Skip to main content

Full text of "Neues Archiv für sächsische Geschichte und Alterthumskunde"

See other formats






, iili iiilii Ä^^^^ 

iÄiiiiiiiii»^^^^^ ä ip:: 

' ' ' ' " ''''■■■'■■■'■■';'■'! '-''■'■'■'' ■'.'•'•':C''' '■''''•'•''''''''''' '■''■'■''■'''^^^^^^^^^^^^ ■ "" ■ ' ' ■' 

l'l'l'l'r')'l'|!ili''!il'i|''!!!'l!!'l' 



Neues ArcMy 

fÜl' 



Sächsische Geschichte 



und 



Alterthumskunde. 



Herausgegeben 



von 



Dr. Hubert Ermisch, 

K. Archivrath. 



Sechster Band. 
Mit dem Wappen des Kurfürstenthums Sachsen. 



Dresden 1885. 
Wilhelm Baensch Verlagshandlung. 



THE GETTY CENTER 
UBRARY 



Inhalt. 



Seite 

I. Zur Geschichte des Königlich Sächsischen Alterthums- 
vereins. 1825 — 1885. Vom Herausgeber 1 

II. Das Wappen des Kurfürstenthums Sachsen in seiner 
historisch-topographischen Bedeutung. Von R. Freiherrn 
von Mansberg in Dresden 51 

III. Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg von 
Sachsen und Landgraf Philipp von Hessen. Mitgetheilt 

von Dr. W. Friedensburg in Marburg 94 

Literatur 146 

IV. Katharina (Herzogin von Sachsen, Gemahlin Kurfürst 
Friedrichs II. von Brandenburg) und ihr Haus. Von 
Archivar Dr. G. Sello in Magdeburg 169 

V. Die Berka von der Duba auf Mühlberg. Von Prof. Dr. 

Hermann Knothe in Dresden 190 

VI. Moritz von Sachsen gegen Karl V. bis zum Kriegszuge 

1552. Von Überlehrer Dr. S. Issleib in Bautzen . . . 210 
VII. Sächsische Künstler in Görlitzer Geschichtsquellen. Zu- 
sammengestellt von Dr. E. AVernicke in Bunzlau . . . 251 
VIU. Des Grafen von Zinzendorf Rückkehr nach Sachsen und 
die Hennersdorfer Kommission. 1747 — 1748. Von F. S. 
Hark, em. Prediger der Brüdergemeine, in Niesky (f) . 264 
IX. Kleinere Mittheilungen 308 

1. Die Meldung vom Tode und der Beisetzung Melanch- 
thons an den Kurfürsten August. Mitgetheilt von 
Archivrath Dr. Th. Distel in Dresden 308 

2. Die Rouvroy - Medaille auf die Vertheidigung von 
Oudenarde im Jahre 1814. Mitgetheilt von Biblio- 
thekar P. E. Richter in Dresden 309 

3. Kunstgeschichtliche Notizen. Mitgetheilt von Archiv- 
rath Dr. Th. Distel in Dresden 311 

Literatur 316 

Register 340 



Besprochene Schriften. 

Seite 

Gross, Die Anfänge des ersten thüring. Landgrafengeschlechts 

(Baltzer) 325 

Heydenreich, Bibliogr. Repertorium über die Geschichte der Stadt 

Freiberg etc. (Ermisch) 160 

V. Hirschfekl, Geschichte der Sachs. -Askanischen Kurfürsten 

(Stier) 147 

Jacobs, Geschichte der in der Preuss. Provinz Sachsen ver- 
einigten Gebiete (Ermisch) 146 

Ilgen und Vogel, Geschichte des thüring.-hessischen Erbfolge- 
krieges (Baltzer) 325 

Kolde, Marthin Luther. Bd. I. (G. Müller) 157 

Kramer, August Hermann Francke (G. Müller) 158 

Machatschek, Geschichte der Bischöfe des Hochstifts Meissen 

(G. Müller) 156 

Moschkau, Oybin-Chronik (Knothe) 338 

Naude, Die Fälschung der ältesten Reinhardsbrunner Urkunden 

(Baltzer) 325 

Richter, 0., Verfassungsgeschichte der Stadt Dresden (Knothe) 316 

Schlomka, Kurfürst Moritz und Heinrich H. von Frankreich 

(Issleib) 337 

Schmidt, Untersuchung der Chronik des St. Petersklosters zu 

Erfurt (Baltzer) 325 

Schwarz, Landgraf Philipp von Hessen und die Pack'schen 

Händel (Kawerau) 319 

Steche, Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunst- 
denkmäler des Königreichs Sachsen. Heft HL, IV., V. 
(Sommer) 161. 321 

"Wenck, Liber Cronicorum und andere Aufsätze (Baltzer) . . 325 



Kiirsächsisclios Wappen. 



^ ^1 fSt^ 








1748. 




1 I.amlfiniflliuiii 

TliüriiigtMi 

l-iC..') (I1!I7). 



4 HerziiL'tliiim 

Jülich 

Kill). 



7 Ileizostliiim 
ICIKI. 



10 l-fBlzRiülscIiaft 

Sachsen 
142:> diM». 



\'A Maiksiiifthiiiii 

Nieth^ilniisilz 

l(i:i.'.. 



Ui llcrrscliaft zu 

l'h'isseii 
i.v2:>. 



I!) «inifsdiaft 

BriMia 

1242 (142:». 



22 lirafsclmft 

Raveushcr^ 

IC>I(I. 



2 lli'izogtliiim 

Sachsen 

1425 (I2(;i). 



.") llerzofithnm 

("h'vc 



Iiisiiiiiicu 

des 

j] Erzuiarsclmll- 
Allllt's 

142.') (1:'>TÖ). 



14 Maikiiiaftluini 

OlxMiaiisitz 

l(i:!.'>. 



IT (iiafscliall 

Orhiiiiüiule 



2(1 linrtigraftlium 

eiib 

I.VJ.'), 



Alleiiburo- 



2:5 (iiatschaft 

Mark 

lUlO. 



:! Marküiiiftlium 

Meisseii 
I2C,:). 



(> Ilerzogtliuni 

He lg 

naii! 



!l lleizoftlmm 

Eiiueni 

KÜKI. 



12 rialzfriafscliaft 

Thüriiigeu 

I2SS.' 



15 Markgiaftham 

Landsberg 

II !((■>. 



IS Bniti^raftlinm 

Matideburg 

' I54S. 



21 Ilensfhaft 

Eiseiibert»; 

1525. 



24 

H(\t2;alieii 

1525. 



I. 

Zur Geschichte 

des 

Königlich Sächsischen Alterthumsvereins. 

1825—1885. 

Von 
Hubert Erinisch. 



Mag- die politische Geschichte der ersten Jahrzehnte 
unseres Jahrhunderts auch in mancher Hinsicht wenig 
Befriedigung gewähren, für die Geschichte des geistigen 
Lebens unseres Volkes war diese Zeit doch von hoher Be- 
deutung. Auf den verschiedensten Gebieten des Wissens 
Avurden damals die Fundamente gelegt, auf denen wir 
bis auf diesen Tag weiter bauen; der Mörtel aber, der 
diese Fundamente zusammenhielt und ihnen eine Festig- 
keit verlieh, die sich noch heute bewährt, war der natio- 
nale Gedanke, den der Kosmopolitismus des 18. Jahr- 
hunderts wohl in Schliunmer versenkt, aber nicht getötet, 
den der Kampf gegen den fremden Unterdrücker zu 
neuem bewussten Leben erweckt hatte. Die Eomantiker 
waren die Vertreter dieses Gedankens auf dem Gebiete 
der Dichtkunst; aber auch auf die wissenschaftliche 
Thätigkeit wirkte er belebend ein. Karl Friedrich Eich- 
horn, der Vater der deutschen Rechtsgeschichte, Jacob 
und Wilhelm Giimm, die Begründer der deutschen 
Sprachwissenschaft, die in liebevoller Hingabe dem Volks- 
Neues Archiv f. S. G. u. A. VI. 1. 2. 1 



2 Hubert Ermisch: 

geist in all seinen Aeussermigen nachzugehen bestrebt 
waren, der Reichsfreiherr vom Stein, der durch die Stift- 
ung der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichts- 
kunde den Grundstein zu dem grossen Quellenwerke der 
Monumenta Germaniae liistorica und damit zu eüier neuen 
Behandlung der deutschen Geschichte legte, waren Männer, 
deren wissenschaftliche Thätigkeit wurzelte in einem tief- 
innigen Nationalgefühl, wie es früher gerade bei Ge- 
lehrten nur selten bemerkbar gewesen war. Und wie 
man damals erst anfing, das deutsche Nationalepos der 
Nibelungen und die Geheimnisse der alten Volksrechte 
zu verstehen, so wurde man sich auch damals erst der 
nationalen Kunst bewusst, obwohl schon im vorigen Jahr- 
hundert (1771) kein Geringerer als Goethe von ihrem 
Geiste beredtes Zeugnis abgelegt hatte; seine Abhand- 
lung „Von deutscher Baukunst", zu der ihn bekanntlich 
der Strassburger Münster begeistert hatte, darf man als 
einen Vorläufer der Bewegung ansehen, die Jahrzehnte 
später sich mächtig Bahn brach und in welcher wir noch 
heute stehen. 

1. Die Gründung des Vereins^). 

Es ist bezeichnend, dass gerade diese Bestrebungen 
von vorn herein weitere Kreise in ihre Interessen zu 
ziehen suchten ; sie wurden recht eigentlich das Arbeits- 
feld der wissenschaftlichen Vereine, die, um den Anfang 
unseres Jahrhunderts noch wenig bekannt, meist seit dem 



') Die Quellen der nachfolgenden Darstellung, deren Anführ- 
ung im einzelnen unterbleiben konnte, sind in erster Linie die im 
Archiv des Vereins befindlichen Akten und Protokolle, ein Bericht 
von Klemm über das 1. Jahrzehnt des Vereins (im 1. Heft der Mit- 
theilungen des Königl. Sachs. Alterthumsvereins) und die seit 1835 
theils in den Mittheilungen, theils separat erschienenen gedruckten 
Jahresberichte. Für die ältere Geschichte des Vereins bot der 
Briefwechsel Böttigers und Eberts in der kgl. öffentl. Bibliothek 
einige Nachrichten. Was sonst benutzt wurde, haben wir an der 
betreffenden Stelle angeführt. 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alt erthuins Vereins, 1825—85. 3 

2. und 3, Jahrzehnt desselben sich bildeten und an 
Zahl und Umfang bis zur Gegenwart stätig zugenommen 
haben. 

Während die altehrwürdige Deutsche Gesellschaft 
in Leipzig, deren Anfänge bis in das 17. Jahrhundert 
zurückreichen, ihrem Charakter als „Sprachgesellschaft" 
getreu den geschichtlichen und antiquarischen Stoffen 
weniger Interesse entgegenbrachte, war in Görlitz schon 
im Jahre 1779 ein Verein begründet worden, der wenigstens 
einen Theil seiner Thätigkeit der Erforschung des heimath- 
lichen Alterthums zuwandte, die „Oberlausitzer Gesell- 
schaft der Wissenschaften". Unter Büschings Leitimg 
entstand in Breslau um 1819 ein schlesischer Alterthums- 
verein. Wichtiger aber für uns wurde der Verein, 
welchen am 3. Oktober 1819 auf dem Schlosse Saaleck 
eine Anzahl von Freunden vaterländischer Alterthümer, 
an ihrer Spitze der Landrath Lepsius, der Rektor der 
Landesschule Pforta Konsistorialrath Dr. Ilgen und der 
Professor an derselben Schule Lange zu stiften besclilossen 
hatten und der sich am 4. April 1820 als „Thüringisch- 
Sächsischer Verein für Erforschung des vaterländischen 
Alterthums und Erhaltung seiner Denkmale" konstituierte. 
Sein Sitz war zuerst Naumburg, später Halle. 

Die Begründung dieses Verems scheint die erste 
Anregung zu emem ähnlichen Unternehmen im König- 
reich Sachsen gegeben zu haben. Ein Mann, der im 
geistigen Leben des damaligen Dresden und weit über 
dessen Mauern hinaus eine hervorragende Rolle spielte, 
der Hofrath und Oberaufseher des Antikenmuseums 
Karl August Böttiger war es, der den Gedanken zu- 
erst aussprach und dann beharrlich verfolgte, so dass 
der Verein in ihm seinen ersten Gründer zu ehren hat. 
Ein von ihm verfasster Aufsatz in der „Abendzeitung" 
vom 25. Oktober 1819, in Avelchem er die Stiftmig des 
naumburgischen Vereins lebhaft begrüsst, weist darauf 
hin, wie viel auch in Sachsen in dieser Hinsicht noch 
zu thun sei, und schliesst mit den Worten: 

1* 



4 Hubert Erinisch: 

„Wollen wir uns im Köuigreiclie Sachsen nicht auch zu einem 
Verein für Rath und That in Erforschung und Erhaltung altdeutscher 
Denkmäler und Kunstleistuiigen zusammenschliessen'? Mit Ver- 
gnügen werde ich im Verein mit drei andern Männern , die zu nennen 
mir jetzt noch nicht erlaubt ist, vorläufige Andeutungen, Winke, 
Zixrechtweisungeu — besonders wenn sie mir schriftlich zukommen — 
zu gemeinschaftlicher Berathung aufnehmen. Eile frommt nirgends. 
Gut Ding will Weile haben. Die voreilige Blüthe trifft der Spatfrost". 

Noch mehrere Jahre vergingen, bevor Böttigers Pläne 
greifbare Gestalt bekamen ; ein bedauerlicher Vorfall, die 
Veräusserung werthvoller Glasgemälde aus der Marien- 
kirche zu Zwickau, hat wohl den letzten Anstoss dazu 
gegeben '•*). 

Das erste Schriftstück, das uns mit Böttigers Ab- 
sichten näher bekannt macht, ist eine bisher unbekannt 
gebliebene umfangreiche Denkschrift, die wir in den 
Akten des Vereins auffanden; dieselbe ist zweifellos von 
Böttiger verfasst, obwohl ausser einigen Bemerkungen 
nur ein Nachtrag mit dem Datum des 15. April 1H24 
von seiner eigenen Hand herrührt. Dieser Aufsatz be- 
zeichnet als Zweck des zu begründenden Vereins einen 
dreifachen: er solle den vaterländischen Alterthümern in 
Bau- und Bildwerken nachforschen, für ihre Erhaltung 
mid Aufbewahrung Sorge tragen und Beschreibungen und 
Abbildungen davon zur allgemeineren Kenntnis bringen. 
Im einzelnen betont er sodann: der Verein müsse vor 
allem wissen, was an Denkmälern noch erhalten sei; 
also dieselbe Frage, deren Lösung jetzt endlich nach 
60 Jahren in Angriff genommen worden ist, die Frage der 
Inventarisation, gehört zu den ersten, die überhaupt an- 
geregt wurden. Als Zeitgrenze wurde damals das Ende 
des 16. Jahrhunderts angenommen. Neben den Archi- 
varen und Sammlungsbeamten sollten bei dieser Bestand- 
aufnahme hauptsächlich die Justiz- und Eentbeamten, 
Superintendenten und Ortsgeistlichen, die Mitglieder der 
RathskoUegien in der Provinz, Gutsbesitzer u. a. mit- 



*) Vgl. die Rede des Prinzen Johann. Mittheil. III (Beil. I). 



Zur Geschichte des Kgl. Säclis. Alterthumsvereins. 1825—85. 5 

Avirkeii. Die Gegenstände, auf welche sich die Nach- 
forschungen erstrecken sollten, wurden eingehend auf- 
gezählt. Was die Erhaltung der i^lterthümer anlangt, 
so habe sich jedes Mitglied des Vereins als einen wirk- 
lichen Konservator anzusehen. Der Verein als solcher 
aber müsse Abbildungen aufnehmen, Nachgrabungen und 
Restaurationen ausführen lassen u. s. w. Er müsse ferner, 
sobald er ein Lokal habe, in demselben einen Schrank 
mit Schubfächern für bewegliche Alterthümer massigen 
Umfanges anschaffen und Vorkehrungen zum Aufliängen 
von Gemälden treffen; so werde von selbst eüi vater- 
ländisches Museum entstehen. Ferner müsse der Verein 
von Zeit zu Zeit Druckschriften hei-ausgeben , anfangs 
nur Jahresberichte, später eigene Sozietätsschriften ; „die 
Sache selbst fordert oder entschuldigt das grösste Detail 
in der Forschung und Darstellung mit relativer Wichtig- 
keit für den, der die Mittheilung macht, ist aber eben 
dadurch auch nicht wohl abzukürzen", weshalb sich kern 
Verleger finden werde, sondern die Schriften auf Kosten 
der Gesellschaft gedruckt werden müssten. Die Mit- 
gliederzahl des Vereins müsse so gross als möglich sein; 
als „gleichsam geborne" Mitglieder seien die Geheimen 
ßäthe, Chefs und Mitglieder der hohen Landeskollegien, 
mehrere Kunst- und Alterthumsfreunde unter den höheren 
Militärs, sämtliche Kreis- und Amtshauptleute, die 
eben damals in Dresden versammelten Stände, die Amt- 
leute. Rentverwalter, Bürgermeister, Professoren d(>r 
höheren Lehranstalten, Künstler u. s. w. anzusehen. 
Ein permanenter Ausschuss in Dresden müsse die Leit- 
ung der Geschäfte besorgen; die erforderlichen Fonds 
sollen durch Beiträge aufgebracht werden. „Der Verein 
würde ein totgeborenes Kind sein, wenn nicht der älteste 
der jüngeren Prinzen unseres allverehrten Königshauses, 
wenn nicht Se. Königl. Holuut der Prinz Friedrich Herzog 
zu Sachsen seine schirmende, alles beschützende und 
leitende Huld uns angedeihen lässt und sich selbst herab- 
lässt, den wirklichen Vorsitz dabei als beständiger Präsi- 



6 Hubert Ermisch: 

dent gnädigst anzunehmen . . . Darin läge aucli schon 
das allerhöchste Protektorium Sr. Majestät des Königs, 
und der sichernde Name einer Königlichen G-esellschaft 
könnte nicht fehlen". 

Auf diesen Aufsatz, der als „Programm und Ein- 
ladung" veröffentlicht werden sollte, bezieht sich ein an 
Böttiger gerichteter Brief des bekannten einflussreichen 
Kunstgelehrten J. Gr. von Qu an dt, des späteren Begrün- 
ders des sächsischen Kunstvereins, vom 12. April 1824, 
in welchem er seine volle Zustimmung zu dem Plane 
Böttigers ausspricht, aber freilich auch die Besorgnis 
nicht unterdrücken kann, dass derselbe „bei seinen lieben 
Landsleuten wenig Theilnahme finden werde; demi so 
betriebsam und kunstfleissig sie auch sind, so fehlt es 
ihnen doch an Kunstsinn, der jedoch durch einen solchen 
Verein wohl geweckt werden könnte". Wenn übrigens 
Quandt bei aUer Bereitwilligkeit, die Zwecke des Ver- 
eins zu fördern, doch mit den Worten schloss: „Allem 
die Stellung, welche sie mir dabey anweisen, ist so wie 
die Benennung, womit Sie sie bezeichnen, sehi^ zwey- 
deutig und dunkel und doch auch wieder anmassend 
klingend, dass ich Sie ersuchen muss, meinen Namen 
nicht mitzunennen" u. s. w., so liegt darin vielleicht die 
Erklärung, warum die Veröffentlichung des Aufrufs da- 
mals unterblieb. 

Mit noch weitergehenden Plänen macht uns ein 
Schreiben Böttigers an den gelehrten Bibliographen A d. 
Ebert, der damals als Bibliothekar in Wolfenbüttel weilte, 
im folgenden Jahre aber nach Dresden zurückkehrte, um 
1827 die Leitung der königl. öffentlichen Bibliothek 
zu übernehmen, bekannt. Er schrieb demselben am 
15. Aprü 1827: 

„Es ist in Berathung, einen Verein zur Erhaltung bildlicher 
(architektonischer Denkmale, Skiüptiu'en, Glasmalereien, alte Ge- 
mälde u. s, w.) Überreste in Sachsen bis zum 17. Jahrhundert zu 
stiften, an dessen Spitze sich unser herrlicher Prinz Friedrich stellt. 
Da sind Sie einer von den gebornen Sekretären dazu. Vielleicht 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825—85. 7 

stiftet Prinz Johann dann einen zweiten Verein für alte Chroniken 
und Incunabehi. In welchen Einklang träte damit Ihr Quellen- 
studium, Ihr grosses Werk über Sachsens frühere Cultur". 

Ebert ging begeistert auf diesen Plan ein und ent- 
wickelte in einem inlialtreiclien Briefe vom 27. April, 
dessen Wortlaut wir mit Rücksicht auf den Raum leider 
nicht niittheilen können, seine Ansichten von den grossen 
Aufgaben, die dieser Doppelverein zu lösen hätte. 

Nach einem Schreiben des Oberhofmeister von Miltitz 
an Böttiger vom 26. Februar 1824 hatte schon damals 
Prinz Johann seine Mitwirkung hinsichtlich des „litera- 
risch - paläographischen Theiles jener vaterländischen 
Alterthumsforschergesellschaft" zugesagt. 

Böttigers Rührigkeit gewann für seine Idee nunmehr 
bald eifrige und einflussreiche Förderer. Neben Quandt, 
dessen anfängliches Widerstreben gegen ein Hervortreten 
mit seinen Namen doch zu besiegen gelang und dem 
Direktor der Kunstakademie Professor Fe rd. Hart- 
mann traten vor allem einige hochgestellte Beamte für 
dieselbe ein: der Kabinetsminister und Staatssekretäi' 
Graf Detlev von Einsiedel (der eben damals auch 
die Oberleitimg der königl. Sammlungen übernommen 
hatte), der auch als feinsinniger Dichter unter dem 
Namen Arthur von Nordstern bekannte Konferenzmmister 
Gottlob Adolf Ernst von Nostiz und Jänkendorf, 
der Wirkliche Geheime Rath und Präsident G. A. Ernst 
Freiherr von Manteuffel, endlich der Geh. Finanzrath 
Gustav von Flotow. Auf ein Gesuch, welches diese 
sieben Männer am 16. Juli 1824 an König Friedrich 
August richteten^), genehmigte derselbe durch Reskripte 
vom 30. Oktober 1824 die Gründung des „Verems zur 
Erforschung und Erhaltung vaterländischer Alterthümer", 
gestattete dem Prinzen Friedrich August, die un- 
mittelbare Leitung und das Direktorium dieses Vereins zu 



*) Ich habe den Wortlaut in No. (j der Wissenschaftl. Beilage 
der Leipziger Zeitung von 1885 mitgetheilt. 



8 Hubert Ermisch: 

übernelimeD, uud gewäluie einen Fonds von 400 Tlialern 
zur ersten Einrichtung, ein Lokal im Brühischen Palais 
und Portofreiheit für die Korrespondenzen und Sendungen 
des Vereins. 

Am 19. November 1824 fand eine erste Sitzung des 
„Ausschusses" des jungen Vereins, d. h. der eben ge- 
nannten Männer, unter Vorsitz des Prinzen Friedrich 
August statt. Dabei beschloss man, dass die Thätigkeit 
des Vereins sich zwar hauptsächlich auf die vaterländi- 
schen Werke der bildenden Künste erstrecken, dass aber 
die Erforschung und Erhaltung schriftlicher Alter- 
thümer nicht ausgeschlossen sem solle. Damit war die 
Idee eines besonderen Vereins für diesen Zweck auf- 
gegeben, und eine Folge davon war, dass der Ausschuss 
nunmehr die Bitte aussprach, Prinz Johann möge als 
Vizedirektor an dem Verein Antheil nehmen, eine Bitte, 
die bereitwilligst gewährt wurde. Zum Kassierer und 
Rechnungsführer des Vereins wurde der Hofsekretär 
K. Gr. Grohmann ernannt. 

Am 19. Januar 1825 waren endlich die durch Böttigers 
Kränklichkeit vielfach verzögerten Vorarbeiten beendet. 
Unter diesem Datum erschien die „Bekanntmachung 
des Königl. Sachs. Vereins zur Erforschung und 
Erhaltung vaterländischer Alterthümer" (Dres- 
den, 1825, 8^'), in welcher die Begründung und die Ten- 
denz des Vereins dem Publikum mitgetheilt wm-de; bei- 
gefügt waren die mit demselben Datum versehenen 
Statuten, ein Verzeichnis der Gegenstände, welche von 
den Vereinsmitgliedern vorzugsweise zu berücksichtigen 
seien, endlich eine lithographierte Zeichnung der goldenen 
Pforte zu Freiberg. Den 19. Januar 182 5 dürfen wir 
also wohl als den eigentlichen Gründungstag des Ver- 
eins bezeichnen. 

Betrachten wii* nun jene ältesten Statuten, Avelche 
vom Wirkl. Geh. Rath von Manteuffel (nach dem Vor- 
bilde der Statuten des thüringisch-sächsischen Vereins 
vom 4. April 1820) entworfen sind, etwas näher, so be- 



Ziu- Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825 — 85. 9 

zeichnen sie als den Zweck des Vereins: „vaterländische 
Alterthümer zu erforschen und zu entdecken, sie ent- 
weder selbst oder durch Abbildung- zu erhalten und für 
die Nachkommen aufzubewahren", als seinen Wirkungs- 
kreis in geographischer Hinsicht das Königreich Sachsen, 
hl historischer die Zeit bis zum Anfang des 18. Jahi^- 
hunderts. Der Sitz des Vereins ist Dresden; doch sollen 
auch in anderen Städten die dort wohnenden Verehis- 
mitglieder zu engeren Vereinigungen zusammentreten. 
An der Spitze stehen das Direktorium und der Aus- 
schuss, welch letzterer aus den obengenannten Stiftern 
zusammengesetzt ist und das Recht hat, andere Mit- 
glieder zu kooptieren. Der Verein soll aus ordentlichen 
und Ehrenmitgliedern bestehen. Jedes Mitglied ver- 
pflichtet sich, „nach seinen Kräften und Verhältnissen, 
ohne Zwang, zur Beförderung des gemeinsamen Zweckes 
beizutragen". Jedes ordentliche Mitglied soll einen frei- 
willig festzusetzenden, jedoch nicht unter 1 Thaler be- 
tragenden Beitrag zahlen. Die Wahl neuer Mitglieder, zu 
deren Vorschlag jedes ordentliche Mitglied berechtigt ist, 
geschieht durch das Direktorium und den Ausschuss; als 
Ehrenmitglieder können auch Ausländer aufgenommen 
werden. Der Ausschuss versammelt sich auf Veranlass- 
ung des Dü'ektoriums so oft als nöthig. Alljährlich soll 
wenigstens eine Versammlung stattfinden, an Avelcher 
sämtliche Mitglieder theilnehmen können; dabei sollen 
Mittheilungen über die Vereinsthätigkeit gemacht, auch 
Aufsätze einzelner Mitglieder vorgetragen werden u. s. \v. 
Wir hal)en uns an der Wiege unseres Vereins ab- 
sichtlich etwas länger aufgehalten; gerade die ersten 
Anfänge derartiger Bildungen pflegen schon deswegen 
von besonderem Interesse zu sein, weil sie erkennen 
lassen, ob man es mit nothwendigen Ergebnissen all- 
gemein wirkender Ursachen zu thun hat oder mit dem 
Einfalle irgend eines einzelnen, ein Unterschied, der 
für die weitere Entwickelung eines Vereins von weit- 
tragender Bedeutung ist, Dass die Entstehung des Alter- 



10 Hubert Ermisch: 

thiimsvereins eine diircliaus organisclie war, dafür spricht 
neben dem, was wir schon angeführt haben, noch ein 
Umstand. Während unser Verein bereits vorbereitet 
wurde, konstituierte sich am 6. August 1824 in Leipzig 
ebenfalls ein „Sächsischer Alterthumsverein", der, ur- 
sprünglich ein Zweigverein des thüringisch -sächsischen 
Vereins zu Naumburg-Halle, ähnliche Zwecke verfolgte, 
wie der Dresdner, nur dass er seine Thätigkeit nicht 
auf Sachsen beschränken wollte, sondern allem, was dem 
deutschen Alterthum angehörte, seine Aufmerksamkeit 
zuwandte*). Er nahm schnell an Mitgliederzahl zu. 
Die mehrfach angestrebte Vereinigung mit dem Dresdner 
Alterthumsverein kam nie zu stände; vielmehr verband 
er sich im Jahre 1827 mit der oben erwähnten Deutschen 
Gesellschaft zu Leipzig zu einer „Deutschen Gesellschaft 
zur Erforschung vaterländischer Sprache und Alter- 
thum er", in welcher Form er noch heute besteht. 

2. Der Verein für Erforschung und Erhaltung vater- 
ländischer Alterthümer von 1825 bis 1837. 

Mit grossen Erwartungen, kühnen Hoflfnmigen war 
der Verein ins Leben getreten; leider entsprach den- 
selben die Thätigkeit, die er in den ersten 12 Jahren 
seines Bestehens entwickelte, nur wenig, und ohne die 
Geduld und Ausdauer seiner hohen Direktoren wäre das 
Unternehmen wohl bald wieder im Sande verlaufen. 

Im April 1825 kam Ebert nach Dresden, dem der 
Ausschuss die Sekretariatsgeschäfte zu übertragen be- 
schlossen hatte. Wohl brachte dieser vielseitig kennt- 
nisreiche Mann, der auch als Mitglied der Frankfurter 
Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde erfolg- 
reich thätig war, grossen Eifer für sein neues Amt mit, 
andererseits aber auch Eigenschaften, durch die er den 
Verein vielfach geschadet hat. 



*) Vgl. Stübel in den Mittheil, der Deutschen Gesellschaft 
zu Leipzig VI, 28 flg. 



Zur rj-eschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825— 8r>. H 

Vor allem kam es darauf an, Mitglieder zu werben. 
In einer am 25. Juni 1825 stattgehabten Konferenz 
wurde eine Liste von 57 Personen aufgestellt, die zum 
Beitritt eingeladen werden sollten: höhere Beamte, Mili- 
tärs, Geistliche, Gelehrte, Künstler und Kunstfreunde. 
Allgemein wurden die Einladungen als eine hohe Ehre 
begrüsst; die zugesicherten Jahresbeiträge waren theil- 
weise sehr erheblich, nur wenige beschränkten sich auf 
den Minimalsatz von l Thaler. Bis Anfang 1830 wuchs 
dann die Mitgliederzahl auf 82; 1835 betrug sie 79. 
Ausser den ordentlichen ernannte man auch Ehrenmit- 
glieder; das erste (1826) war Polizeisekretär Schneider 
zu Görlitz, der dem Verein mehrere werthvolle Geschenke 
gemacht hatte. 

In der Leitung des Vereins trat während dieser 
Zeit nur insofern eine Veränderung ein, als seit der Er- 
hebung des Prinzen Friedrich August zum Mitregenten 
Prinz Johann allein das Direktorium führte und der 
Ausschuss den Geh. Rath und Oberhofmeister v. Miltitz 
und den Hofrath Hase, dann, als von Manteuffel wegen 
seiner Übersiedlung nach Frankfurt a.'M. aus demselben 
ausschied (1830), den Staatsminister von Lindenau zu 
Mitgliedern wählte; nach dem Tode Böttigers (1835) er- 
gänzte er sich durch Oberhofprediger von Ammon, Hof- 
rath Falkenstein und Geh. Regierungsrath Meissner. 
Die Ausschusssitzungen fanden in ziemlich unregelmässigen 
Zwischenräumen in den Gemächern der Prinzen statt. 

Bald nach Gründung des Vereins gelangten zahl- 
reiche schriftliche Mittheilungen und Anfragen, Zeich- 
nungen und Alterthümer aller Art an den Ausschuss; 
dieselben wurden in den Sitzungen besprochen bez. in 
den Sammlungen oder dem Archiv des Vereins nieder- 
gelegt. Um die Bearbeitung dieses schätzbaren Materials 
zu erleichtern, beschloss der Ausschuss am 12. August 
1826 die Bildung von sechs Sektionen mit eignen Vor- 
ständen, nämlich für Archäologie überhaupt (Böttiger), 
für Urkunden und Inschriften (v. Miltitz), für Malerei und 



■[2 Hultert Ermisch: 

Biklliauerkuiist (v. Quanclt), für Architektm^ (Oberlaud- 
banineister Sclmricht), für Numismatik (Hase) und für 
Handschriften (Ebert). xlllmonatlich sollten Konferenzen 
der Vorsitzenden stattfinden. Aber weder dies geschah, 
noch entwickelten die Sektionen überhaupt eine bemerk- 
bare Thätigkeit. 

Die Herausgabe von Jahresschriften oder von einer 
Zeitschrift, die Böttiger schon bei Begründung des Ver- 
eins ins Auge gefasst hatte und die ein dringendes Be- 
dürfnis war ^), unterblieb ebenfalls, obwohl der Ausschuss 
bereits am 17. März 1827 die Abfassung emer Publi- 
kation beschlossen und den Sekretär in Gemeinschaft 
mit dem Bibliotheksekretär Falkenstein damit beauf- 
tragt hatte. 

Ebenso verging Jahr auf Jahr, ohne dass die in 
den Statuten vorgeschriebene allgemeine Versammlung 
der Mitglieder berufen worden wäre. 

Man empfand wohl, dass auf diesem Wege ein Ge- 
deihen des Vereins nicht zu erwarten war; man musste 
unbedingt weitere Kreise in das Interesse desselben ziehen. 
In diesem Sinne ergriff, während Böttiger durch Alter 
und Kränklichkeit mehr und mehr der Mitarbeit ent- 
zogen wurde, Ebert die Initiative. Auf seine Anregimg 
genehmigte der Ausschuss am 8. Dezember 1828, zu- 
nächst probeweise, die Veranstaltung von „Privatver- 
sammlungen" zu Besprechung wissenschaftlicher Prägen 
auf den Gebieten der Geschichte (unter Leitung von Ebert), 
der plastischen Alterthümer (Böttiger und Schuricht), 
der Münzkunde (Hase) und der Malerei (v. Quandt und 
Hartmann), an welchen auch Nichtmitglieder theilnehmen 
konnten; die dabei vorgetragenen Abhandlungen sollten 
dem Sekretariat übergeben werden, und das Direktorium 
behielt sich vor, den Verfasser m einzelnen Fällen durch 



') „Wir erregen nicht (his Zutrauen im Publikum, his der 
Pressbengel einmal über uns gegangen." Aus einem Briefe des 
Baron von Miltitz an Böttiger vom 9. Dezemlier 1826. 



Zur CTeschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825—85. 13 

Remunerationen oder durch Ertheilung der Mitgliedschaft 
zu belohnen. 

Allein auch dieser Plan kam nur zum kleinsten Theil 
zur Ausführung. Am 13. Dezember 1828 konstituierte 
sich unter Vorsitz von Ebert die „historische Sektion"; 
sie stellte sich als Aufgabe „die gemeinschaftliche Er- 
forschung der sächsischen Geschichte und Alterthümer 
bis auf das Jahr 1763 herab". Allwöchentlich sollten 
Zusammenkünfte auf der köuigi. Bibliothek stattfinden, 
in denen ein kurzer Aufsatz verlesen und darüber de- 
battiert werden sollte. 

Diese Versammlungen von „Freunden der sächsischen 
Geschichtsforschung", an denen ausser Ebert Bibliothekar 
Falkenstein, Inspektor Frenzel, Bibliothekssekretär Gers- 
dorf, Hofrath Hase, Regierungssekretär Jähnichen, Finanz- 
seki'etär Miller, Oberhofmeister v. Miltitz, R. v. Römer, 
Alb. Schiffner, K. v. Zehmen u. a. theilnahmen, vei- 
sprachen anfangs viel. Unser Vereinsarchiv enthält die 
sorgfältig geführten Protokolle der Sitzungen und die 
abgelieferten Manuskripte, die beweisen, dass die Sektion 
mit wissenschaftlichem Ernst an ihre Aufgabe ging. 
Leider war ihr kein langer Bestand beschieden. Bis 
1830 hatten 37 Versammlungen stattgefunden. Da trat 
zunächst infolge der politischen Ereignisse eine Pause 
ein; während derselben kam es otfenbar zu manchen 
unliebsamen Reibungen zwischen den Mitgliedern, an 
denen wohl Eberts krankhaft reizbarer Zustand die Haupt- 
schuld trug. Anfang 1832 machte Ebert, der seiner Auf- 
gabe, eine Vereinspul)likation zu bearbeiten, sich noch 
immer nicht erledigt hatte, den Vorschlag, einen Theil 
der Arbeiten der Sektion zu veröffentlichen. Dies gab An- 
lass zu neuen Zerwürfnissen, in denen Prinz Johann selbst 
zu vermitteln suchte; unsere Akten cnthaltcMi den von 
ihm eigenhändig aufgesetzten Entwurf (Muer neuen Ge- 
schäftsordnung für die Sektion, der mannigfach diskutiert 
und umgestaltet wurde, aber zu enier Wiederaufnahme 
ihrer Thätigkeit nicht fülule. — 



14 Hubert Ermisch: 

Inzwischen hatte sich der Ausschuss des Vereins 
einer Aufgabe zugewandt, die von der höchsten Bedeut- 
ung für eine gedeihliche Thätigkeit desselben war. Nach- 
dem in einer Sitzung vom 14. Januar 1828 beschlossen 
worden war, der Verein solle sich wegen Erhaltung der 
Denkmäler vaterländischer Kunst und Altertliums sowohl 
mit dem Oberkonsistorium als auch mit den Kreishaupt- 
leuten in nähere Verbindung setzen und beide Behörden 
ersuchen, ihn von etwa vorfallenden Veränderungen oder 
Reparaturen in Kenntnis zu setzen, um erforderlichen 
Falls dabei thätig und hilfreich einschreiten zu können, 
^vurde am 8. Dezember 182S der Antrag gestellt: Seine 
Majestät der König möge ersucht werden, ein Gesetz 
gegen die willkürliche Zerstörung und Entfernung der 
vorhandenen Alterthümer zu erlassen. Prinz Johann 
selbst übernahm die Motivierung und Ausarbeitung des 
EntAVurfs. Von hohem Interesse ist der ausfühiiiche 
Aufsatz, W' eichen der damals 28jährige Prinz bei dieser 
Gelegenheit verfasste; ein glänzender Beweis ebensowohl 
für den wissenschaftlichen Ernst, mit dem er sich in den 
Stoff vertiefte — bis auf Kaiser Majorian herab verfolgt 
er die staatliche Gesetzgebung zu Gunsten der Alter- 
thümer — , als auch für die ideale Begeisterung, deren 
Stempel seine gesamte Thätigkeit im Alterthumsverein 
trug. Da indes gerade dieser Entwurf schon an einer 
anderen Stelle dieser Zeitsclmft **) eingehende Besprechung 
gefunden hat, so beschränken wir uns auf wenige Be- 
merkmigen. Als Vorbild für den Gesetzentwurf empfahl 
der Prinz namentlich eine grossherzogiich hessische Ver- 
ordnung vom 22. Januar 1808, welche vor allem die 
Fertigung eines Verzeichnisses der vorhandenen Monu- 
mente vorschrieb; der Prinz bezeichnet dieses Inventar, 
das seiner Meinung nach durch die Gerichtsbehörden 
unter Zuziehung der Geistlichen aufgenommen werden 



*) von Palkenstein, Der Alterthumsverein und das neue 
Archiv etc., in dieser Zeitschr. I, 4 flg. 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereius. 1825 — 85. 15 

könnte, als „Eckstein des ganzen Gebäudes". Ferner 
verlangte er, dass an Altertliümern im weitesten Begriffe 
des Wortes keine Veränderung ohne höhere Genehmigung 
stattfinden dürfe; diese Genehmigung sollten das Ober- 
konsistorium, das Geheime Finanzkollegium und die Landes- 
regierung ertheilen können, jedoch nicht olme vorher das 
Gutachten des Vereins eingeholt zu haben. In Zweifels- 
fällen und namentlich, wenn die Behörden mit dem Gut- 
achten des Vereins nicht einverstanden wären, sollte 
Bericht an den König erstattet werden. 

