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Full text of "Neues Archiv für sächsische Geschichte und Alterthumskunde"

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Neues Archiv 

für 



Sächsische Greschichte 



und 



Alterthumskunde. 



Herausgegeben 



von 



Dr. Hubert Ermisch, 

K. Archivrath. 



Fünfter Band. 
Mit einer Karte. 



Dresden 1884. 

Wilhelm Baensch Verlagshandlung. 



^■^ 



THE GEITY CENTER 



Inhalt. 



Seite 

I. Die HandelsAvege Inner - Deutschlands im 16., 17. und 
18. Jahrhundert und ihre Beziehungen zu Leipzig. Von 
Oberlehrer Dr. Hermann Heller in Rochlitz 1 

II. Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum 
Jahre 1346. Von Professor Dr. Hermann Knothe in 
Dresden 7.3 

III. Die ersten Jahrzehnte der Oper zu Leipzig. Von Professor 

Dr. J. 0. Opel in Halle 116 

IV. Der Briefwechsel zwischen Herzog Johann Friedrich dem 
Mittlern und dem Geithainer Pfarrer Ambrosius Roth. 
Von Oberstlieut. a. D. Freiherrn A. von Welck in Basel 142 

Literatur 155 

V. Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550 bis 
1551. Von Oberlehrer Dr. S. Issleib in Bautzen . . . 177 

VI. Die verschlackten "Wälle in der Oberlausitz. Von Pastor 
Friedr. Senf in Laugwitz bei Brieg 227 

VII. Dr. Phil. Jak. Hamerers Heldengedicht über den schmal- 
kaldischen Krieg. Von Dr. Georg Schepss, Studienlehrer 

am K. Gymnasium zu Würzburg 239 

Literatur 260 

VIII. Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550 bis 

1551. Von Oberlehrer Dr. S. Issleib in Bautzen (Schluss) 273 
IX. Die Stadt Bautzen im Banne des Bischofs von Meissen 1431. 
Von Prof. Dr. Hermann Knothe in Dresden 309 

X. Die Briefe Valentin Einers. Ein Beitrag zur Reforma- 
tionsgeschichte. Vom Herausgeber 321 

Literatur 335 

Register 345 



Besprochene Schriften. 

Seit» 

Aster, Aus des Klosters Mllilenfurth vergangener Zeit (Steche) 171 
Bacbmann, Deutsche Reichsgeschichte Band I (Ermisch) . . . 155 

Bartsch, Sachs. Kleidcrorduungen (Erniisch) 260 

Bernau, Album der Burü'en und Schlösser im Konitrr. Böhmen 

(Knothe) 267 

Deumer, Der recht! Anspruch Böhmen-Österreichs auf die Ober- 
lausitz (Knothe) 340 

Groessler u. Sommer, Chronicoa Islebiense (Schum) .... 261 
Hassel u. Graf Vitzthum v. Eckstädt, Zur Gesch. des Türkeu- 

kriegs 1683 (v. Schimpft) 156 

Kolde, Analecta Lutherana (G. Müller) 337 

Lindau, Lucas Cranach (Wernicke) 335 

Pfütze, Heimathskunde von Bautzen (Knothe) 340 

Poeschel, Eine erzgebirgische Gelehrtenfamilie (Ermisch) . . 263 

V. Renner, AVien im Jahre 1683 (v. SchimpflT) 166 

Roesch, Glück auf! (Ermisch) 265 

Schröder, Der Kampf um Wien 1683 (v. Schimpff) 162 

Steche, Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunst- 
denkmäler Sachsens Heft II (Sommer) 167 

Das Kriegsjahr 1683 (v. Schimpft') 164 

Der Entsatz von Wien 1(583 (v. Schimpft) 160 

Freibergs Berg- und Hüttenwesen (Heydenreich) 265 



I. 

Die Handelswege Inner -Deutschlands 

im 16., 17. und 18. Jahrhundert und ihre 

Beziehungen zu Leipzig. 

Nach archivalisehen Quellen bearbeitet 



von 

Hermann Heller 



Die einzelnen Tlieile der Erdoberfläche, die Länder, 
lassen sich den Organismen der lebenden Geschöpfe ver- 
gleichen. „Wie in den Arterien und Nerven dieser Lebens- 
kraft und Blut pulsieren, so bewegt sich in den Ebenen, 
Thälern und Gebirgspässen, längs der Flussläufe und 
Küstenlinien jener die menschliche Bevölkerung. . . Und wie 
im Körper der lebenden Geschöpfe da, wo sich mehrere 
Adern oder Nervenzweige vereinigen, ein wichtiger Knoten- 
punkt des Organismus entsteht, so müssen auch diejenigen 
Erdflecke, auf welche viele natürliche Verkehrskanäle hin- 
zielen, Sammelorte der Bevölkerung, Kreuz- und Brenn- 
punkte des Verkehrs der Menschen werden"'). — So 
spiegelt sich in der ganzen Rolle, welche eine wichtige 
Stadt in der Geschichte gespielt hat, und in der Bedeu- 
tung, Richtung und Art ihres Handels insbesondere die 
geographische Lage oder Weltstellung derselb n ab. 

Li Deutschland zeigt sich das deutlich bei Nürn- 
berg, das während des Mittelalters und noch im 16. Jahr- 
hunderte am Kreuzungspunkte zweier Hauptverkehrswege 
des mittleren Europa lag. Von diesen führte der eine'') 
vom adriatischen Meere her im Etschthale herauf, quer 
durch das Innthal, im Lech- und Rednitzthale herab und 

') J. G. Kohl, Die geogr. Lage der Hauptstädte Europas 
(Leipzig 1874). Vorwort, 

-) Kutzeii, Das deutsche Land (Berlin 1880), 236. 

Neues Archiv f. S. G. u. A. V. 1. 2. 1 



2 Hermann Heller: 

weiter nördlich durch die Passagen des Frankenwakles 
und Werrathales, wälu-end der andere, von SO. lier- 
kommend, von den Donauwinkeln bei Passau und Regens- 
burg- über Nürnberg- auf die Mainmündung- zielte. So 
nahm diese Stadt in Bezug auf die Punkte Augsburg 
und Venedig im S., Erfurt und Leipzig, Magdeburg und 
Braunschweig, Hamburg und Lübeck im N., Regensburg 
und Wien im O., Frankfurt und Köln im W. eine zen- 
trale Stellung ein und musstc für diese so bedeutsamen 
Verkehrsorte ein unentbehrlicher gemeinsamer Zwischen- 
markt werden. 

In noch höherem Grade kam eine günstige Weltstellung 
Frankfurt a. M. zu statten, wo nicht nur Main-, Ober- 
rhein- und Unterrheinstrasse zusammenliefen, sondern auch 
ein wichtiger Verkehrsweg von der Weser her und die, 
Rhein- und Eibmitte verbindende, viel bewanderte Quer- 
strassc zwischen Harz- und Thüringerwald , Rhön und 
Vogelsberg einmündete, so dass jene Stadt im unteren 
Mainthale frühzeitig den Verkehr zwischen dem N. und 
S., O. und W. Deutschlands vermitteln konnte. 

Bei keiner Stadt des deutschen Reiches kommt jedoch 
die vorthcilhafte geographische Lage in so auffallender 
und nachhaltiger Weise zur Geltung als bei Leipzig, das 
seiner vorzüglichen Weltstellung zufolge durch das blutige 
Ringen, das zu verschiedenen Zeiten auf seinen Fluren 
ringsum stattfand, ebenso wie durch die Grossartigkeit der 
friedlichen Geschäfte, welche seit Jahrhunderten in dieser 
Stadt abgewickelt oder von ihr aus eingeleitet wurden, 
einen durch die ganze Welt verbreiteten Ruf erringen 
und behaupten sollte. 

In dem stumpfen Winkel gelegen, welchen die Pleisse 
und Partlie in ihrem Zusammenflusse bilden, war das 
ehemals l)efestigte Leipzig ^) im N. durch die moorigen 
Parthenwiesen, im W. durch die von zahlreichen Wasser- 
läufen durchkreuzte Aue der Pleisse und weissen Elster 
gesichert, während geringere Bodensenkungen im S. und 
NO. (im Rietzschkegebiet) dem festen Platze weitere be- 
queme Deckung gaben. Erbaut im Mittelpunkte eines 
reichen Ackerbaudistriktes, der sich frühzeitig dicht be- 
völkerte, inusste Leipzig, das die bequemsten Übergänge 
über die Pleissen- und Parthenaue aufzuweisen hatte, um 



*) 0. Delitzch, Leipzigs Lage in: E. Hasse, Ijeipzig und 
seine Umgebung (1878). 



Die Handelswege Iiiiier-DeutschlaiKls im Ifi. — 18. Jahrh. etc. 3 

so rascher der gescliäftliche Mittelpunkt der zahlreichen 
Dörfer und Städtchen desselben werden, als hier — im 
Leipziger Tertiärbecken — die Formation des Bodens 
die Anlegung- von Verkehrswegen an der weissen Elster, 
Pleisse nud Parthe lierab, ja auch von der Mulde herüber, 
besonders begünstigte. 

Diese vortheilhaften Verhältnisse bezüglich der geo- 
graphischen Lage dieser Stadt wiederholen sich aucli in 
weiteren Kreisen. Da die Gebirgsburg Böhmen, Avelche 
ohnedies von einem fremden Volksstamme bewohnt wird, 
dem Verkehr nach dem O. Europas starke Hindernisse 
bereitete und längs der Nord- und Ostsee zaidreiche Ge- 
wässer die Anlegung von bequemen Strassenzügen hemmten, 
so mussten die Hauptverkehrswege Norddeutschlands, ja 
Zentraleuropas, am Nordfusse des deutschen Berglandes^ 
wo Leipzig, ungefähr gleichweit von beiden Enden desselben 
entfernt, seine Stelle hat, sich hinziehen. Da ferner der Ver- 
kehr „sich wie eine Flüssigkeit von den Höhen in die 
Tiefen herabsenkt" ^), die höchsten Spitzen umgeht, die 
Gebirge in ihren tiefsten Einsenkungen überschreitet und 
in bestimmten, theils vorgefundenen, theils selbst ge- 
schaffenen Betten strömt, um sich schliesslich in den grossen 
Becken der Länder zu sammeln, so war Leipzig auch 
der geeignetste Platz, der die Handelsstrassen, welche 
aus dem bergigen Süden nach dem ebenen Norddeutsch- 
land führten, bequem beherrschen konnte. Denn gerade 
in den Umgebungen dieser Stadt reicht die norddeutsche 
Tiefebene am weitesten nach S. hinauf: Leipzig liegt 
ungefähr in der Mitte jenes Tieflandsbusens der mittleren 
Elbe, der sich zwischen den Absenkungen des Harzes, 
des Thüringerwaldes und des Erzgebirges in das mittel- 
deutsche Gebirgsland hineiubuchtet. Durch diesen führte 
aber von jenem Strome her ebenso der kürzeste Weg 
aus dem nordöstlichen Tieflande in die jenseit des Ge- 
birges in südwestlicher Richtung gelegenen Ebenen des 
oberen Main und der oberen Donau, wie in west- 
licher Richtung über Thüringen hin zu dem grossen 
V'erkehrsthale des unteren Main und mittleren Rhein. 
Andererseits kreuzte sich hier ein Strassenzug, der vom 
Niederrhein her die Gebirge im N. umging und auf be- 
quemen und ebenen Pfaden nach einem südöstlichen Ziele 
leitete, mit jenen Handelszügen, die aus dem Gebiete der 

*) B. Cotta, Deutschlands Boden etc. (Leipzig 1854), 18. 

1* 



4 Hermann Heller: 

oberen Elbe und oberen Oder dem mittleren oder nord- 
westlichen Deutschland zustrebten. — Dazu kommt ^) der 
Niederungsbucht zwischen dem Harz und dem Erzgebirge, 
der Elbe und dem Thüringerwalde, als deren kommer- 
zielles Zentrum Leipzig, wo die Strassen von O. und 
W. sich zusamnienneigen , ebenso folgerichtig bezeichnet 
werden kann, wie etwa Prag als Hauptstadt Böhmens, 
noch der bedeutsame Umstand zu gute, dass sie seit der 
beträclitlichen Erweiterung der deutschen Grenzen gegen 
NO. hin von allen frei geöffneten Niederungen die der 
wahren Mitte Deutschlands nächste ist, folglich an Stelle 
dieser durch die leidige Bodenerhebung rings um das 
Fichtelgebirgo her benachtheiligten (legend einzig ge- 
schickt erscheint zur Erziehung einer den gesamten 
Verkehr auf sich lenkenden deutschen Zentralstadt. Denn 
betrachten wir Leipzigs Lage innerhalb der politischen 
Grenzen des deutschen Reiches, so finden wir, dass uns 
der Meridian dieser Stadt nach 45 Meilen zwischen 
Rostock und Wustrow an die See und damit an die 
Nordgrenze des Reiches, nach 55 Meilen aber zwischen 
Reichenhall und Tegernsec an die Südgrenze führt, während 
der Leipziger Parallel in 56 Meilen südlich von Kalisz 
die Ostgrenze, in 58 Meilen bei Krefeld die Westgrenze 
erreicht. — Sodann liegt Leipzig auf Linien, welche man 
von der Rheinmünduno- nach Breslau, von Hamburg nach 
Wien, von Danzig nach Strassburg zieht, soAvie auf dem 
kürzesten Wege zwischen dem schlesisclien und west- 
fälischen Lidustriebezirke, zwischen Berlin und der Oder- 
mündung einerseits und Nürnberg und dem Bodensee 
andererseits. 

Ein solcher natürlicher Knotenpunkt von Strassen 
zwischen O. und W., N. und S. und nach wiclitigen 
Zielen hin, insonderheit zwischen dem Mittellaufe zweier 
so bedeutender und durch SchiflPfalu't von jelier so be- 
lebter Ströme, wie Rhein und Elbe es sind, musste bei 
der Wahl eines kommerziellen Mittelpunktes von Deutsch- 
land den Sieg davontragen. Zwar hat dieser deutsche 
Zentralhandelsplatz Leipzig später, als das politische Ge- 
samtband des Reiches immer schwächer, die innere Kon- 
zentration der grossen Militärstaaten aber immer stärker 
wurde und die Verkehrsgebiete sich dem entsprechend 



*) A. Kirchhoff, (fber flie Lafrenverhiiltiiisse der Stadt Halle. 
(Mitteil. d. Vereins f. Erdkunde /u Halle a. S. 1877, 88). 



Die Haiidelswege Inner-Deutschlaiids im 16 — 18. Jabrh. etc. 5 

sonderten, den üsterreichischen und preussischen Spezial- 
handelszentren Wien und Berlin nicht mehr die Wage 
zu halten vermocht ; das aber, wozu Leipzig dui'ch seine 
günstige Lage im Herzen des Reiches unbedingt berufen 
war, konnte mau ihm weder im SO. noch im NO. des- 
selben bestreiten: Leipzig blieb die ganze Neuzeit hin- 
durch das kommerzielle Zentrum des inneren, des 
mittleren Deutschlands und das um so sicherer, als 
seine Messen ihre Bedeutung fortgesetzt behaupteten und 
es zum dauernden Stapelplatze der industriellen Erzeug- 
nisse des Erzgebirges, der Lausitz und des Vogtlandes 
machten. Können wir darum der Leipziger „Kaufmann- 
schaft und Kramerinnung" auch nicht voll und ganz zu- 
stimmen, wenn diese in ihren Handelsberichten im IG., 
besonders aber im 17. und 18. Jahrhundert wiederholt 
hervorkehren, „in ihrer Stadt müssten die Handelsstrassen 
von ganz Deutschland wie in einem Zentrum zusammen- 
laufen"^ SC) müssen wir doch als unbestreitbare Thatsache 
anerkennen, dass sich hier von der die Veränderung der 
Handelsrichtung bestimmenden Zeit des Columbus an bis 
in unser Jahrhundert herein die wichtigsten Verkehrs- 
linien Inner-Deutschlands konzentrierten. 

Diesen Gesichtspunkt haben wir festziüialten, wenn 
wir uns vornehmen, im folgenden die Handelswege 
Inner-Deutschlands im 16., 17. und 18. Jahrhundert 
— unter besonderer Benutzung der Stapelakten (Abtheil. 
XLV) des Leipziger Rathsarchivs — einer eingehenden 
Betrachtung zu unterwerfen. 



Das 16. Jahrhundert. 

Zu der Zeit, als Antwerpen der Hauptmarkt des 
Welthandels im nordwestlichen Europa war, nahm die 
Messstadt Frankfurt a. M. eine vermittelnde Stellung 
im westlichen Mitteldeutschland ein. Über diese Stadt 
bewegten sich die den Rhein aufwärts gehenden Waren- 
züge vermittelst des Mains nach Würzburg, Bamberg und 
Nürnberg, oder mit Benutziuig des Neckarthaies zu den 
durch Leinenweberei auso-ezeichneteu schwäbischen »Städten 
Ulm, Memmingen und Augsburg, oder auf der sog. Berg- 



6 Hermann Heller: 

Strasse über Dtirnistcidt, Heidelberg etc. nach der Schweiz 
und nach Frankreich liineiu. Im NO. führte Frankfurt 
seine HandelsHnien über Giessen und Marburg ins West- 
fälische, über Kassel, Münden, Göttingeu ins Weser- 
gebiet und über Fulda und Eisenach ins Thüringische 
und Meissnische **). 

Diese hohe kommerzielle Bedeutung verdankte Frank- 
furt besonders dem glücklichen Umstände, dass in jenem 
Zeiträume, wo der ostindische Warenzug von Lissabon 
mit dem nordeuropäischen in Antwerpen sich vereinigte, 
der Rheinverkehr seine grösste Mächtigkeit erreichte und 
der Rheinstrom trotz aller Fesseln, welche Stapelrechte 
und Zölle ihm anlegten, sich als der wichtigste Verkehrs- 
weg des deutschen Reiches behauptete. Sie inusste zum 
grossen Theile schwinden, als nach Vernichtung Antwerpens 
und der flandrischen Niederlande überhaupt durch spani- 
schen Absolutismus (1575) Amsterdam Welthandelsplatz 
wurde und holländischer Egoismus dem deutschen Handel 
die Rheinmündungen sperrte. 

Östlich von Frankfurt a. M. waren es namentlich die 
drei Städte Erfurt, Halle und Leipzig, welche am 
Ausgange des Mittelalters dem deutschen Durchfuhrhandel 
vom Donau-, wie vom Rheingebiete her Ruhepunkte 
boten. Alle drei zeichneten sich zugleich durch rege 
Gewerbthätigkeit aus; doch war von ilnien nur Leipzig 
bestimmt; in der Folgezeit der hervorragende Mittelpunkt 
des eigentlichen mitteldeutschen Handels zu werden. 

tJber Erfurt, das schon zur Zeit Karls des Grossen 
den Verkehr zwischen Deutschen und Sorben vermittelte, 
bewegte sich der wichtige Warenzug, welcher von Nürn- 
berg aus Hausgeräth , Eisen - und Kramwaren nach 
Braunschweig und Niedersachsen führte und aus den 
Hansastädten englische luid nordische \A"aren zurück- 
brachte — soweit man nicht den Rhein -Mainweg über 
Antwerpen vorzog. Über Erfurt ging sodann jene hoch- 
wichtige Strasse, welche von Frankfurt a. M. über Eisenach 
ins Eibgebiet und darüber hinaus bis nach Schlesien und 
Polen hin sich erstreckte. 

Die Handelsbedeutung von Halle, hervorgerufen 
durch die Ergiebigkeit der dortigen Salinen, wurde nament- 
lich durch die Wasserstrasse der Saale imterstützt, welche 
die Verbindung mit den nordwestlich sitzenden Sachsen, 



•) Falke, Gesch. des deutschen Handels U, 47 (Leipzig 1859). 



Die Handelswege Inner-Deutschlands im 16. — 18. Jahrh. etc. 7 

mit den Ländern der Havel und Spree, wie mit Magde- 
burg in ununterbrochener Lebhaftigkeit erhielt. Anderer- 
seits vertrieb man auf den schon früh vorhandenen Salz- 
wegen über Torgau in die Lausitz und nach Böhmen, 
und über Zeitz in das Vogtland und nach Franken 
Heu und Hafer, Seilerarbeiten und Geräthschaften aus Holz 
und Eisen von Halle aus nach dem O. und SO. des Reiches. 

Leipzigs erstes Aufstreben knüpft sich an den 
Namen Dietrichs von Landsberg, der den dahin handeln- 
den Kaufleuten unbedingte Sicherheit für ihre Personen 
und Güter, selbst für den Fall eines Krieges mit ihren 
Landesherren, versprach (1268). In dem Leipziger „Mess- 
privileg" von 1268 heisst es : „Omnes mercimonia habere 
volentes vel habentes, undecunque fueriiit, mercatores, 
etiamsi nos cum dominis dictorum mercatorum manifestam 
guerram habere contigerit, in ipsa nostra civitate non 
molestabimus". (Cod. dipl. Sax. reg. H. 8, 5. Vrgl. Röscher, 
Syst. d. Volkswirthsch. III, 121, 1881.) _ Seit 1388 wuchs 
Leipzigs Handel bedeutend durch die Verbindung, 
in welche Leipzig mit Nürnberg und Augsburg trat, 
deren venezianisch -genuesische Waren es weiter nach N, 
verbreiten half. 

Um die Mitte des 15. Jahrhunderts bewegte sich be- 
reits der Transithandel aus Polen und Schlesien 
über Leipzig: die Nürnberger vertrieben Gewürze, 
Sammete, Seidenstoffe, Schmuckgegenstände etc. über 
Leipzig nach Schlesien und Polen und brachten von dort 
Metalle, Leinwand, Wachs und Schlachtvieh auf dem- 
selben Wege zurück. So vermittelte Leipzig bereits am 
Ausgange des 15. Jahrhunderts den hauptsächlichsten Ver- 
kehr zwischen dem S. und dem NO. des Reiches und 
den östlichen slavischen Völkern in ähnlicher Weise wie 
Frankfurt a. M. zwischen Oberdeutschland und dem 
Niederrheingebiete, zwischen Deutschland und Frankreich. 

Diese gleichartige Bedeutung beider Plätze^ jenes 
nach O., dieses nach W. hin, regte naturgemäss zu inniger 
Verbindung beider über Thüringen und dessen betrieb- 
same Städte an, so dass dieselben bald als die Hände 
erschienen'), durch welche der Handel des O. und W. 
quer durch Inner-Deutschland hindurch sich fest zusammen- 
schlang, während andererseits wieder Augsburg und Nürn- 
berg die Handelsrichtung aus Italien auf Leipzig fortführten. 



') Falke, Gesch. des deutschen Handels II, 52 ff. 



3 Hennanii TI(!ller: 

Su hatte Leipzig- zu Anfang des 16. Jahrhunderts 
seine beiden Nachbarstädte und Nebenbuhlerinnen Halle 
und Erfurt in der Haudelsvermittelung nach N. und 
O., wie in den Aveitgreifenden Handelsverbindungen nacli 
S. und W. überflügelt. Der Stadt Erfurt konnte das 
viel freier und vortheilhafter placierte Leipzig den Rang 
in der Beherrschung der Verkehrsrichtungen Zcntral- 
deutschlands um so leichter ablaufen, als nach der Ein- 
fülu'ung des Indigos und der Cochenille der Handel mit 
den thüringischen Farbstoffen V.'aid und Kermes für jene 
Stadt seine Bedeutung verlor. 

Mit Halle war Leipzig schon frühzeitig in feindselige 
Berührung gekommen, da diese Stadt ebenfalls im Leip- 
ziger Tertiärbecken lag und demzufolge in den Verkehrs- 
wegen mit Leipzig konkurrierte. Allein da Halle infolge 
der versumpften Elstermündungen schwierigere Saale- 
übergänge aufwies und zu weit vom Fusse des Gebirges 
entfernt lag *), so konnte Leipzig mit leichter Mühe den 
Warenzug von Süddeutschland auffangen und an sich 
nehmen. Halle blieb auf den Betrieb seiner Salinen 
beschränkt. Der früher blühende Vermlttelungshandel 
dieser Stadt von S. und vSO. nach N. und NÖ. aber 
wurde nunmehr von Leipzig betrieben. Selbst die ur- 
alten Salzstrassen von Halle gegen O. über Eilen- 
burg und Torgau oder Breitenfeld und Würzen in die 
Lausitz und nach Böhmen, und gegen SO. über 
Liebenau und Zeitz, durch das Vogtland auf Bai- 
reuth und in die fränkischen Gegenden") wurden dem 
Verkehre Leipzigs, das seit 1458 auch mit einem Neu- 
jahrsmarkte ausgestattet war, mehr und mehr dienstbar 
gemacht. 

Von Halle ergingen Klagen über Klagen. Auf Ver- 
anlassung der Hallenser befahl Kaiser Friedrich IH. 1469 
die Wiedereinstellung des erst 1466 von ihm bestätigten 
Leipziger Neujahrsmarktes '"). Doch kaiserliche Mandate 
konnten nicht auf die Dauer den Gang des Handels be- 
stimmen; Leipzigs vortheilhafte Lage, der Gewerbfleiss 
und die beharrliche Strebsamkeit seiner Bewohner, die 
landesväterliche Fürsorge des damals mächtigsten Kur- 



•) 0. Deutsch, Leipzigs Lage (a. a. ü.). 

') Falke, Gesch. des deutschen Handels II, 54. 

'") Vergl. Cod. dipl. Sax. reg. II, 8. Nr. .S.31 und 3.32, 398 und 



427—129, 432—434. 



Die Handelswege Inner-Deutschlands im 16.— 18. Jahrh. etc. 9 

fürsten im Reiche drangen dennoch durch. Kaiser 
Maximilian I. erhob 1497 mid 1507 nicht nur die Jahr- 
märkte Leipzigs zu Neujahr, Jubihite und Michaelis zu 
Reichsmessen, sondern beschenkte diese Stadt auch 
mit einem glänzenden Stapel- und Niederlagsrecht, 
indem er verordnete, „dass hinfüro kein Markt, keine Messe 
oder Niederlage innerhalb 15 Meilen rings um die Stadt 
(d. h. in den Bisthümern Magdeburg, Halberstadt, Merse- 
burg, Naumburg und Meissen) aufgerichtet oder gehalten 
werden solle", und indem er alle zum Nachtheil Leipzigs 
bisher bestandenen Privilegien, namentlich auch das Er- 
furter Stapelrecht, für ungiltig erklärte"). 

Dieser Leipziger Stapel- und Niederlagsgerechtigkeit 
zufolge mussten alle Handelsartikel, mit Ausnahme des 
Holzes, der Bausteine und der in Sachsen erzeugten 
Feldfrüchte, sobald sie den Bezirk von 15 Meilen in 
der Runde berührten, „auf den ordentlichen Strassen" 
— Zollstrassen — nach Leipzig gebracht und hier min- 
destens drei Tage zum Verkaufe ausgeboten werden, ehe 
man sie weiter transportieren durfte. 

Als hierauf noch im Laufe des 16. Jahrhunderts eine 
Anzahl Kaufleute aus Antwerpen, vor der Grausamkeit 
Herzog Albas flüchtend, nach Leipzig übersiedelte, als 
eine Menge Tuchweber und andere Gewerbsleute sich 
hierher zogen, blühte diese Stadt mehr und mehr zum 
Hauptmarkte des gewerbreichen Obersachsen empor, riss 
dieser Handelsplatz auf Kosten seiner weit älteren Kon- 
kurrenten Erfurt, Halle, Naumburg, Zeitz und Merseburg 
den Verkehr Inner-Deutschlands an sich, konzentrierten 
sich die wichtigsten Handelsstrassen des ganzen innern 
Deutschlands auf Leipzig. 

War Leipzig von jetzt ab die Aufgabe zugefallen, 
den Verkehr Deutschlands gegen NO. einerseits und 
gegen SW. andererseits zu vermitteln, so musste es in 



") Karl V. versah diese Vergünstigung 1521 noch mit dem wich- 
tigen Zusätze, „dass die Strassen durch alle Lande des heiligen 
römischen Kelches zu und von den Leipziger Markt und Niederlage 
durch keinerlei Sache versperret, desgleichen die Waaren und Güter, 
so zu und von den bestimmten Märkten gehen, nicht aufgehalten, 
verhindert und rechtlich arrestirt werden sollen — alles bei Ver- 
meidung der Reichsacht und Aberacht, auch bei Pön des Laud- 
friedensbvuchs und 50 Mark löthigen Goldes". Leipziger Raths- 
archiv XLV. 13. 1, fol. 85 ff', und XLV. A Ib, fol. 8b. — Alle unter 
XLV folgenden Zitate beziehen sich auf dieses Archiv. 



10 Hermann Heller: 

seinem besonderen Interesse liegen, auch die Handels- 
strassen nach jenen Riehtung'en hin frühzeitig sicher zu 
stellen. Aus diesem Grunde erklärt sich die peinliche 
Fürsorge, mit welcher diese Stadt im Verein mit ihrem 
Lundesherru über die Aufrecliterhaltung der wichtigsten 
Verkehrsader Kursachsens, der sogenannten hohen Land- 
strasse, wachte, welche aus Schlesien, Polen und Russ- 
land im O. durch die Lausitz in das Kurfürstenthum ein- 
trat, dann über Grossenliain und Oschatz nach Leipzig 
führte und von hier aus über Nürnberg nach dem S., 
über Frankfurt a. M. nach dem SW. zog, während sie 
in Sachsen verschiedene Abzweigungen nach Böhmen 
entsandte ^^). 

Der Handelsweg des mittleren Deutschland vom 
Rheine her über Eisenach, Erfurt, Leipzig und Grossen- 
hain durch die Lausitz (über Bautzen und Görlitz) 
nach Schlesien und Polen ist uralt; denn schon am 
Ausgange des 13., noch zuverlässiger aber gleich zu An- 
fange des 14. Jahrhunderts Avurde die sogenannte via 
regia Lusatiae oder strata regia, wie sie in einem Ver- 
trage Markgraf Heinrichs mit Bischof Konrad von Meissen 
vom 22. Mai 1252 genannt wird *^), öfters befahren. 
In einer Urkunde vom 25. August 1308 wird „der Durch- 
zoll" zu Görhtz zuerst erwähnt, aber schon als ein seit 



'^) Falke, Die Geschichte des Kurfürsten August von Sachsen 
in volksAvirthschaftlicher Beziehung (Leipzig 1868), 267 ft'. Dieser 
weit ausgespannte Verkehrsweg verband in seinen entferntesten 
Endpunkten die Ostsee und ihre Küstenländer mit Italien, dem 
Mittelländischen Meere und Kleinasien , und war deshalb für das 
innere Deutschland, wo seine einzelneu Strassenzüge am dich- 
testen sich zusammendrängten , von eminenter Bedeutung. Denn 
wenn auch die alte Weltstrasse der Gewürze, der Verbindungsweg 
zwischen der indischen Welt und Europa, seit der Entdeckung der 
neuen Seewege atlantische liahnen eingeschlagen und in Lissabon 
einen neuen Mittelpunkt für Europa geschaften hatte, so geschah 
dies doch nicht auf einmal und in durc^hschlagender Weise; denn 
nicht ohne hartnäckigen Widerkampf liessen sich die Venezianer 
den Handel über die Levante aus den Händen reissen. Die alte 
Verbindung zwischen den Gewürzlanden und dem voralpischen Eu- 
ropa über Kleinasien, Ägypten und Italien bestand fort und konnte 
im Laufe des 16. Jahrhunderts um so sicherer aufrecht erhalten 
werden, als sie in jenem Zeiträume durch einen lebhaften Austausch 
deutscher und italienischer Industrieartikel noch besonders belebt 
wurde. 

'*) Schönwälder, Die hohe Landstrasse durch die Oberlausitz 
im Mittelalter, im N. Lausitz. Magazin LVI, 342. 



Die Handelswege Inner-Deutschlands im 1 6. — 18. Jahrb. etc. 1 1 

langer Zeit bestehender^*). Im Jahre 1341 verordnete 
König Johann von Böhmen infolge eines zwischen Görlitz 
und Zittau ausgebrochenen Wegestreites **), dass alle 
Fuhrleute, welche aus Polen, Schlesien und Böhmen nach 
Sachsen etc. fuhren, Görlitz passieren und namentlich 
den Beiweg über Friedland meiden sollten. Dieses Pri- 
vileg bestätigte Karl IV. 1 356 und 1 377, indem er den 
Weg über Schönberg und Seidenberg untersagte und nur 
die Strasse über I^auban, Görlitz und Zittau nach Böhmen 
gestattete *®), während König Wenzel in einem Schreiben 
an die Zittauer vom Jahre 1419 den bequemeren Salzweg 
aus Sachsen über Waltersdorf und Reichenberg verbot 
und auf „die alte Strasse" aus Meissen über Königsbrück, 
Kamenz, Budissin, Zittau, Gabel und Weiss wasser nach 
Prag verwies. 

Wichtiger als diese vereinzelten Bestimmungen sind 
zwei Verträge, die Markgraf Wilhelm mit Breslau (1399) 
und Krakau (1404) abschloss, in welchen er den Bürgern 
dieser Städte gegen gewisse, von jedem mit Waren be- 
ladenen Wagen zu Hayn, Oschatz und Grimma zu 
entrichtende Zölle sichere Fahrt durch seine Lande ver- 
sprach"). 

Als hierauf polnische Fuhrleute, wohl theilweise aus 
Furcht vor den Hussitenstürmen, nach N. hin abwichen 
und unter dem Schutze des Herzogs Johannes von Schle- 
sien ihren Weg über Sag an und Priebus in Schi, ein- 
schlugen, bestimmte König Georg Podiebrad von Böhmen 
auf Veranlassung der in ihren Privilegien gekränkten 
Görlitzer — auf einer Tagfalirt zu Glogau am 20. Mai 
1462 — , dass diejenigen Fuhrleute, „so den Queis 
rührten", von Polen und Schlesien auf Lauban, Görlitz, 
Budissin, Kamenz, Königsbrück, Hayn, Oschatz, Grimma 
oder Eilenburg nach Meissen, Thüringen und Sachsen 
fahren sollten'^). — Davon wurde zugleich Kurfürst 
Friedrich der Sanftmüthige von Sachsen in Kenntnis 
gesetzt. 

Letzterer erliess infolgedessen und auf besondere Ver- 
anlassung der Lausitz er Sechsstädte: Görlitz, Zittau, 

'*) Falke, Zur Gesch. der hohen Laudstrasse in Sachsen, in 
V. Webers Archiv für Sachs. Gesch. TU. 117. 
'*) XLV. A. 16a, fol. 1. 
'«) Falke a. a. 0. 119. 
") Ebenda 121. 
'») XLY. A. 17. 



12 llurmauu Heller: 

Bautzen, Kamenz, Löbau und Lauban, iür die eine 
unveränderte Einlialtung des alten Strasseuzuges zur 
Lebensfrage geworden war, eine Strassen- und Zoll- 
ordnung, welche den spateren Verhandlungen vielfach zu 
Grunde gelegt wurde '^). 

Als man zu Anfange des 16. Jahrhunderts unter dem 
Verwände, als brauchten nach König Georgs Spruch von 
1462 nur diejenigen Fuhrleute, „so den Qu eis rühren", 
die geordnete Heerstrasse über Lauban, Görlitz, Bautzen, 
Königsbrück, Kamenz etc. zu benutzen, abermals von 
Breslau über Liegnitz, Sprottau, Sagan, Priebus, Mus- 
kau, Spremberg, Senftenberg, Liebenwerde, Beigern, 
Torgau, Eilenburg etc. aus Schlesien nach Meissen etc. 
zu gelangen suchte'"), erklärte im Jahre 1503 König 
Wladislaw von Böhmen und Ungarn auf Veranlassung 
des Sechsstädtebundes*'), dass alle Fuhr- und Handels- 
leute, welche aus Polen über Breslau und aus den 
schlesischen Landorten Seh weidnitz, Jauer etc. über Lö- 
wenberg „in die äusseren Lande" Meissen, Thüringen, 
und Sachsen oder wiederum zurück führen, den Queis un- 
bedingt berühren müssten und ihren Weg von Breslau 
über Neumarkt, Liegnitz, llaynau, Bunzlau, Naumburg 
(oder Lauban), Görlitz, Budissin, Kamenz, Königsbrück, 
Hayn, Merschwitz (Fähre a. d. Elbe), Oschatz, Dahlen, 
Eulenburg (Eilenburg) oder Grimm (Grimma) nach I^eip- 
zig zu nehmen hätten, damit „die hohe Landstrasse" 
in ihrem Gange bliebe und die daran liegenden Ort- 
schaften keine Schädigung ihrer Interessen erlitten. „Das 
müsse", so notifizierte der Böhmenkönig bald darauf dem 
Herzog Georg von Sachsen, „auch im Interesse Meissens, 
namentlich Leipzigs liegen, das, da der Verkehr zwischen 
Breslau und Polen einerseits und , Welschland' (Italien) 
andererseits ein bedeutender sei, nicht wünschen könne, 
dass die Commercien schliesslich über JMagdeburg 
durch Niedersachsen geführt Avürden. Dieser Fall könne 
aber leicht eintreten, wenn man den Nebenweg von 



") In derselben lieisst es: „Alles Gut und Kaufmannschaft, 
Oas von Polen, Schlesien, nehmlicli Breslau, j^cn Thüringen, Franken, 
Meissen oder Sachsen geht, soll geführt werden auf: Lauban, Görlitz, 
Budissin, Kamenz, Köiiigsbriuk, Hayn, Oschatz, Grimma oder Eilen- 
burg, Leijizig und wiederum." Falke, Zur Gesch. der hohen 
Landstrasse in Sachsen, 124. 

") Ebenda 129. 

^'} XLV. A. lüa, foi. 2li. 



Die HandelsTvege Inner-Deiitschlands im 16.— IS.Jahrh. etc. 13 

Breslau über Parchwitz, Kotzenau, Sprottau, Sagan, 
Priebus, Muskau, Spremberg, Raschen, Sallgast, Finster- 
walde, Dobrilugk, Übigau, Torgau und Eilenburg nach 
Leipzig beibehalte." 

So erlangte die sogenannte hohe Landstrasse, welche 
aus Polen und Schlesien durch die Oberlausitz 
am Nordrande der mitteldeutschen Gebirgsachse nach 
Leipzig zog, ja theil weise sogar schon die durch die 
Ebenen der Niederlausitz nach dem Innern Deutsch- 
lands führende Niederstrasse, feste Gestalt und dauern- 
den Bestand. Zugleich erscheint von jetzt an regelmässig 
Breslau als der östliche Ausgangspunkt der Lausitzer 
Strasse, und dadurch gewinnt diese selbst für Mittel- 
deutschland eine erhöhte Bedeutung. Denn jene merk- 
würdige Oderstadt war schon damals der natürliche Zen- 
tralpunkt und der Haupthandelsplatz der grossen östlichen 
Tieriandsbucht an den Sudeten, als welche Schlesien seinem 
grössten Theile nach betrachtet werden muss. Hier bei 
Breslau war der schiffbare Oderstrom mit Tragfähigkeit 
für grössere Lasten, hier ein Durchgangspunkt der Ver- 
kehrslinien von der Nord- und Ostsee her durch die mäh- 
rische Pforte hindurch nach dem Gebiete der Donau und 
oberen Weichsel, nach Wien und Krakaii hin, sowie in 
der diese durchschneidenden Richtung von O. nach W., 
von Polen nach Böhmen hin, von dessen gangbarsten und 
belebtesten Pässen durch die Sudeten die Stadt in ziem- 
lich gleicher Entfernung lag^^). 

Die Städte Breslau und Frankfurt a. O. klagten 
über den Abbruch, den sie durch die das Handelsgebiet 
der Oder durchziehenden Leipziger erlitten. Sie schlössen 
einen Niederlagsvergleich mit einander ab, demzufolge 
sie ihre Waren in Zukunft nicht über Leipzig, sondern 
vermittelst der Oder über Stettin, Stralsund, 
Lübeck und Lauenburg „in deutsche und welsche 
Lande", nach Brabant, Flandern und in andere nieder- 
ländische Provinzen verführen und den Handel zwischen 
Polen, Reussen (Russen) und Litthauern einerseits und 
Deutsclien und AA'elschen andererseits nur dann gestatten 
wollten, wenn er sich durch ihre Vermittelung vollzöge, 
das heisst wenn die Handelsartikel in Breslau und Frank- 
furt a. O. niedergelegt würden. Brandenburg und Böhmen 
bestätigten diesen Vertrag. Herzog Georg von Sachsen 



') Kutzen, Das deutsche Land, 523. 



14 Hermaun Heller: 

brachte es jedocli in Verbindung mit Leipzig und den 
Sechsstädten beim böhmischen Hofe dahin, dass derselbe 
den der Leipziger Stapelstrasse nachtheiligen Niederlags- 
vergleich 1513 wieder kassierte und die Breslauer auf- 
forderte, ihre Handlung nach den Seestädten und den 
Niederlanden in Zukunft nicht anders als vermittelst der 
hohen Landstrasse über Leipzig zu betreiben. — Schon 
im Jahre vorher, 1512, hatte Sachsen im Verein mit 
Pommern luid Polen auf dem Tay-e zu Fraustadt 
festgestellt, dass auch die Waren aus Pommern und 
dem nordöstlichen Polen, nachdem sie über Posen, 
Kosten, Fraustadt, Gross-Glogau, Sagan nach Görlitz in 
die Oberlausitz gekommen, die hohe Strasse auf Leipzig 
passieren sollten. 

Damit war aber die Angelegenheit nicht erledigt. 
1528 wussten die Breslauer in Verbindung mit dem Mark- 
grafen von Brandenburg bei König Ferdinand von Böh- 
men ein Mandat auszuwirken, demzufolge sie nicht nur 
vermittelst der Oderschiffahrt über Frankfurt a. O. 
nach Lübeck und Hamburg, sondern auch zu Lande über 
Prag nach Nürnberg handeln durften. Zwar vermochte 
auch diesmal Herzog Georg den Böhmenkönig zu be- 
wegen, dass dieser die Breslauer in einer besonderen Ver- 
ordnung von 1530 wieder auf die hohe Landstrasse durch 
die Oberlausitz verwies, doch konnte er dadurch die an- 
gedeuteten Verkehrsrichtungen nicht vollständig beseitigen. 
Die von den Süddeutschen und Hanseaten schon in früheren 
Zeiten angebahnten Handelswege aus Polen und Schlesien 
über Prag nach Nürnberg und über Frankfurt a. O. nach 
Hamburg und Lübeck bestanden auch im 16. Jahrhundert 
fort. Denn 1545 zeigte Herzog Friedrich von Liegnitz 
dem Herzog Moritz von Sachsen an'''), dass er in seiner 
Stadt Frankenstein 50 Wagen Kaufmannsgtiter aus Nürn- 
berg angetroffen, die nicht den vorgeschriebenen A^eg 
über Leipzig und die „Sechsstädte" passiert hätten, sondern 
über Prag und Frankenstein nach Breslau gefahren wären. 

Wie die von Breslau nach den Seestädten dirigierten 
Güter vermittelst der Oder bequem ihren Bestimmungsort 
erreichten, so strömten die Nürnberger Waren durch 
das Thor von Cham und Taus, jene ziemlich breite, tiefe 
und gangbare Gebirgslücke in der Mitte des Böhmer- 
waldes, nach Böhmen hinein, gingen im Thale der Beraun 

») XLV. A. 17. 



Die Handelswege Inner-Deutschlands im 16.— 18. Jahrh. etc. 15 

über Pilsen nach Frag- und gelangten von hier aus mit 
Benutzung des oberen Elbthales über Könio-o-rätz und der 
Einsenkungen zwischen dem Riesengebirge und der 
höheren südlichen Partie der Sudeten über Trautenau 
und Landshut oder Nachod und Glatz nach Breslau. 

Zwischen diesen beiden Handelsrichtungen bewegte 
sich aber nach wie vor der Hauptwarenstrom aus Schle- 
sien und Polen von Breslau über Leipzig nach Nürnberg 
und Frankfurt a. M. Er mied die sumpfigen Fluss- 
niederungen im N. und umging die böhmische Gebirgs- 
burg im S,, um sich in mächtiger Stärke quer durch 
Inner-Deutschland zu ergiessen. 

Der Handelsweg von Leipzig nach Nürnberg 
zog sich in der bequemen Passage hin, welche zwischen 
dem Fichtelgebirge und dem Thüringerwalde über den 
breiten und abgerundeten Kamm des verhältnismässio- 
niedrigen Frankenwaldes sich darbietet, wo sowohl von 
Franken als auch von Sachsen her die Ebenen tief in 
das Gebirge einschneiden und zwischen den Tiefungen 
des Mains und der Ebene von Leipzig eine allgemeine 
Verengung der mitteldeutschen Gebirgsmasse stattfindet^*). 
Er führte also von Leipzig aus in der Richtung der 
heutigen sächsisch-bayerischen Staatsbahn über Altenburg 
ins Quellgebiet der Pleisse, durch die Höhen des Vogt- 
landes nach Plauen und Hof, über das Plateau des 
Frankenwaldes nach Kulrabach und von hier aus in den 
Thälern und Passagen des Mains und der Regnitz, durch 
welche die Natur Beziehungen dieser Flüsse zur Donau 
im S. angebahnt hat, nach Nürnberg hinauf. — Auf dieser 
Strasse holten schon 1471 die Regensburger Häringe, 
Honig, Tuch, Wollengarn, Rauchwerk aus dem euro- 
päischen Norden und Nordosten herbei^^). 1521 gab 
Herzog Johann (der spätere Kurfürst Johann der Be- 
ständige) von Weimar aus dem Zwick au er Rat he be- 
kannt*^), dass er die süddeutschen Fuhrleute, welche die 
von Hof über Plauen, Zwickau oder Werdau, Altenburg 
und Borna nach Leipzig führende Handelsstrasse verlassen 
würden, mit hohen Strafen belegen wolle. Diese Verord- 
nung wurde 1551, als Nürnberger und Regensburger 
Fuhrleute von Hof aus auf einer viel weniger bequemen, 



'*) Kutzen, Das deutsche Land, 228. 

^') Falke, Zur Gesch. der hohen Landstrasse in Sachsen, 122. 

*«) XLV. A. U. 



16 Hermann Heller: 

längs der Saale und Aveissen Elster nordwärts ziehenden 
Strasse über Sclileiz, Gera, Ziitz und Pegau nach Leipzig 
zu gelano;en suchten, wiederholt und verschärft. 

Um dieselbe Zeit wurde auch der Haudelsweg 
von Leipzig nach Frankfurt a. M. fixiert und so das 
System der sogenannten hohen Strasse raelirseitig aus- 
gebildet. 1541 erHessen die sächsisclieu Fürsten ein 
Strassenmandat *"), demzufolge! die hohe oder Oberstrasse 
von Leipzig nach dem Rheinstrom über Weissenfeis, 
Eckartsberga, Buttelstedt, Erfurt, Eisenach oder Kreuz- 
burg führen sollte. Sie fiel mit jener wichtigen Naturbahn 
zusanimen, die sich im N. des Fichtelgebirges und Thü- 
ringcrwaldes, der Rhön und des Spessart von der Elbe 
zur Saale zieht, zwischen den äussersten Ausläufern des 
Harzes und Tiüiringerwaldes im lim- und Hörseithal 
hinüber zur Werra geht und von da zwischen Rhön und 
Vogelsberg hindurch über Fulda, den 374 m hohen Pass 
von Schlüchtern, Gelnhausen und Hanau mit der Kinzig 
ins Mündungsgebiet des Mains ausläuft, wo Frankfurt 
die gesamte Bewegung des Verkehrs von Westdeutsch- 
land beherrschte. 

Als König Ferdinand und Herzog Georg 1537 die 
alte Erbeinigung zwischen Böhmen und Sachsen erneuer- 
ten, wurde auch der ungehinderte Lauf des Handels 
zwischen diesen beiden Ländern, die eine grosse Strecke 
an einander grenzten, mit verabredet. Böhmen war zwar 
infolge seiner allseitigen Umgebung von unbequemen 
Höhenzügen uuil Gebirgen nicht zu einem Transitgebiet 
für den A\'elthandel geeignet. Wie die mächtigen Ströme 
Donau und Oder an dem grossen böhmischen Gcbirgs- 
(juadrate vorbeiflossen, so bewegten sich auch die grossen 
Verkehrsströmungen in diesen Flussthälern und den gang- 
baren Ebenen, welche die gewaltige, weit ins nördliche 
Flachland hinausragende böhmische Gebirgsburg um- 
lagern, an Böhmen vorbei. Allein die von der Natur in 
dem Rande des böhmischen Kessellandes ausgearbeiteten 
Thore l)ewirkten doch, wie schon weiter oben angedeutet, 
den Eintritt wichtiger Zweige des Welthandels in das 
Böhmerland. — AA'ie durch die zwischen Böhmerwald 
und mährischem Zug vorhandene Depression von Freistadt 
von Linz lier, so beweuten sich durch die Pässe des 
mährischen Bergrückens von Wien her südländische 



') XLV. A. 16a, fol. 7. 



>-• 



t)ie Handelswege Inner-Beutschlaafls im Ifi. — JB.Jahrh. etc. 17 

Waren nacli Prag. Von hier aus gingen sie entweder 
durcli jene grosse Bodensenke zwischen Riesen- und Ei-z- 
gubirge, durch welche die Elbe am nördlichen Zipfel des 
Landes alle Gewässer aus dem Löhmischen „Kessel" heraus- 
fuhrt und wo. neben dem tiefen Einschnitte dieses Stromes 
selbst eine Menge anderer Depressionen eintreten, oder 
man transportierte sie durch die Passagen von Eger, 
Avelche an der Nordwestecke des bölnnischen Quadrates 
da entstanden sind, wo die krystallinischen Schiefer- und 
Granitmassen des Böhmerwaldes, Fichtel- und Erzge- 
birges zusammentreffen, um sie dann im Neisse- und Eib- 
thal, in den Mulden- und Pleissenniederungen auf bequemen 
Pfaden quer durch das innere Deutsehland zu verbreiten. 
So kam es, dass neben dem wichtigen Strassen zuge im 
O. Böhmens, der von Prag aus im Iserthal nordwärts 
fühlte und dann, die Hauptmasse des Riesengebiri;es im 
W. umgehend, durch das passagenreiche Hügelland der 
Oberlausitz über Re ichenberg und Zittau auf Gör- 
litz leitete, schon frühzeitio- eine zweite Handels- 
Strasse im W. des Landes sich, ausbildete, die von 
P r a g a u s über S c h 1 a n , S a a z , E 1 b o g e n und E g e r 
im Egerthale hinaufzog und nach Umgehung des Fichtel- 
gebirges theils hn Mainthal westwärts, theils im Elster- 
und Saalethal nordwärts sich fortsetzte. Zwischen beiden 
vermittelte schliesslich eine di'itte Strasse, die, da das 
enge Elbthul bis ins vorige Jahrhundert hinein für den 
Verkehr ganz unzugänglich war, von Te plitz aus 
zwischen dem eigentlichen Erzgebirge und Elbsandstein- 
Hebiroe hindurch — über den NoUendorfer Pass — 
nach Pirna und Dresden führte, den direkten Ver- 
kehr zwischen Prag und den mitteldeutschen Elbstädten^^). 
Als der Verkehr Inner-Deutschlands in Leipzig ein 
neues Zentrum gewann, wurden sogar die passartigen 
Kammscharten des Erzgebirges, die flach in den Scheitel 
desselben eingesenkt erscheinen und darum häufig ge- 



^') hl der von Kurfürst Friedrich 1462 verfügten neuen 
Strassen- und Zollordnung heisst es: „Alle Wagen mit Gütern aus 
der Mark, Lausitz, aus Berlin, Stettin und anderen Orten sollen auf 
Herzberg, durch den Hajni, auf Lommatzsch, Meissen, Dresden, 
Pirna, Freiberg und andere Gebirgsstädte fahren , desgl. sollen alle 
Salzwägen der ,Hinterstädte' und Schlesiens und die, welche Oschatz 
berühren, durch den Hayn auf Dresden, Pirna, Stolpen, Neustadt, 
Bischofswerda, Schluckenau gebracht werden." Falke, Ziu- Gesch. 
der hohen Landstrasse in Sachsen, 125. 

Neues Archiv !. S. G. u. A. V. 1. 2. 2 



18 Hermann llfllcr: 

riugere BesclnverlicJikeitcu vei ur.'^aclieii als StrjiSf;cii, Avolchc 
in westöstlicher RicJitung" auf dem nördlichen Gcbirgsab- 
liangc angelegt sind und hier über tiefe, steile und felsige 
'rhaleinselniittc füliren, vim den Tlandclszügen überschritten. 
Im Laufe des 16. Jahrlumderts entwickelte sich eine 
llandelsstrasse, die von Prag aus in gerader nordwestlicher 
Direktion nach dem Herzen Deutschlands zielte. Sie führte 
unter dem Namen der hohen Strasse aus Italien und 
Ungarn durch Ost erreich, Mähren und Böhmen 
über Wien und P|rag, von Prag aus über Schlau, Saaz 
und Kommotau zu dem Sebastiansberger Passe und dann, 
einem kurfürstlichen Mandate vom 4. Mai 1643 zufolge, 
mit Bi'initzung des Zschopau-, Cliemnitz- imd Pleisscthalcs, 
ül)er Iveitzenha^^u, INIaiienberg, ZschopaU; Chenmitz, 
Penig, Alten-Mörbitz, Frohburg imd Borna nach Leipzig. 

Eine weitere Ausbildung wurde dem mitteldeutschen 
Strassensystem mit seinem Ilauptstapel zu Leipzig durch 
Kurfürst August zu thcil; unter ihm nahm neben dem 
Transitverkehr auch der sächsische Biimenhandel mit Ge- 
treide, Wolle, Garn, Leinwand, Holz, Silber, Kupfer, 
Blei, Zinn, Salz, Salpeter, Mühlsteinen etc. einen mächtigen 
Aufschwung. 

Kurfürst August knüpfte eine direkte Verbindung 
Kursachsens mit Holland an, auf das nach dem Nieder- 
gange Antwerpens und Lissabons der Welthandel mehr 
und mehr überging. So entstand eine neue Handelsstrasse 
Lmer- Deutschlands, welche, den Harz und das ^A'^eser- 
gebirge in einem gegen N. gerichteten Bogen umgehend, 
von Leipzig über Halle, Ascherslebcn, Halberstadt, Wolfen- 
büttel (oder Brauuschweig) und Lingen führte und von 
hier aus südlich vom Bourtanger Moor und den unpassier- 
baren Sümpfen des Twistes als holländische Strasse 
über Nordhorn und Neuenhaus a. d. Vechte nach Schwoll 
(Zwolle) in der Nähe der Zuidersec leitete. Sie Hess zu- 
gleich die gewerbreichen Städte AA^estfalens und der braun- 
schweigisch-lüneburgischeu Lande, wie Paderborn, Soest, 
Hamm, Münster, Minden, Hildesheim, Göttingen, Braun- 
schweig etc., an dem Verkehre Inner-Deutschlands leb- 
haften Antheil gewinnen. — In Thüringen gestattete Kur- 
fürst August am 4. August 1560 einheimischen Fuhrleuten, 
welche Waid etc. nach dem Rheiustrora führten und Wein, 
Kastanien und Nüsse von dort zurückbrachten, neben der 
hohen Strasse von Frankfurt a. M. über Eisenach (oder 
Kreuzbiiig), Erfurt, Buttelstedt, Eckartsberga, Naumburg 



l)ie Handelswege iniier-Deutschlaiids im 16. — 18. Jahrh. etc. 19 

und Weissenfeis auch den vom Eiclisfelde im Unstrut- 
thale zwischen Hainich und Hainleite ostwärts führenden 
Weg über Mühlhausen, Langensalza, Tennstedt, 
Weissensee und Sachsenburg zu benutzen^'*). Dieses Zu- 
geständnis -war um so wichtiger, als dadurch neben der 
schon früher bestehenden Verkehrslinie von Magdeburg 
und Halle durch die goldene Aue über Nord hausen, GÖt- 
tingeu und Westfalen ein direkter Handelsweg von Leipzig 
über JMühlhausen, Wanfried a. d. AVerra, Kassel und K("tln 
nach den Niederlanden freigegeben wurde. 

Mit um so grösserer Zähigkeit suclite aber die kur- 
fürstliche Regierung den Bestand der hohen Strasse im O. 
von Leipzig zu wahren. Als im Jahre 1559 in den 
kaiserlichen Erblanden ein neuer Zoll eingeführt und da- 
durch der Viehhandel aus Polen und Schlesien durch die 
Lausitz nach Sachsen etc. fast unmöglich gemacht wurde'"), 
schickte der Kurfürst auf Anregung Leipzigs eine Gesandt- 
schaft an den Kaiser, um denselben zu erinnern, dass in 
den Erbeinungen zwischen Sachsen und Böhmen auch 
der gegenseitige Schutz der Handelsstrassen, speziell der 
Strasse aus Polen und Schlesien über Lauban, Görlitz, 
Bautzen, Kamenz, Königsbrück, Hayn, Oschatz, Grimma 
(oder Eilenburg), Leipzig etc. nach Saclisen, Thüringen 
und Meissen, stets bedacht gewesen sei, dass aber diese 
wichtige Strasse ,.unbebauet'' bleiben werde, wenn man sie 
in Schlesien und der Lausitz mit neuen Zöllen belaste. 
Denn dadurch würden die polnischen Viehhändler ver- 
anlasst, ihren Markt von Brieg nach Posen zu verlegen 
und die Viehherden von dort aus über Berlin, Branden- 
burg, Zerbst, Bernburg und Eisleben gehen zu lassen, so 
dass dieselben erst zu Nebra und Eckartsberga kur- 
sächsisches Geljiet berührten, Avährend sie bisher von 
Königsbrück oder Hayn aus quer durch Sachsen bis Butt- 
städt gezogen seien"). Unter solciien Umständen werde 
nicht nur der Viehmarkt zu Döbeln, wo sich die säch- 
sischen Bergstädte bisher mit Schlachtvieh versorgten, ganz 
aufhören, sondern auch der Tuchhandel Sachsens nach 
Poleii, der einen hohen Transitzoll in der Lausitz und 
in Schlesien nicht zu tragen vermöge, durch den märkischen 
zu Grunde gerichtet Averden, ganz abgesehen davon, dass 



*•) Falke, Uescli. des Kurf. August vou Sachsen etc , 270. 

*") Kbeiida 268. 

»') XLV. A. ir.n. und XLY. A. 17. 

2* 



20 Hermann Heller: 

ein grosser Theil der Nürnberge)-; Frankfurter und Ant- 
werpener (lüter, welche bisher über Leipzig' und Breslau 
nach Polen gingen, in Zukunft über Wittenberg und durch 
die Mark (Brandenburg) daliin verführt werden könnte. 
— Zugleich erlie.ss der Kurfürst in dieser Angelegenheit 
ein Abraahnungssclu'eiben an den Kurfürsten von Branden- 
burg, damit dieser den Polen sein Land sperre und sie 
auf die hohe Strasse dui'ch die Oberlausitz verweise, wenn 
sie mit dem „Reiche" verkehren wollten. 

Mit solchen Vorstellungen konnte jedocii Kurfürst 
August weder beim Kaiser noch beim Kurfürsten von 
Brandenburg viel erreichen. Der neu errichtete schlesische 
Zoll blieb fortbestehen. Zwar erliessen Kaiser Rudolf IL und 
Kurfürst Augu.st wiederholt — namentlich 1577 und 1589 — 
Mandate, in denen sie die strikte Innehaltung der hohen 
Landstrasse von Brieg und Breslau durch die Oberlausitz 
nach Leipzig streng anbefohlen. Allein alles dies ver- 
mochte nicht, dem seit undenklichen Zeiten geübten Um- 
fahren der geordneten Landstrasse ein Ziel zu setzen. 
Der Warenverkehr suchte sich nach Avie vor die Wege, 
die am wenigsten mit Abgaben, mit Zöllen und Geleiten 
belastet waren. — Einem Bericht aus Bautzen vom 22. 
April 1594 zufolge^'') vermieden polnische Fuhrleute die 
hohe Strasse durch die Oberlausitz ganz und zogen über 
Parchwitz, Kotzenau, Sagan und Priebus durch die 
Niederlausitz auf Magdeburg. — Breslau und das 
schlesische Herzogsgeschlecht von Sagan und Liegnitz 
leisteten dem Abweichen von der Leipziger Stapelstrasse 
mächtigen Vorschub. So kam es, dass am Ausgange des 
16. Jahrhunderts neben der hohen Strasse von Breslau 
durch die Oberlausitz und der niederen Strasse von 
Breslau durch die Niederlausitz auf Leipzig eine zweite 
Nieder Strasse sich herausbildete, die sich bei Finster- 
walde von der alten Niederstrasse abzweigte und in 
ziemlich gerader nordwestlicher Richtung auf Magdeburg 
an der mittleren Elbe führte. — Bereits im Jahre 1615 
sah sich Kaiser Matthias als Herr von Böhmen und der 
Lausitz veranlasst'''*), dem Landvogt der Niederlausitz den 
Befehl zu ertheilen, dass er auf Einhaltung der rechten 
Niederstrasse über Muskau und Spremberg nach Leipzig 
achte und das Abweichen auf Magdeburg verhindere. 



") XLV. A. 16a, fol. 16, 
") XLV. A. 17. 



Die Handelswege Inner-Deutschlaiuls im 16. — 18. Jahrh. etc. 21 

Die Oberlausitzer Städte Budissiii, Görlitz, Lauban 
und Kamenz hatten nicht ganz Unrecht, wenn sie dem 
Leipziger Rathe am 20. August 1594 zu bedenken gaben''*), 
dass bei fortgesetzter Abweichung der Fuhrleute von der 
liohen Strasse auf den Magdeburger Weg der uralte 
polnische Handel sich immer stärker von Leipzig auf 
Magdeburg ziehen werde. Denn von jetzt ab bewegten 
sich die Güterzüge wie auf der hohen Hauptstrasse über 
Leipzig auch auf der Strasse über Magdeburg aus Polen 
ins Innere DeutschLands. Magdeburg selbst aber nahm 
nunmehr trotz kurfürstlich-sächsischer und kaiserlich-böh- 
mischer Strassenverbote neben Leipzig eine selbstthätig 
vermittelnde Stellung zwischen Niederdeutschland oder dem 
unteren Elb- und Wesergebiete einerseits und Schlesien 
und Polen oder dem oberen Oder- und Wcichselgebiete 
andererseits im mittleren Deutschland ein. Dazu war 
diese »Stadt um so leichter geeignet, als sie im mittleren 
Eibgebiet gerade da liegt, wo dieser Strom in seinem 
bisherigen Laufe die westlichste Biegung nach Deutsch- 
land hinein, nach den nordöstlichen Harzabsenkungen, 
macht, und wo ältere, feste Gesteinsschichten (der Fläming) 
aus der Sand- und Lehmbedekung der Ebene hervortreten. 
So konnte hier die bequemste und nächste Verbindungs- 
linie zwischen dem transalbiugischen NO. und O. und 
dem niederrheinischen W. Deutschlands hergestellt werden. 
Andererseits machte die Lage an einer ausgezeichneten 
Wasserbahn, der Elbe, die in gleicher Richtung Land- 
bahnen nach sich zog, Magdeburg geschickt, N. und S. 
mit einander zu verknüpfen. 

Im Laufe des 16. Jahrhunderts, wo sich die Verkehrs- 
wege Inner-Deutschlands allseitig ausbildeten, begann man 
auch die Flüsse, die natürlichsten Verkehrsbahnen, dem 
Handel dienstbar zu machen. 

Bereits in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts hatte 
Böhmen eine lebhafte Schiffahrt auf der Elbe über 
Magdeljurg nach Hamburg eröffnet. Demzufolge erhielten 
Dresden und Wittenberg Niederlagsprivilegien^^). Unter 
König Ferdinand begegnen wir sogar dem Plane, die 
Hauptwasserader Böhmens und des östlichen Inner-Deutsch- 
lands, die Elbe, mit der Hauptflussader Schlesiens und 
der Mark Brandenburg, mit der Oder, in Verbindung 



") XLV. A. 16a. fol. 16. 

^^) Falke, Zur Gesch. der hohen Landstrasse in Sachsen, 12.S. 



22 lleniianu Heller: 

zu isctKen^®) und dadurch die deutschen Nortlseeküsten 
und die südöstlichen Gegenden des Reichs auch durch 
einen Wasserweg au einander zu knüpfen. 

Am 7, Juni 1548 meUlete der Böhinenkönig Ferdinand 
dem sächsischen Kurfürsten Moritz''), dass er mit Joachim 
von Brandenburg berathen liabe, wie künftighin die Waren 
aus den Niederhinden und dir See vermittelst der 
Oder und Elbe durch Brandenburg und Sachsen bis 
nach Schlesien und Böhmen heraufgeführt werden könnten. 
Für den 7. Oktober 1548 aber setzte er eine Tagfahrt 
zu Frankfurt a. O. an, auf der diese Frage von dm 
Interessenten einer weiteren Beratung unterworfen werden 
sollte. In Frankfurt zerscidugen sich jedoch die Verhand- 
lungen schliesslich — am 8. und 9. Oktober — , da die 
kurfürstlich sächsischen Abgesandten auf Anregung Leipzigs, 
das in allzu folgerichtiger Anwendung seiner Privilegien 
auch die Elbschitfahrt zwischen Dresden und Magdeburg 
in seinen Stapel hineinziehen wollte, den Wünschen der 
böhmischen und brandenburgischeu Vertreter gegenüber 
geltend machten, dass eine Schiffahrt auf der Oder und 
Elbe und ihren NebenHüssen nur Brandenl)urg und Böhmen 
Vortheil bringe, während die Bewohner Sachsens und seine 
Handwerker in den Städten insbesondere dadurch gewisse 
Privilegien und Nutzungen verlören, deren Verlust durch 
den billigeren l*reis der Waren, die etwa auf der Elbe 
ankämen, nicht ausgeglichen werden könne. 

Für Sachsen speziell konnte der Eibstrom eben nie 
in dem Masse Verkehrsader werden, wie etwa die Oder 
für Schlesien, da die sächsische Ebene, welche in ihrem 
grösseren, nach NW. verlaufenden Theile von der Elbe 
durchflössen wird, gegen SW. iiin durch die weit frucht- 
Ijarere Tiefiandsbucht von Leipzig sich vergrössrrt, die 
den Handel von N. und S., O. und ^^^ auf sich lenkte. 
Das geht auch daraus hervor, dass nocli heute die eigent- 
liche Eibniederung wesentlich geringer bevölkert ist als 
das Gebiet zwischen Mulde und Saale, in dessen Zentrum 
Leipzig liegt. 

Auch die Tagfahrt von Frank iiut a. C). am 
1. Februar 1556 viu'lief resultatlos, da Kurfürst iVugust 
von Sachsen und Herzog Otto von Brauuschweig gar 
keine Vertreter dahin schickten, si>ndern dieser im Interesse 



»«) XLV. D. 1. 

") Falke, Gesch. des Kurf. August von Sachsen etc., 261 fl'. 



Die Ilaiidelswege Iinier-Deutsclilaiicls im in. — 18. Jalirli. etc. 23 

Lüneburgs, jener im Interesse Leipzigs schriftlich ge^^en 
die Errichtung einer Oder-Elbschiffahrt protestierte. Kur- 
fürst August hob in seinem Proteste, in dem er sich zu- 
gleicli auf Moritzens Bedenken von 1548 berief, besonders 
hervor, eine freie Schiffahrt auf der Oder und Elbe 
werde die Zerrüttung der liohen Landstrasse aus Polen 
und Schlesien durch die Oberlausitz etc. zur Folge haben 
und die Stadt Leipzig in ihren vom Kaiser verliehenen 
Stapel- und Messprivilegien schädigen. — Als dem gegenüber 
die kaiserlichen Abgeordneten geltend machten, dass die 
Elbe ein „flumen publicum" sei, der nach dem „jus gentium" 
durch keine städtischen Vorrechte beschränkt "werden könne, 
berief sich der Kurfürst August auf die zwischen Sachsen, 
Polen, Pommern, Hessen und Braunschweig der Strassen 
halber abgeschlossenen Verträge, an denen er festhalten 
müsse. 

Als Böhmen 1571 die Elb- und Oderschiffahrt von 
neuem anregte^*), schien Kurfürst August — der ja eiust 
selbst den abenteuerlichen Plan einer Wasser Verbindung 
Sachsens mit Lissabon gehegt, um dadurch den ge- 
samten Pfefferhandel für Obersachsen und Niederdeutsch- 
land, für Polen, Böhmen, Schlesien, Osterreich und Ungarn, 
in seine Hand zu bringen und Leipzig direkten Antheil 
am Welthandel zu verschaffen — anfangs nicht abgeneigt, 
den Elbhandel gegen Erstattung der üblichen Zölle (28 
an der Zahl auf der Strecke von Dresden bis Hamburg!) 
zu gestatten. Allein Lüneburg, das sich in seinem Stapel- 
rechte nicht schädigen lassen wollte, bekämpfte auf dem 
Tage zu Magdeburg am 29, April 1571 ganz entschie- 
den eine Eröffnung dos Eibstromes. Es wollte, den 
Pönalmandaten Kaiser Maximilians IL vom 6. August 
1569 und vom 30. März 1570 zum Trotz, sogar die 
Schiffahrt zwischen Magdeburg und Hamburg verhindern. 
Wie Lünebiu'g und die Herzöge von Braunschweig unten, 
so traten schliesslich auch Leipzig und der Kurfürst von 
Sachsen weiter oben gegen eine ungehinderte Elb- und 
Oderschiffahrt auf, weil dadurch der Getreidehaudel über 
Frankfurt a. O. und Magdeburg direkt in die Niederlande 
geleitet werde, Magdeburg den gesamten Verkehr mit 
der Äfark beherrschen und Böhmen den Handel von den 
wichtigsten Theilen Deutschlands nicht nur, sondern auch 
von Dänemark, Norwegen, Schweden, Livland, Polen. 



^«) XLY. D. 5. 



24 Hermann Heller: 

Moskau (d. i. Russhmd), von den Niederlanden, von Eng- 
land, Frankreich, Spanien nnd Italien auf die Niederlage 
zu Prag lenken könne. — Da die kaiserlich höhmischen 
Gesandten Sachsens Bedenken widerlegten, so ersuchte 
Kurfürst August den Rath der Stadt Leipzig durch ein 
Reskript vom 22. Juni 1571 um ein endgiltiges Gutachten 
in dieser Angelegenheit, „damit er nicht ohne Grund nur 
für und für das alte Lied singen müsse". In diesem Schreiben 
gedachte zwar Kurfürst August mit aller Achtung der 
Privilegien Leipzigs; zugleich forderte er jedoch darin die 
Leipziger auf, die Vortheile einer freien Schiffahrt, ..welche 
von Zeit der Sündfluth jedem immer erlaubt gewesen sei," 
ohne Rückhalt klar darzulegen. Die Antwort hieraufscheint 
leider verloren gegangen zu sein; denn in den Leipziger 
Stapelakten ist sie nirgends zu finden. Wir können sie 
jedoch ergänzen durch die „Rationes pro et contra die 
Elbschiffiilirt ", Avelche Leipzig 1590 Christian l, der 
ebenfalls gegen die Eibschiffahrt eiferte, übermittelte'^'). 
Darin führten die Leipziger aus, dass eine Schift'ahrt auf 
der Elbe Sachsen zwar in mannigfacher Beziehung zu- 
träglich sei, da man vermittelst derselben die schweren 
Waren, namentlich die der Bergwerke, mit leichteren 
Unkosten und in grösseren Massen auf dem Elbstromc 
fortbringen könne. Doch falle dieser geringe Vortheil nicht 
ins Gewicht deni grossen Schaden gegenüber, den die 
Eröffnung der Elb- und Oderschiffahrt für das ganze 
Land im Gefolge habe. Denn bei Freigebung des Eib- 
verkehrs würden viele Waren vermittelst der Havel, 
Spree und Oder in die Mark, nach Pommern, Prenssen, 
Polen und Schlesien, dann die Elbe herauf nach Böhmen, 
Mähren, in die Lausitz etc. gebracht werden und mit ihrer 
Zu- und Abfuhr weder die kursächsischen Lande berühren, 
noch die Leipzig(-r Messen besuchen. Ebenso würden 
die Kaufleute aus Thüringen, Franken, Hessen, Bayern, 
Schwaben und Niedersachsen sich von Leipzig und Kur- 
sachson wegwenden und ihre Bedürfnisse in den Eib- 
städten decken, wodurch nur Magdeburg gewinnen könne. 
Sollte sicli der Kurfürst dennoch zur Elbschiffahrt ver- 
stehen, was man aber nicht hotten wollte — schrieben die 
Leipziger weiter — , so möge er wenigstens darauf achten, 
dass man dieselbe mit Mass betreibe und ausser Steinern 
imd Holz nur Salz, Ess waren und Getränke verschiffe. 



") XLV. D. 2. Sodann: XLV. A. le, fol. .33 ff. 



Die Haudelswegelnner-Deutschlands im 1 6.— 18. Jahrh. etc. 25 

So blieb zwar scliliesslich der Plan Kurbrandenburgs 
und Bölimens, die Elbe und Oder vermittelst der Havel 
und Spree und besonderer Kanäle in einander zu leiten 
und sie von den Fesseln der Stapelrecbte Leipzigs, 
Magdeburgs, Lüneburgs und Hamburgs und den zahl- 
leicben und hohen Zöllen zu befreien, für die nächste Zeit 
auf sich beruhen. Allein die natürliche, in den Strasseu- 
verhältnissen Lmer - Deutschlands begründete Sachlage 
bUeb *°), dass Leipzig, trotz seines willenskräftigen und 
geübten Handelsgeistes, trotz der Bemühungen und Proteste 
seiner Kurfürsten, nach wie vor „die Elbe ausserhalb 
seiner Mauern vorbeifliessen" und die Güterfrachten von 
Böhmen nach Niedersachsen und umgekehrt, wenn auch 
unter mannigfachen Beschränkungen, auf diesem Flusse 
befördern sehen musste. Als der grösste Strom, der^ von 
der Quelle bis zur Mündung nur dem Gebiete Deutsch- 
lands angehörend, das freie Meer erreicht, musste die 
Elbe eine hohe Bedeutung für den Gesamthandel des 
Reiches erlangen. — Hatte sich der Kurfürst von Branden- 
burg schon auf dem Magdeburger Tage von 1571 dem 
Kaiser verpfliclitet*'), „in seinen Landen den Pass auf der 
Elbe, Havel und Spree 12 Jahre hindurch zuzulassen" 
und zur besseren Beförderung der Waren die Schleusen 
dieser Flüsse in baulichem Wesen zu erhalten, so suchte 
jetzt — 1593 — auch Dresden ^') Hamburger Roh- 
zucker vermittelst der ElbschifFahrt zu sich zu ziehen. 
Selbst Pirna behauptete 1593 dem Administrator Friedrich 
Wilhelm von Sachsen gegenüber seine Niederlage an der 
Elbe, indem es erklärte, dass ihm dieselbe von König- 
Johann von Böhmen bereits 1325 (wo die Stadt noch böh- 
misches Krongut war) durch eine besondere Urkunde 
bestätigt worden sei'^^). 

Da die beim Transport zu überwindenden Schwierig- 
keiten von jeher auf den Preis der Handelsgüter wesent- 
lich zurückwirkten oder, was auf das Gleiche hinausläuft, 
die Richtung mit anzeigten, welche die Waren bei ihrer 
Versendung nach ihrem Bestimmungsorte einschlugen, so 
musste schliesslich die flüssige Bahn, weil sie — wenigstens 
so lange es keine Eisenbahn gab — der bequemste und 
billigste Verkehrsweg war, den Vorzug gewinnen. 



*•) Falke, Gesch. des deutschen Handels II, 58. 

*') XLV. D. .S. 

*») XLV. A. 1 b, fol. eo. 

") XLV. A. Ib, fol. 80. Vgl. Cod. dipl. Sax. reg. 11, -S 387 ff. 



2Q HtMuiaiiii Ilellur: 

A\ (.:iiu al)cr L'iü Handelszweig- dauenul an dieselbe 
gebunden war, so galt dies vom Holzhandel. Schon im 
16. Jahrhundert wurden im mittleren l)(;utsehland eine 
Menge Floss anstaltc u auf der Klbe und ihren Neben- 
Hüssen Saale, Mulde, Elster, Pleisse und. Weisseritz ein- 
gerichtet und durch Kurfürst August zum Vertrieb des 
Holzes in Sachsen und nacii auswärts eiuer gründliehen 
Reorganisation unterworfen. Das galt besonders von der 
El b flösse mit ihren nauj)thäfen zn Pirna, Dresden und 
Meissen und der Saaleflösse mit ihrer bedeutenden 
Flussschwemnie zu Corbetha, zu deren Beförderung Kur- 
fürst August sogar mehrfache Vergleiche mit auswärtigen 
Mächten, besonders mit Magdeburg und Halle, abschloss. 
Daneben erlangte aber auch die Muldenflösse, die 
ihren Hauptholzmarkt zu Grimma hatte, hohe Bedeutung 
für den Holzhandel des inneren Deutschlands. Selbst die 
Elsterflösse, die 1574 zum Besten der Städte Zeitz, 
Leipzig und Merseburg angelegt wurde und sich von 
Crossen im Zeitzischen in einem besonderen Flossgraben 
fortsetzte, der sicli bei Pegau in den Arm von Leipzig 
und den von Lützen-^Merseljurg theilte, beförderte grosse 
llolzmassen aus dem bergigen und waldreichen Süden 
nach dem Zentrum Deutschlands und darüber hinaus in 
<lie norddeutschen Ebenen. — Alle diese HolzHössen, 
welche dem Verkelire Inncr-Dcutschlands einen nicht un- 
l>edeutendeu PLindelszweig zuführten, blieben der Haupt- 
sache nach in Thätigkeit, bis die sächsisch-thüringischen 
^^^vldun'i•en uelichtet wai'cn, die Steinkohlen das Holz als 
Feuerungsmaterial ersetzten und die Eisenbahnen den 
Transport desselben noch mehr erleichterten und beschleu- 
nigten. 

Hatte Leipzig im Laufe des 16. Jahrhunderts einer 
freien Schiffahrt auf (hir Elbe und Oder und deren Neben- 
flüssen (Havel und Spree) sich liartnäckig widersetzt, 
weil dadurch die Produkte des deutsehen Südens und 
Südostens an seinen Mauern vorbei nach den Seestädten 
im N. Deutschlands verführt werden konnten, so musste 
es um so mehr in seinem Interesse liegen, die Land- 
handelswege nach jener Richtung hin, nach Danzig und 
Lübeck, Hamburg und Bremen, Lüneburg und Magde- 
burg, in sein Strassennetz hereinzuziehen. 

Bisher hatten die Oberdeutschen, besf)nders die Nürn- 
berger und Augsburger, welche noch das ganze 16. Jahr- 
hundert hindurch mit den Hansastädten der Nord- und 



Die Haudelswege Iimer-Deutschlanils im 1 6.— 18. Jalirli. etc. ^7 

Ostsee in Wechselbeziehung standen, die nordischen Roh- 
produkte theils über Antwerpen , wie die Fugger das 
schwedische KupfVr, theils unmittellnir aus den Bezugs- 
ländern über Frankfurt a. O., Breslau und Prag, theils 
aber auch durch die wendischen Städte über P^rfurt zu 
sich gezogen. Bei dieser Stadt vereinigten sich noch 
immer die Handelslinien: 1) von Magdeburg über Aschers- 
leben, Mansfeld;Kindelbrück undWeissensee, 2) von Lübeck 
und Hamburg im Ilmenau- und Isethal über Lüneburg, 
Ülzen, Gifliorn, Braunsclnveig, Halberstadt, Sangerhausen, 
Sachsenburg, Kindelbrück — ostwärts vom Harz — und 
3) von Bremen und Emden über Minden, Göttingen, Nord- 
hausen mid Weissensee — westwärts von diesem Ge- 
birge — , um von hier aus 4) im Thale der Gera aufwärts 
ziehend, an dem 728 m hohen Passe von Oberhof über 
den Thüringerwald zu leiten und sich dann mit Benutzung' 
des Itz-, Main- und Regnitzthales über Suhl, Schlcusingen, 
Eisfeld, Coburg und Bamberg nach Nürnberg fortzusetzen. 
— Diese wichtigen Verkehrslinien über Leipzig zu führen, 
war am Ausgange des 16. Jahrhunilerts, avo diese Stadt 
das entschiedenste LbergeAvicht über ihre Nachbarinnen 
und Nebenbuhlerinnen sowohl im Handel nach W. wie 
nach S. und O. i^ewonnen hatte, das Hauptbestrehen der 
mitteldeutschen Handelsmetropole. Als darum der Rath 
zu Erfurt noch L59U verlangte *\), dass die Waren, welche 
von Lüneburg, jenem Vermittelungsplatze des unteren 
Eibgebietes, nach Nürnberg und von dort wieder zurück 
geführt wurden, in Erfurt unbedingt Niederlage halten 
sollten, erhob Leipzig krcäftigen und erfolgreichen Wider- 
spruch. Es beschwerte sich unterm 25. Juli 1590 beim 
Kurfürsten, dass Erfurt immer noch den direkten Ver- 
kehr zwischen Lüneburg und Nürnberg vermitteln wolle, 
während doch jetzt von Rechts wegen alle Waren aus 
den Seestädten über Leipzig nach dem Süden etc. trans- 
portiert werden müssten. Es forderte diesen auf, die 
Strasse von Lüneburg über Erfurt, nach Nürnberg, so- 
weit sie durch kursächsisches Gebiet führe, was auf der 
Strecke von Sangerhausen über Sachsenburg nach Weissen- 
see der Fall sei, zu sperren. Erfurt erklärte zwar 1593^*), 
„dass es keine mehrere Niederlage und Stapel, als bisher 
gewöhnlich, exigiere'". Allein Leipzig kehrte sich nicht 



**; XLV. A. 1 bt f'>l 42. 
") XLV. A. 1 d, fol. 23. 



28 ITermanii Heller: 

dtirau, sondern führte nunmehr seine Hundelslinien selb- 
ständig bis Lüneburg, Hamburg und Lübeck im N., 
Danzig und Königsberg im NO., Braunschweig und Bremen 
im N^\'. So lenkte Leipzig 3 neue Verkehrswege auf 
seinen Markt, auf denen in der Folge die lebhaftesten 
Handelsbeziehungen zwischen den grossen Hafenstädten 
des deutschen Nordens und dem Herzen Mitteldeutsch- 
lands unterhalten werden sollti n. Der eine dieser Handels- 
wege führte von Leipzig aus, dem Laufe der Elbe 
folgend, nordwärts über Landsberg. Köthen, Kalbe, Salze 
nach Magdeburg und von hier aus, die Ohre und 
Ilmenau entlang, über Ülzen nach Lüneburg, Ham- 
burg und Lübeck. Der zweite bewegte sich, die Elbe 
auf der bequemsten Strecke zwischen Torgau und Witten- 
berg, wo schon der Fläming an den Strom herantritt, über- 
schreitend, in nordöstlicher Richtung über Düben, Kem- 
berg, Wittenberg, Treuenbrietzen und Colin-Berlin 
nach Danzig. Der dritte aber zog in der Richtung der 
mittleren Saale, der Oker, Aller und unteren Weser über 
Halle, Aschersleben undBraunschweig nach Bremen. 

Konnte Leipzig die alte Handelsstrasse, welche von 
Lübeck und Hamburg über Lüneburg, Braunschweig und 
Erfurt direkt nach Nürnberg führte, auch nicht vollständig 
und für immer beseitigen, so wusste es doch zu bewirken, 
dass von jetzt ab die Hauptwarenzüge aus dem Nord- 
und Ostseegebiete über seinen Markt sich beM'cgten. — 
Wie rasch sich übrigens der Verkehr auf den neu er- 
worbenen Handelswegen belebte, geht daraus hervor, dass 
wir in den Stapelakten **'^ bereits vom \. Juni 1593 eine 
Beschwerde des Leipziger Ratlies finden, worin sich dieser 
über die hohen Zölle beklagte, ..welche auf der Leipzig- 
Lüneburger Strasse exigieret würden". 

Die Begründung dieser Handelsstrassen nach dem 
deutschen INIeere und nach ILimbni'g und I>remcn ins- 
besondere war für Leipzig und ganz Imier-Deutschland 
um So bedeutungsvoller, als im 17. Jahrhundert diese 
beiden Städte neben Köln a. Rh. die Haupteingangsthore 
wurden, durch welche sich die holländischen und eng- 
lischen Warenströme nach Deutschland lierein bewegten. 
Denn als gegen Ende des 16. Jahrhunderts spanischer 
Absolutismus in Antwerpen wie in Lissabon den Handel 
aufs Gründlichste vernichtete und Holland und Eng- 



*•) XLV. A. ib, fol. li 



Die Haiulelswege Iiiner-Deutscblaiids im KS.—l.S. Jahrli. etc. 29 

land zu Beherrschern des Weltverkehrs sich empor- 
schwangen; als im Laute des 17. Jahrhunderts der Rhein- 
strom, durch Sperrung seiner Mündungen in eine Sack- 
gasse verwandelt, seine Bedeutung als Welthandelsstrasse 
für Deutschland verlor und durcli dies alles der Schwer- 
punkt des deutschen Handels aus dem SAA'. des Reiches 
nach dessen NW. verlegt wurde: da mussten auch die Han- 
delsstädte des inneren Deutschlands, allen voran Leipzig, ihre 
hauptsächlichsten fremdländischen Waren über Bremen 
und Hamburg beziehen. In diesen beiden Hafenstädten 
der deutschen Nordseeküste konnte eine imgehinderte Ver- 
mittelung zwischen den Handelsmächten England und 
Holland einerseits und dem deutschen Reiche, sowie der 
ihm angrenzenden Schweiz und den südöstlichen slavischen 
Ländern andererseits stattfinden. Sie waren in einer Zeit, 
wo das deutsche Reich verarmt und entvölkert, politisch 
und sittlich verfallen darnirderlag — im 30jährigen Kriege 
und darnach — und von einer freien, selbständigen Be- 
theiligung desselben am Welthandel nicht die Rede sein 
konnte , die Marktplätze , über welche England und 
Holland ihre asiatischen und amerikanischen Waren und 
die Erzeugnisse des eigenen vielseitigm Gewerbfleisses 
bis in das Herz Deutschlands hinein vertrieben und auf 
umgekehrtem ^^'ege die Produkte des Reiches wieder 
herauszogen, um sie in anderen Erdtheilen mit grossem 
Vortheile für sich zu verwerthen. 

Das im Herzen von Deutschland gelegene Leipzig 
war jetzt in den Stand gesetzt, den Verkehr im Lmern 
des deutschen Reiches nach allen Seiten hin zu beherrschen. 
Denn zu Anfange des 17. Jahrhunderts vereinigten sich 
in seinen Auen nicht nur die wichtigen Handelswege von 
Frankfurt a. M. über Eisenach, Erfurt und Naumburg, 
von Nürnberg und Bamberg über Hof und Altenburg, 
von Breslau und Dresden, von Wien und Frag, 
sondern auch die Handelshnien von Wittenberg-Berlin- 
Danzig, von Magdeburg- Lüneburg-Hamburg, von 
Halle -Braunschweig-Bremen, von Halle-Nord- 
hausen-Göttingen und vonMerseburg-Mühlhausen- 
Kassel. 

Wenn nun in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts 
infolge der Bemühungen der Fürsten und ihrer Verträge 
auf allen Verkehrswegen des Reiches eine vorher nie ge- 
kannte Sicherheit herrschte, so galt dies von diesen 
Handelsstrassen des inneren Deutschlands, wo Kurfürst 



30 Ilpimann Holler: 

iVugust von Sachsen die Strassenkörper mit den Dämmen, 
Gräben etc. in stets braiiclibarem Zustande erliielt und 
durch die Einrichtungen „des lebendigen (jcleites" jeden 
Strassenraubunmöglicii nuichte, in ganz besonderer Weise^ '). 
Wurde auch durch die mit dem auf Ueiscn gewährten 
Schutz (sahnis coyidadus) verbundene Geldentschädigung 
fpedagiuni) in den Geleit- und ßeigeleitstätten und diu'ch 
die über das ganze Land verbreiteten Zölle der Binnen- 
handel etwas verthcuert und verzögert, so hielt man doch 
in jener Zeit an den hei'gebrachten Zöllen und sonstigen 
Abgaben fest und Hess die Tarife nicht erhöhen. Der 
auf den damaligen Reichstagen herrschende Konservativis- 
mus n)achte sich insofern auch auf kommerziellem Gebiete 
geltend. Die Zollerhöhungen, welche Kaiser F(^rdinand I. 
und Maximilian IL in ihren Erblanden vornahmen, sind 
als vereinzelte Ausnahmen zu betrachten. 

\\'enn etwas die Benutzung der von Natur richtigsten 
Verkehrswege Inner-Dcutschlands hennnte, so waren dies 
nur die mittelalterlichen Stapelrechte, die das 16. Jahr- 
hundert hindurch durch das g'anze Reich mit überall 
gleichmässiger Wucht auf dem inländischen Handel lasteten. 
Denn wenn auch jeder des anderen Strassen- und Stapel- 
rechte bekämpfte, so war doch niemand geneigt mit Auf- 
hebung und Minderung seiner eigenen Privilegien den 
Anfang zu machen. 



ö 



IL 

Das 17. Jahrliuudert. 

Das 17. Jahrhundert brachte in Bezug auf Zölle, 
Stapelrechte etc. keine Erleichterung , sondern erhöhte 
eher den Druck, der bisher schon den Verkehr erschwert 
hatte. Die ununterbrochenen Kriege, die das Gesamt- 
vermögen der deutschen Nation verringerten und einen 
grossen Theil der fleissigen Hände und fähigen Köpfe 

*') Veigl. auch Röscher, Die deutsche Nationalökonomie an 
der Grenzscheide des Iß. und 17. Jahrh. (Abhandlung d. philosoph.- 
histor. Klasse d. Konigl. säclis. Gesellschaft d. Wissenschaften. IV.) 
„Der Handel Deutschlands gewann in der letzten Hälfte des 1«. Jahrh. 
auch durch die grössere Sicherheit der meisten Strassen im Innern." 



Die Hamlelswe«re Iniier-Dentschlands im 16.— IB.Jnhrli. etc. 31 



'C 



dem GeAverbe und Handelsleben entzogen; die unter ver- 
schiedenen Namen neu errichteten Zollschranken, welche 
die Miniatursouveränität der kleinen und kleinsten Fiirsten 
und Grossen als ein Hoheitsrecht in Anspruch nalan, be- 
schränkten und henuuten den Handel Inner-Deutschlands 
zeitweilig nach allen Richtungen hin. — Der unheilvolle 
30jährige deutsche Krieg, der Deutschland in seiner Kultur- 
entwickelung um 200 Jahre zurückwarf, übte auch auf 
die Verkehrsverhältnisse des inneren Deutschlands einen 
sehr nichtheiligen Einfluss aus. Doch fristete der Handel 
hier, wo die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg; 
wie Hiimburg und Bremen im N. und Frankfurt a. M. 
im W.; durch eine zwischen Österreich und Schweden 
schwankende Politik jahrelange Einquartierungen fremder 
Truppen fernhielten und eine gänzliche Verwüstung und 
Verarmung des Landes verhinderten, innuer noch ein 
friedlicheres Dasein als in vielen anderen Gegenden des 
Reiches. In Leipzig, wo selbst feindliche Heerführer, wie 
z. B. Torstensou; in richtiger Erkenntnis ihres eigenen 
Interesses ihn gegen die naclitheiligen Folgen des Krieges 
zu schützen suchten, konnte er auch in jener drangsals- 
vollen Zeit als „des Landes bestes Asylum und armer 
Verjagter, Dürftiger und Kranker Apothek und Brod- 
kammer" bezeichnet werden. 

Zwar gab es während des grossen deutschen Krieges 
Zeiten, in denen Leipzig in seiner Stellung als Handels- 
metropole Inner-Deutschlands ernstlich bedroht wurde. 
Denn als die Stadt 1633 in die Hände Wallensteins fiel, 
legten die Hamburger ihre für Thüringen bestimmten 
Waren wieder in Erfurt nieder, statt in Leipzig, und 
führten sie von Erfurt nach Nürnberg; Prag und Wien**), 
während 1644, als feindliche Krieger den Weg nach 
Leipzig sperrten, schlesische und Lausitzer Fuhrleute von 
Görlitz aus über Prag nach Nürnberg zu gelangen 
suchten*'*). Allein die ihm von Seiten seiner Kurfürsten 
nach dem Kriege bewiesene verdoppelte Gunst und Für- 
sorge setzten es bald wieder in den Stand^ die Handels- 
richtungen, welche seine vortheilhafte Lage und der kauf- 
männische Verstand seiner Einwohner ihm vorgeschrieben 
hatten, nicht nur von neuem zu befestigen, sondern auch 
immer weiter auszubilden. So wurde Leipzig gar bald 



*») XLV. B. 9. (Bericht aus Hamburg sub dato 20. Okt. 1640.) 
*») X[.V. A. 16b, fol. 3. 



32 Hermann Heller: 

wieder ein grosses maningfaltiges Lager für alle fremden 
und iiiläüdisclien Warun, von deneu es jene aus dem 
germanischen NW. über Hamburg und Bremen oder 
aus dem romaniscbeu 8W. über Frankfurt a. M. und 
Nürnberg oder endlich aus dem slavisclien O. über 
Breslau und Frag, Danzig und Berlin an sich zog, 
diese aber in den sächsischen Gewerbsgebieten: in der 
Lausitz, im Erzgebirge, im Vogtlande und in Thüringen, 
Welche Geu'enden damals wahre Arbeits- und \'orraths- 
kammern Liner -Deutschlands waren, sammelte, um sie 
dann in grösstem Massstabe über das ganze Deutschland, 
nach Polen, Russland, nach der Türkei, der Levante etc. 
zu vertreiben. Seine Messen vermittelten in der Folgezeit 
in noch viel höherem Grade als die von F^rankfurt a. O. 
den Verkehr zwischen dem germanisch-slavischen O. und 
dem germanisch-romanischen W. Zentraleuropas. 

Gleichzeitig erfolgte aber auch in SO. Tind NO. 
Deutschlands eine Neubelebuns des Handels und Ver- 
kehrs, wobei hier Brandenburg, dort Osterreich neue 
Verkehrsmittelpunkte und neue Flandelswege, die theil- 
weise auch das innere Deutschland kreuzen mussten, für 
sich zu gewinnen suchten. So entspann sich in der zweiten 
Hälfte des 17. Jahrhunderts ein reger Wettkampf zwischen 
Sachsen -Leipzig, Brandenburg -Preussen und Böhmen- 
Österreich auf konnnerziellem Gebiete, der zur Begrün- 
duni»- neuer Verkehrswe":e zu Wasser und zu Lande im 
mittleren Flb- und Odergebiete führte. 

Leipzig hielt dabei an dem mit seiner Stapelgerechtig- 
keit verbundenen Strassenzwange fest. Aus diesem Grunde 
widersetzte es sich der von dem Magdeburger Admini- 
strator Herzog August 1051 beabsichtigt(.'n Schiffbar- 
machung der Saale von Flalle bis zur Mündung 
in die Elbe*"), wodurch man eine direkte Wasserver- 
bindung zwischen Halle und Handiurg über Magdeburg 
herbeiführen wollte, ebenso energisch, wie der von Herzog 
Ernst dem Frommen von Gotha 1658 und dann wieder 
16()6 — 1667 prätendierten Unstrut-Saaleschiffahr t 
(aus der Unstrut in die Saale bis Halle), die namentlich 
dem Thüringischen Fruchthandel dienstbar gemacht werden 
sollte, wegen der in der Unstrut und Saale zahlreich sich 
vorfindenden Sandbänke aber schliesslich von selbst un- 
terblieb. 



»«) XLY. D. 1, fol. 1 ff. 



Die Handelswege Inner-Deutschlands im 16.— 18. Jahrb. etc. 33 

Selbst als Böhmen 1661 abermals eine Erleich- 
terung der Eibschiffahrt anstrebte*'), indem es 
auf Verminderung der Eibzölle, deren es damals auf der 
Strecke von Prag bis Hamburg 48 gab, wie auf Be- 
schränkung des Leipziger und Lüneburger, des Magde- 
burger und Hamburger Stapelrechtes drang, leistete Leip- 
zig, das jetzt ein „Emporium Pragense" in weiterer Ferne 
ebenso sehr fürchtete, wie bei der projektierten Unstrut- 
und SaaleschiflPahrt eine ausgedehnte Hallische, Naum- 
bui'ger und Erfurter Niederlage in seiner unmittelbaren 
Nähe, hartnäckigen und erfolgreichen Widerstand. 

Durch neue kurfürstliche und kaiserliche Strassen- 
mandate suchte es den Bestand seiner fünf wichtigsten 
Haupt-Heer- und Stapelstrassen: 

1) aus Schlesien, Poleu und Russland, 

2) aus Böhmen, Oesterreich, Ungarn und Italien, 

3) aus Thüringen, Hessen und den Rheinländern, 

4) aus Hamburg und den übrigen Seestädten, 
.">) aus Baireuth, Bayern und der Lombardei 

zu sichern. Allein durch das alles konnte Leipzig nicht 
verhindern , dass neben diesen stark frequentierten Han- 
delsstrassen auch im 17. Jahrhundert neue Verkehrswege 
im Innern Deutschlands sich ausbildeten, die zwar den 
Leipziger Stapel nicht berührten, doch aber dem prak- 
tischen Bedürfnis in zweckentsprechender Weise dienten. 
Bereits 1651 ging schlesische und Lausitzer 
Leinwand nach Dresden*^), um von hier aus ver- 
mittelst der Elbe nach Hamburg verführt zu werden. 
Polnisches Rauchleder und polnische Wolle wurden nebst 
Breslauer Farbenröthe, Talg, grobem und feinem Tuche 
über Dresden gegen Annaberg, Marienberg, Schneeberg 
etc. gebracht, um dort gegen Zinn, Blech, blaue Farbe 
und allerlei Handarbeiten vertauscht zu werden, die auf 
demselben Wege gegen NO. zurückgingen. 16G0 brachte 
man Waren von Dresden*^) über Zwickau, Jena und 
Naumburg nach Frankfurt a. M. 1665 klagten die Leip- 
ziger wieder, dass polnisches Rauchleder über Dresden 
nach Freiberg, Annaberg, Schneeberg, Chemnitz, Zwickau 
etc. transportiert würde, Spitzen, Zinn, Bleche etc. aber 
auf demselben Wege zurückgingen. 



*') XLV. D. 3. 

"} XLV. A. le. 

") XLV. A. Id, fol. Ul. 

Neues Ardiiv f. S. G. u. A. Y. 1. 2. 



34 Hermann Heller: 

So belebte sich in der zweiten Hälfte fies 17. Jahr- 
hunderts jene alte Landstrasse in der Richtung von Dresden 
über Freiberg, Chemnitz, Zwickau und Reichenl)!\cli i. V. 
wieder, die von den von Frankfurt a. O. über Königs- 
brück, durch das Erzgebirge und das Vogtland nach 
Nürnberg ziehenden Kaufleuten schon im Mittelalter be- 
fahren worden war^^j. 

Diese Handelsroute verknüpfte die Querverbindtuigen 
zwischen Sachsen und iiühnien am Nordrande des hölRTen 
Erzgebirges in ähnlicher AA^eise, wie es durch die Eger- 
linie im S. des sächsisch-böhmischen Grenzwalles geschali. 
Ihre Bedeutung für den Handel Inner-Deutschlands lag 
besonders darin, dass man von ihren westlichen End- 
stationen Zwickau und Reichenbach aus auf kürzestem 
Wege sowohl nach Frankfurt a. M. als auch nach Nürn- 
berg gelangen konnte. Freilich verursachten bei ihrer 
Benutzung viele natürliche Hindernisse dem Passanten 
mancherlei Beschwerden, wenigstens noch während des 
17. und 18. Jahrhunderts. 

Andererseits suchten iin O. Leipzigs polnische und 
schlesische Kaufleute einen neuen Handelsweg nach den 
Seestädten zu gewinnen. In der irrigen Meinung, dass 
nach dem Passus in Joh, Georgs I. Strassenmandat vom 
24. Februar 1()53: „alle Fuhrleute, welche aus Polen und 
Schlesien in unsere Lande Sachsen, Thüringen und 
Meissen konmien, müssen sich der hohen Strasse auf 
Leipzig bedienen", nur diejenigen Kaufleute, welche nach 
Kursachsen zogen, nicht aber diejenigen, welche sich 
nach Niodersachsen begaben und mit den Seestädten 
Handel trieben^*), über Görlitz, Bautzen, Kamenz und 
Königsbrück nach Leipzig reisen sollten, „bebaueten" 
sie weder die hohe Strasse, welche über Görlitz und 
Grossenhain, noch die Niederstrasse, welche über Muskau 



*') Markgraf Wilhelm von Meissen erwähnte Jen Weg aus der 
Lausitz über I)resclen , Freiberg etc. in den Verträa:en mit Breslau 
(1.^99) und Krakau (1404). In der Strassen- und Zollordnung von 
]4«2 bestimmte Kurfürst Friedrich: Von Budissin sollen die Wagen, 
die gen Frauken wollen, gehen auf Bischofswerda, Dresden, Freiberg, 
Chemnitz, Zwickau, Vogtsberg und fort gen Franken, und auf dem 
Tage zu Fraustadt (15. Aug. 1512) bekannte der Rath zu Chemnitz, 
dass die Strasse aus Schlesien von Breslau und (Jlogau nie anders 
als auf Görlitz, Budissin, Dresden, Freiberg, Chemnitz, Zwickau, 
Hof und also fürder gegen Nürnberg gegangen sei. Falke, Zur 
Geschichte der hohen Landstrasse, 121,124,140. 

»») XLV. A. 17. 



Die Han(lelswege]lnner-Dentschlanfls im Ifi — IS.Jahrh. etc. 35 

und Spremberg" nach Leipzig führte. Sie fuhren viel- 
mehr*^), wie sclion am Ausgange des 16. Jahrhunderts 
oft geschehen, von Sag an über Kottbus, Luckau, Dahme, 
Jüterbogk, Niemegk, Loburg, Magdeburg und Garde- 
legen nach Lüneburg oder suchten auf einem noch kür- 
zeren Wege*'); der von Breslau über Crossen, Frank- 
furt a. O. und Berlin „unterwärts durch die Mark" zog, 
nach Hamburg zu gelangen. Kursachsen remonstrierte 
dagegen wiederholt beim Kaiser, erreichte jedoch dadurch 
um so weniger etwas, als dieser jetzt, wo die Lausitzen 
nicht mehr zu seinen Erblanden zählten, kein besonderes 
Interesse daran hatte, deren Zollstrassen in ihrem Bestände 
zu wahren. 

Den Weg von Breslau über Frankfurt a.O, und 
Berlin nach Hamburg, der schon von der Natur durch 
das alte Oderthal, in dem jetzt Spree, Havel und untere 
Elbe ihre Wasser zur Nordsee führen, angebahnt worden 
war, konnte Leipzig um so weniger abstellen, als er den 
15 meiligen Umkreis seiner Stapelgerechtigkeit nicht be- 
rülirte und von dem jetzt mächtig aufstrebenden Branden- 
burg besonders gefördert wurde. War schon Kurfürst 
Joachim IL von Brandenburg in der zweiten Hälfte des 
16. Jahrhunderts eifrig bemüht gewesen, die Verbindung 
seiner Länder mit den Seehäfen und den grossen Stapel- 
pl'ätzen des deutschen Binnenlandes zu erleichtern, ins- 
besondere durch Schiff barmachung der mittleren Oder, 
der Spree, Havel und unteren Elbe — er begann nach 
Schiffbarmachung der Spree auch schon den Havel Oder- 
kanal 1603*®) — , so wurde er jetzt, wo sich ein Haupt- 
warenzug von Breslau bis in die Gregend von Frank- 
furt a. O. zu Wasser, von da zu Lande bis an die Spree 
und dann wieder zu Wasser über Berlin oder auch zu 
Lande über Crossen, Frankfurt a. O., Fürstenwalde, 
Berlin und Fehrbellin nach Hamburg und Lübeck be- 
wegte, in diesem Streben noch bei weitem übertreffen von 
dem grossen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Dieser Fürst 
brachte in den sechziger Jahren des 17. Jahrhunderts das 
Projekt einer Kanalverbindung zwischen Oder und Spree, 
an dessen Verwirklichung sein Vorfahr Joachim IL ver- 
geblich gearbeitet hatte, zur endlichen Ausführung. Er 
benutzte dabei, von Müllrose ab, das untere Thal der 



») XLV. A. 17. 

*•) Röscher, System der Volkswirthschaft, 354. 



36 Hennaiin Heller: 

Sclilaube, das iu vorhistori^clier Zeit zum Abflüsse der 
Oder uach der Spree diente, und glich die Terrainunter- 
schiede durch neun Schleusen aus. Die Bedeutung- dieses 
AA'erkes war um so grösser, als durch diesen sogenannten 
neuen Graben oder märkischen Durchstich, wie 
man den Fried rich-^Vilhelmskanal in den Urkunden 
gewöhnlich bezeichnete, nicht nur Oder und Spree in 
einander geleitet wurden, sondern zugleich eine ununter- 
brochene Wasser Verbindung zwischen Breslau im oberen 
Odergebiete und Hamburg an der Unterelbe auf kürzestem 
Wege hergestellt ward. Das wussten auch schon die 
Zeitgenossen des grossen Kurfürsten gehörig zu würdigen. 
Im Jahre 1669 berichtete man nach Leipzig^'), der Trans- 
port der schlesischen Gai-ne von Breslau auf der Oder, 
dem Friedrich-Wilhelmskanal, der Spree, Havel und unteren 
Elbe nach Hamburg komme bedeutend billiger zu stehen 
als die Landfracht über Leipzig; über Magdeburg oder 
selbst über Frankfurt a. O.; denn der Wasserweg von 
BreslaiT über Berlin nach Hamburg sei nicht nur bedeutend 
kürzer als die kostspielige „grosse Heerstrasse" über Leip- 
zig, sondern führe auch noch früher zum Ziele als die 
sogenannte kleine Heerstrasse über Magdeburg oder über 
Frankfurt a. O. „Dazu komme noch" — so schrieb man 
aus Görlitz am öl, Oktober 1669 '^j — , „dass man bei 
Benutzung des , neuen Grabens' aus der Ost- in die ,West- 
see* (Nordsee) gelangen könne, ohne den danischen Sund, 
dessen Benutzung oft Schwierigkeiten mit sich bringe, 
berühren zu müssen". 

Kein Wunder, wenn unter solchen Umständen die 
Schlesier und insonderheit die Breslauer (laut Bericht vom 
15. Dezember 1671)*®) von der hohen Strasse über Leip- 
zig nach Hamburg — trotz zugestandener Zollermässigun- 
gen — nicht viel wissen wollten und mehr als der vierte 
Thcil der polnisch -scldesischen Waren ^"), welche sonst 
nach Leipzig kamen, von jetzt ab vermittelst der Oder, 
des „märkischen Durchschnitts", der Spree, Havel und 
Unterelbe über Berlin nach Hamburg gebracht wurde. 

Was Leipzig dadurch verlor, das kam der branden- 
burgischen Capitale an der Spree, deren Handelsrichtungen 



") XLV. A. ic, fol. 197 ff. 

»») XLV. C. 1. 

*•) XLV. C. 1. 

"') XLV. A. le, fol. 204 ff. 



Die Haiulelswege Inner-Deutschlands im Ifi. — 18. Jahrh. etc. 37 

sich jetzt auf Havel, Spree und Elbe aufwärts nach Sachsen 
und Böhmen, niederwärts nach ^Magdeburg; Lüneburg, 
Hamburg und Lübeck, auf der Oder aufwärts nach 
Schlesien und Polen, abwärts nach Stettin und Pommern 
erstreckten, in besonderem Masse zu gute. Berlin gewann 
nunmehr eine selbständige Bedeutung für Handel und 
Gewerbe und beherrschte in Zukunft mit Leipzig einen 
Theil der Handelsstrassen im nördlichen Inner-Deutschland. 
Dazu war diese Stadt sehr wohl geeignet, weil sie wie 
Leipzig durch eine vortreffliche geographische Lage aus- 
gezeichnet ist. War durch die Spree der ganze Süden 
Brandenburgs, sowie ein Theil Sa- hsens und Schlesiens, 
durch die obere Havel der Norden der Mark und ein 
Theil Mecklenburgs, durch die untere Havel aber die Alt- 
mark auf Berlin hingewiesen, so machte es seine günstige 
Position zwisclien Elbe und Oder zur Mittelstation zwischen 
Frankfurt a. O. und ^Magdeburg. Seine zentrale Stellung 
endlich auf der 150 Meilen langen Verkehrslinie der Oder 
(bis Frankfurt), des Friedrich- Wilhelmskanals, df r Spree, 
Havel und unteren Elbe bestimmte es zum natürliclien 
Vermittelungsplatze zwischen dem Hauptmarkte der oberen 
Oder, Breslau, und dem grossen Stapelplatze der unteren 
Elbe, Hamburg. 

Je mehr Brandenburg bestrebt war, den schlesiscli- 
polnischen Handel über Berlin nach der Nordsee zu leiten, 
desto mehr suchte Leipzig den Verkehr auf seiner wich- 
tigsten Stapelstrasse, von Hamburg über Lüne- 
burg und Magdeburg herein nach Kursachsen, 
in seiner bisherigen Mächtigkeit zu erhalten und vor jed- 
weder Beschränkung zu bewahren. Das zeigte sich be- 
sonders in der Glückstädter Zollangelegenheit im 
letzten Viertel des 17. Jahrhunderts •*')• 

Als nämlich Dänemark 1676 — 1678 und dann aber- 
mals 1690 mit dem Gedanken umging, bei der holsteini- 
schen Festung Glückstadt an der Unterelbe eine neue 
Zollstätte zu errichten, setzte Leipzig, von dem dadurch 
arg bedrohten Hamburg um seinen Beistand angegangen, 
seinem Kurfürsten wiederholt, namentlich am 11. November 
1676 und am 28. August 1690, auseinander, dass durch 
jenen prätendierten Elbzoll nicht bloss Hamburg, sondern 
auch Sachsen geschädigt werde; „denn alle Zölle kränkten 
die Handlung". ^'N'enn bisher die meisten Commercia 

»') XLV. D. i. 



38 Hermann Heller: 

aus eleu kaiserlichen Erblauden, aus Sclilesien, Polen etc. 
nach Nieder Sachsen, Spanien, England, Dänemark, Liv- 
land, „Moskau" und vornehmlich nach Holland über 
Leipzig- und Hamburg vermittelst des Eibstromes trans- 
portiert worden seien, so würden sich die Kaufleute bei 
einem neuen Aufschlag der Waren an der Eibmündung 
hüten, die Messen zu Leipzig, Naumburg und Frankfurt 
a. O. fernerhin „zu bauen". Denn sobald die Güter in 
Hamburg sich vertheuerten , müssten sie auch in Leipzig 
im Preise steigen, weil die Leipziger Handlung von der 
Hamburger dependiere. Die AA^aren direkt aus Hol- 
land über Schwoll (Zwolle) oder Köln zu beziehen, 
sei nicht gut durchführbar, weil einmal nicht alle Waren 
von Holland, sondern auch viele von England über Ham- 
burg kämen, ferner aber der weite Landweg von Schwoll 
aus ebenso wie der Weg über Köln mit Benutzung des 
Rheinstromes zu langwierig und zu kostspielig sei. Zudem 
liege bei Gebrauch des letzteren die Gefahr nahe, dass 
die Handlung auf Frankfurt a. M. abgelenkt werde. Den 
Verkehr mit Holland und England aber nur über 
Brauns chw ei g und Bremen zu unterhalten, sei sehr 
gefährlich, weil sich dann der Handel überhaupt leicht 
nach Braunschweig ziehen könne. Denn diese Stadt sei 
„zu Wasser und zu Lande günstig situiert" — sie liegt 
am Übergangspunkte der grossen nördlichen Handels- 
strasse vom Khein zur Elbe über die vereinigte I^übeck- 
Hamburger Strasse, die von hier aus in mehreren Armen 
nach dem S. und SW. leitete, und an der früher schiff- 
baren Oker — und halte seit 1675 resp. 1681 (bald 
nach der Unterwerfung der Stadt durch Herzog Rudolf 
August) auch zwei UniversabJahresmessen ab. — Durch 
derartige Vorstellungen gewann Leipzig den Kurfürsten 
von Sachsen , der in dieser Sache als Kreisoberster von 
Obersachsen ein gewichtiges Wort mitzusprechen hatte, 
für sein und Hamburgs Interesse. Und als zuletzt (am 
17. August 1690) die Stadt Hamburg in einer Petition 
an den Kaiser ausführte, durch den Glückstädter Elbzoll 
werde mit Hamburg auch ganz Ober- und Niedersachsen 
Schaden erleiden und der König von Dänemark einen 
grösseren Einfluss im Reiche gewinnen; gegen O., S. 
und W. sei Deutschland von festen Landmassen umgeben 
und niu' im N. grenze es an das Meer; das Baltische 
Meer mit seinen Ausgängen werde jedoch schon von 
Dänemark beherrscht und der Weserstrom mit harten 



Die Handelswege Inner-Deutsclilands im 16.— 18. Jahrh. etc. 39 

Zöllen belastet; die Elbe bleibe als einzige Luftröhre des 
Reiches gegen NW. hin übrig: da widersetzte sich auch 
der deutsche Reichstag dem freventlichen Beginnen Däne- 
marks. So wurde die ganze Glückstädter Zollfrage, die 
so viel Staub aufgewirbelt hatte, zum Vortheil Hamburgs 
und Leipzigs erledigt und der Bestand der Hamburg- 
Leipziger Handelsstrasse von neuem gesichert. 

So offen und energisch Leipzig in dieser Angelegen- 
heit für einen ungehinderten Verkehr auf der Unterelbe, 
namentlich zwischen Hamburg und der Nordsee, eintrat, 
so lebhaft beklagte es sich über die frequente Schiff- 
fahrt, die um jene Zeit — 1681 ff.®*) — auf der 
Mittelelbe zwischen Pirna-Dresden einerseits und 
Magdeburg andererseits betrieben wurde. Im Hin- 
blick auf die beträchtlichen Massen von sächsischer, Lau- 
sitzer, böhmischer und schlesischer Leinwand, welche in 
Pirna und Dresden aufgestapelt und von dort auf der Elbe 
direkt nach Hamburg verführt wurden — ohne Leipzig zu 
berühren — , im Hinblick auf die bedeutenden Mengen von 
spanischen Weinen, Juchten, Spezereien, Fischen und an- 
deren Stapelwaren, welche aus den nordischen Seestädten 
per Schiff* nach jenen sächsischen Eibstädten zurückgingen, 
um von hier aus den Bedarf Böhmens, Mährens und Öster- 
reichs zu decken**^), konnten die Leipziger ein lebhaftes 
Bedauern darüber nicht unterdrücken, dass ihre Stadt nicht 
auch an einem schiffbaren Flusse oder „an einem solchen 
Passe läge, wo niemand vorbeipassieren könnte"***). 

Ernstlicher als durch diese Vorgänge sollte Leipzig, 
ja das ganze mittlere Deutschland, im Bestände seiner 
Handelsstrassen gefährdet werden, als um 1680 im mitt- 
leren Eibgebiete eine grosse Pest ausbrach, die die 
Warenzüge einige Jahre ganz aus jener Gegend ver- 
scheuchte, und theilweise für die Dauer in neue Bahnen 
lenkte. 

Bereits am 7. Januar 1681 musste Kurfürst Johann 
Georg HI. von Sachsen wegen der in Leipzig und anderen 
mitteldeutschen Ortschaften herrschenden „Contagion" 
für die von Breslau durch Kursachsen gegen 
Oberdeutschland handelnden Kaufleute eine neue 



") XLV. A. le, fol. 204. 

«*) XLV. G. <;b, fol. 44 und 46 („Bericht an die kursächs. Re- 
gierung sub dato Leipzig, am 23. März 1681" fol, .37— 131). 

•*) XLV. A. le, fol. 204 („Ursachen der abnehmendeu Hand- 
lung und gekränkten Niederlage, 1681"). 



40 Hermann Heller: 

Reiseroute aufstellen, welche in Bezug auf die Pest ge- 
fahrlos zu passieren war. Sie führte mit Umgehung 
Leipzigs und der in Meissen an der sogenannten hohen 
Strasse gelegenen Ortschaften von Breslau auf Lissa, 
Neumarkt, Liegnitz, Hayna (Haynau), Bunzlau, Görlitz, 
Reichenbach, Bautzen, Ortrand, Strehla, Diiben, Delitzsch, 
Merseburg, Naumburg, Jena etc. — In demstdben Jahre 
musste es der Kurfürst wegen der in Sachsen hausenden 
Pest den Oberlaii sitzer Leinwandhändlern naclisehen, dass 
sie ihre Manufakturen, die sie sonst auf den Eibstrom 
oder nach Leipzig brachten, nach Berlin verführten**). 
Bald darauf sperrte Böhmen den Verkehr mit dem 
Vogtlande«'). 

Die grösste Gefahr drohte jedoch die Contagion der 
von Hamburg über Leipzig nach Nürnberg führen- 
den Heerstrasse zu bringen**'). 

Li Bayern, Bamberg, Ansbach -Baireuth und Nürn- 
berg verbot man wegen der Pest 1682 den Besuch der 
Leipziger Michaelismesse. Am 4. November 1682 schrieb 
die bayerische Regierung an den Kurfürsten von Sachsen, 
auf der von Nürnberg über Bamberg, Coburg, Saalfeld, 
Camburg, Naumburg und Lützen nach Leipzig führenden 
Ordinarstrasse müssten die infizierten Orte Camburg, 
Naumburg und Lützen umfahren und an deren Stelle 
Jena, Eisenberg und Zeitz in die Route aufgenommen 
werden. Zugleich erbat sie sich Aufschluss darüber, ob 
man Bedenken gegen diese zum Theil veränderte Land- 
strasse von Leipzig nach Nürnberg trage; welche Be- 
wandtnis es mit der Contagion in Leipzig, Naumburg, 
Camburg und Lützen habe; ob es, um ein Einschleppen 
der Pest von Niedersachsen aus, wo noch mehr Orte in- 
fiziert seien als in Obersachsen, zu verhindern, nicht ge- 
rathen erscheine, die Waren aus dem pestfreien Holland, 
Danzig und Hamburg durch die bis dato noch nicht in- 
fizierten lüneburgischen und braunschweigischen Lande 
zu führen; welche Orte Niedersachsens infiziert seien, 
welche Vorsichtsmassregeln man dort gegen die Seuche 
getrofi'en, und wie man die angesteckten Orte zu umgehen 
gedenke. Denn wenn Sachsen keine pestfreie Strasse 
von Nürnberg über Leipzig nach Hamburg aus- 



«>) XLV. A. 16b, fol. 1 ff. 
") XLV. A. 13, fol. 12. 
•') Ebenda. 



Die Handelswege Inner-Deutschlands im 16. — 18. Jahrh. etc. 41 

findig inachen könne, bemerkte Kurbayern in seinem 
Sclireiben weiter, so werde man in Zukunft Leipzig gar 
nicht mehr berühren, wenn man zwischen Hamburg und 
Nürnberg verkehre, sondern eine neue pestfreie Route 
Aveiter im W, suchen. Diese sollte — nach einem eben- 
falls unterm 4. November 1682 datierten Schreiben Bayerns 
an Braunschweig-Lüneburg und Hamburg — von Nürn- 
berg aus mit Benutzung des Regnitz-, Main- und Werra- 
thales über Bamberg, Coburg, f^isfeld, Tliemar, Wa- 
sungen, Marksuhl, Allendorf und Witzenhausen zwischen 
dem thüringischen und liessischen Berglande hinführen, 
dann unter theilweiser Benutzung des Leinethaies über 
Göttingen, Northeim, Gandersheira und Hildesheim 
zwischen dem Harz- und dem Wesergebirge hindurch- 
gehen und endlich über Peine, Celle und Winsen in der 
norddeutsclien Tiefebene Hamburg erreichen. Um eine 
derartige Verlegung der belebtesten Handelsstrasse Inner- 
Deutschlands zu verhindern, setzte Leipzig alle Hebel in 
Bewegung. Bereits unterm 30 November 1682 machte 
es der Regierung zu Ansbach -Baireuth Vorschläge, wie 
man künftighin unter Beibehaltung der wichtigsten Strasse, 
die seit vielen Jahren von Hamburg über Leipzig nach 
Nürnberg führe und den Handel der Ansbachschen Lande 
nicht nur, sondern ganz Deutschlands begünstige, Personen 
und Waren ohne Gefahr der Contagion aus Niedersachsen 
„ins Reich" bringen könne, indem es verschiedene neue 
pestfreie Routen fixierte, welche für die nächste Zeit von 
Leipzig sowohl nach Nürnberg wie nacli Hamburg führen 
sollten. Die Strasse von Leipzig nach Hamburg 
sollte während der Contagion entweder in gerader 
nordwestlicher Richtung über Landsberg, Bernburg, Gross- 
wanzleben, Weferlingen, Vorsfelde, Wittingen, Wieren, 
Bienenbüttel, Lüneburg und Winsen oder, wenn die 
lüneburgischen Lande geschlossen wären, in einem ^öst- 
lichen Bogen über Dessau und Rosslau oder Düben, Kem- 
berg und Wittenberg, ferner über Alt- Brandenburg, 
Wusterhausen, Kyritz, Neustadt, Wittenburg, Buchen und 
Bergedorf, also durch Brandenburg und Mecklenburg, 
ziehen. Die Route von Leipzig nach Nürnberg 
wollte man über Zwenkau, Langendorf, Gera nach Schleiz 
und von hier aus entweder über Gefeil, Hof, Münchberg, 
Gefrees, Berneck, Baireuth, Kreussen und Gräfenberg 
oder, wenn auf dieser Strasse „der tiefen Wege halber" 
grosse Frachtwagen nicht gut fortkommen könnten, über 



42 Hermann Heller: 

Nordlialben, Cronacli, Lichtenfels, StafFelstein , Bamberg, 
Forchheim und Erlangen lenken. Diese neuen Routen, 
berichtete der Leipziger Ratli weiterliin, könne man ohne 
alle Gefahr befahren, da Leipzig selbst von der Seuche 
befreit sei und etwaige noch infizierte Orte in Ober- und 
Niedersachsen streng abgesperrt würden. Deshalb müsse 
die baireuthische Regierung dahin zu wirken suchen, dass 
nicht nur die alte Strasse von Hamburg über Leipzig 
nach Nürnberg beibehalten, sondern auch der rigorose 
Bann aufgehoben und das Offnen der Pässe von neuem 
vorgenommen werde. 

Am ",'9. Dezember 1682 ersuclite die säclisische Re- 
gierung auf Anregung Leipzigs auch Kurbayern, „von 
der neuerlich in Vorschlag gebrachten Route Nürnberg 
via Göttingen- Harn bürg abzustehen und Kursachsen 
nicht auszuschliessen von dem gemeinsamen Verkehre, 
an dem es wie Bayern seit undenklichen Zeiten theil- 
genommen habe". Denn wenn man die Waren von 
Hamburg, Nürnberg und Frankfurt a. M. nicht mehr über 
Leipzig bringe, dann werde dem Handel des sächsischen 
Landes der Todesstoss gegeben. Auf den vom Leipziger 
Rathe in Vorschlag gebrachten Routen zwischen Leipzig 
und Nürnberg, Leipzig und Hamburg könne man alle 
noch infizierten Orte bequem umgehen. Zudem würden 
in Leipzig ankommende verdächtige Personen und Waren 
strengstens untersucht, ehe man sie weiter gehen lasse. 

Hierauf salien Bayern und seine süddeutschen Nach- 
barstaaten von der Benutzung der Strasse über Eisfeld 
und Göttingen, wobei Kursachsen umfahren worden wäre, 
ab und acceptierten die von Leipzig vorgeschhigenen pest- 
fieien Routen von Hamburg über Leipzig nach Nürnberg, 
die neben den alten Ordinarstrassen einstweilen zu Recht 
bestehen sollten. Nur wünschte Bayern, dass beim Trans- 
port der Waren und Personen auf der neuen Heerstrasse 
die grösste Vorsicht angewendet würde; denn an eine 
vollständige Aufhebung des Bannes könnte man erst dann 
denken, wenn die Pest ganz verschwunden sei Ungehin- 
dert sollten in Bayern nur eingehen: Eisenwerk, Kupfer, 
Zinn, Messing, Blei und Erz, während Federn, Betten, 
gebrauchte Leinwand, Pelzwerk, Leder, Hausrath einer 
besondern Quarantäne unterworfen werden inüssten, ehe 
sie Einlas« fänden. Kaufleute aus Augsburg, Nürnberg 
etc. aber, welche von Leipzig, Hambui-g, Danzig, Braun- 
ßchweig, Lüneburg etc. kamen, hatten den obrigkeitlichen 



Die Haiulelswege Inner-Deutschlauds im 16.— 18. Jahrb. etc. 43 

Nachweis beiziibiiugen, dass sie 40 Tage lang mit keinem 
infizierten Orte in Berührung gekommen waren, wenn sie 
Bayern passieren wollten. 

Die mannigfachen Auswege, welche man den Fuhr- 
leuten während der Contagion in Inner- Deutschland ge- 
statten musste, hatten theilweise auch in der Folgezeit 
Bestand. 

Die Lausitzer Le'inwandhändler wollten auch 
nach Beseitigung der Pest von dem Wege über Leipzig 
nach Hamburg nichts wissen**), indem sie vorgaben^ 
Lüneburg lasse ohne Quarantäne niemand passieren. 
Leipzig wies ihnen in einer Eingabe an den Kurfürsten 
vom 21. April 1682 einen Weg von Leipzig über Zerbst, 
Loburg, Genthin, Havelberg, Perleberg, Neustadt und 
Bergedorf an, auf welchem täglich von Leipzig aus Kauf- 
mannsgüter, insonderheit aber neben den Landtuchen die 
Leinwände von Kolditz, Rochlitz, Mittweida, Hartha, 
Leisnig, Waldheim, Döbeln, Geringswalde, Freiberg, Hart- 
mannsdorf, Lengenfeld, Augustusburg, Wolkenstein, 
Zschopau etc. nach Hamburg gebracht würden. Zugleich 
gab es den Lausitzern zu verstehen, dass sie über den 
Lieferungskontrakten mit den Hamburgern und Englän- 
dern die solidere Kundschaft der Schweizer und „derer 
im Reiche" nicht vernachlässigen möchten, damit diese 
sich schliesslich nicht ganz von Sachsen weggewöhnten 
und ihre Bedürfnisse nur noch in dem jetzt mit der Lau- 
sitz konkurrierenden Schwaben und Bayern befriedigten. 
Denn da nach Ausweis der gedruckten Liste der hollän- 
disch-ostindischen Kompagnie alljährlich viele tausend 
Stück Leinwand auf die nordischen Märkte gebracht 
würden, so könne leicht einmal der Fall eintreten, dass 
die Lausitzer Leinwand auf diesen keinen Absatz meiir 
finde. — Die Kaufleute von Görlitz, Budissin und Mark- 
lissa kehrten sieh jedoch nicht an die von Leipzig aus 
gemachten Vorstellungen, sondern sandten — einer Be- 
schwerde der Leipziger vom 20. Oktober 1682 zufolge®^) — 
ihre Leinwand fortgesetzt über Berlin nach Hamburg 
und nahmen dort süsse Weine, Jucliten, Indigo, Tabak, 
Spezereien etc. „nur zu Nutz und Frommen einiger Ham- 
burger und englischer Faktoren, welche eine direkte Ver- 
bindung mit dem Bestimmungsorte anzuknüpfen suchten''^ 



«•) XLV. G. 6a, fol. 9.3 S. 
•') XLV. A. le, fol. 217. 



44 ITermann Heller: 

in Rückfracht; wenn sie aber llire ^A'^aren nach Südwest- 
deutschland und nacli der Schweiz verführten, so brachten 
sie dieselben niclit über Leipzig", sondern Hessen sie über 
Prag nach Nürnberg, Augsburg etc. gehen. 

In demselben Jahre ordinierten auch die Polen „ins 
Reich" '% dass man die Güter von da und absonderlich 
aus Nürnberg nicht über Leipzig, sondern über Berlin 
oder Frankfurt a. O. und Posen nach Polen ver- 
senden solle. Und wenn die Polen dennoch auf Leipzig 
kamen, so mngingen sie wegen des Bautzener Zolles die 
privilegierte hohe Heerstrassc, welche von Breslau aus 
über den Queis und durch die Oberlausitz nach Leipzig 
führte, und fuhren, einen weiten Umweg nicht scheuend, 
von Lemberg, Lublin und Krakau in der Richtung über 
Posen, Meseritz, Frankfurt a. O., Müllrose, Beeskow, 
Lublin, Luckau, Herzberg, Torgau und Eilenburg. 

Diese Abweichungen von den althergebrachten Zoll- 
und Handelsstrassen konnte Kurfürst Johann Georg HL 
von Sachsen auch nicht dadurch verhindern, dass er 
1684"), wo „die leidige Contagion" nicht melir zu fürchten 
war, den Bann von derselben förmlicli aufhob; dass er 
„die Passage der ins Reich geltenden Leinwand" über 
Prag und Nürnberg, welche Johann Georg I. 1644, als 
Leipzig von feindlichen Truppen besetzt war, durch eine 
Interimskonzession gestattet liatte, verbot und nur diejenigen 
Oberlausitzer Waren, welche in dem benachbarten Böhmen 
selbst konsumiert werden sollten, über Prag gehen lassen 
wollte; dass er endlich das Mandat bezüglich der hohen 
Strasse aus Polen und Schlesien nacli Meissen, Thüringen 
und Sachsen erneuerte und den Fuhrleuten, welche den 
Queis nicht berührten, auch die Benutzung der nach 
Leipzig führenden Niederstrasse von Sagan über Muskau, 
Spremberg, Liebenwerde, Torgau und P^ilenburg offiziell 
gestattete'^). 

Bereits 1687 beschwerten sich die Leipziger von 
neuem'*), dass von Breslau und Zittau aus Leinwand 
über Prag ins Reich und gegen Italien gebracht 
werde; dass'*) Görlitz, Zittau und Bautzen ihre Güter 



'«) XLV. G. Ca, fol. 110. 
") XLV. A. 16b, fol. 1. 

'*) Vergl. auch Schönwälder, Die hohe Laiidstrasse durch 
die Oberlausitz im Mittelalter, N. Lausitz. Mau. LVI, 354. 
'») XLV. G. 6a, 186 (Leipzig, am 2. Dezember 1687). 
'*) Ebenda. 



Die Handelswege Iniier-Deutschlands im 16. — 18. Jahrh. etc. 45 

über Berlin nach Hamburg scliicktcn. 1696 aber 
klao'ten sie, dass'*) die schlesische Leinwand- und Schleier- 
handluug, welche vornuils durch Sachsen gegangen, seit 
der anno 1680 entstandenen Contagion entweder über 
Prag ins Reich oder über Frankfurt a. O. und Ber- 
lin nach Hamburg gezogen worden sei. Denn was von 
Breslau, Liegnitz, Hirschberg, Landshut, Schmiedeberg 
etc. komme, bewege sich jetzt (1696), wenn nicht über 
Prag nach Nürnberg etc., entweder zu Wasser auf der 
Oder, dem Friedrich -Wilhelmskanai, der Spree, Havel 
und unteren Elbe, oder zu Laude über Freistadt und 
Glogau oder Löwen])erg '*), Sagan, Dürr - Naumburg 
(a. Bober), ferner über Crossen, Frankfurt a. O., Berlin, 
Fehrbellin, Wusterhausen, Kyritz, Neustadt, Wittenburg, 
Buchen und Bergedorf nach Hamburg. 

Andererseits suchte das mächtig aufstrebende Reichen- 
bach im Vogt lande") nebeif den sächsischen Tuchen 
aus Hainichen, Rosswein, Öderan, Chemnitz, Zschopau, 
Stollberg, Zwickau, Marienberg auch schlesische Tuche 
— statt über Leipzig — auf dem näheren Wege über 
Dresden, Freiberg, Chemnitz und Zvnckau zu sich zu 
ziehen und, einer Beschwerde des Leipziger Rathes vom 
7. April 1683 zufolge'^), eine direkte Handels Verbindung 
mit Hamburg über Halle und Magdeburg — also wieder 
mit Umgehung Leipzigs — zu gewinnen. Kurfürst 
Johann Georg III. liess zwar auf Leipzigs Betreiben 
sub dato Dresden, am 26. April 1684 an die Reichen- 
bacher Kunstfärber und vogtländischen Handelsleute den 
Befehl ergehen, ihre Waren, zu denen besonders Farbe 
gehörte, in Zukunft wieder in Leipzig und nicht über 
Magdeburg und Halle in Hamburg zu holen. Allein noch 
1687 ging — den „Gravamina der Leipziger Kaufmann- 
schaft au den Ratli" zufolge'^) — Tabak von Hamburg 
über Magdeburg, Halle, Merseburg, Weissenfeis und Zeitz 
oder Eisleben, Naumburg und Gera nach Reichenbach, 
Zwickau, Chemnitz und ins Gebirge, während Bleche auf 
demselben Wege nach Hamburg -gebracht wurden. 



") XLV. G. 6c, fol. 1 ff. 

'•) XLV. A. 16b. 

") Ebenda. 

'«) XLV. A. le, fol. 238 (Befehl vom 26. April 1686, dass die 
Reichenbächer Kunstfärber und Handelsleute ihre Farbe und 
Waren in Leipzig holen sollen). 

'») XLV. G. 6a, fol. 186—194 (Leipzig, am 2. Dez. 1687). 



46 HermRnii HpIIpf; 

Leipzig konnte diese von seinem Stapel abweicliende 
Verkehrsrichtung im SW. ebenso wenig beseitigen, wie 
seinerzeit die Handelsstrasso von Breslau über Frankfurt 
a. O. und Berlin im NO. ; denn seitdem Magdeburg und 
Halle zu dem politisch massgebenden Brandenburg-Preussen 
gehörten, hatten sich diese Städte und ihr Verkehr der 
wohlwollenden Fürsorge ihres Landesherrn ebenso sehr 
zu erfreuen, wie Leipzig und sein Handel der des säch- 
sischen Kurfürsten. Ja im letzten Dezennium des 17. Jahr- 
hunderts suchte Kurfürst Friedrich HL von Brandenburg 
(der spätere König Friedrich L von Prcussen) „aus be 
sonderer Fürsorge für seine Stadt Halle" den Handel 
aus Thüringen, selbst von Franken und vom Vogtland(^ 
her, über Halle und Magdeburg nach der Mark und nach 
Hamburg hin noch mehr zu beleben, indem er das schon 
wiederholt aufgetauchte Projekt, die Saale schiffbar 
zu machen und so eine ununterbrochene Wasserverbin- 
dung zwischen Halle und Magdeburg herzustellen, schliess- 
lich verwirklichte. 

Von den Hamburgern wesentlich unterstützt, begann 
Friedrich HI. 1694 mit dem Schleusenbau in der so- 
genannten Magdeburgischen Saale (zwischen Halle und 
der Mündung) *"). Durch dieses Vorhaben Kurbranden- 
burgs sah sich Leipzig in seiner Stapelgerechtigkeit schwer 
verletzt; in seinem Handel arg bedroht. In seiner Noth 
nahm es seine Zuflucht zu seinem Landesherrn. In einem 
ausführlichen Bericht über die heikle Sache vom 21. Fe- 
bruar 1695 setzte es diesem auseinander, warum man eine 
Saaleschiffahrt und damit verbundene Hallische Nieder- 
lage sächsischerseits in keinem Falle gestatten dürfe. 
„Während bisher", so berichtete der Leipziger Rath dem 
Kurfürsten, „Leipzig nicht nur das Herz von den um- 
liegenden Landen war, sondern auch Polen, Schlesien, 
Böhmen, Mähren, Österreich, Bayern, Schwaben, Franken, 
Thüringen, Niedersachsen, Pommern hier ihre Waren 
holten, so würden bei Oestattung der Saaleschiffahrt die 
Manufakturen und Kommerzien in die kurbrandenbur- 
gischen Lande gezogen werden, wozu schon der märkische 
Durchschnitt aus der Oder in die Spree, die neuerlich 
errichteten Messen zu Magdeburg, die clurch ganz Branden- 
burg mit grossen Kosten erbauten Fabriken und endlich 
die seit einigen Jahren bestehende Niederlage von Weinen, 

•») XLV. D. 2. 



Die Handelswege Inner-Deutschlands im 16.— 18. Jahrb. etc. 47 

Fiscliwaren, anlialtischer AVoile etc. zu Halle Veranlas- 
sung- gegeben. Snl)al(] die Hallisclie Scliiflfalirt in stand 
gesetzt sei, werde man nicht nur Holz, Hallisches Salz, 
Wettiner Kohlen mit besserer Menage nach Hamburg, 
Holland, nach der Mark, nach Pommern und Preussen 
vertreiben, sondern auch allerhand AVaren aus Hamburg, 
Holland, aus der Mark etc. auf dem billigeren AA'asser- 
wege über INIagdeburg nach Halle bringen, mit dem Leip- 
zig, das seine fremdländischen Waren per Achse beziehe, 
dann nicht mehr konkurrieren könne. Habe man schon 
jetzt niederländische imd anhaltische Wolle, vogtländische 
Eisen- und Blechwaren und sächsische Leinwand, nament- 
lich aus Hohenstein, direkt nach Halle geführt, so werde, 
wenn eine ununterbrochene Schiffahrt zwischen Hamburg 
und Halle hergestellt sei, der ganze Harz, Thüringen und 
das Vogtland, ja selbst Franken und das Erzgebirge, 
dauernd an den Markt von Halle gekettet werden. Des- 
halb dürfe man die Hallische SaaleschifFahrt um keinen 
Preis gestatten." 

Mit richtigem Blick erkannte Leipzig die Gefahr, die 
ihm von Halle, das mit seinen Verkehrswegen konkurrierte 
und vor ihm die Lage an einem schiffbaren, zum Ozean 
führenden Gewässer voraus hatte, in der Leitung des inner- 
deutschen Verkehrs, namentlich im W. und SW., drohte. 

Der Kurfürst von Sachsen richtete hierauf in dieser 
Angelegenheit ein Abmahnungsschreiben an Friedrich LH. 
von Brandenburg, erhielt jedoch von diesem (Colin 
a. d. Spree, am 2L Mai 1696) zur Antwort: Handel und 
Wandel zu treiben, sei „jure gentium" einem jeden er- 
laubt ; er (der Kurfürst von Brandenburg) könne in seinem 
Magdeburger Territorio solche Anstalten treffen, wodurch 
die Salus et utilitas publica im Handel und Wandel be- 
fördert werde. 

,, Sollten aber", so heisst es dann iu dem interessanten Schrift- 
stücke wörtlich, „Ew. Lbd. etwa auf das kayserl. Privilegium ihrer 
Stadt Leipzig das Ansehen haben, darinnen deroselben drey Jahr- 
märkte, Stapel und Niederlage confirmiret wurden, so ist wohl nichts 
weniger als dieses anhero applicabel. Denn wir begehren nichts von 
denen drey Jahrmärk;eu, Messen und Niederlagen, worauf bemelte 
Stadt Leipzig innerhalb 15 Meilen das jus prohibendi prätendiret; 
wir intendiren auch nicht, diejenigen, welche die obberührten drey 
Jahrmärkte oder Niederlagen besuchen wollen, mit ihrer Haab und 
Gütern in Zu- und Abziehen aufzuhalten, zu verhindern, zu beschä- 
digen oder ihnen die Strassen zu sperren, noch sonst etwas einzu- 
führen, so den vorgemelten Jahrmärkten und Niederlagen zu Abbruch 
und Schmälerung gereichen möchte. Dass wir aber den Saalstrohm 



48 il ermann Heller: 

in Unserem Ilerzogtlium Magdeburg ad navigandnm darum nicht 
sollten instruiren können, weil Leipzig drey Messen oder Nieder- 
lagen des Jahres hat, solches ist dermassen unerlindlich, dass wir 
nimmermehr glauben können, dass Ew. Lbd. ihm iemals dergl. irriges 
Principium werden beibringen lassen." 

Zwar klagte Leipzig' am 15. September 1697 seinem 
Kiiriürsten abermals: Wenn die SaaleschifFahrt vollständig 
eingerichtet sei, werde Magdeburg den gesamten Ge- 
treideliandcl Inner-Deiitschlands auf sich lenken und mit 
Halle den Hauptv(;rkchr der sächsisch-thüringischen Länder 
nach Hambury; vermitteln. Allein es erreichte damit 
ebenso wenig wie seiner Zeit mit seinen Klagen gegen 
den brandenburnischen Durchstich zwischen Oder und 
Spree und die Eröffnung der Schiffahrt aus der mittleren 
Oder in die Spree, Havel und untere Elbe: die Saale- 
schifFahrt begann sich Icräftig zu entwickeln. 1699 raussten 
es die Leipziger ruhig geschehen lassen*'), dass die Ham- 
burger und Magdeburger Thran, Honig und viele andere 
Güter die Elbe und Saale herauf nach Halle und von dort 
weiter zu ^Vasser auf die Petri-Pauli-Messe zu Naiuiiburg 
brachten. 

