen (Sali. Cat. 47 urbis und Liv. 25, 14 vexilli) 
nur noch folgende: ad Her. 4, 25, 34 Atheniensium potiti sunt 
Spartiatae; Sali. Jug. 25 ut Adherbalis potiretur; ib. 4 t Romani 
hostium paueorum potiti sunt, und mehrere Stellen bei Nepos (s. 
Bremi zum Milt. 2, 1) und Curtius (s. Mützell zu 3, 2, 16). Im 
Cicero dürfte unsere Stelle die einzige ihrer Art sein. — ib. 
§. 6 hätte in der Anmerkung zu parva peeunia neben der Angabe 
des Polyb. über das von Hannibal geforderte Lösegeld für die bei 
Cannae gefangenen Römer auch die abweichende Angabe des 
Linus 22, 58 stehen sollen: pretium fore in capita, equiti quin- 
genos quadrigatos nummos (i. e. denarios), trecenos pediti, servo 
centenos. — In demselben Paragraphen konnte an aut vincere aut 
emori die Bemerkung geknüpft werden, dass das Compositum 
emori bei Cicero nur im lnfin. vorkommt, und immer nur da, wo 
ein Nachdruck auf dem Begriffe „sterben" liegt, weshalb dann in 
der Regel, wie hier, ein Gegensatz dabei steht, z. B. vivere, Cat. 
M. 22, 80 und Parad. 3, 2, 24; nasci, de orat. 1, 57, 243; im- 
mortalitatem aeeipere , p. Plane. 37, 90; servire, in Pis. 7, 15; 
mortuum esse, Tusc. 1, 8, 15. — Cap 33. §.20 scheinen uns die 
Gründe , aus denen der Hr. Herausg. dicetur in dicitur geändert 
hat, nicht gewichtig genug. Gegen den zweiten, dass nämlich 
mit dem Futurum dicetur das Präsens im Nachsätze (es ist potest) 
nicht vereinbar sei, vergl. Haase zu Reisig's Vorless. Anm. 452. 



302 



Pädagogik. 



Die Zahl der Druckfehler, durch welche der Commentar 
entstellt ist, ist in den beiden letzten Büchern leider eben so gross 
wie im ersten. 

Schliesslich kann Ref. nicht umhin , noch seinen Wunsch 
auszudrücken, dass das vorliegende Werk, aus welchem auch er 
mannigfache Belehrung geschöpft hat , in den weitesten Kreisen 
die verdiente Verbreitung und Anerkennung finden und damit dem 
Hrn. Verfasser die Gelegenheit geboten werden möge, durch eine 
neue Ueberarbeitung demselben einen noch höheren Werth zu 
verschaffen. 

Brandenburg. Tischer. 



Geschichte der Pädagogik vom Wieder aufblühen klassischer 
Studien bis auf tmsere Zeit. Von Karl v. Raumer. Dritter 
Theil. Erste Abtheilung. Stuttgart. Verlag von Sam. Gottl. Lie- 
scliing. 1H17. 

Das hier angezeigte Werk gehört -zu den wohlthuendsten Er- 
scheinungen seiner Art , indem es Nichts gemein hat mit der ha- 
stigen Unruhe absprechender Schulreformatoren, die sich auf den 
öffentlichen Markt drängen und Jeden verketzern , der ihren Ti- 
raden nicht Beifall klatscht, sondern sich vielmehr als die Frucht 
einer jahrelangen Erfahrung und einer sinnigen geräuschlosen 
Betrachtung zeigt. Karl von Raumer gehört zu den hochbetagten 
Schulmännern, welche die wichtigsten Bewegungen auf dem päda- 
gogischen Gebiete selbst erlebt und theoretisch wie praktisch 
ernstlich auf demselben gearbeitet haben. Berechtigt ihn dies 
schon zu einem pädagogischen Schriftsteller, so ist es noch mehr 
die ruhige unbefangene Anschauung pädagogischer Gegensätze. 
Diese werden etwa nicht ignorirt und dafür die eigenen Erfahrun- 
gen und Beobachtungen vorgeführt, sondern sie werden ans helle 
Tageslicht gebracht und überwunden. Sodann gereicht es dem 
Werke zum Vortheil und es gewinnt an Wirksamkeit, dass es nicht 
irgend welcher Theorie huldigt und auf dem Wege der Construc- 
tion das Leben der Gegenwart zu fassen sucht, sondern in einem 
losen Gewände auftritt, welches wohl geeignet ist, den wahren 
Körper erkennen zu lassen. „Die Leser erhalten statt eines Sy- 
stems der Pädagogik meist Charakteristiken einzelner pädagogi- 
scher Zustände. Und diese Charakteristiken sind zudem gar 
nicht nach einem und demselben Schema gearbeitet. Bald ist die 
Darstellung mehr historisch , bald habe ich mehr den gegenwär- 
tigen Moment ins Auge gefasst, einmal tritt das Theoretische, ein 
anderes Mal tritt das praktische Element hervor'' (S. V.). Da im 
Allgemeinen nur von den Bildungsmittelu der Gegenwart gehandelt 
wird, so begreift Ref. nur nicht, wie der Hr. Verf. den Titel des 



v. Raumer: Geschichte der Pädagogik u. s. w. 303 

Werkes rechtfertigen will , da es doch nur hier und da geschicht- 
liche Bezüge enthält, wie heim Latein; denn hier kommen die 
älteren Methodiker zur Sprache. Die Capitel sind: die erste Kind- 
heit, Klcinkiudi-rschuleu , Schule und Haus, Alumneen, Erzie- 
hungsinstitute, Hofmeister (S. 3 — 29); Religionsunterricht, La- 
tein, Geschichte, Erdkunde, JMaturunterricht ; Geometrie, Rech 
neu, physische Erziehung, Schlussbetrachtungen. Den Schluss 
machen vier Beilagen. In der zweiten Abtheilung soll zunächst 
vom Unterrichte in den Lehrgegenständen gehandelt werden, 
welche in der ersten Abtheiluug fehlen (S. VI) Vorzugsweise 
ist die Pädagogik der Gymnasien bedacht, was jedoch der Hr. Vf. 
nicht anführt. Wo nun die Fragen von dem Verhältniss der 
Volksschule, der Realschule, der höheren Bürgerschule, der Uni- 
versität ihre Erledigung finden sollen , das müssen wir ebenfalls 
noch abwarten. Auch von der verschiedenen Bestimmung der 
Schulen ist in dieser Abtheilung nirgends die Rede; selbst über 
den Begriff der Pädagogik finden sich erst am Ende Betrachtungen. 
In diesen Betrachtungen stellt der Hr. Verf. auf: „Erzie- 
hungskunst sei liomo homini additus u (S 251) und versteht dies 
so, dass der Pädagog „die Bestimmung, das Ideal des Menschen- 
geschlechtes, das generische, alle Individuen umfassende er- 
gründe/ 1 „Der Beruf des Erziehers ist, ein gewissenhafter, folg- 
samer „„Mitarbeiter"" des göttlichen Meisters zu sein". . . „Ich 
wiederhole: dem Erzieher gilt das: Auf sein Werk musst du 
schauen, wenn dein Werk bestehen soll" (S. 252). „Das Ziel 
aller Bildung ist, Wiederherstellung des Ebenbildes Gottes, wel- 
che mit der Wiedergeburt (gemeint ist die Taufe) beginnt. Die 
Aufgabe christlicher Pädagogik ist, liebevoll und weise zu machen, 
zu beten und zu arbeiten, dass in den Kindern der neue Mensch 
wachse und erstarke, der alte Mensch dagegen ersterbe." In 
dieser Art erläutert der Hr. Verf das homo homini additus. Aber 
durch alle diese biblisch-bildlichen Umschreibungen sind wir nicht 
in den Besitz des Bildes gekommen, welches als das Portrait der 
Pädagogik anzusehen wäre. Es ist vergebliche Mühe , den Be- 
griff dessen, was Pädagogik ist, durch Vorstellungen wie die fol- 
genden zu gewinnen: „Christus sprach: seid vollkommen, wie 
Euer Vater im Himmel vollkommen ist. So stellt er uns das 
höchste Bild hin und erinnert uns an das verlorene Paradies, da 
der Mensch noch ungetrübtes Ebenbild jenes Vorbildes war. Wir 
fassen Muth dem Kleinode nachzujagen, welches vorhält die 
himmlische Berufung Gottes in Christo Jesu. Christliche Bil- 
dung bezielt Wiederherstellung des Ebenbildes Gottes durch Be- 
leben und treues Pflegen des neuen und Ertödten des alten Men- 
schen. Der Process der Wiederherstellung zeigt sich daher zu- 
gleich erbauend und zerstörend, positiv und negativ, und zwar in 
Bezug auf Heiligkeit und Liebe, Weisheit, Macht und schaffende 
Kraft" (S. 256). Wir halten diese Partie des Buches für die 

TV. Juhrb. f. Phil. u. Päd. od. Krit. Dibl. Bd. LV. Bft. 3. 20 



304 Pädagogik. 

schwächste, indem wir in so nebelnden Umrissen ein Princip er- 
halten , dass wir bei den concreten Gestalten dasselbe nicht fest- 
zuhalten vermögen, und kein Mittel an ihm besitzen, bei Fragen 
über die Zahl, das Maass und die Methode der Unterrichtsgegcn- 
stände zur Entscheidung zu kommen. 

Es wird gut ausgeführt, wie schlimm es mit der Erziehung 
in den Privatinstituten bestellt zu sein pflegt; doch dünkt uns dies 
nur ein kleines Uebel zu sein in Vergleich zu dem , was in den 
grossen öffentlichen Knabenkasernen wuchert. Denn in jenen ist 
in der Hegel die Anzahl der Pensionairs nicht gross, so dass die 
Individualität der Pfleglinge nicht in dem Mechanismus der An- 
stalt zu verschwinden braucht; sodann findet denn doch ein Fa- 
milienleben statt, das zum Ersatz der elterlichen Familie dienen 
kann. Dagegen sprechen die öffentlichen Alumnate, selbst wenn 
sie auch von Staatswegen gehegt werden, dem Wesen der Erzie- 
hung Hohn ; nicht als wenn dort die grösste Zuchtlosigkeit und 
Unsitte herrschte, sondern einfach und allein darum, weil dort die 
Erziehung mechanisirt ist , weil ein Mechanismus der Erziehung 
herrscht. Dies aber ist ein Widerspruch, der die Erziehung auf- 
hebt, unmöglich macht. Ich habe immer die jungen Männer, 
welche sich dem sogenannten Hausdienste unterziehen, bewundert, 
aber auch zugleich bedauert. Denn sie mögen den Mechanismus 
des Hauses kennen oder nicht, so müssen sie in jedem Momente 
ihrer Erziehungsthätigkeit inne werden, dass sie das Gegentheil 
von dem thun, was eine gesunde Erziehungskunst verlangt, und 
daher auch das Gegentheil von dem an den Zöglingen erfahren, 
was sie durch ihreThätigkeit beabsichtigten. Dass sie denn auch 
bald zu dem Entschlüsse kommen, nicht mehr einzugreifen, als 
wo die Excesse zu eclatant werden, darüber wundern wir uns 
denn auch nicht mehr; denn, heisst es, wir können es doch nicht 
ändern. Wie sie sich auch stellen mögen, sie scheitern an der 
allen gemeinsamen Hausordnung der Individualität der Zöglinge 
gegenüber. Um diese aufrecht zu erhalten , kann das Collegium 
keine persönliche Einwirkung über diese hinaus gestatten , oder 
aber der Knabe entzieht sich derselben und sperrt sich dagegen ; 
denn er ist im Rechten, das fühlt er, wenn er diese Hausordnung 
nicht verletzt. Zugleich aber sperrt sich die Individualität des 
Zöglings gegen die gemeinsame Regel, er ist älter oder jünger als 
die übrigen und anders gestimmt als jeder andere, und so ist jeder 
in der Lage, dass er in dem Gouverneure, der die Hausordnung 
nicht verletzen lassen will, seinen natürlichen Feind erblickt. 
Verschiedene Altersstufen, verschiedene Gemüther sollen sich 
immer gemeinsam bewegen und regen; sie werden gemeinsam be- 
aufsichtigt, müssen gemeinsam arbeiten, essen, schlafen, spazie- 
ren gehen. Da nun jeder für sich gegen das Gemeinschaftliche 
gestimmt ist, so sind alle dagegen gestimmt, und nun darf sich 
ein Zögling von dem Gouverneur persönlich berührt oder verletzt 



v. Räumer: Geschichte der Pädagogik u. s. vv. 305 

wähnen, was bei jedem Einschreiten desselben der Fall ist, so 
wird gemeinschaftlich Partei wie von Verschworenen gegen ihn 
genommen und, wo er sich zeigt, Fronte gegen ihn gemacht. So 
wird ein beständiger Ilass in der Jugend gegen ihre Erzieher ge- 
nährt, der einen permanenten Kleinkrieg unterhält, und Reibun- 
gen der misslichsten Art sind an der Tagesordnung. Da nun die- 
ses Lebel heutzutage ziemlich allgemein gefühlt wird, so wäre 
es wohl an der Zeit, dass der Staat sich der Unterhaltung solcher 
Anstalten begäbe und es den Corporationcn so wie den Einzelnen 
überliesse, wenn sie noch dergleichen Anstalten stiften oder unter- 
halten wollen. 

In Bezug auf den Religionsunterricht will Hr. von R. 
speeifisch christlichen Unterricht, gegründet auf Bibel, Katechis- 
mus und geistliche Lieder, und schliesst sich im Uebrigen unbe- 
dingt an „die Grundlinien zum Religionsunterricht in den mittle- 
ren Classen gelehrter Schulen von Dr. Thomasius'\ und „die 
Grundlinien zum Religionsunterrichte in den oberen Classen ge- 
lehrter Schulen von demselben." Wie der Religionslehrer mit 
christlicher Weisheit den Lehrern anderer Objecto entgegen- 
kommen soll, sosollen diese ihrerseits dem Religionslehrer ent- 
gegenkommen; „die christliche Religion muss das Herz alles 
Unterrichts sein, keine Disciplin ist ihr ganz fremd, wenn auch 
die eine ihr näher, die andere ihr ferner steht. u Dies dürfte 
wohl nur in dem Sinne zu verstehen sein, dass aller Unterricht 
aus einem milden christlichen Herzen fiiessen müsse, ohne dass 
jedoch die Christlichkeit bei jeder Disciplin hervorgekehrt und 
zur Schau getragen werde. Freilich ist andererseits Nichts heil- 
loser als das dämonisch- demagogische Treiben der Lehrer, weicht- 
nichts Eiligeres zu ihiui haben, als christliche Lehren, die den 
Zöglingen bei ihrem Religionslehrer eingepflanzt sind, in ihrem 
Natur- und Geschichtsunterrichte verstohlen oder offen wieder 
niederzureissen. Wenn irgend weiche Demagogie, sollte diese 
zum Tempel herausgejagt werden; aber leider haben wir noch 
kein Gericht dafür. Zum Anderen bleibt die Frage um eine an- 
gemessene religiöse Pflege für das Kindesalter immerhin schwie- 
rig, wenn demselben zugleich oder später die Religion als eine 
Sache des Wissens vorgeführt werden soll. Sie ist an und für 
sich etwas Mystisches, das als Grund und Trieb allen geistigen 
Lebens für den Menschen dunkel und überhaupt nach Ursache 
und Wirkung nicht erkennbar ist. Näher ist sie ein Gefühl des 
Zusammenhanges mit der schaffenden Macht des All und sohin 
dem Wesen nach ein praktisches Verhältniss des Individuums zürn 
Allgemeinem. Wird sie nun als eine ordinaire Disciplin behandelt, 
so liegt die Gefahr nahe, dass das, was nicht erkennbar auf re- 
ligiösem Gebiete ist, als grundlos und unberechtigt über Bord 
geworfen und das Gemüth seiner Lebenssubstanz beraubt wird 
Will die Religionslehre sich daher nicht, an dem jungen Gemüthe 

20* 



306 Pädagogik. 

versündigen, so hat sie die Erkenntniss zn fördern, dass der die 
Gesetze der Erscheinungen analysirende Verstand nicht das höch- 
ste und einzige Lcbensprincip ist; denn die Gesetze rufen die Er- 
scheinungen nicht hervor, die Gesetze in der Natur sind nicht 
der Grund ihres Daseins; was erkennbar ist, ist nur das Verhält- 
niss von Erscheinungen, wie der Hr. Verf. von Goethe anführt : 
„Das Wahre mit dem Göttlichen identisch, lässt sich niemals di- 
rect von uns erkennen, wir schauen es nur im Abglanze, im Bei- 
spiel , Symbol, in einzelnen und verwandten Erscheinungen; v\ir 
werden es gewahr als ein unbegreifliches Leben und können 
dem Wunsche nicht entsagen, es dennoch zu begreifen' 1, (S. 170). 
Der Verf. sagt selbst : „alle und jede Wahrheit hat etwas Begreif- 
liches und zugleich etwas Unbegreifliches. Dies gilt zuletzt selbst 
vom tiefsten Wesen der mathematischen Wahrheit, von ihrem 
letzten Grunde" (S. 261); wir erkennen nur im Verhältniss, der 
Grund ist allemal unbegreiflich und beruht auf gläubiger Annahme. 
Wie wir nun durch das allerlei Lernen des gläubigen und ver- 
trauenden Gemüthes in der heutigen Welt so ziemlich baar ge- 
worden sind und den harten fanatischen Verstand zum Abgott be- 
kommen haben, der Alles nach seinen Kegeln zu knechten droht; 
so liegt andererseits die Gefahr nahe, ein trübes sentimentales 
Schwelgen in mystischen Wolken zu befördern, wenn jede Dis 
ciplin darauf hinarbeiten soll, ihre unbegreifliche Seite hervor- 
zukehren. Dies hat jedoch, so glauben wir, der Hr. Verf. nicht 
gemeint, wenn er daraufdringt, dass alle Lehrer dem Religions- 
lehrer entgegen kommen sollen. 