Diese Denkschrift wurde am 22. März 1830 dem 
Könige überreicht, stiess jedoch namentlich bei der Landes- 
regierung wegen der darin verlangten Beschränkung des 
Eigenthums, der Überlastung der Beamten u. a. auf leb- 
hafte Bedenken. So beschloss denn der Verein am 
7. Oktober 1831, den Gesetzentwurf einstweilen auf sich 
beruhen zu lassen, jedoch den Grundsatz festzuhalten, 
dass die Erhaltung der in Sachsen vorhandenen Denk- 
mäler unter die unmittelbare Aufsicht und den Schutz 
des Staates zu stellen sei. 

Ausserdem suchte sich der Verein nunmehr ein Organ 
zur Erfüllung derjenigen Funktionen zu schaffen, die der 
Gesetzentwurf dem Staate zuweisen wollte. Li einer 
wenige Tage später, am 10. Oktober, stattfindenden Aus- 
schusssitzung legte Herr von Quandt einen „Entwurf 
zur Organisation der mit dem künstlerischen Theile be- 
auftragten 2. Sektion des Königl. Säclis. Alterthums- 
vereius" vor. Danach soll ein Mitglied des Ausschusses 
beauftragt werden, für Erforschung, Bekanntmachung 
und wo möglich Erhaltung aller kunstgeschichtiich oder 
geschichtlich werthvollen Denkmale und Alterthümer zu 
sorgen ; ein Sekretär soll ilim zur Seite stehen. Es sollen 
ferner jährlich mindestens 12 Versammlungen von Künst- 
lern und Kunstfreunden stattfinden, in welchen Mittheil- 
ungen über einschlagende Gegenstände gemacht, Zeich- 
nungen vorgelegt, Sammlungen zu Erhaltung bestimmter 
Kunstdenkmäler vei-anstaltet weiden etc. Die Kesultate 



16 Hubert Ermisch: 

dieser Versammlungen legt der Sektionsvorstand dem 
Direktorinm vor, macht Vorschläge über Restam^ations- 
arbeiten und dergl. mehr, von Quandt wurde zum Vor- 
sitzenden, Hofrath Hase zum Sekretär der Sektion er- 
wälilt; ausser ihnen machte sich auch Prof. Hartmann 
um dieselbe sehr verdient. 

Die Thätigkeit dieser kunstgeschichtlichen Sektion, 
welche zwischen 1831 und 1833 zehn Sitzungen abhielt, 
war, wenn wir die Summe der Leistungen des Vereins 
im ersten Dezennium seines Bestehens ziehen, jedenfalls 
die erspriesslichste. Eingeleitet wurde dieselbe durch 
eine den „Alterthumsfreunden in Sachsen" gewidmete 
kleine Schrift des Herrn von Quandt (Dresden 1831) 
„Hinweisungen auf Kunstwerke aus der Vorzeit", deren 
Ertrag füi^ Vereinszwecke bestimmt war; sie enthält 
einen in vieler Beziehung beachtenswerthen Bericht über 
eine archäologische Reise Quandts durch das ganze Land. 
Unter anderen weist er darin auf einen in der Marien- 
kirche zu Zwickau befindlichen Altar hin, den acht Ge- 
mälde des Nürnberger Meisters Michael Wohlgemuth, 
des Lehrers von Albrecht Düi'er, zieren. Bereits bald 
nach der Begründung des Alterthums'vereins war Prinz 
Johann auf dieses hochwichtige Werk aufmerksam ge- 
worden und hatte eine Kopierung der Gemälde ver- 
anlasst, von Quandt war es dann, der den Beschluss 
einer Restauration dieser Bilder auf Kosten des Alter- 
thumsvereins durchsetzte. Nachdem Prinz Johann durch 
semen persönlichen Einfluss bei Gelegenheit eines Besuchs 
der Stadt Zwickau den engherzigen Widerspruch einiger 
Bürger zum Schweigen gebracht hatte, begab sich im 
Juli 1832 der vom Vereine mit der Herstellung der Bilder 
beauftragte rühmlichst bekannte Restaiu^ator der königl. 
Gemäldegallerie, Inspektor Renner, selbst nach Zwickau 
und holte dort die Bilder ab. Eine weitere Untersuchung 
ergab, dass dieselben zwar sehr beschmutzt, auch früher 
schon einmal übermalt und restauriert worden waren, 
aber nur wenig wirkliche Beschädigungen zeigten. In 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825—85. 17 

wenigen Monaten war die Restauration vollendet, und im 
November wurden die Bilder in Zwickau wieder an ihren 
Platz gestellt. Noch vorher liess sie Herr von Quandt 
durch einen geschickten Zeichner, Callmeyer, abzeichnen, 
und man bescliloss ün Jahi-e 1835, dieselben lithogra- 
phieren zu lassen: es vergingen jedoch noch mehrere 
Jahre, bevor dieses Werk, dessen Kosten durch eine 
Subskription aufgebracht wurden, mit begleitendem Texte 
von Quandt im Verlage von Rudolph Weigel in Leipzig 
erschien '). 

Durch die Herstellung der Wohlgemuth' sehen Bilder, 
die einen Aufwand von über 430 Thaler verursacht hatte, 
waren, obwohl grossmüthige Gönner des Vereins und vor 
allem dessen erster Dii-ektor selbst freigebig dazu bei- 
getragen hatten, die vorhandenen Mittel bis auf einen 
kleinen Rest erschöpft. Die Beiträge waren stets sehr 
unregelmässig, schliesslich fast gar nicht mehr eingegangen; 
eine eigentliche Einforderung derselben scheint man des- 
wegen vermieden zu haben, Aveil der Verein ja allerdings 
nach aussen hm bis zur Wiederherstellung der Zwickauer 
Bilder keine Thätigkeit gezeigt hatte. Eben darum 
wurde in einem längeren Aufsatz der Leipziger Zeitung 
(vom 20. November 1832) auf jene Restauration hin- 
gewiesen und Rechenschaft über die Verwendung der 
Gelder des Vereins abgelegt ; aber zunächst, wie es scheint, 
ohne den gewünschten Erfolg. Es folgen vielmehr einige 
Jahre, während welcher die Vereinsthätigkeit so gut wie 
vollständig stockt. 

Da das Lokal im Zwinger, welches dem Verein 
schon vor längerer Zeit statt des ursprünglich ihm ein- 
geräumten überwiesen war, anderweitig gebraucht wurde, 
wurden die Sammlungen des Vereins an die königl. 
Bibliothek, das Staatsarcliiv, das grüne Gewölbe, das 



') Die Gemälde des Michael Wohlgemuth in der Frauenkirche 
zu Zwickau; im Auftrage des K. S. Alterthumsvereins herausge- 
geben von Quandt. Dresden und Leipzig, in Comni. von Kndnlph 
Weigel [1839J gr. fol. 

Neues Archiv f. S. G. u. A. VI. 1. 2. 2 



18 Hubert Ermisch: 

liistorische Museum und die Porzellansammlung — unter 
Vorbehalt der Eigenthumsrechte des Vereins — vertheilt. 
So scliien der Alterthumsverein seiner Auflösung nahe 
zu sein, und es kann nicht Wunder nehmen, wenn die- 
jenigen Kreise, die für die Sache selbst Interesse hatten, 
an einen Ersatz für denselben dachten. Im Dresdener 
Anzeiger vom 26. Februar 1834 erschien folgende Be- 
kanntmachung : 

Mehre Freunde sächsischer Kirnst und Geschichte haben ge- 
wünscht, regelmässige Zusammenkünfte zur Besprechung über die- 
jenigen Gegenstände zu halten, deren Erläuterung, Erhaltung und 
Beschreibung im Interesse der vaterländischen Geschichte wichtig 
seyn kann. Die Unterzeichneten werden sich daher am künftigen 3. März 
um 7 Uhr abends im Locale des Herrn Wokurka im Calberla'schen 
Hause zum ersten Mal versammeln und laden die verehrlichen Mit- 
glieder des Alterthum- Vereins und andere Freunde der vaterlän- 
dischen Vorzeit zur Theilnaiime an jener Zusammenkunft hiermit ein. 
Adv. Erbstein. Götz. Prof. Hartmann. 
Hofr. Hase. R. Krüger. Prof. Krüger. 
Römer. Alb. Schiffner. 

Am 10. März 1834 konstituierte sich dieser „Verein 
der sächsischen Alterthumsfreunde". Seine Statuten, 
entworfen von E. v. Römer auf Neumark, bezeichnen 
als seinen Zweck „Aufsuchung, Erhaltung, Erläuterung 
und Abbildung historisch oder künstlerisch wichtiger 
Denkmäler der vaterländischen Vorzeit". Jedes Mitglied 
hat einen Jahresbeitrag von 2 Thal er zu entrichten. 
Allmonatlich findet eine Versammlung, am 10. März in 
der Regel die Hauptversammlung statt. Die bei der- 
selben zu wählenden Vereinsbeamten sind der Vorsitzende, 
der Seki^etär und der Kassierer. Die Zahl der Mitglieder 
war nicht sehr gross ; den regen Eifer derselben bekunden 
die anspruchslosen, mit guten Lithographien geschmückten 
Jahresberichte, die der Verein 1835, 183G und 1837 
herausgegeben hat. Den Vorsitz führte zuerst R. v. Römer, 
dann Dr. Engelhardt, schliesslich Dr. Dittmann, das 
Sekretariat Advokat Erbstein, später Stadtgerichtsaktuar 
Noerner. Die innere Erneuerung der Sophienkirche zu 
Dresden, der Umbau der Marienkirche zu Dohua, die 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825 — 85. 19 

Sclmitzwerke im Dom zu Freiberg, die Glasgemälde in 
den Kirchen zu Leuben und Glashütte u. a. beschäftigte 
den Verein, der trotz geringer Mittel auch hilfreiche 
Hand leistete, wo er konnte. 

Die Begründung dieses Vereins wurde auch für den 
Königl. Alterthumsverein, der übrigens einen Rivalen in 
demselben um so weniger sah, als viele seiner Mitglieder 
auch jenem angehörten, ein Sporn zu neuer Thätigkeit. 
Dazu kam, dass am 13. November 1834 der Hofrath 
und Oberbililiothekar Ebert, der erste Sekretär des Vereins, 
der trotz grosser Verdienste doch schliesslich ein pein- 
liches Hemmnis für denselben geworden war, nach län- 
gerem Leiden starb. In einer Ausschusssitzung, die am 
7. Januar 1835 nach mehrjähriger Pause stattfand, wurde 
Bibliothekar Dr. Klemm zum Vereinssekretär ernannt. 

Gleichzeitig legte Prinz Johann einen Entwurf vor, 
der von neuem Zeugnis ablegte, wie er nicht müde Avurde, 
die Ziele, die jener Gesetzentwurf sich gesteckt hatte, 
zu verfolgen. Er schlug die Begründung von Zweig- 
vereinen im ganzen Lande, das zu diesem Zwecke in 
Bezirke getheilt werden sollte, vor; diese Zweigvereine 
sollten die Aufsicht über die im Bezirke vorhandenen 
Alterthümer übernehmen^). 

Bald darauf beschloss der Ausschuss eine gedruckte 
Mittheilung an alle Mitglieder und die Abhaltung einer 
Generalversammlung. Im Juli 1835 erschien das von 
Dr. Klemm herausgegebene erste Heft der „Mittheil- 
ungen des Königl. Sachs. Vereins für Erforsch- 
ung und Erhaltung der vaterländischen Alter- 
thümer" (in 2. Auflage 1853), welches ausser einer 
Übersicht über die Schicksale und Leistungen des Vereins 
während seines ersten Jahrzehnts längere Aufsätze von 
K. Preussker, Alb. Schiftner und Klemm entliält. Am 
4. Dezember 1835 aber fand die erste allen Mitgliedern 
des Vereins zugängliche Generalversammlung im 



») Der ganze Entwurf Mitthcil. I, XIX flg. 

2* 



20 Hubert Ermisch: 

Reiclienbacli'sclien Auclitoiium im Zwinger statt; ausser 
dem Prinzen und dem aus aclit Personen bestehenden 
Ausschüsse nahmen 13 ordentliche Mitglieder daran theil. 
AVar diese Zahl auch kleüi, so war die Versammlung 
doch das erste kräftige Lebenszeichen, das der Verein 
wieder gab. Man ergänzte den Ausschuss, beschloss 
mit auswärtigen Vereinen in Beziehung zu treten und 
ernannte zalilreiclie ordentliche und Ehrenmitglieder ; 
unter letzteren befanden sich Freiherr von Aufsess, Ober- 
bibliothekar Bechstein in Meiningen, Sulpice Boisseree 
in München, Geheimrath Grenzer in Heidelberg, die 
Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm, Professor Hottinger 
in Zürich, Professor Massmann in München, Professor 
Voigt in Königsberg. Über den Plan der Gründung 
von Zweigvereinen wurde viel verhandelt, aber ohne 
bleibenden Erfolg. Der wichtigste Bescliluss war, die 
Sammlungen wieder zu vereinigen. 

Um dies zu können und zugleich häufigere Versamm- 
lungen der Mitglieder, in denen Vorträge gehalten werden 
und Debatten über dieselben stattfinden sollten, zu ermög- 
lichen, bedurfte der Verein vor allem meder eines Lokals. 
Zwar räumte ihm Hofrath Reichenbach einige Sclu^änke 
im naturwissenschaftlichen Museum ein, aber diese ge- 
nügten nicht. Am 2. April 1836 wurde dem Verein 
endlich durch königliche Huld die ehemalige Wohnung 
des Hofbettmeisters im Parterre des Prinzenpalais am 
Taschenberg angewiesen ; vor beinahe 50 Jahren hielt er 
seinen Einzug in das Haus, in dem er noch jetzt tagt. 
Hier wurden demnächst die Sammlungen des Vereins 
aufgestellt und fanden in der Folge die regelmässigen 
Zusammenkünfte der ordentlichen Mitglieder statt. 

So birgt das Jahr 1835 mehr als einen Keim zu einer 
neuen, erfolgreicheren Thätigkeit des Alterthumsvereins. 
Von besonderer Wichtigkeit war es, dass mit dem Ende 
desselben die Verhandlungen mit dem Verein von säch- 
sischen Alterthumsfreimden begamien, welche im Februar 
1837 zu einer Vereinigung beider Vereine fülu-ten. 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825 — 85. 21 

3. Der König^l. Säclisisclie Alterthumsverein bis zur 
Niederlegung des Direktoriums durch Prinz Joliann. 

1837-1855. 

Die Vereinigung des Vereins zur Erforschung und 
Erhaltung der vaterländischen Alterthümer mit dem Verein 
der sächsischen Alterthumsfreuude war nicht allein des- 
wegen für ersteren von Bedeutung, weil die Mitglieder- 
anzahl und die verfügbaren Greldmittel des Vereins einen 
erheblichen Zuwachs bekamen, sondern hauptsächlich 
darum, weil seine Verfassung eine wesentliche Änderung 
erfuhr; sie nahm damals die Gestalt an, welche sie, 
abgesehen von unbedeutenden Änderungen, bis auf den 
heutigen Tag beibehalten hat. Auch der Name „König- 
lich Sächsischer Alterthumsverein", den der Verein 
noch jetzt führt, wurde seit dem Jahre 1Ö37 offiziell 
gebraucht, wenngleich neben demselben die alte weit- 
läufigere Bezeichnung noch häufig — auf dem Titel der 
Vereinszeitschrift bis 1869 — angewandt wurde. 

Die neuen Statuten des König!. Sachs. Altertimms- 
vereins, welche am 3. März 1837 die königliche Bestä- 
tigung erhielten, sind die Grundlage dieser Verfassung. 
Wir heben aus ihnen nur einiges hervor. Der Wii'kungs- 
kreis des Vereins soll in geographischer Beziehmig das 
Königreich Sachsen, in historischer die Zeit bis zum 
westfälischen Frieden umfassen, doch soll in einzelnen 
Fällen die Berücksichtigung anderer Gegenden und Zeiten 
nicht ausgeschlossen sein: eine Bestimmung, die schon 
dui'ch die Stellung Sachsens in der Kunstgeschichte des 
18. Jahrhunderts durchaus geboten war. Der Minimal- 
beitrag der ordentlichen Mitglieder wurde auf 2 Thaler 
festgesetzt; nacli einem 1849 gefassten Beschlüsse sollte 
eine einmalige Zahlung von mindestens 25 Thaler von 
demselben befreien. Alle Vereinsgeschäfte soUeu in 
regelmässigen Monatsversammlungen besprochen werden. 
An die Stelle des Ausschusses trat ein Direktorium, an 
dessen Spitze der Protektor oder Direktor des Vereins 



22 Hubert Ermisch: 

stand; die übrigeu Mitglieder desselben, der Vizedirektor 
und sein Stellvertreter, der Sekretär und sein Stell- 
vertreter und der Kassierer, sollten alljälirlicli durcli 
absolute Stimmenmehrlieit gewählt werden. Jedes Mit- 
glied hat das Recht, neue Mitglieder zur Aufnahme vor- 
zuschlagen; die Aufnahme erfolgt durch Ballotement. 
In eüiem gedruckten Berichte soll der Verein jährlich 
öffentlich Rechenschaft von seiner Thätigkeit geben. 

Diese Jahresberichte, die seit 1835 vollständig vor- 
liegen^), bilden eine annalistische Chronik des Vereins. 
Mit Rücksicht hierauf glauben wir, die weitere Vereins- 
geschichte weniger nach der chronologischen Ordnung, 
als nach allgemeineren Gesichtspunkten darstellen zu 
sollen, und geben zunächst die äussere Geschichte des- 
selben, um dann auf seine wichtigsten Leistungen über- 
zugehen. " 

Die Zahl der ordentlichen Mitglieder (79 im Jahre 
1835) war durch die Vereinigung auf 131 gewachsen und 
nahm dann rasch zu, bis sie im Jahre 184G mit 228 die 
höchste Höhe erreicht hatte. Unter den noch heute leben- 
den Mitgliedern sind es neun, deren Aufnahme in dieser 
Zeit erfolgte: diese Senioren des Vereins sind die Herren 
Oberst Peters (1840), Kantor Schramm (1842), Staats- 
rainister v. Seebach (1845), Präsident Nossky (1846), 
Oberst Andrich (1847), Prof. Fürstenau (1848), Prof. 
Kade (1850), Geh. Hofrath Petzholdt (1854) und Prof. Dr. 
Hälmel (1854). Ausser den ordentlichen besass der Verein 
(1838) 28 Ehrenmitglieder, eine Zalil, die dann bis auf 
53 (1847, 1854, 1855) vermehrt wurde. Die Aufnahme 
von korrespondierenden Mitgliedern fand erst seit 1852 
statt. 

Das oberste Direktorium des Vereins führte auch 



») Die Berichte über die Jahre 1835/38, 1838/39, 1839/40, 
1840/41 (scämtlich in fol.) und 1842/44 (8") erschienen in beson- 
deren Heften; die übrigen sind in die „Mittheilungen" des Vereins 
aufgenommen (vergl. die Übersicht Mitth. XXX, 8). Seit 1879/80 
erscheinen sie als Separatbeilage des „Neuen Archivs*. 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Altei'thumsvereins. 1825—85. 23 

fernerhin derjenige, der vor allen dazu berufen war, Prinz 
Johann. Wenn der Verein in diesem Zeitabsclmitte 
seine Thätigkeit zu erfreulicher Blüthe entfaltet hat, so 
ist dies vor allem sein Verdienst gewesen, und es war 
nur ein schwacher Tribut der Dankbarkeit, wenn der 
Verein am Tage des silbernen Ehejubiläums, am 21. No- 
vember 1847, ihm, dem „Beschützer der vaterländischen 
Vorzeit", eine sinnige Denkmünze, die Münzgraveur Krie- 
ger ausgeführt hatte, überreichte. Zum Vizedirektor 
wählte der Verein am 3. März 1837 den vielseitig ver- 
dienten Forscher auf dem Gebiete der sächsischen Ge- 
schichte Geheimen B,ath Dr. von Langenn, zu dessen 
Stellvertreter Herrn von Kömer auf Neumark; der bis- 
herige Sekretär Bibliothekar Dr. Klemm und der bis- 
herige Kassierer Hofsekretär Grohmann wurden wieder- 
gewählt und zum Stellvertreter des ersteren Cand. Alb. 
Schiffner ernannt. 

Als Herr von Langenn 1845 das Direktorium nicht 
weiter fortführen wollte, trat an seine Stelle Appellations- 
rath Dr. von Stieglitz; ihm folgte 1852 Regierungs- 
rath Dr. H. W. Schulz, der Vorstand des Antiken- 
kabinets, welcher letztere seit 1844 an Stelle von Römers 
bereits Stellvertreter des Vizedirektors gewesen war, 
wozu der Verein nunmehr den Hofrath Dr. Engelhardt 
wälüte. 

Im Sekretariat folgte auf Dr. Klemm im Jahre 1841 
Dr. Wilhelm Schäfer, der seit 1839 schon stellver- 
tretender Sekretär gewesen war: ein Mann von grossem 
Eifer für die Sache und vielseitigem, wenn auch nicht 
tief gehendem Wissen, der sich um den Verein zweifel- 
lose Verdienste erworben hat, bis bedauernswerthe per- 
sönliche Verhältnisse ihn nöthigten, 1847 das Sekretariat 
niederzulegen. Man beschloss nach seiner Abdankung 
die Stellen eines Bibliothekars und eines Kustos vom 
Sekretariat abzuzweigen. Erstere wurde dem Archivar 
Erbstein, letztere dem Oberlieutenant Schreiber über- 
tragen, zum stellvertretenden Bibliothekar Prof. Dr. Löwe, 



24 Hubert Ermisch: 

zum stellvertretenden Kustos derMaler Nortlius ernannt. 
Zum Sekretär aber wählte der Yerein den ApiDellations- 
gericlitsaktuar Nossky , der seit 1846 — nach dem Finanz- 
archivregistrator Segnitz (1841—43) und dem Amts- 
aktuar Pöschmann (1843 — 46) — Stellvertreter des 
Sekretärs gewesen war. 

Die Kassengeschäfte endlich besorgten als Nachfolger 
von Grohmann von 1840—43 Hofrath Dr. Engelhardt, 
dann bis 1849 Oberfiuanzeinnehmer Nollau, seit diesem 
Jahre Advokat Gutbier. Neu geschaffen wurde 1848 
das Amt eines „Prograramatars", dem die Herausgabe 
der Yereinszeitschrift zufiel; es wurde damals dem Dr. 
Arnold Schäfer — dem spätem bekannten Bonner 
Professor — übertragen, ging dann 1850 an den stell- 
vertretenden Sekretär und Bibliothekar Prof. Dr. Löwe 
über und blieb seit dessen Tode (1865) mit dem Sekre- 
tariat vereinigt. 

Die zwölf jährlichen Sitzungen, welche die Statuten 
vorschrieben, fanden, meist unter Vorsitz des Prinzen 
Johann, ziemlich regelmässig statt, wenn auch namentlich 
während des Sommers zuweilen eine derselben ausfiel. 
Das Versammlungslokal blieb die schon erwähnte Räum- 
lichkeit im Parterre des Prinzenpalais; für die Sommer- 
sitzungen wurde 1841 ein Zimmer im ersten Stockwerke 
des Palais im königl. Grossen Garten eingerämnt, wo 
1848 auch die Bibliothek des Vereins aufgestellt Avurde. 
Wie rege die Veremsthätigkeit und wie reichhaltig meist 
die Tagesordnung iii diesen Sitzungen war, beweisen die 
Protokolle. Um sie nicht lediglich mit geschäftlichen 
Angelegenheiten auszufüllen und ihnen ein allgemeineres 
wissenschaftliches Interesse zu geben, wurde 1850 be- 
schlossen, dass fortan in jeder Sitzung durch ein Mitglied 
ein Vortrag gehalten werden und der Gegenstand des- 
selben vorher öffentlich bekannt gemacht werden solle : ein 
Brauch, der sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. 

Ausser diesen regelmässigen Versammlungen fanden 
auch verschiedene ausserordentliche statt, von denen mr 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825 — 85. 25 

liier nur zwei erwähnen, weil sie vor allem das Bestreben 
des Vereins zeigen, auch weitere Kreise für seine Inter- 
essen zu gewinnen. Auf Anregung des Dr. Wilh. Schäfer 
veranstaltete der Vereüi am 24. August 1844 um 5 Uhr 
Naclunittags im grossen Saale der ersten Etage des königl. 
Palais im Grossen Garten eine Generalversammlung, zu 
welcher er auch zalilreiche Nichtmitglieder, Staatsbeamte, 
Gelehrte, Künstler, Kunstfreunde u. s. w. einlud; gegen 
700 Karten waren ausgegeben worden. Der Zweck war, 
„die wahre Tendenz des Yei'eins durch Reden und si)e- 
zielle Vorträge, sowie auch durch Vorlegung von Zeich- 
nungen und Aufstellung von Alterthümern offener dar- 
zulegen". Die stark besuchte Versammlung eröffnete der 
hohe Direktor des Vereins in eigener Person mit einer 
Rede, in welcher er die bisherige Thätigkeit und die 
Zwecke des Vereins in treffender Weise schilderte^"). 
Weitere Vorträge liieltenRegierungsrath Dr. H.W. Schulz, 
Dr. Schäfer und Appellationsgerichtsrath Dr. von Stieglitz ; 
eine Aufführung mittelalterlicher Musikstücke bildete einen 
würdigen Abschluss. 

Eine andere Gelegenheit zu öffentlichem Hervortreten 
bot dem Verein die Feier des 25 jährigen Jubiläums, die 
am 1(3. Juli 1850 in demselben Lokale stattfand. Auch 
hier war es Prinz Johann selbst, der die Versammlung 
mit geistreichen und warmen Worten eröffnete"). Ausser 
ihm sprachen Regierungsrath Dr. Schulz über die Geschichte 
und Bauart der Albrechtsburg in Meissen und Dr. Arnold 
Schäfer über das Verhältnis der Landgrafen von Thü- 
ringen zur Poesie ihrer Zeit. Musikdirektor Kade hatte 
in feinsinniger Weise für den musikalischen Theil der 
Feier gesorgt. — 

Gehen wir nunmehr spezieller auf die Thätigkeit 
des Vereins über, so ist dieselbe auch in diesem Zeit- 



'") MittheiluBgen etc. III, Beilage 1 ; vergl. v. Falkenstein 
in dieser Zeitschrift I, 7 tlg. 

") Mittheilungen etc. IV, 17. Vergl. v. Falkenstein a. 
a. 0. I, 9 flg. 



26 Hubert Ermisch: 

abscliiiitt seines Wirkens vorzugsweise eine konservierende 
gewesen ; die historische Forschung stand noch imniei- im 
Hintergrunde. Um in jener Richtung erfolgreich wirken 
zu können, brauchte der Verein vor allem zweierlei : 
Autorität und Geld. Bereits kurz nach der neuen Kon- 
stituierung des Vereins im April 1837 wandte er sich 
auf Antrag des Vizedirektors von Langenn an das Ge- 
samtministerium mit der Bitte um eine jährliche Beihilfe 
„zu Erhaltung der grösseren Bauwerke des Altertimms 
in ihrer Integrität", von Langenn wünschte, dass dem 
Verein im Zusammenhang hiermit eine ähnliche halb- 
amtliche Stellung überwiesen werden möge, wie sie der 
statistische Verein zu jener Zeit besass. Der Antrag, 
der damals nicht mehr vor die Kammern gebracht werden 
konnte, weil das Budget der Staatsausgaben für die 
nächste Pinanzperiode schon festgestellt war, wurde 1839 
erneuert. Auf den Wunsch des Ministeriums des Innern 
präzisierte der Verein seine Bitte dahin, dass er eine 
jährliche Subvention von 800 Thalern, von denen 300 Thaler 
für die Kreuzgäuge des Freiberger Doms verwandt wer- 
den sollten, erbat. Allein die Kammer lehnte das bezüg- 
liche Postulat der Regierung ab^^), und spätere Gesuche 
hatten ebensowenig Erfolg. 

So war der Verein lediglich auf seine eignen Kräfte 
angemesen, und wenn man dies berücksichtigt, so wird 
man seiner Thätigkeit nur ein glänzendes Zeugnis aus- 
stellen können. 

In der Sitzung vom 7. September 1838 hatte Prof. 
Krüger den Antrag gestellt, der Verein möge sich an 
das Kultusministerium wenden, um die Geistlichen zur 
Aufnahme von Inventarien der in ihren Kirchen vorhan- 
denen Alterthümer zu veranlassen; dabei wurde von 
neuem die Nothwendigkeit eines Gesetzes zum Schutze 
der Alterthümer des Landes betont. Die in dieser 



■») Vergl. Landtagsakten II [. Al)th. I, 644, 647. I. Abth. II, 
31.5. II. Abth. I, 501. 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825—85. 27 

Angelegenheit niedergesetzte Kommission, welche aus 
von Langenn, Klüger und dem Appellationsgerichts- 
präsidenten Meissner bestand, verschloss sich nicht der 
Ansicht, die auch früher schon Prinz Johann vertreten 
hatte, dass die nothwendigste Vorarbeit jeder umfang- 
reicheren konservierenden Thätigkeit die Aufnahme eines 
Inventars über die im Lande und namentlich in den Kii'chen 
vorhandenen Alterthümer sei. Um zu einem solchen zu 
gelangen, schlug man den Weg vor, der später wieder- 
holt in verschiedenen Gegenden Deutschlands versucht 
worden ist, aber immer zu den gleichen, unbefriedigenden 
Resultaten geführt hat: man versuchte das Inventar durch 
Mittheilungen von Alterthumsfreuuden ün ganzen Lande 
zu Stande zu bringen. Die Herren Meissner, Krüger 
und Freiherr von Odeleben arbeiteten eine kleine Brochüre 
aus, welche in aller Kürze eine Anleitung zur Beschreibmig 
von Kü'chen und Idrchlichen Gegenständen aller Art 
und ein hierzu bestimmtes Formular enthielt. Diese 
Brochüre erschien in einer Auflage von 2000 Exemplaren 
unter dem Titel: „Sendschreiben des Königlich Sächsi- 
schen Alterthums -Vereins an die Freunde kirchlicher 
Alterthümer im Königreiche Sachsen. Mit vier litho- 
graphierten Blättern. Dresden 1840", und wurde, durch 
Vermittlung des königlichen Kultusministeriums, in zahl- 
reichen Exemplaren im Lande verbreitet; Stadträthe, 
Kollatoren, Kircheninspektoren, namentlich aber die Geist- 
lichen selbst sollten sich dadurch veranlasst sehen, Be- 
schreibungen ihrer Kirchen einzusenden. In der Tliat 
gingen eine grosse Menge Beschreibungen, Zeichnimgen 
und dergl. ein; sie bilden einen beträchtlichen Tlieil 
unseres Vereinsarchivs; indes dürfte das — bisher noch 
fast gar nicht verwerthete — Material sich bei näherer 
Prüfung als von sehr ungleichem Wertlie erweisen. 

Wurde der Zweck, den man im Auge hatte, so auch 
nicht vollständig erreicht, so war doch das Sendschreiben 
in mehr als einer Hinsicht den Vereinszwecken förderlich : 
es gewann ihnen eine Menge thätiger Mitarbeiter im 



28 Hubert Ermisch: 

ganzen Lande und gewährte den Mitgliedern selbst man- 
nigfache Anregung. Nicht zufällig ist es, wenn in der- 
selben Zeit die Geschichte des Alterthumsmuseums 
beginnt. 

Zwar besass der Verein seit seinen ersten Jahren 
eine kleine Sammlung von Alterthümern; dieselbe wurde 
jedoch, wie wir oben erwähnten, im Jahre 1832 in Er- 
mangelung eines geeigneten Lokals an die verschiedenen 
Dresdner Museen vertheilt. Das Bedürfnis eines aus- 
reichenden Sammlungsraumes stellte sich fühlbarer heraus, 
als im Jahre 1839 bei Abtragung der Eartholomäus- 
kapelle zu Dresden die in derselben befindlichen theil- 
weise hochinteressanten Kunstwerke — u. a. die herr- 
liche Grablegung Christi aus dem Anfang des 15. Jahr- 
hunderts, die man vielleicht als das schönste Werk unsers 
Museums bezeichnen kann — dem Alterthumsverein zur 
ferneren Auf bcAvahrung überwiesen wurden. Durch könig- 
liche Gnade wm-de dem Verein nunmehr ein geräiuniges 
Parterrelokal des Palais im königlichen Grossen Garten 
gewährt. 

Rasch mehrte sich die Sammlung, namentlich da der 
Verein seit etwa 1841 sich bereit finden liess, kirchliche 
und andere Alterthümer, für deren sichere Aufbewahrung 
die betreffende Gemeinde oder der Eigenthümer keinen 
Raum hatte, unter Vorbehalt des Eigenthumsrechtes der 
bisherigen Besitzer im Museum aufzubewahren ; die kaum 
50 Nummern, mit denen 1839 der Grund zum Museum 
gelegt war, hatten sich in 5 Jahren bereits auf 700 ver- 
mehrt. Dies schnelle Wachsthum wäre unmöglich ge- 
wesen, wenn nicht durch Erlass des königlichen Haus- 
ministeriums vom 12. Juli 1841 auch die übrigen Parterre- 
lokalitäten des Palais dem Vereine überwiesen worden 
wären. 

Zum Oberaufseher des Museums wurde 1841 Baron 
von deichen gewählt; als Kustos fungierte bis 1847 
Dr. W. Schäfer, der durch den Eifer, mit dem er 
unermüdlich im Lande nach Alterthümern herumstöberte. 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825—85. 29 

einen wesentlichen Antheil am Gedeihen des Museums 
hatte. 1847 ward die Oberleitung des Museums, wie 
schon bemerkt, dem Oberlieutenant Schreiber, dann 
1850 dem Professor K r ü g e r übertragen, unter welchen 
1847—1852 der Maler Nordhus als Kustos, seit 1853 
der Kupferstecher Kejd als Inspektor standen. , 

Die Altersbestimmung und die Inventarisation der 
Gegenstände des Museums wurde 1840 einer besonderen 
Kommission des Vereins übertragen, bei Avelcher nament- 
lich II. V. Römer auf Neumark, Hofrath Dr. Klemm, 
Direktor Frenzel, Prof. Dahl, Prof. Krüger, Dr. W. Schäfer 
und die Maler Otto Wagner und ISFoi'dhus sich bethei- 
ligten und m welcher seit 1843 der Regierungsratli Dr. 
H. W. Schulz den Vorsitz führte. Sie löste ihre Auf- 
gabe zu voller Befriedigung, so dass 1845 die Heraus- 
gabe eines Katalogs beantragt werden konnte. Dr. Schulz 
unterzog sich dieser Arbeit, die allerdings eine Reihe 
von Jahren in Anspruch nahm; erst 1852 erschien der 
„Führer durch das Museum des Königl. Sachs. Vereins 
zur Erforschung und Erhaltung vaterländischer Alter- 
thümer im Königl. Palais des Grossen Gartens"'^), eine 
sehr verdienstvolle Arbeit, welche die Grundlage der 
späteren Neubearbeitungen geblieben ist. 

In dem Museum hatte sich der Verein ein unent- 
behrliches Hilfsmittel für seine erhaltende Thätigkeit ge- 
schaffen. Gleichwohl fehlte es ihm auch nicht an Geg- 
nern ; man machte dem Verein den Vorwurf, er beraube 
das Land seiner Alterthümer und entkleide die Kirclien 
ihrer Denkwürdigkeiten. Wohl mochte der Übereifer 
einzelner, namentlich des Dr. W. Schäfer, zu derartigen 
Vorwürfen vielfach Anlass geben; aber ein Blick auf 
die sonstige Thätigkeit des Vereins hätte jedem zeigen 
können, dass dieselben ungerechtfertigt waren. Prinz 
Johann hatte seit dem Bestehen des Vereins unentwegt 
an dem Grundsatze festgehalten, dass stets in erster 



») Mitth. VI, 45 flg. 



30 Hubert Ermisch: 

Linie auf eine Erhaltung der Altertliümer und Kunst- 
werke an ihrer heimathlichen Stätte hinzuwirken sei; 
§jne Zentralisierung derselben lag ihm durchaus fern; 
nur dann, wenn sie, wie leider so oft, sichtlich dem 
Untergange entgegen gingen, sollte die Überführung in 
das Dresdner Museum in Vorschlag gebracht werden. 

So liefei'n denn die Protokolle fast jeder Sitzung 
zahlreiche Beweise der Fürsorge, welche der Verein den 
Alterthümern und Kunstwerken im ganzen Lande zu 
Theil werden Hess. Aus der langen Eeihe von Einzel- 
heiten, die wir hier nennen könnten, sei es gestattet, nur 
weniges hervorzuheben. 

Wenden wir unsern Blick zunächst an diejenige 
Stätte Sachsens, die dem Historiker wie dem Kunst- 
freunde stets besonders anziehend sein wird, nach Frei- 
berg. 

Hier forderte vor allem der Dom das thätige Ein- 
greifen des Alterthumsvereins. Der aus dem Anfang 
des 1(3. Jahrhunderts stammende, schöne Kreuzgang, der 
denselben auf der Süd- und "Westseite umgab, war be- 
reits Anfang der dreissiger Jahre dem Einsturz nahe, 
und man dachte daran ihn abzutragen. Prinz Johann, 
der lebhaftes Interesse an demselben nahm, zog Erkun- 
digungen darüber ein: ein Brief des Bibliothekar Dr. 
Klemm an Ebert (vom 27. Januar 1833), welchen dieser 
dem Prinzen übergab, enthält eine traurige Schilderung 
von dem Zustande des Bauwerks. 