So erlangten neben den alten Landhandelsstrassen, 
die ihren Hauptstapel in Leipzig hatten, in der zweiten 
Hälfte des 17. Jahrhunderts auch die ncugebalmten Wasser- 
wege ihre kommerzielle Bedeutung und sicherten Berlin 
und Halle, vor allen Dingen aber Magdeburg, das, schon 
lange bedeutend durch seinen Getreide- und Holzhandel, 
jetzt auch im Handel mit Kolonialwaren sich hervorthat, 
eine hervorragende Stelkmg im Handel Liner- Deutschlands 
neben Leipzig. — 

Wenn wir alle diese Handelswege Inner-Deutschlands, 
welche im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts zur Geltung 
kamen, in ihrer Gosamthoit unter einander vergleichen, 
so haben wir einen wesentlichen Unterschied zu machen 
zwischen den Verkelirswegen , welche über das unebene 
Hochland führten, und denjenigen, welche im flachen 
Tieflande hinzogen. In den bergigen Landschaften 
des innern Deutschlands, wo das Fortkommen oft 
nur mittelst gewisser einzelner Passagen möglich war, 
führten die Wege häufig nur innerhalb schmaler Grenzen 
hin, so dass ein Abweichen von denselben nach links 
und rechts nur selten vorkommen konnte. Daher die 



') XLV. A. le, fol. 242—255. 



Die Hanclelswege Inner-Deutschlands im 16.— 18. Jahrh. etc. 49 

vereinzelten Abweichungen von den Leipziger Stapelstrassen 
von Frankfurt a, M., Nürnberg und Prag, soweit sich 
dieselben nicht in der Ebene hinzogen, im Laufe des 
17. Jahrhunderts! — In den flachen Niederungen des 
nördlichen Inner-Deutschlands dagegen fanden solclie Be- 
schränkungen des Verkehrs nicht statt, wenn man nicht 
etwa Bruch- und Sumpfötriche in Betracht zieht, denen 
auf Umwegen leicht auszuweichen war. Daher die grosse 
Mannigfaltigkeit der Handelslinien im norddeutschen Tief- 
lande schon während des 17. Jahrhunderts! 

Indem das Tiefland Inner-Deutschlands im Gegensatz 
zu seinen Gebirgsgegenden durch geringere Individuali- 
sierung des Bodens ausgezeichnet ist und deshalb für die 
Wahl der Verkehrswege von jeher eine grössere Freiheit 
gestattete, so wird die Untersuchung, die Richtung der 
Handelsbahuen in ihren Uranfängen auf einfache Grund- 
ursachen zurückzuführen, etwas erschwert. Es scheint 
sogar zuweilen, als ob bei ihrer Anlage Willkür und 
Laune obgewaltet hätten. Dieser Schein schwindet indess, 
wenn man sie einer wiederholten vergleichenden Betrach- 
tung unterzieht. Als natürliche Verkehrsbahnen des Tief- 
landes kommen in erster Linie die Flüsse in Frage, die 
gemäss der BeschaflPenheit ihrer Uferstriche zugleich An- 
siedlungen zu Handels- und Verkehrszwecken begünstigten. 
Das Bedürfnis wechselseitiger Abhängigkeit jeuer Plätze 
bei steigender Wichtigkeit, das Bedürfnis von Stapelplätzen 
im Innern des Landes veranlasste dann die Anlage von 
Strassen sowohl in der Richtung nach diesen wie zwischen 
ihnen selbst. 

Wenn diese alten Landstrassen der Ebene zu- 
weilen in weiten Bögen und Krümmungen von der geraden 
Linie abweichen, olnie dass Berge, Gewässer oder sonstige 
Hindernisse sichtbar werden, die solches als nothwendig 
erscheinen lassen, so kann man hierin nicht eine wunder- 
liche Laune der früheren Bewohner, welche die Strassen 
ursprünglich anlegten, erblicken. Vielmehr ergibt sich 
bei genauerer Untersuchung dieser eigenartigen Erschei- 
nung, dass an Stellen, au denen vielleicht gegenwärtig 
innerhalb der Bögen ■ und Krümmungen zur Seite der 
alten Handelsstrassen fruchtbarer Ackerboden sich aus- 
dehnt, einst undurchdringliches Sumpf- und Bruchland zu 
finden war oder selbst grössere oder kleinere Gewässer 
standen, deren altes Bett jetzt kaum noch durch wahr- 
nehmbare Vertiefungen angedeutet wird. Am deutlichsten 

üeues Axciliv 1. S. U. u. A. V. 1. 2. * 



50 TTormiiiiii Heller: 

zeio"t sich das in Ost- und AVostliavellaiul und in Zauclio- 
Belzig in der Mark P)randenl)iirg-. — In den älteren ge- 
schichtlichen Zeiten bildeten die alten, von O. nach W. 
gerichteten Flusslänfe mit ihren Versumpfungen, Lachen 
und Seen ein wesentliches Hindernis für den Verkehr; 
nur wenige Übergänge hatten dieselben aufzuweisen. 
Jetzt sind sie meist durch Kanalisierung und Trocken- 
legung für den Anbau gewonnen worden. Gleichwohl 
lassen sich die alten Ül)ergangspunkte thirch die an ge- 
eigneten vStellen angelegten Städte mit ilircn Brücken, 
Dämmen, Befestigungswerken auch heute noch recht deut- 
lich erkennen. 



iir. 

Das 18. Jahrhundert. 

Die Abhäni;io;keit von holländischem (xelde, englischer 
Gewerbekraft und iVan/ösischer Modeherrschaft, in die 
ganz Deutschland mit dem Anfange des 17. Jahrliunderts, 
vor allen Dingen aber durch den .^iOjnhrigen Krieg ge- 
rathen war, machte sich auch im 18. Jahrhundert noch 
bemerkbar. Hamburg und Bremen verharrten zunächst 
noch im Anschhisse an die beiden herrschenden Handels- 
mächte Holland und England. Zugleich entspann sich 
jedoch mit dem Beginne des 18. Jahrhunderts ein un- 
mittelbarer, reger Verkehr Hamburgs mit Frankreich, 
das seinen Kolonien eine freiere Bewegung gewährt und 
dadtn'ch das Wachsthum imd die Produktionskraft der- 
selben ausnehmend erAvcitert hatte. Hamburger Schiile 
l)esuchten in grosser Anzahl Bordeaux und andere fran- 
zösische Häfen mid holten dort ausser französischen Weinen, 
deren Genuss in Norddeutsch laud jetzt innner allgemeiner 
wurde und den Khcinwein v> rdrängte, Zucker, Kaffee, 
Indigo imd andere Kolonialwaren , f(;rner Fabrikate, 
namentlich Luxus - und Galanteriewaren. Daneben hob 
sich Hamburgs Industrie, und da diese Stadt die Erzeug- 
uisse derselben billiger zu iiefei*n vermochte als das mit 
Abgaben belastete Holland, so konnte Hamburg bald in 
Portugal und Spanien, in Frankreich und selbst auf dem 
altbestrittenen Felde des Nordostens mit jenem konkurrieren. 



Die Handelswege Inner-Deutschlaiuls im 16.— 18. Jahrb. etc. 51 

Dieser Bezug der Kolonialwaren auf geradem Wege 
und auf eigene Rechnung, der in innigster Verbindung 
stand mit dem unmittelbaren Absätze deutscher Gewerbs- 
erzeugnisse, hatte natürlich wieder eine ausserordentliclie 
Rückwirkung auf den Handel Hamburgs und theilweise 
auch Bremens und ihre Wege ins Innere des deutschen 
Reiches zur Folge: der holländische Kolonialhandel wurde 
immer mehr von O. nach W. zurückgedrängt. Dafür 
bewegten sich jetzt die Warenströme von Hamburg und 
Bremen aus strahlenförmig in südlicher, südöstlicher und 
südwestlicher Richtung nach Deutschland herein. 
Bremen liandelte über Verden und Celle, Minden und 
Münden im Wesergebiet bis nach Obersaclisen und ins 
rheinische Oberdeutschland herauf, ferner durch Westfalen 
bis in die seither ganz an Holland gebundenen nieder- 
rlieinischen Gegenden. Hamburg hingegen versandte 
seine Waren entweder über Lüneburg nnd Brauuschweig 
oder (an der Elbe und Saale herauf) über Magdeburg 
und Halle, Leipzig und Dresden, durch das aufblühende 
sächsische Industriegebiet hindurch, bis Böhmen, Franken, 
Bayern, Schwaben, ja bis in die Schweiz hinein, oder 
vertrieb sie mittelst der Havel und Spree, durch die 
mecklenburgischen Lande und brandenburgischen Marken 
hindurch nach Pommern, Schlesien und Polen. 

Dazu trat im 18. Jahrhundert auch das Mittelmeer 
durch das mächtig emporstrebende Tri est wieder in engere 
Verbindung mit dem inneren und nördlichen Deutschland. 
So entstanden jetzt direkte Handelswege zwischen den 
deutschen Nordseestädten und diesem Hafenplatze des 
deutschen Südens. — Diese führten ebenso wie der 
Haupt Warenstrom Hamburgs über die wichtigste Handels- 
stadt des inneren Deutschlands, über Leipzig, das, vor 
allen deutschen Handelsplätzen ausgezeichnet durch die 
kaufmännische Gewandtheit und Thätigke:t, durch die 
Feinheit der Sitte und des Geistes seiner Bewohner, jetzt 
erst recht ein Sammelplatz für die Arbeiten und Erzeug- 
nisse der Hände und des Geistes wurde. Mit dem An- 
fange des 18. Jahrhunderts erwählte der deutsche Buch- 
handel immer mehr das günstig gelegene Leipzig, dessen 
Messen jetzt A^^eltruf erlangten, zu seinem Hauptsitze, 
während in Meissen eine Porzellanfabrik erstand, in Chem- 
nitz die Baumwollenweberei in Flor kam und die ge- 
samte sächsische Industrie im Laufe des 18. Jahr- 
hunderts einen Aufschwung nahm, wie er andei'swo in 



52 Hermann Heller: 

Deutschland, Berlin etwa ausgenommen, nirgends erreicht 

wurde. 

Diese Umstände machen es begreiflich, warum auch 
im 18. Jahrhundert die Haupthandidsstrassen Inner-Deutsch- 
lands durch Kursachsen führen und in dessen Handels- 
metropole Leipzig ihren wichtigsten Kreuzungspunkt finden 
mussten. Diese Stadt beherrschte fortgesetzt die Haupt- 
handelswege nach Hamburg, Frankfurt a. M. und 
Nürnberg nicht nur, sondern suchte auch die wichtigen 
Zweigbahnen, welche den Hamburger Verkehr im 
Spree- und Oderthal und den Bremenschen Handel im 
"\A''esergebiet mit dem Hauptwarenzuge im Eibgebiet 
verknüpften, in seinen Stapel zu ziehen und das gewerb- 
fleissige Schlesien im SO., das produktenreiche Böhmen 
im S. und das rührige Thüringen im SAV. dauernd an 
seinen Markt zu ketten. 

Aus diesem Grunde wurden zunächst 170'2 — 1705 auf 
Veranlassung Leipzigs zwischen dem Dresdener und A\'iener 
Hofe Berathungen „bez ilg li ch Wied erhers tellung der 
liohen Strasse aus Polen und Schlesien durch die 
Oberlausitz nach Leipzig etc." gepflogen"), wobei 
man sein Augenmerk namentlich auf Beseitigung der 
Abwege durch die INIark Brandenburg richtete. Man 
scheute sich jedoch, Verfügungen zu treffen, die Preuasen, 
das „den neuen Graben" geschaff'en hatte, um den polnisch- 
schlesischen Warenstrom über Berlin nach Hambui-g zu 
leiten, verletzen konnten, weil dieser Staat ein zu mäch- 
tiger Nachbar war. Deshalb verbot man in dem Strassen- 
mandat vom 2. Januar 1706, in dem die hohe Strasse 
von Breslau über Görlitz und Grosseuhain nach Leipzig 
von neuem fixiert wurde, nur die Bei- und Nebenwege 
in der Niederlausitz. Es gingen daher, wie in den beiden 
letzten Dezennien des 17. Jahrhunderts, auch in der 
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts viele Waren aus Polen 
und Schlesien über Frankfurt a. O. und Berlin 
oder über Magdeburg nach Hamburg und wieder 
zurück. In einer Denkschrift des Geleitsmannes Haus- 
mann vom 12. Dezember 1710: „Über die Ursachen des 
Rückganges des Leipziger Handels **''),'• wurde hervorge- 
hoben, dass die meisten Güter aus Polen und Schlesien, 
ja selbst aus Österreich und Böhmen^ besonders Garne, 
Leinwand und Schleier, Röthe, Wolle, Wachs und Häute, 

") XLV. A. 17. »») XLV. G. 6c, fol. 28.J. 



Die Handelswege Inner-Deutschlands im 16.— 18. Jahrh. etc. 53 

österreicliisclie und ungarische Weine etc., zu Lande bis 
Breslau und dann zu Wasser bis Hamburg gebraclit 
würden, während man Fastenspeisen, Ol, Zucker, Ge- 
würze, Spezcreien, Tabalce, süsse Weine, Farbehölzer etc. 
auf demselbi-n Wege von unten herauf transportierte. — 
Wenn hierauf König August II. (der Starke) den Ober- 
geleitskomraissar Lucius im Interesse Leipzigs 1711 dahin 
anwies*^), dass die Durchgangsaccise auf Wein, Ol; Fisch- 
waaren etc. herabzusetzen sei, dass Güter, die Leipzig 
nur passierten, um auf diesem Wege nach Hamburg zu 
gelangen, dort nicht erst niedergelegt werden sollten, so 
vermochte er zwar dadurch den Verkehr der Sachsen 
näher wohnenden Hirschberger, Schmiedeberger etc. für 
einige Zeit wieder auf Leipzig zu lenken; das entfernter 
liegende industriereiche Oberschlesien aber handelte nach 
wie vor über Frankfurt und Berlin nach den Seestädten. 
Andere Schlesier führten ihre ^^'aren auf der Nieder- 
strasse durch die Niederlausitz über Muskau, Spremberg, 
Grossräschen , Hohenbuckow, Dahme, Jüterbogk und 
Niemegk nach Magdeburg. 1703 passierten allein im Monat 
Juni 32 Wagen mit 210 Pferden den Ort Dahme «^). 

Nach einem Bericht aus Bautzen vom 25. Juli 1723^**) 
suchten die schlesischen Fuhrleute entweder von Breslau 
über Freistadt, Crossen, Frankfurt a. O., Berlin, Fehr- 
bellin, Neustadt a. d. Dosse, Wittenberge, Lenzen, Neu- 
haus und Bergedorf oder von Hirschberg über Bunzlau, 
Muskau, Spremberg, Finsterwalde, Dobrilugk, Jüterbogk, 
Treuenbrietzen, Magdeburg, Gardelegen, Ülzen, Lüneburg 
und Winsen nach Hamburg zu gelangen. 

Als hierauf der Kurfürst von Sachsen (Dresden am 
20. August 1727) Leipzig aufforderte*'), Mittel und Wege 
anzugeben, „wie man den schädlichen brandenburgischen 
Graben vor Preussen und dem Kaiser beseitigen könne," 
erklärte selbst diese über ihre Handelsprivilegien sonst so 
eifersüchtig wachende Stadt (am 20. September 1727): 
der neue Graben sei nun einmal im Schwange und könne 
darum nicht wieder beseitigt werden; Leipzig vermöge 
in dieser Angelegenheit um so weniger etwas gegen 
Preussen oder gar gegen den Kaiser zu unternehmen, als 
durch jenes Werk sein Stapeldistrikt nicht verletzt werde. 
— Preussen bemerkte hierzu ^*), es begreife nicht, Avie 



8 



") XLY. A. 16b. »5) XLV. G. 6c, fol. 12. '•) XLV. A. 20, fol. 75. 
") XLV. C. 1. ") XLV. C. i. 



54 Hermauii Heller: 

Sachsen noch eui Gravanien gegen den neuen Graben 
vorbringen könne, nachdem derselbe bereits> 60 — 70 Jahre 
in Gebrauch gewesen sei. 

Nachdom Schlesien in den Besitz Preussens überge- 
gangen war, verordnete Friedrich II. geradezu (Glogau, am 
23. Februar 1747)^®), dass die schlesischen Waren, besonders 
Leinwand, in Zukunft nicht zu Lande, sondern zu Wasser 
auf der Oder (von Parchwitz an), dem Friedricli-Wilhelms- 
kanal, der Spree, Havel und unteren Elbe spediert werden 
sollten. 

Als sich Leipzig 1752 bei Hamburg l)ekhigte, weil 
dasselbe die schlesischen Garne etc. niclit auf der ordent- 
liclien Landstrasse über Leipzig bezogt*'), entgegnete diese 
Stadt, sie habe mit der Direktion der schlesischen Garn- 
sendung nichts zu tliun, da die schlesischen Waren franco 
bis Hamburg oder wenigstens bis Lüneburg gebracht 
würden. 

Da die Gegend am Elbübergange von Merschwitz 
1 läufig versumpfte und in Grossenhain ein ausserordent- 
lich hoher Zoll zu entrichten war, wichen sogar Fuhr- 
leute, welche aus Schlesien schon bis in die Oberlausitz 
hereingekommen waren, nach rechts ab"') und suchten 
von Kamenz aus auf der sog. Ort rander Nieder- 
strasse, die während der „Contagion" gestattet war, 
über Ortrand, Strehla und Würzen oder über Mühlberg 
und Eilenburg nach Leipzig zu gelungen. Die kur- 
sächsische Regierung verbot die Benutzung dieser Strasse 
und Hess die Zuwiderhandelnden, auch wenn sie Grossen- 
hain von Görlitz aus über Hoyerswerda, Senftenberg und 
WahrenbrtU'k in weiterem Bogen umfuhren, wiederholt 
bestrafen. In dem Strassenmandat vom 30. Dezember 
1712 machte sie nur das eine Zugeständnis, dass sie 
^'^'urzen, wo sich nacli Trockenlegung der sumpfigen 
Niederungen endlich günstigere Muldenübergänge gebildet 
hatten, offiziell in die Reiseroute aufnahm und dadurch 
die bisher in grossem Bogen über Eilenburg oder Grimnuv 
führende hohe Strasse aus Polen und Schlesien nach 
Leipzig um ein Wesentliches \ erkürzte. 

Durch diese unnachsichtliche Strenge wurde aber die 
Sache nur verscliliinmert. Denn jetzt berührten die Schlesier 
und Böhmen theilweise Leipzig gar nicht, sondern fuhren 
(1714 1 von der hohen Strasse entweder über Bautzen und 



») XLV. G. 6e, toi. 38. '") XLV. A. 27. »'j XLV. A. 16b. 



Die Ihuulclswege Inner-Deutschlaiuls iin 10. — 18. Jahrb. etc. 55 

Hoyerswerda oder Über Kameuz und Senftenberg nacli 
der Niederstrasse, welche, von Muskau und Sprerabeig' 
herkommend, über Finsterwahle , Sonneuwalde, Dahmc 
und Jüterbogk nach Magdeburg und Hamburg fülirte. 
Die Oberhiusitzer protegierten diese Abweichung von der 
ordentlichen Zollstrasse, indem sie, einem Berichte des 
Bautzener Zollamtes vom 16. September 1722 zufolge, 
erklärten, mau dürfe für die Seestädte bestimmtes, nur 
durchgehendes Gut weder auf die hohe Strasse über 
örosseuhain noch auf die Niederstrasse über Muskau und 
Spremberg zwingen wollen, sondern müsse demselben 
auch den ^Veg von Lauban und Görlitz über Budissin, 
Kamenz, Scnftenberg, Finsterwalde, Sonnenwalde, Dahme, 
Jüterbogk etc. gestatten; denn gerade diese Strasse setze 
sich in der brandenburgischen Route fort, auf der sich 
die berlinisch-böhmische Handlung in der Richtung auf 
Dresden und Zittau bewege, und habe darum schon jetzt 
eine hohe Bedeutung '**). 

Auf Leipzigs Drängen erliess zwar der Kurfürst hierauf 
(am 24. Dezember 1722) ein neues Strassenmandat*'), dem- 
zufolge die schlesisch-polnischen Fuhrleute , gleichviel ob 
sie ihre ^A'aren auf die Leipziger und Nauraburger 
Messen oder nach Hamburg und in die Seestädte brachten, 
.,wenn sie den Queis einmal passiert liatten," 
die hohe Strasse über Görlitz, Grosseuhain und Leipzig 
benutzen sollten, diejenigen aber, „welche den Queis 
nicht berührten," sondern gleich anfänglich auf der 
Niederstrasse von Priebus, Muskau und Spremberg nach 
Sachsen herein kamen, entweder auf der Niederstrasse 
über Spremberg, Fiusterwalde, Dobrilugk, Torgau und 
Eilenburg oder auf der hohen Strasse übei' Grossenhain, 
Oschatz etc., in keinem Falle aber auf dem Schleifwege 
über Senftenberg, Finsterwalde, Dahme, Niemegk etc. 

•*) „Da nach Hamburg destinirte Güter, so den Queis nicht 
berühren,-' führten die Öberlausitzer aus, „gleich über Sagau ins 
Brandenburgische gehen, also weder Budissin, Kainenz, Hoyerswerda 
und Senfteuberg, noch Muskau und Spremberg berühren, so würde 
man den Gütern, so den Queis berühren, verhältnissmässig zu 
viel Lasten aufbürden, wenn man den Strassenzwang auf sie an- 
wenden wollte. Wenn man diesen nicht wenigstens den Weg über 
Bautzen und Kamenz, Hoyerswerda und Senftenberg nach der Nieder- 
strasse freigebe, so könnten dieselben leicht zu Wasser über Frank- 
furt a. 0. und Berlin oder auch auf weiter östlich gelegenen Land- 
strassen nach Hamburij; transportiert werden, so dass sie Kursachsen 
gar nicht mehr berührt^en." XLV, A. 17 und XLV. A, 20, fol. 1 10—121. 

'^) XLV. A. 17. 



56 Hermann Heller: 

fahren dürften. Allein schon im nächsten Jahre (1723) 
klagten die Löhauer und Bautzener wieder: ^^'enn man 
die Strasse von Hoyerswerda und Senftenberg, die nicht 
nur billiger, sondern aucli bedeutend kürzer sei , als die 
hohe Strasse über Grossenhain, Oschatz und Würzen nach 
Leipzig, nicht concediere, so werde der Verkehr der Ober- 
lausitz mit Hamburg erlahmen und ganz in die Hände 
der böhmischen und schlesischen Kaufleute übergehen, 
die die Hamburger Waren auf der kürzeren Nieder- 
strasse über Harburg, Winsen, Lünebui'g, Ülzen, Gifiioru, 
Gardelegen, Eogätz (Eibübergang), Burg, Niemegk, Dahme, 
Grossräschen, Spremberg, Sagan, Klitschdorf am Queis 
billiger ins Land bringen könnten. — Da der Kurfürst, 
seinem eignen Geständnis zufolge (vom 31. Juli 1723)^*), 
den Strassenzwang extra territorinm nicht durchführen 
konnte, so musste er schliesslich auch über Karaenz und 
Senftenberg, Bautzen und Hoyerswerda böhmische Glas- 
waren, schlesische und Lausitzer Leinwand ^^) nach 
Lüneburg und Hamburg, süsse Weine, Fleischgut und 
andere Waren aber auf demselben Wege nach Schlesien, 
Böhmen und Dresden gehen lassen. Ja er musste sogar 
geschehen lassen, dass in der Folge noch ein dritter Ab- 
weg in der Oberlausitz entstand"^), der von Görlitz aus 
im Neissethalc über Rothenburg nach Muskau 
führte und sich dann ebenfalls auf der Niederstrasse über 
Spremberg, Raschen, Finsterwalde, Dahme, Jüterbogk und 
Niemegk direkt nach Hamburg fortsetzte. 

Als die sächsische Regierung 1752 auf Anregung- 
Leipzigs nochmals versuchte, diese „Schleifwege" in der 
Ober- und Niederlausitz abzustellen, machte der Görlitzer 
Stadtrath unterm 27 März 1753 geltend *') : seit der 
Annektierung Schlesiens durch Friedrich H. sei die hohe 
Strasse ins Hintertreffen gekommen, habe sich das Fuhr- 
werk auf derselben um ein Drittel vermindert, da die 
preussische Regierung die schlesischen Kaufleute entweder 
zur Schiffahrt auf der Oder anhalte oder, wenn diese 
wegen des Eises oder des zu niediigen Wasserstandes 
nicht ermöglicht wäre, zur Benutzung der Strasse über 
Crossen durch die Mittelmark und das Mecklenburgische 
aufmuntere, alte Strassenakten und Kompaktaten aber 
durchaus nicht agnoszieren wolle. Durch Zwangsmass- 
regeln könne man die sclilesisclicn Fuhrleute nicht auf der 



••) XLV. A. 17. '»)XLV. A. 20. »•) XLV. A. 16b. »') Ebenda. 



Die Handelswege Iiiner-Deiitschlands im 1 6. — 1 8. Jahrli. etc. 57 

liohen Strasse erhalten, da dieselben oft schon in Sclilesien 
selbst von ihr abwichen. Man müsse vielmehr zunächst 
eine Verständigung mit dem preussischen Hofe herbei- 
zuführen suchen. Hätten es d(^ch die schlesischen Kauf- 
leute ihren Fuhrleuten geradezu verboten, Sachsen zu 
passieren, wenn sie dort angehalten werden und besondere 
Abgaben in den Zollstätten entrichten sollten I Daher 
komme es, dass diese bei etwaigen Zurechtweisimgen sich 
oft renitent zeigten und mit der Drohung, die Lausitz 
nie wieder berühren, sondern durch Brandenburg und 
Lüneburg nach Hamburg fahren zu wollen, davonjagten. 
— Trotz alledem gehe aber immer noch das meiste 
schlesische Gut durch die Oberlausitz und die sächsischen 
Lande nach Leipzig. Die schlesischen Handelsleute hätten 
sogar Vorstellungen gegen die Oderpassage und den Weg 
über Crossen und durch die Mittelmark erhoben, weil der 
Oderstrom in seinem mittleren Laufe wegen des wechsel- 
vollen Wasserstandes nicht zu allen Jahreszeiten schiffbar 
sei und man darum nicht immer wissen könne, ob die ihm 
anvertrauten Waren auch zu rechter Zeit an Ort und 
Stelle gelangten, die Strasse über Crossen und durch die 
Mittehiiark aber durch ausserordentlich sandige Gegenden 
führe, die das Fortkommen sehr erschwerten. 

1733 erliess der Kurfürst von Sachsen auch ein Mandat 
zum Schutze der alten Messstrass e ®*)j welche von 
Leipzig über Eilenburg, Torgau, Herzberg, Schlieben, 
Luckau, Lübben, Beeskow und Müllrose nach Frank- 
furt a. O. führte und die sich namentlich seit 1680 
(„seit der Contagion") besonders belebt hatte. Er wollte 
dadurch dem Abweichen W^ittenbergischer Fuhrleute von 
Leipzig über Wittenberg, Treuenbrietzen , Beelitz und 
Köpenik nach Frankfurt a. O. ein Ziel setzen. Da- 
gegen erhob jedoch Preussen, das sich durch jenes kur- 
fürstlich-sächsische Strassenmandat in seinen Zolleinnahmen 
geschädigt sah, erfolgreichen Einspruch (1735). So bestand 
neben der Route durch die Niederlausitz auch der 7 Meilen 
weitere Weg durch die Mark als Handelsstrasse zwischen 
Frankfurt a. O. und Leipzig fort. — Weiter im S. aber 
verkehrten Lissa, Fraustadt, Glogau und Grünberg, Züllichau, 
Schwiebus und Crossen über Sorau und Spremberg 
oder Guben und Cottbus, Finsterwalde, Dobrilugk, 
Torgau und Eilenburg mit Leipzig*^). 



•») XLV. C. 11. •») XLY. A. 19. 



5S Uuniiaiiii Heller: 

1703 berichtete man aus Leipzig, dass sogar zwei Fuhr- 
leute aus der Gegend zwischen Freiberg und Oschatz 
Leipzig umfahren und Butter, Grütze, Käse und Blecli 
über Oschatz, AA'urzen, iMlenburg, Delitzsch etc. nach 
Magdeburg gebracht hätten'""). Dieses ^Vegcs bedienten 
sich (nach einem Zeugnis aus dem Jahre 1~05) auch 
oft Fuhrleute aus Leisnig, Döbeln, Rosswein, ^littweida, 
Chenniitz, AValdheini. wenn sie nicht vorzogen, über 
Strehla und Jüterbogk nach !Niedersachsen zu gelangen. 
Als Leipzig diesen direkten AVeg aus IS^iedersachsen und 
dem Auhaltisclien, auf dem namentlich Wolle nach S. 
zu transportiert wurde, bei Delitzsch sperren wollte, be- 
schwerten sich die Tuchmacher aus Rosswein, Döbeln, 
Freiberg, Leisnig, Waldheim und Mittweida darüber beim 
Kurfürsten von Sachsen. Dieser verwies sie jedoch auf 
die ordentliche Landstrasse, welche aus Lübeck durchs 
Mecklenburgische und die Altmark über Ciross-Zerljst, 
Dessau tmd Delitzsch nach Leipzig führt'. Dessenunge- 
achtet bestand der Weg aus Niedersachsen durch 
die Amter Delitzcsh, Eilen bürg und Leisnig — 
der alte Salzweg — nach Stollberg fort. Denn 10 
Jahre später (1715) berichtete das Leipziger Geleits- 
amt*"'), dass brandenburgische Wollwagen, von Dahme 
kommend, bei Strehla über die Elbe gegangen und dann 
über Oschatz nach Döbeln, Leisnig, Rosswein, Wald- 
heim etc. gefahren seien. 

Besonders aber umfahren die Freib erger, einem Be- 
richt aus Leipzig vom 26. Juni 1717 zufolge *"*), Leipzig, 
wenn sie Wolle aus Niedersachsen oder, wie dies 1731 
geschah '""'), Baumwolle, Heringe, Stockfische, brasilianisches 
Holz etc. aus Magdeburg über Bernburg , Delitzsch, 
Wölkau, Eilenburg, Oschatz, Rosswein zu sich zogen. 
Sie stützten sich dabei auf einen kurfürstlichen Befehl vom 
■?6. Januar 1715 '"*), demzufolge die nach Magdeburg 
haudelnden Freiberger Bürger „nicht zur Ungebühr be- 
schwert werden sollten". Als hierauf Leipzig den Kur- 
lursten ernstlich zu bewegen suchte, diesen Bei weg von 
Freiberg über Delitzsch nach Magdeburgc in für allemal zu 
l)eseitigen, erklärten die Freiberger in einem Schreiben 
an den Landesherrn vom 7. Juni 1755: Wenn man die 



""•) XLV. A. (i, fol. 45. "") XLV. A. (i, toi. -280 
'»») XLV. A. lg, fol. 231. '»»j XLV. G. ßd, fol. 96. 
"") XLV. A. 28, fol. 113b. 



Die HanJclswege Inner- Deutschlaiuls im 1(>. — 18. .lahrh. etf. ^{) 

Lei})ziger Stapelgerechtigkeit in ihrem vollen Umfange 
bestehen lassen wolle, so gereiche das i.iir anderen Kom- 
munen zum Nachtheil; denn dann werde man zwar eine 
Generalniedcrlage, aber auch eine ungemeine Vermehrung 
der Transportkosten erzielen. In keinem Falle al)er lasse 
sich dieselbe auf die Stadt Freiberg applizieren, da das 
Freiberger Niederlagsrecht 179 Jahre älter sei als das 
Leipziger. Bereits Markgraf Fridericus Admorsus habe 
der Stadt Freiberg anno 1318 das Piivileg, eine Nieder- 
lage zu halten und nach Böhmen zu handeln, gegeben'""), 
welche Vergünstigung Kurfürst Ernst und Herzog Albreclit 
1470'"'*) und dann auch Herzog Heinrich 1539 bestätigten, 
indem sie verordneten : „AVas die Freybeiger von anderen 
Enden fuhren und bringen, woran das sei, zu der Stadt 
Nothdurft und Nuz, das soll ohne Zoll und Gleithe dahin 
geführet werden". Freiberg wolle, führte man weiter 
aus , seine Waren auf dem nächsten Wege beziehen. 
Wenn man behaupte, durch das Abweichen seiner Fuhr- 
leute von der privilegierten Heerstrasse Avürden die Ge- 
leitseinnahmeu geschädigt, so könne Freiberg dem gegen- 
über noch das besondere landesherrliche Privilegium Mark- 
gi-af Friedrichs: „Propter gratuita et remuneratione digna 
civium in Vriberg merita" de anno 1291'"') zur Geltung 
bringen, vermöge dessen seine Güter — ge^ien Vorzeigung von 
Freipässen — bei der Aus- und Einfuhr aller Orten zoll- 
frei passieren dürften. Und wenn man 1715 und dann aber- 
mals 1740 Freiberger Fuhrleute, welche von Magdeburg 
kamen, angehalten und mit schweren Geldstrafen belegt 
habe, weil sie nicht über Leipzig gefahren, so sei doch 
kurfürstlicherseits seiner Zeit verordnet worden, dass man 
dieselben bis zur kurfürstlichen Hauptresolution in dieser 
Sache nicht zur Ungebühr beschweren lasse. — Leipzig 
suchte zwar diese Einwände in einem Berichte au die 
Regierung (s'ib dato Leipzig am 24. Nov. 1755) nach 
Möglichkeit zu entkräften, indem es behauptete, dass 
Freiberg, wie die Städte Marienberg, Schneeberg, Anna- 
berg, Herzberg und Weissenfeis, nur dann besondere Ver- 
günstigungen bezüglich der Zölle, Geleite und Accisc 
genösse, wenn es seine Waren in Leipzig selbst kaufte, 
nicht aber wenn es dieselben von anderen Orten über 
lieipzig brächte. — Der Kurfürst scheint sieh jedoch 



'"*) Coil. (lipl. Sax. reg. U, t2, 52. '•«) Ebenda 267. 
"") Ebenda 34. 



PQ Hermann Heller: 

schliesslich zu Freihergs Gunsten entschieden zu haben. 
Mit voller Klarheit lässt sich das aus den Leipziger 
Stapelakten allerdings nicht ersehen. 

Wie im O., so suchte Leipzig auch im AA'. die zahl- 
reichen Handelslinicn, welche die in nord- südlicher Rich- 
tung sich bewegenden Hauptwarenströme Inner- Deutsch- 
lands Im Laufe des 18. Jahrhunderts mit einander ver- 
knüpften , bei seinem v^tapil zu erhalten. Zu diesem 
Zwecke erliess König August IL, der die Bestrebungen der 
Leipziger im Interesse der kurfürstlichenZoUintraden lebhaft 
unterstützte, unterm 9. August 1697 schon ein besonderes 
Strassenmandat'**®), um die hohe Strasse oder soge- 
nannte Bergstrasse über Plauen, Zwickau, Alten- 
burg und Borna-Hohendorf nach Leipzig, die seit der 
„Contagion" cinigermassen ausser Brauch gekommen war, 
von neuem zu beleben. -- Die Regensburger und Nürn- 
berger Fulnleute wandten jedocli beim Leipziger Rathe 
ein, dass auf d-esem ^A^ege wegen der engen Geleise mit 
breiten Wägen nur schwer fortzukommen sei, und be- 
nutzten darum neben der Bergstrasse über Plauen und 
Zwickau noch eine zweite Strasse, welche von Regens- 
burg aus im Naabthale nordwärts führte, das Fichtel- 
gebirge in der Richtung von Falkenberg über Mitterteich 
und Arzb;'rg nach Hof im O. umging und dann entweder 
iin Elsterthale über Gera, Langendorf und Zwenkau 
öder im Saalethale über Naumburg, Weissenfeis und 
Lützen nach Leipzig zog. Man hielt zwar 1700 und 1703 
verschiedene süddeutsche Fuhrleute, welche diesen Weg 
l)efuhren, an, scheute sich jedoch, dieselben ernstlich zu 
bestrafen, weil man befürclitete, dass sie dann Sachsen 
und speziell Leipzig ganz meiden könnten. Als jedoch 
nach einer abermaligen Erneuerung des Mandats bezüg- 
lich der Bergstrasse idier Plauen, Zwickau etc. nach 
Leipzig im Jahre 1708 Regensburger Fuhrleute hervor- 
kehrten, die sächsische Bergstrasse sei mehr nur ein Post- 
weg, auf dem man, da Berg und Thal oft wechselten, 
starker Schnee und grosse Steine häufig di'' Passage 
sperrten und mächtige Überschwemmungen zuAveilen 
geradezu Stillliegen geböten, mit l.ohen und weiten Karren 
kaum fortkommen könnte, erklärte Leipzig: durch die 
Verfügung von 1708 und vorher sei nichts Neues in die 
AVeit gesetzt worden, sondern nur der Versuch gemacht, 

"") XLV. A. U. 



Die Handelswege Iiiner-Deutschlands im 16. — 18. Jahrb. etc CA 

die durch Kriegsunruhen (Deutschlands Kriege mit Frank- 
reich am Ausgange des 17. und zu Anfange des 18. Jahr- 
hunderts und die damit verbundenen kaiserlichen Ein- 
fuhrverljote auf französische Waren) und Contagionsjahre 
ausser Brauch gesetzte Heerstrassc wieder zu beleben. 
Die Landstrasse von Hof über Plauen, Zwickau etc. sei 
von Alters her von Frachtwagen frequentiert worden. 
Wenn übrigens die Fuhrleute von Frankfurt a. M. und 
Wien trotz der Berge und steinigten Wege vorwärts 
strebten, so würden wohl auch die Regensburger bei 
einiger Vorsicht etwaige Hindernisse überwinden können; 
auch die Schleifwege hätten Felsen und Bergt-, namentlich 
zwischen Hof und Gera, und Überschwemmungen, nament- 
lich im Elsterthal bei Gera, aufzuweisen. 

Neben dieser sogenannten Berg- oder Poststrasse, 
welche von Regensburg über Falkenberg, Mitterteich und 
Arzberg im O. des Fichtelgebirges und von Nürnberg 
über Gräfenlerg, Kreussen^ Baireuth, Berneck , Gefrees 
und Münchberg im W. desselben nach Hof führte und 
von hier aus über Plauen und Mylau nach Reichenbacli 
und Werdau oder Zwickau zog, um schliesslich über 
Altenburg und Borna in Leipzig einzumünden, wurde in 
einem kurfürstlich -sächsischen Erlass vom 4. Oktober 
1715'"^) auch die schon durch langjährige Observanz ein- 
geführte und namentlich von Fuhrleuten aus der Schweiz, 
aus Memmingen, Augsburg, und Nürnberg fleissig be- 
fahrene sogenannte JenensischeoderNieder-Strasse 
geduldet. Sie führte von Nürnberg aus im Regnitz-, 
Main- und Saalethal nach Leipzig und berührte dabei 
die Orte Erlangen, Forchheim, Bamberg, Gräfenthal, 
Saalfeld, Rudolstadt, Jena, Dornburg, Naumburg und 
Lützeu. Sie war etwas weiter als die erstcre, wurde aber 
„wegen ihrer ebenen Wege" gern benutzt. — Da auch 
der Weg, welcher in der Richtung der weissen Elster 
von Hof über Gefeil, Schleiz, Aunia, Gera, Zeitz und 
Pegau nordwärts leitete, trotz kurfürstlicher Strassenver- 
bote bestehen blieb, so vermittelten schliesslich 3 Strassen 
den Verkehr zwischen dem Donaugebiet im S. und der 
Pleissenstadt im Zentrum Inner- Deutschlands. 

Von Hamburg her aber bewegten sich die Waren- 



109', 



') XLV. A. lg, fol. 178. (] 'euksclirift aus dem Leipziger 
Geleitsamt „über das Leipziger Stapelrecht und die ordentl. Land- 
strassen" — vom 13. März 1716.) 



62 Hermann llt-Hcr: 

ströme an der Elbe und Saale herauf entweder über 
Harburg, Lüneburj^, Ülzen, Gifhoi-n, Gardelegen, Magde- 
burg, Kalbe, Kötlien, Zörbig und Landsberg, oder mit 
Umgehl mg Magdeburgs auf dem etwas weiteren Wege 
von Gardelegen über Rogiitz, Burg, Loburg, Zerbst, 
Dessau und Delitzsch nach der inner-deutschen Handels- 
metropole. 

Hier, wo die Handelslinien der oberen Saale, der 
weissen Elster, der Pleisse und selbst der Mulde zusammen- 
liefen, um sich dann in den wichtigen Verkehrswegen, 
der unteren Saale und Elbe fortzusetzen, war der ge- 
eignetste Punkt, die aus dem SW. und NW. Deutsch- 
lands herbeieilenden Warenzüge aufzufangen und fest- 
zuhalten. Leipzig war sich dessen voll und ganz bewusst 
und suchte darum , sich stützend auf sein altes Stapel- 
und Niederlagsrecht, alle Handelswege, welche schon am 
Ausgange des 17. Jahrhunderts im \V. der Stadt aus 
dem Erzgebirge, aus dem Vogt-, Böhmer- und Franken- 
lande über Naumburg und Halle etc. nach Magdeburg 
und Niedersachsen angebahnt worden waren, als schädliche 
Schleifwege zu beseitigen. Das wurde ihm freilich sehr 
schwer gemacht und gelang nur zu einem ganz kleinen 
Theile. Denn je mehr sich die Warenströme der eigent- 
lichen Breite des Leipzig - Halleschen Tieflandsbusens 
näherten, desto leichter konnten sie in zahlreichen Adern 
auseinanderstrahlen. 

Schon aus dem Jahre 1699 wird uns berichtet""), 
dass gebirgische Fuhrleute aus Zwi' kau, Stollberg, Schnee- 
berg etc., aus dem sehönburgischen Hohnstein, Waiden- 
burg etc. Leinwand, Bleche, Farben etc. über Altenburg, 
Lützen und Zoschen nach Halle und Magdeburg führten 
und von dort spanische Weine , Juchtenballen , Fische, 
Heringe, Thran, Gewürzwaren, Tabak, Spezereien, Honig, 
auch Zerbster und Dessauer Wolle eti-. auf demselben 
Wege wieder mit zurücknahmen. Erzgebirgische Hammer- 
herren, vogtländische und Regensburger Fuhrleute brachten 
Bleche und Farbe, Stahl, Kupferwasser, Vitriol, steierische 
und andere Waren, sowie Potasche, Butter und Hirse 
über Gera, Zeitz, Naumburg, Freiburg, Eisleben und 
Aschersleben nach Magdebui'g, Braunschweig und Berlin, 
nach Bremen und Hamburg und luden dort Fische, 
Tabake, süsse Weine etc. wieder ein. — Leipzig, das 



"•) XLV. A. le, fol. 241 Ö'. 



Die Ilandelswege Iiiner-Dentsclilands im 16. — IS.Jahrh. etc. 63 

seinen Transithandd zwischen Nürnberg und Regensburg 
im 8, und Hamburg und Bremen im N. nicht auf Naum- 
burg und Halle übergehen lassen wollte, suchte beide 
Wege zu sperren. Das gelang ihm jedoch nicht- Denn 
1708 klagte es von neuum, dass 1) ein Beiweg von Halle 
über Lützen, Pegau, Altenburg, Glauchau und Zwickau 
führe, der sich dann durchs Vogtland bis ins Baireuthische 
und Böhmische fortsetze und namentlich den Salz-, Gre- 
treide-, Blech-, Arsenik- und Farbehandel vermittele, und 
2) bei Aschersleben ein Beiweg aus dem Brandenburgischen 
in die sächsischen Lande falle, auf dem man viele Kauf- 
mannsgüter über Freiburg und Langensalza ins westliche 
Thüringen oder über Freiburg und Naumburg auf Nürn- 
berg, Augsburg, Ulm- Memmingen bringe. 

Besonders ging viel Wolle aus Quedlinburg, 
Osterwiek etc. am Ostabhange des Harzes und aus dem 
Anhaltischen über Aschersleben oder Bernburg, 
Halle, Lützen, Pegau, Altenburg etc. in die sächsischen 
Tuchfabriken zu Frankenberg , Chemnitz , Hainichen, 
Öderan etc. (1708)'"). Als Leipzig das verhindern wollte, 
wandten sich Quedlinburg im N. und Zwickau im S. 
mit einer Klagschrift an den Kurfürsten von Sachsen, in 
der beide den Weg von Quedlinl»urg, Stassfurt, Bernburg 
und Aschersleben über Halle, Lützen, Pegau und Alten- 
burg als uralt bezeichneten. Quedlinburg insbesondere 
liob in seiner Beschwerde hervor, dass auf dieser Strasse 
seit alten Zeiten AA'olle, Heringe, Branntwein etc. ins 
Oster- und Vogtland transportiert worden seien; dass 
schon Kaiser Lothar die Quedlinburger mit wichtigen 
Handelsprivilegien bedacht habe. Nicht jede Strasse 
müsse nothwendig auf Leipzig iühren; man könne doch 
die Fuhrleute niclit zwingen wollen, mehrere Meilen um- 
zufahren, um dort hohe Imposten auf Pferde, AA'agen und 
Güter abzustatten. — Die kurfürstliche Regierung ver- 
Avies zwar (unterm 13. Dezember 1713) auf Betreiben 
Leipzigs, das auf dem Wege über Halle, Lützen, Pegau, 
Altenburg etc. nur Salz und Viktualien, nicht aber staffel- 
bare Kaufmannsgüter gehen lassen wollte, Quedlinburg 
und Zwickau auf die rechte Heerstrasse von Quedlinburg 
über Aschersleben, Halle, Leipzig, Borna und Altenburg 
nach Zwickau, die nur um ein weniges länger sei als 
der verbotene Beiweg. Allein damit war nicht viel er- 



'") XLV. A. lg, fol. 22. 



64 Hermann Heller: 

reicht ; denn als der Leipziger Gcleitsreitcr iin Juli und 
August 1715 im Stift Merseburg Quedliuburger Woll- 
wagen, welche von ILiUe direkt nach Reichenbach i. V. 
gehen sollten, auiuiltcn wollte, ward er von der dortigen 
Obrigkeit nicht respektiert. 1716 klagte Leipzig immer 
noch"*), dass aus dem Gebirge ein Beiweg über Schnee- 
berg, Zwickau, Altenburg, Pegau, Lätzen nach Halle und 
Magdeburg führe, auf dem aUtäglich Salz, Getreide, 
Bleche, Zinne, Kupfer, blaue Farbe, Leinwand, ferner 
österreichische und böhmische, Augsburger, Regensburger 
und Nürnberger ^A^aren nordwärts gingen, wähfend Güter 
aus Hamburg, Niedersachsen und Magdeburg, aus Holland 
und Braun.schweig auf demselben Wege ins Reich ver- 
trieben würden; dass Handelsartikel aus Ponuuern, Preussen 
und der Mark, welche sonst von Berlin über Treuen- 
brietzen, AA'ittenberg, Kemberg und Düijen nach Leipzig 
kamen, von Berlin aus auf Brandenburg, Dessau, Halle, 
Lauchstädt , Freiburg und Gleina oder über Stassfurt, 
Aschersleben, Mansfeld, Eisleben, Schraplau und Steigra 
nach Naumburg sich bewegten und von hier aus über 
Gera, Schleiz und Hof nach Nürnberg, Regensburg, Ulm, 
Memmingen und Italien gingen. 

Neben diesen Verkehrslinien aus dem Erzgebirge, 
Vogt- , Böhmer- und Frankenlande über A 1 1 e n b u r g 
und Halle, Naumburg und Eis leben nach Magde- 
burg und Berlin, welche am Ausgange des 17. Jahr- 
hunderts angebahnt worden waren und in den ersten 
Decennien des 18. Jahrhunderts trotz kurfürstlich-säch- 
sischer Pöualmandate festen Bestand gewannen, belebte 
sich im Laufe des 18. Jahrhunderts auch jene alte Handels- 
strasse im westlichen Inner-Deutschland wieder, die den 
Thüringerwald an seinem bequemsten Passe (von Ober- 
hof) überschritt und einen direkten Verkehr zwischen der 
unteren Elbe und dem oberen Main- und Donaugebiet 
über Erfurt vermittelte. 

Bereits am 25. September 1708 berichtete die Leip- 
ziger Kaufmannschaft'"), dass Potasche und Eisenwaren, 
auf denen in Sachsen ein hoher Zoll liege, aus dem Vogt-, 
Böhmer- und Bayerlande nach Erfurt gingen und von 
dort aus entweder über Wanfried a. d. A\'erra vermittelst 
der Weserschiflahrt nach Bremen und Holland oder über 



"*) XLV. A. lg, fitl. 168 1111(1 anderweit in diesem Aktenstücke. 
"») XLV. A. lg, toi. 22. 



Die Handelswege Inuer-Deutschlauds im 16.— 18. Jalirh. etc. G5 

Magdeburg nach Hamburg, Spanien etc. gebracht würden. Im 
Jahre 1715 aber wurde die Wunderslebener Strasse 
— so ward jetzt dieser von Hamburg über Erfurt nach 
Nürnberg ziehende Handelsweg nach einem nördlich 
von Erfurt gelegenen kursächsisehen Dorfe genannt — 
schon als Hauptstrasse betrachtet "■*), da sich auf ihr nicht 
nur Hamburger und Nürnberger Güter auf- und ab- 
bewegteu; sondern auch WeinkarreU; welche aus Franken 
über Fürth (Schweinfurt) a. M. oder vom Rheine her 
über Frankfurt a. M., Hanau, Schlüchtern, Fulda, Eise- 
nach etc. herkamen und nach den brandenburgischen 
Landen gingen, sie benutzten. Nach einem Berieht des 
Leipziger Rathes an den Kurfürsten vom 2J-. August 
1715 "■') waren in diesem Jahre allein innerhalb dreier 
Monate loUO Karren mit 3500 Pferden von Hamburg 
über Braunschweig, Goslar, Halberstadt, Aschersleben, 
Mansfeld, Sangerhausen, Sachsenburg, Weissensee, Wun- 
dersleben, Erfurt, Eisfeld und Coburg nach Franken und 
wieder zurück gegangen. Leipzig schmerz le das um so 
mehr, als es bei der weiten Entfernung der Wunderslebener 
Strasse (12 Meilen) nicht viel zu deren Beseitigung unter- 
nehmen konnte. 

Auch die Elbe- und Saaleschiffahrt bestanden 
im 18. Jahrhundert fort'**'). Es wurden Waren aus 
dem Gebirge, ^^'ie Kupfer, Zinn, Blech, Eisen, Blaufarbe, 
Leinwand vermittelst der Eibschiffahrt über Magdeburg 
nach Lüneburg, Hamburg, Lübeck und Bremen verführt, 
während mau Spezereien, Gewürze, holländische Käse, 
Fischwaren, Talg, Thrau, Leder, euglische und hollän- 
dische Tücher etc. von unten herauf vermittelst der Elbe 
nach Böhmen, Mähren, Österreich, Polen, Ungarn etc. 
versandte. 

Leipzig hielt einen freien Eibverkehr von unten 
herauf bis Magdeburg für zweckmässig, weil es da- 
durch seine Waren bequemer und wohlfeiler erlangen 
konnte als per Achse. Darum erhob es im Verein mit 
Hamburg kräftigen imd erfolgreichen Widerspruch, als 
Altona 1725 zur Errichtung eines Holzhafens schritt 
und zu diesem Behufe einen 400 Fuss langen und 150 
Fuss breiten Sauddamm in die Unterelbe hineinführen 
wollte, der eine Verengung der Passage und Ver- 
schlemmung des Strombettes im Gefolge gehabt hätte. 



"*)XLV.A.6,fol.236. "*) Ebenda lol. 259. "»JXLV.D.I, fol.ö9. 

lüeues ArcliiT 1. S. ü. u. A. V. i. i. ^ 



fiß Hermann Heller : 

Auf der Strecke vuu Mugcleburg bis Dresden 
aber, also innerhalb ihres Stapeldistriktes, wollten die 
Leipziger aucli im 18. Jahrhundert von einer freien Elb- 
schiffahrt niehts wissen. Plier snUten, wie auf der Saale 
und dem Hallischcn Schleusenbau, nur Viktualien, Salz, 
Baumaterialien, Kohlen, überliaupt nur gröbere Waren, 
transportiert werden. Es widersetzte sich daher Leipzig 
stets den wiederholten Versuchen Böhmens (Österreichs) 
und Prcussens, die Elbe von den lästigen Zöllen und 
Stapelrechten zu befreien und eine bequeme, ungehinderte 
Schiffahrt auf derselben zu ermögliclien. 

Als 17.^2 Magdeburg '"), unterstützt von den säch- 
sischen Eibstädten, die mittlere Elbe dem Banne des Leipziger 
Stapelrechts entziehen woUte und 1733 Kail VI. in seiner 
Eigenschaft als König von Böhmen beim Kurfürsten 
Fi'iedrich August die V"erfrachtung der böhmischen Glas- 
waren auf der Elbe durcli Sachsen hindurch anregte, 
führte der Leipziger Rath in einem gutachtlichen Berichte 
an den Kurfürsten aus"^), dass durch eine freie Elbschifl'- 
fahrt der ganze Garn- und Leinwandhandel Schlesiens, 
der Lausitz und selbst des Erzgebirges, der bisher in 
der Hauptsache über Leipzig gegangen, von da abge- 
lenkt und direkt auf Hamburg geleitet werde; dass durch 
einen ungeliinderten Eibverkehr ausser Dresden nur Böhmen 
und Brandenburg zu gcAvinnen hätten. Plabe Böhmen 
schon früher, namentlicli 1571 und 1660, wilderholt ver- 
sucht, durch eine freie ElbschifFaln-t den Handel von den 
Avichtigsten Theilcn Deutschlands nicht nur, sondern aucli 
von Dänemark, Norwegen, Schweden, Livland, Polen, 
Moskau etc. etc. auf die Niederlage von Prag zu ziehen, 
so sei das jetzt um so mehr zu l)efürchten, als ihm gegen- 
wärtig sein inniger Zusammenhang mit den kaiserlichen 
Erblanden und Reichen, Karls VI. tiefe Einsicht in das 
Commercium und seine Sorge für dessen Aufl)lühen, end- 
lich die zu Wien errichtete orientalische Kompagnie und 
der lebhafte Seeverkehr Triests vortrefflich dabei zu 
statten kämen. Das brandenburgische Magd^'burg aber 
werde durch eine befreite Schiffahrt auf der Elbe den 
gesamten Getreidcliandel aus Sachsen ziehen und nach den 
Niederlanden und den Seestädten hin vermitteln. So müsse 
durch eine freie ElbschifTahrt die Leipziger Messe zu 

'") Bieder mauii, I'as Stapelrecht etc. (Vierteljalirssclirift 
für Volkswirthscliaft etc., herausgegeben von E. Wiss, LXXIl. Berlin 
1881), 13. "») XLV. D. 5. 



Die Haiiflelswege Tnner-Deutschlandsim ic». — IP. Jahrb. etc. 67 

Grunde gericlitet werden, aller Handel Inner-Deutschlands 
auf Prag im S. luid Magdeburg im N. von Kursachsen 
übergehen und jenes zum kommerziellen Zentrum der 
böhmisch- kaiserlichen Lande ; dieses zum Verkehrsmittel- 
punkte Niedersachsens sich ausbilden. — Aus diesen 
Gründen dürfe man einen ungehinderten Elbhandel um 
keinen Preis gestatten. Der Kaiser Karl VI. könne den- 
selben durch Sachsen um so weniger erzwingen wollen, 
als er, wie seine Vorgänger, Leipzigs Stapel- und Nieder- 
lagsprivilegien bestätigt habe, die freie Schiffahrt der 
Elbe von Dresden bis Magdeburg aber „in den Begriff 
der 15 Meilen" falle- 

Da stellte die Kaufmannschaft zu Magdeburg in 
einem besonderen Scliriftchen, das sich betitelte: „Wider- 
legung des Leipziger Stapelrechts," 1748, die Behauptungen 
auf: 1) das Leipziger Stapelrecht könne unmöglich ausser- 
halb des sächsischen Gebietes gelten, und 2) „die 15 Meilen" 
seien so zu verstehen, dass die Peripherie eines um 
Leipzig gedachten Kreises, innerhalb derer jenes Zwangs- 
recht gelte, 15 Meilen betrage "'*). 

Leipzig widerlegte zwar diese Auffassung in schlagen- 
der, überzeugender Weise. Allein jetzt nahm sich die 
preussische Regierung ihrer Stadt Magdeburg an und er- 
griff" gegen Leipzigs Stapelrecht eine für dessen Handel 
recht empfindliche Repressalie, indem sie auf den Leip- 
ziger Durchgangshandel durch das Magdeburgische und 
Halberstädtische hohe Transitozölle legte, die von 1755 
an mit aller Strenge erhoben wurden. 

Fast gleichzeitig — 1752 und 1753 — nahm auch 
Maria Theresia in ihren Staaten eine Zollerhöhung auf 
Konsum- und Durchfuhrhandel um fast 100 Prozent vor *^") 
und erschwerte dadurch den Verkehr Leipzigs mit den 
österreichisch -ungarischen Landen überhaupt, wie den 
Lausitzer Leinwandhandel nach Böhmen hinein insbe- 
sondere. 

Hatte diese Einführung des Schutzzoll- oder 
Prohibitivsystems in Preussen und Osterreich für 
Sachsen, den wichtigsten Staat des mittleren Deutschlands, 
den Nachtheil, dass es dadurch in der Ausfuhr seiner 
meisten und besten Handelsartikel, seiner Webereien, seiner 

"») Veigl. auch ßoscher, System der Volkswirthschaft III, 
nach dessen Ausführung schon im Jahre 1730 Zweifel darüber 
auftauchen, ob „die 15 Meilen' radial oder diametral zu ver- 
stehen seien. 



fiß Hermann IloUer: 

Porzellan- und Metalk;rzeu^nisse, nach rechts und links 
gellindert und nanientlicli im direkten Verkehr mit der 
Ostsee gehemmt wurde, so verdankte es doch auch wieder 
der Unfähigkeit, sich wie seine grossen Nachbarstaaten 
selbständig abzuschliessen, seine hohe Bedeutung als ver- 
mittelnde Kraft zwischen der Europa beherrschenden 
Bildung des Westens und dem stets bedürftigen Osten, 
zwischen den seefahrenden Völkern des germanischen 
Nordens und den ackerbautreibenden Bewohnern des 
deutschen Binnenlandes, sowie endlich die ununterbrochene 
Anregung und Bewegung der eigenen Volksthätigkeit. 
Unabhängig von einer launischen und veränderlichen 
Leitung von oben, konnten sich hier in der zweiten 
Hälfte des 18. Jahrhunderts Handel und Industrie zu 
einer Blüthe ausbilden, die man sonst in Deutschland, die 
Nordseeliäfen Hamburg und Bremen etwa ausgenommen, 
nirgends entdeckte. 

Um das sächsische Commercium aus aller Dependenz 
der vorliegenden kurbrandenburgischeu Lande zu setzen, 
befahl der Kurfürst im Mai 1755'^'), dass die sächsischen 
Eibstädte Dresden, Pirna und Schandau die aus den 
Seestädten kommenden Material- und andere stafFelbare 
Waren künftighin nicht auf der Elbe, sondern über 
Leipzig bezögen. Dieser Ort selbst aber sollte seine 
Güter weder zu Wasser über Magdeburg noch zu Lande 
auf der alten, durchs Kurbrandeaburgische führenden 
Heerstrasse, sondern — bis zur Fertigstellung einer neu 
zu bauenden Frachtroute über den Harz**^) — auf der 
sogenannten Duderstädter Strasse einbringen. Dies 
war ursprünglich ein alter Verkehrsweg zwischen Braun- 
schweig und Süddeutschland, der am westlichen Fusse 
des Harzes entlang über Hahausen und Seesen, Osterode 
und Duderstadt nach dem S. ging'";. Von Leipzig aus 
führte diese Strasse über Merseburg, Mühlhausen, Duder- 
stadt, Seesen und Lutter am Barenberge und setzte sich 
dann über Braunschweig nach Hamburg fort. Sie war 
bisher — von Mühlhausen aus — namenthch von Mühl- 
hausener, Langensalzaer, Eisenacher, Erfurter, Schmal- 
kaldener und Nürnberger Frachtwagen öfter befahren 
worden. Da man jedoch bei ihrer Benutzung den Harz 



'») XLV. G. 6e, fol. 141 ff. '»') XLV. D. 6. '") XLV. A. --'Sa. 
'") H. Guthe, Die Lande Braunschweig uiul Hannover (Hannover 
1866), 260. 



Die Handelswege Inner-Deutschlands im Ifi.— 18. Jahrb. etc. 69 

in einem grossen südwestlichen Bogen, also auf weitem 
Umwege, umfahren musste, wenn mau von Leipzig nach 
Hamburg gelangen wollte, so scheuten sich die Leipziger, 
diese „Detourstrasse" ohne weiteres in Gebrauch zu 
ziehen. Bei Eröffnung des kurfürstlichen Befehls er- 
ört-rten sie darum, ob es nicht besser sei, die Waren 
von Bremen aus zu Wasser auf der Weser, Aller und 
Oker über Celle, Braunschweig und Wolfenbüttel 
gehen zu lassen und erst von dort aus zu Lande zu be- 
ziehen. Und als man dabei zu der Überzeugung kam, 
dass dies nicht gut durchführbar sei, weil einmal in Ham- 
burg eine importantere Handlung bestehe als in Bremen, 
und ausserdem Aller und Oker nicht immer navigabel 
seien — heutzutage ist die Oker gar nicht mehr zu be- 
fahren, die SchifFbarkeit der Aller aber beginnt erst bei 
Celle — , war Leipzig nicht abgeneigt, seine Hamburger 
Waren, trotz der hohen brandenburgischen Imposten, 
auch fernerhin über INIagdeburg zu dirigieren. Der Kur- 
fürst verwies es zwar unterm 25. Juli 1755 abermals auf 
die sogenannte Detourstrasse, die zu jeder Zeit praktikabel 
sei und jetzt in ziendich kurzer Zeit von Leipzig über 
Merseburg, Allstedt, Wallhausen, Rossla, Rottleberode, 
Neustadt, Sach.swerfen, Scharzfeld, Herzberg, Osterode^ 
Gittelde, Seesen, Lutter am Barenberge, Salzgitter, Braun- 
schweig und Gifliorn nach Hamburg führe. Allein schon 
am 15. August 1755 erklärte der Leipziger ßath dem 
Kurfürsten gegenüber, dass man den Verkehr mit Magde- 
burg und den brandenburgisch-preussischen Landen über- 
liaupt nicht ganz aufgeben könne, da viel Rauchwerk, 
polnische Wolle und rohe Häute von Danzig nach Leip- 
zig kämen, seidene und wollene Waren von Leipzig nach 
Danzig gingen, der Weg nach Danzig aber durch 
preussische Lande, nämlich über Eilen bürg, Wittenberg, 
Berlin, Stargard etc., führe. Den Verkelir zwischen 
Leipzig und Danzig über Lüneburg und Lübeck 
zu leiten, sei nicht rathsam, weil dann der Waren- 
transport ausserordentlich verlangsamt und die Fracht 
wegen der hohen Spesen im Danziger und Lübecker 
Hafen und wegen des hohen Fuhrlohnes von Lübeck über 
Lüneburg und Braunschweig mindestens noch einmal so 
theuer zu stehen käme als auf dem Landwege von Danzig 
über Berlin nach Leipzig. 

Wie der Weg nach Danzig, so fülire auch der 
natürllcliste Handelsweg nach Krakau, Warschau, 



70 licnnann Heller: 

Lublin etc. durch preussische Lande, durch Schlesien. 
Auf einer etwaigen neuen Strasse durch Böhmen, 
Mähren und das in Österreichisch- Schlesien gelegene 
Fürstentluun Teschen nach Polen zu handeln'**), 
erfordei'e wegen des grossen Umweges zu hohe Transport- 
kosten. Dazu bestehe jetzt auch in den österreichischen 
Staaten ein hoher Transitzoll, der die Passage wesentlich 
erschwere. Überdies könne man auch aus Schlesien, der 
Mark Brandenburg und dem Königreiche Preussen kom- 
mende Waren, namentlich ßreslauer Farbenröthe, sara- 
ländischen Bernstein und Magdeburger Rübensaat, nicht 
entbehren. Wenn man den Verkehr mit den preussischen 
Landen ganz abbreche und die polnischen Waren auf 
Umwegen beziehe, dann liege die Gefahr nahe, dass Leip- 
zig den Handel mit Danzig und Polen überhaupt ganz 
verliere und durch Berlin, das den Landweg benutzen 
und wie Sachsen seidene und wollene Waren fabri- 
zieren könne, in den Hintergrund gedrängt werde. Denn 
schon jetzt könnten die in Königsberg, Danzig, Berlin 
und Magdeburg geladenen Güter mit leichter Mühe 
über Halle und Eisleben nach dem S. und W. Deutsch- 
lands, nach Nürnberg und Frankfurt a. M., gebracht 
werden. 

Hierauf gestattete die kursächsische Regierung am 
13. September 1755 '**j, dass polnische Wolle, welche für 
sächsische Fabrikanten bestimmt war, gleichviel, ob sie 
aus brandenburgischen Landen komme oder nicht, ebenso 
Breslauer Farbenröthe, preussischer Bernstein und Bran- 
denburger Rübensaat frei jjassieren könnten, während sie 
alle übrigen ausländischen Waren , welche über Magde- 
burg und durch die brandcnburgisch-preussischen Lande 
gingen, mit einem proportionierten Parifikationsimpost 
belegen wollte, um sie in gleich hohen Preis mit den auf 
der „Detourstrasse" bezogenen Gütern zu bringen. 

Unterdessen hatte man auch den Anfang gemacht, 
die neue Harzstrasse, welche von Leipzig über Merse- 
burg, Querfurt, Rossla, Stolberg, Hasselfelde, Braun- 
lage, Harzburg, Wolfenbüttel und Braunschweig nach 
Hamburg führte und 5 — 6 Meilen kürzer war als die 
„Detourstrasse", mit Frachtwagen zu befahren. Diese 
sogenannte Leipziger Harzstrasse traf in Hasselfeldc 
mit einer östlich vom Brocken von Nordhausen nach 



'") XLV. A. 29. '"; XLV. A. 23b. 



nie Handelswege Inuer-DeutscAilanils im 16. — 18. Jahrh. etc. 71 

Wernigerode über den Harz fülirenden Strasse zusammen, 
die schon Albert von Stade anführt '^^). 

Weil jedoch wegen lang anhaltender nasser Wittermig 
die „Detourstrasse" ebenso wie die noch im Bau begriffene 
Harzstrasse nur sehr schwer zu passieren waren, so musste 
die sächsische Regierung am 20. September 1755 auch 
die Magdeburger Strasse wieder frei geben, so 
dass sich von jetzt ab die Hamburger Waren auf drei 
Wegen nach Leipzig und dem mittleren Deutschland 



Herauf bewegten. 



Allein die Warenzüge konnten nicht bleibend auf 
Bahnen erhalten werden, die nur auf Umwegen zum Ziele 
führten und denen die Natur selbst die grössten Hinder- 
nisse bereitete. Die neue Harzstrasse konnte ebenso wenig 
wie die weite „Detourstrasse" dauernde Bedeutung für 
den Verkehr Inner- Deutschlands beanspruchen. Bereits 
1780 sahen sich die Leipziger veranlasst, bezüglich der 
von Hamburg nach Leipzig und viceversa führenden 
Harz- oder neuen Strasse an den Kurfürsten von 
Sachsen zu berichten, dass '■'') dieselbe bei schlechtem 
Wetter, namentlich im W^inter, Geradezu unfahrbar 
sei, und dass man darum trotz des hohen preussischen 
Transitzolles auf der alten Magdeburger Strasse billiger 
fahre. 

Mit der Wiederbelebung der Magdeburger Strasse 
von Leipzig aus nahm auch der Eibhandel — trotz der 
Proteste Leipzigs — wieder grössere Dimensionen an. 
Da die sachsisciieu Elbstädte, besonders Dresden, dem 
Kurfürsten wiederholt vorstellten, dass bei fortgesetzter 
Sperrung der Elbe der Dresdner Potasche- und Leinwand- 
handel zu Grrundo gehen müsse, erliess dieser unterm 
2L Mai 1756 ein Reskript *^^), wonach das Leipziger 
Stapelrecht fernerhin keine Anwendung mehr finden sollte 
auf den Bezug \on Materialien für Rechnung inländischer 
Fabrikanten. 

Der siebenjährige Krieg, der noch in demselben Jahre 
begann, machte faktisch dem Leipziger Stapelreeht ein 
Ende. Die näheren Wege, welche der Verkehr während 
desselben, zum Theil unter dem Schutze des damals in 
Sachsen gebietenden Feindes, suchte und fand, waren 
auch nach dem wieder hergestellten Frieden ihm nicht 



'*•) Guthe, Die Laude ßrauaschweig und llauuover, 284. 
') XLV. A. 26. "»j Biedermanu, Das Stapelrecht etc., 18. 



72 Hermann Heller: Die ITaiulelewege Inner-Deutschlands etc. 

so leicht wieder zu verscliliessen. Der Handel dieser 
Stadt verfiel jedoch damit nicht. Leipzig hehauptete sich 
als wichtigster kommei'ziellcr Zentralplatz des inneren 
Deutschlands, wo die Haupthandelsstrassen aus N. und S-, 
O. und W., wie sie sich im Laufe von 300 Jahren her- 
ausgebildet hatten, zusammenliefen, das ganze 18. Jahr- 
hundert hindurch. Liclem es jetzt erkannte, „dass Freiheit 
die wahre Seele der Handlung sei", wusste es selbst eine 
befreite Elbe- und Saaleschiffahrt, gegen die es 
bisher immer heftig protestiert hatte, sich dienstbar zu 
machen. Denn als Könio- Friedrich Auffust L ("der Ge- 
rechte) am 21. September 1807 vom Leipziger Rathe 
Bericht darüber erforderte, was wohl die Leipziger Kauf- 
mannschaft zu einem freien Eibhandel sagen würde, erging 
von den Kramermeistern und Handelsdeputierten ein Gut- 
achten, worin es hiess '**), dass der freie Eibhandel nicht 
nur eine Wohlthat für Sachsen im allgemeinen, sondern 
auch für Leipzig speziell sei: durch die Eibschiffahrt 
könne man die von Hamburg zu beziehenden Güter zu 
Wasser bis Torgau oder auch bis Halle bringen, wodurch 
man nicht nur viel Zeit, sondern auch grosse Transport- 
kosten spare. 

Erst um die Mitte unseres Jahrhunderts sollte Halle, 
diese alte Pforte Thüringens, aus seiner günstigen Stellung 
zum Tliüringfcr Naclibarlande in demselben Masse Nutzen 
ziehen, wie er Leipzig als Stapelplatz der industriellen 
Erzeugnisse des Erzgebirges, der Lausitz und des Vogt- 
landes schon lange zu Tlieil geworden war. Erst im 
19. Jahrhundert, als der Eisenbahnbau seine Segnungen 
g. Itend machte, konnte Halle als siebenstrahliger Eisen- 
bahnstern sich Leipzig ebenbürtig zur Seite stellen und 
als zweites Zentrum des dampfbeflügelten Virkehi's im 
Herzen Inner-Deutschlands die Leitung des Handels nach 
W. und SW. in ähnlicher Weise überkommen, wie sie 
Leipzig nach dem O. und SO. ausübte. 



'») XLV. D. 8. 



II. 

Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen 
bis zum Jahre 1346. 



Von 
Herraann Knothe. 



von Bautzen, der alten Hauptstadt des ülarkgrafen- 
thuras Oberlausitz, giebt es zur Zeit noch keine den An- 
forderungen der Gegenwart irgend entsprechende G"C- 
schichte. Die vollständige Spezialgescliichte einer Stadt 
wird allerdings nur ein langjähriger Bewohner derselben 
zu schreiben vermögen; dagegen dürfte die älteste, dunkelste 
und doch in gewissem Sinne wichtigste Geschichte gerade 
einer Landeshauptstadt auch von jemand dargestellt 
werden können, der sich seit Jahren eingehend mit der 
Geschichte des Landes beschäftigt hat. Wir werden 
daher in Nachstehendem stets zugleich auf die Bedeutung 
hinzuweisen haben, welche zu den verscliiedenen Zeiten 
die Stadt Bautzen, als Sitz der Landesbehörden, für das 
ganze Land Oberlausitz gehabt hat. 

Dass der Landstricli zwischen dem Queiss im Osten 
und dem Pulsnitzflusse im Westen, d. h. die nachmalige 
Oberlausitz, schon vor den Sorben wenden von einem 
anderen und zwar germanischen Volksstamme bewohnt 
worden sei, gilt längst als erwiesen. Als solchen be- 
zeichnet man jetzt allgemein die Semnonen. Von ihrem 
Schalten speziell in der Oberlausitz giebt es keinerlei 
historische Kunde. Möglich aber, ja sogar wahrscheinlich 
ist es, dass von ihnen die gerade in diesem Lande so 
zahlreichen sooenannten Schanzen herstammen. Dieselben 
dienten keineswegs zu Kultus-, sondern lediglich zu Ver- 



7 [ Hermann Knuthe: 

tlicidigiingszwecken. In ihnen pflegten die Umwohner 
l)ei (Iroheudor Gefahr, namentlich bei plötzliclien feind- 
üclien Überfällen, sich seihst und ihre wcrth vollste Habe 
zu bergen und zu vertheidigeu. Ein nach strategischen 
Gesichtspunkten angelegtes „System" von Schanzen hat 
es nicht gegeben'). Ebensowenig sind sie irgend ständig 
bewohnt gewesen; es haben also auch keine (Holz-) Burgen 
darauf gestanden. Die Bezeichnung als castra, castella, 
Burgberge erhielten sie von sjüitercn Geschlechtern nur 
deshalb, weil sie einstmals allerdings die Stelle der nach- 
maligen Steinburgen vertraten, nämlich um vor den 
Feinden zu „bergen"^). 

Ebenso dürften von den Semnonen herriUnen die einen 
der unzähligen aufgefundenen Aschenurnen, während andere 
jedenfalls erst den slavischen Milzenern angehören. Nur 
hat man bis jetzt sichere Uiitersch(_;idungsmerkmalc zwi- 
schen beiden noch nicht festzustellen vermocht- 

Im Verlaufe der Völkerwanderungen verliessen auch 
die Semnonen iine bisherige Heiniath. In das leer ge- 
wordene Land rückte im 6. oder 7. Jahrhundert von 
Osten her der slavische Stamm der Milzener ein und 
nahm Besitz von den schon früher bebauten Wohn- 
plätzen. Auch ihnen werden die bereits vorgefundenen 
Schanzen dieselben Dienste geleistet haben , wie ilu'en 
Vorgängern. Die Ausdehnung ihrer Ansiedlungen lässt 
sich, bei einiger Vorsicht, aus den noch jetzt erhaltenen 
slavischen Ortsnamen ziendich sicher nachweisen^). Es 
war einmal ein schmaler offener Landstrich zwischen 
dichten Waldungen im Süden und im Norden, von Lauban 
und Görlitz bis gegen Löbau hin, und von da bis gegen 
Kamenz das weite, ebene oder doch nur wellige Gebiet 
rings um das nachmalige Bautzen. Den dortigen leichten, 
sandigen Boden vermochten sie mit ihrem schwachen 
Holzpfiuge leicht zu bebauen. Nur etwa in den Fluss- 
thälern lockte die AVenden auch der fettere Marschboden 
theils stromaid'wärts bis in die südlichen waldbedeckten 
Gebii-ge, theils stroraal)wilrts in die nördlichen sandigen 
Heiden zu neuen Ansiedlungen. In diesem Zentrum des 
alten Wendeidandes liegen noch heute die kleinen sla- 



') Oskar Schuster, Die alten Heidenschanzen Deutsch- 
lands (Dresden 18fi9). 

^) Knothe, Rechtsgeschichte der Oberlausitz (1877), 9 tlg. 

*) Knothe, Zur Geschichte der Germanisation in der Ober- 
lausitz: in V. Webers Archiv für die sächs. Gesch. N. F. 11, 2G6 flg. 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 134('. 75 

vischen Dörfer, umgeben von den zugehörigen Fluren 
und Wcäldchen, dicht gedrängt aneinander. 

Die Milzener standen, wie alle nördlichen Slaven- 
stämme, unter Stanimeshäuptern oder Fürsten und einem 
kriegerischen Adel. Alles übrige Volk, obgleich nach 
seinen Pflichten geschieden in mehrere Klassen, war 
hörig, gehörte theils dem Fürsten, theils dem Adel'') 
und hatte an dem Boden, den es bebaute, keinerlei Eigeu- 
thumsrecht. Derselbe war Eigenthum der Gutsherren. 
Dem Fürsten blieben zum eignem Besitz zahlreiche 
Domänen, theils Dörfer mit Höfen oder Vorwerken, 
theils vor allem die grossen Waldungen im Norden vor- 
behalten. 

Nach allgemeiner slavischer Sitte schuf sich jeder 
Stamm eine gemeinsame Stammesfeste. Sie war der 
Sitz des Landesfürsten und seiner Beamten und die all- 
gemeine Zufluchtsstätte bei eigentlicher Kriegsgefahr. 
Darum war auch das ganze Land zum Schutz und Unter- 
halt derselben verpflichtet. Daher hatten alle Dörfer 
nöthigenfalls dahin Baudienste zu thun und ein regel- 
mässiges „Wachkorn" zum Unterhalt der dasigen Be- 
satzung an den Landesherrn einzuliefern*). Das Ein- 
sammeln dieser Abgaben stand den Supanen zu, welche 
ebensoAvohl die Richter als die Steuerbeamten in den 
einzelnen, aus mehreren Dörfern bestehenden Gerichts- 
und Steuerbezirken waren®). 

Zu dieser ihrer Stammesfeste erkoren sich die Mil- 
zener einen fast genau in der Mitte jenes Zentrums ihrer 
Ansiedlungen gelegenen, im Westen und Norden ganz 
steil zur Spree abfallenden Basaltfels, an welchen sich 
gegen Osten ein breiteres Plateau schllesst — das jetzige 
Bautzen. Wir wissen nicht, ob dieser unstreitig schon 
durch die Natur selbst festeste Punkt der ganzen Gegend 
auch bereits bei den Semnonen eine gleiche Bedeutung 
gehabt habe. Der Umstand, dass auf dem gerade gegen- 
über liegenden Protsclienberge am linken Spreeufer sich 
eine und zwar ziemlich unbedeutende (jetzt völlig abge- 
tragene) Schanze befand, scheint dagegen zu sprechen. 
Demnach hätten erst die Milzener das jetzige Bautzen 



*) Knothe, Die verschiedenen Klassen slavischer Höriger 
in den Wettinischen Landen, in dieser Zeitschrift IV, 1 flg. 
') Knothe, Rechtsgeschichte, 5 flg. 
*) Diese Zeitschrilt lY, 5. 



7C) HermaiiTi Knothe: 

angelef^t und zum Mittelpunkte ihrer Herrschaft gemacht. 
Auf dem steil abfallenden, noch überdies durch tiefen 
Graben gegen Osten hin geschützten Fels entstand die 
jedenfalls nur hölzerne Wohnung des Landesherrn ; war 
doch auch die 929 für den neugeschaffenen Markgrafen 
von Meissen aufgeführte deutsche Burg an der Triebisch 
und Elbe nur ein Holzbau. Auf dem östlichen, ebenfalls 
durch das .Spreethal zum theil geschützten Plateau lag 
die Stadt, d. h. die Wohnungen theils der laudesherrlichen 
Beamten, der ritterlichen Besatzung, der unentbehrlichen 
Handwerker, Kaufleute, Oastwirthe und sonstiger Ein- 
wohner. Das unmittelbar unterhalb der Stadt im Thalc 
der Spree gelegene Dorf Seidau stand wohl schon in 
altslavischer Zeit ebenso wie später unmittelbar unter 
dem Landesherrn. Au mehreren Stellen in der Nähe der 
Stadt finden sich grosse Urnenfelder, wo die heidnischen 
Wenden die Asche ihrer Tntcn beisetzten. Bei Öhna 
(im N. von Bautzen ) gab es eine Kultusstätte des Flins ') 
und auf den höchsten Punkten der südlich gelegenen, 
noch heute dicht bewaldeten Bergketten wurden der Biele- 
bog, d. h. der weisse, gute Gott, und der Czernebog, der 
schwarze, böse Gott, verehrt. 

Diese Stammesburg oder Hauptstadt des Milzener- 
landes nun erhielt den Namen Budissln. Bischof Tliiet- 
mar von Merseburg (gestorben 1018), von welchem dieser 
Name zuerst genannt wird, schreibt ihn Budusin, Chro- 
nisten und Urkunden des 12. und 13. Jahrhunderts 
Budesin, Budisin, Budyssin] mindestens seit dem 14. Jahr- 
hundert wurde er wenigstens gesprochen auch Baudissin *), 
später Bautzen, welche Form des Namens seit 1868 auch 
die offizielle Schreibweise geworden ist. Was der Name 
aber bedeute, darüber sind, ganz abgesehen von den 
Erklärungsversuchen der älteren Historiker^), selbst 
gegenwärtig die gelehrten Slavisten noch keineswegs 
völlig einig. Der Form nacli Ist das Wort das Adjektiv 
von einem weiblichen Personennamen Budym, welcher 
den männlichen Personennamen Budych oder Buduch 
voraussetzt. Der Stamm hud aber bedeutet den einen 
zufolge: gern bauen, den andern zufolge: wecken, so 
dass die Adjektivform Budisin dasjenige bezeichnen würde, 

») Laus. Mag. VI (1827), 177 und 315 flg. 

*) Knothe, Gesch. des Oberlausitzer Adels (1879), 108. 

*) Vgl. ü. r>. bei Carpzov, Ehrentempel I, 242. 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. ir>i6, 77 

was „der Gernbauenden" , beziclientlich „der Weckerin" 
eigen ist, also: Budischljurg*"). 

Aus dem ganzen etwa dreihundertjährigen Zeitraum 
nationalslavisciier Herrs^chaft in der jetzigen Oberlausitz 
giebt es keine einzige zuverlässige NacLriclit über die 
dasigen Wenden. Unter den mehr als 300 gesammelten 
Volksliedern derselben befindet sich nur ein einziges von 
historischem Inhalt "). Es erzählt, wie „die Sorben" dreimal 
gegen „die Deutschen, von deren Sprache sie kein einziges 
Wörtlein verstanden", ins Feld gezogen seien und dreimal 
„sehr grossen Sieg errungen" hätten, und wie darauf 
jedesmal „der König", der persönlich nicht mit im Kriege 
gewesen, seine Krieger beschenkt habe mit neuen, präch- 
tigen Kleidern, mit Sanmit und Scharlach roth, mit Gold- 
füchsen und blitzenden Schwertern. Diese über die 
Deutschen errungenen Siege dürften sich auf die Einfälle 
beziehen, welche im 9. Jahrhundert von den vereinigten, 
östlich der Saale wohnenden Sorbenwenden nach Thüringen 
mit günstigem Erfolge unternommen wurden. Und eben 
diese Einfälle waren es, welche darauf im 10. Jahrhundert 
die allmähliche Unterwerfung der Wenden durch die 
Deutschen bis an den Queiss im Osten zur Folge hatten '"''j. 

'") Vgl. Brouisch, Laus. Mag. XX (1842). 84. Hulakovsky, 
Laus. Mag. XXXVII (IS^^iO), 497. Schmaler, Die slavischen Orts- 
namen in der Oberlausitz (1867), 12. (Just. Hey, Die slavischen 
Ortsnamen des Kgr. Sachsen (188H), 4.^^. Prof. Dr. Ptuhl nach briet- 
lichen Miitheiluugen. 

") Haupt und Schmaler, Volkslieder der ^Yeuden (1840) 
I, 32 Nr. IV. 

'*) Als leere Fabeln erweisen sich dem bisherigen zufolge 
alle die verschiedenen Angaben der älteren Historiker, z. B. dass 
im Jahre 495 die Sorbenweuden ein festes Schloss auf dem Prot- 
schenbergo cibaut haben, welches 805 nach einer siegreichen Schlacht 
unter Karls des Grossen Sohne Ludwig (dem Frommen) und Herzog 
Witte kind von Sachsen geschleift worden sei, worauf sich 807 die 
Wenden auf dem jetzigen Schlossberge angesiedelt hätten, (so noch 
Böhlaud, Schicksale der Oberlausitz und ihrer Hauptstadt ßudissin 
(1831) 5. 16 flg.), — oder da&s das Schloss auf dem Piotscheuberge 
schon im 7. Jahrhundert und zwar durch Markgraf Eadbod auf- 
geführt worden, die Stadt aber erst im 9. Jahrhundert von den 
j^fachfolgern Karls des Grossen angelegt sei (Grosser, Merk- 
würdigkeiten III, 57), — oder dass die Stadt um 882 von einem 
mährischen oder slavischen Fürsten Budissintius oder Budislaus 
ihren Anfang genommen und ihren Namen erhalten habe (so noch 
Wilke, Chronik der Stadt Budissin [1843], l2). Verschiedene Sagen 
über die Erbauung von Bautzen und über den Protschenberg sind 
gesammelt bei Haupt, Sagenbuch der Oberlausitz, Lausitz. Mag. 
XL (1863), :i03 flg. 



7(|! Hermann Kiiothe: 

Nacliflem der deutsche König Heinrich I. (928) 
die Slaveu zwischen Saale und Elbe unterjocht und, um 
dieselben im Zaume zu halten, die Mark Meissen angelegt 
hatte, „brachte er von Meissen aus auch die Milzener unter 
seine Botraässigkeit und zwang sie, Zins zu entrichten'"'). 
Diese erste, wie es scheint 932 erfolgte Unterwerfung 
nöthigte dieselben wohl nur, die Oberherrlichkeit des 
deutschen Königs anzuerkennen; im übrigen verblieben 
ihnen wahrscheinlicli ihre eignen Fürsten, eigene Ver- 
waltung, eignes Kecht. Erst Markgraf Ekkehard II. 
von Meist^en (985—1002) „beraubte die Milzener ihrer 
althergebrachten Freiheit und machte sie zu Knechten", 
was jedenfalls heissen soll: er machte die Deutschen zur 
einzig herrschenden Nation im Lande Milsca und ver- 
leibte dieses völlig dem deutschen Reiche ein. 

Von der hierbei gewiss erfolgten längeren oder 
kürzeren Belagerung und blutigen Eroberung der Stammes- 
feste Bautzen giebt keine Chronik, kein Volkslied Kunde. 
AVir wissen nicht, ob wenigstens die nach und nach im 
Interesse der Wenden ausgeschmückte Sage vom Drohm- 
berge (auch Thron- und Kronberg genannt) bei Eben- 
dörfel, eine Stunde südlich von Bautzen, in Verbindung 
damit zu setzen sei '^). Danach sassen dort einst auf 
sieben Steinen sieben „Wendenkönige" und hielten Rath, 
wie sie die Deutschen schlügen und die Freiheit er- 
kämpften. Sie selbst fielen sämtlich in der darauf folgenden 
Schlacht; aber ihre Völker siegten und begruben die 
Könige mit den goldenen Kronen auf dem Haupte unter 
jenen sieben Steinen, die noch heute auf der Höhe des 
j.Thronbergs" oder „Kronbergs" zu sehen sind. 

Das eroberte Milzenerland war also jetzt ein Bestand- 
tlieil des deutschen Reiches geworden und ward nach 
der damals herschenden Eintheilung desselben in Gaue 
nun „Gau Milsca" genannt. Der Markgraf von Meissen, 
der bereits des Reiches Graf in den Gauen Dalaminza 
(Meissen) und Nisani (^Dresden) war, wurde Graf auch 
in dem Gaue oder Lande Milsca'*). So ward die 

") In Betreu" der auf die allgemeine Laudesgeschichte bezüg- 
lichen Angaben verweisen wir für das Folgende auf unseren Auf- 
satz: „Die politischen Beziehungen zwischen der Oberlausitz und 
Meissen" in v. Webers Arch. f d. sächs. Gesch. XII, 275 Üg., wo 
die Belegstellen abgedruckt sind. 

'*) Haupt, Sagenbuch der Lausitz. Laus. Magaz. XL (1863), 278. 

'^) Belegstellen für diese Benennungen in v. Webers Arch. i. 
d. sächs. Gesch. N. F. 1, 64, Anmerk. 4. 



Zur älteste» Geschichte der Stallt Bautzen bis zum J. ir,46. 79 

nachmalige Oberlausitz ein Pertinenzstück der Markgraf- 
schaft Meissen. Die bisherio^en national-wendischen Fürsten 
wurden beseitigt; in ihre Rechte trat der deutsche König 
oder dessen Stellvertreter, der Markgraf von Meissen. 
Diejenigen wendischen Adligen, welche die Herrschaft 
der Deutschen ehrlieh anerkannten, behielten ihre Güter, 
aber jetzt nach deutschem Lehnrecht. Die übrigen 
Güter wurden deutschen, zumeist wohl meissnischen oder 
thüringischen Kriegern, zu Lehn gegeben zum Lohn für 
ihre Dienste bei Eroberung des Landes und zum Im- 
zaumhalten der eben erst unterjochten wendischen Be- 
völkerung. Sie werden einfach Besitz ero-rifFen haben 
von den Gütern, Höfen, Dörfern ihrer wendischen Vor- 
besitzer. Die Landbevölkerung selbst blieb ganz in der 
früheren Hörigkeit oder Unfreiheit; sie leistete dem neuen 
Landesherrn und den neuen Gutsherren dieselben Ab- 
gaben und Dienste, wie den früheren; sie hatte also nur 
die Herren gewecliselt. In der Burg zu Bautzen waltete 
jetzt ein deutscher, ritterlicher Statthalter des Markgrafen 
von Meissen (wenigstens später praefectus oder castelfanus 
de Biidissin genannt) mit seiner deutschen Besatzung. 
Schon jetzt oder doch nicht viel später wurde eine 
grössere Anzahl deutscher Lehnsmänner veranlasst, sich 
zu umso sichrerem Schutze der Burg dicht unter derselben 
auf dem sogenannten Burg lehn anzubauen, und erhielt 
dafür Dörfer in der Nähe von Bautzen als Dienstlehen. 
Dies Burglehn mit seinen ritterlichen Bewohnern hat 
stets lediglich vmter der Jurisdiktion des Präfekten 
(später des Landvogts), nie unter der der Stadtbe- 
hörde gestanden. Die Herren des Landes waren jetzt 
Christen; gewiss wurde daher alsbald auch in Bautzen 
eine erste christliche Kapelle oder Kirche, die erste 
im Lande, und zwar auf dem höchsten Punkte der Stadt 
erbaut. Wenigstens die Bewohner der Hauptstadt werden 
sich haben müssen taufen lassen. Seitdem wurden die 
heidnischen Friedhöfe geschlossen, und die Toten nicht 
mehr verbrannt, sondern auf dem Kirchhofe rings um 
die Kirche beo^raben. 

Nur wenige Jahrzehnte aber dauerte diese erste 
meissnisehe Epoche. Als 1002 sowohl Kaiser Otto HL 
als Markgraf Ekkehard von Meissen gestorben waren, 
hielt Herzog Boleslaw Chrobry von Polen die Ge- 
legenheit für günstig, sich ein grosses Slavenreich zu 
gründen und mindestens wieder alles das altslavische 



gQ Hennaiiu Kuothe :] 

Land bis ;iii diu Saale zurück zu erobern, wobei er sich 
der Sympathien, ja der thiltigcn Mitwirkung der noch 
durchaus slavischen Landbevölkerung- versichert halten 
dürfte. Von 1002—1018 währten die Kriege zwischen 
ihm und dem neuerwählten Könige Heinrich IL von 
Deutschland. Zu wiederholten Malen ward in dieser 
Zeit gerade Bautzen bald von den Polen, bald von den 
Deutschen belagert und theils durch Sturm genommen, 
theils durch K"a])itulation übergeben. Der Besitz der 
Landesfeste entschied über den Besitz des ganzen Landes. 
Infolge dessen wurde nach und nach der Gau oder das Land 
Milsca auch als Gau oder Land Budissin bezeichnet'^). 

Eben diese von Bischof Thietmar von Merseburg 
eingehend behandelten Kriege gegen die Polen sind es, 
in welchen zum ersten Mal beim Jahre 1002 die Stadt 
(urhs oder auch civitas) Budusin namentlich erwähnt und 
bei Gelegenheit einer Belagerung durch König Heinrich H. 
einigermassen beschrieben wird'*). Danach bestand 
die eigentliche Stadt noch immer lediglich aus Holz- 
häusern; denn von dem deutschen Heere ward „bereits 
Feuer herbeigebracht", um sie zu verbrennen, als Mark- 
graf Gunzelin von Meissen dies verbot. Sie war mit 
„Mauern" umgeben, d. h. wahrscheinlich einem Walle mit 
Holzplanken hinter einem Graben. Eines Tages hatten 
„die in der Stadt" yurhani) einen Ausfall versucht, wurden 
aber zurückgetrieben und namentlich von einem deutschen 
Krieger, Namens Hemuza „bis fast an die Mauern ver- 
folgt"'; da ward derselbe von einem halben Mühlstein 
auf den Kopf getroffen und sein Leichnam in die Stadt 
hinein^^ezogen. Es gab auch Bastionen (propugnacula) 
in der Umwallung. Von einer derselben zielte eines 
Tages ein Bogenschütze auf König Heinrich selbst, traf 
aber nur dessen Nebenmann, Bis an die Spree hinab 
wüthete damals der Einzelkampf. Ein deutscher Krieger, 
Namens Tammo, leistete, im Flusse stehend, den Feinden 
lange Zeit tapferen Widerstand, bis er endlich auf den 
schlüpfrigen Steinen ausrutschte, hinstürzte und nun trotz 
seines vorzüglichen Brustharnisches erlegt ward. 

In einem zu Bautzen am 30. Januar 1018 ab- 
geschlossenen Frieden musste endlich König Heinrich IL 



'•) Belegstellen in v. Webers Arch. f. d. sächs. Gesch. N. F. I 
65, Aniuerk. ö. u. 6. 

") Tbiotmar, Mou. Germ, List. SS. III, 793. 



^ur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. gl 

das Milzenerland definitiv an Boleslaw Clirobry abtreten. 
Zu den Friedeusbedingungen gehörte, dass der verwitwete 
Polenherzog des verstoi-benen Markgrafen von Meissen 
Tochter Namens Oda zur Gemahlin erhalten solle. Schon 
am Abende des vierten Tages darauf ward dieselbe zu 
Seitschen *"*), bis wohin er ihr entgegen gezogen war, feier- 
lichst bei Fackelschein ihm übergeben und dann in Bautzen 
mit ihm vermählt- So hielt denn, wenigstens auf kurze 
Zeit, einmal wieder ein Landesherr, und zwar nebst Ge- 
mahlin, zu Bautzen Hof. Nach Boleslaws Tode (1024) 
erfolgten neue Kriege zwischen dessen Sohne Mieczislaw 
luid König Konrad If., in welchen letzterer (1029) auch 
Bautzen vergeblich belagerte, ersterer aber endlich Stadt 
und Land wieder an die Markgrafen von Meissen 
abtreten musste. 

Von den etwaigen Veränderungen, welche diese mit 
kurzen Unterbrechungen 29 Jahre währende Herrschaft 
der Polen theils in den Verhältnissen des ganzen Landes, 
theils in Bautzen selbst zur Folge o-ehabt habe, wissen 
wir nichts. Die kirchlichen Zustände blieben jeden- 
falls, da Boleslaw Christ war, davon unberül)rt. Ja es 
scheint, dass eine sehr alte Kapelle auf dem Schlosse mit 
alten (Fresko-) Gemälden, gelegen an der Mauer gegen 
die Spree hin-, welche erst 1605 völlig abgebrochen ward, 
von ihm herrührte; wenigstens fand man bei Wegräumung 
des Schuttes auch einen Stein mit dem polnischenWappen ' ®). 

Diese zweite meissnische Epoche für das Land Bu- 
dissin dauerte auch nur 45 Jahre. Da in den bekannten 
Investiturstreitigkeiten zwischen Kaiser Heinrich IV. und 
den sächsischen Grossen sich der Markgraf Egbert von 
Meissen zu den letzteren hielt, so sprach ihm der Kaiser 
1076 die Mark Meissen samt dem zugehörigen Gau Milsca 
ab und übergab sie dem getreuen Herzog Wratislaw 
von Böhmen. Dieser aber übertrug die Vertheidigung 
und Verwaltung dieser neuerworbenen Länder dem tap- 
feren Grafen Wiprecht von Groitzsch und überliess dem- 
selben 1086 nebst der Hand seiner eigenen Tochter Judith, 
als deren Mitgift, den Niessnutz der beiden Gaue Milsca 
und Nisani. So kam denn die nachmalige Überlausitz 
1076 zum ersten Male unter Böhmen. Wiprecht musste 



") Siehe v. Webers Archiv f. d. sächs. Gesch. XII, 27y An- 
merkung 11. 

'•) Knauthe, Weud. Kirchen-Gesch. (1767) 29. 

Neues Archiv f. S. G. \i. A. V. i. 2. 6 



82 Hermann Knothe: 

zwar (1110 oder 1112) jene beiden Länder an Kaiser 
Heinrich V. abtreten, um seinen ältesten Sohn, AViprecht 
den jüngeren, aus der Gefangenschaft des Kaisers loszu- 
kaufen, und letzterer gab dieselben sofort seinem Günst- 
ling Graf Iloyer von Mansfeld, von welchem das ober- 
lausitzische Hoyerswerde wenigstens seinen deutschen 
Namen erhalten zu haben scheint. Als aber dieser 1115 
in der Schlacht am Welfisholze gefallen war, erhielt 
Wiprecht der ältere seine Länder zurück und vererbte 
bei seinem Tode (1124) das Land Budissin an seinen jün- 
geren Sohn Heinrich von G r o i t z s c h. Nach dessen kinder- 
losem Tode 1135 gab Kaiser Konrad III. jedenfalls auch 
das Land Budissin an Markgraf Konrad den Grossen 
von Meissen zurück. 

Wiprecht von Groitzsch residierte mindestens für ge- 
wöhnlich zu Bautzen; wenigstens starb daselbst am 
17. Dezember 1109 seine Gemahlin Judith, wurde aber 
in dem von Wiprecht gestifteten Kloster zu Pegau mit 
grosser Feierlichkeit beigesetzt. Auch Heinrich von 
Groitzsch dürfte sich wesentlich in Bautzen aufgehalten 
haben. Spuren ihres Waltens scheinen sie aber nicht 
zurückgelassen zu haben. 

Nur etwa 20 Jahre dauerte die nunmehr dritte Epoche 
ineissnischer Herrscliaft. Erst jetzt erfahren wir auch 
urkundlich, dass, wie dies gewiss schon immer der Fall 
gewesen war, als oberster Landesbeamter der castellanus 
de Budissin fungierte. Nur von dem allerletzten lernen 
wir auch den Namen, Tlieodoricus, kennen; er befand 
sich unter den zahlreichen Zeugen, als Älarkgraf Konrad 
der Grosse 1156 über die beiden Klöster Gerbstädt bei 
Eisleben und Lauterberg bei Halle Anordnungen traf, 
unmittelbar bevor er in letzteres eintrat, um den Rest 
seiner Tage daselbst zu verbringen. — Markgraf Konrad 
war mit Bischof Meinhard von Meissen darüber in Streit 
gerathen, ob auch die zahlreichen Güter und Unterthanen, 
welche das Bisthum Meissen nach und nach in der jetzigen 
Oberlausitz erworben hatte^"), verpflichtet seien, zu dem 
Bau und Unterhalt der Landesfeste Bautzen beizutragen. 
Obwohl dieselben der Kirche zu Meissen „geeignet" waren, 
entschied 1144 Kaiser Konrad III. dennoch, dass von den 
Dörfern des Domstiftes diejenigen „im Lande Milsca drei 



*") Vergl. Knothe, Die Besitzungen des Bisthums Meissen in 
der Oberlausitz, in v. "Webers Arch. f. d. sächs. Gesch. VI, 159 flg. 



2ur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. 83 

Stuben auf der Burg Bautzen bauen und den all- 
gemeinen Wachdienst nach Landessitte thun", dass dagegen 
diejenigen im Lande Zagost (besonders wohl in der eigent- 
lich zu Böhmen gehörigen, aber von einem dasigen Herr- 
scher dem Bisthum Meissen geschenkten Herrschaft Seiden- 
berg) von dem Bau auf der markgräflichen Burg völlig 
frei sein, den Wachdienst aber ebenfalls leisten sollten. 
Vielleicht hatte den Aulass zu diesem Streit der eben 
damals nöthig gewordene Neu- oder Umbau der Burg 
gegeben ^*). 

Sofort nach dem Tode Markgraf Konrads von Meissen 
gab Kaiser Friedrich I. (1158) das Land Budissin, welches 
trotz alles Wechsels der Besitzer den Charakter eines 
Eeichslehens nicht verloren hatte, an König Wladislaus H. 
von Böhmen, der ihm soeben gegen Polen erfolgreiche 
Hilfe geleistet hatte und ein gleiches auch gegen Mailand 
thun sollte. So gelangte die jetzige Oberlausitz ein zweites 
Mal unter böhmische Herrschaft. Gerade diese Epoche 
ist für die innere Entwickelung des Landes von der 
allergrössten Bedeutung gewesen, wie sich, obwohl es an 
direkten Nachrichten fehlt, doch aus den nach und nach 
als zu Recht bestehend auftretenden neuen Einrichtungen 
deutlich ergiebt. Das Land wurde jetzt nach den im 
Königreich Böhmen hergebrachten Verfassungs Verhältnissen 
umgestaltet. 

Als Stellvertreter des Landesherrn und Inhaber der 
obersten Militär- und Administrativgewalt blieb zwar der 
castellanus oder, wie er jetzt auch heisst, 'praefectus, 
deutsch: Burggraf von Budissin, welcher vom König 
stets aus dem böhmischen Herrenstande erwählt zu 
werden pflegte"'^''). Die oberste Gerichtsgewalt aber übte 
ein königlicher Landrichter (judex oder advocatus terrae)] 
er war der zweithöchste königliche Beamte und hatte 



*') Das Schloss zu Bautzen wird die Ortenburg genannt, 
eine Benennung, von welcher bis jetzt niemand recht weiss, seit wann 
sie aufgekommen und wie sie zu erklären sei. In Urkunden ist 
sie uns niemals begegnet (Wilke 12 freilich behauptet, dieser 
Name „komme in frühester Zeit vor"). Von ganz ungereimten Er- 
klärungen völlig zu schweigen, wollen die einen den Namen von 
Dorothea, die anderen von Othin, Bronisch (Laus. Mag. 
XLVI. 1869. 172) von Ortwin, Haupt (Laus. Magaz. XL. 1863. 
305) von „Ort" in der Bedeutung: Spitze oder Grenze (Grenzburg) 
ableiten. 

'=') Das Verzeichnis derselben: K not he, Rechtsgeschichte 
12 flg. 

6* 



g4 Hermann Knotlie; 



seine Aratswohuung wohl ohenso wie der Kastellan auf 
der königlichen Burg. Als sonstige Beamte werden er- 
Avähnt die villici, Verwalter der königlichen Domänen, imd 
die nwitii, Frohnbotcn. Als solche Domänen haben wir 
zu betrachten die grossen, nun „königlichen" Heiden im 
Norden und Nordwesten von Bautzen und im Norden von 
Görlitz, den „Königslug", einen Wald bei Hoycrswerde, 
den Kottmarsberg bei Löbau, gewiss ebenso auch die 
erst in dieser Zeit neu angelegtun oder umgestalteten Ort- 
schaften Königsbrück, Königswarthe, Königshain bei Gör- 
litz, Königsteich (jetzt Niederkaina) bei Bautzen. 

Nach böhmischem Vorbild wurden jetzt auch in der 
Oberlausitz, zumal im Norden derselben, eine Anzahl 
grosser Güterkomplexe geschaffen, deren Lehnsinhaber 
einen höheren Rang als der übrige Lehnsadel besassen. 
Dieselben hiessen „Herren", durften sich des pluralis ma- 
jestaticus („Wir") bedienen, waren frei von der landes- 
herrlichen Bede und übten in ihren „Herrschaften" 
nicht nur die niedere, sondern auch die obere Gerichts- 
barkeit, und zwar nicht bloss über die slavische hörige 
Landbevölkerung, sondern auch über ihre mehr oder 
minder zahlreichen Aftervasallen, denen sie einzelne ihrer 
Dörfer zu Lehn ausgethan hatten. Als solche Herr- 
schaften werden, freilich zum Theil erst im Laufe des 
14. Jahrlmnderts, erwähnt: Hoycrswerde, Kamenz, Nesch- 
witz^ Ruhland, ßariith, Kittlitz, Muskau, Penzig (Seiden- 
berg, Marklissa). Noch heute führen davon Hoycrswerde, 
Muskau, das erst später hinzugekommene Königsbrück 
und Reibersdorf (durch Übertragung von Seidenberg) die 
Bezeichnung als „Standesherrschaften" und haben man- 
cherlei Vorrechte vor den übrigen Rittergütern. 

Gegen Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhun- 
derts suchten nun die böhmischen Könige ebenso wie in 
ihr Hauptland Böhmen, so auch in das Nebenland Bu- 
dissin zahlreiche Einwanderer aus dem westlicheren 
Deutschland herbeizuziehen. Sie wiesen in der Oberlausitz 
den einen derselben an der uralten Ilandelsstrasse aus 
Thüringen und Meissen nach Schlesien und Polen, jetzt 
„die königliche Strasse" (via regia) genannt, geeignete 
Plätze an zur Anlegung deutscher Städte. So erscheinen 
seit Anfang des 13. Jahrhunderts ausser der Hauptstadt 
Bautzen auch Königsbrück, Löbau, Weissenberg, Reichen- 
bach, Görlitz, Lauban als neue, und zwar „königliche" 
Städte. Dem Beispiele der Landesherren folgten die 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. 85 

Grossgrundbesitzer. Die Herren von Vesta schufen Ka- 
menz, die Herren von Scliönburg Bernstadt, die Bischöfe 
von Meissen Bischofswerde zu deutschen Städten um. 
Andere Züge jener deutschen Einwanderer wurden theils 
in den nur spärlich bewohnten nördlichen Heiden, theils in 
den so gut wie völlig unbewohnten südlichen Waldgebirgen 
angesiedelt. So entstanden z. B. rings um Kamenz, nörd- 
lich wie südlich von Görlitz und Lauban, besonders öst- 
lich von Bischofswerde und südlich von Löbau höchst 
zahlreiche neue, deutsch benannte und deutsch sprechende 
Dörfer mit einer freien deutschen Bauernschaft, 
Avelche ihre Hufen für Geld käuflich erworben hatte 
und im Gegensatz zu den slavischen Hörigen sie zu 
Erbe b.sass. Dem Beispiel der Grossgrundbesitzer 
folgten alsbald aucli die kleineren Gutsbesitzer und rich- 
teten viele ihre Dörfer nach deutscher Weise ein, be- 
setzten die einzelnen Hufen theils mit fremden Deutschen, 
theils mit slavischen Eingeborenen, welche hierdurch nun 
ebenfalls frei wurden, das heisst ihren Grund und Boden 
zu Erbrecht erhielten. AVer sein Gut zu deutschem 
Hechte besass, zahlte festen Zins in Geld und leistete 
nur wenige, ebenfalls fest bestimmte Spann- oder Hand- 
dienste. So begann gerade erst unter der Herrschaft der 
böhmischen Könige in der Oberlausitz die allmähliche 
und zwar durchaus friedliche Gerraanisation des 
Landes. Die Städte und die neu angelegten Dörfer 
waren und blieben (meist) deutsch und schoben deutsche 
Sprache, Kultur und Sitte mehr und mehr siegreich vor 
gegen das slavisch gebliebene Zentrum, nämlich die 
nächste Umgebung von Bautzen. AA''ohl eben mit diesem 
Zuwachs an Bevölkerung und mit der Besiedelung so 
vielen bisher unbebauten Terrains im Lande hing eine 
neue Administrativeintheilung desselben zusammen. 
Die bisherige, in „Burgwarte", wurde aufgehoben und 
w'as nicht zu den oben besprochenen grossen Herrschaften 
oder zu den bischöflich meissnischen Besitzungen gehörte, 
sondern unmittelbar unter der Verwaltung der Krone 
stand, in eine Anzahl Gerichts- und Administrativbezirke 
getheilt mit Vögten (advocati) als Beamten und mit den 
neuen königlichen Städten Löbau, Reichenbach, Weissen- 
berg, Görlitz, Laubau als Mittelpunkten. Der Vogt zu 
Bautzen aber nahm jedenfalls die Stellung eines obersten 
Richters, des Landrichters im Landgerichte, ein. 

Nach altem deutschen Brauche fand in jedem beson- 



86 Hermann Knothe: 

deren Lande oder Gaue 7Ai gewissen Zeiten, meist dreimal 
des Jahres, an althergebrachter Stätte Landesversammlung 
oder Landding (provinciale placitum, Judicium generale) 
statt- Auf demselben hatten regelmässig zu erscheinen 
der Adel des gesamten Landes, Vertreter der könig- 
lichen Städte, in slavischen Ländern sogar die wendischen 
Supane oder Dorf'richter. Auf dem Landding pflegte der 
Landesherr entweder persönlich oder durch seinen Statt- 
halter den Versammelten des Landes Nothdurft darzulegen, 
die von ihm etwa getroffenen Anordnungen mitzutheilen 
und sich die Zustimmuug zu denselben zu verschaffen. 
Darauf wurden aber auch Rechtsgeschäfte aller Art er- 
ledigt, Lehn ertheilt, Klagen einzelner durch aus der 
Versammlung ernannte Schoppen verhört und entschieden, 
besonders Kriminalfälle, welclie lediglich vor dies oberste 
Landesgericht gehörten, zum rechtlichen Austrag gebracht. 
In den Kriminalsachen der wendischen Landbevölkerung, 
welche noch immer nicht deutsch verstand, versahen den 
Schöppendienst die wendischen Supane, welche auch der 
deutschen Sprache mächtig sein mussten und welche die 
auf dem Landding gepflogenen Verhandlungen, gefassten 
Beschlüsse, erlassenen Befehle der Landbevölkerung ihrer 
Supanie dann zu „referieren" hatten. So bildete denn das 
Landding die berathende und beschliessende Versammlung 
des ganzen Landes und zugleich den obersten Landes- 
gerichtshof. Auch in der Oberlausitz sind daraus die 
nachmaligen drei regelmässigen („willkürlichen", d. h. 
durch die Willkür des Landes festgesetzten) Landtage 
und das sogenannte j?^cZ<c«w??i ordinarium hervorgegangen. — 
Abgehalten wurden hier die Landdinge auf dem Schlosse 
zu Bautzen, als der alten Landesfeste. Von zwei solchen 
Landdingen aus dieser böhmischen Zeit, nämlich in den 
Jahren 1228 und 1249^*), haben wir urkundliche Nach- 
richt. Beide Male führte König Wenzel I. selbst in dem 
Landgerichte den Vorsitz (consedentes, jpresidentes) über 
die „gesammten Barone und Edlen, wie es Brauch ist"; 
er Hess die von den Parteien vorgetragenen Streitsachen 
(beide Male um liegendes Gut) durch gekorene Schoppen 
untersuchen und bestätigte und befestigte darauf das von 
denselben gefundene Urtheil. 

Ebenso wie für die oberste Administrativbehörde, 
war die Stadt Bautzen längst bereits Sitz auch für die 



») Köhler, Cod. Lus. 42. Cod. dipl. Sax. reg. II. 1, 131. 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. 87 

oberste kirchliche Behörde dos Landes. Die allererste 
Erwähuung eines Geistlichen zu Bautzen nennt denselben 
(1216): Nicolaus „archidiacouus" des Landes Budissin''*). 
Von Meissen aus war die Herrschaft der Deutschen und 
mit derselben auch das Christenthuni in die Oberlausitz 
gekonnneu. So blieb denn das Land trotz alles Wechsels 
der Landesherren stets unter dem bischöflichen Stuhle zu 
Meissen. Der Zusammenhang mit der Mutterkirche scheint 
schon damals auch dadurch unterhalten worden zu sein, 
dass der oberste Geistliche zu Bautzen, der Pfarrer der 
Stadt, zugleich Domherr zu Meissen zu sein pflegte. Jener 
Nicolaus wenigstens war es. Das erste christliche Kirchlein 
zu Budissin mochte sich wohl längst als unzureichend er- 
wiesen haben. Es soll Johannes dem Täufer gewidmet 
gewesen sein. Chronikalischen Angaben zufolge wurde 
dasselbe durch Bischof Benno von Meissen 1074 zur Pfarr- 
kirche zu St. Petri umgebaut. Auch die 1076 von 
demselben Bischof neugegründete Kirche zu Göda war 
den Aposteln Petrus und Paulus gcAvidraet. Es ist nicht 
unwahrscheinlich, dass jenem Bau von 1074 noch die 
romanischen Rundbogenfenster in der jetzigen katho- 
lischen Sakristei in Bautzen angehören, wie sich auch 
von jener Gödaer Kirche vom Jahre 1076 noch einzelne 
Reste romanischen Stiles erhalten liaben^^). Die jetzige 
Hauptkirche zu Bautzen dagegen ist in gothischem Stil 
aufgeführt. Meissner Nachrichten zufolge ^^) wurde dieser 
abermalige völlige Umbau 1213 unter Bischof Bruno IL, 
der übrigens kein Oberlausitzer, kein Herr von Baruth, 
sondern ein Herr von Borsendorf wai"'^'), begonnen. Am 
24. Juni 122 P*) weihte der Bischof die Kirche aufs neue 
ein. Die betreffende Urkunde selbst schweigt zwar dar- 
über, wem die Kirche gewidmet war; aber aus späteren 
Urkunden ergiebt sich, dass sie nicht bloss den Apostel 
Petrus, sondern zugleich Johannes den Täufer zu 
Patronen hatte ^'^J. 



^*) Köhler, Cod. Lus. Anhang 52, und Cod. dipl. Sax. reg. 
II. 1, 8i. 

**) V. Webers Archiv f. d. sächs. Gesch. V, 80 und 82. 

**) Calles, Series episc. Misn. IM. 

=") Cod. dipl Sax. reg. II. 1, XYIII. 

'^^) Cod. Lus. 27. Besonders in den Eigennamen korrekter ab- 
gedruckt in den „Statuten des CoUegiatstifts St. Petri in Budissin von 
F. P[rihonsky] (Bud. 1858) 2. 

*») Cod. Lus. 47 (1237): Ecelesia sancti Johannis baptistae bea- 
tique Petri apostoli in Budesin. Vergl. ebenda 135 (1293). 256 (1324). 



88 Hermann Knothe: 

Dieser Umbau hing auf das Engste mit einer Um- 
gestaltung des gesamten Kirclienwesens sowohl in der 
Stadt als im Lande Budissin zusannnen, welche der Bisehof 
bezweckte. Die Bautzner Kirche sollte für alle Zeiten 
auch dem Range nach die erste des ganzen Landes werden; 
an die Stelle der blossen Stadtpfarrei Bautzen sollte ein 
Kollegiatstift mit einem Propst an der Spitze und sechs 
andern Kanonikern treten, und dieser Propst sollte von 
nun an das Archidiakonat über die nachmalige Ober- 
lausitz verwalten ^^). Eine derartige Stiftskirche brauchte 
vor allem ein eigenthüralich gestaltetes Chor mit den 
Chorstühlen der Kanoniker. Darum hebt der Bischof in 
der schon erwähnten Dedikationsurkunde hervor, er habe 
die Bautzner Kirche eingeweiht, „nachdem er Kanoniker 
an derselben augestellt und das Chor von neuem auf- 
geführt habe". — Durch diese Erhebung der Stadtkirche 
zur Kollegiatkirche verlor nun freilich die Bürgerschaft 
die freie Verfügung über dieselbe. Die später in ge- 
legentlichen Klageschriften gegen das Domkapitel aus- 
gesprochene Behauptung^*}, dass die Peterskirche ursprüng- 
lich von der Stadt erbaut worden und deren Eigenthum 
gewesen sei, beruhte daher wohl völlig auf Wahrheit. 

Dem Bischof Bruno sollte aus seiner neuen und segens- 
reichen Stiftung zunächst vielerlei Verdruss und Sorge 
erwachsen. Zum ersten Propst des Stiftes Bautzen war, 
jedenfalls vom Bischof selbst, der Meissner Dompropst 
Dietrich (Theodoricus) ernannt worden; allein dieser nahm 
die ihm zugedachte Stellung entweder gar nicht an oder 
verzichtete alsbald darauf (praepositura — ex resignatione — 
Theodorici, Misnensis majoris praepositi, coeperat — vacare). 
So hatte der Bischof den Meissner Domherrn Nicolaus 



'") Mau hat in Zweifel ziehen wollen, dass es in der Ober- 
lausitz überhaupt ein Archidiakonat gegeben liabe(Espe in den 
Berichten der deutschen Gesellschaft zu Leipzig [l'^.Sfi] 40 flg.). Allein 
abgesehen von der schon (S. 87) angeführten Urkunde von 1-.'16 
heisst es in einer Urkunde Uruno's II. vom 25. Februar 1222 (Cod. 
Lus. 30 flg.) ausdrücklich: prepositus idem archidiaconatus per totam 
terram Budissincnscm cttram gerit, und bei Oriindung des Klosters 
Marienstern durch die Herren von Kainenz (1248) betonten dieselben, 
dass durch die Inkorporierung einiger Pfarreien in das neue Kloster 
cpiscopus diocesanus sive archidiaconus eorum jure inJiis parochiis 
non priventtir (Laus. Magaz. XLIII [1866], 384). Später allerdings 
scheint der Titel eines Archidiaconus von Bautzen nicht mehr vor- 
zukommen; aber der Propst von Bautzen übte alle Rechte und 
Pflichten eines solchen. Verel. Beiträge zur Sachs. Kirchengesch. II, 33 flg. 

»') Vergl. Laus. Magaz. XXX VI (1860), 192. 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. 89 

(wahrsclieinlic'li denselbeu, welcher 1216 als Archidiakonus 
vou Bautzen erwähnt ward) ernannt. Allein die Bautzner 
Kanoniker wollten denselben nicht anerkennen, da er sein 
Amt „infolge ihm zu theil gewordener Schenkung" (ex 
donatione) in Anspruch nehme, während doch nach der 
Analogie des Kollegiatstifts zu Würzen den Kanonikern 
das Recht zustehe, ihren Propst selbst zu wählen. Zu- 
gleich aber begehrten . sie neben dem Propst auch einen 
Dekan und ausserdem eine Vermehrung ihres Kapitels 
um noch vier andere Mitglieder, so dass sich deren Zahl 
zusammen auf zwölf belaufen sollte. Erst eine Kommission 
Meissner Domherren vermittelte zwischen ihnen und dem 
Bischof dahin ^*), dass sie zwar den ihnen gegebenen 
Nicolaus zum Propst auuelnnen wollten, aber für die Zu- 
kunft ihren Propst selbst sollten wählen dürfen. Und 
zwar sollten sie infolge eines späteren Vergleichst^) den- 
selben jedesmal aus der Zahl der Meissner Domherren, 
den Dekan aber aus ihrer eignen Mitte wählen; den 
Scholasticus und Custos dagegen sollte der Bischof 
ernennen, im übrigen aber sollte Aufrücken von den 
niederen in die höheren Präbenden stattfinden^*). 

Die Dotierung so vieler geistlicher Stellen an ein 
imd derselben Kirche war für den Bischof keine leichte 
Aufgabe. Den Grundstock bildeten unstreitig das Pfarrgut 
und die sonstigen Einkünfte des bisherigen Stadtpfarrers. 
Es ist mit Unrecht behauptet worden ^^), Bischof Bruno 
habe alle die neuen Pfründen aus seinem persönlichen 
Vermögen geschaffen. Vielmehr überwies derselbe dem 
neuen Stifte zu Bautzen nur von den Gütern des Dom- 
stifts Meissen und mit ausdrücklicher Genehmigung des 
dasigen Kapitels einmal das ganze Dorf Schmiedefeld 
(N. von Stolpen) mit allen Revenuen, sodann den Bischofs- 
zehnten von Kunnersdorf bei Löbau. Von den verschie- 
denen Hufen (mansi) oder Bauergütern zu Schmiedefeld 
erhielt unter anderen der Dekan vier (und ausserdem 
noch eine in Kaina), der Custos und der Scholasticus je 
zwei **); d. h. sie bezogen den von den betreffenden Bauern 
für jede Hufe zu entrichtenden Erbzins, welcher in der 

3») Biscliöfliche Urk. vom 25. Februar 1222. Cod. Lus. 29 flg. 
") Urk. vom 25. September 1225. Cod. Lus. 36 tig. 
'*) Urk. vom 19. Februar 1223 (nicht vom 19. Dezember 1222). 
Cod. Lus. 35. 

**) Carpzov, Ehrentemp. I, 246. Wilke, Bautzen 19. 
") Cod. Lus. 30. 



90 Hermann Knothe: 

Regel eine Mark Silber (etwa 42 Mark heutigen Geldes) 
betrug. Von sonstigen Schenkungen des Bisehofs Bruno 
erfahren wir nichts. Erst sein Nachfolger, Bischof Hein- 
rich, schenkte 1237^') zu Gunsten der in der Bautzner 
Kirche errichteten Altäre des seligen Jakobus, des heiligen 
Kicolaus und der seligen Elisabeth den Bischofszehnten 
von den Dörfern Litten (NO. von Bautzen) und Briesing 
(N. von Niedergurig). ~ "Wohl aber dürfte sich an der 
Ausstattung des neuen Kollcgiatstifts auch der damalige 
Landesherr der Oberlausitz, König Wenzel von Böhmen, 
direkt betheiligt haben. Wie wir aus einer Urkunde vom 
21. September 1240**) gelegentlich erfahren, hatte er dem- 
selben „von gewissen einst ihm gehörigen Äckern, ge- 
legen bei der Stadt Bautzen", Zehnten angewiesen. Hier- 
mit dürfte (unter anderem) das Gut Königsteich (piscina 
regis) in Niederkaina gemeint sein***), welches „seit der 
ersten Stiftung der Kirche zu Bautzen und mit Geneh- 
migung und gutem Willen der Fürsten" dem Domkapitel 
stets den „vollen" Zehnten, d. h. wirklich den zehnten 
Theil von allen Erträgnissen des Gutes, liefern musste**"). 
Bereitwilligst hatte übrigens der König, jedenfalls auf 
Bitten des Bischofs, schon 1220^'), also noch vor der 
faktischen Eröffnung des Kollegiatstiftes, „die Kirche zu 
Bautzen mit allen zu derselben gehörigen Personen und 
Gegenständen in seinen königlichen Schutz genommen" 
und zugleich gestattet, Avenn etwa jemand von seinen 
Edlen und Vasallen „drei bis vier Hufen oder auch Gärten, 
Bauplätze oder Häuser zu seinem Seelenheile der genannten 
Kirche überweisen wolle", so solle dies als Ausstattung 
derselben gelten und, obgleich eigentlich Lehngut, doch 
„Eigenthura" der Kirche werden. — Und so mögen denn 



»') Cod. I.us. 47. 

'*) Ebenda 48 und Erben, Regesta IJoheni. I, 4G8, wo als 
Jahr 1240, der Monat aber irrthümlicli als der Oktober angegeben ist. 

ä») Cod. Lus. 119 flg. 

*») Erben, Reg. Boh. T, r)52, führt (nach Palat'ky, Ital. Reise 
32) eine Urkunde vom 29. Oktober 1247 an, worin Papst inuocenz IV. 
von Lyon aus dem Bischöfe von Meissen befiehlt, die vom Könige 
von Böhmen der Kirche zu Bautzen gemachte Stiftung, nämlich einen 
Propst und zwölf Kanoniker, die er de honis propriis mit hinläng- 
lichen Einkünften versehen liabe, zu bestätigen. — "Wir vermögen 
kein Urtheil über den Anlass dieser Urkunde zu fällen; jedenfalls 
aber steht der Inhalt mit den thatsächlichen Verhältnissen nicht ira 
Einklang. 

*') Cod. Lus. 26. 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. 91 

dem Bautzner .Stifte auch von Seiten des Adels einzelne 
Schenkungen in der Nähe und Ferne zugeflossen sein, 
über welche keine besonderen Urkunden existieren. Hierzu 
gehörten wohl z. B. die „drei Hufen im Dorfc AYawitz", 
(N. von Hochkirch), in deren Besitz sich das Stift schon 
vor 1228^^) befunden hatte, ferner eine Hufe zu Reichen- 
bach, welche (vor 1240) dem Kapitel durch den könig- 
lichen Landrichter widerrechtlich entzogen worden war^'), 
hierzu sicher die fünf Malter Bischofszehnt in Preititz 
(W. von Niedcrgurig), welche 1250*^) Konrad von Musch- 
witz (Mutscitz) zu seinem und seiner Frauen Jutta Seelen- 
heil schenkte. — Das Meiste und Beste aber that die 
neue Stiftung selbst, um durch verständige Finanz vvirth- 
schaft ihren Besitz und dadurch ihre Einkünfte zu ver- 
mehren. Schon 1226 war das Kapitel im stände, von 
dem Stifte Grossenhain den demselben orehörio-en, aber zu 
entfernt gelegenen Bischofszehnten in dem Burgwart Loga 
(S. von Neschwitz) um 37 Mark Silber zu erwerben; 
1236 gestattete ihm abermals Bischof Heinrich „in Betracht 
der dürftigen Besoldungen an der Kirche zu Bautzen" 
bis zu 300 Schock (Garben) von dem an einzelne Adlige 
verleimten Bischofszehnt käuflich an sich zu bringen, und 
1240 erlaubte ihm König Wenzel, „Erbe zu kaufen, wann 
und wo es ihm zweckmässig erscheinen werde"''*). — 
Vielfach waren es, damals wie später, einzelne Kano- 
niker des Stiftes selbst, welche, zumeist vornehmen Fa- 
milien angehörig, ihr persönliches Vermögen dazu ver- 
wendeten, um ihrem Kapitel neue Besitzungen zuzuführen. 
So erkaufte 1261*®) der Kanonikus Priztan von seinem 
Verwandten (consanguineus) Merozlaus für das Stift den 
Bischofszehnten zu Malsitz (N. von Bautzen), Kaina, Burk 
und China [Kaina] que Borsewitz vocatur (?), zusammen 
6 Malter 4 Scheffel in Scheffeln und 14 Schock, nach 
alter Sitte in Garben, sowie den Geldzins von gewissen 
Gärtnern in jenen Dörfern. 

Wie an Mitteln zum Unterhalt der neuen Kanoniker, 
fehlte es anfangs auch an Wohnungen zur Unterbringung 



") Cod. Lus. 43. 

*') Cod. Lus. 48 in sinnentstellendem Abdruck. Statt : qui pro 
te o&latus exstitit minus juste, heisst es vielmehr: qui jjer f e a&latus 
exstitit. 

") Ebenda 81. 

**) Ebenda 38. 46. 69. 48 flg. 

**) Ebenda 83, wo die Eigennamen vielfach falsch abgedruckt sind. 



92 Hermann Kuothe: 

derselben. WalirsclKÜiilich bildete ursprünglich der bis- 
herige Pfarrhof mehr oder weniger die gemeinsame Woh- 
nung für alle. In einer Urkunde ohne Jahr") richtete 
Bischof Bruno IL an seine gesamte Diözese Meissen die 
Bitte und Mahnung, „zum Bau einer Konventswohnung 
(claustrwn) und zu sonstigen kirchlichen Nebenbedürf- 
nissen, woran die Kirche zu Bautzen Mangel leide", milde 
Beihilfe zu gewähren, vnid verhiess allen denen, welche 
dies thun würden, einen bestimmten Ablass. 1240'*) 
kaufte der Canonicus Custos, Magister Herbord, für sein 
Geld „einen Hof, gelegen bei dem alten [? Pfarr-] Hofe", 
den König Wenzel, als der Grundherr der Stadt Bautzen, 
nun dem Stifte zu vollem Eigenthum überliess und von 
allem Stadtrecht eximierte, und 1245*^) erwarb das Kajntel 
selbst um 13 Mark Silber von dem Kittur Bernhard (11.) 
von Kamenz einen demselben gehörigen Hof nebst Garten, 
jedenfalls bisher dessen Absteigequartier in der Stadt 
Bautzen. So entstanden auch erst nach und nach die 
jetzigen, dicht aneinander stehenden Kapitelgebäude mit 
den Einzelwohnungen wenigstens für die obersten Prä- 
bendeninhaber. 

Es erschien uns zweckmässig, bei dieser Gelegenheit 
darauf hinzuweisen, wie selbst nachmals reich gewordene 
geistliche Stifter in der Regel anfangs nur über sehr be- 
schränkte Mittel verfügten, und wie zwar geistliche wie 
weltliche Behörden und fromme Spenden einzelner Gläu- 
biger den Grund legten, aber nur eigene Sparsamkeit 
und verständige Verwaltung den späteren Wohlstand 
herbeigeführt haben. — Nur die Gründung übrigens und 
die erste Konsolidierung des l^autzner Kollegiatstiftes, 
nicht aber seine weitere Geschichte haben wir hier dar- 
zustellen. 

Mit dieser Gründung des Kollegiatstiftes zu Bautzen 
stand nun jedenfalls im Zusannnenhang, obgleich darüber 
urkundliche Zeugnisse fehlen, die Eintheilung des gesamten 
Landes in gewisse kirchliche Sprengel, welche sämt- 
lich dem Propste zu Bautzen, als dem Archidiakonus des 
Landes, unterstcdlt waren. Als solche S})rengel zählt nun die 
freilich erst in späteren Redaktionen uns bekannte Meissner 
„Bisthumsmatrikel" den des Propstes, den des Dekans 



*') Cod. Lus. 40. 
*•) Ebenda 57. 
") Ebenda 68. 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. 9,^ 

und die der Erzpriester in den neuen Städten Görlitz, 
Löbau, Lauban, Reiclienbacb, Kamenz, Biscbofswerde 
und Seidenberg auf^"). 

Mochte nun durcli die Gründung des Kollegiatstiftes 
zu Bautzen der kirchbche Sinn auch des umwohnenden 
Adels besonders angeregt worden sein, oder wollten zumal 
die ritterlichen Burgmanneu, wie sie mit ihren Burglehn- 
häusern nicht unter Stadtrecht standen, so auch in kirch- 
licher Beziehung nicht länger unter der Stadt-, jetzt Stifts- 
kirche stehen, kurz, der benachbarte Adel (Christianus 
longus de Landiskrone, miles honestus, et quidam alii milites 
de territorio) gründete mittels freiwilliger Beiträge (de ele- 
mosinis) theils in barem Gelde, theils in regelmässigen 
Naturalleistungen aus ihren Gütern, sich jetzt eine eigene, 
dem heiligen Georg geweihte Kapelle auf der Burg 
Bautzen. Dieselbe befindet sich in dem breiten, massigen 
Thurme über dem Hauptthore der Burg, und da sie kaum 
erst später in denselben eingebaut sein kann, so möchten 
•wir vermuthen, dass dieser Thurm selbst eben damals auf- 
geführt wurde. Die in äusserst zierlicher Gothik aus- 
geführte, jetzt nur ziemlich schwer zugängliche Kapelle 
wurde ebenfalls noch von Bischof Bruno II. am 26. Ok- 
tober 1225 (nicht 1221) feierlichst eingeweiht. Die dar- 
über ausgestellte Urkunde lehrt uns als Zeugen die Namen 
nicht nur der umwohnenden Ritterschaft, sondern auch 
der neuen Bautzner Domherren kennen^'). 



*") Vgl. Knot,he, üutersuchuugen über die Meissner Bisthums- 
matrikel, Laus. Magaz. LVl (1880), 278 flg. Posse, Die Markgrafen 
von Meisseu und das Haus Wettin (1881), 404 flg. 

*') Die Urkunde ist zuerst, aber sehr fehlerhaft, abgedruckt 
bei Köhler, Cod. Lus. 33, besser Laus. Magaz. XXXV (1859), .345, 
faksimiliert Laus. Magaz. XXXIII (1857), Beilage H. Allerdings 
spricht dieselbe von der capella sancti Georgii in claustro Budesi- 
nensi, weshalb Neumann (Laus. Magaz. 1859, 344) meint, dieselbe habe 
sich gar nicht auf der Burg, sondern im Domkapitel befunden. Allein 
auf dem Rücken der Urkunde steht deutlich: in Castro. Der Kon- 
zipient hatte sich also nur im Kontext verschrieben. An diese 
Kapelle knüpfen sich noch andere Unklarheiten (vergl. über dieselben 
Laus. Magaz. XXXV [1859J, 194 flg.). Da sie zur landesherrlichen 
Burg gehörte, so stand das Patronatsrecht über dieselbe dem Landes- 
herrn zu. König Johann von Böhmen aber hatte dasselbe dem Ritter 
Albert von Nostitz zu Lehn gegeben. Dieser nun überliess es 1327 
erblich dem Domstift Bautzen"^ und zwar zu Gunsten einer von seinem 
Freunde, dem verstorbenen Propst Bernhard von Leipa, neu gestif- 
teten Präbende. Da nun sowohl der König dies genehmigte, als 
auch der bisherige „Rektor" (Altarist] der Kapelle vermocht wurde, 
auf dieses sein geistliches Lehn zu verzichten, so „unierte" Bischof 



Q4 Hermann Knothe: 

Kurze Zeit darauf entstand in Bautzen auch ein 
Kloster'**) der besonders bei der Bürgerschalt der 
Städte allbeliebten Franziskaner (Minoriten, Minner- 
brüder; Barfüsser). Jedenfalls unrichtig ist die Nacli- 
richt, dass dieselben schon 1218 sich daselbst nieder- 
gelassen hätten. Kichtiger vielleicht verlegen Bautzner 
Chroniken die „Gründung" des Bautzner Klosters in das 
Jahr 1239, womit die Angabe der Franziskaner zu Görlitz, 
dass dieselbe 1240 erfolgt sei^*), ziemlich übereinstimmt. 
Fälschlich aber schreibt dieselbe Quelle die Gründung 
„dem INlarkgrafen von Brandenburg" zu, während doch 
die Brandenburger Askanier erst 1254 in den Besitz der 
jetzigen Oberlausitz gelangten. Möglich ja wahrscheinlich 
dagegen ist die damit verbundene Angabe, dass „die 
Edlen von Pannewitz" zur Anlegung gewisser Baulich- 
keiten einen Garten geschenkt haben ^*). Wie anderwärts 
war es vornehmlich die Bürgerschaft, welche durch milde 
Beiträge die Mittel zum Klosterbau beschaffte. Die erste 
sichere Kunde erhalten wir durch eine Urkunde Papst 



Witego von Meissen die Burgkapelle mit der betreffenden Präbende 
am Domstift dergestalt, dass der jedesmalige Inhaber der Präbende 
stets auch zugleich die mit dem Kirchendienst an der Kapelle ver- 
bundenen Einkünfte beziehen solle (Cod. Lus. 264 — 268, vgl. .3.31 
bis 337). In all diesen Urkunden wird nun „die Kapelle auf der 
Burg" stets als die „Marienkapelle" bezeichnet. Wir können 
durchaus nicht glauben, dass diese Marienkapelle von jener Georgs- 
kapelle verschieden sei; wenigstens fehlt jede Nachricht über die 
neue Gründung einer solchen. So bleibt nur die Annahme übrig, dass 
die Burgkapelle statt des ursprünglichen Patrons, des Ritters Georg, 
im Laufe der Zeit die Jungfrau Älaria zur Schutzheiligen erhalten 
habe, ähnlich wie auch die Pfarrkirche zu Kamenz ursprünglich den 
Aposteln Philippus und Jakobus geweiht worden war, später aber 
stets als Marienkirche erscheint (Cod. dipl. Sax. reg. II. 7, XV). — 
1354 eigneten Nicolaus von Taubenheim und Ulrich von Kopperitz 
8 Mark Jahreszins dem Altar „der Kapelle in der Burg zu Bautzen" 
(Oberlaus. Urk.-Verz. I, 61). Das Altar sollten die Stifter allezeit 
zu vergeben und zu verleihen haben. Dies deutet also auf die Grün- 
dung eines neuen Altars und die Anstellung eines besonderen Kap- 
lans an demselben. 1359 stifteten Heinrich, Nicolaus u. Ulrich v. Kop- 
peritz „aufs neue" 8 Mk. Zins für die Kapelle des Schlosses Budissin 
(Domarchiv, lib. fundat. pag. C.) u. 1400 Niclas u. Merten Bischofswerd, 
Bürger zu Budissin, 2 Schock Zins u. Getreide „zur Pfründe auf dem 
Schloss zur St. Gürgenkapelle" (ebenda pag. CXXXVI). 

**) Edelmann, Das Franziskanerkloster in Bautzen, Laus. 
Magaz. XLIX (1872), 1 flg. 

") N. Script, rer. Lus. I, 275 Anmerk. 
") Laus. Mag. XLIX (1872), 7. 



Zur ältesten Geschictte der Stadt Bautzen bis zum J, 1346. 95 

Innocenz IV. aus Lyon vom 6. Mai 1248"), worin der- 
selbe erklärt; wie er vernommen, hätten der Provinzial- 
minister „und die Brüder des Minoriteuordens zu Bautzen 
eine Kirche nebst anderen nöthigen Grebäuden aufzuführen 
begonnen" (coeperunt), und „zur Vollendung dieser Ge- 
bäude" (pi'o hujusmodi aedißciis co7is%immandis), sowie zu 
sonstigem Unterhalte der Brüder nun zu milden Beiträgen 
und Unterstützungen auffordert; daher gewährt er allen, 
die hierzu hilfreiche Hand leisten würden, 40 Tage Ablass. 
Damals also war die Kirche und die übrigen Kloster- 
o-ebäude noch keineswegs vollendet. Der Glaube der Zeit 
veranlasste übrigens alsbald sehr viele nicht nur aus der 
Bürgerschaft der Stadt, sondern auch aus dem Adel der 
Umgegend, sich in den doppelt heiligen Räumen des Klosters 
begraben zu lassen. Ein langes Verzeichnis der daselbst 
Bestatteten, freilich erst aus dem Jahre 1345^**) und ohne 
Angabe der Todesjahre, lehrt uns die Nanien zahlreicher 
ältester Bürgerfamilien von Bautzen kennen. 



König Wenzel 1. von Böhmen hatte schon um 1244 
seine Tochter Beatrix mit Markgraf Otto III. von Bran- 
denburg aus dem Hause Askanien vermählt; aber erst 
Wenzels Sohn und Nachfolger, Ottokar IL, über Hess, 
wahrscheinlich alsbald nach seinem Regierungsantritt 
(1253), anstatt der bei böhmischen Prinzessinnen üblichen 
Aussteuer von 10000 Mark Silber, seinem Schwager 
pfandweise das Land Budissin*'). Seitdem stand also das 
Land bis 1319 unter den Brandenburger Askaniern. 
1268 theilten die beiden Linien derselben fast alle ihre 
Länder, so auch die nachmalige Oberlausitz, unter ein- 
ander. Das Löbauer Wasser bildete die Grenzen zwischen 
der westlichen Hälfte, jetzt „Land Budissin" im engern 
Sinne, und der östlichen, dem „Lande Görlitz". Ersteres 
kam an die Stendal'sche oder Johanneische, letzteres an 
die SalzwedeFsche oder Ottonische Linie. 

Alsbald nach dem Übergange der Oberlausitz an 
Brandenburg war von dem neuen Herrscher eine nicht 
unwesentliche Veränderung in der Verwaltung des 
Landes vorgenommen worden. Die bisherigen Einzel- 

**) Laus. Mag. XLIX (1872), 36. 

5«) Cod. Lus. 354 flg. 

*') Knothe, Eechtsgesch. 21, Anmerk. 2. 



9Ö Hermann Knothe : 

vögte in den kleineren Städten (S. 85) wurden beseitigt, 
ebenso der bisherige Landricliter zu Bautzen und die ge- 
samnite Militär-, Administrativ- und Justizgewalt im Lande 
einem einzigen obersten Beamten übertragen, der nun den 
Titel Landvogt ((ulvocatus oder judex territorü, advocatus 
oder judex provt'ncialis) fülirte. Diese „Landvogteiver- 
fassung"^*), welche in der j\lark Brandenburg schon 
längst bestand, ist seitdem auch in der Oberlausitz in 
Geltung geblieben bis auf neueste Zeiten. 

Nur vor den Landvogt und dessen Vogtsger i cht 
oder Landgericht e;ehörten fortan alle Rechtssachen 
des Adels, sowie allo Kriminalsachen auch der Bürger 
in den einzelnen Städten, ja selbst der Bauern, soweit 
dieselben nicht unter den grossen Herrschaften mit eigner 
Obergerichtsbarkeit standen. — Seit der Theilung von 
1268 gab es nun in jeder der beiden Landeshälften einen 
besonderen Landvogt mit besonderem Vogtsding oder 
Landgericht. Der Landvogt von Bautzen residierte auf 
dem dasigen Schlosse, der von Görlitz auf dem erst jetzt 
erbauten Vogtshofe. 