Der Unterricht im Latein ist sehr umsichtig behandelt, be- 
sonders nach Seiten der Methode; die vorzüglichsten Methodiker 
bis auf Rudhardt sind berücksichtigt. Wir pflichten dem Hrn. 
Verf. bei, dass die griechische Sprache auf Gymnasien mit dem 
Latein gleich berechtigt, möglichst gleich behandelt werden 
müsse; eben so darin, dass die Gymnasien nicht Exercirhäuser 
philologischer Künste sind. Wie der Hr. Verf. über den Umfang 
des latein. Unterrichts auf Gymnasien denkt, ergiebt sich aus Fol- 
gendem: „Um der Realisten willen braucht man sich also nicht 
(im Lateinschreiben und sprechen) zu bemühen. Auch nicht in 
sofern, als manche fürchten, dass durch Beseitigung des Latein- 
sprechens und -Schreibens einer realistischen Barbarei Thor und 
Thür geöffnet werde. Soll uns denn das barbarische Latein, wel- 
ches man bei Disputationen hört, in Dissertationen und Examen- 
arbeiten liest, soll uns dies, soll uns Barbarei gegen Barbarei 
schützen'? Gäben die Gymnasien es auf, jenen übertriebenen An- 
forderungen in Bezug auf Lateinsprechen und -schreiben genügen 
zu wollen — was ihnen, wie allbekannt, doch nicht gelingt — so 
raüsste dies die grösste Rückwirkung auf die ganze Methode des 
latein. Unterrichts haben. Zunächst würde man \iel Mühe und 
Zeit sparen, vorzüglich die Mühe des Sammeins und Memorirens 



v. Räumer: Geschichte der Pädagogik u, s, w, 307 

ciccronianischer Phrasen, um dieselben beim Lateinsprechen und 
schreiben immer bei der Hand zu haben. Auch könnte man so 
grammatische Minutien beseitigen, die ebenfalls einzig um Spre- 
chens und Schreibens willen anteeipando erlernt werden, statt dass 
man sie sonst gelegentlich beim Lesen der Autoren au sich kom- 
men Hesse " Offenbar will der Hr. Verf. kein Lateinschreiben 
und -sprechen auf den Gymnasien wissen; ob aber das Ueber- 
setzen ins Lateinische, die sogenannten Fxercitia, statt haben 
soll, darüber hat ersieh nicht ausgesprochen, nehmen wir jedoch 
als seine Meinung an Freie latein. Arbeiten, diese leidige Mar- 
terbauk der Gymnasiasten , so wie das Sprechen ist, nach unserer 
Meinung, den Fach-Philologen zu überlassen, so, lange ihnen das 
Vergnügen macht; was dafür an Zeit gewonnen wird, möge man 
dem griechischen Unterrichte zulegen, in welchem bis jetzt noch 
immer nicht das Lesen eines Classikers ohne permanente Hülfe 
des Lexicons ermöglicht wurde, so wie dem mathematischen Un 
terrichtc, der allenfalls die Trigonometrie absolvirt, aber nicht 
die mindeste praktische Sicherheit und Fertigkeit in messbareu 
Dingen gewährt. Was insbesondere die Methode anlangt, so, 
meinen wir, trifft der Hr. Verf. das Richtige, wenn er sich der 
Jacobs'schen Art mit Modifikationen anschliesst. Jacobs sagt: 
„Mau wird das Verfahren Derer missbilligen müssen, die den An- 
fänger sogleich zum Lesen führen, indem sie meinen, ihm die 
Elemente gelegentlich beizubringen; auch wohl Derer, die ihn 
Notlügen wollen, die Kiemente der Sprache aus vorgelegten Bei- 
spielen selbst abzuziehen und sich die Grammatik selbst zu bil- 
den u Allein wir finden das Mangelhafte dieser Art darin , dass 
der grammatische Unterricht noch separirt von der Anwendung 
ist; das Elementar buch mnss und kann so eingerichtet werden, 
dass es, mit den einfachsten grammatischen Paradigmateil und de- 
ren Einübung in vollen Sätzen beginnend, eine besondere Gram- 
matik überflüssig macht, und der Anfänger nicht auf ihm noch 
unbekannte Dinge in den Sätzen stösst. Die gewöhnliche gram- 
matische Anordnung nach Redetheilen hört dann freilich auf, so 
wie die Trennung der Formenlehre und Syntax; auch giebt es 
dann nicht mehr Elementarbücher und Grammatik. Das Para- 
digma der ersten Declination, mit einigen Fragewörtern, Vocabeln 
und dem Präsens von esse als Anfang genommen, giebt Mittel 
genug an die Hand, um einfache latein. Sätze übersetzen und bil- 
den zu lassen. Man nehme dann z. B. die erste Declination mit 
einigen Präpositionen, weiterhin die zweite, und übe dann esse 
ganz ein. Dass in dieser Art die ganze Grammatik theoretisch- 
praktisch durchgemacht werden kann, hat Ref. am Französischen 
und auch am Griechischen erfahren. Es können nicht blos ganze 
inhaltsvolle Sätze auf diese Weise verwendet werden , sondern 
auch bald ganze Absätze von Dialogen und Erzählungen. 

Als Object des Geschichtsunterrichtes wird die Ge- 



308 Pädagogik. 

schichte der Völker aufgestellt, für die wir als Deutsche vorzugs- 
weise ein Interesse haben; also Geschichte des Vaterlandes, der 
Juden, Homer und Griechen, so wie derjenigen Völker, welche 
mit jenen in engere Berührung gekommen sind. Hinsichtlich der 
Methode wird es verworfen, mit einem allgemeinen Umrisse 
der Weltgeschichte, oder auch mit den Biographien einzelner 
Männer, oder auch mit der Geschichte des Vaterlandes den An- 
fang zu machen. „Die ersten Anfänge fallen mit einem Thcile 
des Religionsunterrichts zusammen"; der eigentliche Geschichts- 
unterricht soll mit dem alten Testamente beginnen; da giebt es 
Gelegenheit, an Alexander und damit an die Griechen und sodann 
an die Römer anzuknüpfen. Den Studirenden wird ein kurzer 
Umriss dieser Völker gegeben mit Hinweisung auf späteres Lesen 
der Klassiker. Die Nichtstudirenden sollen genauer in die Ge- 
schichte dieser Völker eingeführt werden, jedoch in schlichtem 
und populärem Tone und ohne Voraussetzung gelehrter Kennt- 
nisse. Von der neuen Geschichte wird den Studirenden wieder 
nur ein Umriss, mit genauerer Zeichnung der vaterländischen Ge- 
schichte gegeben, das Lesen römischer und mitteldeutscher Quel- 
len muss zur Vervollständigung des Bildes dienen. Ref. erachtet 
diese Fassung als maassgebend und knüpft nur die Bedingung 
daran, dass im Griechischen, Lateinischen und Altdeutschen die 
Schriftsteller mehr gelesen werden. Hr. v. R. denkt hierbei wohl 
nur an die politische Geschichte, die wir uns auch um so mehr 
gefallen lassen können, als Kriegs- und Schlachtberichte in den 
Hintergrund treten und Culturgeschichtlichcs den Vordergrund 
bildet. In Betreff der Compendien wird die Bemerkung gemacht, 
dass, wenn diese Anspruch daraufhaben, Autodidakten zu bilden, 
der Lehrer wohl thnt, den Unterricht in Gonversiren und Exami- 
niren der Schüler zu verwandeln. 

Bei dem Unterrichte in der Geographie wird nirgends ge- 
sagt, was zur Erdbeschreibung eigentlich gehört; nach Allem zu 
schliessen ist sie dem Hrn. Verf. eben auch eine Sammlung von 
allerlei Merkwürdigem, was sich auf, in und um die Erde findet, 
so dass Astronomie, Physik, Botanik, Zoologie, Mineralogie, 
Statistik etc. recht gut Platz darin finden. Es wird zwar die 
Schwierigkeit anerkannt, in diesen Dingen Maass zu halten, aber 
es ist doch nirgends eiue Grenze gezogen. Für den Ausgang em- 
pfiehlt der Hr. Verf. den Plan der heimathlichen Stadt und deren 
Umgebung; daran knüpft er die Richtung der Weltgegenden, die 
Auf- und Untergangspunkte der Sonne in den verschiedenen Jah- 
reszeiten. Im Verfolge werden sodann einige einfache Lehren 
der mathematischen Geographie vorangeschickt , besonders die 
von der Kugelgestalt der Erde, von der Axe , den Polen und dem 
Aequator, den Parallelkreisen, der Breite und Länge, den Wen- 
dekreisen, Polarkreisen, Zonen; diesem folgt die Lehre von den 
Karten, die Hydrographie und Urographie im Zusammenhange, 



v. Raumer: Geschichte der Pädagogik u. s. w. 309 

die politische Geographie, eine kurze Charakteristik «1er Haren, 
Sprachen, Religionen und Regierungsformen. Und endlich wer- 
den die einzelnen Länder durchgenommen, nämlich das, was jedes 
bestimmte Land und Volk eigenthümlich charakterisirt, so wie die 
genauere Beschreibung der Städte. So weit es möglich, ist Alles 
eine Besehreibung der Karten. 

Natu runt erricht will Mr. von R. ausdrücklich auf Gym- 
nasien; ,,den Gymnasien kommt es um so mehr zu, jene Ele- 
mente der Naturkunde zu lehren, als Knaben viel empfänglicher 
für dieselben sind als Jünglinge und Männer. . . Ganz anders ist 
es mit den Elementen des Lateinischen. Sie haben keinen Reiz 
für den Knaben. Gerade weil die Sinnlichkeit ihn reizt und be- 
schäftigt, wird es ihm so schwer, sich mit dem mehr geistigen Ele- 
ment der Sprache anhaltend zu beschäftigen. Gewaltsam wird er 
nun nach dieser Seite hingezogen, welche der Richtung seiner 
Kindesuatur entgegengesetzt ist. Soll er hiedurch nicht unnatür- 
lich einseitig und stumpf gegen alle Schönheit des Himmels und 
der Erde, ja auch stumpf für die Schönheit der Klassiker werden, 
so muss er eine edle Augenfreude und Augenübung haben." Der 
Naturunterricht soll in den unteren und untersten Classen ein- 
treten , schon der Erquickung halber. ,, Durch den Naturunter- 
richt erwacht sogar erst die rechte Neigung und der Sinn für die 
Sprache." Als Unterrichtsgang wird folgender empfohlen : zu- 
erst soll der Lehrling die Umgegend seines Wohnorts kreuz und 
quer durchstreichen und sich das Bild desselben lebendig ein- 
prägen; dieser Gesammteindruck soll durch keine Künstelei eines 
Entomologen oder Geognosten verkümmert werden. Das grosse 
einfache Bild der Gegend zerfällt ihm nach und nach in einzelne 
unzählige kleine von Städten, Menschen, Thieren, Bäumen, Blu- 
men, und so fasst er denn auch die Berge, ihr Gestein und ihren 
Bau eigens ins Auge. Dabei gilt die Regel: nicht nur zu Anfang, 
sondern auch im Verfolge des Unterrichts die Schönheit der 
Werke Gottes stets im Auge zu behalten und mit dem reeepti- 
ven Betrachten zugleich eine Fertigkeit zu erzielen, das Ge 
schaute möglichst gut durch Zeichnen darzustellen. ,, Wollen wir 
nun sinnliche und gemüthliche Empfänglichkeit für Natur und 
Kunst im Schüler ausbilden, wollen wir ihn gegen das frühreife, 
nackte Verstandestreibhäuseln und gegen das freundlose und 
stolze in sich Vereinsamen bewahren, so müssen wir ihn mit ju- 
gendlich frischem, sinnlichem Betrachten und Ueben beginnen 
lassen und aus diesem erst allmälig das besonnene, rein mathe- 
matische Betrachten und Ueben entwickeln. Der mathematische 
Unterricht, welcher früh der sinnlichen Naturbetrachtung vor- 
auseilt, ist so wenig als Ersatz für diese zu betrachten, dass 
derselbe ihr vielmehr schadet und auf ihn Baco's Wort anzu- 
wenden ist: Mathematica phiiosophiam naturalem terminale, non 
generale aut proereare debet u Die Methode beim Unterricht in 



310 Pädagogik. 

der Mineralogie ist nur die Anwendung jenes Princips. An- 
schauen der Minerale ist das Erste, dann die Namen einiger Ex- 
emplare, Durchgehen einer nach Kennzeichen geordneten Samm- 
lung, in welcher bei jeder Gattung die Reihenfolge ihrer Farben, 
Krystallisationen etc. vor Augen liegen ; die allgemeine Kennzei- 
chenlehre, welche nur eine Zusammenstellung der Kennzeichen 
ist, die der Schüler schon beim Betrachten der einzelnen Gattun- 
gen kennen gelernt hat, bildet den Schluss. Aehulich diesem ist 
der Gang in der Pflanzenkunde. Der Zoologie geschieht keine 
Erwähnung. 

In der Geometrie hält es der Hr. Verf für natürlich, den 
Unterricht mit der Betrachtung der Körper zu beginnen und von 
da aus durch Abstraction zu den Elementen fortzuschreiten. Hier 
angekommen, tritt Euklid oder Euklid's Methode ein, die demon- 
strirend von den Elementen zu den Körpern zurückführt. Auf 
dem Hinwege leitet die Anschauung, der unmündige Verstand 
glaubt ; auf dem Rückwege leitet der mündige Verstand und die 
Anschauung muss ihm, wie sonst oft, Glauben schenken. Für 
die Formenlehre empfiehlt der Hr. Verf. mit Recht die Krystall- 
formen und verwirft mit demselben Rechte den ausgedehnten Ge- 
brauch der algebraischen Analyse ; den Knaben sollen nicht For- 
meln gegeben werden, durch deren Hülfe sie leicht berechnen, 
was sie nur auf dem Wege der Anschauung finden sollen. Das 
Rechnen wird eben so mit Anschauung begonnen; sie soll durch 
Bilder, welche das Auge leicht auffasst und der innere Sinn eben 
so leicht festhält, dem Verstände das Geschäft erleichtern, Zahlen 
und Zahlenverhältnisse zu begreifen und dem Begriffe gemäss re- 
gelmässig operiren zu können. Auch dem Ziffernrechnen muss 
auf diese Weise die Bahn bereitet werden. Hr. v. R. schlägt dazu 
Rechenpfennige vor, die jedoch nicht blos Einer repräsentieren, 
sondern dem Decimalsystem, dem System der arabischen Ziffern 
sich anschliessen. Dass ,,das Kopfrechnen keine eigentliche Ver- 
standesübung sei, indem hier lediglich das Gedächtniss in An- 
spruch genommen werde ", dem stimmt der Hr. Verf. bei. Kopf- 
rechnen ist gut, wenn nur das Ziffernrechnen nicht mechanisch 
beigebracht ist. 