Doch vergingen noch mehrere Jahre, ohne dass etwas 
für dasselbe geschah. Am 28. Mai 1836 erliess der 
Oberhofmarschall von ßeitzenstein eine Einladung zur 
Unterzeichnung von Aktien für Erhaltung des Kreuz- 
gangs. Die Stadt hatte sich bereit erklärt, dem zu bilden- 
den Vereine, wenn derselbe ein Kapital zusammenbringen 
würde, mit dessen Hilfe die Kreuzgänge nebst der Annen- 
und der Schönlebeschen Begräbniskapelle nicht nur gut 
und tüchtig wiederhergestellt, sondern auch späterhin in 
b{\ulichem Wesen erhalten werden könnten, das Dispo- 



Zur Geschiclite des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825 — 85. 31 

sitions- und Benutzungsrecht dieser Gebäude unter Vor- 
behalt des Eigenthums an denselben und einigen weiteren 
Bedingungen zu überlassen. Die Kosten der Wieder- 
herstellung wurden auf 600 Thaler, das ganze erforder- 
liche Kapital auf 1800—2000 Thaler veranschlagt. 

Dieser Aufruf, der in allen Theilen des Landes den 
freudigsten Anklang fand, hatte den Erfolg, dass bis 
zum Jahre 1837 bereits die Summe von 1543 Tlialer 
gezeichnet und grösstentheils auch eingezahlt war; sie 
vermehrte sich in der Folge noch erheblich. Es braucht 
kaum hervorgehoben zu werden, dass an der Spitze der 
Zeichner der König und die sämtlichen Prinzen und 
Prinzessinnen des königlichen Hauses mit bedeutenden 
Beiträgen standen. 

Am 4. November 1836 übergab Herr von ßeitzen- 
stem die Angelegenheit dem Alterthums verein, der für 
dieselbe eine aus den Herren von Reitzenstein, Kammer- 
herr Freiherr von Friesen, Appellationsgerichtspräsident 
Meissner in Dresden, Archidiaconus Gühloff, Eektor 
Rüdiger und Oberbergamtsarchitekt Heuchler in Freiberg 
zusammengesetzte Deputation bildete, welcher später 
noch Oberberghauptmann Freiherr von Herder, Biblio- 
thekar Dr. Klemm und Hofsekretär Grohmann (als Kas- 
sierer) beitraten. Diese Deputation beschloss, den neu 
zu erbauenden Kreuzgang zu einem Museum für Alter- 
thümer der Stadt Freiberg und der Freiberger Gegend 
einzurichten; in dasselbe sollten vor allem die in der 
sogenannten „Götzenkammer" der Domkirche, sowie auf 
den Böden der anderen Freiberger Kirchen und der 
Kommungebäude aufbewahrten Gegenstände aufgenommen 
werden. 

Bis zum Jahre 1842 waren die erforderlichen Arbeiten, 
um welche sich namentlich der Architekt Heuchler sehr 
verdient gemacht hatte, ausgeführt'^); der Kreuzgang 



'*) Für Einzelheiten vergl. namentlich die beiden von Klemm 
und Freiherrn von Friesen verfassten „Berichte über die Be- 



32 Hubert Ermisch: 

war gerettet und in ein Museum verwandelt worden. 
Von den disponibeln Geldern blieb nocli ein Kassen- 
bestand von 250 Thalern übrig. Die Deputation löste 
sich auf; an ihrer Stelle ernannte Prinz Johann ein neues 
Comite „für die Beaufsichtigung des Museums in den 
Freiberger Domkreuzgängen". 

Leider sollten die Freiberger Kreuzgänge dem Vereine 
in der Folge noch so manche Sorge bereiten. Die Feuch- 
tigkeit namentlich, die durch nichts zu beseitigen war, 
schädigte das Bauwerk und bedrohte die in demselben 
aufgestellten Alterthümer in hohem Grade ; ja selbst 
das herrlichste Kunstwerk des Doms, die Goldene Pforte, 
zeigte ihren verhängnisvollen Einfluss. In den Jahren 
1851 flg. waren wiederum umfängliche und kostspielige 
Bauten nöthig; die Alterthümer aber wanderten im 
Jahre 1854 in das Dresdener Yereinsmuseum, dessen 
Zierde sie noch heute bilden. 

Seit den ersten Jahren des Vereins hatte derselbe 
seine Aufmerksamkeit den Ruinen des Klosters AI tz eile 
zugewandt ; schon 1826 hatte Oberhofgerichtsrath von Zeh- 
men dem Vereüi ein chronologisches Verzeiclmis der das 
Kloster betreffenden Urkunden überreicht, auch waren 
schon damals topographische Untersuchungen auf Grund 
alter Pläne vorgenommen worden. Was in der Folge 
geschah, war hauptsächlich der Thätigkeit des Hofgärtner 
Schmidt zu danken, der auf eigene Kosten Nachgrabungen 
veranstalten liess und mancherlei zu Tage förderte, aber 
freilich ohne die wünschenswerthe Planmässigkeit ver- 
fuhr. Erst 1838 nahm sich der Verein wieder des Klosters 
an und übertrug die Sorge für dasselbe dem Comite für 
die Freiberger Kreuzgänge, welches den Rentamtmann 
Ed. Beyer — denselben, der 1855 eine treffliche Geschichte 
des Klosters herausgegeben hat — kooptierte und syste- 
matische Ausgrabungen in Angriff nahm, die ein neues 



grüudung eines Museums vaterländischer Alterthümer und Kunstwerke 
in den Kreuzgängen des Doms zu Freiberg". Dresden 1837 und 1838. 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825 — 85. 33 

1841 eingesetztes Comite fortsetzen Hess. Auch zu diesen 
Arbeiten wurden dem Verein von höclister Stelle Unter- 
stützungen gewährt. So wurden bis zum Jahre 1852 
zahlreiche Alterthümer zu Tage gefördert und für ihre 
Erhaltung gesorgt, der Plan der Klostergebäude ziemlich 
festgestellt, aucli emzelne Restaurationen ausgeführt. 

Handelte es sich hier um eine altehrwürdige Be- 
gräbnistätte des Hauses Wettin, so sorgte noch in einem 
anderen Falle der Verein für die angemessene Unter- 
bringung der sterblichen Überreste eines Vorfahren des- 
selben. Schon 1834 hatte der Verein sächsischer Alter- 
thumsfremide darauf aufmerksam gemacht, dass die Ge- 
beine des 1307 ermordeten Markgrafen Diezmann in 
der Paulinerkirche zu Leipzig in durchaus unwürdiger 
Weise aufbewahrt wurden. Der Alterthumsverein nahm 
1838 die Angelegenheit wieder auf; auf das bereitwilligste 
ging, wie nicht anders zu erwarten war, König Friedrich 
August auf die gemachten Vorschläge em und übernahm 
die gesamten Kosten. Professor Rietschel führte in 
Cottaer Sandstein eine Tumba aus, die, mit einer von 
Prof. Dr. Grottfried Herrmann verfassten Inschrift ver- 
sehen, in der Mitte des Chors der Paulinerkirche Auf- 
stellung fand. In feierlichster Weise wurde sie am 
17. Dezember 1841 im Namen des Vereins durch Kammer- 
herrn von Friesen, der sich besondere Verdienste um das 
Zustandekommen des Grabmals erworben hatte, den Depu- 
tierten der Universität übergeben. 

Noch eine andere Aufgabe übernahm unser Verein 
als Hinterlassenschaft des Vereins der Alterthumsfreunde. 
Veranlasst durch die Schenkung eines Kapitals von 
100 Thalern, welche das von Römer'sche Gescldecht im 
Jahre 1835 dem letztern „zu AViederherstellung eines 
derselben würdigen, einem ölfentlichen frommen Zweck 
gewidmeten Kunstwerkes der vaterländischen Vorzeit, 
mit besonderer Berücksichtigung des erzgebü-gischen 
Kreises" Übermacht hatte, hatte der genannte Verein sich 
entschlossen, die werthvollen Altarbilder der Kirche zu 

Neues Archiv f. S. Ü. u. A. VI. 1. 2. 3 



34 Hubert Ermisch: 

Buch holz, die sich ursprünglich im Franziskanerkloster 
zu Annaberg befanden, auf seine Kosten restaurieren zu 
lassen. Nach jahrelangen Verhandlungen, die ihren Grund 
ebenso wolü in der Mittellosigkeit der Gemeinde, als in 
dem beschränkten Misstrauen einzelner Glieder derselben 
hatten, gelangten die Gemälde 1837 nach Dresden. Hier 
ergab sich, dass die 10 aus dem Ende des 15. Jahrhunderts 
stammenden Bilder im 16. Jahrhundert fast sämtlich 
vollständig übermalt und die ursprünglichen Darstellungen 
in protestantischem Sinne verändert worden waren. Im 
Einverständnis mit der Kircheninspektion zu Buchholz 
wurde die Übermalung beseitigt und die Restauration 
der ursprünglichen Bilder durchgeführt, eine sehr mühe- 
volle Arbeit, welche der Maler Fr, L. Lehmann in den 
Jahren 1838 — 1840 mit grossem Geschick für ein Honorar 
von 270 Thaler ausführte; am 28. Mai 1840 wurden sie 
der Kirche zu Buchholz wieder zugestellt. 

Wichtiger und folgenreicher wurde es, dass der Verein 
seine Aufmerksamkeit auch derjenigen Stätte zuwandte, 
die für die Geschichte wie für die Kunstgescliichte des 
Landes eine ganz besonders hohe Bedeutung hat, der 
Stadt Meis sen. Gerade ihre hervorragendsten Bauwerke, 
der Dom und die Albrechtsburg, bedurften dringend einer 
sachverständigen Fürsprache; freilich handelte es sich 
dabei um Aufgaben, zu deren Lösung die Kräfte des 
Vereins weitaus nicht reichten, er musste sich darauf 
beschränken, Anregungen zu geben, nnd diese haben ja 
bekanntlich die schönsten Erfolge erzielt. Über den Dom 
gab im Auftrage des Vereins Prof. Gottfried Semper im 
Jahre 1843 ein interessantes Gutachten ab ; in wie 
grossem Sinne er seine Aufgabe auifasste, bezeugt der 
Umstand, dass er die Restauration des Domes in Ver- 
bindung mit einer Wiederherstellung der Albrechtsburg 
ausgeführt wissen wollte : 

Die Kirche könnte aber nur dann ihre alte Bedeutung zum 
Theil wieder erlangen, wenn das daran stossende Schloss, die 
Stammburg unsers erhabenen Königshauses, aus seiner jetzigen Er- 



Zi;r Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825—85. 35 

niedrigling wieder zur Fürstenwohnung erhoben würde. Alsdann 
würde Ein Plan die Wiederherstellung des Schlosses und der Kirche 
und die Vereinigung heider Denkmäler zu einem Ganzen umfassen. 
Aber der Umfang eines solchen Planes und das Durchdringen des- 
selben in allen seinen Bestandtheilen setzt bedeutende Vorarbeiten 
u. s. w. voraus. 

In der That geschah in den folgenden Jahren, nicht 
ohne dass der Verein noch Aviederholt sich darum be- 
mühte, mancherlei für den Dom. Dagegen kam die Frage 
einer Restanration der Albrechtsburg, in welcher bekannt- 
lich seit 1710 die Porzellanmanufaktur betrieben wurde, 
erst später in Fluss. Geheimrath Dr. von Langenn, der 
bereits im Jahre 1838 auf die ihr drohenden Grefahren, 
aufmerksam gemacht hatte und im Jahre 1851, als man 
von einer beabsichtigten Reparatur des Treppenthurmes 
hörte, mit einer Besichtigung des Bauwerkes beauftragt 
worden war, erstattete am 12. März 1851 einen aus- 
führlichen Bericht über das Ergebnis derselben, nach 
welchem die Zerstörung des herrlichen Bauwerks be- 
reits weit vorgeschritten und gänzlicher Verfall des- 
selben zu befürchten war, wenn nicht energische Gegen- 
massregeln getroifen würden. Indessen obwolil der Verein 
sich möglichst in diesem Sinne bemühte, obwohl auch 
der 1852 in Dresden begründete Gesaratverein der 
deutschen Geschichts- und Alterthumsvereine ein drin- 
gendes Gesuch um Erhaltung der Albrechtsburg an den 
König richtete, wurde zunächst doch nur wenig erreicht; 
nicht einmal die Aufstellung eines Pochwerks mit Dampf- 
betrieb, das die Festigkeit des Mauerwerks in liohem 
Grade gefährde, konnte verhindert werden (1855). 

Ebenso gelang es dem Verein nicht, den Abbruch 
der bei der Afrakirche gelegenen v. S chle in itz 'sehen 
Begräbniskapelle (1854) abzuwenden. 

So Hessen sich noch viele andere Einzelheiten an- 
führen, welche den treuen Eifer des Vereins für die Er- 
haltung der vaterländischen Alterthümer beweisen. 

Dieser erhaltenden Thätigkeit des Vereins gegenüber 
tritt die eigentlich forschende mehr in den Hintergrund; 

3* 



36 HulDert Ermisch: 

jedoch wäre man durchaus im Irrthum, wollte man dies 
aus prinzipiellen Gründen erklären. Im Gegentheil bestand 
fortwährend die Auffassung, dass auch Forschungen auf 
dem Gebiete der sächsischen Geschichte zu den Aufgaben 
des Vereins gehörten ; namentlich Prinz Johann hat diese 
Aulfassung in den verschiedeneu von uns angeführten 
Eeden, die er bei festlichen Anlässen hielt, scharf betont. 
Indes diese Seite der Vereinsthätigkeit äusserte sich haupt- 
sächlich nur in Vorträgen über historische Gegenstände 
und in den Aufsätzen der Vereinszeitschrift. An ersteren 
betheiligte sich auch der hohe Vorsitzende des Vereins 
lebhaft ; er hielt Vorträge über die Wohnsitze der Deut- 
schen und Slaven am linken Eibufer, über die Bauart 
slavischer Dörfer, über das Vorkommen der Slaven in 
Franken, über eine Bulle Gregors X. für die Nonnen zu 
Grimma, referierte über ein Werk Landau's „Die Terri- 
torien in Bezug auf ihre Bildung und EntAvickelmig" und 
dergl. mehr. Prinz Johann war es auch hauptsächlich, 
der 1844 aus Anlass der damals erschienenen Spracli- 
karte Bernhardi's den Verein bestimmte, amtliche Er- 
hebungen über die Grenzen des wendischen Sprachgebiets 
in der Oberlausitz zu veranlassen '^). Als 1841 die ge- 
schäftlichen Angelegenheiten die Sitzungen vollständig 
auszufüllen drohten, wurde auf Antrag des Dr. Dittmann 
beschlossen, sogenannte „historische Sitzungen", in denen 
nur Vorträge gehalten werden sollten, einzuführen; jedoch 
hatte diese Einrichtung keinen Bestand: Grössere Publi- 
kationen historischen Charakters wurden wiederholt an- 
geregt, kamen aber nicht zur Ausführung. So beantragten 
von Langem! (1839) und später Archivar Erbstein die 
Bearbeitung eines Diplomatarium Saxonicum ; hides so all- 
gemein diese Aufgabe als eine der wichtigsten, die auf 
dem Gebiete der sächsischen Geschichte zu lösen waren, 
anerkannt wurde, konnte sich der Verein doch nicht der 
Wahrnehmung verschliessen, dass seine Mittel zur Lösung 



'») Vergl. Mittheilungen III, 71 flg. 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825—85. 37 

derselben bei weitem nicht ausreichten, und beschränkte 
sich darauf, dem Ministerium des Innern die Herausgabe 
eines Urkundenwerks zur Erwägung anheimzustellen. 
Dr. Wilh, Schäfer beantragte dann 1844, der Verein 
möge mit Unterstützung der Regierung wenigstens ein 
Inventarium diplomaticum Saxöniae in Angriff nehmen, 
d. h. eine handsclu-iftliche Sammlung der in den Archiven 
der Städte, Ämter u. s. av. vorhandenen urkundlichen und 
chronikalischen Xotizen zur sächsischen Geschichte'®); 
allein auch dieser Antrag blieb ohne Folgen. El)enso 
fand ein Antrag des Advokaten Gautsch auf Begründung 
einer Zeitschrift für sächsische Geschichte (1842) keine 
Annahme ; Gautsch hat dann kurze Zeit auf eigene Kosten 
ein „Archiv für sächsische Geschichte'* erscheinen lassen. 
Ebenso Hess man einen Plan zur Herausgabe von Por- 
träts sächsischer Fürsten (1837 — 1839) bald wieder fallen. 
Ein späterer Besclüuss, die historischen Arbeiten des 
Vereins von den kunstgeschichtlichen zu trennen, gab 
Anlass zu einer beachtenswerthen kleinen Schrift von 
Langenns „Züge aus dem Familienleben der Herzogin 
Sidonie und ihrer fürstlichen Verwandten aus dem 15. 
und 16. Jahrhundert'', die als erstes Heft der „Mittheil- 
ungen des Königl. Sachs, Alterthumsverein historischen 
Inhalts" erschien; diese Sammlung wurde jedoch nicht 
fortgesetzt, und die beabsichtigte Publikation bisher 
noch unedierter Briefe sächsischer Fürsten unterblieb 
ebenfalls. 

Erwähnen wir schliesslich noch, dass das königliche 
Kultusministerium im Jahre 1853 den Verein um eine 
Begutachtung des Atlas zur Geschichte der sächsischen 
Länder von M. M. Tutzschmami ersuchte; Appellations- 
rath Dr. von Stieglitz bearbeitete dasselbe"). 

So hat der Alterthumsverein während der Jahre 
1837 — 1855 nach allen Seiten liin eine rege Thätigkeit 



'«) Vergl. Mittheilnngen III, 60. 
") Mittheilungen VII, 23 Hg. 



38 Hubert Eruiisch: 

entfaltet. Das Hauptverdienst an derselben gebührt der 
lebendigen Tlieilnalime seines höchsten Direktors. Es 
war daher ein sehr naheliegender Gedanke, als im 
Jahre 1851 Baurath von Quast den Prinzen Johann auf- 
forderte, bei einer im August 1852 nach Dresden zu 
berufenden Versammlung deutscher Geschichts- und Alter- 
thumsforscher, welche den seit Jahrzehnten namentlich 
von dem als Gründer des Nürnberger Nationalmuseums 
hochverdienten Freiherrn Hans von und zu Aufsess geheg- 
ten Plan einer Vereinigung der gesamten in Deutschland 
bestehenden Geschichts- und Alterthumsvereine zur Aus- 
führung bringen sollte, das Präsidium zu übernehmen. 
Der Prinz erklärte sich dazu bereit, und sein ^"erdienst 
ist es vor allem, wenn diese Versammlung, die in den 
Tagen vom 16. bis 19. August 1852 stattfand, nicht, 
wie mehrere frühere in dieser Richtung gemachte Ver- 
suche, resultatlos verlief, sondern den Grundstein legte 
zum Gesamtverein der deutschen Geschichts- 
und Alterthumsvereine, der sich dann im September 
desselben Jahres zu Mainz konstituierte. So bedeutungs- 
voll dieser Vorgang auch war und so ehrenvoll die Stell- 
ung, die unser Alterthumsverein bei demselben einnahm, 
so glauben wir doch nicht näher darauf eingehen zu 
sollen, da er der Vereinsgeschichte im engeren Sinne 
ferner liegt'**). Wir erwähnen nur noch, dass das Direk- 
torium des Gesamtvereins wie die Herausgabe seines 
Organs, des „Korrespondenzblattes", unserm Verein über- 
tragen wurde. Auch der zAveiten Versammlung des Ge- 
samtvereins, die vom 13. bis 16. September 1853 in 
Nürnberg tagte, präsidierte Prinz Johann. Das er- 
schütternde Ableben seines königlichen Bruders hinderte 
ihn am Besuch der dritten, im September 1854 in Münster 
stattfindenden Versammlung, bei welcher der Dresdner 
Verein das Direktorium trotz der allseitigen dringenden 
Bitten nicht mehr weiterführen zu können erklärte. 



' *) Vgl. den Bericht über die Versammlung. Mitth. VI, 109 flg. 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthumsvereins. 1825—85. 39 

4. Der Alterthuiusverein unter dem Präsidium des 
Prinzen Georg. 1855—1885. 

Am 9. August 1854 hatte bekanntlich ein jäher Tod 
dem Lande seinen geliebten Fürsten entrissen. Prinz 
Johann bestieg den Thron und sah sich dadurch genö- 
thigt, das Direktorium des Alterthumsvereins niederzu- 
legen. Indes die Huld des hohen Herrscherhauses sollte 
dem Verein auch in der Folgezeit gewahrt bleiben. Auf 
die Bitte des Vorstandes erklärte sich Se. Königi. Hoheit 
Prinz Georg bereit, das Präsidium des Vereins fortan 
zu führen. Am 22. Januar 1855 übernahm er dasselbe 
in einer feierlichen ausserordentlichen Sitzung. 

Ein Menschenalter ist seitdem verflossen, und der 
Verein kann ebenso stolz darauf sein als er dankbar da- 
für ist, dass während dieser drei Jahrzehnte sehi hoher 
Präsident mit derselben hingebenden Pflichttreue imd mit 
demselben tief eindringenden Sachverständnis seine Ar- 
beiten geleitet hat, wie dies während eines gleichen 
Zeitraums sein erlauchter Vater gethan. Mit seltenen 
Ausnahmen hat er stets persönlich unsern Sitzungen zu 
präsidieren geruht, und es gab keine Frage von irgend 
welchem Belang, in welcher sein kundiges ürtheil nicht 
zum Wohl der Sache eine ausschlaggebende Bedeutung 
gehabt hätte. Möge seine Leitung noch lange dem Ver- 
eüi zum Segen gereichen. 

Dass der Verein es für eine theure Ehrenpflicht hielt, 
dem geliebten Herrscherhause bei Freud und Leid Beweise 
seiner innigen Theilnahme darzubringen, ist unter diesen 
Umständen nur natürlich. So überreichte er bei Ge- 
legenheit der Vermählung seines hohen Präsidenten am 
4. Juni 1859 demselben eine vom Maler Rolle geschmack- 
voll ausgeführte Votivtafel, ebenso bei der Jubelfeier 
des unvergesslichen Königs Johann im Jahre 1872 eine 
Glückwunschadresse. Noch in der Erinnerung aller sind 
die tiefgefühlten Worte, welche am 8. November 187;-] 
Geheimrath von Weber dem Gedächtnis des entschlafenen 



40 Hubert Ermisch: 

Monarchen widmete. Und eben rüsteten wir nns im 
verflossenen Jahre, die silberne Hochzeit unseres er- 
lanchten Protektors würdig zu begehen, als das erschüt- 
ternde Dahinscheiden seiner hohen Gemahlin auch den 
Verein in tiefe Trauer versetzte. 

Es sei uns gestattet, im Übrigen diese zweite Hälfte 
der Vereinsgeschichte nur in allgemeinen Umrissen an- 
zudeuten. Kein bemerkbarer Abschnitt trennt sie von 
der Gegenwart, und nur ungern behandeln mr Zeiten, 
die noch nicht abgeschlossen hinter uns liegen. Zudem 
kennen ja alle Yereinsmitglieder, für welche diese unsere 
Darstellung vor allem bestimmt ist, grössere oder ge- . 
ringere Theile dieses Zeitraumes aus eigener Erfahrung. 
Möge, vielleicht beim hundertjährigen Jubiläum des Ver- 
eins, ein Fortsetzer unserer Chronik das nachholen, was 
wir hier glauben unterlassen zu sollen. 

Dass die Ziele unserer Vereinsthätigkeit immer all- 
gemeinere Anerkennung gefunden haben, beweist vor 
allem eine bemerkenswerthe Thatsache. Kam seiner 
Zeit die vom Prinzen Johann vorgeschlagene Gründung 
von ZAveigvereinen in ganz Sachsen nicht zur Ausführ- 
ung, so haben die letzten Jahrzehnte eüie ganze Reihe 
von Alterthumsvereinen in verschiedenen Theilen des 
Landes ins Dasein gerufen. Es bildeten sich solche in 
Zwickau (1857), Freiberg (1860), Leisnig (1866), Leipzig 
(1867), Dresden (1869), Chemnitz (1872), Plauen (1873), 
Meissen (1880). Alle traten mit unserem Verein in 
freundschaftliche Verbindung; einer von ihnen, nämlich 
der Freiberger Altert humsver ein , dessen Stifter, der 
Buchdruckereibesitzer H. Gerlach, sich sehr anerkennens- 
werthe Verdienste um die sächsische Alterthumskunde 
und besonders um seine Stadt erworben hat, wiu'de auf 
seinen Wunsch sogar als Zweigverem mit dem Kgl. 
Sachs. Alterthumsverein verbunden. 

Die äussere Verfassung unseres Vereins, dessen Mit- 
gliederzahl zwar bis 1875 eine Abnahme (bis auf 106) 
zeigte, seitdem aber wieder bedeutend gewachsen ist und 



Zur Geschichte des Kg\. Sachs. Alterthumsvereins. 1825—85. 41 

gegenwärtig*, abgesehen von 4 Ehrenmitgliedern und 10 
korrespondierenden Mitgliedern, 207 beträgt, ist während 
dieser 30 Jahre dieselbe geblieben. Zwar wurde in 
Folge der Veränderung des Vereinsgesetzes eine Be- 
arbeitung neuer Statuten (vom 5. Dezember 1870) notli- 
wendig ; indes dieselben änderten die ])isherigen in keinem 
Avesentlichen Punkte. Auf Grund dieser Statuten, in 
welchen der Verein sich juristische Persönliclikeit bei- 
gelegt hatte, erfolgte die Eintragung desselben in das 
Genossenschaftsregister für die Stadt Dresden. 

Was den Vorstand anlangt, so machte das Ableben 
des um den Verein vielfach verdienten Geh. Hofrath 
Dr. H. AV. Schulz (15. Aprü 1855) die Neuwahl eines 
I. Direktors — so wurde der bisherige „Vizedirektor" 
bezeichnet, während der hohe Protektor des Vereins sich 
fortan Präsident nannte — nothwendig. Dieselbe fiel 
auf den Oberbibliothekar Hofrath Dr. Klemm, der 
früher bekanntlich bereits als Sekretär dem Verein nütz- 
lich gewesen war; als IL Dii^ektor folgte 1856 auf Hof- 
rath Dr. Engelhardt Legationsrath von Carlowitz- 
Maxen und, als dieser nach wenigen Monaten starb, 
Generalmajor a. D. Graf von Baudissin. Als Klemm 
eine Wiederwahl 1863 ablehnte, wurde der Wirkl. Geh. 
Rath und Präsident Dr. von Langenn, der früher 
schon (1837 — 1845) den Verein geleitet hatte, zum 
I. Direktor gewählt. Nach seinem Tode 1868 trat an 
seine Stelle der Direktor des Hauptstaatsarchivs Ministe- 
rialrath Dr. Karl von Weber, der seit 1864 als Nach- 
folger des Grafen Baudissin II. Direktor gewesen war, 
während der Direktor des königl. histor. Museums und 
anderer Sammlungen Prof. Dr. Hermann Hettner in 
diese Stelle gewählt wurde. 1878 lehnten beide Direk- 
toren eine Wiederwald ab; der Verein wählte am 
4. März 1878 zum I. Direktor den Generalmajor von 
Carlowitz, zum IL Direktor den Privatdozenten am 
kgl. Polytechnikum Dr. Steche. 

Das Sekretariat des Veieins versah Appellations- 



42 Hubert Ermisch: 

gericlitsratli Nossky, bis er 1870 als Präsident an das 
Ai)pellationsgericlit zu Bautzen versetzt wurde; vierund- 
zwanzig Jahre lang liat er, den wir noch heute als eines 
der eifrigsten Mitglieder unseres Vereins kennen, mit 
treuer Hingabe das mühsamste unter den Vereinsämtern 
verwaltet. Als sein Stellvertreter sowie als Bibliothekar 
und Programmatar fungierte 1855—1865 Prof. Dr. Löwe, 
dem nach dem Tode des bisherigen Vorstandes der Hand- 
zeichnungensammlung Grafen von Baudissin (1864) auch 
diese übertragen wurde. In all seinen Ämtern folgte 
ihm 1865 der Sekretär beim Hauptstaatsarchiv Dr. 
Joh. Falke, der 1870 auch das Sekretariat übernahm; 
ihm folgte 1876 der Archivar am Hauptstaatsarchiv 
Dr. Posse, 1877 der Verfasser der vorliegenden Dar- 
stellung. 

Zum Kassierer wurden 1861 Advokat Schmidt, 
1863 Dr. jiir. Edler von Querfurth, 1865 General- 
major von Witzleben, 1873 Oberst z. D. Andrich, 
1879 Bibliothekar am Ende gewählt. 

Die Oberaufsicht über das Museum endlich Avurde 
1856, nachdem Prof. Krüger, der sich manches Verdienst 
um dasselbe erworben hatte, wegen Kränkliclikeit sein 
Amt niedergelegt, dem Historienmaler Rolle, 1859 dem 
Baurath Stapel, 1862 dem Inspektor des kgl. histor. 
Museums Büttner übertragen. Die Stelle eines In- 
spektors des Alterthumsmuseams bekleidet seit dem Tode 
Keyls (1870) der Feldwebel a. D. Bobe. 

Von den 12 jährlichen Sitzungen des Vereins waren 
während der Sommermonate gewöhnlich einige ausge- 
fallen. Im Jahre 1868 wurde ihre Zahl endgültig auf 
6 beschränkt. Doch wurde seit 1878 in jedem Sommer 
ein gemeinsamer Ausflug unternommen, eine Neuerung, 
deren anregender Einfluss nicht zu verkennen ist. An 
Stelle des bisher benutzten Lokals im Parterre des 
Prinzenpalais, das sich mehr imd mehr als feucht und 
auch sonst als ungeeignet erwiesen hatte, wurden dem 
Verein im Jahre 1857 durch königliche Gnade diejenigen 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthnmsvereins. 1825— 85. 43 

Eäume überwiesen, in denen er noch gegenwärtig tagt; 
am 19. Oktober 1857 fand die erste Sitzung in den- 
selben statt. Hierher kamen auch die Bibliothek, das 
Archiv und die Handzeichnungensammlung, welche letztere 
vor kurzem in das für die Zwecke der Inventarisation 
der Alterthümer bestimmte Lokal des Polytechnikums 
übergesiedelt ist. 

Auch die dem Museum überwiesenen Eäume im 
Palais des Grossen Gartens erwiesen sich bald als nicht 
mehr ausreichend: ein erfreuliches Zeichen für das gedeih- 
liche Wachsthum der Sammlung, die gegenwärtig gegen 
3000 Nummern zählt. Der Raummangel und der Ein- 
sturz des Deckengewölbes im südwesthchen Ecksaal in 
der Nacht vom 17. zum 18. Mai 1859, der glücklicher 
Weise keinen erheblichen Schaden anrichtete, veranlasste 
den Verein, den König um Überlassung der Parterre- 
lokalitäten des ehemaligen Galeriegebäudes, des jetzigen 
Museum Johanneum, in denen bekanntlich bis zu ihrer 
Übersiedlung in deu Zwinger die Sammlung der Gips- 
abgüsse sich befand, zu bitten; doch konnte seinem Ge- 
such nicht stattgegeben werden, da über die anderweitige 
Verwendung dieser Räume bereits Beschluss gefasst war. 
Übrigens bewährte auch bei dieser Gelegenheit der 
König seine so oft erprobte gnädige Gesinnung gegen 
den Verein, indem er ihm als Beitrag zu den durch den 
Einsturz des Gewölbes entstandenen Hersti'llungskosten 
die Summe von 150 Thalern zum Geschenk machte. 

Noch erwähnen wir bei dieser Gelegenheit, dass der 
Verein im Jalire 1877 zui' Bearbeitung eines neuen 
„Führers" durch das Museum einen durch langjährige 
Thätigkeit im Germanischen Museum zu Nürnberg be- 
sonders gut geschulten Gelehrten, Dr. A. von Eye, ge- 
wann; der neue Katalog erschien im Jahre 1878. — 

Die Thätigkeit des Vereins A\'urde nach wie vor 
durch das Entgegenkommen der Staatsbehörden, unter 
denen ^vir vor allem das kgl. Ministerium des Iiniern und 
das evangelisch- lutherische Laudeskonsistorium hervor- 



44 Hubert Ermiscli: 

hel3en. in erfreulichster Weise gefördert, xiuch in diesem 
Zeitraum war dieselbe vorzugsweise auf die Erhaltung 
der Kunst- und Baudenkmäler des Landes gerichtet. 

Die Versammlung der deutschen Geschichts- und 
xllterthumsforscher, die 1852 in Dresden tagte, hatte 
dringend die Anstellung von Konservatoren empfohlen. 
Einem entsprechenden Gesuch des Verwaltungsausschusses 
an den König konnte freilich damals nicht stattgegeben 
werden; allein es veranlasste das Kultusminist erimn, dem 
Vereine aus seinem Dispositionsfonds Mittel für seine 
Zwecke zur Verfügung zu stellen, und seit dem Jahre 
1864 bewilligt der Landtag eine ständige jährliche Bei 
hülfe von 300 Thalern. 

Von neuem kam die Frage der Anstellung eines 
Konservators in Fluss, als am 23. Januar 1876 das 
kgl. Ministerium des Innern dem Verein zur Erwägung 
anheimgab, welche Massregeln zur Schonung und Er- 
haltung alter Averthvoller Baudenkmäler zu treffen seien. 
Damals sprach sich der Verehi gegen die Anstellung 
eines einzelnen Konservators aus und empfahl dagegen 
die Einsetzung einer Kommission für diesen Zweck; 
namentlich aber betonte er auch bei dieser Gelegenheit 
die Nothwendigkeit der Aufstellmig emes Liventars der 
sächsischen Alterthümer. 1880 wurde der Plan der 
Inventarisation wieder aufgenommen; Prof. Dr. Steche 
arbeitete einen speziellen Entwurf aus, der soAVohl vom 
Verein als vom Ministerium des Innern gebilligt wurde; 
die Kosten der Inventarisation übernahm das letztere. 
So erschien denn im Sommer 1882 das erste Heft der 
„Beschreibenden Darstellung der älteren Bau- und Kunst- 
denkmäler des Königreichs Sachsen", welches die Amts- 
hauptmannschaft Pirna behandelt ; dasselbe fand allseitig 
nach Inhalt wie nach Ausstattung eine sehr beifällige 
Aufnahme. Das Werk ist dann rasch fortgeschritten; 
1888 erschien das zweite, 1884 das dritte Heft (Amts- 
hauptmannschaften Dippoldiswalde und Freiberg). So ist 
eine hochwichtige Aufgabe, die der Verein sich seit 



Zur Geschichte des Kgl. Säclis. Alterthumsvereins. 1825 — 85. 45 

seiner Begründung gestellt hatte, endlich der Lösung 
nahe. 

Aus der grossen Menge der Einzelfälle, in welchen der 
Verein sich während der letzten Jahre um die sächsischen 
Ä-lterthümer Verdienste erworben hat, heben Avir nur 
wenige hervor. 

Unser Blick fällt dabei zunächst auf die Albrechts- 
burg in Meissen. Um sie hat sich der Verein vor allem 
ein grosses Verdienst erworben ; denn nicht zum wenigsten 
seinen fort und fort Aviederholten Bemühungen war es zu 
verdanken, dass das Finanzministerium sich im Jahre lb57 
entschloss, der Ständeversammlung ein Postulat von 
300000 Thalern für den Neubau einer Porzellanmanu- 
faktur vorzulegen. Auf den Wunsch des Ministeriums 
gab damals der Verein eine kurze Zusammenstellung der 
für den historischen und architektonischen Werth der 
Albrechtsburg geltend zu machenden Momente, die zur 
Motivierung der Vorlage dienen sollte; eine Kommission, 
bestehend aus dem Wirkl. Geh. Patli Dr. von Langenn, 
dem Hofrath Dr. Klemm, dem Baurath Stapel und dem 
Historienmaler Rolle, bearbeitete dieses Gutachten ''■*). 
Das Postulat wurde von den Ständen genehmigt; 1864 
wurde bekanntlich die Fabrik verlegt, Oberlandbaumeister 
Hänel restaurierte in den folgenden Jahren das Schloss, 
und 1873 bewilligten die Stände die zur Ausschmückung 
desselben nöthigen Summen. Wenn Sachsen heute, nach 
Beendigung der Herstellungsarbeiten, mit Avahrem Stolz 
auf das herrliche Bauwerk blicken kann, so verdankt es 
das theilweise wenigstens unserm Verein. 

Auch die weiteren Herstellungen im Dom zu Meissen 
erfreuten sich der fortwährenden Theilnalime des Ver- 
ems. Dass der (neuerdings restaurierte) alte Kreuzgang 
am Franziskanerkloster daselbst zum Theil erhalten 
blieb (185Ö), ist vorzugsweise seinem Einflüsse zu 
danken. Erwähnen wir endlich an dieser Stelle den 



«) Es ist gedruckt iu den MittheihiBgen XI, 19 H^ 



46 Hubert Ermisch: 

Ankauf des schönen jetzt im Vereinsmuseum aufgestellten 
xlltars der Afrakirche (1878), der leider in die Hände 
eines Händlers gelangt und nur auf diese Weise dem 
Yaterlande zu erhalten war. 

In Freiberg wurde in den Jahren 1861 und 1862 
ein Theil des Domkreuzganges abgebrochen und die da- 
durch freigelegte Goldene Pforte restauriert; der Frei- 
l)erger Alterthumsverein hatte sich dabei sehr thätig 
erwiesen. Bei den nunmehr gänzlich veränderten Ver- 
hältnissen besclüoss unser Verein im Jahre 18(33, die 
Unterhaltung der Kreuzgänge ferner nicht mehr als seine 
Aufgabe anzusehen. 

Gelegentlich des Umbaues der Sophienkirche zu 
Dresden bot der Stadtrath 1863 dem Verein das herr- 
liche Renaissanceportal , das nicht wieder Verwendung 
fand, zui' Autliewahrung an. Da eine Aufnahme des- 
selben in das Vereinsmuseum nicht wolil möglich war, 
so dachte man an die Aufstellung in einem der zu 
Dresden befindlichen königlichen Schlösser, dann an der 
Annenkirche; schliesslich (1875) wurde es bekanntlich 
am Museum Johanneum untergebracht. — Ferner leistete 
der Verein Beiträge für die Erhaltung des Todtentanzes 
auf dem Neustädter Kirchhof, des schönen Portals Sporer- 
gasse No. 2 u. dgl. m. 

Nur kurz berühren wir die Herstellung der Cranach- 
sclien Gemälde in der Hauptkirche zu Schneeberg 
(1856) und eines ebenfalls Cranach'schen Bildes aus der 
Schlosskapelle zu Augustusburg (1859). Die Restau- 
ration des Grabmals des Dehn-Rothfelser in Leuben, 
die 1877 auf Kosten des Vereins erfolgte, ist noch in 
frischer Erinnerung. Die Herstellung der interessanten 
1882 von C. Gurlitt aufgefundenen Sgraffito-Gemälde an 
der Kirche zu Klösterlein bei Aue ist beschlossen, 
aber noch nicht ausgeführt. 

Werfen wir zum Schlüsse noch einen Blick auf die 
Thätigkeit des Vereins in Bezug auf die Landesgeschichte. 