Als zweithöchster landesherrlicher Beamter erscheint 
jetzt der Münzmeister (monetär ins) "^^ Bisher hatte es 
in der Oberlausitz keine besondere Pi'ägstätte der damals 
noch allgemein üblichen silbernen Hohlpfennige (Brakteaten) 
und daher auch keine besonderen Landesmünzen gegeben; 
man rechnete allgemein nach bölimischen Pfennigen. Alle 
solche Hohlpfennige nun pflegten häufig, oft mehrmals 
im Jahre, ausser Kurs gesetzt und dafür neue ausge- 
geben zu werden; so mussten denn die alten und zwar 
stets mit Verlust immer und immer wieder umgewechselt 
werden. Die Brandenburger Herrscher wollten jedenfalls 
ihren Oberlausitzer Unterthanen wenigstens nicht zu- 
muthen, diesen Umtausch jedesmal in der fernen Mark 
Brandenburg (Stendal) zu vollziehen. Das sehr einträg- 
liche Geschäft dieser Umprägung und Einwechselung der 
Münzen wurde meist einem angesehenen Bürger der be- 
treffenden ]\Iünzstadt zu Lehn gegeben. Dieser Lehns- 
inhaber, der Münzmeister, galt, als Verwalter eines landes- 
herrlichen Regals , für einen landesherrlichen Beamten 
und war als solcher von allen städtischen Abgaben frei. 



*») Ausführlicher dargestellt: Knothe, Rechtsgesch. 2.3 fg. 
Die Reihenfolge der Bautzner Landvögte bis 1346, ebendas. 24. 
60. 105. 

") Ebendas. 5S flg. 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. 97 

Mit der Münze war aber, wenigstens in der Ober- 
lausitz, zugleich aucli die Verwaltung der ebenfalls dem 
Landeslierrn zustehenden Zölle im Lande verbunden. 
Bei der Theilung von 1268 ward festgesetzt; dass Münze 
und Zoll in der ganzen Oberlausitz den beiden Linien 
Brandenburg gemeinsam gehören und dass die Münz- 
stätte ein Jahr in Bautzen, das andere in Görlitz aufge- 
schlagen werden solle. Bald aber erscheinen in beiden 
Städten besondere Münzstätten und Münzmeister, und so 
rechnete man nun theils nach Budissiner theils nach Gör- 
litzer Pfennigen oder Silber. — Namentlich wird zu Bautzen 
zuerst 1284 ein Münzmeister Otto (magister monetae Bu- 
dissinensis oder monetarius de Budissin) erwähnt. 

Erst seit der Zeit der Brandenburger Herrscher er- 
halten wir nun auch über die Bürgerschaft und das städti- 
sche "\^'esen zu Bautzen nähere Nachricht. Die selbst- 
verständlichen Rechte einer deutsclien Stadt, als: die eigene 
Wahl des Rathes, die Aburtheilung der in der Stadt vor- 
kommenden Rechtshändel niederer Art vor dem städti- 
schen Erbgericht und dessen Stadtschöppen, die Markt- 
gerechtigkeit etc., besass natürlich auch Bautzen schon 
längst. Erst wenn eine Stadt neue Privilegien erlangte, 
durch welche die Rechte anderer, meist des Landesherrn 
selbst, beeinträchtigt wurden, mussten hierüber nun auch 
schriftliche Urkunden ausgestellt werden. Die Branden- 
burger besassen die Oberlausitz nur als Pfand; bald 
konnte dasselbe wieder eingelöst werden. Es galt daher 
die Zeit zu nützen und daraus so viel finanziellen Ertrag 
als möglich zu ziehen. So verkauften sie denn willig 
jeder der freien Städte, welche sie darum ersuchte, die 
mannigfaltigsten Privilegien. Freilich wurden hierdurch 
die Rechte des Landesherrn und dessen Stellvertreters, 
des Landvogtes, für immer geschmälert; aber es flössen 
schöne Summen baren Geldes in die Kasse der Branden- 
burger Herrscher. 

Aus diesen und anderen Urkunden lernen wir nun 
zuerst eine grosse Menge von Namen Bautzner Bürger 
und zugleich die verschiedenartigen Elemente kennen, 
aus denen die dasige Bürgerschaft zusammengesetzt war. 
Da finden wir denn, wie in allen oberlausitzischen Städten, 
natürlich auch Bürger wendischer Nationalität, * z. B. Pri- 
hicz slavus , Seysch slavus civis Budisinensis et Friczko 
ejus filius *'°). Es ist bezeichnend , dass , während der 

•") Cod. Lus. 35-4. 

Neues Archiv f. S. G. u. A. V. i. 2. 7 



98 Hermann Knothe: 

Vater hier einen noch wendischen Namen führt, der Sohn 
bereits einen völlig' deutschen erhalten hat. Da be- 
^^egncn wir ferner Einwandrern aus der Nahe und Ferne, 
so Fhuningen, welche den Namen der alten Ileimath als 
Familiennamen fortführen: Ladowicus VLemlngiis , wohl 
Bürg-ermeister der Stadt (Cod. Lus. 107 v. J. 1281) und 
wohl identisch mit dem Fleiningus, der 1282 (Cod. L. 
87 u. 110; beide Urkunden gehören in das Jahr 1282) 
genannt wird, Andreas Flamingi, Nicolaus Flamingi (Cod. 
Lus. 355), so Diethmar und dessen Sohue Heinrich von 
Bischofswerde (1282 Cod. L. 82), den Staunnvätein einer 
berühmten Bautzner Patrizierfamilic , Konrad von Löbau 
(1282), Heinrich von Elstra (1293), Hermann von Jockrim, 
Heinmann von Oldenborch, Johannes Königsbrück , Jo- 
hann von Sagan, Rüdegcr von Schluckenau (1280), Al- 
bert von Schweinerden (1296), Henc/.il von Kaina etc. — 
Ferner stossen wir auf eine Menge Handwerker und son- 
stige Geschäftsleute, so: Hermamnis insütor, d.h. der 
Krämer (1282), Conradits instltor , Tylo crarner, Henricus 
crarner^'^); Cristianns , Apecz , Bertlwklus textores , d. h. 
Tuchmacher; Wernerus, Nicolaus pistores, d h. Bäcker; 
Bentzho sellator, d. h. der Sattler; Petrus hrasiator, d. h 
der Brauer; KU sartor, der Schneider, Johannes hammer- 
smit etc. — Als sonstige älteste Familien Bautzens führen 
wir noch an: Ursus (Bär), Slichting, Glück (Fortuna), 
Golthmann, Vleurig, Puntzel, Papkese, Rosenkranz, Mitt- 
woch (Quartaferia), Schuffler (später Scheufler) etc. — 
Ausser dieser eigentlichen Bürgerschaft wohnten, wenn 
nicht schon im 13., so doch sicher im 14. Jahrhundert, 
in der Stadt auch mehrere Judenfamilien als Schutz- 
bürger. Sie trieben wie in anderen Städten lediglich 
Wuchergeschäfte, an denen es bei der Menge des umwoh- 
nenden, zum Theil armen Adels nicht gefehlt haben wird. 
Sie hatten sich in der jetzigen Iläringsgasse angebaut, 
welche daher, mindestens noch im 16. Jahrhundert, die 
Jüdengassc (Jodingasse) hiess'**). 



•') Die interessanten, 1.381 den Krämern vom Rathe ertheilten 
Artikel abgedruckt hei Wilke 24 tig. 

") Von ihrem Treiben und ihrer etwaigen Vertreibung hat sich 
keinerlei Nachricht erhalten. (Knothe, Zur Gesch. der Juden in 
der Überlausitz, in dieser Zeitschr. II, 53.) Wenn in dem Bautzner 
„Eidbuch" vom Jahre lö.')2 unter dem Kapitel „Stadtzoll" auch die 
Bemerkung steht: „Ein itzlich Jude, Mann, Weib und Kinder 1 Gro- 
schen," so ist dies keineswegs dahin zu verstehen, als ob noch damals 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. 99 

Die erste Erwähnung des Rathes zu Bautzen fällt 
in das Jahr 1280. Die Bezeichnuno-en für denselben sind 
anfangs noch schwankend: nos hurgenses clicti de Budessin 
(1280), mogister civium et omnes jurati civitatis in Budesin 
(1296), nos consules civitatis Budesinensis (1303)®'^). Auch 
die Schoppen , d. h. die speziell mit der Rechtsprechung 
beauftragten Rathniannen, treten 1280 zuerst urkundlich 
auf: omnes schahini de Budessin ; scabini universitatis Bu- 
desynensis (1283)®^). Wohl von Anfang an bestand, wie 
wenigstens in den übrigen freien Städten der Oberlausitz, 
der Rath aus dem Bürgermeister und zwölf Rathmannen, 
von denen sieben Schoppen waren. 

Das älteste bekannte Stadtsiegel hängt an einer 
Urkunde vom 23. Juli 1283 im Hauptstaatsarchiv zu 
Dresden (Origin. 1048); dasselbe zeigt ein hohes, ganz 
offenes Thor mit drei Zinnen und zu beiden Seiten des- 
selben zwei Thürme, deren jeder ebenfalls mit drei Zinnen 
und sogenannten Mauerstrichen versehen ist. Es trägt 
die Umschrift: Sigilluni hurgensium, de Budisin^''). 

Das Rathhaus, bisher auch nur ein Holzbau, wurde 
den Chroniken zufolge in demselben Jahre 1213, in wel- 
chem man den Umbau der Peterskirche begann, in einen 
steinernen verwandelt. Es trennte unmittelbar den Kirch- 
hof vom Marktplatz. 

Alle Grerichtsbarkeit ward ursprünglich lediglich im 
Namen des Landesherrn ausgeübt. Auch das städtische 
Gericht war daher ein landesherrliches. Der Richter des- 
selben war landesherrlicher Beamter; nur die das Recht 
findenden Schoppen mussten stets der Zahl der Rathsherren 
angehören. Fast überall war das Gericht durch den Lan- 
desherrn entweder an einen Ritterraässigen oder auch an 
einen Bürger erblich verliehen. So hiess derselbe Erb- 
richter und das städtische Gericht selbst Erbgericht. 
Von den Erträgnissen desselben bezog der Erbrichter ein 
Drittel für sich; die beiden anderen Drittel lieferte er an 
den Landesherrn, in der Oberlausitz an den Landvogt 
ab. Die Stadtkasse hatte von dem Erbgericht ursprüng- 
lich keinerlei finanziellen Vortheil. In Bautzen hatte das 



Juden ständig in Bautzen gelebt hätten ; vielmehr war dies der Durch- 
gangszoll für die die Stadt passierenden Juden. 

«») Cod. Lus. 102. 152. 17.S. 

**) Ebenda 104. 112. 

**) Vgl. Knothe, Das Landeswappen der Oberlausitz, in dieser 
Zeitschrift III, 111 flg. 



100 Hermann Knothe: 

Erbgericlit keinerlei Gerichtsgewalt über das Burglehn und 
dessen ritterliche Bewohner; dieselben gehörten lediglich vor 
das Landgericht des Landvogts. Ebensowenig standen die 
Geistlichen und deren Wohnungen auf dera Kapite-l unter 
Stadtrecht, sondern unter der geistlichen Gerichtsbarkeit 
des Bischofs von Meissen. Schon 1240 eximierte l^önig 
Wenzel I. von Böhmen ein von einem Bautzner Dom- 
herrn erkauftes grösseres Haus (curia) zu Gunsten des 
Domkapitels „von dem Stadtrecht" ^'^), d. h. von der Ju- 
risdiction des Erbgerichts und ebenso von allen städti- 
schen Abgaben und Diensten. 

Es lag in der Natur der Sache, dass jede Stadt im 
Laufe der Zeit sowohl die Befugnisse ihres Erbgerichts 
und somit ihre Gerichtsgewalt zu erweitern als auch 
andere Rechte zu erwerben suchte, durch welche die 
Einkünfte der Stadtkasse erhöht wurden. Wir zählen 
im folgenden die betreffenden landesherrlichen Privilegien 
für Bautzen nach diesen beiden Richtungen hin auf und 
zwar nicht bloss aus der Zeit der Brandenburger, sondern 
zugleich aus der Regierung König Johanns von Böhmen, 
an welchen nach dem Tode Markgraf Woldemars von 
Brandenburg zunächst die westliche Hälfte der Ober- 
lausitz, nämlich das „Land Budissin" im engeren Sinne, 
wieder gelangte®^), 

AA'^esentliche Veränderungen in der Verfassung dieses 
Landes hat König Johann nicht vorgenommen. • Das- 
selbe hatte sofort nach Woldemars Tode Abgeordnete nach 
Prag gesendet und dem Könige den Wunsch ausgedrückt, 
jetzt, da durch das Aussterben der Askanier in Branden- 
burg die einstige Verpfändung hinfällig geworden sei, 
wieder mit dem Königreich Böhmen vereinigt zu werden. 
Ganz besonderen Eifer hatte hierbei die Stadt Bautzen 
an den Tag gelegt. Lifolge dieses freiwilligen Wieder- 
anschlusses des Landes Budissin an Böhmen versprach 
somit der König, hierüber hocherfreut, den 31. August 
ISIO***), nicht nur für sich und alle seine Nachfolger, 



") Cod. Lus. 57. 

•') Knothe, Rechtsgeschichte der Oberlausitz 65 flg. 

*') Cod. Lus. 228, 230: Amplius auteni, ut fida et merito com- 
mendanda et extollenda preconiis dilectorum nostrorura fidelium, 
burgeusium civitatis Budissinensis, fidelitatis eximietas eo specia- 
liorum insigniatur juxta nostre regie munificencio liberalitatem pre 
ceteris libertatum, beneficiorum et graciarum muneribus, quo ipsos 
pre ceteris ad nostre celsitudinis gloriam ampliandam novimus inhyasse 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. 101 

dass das ganze Land nie mehr von der Krone Böhmen 
getrennt werden solle, sondern bestätigte und vermehrte 
auch bereitwilligst sowohl der Ritterschaft als der Stadt 
Bautzen ihre Privilegien, 

In Betreff also der städtischen Gerichtsbarkeit 
erneuerten die Markgrafen Otto und Konrad ®^) 1282 
(nicht: 1262) den Bürgern von Bautzen das „Recht, wel- 
ches auch vor den Fürsten hinlänglich und deutlich er- 
wiesen worden sei, das Recht nämlich, dass, was immer 
für Gewaltthätigkeiten, Beleidigungen, Verletzungen, Ver- 
wundungen, Mord, Diebstahl, Raub, durch irgend welche 
Vasallen innerhalb der Stadt Bautzen oder ausser- 
halb deren Mauern und innerhalb der Stadtgrenzen, welche 
in der Landessprache Flurzäune. genannt würden, verübt 
würden, für immer in der genannten Stadt abgeurtheilt wer- 
den sollten." Diese Urkunde beweist auch für Bautzen, dass 
so mancher Brauch längst schon, ungeschrieben, zu Recht 
bestand, ehe er gelegentlich einmal bei erneuten Streitig- 
keiten auch schriftlich fixiert ward. Es handelte sich im 
vorliegenden Falle um das wichtigste Recht der Stadt- 
behörde, offenen Frevel in der eignen Stadt oder deren 
Flurzäunen auch ahnden zu dürfen durch ihr eignes 
städtisches Gericht. Die Lehnsträger des Landesherrn, 
d. h. im wesentlichen der Adel, hatten ihren Gerichts- 
stand lediglich vor dem Landvogt und dessen Landge- 
richt, bei welchem ebenfalls Adlige als Schoppen fungierten. 
Nur wenn sie in der Stadt und innerhalb deren Flur- 
zäune frevelten, konnten sie vor das städtische Gericht 
gezogen werden und mussten daselbst Recht leiden. Gerade 
für Bautzen, wo so viel Adlige verkehrten, theils als ständig 
ansässig auf dem Burglehn, theils in den mannigfachsten 
Geschäften auf der Burg oder in der Stadt, war diese 
Exemption, welche nach und nach auch den übrigen 
freien Sechsstädten verliehen ward, von grösster Bedeu- 
tung gegenüber dem übermüthigen, trotzigen und oft an- 
getrunkenen Adel. — 1304''") ertheilten die Markgrafen 
Otto und Woldemar der Bürgerschaft das Privilegium, 



et laboriosis conatibus insudasse, et ut eciam ex eo specialis com- 
modi fructum consequantur et obtineant, quod sub titulo dicte civi- 
tatis Budissinensis tota raarchia predicta discretivo nomine se tanquam 
a digniori gaudet nuncupari, ipsam civitatem Budissiu et ejus bur- 
genses in perpetuum talium libertatum privilegiis insignimus, quod etc. 

»») Ebenda 86. 

'•) Cod. Lus. 186. 



JQ2 Hermann Knothe: 

dass niemand einen Bürger der Stadt anderswo, als 
vor seinem Er bricht er verklagen dürfe, es sei denn, 
dass er „unfuget" auf dem Lande und auf frischer That 
erwischt oder nocli an demselben Tage berufen wird, in 
welchem Falle er sich vor dem Landvogt und dessen 
Landgericht zu verantworten habe. Ursprünglich ge- 
hörten auch die Bürger der Städte in allen grösseren 
Kriminalsachen vor den Landvogt und das Landgericht, 
welches allein den Blutbann besasa. Von jetzt an waren 
die Bürger von Bautzen völlig cximiert von dem Land- 
gericht, ausser wenn sie ausserhalb der Stadt und ihrer Flur- 
zäune Kriminalvergehen verübten. — Obgleich nun infolge 
dieser beiden Privilegien das städtische Erbgericht selbst 
sogar den Blutbann besass, gehörten doch gewisse Ei des - 
abnahmen noch immer vor den Landvogt. Erst 1310") 
gab Markgraf Woldemar den Bürgern und zwar zunächst 
nur auf die Dauer eines Jahres die Freiheit, „dass, wenn 
zwischen ihnen Wortgezänke entständen, woraus Eides- 
leistungen sich ergeben könnten", aber die Streitenden 
sich unter einander wieder verglichen hätten, „der Land- 
vogt in dieser Angelegenheit nicht als Richter auftreten, 
sondern in diesem Falle ebenso wie die Streitenden davon 
abstehen (cessare) solle". — Als sich, wie bereits mitge- 
theilt wurde (S. 100), 1319 die westliche Landeshälfte frei- 
willig wieder unter die Krone Böhmen gestellt hatte, be- 
gnadete König Johann die Stadt Bautzen damit'"''), dass 
alle Landgüter, welche die Kommun selbst oder ein- 
zelne ihrer Bürger innerhalb einer halben Meile 
rings um die Stadt theils schon zu Recht besässen, theils 
künftig besitzen würden, zu Erbe und Eigen liegen 
und bei Besitzwechsel von dem Erbrichter der Stadt ver- 
reicht werden sollten. Alle Landgüter, auch diejenigen, 
welche einzelne Bürger erworben hatten, waren ursprüng- 
lich Lehn, fielen daher nach dem Tode des Lehninhabers 
an die Lehnshand zurück und mussten von den männ- 
lichen Nachkommen des Verstorbenen erst neu gerauthet 
und gegen übliche Abgaben ihnen aufs neue zu Lehn ge- 
reicht werden. Von jetzt an durfte sowohl die Kommun 
als einzelne Bürger, zunächst innerhalb der halben Meile, 
Landgüter zu Erbrecht an sich brhigen; Erbe aber fiel 
nicht an den Laudesherrn zurück, sondern konnte an 



") Cod. Lus. 197. 
) Ebenda 230. 



12 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. 103 

weibliche wie an männliche Nachkommen vererbt und 
auch sonst frei verkauft oder V(3rtauscht werden, und die 
Verreichung fand nicht mehr vor dem Landesherrn oder 
dessen Stellvertreter, dem Landvogt, sondern vor dem 
Erbrichter statt. Da diese Güter nun völlig zur Stadt, 
nicht mehr zum „Lande", gehörten, so stand auf denselben 
auch alle Gerichtsbarkeit ebenfalls dem Erbgerichte zu. 
So erweiterten sich also hiermit die Fliirzäune und die 
Gerichtsgewalt der Stadt. — Kaum einen Monat später 
(22. Sept. 1319) verkaufte nun König Johann der Stadt 
um 150 Schock Prager Groschen auch nocli die bisher 
in die landesherrliche Kasse geflossenen zwei Drittel 
der Erträgnisse aus dem Bautzner Erbgericht '^). Seit- 
dem flössen also diese zwei Drittel in die städtische Kasse. 
— Das Dorf Burk (N. von Bautzen) lag weiter als eine 
halbe Meile von der Stadt. Dennoch erlaubte 1329 '*) 
der König dem Bürger Hermann von Seifersdorf, wel- 
cher daselbst acht Hufen besass, dass er bei ausserordent- 
lichen, dem gesamten Lande auferlegten Steuern dafür 
keine „Landbede" entrichten, sondern mit der Stadt 
schössen dürfe- Hierdurch hatte die Bürgerschaft in- 
sofern Vortheil, als die von der Stadt und deren Gütern 
aufzubringende Steuersumme jetzt auch von den acht 
Gütern in Burk mit zu tragen war. — Die ausserhalb der 
halben Meile gelegenen Güter der Bürger blieben Lehn 
und fielen daher, wenn die Besitzer keine männliche Er- 
ben hinterliessen , an den Landesherrn. Oft genug nun 
pflegte dieser oder der Landvogt solche „auf dem Falle 
stehende" Leimgüter schon bei Lebzeiten der Inhaber 
anderweit zu verleihen. Da begnadete 1339 '*J König- 
Johann die Stadt Bautzen, dass solche Lehn guter ihrer 
Bürger nicht bereits anderweit vergeben werden soll- 
ten ausser mit ausdrücklicher Genehmigung und gutem 
Willen der dermaligen Inhaber. — Wie werthvoll zumal 
diese Privilegien hinsichtlich der einzelnen Bürgern ge- 
hörigen Lehngüter in jener Zeit waren, ersieht man z. B. 
daraus, dass Kaiser Karl IV. 1350"*) den Bürgern von 
Löbau auf deren Bitten „die besondere Gnade erwies", 
dass auch sie alle theils schon erworbenen, theils noch 
zu erwerbenden Lehngüter „zu gleichem Recht, wie die 

"; Cod. Lus. 2.31. 

'♦) Ebenda 27.3. 

") Ebenda 329. 

'«) Cod. dipl. Sax. reg. II. 7, 230. 



104 Hermann Kiiothe: 

Bürger von Bautzen" besitzen sollten, und König Johann 
selbst verlieh schon 1340 '") den Bürgern von Irautenau 
und Königinhof in Böhmen, als er sie von dem bisherigen 
altböhmischen Zudenrechte befreite, „Bautzner Recht" und 
bestimmte, dass sie die bei ihnen künftig vorkonniienden 
Rechtsfälle nach „Bautzner und Glatzer Recht" behandeln 
dürften. 

Ebenso wie nach Erweiterung der eignen Oerichts- 
gewalt strebte besonders im Mittelalter jede Stadt auch 
nach Vermehrung der städtischen Einnahmen und 
suchte in dieser Richtung Vergünstigungen von Seiten 
der Landesherren sich zu erwirken. 12<'^2*'*) schenkten 
die Markgrafen Johann, Otto und Konrad von Branden- 
burg „aus reiner Zuneigung zu ihrer Stadt Bautzen" der- 
selben „alle Güter in Ottelwitz" zu Erbe und Eigen als 
Viehweide*"), „um darauf all ihr Vieh zu weiden". 
Dieses Ottelwitz hatte bis dahin jedenfalls unmittelbar 
unter dem Schloss gestanden; jetzt, wo alle dazu gehörigen 
Felder zur städtischen Viehweide umgewandelt wurden, 
hörte es natürlich auf, als ein besonderes Dorl zu be- 
stehen, und wird daher nie mehr erwähnt. Da ursprüng- 
lich die meisten wohlhabenden Bürger in den Städten 
zugleich auch die Landwirthschaft betrieben, so finden 
wir auch bei den oberlausitzischen Städten überall grosse 
und nahgelegene Viehweiden für das Stadtvieh. — Bisher 
hatten die landesherrlichen Behörden von aUen denen, 
welche ihre Waren nacli Bautzen auf den Wochenmarkt 
brachten (es werden namentlich erwähnt: Pferde, Kühe, 
Schweine, Töpfe, Schüsseln, Pech) einen Zoll erhoben. 
1282 verkauften die Markgrafen Otto und Konrad diesen 
MarktzoU um 70 Mark Silber der Stadt, „zu grosser 
Erleichterung sowohl für die Stadt als das ganze Land 
Budissin". Es scheint, als ob man ursprünglich beab- 
sichtigt habe, dass einzelne Landgüter für ihre regel- 
mässig auf den Markt zu schickenden Verkaufsgegen- 
stände sich von jedem Zoll völlig freikaufen sollten durch 
einen Beitrag zu der an die Landesherren abzuzahlenden 
Kaufsumme ^°); allein in dem „Eidbuche" von Bautzen 



") Sommer, Topographie von Böhmen XV, 71. 

") Cod. Lus. 96. 

'») Später ward auf diese Viehweide der Galgen gesetzt. 

•") Cod. Lus. 110: Volumus itaque, quod, quicunque ea libertate 
frui perpetuis temporibus vohierint et gaudere, quod hi debent aliqua 
de suis bonis addere, per que nobis data pecunia persolvatur. Sin 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. I3i6. 105 

aus dem Jahre 1532 finden wir ein besonderes Kapitel 
„Register über der Stadt Zoll"; der Marktzoll wurde also 
seitdem zum Besten der Stadtkasse erhoben. Von diesem 
Marktzoll unterschieden war der D u r c h g a n g s z o 1 1 , welchen 
nach wie vor alle Kaufraannsgüter beim Passieren einer 
Stadt an die landesherrliche Kasse zu entrichten hatten***). 
Erst 1323 wurde Kamenz und wohl gleiclizeitig auch 
Löbau von diesem Durchgangszoll in allen Städten des 
„Landes Budissin" im engeren Sinne des Worts durch 
König Johann befreit"). — 1284*-^) gestatteten dieselben 
Markgrafen für empfangene 10 Mark Silber der Stadt 
Bautzen, ein Kaufhaus (domiim mercatoricDn) zu errich- 
ten, das erste in der Oberlausitz, und die Revenuen davon 
zu eignem Nutzen zu verwenden. Hierdurch wurde der 
Detailverkauf geregelt und erleichtert. Statt der bisherigen 
offenen Buden auf dem Markte und auf der vStrasse er- 
hielten die Verkäufer jetzt geschützte Stände; die Käufer 
hatten bequemere Auswahl, und die Marktmeister konnten 
um so leichter das zu entrichtende Standgeld für die 
Stadtkasse erheben. — Die städtische Mühle war ausser- 
halb der Stadt gelegen und steuerte daher mit dem 
„Lande", d. h. mit den Lehngütern. Da genehmigte 
1304*^) Markgraf Otto, dass die Bürgerschaft von Bautzen 
„künftig keine l.andbede von der Mühle und von anderen 
Gütern, von denen sie den ,Schoss' in der Stadt geben, 
entrichten sollten". Als städtisches Eigenthum niusste 
die Mühle ohnehin von der Stadt versteuert werden; 
jetzt ward einer doppelten Versteuerung derselben vor- 
gebeugt. — 1307 *^) erlaubten die Markgrafen Otto und 
\Voldemar, „dass alle, die da kaufen und verkaufen [in 
der Stadt], die sollen mit den Bürgern schössen imd 
wachen". Hierdurch wurden alle diejenig'en, welche 
(ständig) in der Stadt Handelsgeschäfte betrieben, auch 
ohne das Bürgerrecht zu besitzen, zu den Pflichten der 
Bürger augehalten, nämlich zu den städtischen Abgaben 
und dem damals noch allen Bürgern abwechselnd oblie- 
genden Wachdienste. Die gleichzeitig erlassene Bestim- 



autem, dabunt teloneum suum forense, quod antea, quam ista nostra 
empcio fieret, dare universaliter consueverunt. 

") Knothe, Rechtsgeschichte der Oberlausitz 63. 

") Cod. dipL Sax. reg. II. 7, 9 u. 21 für Kamenz, 2.31 für Löbau. 

") Cod. Lus. 117. 

**) Ebenda 177. 

") Ebenda 187. 



106 Hermann Knothe: 

mung , „dass kein Mann soll Mist aus der Stadt 
führen, der nicht Bürger ist, er thue es denn mit der 
Bürger A\'illcn", verstehen wir so, dass der für die Land- 
wirthschaft so wichtige Dünger nicht etwa solle an 
Bauern auf den Dörfern verkauft werden ^°). — Bautzen 
besass keinen Stadtwald, aus welchem es den sowohl für 
den Häuserbau als zur Feuerung nothigen Holzbedarf 
ohne weiteres beziehen konnte. Da bestiitigte 1309 ^') 
Markgraf Woldemar den Bürgern „alle Freiheit, in der 
landi'shcrrlichen Heide des Landes Budissin Holz 
zu schlagen, eine Freiheit, welche sie schon von alten 
Zeiten her gehabt haben"; nur auf den ebenfalls landes- 
lierrlichen, aber jetzt dem Lutlier von Schreibersdorf (auf 
Neschwitz) zu Lehn gegebenen Heiden sollten sie niclit 
schlagen dürfen, ausser mit dessen ausdrücklicher Be- 
willigung. Ob und was sie für das so bezogene Holz 
zu entrichten hatten, wird nicht speziell erAvähnt. — Auch 
der Salzverkauf gehörte zu den landesherrlichen Regalien. 
Da gestattete 1335 ^*) König Johann, um der Stadt eine 
besondere Gnade zu erweisen, „den Bürgern und jedem 
einzelnen, welcher in der Stadt Bautzen wohne und da- 
selbst seinen Wohnsitz habe", dass sie und ihre Nach- 
kommen für alle Zeiten von dem Salzverkaafe (a camhio 
salis) frei sein sollten. Darum solle niemand von des 
Königs Beamten künftig dieser Begnadigung zuwider- 
handeln. Dies kann offenbar nur soviel heissen, dass 
künftig die Bürger ihren Salzbedarf nicht mehr wie bisher 
ausschliesslich in der (verhältnismässig theuren) landes- 
herrlichen Salzniederlage zu kaufen brauchten, sondern 
denselben, woher sie immer wollten, beziehen dürften. 
Erst 1355^«) verlieh Kaiser Karl IV. der Stadt „den 
S a l z m a r k t " (forum seit vendicioncm salis) und erlaubte, 
dass der Gewinn daraus von dem Käthe zum Nutzen der 
Stadt verwendet werde. 

Der oben (S. 105) erwähnte, allen Bürgern obliegende 
Wachdienst Avurde später in eine von jedem Hause an 
die Stadtkasse zu entrichtende feste Geldabgabe ver- 
wandelt, von welcher nur die Rathsherren und die (eben- 
falls erst später eingeführten) Stadtältesten befreit waren. 

•') Eine ähnliche Bestimmung in einem Statut von Stadthagen 
(Schaumburg-Lippe). Löher's Archival. Zeitschr. VIII, 217 (S 9). 
»') Cod. Lus. 192. 
»») Ebenda 309. 
»•) Oberlaus. Urk.-Verz. I, 64 No. .322. 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. 107 

Im Jahre 1532 ^") belief sich die Summe desselben auf 
11 Schock 33 Gr. 3 Pf. — Zu den ältesten Rechten jeder 
Stadt gehörte; mindestens in der Oberlausitz, auch das 
Bierbrauen der Hausbesitzer. Auf ihm beruhte neben 
dem Betriebe der Handwerke ganz besonders der Wohl- 
stand der Städte. Nach und nach ward, um Feuersgefahr 
zu vermeiden, dies Recht nur auf die grösseren, mit den 
dazu nöihigen Räumlichkeiten ausgestatteten Häuser be- 
schränkt. In Bautzen belief sich 1532 die Anzahl dieser 
„Bierhöfe" auf 103. Jeder derselben durfte nur eine be- 
stimmte Anzahl von Bieren im Jahre brauen ; damals 
wurden in Bautzen jährlich 759 Biere gebraut. Nach 
der Anzahl der Biere, die jeder ßierhof zu brauen be- 
rechtigt war, wurde er nun auch versteuert, nämlich mit 
6 Gr. von jedem. Ausserdem hatte man 8 Gr. von jedem 
Biere als „Wassergeld in des Rathes Kammer'^ zu ent- 
richten, da das nöthige Wasser mittels kunstreicher Wasser- 
werke aus der Spree bis zur Höhe der Stadt emporgeführt 
werden musste. — In den hier erwähnten Registern über 
das Wachgeld und die Bierhöfe werden die einzelnen 
Häuser nach den Gassen einzeln aufgeführt. Die am 
frühesten namhaft gemachte Gasse ist die Hundsgasse 
(plathea canum), in welcher 1296^') auf drei verschiedenen 
„Gärten'' ein Zins von zusammen 10 Schilling der Ma- 
rienkirche zugewiesen Avard. 

Neben den ältesten städtischen Einnahmequellen 
fügen wir auch noch einige regelmässige Abgaben bei, 
Avelche, obwohl in den Urkunden der von uns zu behan- 
delnden Zeit nocli nicht namentlich erwähnt, doch bis in 
die Anfänge des städtischen Wesens zurückreichen. — 
Von jedem Hause war eine Grundsteuer an den Grund- 
herrn, hier also den Landesherrn, zu entrichten, welche 
(ebenso wie in Löbau ***) „das Wurzgeld" hiess. Wir 
kennen dasselbe ebenfalls erst aus einem Verzeichnis 
vom Jahre 1532 ^'). Danach betrug diese Abgabe nur 
1, 2 oder 3 Pfennige, höchstens 1 Groschen vom Hause. 
Die Summe dieses „auf das Schloss", d. h. an den Land- 
vogt, abzuführenden Wurzgeldes belief sich damals auf 
2 Schock 15 Gr. 3 Heller. Befreit davon waren ebenfalls 
die Rathsherren und die Stadtältesten. — Ausserdem 



'*) Eidbuch von Bautzen. 

") Cod. Lus. 152. 

") Cod. dipl. Sax. reg. II. 7, 2.32 flg.; 254 flg. 

") Eidbuch. 



108 Hermann Kiiothe; 

hatte jede laudcslienliclie Stadt in der Oberlausitz schon 
seit ältester Zeit jülirlich eine (ursprünglich einzige) regel- 
mässige und in eine feste Summe al)gerundete Steuer auf- 
zubringen, genannt „die Rente*'« Dieselbe betrug für 
Bautzen 90 Schock Groschen. Diese sich gleichbleibenden 
und sicher eingehenden Summen pflegten nun die stete 
geldbedürftigen Landesherren oftmals an reiche Adlige, 
die ihnen Geld vorgeschossen hatten, zu verpfänden. Und 
so hatte auch Bautzen oftmals seine Kento an böhmische 
Herren abzuführen^*).-- Die ausserordentlichen Steuern, 
an denen es alsbald auch nicht fehlte, pflegten zwischen 
der Regierung und dem Lande meist alljährlich verein- 
bart zu werden. Seit dem Absehluss des Sechsstädte- 
bundes (134()) wurde den Städten jedesmal eine runde 
Summe, abgesondert von der Ritterschaft, auferlegt und 
ihnen selbst überlassen, wie sie dieselbe unter sich auf- 
bringen wollten. Nach und nach vereinbarten dieselben 
untereinander eine sogenannte „Quote", wonach z. B. 
auf Bautzen von jeder den Städten abverlangten Gesamt- 
summe jedesmal 7»« entfielen**). 

Mit den Einkünften der früheren Pfarrei Bautzen 
hatte das nunmehrige Kollegiatstift natürlich auch alle 
Obliegenheiten derselben übernommen. Mancher derselben 
gcbtihrend nachzukommen, scheint aber denn doch so leicht 
nicht gewesen zu sein. In die Pfarrkirche zu Bautzen 
waren nicht bloss die Bewohner der Stadt, sondern auch 
all der wendischen Dorfschaften weit in der Runde ein- 
gepfarrt. Um diesen Beichte zu hören oder die letzte 
Oelung reichen zu können, musste der Stadtpfarrer wen- 
disch verstehen. Da aber die Kanoniker der Anciennität 
nach aus den niederen in die besser dotierten Präbenden 
aufrückten , so mochte oft der Fall eintreten , dass der 
Stadtpfarrer des Wendischen unkundig war. Dies halten 
wir für den Hauptgrund, weshalb im Jahre 1293 eine 
neue Pfarrkiche, die Marienkirche vor der Stadt, d. h. 
auf dem Salzmarkte, erbaut ward. Da „das Kollatur- 
recht über dieselbe samt allen Rechten und Einkünften 
dem Kapitel zustehen sollte", so werden selbstverständlich 
auch die Kosten dieser Gründung lediglich vom Kapitel 
zu tragen gewesen sein, nur dass sich dasselbe sowohl 
mit der Bürgerschaft, als mit dem Franziskanerkloster 

•') Knothe, Rechtsgeschichte 102, Anmerk. 8. 
•*} Ebenda 127. 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. 109 

darüber verständigt liatte, wie sich aus der Gründungs- 
urkunde*®) ergiebt. Der Pfarrer au der Marienkirche sollte 
hiernach nur die etwaigen Messgelder (missales denarios) 
für sich behalten, liingegen alle Opfergeldcr, „Sp^zial- 
pfennige", Begräbnisgelder und Vermächtnisse „ohne allen 
Abzug" an das Kapitel abliefern. Er hat alle nächtlichen 
Besuche bei Kranken und Sterbenden sowohl in den Vor- 
städten, als auf den Dörfern zu übernehmen. Deshalb 
muss er sowohl deutsch als wendisch verstehen. Sollte er 
aber doch etwa des Wendischen nicht mächtig sein, so 
soll er sich „einen wendischen Gehülfen halten" (sclavicwn 
socium secum ohtinehit). Für solche Nachtgänge darf er 
einen bis zwei Pfennige für sich behalten , das Übrige 
aber muss er ebenfalls dem [Stadt-] Pfarrer abliefern. 
Predigten soll er in der Marienkirche nicht halten ausser 
am Kirchweihfeste. Seine Messe soll er täglich „wie an 
einer Kapelle" (more capeUe) beim ersten Läuten im Klo- 
ster und zwar „kurz'' lesen und dann die Versammelten 
auffordern, ,,zu ihrer Pfarrkirche, d. h. zur Stiftskirche 
zu eilen". Übrigens soll er an Sonn- und Feiertagen 
beim Hochamt und bei der Vesper und auch an anderen 
Tagen, so oft er will, in dem Chor der Stiftskirche er- 
scheinen, wo ihm ein Platz im Chorgestühl und zwar über 
den vicarii temporales äuge wiesen werden wird. 

Nach alledem war also die neue Marienkirche wesent- 
lich für die Wenden in den Vorstädten und auf den 
Dörfern bestimmt; sie war nicht eigentlich eine Pfarr-, 
sondern nur eine Filialkirche; der Pfarrer war angestellt 
vom Kapitel und lediglich im Dienste desselben, ohne 
selbst Kanoniker zu sein. Noch in demselben Jahre am 
26. Juni 1293 ''') verlieh der eben in Bautzen anwesende 
Bischof Heinrich von Merseburg und am 15. Juli****) auch 
der Landesbischof Bernhard von Meissen allen denen, welche 
an gewissen Tagen die Marienkirche besuchen, sowie denen, 
welche „zum Bau, zu dem kirchlichen Schmuck (orna- 
menta) und sonstigen Bedürfnissen" derselben beitragen 
würden, 40 Tage Ablass. Aus einer am 25. Juni auch 
der J.Pfarrkirche in Bautzen", d. h. der Stiftskirche , von 
dem Bischof von Merseburg verliehenen Ablassurkunde 
und aus der fast wörtlich gleichlautenden des ebenfalls 

") Cod. Lus. 137: cum civibus ibidem de ordinacione ecclesie 
sancte Marie site ante civitatem — convenimus. 
•') Ebenda 140. 
•») Ebenda 141. 



110 Hermann Knothe : 

zufällii^ anwesenden „Bi'iiclcr Yvan, Bischof von Lace- 
clänion" (in partibus) vom 7. Juni 1294'*'') erfahren wir 
übrigens, dass auch in der Stiftskirche sowohl deutscli 
als wendisch g-epredi"-t zai werden pHegte. 1296 '""j finden 
wir auch eine erste Stiftung zum Besten der neuen Ma- 
rienkirche verzeichnet. Es kauften nämlich Heinrich von 
Bodow, der frühere Pfarrer an der „Stadtkirche", und 
Petrus, Kaplan des Stiftspropstes, 10 Schillinoe Jahres- 
zins auf drei Gärten in der Huudsgasse mit der Bestimm- 
ung, dass derselbe, allerdings erst nach ihrem Tode, an 
die Marienkirche fallen solle. — Andere Stiftungen waren 
von Laien gemacht worden. Es deutet auf ein gewisses 
Misstrauen des Rathes gegen das Kapitel, dass über diese 
von ersterem eine besondere Urkunde unter dem 5. Nov. 
1303'"') ausgestellt wurde, ,, damit jene Einkünfte nicht 
etwa künftig möchten abgeändert werden". Demzufolge 
hatte eine „Frau aus Halle" (domina de HalUs) der Ma- 
rienkirche ein Talent Silber zugewendet, welches auf dem 
Hause eines Heinrich von Elstra stand, und ausserdem 
sechs Stein Inselt auf zwei Fleischbänken in der Stadt 
zu Zwecken der Beleuchtung ausgesetzt. Ferner hatte 
Cuno von Teichnitz (nicht: Thitevitz) ein Talent auf dem 
Gute Teichnitz zum Kirchenbau und ausserdem 12 Hühner 
und zwei Malter Korn wie Hafer für den Pfarrer bestimmt. 
Ebenso hatten „die von Teichnitz für ihren Bruder und 
dessen Frau" die Frühmesse in der Marienkirche ge- 
stiftet, welche der Pfarrer stets, sobald bei den Franzis- 
kanern die Frühglocke geläutet wird, an dem heiligen 
Kreuzaltar halten sollte. Es ist bemerkenswerth, dass 
der liath hierbei gerade die Marienkirche als „unsere 
Pfarrkirche in Bautzen" bezeichnet. Während Insher 
zwischen dem Domkapitel und den Franziskanern der 
Stadt wenigstens äusserlich noch ein gutes Einvernehmen 
bestanden zu haben scheint, — sonst wäre bei der Grün- 
dung der Marienkirche nicht der Lektor des Klosters zu- 
gezogen worden (habito sano et provido consilio fratis C[on- 
radij dicti de Kyna, lectoris tipud )ios in Budissin) — so 
brachen bald darauf schlinniie Streitigkeiten zwischen 
denselben aus. Wie in anderen Städten missbrauchten 



•') Ebenda 1.39, 145: omnibus vere penitentibus et confessis, 
qui ad sermoneni plebaiii vel vicarii sui theutonice vel slavice pro- 
ponendum — confluxeriiit. 

"">) Ebenda 152. 

'»') Cod. Lu9. 172. 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. Hl 

auch zu Bautzen die Franziskaner ihren Einfluss im 
Beichtstuhl und am Krankenbette dazu , um ihre Beicht- 
kinder zu bestimmen, sich im Kloster begraben zu lassen 
und demselben Vermächtnisse zuzuwenden. Unter dem 
31. März 1295 '°^) erliess Bischof Bernliard von Meissen 
ein Mandat, dass niemand, weder Mann noch Weib, die 
Stifts- utid Pfarrkirche zu Bautzen in ihren Rechten 
schädigen solle; obgleich es jedermann freistehe, sich 
seine Begräbnisstätte frei zu wählen, doch alle Rechte 
der Pfarrkirche vorbehalten, so solle niemand bei Strafe 
des Bannes weder Kranke noch Gresunde zu einem Be- 
gräbnis an fremden Orten oder zu Errichtung von Testa- 
menten oder zum Genuss der Sakramente wider die ka- 
nonischen Bestimmungen verlocken. — Obgleich die Fran- 
ziskaner zu Bautzen nicht ausdrücklich genannt werden, 
konnte dies Mandat doch bloss gegen diese gerichtet sein. 
Bald daraufnahm der Streit einen akuteren Charakter 
an. Auf einer mit dem Klerus des Landes zu Bautzen 
abgehaltenen Synode hatte der damalige Propst Dietrich 
(oder Tylemaun) und ausser ihm der zumeist betheiligte 
Stadtpfarrer Konrad, sowie der Pfarrer Petrus in Beru- 
stadt sich heftig gegen die Übergriffe der Franziskaner 
zu Bautzen in die Rechte der Pfarrgeistlichkeit ausge- 
sprochen. Die Franziskaner erblickten hierin eine öffent- 
liche Schmähung ihres Ordens, und da Papst Nikolaus III. 
erst kürzlich alles öffentliche Lehren und Predigen gegen 
die von ihm hinsichtlich der Franziskaner erlassenen Be- 
stimmungen bei Strafe des Bannes verboten hatte, so spra- 
chen der frühere Guardian Werner, der Lektor Konrad, 
Johann von Sommerfeld, Witego von Rausendorf, sämt- 
lich Bautzner Minoriten, sowie der Lektor Johann von 
Görlitz über jene drei ^^'eltgeistliche den Bann aus. We- 
gen dieses ihnen angethanen „Unrechts'' verhängte nun 
auch Propst Dietrich seinerseits den Bann über obige 
fünf Franziskaner und über alle, welche mit denselben 
irgend verkehren würden. Bischof Bernhard beschied 
die Parteien vor sich und mahnte zu gütlichem Aus- 
gleich. Man vereinigte sich, den Streit durch Schieds- 
richter erledigen zu lassen. Vor dem Pfarrer Johann 
von Görlitz und dem Pfarrer Heinrich von Kamenz, beide 
Erzpriester, und dem Bruder Johann von Magdeburg und 



I01\ 



*) Cod. Lus. 130. Die Urkunde ist nicht in das Jahr 1290 zu 
setzen, da Bernhard damals noch gar nicht Bischof von Meissen war. 



112 Hermann Knotbe: 

Bruder Heinrich von Halli-, beide Lektoren des Franzis- 
kanerordens, gaben am 25. Oktober 1295'"^) zu Bautzen 
beide Parteien schriftlich und niündUeh ilire Erklärungen 
ab. Die Parochialgeistlichen mussten die Gerechtsame 
des Ordens anerkennen und hoben den verhängten Bann, 
als ungültig (irritam fidsse), wieder auf. Die Franzis- 
kaner erkannten ebenfalls an, dass jedermann mindestens 
einmal im Jahre bei seinem Pfarrgeistlichen zu beichten 
habe, und versprachen, dass sie niemand daran hindern, 
auch niemand zur Wahl seines Begräbnisortes bestimmen 
wollten, und hoben, da nach der Versicherung der Gegen- 
partei eine Schmähung ihres Ordens nicht beabsichtigt 
gewesen sei, auch ihrerseits den Bann wieder auf. Alle 
diese Erklärungen sollten nun auch durch die gesamte 
Pfarrgeistlichkeit des Landes öffentlich abgekündigt wer- 
den. So war der Friede wenigstens auf Zeit wiederher- 
gestellt. Wohl um durch die Menge verheissener geist- 
licher Gnaden die Bevölkerung von der Klosterkirche ab- 
und in die Pfarrkirche zu ziehen, suchte sich das Kapitel 
unmittelbar nachher eine Menge Ablassbriefe für die Pe- 
terskirchc zu verschaffen, so 1296 von Bischof Dietrich 
von Olmütz, 1298 von Bischof Volrad von Brandenburg 
und 1299 von Erzbisehof Burchard von Magdeburg '"^). 
— Seit 1344 aber finden wir das Domstift in förm- 
lichem Rechtsstreit mit dem Kloster begriffen. Obgleich 
den Franziskanern aller Orten gestattet war, auch Laien 
in ihren Klöstern zu bestatten, so hatten sie doch dafür 
jedesmal an den betreffenden Pfarrer die sogenannte 
jportio canonica, d. h. den vierten Theil der Begräbnis- 
gebühren , ubzuentrichten. Dessen aber hatten sich die 
Bautzner Franziskaner seit langer Frist geweigert. So 
erhob denn jetzt das Domstift rechtliche Klage gegen 
dieselben, und nach längeren in aller Form geistlichen 
Prozessverfahrens geführten Verhandlungen verurtheilte 
unter dem 1. März 1345'"*) ein speziell hierfür einge- 
setztes geistliches Gericht zu Breslau das Kloster zur 
Zahlung von 50 Mark Prager Groschen, als dem Betrage 
der dem Domstift vorenthaltenen 'portio canonica, sowie 
ziu| Tragung aller Prozesskosten. — Spätere Differenzen 
zwischen der Stifts- und der Klostergeistlichkeit zu Bau- 
tzen liegen ausserhalb der uns hier gesteckten Grenzen. 

•0») Cod. Lus. 150. 

'«*) Ebenda 15.3. 156. 163. 

">*) Ebenda 347 flg. 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. 113 

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts wiithete bekannt- 
lich in den meisten Ländern Europas die fürchterliche 
Pest, genannt der schwarze Tod. Aller Orten pre- 
digten Scharen fanatischer Geissler Busse, aber zu- 
gleich auch Ausrottung der Ungläubigen. Fast überall 
beschuldigte der Hass des armen Volkes die durch Wu- 
cher reich gewordenen Juden der Vergiftung der Brun- 
nen. So erfolgten in den meisten Städten auch der Nach- 
barländer, z. B. Böhmens, Schlesiens, Meissens, traurige 
Judenverfolgungen. Ebenso dürfte es wohl auch in 
Bautzen hergegangen sein; wenigstens berichten Chro- 
niken bei dem Jahre 1349 die Anwesenheit von Geiss- 
lern in der Stadt. Und von 1356 bis 1359 wird in den 
Breslauer Stadtreehnungen '"") mehrfach ein Jude „.Jacob 
de Budessin" erwähnt, der diesen Beinamen nicht führen 
würde, wenn er nicht von Bautzen nach Breslau über- 
gesiedelt wäre. 

Von dem Schulwesen zu Bautzen erfahren wir bis 
Mitte des 14. Jahrhunderts soviel als nichts. Die Grün- 
dung einer besonderen Präbende des „Scholasticus" am 
Domstift stand gewiss in keinerlei Beziehung zu dem 
Unterricht der städtischen Jugend. Und dennoch dürfte 
das KoUegiatstift nicht ohne EinÜuss geblieben sein auf 
die Errichtung auch einer Stadtschule. Je feierlicher sich 
an einer Kirche der Gottesdienst gestaltete, desto mehr 
bedurfte man auch der Chorschüler für den Gesang und 
die Begleitung bei Leichenbegängnissen. In demselben 
Masse, als sich das städtische Wesen mehr und mehr 
entwickelte , brauchte aber auch der Rath eines des La- 
teinischen kundigen Schulrektors zum Übersetzen, wie zum 
Anfertigen der damals noch allgemein lateinisch abge- 
fassten Urkunden. Fast in allen oberlausitzischen Städten 
versah in ältester Zeit der Schulrektor zugleich den Dienst 
eines Stadtschreibers. Nur einen solchen rector scolarum 
in Budissin namens Petrus lernen wir als Zeuge in einer 
Schenkungsurkunde für das Domstift vom 24 Juni 1331 
kennen '"'j. — Über das Recht, den Rektor anzustellen, 
hatte es zwischen dem Kapitel und dem Rathe schon seit 
lange Streit gegeben. Eine von Kaiser Karl IV. wegen 
dieser und anderer Differenzen nach Bautzen gesendete 



**') L. eisner, Schles. Urkunden zur Geschichte der Juden: 
Archiv für Kunde Österreich. Geschichtsquellen XXXI, 111. 120. 127. 
"*') Domarchiv Bautzen. 

Neues Airhiv f. >S. (i. u. A. V. 1. 2. 8 



114 Hermann Knothe: 

Kommission entschied und der Kaiser bestätigte darauf 
hin 1364*"*), dass die Wahl eines Schuh-ektors dem Ka- 
pitel zustehe, und dass dieses einen geeigneten Mann 
„anzunehmen" habe, welcher dem ,, Schulamte vorzustehen 
vermöge und sowohl der Kirche als den Knaben oder 
Schülern nützlich sei, imd dieselben zweckgemäss in Wissen- 
schaft (scientia) und Sitten unterweisen könne, und dass 
die Knaben oder Schüler gehalten seien, an allen Fest- 
tagen bei der Messe und der Vesper lediglich in der 
Stiftskirche anwesend zu sein". — Sehr spezielle und in- 
teressante Nachrichten über die Einrichtung der Bautzner 
Stadtschule enthält die „Budissinische Schulordnung 
und Gewohnheit" vom Jahre 1418 '"**). 

Ein Hospital, wesentlich für die mit ansteckenden 
Krankheiten Behafteten, war schon frühzeitig und zwar, 
wie üblich, ausserhalb der Stadt errichtet worden. Die 
Seelsorge daselbst wurde 1293 dem Pfarrer an der Ma- 
rienkirche übertragen*'"). Die darin befindliche Kapelle 
soll dem heiligen Geiste geweiht gewesen sein'"). 1345"''*) 
genehmigte König Johann von Böhmen auf Bitten der 
Bürgerschaft, dass dieselbe „für das Hospital zum Unter- 
halt der Kranken 8 Schock Prager Groschen Jahreszins" 
kaufen und erwerben dürfe, wo und von wem sie wolle. 
Aber der Gottesdienst in der „Kapelle bei den Aussätzigen 
ausserhalb der Mauern der Stadt Bautzen, obgleich sie 
längst schon erbaut und geweiht", hatte aufgehört, weil 
es ihr an Einkünften fehlte. Da stiftete der Domherr 
Gustos, namens Simon, gewisse Revenuen für dieselbe, 
welche Kaiser Karl iV. 1350 "^j der Kapelle eignete, 
und seitdem erhielt sie nun einen besonderen Hospital- 
geistlichen (rectorem). — 

So beschaffen waren die staatlichen, die städtischen, die 
kirchlichen und die allgemeinen kulturellen Verhältnisse in 
der Stadt Bautzen, als dieselbe 1340 mit den fünf übrigen 
freien oder königlichen Städten der nachmaligen Oberlausitz 



»»«) Oberlaus. Urk.-Verz. I, 80 No. 395. Der auf die Schulen 
bezügliche Passus abgedruckt in der „Ober). Naclilese" (1771) 92: 
Etwas von der alten Schule — zu Budissin — von Christ. Knauthe. 

"»•) überlaus. Nachlese 1771 94 tig. Wilke, Budissin 134 flg. 

"") Cod. Lus. 137: curam etiam in hospitali tantum habebit in- 
lirmorum. 

'") Laus. Magaz. 1859. 290. 

"») Cod. Lus. 365. 

"*) Domarchiv Bautzen, Matricula IL 5. 



Zur ältesten Geschichte der Stadt Bautzen bis zum J. 1346. 115 

den bekannten Sechsstädtebund abschloss*'*). Derselbe 
war zunächst nur ein Akt berechtigter Nothwehr gegen- 
über dem räuberischen Adel des Landes, welcher durch 
unaufhörliclie „Strassenplackerei" sowohl die einzelnen 
Städte auf das empfindlichste schädigte, als auch den ge- 
samten Transitohandel durch das Land untergrub. Kaiser 
Karl IV. aber bestätigte nicht nur jenen Bund, sondern 
ertheilte demselben zugleich die weitgehendsten Befug- 
nisse; ja er setzte ganz eigentlich ihn zum Hüter des 
Rechts und des Gesetzes, der Ordnung und des Friedens 
im ganzen Lande. Hierdurch erlangte er erst seine poli- 
tische Bedeutung. Alsbald bildete die Korporation der 
Sechsstädte neben der Ritterschaft den zweiten , völlig 
gleichberechtigten „Stand" im Lande. Die weitere Ent- 
wickelung der gesamten Landesverfassung basiert auf der 
Gründung des Sechsstädtebuudes. 

Durch denselben erlangte aber auch die Stadt Bautzen 
eine erhöhte Bedeutung. Sie ward der Vorort des Bun- 
des. Alle an die Gesamtheit der Sechsstädte gerichteten 
Schreiben pflegten von dem Bürgermeister zu Bautzen 
eröffnet und nach gemeinsamer Berathung mit den übrigen 
Städten von ihm beantwortet und mit der Stadt Siegel 
bekräftigt zu werden. So beginnt, wie für das ganze 
Land, auch für die Stadt Bautzen mit dem Jahre 1346 
eine neue Epoche. 



•'*) Vgl. Knothe, Rechtsgeschichte 85 flg. 



III. 

Die ersten Jahrzehnte der Oper zu Leipzig, 

Von 

J. 0. Opel. 



Als der Begründer der Oper zu Leipzig hat sich der 
kursächsischc KapcUmeister K i k o l a u s Adam S t r u ii g k 
(Strunck), der äheste Solm eines sehr bekannten Mu- 
sikers und Organisten in Braunschweig Delphin Strungk, 
einen Namen gemacht. Nikolaus Adam Strungk that sich 
schon als junger Mann durch sein Geigenspiel liervor und 
erhielt daher in einem Alter von 20 Jahren die Stelle 
eines „ersten Violons" in der Kapelle zu \^^olfenbüttel. 
Später machte er eine Reise nach Wien, spielte vor dem 
Kaiser Leopold und wurde dafür unter anderem mit einer 
goldenen Kette und dem kaiserlichen Bildnis beschenkt. 
Darauf finden wir ihn in Hannover und in Hamburg, wo 
er 1678 und 1680 mehrere Opern zur Aufführung ge- 
bracht hat '). Nach einiger Zeit zog ihn der Herzog von 
Hannover, der ihm ein Kanonikat zu Einbeck überwies, 
an sich und nahm ihn mit auf eine Reise nach Italien. 
Hier übte er sich mehrere Jahre lang bei ausgezeichneten 
Meistern auf dem Klavier und der Geige und ti'at bei 
seiner Rückkehr abermals in Wien vor dem Kaiser als 
Klaviervirtuos auf, was ihm eine zweite Kette einbrachte. 
In Dresden erhielt er endlich (1688) durch den Kurfürsten 
Johann Georg III. eine feste Anstellung, und zwar zuerst 
als VizekapeUmeister und dann als wirklicher Kapell- 
meister. 



') Mattheson, Grundlage einer Ehrenpforte, 353. Weller, 
Annalen II, 263 tig. 



Die ersten Jahrzehnte der Oper zu Leipzig. 117 

Nachdem auch in Braunschweig im Jahre 1691 ein 
Opernhaus erbaut war, welches zur Laurentiimesse dieses 
Jahres eröffnet wurde, fasste der KapeUmeister Strungk 
den ganz zeitgemässen Plan, in der berühmten Handels- 
und Messstadt Leipzig diese Neuerung einer Oper gleich- 
falls einzuführen. Zu diesem Behufe liess er sich von 
dem Kurfürsten Johann Georg IV. unter dem 10. Jimi 
1692 ein Privilegium zur Errichtuno- eines deutschen 
Singspiels auf 10 Jahre ertheilen, welches am 15, Sep- 
tember 1694 von dem Kurfürsten Friedricli August be- 
stätigt wurde. Diesem Privilegium zufolge sollte Strungk 
auf seine und seiner Grcsellschafter (Consortcn) Unkosten 
ein Singspiel errichten, aber nur fremde Musiker in dem- 
selben verwenden und das Ganze auch unter fremde 
Leitung stellen. Die letzte auffällige Bedingung mag der 
Kurfürst hinzugefügt haben, um es seinem Vizekapell- 
meister unmöglich zu machen, seinen nächsten Amts- 
pflichten in Dresden, wo er auch für die Oper zu arbeiten 
hatte, etwas abzubrechen. Durch die erste Bedingung 
aber hoifte man fremde Musiker in das Land zu ziehen 
und Leipzig gewissermassen zu einer Pflanzschule tüch- 
tiger Musiker zu machen. Gerade aus diesen Opern- 
sängern gedachte der Kurfürst die erledigten Stellen in 
seiner eigenen Kapelle wieder zu besetzen. Strungks 
Wohlstand scheint sich jedoch durch die Errichtung des 
Opernhauses nicht erhöht zu haben^ sondern er setzte, 
wenigstens nach seiner Versicherung^), bei dem Unternehmen 
sogar sein ganzes Vermögen zu. Um so begreiflicher ist 
daher sein Bemühen, seinen Vermögensverhältnissen in 
anderer Weise wieder aufzuhelfen. Unter dem 28. Juli 
1699 erhielt Strungk auf seinen Antrag ein neues 
Privilegium. Man übertrug ihm die Oberaufsicht über 
alle Kapellen in den kursächsischen Amtsstädten und 
Dörfern und beauftragte ihn, in den einzelnen Ämtern 
bestimmte Persönlichkeiten als Direktoren einzusetzen und 
die von ihnen zusammengebrachten Kapellen mit gewissen 
Vorrechten auszustatten. Diese Kapellen sollten in Zu- 
kunft ausschliesslich bei allen Hochzeiten und Ehren- 
gelagen aufspielen dürfen, Dorffiedler und ähnliche 
Musikanten aber nicht mehr geduldet werden. Dem An- 
schein nach war es der Regierung hierbei nicht eben um 



*) Fürstenau, Zur Geschichte der Musik und des Theaters 
zu Dresden I, 315; II, 14. 



118 J. 0. Opel: 

die Hebung der Musik zu tUun, sondern ihr Hauptzweck 
war ein fiskalischer. Man hoffte, dass durch diese pri- 
vilegierten Kapellmeister von jedem Feste, an welchem 
sie aufzuwarten hatten, 12 Groschen bis zu einem Thaler 
zur kurfürstlichen Kammer gezahlt werden könnte. 
Strungk gedachte jedenfalls iiieraus auch persönlichen 
Vortheil zu ziehen. Wie lange diese letztere Einrichtung 
gewährt hat, vermögen wir nicht anzugeben: grossen Ge- 
winn scheint jedoch Strungk bei seinem bald erfolgten 
Tode (1700) nicht aus derselben gezogen zu haben. 

Zuucächst musste der rührige Mann auf die Errich- 
tung eines Opernhauses bedacht sein. Zu diesem Behufe 
knifpfte er Verhandlungen an wegen eines Platzes und 
eines Hofes im Brühl, der eine Länge von 84 Ellen von 
der Stadtmauer an besass und neben dem Rathsziinmer- 
hofe 'j-elegen war- Besitzerin dieses Grundstückes, auf 
dem auch Gebäude standen, war Anna Margaretha Sieg- 
fried, Witwe eines Bürgers Daniel Siegfried. 

Am 24. Januar 1693 wurde von beiden Paiteien ein 
Vertrag dahin vereinbart, dass Strungk und seine (ienossen, 
Dr. Heinrich Friedrich Glaser und der kurfürstlich 
mainzisohe Architekt Girolamo Sartorio, den bezeich- 
neten Platz zur Erbauung eines Opernhauses auf 10 Jahre 
gegen eine jährliche Entschädigung von :-'00 Thalern 
mietheten. Zu jeder der drei Messen hatten Strungk und 
seine Mitpächter 100 Thaler zu zahlen, verpfändeten aber 
schon im voraus bei nicht erfolgter Zahlung ihr Opern- 
haus mit allem Inventar und sogar der Garderobe. Kamen 
die Aufführungen einmal nicht zu stände, z. B. in Kriegs- 
zeiten, so musste Strungk demungeachtet die volle Miethe 
entrichten; nur wenn Pest oder „einfallende üble Zeiten" 
die Vorstellungen unmöglich machten, sollte dieselbe auf 
die Hälfte herabgesetzt werden. Der Kontrakt trat Ostern 
1693 in Kraft. Nach Ablauf der festgesetzten 10 Jahre 
hatte Strungk das Opernhaus abzubrechen, den Platz 
wieder in den frühern Stand zu setzen und insonderheit 
auch ein Seitengebäude und Ställe wieder einrichten zu 
lassen und in diesem Zustande Ostern 1703 das Ganze 
wieder zu übergeben. Auf dieser Grundlage ist am 
24. Januar 1693 ein Vertrag zwischen der Witwe Anna 
Margaretha Siegfried einerseits und dem Kapellmeister 
Strungk nebst seinen beiden bereits genannten Genossen 
andererseits unterzeichnet und darauf auch vom Rathe 
iaestätigt worden. (Vgl. Beilage I.) 



Die ersten Jahrzehnte der Oper zu Leipzig. 119 

Der Bau des Hauses wurde sofort in Angriff ge- 
nommen, aber vom Rathe auf die Einsprache eines be- 
nachbarten Hansbesitzers Laub schon im Februar eine 
Zeit lang wieder unterbrochen. Das Haus war 81 '/2 Ellen 
lang, 2872 Ellen und 2 Zoll breit und 22 Ellen hoch und 
lag hinter dem Mossbachischen Wolmhause im Hofe. Man 
scheint den BaU; nachdem die Einsprache jenes Nachbars 
zurückgewiesen war, mit ziemlich grosser Eilfertigkeit 
betrieben zu haben, denn schon im September 1694 hatte 
sich derselbe um eine halbe Elle verschoben; und im Jahre 
1709 wird uns das Opernhaus als ziemlich baufällig be- 
zeichnet. Die Kosten, welche Strungk auf dasselbe ver- 
wendet hat, sollen gegen 10000 Thaler betragen haben. 
Die Eröffnung der Oper fand am 8. Mai 1693 statt, der 
Bau des Hauses hat also ungefähr drei Monate in An- 
spruch genommen. 

Obwohl schon in dieser ersten Pachtperiode mancherlei 
Streitigkeiten zwischen der Verpächterin und Strungk 
entstanden waren, so kam es doch im Jahre 1703 zu 
einer Verlängerung des Kontrakts auf 5 oder 10 Jahre; 
an die Stelle des im Jahre 1700 verstorbenen Kapell- 
meisters trat seine Witwe Christine Strungk. Noch immer 
hatte auch der Landbaumeister Sartorio theil an dem 
Vertrage. Die Bedingungen des neuen Vertrages lauten 
zum Theil noch schärfer, als die des frühern. Die Pächter 
mussten den vollen Pachtbetrag in zwei Terminen, Ostern 
und Michaelis, entrichten. Zahlten sie nicht rechtzeitig, 
so hatte die Verpächterin das Recht, nach Ablauf des 
Sonnabends in der Zahlwoche das Opernhaus mit „genüg- 
samen Schlössern" zu verschliessen und nicht elier wieder 
zu eröffnen, bis die Miethe nebst Zinsen und Unkosten 
an sie abgeführt war. Erkühnten sich die Pächter, ohne 
Erlaubnis der Frau Siegfried das Haus zu eröffnen, so 
verfielen sie in eine neue Strafe von 50 Thalern. Ausser- 
dem sicherte sich die Verpächterin Freibillets zu jeder 
Vorstellung für sich, ihre Familie und vier andere Per- 
sonen und endlich auch noch für ihren Rechtsbeistand 
Dr. Quirin Pöckel und seine Familie. Allen diesen Per- 
sonen musste eine besondere Loge eingeräumt werden. 
(Vergl. Beilage IL) 

Nach dem Tode der Witwe des Kapellmeisters Strungk 
und des Landbaumeisters Sartorio (April 1707) war das 
Opernhaus ziemlich ein Jahr lang verwaist, da die Kinder 
der Verstorbenen sich von der Erbschaft losgesagt und 



120 J- 0. Opel: 

mündlicli und schriftlich erklärt hatten, duss sie mit dieser 
ganzen (Jpernsache nichts zu schaffen haben wollten. 
AA^ihrsclieinlich weigerten sich hauptsächlich die Strungk'- 
schen Erben, ohne weiteres das Erbe ihrer Eltern an- 
zutreten, denn die Besitzerin des Platzes, Anna Margaretha 
Siegfried, nahm nicht nur t ine rückständige Jahresmiethe 
von 300 Tlialern in xVnspruch, sondern forderte auch die 
Tilgung der seit 15 Jahren aufgelaufenen Schulden für 
Kostgeld, Wohnungsmiethe und andere von ihr befriedigte 
Bedürfnisse. Es ist also anzunehmen, dass die Sänger 
und Schauspieler gewöhnlich im vordem Hause der Frau 
Siegfried Aufnahme fanden. Da auf diese Weise die 
Rechtsverhältnisse zwischen beiden Parteien verwickelter 
wurden, kündigte Frau Siegfried ]\!ichaelis 1707 den 
ganzen Kontrakt, so dass derselbe nach der hierüber 
schon im voraus getroffenen Verehd:)arung Ostern 1708 
gelöst wurde. Darauf entscldoss sich ein Schwiegersohn 
des verstorbeneu Kapellmeisters Strungk, Samuel Ernst 
Döbricht, eine ganz neue Vereinbarung mit der Besitzerin 
einzugehen und bot ihr für die Benutzung des Hauses 
während der Oster- und Michaelisraesse je 100 Thaler; in 
der Neujahrsmesse wollte er dagegen das Haus ohne Ent- 
schädigung benutzen. Da diese Anträge wahrscheinlich 
zurückgewiesen wurden, kam Döbricht im April 1708 
vielleicht von AVolfenbüttel, wo wir ihn im Dezember 1707 
antreffen, selbst nach Leipzig und erhöhte sein Gebot für 
die Zeit der Ostermesse auf 150 Thaler. 

Demungeachtet erreichte Döbricht damals seinen 
Zweck nicht, sondern der Rechtskandidat Johann Fried- 
rich Sartorio trat für seineu verstorbenen Vater in den 
Kontrakt ein (11. Aprd 1708). In welcher Weise sieh 
die Strungk'schen Erben an dem ganzen Unternehmen 
in dieser Zeit weiter betheiligten, ist nicht ganz klar. 
Dieser jüngere Sartorio hatte übrigens den Kurfürsten 
schon wiederholt gebeten, ihm das freie Opern- und 
Komödienspielen zu gestatten und ihm zugleich das Pri- 
vilegium seines Vaters zu erneuern, besonders aber scheint 
es ihm auf eine uneingeschränkte Bewilligung, Schauspiele 
im Opernhause in und nach der Messe aufführen zu 
dürfen, angekommen zu sein. Nach dem einem solchen 
Gesuche vom 5. Februar 1708 beiliegenden Kauf vertrage 
hatte er den Antheil seines Vaters für 1800 Thaler von 
seiner Mutter, Emerentia Gertrud geb. v. "VN^indheim, an 
sich gebracht und wollte sich nun bemühen, dem nach 



Die ersten Jahrzehnte der Oper zu Leipzig. 121 

dem Absterben seines Vaters ganz zerfallenen Opernwesen 
wieder aufzuhelfen. Sartorio begründete seine Bitte an 
den Kurfürsten auch mit der Versicherung, dass das 
Fortbestehen der Oper der Stadt Leipzig zur Ehre ge- 
reichen werde. 

Durch Sartorius' Eintritt in den Kontrakt wurde die 
grosse Gefahr, welche über dem Hause und der Oper 
überhaupt schwebte^ überwunden. Denn Frau Siegfried 
hatte sogar mit der Niederreissung des Hauses gedroht, 
so dass sich Döbricht zur Wahrung seines Rechtes sowohl 
an den Kurfürsten Friedrich August, als an den Rath 
von Leipzig wenden musste. In seiner Eingabe beschwerte 
sich der genannte Schwiegersohn Strungk's darüber, dass 
die Besitzerin sich des ganzen Hauses, dessen Erbauung 
seinem Schwiegervater gegen 10000 Thaler gekostet habe, 
glaube anmassen zu dürfen. Ferner wollte sie während 
der Ostermesse 1708 die Benutzung des Hauses gegen 
die Erlegung von 150 Thalern nicht gestatten, weil in 
Jahr und Tag wegen der übeln Zeiten nicht wäre gespielt 
worden und ihr also 300 Thaler rückständig geblieben 
waren. Döbricht behauptete nicht nur, Leipzig würde 
auf diese Weise einer Zierde beraubt, sondern er käme 
auch selbst zu Schaden, da er bereits fremde Tänzer und 
Tänzerinnen von Braunschweig, Hannover und Hamburg 
verschrieben hätte. 

Der Rath verbot hierauf der Besitzerin, das Haus 
niederzureissen oder sich auch nur an demselben zu ver- 
greifen: es sollte vielmehr durchaus in dem vorgefundenen 
Zustande belassen werden. Diesen Mahnungen ist Fi au 
Siegfried jedenfalls gefolgt, besonders nachdem der jüngere 
Sartorio Pächter des Grundstücks geworden war, der viel- 
leicht auch die Ansprüche der Besitzerin an die Strungk- 
schen Erben befriedigte. Sartorio ersuchte darauf den 
Rath um die Bestätigung seines Abkommens mit der Frau 
Siegfried und hat sie jedenfalls erhalten. Erst unter dem 
8. September 1710 unterschrieb auch Samuel Ernst Dö 
bricht den Vertrag als neu angenommener Mitinteressent; 
nach dem Jahre 1713 aber wurde das ganze Abkommen, 
Avie es vor 20 Jahren getroffen war, dahin abgeändert, 
dass die Erlaubnis zur Benutzung des Gebäudes nur auf 
ein Jahr ertheilt wurde. Noch immer scheinen die 
Familien Strungk und Döbricht die Leitimg des ganzen 
Unternehmens in den Händen gehabt zu haben: Samuel 
Ernst Döbricht aus Dahme trat indessen 1716 sein Recht 



122 J 0. Opel: 

an dem Hause au seine beiden Schwägerinnen Dorothea 
Maria Brauns geb. Strungk und ihre Scliwester Elisa- 
beth Katharine Strungk ab. Im Jahre 1719 war das 
Opernhaus sehr baufälhg und es erliob sicli nun ein 
Streit darüber, wem die Verpflichtung der Wiederher- 
steUung obhege. Da mit diesem Jahre überhaupt die Vor- 
steUungen ihr Ende erreichten, wollte niemand das Haus 
abbrechen, so dass Samuel Ernst Döbricht mit Ernst 
Gottlob Siegfried, jedenfalls einem Soluie der gena-.nten 
Besitzerin des Hofes, im Jahre 1725 noch im Prozess lag. 

Später hat sich der Rath selbst ins Mittel geschlagen 
und das Haus wieder hergestellt, welches endlich von dem 
Vorsteher des Waisenhauses erworben wurde^). 

Über den Musiker, welchem Strungk in dem ersten 
Jahrzehnt die Leitung der Oper übertragen hat, und 
über die Sänger, welche damals an ihr gewirkt haben, 
vermögen wir keine genügende Auskunft zu erthcilen. 
Von 1702 bis 1704 aber führte der aus Magdeburg- 
gebürtige Student der Rechte Georg Philipp Telemann, 
wenn wir anders seinen eigenen Worten glauben dürfen, 
die Oberleitung. Von 1704 an war „Melchior Hotfmann 
Musikdirektor an der neuen Kirche, am Collegium Mu- 
sicum und auch an der Oper". Und wenn wir Fürstenau 
recht verstehen, hat HofFmann aucli dies letzte Amt bis 
zu seinem Tode (1728) bekleidet, und somit würde dann 
die musikalische Leitung der Leipziger Oper während 
der längsten Dauer ihres Bestehens ihm anheimgegeben 
gewesen seiu^). 

Erst im zweiten Jahrzehnt des Leipziger Singspiels 
treten zahlreichere Namen von Sängern, besonders Stu- 
denten, und Sängerinnen hervor. ^\'^ahrscheinlich aber 
haben auch schon früher hauptsächlich Studenten die 
Männerrollen gesungen; in Frauenrollen ist damals die 
Frau eines Lehrers an der Thomasschule, Paul Thiemich, 
thätig gewesen. Dass Studenten an der Oper mitgewirkt 
haben, war schon längst bekannt: in einer im Jahre 1725 
erschienenen Beschreibung Leipzigs ist sogar noch von 
dem grossen Opernhause im Brühl die Rede, „darinnen 
alle Messen von denen unter denen Studenten be- 



*) Vgl. auch Blüuiner, Geschiclite des Theaters in Leipzig, 
S. .S2— 36, dessen Angaben etwas abweichen. 

*) Fürstenau, Geschichte der Musik und des Theaters zu 
Dresden II, 15, 101. 



Die ersten Jahrzehnte der Oper zu Leipzig. 123 

findlichen Virtuosen die schönsten Opern präsentiert 
werden"*). 

Nach dem Tode des Kapellmeisters Strung-k (20. Sep- 
tember 1700) finden Avir seine Kinder und die Sänger- 
familie Döbricht im Besitze von Hauptrollen, und auch 
die Namen der damals mitwirkenden Studenten sind zum 
Theil bekannt. Wir liaben diese Namen einer Samm- 
lung®) von 27 Operntexten entnommen, von denen die 
meisten für die Leipziger Oper zusammengestellt und 
mehrere mit den Namen und dem Rollenfache der Sänger 
und Sängerinnen bezeichnet sind. Ein Opernbesucher 
hat diese Texte offenbar bei den Aufführungen benutzt 
und die Namen der ausführenden Künstler und die Stim- 
men, in welchen ihre Rollen lagen, hinzugefügt. 

Das erste Singspiel, welches in dem neuen Opern- 
hause gegeben wurde, war eine Alceste. Sie ging in der 
Ostermesse 1693 (8. Mai) über die Bühne. Den Text 
derselben hatte der bereits erwähnte Lehrer der Tliomas- 
schule Paul Thiemich nach einem italienischen Original 
des Aurelio Aureli zusammengestellt und Strungk in 
Musik gesetzt. Thiemichs Gattin wirkte in dieser Oper 
als Sängerin mit. Der Kurfürst Johann Georg IV. 
wohnte der Eröffnung der Oper selbst bei '). Hierauf 
wurden "bis zum Jahre 1719 jährlich gewöhnlich drei, 
bisweilen aber auch mehr Opern aufgeführt. In den 
Jahren 1703 und 1704 konnten die regelmässigen Besucher 
aller Messen je sechs, 1710 sogar neun Opern hören. 
Man wechselte also auch bereits während einer Messe 
mit den Stücken. Das Opernhaus an sich stand in der 
Schätzung der Kunstfreunde nicht sehr hoch. Dagegen 
wirkten im zweiten Jahrzehnt des Bestehens der Oper 
einige ausgezeichnete Sänger und Sängerinnen an der- 
selben. Von dvn letzteren gehörten damals mehrere zu 
den Familien Strungk und Döbricht, die in sehr nahe 
verwandtschaftliche Bezielumgen zu einander getreten 
waren, nachdem Samuel Ernst Döbricht, jedenfalls ein 



*) Das in ganz Europa berühmte galante und sehenswürdige 
Königliche Leipzig 1725. 

*) Der Band trägt die äussere Aufschrift: Opern und Pastorelle 
auf den Schauplätzen zu Oettingen, Leipzig, Rudelstat, Naumburg 
und Hamburg vorgestellt (Ga. 302) und ist Eigenthum der Gym- 
nasialbibliothek zu Merseburg. 

')Fürstenau, Geschichte der Musik und des Theaters zu 
Dresden I, 319. 



124 J- 0- ^^Pel: 

Sohn des einst in Halle und Weisseufels angestellten 
Kammcrinusikers Daniel Döbricht, sicli mit Philippine 
Strungk, einer Tochter des verstorbenen Kapellmeisters, 
verheirathet hatte. Da diese als „Mad. Pli. Döhrichten" 
die Sopraurolle des Askanius im Aneas während der 
Ostermesse 1705 sang, wird die Verlicirathung- schon 
einige Zeit vorher stattgefmiden haben. Neben ihr wirkte 
damals in demselben Singspiele ihre Schwester „Elisabeth 
Strungken" als Lavinia und zugleich zwei Schwestern 
Döbrichts, Johanna und Christiane Döbricht. Die letztere 
sang die Rolle der Camilhi; der Liebhaberin des Askanius, 
welchen ihre Schwägerin darstellte, und ausserdem die 
der Venus, die erstere die des Cupido. So waren also 
damals nicht weniger als vier Frauenrollen in den Händen 
von Mitgliedern dieser beiden Familien. Beide Schwestern 
Döbricht gehörten dieser Operngesellschaft auch im Jahre 
1706 an, wo während der Peter- Paulsraesse in Naum- 
burg a. S. ein Telemaque aufgeführt wurde. Nach dem 
Rollen Verzeichnisse, in welches beide mit Vor- und Zu- 
namen eingetragen sind , waren sie mit Sopranrollen be- 
dacht; ihre Schwägerin Lieschen (Elisabeth Strungk) sang 
damals Kalypso, deren Nymphe Eucharis Christiane Dö- 
bricht war, während der Sänger Döbricht die im Alt 
liegende Rolle des Neptun hatte. Die beiden Schwestern 
Döbricht und Elisabeth Strungk waren an der Oper zu 
Leipzig auch noch 1708 und 1709 beschäftigt und sind 
wahrscheinlich noch länger, wenn auch vielleicht mit 
Unterbrechung, an derselben thätig gewesen. Zur Neu- 
jahrsmesse 1709 finden wir den Namen Döbricht nur 
hinter einer Tenorrolle, Ostern 1709 erscheint derselbe 
Name hinter einer MännerroUc im Alt, der Name „Dö- 
bricliten" hinter einer Männerrolle im Diskant. Ausserdem 
aber traten in demselben Stücke Mario nur noch zwei 
Frauen auf, welche als Ludwigin und Lieschen bezeichnet 
werden. In der letzteren erblicken wir die bereits er- 
Avähnte Elisabeth Strungk und in der ersteren werden 
wir eine der Schwestern Döbricht vor uns haben, wahr- 
scheinlich Christiane, welche sich mit dem Sänger Ludwig, 
der schon Weihnachten und Ostern 1704 in Altrollen 
in Leipzig aufgetreten war, verheirathet hatte. Johanna 
Eleonore Döbricht wurde im Jahre 1713 die Gattin des 
Kapellmeisters und Kiüegsraths Hesse in Darmstadt *) und 



') Vgl. auch Fürstenau II, 133. 



Die ersten Jahrzehnte der Oper zu Leipzig. 125 

gehörte zu den berühmtesten Sängerinnen ihrer Zeit. 
Eine dritte Schwester, wahrscheinlich die jüngste, mit 
dem Konzertmeister Siraonetti in Braunschweig verhei- 
rathet, erwarb sich als Opernsängerin in Braunschweig 
gleichfalls grosse Anerkennung®). 

Es ist sehr leicht möglich, dass der Bruder dieser 
Sängerinnen, Samuel Ernst Döbricht, dem seiner nahen 
Verwandtschaft mit der Familie Strungk wegen an dem 
Gedeihen der Oper so viel gelegen sein musste, während 
dieser Zeit auch einen grossen Einfluss auf die Leitung 
der Oper besessen hat und vielleicht sogar zeitweise Di- 
rektor derselben gewesen ist, wie Grerber behauptet hat. 
Allein etwas bestimmtes vermögen wir hierüber nicht mit- 
zutheilen, und die Behauptung Gerbers, dass Döbricht ein 
„berühmter Akteur und fertiger Bassist" gewesen sei, 
muss dahin berichtigt werden, dass in den von uns ein- 
gesehenen Rollen Verzeichnissen der Name „Döbricht" nur 
hinter Männerrollen im Alt und Tenor erscheint. 

So trat also Philippine Strungk (geb. Döbriclit) 1704 
und 1705 in Sopranrollen auf. Ausserdem aber finden 
wir in derselben Stimme noch die Sängerinnen Christiane 
Döbricht (1705, 170G, 1708) und Johanne (Mad. Joh. D.) 
in denselben Jahren, und ohne Angabe eines Vornamens 
eine Künstlerin „Döbrichten", „Döbrichtin" 1704, 1708, 
1709. Ferner begegnen wir im Jahre 1704 einer Sopran- 
sängeriu Köder (Ködern), in demselben Jahre und auch 
1706 trat in derselben Stimme die Sängerin Decker auf. 
Ausserdem erscheinen im Sopran noch die Namen Lotti'") 
(B. Lotti, 1708 und 1709), Benedicte (1706), Pechuel 
(1708, 1709), Wagner (1709); Herl . .. (1709) und Lud- 
wigin (1709). 

Unter den Altistinnen scheint ein so grosser Wechsel 
in diesen Jahren nicht stattgefunden zu haben. Wir ver- 
mögen als solche die bereits mehrmals erwähnte Elisabeth 
Katharina Strungk (Lieschen) in den Jahren 1704, 1706, 
1708 und 1709 nachzuweisen. Ausserdem erscheinen im 
Alt noch die Namen Döbricht, Ludwig (1704), Schürmann 
(1706), Schütze (1704, 1705) und Krohn. Die beiden 
ersten Namen bezeichnen, wie schon ausgeführt ist, jeden- 
falls Männer, und wahrscheinlich auch der dritte. 



•) Ygl. Gerber, Lexikon I, 346; II, 522. 

'*) Wahrscheinlich die 1717 in Dresden auftretende Sopranistin 
Santa Nella Lotti, Fürstenau a. a. 0. II, 105. 



126 J- 0- Opel: 

Als Tenoristen waren längere Zeit an der Oper 
Luther (1704—1708) und Knöchel (1704-1709) beschäf- 
tigt. Sie hatten sich so in die Rollen getheilt, dass der 
erstere die lyrisch-sentimentalen, der letztere die komisch- 
possenhaften darstellte. Der erstere i.st jedenfalls identisch 
mit dem Studenten Friedrich Martin Luther aus Erfurt, 
welcher im Jahre 1704 immatrikuliert wurde"). Die 
Liebe zur Musik war also in dem späten Nachkommen 
des Reformators so mächtig, dass er wahrscheinlich wäh- 
rend seiner ganzen Studienzeit in Leipzig eins der Haupt- 
fächer in der Oper vertrat. 

An Knöchels Stelle, den wir imter den damaligen 
Leipziger Studenten nicht nachzuweisen vormögen, findet 
sich 1708 und 1709 Grinitz (Krinitz). Ein Studiosus 
Johann Christoph Grenitz wurde in Leipzig 1708 im- 
matrikuliert. Er war aus Weissenfeis gebürtig und ist 
jedenfalls der ebengenannte Opernsänger. Bekannter als 
diese studentisclien Opernsänger ist der bereits erwähnte 
Georg Philipp Teleraann geworden, ein Predigerssohn 
aus Magdeburg, welcher 1701 mit der Absicht, juristische 
Studien zu treiben, nach Leipzig gekommen war, aber 
schon 1702 einen studentischen Musikverein begründete 
und in dieser Zeit seiner eigenen Versicherung nach die 
musikalische Leitung der Oper bekam. Er trat aber 
auch als Sänger in Tenorrollen auf und zwar in der 
Neujahrsmesse 1704 zusanmien mit ßendler, einem andern 
Leipziger Studenten, Luther, Ludwig und Knöchel; er 
sang damals den verliebten Schäfer Eristeus im lachenden 
Demokritus und in der Ostermesse 1704 den römischen 
Bürgermeister Domitius im*,Cajus Caligula". Allein Tele- 
raann ist damals und noch später für die lieipziger 
Oper auch als Komponist thätig gewesen; seiner eigenen 
Versicherung nach hat er einige zwanzig Stücke, und zu 
manchen noch die Texte, für Leipzig geliefert '^). Li 
dem Rollenverzeichnis des Caligula (1704) ist neben Tele- 
mann der Name Langmaass eingetragen. Wir halten 
diesen Sänger für einen Leipziger Studenten gleiches 
Namens, welcher sechs Jahre auf der Universität zu- 
gebracht haben soll und im Jahre 1710 einen Ruf nach 
Eisenach als Kammerverwalter und Bassist erhielt. Dieser 



' ') Diese Nachweisungen verdanke ich der Güte des Herrn Raths 
Dr. Meltzer in Leipzig. 

'*) Israel, Frankfurter Konzertchronik S. 7. 



Die ersten Jahrzehnte der Oper zu Leipzig. 127 

Gottfried Langmaass hat sich auch als Komponist bekannt 
gemacht Im Jahre 1706 sang er noch als Mitglied derselben 
Operngesellschaft in der zur Peter- Paulsmesse in Naum- 
burg a. S. aufgeführten Telemach. — Im Narcissus gab zur 
Neujahrsmesse 1709 die lyrische Tenorrolle Seladon ein 
gewisser Jacobi, in dem wir vielleicht einen Studenten 
Georg Jacobi aus Oberwiukel erblicken dürfen, welcher 
1706 die Universität Leipzig bezog. Doch wurde auch 
schon ein Jahr früher ein anderer Träger dieses Namens, 
Daniel Jacobi aus Erfurt, immatrikuliert. Von einem 
andern Tenoristen Rehm, welcher 1706 im Belesus und 
Arbacus auftrat, wissen wir ebenso wenig wie von dem 
im gleichen Jahre erscheinenden Tenoristen Sauer. 

Während dieser Jahre (1704 — 1709) und wahrschein- 
lich schon vorher gehörte ferner der als Bassist und Schau- 
spieler später mit Ehi'en genannte Bendler *^) dieser 
Operngesellschaft an. Auch er war ein Mitglied des von 
Telemann begründeten studentischen Musikvereins, und 
zwar eins der ausgezeichnetsten. Telemann hat seiner 
und eines andern Studenten Petzhold noch später gedacht 
als „ungemeiner Bassisten und Akteurs in Wolfenbüttel 
und Hamburg". Möglicherweise war er ein Sohn des 
Kantors und Schulkollegen Johann Philipp Bendeler zu 
Quedlinburg, welcher über die Orgel geschrieben hat. 
Ferner sang Michaelis 1704 in der Oper Germanikus die 
Basstitelrolle Grunwaldt, jedenfalls ein und dieselbe Per- 
sönlichkeit mit dem Vizekapellmeister und Kammermusikus 
Gottfried Grunewald (Grünewald) in Weissenfeis (1709). 
Ein anderer Bassist der Leipziger Oper, Feetz (1708, 
1709), hatte an diesem kunstsinnigen Hofe ebenfalls eine 
Anstellung gefunden: Johann Heinrich Feetz (Fitze, Fetze, 
Fretz?) war 1706 — 1709 Kammerrausikus und Sekretär 
in ^A^eissenfels. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat er also 
beide Amter in Leipzig und in Weissenfeis zu gleicher 
Zeit bekleidet. Zu den genannten Basssängern treten 
noch die uns unbekannten Rennert (1704 — 1706) und 
Florus (Michaelis 1704) hinzu, die wir auch als Leipziger 
Studenten nicht nachzuweisen vermögen. 

Als Altist ist im Rollen Verzeichnisse des 1706 in 
Naumburg gegebenen Telemach noch Schürma[nn] ge- 
nannt. Wir sehen in ihm George Kaspar Schürmann, 
welcher zuerst in Hamburg als Kirchen- und Opernsänger 

'*) Kneschke, Zur Geschichte des Theaters und der Musik 
in Leipzig, 174. 



128 J- 0- ^Pel = 

aufgetreten war, dann nach Braunschweig ging, eine 
Studienreise nach Italien unternahm und 1702 meiningi- 
scher Hofkapellmeister wurde. Von der Leipziger Oper 
scheint er sich auch bald wieder losgelöst zu haben, denn 
wir begegnen. ihm schon 1707 in Braunschweig wieder. 
Da Schürmann selbst einen Teleinach komponiert hatte, 
sang er vielleicht in Naumburg in seinem eigenen Stücke. 

Zur Neu Jahrsmesse 1702 wurde Galathca, eine Pasto- 
relle, aufgeführt. Der Verfasser erklärt in einem Vor- 
worte, Text und Musik bereits vor vier Jahren zu Leip- 
zig, aber für einen andern Schauplatz, verfertigt zu haben. 
Indessen die Auffülu'ung unterblieb damals. Darauf ent- 
schuldigt sich der Musiker, wenn „die Musik nicht nach 
derjenigen Delikatesse schmecken sollte, die sonst auf 
dergleichen Theatern vorgetragen wird". Er würde das 
meiste geändert haben, wenn ihn daran nicht andere Be- 
schäftigungen gehindert hätten. Die Oper zählt zehn 
Personen;' unter ihnen findet sich auch Jupiter, ferner 
Palas, die Göttin der Schäfer, und Ceres, die Göttin der 
Früchte. Ferner enthält das Singspiel drei Balletts, welche 
von Schäferinnen, von Cyklopen und von Göttern, Schäfern 
und Schäferinncin getanzt werden. 

In der Micliaelismesse 1703 gab man einen Ulysses 
als Oper. Eine Verwandlung in derselben zeigt uns das 
Zimmer der Penelope mit einem Bette. Perseus und 
Androracda ging in der Neujahrsmesse 1704 über die 
Bühne. Dem Personenverzeichnisse sind hier zum ersten 
Male die Namen der Sänger beigefügt. Cepheus, König 
in Äthiopien, wurde von Ben d 1er, Perseus von Luther, 
Phineus, Liebhaber der Andromeda, von Ludwig, Le- 
porio, lustiger Rath des Cepheus, von Knöchel gesungen. 
Die Rolle des Morpheus, welcher auf besonderer Maschine 
der Andromeda den Perseus gefesselt vorstellte, wurde 
von Döbricht, und Jupiter im Göttersaale von Bcndler 
dargestellt. Unter den Verwandlungen eischien auch hier 
ein Schlafzimmer mit einem Bett. Cassiopeia, die Ge- 
mahlin des Cepheus, fand ihre Vertreterin in Lieschen 
(Elisabeth Kath. Strungk) und Andromeda in einer uns 
unbekannten Sängerin Rödern. 

Das Personenverzeiclmis des während der Neujahrs- 
messe 1704 aufgeführten lachenden Demokritus geben wir 
vollständig wieder: 

B[assus]. Demokritus, B endler. 

T[enor]. Lysimaclius, König der Abderiten, Luther. 



Die ersten Jahrzehnte der Oper zu Leipzig. l29 

A[ltus]. Arbai'es, sein geheimer Rath, Ludwig. 

A[ltus]. Des Lysimachus Schwester, Lieschen. 

C[antus]. Cosmirus, Prinz der Abderiten, Ködern. 

C[antus]. Olinda, eine Bäuerin, Philipp ine (geb. Struncli). 

T[enor]. Eristeus, verliebt in Olinden, Telemann. 

A[ltus]. Macrina, eine Matrone und Wärterin der Rosinda, Döbricht 

T[enor]. Des Demokritus Diener, Knöchel. 

Zur Osterinesse 1705 wurde Aneas gegeben, dessen 
Personenverzeichnis wir noch anführen wollen: 

1) Trojaner: Aneas, Lutherus. Askanius Julus, 
der Camilla Liebhaber, Mad. Joh[anna] Döbrichten. 
Ilioneus, der Heerführer des Aneas, Rennert. 2. La- 
teiner: Latinus, Langmaass. Lavinia, Elisabeth 
Struncken. Turnus, Döbricht. Camilla, Christ[iane] 
Döbrichten. Celsus, des Königs Latinus Sohn, Knöchel. 
Birena, der Lavinia Amme, Schütze. Nisus, des Celsus 
Diener, Götze. Ferner erscheinen vier Gottheiten: 
T[enor] : Fatum »Knöchel; C [antus] : Venus, C h r i s t [i a n e] 
Döbricht; B[assus]: Vulkanus, Rennert; C[antus]: 
Cupido, Joh[anna] Döbricht. Auch drei Cyklopen 
kommen in dem Stücke noch vor. Schon die erste Scene 
war reich an seltsamen Schaustücken. Am gestirnten 
Himmel erblickte man das Fatum, auf der Erde das Kriegs- 
heer des Aneas, auf der See die Flotte. Das Fatum 
schrieb und verleibte Aneas dem Buche der Ewigkeit 
ein. Auch Venus war schon in der ersten Scene eine 
bedeutende Rolle zugetheilt. 

Besonders reichhaltig an Sehenswürdigkeiten war 
die in der Peter- Paulsmesse 1706 zu Naumburg a. S. 
zur Darstellung kommende Oper Telemaque. Sobald die 
„Courtine" aufgezogen wurde, liess sich von oben ein 
ganzes aus Wolken bestehendes Th«ater herunter, in 
welchem Jupiter, Venus und Cupido sassen. In der 
zweiten Scene ging das Theater wieder in die Höhe, und 
es verwandelte sich alles in Meer, auf welchem Neptun 
mit seinem Wagen und Seepferden, in der Hand den 
Dreizack haltend, erschien. 

Der ersten oder sentimentalen Haupthandhmg steht 
meistens eine komische oder possenhafte Nebenhandlung, 
welche gewöhnlich Dienern zugewiesen ist, gegenüber. 
So ist es auch in Atalanta oder den verirrten Liebhabern 
der Fall, deren Verfasser in einem Vorberichte sich ver- 
wahrt, dass seine Fabel nur eine Übersetzung der italie- 
nischen Oper Le rivali concordi sei. Die lustige Person 

Neues Arohiv 1". S. G. u. A. V. 1. 2. 9 



130 J. 0. Opel: 

Straton äussert hier ihren Ärger ül)cr hesclnverliche 
Botengänge in einer Arie, wie folgt: 

„Nur Laufen und Rennen, Das luit man zu Lohn, i^on^t kiiegt 
man bei Hofe Nichts weiter davon. Stets .Arbeit und l'hige Bei 
Nacht und bei Tape; Und thut man es sehen, So muss man docli 
oftmals Die Finger verbrennen. Nur Laufen und Rennen Das hat 
man zu Lohn, Sonst träort man bei Mofe Nichts weiter davon." 

Bisweilen trügt die Sprache und Ausdrucksweise, be- 
sonders in den komischen Ivfdlcn, ein unverkennbar obor- 
sächsisches (Gepräge. Lorax, der Bediente des Theseus, 
singt in derselben Atalanta die Ari«-: 

„Liebe, du machst mich noch toll, Im Ki^iifc verirret, Verriukt 
und verwirret, Kann ich bald nicht seilen, Wohin ich mich drehen 
Und wenden mehr soll . . ., Indessen ach weh! So kribelt und krabelt, 
So zibelt und zabclt Mir alles im M.agen, Und kann es nicht sagen, 
Wie ich es versteh." 

Dieser Possenhaftigkeit tritt freilich in diesem wie 
fast in allen anderen von uns eingesehenen Stücken ein 
gewisser volksthUralicher, elegischer Ton in Emptindung 
und Ausdruck ziemlich unvermittelt gegenüber. So singt 
Phädra in derselben Atalanta: 

„Ich kann nicht wanken In meiner Treu, AVas mich entzündet 
und was mich bindet, Bleibt den Gedanken Doch täglich neu." 

Sehr stark, ja übertrieben und grobianisch ist jener 
biudeske Zug in der bereits olien erAvähnten Galathea, 
so dass der Cyklop bisweilen geradezu in die Rolle des 
Maus Wurst lallt. Der in Galathea verliel^te, aber von 
ilir verschmähte Polyphem bramarbasiert mit seiner Stärke 
in der ersten Scene des zweiten Aktes: 

„Mein starker Arm verlacht Die Menschen und die Götter, 
Des Jupiter sein Donnerwetter, Das wird von mir nicht sehr geacht. 
Vor seinen harten Keilen Erschreck ich fast nicht mehr, Als vor 
der Kinder Ptitsche- Pfeilen. Auf mein Geheisse muss das Heer der 
Sterne schimmern , Das Wasser von den Fischen wimmern" u. s. f. 

Über die Zurücksetzung, Avclche ihm von Galathea 
zu tlieil wird, beklagt er sich mit den Worten: 

„Sie konnte keinen würdigern Galan Als mich erkiesen: So 
aber siebet sie nach kleinen Zwergen Und labt sich noch an solchen 
Quiirgen" u. s. f. 

Eine zweite komisehe Rolle ist in diesem Stücke 
PaduUus, welcher ebenfalls für Galathea entbrannt ist. 
Sie ist im ganzen massvoller gehalten, nähert sich aber 
der des Hans Wurst noch mehr. Auch Padullus sieht sich von 
Galathea getäuscht oder wenigstens zurückgewiesen und 



Die ersten Jahrzehnte iler Oper zu Leipzig. 131 

macht seinein Arger zuerst in einer loseren rytlimischen 
Reihe und dann in einer Arie Luft: 

„Seht, was Cupido thut, Der kleine Fiuifzehnhut , Bald hat 
er uns geschossen, Bald veisset er viel andre Possen, Dergleichen 
man ofte nicht vernuith't. Seht, was Cupido thut, Der kleine Funf- 
zehnhut." 

In einer andern 8cenc, die sich weniger frei vom 
Unziemlichen hält, lässt er sicli verlauten: 

„Ja, ja, die Hekuba Sitzt mir im Herzen da. Die plagt mich, 
es ist Schand und Sünde, Der Henker steh die Marter aus, Wo ich 
nicht bald ein Messer tinde Und schneide diese Dirne raus, So geh 
ich vor mein Leben keine Laus, Ja, ja" u. s. f. 

Einige Scenen weiter unten geht dieser Humor in 
die Posse über. Da man aus dem zerrissenen Schleier 
der Galathea schliessen zu müssen glaubt, dass auch die 
Schäferin von Polyphem zerrissen ist, erklärt Padullus: 

„Weil ich noch den Tod der Schäferin nicht kann vergessen. 
Wie sie der grobe Kerl gefressen, So muss ich die Tragödie Von 
dieser (Jalathe Euch präsentieren Und also noch ihr Grabmal helfen 
zieren." 

Während einer Arie entnimmt er darauf seinem Schieb- 
sacke eine Puppe (Galathea), ein gi-osses geschnitztes Bild 
mit einer Larve (PoIyphem\ einen langen Weberbaum, 
eine Wasserkanne, eine Schossbank und beginnt die ganze 
(jreschichte darzustellen imd also auch die verschiedenen 
Personen durch den (iesang zu charakterisieren. Da seine 
eigene Rolle jedenfalls im Tenor oder im Baryton lag, 
bestand also ein Hauptreiz der Scene darin, dass der 
Sänger in den Bass heruntergehen und auch den Diskant 
erklimmen musste. Wenn er sich aber in den mittleren 
Lagen bewegte, stellte er Ulysses dar. 

Die Vorstellung beginnt mit der Weisung an die 
Zuhörer : 

„Das ist der grosse Riese, Und das die Galathe, sein Zu- 
fremüse. Ich will Ulysses sein, Ihr Leute nehmet recht des Spieles 
Inhalt ein." 

Padullus als Polyphem: „Mit deinen Burschen bin ich fertig, 
Nun sei auch du Dergleichen Tractements gewärtig, Ich fresse dich, 
und diese noch dazu." — Ulysses: „Ach! Dass ihr mich doch so 
erschrecket. Ihr habt ja dieses Mal genug. Und weil ein guter 
Trunk Auf einen guten Bissen schmecket, So rieth ich euch, ihr 
thätet mir Bescheid." 

Der Riese thut darauf Bescheid, d. h. Padullus füllt 
dem Bilde durch einen Trichter den Inhalt der Kanne 
in den Hals, und es beginnt darauf ein Duett zwischen 

9* 



132 J- ^. Hpel: 

Polyplieiu und Galathea, in flcin Padullu.s natürlich beide 
Stimmen zu i^ingen hat. Darauf folgt ein anderes zwischen 
Ul3'8ses und Polypheni: 

Ulysses: ..Herr Polyplienins, tlmt es nicht." — Polypliem: 
„Neiu, nein, ich bin darauf erpicht." — Ulysses: ^So gönnt 
mir doch nur dieses Glücke, Und lasset mir ein Bein zurücke. " — 

Ich thu' es Ich bin 

Ulysses midPolyphem: „Nein, ^^eiu,'^^- ^,,^,3^ ^^ nicht. f;:;p^^^ 

zu sehr darauf erpicht." 

Diesen letzten Text werten ist die Bemerkung bei- 
gefügt, dass der Sänger thue, als wenn er zwei Stininieu 
auf einmal singen wolle! Natürlich bohrt nun l'adullus- 
Ulysses dem Bilde auch das Auge aus und scldiesst 
darauf seine nuisikalische Burleske mit der Versicherung: 

„So bin ich gut davor, dass er mich nirgends tindo. Ihr Leute 
helfet mir vor Freude lachen. Der Kerl, der ■v\'ill noch nicht erwachen. 
Oligleicli der Staar ilun schon gestochen ist, Ich gehe fort und 
schlepp ihn auf den Mist." 

Damit schlieset der zweite Akt und in der ersten 
Sccnc des folgenden singt Acis, Galatheas Geliebter, 
mit einem Lorbeerkranze im Arme sein Klagelied ül)er 
Galatheas Geschick. Das Stück schliesst mit einem 
Chorliede, auf welches ein Ballet der Schäfer und Schä- 
ferinnen folgt. 

Auch andere Texte verrathcn in ihrer S])rache und 
ihrer Darstcllungsform ihre obersächsische Herkunft, und 
besonders der komische Thcil streift bisweilen geradezu 
das Gebiet der Leipziger Lokalj)osse. So lässt sich in 
Cyniras und Irene, aufgeführt zur Ostermesse 1708, der 
lustige Diener Neopompus, das Gegenbild seines Herrn 
Leonidas, also vernehmen: 

„Weil ich nicht weiss, "V\o meine Iphis ist geblieben, Jetzt geh 
ich aus, sie aufzusuchen, Und finde ich sie nicht, Ist mir von lauter 
Briegelkuchen Die Mahlzeit zugericht. Allein Was seh ich vor ein 
Dorf? Es sieht wie Meckern aus. Doch nein, Ich irre mich, Es ist 
ganz sicherlich Das liebe Kunuewitz: Da muss ich in die Pfiaumeu 
gehu." 

Die Beständigkeit und die eheliche Treue der Pene- 
lope bilden den Inhalt der in der Michaelismesse 1703 
aufgeführten Oper Ulysses, deren Personen natürlich 
nichts Griechisches ausser den Ueroennamen an sich tragen, 
während Charakter und Stimmung derselben durchaus 
dem Zeitgeschmacke angehören. Auch liier sind die 
Gegensätze nicht im geringsten ausgeglichen oder auch 



Die ersten Jalirzelinte der Oper zu" Leipzig. 133 

nur vermittelt. Wir liöreii die von dem Gatten getrennte 
Dulderin klagen: 

„Mein Entzücken, meine Kuli, Liebster Schatz, wo bleibest 
du? Warum linderst du doch nicht Meine Schmerzen, Angst und 
Sehnen? Komm und wisch die bittern Thränen Von dem blassen 
Angesicht." 

Elvinda aber, Ihre Tochter, tröstet die auf dem Bette 
sitzende Mutter: 

„Liebste Mutter, weinet nicht. Denn die Schmerzen, so euch 
drücken, Brechen auch mein Herz in Stücken Und benetzen dies 
Gesicht, Liebste Mutter, weinet nicht." 

Auch hier ist in die ernste Handlung eine scherzhafte 
verwebt, deren Trägerin Filena, die Dienerin der Königin, 
und Gildo, der Diener des Ulysses, shid, die denkbar 
grössten Gegensätze zu den ersteren. Filena spricht sich 
über die Männer aus: 

„In Summa, die verliebten Aften Sind alle keinen Dreier werth. 
Bald wollen sie nach Marthchen galten, Bald haben sie den Sinn 
nach Käthchen hingekehrt. Da heisst es denn; mein Hühnchen, 
Lämmchen, Schätzchen, Mein Marcipan, mein Zuckerplätzchen" u. s. f. 

Und Gildo erklärt dieser Filena seine Liebe in der 

Arie : 

„Du Fliegenklatsche aller Grillen, Du Löschpapier der Traurig- 
keit, Wenn wiltu dessen Wunsch erfüllen, Der sich zu eigen dir 
anbeut. Du Honigpemme süsser Freuden, Ach wende doch einmal 
mein Leiden" u. s. f. 

Da das Gesetz des Landes bestimmt, dass die Königin 
bei den Leichenfeierlichkeiten für den verstorbenen Ge- 
mahl eine neue Ehe eingehen musS; so veranlasst Penelope 
Ariene, Prinzessin von Memphis, sich für Arconte, den 
vSohn eines grossen Königs auszugeben, der Penelope auf 
seinen Thron erheben will. Dafür soll sie später mit 
Lutezio vermählt werden, welcher freilich Penelope selbst 
zu erhalten wünscht. Bei diesen Feierlichkeiten naht 
sich Ulysses der Penelope in einer Verkleidung, erweckt 
aber demungeachtet in der Königin eine sehr lebhafte 
Erinnerung an den angeblich verstorbenen Gemahl. Die 
ganze erste Scene wird durch eine Instrumentalmusik von 
„Haubois, Flöten und Violinen" beschlossen. Penelope 
erwählt sich übrigens Ulysses von neuem zuiu Gemahl 
und König, welcher indessen die Hand derselben erst 
annimmt, nachdem er sich davon überzeugt hat, dass sie 
ihm immer treu geblieben ist. 



o' 



In dem laclieiulen Dcinokriltis, wclolier 1704 wülirend 
der NeujnlirsiiK'Sse über die Biilnu' ^ing, wird dem in 
der Zurückgezogeidieit und Kntluiltsundveit lel>enden Pliilo- 
soplien der lustige und sclnnurotzeriselie Diener Telo 
ireji'enüber bestellt. Das Stück war in Wien bereits zwei- 
mal in italienisclu-r Sprache gegeben worden. Das RuUen- 
vcrzeiclmis enthält ntuni Stinumni. Die beiden Sopran- 
stimmen sind (Jlinda, einer Bäuerin, und Cosmirus, dem 
Prinzen der Abderiten, zwei Liebenden, zuertheilt. Da 
beide Namen mit C[antusJ bezeichnet sind und hinter 
Cosmirus der Name Kiklcrn (Rüderin) eingetragen ist, so 
wurde die letztere Rolle wahrscheinlich auch von einer 
Frauenstimme gesungen. Neben den zwei Sopranen stehen 
drei Altrollen: Macrina, eine Matrone und Wärterin der 
(Clinda, gesungen von Frau Döbiiclit; Resinda ist Lies- 
chen (Striuick) übertragen, und Arbaces sang der Sänger 
Ludwig. Unter den drei Tenören hatte Luther den König 
der Abderiten, Lysimachus, darzustellen, Telennmn den in 
Olinden verliebten Schäfer Eriateus und Knöchel den 
Diener Demokrits, Telo, Die einzige Bassrolle ist die 
des Demokrit, welche Bendler sang. Die Tänze sind 
Köchen, Kavalieren und — Bären zuertheilt. 

Auch in dem zur Ostermesse 1704 aufgeführten Cajus 
Caligula hatte eine Sängerin eine Älännerrolle Claudius 
im Sopran zu singen. Telemann wirkte in dieser Oper 
Zinn letzten Male, und zwar in einer Tenorrolle mit. 
Auffällig ist eine Entschuldigung des Verfassers des 
Textbuches, weil er sich der Worte Geschick, Ver- 
hängnis, Götter und ähnlicher Ausdrücke ziemlich häufig 
l)ediente. Er versichert, dass diese Worte von dem Sitze 
der Musen herkommen, nicht aber von der Meinung des 
Herzens, und will sich aul' diese Weise schon im voraus 
gegen die Angritfe der theologischen Gegner der Oper 
decken. 

Aus den späteren Aufführungen gedenken wir noch 
der Oper Adonis, welche in der Charwoche 1708 geboten 
wurde. Hier finden sich zwei Tenöre, ein lyrischer imd 
ein Tenoibuttü, drei Bässe, zwei Sopran- und eine Altrollc. 
Die Besetzung der Stinmien ist folgende: im Tenor er- 
scheinen Luther und Krienitz (Grinitz), im Bass Lang- 
raaass in zwei Rollen und Fetz, im Alt Frau Strungk, 
ira Sopran Christ. Döbriclit und Frau Joh. Döbricht. 
Diese Oper bot durch ihre Ausstattung ganz besondere 
Reize. Gleich zu Bc'iinn des Stückes liess sich Venus 



Die ersten Jahrzehnte der Oper zu Leipzig. 135 

auf einer Wolke auf die Erde nieder, luid zwar unter 
dem Gesänge der Strophe: 

„Angenehmste Zephyr- Winde, bringet meine Seufzer bin, Tragt, 
ach traget sie geschwinde, doch gelinde: Wo i<:li in Gedanken bin 
(Da (•apo)." 

Darauf beschwört Venus den greisen Proteus, ihr 
kund zu tliun, wie es ihr mit Adonis noch ergehen werde. 
Proteus erscheint ihr zuerst in Gestalt eines Greises, dann 
als Feuerflamme, als Bär, als Blumentopf und zeigt sicli 
ihr endlich in seiner wahren Gestalt. 

In einer der letzten Scenen erscheint das Theater als 

ein Rosengarten mit zahlreichen weissen Rosen. Die 

Schäfer bringen auf einem grünen Lager den toten Adonis, 

welcher zum Schluss in einen Stock mit rothen Rosen 

verwandelt wird; Venus heftet sich darauf eine Rose auf 

die Brust und erhebt sich mit einer Arie: „Schönste Rose, 

meine Lust" u. s. f. in die Luft. Das Ganze beschliesst 

ein Chorhed. Der Verfasser des Textbuches hat sicli 

sichtlich bemüht, den ersteren Theil seiner Fabel in ein 

anmuthiges, zierliches und duftiges Gewand zu kleiden. 

Um so mehr fällt die plebejische, ja rohe und abgeschmackte 

Abfassung desjenigen Theiles auf, in welchem der lustige 

Schäfer Gelon auftritt, dem die Rolle des Weiberfeindes 

zuertheilt ist: 

,, Sollt ich die Ehstandshosen flicken, Und Ktimmel in die 
Suppe knicken" u. s. f. 

In ganz ähnlicher Weise ist die Oper der Michaelis- 
messe 1708, Cosroes, gestaltet, welche mit einem Chor- 
liede und einem Ballet schliesst. Zu den besonderen 
Sehenswürdigkeiten dieser nur sieben Hauptrollen ent- 
haltenden Oper gehörten fünf sogenannte Entreen, in 
welchen Kavaliere, Gärtner, Blumentöpfe, einige maskierte 
Personen und ein grosses Ballet vorgeführt werden. Der 
Text gewinnt an einigen Stellen eine ansprechende Ein- 
fachheit und eine gewisse volksthündiche Weichheit. Die 
Worte eines Duetts lauten: 

„Ich hin dein, Du bist mein Bis in den Tod. Unsre Seelen 
Kennt kein Quälen Trotz aller Noth. Ich hin dein, Du bist mein 
Bis in den Tod." 

Die nachfolgende Strophe könnte einem volksmässigen 
Liede entnommen seni: 

„Wenn ich dich noch werde sehen, Sag ich tausend gute Nacht, 
Wird es aber nicht geschehen, Ach! so denke, dass ich sei Mit ganz 
unverfälschter Treu In die dunkle Gruft üebracht." 



136 J. (^- f^pel: 

Die Kolle der lustigen Person ist freillcli auch in 
diesem Stücke nicht feiner gehalten. In tler zehnten Seene 
des zweiten Aktes hat dieselhe, hier Kidello genannt, zu 
singen: „Viel lieber ohne Geld, als actäonisieret sein" u. s. f. 

Noch possenhafter geberdet sich Mopsus, der faule 

Diener in der Oper der Neujahrsniesse 1709 (Narcissus); 

ja er hat sich geradezu in den Harlekin oder Hans A\'urst 

des Volkstheaters verwandelt. Schon im ersten Akte 

wird er von den Jägern in einem KäHg auf die Rühne 

gebracht und fleht zu den Göttern: 

„Ihr Elemente, rettet doch Herr Mopsiiin ans dem Ilninleloch. 
Du Göttin in der Luft, Dn Göttin in der Gruft, Erbarme dich doch 
über mich Und reisse mich aus diesem Joch." 

Darauf wird er von Geistern ähnlich wie Hans Wurst 
im Faust gefoppt, schlägt sie aber in die Flucht. Später 
erscheint er in einem Rezitativ als Zigeuner: 

„Wir Zigeuner kommen aus das Land, Wo die Crocodille 
ist" u 3. f. 

Darauf giebt er eine Arie zum besten, deren Eingangs- 
worte lauten: 

„Was thut der Deutsche nicht vors Geld? Ich konnte keines 
mehr gewinnen, Drum musst ich auf 'was andres sinnen." 

Auch hier kommen Chorgesänge vor. In Acontius 
und Cythippe (Neujahrsniesse 1709) führte der etwas 
zahmer gehaltene Diener den Namen Xanthias. Dem 
Charakter nach gleicht er dem vorigen ziemlieh voll- 
ständig, wie sich aus einer Arie ergiebt: 

„Guter Haber — muntre Pferde, Fetter Dünger — reiche Saat. 
Schönes Futter — Fette Hühner, Reich Gescheniie — hurt'ge Diener. 
Wo die Herrschaft selber knickt Und die alten Kittel nickt, Wo 
von aussen grosser Staat, Aber Schmalhans auf dem Heerde, Ach 
da regt man Hand und Fuss Eher nicht, als bis man muss." 

Die letzte Arie des Xanthias, ziemlich am Schluss 
des Stückes, behandelt dasselbe Thema: 

„Geld, Geld, Geld Ist der beste Trost der Welt. Ei, wie wird 
mein Mädchen lachen. Wenn ihr Spass- und Liel)sgalan Sie mit an- 
genehmen Sachen Durcli das Geld versorgen kann." 

Der Schlusschorgesang wird durch Einzelstinunen 
unterbrochen, zuletzt folgt ein Mohrenbnllet. 

In de)' O.stermesse 1709 gab es eine italienische 
Oper Mario, in Avelcher auch die meisten Arien italieniscli 
gesungen wurden, da sich der Bearbeiter des Textes ver- 
geblich bemühte, die kurze und prägnante Fassung des 
Textes im üeut.^clion wicdei-zuoeben. Die burleske Seite 



Die ersten Jahrzehnte der Oper zu Leipzig. 137 

des Ganzen scheint indessen dem Texte nach deutsche 
Erfindung gewesen zu sein. Dem Tenorbutib, Jacobi mit 
Namen, entspricht eine ähnlich gehahene weibliche Sopran- 
rolle, welche aber wahrscheinlich auch von einem Manne 
(Pecliuel) gesungen wurde. Diese komische Dienerin 
Blesa empfiehlt sich der numidisclien Prinzessin Dalinda 
folo;endermassen : 

„Patienza. Ich bin von ungemeinen Gaben. Betrachtet mich 
nur wohl. Mein ganzes ^Yesen ist galant. Was meine Augen sehn, 
Das machet auch die Hand. Ich fechte einen Fingerhut Trotz dem 
berühmtsten Schneider, Ich tiicke wunderschöne Kleider Und schicke 
mich vor euch recht unvergleichlich gut." 

Bisweilen hat freilich der Verfasser des Textbuches 
das Italienische in gröblichster Weise parodiert; so, wenn 
er die Worte „Adorata mia chiavetta Tu saresti una 
sposetta A proposito per me" — wiedergiebt: 

„Angenehmer Zuckerstengel, Ausbund aller schönen Engel, 
Dich erwähl' ich mir zur Braut." 



Beilagen. 

(Akten des Stadtraths zu Leipzig XXIY. A.7a, Vol. I, fol. 47.) 

I. 

Zu wissen, denen es zu wissen von uöthen. Nachdem die 
sämtl. Moßbachische Erben von den Churfürstl. Sachs. Capellmeister 
Herrn Nicolaus Adam Struncken, daß sie ihm den in ihren väter- 
lichen Hause in Brühl allhier zu Leipzig liegenden Platz und Hoff 
auf Vier und Achtzig Ellen in der Länge von der Stadtmauer an 
zu rechnen und die ganze Breite des Raumes vermiethen, auch 
darauff ein Opern-Hauß zu sezen und aufzuführen vei'willigen möchten, 
unterschiedlich angegangen und ersuchet worden sein, die Moßbachi- 
schen Erben auch solchen an sie bescheheneu Suchen auf gewisse 
Maße stattgegeben: Alß ist zwischen Ihnen und Herrn Nikolaus 
Adam Struncken nebst dessen Consorten oder Mitt- Interessenten, 
Nahmentl. Herrn Doct. Heinrich Friedrich Glaser und Herrn Girolamo 
Sartorio und allen derselben Erben und Erbuehmern nachiblgender 
Contract abgeredet und geschlossen: Nehmlich es vermiethen ge- 
dachte Moßbachische Erben vorbenahmten ihren Plaz und Hof in 
ihren allhier in Brühl habenden Hause Herrn Nikolaus Adam Struncken 
und Herrn Doct. Heinrich Friedrich Glaßern wie auch Herrn Giro- 
lamo Sartorio auf Zehen Jahr lang zu dem Ende, daß er ein Ge- 
bäude zum Opern- oder Comoedien-Spiel auf seine und seiner Mit- 
interessenten Unkosten dahin bringen und aufführen lassen, solches 
auch seiner profession nach gebührend nuzen und gebrauchen möge, 
iedoch daJi dadurch dem Vorder-Gebäude an Licht oder sonsten 
kein Nachtheil oder Abbruch geschehen, noch auch übrigens den 
ganzen Hause einige Servitut, auf was Weise auch solches wäre, 
aufgebürdet werden. Dahingegen verspricht Herr Nicolaus Adam 



138 J. 0. Oppl: 

Struiuk und Herr Docf. lleiniicli Frioilricli (Uaser, wie auch Herr 
Girolamo Sartorio, einer vor alle und alle vor einen, also ein ied- 
weder in soliduni mit Begehung: der MarUtfreiheit und ihrer ordent- 
lichen Obrigkeit, woiil erinelten .Mdliliachischen Krheu alle Jahre 
Dreyhnudert Rthlr. guter, unverufener, groben Miinz-iorten, und zwar 
iede Leipziger ilesse Ein Hundert Thlr. künftige Ustermesse damit 
den Aniung zu machen und also bis uml auf die Leipziger Xeu jahrs- 
niesse, wenn man s(luoii>en wird 170:5, inclusive darmit zu continuiren, 
banr und nach ^Ve(•hselree]lt zu erstatten und einznliefern , auch 
daß dieser Miethzinß iedesmahl richtig bezahlt werden sollte, mit 
ihren gesanimten Yerniögen liegend und fahrend, wo solches anzu- 
tretien, insonderheit den erbaueten Opern - liauße samt allen dazu 
gehörigen Kleidungen, Mobilien, uml allen anderen illatis et invectis, 
welches alles hiermit zum ausdrücklichen Unterpfande oingesezet 
wird, beständig zustehen und zuhafi'ten, ingleichen allen und jeden 
Schaden und Üefahr, so gedachten Moßbachischen Hause bei Er- 
bauung dieses Opernhauses oder auch nach solchen aufgeführten 
Bau und durch dessen Occasion vermittelst Unglücksfällen, so durch 
die Herren Interessenten und die ihrigen verursachet oder sonsten 
auf einerley Weise Zeit wehrenden dieses Contracts entstehen und 
widerfahren möchten , vor sich zu tragen und hierfür allenthalben 
liehorige Erstattung denen Moßbachischen Erben zu tliun; auch 
solchenfalls unerachtet die Opern nicht praesentiret werden könnten, 
den völligen Miethzins wie oben erwehnet, abzutragen, auch dafern 
einige einfallende üble Zeiten, insonderheit Pest, und zwar nur 
alleine in dieser Stadt, nicht aber wegen anderer angränzenden 
Orten, welches doch üott gnädigl. verhüten wolle, berühretes Opern- 
Hauß zu gebrauchen und zu nuzen verhindern würden, nichts desto- 
weniger mit solches Miethzinses Abgabe zu continuiren, iedoch die 
Moßbachischen Erben auf diesen begebenden Fall, iede Messe mit 
50 llthli. Miethzinses sich begnügen zu lassen, welche Condition 
aber wieder (weiter?) nicht zu extendiren, als so lange solches Uebel 
wirklich über diese Stadt verhänget werden sollte, wovon aber aus- 
genommen seyn soll, daß, so durch Gottes Verhängniß sich auch 
Krieü' entspinnen sollte, dennoch in solchen Fall, alh; Messe besagte 
Hundert Rthlr. völlig sollen abgetragen werden. Weiln denn von 
beyden Theilen zugleich beliebt und verspro(dien worden, daß solcher 
Mieth-Contract in Ostern dieses I693ten Jahres seineu Anfang und 
Obligation gewinnen, also auch unverändert bis nach goendigten 
10 Jahren fest und unverl)rüchlich gehalten, sowohl alle künftige 
solches Moßl)achischen Hauses Besitzern, daferne über VerholYen 
einige Aenderung oder Alienation vorgehen möchte, diesen Mieth- 
Contract ebenmäßig auszuhalten angewiesen, solch Hauß auch anderer 
Oestalt nicht als "cum hoc onere contimiande localitionis (?!i con- 
ductionis veräußert werden sollen. Also wird zwar Herrn Struncken 
und dessen Mitt-Interessenten frey gelassen, bey Ablauf dieser Zehen 
Pacht-Jahre solch Opern -Hauß "wiederum einzureisen und wegzu- 
führen. Es verpüichteu sich aber dieselben sammt und sonders bey 
Eingangs Verschriebener Versicherung, daß also dann sie auf ihre 
Kosten den Plaz wiederum in jezigen Stand sezen, und dergleichen 
Seiten- Gebäude und Ställe, wie es aniezo zu befinden, dahin bauen 
lassen und solches auf Ostern 1703 ganz fertig dahin liefern, auch 
zu solchem End«; vor Abtragung des Opern-Hauses gnugsame Caution 
bestellen sollen und wollen, oder daß in widrigen fall das Opern- 
llauß den (irund- und Eigenthums Herrn heimfallen und verbleiben 



Die ersten Jalirzehiite dtu' Oper zu Leipzig. 139 

soll, um (lieser ürsadie willen ilenn alsofort ein Abriß dieser Ge- 
bäiule zu verfertigen und denen Molihachisohen Erben einzuhändigen 
ist. Wie denn auch beyde Theile hiermit allen und ieden Rechts- 
Wohlthaten, insonderheit dem benefirio L. .3. locat. conduct. itemque 
Excussionis et divisioiiis oder der Theilung, und daß erstlich der 
Prinzipal (ontraheute müsse ausgeklagt werden, der Beredung des 
Scheinhandels, Iiithums, der Verlezuiig über die Helfte und höhern 
Werths, und allen andern, wie sie Nahmen haben mögen, wißendl. 
und wohll)edächtig renunciret haben wollen. Treulich sonder Üe- 
t'ehrde. IJlu kundlich mit allerseits Contrahenten Nahmen und l'et- 
s(;haft unterschrieben und besiegelt. 

Datum Leipzig den 24. Januarij Ao. 1693. 

Uieronymo Sartorio L. S. Nicolaus A dam Strun gk, 

Architecto. Churfürstl. Capellmeister. 

Vorstehenden Contract gelobet nach allen seinen pnncten und 
Inhalten als neuer Interesseute zu eriullen. 
Leipzig den 11. April 1708. 

Johann Friedrich Sartorio. 

Vorstehenden Contract gelobet als neu angenommener Mitt- 
Interessente nach allen seinen Clausulen und Inhalte praecise zu 
erfüllen. Leipzig den 8. Septb. 1710. 

Samuel Ernst Dö bricht. 

Anna Margaretha Siegfriedin. 

Dr. George Quirin Pöckel 

curat, nomine der Fr. Siegfriedui. 

IL 

Demnach der zwischen Frau Annen Margarethen Siegfriedin, 
Verpachterin an einen, dem gewesenen Königl. Pohl. Capellmeister 
Herrn Adam Struncken, nunmehr sei., und Herrn Hieronimo Sartorio, 
Churfürstl. Mainz. Land -Baumeistern, Pachter am andern Theile, 
zeither gewehrte Pachtcontract über den in der Frau Siegfriedin 
Hause lietindl. Plaz und Hoff auf die mit Glück und Segen herbei- 
nahende Ostern des 170.Sten Jahres zu Ende läuft, zeithero aber 
zwischen ietzbenannten Contrahenten nnterschiedl. Irrungen ent- 
standen, welche theils abzuthun, theils auch diesen Contract weiter 
zu prolongiren vor nöthig erachtet worden, inmittelst aber der Herr 
Capellmeister sei. verstorben, an dessen Stelle hingegen dessen 
hinterbliebene Wittbe, Frau Christine Strunckin in diesen und vorigen 
Contract getreten, als haben sich allerseits jetztbenannte Contrahenten 
vor sich, ihre Erben und Nachkommen, aufs neue folgender Gestalt 
verglichen. Nehmlich es soll 

1) und zuvorderst der zwischen der Fr. Siegfriedin und deren 
Curatore an einen, Herr Capellmeister Struncken und Herrn Bau- 
meister Sartorio am andern Theile untern 27. Januarij Anno 1693 
aufgerichtete Pacht-Contract, außer was in dieser neuen Prolongation 
und Zusaz ausdrücklich geändert worden, auch künftighin in allen 
Puncten, Clausulen, Inhalt und Meinung zum Fundament gesetzt 
sein und bleiben. Gestalt 

2) Denn Fr. Christine Strunckin solchen nicht allein von Wort 
zu Wort gelesen und verstanden zu haben cum Curatore hiermit 
bekennt, sondern auch sich darzu in allen Stücken, absonderlich 
aber zu der verschriebenen Bezahlung des Opern Miethzinses nach 



140 . J. 0. Opel: 

Wechselreeht niul l.ey Geliorsam ihrer eigenen Persolin mit inul 
nebst Herrn Sartorio samt nntl sonders, amh mit liegehimg der 
AnstiucLt, als oh sie nur ihren Antheil /ii bezahlen schuldig wäre, 
hiermit vor sich ihre Erben und Erbnehmern, und mit Einwillitrnng 
ihres Herrn Cursitoris verbindlich macliet. 

3) Soll dieser Contract aberniaiils auf zehen Jahr lang, als von 
künftige Ostern ]70;{ bis wieder dahin 1713 gel. Gott! verlängert 
^ein und gehalten werden, iedoch einen ieden von denen Contra- 
henten Ireysteheu, bey zu Ende Laufung der ersten fünf Jahr den 
Contract ein halb Jahr vorher aufzukündigen. Ob es nun 

4) wohl künftighin bey den alten l'acht-Gelde der .HOO 'l'hlr. 
jährl. Pachtgeldes in guten unverrnll'enen edictmässigen und nicht 
unter zwey gute Groschen haltigen Münz Sorten verbleibet, so sollen 
doch solche 300 Thlr. alle halbe Jahre als Ostern- und Michaelis- 
messe mit löO Thlr. nach Wechselrechte und bey Porsülinlichen 
Gehorsam und wenigstens die erste Mcßwoche 100 Thlr. und die 
andere die übrigen 50 Thlr. abgetragen und bezahlet werden , oder 
111 deren Entstehung die Frau Siegfriedin Macht haben, nicht allein 
nach Wechselrecht und mit Persöhnlichen Gehorsam zu verfahren, 
sondern auch allsofort nach Ablauf des Sonnabends in der Zahhvoche 
das Opern -Hauß jirnpria autoritate mit gnugsamen Schlossern zu 
verschließen und keinen von denen Interessenten der Opern oder 
von ihren dependirenden Personen hinein zu lassen, bis sie dieses 
verfallenen Opern-Zinses halber an Capital, Interesse und Unkosten, 
da deren über Yermuthen verursacht werden sollten, gänzlich be- 
friedigt sei, gestalt denn die Frau Capellmeister Struncken cum 
Curatore und Herrn Sartorio sich ausdrücklich verbindlich machen, 
die Frau Siegfriedin an solcher Verschließung in geringsten und 
unter was vor praetext es sei, nicht zu hindern, weniger das Opern- 
Laus ohne ihre Bewilligung de facto zu eröffnen, oder so sie der- 
gleichen sich unterfangen würden, der Frau Siegfriedin über den 
schuldigen Opern -Zinß noch 50 Tiilr. als eine auf selliige Messe 
wüllkührl. verglichene Strafte ebenfalls nach Wechselrechr alsofort 
zu bezahlen. 

5) Verspricht die Frau Capellmeistern und Herr Sartorio der 
Frau öiegfriedin über sie und ihre Familie alle Abende 4 Persohnen 
frey und ohne Bezahlung durch die Entr(:'e iedoch ohne Ertheilung 
derer sonst gewöhnlichen Pillets einzulassen, auch hierüber noch 
deren Curatorem Herrn Doct. Georg Qiiirin Pockelu nebst seiner 
P'amilie durch die Entröe ohne Entgeld frey einzulassen, auch ihnen 
eine vacante logie einzuräumen. Es wird aber 

6) Denen Interessenten gleich zeithero geschehen auch künftig- 
hin vermiethet, durch der Frau Siegfriedin ihre kleine Hof-Thür, 
so lange Opern praesentiret werden, aus und einzugehen, es sollen 
aber dieselben dargegen auch schuldig sein, die Frau Siegfrieden 
nebst ihrer Familie ei)onfalls hierdnrdi pa'^s- und repassiren zu 
lassen. 

7) Was aber die etwa vorfallende Alienution des Siegfriedischeii 
Hauses und die ihr von denen Oper-Interessenten versprochene Auf- 
banung derer auf solchen Plaze hiebevor gestandenen Seiten Gebäude 
und Stalle betriftt, so verbleibet es dieses Puncts halber bei voriger 
Verschreibung, dergestalt, daß solche Gebäude entweder bey ab- 
laufenden 5 Jahren, wenn nehml. gebührende Aufkündigung geschieht, 
Ostern 1708 oder bei Ablauft' der Zehen Jahre Ostern 171.3 gel. Gott 
ganz fertig stehen. ' 



Die ersten Jahrzehnte der Oper zu Leipzig. 141 

Wie nun hiermit allerseits Coutrahenten, nachdem ihnen dieser 
Contract von ihren Herrn Curatoribus und Beyständen deutl. vor- 
gelesen, expliciret und der Inhalt verständiget worden, allenthalben 
einig und zufrieden sind, also ist derselbe auch von ihnen und deren 
Weibes-Persohnen Curatoribus dreifach unterschrieben und besiegelt, 
auch einen iedweden Theil ein vollzogen Exemplar zugestellet 
worden, soll auch EE. Hochweiser Rath alhier noch vor heran 
nahender Osterniesse zur Confirmation vorgetragen werden, nichts 
destoweniger auch, in dessen Entstehung seine verbindl. Kraft und 
Wirkung behalten, oder der H. Sartorio und Frau Struncken zum 
würcklichen Oper-Bpiel vor erfolgter Confirmation nicht admittiret 
werden, zu weichen Ende sie denn allen und jeden zu statten kom- 
menden Kechts-Wohlthaten, als da sind Miß- oder nicht Verstandes, 
Betrugs, Zwangs, üeberredung, Yervortheilung, über oder unter die 
Helfi'te, und daß eine Weibes-Persohn sich nicht zum Persöhnl. Ge- 
horsam verbindl. machen könne , und allen andern wie die Nahmen 
haben mögen, sich hiermit ausdrücklich begeben, und darüber tran- 
sigiret haben wollen, alles treulich sonder Arglist und Gefehrde. 
Leipzig den 19. Martij 1703. 

(L. S.) Christina Struncken. 
(L. S.) Christian Haarh außen 

curat, nomine der Frau Strunck. 
(L. S.) Hieronymo Sartorio, 
Prim. Arch, Di S. A. E. di Magonto E. 

Vorstehenden Contract gelobe als neuer Interessent nach allen 
seinen Punkten und Inhalten zu erfüllen. 
Leipzig den 11. Aprilis 1708. 

Johann Friedrich S a r t o r i o. 

Vorstehenden Contract gelobt als neu angenommener Mit-In- 
teressente nach allen seinen Clausulen und Inhalten praecise zu 
erfüllen. Leipzig den 8. Sept. 1710. 

Samuel Ernst Döbricht, 
Anna Margaret ha Siegfriedin, 
Dr. Georg Quirin Pöckel, 
curat, nomine der Frau Siegfriedin. 



IV. 

Der Briefwechsel zwischen Herzog Johann 

Friedrich dem Mittlern und dem Geithainer 

Pfarrer Ambrosius Roth. 

Von 

A. V. W(>lck. 



Ueuu cla,s IG. Jaluliundcrl als eines der wiclitigstcu 
1111(1 zugleich verhängnisvollsten für die Geschichte der 
sächsischen Lande zu hctrachten ist, so sind es in der 
Hauptsache die. Nanicu der Kurfürsten Johann Friedrich 
des Grossnüithigen und Moritz, des Herzogs Johann Frie- 
drich des Mittlern und des Kurfürsten August, um die 
sich die Ereignisse gruppieren, Ereignisse, die mehr oder 
weniger aus religiösen, der Reformation ihren Ursprung 
verdankenden, j\leinungs- und Glaubensverschiedenneiten 
entspringend, auf blutgetränkten Schlachtfeldern ihre Ent- 
scheidung fanden mit der Gefangennchmung des Kurfür- 
sten Johann Friedrich des Grossmüthigen und 20 Jahre 
später mit (h;r des Herzogs Johann Friedrieh des INIittlern 
und mit der 1547 rechtlich festgesetzten, 1567 aber erst 
eigentlich faktisch und für alle Zeiten durcligefiihrtcn 
Übertragung der Kurwürde und der Kurlandc an die 
jüngere Ivinie des Hauses .Sachsen. 

^^'enn schon das Schicksal des Kurfürsten Johann 
Friedrich des Grossmüthigen, der zufolge der Schlacht bei 
Mühlbcrg Land und Würde verlor und 5 Jahre lang der 
Gefangene des Kaisers blieb, ein überaus trauriges, so hatte 



Briefweclisel zwisclien Joh. Friedr. d. Mittl. und Ambr. Kotli. 143 

sein Solin Johann Friedrich der ^Mittlere noch viel härter 
unter der Ungunst des Kricgsgeschlckes zu leiden. Ob 
und inwieweit er sein Los selbst verschuldet, sei hier niclit 
erörtert. Die Thatsache war, dass er am 13. April 1567, 
dem Sonntag ^Nliscric. Dom., dem Tage der Scldacht von 
Mühlberg, in Gotha kapitulieren musste und von seinem 
Vetter, dem Kurfürsten August; gefangen genommen wurde. 
Derselbe übergab ihn den drei im Feldlager anAvcsenden 
kaiserliclien Kommissaren — Graf Otto von Eberstein, 
Christoph von Carlowitz und Fabian von 8chönaich — , und 
bereits am 15. Aiuil ward der Herzog in die Gefangen- 
schaft nacii Osterreich abgeführt, in der er 28 Jahre, d. i. 
bis zu seinem Tode, sclimachten sollte. 

Bock ') gieljt genau die Personen an, die ihn begleiten 
durften, und nennt untcj' diesen auch den Prädikanten 
Ambrosius Roth "), der allerdings nur bis Anfang des fol- 
genden Jahres bei dem gefangenen Herzog verblieb, der 
aber einen hervorragenden Einfluss auf denselben zu ge- 
winnen wusste. Nach den verschiedenen Nachrichten, die 
uns vorliegen aus der Zeit, welche Roth in der Umgebung 
des Herzogs zubrachte, will es uns beinahe scheinen, als 
habe er seitens des Kurfüisten August eine Instruktion 
erhalten, daliin gehend, bei dem fürstlichen (lefangenon 
zu erwirken, dass derselbe Busse thue und vor allem rück- 
haltslos sein Unrecht eingestehe und anerkenne, dass er 
jetzt nur verdiente Strafe erdulde. Diese Annahme steht 
der Ansicht Ortloflfs^) entgegen, nach welcher Kurfürst 
August an Roths Vorgehen unbetheiligt wäre. Doch halten 
wir es nicht für wahrscheinlich, dass M. Roth einem tief 



') Beck, Johaini Friedruh der Mittlere II, L'. Vergl. Ürtloff, 
Gesch. der Grnmbachisclieii Händel IV, 207. 

*) Ambros. Roth, geh. 1528 zu Mittweidn, war l.')ö5 — 1557 Kantor 
in Chemnitz, 15.ö7 — 156.'> Diakonus in Leisnig und 1563 — 1567 Dia- 
konus und Freitagsprediger an der Nikolaikirche zu Chemnitz. Nach- 
dem er 1567 — 68 den gefangenen Herzog als Seelsorger hegleitet 
hatte, wobei er sich des Kaisers Gunst erworben zu haben scheint 
(v. Langenn, Christoph v. Carlowitz .319, vergl .S2('), erhielt er das 
vakante Pfarrlehn zu Geithain ; dass er Pfarrer zu Gotha gewesen, wie 
Beck a. a. 0. II, 13 behauptet, ist ein Irrthum. Roth starb am lt. 
August 1570 zu Germersheim, wohin er kurz vorher als Hofprediger 
der Elisabeth, der Gemahlin des Pfalzgrafen Johann Casimir, ge- 
kommen war. Vergl. Aufzeichnungen im Rathsarchiv zu Geithain 
(Acta, alte Nachrichten über G. enthaltend, de anno 1511); Möller, 
Theatr. Freiberg, chron. I, 275 flg. Kreyssig, Album der evang.-luth. 
Geistlichkeit im Königreich Sachsen (Dresden 18S.3) 2i»0. 

») a. a. 0. IV, 27ö. 