Wir schliessen diese Anzeige dankend mit der Raumer'schen 
Lehre: „Unsere Zeit rühmt sich vorzugsweise einer Erweiterung 
der Macht des Menschen über die Natur. Aber diese ist wahr- 
lich kein Gewinn, wofern gleichmä'ssig mit ihr edle Gesinnung, 
Sinn für das Höhere abnimmt und erstirbt, wenn alle geistige 
Kraft sich knechtisch in den Dienst des Irdischen begiebt, und die 
Menschen ganz verblendet mit krampfhafter Anstrengung einzig 
materielle Zwecke verfolgen. . . Gegen solch ungöttliches, un- 
würdiges Treiben müssen wir ankämpfen. Es darf uns nicht 
gleichgültig sein, in wessen Namen wir Thaten thun, nicht gleich- 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 31 L 

gültig, ob Moses oder Jannes und Jambres wirke». Es miiss im 
reebten , froramci) Sinne theoretische wie praktische Natnrwissen 
scbai't — Naturkunde und Maturkunst — gelebrt, beide müssen 
im Princip wie im Ziel geheiligt werden" 
Liegnitz, im Februar. 

//. Brüqqemann. 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 



Wagners (J. J.) kleine Schriften ; herausgegeben von P. L. 
Adam. Dritter Theil. Ulm, Stettin'sche Verlagsbuchhandlung, 1847. 
XVI und 300 S. 8. — Von Johann Jacob Wagner, der seit dem Anfange 
dieses Jahrhunderts auf mehreren Gebieten der speculativen Wissen- 
schaften thätig gewirkt hat, ist der dritte Band der kleinen Schriften 
erschienen. W., geboren im Jahre 1775 zu Ulm, studirte in Jena und 
Göttingen Philosophie in derselben Zeit, in welcher durch Kant, Fichte 
und Schelling ein lebhaftes Interesse für diese Wissenschaft in Deutsch- 
land erweckt worden war. In seinen ersten Arbeiten zeigt sich , dass er 
■umfassende Studien über die verschiedenen Richtungen des geistigen Le- 
bens der Alten gemacht hat. Hier genüge es, zu erwähnen, dass er ein 
Wörterbuch der Platonischen Philosophie und im Jahre 1808 Ideen zu 
einer allgemeinen Mythologie der alten Welt herausgegeben hat. Auch 
der vorliegende dritte Band seiner kleinen Schriften gehört seinem Haupt- 
theile nach in diese Kategorie. Der Herausgeber nämlich glaubte ein 
Werk der Pietät zu erfüllen, indem er eine Schrift, die Wagner im Mai 
1806 vollendet hat, die aber damals nicht gedruckt worden ist, obgleich 
der Verf. es oft wünschte, veröffentlichte. Diese Schrift, betitelt „Ho- 
mer und Hesäod, ein Versuch über das griechische Alterthum", umfasst 
S. 1 — 289. Dieses Werk ist, wie der Herausgeber bemerkt, aus Ver- 
anlassung der vielfachen und tiefgehenden Vorstudien zu dem oben ge- 
nannten mythologischen Werke entstanden; doch enthält es nur einen 
Theil der Ergebnisse dieser Vorstudien, da der Verf. in der hier zu be- 
sprechenden Schrift die orientalische Mythologie ausscheidet und nur die 
griechische in das Auge fasst, und zwar auch diese nur insoweit, als sie 
aus den Gedichten des Homeros und Hesiodos sich noch zusammenstellen 
lässt. Auch darin ist übrigens ein bedeutender Unterschied zwischen 
beiden Werken zu erkennen, dass, während die „Ideen u. s. w." rein 
mythologischen Inhalts sind, die Abhandlung über Homeros und Hesiodos 
weit umfassender ist , indem darin der Versuch gemacht wird , den ge- 
sammten geistigen Zustand des Homerischen und Hesiodischen Zeitalters 
mit allen seinen Aeusserungen und Einwirkungen auf das damalige Leben 
systematisch darzustellen. Wenn man daher dieses Werk mit wenigen 
Worten charakterisiren wollte , so müsste man es bezeichnen als eine 



312 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

Darstellung des Homerischen und Hesiodisclien Zeitalters der Hellenen 
von culturgeschichtlichem Standpunkte aus , und zwar mit vorzüglicher 
Rücksicht auf die religiösen Ansichten. Zu bedauern ist es freilich, dass 
dieses Werk erst jetzt erscheint, in einer Zeit, in der man es aus dop- 
pelter Rücksicht für nicht mehr brauchbar erklären muss. Erstens näm- 
lich würde es dem jetzigen Standpunkte der Wissenschaft darum nicht 
entsprechen, weil es nicht mit Benutzung aller der Hülfsmittel gearbeitet 
worden ist, welche zu berücksichtigen gewesen wären, wenn darin der 
Stoff in solcher Vollständigkeit verarbeitet erscheinen sollte, wie es den 
Ueberlieferungen aus dem Alterthume zufolge jetzt möglich ist. Denn 
wenn man auch davon absieht, dass die Homerischen Hymnen nicht als 
Quellen benutzt worden sind, so kann man doch nicht umhin, es als 
einen empfindlichen Uebelstand zu bezeichnen, dass die zahlreichen He- 
siodischen Fragmente, die viele schätzbare Notizen enthalten, unbeachtet 
geblieben sind. Obgleich es nun nicht zu verkennen ist, dass es eine 
starke Zumuthung für einen Gelehrten , der nicht eigentlich Philolog war, 
ist, dass er, um seiner Arbeit den Anspruch der Vollständigkeit zu 
sichern, selbst die zerstreuten Fragmente des Hesiodos sammeln sollte, 
so muss man dagegen auch anerkennen , dass ein solches unvollständiges 
Werk nicht Das giebt, was es geben will. Vollkommen brauchbar ist 
das Werk also nicht, weil es die Ansichten des Hesiodos nur nach einem 
Theile seiner noch erhalteneu Werke darstellt, und nicht nach allen. 
Der andere Grund, aus dem man die Brauchbarkeit bestreiten muss, ist 
der, dass seit der Zeit, in welcher der Verf. diesen Aufsatz niederge- 
schrieben hat, sowohl die gesammten Alterthümer des Homerischen lind 
Hesiodisclien Zeilalters, als auch die einzelnen Abschnitte und Gegen- 
stände vielfach bearbeitet worden sind, und zwar zum Theil mit Be- 
nutzung eines reicheren Materials, als dasjenige ist, worüber W. zu ver- 
fügen hatte. Um aber einem grösseren Kreise von Lesern und Beur- 
theilern die Möglichkeit zu gewähren, den Inhalt des Werkes wenigstens 
in den Grundzügen kennen zu lernen, so möge hier eine kurze Ueber- 
sicht ihren Platz finden. 

Cap. 1. Allgemeine Ansichten der alten Welt und ihrer Geschichte. 
Princip für die Beurtheilung griechischer Mythologie. — Cap. 2. Von 
der Poesie der Homerischen Werke und ihres Zeitalters. Aoiden und 
Aoidenschulen. Entstehung der llias und Odyssee. Homer's Gleichnisse. 
— Cap. 3. Wahrscheinliche Eigenthümlichkeit der Homerischen Schule 
in der Form ihrer Darstellung. Organisation der lliade und Odyssee. 
Cyclus der homerisch-epischen Darstellung. Der Schild des Achilles und 
der Schild des Herkules. — Cap. 4. Homerische Weltansicht im Ganzen. 
'Arjn und Ai%r]Q. Meer und Erde. Okeanos. Gestirne. Weltgegenden. 
Witternngszeichen und Jahreszeiten bei Hesiod. — Cap. 5. Oben und 
Unten. Olymp. Tartaros. Styx. Hemera und Nyx. — Cap. 6. Be- 
wohnte Oberfläche der Erde. Geographie der Diade. Geographie der 
Odyssee. Winde. Hesiodische Geographie. Winde. — Cap. 7. Das Le- 
ben der Homerischen Zeit. Künste. Metalle. Handel. Schreibkunst. — 
Cap. 8. Anthropologische Ansichten. Anatomische Kenntnisse. (pQtvss 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 313 

7iQ(xniösg. voüs. ipvxtj- — Cap. 9. Sitten. Gastfreundschaft. Die Zahl 
Zehn. Blutrache. Opfermahlzeit. Reinige. Vorbedeutungen. Träume. 
Wahrsager und Traunideuter. Geschlechtsverhältniss. Göttersöhne. — 
Cap. JO. Vorhonierische Welt. Kampf der Kentauren und Lapil'hen. 
Fahrt der Argonauten. Die Sieben von Theben. Bcllerophontcs. Mele- 
ager und der Kalydonische Eber. Dädalos und sein Labyrinth zu Knos- 
sos. Niobe. Die Töchter des l'andaros. Ares von Otus und Ephialtes 
gebunden. Dionysos und seine Ammen. Ino Leukothoe, des Kadmus 
Tochter. Herakles. Khadamantliys und Tityos. Minos. Teiresias. Das 
Geschlecht des Pelias und Neleiis. Die Erbauer von Theben. Herakles 
Geschlecht. Das Geschlecht des Ocdipus. Kastor und Pollux. Die Aloi- 
tlen. Phädra. Prokris. Ariadne. Moira. Klymene. Eriphyle. Orion. 
Memnon. lasion und Demeter. Thamyris. Geschlecht des Pelops. Si- 
syphos. Ganymedes. Argus. Laomedon. Ereuthalion. Geschlecht des 
Dardanos. Nestor's JugtMidgeschichten. Hesiod's alte Mythen. Prome- 
theus. Die 4 Zeitalter. Perseus. (Lieber Flügel und Gang der Götter.) 
Hekate. — Cap. 11. Die Homerischen Götter. Zeus. Seine Aegide. 
Hera. Iris. Hermes. Eos. Helios. Pliöbos Apollon. Ilaitjtop. Musen. 
(JTfpt 6qvv r] nsgl nttQip'.) Sirenen. Skylla und Charybdis. Artemis. 
Eileithyia. Aphrodite. Dione. Grazien. Hören. Themis. Dionysos. He- 
phästos. (di'/.ieczec der Götter.) Pallas Athene. Ares. Götter der Schlacht. 
Hebe und Ganymedes. Leto. Demeter. Aides. (Styx. Kerberos.) Per- 
sephone. Nyx. Hypnos. Aisa. Moira. Keres. Erinyes. Nemesis. Ate. 
Fama und Ossa. Poseidon. Nereus. Nereiden. Proteus. Flüsse und 
Winde. Harpyien. Nymphen. — Cap. 12. Theogonie und Kosmogonie. 
Yorhomerische Theogonie. Reise der Götter zu den Aethiopen. Hesiodi- 
ßche Theogonie. 

Diese Uebersicht zeigt, dass der Verf. einen reichhaltigen Stoff in 
seinem Werke zusammengetragen und verarbeitet hat. Doch würde es 
dem Unterz. nur geringe Mühe machen, wenn er nachweisen wollte, in 
welchen neueren Werken entsveder das Ganze, oder jedes Einzelne, was 
der Verf. in seiner Schrift besprochen hat, vollständiger und den jetzigen 
Anforderungen der Wissenschaft genügender behandelt worden ist. Unter 
den allgemeinen Werken sind besonders zu nennen Wachsmuth's Helleni- 
sche Alterthumskunde und Thirwall, history of Greece, unter den spe- 
cielleren sind hervorzuheben: Cammann, Vorschule zur Iliade und Odys- 
see ; Müller, Lessmann , Mätzner, Forbiger (in seinem Handbuche der 
alten Geogr.) und viele Andere. Der Unterz. halt es nicht für passend, 
dem Verf. Punkt für Punkt zu folgen, weil er dadurch dem vorliegenden 
Buche eine grössere Aufmerksamkeit widmete, als es verdient; doch will 
er einen einzelnen Abschnitt als Beispiel einer genaueren Prüfung unter- 
ziehen. Dies ist Cap. 6: „Die Homerische und Hcsiodische Geographie", 
welches passend in '6 Abschnitte getheilt ist. Dass der Verf. sagt, dass 
die bewohnte Oberfläche der Homerischen Erde sich mehr von Morgen 
gegen Abend als von Süden nach Norden erstreckt habe, ist wohl so zu 
verstehen, dass zu Homer's Zeiten nur ein grosser Theil der Küstenlän- 
der des mittelländischen Meeres bekannt war. Nur 2 Himmelsgegen- 



314 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

den (Osten und Westen) werden in der Haas und Odyssee genannt. Für 
die Geographie der llias legt der Verf. das Schiffsverzeichniss im zweiten 
Buche zu Grunde. Doch giebt er wenig mehr als ein trockenes Ver- 
zeichniss von Namen ; nur über wenige fügt er einige Notizen hinzu. 
S. 55 irrt der Verf. wohl , indem er Pytho in Phokis für eine Stadt an- 
sieht. S. 56: Geraestos hält Forbiger (S. 16) für das Vorgebirge dieses 
Namens. Die auf S. 57 aus 11. 9, 150 ff. angeführten Städte gehörten 
nicht zu Argos, sondern zu Mykenae, dem Königreiche des Agamemnon; 
sie hätten also S. 58 unter Nr. VIII. mit angeführt werden sollen. S. 58 : 
Nicht Peleon, sondern Pteleos nennt 11. 2, 594 unter den Pylischen 
Städten. S. 55 behauptet W. fälschlich , dass Homeros das Arkadische 
Orchomenos nicht erwähne; da aber Hom. II. II. 605 diese Stadt dennoch 
nennt, so zählt auch W. auf S. 59 Orchomenos unter den Arkadischen 
Städten auf, ohne aber seines früheren Irrthums Erwähnung zu thun. 
Ueber die verschiedene Bedeutung der Namen "Agyog und 'Atjyuoi in en- 
gerem und weiterem Sinne (s. S. 57) spricht unter den Neueren vorzüg- 
lich Wachsinuth, hellen. Alterthumsk. Bd. I. S. 65 f. und 142 (Ausg. 2). 
Da es aber zu weit führen würde, auf alle Einzelnheiten einzugehen, so 
möge hier nur eine kleine Nachlese geographischer Namen aus der llias 
und Odyssee folgen, welche W. übersehen hat. 'Anirj yi] (\\. a, 270. y, 
49. Od. r], 25. 7t, 18). Artakia in Lästrygonien (Od. x, 108). Budaion 
in Phthia (II. n, 572). In Thrakien: Aenos (II. 3, 520) und Nyseion 
(II. f, 133). In Thessalien: Pieria (II. £, 226. Od. s, 50); Pereia (II. (?, 
766); Lapithae (Od. <p, 295); Dolopes (II. i, 480). Leukas (Od. ra, 11). 
Thoae , Inseln in der Mündung des Acheloos (Od. o, 299). Krunoi in 
Elis (Od. o, 295). Nerikos, Stadt der Kephallener (Od. co, 377). Auf 
Ithaka: Arethusa (Od. v, 408); der Hügel Hermäos (Od. n, 471); der 
Berg Neion (Od. cc, 186). Die Felsen Gyrae bei Euboea (Od. S, 500). 
Die Insel Die, später Naxos (Od. X, 325). Sinties auf Lemnos (II. a, 
594). Kabesos am Hellespont (II. f, 363). In Troas : Pedaeon (II. v, 
172) und Thymbre (II. x, 430). Piakos in Mysien (II. s, 396) u. s. w. 
Noch mehr Nachträge wären zur Geographie des Hesiodos zu geben. 
Dieses Beispiel würde schon hinreichend beweisen, dass das Werk nicht 
mit der Genauigkeit und Vollständigkeit gearbeitet ist, welche nöthig 
gewesen wäre, um es für die jetzige Zeit brauchbar erscheinen zu 
lassen. Ein anderer Uebelstand , welcher gleichfalls der Brauch- 
barkeit bedeutenden Abbruch thut, ist der, dass W. in der Schrei- 
bung der Eigennamen durchaus unzuverlässig ist; denn in sehr vielen 
Fällen würde man sich sehr täuschen, wenn man sich auf die vom Verf. 
gegebene Schreibart als richtig verlassen wollte. Dieser Umstand fällt 
freilich ebensosehr dem Herausgeber wie dem Verf. zur Last, da dieser 
ein nachgelassenes Werk veröffentlichte in einer Gestalt, deren Mängel 
eine Redaction durch einen Sachverständigen nöthig gemacht hätte. Man 
kann immer annehmen , dass , wenn die Herausgabe durch den Verf. selbst 
erfolgt wäre, dieser mit grösserer Sorgfalt verfahren sein würde, so dass 
die Kritik kein so verwerfendes Urtheil hätte sprechen müssen. Den 
Schluss des Bandes bilden 2 kleine Aufsätze , welche W. früher in den 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 315 

Probeblättern der ,, Zeitinteressen" hat drucken lassen. Der erstere ist 
betitelt: Festungen, ihrWerth und ihre Bedeutung, und enthält eine Paral- 
lele des Völkerkampfes u. des Kampfes zwischen Einzelnen; Festungen sind 
für die Völker das, was Panzer u. Rüstungen für die Einzelnen. DerZweck 
der Festungen ist der Schutz des Landes gegen die Angrilfe anderer Völ- 
ker. Es ist daher empfehlenswert!» , in Deutschland viele Festungen, 
welche aber in bestimmtem systematischen Zusammenhange mit einander 
stehen müssten , zu errichten. Der andere Aufsatz behandelt die „Gefahr 
der Uebervölkerung" und weist nach, dass eine solche Gefahr allerdings 
drohe, da die Bevölkerung in solchem Maasse zunehme, dass die Erzeu- 
gung von Nahrung für dieselbe nicht gleichen Schritt halten könne, be- 
sonders da diese Nahrungserzeugung gewisse Grenzen nicht überschreiten 
könne. Die Mittel der Abhülfe u. s. w. werden aber nicht angegeben. 
— Die Ausstattung des Buches an Druck und Papier genügt jeder billi- 
gen Anforderung. Dr. H- Brandes. 