Die Pflicht der Dankbarkeit gebietet, hier an erster 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthnmsvereius. 1825—85. 47 

Stelle eines Legates zu gedenken, welches dem Verein 
im Jahre 1863 zufiel. Der emeritierte Pastor Blüh er, 
der in diesem Jahre starb, ein langjähriges Vereinsmit- 
glied und eifriger Forscher und Sammler auf dem Ge- 
biete der vaterländischen Geschichte, insbesondere der 
Geschichte des sächsischen Erzgebirges und der dort 
gelegenen Ortschaften, vermachte dem Verein seine hand- 
schriftlichen Sammlungen, seine reichhaltige Bibliothek 
(mit Ausnahme der darin befindlichen belletiistisclien 
und theologischen Schriften) und ein Kapital von 400 
Thalern, mit der Bestimmung, dass dieses Kapital theils 
zur Beschaffung der für die Asservierung des gedachten 
Nachlasses an Handschriften und Büchern nöthigen 
Utensilien , theils im Falle einer wissenschaftlichen Ver- 
werthung der Kollektaneen des Legatars zur Honorierung 
und Drucklegung der gelieferten Monographien verwendet 
würde. Einem Wunsche des Verstorbenen nachkommend, 
fasste der Verein zunächst die Bearbeitung einer Ge- 
schichte der Vaterstadt desselben Geyer ins Auge und 
übertrug dieselbe dem Bibliothekar des Vereins Dr. 
Johannes Falke, der sie in vorzüglicher Weise aus- 
führte •'"). 

Die Zeitschrift des Vereins, die „Mittheilungen des 
Kgl. Sächsischen Alterthumvereins", von welcher wäh- 
rend des von uns liehandelten Zeitraums 23 Hefte er- 
schienen, gewann namentlich unter der umsichtigen Leit- 
ung von Falke mehr und mehr Bedeutung für die landes- 
geschichtliche Forschung; allein die Mittel, die der Ver- 
ein darauf verAvenden konnte, waren doch zu schwach 
und die Verbreitung der „Mittheilungen" zu gering, 
als dass sie dem oft emi)fundenen Mangel eines wirk- 
lichen Organs für die sächsische Geschichte hätten ab- 
helfen können. 3Iit Freuden war es daher zu begrüssen, 
als im Jahre 18G3 der Direktor des Hauptstaatsarchivs 
Ministerialrath Dr. von Weber und Prof. Dr. Wachs- 



^•) Sie erschien 1865 als 15. Heft der „Miftheihmgeu". 



48 Huhert Ermisch: 

muth den ersten Band eines „Archivs für die Sächsische 
Geschichte" herausgaben. Diese Zeitschrift, welche von 
der kgl. Staatsregierung- in dankenswerthester Weise 
unterstützt wurde, erschien im Verlage von Bernhard 
Tauchnitz in Leipzig 18 Jahre lang und hat sich um die 
Erforschung der sächsischen Geschichte grosse Verdienste 
erworben. Als Geheimrath Dr. von Weber im Jahre 
1878 sich entschloss, die Redaktion des „Archivs", die er 
seit 1865 allein geführt hatte, niederzulegen, beantragte 
der Verfasser dieser Zeilen die Verschmelzung desselben 
mit den kurz vorher in den Verlag von Wilhelm Baensch 
hierselbst übergegangenen „Mittheilungen", und dieser 
Antrag fand allgemeinen Anklang. Dank dem bereit- 
willigen Entgegenkommen der kgl. Staatsregierung, 
welche auch dem „Neuen Archiv für sächsische Geschichte 
und Alterthmnskunde" ihre Unterstützung in liberaler 
Weise zusicherte, gelangte der Verein so zu emem Organ, 
das den Interessen der sächsischen Geschichtsforschung 
nach allen Seiten hin Eechnung tragen kann und also 
auch diese Seite der Vereinsthätigkeit zu neuer Blüthe 
zu bringen verspricht. 

Auch in einer andern Richtung hat die kgl. Staats- 
regierung dem Verein die Ausführung eines lang ge- 
hegten Plans in dankenswerther Weise abgenommen. 
Wir haben früher hervorgehoben, dass der Verein wieder- 
holt an die Herstellung eines sächsischen Urkundenbuches 
gedacht hat; noch 1854 gelegentlich eines Gesuchs an 
das Kultusministerium um Gewährung von Geldmitteln 
für die Zwecke des Vereins war unter diesen die Heraus- 
gabe geschichtlich wichtiger Urkunden sächsischer Archive 
und chronologischer Regesten aufgeführt. Indessen hätten 
die Mittel des Vereins nicht entfernt zur Ausführung 
eines derartigen Werkes ausgereicht. Hauptsächlich auf 
Anregung des Staatsministers Dr. von Falkenstein be- 
schloss daher im Jahre 1860 die Staatsregierung die 
Herstellung eines Codex diplomaticus Saxoniae regiae 
und beauftragte den Hofrath Dr. Gersdorf zu Leipzig 



Zur Geschichte des Kgl. Sachs. Alterthiimsvereins. 1825 — 85. 49 

mit Herausgabe desselben. Der erste Band des Unter- 
nehmens erschien 1864; gegenwärtig liegen 12 Bände 
desselben vor. Hat der Verein auch unmittelbar nichts 
mit diesem Werke zu thun gehabt, so darf man ihn doch 
unbedenklich mit zu den intellektuellen Urheber desselben 
zählen. 



Sechs Dezennien sind in diesem Jahre seit der Be- 
gründung des Königlich Sächsischen Alterthumsvereins 
verflossen, eine Zeit, die für unser Vaterland ebenso 
reich war an geschichtlich bedeutsamen Ereignissen wie 
an Errungenschaften auf dem Gebiete des geistigen 
Lebens. An diesen letzteren aber darf unser Verein 
seinen vollen x\.ntheil beanspruchen. Seit seinen An- 
fängen lag es in seinem Wesen, mehr im Stillen zu 
schaifen, als in die Öffentlichkeit hinauszutreten; seine 
Wirksamkeit ist darum wohl manchmal unterschätzt 
worden. Aber eben deswegen erschien es uns als eine 
Pflicht, die vielleicht besser schon vor zehn Jahren er- 
füllt Avorden wäre, darauf hinzuweisen, eine wie statt- 
liche Reihe verdienstvoller Leistungen er aufzuweisen 
hat; und wenn wir mehr noch, als von positiven Leist- 
ungen, von Anregungen zu berichten hatten, die von ihm 
ausgegangen sind, so ist nicht zu übersehen, dass gerade 
solche vor allem zum Berufe der Geschichts- und Alte]'- 
thumsvereine gehören, deren Mittel ja in der Regel weder 
eine umfangreiche konservierende, noch eine ausgedehnte 
publizierende Thätigkeit gestatten. So hat er sich red- 
lich bemüht, die Aufgaben zu lösen, die ihm bei seiner 
Begründung gestellt worden sind; und hochwiclitig sind 
diese Aufgaben: denn, um ein Wort des Prinzen 
Johann zu gebrauchen, „wie das Gemütli des einzelnen 
Menschen seine reichsten Schätze aus den Erinnerungen 
seiner Vergangenheit, namentlich aus den Jugenderinner- 
ungen schöpft, so beruht das Gemüthsleben der Völker 
grösstentheils auf dem Andenken an seine Vorzeit", — 

Neues Archiv f. S. G. u. A. VI. 1 2. 4 



50 Hubert Ermisch : Zur Gesch. des K. S. Alterthumsvereins etc. 

die Pflege des Gemütlislebens aber ist für ein Volk 
sicher nicht weniger wichtig als für den Einzelnen. 

Wenn der Verein so mit Befriedigung auf eine er- 
spriessliche Thätigkeit zurückblicken kann, so verdankt 
er dies vor allem der Huld des hohen Königshauses, die 
ihm stets zu Theil wurde, und der weisen Leitung seiner 
erlauchten Präsidenten, die ihm ein fortwährender Sporn 
zu freudigem Schaffen gewesen ist. So darf er es denn 
auch als ein gutes Omen für die Zukunft begrüssen, wenn 
sein sechszigster Stiftungstag durch den Beitritt Seiner 
Königlichen Hoheit des Prinzen Friedrich August 
zu einem doppelt wichtigen Gedenktag geworden ist. 



n. 

Das Wappen des Kurfürstenthums Sachsen in 
seiner historisch-topographischen Bedeutung. 

Von 
R. Freiherrn von Mansberg. 



Eine liistoiische TopogTapliie der gesamten thü- 
ringisch -meissnisch- sächsischen Lande kann, wenn sie 
einigermassen erschöpfend dargestellt werden soll, wohl 
der Gegenstand eines umfangreichen Werkes, indessen 
nicht der Zweck vorliegender Zeilen sein. Zur Er- 
leichterung einer übersichtlichen Darstellung sind in 
hohem Masse die Mittel geeignet, welche die Heraldik 
uns bietet, gerade weil dieselbe eine unentl)ehi-liche Hilfs- 
wissenschaft ist ebensowohl füi' die Territorial-Geschichte, 
me für die genealogische Geschichte der Herrscher- 
häuser, mit deren Wappen vorzugsweise die Heraldik 
sich beschäftigt. Im vorliegenden Falle kommt es uns 
auf genealogische oder kunsthistoiische Unteisuchungen, 
zu denen das beschriebene Wappen Anlass bieten könnte, 
nicht an; vielmehr bieten uns die nicht gleich im Anfang 
entwickelten 13egriffe derHeriscliaftswapix'u. Amtswn ppen. 
Anspruchswappen u. s. w., sodann die noch später üblich 
gewordene Verehiigung verschiedener Wappen zu einem 
ein geeignetes Hilfsmittel, um an der Hand der Ge- 
schichte emes Herrscherhauses einen Blick auf die von 
demselben zu einem Ganzen vereinigten Länder zu werfen. 

Wie eine liistorisch-topograi)hische Karte liegt das 
grosse Wappen des Kurfürstenthums Sachsen vor uns 

4# 



52 R. Freiherr von Mansberg: 

aufgeschlagen, zeigt uns neben uraltem Stammbesitz in 
den Wappen längst erloschener Geschlechter die von 
diesen einstmals besessenen Gebiete, welche durch eine 
lange E,eihe von Helden und Staatsmännern erworben 
und zusammengefügt wurden, um als leuchtende Ju- 
Avelen in der Krone des Hauses Wettin zu glänzen. 
Dem Geschichtskundigen redet dieser AVappenschüd eine 
beredtere Sprache, als das bändereichste Werk; Glück 
und Unglück, Macht und Ohnmacht, Glanz und Verfall 
künden uns diese anscheinend stummen Zeugen einer 
thatenreichen Yergangenheit. Sieben Jahrhunderte er- 
heben sich vor unsern i^ugen in diesem Wappenschild, 
der uns zurückführt bis in jene wilde verwirrte Zeit, 
welche man die des Faustrechts genannt hat, die doch 
so überreich an poetischem Zaubei-, an Begeisterung für 
alles Hohe, Edle und Schöne war, dass sie die herr- 
lichsten Blüthen unserer nationalen Poesie schuf, wie sie 
uns nimmer wohl wiederkehren werden. Mit jener denk- 
würdigen Epoche, in welcher die grossen historischen 
Geschlechter dahinwelkten wie Gras, die beinahe gleich- 
zeitig das Ende der Hohenstaufen , Babenberger, Zäh- 
ringer, Meranier, Thüringer sah, mit ihr beginnt eine 
ganz neue Ära in unserer Geschichte, sie wurde zum 
Ausgangspunkt der glänzenden Laufbahn mächtig auf- 
strebender Geschlechter, in ihr wurzeln Grösse und 
Macht jener für Deutschland an Alter wie an Ruhm 
gleich ehrwürdigen Häuser, wie des von Habsburg, 
Askanien, Witteisbach und vor allem des erlauchten 
Hauses Wettin. 

In heraldische Details uns zu vertiefen, ist nicht die 
Absicht, da jene nur als Mittel zum Zweck dienen sollen, 
überdies hier als bekannt vorausgesetzt werden küinien. 
Im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Thema bedarf 
es jedoch einer allgemeinen Vorbemerkung, um das 
Rechtsmoment hervorzuheben und einigen vor kurzem 
noch allgemein verbreiteten Anschauungen entgegen zu 
treten, welche durch lange Tradition fast geheiligt er- 
scheinen. 

Wappen und Watfen gehören sprachlich zusammen; 
nahezu vollständig deckten sich beide Begrift'e im 12. Jahr- 
hundert unserer Zeitrechnung. Der hohe Adel, wie nicht 
minder jeder Gemeinfreie und der gesamte Dienstadel, 
jeder, der zur Führung der Waffen berechtigt war. 
konnte solche verzieren, nach seinem Vermögen, nach 



Das Wappen des Ki;rfürsteDtliuins Sachsen etc. 53 

seinem Gescliinack, und tliat dies aucli; aber die Orna- 
mentierung- lusste auf ästhetischer Willkür, die ganz un- 
hewusst nach dem derzeit herrschenden Kunststil sich 
richtete. Als bei dem buntgemischten Bestände der 
Theilnehmer an Kreuz- und anderen Heereszügen, ebenso 
wie bei den urkundlich zu verbriefenden Rechtsfragen das 
Bedürfnis einer schärferen Bekundung der Identität, 
nicht bloss des Individuums, sondern der gesamten Sippe, 
immer sfärker hervortrat, als aus diesem Bedürfnis die 
anfäuglich nur den Besitz andeutenden Familiennamen 
entstanden, da mit einem Male wird es hell in der Ge- 
schichte unserer Heimath. Aus dem prähistorischen 
Nebel treten die Geschlechter, wie ihre Burgen über 
dem Nebel der Thäler emporsteigen. In einer Zeit aber, 
^\o die AValfen alles galten, mussten auch diese schon 
äusserlich die Eigenthümlichkeit ihres Trägers ])ekunden, 
ihre Verzierung wurde eine heraldische; es entstand eine 
Heroldskunst, eine freie Kunst, in ihren Anfängen flüssig, 
beweglich, wie die noch häufig veränderten Familien- 
namen, bald immer stabiler, bestimmter, nicht nach dem 
toten Buchstaben des Gesetzes, sondern nach gewissen 
lediglich durch das Herkommen und den Geschmack fest- 
gestellten Kegeln. Kein AVappen wurde vei'liehen, jedes 
willkürlich, oift mit der sinnigsten Symbolik, gewählt und 
nach Befinden, doch nie planlos, verändert, bis im 13. Jahr- 
hundert derBegritf des Familienwappens sich fixiert hatte; 
aber selbst dann noch wurden Änderungen oder Ver- 
tauschungen vorgenommen, z. B. wenn die Familie sich 
in verschiedene Zweige spaltete oder, wie nicht selten, 
bei Besitzwechsel auch den Namen änderte. 

Alle j(me schön ausgeschmückten Berichte über 
„Konferierung" von Wappen, oft mit erstaunlicher Detail- 
malerei, sind ausnahmslos Erfindungen ehier späteren 
Zeit, welche alles auf die erst im 15. Jahrhundeit alhnählig 
sich entwickelnden Verhältnisse des Briefadels l)asierte. 
Es war das jene Zeit der mehr und mehr verzopfenden 
Heroldsämter, der Magister und Doktoren der AVeltweis- 
lieit mit ihren ungeheuerlichen Entdeckungen auf dem 
Gebiete der Genealogie, wo Männer von anscheinend stu- 
pender Gelahrtheit die freie Kunst der Heraldik \'öllig dis- 
kreditierten, sie in das Prokrustesbett verwickelter, klein- 
licher, rein äusserlicher Schulregehi spannten, dabei jedoch 
nie um die |)liantasievollsten Erklärungen vcn'legen Mai'on. 
Nur in solcher Zeit, wo jedes kulturhistorische Verstand- 



54 R- Freiherr von Maiisberg: 



nis abhanden gekommen war. konnte den Erfindnngen 
eines Crantzius, Stella nnd anderer Geschichtsfälscher 
Glauben beigemessen werden, konnte eine Sammlung von 
Absurditäten, wie Rüxners Tiirnierbuch, entstehen. Zwar 
sind manche der dem Mittelalter imputierten Wappen- 
sagen nicht ohne romantischen Reiz und haben oftmals 
einen willkommenen Vorwurf für die bildende Kunst ge- 
liefert, aber sie bleiben Sagen und eben nur Sagen, die 
besser verschwinden sollten, um den wahren Hergang 
nicht länger zu verschleiern. Den Verlust an Romantik 
brauchen wir um so weniger zu beklagen, als ja das 
Mittelalter daran überreich ist. 

Nachdem der Begriif des FamilienAvappens sich fixiert 
hatte, konnte naturgemäss erst durch Übertragung der 
eines Herrschafts- oder Landeswappens sich bilden, von 
dem man daher füglicli nicht vor Ausgang des 13. Jahr- 
hunderts reden kann. Erst wenn der durch Vererbung 
in ein mid demselben Hause konstatierte dauernde Besitz 
eines Schlosses mit dem dazu gehörigen Geliiet und das 
ebenso unverändert beibehaltene Wappen beide Dinge 
als zwei gewissermassen zusammengehörige Begritfe er- 
scheinen liessen, konnte eins das andere symbolisieren. 
Bei der migemeinen Flüssigkeit und Beweglichkeit des 
Territorialbesitzes im 13. und selbst noch im 14. Jahr- 
hundert ist dies ein wohl zu beachtender Punkt, und 
stände es nur zu wünschen, dass man in späterer Zeit 
bei Feststellung eines Landeswappens einer grösseren 
Konsequenz sich befleissigt hätte. Statt auf den ersten 
dauernden Besitz einei' durcli erbliches Wappen bereits 
kenntlichen Familie im 13. Jahrhundert zurück zu gehen. 
hat man häufig, insbesondere bei Anfällen durch Erb- 
schaft, den Schild desjenigen Geschlechts als Herrschafts- 
wappen betrachtet, welches im jeweiligen Besitz un- 
mittelbar vor der eigenen Erwerbung sich befand, damit 
jedoch die Aufgabe des Historikers sehr erschwert. Noch 
melu' aber haben die Begriffe sich verwirrt durch das 
immer zunehmende Gefallen an äusserem Prunk und 
an Titeln, welche ohne historischen Rechtsgrund ein 
Prätensions Wappen dokumentieren sollte. Nichtsdesto- 
weniger steht der Begriif des Anspruchswappens häufig 
auf völlig legalem Boden ; nicht selten war es das Einzige, 
was die Erinnerung an ein dem betreffenden Hause zu- 
gefügtes schweres Unrecht auch äusserlich bewahrte. 

Bei dem zu allen Zeiten im deutschen Volke leben- 



Das Wappen des Kurfürstenthuins Sachsen etc. 55 

digen Eeclitsgefühl hat die reclitliclie Bedeutimg der 
Wappen, nachdem sie einmal entstanden, sehr schnell 
sich fixiert und im 14. Jahrhundert bereits zu lebhaften 
Streitigkeiten, selbst zu blutigen Fehden geführt, wie 
sich urkundlich konstatieren lässt. Damit steht die eigen- 
thümliche Erscheinung im Zusammenhang, dass sehr früh 
schon der Begriff eines Amtswappens sich entwickelte. 
Insbesondere waren es die hohen richterlichen Würden 
eines Pfalzgrafen oder Burggrafen, später die einzelnen 
bevorzugten Fürsten verliehenen Reichserzämter, w^elche 
man als direkten Ausfluss dei- Souveränität des Reichs- 
oberhauptes auch äusserlich schon bemerkbar zu machen 
sich bestrebte. Dies Streben wurde die erste Ursache 
zui- Vereinigung von zwei Wappen in einem Schilde, 
doch geschah dies zuerst in ganz anderer Weise, als es 
später üblich wurde; man legte beide Schilder auf ein- 
ander und entfernte dann von jedem soviel, dass die 
Schildesfiguren beider noch deutlich erkennbar blieben. 
Das erste bekannte Beispiel einer solchen Vereinigung 
zeigt das Siegel eines Wettiner Fürsten vom Jahi-e 1206, 
das des Grafen Dietrich genannt von Sommersenburg, 
Sohn des Dedo von Rochlitz und Groitzsch^). 

Viel später erst kommen die quadrierten Schilde auf, 
und ist es in dieser Beziehung erwähnenswerth, dass die 
gegen Mitte des 14. Jahrhunderts angelegte Züricher 
Wappenrolle unter 587 Wappen nur ein einziges ent- 
hält, das im quadrierten Schilde die Vereinigung zweier 
Wappen (hier von Castilien und Leon) zeigt. Zwar 
haben mehrfach Glieder des hohen Adels schon im 
14. Jahrhundert neben dem eigentlichen Familienwappen 
noch andere Schilde zur Bekundung der Landeshoheit 
(und selbst der Lehenshoheit) über neu erworbene Ge- 
biete angenommen und auf Siegeln geführt; dieselben 
sind jedoch nur sphragistisch , nie heraldisch vereinigt, 
ebenso behält auf allen Denkmälern oder sonstigen Er- 
zeugnissen der Skulptur und Malerei jeder Schild einzehi 
für sich seine Form und Jk'deutung. Erst die Spät- 
renaissance, das beginnende Barocco, hat hier etwas 
Neues, aber nichts Schönes hervorgebracht, indem es 
Mode wui'de. eine grössere Zahl von Wappen in einem 
grossen unförmlichen Schilde zu vereinigen. In den 



') Au Oiiginal No. 154 des Königl. llanpt- Staatsarchivs zu 
Dresden (künftig zitiert als HStA.). 



56 R- Freiherr von Mansberg: 

Sieg-eln Wettiner Fürsten ist diese Mode zuerst kurz 
vor Mitte des 16. Jahrhunderts durch Herzog Heinrich 
den Frommen und seine Söhne zum Ausdruck gebracht'^). 

Dass man eine solche Anordnung weder vom künstle- 
rischen noch vom wissenschaftlichen Standpunkte aus 
gutheissen kann, liegt auf der Hand. Zwar die soge- 
nannten quadrierten Schilde, also vier, oder mit Hinzu- 
rechnung eines Herzschildes fünf Plätze kann man noch 
gelten lassen; stellt man jedoch drei oder mein- Wappen 
in eine Horizontalreihe und sodann mehrere solcher 
Horizontalreihen über einander, so wird das Verhältnis 
der Dimensionen ein ganz unnatürliches. Die ursprüng- 
liche Verzierung der, Schilde, die Wurzel der Heraldik, 
konnte nur Bezug nehmen auf eine Fläche von melir 
oder Avenig abgerundet dreieckiger Form, bei welcher 
die Höhe nicht unerheblich die Breite übertraf, und auf 
Grundlage dieses Verhältnisses sind alle Schildesfiguren 
entstanden. Wird nun durch die obige Anordnung das 
Verhältnis von Höhe zu Breite umgekehrt, sollen die 
auf ein höher, als breites Dreieck berechneten Figuren 
nunmehr einem länglichen, niedrigen Viereck angepasst 
werden, so müssen viele thatsächlich zu Karrikaturen 
und ihre Bedeutung in hohem Masse beeinträchtigt 
werden. 

Unter gehöriger Berücksichtigung dieses nicht weg- 
zuleugnenden Übelstandes in jedem speziellen Falle könnten 
immerhin die grossen Wappenschilde der Regenten des 
18. Jahrhunderts in gewissem Sinne mit historisch-topo- 
graphischen Karten verglichen werden, weil sie meistens 
bei annähernder Vollständigkeit die verschiedenen Ge- 
biete repräsentieren, welche im Laufe der Jahrhunderte 
unter einem Scepter vereinigt wurden; und so mag denn 
auch unserer Betrachtung jenes farbenprächtige Bild des 
Kurfürstenthums Sachsen aus der Mitte des vorigen 
Jahrhunderts zu Grunde gelegt werden'). 



^) Allerdings kommt schon 1532 ein solcher zusammengesetzter 
Schild im kleinen Sekretsiegel des Kurfürsten Johann Friedrich vor, 
doch ist dessen Staatssiegel noch von der älteren Form der grossen 
Eeitersiegel, die einzelnen Schilde theils auf dem Siegelfelde (am 
Pferde), theils ringsum im kreisförmigen Rand. HStA. No. 10666, 
10697, 10712, 10 716 a. 

*) Unsere Alibilduug ist entnommen dem „Wappenkalendei- der 
durchleuchtigeu Welt" von 1748. Vgl. auch 0. T. v. Hefner, 
Das Wappenbuch weyland Siebmachers Bd. 1 , Taf. 23—31 , Er- 
läuterungen S. 17 flg. 



Das Wappen des Kxirfürsteiithnms Sachsen etc. 57 

Das grosse kiirfüistliclie StaatsAvappen bildete eine 
Zusammenstellimg von 25 einzelnen Schildern auf 2(1 
gleich grossen Plätzen, indem der sogenannte Herz- 
schild einen Raum von zwei Plätzen einnahm. Auf oder 
über dem grossen Schilde befanden sich zehn Kleinod- 
helme, welche man von der Mitte aus, abwechselnd nach 
rechts und nach links fortschreitend, bezeichnete. Die 
Anordnung der einzelnen Schilde hatte im Allgemeinen 
nach dem Prinzip stattgefunden, dass Titel und Rang 
der durch sie sj'mbolisierten Länder für die Placierung 
massgebend war, indem die Bedeutung der Plätze in 
jedem zusammengesetzten Wappen von rechts nach links 
und von oben nach unten bemessen wurde. Den in 
seiner Bedeutung am höchsten stehenden Herzschild 
hatte man aus ästhetischen Gründen in die nahezu geo- 
metrische Mitte gerückt. Der genaueren Beschreibung 
überhebt uns das beigefügte Schema. 

Da es im vorliegenden Fall auf die historisch-topo- 
graphische Bedeutung der einzelnen Wappen ankommt, 
so können wir der obigen i^nordnung nicht folgen, müssen 
vielmehr eine Trennung nach den Landschaften vor- 
nehmen und sodann die dahin gehörigen Wappen in mög- 
lichst chronologischer d. h. durch die Zeit ihrer An- 
oder Aufnahme vom Herrscherhause bestimmten Folge 
und mit Berücksichtigung der Dynastie, welche sie ur- 
sprünglich führte, besprechen. Sieht man vom schliess- 
lich besonders zu erwähnenden Regalienschild (No. 24) 
ab, so vertheilen sich obige 24 Wappen nach den Land- 
schaften folgendermassen : 

Osterlaiul und Meissen: 

Eigentliclies Stainiinvappcii der Markgrafen des Hauses Wcttiii, 

erscheint zuerst 1196, versclnvindet 1265, wieder aulgeuDunueu 

13.51 (No. 15). 
Markg'rafthum Meissen, entstanden 1265 (No. 3). 
Clraf Schaft Brena, aufgenoninien 1425 aus dem askanischen Schild. 

entstanden vor 1242 (Mo. 19). 
Pleissneriand, geschalten und aufgenoumien vor 1525 (No. 16). 
Burggi'afthuni Altenhurg, aufgenonuncn vor 1525, entstanden 

Ende des 12. Jahrlntnderts (No. 20). 

Tiiüriiigoii: 

Landgrafthum, aufgenommen 1265, zuer.st nachweishar 1197 (No. 1). 

Grafschaft Orlamünde (Weimar), aufgenommen 1351, entstanden 
nach 1206 (No. 17). 

Eisenberg, aufgenommen 1525 nach einer sonderbaren Änderung 
des Schihles der Eurggrafeu von Altenherg (Xirchberg), vor- 
kommend Anfang des 14. Jahrhunderts (No. 21). 



58 i^- Freiherr von Mansberg: 

Gefürstete CTi-alschaft Henneberg, offiziell im Staatssiegel auf- 
genommen erst 1660. nl)wohl schon vorbei' von einigen Herzögen 
von Sachsen geführt seit l."83, entstanden schon im 12. Jahr- 
hundert (No. 25). 



Sachseii-Wittenber 



o» • 



A s k a n i s c h - s ä c h s i s c h e s AV a j) p e n , aufgenommen 1425. ent- 
standen 1261 (Xo. 2). 

Erzmarschallamt (Kurfürstenthum) , aiifgenommen 1425, ent- 
standen 1375 (No. 8, 11). 

Burggrafthum Magdeburg, geführt von 1261 bis 1298, wieder auf- 
genommen nach 1535, entstanden im 18. Jahrhundert (No. 18). 

CTrafschaft Barby, aufgenommen nach 1659, entstanden vielleicht erst 
um diesell)e Zeit, nach einigen schon 1497 (No. 26), 

Pfalzarrafthum in Saclisen: 

Pfalzsachsen, aufgenommen 1425, entstanden im 12. Jahrhundert 

(^0. 10). 
Pfalzthüringen, eigentlich ganz dasselbe wie das vorige, aber 

von einzelnen Landgrafen schon früher als 1425 geführt ("1288 

und 1406) fNo. 12). 

Sachsen-Laueiiburg : 

In dem Schilde der Herzöge zu Lauenl)urg sind die Wappen von 
Pfalzsachsen und Brena als Embleme den mythischen Herzog- 
thümern Westfalen und Engern octroyiert, aufgenommen 
1689 (No. 7, 9). 

Beanspruchte Lande: 

Die Herzogthümer Jülich, Cleve und Berg, die Grafschaften 
Ravensberg und Mark, aufgenommen als Anspruchswappen 
nach 1609 (No. 4, 5, 6. 22, 23). 

Lausitz : 

Markgrafthum Niederlausitz, aufgenommen nach 1635. ent- 
standen im 14. Jahrhundert. 

Markgrafthum Ober lau sitz, aufgenommen nach 1635, entstanden 
im 14, Jahrhundert. 

Ein volles Jahrtausend ist nunmehr entschwunden 
seit jenen Tagen, da das Licht des Christenthums mit 
der germanischen Kultur aufging in dem Gebiet der 
Sorben und Siusler zwischen Saale und Mulde, da die 
mühsame Abwehr der immer weiter nach Westen sich 
wälzenden slavischen Völkerfluthen überging in einen 
planmässigen Angriff, in deutsche Eroberung, um schliess- 
lich das slavische Element bis dahin zurückzudrängen, 
woher es gekommen, bis an die fernen Gestade der 
Weichsel. Im Jahre 839 geschieht zum ersten Male des 
ducatus TJiorinfjubae cum mardiis suis Erwähnung, und 
zehn Jahre später, 849, tiitt der Name Ihnes Sorabiciis 



Das Wappen des Kurfürsteiithums Sachsen etc. 59 

in der Geschichte auf ^). Die Ausrüstung der Gaug-rafen 
an der feindlichen Grenze mit besonderer Kriegs- und 
anderer Macht, die sich im Titel eines Herzogs des 
Limes Sorahicus ausspricht, ermöglichte nach entscheiden- 
den heissen Kämpfen die feste Begi'ündung deutscher 
Herrschaft in dieser östlichen Mark des Reiches, doch 
erlosch der Ducat mit dem Tode des Herzogs Burchard 
908, die Unterwerfung der Slaven zwischen Saale und 
Mulde scheint vollzogen gewesen zu sein, Thüringen mit 
seinen Marken ward wieder der Botmässigkeit des Her- 
zogs der Sachsen unterworfen. Allein mit der einmal 
begonnenen und planmässig immer Aveiter betriebenen 
Bekehrung zum Christenthum ging eine weitere politische 
Unterwerfung und Einverleibung an der nach Osten sich 
hinausschiebenden Grenze Hand in Hand; wie der 
Bischof mit seiner geistlichen Pflanzung, so rückte der 
Gau- oder Markgraf mit seinem limes nach Osten vor. 
Die Merseburger und die Zeitzer Mark, später also be- 
nannt nach den hier gegründeten Bisthümern, hörten 
bald auf, die Ostmark des Reiches zu sein, seit die ge- 
waltigen Könige der Deutschen, Heinrich I. und Otto I.. 
im 10. Jahrhundert theils persönlich, theils durch aus- 
erwählte tüchtige Männer die Eroberungen bis an die 
Elbe und selbst darüber hinaus zu erweitern wussten 
und hier im Lande der Dalaminzier und Milzenen die 
Mark Meissen gründeten, neben der nördlich wohl hun- 
dert Jahre später im Lande der Liutitier jene Mark er- 
scheint, auf welche anfangs der frühere Name der Ost- 
mark sich übertrug, bis sie viel später den Namen der 
Lausitz erhielt. Der Begriff des Osterlandes umfasste 
noch 1183 Meissen und die Niederlausitz, allein im 
13. Jahrhundert wird der Begrift' auf jenes Gebiet zwi- 
schen Saale, Elbe und Mulde beschränkt, welches nach 
dem im 12. Jahrhundert von Markgraf Diezmann er- 
bauten Schlosse^) auch Avohl die Mark Landsberg 
genannt wurde, in der Hauptsaclie der Libegriif der alten 
Merseburger Mark. Diese Mark hat man dann später 
das nördliche oder eigentliche Osterland genannt, nach- 
dem im Laufe des 14. Jahrhundei-ts aucli die B)egriffe 
des Pleissnerlandes und des Vogtlandes in dem des Oster- 
landes aufgegangen waren. 

♦) Zuerst Ann. Fnldenses a. a. 849 (Mon. Gcrra. hist. SS. I, .^Bfi). 
*) Chron. M. Ser. (Mencke II, 201): Cnstrum etiam quod Lan- 

disberg dicitur construxit. 



60 R- Freiherr von Mansberg. 

In der Merseburger Mark stand die Wiege unseres 
Königshauses. Wie und wann die ursprünglichen Stamm- 
besitzungen sich gebiklet. wie durch kaiserliche Gunst 
oder Vermittlung, durch das Schwert oder durch Kauf 
uud Erbschaft alles sich zusammenfügte, wie dann Bene- 
iizialgut mit dem Patrimonium verschmolz, über das 
alles fehlt uns im Dunkel der Vorgeschichte der exakte 
Nachweis, aber thatsächlich sehen wir schon im 11. Jahr- 
hundert ein und dasselbe Haus in dem erblichen Besitz 
eines ausgedehnten Territoriums im Osterlande , das mit 
seinen Burgen und dem dazu gehörigen Gebiet, wie 
Zörbig-, Eilenburg, Brena, AVettin, Camburg, Weissen- 
fels, im 12. Jahrhundert einzelne Glieder unter ebenso 
vielen verschiedenen Namen erscheinen lässt. Nur an 
die Sprösslinge eines so angesehenen und gerade in den 
betrettenden Gauen bereits reich begüterten Geschlechts 
pflegte der Kaiser die höchsten richterlichen Würden 
und die Befehlshaberstellen zum Schutze der Reichs- 
grenzen zu verleihen, und so sehen wir denn auch im 
11. Jahrhundert schon einzelne Glieder dieses edlen 
osterländischen Hauses mit der markgräflichen Würde 
bekleidet, hides erst nach dem Zusammenbruch der aus- 
gedehnten Macht des comef provincialifi Hermann von 
Winzenburg erscheinen die östlichen Marken in einem 
von da an ununterbrochenen erblichen Besitz des Hauses, 
als dessen Gründer man gewohnt ist den Markgrafen 
zu betrachten, den die Geschichte Konrad den Grossen 
genannt hat**). 

Markgraf Konrad hat noch kein eigentliches Wappen 
geführt, ja selbst von seinen sechs Söhnen ist keines 
bekannt geworden. Allerdings zeigen Siegel Otto des 
Reichen, deren über 720 Jahr alte Originalstanze durch 
merkwürdigen Zufall im vorigen Jahrhundert gefunden 
wurde ''), bereits eine Verzierung des grossen (norman- 
nischen) Schildes, die den Ursprung des Wettiner AVappens 
klar genug andeutet: es zeigen sich auf der allein sicht- 
baren linken Seite des Schildes zwischen Rand und 



^) Für die ältere Geschichte des Hauses Wettin vergl. nament- 
lich Posse, Die Markgrafen von Meissen und das Haus "Wettin bis 
zu Kourad dem Grossen. Leipzig 1881. 8". 

') Am rotlien Thurm hei Halle, jetzt in der von Ponickauschen 
Bibliothek daselbst beündlith. Geprägt sind mit dieser Stanze zAvei 
Siegel an den Originalen Nö,67 u, 90 (HStA.) vom Jahre 1161 u. 1185. 



Das Wappen des Kixifürsteiithums Sachsen etc. 61 

Nabel deutlich die Pfähle. Unzweifelhaft ist aus dieser 
Art der Schildesverzieruug das bereits 119G auf einem 
Reitersiegel an einer Urkunde*) Dietrich des Bedrängten 
(Otto des Eeichen Sohn) getüln-te Wappen entstanden. 
Wie bei allen Theilungen und Spaltungen der Schilde 
war die Zahl der Theilungslinien anfänglich keine fest- 
stehende; so sind auf jenem ersten uns bekannten Siegel 

8 Pfähle, auf einem anderen vom Jahre 1200 dagegen 

9 Pfähle im Schilde angebracht. Erst seit dem Jahre 1205 
scheint man die Zahl der Pfähle dauernd auf zwei be- 
schränkt zu ]ia])en, wie sie Heinrich der Erlauchte stets 
bis zum letzten Drittel des 13. Jahrhunderts im Schilde 
geführt hat**). Obschon einzelne Glieder der von Kon- 
rads jüngeren Söhnen ausgegangenen Zweige des Hauses 
AVettin auch andere Schildesfiguren adoptiert haben, so 
war und blieb doch der einmal als Wappen erkorene 
gespaltene Schild thatsächlich das ehizige und eigentliche 
Wappen dei' markgräflichen Hauptlinie des Hauses Wettin, 
er ist dementsprechend mit durchaus historischer Be- 
rechtigung zum Sinnbild des Stammljesitzes, zum Wapjien 
des alten Osterlandes geworden und würde in logischer 
Polge für unsere Zeit das AVap])en der Ivreishauptmann- 
schaft Leipzig darstellen. 

Die Zahl der uns überkommenen eigentlichen Wappen- 
siegel aus dem 12. Jahrhundert ist verschwindend klein, 
es sind ihrer kaum dreissig bis jetzt in Deutschland be- 
kannt geworden^"). Nicht ohne Ehrfurcht vermögen wir 
daher den durch Alter wie durch Ruhm seiner Träger 
gleich ehrwürdigen Schild der Wettiner zu l)etrachten, 
dessen Erinnerung unser Königshaus noch heute in den 
sogenannten königlichen Hausfarben bewahrt, der in die 
Wappen der drei Hauptstädte Dresden, Leipzig, Chemnitz 
übergegangen ist, freilich mit seinen riclitigen Farben 
nur bei Leipzig, der alten osteriändischen Stadt. 

Als der erhiuchte Heiiiricli nach langem, schwerem 
Erbfolgekriege in den Besitz des Landgrafthums "^Chü- 



«) HStA. Ulis-. No. 112, 124, 125, 129. 

•) Eine gnt ausgeführte Aliljütlun": zweier Siegel lleinricli des 
Erlauchten vom .Jahre 1^2ö und 124H giel)t Hörn, Histoiische Hand- 
hihliothek von Sachsen, VlII. 