144 A. V. Wflck: 

uuglückliclieu uud diibei ausser* )rtlentlicli i'ruiumeii iiud für 
die damalige Zeit auch theologisch gelehrten Fürst(Mi aus 
eigener Initiative so schroff' und strafend entgegenge- 
treten sei, wie or es thatsächlich gcthan hat, uud zwar 
hauptsächlich durch die an den Herzog gerichtete „Er- 
uudniung" vom 1(5. Oktober, die Ortloff auszüglich niit- 
theilt luid die sich nebst der darauf erfolgten Aiitwf)rt des 
Herzogs vom 19. Oktober löß? abschriftlich im Haupt- 
staatsarchiv zu Dresden lielindct^). Als Beweis fiir un- 
sere Auffassung iiihren wir al)er hau})tsächli(ih den Um- 
stand IUI, dass nach der Rückkehr Roths nach Sachsen, 
Avelclie l)creits im »Januar ii^iiS erfolgte, sich ein durchaus 
fi-oundschaftli -her Verkehr zwischen diinseHx n einerseits 
luid dem Herzog uud seiner Gemahlin undreiseits ent- 
wickelte, ja, dass Roth sogar die Vermittlerrolle zwischen 
dem Herzog und seiner Familie übcinahm. In keinem 
der uns bekannten Briefe des M. Roth an den Herzog 
aber findet sich ein l^eweis dafüi', dass er thatsächlich 
denselben für einen argen Verbrecher halte, der noch 
dazu unbussfertig sei, wie er dies in seiner „Ermahnung" 
unzweideutig ausspricht; sondern ausnahmslos zeigt er in 
denselben Anhänglichkeit uud aufrichtige Verehrung. Und 
dass der Herzog selbst einen derartigen Eindruck von 
dieser „Ermahnung" erhielt, nämlich den Eindruck, dass 
dieselbe in anderer Auftrage geschrieben sei, geht aus 
seiner Antwort hervor, in welcher er sagt: das christliche 
Verhalten sei ganz copiose mit sonderlichen Anzeigen 
versehen, die von Roth nicht herrühren möchten etc. 
(cfr. Ortloff a. a. O. IV, 277). 

Ist unsere Anschauung aber begründet, so dürfte 
daraus zu folgern sein, dass Kurfürst August das unbe- 
dingte Schuldbekenntnis seines Vetters zu seiner eigenen 
Gewissensberuhigung herbeizuführen wünschte, da nicht 
wohl anziniehmen ist, dass ihm wirklich das Seelenheil 
de» gefangenen Herzogs am Herzen gelegen habe. 

Leider ist von dem Briefwechsel zwischen M. Roth 
und dem Herzog und seiner Gemahlin nur sehr wenig 



*) Lokat 7186: M. Ambrosius Ermanniig, so au den gefangenen 
Hertzog Johann Friedrichen zu Sachsen etc. als S. F. G. damals zu- 
georduetten Prtulicant zur begertten Absolution u. conimunion wegen 
des wieder die Kay. Maj. und Churf. Augusten zu Sachsen, noch in 
hertzen tragenden Unwillens gethan, zusambt S. F. G. darauf mit 
eignen hende gegebenen schrifftlichen Antwort. Vergl. Ortloff 
a. a. U. 275 Üg. 



Briefwechsel zwischen Joh. Friedr. d. Mittl. und Ambr. Eoth. 145 

noch vorbanden. In dem städtischen Archiv zu Geithain, 
wohin M. Roth nach seiner Rückkehr aus Osterreich als 
Pfarrer kam, befinden sich in Abschrift ein Brief der 
Herzogin EHsabeth an Roth, dessen Original wir nicht 
erlangen konnten, und das Brucbstück eines Briefes des 
Herzogs an Roth^), dessen Original nebst einigen andern 
im herzoglichen Haus- und Staatsarchiv zu Coburg (sub 
A. I, 32 a, Nr. 91) vorhanden ist. Dieselben, nämlich drei 
Schreiben Roths an Johann Friedrich und zwei Konzepte 
des letzteren, wurden uns mit der dankenswerthesten Be- 
reitwilligkeit von dem herzoglichen Staatsministerium zur 
Benutzung überlassen, und wir lassen sie nachstehend fol- 
gen®). Sie dürften, abgesehen von der Beleuchtung des 
Verhältnisses zwischen Johann Friedrich und dem M.Roth, 
worauf es uns hauptsächlich ankam, manches Interessante 
für den Historiker bieten, namentlich auch über die kirch- 
lichen Kämpfe wider die Flacianer. — Der oben erwähnte, 
bruchstückweise bereits gedruckte Brief ist nochmals auf- 
genommen, thoils weil er uns jetzt vollständig vorlag, 
theils weil die Kopie im Geithainer Archiv vielfach un- 
genau ist. 



No. 1. tteithain 1568 Mai 2. 

Mag. Amhrosius Roth an Hersog Johann Friedrich. 

Adresse : 
Dem durchlauchtigsten hochgebornen Fürsten unnd Hern, Hern Hans 
Fridrichen dem andern, Hertzogen zu Sachsen etc. itzo zu Pres- 

burgk in Huugarn haftende, meinem gnedigen Hern. 
(Von andrer Hand:) Mir uberantworthet worden zu Presburck, 

erbrochen den 30. May 1568. Presburgk. 
Gnade unnd Friede samptt aller seligen Wolfartt unnd recht 
bestendigen Tröste, von Gott dem himlischen Vatter durch seinen 
geliebten Sohn unsern einigen Gnadenquell Jesum Christum. Amen. 



*) Hiernach sind diese beiden Schreiben abgedruckt in den Mit- 
theilungen des K. Sachs. Vereins zur Erforschung und Erhaltung 
der vaterländischen Alterthümer H (1842), 74 ff. 

*) Bei der Entzifferung derselben, die namentlich bezüglich der 
Schreiben des Herzogs sehr schwierig war, haben wir uns der ein- 
gehendsten Unterstützung des Herrn Realschuldirektor Dr. Mating- 
Sammler zu erfreuen gehabt. — (Eine nochmalige Kollation mit den 
Originalen, die nur wenige Stellen unklar Hess, ermöglichte die 
daukenswerthe Gefälligkeit des herzoglichen Staatsmiuisteriums. Die 
vielfach korrigierten Konzepte sind ebenso wie die Präsentations- 
vermerke auf den Schreiben Roths durchweg von der zierlichen Hand 
Johann Friedrichs. D. Red.) 

Neues Archiv f. S. G. u. A. V. 1. 2. 10 



146 A. V. Welck: 

Weil ich gleich itzo, durchlauchtigster hochgeborner Fürst unnd 
gnediger Herr, durch Briefszeigern, unseren Bürgern alhier zu 
Geitthan, zul'ellige und gar gewisse Botschaft zu E. F. G. haben 
kuntte, hab ichs aus sorgteltiger Erw. nicht untturlassen kunnt, mit 
solchem kurtzen Briefleni E. F. G. unterthenigst zu ersuchen unnd 
Derselben Ziistandt an Gesuntbeit des Leibes unnd andern Gelegen- 
heitten, den Hern Commissarium, der mir frembde unnd unbekantt, 
unnd alle E. F. G. zugcordentte Dienere, wie ich sie beisammen an 
F. F. G. Dinsten hintter mir gelassen belaiigendtt, zu erkundigen. 
Vorsehe mich untterthenigst, E. F. G. werde nicht allein gnedigs 
Gefallen ob solches meines Schreiben tragen, sondern gnedigst mit 
der Kay. Mjtt. Vorwissen unnd allergnedigstem Nachlassen mir wider 
respoudiren, unnd von allen denen unnd andern Dingen, die ich 
uuhmer gerne wissen möchtte, Bericht geben kunnen, will auchhiemit 
zum uiitterthenigsten daruinb gebetten haben. 

Ich habe noch bis auf diese Stunde zu E. F. G. Gemahl unnd 
derselben junge Hern selbst nicht vorraisen kunnen, von wegen meiner 
Condition, die ich habe beziehen unnd annehmen müssen, unnd der 
Investitur, dazu itzo den Sontag Jubilate künftig (wil Gott) gewartte, 
habe es aber in zweien Schreiben gar gewis zugesagtt, weil man 
weder an der Kay. Mjtt., noch an des Churf. von Sa. hsen Hofe Be- 
denken daran hatt, aufs lörderlicliste als ichs hinfurt schicken kan 
zu vorrichtten, sage es auch biemit E. F. G. selbst zu, das ichs lenger 
nach gehalttner Investitur nicht wil autschielien oder untterlassen, 
dan in allem, w^as mir müglich und thuelich, E. F. G. untteithenigst 
zu wilfaren, bin ich schuldiger l'tiicht nach geneigt unnd bevlissen 

Des Hern Avenarii Bettbuchlem ') hab ich in der grossen Eile 
besser unnd gescbinücktter gebunden nicht haben kunnen, bitte noch, 
E. F. G. wollen meinen untterthenigen gutten Willen daran erkennen 
unnd solches Buchlein vleissig practiciren, so wirdt sie h der effectus 
zu recbtter Zeitt freudenreicher ereugen den es E.F. G. hie in dem und 
dortt in jenem Leben Gott dem Hern gnujL'sam wirdt vordancken kunnen. 

An bequemem Tröste wirdt es E. F. G. zu keiner Zeitt manjreln, 
weil ich weis E. F. G. stetten Vleiß mit Lesen, Betten unnd anderer 
gottliches Wortts Ubunge, zweivele auch nicht, mein Successor werde 
in seinem Amptt E. F. G. besser unnd nützlicher sein, den ich in 
meiner Einfaldt unnd Ungeschicklikeit immermelir bette werden 
kunnen, hab darumb, weil er schon bestellet unnd angenohmen war, 
als ich anheim kam, desto lieber mein Stirn dazu geben unnd solche 
Contirmation nicht hintterziehen helffen wollen. 

Daruinb untterlasse ich billich itzo alle Trostbriefe, die mir 
sousten mit hinein zu heften hette gebüren wollen, unnd bevehle 
E. F. G. Gott dem Vatter alles Trosts unnd aller Barmherzigkeit, 
er wolle E. F. G. in gutter Leibsgesuntheit Sterken (?) unnd es mit 
E. F. G. Custodi also schicken, das es zu seines Nahmens Ehre, gutter 
Befriedung des ganzen Komischen Reichs, unnd E. F. G. unnd der- 
selben gcliebtten Ehegemahl unnd jungen Herschaftten zeittlichen 
unnd ewigen Freuden, wie ers vors Beste erkennet, gereiche. 

') Gemeint ist das Büchlein: Christliche Gebet für alle Not vnd 
stende der gantzen Christenheit / ausgeteilet auff alle tag in der 
Wochen zusprechen / sampt gemeinen Dancksagungen / auch Morgen 
vnnd Abentsegen. Gestellet vnd aus heiliger Göttlicher Schritft zu- 
Samen gezogen / Durch M. Johann Avenariura. Gedruckt zu Dreßden 
durch Matthes Stöckel. 1568. 8». 



Briefwechsel zwischen Joh. Friedr. d. Mittl. und Ambr.Roth. 147 

Ich habe die vergangene Wochen soviel mit E. F. G. abermals 
im Traum zu handeln gehabtt, das ich nicht weis, was ich sei draus 
colligiren, hotf aber des besten in allen Dingen. 

Neues weis ich nichts , one das die Flacianer untter E. F. G. 
Hern Brüdern Hertzog Wilhelm *) freies receptum bekhomen haben, 
da grünen sie unnd stehen itzo wider in voller Blutte. Man hat 
aber ein CoUoquiura mit inen angesteldt zu Zeitz, das gehet itzo 
primo May an, was darauf erfolgen wirdtt, wirdtt die Zeitt geben, 
Got helpfe, das es seiner Kirchen zum besten gereiche. Amen. 

Dat. Geitthan, Sontags Misericordias domini, welcher ist der 
2. May des itzt lauflenden 68ten. E. F. G. 

untterthenigster unnd gehorsamer 
Ambrosius Rote, pastor ibid. 

Ists müglich, so bitt ich E. F. G. untterthenigst umb ein kleines 
Brieflein zur Andtwortt. 

No. 2. Pressburg: 1568 Mai 30. 

Herzog Johann Friedrich an Mag. Ambrosius Roth. 

Copey an Er Ambrosien Rot meinem gewesenen zugeordnethen Meiß- 
nischen Predicanthen itzo Pfarrer zum Geythen. Den .30. May im 

1568. Bressburck. 
Wirdicher lieber andechtiger. Ich habe Euer an mich ge- 
thanes Schreyben untherm datho Geythen Sontags Misericordias 
Domini den 2. May alhir von meinem itzigen Commissario Er Jacob 
Mordacksen den 30. desselben entfangen und verlesen. 

Und sehe gantzs gerne, das mich doch einmal einer in meiner 
Beschwerung und Trübsal aus den Landen besuchen und an mich 
gedenken thut. Tue mich derhalben gegen Euch bedancken Euers 
Schreybens und Trostes. So sollet Ir mich auch Gott Lob und 
Danck von guther Gesundheit wissen, nach Gelegenheyt der Sachen 
und nach meinen itzigen Zusthande; die andern, so bey mir, werden 
Euch auch wol beantworthen mit des Comissarien Vorwyssen. 

Nachdem ich den verner aus Eurem Schreyben veruemen 
thue, das Ir noch nicht bey meiner freundlichen lyben Gemahel ge- 
wesen seydt, wie den sie mir dasselb auch in kurtzs geschrieben, 
so habe ich deren halben gleich ein Verwundern gehapt; weyl ich 
aber nunmer Euer Ursachen, das Ir ein ander Pfar zu bezihen ge- 
hapt, veriiomen, bin ich dester bass zufriden, wil mich aber zu Euch 
gentzlich versehen, Ir werdet dem vorleben und itzigen eurem Er- 
bithen nach setzen, wil auch verhoffen, Ir werdet nunmer albereyt, 
weyl der Termin Jubilate furuber, bey meiner freundlichen lieben 
Gemahel gewest sein. 

Das Ir mir des Avenarii ßetbüchlein uberschicket hapt, das 
thue ich mich gegen Euch auch bedancken (wiewol es an dem, das 
ich weders Büchlein noch euer Schreyben gesehen, sondern es ist 
noch beim Yicecantzler); wen ichs aber, wils Gott, dermal eins be- 
kum, wyl ich wol sehen, was daran ist, und Euch alsdan dancken. 
So bin ich, Gott lob und Danck, auch widerumb mit einem 
guthen Predicher versehen, des ich wol zufriden bin, wiewol mir 



») Herzog Johann Wilhelm zu Sachsen. Vgl. Preger, Flacius 
Illyricus II, 302. 

10* 



148 A. V. Wekk: 

die Zeit etwas lang wart eher er ankam, hab also an Gottlies Wort 
nnd Trost keinen Mangel Gott sey Lob, dantk euch auch, das Ir 
myr in habt helfen dester eher herausser Tordeni(?). 

Das auch die Flacianer bey meinem Brudere widerumb stark 
einnistelu, das hab ich vor diss veniomen, und ist mir nicht lib, 
aber des tröste ich mich, das in Gott ein Pftoc:klchi gesteckt, darüber 
sie nicht durllen, und ist gleichwol über das an dem, das sie be- 
ginnen unther einander seihest uneiiis zu werden, so ist in seyder 
Eurem Abreyssen durch Gottes Genad ein Specklein auf die Fallen 
gebunden, daran sie erwürgen darffen, wie mich ir Thuu ansihet, und 
alle Gelegenheydt und Umbstendt, so ist mit inen gleich wie ein 
Licht, das auf einem Leuchtlier verleschen wyl, das noch einmal 
zuletzst sich erholet, ein Glantzs gibt, also seyndt auch diss ir 
bescbeiß in meinen Augen sein(?). Ich bor auch, sie sollen ein 
Schmeheschrift wider mich haben aussgehen lassen, sed paciencia, 
es hat alss sein Zeit. 

Mein beste Kurtzsweyl, die ich hab, ist mit Babtista Clauch, 
wil kein gut thun, weyl er wider ein Bart hat*); sonst ist Kurtzs- 
weyl theuer. Ich hab auch in der Bibel procediret und bin durchs 
alte Testamei.t und durchs newe halb, hotle halt hindurch zu 
kummeu. Und hab auch solches auf Kuer Schreyben zur Antwort 
nicht verlialtlien wollen. Befel mich in Euer Gebet und wil zu Gott 
meinem Beysthandt hoÖen, Er werde mein Sache zu seinem Lob 
und Ehren und meiner und der meinen Selen Heyl und Selichkeyt, 
auch zuvorderst zu seiner Kirchen Nntzs Wolfart und Gedeyen aller 
genedichst richten, wie es im gefellig ist, und thue Euch hiemit 
Got befehlen. Datum. 

Auf der Rückseite des Konzepts: 
Copey an Ambrosien llotheu den 30. May gestellet und den 10. Junii 

ausgangen. 
Presburck 1568. 

No. 3. Geithain 1568 Auff. 17. 

Mag. Ämbrosius Both an Herzog Johann Friedrich. 

Adresse tvie hei No. 1 
(Von andrer Hand.) Einkummen den 9. Septhembris zu Bressburck 

in Ungern 1568. 

Meine gantz willigste, schuldige, gehorsame und unttv.rthenigste 
Dinste, sampt meinen unnd meiner Pusillen lieben Vatter Unser, 
sindt E. F. G. in Untterthenigkeit allezeit bereit. 
Durchlauchtigster hochgeborner Fürst unnd gnediger Her. 
Weill ich wider gewisse Bottschaft zu E. F. G. bei diesem Briefs- 
zeigern unserem bürgern alhier zu Geitthan habe, kau ichs nicht 
untterlasseu, mus E. F. G. wider, wieviel ich auch sonsten zu schaffen 



») „Clauch — hat" ist am Rande zugefügt; daher ist fraglich, 
ob das Komma vor oder hinter Clauch zu setzen ist. — Den Namen 
Bapt. Clauch haben wir sonst nicht gefunden. Nach Chr. Ferd. 
Schulze, Elisabeth (Gotha 18.32) 87 hut der Herzog einen Hofnarren 
mit in seiner Custodie gehabt, der aber Godel geheissen hat (siehe 
auch Grüner, Einige zur Geschichte Johann Friedrichs des Mittlern 
gehörige, mit Urkunden belegte Nachrichten, 505). Moglicherweise 
war Clauch ein Spitzname desselben. 



Briefwechsel zwischen Joh. Friedr. d. Mittl. und Ambr.Eoth. 149 

habe, mit einem unttertheiiigen Schrieftlein besuchen, unnd berichtte 
hiemit, das ich den 18. Juiiii zu Weinmar gewesen, E. F. G. Gemahl 
unnd jungen Herren besucht unnd alles das treulich geleistet habe, 
was mir meiner Zusage nach, zu nottwendigen Berichtt von E. F. G. 
Gesundtheitt unnd anderer Gelegenheitt, Zustande, sanftter Ge- 
duldt unnd wolangefangener Busse etc "") hatt gebüren wollen, 
daran den E. F. G. nicht allein gar gnediges Gefallen getragen, 
sondern mit Tröste sich augenscheinlich dermassen wider erquicktt, 
erfreuett unnd erigirt hatt, das ichs selbst vor meine Person nicht 
genugsam kan dem lieben Gotte vordancken. Ire F. G. waren warlich 
sehr kleinlaut unnd hinfellig worden, hatte seider meiner Heimkunft 
kar (sie) keine Botschaft gehabtt, ob Ire F. G. gleich hinein geschrieben, 
war doch keine Anttwortt, wie noch bis auf diese Stunde Irer F. G. 
wider zukhomen, unnd gingen die Reden so seltzam, wunderlich, 
unnd doch also artig gefiddert, das ichs selbst des meistenteils hette 
glauben müssen, wen ich nicht aller Sachen Gelegenheitten also 
wol gewust, unnd selbst bei E. F. G. gewesen were. 

Hertzog Hans ( asiniirus bettet mir sein Gebettlein vor E. F. G. 
Gesuntheit, Wolfartt unnd Enttledigung, so hertzlich unnd mit so 
gutten Wörttlein, in rechtter gutter Ordnung aufs Kürtztte gestellet, 
das mir die Augen drüber übergingen. Hertzog Fridrich begerett, ich 
soltteE. F. G. auch sein Gebett, Gehorsam kegen der Fraw Mutter 
unnd grossen Lust zum Studiren, so er einen Paedagogum bekneme, 
zuschreiben unnd vormelden. Hertzog Hanss Ernst hebett die Hend- 
lein auf zum Gebett unnd ob er wol die Wortt nicht machen kan, 
ist doch kein Zweivell, das Lallen gefalle Gott im Himmel wol, unnd 
die Erhorung werde sich zu rechtter Zeitt ereugen. 

Wie es sonsten an Hertzog Wilhelms Hoft' zugehe in Politicis, 
weis ich keinen Bericht. In Theologicis schweben entpor Kosinus unnd 
Ireneus, die machen zu Weinmar das unesseste ,''s«c) Ding, davon nicht 
kan genug geschrieben werden. Alexius ist wider zu Aldenburg in 
sein Ampt restituirt worden , macht auch sehr eigenwillisch Ding, 
ist möglich, er werde kürtzlich wider absatteln müssen. "Wolfius ist 
wider zu Kala, unnd wie ich bericht worden, sol der von Holbrun, 
M. Jonas Franck, auch wider gehöht werden. Sie haben neue Con- 
demnationes unnd Confutationes gestellet, darauf Hertzog Wilhelm 
gedenckt zu exequirn, ist sehr sorglich, dürfte ime wol damit ein 
gross Unglück zuziehen. 

Zum Colloquio wollen sie nicht, habens nun zu zweien mahlen 
abgeschrieben, erstlich sich gefristet mit des Hertzogen Abwesen, 
es gebure inen nicht, durftens auch nicht thun, ehe der Her zu 
Lande wider anheim kheme. Zum andern mahl, do schon der Hertzog 
wider vorhanden , mangelts inen an Leutten , die sich kuntten zu 
CoUocutoren gebrauchen lassen, sie wollen Elacium unnd Hashusium 
vorschieben, die wil man dabei nicht wissen. Darauf ists von un- 
serm gnedigsten Heren dem Churfursten gar abgeschaft worden, 
das man auf unserem Willen hinfurtt nicht mehr bedacht ist, ferner 
mit inen einig CoUoquium oder Disputation zu haltten, sondern Gotte 
will man sie übergeben sein lassen, der wirdtt zu rechtter Zeitt 
drein sehen unnd irem Geiliern steuern. Sie die Flacianer samlen 
sich itzundt alle untter Hertzog Wilhelms Fliegel unnd pellirn (?), 
thun in Bahn alle die, so inen zuwider sein unnd ihrer Faction nicht 
subscribiren wollen. 



'") Die gesperrten Worte sind im Original unterstrichen. 



150 A. V. Welck: 

Die Uriiversitet Jena wirdt jemmerlicli wider dissipirt, weil 
weder Professor noch Discipiil unsersteils alda kan geduldet werden. 
Ach es ist so ein Elendt, das kein Wunder were, das im Lande ein 
Aufstehen drüber würde, unnd Gott weis, wie es noch geratten werde. 
Man ist allenthalben spaltig unnd uneinig, viel redlicher Leutte 
unnd frommer Hertzen lernen den Geist kennen unnd setzen sich 
dawider heimlich unnd öffentlich. Wir im Churfürstenthumb niussens 
leiden, das sie itzt auf allen Cantzeln in Düringen uns nominatim 
daranirn, unnd sich alleine die recht evangelischen Prediger unnd 
Hertzog Wilhelm den einigen recht evangelischen Fürsten rhumen. 
Aber das Werck lobt selbst seinen Meister, die Früchtte zeugen 
vom Baum unnd welche der Geist Gottes treibtt, die sindt Gottes 
Kinder. Dabei las ichs wenden. 

Es hatt mir E. F. G. Gemahl auch ein Trostbrief lein an E. F. G. 
lauttende, mit eigner Handt geschrieben, zugeschickt, gnedig be- 
gerende, ich wolle dasselbe mit diesem Botten zu E. F. G. vorfertigen, 
glaube genzlich, weil es ein Trostbrief lein ist, es solle nichts Fehr- 
liches oder Bedenckliches drhmen stehen, habe es derowegen mitte 
zu meinem Brief beigclegtt, das es der Her Comraissarius sehe unnd 
E. F. G. anttwortte. Kan E. F. G. drauf anttwortten, das Briefszeiger 
gewisse Botschaft wider herausliringet, mag vorwar E. F. G. Gemahl 
nichts gewuuschters noch frölichers in diesen Zeitten vviderfaren. 

Ich hatte mir zur Neustadt eine Arbeit furgenohmen in das 
Psalterium, vor E. F. G. sehr dinstlich, kan sie aber itziger Zeit 
nicht continuirn, hilft mir Gott wider zu Rhue, das ichs alhie zu 
Schwancke bringe, wil ich sehen das ich kan E. F. G. eine Proba davon 
zuschicken. Untterdes bevehl ich E. F. G. weittcr dem almechtigen 
ewigen Gott in seinen vetterlichen Schutz an Leib unnd Sehl unnd 
bitte hertzlich umb die freudenreiche Zeit, darinnen wir einander 
hie zu Lande wider sehen unnd Gott sein Te Deum laudamus vor 
entpfangene Wolthatten singen sollen. Mehr zu schreiben hab ich 
nicht Zeit, bitt untterthenig, E. F. G. wollen dis wunige unnd un- 
ordenttliche in Gnaden erkennen unnd mein gnediger Her auch in 
der Custodi (so lang (iott will) sein unnd l)leiben. 

Dat Geitthan Dinstags nach assumtionis Marie, welcher ist der 
17. August des 68ten. 

E. F. G. 
unttertheuigster unnd gehorsamster 
Ambrosius Rodt, pastor 

No. 4. Pressbiirg 1568 Sept. 15. 

Herzog Johann Friedrich an Mag. Anibr. Roth. 

Copey an Ambrosien Roth Pfarern zum Geythen den 10. Septembris 

1568 zu Pressburck. 
Wyrdicher, lieber andechtigcr und besonder. Wir haben Euer 
an uns gethanes Schreyben unther datho Geythen den 17. Augusti 
alhir von unserm uns von der Key. Mag. zugeordnethen Commissario 
Er Jacob Mordaxen den 9. Septendiriss entt'angen und verlesen, auch 
Euer Meinung daraus vernomen. Und vermercken sonderlich von 
Euch zu Genaden, das Ir dermaleins seydt Euer Zusage nachknm- 
men und unser arme bethrubte und thrauriche Gemahel und Kinder 
besucht und gethrohst habt, den 18. Junii, thun uns gegen Euch 
solches zum hochstheu bedancken, und machen uns aller Zweyfel 



Briefwechsel zwischen Joh. Friedr. d. Mittl. und Ambr.Roth. 151 

keinen, Ir wei'det unser freundliches liebes Gemahel und Kindern in 
guther Gesundheyt (ob sie gleich bekümmert) gefunden haben, auch 
wie wir aus Euerm Schreyben vermercken thuen, das Ir innen unsern 
Zusthandt berichthet habet. Weyl wir den daraus, wie Ir unsern 
armen verlassenen Haufen und Economiam funden hapt, verstehen, 
so vernemen wir, Gottlob, daraus doch so vil, das darinnen in dem 
grossen Thoben und Wüthen des Sathans und der bösen Welt unser 
lieber Her Gott Euch sein schwaches Christliches Kirchlein bey den 
armen verlassenen geringen und einsamen, so von dem grosen bralen, 
Wuthen und Toben des Sathans Kirche unther den Flacianern, so 
nur sich zum höchsten bemuhen, des Hern Weinberck zu verwusthen, 
untherdrückt, noch aufrecht Euch gezeiget hat. Dafür wir Gott 
billich dancken und wissen aus seinem Wort gewiss. Er werde seiner 
Christen Gebet nicht unerhört lassen, welches Gebet dan durch die 
Wolcken dringen und lest nicht nach, bis es für Gottes Angesicht 
kumpt. Ecclesiast. 35 ")• Und seindt der ungezweyfethen Hoffnung, 
unser Her und Gott werde sich dermaleins auch wider herumb 
wenden und uns sein gnedich Angesicht wider sehen lassen, ut in 
Trenis Jeremiae 3. Eins aber wissen wir, was wir Gottlob nun fast 
gewout und erlithen haben, das solches andern noch für sich haben 
ir Kneuelein abzuwinden. 

Wir thun uns auch gegen Euch bedancken, das Ir uns unser 
freundlichen lieben Gemahel Schreyben habt zugeschickt, und nachdem 
nichts darinnen so wenich als in dem Euern, so unsers Erachthens 
verdechtich, so wollen wir uns nicht versehen, das es einichen Mangel 
deshalben haben werde, wie wir Euch den das Schreyben und Ant- 
wort an unser freundliche hertzliebe Gemabel auch thue wider zu- 
schicken mit gnedichem Gesinnen, solches Ir L. zuzuschicken, und 
wollen Euch ermanet haben und gebethen, Ir wollet unser fr. libe 
Gemahel mit Schriffthen thrösten, sie auch wider die Flacianer helfen 
mit Gottes Wort sterken. 

Dass Euch auch unser Sohne gefallen in Bethen und iren Cate- 
chismo, gefellet uns nicht übel, hoffen sollen bass fortfaren. Aber 
einen Praeceptorem inen zuzuordnen itziger Zeit ist bedencklichen, 
und so es geschehen sei, so muss ein ander Gelegenheyt haben, den 
die Flacianer nichts leeren, sondern alle Uneinickeit stifthen und an- 
richthen, seindt rechte Barbari nach irem meister Matths Unflat. Wie 
den ir unruich Werck noch klar am Tage und wol zu sehen ist. 
Darumb wie gehört (?) noch zur Zeit nicht ratsam sein wyl, so seindt 
sie noch junck, kunnen in ein jar nichts verseumen. Aber do Ir 
irgendt Botschaft zu innen habt, so entpythet unser f. üben Gemahel, 
sie sol sich nicht zu hart kummern, sondern weil sie und die Kinder 
auch wir seibist an unsern Herren Gott einen vil bessern Vather 
haben, denn sie an mir gehapt haben, so sollen sie Im verthrauen, 
den Er ist almechtig, hat alles in seinen Henden und kan vom 
Toth erethen als die im feurichen Offen. Dan. 2. Wollet auch ver- 
melden mein Kleynen, sie sollen fleyssig bethen und iren Catechismum 
wol lernen, auch irer Fraw Muther gehorsam sein, so wird sie unser 
Her Gott desther eher erhören, alsdan kan ich inen was Schönes 
mitbringen. Und hab keinen Zweyfel, weyl meine und ander Kinder 
bethen, unser Her Gott werde desther eher den Flacianern mit irem 
Anhang steiern und weren, wie sie den durch ir Gebet dem Teuffei 
sein Furnemen in den Flacianer gewiss brechen und aufhalthen, 

") Sirach Cap. 35 v. 21. 



152 A- V. Welck: 

den Gottes Wort nicht ligen kan, so hat man aiuh ein schön Exempel 
in ander Buch der Xronica von dem Gebet der Kinder zur ztythen 
des Köniches Josaphat cai)ite 20. 

Der Flacianer Znsthande hören wir der massen nicht grerne und 
sonderlich, das sie, wie Ir uns anzeiget, die Kirchen und Schullen 
also zuruthen thun nun zum andern Mal. Wolan unser Herr Gott 
wyrdt in die Lenge nicht zusehen und ist ir Ruth zu der Straf schon 
gebunden, nur das unser Herr Gott als ein gnedicher Gott noch auf- 
helt und sihet, ob sie sich bekeren wollen. Es ist schadt, das das 
wolgefest und ordeniliih Wesen in Religion- und Profansachen so 
dissipiret und verwnsthet wirdet unserm Hern Gott und seiner Kirchen 
zu Unehren und Nachtheyl, auch Landen und Lcuthen zu grossem 
Vertherben, sed Dens est longanimis et potest multa pati, suo tarnen 
tempore evigilat ut ebrius a vino (psalmo 78), den gehet es übel zu, 
wir besorgen, es werde den Gottlosen und Flacianern alzu frühe 
kunimen, ir Stur.dt ist in Warheyt nicht weyt, denkt an uns. 

Eures Lrbythens der Arbeyt halben in Psalther thun wir uns 
auch I)edancken" und rerhofien das Werck, ob Gott wyl, zu sehen. 
Euer erstes Schreyben und Büchlein haben wir noch nicht gesehen. 
Mit unser Arbeyt sindt wir nun lenger denn ein Monat fertig gewesen. 

Welches wir Euch zur Antwort auf Euer Schreyben nicht 
haben verhalthen wollen, und nachdem al unser Yerthrauen zu un- 
serm Gott und Vather wir haben, so haben wir keinen Zweyfel, Er 
wirds wol machen. Und weyl ir sehet, dass die Flacianer gewaldich 
sich wider Gott und sein Wort auflenen mit Lugen und ander Stück- 
lein, so einen zu Händen kummen, auch unser armen Gemahel hart 
sonder Zweyfel zusetzen, so wollen wir Euch gebeten haben, ir 
wollet sie aus Gottes Wort throsthen , auch sie wider die Flacianer 
Sterken. Das wollen wir widerumb Euch beschulden und habe ichs 
Euch nicht verhaltheu wollen. Thue Euch hirmit Gott befeien und 
wollet unser in Eurem Gebet auch nicht vergessen. 

Actum ut supra. 

Aiif der Bückseite des Konzepts: 
(opey an mein freundtliche Übe Gemahel und den Pfarer zu Geythen 
den 15. Septembris 15G8 .jar zu Bressburck in Ungern. 

No. 5. GeithaiM 15G8 Dcc. 12. 

Mag. Anihrosius Bothe an Hersog Johann Friedrich. 

Adresse wie hei No. 1. 
Ankummen den ll.(?) Januarii 15(59. 

Ein glückseliges, freudenreiches, friedtliches unnd gesegnettes 
Neue Jar gebe uns allen Gott der himlische Vatter umb seines lieben 
Sohns Jhesu Christi unsers lieben Immanuelgens willen. Amen. 

Durchlauchtigster hochgeborner Fürst und gnediger Herr. Auf 
E. F. G. nechstes gnediges Bevehelen unnd Begeren hab ich treulich 
unnd untterthenigst nicht aliein E. F. G. Schreiben nach Weinmar 
zu meiner gnedigen Frauen E. F. G. geliebtesten Gemahl vorfertigt, 
sondern auch mit Trösten unnd Ermahnen alles zum vleissigsten 
nach höchsten Vormugen vorrichtet: befinde auch aus Irer F. G. 
Schreiben, das Ire F. G. nur wol drauf sich zufrieden hab geben 
kunnen, lernet den Geist, von welchem die Flacianer getrieben 
werden, kennen, unnd sich gar vorsichtig, wanne itzo zu trauen sein 
muge, umbsehen. 



Briefwechsel zwischen Joh. Friedr. d. Mittl. und Ambr. Roth. 153 

Dienet Gott neben den jungen Hern unnd zugeordnetten Hof- 
gesinde im Gebett vleissig und unablessig, unnd warttet in grosser 
Geduldt zu rechtter Zeitt gewünschter Freude unnd göttlichen Hülti'e, 
davor ich den selbst Gott dem himlischen Vatter zum höchsten 
dantke, unnd bitte, das er Ire F. G., also wie er angefangen hatt, 
ferner stercken unnd bestendig bis ans Ende erhaltten wolle. 

Es hatt mir auch Ir F. G. widerumb ein Schreiben vortrauet 
unnd zugeschickt an E. F. G. lauttendtt, welches E. F. G. vom Hern 
Commissario neben diesen meinen treulicli wirdt zugestellet werden, 
daraus werden E. F. G. sonder Zweivell aufs allergewisseste be- 
richttet werden, von alle deme was Sie von Irer Gemahl unnd jungen 
Herschaft Gesundtheit unnd anderen Zustande zu wissen wünschen 
unnd begereu. 

Neues weis ich nichtts, den das itzo mit den Flacianern (hette 
schir gesagt Fallacianern) zu Aldenbnrg CoUoqnium schrieftlich aiso 
vortrauet, "vorschwiegen unnd in stiller voreidetter Geheime gehaltten 
wirdt, das man von keinen Teill nichtts erfharen khan, was gehandeldt 
worden sey oder noch gehandeldt werde. Wir hoffen alle des besten 
unnd bitten, das es zu guttem Ende lauffen müge. 

Ich war zwar zu unsers gnedigsten Hern des Churfuisten von 
Sachsen etc. Hofferedtten unnd Predigern bescheiden, das ich zu Al- 
denburgk den xxiiii. Octobris bei inen sein soltte, aber gleich an sol- 
chem Tage schicktte mir Gott der Her seinen Angelum percutientem, 
der fast den gantzen Sommer untter uns alhier in der Gemeine ge- 
wandeldt hatte, auch ins Pfarhaus, das ich balde drei Pacienten 
unnd folgentt in dreien Tagen nach einander jhe einen Tag eine 
Leiche hatte, unnd liss sich das "Wetter so trübe an, das iderman 
dachte, es würde nun alles bundt übergehen, aber Gott der treue 
Vatter erhörette mein unnd meiner Kirchkinder unnd vieler frommer 
guthertzigen bekantten unnd benachbartten Freunde Gebett unnd 
mittleidiges Seufftzen unnd Flehen, unnd bevhal dem Yerderber als- 
balde wider das Schwerdtt einzustecken , das es bei solchen dreien 
Leichen meiner Schwester unnd zweier Töchtterlehi bliebe, unnd gab 
mir hernach den 14. Novemb. wider einen jungen Sohn dakegen. 
Das ist der Beuttepfenning, den ich mitte aus dem Hungerlande 
heimbracht habe, Gott der Almechtige stercke ferner Mutter unnd 
Kindt unnd uns alle mitteiuander unnd erfreue uns wider, nachdem 
wir so lang Unglück leiden. Die Freudentage, die ich daheim ge- 
habtt habe dis Jar über, seider ich wider heimkhomeu bin, sindt 
zimlich, Nomen Domini sit benedictum. Es wil unnd kau doch nicht 
anders sein. Wir Christen müssen Creutzhern sein unnd in man- 
cherley Leiden dem Hern Christo gleichförmig werden. 
Creutz, Trübsal, Elendt, ..\ngst unnd Nott 
Ist stetts der Christen Himmelbrodtt. 

Doch haben wir den Trost gewis. Leiden wir mitte, so soln 
wir auch mitte zur Herligkeitt erhoben werden, welche so gros unnd 
unausprechlich ist, das ir der gantzen Weldt Leiden auf einen Klum- 
pen zusamen geschmeltzet nicht ist zu vergleichen Rom. 8. 

Ich predige itztt den Syrach unnd mus in immer mitte prac- 
ticiren. Gleich in meiner Creutzwochen hatte ich den Textt vor mir 
cap. 4: Die Weisheitt erhöhet ihre Kinder etc. unnd wer sich zu ir 
heldtt, der wirdtt sicher wohnen etc. Unnd ob sie zum ersten sich 
anders kegen im stellet unnd macht ime angst unnd bange unnd 
prüfett in mit iren Rutten, unnd vorsuchtt in mitt irer Züchtigung, 
bis sie befindet, das er one Falsch sey: so wirdt sie dan wider zu 



154 A. V. Welck: 

ime khomen auf dem rechten Wege, und in erfrewen unnd wirdt 
im offenbaren alle ire Geheiinnus etc. 

Der Textt tröstette mich wider unnd erinnevtte mich unsers 
Hern Gottes Weise, das ers keinen seiner Kinder schenckett, er setztt 
sie alle auf die Prob ins Feuer der Trubsall Syr. 2 cap. Wen er 
wil zu Ehren bringen, den machtt er vor zu Schanden, wen er wil 
in Himinell heben, den stöst er zuvor in die Helle, stecktt in eine 
Zeittlang dem grossen Walfisch unnd Leviathan in Rachen, das er 
in wol in der TiefTe des Mehrs, in allem Schlam unnd Kotte umb- 
herlurett, aber wen er meinet, er habe uns schon gar verdauett und 
aufgerieben, nins er uns lebendig und in grossen Ehren aufs truckne 
Landt widergeben, wie mit Jona ist geschehen. Er stellet sich wol 
mürrisch kegen uns, vorbirgtt sich eine Zeittlang hintter das Ge- 
gitter, unnd macht uns so angst und bang, heldt uns auch so hartt 
untter seiner Kutten uniul Züchtigung, das einer meinet, er sey gar 
feyndt unnd uns zuwider. Aber wen man ime ausheMt in der prob, 
lest er sich in eittel Freudenglantz wider sehen und entptinden. 

Ich hatte mirs gar gewis vorgesatzet, E. F, G. itzo zum we- 
nigsten eine Decadem psalmorum zur Prob hinein zu schicken, ist 
aber mit diesen meinen Hauscreutz unnd Betrübniss vorhindertt 
worden. Fristet mir Gott mein Leben unnd gibtt wider Luft, wie 
er angefangen hatt und wie Ime genzlich zucetrauen, so sols mit 
nechster Botschaft geschehen. Untter des wolle mich E. F. G. gne- 
digst entschuldigt hallten, unnd sich der andren paraphrasium , die 
Sie zur Hundt hat, gebraueben. 

Das Bettbüchlein Avenarii wirdt villeicht noch zu Hoffe auf- 
gehaltten unnd zu seiner Zeitt E. F. G. zugefertigt werden. Es hat 
aber des Hern Commissarien eheliche Hauswirttin auch ein Exemplar 
bekhomcn, wil E. F. G. die Mühe drauf wenden und es durchlesen 
unnd probiren, kan sie es des ürtts alle Stunden bekhomen Ge- 
fellts alsdan E. F. G., so will ich zum nechsten (wil Gott) wider ein 
ander E.Kemplar hinein schicken. 

Soviel hatt mir itzo in schuldiger Untterthenigkeitt E. F. G. 
zu schreiben unnd zu berichtten gebüren wollen, bitt E. F. G. wollen 
ir solche meine arme Dinste gnedigst gefallen lassen, in wolange- 
fangener Buss fortschreitten, im Gebett nicht müde, noch in der 
Geduldt auflessig werden, so wirdtt Gott (one allen Zweivell) zu 
rechtter Zeitt uns das „Revertere, revertere, Sunamitis, revertere, 
revertere ut intueamur te" '*) in gewünschten Freuden unnd an 
gewünschten Ortten singen lassen: 

Wen wir heim fahren aus dem Elende etc. 
Gott dem Vatter alles Trosts unnd aller Geduldtt thue ich untter- 
thenigst E. F. G. sampt allen Diener bevehleu unnd ergeben. 

Datum Geitthann Sontags nach Nicolai, welcher ist der 12. De- 
cember anno etc. (iSten. 

E. F. G. 
untterthenigster unnd gehorsamster 

Ambrosius Rodt 
pfarher daselbst.- 

'») Hohelied Cap. 6. v. 12. 



Literatur. 



Deutsche Reichsgeschiclite im Zeitalter Friedrich III. und Max I. 

Mit besonderer Berücksichtigung der österreichischen Staaten- 
geschichte. Von Dr. Adolph Bachinann, Prof. der österreichischen 
Geschichte an der Universität zu Prag. Erster Band. Leipzig, 
Veit & Comp. 1884. XIV, 636 SS. 8«. 

Das vorliegende Wei'k gehört eigentlich nicht zu denen , die 
an dieser Stelle zu besprechen sind; der Stoff, den es behandelt, 
ist kein speziell sächsischer, sondern ein allgemeiner. Aber das 
letzte Jahrhundert des Mittelalters ist für die Geschichte Sachsens 
von so hoher Bedeutung, und es ist bisher so \\'enig geschehen, um 
diese Bedeutung in das richtige Licht zu setzen, dass uns wenigstens 
ein kurzer Hinweis auf Bachmanns Werk geboten erschien, um so 
mehr, als zu seinen reichsten Quellen das gemeinschaftliche Ernesti- 
nische Archiv zu Weimar und das Hauptstaatsarchiv zu Dresden 
gehören, die der Verfasser schon für frühere Publikationen (vergl. 
unsere Besprechungen in dieser Zeitschrift I, 20."} und IV, 354) fleissig 
benutzt hat. 

Im Vordergrunde des Bildes, das Bachmann in seinem ersten 
Bande von den recht verwickelten Beziehungen und Verhältnissen 
der Glieder des deutschen Reiches unter einander und zu den Ober- 
häuptern des Reiches und der Kirche während der Jahre 1461 — 1468 
mit einer von vollkommener Beherrschung des Stoffes zeugenden 
Schärfe entrollt, stehen ausser dem Kaiser Friedrich III. und dem 
Papst Pius II. vor allen der Böhmenkönig Georg Podiebrad, Mark- 
graf Albrecht (Achilles) von Brandenburg und Herzog Ludwig von 
Bayern-Landshut; dieWettiner spielen neben ihnen unreine neben- 
sächliche Rolle. Es ist dies auch leicht begreiflich. Der Bruder- 
krieg zwischen Kurfürst Friedrich II. und dem begabteren und that- 
kräftigeren Herzog Wilhelm und seine Folgen, zu denen nament- 
lich langjährige Irrungen mit Böhmen gehörten, hatten eine tief- 
gehende Erschöpfung und ein lebhaftes Bedürfnis nach Frieden 
hinterlassen. Durch die Egerer Verträge von 1459 und durch 
Familienverbindungen war mit dem Böhmenkönige ein Bündnis ge- 
schlossen worden, das sich von festerer Dauer erwies als die meisten 
Verbindungen jener Zeit, in der mit Verträgen nur zu oft ein leicht- 
fertiges Spiel getrieben wurde. Auch mit dem Kaiser und den 
Hänsern Witteisbach und Hohenzollern bestanden Verträge und 
Verschwägerungen; namentlich zu dem letzeren, dessen politische 
Seele Markgraf Albrecht Achilles war, waren die Beziehungen sehr 



156 Literatur. 

inniorer Xatur. "Wenn trotzdem flie Wettiner in dem Kampfe zwi- 
schen dem Markgrafen und dem Herzog Ludwig von IJaycrn, der in 
den ersten Jahren des behandelten Zeitraumes vor allem das In- 
teresse fesselt, sich durchaus zurücklialtend benahmen und ihre 
Thätigkeit fast durchweg einen vermittelnden Charakter trug, so ist 
eben besonders jenes tief empfundene Friedensbedürfnis der Grund 
davon. .A.u(h in den Differenzen zwischen Georg von l^öhmen und 
Brandenburg wegen der N'iederlausitz und später, als der lange vor- 
bereitete Kampf der Kurie mit dem Bühme;d<öniire zum Ausbruch kam, 
sind sie es, die mit mehr oder weniger Erfolg immer von neuem sich 
bemühen, auszugleichen und zu vermitteln. Entsprach diese Politik 
vielleiclit vorzugsweise der Eigenart des Kurfürsten Friedrich, so 
hat doch auch sein heissbUitigerer Bruder sich ihr völlig ange- 
schlossen und nach Frieilriclis Tode (7. September 146.3) vererbte 
sie sich auf seine Söhne Ernst und Albrecht. Über die Politik 
dieser letzteren dem ßöhmenkönige gegenüber hat Ref. im 1. und 
2. Bande dieses Archivs bereits eingeliende Untersuchungen ver- 
öffentlicht; ihre Resultate stimmen, soweit sie für diesen Band in 
Betracht kommen, vollkommen mit denen Bachraanns überein. 

Wenn somit in der politischen licschichte Sachsens die be- 
handelten Jahre nicht eben ein spannendes Interesse für sich be- 
anspruchen können, so ist ihre Behandlung doch auch vom Stand- 
punkte des sächsischen Spezialhistorikers aus sehr dankenswerth. 
Im einzelnen wird sich wahrscheinlich hier und da noch ein Zug 
dem Bilde hinzufügen lassen; im grossen und ganzen wird dasselbe 
sich dadurch schwerlich ändern. 

Vom allgemeinen Standpunkte ans wird man Bachmanns Arbeit 
zweifellos als eine der vortrefflichsten Monographien zur Geschichte 
des späteren Mittelalters bezeichnen müssen. Sie beruht auf einem 
überaus ausgedehnten archivalischen Material, das mit grosser Ge- 
wissenhaftigkeit und Sorgfalt durchgearbeitet ist. Wenn man hier 
und da den Wunsch nach etwas grösserer Übersichtlichkeit der 
(Gruppierung empfindet, so darf man nicht übersehen, wie ausser- 
ordentlich schwierig gerade in dieser Beziehung die Aufgabe war: 
die verworrenen Verhältnisse des Reiches, das Überwiegen partikularer 
Interessen, das fast vollständige Fehlen einer Zentralgewalt machen 
es nahezu unmöglich, eine „Reichsgeschichte" jener Periode zu 
schreiben. Mit Spannung sehen wir der Fortsetzung des verdienst- 
lichen Werkes entgegen; für die Geschichte Sachsens wird nament- 
lich der nächste Band voraussichtlich viel Neues bieten. 

Dresden. H. Ermisch. 

I. Zur Geschichte rtes Türkenkrieges im Jalire 168S. Die Be- 
theiligung der kursächsischen Truppen an demselben. Von 
Dr. P. Hassel, K. S. Geheimer Regierunusrath und Direktor 
des llaupt-Staats-Archivs, und Graf Vitzthum von Eckstädt, 
Major im K. S. Generalstab. Mit zwei Plänen. Dresden, 
W. Baensch. 1883. VI, 184 SS. 8». 
II. Der Entsatz von Wien am 12. September 168.3, Aus einer 
kriegshistorischen Studie. Berlin, W. Baensch. 1883. XIV, 
120 SS. 8». 
IIL Der Kampf um Wien 16H3. Sein Verlauf und seine Bedeu- 
tung für die Geschiclite des Festuncrskriegs. Von (i. Schröder, 
Generalmajor z. D., vormals im Ingenieur-Korps. Mit einer 
Tafel. Berlin, Mittler & Sohn. 1883. 78 SS. 8». 



Literatur. 157 

IV. Das Kriegsjahr 1683. Nach Akten und anderen authenti- 
schen (Quellen dargestellt in der AbtheilungfiirKriegsoeschichte 
des k. k. Kriegsarchivs. Mit 6 Tafeln. Wien, Verlag des 
k. k. Generalstabes. 1883. XI, 34u «S. 8». 
V. Wien im Jahre 1683. Geschichte der zweiten Belagerung 
der Stadt durch die Türken im Rahmen der Zeitereiguisse. 
Aus Anlass der zweiten Säcularfeier verlasst im Auftrage 
des Gemoinderathes der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt 
Wien. Von Victor von Reiinei'. Mit zahlreichen Abbildungen. 
Wien, R. von Waldheim. 1S83. XVII, 488 «S. i». 

Wenige Tage, bevor unter dem Jubel Tausender auf dem 
Niederwalde das stolze Siegesdenkraal am Rbein enthüllt ward, 
beging die alte Kaiserstadt an der Donau die zweite feäkularfeier 
ihrer Befreiung aus der im unvergesslichen Jahre 1683 sie schwer be- 
drohenden Türkengefahr. 

Wohl in Hinblick auf die unverkennbaren Beziehungen, in 
welchen beide Feste zu einander stehen, von denen eins wie das 
andere der Erinnerung an die siegreiche Bekämpfung und Nieder- 
werfung deutscher Erbfeinde gewidmet ist, bezeichnet die kriegs- 
geschichtliche Abtheilung des österreichischen Kriegsarchivs gleich 
in der Einleitung ihrer Jubelschrift Wien als die „Wacht an der 
Donau" und nimmt damit lür diese Stadt einen Ehrentitel in An- 
spruch, der in allen deutschen Herzen einen freudigen Anklang 
findet. Denn die rege Tiieilnahme aller deutschen Lande für die 
Wiener Feier bekunden schon die durch dieselben veranlassten 
zahlreichen Erscheinungen auf dem Felde der Litteratur, von denen 
wir im nachstehenden nur die bedeutenderen oder unser engeres 
sächsisches Vaterland zunächst interessierenden einer kurzen Be- 
sprechung zu unterziehen versuchen. 

I. ist aus dem erfreulichen Zusammenwirken zweier berufener 
Kräfte entstanden , indem der gelehrte Direktor des Hauptstaats- 
archivs zu Dresden die politischen Verwickelungen, welche dem 
Kriege von 1683 vorangingen und denselben veranlassten, der andere 
Verfasser aber, ein bisher litterarisch zwar noch nicht bekannter, 
aber der Aufgabe vollkommen gewachsener Generalstabsoffizier aus 
einem seit Jahrhunderten mit den Geschicken Sachsens eng ver- 
knüpften Geschlecht, die kriegerischen Ereignisse selbst schildert. 

Weniger allgemein bekannt, als die auf religiösem Fanatismus 
begründete unersättliche Eroberungspolitik des osmanischen Reiches 
und als die gewissenlosen Ränke und Intriguen , vermittels deren 
Ludwig XIV. seine Macht zu vergrössern und seine hochfliegenden 
Pläne zu verwirklichen strebte , ziehen besonders die S. 9 fi'. treff- 
lich dargestellten ungarisch-siebenbürgischen Zustände unsere Auf- 
merksamkeit auf sich. Die Ungarn befanden sich damals noch tief 
in dem vielleicht heute noch nicht ganz beendeten Durchgangs- 
prozess vom nomadischen Reitervolke, als welches sie seiner Zeit der 
Schrecken Europas nicht minder gewesen waren, als später die Os- 
manen, zum sesshaften Kulturvolke. Noch mehr als in der Gegen- 
wart hassten die Magyaren, den Deutschen; ihre Versuche, das 
lockere Band, das sie an Österreich knüpfte, zu zerreissen, er- 
innern an den noch im Gedächtnisse unserer Zeitgenossen lebenden 
von 1848 und 1849. Kein Wunder, dass diesem unruhigen, gewalt- 
thätigen Volke die Türken trotz des schonungslosen Druckes, den 



158 Literatur. 

sie über dasselbe verbangten, sympathischer erschienen, als die deut- 
schen und slaviscben Völker des Kaiserrei. hs. Selbst die mit diesen 
und der ganzen Kultur des Westens gemeinsame christliche Re- 
ligion hatte ihre vcrbiudeiule Kraft durch die infolge der Refor- 
mation eingetretene kirchliche Spaltung wesentlich verloren, be- 
sonders da der gänzlich unter dem Einflüsse der Jesuiten stehende 
Kaiser Leopold gegen die von dem katholischen Glauben abge- 
fallenen Ungarn mit ebensoviel Harte, als Ungeschick verfuhr. Es 
gehurt die tilinde Voreingenommenheit eines Konvertiten wie Onno 
Klopp dazu, um gerade über diesen Funkt in seinem, die Zustände 
jener Zeit so eingehend behandelnden Werke „Das Jahr 1683 und 
der folgende grosse Türkenkrieg" üücbtig hinweg zu gehen. Um 
so mehr müssen wir es der vorliegenden Schrift Dank wissen , dass 
sie die systematische Verfolgung der ungarischen Protestanten, 
durch welche ein Ijobkowitz die Alleinherrschaft der römisch-katho- 
lischen Kirche herbeizuführen und damit eine wesentliche Bedingung 
für die Aufrichtung des Einheitsstaates zu erfüllen glaubte, als eine 
Hauittnrsache des Wiederausbruches der revolutionären Bewegung 
in Ungarn bezeichnet. 

Zu mild vielleicht, wenn auch mehr in Rücksicht auf gewisse 
glänzende persönliche Eigenschaften, die bei seinen Zeitgenossen 
eine ungewöhnliche Theilnabme für seine an das Romanhafte streifende 
Thaten erweckte, ist der Hauptheld jener Kämpfe zwischen Ungarn 
und dem Kaiserreiche, Emmerich Tököly'), beurtheilt. Gerade die 
höhere, zunächst von deutschen Lehrern erworbene Bildung dieses 
Mannes mö( hte dessen Treulosigkeit, Zweideutigkeit und Wort- 
brüohigkeit im Vergleiche mit anderen hall) barbarischen Partei- 
führern seiner Zeit und seines Volkes in minder versöhnlichem 
Lichte erscheinen lassen. 

Die Krzählung der diplomatischen Verhandlungen, durch welche 
der Polenkönig Sobieski zum Anschlüsse an Österreich und zu der 
so erfolgreichen Betheiligung am Türkenkriege gewonnen ward, giebt 
zu einer kurzen Bemerkung Veranlassung. 

Es ist bekannt, dass Johann HI. Sobieski seine Wahl zum 
Könige ganz wesentlich der französischen Unterstützung verdankte. 
Seine geistreiche, aber ränkevolle, ehrgeizige und von schnöder Geld- 
gier beherrscht!! Gattin Marie Kasimire, die Tochter des Marquis 
de la Grange d'Arquien, war Französin. Sie empfing notorisch ein 
ansehnliches Jabresgehalt von Ludwig XIV., für welches sie ihren 
Gatten, der stark unter ihrem Einflüsse stand, für die Zwecke Frank- 
reichs bearbeitete. Der Mann ihrer Schwester, Marquis de Bethune, 
war französischer Gesandter am polnischen Hofe. Aber während 
die Geldspenden Ludwigs mit der Zeit dem unersättlichen Geize 
der Königin nicht melir zu genügen im stände waren, fühlte sich 
deren iiiitelkeit dadurch schwer verletzt, dass Ludwig dem immer 
drinuender werdenden Verlangen derselben, ihren Vater zum Herzog 
und Pair von Frankreich zu erheben, einen dauernden, stummen 
Widerstand entgegensetzte. Diese Verletzung persönlicher Interessen 
brai hte zunächst eine Wendung in der Politik des p(dnischen Königs- 
hauses hervor, die durch ein auf S. 77 erwähntes Ereignis bis zum 
Bruche desselben mit Frankreich geführt ward. Es gelangten 
nämlich die geheimen Berichte des französischen Gesandten Marquis 
de Vitry, des Nachfolgers Bethunes, an Ludwig XIV., sowie ein 

') Nur V. schreibt diesen Xamen Thököly. 



Literatur. 159 

Briefwechsel Vitrys mit dem polnischen Kronschatzmeister Grafen 
Morszcyn in die Hände des Königs Johann. Allerdings ist der Inhalt 
dieser Schreiben ihrem Wortlaute nach nie bekannt geworden, 
Onno Klopp führt jedoch (a. a. 0. S. 16«) das Wichtigste ans dem- 
selben nach dem Auszüge aus den Berichten Contarinis, des vene- 
zianischen Gesandten in Wien, an. Es mochte nicht sowohl der tiefe 
Blick in die Bestechlichkeit aller seiner Umgebungen sein, welche 
den Zorn Sobieskis in so hohem Grade erregte — die Käuflichkeit 
war ja in Polen längst die Regel, nicht die Ausnahme — , es waren 
die wenig schmeichelhaften Bemerkungen über seine Person und 
besonders die Massregeln, die man bereits in Aussicht auf seinen 
Tod vorbereitete, um nicht einen seiner Söhne, sondern einen franzö- 
sischen Prinzen auf den polnischen Thron zu bringen. 

Solche persönliche Gründe entschieden zu Gunsten des schwer- 
bedrängten Kaiserstaates in dem Gemüth des Königs. Im Reichs- 
tag, dessen Zustimmung zur Bestätigung des am 31. März 1683 
zwischen Österreich und Polen geschlossenen Allianzvertrages noch 
erforderlich war und in dem der französische Einfluss sich noch 
stark geltend machte, überwog endlich der Gedanke an die eigene 
Gefahr; denn es war in diesem Augenblicke noch nicht klar zu er- 
kennen, ob die gewaltigen, türkischen Kriegsrüstungen gegen Öster- 
reich oder Polen gerichtet waren. 

Der uneigennützigste Verbündete des Kaisers war bekanntlich 
neben dem Kurfürsten von Bayern, welcher ein Hilfskorps von etwa 
800U Mann sendete, der Kurfürst Johann Georg HI. von Sachsen, 
der mit seinem ganzen, für die damaligen Verhältnisse beträchtlichen 
Kriegsheer von 10454 Mann inkl. S194 Reitern und mit 16 Geschützen 
zur Hilfe der bedrängten Reichshauptstadt herbeieilte. In welche 
peinliche Lage der ritterliche Fürst gleich nach dem möglichst be- 
schleunigten Abmärsche des Hilfskorps durch die Nichterfüllung der 
sächsischerseits gestellten, gewiss nicht unbilligen Forderungen des 
kostenfreien Durchmarsches durch die kaiserlichen Lande versetzt 
wurde, wird erst recht klar, wenn man die Schwierigkeiten berück- 
sichtigt, welche die Stände des eigenen Landes den Geldbewilligungen 
für den Unterhalt des Heeres entgegenstellten (vergl. I. S. luT), und 
die auf engherzige, politische und konfessionelle Vorurtheile be- 
gründete Unpopularität, welche sich in Sachsen gegen das Rettungs- 
werk zu Gunsten des die protestantischen Glaul)ensgenossen so hart 
bedrängenden Kaisers unverholen kundgab (vergl. I. S. 117). 

In der That erscheint die Uneigennützigkeit Johann Georgs 
geradezu rührend, wenn er, um seinem so wenig zur geringsten Ge- 
genleistung bereitwilligen Kaiser beizustehen , Verfügung erlässt 
(I. S. 124), nicht nur seine Hoflialtung auf das äusserste zu beschränken, 
sondern auch einen Theil seiner Erbländer unterpfändlich zu ver- 
setzen. Wenn man sich von vielen Seiten Mühe gegeben hat, die 
tiefe Verstimmung des ehrlichen Kurfürsten beim glücklichen Aus- 
gange des grossen Rettungswerkes mit einer ihm vom Kaiser zu- 
gefügten persönlichen Beleidigung oder einer Benachtheiligung bei 
Vertheilung der Beute zu erklären, so triüt man damit gewiss nicht 
das Rechte. Sie war ganz einfach das Resultat der, die Existenz 
seines mühsam gebildeten Heeres ernst bedrohenden (vergl. I. Anh. IV, 
Bericht des GFM. v. d. Goltz) Verweigerung aller Subsistenzmittel, 
zu welcher sich noch die durchius unerwiesenen Beschuldigungen 
gegen die Disziplin der Sachsen bei ihrem Anmärsche gesellten, 
welchen nach Onno Klopp (S. 290) die Plünderung von Dörfem und 



160 Literatur. 

die Misshamllung von katholischen Priestern zum Vorwurfe gemacht 
wurden. 

Der beschrtänkte Raum, der der gegenwärtigen Besprechung 
zugemessen ist, gestattet uns leider nicht, auf diemilitärische Be- 
sclireibung der Entsatzschlacht, welche bereits früher in der "Wissen- 
schaftlichen Beilage zur Leipziger Zeitung, Jahrgang 1864 Nr. 6 
bis 8, einen sachkundigen Darsteller gefunden hatte, hier näher 
einzugehen; wir können dieselbe jedoch als sehr gelungen be- 
zeichnen. 

Zu einer mehr nebensächlichen Bemerkung des Herrn Ver- 
fassers fühlen wir uns aber veranlasst, unserer besonderen Zustim- 
mung Ausdruck zu geben. Sie betriü't die Anordnung des Kurfürsten 
Johann Georg, für seine ausrückende Infanterie die Piken zurück- 
zulassen, welche S. 115 für ein Zeugnis „von dem unbefangenen 
militärischen Urtheil" des kriegserfahrenen Fürsten erklärt wird. 
Dieser Massregel zufolge war die sächsische Infanterie die einzige 
in dem bei Wien kämpfenden christlichen Heere, welche ausschliess- 
lich mit Feuergewehren bewaffnet war. Es war dieser Schritt, so 
schwer dies uns in der Gegenwart glaublich erscheinen mag, bei 
der zu jener Zeit noch allgemein herrschenden Scheu vor der 
Übermacht der Reiterei, insbesondere der türkischen, und bei der 
geringen Vollkommenheit, an welcher damals noch das Infanterie- 
gewehr litt, als ein kühn reformatorischer zu betrachten. Die Eman- 
zipation des Fussvolkes von der Pike ist für die Taktik von ähn- 
licher Wichtigkeit, wie einige Jahrzehnte später die Einführung des 
eisernen Ladestockes und des Feuerschlosses oder die des Hinter- 
laders in der Gegenwart. Berücksichtigt man, mit wie vielen Vor- 
urtheilen die letztere zu kämpfen hatte, bevor man sich in allen 
europäischen Heeren von ihren so klar einleuchtenden Vorzügen zu 
überzeugen vermochte, erwägt man, welchem harten Widerstände 
dergleichen Reformen gerade in militärischen Kreisen zu begegnen 
pflegen , so wird man mit dem Verfasser auch in dieser Massregel 
dem auf dem Felde der Erfahrung erworbenen klaren Blicke des 
Fürsten die verdiente Bewunderung zollen. 

Das Buch ist mit einer Übersichtskarte ausgestattet, auf der 
die Anmarsch- und die Rückmarschlinie der Sachsen mit Angabe 
der Etappen, sowie die damalige Grenze zwischen den kaiserlichen 
und den unter türkischer Überherrschaft stehenden Landen einge- 
zeichnet sind; man vermisst dagegen einen Kilometermassstab. Ein 
Sclilachtplan und das Porträt Johann Georgs III. sind Nachbildungen 
älterer Stiche des Kgl. Kupferstichkabinetts zu Dresden. 

II. Im Gegensatze zu L, dessen politischer Theil dem militä- 
rischen im Umfange ziemlich gleich kommt, beschränkt sich II. 
seinem Titel entsprechend last bloss auf die Schilderung der Er- 
eignisse vor Wien. Trotzdem ist die Schrift keineswegs von nur 
militärischem Interesse. Der Verfasser bekundet bei Schilderung 
der hervorragenden Persönlichkeiten und bei Beleuchtung der auf 
dem Kampfplatze auftretenden Heere, besonders des türkischen und 
des noch zum guten Theil auf iler Grundlage mittelalterlicher Zu- 
stände mehr improvisierten als organisierten polnischen Heeres, 
umfassende, auf eingehendem Quellenstudium basierte Kenntnisse. 
Dabei ist Stil und Darstellung sehr ansprediend; eine gewisse Wärme 
des Ausdruckes verräth, dass der Verfasser mit voller Liebe an 
seine Aufgabe herangegangen ist. Auch nach dem an erster Stelle 



Literatur. 161 

aufgeführtem Werke wird man daher II, noch mit Interesse und Be- 
friedigung lesen. 

Sehr viel Mühe verwendet der Verfasser darauf, die Ordre 
de Bataille der auf dem Kampfplatze auftretenden Armeen fest- 
zustellen und die Etats der einzelnen Kontingente des christ- 
lichen Heeres nachzuweisen , wobei die Namen sämtlicher Stabs- 
offiziere, bei dem sächsischen Korps selbst die der Kompagnie- und 
Schwadronsfiihrer, erscheinen. 

Die auf S. 87 anhebende Schlachtrelation bietet zwar, wie bei 
der oftmaligen iiearbeitung desselben Stoffes kaum anders zu er- 
warten ist, nicht eben Neues, es muss jedoch ausdrücklich der grossen 
Unparteilichkeit des Verfassers lobende Anerkennung gezollt werden. 
Denn wenn er einerseits die Tapferkeit rühmt, mit der die Deut- 
schen des linken Flügels und des Zentrums dem ungestümen An- 
dränge der besten türkischen Truppen zum Trotze in dem schwierigen 
Gelände Schritt vor Schritt Boden gewinnen, so wird er nicht minder 
dem glänzenden Elan gerecht, mit dem Sobieskis Reiterschaaren auf 
dem rechten Flügel die bisher fast für unüberwindlich gehaltene 
türkische Kavallerie aus dem Felde schlagen. Der Verfasser ent- 
rollt vor unseren Augen ein in den lebhaftesten Farben gemaltes 
Bild halborientalischer, grotesker Pracht, wenn er uns die „unter 
dem Dröhnen der Kesselpauken" und Hörnerschall zur attaque en 
muraille vorgehenden Hussaren mit ihren „vom Winde bewegten 
buntseidenen Fähnlein der Lanzen", ihren wehenden Reiherbüschen 
und dem Glanz der bei den Offizieren vergoldeten Rüstungen, auf 
edlen, reich gesdimückten und gezäumten Pferden vorführt. Es 
wurde hier auf dem rechten Flügel des Christenheeres in der That 
ein Reitergefecht fast ohne Beispiel in der Geschichte geliefert, 
denn wenn auch von den ursprünglich 84 000 Berittenen des türki- 
schen Heeres, welche II. auf Seite 72 nachrechnet und von denen 
mit Recht behauptet wird, dass Europa eine solche Reitermasse 
weder vorher seit den Eroberungszügen der Hunnen, Magyaren und 
Mongolen, noch später wieder gesehen habe, nur die grosse Hälfte 
— der Verfasser schätzt sie B. 105 auf 50000 Pfei'de — auf dem 
linken Flügel Kara Mustafas gekämpft hat, so prallten hier doch 
vielleicht mit der zur Unterstützung der Polen herbeieilenden Ka- 
vallerie des christlichen Zentrums 70 000 Reiter auf einander. 

Dass die türkische Kavallerie hier ihren alten Ruf nicht be- 
währte und dass die Tataren und namentlich die christlichen Hilfs- 
truppen der Türken, Walachen, Moldauer, Ungarn, sich höchst un- 
zuverlässig bewiesen und theilweise ohne Schwertschlag den Kampf- 
platz verlassen haben mögen , scheint keinem Zweifel unterworfen. 
Dagegen vermögen wir dem Verfasser nicht beizupflichten, wenn er 
S. 105 ff. den Ibrahim Pascha von Buda so ohne weiteres, nur auf 
die Beschuldigungen Kara Mustafas, der auf ihn und andere seiner 
Feinde die eigene schwere Schuld abwälzte (vergl. IV. S. 274 ff. Die 
Hinrichtung Ibrahims wird hier ein empörender Gewaltakt genannt. 
Onno Klopp a. a. 0. S. 336), und die Berichte des englischen Ge- 
sandtschaftssekretärs Rycaut hin, des offenbaren Verrathes und der 
absichtlichen Feldflucht anklagt. Diese Frage, deren Erörterung 
durch die zwei Tage nach der Schlacht erfolgte Hinrichtung Ibra- 
hims und seiner Anhänger unmöglich gemacht wurde, ist bis auf 
den heutigen Tag eine offene geblieben. Der selbst schuldbeladene 
Kara Mustafa ist Kläger und Richter in einer Person, und der der 
Sache ganz fernstehende Engländer scheint, wie noch heutzutage 

Neues Archiv f. S. G. u. A. V. 1. 2. 11 



162 Literntnr. 

viele seiner Landsleute über die Verliältnissu fremder Länder und 
Völker zu thun pflegen, sein absprechendes Urtheil ohne sorgfältige 
Prüfung der Quellen, aus denen er sein "Wissen geschöpft, abge- 
geben zu haben. 

III. Es möchte scheinen, als oh neben I. und II. das in ziemlich 
kleinem Format nur 80 Seiten umfassende ^Ycrk des (Jeneralniajors 
Schröder nur die iJedeutung einer Wiederliolung jener crsteren beiden 
in abgekürzter Form in Anspruch nehmen könne. Dem ist jedoi h 
nicht so; denn es wird hier die in 1. und II. nur ganz heiläutig be- 
rührte festungskriegsgescbichtlicbe Seite der grossen TSegebenheit 
mehr in den Vordergrund gerürkt. Sclion aus dem beschrankten 
Umfange des Huches lilsst sich indessen scliliessen, dass der Inlialt 
nicht mit Details, die ausnahmslos für den Ingenieur von Fach 
Interesse bieten könnten, überladen ist. 

Xach einer kurzen Beschreibung Wiens als Festung, seiner 
Werke und Vertheidigungsmittel, entwirft uns der fachkuiulige Ver- 
fasser, gestützt auf eine flüchtige topographische Skizze, auf welcher 
für uns wenigstens die Zeichnung der .Vngrift'sfront und des x\ngriff's- 
feldes Interesse bietet, ein Bild von denn Verfahren der Türken bei 
der Belagerung. Den Bedingunuen jeder Offensive, „Terrain gewinnen, 
uiul das Gewonnene beliaupten", suchten die Ilalbbarbareu , welche 
von Abstecken und Trazieren damals noch keinen Begrilt hatten, 
sondern dabei mehr einem aus langer kriegerischer Erfahrung im 
Festungskriege erworbenen Instinkte folgten, durch ein anscheineml 
ziemlich regelloses, aber keineswegs der Umsicht und des Geschickes 
entbehrendes Vorgehen mit der Approche zu entsprechen. Ihr rein 
empirisches Verfahren war auf die grosse Anzahl der ihnen zu Ge- 
bote stehenden Truppen sowohl, als der Arbeiter begründet, zu 
welchen letzteren sie sich ausnahmslos der lierdenweise zusammen- 
getriebenen Christensklaven bedienten, deren Willfahrigkeit zu der 
im heftigsten Feuer der Belagerten aiiszufüluenden schweren und 
gefährlichen Erdarbeit durch die gewaltsamsten Mittel, Bastonade 
und grausame Hinrichtungen, erzwungen wurde. 

Für den Militär ist es höchst interessant, auf alten Plänen, wie 
solche z. B. IV,. beigegeben sind, das Gewirr von Annäberungswegen, 
welche ,, ihren Lauf wie das "Wasser nehmen, das nach einem starken 
Gewitterregen auf einer fast horizontalen Fläche sich verläuft", zu 
betrachten. Die Ai^prochen sind nach der Quere des AngrifTsfeldes 
von den ungewöhnlich zahlreichen Parallelen gekreuzt, welche in 
der durchschnittlichen Entfernung von 10 zu 10 m von einander an- 
gelegt, dem Gruiulrisse des ganzen AngrifTsfeldes das Ansehen eines 
undichten und uuregelmässigen Gewehes geben. 

Noch geschickter und erfahrener als in dem oberirdischen Bc- 
lagerungskriege zeigten sich die Tüiken in dem unterirdischen. 
Es war eine Folge des chronischen Geldmangels, an dem Österreich 
zu allen Zeiten gelitten hat, dass trotz der dem Kaiserstaate schon 
so lange drohenden Gefahr für die Befestigung der Hauptstadt so 
wenig gethan worden war. Nach der ersten vergeblichen Belagerung 
Wiens 1529 war die veraltete ]Mauerl)efe5tigung der Stadt in der 
langen Bauperiode von 1G40 bis 1670 durch eine bastionierte Um- 
wallung ersetzt worden, aber schon während der Ausfülu'ung 
derselben hatte man die ausgestamieue Gefahr vergessen, un(l 
selbst noch nach dem Ausbruche des Krieges 168.'S hielt man sich 
i)i Wien durch die Grenzfestungen in Ungarn, Kaab und Komorn, 



Literatur. 163 

Tcnigsteris für dieses Jahr hinlänglich gesichert. Die gröbste Ver- 
nachlässigung, der man sich schuldig machte, war, wie in III. S. 45 
richtig bemerkt wird , der gänzliche Mangel eines vorbereiteten 
Minenfeldes. Xoch unbegreiflicher ist es, dass man die Stadt selbst 
dann, als die Gefahr für dieselbe ganz unzweifelhaft wurde, zwar 
mit Besatzung, Widerstands- und Lebensmitteln zur Genüge versah, 
aber der Minenre so wenig gedachte, dass man bei der Vertheidigung 
an ihrer Stelle sich mit Handwerkern aller Art behelfen rausste. 
Daher haben denn auch die 41 Minen, welche die Türken während 
der 61 Tage der Belagerung spielen liesseu, den Werken Wiens 
viel mehr Schaden zugefügt und den Bewohnern viel mehr Schrecken 
eingeflöst, als die 100000 Kanonenschüsse, welche von den türkischen 
Batterien abgefeuert wurden. 

Erst auf Seite 60 kommt der Verfasser auf die zur Befreiung 
der bedrängten Hauptstadt ergriffenen strategischen Massregeln zu 
sprechen; der l'eschreibung der Schlacht am 12. September sind 
nur 4 '/»Seiten gewidmet. Sie bildet mithin bloss die mehr neben- 
sächliche Ergänzung zu der der Belagerung und Vertheidigung, 
eine weise Beschränkung, für die man dem Verfasser bei dem, nach 
jener Richtung hin so reichlich vorliegenden Material nur Dank 
wissen kann. 

Dagegen vermögen wir uns einer Behauptung des Verfassers, 
in welcher derselbe allerdings mit der Mehrzahl der auf den Gegen- 
stand eingehenden Autoren im Einklänge steht, nur bedingt anzu- 
schliessen. Er sagt auf Seite 7.3: ,,Die Ausnutzung des grossen 
Sieges war nicht ganz diejenige , die sie hätte sein können", und 
knüpft daran einen Tadel Sobieskis, dessen im Gegensatze zu Loth- 
ringens Rathschlägen unnöthige Vorsicht einer schnellen und wirk- 
sameren Verfolgung des fliehenden Feindes Einhalt geboten haben 
soll. Diese Ansicht beruht zumeist auf der ziemlich allgemein ver- 
breiteten, mehr dem militärischen Stolze der christlichen Sieger 
schmeichelhaften, als auf Wahrheit begründeten Voraussetzung, dass 
die Schlacht am 12. September nicht bloss mit dem Zurückschlagen 
der Türken aus ihrer Stellung, der Eroberung des Lagers und des 
Angriffsfeldes, also der Befreiung Wiens, sondern auch mit der 
gänzlichen Auflösung des Osmanenheeres geendet habe. Alle vor- 
liegenden Thatsachen widersprechen jedoch dieser Behauptung. 
Man fürchtete sogar am Abende der Schlacht, der Rückzug der 
Türken könne nur eine Kriegslist sein, und liess das siegreiche Heer 
die ganze Nacht unter den W^affen stehen, ohne dass man nur den 
Wienfluss zu überschreiten wagte. Mögen die unbotmässigen tatari- 
schen Reiter sich auf der Flucht zerstreut haben, das eigentliche 
türkische Heer zog sich zunächst nur etwa eine Meile weit, also 
hinter die Schwechat zurück, zuverlässige und unparteiische Bericht- 
erstatter, wie der venezianische Resident Contarini, bestätigen ,,in 
leidlicher Ordnung". Wenn man Sobieski den Vorwurf macht, seiner 
Reiterei sich zur sofortigen Verfolgung nicht ausgiebiger bedient zu 
haben — die Krongarde und einige andere Abtheilungen gingen 
schon am Tage nach der Schlacht wieder zu diesem Zwecke vor 
(vergl. II. S. 111) — , so vergisst man wohl den Zustand in Berück- 
sichtigung zu ziehen, in welchem sich eine Kavallerienach viertägigem 
Marsche durch den Wiener Wald ohne Futter und unter den 
schwierigsten Witterungsverhältnissen und nach einem so heissen 
Kampfe, wie am 12. September, uothwendiger Weise befunden haben 
mnss. 

11* 



164 Literatur. 

IV. Das von der AbtUeilung für Kriegsgeschichte des k. k. 
Kriegsarchivs bearbeitete, mit trefflichen riäiien und Illustrationen 
reich ausgestattete Werk ist, wie uns in Berücksichtigung der der 
Darstellung zu Gebote gestandenen Mittel jeder Art nicht wunder 
nehmen kann, als ein wertli voller Beitrag zu der Geschichte des 
österreichisclien Staates zu betrachten. IJes offiziösen Charakters 
des Buches muss selbstverständlich der Leser beständig eingedenk 
bleiben, wenn er auch mit uns wenigstens das Streben nach mög- 
lichster Objektivität gern anerkennen wird. 

Die politische Lage des Kaiserstaates beim Ausbruche des 
Krieges 1683 nur flüchtig berührend, giebt uns die Sclirift einen 
sehr sorgfältig bearbeiteten llberblick der damals Österreich zu Ge- 
bote stehenden Streitkräfte und der Vertbeilung derselben, und geht 
dann zur Darstellung des leider vom Hofkriegsrathe zu Wien mehr, 
als von dem einsichtigen Herzoge von Lothringen als Oberbefehls- 
haber geleiteten Feldzuges zwischen Wien und Raab ül)er, der, da 
er nicht einmal den Vormarsch des türkischen Heeres zu verzögern 
im Stande war, in III. S. 16 sehr zutreffend eine ICO km lange, nutz- 
lose Promenade längs der Donau genannt wird. Fällt dieser kurze 
Feldzug ganz aus dem Bereiche unserer Betrachtung, so wird es 
dem Rezensenten um so schwerer, die zweckmässigen Massregeln 
des Herzogs von Lothringen zur Erhöhung der Widerstandsfähig- 
keit Wiens und dessen treffliche Operationen auf dem linken Donau- 
ufer während der Belagerung zur Deckung gegen die Unternehmungen 
Tökölvs unberücksichtiut zu lassen. 

In dem „Der Anmarsch der Hilfstruppen" überschriebeuen Ab- 
schnitte wird S. 112 der während des Anmarsches der Sachsen 
zwischen dem Kurfürsten Johann Georg und dem kaiserlichen Hofe 
in Passau geführten Unterhandlungen Erwähnung gethan. Wir 
finden hier in der Kürze alles das bestätigt, was über diesen Ge- 
genstand in grösserer Ausführlichkeit in I. zu finden ist, wenn wir 
auch die volle Würdigung der Schwierigkeiten, mit denen der Kur- 
fürst zu kämpfen hatte, in IV. vermissen. 

Die Belagerung Wiens wird von S. 120 bis 230 mit einer Aus- 
führlichkeit behandelt, die uns ein höchst anschauliches Bild jener 
grossartigen Begebenheit gewährt. In der That glaubt man sich, 
wenn man den Muth, die Ausdauer, die Selbstverleugnung, welche 
die Belagerten der Tapferkeit, Schlauheit und fanatischen Todes- 
verachtung der türkischen Schaaren entgegensetzten, sich vorstellig 
macht, aus dem genusssüchtigen, leichtlebigen Wien in eine belagerte 
Stadt des heroischen Alterthums versetzt. Nicht ohne Stolz auf 
unser engeres Vaterland, welches sich beim Entsätze in so glänzender 
Weise betheiligte, finden wir auch unter den Männern, deren Lei- 
stungen das Generalstabswerk unter den Vertheidigern rülimeiid 
hervorhebt, zwei sächsische Landsmänner. Der eine ist der in der 
Geschichte der Festungsbaukunst hochgeschätzte Gerberssohn aus 
Leisnig, der Ingeuieur-Oberstlieutenant Georg Rümpler. der, bei einem 
Ausfalle schwer verwundet, am 2. August sein rühmliches Leben 
endete; der andere, Michael Mied, wird als ausgezeichneter Artillerie- 
offizier genannt. Noch vor der Belagerung waren demselben bei 
einer Schiessprobe beide Hände weggerissen worden, was ihn nicht 
abhielt, in der schweren Prüfungszeit treffliche Dienste zu leisten. 

Die Entsatzschlacht des 12. Septembers wird von S. 231 bis 273 
geschildert; der Rest des Buches ist den Ereignissen nach der 
Schlacht bis zum Ende des Feldzuges 1683 gewidmet. 



Literatur. 165 

Da Kaiser Leopold sich von seiner ursprünglir-hen Idee, den Ober- 
befehl über das verbündete Heer in eigner Person zu übernehmen, 
glücklicherweise noch in letzter Stunde hatte abbringen lassen, so war 
derselbe ganz natürlich dein, dem Range nach vornehmsten Fürsten, 
dem Könige von Polen zugefallen. Es gehört nicht zu den erfreulich- 
sten P>scbeinungen der Gegenwart, dass sich die leidige Eifersucht 
zwischen den verschiedenen Nationalitäten auch in der historischen 
Forschung ein Gefechtsfeld zu finden bestrebt. Es wird niemandem 
einfallen , irgendwie in Zweifel zu setzen, dass die Disposition zu 
den der Schlacht vorangehenden Operationen, wie zu dieser selbst 
lediglich aus dem Kopfe des Herzogs Karl von Lothringen hervor- 
ging, dass dieser als die Seele des grossen Hauptquartiers, wie man 
sich heutzutage ausdrücken M-ürde, zu bezeichnen ist. Aber man 
vergesse dabei nicht, dass Sobieski der verantwortliche (Jberbefehls- 
haber war, und dass sich in seiner Umgebung noch viele andere 
Stim&ien, keineswegs bloss polnisclie, hören Hessen, welche mit Loth- 
ringens Vorschlägen nicht einverstanden waren. Man machte geltend, 
dass ein Überschreiten der Donau unterhalb Wiens, statt oberhalb, 
an und für sich mehr und grössere Chancen zum Siege biete; die 
Türken würden dann mit umgekehrter Front fechten oder infolge 
der gefährlichen Bedrohung ihrer Rückzugslinie vielleicht sogar die 
Belagerung ohne Kampf aufgeben müssen. Der Übergang über den 
Wiener Wald in mehreren getrennten Kolonnen unter gleichzeitiger 
Linksschwenkung, eine zumal für das aus so wenig einheitlichen 
Bestandtheilen zusammengesetzte Heer sehr bedenkliche Bewegung, 
welche bei den einfachsten Gegenmassregeln des Feindes für die 
Christen halte verhängnisvoll werden können, fand nicht ohne Schein 
der Berechtigung manchen Widerspruch. 

Und doch folgte Sobieski den Rath schlagen des bescheidenen und 
erfahrenen Mannes, der ihm einst bei der Königswahl als Mitbewerber 
um den polnischen Thron gegenüber gestanden hatte uud^der, wie 
aus allen seinen bisherigen Massregeln erhellt, seinen Kriegsplan 
längst ins Auge gefasst und vorbereitet hatte. Dieser aber gründete 
sich auf die richtige Beurtbeilung seines barbarischen Gegners, der 
mit echter Tigernatur die sichere Beute, die er bereits mit der 
wuchtigen Pranke gefasst zu haben glaubte, nicht einmal für einen 
Augenblick loslassen wollte und alle Rathschläge seiner Paschas, 
die Pässe des Gebirges zu verhauen und hartnäckig zu vertheidigen, 
die Belagerung zu vertagen und statt mit dem Rücken an die noch 
widerstandsfähige Festung gelehnt, das Heer in einer Stellung hinter 
dem Wientiusse zu konzentrieren, in den Wind schlug. Bestätigte 
sich aber diese, wie es der Erfolg zeigte, zutreffende Voraussetzung 
des Lothringers, so boten sich in dem bergigen, durchschnittenen 
und bedeckten Gelände westlich von W^ien den christlichen Waffen 
sicherere Bürgschaften für den Sieg, als östlich in der Donauebene. 
Denn auf die Überlegenheit der deutschen Infanterie über die türki- 
sche, auf die grössere Beweglichkeit und Disziplin derselben und 
auf die einsichtigere Benutzung des Terrains seitens ihrer Führer 
rechnete der seiner Zeit hierin weit vorauseilende Feldherr, und 
wirklich sehen wir in dem zähe und hinhaltend geführten Infanterie- 
gefecht des linken Flügels und des Zentrums, welches das Debou- 
chieren und den Aufmarsch der polnischen Reiterei auf dem rechten 
Flügel, der allein die endliche Entscheidung bringen konnte, ermög- 
lichte, das Bid einer beinahe modernen Schlacht. 

Dies alles ist unbestritten das hohe, unsterbliche Verdienst 



]ß(3 liiteratur. 

des Herzogs , das nicht minder unleugbare des Königs Sobieski aber 
ist es, die genialen Entwürfe mit Verleugiuing seines sonst doch 
nicht geringen Selbstgefühls angenommen und zur Ausführung 
gebracht zu haben. Und so wird denn auch der im redlichen 
Zusammenwirken beider Helden wohlerworbene Ruhm für alle Zeiten 
ihr unantastbares Gemeingut bleiben. 

Ein recht auftallendes Versehen ist der sonst so aufmorksamen 
Redaktion des Buches entschlüpft, indem S. 265 unter den zurück- 
gebliebenen türkischen Geschützen „ein aus dem Jahre 1652 stam- 
mendes, das unter Sigismund August König von Polen und Kurfürst 
von Sachsen gegossen wurde", aufgeführt wird. 

V. Das im Umfange dem Generalstabswerke ziemlich gleich- 
kommende und wie dieses in trefflicher äusserer Ausstattung sich 
als Festschrift kennzeichnende Werk ist im Auftrage des Gemeinde- 
rathes der k. k. Reichsliaupt- und Residenzstadt Wien verfasst und 
herausgegeben. 

Wie jenes ist auch dieses Buch mit zahlreichen Illustrationen 
geziert. Dass der Inhalt beider Werke sich zum grossen Theile 
deckt, ist selbstverständlich; wenn auch V. seine Aufgabe der Natur 
der Sache nach mehr auf dem politischen und kulturgeschichtlichen, 
IV. mehr auf dem militärischen Gebiete zu lösen strebt. 

In der langen, glänzenden Reihe der um die Vertheidigung 
Wiens hochverdienten, treftlichen Krieger und Bürger, welche uns 
Renners gewandte Feder mit patriotischer Begeisterung vorführt, 
begrüssen wir neben Rümpler und Mied, die auch hier ihr Ehren- 
denkmal finden, als sächsische Landslente noch einen zweiten tu'aven 
Artillerieoffizier, Christof Zimmermann, und den vielbelobten Dr. jur. 
utr. Hocke, „der sich als Stadtschreiber während der Belagerung 
unvergängliche Verdiente erworben". Letzterem wurde erst 1687 
durch Verleihung des Titels eines k. k. Rathes eine Belohnung für 
seine dem Gemeinwohl so erspriessliche Thätigkeit. 

Die Beschreibung der Entscheidungschlacht beginnt erst auf 
S. 428 und füllt etwa zehn Seiten. Wenn wir auch innerhalb dieses 
engen Rahmens der Betheiligung des sächsischen Korps und dessen 
Leistungen das gebührenele Lob entsprechend zugemessen finden, 
vermögen wir uns dagegen mit dem Urtheile des Verfassers über 
das im grellen Gegensatze zu dem Verhalten anderer Reichsfürsten 
so uneigennützige Benehmen Johann Georgs 111. durchaus nicht 
befriedigt zu erklären. Möchten die österreichischen Geschichts- 
schreiber dem unter 1. aufgeführten Werke und insbesondere dem 
Abschnitte desselben von S. 107 bis 128 ihre volle Aufmerksamkeit 
zuwenden ! 

Es erübrigt bloss noch, beiläufig zu erwähnen, dass wir von 
einer Vergleichung der in den besprochenen Werken sehr verschieden 
l)erechneten Stärke- und Verlustzahlen absehen zu können geglaubt 
haben. Die Kriegsstatistik ist eine Wissenschaft ganz neuen Datums, 
und das Bemühen unserer Autoren, die in älteren Quellen angegebenen, 
oft absichtlich gefälschten Zahlen auch nur auf annähernde \yahrheit 
zu ergänzen oder zu reduzieren, stösst auf grosse Schwierigkeiten, 
welche man je nach dem verschiedenen Standpunkte, bisweilen ziem- 
lich willkürlich, zu erledigen versucht. Es kann daher kaum über- 
raschen, dass z. B. in III. auf S. 66 die Stärke der beiderseitigen 
Streitkräfte in der Ersatzscblacht nahezu gleichgeschätzt wird, 
■während nach IV. auf christlicher Seite 76000, auf türkischer nach 



Literatur. 167 

Abzug der in den Laufgräben zurückgebliebenen, noch 107 000 Mann 
an der Schlacht kämpfend theilnahmon, I. aber (S. 152) die Stärke 
der in der Sdilachtliiüe stehenden Türken sicher zu hoch zu 130000 
Mann, .,et\va doppelt soviel als das Entsatzheer", berechnet. 

Dresden. Ü. v. SchiinpÖ'. 

Beschroibeiule Dar.stelhiug der älteren Bau- und Kunstdenkmäler 
des König:reichs Sachsen. Auf Kosten der Königl. Staats- 
regierunsf herausgegeben vom K. S. Alterthumsverein. Zweites 
Heit: Auitshauptmannschaft Dippoldiswaldc Bearbeitet von 
Dr. R. Steche. Dresden, C. C. Meinhold & Söhne (Komm.) 1883. 
80 SS. 8". 

Dem vor länger als Jahresfrist erschienenen ersten Heft des 
obigen Werkes ist jetzt das zweite Heft: Amtshauptmanuschuft 
Dippoldiswalde gefolgt. Wir sahen erwartungsvoll demselben ent- 
gegen , du wir uns bereits am ersten Hefte erfreuten und es im 
allgemeinen Interesse liegen muss, den Bestand und Zustand der 
älteren Bau- uiul Kunstdenkmäler sobald als möglich festgestellt zu 
sehen. Die Klagen über Yerniclitungen, Veränderungen und Ver- 
äusserungen dieser Denkmäler sind wohl begründet, und es ist hohe 
Zeit, sich wenigstens wissenschaftlich ihrer anzunehmen, bevor es 
zu spät ist. Welche Reihenfolge in der Aufnahuu und Bearbeitung 
stattzufinden hat, muss man füglich dem Hurausgeber überlassen, 
der am besten zu beurtheilen im stände ist, ob eine Gruppe ab- 
schlussfähig geworden ist. 

Da dem Hefte eine kunststatistische Übersicht nicht beigegeben 
ist, so sei es gestattet, eine solche mit nachfolgender Besprechung 
zu verbinden. 

Die Amtshauptmannschaft Dippoldiswalde grenzt an die von 
Pirna und reicht bis zur böhmischen Grenze. Trotz dieser Nach- 
barschaft mit slavischen Gebieten finden sich nur äusserst wenig 
slavische Orte. Die meisten Ortsnamen sind so modern, dass man 
auch keine Bau- und Kunstdenkmäler von höherem Alter erwarten 
kann. Und in iler That finden sich in dem vorliegenden Heft nur 
zwei ältere Kirchen, diejenigen in Dippoldiswalde selbst; aber auch 
diese reichen nicht weiter zurück, als bis in die erste Hälfte des 
13. Jahrhunderts. Von ihnen ist die Nikolaikirche fast unversehrt 
auf uns gekommen, von der Marienkirche, die auch dem h. Laurentius 
geweiht war, nur das untere Stück des Thurmes. Beide Bauwerke 
sind in ihrer Art hoch interessant als Beispiele des Cbergaugsstyles 
aus dem romanischen in den gothischen. Man erkennt in ihnen 
noch den Grundcharakter der basilikalen Anlage, welche aber bereits 
gothische Elemente aufgenouunen bat, um dem überkommenen neuen 
Reiz zu geben. Der Verfasser führt die Kirche zu Wechselburg 
(Zschillen) vergleichend an, wir uei-ien uns aber mehr zu der An- 
nahme, dass die Xikolaikirche zu Dippoldiswalde (den Rest des 
romanischen Theils der Marienkirche einschliesslich) eine grössere 
Ideen -Yerwandbchaft zeigt mit der berühmten Klosterkirche zu 
Memleben in Thüringen (siehe das eben im Druck begriffene Heft 
, Kreis Eckartsberga'- der „Beschreibenden Darstellung der älteren 
Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen"). Beide sind nämlich 
von ganz gleichem Alter, während die Wechselburger Kirche -iO 
bis 50 Jahre früher gegründet wurde und daher mehr romanische 



168 Literatur. 

Elemente aufzuweisen vermag, als die Memleber und die DippoUlis- 
walder. In beiden letzteren sind die. Spilzbogen-Arkaden des Schifi'es 
mit ihrer rechtwinklis;en Abtreppung genau nach derselben Kegel 
über dem inneren Viertel konstruiert, die kleinen romanischen Fenster 
im oberen Li» htgaden ganz gleich disponiert und die Apsis bereits 
ebenfalls polygonal geschlossen: in Memleben halbacht-, in Dippoldis- 
walde halbzehneckig, in Wecbselburg aber haUdcreisiürmig. Diese 
reizende und edle kleine Nikolaikirche zu Dippoldiswalde gehört 
zu dem Schönsten und Interessantesten der ganzen Amtshauptmann- 
schaft. Wahrscheinlich hat diese Kirche auch einen Westthurm er- 
halten sollen, T\-ic die sehr bedeutende jMauerverstärknnü- am be- 
treftenden Orte andeuten dürfte. Die mitgetheilten Zeichnungen 
rühren von einem zuverlässigen Zeichner her und befriedigen in 
jeder Hinsicht durch ihre VortreÖlichkeit. 

Die übrigen Kirchen der Amtshauptraannschaft stammen, was 
zahlreiche Brände veranlasst haben sollen, sämtlich aus der Zeit vom 
Ende des 15. bis zum 18. Jahrhundert, ein paar sogar aus der Neuzeit. 
Höchst malerisch erscheint die kleine Kirche in Höckendorf, umsomehr 
als sie von Künstlerhand keck skizziert ist. Ob diese Kirche roma- 
nische Details zeigt, wie man angiebt, kann, da solche nicht bei- 
gebracht sind, nicht bestätigt werden. Bei der Seltenheit des ro- 
manischen Elementes in hiesiger Gegend hätte sich eine weitere 
Besprechung und die Beifügung der betreti'enden Zeichnungen wohl 
verlohnt. 

Die Oegend enthält mehrere Burgen, welche in den ältesten 
Zeiten der nahen Landesgrenze Schutz geben sollten oder auch 
— als Raubschlösser dienten. Sie gingen grösstentheils in Schlössern 
des späteren Mittelalters auf und sind in ihren früheren Grundrissen 
jetzt wohl schwer zu verfolgen. Immerhin wäre der Versuch eines 
solchen Nachweises für die Geschichte des ßurgenbaues nicht un- 
wichtig und ebensowenig ohne kulturhistorisches Interesse. Ein 
paar Ansichten sind beigebracht, die aber alle das 16. und 17. Jahr- 
hundert dokumentieren. Nur vom Lauenstein ist ein Grundriss 
beigefügt, der zwar auch spätere Um- und Neubauten verräth, jedoch 
deutlich den südlichen Vorhof von dem nördlich belegenen eigent- 
lichen Schloss- und Burghof unterscheiden lässt. 

Auch diesem Hefte sind ein paar Dilichsche Städteansichten 
beigefügt, welches ein treues Abbild des Zustandes von Dippoldis- 
walde und Franeustein in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts 
geben. Diese nicht ohne Peinlichkeit aufgenommenen Städteansichten, 
wenn sie gleich mit perspektivischen Mängeln behaftet sind, die 
namentlich auf dem Frauensteinischen Piospekt autl'allen , hatten 
gewiss zur Zeit eine grosse Porträtähnlichkeit, welche ja auch die 
nicht viel späteren Merianschen Ansichten besitzen, und sehen wir 
desshalb gern in den folgenden Heften weiteren derartigen Bei- 
fügungen entgegen. 

Dippoldiswalde war nach dem Dilichschen Bilde mit .Mauern 
und Thürmen umfasst, die das Schloss mit einschlössen und es 
entsprach diese Art der Fortifikation den Bedürfnissen des Mittel- 
alters. Frauenstein dagegen scheint einer gleichen Verwahrung ent- 
behrt zu haben, und nur das hochgelegene ältere Schloss, die Burg, 
war stark befestigt. 

Von Dippoldiswalde wird im vorliegenden Heft auch das Rath- 
haus besprochen, dessen Architektur dem Beginn der Renaissance 
angehört und zwei schöne Statuen der Mutter Gottes und des h. Lau- 



Literatur. 1 69 

rentius zeigt. Aiuli die Profangebäude daselbst enthalten Renaissance, 
die nicht ohne hübsche Details ist, jedoch in den so oft bemerk- 
baren Fehler verfällt, dass in den Ornamonttheilen grosse schwülstige 
Formen neben zierlichem Rankenwerk einhergehen: ganz besonders 
ist dieser aller ästhetischen Regeln bare Übelstand aus der Photo- 
graphie, Beilage V, zu ersehen. 

Die anderen Stadt- und die Landkirchen dieser Amtshaupt- 
mannschaft sind im Besitze vieler älterer Ausschmückungs- Gegen- 
stände, die auf ebenso alte oder noch viel ältere Kirchen hinweisen 
müssen, welche letztere aber verschwunden sind und jetzt grössten- 
theils nüchterne Formen des 17. und 18. Jahrhunderts angenommen 
haben. Im Hefte erwähnt, aber nicht abgebildet, sind Altarschreine 
aus dem Ende des l.'i. oder dem Anfange des 16. Jahrhunderts in 
Burkersdorf. lippoldiswalde, Döbra, Fürstenan, Geising, Glashütte, 
Hennersdorf, Höckendorf, Liebenau, Ruppendorf und Seifersdoi-f. 
Einige derselben sind freilich als „beschädigt" angegeben. Sehr 
interessant sind die durch gute Zeichnungen dargestellten vier ge- 
malten Tafeln (S, 36) aus der Kirche zu Glashütte. S. Martinus 
auf der einen Tafel, reich in Hermelin-Mantel und mit Federbarett 
gekleidet, von sehr jugendlicher Gestalt, zerschneidet seinen werth- 
voUen Mantel zu Gunsten eines zwergähnlichen ganz unbekleideten 
Krüppels, welcher, obschon nur ein Drittel so hoch als Martin, mit 
Vollbart versehen ist. Sehr merkwürdig ist der der Maria erscheinende 
Engel, indem er die Verkündigung anf eine höchst naive Weise in 
einem versiegelten Briefe überbringt. Die vier Figuren (die vierte 
ist nämlich ein h. Laurentius, der in hiesiger Gegend sehr beliebt 
gewesen sein muss) sind mit stilvollem Faltenwurf ihrer Mäntel ver- 
sehen und von schönem spätgothischem Ornament überdacht. Von 
gleichem Interesse ist der nach einem Ölbilde photographierte schöne 
Kopf eines Donators (nicht eines Heiligen, wie vermuthet wird) 
aus der Nikolaikirche von Dippoldiswalde. Das Schönste im Hefte 
dürfte der in reichster und edelster Renaissance ausgeführte und 
durch mehrere Photographien verdeutlichte grosse Altar in der 
Kirche zu Lauenstein sein, welcher dem in den sächsichen Landen 
mehrfach beschäftigten Bildhauer Nosseni oder dessen Schule zu- 
geschrieben wird, also aus der zweiten Hälfte des IG. Jahrhunderts 
stammt. Er ist vom feinsten Pirnaischen Sandstein ausgeführt und 
noch sehr gut erhalten. Die Gruppierung des Ganzen, die Archi- 
tektur, die Details und die Ornamente, die fein modellierten Skul- 
pturen, soweit man sie aus der Photographie entnehmen kann, zeugen 
von Besonnenheit und geläutertem Geschmack, wenn auch die 
Stellungen und Bewegungen in den Figuren etwas outriert genannt 
werden dürfen, wodurch freilich dem grossen Publikum das Ver- 
ständnis der Darstellung erheblich erleichtert und dem Laien ge- 
waltig imponiert wird. Gleich prächtig, wenn auch wohl zuletzt 
zugefügt, sind die beiden Porträtstatuen der Stifter, eines Herrn 
von Bünau und dessen Gemahlin, einer geb. von Schleinitz. Zwei 
Meisterstücke von Schlosserarbeit in Form von Thüreu, nach der 
Rückseite des Altares führend, erhöhen den Schmuck sehr wesentlich. 

Aus derselben Zeit vermuthlich ist die Kanzel zu Lauenstein 
und der Taufstein daselbst. Der Kauzeldeckel dagegen gehört einer 
späteren Zeit an. Derselbe wird echt realistisch durch zwei aus 
dem Pfeiler hervorwachsende Menschenhände in seiner wagrechten 
Lage erhalten. — Die übrigen Taufsteine der Amtshauptmannschaft 
folgen der zopfigen Renaissance in höherem oder geringerem Grade. 



170 Literatur. 

Unter den Keldien worden mclirer«' in den üblichen Formen 
aus dem Endo des lü. oder Besinn des lO. .lahrliundcrts erwähnt, 
diu anderen in einer grösseren Anzahl gehören denn 17. und ]8. Jahr- 
hundert an. Nicht ein einziger schien der Abbildung wcrth. Ebenso- 
wenig entliiilt die Anitshauptmannschaft Erhebliches an Kruzifixen. 

Den erwähnten zaliheiclien liiänden in den Städten und Dorlcrn 
ist es wohl zuzuschreiben, dass scdir wenig frühmittelalterliche 
(jlocken aufgeiuhrt werden konnten, mindestens ist in dortigen 
Distrikten nichts von ambulanten (llockengiessern der Neuzeit be- 
kannt, wie in Thiiringen, welche die Üemeinden um die schonen 
wohlklingenden (ilocken bringen, um ihre eigenen h'abrikate aufzu- 
drängen. Ein paar, ohne Angabe, ob mit Majuskel- oder Minuskel- 
Inschriften, scheinen unter die älteren zu gehören; datierte aus 
dem 18. oder 14. Jahrhundert fehlen wohl ganz und gar. Wieiler- 
holt bitten wir um Erwähnung luunentlich der allerältesten Glocken, 
thcils wegen ihrer AVichtigkeit für die (icschichte, theils damit die 
(iemeinden nndir Werth auf alte Glocken zu legen beginnen, was 
eben dadurch erleichtert und erreicht wird, dass man tlbev ihre 
Schätze ötfentlich spricht. Hierzu ist aber auch nöthig, dass deren 
Inschriften diplomatisch genau abgebildet und wo möglich erklärt 
werden. Die meisten Glocken sind hier aus dem IG. und 17. Jahr- 
hundert; ^'Incklicherweise gehören dieser Periode äusserst tüchtige 
Giesserfamiiien an, unter denen die Hilligers aus Freiberg alle die 
anderen überstrahlen. 

Bei Bes])rec!nnig der Glocken bringt der Veriasser, was einen 
ganz besondern Beifall verdient, zur Sprache, dass der von dem 
Kurfürsten Friedrich dem Weisen erwählte Wahlspruch v. d. m. i. e., 
d. h. ; veibum domiiü manet in aeteinum, auf einer Glocke zu 
Glashütte am frühesten, nämlii h 152C>, angebracht worden zu sein 
scheint. In lateinischer S(irache sieht man ihn bis in das 17. Jahr- 
hundert hinein, dann (vom Ende des IG. Jahrhunderts ab) erscheint 
er auch deutsch. In lateinischer heisst es stets „dominus-*, in deut- 
scher stets „Gott". Auch in der Provinz Sachsen sieht man ihn 
sehr früh verwerthet, z. B. an Holzfuchwerken von üsterwiek vom 
Jahre 15.SÜ und 15:>4 , am Thortluiim zu Hett<,tedt vom Jahre 1537. 

Bei Besprechung der Marienkirche zu Dippoldiswalde (S. 12) 
wird jener Längsrillen und Rundmarken besonders gedacht, 
welche sich an einer Fiizahl von Kir(dienp ortalen an allen Orten, 
so auch hier, vorfinden, und folgt in einer Anmerkung eine weitere 
Besprechung dieser „Zeichen" , theilweise unter Erwähnung der 
einschlägigen Literatur in Zeitschriften und selliständigen Werken, 
denen wir iiocdi einige Jahrgänge des Korrespondenzblattes der Alter- 
tlinmsvereine Deutschlands (1877, :..'); 1880, 79; 1881, 51 und (!1 ; 
1882, 80) hinzufügen wollen. Vielfältig wird aber diesen Dingen 
auf eine nicht unbedenkliche Weise eine grössere AVichtigkeit 
zugesprochen, als ihnen zuzukommen scheint. Zunächst kann von 
„heidnischen", ,.])rähistorisciien" Zcdchen gar nicht die Rede sein, 
da sie an den Bauwerken des späteren Mittelalters vcn'kommen: so 
hier nach Fortnahnie der frühgothischen Säulen eines Bortals; aber 
auch sogar an Frührenaissancetheilen finden sie sich. Ebenso darf 
ihnen wohl kaum ein mystischer Beweggrund zugeschrieben werden, 
ila sie eine viel zu rohe, beliebige Form und Grösse haben. Terner 
kann wohl auch weniger von einer Entstehung durch Muthwillen 
gesprochen werclen, da durch diese Rillen ja weiter nichts erreicht 
^ird, als eine Verunzierung von Architekturtheilen der Monumental- 



Literatur. 171 

bauten. Dann kann die speziell angeführte Himmelsgegend in deren 
Anbringung als ein „nicht unwichtiges Motiv" nicht zugestanden 
werden, wenn sich diese Zeichen am häutigsten an Westportalen, 
selten auf der Südseite und gar nicht auf (1er Nordseite vortinden 
sollen. Auch möchte in völlige Abrede zu stellen sein, dass bei der 
Anbringung der Zeichen gewisse Gebete gesprochen, Votive oder 
Opfer etc. vorgenommen wurden, wozu ein völlig unpassender Ort 
gewählt sein dürfte und dafür Beweise schwerlich beizubringen sein 
werden. Bei Erklärung dieser Zeichen waltet eine mächtige Illusion 
vor. Heutzutage kommt es freilich nicht mehr vor, dass die Rillen 
ausgeführt werden, weil einestheils die Polizei es verhindert, hierzu 
die Thürpfosten der Kirchthüren zu benutzen, anderntheils die Leute 
sich andrer Hilfsmittel zu ihren Zwecken bedienen. Und so er- 
scheinen sie 1 äthselhaft, weil man ihre Entstehung nicht kennt. Sie 
sind nichts anderes, als die Folgen von oft wiederholten Schärfungen 
der Schneide- oder Hauwerkzeuge, der Beile, Meisel, Hacken etc. 
Da dieses Wetzen durch Stoss und Zug geschieht, erklärt sich 
durchweg ihre fast lothrechte Stellung und ihr keilförmiges Prohl, 
die Anbringung nur in konstanter Höhe und die vorhergegangene 
Ebenung des rauhen Sandsteins. Dass die Anfertigung oft an 
Kirchthüren geschehen, ist entweder zufällig, oder weil daselbst 
besserer Sandstein gefuiulen worden; denn auch an Gartenzaun- 
pfosten, Sitzplatten, tindet man diese Rillen, sofern die Steinmasse 
sich hierzu eignete. Jetzt gebraucht man feinere „Hand-^Yetzsteine". 
Die kreisrunden Gruben rühren ähnlich von Löftelbohrern her. 
Man darf nur einfach Handwerker und Tagelöhner fragen, um die 
Bestätigung dessen zu hören. 

Das vorliegende Heft ist ebenso hübsch ausgestattet als das 
erste; vou grossem Werth sind die Lichtdruckbilder. 

Schreitet das Unternehmen in die westlicheren und nördlicheren 
Gegenden des Königreichs, so sehen wir nach eigener . Erfahrung 
und Anschauung zahlreicheren älteren Bau- und Kunstdeukmälern 
entgegen, und so wünschen wir wiederholt den Heften eine rasche 
Folge. 

"Wernigerode. Gustav Sommer. 

Ans des Klosters Mildenfurth verg^angener Zeit von Oeorg Aster. 

Gera, Bornschein & i^ebe (Leipzig, A. Kaiser, in Komm.) 1882. 
13 Tafeln in Farbendruck und 2'/3 Bogen Text. Fol. 

Bei einer derartigen kunsthistorischen Unternehmung ist .es in 
erster Linie geboten, sich des vorhandenen Materials zu versichern. 
Das Unterlassen dieses Gebotes seitens des Verfassers ist für ihn 
verhängnisvoll geworden. 

Als Quellen seines Werkeheus nennt er Limmers Geschichte 
des Vogtlandes, Kronfelds Landeskunde des Grossherzogthums 
Sachsen-Weimar-Eisenach, sowie einen novellistischen Beitrag 
des Dr. R. Lange. Ein Blick in Puttrichs weit bekanntes Werk 
über die Denkmale der Baukunst des Mittehilters in Sachsen würde 
den Veifasser belehrt haben, dass Puttrich im Jahre 1850 in dem 
I. Band, Serie Reuss, auf Seite 5—9 und auf Tafeln 3—5 die Reste 
der Praemonstratenser-Klosterkirche zu Mildenfurth sehr sorgfältig 
und eingehend besprochen hat. Puttrichs textliche und illustrative 
Behandlung des Thema übertrifft jene Asters in jeder Beziehung. 
Puttrich l)ietet neben dem rekonstruierten Grundrisse eijiy vortrelV- 



17'2 Literatur. 

liehe perspektivische Innenansicht, einen geometrischen Langensehnitt 
unii wichtige, die Bauzeit cliarakterisierende Details (zum Beispiel die 
Erklariinsen der Lisoncii). Innenansicht, Längsschnitt und auch 
wichtige Details iehlon in der Asterschen Verüftentlichung. Es tritt 
hinzu, dass der Verfasser das Lilngsschift' als aus vier Mitteljoclien 
errichtet rekonstruiert, während Pnttri.hs Grundriss mit Uec'ht nur 
drei Mitteljoche aufweist. Dem Asterschen Texte mangelt die 
wissens( haftliche Genauigkeit, welche wir zu fordern hereclitigt und 
an welche wir jetzt erfreuliclierweise gewöhnt sind, l^ie hreite 
novellistische Behandlung der Orünfhing des Klosters durcli Heinrich 
den Reichen fnacli Aster den „Frommen") ist hei einer derartigen 
Verüftentlichung unstatthaft; die architektonischen Bezeichnungen 
sind unzureichend und laienhaft, die Bezeichnung Kleehlattbogen 
zum Beispiel scheint dem Verfasser unbekannt zu sein, und wenn 
er sagt, dass sich an die Krenzgänge Bäume anschliesseu, welche 
später als „Speisesaal Refektorium und Zellen" benutzt wurden, so 
beweist dies, dass er iiiier die Bezeichnung Refektorium falsch unter- 
richtet ist: unter dem „Speisesaal" dürfte wohl der Kapitelsaal zu 
verstehen sein. All das Gesagte erzeugt im Leser gerechtfertigtes 
Misstrauen. 

Die Vollendung des Baues fällt nicht, wie der Verfasser mittheilt, 
„um die Jahre 1210 oder 1220", sondern, wie die Architekturtheile 
ergeben, in die Zeit von 1250. Anerkennenswerth ist bezüglich des 
illustrativen Theiles die Wiedergabe der Kreuzgang- Anlage und der 
Befestigungsmauer mit Thürmen, welche das Kloster umgab. Der 
Massstab der lUustratiunen ist bei den meisten Tafeln zu gross 
gegriöen, hingegen ist das wichtigste Detail, jenes der Lösung der 
Ecklisenen, nicht berücksichtigt. Die lithographische Wiedergabe 
der Kapitale und die farbigen Blätter entsprechen durchaus nicht 
den berechtigten Anforderungen der Jetztzeit, und die Ansicht des 
Theiles der ehemaligen Kirche , welcher jetzt als Herrenhaus dient, 
ist für das Erkennen des alten Baues bei Weitem nicht so charak- 
teristisch gewählt, wie dieser es verdient und wie ihn Puttrich schon 
1850 uns trefflich vorgeführt hat. 

Dresden. K. Steche. 



Uebersicht über neuerdings erschienene Schriften und 
Aufsätze zur sächsisch -thiiringischen Geschichte und 

Alterthumskunde. 



Altendortt'i H. Die Kirche in Priessnitz und ihre Kunstschätze: 
Wissenschaftl. Beilage der Leipz. Zeitung 1884. No. 7 S. 37{lg. 

^e/t/c, Ad. Erzherzogin Marie Antoinette (geboren 10. Jänner 1858, 
gestorben 13. April 1883). Ein Gedenkblatt. Separatabdruck aus 
dem XIII. Bande des literar. Jahrbuches „Die Dioskuren". Wien 
1884. 27 SS. 8». 



Literatur. 173 

Bettin, Ad. König Albert als FelJheiT. Sein Wirken im deutsch- 
französischen Kriege von 1870/71. Mit dem Portrait Sr. Maj. in 
Lichtdruck. 3. Aufl. Dresden, Höckner. 1884. 47 SS. 8". 

Buchtvald. Die Bedeutimg der Zwickauer ßathsschulbibliothek für 
das Studium der Reformationszeit: Zeitschr. für kirchl. Wissen- 
schaft 1883. Heft 12. 

Burkhardt, C. A. H. Urkundenbuch der Stadt Arnstadt 704—1495. 

gNamens des Vereins f. thüring. Geschichte und Alterthumskunde 

herausgegeben. (A. u. d. T.: Thüringische Geschichtsquellen. 

Neue Folge. I.Band. Der ganzen Folge 4. Band.) Jena, Fischer. 

1«83. X. 503 SS. 8°. 

— Geschichte des Gewerbevereins zu Wt-imar l«3o — 1883. Fest- 
schrift zur Feier des fünfzigjährigen Jubiläums im Auftrage des 
Vereins quellenmässig bearbeitet. Weimar 1883. 85 SS. 8". 

Distel, Theod. Nachträgliche Bemerkungen über den Kunsttischler 
Hans Schiiferstein zu Dresden : Zeitschr. f. Museologie u. Antiqui- 
täteu-kunde. Jahrg. VII (1884) No. 1 B. 3 flg. 

— Urteil des Grossherzogs Franz von Toskana über Dresden (157 7): 
ebenda S. 4. 

— Nachrichten über den Hofbildhauer Lorenzo Mattielli: ebenda 
No. 4 S. 26. 

Einiges über den kursächsischen Hofmaler Friedrich Bercht 

(1575flg.): ebenda No. 5 S. 34flg. 

— Eine Rechtsunterweisung Dittrich von Bocksdorfs: Zeitschrift der 
Savigny-Stiftung. IV. Germ. Abth. S. 234. 

Dittrich, Max. Das Kg). Sachs, 1. Husarenregiment No. 18. Ein 
Jubiläums -Gedenkblatt: Wissensch. Beilage der Leipz. Zeitung 
1884. No. 16 S. 149—152. 

Diintzer, Heinr. Goethes Eintritt in Weimar. Mit Benutzung un- 
gedruckter Quellen dargestellt. Leipzig, Ed. Wartig. 1883. 
XVL 223 SS. 8». 

— Goethe und die Bibliotheken zu Weimar und Jena: Centralblatt 
für Bibliothekwesen, Jahrg. I (1884). B. 89—105. 

Göpfert, Roh. Die Entwickelung des Postwesens in Zittau, Aus 
Anlass des Einzugs in das neue Postgebäude zusammengestellt. 
Zittau 1883. 32 SS. 8». 

Görner, H. Die Einführung der Reformation in der Diöcese Pirna, 
nebst einem Auszuge aus den Visitationsacten von 1555, das 
Einkommen der Pfarreien, Schulen und Kirchen betr. Pirna, 
Eberlein. (1883). 2 BU. 80 SS. 8«. 

Grössler. Inscriptiones Islebienses. Die Inschriften der Stadt Eis- 
leben, gesammelt, übers, u, erläutert. 2. Aufl. Eisleben, Mäh- 
uert. IV. 108 SS. 8». 

Gurlitt, Com. Die Entwicklung der Architektur in Sachsen am Hofe 
der beiden Auguste: Wissensch. Beilage der Leipz. Ztg. 1884. 
No. 13 S. 7.3—76. 

Hertel, Gust. Die ältesten Lehnbücher der Magdeburgischen Erz- 
bischöfe. Herausgegeben von der Historischen Commission der 
Provinz Sachsen. (A. u. d. T: Geschichtsquellen der Provinz 
Sachsen und angrenzender Gebiete Bd. XVI.) Halle, Hendel, 
1883. .XXVI. 444 SS. 8». 

Hoppe. Über die Stadtkirche in Meiningen. Eine archäologische 
Studie. Meiniugen, Keysuer. 1883. 28 SS. und 23 Taf. 8°. 



174 I.iteratur. 

lli/iiiatciit, Mü.r. Eiiiigo uubcscliriebcno l'^iiiblattilnu kc dos !.">. Jahr- 
hunderts : Centralblatt für Bibliothekwesen. Jahrgang I (1884). 
S. 151 — 154. 

Jiicobi, IT. Im sächsischen Oberland ztir Reformationszeit: Wissen- 
schaft!. Beilage zur Lcipz. Ztg. 1883 No. 98, 99. S. 581—584, 
589— 59.S. 

Jacobs, Ed. Geschichte der in der Preussischen Provinz Sachsen 
vereinigten Gebiete. l.~3. Lieferung. Gotha, F. A. Perthes. 
188:^. 240 SS. 8". 

Korschdt. Kriegsereipuisse der Oberlausitz zur Zeit des baierischen 
Erbfolgekriegcs : N.Lausitz, Magazin Bd. LIX S. 29ß 31.3. 

V. Krosüß. Konrad. Urkundenbuch der Familie von Krosigk. Eine 
Sammlung von Regesten, Urkunden und sonstigen Nailirichten 
zur Geschichte der Herren von Krosigk und ihrer Besitzungen. 
Im Auftrage der Familie von Krosigk gesammelt und heraus- 
gegeben. Zweites Heft. Halle a. S., IL W. S< hmidt. ISS.'J. 
S. 77—208. 8". 

hier, L. Fünf Briefe K. Fr. Kretschinanns an C. A. Böttiger: Neues 
Lausitz. Magazin Bd. LIX S. 338—345. 

Lohe, Ernst. Handbuch des Königl. Sächsischen Etat-, Kassen- u. 
Rechnungswesens mit Einschluss der Staatshaushaltskontrole. 
Leipzig, Veit u. Co. 1884. X, 802 SS. [S. 673— 7.30: Geschicht- 
liche Entwickelung der Staatshaushaltskontrole in Sachsen.] 

Moräwck, C. Gottl. Die Kirche zu St. Petri und Pauli in Zittau 
nebst Kachrichten iiber das sonst dattei befindliche Franziskancr- 
kloster. Geschichtliche Erinnerungsblatter aus dem kirchlichen 
Leben der Stadt. Zittau (Selbstverlag) 1882. 122 SS. 8". 

(Petzhold, J.) Aus dem Correspondenzkreise von Theologen mit dem 
König Jiibann von Sachsen : Neuer Anzeiger für Bibliographie. 
Jahrgang 1884. Heft 2 S. 47—60. Heft 3 S. 85—90. 

Pocschel, Joh. M. Christian Lehmann's Schriften und ihre Bedeu- 
tung für das sächsische Obererzgebirge: Wissenschaftl. Beilage 
der Leipziger Zeitung 1883. No. 96 S. 569— 574. 

— Die ältesten Nacbrichten ülier das Bergstädtlein Scheiiienberg: 
Glückauf. Jahrbuch für das Erzgebirge. Jahrg. I (1884) S. 60—70. 

— M. Christian Lelimanns Kriegschronik: ebenda S. 125 — 132. 

— Das Cadner Scharmützel: ebenda S. 133—137. 

— Über den Ursprung des Namens Eiterlein: ebenda S. 109 flg. 

— Eine Elrzgebirgische Gelehrtenfamilie. Beitrag z. Kultnrgesch. 
d. 17. Jahrb. Leipzig, Fr. Wilh. Grunow. Ib83. XI. 180 SS. 8". 

Pohle, Frdr. Wilh. Chronik von Loschwitz. Auf Grund von amt- 
lichen Quellen und mit Benutzung des Königl. Sachs. Haupt- 
staatsarcliivs, de-« Rathsarchivs der Königl. Haupt- und Residenz- 
stadt Dresden, sowie der Königl. Bibliothek zusammengestellt 
und bearbeitet. Heft III. Dresden, Albaiuis'sche Buchdruckerei. 
1884. S. 105—160. 8". 

(Rösch, H.) Zwei Liederbücher. Eine Skizze zur Kenntniss der 
Volkslieder im Erzgebirge: Glückauf! Jahrbuch für das Erz- 
gebirge. Jahrg. I (1884) S. 16—55. 
(Einzelne Volkslieder ebenda S. 14 flg., 56—59, 96—98, 133—138). 

— Christian Lehmanns historischer Schauplatz des Erzgebirges. Ein 
Quellenwerk für erzgebirg. Heimathskunde: ebenda S. 99 — 124. 

Schlobach, 0. Die Südgrenze des Dobrilugker Klostergebietes, mit 
Karte: N.Lausitz. Magazin. Bd. LIX S. 228—231. 



Literatur. 175 

Schumann, Ä. Gotliaische Schriftsteller. XI. Friedrich Bercrer. 
Xli. H. Th. Habicht: Petzholdt's Neuer Anzeiger für Biblio- 
graphie und Bibliothekwissenschaft. 1883. S. 276—28.3. 

Zöllner, W. Das Handwerk der Fleischhauer zu Chemnitz. Fest- 
schrift zu der am 4. und 5. Decemher 188." stattfindenden Ein- 
weihung des neuen Schlacht- und Viehhofes. Chemnitz. .S." SS. 8*. 

Das indirekte Abg-abenwesen im Königreich Sachsen seit der Be- 
gründung des Uentschen Zollvereins. Denkschrift der Königlich 
Sächsischen Zoll- und Steuer-Direction am Schluss ihres fünfzig- 
jährigen Bestehens am 1. Januar 1884. Mit sechs Tabellen. 
Leipzig, Veit & Comp. 1884. 71 SS. 8". 

Die Landrentenbank im Königrniche Sachsen. Festschrift zur Feier 
des am I.Januar 1881 zu begehenden Jul>ilä\uns des fünfzigjährigen 
Bestehens dieser .Anstalt. Herausgcgclien von der Königlichen 
Land-, Landeskultur- und Altersrentenbank-Verwaltung. Dresden 
188.3. 66 SS. 8". 

Freibergs Berg- und Hüttenwesen. Eine kurze Darstellung der 
orographischen, geologischen, historischeu, technischen und ad- 
ministrativen Veihältnisse. Herausgegeben durch den Berg- 
männischen Verein zu Freiberg. Mit 10 Tafeln. Freiberg, Graz 
und Gerlach (Ed. Stcttner). 1883. VIII. 284 SS. 8". 

Herzog Ernst's des P^rommen Special- vnd somlerbabrer Bericht, 
Wie nechst Göttlicher Verleihung die Knaben und Mägdlein auff 
den Dorß'schafteu vnd in den Städten die vnter dem vnturstcn 
Hauifen der Schul -Jugend begrifl'ene Kinder im Fürstenthumb 
Gotha kurtz vnd nützlich vnterrichtet werden können viul sollen. 
Gotha 1662. Mit kritisch - historis! heu und sachlichen Er- 
läuterungen von Jul. Müller. (.\. u. d. T. : Sammlung selten gewor- 
dener pädagogischer Schriften früherer Zeit. Herausg. von A. Israel 
und Job. Müller. 10. Heft.) Zschopau, Raschke. 1883. 136 SS. 8". 

Die Stadt Pausa und ihre nächste Umgebung. Herausgegeben vom 
Verein für ürtskunde. 2. Lieferung. Mit einer Ansicht vom 
Bade Pausa. Plauen, Kell (Comm.). Pausa 1883. S. 49—96. 8". 



Beiträge zur sächsischen Kircliengeschichte, herausgegeben im Auf- 
trage der „Gesellschaft für sächsische Kirchengeschichte" von 
Franz Dibelius und Gotthard Lechler. Zweites Heft. Leipzig, 
Job. Ambr. Barth. 1883. 8". 

Inhalt: Kahnis, Die geschichtlichen "Wendepunkte der evange- 
lisch-lutherischen Landeskirche des Königreichs Sachsen. Knothe, 
Die Erzpriester in der Oberlausitz. Seifert, Wo hat Luther am 
Pfingstsonntage (25. Mai) 1539 in Leipzig gepredigt? Königsdörffer, 
Memorabilien der Kirchfahrt Langbenncu-sdorf bei Freiberg aus 
dem 16. und 17. Jahrhundert. G. v. Hirschfeld, Die Beziehungen 
Luthers und seiner Gemahlin Katharina von Bora zur Familie 
von Hirschfeld. Dibelius, Luther in Dresden. Miszellen. 

Mittheilioigen des Alterthumsvereins zu Flauen i. V. Dritte Jahres- 
schrift auf d. J. 1882 — 1883. Herausgegeben von Joh. Müller. 
Plauen, Neiipert (Komm.). 1883. 8". 
Inhalt: Joh. Müller. Urkunden und Urkundenauszüe zur Ge- 



176 Literatur. 

schichte Plaiieub und des Vogllandes v. J. 132y— 135G. W.l''ischer. 
Kardinal Herzog Christian August zu Sachsen -Zeitz und die 
Deutschordensballei Thüringen. C. v. R., Beiträge zur Geschichte 
des vogtländischen Adels (1. Die v. Reinsdorf, v. Tlioss und 
V. Weischlitz). v. Zezschwitz, Nachrichten aus dem Pfarrarchiv zu 
Wohlbach. Joh. Müller, Zum 400jähngen Jubiläum des erblichen 
Anfalls der Herrschaft Plauen an die Krone Sachsen (Festvortrag 
am 2. Mai 1882). 

Mittheihingen des Vereins für die Geschichte und AUerthumskunde 
von Erfurt. Heft 11. Erfurt, Villaret (Komm.). 1883. 8». 

Inhalt: Werneburg, Beiträge zur thüringischen (Jeschichte. Böck- 
ner, Peterskloster zu Erfurt. Erlandsen , Beiträge zum Peters- 
kloster. Werneburg, Über das Erfurter Stadtsiegel, v. Tettau, 
Übersichtliche Zusammenstellung der in Erfurt und dessen Um- 
gebung gefundenen vorgeschichtlichen Gegenstände, 

Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte und Altertums- 
kunde. N. P\ Bd. HI. Der ganzen Folge 11. Band. Heft 4. Jena, 
G. Fischer. 1883. 8". 

Inhalt: Berth. Schmidt, Arnold von Quedlinburg und die älte- 
sten Nachrichten zur Geschichte des Reussischen Hauses. Genast, 
Aus drei Jahrhunderten der Armbrustschützengesellschaft in 
Weimar. Miscellen : Mitzschke, Der Name Alm(e)rich für das 
Dorf Altenburg bei Naumburg a S. Anemüller, Geschwinde Scrifft 
Hertzog Johans P^rüdrichs des mittlem ... an die Graven zw 
Mansfelt ihrer Theologen und Druckerey halben. Ders., Zeitung 
von der Churfürstl. persecution Anno 1566. 



V. 



Magdeburgs Belagerung 
durch Moritz von Sachsen 1550 — 1551'). 



Von 

S. Issleib. 



Die Belagerung Magdeburgs *) durch Moritz von 
Sachsen schloss sich eng an die Belagerung Braunschweigs 
durch Herzog Heinrich d. J. von Wolfen büttel an. 

Der Kampf des Herzogs gegen Braunschweig war 
ein Ausbruch tiefgewurzelten , alten Hasses. Ihretwegen 
war Heinrich (1542) durch die Häupter des schmalkaldi- 
sclien Bundes von Land und Leuten vertrieben worden^) 
und seine Rückkehr (1547) hatte keine Aussöhnung her- 
beigeführt. Der rührige Eifer, mit welchem Herzog 
Heinrich seit 1548 neben dem Kurfürsten von Branden- 
burg und dem Erzbiscliof von Magdeburg ein energisches 



') Verg]. die Abhandlung in dieser Zeitschrift IV, 273 flg. : 
Magdeburg und Moritz von Sachsen bis zur Belagerung der Stadt 
(September 1550). 

^) Bes selmeier, Gründlicher Bericht des magdeburgischen 
Krieges etc. (1552); M er ekel, Warhafi'tiger, aussführlicher und 
gründlicher Bericht etc. (Dasselbe bei Hortleder II. 4. Kap. 18 u. 
19. S.119t u. 1224.) Pomarius 185. — Bisher hat man die Belagerung 
Magdeburgs meist nach den Berichten Besselmeiers und Merckels 
dargestellt; allein sie enthalten viele Unrichtigkeiten. 

^) Vergl. des Verfassers Arbeiten in den Mittheilungen des 
Königl. sächsischen Alterthumsvereines XXVI (1877), 1 flg. und in 
V. Webers Archiv für die sächsische Geschichte N. F. V (1878), 
97 flg. 

Neues Arohiv f. K. (! ii. A. V. 3. 12 



178 S- Issleib: 

Vorgehen gegen Magdeburg betrieb*), erklärt sich wesent- 
hch aus seiner Stellung zu Braunschweig. Nach seiner 
Meinung bestärkte Magdeljurgs Standlml'tigkeit den wider- 
setzlichen Sinn der Braunschweiger, und nach seiner Über- 
zeug"ung wurde mit der Unterwerfung und Bestrafung 
Magdeburgs auch der Trotz seiner lutherischen Unter- 
thanen gebrochen. 

Während nun die Berathungen über die magdeburgi- 
sche Achtsexekution von einer Tagsatzung zur andern 
wanderten, steigerte sich das missliche Verhältnis zwischen 
ihm und Braunschweig bis zur Unerträglichkeit. Ver- 
letzende Ausfälle und beschimpfende Plünderungen von 
Seiten der Bürger nöthigten zur rächenden Rüstung. 
Um alle alten und neuen „Frevel" derselben gebührend 
zu ahnden, suchte Heinrich durch auswärtige Hilfe seine 
dürftige Macht zu verstärken *). Er bat den Kurfürsten 
von Sachsen um 200 Pferde und zwei Fähnlein Knechte 
und den Markgrafen Albrecht von Brandenburg-Kulmbach 
um einen „eilenden Reiterdienst"; um Mannschaft zu Fuss 
und Ross ging er den Kurfürsten von Brandenburg, 
Herzog Erich von Braunschweig, die Bischöfe von Würz- 
burg und Bamberg und andere Herren an. Allein statt 
Hilfe liefen Vertröstungen, Entschuldigungen und Ab- 
mahnungen ein; nur der jugendliche Herzog Georg von 
Mecklenburg erschien in Heinrichs Nähe. 

Kaum hatte die Belagerung Braunschweigs (Anfang- 
Juli 1550) begonnen, da erschienen kaiserliche Mandate, 
welche Einstellung aller Feindseligkeiten und den Besuch 
des augsburgischen Reichstages „zur gütlichen und recht- 
lichen Vergleichung" geboten. Kaiserlichem Wunsche ge- 
mäss bemühten sicli auch die Kurfürsten von Sachsen 
und Brandenburg, zwischen der Stadt und dem Herzoge 
zu verhandeln'*), zumal es in ilireni Interesse lag, wenn 
die vor Braunschweig entzündete Kriegsfackel an gleichem 
Orte wieder erlosch'). Unter dem Scheine des Gehorsams 
gegen den Kaiser, in Wahrheit aber wegen Mangels an 
Mannschaft und Geld hob Herzog Heinrich am 8. Sep- 

*) Vergl. diese Zeitschrift IV, 287. 290 flg. 

*) A. V. Druffel, Beiträge zur Reichsgeschichte 1546 — 51, I. 
Briefe und Akten zur Gescliichte des KJ. Jahrhunderts. (München 
1873.) No. 438. Joh. Voigt, Markgraf Albrecht Alcibiades 224. 

•) Dresdener Hauptstaatsarchiv Loc. 9151, Magdeburgische Be- 
lagerung, Buch II. Bl. 4'>2. 

') Vergl. diese Zeitschrift IV^, .312 flg. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 179 

teraber 1550 die erfolglose Belagerung wieder auf. Die 
herzoglichen und städtischen Truppen wurden entlassen. 
Da nun gewann Herzog Georg zehn Fähnlein Knechte 
(etwa 3000 Mann) und 200 Reiter ^j, um angeblich einen 
unterbrochenen Streit wegen unberücksichtigter Erban- 
sprüche mit seinem Bruder Johann Albrecht und mit 
seinem Vetter Herzog Heinrich auszufechten "). Von 
Braunschweig aus führte er seine Mannschaft in das Stift 
Halberstadt und von da in das Erzstift Magdeburg (am 
16. September 1550). Zu statten kam, dass es dem leb- 
haften Wunsche des Kaisers entsprach, die Achter zu 
belästigen und zu schädigen; verlockend war es, den 
Magdeburgern eine Anzahl besetzter Stiftsgüter zu ent- 
reissen und den geplanten Zug gegen Bruder und Vetter 
durch leichterworbene Beutegelder zu fördern'"). 

Am 17. September überfiel Herzog Georg den erz- 
stiftischen, von magdeburgischen Truppen besetzten Ort 
Wanzleben (südwestlich von Magdeburg). Der Flecken 
wurde geplündert und eingeäschert, allein der dreimalige 
Sturm gegen das Scliloss von der Besatzung tapfer ab- 
geschlagen. Am folgenden Tage nahm man Dreileben 
und brandschatzte die Nachbardörfer. Arg schilderten 
Augenzeugen das Treiben der raublustigen Landsknechte. 
Die geschädigten Magdeburger rückten nun unter Führung 
des Grafen Albreclit von Mansfeld in das Feld"), wagten 
es aber nicht, den Feind in seiner vortheilhaften Stellung 



') Die Angaben schwanken zwischen 3 — 5000 Knechten und 
2—300 Reitern. Loc. 9151, II, 34 flg.; vergl. Loc. 8502, Churf. 
Moritzen Schriften an Sr. Churf. Gu. Bruder Hertzog Augustum 
1546—52, Bl. 55. 

«) Die Kunde von Herzog Georgs Truppenwerbung gab wenig- 
stens dem Bruder und Vetter, sowie deren Verbündeten, dem Markgrafen 
Hans von Küstrin und den Herzögen von Pommern willkommenen 
Grund, Mannschaften zusammen zu ziehen. Dem Kaiser gegenüber ent- 
schuldigten sie unter diesem bequemen Verwände ihre kaiserfeindlichen 
Rüstungen. Vergl. Druffel I, No. 563; Forschungen zur deutschen 
Geschichte X, 195, Briefe von Johann Sleidanus an den Kardinal 
Jean du Bellay vom 13. Dezember IsöO, mitgetheilt von L. Geiger. 

'") Über Grund und Urheberschaft des herzoglichen Zuges in 
das Elhgebiet kamen allerlei Gerüchte in Umlauf. Ich habe nicht 
linden können, dass Praktiken Heinrichs von Braunschweig -Wolfen- 
büttel, oder des Kurfürsten Moritz von Sachsen, oder des magdebur- 
gischen Domkapitels (vergl. Besselmeier etc.), oder Eifer für 
Exekution der Reichsacht den Herzog G^org in die Nähe Magdeburgs 
geführt haben. 

") Pomarius 187. 

12* 



180 S. Issleib: 

anzugreifen und kehrten thateulos in die Stadt zurück. 
Darauf wurden die Bauern der Unig-egend mit Waffen, 
Pferden und RUstwag-en in die Stadt entboten und die 
lieihcn der wehrhaften Bürger durch Söklner vom braun- 
.schweigischeu Behigerungsheere zu weiteren Unternehmun- 
gen verstärkt. 

Währenddem marschierte Herzog Georg von Dr ei- 
leben aus durch die dörferrciclio Börde nach dem Kloster 
Hiller sieben im Amte Wolmirstedt Indem er sich 
der Altmark näherte, war anzunehmen, er werde mit den 
erpressten und erbeuteten Barschaften das Erzstift ver- 
lassen. Da führten die Magdeburger eine andere Wendung 
der Dinge herbei. Auf die zahlreichen Bitten beraubter 
und flüchtiger Landbewohner hin beschlossen sie, „den 
Feind von dannen zu jagen". Zwar malmten die Grafen 
Albrecht von Mansfeld und Christian von Oldenburg, 
Hans von Heideck, Klaus Berner und Kaspar Pflug von 
diesem Unternehmen ab, weil Herzog (xeorg geübtere 
Leute beisammen habe; allein der unbesonnene Bürger- 
muth entschied, Sonntag, den 21. September zwischen 
2 und 3 Uhr nachmittags'^) zogen zwölf Fähnlein Bürger, 
Landsknechte und Bauern mit drei lieitergeschwadern 
(zusammen wohl 5000 Mann) unter Führung des „vor- 
jährigen" Bürgermeisters Georg Geiücke aus; es folgten 
die Wagenburg, die ßüst- und Rennwagen, die Rollwagen 
mit Doppelhaken und elf Stück Feldgeschütze. Während 
der Naclit rastete die Mannschaft bei A\"olmirstedt im 
freien Felde (zwei Meilen von Magdeburg). Am folgen- 
den Morgen, ungefähr zwei Stunden vor Tagesanbruch'^), 
schickte sie sich an, das mcckleubuigische Lager zu über- 
rumpeln. Zu spät ! Durch zuverlässige Kundschaft vom 
Vorhaben der Gegner unterrichtet, erwartete Herzog Georg 
die Magdeburger vor dem Dorfe Hillcrsleben und 
brachte durch geschickte Anordnungen den Städtern in 
kurzer Zeit eine vollständige Niederlage bei. Gegen 
1500 Mann fielen") und 800 Mann ungefähr geriethen in 
Gefangenschaft. Bürger und Bürgerssöhne wurden geschont 
• — sie erkauften ihre Freiheit je nach Stand und Ver- 



'*) Loc. 9151, 11, 31 flg. luul Besselmeier, Merckel, 
Ponuirius etc. 

'») M er ekel giebt 7 Uhr an. 

'*) Die Zahl der Gefallenen wird von lOOJ bis in die 3000 an- 
gegeben. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 18t 

mögen durch ein Lösegeld von 60 — 300 Mark ^•') — ; 
jämmerlich dagegen ging man mit den armen Bürgern 
und mit dem Landvolke um. Ohne Schwertstreich ergab 
sich nun der feste, mit Proviant und Munition reich ver- 
sehene Ort Wolmirstedt. — Tags darauf Hess Herzog 
Georg die erbeutete Wagenburg, die Rüst- und Renn- 
wagen, Geschütze und Fahnen im Dorfe Hillersleben auf- 
reihen'"), und zwei Tage später (am 25. September) rückte 
er nach Schönebeck (südlich von Magdeburg) vor, um 
das Städtchen zu besetzen „und sein Heil gegen die 
Städter fortan zu suchen". 

Überaus schnell verbreitete sich die Kunde von dem 
vsiegreichen Gefechte bei Hillersleben (oder Neuhai - 
densleben). Die Entscheidungsschlacht manches ansehn- 
lichen Krieges hat kaum grösseres Aufsehen erregt, als 
dieser glückliclie Kampf des mecklenburgischen Herzogs 
gegen die geächteten jMagdeburger (am 22. September 1550). 