Die Leetüre der griechischen und lateinischen Classiker 
auf den Gymnasien. Abhandlung zum Programm des Obergymnasiums 
in Braunschweig von Dr. G. T. A. Krüger, Director und Prof. ßraun- 
schweig, 1848. 21 S. gr. 4. S. 22 — 30. Schulnachrichten. — Das ist nun 
wieder eins von den Schulprogrammen , welche die Nützlichkeit dieser 
Einrichtung in der deutlichsten Weise bestätig n. Keine unfruchtbare 
Gelehrsamkeit, keine blosse Variantensammlung, keine Aufspeicherung 
von scharfsinnigen Conjecturen, sondern eine Mittheilung aus dem prak- 
tischen Schulleben , welche eben sowohl für die Lehrer als für die Schü- 
ler und nicht weniger für das Publicum, wo sich dasselbe den Ange- 
legenheiten der Gymnasien nicht freiwillig entzieht, Interesse haben muss. 
Eine deutsch geschriebene Abhandlung wie die vorliegende kann von 
allen Betheiligten gelesen werden und ist ein zweckmässiges Mittel , dem 
Publicum Winke und Behauptungen über den wahren Zweck der Unter- 
richtsanstalten zu geben, denen ein grosser Theil von ihnen seine Kinder 
anvertraut hat. Aber freilich! wie wenig werden solche Schriften be- 
rücksichtigt oder gelesen , ja sogar von solchen Eltern , denen man 
durchaus nicht Gleichgültigkeit gegen ihre Kinder zum Vorwurf machen 
kann. Könnte es unsern Schulmännern gelingen , eine lebendige Theil- 
nahme vernünftiger Eltern zu erwecken, so würde durch eine solche 
Mitwirkung der häuslichen Erziehung dem Öffentlichen Unterrichte ein 
grosser Dienst erwiesen werden und diese Anregung vollkommen die Stelle 
einer deutschen Nationalerziehung vertreten , die jetzt wieder in einigen 
Köpfen spukt und sich hier und da in Zeitschriften und demokratischen 
Vereinen breit macht. Wir meinen aber, dass eine deutsche National- 
erziehnng nur ein lockendes Aushängeschild sei, wie das Nationaltheater, 
welches in Berlin in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts noch bestand, 
und dass eine deutsche Nationalerziehung ebensowenig zu Stande kom- 
men kann und darf als eine deutsche National- oder Central -Universität, 
wie sie die radicalen Wiener Studenten ihren Commilitonen am Pfingstfeste 



316 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

vorigen Jahres auf <ler Wartburg empfohlen haben. Es stände wahrlich 
schlimm um Deutschland, wenn wir keine anderen Mittel oder Mittels- 
personen zur Erhaltung seiner Einigkeit haben sollten. 

Der Verfasser der vorliegenden Abhandlung, Hr. Krüger, gehört 
seit einer längeren Reihe von Jahren nicht blos zu den sehr gelehrten, 
sondern auch zu den sehr tüchtigen Schulmännern, Er vereinigt Klar- 
heit und Ruhe der Auffassung mit gereifter Erfahrung und ausreichender 
Keantniss der Bedürfnisse unserer heutigen Jugend, der er jede billige 
Hülfe oder Erleichterung angedeihen lässt, ohne sie deshalb auf die Faul- 
betten der Trägheit legen zu wollen, er verschliesst .sich keinem ver- 
nünftigen Fortschritte — mit einem Worte, er ist ein Conservativer von 
der besten Richtung, weil man doch nun dies Stich- und Schlagwort 
ebenfalls auf die Zustände der Schule überzutragen anfängt. Diese edle 
Richtung nehmen wir unter andern in der liberalen Ansicht wahr, mit 
welcher Hr. Kr ü ger das Heil der Schule nicht von einer strengen Ueber 
einstimmung der Methode abhängig macht, sondern an mehreren Stellen 
z. B. S. 10 sich aus pädagogischen und didaktischen Gründen dahin er- 
klärt, dem geschickten Lehrerin der Art und Weise seines Lehrverfah- 
rens, so weit dies mit der in einem Schulorganismus zu erzielenden Ein- 
heit verträglich ist, die möglichste Freiheit der Bewegung zu gestatten, 
eingedenk, dass nicht Eins für Alle sich schickt und dass nicht blos Ein 
Weg nach Rom führt. Unter solchen Grundsätzen, wie sie auch Din- 
ter in seinem Leben (S. "257) mit wenigen Worten, aber gut ausgespro- 
chen hat: „Tüchtige Männer in Freiheit unter Aufsicht, das sei Grund- 
satz" und Schmitthenner in seinem Buche über Cultur- und Schulwesen 
(Th. I. S. 171) wird jede Schule und — man muss hinzusetzen — jedes 
Gemeinwesen gedeihen. 

Die nächste Veranlassung zur Abfassung der vorliegenden Abhand- 
lung hat Hrn. Krüger kein Anderer als Hr. Köchly gegeben, dessen 
laute, etwas marktschreierische Opposition gegen die bestehenden Zu- 
stände des deutschen Schulwesens in den Gymnasien viele Federn in Be- 
wegung gesetzt und manchen biedern treuen Schulmann mit Besorgniss 
erfüllt hat. Eine ähnliche Unruhe hatten wir vor zwölf Jahren erlebt, 
als Lorinser seine Abhandlung „über den Schutz der Gesundheit in den 
Schulen" zunächst in die medicinische, dann in die Schulwelt schleuderte 
und der König Friedrich Wilhelm HL von Preussen aus eigener Be- 
wegung*) eine allgemeine Prüfung dieses Aufsatzes befahl. Sind nun 
gleich dadurch nicht die Ungeheuern Resultate erzielt worden, von denen 
die der Sache Unkundigen träumten , und ist vielmehr von den erfahren- 
sten und billigsten Schulmännern der Ungrund eines grossen Theiles der 
auf sie geworfenen Beschuldigungen amtlich und thatsächlich erwiesen 
worden, so ist doch hier und da mancher Uebelstand beseitigt und na- 
mentlich durch das Ministen'al-Rescript vom 24. October 1#37 ein rühm 
licher Beweis der Umsicht und des persönlichen Wohlwollens gegeben 

*) Nach v. Hipp'el's Bericht in seinen Beiträgen zur Cha- 
rakteristik Friedrich Wilhelms HL S. 1 7r5. 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 317 

worden, mit welchen der verstorbene Minister v. A Itenstein und sein 
treuer einsichtiger Gehülfe, der Geheimrath Job. Schulze (der in die- 
ser Angelegenheit die grösste Thütigkeit entwickelte), sich eben sowohl 
des Lehrstandes als der Jugend in den Schulen angenommen haben. Eben 
so dürften auch die Köchly'schen Vorschlage und Neuerungen nicht ohne 
Erfolge bleiben , wenn sie auch nur vorzugsweise im gegenseitigen Aus- 
tausche der Ideen unter erfahrenen Leuten bestehen, denn eigentlich 
Neues hat Hr. Köchly nicht vorgebracht, wie Herr Krüger ebenfalls 
bei aller Achtung gegen dessen Bestrebungen darthut, und vielmehr durch, 
sein rüstiges Auftreten und eine glänzende Declamation mehr eine augen- 
blickliche Ueberraschung als eine nachhaltige Ueberzeugung bei den Le- 
sern seiner Schriften und bei den Hörern seiner Vorträge bewirkt. 

Unser Hr. Verfasser will sich nun nicht bei den von Hrn. Köchly 
angeregten Principienfragen als Beurtheiler betheiligen. So viel er ein- 
sieht — und darin hat er ganz Recht — so kommen einmal alle Strei- 
tenden darin mehr oder weniger überein, dass sie das gründliche Stu- 
dium des classLchen Alterthums als die Grundlage der Gymnasialbildung 
in seiner Notwendigkeit anerkennen, und zweitens hat Hr. Köchly seine 
Angriffe nicht gegen die alten Sprachen, sondern besonders gegen eine 
fehlerhafte Behandlungsweise derselben auf den Gymnasien gerichtet. 
„Wir meinen, schreibt Hr. Krüger auf S. 3, diejenige Art der Behand- 
lung, bei welcher die Sprache und nur die Sprache ins Auge gefasst 
und über Grammatik und wohl gar Kritik bei der Interpretation der 
classischen Schriftsteller der Inhalt derselben nicht so, wie er sollte, be- 
achtet, und. bei einem ungebührlich langsamen Fortschritte in der 
Leetüre der Umfang derselben in dem Maasse beschränkt wird, dass 
dem Schüler im Verlaufseiner Schulzeit von den Musterwerken des clas- 
sischen Alterthums selbst nur ein sehr unbedeutender Theil zur An- 
schauung gebracht wird. Ein solcher Fortschritt ist aber eben so wenig 
geeignet, auf der Schule selbst lebendiges Interesse an diesen Werken 
bei dem Schüler zu erwecken, als noch nach seinem Austritte aus der- 
selben in ihm zu erhalten. Daher dringt er (Köchly) vor Allem darauf, 
diese Leetüre in ihr eine Zeitlang verkanntes und geschmälertes gutes 
Recht wieder einzusetzen und den Umfang derselben nach Mög- 
lichkeit zu erweitern, und giebt zur Erreichung dieses Zweckes 
manche sehr beach-tungswerthe Winke, welche wir dankbar anerkennen, 
so wenig wir auch mit allen seinen Vorschlägen zur Förderung dersel- 
ben einverstanden sein können. Quum flueret lutulentus , erat quod tol- 
lere velles. 11 

Hiernach beginnt nun Hr. Krüger die Methodik der Lectüre der 
classischen Schriftsteller auf den Gymnasien und das Verfahren bei der- 
selben einer Erörterung zu unterwerfen und diese Gegenstände nach sei- 
nen Erfahrungen zu besprechen. Im ersten und zweiten Paragraph wird 
erwähnt, dass Hr. Köchly mit dem Worte der statarischen Lec- 
türe diejenige Methode in der Kürze bezeichnet, gegen welche er 
kämpft, und cursorische Lectüre diejenige genannt hat, auf deren 
Einführung er dringt. Nach dem von ihm gegebenen Beispiele über die 



318 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

Zeit, in welcher die Leetüre der homerischen Gedichte vollendet sein 
soll, hat Herr Krüger allerdings vollkommene Ursache bedenklich 
zu sein und auf seine Vorschläge die kurze Definition der beiden Metho- 
den anzuwenden, nach welcher bei der statarischen nicht viel gele- 
sen, bei der cursorischen nicht viel gelernt wird, er tröstet uns 
indessen damit, dass Hr. Köchly in anderen Stellen sich keineswegs als 
ein Freund der Ungründlichkeit gezeigt habe und dass man also mit 
Recht voraussetzen dürfe, dass er die cursorische Methode nicht auf 
Kosten eines steligen und sicheren Fortschrittes gehandhabt wissen 
wolle*). Dabei erscheint Hrn. Krüger Nichts bedenklicher als über- 
haupt die statarische und cursorische Leetüre als zwei speci fische 
(nicht graduell) verschiedene Methoden einander gegenüber stellen zu 



*) Wir könnten wünschen, dass sich Hr. Krüger gerade die Me- 
thodik dieser, der Homerischen, Leetüre einmal zum Gegenstande einer 
besonderen Erörterung wählte. Denn eben so wichtis als die Lesung 
des Homer auf Schulen ist, als „des Grundes aller Litteratur und nie- 
mals ausgehen darf" (Worte eines der ehrenwerthesten Schulmänner, 
Gurlitt, im zweiten Theile seiner Schulschriften S. 331), eben so 
un methodisch und zum Nachtheile für die gute Sache wird häufig dabei 
verfahren. An der Schule, wo ich eine Reihe von Jahren die Odyssee 
zu erklären hatte, gelang es mir durch ein in den ersten Wochen sehr 
langsames und fast allein auf die Einübung der grammatischen Formen 
begründetes Lesen das allmälig raschere Fortschreiten mit Leichtig- 
keit und ohne alle Belästigung für die Schüler zu erreichen, wodurch 
natürlich ihre Freude an der edeln Dichtung sehr zunahm. Ich darf 
daher wohl auf eine grosse Zahl von ihnen anwenden , was Gessner a. 
a. O. p. '295 von einer ähnlichen Veranlassung bei seinen Schülern ge- 
sagt hat: sedebant tacentes, intentis oculis, auribus, animis, subridentes 
etiam et voluptatem animi fronte, ore , oculis prodentes. Dadurch kam 
es denn auch, dass nicht leicht einer dieClasse verlies, ohne die Odys- 
see ganz gelesen und sich eine gute Sammlung schriftlicher Bemerkun- 
gen aus seiner Privatlectüre angelegt zu haben. Um so mehr musste 
ich es beklagen, dass der (jetzt bereits verstorbene) Lehrer, welcher 
die Schüler von mir empfing, um mit ihnen die Uiade zu lesen, so ver- 
fuhr, als ob jene im Homer noch gar Nichts gethan hätten, dass er 
von Neuem die Formen durchnahm und nun mit ermüdender Langsam- 
keit vorwärts ging, so dass die Schüler, wenn sie nach Prima aufge- 
rückt waren, erst wieder die Freude am Homer gewinnen mussten. Ich 
sage dies nicht — wie Jeder, der mich kennt, wissen wird — um jenen 
wackern Mann zu verunglimpfen, aber Alle, die mit ihm amtlich zu thun 
gehabt haben, werden auch wissen, wie schwer, ja fast unmöglich es 
war, ihn für eine neue pädagogische oder didaktische Idee zu gewinnen. 
Auf anderen Schulen habe ich nun wohl das Gegentheil wahrgenommen, 
man liest sehr viel und sehr rasch vom Anfange an, wieder auf andern 
möchte man schon in Quarta den Homer zu lesen anfangen, wie Hum- 
mel in einem Göttinger Programm vom Jahre 1842 vorgeschlagen hat, 
oder nach Baum garte n-Crusius (Briefe über Bildung in Ge- 
lehrtenschulen. S. 78) die zwölf- oder vierzehnjährigen Knaben in die 
Schule des Vater Homer schicken — kurz, es giebt da eine grosse An- 
zahl von Streitfragen , in deren Besprechung und Lösung ein Mann von 
Hrn. K r ü g e r's Erfahrung die erw ünschteste Beschäftigung finden 
würde. 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 319 