'") Bckiniiit sind die öffentlichen Recherchen nncli solchen seltenen 
Siegeln z. B. in dem Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, 
von Seiten des um die wissenschaftliche Beliandlung (U>r Heraldik 
hochverdienten Dr. Friedrich K.arl Fürst zu Hidienlohe-Waldenljuig. 



62 R- Freiherr von Mansberg: 

ringen gelangt war, hat er den bisherigen markgräflichen 
Schild mit dem an Bedeutung höher stehenden landgräf- 
lichen vertauscht, hat das Thüringer Wappenbild an- 
genommen, da es noch nicht gewöhnlich war, zwei Wappen 
zu einem zu vereinigend^). Allein bei der bald darauf 
von ihm vorgenommenen Theilung seiner weitausgedehnten 
Lande hat Heinrich ganz im Sinne der Zeit die Farben 
des Schildes verändert. Während der in den westlichen 
Gebietstheilen , im eigentlichen Thüringen , durch den 
ältesten Sohn Albert zu begründende Zweig ganz sach- 
gemäss das Thüringer Wappen unverändert beibehielt, 
ist für die in den östlichen Gebietstheilen, Meissen und 
Osterland, gestiftete Linie jenes Wappen mit einem 
Beizeichen angenommen, welches Beizeichen in diesem 
Falle in einer Änderung der Farben gefunden wurde. 
So entstand etwa im Jahre 1265 der schwarze Löwe im 
goldenen Felde, der nachgehends zum Bilde des Mark- 
grafthums Meissen ward. Der Meissner Löwe ist mit- 
hin keine ursprüngliche Schildesfigur, ist der Thüringer 
Löwe mit veränderten Farben ^'^). 

Das alte Helmkleinod jedoch behielten Heinrich und 
seine Nachkommen in den Marken bis zur Mitte des 
14. Jahrhunderts unverändert bei, während die in Thü- 
ringen selbst herrschenden Wettiner Fürsten das Thü- 
ringer Kleinod auf ihren Helmen geführt haben. Jene 
alte Wettiner Helmzier ^^) ist von ganz eigenthümlicher 
Art, sie stellt sich als hoher litterlicher Hut (Chaperon) 
oder auch als Stange dar, die in einem Pfauenfederbusch 
endigt und seitwärts mit drei Paar (silbernen) Lätzen 
behangen ist. So findet sich das Kleinod auf den Siegeln, 
so ist es farbig (roth) in der Züricher Wappenrolle dar- 
gestellt, so wird es poetisch beschrieben im Turnet von 



") Ausser dein erwähnten einzelnen Falle des Grafen Dedo 
gen. von Sommersenburg hat kein Wettiner vor Mitte des 14. Jahr- 
hunderts mehr als ein Wappen gleichzeitig geführt, auch keine 
Vereinigung solcher, selbst nicht sphragistisch, vorgenommen. 

' *) Die Mittheilung, ob solche Folgerung auf Grund sphragisti- 
schen Materials schon anderweit veröffentlicht, würde den Verfasser 
dieses zu Dank verpfli(;hten. 

'*) Weil einige Glieder des dynastischen Hauses, welches sich 
nach Lobdaburg, Leuchtenburg, Arnshaug , Elsterberg nannte, eine 
ähnliche Helmzier geführt haben, so haben manche den Helm Hein- 
rich des Erlauchten in sonderbarem Anachronismus den Arnshaugschen 
genannt, da doch erst die andere Gemahlin seines Enkels Friedrich 
eine Edle von Lobdaburg-Arnshaug war. 



Das Wappen rles Kwftirstenthums Sachsen etc. 63 

Nantlieyz des Konrad von Würzburg ' ^). Als jedoch auf 
dem berühmten Fürstentage zu Budissin im Februar des 
Jahres 13öU^*) Kaiser Karl IV. den Söhnen des kurz 
zuvor verblichenen ernsthaften Friedrich alle in ihren 
Landen ansässigen Juden, „des heiligen Römischen Reichs 
Kammerknechte", nebst den bisher von ihnen dem Kaiser 
und Reiche zu leistenden Diensten und zu zahlenden Ab- 
gaben verlieh und sie mit dem Schutze derselben beauf- 
tragte, da nahmen die fürstlichen Brüder eine diese aus- 
nahmsweise Gerechtsame symbolisierende Helmzier, das 
bärtige Rumpf kleinod, an, dessen Bedeutung sich bis auf 
den heutigen Tag noch in der Bezeichnung „Meissner 
Judenkopf"' erhalten hat^"). 

Zm: selben Stunde jedoch, wo der alte Wettiner 
Helm verschwand, ist der Schild wieder in Aufnahme 
gelangt mid seitdem beibehalten, wenn man ihn auch 
später nicht an den gebührenden Ehrenplatz gestellt hat. 
Da derselbe seine historisch -topographische Bedeutung 
IQ gewissem Sinne verloren hatte, seitdem das Osterland 
bei der Theilung der albertinischen und ernestinischen 
Linie völlig zerissen war, so ist er später nicht mehr als das 
markgräflich osterländische Wappen angesprochen, sondern 



'*) Herausgegeben von H. F. Mass mann, Denkmäler deut- 
scher Sprache und Literatur I, 142 (v. 75—78): 
Der margrave iizer Mishenlant 
Kam da alsam die werden tuont, 
Ein Stange uf sime Uelme stuonf 
Rieh von pfatven vederin, 
Daz kleinot edel nnde fin 
Sack man do verre glesten, 
Den Stil biz an die questen 
Nach lioher tvirde solde 
Beivunden ivas mit golde 
En-mitten ging daruemme 
Ein schibe, die mit kruemme 
Die lichten stangen do hesloz. 
Von Silber loas sie niergen bloz, 
Wann sie verdecket was do mite. 

Vergl. meinen Aufsatz in der Avissenschaftl. Beilage zur Leipziger 
Zeitung 1884, No. 9n, 9H. 

'*) Die Urkunde vom 6. Februar 1350, auszüglich bei Hörn, 
Friedrich der Streitbare, 389 Note b. Eine Abschrift im llStA. 
No. 3208. 

'») Vergl. zuletzt Friedrich Karl Fürst zu lldlicnlohe-Walileii- 
burg in den Mittheilunyen des N'ereins für Geschichte der Stadt 
Meissen, 3, 20 flg. 



64 R- Freiherr von Mans1)erg: 

man hat ihn nnr noch schlicht als Wappen des Fürsten- 
timms oder gar nur der Herrschaft Lands!) erg be- 
zeichnet. Wenn wir auch nicht die vielfach ausgesprochene 
Ansicht theilen können, dass man das ältere Markgi^af- 
thum mit Fleiss habe heruntersetzen wollen, um Meissen 
desto mehr zu erheben und diesem allein die mai'kgräf- 
liche Würde vorzubehalten, so lässt sich doch nicht ver- 
kennen, dass der Schild schon als altes eigentliches 
Familienwappen des Fürstenhauses keinen untergeord- 
neten, sondern den Ehrenplatz verdient hätte. Nur der 
unvergleichliche Kurfürst August hat «eine Ausnahme 
gemacht und pietätvoll dem Scliild seiner Ahnen eine 
würdige Stelle angewiesen ; er findet sich auf seinen 
Siegeln oben in der ersten Reihe neben dem von Thü- 
ringen und Meissen^'). Lediglich in den verzopften 
Heroldsämtern der späteren Zeit, denen historisches 
Verständnis abhanden gekommen war, Avird wohl die 
wahre Ursache für die unbedingt zu tadelnde Placierung 
des Scliildes an den 15. Platz im grossen Wappen zu 
suchen sein. 

Der Grund der Wiederaufnahme des alten Familien- 
schildes durch die fürstlichen Brüder im Jahre 1351 ist 
ein sehr nahe liegender. Schon war es üblich geworden, 
bei Erwerbung wichtigen neuen Besitzes diesem durch 
Aufnahme des Wappens auf dem Siegelfelde Ausdruck 
zu verleihen, die alten Stammbesitzungen aber waren in 
der That kurz zuvor erst aufs neue d. h. zurück er- 
worben. Seit dem im Jahre 1291 erfolgten Tode des 
Markgrafen Friedrich Tutta war bekanntlich der alte 
Stammbesitz in fremde Hände gerathen. Erst Landgraf 
Friedrich der Ernsthafte konnte 1347 die Stammburg 
Landsberg mit zugehörigem Gebiet wieder kaufen vom 
Herzog Magnus von Braunschweig, der sie durch seine 
Gemahlin als Allodialerbe der askanischen Markgrafen 
von Brandenburg erworben hatte; an Fiiedrichs Söhne 
gelangte dann 1350 das alienierte Burggrafthum Zörbig 
zurück, aber erst 1402 hat Markgraf Wilhelm endlich 
auch die Grafschaft Eilenburg aufs neue dem Hause 
Wettin erworben. 

Noch ein anderes altes wettinisches Wappen findet sich 



") Im HStA. mehrere solcher Siegel, z. B. an No. 11336 a-, 
(loch hat auch Herzog Moritz vor Erlaiigmig der Kurwürde den 
Schild ebenso placiert, ebenda No. 11019. 



Das Wappen des Kmfürstenthnms Sachsen etc. 65 

in unserem Hcliilde, das auch einen alten Stammbesitz 
repräsentiert, der gleichfalls und zwar auf lange Zeit in 
fremde Hände geratlien war, bis er durch eigenthüniliche 
Fügung des Schicksals nach 135 Jahren an die Nach- 
kommen der ursprünglichen Besitzer zurückgelangen 
sollte. Die Grafschaft Brena hatte bei der Theilung 
unter Konrad des Grossen Söhnen Friedrich, der jüngste, 
erhalten, und bei dem durch ihn begründeten Zweig des 
Hauses Wettin ist dieser Stammbesitz fünf Generationen 
hindurch geblieben; allein nach dem Tode Ottos, des 
letzten Grafen von Brena, betrachtete König Rudolf 
dessen Hinterlassenschaft als erledigtes Reichslehen, das 
er im Jahr 1290 seinem Schwiegersohn, Herzog Albert II. 
von Sachsen -Wittenberg,' verlieh. Erst nach dem Er- 
löschen des askanischen Stammes zu Wittenberg sollte 
dem streitbaren Friedrich mit dem Herzogthum Sachsen 
auch das alienierte Familiengut wieder zu theil werden ^ *). 
Friedrich I., der Stifter der Linie zu Brena, scheint noch 
kein Wappen geführt zu haben, ein Bildsiegel seines 
gleichnamigen Sohnes vom Jahre 1208 ' **) zeigt ohne Schild 
auf dem Siegelfelde einen Greifen, w^elches Fabelthier 
bekanntlich das beliebte Symbol slavischer Fürsten war. 
Die Ursache der Annahme einer solchen bei dem deut- 
schen Adel ausserordentlich selten vorkommenden Schildes- 
figur dürfte deshalb auf eiuen Zusammenhang mit den 
Interessen und Landen slavischer Fürsten schliessen 
lassen, und in der That brauchen wir im vorliegenden 
Falle nicht weit zu suchen, denn die Mutter unseres 
Grafen war eine Tochter des böhmischen Herzogs Die- 
pold'-^"). Die beiden letzten Generationen der Grafen von 
Brena haben jedoch ein anderes Wappen ado[)tiert, die 
drei insofern bemerkenswerth gewordenen Seeblätter •''), 



, "*) Aus einer Urkunde des röniiäclien Königs Albert I. d. d. 
Nürnberg 2. Dezember 1298 (HStA. Orig. 1597) erfahren wir, dass 
die CTralschsft J3rena eine sehr betrüchtliche Au.sdelinnng in Avost- 
östlicher Richtung besass, denn es werden als dazu gehörig benannt 
die Städte Brena, Bitterfeld, Jessen (Löften steht in der Urkunde, 
vernnithlich ein Schreibfehlerj, Herzberg, Schliebeu, niitliin wurde 
etwa die südliche Hälfte des kleinen Herzogthunis Sachsen, des 
späteren Kurkreises, durch diesen alten Wettiner Besitz gebildet. 

'») HStA. Urig. N(). 164, 17«, 199. 

'■">) Vgl Voigtel-Cohn. Stanmitafeln I. Taf. 42, 59. 

=") Siegel von 1242 bis 1288 im HStA. Orig. No. 380, ;581, 414, 
685, 12-i6, woraus namentlich die Entstehung (ler cigenthümlichcn, 
später h-rigerweise als Schröterhöj-ner und anderes erklärten Fi- 



Neucs Archiv f S. C. ii. A. VI. l. 2. 



6(3 R. Freiherr von Mansberg: 

als sie später irrthümlicherweise zu einem Wappenbilde 
des mj^thischen Herzogthums Engern gestempelt wurden. 
Als Helmzier erscheint auf den Siegeln der Graten von 
Brena sowohl ein mit Fähnlein bestecktes Hörnerkleinod, 
wie einfache Stangen mit Pfauenspiegeln, welch' letztere 
dann in Verbindung mit dem askanischen Hut die später 
komponierte Helmzier für Eugern bilden mussten. 

Mit Eücksicht auf die beinahe anderthalb Jahr- 
Imnderte dauernde Vereinigung dei Grafschaft Brena 
mit dem Herzogthum Sachsen hätte man ihr Wappen im 
historisch- topographischen Sinne nicht von der Betracht- 
mig der askanischen Herrschaften trennen dürfen, aber 
es scheint auch nicht unberechtigt, dasselbe bei der Be- 
sprechung wieder dahin zu weisen, woher es kam und 
wohin es ursprünglich gehörte, zum alten Osterland.| 

Zu diesem letzteren wurde seit dem Jalire 1382, als 
die Brüder Balthasar und Wilhelm I. mit den beiden 
hinterlassenen Söhnen ihres ältesten Bruders eine defini- 
tive Theilung der wettinischen Lande vornahmen, auch 
das Pleissnerland wie der den Vögten des Reichs 
im sogenannten Vogtländischen Kriege 1354- — 57 ent- 
rissene Theil des Vogtlandes gerechnet. Dieses nunmehr 
südliches Osterland genannte Gebiet zwischen Saale und 
Mulde, welches etwa dem alten Begriffe der Zeitzer 
Mark entspricht, gelangte zu Anfang des 14. Jahrhun- 
derts unter die Botmässigkeit des Hauses Wettin, nach- 
dem es vorher schon längere Zeit als unterpfändlicher 
Besitz angesehen worden war. Die Verhältnisse der 
erhobenen Ansprüche wie der Besitznahme sind etwas 
verwickelter Natur, ihre Detailerörterung würde uns hier 
jedenfalls zu weit füliren'"), auch genügt es, sich der 
Thatsache zu erinnern, dass die berühmte Schwaben- 
schlacht bei Lucka im Jahre 1307 sowohl den Fort- 
bestand des Hauses Wettin, wie auch das Schicksal des 
Pleissnerlandes entschied. Schon im Juni 13(J8 giebt 
sich Friedrich der Gebissene von Altenburg aus den 
Titel Dominus terrae Plyznensis, den seine Nachkonnnen 
bis zur Erwerbung der herzoglichen Würde von Sachsen 
hin mid wieder gefülut haben. Zwar wurde noch von 



guren allmählich aus der rein ornamental behandelten Form des 
Blattes sich ergiebt. 

*^) Vgl. namentlich von der Gabelentz in den Mittheilungen 
der geschichts- und alterthumsfor sehenden Gesellschaft des Oster- 
landes zu Altenburg, Bd. II, IV und VII. 



Das "Wappen des Kurfürstenthums Sachsen etc. 67 

König Heinrich VII. der Anspruch des Reichs auf 
Wiedereinlösung- des Landes festgehalten, und auch 
König Ludwig der Bayer versuchte seit 1316 wieder- 
holentlich, sein Anrecht an das Land geltend zu machen, 
allein beider Bemühungen blieben ohne wesentlichen Er- 
folg. Im Jahre 1329 nach dem Erlöschen der burggräf- 
lichen Dynastie zu Altenburg'-*) ward Markgraf Friedrich 
der Ernste zu Pavia von seinem kaiserlichen Schwieger- 
vater für sich und seine Nachkommen ausdrücklich mit 
dem an das Reich gefallenen Burggrafenamte und den 
dazu gehörigen ßeichsgütern belehnt; von einer Wieder- 
emlösung des übrigen Reichsgutes ist nie mehr die Rede 
gewesen. 

Fast zweihundert Jahre nach dieser Erwerbimg 
w^ard erst der Schild der ehemaligen Burggrafen von 
Altenburg, die rothe Rose im silbernen Felde, in das 
kurfürstliche Staatssiegel- ') aufgenommen und gleichzeitig 
ein die Herrschaft im PI eis snerl an de symbolisieren- 
des neu komponiertes Wappen, der gold- und silbergetheilte 
LöAve im blauen Felde. Warum man dieses gerade so 
und nicht anders bestimmte, ist nirgends urkundlich an- 
gegeben, erst in späterer Zeit fabelte man von Grafen 
von Pleissen, die nie existiert haben. Der Löwe war 
bekanntermassen die beliebteste Schildesflgur in Thüringen 
wie im Osterlande, ferner gold und blau (demnächst 
schwarz) die dort bei Entstehung der Wappen am häu- 
figsten gewählten Farben; es lag daher ganz nahe, hier- 
auf bei Schalf'ung des neuen Wappens Rücksicht zu nehmen, 
ebenso aber auch auf die Wappen der zu jener Zeit dort 
existierenden edlen Geschlechter, es musste also ein noch 
nicht vorhandenes Wappen geschaffen werden. Unzweifel- 
haft haben Erwägungen in diesem Sinne die ganz eigen- 
thümliche Bildung des Wappens bestimmt, das nunmehr 
seit drei und einem halben Jalirhundert historische 
Existenzberechtigung erlangt hat und füglich das Wappen 
des in der Kreishauptmannschaft Zwickau vereinigten 
ansehnlichen Restes vom alten Pleissnerland und Vogt- 
land repräsentieren kann. 

Wenden wir uns hienächst zu den westlichen Ge- 



^') Über die Burggrafen von AlttMibui-g- vgl. Sammlung ver- 
mischter Naclirichten zur Sachs. Gesch. li (1768), 81. 

^*) Grosses schön gestochenes Reitersiegel des Kurfürsten Jüluum 
vom Jahre 1525 im HStA. an Orig. No. 10506, 10625. 

5* 



(38 R. Freiherr von Mansberg: 

bieten, so muss das als Thüilnger Löwe bekannte Wappen- 
bild sogleich in die Augen fallen. Die saliscli-fränkischen 
Grafen, von denen der dritte bekannte Ludwig im Jahre 
lloU als Nachfolger des gestürzten Hermann von Winzen- 
burg in Thüringen vom Kaiser bestallt wurde, sollen 
auch in ihrem ursprünglichen Schild die fränkische Her- 
kunft nicht verleugnet, d. h. die einfache Art der roth 
und silbernen Schildestheilung, wie die meisten Grafen und 
Herren in Franken, angenommen haben, die man noch 
m Strichen auf den Schilden in älteren Siegeln erkennen 
will ^^j. Erst Hermann I. hat die anscheinend der Landes- 
sitte angepasste Wahl eines Löwen als Schildesfigur vor- 
genommen , auf diesem Löwen aber das bisher geführte 
Wappen angebracht. Nach der bisherigen allgemeinen 
Annahme galt 1209 als Geburtsjahr dieses Löwen, indes 
findet sich im hiesigen königlichen Staatsarchiv ein Siegel 
Hermanns vom Jahre 1197, das bereits den Löwenschild 
zeigt '^''). Die Landgrafen von Thüringen haben den 
Löwen ungekrönt geführt, wie, abgesehen von den Siegeln, 
ein in der Elisabethkirche zu Marburg bewahrter Original- 
schild des 1241 verstorbenen Landgrafen Konrad^') kon- 
statieren kann, jedoch ihre Erben, soAvohl das Haus Wettin 
in Thüringen, wie das Haus Brabant in Hessen, haben 
dem landgräflichen Löwen ein Krönlein aufgesetzt. In 
den Siegeln Wettiner Fürsten erschemt dies Krönlein 
zuerst 1351 ■^'^) als praktisch gewähltes Beizeichen, um 
dort, wo keine Farben anzubringen waren, den Thüringer 
vom Meissner Löwen sogleich unterscheiden zu können. 
Wie dei- letztere aus dem ersteren, etwa ums Jahr 1265, 
hervorgegangen ist, haben wü- schon oben erwähnt. Zu 
bemerken bleibt, dass man die Balken oder Streifen des 
thüringer Löwen seit 1492 auch auf den Siegeln durch 
Striche angedeutet hat. Die Anzahl der rothen und 
silbernen Balken war, wie bei allen solchen Schildes- 
theilungen, anfangs keine konstante, nachgehends sind 
gewöhnlich 4 rothe und 4 silberne in den sächsischen 
Darstellungen angenommen, während man in Hessen 
diese Zahlen um eins erhöhte. Das Anbringen der 
Helmzier auf den Siegeln Avurde ein erst im Laufe 



**) Vgl. (ralletti, Geschichte von Thüringen II, 159. 
*«) HStA. Orig. No. 104. 

^') Sehr gelungene Abhildnng (farbig) in v. Mayers heraldi- 
schen Abcbuch und in Hefners Trachtenwerk. 
*^) HStA. Orig. No. 4210, 5314. 



Das Wappen de?? Kuifürstenthums Sachsen etc. 69 

des 13. Jahrliuiulerts entstehender Gebrauch, der sich 
noch m keinem Siegel der alten Landgrafen findet; erst 
aus späterer Zeit wissen wir, dass sie ihren Helm mit 
st.vlisierten Lindenzweigen schmückten, welche durch die 
Ornamentik des Mittelalters zu kühn geschwungenen 
mit goldenen Laubstengeln verzierten Hörnern wurden. 
Über die staatsrechtliche Bedeutung des Landgraf- 
thunis sind die Historiker noch keineswegs einerlei Mein- 
ung"'^^). Ohne auf die Kontroverse einzugehen, bemerken 
wir nur, dass das Landgrafthum ein vom König zu Lehen 
gegebenes Stück seiner unmittelbaren Gerichtsgewalt 
war, dessen Hauptzweck wohl Erhaltung des Land- 
friedens in einem Gebiete sein sollte, wo kein Herzog 
als Mittelglied zwischen Reichsgewalt und Grafenamt 
stand. Diese zu Anfang des 12. Jahrluniderts aus Grün- 
den innerer Reichspolitik neu geschaffene Institution 
musste sich den Trümmern der alten Gauverfassung an- 
schliessen, welche in das neu gebildete System der ge- 
schlossenen Territorien liineinragten, mit der vollendeten 
Ausbildung der letzteren jedoch verschwanden. Seitdem 
es vielen Grundherren durch königliche Gunst oder durch 
Benutzung der verworrenen Verhältnisse unter den letzten 
Hohenstaufen gelungen war, für ihren grossen Besitz 
Befreiung von der Grafengewalt zu erringen, gewisser- 
massen Allodialgrafschaften zu bilden, in welchen die 
Grafenrechte mit Rücksicht auf Besitz von Grund und 
Boden gewährt waren, seitdem hatte sich die Ansicht 
Bahn gebrochen, dass der Besitz der Grafenrechte über- 
haupt von der Herrschaft über Land und Leute herzu- 
leiten sei. Demgemäss suchten auch die kleineren Grnnd- 
herren, sofern sie nicht die hohe Gerichtsbarkeit erlangen 
konnten, doch die gräfliche Gerichtsbarkeit lediglich als 
eine Beschwerde ihrer an und füi- sich reichsunmittel- 
baren Territorien, als eine jurisdirfio pyovhuiaUs in 
territor/o alicno aufzufassen. Wälu'end also von unten 
d. h. von Seiten des dem Gei'ichtsbann des comes pro- 
vinciol/s unterworfenen Dynasten fortwährend das Be- 
streben sich geltend machte, darzntliun. dass in der be- 
treifenden Gegend das Verhältnis der diesem Gerichts- 



^') Vgl. insbesondere W. Frank, Die Landgrafscliaften des h. 
r. Reichs, Braun srdiweig- 187a, und die diese Studie liekänijjfcnden 
Beiträge des T)r. (iJustav Frhr. Schenk zu Schweinsl)e rg in 
den Forschungen zur deutschen Cieschichte XVI (1876), 525 tlg. 



70 R- Freiherr von Mansberg: 

bann noch unterworfenen Niedergericlitslieiren jedenfalls 
von aller Lelinsabhängigkeit oder Landsässigkeit frei 
geblieben sei, zeigte sich von oben d. h. auf Seiten des 
vom Kaiser eingesetzten comes provincialis naturgemäss 
das Streben , nicht bloss die gerichtsherrlichen Eechte 
festzuhalten, sondern dieselben zu einer immer grösseren 
politischen Macht zu erweitern, wie er deren zur kräf- 
tigen Wahrung des Landfriedens unbedingt bedui'fte. 
Von äusseren Glücksumständen , namentlich aber vom 
Gewicht der Persönlichkeiten, musste der Erfolg solcher 
entgegenströmenden Bemühungen abhängen, daher auch 
das Schicksal der verschiedenen Landgrafschaften des 
heil. röm. Reichs eui sehr verschiedenes gewoixlen ist. 
Bei der immer vollkommener ausgebildeten Territorial- 
verfassung waren die Landgrafen schliesslich vor die 
Alternative gestellt, entweder auf die Möglichkeit ein- 
heitlicher energischer Massj-egeln zur Wahrung des Land- 
friedens sowie auf die Gerichtsbarkeit in fremden Terri- 
torien völlig zu verzichten, oder aber dort selbst Terri- 
torialherren zu werden, indem sie sich die selbständigen 
Grundherren lehnbar machten und deren Gebiet mit ihrem 
ursprünglichen Landbesitz vereinigten. In vielen Fällen 
hatte sich die Frage so zugespitzt, dass nur noch das 
Schwert entscheiden konnte; und in Thüringen hat das 
Schwert entschieden. 

Seitdem das Landgrafthum in Thüringen mit der 
Macht und Würde des markgräflichen Hauses Wettin 
vereinigt war, konnte über das Resultat der obigen sich 
bekämpfenden Strömungen kaum noch ein Zweifel sein. 
Li jener Periode indes, wo der Kampf um die Hege- 
monie zwischen dem Hause Witteisbach und dem mächtig 
aufstrebenden der Luxemburger immer grössere Dimen- 
sionen annahm, indem England und Niederland. Polen 
und Ungarn die Partei Kaiser Ludwig des Bayern er- 
griffen, während Franzosen und Italiener mit den Böhmen 
sich einten, so dass der gigantische Kampf bald das ge- 
samte Europa von einem Ende zum andern durchraste, 
in solcher Zeit fanden die unzufriedenen Grafen und 
Edlen des Thüringer Landes eine passende Gelegenheit, 
gänzlich von der Botmässigkeit des Landgrafen sich zu 
befreien. Von dem Erzbischof von Mainz geleitet, der 
die aus längstvergangener Zeit sich schreiljenden An- 
sprüche seines Erzstiftes nicht vergessen wollte, trat 
eine weitverzweigte planmässige Verschwörung an das 



Das Wappen des Kurfüi'stentbums Sachsen etc. 71 

Licht des Tages, an deren Spitze die mächtigen Grafen 
von Orlamünde standen. Friedrich, der ernsthafte Land- 
graf, nur von der volkreichen Stadt Erfurt und einem 
der Schwarzl)urger unterstützt, nahm ohne Zögern den 
geworfenen Fehdeliandschuh auf und mit grimmigem Ernst 
führte er den Kampf durch, den die Geschichte den 
Thüringer Grafenkrieg heisst. Die rauchenden Ruinen 
der verwüsteten Städte und Dörfer, die Trümmer der 
gebrochenen Burgen wurden zum S^mibol für den Ruin 
der Selbständigkeit des hohen Adels in Thüringen. Mit 
rücksichtsloser Strenge traf des Landgrafen Zorn die 
gedemüthigten Grafen und Edlen, vor allem wurde der 
orlamündische Löwe für immer unschädlich gemacht. 

Das von einem Sohne des grossen Askaniers, Al- 
brecht des Bären, gestiftete Haus Orlamünde^^) war 
im 13. Jahrhundert zum Haupterben der fränkischen 
Lande, des letzten Herzogs von Meranien, geworden und 
damit an Macht und iVnsehen gewaltig gestiegen. Mit 
den Königshäusern Europas verschwägert, selbst aus 
edlem fürstlichem Stamm und die nächsten Agnaten der 
Herzöge von Sachsen und Lauenburg, der Markgrafen 
von Brandenburg und der Fürsten von Anhalt, nannten 
diese fürstlichen Grafen ein Gebiet ihr Eigen von der 
Regnitz l)is zur Unstrut, das ganze Culmbacher Land, 
das heutige Oberfürstenthum Schwarzburg zum grössten 
Theil und ebenso Theile von Weimar und iVltenburg bis 
vor die Thore von Erfurt umfassend. Die Chroniken- 
schreiber jener Zeit nennen die Grafen praepotentes comites, 
die allermächtigst en Grafen; doch all' diese Herrlichkeit 
brach im thüringischen Grafenkriege zusammen wie ein 
Kartenhaus. Die zu Weimar und Plassenburg herrschende 
Linie musste sich als Vasallen dem Landgrafen unter- 
werfen, um bald alh^r ilirer Lehen verlustig zu werden, 
während die eigentliche Grafschaft Orlamünde schon 
1344 (gegen eine Leibrente) an den Landgrafen ab- 
getreten werden musste. Zwar blieb den Grafen noch 
eine erkleckliche Zalil reichsunmittelbarer zerstreuter 
Herrschaften, die jedoch alle nach und nach dem Land- 
grafen von Thüiingen oder dem Burggrafen von Nürn- 
berg für geringe Summen lehnl)ar gemaclit wurden, um 
schliesslich in furchtbarster Geldnoth verschleudert zu 



ä») V«l. C. C. Frhr. v. Reitzeustein, Kegesten der (irafeu 
von Orlamünde, Baireuth 1871. 



72 R- Freiherr von Maiisberg: 

werden. Nicht ohne Wehmiith kann man den schnellen 
Verfall dieses einst so mächtigen vornehmen Hauses ver- 
folgen. Die Nachkommen der praepofentes comites ver- 
mochten sich zu Anfang des 1.5. Jahrhunderts nicht mehr 
gegen ihre israelitischen Gläubiger zu halten. Die Saal- 
felder Juden Zachäus und Lucas wirkten im Jahre 1425 
bei dem markgTäflichen Gerichte zu Weissenfeis ein 
Executoriale an alle Gerichte aus wegen einer Schuld- 
forderung von 4753 Gulden, kraft dessen die Herrschaft 
Gräfenthal den Grafen gerichthch genommen und den 
Juden eingeräumt wurde, worauf Kurfürst Friedrich der 
Streitbare im folgenden Jahre die Herrschaft von „seinem 
Juden Isaak zu Jena" um die genannte Summe an sich 
brachte. Um weiteren gegen sie ergangenen Zwangs- 
vollstreckungen zu entgehen, mussten die Grafen in 
ganz kurzen Zwischenräumen den gesamten ihnen noch 
gebliebenen Besitz verschleudern, theils an die Burg- 
grafen von Nürnberg, theils au die Grafen von Gleichen 
und die von Schwarzburg. Friedrich von Orlaraünde, 
nicht mehr Fürst noch regierender Gi-af oder Herr, son- 
dern einfacher brandenburgischer Beamter, starb im 
Jahre 1486 als dei' Letzte seines einst so hoch stehen- 
den Hauses, von dem nichts mehr zu erben war, 

Dass die Landgrafen einen so ansehnlichen Gewinn 
an politischem Ansehen, wie an ausgedehntem Güter- 
besitz auch äusserlich zu bekunden strebten, darf uns 
nicht auffallen; schon Friedrich der Ernsthafte nahm 
den Titel eines Grafen von Orlamünde an, und auf den 
Siegeln ^^) seiner Söhne erscheint 1351 der Löwe der 
orlamündischen Grafen. Da aber dieser genau, selbst 
in den Farben, mit dem meissuischen übereinstimmte, so 
wurde als Beizeichen das Feld mit Blättern bestreut, 
wie es auf den Siegeln bereits 1351 deutlich erkennbar 
und seitdem so geblieben ist. Eigenthümlich ist dann 
die Erscheinung, dass erst seit dieser Zeit auch einige 
Glieder der depossedierten Familie gleichfalls jenes Bei- 
zeichen annahmen ^^). 

Das an den 21. Platz gestellte Wappen der Herr- 
schaft Eisenberg hätte man bei Besprechung der oster- 
ländischen Besitzungen erwähnen können, wenn diese 



Tafelu. 



»') HStA. Orig. No. 4210, 5314. 

**) Vgl. die den Reitzen stein sehen Regesten angehängten 



Das Wappen de.« Knrfürstentlmm.s Sachsen etc. 78 

Bezeicliiiiuig eine riclitig-e wäre. Die Stadt Eisenberg 
im Westkreis des heutigen Herzogthums Altenburg ge- 
hörte zu altem wettinischen Stanmibesitz und hätte 
als solcher keines l)esonderen Hervorhebens bedurft, da 
sie unter dem Begriff des osterländischen Wappens 
subsumiert werden konnte. Die sonderbare Bezeichnung 
des fraglichen Schildes, den zuerst Kurfürst Johann der 
Beständige in das grosse Staatssiegel aufnahm, ist olfen- 
bar Pseudonym und anscheinend aus Rücksicht auf die 
damals und bis 1799 noch florierenden Burggrafen von 
Kirchberg gewählt, deren Besitzungen an der Saale un- 
weit Eisenberg lagen. Ein Zweig derselben, die Burg- 
grafen von Altenberg (häufig ÜTthümlicherweise 
mit denen von Alten bürg verwechselt), erlosch im Jahre 
1396 mit dem Burggrafen Dietrich, der drei Jahre vor 
seinem Tode die Herrschaft oder, wie man hin und wie- 
der auch sagte, das Burggraftlumi Altenberg dem Land- 
grafen von Thüringen um 1500 Schock Freiberger Groschen 
lehnspflichtig machte^''). Nachgehends ist dann das (h- 
niininhi utile der Herrschaft als Lehnsbesitz im Wege 
des Kaufs aus einer Hand in die andere gegangen. Die 
Burggrafen von Altenberg, von denen sich einige, ver- 
muthlich in Gemässheit cognatischer Ansprüche oder 
vormundschaftlicher Rechte, auch Burggrafen von Orla- 
münde nannten, führten einen geschachteten SchihP'), der 
auf den Siegeln der Kurfürsten Johann und Johann 
Eriedrich in einen gerauteten verwandelt ist'^^), in solcher 
Form und mit der Bezeichnung „Eisenberg" auch in 
einer zu Anfang des 18. Jahrhunderts sauber auf Perga- 
ment ausgeführten Wappensammlung der königlichen 
öffentlichen Bibliothek zu Dresden enthalten ist. Ganz 
ähnlich und mit derselben Bezeichnung soll sich der 
Schild^") auch in einem sächsischen Wappenbuch im 
weimarischen Gesammt-Archiv befinden. Weshalb man 
später aus dem geschachteten oder gerauteten Schilde 
einen Balkenschild gemacht hat, ist nicht recht verständ- 



*') Die bezügl. Urkunden gedruckt bei Hnrn, Friedrich der 
Streitbare, 693. 

*') liei tzenstein 1. c. giebt Tafel V No. 6 und 7 zwei Siegel 
vom Jalire 1326-, das des letzten Jinrggrafcn von Altenberg bei Ave- 
mann, Burggrafen von Kirchberg. 

**) HStA. Kasten 249, 2n3 und 2nn. 2ÖK. 

'"j Vgl. G. P. Hünn, Des Chur- und türstlidii'u lliiiiscs Surli^fn 
Wappen und Geschlechts Untersuchung, 57. 



74 E. Freiherr Yon Mansberg: 

lieh, und kann als blosse Vermuthung- nur angeführt 
weiden, dass, da das Wappen der eigentlichen Burg- 
grafen von Kirchberg schwarze, hin und wieder auch 
blaue Pfähle waren, man dieses Wappen absichtlich mit 
der Veränderung adoptierte, dass für die Pfähle Balken 
oder statt der Spaltung eine Theilung gesetzt, mit an- 
deren \A'orten der Schild um 90 Grad gedreht Avurde^'). 
Im 19. Jahrhundert wird gewöhnlich als Theil von 
Thüringen ein Gebiet betrachtet, welches niemals dazu 
gehört hat, wenngleich das sächsische Fürstenhaus seit 
Ende des 16. Jahrhunderts in dessen Besitz sich befand. 
Dies sind die Lande des in der deutschen Geschichte 
rühmlichst bekannten Hauses der Grafen von Henne- 
berg'*), von Avelchen der Zweig zu Schleusingen, mit 
Berthold dem Weisen im Jahre 1310 in den Fürsten- 
stand erhoben^"), sich gefürstete Grafen nannte. Die 
Linie zu Eömhild erlosch 1549, worauf die sachsen- 
ernestinischen Herzöge deren Landestheil im Wege des 
Kaufes und Tausches von den Schwägern des letzten 
Grafen, den Grafen von Mansfeld, an sich brachten. 
Die weit ansehnlicheren Besitzungen der Linie zu Schleu- 
singen, welche im Jahre 1583 erlosch, sollten in Gemäss- 
heit der 1554 geschlossenen Erbverbrüderung ebenfalls 
an die erwähnten Herzöge fallen; da indes Johann 
Friedrich der Mittlere in die Reichsacht und aller Lande, 
Rechte, wie auch der Anwartschaft auf Henneberg ver- 
lustig erklärt wurde, so ei4angte Kurfürst August 1573 
vom Kaiser Maximilian IL einen Begnadigungsbrief, 
nach welchem dem Kurhause ^ 1 2 , die übrigen ' , 2 dem 
Hause Weimar in Anwartschaft gegeben wurden. Nach 
dem Tode des letzten Grafen, Georg Ernst, Hess Kur- 



'') Für die Geschichte dieser eigenthümlichen Wappenvertai;sch- 
nug sind zwei Schilde mir. Etikette am Grabmal Friedrich des Streit- 
baren im Dome zu Meissen von liesonderem Interesse, doch müssen 
wir es uns versagen, hier näher darauf einzugehen. 

*') Vgl. .T. "A. Schult es, Diplomatische Geschichte des gräti. 
Hauses Henneberg, Hildburghauseu 1791. 

^«j Schuttes 1. c. II, 22: ,, Diese für die hennebergische Ge- 
schichte so merkwürdige Standeserhebung geschah den 25. Juli 1310 
auf dem Reichstag zu Frankfui't in Gegenwart der vornehmsten 
deutschen Reichsfürsten, deren jeder hierzu seine Einwilligung er- 
theiltc. Der Graf und seine Nachfolger bekamen zwar dadurch das 
Recht, den öffentlichen Berathschlagimgen und den Reichsgerichten 
mit beizuwohnen , al)er ihre Lande blieben derwegen immer eine 
Grafschaft, und man würde sehr irren, wenn mau ihr den Titel eines 
Fürstenthums beilegen wollte". 