In jenen Septembertagen schickte sich Kurfürst Moritz 
an, den Reichstag zu besuchen. Zwei Monate hatte er 
den drängenden Kaiser hingehalten; allein mit Aufhebung 
der braunscliweigischen Belagerung fiel der letzte triftige 
Entschuldigungsgrund dahin. Die Abreise wurde auf 
den 26. September festgesetzt^*). Schon hatten die kur- 
fürstlichen Räthe, das Hofgesinde und die Hofwagen 
Dresden verlassen — der Hofstaat rückte bis Nürnberg 
vor'^) — , als die Stif'tslande durch den Anzug des Her- 
zogs von Mecklenburg beunruhigt wurden. Sofort ver- 
tagte Moritz die Reise nach Augsburg; denn seltsam 
konnte sich die nächste Zukunft anlassen. Nicht allein 
der mecklenburgische „Gardhaufen", die beiden Stifter und 
Magdeburg, sondern auch die politische Lage von ganz 
Norddeutschland und die Pläne des Kaisers gegen die 
„Rebellen" waren in das Auge zu fassen. Dazu kam 
des Kurfürsten antikaiserliches Verhältnis zu Frankreich. 
Gerade damals peinigte ihn Tag und Nacht die Sorge, 
der an König Heinrich H. geschickte Unterhändler möge 



'*) Pomarius 191. 

"') Die Wagenburg schenkte er später dem Kurfürsten von 
Sachsen, die Fähnlein übersandte er dem Kaiser und die Feldge- 
schütze behielt er für sich, 

") C. A. Cornelius, Churfürst Moritz gegenüber der Fürsten- 
versch-xörung i d. J. 1530—51 iMünchcn 18(57), 34, Brief des Kur- 
fürsten Moritz an Wilhelm von Schachten und Simon Bing, Weideuhan 
am 24. September 1550. 

'») Loc. 9151, II, Bl. 462, 473. 



182 S. Issleib: 

„niedergeworfen" und die Verhandlung mit Frankreich 
verrathen worden sein. Das Verweilen im Hcimathlande 
erschien durchaus nothwendig, zumal seine Person bereits 
in Anspruch genommen wurde. 

Sobald nämlich Herzog Georg in den Stiftsgebieten 
einrückte, baten „die Verordneten des Domkapitels von 
Magdeburg und Halberstadt" unter Berufung auf den 
letzten kaisi-rlichen Befehl den Kurfürst(;n als „Schutzherrn 
der verlassenen und herrenlosen Stifter" um Hilfe*®). 
Unverzüglich wurde daher Joachim von Gersdorf (am 
20. September) mit dem Auftrage abgefertigt, über die 
Pläne des Herzogs von Mecklenburg genaue Erkundigungen 
einzuziehen und die Weij-führuni»; des Krieg-svolkes von ihm 
zu fordern. Wenige Stunden darauf, als dem Kurfürsten 
klar war, er könne sein ferneres Ausbleiben vom Reichs- 
tage mit dem „Gardhaufen" aufs beste entschuldigen und 
aus der ganzen Sache für sich selbst mancherlei Vorthcile 
ziehen, entsandte er Jakob von der Schulenburg, um über 
eine Zusammenkunft mit Herzog Georg zu verhandeln 
und den Fürsten unter Umständen zu berathen. Schulen- 
burg traf im mecklenburgischen Lager ein, als der Herzog 
soeben die Magdeburger bei Hillersleben geschlagen hatte 
und nach Wolmirstedt vorzurücken im Begriffe stand 
(am 22. September). Aufgefordert, begleitete der sächsi- 
sche Gesandte den siegesfreudigeu Fürsten. Ein lebhaftes 
Gespräch über das glorreiche Gefecht und über Kurfürst 
Moritz kürzte den Ritt. Auf die angebrachte Werbuno- 
ging der Herzog bereitwillig ein vuid gab schiiftlich zu 
erkennen^"), dass er mit dem Kurfürsten zusammenkommen 
und mit ihm über alle Dinge, an denen ihnen beiden 
gelegen sei, reden wolle. Zugleich erholte er sich Raths 
über sein ferneres Verhalten gegen die Magdeburger. 
Moritz bestimmte den Ort der Zusammenkunft und gab 
seinen Wünschen hinsichtlich Magdeburgs Ausdruck. 
Georg versprach darauf, ohne Vorwissen des Kurfürsten 
sich in keine Verhandlung mit den Achtern einzulassen 
und ohne seine Zustiunnun"' keinen Vertrag- abzuschliessen. 

Mittlerweile hatten sich die Stiftsstände in Stassfurt 
versammelt, um über ihre Rüstung, über Stellung und 
Haltung zu Herzog Georg und über Wiedereinnahme der 
an die Magdeburger verlorenen Stiftsgüter zu berathen. 



'•) Loc. 9151, II, ßl. .33 ftg. 

»") Brief vom 23. September 1550, Loc. 9151, II, Bl. 68. 



Magdeburgs Belagerung durcli Moritz von Sachsen 1550 — 51. 183 

Kurfürst Moritz ermahnte sie, ihre aufgebotene Mannschaft 
nicht gegen das mecklenburgische Kriegsvolk zu gebrau- 
chen; Herzog Georg liabe die Exekution der Acht be- 
gonnen und den Magdeburgern bereits einen grossen Theil 
der Stiftshcäuser entrissen; bei Vermeidung aller Feind- 
seligkeiten gegen den Herzog sollten sie allein die Orte 
besetzen, welche noch in den Händen der Magdeburger 
seien. 

Vom Kurfürsten von Brandenburg lief damals die 
Nachricht ein, er werde jederzeit bereit sein, im Vereine 
mit Moritz dem Erzstifte und Stifte Schutz und Entsatz 
7Ai leisten^') und zur Verhütung weiterer Irrungen den 
mecklenburgischen Bruderzwist in Güte beizulegend^). 

Am 30. September oder 1. Oktober '^■^) fand die Zu- 
sammenkunft des sächsischen Kurfürsten mit Herzog Georg 
jedenfalls zu Barbi statt. Über die Verhandlungen beider 
o-iebt das Dresdener Archiv keinen Aufschluss ; doch wurde 
man, wie es scheint, bald handelseinig. Vom 2. — 4. Oktober 
verweilte dann Moritz im herzoglichen Quartiere zu 
Schönebeck und „brachte das Kriegsvolk an sicli" ^*). 
Die Knechte schwuren vorläufig auf drei Monate, und der 
Kurfürst versprach Musterung und Zahlung innerhalb eines 
halben Monats. Herzog Georg behielt vorläufig eine unab- 
hängige Stellung und freie Verfügung über seine 200 Reiter. 
In seinen Händen blieben auch die eroberten Amter Wanz- 
leben, Dreileben und Wolmirstedt'"). 

Kurfürst Moritz freute sich des Vortheiles, den „weid- 
lichen Haufen" von fast 5000 Mann^*^) ohne grosse 



2') Brief vom 25. September aus Grymnitz, Loc. 9151, II, Bl. 79. 

") Kurfürst Joachim bat Moritz, aufs eiligste Käthe nach 
Tangermnntle abzufertigen, Loc. 9151, II, 74, Brief aus Schönebeck 
vom 30. September. Nach D ruffei I, No._563 scheint in Tanger- 
münde verhandelt worden zu sein. 

'*) Loc. 8-198 „Handschreiben des Kurfürsten Moritz an seine 
Gemahlin Agnes, 1547-53^ Brief von Barbi am 1. Oktober 1550. 
Vgl. Gottfried Aug. Arndt, Nonnulla de ingenio et moribus Mauritii 
principis electoris Saxoniae. Lips. 1806. 4". 

^*) Weder Markgraf Hans von Küstrin, noch Markgraf Albrecht 
von Brandenburg-Ivulmbach, noch auch, so viel ersichtlich, Kurfürst 
Joachim waren anwesend, wie Besselmeier, Merckel und nach 
ihnen Pomarius und alle späteren Geschichtsschreiber angeben. 
Besselmeier und Merckel haben eine Reihe von Unrichtigkeiten in 
den Oktobermonat hineingetragen. 

**) Trotz vieler Verhandlungen mit dem Domkapitel behielt er 
sie bis zu seinem Tode (vor Frankfurt am Main am 13. Juli 1552). 

*•) Täglich hatte sich die Mannschaft verstärkt. 



184 S. Issleib: 

Scliwierigkeiten gewonnen zu haben. Zog ein „trübes 
Wetter" daher, so traf es ihn nicht ungeschützt. Ver- 
fügbar war das kleine Heer gegen INIagdeburg, verfügbar 
gegen jeden Feind, verfügbar für und gegen den Kaiser. 
Überdies kostete die Unterhaltung des Kriegsvolkes, wie 
Moritz an seine Gemahlin und an hessische Vertraute 
schrieb, vorerst „keinen Batzen, da er etliche PfafFengulden 
vorgefunden habe" ^'). 

Nahe lag, dass der kriegslustige Kurfürst unmittelbar 
nach Annahme des Kriegsvolkes den mecklenburgischen 
Sieg bei llillersleben ausnutzen und gegen Magdeburg 
vorrücken werde; allein (!r überwies die Knechte dem 
Herzog Georg nebst Jakob von der Schulenburg mit der 
AVeisung, in Schönebeck vorläufig still zu liegen und eilte 
selbst nach Leipzig. Dui'ch kluge Erwägungen Avurde 
sein kriegerischer Ehrgeiz gezügelt, denn die Mannschaft 
war nicht stark genug, Magdeburg im kühnen Sturme zu 
nehmen; eine Belagerung aber erforderte umsichtige Vor- 
bereitung. Zu beachten war ferner, dass der Leipziger 
Landtag von 1548 dem Kurfürsten in betreff Magdebux'gs 
bestimmte Beschränkungen auferlegt hatte. Wollte er die 
Sympathien der Unterthancn niclit gänzlich verscherzen, 
so durfte er keinesweirs rücksichtslos gegen die Land- 
stände den Weg der Gewalt eigenmächtig einschlagen. 
Dazu kam, dass der Kreistag von Jüterbogk die Exe- 
kution der Acht au Kaiser und Keich verwiesen hatte. 
Nach Beschluss der Reichsstände aber sollte am o. November 
mit Magdeburg zu Augsburg verhandelt werden^*). 
Keinesfalls wollte Moritz ohne Wissen und Einwilligung 
des Kaisers den Exekutionskrieg eröffnen Das diplomati- 
sche Spiel begann. 

Mit berechneter, dienstbeflissener Eile berichtete 
Moritz^*) an den Kaiser über den „mecklenburgischen 
Gardhaufen" und über den Einfall in die Stiftsgebiete, 



*') Brief an seine Gemahlin vom 1. Oktolier, vergl. Anmerk. 23 
und Cornelius .34 und 40: Moritz' Briefe an Wilhelm von Schachten 
und Simon Binq;, datiert Leipzig, am (">. Oktobei' und Torgau, am 
12. November l.'iüO. 

='») Vergl. diese Zeitschrift IV, 315. 

*°) Loc. 10188, „Schreiben von meinem gniuligsten Herrn an 
die verordneten Rjith zu Augsburg l'i'iO", Bl. 147. Am 24. September 
kam der ersU\ Brief in Sachen ^Magdeburgs an. — Loc. 0151, 11, Bl. 70, 
Brief an den Kaiser aus Leipzig vom 25. September, Bl. 154, Brief 
aus Schönebeck vom 2. Oktober, Bl. 217, Brief aus Leipzig vom 
6. Oktober. (Der letzte Brief bei Druffel I, Xo. 498.) 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 185 

über die Aufforderung des Domkapitels zuui Schutze der 
Stifter, über den Sieg bei Hillersleben und über seine 
Absiebt, mit dem Herzog von Mecklenburg zusammen- 
kommen und das Kriegsvolk Zusammenbalten zu wollen, 
damit es „weder Magdeburg, noch kaiserlichen Feinden 
anhängig werde". Wenige Tage später zeigte er an, 
dass ihm die Knechte auf drei Monate geschworen hätten; 
er entschuldigte sich wegen der Verzögerung des Reichs- 
tagsbesuches und bat um kaiserliche Resolution, woraus 
zu ersehen sei, ob der Kaiser die Knechte gegen Magde- 
burg gebrauchen wolle oder nicht. Im Falle der Ver- 
zichtleistung wollte Moritz das Kriegsvolk zur Vermeidung 
vergeblicher Unkosten noch vor x\blauf des Monats beur- 
lauben. Wenig stimmte eine Briefstelle, wonach er zur 
Verhütung von Weitläufigkeiten das von etlichen sächsi- 
schen Kreisständen gemäss des Jüterbogkschen Abschiedes 
in Leipzig niedergelegte Geld zur Zahlung eines halb- 
monatlichen Soldes verwendet und eine weitere, zu glei- 
chem Zwecke nötige Summe vorgesteckt habe, mit Be- 
merkungen in anderen Schreiben überein ^"). 

Voll gespannter Erwartung blickte der Kurfürst den 
kaiserlichen EntSchliessungen entgegen. Was seine Person 
anging, gedachte er „zu lavieren, so gut er könne". Auf 
den Reichstag wollte er nicht eher ziehen, als Ins er ge- 
nau wisse, „wohin alle Winde wehen" würden. Falls der 
Kaiser den Krieg gegen Magdeburg selbst zu führen 
bereit sei, wollte er ihm die Knechte nur dann überlassen, 
wenn er Geld und gute Worte gebe, „sonst steche er den 
Magdeburgern keine Maus". Gesetzt, der Kaiser komme 
nicht nach Norddeutschland, so hoffte Moritz vom magde- 
burgischen Handel, „es solle eine Gans daraus werden"**). 

In Auo-sburo^ lief die erste kurfürstliche Nachricht am 
24. September ein*'^), mid unverzüglich setzte der sächsi- 
sche Rath Franz Kram den kaiserlichen Rath Granvella 
(Bischof von Arras) vom Zuge des Herzogs Georg gegen 
das Stift Halberstadt in Kenntnis. Verwundert fragte Gran- 
vella, „wie Herzog Georg zu dieser Kriegsübung komme"; 
denn so viel ihm bewusst sei, habe der Herzog sein Ver- 
mögen erhalten und habe mit dem Stifte Halberstadt 
„nichts in Ungutem zu thun". Mit dem Erbieten, die 



*") Siehe vorige Seite. 

*') Vergl. Bemerkung 27. 

") Loc. 10188. „Schriefften, so die Kethe etc. 1550", Bl. 177 flg. 



186 S. Issleib: 

Angelegenlieit au den Kaiser bringen zu wollen, entliess er 
den kurfürstliclien Katli'^). 

Am 27. September, nachmittags 3 Uhr, meldete dann 
Kram : Der Herzog von Mecklenburg sei aus dem Stifte 
Halberstadt in das magdeburgische Gebiet vorgerückt und 
habe die Städter bei Hillersleben geschlagen. Sein Herr, 
Kurfürt Moritz, habe entbieten lassen, das Kriegsvolk bei 
einander zu halten etc. Sobald Granvella die Siegesbotschaft 
gehört, begab er sich eiligst zum Kaiser und berichtete 
zurückgekehrt: „Derselbe habe den gänzlich unvorher- 
gesehenen Fall mit höchster Freude vernonuncn; er danke 
dem Kurfürsten für die schnelle INlittheilung der fröhlichen 
Zeitung und begehre, unin möge Herzog Georg, der sich 
endlich der Achtsexekution gegen Magdeburg mit Ernst 
und zugleich init grossem Glücke unterstanden habe, fort- 
rücken, die Achtergüter einnehmen und sein Heil ferner 
versuchen lassen." Auf die Frage, Avie sich der Kurfürst 
verhalten solle, beeilte sich Granvella, darauf bezügliche 
Erkundigungen einzuziehen. Der Kaiser Hess zu erkennen 
geben, „er wolle nichts lieber, als dass der Kurfürst in 
Auosburo- anwesend wäre, befinde derselbe aber infolge 
des mecklenburgischen Sieges, dass es, um die Stadt zu 
erobern oder um die Rebellen auf andere Weise zu ge- 
bührlichem und schuldigem Gehorsam zu bringen, nützlich 
erscheine, so solle er dem Herzoge Georg förderlich und 
behilflich sein und noch etliche Tage in der Heimath 
verweilen. Die Güter, welche der Kui fürst den Magde- 
burgern abgewinne, sollten ihm sein und bleiben. Den 
städtischen Abgeordneten jedoch''*), welche wegen er- 
gangener Citation nach Augsburg abgeschickt werden 
würden, möge man auf alle Fälle freien und sicheren Pass 
gewähren". — Eine baldige Eroberung Magdeburgs be- 
zweifelnd, gab Granvella den persönlichen Rath, der 
Kurfürst möchte weder Zeit noch Geld nutzlos opfern 
und lieber so bald als möglich auf dem Reichstage er- 
erscheinen. 

Stracks eilte darauf Kram zum Könige Ferdinand, 
der sich bereits zur Vesper begeben hatte. Auch ihn 



") Die Halberstädter Stiftsliorren hatten sich auch sofort au 
den Kaiser gewendet. Umc-chend M'urden Mandate mit dem Befehle, 
das ICriogsvolk zu zerstreuen, ausirel'ertigt, jedoch nicht abgesendet, 
sobalil die Nachricht einlief, Herzog Georg sei nach dem „Achter- 
gebiete" gezogen. 

»*) Yergl. diese Zeitschrift IV, 315. 



Magtleburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 187 



versetzte die unerwartete Siegesnachriclit in freudige 
Stimmung-, und sofort war er bereit, noch am Abende mit 
dem Kaiser zu reden, da man die „günstige Gelegenheit" 
gegen Magdeburg uiögHchst ausbeuten müsse. — Zwei 
Tage später (früh am 29. September) traf Christof von 
Carlo witz in Augsburg ein^^), begab sich zu Granvella, 
überreichte ein kurfürstliches Schreiben vom 25. Sep- 
tember***) und erbat Magdeburgs halber eine bündige 
Erklärung. Allein nicht umgehend, wie erwartet, erhielt 
er Bescheid. Der Kaiser berieth sich zuvor mit König- 
Ferdinand und einigen vertrauten Personen. Erst am 
2. Oktober empfing Carlowitz Antwort'*'). Karl V. Hess 
den Kurfürsten Moritz autfordern, das Kriegsvolk in 
seinem (des Kaisers) Namen zu gebrauchen und sich 
Magdeburgs zu bemächtigen. Er war zufrieden, dass die 
erstürmte Stadt dem Kriegsvolke preisgegeben werde, und 
dass der Kurfürst sie so lange behalte; bis ihm entweder 
vom Kaiser oder von der Stadt ein zweimonatlicher Sold 
für 5000 Knechte erlegt worden sei. Um Moritz zur 
Achtsexekution anzuspornen, gab er zu erwägen, wie be- 
schwerlich für die gehorsamen Nachbarn Magdeburgs ein 
gewaltiger Reichskrieg- gegen die Achter sein werde. 
Schwendi sollte^*) im Namen des Kaisers der magde- 
burgischen Kriegshandlang beiwohnen und die sächsischen 
Kreisstände zur Unterstützung anhalten. Carlowitz wurde 
aufgefordert, die eröffneten Mittheilungen so schnell als 
möglich an den Kurfürsten gelangen zu lassen und das 
Eintreffen eines kaiserlichen Schreibens in Aussicht zu 
stellen '^). 

•") Loc. 9151, II, Bl. 1.^2. Er war mit dem Hofstaate und mit 
den anderen kurfürstlichen Käthen bis Nürnberg gezogen. 

36) Vergl. Anmerkung 29. 

") Loc. 9151, II, Bl. 2.37, Brief vom .S.Oktober „früh eilend 
Augsburg" mit der Aufschrift: „cito, cito, citissime zu höchst eignen 
Händen von niemand zu erbrechen". 

ä») Vergl. Druffel I, No. 507, Schwendi verliess Augsburg erst 
am 18. Oktober. 

*») Das Schreiben, datiert vom 3. Oktober, hat v. Langenn I, 
445 benutzt. Die Bemerkung Druffel s I, No. 498, „dieser Brief 
kreuzte ein kaiserliches Schreiben, Oktober 3", ist unrichtig. 
Nach Loc. 9151, II, Bl. 241 (Carlowitz' Brief vom 6. Oktober) war 
zwar das kaiserliche Schreiben „bis auf das Unterschreiben fertig", 
aber nach Bl. 256 üg. am 11. Oktober noch nicht unterschrieben, 
ebensowenig Schwendi abgefertigt. Die Abreise Schwendis erfolgte 
erst am 18. Oktober und der kaiserliche Brief vom 3. Oktober kam 
endlich am 27. Oktober im Feldlager vor Magdeburg an. Darnach 



188 S. Issleib: 

Trotz der Eile hatte Carlowitz mancherlei gegen die 
Vorschläge einzuwenden. Seiner JMeinung nach mochte 
sich unter derartigen Bedingungen niemand gern in grosse 
Gefahren und Unkosten stecken. Er missbilligte die Preis- 
gebung der eroberten Stadt an das Kriegsvolk, wodurch 
die Kriegskostenerstattung von Seiten der Achter hin- 
fällig werde, und bat in betreff des zweimonatlichen Soldes, 
nicht bloss auf Erobei'ung, sondern auch auf Belagerung 
Bedacht zu nelmien. Geflissentlich fragte er, warum man 
nicht das in Jiiterbogk von den beiden sächsischen Kreisen 
bewilligte Geld gegen Magdeburg gebrauchen wolle, zumal 
die Stände jetzt, wo das Kriegsvolk so nahe vor der Thüre 
liege, zur Erlegung des Geldes sehr leicht zu bringen 
seien. Granvella erwiderte, man wisse, dass die sächsi- 
schen Kreise insgesamt nur dann ihren Antheil erlegen 
wollten, wenn auch die andern Kreise Geld geben wür- 
den'"); diesen jedoch könne vor dem Termine der an- 
beraumten magdeburgischen Verhandlung, die unter allen 
Umständen stattfinden solle, keine Zahlung zugemuthet 
werden. Verlange man die Verabreichung des sächsischen 
Ständegeldes, so würde der Kaiser die Verbindlichkeit hin- 
sichtlich des zweimonatlichen Soldes für seine Person aller- 
dings zurückweisen. Eins werde gegen das andere fallen. 
Der Kurfürst möoe wählen. — Im Verlaufe weiterer Unter- 
redung gab Granvella keine Auskunft über erforderliche 
Kelterei und Artillerie und entliielt sich jeglicher Erklärung 
darüber, wie es gehalten werden solle, wenn der Kurfürst 
seine Schuldigkeit thue und die Stadt nicht erobere. Un- 
geachtet vieler Bemühungen aucli an den folgenden Tagen 
erlangte Carlowitz keine vortheilhaftere kaiserliche Keso- 
lution. Seine Ausstellungen trugen ihm von selten des 
römischen Königs nur die Bemerkung ein: „wer gewinnen 
wolle, der müsse etwas dagegen einsetzen" *M. Am kaiser- 
lichen Hofe erwartete man, Kurfürst Moritz werde mit 
den gemachten Vorschlägen zufrieden auf seine Kosten 
der Achtsexekution mit Eifer nachsetzen. Wie irrte man 
in dieser Hinsicht! 



sollte Moritz „die Staflt mittlerweile innehaben und abzutreten nicht 
schuldig sein, bis die zweimonatliche liesoldung durch einen künftigen 
Erzbiscliof von Magdeburii' oder sonst völlig erlebt und bezalilt sei". 
Hiernach lautete das schriftliche Versprechen anders als das münd- 
liche vom 2. Oktober. Druffel I, Xo. 517 ist auf den 2. Oktolier 
zu setzen. 

*") Vergl. diese Zeitschrift IV, .308. 

") Loc. 9151, ir, lil. 241. Brief vom G. Oktober. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 189 

Christof von Carlowitz brachte die Unterredung mit 
GranveHa (vom 2. Oktober) zu Pai^ier und entsandte sein 
Schreiben in höchster Eile. Dringend bat er, der Kurfürst 
möge, sobald sichere Hoffnung vorhanden sei, die Stadt 
zu erobern oder sonst zu gewinnen, mit Vorvvissen edicher 
der Vornehmsten seiner Lande ohne Zaudern an das 
Werk schreiten und später erst die Bewilligung seiner 
Landstände einholen. Glimpflich und mit gnädigem Willen 
des Kaisers könne er sich dann auch des Reichstagsbe- 
suches entschlagen oder die Reise doch möglichst hinaus- 
schieben. 

Immer hatte Carlowitz dem energischen Vorgehen 
gegen die gefähi-liche Eibstadt das Wort geredet, schon 
„um ein gutes Verhältnis mit dem Kaiser zu erhalten" ; 
jetzt feuerte er in der That zu einer Unternehmung gegen 
Magdeburg an. Weit hinter ihm blieben in dieser Be- 
ziehung die anderen kurfürstlichen Räthe in Augsburg 
zurück; fast ängstlich mahnten sie zur bedächtigen Vor- 
sicht ^^). Auf die früheren Berathungen der „Landräthe", 
auf die Bedenken des Leipziger Landtages und auf den 
Abschied von Jüterbogk verweisend warnten sie, die Aclits- 
vollstreckung auf eigne Faust zu unternehmen, denn nach 
Ihrer Meinung koste die Exekution viel Mannschaft und 
Geld, sie könne dem Kurfürsten und seinen Landen grosse 
Gefahren bringen und den Verdacht zuziehen, als halte 
er es mit den Katholiken. Er solle sich der Achtsvoll- 
streckung nur nach gemeinsamem Beschlüsse des Kaisers 
und aller Stände auf Kosten des Reiches unterziehen. 

Die heimkehrenden Räthe Dr. Fachs und Dr. Mord- 
eisen hoben gleichfalls in einem Schreiben aus Nürnberg 
die Beschlüsse der Land- und Kreisstände hervor, wider- 



") Loc. 9151, II, Bl. 132, 133, 147 flg. (Briefe des Dr. Fachs 
und Mordeisen vom 28.— .'.0 September, datiert von Nürnberg und 
Gräfenberg), und Loc. 10 188 „Schriften der Räthe von Augsburg 
1550", Bl. 145, 147 flg., Briefe von Osse, Könneritz, Kneut- 
lingen und Kram. — Kram bemerkte: „es bedürfe gutes Glückes, 
Aufsehens und Bedachtes, er könne leiden, dass Dr. Fachs jetzt beim 
Kurfürsten wäre, es wäre weidlich was Tapferes darum zu geben". 
.1 u 1. T r a u g 1 1 Jakob von K ö n n e r i t z giebt in soiner Abhandlung : 
Weigerung der Leipziger Pätterschaft etc. in v. Webers Archiv für 
sächsische Geschichte IV (1866), Anmerkung 128 als Ausstellungsort 
des Briefes von Mord eisen und Fachs (vom 30. September) 
Dresden an, es muss aber heissen Gräfenberg (zwischen Nürn- 
berg und Bayreuth). In dieser Abhandlung finden sich noch viele 
andere Unrichtigkeiten. 



190 S- Issleib: 

rietheu Krieg iiiul empfahlen Verhandlung. Der Kurfürst 
möge sich an den Beschluss der Reichsstände vom 26. Sep- 
tember halten"") und zunächst Güte walten lassen. Viel- 
leicht gelinge es, den Grafen Albrecht von Mansfeld der 
Stadt „abzustricken", die städtische Kriegspartei zu sciiwä- 
chen und die Friedliebenden zu ermuthigen. Das Aus- 
bleiben vom Reichstage könne wohl noch durch andere 
Gründe als durch Magdeburg gerechtfertigt werden. 

Fast unwiderstehlich wurde Kurfürst Moritz in die 
Bahn der Verhandlung gedrängt. Und nicht bloss durch 
die Mehrheit seiner Räthe ! Fürst Georg von Anhalt er- 
schien bereits am 27. September von Merseburg aus in 
Leipzig und knüpfte die ersten Fäden friedliclier Ver- 
handlung an^^). Moritz räumte ihm die Stelle eines Ver- 
mittlers ein, und schnell kehrte der Fürst nach Merseburg 
zurück, um dem Magdeburger Stadtrathe unverzüglich 
Verhandlung entbieten zu lassen*^). Ohne grosse Bedenken 
gingen die Rathsherren auf den Antrag des wohlwollen- 
den Fürsten ein und übersandten für seine Unterhändler 
„sicheres Geleit in allewege". Darauf eilten der fürstliche 
Kanzler Johann Riptsch und Oswald Rot nach Magdeburg 
und begannen die Verhandlungen am Nachmittage des 
2. Oktober. Sie riethen den Magdeburgern vor allem 
infolge der stattgefundenen Leipziger Unterredung (vom 
27. September), sich mit einem unterthänigcn Gesuche 
unmittelbar an den Kurfürsten von Sachsen zu wenden 
und ausserdem gütliche Verhandlung, welche man von 
anderer Seite anknüpfen werde, nicht auszuschlagen^"). 

Am Nachmittage des folgenden Tages erklärten die 
Magdeburger, sie könnten sich nur dann in Verhandlung 
einlassen, wenn ihnen das reine und lautere Wort Gottes, 
sowie alle Privilegien vmd Freiheiten garantiert würden. 
Da der Feind vor der Stadt liege und sie nicht wüssten, 
was daraus erfolge — denn ein Fürst sei zum Kriegs- 
volke gekommen und habe es auf etliche Monate schwören 



**) Derselbe setzte die Verliandluiig mit Magdeburg auf den 
3. >iovember fest. 

") Loc. 9151, II, Bl. 52, 82 Hg. 

**) Noch in derselben Nacht jaste ein reitender Bote von 
Merseburg nach Magdeburg; ein zweiter folgte dem ungeduldig er- 
warteten in der ersten Frühe des .30 Septembers. 

*') Faclis und Carlowitz schrieben am 28. September von Nürn- 
berg aus an Ilcinricli Alemann und Dr. Levin von Emden, Loc. 9151, 
II, Bl. 13(;. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 191 

lassen^') — , so trügen sie Bedenken zu verhandeln. In- 
dessen der Fürst von Anhalt möge Mittel vorschlagen, 
welche ihre Lehre und Privilegien verbürgen würden^*). 
Auf diese Antwort hin entsandte Georg von Anhalt 
am 4. Oktober einen weiteren Boten, um die Magdeburger 
nochmals an den Kurfürsten von Sachsen zu verweisen 
und ihnen eindringlich zu Gemüth zu führen, zwischen 
Religion und Profansachen zu unterscheiden: in Profan- 
sachen seien alle Christen der ordentlichen Obrigkeit 
Gehorsam schuldig, nur das göttliche Wort stehe nicht 
in der Menschen Macht und Willen , das werde allein 
durch Gottes Kraft und Geist in aller Herzen wunderbar 
erhalten etc. Der Bote und das ihm anvertraute fürstliche 
Schreiben gelangten nicht nach Magdeburg. Herzog- 
Georg von Mecklenburg war gegen den Befehl des Kur- 
fürsten Moritz von Schönebeck aufgebrochen und mit dem 
Kriegsvolke an die Stadt herangerückt. Stürmischen und 
ungeduldigen Gemüthes begann er ein keckes, wildes und 
wüstes Treiben, verführte das zuchtlose Volk zu unbeson- 
nenen und nutzlosen Gefechten, liess brandschatzen, plün- 
dern, rauben und gab Jakob von der Schulenburg zu 
bitteren Klagen Anlass*^). Als der erwähnte anhaltinische 
Bote sich der Stadt näherte, sprengten mecklenburgische 
Reiter gegen ihn an, beraubten ihn des Wappens und 
aller Papiere und schleppten ihn vor den Pierzog Georg. 
Dieser erbrach das fürstliche Schreiben an die Magde^ 
burger, las es und gab es zurück. Da niemand verordnet 
wurde, welcher den Boten bis an das Stadtthor geleitete, 
so sah er sich genöthigt, unerledigten Auftrages nach 
Merseburg zurückzukehren. Zum Glücke hatte dieser 



*■) Sie wussten wohl in der That nicht, dass Moritz das Kriegs- 
volk gewonnen hatte. 

*') Bürgermeister Alemann und Dr. Emden Mollten nicht ad 
partem, sondern zur Vermeidung von Verdacht nur in Gegenwart 
einer Rathsperson reden. Die „im Vertrauen" angesprochenen 
Theologen bezogen sich auf des üathes Antwort. Am 1. Oktober 
1550 (Mittwoch nach Michaelis) erliessen die Magdeburger, um über- 
triebene, feindliche Gerüchte zu widerlegen und grosse Besorgnisse, 
sowie ängstliche Befürchtungen zu beseitigen, einen ,, wahrhaften 
Bericht" über die Schlacht bei Hillersleben Sie bezeugten darin 
ihre Standhaftigkeit gegen den römischen Antichristen, Interim und 
Konzil, ihre Beharrlichkeit in der reinen Lehre und ihren Muth in 
Zeiten der Noth. Po mar ins 203 und Hortleder II, Buch 4, 
Kap. 8, S. 1091. 

") Loc. 9151, II, Bl. 149 Üg. 



192 S. Issleib: 

Zwischenfall keine längere Störung zur Folge, sondern 
besclileuniote nur die andererseits beschlossene und dem 
Stadtrathe bereits angekündigte Thätigkeit. Herzog 
Augustus von Sachsen gesellte seine Bemühung zu der 
des Fürsten von Anhalt. Sein unbekannter Vermittler 
— jedenfalls war es Klaus Berner — brachte von Seiten 
der Magdeburger die Erklärung ein, „sie könnten leiden, 
dass sich der Fürst von Anhalt zu ihnen begebe". Infolge 
dessen fand am 7. Oktober zu Grosssalza zwischen Augu- 
stus und Georg von Anhalt eine Berathung statt, und 
tags darauf eilte der Auhaltiner nach Magdeburg, ohne 
jedoch zu erreichen, was er gewollt. Die Magdeburger 
stellten ihre Angelegenheit als eine hochwichtige Sache 
dar, welche; abgesehen von städtischen Interessen, nicht 
allein Gottes Wort, sondern auch die Freiheit aller Deut- 
schen betreffe. Ohne Wissen ihrer Verbündeten, „der 
Fürsten, Städte und Stände christlicher Religion", wollten 
sie sich in keine Handlung einlassen. Georg nahm nur 
die vertröstende Versicherung mit von dannen, man werde 
ihn des weiteren verständigen, sobald der Rath der Ver- 
bündeten eingeholt sei^"). 

Inzwischen waren die ersten Meldunoen der kui-fürst- 

Cd 

liehen Käthe von Augsburg in Leipzig eingetroffen ^ )- 
Sobald Moritz erfahren, dass er das Kriegsvolk im Namen 
des Kaisers bei einander behalten und die Stadt in seine 
Gewalt bringen sollte, erhob er sich mit dem heimge- 
kehrten Kath Dr. Fachs und rückte, zumal dringend von 
seinem Brüder gebeten, dem Schauplatze seiner künftigen 
Thaten nahe. Der Kanzler Dr. Mordeisen begab sich nach 
Dresden und bereitete die Berufung des Landtages für 
Ende Oktober nach Torgau vor. 

Am IL Oktober ritt Kurfürst Moritz in Barbi ein; 
abends nahte Kurfürst Joachim von Brandenburg. Um 
beide versammelten sich Herzog Augustus, Herzog Georg 



5») Loc. 9151, ir, 131.170, 177, 180; Briefe Herzogs Augustus 
vom 0., 7. und 9. Olctober. Verirl. Drui'fel I, No. 516, Marillac an 
König Heinrich H. (28. Olctober). Unter den Verbündeten \varen 
Markgraf Hans von Küstrin und sein Anhang gemeint. 

*') Ivrams Brief vom 28. September langte am 4. Oktober in 
Leipzig an (Loc. 10188, Bl. 147). Am 5. u. 6. Oktober weilte Moritz 
noch in dieser Stadt, vergl. Brief an seine (iemablin vom .">. Oktol)er 
(Loc. 8498, Handschreiben etc.) und Anmerkung 29, — Carlowitz' 
Brief vom li. Oktober „früh eilend" lief am 8. Oktober in Gross- 
salza ein. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 193 

von Mecklenburg- und Fürst Georg von Anhalt, der Dekan 
des Erzstiftes (Graf Ernst von Mansfeld) und eine Anzahl 
Vertreter des Domkapitels und der Stiftsstände'''^). jNIülie- 
volle Geschäfte nahmen jetzt mehrere Tage in Anspruch*^). 
Zunächst verhandelten die Kurfürsten mit dem Dom- 
kapitel und den Stiftsständen über die vorläufige Unter- 
haltung des Kriegsvolkes, über die Statthalterschaft des 
künftigen Erzbischofs Markorafen Friedrich und über 
Entschädigung des Herzogs von Mecklenburg für Ab- 
tretung der eroberten Stiftshäuser. Gegen die Statthalter- 
schaft des Markgrafen Friedrich vrurde von Seiten der 
Stiftsvertretung nichts eingewendet^^); aber mit Ent- 
schiedenheit sträubte sie sich gegen eine Abfindungssumme, 
welche Herzog Georg gezahlt werden sollte; denn ge- 
flissentlich suchte sie den Verdacht fernzuhalten oder zu 
vernichten, als hätte man vom Vorhaben des Herzogs 
gegen Magdeburg gewusst^''). Hinsiclitlich des Kriegs- 
volkes fand auch keine mühelose Einigung statt. Die 
Vertreter des Domkapitels und der Stiftsstände wollten 
die Truppen nur mit beiden Kurfürsten gemeinsam unter- 
halten; wogegen diese erklärten, ohne kaiserliche Ermäch- 
tigung und ohne Zustimmung ihrer Landstände in der 
Magdeburger Sache nichts mehr als bisher thun zu können. 
Bis zur Ankunft kaiserlicher Resolution, die innerhalb 
eines halben Monats erfolgen werde, sollte das Erzstift 
für die Besoldung des Kriegsvolkes Sorge tragen. Schliess- 
lich wurde den Stiftständen die Bezahlung eines halb- 
monatüchen Soldes für 6000 Knechte und 800 Reiter auf- 
erlegt. Hierauf richteten beide Theile ilir Augenmerk 
auf Magdeburg. Ein Waffenstillstand wurde verkündet, 
und der mecklenburgische Kanzler Dr. Scheiring entbot 
die Magdeburger unter Darbietung sicheren Geleites zur 
Verhandlung. Graf Albrecht von Mansfeld und Hans 
von Heideck sollten mit Abgeordneten des Rathes und der 
Gemeine am folgenden Tage (13. Oktober) um 9 Uhr 
früh im Lager erscheinen. 

*^) Letztere hatten kurz vorher den Grafen Johann Georg von 
Mansl'eld und den Domherrn von Wallwitz mit einem Hilfegesuch 
an den Kaiser gesendet. Nach Carlowitz' Brief vom 20. Oktober 
erschienen sie am 17. Oktober in Augsburg. Loc. 9151, II, Bl. 256 
bis 276. Po mar ins 280 irrt in der Datierung. 

**) Loc. 9151, II, Bl. 18.3 fig. 

**) Man bat König Ferdinand um Verwendung beim Kaiser 
wegen der Statthalterschaft des Markgrafen, Loc, 9151, II, Bl. 296. 

") Vergl. D ruf fei I, No. 507. 

Neues Archiv f. S. Ü. ii. A. V. 3. 13 



194 S- Issleib: 

Dr. Scheiring geg-enUber tadelten die Magdeburger 
die verübten Oewalttliaten des Kricgsvolkes, stellten in 
Abrede, dass sie Rebellen seien, und behaupteten, ihre 
Sache botreffe das heilige Evangelium und die Freiheit 
deutscher Nation. Sie könnten sich weder auf das päpst- 
liche Interim noch auf andere Menschensatzung einlassen. 
Dr. Scheiring sollte die Kurfürsten ersuchen, dass sie 
nichts gegen Gottes Wort und ,.gemeiiie Libertät" vor- 
nähmen, vielmehr alle undiegenden, evangelischen Fürsten 
und vStände zu einer gemeinsamen Berathung zusammen- 
beriefen, an der sie (die Magdeburger) theilnehmen wollten. 
Wegen der völligen Unsicherheit vor der Stadt trugen 
die Magdeburger Bedenken, ti'otz kurfürstlichen Geleits 
Abgeordnete zu schicken. 

In einer schriftlichen Antwort entkräfteten darauf die 
Kurfürsten die gegen das Kriegsvolk erhobenen Klagen 
imd beschuldigten die Magdeburger der Urheberschaft 
aller entstandenen Kriegsbeschwerden. Mit dem Kaiser, 
nicht mit ihnen, sollten sie ausfechten, ob sie Rebellen 
seien oder nicht. So wenig wie die Magdeburger wollten 
sie vom Worte Gottes abfallen. Aber an Magdeburg sei 
das Wort Gottes nicht gebunden; dasselbe werde bestehen 
und bleiben, wenn Magdeburg längst gestürzt und zerstört, 
wenn Himmel und Erde vergangen seien. An der „Libertät 
des Reiches" sei ihnen als Kurfürsten weit mehr als den 
Magdeburgern gelegen; sie bestehe nicht in Ungehorsam 
oder Willkür. Es werde keineswegs das Evangelium 
erlöschen und die deutsche Freilieit unterdrückt, wenn 
diu Magdeburger ihrer Rebellion und begangenen Frevel 
halber bestraft würden. Seit eJahrcn müsse das Evange- 
lium ihrer Sünden und Unthaten St hutz und vScheindeckel 
sein. 

Ungeachtet dieser rügenden Auseinandersetzungen 
waren doch die Kurfürsten gewillt, das überschickte Geleit 
zu verlängern, und jedem Boten, der nach Augsburg 
gesendet werden sollte, freies imd sicheres Geleit zu ge- 
währen. Allein niemand erschien im Lager, kein Bote 
nahte, tun nach Augsburg zu eilen. Da verständigten 
sich die Kurfürsten mit den Vertretern des Erzstiftes über 
ein Schreiben an Kaiser Karl V. und an König Ferdinand. 
Der Inhalt beider, fast gleichhiutender Briefe, bietet wenig 
neues. Nach genauer Angabe der liegenden Verhältnisse 



60 



) Loc. 9151, n, m. 20ß 11g., Drnffel I, No. 502. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 195 

baten sie um kaiserliche und königliche Unterstützung 
und um Hilfe der Keichsstände, da jetzt die beste Gelegen- 
heit sei, die gehorsamen Stände des Reiches zu schützen 
und. die Achter zum Gehorsam zu bringen. Versäume 
man die günstige Zeit, so würden die Magdeburger den 
Kopf hocli aufrichten, und ihr Muth werde gewaltig wachsen, 
wenn die begonnene Belagerung durch Vernachlässigung 
wieder aufgehoben werden müsse. Das schädige die Stifter 
Magdeburg und Halberstadt, benachtheilige das ganze 
Reich und schmälere das kaiserliche Ansehen. An Oarlo- 
witz schrieb Kurfürst Moritz, er sei mit den kaiserlichen 
Erklärungen vom 2. Oktober keineswegs zufrieden, sondern 
fordere anderen und besseren Bescheid, sonst müsse er 
ernstlich daran denken, sich aus der oanzen Sache zu 
ziehen"'). 

Auch die Rüstungen in Norddeutschland wurden nicht 
ausser Acht gelassen. Die Kurfürsten forderten die Her- 
zöge von Mecklenburg und Pommern, Markgrafen Hans, 
Herzog Franz Otto von Lüneburg und einige Seestädte 
auf''*), die angenommenen Knechte und Reiter verlaufen 
und verreiten zu lassen und den Achtern, gegen welche 
das Kriegsvolk des Herzogs Georg einzig und allein ge- 
braucht werde, in keiner Weise Vorschub zu leisten. 
Indem man einerseits den Herzogen von Mecklenburg die 
Hand zur Beilegung der brüderlichen und vetterlichen 
Irrungen bot, ersuciite man andererseits Karl V., durch 
jSIandate Herzog Heinrich von Mecklenburg und Hans 
von Küstrin von krieiicrischen Gedanken abzubringen^-'). 
Ein „offener Brief" an die Einwohner und Bürger Magde- 
burgs mit Unterschrift und Siegel beider Kurfürsten (vom 
lö. Oktober), welcher gegen Sicherung der Religion und 
des Eigenthums und gegen Gewährung doppelten Ersatzes 
für jeden Verlust zum Abfall vom „verstockten und kriegs- 



ä') Druffel I, 516, No. 503, Bischof von Arras an Königin 
Maria, Augsburg am 13. Oktober: „Täglich erwartet man Nachricht, 
ob Moritz unter den angebotenen Bedingungen die Belagerung 
Magdeburgs übernimmt". 

**j Loc. 9151, II, Bl. 2:0 flg. Kurfürst Joachim hatte schon 
den Vertrauten Adam Trott an den Markgrafen Hans und nach 
Mecklenburg geschickt, um sagen zu lassen, wie es um das Kriegs- 
volk stehe; vergl. Bl. 151. Brief an Moritz, Brandenburg am 4. Ok- 
tober l.ööO. 

*') Der Kaiser war dazu bereit. (Loc. 9151, H, Bl. 220.) Schwendi 
überschickte die Mandate später von Torgau aus. (Drutfell, No. 522, 
vergl, 514 und 526.) 

13* 



196 S. Tssleib: 

süchtigen Ruth" und zur Ergebung aufi'ordertc, wurde 
wohl nicht in die Stadt hefördert*^"). Der vom Domkapitel 
und den Stiitsständen den Kurfürston übergebcne Vertrags- 
entwurf, wonach das Kriegsvolk nach xA.blauf eines halben 
Monats bis zur bewilligten Kcichshilfe von ihnen gemein- 
sam unterhalten und das gesamte städtische Eigentlumi 
nach Eroberung dt-r Stadt bei Wahrung aller hergebrachten 
Rechte des Erzbisehofs, Kapitels und Klerus unter sie 
getheilt werden sollte, wurde nicht vollzogen'"'). 

Nachdem Kurfürst Moritz Johann Jlilicher als Obrist 
über die zehn mecklenburgischen Fähnlein gesetzt und 
die Knechte durch zwei Fähnlein und 200 Reiter aus dem 
Erzstifte verstärkt hatte, nahm er auch Herzog Georg mit 
seinen 200 Reitern in Dienst- Gleichen Tages (16. Oktober) 
ging er mit dem Domkapitel das Stift Halberstadt um Geld 
und Mannschaft an mid erbat vom Herzog Philipp von Lüne- 
burg 1000 Schanzgräber'*''). 

Trotz der auffälligen Zurückhaltung der Magdeburger 
wünschten doch beide Kurfürsten die Verhandlung in Fluss 
zu bringen, zumal nach einem eingelaufenen Briefe Christofs 
von Carlo witz weder auf kaiserliche, noch auf Reichs- 
hilfe vorerst mit Bestimmtheit gerechnet werden konnte. 
Es wurde daher Dr. Scheiring in aller Frühe des 17. Ok- 
tobers zum zweiten Male nach Magdeburg geschickt, um 
abermals Verordnete in das Lager zu fordern'*^). Wohl 
sechsmal im Laufe des Tages um Antwort anhaltend, 
wurde er von Stunde zu Stunde, und endlich auf den 
folgenden Tag vertröstet. Als er dann mit einem Briefe 
an die Kurfürsten im Lager ankam, waren beide davon 
geritten, der eine nach Wittenberg, der andere nach Branden- 
burg. Ihrer Verabredung gemäss wollten sie günstigenfalls 
bald wieder vor Magdeburg eintreffen. Dr. Scheiring 
l)egab sich nach Wittenberg, überlieferte das Rathsschrei- 
ben und berichtete über seinen Aufenthalt in der Stadt. 
Aus allem war zu entnehmen, dass die INIagdeburger güt- 
liche Verhandlung nicht gänzlich zurückweisen und gegen 
genügende Garantie persönlicher Sicherheit im Lager er- 
scheinen wollten. Umgehend gab daher Moritz Joachim 
von Brandenburg vom Stand der Dinge Nachricht und 



•») Loc. 9151, II, Bl. 328. 

•') Vgl. Hoffmann, Geschichte der Stadt Magdeburg. II, 274. 

«') Loc. 9151, n, Bl. 22.3, 2:55, 442 flg. 

") Loc. 0151, II, Bl. .S39 flg. 



Magdeburgs Belagernug durch Moritz von Sachsen 1550—51. 197 

kündigte seine baldige Wiederankunft im Lager an. Die 
Zeit war kostbar. Sclinell wurden die nötliigen Vorberei- 
tungen getroffen, und auf Vorschlag Herzogs Augustus 
Graf Christof von Oldenburg, Klaus Berner ***) und der 
lüneburgische Kanzler, Dr. Holstein, ein Magdeburger von 
Geburt, als geeignete „Mittelspersonen" ausersehen. 

Am 26. Oktober ***), drei Tage später als beabsichtigt, 
traf Moritz wiederum im Feldlager vor Magdeburg ein. 
Dr. Scheiring war vorausgeschickt worden, um die Magde- 
burger zu einer Unterredung, die spätestens in der Frühe 
des andern Tag-es zwischen Stadt und Schanze stattfinden 
sollte, einzuladen. Äloritz Avünschte vor Ankunft des 
kaiserlichen Kommissars von Schwendi, welcher am 
18. Oktober Augsburg verlassen hatte, abzuschliessen. 
Nur zu bald aber musste er sich überzeugen, dass er es 
mit Personen zu thun hatte, welche vom Ernste bedeutungs- 
schwerer Entscheidungen völlig durchdrungen waren und 
von denen er raschen Schrittes unmöglich durchgreifende 
Erfolge erringen konnte. Zur Absendung von Al)geordneten 
in das Lager konnten sich die Magdeburger vorläufig nicht 
entschliessen, aber sie bewilligten Verhandlung in der Stadt. 
Kurfürst Moritz war mit diesem kargen Ergebnisse wenig 
zufrieden, jedoch überwand er seinen Unwillen und stattete 
für die zugestandene Unterhandlung seine Vertrauensper- 
sonen mit Listruktionen auf das Sorgfältigste aus. Sie 
sollten unter anderem anzeigen, dass der Kaiser befohlen 
habe, die Knechte zusammenzuhalten und zu verstärken, 
und dass dieser die begonnene Belagerung allein oder mit 
Reichshilfe beharrlich ausführen werde. Auf Entsatz sei 
kaum zu rechnen, weil alle Kurfürsten, Fürsten und die 
vornehmsten Städte des Reiches mit dem Kaiser ausgesöhnt 
seien. Sie sollten die Gefahren und Unkosten eines 
Krieges, sowie die Herbeiführung fremdländischer Truppen 
vermeiden'*''). Unversöhnbche Hartnäckigkeit gebe zur 
Zerrüttung der Religion und des Reiches Veranlassung. 
Der Kurfürst von Sachsen sei wie der Kurfürst von 
Brandenburg fest entschlossen, beim reinen Evangelium 
und der augsburgischen Konfession zu bleiben, nur in 



•*) Loc. 8502. Churfürst Moritzen schriftenn an Sr. Churf. G. 
Bruder Hertzog Augustum \^i6 — 52, Bl. 71. 

•*) Loc. 9151, II, Bl. 350 flg. 

««) Loc. 10188, Schriften, so die Räte etc. Bl. 179. Kram aus 
Augsburg (19. Oktober): „Die Spanier haben sondere Lust und Ver- 
langen in die sächsischen Lande zu ziehen". 



198 S. Issleib: 

ein allgemeines, freies und cliristliclies Konzil zu willigen 
und die Stadt mit dem Kaiser zu ver[>lelchen. Zu diesem 
Zwecke möchten sich diu Magdeburger in seinen (INIoritz') 
Schutz hegeben, ihm die Stadt mit Munition und Vor- 
räthen anvertrauen und eine Besatzung, die beiden Theilen 
schwören solle, aufnehmen. Dagegen wolle er ilmen 
Religion, Privilegien und Festung erhalten, Leib und 
Gut schützen, sie mit dem Domkapitel und dem künftigen 
Erzbischofe abfinden und versöhnen, aus der Reichsacht 
befreien und in die kaiserliche Gnade zurückführen. Für 
den Fall der Kaiser nach vergeblichen Aussöhnungsver- 
surhen Magdeburg bekriegen wolle, sei der Kurfürst er- 
bötig, die Stadt im überlieferten Zustande wieder abzu- 
treten. Als Unterpfand von Treu und Glaube sollten 
beiderseits Geiseln und genügende Versicherungen gegeben 
werden. Versäume man die zur Verhandlung noch gün- 
stige Gelegenheit, so werde in Zukunft wohl nie wieder 
eine gleicli günstige Gelegenheit zu erlangen sein. 

Graf Christof von Oldenburg und Klaus Berner be- 
gaben sich am 27. Oktober*") in die Stadt und begannen 
die Verhandlung. Kurfürst Moritz erwartete baldigen 
Erfolg und guten Ausgang. Als sich aber die Berathun- 
gen in die Länge zogen und mühsam dahin wanden, 
suchte er den trägen Gang der städtischen Erwägungen 
zu beschleunigen und entsandte Dr. Scheiring und Dr. 
Holstein, um neben den beiden anderen Unterhändlern 
durch besonnene Erbietungen und milde Vorschläge auf 
vertrauensvolle Entschliessungen hinzuwirken. Lidessen 
die bisherige Aktion wurde durch diesen Schritt eher 
gelähmt als gefördert. Verabredetermassen sollten Gi*af 
Christof von Oldenburg und Klaus Berner am 28. Oktober 
früh acht Uhr von dem verhandelnden Bürgerausschusse 
Antwort erhalten; aber zu ihrem Erstaunen zeigte sich 
zur bestimmten Zeit niemand auf der ^Malstätte, und erst 
ziemlich verspätet traf eine befremdende Entschuldigung 
ein. Schliesslich erfuhren sie, dass ausser ihnen die ge- 
nannten Doktoren mit dem Rathe verhandelten. Besorgt, 
„ein Handel könne den andern umstossen", stellten sie 
ihre Thätigkeit ein und wandten sich an den Kurfürsten. 
Derselbe befahl, sich mit Dr, Holstein zu vergleichen und 
emsig fortzufahren. Li einer fast abgerungenen, schrift- 



•') An diesem Tage endlich lanjrte das kaiserliche Schreiben 
vom 3. Oktober an, (Loc. 9151, II, Hl. 29.3), vergl. oben Anmerkung .S9. 



Magdeburgs Belagerung durcli Moritz von Sachsen 1550—51. 199 

liehen Erklärung- endlich dankten die Magdeburger dem 
Kurfürsten von Sachsen für die Erbietungen hinsichtlicli 
der Religion, Privilegien etr. und hofften, er werde sie 
mit dem Kaiser aussöhnen, auch etliche Tausend Gulden 
zur Erlegung der unumgänglichen Strafsumme vorstrecken. 
Die stiftischen Flocken, Dörfer und Güter wollten sie 
wieder abtreten, aber den magdeburgischen Domherren 
keinen Wohnsitz in der Stadt zugestehen. Der Übergabe 
der Stadt und der Aufnahme einer Besatzung abgeneigt, 
vermieden sie, den kurfürstlichen Schutz für begehrens- 
w^erth zu erachten. In Anerkennung der kurfürstlichen 
Erklärung jedoch (beim reinen Worte Gottes und der 
augsburgischen Konfession bleiben zu wollen), erboten sie 
sich, in gefahrvollen Zeiten auf kurfürstlicher Seite zu 
stehen. Bereit, für das Woit Gottes Leib und Blut ein- 
zusetzen, wollten sie einer Zusammenkunft der Kurfürsten 
von Sachsen und Brandenburg mit Herzog Augustus von 
Sachsen und anderen evangelischen Fürsten, Herren und 
Städten zum Zwecke öffentlichen Bekenntnisses für die 
evangelische Lehre beiwohnen. Dort sollte auch über 
zeitliche Dinge billig gehandelt werden. 

Ehe diese Antwort im Feldlager anlangte, hatte sich 
hier eine vielgeschäftige Thätigkeit entfaltet. Der Kur- 
fürst von Brandenburg war eingetroffen und ^larkgraf 
Albrecht von Brandenburg -Kulmbach einer Einladung 
zufolge angekommen; Vertreter des Domkapitels und der 
Stiftsstände liatten sich eingefunden, und aus der Stadt 
hatte sich Hans von Heideck ihnen zugesellt'^*). Man 
mühte sich ab, einen Vertrag zu formulieren, welcher allen 
Interessenten der magdeburgischen Angelegenheit Genüge 
leiste, also den Kaiser und beide Kurfürsten, Domkapitel 
und Magdeburg' nebst Gesinnuno-s<>;enossen zufriedenstelle. 

Es wird sich empfehlen, aus der reichen Anzahl von 
Entwürfen den hervorzuheben, welcher Hans von Heideck 
vor der Rückkehr in die Stadt eingehändigt wurde "^), 
und auf den man später mehrfach zurückkam. 



*') Herzog Augustus war in Torgau, um den Landtag bis zur 
Ankunft des Bruders zunächst in Münzsachen zu beschäftigen. Haus 
von Heideck ass mit Moritz, dem Markgrafen Albrecht etc. das 
Mittagsbrot. Loc. 9151, II, Bl. .367, .Si'8. Moritz' Brief an seinen 
Bruder (vom 27. Oktober) auch bei Druff el I, Xo. 515. 

«») Loc. 9151, 11, Bl. 419 und 9152, V, 2.38, 248 und 2G4. Der 
zuletzt angegebene Entwurf findet sich bei Cornelius 41 und 
Pomarius 228, 



200 S. Issleib; 

Darnach sollte sich die Stadt Ijeiden Kurfürsten von 
Sachsen und Brandenburg, sowie drei Fürsten (man 
dachte au Herzog Augustus und an die Markgrafen Hans 
und Albrecht von Brandenburg) und dem zukünftigen 
Erzbischof (Markgrafen Friedrich) neben dem Stifte zu 
Gnaden ergeben und huldigen. Dagegen wollten die ge- 
nannten Fürsten den Magdeburgern das reine Wort Gottes 
gemäss der angsburgischen Konfession, alle wohlherge- 
brachtcn Privilegien , Freiheiten und Gerechtigkeiten, 
Festung, Güter und Gefälle, Leib und Gut erhalten und 
beschirmen, die Stadt nach erfolgter Ergebung aus der 
Acht befreien und mit dem Kaiser unter folgenden Be- 
dingungen aussöhnen: Es sollte Magdebur., (wie vordem 
Fürsten, Stände und Städte des Reiches) vor dem Kaiser 
einen Fussfall thun, 16 Stück Büchsen liefern und bis in 
die ICOOÜO Gulden behufs Aussöhnung und Befreiung 
der infolge der Acht bisher eingezogenen und vergebenen 
Güter und Privilegien bezahlen'"). Dem Domkapitel und 
Erzstifte sollten alle Flecken, Dörfer vmd das gesamte 
Einkommen (Ri-nten, Zinsen etc.) wieder eingeräumt und 
durch kurfürstliche und fürstliehe Verhandlungen über 
die beiderseits zugefügten Schäden, über Wohnsitz der 
Domherren und des Klerus in der Stadt und über den 
katholischen Gottesdienst im Dome und in anderen magde- 
burgischen Kirchen entschieden werden. Bis zur Aus- 
söhnung mit dem Kaiser und bis zur Vollziehung der 
Kapitulation sollten die ^Magdeburger eine Besatzung, 
welche beiden Theilen schwören, aber nur auf lürstliche 
Kosten unterhalten werden sollte, aufnehmen. Die Ver- 
wendung beim Kaiser sollte sobald als möglich stattfinden. 
Im Falle die Aussöhnung mit dem Kaiser nicht erfolge, 
sollte die Besatzung wieder aus der Stadt geschafft und 
diese den Bürgermeistern und ßathsherren ungeschädigt 
zugestellt werden. 

Beachtenswerth ist, dass Markgraf Hans mit in den 
Handel gezogen werden sollte, da man sich des Vortheiles 
seiner Betheiligung Avohl bewusst war. Sein Name hatte 
guten Klang in ^lagdeburg, und er adein konnte 
alle besorglichen Bewegungen in Norddeutschland mit 
Leichtigkeit zügeln und fesseln. Schade nur, dass es so 
langer Zeit und so zwingender Umstände bedurfte, diesen 
schwer zugänglichen und vorsichtigen Charakter zu gewinnen. 

") Kurfürsten und Fürsten wollten diese Summen vorstrecken. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—61. 201 

In welcher Weise Hans von Heideck seinen persön- 
lichen Einfluss in der Stadt hinsichtlich der über- 
gebenen Yertragsartilvol verwerthete, wissen wir nicht"). 
Der grosse „Praktikant" verliess bald darauf Magdeburg, 
um ihren Entsatz bei Fürsten und Städten mit regem 
Eifer zu betreiben. 

Die Magdeburger gingen auf den von Heideck vor- 
gelegten Vertragsentwurf nicht ein, auch die fortgesetzten, 
mühevollen Verhandlungen der Doktoren Scheiring und 
Holstein erfreuten sich keines befriedigenden Ergebnisses. 
Misstrauisch — wie sie waren — glaubten die Bürger 
nicht an eine strenge Uneigennützigkeit der Fürsten und 
blieben vorläufig bei ihrer an den Grafen von Oldenburg 
übergebenen, schriftlichen Antwort stehen. Sie setzten 
grosse Hoffnung auf ihre „Verbündeten" und wollten zu- 
nächst abwarten, wie sich die Dinge auf dem Reichstage 
anlassen würden. Der ganze Handel stockte und musste 
einer späteren Zeit überlassen werden. 

Am verdriesslichsten war die Erfolglosigkeit der 
Verhandlungen für den Kurfürsten Moritz. Mit herben 
Worten soll er neben dem Markgrafen Albrecht die Achter 
getadelt und harte Ausdrücke gegen sie ausgestossen 
haben. „Sein Schelten war greulich und schrecklich zu 
hören", entnehmen wir dem Berichte eines Unbekannten, 
„er hiess die Magdeburger ehrlose, treulose und meineidige 
Leute'-' ■'^). 

Die nächste Folge der verfehlten Einigungs- und 
Friedensversuche war nun, dass der Waffenstillstand endete 
und die Feindseligkeiten gegen die Stadt von neuem und 
heftiger begannen. Die in Magdeburg dienenden oder 



") Nach Cornelius 40 (Moritz an Wilhelm von Schachten 
und Simon Bing, Torgau, am 12. November lööO) hielt es Moritz für 
das Beste, die Stadt ergebe sich auf die gestellten Bedingungen hin, 
dann stehe der Handel auf ganzen Füssen. Auf die Dauer werde 
sich Magdeburg nicht halten könr.en; bekomme es aber „Ratlzahu" 
(der Kaiser), so werde er ,,alle setzen, wie sie reiten sollten-' etc. 

") Loc. 8775 oder Loc. 91 ö2 „Die Belagerung Magdeburgs 
belangend l.ö50". (Ohne Blattzahl.) Bericht vom 29. Oktober. Der 
unbekannte Verfasser schreibt: ,,Nuu thut er (Moritz) den frommen 
Leuten Gewalt und Unrecht an, sie haben niemanden verraten, noch 
auf die Fleischbank geopfert, sie haben keinen Eid gebrochen, noch 
sind sie niemandem treulos geworden". — (Hinweis auf die braun- 
schweigischen Händel 1545 und auf den sclimalkaldischen Krieg.) 
— „In Summa: Das ist die Ursache, dass sie MesspfaÖ'en mit ihren 
Messen nicht haben noch annehmen wollen, darum müssen sie leiden 
und herhalten." 



202 S. Issleib: 

ansässigen kurfürstlichen Unterthanen wurden abberufen. 
Miin traf Anordnungen, dem Belagerungskriege einen 
ernster^'U Charakter zu geben, und Kurfürst Moritz setzte 
sich in Bereitschaft, seinen Landstanden die Zustimmung, 
Genehmigung und JMitwirkung zur Achtsexekution abzu- 
gewinnen. 

Am 2. November kam er in Torgau an''), wo ihn 
seit nielu'eren Ta<ren von Sclnvendi und Abo;eordnete des 
l)omka})itels und der Stiflsstände erwarteten, ersterer, um 
im Namen des Kaisers zur Fortsetzung der magdeburgi- 
sclien Belagerung angelegentlichst zu ermuntern, letztere, 
um in inständigster Weise die Hilfe des Kurfürsten und 
seiner Landschaft gegen Magdeburg zu erbitten. 

Die Laudtagsverhandlungen über ^Magdeburg dauerten 
vom 3. bis IL November. Der Kurfürst Hess den Land- 
ständen das Gesuch der Stiftsstände vorlegen und die 
Werbung dos kaiserlichen Kommissars bekannt machen 
zum Zwecke eingehender Berathung, „wie die Magdeburger 
Fehde zu beendigen und wie Friede und Ruhe im sächsi- 
sehen Kreise wieder herzusttdlen sei". Ohne mit der 
eigenen Meinung lange zurückzuhalten, trat er für das 
Recht und die Nothwendigkeit eines Krieges gegen 
Magdeburg ein. Li der Proposition und in den folgenden 
Schriften belcuchttte er den Ungehorsam der Stadt gegen 
jede Obrigkeit, die verübten Vergewaltigungen im »Stifte, 
die ruchlosen Frevel gegen die Landbevölkerung, die 
Belästigungen des Adels und der Grafen, die Angriffe 
gegen die säclisischen Theologen, die Sclnnähungen durch 
Spottgedichte, Lieder und Schandgemälde, den Bruch 
des allgemeinen I^andfricdcns und den Trotz gegen die 
xAnordnunii-en des Reiches. Mit Nachdruck hob er hervor, 
es handle sich bei Magdeburg nicht, wie man vorgebe, 
um die Religion, sondern um den Profanfrieden, den er 
als Kurfürst des Reiches, als sächsischer Kreisobrist und 
als Sehutzherr der Stifter aufrecht erhalten müsse. Zu 
Gunsten seiner Lande und der Nachbarländer habe er 
das Kriegsvolk an sich gebracht, den Achtern Vermitte- 
lung und milde A^ertragsartikel, auch sicheres Geleit nach 
Augsburg angeboten. Er betonte, dass der Kaiser ihm 



") Loc. 9^555, Landtag zu Torgau 1.5Ö0, Lof. 9151, U, 151.298, 
Schweiidis Werbung, IJl. ;^>7ft, Werbung von selten des Domkapitels, 
der Prälaten, Grafen, liitterschaft und Stände des Erzstiftos Magile- 
burg etc , I)ruffel I, No. 52l', Scliwendis Brief an den Kaiser vom 
7. I^ovember. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 15; 0—51 . 203 

die Aclitsexekution übertragen habe, und crnialintu ernst- 
lich, in betreff der Religion nicht den ausgestreuten 
Lügen, sondern seinen kurlüistlichen Versicheiungen und 
Ausschreiben zu tilauben. 



Als die Magdeburger während der Landtagssitzungen 
(um 10. November) in das sächsische Amt Plötzkau ein- 
fielen und das dortige Kloster heimsuchten, benutzte 
Moritz diesen feindlichen Überfall, um zu erweisen, dass 
die magdeburgische Sache Profansarhe sei, und stellte 
zuletzt einen direkten Antrag auf Hilfe der Landschaft 
gegen Magdeburg durch Verlängeriuig der Tranksteuer. 

Der persönlichen Gewandtheit und Entschiedenlnit 
des Kurfüisten gelang es indessen nicht, die Landstände 
seinem Willen gefügig zu machen und zum Kampfe 
gegen Magdeburg fortzureissen. Auf den Leipziger 
Landtag von LoiS und auf die Tage von Eisleben, 
Halle und Jüterbogk verweisend, widerriethen sie Ge- 
walt gegen Magdeburg zu gebrauchen und mehr als 
andere Reichsstände zu thun. Von den zu Augsburg 
versammelten Reichsständen werde Magdeburgs Aussöh- 
nung mit dem Kaiser gewünscht. Der Kurfürst solle sie 
herbeiführen und Versiclierung der Religion vom Kaiser 
auszuwirken suclicn. Man möge die Acht suspendieren 
und in Güte verhandeln. Werde nach vergeblicher Ver- 
handlung von allen Reichsständen der Krieg beschlossen, 
dann möge der Kurfürst seinen Reichsantheil leisten. 
Ohne Noth aber solle die Stadt nicht ruiniert und mit 
dem Schwerte unterworfen werden. Durch die veröffent- 
lichten Schmäh- und Spottschril'ten sei bisher keine Gefahr 
für den gemeinen Mann entstanden, kein 'Unterthan sei 
durch sie abwendig gemacht worden. Die Schädigungen 
der Kriegsknechte und der Überfall von Plötzkau seien 
erst durch das feindliche Vorrücken der Trupjien veran- 
lasst worden. Werde jemand (dme Grund den Kurfürsten 
und seine Lande beschweren, so würden sie sich als treue 
Untertlianen erzeigen ; sie hofften aber, der Kurfürst werde 
nichts thun, was ihn in einen gefährlichen oder unberechen- 
baren Krieg verwickeln könne. Durch Deputierte der 
Landschaft möge er mit Abgeordneten Magdeburgs über 
die Aussöhnung mit dem Kaiser und über die Herstellung 
des Landfriedens verhandeln lassen ; solches werde wenig- 
stens die Achter von Einfällen in Kursachsen abhalten 
und einen Waffenstillstand herbeiführen. 

Im Abschiede des Landtages (vom 11. November) 



204 S. Issleili: 

erklärte nun der Kurfürst, dass er mit seinen Ständen 
im Verlangen nach Rulie und Frieden einig- sei und eine 
Verhandlung mit den Achtern von ihrer Seite wohl leiden 
könne. Zu diesem Zwecke möchten sie sich mit „Personen 
und Instruktionen gefasst nuu-hen". Klar liege aber am 
Tage, wie sich die Magdeburger gegen Kaiser, Erzbischof', 
Domkapitel, Fürsten, Nachbarn und gegen ihn erzeigt 
hätten. Niemand könne ihre Halsstarrigkeit loben. Wür- 
den sie ferner in ihrer Hartnäckigkeit verharren und 
müsse er sie dann wegen verübter Thaten strafen, so 
versehe er sich zu seinen Ständen, dass sie als treue 
Unterthanen ihr Veimögen zur Beschützung seiner Lande 
und Leute und zur Erlangung gebührlicher Entschädigung 
daransetzen würden. Niemand möge sich in die beschwer- 
lichen Praktiken, von denen man allgemein höre, einlassen; 
jeder möge bedenken, welcher Gefahr er sich dadurch 
aussetze. 

Statt nun nach Wunsch und Erwartung des Kur- 
fürsten Deputierte zu wählen und für sie Instruktionen 
zu entwerfen^ gingen die Stände unmittelbar nach ertheiltem 
Abschiede auseinander. Kurfürst Moritz sah sich geuö- 
thigt, von den zufällig Zurückgebliebenen etliche zwanzig 
aufzufordern, namens der sächsischen Landschaft mit 
Magdeburg zu verhandeln. Am 20. November sollten sie 
zu Bitterfeld zusammentreten. Dr. Fachs und der vom 
Reichstage zurückgekehrte Oberhauptmann des Leipziger 
Kreises, Erasnuis von Könneritz, wurden befohlen, die 
Leitung dieser Verhandlungen als Kommissare zu über- 
nehmen. 

Das Ergebnis des Torgauer Landtages war, wie er- 
sichtlich, für den Kurfürsten wenig erfreulich und zufrieden- 
stellend. Vereinsamt stand er inmitten seiner Unterthanen, 
die fast ohne Unterschied, voll Abneigung und Misstrauen 
gegen den Kaiser, mit Magdeburg symjjathisierten. l\ück- 
sichtslos gegen schwerwiegende, persönliche Interessen des 
Kurfürsten, verwiesen sie seinen politischen Ehrgeiz der 
Religion und der deutschen Freiheit wegen in beengende 
Schranken. In keiner l>eziehung gefördert, thürmten sich 
für ihn zu vereitelten lloftnun^en nur neue Schwierig- 
kelten. jMoritz empfand damals das Peinliche seiner 
Lage, aber trotzdem Hess er sich wenig beirren; Stillstand 
trat in seiner rastlosen Geschäftigkeit nicht ein. Ungc- 
schreckt durch Hemmnisse und Hindernisse setzte er 
alle Hebel ein, um in seinen Plänen vorwärts zu gelangen, 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 205 

Von seinen Ständen so gut wie verlassen, versuchte 
er, beim Kaiser bessere Erfolge zu erringen In einer 
Reihe von Briefen nach Augsburg liegt die dringende 
Bitte um schleunige Hilfe ausgesprochen^^). Moritz ver- 
sicherte, mit dem Kurfürsten von Brandenburg und den 
Stiftsständen das Mögliche geleistet zu haben und unter 
keiner Bedingung allein oder mit einigen Reichsständen 
die Achtsexokution vollziehen zu können; selbst die beiden 
Scächsischen Kreise seien nicht im Stande, die Kriegslasten 
ohne bedeutende Beihilfe zu tragen. Nicht 6000 Knechte 
und 800 Reiter, sondern mindestens 8000 Knechte und 
1000 — 1200 Reiter erfordere die Umlagerung Magdeburgs 
auf beiden Eibufern. Die Stadt sei eine starke Festung 
und habe für lange Zeit Proviant und Munition. Nöthigen- 
falls müsse die Reichshilfe für einige Jahre festgesetzt 
werden. Lässige und unzureichende Unterstützung habe 
für Kaiser und Reich Schimpf, für die Nachbarn Gefahr 
und Nachtheil zur Folge. An der Stadt Münster habe 
man erfahren, wie lange verstockte Bürger bis zum äusser- 
sten auszuhalten vermöchten. Der gemeine Mann hänge 
an Magdeburg; weder im Stifte noch in Brandenburg 
oder Sachsen seien für Geld und Monatszahlung Schanz- 
gräber aufzubringen. In Mecklenburg würden Knechte 
und Reiter versammelt, allen Vermuthungen nach zum 
Entsätze von Magdeburg. Das Kriegsvolk vor der Stadt 
müsse verstärkt und jedweder Entsatz verhindert werden. 
Die Auslagen, welche er mit dem Stifte schon einen 
ganzen Monat getragen, könne er nicht mehr bestreiten, 
ohne sich gänzlich zu erschöpfen. Seine Unterthanen 
verweigerten jeden Beistand. Der Kaiser möge auf 
alle Fälle Geld senden. Wolle er für seine Person 
nichts thun , noch den Reichsvorratli verbrauchen, so 
möge er wenigstens bis zur Bewilligung einer neuen 
Reichsanlage 150 — 200 000 Gulden vom Reichsvorrathe 
vorschiessen und innerhalb eines halben Monats nach 
Sachsen schicken. Bis hahin wolle er (Moritz) mit 
dem Stifte die Knechte zusammenhalten und noch durch 
fünf Fähnlein verstärken. Weiter hinaus wisse er 
keinen Rath. ■ — Um quälenden Verlegenheiten vor- 
zubeugen, wiederholte er, von Ungeduld gepeinigt, in 
jedem Schreiben, der Kaiser solle ihn in der Exekutions- 



'*) Loc. 915J, II, Bl. 298 flg., 480. Vergl. Druffel I, No. 522, 
Schwendis Bericht an den Kaiser vom 7. November 1550 aus Torgau. 



206 S. Issleib: 

saclie nicht stecken lassen. Allein selbst den äiisscrsten 
Anstrengungen gelang es nicLt, einen beschwerliclien 
Verzug zu kürzen. 

In Fülle ergingen um jene Zeit Gerüchte über das 
erwcähnte Kriegsvolk in Mecklenburg und Niedersachsen '*). 
Grössere V'erwickehuiücn schienen sich deutlicher vorzu- 
bereiten. Aus einem ruliiiren Abwarten konnten nur 
Nachtlieile entspringen; unerlässlich waren rasche und 
wirksame Schritte. Lazarus von Schwendi befand sich 
im Besitze kaiserlicher Mandate, welche jede Ansammlung 
von Knechten und Reitern verboten"*). Sie wurden jetzt 
in Eile an die Herzöge von Mecklenburg und an den 
Markgrafen Hans von Küstrin gesendet. Kurfürst Moritz 
selbst wandte sich Mitte November an die Herzöge von 
Preussen, Mecklenburg und Ponmiern und warnte vor 
Praktiken und neuen Bündnissen. Nach Aufzählung- 
aller Ereignisse seit der Belagerung Braunschweigs und 
nach ausführlicher Darlegunj; aller wissenswerthen Ver- 
hältnisse bat er, den falschen Nachrichten seiner agitatori- 
schen (iegner keinen Glauben zu schenken und sieh der 
Achter in keiner Weise anzunehmen. Da jetzt neben dem 
Kaiser die Reichsstände für nöthig hielten, das Kriegs- 
volk vor Magdeburg zu unterhalten und zu verstärken, 
so sei leicht zu ei achten, ge^en wen derjenige handle, 
welcher Magdeburg zu entsetzen unternehmen werde. 
Zulezt ersuchte Moritz die Herzoge, freundlichst anzuzeigen, 
„was eines neuen Bündnisses halber an sie gelangt sei". 

Kaum wohl erwartete Moritz schnelle und aufhellende 
Auskunft hervorzulocIceU; oder einen sofortigen Umschwung 
der Dinge herbeizufühi-en; aber er hoti'te durch seine 
sachgemässen Aufklarungen allen geheimnisvollen Unter- 
nehmungen Halt zu gebieten und unbefugte, störende 
Einmischungen in die magdeburgische Angelegenheit i'ern- 
zuhalten. Das stand bei ihm fest (bereits hatte er sich 
gegen Schwendi dahin ausgesprochen): Hills- und Entsatz- 
truppen wollte er auf alle Fälle diesseits oder jenseits der 
Elbe zurückschlagen oder auseinander treiben, mochten 
gleich Hurien vom Adel geprahlt haben, mit dem Kriegs- 
volke vor Magdeburg die Martiusgans essen zu wollen'"). 

") Loc. 9151, II, Bl. 1.^0, IV, Bl. 283 ilg. ; Druffd I, No. 522. 

"■•) Druft'el I, No. 52-, Marillai; an K'Öiiig Heinrich IL, Augs- 
Imrg, am 11. Novembi'v 1550: „Den Markgrafen Johann hat der 
Kaiser ernstlich aut'gt't'oidert, von Praktiken abzusehen". 

") Loc. 9151, II, 151. 508 flg. 



Magdeburgs Uelagerung durch Moritz von Sachseu 1550—51. 207 

Bald nahte der in Torgau festg-esetzte Tag von 
Bitterfeld "*). Die beiden kurfürstlichen Kommissare, 
neun Mitglieder der Ritterschaft und die Gesandten einiger 
Städte erschienen. Vor lauter Bedenklichkeiten aber und 
Unlust kam man gar nicht zur Verhandlung. Die Depu- 
tierten sträubten sich, im Namen der gesaraten Landschaft 
irgend welche Entschliessungen zu fassen und baten die 
Bevollmächtigten, sie beim Kurfürsten 'günstig zu ent- 
schuldigen. Sobald ihnen dann Moritz von Wittenbero 
aus, obschon im Tone merklichen Unwillens, freistellte, 
zu bleiben oder nicht, zogen sie vor, auseinanderzugelien. 
Kläglich scheiterte der Versuch einer ständischen Ver- 
handlung mit Magdeburg. Vergeblich wurde ausserdem 
Dr. Kitzing zu einer Zusammenkunft von Fürsten, Grafen, 
Adel und Städten nach Lüneburg abgefertigt'^). Zu 
Schanden wurden gleichfalls die ernstlichen Bemühungen, 
den magdeburgischen Handel durch Vermittelung des 
]\larkgrafen Hans gütlich beizulegen. Dieser sah die 
Elbfcste als eine Schutzmauer der Religion und der deut- 
schen Freiheit an und wollte keinesfalls — sollte er gleich 
dabei zu Grunde gehen — die Unterwerfung des luthe- 
rischen Bollwerkes zulassen. Auf seine Gegenvorschläge 
aber konnte Moritz unmöglich eingehen, er hätte sonst 
die ergiifFenen Zügel gänzlich aus der Hand geben und 
seine jahrelang betriebene Politik völlig fallen lassen 
müssen*"). Nach allen fruchtlosen Bemühungen nun war 
er entschlossen, an Stelle der Verhandlung und der ver- 
mittelnden Güte durch Zwang zu wirken. 

Am 24. November 1550 brach er in Wittenberg auf 
und zog mit vier Fähnlein Knechten, 250 Reitern und 
drei Gescliützen gegen Magdeburg, wo in seiner Abwesen- 
heit zwei Blockhäuser gebaut und feste Schanzen auf- 
geworfen WT'rden waren. Das erste Blockhaus (am 
5. November begonnen) befand sich oberhalb des Dorfes 
Buckau im freien Felde ungefähr 2()00 Schritte von der 
Stadt und Ijarg zwei Fähnlein Knechte unter dem Obrist 
Sebastian von Wallwitz*'). Das zweite Blockhaus, 



") Loc. 91 5-2, acta 1550, und Loc. 915P., Magdeburgisclie Händel 
so merentheils bei Dr. Mordeisen etc. a. 1550— ö7, Bl. 2 fig. 

") Instruktion im Loc. 9151 , II, El. 47). Johannes Voigt, 
Fürsteubund etc., in v. Raumers histor. Taschenbuche (1857) S. 87. 

'") Johannes Voigt, Fürstenlnuid 85. 

") Das eine Fähnlein hatte der Graf von Mansfeld, das andere 
das Erzstift aufgeboten. Vergl Besselmeier. 



208 S. Issleib: 

im Felde vor Ilarsdorf, uiiTnittelbar bei DIesdorf und un- 
gefähr 220U Schritte von jMiigdcbur^^, hielt Georg W^acht- 
nieister mit einem Fähnlein und hundert Reitern besetzt. 
Das übrige Kriegsvolk hatte am 17. November das Feld- 
lager an der Elbe oberhalb der Stadt bei Fermerslebcn 
verlassen und hei Diesdorf, der Stadtmitte so ziemlich 
gegenüber, ein neues Lager aufgeschlagen. Seitdem war 
vor dem ülrichsthore der Tummelplatz zahlreicher glück- 
licher und unglücklicher Gefechte^ über Avelciie insgesamt 
Besselmeier, ein Bürger Magdeburgs, in unermüdlicher und 
zum Teil fast ergötzlicher Weise berichtet hat. 

Kurfürst Moritz näherte sich Magdeburg von der 
Wittenberger Eibseite, nahm im Anmärsche das feste 
Zollhaus an der Eibbrücke ein, jagte die Gegner in die 
Stadt ^'^) und rastete im Dorfe Krakau. Am Zollhaus- 
platze Hess er dann den Bau eines dritten Block- 
hauses für ein Fähnlein sächsischer Knechte beginnen, 
legte zwei Fähnlein mit hundert Reitern in das Dorf 
Krakau und fülute den Rest der Mannschaft über die 
Elbe in das Feldlager bei Diesdorf. 

Folgenden Tages (am 28. November), abends halb 
neun Uhr, liess er zunächst einen Scheinangriff auf das 
Sudeuburgerthor unternehmen. Die Knechti; liefen an, 
warfen Fechkränze über die Mauer, wechselten eine 
Anzahl Schüsse und zogen sich bald wieder zurück. Zwei 
Stunden später, als es im Feldn allenthalben still geworden 
war, glückte dann ein tretllich geplanter Anschlag gegen 
die Neustadt, welche nur durch Graben, Wall und Mauer 
von der Altstadt getrennt war. Heimlich wurden die 
Stadtmauern eistiegen, die Wachen überrumpelt und die 
Thorc erbrochen. Ehe die überraschten Bürger *■*) zu 
irgend welcher geregelten Gegenwehr gelangten, war die 
Neustadt erstürmt. Im wilden Strassenkampfe wurden 
viele Einwohner erstochen und die in ihren Häusern ge- 
fangen genommenen meist aus ihren Wohnsitzen verwiesen. 
In roher ^^^eise plünderte die Mannschaft. Die Mehrzahl 
der Flüchtlinge und Vertriebenen fand Aufnahme in der 
Altstadt, von wo aus in derselben Nacht noch ein Versuch 



") Fast wäre er von einer Kanonenkugel getroffen worden. 

") Im Lanfe des Tages war ein neuer Stiultrath gewählt und 
darauf „errosse Gastung und Sclilarnji" gehalten worden Die liürger 
hatten sich, jast alle „toll uid voll", (lern Schlafe ergeben, als die 
Feinde den Überfall unternahmen. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550 — 51. 209 

gemacht wurde, die eroberte Neustadt den Flammen preis- 
zugeben und den Feind aus der gefährlichen Nachbar- 
schaft zu vertreiben. Das entzündete Feuer verzehrte 
nur den nach der Altstadt zu gelegenen kleineren Stadt- 
theil, der übrige grössere wurde von den standhaften 
Bclagerungstruppen in eine wahre Festung umgewandelt. 
Herzog Georg quartierte sich in der Neustadt ein, und 
Kurfürst Moritz stieg später, so oft er vor Magdeburg er- 
schien, hier ab. Um zu verhüten, dass der Feind weitere 
vortheilliafte Stützpunkte gegen die Altstadt gewinne, 
begannen die Magdeburger gleich am 29, November, die 
Sudenburg niederzubrennen und dem Erdboden gleichzu- 
machen*'^). Alle Einwohner mussten nach der Altstadt 
übersiedeln. Die wehrhaften Bürger der beiden Vorstädte 
vertheilte der Stadtrath unter die Fähnlein der gemietheten 
Knechte. Magdeburg zählte damals ungefähr 2300 Söldner, 
300 Reiter und eine Anzahl Bürgerfähnlein. Alemann 
Ebeling befehligte das Fussvolk, die Reiter kommandierte 
Rittmeister Hans von Wolf, und Reiterfähnrich war (Christof 
Alemann. Am 2. Dezember schwuren Büro-er, Knechte 
und Reiter auf dem Marktplatze den Eid der Treue. 
Graf Albrecht von Mansfeld und sein Sohn Karl waren 
Zeugen dieser feierlichen Handlung*^). Unmittelbar darauf 
wurde auf Rath des genannten Grafen Albrecht die Elbe 
gegen die Neustadt hin durch starke Ketten und mächtige 
Balken abgesperrt; man vermauert- auch die offenen 
Pforten nach dem Strome, brachte Blendungen auf den 
Wällen an, schaffte Geschütze auf die Dom- und Kirch- 
thürme, errichtete Pallisaden und zog im Felde vor der 
Stadt Laufgräben, damit der Feind nicht „stracks gegen 
die Mauern anlaufen und anreiten könne". 

Während des mehrtägigen Aufenthaltes vor Magde- 
burg ordnete Kurfürst Moritz den Bau von Schanzen an, 
welche von einem Blockliause zum andern führen sollten, 
eine Arbeit, die aus ^Mangel an Schanzgräbern erst spät 
der Vollendung entgegenging. Das Kriegsvolk, damals 
aus 18 F^ähnlein Knechten und 800 Reitern bestehend, 
suchte er möglichst zu verstärken und die Ächter von der 

'*) Beachte Drulfel 1, 537, No. 533. Das Schreiben Schwendis 
an den Kaiser ist auf den 30. November angesetzt, dem Inhalte nach 
kann es aber erst am 1. Dezember geschrieben sein. 

")Merckel: „Diese Herren haben keine Besoldung noch 
Uiiterlialt vom Käthe gehabt, sondern um ihr Geld gezehrt, haben 
sich wider den Feind allein mit Rathsclilägen gebrauchen lassen." 

Neues Archiv f. S. (1. u. A. V. 3. 14; 



210 S- Issleib: 

Aussenwelt melir und niclir abzusperren. Über alle noth- 
wendi^en und zweckdienlichen Alastinabnien verständigte 
er sich mit dem anwesenden Kurfürsten von Brandenburg 
und Schwondi und fasste herzhafte Entschlüsse gegen das 
Kricgsvolk^^), welches unter dem Grafen Voli-ad von Maiis- 
feld und Hans von Heideck „zu Gottes EhrC; Erhaltung 
der Freiheiten deutscher Nation, des Adels Förderung und 
des Volkes Wohlfahrt, zur Wahrung von Ruhe, Frieden, 
Ehrbarkeit und aus anderen trefflichen Ursachen" in die 
Stifte Bremen und Verden gezogen war*'). 

Rasche That war unstnütio; nöthio-. Wenn demun- 
geachtet der kurfürstliche Auf1)ruch nach Niedersachsen 
sich zwei volle Wochen hinausschob, so hatte dieser Ver- 
zug seine triftigen Gründe. Ehe Moritz an das kühne, 
ja gefährliche Wagnis schritt, „die Knechte zu trennen", 
traf er die sorgfältigsten Vorkehrungen zur Sicherung 
seines Landes und zur ungestörten Aufrechterhält ung der 
magdeburgischen Belagerung. Die Vasallen des Leipzigei' 
Kreises mahnte er zui' Kriegsbereitschaft und entbot den 
Stiftsadel von Magdeburg und Halberstadt, sowie die 
Harzgrafen in das Lager vor Magdeburg **). Durch 
öffentliche Ausschreiben brachte er die Pflichten, welche 
die sächsischen Kreissfände dem allgemeinen Landfrieden 
schuldeten, in Erinnerung; eine Reihe Fürsten ersuchte 
er, weder die „vergarderten Knechte", noch Magdeburg 
zu unterstützen; zuverlässige Kundschafter wurden ent- 
sandt, um über Stärke und Pläne der Gegner Klarheit 
zu verschaffen **), und Männer von erprobter Geschicklich- 
keit sollten sich dem schwererreichbaren Hauptanführer **") 



««) Druffel I, No. 531 und TiST. 

") Es verlautete, die Mani:sr]iaft verstärke sich von Tag zu 
Tag, habe die Stadt Verden genommen und befestige sie mit emsiger 
Sorgfalt; Rotenburg werde belagert, man wolle Magdeburg zur Hilfe 
kommen. Ivundschafter gaben du^. Starke .des Haufens auf 70(iO bis 
8U00 Knechte nud 700 bis 800 Reiter an. Über das Kriegsvolk vergl. 
Loc. 'J151, IV, Bl. 283 flg. 

'*) Loc. 9152. Churfürstlich sächsischer Lehenleute Vorweige- 
rung der Hülft'e wider Magdeburg. 

*") Berichtet wurde: Sit! halten gute Wacht in ihrem Felde, 
mit grosser Mühe erlangen Kundschafter Zutritt. Sie haben keinen 
Pfennig Geld, der Herzog von Preussen und die Seestädte, besonders 
Bremen, bringen die Kosten auf Druffel T, Xo. 533 u. 540, Anm. 2. 

"') Kurfürst Moritz und Joachim fragten dreimal bei den Füh- 
rern des Kriegsvolkes an, wessen man sich zu versehen iiabe. Ein- 
mal verweigerten sie Gehör, zweimal gaben sie völlig ungenügende 
Antworten. Vergl. Loc. 9151, II, Bl. 570. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 211 

des Kriegsvolkes, Hans von Heideck, auf Umwegen 
nähern und geheime Verhandlungen betreiben '■*'). Mit 
Hessen schloss er ein Bündnis ab **"■') und berietli (am 5. 
Dezember) mit den landgräflichen Geschäftsträgern Simon 
Bing und Wilhelm von Scliachten; „wie wohl die hohen 
Personen dieser Nation einander näher zu bringen sein 
möchten" "''). Er erwartete ferner die Ankunft des 
Markgrafen Albrecht ''^) (die auch in wenigen Tagen er- 
folgte), und sah den Entscheidungen der Reichsstände über 
die beantragten Geldbewilligungen, über das Oberfeldlierrn- 
amt und über die erbetene Mitwirkung des Kaisers 
gegen das Kriegsvolk im Stifte Bremen und Verden ent- 
gegen **"). 

Unterbrechen wir hier die weitere Angabe der Er- 
eignisse in Norddeutschland, um an dieser Stelle zur 
Vervollständigung des Gesamtbildes die Vorgänge auf 
dem Reichstage zu Augsburg, soweit sie Magdeburg und 
Moritz von Sachsen betrefien, in kurzem Zusammenhano-e 
vorzulülu'en. 

Magdeburg hatte den Kaiser und die Reichsstände 
seit September beschäftigt. Damals vereinbarten beide 
Theile einen Termin für friedliche Verhandlungen. Ab- 
geordnete der „Rebellen" sollten am 3. November, wie 
Avir wissen, auf dem Reichstage erscheinen und ihre 
„Irrungen" zum Austrage bringen. Kaum war das Cita- 
tionsschreiben abgeschickt, so hörte man vom Einfalle 
Herzogs Georg von Mecklenburg in die Stiftsgebiete, von 
seinem Siege über die Achter und von den vorläufigen 



*') Loc. 9152: „Etzliche an Dr. Komerstadt ausgegangene 
schreiben in allerlei Sachen a. 1550", Bl. 13, 14, Schreiben vom 
28. November 1550 aus Wittenberg: „Es wäre gut, dass man die Dinge 
nicht verachte und auf Mittel und Wege so viel menschlich und 
möglich trachte, dass der Kuriürst mit den iiundesveiwandten Magde- 
burgs, wo es des Kaisers halben nicht ööentlich sieb thun lasse, im 
tieheimen sich vergleiche, dazu der Graf von Oldenburg zu ge- 
brauchen etc. 

**) Cornelius 4.S, \Yittenberger Verhandlungen. 

'^) Nai h Moritz' Meinung dirigierten die Gegner ihren Handel 
nicht auf den rechten Weg. 

«*) Loc. 9151, II, Bl. 319. Albrecht war im Schreiben, datiert 
Blassenburg am 20. November, gewillt zu kommen und hielt für gut, 
dass Äloritz das Amt eines obersten Feldherrn vor Magdeburg an- 
nehme, wenn es ihm angetragen werde, l'ann solle er seiner nicht 
vergessen, damit er auch noch zum Raufen kommen möchte. 

'') Loc. 9152, Magdeburgische und Bremische Handlung 1550. 

14* 



212 S- Issleib: 

Schritten dos Kurfürsten von Saclisen. Gewaltlg'es Auf- 
sehen machten die unerwarteten Ereignisse. Alle Welt 
war gespannt, wohinaus die Dinge wollten, und welche 
Stellung der Kaiser vor allem zu den Vorfällen nehmen 
werde. Nun ennäehtiirte Kai-1 V. den Kurlursten von 
Sachsen, das mecklenburgische Kriegsvolk zusannnenzu- 
halteu und die Unterwerfung der Stadt durch Güte oder 
Zwang zu versuchen; gleichzeitig aher gebot er, den 
Ächtern freies und sicheres Geleit nach Augsburg zum 
anberaumten Verhandlungstermine zu geben, ^^'ar bis 
dahin dem Kurfürsten von Sachsen das Glück nicht 
günstig, so rausste sich dann in Augsbiu-g entscheiden, 
ob friedliche Vereinbarung möglich, oder ob ein Exekutions- 
krieg nöthig sei. 

Im allgemeinen war Abneigung gegen Krieg, obschon 
unendlich viel davon gesprochen wurde'-"*). Eine Anzahl 
Reichsstände „Hessen sich hören, sie wollten lieber zwanzig, 
dreissig und mehr tausend Gulden den Achtern zur Aus- 
söhnung mit dem Kaiser geben, als es zum Kriege kommen 
lassen". Vor Krieg scheuten die Protestanten zurück aus 
Furcht, der Kaiser würde nach Unterwerfung und Bestra- 
fung Magdeburgs alle Gegner des Interims und Konzils 
als Aufrührer und Rebellen betrachten. Katholische 
Reichsstände, vor allen die Kurfürsten von Mainz und 
Trier, widersprachen einer Achtsexekution durch den 
Kaiser, damit er nicht allzumächtig und gefährlich in 
Deutschland werde. Wenn die Achter den angesetzten 
Termin nicht besuchen, oder sich „unbillig erweisen" 
würden, dann wollten sie ihrerseits zur „Kontinuierung" der 
begonnen.n Achtsexekution unter Leitung des Kurfürsten 
von Sachsen beisteuern. 

Der nach Magdeburg entsandte Reichsbote langte am 
24. Oktober mit Antwort in Augsburg an, nach welcher 
wegen der Unsicherheit vor der Stadt kein magdebuigi- 
scher Bürger zu bewegen sei, sich nach Augsburg ab- 
fertigen zu lassen**'). Werde aber das Kriegsvolk entfernt 
und neues Geleit „auf Hinterbringen"^*} zugeschickt, dann 



") Loc. 10188, Schriften so die Käthe von Augsburg etc. 1550. 
Bl. 179. 

"') Hervorgehoben wurde : Der Herzog von Mecklenburg habe 
in (duem Schreiben erklärt, dass er die Feindseligkeiten auf Befehl 
des Kaisers und Reiches begonnen habe. 

") Es sollte also die Bewilligung und Genehmigung der Stadt 
zu den Festsetzungen der lleicbsstände eingeholt werden dürfen. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz vou Sachsen 1550—51 . 213 

sollte die Entsendung von Bcvollmäclitigten erfolgen. Der 
Kaiser Hess den Reichsständen die Antwort vorlegen und 
das „nngescliickte Ansuchen und Begehren der Rebellen" 
geflissentlich tadeln. Es fehlte zwar nicht an solchen, die 
zu entschiddigen suchten, ahcr die Mehrzahl der Reichs- 
stände war unzufrieden mit der Haltung der Magdeburger. 
Von verschiedenen Seiten drängte man zum Kriege gegen 
die Rebellen, sobald der Kaiser ihre Bestrafung ernstlich 
forderte. Schon hatten unter dei- Hand in den ausschlag- 
gebenden Kreisen Beeinflussungen und Beredungen nach 
dieser Hinsicht stattgefunden, jetzt setzte man in wirk- 
samer Weise kräftige Mittel in Bewegung, um die vor- 
handene Friedensneigung zu bemeistern und kriegerischen 
Eifer zu beleben. Vortreiflich diente dazu die Werbung 
der anwesenden Stiftsgesandten und das eingelaufene Ge- 
such der Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg nebst 
den Vertretern des Erzstiftes Magdeburg^^) um Unter- 
stützung und Hilfe gegen die halsstarrigen und wider- 
setzlichen Ächter. In hervorragender Weise entfaltete 
Christof von Carlowitz seine bekannte Geschäftigkeit und 
bewährte Geschicklichkeit, um im Interesse seines Herrn 
einzelne Reichsstände für Ul)ernahrae der Exekutions- 
kosten von Seiten des Reiches zu bearbeiten. Ende Ok- 
tober begannen die schwerfälligen Verhandlungen über 
Reichshilfe und dauerten trotz wiederholter Impul-e von 
Seiten des Kurfürsten, der Stiftsstände und des kaiserliehen 
Kommissars von Schwendi fast volle zwei Monate. 

So sehr der Kaiser die Züchtigung der Rebellen 
wünschte, so wenig wollte er sich selbst „der Reputation 
halber in Kosten und Gefahren stecken". Seine an- 
dauernde Kränklichkeit und seine kaum verdeckbare 
Geldverlegenheit gestatteten ihm nicht, kriegerische Ge- 
danken zu nähren. Es sollten die Reichsstände die 
Lasten des Exekutionskrieges tragen. Leicht war der 
Kurfürstenrath — ausser Pfalz, welches sich auffällig ab- 
sonderte'"") — für Erhaltung und Verstärkung des Kriegs- 
volkes vor Magdeburg aus Reichsmitteln und für Ver- 
gleicliung über den Feldherrn, über Befehlsleute, Kriegs- 
räthe etc. zu gewinnen, wenn nur vermieden ward, dass 
der Kaiser in eigner Person den Krieg führe. Ganz 
anders der Fürstenrath und die „gemeinen Stände"! 



»«) Schreüieu vom 13. Oktober. 
'»») Druffel I, No. Ö2'i und 525. 



214 S. Issleib: 

Hier bestand die Melirzalil zunüclist darauf, die Krieys- 
Lürde nicht dem Reiche, sondern dem Kaiser aiifzuhidcn. 
Er habe mit Bestrafunf^ der Ivebellen (1546) den Anfang 
gemacht, und ihm allein gebühre es, „die Reli([uicu der 
Rebellen" zu züclitigen; er sei „prineipaliter verletzt, 
lädiert, offendicrt und beleidigt" und habe Magdeburg in 
die Acht erkliiit, ihm solle der Krieg gänzlich anheim- 
gestellt, allerhöfhstens eine „Beihilfe" zugestanden werden. 
— Schwer wurde der leidenscliaftliche Widerstand der 
Opposition gebrochen'"*), und allmählich erst siegte die 
Meinung der INIinderheit, welclie in Übereinstiumiung mit 
dem Kurfürstenrathe zu verhindern suchte, dass der 
Kaiser zu Felde ziehe '°^). 

Zähe Bemühungen thätiger Personen arbeiteten darauf 
hin, den Kurfürsten von Sachsen zum „Generalobristen" 
des von ihm bereits begonnenen Exekutionskrieges zu 
befördern. Gewichtigen Beurtheilern erschien er als die 
geeignetste Person, um Kaiser und Reich zu vertreten. 
Als Erzmarschall und Kurfürst nahm er, wie man hervor- 
hob, eine hervorragende und achtunggebietende Stellung 
ein. Trotz seiner Jugend war er in Kricgshändeln geübt 
und erfahren; unverdrossen, emsig, anschlägig und herz- 
haft hatte er sich schon in wichtigen Dingen gezeigt; er 
verfügte über bewährte Kriegsräthe und Ilauptleute, 
über einen „stattlichen Adel" und über eine vortreffliche 
Ritterschaft, für ansehnlich galt sein Anhang. Wie kein 
anderer kannte er als „anrainende]* Fürst" Pässe, Wege 
und Stege im Achtergebiete; Belagerungsgeschütze und 
Munition konnte er mit geringen Kosten vor Magdeburg 
schaffen. Von ihm war zu erwarten, dass er in kürzester 
Zeit und mit erträglichen Hilfsmitteln die Magdeburger 



'"') Ungestüm verlangten kaiserliche Kriegsiülirnng: der 
Deutschmeister, Herzog Heinrich vmi Braunschweiü', der Herzog von 
Jülich und etliche Bischöfe. Der Deutschmeister hotVte dann wieder 
nach Preussen zu kommen, Herzog Heinrich wünschte (ausser kaiser- 
lichem Dienst) Bestrafung Brauns(;hweigs, der Herzog von Jülich 
agitierte zu Gunsten der jungen Herzöge von Weimar gegen Moritz, 
und die Bischöfe wollten ganz Sachsen dem Interim und dem Papste 
unterwerfen. 

'"*) Loc. 9152. Magdehurgische und Bremische Handlung 1550, 
I>oo. 10189, Summarischer AnszuLf und Innhalt derer Briefe, so die 
Käthe an Kurfürsten JMoritzen obgelien Iahen etc. 1550; eben- 
daselbst ein Buch von Dr. Franz Grammen und Lorenz Ulmann 
etc. 1550. Vergl. Loc. 10 695, Dr. Franz Crammens Zeituiigsbuch an 
Dr. Komerstadt 1551. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 215 

zum Gehorsam bringen werde. Vortheilliaft war, dass 
der Kaiser gegen den Kurfürsten von Sachsen nielits 
einzuwenden hatte. Längst waren ja seine Entschlicssun- 
gen den Empfehlungen der Stände vorausgeeilt. Ganz 
im Sinne des Kurfürsten beantragte er, nachdem dessen 
ergebnislose Oktoberveriiandhuiiren bekannt Geworden 
waren, „eilende und beharrliclie Hilfe" auf zwei, drei 
Jahre; auch forderte er auf Grund zahlreicher, kurfürst- 
licher Bittschreiben 150000 Gulden zur Bezaldung und 
Verstärkung des Kriegsvolkes und INIonatsgelder für den 
Unterhalt von 8000 Knechten und 1000 Reitern bis zur 
Eroberung Magdeburgs. Die entstandeneu und künftig 
entstellenden Kriegskosten sollten durch eine neue Reichs- 
kontribution gedeckt werden. Solchem Ansinnen aller- 
dings widersprachen von vornherein und mit aller Ent- 
schiedenheit die in diesem Punkte einniüthio'cn Reichs- 
stände. Eine unwillige x4.blelniung der kaiserlichen 
Forderung erfolgte. Mit vorwurfsvoller Umständlichkeit 
und beredter Offenheit wurden die beschwerliclien Reichs- 
lasten zusammengestellt, welche bis dahin schon den 
Reichsständen einer unerträglichen Bürde gleich auferlegt 
seien. Auf das allerbestimmteste verlangte man, die 
Reichshilfe solle vom erlegten ,.Vorrath" geleistet werden. 
Kräftig breitete der Kaiser seine schirmende Hand über 
den gefährdeten Vorrath aus'^^j; aber vor der begehr- 
lichen Zudringlichkeit aller opferscheuen Rcichsstände 
wusste er das „Kleinod", welches nach ihrer Ansicht doch 
nur gegen Türken und Franzosen Verwendung finden 
sollte, nicht zu retten. Gegen Zusicherung einer späteren 
Wiedererstattung musste er den gesamten Vorrath darbieten. 
Dies letzte, mühsam entwundene Zugeständnis — den 
Vorrath zu ersetzen — verleitete nun wieder die Stände 
zu kargender Sparsamkeit Kleinmeisterlich suchten sie 
die Besoldung des Kriegsvolkes und die kurfürstliche 
Bestellung ,.auf das allergeringste" anzusetzen. Zahlreiche 
Stimmen Avidersprachen der Absendung von 150 000 Gulden, 
etliche sagten sogar (auf den Kurfürsten von Sachsen 
hindeutend), „wenn man den Krieg nur darum angefangen 



'"*) Nach seiner Ansicht war es höchst unbillig und weder 
rathsam noch dienlich, wegen einer einzigen rebellischen Stadt die 
Gelder anzugreifen, durch welche dem ganzen Reiche deutscher 
Nation trefflicher Nutzen erwachsen könne. Krams Ausdruck zufolge 
wollte er „den Sperling nicht aus der Faust lassen", 



216 S. Issleib: 

habe, um sich zu bereichern und den eigenen Vortheil 
zum Nachtheile des Reiches zu betreiben, so wollten sie 
nicht einen Pfennig dazugeben"; ja, Leute, „von denen 
sichs die sächsischen Räthe nicht versahen", intrijxuierten 
und warfen durch gehässiges Spiel den Kiu-fürsten jNIoritz 
länger als es noth that auf die Folter ungeduldiger Er- 
wartung, ^lehr noch ! Seitdem der Kaiser den Unter- 
halt von 8000 Knechten und 1000 Reitern auf einige 
Jahre verlangte, ^da hatten die Gesellen im Fürstenrathe 
keine Lust mehr zum Kriege". In den Meinungen ein- 
zelner vollzog sich ein auffallender Umschwung. Hitzige 
Eiferer ernüchterten und „solche, welche des Konzils und 
Literims Avegen gern einen Krieg in Sachsen geführt 
hätten", hegten unerwartet friedliche Gedanken. Um die 
Langwierigkeit der Auslagen zu beschränken, wünschte 
man beschleunigte Kürzung des eröffneten Krieges und 
eifrig wurde erörtert, welch beschwerliche Schädigungen 
dem Reiche aus einem jaln-elangen Exekutionskriege er- 
wachsen könnten, 

Ln Sinne versöhnlicher Mässigung wurde der Kaiser 
um Milderung der vorgelegten Kapitulationsartikel '"^) 
angegangen. Aber damals Avar Karl V. noch nicht zu 
bewegen, seine Forderungen herabzusetzen und zu Gunsten 
der Rebellen eine Anzahl Artikel abzuändei'n. Trotz 
aller beachtenswerthen Gegenvorschläge bestand er auf 
bedingungsloser Ergebung der Achter auf Gnade und 
Ungnade, auf Fussfall und Abbitte, auf Entsagung aller 
Bündnisse, Gehorsam gegen das Reichs- Kammergericht 
und gegen alle Beschlüsse der Reichstage (auch in betreff 
des Interims), auf Restituierung des Domkapitels, Klerus 
und künftigen Erzbischofs nach den Entscheidungen des 
Kammer<^erichtes, auf Schleifung der Festung und all- 
zeitiger Öffnung der Stadt für kaiserliches Kriegsvolk, 
auf Zahlung von 200000 Gulden, Lieferung von 24 Stück 
Geschützen mit Munition und GeräthscJiaften und auf 
Anerkennung aller durch den Kaiser erfolgten Konfis- 
kationen, Vergleichungen etc. 

Hinsichtlich der Kapitulationsartikel zurückgewiesen, 



'"*) Loc. 9152, Magdebnrgische und Bremische Handlung, B1.21. 
(12. November); Loc 91.5.3, Mairdoburffische Handlunp- l-^äO, Bl. .38, 
42, .376. Die KapitulationsartiUel wurden bereits am 25. Oktober 
dem Kurfürsten von Sacbsen zugeschickt (vergl. Loc. 915.3, Magde- 
burgische Sachen, so bei Dr. Mordeisen etc. Bl. 87) ; aber (Um- Kur- 
fürst sollte damals noch in seinem Mamen handeln. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550 -51. 217 

rückten nun die Stände mit einem weiteren Anliegen, 
durch die Trnppenanliäufungen im Stifte Bremen und 
Verden veranlasst, hervor. Der Kaiser sollte für seine 
Person als Haupt und Herr des Reiches das Kriegsvolk 
vor Magdeburg verstärken, falls fremde Potentaten oder 
deutsche Fürsten und Städte sich unterstehen würden, 
die Ächter zu retten. Zur Genüge war die Aufmerksam- 
keit Karls V. durch Kurfürst ]\Ioritz auf Niederdcutscli- 
land gelenkt worden'"^); und Schwendis umständliche 
Berichte liatten ohne Unterlass gemalmt, die gefahrvollen 
norddeutschen Gährungen nicht zu unterschätzen, ein 
mächtiges, schnell und weit um sich greifendes Feuer, 
dessen Funken durcli ganz Deutschland fliegen möchten, 
könne entzündet werden. Der Kaiser, vom Ernste der 
Situation überzeugt, war gewillt, die Opfer für etwaige 
Entsatzversuche mit den Reichsständen zu tragen'"*^). 
Die Verhandlungen darüber rückten freilich in gewohnter 
Weise nur langsam vorwärts, kaum wurden sie durch 
die Nachricht von der Einnahme der Neustadt beschleu- 
nigt '"''). Ehe man überhaupt mit allen Vereinbarungen 
ins reine kam, war die zweite Dezemberhälfte heran- 
gerückt. 

Der magdeburgischc Exekutionskrieg Avurde endlich 
Moritz von Sachsen als „oberstem Feldh.auptmann" im 
Namen des Kaisers und Reiches übertragen. Die Stände 
bewilligten 100000 Gulden für die bisherigen zweimonat- 
liehen Kriegskosten und 60000 Gulden für jeden folgen- 
den Monat '°^). Das Geld sollte vom „Vorrath" genommen 
und von den „Legestädten" Nürnberg, Speier und Köln 
verabreiclit werden. Für den Fall, dass die magdeburgische 
Belagerung länger dauere, als der Vorrath reiche, sollten 
die Reichsstäntle verpflichtet sein, weitere Hilfe zu ge- 
währen. Über Erstattung des Vorrathes und Fortsetzung 



'"*) Loc. 9151, II, Bl. 559. Unter dem 2i. November gebot 
der Kaiser allen Reichsständen, besonders den beiden sächsischen 
Kreisen, zusammengelaufenes und vergardertes Kriegsvolk zu trennen. 

'»«) Druffel I, No. 5.3B, vergl. No 5.S9. 

'"j Loc. 10189. Summarischer Auszug etc., Bl. 81. Die Spanier 
waren mit Moritz zufrieden, andere tadelten (Bl. 123) die weitläufige 
Belagerung etc., es fielen allerlei „spitze Redensarten". 

"") Loc. 9151, II, Bl. 62.S flg. Nach Schwendis Schreiben vom 
.SO. Dezember an den Kurfürsten sollte die Zahlung der monatlichen 
60 ('00 Gulden am 18. Dezember beginnen. Erinnern wir uns, dass 
das Domkapitel von Magdeburg die Kosten des halben Monats (vom 
2. — 17. Oktober) tragen wollte. 



218 S. Issleib: 

der Belagerung- sollte vom 1. April 1551 an in Nürnberg 
verhandelt werden. Unterstehe sicli jemand iieimlich oder 
öft'entlich, in eigner Person oder durch andere die Achter 
zu entsetzen, so sollten dies Kaiser und Keichsstände ver- 
hindern und die Unkosten zu gleichen Hälften tragen. 

Als am 16. Dezember die Reichshilfe so gut wie 
gesichert Avar'"^), erneuerte der Kaiser das Achtsmandat 
gegen Magdeburg, foiderte alle Kriegsleute auf, binnen 
vierzehn Tagen den städtischen Dienst zu verlassen und 
verbot allen Keichsständen, Magdeburg zu unterstützen""). 
Allein erst am Schlüsse aller Verhandlungen (am 27. De- 
zember) theilte er dem Kurfllrsten iNloritz mit, unter 
welchen Bedingungen er „den Befehl eines obersten Feld- 
hauptmannes im Namen des Kaisers und Reiches" über- 
nehmen solle'"). Das kaiserliche Schreiben traf den 
Kurfürsten nicht in seinem Lande, auch nicht vor j\Iagde- 
burg, sondern im Feldlager vor Verden an. 



AVir kennen den Entschluss Moritz', gegen die Knechte 
im Stifte Bremen und Verden ziehen zu wollen, und kennen 
die Gründe, welche die Ausführung des Planes verzögerten. 
Um Mitte Dezember aber drängten die Umstände zum 
Aufbruche ""■'). Ohne die längst ersehnten kaiserlichen 
Nachrichten abzuwarten, entnahm er den Belagerungs- 
truppen sieben Fähnlein Knechte, 350 Reiter und erforder- 
liche Artillei'ie und Hess die auserlesene Mannschaft (am 
17. Dezember) in der Richtung nach Verden vorrücken; 
er selbst folgte mit dem Markgraien Albrecht tags darauf"'^), 

">») Vergl Dniffel I, No. 5 Iß (Ic. Dezember). 

"") Am i:5. Dezember vorötientlichteii Domkapitel und Stifts- 
stäude eine äusserst heftige Klagsclirift gegen die Magdeburger. 
Diese verllieidigten sicli in einer geharniscditen Entgegnung vom 
gleichen Tage; Pomarius lü() und 13:?; Hortleder II, limh IV, 
Kap. lü, 8. 1 1 12 — kaiserliches Mandat vom 1«. Dezember, Kap. r2, 
S. 1140 und Lo.-. 91.')] , II, Bl. .Oti. König Ferdinand schrieb am 
22 Dezember an die böhmischen Stände, „dass sie dem magdeburgi- 
schen Werke zuwider nichts thun sollten". 

'") Loc. 1Ü1S9, Suujmarischer Auszug etc, lil. HO. 

"*) Der Kurfürst entfaltete in allem Energie und Umsicht, 
obgleich ihn hin und Avieder allerlei Hedenklichkeiten i)eschlichen. 

"*) IjOc. 1)152, Etzliche an Dr. Komerstadt ausgegangene 
schreiben lö50, Bl. 40. Bisher hat man immer nach Bessel- 
meier den 1:). Dezember angegeben. }sach Moritz" Brief an 
seine üemahlin , datiert Magdeburg- Neustadt, am IT. Dezember, 
wollte er den ^Iagdeburgern hinsiclitliidi des Entsatzes r.i.ht wenig 
schädlich sein, Loc. 84'.)8 „Handschreiben" und Arndt I, No. LS. 



Magdeburffs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550 — 51. 219 

bedinkliclic Käthe, un\vilHo;e Untci'tlianen, einen tadelnden 
Adel und ein sclnvaclies B!i)kadekorps zurücklassend"*). 
Die Leitung der Belagei'ung Avährend seiner Abwesenheit 
vertraute er dem kaiserlichen Kommissar von Schwendi, 
dem Herzog" Georg von Mecklenburg und einigen Kriegs- 
rätlien an. 

Ehe wir dem ausrückenden Kurfürsten auf seinem 
Zuge folgen, ist es unerlässlich, zuvor auf dessen b'jkanntes 
eigenliändiges Schreiben zu verweisen, welches er vor 
seinem Aufbruche aus d^m Lager vor Magdeburg an 
seine hessischen Vertrauten Bing und Schachten ent- 
sandte'**). Dasselbe knüpfte an die geheimen Besprech- 
ungen in Wittenberg (am 5. Dezember) an, gewählt einen 
Einblick in die Plane des Kurfürsten und klärt uns in 
erwünschter Weise über die Haltuno; der Gegner auf. 
Moritz versicherte in seinem Briefe, dass er nothgedrungen 
handeln müsse, denn der Kaiser werde den Kriegshaufen 
im Bisthum Verden keinesfalls dulden. „Ich finde in dem 
ganzen Werke", fuhr er fort'"'), „nichts Beschwerlicheres, 
denn das grosse Misstrauen. Wird nun dem nicht ge- 
holfen, so w^oUte ich wohl sagen: Gott gebe unserm 
Deutschland gute Nacht. JNIeine Gesellen und ich müssen 
einen Herrn haben, der uns den Kücken hält, und auf 
welche Seite wir auch gerathen, so wollen wir unserm 
Gegeutheil aufs wenigste das Spiel verderben, wo nicht 
die Karten gar zerreissen. Das zeige ich Euch darum 
air, dass Ihr Tag und Nacht auf diese Dinge denket, 
damit man den Handel in ein recht Vertrauen bringen 



"*) Loc. 10189, Summarischer Auszug etc., Bl. 101 und 109. 
Der Kaiser und Christof von Carlowitz hätten lieber gesehen, wenn 
Moritz nicht nach Verden gezogen wäre (Carlowitz' Jiriefe vom 16. 
und 17. Dezember!. Beide wünschten, er solle sich und das Kriegs- 
volk nicht in unnöthige Gefahr begeben und ,.uicht zu gärh oder 
liitzig oder kurzräthig sein, sondern alle Dinge mit guter Vernunft, 
Uath und Bethicht angreifen, auch seine Person in guter Hut und 
Acht halten, damit er nicht an Leib, Namen und Beruf Schaden oder 
Verkleirerung erleide". Bei den Ständen möchte es Unwillen er- 
regen, besorgten sie, dass der Kurfürst „ohne ihr Vorwissen das beste 
Volk hinweggenommen habe und in ein fremdes und ziemlich weit- 
gelegenes Land reise und also Belagerung und Volk in Gefahr 
setze" etc. 

'") Nach Cornelius -21 schrieb er am gleichen Tage einen 
gleichlautenden Brief an den Herzog Hans Albrecht von Mecklenburg. 
Klaus Berner wunle am 22. Dezember an den Markgrafen Hans von 
Küstrin abgeschickt. 

"") Cornelius il. Johannes Voigt, Fürstenbund 93, 



220 S. Issleib: 

mög-e, denn wird man mir nicht trauen, so bin ich nicht 
viel nütz bei der Sache." 

Die Absclu'Ift des Briefes wanderte an alle Haupt- 
personen des „geheimen Bundes" : an Klaus Berner, Georg 
von Reckerod etc., an einzelne Städte, an die Herzöge 
von Mecklenburg und Preussi-n und an den Markgrafen 
Hans. Durcli diesen Brief und durch den Unterhändler 
Klaus Berner wurde Wilhehn von Scliachten veranhisst, 
seinen Bruder Heinrich an Hans von lleideck abzusenden, 
um in seinem Namen dem „grossen Praktikanten" den 
Inhalt des kurfürstlichen Schreibens zu übermitteln und 
aus den vertraulichen Wittenberger Unterredungen fol- 
gendes zu erötfnen : „Kurfürst IMoritz habe in A^'ittenberg 
sein Vorhaben gegen Magdeburg entscliuldigt und die 
P)esorgnis ausgesprochen, dass ihm deshalb von seinen 
^Mdersaciiern eine unerträgliche Kappe angestrichen 
werde; allein er habe sieh in der Sache zur Zeit noch 
nicht weiter vertieft, als dass er nach drei Monaten 
wieder frei dastehen könne. Konnne es unterdessen zu 
einem Vertrage mit Magdeburg, wold und gut, so wolle 
er alsbald von seinem Beginnen abstehen und sich alsdann 
nach dem richten, was von anderen mit ihm dem ge- 
raeinen "^A'esen und dem Vaterlande zum besten beschlossen 
werde. In betreff der Älagdeburger habe Moritz auf der 
Forderung bestanden, dass er selbst einer der Herren 
sein wolle, denen sie sich ergeben sollten. Die Stadt 
müsse eine Besatzung aufm hmcn, auf dass man dadurch 
dem grossen Vogel (dem Kaiser) genug thäte. Über 
Stärke und Zeit der Besatzung Hesse sich Peinigung fin- 
den'"). Ohne eine solche Vergleichung mit der Stadt 
werde das Gemeine mit dem Besonderen in deutscher 
Nation verderben. Wollte man ihm Glauben schenken, 
so sollte man bei ihm Glauben finden. Wollte man das 
aber nicht und ihm ferner zusetzen, so wolle er dann 
sehen, dass er etwas bleiljen möchte und sollte er darum 
in den Kaiser und in die Königin ^larie gar kriechen, 
welches er doch sonst ungern thäte, denn er wollte sich 
also nicht fressen lassen. Über seine jungen Vettern 



'") Hier wird auch schon eine „geheime Versicherung" ange- 
deutet, zu deren Ausstellung Moritz erbötig sein werde, vor allem 
wegen der gegenseitig zugefügten Schäden (zwischen Magdeburg und 
den Pfaffen). Magdeburg sollte nicht mehr als 1200 Mann Besatzung 
fiufnehraen. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 221 

(die Herzöge von Weimar) liabe ei geäussert, er wolle 
rund liandeln. Handlang sei ihrethalben bei ihm ange- 
zettelt"**), er wis!?e aber nicht, obs Ernst oder Betrug sei. 
Wäre es Ernst, so wollte er von Grund aus handeln. 
Und sei das der ganze Text, sie sollten sich keine Ge- 
danken machen, von ihm die Kurwürde wieder zu er- 
langen. Wollten sie sonst mit ihm vertragen sein, so 
wolle er sie dem geraeinen Handel zum besten nicht aus- 
schliessen und die Erledigung ihres Vaters mit Fleiss be- 
fördern, damit die Zwietracht zwischen ihnen destoweniger 
das gemeine Werk hindern möchte." 

Wie bedeutungsvoll der kurfürstliche Schritt und wie 
wichtio- die Senduntr ^'N'ilhelms von Schachten an Heideck 
war, davon werden wir uns bald überzeugen können. 
Begleiten wir aber zunächst den Kurfürsten von Sachsen 
auf seinem Kriegszuge gegen Verden. 

Von Magdeburg-Neustadt aus"®) ritt ]\L)ritz mit einem 
„reisigen Zuge" unter Leonhard Kotze und Georg Wacht- 
meister in zwei Tagen — seine vorausgeschickten Truppen 
überholend — über Helmstedt und Fallersieben nach 
Burgdorf im Lüneburgischen, drei Meilen südlich von 
Celle; wo Herzog Heinrich von Braunschweig, aus Augs- 
burg herbeigeeilt, mit 550 Reitern und i;000 Knechten 
zu ihm stiess '^^) — er war der einzige Fürst der beiden 
sächsischen Kreise, welcher Zuzug und Hilfe leistete. In 
Burgdorf rastete ]\Ioritz vom 20. — 22. Dezember, weil 
seine Knechte wegen der abscheulichen Wege nur langsam 
nachrücken konnten. Während dieses unfreiwilligen 
Aufenthaltes, welcher dazu benutzt wurde, um zahlreiche 
Kundschiafter auszuschicken und Proviant herbeizuschaffen, 
trafen aus dem Lager vor Magdeburg zwei bedenkliche 
Unglücksbotschaften nacheinander ein. 

Der Abzug des Kurfürsten hatte die Belagerten zu 
kühner Unternehmungslust ermuntert'^'). In der Frühe 
des 19. Dczeml)ers zv»nschen vier und fünf Uhr waren 
sie zwisch.en den beiden Lagerstätten Buckau und Dies- 
dorf kühn hindurch gezogen und hatten das Dorf Gross- 
ottersleben, in welchem der Stiftsadel mit seinen Dienst- 



'") Siehe diese Zeitschrift IV, .314. 

"•) Loc. 9152, Etzliche an Dr.Komerstadt ausgegangene Schreiben 
1550, ßl. 40 fig. 

"») Loc. 9151, II, P.l. 576. 

'*') Loc. 9151, II, BI. 615 flg. Von Liliencron, historische 
Volkslieder IV, Xo. ;-89. 



222 



S. Issleib: 



mannen unter Johann von Aschenburg lug, überfallen ''^■^). 
V(.ni Glücke begünstigt, hatten sie 225 Gefangene (darunter 
o2 Herren vom Adel), 263 gute Pferde und die schön- 
gestickte Hauptfahne des Erzstiftes mit dem Bilde des 
li(;ili"en Mauritius nach der Stadt gebracht. Am andern 
Mor'o-en gegen sechs Uhr waren dann die ^lagcL-burger 
in das Feld gerückt, um der schwachen Belagerungs- 
mannschal t zuzusetzen; und liatten den rauflustigen und 
rachedurstigen Herzog Georg von l\L;cklenburg sclmell 
in ein hitziges Scharmützel verwickelt. Durch zwei 
Schüsse in den linken Arm und in das rechte Bein ver- 
warn det, war Georg mit seinem stürzenden Rosse zu 
Boden gefallen und von stadtischen Knechten umringt 
worden." Nach matter Gegenwehr, die ihn noch einen 
It'icliten Stich in den Schenkel einbrachte, hatte er sich 
dem Ritter Kilian von Altenburg ergeben müssen und 
war dann unter endlosem Jubel als Gefangener in die 
Stadt gebracht worden'"). 

Von diesen beiden Unfällen benachrichtigt uncl uni 
Hilfe gebeten, schickte Moritz einen Theil seiner Reiterei 
von Burgdorf aus zurück und beeilte sich, die Vasallen 
des Leipziger Kreises vor Magdeburg zu verwenden. 
Mit aller Bestimmtheit jedoch verweigerten dieselben einen 
Zug gegen die Stadt un 1 Hessen den Landesherrn •— 
fast war es unerhört — in seiner schwierigen Lage im 
Stiche'"'^). 



'*^) Nach Besselmeier hüten Reiter uml Knechte weisse 
Hemden' über Kleidini«.' und Rüstung angezogen — eine Kriegslist 
zur Winterszeit. 

'^^) Ilidie Freude eifulUo Magdeburg. Die Geschütze aut 
Wällen und Thürmen wurden abgefeuert und alle Glotken geläutet. 
Sellist die grosse Glocke der Domkirclie tönte nach dreijäbiigem 
Schweinen mächtig über das feindliche Lager. Die Haft des Herzogs 
war ehrenvoll. Ziuiächst wurde er in der Kämmerei geheilt, am 
1. Januar ir;.jl siedelte er in das Haus des Käuiinerers Moritz Alc- 
luanu über. Bürger hielten vor seinem durch eiserne Fensterstangen 
und Thüren wohl verwahrten Gemache Wacht. Zu Zeiten durite 
ihn Joachim von Gersdorf sehen. „Zu Augsburg war gross Froh- 
locken üliir Aschenburiis und Her/.oir Georgs Niederlage" (Kram 
am 2. Jan. lö.')l. Loc. 10 i«^, Siunniarisdier Auszug etc. Ml. 159, Kit ). 
Weffen der beiden glücklichen Aa.>fälle verlangten die niaijdeburgi- 
schen Reiter und Knechte einen Monatssold und vollen Sold des 
laufenden Monats. Meuterei entstand. Graf Albrecht gestand als 
Unterhändler einen halben Monatssold und den Deginn eines neuen 
Mor.ats zu. 

'-*) Näln.Tes in v. Webers Archiv für die sächsische Gescbich'c 
IV, 123 (1006*. Die Abhandlung des Jul. Traugott Jakob von 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550 — 5]. 223 

Montag, den 22. Dezember, setzte Moritz mit Herzog 
Heinrich und Markgrafen Albreclit s.;inen Zug bis Es sei 
an der Aller fort. Aus den spärlich fliessenden Nach- 
richten erfahren wir, dass in Essel die Kundschaft einlief, 
„der Feind ziehe den Kurfürstlichen unter die Augen". 
In Schlachtordnung aufgestellt, erwartete man den Gegner; 
allein die ganze Sache erwies sich als blinder Lärm. 
Während des darauffolgenden Marselies nach Walsrode 
war der Kurfürst unausgesetzt auf eine Begegnung mit 
dem Feinde gefasst; aber niemand nahte '•^^i- Die Truppen 
nahmen in ^^^dsrode Quartier. Als daranf in der Nacht 
zum 25. Dezember eine „Zeitung" meldete, von Verden 
aus werde ein Überfall beabsichtigt, erhob sich Moritz 
um Mitternacht vom Lager und liess die Mannschaft 
alarmieren, um dem Feinde in vortheilhafter Stellung „den 
Kopf zu bieten". Jedoch auch zum andern Male blieben 
die Gegner fern, und ungestört rasteten die Truppen am 
Christtage. Gänzlich aus der Luft gegriffen war aller- 
dings das Gerüciit von einem geplanten Überfalle nicht. 
Die 60 Reiter und 200 Knechte der Grafen von der Lippe 
und von Hoya, welche zu Rethera an der Aller lagen und 
dem Kurfürsten zuziehen wollten, wurden in der That 
überfallen, jedoch der grössere Theil der Mannschaft 
rettete sich nach Walsrode, wohin sie schon tags vorher 
gefordert waren. Um Mitternacht des 25. Dezembers 
wurde wiederum eine Warnung vor einem Überfalle ein- 
gebracht, und wiederum rückte Kurfürst Moritz in das 
Feld. Als er jedoch abermals bis acht Uhr morgens die 
Gegner in Schhxehtordnung vergebens erwartet hatte, rief 
er beherzt aus: „wollen die Feinde nicht zu uns, so wollen 
wir zu ihnen", und liess gegen Verden marschieren; 
„Läufer und Reiter rückten bis hait an die Stadt". Ein 
vorausgeschickter Trompeter '^"j musste „den hellen Haufen" 
in Verden auffordern, „die Fähnlein von Stund an abzu- 
reissen und auseinander zu laufen". A^'eigerung wurde 
mit Reichsstrafe bedroht, Gehorsam stellte Sicheiheit 



Könneritz enthält in der ersten Hälfte zahlreiche Ungenaiiigkeiten 
und lässt in der zweiten Hälfte durch urgenügciKle Veiwerthung 
wichtiger Aktenstücke sorgfältige Gründliclikcit vermissen. Loc. 9152, 
acta, Landtags- ur.d andere Händel 1Ö47 — 15 7. 

'^') Der Kurfürst überantwortete im freien F'elde dem Adel 
die Fahnen mit den Worten : „dabei werdet Ihr halten wie ehrliche 
Gesellen und sie nicht verlassen, Ihr werdet denn dabei erstochen". 

'=">) Loc. 9151, n, Bl. 572. 



224 S. Issleib: 

des Leibes und riiites, Bestallun<]i; von Kaisers und Reichs 
wegen und den Unterhalt ehrlicher Kriegsleute in Aussieht. 

Noch ehe der Trompeter Antwort erhielt, nahte Mark- 
graf Alhreeht, verlangte Gehör und eröfFn :te den er- 
schienenen Verordneten das, was sie bereits vernoninien. 
Darauf erbaten die Führer und Hauplle ite bis isuin an- 
dern Tage (27, Deyeinber) Bedenkzeit, um die Sache an 
die Knechte gelangen zu lassen''^'). Als dann um Mittag 
des folgenden Tages Markgraf Albrecht wiederum nahte 
und durch seir.en Diencsr Antwort verlangte, Hessen sie 
vorgeben, schon einem Herrn geschworen zu haben, und 
zugleich ihr Befremden über das mark-riitliche Angebot, 
wodurch sie zu Schelmen und unehrliclien Leuten werden 
würden , zum Ausdruck bringen. Dem Diener erklärte 
man kurz und bündig: „wollten sie nicht ein blaues 
Auge davon bringen, so möchten sie sich packen" '**). 

Derartig abgefertigt brach ^loritz mit seiner Mann- 
schaft in der Richtung nach Ijangwedel (eine Meile 
nördlich vun A' erden) auf, um den Rass nach Bremen zu 
verlegen. An Verden vorüber marschierend, wurde er 
zweimal vom Feinde angegriffen ; aber zweimal wurden 
die Gegner „zum Thore hineingestochen"; ihr bester Haupt- 
mann, ein märkischer Edelmann, gerieth in Gefangen- 
schaft. Bei Dauelsen "^®) bezog der Kurfürst (am 28. De- 
zember) ein festes Lager, um von dieser wichtigen Stelle 
aus Verden zu berennen und dem „christlichen Hau''en" 
hinsichtlich der Proviantzufuhr und der Verstärkung durch 
Zuzüglei' so viel als möglich Abbruch zu thun. Er hoflfte 
mit dtm Feinde, welcher sicherer Kundschaft nach nicht 
mehr als (iüOO Knechte und 250 Reiter zählte und Manuel 
an Proviant, Geld, Geschütz, Munition und Montierung litt, 
bald fertig zu werden. Gern wäre der Kurfürst auch voui 
linken Allerufer dem Feinde nahe gekommen; allein er 
wagte nicht, seine Streitkräfte zu theilen und erheblicher 
Gefahr auszusetzen''^"). Überdies konnte das jenseitige Ufer 
wegen des hohen Wasserstandes schwer erreicht werden; 
in vieler Hinsielit machlen sich auch unter den kurlürst- 
lichen Truppen die Beschwerden der lästigen Winterzeit 
geltend. Die Operationen gegen die „vergarderten Knechte" 
beschränkten sich somit läundich auf das Gebiet des rechten 



'*') Nach Allgaben später Gerangciier geschah es nicht. 
'*') „Die Buben gaben böse Worte aus", berichtete Markgraf 
Albrecht. '") Loc. 9151, Hl, Bl :5. 

'*") Loc. 9151, II, BI. .j79 (Brief an den Kaiser vom 2. Jan. 1551.) 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 225 

Allerufers. Zu grossen Thaten ist es nicht gekommen. 
Der Feind behauptete durchweg die Defensive. Die Tage 
vergingen, man trat aus dem alten in ein neues Jahr. 

Über die geheimen Verhandlungen jener Tage er- 
fahren wir äusserst wenig; doch wird berichtet, dass durch 
Vermittelung des Markgrafen Albrecht in Abwesenheit 
Heidecks eine vertrauliche Unterredung zwischen Moritz 
und dem Heideckschen Kanzler Christof Arnold statt- 
fand*^'), gemäss welcher der Kurfürst den magdeburgi- 
schen Krieg zu gutem Vertrage bringen, den Landgrafen 
von Hessen und den vormaligen Kurfürsten erledigen, 
Gottes Wort befördern und des Vaterlandes Freiheiten 
erhalten wollte. Arnold sollte die kurfürstlichen Erklä- 
rungen an Heideck, an etliche Fürsten und an Magde- 
burg gelangen lassen. 

Ungeachtet dieser Unterredung forderte Moritz am 
5. Januar 1551 das vergarderte Kriegsvolk im Tone 
ernsten Gebotes auf, seinen Herrn zu nennen; vergebens. 
Die Übersendung einer Anzahl Artikel endlich brach 
einer zweitägigen Verhandlung Bahn und beendete die 
Verden'sche Kriegshandlung am 7. Januar durch einen 
Vertrag *^^). Alle Haupt- und Befehlsleute verpflichteten 
sich, innerhalb dreier Monate *^^) weder gegen Kaiser und 
König, noch gegen Moritz von Sachsen;, Heinrich und Erich 
von Braunschweig, Anton von Oldenburg, noch gegen das 
Stift Bremen oder gegen die „magdeburgische Expedition" 
zu dienen und das Kriegsvolk mit „zugeschlagenen Fähn- 
lein" davonzufüliren und innerhalb drei, vier Tagen zwi- 
schen Verden und Bremen verlaufen zu lassen. Gegen 
Zusicherung völliger Amnestie wurden alle Gefangenen 
freigegeben. Viele Offiziere und Knechte traten in kur- 
fürstliche Dienste, vor allem der grosse Praktikant Heideck 
und sein Kanzler Christof Arnold, beide ausersehen, zwi- 
schen dem Kurfürsten und Magdeburg zu verhandeln"*). 



'*') Loc. 9153, Christofen Arnolts vertraulicher Bericht etc. 
Bl. 7. Vergl. Cornelius 55 und Job. Voigt, Fürstenbund 102; 
auch Loc. 7281, Französische Verbundnisse Bl. 40. 

'") Loc. 9151, II, Bl. 582 flg. 

'*') Merck el giebt G Monate an. 

"*) Loc. 10189, Summarischer Auszug etc. Bl. 2.3 (Carlowitz' 
Brief an Moritz, vom 14. November 1550). Längst hatte Moritz den 
geächteten von Heideck als ein brauchbares Werkzeug erkannt. 
Seinetwegen musste Carlowitz beim Kaiser Erkundigungen einziehen, 
unter welchen Bedingungen eine Aussöhnung Heidecks möglich sei. 
Carlowitz schrieb: würde sich Heideck zu stattlichen Diensten er- 

Xeues Archiv f. S. G. u. A. V. 3 15 



226 S. Issleib: Magdeburgs Belagerung etc. 



Folgenden Tags (8. Januar) erstattete Moritz dem 
Kaiser über die Verdener Handlung Bericht '^■^), doch 
nur im allgemeinen und nicht völlig sachgemäss. Durch 
bestimmte Gründe bewogen, schwieg er über einzelne 
Punkte, und Markgraf Hans legte einige Wochen später 
(jewicht darauf, dass der mit den Hauptleutcn geschlossene 
Vertrag dem Kaiser nicht zugeschickt worden sei''*'). 

Wann der Kurfürst den Rückmarsch von Verden nach 
Magdeburg-Neustadt antrat, und wann er im Lager ein- 
traf, lässt sich nicht ganz genau angeben. Aus der 
Datierung mehrerer Briefe geht hervor, dass er am 
14. Januar 1551 in Keustadt an der Leine verweilte''"). 
Merckel setzt die Rückkehr auf den 18. Januar um 
10 Uhr früh an. Es mag dies richtig sein, denn in vier 
Tagen (vom 14. — 18. Jan.) war die Route von Neustadt über 
Burgdorf nach Magdeburg zurückzulegen. Besselmeiers 
Angabe (25. Jan.) ist unrichtig, denn am 24. Jan. befand 
sich der Kurfürst bereits im Lager vor Magdeburg *'*). 
Der siegreiche Fürst wurde „von den Kriegsleuten 
in allen Lagern mit vielen Freudenschüssen empfangen". 
Er brachte sieben "^) neugeworbene Fähnlein und zum 
Erstaunen aller den Anführer des Verdischen Haufens, 
Hans von Heideck, mit. Bisherige „Feinde wurden jetzt 
Lagerfreundc". Der Kaiser, „ganz fröhlich über den 
glücklichen Zug gegen Verdciu" ""), dankt(; dem Kurfürsten 
verbindlichst für den bisher erwiesenen Eifer, lobte seine 
Neigung zum Frieden im heiligen Reiche und erklärte, 
„ihn Iiinfüro mit weiteren Gnaden bedenken zu wollen" '"). 
König Ferdinand und sein Sohn Maxinülian gratulierten 
in anerkennender Weise zur Verdeutschen Viktoria"^). 
(Sclüuss folgt.) 

bieten und andere getreuliche capitula bewilligen, so sollte er aus- 
zusöhnen sein, und das könne wohl täglich erhalten werden. 

'^5) Loc. 9151, II, lil 605. Vergl Moritz' Brief an seine Ge- 
mahlin vom 9. Januar (Loc. 8498, Handschreiben); darin gab er den 
Verdener Kriegshaufen 15 Fähnlein stark an. 

"«) Joh. Voigt, Fiirstenbund 114. 

'*') Loc. 9151, III, Bl. 8 und 21. Brief an den Kaiser und an 
die Städte Lübeck, Iliunbiirg und Lüneburg. 

'"*) Loc. '.»151, 111, Bl. 39, Moritz' Brief an das Kapitel zu 
Halle vom 2-1. Januar 1551 aus Magdeburg-Keustadt. 

'*') Merckel und Besselineier geben vier Fähnlein an. 

'") So schrieb Carlowitz am 19. Januar 1551, Loc. 10189, 
Summarischer Auszujr etc., Bl. 192. 

'*') Loc. 9151, III, Bl. lOß, Kaiserl. Schreiben vom 25, Feb. 1551- 
*) Loc. 10189, Summarischer Auszug etc., Bl. 69. 



ua\ 



VI. 

Die verschlackten Wälle in der Oberlausitz. 



Von 

Fried r. Senf. 



Seit Jahren beschäftigt sicli die Forschung lebhaft 
mit den Befestigungswerken, welclie die Vorzeit auch in 
Deutschland zurückliess. Besonders wimmelt die Ober- 
lausitz von alten Schanzen. Man zählt ihrer gegen hundert'). 

Der Form nach zerfallen unsere Schanzen in Bogen- 
oder Hakenschanzen, die einen bachumflossenen steilen 
Felsvorsprung vom offenen Lande abscheiden, und in 
Ringschanzen, oval oder rund, die gewöhnlich Höhen 
krönen^ zuweilen in Sümpfen liegen. Dann erhielt häufig 
die Schüttung eine Substruktion von Holzwerk, die im 
Grade ihrer Beschwerung immer tiefer einsank, schliesslich 
aber ein festes Fundament darbot. 

Dem Material nach unterscheiden wir Erd- und 
Steinschanzen. ]\Tan nahm zum Bau, was am nächsten 
und bequemsten zur Hand lag. 

Die meist bedeutenden Erdwerke, deren Stirnhöhe bis 
60 Fuss, deren äusserer Böschungswinkel bis 45 Grad 
steigt, haben ihre Konturen und Abdachuugsflächen nicht 
selten bis heute vollständig bewahrt. Es nimmt dies nicht 
weiter Wunder, wenn man hört, dass die aufgeschüttete 
Erde mit Balken und Brettern festgeschlagen und fest- 



') Über sie schrieben zuletzt 0. Schuster: „Die alten Heideu- 
schanzen Deutschlands" (Dresden 1869) und Andree: „Wendische 
Wanderstudien" (Stuttgart 1874). 