wollen. Er kann durchaus keinen principiellen Gegensatz zwischen 
beiden Leetüren anerkennen, wohl aber wünscht er in Uebereinstiinmung 
mit drei von ihm auf S. 6 und 7 angeführten erfahrenen Schulmännern, 
Rauchenstein, Peter und einem Ungenannten in Berlin, dass von da ab, 
wo der Schüler über die Elemente hinaus ist und wo es darauf ankommt, 
ihn durch die Leetüre dieser Schriftsteller in das classische Alterthum 
selbst einzuführen , eben diese so rasch als thunlich von Statten 
gehe, indem ihn die Erfahrung belehrt hat, wie sehr dadurch das Inter- 
esse für die Sache selbst bei den Schülern geweckt und belebt wird. 
Wir finden, sagt er, das Tempo in jedem einzelnen Falle bedingt durch 
die Beschaffenheit des jedesmaligen Objects der Lectiire, sowie der 
Subj ecte, mit denen der Lehrer es zu thun hat. Wem es aber als 
Lehrer an dem richtigen Tacte fehlt, um mit Leichtigkeit zu erkennen, 
was für ein Schritt in dem einzelnen Falle der Sache und dem Bedürf- 
niss seiner Schüler gemäss sei , dem ist am Ende auch nicht durch all- 
gemeine Vorschriften zu helfen." Das sind sehr wahre Worte, welche 
uns an des alten Joh. Matth. Gesner mit gutem Humor und praktischer 
Weisheit geschriebene Vorrede zur Leipziger Ausgabe des Livius vom 
Jahre 1735 erinnern, die späterhin in den Opuscul. Minorib. varii argum. 
Vol. VII. p. 290 — 307 abgedruckt worden ist. Wir wissen nicht, ob Hrn. 
Kö'chly diese Abhandlung bekannt war, aber er hat unmöglich die Nach- 
theile der zerhackten und zerstückelten Leetüre anschaulicher schildern 
können, als der wackere Gesner dies in seinem köstlichen Latein gethan hat. 
Hieran schliesst sich der dritte Paragraph, über die Vertheilung 
der Leetüre der classischen Autoren zwischen einem Dichter und einem 
Prosaiker in jeder Sprache, um dadurch eine grössere Concentrirung zu 
erhalten. Diese Absicht kann nur belobt werden ; weniger übereinstim- 
mend sind die Urtheile über die Art der Ausführung, namentlich ob man 
nicht lieber einen Zeitabschnitt lang blos einen Schriftsteller nach ein- 
ander als zwei oder drei nebeneinander lesen soll. Die Eigen- 
thümlichkeit der Vorsteher der gelehrten Anstalten , an denen ich gear- 
beitet habe, hat mir nicht gestattet eine praktische Erfahrung hierüber 
geltend zu machen , aber der Idee nach bekenne ich mich gern zu den 
Ansichten des Hrn. Peter in der Jen. Allg. Litt. Zeitung 1847. Nr. 52 
und unsers Hrn. Verfassers, der bezeugt, dass dadurch ein sehr gestei- 
gertes Interesse der Schüler hervorgerufen sei, es müsste denn der Leh- 
rer selbst durch eine ungeschickte Behandlungsweise dieses Interesse er- 
tödten. Und nun folgen diese lesenswerthen Worte : „Dass dieser Fall 
wirklich hin und wieder vorkomme, dürfen wir leider nicht bezweifeln; 
und wohl möge auch der geübteste und gewissenhafteste Lehrer hierge- 
gen auf seiner Hut sein, dass ein Schriftsteller überhaupt oder in einzel- 
nen Partien den Schülern nicht zusagt und sie nicht zu fesseln weiss 

die Schuld daran liegt nicht immer an dem Schriftsteller oder an dem 
Schüler. — Was wir meinen , das bedarf für Den , der einige Schuler- 
fahrung hat, keiner weiteren Auseinandersetzung. Ein Lehrer aber 
welcher sich in diesem Zweige seiner Lehrthätigkeit selbst zu beobachten 
gewohnt ist, wird da, wo er die Schuld in sich selbst findet, sie nicht 
/V. Jahrb. f. Phil. u. Paed. od. Kril. Bibl. Bd. LV. Hft. 3. 21 



320 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

ausser sich zu suchen bemüht sein. Tag und Stunde sind für kein Ge 
schäft gleich günstig, am wenigsten für Geschäfte des Geistes, wie die 
des Unterrichtes." (S. 8.) Um solcher möglichen Missverhältnisse wil- 
len und um dem Lehrer mehr freie Hand zu geben, verlangt der Hr. 
Verf. nur Ausdehnung der Leetüre des gelesenen Schriftstellers auf eine 
Stundenzahl, welche geeignet ist, grössere Stücke desselben rasch hin- 
ter einander und mit so wenig Zersplitterung als möglich zu absolviren. 
Demnach könnten füglich auch der zu lesende Dichter und Prosaiker in 
den der Leetüre gewidmeten Stunden mit einander abwechseln, wenn 
nur darauf Bedacht genommen wird, diese Abwechselung erst nach Ab- 
solvirung solcher Prosa eintreten zu lassen. In der Anmerkung (S. 8) 
begegnet der Verfasser einem Einwurfe , der in unseren Jahrb. Bd. 52. 
Heft 1 erhoben ist. Der ungenannte Referent hatte nämlich behauptet, 
es sei eine solche Concentrirung gar nicht vereinbar mit den bestehenden 
Gesetzen über die Maturitäts-Prüfung (in welchem Lande?) und es sei 
nicht möglich, dass, wenn ein halbes Jahr nur Horatius und Tacitus ne- 
ben einander gelesen worden , der lateinische Stil dabei gewinnen könnte. 
Hr. Krüger macht dagegen geltend, dass, selbst wenn der Stil der 
Schüler bei der Abiturienten-Prüfung etwas weniger ciceronische Farbe 
tragen sollte, dies nicht mit den allgemeinen Forderungen des preussi- 
schen Prüfungs-Reglements im Widerspruche sei; andererseits aber wird 
bei dieser Einwendung gerade diejenige Seite des philologischen Unter- 
richts auf den Gymnasien zur Hauptsache gemacht und Das als Mit- 
telpunkt desselben hingestellt, was jedenfalls dazu weniger berechtigt 
ist als die den Gymnasiasten zu verschaffende Vertrautheit mit den 
Schätzen der classischen Litteratur selbst. In dieser Angelegenheit hat 
sich Hr. Krüger aus voller Ueberzeugung von der Gerechtigkeit der 
Sache auf die Seite des Hrn. Köchly gestellt, der bereits viele rüstige 
Kampfgenossen gefunden hatte. 

Nun habe ich mich vor neun Jahren im ersten Excurse hinter Nie- 
buhr's Brief an einen jungen Ph ilolo gen (S. 165 — 171) aus- 
führlich über die Nothwendigkeit geäussert, dass den vorgerückten 
Schülern ein Schriftsteller, und zwar Cicero, als Muster und Vorbild im 
Lateinschreiben vorgehalten werden müsste. Ich bleibe auch in der 
Theorie fortwährend dieser Ansicht treu, sehe aber, wie die Sachen jetzt 
liegen, bei dieser Nichtachtung eines guten lateinischen Stils im Allge- 
meinen, bei der so höchst ungerechten Abneigung gegen Cicero, die un- 
seren Schülern von mehreren Seiten her — und auch einzelne Lehrer 
sind hier nicht frei — beigebracht wird , endlich bei den thatsächlichen 
Betrügereien, welche bei der Anfertigung schriftlicher Prüfungsarbeiten 
mit halb Ciceronianischen , halb Muretischen Anfängen und anderen uner- 
laubten Hiilfsmitteln trotz scharfer Bewachung getrieben wird — ich 
sage , ich sehe nicht ein , wie jener Anforderung eines Ciceronianischen 
Stils wirklich nachzukommen sein wird. Ich sage dies mit wahrer Be- 
trübniss über eine solche Erscheinung im classischen Unterrichte, aber 
ich glaube nicht zu viel gesagt zu haben. Dagegen wird nun jene Ver- 
trautheit mit den classischen Mustern , um welche wir die Engländer 



Bibliographische Berichte und kurze Anzeigen. 321 

gewöhnlich beneiden, durch den unmerklichen, aber grossen EinHuss 
guter Muster in einer cursorischen Leetüre wahrscheinlich mit einem 
besseren Erfolge erreicht. Wir erinnern uns zunächst hierbei an die 
geistvollen Worte, welche Cicero (de orat. II. 14, 60) dem M. Antonius 
in den Mund gelegt hat: ut , quum in solc ambulem, ctiamsi ob aliam 
causam ambulem, fit natura tarnen ut colores,sic, quum Graeco- 
rum libros studiose legerem, sentio orationem m cum illorum tactu 
quasi color ari. Und Gesner schreibt a. a. O. S. 300 und 301 
gleichsam einen Commentar hierzu in folgenden Worten : haec sane una 
lectio est ad vitam utilis , quac animum consilio äuget et rebus privatim 
et publice gerendis facit ajitiorem: haec solafacit, ut et ipsi tum die er e 
discamus non incommode tum scribere et e nobis proferre aliquid, quod 
placere atque aetatem jyerferre possit. lluc igitur, huc animum ap- 
plied , quieunque ultra prima clementa atque tirocinia processit: huc dedu- 
cant iuventutem qui possunt, in hoc eam studio crebris interpellationibus, 
interrogationibus , obiectionibus , disputationibus adiuvent; tantum se pro- 
fecisse unusquisque sciat, quanto sibi laetius feliciusque procedere hoc le- 
ctionis genus animadverterit. 

Der vierte Paragraph enthält zwei aus der besten Lehrerpraxis 
hervorgegangene Bemerkungen. Die eine ist die des Hrn. Peter a.a.O., 
dass es sehr zweckmässig sei und von grosser Wichtigkeit für die Be- 
lebung des Interesses an der Leetüre, wenn der Lehrer sich nicht gerade 
nach Capiteln und Paragraphen richtet, die bekanntlich oft sehr wenig 
passende Abschnitte bilden , sondern die zu lesende Schrift gleich zum 
Anfange eines halben Jahres in Abschnitte theilt, deren jeder für eine 
Stunde passt. Herr Krüger ist hiermit einverstanden, besonders 
weil durch Erweiterung der zur Leetüre bestimmten Zeit auf zwei Stun- 
den oder jedenfalls auf mehr als eine Stunde an jedem Tage die lästigen 
Recapitulationen und Fragen am Anfange einer jeden Stunde wegfallen. 
In der Anmerkung auf S. 9 erwähnt er, wie er in der Prima seines Gym- 
nasiums bereits seit einer Reihe von Jahren, ganz im Sinne des preussi- 
schen Ministerial-Rescripts vom 24. October 1837, welches einen Ge- 
genstand zwei Stunden hintereinander zu behandeln em- 
pfiehlt, vorgeschritten sei. Er hat nämlich die von ihm selbst der 
Leetüre der classischen Schriftsteller zu widmenden Stunden so angesetzt, 
dass derselbe Schriftsteller häufig in mehreren Stunden desselben Tages 
und gleich mehrere Tage hintereinander gelesen wird , und alle Ursache 
gehabt, mit dem Erfolge dieser Einrichtung, sowohl was das Interesse 
seiner Schüler an der Leetüre als was den Fortschritt in derselben be- 
trifft, zufrieden zu sein. Derselbe Versuch ist nicht ohne Erfolg auf 
dem Obergymnasium zu Braunschweig auch mit den geographischen , hi- 
storischen und mathematischen Lectionen gemacht. Die Einrichtung 
dürfte nachahmungswerth sein , namentlich auf solchen geschlossenen An- 
stalten, wo, wie z. B. in der Landesschule Pforta, durch die sonst so 
wichtigen und erspriesslichen Studientage oder andere Beschäftigungen 
wie sie in dem Kreise solcher Anstalten herkömmlich sind , der ununter- 
brochene Fortgang der öffentlichen Lectionen gehemmt wird und der 

21* 



322 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

Lehrer erst oft nach mehreren Tagen zu seinem früheren Pensum zurück- 
kehren kann, wo dann viel Zeit mit dem Wiederholungen hingebracht 
werden muss. 

Der fünfte Paragraph enthält das Abbild eines sehr fehlerhaften Ver- 
fahrens bei der cursorischen Leetüre aus der Mittheilung des bereits 
mehrmals angeführten Berliner Schulmannes. 

Vom sechsten Paragraphen an beschäftigt sich Hr. Krüger mit 
der Beantwortung der Fragen : „was ist behufs der Leetüre von dem Schü- 
ler theils vor derselben, als Präparation, theils während, theils nach 
derselben zu thun, um möglichst rasch und sicher den Gewinn davon zu 
tragen, welchen die Leetüre ihm gewähren soll? und wie hat der Leh- 
rer ihn dabei zu unterstützen? 1 ' Unser Verfasser verbreitet sich hierbei 
zuerst über die so häufigen Missgriffe und die Art der Präparation , wel- 
che nur eine Fingerfertigkeit im Gebrauche des Lexicons erzeugt und 
daher endlich einmal abgestellt werden sollte (S. 11 £.)., und stimmt so- 
dann dem Vorschlage des Hrn. A. W. L. Jacob (in der Zeitschrift für 
das Gymnasialwesen 1847. Hft. 2) bei, dass es ohne Nachtheil für die 
Gründlichkeit, ja mit entschiedenem Gewinn und gutein Erfolge gesche- 
hen werde , wenn bei dem Anfangsunterrichte im Lateinischen an den 
Schülern gar keine Vorbereitung auf die Lehrstunden verlangt wird 
(S. 12. 13). Dagegen legt er seine Bedenken gegen den andern Vor- 
schlag desselben Gelehrten, der eine Reihe von Jahren mit der Aufsicht 
über das gelehrte Schulwesen im Grossherzogthum Posen beauftragt war, 
auf S. 14 f. dar. Denn Hr. Jacob verlangt auch für die oberen Classen 
in der Regel keine Vorbereitung , indem diese bei dem Wunsche des Schü- 
lers, rasch zu lesen, doch nur ungenügend ausfallen könnte: es sei ein um 
so entschiedeneres Gewicht auf die Wiederholung zu legen. Ohne natür- 
lich den grossen Nutzen der letzten zu verkennen, erklärt doch Hr. 
Krüger, dass geistig regsamen, tüchtigen Schülern die Vorbereitung 
schon Freude mache und dass es ihm nach seinen Schulmannserfahrungen 
wie ein Paradoxon klinge , dass von der Abschaffung der Vor- 
bereitungen ein reeller Gewinn für die Belebung das In- 
teresse bei der Leetüre zu erwarten sein solle. Daher 
bleibt er dabei: Vorbereitungen, mit gehörig abgemessenen An- 
sprüchen an dieselben und mit der erforderlichen Anleitung durch erklä- 
rende Ausgaben ausser der Grammatik und dem Wörterbuche, gelten als 
Regel; Verzicht leistung auf dieselbe als Ausnahme, oder 
wenigstens verbinden wir Beides nach Befinden der Umstände mit ein- 
ander, etwa so wie statarische und cursorische Leetüre, die nicht nach 
einzelnen Lehrstunden oder Schriftstellern , sondern nach dem jedesmali- 
gen Bedürfniss eintritt. Wir müssen hierbei uns nach unseren Erfah- 
rungen für Hrn. Krüger's Ansicht erklären, der mit Recht auf die Auto- 
rität eines viel erfahrenen Mannes und wärmsten Freundes der Jugend, 
Fr. Jacobs, ein bedeutendes Gewicht gelegt hat. Ohne von der Ju- 
gend in den Gymnasien alles Schlechte glauben zu wollen , was ihr man- 
che strenge Richter aufzubürden geneigt sind , so meinen wir doch mit 
voller Ueberzeugung, dass ausser dem wissenschaftlichen Nachtheile auch 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 323 

eine sittliche Schlaffheit die Folge jener Nichtforderung von Präpa- 
rationen sein würde, wodurch bei einer nicht geringen Anzahl von 
Schülern die Liebe zu den Classikern offenbar geschwächt werden dürfte, 
ja es möchte wohl manche geben , die in der Befreiung von der Präpara- 
tion die Anfänge eines gänzlichen Aufhörens des classischen Unterrichts 
zu erblicken wähnten. Und Das nun gerade jetzt, in einer Zeit , wo die 
Jüngeren ohnehin schon jede Fessel abwerfen wollen , wo sie nur Rechte 
zu haben meinen , aber keine Pflichten anerkennen , wo ■ — um ein Bei- 
spiel anzuführen — die Primaner einiger schlesischen'Gymnasien bei dem 
Minister der Geistlichen Angelegenheiten auf die Abschaffung des Abitu- 
rientenexamens angetragen haben. Aber nicht blos ietzt, nein, zu allen 
Zeiten wird der Jugend eine vernünftige Beschränkung und ein nicht 
unbilliges Maass an geforderten Obliegenheiten zum wahren Heile ge- 
reichen. Al ugiGtca doY,ov6ui tivcti cpvotig (iccliorcc naiSsiag Siovxui — 
ein wahrer Spruch des Socrates in Xenophon's Memorab. IV. 1, 3. 