Das Wappen des Kixifürstenthums Sachsen etc. 75 

fürst August im Namen des gesamten sächsischen 
Hauses von den hinterlassenen Landen Besitz ergreifen 
und ordnete in ebenso geschickter wie allseitig zufrieden- 
stellender Weise die Abfindung der noch von Hessen 
und Würzburg erhobenen Ansprüche. 70 Jahre lang 
blieb das Land in ungetheilter Gemeinschaft , bis am 
9. August 1660 eine definitive Theilung vorgenommen 
wurde, in welcher das Kurhaus die Ämter und Städte 
Schleusingen, Suhl, Kuhndorf und Benshausen erhielt. 
Die ernestinische Landesportion ist nachgehends noch 
mehrfach getheilt uud wieder stückweise unter einan- 
der ausgetauscht worden im Zusammenhang mit den 
wiederholten Theilungen der gesamten Lande dieser 
herzoglichen Linien; im allgemeinen aber ist das heu- 
tige Herzogthum Sachsen -Meiningen zum giössten Theil 
aus ehemaligem hennebergischen Lande gebildet. Da 
der uralte Rennstieg oder Reinweg oben auf dem 
Kamme des Thürhiger AValdes viele Jahrhunderte hin- 
durch die Grenze zwischen Franken und Thüiingen dar- 
stellte, so gehörten die gesamten hennebergischen Lande 
zu Franken und politisch bis zur Auflösung des deut- 
schen Reichs zum fränkischen Kreise. Bei diesem Kreise 
führten nach der Theilung die Besitzer der Grafschaft 
drei Stimmen auf Kreistagen, nämlich das Kurhaus eine, 
das ernestinische Haus eine und endlich wegen der 
Herrschaft Schmalkalden auch das Haus Hessen eine 
Stimme. Auf dem Reichstage erhielt das Haus Sachsen 
im Jahre 1594 wegen Hennebei'g eine Stimme auf der 
weltlichen Bank im reichsfürstlichen Kolleg; l)ei der 
Theilung im Jahre 1660 wurde über die Führuug dieses 
Reichs Votums ein Alternations-Rezess zwischen dem kur- 
und fürstlichen Hause geschlossen, der nachgehends noch 
mehrfach geändert wurde. Sämtliche sächsische Linien 
nahmen jedoch gleichzeitig im Jahre 1660 Titel und 
Wappen von Henneberg an, wenn schon einige Herzöge 
bereits früher hin und wieder beides bemerklich gemacht 
haben. Das Wappen der Grafen von Hennel)erg ist 
sehr alt und dürfte schon im 12. Jahrhundcit entstanden 
sein^"); dasselbe Avar ein redendes A\'appen. eine schwaize 
Henne auf grünem Dreiberg. — . 



*") Schulte s 1. c. gielit zwar iiiif (\vv l ei gefügten Tab. IX 
ein Siegel Pitppos v. H. vom .Talive 118fi, dits alier nicht das s])ätcn' 
Wappen, sondern einen Vogel zeigt, den man hernldisch eher für 
einen Adler (cum alis et cauda eapansis) als eine Henne halten würde. 



76 R- Freiherr von Mansberg^: 

Nachdem wir die alten Staramesbesitzung-en des 
Hauses Wettin, das frühzeitig erworbene Meissen und 
das nach langem Erbfolgekriege errungene Thüringen an 
der Hand unseres Wappenschildes durchwandert, führt 
uns derselbe zu jenem nördlicher gelegenen askanischen 
Lande, welches Anfang des 15. Jahrhunderts an das 
land- und markgräfliche Haus kam, in seiner Kleinheit 
zwar keinen grossen materiellen Machtgewinn dar- 
stellte, dafür aber die fürstliche Würde des Hauses mit 
neuem Glänze umgab und diese Würde dann durch die 
Herrschertugenden ihrer Träger zu solcher Bedeutung 
erhob, dass seitdem das Fürstenhaus selbst, wie die ge- 
samten von ihm beherrschten Gebiete, mit gerechtem 
Stolze den Namen jenes kleinen Landes tragen. 

Als die kaiserliche Acht und Aberacht den stolzen 
Weifenherzog getroffen, als man das gewaltige Reich 
Heinrich des. Löwen in Trümmer zu schlagen sich be- 
mühte, hörte, obwohl die Zerstückelung nur theilweise 
gelang, der Begriff des alten Herzogthums Sachsen auf, 
denn der vom Kaiser im Dezember 1180 zum Herzog 
von Sachsen ernannte Bernhard von Ballenstedt war 
nicht im stände, dem nordischen Löwen auch nur eine 
Quadratmeile seines Gebietes zu entreissen. Statt dessen 
aber setzten sich alle früher der herzoglichen Gewalt 
und Gerichtsbarkeit unterworfenen geistlichen und welt- 
lichen Herren in völlige Freiheit, dergestalt, dass dem 
neuen Herzog nichts blieb, als der Titel und jener aller- 
dings Ehrfurcht erweckende Name, an den sich alle 
die ruhmvollen Erinnerungen des alten Herzogthums 
Sachsen, an die Thaten der Brunonen und Ottonen, der 
Billunger und Weifen knüpften. Die herzogliche Würde 
musste auf das von Bernhards Vater, Albrecht dem Bären, 
einst den Slaven an der Mittelelbe entrissene und mit 
Kolonisten vom Niederrhein (1150—1190) bevölkerte Ge- 
biet gegründet werden, doch war dieses in der That so 
winzig, dass unter Bernhards Söhnen der ältere, Heinrich, 
die väterlichen, später nach dem Schlosse Anhalt ge- 
nannten Stammlande vorzog und dem jüngeren Bruder, 
Albert L, das kleine Herzogthum gern überliess. Dieser 
jedoch erhielt von dem Grafen von Schwerin als Preis 
geleisteten Beistandes das einst durch Heinrich den 
Löwen unterworfene Land der wendischen Polaber an 
der Unterelbe, welches nach dem Schlosse Lauenburg 
genannt und dem Herzog Johann, ältestem Sohne AI- 



Das Wappfii des Knifürstentimms Saclisen etc. 77 

berts I., zu theil wurde, der hier die bis Ende des 
17. Jahrhunderts blühende Linie der askanischen Her- 
zöge von Lauenburg- stiftete. 

Albert IL, der jüngere Bruder Johanns, ward der 
Gründer des Hauses Sachsen -Wittenberg, des alier- 
jüngsten Zweiges der Askanier, der indes durch Alberts 
staatsmännische Gewandtheit schnell ui seinem Ansehen 
stieg und bald die älteren Zweige an Bedeutung w^it 
überstrahlte. In richtiger Würdigung der politischen Lage 
war Albert einer der drei klugen weltlichen Fürsten ^^j, 
die zuerst der aufgehenden Sonne des Grafen Rudolf 
von Habsburg sich zuwandten, ihn zum deutschen König, 
zugleich aber seine drei Töchter zu ihren Gemahlinnen 
kürten. Das verschaffte allen dreien zunächst die könig- 
liche Anerkennung eines ihrem Hause gebührenden Rechts 
zu solcher Wahl, des Kürrechts oder der KurAvüi'de, 
doch folgten bald noch intensivere Gunstbezeugungen des 
königlichen Schwiegervaters. Die hohe Würde eines 
Plälzgrafen in Sachsen mit dem grössten Theil des da- 
mit verbundenen nicht unansehnlichen Benefizialgutes, 
w^elches alles das Haus Wettin als Erbe der damit be- 
lehnt gewesenen Landgrafen von Thüringen in Anspruch 
nahm, ward trotz der einst Heinrich dem Erlauchten er- 
theilten kaiserlichen Eventualbelehnung*-) von König 
Rudolf seinem Schwiegersohn, Albert von Sachsen, ver- 
liehen, und, wiederum auf Kosten des Hauses Wettin, 
erhielt dersell)e die gesamte Hinterlassenschaft des 
kinderlos verstorbenen letzten Grafen von Brena, wie 
schon oben erwähnt wurde. Gleich nach dem Tode des 
Vaters, Albert L, w^aren die Söhne in den Besitz der 
Benefizialgüter des Burggrafthums Magdeburg gelangt, 
welche Würde selbst mit allen Gefällen und Gerichten, 
allen Rechten und Nutzen im Jahre 1269 dem Herzog 
Albert von Sachsen -Wittenberg zu theil wurde. Kurz, 
nur wenige Fürsten dürften (-inen mit Rücksicht auf den 
schmalen ursprünglichen Besitz so unverhältiiismässig 



") Ludwig der Strenge Pfalzgraf Itei lihein, Otto Markgraf 
von Brandenburg, Albert Herzog von Sachsen. 

*'■') Vgl. die Urkunde Kaiser Friedriclis 11. d. d. Benevent 
30. Juni i242: Notum esse volumiis universis quod tibi post niGi-tcm 
avunculi tili, Hcurici Landgravii Thnrinijie, duos priiiclpdtus nkos, 
videlicet Laiidgrnviam Thnringie et Comitidni palniii Sa.roiiic et 
omnia alia feuda, que a nobis et ab Jniperio icnct, cum ipsoruni^per- 
tinentiis jure contniimns feodali ... M e n c ke SS. rer. üerni. 11 , 8H7. 



78 



R. Freiherr von Mansberg: 



grossen realen wie idealen Machtzuwachs in so kurzer 
Zeit errungen haben, wie Herzog Albert II. 

Albert war nicht nur der eigentliche Schöpfer des 
sächsischen Staates und des Kurf iirstenthums , sondern 
auch der des askanisch- sächsischen Wappens. 
Über dies Wappen ist soviel geschrieben und noch mehr 
gefabelt worden, dass ein etwas weiter gehender histo- 
risch-heraldischer Exkurs hier wohl gerechtfertigt er- 
scheint, der übrigens alle Märchen erfindungsreicher 
Phantasten unberührt lassen kann. Zur Übersicht der 
Wappenvarietäten im Hause der Ballenstedter (Askanier) 
diene folgendes Schema: 



Albrecht der Bär f 1168 



Otto 

t 1198 

Markgraf von 

Bi-andeuburg 



Hermann 

t 1176 

Graf von 

Orlaraünde 



Bernhard 

t 1212 
1180 Herzog 
von Sachsen. 



Balken 



Nachkommen 
Adler 



Sigfrid 



1 



1206 



Orlamünde 



Balken 



Heinrich 
t 1267 
Anhalt 



Albert I. 
t 1260 
Sachsen 



Adler 

Nachkommen 
Löwe 



Balken nebst 
halbem Adler 

Nachkommen 

haben im 
15. Jahrb.-") 
dem Ballen- 
stedtschen 
Schilde das 
Beizeichen 
der Witten- 
berger hinzu- 
gefügt, aber 
den Adler 
ausserdem 
behalten. 



Balken 



Johann 

t 1285 

Lauenburg 



Albert IL 

t 1298 
AVittenberg 



Balken nebst 
halbem Adler 
Balken nelist und einem 
halbem Adler Beizeichen 



Nachkommen 
haben das 
Wappen der 
jüngeren od. 
Witteuberger 
Linie ange- 
nommen 



Nachkommen 
haben das 
Wappen mit 
Beizeichen, 
doch ohne 
Adler ge- 
führt. 



*') Unter den vielen bei Beckmann, Historie des Eürstenthums 
Anhalt gegebenen Anhaltschen Siegeln ist das erste mit dem Rauten- 
kranz vom Jahre 1468. Der Bär erscheint zuejst auf Siegeln der 
Bernburger Linie 1323. Vgl. auch O. T. von Hefner, Wappen- 
buch 'weiland J. Siebmaciiers I, 43 der Erläuterungen. 



Das Wappen des Kurfürstenthums Sachsen etc. 79 

Bekanntermassen ist ein auf Urkunden g-estützter 
strikter Beweis für die Motive der Wappenändermigen 
im Mittelalter nirgends zu erbringen, da die Personen 
des Herren- oder JRitterstandes , welche eine Mehrnng, 
Minderung- oder völlige Änderung- ihres Wappens vor- 
nahmen, niemals die Gründe beurkundet haben, die sie 
dazu bestimmten. Es ist deshalb nur möglich auf Grund 
des vorhandenen sphragistischen Materials und an der 
Hand beglaubigter Thatsachen mehr oder mindei- plau- 
sible Hypothesen aufzustellen, welche mitunter bis zur 
Gewissheit sich erheben können. 

Das vielbesprochene Beizeichen, ein über den g:anzen 
Doppelschild schräglinks (si)äter schrägrechts) gelegter 
ornamentierter Schrägbalken , der nach einer seltsamen 
Fabel des Canonicus Krantz zu Hamburg im 1(3. Jalu'- 
hundert den Beinamen des Rauten kränz es erhielt, 
erscheint zum ersten Male im Jahre 1261*^) auf einem 
gemeinschaftlichen Fusssiegel der Brüder Johann und 
iUbert. Von der Ansicht ausg-ehend, dass es sich bei 
xlimahme dieses Beizeichens lediglich um eine die jüngere 
Linie bekundende Minderung- des Wappens g-ehandelt 
habe, halten die Vertreter dieser Ansicht *') den soge- 
nannten Rauteukranz für ein gewöhnliches, häufig vor- 
kommendes Beizeichen, das jedenfalls und stets eine 
mindernde Bedeutung für das betreftende Wappen habe. 
Dieser Anschauung vermögen wir nicht unbedingt bei- 
zutreten, aber ebensowenig der extremen Deutung an- 
derer^**), die jenes Beizeichen als etwas ganz Ausser- 
gewöhnliches, ja lediglich Typisches für das sächsische 
Wappen betrachten. Der sogenannte Rautenkranz ist 
eine zwar selten, aber doch hin und wieder und gerade 
bei sächsisch-thüringischen Geschleciitern verkommende 
Schildesfigur. Einen gewellten Schrägbalken, über den 
getheilten Schild gelegt, führen die von Redwitz und die 
Marschälle von Ebnet, einen ornamentierten Schi'äg-l)alken 
genau von der Foi-m und Farl)e des sächsischen die von 
Maschwitz und die von Wegeleben , auch unter dem 
schwäbischen Adel giebt der alte Siebmacher (ad II, 96: 
Newenhrun) ein dem sächsischen fast identisches Wappen. 



*•) HStA. Oiig. No. ß09. 

*^) Insbesondere der bekannte (lenealogc und Hcraldiker von 
Mülverstedt zu Magdeliurg. 

*°) Fürst zu Hohenlolie- Waldenliuig, ü. T. vouHefuer 
zu München. 



80 R- Freiherr von Mansberg: 

Überdies zeigen verschiedene mittelalterliche Siegel ähn- 
liche Beizeichen (z. B. Wernigerode, Hartesrode, Wefer- 
lingen u. a.), vielleicht sogar früher, als das sächsische 
mit dieser Figur ^'). Schon aus dieser Thatsaclie dürfte 
hervorgehen, dass der Kautenkranz nicht wegen des 
Herzogthums angenommen wurde, denn schwerlich 
würden die Herzöge ein so bedeutungsvolles Emblem 
den Vasallen vom niedern Adel zu führen gestattet 
haben. Wäre andererseit durchaus nur eine Minderung, 
eine Bezeichnung der jüngeren Linie mit der Annahme 
bezweckt worden, so musste dies den fürstlichen Agnaten 
auf jeden Fall noch im 14. Jahrhundert bekannt, und 
würde von den nächstfolgenden Generationen das Bei- 
zeichen in seiner ihm beigelegten Bedeutung respektiert 
worden sein; alsdann wird es aber schwer verständlich, 
weshalb trotzdem die älteren Linien, erst die zu Lauen- 
burg, später auch die zu Anhalt, nachgehends dasselbe 
Beizeichen angenommen haben, das sie doch seiner Innern 
Natur nach gewiss als ihnen nicht zukommend ansehen 
mussten. Übrigens scheint die Ändeiimg des sächsischen 
Wappens zur allgemeineren Kenntnis in Deutschland 
überhaupt erst im 14. Jahrhundert gelangt zu sein, wie 
denn die kurz vor Mitte dieses Jalirhunderts angelegte 
Züricher Wappenrolle als das Wappen von ,.ßalisen" 
den gespaltenen Adler und Balkensehild ohne Rauten- 
kranz zeigt. 

Dass der herzoglichen Linie zu Wittenberg eine in 
die Augen fallende Unterscheidung des Wappens, und 
zwar nicht bloss von dem ihrer Vettern zu Anhalt, 
wünschenswerth sein musste, wird um so erklärlicher 
durch die Thatsache. dass gerade zu jener Zeit mehrere 
edle Geschlechter im östlichen Harzgebiete einen ge- 
spaltenen Schild mit denselben Figuren, einen halben 
Adler vereint mit dem Balkenschild, führten, nämlich die 
Edlen von Barby, die Grafen von Falkenstein und das 
Haus Querfurt, dessen ältester Zweig im Besitz des 
Burggrafthums Magdeburg sich befand. 

Ohne Andeutung der Farben, wie man es damals 
auf allen Siegeln oder sonstigen plastischen Darstellungen 
nicht anders kannte, lag die Möglichkeit unliebsamer 



*') Vgl. besonders die Kontroversen der Herren von Mülv er- 
ste dt und Fürst Hohenlobe tlber diesen Gegenstand in den 
Neuen Mittheilunoen. Bd. XI. Halle 1867. 



Das Wappen des Kiirfürstenthums Sachsen etc. 81 

Verwechslung- sehr nahe, welche man duixh Annahme 
eines auffälligen Beizeichens leicht vermeiden konnte. 
Das 13. Jahrhundert, und theilweise auch noch das 14., 
ist sehr reich an solchen Wappenänderungen, welche 
entweder emen neuen bezw. veränderten Besitz andeuten 
oder zur Unterscheidung von anderen Familien dienen 
sollten, welche ursprünglich dieselben Figui^en zur bleiben- 
den Verzierung der Schilde erkoren hatten. Mit der 
völligen Fixierung der Wappen wurde die Annahme von 
Beizeichen später ganz von selbst überflüssig, seitdem 
zur Bezeichnung von Herrschaft oder Anspruch die Ver- 
einigung mehrerer AVappen, wenigstens der vollständigen 
Schilde auf einem Siegelfelde, allgemeiner in Aufnahme 
kam. Die Ansicht, dass die Wittenberger Linie mit dem 
neuen Wappen das nun schon in der dritten Generation 
ilu- gehörige Herzogthum habe bezeichnen wollen, er- 
scheint uns völlig unhaltbar, andererseits ist aber absolut 
kein Grund erfindlich, A\'eslialb sie das von der Anhalter 
Linie bereits in der vorhergehenden Generation ange- 
nommene AVappen hätte nunmehr auch adoptieren sollen; 
vielmehr muss man aus der historischen Sachlage die 
Ansicht gewinnen, dass mit dem neu erkorenen Wappen- 
bilde^ dem Adler, ein neues wichtiges Besitzthum hat 
l)ezeichnet werden sollen, dass jedoch mit der Annahme 
dieser neuen Schildesfigur ein Beizeichen notliwendig 
wurde, um das neu zusammengesetzte AVappen merkbar 
unterscheiden zu können von jenen oben erwähnten mit 
gleichen Schildesfiguren. Wir müssen daher die Ent- 
stehung des sächsischen AVappcns in unmittelbaren Zu- 
sammenhang mit der Erwerbung des Burggrafthunis 
Magdeburg bringen. 

AVie bei allen Hoch- und anderen Stiftern in Deutsch- 
land ward bei Gründung des Erzbistlumis Magdeburg 
im Jahre 9(J8 dem geistlichen Oberhirten ein Vogt zu- 
geordnet, der nicht bloss mit kräftigem Arm den nöthigen 
weltlichen Schutz verleihen sollte, sondern dem auch als 
höchstem weltliclien liichter in des Kaisers Xamen der 
Gerichtsbann in cunem grossen Theile des nachmals ei'st 
zum weltlichen Fürstenthum gewordenen Territoriums 
des heiligen Moritz zustand, insbesondere auch das 
Schiütheissenamt in den beiden Hauptstädten ^Magdeburg 
und Halle '*^). Dieser stets aus dynastischem Adel der 



*') Vgl. Prensdorff, Über die älteren Rurggrafeu von Magde- 

Neues Archiv f. S. G. u. A. VI. 1. 2. 6 



82 R- Freiherr von Mansberg: 

Gegend ausgewählte höchste kaiserliche Gerichtsbeamte, 
der bald co^nes civitatis oder comes urbaniis, bald pre- 
fectus oder castellanus heisst, seit 1159 auch unter dem 
latinisierten TiteH;wr(/rö.m6s vorkommt, hatte die Vogtei 
nicht nur über die beim Erzstift zu Lehen gehenden 
Güter, sondern auch über die meisten dortigen Klöster, 
demgemäss verschiedene Vasallen als Untervögte bestellt. 
Dass bei der Auswahl der Familie für eine so einfluss- 
reiche Stellung der Erzbischof selbst eüi gewichtiges 
Wort mitzureden hatte, liegt auf der Hand und macht 
es erklärlich, dass nach und nach das Burggrafthum als 
ein von dem Erzstift abhängiges Lehen galt, obwolü die 
Kaiser, unbekümmert um diese Sachlage, wiederholt mit 
Würde und Amt den Bm'ggrafen direkt beliehen haben, 
so 1348 Karl IV., 1425 Sigismund, 1547 Karl V. 

So unentbehrlich der weltliche Schutz anfangs den 
Stiftern selbst erscheinen musste, so wesentlich änderte 
sich diese Anschauung im Laufe der Zeit, denn mit dem 
weiteren Zuwachs an Gütern, insbesondere aber an welt- 
licher Macht, wurden überall die ScMrm- und Kasten- 
vögte als eine mibequeme Last betrachtet, die man nach 
und nach, namentlich seit Anfang des 13. Jahrhunderts, 
abzuschütteln suchte. Diu'ch die mittelalterliche Ge- 
schichte aller deutschen Hochstifter zieht sich das deut- 
lich erkennbare Streben, durch kluge Massregelu der 
Bischöfe, Weisthümer der Dienstmannen, Vermittlung 
der Kaiser oder benachbarter mächtiger Herren, haupt- 
sächlich aber durch Abkauf oder Ablösung die erblich 
gewordenen vogteilichen Rechte zu beseitigen und da- 
mit an die Stelle der ursprünglich vom Reich einge- 
setzten oder anerkannten unabhängigen Dynasten ein- 
fache stiftische Beamte zu bringen, wobei die vielfach 
den Hochstiftern verliehenen Grafenrechte in verschie- 
denen Gauen oder Theilen derselben wesentlich unter- 
stützten. Sehr erleichtert wurde dies Streben der geist- 
lichen Herren durch das stete Geldbedürfnis des im 
Niedergänge begriifenen hohen Adels, den wir in seiner 
grossen Mehrzahl durch unaufhörliche Fehden, Kreuz- 
züge und mangelhafte Wirthschaft emer rapiden Ver- 
armung entgegensteuern sehen. So war es auch mit den 



bürg (Forschungen z. D. Gesch. XII, 297 flg.) nnfl die Anfsätze von 
Holstein, von Mülverstedt und von Arnstedt in den Magde- 
burgischen Geschichtsblätteru Band VI und VII. 



Das Wapppii fies Kurfürstenthuras Sachsen etc. 83 

Burggrafen von Magdeburg aus dem Hause Querfurt der 
Fall. Seit Anfang des 13. Jahrhunderts berichtet eine 
Reihe von Urkunden über Aufgeben von vogteilichen 
Eechten und Veräusserung von Beneflzialgütern, wozu 
die kräftigen Erzbischöfe Albrecht und Wilbrand den 
Bui'ggrafen Burchard drängten. Unter seinem Sohne 
wui'den die Transaktionen auf Überlassung des gesamten 
Burggrafthums ausgedehnt, für welches sich in der Person 
des benachbarten Herzogs von Sachsen nicht bloss ein 
zahlungsfähiger Käufer, sondern, wie in ^delen ähnlichen 
Fällen, die Wahrscheinlichkeit bot, später gegen ander- 
weite Geldopfer oder Überlassung von Titel und Bene- 
fizialgut ganz die richterlichen Befugnisse an das Erz- 
stift zu bringen. Dabei war das eben entstandene kleine 
Herzogthum Sachsen dem mächtigen Erzbisthum gegen- 
über nicht bedeutend genug, um aus den Eechten des 
Gerichtsbannes die Wurzel späterer Territorialhoheit bil- 
den zu können. Der Erfolg zeigte, dass die geistlichen 
Herren sich nicht verrechnet hatten; nicht drei Jahr- 
zehnte nach Übertragung des Burggrafthums auf die 
Herzöge von Sachsen befand sich das Erzstift im Be- 
sitze der vogteilichen Rechte, der Grafengedinge und 
der Schultheissenämter in Magdeburg, wie in Halle. 

Wann die Verhandlungen mit Herzog. Albert I. be- 
gonnen haben, darüber fehlt uns der urkundliche Nacli- 
Aveis, aber unmittelbar nach seinem Tode sehen wir die 
herzogliche Witwe Helena mit ihren beiden noch mino- 
rennen Söhnen, Johann und Albert IL, im Besitze der 
später sogenannten burggräflichen Ämter (Gommern, 
Elbenow, Ranies.Gottow) oder des Benefizialgutes, welches 
ihnen vermuthlich der geldbedürftige Burggraf l^ei-eits 
unterpfändlich eingeräumt hatte, bevor es zur definitiven 
Abtretung kam, denn diese scheint erst unmittelbar nach 
dem Tode des Burggrafen 1269 durch dessen gleich- 
namigen Sohn unter Vermitthmg des Erzbischofs statt- 
gefunden zu haben. Dieser letzte wirkliche Burggraf 
aus querfurtischem Stamm nannte sich seitdem quomlam 
oder dictas hurfjravius, auch nacli dem Schlosse Rosen- 
burg, das ihm, wie es scheint, vom Erzstifte als Ent- 
schädigung eingeräumt war, um nach seinem unbeerbten 
Tode später als Lehen den Edlen von Barby gereicht 
zu werden. 

Als Amtswappen des Buiggrnfthums ward scJion im 
IB. .Tahrlnnidert der Adler geführt (roth in silber und 

6* 



84 B- Freiherr von Mansberg; 

auch umgekehrt). AVeimgleich nach den wenigen bekannt 
gewordenen Siegehi die burg-gräfliche Linie des Hauses 
Querfurt sonderbarerweise den Adler niclit geführt zu 
haben scheint, so haben doch gerade die in Titel und 
Wappen Anspruch auf das Burggrafthum erhebenden 
anderen Linien dieses Hauses den Adler als solches An- 
spruchswappen dokumentiert und erst in späterer Zeit, 
als alle x\nsprüche aussichtslos geworden, wieder fallen 
lassen, Avährend der (roth und silbern getheilte) Balken- 
schild das allen Linien gemeinsame Stammeswappen 
war und l)is zu deren Aussterben beibehalten ist, sowohl 
von den Herren zu Querfurt selbst, wie von denen zu 
Mansfeld und denen zu Schraplau^^). Ebenso haben die 
Burggrafen von Magdeburg aus dem Hause Hardek im 
14. und 15. Jahrhundert den Adler mit dem Balkenschild 
vereint, als Wappen des Burggrafthum s angenonmien^"), 
und in gleicher Weise ist er als Symbol für diese Würde 
im zweiten Drittel des 16. Jahrhunderts in das Wappen 
des Kurfürstenthums Sachsen gelangt. 

Durch Vereinigung dieses burggräflichen Adlers mit 
dem alten Ballenstedtschen Schilde wurde indessen das 
AVappen der AVittenberger Herzöge (ohne Angabe der 
Farben) ganz genau gleich jenem, mit welchem die 
Agnaten der ehemaligen Burggrafen ihre Ansprüche doku- 
mentierten, und diese Sachlage eben wird die neuen In- 
haber des Burggrafthums zur iinnahme eines auffälligen 
Beizeicheus bewogen haben. Hierzu wurde ein stili- 
sierter Laub reis^^) gewählt, den man als ornamentierten 
Schrägbalken schräglinks über den ganzen Doppelschild 
legte, später über den Ballenstedter allein, den es ja 
vornehmlich von dem Querfurter zu unterscheiden galt. 
Seitdem es Mode wurde, die Schrägbalken überhaupt 
von rechts oben nach links unten zu ziehen, ist auch das 



*») Vgl. V. Mülverstedt's Besprechung der burggräflichen 
Siegel in den Magdeburgischen Geschichtsblättern VI (1871). 

^") Vgl, Gebhardi, Genealogische Geschichte der erblichen 
Reichsstände III, 274. 

^') An welche Art von Blättern man dabei gedacht hat. kann 
uns, im Grunde genommen, ganz gieicligültig sein, aber dass es ein 
Laub reis und nur ein solcher, geht aus der Farbe und der überall 
ähnlich behandelten Stylisieruug heraldischer Blätter hervor. Am 
Überzeugendsten wirkt in dieser Beziehung die Abbildung eines 
schönen sächsischen Siegels aus den Jahren 1315 — 1360, welche 
Fürst Hohen lohe in den Neuen Mittheilungeu XI (18fi7) zu 
S. 516 giebt. 



Das Wappen des Kiirfürstenthmns Sachsen etc. 85 

säelisisclie Beizeicheu zu einem rechten Schräg'balken 
geworden, wenngleich derselbe noch an dem Grabmal 
des 1418 verstorbenen Herzogs Rudolf in der Schlosskirche 
zu Wittenberg schrägiinks auf der Helmzier erscheint. 

Der unmittelbare Zus^ammenhang des Beizeichens 
mit der Er\\erbung des Burggrafthums Magdeburg scheint 
noch aus anderen Daten hervorzugehen. 'Die beiden 
herzoglichen Brüder, Johann und Albert, erwarben das- 
selbe, wenigstens das dazu gehörige Benefizialgut . ge- 
meinschaftlich und führen auf ihren gemeinschaftlichen 
Siegeln auch das erwählte Beizeichen (noch 1268); als 
dasselbe nachgehends der Wittenberger Linie allein ver- 
blieb, siegeln beide Brüder^-) so, dass Alberts Siegel in 
der Legende den Titel hin-gravhis in Mafjdhchitrr]/ und 
im Schilde das Beizeichen führt, während das Siegel 
Johanns, nicht den Titel, aber aucli nicht das Beizeichen 
trägt. Ül)erdies hat der letzte wirkliche Biu;ggraf aus 
dem Querfmter Stamm, der sich urkundlich qnoudam 
hurgraviiis nennt, sein Wappen ^^) ebenfalls mit dem 
Eautenkranz versehen und damit offenbar andeuten wollen, 
dass er zum Unterschied von seinen bloss leeren An- 
s])ruch erhebenden Vettern^ ^) derjenige sei. Avelcher den 
dermaligen faktischen Inhabern Würde und Besitz al)- 
getreten habe. Wir sehen darin ein vollständiges Ana- 
logon zu dem oben erwähntem Vorgang mit dem orla- 
mündischen Wappen, welches, nachdem es die Land- 
grafen von Tliüringen mit einem Beizeicheu. den ge- 
streuten Blättern, versehen, nunmehr auch in dieser 
veränderten Weise von den Nachkommen der ehemaligen 
Besitzer der Grafschaft Orlamünde adoptiert wurde. 

Wenn der burggräliiche .Vdler schon in der folgen- 
den herzoglichen Generation wieder aus dem sächsischen 
Wappen verschwand, so liegt der Zusammeidiang mit 
der bereits im Jahre 1294 vorgenommenen Veräusserung 



**) Schon Zollmann hat in seinem Erläuterten sächsischen 
Hauptvvapi)pn (1723) die hei den verschiedenen Sieg-cl der Brüder an 
einer gemeinsrhnftlieh ansgestellton Krknn(h' von 1273 gegeben und 
auf diese seine phantasiereiclie Erkliiiung gegründet. 

**) Abhildung auf der sphragistischen T.eilage zu den ]\ragde- 
hurgischeu (Teschichtshhittern \\ (lft71). 

^') Von diesen Vettern hat sich ein Tituhir-Buriigraf von J\Iagde- 
hurg in der meissnischen üeschiclite sehr lienierklich gemacht, der 
nämlicli, vvehher 1299 als des Königs Wenzel von Böhmen Statt- 
halter in Meissen und im Pleissnerlamle (während der Verpfändung 
an Böhmen) erscheint. 



gß R. Freiherr von Mansberg: 

respektive Verpfändung des Burggraftlnuns nahe genug ^^). 
Zwar hat Herzog Eudolf I. bald wieder das Schloss 
Gommern und 1343 den Rest der Benefizialgüter an 
seüi Haus zurückgebracht, allein der letzte Askanier, 
Albert III., versetzte abermals die burggräflichen Ämter 
und zwar 1419 an den Stadtrath von Magdeburg, von 
dem sie über hundert Jahre später erst das Haus Wettin 
wieder zu lösen vermochte. Zwischen diesem Hause 
und dem Erzstifte erhob sich nach der Belehnung Fried- 
rich des Streitbaren mit dem Burggrafthum Magdeburg 
1425 ein äusserst langwieriger Streit wegen des Grafen- 
gedinges, der erst 1579 in dem Eislebenschen Tausch- 
rezess seinen Abschluss fand. 

Als Kleinod führten die Herzoge von Sachsen den 
ritterlichen Hut oder Chaperon, niedrig und breitkrämpig, 
daher ohne Aufstülpung. In einem Siegel Alberts II. 
vom Jahre 1293^®) sind die Schildesfiguren zum ersten 
Male auf diesem Hute wiederholt, merkwürdigerweise 
ohne den Rautenkranz. Der Hut ist später immer höher 
und schliesslich zu einer geki^önten Säule geworden, an 
der man die Schildesflguren vollständig wiederholte. 

Die zwar von der älteren Linie zu Lauenburg un- 
ausgesetzt bestrittenen Vorrechte bei der Wahl eines 
römischen Königs wurden in der goldenen Bulle Kaiser 
Karls IV. fixiert, dem Hause Wittenberg für immer 
zugesprochen und, wie bei den übrigen Kurfürsten, an 
die Ertheilung eines sogenamiten Reichs er zamt es ge- 
knüpft. Demgemäss nennt sich Herzog Rudolf I. seit- 
dem „des Heil. Rom. Reichs ubirsten Marschalk", doch 
erscheinen die Insignien dafür oder das Amtswappen 
erst 1375^^). Sehr viel später noch kam die Bezeich- 



^') Der auf blosse Vermutliungen gegründete Versuch von 
F. "Winter in den Neuen Mittheilungen X (186H), 231 tig. kann 
uns nicht davon überzeugen, dass die so lange Zeit offiziell als 
burggräfliche Ämter bezeichneten Orte in gar keinem Zusammen- 
hang mit dem Burggraf enthum gestanden hätten. In der Ver- 
pfändungsurkunde d. d. Wittenberg 19. Dezcmlier 1419 (abgedruckt 
bei Hörn, Friedrich der Streitbare, 212) nimmt der Herzog aus- 
drücklich alles aus, was von seinen Eltern zu dem Schloss und 
(lericht Gommern hinzugethan (auch „unser Closter zu Ploczk") „die 
hinfurder zu dem eguanten Slos nicht volgeu sulleu". Das Kloster 
Plötzky hat also nur vorübergehend in Verbindung mit dem Gericht 
Gommern gestanden. 

««) HStA. Orig. No. 1445. 

"). HStA. Orig. No. 4130. 



Das Wappen des Kurfürstenthuras Sachsen etc. 87 

iiimg iwinceps elector als wii^klicher permanenter Titel 
auf; noch Friedrich der Streitbare hat sich niemals ur- 
kmidlich so genannt, weil man die Kurrechte unter dem 
Titel Erzmarschall begriifen erachtete. Warum man 
hier zwei Schwerter als Amtswappen wählte, hat uns 
schon Hörn völlig zutrettend mitgetheilt^*). „Welchem- 
nach wohl gewiss bleibet, dass man Sächsischerseits die 
Schwerdter aus keinem anderen Bewegniss dupliret und 
Creutzweis über einander gelegt alß bloß weil es zier- 
licher zu lassen schiene, würde auch ausser dem genug 
geAvesen seyn, wenn zu Anzeige des Ertz-Marschall- 
Ambtes nur ein einzelnes erkieset worden". 

Mit dem Herzogthum Sachsen fiel Friedrich dem 
Streitbaren 1425 über die Grrafschaft Barl)y die Leims- 
hoheit zu, welche das ^tift Quedlinburg 1B59 dem Herzog 
Eudolf abgetreten hatte. Schon Ende des iO. Jahr- 
hunderts war dem Stifte die kaiserliche Burgward Bar- 
boie geschenkt, in deren Lehnbesitz 1194 ein Walter 
von Arnstem erscheint, dessen jüngster gleichnamiger 
Sohn dort den Stamm der Edlen von Barby gründete. 
Der Besitz dieser Dynasten vergrösserte sich durch 
weitere Er\verl)ungen und Belehnungen von Seiten des 
Erzbisthums Magdeburg ( 18o0 Eosenburg) und der 
Fürsten von Anhalt (1334 Mühlingen), sie nennen sich 
seit 1 334 Grafen von Mühlingen und seit 1 497, in welchem 
Jahre Kaiser Max die Herrschaft Barl)y zu einer Reichs- 
grafschaft erhol), Grafen von Barby. Als solche führten 
sie eine Kuriatstimme im westfälischen Grafenkolleg 
sowie eine" Stimme beim obersächsischen Kreise, zu 
einem Römermonat hatten sie 20 Gulden zu zahleu. 
Mit dem Tode des Grafen August Ludwig am 17. Ok- 
tober 1659 erlosch das gräfliche Haus, und die bezüg- 
lichen Lehnsherren theilten sich nicht ohne einige Diffe- 
i'enzen in die ansehnliclie Hinterlassenschaft. Fvurfürst 
Johann Georg IL von Sachsen, dem die eigentliche 
Grafschaft Barby zufiel, liess als Symbol derselben ein 
redendes Wappen, zwei gekrünnnte Barben (von vier 
Röschen begleitet mit Beziehung auf die Herrscliaft 
Rosenburg), dem grossen Schikle des Kurfürstentliums 
inkorporieren. Dieses Wapjjen. welches nach einigen 
schon 1497 entstanden sein soll, tindet sich mir auf dem 
Grabmal des letzten Grafen in der Johanniskirche zu 



') Leben Friedlich des Streitbaren 573. 



88 R- Freiherr von Mansberg : 

Barby^^), ist aber in Siegeln nnd dergleichen niemals V(>n 
den Grafen geführt worden. Das eigentliche Wappen 
derselben war der Arnsteiner xldler, der aus unbekannten 
Gründen längere Zeit (wie es scheint von 1250 — 1350) 
mit einem Balkenschilde vereint wurde, bis die Grafen 
zu dem erweislichen Urwappen der Arnsteiner. dem ein- 
fachen Adler, zurückkehrten, der Ende des 16. Jahrh. 
mit einer Rose quadriert wurde wegen Rosenburg. 