15* 



228 Friedr. Senf: 

gestampft wurde. So Lericlitet Ibraliiiii ibn Jak üb, ein 
spanisclier Jude, der als Arzt oder Sekretär sich l>ei der 
sarazenischen Gesandtschaft aus Afrika befand, die im 
Frühliuo- 973 in Merseburg am Hofe Otto I. erschien, um 
dem weltberühmten Kaiser Geschenke darzubringen und 
Ehrfurcht zu bezeigen. Das arabische Manuskript seiner 
Reisebeschreibung wurde auszugsweise einem geographi- 
schen Sammelwerke einverleibt, das vor einigen Jahren 
in Konstantinopel ans Licht trat*). 

Aber dieses Ortes haben wir es nur mit den Stein- 
schanzen zu thun, sogar nur mit den verschlackten unter 
ihnen. Die verscldackten Wälle sind ein Problem, das die 
Alterthumsforschung bisher vergeblich zu lösen versuchte. 
Auch die vorjährige Versamndung der Fachmänner, die 
in Trier stattfand, kam erneut auf das schwierige Thenuv 
zurück, ohne einen Abschluss der Frage zu erzielen. 

So darf ich mir wohl erlauben, endlich die Ergebnisse 
zu veröflPentlichen , die bei genauer Untersuchung der 
oberlausitzer Schlackenwälle mir zufielen. Flüchtig legte 
ich sie dar in einem Vortrage, den ich vor einigen Jahren 
in Berlin vor einem nicht archäologisch gebildeten Publi- 
kum zu halten hatte. Da niemand, wie es scheint, meine 
Resultate weiter trug und zur Besprechung brachte, muss 
ich wohl wagen, mit den nachfolgenden Zeilen in den 
Kreis Kundiger einzutreten. 

Jänkeudorf bei Görlitz, mein früherer Wohnort, lag 
nicht weit von den vier verschlackten Wällen der Ober- 
lausitz. Der Strom- d. h. Steilberg bei Weissenberg, der 
Schafberg bei Löbau, der Rothstein bei Reichenbach, die 
Landskrone schauten täglich zu uns herüber. Im Jänken- 
dorfer Pfarrgarten war ein kleiner Zierberg eirichtet aus 
den verschiedenen Steinarten der ganzen Umgegend, unter 
ihnen Schlacken vom Stromberge mit deutlichen Ilolzring- 
eindrücken, die mich zunächst nach jener Höhe lockten, 
von dort weiter. Das Geheimnis der Schlacken fesselte 
mich bald nicht weniger, als die drei grossen Urnenfelder 
meiner Flur und die vielen andtnen der näheren Nach- 
barschaft. Nachgrabungen in der Strombergschanze und 
achtsame Besichtigung des Befundes brachten mich auf 
einen Versuch der richtigen Räthsellösung, der immer wieder 
neue Bestätigung fand, so oft ich später die zuverlässigen 



*) Jahrbücher des Vereins für Meklenburg. Geschichte und 
Alterthum XLV, 7. 



Die verschlackten Wälle in der Oberlansitz. 229 

Fuüdbericlite sorgfältiger Durcbforsclier der Sclilacken- 
wälle einsah. 

Professor Virchow berichtet über seine Untersuchung 
der Stromberg-schanze in der Sitzung der Berliner Gesell- 
schaft etc. vom 14. Mai 1870 folgendermassen'^): 

Der umwallte Raum bildet ein unregelmässiges Halboval von 
73 und 41 Schritt Durchmesser. Der Wall ist von sehr verschiedener 
Höhe. Nach Süden zu verflacht er sich, nach Westen steigt er all- 
mählig bis zu einer Höhe von ?> — 5 Fuss an, gegen Nord-Osten wird 
er noch etwas höher. Äusserlich ist er mit kurzem Rasen und da- 
runter mit schwLirzer Erde bedeckt. Nach aussen fällt er steil ab, 
nach innen ist er sanft abschüssig. 

Wir untersuchten die Beschallen heit des Bodens und des Walles 
an acht Stellen. Innerhalb des Raumes fand sich nichts als schwarze 
Erde und zahlreiche r o t h e Basaltstücke *). 

An dem freien Rande, in der Nähe des Signalsteines, kamen 
kleine Holzkohlenstücke, rothgebrannte Erde und äusserlich 
durch Feuer geröthete Basaltstücke zu Tage. Am südwestlichen 
Rande stiessen wir auf eine grosse Brandstelle mit zahlreichen, 
bis über faustgrossen Stücken von noch fester Eichen kohle, welche 
zwischen grossen, äusserlich geschwärzten Basaltstücken, von 
schwarzer Erde bedeckt, bis zu einer Tiefe von zwei Fuss lagen, 
ohne dass jedoch die Steine erhebliche Brandspuren zeigten. 
Nach Norden bestand der Wall gleichfalls aus Erde und Steinen, 
zwischen denen jedoch poröse Schlacken vorkamen. An der 
nordöstlichen Ecke lag sehr schwarze Erde; die Steine waren 
gebrannt, stellenweise sogar porös. Gegen Nordnordwest dagegen, 
also in der Richtung gegen den Sattel des Berges hin, fand sich in 
längerer Erstreckung der eigentliche verschlackte Theil. 

Es ergab sich daher sofort, dass die Beschaflenheit des Walles 
nicht in allen Theilen gleich ist, dass derselbe vielmehr nur da, 
wo er gegen den Sattel gerichtet ist, unter einer dünnen Erdkrume 
in vollkommen gebranntem Zustande sich befindet. Weiterhin, an 
den Seitentheilen des Berges, kommt allmählig immer mehr Erde 
hinzu, und obwohl auch hier Basaltstücke immer noch die Hauptmasse 
bilden, so zeigen sie doch keineswegs so starke Brandspuren, dass 
man daraus die Bezeichnung eines Schlackenwalles ableiten könnte. 

Wir konzentrierten daher unsere Arbeit wesentlich auf den 
nordwestlichen Punkt, wo ich einen vollkommenen Jhirchschnitt 
durch die ganze Dicke des Walles machen Hess. Es war dies mit 
grossen Schwierigkeiten verbunden, da die Massen überaus fest zu- 
sammenhielten. Die Kohärenz, namentlich in der Tiefe, war 
so gross, dass es einer höchst anstrengenden Arbeit bedurfte, um 
nur zunächst einen Durchschnitt von drei bis vier Fuss Breite zu 
erlangen. 

Der Wall zeigte an dieser Stelle an der Basis eine Breite von 
15 Fuss und eine Höhe von 4 bis 5 Fuss über dem natürlichen 
Felsboden. Zu ober st unter dem Rasen und von humoser Erde 
durchsetzt, lagen lose, theils unveränderte, theils gebrannte 



*) Zeitschrft. für Ethnologie H (1870), 261 flg. 
*) Mir begegneten auch Scherben, einer mit zackigem Wellen- 
ornament, und Knochen. 



230 Friear. Senf: 

Hasaltstücke in grosser Menge; in der Tiefe von 1 '/2 bis 2 Fuss 
kam, wie es in Peran [Bretagne] nnd in nianrlien der scliottischen 
Lilasburgen beoliaclitet ist, ein ;iusammen hängender Kern von 
Brandmassen, die fast durchweg, jedoch verschieden fest zu- 
sammenhingen. Dieser Kern liatte sehr verschiedene Breiten und Höhen. 
An einer Stelle war er nahezu 4 Fuss l)r(dt >uid ^'/j bis ^^ Fuss hoch, 
so dass er nach völliger .Blosslegung wie eine miulitige gebackene 
Mauer aussah, allein sehr bald verschmälerte sich diese Mauer und 
lief in eine Art Spitze aus, neben welcher sich jedoch schon wieder 
der Anfang einer neuen Mauer zeigte. Nach der äusseren 
Seite des Walles war der Brand otVcnbar stärker gewesen, denn hier 
waren die Massen stellenweise völlig geschmolzen und geflossen. 

Wir haben uns erlaubt, die für unsere Ansicht wich- 
tichtigen, BoweisAA'orte durch Sperrdruck hervorzuheben, 
und geben aus dem weiteren Berichte noch eine Auswalil 
bedeutsamer Stellen in abgekürzter Form: 

Innerhalb der gebrannten Masse selbst waren zahlreiche kleinere 
und grössere, meist län glich ecki g e Höhlungen oder Lücken, 
von denen ein grosser Tlieil dadurch entstanden sein muss, dass 
Holz zwischen die Steine gesteckt nnd durch den Brand zerstört 
worden ist. An zahlreichen dieser Höhlungen zeigte die innere 
Oberfläche deutlich die Abdrücke von Holzstü ckcn. Ja, wir 
fanden mitten in einem grossen zusammengebackenen Klumpen in 
einer tiefen, gangartig-en Aushöhlung einige Esslötlei voll pulveriger 
Holzkohle, so dass für uns auch nicht der leiseste Zweifel blieb, 
dass sich zwischen den Steinen Holz befunden hat. 

Hie schmelzende Masse ist in Spalten und Zerklüftungen des 
Holzes eingedrungen. Solche Spalten entstehen soM-ohl durch das 
einfache Austrocknen, als namentlich bei Yerkohlung im Feuer. 
Es sind aber fast sämtliche llöblnngen an den Strnmberg-Schlacken 
ihrer Gestalt nach nicht auf natürliche Formen der Äste oder Stämme 
zu beziehen, sondern sie zeigen vielmehr künstlich gespaltene 
oder durchhauene Holzstücke, in der Regel wahre Holz- 
scheite mit ganz glatten Längstiächen und schräg oder rechtwinkelig 
daran stossenden Endflächen. An einer solchen gehauenen Endfläche 
sieht man noch ganz feine, faserige Vorsprünge, zerrissenen Holz- 
fasern entsprechend. Solche Zeichnungen linden sich in aller mög- 
lichen Abwechselung, stellenweis mit solcher Zartheit der Linien, 
dass dadurch alles wiedergegeben wird, was in Beziehung auf das 
AViedergeben von Holzkolile möglich ist. Eine grössere Schlacken- 
höhlung zeigt eine rechtwinkelig anschliessende Endfläche, auf 
welcher, theils durch verschiedene Färbung, theils durch eine ge- 
wisse Unebenheit charakterisiert, die Ringe eines Baumstammes oder 
Astes deutlich zu sehen sind. 

Das zerschlagene Holz, mit dem die Steinmassen des Walles 
durchsteckt waren, ist durch den Brand zerstört und seine Asche ist 
in die schmelzende Masse mit aufgenommen. So entstanden die 
Höhlungen, deren Innenflächen freilich nur hier nnd da eiijenthüm- 
liche weissliche nnd gelbliche , möglicherweise durch Aschentheile 
gefärbte Heschläge zeigen. Stellenweise ist die AVand der Höhlung 
in wirklichen Fluss gerathen; meist war sie nur soweit geschmolzen, 
dass sie in die Spalten und Klüfte des Holzes eindrang und Abgüsse 
derselben bildete. 



B 



Die verschlackten Wälle in der Oberlausitz. 231 

Die Basaltstücke selbst zeigen alle Grade der Feuerwirkunir. 
Einige sind nur äusserlich bis auf einige Linien gerötbet und oft 
gesprungen; in anderen sieht man auf BrucliÜächen ganz feine und 
vereinzelte Blasenräume; andere sind ganz und gar grossblasig, wie 
lümstein. Zuweilen sieht man alle diese Zustände hinter einander 
in demselben Stücke, welches am Ende in einen Fluss übergeht, der 
in Bänder- und Tropfenform erstarrt ist. 

Wir fanden nicht selten in Tropfenform heruntergeflossene und 
so erstarrte Theile, allein das Geschmolzene und Gebrannte war 
offenbar nicht bloss Basalt. Vielmehr zeigten gerade solche in Fluss 
"erathene Tbeile oft genug neben der eigentlichen Basaltmasse noch 
eine besondere Zwischensubstanz. Es ist dies eine rothe, häufig 
sehr brüchige, stellenweis sehr kompakte Sul)Stanz, in welcher kleinere 
und grössere Quarzstücke eingeschlossen sind, auch etwa einmal ein 
zerschlagener und gebrannter Feuerstein. Schon Glocker meint, 
dass in manche blasige Basaltstücke Stücke von der Beschaffenheit 
uml Farbe rother Ziegel und in manche Ziegelstücke umgekehrt 
auch kleine eckige Basaltstücke eingemengt seien. Wir haben offenbar 
Lehm vor uns, der als Bindemittel angew^endet ist und in den die 
Holzscheite eingelegt wurden. Es sind daher bei dem Brande nicht 
bloss Basaltstücke zum Schmelzen gekommen, sondern es ist auch 
der Lehm gebrannt worden. So erklärt sich wahrscheinlich die 
grosse Feinheit der Zeichnung, welche die Innenfläche der geschil- 
derten Höhlungen darbot. 

Zur Vervollständigung des Befundes am Stromberge habe ich 
nur noch zu berichten, dass sich hier ein ähnliches Verhältnis zeigt, 
wie es von Geslin in Peran unter der Bezeichnung von Öfen, four- 
naise, beschrieben ist. Die Brandmasse bildete gewisse Herde 
von beträchtlicher Grösse, deren Zwischenräume mit weniger oder 
gar nicht gebrannten Steinen gefüllt waren. Im Innern dieser Herde 
gab es stellenweise grössere Höhlen, 1 bis 1 '/a Fuss hoch und so 
tief, dass ich den ganzen Arm in ausgestreckter Haltung hineinbringen 
konnte. Dieselben waren theils ganz leer, theils mit losem, grau- 
rothem Bramlschutt gefüllt. Ihre Wandungen erschienen stets in 
hohem Grade verschlackt. Gegen die Aussenseite des Walles 
zu war die Schmelzung und Verglasung meist stärker, doch 
reichte die Schlacke nicht bis unter die Erdkrume, vielmehr fand 
sich unter dieser ein loserer rothgebranuter lehmiger Schutt. 
Gegen die Innenseite des Walles zu schlössen sich an den harten 
Kern grosse, künstlich aufgeschichtete Basaltblöcke an, deren 
oft grosse Zwischenräume von gebranntem Gius eingenommen waren. 
Diese Eigenthünilichkeiten dürften mehr als alles andere beweisen, 
dass es sich um eine absichtliche Anlage handelt, welche ge- 
brannt werden sollte. 

Man darf wolil vorzielien zu sagen : welche gebrannt 

wurde. 

Wir resümieren aus diesen Mittlieilungen : Die Er- 
scheinungen der Feuerwirkung steigen gegen die Tiefe 
des Walles. Die vollkommensten Schmelzprodukte liegen 
in seinem Kern, nicht durchaus in seiner ganzen Länge, 
nur in grösseren Nestern. Dort erheben sich zur Seite 
der kompakten Schmelzmasse künstlich geschichtete Steine, 



232 Friedr. Senf: 

die Spuren von Trockenmauern. AVo förmlicher Lavafluss 
eintrat, zeigt er Holzabdrückc, Längs- und Kopf'abdrücke 
von Balken und Scheiten. Das Holz selbst ist bis auf 
Kohlenreste verschwunden, was auf bequemen Luftzutritt 
während der Verbrennung schliessen lässt, also auf grössere 
Hohlräume, von denen zuweilen noch geringe Keste übrig. 
Die Lava entstand durch Schmelzung besonders von Stein- 
grus, Sand, Leiun, die zugleich mit dem Holze in den 
Wall eingebracht wurden. Grossere Steine sind selten 
zer-, meist nur an-, natürlich auch zusammengeschmolzen. 
Ihr gewöhnliches Bindematerial ist der Grusschmelz, aus 
dem sie mit noch scharfen Konturen losbrechen. Der 
dünnflüssigste Theil der Lava ergoss sieh durch die 
Zwischenräume der lose geschichteten Steine bergab nach 
der Aussenseite des Walles, an der er herunterfloss, nach 
unten sich häufend. 

Die Lösung des Räthsels scheint mir nun folgende zu 
sein: Alle verschlackten Wälle waren käse mattiert. 
Die einzelnen Kasematten, die nahe an einander stiessen, 
unterkellerten gewöhnlich den ganzen Wall. Ihre Thür- 
öffnungen, zuweilen noch an Steinschichtungen erkennbar, 
schauten nach dem Sehanzen-Planum und lassen, weil dort 
die Glut des späteren Feuers schnell verflog, nur geringere 
Brandspuren wahrnehmen. Wo irgend eine Schanze er- 
baut werden sollte, begann man auf ihrer ganzen Linie 
mit Errichtung der Kasematten. Nur etwa die Einfahrt 
blieb davon frei, auch flach verlaufende Enden. Die 
Seitenraauern der Kasematten wurden von Steinen ge- 
schichtet und deren Zwischenräume mit Grus und Lehm 
erfüllt. Mit den gleichen Materialien beschüttete*) und 
dichtete man gegen den von oben herabdringenden 
Regen die Kasemattendecke. Aus starken Holzlagen, be- 
schlagenen Balken, blossen Scheiten gebildet, war sie auch 
der schwersten Belastung gewachsen. Wohnlicher noch 
gestalteten sich diese Parterreräumlichkeiten der Schanzen, 
wenn man auch Fussboden und Seitenwände von Holz 
konstruierte, womit man damals nicht zu sparen brauchte. 

Erst nach vöUiger Fertigstellung der Kasematten be- 
gann die nun um so schneller emporsteigende Schanzen- 



*) Die Lelimschicht, welche sich in einer Tiefe von 1 m 80 cm 
unter der Krone des Steinringes von Otzenhausen hinzieht, besitzt 
eine Mächtigkeit von 80 cm. Vergl. den Bericht über die Versamm- 
lung etc. von 1883 zu Trier S. 72 und 87. 



Die verschlackten Wälle in der Oberlausitz. 233 

schüttung, die jene unter sich begrub. Alle Steinschanzen 
ruhten auf solchen Unterbauten, ebenso alle Erclschanzen. 
Diese Holzbauten gingen niclit alle in Feuer auf. Wenn 
es aber geschah, so mussten die trockenen in den Stein- 
wällen eine gewaltige Glut entwickeln und vor und im Zu- 
sammensturz die oben geschilderten Schmelzerscheinungen 
hervorrufen. Hingegen konnte das erdfeuchte Holz der 
Erdwällc; langsam glimmend, bedeutendere Feuerwirkungen 
gar nicht erzeugen, sogar nicht einmal vollständig ver- 
brennen. Man findet dann in den zusammenorebrochenen 
Kasematten, wie Virchow vom Vorwalle der Landskrone 
berichtet, Knochen von Rintl, Schwein etc.; grössere Brand- 
oder Herdstellen, an welchen ganz grosse Stücke von 
Eichenkohle liegen; Klumpen von rohem, gebranntem 
Lehm; in reicher Anzahl Urnenscherben, Rand-, Mittel-, 
Bodenstücke, trotz ihrer grossen Mannigfaltigkeit alle 
vom Burgwalltypus mit Wellen-, Nagel-, Schnurenornament. 

Oft wird auch sorgfältige Untersuchung zwischen 
Balkenkohle und Herdfeuerresten nicht recht zu scheiden 
vermögen. Ebenso schwierig ist es, wenn Fundstücke, 
wie die eben erwähnten, in höheren Lagen unserer be- 
deutenderen Eid wälle begegnen, mit Sicherheit zu be- 
stimmen, ob nur Mahlzeitspuren der Schanzarbeiter vor- 
liegen, oder Anzeigen einer Kasematte zweiter Etage, was 
gar nicht undenkbar. 

Ein Erdtrichter in der halben Höhe der Innenseite 
des mächtigen Niethener Erdwalles scheint auf den Zu- 
sammensturz eines früheren Hohlraumes hinzudeuten. In den 
Erdwällen von Melaune bei Reichenbach und Niemen bei 
Ohlau lassen sich Kasemattenbrände deutlich nachweisen. 
Kaum fraglich ist solch ein Brand im Schmoritzwalle bei 
Bautzen. Allerdings sind die Granitplatten nur theilweis 
vom Feuer geröthet, aber Granit war schwerer zu rösten 
und zu schmelzen als Basalt, Diorit etc., auch machten 
plattenförmige Steine einen stärkeren Holzeinbau über- 
flüssig. Solche Unterschiede, die auf verschwenderischer 
oder sparsamer Holz Verwendung, auf Vermoderung oder 
Verbrennung, langsamer oder schneller, jener Holztheile, 
auf leichter oder schwerer Schmelzbarkeit dir Gesteinart, 
auf grösserem oder kleinerem Format der einzelnen Steine 
beruhen, werden bei Nachprüfung meiner Ansicht Avohl 
zu beachten sein. 

Schliesslich wird sich immer wieder als Resultat er- 
geben : Kasemattierung. 



234 Friedr. Senf: 

Aber zu welclieni Zwecke? Zu einem so wichtigen, 
(lass mit der Vernichtung- seiner Erreiehhjukeit; mit der 
zuftilligen oder absiclitlichen Verbrennung der Kasematten, 
ein Hauptzweck der Schanze verniclitet wurde. Unbrauch- 
barmachung der Kasematten bedeutet soviel als Unbrauch- 
bannach'uig der Schanze. Ein Eroberer, der die erstürmtm 
Schanzen nicht dauernd besetzt halten konnte oder wollte, 
nahm dem bekriegten Volke .seine festen Zufluchts- und 
Stützpunkte, ■wenn er die Brandfackel an die Kasematten 
legte, deren A\'iederherstellung viel schwieriger war, als 
ihre ursprüngliche Herstellung, besonders nach Eintritt 
kompakter Vei'schlackung. 

In vereinzelten FälK-n diente wohl eine kleine Schanze 
zur Station für einen ^^'achtposten, etwas grössere ver- 
tlieidigten eine Furt oder schützten eine Strasse. So hat 
die alte via regia von Rhein und Elbe zur Oder zwischen 
Bautzen und Görlitz bt>i Schöps zwei einst feste Schutz- resp. 
Sperrschauzen, die noch heute stehen Sonst aber, der 
grossen Mehrzahl nach, sind die Schanzen in erster Linie 
Fluchtburgen, Bauernburgen, Avie sie noch heute in 
Kurland heissen ; ein Name, der früher auch in Thüringen 
und Hessen üblich war. Die Annales Laurissenses*^) (zum 
Jahr 774^ erwälmen eine Buriaburg bei Fritzlar. 

In Kriegsläuften flüchtete beim Nahen der Feinde die 
ländliche Bevölkerung in ihre Fluchtburg, die mitten im 
Orte lag, so P^bersbach bei Görlitz, oder dicht daneben, so 
Melaune bei Reichenbach, oder zwischen mehreren Ortschaf- 
ten, bis heute gemeinschaftlicher Besitz, so Stromberg bei 
Weissenberg. Die drei genannten kleineren Schutzwällc, 
einer vom andern zwei Stimden entfernt, bezeichnen den 
Rand des offenen ebenen Landes. A^'eiter rückwärts nach 
den höheren Ijcrgen hin vcrgrössern sich die Schanzendimen- 
sionen oft bedeutend. Die Niethener umfasst ein ansehn- 
liches Ackerfeld. Auf den Bergen selbst aber, auf dem 
Ijöbauer und deuBautzcnrrn, deren dichte Bewaldung srhon 
guten Schutz gab, erreichen die ^yälle, als ultima refugia, 
die grösste Geräumigkeit. DerLöbauer umschliesst zwanzig 
Morgen Landes. Je zahlreichere Volkshaufen von feind- 
lichen Horden nach den Beri>-eu iiin und auf sie hinauf jre- 
drängt werden konnten, desto geräumigere Schutzwerke 
mussten zu ihrem Empfange bereit stehen mit dem Planum 
für die Herden, mit den Kasematten besonders für Frauen 



•) Mon. Geriiian. bist. SS. I, 152. 



Die verschlackten Wälle in der Oberlausitz. 235 

und Kinder. Der Einzug- erfolgte bei den SicLelscluinzcn 
an den niedrig verlaufenden Wallenden, bei den Ring- 
sclianzen gewöhnlich auf einer schmalen Falirstrasse, 
welche den Wall schneidet, nicht selten an zwei gegen- 
überliegenden Stellen. Die Herden bedurften auch der 
Weide wegen eines bequemen Aus- und Eintriebes. Das 
zum Leben nöthige Wasser lieferte meist ein naher Bach, 
auch wohl ein künstlicher Teich'), eine Zisterne oder 
ihrer zwei, wie im Schmoritz- oder Hochsteinringe, wohl 
auch ein Brunnen, der wenigstens noch in der Sage vor- 
handen zu sein pflegt. 

Wie oft und lange einzelne exponierte Schanzen be- 
setzt fjehalten werden mussten, beweist die von Melaune. 
Das Kochen unzähliger Mahlzeiten erfüllte ihr Inneres 
mit mächtigen Aschen- und Kohlensehichten, die durch 
die vorsorgende Hand des Menschen, der für den nächsten 
Krieg sich einen wohnlichen Aufenthalt schaffen wollte, 
immer Avieder geebnet und mit Erde überschüttet worden 
sind. Allein im Winter 1839 wairden 600 Fuder Schanzen- 
planum abgefahren, um Wiesen zu verbessern. Dabei 
fand man Thierknochen und ganze Scheffel verkohlten 
Getreides, Weizen, Roggen, Gerste, Hirse. Von den 
Speichertöpfen waren noch Stücke vorhanden. Der Brand, 
der bei Erstürmung der Feste jene Speisevorräthe zugleich 
verdarb und konservierte, war von so starker Glut^ dass 
er ziegelrothe Lehmstücke und geschmolzene Eisenklumpen 
zurückliess. 

Wie grosse Volksmengen bei den Schanzen längere 
Zeit festgehalten Avurden , bezeugt der Schmoritzwall. 
Sichtlich boten die Kasematten dieser grossartigen Berge- 
stätte keine ausreichende Unterkunft, jedenfalls nicht den 
Männern. Darum hat man dem Ringwalle noch drei 
halbmondförmige vorgelegt. Sie erhöhten allerdings die 
Vertheidigungsfähigkeit des Hauptwalles *), sie gewährten 
allerdings den weidenden Herden bei drohender Gefahr 
schnellen Eintrieb und vorläufige Sicherheit, aber es 
standen auch in den von ihnen umschlossenen Räumen 
die Hütten fertio- für Aufnahme der Vertheidiffnnffsmann- 
Schäften aus den einzelnen Gehöften und Dörfern. Bei 
Tage und bei Nacht an diese Vorwerke gefesselt, bedurften 

') Vergl. Verhandlungen zu Trier, S. 72. 

*) Schon der Vorwall ^var schwer zu erobern, da mittels seiner 
vom Hauptwalle aus gedeckten Intervalle der stürmende Feind leicht 
flankiert werden konnte. 



236 Friedr. Senf: 



sie des AA^ettcrsclmtzes. Die Taciteischen Scliiltlcrunfjen 
von der Ab<>'eliärtetheit unsererVorfaliven sind wahrscheinlich 



o 



tendenziös übertrieben. Vielleicht beherbergten diese Hütten 
nicht nur Männer, sondern aiicli, wenigstens bei Tage, 
deren Frauen und Kinder, die das Gewunnicl im Ring- 
innern so lange als möglich mieden. Die zahlieichen 
Wohnbauten existieren jetzt natürlicii nur noch in Trüm- 
mern, als kleinere oder grössere Steiniiaufen. Genaue 
Untersuchung ergab immer wieder das nngedoutete Resultat. 
Das eine Mal ein Fussboden von plattenartigen Steinen, 
zwischen die sich vereinzelte Scherben-, Knochen-, Kf)hlen- 
stückchen eingeschoben hatten, die eine Platte vom Koch- 
feuer halb durchröstet. Ein anderes Mal entblössten wir 
die geschichteten Steine des Einganges der Hütte, die 
letzten Reste ihrer dereinstigen Trockenmauern. Von der 
Hüttendecke war nur der Steinhaufen übrig, der einst die 
Balkenlage überhügelte. Es begegneten auch zuckerhut- 
förmifje Bauten nach Weise unserer Köhlerhütten, erkenn- 
bar an den untersten Schutzplatten, die noch heute, einen 
Kreis bildend, dessen Zentrum sie sich zuneigen, aus dem 
Boden aufragen. Der spitz zulaufende einstige Holzbau 
trug zum Wetterschutz einen Mantel von Lehm und Steinen. 

Hvmderte von zusammengefallenen Hütten **) liegen 
am Mittelberge, an dem der Weg von Wuischke zum 
Czerneboli hinaufsteigt. Gegen das Land hin schützte 
ein massiger Wall diesen Sammelplatz der von fernher 
zum Nationalheiligthum wallfahrtenden Festgäste, die zum 
Theil dort auch nächtigten. Nicht nur die Fundstücke, 
die Andree aus jenen Steinhaufen erhob, auch die Mühl- 
steine, die andere fanden, bew^eisen deutlich, dass wir 
Wohnungstrümmer vor uns haben und nicht Gräber, wie 
man ohne zureichenden Grund bisher annahm. Selbst 
ein vereinzeltes Grab w'ürde nicht viel beweisen, nur etwa, 
dass ein Toter zurückbleiben kann, wo Lebende in grösse- 
rer Anzahl zusammenzuströmen pflegen. Dieselbe Beweis- 
kraft haben Gräber in und bei Schanzen. Jene kolossalen 
Wälle werden dadurch nicht zu Friedliofeinfriedigungen. 

Eingehendere Abweisung verdient der Gedanke, als 
könnten unsere A\'älle zu Kultnszwecken erbaut worden 
sein. Ohne Zweifel wurden sie hierzu benutzt, aber sie 
wurden dazu nicht erbaut, ebensowenig als unsere heutigen 
Festunsren. Zu Kultushandluno-en fühlte man sich gedrängt 



») Andree a. a. 0. 119. 



Die verschlackten Wälle in der Oberlausitz. 237 

in den Zeiten der Bedrängnis und Belagerung, auch wenn 
diese nicht mit festhchen Zeiten zusammenfielen. Beson- 
ders aber mochte das ersterbende Heidenthum jene durch 
Thaten und Opfer der Väter geheiligten Stätten, zumal 
die versteckt liegenden, mit Vorliebe zu Kidtusübungen 
aufsuclicn. Darauf deutet das zweifellose Faktum, dass 
in einigen Schanzen, so in der bei Nieda a. d. Wittig, 
christliche Kapellen lagen. Man liebte die heidnischen 
Heiligthümer unter christlichen zu begraben. Als die 
ersten Sächsischen Kaiser die Wallburgen der überwun- 
denen Wenden mit einer Besatzung und einem Priester 
versahen, erbaute dieser natürlich möglichst bald eine 
Kapelle und zwar da, wo sie am sichersten lag. 

Als unbezweifelter Opferwall gilt der Burgwall bei 
Schlieben '"). Die Durchsieht des Fundberichtes ergiebt 
eine oft und lange besetzte Fluchtburg, wie die von Melaune; 
nicht einen, sondern zahlreiche mit gebrannten Lehmplatten 
gepflasterte Herde, doch nicht Opfer-, sondern Kochherde; 
auf 3 bis 4 Ellen tief Knochen, nicht ausscldiesslich von 
Opfer-, sondern von allen luöglichen Thieren, zahmen tmd 
wilden; Pferd, Rind, Schwein, Ziege, Hund, Hirsch, Elen, 
Reh, Biber, Vogel, Fisch; ganze Lagen gerösteten Getreides, 
Weizen, Erbsen, Hirse etc.; zur Zerkleinerung dieses 
Proviantes Reib- und Mahlsteine; massenhafte Scherben 
von Koch- und Essgeschirr; Spielzeug für kleine Kinder; 
für Frauen Spinnwlrtel, Weberschiffchen, Käh- und Haar- 
nadeln, Kämme, Fingerringe; für Männer Pfriemen, Pfeile, 
Dolche, Streitäxte; Kohlen und Asche, Knochen, Scherben 
etc. zu Tausenden von Fuhren gehäuft. Wer das liest, 
denkt nur noch an eine von grossen Menschenmengen 
erfüllte Fluchtburg, die längere Belagerungen aushielt, 
zuweilen auch mit stürmender Hand erobert wurde, wobei 
in Flammen aufging, was brennbar war. Nach r.nserer 
oben entwickelten Anschauung werden auch Opferfeuer 
ihren Beitrag geliefert haben zu den vorhandenen Aschen- 
und Kohlenmassen, aber doch nur einen geringeren. 

Zum Schlüsse noch eine kui'ze chronologische Bemer- 
kung. Von den Scherben mit Burgwalltypus, die später- 
zeitlich sind und bei uns auf der Grenze zwischen Heiden- 
und Christenthum liegen, darum auch auf der Oberfläche 
der Schanzen, darf man natürlich nur auf deren letzte 
Vertheidiger schliessen, nicht etwa auf ihre ersten Erbauer. 



*) Preusker, Blicke in die vaterländische Vorzeit, III, 99. 



238 Senf: Die verschlackten Wälle in der Oberlausitz. 

Die keltisclien Gold- und Silbcrmüuzen in böhmischen, 
alterthüniliclie Scherben in den tieferen Lagen deutscher 
Schanzenwällc weisen vielen dieser Bauten eine frühere 
Zeit an. Ibrahim ibn Jakub scheint zu berichten, dass 
die Slaven in jener Zeit drohender Kriegsbedrängnis 
neue Schanzen erricliteten, es fragt sich aber, ob er genau 
'sah, oder ob er Verstärkungsbauten mit Neubauten ver- 
wechselte. Germanischen Ursprung wird man beimessen 
müssen Schanzen bei Orten mit Namen wie Nimtsch, 
Nimbsch, Nimptsch, Niemen, Niehmen, Niemegk, Niemitsch, 
Niemitz, Niemetz, NclmiitZ; das heisst Deutschdorf. Die 
bedeutenden deutschen Volkstheile, welciic bei der sogen. 
Völkerwanderung zurückblieben und wie Inseln von 
den nachdringenden slavischen Volksmengen umfluthet 
wurden, bedurften gegen etwaige Überfluthung schützender 
Zentralpunkte. Die älteren Schanzen sind natürlich von 
einem Volke auf das andere übergegangen, und die Nach- 
folger im Besitz besserten am Werke ihrer Vorgänger. 
Jeder Fortschritt in den AngriiTsmitteln , den die Zeiten 
mit sich brachten, bedingte einen Fortschritt in den Ver- 
theidigungsvorrichtungen. 

Aber wir haben hier nicht die Frage nach der Ent- 
stehung der Schanzen zu beantworten , unsere Aufgabe 
war lediglich, das Räthsel der verschlackten Steinwälle 
seiner Lösung näher zu führen. Nur zur Erreichung 
dieses Zieles zogen wir die Erdwälle mit in unsere Unter- 
suchung hinein, weil auch sie gleiche innere Struktur, 
Spuren früherer Kasemattierung, zeigen. 



VII. 

"Dr. Phil. Jak. Hamerers Heldengedicht über 
den schmalkaldischen Krieg. 

Yon 

Georg Schepss. 



Das in der Übersclirift genannte Werk steht in der 
Papierhandschrift I, 2 (Lat.) in 4" No. 39 der Fürstlich 
Ottingen -Wallersteinschen Bibliothek zu Maihingen ') und 
ist nicht nur Inedituni, sondern auch Unikum^). Es ist die 
autographische Reinschrift des Dichters, die er um Weih- 
nachten 1594 anfertigte und sodann dem Fürstabt von 
Kempten widmete. Die Handschrift, 25 cm hoch, 17 cm 
breit, umfasst 94 Blätter und zeichnet sich durch hübsches 
Äussere (Rothlederband mit Goldschnitt), sowie durch 
schöne Schriftzüge aus; auf die vier Federzeichnungen, mit 
welchen Hamerer sein Werk ausstattete (Bl. 1, 7, 61, 82), 
werde ich unten zurückkommen. Ein früherer Besitzer, 



') Th. V. Kern in den Nachrichten von der historischen Kom- 
mission bei der kgl. bayer. Akademie der Wissenschaften (Beilage zu 
Sybels historischer Zeitschrift) Jahrgang III (18^2), Stück 4, 107—135, 
und W. Wattenbach im Neuen Archiv der Gesellschaft für ältere 
deutsche Geschichte VII (1882), 171—186 haben über die geschieht- 
liehen Handschriften dieser Bibliothek Bericht erstattet, wobei beiden 
jedoch gerade Hamerer entging. 

'-) Weder G, Voigt, Die Geschichtsschreibung des schmal- 
kaldischen Krieges (Abh. der kgl. Sachs. Gesellschaft der Wissenschaften 
XVI), noch Dahlmann-Waitz, Grässe, Fabricius, Jöcher, Bayle, Moreri, 
Ersch & Gruber, Zedier, Brunet, Aljg. deutsche ßiogr., Druffel, Lang 
(Sybels Histor. Ztschr. 1883) etc. erwähnen das Epos. 



240 Georg Schepss : 

Juriskousultus Joli. Leonh. Geisius, liat seinen Namen mit 
dem Datum „29. Jan. 1665" auf Blatt l eingetragen. 

Hamerer hat sein Epos in zwei Bücher getheilt, 
von welchen das erste in 1799 Hexametern dem Jahre 
1546, das zweite in 1027 Versen dem Jahre 1547 gilt; 
ich werde mich indessen der fortlaufenden Zählung (Vers 
1 — 2826) bedienen. Das Gedicht ganz zu veröffentlichen 
würde sich kaum verlohnen ; ich unterziehe es im folgen- 
den einer eingehenden Würdigung und tlieile im Anhang 
geeignete Proben aus dem Original mit (vom Ganzen 
etwa ein Achtel), Avobei ich namentlich den zweiten Theil, 
d. h. das hellum Saxonicum, berücksichtige. 

Über die Person des Dichters') linden wir ziem- 
lich viele Anhaltspunkte in dem vollständigen Tit<l des 
Werkes und in der Vorrede, die er als Wiclnmng gerichtet 
hat an den reverendissimum illustrissimumque jmncipem ac 
(Joviniurn dorn. Joannem Adaiiutm ahhatem Campidonensem*). 
Der volle Titel lautet: De hello Germanico a Divo CaroloV. 
Cat'snre Moximo foeliciter gesto anno humanae salutis 1546 
lihrl duo conscripti carmine heroi'co a Philippo Jacoho 
Hamerer Constantiend Acroniano^) U(triusque) J(uris) 
D(octore). Constantiae 1595. 



*) Den Herren Pfarrer Böll und Rentner Poinsignon in Konstanz, 
Arcliivralh Dr. Hartfelder in Karlsruhe, Oberbihliothekar Pr. S. Riezler 
in München und Archivrath Dr. Bauniann in D..natieschingen sei für 
ihre wenn auch im allgemeinen resultatlosen freundlichen liemühungen, 
iiber den verscholleneu Dichter noch weitere Anhaltspunkte beizu- 
bringen, mein aufrichtiger Dank ausgesprochen. — Pf. Böll schreibt 
mir, der Name Hamerer sei ihm in Ivonstanzer und Überlinger Ur- 
kunden des 15. und 16. Jahrhunderts mehrfach vorgekommen, niemals 
jedoch unser Phil. Jak. Hamerer; das „Inventar" eines Pfarrers Ha- 
merer saec. 17. sah Böll in Überlingen; im 17. Jahrhundert lebte 
im Benediktincrkloster zu Weingarten ein Pater Hamerer, der schrift- 
stellerisch thätig war. Archivrath Ilartfelder theilt mu- mit, dass 
ein Leonhard Hamerer 1617 zu Konstanz einen deutschen Sermon 
und Glückwunscli herausgegeben hat, den er gehalten, als König 
Ferdinand die Stadt besuchte. Einen Balthasar Hamerer, der lü2G 
einen Salcits conductus in coclum scti ars böte moriendi und 1630 zu 
KnwA{'A.\\zUuodecimfriictus lignivitac herausgab, linde ich in Hyde,Bibl. 
Bodleiana 320 und im Katalog der Zürcher Bibl. v. J. 1744. I, 495. 

*) Die erste der vier Federzeichnungen zeigt das Familien- 
wappen des Fürstabtes Johann Adam, der ein „Kenner von Almen- 
dingen" war und von 1594—1607 regierte, vereinigt mit dem Wappen 
der Abtei Kempten, siehe IIa ggenmüUer, Geschichte der Stadt 
Kempten H, 109 — 124; Siebmacher-Weigolsches Wappenbuch I. Theil, 
tab. 13 und 116, Supplem. VH, tab. 30. 

*) La>us Acronianus = Überlin^ersee, Bodensee. — Von anderen 
Acroniani, die als Dichter auftraten und beiläufig Zeitgenossen 



Dr. Phil. Jak. Hamerers Heldengedicht etc. 241 

Aus der gesprächigen , in Prosa gehaltenen Vorrede 
erfahren wir folgendes: 

Huius tarn illustris belli et non minus gloriosi quam expeditio 
olim Heracliaiia *) fuit adversus Cosdroam Persarum regem hystoricam 
descriptioiiem . . . cum pgo hinc inde variis in libris legende pervol- 
verem, cogitavi non abs re fore, si ego quamquam homo afflictus, 
longinquo morbo paene confectus intraque privatos parietes quarto 
iam anno quasi ergastulo inclusus tempus et horas a morbo liberas 
licet tristes et aerumnosas calami et iiigenii labore eluderem hancque 
illustrem belli Gerraanici sive Smacaldici (sie) Saxonicique hystoriam 
carmine beroico describerem .... Conlecto carraine cogitavi, apud 
quem deponerem; incidit opportune Vestrae Celsitudinis nomen, .... 
quod illustrissima Vestra Celsitudo duos meos affines sororios Domi- 
iiicum Hochreu tin er um et Eustachium Haslachium') in aula sua 
liberalissimo foveat (!t ad amplissima munia in regimine suo adbibeat, 
inde ut grati aliquam animi signiticationem . . . edereni xeniique loco 
et gratul ation is ad venerabile illustrissimae Vestrae Celsitudinis 
comobium transmitterem . . . ., ut me infirmura humilemque homuu- 



Hamerers sind, nenne ich: Conrad Dinner (in Reutlingers Überlinger 
Chronik „Dymer"), der 1561 am Würzburger Gymnasium wirkte 
(Keller, Progr. der Würzburger Studienanstalt 1850, p. 9); Beatus 
Bishalm, geb. 1566, später Franziskaner zu Würzburg (siehe Archiv 
des historischen Vereins für ünterfranken XV, 1, 203 flg.). Vom 
Konstanzer Dichter Pedioneus, der gleichfalls den schmalkaldischen 
Krieg besans/, wird weiter unten die Rede sein. Über burleske lateinisch- 
deutsche Disticha de Schmalkaldorum balneo, die sich in Reut- 
lingers handschriftlicher Überlinger Chronik (saec. XVI/XVII) Bd. XVI, 
I.Hälfte, Blatt 26 vorfinden, siehe BoU, Zeitschrift für die Gesch. 
des Oberrheins XXXII (1881), .370. — Lorenz, Beitrag zur Gesch. 
des schmalkaldischen Kriegs I (Königsb. Dis?. 1876), 3ü sucht auch 
den Anonymus Menckenianus (prot.) „um Konstanz herum". 

*) Vergl. Allhang V. 430. Die Zurückführung des von Kosroe 
geraubten heiligen Kreuzes nach Jerusalem durch Kaiser Heraclius 
ist ein im späteren Mittelalter öfters behandelter Stotl'; siehe Ebert, 
Litter aturgesch. H, 142. 

') Nach Haggenmüller 11, 109 wurden 1594 Georg von Langeu- 
eck und Dominik Hohenreitinger, Doktor der Rechte, um Mittfästen 
nach Rom gesendet, um die päpstliche Bestätigung der Wahl Johann 
Adams zum Fürstabt einzuholen ; ihre Bewerbung und die Verleihung 
der Regalien durch den Kaiser zog sich in die Länge, so dass unser 
Dichter mit seiner gratulatio (siehe oben den Text der Vorrede) 
nicht allzusehr post festuni kam. Poinsignon schreibt mir: In Gregor 
Mangolds handschriftlicher Konstanzer Chronik (p. 1178) findet sich 
im Verzeichnisse der beim Sturm der Spanier auf Konstanz am 
6. August 1548 Gefallenen ein Dominicus Hochreutiner, welcher der 
Patrizierzunft zur Katze angehört hatte. Dies könnte etwa der Gross- 
vater unseres Domiuikus gewesen sein. Pf. Böll macht mich auf- 
merksam auf die Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees 
1880, 102, wo unter den protestantischen Pfarrern zu Arbon 
für 1560—1563 ein Hans Hochreutiner von St. Gallen auftritt, der 
1563 von Arbon vertrieben wurde und 1567 als Pfarrer in Grabs 
vorkommt. Den Namen Haslach findet man noch jetzt in Immenstadt. 

Neues Arohiv f. S. G. u. A. V. 3. ^ß 



242 Georg Schepss: 

cionem sibi prout sororios mens sit habitura commendatnm. Datum 
Constantiae in ipsis feriis natalitiis Anno 1594. lleverendissimae lU. 
Vestrae Celsit. luuuilis sacellanus*) riiil. Jac. Hamerer D(octor). 

Dass er ein pauper vates sei, weiss Ilaiiicrer am 
Sclilusse des Gedichtes (V. 2822) noch einmal in Erhme- 
rung zu rufen, und wir wollen hoticn, dass Johann Adam, 
der sonst so freigebige Mann, die Anspitdung in Gnaden 
verstanden habe. Seine Kenntnisse als Doktor juris ge- 
ziemend hervortreten zu lassen, bemüht siel» Hamerer 
durch reichliche Citate aus dem kanonischen Recht, die 
er seiner Vonede einverleibt hat; man findet diese Stellen 
in Richters Ausgabe des corp. im-, canonici (1839) I, 
574, 799, 770, 647, 774, 816 flg., 826. Das Streben Hamerers 
ist hierbei darauf gericlitet, den schmalkaldischon Krieg 
als einen nothwendigen, gerechten und verdienstvollen hin- 
zustellen, wie dies schon in der Vorrede der italienischen 
Ausgabe des Avila und auch in den Denkwürdigkeiten 
und Briefen des Kaisers selbst geschieht. So lesen wir 
unter anderem : 

Non ignoravit ntiqne imperator, quod siio imperatorio miuieri 
conipfiteret Bomanam ecchsium det'endoro . . . Hella cnini pro ec- 
clesia suscepta et contra cxconiniunicatos veluti haereticos meritoria 
sunt. 

Nach dem Mitgetheilten befremdet es nicht, wenn wir 

von dem Dichter durchweg den klerikal-katholisclien 

Standpunkt vertreten sehen; an heftigen Ausfällen auf 

die Protestanten lasst es Hamerer dabei nicht fehlen. So 

lieisst es in der Vorrede Blatt 3b: 

plus aequo omnibus iuiperatoiis . . incredibilis tlomentia iniiotuit, 
qua erga rebelles ;ul se denuo conversos usus est, cum potius acer- 
bissima hostium delicta et laesae maiestatis crhnina non nisi severis- 
siinis exquisüissimisqiie tormcntis expiari debuissent. 

Auf Blatt 4 der Voi'rede Avird gegen die sacrilegi 
raptorcs geeifert, wie in V. 2786 gegen die fcri latrones; 
dazu kommt in V. 27C8 abwechselungshalber damnata 
faex latronum und 2780 monstra falsatae fidei- Die exor- 
zistische Stelle, in welcher sich Hamerer über Luther aus- 
lässt, siehe unten im Anhang V. 35—40. Förmlich über- 



") Das Wort in der Bedeutung Capcllnntcs zu nehmen, scheint 
mir bedenklich. In der ersten der von Du Cange s v. Sacellanus 
ansgehobenen Stellen wird lö31 ein sacxdlnnus genannt, der „legum 
doctor" ist. Vielleicht dachte Hamerer, als er diesen Ausdruck 
wählte, an eine Stellung, wie sie etwa Barnabas Bustus inne hatte 
als hiiitoriographus Ilispanns (coroiiista), Dr. tiieol. und Angehöriger 
des kaiserl. sacellum (= Hofkapelle), s. Voigt 622, 641. 



Dr. Phil. Jak. Hamerers Heldengedicht etc. 243 

rascht ist man, wenn es Hamerer V. 2295 über sich gewinnt, 
den Kurfürsten Joliann Friedrich sacra verba prophetae 
liören zu lassen oder wenn er demselben in V. 2456 ein 
honestum vulnus zugesteht, nachdem er ihn in V. 2393 
victimn pinguis genannt hat. 

Mit der Verunglimpfung der Gegner geht sklavische 
Bewunderung alles dessen, was Karl V. that, Hand in 
Hand ; gleich Avila ist Hamerer bestrebt, den günstigen 
Ausgang lediglich der Kriegsvirtuosität des Kaisers zuzu- 
schreiben, hinter Avelchem Alba gänzlich in den Schatten 
zu treten hat. Den Gipfelpunkt erreichen die dem Kaiser 
gespendeten Lobsprüche in dem am Schlüsse des Gedichtes 
angebrachten Panegyrikus von V. 2762 an, in welchem 
dreimal ausgerufen wird : Carole, divinis dignissime honori- 
hus heros. Die immer wiederkehrende Verherrlichung 
des kaiserlichen Muthes und „Zornes" ist indes nicht ge- 
rade geschmackvoll zu nennen, und kompromittiert hat 
Hamerer wider Willen den Carolus Maximus — der 
Positiv hierzu ist Karl der Grosse — auch da, wo er 
ihn in die unmittelbare Gesellschaft der Leichenräuber 
bringt, siehe Anhang V. 2525. 

Eine gewisse Verdrossenheit über seine eigenen ge- 
krönten Zeitgenossen scheint Hamerer V. 433 flg. und 
V. 2815 auszudrücken. 

Treten wir jetzt der Kriegsgeschichte im allge- 
meinen näher, so erkennen wir unschwer die Unselb- 
ständigkeit Hamerers. Als seine Hauptquelle benutzte er 
die durch GuiUaume van Male (= Malinaeus, künftig 
,jMal/' von mir abgekürzt) veranstaltete freie lateinische 
Übersetzung der berühmten spanischen Kommentare des 
Don Luis de Avila*'). Man kann geradezu sagen, dass 
Hamerers Hauptarbeit darin bestand, Mal. in Verse um- 
zusetzen. Von Mal. existieren, wie in Clement, Biblioth. 
curieuse H (1751), 290 dargethan wird, zwei nur in 
Kleinigkeiten auseinandergehende Autwerpener Ausgaben 
vom Jahr 1550. Das Exemplar der Würzburger Uni- 
versitäts-Bibliothek, das ich benutzte, ist eines der zweiten 
Sorte, hat aber das diesem Drucke eigene Bild für Blatt 1 
nicht mehr. Wie sehr sich Hamerer von seiner Ausgabe 
des Mal. abhängig njacht, lässt sich schon aus folgenden 
Beispielen ersehen: die dem Druck beigegebenen Holz- 



') Über Mal. S.Voigt 596 flg. R. Lorenz, Beitrag zur Geschichte 
des schmalkaldischen Kriegs II (Prog. von Gumbinnen 188'0, - ^S- 



16' 



244 Georg Schepss: 

schnitte „Aufstellung bei Ingolstadt" und „Schlacht bei 
Mühlberg"'") zeiclmet Hanierer getreu nach; auch 
die beigedruckte Erklärung Caatiorum difpositio quae 
Carolus V. Caes. Äug. et S)nalcaldici ad Ingolstadium hahiiere 
an. 1540 wird abgeschrieben und zwar mit der Lesart 
Smalcald., während Ilanierer ausserdem nur Smacald. 
schreibt. Der Oberst der neapolitanischen (iarde, Herzog 
von Castrovillar (Herzog Philipp von Braunschweig bei 
Hortleder H, 514 schreibt „Kastrolill."; vgl. Viglius van 
Zwichem ed. Drutt'el 211, „Dux Castrivallae") ist bei Mal. 
118a zu Castronilarus geworden, was Hamerer arglos 
(V. 2348) aufnimmt. Den einzigen unvollständigen Hexa- 
meter, den ich bei Hamerer bemerkt habe, kann man 
sofort richtig ergänzen, wenn man die betreflende Parallel- 
stelle bei Mal. aufschlägt; Hamerer hat nändich V. 2332: 
Nee peditum expectat long ins a st, — vor longius setze 
man iegiones ein, was bei Mal. 117 b steht. 

Sowohl die Thatsachen und den allgemeinen 
Gang der Erzählung, als auch ein gut Theil der 
Phraseologie nimmt Hamerer aus Mal. herüber. 
Hat man die Einleitungsverse (bis 72) hinter sich, 
so kann man Blatt für Blatt die sachliche und 
sprachliche Übereinstimniung Hamerers mit Mal. 
nachweise n. 

Bei der übergrossen Zahl von Fällen, wo sich Wieder- 
benutzung der Diktion des Mal. findet, verweise ich hier 
der Kürze halber nur auf Anhang V. 94 f., 297, 335, 374, 
2451, wo Hamerer den von mir in der Anmerkung mit- 
getheilteu Prosatext besonders ausgiebig ausbeutet. 

Von dem Gang der Erzählung weicht Hamerer selten 
ab; einmal springt er von Mal. 30a auf 19a, um bald 
zu 30 zurückzukehren ; ein ander Mal nutzt er zwischen 
Blatt 105 und 106 bereits Blatt 1 10 aus , und indem er 
Blatt 117 b paraphrasiert, nimmt er Ausdrücke von 12(5 a 
zu Hilfe. Dagegen ist hervorzuheben, dass Hame- 
rer vieles, was Mal. bietet, völlig weglässt. Bei 



'") Ol) die Fedei'zeichmuiff, die Hamerer Bl. ><2 bietet, „Capitu- 
lation des Kurfürsten Johann Friedrich", ihr Vorbild in einem Holz- 
schnitt hat, weiss iih nicht zu sagen. In ziemlich grossen Figuren 
tritt uns folgendes Bild entgegen: links der Kaiser und sein Gefolge, 
sämtlicli beritten ; rechts der lüufürst zu Fuss, in der linken Hand 
den Helm haltend, die rechte Hand auf diu Brust gelegt, die Augen 
zum Kaiser emporgeschlageu. (Holzschnitte in spanischen und fran- 
zösischen Ausgaben des Avila erwähnt Voigt 592 und 598). 



Dr. Phil. Jak. Haitierers Heldengedicht etc. 245 

manclier von diesen Lücken darf man wohl die Absicht 
erkennen, Dinge zu unterdrücken, die in Avila und 
Mal. standen und Ärgernis erregt hatten"). Während 
auf diese Weise die stirps Austriaca'^) (V. 282o) und 
speziell KönigFerdinand '■'*), während Bayern'*), Konstanz'*) 
und Kempten'*) siclitlich geschont sind, wird den Branden- 
burgern die Erzählung der ärgerlichen Rochlitzer Affaire ") 
nicht erspart und der Pfalzgraf Friedrich II. '*j erfährt 
dieselbe maliziöse Behandlung wie bei Avila. 

Übergangen sind von Hamerer imter anderen fol- 
gende Einzelangaben und Raisonnements des Mal.: p]iniges 
zur Vorgeschichte Gehörige Blatt l — 5; Verrath in der 
Ehrenberger Klause 10; Castelalto 10; Verwahrungsbrief 
des Kurfürsten und Landgrafen 11 ; Weg der Kaiserlichen 
durch Tirol 13; Martiana Sylva 15; Zurücklassung des 
Pyrrhus Colonna in Regensburg 16; Monacum 17**); 
Stärke der päpstlichen Truppen 18; strategische Kritik 23; 
Entschuldigung des Kaisers wegen Truppenaufstellung 32; 
Streitfrage, ob Schertels oder des Landgrafen Rath der 
klügere war 33; Alba gegen die Schweizer 35; angebliche 
Muthlosigkeit der Bündischen 36; Schwierigkeit bei der 
Spionage 40; drei Kohorten in Neuburg 41; strategische 
Fehler 41; erschwerter Marsch Bürens 42; Vorgehen der 
hessischen Reiter 49 ; übliche Marschordnung 49; Absicht, 
die Bündischen sofort anzugreifen 50; Hispanicum exemplar 
55; strategische Fehler 56; Digression über Cäsar 60; 
Betheuerungen der Rothenburger 81; Selbstmord 90; 
Friedensbedingungen und Schluss des 1. Buches 93 — 95; 
— Zwickau, Prinzessinnen 96; Strassburgs Unterwerfung 1 Ol ; 
Selbständigkeit des Kriegs von 1547 102 flg.; Joachim Rius 
115; Aufstellung der Truppen 118; Moral 121; Verlust- 

") Voigt 608, 610. 

'*) Gelegentlich sei erwähnt, dass zur Zeit, als Hamerer schrieb, 
den bischöflichen Stuhl zu Konstanz ein Erzherzog von Österreich 
(Andreas 1589 — 1600) einnahm. 

'*) Voigt 609, Anm. 66. 

'*) VoigteiO. Lorenz, Diss. 44, 53; Progr.5, 12, 20. Mauren- 
brecher, Karl V. und die deutschen Prot. 102. 

") Konstanz wurde 1548 in die Acht erklärt wegen Nichtan- 
nahme des Interims. 

J') Haggenmüller II, 25 — 61; die protestantische Altstadt, mit 
den Äbten stets im Streit, schloss sich 1535 dem schmalkaldischen 
Bund an. 

") Voigt 610. 

") Voigt 611. 

") Lorenz, Progr. von Gumbinnen (1880), 16. 



246 Georg Sdiepss: 

Ziffern 123; Odysseevers 124; Cäsar 128; Gesandtschaft 
vom Dnjepr 131; Heinrich von Braunschweifij 132; Ver- 
gleich der gegenseitigen Streitkräfte 132; die genauere 
Aufzählung der mit PhilipjD vereinbarten Friedensbeding- 
ungen 136, siehe dagegen V. 2734 Hg.; Lachen Philipps 
139; unbenutzt bleibt auch der Schluss von 140 b — 144. 

Oftmals Uisst Hamerer die Zahlenangabe des Mal. 
weg, und wo er Zahlen giebt, stimmen sie nicht immer 
zu denen bei Mal.'*") ; manchmal mag die Schwierigkeit, 
die ungefügen Zahlen im Hexameter unterzubringen, hieran 
die einzige Schuld tragen ; ungeschickt war Hamerer in 
der Wiedergabe von Mal. 18 a: von den daselbst erwähnten 
Zahlen 10000+700+200 (päpstliche Hülfstruppen) maclit 
er keinen Gebrauch mid nennt nur den letzten noch dazu- 
geliörigen Posten „100 Reiter" (V. 215). Wie Avila und 
Mal. umgeht auch Hamerer die Daten, aber V. 1300 
steht unlateinisch Jamque Dccemhrales guintae lUnxere 
calendae (Mal. 73). Nicht zu loben ist der Wechsel in 
der Benennung einiger Städte ; so heisst Regensburg bald 
ImhripoUs, bald Ratispona^ bald FeginopoUs oder Regens- 
purgum; Ingolstadt heisst neben Ingolstadium auch Ängli- 
polis ; für Nürnberg steht V. 1950 die kühne Bezeichnung 
Mons Neronis'^^). V^erschwommen sind zuweilen die An- 
gaben über die Kommandanten ; der Caesar verdunkelt 
alle andern; manchmal wird übrigens statt Caesar auch 
gesagt Romuleus (und Romnlus) heros oder auch Rex 
(681, 717, 792), welch letzterer Titel eigentlich Ferdinand 
zukäme. 

Gewann man seither die Anschauung, dass Hamerer 
sich im ganzen von Mal. mehr als billig abhängig gemacht 
hat, so müssen wir doch im folgenden einige Stellen er- 
Avähnen, an welchen Hamerer Angaben bietet, die ent- 
Aveder bei Mal. gar nicht stehen oder aber sicli zu 
dieser Hauptquelle Hamerers in bewusstem 
Widerspruch befinden. Was Hamerer in seiner 
Vorrede behauptet, dass er variis in libris gelesen habe, 

»») Währemi Mal. die Stärke tU-s bünd. Heeres anf 80 000 Mann 
angiebt, nennt Hameier (V. 140) 100000, vgl, Voigt (i93, 755. Siehe 
ferner Lorenz, Diss. 4t;, l'rogr. 21. 

*') S. Meisterlin (in Hegels Deutschen Städtechroniken HI, 48) 
liefürwortet diese Etymologie von Nürnberg. Auch Mal. liebt die 
Antikisierung der Ortsnamen, vgl. Lorenz, Progr. 2. Über Marae- 
ranns siehe Voigt (!.".". — Pedioneus macht aus Scliertel Sertorius, 
aus Büren Pyrrhus, eine Künstelei, die ihm den Spott seines Zeitge-. 
nosseu, des Anonymus Menckenianus, eingetragen hat (Voigt 727). 



Dr. Phil. Jak. Hamerers HeldeugedicLt etc. 247 

ist demnach nicht anzuzweifehi, wenn sich auch vielleicht 
die lihri auf Flugblätter und kurze Relationen reduzieren 
lassen; mitunter scheint Hamcrcr auch einen oder den 
andern ketzerischen Bericlit vor sich gehabt zu haben. 
Ein Plus oder eine Abweichung gegenüber Mal. finde ich bei 
Hamerer: V. 188, wo er erzählt, Karl V. habe anfäng- 
lich durch einen persönlichen Zweikampf mit Johann 
Friedrich von Sachsen den Krieg beilegen wollen ; bei Mal. 
16 b flg. sucht man vergebens nach einer ähnlichen An- 
gabe. In V. 633 nennt Haiuerer als bündische Führer (lieros) 
Isenhurgiacus, comes et Biichlingins aiidax; Mal. 39b spricht 
nur vom „Aldenburgius" (Viglius ed. DrufFel 94, 100: 
Beichlingen; Sleidan [1555] 303 a: BichHngus; Anonym. 
Menckcn. III, 1431: Beuchlingen; vgl. Voigt 699). In 
V. 901 erwähnt Hamerer die am 5. Oktober vorgefallene 
schwere Verwundung Alb er ts von Lüneburg, deren 
]\lal. 54 b nicht gedenkt (s. u. a. Viglius 1-14). Die Mit- 
theilung in V. 2295 von des Kurfürsten Verweilen beim 
Gottesdienst verraisst man bei Mal. 116a, sie steht je- 
doch z. B. bei Sleidan (1555) 320 b und bei dessen Exzerptor 
Lambertus Hortensius (1560) 184; vgl. Voigt 712, 715. In 
V. 2372 nennt Hamerer „Schwinhardica neraora"; Mal. 
119 b hat diese Angabe nicht, siehe aber z. B. Haus Bau- 
manns (Hortleder) Brief vom 12. Mai 1547. Naturgemäss 
kann bei Mal. nichts über die späteren T baten des 
Kurfürsten Moritz stehen; Hamerer dagegen kommt 
in V. 2501 flg. auf dieselben zu sprechen. Selbständige 
Zuthat von Hamerer sind auch die in V. 4H flg. (vgl. indes 
Mal. 19) und in dem grossen Panegyrikus am Schluss des 
Gedichts enthaltenen Hinweise auf die Züge des Alexander 
und Cäsar, wie auf die übrigen Kriege Karls V. 

Zu diesen Verschiedenheiten kommt weiterhin manches 
Einschiebsel bei Hamerer, das nur dem künstlerischen 
Zwecke dienen soll und keinerlei historischen Werth hat; 
hierher gehört unter anderem der zornige Monolog des 
Kaisers von V. 227 an, dem sich ein Vergleich des Kaisers 
mit einem venator anschliesst. In V. 433 ereifert sich 
Hamerer darüber, dass die Könige zu seiner Zeit nicht 
mehr die eigenhändige Führung der Kriege übernähmen, 
und stellt ihnen Karl V. als Muster auf. In V. 698 flg. 
variiert Hamerer das horazische Thema „Integer vitae". 
In V. 1772 flg. wird Karl in vollem Ornat auf dem Throne 
sitzend geschildert; in V. 2566 erscheint als günstiges Pro- 
gnostiken ein Adler zu Häupten der Spanier; einen selb- 



248 Georg Schepss: 

ständigen Vergleich sehe man Anhang 2507 flg.; des Vcr- 
«»•leichs mit Ileruclius- Kosroe wurde schon oben in An- 
racrkung 6 gedacht. — Während in den soeben zusammen- 
gestellten Passagen reine Zuthaten vorliegen, hat Hanierer 
in folgenden Fällen Andeutungen, die Mal. gab, nur weiter 
ausgeführt: V. 445 flg. wird Älal. -50 a velut imhres breit 
variiert und 792 flg. ein Exkurs über Podagra gemacht, 
vgl. Mal. 48 b. l"m doch auch gemäss damaliger Sitte 
(direkte) Reden*'^) einzuflechten, hat Ilamerer 409 flg., 
728 flg., '843 flg. und öfter die Angaben bei Ual. 29b, 
45 b, 52 a etc. weiter ausgeführt. Am bemerkenswerthesten 
ist hierbei, dass er einmal die Worte des i\Ial. 120a ea 
oratione cohortatus , quam in tali occasione animis in'ditum 
excitandis convenire sciehat, in der ^A^eise umgestaltet, 
dass er eine Rede aus Lucan einschmuo;f>;elt. Zu den 
poetischen Zuthaten gehört auch der mythologische Apparat, 
auf den ich alsbald zurückkommen werde. 

Indem ich jetzt die Prüfung des Gedichtes nach 
seiner künstlerischen Seite hin beginne, scheint es mir 
angemessen, zuerst ein paar Bemerkungen über des Dichters 
Sprache an und für sich zu machen. Dass er sich 
gerne an Mal. anlehnt, wurde schon oben gesagt; bisweilen 
sind seltnere Ausdrücke, die er bei Mal. voifand, nicht 
eben glücklich in alltäglichere umgewandelt; so hat Mal. 
17 b aeneator, Hamerer aber macht V. 199 flg einen certus 
minister . . Inßans tuham daraus. Unser Versiflkator ge- 
fällt sich darin, statt der gewöhnlichen Nomina lieber Patro- 
nymika zu setzen wie Brandenhurgiades, Buranidcs, Has- 
sides, Lanoides'^^). Archaismen wie der Plural der dritten 
Deklination auf eis, der Gen. PI. auf tim statt iitm oder 
onim, der Abi. queis, induperator , ipsus , viele Inf. Pass. 
auf ier sollen grösseren Nachdruck und Feierlichkeit ver- 
leihen; daneben finden sich aber entschiedene Fehler Avie 
1500 torihus statt toris, 1532 victrici Marte, 186 campis 
victricihus , 529 tripli statt triplici, 1625 colititros. Sehr 
beliebt sind Adjektive auf hundus. Statt der Kardinalien 
treten oftmals die für vornehmer gehaltenen Distributiva und 
statt eins, eormn das Possessiv snus ein, wie das im Mittel- 
alter Brauch war. Unani>enehm fällt auch sehr häutiy; das 
Plusquamperfekt auf an Stellen, wo Perf. oder Imperf. 



") Voigt 627, 669, 670; Lorenz, Diss. 42, Progr. 20, 22. 
*') Vielleicht hat Haraerer diese Liebhaberei speziell von Pedio- 
neus angenommen. 



Dr. Phil. Jak. Hamerers Heldengedicht etc. 249 

stehen sollten**); hieran wie an manchem Inf. Perfekti 
trägt wohl der Zwang des Metrums die Schuld. Mit 
solchen Erscheinungen stimmt es, dass gegen die consecutio 
temporum viele Verstösse begangen werden. Zu Buranide 
fehlt 1682 die Präp. „a", zu teUure 432 „m"; conicere ist 
falsch konstruiert 2685 und dergleichen mehr. 

Von dem Kunstmittel der Allitteration macht 
Hamerer gern Gebraucli, so V. 295, 785, 929, 1145, 
1363flg., 1606, 1699, 1722, 1724, 1737flg., 1751, 1797,2132, 
2254, 2302, 2664 flg., 2762. 

Metrische Ungenauigkeiten kommen nicht zu häufif 
vor. Am Versschluss stehen in den 2826 Versen: 
102 mal Formen von hostis, 53 mal arma, 50 mal urhe(m), 
26 mal altus, 24 mal heros^ 19 mal ipse, je 17 mal aree(m), 
arva, bellum und Ilassus, je 14 mal phalanges und agri etc. 

Von klassischen Mustern hat Hamerer namentlich 
Lucan*^) und Vergil benutzt; ersteren nennt er selbst in 
seiner Vorrede als sein Vorbild und in der That hat er 
ihn (besonders das VII. Buch) reichlich ausgeschrieben 
Einen wunderlichen Eindruck macht dabei die Wahr- 
nehmung, dass Hamerer ganze Sätze des von Lucan 
glühend gehassten Cäsar wortgetreu herübernimmt und 
sie seinem hochgefeierten Karl in den Mund legt. Einige 
Versschlüsse hat sich Hamerer offenbar aus Lucan ange- 
wöhnt, so senatus, Iherus, lacertus, latehrae, ienehrae, rxdna, 
cohortesj vianipli; auch den beliebten Versanfang Agmina 
verdankt er dem Lucan. Dazu kommt die Anwendung 
von Lieblingsausdrücken des Lucan, wie ira, damnahis, 
Lyaeus, sonipes, cornipes, quadripes, Ceres = frumentum. — 
Dass auch Vergil benutzt ist, wird jedem, der die grenzen- 
lose Verehrung kennt, welche dieser Dichter genoss, als 
selbstverständlich erscheinen; nur ganz gelegentlich wird 
auch Horaz und Ovid berücksichtigt. Ich werde im Anhang 
auf die wichtigeren dieser Originalstellen nur kurz hin- 
weisen, indem ich mich für den vorliegenden Fall behufs 
Raumersparnis nicht entschliessen kann, der sonst so be- 
herzigenswerten Forderung nachzukommen, die Huemer 
in der Phil. Rundschau 1881, 960 stellt, wo er räth, unter 
den Text humanistischer Dichter stets die Belegstellen aus 
den antiken Dichtern zu setzen. 



**) Umgekehrt liest man V. 626 dahat^ wo dederat nothwendig ist. 
**) Über Thiofrid (vita Willibrordi), einen Nachahmer des 
Lucan, s. Rhein. Mus. 1883, Heft 1. 



250 Georg Schepss: 

Um dais lieroische Pathos zu .steigern, wendet Ilanie- 
rer einen wolilassortierten niytliologischen ^leehauLs- 
niu.s und klassische Szenerien an; wir sehen unter andenn: 
Aetna, Bacchus, Bellona, Ceres, Circaea ars, Eos, Erehus, 
Eurus, Ilerculea Ivjdra, Hercules, Ida, Jovis Stella, Lyaeus, 
Lybici ihacones, Mavors und, wenn es des Versniasses lialber 
gerade sein muss, auch einf'acli Mars, Medusa, Oceaniis, 
Olympus, Orcus, Parcae, Parthi, Phoehus, Poenus, Stygiae 
fammae, Tarpesia rupes, Tartara, TJiessalicae herbae, 
Titan, Vestales, Vidcanus. 

Die in der Kriegsgeschichte zu nennenden Völker- 
und Städtenanien tragen woniögHch das antike Gewand; 
Haiierer spricht, wie dies theilweise allerdings auch schon 
JNlal. thut, von AUnhroges, Ausonü, Emporia Aloeni, IJercinia 
sdca, Hespcria , Histrica rura, Iherus, Tnsubres, Ister, 
Menapius, Nemetum tirhs, Pannones, Sicamber ; vgl. auch 
üben S. 246 nebst Anmerkung 21. 

Die Offiziere, darunter auch solche von tieferen Rang- 
stufen, werden mit Vorliebe heroes genannt; daneben 
figurieren dynasta und gymnasta. Auch für die Waffen 
sucht Hamerer thunlichst nach klassischem Anstrich und 
spricht von: fulmina Martis rotis vecta, Mavortia tormenta, 
Martia fulmhia tormeutls explosa cavis, ignivomae fauces, 
Vulcania tela, Vidcania techna, Vidcana machina, catapulta, 
aera (PL); globus , sphaera, glans; sclopxts, bombarda ; 
acinaces, sarissa etc. 

Es gilt von Hamerer dasselbe, was Voigt 072 über 
Oliviero^") (Alamagna) sagt, dass nämlich bei ihm aus 
kleineu Scharmützeln homerische Schlachten werden. Neben 
bombastischen Stellen wie 2159, wo für die einfache Mani- 
pulation des Frühstückens gesagt wird „Cereris viunera'^') 
Sacra assumuuf^ , begegnen auch solche, deren Überschwäug- 
lichkeit leicht Lügen gestraft werden kann; so heisst es 
V. 312, die Verschanzungen seien caelo assurgentia ge- 
wesen, Avährend Älal. 27 fig. viel von der zu geringen Höhe 
derselben zu berichten weiss. Dass die Zahlen unserem 



*") Audi der Götter- iiiul Dämonenapparat ist bei Oliviero sehr 
ausijebilik't, und die bei Hamerer so übermässig oft auftroteiuU; ira 
erscheint bei Oliviero als symbolische Figiu ; vgl. indessen die oben 
zusammengestellten Entlehnungen aus Luean p. 249. 

*') Das in V. 508 vorkommende ..muiiera Hacchi" ist bei mittel- 
alterlichen Dichtern beliebt, s. Maximian eleg. ed. Wernsdorl' I, 
163; Kcbasis captivi ed. E Voigt Y. ()3-2; Apollonius Tyr. metr. ed. 
Dümmler V. 7ö9; Boethius De consol. phil. ed. Peiper 39 v. 6. 



Dr. Phil. Jak. Hamerers Heldengedicht etc. 251 

Dlcliter viel Mühe machen , ist schon erwähnt worden ; 
geradezu barock und geschmacklos müssen aber Angaben 
genannt werden wie 597 flg., 2340 flg., siehe Anhang. 
Unschöne Ausführlichkeit bemerkt man V. 2504 flg. in 
der Behandlung des Gelynchten. 

Vergleicht man Hamerer mit seinem I-andsmann 
Pedioneus^*), der 1547 drei Gesänge über den schmal- 
kaldisclicn Krieg zu liefern versprach, "während nur einer 
davon gedruckt ist^^), so muss zugestanden werden, dass 
der Vergleich zu Gunsten Hamerers ausfällt. Mag immer- 
hin Hamerer einige Kleinigkeiten (etwa das freilich schon 
durch Vergil bekannte ausis [= durch AVagnisse], Formen 
auf ides-ades, Schilderung eines Wolkcnbruchs [Hamerer 
455 flg.]) aus dem Werkchen des Pedioneus im Auge ge- 
habt liaben, so ist doch im ganzen seine Unabhängigkeit 
von demselben zweifellos. Pedioneus giebt in seinen 961 
Versen stofl'lich nicht mehr, als Hamerer in den ersten 
578 Versen, und gegenüber dem ermüdenden mythologischen 
Übermass und visionären Schwulst bei Pedioneus wirken 
Hamerers schlichtere Verse förmlich w^ohlthätig. 



Anhang'"). 



T 1 527 • 8 

1 Tempus erat, Stygiis cum flammis arserat orbis 4G9 ; v'g 2, 203! 

Arctous; veteris (lamiiaverat ocia pacis l 3, so. 

Teuto, subit rabies ininianisque Haeresis onines 

Infecit popnlos, violata lege Deorum .... 
15 Desertoque Erebo terras Belloiia revisit l 1, 565. 

Et gentem in gentem furiosis concitat armis 

Et patribus gnatos et natas matribus hostes l 2, 149. 

Reddidit .... 
35 Heu tantum unus homo potuit producere eladem 

Excusso Christi iugo positoque cucuUo? 

Heu quod (sie) noii vivus terrae est absoiptus hiatu? 

Cur 11011 in siliccm conversus (es)t arte Medusae? 

Aut non es medijs ustus fornacibus Aetnae, 



=") Voigt 1?A. 

2') Der Uiiiv.-Bibl. Leipzig danke ich hiermit für die zeitweise 
Überlassung des seltenen Druckes. 

'*) Abkürzungen : L = Lucans Pharsalia, Vg = Vergils Aeneis; 
wenn die Ähnlichkeit einen besonders hohen Grad erreicht oder 
völlige Gleichheit vorliegt, setze ich L! Vg! 



252 Georg Schepss: 

40 Ante tuuin toto quam diditur orbe veneimm? . . . 
50 Qiialiter arreptis olim rivilibus armis 

Poinpeius socero belluni coinmoverat atrox .... 
56 Tandem Magnus erat comprcssus Caesaris arniis 

Pellaeusque puer gladio illi cnlla recidit .... l« g, eo7. 

69 Causa iubet inelior superos speiare setundos .... 
73 Praeses eras sceleris Sa.xo Friderice nefandi 

Et vafer in foedus venit Landt'gravius (su) Hassus 
lö Du.v alter, magnus fraudisque dolique niagister; 

Jnnxit opes princeps qui sanra Palatia Rhiüii 

Possidet, auxiliiim t'ert Wirtcmbergicus lierns. 

Inque hoc consensere nefas iion segnius Urbes Mai. ih. 

Romuleae, ([uarum futrtvt Vindelica princeps 
80 Augusta infoelix aiitiquae prodiga famae, 

Et te nee socias pudet Uhna adinngere dextras, 

Quae poteras Aquilas gazis servare vel una .... 
89 Interea Caesar lielgarum regna teneliat Mai. 2 b. 

Atque Katisponani Traiecto tendere pergit .... 
'.14 — Jieginopolim venit mansurus ad Istri Mal. 5 b. 

Ripam*'j, Boiariae in gremio et tellure iacentem .... 
188 Tarn patriae sitibundus erat cupidnsque salutis, 

Cum duce quod cnperet causam tinire duello 

Dux ipsß et vitae reliquas servare cohortes .... 
227 Caesar ut aspexit cristata casside gentes Mai. i8b. 

Armatis in equis : ,,Et quid non currimns, inquit, 

„Et gentem invisam districto tollinius ense? 
•2H0 „An dubitanius adhucV numerus nuni territat hostisV 

„Sunt aninii r.obis, stant lorti pectore vires 

„Invictae, ncc enim nos Martia fulniina terrent 

„Tormentis explosa cavis; corrunipite ferro!" 

Dixit et extensa fervorem prodidit hasta 
2H6 Flexilibusque suam dctexit cursibus iram. 

Qualis ubi in silvis currit venator apricis 

Et vibrat erecta ( ircum venabuhi de.xtra, 

Quicquid post alnos videt et quod percipit aure 

Credit aprnm et praedani parteis sectatur in omnes 
210 Impatiens, donec recidat iugulanda sub ictum .... 
294 Hoc viso .Mbanus totas se etiundere vires Mai. 23. 

Cogitat et celeri Cursore in castra referri 

Id iubet; agniinibus Caesar mox sistere inssis 

Pro castris aciem struit*') atque intirma locorum 

Fluminis ad ripam carrorum pondere munit .... 
33.^ Tympana dant sonitum et mox listula clamat acute; Mai. 2«. 

Conseruere manus atque ol)via acinace sternunt, 

Et tribus amissis sociis in castra revertunt'*) .... 
373 Jamque acies clare quo staret in ordine visa. 

Praebebat speciem cnrvatae in cornna lunae") .... 
424 Sic domuit Gallos invicto Marte feroces Mni. 30. 

Julius, extreraos subiecit in orbe Britannos, 



*') Mal. 5b ad Istri ripam. 

") Mal. 23 b pro castris aciem instruit. 

") Mal. 26 a tribus amissis incolumes in castra reversi sunt, 

'*) Mal. 27 b in cornua cnrvatae lunae speciem praeberet, 



Dr. Phil. Jak. Hamerers Heldengedicht etc. 253 

Sic generum oppressit bellis civilibus hosten»; 

Sic quoque longinquos Macedo penetravit ad Indos 

Atque indefesso siiperavit milite Taurum 

Caucaseasque alpes uec iion Memphitica regna; 
4.'i0 Sic quoque Cosdioam conipressit Heraclius hosteiii; 

Sic quoque praesenti pacavit numiue (Jallum 

Carolus et cepit Lybica tellurc Tunetum. 

Nee mirum toties quod tanta talenta profundunt 

Incassum Reges, alieno praeside belli 
435 Praefecto, iiostri: non servura subditus audit; 

Ipsi adeant gentes sibi concilientque rebelies 

Nee minus ad bellum quam se fornacibus aptent, 

Atque erit ad causas Deus iiidulgentior aequas .... 
H5 Qualis ubi densis se involvit nubibus aether 

Et saliente graves ceciderunt graiidiue iiiinbi^*), wai. 30. 

Sic densi cecidere globi sub valla frequenter, 

Nee secus ac largi resolutis nubibus imbres 

Descendunt et humum complent pluvialibus undis .... 
556 Altera sphaera vigens praetoria castra subivit, uui. 36. 

Perforat et medium penetrale, ubi regia stabat 

Sponda instrata thoro plenis tumefactaque plumis .... 
597 Tot iuerant glandes, nato fluxere quot anni Mal. 38. 

Salvatore, quater centum si iunxeris illis .... 
669 — V \j Haec scriptis adiungitur uua coronis: Mai. 41. 

„Vos modo vos, Urbes, thesauros promite cryptis ; 

„Omnia sufficiunt, nisi nos quod deficit aurum: 

„lloc date; quod reliquum est, iio^tris committite dextris ; 

„Nos Aquilas dabimus victas hostemque superbum." .... 
698 Integer haud metuit Parthorum tela veneno Hör. 1, oarm. 22. 

lUita, Thessalicas speruit beue couscius herbas 
700 Inque Deo fidens Circaea aconitha vorare 

Audet et in solo sua vitae stamina ])onit 

Numine et ad placituni credit se vivere Divum 

Atque mori superum quando stata meta cucurrit .... 
753 — \jyj — uu — vicit tarnen improbus omnem Mai.46, VgGeorg2, 145. 

Duriciem labor .... 
784 Consilium mutat, methodum qua includeret hostem Mal. 48. 

Invenit et victu vicinis nndique villis 

Quaerendo arceret .... 
792 Nodosa et Regem coepit vexare podagra 

Regibus infestus morbus tabesque tyrannis 

Propria . ea articulos diris cruciatibus angit, 
795 Elicit Herculibus lachrimas muresque timere 

Cogit et exiguos aliquando horrere catellos; 

Ergo vehit lectus Regem portatilis alte .... Mai. 48 b. 

897 — — ast luxit iuvenes impensius hostis 

Illustres quosdam claraque propagiue cretos: 

Brunswicensis erat casus lachrimosior uuus 
900 Principis innumeris confosso corpore plagis-, 

Alter erat Luuenburgi ducis inclyta proles . . . • 
929 Fit via vi, auspicio succedunt vota secunda .... vg 2, 494. 

942 Istri iamque iugis surgebat lucifer Idae .... Vgi 2, 801. 



**) Pseudo-Lucan ad Pisonem V. 57 : cum grandine nimbos. 



254 Georg Schepss: 

985 Persequitnr fiigientem hostern velncior Euro uai. r.s. 

Miles equis, campus tremit et tellure soluta, 

Qiuiiitus Bistuiiio torquetur tiirliiiie imlvis L! 4, 7C7. 

Aera mibe sua texit traxitqiie teiiebras, Li 4, 7gs. 

Sigiiaque consequitur longo praeeiu;tia passu 
990 Jamqne iiistat tergis: funduntur Signa qnaterna, 

Plurinia pars capitur .... Mai. öst). 

11-10 Fausta sab haet; veuiuut in castrum nuncia Regi, Mai. ü7. 

liella in Saxonicis terris confecta seoundis 

Votis, indigenas doniitos et Marte coactos, 

.\gniina Fcrdnando sese opponentia fratri 

Manricioque diui vi victa et acinace caesa, 
1145 Hosque duces tota prope iam diiione potiri. 

Caesar nt haec didicit, simul haec resciret ut bostis, 

Publica laetitiae totis mox edure castris 

Instituit Signa et magno torraenta cavari*') 

Conressit nnmero et smiitu vastoque lioatu 
1150 Hostibiis indicium dedit et sua gaudia pandit .... 
I2;!ö Plurinia huiuaiiis antehac incognita niensis Mai. tü Li o, ii6. 

Dirijuiit miles, dunio:s carpebat agestres, l: g, u7. 

Vulsit ab ignotis dnbias radicibns herbas Li c, iia. 

In petudum ceciditque cibos et gramina orudo li 6, iii. 

Arripuit morsu segetunique apprendere culmos 

Coepit ft bis rabiem ventris saturarc latrantis .... 
1301 Et sna castra niovet per amira silentia noctis... Mai.73Vg2,'<:öj. 

1325 Alter ab advcrso tunnüus surgebat in altum . . . . Mai.74, L3, 37'>. 
1579 Nemo qnidem stricto me*') iure absolvere iudex Mai. S4. 

Quibit, at bis lachrimis veniam dabis, optime Princeps .... Vg2,i4.'). 
1750 Haec ubi dicta domum referebant oratores, Mai. 92; Vg2, 790. 

Ancipiti cives") trepidant terrore per urbom 

Conciliumque vocant, repletur Curia lectis 

Sensaque conscripti dixerunt turbida patres. 

Omnia dum raptim peragitquu vovetque senatus, 
1755 Constitit in medio Circaea absconditus arte 

Schertelus patruinque notat sibi noxia vota 

Inque hominem raagica rursus conversus ab arte 

Prosilit in medium et mortales exhibet artus 

Et nil cunctatus vocem prorujtit in istani: 
1760 „Grandia scrutari scio vos molimina rerum 

„Pangendumque recens agitis cum Caesare foedus 

„Et vultis recte capiat ne damna cavere 

„Puldica res, ergo curas non improbo vcstras; 

„lias ne interpellera, me mox ex moenibus istis 
1765 „Ejiciam, patni vos ergo valete penates." 

Dixit et erupit, celerans vestigia, portis 

üccultisque viis Cantonum in rura recessit. 

Post Ulli iam votis clausit decreta senatus, 

Ulmaai legati gressu venere retlexo 



'•) Dies Freudenschiessen zu Ehren des Sieges bei Friedberg 
fand am 8. November statt, siehe Viglius' Tagebuch 8. November 
und Lorenz, Progr. von Gumbinnen (1880) 0- 

*') Es spricht der Pialzgraf Friedrich. 

*'j Das heisst die Augsburger. 



Dr. Phil. Jak. Hamerers Heldengedicht etc. 255 

1770 Jamque siiam facta est recitare liceucia causam. 
Aurato Caesar solio consederat alte 
Ostro constrato textisque in margine genimis, 
Conspicuus mytra chlamyderaque indutus equestrem, 
Sceptra premens dextra, gestans poma aiirea laeva, 

1775 Ornamenta sacrae Imperialia Maiestatis .... 

1796 Jamque resurrexit patria pax integra tota, 

Solum hyberna vetaiit in praesens poscere poenas 
A ducibus sceleris meritasque infligere mulctas; 
Sed mox vere novo iam bella sepulta virescunt. 

(Hier schliesst Buch I; Buch H beginnt:) 

1800 Caesar in Ulmensi dum agit hybernacula circo Mai. 95. 

Dumque rebellantes Romanis fascibus ürbes 

Restituit i>acemque instanrat legibus alraani: 

Saxo recollectis percurrit viribus omne 

In patria ditione solum et quaecunque subegit 
1805 Oppida Ferdnaiidus, repotito Marte recepit .... 
1811 Thumsernumque dolis instructum atque arte Pelasga . . . Vgi 2,102. 
1959 Jamque Norinbergae succossit raoenibus hospes Mai. 102. 

Caesar, quem recipit gestu plaudente senatus .... l 7, i,s. 

2295 Saxo, dum medio transibat Humine Caesar, Mal. 116. 

Audiit ex ambone sui sacra verba prophetae 

Nilque minus fieri secura mente putavit 

Quam fluvio Caesar sese ut committeret alto. 

Ast ubi tentari facinus praegraude videl)at, 
2300 Formido incessit meutern subitoque tumultu 

Dat sua terga fugae, spes baec erat una salutis, 

Nee Milburganum munivit milite castrum .... 
2.336 In bifidam cunctas aciem diviserat alas Mai. 117. 

Caesar, prima quater centum levioriitus armis 

Conspicuos equites tenuit, quos duxerat heros 

Antonius Toletanus Lanoide^') iuncto; 
2.S40 Pannonum erant totidem, toties sed iungito deuos 

Quot digitos habet una manus; pars aliera gentis 

Istius ad Torgam, quo tum ]iroperaverat hostis, 

Exploratum abiit primo sub lumine solis .... 
2354 Ordine continue primo processerat hostis, Mai. 118. 

Saxo suas circum turmas equitaverat ipse 

Quaeque necesse piitat, iubet iniperat ordinat acer. 

Pulveris is primum deceptus nube suborti 

Solum suspicieus aciei Signa prioris 

Caesareum post illa sequi non credidit agmen, 
2360 Sed Torgam accelerare putat, praeverteret ut se. 

Hinc spes aucta sua est, facili et sese impete sperat 

Fusurnm Albanum, lateri sed qui astitit una 

Crucius iiispexit motus attentius omnes: 

„Cede loco princeps, ait, atque sequentia signa 
2365 „Aspice"; — conversus Saxo videt ordine longo 

Caesareum ire agmen iuxtaque astare Tetrarcham 

AUobrogum Regemque suos praecedere binos 

Ex se patre satos; vexilla id picta docebant. 



S9 



) Voigt 660 flg. 



256 Georg Schepss: 

His consteriiatus sigiiis mutaverat omne 
2370 Consilium Torgae intraiidae rieque fidere niuris 

Viilt satis intirmis: se raox uiedio agmiiie misrut 

At(|ue iter attoiiitus nemoia ad Seh winhardica tlectit, — 

Non procul illa aberaiit, — spemquo lianc in pcvtore nutrit 

Se reliquiim latitarc diem securius illis 
2375 In silvis i^osse, ast ubi nox iam sole sepulto 

Iiigrueiet, Wittenbergam se iiifene sub arcem; 

Impediunt silvam dispersae liinc iiide paliides 

Angustae et colles ; haec rebus idoiiea Saxo 

Esse suis ratus, ut conatis exitus esset 
2o80 Promptior, ingeiitem adversas iiimittit in alas 

Bombardistarum luuuerum glandesque voraentuni; 

ücyus it miles maiidataque iortiter implet. 

Haec iiiter Caesar iam signa priora prehendit 

Astantcsque monet coetus et talibus iufit: 
2385 ,Mile?, adest toties optitae copia pugiiae! m 7, 251. 

„Nil opus est votis, iam fatum accersite ferro! li 7, 252. 

„In raanibus vestris, quantus sit Caesar, habetis. ia 7. 253. 

„Haec lux monstrabit clare qui iustius arma li 7, 25s). 

„Sunii)S('rit, ista*") dies victum factura noientem est. li 7, 2fio. 
2390 „Non datur hinc reditus, miles, nisi l'udimus hostem: 

,,Si pro me patriam ferro tlammaque petistis, Li 7, 264. 

„Nunc pugnate truces gladiosque exolvite culpa! li 7, 262. 

„Victima pinguis erit nobis liic Saxo sub armis 

„Aut cum laude cadam manesque sub aethera mittani. 
2395 „Ite per ignavos populos famosaque regna li 7, 277. 

„Kt primo ferri motu prosternite gentem!" Li 7, 278. 

Dixit et Albanus iamiam moturus in liostem; 

„Irruo Caesar, ait, reducem aut me funus liabebis 

„Aut me victorem cum capto Saxone cernes . . . ." 
2409 Praecipitique gradu iam cunctum Caesaris agmen li 7,4%. 

In densos agitur cuneos perque arma per hostem li 7, 4ü7. 

Quaerit iter, qua torta graves lorica catenas Li 7, 498. 

Opponit tutoque latot sub tegmine pectus Li 7, 499. 

Nil tarnen hie tutum satis, est ad viscera ferro 

Hac quoque perventum, calet omne a Caesare IVrrum.. li 7. .">oo, :)03. 
2422 Saxonicus eunctis petitur cruor: inde sagittae, Li 7, 511. 

lüde faces et saxa volaut, spatioque solutae li 7, 512. 

Aeris, et calido liquefactae pondere glandes .... Li 7, r)i:5. 
2447 Hos inter venit Albanus praefulgidus armis Mai. 121. 

In niveis auro caelatis puniceoque 

Insigni ex hunu'ris et equo spadice recumbens, 
2450 Trii phaleris sparsum ostentans i)er membra cruorem 

Vuluere difl'usum . Caesar quem dum excijjit, ecce 

Nuncius att'ertur de capto Saxone faustus*'). 

Mox Frisio provectus equo (hnlucitur ipse, 

Ferrata armatus tuuica tlioraceqiie nigro 
2455 Hanc super inducto loris post terga rcvincto, 

Yulnere maxilla in laeva foedatus honesto; 



*") Handschr. iste. 

•'; Mal. 121b Caesar dum . . . Albanum excipit, ecce de capto 
Saxone nuiuius laetus aftcrtur. 



Dr. Phil. Jak. Hamerers Heldengedicht etc. 257 

Caesare iam coram positus descendere certat 

Cornipede eque sua maniram deponere dextra. 

Caesar iit aspexit cicatricem et corpus obaesum 
2460 Saxonis ac astu et sudore flueiitia membra 

Aridaque ora siti fessosque ut anhelitus artus 

Arctio,r urgeret — ceii clementissimus*^) ipse est — 

Descensu interdicit equi manicamque reiecit. 

lUe Caput nudus Germano idiomate Regem 
2465 AfFatus: „Me nunc tibi, clementissime Caesar, 

„Captivum dixit, statuo" nee plura locutus. 

Caesar ad haec: „Tandem didicisti dicere Caesar 

„Jam victus ? sie me solitus non ante vocare, 

,,Qui tibi dicebar Gandaviis Carolus unum, 
2470 „Nunc merito sors ista tuo tibi, Saxo süperbe, 

, übvenit et fastu inflatum demittere cristas 

„Compulit ac victum nostris te tradidit armis**)." 

His dictis siluit defixaque lumina terrae 

Saxo bumeris pressis tenuit stupidusque sedebat 
2475 Et gemitum ex imo deduxit pectore magnum .... Vg i, 485. 

2492 Mauricius Saxo, qui (Jaesaris arma secutus Mai. 122. 

Dum profugos longe furibundus fertur in hostes, 

Prodit eques sclopumque retro post terga subindit 
2495 Perfodere attentans iaculata viscera glande: 

Nondum ast venenmt supremi tempora fati 

Dumque rota silicem tri^'it, non emicat ignis ; Mai. 123 

Sic ex fortuito casu servata periclo 

Extremo sua vita fuit, quae proxima fato 
2500 Jam fuit et tenui pendebat prodita filo. 

Servatus tarnen est ad non nisi perüda facta, 

Tunc ubi collusit Gallo corruptus et auro a 

Caesare desciscens Alemannica prodidit arva. 

Corripuere equitem comites ducis, bic rapit aure, 
2505 nie pede, ille manu, correptaque corpore toto 

Dilacerant membra atque animam de pectore trudunt. 

Qualis ubi iiulomitus vaccam leo corripit ungue 

Et collo arreptain sternit sugitque cruorem 

Sanguine iainque satur carnem discerpit et ossa 
2510 Frustaque ludendo parteis dispergit in omnes, 

Sic quoque discerptum dift'uso hinc inde cruore 

Disiecit corpus miles sannisque secando 

lUusit truncisque afMnxit scommata membris .... 
2525 Jamque inhiat spoliis et depraedatur onustos Mal. i?4 

Carros bellator quisque et pars sqnalida caeno 

Vestimenta virum scrutatur collaque circum 

Exolvunt torques rapiuntque monilia tlavo 

Fusa auro, nudant latera et pugione soluta 



**) Siehe Voigt 601: ,,Es ist bekannt, dass dem Kaiser der 
Gedanke nicht fern lag, dem gefangenen Johann Friedrich den Kopf 
abschlagen zu lassen". Vgl. Mocenigo bei Voigt 656 und Mauren- 
brecher, Karl V. und die deutschen Prot. 142. 

**) Zu Johann Friedrichs Geschichte siehe jetzt auch Schnorr 
von Carolsfeld in seinem Archiv für Literaturgeschichte 1882, 
p. 177 flg. (Erasmus Alberus). 

17 

Neues Archiv f. S. G. ii. A. V. 3 



258 Georg Schepss: 

2530 Argouti giavido gemmatosque muliquc iloxtris 

Absciiuluiit iligitos. Habet et sua praemia Caesar, 

Ingentem aniioiuin cunmliun bellique paratuni .... 
2563 Iiisuper ad littus viciiia !)estia silva 

Prodigiosa lupiis prodit nianibusfiue propimiuat 
2565 Militis; hie (oto laiiiavit corpore iiioiistriiii), 

Hispauaeque super volitabnt vertice geiitis 

Ales Sacra Jovi longiun et superastitit illi .... 
2604 Contiscautur opes quascuiique Elector habebat**); 

Tormentorum ingens minierus conflatur in luiuin; 

Gota solo aequatur millis snperabilis armis; 

Restituuntnr ii, qiios hello ceperat ante; 

Diix trahitur captus quauunnque it Caesar in Aulam; 

Sacroriim in raptus Caesar praedasque bonorum et 
2610 Relligioiüs opus sibi iura ferenda reservat. 

His aninium adversis uunquam deniiserat altum l-j, 34i flg. 

Saxo, st'd immoto toleravit pectore casus 

Quoslibet, afflicta et maior vult sorte videri . ... Ovid, met. 6, 195. 
2682 Heu nihil invitis fas quenquani tidere Divis! Vgi 2, 402. 

Quidiiam te, Hasse, niovet vel qui te spiritus augit, mjiI. i34. 

Ut iam Romano spem totam in Rege salutis 
2685 Conjicias'^ tumidis qui dixti saepius ante 

Buccis vel centum passurum in corpore uiortes 

Quam cadere ante pedes Romani Caesaris unquara .... 
2731 „More tarnen nostro**) totum hoc aholemus et imis Mai. i38. 

„Orantnm precibus facinus dimittimus ingens 

„Et capitis nnilctam meritae decretaque mortis. 

„Hiiec tarnen observanda tibi mandata capesses: 
2735 „Tuque cliensque tuus mihi sacramenta vovete, 

„Cuncta voluntati porro permittite nostrae, 

„lnq\ie manus nostras bis dedas oppida bina, 

„Munitosque locos ac omnia dirue castra, 

„Bis centum tradas rhoedis tormenta reposta, 
2740 ., Tuque aurum mulctae persolvas nomine iiissum. 

,,[nque tua quisqnis residet ditione virorum 

„Nobilium iuramento mihi rite cavebunt, 

„Tu si quando fide rursum decesseris, ut te 

,,Captivum statuant Romani ad Caesaris Aulam." 
27-15 Jani([ue pavimento prostratum se erigit llassus 

Albanumque sequi iussus concessit in arcem, 

Qua fuit haud pauco detentus tempore vinclis**). 
2766 Quis non llerculeos dicatque car.atque labores? 

ÜDUS ai) excidio patriam tu, Carole Dive, 

Servasti, oppressa damnata faece latronum .... 
2776 Elieu, si superi non hat-c tua, Carole, iusta 

Bella secundassent addendo robur ab alto 

Atque negavissent oppresso hunc hoste triumplium, 

Quäle Chaos foret haec tellusV quae forma pcnatum? .... 



**) Die Verse 2604 — 2609 haben am Rande die Nummern 1 — 6; 
sie enthalten das Wesentlichste der dem Kurfürsten auferlegten 
Friedensbedingungen; Mal. 128b flg. 

**) Es spricht der Kaiser zum Landgrafen Philip]). 

*») Maur en breche r 1-45. 



Dr. Phil. Jak. Hamerers Heldengedicht etc. 259 

279.3 Te nemo sub sole fuit magis inclytus, ante 

Te cunctos vincis nuncque est tibi nemo secundns, 
2795 Nemo magis virtute poteiis aut fortior annis ; 

Hoc sensit Tiircus de Pannonis erbe fugatus, 

Sensit item Gallus Papiensi captus in horto. 

Subque iugum ductus sensit tua numina Poentis 

Romanusque pater contra te foederis author. 
2800 Sensere innumerae gentcs quas conspicit Ortus 

Et sol Occiduus, Septentrio Meridiesque; 

Arma apud Antipodas tua longe dissitus Indus 

Vidit et extimuit; quas tu mansuescere gentes 

Fecisti vitam ducentes more ferarum; 
2805 Sensit et invictum toties Germania nunquam 

Glarius ac quando coniunctis viribus arma 

Tota fere intulerat tibi, Saxoiie et Hasside captis .... 
2812 Jamque tuis armis laetatur pace recepta 

Teuto nee ingratus dignos tibi libat honores, 

Jamque optat caelo redivivum labier alto 
2815 Imperiique Sacri fessis succurrere rebus, 

Atque utinam posses, sed nobis te invidet aether .... 
2822 Teque quidem pauper descripsit carmine vates 

Heroo meritisque tuis expressit honores, 

Concussum inde cupit lamam proferre per orbem 

Et primam Austriacae stirpis celebrare columuam 
2826 Plus ultraque suos apud insinuare nepotes. 



17'- 



Literatur. 



Sächsische Klelderordmingen aus der Zeit von 1450 bis 1750. 
Von 01)erlelirer L. Bartsch, Erste und zweite Hälfte. (.39. und 
40. Bericht über die Köiiic:). Realschule I. 0. nebst Progymnasium 
zu Annaberg.) Annaberg, 1882 und 188.3. 28 und 40 SS. 4o. 
Unter der Fluth der jährlich erscheinenden Programmabhand- 
lungen findet sich verhältnismässig wenig wissenschaftlich Brauch- 
bares; es ersclieint daher geradezu als Ptiicht, derartige Ausnahme- 
fälle hervorzuheben, um so mehr, als die Programmliteratur eine 
sehr kurzlebige zu sein pflegt, so gut wie; gar nicht in den 
Buchhandel kommt und weiteren Kreisen , selbst denen der Fach- 
gelehrten, in vielen Fällen überhaupt nicht bekannt wird. Die 
i)eiden vorstehend genannten Programme, auf die wir hier, wenn 
auch nur in aller Kürze, aufmerksam machen, gehören zweifellos zu 
denjenigen, von denen man bedauern müsste , wenn sie das allge- 
meine Schicksal theilten. Jeder, der sich mit Verwaltungs- und 
Sittengeschichte, insbesondere mit Städtewesen beschäftigt, kennt 
die interessante Erscheinung auf dem Gebiete der Luxuspolizei, die 
den Gegenstand des Verfassers bildet, weiss aber aucdi, mit welcher 
Mühe es verbunden ist, das Material einigermassen vollständig zu- 
sammenzubringen. Der Verfasser hat sich diese Mühe nicht ver- 
driesen lassen; er hat im Hauptstaatsarchiv zu Dresden, sowie in 
verschiedenen Stadtarchiven und Bibliotheken eine grosse Menge 
handschriftlichen wie gedruckten Materials ausfindig gemacht und 
durchgearbeitet, zeigt sich auch in der bisherigen Literatur nicht un- 
bewandert. Um so mehr hat sich Referent darüber gewundert, dass 
der Codex diplomaticns Saxoniae regiae nicht ausgiebiger benutzt 
wurde; so wären z. B. die I, 9 tlg. erwähnten Leipziger und Dresdner 
Verortlnungen über die Spitzenscbulie sicher eher nach den korrekten 
Drucken des Cod. dipl. (IL 5, 223. 8, 2.37 u. 333) als nach Chro- 
niken mitzutbeüen gewesen; ebenso fand sich hier (II, 22() flg.) 
reicheres Material über den durch die Kleiderordnung veranlassten 
Aufstand der Leipziger Studenten; gar nicht erwähnt fand ich die 
Leipziger Polizeiordnung von 1463 (a. a. 0. 8, 294 flg.). Das die 
Stadt Freiberg betreffende urkundliclie Material hat B. nachträg- 
lich in einem Aufsatze (Mittiicilungen des Freil)erger Alterthums- 
vereins XX, 1 flg.), der im Übrigen nicht viel mehr als die Pro- 
gramme enthält, nach dem Cod. dipl. 11, 12 bearbeitet. Abgesehen 
von dies(!r kleinen Ausstellung verdient der Fleiss und die Sorg- 
falt des Verfassers alle Anerkennung; auch dass er die poetische 
Literatur namentlich des 17. Jahrhunderts ausgiebig verwandt hat, 



Literatur. 261 

sowie dass er auf Gruml eiugeheuder kostüingeschichtlicher Studien 
die sonst schwer verständlichen Einzelbestimiuungen sachgemäss er- 
läutert, ist sehr dankenswertli. Jedenfalls wird die sächsische 
Spezialgeschichte erheblichen Nutzen aus den beiden Arbeiten 
ziehen, und man wird wohlthun, sie auch für allgemeinere Z^vecke 
nicht zu übersehen. 

Dresden. H. Ermisch. 

Chronicon Islebiense. Eisleber Stadt - Chronik aus den Jahren 
15B0 — 1738. Nach der Urschrift mit erklärenden Anmerkungen 
und einem Ürtsregister herausgegeben von Dr. Hermann Groessler, 
Gymnasial- Oberlehrer, und Friedrich Sommer, Rektor a. D. zu 
Eisleben. Eisleben, 0. Mäbnert (Komm.). 18s2, VIII u. 296 SS. 8». 

Die grossen gewaltsamen Bewegungen, von denen im Laufe der 
Vergangenheit die politische und wirthschaltliche Entwickelung 
unseres deutschen Vaterlandes ergriffen ui;d erschüttert wurde, sind 
ebenso wenig wie die friedlichen Umbildungen an keinem auch der 
kleinsten landschaftlichen Kreise je spurlos vorüber gegangen; als 
lebendige Glieder des Ganzen haben letztere an den Fortschritten 
und Rückschlägen, die das Geschick der Gesamtheit aufzuweisen hat, 
zu allen Zeiten theilgenommen; nur Stärke und weitere Wirkungen 
dieser Theihiahme fallen und fielen nach den individuellen Verhält- 
nissen gerade in Deutschland besonders verschieden aus Es ver- 
lohnt und empfiehlt sich daher, die grossen Bewegungen zu ihrem 
besseren Verständnis stets in den einzelnen Ausläufern bis in die 
engeren Wirkungssphären zu verfolgen und an konkreten und um 
so schärfer sich abhebenden Thatsachen in möglichst einfachen Ver- 
hältnissen zu beobachten; auch der Geschichtsforscher niuss als 
Anatom arbeiten und sich in mikroskopische Untersuchungen ein- 
lassen, um das verzweigte Nervensystem und die Funktionen einzelner 
Organe, wie die krankhaften Erscheinungen im Volkskörper zu er- 
kennen und zu bestimmen. Dankbar wird es daher immer anerkannt, 
wenn chronikaleoder annalistische Aufzeichnungen über die Schicksale 
kleinei'er Landstädte und Landschaften aus den ersten Jahrhunderten 
der sogenannten Neuzeit an das Licht gezogen und der Öfi'entlichkeit 
übergeben werden; noch pulsierte damals auch in diesen Organen 
ein selbständiges politisches and eigenartiges wirthschaftliches Leben ; 
neue gewaltige Gährungselemente werden durch die Kirchenrefor- 
mation und den grossen Religionskrieg des 17. Jahrhunderts in das- 
selbe hineingeworfen. 

Ist auch der Gesichtskreis der Verfasser solcher tagebuchartiger 
Chroniken zumeist kein allzuweiter, so haben dieselben wenigstens 
keine Veranlassung, die Dinge anders darzustellen, als wie sie sich 
vor ihren Augen ent- oder abwickelten; sie standen den Ereignissen 
zumeist so nahe, dass Irrthümer und Versehen nicht gut möglich 
waren. Vereinzelt wird in solchen Aufzeichnungen auch über die 
Vorgänge der nächsten Umgebung hinaus auf in der Landschaft und 
Provinz vorkommende Vorfälle und Ereignisse gegriffen, von fernher 
drohendes Unheil schon im Herannahen beobachtet und geschildert 
und werden grössere allgemeine Bewegungen, die den Wohnsitz des 
Aufzeichnenden berührten, dann auch in ihrer ^\eiterentwicklung 
bis zu irgend einer Krisis. die sich bald in geringerer, bald in grösserer 
Entfernung vollzieht, verfolgt. In solchen Fällen beruht die Kennt- 
nis des Berichterstatters freilich zumeist auf Hörensagen, wenn 






262 Literatur. 

hinter den Mittbeiluiip-eii vielleiclit auch Augenzeugen als Gewährs- 
männer stehen; in der Zeit des 30jährigen Krieges sind es mehr- 
fach wohl schon Zeitungsnachricliteu, um die die ursprünglich nur 
auf den engsten Kreis beschränkten Schihierungen ergänzt und er- 
weitert werden. 

Solcher .\rt sind die Materialien, die der um die Geschichte 
der Grafschaft Mansfeld so sehr verdiente Hermann Groessler 
in Eisleben in Gemeinschaft mit F. Sommer daselbst unter dem 
Namen Chronicon Islebiense jüngst auf eifrene Kosten heraus- 
gegeben hat. Die Glaubwiu-digkeit der vorliegenden Kompilation 
wird noch durch den Umstand erhöht, dass es die jeweiligen 
Stadtschreiber und Stadtvögte, also die vornehmsten Glieder des 
städtischen Beamtenthumes sind , aus deren Feder die Haupt- 
abschnitte des Werkes flössen; mehr als einmal ist sogar akteii- 
mässiges Material in die unmittelbar im Zusammenliange mit den 
Ereignissen entworfenen Schilderungen eingeHochten. 1 ie verschie- 
denen Berichte bewegen sich zwar keineswegs in gleichmässiger 
Stärke und Fassung; bunt wechseln ausführliche Darstellunsren 
geringfügiger und unbedeutender Vorgänge mit kurzen Notizen über 
wichtige und folgenschwere Ereignisse; auch ganz sorgfältig und 
chronologisch genau schliessen sich die einzelnen zu verscliiedenen 
Zeiten entstandenen Abschnitte nicht an einander an; hier und da 
triftt man auf Nachträge, anderes geht auf Sonderaufzeichnungen 
zurück, die mehr zufällig mit dem anderen Material in einen Band 
vereinigt worden sind : so sind einzelne Jahre ganz und gar in den 
Berichten nicht erwähnt, und vor|allem besteht zwischen den Jaliren 1539 
und 1547 eine Lücke, die bei den Beziehungen der Grafschaft Mans- 
feld und der Stadt Eisleben zur Reformation und zu den Refor- 
matoren recht schmerzli(di auft'ällt. Auch eine Fortsetzung des Werkes 
über das Jahr 1G77 hinaus bis 1738 lässt sich nur vermuthungsweise 
annehmen : was die Publikation aus diesem letzteren Zeiträume bringt, 
gehört nicht der einzigen erhaltenen, lange verschollenen und erst 
neuerdings wieder der Bergschul-Bibliothek in Eisleben zugefülirten 
Original-Handschrift an, sondern ist aus einer anderen (^)iielle ent- 
nommen und setzt sich nur aus ungefähr zwei Druckseiten umfassenden 
Notizen ül)er verschiedene Feuersbrünste zusanimen. Am Wichtigsten 
und Interessantesten ist jedenfalls hieriregen das, was uns die Chronik 
über die Heimsuchung der Grafschaft Mansfeld durch den HO jährigen 
Krieg und die mit demselben in Zusannnenhang stellenden militärischen 
Operationen der kaiserlichen, schwedischen und sächsischen Heere 
bringt. Schwer hat die Grafschaft und ihre Hauptstadt damals zu 
leiden gehabt, aber doch ist nicht alle Kraft vernichtet worden; 
dank den Bemühungen des Stadtvogtes Hans Mörder, der selbst unter 
den Verfassern der Chronik eine hervorragende Stelle einnimmt und 
der allein von ihnen allen, wenn auch nicht gerade allzu glücklich, 
die frühere Vergangenheit Eislebens darzustellen versucht hat, haben 
sich Stadt und Bürgerschaft bald wieder in geordnetere und ruhigere 
Verhältnisse eingelebt und die geschlagenen Wunden zu heilen 
getrachtet. 

Doch auch die früheren wie späteren Theile der Chronik bieten 
viel Anziehendes und für allerlei historische Forschunsfen werthvoUes 
Material. Eislebens Stellung selbst, wie nicht minder die der Graf- 
schaft Mansfeld, ist das 16. und ]7. Jahrhundert hindurch eine 
durchaus nicht bedeutungslose gewesen; die Eigenthümlicbkeiten 
des Landes und der Leute, die sich in vielen Stücken noch bis auf 



Literatur. 263 

tleu hfcutigei) Tag erhalten haben, treten in jener Zeit no» h schärfer 
und deutlicher hervor, aber trotz aller Eigenart klingt überall ein 
echter deutscher Volksgeist hindurch. Mehr als uns sonst aus 
ähnlichen Quellen erinnerlich ist, ist die vorliegende Chronik reich 
an schönen Zeugnissen gegenseitigen Beispringens der Städte inner- 
halb der Grafschaft und der benachbarten Landschaften in Zeiten der 
Noth und Gefahr; treulich rühmen die Chronisten die nach ver- 
heerenden Fenersbrünsteii und Epidemien ihrer Stadt gewordene 
fremde Beihilfe. Doch unterlassen sie auch nicht, pünktlich über 
die Art und Weise Rechnung zu legen, wie man gegebenen Falles 
sich nach aussen hin wieder erkenntlich bewies; über das, was der 
Stadt und den Bürgern durch den grossen Krieg an Schaden und 
Yerlust erwuclis, hat man nicht minder Jahr für Jahr streng Buch 
geführt; die aufgenommenen Spezifikationen, die man bei der Aus- 
gabe am Sclilusse der Chronik einheitlich zusammengestellt hat, 
füllen nicht weniger als .SO Druckseiten! 

Was die Betheiligung der beiden Heransgeber an der Ver- 
öffentlichung des Werkes angebt, so ist die Herstellung des 'I'extes 
nach der Originalhandsclirift von beiden gemeinsam besorgt worden. 
Dass sie es sich so viel Zeit und Mühe haben kosten lassen, die 
Orthographie des Originales in den unbedeutendsten Kleinigkeiten 
getreu wiederzugeben, werden ihnen weniger Leser danken, als sie 
erwarten; der Gewinn, der aus jenem Verfahren für die Erkenntnis 
der Sprach-Entwicklung und der Wandlungen in der Rechtschreibung 
erwachsen soll, wiegt doch kaum die Unbequemlichkeiten auf, die 
die regellose Anwendung grosser Anfangsbucbstaben bei Pronomen, 
Adjektiven, Adverbien, Präpositionen und Konjunktionen dem Be- 
nutzer bereitet. AVährend ferner das Ortsregister Sommers Werk 
ist, verdanken wir die werthvoUen historischen, sprachlichen und 
topographischen An.merkungen der sachkundigen und bewährten 
Hand Groesslers. Leider werden diese schätzbaren Beigaben im 
weiteren Verlaufe der Ausgabe recht spärlich; freilich sollte, wie 
die Wiedergabe der nicht auf Eisleben und Mansfeld bezüglichen 
Nachrichten durch kleineren Druck zeigt, dem ganzen eine besondere 
lokale Färbung gegeben werden; demnach wäre es geboten gewesen, 
gerade die auf die Ereignisse des oOjährigen Krieges bezüglichen 
Stellen mit Noten zu bedenken und von hier aus auf den Znsammen- 
hang mit dem allgemeinen Gange des Kampfes aufhellend hinzu- 
weisen: wie solche lokale Quellen auch für die allgemeine Geschiclite 
werthvoUes Material bringen , so ist und bleibt es Aufgabe der 
Herausgeber derselben bei solcher Gelegenheit Kenntnisse allgemeiner 
Natur dem Leserkreise m der engeren Heiraath zuzuführen. 

Halle a. S. Wilh. Schum. 

1. Eine Erzgebirgische GrelehrtenfamiHe. Beitrag zur Kultur- 
geschichte des 17. Jahrhunderts. Von Dr. Johannes Poeschel. 
Leipzig, Fr. VV. Grunow, 1883. XII, 180 SS. 8". Mit einem Stamm- 
baum. 

II. Glück auf! Ein Jahrbuch für das Erzgebirge und seine Freunde. 
Herausgegeben von Hugo Rösch. Erster Jahrgang 1884. 
Leipzig, Carl Reissner, 188.3. VIK, 185 SS. 8*. 

Es ist bekannt, dass unter den Quellen unserer vaterländischen 
Geschichte die Chroniken eine verhältnismässig untergeordnete Rolle 
spielen; die mittelalterliche Historiographie kennt wenige derartige 



264 Literatur. 

Werke, bei denen ein meissnisrlier ürsprnnq; nacliweisl)ar ist, und 
wenn auch im 16. Jalirhnndert eine grosse Schrt'il)selijj;keit entfaltet 
■wurde, so sind die Erzeugnisse derselben zum jrrössten Theil weder 
als Geschichtsquellen noch als Literaturdenkmäler von irgend wel- 
chem Belang. Lisbesondere fehlt es an städtischen Chroniken und 
verwandten Aufzeichnungen, wie sie das von der historischen Kom- 
mission in München herausgegebene Sammelwerk, die „Chroniken 
der Deutschen Städte", aus Nord- und Süddeutschland in so reichem 
Maasse bringen; die wenigen gleichzeitigen Aufzeichnungen, die uns 
aus dem Iß. Jahrhundert bekannt geworden sind, harren meist iiO( h der 
Veroftentlichung. Mit der Vergangenheit y,ber begann man erst im 
17. Jahrhundert sich in "einiLfermassen wissensihaftlichcr \\'eise zu 
beschäftigen; Werke wie Wecks Chronik von Dresden, Sclmeiilers 
Chronicon Lipsiense, Möllers Theatrum Freibergenso Chronicum u. a., 
zeichnen sich durch das Streben aus, durch archivalische Forschung 
für die Stadtgeschichte eine sichere Grundlage zu gewinnen. 

Bei dieser Sachlage muss man dem Verfasser Dank wissen, 
dass er es unternommen hat, das Andenken eines der beachtens- 
werthesten Chronisten des 17. Jahrhunderts zu erneuern. Mag. Christ. 
Lehmann, der den Mittelpunkt von Poschels Schriftchen bildet, ist 
eine in mehr als einer Hinsicht anziehende Persönlichkeit. Geboren 
1611 in Königswalde bei Annabcrg, verbrachte er den grössten Theil 
seines Lebens (KIP.S — 1688) als Pfarrer in dem Bergstädtchen Schei- 
benberg. Der in den bescheidensten Verhältnissen lebende, durch 
seine Berufspflichten, die er theilweise in sehr schwerer Zeit und 
stets sehr gewissenhaft erfüllte, vielfach in Anspruch genommene 
Mann besass neben einem stark ausgeprägten Heimathsgefühl einen 
überaus lebendigen Wissensdrang, eine scharfe Beobachtungsgabe 
und einen nie ermüdenden Fleiss. Von jungen Jahren an suchte er 
sich über alles zu unterrichten, was in näherer oder ferner Bezie- 
hung zu seinem Ileimathlande stand. Es ist bei seinen Verhältnissen 
geradezu erstaunlich, eine wie grosse Belesenheit er si(h nach und 
nach zu erwerben wusste; aber das Beste in seinen KoUektaneen 
war nicht das, was er aus Büchern entnahm, sondern das, was er 
auf vielen Wanderungen durch die heimathlichen Berge durch eigene 
Beobachtung oder aus dem Munde von Keich und Arm erfuhr. Dass 
er hauptsächlich solche Quellen benutzt, verleiht seinen Werken 
die Frische und Unmittelbarkeit, die uns noch heute anspricht, und 
giebt ihnen ausserdem einen fortdauernden Werth nicht bloss literar- 
geschichtlicher Art. 

Von Lehmanns zahlreichen Schriften, die wir hauptsächlich aus 
einem Briefe seines gleichnamigen Sohnes von 17<)o keniuni, ist nur 
eine gedruckt worden, nämlich der „Historische Schauplatz derer 
natürlichen Merkwürdigkeiten in dem Meissnischen Ober-Ertzgebirge". 
Es wurde nacli des Verfassers Tode von seinen Söbnen, dem Kon- 
sistorialpräsidenten Theodosius Lehmann, dem Görlitzer Archidiaconus 
M. Immanuel L. und dem Freiberger Superintendenten Job. Chri- 
stian L., über welche der Verfasser uns zahlreiche biographische 
Details bringt, fortgesetzt und von dem letztgenannten im Jahre 
1699 herausgegeben. Dass die Verlagshandlnng, Friedrich Lanckiscdiens 
Erben in Leipzig, im Jahre 1717 eine neue Titelausgabe ohne An- 
gabe des Verfassernamens veranstaltete, in welcher der die Wid- 
mung enthaltende Bogen a fehlt, während sie im ültrigen mit der 
ersten Ausgabe völlig identisch ist, siheint Pose hei entgangen zu 
sein. Der vollständige Titel dieser 2. Ausgabe lautet: „Ausführliche 



Literatur. 265 

Beschreihunff des Meissnisfhen Ober-Eitzsebürges, Nach seiner 
Lage, Gestalt, Bergen, Thälern, Felsen, Flüssen, Brunnen, warmen 
Bädern, "Wäldern, Lands-Art, P'rücliten, Wildbahne, wie auch ange- 
merckte Zustände der Elemente, Himmels -Zeichen, Witterung und 
allerhand curiösen Begebenheiten gefertiget, auch mit schönen Ku- 
pffern und nöthigen Figuren geziret von Einem Freunde des Ertz- 
gebürges. Leipzig bey Friedrich Lanckischens Erben, 1747". Das 
Werk ist noch jetzt eine reiche Quelle für die Kenntnis von Land 
und Volk des Erzgebirges im 17. Jahrhundert. Der Verfasser theilt 
manche Proben aus demselben mit; andere finden sich in einem 
Aufsatze von II. Rösch auf S. 99 flg. der unter IL genannten Schrift. 
Aus dem reichen literarischen Nachlasse Lehmanns hat sicli bis 
jetzt nur eine Schrift, nämlich die ,, Kriegs-Chronik der Teutschen", 
eine sehr umfangreiche Handschrift der Königl. Bibliothek zu Dresden, 
auffinden lassen; über zwei Drittel derselben behandeln den dreissig- 
jährigen Krieg, und dieser Theil ist von nicht geringem Interesse, 
da der Verfasser vielfach als Augenzeuge schildert. Die hier und 
im ^.Jahrbuch" S. 125 flg. mitgetheilten Proben rechtfertigen den 
Wunsch, dass die Handschrift mehr als bisher benutzt werden 
möchte. Ausserdem hat L. noch eine Kirchen -Historie, eine Berg- 
Chronik, eine „Moral-Chronik", „Hundert Teutsche Episteln" und 
,, Annales" hinterlassen. Endlich macht Pöschel darauf aufmerksam, 
dass auch eine abschriftlich noch vorhandene kleine Schrift über 
Scheibenberg, aus der er im „.Jahrbuch" S. (iO flg. einiges mittheilt, 
höchst wahrscheinlich von L. herrühre. Es wäre erfreulich, wenn 
es gelingen sollte, noch das eine oder andere der angeführten Werke 
zu entdecken. 

, Man muss dem fleissigen Schriftchen Pöschels das Zeugnis 
ausstellen, dass es ein sehr beachtenswerther und in durchaus wissen- 
schaftlichem Sinne gehaltener Beitrag zur sächsischen Gelehrten - 
und Kulturgeschichte ist. 

Über den Inhalt des unter IL genannten „Jahrbuchs", zu dem 
wohl der emsig thätige Erzgebirgsverein den Anstoss gegeben hat, 
haben wir im Vorstehenden schon einige JMittheilungen gemacht. 
Die übrigen Artikel desselben gehören weniger in das Gebiet, welches 
die an dieser Stelle zu gebenden Referate zu berücksichtigen haben. 
Wir heben unter denselben einen längeren vom Herausgeber ver- 
fassten Aufsatz „Zwei Liederbücher. Eine Skizze zur Kenntnis des 
Volksliedes im Erzgebirge" hervor, der entschieden Sachverständnis 
verräth; doch müssen wir es dem Literarhistoriker überlassen, 
darüber und über die einzelnen mitgetheilten Bergreigen und Volks- 
lieder — unter denen namentlich das S. 13.3 flg. abgedruckte Lied 
vom Cadner Su^harmützel beachtenswerth ist — zu urtheilen, wie 
wir den Dialektforscber auf den Beitrag von E. Stiehler- Buchholz, 
Die Fremdwörter des westerzgebirgischen Dialektes, aufmerksam 
machen. Im Ganzen macht auch das „Jahrbuch" einen wohlthuend 
frischen Eindruck, und wir wünschen ihm einen glücklichen Fortgang. 

Dresden. H. Ermisch. 

Freibergs Berg- und Hüttenwesen, Eine kurze Darstellung der 
orographischen, geologischen, historischen, technischen und ad- 
ministrativen Verhältnisse, herausgegeben durch den Bergmänni- 
schen Verein zu Freiberg. Mit'^lO Taf. Freiberg, Craz & Ger- 
lach (Ed. Stettner). 188.B. VIII, 284 SS. 8«. 

Dieses Werk, ursprünglich eine Festschrift zum zweiten all' 



266 Literatur. 

•reiiiciiieu Jiergmaiiustage, der 1883 in Dresden stattfand und mit 
welehem eine eingehende Hesirhtigung des Freiberger Bergreviers 
verbunden war, l)ietet eimni wichtigen Beitrag zur sächsischen Hei- 
niatliskunde und üeschidite , insbesondere zum ersten Male unter 
Berüclvsii htigung der neuesten, im Freiberger Berg- und Hütten- 
wesen getroffenen technischen Errungenschalten. Dass der aus 
Berg- und Ilüttenbeamten und ans Dozenten der Bergakademie be- 
stehende rBergniännisclie Verein'" zu Freiberg die Arbeit in die Hand 
hat, gereirlit dem Hnclie nur zur Kinpfehlung. 
Die Fülle des gebotenen Stoßes erhellt am besten aus dem 
nachstehenden Inhaltsverzeichnis : 

A. Bergbau. I. Oberbergrat C.H.Müller: Allgemeines über 
die natürlichen Veiliältnisse des Freiberger Bergreviers (orogra- 
phische, klimatische, geologische und Erzlagerstätten-Verhältnisse). 
II. Oberbergrat V. H. Müller: Geschichtliches über den Freiberger 
Bergbau. JII. Betriebsdirektor A. Th. Tittel, Bergrat C. H. Borne- 
mann, Berginspektor C. A. Sickel und Betriebsdirektor E.W. Nenbert. 
Technische Verhältnisse. Grubenbetrieb im Allgemeinen. StöUn 
Schachtanlagen. Strecken, Abbau, Gewinnung, Förderung und Wetter. 
Aulbereitung. IV. Betriebsdirektor A. Th. Tittel: Bergwerksbesitzer. 
Grubenverwaltung. Revierverband. Kevierinstitute. Arbeiterver- 
hältnisse. V. Bergamtsdirektor Leuthold und Professor Stclzner : 
Staatsbehörden und Staatsanstalten für Bergbau und Hüttenwesen. 

B. Hüttenwesen. Oberbergrat G. Merbach: Die Freiberger 
Hütten. Geschichtliches. Muldener Hütte. Ilalsbrückner Hütte. 
Schrotfabrik. Hüttenlaboratorium. Allgemeines über Betriebsumfang. 
Arbeiter Verhältnisse, Knappschaftskassen. 

Von hervorragendem historischem Interesse ist ausser dem 
Aufsatz von Professor Stelzner, welcher Seite 223 flg. im ,\nschluss 
an die Arbeiten von Reich die Geschichte der Freiberger Berg- 
akademie giebt und bis zum Jahre l88;-5 fortführt, und ausser der 
Abhandlung von Oberbcrgrath Merbach, in welcher in summarischer 
Form eine Geschichte des Freiberger Hüttenwesens bis zur Errich- 
tung der Generalscbmelzadministration 1710, von da ausfülirlicher 
bis zur Gegenwart geliefert wird (Seite 24:) flg.), insondciheit der 
längere Aufsatz von Oberbergrat C. H. Müller: „Geschichtliches 
über den Freil)erger Berebau". Auf Grund einer sehr verbreiteten 
Literaturkenntnis und speziell unter Benutzung der vom Jahre 1524 an 
erhaltenen Grnbenausbeuten und der vom Jalire 1529 an vorhanderen 
gedruckten Ausbeutbogen wird eine Geschichte der einzelnen Gruben 
geliefert, die jedesmalige Ursache des Steigens oder Fallens des 
jährlichen Silberausbringens entwickelt und so auf Grund eines 
umfangreichen statistischen Materials, von dem die Benennungen 
der Gruben auch sprachliches Interesse haben, die langbewährte 
Lebensfähigkeit des Freiberger Bergbaues gezeigt, durch wehdie im 
Laufe der Jahrhunderte dem Lande circa 9 587 427 Pfund Silber im 
Gesamtwertlie von 8.5.3 Vj Millionen Mark Reichswiihrung, ausserdem 
nicht genau bestimmbare Mengen von Blei, Kupfer und anderen 
Produkten aus den Tiefen des Gebirges zugeführt worden sind. 

Irrthümlich wird Seite 48 das Jahr 1175 als Gründungsjahr der 
Stadt Freiberg angegeben. Vgl. hierüber Hubert Ermisch im Frei- 
berger ürkundenbuch Band I, Seite X.\. Der Verfasser des Theatrum 
Freibergense wird fälschlich Moller genannt, während er in Wahr- 
heit Möller heisst (vgl. z. B. Ermisch a. a. 0. S. XIV, Anm. Kl). Dem 
J)onatsthurm gebührt nicht das ihm von Müller zugewiesene Alter, 



Literatur. 267 

vgl. Heucliler in den Mittheilungen des Freiberger Altertliumsvereins 
III, ?01 flg. 

Als abschliessend kann die Abhandlung Müllers nicht betrachtet 
werden. Es ist mit gutem Grund zu hoffen, dass der zweite Band 
des Freiberger TJrkundenbuches auch für die ältere Geschiclite des 
Freiberger Bergbaues neues Material zugänglich machen wird. I'as 
Verhältnis des Freiberger Berg- und Hüttenwesens zur Stadtgeschichte 
Freibergs wird ebenfalls nur selten berührt. Aber wie jede neuere 
wissenschaftliche Arbeit über die von der Geschichtsschreibung un- 
serer Tage nur allzu lange vernachlässigte Geschichte des Freiberger 
Bergbaues hochwillkommen ist, so auch besonders diese gediegene 
Abhandlung Müllers, welcher die reiche praktische Erfahrung des 
Verfassers zu besonderem Vortheile gereicht hat. 

Zehn Tafeln mit Karten und tabellarischen Übersichten erläutern 
das ganze von der Verlagsbuchhandlung vortrefflich ausi^estattete 
Werk. Nur ist zu bedauern, dass die sehr instruktive, von Ober- 
bergrath H. Müller entworfene Übersichtskarte der Gruben und Erz- 
gänge in der Umgegend von Freiberg nicht in Übereinstimmuna; mit 
der geologischen Spezialkarte von Sachsen, bez. der Sektion Freiijerg, 
im Massstab 1 :?50no (statt 1:3.3000) angefertigt ist. 

Freiberg. Eduard irleydenreich. 

Album der Burgen und Schlösser im Königreich Böhmen. Von 
Friedrich Bernau. Erster Band. Saaz, Gebrüder Butter. 1881. 
490 SS. Querfolio. 

Bei den vielfachen Beziehungen, welche das ganze Mittelalter 
hindurch zwischen den Ländern Meissen und Oberlansitz einerseits 
und zwischen einzelnen Herren und Kittern Böhmens andrerseits be- 
standen, stösst die deutsche und speciell die sächsiche Geschichts- 
forschung sehr häufig auf böhmische Oertlichkeiten, besonders Burgen, 
über deren Lage, sowie auf Persönliclikeiten, ülier deren Familien- 
verhältnisse sie vergeblich nach Auskunft umschaut. In dieser Hin- 
sicht dürfen wir obiges Werk als eine wahre Fundgrube von zu- 
verlässigen Nachrichten, theils über oft länsrst in Trümmer zerfallene 
und bis auf den Namen verschollene Örtlichkeiten, theils über ganze 
mächtige Adelsgeschlechter Böhmens und einzelne hervorragende 
Persönlichkeiten des Landes bezeichnen und dasselbe, als Ergebnis 
umfassendster und mühsamster Detailstudien, zur Benutzung empfehlen. 
Neben dem rein historisclien Zweck verfolgt aber der Verfasser mit 
ganz besonderem Fleisse auch noch den kunsthistorischen und be- 
absichtigt „alle heute noch als Herrschafts- oder Amtssitze und auch 
die sonstigen, in der Regel wenigstens in Resten noch dastehenden 
Burgen und die anderweitigen Schlossbauten , soweit solclie künst- 
lerisches, archäologisches oder geschichtliches Interesse bieten, in 
einer Reihe naturgetreuer Abbildungen nicht nur der ganzen Ülyekte, 
sondern auch einzelne bemerkenswerthe Partien und Bestandtheile 
derselben zu vereinigen". So enthält denn das Werk zahlreiche, 
von B. Kutina in Prag nach der Natur gezeichnete Abbildungentheils 
ganzer Burgen, Schlösser oder deren Ruinen (in Tondruck), theils 
einzelner Portale derselben, Bögen, Capitäle, Fensterkonstruktionen, 
Wappen von Besitzern, Wandgemälde und sonstiger Alterthümer 
(in Holzschnitt). Der Historiker findet darin nicht nur die Reihen- 
folge der Burgbesitzer, sondern häufig ganze Genealogien alt- 
berühmter Ilerrengeschlechter. Ein sehr sorgfältiges Register er- 



268 Literatur. 

k'iclitert das Siu hen nach den einzelnen Ortlichkeiten, Familien, 
Personen. Wir würden uns freuen, wenn diese unsere Anzeige 
dazu l)eitra<ion sollte, auch in weiteren Kreisen dem Werke dank- 
bare Benutzung und tür den zweiten Tlieil zahlreiche Abnehmer 
zuzuwenden. 

Dresden. Knothe. 



Uebersicht über neuerdings erschienene Schriften und 
Aufsätze zur sächsisch -thiiringischen Geschichte und 

Alterthumskunde. 



AnemüUer, Ernst. Sigebotus verlorene Vita l'aulinae: Wattenbachs 
Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichts- 
kunde Bd. X (1884) lieft 1 S. 9—34. 

Bein, Louis. Die Industrie des sächsichen Voigtlandes. Wirth- 
schaitsgesihichtliche Studie. Zweiter Theil. Die Textil-Industrie. 
Leipzig", Dunker & Humblot. 1884. XII. 556 SS. mit 24 Tabellen. 8". 

Biedermann, K. Zwei berühmte Leipziger aus dem 17. Jahrhundert: 
Wi'Stermanns .Monatsliefte Bd. ör, (1884) S. 36.3— :',70. 

Bode , W. A. Dürers Bild des Kurfürsten Friedrich von Sachsen, 
genannt der Weise: Jahrbuch der KOnigl. Preuss. Kunstsamm- 
lungen Bd. V Heft 2 (1881) S. .57— ß2. 

1)., F. Ruformationsgeschichtliche Guriosa. Die Flacianer-Kanone: 
Allgem. ev.-luth. Kirchenzeitung 1884 Xo. 27 S. (527 Hg. 

Deumcr, H. Der lechtliche Anspruch Böhmen-Österreichs auf das 
Königl. Sachs. Markgrafthum Oberlausitz. Eine staatsrechtliche 
Deduction unter Benutzung archivalischer Quellen. Leipzig, Liebes- 
kind. 1881. VlII. 79 SS. 8". 

Distel, Th. Arbeiten der Goldschmiede Dietmar Koett (1 4(1(5), Diet- 
rich Hültermaiin und Johann Keser (lö8''.), Matthes Karl (1587), 
Georg Beierla und Friedrich Andres (1602 flg.): Zeitschrift für 
Museologie VII (18S4) Xo. fi S. 4.3. 

— Jagdbeute des Kurfürsten Johann Georg I.: ebd. Xo. 9 S. 68. 

— Das Reskript wetzen der Sperlinge an der Kreuzkirche zu Dres- 
den: ebd. Xo. lo'^S. 74 flg. 

— Achtserkläruntr Ernsts von Reihitzschs (Beihilfe beim Strassen- 
raub 1555): ebd. Xo. 11 S. 83 flg. 

— (jeschenke Kurfürst Augusts zur .\nibraser Sjunmlung: Zeitschr. 
für bildende Kunst Bd. XIX (1884) Heft 9 S. .302 Hg. 

JJittrich, Max. General von Fabrice. 1834. 1. Juli 1884. Ein 
Lebensbild. Dresden, Warnatz und Lehmann. 1884. 59 SS. 8". 

— Das Königl. Sachs. 1. Ilnsarenretriment Xo. 18: AVissenschaftliche 
Beilage der Leipzigc^r Zeitung 188 t Xo. 26 S. 149—152. 

Franke. Der obersächsische Dialekt. (Programm der Realschule zu 

Leisnig 1884.1 4:i SS. 4». 
Friedensburg, Walter. Zur Vorgeschichte des Gotha-Torgauischen 

Bündnisses der Evangelischen 1525 — 1526. Mit archival. Beilagen. 

Marburg, Ehvert. 1884. 2 BU. 140 SS. 8». 
Frydrychoioicz , Born. Die Vorgänge zu Thorn im Jahre 1724: 

Zeitschr. d. VVestpreuss. Geschichtsvereins Heft XI (1884) S. 72—97. 



liiteratur. 269 

Genth, Ad. Zur Badereise des Kurfürsten August vou Sachsen nach 
Eltville im Mai 1584:: Nachtrag zu dessen Schrift „Geschichte des 
Kurortes Schwalbach". 3. Aufl. Wiesbaden 1884. S. 1—11 (vgl. 
desselben Geschichte des Kurortes Schwalbach. 3. Aufl. Wiesbaden 
1881. S. 19—25). 

(Grässe.) Zwei unbekannte Werke des Malers E. Dietrich: Zeit- 
schrift für Museologie VII. (1884) No. 15 S. 116 flg. 

Gurlitt, Com. Sächsische Förder- und Lehrstätten des Gewerbes: 
Gewerbeschau (Sachs. Gew.-Ztg.) XVI (1881) No. l S. 2—5. 
No. 3 S. 18—22. 

— Paul Büchner. Ein Baumeister der Renaissance (1531 — 1607): 
Deutsches Kunstblatt 1884. No, 1.3, 14. S. 97—100, 105 flg. 

Hassel, Faul. Die Grundzüge der Politik des Kurfürsten Johann 
Georg III.: Wisseuschaftl. Beilage der Leipziger Zeitung 1884. 
No. 38, 39 S. 221-224, 229—231. 

V. Hirschfcld , Georg. Geschichte der Sächsisch-Ascanischen Kur- 
fürsten, ihre Grabstätten in der ehemaligen Franziskaner-Kirche zu 
Wittenberg, die Überführung ihrer Gebeine in die dortige Schloss- 
kirche und die Stammtafeln ihres Geschlechts: Vierteljahrsschrift 
für Heraldik, Sphragistik u. Genealogie. Jahrg. XII (1884) Heft 2 
S. 215—308. 

Hultsch, Frdr. Zur Erinnerung an Dr. Chr. Ernst Aug. Gröbel, 
Rector der lüeuzschule. Gedächtnissrede, in der Aula der Kreuz- 
si:hule gehalten am 28. Jan. 1884. Dresden, Zahn und Jaensch. 
1»84. 31 SS. 8». 

Jacob, Gurt. Der liistorische Festzug in Torgau am 12. Novbr. 1883 
zur Feier des 400 jährigen Geburtstages Dr. Martin Luthers, ent^ 
worfen und illustriert von W. Wollschläger. Im .\uftrage des 
Comites herausgegeben und beschrieben. Torgau, Fr. Jacob. 
1884. 44 SS. 15 Taf. 4». 

Jacobs, Ed. Geschichte der in der Preussischen Provinz Sachsen 
vereinigten Gebiete. 4.-6. Lief. Gotha, F. A. Perthes. 18^4. S. 
241—480. 8". 

Jihn. Der Feldzug 1761 in Schlesien und Sacbsen: Mittheilungen 
des k. k. Kriegs-Archivs. Jahrg. 18^4 Heft II S. 125—194. 

Kaiverau, G. Der Briefwechsel des Justus Jonas. Gesammelt und 
bearbeitet (A. u. d. T. : Geschichtsquellen der Provinz Sachsen 
und angrenzender Gebiete. Herausgegeben von der historischen 
Kommission der Provinz Sachsen. Bd. XVII.) 1. Hälfte. Halle. 
Hendel. 1884. XVI. 447 SS. 8". 

Kliiikhardt. Berieht über den Stand der Gemeindeangelegenheiten 
der Stadt Reichenbach i. V. in dem Jahre 1882, nebst einem 
geschichtlichen Überblicke über die Entwickelung der Stadt. 
(Reichenbach, 1883.) 2 Bll. 48 SS. 8». 

Knotlie, Herrn Die Febde der Birken von Lämberg mit Kurfürst 
Friedrich dem Sanltmüthigen von Sachsen : Mittheilungen des Nord- 
böhmischen Excursions-Clubs. VH (1884) S. 177—182. 