Per Hr. Verf. wendet sich sodann zu dem Verfahren des Leh- 
rers wie des Schülers in der Lehr stunde. Zuerst Hess es sich 
nicht anders erwarten, als dass er dem Bedürfnisse des Schulunterrichtes 
gemäss darauf dringen würde, wie auch der würdige Veteran Föh- 
lisch im ersten Bande seiner Schulscliriften S. 203 ff. gethan hat, die 
Schüler zu einer fortdauernden Selbstthätigkeit zu veranlassen , so dass 
des Lehrers Geschäft bei der Erklärung grösstenteils in einer Prü- 
fung und in einer Ergänzung Desjenigen besteht, was auch bei der ge- 
wissenhaftesten Vorbereitung immer noch mangelhaft geblieben sein wird. 
Aber neu ist seine Bemerkung (S. 16), den Text des Schriftstellers nicht 
vor der Uebersetzung lesen zu lassen, sondern erst nach derselben, wo- 
durch Zeit gewonnen wird, ganz besonders aber die Auffassung des In- 
haltes gewinnt, besonders in sprachlicher Hinsicht, weil ein liesen mit 
vollkommenem Ausdrucke doch nur bei vollkommenem Verständniss des 
Textes möglich ist. Die weiteren Erörterungen über das Verfahren in 
den Lehrstunden beabsichtigen namentlich vor dem Abwege zu warnen, 
wo zu viel von den Schülern in den Stunden aufgezeichnet wird und die 
Fingerthätigkeit die geistige Thätigkeit überwiegt. Hr. Krüger ver- 
wirft natürlich einzelne Aufzeichnungen nicht und auch wir haben häufig 
bemerkt, wie nützlich solche fleissigen Schülern bei ihrem Fortstudium 
geworden sind, er will nur keine stattlichen Hefte haben, kein fortge- 
setztes Nachschreiben oder gar Dictiren — wenn dies noch auf Schulen 
vorkommen sollte. Der letzte Abschnitt handelt von der häuslichen Wie- 
derholung und verbreitet sich namentlich über die schriftlichen Ueber- 
setzungen. Sie werden bei den Anfängern vorzugsweise die Einübung 
der grammatischen Regeln bezwecken , nicht aber zu weit über alle 
gelesene Stücke ausgedehnt sein müssen, bei den weiter fortgeschrit- 
tenen Schülern aber zu dem möglichsten Grade stilistischer Cor- 
reetheit gebracht werden und daher, damit nicht dem Schüler eine 
ungewöhnliche Anstrengung zur Last falle, mit der Leetüre selbst 
nicht immer gleichen Schritt halten können. Hierbei gedenkt 
Hr. Krüger eines Rescripts des Grossherzogl. Hessischen Oberstudien- 



324 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

rathes vom 30. August 1834 (Suppl. zu unsern NJahrbb. Bd. III. H. 2. 
S. 305), in welchem von den Schülern verlangt wird, dass ihre schrift- 
lichen Uebersetzungen ,,zu möglichst vollendeten Producten einer kunst- 
gerechten Uebersetzung" gesteigert und insbesondere auch die metrischen 
Formen der Alten „treu und geistvoll" nachgebildet werden sollten. 
Der Verf. aber entgegnet mit dem vollsten Rechte, dass man solche For- 
derungen schwerlich an alle Schüler geltend machen dürfe: wir möchten 
hinzusetzen , dass man dergleichen Arbeit blos in das Belieben ihrer freien 
Thätigkeit stellen möge. Denn, wie viel auch die Behörden in verschie- 
denen deutschen Staaten gegen die übertriebene Schreibarbeit bei den 
"Wiederholungen geeifert und verfügt haben, so geschieht doch bis auf 
den heutigen Tag noch Vieles, was für die Jugend eigentlich vom Uebel ist. 
Denn diese mathein. Aufgaben und Ausarbeitungen, diese geogr. oder natur- 
hist. schriftl. Wiederholungen, diese Hefte über Geschichte oder — was uns 
immer das Auffallendste gewesen ist — über Religion werden noch immer 
geschrieben und helfen sehr wenig, verderben die Zeit (bei den Kleineren 
auch die Handschr.) u. sind eine fruchtbare Saat von Betrügereien der Lehrer. 
Fuger e pudor verumque fidesque 
In quorum subiere locum fraudesque dolique. 
Der siebente und letzte Paragraph beschäftigt sich mit den Hülfs- 
mitteln der Schüler für die Präparation und die Wiederholung. Wir 
freuen uns auch hier der Uebereinstimmung mit unserm Hrn. Verf. , der, 
sich wiederum auf eigene Erfahrung und auf die wiederholten Urtheile 
des Praeceptor Germaniae , Friedrich Jacobs, stützend (S. 20), es 
für höchst wünschenswerth und erspriesslich hält, dass die Schüler mit 
zweckmässig abgefassten Anmerkungen versehene Ausgaben benutzen. 
Und in der That, wozu haben denn Männer wie Jacobs, Held, Stall- 
baum, Kuhner, Schöne, Menke, Tischer und Andere — um der 
umfänglicheren Arbeiten eines Rost und Heindorf nicht zu erwähnen 
— ihre Ausgaben classischer Schriftsteller erscheinen lassen, wenn nicht 
dieser Reichthum unseres Zeitalters für die wissenschaftliche Bildung der 
Jugend*) wirklich unter sie kommen sollte, statt unbenutzt auf den Lagern 
der Buchhändler zu verstocken. Indessen ist hier, wie auch von Hrn. K., 
mit Berufung auf andere Gelehrte angedeutet wird, noch viel Verdienst 
übrig, und manche der gelesensten Schriftsteller — wir erinnern nur an 
die homerischen Gedichte, an die Aeneide, an Plutarch's Biographien, 
an Cicero's Verrinische Reden — ermangeln noch einer tüchtigen Aus- 
stattung für den Schulgebrauch. 

Wir ersehen mit Vergnügen aus dem Schlüsse unserer Abhandlung, 
dass Hr. Krüger im nächsten Osterprogramm diesen Gegenstand für 
weitere Erörterungen wieder aufnehmen will, und freuen uns des guten 
Muthes, mit welchem er in unserer stürmischen Zeit, die allen besonne- 
nen Forschungen den Krieg angekündigt hat, den Kreis seiner amtlichen 
Verpflichtungen überschaut. 

*) Wir erinnern hierüber an eine treffliche Betrachtung des wa- 
ckern Schweizers Hochart in seinen Reden und Abhandinngen 
pädagogischen Inhalts, Nr. XV. 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 325 

Der Bericht über die Sdiulnachrichten wird unstreitig anderwärts 
besprochen werden. Wir wollen nur das Eine herausheben , was wir 
auch schon in den früheren Braunschweigischen Programmen alles Lobes 
werth erachtet haben, dass die Vermehrung der Schulbibliothek in einer 
sehr zweckmässigen, die verschiedenen Bedürfnisse eines Gymnasiums 
umfassenden Weise geschehen ist. 

Halle. K. G. Jacob. 



Die Reform und die Stellung tinserer Schulen. Ein philo- 
sophisches Votum von Dr. Eduard Bcncke, Prof. an der Universität zu 
Berlin. Berlin, 1848. Mittler und Sohn. (76 S. 8.) Der Name des 
um die Pädagogik so verdienten Hrn. Verf. macht es zwar eigentlich über- 
flüssig, auf seine Schrift alle Diejenigen, welche sich für das Schulwesen 
interessiren, aufmerksam zu machen; da es indess für Denjenigen, wel- 
cher öfters seine Stimme über die wichtigen , die Gegenwart durchzucken- 
den Fragen abzugeben hat, eine Pflicht ist, zu zeigen, dass er die An- 
sichten der bedeutendsten Männer gewissenhaft kennen gelernt, geprüft 
und benutzt hat, auf der andern Seite aber auch manchem unserer Leser 
in der gegenwärtigen stürmischen Zeit es an Gelegenheit und Müsse 
fehlen dürfte, die Schrift selbst zu lesen und durchzumachen, so unter- 
zieht sich Ref. gern einer Anzeige derselben. Unnöthig wird es sein, 
den Standpunkt zu bezeichnen, welchen der Hr. Verf. in der Philosophie 
und namentlich in der Psychologie einnimmt ; es kann nur darauf ankom- 
men , die von ihm darauf gebauten Schlüsse und deren Resultate kennen 
zu lernen. Die Schrift zerfällt in fünf Abtheilungen, von denen die erste 
als Einleitung zu betrachten ist. Mit vollstem Rechte geht hier der Hr. 
Verf. von der Ueberzeugung aus, dass alle die gegenwärtig erstrebten 
socialen und politischen Reformen, so nothwendig sie seien, dennoch nie 
die rechte Weihe und den rechten Erfolg gewinnen können, wenn die 
Umgestaltungen nur aus allgemeinen Ideen hergenommen werden, wenn 
nicht beseelend und raaassgebend der rechte Geist hinzukomme , also wenn 
nicht die auf Hebung der Volksbildung gerichteten Bestrebungen hinzu- 
treten. Wohl erkennt er an , dass seit den letzten achtzig Jahren in die- 
ser Hinsicht viel Gutes geleistet worden sei , er betrachtet die endlich 
allgemein gewordene Ueberzeugung, dass der Unterricht zugleich erzie- 
hend wirken müsse, als einen wichtigen Gewinn; aber er folgert aus den 
immer wiederholten politischen und socialen Krisen mit Recht , dass eine 
gesunde sociale und politische Bildung noch nicht erzielt sei , und weist 
auf die so weit auseinander gehenden Ansichten und Pläne über Volks- 
erziehung als auf den Beweis , wie weit man noch vom Ziele entfernt 
sei, hin. Auch darin wird ihm wohl Jeder beistimmen, dass die Ergebnisse 
der umfassenderen und tiefer dringenden Wissenschaft mehr als bisher 
zur Entscheidung der pädagogischen Streitfragen in Anwendung gebracht 
werden müssen, zumal da er sogleich zugesteht, dass sich die Wissen- 
schaft nicht anmaassen dürfe, Alles in Allem sein zu wollen, vielmehr die 
theoretische und die praktische Beurtheilung sich die Hand zu reichen 



326 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

haben. Als Zweck seiner Schrift bezeichnet er demnach den: die mehr 
aus dem Gesichtspunkte des Praktikers ausgeführten Bearbeitungen durch 
eine Orientirung an den tieferen geistigen Grundlagen zu ergänzen, und 
zwar beschränkt er denselben dann enger auf die Streitfragen, ob und in 
weicher Art die Schulen zusammen oder auseinander zu halten seien, und 
zwar zuerst unter sich und dann mit den kirchlichen Institutionen und 
Staatsbehörden. Um die Ansichten des Hrn. Verf. über den ersten 
Punkt kennen zu lernen, müssen wir den Inhalt der drei folgenden Ab- 
schnitte : II) Auseinandertreten der Volksbildung der Art nach, III) Grad- 
abstufungen für die Volksbildung , und IV) Einheit und Umfang der 
Schule zusammennehmen. Nachdem der Hr. Verf. zuerst die Pläne, un- 
sere Schulen in Berufsschulen umzugestalten, zurückgewiesen und als 
Aufgabe derselben nicht die materielle , sondern die formelle Bildung oder 
bestimmter die Ausbildung der geistigen Kräfte bezeichnet hat, scheidet 
er die Berufsgattungen in solche, welchen die Auffassung, Beurtheilung 
und Behandlung der Seelenwelt, und in solche, denen die Auffassung, 
Beurtheilung und Behandlung der materiellen Welt Aufgabe ist, und in- 
dem er nun diese beiden Welten charakterisirt als nicht blos den Vor- 
stellungen nach durchaus von einander verschieden, so dass mit Ausnahme 
weniger, auf sehr grosser Höhe der Abstraction liegender keine einzige 
Vorstellung beiden gemeinsam ist, sondern auch als den Geisteskräften 
nach auseinander liegend, so dass keine einzige Geisteskraft, kein ein- 
ziges Talent, welche für die Auffassung, Beurtheilung und Behandlung 
der einen Welt geeignet sind, zugleich für die der andern befähigen, und 
sich weiter auf den in seiner Psychologie ausführlicher behandelten Satz 
stützt, dass die Bildung aller Geisteskräfte jedesmal nur so weit reicht, 
als der Bewusstseinsinhalt Desjenigen geht, an welchem sie erworben 
worden sind, als dieser in dem nun als Aufgabe Gestellten der gleiche 
oder doch so weit ein ähnlicher ist, dass das Frühere theilweise in die 
neuen Acte als Grundlage eingehen kann, erklärt er sich aufs Entschie- 
denste gegen die Ansicht Derer, welche die Naturwissenschaften zur 
alleinigen Grundlage der Bildung machen wollen, weil durch sie keines- 
wegs die Geisteskräfte gebildet werden, welcher Derjenige bedarf, des- 
sen künftiger Beruf auf der Seite der Seelenwelt liegt (allerdings räumt 
der Hr. Verf. S. 17 Anm. ein, dass sich zwischen den Sprachen und den 
Naturwissenschaften ein gewisses Hinüberwirken in Betreff der formalen 
Gleichheit geltend machen, die Vollkommenheit, mit welcher die mate- 
rielle Welt aufgefasst worden , zur regelnden Musterform und zum Sta- 
chel für gleiche Auffassung der seelischen werden könne , aber er be- 
zeichnet diese Hinüberwirkung als in enge Gränzen eingeschlossen und 
durch das Hinzukommen von andern Mitwirkungen bedingt) und behaup- 
tet, dass es Unterrichtsanstalten, welche zur Wirksamkeit auf die mate- 
rielle Welt befähigen , uud zwar durchaus selbstständige, diesen gegen- 
über aber eben so andere, welche für die Wirksamkeit auf die Seelenwelt 
befähigen , geben müsse. Für diese letzteren hält er, weil die Kenntniss 
der Seelensachen für die in jener Richtung zu Bildenden die werthvollern 
und zugleich die rechten sind, an welchen die Kräfte geübt werden 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 327 