Das Pf alzgrafthum in Sachsen führt uns, hi so- 
weit man bloss den Territorialbezirk der dazu gehörigen 
Benefizialgüter ins Auge fasst, wieder nach dem Norden 
von Thüringen zurück, denn hier befand sich im nach- 
maligen weimarischen Amte Allstedt das Grafengedinge 
der kaiserlichen Hauptpfalz Altstede, dem die übrigen 
sächsischen Pfalzen zu Grona (bei Göttingen), Werla 
(bei Goslar), Walhausen, Lauchstedt, Dornburg u. a, 
untergeordnet waren. Die staatsrechtliche Bedeutung 
des Pfalzgrafthums und seine Geschichte sind einiger- 
massen verwickelter Natur und lassen sich nicht mit 
wenigen Worten erledigen""). Im allgemeinen kann man 
bemerken, dass zu den Hauptfunktioneu der Vorsitz im 
obersten Reichsgericht des alten Herzogthums Sachsen 
gehörte, dass überhaupt l)ei der Würde des Pfalzgrafen 
immer die unmittelbare amtliche Vertretung des Kaisers, 
das Vikariat, in den Vordergrund tritt, namentlich gegen- 
über den Fürsten und dem Landesherzog, welch' letzterem 
der Pfalzgraf ge Wissermassen zur Kontrolle und zum 
Hüter der Reichsdomänen gesetzt war. Die staatsrecht- 
liche Bedeutung ward in dem langen Kaihpfe König 
Heinrichs IV. mit dem sächsischen Volke gewaltig er- 
schüttert und noch mehr verwirrt während des langen 
Interregnums im 13. Jahrhundert. Da nach dem Er- 
löschen des pfalzgräflichen Hauses von Sommersenbui'g 
nnd Beseitigung der weltischen Ansprüche die Land- 
grafen von Thüringen seit der kaiserlichen Belehnung 
im Jahre 1181 das Pf alzgrafthum besassen. so nahm 
Heinrich dei- Erlauchte als Erbe derselben und in Ge- 



**) Vgl. Epitaphia Barbejana in den Magdeburger Geschielits- 
blättern III (1869). 

«0) Yg\. E. Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen, 
in den Neuen Mittheilungen IV-VI (Halle 1840^-^1842). Auch 
Heydenreich, Entwurf einer Historie der Pfalzgrafen (1740) ist 
schätzenswerth wegen des gebotenen urkundlichen Materials und 
der, wenn auch unschön ausgeführten, Siegel- und Münzabbildungen. 



Das Wappen des Kurfürstentluiiiis Sachsen etc. 89 

mässlieit kaiserliclier Eventiialbeleliiimig'*') solches in An- 
sprucl] und scheint sicli darin auch bis zu seinem Lebens- 
ende behauptet zu lial)en, wie denn noch in seinem Todes- 
jahre 12^8 der Enkel, Friedrich der Gebissene, als 
bezüglicher Erbe urkundlich mit Titel und Wappen als 
comes jKilatiniis Saxonie erscheint*^'-). Allein König Ru- 
dolf belieb seinen Schwiegersohn, Albert von Sachsen, 
mit der Pfalz als einem erledigten feadum mciscnlinuut 
von Eeichswegen , Avenngleich das Haus Wettin einen 
Theil wenigstens desBenelizialgutes l)ehielt (Lauchstedt**^) 
mit Freiburg und Dornburg), auch 1350 vom Kaiser 
Karl IV. mit der Pfalz zu Lauchstedt ausdrücklich be- 
lehnt wurde. Hieraus ist nachgehends der irrige Begriff 
einer Doppelpfalz, der zu Sachsen und der zu Thürhigen, 
entstanden, \rie er in dem voiliandenen doppelten Wappen 
zum Ausdruck kommt. Der pfalzgräfliche Adler scheint, 
nach Münzen zu nrtheilen**^). schon das Emblem der 
Grafen von Sonmiersenburg gebildet zu haben und kommt 
sogar schon auf einem Siegel 1181 vor, auf welchem der 
Schild des zuerst mit dem Pfalzgrafthum belelmten Land- 
grafen von Thüringen den Adler zeigt **'). Mit dem Her- 
zogthum Saclisen erhielt Friedrich der Streitbare 1425 
auch das Pfalzgrafen amt, worauf sich später das bei 
einer Thronerledigung von dem Kurfürsten von Saclisen 
in den Ländern sächsischen Bechts ausgeübte Vikariat 
oder Reichsverweseramt stützte. 

Der durch Herzog Johann in Lauenburg gestiftete 
ältere Zweig des askanisch- sächsischen Hauses ver- 
einigte mit seinem nachgehends aucli mit dem Witten- 
berger Beizeichen versehenen Faniilienschilde das Heri'- 
schafts- oder Landeswappen von Lauenburg, zu \\ elchem 
in historisch begründeter Weise das springende Ross der 
Grafen von SchAverin genommen wurde, aus deren Händen 
eben Lauenburg in askanischen Besitz gelangt war. Da 
trotz aller in jeder Generation wiederholten Proteste 



"') Vs'l. oben Note 42. 

''^) Siegel im HStA.aii Orig. Xo. 1195, abgebildet bei Hey den - 
reich 1. c. No. 14. 

"') Lauchstedt wurde anscheinend in Gemeinsclnxi'f mit der 
sogenannten ^fark Landsberil- nach 1291 verpfändet, iiclangte an 
das Erzstift Magdcburti' und -wnrde von diesem 1444 (mit Scliai)Ow) 
dem liisthnm Mcisebury verkauft. 

") Abbildung der Bracteaten bei Hej'denreich 1. c. No. 1—8 
der Tafeln. 

''^) Das interessante Siegel Ludwigs im HStA. au Orig. No, 85. 



90 R- Freiherr von Mansberg: 

gegen die dem jüngeren ZAveige ertheilte Kurwürde "*^) 
die Lauenburger nicht zu höheren Ansehen gelangen 
komiten, S(j erhoben sie wenigstens energischen Anspruch 
auf alle der Wittenberger Linie verliehene Lande und 
AVürden und gaben diesen xlnspruch auch äusserlich 
i\.usdruck durch Annahme aller der Wappen, welche die 
jüngere Linie auf Grund wirklichen Besitzes führte, mit 
Ausnahme natürlich der Insignien des Eeichserzamtes. 
zu deren Führung in jedem Kurhaus überhaupt nur ein 
einzelner, der regierende Kurfürst selbst, berechtigt war. 
Da nun für die politisch nie existierenden Herzogthümer 
Engern und Westfalen kein AVappen zu finden war, 
das askanisch- sächsische Haus jedoch mit diesen Titeln 
sich schmückte, obwohl sie in keinem kaiserlichen Lehen- 
briefe enthalten waren, so haben die Lauenburger diesen 
mythischen Herzogthümern die schon üi ihren Wappen 
aufgenommenen Schildesfiguren des Pfalzgrafthums und 
der Grafschaft Brena octroyiert und damit eine heillose 
Verwirrung angerichtet , aus der sich der Heraldiker 
ohne historische Detailkenntnisse noch heute nicht heraus- 
zufinden vermag. Je weniger die Lauenburger Herzöge 
in der Durchsetzung ihrer Erbansprüche bei dem Aus- 
sterben agnatischer Häuser (wie Brandenburg, Sachsen) 
erreichten, um so mehr scheint ihr Bestreben gestiegen 
zu sein, durch deren Titel ohne historischen Rechtsgrund 
ihr Ansehen zu steigern. Das Schweriner Ross in ihrem 
Wappen musste zum Wappenbilde von Niedersachsen 
erklärt werden, um auch auf dieses alte, von Bernhard 
von Ballenstedt hergeleitete iVnsprüche zu erheben, wäh- 
rend der wittenbergische Schild die Ansprüche auf die ge- 
sammten obersächsischen Lande darstellen sollte. Als diese 
ebenso titelreichen wie länderarmen „Herzoge zu Ober - 
und zu Niedersachsen, zu Engern und West- 
falen" im Jahre 1689 erloschen, ergriffen die Herzoge 
von Lüneburg wieder von dem ihrem Ahnherrn einst 
entrissenen Ländchen Lauenburg Besitz und verglichen 
sich deswegen 1697 mit dem Kurhause Sachsen, das mit 
dem letzten Herzoge von Lauenburg 1670 eine Erbver- 
brüderung geschlossen und daraufhin die Ijeiden Phantasie- 
wappen von Engern und Westfalen in seinen Schild 
schon aufgenommen hatte. 

fl«) Vgl. Sachse, Der Streit um die sächsische Kurwiirde, 
in V. Webers Archiv für die Sachs. Gesch. V, 202 flg. 



Diis Wappen des Kurfurstciithunis Sachsen etc. 91 

So wenig' die Aufnahme zweier jedes historischen 
Sinnes entbehrender Titelwappen zu billigen ist, so un- 
zweifelhaft begründet ist die Annahme einer Reihe von 
fünf Ansprnchswappen . av eiche sämtlich dem Schilde 
des letzten 160U verstorbenen Herzogs von Cleve ent- 
stammen. In dessen bedeutenden Länderbesitz theilten 
sich, wiewohl selbst nicht ohne heftigen langwährenden 
Streit. Pfalzneuburg und Brandenburg, wähi'end das 
sächsische Haus leer ausging. Gleichwohl hatte schon Her- 
zog Albert der Beherzte 1483 durch Kaiser Friedrich III. 
eine Anw^artschaft auf die Jülich -Bergschen Lande er- 
halten, welche später durch Kaiser Maximilian auf die 
Sachsen - ernestinische Linie ausgedehnt wurde, und, Be- 
zug nehmend auf diese unbestreitbaren kaiserlichen An- 
wartschaften, war 1526 in den vom Kaiser ebenfalls 
wieder l)estätigten Ehepakten, vor der Vermählung des 
Kurfürsten Joliann Friedrich mit Sibjdla von Cleve. die 
Erbfolge des sächsischen Fürstenhauses in den Jülich- 
Cleve- Bergschen Landen festgestellt worden, für 
den Fall des Aussterbens ihrer Herzöge. Seitdem wurde 
das kurfüi-stliche Hans auch beständig vom Kaiser mit 
jenen Landen belehnt, ja bei dem westfälischen Frieden 
ist in einem besonderen Paragraphen des Artikels 4 das 
Becht des Hauses anerkannt und verordnet w^orden, dass 
„diese Sach vor Ihro Kayl. Maiestät fordersamst durch 
gütliche oder andere billiche Mittel und Eechts-P]-ocess 
außgemachet werden solle". Das kur- und fürstliche 
Haus hat nichts destoweniger keine Quadratmeile von 
den ihm rechtmässig gebührenden Landen, sondern bloss 
deren Titel und Wappen erlangt, das Ansprucliswai)pen 
ist schliesslich zu einem Gedächtniswappen geworden, 
das nur die Erinnerung an ein dem Fürstenhause zuge- 
fügtes schw^eres Unrecht lebendig erhalten konnte"'). 

Die in unserem Schilde der Zeit ihrei' Aufnahme 
nach jüngsten Wappen sind die der Markgrafthümer 
Nieder- und Oberlausitz. Beide Länder haben das 
eigenthümliche Schicksal gehabt, niemals selbständig zu 
sein, sondern stets Anliängsel eines gri'isseren Staates zu 
l)ilden. Bekanntermassen gehörte die Niederlausilz. 
deren zuerst 107.5 ErAvähuung geschieht, zur Mfirrltla 
orientaUs und kann füglich als altwettinischer Besitz 
betrachtet werden, der erst durch die Veräusserung von 



') Eine Zusammenstellung obig. Daten giebt schon H ö n n 1 c. 25. 



92 R- FieiheiT von Mansberg 



ö ■ 



Markgraf Dieziiiaiin um 1303 in fremde Hände gerieth. 
Nach wecliselvollen Schicksalen hat die schlaue Politik 
des ländergierigen Kaisers Karl IV. beide Länder ver- 
eint zur Krone von Böhmen gebracht, von der sie be- 
kanntlich erst 1635 im Frieden zu Prag dem Kurfürsten 
Johann Georg I. abgetreten wurden als Ersatz für die 
bei dem Beginne des dreissigj ährigen Krieges im Inter- 
esse des Kaisers aufgewendeten Kriegskosten. Die 
Wappen der Markgrafthümer gehörten keiner dynasti- 
schen Familie an, sondern sind Städtewappen, die erst 
im Laufe des 14. Jahrhunderts entstanden ; für die 
Niederlausitz nahm man das Wappen der Stadt Luckau, 
für die Oberlausitz das der Stadt Bautzen. In der des 
Raumes wegen hier nicht näher zu erörterndeii Geschichte 
der beiden Länder ist der Grund zu suchen, dass auf 
den Siegeln böhmischer Könige im 15. Jahrhundert meist 
nur das Wappen der Mederlausitz für beide Markgraf- 
thümer sich findet und das der Oberlausitz sehr selten 
nur vorkommt*^**). 

Zuletzt weist unser grosser Schild auf einem Platze 
(24.) noch ein leeres Feld. Aber dasselbe ist nur schein- 
bar leer, denn die rothe Farbe ist eben seine Schildes- 
figur, entsprechend der rothen oder Blutfalme, durch 
welche die Kaiser bei Ertheilung der grossen Reichs- 
fahnenlehen**^) symbolisch die Belehnung mit den „Ge- 
richten über Hals und Hand" anzudeuten pflegten. AVegen 
dieser Symbolik hat man den einfach rothen Schild den 
der Regalien genannt Seine Aufnahme in die Wappen 
verschiedener alt fürstlicher Häuser schreibt sich übri- 
gens erst aus der Zeit des 16. Jahrhunderts und kam 
mit Beginn unseres, des 19. Jahrhunderts, ganz aus der 
Mode. 

Wir süid am Ende unserer historisch-topographischen 
Wanderung und Avieder im 19. Jahrhundert angelangt. 



*') Hinsichtlich des Wappens der OberLausitz \gl. Knothe in 
dieser Zeitschrift III. 97 flg. 

*') Solcher Reichsfahnenlehen gab es in Sachsen (Ober- und 
Niedersachsen) vor Errichtung des Herzogthums Braunschweig- 
Lünelmrg 1235 sieben, wie uns schon Eckard von Reppichau im 
Sachsenspiegel Buch III, Art. 62 mittheilt: Scven vanleu siiif öl- 
ine lande to Sassen, daf herfochdum to sasscn tmde die palentze, 
die marke to hrandenhnrg , die lantgrafscap to doringen, die. 
marke to miscne, die marke to htsifz, die t/rafscap ascliersJevc. 
Wie man sieht, waren schon im 15. Jahrhundert vier und seit 1635 
fünf von diesen Fahnenlihen in den Händen des Hauses Wettin. 



Das Wappen des Kurfürst Piit Im ins Sachsen etc. 93 

Verschwunden ist liente das farhenpräclitio-e Bild des 
alten Kiiiiiirstontliums Sachsen, die lleihe glänzender 
Zeugen einer thatenreichen Vergangenheit ist zusaninien- 
geschrinnpft auf den einzigen askanisch-sächsischen Schild, 
das Hoheitszeichen des jetzigen Künigreichs. Vergeblich 
si)ähen \\ir nach dem ehrwürdigen Schild der Vv^ettiner, 
dem Stammeswappen unseres Königshauses, vergeblich 
suchen wir die historischen Löwen von Meissen und 
Pleissen ; herrlich florieren diese Länder unter dem säch- 
sischen Szepter, weshalb musste ihr altes Smnbild ver- 
schwinden? Weshalb fehlt m dem Wappen des König- 
reichs die edle Perle seiner Krone, die Oberlausitz? 
Sollte das äusserliche Gedei^ken einer glorreichen Ver- 
gangenheit nicht mehr angebracht sein in dem Zeitalter 
der Elektrizität und des Dampfes? 

Als Kurfürst Friedrich August der Gerechte den 
Königstitel angenonmien, erfolgte am 29. Dezember 1806 
eine königliche Verordnung") über Änderung in Titulatur 
und Wappen, in welcher es heisst, der König habe für 
gut befunden. .,dass die in Unserem Namen ausfertigenden 
Collegia sich vor der Hand und bis auf weitere 
Anordnung .... eines Siegels, in welchem Unser bis- 
heriges Herzoglich -Sächsisches Wappen . . . aufgenom- 
men . . ., bedienen .... sollen". Vorderhand sind 
78 Jahre verflossen, möchte doch weitere Anordnung 
i'echt bald erfolo-en! 



'") Codex Augusteus Cont. IJl. J, 10. 



in. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog 

Georg von Sachsen und Landgraf Philipp von 

Hessen. 1525—1527. 



Mitgetheilt von 

W. Friedensburg. 



Unter dem Titel „Nachlese einiger zur liessisclien 
Reformations- Historie gehörigen Urkunden und Brief- 
schaften" verötl'entlicht Kuchenbecker in der zehnten 
Sammlung seiner „Analecta Hassiaca" (1736) S. 393 flg. 
eine grössere Zahl von Briefen an und von Landgraf 
Philipp von Hessen, deren Reihe ein Schreiben Philipps 
an den Frauziskanerguardian zu Marburg, Nikolaus 
Ferber, aus dem Anfang des Jahres 1525 eröffnet, in 
welchem der Landgraf gegenüber der von dem Guardian 
an ihn gerichteten Mahnung an der alten Kirche fest- 
zuhalten, die Gerechtigkeit aus dem Glauben als Funda- 
ment der Religion hinstellt, Christus allein als Mittler 
zwischen Gott und den Menschen anerkennt, kurz, sich 
bereits deutlich als Anhänger des durcli Luther „wieder- 
gebrachten" Evangeliums kundgiebt. Ln Hinblick auf 
dieses Schreiben oedenkt der Herausoeher in der Vor- 
rede zur zehnten Sammlung der „Analecta" eines um 
dieselbe Zeit von Philipp mit Herzog Georg von Sachsen 
eigenhändig gefidn-ten Briefwechsels, der sich im „hessi- 
schen Hofarciiiv" belinden soll, und bemerkt dazu, dass, 
wenn diese Korrespondenz einmal an das Licht treten 
sollte, die Welt ob der tiefen Einsicht des Landgrafen 
in Glaubenssachen werde erstaunen müssen. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 95 

Von den Briefen^ welche Kuchenbecker hier im Auge 
hatte, bekennt später Rommel, er habe nur zwei der- 
selben auffinden können'); er hat diese unter dem 
Jahresdatuni 1525 (welches indes nur der eine trägt) in 
dem Urkundenband, den er seiner Geschichte Landgraf 
Philipps beigegeben, aus dem damals in Kassel, jetzt in 
Marburg befindlichen hessischen Archiv veröffentlicht'''). 
Ausserdem theilt derselbe Autor in den Anmerkungen 
zum dritten Bande seiner Geschichte von Hessen einen 
an den Landgrafen gerichteten Brief Herzog Georgs aus 
dem April 1525 mit, welcher ebenfalls auf die religiöse 
Differenz Bezug nimmt ^). 

Doch ist damit der Reichthum des Marburger Archivs 
in dieser Beziehung noch nicht völlig erschöpft; es liegt 
dort vielmehr noch ein drittes Schreiben Philipps an 
Georg vom 22. März 1526 vor. Diese Marburger Archi- 
valien erfahren nun aber eine wesentliche Ergänzung und 
Bereicherung aus den Religionsakten des Hauptstaats- 
archivs zu Dresden. Mit Hilfe derselben ergiebt sich 
eine fortlaufende Korrespondenz zwischen Philipp und 
Georg über die religiösen Zeitfragen zunächst aus den 
ersten Monaten des Jahres 1525; aber der Briefwechsel 
hierüber wurde dann zu Anfang 1526 nochmals aufge- 
nommen, und auch aus dem letztgenannten Jahre liegt 
eine Folge von Schreiben und Gegenschreiben vor. Ist 
nun dieser Briefwechsel auch insofern erfolglos geblieben, 
als keiner der beiden Korrespondenten den andern zu 
seiner Meinung zu bekehren vermocht hat, so bietet er 
doch ein nicht geringes Interesse dar. 

Es kann nicht fehlen, dass in einem Briefwechsel 
wie diesem, dessen Gegenstand die kostbarsten Güter des 
Lebens, die höclisten Probleme, welche der menschliche 
Geist aufzustellen vermag, bilden, Charakter und Sinnes- 
art beider Männer in besonders deutlichem Lichte sich 
uns zeigen; aber auch für die Zeitgeschichte überhaupt 
können wir aus diesen Schriften mancherlei entnehmen, 
wie dieselben denn, wenn ich mich nicht täusche, einen 
vielleicht nicht ganz unwichtigen Beitrag zum richtigeren 
Verständnis der sogenannten Packischen Händel liefern, 
insofern wenigstens, als schon aus unseren Dokumenten 



') Geschichte von Hessen HI, Anmerkungen S. 236. 
'^) S. 3—10 (Nr. 2 u. .^). 
*j S. 221 üg. 



96 W. Frierlensburg: 

die völlige Haltlosigkeit der Behauptung erhellt, auf 
welche Ehses sein Werk über jene Begebenheiten ge- 
gründet hat, der Behauptung nämlich, dass der Land- 
graf gleich von seinem Übertritt an sich des unversöhn- 
lichen Gegensatzes, in den er dadurch zu den katholi- 
schen Mächten, namentlicli dem Kaiser, gerathen, bewusst 
und, von der Nothwendigkeit eines WafFenganges über- 
zeugt, von vornherein nur darauf bedacht gewesen sei, 
den günstigen Augenblick für einen solchen zu erspähen, 
um alsdann den Kampf zu provozieren^). 

Die Hauptbedeutung dieser Wechselschriften aber 
möchte ich darin suchen, dass hier, in dem Augenblick 
wo Katholizismus und Protestantismus sich endgiltig von 
einander scheiden, die beiden Weltanschauungen, welche 
ihnen zu Grunde liegen, in engem Rahmen gleichsam 
plastisch einander gegenüber treten, die welthistorischen 
Gegensätze, welche sie in sich schliessen, auf engstem 
Räume zusammentreffen, um sich mit einander zu messen. 
Es sind eben die Gegensätze, welche Ranke als charakte- 
ristisch für die Zeit des aufkommenden Protestantismus 
hingestellt hat^): die Gegensätze zwischen den sogenannten 
guten Werken und dem mit Liebe verbundenen Glauben, 
zwischen der äusseren Kirche mit ihrer ganzen Hierarchie, 
ihren Konzilien und Kirchenvätern, mit dem Papstthum 
als ihrem Haupte und der Kirche, welche Christus ge- 
gründet hat u.nd deren Haupt nur er allein ist; vor allem 
zwischen Menschenlehre und Gotteswort oder, anders 
ausgedrückt, zwischen Autorität und Freiheit, zwischen 
Unterwerfung unter die Tradition und hingebendem Ge- 
horsam gegen die lebendige Stimme des Gewissens. 

Wir lassen daher die betreffenden Briefe, soweit sie 
nicht schon durch Rommel bekannt geworden sind, in 
wörtlichem Abdruck folgen^); zum besseren Verständnis 
derselben wird aber vor allem erforderlich sein, das Ver- 
hältnis zwischen Herzog Georg und Landgraf Philipp 



i\ 



St. Ehses, Geschichte der Packischen Händel (1881); s. 
insbes. S. 20 flg. Die Schwächen in der ganzen Anlage und der Argu- 
mentation dieses Werkes hat besonders zutreffend Kawerau dar- 
gelegt in dieser Zeitschrift IV (188:^), 160 flg. 

*) Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation II, 63 flg. 
(4. Aufl.) 

*) Der Vollständigkeit halber füge ich die gedruckten (sowie 
die fehlenden) fJriefe, jeden an seiner Stelle, in kurzem Regest bei. 
Die Orthographie ist nach Massgabe der modernen Editionsgrund- 
sätze vereinfacht. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 9? 

kurz zu skizzieren und die Umstände darzulegen, unter 
welclien und aus welchen dieser Briefwechsel hervorge- 
gangen ist. 

Unter ') den Fürsten des mit Hessen durch Erbver- 
brüderung engverknüpften Hauses Sachsen scheint Herzog 
Georg bereits das besondere Vertrauen des Vaters Philipps, 
des Landgrafen Wilhelms H. des Mittleren von Hessen, 
genossen zu haben, der ihn in seinem Testamente in der 
Zahl derjenigen Fürsten nannte, bei welchen die be- 
stellten Vormünder des hessischen Landes in Nothfällen 
Rath und Hilfe in erster Linie suchen sollten ; auch sollte, 
falls der hessische Mannsstamm ausgehe, Georg vor den 
andern Fürsten seines Hauses als Erbe begrüsst werden. 
Ist dann gleich das Testament Wilhelms nicht zur Aus- 
führung gekommen, so wurde Georg doch nach dem 
Tode des Landgrafen nebst seinen Vettern Kurfürst 
Friedrich und Herzog Johann von Sachsen zum Ober- 
vormund ernannt. Als in der Folge zwischen der vor- 
mundschaftlichen Regierung Hessens unter Ludwig von 
Boyneburg und der verwitweten Landgräfin, Anna von 
Meklenburg, Irrungen ausbrachen, war es vor allen 
Georg, welcher das Interesse der Landgräfin vertrat und 
ihr zum Siege über ihre Gegner und zur Regentschaft 
verhalf. Damals, im Jahre 1515, verlobte die Landgräfin 
ihre Tochter Elisabeth mit dem ältesten Sohne Georgs. 
Drei Jahre später wurde der Erbe Hessens, Landgraf 
Philipp, in seinem vierzehnten Lebensjahre für mündig 
erklärt; bald hernach, 1520, hatte er eine Zusammen- 
kunft mit den Herzögen Johann und Georg von Sachsen, 
mit welchen er die alte Erbverbrüderung erneute. Na- 
mentlich zu Georg, als dem Freunde seines Vaters und 
seiner Mutter, trat Philipp in ein intimes Verhältnis, 
welches seinen Ausdruck auch darin fand, dass Georg 
dem jungen Landgrafen im Jahre 1523 seine Tochter 
Christina zur Gattin gab. 

Aber die Harmonie zwischen Schwiegervater und 
Eidam war nicht von Dauer. Die Verhältnisse erwiesen 
sich mächtiger als alle Bande der Verwandtschaft und 
Pietät, welche beide mit einander verknüpften. Durch 
die grosse kirchliche Spaltung, welche ganz Deutschland 
in zwei Parteien schied, wurde auch die anscheinend so 



') Vgl. hierzu Rommel, Gesch. von Hessen, Bd. III, sowie 
auch die unten in Nr. 17 abgedruckte Instrulction. 

Neues Aicliiv f. S. G. u. .\. VI. 1. 2. 7 



98 W. Friedeiisburg: 

fest begründete Eintracht zwischen dem Herzog und dem 
Landgrafen schnell gelöst 

Herzog Georg, ein Mann der Autorität und Lieb- 
haber der Ordnungen, auf welchen das mittelalterliche 
Staats- und Kirclienwesen beruhte, konnte die offene 
Auflehnung Luthers, dessen Auftreten er anfangs nicht 
ohne Theilnahme beobachtete, gegen die katholische 
Kirche, gegen Satzungen und Einrichtungen, welche Jahr- 
hunderte lang als Richtschnur für Millionen fast unan- 
gefochten bestanden hatten, nicht billigen; er vermochte 
dem kühnen Gedankeuflug des Mönchs nicht zu folgen, 
die unerschütterliche Konsequenz, mit welcher derselbe, nur 
von seinem Gewissen getrieben, voranschritt, nicht zu 
begreifen; er witterte daher in Luthers Auftreten nur 
Lüge, Heuchelei und Überhebung und wandte sich aufs 
tiefste verletzt von dessen Thun und Treiben ab; ja er 
fasste einen unauslöschlichen Widerwillen gegen Luther, 
in welchem er einen persönlichen Todfeind zu erblicken 
sich bald gewöhnte. 

Ganz anders Philipp von Hessen. Schon auf dem 
Worraser Reichstage war Luthers Auftreten nicht ohne 
Eindruck auf ihn geblieben; er sah sich veranlasst, die 
Fragen, welche die Zeit bewegten, selbständig zu über- 
denken und zu studieren; im Jahre 1524 legte er Melanch- 
thon, den er zufällig traf, die Frage vor: „ob der auch 
sündige, der das Sakrament des Altars nicht nehme"®)? 
Melanchthon versprach ihn schriftlich zu belehren und 
übersandte alsbald seine hieraufhin abgefasste und dem 
Landgrafen gewidmete „Summa der Christlichen leer, die 
Gott ytzundt Avidderumb der weit geben hat"^), worin er 
in kurzer, meisterhafter Darlegung die beiden wichtigsten 
Streitpunkte, von der Gerechtigkeit durch den Glauben 
und der Verdienstlichkeit der sogenannten guten Werke, 
behandelte. Es scheint, dass es diese Schrift gewesen ist, 
welche bei Philipp den Ausschlag gegeben und ihn zum 
begeisterten und entschlossenen Anhänger der „neuen" 



*) Siehe die gleich zu erwähnende Schrift Melanchthon s. Über 
die Entstehung derselben sagt M. hier: „E. f. g. hies mich, ich 
solt etwas dauon schreyben, ab der auch sundiget, der das sacru- 
ment des altars nicht nheme" (tu jtisseras ut ad te perscriberein, 
peccaretnc qui Eucliaristia non utereturj. 

') Wittenberg 1524. 4". Lateinisch unter dem Titel: Ejaüome 
Benouatae Ecdcsiasticae Doctrinae s. 1. et a. 8". Beide Fassungen 
in Originalausgaben auf dem Marburger Staatsarchiv. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 99 

Lehre Luthers gemacht hat; jedenfalls sehen wir ihn von 
jetzt ab sich in dieser Eigenschaft betliätigen^^')- Dawar 
denn freilich der Konflikt mit Herzog Georg unausbleib- 
licli. Und nicht lange Hess derselbe auf sich warten. 

Der Herzog hatte missfällig vermerkt, dass seine 
Lehnsleute, die Brüder von Minkwitz auf Sonnenwalde 
in der Lausitz, einen Priester bei sich hatten, der die 
neue Lehre verkündete. Er erliess ein Abmahnungs- 
schreiben, welches denn auch die Entfernung des Priesters 
zur Folge hatte. Bald darauf erfuhr der Herzog aber, 
dass die von Minkwitz das Übel nur ärger gemacht, 
indem sie nämlich jetzt gar einen „ausgelaufenen"' Mönch 
bei sich aufgenommen hätten, der die deutsche Messe bei 
ihnen einrichtete, die Fastengebote verletzte u. s. w., so- 
dass sie im Begriff schienen, sich von der katholischen 
Kirche völlig zu trennen. Der Herzog fasste daraufliin 
alsbald ein zweites Schreiben an die Ungehorsamen ab, 
welches Christof von Polenz, der am 9. Dezember 1524 



") Die letzte landgräfliche Bestätigung eines Klosters ist vom 
2. Julil.ö23 (Romme 1 III, Anm. S. 226, .32); schon am 26. November 
desselben Jahres gewährte Philipp der Gemeinde Balhorn in Xieder- 
hessen auf ihr Bitten einen der kirchlichen Neuerung geneigten 
Prediger (Heppe, Kirchengesch. beider Hessen I, 129). Dass 
Philipp die Schriften Lutliers und Melanchthons eifrig gelesen hat, 
geht aus dem schon erwähnten Schreiben des Franziskanerguardians 
Ferber (welches vom 9. Januar 1525 datiert ist) hervor; vgl. Secken- 
dorff, Commentarius de Lutheranismo I, 296. Die hessische Reim- 
chronik, welche noch dem 16. Jahrhundert angehört, führt die Sinnes- 
änderung Philipps wesentlich auf das Studium der verdeutschten 
Bibel zurück: 

„als er so schön in teutscher sprach 

die bibel wol vertiret sach, 

und dieselbe mit fleis durchlas, 

durch gottes hiüf er bald genas, 

dass er das herz zur Wahrheit kahrt 

und ivie Faulus bekehret ward" 

(angeführt Ronimel III, Anm. S. 227). Mit der Schrift, welche die 
Nürnberirer l'röbste unter dem 2.". Oktober ].')21: wider den Bischof 
von Bamberg ausgehen Hessen, zeigt sich Philipp im Anfang des 
nächsten Jaiires bereits vertraut, s. Rommel, ürkundcnb. Nr. 2, 
Seite 4. Aus dem ebenhier als Nr. 1 abgedruckten undatierten 
Schreiben des Landgrafen an seine Mutter (welche am 10. April 
1525 starb) entnehmen wir, dass Philipp spätestens im Frühling 
1525 bereits für die evangelische Lehre direkt thätig war und die- 
selbe durch Prediger, die er unihersandte, verkünden Hess. — Den 
Guardian Ferber fertigte Philipp mittels des erwälmten Schreibens 
(Kuchenbecker, Anal. Ilass. X, .S93 — 396) bereits unter dem 
18. Januar scharf ab. 

7* 



100 W. Friedensburg: 

in Begleitung von zwei Wagen voll Fussknecliten vor 
Sonnenwalde erschien, den Besitzern übergab. Sie wur- 
den in diesem Schreiben angewiesen, den ausgelaufenen 
Mönch und andere Priester, welche sich nicht nach den 
Vorschriften der christlichen Kirche halten Avollten, dem 
Bischof von Meissen auszuliefern , sich selbst aber am 
30. Dezember wegen Ungehorsams und Verachtung ilires 
Lehnsherrn ihm zur Bestrafung zu stellen ^^). 

Da Georg aber voraussehen mochte, dass er auf 
diesem Wege nicht leicht ans Ziel gelangen werde, so 
suchte er den Herren von Minkwitz noch auf eine andere 
Weise beizukommen. Einer der Brüder, Nikolaus, ge- 
wöhnlich Nickel genannt, hatte sich im Jahre 1522 im 
Einverständnis mit Franz von Sickingen befunden und 
sür denselben im Braunschweigischen ein Hilfskorps ge- 
sammelt. Ehe er aber noch mit seiner Schar zu Sickingen 
ftossen konnte, war er durch den Landgrafen von Hessen 
abgeschnitten worden, der seine TrupjDen zersprengte und 
dann in hessische Dienste zog, ihn selbst aber gefangen 
nahm^^). Später erlangte Nickel vom Landgrafen die 
Freiheit zurück, musste aber versprechen, sich auf Er- 
fordern alsbald wieder in Haft zu stellen. Dessen ein- 
gedenk, beabsichtigte nunmehr Georg seinen Einfluss auf 
den Schwiegersohn geltend zu machen und ersuchte in 
einem nicht mehr vorhandenen Schreiben den Landgrafen, 
kraft des damaligen Vorbehalts, Nickel wieder zu sich 
zu entbieten. 

Aber dem Landgrafen war nicht verborgen geblieben, 
um was es sich handelte. Unmöglich konnte er dazu 
mitwirken einen Mann, der wegen seiner Anhänglicid^eit 
an die lutherische Lehre verfolgt wurde, ins Verderben 
zu stürzen. Er entschuldi<j;te sich daher 2;eo;en seinen 
Schwiegervater, er könne dessen Begehren nieiit ent- 
sprechen, weil er etlichen Fürsten und Edlen zugesagt 
habe Nickel nicht zu mahnen; auch fürchte er, dieser 
werde einer etwaigen Mahnung nicht Folge leisten. Aber 
auch mit dem für ihn entscheidenden Gesichtspunkt, 
vi^elcher ihn hinderte Georg gefällig zu sein, hielt Philipp 
nicht zurück; er glaubte sich vielmehr verpflichtet, dem 



") Vgl. J. Falke, Nickel von Minkwitz, in v. Webers Archiv 
f. d. Sachs. Gesch. X, 280 flg., insbes. 285—290 (aus Weimarer Archi- 
valien). S. auch Seckendorff I, 278. 

-) Ranke 11, 77. Falke a. a. 0. 28:i flg. 



i: 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 101 

Herzog über den Standpunkt, welchen er selbst in der 
Glaubenssaclie einnähme, keinen Zweifel zu lassen. So 
setzt denn hier der berühite Briefwechsel zwischen den 
beiden Fürsten ein. 

Das erste Schreiben des Landgrafen, welches eben 
von der Angelegenheit Nickels von Minkwitz ausgeht, 
ist von Rommel abgedruckt worden ^^). Es trägt nur 
das Jahresdatum 1525; Monats- und Tagesangabe fehlen, 
lassen sich jedoch unschwer insoweit ergänzen, als das 
Schreiben den ersten Wochen oder Monaten des ge- 
nannten Jahres mit Sicherheit zugewiesen werden kann. 
Da nämlich ein ferneres Schreiben des Landgrafen, 
welches durcli die Entgegnung Georgs auf den ersten 
Brief hervorgerufen wurde, das Datum des 11. März 
trägt ^*), so muss dieser erste Brief mehrere Wochen 
früher, also in den Januar oder Februar angesetzt wer- 
den, womit es auch in bestem Einklang steht, dass die 
Irrung zwischen Georg und den Herren von Minkwitz 
sich im Dezember 1524 und in den ersten Monaten des 
folgenden Jahres abspielte^*). 

Wie es der Anlass des Schreibens mit sich brachte, 
geht Philipp von der Frage der Verbindlichkeit der 
Klostergelübde und der Verdienstlichkeit der äusseren 
Werke aus. Wir sehen hier, auf wie fruchtbaren Boden 
Melanchthons Winke gefallen sind: Gott hat uns — in 
der heiligen Schrift — so viel geboten, dass wir damit 
genug zu schicken haben und seiner besonderen Gnade 
bedürfen, um nur die Gebote, welche er uns gegeben, 
halten zu können; daneben bedarf es keiner menschlichen 
Satzungen, denn unsere Vernunft ist Thorheit vor Gott. 

Insbesondere beschäftigt den Landgrafen die Messe, 
welche ihm ja auch den ersten Anlass geboten hatte, sich 
an Melanchthon zu wenden. Inzwischen war seitens 
der beiden Pröbste zu St. Sebald und St. Lorenz in 
Nürnberg, welche wegen Abhaltung der Messe in deut- 
scher Sprache, Ertheilung des Laienkelchs u. s. w. von 
dem geistlichen Oberen, dem Bischof von Bamberg, zur 
Verantwortung gezogen waren, eine ausführliche Rccht- 
fertigungsschrift erschienen, welche es vorzugsweise mit 
dem Abendmahl und den Gründen, weswegen sie die 



'^) a. a. 0. No, 2 S. 3—6. Unten No. 2. 
'*) Unten No. 4. 
'*) Falke a. a. 0. 