Koch, Ernst. Triller- Sagen. Ein Beitrag zur urkundlichen Ge- 
schichte des sächsischen Prinzeiiraulies und seiner Wirkungen. 
I. Teil, nie vermeintliche Abstammung der Saalfeld - Sanger- 
häusischen und anderer Triller von dem Retter des Prinzen 
Albrecht. Meiningen, Keyssuer. 1884. XVL 111 SS. 8». 

Lindau, M. B. Geschichte der Königl. Haupt- und Residenzstadt 
Dresden von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. 2. verb. 



270 Literatur. 

Aufl. Mit molneren colorirten AbbikUuigen, zahlreiclien Illustra- 
tionen in Lichtdruck, Karten und Plänen. Lief. 1 — 4. Dresden, 
K. V. Grumbküw. 1884. S. 1—208. 8«. 

Ijvhe, J. und Lohe, J£. Geschichte der Kirchen und Schulen des 
lierzogthnnis Sachsen-Altciihnrg auf Grund der Kirchen -Galerie 
bearbeitet. 1. Lief. Altenbnrg, Bonde. 1884. «4 SS. 8». 

Mnchatschek, Ed. Geschichte der Bischüle des Hochstiftes Meissen 
in chronologischer Reihenfolge. Zugleich ein Beitrag zur Kultur- 
]feschichte der Mark Meissen und des Herzog- und Kurfursten- 
thums Sachsen. Nacii dem „Codex diploniaticus Saxoniae regiue", 
anderen glaubwürdigen Quellen und bewährten Geschichtswerken. 
Dresden, C. C. Meinhold u. Söhne. 1884. 4 Bll. 846 SS. 8». 

V. Mansherg. Staats- und Heerwesen der Republik Polen zur Zeit 
der Konigswahl Augusts II. Kurfürsten von Sachsen 1697: Wissen- 
schaftl. Beilage der Leipziger Zeitung 1884 No. 49, öO S. 290—292, 
293 — 297. 

(I\4zholdt, J.) Aus dem Korrespondenzkreise von Theologen mit 
dem König Johann von Sachsen (Fortsetzung und Schluss); 
Neuer Anzeiger für Bibliographie 1884. Heft 4—6 S. 133— l.^g, 
169—171, 189—194. 

Richter, Bernh. Über Konrektor Moritz Döring, den Dicliter des 
Bergmannsgrusses. Ein Beitrag zur sächs. Dichter- und Ge- 
lehrtengeschichte. Freiberg, Graz & Gerlacii (Komm.). 1884. 
52 SS. 4«. 

Böäselmülhr, A. W. Gottfried Arnold als Kirchen -Historiker, 
Mystiker und geistlicher Liederdichter. (Programm der K. Real- 
schule L 0. zu Annaberg). Annaberg. 1884. 34 SS. 4». 

Bothe, L. Historische Nachrichten von der Stadt Zeitz. 2. Heft. 
Zeitz (Langenberg). l884. 133 SS. 8». 

Schlomku, Ernst. Kurfürst Moritz und Heinrich H. von Frankreich 
von 1550 bis 1552. Halle, Niemeyer. 1884. 46 SS. 8». 

Schneider, Ulrich. Aus dem Vogtland. Eine alte Stadtrechnung 
[von Scliöneck]: Wissenschaftl. Beilage der Leijiziger Zeitung 
1884 No. 40 S. 236—238. 

üchnorr von Carolsfeld, Franz. Katalog der Handschriften der 
Königl. ööentlichen Bibliotliek zu Dresden. Im Auftrage der 
Generaldirtiktion der Königl. Sammlungen für Kunst und Wissen- 
schaft bearbeitet. Zweiter Baiul (enthaltend die Abteilungen J— M). 
Leipzig. Teubner. 1883. VIII. 588 SS. 8». 

üchottin, lieinJt. Die Slaveu in Thüringen (Progr. des Gymnas. zu 
Bautzen. j Bautzen 1884. 28 SS. 4». 

Sckwcrtfeger , 0. König Johann von Sachsen als Vorkämpfer für 
Wahrheit und Recht. Reden und Sprüche aus 20 Jahren Seines 
parlamentarischen Wirkens. Sachlich geordnet und erläutert, 
auch mit Verzeichniss der Prinzlichen Referate und Separatvota, 
sowie einem Anhange „Zeitgenössischer Urtheile- vers. u. heraus- 
gegeben. Dresden, Warnatz u. Lehmann. 1884. XV. 224 SS. 8». 

Sichert, Jos. Über den Streifzug Tliielmann's im Feldzuge 1813. 
Nach Acten des k. k. Kriegs- Archivs: Mitteilungen des k. k. 
Kriegsarchivs. Jahrg. 1883. S. 180— 205. 

Steche., R. Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunst- 
denkmäler des Königreichs Sachsen. Auf Kosten der K. Staats- 
regierung herausgegeben vom K. Sächsischen Altertliumsverein. 
Drittes Heft: Amtshauptmannschaft Freiberg. Dresden, C. C. 
Meinhüld u. Sohne. 1884. 129 SS 8». 



Literatur. 271 

V. Süssmilch, M. Wanderungen im Erzgebirge: Wisseuschaftl. Bei- 
luge der Leipz. Zeitung ISS-i. N0/16— 18 S. 89—92, 97 — 100, 
101—106. No. GO— 64 S. 355—358, 361—367, 373—380. 

Theile. Der Brunnen der Burg Stolpen: Über Berg und Thal YII 
(1884) No. 6 S. 23-5-240. 

ThürJieim, Graf A. Eine Denkschrift des österreichischen Ge- 
schäftsträgers am chursächsischen Hofe zu Dresden Freiherrn 
Franz Leopold von Metzburg au Kaiser Josef II. : Mittheilungen 
des Instituts für Österreich. Geschichtsforschung Bd. V (1884) 
Heft 3 S. 410—4.38. 

Weissenhorn, J. G. Herrn. Acten der Erfurter Universität. (A. u. 
d. T. : Geschichtsijuellen der Provinz Sachsen und angrenzender 
Gebiete. Herausgegeben von der historischen Kommission der 
Provinz Sachsen. Bd. VIII). II. Theil. Mit vier in Farbendruck 
wiedergegebenen Bildern und Wappentafeln. Halle, Hendel. 1884. 
XX, 560 SS. 4». 

Wenck, K. Zur Entstehungsgeschichte der Reinhardsbrunner His- 
torien u. der Erfurter Peterschronik: Wattenbichs Neues Archiv 
d. Gesellsch. f. ältere deutsche Geschichtsk. Bd. X (1884) S. 95—1.38. 

Wendt, Geo. Die Germanisierung der Länder östlich der Elbe. 
Teil I. 780 — 1137. (Beilage zum Programm der Kgl. Ritter- 
Akademie zu Liegnitz.) Liegnitz. 1884. 91 SS. 8". 

Wildeuhahn, J. Vortrag über Christian Felix Weisse aus Anna- 
berg. Annaberg, Graser. 1884. 39 SS. 8». 

Wülcker, lernst. Luthers Stellung zur kursächsischen Kanzleisprache: 
Germania. Neue Reihe. XVI. (XXVHI.) Jahrg (1883) S. 191—214. 

— Reichstag und Reichsregiment zu Anfang der Reformationszeit: 
Preussische Jahrbücher Bd. LIII (1884) Heft 4 S. 335—360. 

W [ustmann] , G. Das Freischiessen zu Leipzig im Juli 1559. 
Nach einem gleichzeitigen amtlichen Bericht zum erstenmale 
herausgegeben. Leipzig, E. A. Seemann. 1884. VI. 63 iSS. 8". 

Altes und Neues aus dem kirchliciien Leben der Parochien Altmitt- 
weida, Crossen, Erlau, Frankenau, Mittweida, Ottendorf, Ringe- 
thal, Rossau, Seifersbacli, Tanneberg. Den Gemeinden darge- 
boten von ihren Geistlichen. Frankenberg 1883. 32 SS. 8". 

Die landeskundliche Litteratur für Nordthüriiigen, den Harz und 
den provinzialsächsischen wie anhaltisciien Tiieil an der nord- 
deutschen Tiefebene. Herausgegeben vom Verein für Erdkunde 
zu Halle. Halle, Tausch u. Grosse. 1884. 174 SS. 8». 

Die Feier des 175. Jahrestages vom Eintritt des Sächsischen 4. In- 
fanterie-Regiments No. 103 in Sächsische Dienste: Allgemeine 
Militär-Ztg. 1884. No. 54 S. 425—427. 

Die 150jährige Jubiläumsfeier des Königl. Sachs. 1- Husaren-Regi- 
ments No. 18. AUgem. Militär -Ztff. ]b84 No. 31 S. 241—244 
(vergl. No. 38 S. 297—299). 

Festschrift zur hundertjährigen Jubelfeier der Erziehungsanstalt 
Schnepfenthal 1884. Leipzig; (Brockhaus). 1884. VIII. 255 SS. fol. 

Geschichte von Cabarz und Tabarz mit dem Iiiselsberg. 2. Auti. 
Friedrichroda 1883. 80 SS. 12». 

Nachrichten über Penig. Zur Erinnerung an die vor fünfzig Jahren 
erfolgte Einführung der allgem. Städteordnuug in Penig. Penig 
1883. 68 SS. 8». 

Zum 50jährigen Dienstjubiläum des Generals der Kavallerie von 
Fabrice. Militär-Wochenblatt 1884 No. 55 Sp. 10D9— 1104. 



272 Literatur. 

Mittheüunqcn , Neue , aus dem Gebiete historisch - antiquarischer 
Forschungen. Im Nann^n des mit der k. Universität Halle- 
Wittenberg verbundenen Tluiringiscli - Sächsischen Vereins für 
Erforschung des vaterländischen Alterthums und Erhaltung 
seiner Denkmale. Herausgegeben von dem Sekretär desselben 
J. 0. Opel. Bd. XVI. Halle 188.3. S». 

Inhalt: Nande, Die Fälschung der ältesten Reinhardsbrunner 
Urkunden. Burkluirdt, Regesten zur Geschichte der Stadt Weimar. 
Küstermann, Altgeographische und topographische Streifzüge 
durch das Horhstift Merseburg. Mitzschke, Erdmann Xeunieister 
und sein Bibraischer Brunnengast. Hirt, Zur Geschichte der 
K. privilegierten Zeitungen in Halle. Grössler, Wo sassen die 
Weriner iler lex Tluiringorum und die ihnen benachbarten 
Ileruler? ü. Küstermann, Urkundliche Nachrichten über Merse- 
burger Kapellen und Kirchen. Rothc, Die theatralischen Auf- 
führungen der Stiftsscbüler zu Zeitz im 10., 17. u. 18. Jahrb. 

Mittheilungen des Vereins für Auhaltische Geschichte und Alter- 
tJiumskunde. Band III. Heft 9. Dessau, 1884. 8". 

Inhalt: Becker, Geschichte des Dorfes Wilsleben (Schluss). 
lireymann, Mittheihingen über die Klosterkirche in Ilecklingen. 
Hosäus, Kürst Johann Georg II. von Anhalt-Dessau vor Wien. 
Gröpler, Verzeichnis derjenigen Bücher, welche aus der Gern- 
roder Stiftsbibliothek in die frühere Bernburger Landesbiblinthek 
und aus letzterer in die gegenwärtige Anhaltische Behörden- 
bibliothek zu Dessau übergegangen sind. K. Schulze, Schrift- 
stücke aus dem Archive der Stadt Gernrode. Hosäns, Poetische 
Findlinge, v. Röder, Einiges über die Harzgeroder Schützengilde. 

Dasselbe Bd. IV. Heft 1. Dessau 1884. 8«. 

Inhalt: Stier, Regesten aus Lutluus Briefen, Anhalt u. dessen 
Fürsten betr. Krause, Diederich von dem Werder. Hosäus, 
Aus den Briefen Friedrich Johann Kochlitz' an Friedricii Schneider. 

Mittheilungen des Vereins für Geschichts- und AUertJiumsknnde zu 
Kahla und lioda. Zweiten Bandes 4. Heft. Kahia i-81. 8". 

Inhalt : Dr. Lobe, Die adeliche Familie der Puster. Lobe, 
Sup., Die Grafen von Ürlamünde. Lommer, Das Wappen der 
Grafen von ürlamünde und ihrer Städte ürlamünde, V^'eimar 
und Magdala. Dietrich, Zur Geschichte des Pietismus in unse- 
rem Herzogthunie. Dr. Lobe, Beitrag zur Gesidiicbte des Wein- 
baues in unserm Westkreise vor der Mitte des H>. Jabrlmnderts. 
Lobe, Sup., Die Gottesackerkirclie in Kahla. Kleine Mittheilungen. 

Mittlieilnngen vt'Vi Freihcrqer AltertJimnsverein. Herausgegeben 
von Heinrich Gerlach. Heft 2(). IS^H. Mit Bildern aus Frei- 
bergs Vergangenheit. Freiberg i. S. 1884. 8". 

Inhalt: Bartsch, Die säihsischen Klcideronlnungen unter Be- 
zugnahme auf Freibcrger Verhältnisse. Hingst, Ein Freiberger 
Steuerregister aus dem J;ihre l.'>16 (^ScliUiss). Heydenreicli, Das 
Freiberger Urkundenbucb. Knauth , Die Sage von Tristan und 
Isolde und ilire p;ietische Behandlung, insbesondere durch 
Heinrich von Freiberg. Gerlacli, Bilder aus Freibergs Ver- 
gangenheit (No. 2 und 3. Beschert Glück Fundgrube und das 
Halsbrückner Amalgamierwcrk 18.30). 



VIII. 



Magdeburgs Belagerung 
durch Moritz von Sachsen 1550—1551, 



Von 

S. Issleib. 

(Scbluss.) 



Kurfürst Moritz nahm infolge des glücklichen Ver- 
dener Feldzuges eine vortheilhafte , ja bedeutende Stel- 
lung ein. Seine diplomatische Gewandtheit und seine 
kriegerische Entschlossenheit hatten ihm in Monatsfrist 
das politische und militärische Übergewicht in Nord- 
deutschland verschafft; sein Ansehen hatte an Stärke und 
seine Lage an Sicherheit gewonnen. Die angestrengten 
Bundesunternehmungen waren gelähmt, die Kraft der 
geheimen Praktiken gebrochen, und die Hoffnung der 
Magdeburger auf Entsatz lag darnieder. Mit verstärkten 
Truppen umlagerte der Kurfürst in der Würde eines 
Reichsfeldherrn Magdeburg, des Reiches Schwert als 
schneidige Waffe gegen jedermann mit festem Griffe in 
der Hand haltend. Gemindert war für ihn die drückende 
Fülle unbequemer Schwierigkeiten, hoffnungsvoller und 
entschiedener konnte er seinem Ziele zusteuern. 

Unmittelbar nach der Rückkehr in das Feldlager 
vor Magdeburg verwies der Kurfürst die entnommenen 
sieben Fähnlein niederländischer Knechte mit den 350 
Reitern wieder in die Neustadt. Die drei Fähnlein ober- 
ländischer Knechte, welche während des Verdener Zuges 
in der Neustadt gelegen hatten, zogen mit den sieben 

Neues Archiv f. S. G. u. A. V. i. 18 



274 S. Issleih: 

Fähnlein neugcworbener Knechte und mit 300 Reitern in 
das freie Fehl, um unweit Grossottersleben zwischen den 
beiden schon bekannten Blockhäusern ein Lager auf- 
zuschlafjen. 

^laodeburo; sollte nunmelir auf ernste Weise be- 
drängt zu erfolgreicher Verhaudhuig gezwungen werden. 
Aber vor der Hand hinderte eine dreiwöchentliche grim- 
mige Kälte am Baue neuer Blockhäuser und Schanzen^), 
und Mitte Februar richtete ein mächtiges Hochwasser 
mit Treibeis grossen Schaden im Lager an. Erst Anfang 
März konnten die Arbeiten wieder beginnen. Dann wurde 
eine grosse Schanze mit Blockhaus beim Rottersdorfer 
Teiche nach Lemsdorf zu angelegt und eine zweite bei 
den Steinkuhlen (oder Steingruben) in der Nähe von 
Schrotdorf in Angriff genommen. Der früher begonnene 
Laufo-raben mit hohem Schutzwalle von der Buckauer 
Schanze nach der Neustadt "wurde fortgesetzt und der 
Plan gefasst, die Elbe ober- und unterhalb der Stadt ab- 
zusperren. 

Ob die Ausführung aller Entwürfe aber nöthig sei, 
und ob der Kurfürst die Leitung der Belagerung bis zur 
Einnahme der Stadt behalten werde, hing von den Ver- 
handlungen mit Älagdeburg und von den Vereinbarungen 
mit den „Bundesfürsten" ab. Fassen wir beide Punkte 
näher ins Auge! 

Die Anstrengungen, welche Moritz vor dem Verdener 
Zuge machte, um sich Markgrafen Hans und seinem An- 
hange zu nähern, hat man für „Spiegelfechterei" gehalten; 
aber sie waren es nicht. Auch nach der Zertrennung 
des Gardliaufens blieb der Kurfürst entschlossen, sich 
vom Kaiser loszusagen und mit jenen zu verständigen. 
Freilicli war Moritz wie kein anderer bedacht, den Über- 
gang aus dem einen in das andere Lager mit grösster 
Vorsicht zu vollziehen. Zunächst kam es ihm darauf an, 
über seine Person und über die Bclagerungstruppen zur 
rechten Zeit frei verfügen zu können. 



') Anfang Februar war die alte Elbe so hart zugefroren, dass 
die P'.isdecke die schwersten Lastwagen trug. Diesen Umstand be- 
nutzten die Städter, um die Belagenmgsmannschaft auf dem rechten 
Elhufcr im JJlockhause und im Dorfe Krakau unaufhörlich zu be- 
lästigen. Zu ihrem Schutze musste Moritz ein Fähnlein aus 
AVittenberg und eins aus Leipzig heranziehen und später, als sich 
die Verstärkung unzureicliend erwies, noch zwei Fähnlein vom 
linken Flbufer an die gefährdete Stelle senden. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 275 

Das kaiserliche Schreiben vom 27. Dezember 1550^) 
hatte ihm das Amt eines Reichsfeldherrn für die ganze 
Dauer der Belagerung übertragen; allein der Kurfürst 
wollte sich seiner Pläne wegen auf unbestimmte Zeit 
nicht mehr binden. Von Neustadt an der Leine aus er- 
klärte er (am 14. Januar 1551), die Würde eines Reichs- 
feldherrn „über die allbereit drei verlaufenen Monate nur 
noch drei Alonate übernehmen zu wollen", so lange habe 
ihm das Kriegs volk geschworen und so lange habe er für 
seine Person Zahlung zugesagt. Beachten wir weiter! In 
dieser Zeit sollte auch zur Verhütung umständlicher Schwie- 
rigkeiten nichts am Dienstverhältnisse der Knechte und 
Reiter geändert und kein neuer Eid auf Kaiser und 
Reich geleistet werden^). Ihm verpflichtet sollte die 
Mannschaft für Kaiser und Reich kämj)fen, und von ihm 
sollte sie aus Reichsmitteln Zahlung erhalten. In drei 
Monaten also wollte der Kurfürst frei sein von kaiser- 
lichen Verpflichtungen; in dieser Zeit hoffte er zur Einig- 
ung mit den verbtlndeten Fürsten und zur Erledigung 
der magdeburgischen Angelegenheit gelangen zu können. 

Hinsichtlich Magdeburgs hatten sich schon vor Ver- 
den brauchbare Fäden in die Hand des Kurfürsten ge- 
legt. Ein gemeinsames Gesuch der drei Städte Hamburg, 
Lübeck und Lüneburg, in welchem sie um gütliche Ver- 
handlung warben, war am 26. Dezember 1550 einge- 
laufen*). Durch die genannten Städte ersucht, hatten 
sich auch die Herzöge Heinrich und Johann Albrecht 
von Mecklenburg und Markgraf Hans von Brandenburg 
zu Magdeburgs Gunsten an Moritz gewendet*). Damals 
lud der Kurfürst die Vertreter der drei Städte in das 



^) Loc. 10189, Summarischer Auszug etc., Bl. 140. Vergl. in 
dieser Zeitschrift V, 218. 

*) Der Kaiser wünschte Vereidigung des Kriegsvolkes auf Kaiser 
und Reich. S. Brief Loc. 10 189. Bl. 140. 

*) Loc. 9151, III, Bl. 1 flg. Das Gesuch, datiert vom LS. De- 
zember, an Moritz und den Kurfürsten Joachim von Brandenburg ge- 
richtet, war von Lüneburg aus über Magdeburg- Neustadt befördert 
worden. 

*) Der Brief der Herzöge von Mecklenburg, datiert Güstrow am 
heiligen Christtage 1550, erreichte den Kurfürsten am 8. Januar 
1551. Der Brief des Markgrafen liegt nicht vor, aber aus dem 
Schreiben Lippolds von Klitzing (Loc. 9151, III, Bl. m, datiert Gross- 
salza am 7. Januar 1551) geht hervor, dass auch er mit Wissen 
Magdeburgs gütliche Verhandlung vorgeschlagen hat. Am 16. Januar 
bat Hannover für Magdeburg (Bl. 59). Vergl. Druffel I, No. 560. 

18* 



276 S. Issleib: 

Feldlager vor Verden ein. Er wollte mit ihnen ver- 
handeln, „doch so, dass kaiserlicher Majestät und den 
Reichsständen nicht vorgegriftcn werde". Darauf baten 
die Abgeordneten der Städte um eine Malstatt in der 
Nähe INIagdeburos, auf der auch der Kurfürst von Branden- 
burg erscheinen könne, und Kurfürst Moritz war bereit, 
sich mit Joachim ins Einvernehmen zu setzen. 

Nach seiner Rückkehr in das Lager vor Magdeburg 
berief er dann mit dem Kurfürsten von Brandenburg im 
Interesse Magdeburgs die hundclsbereiten Fürsten und 
Städte zu einer Tagsatzung zusammen. Kaum jedoch war 
dies geschehen, so erschien „ein Buch", höchst anzüglich 
gegen den Kurfürsten von Sachsen*^). Der gehässige In- 
iuiit der unzeitigen Flugschrift erregte den Zorn des schwer 
beleidigten Fürsten; auch Joachim von Brandenburg 
tadelte das „Machwerk" bitter und scharf, Markgraf Hans 
rühmte es nicht, und „alle verständigen Leute meinten, 
dass der heilige Geist der Dichter des Buciies nicht ge- 
wesen sei". Um nun auf Magdeburg einen strafenden 
Druck auszuüben, Hessen die Kurfürsten die anberaumte 
Zusammenkunft wieder abschreiben. Die Annäherungs- 
versuche zwischen den Fürsten Avurden jedoch nicht auf- 
gegeben; trotz der herrschenden Verstimmung behielt 
man „die höheren und nöthigeren Sachen im Auge''. 

Rühmliche Tiiätii^keit entfaltete damals Hans von 



't~i 



Heideck und der kurbrandenburiiische Vertraute Adam 



ö' 



Trott'), um eine persönliche Begegnung des Kurfürsten 
Moritz und des Markgrafen Hans zu W(;ge zu bringen. 
Seitdem der Kaiser durch Nikolaus von Könneritz (an- 
fangs Januar)^) den Markgrafen von „geheimen, auf- 

*) Das „Buch'' hat sich bis jetzt in Dresden nicht finden lassen. 
Aus dem Schreiben Sclnvendi's an Moritz vom 5. März 1551 (Loc. i»151, 
III, Bl. IBfi) ist aber zu ersehen, (biss Moritz seines kurfürstlichen 
Titels für unwürdig erachtet und beschuldigt wurde, er habe seinen 
Vetter und Vater, den lobliclien und treuen Kurtursten, wider alle 
menschlichen und natürlichen Rechte von Land und Leuten ver- 
trieben. Der „Dichter des Schandbuches" unterstand sich, die kur- 
fürstlichen Unterthanen zu verlietzen und zum Ungehorsam aufzu- 
fordern. Er schalt die Wittenberger Theologen und nannte sie 
,Morizianer", welche einer neuen Ketzerei anhängig, ihr Amt un- 
recht gebrauchten und ihrem Herrn die "Wahrheit nicht sagen 
dürften; ihrer keiner habe den Kurfürsten zur Rede gesetzt, dass er 
seinem Vetter und Bruder Land und Leute wider Gott und Recht 
vorhalte etc. 

') Loc. 9151, lir, Bl. 124; Joh. Voigt, Fürstenbund 107. 

») Druffel I, No. 5(50, 563, 5r,7. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 277 

rülirerischcn und lanclfriedbrüchigen Praktiken" unter 
Androhung- „schwerer Ungnade" abgemahnt und „Ge- 
horsam wie in weltlichen so auch in geistlichen Dingen" 
gefordert hatte, seitdem bekämpfte er sein Misstrauen 
gegen IMoritz und war endlich gewillt, sich ihm auf 
Grund der vielfachen Erbietungen und Betheuerungen zu 
nähern. 

Sicher geleitet erschien Marko-raf Hans am 20. Fe- 
bruar 1551 in Dresden*). Hauptzweck der Zusammen- 
kunft war die Bundessache; die magdeburgische Ange- 
legenheit bildete nur das äussere Gewand, welches die 
bedeutungsvollen geheimen Verhandlungen der Öffentlich- 
keit verhüllte. Unter vier Augen im Gemache allein er- 
öffneten sich beide Fürsten einander überaus vorsichtig und 
zögernd. Nach längerem Zwiegespräche aber handels- 
einig, verständigten sie sich über Vertheidigung der 
Religion und der Freiheiten des Reiches, über Befreiung 
der gefangenen Fürsten und Beilegung des magdeburgi- 
schen Krieges. Gegenseitige Verpflichtungsurkunden wur- 
den ausgestellt'"). Kurfürst Moritz versprach in der 
seinigen (am 20. Februar), dem augsburgischen Bekennt- 
nisse treu bleiben, gegen das tridentiner Konzil mit andern 
Fürsten und Ständen protestieren, zur Erhaltung der 
wahren Religion augsburgischer Konfession und zum 
Schutze der deutschen Freiheit in ein Defensivbündnis 
sich einlassen und durch Eid, Brief und Siegel verpflichten 
zu wollen. Er war entschlossen, den kaiserlichen 
Dienst zu verlassen und sich nach Verlauf der drei 
noch bindenden Dienstmonate (welche in sechs Wochen 
endeten) weder dem Kaiser, noch dem römischen Könige 
weiter zu verpflichten, vorausgesetzt, dass die jungen 
Herren von Weimar sich mit ihm und anderen Poten- 
taten, Fürsten und Ständen zu Gunsten ihres Vaters ein- 
lassen und ihre Irrungen zu gebührlichem Austrage 
stellen würden ^^). Magdeburg sollte, sofern es die früher 



*) Log. 7281, Französische Verbundnisse, Bl. 40; Job. Voigt, 
Fürstenbund 110; v. Langenn I, 467; Ranke V, 150. Die Unter- 
redung der Fürsten ist auf den 20., nicht auf den 27. Februar zu 
setzen, wozu v. Langenn IT, 323 verleiten könnte. Vergl. Joh. 
Voigt, Anmerkung 194 

'") Loa. 7277. Marggrafien Johannsen hendel mit Churfürst 
Moritzen a. 1548—53, Bl. 3, 5, abgedruckt bei Druffel I, No. 586/87. 

") Woldemar Wenck, Kurfürst Moritz und die Ernestiner 
in den Jahren 1551 und 1552, in den Forschungen zur dentschen 
Geschichte XIl, 3 (1872). 



278 S. Issleib: 

gestellte kaiserliche Kapitulation oder einen vom Mark- 
grafen vorgt'sclila^enen Vertrag anneinnen, aber den 
Kaiser damit nicht mehr zufrieden stellen würde, nicht 
verlassen und bei der wahren Religion geschützt werden. 

Eine ähnliche Obligation stellte tags darauf Markgraf 
Hans aus. Vor allen» übernahm er, die Ernestiner und 
Albertiner auszusöhnen und die Herzöge von Weimar 
für das Bündnis zu gewinnen, mit den Herzögen von 
Mecklenburg, Preussen, Pommern und anderen Fürsten 
zu verhandeln und nach eingeholter Zustimmung in ihrem 
Namen mit Moritz abzuschliessen. Hans von Hei deck 
sollte bei diesen Verhandlungen als Unterhändler ge- 
braucht '■') und Frankreichs Beistand erworben werden. 

Am 21. Februar schritten auch die Rdthe beider 
Fürsten zur Vereinbarung der Vertragsartikel, welche 
INIarkgraf Hans den Magdeburgern zur Annahme vor- 
schlagen sollte^ ^). Die Räthe des Markgrafen legten zwei 
Entwürfe vor: die kaiserliche Kapitulation in milderer 
Form und eine Wiederholung der am 28. Oktober 1550 
im Feldlager vor Magdeburg ausgearbeiteten Vorschläge^ ^), 
nur insofern abgeändert, als die stiftischen und städtischen 
Schäden gegeneinander aufgehoben, das Kriegs volk 
so schnell als möglich beurlaubt und keine Besatzung 
in die Stadt gelegt werden sollte. Die sächsischen Räthe 
verlangten ganz besonders, es sollten die Magdeburger 
das hohe Misstrauen aufgeben, die Veröffentlichung und 
Verbreitung von Schmähbüchern, Liedern und Gemälden 
verbieten und hinsiclitlich der Religion sich wie die 
anderen Stände der augsburgischen Konfession verhalten. 
An Ergebung in kaiserliche Gnade und Ungnade fest- 
haltend, em])fahlen sie die Einreichung eines Gesuches an 
die Reichsstände um Fürbitte beim Kaiser. Magdeburg 



'^) Um jene Zeit verwendete sich Moritz für Heideck, um ihn 
ans der Acht zu befreien. Der Kaiser verlangte Fussfall und Ab- 
bitte. — Am kaiserlichen Hofe besorgte man, lleideck worde im 
heimlichen Einverständnisse mit den Feinden die „Gelegenheit des 
Kurfiirsten nur auslernen". Loc. 10189, Summarisclier Auszug etc. 
Bl. 250, 261 und Verzeiciuiis, was von SchriÖten auf dem Reichstage 
zu Augsburg a. 1.Ö50/51 gelesen wortlen, Bl. .3(>; Druffel I, No. 6()8. 

'*) Loc. 9153, Magdeburgische Ilanndlung wegen der Stadt 
aussunnung vnd ergebung 1551, Bl. 3. Von kurfürstlicher Seite 
nahmen an den Beratluingen theil: Älordeisen, Fachs und P'.rnst 
von Miltitz, von markgrätlicher Seite: Ileinricli von Pack (Bock?), 
Dr. Franz Naumann und der Kanzler Dr. Adrian. 

") Voriges lieft dieser Zeitschrift p. 200. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 279 

sollte ferner nicht nur dem Kaiser sondern auch dem 
Kurfürsten von Sachsen als Schutzherrn der Stifter und 
der Stadt jederzeit offen stehen. Bis zur Bestätigung des 
neuen Erzbischofs ihm (Moritz) und dem Kurfürsten von 
Brandenburg anvertraut, sollte sie später den recht- 
mässigen Erzbischof als Herrn und den Kurfürsten Moritz 
als Schutzfürsten anerkennen. Erst nach Beendigung des 
Handels sollte die Entlassung des Kriegsvolkes stattfinden. 

Umständlich verglichen die Räthe ihre beiderseitigen 
Vorschläge, und mehrfach wurden die meisten Artikel in 
veränderte Eorm und Fassung gebracht, ohne dass man 
den schliesslichen Vereinbarungen bindende Kraft gab. 
Auf einer Zusammenkunft in Zerbst (6. März) erst sollte 
die Magdeburgische Sache mit Vorwissen der Stiftsstände 
und in Gegenwart der Kurfürsten von Sachsen und 
Brandenburg und des Markgrafen Hans endgiltig abge- 
handelt werden. 

Nach diesen Abmachungen verliess Markgraf Hans 
Dresden (22. Februar)^*) und theilte den Magdeburgern 
mit, dass er ihretwegen in Unterhandlung stehe. Die 
Stadt übertrug ihm die Rolle des Vermittlers und über- 
sandte auf seinen Wunsch sicheres Geleite ^'^). Am 4. März 
wurde der Markgraf in Magdeburg erwartet; aber der 
angekündigte Besuch unterblieb^'). 

In Zerbst^*) wurde zunächst vereinbart, „der Mark- 
graf solle bei den Magdeburgern ansuchen, wie weit sie 



'S) Loc. 9151, III, Bl. 122. Am 23. Februar, Montags nach 
Reminiscere, bat Markgraf Hans (bewogen durch die Geldnoth seines 
Bruders Joachim) den Kurfürsten Moritz, Verabredetermassen fort- 
zufahren und wegen Vorstreckung der 100000 ü. den Handel nicht 
zu unterdrücken. 

'«) J oh. Voifrt, Fürstenbund 186, Anm. 198. Unrichtig ist S.113, 
dass der Markgraf bald in Wittenberg, bald in Dessau etc. verweilte. 

") Pomarius 299—302. 

") Loc. 915.3, Magdeb. Handlung etc. 1551, Bl. 3 flg. Kurfürst 
Joachim schickte Eustachius von Schlieben und Dr. Strassen, er 
selbst wollte in wenigen Tagen nachkommen. — Am 5. März erfuhr 
Schwendi von der anberaumten Zerbster Tagsatzung. Verwundert 
darüber machte er dem Kurfürsten Moritz Vorwürfe, dass weder der 
Kaiser noch er davon benachrichtigt sei, und wollte „zu diesen 
Sachen nicht blind sein". Er warnte vor Magdeburg und ihrem 
Anhange; denn sie würden sich heute oder morgen unterstehen, 
den alten Kurfürsten oder seinen Sohn wieder einzusetzen, Moritz 
zu bekriegen und zu verjagen etc. Am 6. März schrieb er: es ge- 
höre sich wahrlich, dass Kaiser und Reich von der gütlichen Ver- 
handlung in Kenntnis gesetzt würden. Der Kaiser habe zu bewil- 
ligen und abzuschlagen; der Herr komme vor dem Knecht etc. Im 



280 S. Issleib: 

sich auf die kaiserliche Kapituhition einlassen wollten". 
Als derselbe aber auch ganz bestimmte und bindende 
Erklärungen über die von ihm (in Dresden) vorge- 
schlagenen Artikel verlangte, weigerten sich die Vertreter 
des Domkapitels, auf eigne Verantwortung hin die mark- 
gräflichen Artikel anzunehmen. In Folge dessen bean- 
tragte der ]\Iarkoraf eine Aveitere Zusaumicnkunft in Kalbe, 
wo die beiden Kurfürsten und die Verordneten des Dom- 
kapitels berathen und beschliessen sollten. Für den Fall 
dort keine Einigung erzielt werde, sollte ein übergebener 
Brief und das städtische Geleit nach Magdeburg gesendet 
werden. 

Auch in Kalbe wurde (am 17. März)^") erfolglos 
verhandelt, da die Vertreter des Domkapitels durchweg 
an der kaiserlichen Kapitulation festhielten und, beeinflusst 
durch Schwendi , ohne Wissen des Kaisers nichts be- 
schliessen wollten. Verabredetermassen wurde nun dem 
Markgrafen Bericht erstattet und sein in Zerbst über- 
gebener Brief nebst Geleit nach ]\Iagdeburg geschickt''"). 

Höchst unzufrieden war Markgraf Hans; die nutzlose 
Verhandlung gab ihm allerlei zu denken. „Es ist be- 
dacht worden", schrieb er an Moritz '•^^), „dass die Dinge 
mit Vorwissen des Kaisers abgehandelt werden sollten 
und nuissten; doch wäre es richtiger und besser gewesen, 
die Sache zuvor mit den Magdeburgern abzuhandeln und 
sich ihres endlichen Willens zu erkundigen, als anfangs 
beim Kaiser Erklärung zu fordern; denn es sei nicht zu 
denken, dass der Kaiser sein Gemüth eher erklären werde, 
er wisse denn zuvor, was die Magdeburger thun wollten. 
Er (Hans) verstehe es aber dahin gerichtet, dass man ihn 
mit solcher Handlung höflich ins Winterfeld weisen möchte. 



Hinblick auf die vielen Werbungen des Markgrafen Hans und 
anderer um Knechte und Reiter und auf die Hilfegesuche derselben 
bei fremden Potentaten meinte er, die ganze Handlung sei nur 
Scheinliandhuig ; man gebe Frieden vor und suche Ivrieg. Er bat 
den Kurfürsten, der Belagerung ernstlich nachzusetzen. (Loc. 9151, 
in, 131. LSfi). 

'») Loc. 9153, Magdeburgische Handlung etc. Bl. 3 flg. 

*") Kurfürst Joachim und die Vertreter des Kapitels baten den 
Kaiser, dem Ivmfürsten Moritz das ausgelegte Geld zu erstatten, den 
Sold rechtzeitig zu schicken und die Reichsstände in Nürnberg zur 
Continuierunu des Exekutionskrieges zu vermögen. 

^') Loc. 7277, Marggraffen Johannsen Handel etc. Bl. 7, Brief 
datiert Kressen am 27. März l').il.Charficitag (eigenhändig). Druffel I, 
No. 609, Job. Voigt, Fürsteubuud 117. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 281 

Noch mehr wundere er sich darüber, dass man die Sache 
auf Bewilligung der PfafFen schiebe; denn obschon nach 
seiner Meinung beim Kaiser die verabredeten Artikel zu 
erhalten, so Aväre nicht zu erwarten, dass die BaalspfafFen 
sie gern bewilligen würden" ^^). — In demselben Briefe 
zeigte Hans an, dass die jimgen Landgrafen von Hessen 
Theilnahme am Bunde zugesagt hätten und dass die 
Ernestiner bereit seien „auf gebührliche Ausgleicliung 
ihrer Verhältnisse mit Moritz einzugehen und zur Befrei- 
ung ihres Vaters dem Bündnisse beizutreten". Damit 
sah er die hauptsächlichste Bedingung ihrer Dresdener 
Abmachungen erfüllt und forderte nun von Moritz „als 
Christ und Bekenner seines Wortes, der seinem Taufbimde 
treu bleiben w^olle, auf Mittel und Wege zu denken, wie 
er von den bisherigen Händeln abkomme und sich über 
die jetzt ablaufenden drei Monate mit dem Kaiser auf 
nichts weiter einlasse". Der Markgraf war der Ansicht: 
„die rechte Probe treuer Bundesgesinnung werde der 
Kurfürst erst dann bestehen, wenn er sich zu Ostern 
kaiserlichem Dienste entziehe". 

Diese Probe hat Moritz nicht bestanden, aber er 
meinte es ehrlicher mit der Bundessache, als der miss- 
trauische Markgraf glaubte. Denn kaum hatte dieser am 
22. Februar Dresden verlassen, so schrieb der Kurfürst 
— schon mehrfach war es geschehen — an Carlowitz in 
Augsburg^*), dass er nicht gesonnen sei, länger als sechs 
Monate — also bis zum 2. April — in kaiserlichen Diensten 
zu bleiben. Ohne eine Andeutung von irgend welchen 
Verpflichtungen fallen zu lassen, klagte er wie bisher so 
oft über lässige Bezahlung^^), über die Säumigkeit be- 



'*) Der Brief fährt fort: „aus Ursachen, dass sie Kinder ihres 
Vaters des Teufels seien, der ein Lügner und Mörder, ein Geist 
des Unfriedens und Wüthens vom Anfange an gewesen sei und der 
Lust habe, in der Christen Blut zu baden. Ungern möchten solche 
geistliche Väter sehen , dass Bekenner der wahren christlichen 
Religion und der augsburgischen Konfession in guter Ruhe und 
Frieden bleiben, viel lieber wollten sie sehen, dass wir alle auf dem 
Kopf stünden und sie in unserem und der Christen Blut bis in die 
Ohren wie in einem lustigen Wildbade baden möchten". 

") Loc. 9151, III, Bl. 72 flg. Vergl. Brief vom 14. Jan. Bl. 8, (21). 
=") Loc. 9151, III, Bl. 36 flg. Erst am 21. Januar 1551 hatte 
der kaiserl. Pfennigmeister von Haller die vom Reichstage be- 
willigten 100,000 fl. Kriegskosten nach Leipzig gebracht; von den 
bewilligten Monatsgeldern (ä 60,000 ä.) war Ende Februar noch 
kein Pfennig bezahlt (Bl. 136). Haller hatte strengsten Befehl, das 
Geld nur dem Kurfürsten (oder dessen Befehlshabern) und dem Dom- 



282 S. Issleib: 

trefFs seiner „Bestallung"**), über die noch nicht erfolgte 
„Versicherung-*'*) seiner ausgelegten und vorgestreckten 
Gelder" etc. Als vornehmste Ursache, sich kaiserlichem 
Dienste entschlagen zu müssen, gab er die landgräfliche 
Sache; an; denn sollte er gemäss seiner eingegangenen 
Verpflichtung mit dem Kurfürsten von Brandenburg ein- 
gefordert werden, so könne er nicht an beiden Orten, vor 
Magdeburg und in Kassel, sein*'). 

Carlowitz, über den beharrlichen Entschluss des Kur- 
fürsten verAvundert, verniuthete eine ablenkende Wendung 
der Dinge und bemühte sich, rathend zu warnen. Seiner 



kapitel zu verabreichen und von beiden Quittung und Recognition 
in Empfang zu nehmen. Dadurch wurden weitläufige Schreiljereieu 
veranlasst, die bis in den Februar hinein dauerten. Moritz fand 
Ursa(lie,_ über unberechtigtes Misstranen zu klagen. 

^^) Über die „Bestallung" wurde seit Ende November 1550 ver- 
handcdt (Loo. 9151, 11, Bl. 490). Moritz wünschte den Krieg ganz 
selbständig zu führen; alle Ämter sollten aus Reichsmitteln be- 
zahlt, aber von ihm besetzt werden. Er beanspruchte als Ruichs- 
feldherr monatlich .S502 tl. Am kaiserl. Hofe gedachte man ihn ein- 
fach mit der „Ehre" eines Reichsfeldherrn abzutinden, da der Krieg 
zum Theil im Interesse Sachsens geführt werde, und weil der Kur- 
fürst als Schutzherr der Stifter etwas zu thun schuldig sei (Loc. 
10 189, Summarischer Auszug, Bl. 118); allein jNloritz bestand auf 
herkömmlicher Bestallung. Am 2.5. Februar bewilligte der Kaiser 
endlich .3000 Ü. Monatsgelder; über andere Punkte aber kam man 
nicht ins Reine. Ganz besonders sträubte sich der Kaiser gegen 
Annahme des Markcrafen Albrecbt als Oberstlieutenant etc. (Loc. 
10 189, Summarischer Auszug etc. Bl. 212, Loc. 9151, Ilt, Bl. 21,72, 
106, 291 tig., Loc. 915.3, Nürnbergische Handlung etc. Bl. 22 flg. 
D ruf fei I, No. 591 u. 608.) — Über das Verhältnis Schwendi's 
zum Markgrafen Albrecht vergl. Joh. Voigt, Markgraf Albrecht 
221 und 1) ruffei I, No. 891. 

^") Schon der Bestallungsentwnrf vom November 1550 enthielt 
das Verlangen einer Versicherung, dass für rückständige Zahlung 
entweder die Stifter Magdeburg und Ilalberstadt nebst den Städten 
Halle, Erfurt und Mül;lhansen oder die Reichsstädte wie Nürnberg, 
Frankfurt a. M. etc. haften sollten. Seit Februar 1551 forderte der 
Kurfürst ohne Unterlass Versicherung für seine geliehenen Gelder, 
deren Summe er am 18. März auf 250,000 fli. und am 26. Mai (nach 
der Zusendung von Reichsgeldern) auf 160,000 tl. angab. Der Kaiser 
wollte keine besondere, sondern nur die herkümmli(he Ver- 
sicherung durch den Bestallbrief geben. In fast zahllosen Briefen 
bildete die Versicherung einen Hauptjiunkt. Der Kurfürst drohte 
sogar: „da er sein ausgelegtes Geld nicht wieder bekommen sollte, 
müsste er sich dessen selber erholen , es pehe gleich über Pfaft'en 
und Mönche". Loc. 9161, III, Bl. 72, 38S flg., IV, Bl. 45; Loc. 9153, 
Nürnbergische Ilandhing etc. Bl. 22. 

^') Loc. 9151, III, Bl. 99. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51 . 283 



Ansicht nach**) war niemandem auf der Welt mehr als 
dem Kurfürsten daran gelegen, dass Magdeburg gezücli- 
tigt und gedemütliigt werde^**). Der Kurfürst sollte, so 
lange wenigstens der Vorrath dauere, das Kriegsvolk 
nicht aus den Händen lassen; er habe schon so vieles 
gewagt und überwunden, und der Sieg sei unzweifelhaft. 
Nichts Erwünschteres könne in der jetzigen sorgenvollen 
Zeit begegnen, als vor allen anderen Kurfürsten, Fürsten 
und Ständen mit so ehrlichem Titel auf des Reiches Un- 
kosten ein solches Kriegsvolk ohne sonderliche Landes- 
beschwerung in seinen Händen zu haben. Er möge vor- 
sichtig sein, denn wolle er d^in Kriege nicht länger als 
sechs JMonate vorstehen, so würde man es zuletzt zu- 
frieden sein. Nicht genug! "VA^enige Tage darauf bat er 
inständig, vor Ende des Krieges den Oberbefehl nicht 
aus den Händen zu lassen. Allein Moritz blieb zunächst 
bei seinem Vorsatze. Noch am 18. März wiederholte er 
seine Gründe und erklärte von neuem, nicht länger "als 
sechs Monate dienen zu wollen ^")^ 

Als dieser kurfürstliche Brief am 25. März in Augs- 
burg ankam, lag der Kaiser „am Podagra schwach dar- 
nieder" und Hess keine fremde Person vor sich. Auch 
Granvella war vieler Geschäfte halber nicht zu sprechen. 
Aus einer Unterredung Carlowitz' mit dem kaiserlichen 
Eathe Pfitzing ergab sich, dass man den Kurfürsten, wolle 
er wegen der rückständigen Gelder und deren Versicher- 
ung oder wegen der hessischen Obligation oder aus an- 
deren Gründen den Oberbefehl nicht länger behalten, 
Avider seinen Willen nicht weiter belästigen werde. 

Carlowitz überliess nun zwar dem hohen Ermessen 
des Kurfürsten, was er thun wolle, aber er rieth für seine 
Person, den Oberbefehl zu behalten, sobald er hinsichtlich 
der geUehenen Gelder durch den Bestallbrief genügend 
gesichert werde, zumal in wenigen Tagen über Fortsetz- 
ung des Krieges und Beschaffung von Geld der Reichstag 
in Nürnberg berathe. Überdies gab er zu beachten, 



") Brief vom 8. März, Loc. 10189, Suinmar. Auszug, Bl. 240. 

") Vergl. diese Zeitschrift IV (1883), 295. 

»») Loc. 9151, III, Bl. 93, 99. Seltsam in der That, wenn man 
beachtet, dass, durch ihn veranlasst, tags vorher (am 17. März) der 
Kurfürst von Brandenburg und das Domkapitel von Kalbe aus den 
Kaiser dringend um ,.Continuatiou" des Exekutionskrieges er- 
suchten. (Siehe Anmerk. 20.) Eine derartige Haltung gehört so 
ganz zum Charakter des Kurfürsten. 



284 S. Issleib: 

(liis.s der Kurfürst mit seinem KriegsvolUc, sofern das 
Geld später nicht rechtzeitig verabreiclit werde oder im 
Falle sich ein Todesfall ereigne — auf den kranken 
Kaiser hindeutend — , die Reichsstände zur bewilligten 
Bezahlung leicht bringen könne. 

Inzwischen war ein Sclireiben des Kaisers (vom 
25. Februar) in Magdeburg-Neustadt (am 19. März) ein- 
gelaufen, worin er für die „Zertrennung des verdischen 
Haufens" dankte und sicli endlich über das Feldherrn- 
arat, über die geforderten 3000 fl. monatlicher Staats- 
gelder und über andere Dinge erklärte. — Alles wirkte 
nun zusammen: die kaiserliche Zuschrift, die ernstlichen 
Vorstellungen Christofs von Carlowitz, die stockenden und 
zunächst aussichtslosen magdel)urgischen Verhandlungen 
und die noch völlig imfertigen, überaus schwankenden 
und unsicheren Bundesverhältnisse. Kein Wunder, wenn 
sich Moritz entschloss, den Oberbefehl vor Magdeburg 
zu behalten. Aber heben wir hervor, er bemühte sich 
in ein Dienstverhältnis zu treten, welches nach monat- 
licher Kündigung gelöst werden konnte. Zu diesem 
Zwecke wandte er sich persönlich an den Kaiser^'); 
gleichzeitig erhielt Carlowitz Weisung, allen Fleiss an- 
zuwenden und einmonat liehe Kündigung auszu- 
wirken. Jedem Theile sollte es von Monat zu Monat frei- 
stehen, das bestehende Dienstverhältnis zu lösen. Mit 
gewissem Kechte konnte daher der Kurfürst am 1. April 
an seinen Schwager, den Landgrafen AA'ilhelm von Hessen, 
schreiben: ..alle Stunde stehe er seiner Dienste halben 
frei und wolle auf nichts warten, denn auf einen guten 
Beschluss aller Sachen"'*). Ähnliche Erklärungen mag 
er dem Markgrai'en Hans gegeben haben''). 

Viel lag an der Nürnberger Rcichstagsverhandlung, 
welche am 1. April ihren Anfang nahm'*). Eingehend 



«') Lnc. 9151, Iir, in. lOß. Schreiben aus Dresflen vom 26. März 
1551; vergl. D ruf fei I, No. fi()8. Moritz hielt daran fest, dass vor 
allem die landgräfiiche Sache im Wej?e liejre, die an der Ausübung 
des Oberbefehls hind(!rn niöclite, „ungeachtet, dass die kaiserlielie 
Majestät ihn dieser Ubligation entnehmen wollte". (Kaiserl. Urief 
vom 25. Februar). Vergl. v. L angenn II, 321 ; Joh. Voigt, Fürsten- 
bund 116; Druffel I, No. 649. 

") C. A.Cornelius, Churfürst Moritz gegenüber der Fürsten- 
verschwörung 1550 — 51 (Münclien 1867), 50. 

**) AVas Joh. Voigt, Fürstenbund 1.37, in einem späteren Zu- 
sammenhange mittheilt, gehört wohl hierher! 

*') Loc. 9153. Nürnbergische Handlung und Abschied, Bl. 1 tig. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 285 

berietlien die Reichsstände über Erstattung des ange- 
griffenen Vorratlies und über Fortsetzung der Belagerung 
Magdeburgs. Eine längere Prüfung der Einnahmen und 
Ausgaben der „Legestädte" ergab, dass mit Hilfe der 
noch vorhandenen Barscliaften und der sicheren Aus- 
stände der Exekutionskrieg bis zum 2. August aufrecht 
erhalten werden konnte^"). Vereinten Anstrengungen ge- 
lang zuletzt die AusAvirkung eines günstigen Reiclisab- 
schiedes. Am 4. und 5. Mai wurde beschlossen, den 
Vorrath zu ersetzen und jede Lücke des neu bewilligten 
später auszufüllen. Die erste Hälfte des zu ergänzenden 
Vorrathes sollte den 1. August bezahlt und die zweite 
Hälfte, vorausgesetzt, dass die Belagerung Magdeburgs 
bis zum 1. Dezember 1551 dauere, den I.Januar 1552 ent- 
richtet werden. Die Belagerung wollte man wie bisher 
monatlich mit 60,000 fl. continuieren. Nach Eroberung 
Magdeburgs sollten die städtischen Güter angegriffen und 
zur Erstattung des Vorrathes mit verwendet werden; das 
Fehlende sollten die Reichsstände besetzen ^*^). 

Der Antrag der sächsischen Räthe, eine höhere 
Monatssumme als 60,000 fl. zu bewilligen, blieb unbe- 
rücksichtigt^"). Der Kaiser schlug vielmehr zum wieder- 



Kurfürst Moritz liess sich durch Carlowitz und Abraham von Ein- 
siedel vertreten. Carlowitz wünschte mit diesem Auftrage verschont 
zu bleiben (Bl. 22), weil er länger als dreissig Wochen von seinem 
Hause abwesend und zum Reden gar nicht geschickt sei. Dazu 
gehörten Leute, die „Harre halten", heftig anhalten und darauf 
dringen könnten; Dr. Kneutlingen sei dazu tauglich; aber er müsse 
Dr. Osse oder Franz Kram bei sich haben. Bei Granvella fördere 
es mehr, wenn er sehe, dass man sich der Sache ernstlich annehme 
und üeissig hin und wider postiere. So richte auch einer allezeit 
mehr aus, der frisch von der Handlung daher komme und bald 
wieder wegeile, denn ein anderer, der allewege still liege und allein 
auf anderer Leute Bericht handeln müsse. 

*^) Der ßeichsvorrath betrug 761 696 fl. ; die sicheren Anlagen 
wurden auf 592 9.S0 fl. angegeben. Eingenommen waren in Köln, 
Speier und Nürnberg 465 S76 fl., ausgegeben 340150 fl. (100000 fl. 
Kriegskosten, 4 Mouatsbeträge ä 600U0 fl. und 150 fl. kleinere Be- 
träge). Die Baarschaft betrug demnach 125 226 ü. und die weitere, 
sichere Anlage 127 554 fl., somit verfügte man noch über 252 780 fl. 
Baarschaft und sichere Anlage des alten Vorrathes. 

**) Am 25. Mai fand die Veröffentlichung des Reichsabschiedes 
und des Mandates wegen Erlegung des Eeichsvorrathes statt. 
Loc. 915.3, Magdeburgische Handlung wegen der Stadt aussunung 
vnd ergebunge, a. 1551. 

*') Ein Schreiben Moritz', Joachims v. Brandenburg und Hein- 
richs von Braunschweig vom 2. Mai aus dem Lager vor Magdeburg 



28G S. Issleib: 

liolten Male vor'^), nach Vollendung der Blockhäuser, 
Schanzen, Schifisbrücken und Wasserbauten das Kriegs- 
volk nach und nach, die Reiter bis auf 700 und die 
Knechte bis auf 7000 Mann, zu verrinnern und den bisher 
allzureichlich gezahlten Sold zu kürzen, dann könne von 
den monatlichen (50,000 fl. noch etwas zur Ersetzung der 
(geliehenen Gelder nut gemacht werden. 

Die Nürnberger Verhandlungen stellten den Kur- 
fürsten Moritz nicht in allen Stücken zufrieden, trotzdem 
war es von Wichtigkeit, dass die fernere Leitung des 
neugesicherten Keicliskrieges in seiner Hand lag. Es 
Hess sich in der That auch manches verschmerzen in Rück- 
sicht des bedeutenden Vortheiles, dass er in jenen Tagen, 
als die Nürnberger Beschlüsse erkämpft wurden, die Be- 
lagerungstruppen von neuem sechs Monate für sich gewann. 

Die Zeit; für welche die Söldner geschworen, ging 
anfangs Mai zu Ende**); neue Bestallung und Vereidig- 
ung musste erfolgen. Kaum aber konnte sie jetzt anders 
als im Namen des Kaisers und Reiches stattfinden: Karl V. 
hatte längst darum gebeten, und das Kriegsvolk selbst 
wünschte den Reichsdienst, da kurfürstliche Dienste mit 
„leichter Münze", kaiserliche und Keichsdienste herkömm- 
lich mit „schwerer Münze" bezahlt wurden. Dieser Um- 
stand war von Bedeutung und fiel bei der widrigen 
Geldnoth doppelt ins Gewicht. Kurfürst Moritz beutete 
ihn in seinem Interesse aus. Er führte dem kaiserlichen 
Kommissar Schwendi die ansehnliche Erhöhung der 
monatlichen Unkosten zu Gemüthe, wenn der Sold künftig 
in schwerer Münze entrichtet werde^"); er brachte in 
Anschlag, dass die seitherige Geldverlegenheit durch die 
vom Kaiser und vom Kriegsvolke geforderte Abänderung 
nur gesteigert werde, und hielt die Erneuerung des alten 
Dienstverhältnisses für den geeignetsten Ausweg, um 
grössere Unannehmlichkeiten zu vermeiden. AA'ohl oder 
übel! Schwendi wies unter den obwaltenden peinlichen 
Veriiältnissen den Vorschlag nicht zurück. Und von 
kurfürstliciier Seite konnte der Schritt mit Fug und Recht 



an die Reichsstäiide zur Beförderung des Exekutinnskrieges wurde 
nicht ül)erant\vortet, da es zu spät eintraf; Loc. 1)151, HI, Bl. 227 
und d1b?>, Nünibergisclic Handlmig nie. Bl. 91. 

5»; Loi-. 10189, Suminarischor Auszug, Bl. 258 11g.; vergl. 
Druffel I, No. 648 (25. iMai 1551). 

»•) Loc. 9151, III, Bl. 222 Hg. 2ylfig.; Druffel I, No. G45, 648, 650. 

*») Der Thaler galt dann zwei bis fünf Groschen weniger. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550 — 51. 287 

geschehen: laut erhaltener Bestallung waren die Knechte 
verpflichtet, Moritz so lange er ihrer bedürfe auch über 
die sechs Monate hinaus um leichte Münze zu dienen. 
Unwillig darüber wollten sich allerdings die Knechte 
nicht mustern lassen, fluchend liefen sie in Rotten zu- 
sammen und versuchten zu meutern. Der Kurfürst sah 
sich genöthigt, am 4. Mai in den „Ring" zu gehen, den 
Knechten die vorjährige Bt'stallung vorzuhalten und 
„öffentlich" von ihnen zu verlangen, sich der früheren 
Bestallung gemäss zu verhalten. Nach aufgeregten Ver- 
handlungen schwuren die Knechte, w^eitere sechs Monate 
um leichte Münze dienen zu wollen; darauf wurden sie ge- 
mustert und bezahlt^^). So ersparte Moritz dem Reiche Geld- 
verluste, erhielt die Belagerung aufrecht und — was das Wich- 
tigste war — vergewisserte sich fernerhin des Kriegsvolkes. 

Kaum jedoch hatte er die Neustadt verlassen, so 
wurde es unruhig im gesamten Lager. Allgemeine Er- 
bitterung herrschte über die Neuerung, in fürstlicher 
Bestallung Kaiser und Reich um leichte Münze dienen 
zu sollen. Alles drohte und schrie nach Geld, kaiser- 
licher Bestallung und schwerer Münze*^). Meuterei tobte 
am 9. und 10. Mai. Schwendi durfte sich nicht sehen 
lassen, und sein Quartier wurde arg heimgesucht. Nur 
mit grosser Mühe stillte Markgraf Albrecht den tumultua- 
rischen Aufruhr. 

Es würde zu weit führen, hier der Feindschaft des 
Markgrafen Albrecht und Schwendi's nachzugehen^'^) und 
eine eingehende Schilderung des Lagerlebens zu geben. 
Nur so viel mag angedeutet werden, es herrschte im 
Lager „viel Unrath, Unordnung, UnpünktUchkeit, Nach- 
lässigkeit, Unsicherheit und Zuchtlosigkeit"; kaum war 
in Anwesenheit des Oberfeldherrn „leidliche Ordnung" zu 
bemerken. Fremdes Gesinde, Boten, Kundschafter und 
„Praktiker", welche die Mannschaft abtrünnig zu machen 
suchten, zogen im Lager ein und aus. 

Was die Belagerungsarbeiten betrifft, so wurde die 
Einschliessung Magdeburgs Ende Mai vollendet. Der 
oben erwähnte, fast zwei Stunden lange Laufgraben mit 
Schutzwall umschloss die Stadt von der Buckauer Schanze 



*') Die Musterung vollzog von Schwendi und Hans von Diskau. 

*^) Loc. 9151, lY, Bl. 170 flg. 

") 7281 Französische Verbündnisse Bl. G9, Loc. 9151, II, 
Bl. 302, IV, 2 flg. Vergl. Joh. Voigt, Markgraf Albrecht 240; 
Pomarius ?,i2 und Merckel. 



288 S. Issleib: 

bis zur Neustadt; auf der Ostseite sperrten die Zoll- 
sclianze und die Befestigungen von Krakau. Der Kur- 
fürst hatte im März grosse ScliifFe herbeischaffen, be- 
mannen, mit Geschützen ausrüsten und im Strome vor 
Anker legen lassen. Spater hatte er ober- und unterhalb 
der Stadt vom Buckauer Blockhause und von der Neu- 
stadt aus zwei Schiffbrücken nach den Eibwerdern ge- 
schlagen, auf diesen zwei Blockhäuser errichtet und beide 
durch je 100 Kneclite besetzt; zwei andere Blockhäuser 
waren gegenüber auf dem rechten Eibufer erbaut und 
zwei Fähnlein Knechte hineingelegt worden. Von den 
Blockhäusern aus konnte die P21be durch Geschütze 
vöUiü: beherrscht werden. Auf Befehl des Kurfürsten 
waren auch grosse und kleine Schiffe mit Mannschaft aus 
Ober- und Niedersachsen zusammengebracht worden, um 
ober- und unterhalb der Stadt mit den Feinden nöthioen- 
falls zu Scharmützeln und nach Bedürfnis von Blockhaus 
zu Blockhaus Kriegsvolk überzusetzen sowie Proviant 
herbeizuschaffen. Im Mai schlug man dann kurfürstlicher 
Anordnung gemäss zwischen den Blockhäusern am Ufer 
und auf den Werdern starke Pfähle in das '^A'^ asser und 
„hing von Pfahl zu Pfahl grosse lange Flossbäume, durch 
schwere Ketten verknüpft, überquer aneinander, also dass 
zwischen den Blockhäusern und den geankerten grossen 
Schiffen nichts durchkommen konnte". — Auf diese Weise 
wurde Magdeburg zu Wasser und zu Land eingeschlossen. 
Mit Absicht waren die Lager^*), die Blockhäuser 
(neun an Zahl) und die Schanzen meist ausser Schuss- 
weite von der Stadt errichtet und angelegt worden, da 
Majjdeburo; auf Wunsch des Kaisers^*) nicht durch kost- 
spieliges Geschützfeuer demolirt und mit Sturm gcnoiumen, 
sondern durch Einschliessung zur Ergebung genöthigt wer- 
den sollte'*'*). Die Belagerungsmannscliaft betrug im Mai 
26 Fähnlein Kneclite (fast 9000 Maim) und 1300 Reiter*'). 
Das oberländische Lager zählte 7 Fähnlein und gegen 



'*) Die beiden Haaptlager waren das oberländische bei Fermers- 
leben oberhalb der Stadt, seit einigen Wochen wieder von Diesdorf 
und Lemsdort' aus dahin verlegt, und das niederländische Lager in 
der Neustadt. 

**) Loc. ]01«9, Summarischer Auszug etc. Bl. 224. 

*") Immerhin wurden ,.über hundert Geschütze auf Rädern" 
verwendet; von der Neustadt vor allem uml von der ZoHscluin/e 
aus erfolgte die ßeschiessung der Stadt. 

*') 200 Heiter dienten seit Anfang Mai in kurfürstlicher Be- 
stallung. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 289 

500 Reiter, in der Neustadt lagen 10 Fähnlein und 450 
Reiter und im Lager von Krakau 3 Fähnlein und einige 
Reitergescliwader. Die übrige Mannschaft befand sich in 
den Blockhäusern und auf den Schiffen. Im oberländi- 
schen Lager hatte Markgraf Albrecht, in der Neustadt 
Sclnvendi und in Krakau Johann von Münchhausen 
Quartier. 

Magdeburg selbst war in gutem Belagerungszustande**). 
Merckel und Besselmeier rühmen in hohem Grade die 
Tapferkeit und Standhaftigkeit der Bürger und Söldner. 
Das Bewusstsein, für das reine Wort Glottes und das 
augsburgische Bekenntnis zu streiten, verlieh nicht nur 
Glaubensmuth und Eifer, sondern erfüllte auch alle mit 
der festen Zuversicht, Gott werde sie nicht verlassen*^). 
Reichen Trost spendeten die Theologen, und himmUsche 
Zeichen und Wunderdinge ermunterten zur Ausdauer. 
Im allgemeinen herrschte Eintracht, Opferfreudigkeit und 
Beständigkeit unter der Bevölkerung; aber es gab auch 
unruhige Köpfe und „verjagte Herren, so die Luft nicht 
allenthalben wohl leiden können". Neben der Anerkenn- 
ung, welche die gleichzeitigen Berichterstatter zollen, 
klagen sie doch auch über Masslosigkeit, Übermuth und 
Habsucht der Bürger und Söldner. Mehrfach meuterten 
die Truppen und Hessen sich rohe Exzesse zu Schulden 
kommen. Unruhig wurde das ärmere Volk; sobald der 
Mangel an Lebensmitteln fühlbar war. Von den Bürgern 
wünschte die eine Partei Frieden, die andere (an ihrer 
Spitze die Theologen und fremden Gäste) Vertheidigung 
bis zum äussersten. Sobald von den Einsichtigeren Ent- 
satz für unmöglich gehalten wurde, neigte der Rath zur 
Verhandhing und suchte unter ehrenvollen Bedingungen 
die Stadt aus ihrer hohen Notli zu befreien. 

Zuletzt war in Kalbe (am 17. März 1551) über 
Magdeburg verhandelt worden. Über die Erfolglosig- 
keit der Zusammenkunft war Markgraf Hans auf das 
Höchste erbittert; aber Moritz glaubte, „die Magdeburger 
Sache werde zur rechten Zeit auch ihren Weg finden^"); 
für seine Person „feierte er nicht, einen Vertrag mit der 
Stadt zu bekommen". Durch seine Bemühungen geschah 
es, dass ihn endlich die Achter (am 17. April) um Ver- 



**) Weiteres siehe bei Merckel, Besselmeier u. Pomarius. 

*»; Lilien er on IV,, No. 587—589. 

*") Cornelius 58, Brief vom 1. April 1551. 

Neues Archiv f. S. G. u. A. V. 4. 19 



290 S. Issleib: 

•\vendung beim Kaiser und den Reiclisständen und um 
Angabe der Artikel, durcli welche sie in kaiserliche 
Gnade gelangen könnten, baten. Sie waren bereit, zwei 
oder drei Personen an ihn abzuschicken. Das Gesuch 
der Magdeburger langte in Dresden an, als eben der 
Stadtsekretär Heinrich IMerckel von Lüneburof aus dort 
eintraf. Dieser war seit September 1550 in Sendungen 
für Magdeburg an den norddeutschen Höfen und in den 
Seestädten thätig gewesen. Jetzt brachte ihn Hans von 
Heideck nach Dresden, wo er vom Kurfürsten beauftragt 
wurde, mit Joachim von Gersdorf nach Magdeburg zu 
reiten und dahin zu wirken, dass an einem bestimmten 
Tage vier Kathspersonen in den krakauischen Werder 
kommen möchten. Nach einer Abwesenheit von 32 Wochen 
erreichte Merckel Magdeburg am 27. April. Fünf Tage 
später (am 2. Mai) war Kurfürst Moritz in der Neustadt 
und suchte die Truppen für sich zu gewinnen. Am 6. Mai 
fand dann eine Zusammenkunft mit dem Bürg^ermeister 
Gericke, dem Stadtsekretär Dr. Levin von Emden, dem 
Kaths- und Bauherrn Arnold Hoppe und dem Stadt- 
sekretär Merckel statt. Nach längerer gegenseitiger Aus- 
sprache und Berathung erhielten die Magdeburger hin- 
sichtlich der Keligion beruliigcnde Versiciierungen. Über 
die voi'gelegten und eingehend besprochenen Artikel wurde 
darauf in der Stadt überaus zwiespältig verhandelt; — 
am heftigsten eiferten die Theologen gegen den Kurfürsten 
von Sachsen. Die endlich beschlossene Antwort über- 
brachte Merckel am 12. Mai nach Naumburg, wo Moritz 
mit den jungen Herren von Weimar Verhandlungen 
pflogt'). 

Auf Grund der Magdeburger Erbietungen ^^) be- 
mühte sich der Kurfürst weltliclie und geistliche Dinge 
auseinanderzuhalten und die Bürger zur Denuitii zu 
ermahnen. Seinem Rathe gemäss sollten sich die Magde- 
burger dem Kaiser auf Gnade und Ungnade ergeben, 
einen Fussfall thun, 100 000 fl. zahlen, eine Besatzung 
aufni'hmen und wie andere evangelische lleichsstände 
das Konzil beschicken. Für Erhaltung ihrer Festungs- 
werke wolle er sich verwenden. jNIit der Erkläriu^ig, dass 
auf die jetzigen Erbietungen hin beim Kaiser wenig HofF- 



*') W. "Wenck, Kurfürst Moritz und die Ernestiner S. 11. 
**) Loc. 9153, Magdeburgisclie llaudluun; wegen der Stadt 
aussunuiig und ergebung 1E51, 151. 47, 5.". Poraarius 3.38. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550 — 51. 291 

nung zum Vertrage sei, entliess der Kurfürst den Stadt- 
sekretär. 

Wenige Tage darauf (am 22. Mai) wurden die in 
Dresden begonnenen Bundesverbandlungen in Torgau 
forto-esetzt*^). In Person waren erschienen Kurfürst Moritz, 
Markgraf Hans, Herzog Jobann Albrecbt von Mecklen- 
burg und Landgraf ^^'ilbelm von Hessen; andere Fürsten 
hatten Vertreter geschickt. Die Punkte der Dresdner 
Abmachungen : treues und offenes Bekenntnis der augs- 
burgischen Konfession, Vertheidigung der Freiheiten 
des Vaterlandes und Erledigung der gefangenen Fürsten, 
behielten ferner bindende Kraft. Die Irrungen zwischen 
Albertinern und Ernestinern sollte Mai'koraf Hans auf 
Grund der kurfürstlichen Bewilligungen und der herzog- 
lichen Erbietungen in Naumburg ausgleichen. Im Falle 
keine Einigung der sächsischen Häuser herbeigeführt 
werde, sollten sich die anwesenden und die vertretenen 
Fürsten von neuem betagen. Dann sollten die Herzöge 
von Weimar, wenn sie dem Bunde nicht beitreten würden, 
zu einer Neutralitätserklärung genöthigt oder im Weiger- 
ungsfalle als Feinde betrachtet werden etc. Weil man 
auswärtige Hilfe für nothwendig hielt, so wurde am 
25. j\lai für Friedrich von Reifenberg, für den ßhein- 
grafen Philipp und Georg von Reckerod eine Instruktion 
ausgefertigt, mit der sie sich au den französischen Hof 
begeben sollten. Alle weiteren und bindenden Verein- 
barungen wurden von dieser Sendung abhängig gemacht. 

Ohne Zweifel ist in Torgau auch Magdeburg zur 
Sprache gekommen. Im Interesse des Bundes wünschten 
wohl einige baldige Erledigung der Sache. Ganz anders 
Markgraf Hans! Am 4. Juni schrieb er an Moritz ^^): 
„Er möge aus allerlei Gründen, die sich nicht schreiben 
liessen, mit der Magdeburger Handluns; zögern, bis Reifen- 
berg aus Frankreich zurückkomme. Sei Reifenberg da, 
dann werde der Markt den Kauf lernen. Viele gute 
Leute würden sich nicht brauchen und viele ohne Warte- 
geld nicht aufhalten lassen; aber Wartegeld geben und 
nicht wissen, was Reifenberg bringe, sei beschwerlich^'. 
Welch' andere Stellung als früher nahm jetzt der Mark- 



5*) Joh. Voigt, Fürsteilbund 122; Cornelius 60; W. Wenck, 
Kurfürst Moritz und die Evnestiner 17. 

**) Loc. 7277, Markgrafen Johaunsen hendel etc. Bl. 9 (Brief 
aus Küstrin); D ruf fei I, No. 658. 

19* 



292 S. Issleib: 

graf zu Magdeburg einl Um des Bundes willen also 
sollte fortan die Belagerung in die Länge gezogen und 
das Kriegsvolk vor Älagdeburg auf Kosten des Reiches 
für Bundeszwecke weiter unterhalten werden. 

Für Moritz bedurfte es keiner j\Iahnun<i" zur Zöerer- 
ung; fern lag ihm Übereilung. Ausser den Bundesinter- 
essen verfolgte er ja ganz persönliche, und diese waren 
erst durch „weitläulige Traktaten" zu erreichen. Wenig 
zufriedengestellt durch die seitherige Opferwilligkeit der 
Achter, wollte er sich in kein Gespräch und in keine 
Verhandlung niehr mit ihnen einlassen, bevor sie nicht 
eine bestinnnte Erklärung hinsichtlich der Übergabe und 
der Besatzung der Stadt abgegeben hätten; er wollte 
auch dann erst Fürbitte an den Kaiser oder an die 
Reichsstände gelangen lassen^^). 

Der emsigen Thätigkeit Christof Arnolds, des 
Kanzlers Hans von Heideck, war es zu verdanken, dass 
am 24. und 25. Juni weitere Verhandlungen in Pirna 
stattfanden^'*). Hier berücksichtigte man alle Punkte der 
kaiserlichen Kapitulation und eröffnete zugleich den ge- 
heimen Verhandlungen, welche Hans von Heideck 



*') Moritz' Brief an Christof Arnold, Heideck's Kanzler, vom 
3. Juni; Loc. 9151, III, Bl. 348; vergl. Bl. 322 und l'oniarins 354. 
Nach Druffel I, No. (".50 hatte bereits der Kurfürst am 2(5. Mai 
den Kaiser um Linderuni.': der Kapitulationsartikel angegangen. 

»«) Loc. 9153, Magdehurgische Handlung etc. 1551, Bl. 57 flg. 
Loc. 9152, Magdehurgische Handlung etc. Bl. 250 flg. Vergl. Bessel- 
meicr, Merckel, I'omarius 3()(;, 374. Aus Magdeburg erscliienen 
■wiederum Bürgermeister Gericke, Dr. Levin von Emden, Arnold Hoppe 
und Heinrich Merckel. Dem Kurfürsten standen zur Seite Dr Mord- 
eisen, Dr. Komerstadt und Christof von Carlowitz, welcher vom Reichs- 
tage zurückgekehrt war. — Markgraf A Ibrecht hatte von Christof 
Arnold erfahren, dass die Magdeburger dem Kurfürsten Erbhul- 
digung leisten, jedocli keine Besatzung anfnelimen wollten, und 
dass Fürsten und Vertraute den Handel verbürgen sollten. (Loc. 
9151, HI, Bl. 390 u. 464). Infolge dessen rieth er Moritz, sich 
vorzusehen, „dass ihm nirbt ein Hälmlein durch den Mund gezogen 
werde". Koch vor Ablauf dreier Monate würden die Achter andere 
Bedingungen annehmen; wenn die Schalken wieder zu ihm kämen, 
dann solle er ihnen kein gutes Wort geben. Schwendi ermahnte 
am 17. Juni etc. (Bl. 513, 528, 547, 570), auf des Kaisers und Kelches 
Reputation zu acht((n ; doch solle der Kurfürst „ilie Handlung nicht 
gänzlich aus den Händen kommen lassen und den Achtern die HoÜ- 
nnng eines guten und leidlichen Vertrages nicht abschneiden". Das 
Domkapitel bat um Wahrung seiner Rechte, um Erstattung der 
Güter und wollte Grafen Albrecht von Mansfeld vom Vertrage aus- 
geschlossen wissen. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 293 

und Christof Arnold führen sollten, Bahn*'). Die städti- 
schen Abgeordneten bewilligten Ergebung in kaiserliche 
Gnade und Ungnade, doch so, dass zuvor eine schrift- 
liche Versicherung gegeben werde, die Ungnade solle 
fallen, sobald der Fussfall gethan und Abbitte geleistet 
sei. Die Pfaffen sollten in der Stadt keine Aufnahme 
finden. Die Ausgleichung der Irrungen zwischen dem 
Erzbischofe, dem Kapitel und der Stadt sollte Kurfürst 
Moritz als kaiserlicher Kommissar übernehmen und alle 
Schäden gegenseitig aufheben, Schleifung der Festung 
wurde auf das Entschiedenste zurückgewiesen, nicht allein 
wegen der hohen Abtragungssumme, sondern vielmehr in 
Rücksicht drohender Türkengefahren. Dem Kaiser wollte 
man im Frieden die Stadt öffnen, ungefähr 30 000 Gulden 
Strafe zahlen und gegen 12 Stück Büchsen (aber keine 
Kartliaunen und Schlangen) liefern. Alle konfiszierten 
Güter und verliehenen Gerechtigkeiten sollten zurücker- 
stattet werden. Gegen Aufnahme einer Besatzung, wor- 
auf der Kurfürst das Hauptgewicht legte, sträubte man 
sich, denn Magdeburg werde dadurch zu Grunde gerichtet. 
Wiederholt mahnte der Kurfürst, in unerlässlichen 
Dingen nachgiebig zu sein und sich gegen den Kaiser 
und gegen etliche Fürsten deraüthig zu erweisen. Schrift- 
lich sollten die Magdeburger eingestehen, dass ihnen die 
kaiserliche Ungnade herzlich leid sei, damit „leidliche 
Milderung" erlangt werden könne. Zunächst gnädig gegen 
Magdeburgs Standhaftigkeit**^), war Moritz einige Wochen 
später über des Stadtrathes Antwort vom 26. Juli*^) in 
dem Grade unwillig, dass er zur grossen Freude Scliwen- 
di's diese neben einem offenen Zettel wieder zurück- 



*^) Loc. 10 695, Dr. Franz Krammens Zeitimgsbuch (ohne An- 
gabe der Blätter) und 10189, M. Franz Krammens Schreiben etc. 1551 
Bl. 31 (Druffel I, No GO?,). Des Kaisers Kämmerer und andere Per- 
sonen iällten allerlei verdriessliche Urtheile, weil der Kurfürst den Hei- 
deck im Lande dulde und sogar als Oberbauptmann in Leipzig einge- 
setzt, auch seinen Sekretär Arnold als Verwalter in Eilenburg angestellt 
habe. Nach Bl. 36/37 (Druffel T, No. 668) betrieb Kram bei Granvella 
Heidecks Aussöhnung. Ileidecksollte ein bestimmtes Zeichen geben, wo- 
durch zu erkennen, dass er des Kaisers Huld würdig sei. Er sollte den 
Grafen von Mansfeld oder einen andern angesehenen Rebellen fangen, 
oder Magdeburg zur Ergebung bereden. Man hatte den Verdacht, 
Heideck sei besser französisch als kaiserlich, und besorgte, er werde 
den Kurfürsten betrügen, darum wünschte man ihn lieber weit weg etc. 

") Loc. 9151, III, Bl. 570/71, Briefe an Schwendi und Kur- 
fürsten Joachim. 

") Pomarius 374. 



294 S. Issleib: 

schickte"^')- Die Magdeburger und ihre Parteigänger 
sollten irren, wenn sie glaubten, „einen Frieden nacli 
ihrem Gefallen zu erlangen""'), namentlich seitdem der 
Kurfürst vom Kaiser eine gewaltige Handhabe gegen 
die Stadt erworben hatte. 

Unaufhörlich diang Moritz beim Kaiser — schon 
kennen wir die Art und Weise — auf pünktliche Be- 
zahlung, auf Erstattung der geliehenen Gelder oder auf 
Versicherung der Summen; unablässig forderte er „rich- 
tigen Bescheid, bei wem er sich seine Auslagen erholen 
könne". Lange zögerte Karl V. mit einer bestimmten 
Erklärung. Er wusste in der That nicht recht, wie er 
den Kurfürsten zufrieden stellen sollte; denn aus eigenen 
Mitteln wollte er keinen Pfennig vergüten und sonst 
scheute er wegen misslicher oder doch unbequemer Folgen 
jedes andere Mittel. Erst als der „Himmel sich ringsum 
zu trüben" begann imd zahlreiche Gerüchte meldeten, 
man versuche den Kurfürsten vom Kaiser abzubringen'*"'^), 
entschloss er sich (Ende Juni) ein „Übriges zu thun". 
Auf Krams Vorschlag"^) und Schwendi's Antrag war er 
zufrieden , dass Moritz Magdeburg nacli Eroberung 
oder Ergebung so lange innebehalte, bis er aller zur 
Exekution verwendeten Ausgaben gänzlich zufriedenge- 
stellt sei'*^). Auf dem nächsten Reichstage hoffte der 

«") Loc. 9153, Magdelnirgische Haiuüinig etc. Bl. 93. Moritz 
verfolgte den doppelten Zweck: einen Druck auf die Magdeburger 
ansuzüben und die unilaut'ojiden Friedens- und Uundesgerücbte dem 
Kaiser und Schwendi gcgenidier Lügen zu strafen Im Briefe an 
den Kaiser (vom 22. September) hob er die Zurücksendung der magde- 
burgischen Antwort ausdrücklich hervor. Loc. 9152, V, BI. 188; 
Druffel I, No. 754. 

•') Loc. 9151, IV, Bl. 63, Bericht Heinrichs von Braunschweig 
vom 14. Juli 1551. 

"I Loc. 9151, III, Bl. 390, vergl. 424. 

") Loc. 10189, M. Franz Krammens Schreiben etc. 1551 Bl. 44, 
Brief vom 29. Juni 1551. ^Vährend einer langen Unterredung mit 
Arras meinte Kram : „Sollte dem Kurfürsten recht und Avohl geholfen 
werden, so müsse das Erzbisthum Magdeburg darüber eine Feder 
lassen". Arras entgegnete: „er Avisse auch keinen andern Weg, wie 
der Kurfürst sonst zu seinem geliehenen (ielde kommen möchte" etc. 

"*) Das kaiserliclie Schreiben, eine Antwort auf Moritz' Schreiben 
vom 2(). Mai (Druffel I, No. 65u), ist datiert Augsburg am 25. Juni. 
Es liegt in den Originalen als No. 11434, eine Abschrift findet 
sich Loc. 9152, Belagerung Magdeburgs 1551, BI. 120; I)r\iffel f, 
No. 673 bietet Granvella's Entwurf. Brief und Zusicherung Karls V. 
wurde am 26. April 1576 von Ma.ximilian II. zu Wien erneuert, die 
kaiserliche Zuschrift ist datiert Ilegensburg am 1. September 1576, 
Loc. 9152, VI, 120. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550 — 51. 295 

Kaiser durcbziisetzen, dass die kurfürstlichen Auslagen von 
den Reiclisständen gedeckt würden; doch sollte Moritz bis 
dahin durch Truppenentlassung und Soldermässigung soviel 
als möglich von den 60 000 fl. Monatsgelder ersparen ^^). 
Zur vorgeschlagenen Milderung der Kapitulationsartikel 
verhielt sich Karl V. noch ablehnend"''), weil Magdeburg 
wegen der trotzigen und muthwilligen Hartnäckigkeit weit 
härtere Strafe verdiene. Allerhöclistens möge Moritz die 
Ächter „vertrösten und versichern", die kaiserliche Un- 
gnade solle sich nach Ergebung in Gnade und Ungnade, 
nach FussfjxU und Abbitte nicht weiter erstrecken als „in 
den Artikeln gemeldet werde". Von ihren Privilegien 
sollten sie behalten, was noch nicht vergeben und dem 
Erzbischof und Domkapitel unschädlich sei. Die Schleif- 
ung der Festung sollte wenigstens begonnen und dann 
erst in eine Geldstrafe umgewandelt werden. Aussöhnung 
und Begnadigung sollte sich auf Rath, Prädikanten und 
Bürger, nicht aber auf Hans von Heideck, Albrecht von 
Mansfeld nebst Söhnen oder auf das Kriegsvolk er- 
strecken. In Religionssachen sollte sich Magdeburg nach 
den sächsischen Kreisen richten. An der Restitution des 
Erzbischofs und Klerus wurde festgehalten etc.^'). 

Dr. Franz Kram schickte das kaiserliche Schreiben 
(vom 25. Juni) am 1. Juli nach Sachsen*'*') mit dem Be- 
merken, der Kurfürst werde am besten sehen, wo der 
Schuh drücke; er möge aber die kaiserliche Vertröstung 
nicht in den Wind schlagen, denn sie werde ein guter 
Anfang und Vorwand zum künftigen Besitze der Stadt 
sein. Wolle er noch mehr erreichen, dann möge er 
schmieden, so lange das Eisen heiss sei ; denn der Kaiser 
stehe jetzt mit Krieg auf und lege sich mit Krieg nieder. 
Man frage zur Zeit wenig darnach — ergänzte er später 
— , ob der Kurfürst etliche Artikel des magdeburgischen 
Primats bekäme, man wolle nur kein Geld ausgeben; 



«*) Dem Domkapitel wurde vom Kaiser befohlen: „ungeachtet 
der Exceptionen und Entschuldigungen" die Kosten für die Schanz- 
gräber und Artillerie zu tragen. Loc. 10189, M. Franz Krammens 
Schreiben etc. lööl Bl. 50 und 10G95, Dr. Franz Krammens Zeit- 
ungsbuch, Augsburg am 1. Juli; Druff el I, No. 681. 

6«) Vergl. Brief vom 26. Mai, D ruf fei I, No. 650. 

") Loc. 9152, V, Bl. 205, 2H0, 262; vergl. Druffel I, No. 764, 
Anm. 1. Nach dem Schreiben vom 11. August (No. 708) blieb der 
Kaiser bei seiner Ansicht stehen. 

**) Loc. 10189, M. Franz Krammens Schreiben etc. 1551 Bl. 50, 
56, 66, u. 10695, Dr. Krammens Zeitungsbuch; Druffel I, No. 681 etc. 



296 S. Issleib: 

daher möge er die Zeiten benutzen, das Stift zu satteln 
und 7A\ fassen"*). 

Sobald Moritz diese Nachrichten erhalten hatte, be- 
eilte er sich, dem Kaiser weitere Zugeständnisse abzu- 
nöthigen, indem er vorstellig wurde'"), wie ungewiss die 
Bewilligung des Reichstages und wie unzureichend eine 
Versicherung durch Magdeburg sei; seine Ausgaben 
mehrten sich täglich, während die Stadt durch die Be- 
lagerung mehr und mehr veranne. Der Kaiser möge 
das Stift veranlassen, für die Bezahlung in bestimmter 
Frist einzustehen oder Städte, Häuser und Ämter als 
Pfand zu überliefern. Das Erzstift, dem alles an der 
Eroberung Magdeburgs liegen müsse, könne das Geld 
von den Keichsständen leichter als er zurückerhalten. — 
In Augsburg wunderte man sich zunächst über die neue 
Forderung, aber Verlegenheit zwang zur Nachgiebigkeit. 
Schwendi erhielt anfangs August Befehl, das Erzstift zur 
Willfährigkeit anzuhalten"). 

Magdeburg, dem Kurfürsten von Sachsen seit dem 
Eintreffen des kaiserlichen Schreibens vom 25. Juni so 
gut wie preisgegeben, blieb nicht lange im Unklaren dar- 
über und rausste nothgedrungen in eine nachgiebigere 
Haltung eintreten. Dank der Thätigkeit Heideck's und 
Arnold's wurde das bisherige Misstrauen endlich gemildert 
und eine aufrichtigere Annäherung herbeigeführt. Sobald 
der Kurfürst am 30. August im Lager vor Magdeburg 
erschien''^), suchte der Magistrat um Verhandlung nach. 
Mit Bewilligung des Kurfürsten zogen darauf Heideck 
und Arnold in die Stadt (am 4. September) und ver- 
handelten zwei Tage mit dem regierenden ßath''). Am 
6. September traten alle drei Käthe (der regierende, alte 
und überalte); die Hundertmänner und Innungsmeister in 



•») Vergl. hierzu Loc. 10189, Bl. 55; Druffel I, N"o. 688. 

'») Brief, datiert Radeberg, 14. Juli 1551. Loc. 9153 (8775), 
Magdehurgische Sachen, so merentheils bei Dr. Mordeisen gewesen 
1550/51, Bl. 237; Druffel I, Xo. 689. 

'M Im Septeiuber begannen Moritz' Verhandlungen mit den 
Stiftsständen. Damals schätzte der Kurfürst sein geliehenes Geld 
auf 240 00'! fl. Die Stiftsstände erboten sich, ihm und seinen Erben 
110000 fl. in drei Terminen zu bezahlen und mit Gütern, Ämtern etc. 
zu haften. Man wurde sobald nicht haiulelseinig. I.oc. 9152, Magde- 
burgs Belagerung 1550, Bl. 10; vertrl. Druffel I, No. 766. 

") Merckel und Pom arius"397. 

") Loc. 915.3, Magdeburgische Handlungen etc. Bl. 111 flg.; 
Pomarius 398. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 297 

die Berathung über Annahme der kaiserlichen Kapitnlation, 
Aufnahme einer Besatzung und über die Erbliuldigung 
ein. Nach langen und heftigen Dehatten erhielt der 
regierende Rath die Vollmacht, mit dem Kurfürsten von 
Sachsen abzuhandeln. Derselbe beschied am 9. September 
eine Deputation des Rathes, der Bürgerschaft und des 
Kriegsvolkes in das Quartier des Obristen Wolf Tief- 
stetter im Blockhause bei den Steinkuhlen*^). 

Den öffentlichen Verhandlungen, welche Moritz als 
Oberfeldherr des Kaisers und Reiches leitete, wurden die 
kaiserlichen Artikel zu Grunde gelegt; über Besatzung, 
Huldigung und geheime Zusagen sprach Heideck mit den 
Deputierten abgesondert. Eine Anzahl kaiserlicher Artikel 
erlangten jetzt bedingungslose Annahme, bei anderen 
wurde Milderung oder gänzlicher Wegfall erbeten. Mit 
der Erklärung, ohne kaiserliche Bewilligung nicht ab- 
schliessen zu können, forderte Moritz die Magdeburger 
auf, sich so zu verhalten, dass Kaiser und Reichsstände 
zur Milde und Gnade bewogen würden. 

In die geheimen Verhandlungen über Besatzung, 
Huldigung und Zusagen sehen wir nicht ganz klar. Be- 
stimmten Aufzeichnungen entnehmen wir, dass die Magde- 
burger einen Monat lang 1000—1200 Knechte (in 'kur- 
fürstlicher Besoldung) aufnehmen"), und nach sicherer 
Abhandlung dem Kurfürsten huldigen wollten'";. Er- 
legung gewisser Steuern schlugen sie nicht gänzlich aus, 
obgleich sie betonten, unter dem Erzbischofe Albrecht 
abgabenfrei gewesen zu sein. In Gegenwart Heideck's 
gab Moritz der Deputation die Versicherung, er meine 
es wohl mit der Stadt und wolle Heideck's Zusagen halten. 
Zuletzt redete Schwendi mit den Abgeordneten über die 
kaiserlichen Artikel, gab beruliigende Versicherungen und 
sagte persönliche Verwendung beim Kaiser zu"). 

Am 10. und 11. September war Heideck wiederum 



'*) Unter den zwölf Abgeordneten befanden sich die vier von 
früher bekannten Bürger; das Kriegsvolk veitrat Oberst Ebeling 
und Rittmeister von Wolf Mit Moritz erscbienen Graf Johann 
Georg von Mansfeld, Heideck und Arnold, Mordeisen und Carlowitz. 

'5) Verg. Pomarius 410. 

") Sie wollten lieber unter einem evangelischen weltlichen 
Fürsten, der sie beim Worte Gottes lasse, als unter dem Kapitel 
stehen. 

") Pomarius 40G. 



298 S. Issleib: 

in der Stadt' ^), und ara 16.'®) überbrachte Merckel die 
Antwort der Magdeburger nach Moritzburg. La ganzen 
damit einverstanden setzte nun Moritz einen neuen Ver- 
handhnigstag auf Michaelis in Wittenberg an inid 
übersandte eine Kopie der Magdeburger Erklärungen au 
Schwendi mit dem dringenden Verlangen, beim Kaiser 
sich für einen Vertrag zu verwenden', damit man nicht 
wegen Geldnumgels gezwungen werde, mit Schimpf und 
Schande von der Belagerung abzustehen*'"). Von Leipzig 
aus wandte er sich selbst an Karl V. (am 22. September**'), 
und gab an, was von den Magdeburgern zu erlangen und 
nicht zu erlangen sei. Im Anschlüsse an einen Brief der 
Ächter und an eine Beschwerdeschrift über etliche Ar- 
tickeP'^) erwies der Kurfürst in ausführliclier Breite, 
dass Milde am Platze und wegen vieler Übelstände im 
Lager die Beendigung des Krieges geradezu nothwendig 
sei. Voraussichtlich würde sich das Kriegsvolk vor er- 
folgter Bezahlung gar nicht trennen lassen, vielmehr in 
lästiger Weise Zahlung suchen*^). Er selbst könne nichts 



") Loc. 9151, IV, in. 308 fls,^ Nicht am 19. September, wie 
Merckel, Besseimcier uikI Pomarius 41.5 anceben, sondern 
am 12. September verhandelte Mtirküraf Albrecht mit dem ge- 
fangenen Herzog Georg von Mecklenburg im oft'enen Felde (in Gegen- 
wart Merckels) über die Wiederalitretung der Orte Waiizleben, Droi- 
leben und Wolmirstedt an das Domkapitel. Die Sache zerschlug 
sich, weil das Kapitel bloss 8000 ü. „Ergötzunc" geben M'ollte. 
Yergl. Loc. 9152, V, Bl. 1 flg.; Druffel I, Xo. 67-4, A. 5. 

'») Nicht am 19. September, wie Besselmeier angiebt, s. 
Loc. 9l5'i, Magdeburg. Handlung etc. 1551, 1!1. 120 flg. 

«") Loc. 9151, IV, Bl. Hie. flg. (Moritzburg am 17. September), 
Loc. 9152, Y, Bl. 17; Druffel 1, No. 755/6 u. 7ßl. Schwendi war 
empört über den Stolz und Trotz der Magdeburger und höclist un- 
gehalten über die Nacbsiiht, welclie man gegen sie übe; der 
Umschwung in Schwendi's Stimmung, den Druffel I, No. 755, A. 1. 
betont, erklärt sich aus einer überaus scharfen Antwort des Kur- 
fürsten : entweder sollte Scliwendi Geld oder eine gnädige und er- 
trägliche kaiserliche Resolution verschaflcn etc. 

•') Loc. 9152, V, Bl. 188, 915.% Magdcb. Handlung etc. Bl. 2.3, 
33; Druffel I, No. 754 u. 689. 

«*) Loc. 915.3, Magdeb. Handlung etc. Bl. 122 flg. Im Scli reibe u 
an den Kaiser (vom 20. August, Bl. 143) bekannten die Magde- 
burger, dass iluien die kaiserliche UuLMiade leid sei, und l)aten, die 
Ungnade fallen zu lassen und die Kapitulation in etlichen hoch- 
beschwerlichen und uriertüllbaren Artikeln zu mildern. Die Be- 
schwerdeschrift behaiulelte Fussfall und Abbitte, Schleifung der 
Festung, Strafsumme, Geschütz und kontiszierte Güter. 

") Moritz entschuldigte schon hier seine späteren Anordnungen 
und Massnahmen. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 299 

melir vorstrecken, und die Stiftsstände klagten, dass 
niemand Geld leihen wolle ^^). Überdies könne der Reiclis- 
vorrath zu nothwendigeren und nützlicheren Dingen ver- 
wendet werden als zur Eroberung Magdeburgs. Die 
Punkte der ma<;deburo;ischen Beschwerdeschrift eingehend 
erörternd, bat er wiederholt um kaiserliche Grossmuth. 
Seine Käthe erhielten Weisung, vor allem bei Granvella 
„für Magdeburg zu sollicitiren"*^). 

In die Zwischenzeit von Absendung des kurfürstlichen 
Schreibens bis zur Ankunft der kaiserlichen Erwiderung 
fielen die auf IMichaelis anberaumten ^A'ittenberger 
Verhandlungen und die allbekannten Bundesberath- 
ungen zu Lochau. Mit Absicht sollten die örtlich ge- 
trennten Verhandlungen zeitlich zusammenfallen. 

In Wittenberg auf dem Schlosse ^°j wurde über 
die kaiserlichen Artikel, da man Resolution von Augs- 
burg erwartete, nur beiläufig verhandelt, tagelang dagegen 
über Religion und Privilegien, über das Kriegsvolk, über 
Huldigung und die dem Kurfürsten zu bewilligenden 
„Nutzungen". Huldigung wollten die Magdeburger dem 
Kurfürsten für immer, nicht für bestimmte Zeit leisten, 
er sollte ihr Landesherr sein und sie voin Erzbischofe 
und Domkapitel befreien**'). Heeresfolge wollten sie 
nicht leisten, doch in Kriegszeiten sich zum Schutze der 
Stadt verwenden lassen. Ihr Kriegs volle sollte laut 
kurfürstlicher Vertröstung frei und unbehelligt abziehen 
dürfen. Hinsichtlich der „Nutzungen und jährlichen Er- 
götzung" näherte man sich nur ganz allmählich. Gegen 
Freiheit von allen andern Steuern und Abgaben wollten 



") Über Geldnoth und deren Folgen Loc. 9152, V, Bl. 136 flg. 
Moritz liess die Musterung mit Absicht „stillstehen". 

»*) Loc. (tl5.'i, Magdeb. Handlung etc. Bl. 169. 

•«) Loc. 9152, Y, Bl. 40; 915.3, Magdeb. Handlung etc. Bl. 276 flg. 
und Magdeburg. Händel, so merentheüs bei Dr. Mordeisen etc. 
1550—57", Bl. 127. — Die Magdeburger hatten am 23. nicht am 29. 
September, ■wie Pomarius 415 angiebt, die Stadt verlassen. Das 
Domkapitel ersuchte am 16. September (Loc. 9152, V, Bl. 1) Moritz, 
in Wittenberg der ihnen vom Kaiser zugesagten völligen Kesti- 
tution zu gedenken. Der Kurfüist entgegnete hart, es sei ihm 
nicht zuwider, wenn das Domkapitel beim Kaiser die Vertröstung in 
Erinnerung bringe, sie sollten ihn mit bedrohlicben Schreiben ver- 
schonen, denn er habe ohne YorMÜssen des Kaisers noch nichts ge- 
handelt etc. 

") Dies konnte allerdings nur mit Zustimmung des Kaisers 
und der Stiftsstände erfolgen. 



300 S- Isslcil): 

die stildtisclicn Abg'cordncten nur eine „Elbnutzniessung" 
und eine Jahresrente von lOCO fl. zugestehen. Die kur- 
fürstlichen Räthe verlangten 6000 fl. jährlich, sowie 
„Steuer- und Zollcrhöhung für fremde Getränke, einhei- 
niisehe Bicrf und für alle Waaren, welche auf der Elbe 
verschifft und in der Stadt vertrieben" würden. Am 3. 
Oktober boten die Magdel)urger gegen Steuer- und Zollfrei- 
heit ein Jahroeld von 3000 fl.; aber auf Befeld des 
Kurfürsten wurde zunächst „kein Abschied gemacht""*). 

InLochau*^) wurden die Bundesfürsten anfangs Ok- 
tober infolge ihrer früheren Abmachungen ziemlich rasch 
einig über Heeresstärke, Geschütz und Geld; über Defen- 
sive oder OflTensive des Bundes aber gingen die Meinungen 
auseinander. Der anwesende fianzösische Gesandte Jean 
de Fresse (Fraxineus), Bischof von Bayonue, wollte sich 
nur auf ein OfFensivbündnis einlassen, Markgraf Hans 
dagegen bestand auf ein Defensivbündnis. Erst nach 
erregten Debatten, besonders zwischen Hans und Moritz, 
wurde am 3. Oktober ein OfFensivbündnis beschlossen. 
An der Abendtafel aber fiel wiederum Wort gegen Wort, 
bis das erhitzte Gespräch die Fürsten entzweite. Gereizt 
erhob sich Markgraf Hans vom Sitze, begab sich in seine 
Gemächer und ritt frühmorgens am 4. Oktober bei Fackel- 
schein mit den Vollmachten des Herzogs von Preussen, 
Heinrichs von Mecklenburg und Franz von Lüneburg 
„wie die Katze von der Böne" davon""'). Der Fürsten- 
bund war gesprengt. Die Zurückgebliebenen aber Hessen 
„das Werk nicht sitzen" und betrauten den Markgrafen 
Albrecht, welcher jetzt dem Bunde in freierer Stellung 
als „unverpflichtet" beitrat — bisher hatte Markgraf 



"') In Angsliurg wurde viel von einem nbrrcst'hIos?enen Ver- 
trage geredet, auch diejenigen waren fast froli darühev, welche Irülier 
alle Magdeburger tot haben wollten. Loc. 10 695, Dr. Fr. Kram- 
mens Zeitungsbuch, und 10189, M. Franz Kramniens Schreiben etc. 
15)1 131. HO; Druffel I, No. 772. 

") Joli. Voigt, Fürstenbund 140; von Langenn I, 48.3; 
Druffel I, No. 77.3/4. 

'") Loc. 7277, Markgrafen Johannsen hendel etc. Bl. 16; 
Druffel I, No. 782. Jedenfalls wollte Markgraf Hans in Rücksicht 
einer englischen Sendung nicht allzusehr an Frankreich ge- 
kettet sein. Am 17. Juli war sein Sekretär Hans Fuess nach Eng- 
land aufgebrochen und am 7. September in London angekommen, 
hatte sich an Johann a Lasco gewendet und war durch dessen Ver- 
mittelung an den Hof gelangt. Über die Verhandlungen siehe Loc. 
9145, Hessische entledigung I, Bl. 690 flg. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 301 

Hans seine Theilnalime verhindert — , mit einer Bundes- 
sendung nach Frankreich^'). 

Was Magdeburg betrifft, so versprach Moritz, einen 
Vertrag zu schHessen, wonach ihm die Stadt billig Dank 
sagen sollte. Den Verbündeten sollte sie im Falle der 
Bedrängnis als Zufluchtsort offen stehen. Von den etwaigen 
Bundeseroberungen wurden die Stadt und die Stifter 
Magdeburg- Halberstadt ausgeschlossen und dem Kur- 
fürsten von Sachsen zur Wiedererlangung seines geliehenen 
Geldes nebst Interessen vorbehalten. 

Bald darauf lief — es war am 10. Oktober — die 
kaiserliche Antwort ein''^). Karl V. hatte sich schweren 
Herzens entschlossen, die Kapitulationsartikel zu mildern. 
Er hatte die Geldstrafe von 200000 fl. auf 50000 fl. er- 
mässigt und dem Reichs vorrathe zugewiesen, statt 24 
Mauerbrecher sollten 12 Feldgeschütze geliefert werden. 
Beim Fuss falle aber sollten die Magdeburger offen be- 
kennen, dass sie durch ihre ßebellion in kaiserliche Un- 
gnade gefallen seien. Betreffs Schleifung der Festung 
verwies der Kaiser auf seine frühere Erklärung. Über 
Besatzung und spätere Öffnung der Stadt bestimmte er: 
Kurfürst Moritz sollte zunächst als Reichsfeldherr mit 
beträchtlichem Kriegsvolke in die Stadt einrücken und 
sie, so lange als rathsam und nothwendig sei, innebehalten. 
Nach dieser Zeit***) sollten die Magdeburger hinsichtlich 
der Öffnung der Thore wie alle Unterthanen des Reiches 
verpflichtet sein. Gänzliche Aufhebung der Konfiskationen 
bewilligte der Kaiser nicht, weil schon „Brief und Siegel" 
an Personen gegeben, waren*''). Aber nach Ergebung 
der Stadt wollte er Moritz zum Kommissare ernennen, 
um wegen der Konfiskationen mit den Betreffenden zu 
verhandeln. Amnestie wurde allen Bürgern und ordent- 
lichen Dienern, nicht aber zugleich den „Verwandten und 
Anhängern insgemein" gewährt. Das Krieg svolk sollte 
ohne Vorbehalt aus der Stadt geschafft werden und nach 

•') Nach Mitte Oktober reiste er über Hessen nach Frankreich. 
Loc. 9152, V, Bl. 120 flg. (Briefe vom 13. u. 15. Oktober); Druffel I, 
No. 795 u. 797. 

") Schieibeii vom 1. Oktober, Loc. 9153, Magdeburg. Hand- 
hing etc. 1551, Bl. 386 und Magdeb. Händel etc. Bl. 75, 86, 106-, 
Druffel 1, No. 764. 

") Kaiser und Reichsstände sollten je nach der Haltung Magde- 
burgs darüber bestimmen. 

"*) Ein Verzeichnis der konfiszierten Güter etc. war beigelegt. 
Yergl. Merckel und Pomarius. 



302 S- Issleib: 

seinem Abzüge in den „Gcwalirsain" gebührende Strafe 
empfangen. Es sollte nur dünn Verzeiliung erhalten, 
wenn die kaiserlichen Mandate — die Abforderuiig aus 
der Stadt betreticnd^^) — vom Rathe vorenthalten wor- 
den seien. Dann aber sollte die Mannschaft sclnyören, 
in Ewigkeit nicht wieder gegen Kaiser, Reich und Oster- 
reich-Biirgund zu dienen. Betont wurde die Befreiung 
des Hi-rzogs Georg von j\lecklenl)urg ohne Lösegehl. 
Moritz sollte nach erfolgter Einnahme der Stadt das 
Kriegsvolk bezahlen und zertrennen, Empörungen und 
Vcrgardcrungen verhindern und verhüten, dass gegen die 
Kneclite ein Reichsstand den andern gebrauche^**). Zu- 
letzt sprach der Kaiser die Hoffnung aus, der Kurfürst 
werde sich von ihm nicht abwenden lassen. Schwendi 
erhielt Befehl"'), über einige Punkte mit Moritz persön- 
lich zu reden, die Abdankung und Zertrennung des 
Kriegsvolkes durchzusetzen und darüber zu wachen, dass 
es weder Frankreich noch einem Reichsfürsten zugeführt 
werde"*). r3en Kurfürsten sollte er dahin beeinflussen, 
dass er sich „ehrenhaft halte", nicht zu sehr den eigenen 
Vortheil suche und nicht darauf ausgehe, Magdeburg in 
seine Gewalt zu brini>en. Die Stadt sollte sich Kaiser 
und Reich und nicht dem Kurfürsten ergeben"®). Heideck 
sollte erst dann ausgesöhnt werden, wenn hinreichender 
Grund dazu vorhanden sei; nur dem Kurfürsten zu Ge- 
fallen sei bisher durch die Finger gesehen worden. 



»5) Am 6. Februar erschien ein kaiserlicher Heroki mit den 
kaiserlichen Mandaten vor Magdeburg. Wie Merck el uudPoma- 
rins 288 überliefern, so gestattete der Magistrat keine Unterredung 
mit dem Kriegsvolke. 

»») Herzog Heinrich von Braunschweig bat am 12. Oktober, 
seine Sache mit üraunsclnveig in guter Acht zu haben, wenn es 
/um Abzüge des Kriegsvolkes komme. Moritz rieth, sich nicht zu 
besorgen, er und das Kriegsvolk seien noch unbezahlt „Wo er 
aber Geld sein wolle und der Leute bedürfe, so wolle er sie alle 
auf Wolfrnbnttel zuführen oder weisen; denn es sei zu befürchten, 
wo den Sachen kein ander Mass getroffen, das Kriegsvolk werde auf- 
fahren wie der Teufel". 

»') Druffel I, No. 766. Über die Randnotiz von Seld's Hand 
(Anni. 1) findet man Aufschluss in den Unterredungen zwischen 
üranvellii. und Carlowitz, am 2b. Oktober 1550, Loc. '.)]5l, II, 151. 265. 

"j Über die französischen Praktiken sollte Schwendi mit Carlo- 
witz reden. Besondere Anweisungen hatte er noch über die land- 
gräfliche Sache erhalten. 

"»j Kram berichtete am 6. Oktober von seltsamen Reden, die 
in Augsburg gefallen waren. Siehe Anm. 88. 



Magdeburgs Belagerung durcli Moritz von Sachsen 1550 — 51. 303 

Magdeburgs Ergebung sollte auf alle Fälle, selbst vermöge 
hoher Vertröstungen beschleunigt werden. — Schwendi 
eilte sofort^""), kaiserlichem Befehle zu folge, zum Kurfürsten; 
aber beider Unterredung entzieht sich jeder Kunde. Den 
Magdeburgern übersandte Moritz einen Auszug der kaiser- 
lichen Resohition^"^), worauf sie nur noch Ausstellungen 
an den Punkten über Schleifung der Festung, Konfis- 
kationen und über das Kriegsvolk hatten. 

Wir nähern uns nunmehr dem Ende der Magde- 
burger Belagerung. Am 2. November brach Kurfürst 
Moritz in Wittenberg auf, um die Stadt einzunehmen'"''^). 
Die letzten Verhandlungen, welche Heideck in Gang 
brachte, erreichten im Blockhause bei den Steinkuhlen 
ihren Abschluss^"^). 

Es wurde vereinbart^"'*): Kurfürst Moritz sollte die 
Stadt auf Grund der gemilderten kaiserlichen Kapitulation 
„auf- und annehmen" — der Ausdruck „Ergebung" wurde 
verniieden^*'^). Alle Bürger sollten dem Kaiser, dem 
Reiche und (kaiserlicher Bewilligung gemäss) dem Kur- 
fürsten von Sachsen huldigen. Gegen Erhaltung der 
wahren Religion, der Privilegien und der Festung wollten 
sie durch Gesandte vor dem Kaiser einen Fussfall thun, 
ihre Rebellion bekennen, um Verzeihung und Absolution 
von der Acht demüthig bitten, allen antikaiserlichen Bünd- 
nissen entsagen, dem Kammergerichte und den Reichsab- 
schieden gehorchen, die Gerechtigkeiten und Ansprüche 
des Erzbischofs, Kapitels etc. nach kammergerichtlicher 



"">) Am 11. Oktober war er in Köthen; Loc. 9152, V, Bl. 110. 

"") Loc. 9151, II, Bl. 434, Magdeburgisclie Erbieten auf kaiser- 
liche Resolution, Loc. 9158, Magdeb. Handlung 1551, Bl. 401. 

'"^j Moritz lud seinen Bruder ein, in das Lager zu kommen. 
„Ich reite itzuud nach Magdeburg" — schrieb er am 2. November 
eigenhändig — „die Stadt einzunehmen, wie aber mit Reitern und 
Knechten der Zahlung halben gehandelt werden wird, das giebt die 
Zeit. Ich denke aber, wir werden ausfahren wie der Teufel, der lässt 
allemal ein Geschrei hinter sich. Thüringische Hühner essen wir 
auch gern, es steht aber auf fernerem Bedenken. E. L. verstehe 
mich wohl" etc. Loc. 8502, Churf. Moritzens Schreiben an Augustum 
a. 1547—1551, Bl. 28. 

'"*) Schwendi wohnte den Verhandlungen zum Theil bei. 

*"*) Merckel hat die Kapitulationsartikel nacli den früheren 
und letzten Verhandlungen und nach den Bedenken der Reichs- 
stände in Augsburg vom 2. November 1551 zusammengestellt. 

">*) Loc. 9152, V, Bl. 266, „das Wort Ergebung ist letzlich 
ausgelassen" ; Moritz bewilligte, dass sich die Stadt „nicht ergebe", 
sondern mit ihm „vertrage". 



304 S. Issleib: 

Entsclieidung anerkennen, eine Besatzung aufnelinien^*^") 
und in Zukunl't dem Kaiser die Stadt wie die andern 
Untertliancn des Reiches öffnen, 50 ÜUÜ fl. zahlen, 12 Ge- 
schütze liefern und in Sachen der Konfiskationen und 
Schädigungen dem Kurfürsten von Sachsen als kaiserlichem 
Kommissare Verhandlung gestatten. 

Im „geheimen Vertrage"'"') erklärte und versicherte 
Kurfürst JMoritz: die Magdeburger sollten bei der wahren 
christlichen Religion ohne allen menschlichen Zusatz, bei 
ihrem Bekenntnisse und bei ihren Ceremonien bleiben und 
wider den Antichristen, den Papst zu Rom, mit seinen 
Kardinälen etc., auch wider das jetzige und künftige 
päpstliche Konzil geschützt werden; sie sollten Festung, 
Privilegien etc. und ihr sächsisches Recht behalten. Die 
besetzten Güter des Erzbischofs, des Domkapitels etc. 
wollte der Kurfürst an sich nehmen und den Stadtrath 
von allen Ansprüchen und Forderungen wegen dieser 
Güter und deren Einnahmen, sowie wegen aller Abnutz- 
ungen, Expensen, Kosten und Schäden für inmier erledigen, 
auch gegen jedermann veigangener Dinge und des jetzigen 
Kriegs halben in und ausserhalb Rechtens vertreten. Er 
wollte verfugen, dass Aveder Dompfaffen noch Mönchen, 
noch der Klerisei gestattet werde, in der Stadt zu wohnen 
und daselbst ihre Al)götterei, Messen und Gesänge zu 
treiben. Rath und Bürger, Verwandte, Diener und Pfarr- 
kirchen sollten wieder in den Besitz aller konfiszierten, 
Güter etc. innerhalb und ausserhalb der Stadt gelangen, 
und alle Retardaten sollten eingefordert werden. In Zu- 
kunft sollte Magdeburg (eignem Wunsche gemäss) dem 
Kurfürsten zugethan und nach gebührlichem Fussfalle, 
Abtragung der Strafgelder und Lieferung der Geschütze 
in keinem andern Punkte dem Kaiser weiter verbunden 
sein, sondern ilir Augenmerk allein auf den Kurfürsten 
von Sachsen als ihrem Erbherrn richten'"*^. 



'*') Diese wollte Moritz unterhalten. Loc. 9153, Christof Ar- 
nolds vertraulicher Bericht, El. 2. 

'«') Loc. yi63, Magdeb. Handlung etc. 1550—52, iil. 287, aus- 
gestellt am 31. Dezember 1551. 

'"«) Am 12. Juli 15G2 befreite Ferdinand I. Magdeburg von der 
Acht, erliess Fussfall und Schleifung der Festung sowie 10000 ü. 
Strafüfelder und verwies die Stadt in Betretf der Geschütze an den 
Kurfürsten von Brandenburg; Loc. Ulii2, VI, vergl. Merckel, 
Kapitulationsartikel und Kopei der Absolution. 1552 begannen die 
Tripartitsverhandlungen und 1580 endlich wurde ^tagdeburg wieder 
dem Lrzbischofe zugewiesen. 



Magdeburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550 — 51. 305 

Dem Kr iegs Volke'"*) bewilligte Moritz freien und 
sicheren Abzug in den „Gewahrsani" und gestand zu, 
alle Knechte als Kriegsleute ansehen zu wollen. Wie 
berichtet wird, lehnten sie eine Aussöhnung mit dem 
Kaiser unter der Bedingung, zeitlebens nicht gegen ihn 
zu dienen, ab. Den Grafen von Mansfeld und Schwarz- 
burg sowie Kaspar Pflug wurde freier Abzug aus der 
Stadt gewährt. 

Nachdem am 6. November alle Dinge abgehandelt 
waren^^"), Hess der Stadtratli in der Frühe des folgenden 
Tages das Kriegsvolk auf den Neumarkt fordern, durch 
Hans von Heideck das kurfürstliche Geleit verlesen und 
die Mannschaft durch Ebeling Alemann im ßinge 
abdanken. Herzog Georg und alle Gefangenen wurden 
ohne Lösegeld der Haft entlassen und um zehn Uhr mit 
klingendem Spiele und sechzehnfachem Trompetenge- 
schmetter in der Neustadt empfangen"^). Am 8. No- 
vember fand die Bezahlung der Knechte statt. Als sich 
dieselbe in die Länge zog, Hess der Kurfürst „umschlagen 
und ausrufen", alle Kriegsleute sollten von Stund an ge- 
rüstet aus der Stadt ziehen. Der Nichtbezahlung wegen 
verweigerten viele den Gehorsam. Sofort Hess Moritz 
mit Ablauf des Friedstandes drohen, und nun war die 
Mannschaft binnen einer Stunde versammelt und marsch- 
fertig. Um vier Uhr nachmittags zogen gegen 2000 
Knechte und 130 Reiter „gute, kecke und versuchte Leute'^ 
mit Wehr und Waffen, aber ohne Spiel und Klang, die 
Fähnlein zusammengewickelt und von Reitergeschwadern 
überwacht, nach Schönebeck davon^^^), wo sie dann andern 
Tages völlig bezahlt und zum Theil von Herzog Georg 
von Mecklenburg angeworben wurden. 

Sobald das magdeburgische Kriegsvolk die Stadt 
verlassen hatte, zogen fünf kurfürstliche Fähnlein unter 
Wolf Tiefstetter, Georg Wachtmeister, Hans v. Diskau etc. 



•<"•) Log. 9152, V, Bl. 211, 279; Loc. 9153, Magdeb. Hand- 
lung etc. 1551, Bl. 410 üg. 

"*) Besselmeier, Merckel, Pomarius 416. Der summa- 
rische Bericht im Loc. 9152, Y, Bl. 302 stimmt vom 30. August an 
mit Merckel wörtlich überein. 

'") Die in Grossottersleben verlorene Keiterfabne wurde 
nebst einem Landsknechtfähulein zurückgegeben Liliencron IV, 
No. 588, 31. 

"*) Merckel: „dadurch viel Wirthe und Bürger unbezahlt 
geblieben". 

Neues Archiv f. S. G. u. A. V. 4. 20 



306 S- Issleib: 

ein; ein sechstes Fälmlein bcwaclitc die Zollsclianze^-"). 
Am 9. Novcinher rückten dann die übrigen zwanzig" 
Fähnlein und alle lieitLrgescli'wader in Schlachtordnung 
an die Stadt heran. Die zehn Fähnlein niederländischer 
Knechte und fast alle Reiter blieben am Graben vor dem 
Ulrichthore, die oberländischen Knechte dagegen mar- 
schierten in die Stadt und besetzten die Gassen bis an 
den Markt. Diesen selbst, auf welchem sich die Bürger 
versammelten, umstellten die tags zuvor eingerückten fünf 
Fähnlein. 

Gegen ein Uhr mitta^^s erschien Moritz vor der Stadt 
und hielt, nachdem ihm die drei Käthe den Stadtschlüssel 
überbracht hatten^ ^*), mit glänzendem Gefolge und zwei 
Reitergeschwadern seinen Einzug^ ^*). Vortrefflich Hessen 
sich die Trompeter hören, allenthalben schössen die Haken- 
schützen ab, die Kanonen donnerten von den ^\'ällen, und 
alle Glocken läuteten. Vor dem Rathhause hielt der Zug. 
Darauf huldigte die ganze Stadtgemeinde dem Kaiser, 
dem Reiche und dem Kurfürsten von Sachsen^ ^^). Nach 
der Huldigung erzeigte sich der Kurfürst ganz gnädig, 
reichte entblössten Hauptes jeder Rathsperson vom Pferde 
herab die Hand, liess Frieden umblasen und kehrte im 
Hause des Hieronymus Denart ein. Kurze Zeit darauf 
verliessen die oberläudischen Knechte wieder die Stadt 
und zogen mit der Mannschaft vor dem Ulrichsthore in 
ihre Lager zurück; die fünf andern Fähnlein blieben als 
Besatzung in Magdeburg ^^'). 



'") Der Graf von Schwarzburg und Kaspar Pflug machten sich 
in der Nacht davon; Albredit von Mansfeld blieb noch einige Tage 
in der Stadt, weil sein Weib, dui'ch einen Schuss in den Schenkel 
getrofl'en, darniederlag. 

"*) So Loc. 9152, V, Bl. 224, 242, 246, 282 etc.; Loc. 9153, 
Magdcb. Handlung etc. Bl. 41ß (Bericht an den Kaiser vom 
12. November). Es wird auch überliefert, dass der Stadtschlüssel 
erst auf dem Markte überreicht worden sei, z. B. Loc. 9152, V, 
Bl. 30t. Besselmeier (1552) und Merckel erwähnen diesen Akt 
gar nicht. 

"*) Herzog Augustus, Herzog Georg von Mecklenburg, Schwendi, 
Grafen und Herren ritten an der Seite des Kurfürsten. 

"*) Auf Grund des kaiserl. Briefes vom 25. Juni (ob. S. 294/5) 
liess Moritz schwören, dass die Magdeburger ihn für ihren rechten 
Herrn jederzeit erkennen und halten wollten, bis der Kaiser und er 
die Stndt an andere Herrschaften weisen würden. — Die Huldigungs- 
form findet sich Loc. 9)52, V, Bl. 300 und Loc. 9153, Magdcb. 
Handlung etc. Bl. 427. Merckels Aufzeichnung ist wortgetreu. 

'") Loc. 9152, V, Bl. 282 flg. 



Magileburgs Belagerung durch Moritz von Sachsen 1550—51. 307 

An demselben Tage wurde noch auf dem Rathhause 
der Revers überreicht, in welchem Bürgermeister, Raths- 
raannen und Innungsmeister gelobten, die gemilderte 
kaiserliche Kapitulation in allen Artikeln halten und der 
Huldigung gemäss leben zu wollen^ ^ ^). Sie erkannten 
auch geheimer Versclireibung gemäss den Kurfürsten 
als ihren Erbherrn an und ersuchten ihn, sie der Kapitu- 
lation halben zu vertreten und mit dem Kaiser auszu- 
söhnen^^®). Der „geheime Vertrag" wurde damals noch nicht 
unterschrieben und besiegelt, da der Kurfürst Bedenken 
trug, ihn in jenen Tagen schon aus der Hand zu geben^^^'). 
Aber er versprach, „die erste Gelegenheit nicht versäumen, 
ihn in eigener Person vollziehen und seine Zusagen fürst- 
lich und christlich halten zu wollen; man solle kein Miss- 
trauen setzen" ^^^). 

An den beiden folgenden Tagen Hess der Kurfürst 
Geschütz und Munition inventieren^^^) und berichtete an 
den Kaiser über die Einnahme und Huldig-uno; der Stadt. 
Mit der dringenden Bitte um Zusendung von Geld erbot 
er sich, wegen der unruhigen Zeiten das „auserlesene und 
nun aneinandergewölmte" Kriegsvolk zusammenzuhalten, 
damit es niemand an sich ziehen könne. Er wollte die 
Knechte noch einige Wochen vertrösten und sie veran- 
lassen, das erschöpfte Erzstift zu verlassen und an an- 
dern Orten die rückständige Zahlung zu erwarten. Am 
13. November^ ^^) versprach er dem Kriegsvolke sichere 
Zahlung bis zum 17. Januar 1552 unter der Bedingung: 
bezahle er und nicht das Reich, dann sollten ihm alle 
zur Erlangung seines ausgelegten Geldes behilflich sein. 
Hans von Diskau und Georg Wachtmeister wurden be- 



"*) Revers vom 9. November unter Urkunden etc. No. 11 444 
und im Loc. 9152, V, Bl. 295. 

"») Loc. 9152, V, Bl. 297. Vergl. 9153, Christof Arnolds ver- 
traulicher Bericht etc. Bl. 1, 7. 

•2") „Weil der Personen im Rathe und in der Stadt viele seien, 
derhalben zu besorgen, es möchte ihm, wo der Nebenvertrag offenbar 
werde, in vielen Wegen zu Unehren gerathen". 

'*') Am 31. Dezember 1551 wurde die „geheime Yersicherung" 
ausgefertigt. 

'*^) Dieser Aufgabe unterzogen sich der Hofmarschall Heinrich 
von Schönberg, der Oberstzeugmeister Hans von Diskau und zwei 
Stadträthe. Man fand vor: 102 Geschütze auf Rädern, 74 Mörser 
(Montier), 6 Seipentinen, 505 Doppelhaken, 32 '/a Ctr. Pulver etc. 
Loc. 9152, V, 281. 

'") Loc. 9152, VI, Bl. 1 flg. Loc. 9153, Magdeburg. Hand- 
lung etc. Bl. 470. 

20* 



308 S. Issleib: Magdeburgs Belagerung etc. 

auftragt, das Kriegsvolk aus dem Stifte zu führen, Müld- 
hausen und Eri'urt ein/Aincliinen und bis zur Entrichtung 
des Soldes besetzt zu halten. Gegen Abend desselben 
Tages ^'^^) wurden auch alle Pfarrer und Prediger in 
Sturms Behausung vor die kurfiirstliclien Käthe Fachs, 
Carlowitz, Mordeisen und Gersdorf beschieden und ernst- 
lich ermahnt, sich in Zukunft anders als bisher zu ver- 
halten. Trotzdem Magister Gallus im Namen seiner 
Amtsgenossen eine fast unbescheidene FreimUthigkeit an 
den Tag legte, so blieben doch alle Prädikautcn unan- 
gefochten; Dr. Erasmus Alberus allein musste auf kur- 
fürstlichen Wunsch die Stadt verlassen, denn „er habe es 
zu grob gemacht, dass es billig kein Bauer leiden sollte". 
Am 15. November ritt Moritz von Magdeburg nach 
Wittenberg, und zwei Tage spater zog das Kriegsvolk 
aus den Feldlagern davon^ '•*"). — Durch geschickte Täusch- 
ung verbarg der Kurfürst dem Kaiser und dem in Magde- 
burg weilenden Kommissare Schwendi sein und seiner 
Verbündeten feindliches Vorhaben noch monatelang. Erst 
Mitte Januar 1552 wurde auf dem Jagdschlosse Cham- 
bord bei Blois Heinrichs II. von Frankreich Vertrag mit 
den deutschen Fürsten abgeschlossen^^"), und zehn Tage 
später verliess Lazarus von Schwendi Magdeburg mit der 
zuversichtlichen Hoffnung, „es sollten noch alle Sachen 
zwischen dem Kaiser und dem Kurfürsten in gute Richtig- 
keit gerathen'""'^'). 



'»') Loc. 9152, V, 222, 306 etc. Merckel, Pomarius 422. 

'^^) Am 20. November rückte das Fähnlein von der Zollschanze 
noch in die Stadt. 

'") Job. Voigt, Fürstenbund 154; Ranke V, IGi. 

'") Bl. 11152, YI, Bl. 307, Brief an Moritz, datiert Mansfeld am 
26. Januar 1552. 



IX. 

Die Stadt Bautzen 
im Banne des Bischofs von Meissen 1431. 

Von 

Hermann Knothe. 



Aus nachstellender, bisher nicht gekannter Urkunde ^) 
Kaiser Siegmunds vom 1. September 1431 geht hervor, 
dass sich damals und zwar schon seit längerer Zeit die 
Stadt Bautzen im Banne des Landesbischofs Johann IV. 
von Meissen befand, eine Thatsache, deren sonst nirgends, 
auch nicht in den Chroniken der Stadt Erwähnung ge- 
schieht. 

Sigmund von gots gnaden Römischer vnd zu Hungern, zu 
Beheim etc. kiinig. 

Erwirdiger fürst vnd über andechtiger. Als wir deiner andacht 
von vnser Üben getr[uw]en burgermeister, ratmanne, j gemeyn, arm 
vnd rieh, vnser stat Budissin wegen geschriben vnd dich gebeten 
haben, daz du sy von sulcher zinse | wegen, so sy dir jerlich zu 
geben päichtig sein, nit bekumern, sunder die sach also gütlich auf 
ettliche zeit ansteen lassen | sottest, biß sich die leuffe, die yzund 
layder sein, ein kleins gestillet betten, wann si doch erkenten, daz 
sy deiner andacht sulch zinße schuldig wern vnd die ouch gerne 
zalen wolten, wann es got schikte, daz sy zu besserm staten [sie] 
quemen, also haben vns nu die obgenanten burgermeister vnd 
rat[m]anne zu Budussin geschriben, wie du sy über sulch vnser 
schreiben, so wir dir dann dorumb getan haben, habst pa[nn]en 

') Hauptst.-Arch. Loc. 4409 „Achts-Sachen ao 1518—1582" 
Blatt la. Originalschreiben auf Papier, durch Zusammenbrechen 
vielfach beschädigt; ein Stück völlig abgerissen, so dass auf den 
letzten vier Zeilen jedesmal die ersten 6—7 Silben fehlen; das 
Ganze endlich auf anderes Papier aufgezogen. 



310 Hermann Knothe : 

lassen vnd in alle sacrament der kirchen verboten vnd nidergelegt 
vnd sy also von aniechten der heiligen kirchen so gröblich gesun- 
dert, daz sy die toten verschiden leicbnam nit begraben türren vnd 
ouch dio leut, die yzund (U) vast gemeynlicli mit krankheit vnd 
onraacht ires leibs von verhengnuß des alrnechtigen gots sein ge- 
vallen, doran groß sawmnnß vnd schaden erapfahen. Das vns doch 
zumol von dir niisfellet vnd oucli nit dein beweget, nachdem vnd 
wir merken, daz das in disen sweren leiiffen der cristeiibeit znmol 
schedlich sein mochte, wo man das in zeiten nit vuterqueme. Nacli- 
dem vnd dor (sie) laider täglichs swerlich zu schaffen gewinnet, 
dorumb so begern wir noch von deiner andacht mit sunderlichem 
ticiße, (Uiz dn wellest ansehen sulch schaden vnd verderbniß, die 
sy durch cristensglauben willen den ketzern zu widersteen empfan- 
gen haben, neuilich daz sy sich mit bawen vnd soldner zu halten 
so sere geblost habn, daz si sulch schuld, als sy denn gerne teten, 
nit aufrichten kiinnon, als sy gern teten, sunder daz dieselb dein 
andacht sy auß sulcliem panne, dorein du sy getan hast, gancz vnd 
gar lassest vnd mit yn ein mitleidung vnd gedult habest vnd sulch 
sache also auf ettlich zeit aufslahen wellest, biß sich die leuffe 
ver[endern vndj .... werden vnd zu besserm stat komen mögen, 
wann wir uns alsdann gerne dorein legen vnd . . . ., domit dein 
andacht ein ausrichtung und ein gut benügen von yn haben sulle. 
Hirinn welle sich [deine andacht willig] vinden lassen, als des ein 
notdurft ist vnd Avir dir des wol getrawen. Doran tut vns dein 
andacht .... vnd wolgevallen, die wir gen dir in gut nit vergessen 
wellen. Geben zu Nuremberg am .... Gilgen tag vnßer riebe 
des Ilungrischen etc. im XLV, des Römischen im XXI vnd des 
Behmi .... [jjaren. 

Ad mandatum domini regis 
Caspar Sligk. 

Als Grund, weshalb der Bischof die Stadtgemeindc 
Bautzen ,i^-ebannt habe, giebt das kaiserliche Schreiben 
zwar ausdrücklich an, dass es geschehen sei „von solcher 
Zinse wegen, so sie demselben jährlich zu geben pflich- 
tig" sei; was dies aber für Zinsu gewesen, bedarf immer- 
hin einer Untersuchung. Der sogenannte „Bischofszins", 
jener Geldzins, welcher von jedem Altare in der Diöcese 
an den Bischof zu entrichten war, kann darunter nicht 
verstanden werden, denn dieser wurde nicht von der 
Bürgerschaft der Städte, sondern von den Pfarrern und 
Altaristen, und nicht an die städtische Behörde, den Rath, 
sondern an die geistliche, in Bautzen an den Dompropst, 
abgeführt. Ebensowenig war es der sogenannte „Bischofs- 
zchnt", jener Getreidezins, welcher ursprünglich von jeder 
Hufe bebauten Landes an den Bischof gegeben werden 
musste; denn dieser war, wenigstens in der Oberlausitz, 
wegen der Schwierigkeit, ihn einzusammeln und zu Gelde 
zu machen, längst schon von dem Bisthum Meissen 
theils an einzelne geistliche Stifter verschenkt oder 



Die Stadt Bautzen im Banne des Bischofs von Meissen 1431. 311 

verkauft, tlieils an einzelne Rittergutsbesitzer zu Lehn 
ausgethan worden^). Wohl aber könnte man versucht 
sein, an jene Reichssteuer zu denken, welche der Reichs- 
tag zu Frankfurt am Main (den 3. Dezember 1427) 
zur Ausrüstung eines neuen Reichsheeres gegen die Hus- 
siten für ganz Deutschland angeordnet hatte. Diesem 
Reichstagsschlusse zufolge sollten nämlich alle Personen 
geistlichen wie weltlichen Standes, männlichen wie weib- 
lichen Geschlechts, welche das fünfzehnte Lebensjahr über- 
schritten hätten, je nach ihrem Range und Vermögen eine 
Steuer erlegen, zu deren Hauptkollektoren in jedem Lande 
die betreffenden Bischöfe eingesetzt waren*). Auch in 
der Oberlausitz war (1428) diese Steuer von dem Bischöfe 
von Meissen ausgeschrieben worden. Von der Stadt 
Görlitz wissen wir, dass sie sich anfangs weigerte, die- 
selbe bei der damaligen Hussitennoth zu entrichten, dass 
ihr der Bischof deshalb zuerst mit dem Banne drohte 
und ihn darauf auch wirklich über sie verhängte*), und 



==) Vgl. V. Webers Arch. f. d. sächs. Gesch. VI, 161 flg. 

') Palacky, Geschichte von Böhmen III, 2, 456. In dem Cod. 
dipl. Sax. reg. II, .3, 12 flg. befindet sich ein Bruchstück von dem 
„Einnahmeregister über die infolge eines Steuerausschreibens des 
Bischof Johann eingegangenen Gelder" aus dem Jahre 14:28. Es 
sind wesentlich Geistliche, aber auch einzelne Gutsbesitzer, Dorf- 
bewohner, Städter, sowie ganze Ortschaften, deren Steuerbeträge auf- 
geführt werden. Aus der Oberlausitz werden keine erwähnt. 

*) Görlitzer Rathsrechnungen, Manuskript des Rathsarchivs zu 
Görlitz, Heft 1427—28. (1428 Woche vor dem 11. Aprü): Unsers 
hern des bisschoffs böte von Miessin, der syner gnaden brive 
brochte von des geldis wegen, das man einfurdert, zu vertrin- 
ken III gr. — Mathis Geiseler [Rathsherr] kein Nurenberg zu 
czerunge zu den knrfurstin umb hulffe wedir die ketczer, zu irzeln 
deser stad anefechtunge von ketczern, [und] von des geldis wegen, 
das der cardinal [Johann, Bischof von Olmütz] und kurfurstn zu 
Frankinfurd am Mayen gesaczt haben, das der bisschoff zu Meissen 
von uns furderte kein ßudissin zu gebin. Hans Ulrichsdorff 
[Rathsherr] zu unserm hern dem bischofife uff den Stolpen von des 
gehles wegen mit dem erzpriester, das der cardinal und kurfursten 
gesaczt haben, und das her kein Budissin furderte zu geben by 
dem banne, zu underichten, das wirs also us der stad nicht 
geben weidin. — (Woche vor dem 25. April): Eynem boten zu 
unserm hern dem bisscholfe kein dem Stolpen, als her meine hern 
[den Rath zu Görlitz] und unse land manete by dem banne, 
das geld noch anslage der kurfurstin zu geben, das das XIIII tage 
ofgehaben ist. — (Woche vor dem 9. Mai): Gutschin kein dem Stol- 
pen zu unserm hern dem bisschoffe von der pristerschaft, den mannen 
und von der stad wegen, den ban ufzusloen und abezuthun, von 
des geldes wegen, das man kein Budissin legen sulde. — (Woche vor 
dem 30. Mai): Einem boten kein dem Stolpen, als man von dicz 



b 



312 Hermann Knotlie: 

dass sich der Rath endlich doch genöthigt sah, den auf 
die Stadt entfallenden Steuerbetrag von 142 Schock 
Grosehen nach Stolpeu an den Biscliof zu schicken^). 
Wie sich in dieser Angelegenheit die Stadt Bautzen ver- 
halten habe, erfahren wir nicht. Der über sie von dem 
Bischof ausgesprochene Bann, von welchem unsere Urkunde 
handelt, kann aber nicht durch die etwaige Verweiger- 
ung oder saumselige Ablieferung jener (einmaligen) Reichs- 
steuer veranlasst worden sein, da diese unmöglich als 
,.jährlich dem Bischof zu gebende Zinse'' bezeichnet 
werden konnte. Vielmehr lagen für die Stadt Bautzen 
ganz bestimmte Verhältnisse vor, welche sie in der That 
zur Entrichtung eines regelmässigen Jahreszinses an den 
Bischof, beziehentlich an das Domkapitel zu Meissen ver- 
pflichteten. 

Jede der freien, d. h. unmittelbar unter dem Landes- 
herrn stehenden Städte der Oberlausitz zahlte als ur- 
sprünglich einzige Steuer an denselben eine sich gleich- 
bleibende abgerundete Summe, welche man im dreizehn- 
ten und anfangs des vierzehnten Jahrhunderts ordinaria 
pensio, die „reclite Rente" oder die „Guide" nannte. 
Diese runden Summen, auf deren pünktliches Eingehen 
man rechnen konnte, eigneten sich nun ganz vorzüglich 
dazu, den Gläubigem des Landesherrn pfandweis abge- 
treten, d. h. bis zur Auszahlung der betreiFenden Sclmld- 
summe, als Zinsbetrag für diese, überwiesen zu werden"). 
Nun hatte Kaiser Karl IV. von Heinrich von Kittlitz, 
Herrn auf Baruth bei Bautzen und auf Muskau, dessen 
niederlausitzische Herrschaft Lieberose um 1300 Schock 
Prager Münze erkauft und demselben (14. Mai 1371), 
anstatt diese Summe baar zu zahlen, die üblichen zehn- 
prozentigen Zinsen, nämlich „130 Schock jährlicher Guide 
auf seinen [des Kaisers] Zinsen, Zöllen und Gefällen zu 
Bautzen, beides in der Stadt und auf dem Lande", pfand- 
weise und erblich verschrieben''). Diese Verschreibung 



lanrlis wegen und meinen hevn zu Gorlicz von der stad wegen ein 
antwort geben sulde, ab wir im das houjitgeld kein dem Stolpen 
geben und antworten weiden ad er nicht, VI gr. — (Um 
Neujahr): Eyrem, der die a bsolucio brochte von Budissin, IUI gr. 

*) Oberlausitzer Provinzialblätter, Stück V, 140. 

*) Beispiele: Knothe, Rechtsgeschichte der Oberlausitz 102, 
Anmerk. 

') Grundmann, Gollectanea II, 132 flg. (Manuskript im 
Hauptst.-Arch.) 



Die Stadt Bautzen im Banne des Bischofs von Meissen 1431. 313 

hatte (22. Mai 1371) der erst zehnjährige, aber bereits zum 
König von Böhmen gekrönte Sohn des Kaisers, König Wen- 
zel; auch seinerseits bestätigt, und auch der E,ath zu Bautzen 
hatte (24. Januar 1371 oder wohl vielmehr 1372) dem Hein- 
rich von Kittlitz^) und zugleich dessen „Eidam" Thimo von 
Kolditz gelobt, jene 130 Schock jährlichen Zinses, die 
„auf ihre Stadt verwiesen*^' worden seien, so lange zu 
zahlen, bis die 1300 Schock Kaufgeld für Lieberose von 
dem Kaiser oder dessen Nachfolgern auf dem böhmischen 
Throne würden erlegt worden sein^). Letzteres war nicht 
geschehen, und so war denn jene Kente von 130 Schock 
nach Heinrichs von Kittlitz Tode auf dessen Söhne ver- 
erbt, von denen der älteste, Johann, von 1393 — 1398 
Bischof von IMeissen war und nach seiner freiwilligen 
Resignation bis zu seinem Tode (Februar 1408) in Bautzen 
lebte. Jedenfalls nicht ohne sein spezielles Betreiben ge- 
schah es nun, dass sein Bruder Otto von Kittlitz die 
jetzt in dessen Pfandbesitz befindliche Rente von 130 Schock 
auf der Stadt Bautzen dem neuen Bischof von Meissen, 
Thimo von Kolditz, dem Neffen der Brüder von Kitt- 
litz, und zwar nicht bloss dem Bischöfe,, sondern auch 
„seinen Nachkommen, Bischöfen zu Meissen, und den 
ehrsamen Propst, Dechant, Kapitel und Gestift der Kirche 
zu Meissen" überwies. König Wenzel genehmigte (,11. Mai 
1400) diese Übertragung '"\ und Bürgermeister und Rath 
von Bautzen gelobten {15. November 1401) ihrerseits, 
diesen „Zins", wie der König befohlen, nun jährlich zu 
Michaelis „ohne alle Widerrede" an den Bischof zu zah- 
len^ '). Die Brüder von Kittlitz und ebenso ihr Neffe, 
Bischof Thimo, bezweckten mit diesem Geldgeschäft eine 
möglichst sichere Kapitalanlage für das Bisthum; die 
wohlgeordneten Finanzen der Stadt Bautzen waren allen 
hinlänglich bekannt, und zu pünktlicher Zahlung ver- 

*) Vergl. über ihn und seine Familie Knothe, Geschichte des 
Oberlausitzer Adels 295 tlg. 

') Oberlausitzer Urkunden -Verzeichnis I, 89, No. 440. 

'») Grundraann, Collect. 11, 1.32 flg. — Das Oberlaus. Urk.- 
Verz. I, 15.S, No. 759 setzt diese Urkunde auf Freitag vor Laetare 
(14. Mai) 1401, kennt aber deren Wortlaut nicht, Pelzel, Wen- 
zel II. 401 dagegen ebenfalls auf den 11. Mai 1400. — Irrig giebt 
das Urk.-Verz. I, 155, No. 774an: „Thimo Bischof zu Meissen weiset 
die IHO Schock jährlichen Zins auf der Stadt Budissin an Johann 
von Kittlitz. Stolpen, Mittwoch nach St. Francisci 1402". Es ist 
dies jedenfalls eine Umkehrung der Thatsachen. Die betreffende 
Urkunde ist auch nicht mehr ihrem W^ortlaut nach bekannt. 