können, als Grundlage den Sprachunterricht fest. Für einen lächerlichen 
Jrrthum erklärt er die Meinung, dass der »Sprachunterricht nur auf Fir- 
men und Namen gehe, da die Sprache durch und durch Reflex von See- 
lenproducten sei, also vermöge der Sprachdarstellungen die ihnen zu 
Grunde liegenden Seelenproducte zur Aneignung und Verarbeitung kom- 
men. Die Forderung, dass die in der Richtung auf die Seelenwelt zu 
bildenden Schüler schon früh von den übrigen gesondert werden, stützt 
er zunächst darauf, dass nur dadurch es möglich werde, den bezeichne- 
ten Bildungszweck mit voller Entschiedenheit und in stätiger Spannung 
zu verfolgen , den Schüler durch eine hinlängliche Reihe von Seelenpro- 
dueten hilldurchzuführen ; dies aber erklärt er für um so mehr noth- 
wendig, weil, wenn auch die Aufgaben der materiellen Welt gegenüber 
in der neueren Zeit noch so sehr gesteigert sein möchten, bei den der 
Seelenwelt gegenüber vorliegenden dasselbe gewiss in noch höherem 
Grade der Fall sei. Deshalb hält er auch eine methodische Verinnerli- 
chung und Vergeistigung des Sprachunterrichtes , wie der übrigen gleich 
ihm auf die Seelenwelt sich beziehenden, d. h. des Unterrichts in der 
Religion, Moral und Geschichte, in lebendig gegliederter Abstufung, so 
eingerichtet, dass die Beschäftigung mit den Sachen zugleich die voll- 
kommenste Bildung der Kräfte und Talente ergebe , in der gegenwär- 
tigen Zeit recht eigentlich für das Eine, was Noth thue, ein Nachlassen 
in der Aufgabe der Gymnasien aber für ganz unstatthaft. Für sie, er- 
klärt er, müsse die Richtung auf die Seelen weit nicht allein festgehalten, 
sondern auch vermöge einer vollkommeneren methodischen Ausbildung 
eine grössere Sicherheit des Erfolges gewonnen werden, damit der krank- 
hafte Charakter, den die Bildung unserer Zeit unverkennbar an sich 
trage, überwunden und die Irrlehren, welche aus der liederlichen Auf- 
fassung der Seelenwclt hervorgegangen, beseitigt würden; dies sei den 
durch den gegenwärtigen Umschwung eingetretenen ohne allen Vergleich 
schwierigeren Verhältnissen gegenüber die pädagogische Aufgabe, die 
zum Regiertwerden Bestimmten so auszubilden , dass sie sich freiwillig 
aus Hochachtung für höhere Bildung den zum Regieren Bestimmten unter- 
ordnen , diese aber so, dass das geistige Höhersein und ihre Berechtigung 
zum Regieren nicht zu verkennen sei. Wenn so im zweiten Abschnitte 
der Hr. Verf. eine Trennung nach dem Aussereinanderliegen der Berufs- 
gattungen und der hierdurch bestimmten Bildungsaufgaben , so wie der zu 
deren Lösung wesentlichen Bildungsprocesse für nothwendig erklärt, so 
erkennt er im 3. Abschnitte an, dass die Individuen, welche die beiden 
Arten von Bildung erhalten sollen, und in Folge davon also auch die im 
Interesse jener zu errichtenden Bildungsanstalten nicht ausser einander 
liegen, dass vielmehr beiderlei Bildung für alle Individuen, aber in ent- 
schiedenen Maassverhältnissen erforderlich sei. Er verlangt deshalb 
einerseits für die Volksschule, dass der Unterricht in der Sprache und in 
der Religion nicht blos für ein kümmerliches Anlernen, sondern geistbil- 
dend ertheilt werde, und findet in der stetig fortschreitenden Befriedi- 
gung dieser Forderung allein eine Gewähr für eine stätige Steigerung 
der Gesammtbildung, andererseits sieht er es für eben so begreiflich an, 



328 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

dass den zur Wirksamkeit auf die geistige Welt Bestimmten die mate- 
rielle Welt nicht fremd bleiben dürfe. Indem er nun den Kreis der ver- 
schiedenen Anstalten näher bestimmt, stellt er zuerst für die Gymna- 
sien die Herbeiziehung der alten Sprachen und der alten Geisteswelt 
überhaupt als eine durchaus unentbehrliche Sache dar, weil durch die- 
selben der Blick des jungen Mannes zur Universalität des Musterhaften 
erweitert und ihm die tiefsten Grundgesetze und Grundformen der seeli- 
schen Naturentwickelung aufgedeckt werden; die Hauptaufgabe des 
Gymnasium sei ohne die Griechen und Römer gar nicht zu lösen, und weil 
Alles, was die modernen Sprachen hierfür bieten, von einem zu weit 
liegenden, zusammengesetzten, verwickelten und dabei zu reflectirten 
Charakter sei, so müsse für die Jugend jene elementarisch durchsichti- 
gere Bildung vorangehen, ganz in Uebereinstirainung damit, dass sie die 
klassische Jugendbildung der Menschheit sei, durch welche hindurch 
allein die Menschheit im Stande gewesen, sich zu der männlich reiferen 
Bildung zu erheben, deren wir uns gegenwärtig zu erfreuen hätten. Die 
Volksschule weiter bedarf nach dein Hrn. Verf. keiner fremden Spra- 
che, für die höhere Bürgerschule werden die Naturwissenschaften 
und die neueren Sprachen als eigentliche Bildungselemente bezeichnet. 
Schwieriger erscheint ihm die Bestimmung der Volkslehrerschule, 
da die Volkslehrer zur Einwirkung auf die Geisteswelt berufen, aber für 
ihren Zweck doch nicht der Kenntniss fremder Sprachen bedürftig seien. 
Für diese hält er das Studium der Pädagogik, Didaktik, Psychologie, 
Moralphilosophie, Religionsphilosophie und Logik für das geeignete Ma- 
terial. [Weil wir später nicht weiter darauf eingehen können, so bemer 
ken wir, dass diese Ansicht das Hrn. Verf. wohl am leichtesten missver- 
standen werden kann und am meisten auf Widerspruch stossen dürfte.] 
Uebrigens warnt er si'hr entschieden vor überspannten Forderungen, da- 
mit nicht über dem unerreichbaren Besseren das erreichbare Gute ver- 
scherzt werde; nur in allmäliger Steigerung und wie sich in Verbindung 
mit dem allgemeinen Volksleben die bezeichneten drei Momente günsti- 
ger gestalteten, könne in dieser Beziehung eine gedeihliche und Dauer 
versprechende Besserung gewonnen werden. Noch näher bestimmt und 
erläutert werden die ausgesprochenen Ansichten in dem 4. Abschnitte. 
Indem hier der Hr. Verf. nachweist, welche Nachtheile für die Geistes- 
bildung in formaler Beziehung daraus hervorgehen, wenn die Einheit 
nicht allein in Rücksicht auf die Unterrichtsgegenstände, sondern auch 
in Rücksicht auf die Art und Weise, in welcher dieselben behandelt 
werden, einer Schulanstalt mangeln, wenn man in derselben nach äusse- 
ren Zwecken an einander hefte und mische, was man wolle, und das Aus- 
einandertreten der Bildungsanstalten bestimmter also charakterisirt, dass 
in der höheren Bürgerschule für den Sprachunterricht mehr die Fertig- 
keit im Gebrauche der fremden Sprache zu erzielen und auch die übrigen 
Unterrichtsgegenstände, der Vortrag, die Uebung und in Anschluss daran 
die Ausbildung der Talente mehr in der Richtung auf Ausdehnung, Ge- 
wandtheit und Collectivauffassung auszuführen, während im Gymnasium 
die Richtung in die Tiefe hin, zum mehr Elemcntarischcn , mit einem 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 329 

Worte zum Philosophischen festzuhalten sei, begründet er darauf noch 
einmal den Satz, dass die niedere und höhere Volksbildung, die 
Bürgerschule und das Gymnasium, schon früh auseinander zu halten seien, 
wie wünschenswert!) auch sonst ein möglichst ausgedehntes Zusammen- 
halten der Volksbildung sein möge. In Folge davon kann natürlich das 
Streben unserer Zeit, wo möglich Allen zugleich genügen zu wollen, vor 
ihm keine Gnade finden , natürlich kann er in Gymnasien mit Parallel- 
classen nur ein provisorisches Surrogat erkennen. P'ür die Notwendig- 
keit, die Klemer.tarbildung der zu höheren Berufsgattungen Bestimmten 
von der Elementarbildung der Volksschulen zu trennen, wird aber weiter 
auch darauf begründet, dass von Beiden schon aus der Familie eine ganz 
verschiedene Bildung gebracht wird , das Zusammenhalten demnach den 
Unterricht stören und verwirren und eine harte und zwecklose Ty- 
rannei gegen Eltern und Kinder sein würde (vergl. NJbb. LV. 1. S.86). 
Als besonders bedeutsam heben wir heraus, was der Hr. Verf. S. 45 
sagt: „Für die niedere Volksbildung selbst wäre es von Schaden; denn 
es würden durch die unbefriedigten Bedürfnisse nur Spannungen erzeugt, 
welche , weil sie nicht zu ihrer natürlichen Fortentwickelung und Fort- 
bildung gelangen, ein Unnatürliches, Verschränktes, verderbliche After- 
gebilde entstehen lassen. Die Seele ist keine Niederlage, wo man nach 
Gutdünken Dieses und Jenes aufspeichern könnte, auch was allenfalls 
später ungebraucht bliebe, sondern sie ist durch und durch lebendig, 
durch und durch Kraft, und was nicht gesund fortlebt und fortwirkt, 
lebt und wirkt krankhaft fort." Auf den Turnplätzen hält derselbe übri- 
gens die Vereinigung deshalb für zulässig, weil hier der Zweck für Alle 
derselbe sei , obgleich er das Bedenken , welches aus dem von der Fa- 
milie Hergebrachten hervorgeht, sich nicht verbirgt und anerkennt, dass 
die Verschiedenheit der Localität ein verschiedenes Urtheil bedingen 
könne. Bei der Lösung des zweiten mit dem vorhergehenden zusammen- 
hängenden Problems : „wie weit es in Folge der neuerlich eingetretenen 
Bewegungen rathsam, ja nothwendig sein möchte, im Interesse der mo- 
ralisch -politischen Bildung den Umfang unserer Schulen zu erweitern", 
weist der Hr. Verf. zuerst darauf hin, dass für die gemüthliche und mo- 
ralische Erziehung der Unterricht nur wenig zu thun vermöge , stellt 
aber Dem entgegen, dass die Schule eben nicht allein Unterricht sei, 
sondern auch Zusammenleben der Schüler, und dass dies ergänzend auf 
das durch das Familienleben an Gemüth und Moralität Gewonnene wirke, 
woraus sodann , weil das umfassendere Gemeinleben auch umfassendere 
Interessen und Talente erfordere , die Folgerung gezogen wird , dass der 
junge Mensch in ausgedehntere Umgebungen gesetzt werden müsse. Wie 
Dies zu erreichen sei , darüber spricht er sich nicht bestimmt aus. Zwar 
verweist er auf das Beispiel von England, auf die Schulen von Eton, 
Harrow , Rugby, Winchester u. a., fügt aber schon in Rücksicht auf die 
Verschiedenheit der Nationalitäten die Warnung hinzu, nicht übereilt 
und blind die englischen Schuleinrichtungen nachzuahmen. Sehen wir 
nun von denjenigen Theilen der Begründung ab , welche der eigentlichen 
Philosophie des Hrn. Verf. angehören — wobei wir jedoch die Wahrheit 



330 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

der Sätze, auf denen er fusst, vollkommen anerkennen und nur die letz- 
ten und höchsten Prämissen ausser Spiel lassen, — so freuen wir uns, 
das Princip des Gymnasiums hier auf so überzeugende Weise klar und 
bestimmt aufgestellt zu sehen. Die von uns immer ausgesprochene und 
festgehaltene Ueberzeugung , dass der Sprachunterricht das wesentliche 
Bildungselement desselben sei, findet hier die beste Bestätigung, zugleich 
aber wird auch der Weg bezeichnet, den derselbe zu nehmen hat, wenn 
er seinen Zweck erfüllen soll, indem die Auffassung der Seelenwelt, von 
deren Producten die Sprache durchaus Reflex ist, als das Ziel desselben 
nachgewiesen wird. Ref. hat sich mehrmals gegen das Lateinsprechen 
and die Fertigung freier lateinischer Aufsätze erklärt und deshalb gewiss 
bei Vielen das Urtheil über sich gezogen , dass auch er die klassischen 
Studien mit herunterbringen hslfe, während gerade sie zu heben sein 
Zweck ist. Denn eben weil die Erkenntniss der Seelenwelt , wie sie sich 
in der Bildung der Alten gestaltet (die Uebung der Kräfte versteht sich 
dabei von selbst) , ihm als das Ziel gilt, weil aber zu Erreichung des- 
selben einerseits eine umfassendere Leetüre unumgänglich nothwendig, 
andererseits die durch selbstständige Arbeit aus vollem Verständniss der 
Form gewonnene richtige Auffassung des Inhaltes der alten Schriftsteller 
und dessen deutlicher und entsprechender Ausdruck in der Muttersprache 
hinreichend ist, ausserdem aber Fertigkeit im Gebrauche der Sprache 
vom Leben nicht nur nicht mehr gefordert, sondern für eine grosse 
Menge von Fällen geradezu als unmöglich zurückgewiesen ist und dem- 
nach schriftliche Uebung nur so weit sie zur Befestigung der Sprach- 
kenntniss und besserer Durchdringung von Inhalt und Form des Gelesenen 
dient, pädagogisch gerechtfertigt erscheint, hält er die Entfernung des Miss- 
brauches, welcher, wie die Erfahrung bezeugt, noch immer in sehr vielen 
Gymnasieu mit jenen Uebungen getrieben wird, die, in der früheren Zeit ein 
nothwendiges Erforderniss , von vielen Lehrern gedankenlos in die neuere 
Zeit herübergenommen worden sind, als eine wesentliche Bedingung zu 
jener von dem Hrn. Verf. der vorliegenden Schrift für das Eine, was 
Noth thut, erklärten Verbesserung der Methodik des Sprachunterrichts. 
Ganz einverstanden mit dem Hrn. Verf. ist Ref. über den Unterricht in 
den Naturwissenschaften. Nun und nimmermehr kann derselbe den 
Sprachunterricht ersetzen, aber er ist dem Gymnasium nothwendig, weil 
der Einfluss derselben aufs Leben ein unendlich wichtiger ist und weil 
— fügt Ref. hinzu — Kenntniss der Seelenwelt ohne Kenntniss der Na- 
tur immer nur eine einseitige Bildung bleibt, ja die Steigerung, welche 
die Naturwissenschaften in unserer Zeit erfahren haben, macht eine* 
grössere Berücksichtigung dieses Unterrichtes, als früherhin, unerläss- 
lich, aber festzuhalten ist immer, dass derselbe auf dem Gymnasium ein- 
real nicht der Extension bedarf, wie sie für die in der materiellen Welt 
zu wirken Berufenen erforderlich ist, dann aber eine intensivere Behand- 
lung erfordert, damit Jedem, wenn er im Leben dessen bedarf, die Er- 
gänzung des Fehlenden und die Auffassung des bis dahin Unbekannten 
ermöglicht werde. Dass der Hr. Verf. die neueren Sprachen von dem 
Gymnasium nicht ausgeschlossen wissen will, folgt aus Dem, was er S. 37 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 331 

sagt, in Verbindung mit dem S. 31 Aufgestellten unleugbar, allerdings 
aber hätte Ref. gewünscht, derselbe möchte der in unseren Tagen so 
vielfach und so stürmisch besprochenen Frage wegen der Priorität der 
neueren Sprachen wenigstens andeutungsweise gedacht haben. Wenn 
es, wie der Hr. Verf. ganz richtig bemerkt, unabweislich ist, dass Der- 
jenige, welcher seine Zeit richtig begreifen soll, erst durch die gleich- 
sam elementarische Bildung der Alten hindurch zu der complicirteren der 
Neueren gelange , so ist auch ganz unumstösslich , dass naturgemäss die 
Auffassung des Geistes der neueren Völker, wie er in deren Litteraturen 
ausgeprägt ist- erst der antiken Bildung nachfolgen kann; aber damit ist 
die Frage wenigstens nicht in jedem Sinne entschieden. Denn auch für 
Den , dessen Bildung dem Gymnasium angehört, ist Fertigkeit im Ge- 
brauche der neueren Sprachen durch das Leben gebotenes Bedürfnis*, 
wenn mau auch vielleicht im Grade etwas nachlassen will. Zu einer 
solchen Fertigkeit aber gehört eine ausgedehnte Kenntniss von Worten 
und Ausdrucksweisen , also die Aufnahme eines umfangreichen Materials 
in das Gedächtnis». Kann und soll nun diese überhaupt nicht der spä- 
teren über die Schulzeit hinausliegenden Bildung zugewiesen werden, so 
ist, wie jeder Pädagog zugestehen wird, offenbar, dass ihre Erwerbung 
gleichzeitig mit dem Studium der alten Sprachen diesem selbst nur Ab 
bruch thun kann, was auch durch die Erfahrung bewiesen wird, dass 
bisher mit dem französischen Unterrichte auf den meisten Gymnasien es 
nichts Rechtes werden wollte. Kann nun dieses Material von dem jungen 
Menschen, ehe er in die eigentlich charakteristisch -speeifische Bildung 
des Gymnasium eintritt, in einer Zeit, wo das Gedächtniss noch am re- 
ceptionsfähigsten ist, erworben werden, wird es dann durch zweckmäs- 
sige historische und überhaupt Positives überliefernde Leetüre, an der- 
gleichen die neueren Litteraturen unendlich reicher sind als die alten, 
in Frische erhalten, so wird später, ohne dass dem eigentlichen Zwecke 
des Gymnasiums ein Schade geschieht, sowohl die tiefere Erkenntniss 
der neueren Sprachen, als eine Einführung in die Litteraturen derselben 
leichter erfolgen können. In diesem Sinne hat sich Ref. für die Priorität 
des Französischen erklärt. Wird unter dieser die volle Aneignung der 
modernen Bildung vor der antiken verstanden, so kann er ihr das Wort 
nicht reden , muss vielmehr dann den Untergang des Gymnasiums als ge- 
wiss bevorstehend voraussagen. In Betreff der Trennung der Bildungs- 
anstalten hat der Hr. Verf. nach des Ref. Ueberzeugung das zu späte 
Auseinandertreten als für die Bildungszwecke höchst verderblich darge- 
than, allein derselbe gesteht auch zu, dass ein möglichst langes Zusam- 
menhalten der Volksbildung wünschenswerth sei. Die Gränze für die 
Möglichkeit davon ergiebt sich nun allerdings aus der von dem Hrn. Vf. 
gemachten Bemerkung, dass die zum Wirken im materiellen Leben Be- 
rufenen einer gewissen Bildung zur Auffassung, Beurtheilung und Behand- 
lung der Seelenwelt bedürfen, wie umgekehrt dem zum Einwirken auf 
die Seelenwelt Bestimmten die materielle Welt nicht fremd bleiben dürfe. 
Gymnasien mit Parallelclassen hat Ref. stets für einen dürftigen und in 
den meisten Fällen schädlichen Nothbehelf erklärt, aber wohl können, 



332 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

vermöge des beiden Gemeinsamen die unteren Stufen der verschiedenen 
und getrennten Bildungsanstalten eine solche Einrichtung erhalten, dass 
der Bildungszweck der andern nicht von vornherein ausgeschlossen er- 
scheint — eine Einrichtung, welche jedenfalls für Den, welcher die An- 
stalten zu errichten und zu erhalten hat, eine wesentliche Erleichterung 
bieten wird. Was die politische Bildung anlangt, so hält Ref. den Un- 
terricht allerdings für etwas wirkungsvoller, als er nach den Aeusserungen 
des Hrn. Verf. erscheint. Denn ausser der Gesinnung gehören zu der- 
selben auch Einsichten in die vorwaltenden Verhältnisse und in ihre ge- 
schichtliche Entwickelung. Sehr zufrieden ist Ref. damit, dass der Hr. 
Verf. die Einrichtung der englischen Schulen nur zu bedingter und vor- 
sichtiger Nachahmung empfiehlt. Die Strenge der Zucht mit der freien 
Bewegung zu vereinigen, ist jedenfalls eine Aufgabe, welche bei dem 
gegenwärtigen Stande unserer Volksbildung durch gleiche Einrichtungen, 
wie die englischen Schulen haben , keineswegs oder nur sehr schwierig 
zu erreichen sein dürfte. Wir haben nur noch dem letzten Abschnitte 
der Schrift, welcher Aufsicht und Freiheit der Volksbildung überschrie- 
ben ist, einige Worte zu widmen. Auch in diesem finden wir viele 
höchst treffliche Ansichten niedergelegt. Mit dem grössten Rechte klagt 
der Hr. Verf. über die Verwirrtheit und Vieldeutigkeit des Sprachge- 
brauchs , über die Hineinziehung von Persönlichkeiten , welche den Streit 
darüber zu einem fast Ekel erregenden Wüste gemacht haben , mit Recht 
stellt er das Verhältniss, in welchem die Schulen bisher in den prote- 
stantischen Ländern Deutschlands gestanden haben, als ein keineswegs 
so ungünstiges dar und nicht ohne Grund warnt er die Lehrer vor dem 
Glauben, dass sie bei aus ihrer Mitte bestellten Aufsichtsbehörden eine 
grössere Selbstständigkeit als bisher haben würden. Das Resultat, 
welches er durch seine Betrachtungen gewinnt, läuft im Wesentlichen 
auf Folgendes hinaus: Schule und Kirche haben sich als Schwestern zu 
betrachten ; der Staat darf sich nicht aller Aufsicht entschlagen , aber 
dieselbe auch nicht so weit ausdehnen, dass er die für ihn geltenden 
Normen auf die Schule vollständig anwende, wodurch deren Leben und 
Zweck wesentlich verhindert und aufgehoben werden würden. Ref. will 
auf diese Frage nicht weitläufiger eingehen, er will möglichst selbststän- 
diges, aber durch einsichtsvolle Aufsicht und Ueberwachung gehaltenes 
Leben der Schule , er will jeden Glaubenszwang von derselben entfernt 
wissen, aber er erklärt sich auf das Bestimmteste gegen Die, welche die 
Schule ohne Bibel , den Staat ohne Kirche wollen. — Mit aufrichtiger 
Dankbarkeit scheidet Ref. von dem Hrn. Verf., dem er die mannigfaltigste 
Belehrung und Anregung verdankt. Möge diese Anzeige ein nicht ganz 
unwürdiger Beweis davon sein. [D.] 



Friderici Jacobsii laudatio. Scripsit E. F. Wüstemann. Go- 
thae , 1848. 94 S. 8. Wenn irgend ein Mann durch Vielseitigkeit und 
Gründlichkeit seines Wissens, durch Scharfsinn und feines Schönheitsge- 
fiihl , durch Fleiss und mannigfaltige uneigennützige Thätigkeit , durch 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 333 

einen frommen und rechtschaffenen Charakter, durch Dcmuth bei hoher 
Ehre , Sanftinuth bei regem Eifer, Freundlichkeit bei erlittenen Krän- 
kungen, Geduld bei schweren Leiden verdient der Jugend als ein nach- 
ahmenswertes Muster vorgestellt zu werden, so ist es gewiss Fried- 
rich Jacobs, dessen Tod, obgleich er längst gefürchtet werden 
musste, alle Gebildete nicht blos im deutschen Vaterlande, sondern auch 
weit über die Gränzen Kuropas hinaus aufrichtig beklagt haben. Des- 
halb ist es mit dem lebhaftesten Danke anzuerkennen, dass Hr. Prof. 
Wüstemann , durch langjährigen Umgang mit dem seligen Jacobs ver- 
traut, dies Geschäft übernommen und dasselbe in einer trefflichen Form 
ausgeführt hat. "Wie derselbe den lateinischen Ausdruck zu handhaben, 
den Stoff zu verarbeiten und eindringlich darzustellen versteht, darüber 
brauchen wir nicht ausführlicher zu sprechen, wir können mit bestem 
Gewissen die Schrift allen Lesern, besonders aber den obern Schülern 
der Gymnasien empfehlen. Ueber die Einrichtung bemerken wir, dass 
dieselbe zuerst die von dem Hrn. Verf. im Gymnasium zu Gotha gehaltene 
Gedächtnissrede und zu dieser sodann nachträgliche erläuternde und er- 
weiternde Bemerkungen enthält, unter den letzteren auch einige Seiten- 
hiebe auf die Gegner der altclassischen Philologie und besonders des 
Lateinsprechens und -Schreibens, Ob der Hr. Verf. die Rede, nachdem 
er sie gehalten, noch einmal überarbeitet hat oder nicht, wissen wir zwar 
nicht gewiss , doch scheint uns die S. 33 gegen den Recensenten seines 
Theocrit in den NJahrbb. I. 3 stehende Bemerkung das Erstere zu be- 
stätigen. [2?.] 



Das Orakel des Trophonios. Programm des archäologischen 
Instituts in Göttingen zum Winkelmannstage 1848. Von Friedrich Wie- 
seler. Göttingen 1848. 21 S. 8. Die mit vielem Scharfsinn aus den 
schriftlichen Quellen, der Vergleichung anderer Bauwerke und den Be- 
richten neuerer Reisender von dem Hrn. Verf. gegen Ulrichs (Reisen 
und Forschungen in Griechenland I. S. 170 ff.) aufgestellte Ansicht ist in 
der Hauptsache folgende : Der von Pausanias beschriebene einem -nXißavos 
ähnliche obere Theil des Heiligthums war nicht unter-, sondern überir- 
disch. Diese Ansicht wird gestützt theils darauf, dass eine xo7j7n's stets 
nur um ein anderes Gebäude zu tragen angelegt zu werden pflegte, theils 
darauf, dass die von Stephani (Reise durch einige Gegenden des nörd- 
lichen Griechenlands S. 65 ff.), vor ihm aber, wie der Hr. Verf. bemerkt, 
bereits von Sibthorp (in Walpole's Turkey p. 66) aufgefundene Oertlich- 
keit eine solche Annahme erfordere. Dass jener Ort die Stelle des Ora- 
kels sei, dafür bringt der Hr. Verf. noch einen gewichtigen Beweis in 
den Wiener Scholien zu Lucian. Opp. vol. IV. p. 66 ed. Jacobitz bei. 
Sehr geschickt benutzt derselbe auch Forchhammer's Meinung (Hellenica 
p. 333), dass die jenen ähnlichen Baue zu Wasserbehältern gedient, um, 
da Stephani in der Höhle den Boden mehrere Fuss tief mit Wasser be- 
deckt fand , seine Ansicht darauf zu stützen , wobei allerdings das Be- 
denken, dass Keiner der Alten eine Quelle in der Höhle erwähnt, nicht 



334 Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 

ganz entfernt wird , obgleich man anerkennen muss , dass der Hr. Verf. 
die Sache recht wahrscheinlich zu machen weiss. Die bei Paus. IX. 
39, 3 gemachte Emendation koqtjs xulovp.£vr\ &vga für &tJqcc befriedigt 
den Ref. nicht; vielmehr glaubt er, dass eine Verbesserung hier gar nicht 
versucht werden sollte, da der Schlüssel zur Erklärung in dem leider 
lückenhaften §. 2 zu suchen scheint. Die zweite Emendation §. 5: fis- 
za^v zov x8 idäcpovg KtM zov näzio zov ohoSofi^aazos für xat zov 
otnoSofi^uccxos kann zwar auf diplomatischem Wege leicht gerechtfertigt 
werden, Ref. aber hält sie für unnöthig, da die Oeffnung, welche zwi- 
schen dem Boden und dem Gebäude ist, offenbar in dem Winkel, welchen 
das Gemäuer mit dem Boden bildet, gelegen haben muss. [7A] 



Nachtrag zu dem im 2. Hefte des LTV. Bandes dies. Jahrgangs 
S. 208 befindlichen bibliogr. Berichte. 

Bei der Anzeige meines Schriftchens „Die wichtigsten Jahrzah- 
len etc." hat Hr. Prof. Dr. Dietsch Gelegenheit genommen , sich gegen 
die von mir befolgte Otto'sche Methode, das Behalten der Jahrzahlen da- 
durch zu erleichtern, dass man Ereigniss und Jahrzahl mit demselben 
Worte bezeichnet, und gegen ihre Einführung in die Gymnasien, die 
meine Schrift beabsichtige , als gegen etwas Unräthliches und Nachtheili- 
ges zu erklären. Hierin liegt ein Vorwurf, den ich nicht zu verdienen 
glaube. Allerdings muss auch ich die Ansicht des Hrn. Dr. Dietsch bil- 
ligen, dass ein zu umfänglicher Gebrauch des in Frage stehenden Hülfs- 
mittels schädlich wirke, indem dabei die Nebensache als Hauptsache er- 
scheint. Mein Schriftchen aber , das einen sehr massigen Gebrauch 
davon macht, — durchschnittlich kommt auf das Jahrzehnt eine einzige 
Zahl — , ist durchaus nicht so gefährlicher Art. Dies wird sich auch 
aus einer Beleuchtung der Gründe ergeben, welche die Gegner der Me- 
thode aufgestellt haben und die von Hrn. Dr. D. mit einer gewissen Voll- 
ständigkeit angeführt worden sind. Diese Methode, heisst es zuerst, 
bringt an die Stelle der Unmittelbarkeit einen Operationsmechanismus. 
Allein wenn auch die Jahrzahl mit dem Ereignisse im Geiste unmittelbar 
verbunden werden kann, wie der Eigenname mit der Vorstellung, so 
reicht diese unmittelbare Verbindung doch nicht aus , wenn sie nicht 
durch vielfaches Zusammendenken so fest werden kann, wie bei den Ei- 
gennamen. So fest kann sie aber nicht werden, weil die Zahl nicht 
die Sache selbst, sondern nur etwas Zufälliges an derselben bezeichnet, 
welches wir auch an vielen anderen Dingen wieder finden; 44 kann nie 
60 Eigenname für Cäsar's Tod werden , wie es Rom für die Hauptstadt 
Italiens ist. Die Verbindung bleibt eine schwache , wie die Erfahrung 
lehrt, und bedarf bei den meisten Menschen der Unterstützung. Jene 
Methode soll zweitens durch die Anknüpfung an Einzelnes und Unwe- 
sentliches die rechte Totalanschauung stören. Bei maassloser Anwen- 
dung derselben mag Das geschehen, ausserdem aber nicht; denn von 
dem Umstände z. B., dass Wilhelm der Eroberer beim Landen fiel, kön- 
nen für den Verständigen die folgenden Ereignisse unmöglich in den 



Bibliographische Berichte u. kurze Anzeigen. 335 

Hintergrund treten. In solchem Einzelnen — der Sache Eigenthüm 
liehen — findet man ja gerade den Vortheil der Eigennamen. Die Otto- 
sche Methode ist drittens nicht nüthig , man raus« das Gedächtniss für die 
Zahle» kräftigen, muss mit den Jahrzahlen die Anschauung ; von den Zeit- 
verhältnissen verbinden, auch zeigt die Erfahrung, dass sich Viele selbst 
eine Art Mnemotechnik bilden. Das Eine ist aber, wie wir gesehen ha- 
ben, nicht in gewünschtem Maasse zu erreichen, das Andere macht die 
Hülfe auch nicht entbehrlich, und das Letzte spricht gar zu meinen Gun- 
sten das Bedürfniss einer Mnemotechnik aus. Die Otto'sche Mnemotech- 
nik wird viertens als eine künstliche verworfen. Was kann aber kunst- 
loser und einfacher sein , als Ereigniss und Jahrzahl mit demselben 
charakteristischen Ausdrucke zu bezeichnen? Als fünfter und als Haupt- 
grund gegen die Einführung dieser Methode in den Geschichtsunterricht 
und in die Pädagogik überhaupt gilt die Versicherung, es habe Das 
nur Werth , was vom Geiste selbst, wenn auch unter fremder Leitung, 
gefunden worden sei; dieses Gedächtnissmittel aber könne vom Schüler 
nicht gefunden werden. Kann aber wohl in der Geschichte auch nur 
eine einzige Thatsache vom Geiste des Schülers selbst gefunden, müssen 
sie nicht alle mitgetheilt werden? Und doch hat die Geschichte für ihn 
einen hohen Werth — . Der letzte Einwand, der nämlich, dass die 
fragliche Methode noch nicht genügend durchgebildet sei, ist gegründet. 
Dieser Umstand fordert aber an sich nicht zu ihrer Verwerfung, sondern 
zu ihrer Vervollkommnung auf, die durch Tadel allein freilich nicht be- 
werkstelligt werden kann. 

Hr. Dr. Dietsch hatte also wohl Ursache, die maasslose Anwendung, 
welche diese Methode schon gefunden hat, zu verwerfen; für mein 
Schriftchen aber hätte ich die Bemerkung gewünscht, dass es dieselbe 
nur so weit verwende, als sie sich nützlich zeige. Es ist übrigens auch 
kaum zu befürchten, dass dieses Hülfsmittel überschnell und mit ver- 
kehrter Benutzung in den Gymnasien Eingang finden werde; bekanntlich 
übereilen sich die Gymnasien mit neuen Methoden eben nicht. Ueber 
den Werth dieser neuen Metho