") Cod. dipL Sax. reg. II, 2, 296. 



314 Hermann Kuothe; 

])fliclitetc die Stadt noch folgende Klausel in ihrem Gelob- 
briefe : „Und soll die Bezahlung nicht irren keinerlei 
Kummer, Ansprache, Verbot, geistliches oder weltliches 
Gericht oder keine andere Irrung, wie man die mit sonder- 
lichen Worten mag benennen"; sollte der Rath aber sich 
säumig erweisen, so dürfe der Bischof, beziehentlich das Ka- 
pitel vierzehn Tage nach Michaelis „die unbezahlte Summe 
aufnehmen bei Christen oder Juden auf der Stadt Scha- 
den" und deren bewegliches wie unbewegliches Gut „be- 
kümmern oder angreifen und anfahen ohne Widerrede". 
So war denn seit 1401 die Stadt Bautzen in der That, 
wie es in dem oben abgedruckten kaiserlichen Schreiben 
(1431) heisst, „dem Bischof Zinse jährlich zu geben 
pf licht ig", und sie wird dieselben auch sicher gezahlt 
liabtn (^Stadtrechnungen sind nicht mehr vorhanden), bis 
die Drangsale der Hussitenkriege es ihr, auf Zeit, völlig 
unmöglich machten. 

Seit dem Jahre 1423 war zunächst das südlich ge- 
legene Zittau den Einfällen der hu ssi tischen Horden 
fortwälu-end ausgesetzt. Die übrigen Sechsstädte hatten 
der gefährdeten Bundesstadt ansehnliche Kontingente theils 
an Bürgern, theils an geworbenen Söldnern zu Hülfe 
geschickt, welche nun darin eine starke, ständige Gar- 
nison bildeten. Ausserdem mussten von den Oberlau- 
sitzern bald hier bald da Beobachtungskorps aufgestellt, 
befreundeten böhmischen Herren Unterstützung gesendet, 
später dem mit Kursachsen eingegangenen Bündnis Folge 
geleistet werden. Von dem starken oberlausitzisclu-n 
Hülfsheere (die Stadt Görlitz allein hatte nur an Rei- 
tern 250 Mann gestellt) kehrten aus der Schlacht bei 
Aussig (I42G) nur wenige zurück. Im Jahre 1427 hatten 
die Ilussiten zwar die wohl befestigten und von starker 
Besatzung vertheidigten Städte Zittau und Görlitz nicht 
einzunehmen vermocht, aber die offenen Landstädtchen 
Hirschfelde und Ostritz, sowie das Kloster Marienthal 
ausgebrannt und dai'auf auch Lauban eingeäschert und 
dessen Einwohnerschaft abgemordet. 1428 waren neue 
Raubzüge der Hussiten zwar durch die für die Oberlau- 
sitzer siegreichen Gefechte bei Kratzau und Machendorf 
zurückgewiesen worden; aber 1429 belagerte ein grosses 
Heer der Ketzer die Landeshauptstadt Bautzen selbst, 
schoss dieselbe mittels feuriger Pfeile in Brand und rüstete 
eben zum Sturm, so dass ihr endlicher Abzug mit Geld 
erkauft werden musste. 



Die Stadt Bautzen im Banne des Bischofs von Meissen 1431. 315 

Mitten in solcher Kriegsnoth hatte nun der ßath zu 
Bautzen seinen Jahreszins von 120 Schock an den Bischof 
von Meissen nicht mehr entrichten können. Er hatte 
seine Verpflichtung dazu auch jetzt anerkannt, nur für 
den Augenblick um Bewilhgung eines Aufschubes gebeten 
und sich in seiner Bedrängnis endlich sogar an den Kai- 
ser gewendet; dass derselbe jene Bitte bei dem Bischöfe 
unterstützen möge. Dieser hatte auch in der That ihm 
„ein Schreiben darob gethan". Allein anstatt den er- 
betenen Aufschub zu gewähren, bis die Stadt, „wenn es 
Gott schickte, dass sie in einen besseren Status käme", 
hatte der Bischof sie „bannen lassen", die Spendung der 
Sakramente, ja sogar die kirchliclie Beerdigung der Toten 
verboten. Der ßath hatte darauf dem Kaiser diese 
neue Noth geklagt, und so richtete denn dieser den 
1. September 1431 von dem Reichstage zu Nürnberg aus 
an den Bischof das oben abgedruckte Schreiben, in wel- 
chem er sein entschiedenes Missfallen über dessen Vorgehen 
ausspricht, die Säumnis des Rathes mit der Nothwendig- 
keit, nzu bauen [die eingeäscherte Stadt] und Söldner zu 
halten", völlig gerechtfertigt erklärt und von dem Bischof 
»begehrt"", den Bann aufzuheben und sich mit der Zahlung 
des Zinses zu gedulden. 

Der damalige Bischof von Meissen war Johann 
Hofmann (1427—1451), derselbe, welcher 1408, als die 
hussitischen Unruhen zuerst an der Universität Prag be- 
gannen, Rektor derselben gewesen, und als König Wenzel 
die Forderung der Czüchen bestätigte, dass künftig in 
allen Universitätsangelegenheiten die böhmische „Nation" 
für sich allein eben soviel Stimmen haben solhi, als die 
übrigen drei Nationen zusammen, mit der Melirzahl der 
Studenten und Dozenten (1409) von Prag av eggezogen 
und darauf der erste Rektor an der neuerrichteten Uni- 
versität Leipzig geworden war^^). Wohl waren bei den 
wiederholten Raubzügen der Hussiten in das meissnische 
Land auch die bischöflich meissnischen Güter arg ver- 
wüstet worden; wohl mochte das Ausbleiben des Michaelis- 
zinses aus Bautzen die Finanzverlegenheiten des Dom- 
stiftes erhöhen; aber hart crsclieint das Verfahren des 
Bischofs, mitten in der Kriegsnoth das Geld von der 
so schwer heimgesuchten Stadt mittels des Bannes ein- 



12) Yergl. Machatschek, Geschichte der Bischöfe des Hoch- 
stifts Meissen (1884) 386 flg. 



316 Hermann Knothe: 

zutreiben, denn doch und zwar umsoniehr, da der Bischof 
selbst (1429) vor den Hussiten aus seiner Diözese nach 
Hildesheim floh'^j. Auf diese Abwesenheit des Bischofs 
bezieht sich nun wohl auch der Ausdruck in dem kaiser- 
lichen Schreiben, dass derselbe die Stadt habe „bannen 
lassen". Wir dürfen also annehmen, dass der (nicht 
mehr vorhandene) Bannbrief nicht vor dem Jahre 1429 
werde ausgegangen sein. 

Wie lange nun die Stadt Bautzen sich noch im Banne 
befunden habe, und unter welchen Verhältnissen derselbe 
wieder aufgehoben worden sei, haben wir nicht ermitteln 
können. Dass der Rath alsbald werde die rückständigen 
Zinsen wieder haben zahlen können, glauben wir nicht. 
Im Jalire 1430 hatte Bernstadt vor einem feindlichen 
Heere kapitulieren müssen, und Reichenbach war nur 
durch eiligst herbeigeführte Oberlausitzer Truppen gerettet 
worden. Im Februar 1431 aber belagerten die Hus- 
siten abermals Bautzen selbst, welches sich diesmal 
tapfer vertheidigte. Dafür bemächtigten sich die Feinde 
(27. Februar) der Stadt Löbau und machten diese unter 
Zurücklassung einer starken Besatzung zu dem festen 
Platze, von welchem aus sie fortwährend Raubzüge in 
das umliegende Land unternehmen konnten. Da musste 
denn jetzt ein oberlausitzisclies Heer die Stadt Löbau bela- 
gern, welches endlich (12. August) die Hussiten zum Abzug 
nöthigte. Aber noch mehrere Jaiire hindurch mussten 
gerade die beiden Städte Bautzen und Görlitz nun auf 
ihre Kosten und durch ihre Bürger und Söldner Löbau 
besetzt halten, weil die sehwache, ohnehin von den Feinden 
ausgesogene Bürgerschaft einem neuen Angrift' nicht würde 
gewachsen gewesen sein"). 

Nach den Hussitenkriegen aber hat Bautzen seinen 
Jahreszins an den Bischof wieder regelmässig abgeführt. 
Der Bischof Johann VI. von Salhausen berichtet'*), wie 
das Domstift Mcisscn früher „auf der Stadt Budissin auch 
100 Schock Zinse (danach wäre die Summe also herab- 
gemindert worden) wiederkaufsAveise stehen gehabt", die 
aber bisher nur „nach schwarzer (d. h. unterwerthiger) 
Münze" bezahlt worden seien, und wie er die Stadt „dahin 
gebracht habe, die Hauptsumme abzulösen". Dies 
dürfte im Jahre 1493 geschehen sein; wenigstens besagt 

'») Ebendas. .391. 

'*) Cod. dipl. Saxoii. reg. II, 7, XXXVI flg. 

") Gercken, Stolpen 665. 



Die Stallt Bautzen im Banne des Bischofs von Meissen 1431. 317 

das Regest einer nicht melir vorhandenen Urkunde*^), 
König Wladislaus von Böhmen habe unter dem 15. Januar 
1493 „dem Rathe zu Budissin erlaubt, 130 Schock jcähr- 
licher Zinse beim Stifte Meissen abzulösen". Seitdem 
war also Bautzen seines Bischofszinses ledig. 

Wir vermögen nicht zu entscheiden, ob und inwie- 
weit mit diesem über Bautzen verhängten Banne die 
Thatsache in Zusammenhang steht, dass gerade in dieser 
dem Bischöfe von Meissen voraussichtlich damals nicht 
günstig gesinnten Stadt im Jahre 1429 eine formelle 
Klage gegen das bischöfliche Amt und zwar von einem 
ausländischen Geistlichen anhängig gemacht wurde. Der 
Offizial des Bischofs (welcher letztere also wohl selbst 
nicht mehr in seiner Diözese anwesend war) hatte den 
Pfarrer Stephan Heller zu Kirchhain in der Niederlausitz 
exkommuniziert; dieser aber erklärte sich für völlig schuld- 
los und Hess daher den 19. Mai 1429 „in dem Hause 
des Baulzner Bürgers Nikolaus Cziseler" durch einen 
Notar vor Zeugen eine Schrift aufsetzen, mittels deren 
er von dem bischöflich meissnischen Offizial an den Er z- 
bischof von Magdeburg appellierte. Und da der 
Pfarrer Stephan, als Kläger, den Bischof oder dessen 
Offizial „wenigstens am Orte seiner gewöhnlichen Residenz" 
in Sicherheit nicht aufsuchen konnte, so wurde das Ori- 
ginal dieser Appellationsschrift an den Kirchthüren von 
St. Petri zu Bautzen angeschlagen, und nachdem es da- 
selbst eine Zeit lang, nämlich „während des Absingens 
der Vesper bis zum Completorium", gehangen, wieder 
abgenommen und an dessen Stelle eine beglaubigte Ab- 
schrift zurückgelassen. Das Original wurde darauf an 
den Erzbischof gesendet, welcher die Appellation gegen 
das bischöflich meissnische Amt annahm und endlich 
(19. November 1429) den Bischof Johann IV. peremtoriscli 
und unter Androhuno; interdicti ab inqressu ecclesiae ac 
snspensione ex divinis in Person vor sein geistliches (ae- 
richt zu Magdeburg zitierte"). Hierdurch ward von Seiten 
des Erzbischofs der schon alte Anspruch aufs neue er- 
hoben, dass das Bisthum Meissen ein Suffraganbis- 
thum der Erzdiözese Magdeburg, nicht aber ein exemtes, 
d. h. unmittelbar unter der päpstlichen Kurie stehendes 
Bisthum sei. Der Streit ward von letzterer endlich zu 



'«) Oberlausitzer Urkunden-Verzeichnis III, 18b. 
"} Cod. dipl. Sax. reg. II, 3, 21 und 24. 



318 Hermann Knothe: 

Gunsten des Bischofs von Mcissen entscliicdcn und jetzt 
(20. September 1431) der Erzbiscliof Günther von Magde- 
burg behufs Publikation der betreffenden Entscheidung 
nach Meissen vorgeladen und diese Zitation an den Kirchen 
zu Eilenburg und üelitsch, welche Stildte zur Erzdiözese 
Magdeburg gehörten, angeschlagen'*'). 

In ganz ähnlicher Weise wie Bautzen hatte übrigens 
auch Görlitz eine jährliche Rente an das Domstift 
Meissen zu entrichten. Kaiser Karl IV. hatte, wir wissen 
nicht in welchem Jahre, seinem bereits oben (S. 312) 
erwähnten Kauimermeister Thimo von Kolditz das 
Schloss Hartenberg bei Hirschberg in Schlesien für 
1200 Schock Prager Münze abgekauft und ihm anstatt 
der Kaufsumme den jälndichen Zinsbetrag derselben; 
nämlich 120 Schock, „in und auf seinen Zinsen zu Görlitz 
in der Siadt" pfandweis und erblich verschrieben. Nach 
des Kaisers Tode hatte dessen Sohn, König Wenzel (Juli 
1379), diese Verpfändung dom Thimo von Kolditz aus- 
drücklich bestätigt. Nun hatten später die Söhne des 
letzteren, Thimo und Albrecht von Kolditz, diese 
Rente dem Domkapitel zu Meissen, dessen Bischof 
damals Thimo der Sohn war*^), ebenfalls pfandweis weiter 
verkauft, was König Wenzel (14. September 1408) ge- 
nehmigte'^ "j, worauf nun auch der Ratli zu Görlitz (18. Ok- 
tober 1408) auf Befehl des Königs gelobte, jene Rente 
halbjährig zu Walpurgis und St. Galli an das Domstif't 
abzuführen^'). Und so Avurdc denn diese „des Bischofs 
Rente" von der Stadt selbst mitten in den hussitischen 
Kriegsnöthen den Rathsrechnungen zufolge noch 1427 
und 1428 nach dem um der Reichssteuer willen verhängten 
Banne, ebenso 1429, wenn auch nicht immer pünktlich 
und vollständig; erlegt. Wahrscheinlich aber hatte die 
Ritterschaft des Weichbilds jene Reichssteuer noch nicht 
gezahlt und war deshalb im Banne verblieben. Jetzt 
aber bedurfte die Stadt des tapfereu Armes des Adels 
zur Vertheidigung gegen die nahenden Hussiten. Am 
16. März 1431 erliess daher Bischof Johann IV. an alle 



") Ebendas. 31. 

'») Irrig wird N. Lausitz. Mag;,iz. LV (1879), 331 der Bischof 
Thimo als Sohn „Volrads von Kolditz" bezeichnet. 

*") Cod. dipl. Sax. reg. II, 2, 342. Oberlausitzer Urkunden- 
Verzeichnis I, 166, No. 835. 

*') Cod. dipl. Sax. reg. 11, 2, 344. Das Urk.-Verz. I, 168, 
No. 848 setzt diesen Gelobbrief auf den 24. Februar 1409. 



Die Stadt Bautzen im Banne des Bischofs von Meissen 1431. 319 

Pfarrer des erzpriesterlichen Stuliles Görlitz ein Schreiben, 
durch welches er alle von ihm selbst oder von seinem 
Offizial gegen wen immer ergangene Interdiktsentenzen 
(interdicti sententias) „suspendiert" und den davon Be- 
troffenen gestattet, „in die Stadt Görlitz zu flüchten, um 
niit christ-katholischem Eifer diesen Platz und die dasige 
Bevölkerung gegen die Angriffe der abtrünnigen Hussiten 
vertheidigen zu helfen"^^). Nun hatte die Stadt Görlitz 
und einzelne ihrer Bürger, um die zur ununterbrochenen 
Kriegsführung nothwendigen Gelder zu beschaffen, von 
einzelnen geistlichen wie weltlichen Personen grössere oder 
kleinere Suramen aufnehmen müssen, für welche die fälli- 
gen Zinsen nicht immer pünktlich gezahlt werden konnten''^). 
Kaiser Siegmund hatte daher (29. September 1431) der 
Stadt ein Moratorium auf drei Jahre ertheilt^'^). Dennoch 
waren an verschiedenen Orten des Auslandes einzelne 
Bürger wegen der rückständigen Zinsen verklagt, ja in 
Haft genommen worden. Da wendete sich der ßath an 
Papst Eugen IV., und dieser beauftragte (4, Februar 1433) 
den Kardinal Nikolaus, sich über diese Angelegenheit zu 
informieren und, wo nöthig, der bedrängten Stadt durch 
Androhung und Verhängung geistlicher Strafen wenigstens 
einige Linderung, d. h. Gewährung eines Aufschubs für 
die fälligen Zinszahlungen, zu verschaffen^*). 

Um so auffälliger muss es erscheinen, dass eben zu 
derselben Zeit (6. April 1433) Prokop „der Kommissar 
des bischöflich meissnischen Hofes'' von Stolpen aus 
dem „Prediger zu Görlitz^ den Befehl ertheilte, von dem 
Rathe und der Stadtgemeinde peremtorisch binnen sechs 
Tagen die Zahlung von 70 Schock Groschen rückstän- 
digen Zinses an den Bischof zu verlangen, widrigenfalls 
er die gesarate Stadt und alle Einwohner derselben 
hiermit exkommuniziere und „den Ort Görlitz" mit 
dem Interdikt belege, so dass keinerlei Sakramente 
daselbst administriert, auch die Verstorbenen nicht kirch- 



") Urk.-Yerz. II, 28 d. 

*') Ein Schreiben von der Ritterschaft des Görlitzer Weich- 
bildes und von dem Rathe der Stadt an den Kaiser (1431 im Monat 
März) schildert in anschaulicher Weise die damalige Lage der 
Stadt und des ganzen Landes; abgedruckt bei Xeumann, Geschichte 
von Görlitz 173 flg. 

-*) Abgedruckt N. Laus. Magaz. LVII (1881), 150, Anmerk.; 
lebendige Schilderung der Kriegsnoth. 

^') Urk.-Verz II, 33 f. 



320 Hermann Knotlie : Die Stadt Bautzen etc. 

lieh begraben Averclen dürften^"). Da sprach endlich 
(14. Oktober 143o) „Johannes Plussk, Propst zu Leipzig", 
also ein Geistliclier der Diöcese Merseburg, wir wissen 
nicht auf wessen Befehl, „die Görlltzer von der Exkomnm- 
nikationssentenz wieder los"^'), und den G. August 1431 
bestätigte auch das Konzil zu Basel das der Stadt Görlitz 
ertheilte kaiserliche Moratorium. 

Nach Beendigung der traurigen Hussitenkriege kam 
nun Görlitz nicht nur seinen sonstigen Verpflichtungen 
wieder treulich nach, sondern zahlte auch dem ßisciiofe 
zu Meissen wieder seine Rente von 120 Schock. Freilich 
musste derselbe gelegentlich auch darum mahnen. So befahl 
den 17. August 1445 der bischöfliche Vikar Friedrich den 
Pfarrern (divinorum rectorihus) zu Görlitz, „von der Kanzel 
aus" die liathsherren zu ermahnen^ die rückständigen bi- 
schöflichen Zinsen zu erledigen^®), und den 30. Mai 1454„be- 
gehrte" Bischof Kaspar an Rathund Stadt Görlitz, ihm seine 
Rente in Gold und Groschen, nicht aber in (unterwerthigen 
Görlitzer) Pfennigen auszurichten^**). Schon damals scheint 
der Bischof eine Ablösung der Rente gewünscht zu haben; 
wenigstens gestattete (12. April 1457) König Ladislaus 
von Böhmen dem Rathe, ,,die königliche Rente von dem 
Meissner Kapitel um 1200 Schock zurückzukaufen"^*'). 
Endlich (24. April 1458) verstand sich der Bischof dazu, 
der Stadt von den 120 Schock „königlicher Jahrrente" 
20 Schock nachzulassen*'), und um wenigstens den steten 
Differenzen wegen ufitcrwerthiger Münze abzuhelfen, „ver- 
trug sich (1. März 1493) Bischof Johann von Salhausen 
mit dem Rathe wegen der königlichen Jahrrente der 
120 Sciiock, die nachlier alle Jahre mit 100 Schock be- 
zahlt worden, auf jährlich 135 ungarische Gulden an 
gutem Golde"''-^). Allein 1564 (10. Mai) musste Johann IX. 
von Haugwitz, der letzte meissnische Bischof, abermals 
mahnen, dass ihm die zuständige Jahrrente anstatt in 
Münze in ungarischen Gtdden erlegt werden solle''). 
Wie lange Görlitz diese Rente noch fortgezahlt habe, 
wissen wir nicht. 



*») Ebendas. II, .S4b. Nach Machatscli ek, (Geschiclite der 
Bischöfe von Meissen 402) hätte nicht l'roknp, sondern der bischöf- 
liche Generalvikar Gastnieister dies Interdikt verhängt. 

*') Ebendas. II, ö5 a. Der Wortlaut der Urkunde ist nicht bekannt. 

»«) Urk.-Verz. 11,59 f. ^*) Ebendas. II, 71 g. »*») Ebendas. II, 80e. 

*') Ebendas. II, 83 d. ") Ebendas 111. 20c. Vergl. Gercken, 
Stolpen 665. ") Urk.-Verz. UI, 201 f. 



X. 

Die Briefe Valentin Einers. 
Ein Beitrag zur Reformationsgeschichte, 

Von 

H. Ermisch. 



Über die Anfänge der Reformation in der Stadt 
Freiberg sind bis jetzt nur wenige vereinzelte Nachrichten 
bekannt geworden^); und doch ist es von besonderem 
Interesse, diese Anfänge zu verfolgen, weil die neue Lelire 
hier unter ganz eigenartigen Verhältnissen sich verbrei- 
tete und die elementare Macht der reformatorischen Ideen 
ganz besonders deutlich zur Erscheinung gelangte. Über 
die interessanteste hierher gehörige Episode, die Flucht 
der Herzogin Ursula von Münsterberg aus dem Jung- 
frauenkloster zu Freiberg (1528), haben wir bereits früher 
einen längeren Aufsatz veröffentlicht^). Bei dieser Ge- 
legenheit wiesen wir schon auf einige Schriftstücke hin, 
die wir nachstehend mittheilen ^); dass dieselben den Ab- 
druck in hohem Grade verdienen, wird wohl niemand 
in Abrede stellen, der von ihrem Inhalt Kenntnis ge- 
nommen hat. 



') Vergl. ausser den bekannten Werken von Möller, "Wilisch, 
Benseier namentlich Ulbricht, Geschichte der Reformation in 
Freiberg (Leipzig 18.37) und Seidemann, Dr. Jacob Schenk (Leip- 
zig 1875), S. 1 flg. 88 ög. 

=*) Diese Zeitschrift III, 290 flg. 

*) Ebenda III, 296, vergl. 313. Einen dieser Briefe erwähnt be- 
reits Weller, Altes aus allen Theilen der Geschichte I (1762), 175; 
auch Georg Müller, Mag. Stephan Roth, in den Beiträgen zur 
Sächsischen Kirchengeschichte I (1882), 55 und 60. 

Neues Archiv 1". S. G. u. A. V. 4. 21 



322 II- Ermisch: 

Die sechs Schreiben stammen aus einer neuerdings 
mehrfach benutzten, aber bei weitem noch nicht er- 
schöpften Quelle zur Reformationsgeschichte, aus dem in 
der liathsschulbibliothek zu Zwickau befindlichen reich- 
lialtigen Briefwechsel des Mag. Stephan Roth. Roth, 
der vorher in Zwickau und Joaehimstiial Schuhektor 
gewesen war, widmete sich während der Jahre 1523 bis 
1527 in Wittenberg dem persönlichen Verkehr mit Luther, 
dem Studium und der litterarisclien Thätigkeit; 1528 wurde 
er Stadtschreiber und später Rathsherr in seiner Vater- 
stadt Zwickau^). Zu den zahlreichen lutherischen Ge- 
sinnungsgenossen, mit welchen Roth korrespondierte, ge- 
hörte auch der Freiberger Maler Valentin Einer. 
Leider wissen wir über ihn ausser dem, was in seinen 
Briefen steht, so gut wie nichts weiter, als dass er am 
3. Juli 1509 das Bürgerrecht in Freiberg erhielt^); er 
wohnte daselbst vor dem Kreutzthor"). Nach dem Jahre 
1527 kommt er meines Wissens niclit mehr vor. Über 
seine künstlerische Thätigkeit ist durchaus nichts bekannt; 
dass er mit Lucas Cranach befreundet war, kann man 
aus der Nachschrift zu No. 3 sehliessen. Sein Siegel, das 
besonders gut an dem Briefe No. 2 erhalten ist, zeigt im 
Schilde das Zeichen 1— Li und darüber die Anfangsbuch- 
staben seines Namens i V E. Der Roth'sche Briefwechsel 
enthält, so viel ich weiss, sieben Briefe dieses Mannes, 
von denen wir jedoch nur sechs mittheilen, da der siebente 
vom 28. Oktober 1527 ') von geringerem Interesse ist*). 
Leider schrieb der Freiberger Maler eine wahrhaft ent- 
setzliche Handschrift, die selbst einem geübten Auge viele 

*) Näheres über ihn bei Georg Müller a. a. ü. 43 flg. 

*) Freiberuer llatlisarchiv, j\latrit;iila civiiim, fol 49b: Meister 
Valentinun Eidner moler S" pust viaitacionis Marie. Vergl. Wer- 
iiicl<e Zur (Jesthiciite der Maleriiiuuiig in Freibei'g, in den Mitth. 
des Freib. Alterthumsvereins XVII, 2.S. 

•) Walten Einer moler czu Freybergk vorn Creutzthor lautet 
die Unterschi iit eines Uriei'es vom 28. Oktober 1527. 

') Ik'zeicliiiet mit E 6S. 

') Während jene ü liriefe an lloth nach Wittenberg gesandt 
wurden, sucht ihn die Aufschrift des 7. Briefes schon in Zwickau 
(itzunder czu Zcwidcaw); er hielt sicli dort also auch schon vor 
Alltritt seiner Stelle als Stadtschreiber (15. l"'ebruar 1528) auf. — Den 
nicht uninteressanten Schluss des letzterwähnten Briefes theilen wir 
hier mit, ohne indessen eine Erklärune: zu versuchen: Auch ßo 
haben dy von Czwiykau uns eyn predigcr uff den thum czitge- 
schickt. Ret er euch yedoclit, so loer her uns nit luorden. Man 
solde yn mit plaulzoi vom jiredickstul wcrffen, er kan den, vuxchs- 
schtvantz wul streichen. 



Die Briefe Valentin Einers. 323 

Eäthsel zu lösen giebt und hier und da geradezu als 
unleserlich bezeichnet werden muss. Aber durch den 
Inhalt der Schreiben wird man für die Mühe der Ent- 
zifferung reichlich belohnt. Wir lernen aus ihnen einen 
jener mannhaften Vertreter der neuen Lehre kennen, die 
den Angriffen um ihrer Überzeugung willen kühn die 
Stirn boten; mit offenem Blick und gesundem Urtheil — 
das er gelegentlich in die Form der Ironie kleidet 
(so ist der Anfang von No. 6 zu verstehen) — verfolgt 
er die litterarischen Erscheinungen der Zeit, ja er giebt 
selbst zu solchen die Anregung. 

Zur Erläuterung der Schreiben werfen wir zunächst 
einen flüchtigen Blick auf die Verhältnisse, die sie be- 
rühren, 

Herzog Heinrich, der bekanntlich in Freiberg re- 
sidierte, war von vorn herein der Reformation durchaus 
nicht abgeneigt. Wir wissen, dass er die gegen Luther 
gerichtete Bulle Exsurge Domiue vom 15. Juni 1520 lebhaft 
missbilligte "), dass er schon früh einen lutherisch gesinnten 
Hofprediger auf dem Schlosse hatte (No. 4 S- 332 oben), 
bereits Ende 1524 eine deutsche Messe dort lesen Hess 
(No. 3), ja sogar schon Hand an die Einkünfte des Dom- 
kapitels zu legen wagte (No. 3). Allein die drückenden 
Verhältnisse, unter denen Heinrich lebte, waren mächtiger 
als er; die Einkünfte seines kleinen Ländchens reichten 
nicht entfernt für den Unterhalt seines Hauses und Hofes 
aus, er bedurfte dringend der Zuschüsse von seinem Bruder 
Georg, und dieser war einer der aufrichtigsten und energisch- 
sten Vertreter der alten Lehre. So befand sich Heinrich in 
einer misslichen Doppelstellung: persönlich der Refor- 
mation geneigt, musste er mit Rücksicht auf seinen Bruder 
ihr entgegentreten. Einer beurtheilt dies Verhältnis in 
mehreren seiner Briefe (No. 1, 3, 4) ganz richtig; wieder- 
holt spricht er die Hoffnung aus, dass der Herzog noch 
ganz auf Seite der lutherisch Gesinnten treten werde, was 
ja später auch geschehen ist. Dem Einflüsse Georgs ist 
es zuzuschreiben, dass die nächste Umgebung des Her- 
zogs aus eifrigen Gegnern der Lehre Luthers bestand'"). 
Vor allem war der Hofmeister Rudolf von Bünau ihr 
sehr feindselig gesinnt ''); ihm vor allem, „unserm 

*) Sei de mann a. a. 0.2. 
'") Ulbricht a. a. 0. 16. 

") Sehr deutlich geht dies aus den Akten über die 1529 vor- 
genommene Visitation des im Gebiete des Kurfürsten belegenen 

21* 



324 H. Ermisch: 

Tyrannen", gieLt Einer die Schuld, dass der Herzog nicht 
wage, sich offen 7Air lutherischen Lehre zu bekennen (No. 1). 
Ebenso standen die Kanzler des Herzogs, Dr. Wolf Stehlin 
(bis 1525) und sein Nachfolger Georg von Rothschütz 
(1525 — 1533) '*), entschieden auf dem Boden der alten 
Lehre. Einer von beiden war sogar, wenn wir eine 
Wenduno; in dem unter No. 6 raitüetheiltcn Briefe richtio; 
verstehen, litterarisch für dieselbe thätig; er veröffentlichte 
1525 ein Büchlein von der Beichte, das mit Enisers Vor- 
wissen gedruckt und von Herzog Georg empfohlen Avurde. 
Dieses vermuthlich gegen Luthers Schrift von der Beichte 
(von welcher 1525 ein neuer Abdruck erschien) gerichtete 
Schriftchen nachzuweisen, ist mir nicht gelungen. 

Weit entschiedener als Heinrich bekannte sich seine 
Gemahlin Katharina zur neuen Lehre, obwohl sie anfangs 
zu ihren Gegnerinnen gehört hatte '^). Sie stand mit den 
Evangelischgesinnten in Freiberg, namentlich auch mit 
unserem Einer (No. 1), in vielfacher persönlicher Beziehung. 
Aber offen mit ihrem Bekenntnis hervorzutreten, durfte 
auch sie nicht wagen: als Stephan Roth sie durch Einer 
bitten Hess, ihr seine Übersetzung der Luther'schen Aus- 
legung des fünften Psalms widmen zu dürfen, lehnte sie 
dies ab, weil sie besorgt war, „sie möchte einen ungnädigen 
Herren erlangen und an Herzog Georg dergleichen" ; 
sie will überhaupt nicht, „dass ein Mensch wissen solle, 
dass sie auf die Lehre getreten sei" (No. 1). Die Über- 
setzung, die 1525 erschien, war dann dem Zwickauer 
Bürgermeister Hermann Mülpfort gewidmet^'). 

Trotz dieser mannigfachen Hindernisse hatte sich 
schon früh eine schnell anwachsende lutherische Gemeine 
— Einer bezeichnet sie wiederholt als die „christlichen 
Brüder" — in Freiberg gesammelt. Als ihren Prediger 
nenntElner in einem Schreiben vom 9. Oktober 1524 (No. 2) 
den Franziskaner Lorenz Sörer (Soranus), der sich zur 
lutherischen Lehre bekannte, ohne doch eigentlich aus 



Städtchens Brandis bei Grimma, dessen Erbherr Rudolf von Bünau 
war, hervor. Vergl. Grossmaini, lUe Visitations-Akten der Diözese 
Grimma (Leipzig 187.3) 169 flg. 

") Vergl. über sie Seidemann a. a. 0. 92 und die dort ange- 
gebene Literatur. 

'*) Vergl. den Brief Johann Friedrichs an sie von 1525 Juli 8 
bei Seidemann, Dr. Jacob Schenk 121, und dazu unten No. 5: alßo 
fyndt sy ir gnade ist der ewangelischen lere getvessen, alßo grosse 
lost had ir gnade itzonder dortzn. 

") Der vollständige Titel bei Georg Müller a. a. 0. 60. 



Die Briefe Valentin Einers. 325 

dem Kloster auszutreten*^). Eine Predigt von ihm über 
die Lutlier'sche Auslegung des 22. (nicht des 21.) Psalms 
gab Einer Anlass, Stephan Roth um eine Übersetzung 
desselben zu bitten. Roth erfüllte seine Bitte und wid- 
mete seine Arbeit dem Einer, der sich ohne Bedenken 
bereit erklärte, die Widmung anzunehmen: „ich will es 
wohl vertreten gegen meinen gnädigen Herrn, ob ich 
darum angesprochen würde" (No. 2) '®). 

Wie stark sicli die lutherische Partei trotz der Ver- 
folgungen, denen ihre Anhänger ausgesetzt waren — Einer 
selbst schwebte wiederholt in Lebensgefahr: „ich liab 
sollen zwier verbrannt und einmal enthaupt worden sein" 
(No. 3) — , bereits Ende 1524 fühlte, geht daraus hervor, 
dass es damals zu heftigen Angriffen gegen die Anhänger 
der alten Lehre kam. Dieselben richteten sich nament- 
lich gegen das Kapitel; insbesondere kam es wiederholt 
zu Exzessen gegen den Domherrn Sebastian Küchenmeister, 
welcher in der — dem Kollegiatstift inkorporierten — 
Peterskirche, zweifellos in einem der neuen Richtung sehr 
feindlichen Sinne, predigte. Sie hatten zur Folge, dass 
der neugewählte Dechaut Balthasar von Ragewitz ") sich 
an den bei Herzog Georg sehr einflussreichen Meissner 
Domherrn und Propst zu Bautzen, Dr. Nikolaus von Heinitz, 
wandte; dieser trug seine hauptsächlich gegen Lorenz 
Sörer gerichteten Klagen dem Bischof Johann VH. vor, 
der sie dann wieder an Herzog Greorg gelangen Hess. 
Man erzählte sich, dass die Dompfaffen ihrer Bitte um 
Schutz durch ein Geschenk von 300 Gulden an den Herzog 
und den Hofmeister von Bünau besonderen Nachdruck 
gegeben hätten. Herzog Georg, welcher kurz vorher das 
überaus scharfe Mandat Karls V. gegen Luther und seine 
Lehre (vom 15. Juli 1524) veröffentlicht hatte *^), wurde 
durch diese Vorgänge in grossen Zorn versetzt, der sich 

'*) Über andere lutherisch gesinnte Freiberger Mönche, die 
Brüder Dominicus und Stephan Bayer und Johann Behme, vergl. 
Seidemann a. a. 0. 2 üg. 

") Auch diese Übersetzung erschien 1525, vergl. G-.Mü 11 er a.a.O. 

") Vergl. Möller I, 204. Einer nennt ihn in seinem Briefe 
irrthümlich Gertwitz. Ein Joh. Gertewitz war nach Möller I, 208 
in den Jahren 1508 — 1520 Domherr zu Freiberg. 

") Crudele mandatum Ccsaris vidgavit dux Georgius, sed 
nondum multa eft'ecit quarnqucmi dito aut fres sunt occisi, scilicet 
{•psis provocantihus. Aus einem Briete Luthers von 1524 September 1 
bei Kolde, Analecta 56. Das Mandat bei Förstern ann, Neues 
TTrkundeubuch I, 204 flg., vergl. Köstlin, Martin Luther (2. Aufl.) I 
(1883), 636. 



326 H. p]rmisdi: 

besonders gegen Lorenz Sörer richtete. Nachdem ein 
Versuoli, den kühnen Mönch gefangen zu nelinien und 
nach Stolpen zu bringen, misslungen war, begab sich der 
Herzog am 7. Dezember ^ ®) selbst nach Freiberg. Dass 
Herzog Heinrich gerade nicht anwesend war, war vielleicht 
kein blosser Zufall. Georg entbot den Loi-enz Sörer vor 
sich, und es kam zwischen ihnen zu einer überaus hef- 
tigen Szene, die für die Charakteristik beider Männer 
von hohem Interesse ist; den leidenschaftlichen Drohungen 
des Herzogs setzte der Mönch hartnackigen Widerstand 
entgegen. Auch der Freiberger Bürgermeister Hans 
Hausmann, ein Bruder des bekannten lutherischen Pfarrers 
Nicolaus Hausmann in Zwickau, musste des Herzogs Un- 
willen empfinden. An vierzig Personen wurden des Landes 
verwiesen und in Gewahrsam gesetzt. 

Alles dies berichtet Einer in dem inhaltreichen Schrei- 
ben vom 11. Dezember 1524 (No. 4). Eine andere Quelle 
über diese Vorgtänge ist der an dieselbe Adresse gerichtete 
Brief des Freibergers Sigmund Treutweyn, eines Seifen- 
sieders^"), aus dem wir das Wesentlichste ebenfalls mit- 
theilen; er ist besonders deshalb beachtenswerth, weil er 
zeigt, wie die Herzogin Katharina sofort ihre schützende 
Hand über den gefährdeten Prediger ausbreitete. 

Georgs Strenge sclieint denn auch ihren Zweck voll- 
ständig verfehlt zu haben. Einer meldet in demselben 
Briefe: „Die Evangelien werden sehr angenommen sein 
vmter den Laien" und berichtet wenige Wochen später 
triumphierend, Herzog Heinrich habe ihren Prediger — 
also jedenfalls den Lorenz Sörer — „bestätigt mit einem 
fürstlichen Briefe und Siegel das Evangelium zu predigen", 
worüber die ,. Pfaffen und Mönche" und der Hofmeister 
überaus aufgebracht seien (No. 5). 

Lorenz Sörer erfreute sich auch noch später der 
Gunst des Herzogs. Als letzterer im August 1525 ver- 
nahm, der Prediger solle „weggefordert werden", befahl 
er dem Käthe zu Freiberg, dies keinesfalls zu dulden"'). 
Noch Ende des folgenden Jahres weilte Sörer in seinem 
Kloster und predigte in evangelischem Sinne ; der Kanzler 

'•) Am Mittwoch conceptionis Marie. Aber Mariae Empfängnis 
(8. Dezember) llel lö24 auf einen Donnerstag; es wird also wohl 
ein „vor" zu ergänzen sein. 

'") Sigismondus Treutweyn war am 28. Dezember 1523 Bürger 
zu Freiberg geworden. Matr. civ. Frib. fol. fH. 

=") Mein Freib. Urkundenbuch I (Cod. dipl. Sa.K. reg. 11, 12), sn. 



Die Briefe Yalentin Einers. 327 

des Herzogs, Georg von Rothschütz, suchte ihn vergeblich 
umzustimmen *^). 

In schroffem Gegensatze hierzu steht nun freilich 
Avieder das Verhalten Heinrichs während der ersten 
Monate des Jahres 1525. Fast in denselben Tagen, in 
welche jene Freiberger Auftritte fallen, war zu Meldorf 
in Dithmarschen der Augustiner Heinrich von Zütphen 
seinem Drange, der Lehre Luthers neue Anhänger zu 
werben, zum Opfer gefallen; er wurde auf Antrieb der 
Meldorfer Mönche in grausamer Weise umgebracht '*'). 
Sein Martyrium machte gewaltiges Aufsehen; Luther 
verfasste bekanntlich über dasselbe eins seiner zündenden 
Sendschreiben. Diese „neue Legende vom Heinerico in 
Dittmar" gelangte auch nach Freiberg und wurde dort 
öffentlich vorgelesen; es erregte dies den stürmischen 
Unwillen der altgläubigen Partei, und diesmal gelang es 
derselben bei Herzog Heinrich ihren Willen durchzusetzen. 
Verhaftungen und Verweisungen in Menge erfolgten : 
„also hob die Asche s. Heinerici an das Kreuz all hier zu 
Freiberg"; die Gesänge und die Predigten in den Kirchen 
wurden wieder verboten (No. 6). 

Den Grund dieser plötzlichen Reaktion dürfen wir 
wohl im Bauernkriege suchen, der im April und Mai in 
Thüringen tobte und auch die sächsischen Lande zu be- 
drohen schien. 

Es ist begreiflich, dass diese Reaktion fortdauerte, als 
der Aufstand blutig unterdrückt war ; fehlte es doch nicht 
an Stimmen, welche die Hauptschuld an demselben Luther 
und seiner Lehre aufbürdeten. So erging denn am 28. Juni 
1525 jene strenge Verordnung des Herzogs Heinrich, 
welche dem Rathe anbefahl, der Gemeinde alle Belei- 
digungen gegen Priester und Ordenspersonen auf das 
Ernsteste zu untersagen ^*). Ihr schlössen sich in den 



'*) Vergl. dieSchreiben desselben bei Wilisch, Cod. dipl. 185 Hg. 
und in der Sammlung vermischter Nachrichten I, 22fi flg. Dazu Seide- 
mann, Dr. Jakob Schenk 4. Dass Sörer in der Zwischenzeit im Bar- 
füsserkloster zu Zwickau gewesen (Herzog, Chronik von Zwickau 11, 
208. Seide mann a. a. 0. 3), ist unter diesen Umständen unwahr- 
scheinlich; es handelt sich vielleicht um einen Namensvetter. Ob 
dieser oder unser Sörer später Pfarrer in Reichenbach und dann 
an der Katharinenkirche zu Zwickau war, lassen wir dahingestellt. 

'*) Vergl. über ihn zuletzt Köstlin, Martin Luther, 2. Aufl., II 
(1883), 653 flg. 

") Möller I, 214. "Wilisch I, 83. Benseier 588. Seide- 
mann, Dr. Jacob Schenk 3. Das Original -war nicht aufzufinden. 



328 H. Ermisch: 

nächsten Jahren ähnliche, zum Theil noch nicht bekannte 
Befehle an, auf die wir vielleicht bei einer anderen Gelegen- 
heit zurückkommen werden. 

Wir hissen nunmehr den Wortlaut der Briefe Einers 
folgen. 

No. 1. (1524 Februar 0.) 
Nach dem Original in der Bathsschulbibliothek zu Zwickau (D. 157). 

Meynen gantz willigen diiist alleczeit czuvor. Gunstiger wir- 

diger her magister uiul priuler in Christo. Ewer uiul ewers wibs 

gesundtheith uiul wolgehen irfar ich allewegk gerne :c. Wirdiger 

her magister. Nachdem ir mir schreybt von wegen des fünften 

psalmen tzu vordeutzschen und unser hertzogyn zcu schreyben, wo 

e. w. wost, alß yrer gnaden gfeligk wer, w. h. und bruder, ich hab 

mich ewerthhalben geliißen und an yr gnade supplecyrth, so hat 

mir yr gnade laßen ansagen, sy thar mit nicht nit; wen es an irer 

gnaden gelegen, wer ir gnaden ser tzu dangk und angenem von 

e. w.; wen sich ir gnad nit bessorgt, sy mocht eyn ungenadigen hern 

erlangen und an hertzick (sie) Jorgenn dergleichen. So lest sy 

e. w. guttlichen dancken; wost ir gnade sost e. w. czu dynen, 

thet sy gernne, und lest ir gnade euch pitten, ir woldet ja nymant 

dovon sagen und heymlich halden, uf das ir gnade ungemelt pleyb; 

sunder wenne der psalm vordeutzsch wirt, mocht sy yn gerne 

haben. Auch, w. h. magister, unßer thiran ist der hoffmeister, 

das sich dy fursten (d. h. Fürstin) ser noch forcht und wil nit, 

das eyn mensch wissen sal, das sy oft' dy lere getrethen ist. Wo (?) 

es mit der tzeit ir gnade stercker ym glauben werde, wil sy 

dornach von e. w. gerne in czuschriefften von euch annemen. 

Ire gnade hoft", got werde yren hern noch erlauchten. Wen der 

hoft'meister nit wer, so hetts gar keyn fei k. Auch, w. h, magister, 

ich pyt euch, ir wolt gedult tragen mit mir; ich wil ewer w. nit 

vorgessen mit der vorerunge, wy ich euch haben tzugeschryben. 

Wen ewer wyrden ich woste tzu dynen, wer ich geneigk unde 

willick myt meynem armen vormogen. Ewer lantzman lest euch vil 

gutts nachsagen und euch lassen alle cristliche bruder fruntlichen 

gruessen, und grusset mir ewer hausfraw. Geben am tage Dorothe 1524. 

Valten Einer maier 
e. w. prüder in Cristo. 

Aufschrift: Ann denn wirdigen hern magistro Rodt burger czu 
Wittenborgk seynen lieben hern und pnulcr yn Cristo 
czu banden. 

No. 2. (1524 October 9.) 

Nach dem Original ebenda^fO. 15). 

Gnad und fryd yn Cristo. Wirdiger her magister Steffan. Es 

hat unßer predisrcr Lorencius ordinis minorum alhy czu Freybergk 

den 21. psalmen"^ geprediget, den doctor Martinus gemacht hat ynn 

latein außgelegt: „Meyn got, worumme hastu mich verlassen?"") 



**) Es ist dies nicht der ^i., sondern der 22. Psalm. 



Die Briefe Valentin Einers. 329 

Unßer eyner aber 10 haben (ließen psalm behertziget und den predyger 
gepetten iinß scliriefftlich yn deutscli soll geben. So saut er, es 
seyn ym tzii schwer und muest vyl weylle dartzu haben. So ißt an 
ewer wirde meyn frundtliche und demutige pette umbe gottes willen 
und den lohn von got gewartthen unß czu Freybergk czum tröste 
dyeßen psalraen auß dem latein ynß deutsch bryngen und uns 
solcher gehabte rauhe euch nith beschweren laßen und meyner bette 
geczweygen (sie). Das wil ich mit meynen cristlichen brudern kegen 
got vorbitten und unßers armen vormogens dorneben zcu vordynen 
geflyessen seyn. Dormit got befollen. Geben Suntagk nach Fran- 
cisse^') 1524. 

E. w. a. i. C. Valentin Einer maier 
czu Freybergk. 
Aufschrift: Dem wirdigen hern magistro Steffan Roth burger czu 

Wittenbergk meyn geübten bruder yn Cristo frundtlichen 

geschryeben. 

No. 3. (1524 Noyember 30.) 

Nach dem Original ebenda (0. 13). 

Meynen gantz willigen dinst czu befor. Wirdiger her magister, 
gunstiger lieber her und bruder in Cristo. Ewer schreyben an mich 
gethan hab ich vorlessen. Deß mir e. w. den psalmen czuschreybet, 
spur ich gar keyn gebrechen. Es hat auch nit noth, wil got," ich 
wil es wol vortretten kegen m. g. h., ab ich dorumbe angesprochen 
worde. So bedanck ich mich kegen ewer w. hochlich der gehabte 
muhe gethan, und ich pit euch, ir weit den lohn von got gewerttig 
seyn, denn ich kanß e. w. nit vonnige. Ich hoffe czu got, "es werde 
sich vil daranß bessern. Ich hab auß der gnade gottes eyn solchs 
hert[z]lich begyr dornach gehabt, das ich mich auß den willen gottes 
irwuegk (d. h. erkühnte) e. w. czu schreyben, wywol ich ewer nit 
künde habe gehabt. Wo ich aber euch wosste und den ewern czu 
dynen, byn ich mit meynem armen vermögen geneigt und willigk 
mit leyb und gut czu dynenn. Bit ich e. w. meyn eynöellig schreyben 
vor gut ansehen und forder, ir wolt mir czu erkennen geben, was 
euch gelibt und last czu eynem gemelle (d. h. Gemälde) bettet und 
schreibts mirß czu mallenn, so wil ich euch widerumbe czu eyner 
vorerunge machen und czu eyner kundtschaift alßo domit e. w. czu 
voreren. Ich wolt es euch gernne mit gelde vorerunge thuen, weis 
got, ich habs nit ym vermögen. E. w. vorwundert euch, das ir euch 
understanden hab den psalmen czu vordeutschen. Es ist der wille 
gottes, nit ewer aber meyner. Ich hoffe, got werde unß nach alhy 
czu Freibergk unßern g. h. und unß erleuchten. Wen am negsten 
Dinstage vor Andre (November 29) hat m. g. h. eyn deutzsche messe 
laßen syngen czum hoffe, auch hat seyn g. achthundert fi. czynß von 
wegen des capittels von der Mitweide yngenommen. Meher sal e. w. 
wissen, es hat an eynem cleynen geffelilt, so hetten sich dy thumhern 
muessen leyden unde weren gestormt worden. Dem Sebastian Koch- 
meister hat man yn (sie) czu s. Peter den predickstuel czugenagelt 
und eyn wage mit eynem voxchsschwanz und kuzagel üben ubir 
ynn yn den predigstul gehengk Sontagk vor Katherinam (November 20) 
und Sontagk vor Andre (November 27) eyn raben oben an den pre- 

*°) Geben — Francisse ist doppelt geschrieben. 



380 IT. Krmis(]i: 

dickstiiel genagelt iiiul dortzii gescliryeben: „Pfaft" leugk iiit und 
sag dy worheit". Des hab ich ewer w. nit czn iiovalia können 
erhalaen, und ist, got sey gedanckt, vil lynder worden, den es 
gewessen ist. Ich hab sollen /.wir vorbrent und eyn mal enthabt 
worden seyn. Ich hoff, got wirt seyn heiliges wort uns geben und 
nit netnen: des helftt uns kegen got erbitten, ßo wollen wir got 
fleissigk auch vor eucli bitten, das uns got allen gnedegk sey. Amen. 
G. h., man bitt got vor mich armen sunder. Es grusset euch meyn 
hausfrauhe. Es grussen euch alle cristliche bruder alhy czu Frey- 
bergk und wollen alle got vor euch bitten, das ir es selickliche 
wolendet, das ir habt angefangen, got gebe uns czur selickeitt. Off 
dy nt'gste schrifft so will ich Sigmunden^') grussen und e. w. ent- 
worth schreyben. Seyt got befollen. Geben eylendt am tage Andre 1524. 

Valten Einer maier 
e. g. b. i. (J. 
Grust mir den hern magister doctor Martinum Luther. Grust 
mir meynen gelibten bruder heru Lucas von Cranach maier und 
alle cristlichen bruder ynn der gemein. E. w. sich czu mir vorsehen, 
das ich dy epistel noch czuschriefft des psalms sehen wil lasßen oft" 
glawbeu ic. 

Aufschrift: Dem wirdigen hern magistro Stephan Kodt von Zcwickau 
seynem lieben hern und bruder in Cristo frundtlich 
geschryben. 

No. 4. (1524 Dezember 11.) 

Nach dem Original ebenda (0. 14). 
Bruderliche liebe in Cristo Jeßu und dy gnade gottes, wirdiger 
gunstiger lieher her magister, seyn mit euch und den ewern allc- 
weg czuvor. Vil gelybter bruder. Ewer schreiben an mich getlian 
hab ich vorlessen von des mißl)rauch im canon*'). So sagk ich, das 
so spottins und lecherlich ist, alß ich al meyn lebtage gebort und 
gcdeßen, und sy sagen noch, wy eyn liciligk dyngk umbe dy messe 
seyn und got eyn lebendigk öfter tluien vor dy lebyg<!n und tbotten 
ym fegfcMher. Ich irfarß gerne, das irs alßo mit ewern thuemherrn 
macht, ist tausentmol besser, dy kirche aber thum stehe wnst, wen 
das man got alßo sol lestern und solche grosse unerhc thuen und 
abgottereyn anbetten, seynt wir nichts besser alß dy beiden mit der 
weisse und erger, das got geclagt sey, das wir alßo jemmerlich ver- 
bleut und vortiut seyn worden. Ich gethraw und gleub, got werde 
uns gnedig seyn und seyn barmherczickeit mitteylen, das es bey 
unß alßo geschehe. Wol got, das dißer canon alßo gedrock unde 
under das volg außgynge, das dy armen leihen auch vorstunden den 
grossen mißbrauch unde lesterunge gottes in der messe gebracht 
werde. 

W. her magister und gelibter bruder, ir bedorffet eucli nicht 
besorgen von mir, das euch czu iiachteil gedeyben sol. 1 Hessen 
psalmen sal nymandts czu banden komen auß meyner handt, ane 

*') Wohl der Seifensieder Sigmund Treutiveyn, vergl. An- 
merkung zu No. 4. 

") Der Brief hccog sich wohl auf die verschiedenen Vorgänge, 
die zur Atifliehung der Messe und sonstigen alten Ktiltformen in 
der Stiftskirche zu Wittenberg fidirten' Vergl. Köstlin, Leben 
Luthers. 2. Aufl. I, 5G0 flg. 



Die Briefe Valentin Einers. 331 

das ich yn uuder den brudern lessen. Got sey gedaugk, ich byu 
alßo gross erfraiult, das diesser psalm deutsch aulJgehet; wil got, 
er wirt vil frucht gebaren, -wen er sucht dy gwussen ßo tief, wer 
es beherciget, das eynem dy äugen ubirgehen. wolt got, das 
unser g. h. alhy erlaucht worde, M-ywol seyn f. g. wer gut, wen 
seyn g. h. bruder h. Jurge thet. 

W. h. magister unde bruder. Wist das der sathan iczunder 
das wort gottes aber eynnemen (?) wil unde gar eyn grossen stoß 
erlitten. Nemlich es ist unßer dechant von Gertwitz (sie) alhy czu 
Freyberg geczogon kej'n Meysseu czu doctor Heynicz, dornach dy 
dz[w]ey synt vor den pischoff czu Meysen und der pischotf mit yn 
vor hercziigk Jörgen geczogen und unßern prediger den graben 
monch Lorenczen vorclagt, wy er das aide testament predige und 
werfie dy ceremonia der kirchen nider und lert, man sul deutsch 
teutfen, meß leßen, syngen alß czu deutsch, was man in der kirche 
handelt, und vorwerfle den canon und aplas bruderschaft beicht und 
den babst, der sey der entecrist und vorfure das folg. Alßo ist h. 
Jorge keyn Freybergk komen an Mitwoch [vor ?] concepcionis Marie 
{Dezember 7?) und hab dießen bruder Lorentz vor sich gefordert 
und yn gefraget, wer yn.hab erlaubt in seynem lande, das er dy 
ketzerey auflPricht und vorfur das volck, wen sein g. und u. g. h. 
seyn gehitder synt eynß und wollen sich halden des contract (?) und 
beschluß, der bey keysßer fursten und herren czu Wormß gemacht 
worden ist. Alßo liat der fürst den prediger gescholden eyn schalgk 
keczer buffe verretther schalgk eyn lutherischen boschwicht und es 
sey keyn gut order yn im, wen er habe czu "Witten bergk yn der 
keczer grueb den gift auß der bestien Martino gesogen und gelert, 
und mit den henden otf einander vor dem maule (?) geschlagen und 
gesagt, er torst yn baldt außreytten (?), wen der doctor sey fol teuifel, 
so hab er auch eynen yn yme, und er sol solcher prediget abstellen. 
Wo aber nit, ßall er ym yn .3 furstenthum nit tzu weit seyn und 
wolle eyn solchs weßen mit ym anfahen, das man über 3 hundert 
jar sol von dem fursten adir mo[n]che (?) sagen, und wolle in lassen 
brennen, mit czangen reissen und bratten und allerley peyn anlegen, 
dy er yhe gehört und erdencken mag; und yn mit solchen Schelt- 
wort gescholden, das schände und czu vil ist czu schreyben. Und 
wu er yn alßo eyn weille hat gescholden, darnach hat er den doctor 
Martinum auch alßo gescholden und gesaget, wenne [er] den kecze- 
rischen schalgh und buife hette abir wer yn seyn gebitten, er wolle 
ym nach vyl erger peyn anlenen und alle, dy seiner lere nachtollgen, 
dy wolte er in cappen (?) henken laßen. Alßo hat mir der Lorencius 
unßer prediger selber gesagt, das sich der hertzogk alßo ergrymet 
hett, das ym der gest off beyden seilten ist gewest gleich wen yn 
die hynfallende suchten berurth und sich ubir der sach erczornet, 
das ym dy spräche entfallen war bey Vz virtell stunde, das bruder 
Lorentz meynt, der troff' het yn beru[r]th. Entlich war des fursten 
befel, er sal nymmer predigen; wolle er des babist satzunge nach 
alden gebrauch und gewonheitten predigen, das sal er macht haben. 
Alßo hat er geantwort, er wolle predigen das evangelium dy heilige 
Schrift und rein 1er wye vor; wo er nit alßo sal predigen, so wolle 
er styllen schweygen. So hat der fürst gesagt, er lege dy schrieft 
schalcklich auß, s. g. habe auch Paulum geleßen, er sey czu scharff 
und vorstehe yn nit und er woll yn außlegen, er wer eyn buffe 
und het eyn ruch angesicht und hart (?) alß dy schalgke alle und 
das folg lauft ym nach, das woll s. g. nit leyden. So hat yme der 



332 H. Ermisch: 

Prediger geantworth: s. g. hab auch eyiuien of dem sclilosse, dem 
das volg iiachlaiiffe und wol also vil von ym sage, alß von mir, 
Do hat der forste keyn antworth geben. Nnhe stehet dy sache, 
biß m. g. h. ynheinß werde, und wy es do bleylien aber gemacht 
■wirt, wil ich euch wyder wissen lau dorch schryft. Auch hat man 
den monch achtage vor conceptionis Marie {Dezember 1) czu gast 
gebetten, der pharrer im jungfrauhendoster mit ym czu essen und 
ist bestelt eyn wagen vorm thor und sechs reitter, wenn er esse, 
so woklen sy yn gefangen haben und eyn kncbel inß maul czu 
binden und älßo off den Stolppen gefurt han. Alßo hats got wider 
wendet durch eyn gerben (??), das sy nit haben können schaffen. 
Diß alß auß bruderliche lyebe hab ichs euch nit können vorhalden :c. 
Bit got vor mich, das wil ich wider thuen. Got gebe euch seyn 
gnade und fryden. Amen. Es grusset euch ewer lantzman unde 
ewer haußfraw mitsampt den ewer. Er was sehr erffraudt ewers 
grüß unde wen es e. w. ser wol gynge, erfur er gernne. Es grussen 
euch alle cristliche bruder jc. Geben Sontagk vor Lucie 15'34 czu 
Freybergk. Valten Einer moler 

e. g. b. i. Christo. 

Dy evangelien werden ser angenomen seyn under den leyhen (?) 

und (?) dy *°) wen es ist ^'') dy fragen (?) nach den ewan- 

gelien. Das scheiden von herzogk Jörgen hat 1 '/» stunde gewerth. 
Item hab gehört unßer thum])haften haben herczogk Jörgen unde 
unßerm hothneister alß S hundert fl. gebe, das s. g. sollen sy schotzen 
und hanthaben vor solcher lere 5C. 

Beilage. W. her magister. Meher salt ir wissen, das her Jorge 
unßern burgermeister, der ist magister Haußmans bruder czu Czwickaw, 
alßo schentlichenn und anßgericht, das schände ist, und hat den 
magister eyn ketzerischen schalgk geheissen und der magister rieht 
alle kcczerey an czu Czwickau. Auch hat Heinrich von Bunaw unßer 
hoffmeister alhy czu Freybergk den groben monch eyneu Pickardischen 
schalgk unde buffen gesscholden. Er hab ym befoUen an stat 
m. g. h. das ewangelium czu predigen und nit deutsch meß tauffe 
nach gesenge aufrichten. Auch hat her Jorge etlichen purgern das 
landt vorpotten unde sollen etzliclie yn gehorßam gehen ; welcher 
das nit thuen wil, der sal das landt reumen. Dy czal alß bey 
40 perßon. Auch hat eyner von s. Annapergk gesaget, er hab eyn 
laßen czu der stauppen schlahen, das er den prediger off s. Anna- 
perge hat heyßen lygen, das er das ewangelium valsch hat auß- 
geleith. Nyt weiß ich, wy es wirt czugehen werden, wenne unßer 
g. h. heimkouien wirth. Ich pit e. w. mir nit vorargen alßo vil 
schrieff an euch gethan unde pit mich nit sunderlich czu melden, 
off das es nit vor m g. h. kommen mochte jc. 

Valentin Einer. 

ÄnmerTcung. Über dieselben Vorgänge berichtet ein Schreiben 
des Seifensieders Sigcmwult Treuttiocyn zu Freiberg von 1534 De- 
zember 10. an Stephan Both (ebenda 0. i5j, in ivelchcm es heisst: 

Wist auch, das herczogk Jörg alhir czu Freybergk ist ge- 
west unnd den munch angetast mit harten scharffen werten durch 
antragen etzlicher tluimhern, yhn auch bedrawet mit solcher unnd 
solcher pen czu straffen, das auch für keyner alßot (sie) ge- 

*•) Ziuei unleserliche Worte. 
»») vuber (?) 



Die Briefe Valentin Einers. 333 

strafft sol seyn worden, alß er yn woU mit füren laßen jc. Aber 
der munch ist gestanden, das sy sich vorwundert haben, und dem 
fursten alles vorlegt genugsamlicb und alßot, das yn der hoffmeyster 
hat heyßen schweygen und gesagt, er sal wissen, das er mit eynem 
landesfursten rede und nicht mit eynem pawernn :c. Der herczogk 
Heynrich waß nicht eynheiinsch. Dorumb do jungker Jörg von 
Dreßen wegk kaum (sie), vorhort dy herczogin auch den munch, wy es 
im gangen wer, und schreyb eylendes irem g. hernn, uff das ire 
schritft er kom dan herczogk Jorge, uff das es dem munch keyn 
gefehr mocht tragen. Dan sy helt seher über yra und ist eyne gute 
cristin. Was aber vor eyne antwort ist worden, ist mir noch vor- 
porgen :c. 

No. 5. (1525 Januar 8.) 

Nadt, dem Original ebenda (D. 156). 

Frundtschafft und alles gutte czu befior. Gunstige wirdiger 
her magister und bruder in Cristo. Ich bedanck mich fruntlich ewer 
gehabten muhe und des geschengk von e. w. sehr angeuem und czu 
dancke ist ewer dobey czu dencken; und got für euch pitten wir 
teglich, [so wirj schuldigk czu thuen synth (?), mit vleiß, wil got 
(ich wil mich auch der gebur halden) mit gesunth. E. w. sal wissen, 
das m. g. h. hat unssern prediger bestettiget mit eynem fürstlichen 
bryeffe und sygil das ewangelium czu predigen, das den unsser 
pfaffen und munch wutthen unde thoben mit viel drawhen wortten 
und m. g. h. hoffmeister sich vormist yn czu vortreyben und ßolts 
yn gleichs eyn schloss kosten. So hat got m. g. h. gemal erlaucht, 
alßo fyndt sy ir gnade ist der ewangelischen lere gewessen, alßo 
grosse lost hat ir gnade iczonder dortzu, wenne sy hat auch diessen 
psalmen angenoraeu. Got der bestetige sy. Sost wieß ich nichts 
nawhes, sunder e. w. sey got befollen und grusset mir ewer hauß- 
frawhe. Sost was ich e. w. czu dynen meynes armen vormogens 
weiß, fyndt ir mich willigk ic. Geben Sontagk nach der h. 3 Konige 
tagk 1525. E. w. a. Walten Einer 

moler czu Freybergk. 
Aufschrift: Dem wirdigen hern magistro Stcffan Rodt czu Witten- 

bergk meynen gunstigen lieben hern und bruder yn 

Cristo yn czu handen. 

No. 6. (1525 Mai C.) 

Nach dem Original ebenda (D. 160 aj. 

Gnad und fryde yn Cristo Jesu. Wirdiger her magister und 
fruntlicher lieber bruder. Ewer gessuntheit mit sampt ewer frauhen 
und wolgehen byn ich erfrawhct und gerne alleczeit erfare. W. h. 
und bruder. Alhy schick ich euch eyn buchleyn, das da sehr gut 
und nottzbar e. w. von der beicht seyn wirt und euch und den 
andern cristlichen brudern grosse frucht darauß kommen und bessern 
werden, wo es e. w. yn mitteilet deses buchleyn und da eyn rechten 
grundt auß der heiligen schriefft der vetter erlessen und allen 
cristlichen volgk czu gut und selickeit und bessrunge unßers lebens. 
Ist außgangen durch unßern kenczler ann m. g. h. hoffe. Ist vor- 
deutsch und yn den drock außgangen mit bewost des hochgelertten 
maus Bock Emßers czu Dreßden und vorhofie e. w. von mir groß- 
dancklich czu eyner vorerunge und geschencke angeneme sey, alß 
ich verhoffe, wenne es ist groß goldis wirdick, kan e. w. ermeßsen, 



334 H. Ermisch: Die Briefe Valentin FJliiers. 

und borczuck Jörg yn seynen stedte betl'ollen dem armen schwachen 
gewissen czu trost, das sy yre sele und leip nit yn dy ferlichkeit 
geben mocht, als der iiauhe lerer M. Luther vornemen lest goth 
und seynen nei/sten czu beichten und nit dem piiester und also 
czum teuÜ'el faren muesten. Und pit e. \v., ir wolt es umbe meynet- 
willen nit (V) behalden, wen ir wert etwas darauß erkennen, das 
euch grosse frucbt bringen wirth :c. Auch habt gedolt, was ich auch 
geredt iiabe wil ich mich zcu eyner vorerunge redlich bewissen, 
wil got das ich lebe mit gessundt. 

Sost weiß ich nichts nauhis czu schreyben, denne das unßer 
t'urst und hotVmeister hetitick czu der tyraney gieiflen. Es hat 
eyner dy nauhe legende gelessen öffentlich vom lieinerio in Dittmar 
vorschiilen. Der hat d. M. L. schrieff't vorschworen czu lessen, es 
sey alt abir nawhe testament, und dy da czugehort haben, lest man 
holen und ynsetczen. Auch eyne frome Schwester, dy denn krancken 
hat das wort gottes gelessen und getrost, der hat man dy Stadt 
vorpotten. Alßo hol) dy asehe s. Heinerici an das creutze alhy czu 
Freyl)ergk. Man vorpeut dy geistliche psalm und gesenge yn der 
kirchen, auch das predigen, alleyne das ewangelium des frides czu 
predige ist geiiutten, das nit auftruhr macht und uneynickeith und 
dy leuthe nit straff aber speciticirt (nie) und eyniek bieyben. Sy 
können nit leyden, das der heiliek sal genanth werden, er ist alß 
eyn ketczer vorbranth, so sey der M. Luther auch ein ketzer und 
ist noch nit erkent von bebistiicher heilickeyt. Wen M. L. hat 
den heiligen bischoff Benno eynen aldeii teuffei gesrlioldeii *'), der 
da vom hobst und der h cristlieheii kirchen mit allen ereii erhaben 
und got eyn gefallen daran gethan. Auch thar man keyns von s. 
ileinrici legende des nauhen merterer veyl haben, ist nit (V) unß 
vorpotten, und hat unßer vil ynß register gesattz, dy man wil 
ynsetczen, und alle dy dem Luther anliennick syiit aber dem ewan- 
gilo, dy muesßenn alle ketzer und Pickardeii genenth seyn, dy ge- 
dencken dy herschafft alle außczurothen und vortreyben. W. h. 
und bruder, bit got vor unß armen geff'angen under dem wuttrich 
Pharaou, das uns got uiißern glauben wolle stercken mereii unde 
czu hulffe komen, off das wir Gristuin bekennen und nit vorleucken 
dorflen. Ich glaub got dem almeclitigen, er wirth unß gnedick seyn. 

Ich hat sost des narnwerck vil czu 

schreyben, das unser mangnatten (?) vorgeben, das ich umb kiirtz 
willen lasse anstehen ic. Grust mir ewere haußfrawhtdi und alle 
cristliche bruder. Seit got belVolleii. Ich bor e. w. hab den 5. psalm 
verdeutsch; ich mocht yn gerne haben, wenne er außgehen wirth. 
Geben am tage Johannis ante portam lö25. Valten Einer maier 

e. g. b. w. d. 

Seit goth befoUen yn seyn schütz. 
Äufschriit: Dem wirdigen hern magistro Steffano Roth itzunder iiin 
Wittheiibergk seynen lieben heim und bruder in Cristo. 

i *') Bezieht sich auf Luthers 1534 erschienene Schrift „Wider 

den neuen Abgott und alten Teufel, der zu Meissen soll erhoben 
werden'"''. Vcrgl. Köstlin a. a. 0. 1, 679. 



Literatur. 



Lucas Cranach. Ein Lebensbild aus dem Zeitalter der Reformation. 

Von M. B. Lindau. Mit einem Bildnis des Lucas Cranach. 

Leipzig, Veit & Comp. 188.3. -402 SS. 8». 

Wenn der Verfasser am Schlüsse seines Vorwortes die Absicht 
ausspricht, „den Kunstleistungen Cranach's nicht bloss, sondern vor 
Allem auch den Umständen und Ereignissen seines Lebens mit 
allen ihren interessanten Beziehungen zu den hervorragendsten Ge- 
nossen seiner Zeit mit Sorgsamkeit nachzugehen, ihn gewissermassen 
zum Mittelpunkte einer Schilderung seiner Zeit und ihres mächtigen 
Ringens nach Lit-ht und Wahrheit zu machen", so ist er diesem 
Bedürfnis in befriedigender Weise gerecht geworden. Der Kunst- 
forscher und Kulturhistoriker und nicht minder der Liebhaber 
genealogischer Untersuchungen wird mit hohem Interesse den mit 
grossem Fleisse und in anregender Sprache geschriebenen Aus- 
führungen Lindau's folgen und ihm für die zahlreichen Aufschlüsse 
dankbar sein. Wenn sich Referent gestattet, an diese oder jene 
Äusserung und Mittheilung Bemerkungen anzuknüpfen , so ge- 
schieht dies keineswegs in der Meinung, den Werth des Werkes be- 
einträchtigen zu wollen, sondern lediglich die Fülle des verarbeiteten 
Materials hat ihm Veranlassung geboten, hier und da von seinen 
Kenntnissen in der Fachliteratur Gebrauch zu machen. 

Cranachs Werke anlangend, so vervollständige ich die Angaben, 
dass ausser dem Bilde in Glogau (1518) noch mehrere andere in 
Schlesien erhalten sind. Schultz, Gescliichte der Breslauer Maler- 
innung (1866) Ö. 10 gedenkt derselben ohne sie zu behandeln, da 
seine Schrift mit dem Jahre 1523 abschliesst. Nach Luchs, Bildende 
Künstler in Schlesien (Zeitschrift des Vereins für Geschichte 
Schlesiens V, 13) haben beide Cranach vieles für Breslau tiemalt 
oder in ihrer Werkstatt malen lassen. Ihre Arbeiten in der Eli- 
sabethkirche sind in desselben „Denkmälern" (Index) nachgewiesen, 
ander3S befindet sich in der Gemäldegalerie des Frovinzialmuseums ; 
die bekannte ,, Madonna unter Tannen" im Dom, mit dem G.'schen 
Monogramm versehen, ein ganz ausgezeichnetes und zugleich mehr- 
fach eigenthümliches Werk des älteren Meisters, hat Büscbing in 
den „Wöchentlichen Nachrichten" besprochen, und in einem kleinen 
Kupferstich widergegeben. — v. Prittwitz in „Schlesiens Vorzeit" 
37. Bericht S. 237 berichtet, dass vor 1818 Rektor Manso und Pro- 
fessor Rhode auf der Bibliothek zu St. Maria Magdalena unter 
einem Bücherbret zwei sofort als Lucas Cranachs angesprochene Por- 



336 Literatur. 

träts Melanchthons und Luthers, letzteres in zwei Stücke gespalten, 
entdeckt hätten. Diese heiden restaurierte Maler Wizani (f 1818). 

(S. 4.) Ileintze, die deutschen Familiennamen (Halle 1883) 
S. 30 hält Sunders für die ursprüngliche iNamensform. Im ältesten 
liürgerkatalog von Görlitz habe icli einen Sunder von Cranach ge- 
funden (Hans Sunder von Crannach taschner III aol. 1530) und 
über ihn bereits 1880 im Anzeiger des Germanischen Museums 
Mittlieilung gemacht. Seiner untergeordneten Lebensstellung unge- 
achtet, scheint er doch zur Verwandtschaft des Malers zu gehören. 

(S. 7, Z. 4.) Seit 1373 lässt sich in Liegnitz eine liürger- 
familie in Urkunden verfolgen, die Cranch, Kranch, aber auch Cranich 
geschrieben wird. 

(S. 33, Z. 4.) Korberger ist wohl in Koburger zu verbessern. 
(Vergl. S. 80, Anm. 2.) 

(S. 50, 3. Absatz.) Auch schlesische Familien haben nach der 
Nobiiitierung den schlichten früheren Namen ohne Zusatz beibehalten. 
Als Beispiel erwähne ich die Tscherning und Scheps von Bunzlau, 
welche letztere sich erst ziemlich spät „von Löweneck" schrieben, 
was mit dem S. 53 von Z. 20 ab Gesagten völlig stimmt. 

(S. 88, Z. 18.) „Sarch" bedeutet in der Regel ein zur Aufnahme 
von Märtyrergebeinen bestimmtes Behältnis (capsa) , aber auch die 
Predella eines Altarwerks. Georg Sürlin in Ulm begann im Früh- 
jahr 1474 einen ,, Sarch zu einer „Tafel" zu arbeiten (Beyer und 
Pressel, Münsterblätter III/IV, 81); in einem Kontrakte der Stadt 
Liegnitz mit dem iireslauer Maler Nik. Schmied, der 1481 einen 
Flügelaltar herstellen soll, heisst es: der sarg, do dy toffel offe 
stehn sal, sal an dritahalber den lioch sein, mit 5 halbin gesnetin 
bilden (Ueliqnienbüsten). Liegn. Stadtbach III fol. 17. 

(S. 91, Z. 15.) Ähnliche Raritäten wie die dort angeführten 
besass die Marien brüderschaft der Bürger in der Pfarrkirche zu 
Schweidnitz seit 1464. Fin Verzeicimis derselben habe ich im 
„Anzeiger des Germanischen Museums" 1879 Sp. 270 veröftentlicbt. 

(S. 93, Z. 21.) In den Missivenbüchern von Görlitz findet sich 
ein Brief an die Fürstenbrüder Friedrich und Johann, worin der 
dortige Magistrat seine Bereitwilligkeit ausspricht, den städtischen 
Werkmeister Konrad Pfluger zeitweise zur Beaufsichtigung eines 
nicht näher bezeichneten Baues abzugeben. (24. Sept. 149ö.) Es 
wird die Stiftskirche zu Wittenberg gemeint sein. Iö04 weilt der- 
selbe Architekt in Meissen und arbeitet an der AUirechtsburg. 

(S. 107, Z. 5 V. u.) suntus (?) erkläre ich für sumtus (sumptua). 
— Ein Brief von Hess an Spalatin d. d, Öls 13. April 1517 ent- 
hält die Stelle: Festem Wittenbergae grassari er, Lucae pictoris 
epistola cognovi (Zeitschrift f. Gesch. Schlesiens XII, 415). 

(S. 121, Z. 1.) Über den „sterbenden Christus" ist zu ver» 
gleichen Wustmann, Beiträge zur Geschichte der Malerei in Leipzig 
(1879) S. 2 Hg. 

(S. 149, Z. 13.) Es wäre von Interesse festzustellen, ob der 
Anstifter des Studentenauflaufs mit dem späteren Breslauer Bischöfe 
Balthasar von Promnitz (1539—62) identisch sein sollte. 

(S. 205, Z. 6.) Die von Bor nennen sich jedenfalls nach der 
slavischen ürtsbezeichnung -- Wald (vergl. Waldau). In Schlesien 
kommen vor: 1263 Heinrich de Borowe, 1277 Barth, von Borow, 
Berthold von Borow seit 1278 — 93, ein Untertruchsess Bora 1276 
(Griüihagen, Regesten zur schlesischen Geschichte II, Nr. 1516). 



Literatur. 337 

"Was die S. 210 (unten) behandelte schlesische Familie betrifft, so 
müsste ein Vergleich des Wappens ergeben, ob sie mit der Sippe 
von Katharina eines Stammes. 1481 besassen Gebrüder von Boraw 
Kesselsdorf bei Löwenberg, das jedenfalls nach dem Beinamen des 
Geschlechtes benannt ist. Übrigens heisst 1293 ein Vorwerk bei 
Bunzlau hereditas , qiie vocatur Kessil. Im Bunzlauer Weichbilde 
kommen vor: 1517 Konrad von Kessel auf Kl. Krauschen, 1545 Kunze 
von Boraw ebenda und auf Schwiebendorf, 1682 ein Hauptmann von 
Kessel auf Oberschunl'eld. (Wernicke, Chronik von Bunzlau. 1884. 
S. 158, 205, 383). 

(S. 217 , Z. 5 v. u.) „Zschmaßchen" heisst heute bei den 
Kürschnern Zmaschen und bedeutet Lammfelle. In den Statuten 
über das Meisterstück der Kürschner in Bunzlau (1589) steht u. a. : 
„Er soll von 5 Tschmochen einen Kinderpelz oder Schäublein 
machen." Im Wendischen der Lausitz ist smoska = kleines Lamm- 
fell, im Polnischen lautet das Wort smuzyk. 

(S. 255, Z. 4 v. u.) Die fragliche Venus hängt gegenwärtig in 
der Gemäldesammlung des Germanischen Museums. 

(S. 321 , Z. 9 V. u.) In der Stiftskirche zu Lorch a. d. Rems 
ist unter anderen Darstellungen hohenstaufischer Herrscher eine 
Abbildung zu sehen, wie Konradiu in Gegenwart des Papstes und 
des Anjou durch das Fallbeil hingerichtet wird. Otte's archäolo- 
gisches Wörterbuch S. 66 bringt eine Enthauptungsmaschine nach 
einem Holzschnitt vom Jahre 1514. 

(S. 364, Z. 4 V. u.) Für „Latron" schlage ich die Namensform 
Lodron vor. 

Der S. 374 erwähnte Maler Hans Krell (auch Krel geschrieben) 
erwarb 1534 in Freiberg Bürgerrecht (vergl. meine Beiträge zur 
Geschichte der dortigen Malerinnung in den Mittheilungen vom 
Freiberger Alterthumsverein XVII, 24 flg.) Weiter handeln von 
ihm Wustmann a. a. 0. S. 42 flg. Vergl. auch Zeitschr. f. Museo- 
logie 1882 No. 12 und Anzeiger f. Kunde der deutschen Vorzeit 
1882 No. ö. 

Bunzlau i. Schi. E. Wernicke. 

Analecta Lutherana. Briefe und Aktenstücke zur Geschichte 
Luthers. Zugleich ein Supplement zu den bisherigen Samm- 
lungen seines Briefwechsels. Herausgegeben von Theodor Eolde. 
Gotha, F. A. Perthes. 1883. XVI u. 479 SS. 8». 

Verfasser, der schon in seinen früheren Publikationen werth- 
volle Dokumente zur sächsischen Geschichte veröffentlicht hat, bietet 
in dem vorliegendem Bande eine Reihe überaus wichtiger und in- 
teressanter Briefe und Aktenstücke. Zahlreiche Archive und Biblio- 
theken Deutschlands, Hollands und Englands und der Schweiz haben 
reiche Ausbeute geliefert. Sachsen ist nur durch die Zwickauer 
Rathsschulbibliothek vertreten , allerdings mit einigen sehr hübschen 
Sachen, die, aus der Briefsamralung Stephan Roths stammend, 
neue Beweise für die innige Verbindung von Wittenberg und Zwickau 
liefern. Aus den angrenzenden Gebieten ist zu nennen Gotha, Zerbst 
und die von Wallenberg'sche Kirchenbibliothek zu Landeshut in 
Schlesien. Aus letzterer stammt gleich das erste Stück des Buches, 
ein wichtiger Brief Tetzels an Dekan und Kapitel zu Bautzen, der, 
ähnlich einem in der Anmerkung beigefügten Schreiben an den 
Bath zu Görlitz, uns einen interessanten Einblick in das Zeremoniell 
und das Auftreten des Ablasskommissars gestattet. Über seine 

Neues Archiv f. ö. G. u. A. V, 4. 22 



338 Literatur. 

Erfolge berichtet übrigens eingehend, was Körner in seiner Mono- 
graphie über Tetzel übersehen hat, Kaemmol in seinem Johann Hass 
(Dresden lb74), 120, 2;>1 A. 15 und Uoetze in seiner Monographie über 
den Meistersilnger Adam Puschmann von Görlitz, wo bereits eine Stelle 
aus dem Tetzel'schen Briefe an den Görlitzer Kath mitgetheilt ist 
(Neues Lausitzisches Magazin LIIl [l«77j, 61, A. 5). NNekhe Be- 
denken das Gebahren l'etzels auch bei streng kirchlich gesinnten 
Leuten erregte, geht aus dem Urtheile eines der energischsten Ver- 
treter der römischen Kirche in Görlitz hervor, cf. Kaemmel a. a. 0. 
121 auf Grund von Hass' handschriftl. Annalen lU, 6. Als die 
Perle in seiner Bedeutung für die Reformationsgeschichte des König- 
reichs Sachsen mochte Uef. des Justus Jonas Bericht an Georg von 
Anhalt über die Leipziger Keformation im Jahre 15:^9 bezeichnen, 
welcher eine Keihe von Dunkelheiten und Schwierigkeiten beseitigt. 
Der bekannte Streitpunkt, in welcher Kirche Lutber gepredigt habe, 
wird hier endgiltig zu Grünsten der Thomaskirche entschieden und 
damit Sebastian Fröscheis erst noch kürzlich angezweifelter Bericht 
bestätigt. Auch die Predigt von Herzog Heinrichs Hofprediger, 
Paul Lmdenau, findet nun ihre Stelle: er hielt am ersten Pttngst- 
tage die Frühpredigt in der Thomaskirche. Er ist übrigens auch 
mit dem „prediger zu freibergk" (308) gemeint, was im Register 
(475) zu ergänzen ist. Eine ganze Reihe von Aktenstacken be- 
ziehen sich auf Zwickau. An der Spitze steht ein Brief des dortigen 
Predigers Egranus an Luther, in welchem jener den Reformator be- 
glückwünscht, ungefährdet aus Zwickau entronnen zu sein. Eine 
Ausführung der vom Verfasser in der „Allgemeinen deutschen Bio- 
graphie" gegebenen Lebensskizze dieser Proteusnatur wäre sehr 
erwünscht; liegt doch auch in Zwickau reiches Material, wie denn 
Kaemmel a. a. 0. 48, 215 tig. manches Unbekannte, auch in Bezug 
auf Literatur bietet. Die S. 169 abgedruckte Nachschrift Luthers 
zu einem Briefe an den Rath zu Zwickau findet sich bereits bei 
Hildebrand, Archiv für Parochialgeschichte I, 1 (Zwickau 1834), 25, 
mit geringen Abweichungen bezüglich der Orthographie und Inter- 
punktion, wie der einzigen abweichenden Lesart: den stoltzen 
JBothen u. s. w. In derselben Zeitschrift findet sich noch S. 277 
ein Schreiben zweier Zwickauer Rathsherren an Luther, das der 
Beachtung werth ist, weil es für den Gang jenes misslichen Streites 
nicht unwichtig ist. Da die Zeitschrift sehr selten ist, so mag es 
hier noch einmal abgedruckt werden. 

„Unser ganz willige Dienst Muglichs Vleis zuvor. Hochgelarter, 
Achtbar Würdiger lieber Herr Doctor. E. A. geschreyben, be- 
langende die Enturlaubung Her Lorentzen* des Predigers zw Sant 
katlierin, haben wir itzund zu Torgaw entpfangen; weill wir aber 
dis orts mit geschefften beladen, haben wir E. A. nicht, wie wir 
gerne wollten, Richtige und gehürliche Antwort geben mugen ; Vns 
beschwert aber und befrembdet nicht wenig Ewer gethan Schrift, 
vnd seint vngezweifl'elt so E. A. gelegeuheit sainpt allen umbstenden 
bericht, Ir wurdt vnser mit Ewerin fast schwinden schreiben ver- 
schont haben, dan wir veimittelst gottlicher Hulf vnd gnaden auch 
gerne wultcn leben und handeln, das Gott wohlgefällig, vns seelig- 
lich vnd vor der Welt nicht zu strafen seyn sollt; wir müssen aber 
dis vnd ander schreiben, so an uns und wider vns beschieht, in 
Ansehung das wir an der schmach, vnter dem Namen des heyligen 
wort Gotts und soll das heylige Evangelium gepredigt heissen, ge- 
dulilen; so wir aber vnsers Regiments Entledigung haben mochten, 



Literatur. 339 

solt uns nicht hoch entkegen seyn, pfarrer vnd prediger, wie ihr 
Vorhaben ist, zu überantworten, Vnsers Ermessens, so unser handel 
solt, wie wir begeren vnd bitten zu Verhör kommen. Es soll schein- 
lich befunden werden, das wir solcher Enturlaubung fug haben, wie 
dem, so wollen wir E. A. schreyben Andern unsern Freunden auch 
zustellen; ob E. A. weiter zu schreyben von notten, soll Euch weiter 
vuser entschuldigung vnverhalten bleiben, dan E. A. vnd Würden 
als vnserm günstigen hern zu dienen, seint wir willige vnd geüissen. 
Dat. Mittwoch nach Reminiscere. Anno domini XXXI. 

E. A. vnd Würden 
Willige Laurentius Bernsprung Mgst. vnd Herrmann Mühlpfort 
der Eitere. Beyde Bürger zu Zwickau itzt zu Torgau. 

Dem Achtbaren Hochgelarten vnd würdigen Herrn Martino Luther, 

heiliger und evangelischer Schrift Doctor. Unserm besondern 

günstigen Herrn und Freund." 

Zu den Jahren 1536 und 1537 verdienen noch einige Dokumente 
Beachtung, welche Fabian im Anhange zu seinem M. Petrus Plateanus 
(Programm des Gymnasiums zu Zwickau 1878, S. 26) aus dem 
Zwickauer Rathsarchiv publiziert hat. Zunächst ein Urtheil Luther's 
„in Sachen Baj'ers wider den Rath zu Zwickau", ausgestellt „1536 
Montags nach S. Magdalene" , in welchem darauf gedrungen wird, 
„das man die zwey regiment weltlich vnnd geistlich, ja wohl vnder- 
scheide, vnnd ja nicht ynn einander menge". Ebenda findet sich 
auch ein Schreiben des Rathes an Luther von „Dornstags nach 
Letare Anno dni. 1537". Zugleich verweist Referent auf die von 
Fabian S. 27 Üg. abgedruckte, von Melanchthon, Jonas, Bugenhageu 
und Cruciger unter Assistenz von Bayer und Plateanus abgefasste 
Schulordnung, welche bei dem regen Interesse Luthers für die 
Zwickauer Verhältnisse sicher nicht ohne seine Billigung entstanden 
sein wird. Bei der Lektüre des von Melanchthon und Jonas unter- 
zeichneten Begleitschreibens an den Zwickauer Rath (Fabian a. a. 0. 
S. 28) wird man namentlich in einer Stelle über die Thätigkeit des 
Satans lebhaft an Lutlier'schen Stil erinnert. Auch Nicolaus Haus- 
manns liebenswürdige Persönlichkeit wird uns mehrfach vorgeführt, 
sein Bild bereichert. Man sieht aus verschiedenen Briefen, wie hoch 
ihn Luther schätzte. Einzufügen ist auf S. 141 Luthers Briefchen 
an ihn ex eremo vom 30. Juni 1530, diesem an Lutherbriefen so 
fruchtbaren Tage, in welchem Hausmann die Nachricht erhält, dass 
die Übersetzung des Jeremia beendet und Ezechiel in Angriff ge- 
nommen sei (abgedruckt bei Schirrmacher, Briefe und Akten S. 85). 
Aus den übrigen Dokumenten, welche die politische, künstlerische, 
literarische und religiöse Bewegung der Zeit in reicher Abwechselung 
vorführen , ist als besonders beachtenswerth hervorzuheben der 
Reisebericht des Musculus, in welchem der Gottesdienst in Eisenach 
und Wittenberg bis ins Einzelste vorgeführt wird. 

So sind die verschiedensten Gebiete Sachsens mit höchst in- 
teressanten Nachrichten bedacht. Während einzelne Personen zum 
ersten Male auftauchen, wird das Bild anderer mit neuen Strichen 
versehen und abgerundet. Jedenfalls stellt auch dieses Buch wieder 
einen Schritt weiter dar auf der Bahn der vom Verfasser eifrig an- 
gestrebten und erfolgreich angebahnten „wissenschaftlichen Geschichte 
der Reformation in den sächsischen Ländern". 

Dresden. Georg Müller. 

22* 



340 Literatur. 

Heimatskuude Ton Bautzen und Umgegend. Ein Beitrag zur Er- 
gänzung und Belebung des geofjrnphischen uiul goSLhic'itlichen 
üuterriclits. Für die oberen Klassen der Volksschulen und die 
unteren und mittleren Klassen höherer Schulanstalten. Von Oswald 
Pfütze, Seminaroberlehrer in Bautzen. Mit einer Karte von 11. 
Böhme. Bautzen, Monse. 1884. 60 SS. 8». 

Mit Vergnügen weisen wir auf dieses kleine, billige Büchlein 
hin, das natürlich weder die geographische noch die historische 
Wissenschaft bereichern will, aber den pädagogischen Zweck, den 
der Verfasser, ein erfahrener Schulmann, damit verfolgt, sicher auch 
erreichen dürlte. Mit weiser Beschränkung giebt derselbe von der 
allgemeinen Geschichte des Landes Oberlausitz nur das zur Orien- 
tierung Nothwendigste und zwar mit Benutzung der neuesten wissen- 
schaftlichen Untei'suchungen ülier dieselbe; nur die Jahrzalilen 958 
für die Erbauung der Ortenburg und 1207 für die Gründung des 
Domkapitels zu Bautzen sind veralteten Schriften entlehnt. In 
zweckmässiger Weise werden die geschichtlichen Daten meist in die 
Beschreibung der wichtigsten Gebäude und Denkmäler der Stadt 
Bautzen eingewebt. Von S. .38 an wird die Bodengestaltung des 
gesamten Landes, endlich „die Bewässerung" und das Klima des- 
selben anschaulich und überall durch charakteristische Schilderungen 
belebt behandelt. Eine den grössten Theil der sächsischen Ober- 
lausitz umfassende, sehr zweckmässig gearbeitete Spezialkarte er- 
läutert zumal den geographischen Theil der Schrift. Wir theilen 
vollständig die Ansicht des Verfassers, dass eine solche bereits in 
der Volksschule betriebene Heimathskunde, ganz abgesehen von dem 
Wissensstoffe, den sie bietet, die Liebe zu iler engsten Heimath bei 
der Jugend wesentlich fördern müsse. 

Dresden. Knothe. 

Der rechtliche Anspruch Böhmeu-Österrcichs auf das Köui^L 
Sachs. Mark^räfthuiu Oberlausitz. Eine staatsrechtliche De- 
duction. Von Dr. jur. lioinricli Üeumer. Leipzig, Liebeskind. 
1884. Vlir, 79 SS. 8". 
Die vielurastrittene Frage, ob die Bestimmungen des Traditions- 
rezesses von 1635 — nämlich dass (1.) die (sächsische) Oberlausitz 
ein Lehn der Krone Böhmen sein und bleiben solle, dass (2.) letztere 
gewisse kirchenpolitische Hechte in jenem Lande auszuüben befugt 
sei, und vor allem dass (3.) die Krone Böhmen eventuell ein Heim- 
falls- beziehentlich Wiedereinlösungsrecht auf die Oberlausitz habe — 
noch gegenwärtig zu Recht bestehen, hat durch obige Schrift eine 
neue und, wie es uns wenigstens scheinen will, höchst umsichtige, 
klare und überzeugende Behandlung erfahren. Als Nicht-Jurist 
massen wir uns ein Urtheil über das Materielle der Beweisführung 
nicht an, beschränken uns vielmehr darauf, den Gang der Unter- 
suchung und die Resultate, zu denen der Verfasser gelangt, in 
kurzen Sätzen zu skizzieren. — Durch die Inkorporation der Ober- 
(und Nieder-) Lausitz in das Königreich Böhmen von Seiten Kaiser 
Karls IV. wurde dieselbe 1355 eine Provinz Böhmens. 1635 wurde 
sie an Kursachsen erblich, doch als Lehn der Krone Böhmen ab- 
getreten. Hieraus ergab sich für den Kurfürsten von Sachsen das 
„Zweinaturenverhältnis", dass er für Sachsen Vasall des deutschen 
Reichs, als Markgraf der Oberlausitz aber Vasall von Böhmen war. 
Dies Verhältnis wurde dadurch nicht aufgehoben, dass 1806 das 
bisherige Kurfürstenthum, seitdem Königreich Sachsen, die Souverän!- 



Literatur. 341 

tat erlangte und dem Rheinbunde beitrat. Der König ward Souverän 
nur für die sächsischen „Erblande", blieb aber für die nur durch 
Personalunion mit letzteren verbundene Oberlausitz Vasall der Krone 
Böhmen. In der Wiener Kongressakte von 1815 verzichtete der 
Kaiser von Österreich auf seine Souveränitätsrechte über die Nieder- 
lausitz und über den von Sachsen an Preussen abgetretenen Theil 
der Oberlausitz zu Gunsten des Königs von Preussen, behielt sich 
also über den sächsisch gebliebenen Theil der Oberlausitz seine 
Souveränitätsrechte vor. Die sächsische Verfassungsurkunde von 
1831 erklärte das Königreich Sachsen für einen unter einer Ver- 
fassung vereinigten, uiitheilbaren Staat. Hiernach war der König 
jetzt Souverän nicht mehr bloss in den Erblanden, sondern auch 
in der Oberlausitz; letztere stand mit den Erblanden nicht mehr in 
blosser Personalunion, sondern war denselben inkorporiert; der König 
von Sachsen hatte aufgehört, für die Oberlausitz Vasall der Krone 
Böhmen zu sein. „Es muss jedem Staate das Recht zugesprochen 
werden, sich seiner kontraktmässig eingegangenen Verpflichtungen 
für entbunden zu halten, sobald die Entwicklung desselben durch 
die strikte Befolgung eines vielleicht theilweise antiquierten Vertrags 
gehemmt werden würde." Mit den oberlausitzischen Ständen aber 
schloss die sächsische Regierung den Partikularvertrag von 18.34, 
wonach die Oberlausitz die Verfassung des Königreichs Sachsen 
annahm, aber nur unter der Bedingung des „Fortgenusses der mit 
der neuen Verfassung des Königreichs, sowie der in der gegenwär- 
tigen Urkunde ausgedrückten Rechte". Würde sie sich also dermal- 
einst nicht mehr des Fortgenusses dieser Rechte erfreuen können, 
so würde sie aus dem Staatsverbande des Königreichs Sachsen aus- 
scheiden und wieder zu ihrer alten Partikularverfassung zurück- 
kehren; d. h. sollte nach einem etwaigen Erlöschen des Sächsisch- 
Albertinischen Mannsstammes Böhmen von seinem Einlösungsrechte 
Gebrauch machen, so würde die sächsische Oberlausitz allerdings 
wieder an Böhmen kommen, aber unter ihrer früheren Partikular- 
verfassung. Die österreichische Regierung nun hat ihrerseits schon 
bald nach 1831 gegen die Einverleibung der Oberlausitz in den 
Staatsverband des Königreichs Sachsen protestiert, auch späterhin 
wiederholt das eventuelle Heimfalls- und das Aufsichtsrecht in 
Sachen der katholischen Konfession über die Oberlausitz geltend 
gemacht. Eine Deklaration sowohl der sächsischen als der öster- 
reichischen Regierung von 1845 erledigte die Streitfrage nicht, son- 
dern vereinbarte nur einen „Waffenstillstand" zwischen den einander 
widerstreitenden Ansichten. Durch seinen Eintritt in den nord- 
deutschen Bund und später in das deutsche Reich erklärte Sachsen, 
dass die Bundes-, beziehentlich Reichsverfassung sich auch über 
Sachsen erstrecke. Bundesgesetze aber gehen den Landesgesetzen 
vor. Durch eine etwaige Einlösung der Oberlausitz von Seiten 
Österreichs oder durch einen Heimfall an letzteren Staat würde 
nun aber das deutsche Reichsgebiet vermindert werden. Dazu be- 
dürfte es eines Verfassungsänderungs-Gesetzes durch die Reichs- 
regierung und den deutschen Reichstag. Das deutsche Reich aber 
würde sich nicht für gebunden erachten, die Verpflichtungen, welche 
früher einmal von einem Einzelstaat gegen Dritte eingegangen 
worden sind, zu erfüllen, wenn die Erfüllung derselben Eingriffe in 
die Rechte des Reichs involvieren würden. Das Königreich Sachsen 
hat sich zwar verbindlich gemacht, eventuell die Oberlausitz wieder 
an Österreich abzutreten, ist aber jetzt hierzu ausser Stande, sofern 



342 Literatur, 

das deutsche Reich hierzu seine Genehmigung nic-ht ertheilt ; dieses 
aber. ist keineswegs verpflichtet, dieselbe zu ertheilen. übrigens 
hat Österreich auch gegen die durch die Reichsverfassung bewirkte 
Änderung in dem staatsrechtlichen Verhältnis der Oberlausitz zu 
der Krone Böhmen nicht protestiert; es darf also angenommen 
werden, dass Österreich auf sein Heimfallsrecht verzichtet habe. 
Sollte aber nach einem etwaigen Erlöschen des Albertinischen Manns- 
stammes in Sachsen die Oberlausitz an Hessen-Darmstadt, als den zu- 
folge des Traditionsrezesses von 1635 nächst- berechtigten Agnaten 
fallen, so stände einer Succession dieses Hauses nichts entgegen, 
da hierdurch die Reichsverfassung nicht alterirt, d. h. kein Stück 
deutschen Landes .an einen ausserdeutschen Staat abgetreten würde. 
Das Schutzrecht Österreichs über die katholischen Stifter in der 
Oberlausitz muss dagegen als noch zu Recht bestehend gelten, da 
die Reichsverfassung nichts enthält, wonach dies unzulässig wäre. — 
Hoffen wir vor allem, dass die Eventualität, um welche sich die ganze, 
von uns kurz skizzierte Untersuchung bewegt, nämlich das etwaige 
Erlöschen des Sächsisch-Albertinischen Mannsstammes, niemals ein- 
treten möge! 

Dresden. Knothe. 

Uebersicht über neuerdings erschienene Schriften und 
Aufsätze zur sächsisch -thüringischen Geschichte und 

Alterthumskunde. 

Bachmann, Joh. Anarg Heinrich Herr zu Wildenfels, als Verf. 

des Liedes: „0 Herre Gott, dein göttlich Wort": Zeitschr. f. 

kirchl. Wissenschaft Jahrg. IV (1883) S. UO— 148. 
Bauch, G. Die Vertreibung des Johannes Rhagius Aesticampianus 

aus Leipzig: Archiv für Litteraturgeschichte Bd. XIII (1884) Heft 1 

S. 1—33. 
Berge, B. Der Steinkohlenbau bei Zwickau: Festschrift für den 

10. sächsisclien Feuerwehrtag (Zwickau 1884. 8"). S. 05—71. 
Distel, Th. Leipziger Schöffenspruch auf verschärfte Todesstrafe 

(1599): Zeitschr. f. Museologie u. Antiquitätenkunde Jahrg. VII 

(1884) No. 16 S. 123 flg. 

— Der berühmteste Färber Deutschlands: Ebenda S. 124. 

— Nachrichten zu Ernst Rrotulis Stammbaum des Hauses Sachsen 
(1563): Ebenda No. 17 S. 132. 

— Nachrichten über den jNIaler Sebalt zu Leisnig (1515): Ebenda. 

— Zwei Künstler unter Kurfürst Friedrich dem Sanftmüthigen: Ebenda 
No. 18 S. 1.S9. 

— Zur Biographie des Hofpredigers Joh. Weiss (1552) : Ebenda S. 140. 

— Zur Baugeschichte derKircho zuPenig(1514): Ebenda No.20.S. 156. 
IJohmIce, Emil. M. Georg Lani, Coli. Tertius der Nikolaischule 

1684—1696: Studia Nicolaitana, dem scheidenden Rektor Herrn 
Prof. Dr. Theodor Vogel dargebracht von dem Lehrerkollegium 
der Nikolaischule zu Leipzig (Leipzig 1884) S. 113—145. 

Erbstein, Jul. und Alb. Das Königliche Grüne Gewölbe zu Dresden. 
Mit Abbildungen. Dresden, W. Baensch. 1884. XIX, 212 SS. 8». 

Fiedler, Ottomar. Die Kntwickelung der Feucrlöschanstalten der 
Stadt Zwickau: Festschrift für den 10. sächsischen Feuerwehrtag 
(Zwickau 188 t. 8"). S. 45—64. 



Literatur. 843 

Hantzsch, A. Geschichte der Schule des Dorfes Plauen. Eiu Bei- 
trag zur Gesch. des sächs. Landschulwesens: Sächsische Schul- 
zeitung 1884 No. 34, 35, 37, 38, 40. S. .363—366, 373—377, 
391—395, .399—403, 419—424. 

Immisch, H. Deutsche Antwort eines sächsischen Wenden. Der 
Panslavismus unter den sächsischen Wenden mit russischem Gelde 
betrieben und zu den Wenden in Preussen hinübergetragen. 
Leipzig, J. C. Hinrichs (Komm.). 1884. IV, 156 SS. 8». 

Israel, Aug. l>ie pädagogischen Bestrebungen Erhartl Weigels 
(1653— 1699 Professor der Mathematik zu Jena). Ein Beitrag zur 
Gesch. der pädagogischen Zustände im 17. Jahrhundert. Zscho- 
pau, Raschke. 1884. 59 SS. 8». 

Kögel, Budolf. Göthes Leipziger Lieder in ältester Gestalt: Studia 
Nicolaitana, dem scheidenden Rektor Herrn Prof. Dr. Theodor 
Yogel dargebracht von dem Lehrerkollegium der Nikolaischule 
zu Leipzig (Leipzig 1884) S. 89—111. 

Lobe, J. und Lohe, E. Geschichte der Kirchen und Schulen des 
Herzogthums Sachsen-Altenburg auf Grund der Kirchen-Galerie 
bearbeitet. 2. Lieferung. Altenburg, Bonde. 1884. S. 65-128. 8». 

Moratvelc, C. G. Jahrbuch der Geschichte der Armbrust- und 
Büchsen-Schützen-Gesellschaft zu Zittau mit theilweiser Beziehung 
auf die Schützen- Gesellschaften der Oberlausitz, Böhmens und 
Schlesiens. Eine Fest- und Denkschrift zum 300jährigen Ver- 
fassungs - Jubiläum der Schützen - Gesellschaft zu Zittau vom 
29. Juni bis 1. Juli 1884. Im Auftrage des Festcomites verfasst. 
Zittau. 1884. 4 Bll. 135 SS. 8». 

Moser, 0. Zwei vergessene Künstler-Originale: Wisseuschaftl. Bei- 
lage der Leipz. Zeitung 1884. No. 75 S. 447 flg. 

Muther, E. Sachsens Kunstleben im sechzehnten Jahrhundert: 
Grenzboten. Jahrg. 1884 No. 40 S. 21—30, No. 41 S. 79—89. 

PfetzholdtJ, J. Glückwunschkarten von Mitgliedern des Königl. 
Sächs. Hofes: Neuer Anzeiger für Bibliographie. Jahrg. 1884 
Heft 10 S. 313—316. 

Bentseh, Joh. Georg. Geschichte der Kirche und Kirchfahrt Kitt- 
litz. Bautzen und Löbau. 1884. VII, 80 SS. 8". 

Schmidt, Gustav. Urkundenbuch des Hochstifts Halberstadt und 
seiner Bischöfe. Zweiter Theil. 1236—1303. Mit 6 Siegeltafeln. 
(A.n. d. T.: Publikationen aus den K. Preussischen Staatsarchiven. 
21. Band). Leipzig, Hirzel. 1884. III, 671 SS. 8». 

Spitta, Philipp. Über die Beziehungen Sebastian Bachs zu Christian 
Friedrich Hunold und Mariane von Ziegler. (Historische und 
philologische Aufsätze. Festgabe an Ernst Curtius zum 2. Sep- 
tember 1884. Berlin, Asher. 1884). 32 SS. 8». 

Steche, B. Bauliches über die Albrechtsburg zu Meissen : Wissen- 
schaftl. Beilage der Leipziger Zeitung 1884 No. 76. S. 449—453. 

Zemmrich, H. Abriss der Geschichte der Stadt Zwickau: Festschrift 

für den 10. sächsischen Feuerwehrtag (Zwickau 1884; 8°). S. 1 — 44. 
Zimmermann, K. E. Ai\s Annabergs Vergangenheit. Annaberg, 

Rudolph & Dieterici. 1885. 26 SS. 8«. 
Ein historisch-allegorisches Gemälde G. v. Kügelgen's zum Jahre 1884: 

Wisseuschaftl. Beilage der Leipz. Zeitung. 1884 No. 78 S. 465—468. 
Erinnerungen aus dem russischen Feldzuge im Jahre 1812 (nach 

dem Tagebuche eines sächsischen Offiziers): Ebenda No. 80 — 83 

S. 473—476, 481—484, 489—496. 



344 Literatur. 

Festschrift zur Einweihung des "Wettiner Gymnasiums zu Dresden 
am 17. Oktober 1884. Dresden. XII, 27 SS. 8°. 

Zwei Besuche Friedrichs des Grossen am Herzoglichen Hofe zu 
Gotha während des siebenjährigen Krieges: Militär- Wochenblatt. 
1884. No. 73 Sp. 1451—1458. 



Mitteilungen des Alterthumsvereins zu Plauen i. V. Vierte Jahres- 
schrift auf d. J. 188.3 — 84. Herausgegeben von Dr. phil. Joh. 
Müller. Planen 1884. 8». 

Inhalt: Joh. Müller, Urkunden und ürkundenauszüge zur Ge- 
schichte Plauens und des Yogtlandes v. J. 1165 — 185R (Nachträge 
zu der Sammlung in der 1. — 3. Jahresschrift). Derselbe, Er- 
gänzende Nachweise und Berichtigungen zu der Urkundensamm- 
lung in der 1. — 3. Jahresschrift. C. v. R., Beiträge zur Geschichte 
des vogtländischen Adels: 1. Die von Reinsdorf, von Thoss und 
von Weischlitz (Schlnss). C. v. R., Ein Duell im 16. Jahrb. 
Joh. Müller, Der grosse Brand Plauens i. J. 1548 und der "Wieder- 
aufbau der Stadt. A. v. W., Rückblicke auf Sachsens Kämpfe 
um die Mitte des Jahrhunderts der Reformation. 

Mitteilungen des Vereins für AnJiaUische Geschichte und Alter- 
thumskunde. Band IV. Heft 2. Dessau 1884. 8«. 

Inhalt: Schulze, Bedeutung der Namen der auf dem anhaltischen 
Harze befindlichen Gewässer, Berge, Thäler, Forst- und Feldorte, 
Ortschaften, Wüstungen u. s. w. Maurer, Nachgrabungen bei der 
Klosterkirche zu Frose. Hosäus, Aus den Briefen Friedr. Joh. 
Rochlitz' an Friedr. Schneider. 

Mitteilungen des Vereins für Chemnitzer Geschichte. IV. Jahr- 
buch für 1882—83. Chemnitz 1884. 8». 

Inhalt: Kirchnei", Adam Andrea und das Chemnitzer Lyceum 
in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Mating-Sammler, 
Das Chronicon Cbemnicense. Derselbe, Stadt und Kloster Chem- 
nitz bis zur Erwerbung durch die Wettiner. Ulile, Urkunden 
zur Geschichte von Chemnitz im Schmalkaldischen Kriege. Kirch- 
ner, Philipp Jakob Spener in Chemnitz. 

Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Meissen. Des 
ersten Bandes 3. Heft. Meissen 1884. 8«. 

Inhalt: Hey, Die slawischen Ortsnamen der Meissner Gegend. 
Bartsch, Die Lieder des Markgrafen Heinrichs des Erlauchten. 
Fürst zu Hohenlohe-Waldenburg, Über den Judenkopf als Helm- 
schmuck der Markgrafen von Meissen. Peter, Die Ptiege der 
deutschen Poesie auf den sächsichen Fürstenschulen im zweiten 
Viertel des vorigen Jahrhunderts. Langer, Kritik der Quellen 
zur Geschichte des h. Benno, vornehmlich der Vita Bennonis. 

Zeitschrift des Vereins für Thilringische Geschichte und Alter- 
thumshinde. Nene Folge. Btl. IV. (Der ganzen Folge 12. Band.) 
Heft 1 und 2. Jena 1884. 8». 

Inhalt: Einert, Crotus Rubianus. Lippert, Beiträge zur ältesten 
Geschichte der Thüringer. Erich Schmidt, Untersuchung der 
Chronik des St. Peterklosters_ zu Erfurt. Wenck, Liber Croni- 
corum (Krfordensis). Koch, Über das angebliclie Stift Graba. 
Miszellen: v. Thüna, Eine Saalfelder Grabschrift. Wenck, Ein 
Handschriftenkatalog des Klosters Reinhardsbrunn vom Jahre 1614. 
Literar. Mittheilungen. 



Register. 



Adrian, branclenb. Kanzler 278. 

Alba, Herzog v. 243. 252 ff. 

Alberus, Erasmus .308. 

Albrecht, Mkgr. von Branclenb. - 
Culmbach 178. 18.3. 199 f. 211. 
218. 22.3 ff. 282. 287 ff. 292. 
298. 300. 

Alemann, Chrph , magdeb. Fähn- 
rich 209. 

— Ebeling, magdeb. Oberst 209. 
297. 305. 

— Heinrich, magdeb. Bürgermstr. 
190 f. 

Altenborg 15. 29. 60 ff. 

V. Altenburg, Kilian 222. 

Anhalt s. Georg. 

Annaberg 33. 59. 332. 

Anton, Grf. v. Oldenburg 225. 

Antwerpen 5 f. 9. 27. 

Arnold, Chrph., Kanzler 225. 292 f. 

296 f. 
V. Aschenburg, Joh. 222. 
Aschersleben 18, 27 f. 62 fl". 
Augsburg 2. 5. 7. 26. 42 f. 61. 

63 f. 

— Reichstag 178. 181 ff. 
August, Kurf. V. Sachsen 18 ff. 

22 f. 26. .30. 192. 197. 199 f. 306. 

— IL, s. Friedr. August. 
Augustusburg 43. 
Aussig, Schlacht bei 314. 
de Avila, Don Luis 242 ff 

Baireuth 8. 33. 40 f. 61. 

Bamberg 27. 29. 61. 178. 

Barbi 183. 192. 

Basel, Konzil 320. 

Bautzen 10 ff. 19. 21. 34. 40. 43 f. 

53. 55 f. 73 ff. 309 ff. 
Bayern 33. 40 ff. 51. 
Beatrix, Mkgrtiu v. Braudeub. 95. 



Bendler, Sänger 127 f. 134, 
Benno, Bisch, v. Meissen 87. 
Beraun 14, 

Berlin 17. 19. 28 f. 32. 35 ff. 40. 
43 ff 4H. 52 f. 55. 62. 64. 69 f. 

Berner, Klaus 180. 192. 197 f. 21 9 f, 
Bernhard, Bisch, v. Meissen 109. 
Bernspruug,Laur., in Zwickau339. 
Bernstadt 85. 111. 316. 
Besselmeier 208. 
Bing, Sim., hess. Geschäftsträger 

211. 219. 
Bischofswerde 17. 34. 85. 93. 
V. — , Heinr, 98. 
Bishalm, Beatus 241. 
Bitterfeld 204. 207. 
V. Bock, Heinr. 278. 
V. Bodow, Heinr. HO. 

Böhmen 3. 8. 10. 13 ff. s. Ferdi- 
nand, Georg, Johann, Ladislaus, 
Ottokar, Wenzel, Wladislav, 
Wratislav. 

Boleslav Chrobry, Hrz. v, Polen 
79. 81. 

V. Bor, Bora, Familie 336 f. 

Borna 15. 18. 60 f. 63. 

Borsewitz, s. Kaina. 

Brandenburg 13 f. 17. 19 ff. 64. 
94 ff. s. Albrecht, Beatrix, 
Friedrich, Friedr. Wilhelm, 
Joachim, Johann, Konrad, Otto, 
Volrad, Woldemar. 

Braunschweig 18. 27 ff. 38. 42. 
51. 62. 64 f. 68 ff. 116. 125. 
177 ff", s. Erich, Heinrich, 
Otto, Rud. August. 

Bremen 26 ff. 31 f. 38. 50 f. 62 ff. 
68 f. 210 f. 217 fl'. 

Breslau 11 ff. 20. 27. 29. 32 ff. 113. 

Briesing b. Niedergurig 90. 



84 n 



Rofrister. 



Bruno II, Bisch, v. Meissen 87 ft'. 
92 f. 

Buckau b. Masdeburff 207. 221. 

V. liiiiiau, Rud., Hofmeister des 
Hz. Heinrich '523. 325 f. 328. 3.3.3. 

Biinzlau 12. 40. 5.3. 

Bnrchard, Erzbisch, v, Magde- 
burg 112. 

Burgdorf b. Lüneburg 221 f. 

Burk b. Bautzen 91. 10.3. 

V. Carlowitz, Chrph. 187 ff. 192. 

195 f. 213. 219. 22.'>. 281 ff. 

292. 297. .302. .308. 
Chambord b. Blois 308. 
Chemnitz 18. 33 f. 45. 51. 58. G3. 
Christian I., Kurf. v. Sachsen 24. 
(Christoph, Grf. v. Oldenburg 180. 

197 f. 201. 
Colditz 43. 
V. Colditz, Albrecht 318. 

— Thimo 313. 318. s. Meissen. 
Cranach, Lucas 322. 330. 335 ff. 
Crossen 35. 45. 53. 56 f. 
Cottbus 35. 57. 

Czerneboh b. Bautzen 236. 

Dahlen 12. 

Dahme 35. 5.3. 55 f. 58. 

Dänemark 37 ff. 

Danzig 26 28 f. 32. 40. 42. 69 f. 

Delitzsch 40 58. 62. 318. 

Dessau 41. 58. 62. 64. 

Diesdorf b. Magdeburg 208. 221. 

Dietrich, Dompropst zuMeissen 88. 

— V. Landsberg 7. 

— Bisch. V. 01m ütz 112. 
Dinner, Konr., in Würzburg 241. 
Dippoldiswalde 167 ff. 

V. Diskau, Hans 305. .307. 
Döbeln 19. 43. 58 
Döbricht, Familie 120 ff. 
Dobrilugk 13. 53. 55. 57. 
Dreileben b. Magdeb. 179 f. 183. 

298. 
Dresden 17. 21 ff. 25 f. 29. 33 f. 

39. 45. 51. 55 f. 66. 68. 71. 

116 f. 

Ebeling s. Alemann. 
Ebersbach b. Görlitz 234. 
Egbert, Markgr. v. Meissen 81. 
Eger 17. 

Eilenburg 8. 11 ff. 19. 44. 54 f. 
57 f. 69. 318. 



V. Einsiedel, Abrah. 285. 

Eisenach 6. 10. 16. 18. 29. 65. 68. 

Eisleben 10. 45. 62. 64. 70. 261 ff. 

Ekkehard IL, Mkgr. v. Meissen 78f. 

Elbe, Schiffarth 21 ff. 33 ff 66 ff. 
71 f. 

Einer, Valentin, Maler in Frei- 
berg .321 ff". 

FilsterÜösse 26. 

V. Elstra, Ileinr. 98. 110. 

V. Emden, Levin, 1 'r. 1 90 f. 290. 292. 

Emser 324. 33.3. 

England 28 f. 38. 43. 50. 

Erfurt 2. 6. 8 ff. 16. 18. 27. 20. 
31. 3.3. 64 f, 68. 

Erich, Hzg. v. Braunschweig 178. 

Ernst d. Fromme, Hzg. v. Gotha 32. 

— Kurf. V. Sachsen 59. 
Eugen IV. Papst 319. 

Fachs, Dr. Ludw. 189. 192. 204. 

278. 308. 
Falkenberg 60 f. 
Feetz, J. H, Sänger u. Musikus 127. 
Fehrbellin 35. 45. 53. 
Ferdinand, Kg. v. Böhmen 14. 

16. 21. .30. 186 ff. 193 f. 226. 
Fermersleben b. Magdeburg 208. 
Finsterwalde 13. 20. 53. 
Flämingen 98. 
Frankenberg 63. 
Frankfurt a. M. 2. 5 ff. 10. 15 f. 

18. 20. 31 ff. 38. 42. 49. 52. 

61. 65. 70. 

— a. 0. 13 f. 22 f. 27. 34 f. 36 ff. 
44 ff'. 52 f. 55. 57. 

Frankreich 50. 61. 181 f. 278. 

291. 300 ff', s. Heinrich. 
Franz Otto, Hzg. zu Lüneburg 

195. 300. 
Freiberg i. S. 17. 33 f. 43. 45. 

58 ff". 265 ff. 321 ff. 
de Fresse, Jean (Fraxineus), Bisch. 

V. Bayonne .300. 
Friedrich L, Kaiser 83. 

— III, Kaiser 8. 

— Mkgr. V. Brandenb. 193. 

— Hzg. V. Liegnitz 14. 

— I., König V. Preussen 46 f. 

— II., König V. Preussen 54. 56. 

— d. Freid., Mkgr. v. Meissen 59. 

— n., Kurf. V. Sachsen 11. 17. 
Friedrich .\ugust I., Kurf. v. 

Sachsen 53. 60. 117. 



Register. 



847 



Friedrich August IL, Kurf, v. 

Sachsen 66. 155 f. 

I., König V. Sachsen 72. 

Friedrich Wilhelm, Kurf. v. Bran- 

denb. .35. 
, Hz. V. Weimar, Admi- 

nistr. 25. 
Friedrich-Wilhelms - Kanal 36 f. 

45. 54. 
Fürstenwalde 35. 55 ff. 

Gallus, Mag. 308. 
Gardelegen 35. 53. 56. 62. 
Georg, Fürst v. Anhalt 190 ff. 

— König von Böhmen 11 f. 

— Hz. V. Meklenburg 178 ff. 
298. 302. 305 f. 

— Hz. V. Sachsen 12 ff. 16. 323 ff. 
Gera 16. 41. 45. 60 ff. 69. 
Gericke, G., Bürgermstr. v. Mag- 

deb. 180. 290. 292. 
Geringswalde 43. 
V. Gersdorf, Joachim 182. 222. 

290. 308. 
Gifhorn 27. 56. 62. 69. 
Glaser, Dr. H. F. 118. 137 f. 
Glashütte 169. 
Glatz 15. Glatzer Recht 104. 
Glauchau 63. 
Glogau 14. 34. 45. 57. 
Göda b. Bautzen 87. 

Görlitz 10 ff. 84 f. 93 ff. 97. 111. 

311 f. 314. 316. 318 ff. 
Goslar 65. 

Göttingen 18 f. 27. 29. 41 f. 
Granvella, Bisch, v. Arras 185 ff. 

283. 285. 293 f. 299. 302. 

Grimma 11 f. 19. 26. 54. 
Grinitz (Grenitz), J. Chrph., Sän- 
ger 126. 134. 

Groitzsch s. Heinrich, Wieprecht. 
Grossenhain 10 ff. 17. 19. 34. 52. 

55 f. 91. 
Grossottersleben b. Magdeb. 221. 

274. 
Grosssalza 192. 
Grunewald, Gottfr., Musiker 127. 

Günther, Erzbisch, v. Magdeburg 

318. 
Gunzelin, Mkgr. v. Meissen 80. 

Hainichen 45. 63. 
Halberstadt 18. 27. 65. 179. 185 f. 
196. 



Halle 6 ff. 18 f. 28 f. 32 f 45 ff. 

51. 62 ff. 70. 72. 
V. Haller, kais. Pfeunigmstr. 281. 
Hamburg 14. 2.3. 26 ff. ]16. 275. 
Hamerer, Phil. Jac. 239 ff. 
Hannover 116. 
Harsdorf b. Magdeb. 208. 
Hartenberg h. Hirschberg (Schles.) 

318. 
Hausmann, Geleitsmann 52. 

— Hans, Bürgermeister in Frei- 
berg 326. 332. 

— Nie, Pfarrer in Zwickau 326. 
332. 339. 

Havel 35 ff. 

V. Heideck, Hans 180. 193. 199. 

201. 210 f. 220 f. 225 f. 276. 

278. 290. 292 f. 295 ff. 302 f. 305. 
V. Heinitz, Dr. Nicol. 325. .331. 
Heinrich I., deutscher König 78. 

— H., Kaiser 80. 

— HI., Kaiser 81. 

— IV., Kaiser 82. 

— Hz. V. Braunschweig 177 f. 
221. 223. 225. 285. 302. 

— II., Kg. V. Frankreich 181. 308. 

— V. Groitzsch 82. 

— Hzg. V. Mecklenburg 179. 195. 
275. 300. 

— Bisch. V, Meissen 90 f. 

— d. Erl., Mkgr. v. Meissen 10. 

— Bisch. V. Merseburg 109. 

— d. Fr., Hzg. V. Sachsen 59. 323 ff. 
Heller, Steph., Pfarrer zu Kirch- 
hain 319. 

Helmstedt 198. 

Herbord, Domherr zu Bautzen 92. 
Herzberg 17. 44. 57. 59. 69. 
Hesse, Kapellmstr. u. Kriegsrath 

in Darmstadt 124. 
Hessen 33. 211. 281 f. s. Philipp, 

Wilhelm. 
Hillersleben, Kloster 180 ff. 184 ff. 

191. 
Hirschfelde (Ob.-Laus.) 314. 
Hochreutiner, Domin. 241. 
Hof 15. 29. 34. 41. 60-^f. 64. 
Hoffmann, Melch., Musikdir. 122. 
Hofmann s. Johann. 
Holland 18. 28 f. 38.40.47. 50 f. 64. 
Holstein, Dr., lüneb.Kanzler 197 f. 

201. 
Hoppe, magdeb. Rathsherr 290. 

292. 
V. Hoya, Grafen 223. 



348 



Register. 



Hoyerswerde 54 ß. 82. 84. 
Ilussiten 310 ff. 

Jänkeiulorf b. Görlitz 228. 
Ibrahim ibn Jakiib 22S. 238. 
Jena 33. 40. 61. 
Iniiocenz IV., Papst 90. 95. 
Joachim IL, Ivurf. v. Brandenburg 

22. 3.T 177 f. 183. 192. 19f', f. 

199 f. SO.'S. 210. 213. 275 f. 

279 f. 285. 
V. Jockrim, Herrn. 98. 
Johann, Kön. v. Böhmen 11. 93. 

100 flf. 114. 

— Mkgr. V. Brandenburg 104. 

— Mkgr. V. Brandenb. -Küstrin 
179. 18.3. 192. 195. 200. 206 f. 
219 f. 226. 274 ff. 284. 289. 
291. 300 f. 

— III. (v.KittIitz),Bisch.v.Meissen 
313. 

— IV. (IIofmann\Bisch. v.Meissen 
309 ff. 

— VI. (v. Salhausen), Bisch, v. 
Meissen 316. 320. 

— VII. (v. Schleinitz), Bisch, v. 
Meissen 325. 331. 

— IX. (v. Haugwitz), Bisch, v. 
Meissen 320. 

— III. Sobieski, König von Polen 
1.58 ft'. 

— (d. Best.), Kurf. v. Sachsen 15. 

— Hz. V. Sagan 11. 98. 
Johann Adam', Fürstabt v. Kemp- 
ten 240 ff. 

Johann Albrecht, Erzbisch, v. 

Magdeb. 177. 
Hz. V. Mecklenburg 179. 

219. 275. 291. 
Johann Friedrich, Kf. v. Sachsen 

221. 225. 24.3. 247. 252. 
Johann Georg I., Kf. v. Sachsen 

34. 44. 

— IL, Kf. V. Sachsen 39 f. 44 f. 1 1 G. 

— IIL, Kf. V. Sachsen 159 ft". 

— IV., Kf. V. Sachsen 117. 12.'?. 
Italien 18. 33. 44. 64. 

Juden 11.3. 

Judith, böhm. Prinzessin, Gem. 

Wipreclits v. Groitzsch 81 f. 
Jülicher, Joh., Obrist 196. 
Jüterbogk 35. 53. 55 f. 58. 184 f. 

188 f. 

Kaina 89. 91. 



V. Kaina, Conradus 110. 

V. — , Henzil 98. 

Kalbe 28. 62. 280. 289. 

Kamenz 11 f. 19. 21. 34. 54 ff. 

84 f. 93. 10.5. 111. 
V. Kamenz, Herren 88. 

— Bernhard II. 92. 

Karl IV., Kaiser 11. 106. 113 ff. 
312 f. 318. 

— V., Kaiser 9. 178 ff. 242 ff. 
274 ff. 325. 

— VI., Kaiser 66 f. 
Kaspar, Bisch, v. Meissen 320. 
Katharina, Gem. Hz. Heinrichs 

V. Sachsen 324. 326. 328. 333. 
Kempten s. Joh. Adam. 
V. Kessel, Familie 337. 
Kitzin g, Dr. 207. 
Kittlitz, Herrschaft 84. 
V. Kittlitz, Heinricli 312 f. 

— Johann s. Meissen. 

— Otto 31.3. 
Klitschdorf a. Qu. 5«. 
Kneutlingen, Dr. 285. 
Knöchel, Sänger 126. 128 f 134. 
Komcrstadt, Dr. 292. 
KönigsbriUk 11 f. 19. .34. 84. 98. 
V. Könneritz, Erasmus 204. 

— Nicol. 276. 

Konrad IL, deutscher König 81. 

— IIL, Kaiser 82. 

— Markgr. v. Brandenburg 101. 
104. 

— (d. Gr.), Markgr. v. Meissen 82 f. 

— Bisch. V. Meissen 10. 
V. Kopperitz, Heinr. 94. 

— Nicol. 94. 

— Ulrich 94. 

Kottmarsberg b. Löbau 84. 
Kotze, Leonh. 221. 
Krakau 11. 3 t. 44. 69. 

— b. Magdeb. 20'<. 274. 288 f. 
Kram, Franz, sächs. Rath 18 1 f. 

189. 192. 285. 293 ff. 
Kratzau 314. 
Krell, Hans, Maler 337. 
Küchenmeister, Seb., Domherr in 

Freiberg 325. 329. 
Kunnersdorf b. Löbau 89. 

Ladishuis, Kg. v. Böhmen 320. 
Landskrone b. Görlitz 93. 2-?8. 233. 
Landstrasse, hohe 10 fi". 
Langmaas, Gottfr., Sänger 126. 
129. 134. 



Register. 



349 



Langwedel b. Verden 224. 
Laubanllf. 19. 2 1.55. 8 4 f. 93.314. 
Lauenstein 169. 
Lauterberg b. Halle 82. 
Lehmann, Christ., Mag. 264 f. 
V. Leipa, Bernh., Dompropst in 

Bautzen 93. 
Leipzig 1 tf. 116 ff. 184 f. 190. 

192. 338. s. Plussk. 
Leisnig 43. 58. 
Lemsdorf b. Magdeb. 274. 
Lengenfeld 43. 

Leopold L, Kaiser 116. 157 ff. 
Lieberose 312 f. 

Liegnitz 12. 40. 45. s. Friedrich. 
. Lindenau, Paul 338. 
V. d. Lippe, Grafen 223. 
Litten b. Bautzen 90. 
Löbau 12. 56. 84 f. 93. 98. 103. 

105. 107. 316. 
Lochau 299 f. 
Loga b. Neschwitz 91. 
Lommatzscli 17. 
Lothar, Kaiser 63. 
Lotti, S. K, Säncerin 125. 
Lübeck 13 f. 26"ff. 35. 37. 65. 

69. 275. 
Lucan 248 fl". 

Lucius, Übergeleitskommissar 53. 
Ludwig, Sänger 124 f. 128 f. 
Lüneburg 23. 26 ff. 33. 35. 37. 

41 ff. 51. 53 f. 56 f. 62. 65. 

69. 275. s. Franz Otto, Philipp. 
Luther, F. M., Sänger 12G. 128 f. 

134. 
Luther, Martin 322 ff 337 ff. 

Machendorf 314. 

Magdeburg 12. 19 ff. 177 ff. 273 ff. 

317. s. Burchard, Günther, Joh. 

Albrecht, 
van Male, Guillaume (Malinaeus) 

243 ff. 
Malsitz n. Bautzen 91. 
Mansfeld 27. 64 f. .305. 
V. Mansfeld, Graf Albrecht 179 f. 

190. 193. 209. 222. 292 f. 295. 

306. 

— Grf. Ernst 193. 

— Grf. Hoyer 82. 

— Grf. Johann Georg 193. 297. 

— Grf. Karl 209. 

— Grf. Volrad 210. 
Maria Theresia 67. 
Marienberg 18. 33. 45. 59. 



Marienstern, Kloster 88. 

Marien thal, Kl. 314. 

Marklissa 43. 84. 

Matthias, Kaiser 20. 

Maximilian L, Kaiser 9. 

— II., Kaiser 23. 30. 206. 

Meinhard, Bisch, v. Meissen 82. 

Meissen 17. 26. 51. Mark u. 
Markgrafen 78 ff. s. Dietrich, 
Egbert, Ekkehard, Friedrich, 
Gunzelin, Heinrich, Konrad, 
Oda, Wilhelm. Stift 310 fl". 
Bischöfe 85. 100 s. Benno, 
Bernhard, Bruno, Heinrich, 
Johann, Kaspar, Meinhard, 
Thimo, Witego. 

Meklenburg s. Georg, Heinrich, 
Joh. Albrechl. 

Melaune b. Reichenbach 233 ff. 

Meldorf (Dithmarschen) 327. 

Merckel, Heinr., magdeb. Stadt- 
schreiber 289 ff. 

Merseburg 9. 26. 29. 40. 45. 68 ff. 
190 f. 228. s. Heinrich. 

Mieczislav, Hz v. Polen 81. 

Mied, Mich., österr. Oftizier 164. 

Mildenfurth 171 f. 

V. Miltitz, Ernst 278. 

Milzener, Gau Milsca 74 ff. 

Mittweida 43. 5H. 329. 

Mordeisen, Dr. 189. 192. 278. 
292. 297. 308. 

Moritz, Knrf. v. Sachsen 14. 22 f. 
177 ff. 254 ff". 273 ft. 

Mühlberg 54. 255. 

Mühlhausen 19. 29. 68. 

Muldenflösse 26. 

Mülpfort, Herrn., Bürgermeister 
in Zwickau 324. 339. 

V. Münchhausen 289. 

V. Muschwitz, Konr. 91. Jutta s. 
Gem. 91. 

Muskau 12 f. 20. 34. 44. 53. 55 f. 84. 

Mylau 61. 

Naumann, Dr. Franz 278. 
Naumburg 9. 12. 18. 29. 33. 38. 
40. 45. 48. 60 ff. 129. 290 f. 
Neschwitz 84. 
Neuhaldensleben 181. 
Nicolaus III, Papst 111. 

— Archidiac. v. Bautzen 87 f. 

— Kardinal 319. 
Niederkaina b. Bautzen 84. 90. 
Nieder Strasse 13. 20. 33. 44. 53.55. 



350 



Register. 



Niemen bei Ohlau 233. 

Niethoner Krdwall 233 f. 

V. Nostitz, Alb. 93. 

Nürnberg 1. 5- 7. 10. 14 f. 26 f. 

29. 31 f. 3i. 40 ff. 52. 60 f. 

63 ff. 68. 70. 283 ff. 

Oberlaiisitz 11 ff. 73 ff. 115. 226 ff. 

310 ff. 340 f. 
Oda V. Meisst'u 81. 
Öderan 45. 63. 

Odorsiliiffahrt 13 f. 21 ff. 35 ff, 
Öhna b. Bautzen 76. 
V. Oldenborch, Ileiiimanii 98. 
Oldenburg s. Anton, Christoph. 
Olnnitz s. Dietrich 112. 
Ortenburg b. Bautzen 83. 
Ortrand 40. 54. 

Oschatz 10 ff. 17. 19. 55 f. 58. 
V. Osse, Mekh. 285. 
Österreich 18. 32 f. 39. 52. 67. 
Ostritz 314. 

Ottehvitz b. Bautzen 104. 
Otto I., ICaiser 228. 

— III, Kaiser 79. 

— III., Markgr. v. Brandenb. 95. 

— IV., Markgr. v. Brandenb. 101. 
104 f. 

— IIz. V. Braunschweig 22. 
Ottokar IL, Kg. v. Böhmen 95. 

V. Pannewitz 94, 

Pedioneus 241. 251. 

Pegau 16. 26. Gl. 63 f. 

Penig 18. 

Pfitzing, kaiserl. Rath 283. 

1 ttug, Kasp. 180. 305 f. 

Pfiuger, Konr., Architekt 336. 

Philipp, Landgr. v. Hessen 225. 
2.-)2 ff. 

— Hz. V. Lüneburg 196. 

— Rbeingraf 291. 
Pirna 17. 25 f. 39. 68. 
Flauen i. V. 15. 60 f. 
Plützkau, Kloster 203. 
PlusskjJoh , Propst zuLeipzig320. 
Pöckel, Dr. Quirin 119. 139 ff. 
Polen 7. 10 ff'. s.Boleslav, Johann, 

Mieczislav. 
Pommern 14. 37. 51. 64. 
Portugal 50. 
Prag 11. 14 ff 27. 29. 31 ff. 44 f. 

49. 66 f. 
Preititz b. Niedergurig 91. 



Preussen s. Friedrich, Friedr. 

Wilhelm. 
Priztan, Domherr in Bautzen 91. 

Queis, der 11 f. 44. 55. 

V. Racfewitz, Balth., Dechant zu 

Freiberg 325. 331. 
V. Rausendorf, Witego 111. 
V. Reckerod, Georg 220. 291. 
Reibersdorf 84. 
Reicheid)ach i.V. 34.45.61.64.327. 

— b. Königsbrück 40. 84 f. 91. 
93. 31«. 

V. Reifenberg, Friedr. 291. 

Reitzenhayn 18. 

Rethem a. d. Aller 223. 

Riptsch, Job., anhält. Kanzler 190. 

Rochlitz 43. 

Rosswein 45, 58. 

Rot, Oswald 190. 

Roth, Stephan 322 ff. 337. 

V. Rothschütz, Georg, Kanzler des 
Hz. Heinrich 324. 327. 333? 

Rothstein b. Reichenbach 228. 

Rudolf IL, Kaiser 20. 

Rudolf August, Hzg. v. Braun- 
schweig 38. 

Rumple r, Georg, Oberstlieutenant 
164. 

Russland 10. 13. 32 f. 38. 

Saaleeösse26. Saaleschift'ahrt32f. 

46 ff. 65 ff. 72. 
Sachsen s. August, Christian, 

Ernst, Friedr., Friedr. Aug., 

Georg, lleinr., Johann, Joh. 

Friedr., Joh. Georg, Katharina, 

Moritz, Wilhelm. 
Sachsenburg 19. 27. 65. 
Sagan 11 ff. 20. 35. 44 f. 56. 

s. Johann. 
V. Salhausen, Joh. s. Meissen. 
Sartorio. Emerentia Gertrud geb. 

V. Windheim 120. 

— Girolamo, Architekt 118 f. 
137 ff. 

— Joh. Friedr. 120 f. 139. 141. 
V. Schachten, Heinr. 220. 

— Wilh., hess. Geschäftsträger 
211. 219 ff. 

Scbafberg b. Löbau 228. 234. 
Schandau 68. 

Scheiring, Dr., meklenb. Kanzler 
193 f.' 196 ff. 200. 



Register. 



351 



V. Schleinitz s. Johann. 

Sclileitz 16. 41. 61. 64. 

Schlesien 7. 10 flf. 

Schlieben 57. 237. 

Schliickenau 17. 98. 

Schmalkald. Krieg 239 ff. 

SchmiedefelJ b. Stolpen 89. 

Schmoritzwall b. Bautzen 233 ff. 

Schneeberg 33. 59. 62. 64. 

Schönberg 11. 

V. — , Heinr., Hofmarschall 307. 

V. Schönburg 85. 

Schönebeck 181. 183 f. 191. 

Schöps b. Görlitz 2.34. 

V. Schreibersdorf, Luther 106. 

Schrotdorf b. Magdeb. 274. 

V. d. Schulenburg, Jacob 182. 

184. 191. 
Schürmann, Gr. K., Sänger 125. 

127 f. 
V. Schwarzburg, Grafen .305 f. 
V. Schweinerden, Alb. 98. 
Schweiz 43 f. 51. 
V. Schwendi, Lazarus 187. 197. 

202. 208. 210. 21.3. 217. 276. 

279 ff. 
Schwinhardica nemora 247. 256. 
Seidau b. Bautzen 76. 
Seidenberg 11. 83 f. 9.3. 
V. Seifersdorf, Heinr. 103. 
Semnonen 73 ff. 
Siegfried, Anna Marg., in Leipz. 

118 ff. 139 ff. 

Siegmund, Kaiser .309. 315. 319. 

Simonetti, Concertmstr. in Braun- 
schweig 125. 

Sobieski s. Johann. 

V. Sommerfeld, Joh., zu Bautzen 
111. 

Sörer(Soranus), Lorenz 324ff. 3.38. 

Spanien 38 50. 65. 

Spree 35 ff. 

Spremberg 12 f. 20. 35. 44. 53. 
55 ff. 

Stassfurt 63 f. 182. 

Stehlin, Dr. Wolf, Kanzler des 
Hz. Heinrich .324. 333? 

Stettin 13. 17. 37. 64. 
Stollberg 45. 58. 62. 70. 
Stolpen 17. 311 f. 319. 
Strehla 40. 54. 58. 
Stromberg b. Weissenberg 228 ff. 
Strungk, Nie. Ad., Kapellmeister 
und seine Familie 116 ff. 



V. Taubenheim, N. 94. 

Teicbnitz HO. 

Telemann, Geo. Ph., Sänger u. 

Musiker 122. 126 f. 129. 1.34. 
Tetzel 337 f. 
Theodericus castellanus de Bu- 

dissin 82. 
Thiemich, Paul 122 f. 
Thimo (v.Colditz), Bisch, v. Meis- 

sen 313. 3l8. 
Tiefstetter,Wolf, Oberst 297. 305. 
Tököly, Emmerich 158. 
Torgau 7 f. 12 f. 28. 44. 55. 57. 

72. 192. 202 ff. 291. 
Trautenau 15. 104. 
Treuenbrietzen 28. 53. 57. 69. 
Treutwein, Sigism. 326. 3.30. 332. 
Trott, Adam, brandenb. Rath 276. 
Türkei 32. 156 ff. 

Ülzen 27 f. 53. 56. 62. 
Ungarn 18. 33. s. Wladislaw. 
Unstrut 32 f. 

Verden 51. 210 f. 217 ff. 

Vergilius 249 ff. 

V. Vesta 85. 

Virchow, Prof. Dr. 229 fl'. 

Vogtland 7 ff. 

Vogtsberg 34. 

Volrad, bisch, v. Brandenburg 1 12. 

Wachtmeister, Georg 208. 221. 

305. 307. 
Waldheim 43 58. 
V. Wallwitz, Seb. 207. 
Walsrode 223. 
Wanzleben b. Magdeburg 179. 

1«.3. 298. 
Warschau 69. 
Wawitz b. Hochkirch 91. 
Weimar s. Friedr. Wilhelm. 
Weissenberg 84 f. 
Weissenfeis 16. 19. 45. 59 f. 127. 
Wenzel, deutscher König 11. 31.3. 

315. 318. 

— I,, König V. Böhmen 86. 90 ff. 
95. 100. 

Wien 29. 31. 61. 156 ff. 
Wilhelm, Landgr. v. Hessen 284. 
291. 

— (L), Markgr. v. Meissen 11. 34. 

— HI., Hrz. V. Sachsen 155 f. 
Wiprecht v. Groitzsch 81 f. 

— d. J. V. Groitzsch 82. 



352 



Register. 



Witego, Bisch, v. Meissen 94 
Wittenberg 20 f. 28 f. 41. 57 'g-I 
ßi». 298 f. 322. .Sm ■ ■ 

Witten biu-},' 41. 45. 207. 
Wizani, Maler .336. 
Wladislav, König v. Böhmen n 

Ungarn 12. 317. 
— IL, König V. Böhmen 83. 
Wolclemar, Mkgr. v. Bran.lenb. 

100 ft: 105 f. 
V. Wolf, Hans, mgdb. Rittmeister 

209. 297. 
Wolken stein 43. 
Woimirstedt 180 if. 298. 



Wratislaw, Hz. v. Böh 
Würzl)nrg 178. 
Wiirzen 8. 51. 56. 58 



men 81. 



Zagost, Land 8.3. 
^eitz 7 ü: 16. 26. 45. 61 f. 
Aerbst 19. 43. 62. 279 f. 
Zittau 11. 17. 44. 314. " 
Zschopau 18. 43. 45. 
Zütplien, Heinrich von 327 
Zwenkau 41. 60. 
Zwickau 15. 33 f. 45. 60 ff. 322 
327. .332. 337 ff. 



334. 



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