]^02 ^- Friedensburg: 

Feier desselben verändert, zu thun hatte ^''). Im Hinblick 
auf diese Schrift steht denn Philipp nicht an, den Mess- 
kanon, insofern als es in demselben heisst, der Priester 
bringe Gott seinen Sohn Jesum Christum zum Opfer, für 
eine Gotteslästerung zu erklären; er verweist hierfür den 
Herzog auf die Darlegung der Nürnberger, vor allem aber 
auf die heilige Schrift selbst. Ihren klaren ^^^orten möge 
Georg folgen und sich weder durch persönlichen Hass 
(gegen Luther) irre machen lassen, noch auch daran An- 
stoss nehmen, wenn ihm diejenigen, welche Gottes Wort 
verkündeten, unansehnlich und verächtlich vorkämen; auf 
das Werkzeug, dessen sich Gott bediene, komme nichts 
an; gar wohl möge dieser auch durch thörichte und ver- 
achtete Leute die Gläubigen zur Seligkeit führen. — 

Der Herzog antwortete sehr bitter ): andere hätten 
über den Landgrafen, wie dieser selbst schreibe, soviel 
vermocht, dass er zugesagt habe Minkwitz nicht zu 
mahnen ^^j; warum denn Philipp lieber habe anderen ge- 
fällig sein wollen als ihm, Herzog Georg, der doch — 
in den Zeiten der Vormundschaft — soviel für ihn ge- 
than und es für nichts geachtet habe, Fürsten und mäch- 
tige Herren um des Landgrafen Willen sich zu Feinden 
zu machen? Wohl habe Georg gewusst, dass sein Eidam 
ihm das in vollem Masse nie werde vergelten können, 
aber um so sicherer habe er darauf vertraut, den Land- 
grafen, wenn er demselben einmal mit einer kleinen Bitte 
komme, zur Gewährung bereit zu finden. Aber freilich, 
wie aus Philipps Schreiben ja hervorgehe, sei der von 
Minkwitz sein Bundesgenosse (nämlich in der Glaubens- 



'•) Sie erschien unter dem Titel: Grund vnd vrsacli auß der 
lieyligen schrifft, wie vnd Avarumb die . . . Probst zu Nürnberg die 
Mißbreuch bey der heyligen Messz . . . sanipt . . . andern Cere- 
monien abgestelt . . . haben. Nürnberg 1524. 4". Vgl. Strobel, 
Miscellaneen literarischen Inhalts, 3. Samml. No. 2 (S. 48 flg.) 
„Yon dem Streit der Nürnbergischen Pröbste mit dem Bischof zu 
Bamberg im Jahre 1524." 

") S. u. No. 3. Unsere Vorlage, das eigenhändige Konzept des 
Herzogs, ist undatiert; der Brief mag Ende Februar anzusetzen 
sein, da (l.ie Antwort darauf (No. 4) vom 11. März datiert ist. 

") Übrigens, fügt der Herzog hinzu, habe ihm neuerdings ein 
hessischer Beamter geschrieben, Philipp gestehe nicht zu, dass er 
versprochen habe, Minkwitz nicht zu mahnen. Philipp klärte in 
seinem nächsten Briefe (No. 4) den Widerspruch auf: er habe ver- 
sprochen Nickel „nicht leichtlich" zu mahnen ; fehle das "Wort 
„leiclitlich" in seinem ersten Briefe (wie sich das hier in der That 
nicht findet), so sei es nur versehentlich ausgefallen. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 103 

saclie), und schon der selige Kaiser habe gesagt; es sei 
böse, Schweizer mit Schweizern zu schlagen! 

Dass der Landgrafsich herausnimmt, ihm die Bahnen 
zu weisen, auf denen er wandeln soll, scheint den Herzog 
schwer verdrossen zu haben. Eures Weibes Vater, ruft 
er dem Schwiegersohn zu, hat schon gewusst, was ihm 
zar Seligkeit noth that, ehe ihr auf die Welt gekommen 
seid! Und wenn Gott es zulasse, werde er bis an sein 
Grab dem Evangelium Cin-isti und Avas dazu gehöre, 
wie das die christliche Kirche geordnet und angenommen 
habe, anhängen. Ganz unnöthig sei es aber zumal, dass 
Philipp ihn auf die Bibel hinweise, die kenne er gar 
wohl und eben in ihr lese er den Spruch, dass man den 
Baum an seinen Früchten erkennen solle. Was aber 
seien die Früchte, welche Luthers Auftreten hervorge- 
bracht habe? Abwerfen aller Zucht und Ordnung, Un- 
gehorsam und Gewaltthat, Verletzung der heiligsten Ge- 
lübde — ■ worin ja Luther selbst, der drei oder vier 
Meineide auf dem Gewissen habe, mit rühmlichstem Bei- 
spiel seinen Anhängern vorangehe! Durch nichts, am 
wenigsten durch die Bibel, lasse es sich rechtfertigen, 
dass man — zumal freiwillig abgelegte — Gelübde hinter- 
her breche. Ein Fürst , dem seine Unterthanen eine 
Steuer bewilligen und zusagen, wolle doch, dass sie es 
ihm hielten; warum solle man denn nicht halten, was 
man dem frommen alten Gott gelobt habe? 

Überhaupt aber muss Autorität in der Welt be- 
stehen; man soll der Obrigkeit unterthan sein, predigen 
schon die Apostel. Nichts ist verderblicher, als wenn ein 
jeder sich herausnimmt, über das Herkommen sich eigen- 
mächtig hinwegzusetzen. Darum soll man auch die 
Speiseverbote der Kirche, auf welche ja an sich selbst 
nicht eben viel ankommt, nicht leichtfertig übertreten, 
sondern die Satzungen des Papstes, als des einen durch 
Jahrhunderte hergebrachten Hauptes der Christenheit, be- 
achten und befolgen. Ferner aber schreibt sich doch auch 
die Kenntnis und richtige Auslegung der Bibel nicht erst 
von Luther und dessen Genossen her, sondern schon vor 
diesen hat es erleuchtete Männer gegeben, welche die 
Richtigkeit ihrer Auffassung auch durch den heiligen 
Wandel, den sie, ganz im Gegentheil zu Luther, geführt, 
erwiesen haben, weshalb ihnen mehr zu glauben ist als 
diesem. Und wenn schon über die Auslegung und Be- 
deutuno; von Satzungen und Einrichtungen der Kirche 



104 W. Friedensburg: 

Streit und Uneinigkeit ausbricht, so ist niemand befugt 
dieselben zu deuten, wenn nicht die Kirche, welche sie 
geordnet und eingerichtet hat, denn auch wenn ein Fürst 
einen Brief ertheilt, der zu Missverstand Anlass giebt, 
wird er nicht wollen, dass irgend ein anderer als er ihn 
auslege. 

Nur mit Kummer und Herzeleid kann daher der 
Herzog wahrnehmen, wie sein Schwiegersohn sich von 
dem Lügengeist Martini bestricken lässt; er wünscht leb- 
haft, dass Philipp auf den rechten Weg zurückkehre, 
und räth ihm zu dem Ende drino-end an, die wider 
Luther erschienenen Schriften zu studieren. 

Übrigens soll der Landgraf nicht glauben, dass er 
aus Hass gegen Luther spreche; was dieser ihm persön- 
lich zu leide gethan, sei längst vergessen und vergeben; 
es wäre nur zu wünschen, dass der Landgraf ebenso 
vollständig seinen Feinden aus den Zeiten der Regent- 
schaft und der Sickingenschen Fehden vergebe, auch 
dem Grafen von Nassau die Katzenelubogisclie Erbschaft, 
welche der Kaiser demselben zuerkannt, herausgebe; 
dann werde jedermann sprechen, er sei in Wahrheit ein 
evangelischer Fürst! 

Ferner aber: habe nicht neben andern Reichsfürsten 
auch Philipp in Worms dem Kaiser zugesagt beim alten 
Glauben zu bleiben? Wie stehe es denn nun mit diesem 
Versprechen ? 

Doch, Gott sei Dank, ganz lutherisch scheine der 
Landgraf doch noch nicht zu sein; wäre er das, so würde 
ihm ja die Zusage, welche er Nickel von Minkwitz gegeben, 
ihn nicht zu mahnen, keineswegs binden. Der Herzog 
beglückwünscht daher in bitterem Sarkasmus den Land- 
grafen dazu, dass dieser auch gegen ihn an jener Zu- 
sage festhalte. Schliesslich widerlegt er noch Philipps 
Ansicht, dass ihm nicht zustehe, die Mönche in den 
Klöstern festzuhalten, da dies Gewissenssache sei. Er 
müsse an der Jurisdiktion über die Geistlichen festhalten, 
meint der Herzog; ihm als Landesherrn sei der Schutz 
über Juden und Heiden zugewiesen; da müsse er sich denn 
doch auch der Geistlichen annehmen, welche sicherlich 
nicht geringer seien als diese. Wäre er freilich nur auf 
seinen Vortheil bedacht, so läge ja nichts näher als die 
Klöster einzuziehen und deren Güter zum eigenen Nutzen 
zu verwenden. — 

Der Landgraf Hess sich durch den unfreundlichen 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 105 

Ton des herzoglichen Schreibens nicht absclirecken. Er 
bedauere, sagt er in seiner ausführlichen Antwort vom 
11. März '^), dass der Herzog seinen Brief so übel auf- 
genommen habe. Der Wohlthaten, welclie Georg ihm 
erwiesen, stets eingedenk, sei er gerne bereit sie nach 
Kräften zu vergelten; nur das müsse der Herzog nicht 
verlangen, dass er sich an menschliche Gebräuche und 
Einrichtungen halte und die dem Irrthum unterworfene 
menschliche Vernunft zur Richtschnur nehme. Aus der 
heiligen Schrift möge man ihn des Irrthums überweisen, 
so werde er von seinem Beginnen ablassen. Aber freilich, 
auch Luthern gegenüber M'oUe ja niemand auf Grund 
des Gotteswortes streiten, sondern man halte ihm nur 
menschliche Gebräuche entgegen, und wenn man nicht 
weiter könne, so solle das Schwert helfen. Selbst zu 
einem Konzilium habe niemand den ernstlichen "Willen. 
Was übrigens Georg im Besonderen betreffe, so wisse er, 
der Landgraf, ganz genau, dass der Herzog soviele „Spitz- 
hüte" von Mönchen und Pfaffen um sich habe, dass die 
Wahrheit nicht zu ihm gelangen könne; daher fühle er 
sich schuldig, dem Schwiegervater die wahre Beschaffen- 
heit der Dinge auseinander zu setzen. 

Der Landgraf knüpft daran an, dass Georg auf die 
bösen Früchte hingewiesen, welche Luthers Auftreten 
hervorgebracht habe : er erinnert den Herzog, dass schon 
Paulus die Predigt des Evangeliums als die Quelle von 
Ärgernis für Juden und Heiden erklärt habe. Luthern 
ins Herz zu schauen, vermöge der Herzog aber so wenig 
wie er, der Landgraf, der sich deshalb an das halte, was 
Luther lehre. Und wenn er nun wahrnehme, dass dieser 
predige, wir sollen an Gott glauben und Gott allein an- 
hängen, ihm vertrauen, ilm lieben, unsern Nächsten aber 
wie uns selbst lieben, so scheine ihm das in Wahrheit 
christlich zu sein, und er sehe auch, dass vieler Orten 
aus Luthers Lehre gute Frucht erwachsen sei, während 
andererseits aus dem Wandel der Geistlichkeit^ sowie aus 
vielen Einrichtungen der katholischen Kirche die übelsten 
Früchte, die bösesten iMissbräuche sich herleiten. Philipp 
verbreitet sich dann über verschiedene dieser Miss- 



'») Unter No. 4. Wie die Nachschrift besagt, hat Philipp den 
Brief zunächst eigenhändig abgefasst, dann aber, in der Besorgnis, 
dass er schwer leserlich sein werde, durch seinen Geheinischreiber 
kopieren lassen. 



106 W. Friedensburg: 

brauche, wie dass der Papst zu binden und zu lösen be- 
anspruche und die Gabe Gottes um Geld verkaufe; dass 
geboten werde diesen oder jenen Tag zu fasten oder zu 
feiern bei einer Todsünde, im Widerspruch mit unzwei- 
deutigen Weisungen der Bibel ; dass man das Sakrament 
des Altars nicht in der Gestalt gebe, in welcher es von 
Christus eingesetzt sei; dass man zu den Heiligen bete 
als seien sie Gott gleich; dass in weltlichen Dingen, ins- 
besondere Geldsachen, mit dem Banne eingeschritten 
werde; dass man mit dem Weihen aller möglichen Gegen- 
stände Missbrauch und Aberglauben treibe; dass man in 
der Kirche statt zu singen heule wie der bÖse Feind, 
ohne den Sinn der Worte zu kennen u. s. w. Auch hält 
Philipp daran fest, dass man den Kanon als gottesläster- 
lich abthun und die Messe in deutscher Sprache begehen 
müsse, da das Volk unmöglich die rechte Andacht haben 
könne, wenn der Text ihm völlig unverständlich bleibe. 
Ausführlicher spricht er über die Klostergelübde; er 
glaubt es durchaus rechtfertigen zu sollen, wenn dieselben 
gebrochen werden. Da es nicht in des Menschen Ge- 
walt steht, sondern eine besondere Gnade von Gott, eine 
englische Tugend , ist, diese Gelübde halten zu können, 
so ist es vermessen sie abzulegen; wir geloben damit 
etwas, was nicht unser ist, wir streben über unsere Natur 
hinaus. Namentlich ist das mit dem Gelübde der Keusch- 
heit der Fall ; hat man doch auch früher den Geistlichen 
keinen Zwang aufgelegt, wie überhaupt den Austritt aus 
dem Kloster freigelassen. Auch auf die Speiseverbote 
kommt der Landgraf nochmals zurück; hier sei, meint 
er, Georg schon der richtigen Auffassung nahe, indem 
er zugebe, dass im Essen an sich nicht die Sünde liege, 
sondern in dem frevelhaften Übermuthe; dann aber sei 
es doch klar, dass überhaupt keine Sünde damit ver- 
bunden sei, wofern man es nur nicht zur Verachtung 
und zum Ärger des Nächsten thue; am wenigsten aber 
sei zuzugeben, dass der Papst die Gewalt habe willkür- 
lich anzuordnen, dass dieser oder jener Tag durch Fasten 
begangen werde. Und wie werde dies Fasten betrieben! 
Man schlinge, ehe das Fasten beginne, soviel als möglich 
in sich hinein, dass es für zwei Mahlzeiten überreichlich 
sei; das könne er nicht Fasten nennen, es sei vielmehr 
Fressen. 

Im übrigen berichtigt der Landgraf, dass er den 
Wormser Tag bereits verlassen gehabt, als der Kaiser 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 107 

die Fürsten zu jener von Georg erwälmten Zusage ver- 
anlasst habe. Dem Hinweis des letzteren, der Landgraf 
möge doch, ehe er andere vom persönlichen Hass ab- 
mahne, zuvor seinen eigenen Feinden vergeben, bricht 
Philipp durch das schlichte Bekenntnis, er bitte Gott 
alle Tage um die Gnade seinen Feinden verzeihen zu 
können, die Spitze ab. Im Punkte der Jurisdiktion über 
die Geistlichen habe er dem Herzog keinen Vorwurf 
gemacht, sondern nur gesagt, es sei eine Anmassung 
Georgs, über die Gewissen richten zu wollen. Wenn 
dieser aber schreibe, fügt er, nun ebenfalls nicht ohne 
Sarkasmus, hinzu, dass die Geistliclien niclit geringer 
seien als Juden und Heiden, so habe er darin völlig- 
Recht: den Juden seien jene meist im Wucher überlegen, 
dazu unkeuscher und unbarmherziger als die Heiden ! 

Dem Wunsche seines Schwiegervaters, auch die 
Schriften der Widersacher Luthers zu studieren , wird 
der Landgraf gern nachkommen; findet er darin, was 
mit der Bibel übereinstimmt, so wird er das gewiss be- 
herzigen; seinerseits aber bittet er wiederholt, dass auch 
der Herzog sich in erster Linie an die Bibel halte; er 
verlange gar nicht, dass Georg Luthern oder Melanchthon 
oder den Nürnberger Pröbsten glaube, aber er möge das, 
was diese schreiben, doch einmal mit dem Worte Gottes 
zusammenhalten, und wenn er dann finde, dass es damit 
übereinstimme, nun, so möge ers doch annehmen; andern- 
falls gewiss nicht. 

Zum Schluss versichert Philipp den Schwiegervater 
aufs neue seiner grössten Bereitwilligkeit ihm gefällig zu 
sein; wenn dem Herzog daran liege, wolle er selbst 
Nickel von Minkwitz, unter der Drohung ihn andernfalls 
zu mahnen, auffordern, sich gegen seinen Lehnsherrn ge- 
bührlich zu halten. — 

Die ausführliche, durchweg auf Bibclstellen be- 
gründete Darlegung seines Eidams scheint den Herzog 
doch etwas in Verlegenheit gesetzt zu haben. Er mag 
wohl gefühlt haben, dass er die Einwürfe und Angriffe 
des Landgrafen wider das katholische Kircluiisystem 
denn doch nicht in allen Punkten werde widerlegen 
können. So suchte er sich denn, indem er zuvörderst 
die Bibelzitate Piiilipps dadurch abzuschwäclien suchte, 
dass er vermerkte, sie seien dem durch Ivuthcr über- 
tragenen Texte entnonunen, im übrigen mit einigen aus- 



108 W. Frieden sburg: 

weichenden Bemerkungen aus der Schlinge zu ziehen^'*): 
wenn er den Landgrafen zu widerlegen versuche, meinte 
er, werde dieser seine Ausführungen doch nicht beachten, 
sondern glauben, es kommq von den „Spitzhüten" seiner 
Umgebung lier ; überdies aber seien sie beide in Gefahr, 
sich durch diesen theologischen Briefwechsel in den Augen 
aller Verständigen lächerlich zu machen; kurzum, er 
lasse die Sache auf sich beruhen und stelle sie Gott an- 
heim: nach hundert Jahren werde am Tage liegen, Aver 
recht und wer unrecht habe und was ein jeglicher iür 
ein Spitzhut sei! — 

Auf diese Weise sah sich denn allerdings der Land- 
graf zum Schweigen gebracht. Er sandte den letzten 
Brief Georgs unter dem 31. März an den jungen Herzog 
Johann Friedrich von Sachsen, indem er dazu nur be- 
merkte, er hätte gewünscht, dass Georg den lateinischen 
Text der Bibel zu Rathe gezogen; so würde er sich 
haben überzeugen können, dass Luther „nicht unrecht 
geschrieben oder verdeutscht" habe"'^^). Der fromme 
Prinz aber entsetzte sich nicht wenig über den Herzog, 
der in seiner letzten Bemerkung ja geradezu Gott heraus- 
zufordern scheine. Was sei das überhaupt für ein Glaube, 
der erst der Erfahrung bedürfe! Es sei „fast eine er- 
schreckliche Schrift". Gott scheine den Herzog verstockt 
zu haben, wie einst Pharao; dennoch möge der Land- 
graf, bittet Johann Friedrich, noch einen Versuch machen, 
den Vetter von seinem „papistischen Vornehmen" abzu- 
wenden^^). Schon früher hatte Philipp sowohl dem 
Prinzen als auch dessen Vater Herzog Johann, als er 
am 20. März mit ihnen eine Zusammenkunft in Kreuz- 
burg an der Werra abhielt ^^), seine Schrift vom IL März 
vorgelegt; über diese schreibt Johann in einem Briefe 
an seinen Bruder, den Kurfürsten: „der Landgraf hat 

=") Unter dem 20. März 1525, s. ii. No. 5. 

*') d. d. Cassel freitag nach letare a. 1525. Eigenhändiges 
Orig. im Weimarer Gesamtarchiv. Der Prinz möge, bittet Philipp, 
nicht viel Geschrei's von der Sache machen 

^*) d. d. Weimar eilend dienstag nach judica (4. April) 1525; 
eigenh. Orig. im Weimar. Ges. -Archiv; erwähnt Seckeudorff II, 35. 
Johann Friedrich schickt zugleich die Schrift Georgs vom 20. März 
wieder zurück, da sie nicht unter die Leute kommen soll; doch 
muss er zuvor eine (noch in Weimar vorhandene) Abschrift seüiem 
Vater übersandt haben, vgl. Anm. 24. 

**) Vgl. meine Abhandlung „Zur Vorgeschichte des Gotha- 
Torgauischen Bündnisses der Evangelischen 1525 — 1526", S. 40. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 109 

mich eine Schrift zu Kreuzbiirg lesen lassen, wie er 
Herzog Jörgen geschrieben, die da aus der Schrift wohl 
gegründet war und unter sechs Blättern nicht "'^^). Luther 
aber wurde durch Johann Friedrich von den Bemüli- 
ungen des Landgrafen, Herzog Georg zu gewinnen, in 
Kenntnis gesetzt, Avorüber er am 11. April voll Freude 
an Amsdorf schrieb '^^). Die Entgegnung Georgs scheint 
man ihm nicht mitgetheilt zu haben. 

Inzwischen hatte die in Oberdeutschland ausge- 
brochene Erhebung der unteren Volksschichten begonnen 
auch die mittehleutschen Gebiete in ihre Kreise zu ziehen. 
Herzog Georg, bei welchem es von vornherein feststand, 
dass die ganze Bewegung ausschliesslich die Frucht und 
zwar die nothwendige Frucht des „lutherischen Evange- 
liums" sei^°), blickte misstrauisch auf den Eidam, der 
ja in dasselbe Evangelium „fast verflissen" erschien''^'). 
Da war er denn nicht wenig überrascht vom Landgrafen 
einen Brief zu erhalten, in welchem dieser auf die 
drohende Gefalir aufmerksam machte und, wie es scheint, 
dem Herzog gemeinsame Massregeln zur Bekcämpfung 
und Unterdrückung der Bauern vorschlug^*). Auf das 



-*) (1. d. Weimar freitag nach jiulica (7. April) 1525; gedruckt 
Kolde, Friedrich der Weise und die Anfänge der Reformation (50llo;. 
Zugleich schickt er das Schreiben Gcor^is vom 20. März abschriftlich 
ein, welches er wohl von seinem Sohne erhalten hatte. 

-*) „Hessus Christo hicrificatus ardet pro evangelio; etiam 
ducem Gcorgium sollcäat fortitcr; sie scribit dux noster junior, 
qui cum eo Crucehurgi locutus esi". de Wette, Luthers Briefe und 
Sendschreiben H, CAi Xo. 091 (d. d. Witemb. 3 post jialmarum = 
11. April 1525). — Was es mit dem Berichte Luthers an Spalatin 
vom 12. Februar (de Wette II, O.^.S No. (582): „diatiir Hessus 
scripsissc duci Georyio se cum ralatino stataissc ut evangelio locus 
fiat in ditione sua, victus veritate" (vul. Spalatins tJhronicon bei 
Mencke SS. rer. German. II, fi+2) auf sich hat, vermag ich nicht 
mit Sicherheit zu sagen. Ein solches Schreiben des Landgrafen an 
Herzog Georg findet sich nicht vor, wurde auch in den Zusammen- 
hang der von uns liier gegebenen Briefe aus dem Anfang des Jalires 
1525 nicht hineinpassen. Man wird wolil sagen müssen, dass Luther, 
der ja auch nur von einem Gerücht („dicitur — 6cr/2^6'/sse'V spriclit, 
nicht genau unterrichtet Avar. Ül)er die damaligen, allerdings engeren 
Beziehungen zwischen Philipp und Kurpfalz vgl. meine angeführte 
Abhandlung 39 Anin. 2; von einer förmlichen Alirede über das 
Evangelium zwischen beiden Fürsten aiier verlautet nicdits. 

^") Man hätte es mit Händen greifen können , dass das luthe- 
rische Evangelium die Frucht, so itzt vor Augen ist, bringen musste, 
sagt Georg. Bommel III, Anm. 221 lig. — ^') Ebenda. 

*) (l. d. dienstag nach pahnarum (11. April); der Brief ist 



2S\ 



110 W. Friedensburg: 

Schreiben Georgs vom 20. März ist Philipp hier augen- 
scheinlich nicht zurückgekommen; die dringende, gemein- 
same Gefahr Hess die theoretischen Erörterungen und 
Auseinandersetzungen zurücktreten; auch Georg, welcher 
sich in seiner Antwort zwar einiger Ausfälle, auf die 
Lutheraner nicht zu enthalten vermochte, verkannte den 
Ernst der Lage nicht ^^), und wenige Wochen später 
sehen wir denn in der That beide Fürsten Seite an 
Seite die Aufständischen bekämpfen und besiegen. 

Doch führte diese gemeinsame Wirksamkeit zu keiner 
inneren Annäherung zwischen den beiden Männern. Je 
mehr Georg durch die Aufstände der Bauern sich in der 
Überzeugung von der Verwerflichkeit des Beginnens 
Luthers und seiner Anhänger bestärkte, um so fester 
blieb Philipp, der zwischen dem massvollen Vorgehen 
Luthers und dem wüsten Radikalismus eines Münzer und 
anderer sehr wohl zu unterscheiden wusste. So wurden 
die nahe verwandten, bisher eng l)efreundeten Fürsten 
immer weiter auseinander gerissen. Georg schloss mit 
den Gesinnungsgenossen unter den Nachbarn ein Bündnis, 
welches die Vernichtung der Lutheraner auf sein Pro- 
gramm setzte; Philipp andererseits that sich mit der 
Kurlinie des Hauses Sachsen zusammen und war bemüht, 
die durch den Bauernkrieg erschütterte Sache der An- 
hänger der neuen Lehre dadurch zu befestigen und zu 
stärken, dass er alle evangelisch gesinnten Elemente 
unter den Reichsständen zu einem von Kursachsen und 
ihm geleiteten Bunde zusammenzuschliessen versuchte^"). 

Zur Förderung dieser Angelegenheit begab sich der 
Landgraf im Februar L526 nach Gotha, um dort eine 
Besprechung mit Kurfürst Johann von Sachsen abzu- 
halten, als ihm „von etlichen Personen" die Meldung 
zukam, Herzog Geoi'g scheine sich des Evangeliums an- 
nehmen zu wollen; sein Hofprediger habe vor ihm „die 
rechte AVahrheit" gepredigt und damit offenbar auf den 
Herzog Eindruck gemacht, der ihn ermahnt habe, was 
er mit der Schrift beweisen könne, frei zu predigen. 
Voller Freude schrieb Philipp, kaum in Gotha ange- 



verloren, der ungefähre Inhalt aber aus der Antwort Georgs (siehe 
nächste Anmerkinig) zu entnehmen. Vgl. auch Zur Vorgesch. 3 flg. 

^'') d. i\. Dresden donnerst, nach quasimodo. (27. April); abge- 
druckt Ilommel III, Anni. S. 221 flg. 

'") Über das Nähere vergl. meine mehrfach erwähnte Ab- 
handlung. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. Hl 

kommen, an den Herzog'') mid erkundigte sich, was es 
hiermit für eine Bewandtnis habe? „Wo das also wäre, 
BO war's eine große Gnade von Gott". Er bescliwört 
den Herzog, wenn derselbe nunmehr den richtigen Weg 
gefunden und betreten liabe, sicli doch ja nicht irre 
machen zu lassen und niemanden zu scheuen, denn 
Christus spricht: „Wer mich bekennt vor den Menschen, 
den will ich bekennen vor meinem himmlischen Vater". 
Gott werde es aber sicherlich nicht unbelohnt lassen und 
ihm auch schon unter den Menschen „ein gut christlich 
Gerücht" machen. 

Dieses Schreiben des Landgrafen gab den Anlass zu 
einem neuen Briefwechsel zwischen den beiden Fürsten, 
der sich über die Monate ^Nlärz und April 1526 hin- 
zog, übrigens in viel freundlicherem Tone abgefasst war 
als die Korrespondenz des Vorjahres. Vielleicht blieb 
der warme, uneigennützige Eifer, die Überzeugungstreue 
des Landgrafen doch nicht ganz ohne Eindruck auf den 
Herzog, während andererseits Philipp aufs neue die Hoff- 
nung hegte, eine Verständigung oder wenigstens eine An- 
näherung zwischen seinen und Georgs Ansichten herbei- 
führen und letzteren nach und nach für das „Lutherische 
Evangelium" gewinnen zu können'^''). Freilich liess es 
sich der Herzog alsbald angelegen sein, die Gerüchte, 
welche dem Landgrafen in Betreff' seines Hofpredigers 
zugegangen waren, auf das richtige Mass zurückzuführen 
oder vielmehr geradezu zu widerlegen ^'j. Seiner Dar- 
stellung nach war der Hergang, welcher zu jenen Ge- 
rüchten Anlass gegeben hatte, der gewesen, dass der 
Hofprediger '^*) am ersten Fastensonntag des Jahres 
(18. Februar) an das Evangelium von dem dreissigtägigen 
Fasten Christi einige Bemerkungen angeknüpft, des In- 
halts, dass ein derartiges Fasten den Menschen nicht 
geboten sei, welche vielmehr sich angelegen sein lassen 
sollten von Sünden zu fnstcn und von Sünden zu feiern 
u. s. w. Dies hatte den Herzog bewogen, seinen Prediger 
alsbald in seinem Hause aufzusuchen , wo ihm dieser 



") Am 24. Februar 152C. (s. u. No. 8). Auf eleu 27. Februar 
war die Zusauiineukuiiit uiit dem Kurfürsten auberaumt. 

") S. u. .\o. 8. 

") S. u. No. 9, vom 6. März 152(5. 

*') Es war dies M. Alexius Chrosuer, s. Seidemaiin, Bei- 
träge zur Koi'ormatiousgeschichte I, 100. Ebendaselbst erfahren wir, 
dass Chrosner schon 1.527 aus Dresden weichen musste. 



112 W. Friedensburg: 

seine Zweifel über die Verbindlichkeit der Fasteng'ebote 
dargelegt liatte, von Gleorg aber bedeutet worden war, 
in seiner nächsten Predigt ausdrücklich die Berechtigung 
der Kirche zu solchen Verboten oder Anordnungen her- 
vorzuheben und deren strikte Beobachtung nachdrücklich 
einzuschärfen. Im übrigen verwalirt sich der Herzog 
hier, dass sein Schwiegersohn zu glauben scheine, er sei 
ein Feind und Verfolger des Evangeliums. Nichts weniger 
als das! Seit er zu seinen Jahren gekommen, liabe er 
das Evangelium gehört und, wie es die christliche Kirche 
approbiert, angenommen, und davon solle ihn weder Ehr- 
geiz noch Menschenfureht abbringen; man könne ihm 
wohl das Leben nehmen, aber niclit seinen Glauben. 
Was er aber nicht verstehe, das überlasse er getrost der 
Deutung und Auslegung der christlichen Kirche, denn 
er fühle sich als ein Glied des Körpers, dessen Haupt 
Christus sei. Den Landgrafen aber mahne er, sich doch 
anzusehen, was für Früchte aus dem Tium und Treiben 
derjenigen, welchen er folge, entstehen, und das Wort 
Clu'isti zu beherzigen, dass, wer die Kirche nicht höre, 
ein Heide und Zöllner sei! — 

Es liegt zunächst ein abermaliges Schreiben Georgs, 
und zwar vom 22. März d. J., vor, Avelches aber einen 
dazwischen liegenden Brief des Landgrafen voraussetzt, 
weil der Herzog hier auf eine Anfrage des letzteren, was 
er denn eigentlich unter der christlichen Kirche ver- 
standen wissen wolle, antwortet. Hieraus wird klar, dass 
das landgräfliche Schreiben kein anderes ist als das von 
Rommel in seinem Urkundenbuche unter No. 3 mitge- 
theilte undatierte Stück, welches der Herausgeber will- 
kürlich dem Jahre 1525 zugewiesen hat'^j. Zugleich giebt 
sich dies Schreiben als die Antwort auf den Brief Georgs 
vom 6. März kund, wie denn der Landgraf an die in 
letzterem o;e2;ebene Erkläruno- des Herzoirs sogleich die 
Frage anknüpft, was denn eigentlich den Begriff jener 
christüchen Kirche, auf deren Evangelium Georg leben 
und sterben wolle, ausmache? Für sich selbst beant- 
wortet Philipp diese Frage dahin, dass die christliche 
Kirche, von welcher Christus das Haupt ist, nur die sein 
könne, welche nichts anderes gebiete als was Christus 



**) Dass es in den März 1526 gehöre, bemerkt schon Seide- 
niann. Das Dessauer Bündnis (Zeitschrift für historische Theologie 
1847) 6i?>. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 113 

gelehrt und gesagt habe. Nur das sei die wahre christ- 
liche Kirche; die in die Erscheinung getretene, geschicht- 
liche, äussere Kirche mitsamt ihrer ganzen Hierarchie 
und ihren Konzilien aber könne nicht nur irren, sondern 
habe auch vielfach geirrt; schon die Apostel, die ältesten 
Vertreter der (geschichtlichen) Kirche seien dem Irrthum 
unterworfen gewesen; der Papst aber verdrehe gar das 
göttliche Wort und stelle es auf den Kopf, indem er die 
Speisen, welche Christus zu geniessen zugelassen habe, 
zu essen verbiete, dagegen fleischliche Lüste der ver- 
werflichsten Art gutheisse und samt den Kardinälen darin 
der Welt mit dem bösesten Beispiel vorangehe. So bleibt 
uns einzig das wahre, unverfälschte Evangelium, welches 
keiner menschlichen Zusage bedarf, als Richtschnur. Und 
wenn auch etliche (welche das Evangelium äusserlich 
angenommen haben) „ein böses Wesen führen", so falle 
ja auch der gute Samen zuweilen unter die Dornen und 
auf steiniges Erdreich, und selbst wo Gott das Gedeihen 
gebe, trage er nicht überall gleichviel, an dem einen 
Orte mehr, am andern weniger. 

Andererseits darf man sich aber auch, wo es das 
freie Bekenntnis der Wahrheit gilt, nicht scheuen, Ärgernis 
zu erregen; komme er, sagt der Landgraf, an einen Ort, 
wo das Evangelium nicht gepredigt werde, so füge er 
sich bereitwillig den Fastengeboten und anderen Satz- 
ungen, um nicht Anstoss zu erregen; mache man ihm 
aber eine Gewissenssache daraus und wolle in der Über- 
tretung dieser äusseren Vorschriften geradezu eine Sünde 
finden, so werde er Fleisch essen und niemanden darum 
ansehen ^^). 

Li seiner schon erwähnten Antwort^') erklärt der 
Herzog, was er unter der christlichen Kirche verstehe, 
indem er auf den Spruch Pauli verweist (Epheser 4, 5) : 
Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe! Im übrigen aber 
zeigt er wiederum keine Neigung, auf die Ausführungen 
des Landgrafen einzugehen: er habe keine Zeit, schreibt 
er, sich mit den kirchlichen Kontroversen viel zu be- 
schäftigen, oder etwa gar Luthers Schriften zu lesen; 
kaum die Bibel zu studieren bleibe iiun Müsse und er 
sei froh^ wenn er gelegentlich eine Predigt höre, „darin 



**) Nach diesen Grundsätzen verfuhr Landgraf Phiüpp auch 
noch in demselben Jahre auf dem Speierer Reichstag. 
*') 22. März 1526, s. u. No. 11. 

Neues Archiv f. S. G. n. A. VI. 1. 2. 8 



114^ W. Friedensburg: 

ich begreife soviel mir Gott verleiht". Er fügt hinzu: 
„Luther soll mich, ob Gott will, nicht sclilechter machen". 
Der Landgraf rausste sich überzeugen, dass er auf 
dem bisher betretenen Wege nicht weiter komme. Trotz- 
dem gab er die Hoffnung nicht auf, den Herzog doch 
noch zu gewinnen. Er wurde hierin durch ein Schreiben 
seiner Schwester Elisabeth, der Schwiegertochter Georgs, 
bestärkt, welche ihm mittheilte, der Hofprediger des 
Herzogs fahre fort, das Wort Gottes und die Wahrheit 
des Evangeliums frei und unerschrocken zu predigen, 
was auf den Herzog seines Eindrucks nicht verfehlt, son- 
dern ihn bereits „in vielem geändert" habe. Freudig 
theilte er dies am 1. April seinem Bundesgenossen, dem 
Kurfürsten von Sachsen, mit; er knüpfte daran die Hoff- 
nung, „der gute Fürst" werde von seinem Widerstand 
gegen das Evangelium doch noch ablassen und den Weg 
der Wahrheit finden; freilich müsse, meint er, dies beim 
Herzog „mit aller Demüthigkeit und christlicher Sanft- 
muth, L^nterrichtung, Flehen und Bitten ausgerichtet und 
hierin etwas leise gefahren" werden^*). Dementsprechend 
antwortet Philipp denn auch auf das Schreiben Georgs 
vom 22. März so entgegenkommend wie möglich^''). Er 
freut sich der evangelischen Auffassung, welche der 
Herzog von der christlichen Kirche bekundet, betont 
nochmals, dass eine derartige Kirche sich allein nach 
Gottes Lehre und Gebot richten und dem entgegen un- 
möglich etwas anordnen und beschliessen könne, lässt 
sich aber auf das einzelne nicht wieder ein, sondern er- 
örtert nur dem Herzog gegenüber, welcher in dem Aus- 
spruche des Paulus, dass die Gefrässigen und Trunkenen 

*») d. d. Cassel ostertag (1. April) 1526. Konzept im Marburger 
Staatsarchiv, Orig. im Weimarer ües.-Arcbiv. Der Name der Ge- 
■wähvsmcäiiiiin Philipps, seiner Schwester Elisabeth, ist im Konzept, 
nachträglich ausgestrichen und durch die Worte „eine glaubhafte 
vertraute Person" ersetzt worden. Auf der vierten Seite des Kon- 
zeptbogens steht noch, ebenfalls ausgestrichen, „es sieht uns auch 
mit . . . herzog Jörgen die sach des evangelii dermassen an, dass 
sein lieb in sich selbs der sach nit so ganz zu entgegen oder wider- 
wertig, sunder mehr des Luthers person veint sei, darumb bedeucht 
uns zu seiner lieb gemuts erleuchtung vast fnrdersam nutz und gut 
sein, man wer' im handel nit geschwintlich, sonder etwas dieser 
zeit und in erst, als itzo die Sachen stehen, sittiglicli fargefarn ; 
darzu das der Luter, wie wir bitten, irmant wurde ine . . . mit 
hartem antasten in Schriften und werten etwas zu verschonen. Das 
verhofften wir auch zum handel vast erschießlich zu sein". 

^») Unter dem 1. April, s. u. No. 12. 



BeiträQ-e zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 115 

nicht iu den Himmel kommen sollen, eine Stütze für 
seine Auffassung von der Berechtigung der kirchlichen 
Fastengebote erblicken wollte, dass Unmässigkeit unter 
allen Umständen Sünde sei und auf die Säufer und Ge- 
frässigen das Wort Christi, dass, was zum Munde ein- 
gehe, nicht verunreinige, deswegen von vornherein keine 
Anwenduno- linde. Endlich überschickt er, wohl nicht 
ohne Absicht, dem Herzog zwei „von vielen gelehrten 
trefflichen Männern ausgegangene" Schriften wider die 
„Schwarmgeister und Lästermäuler", welche „mancherlei 
zur Verlästerung des hochwürdigen Sakraments des Leibs 
und Bluts Christi einzubilden böslich unterstanden" haben ; 
jedenfalls wollte der Landgraf seinem Schwiegervater die 
Überzeugung beibringen, dass er mit diesen Schwärmern 
keinerlei Gemeinschaft habe und ihr Vorgehen nicht 
minder verurtheile, wie dies von Georg vorauszusetzen 
war; vielleicht mochte auch der letztere durch das Stu- 
dium dieser Schriften zur Erkenntnis des Unterschiedes 
gebracht werden, der zwischen den Ansichten jener und 
der Lehre Luthers bestand. 

Georg antwortete indes ziemlich kühl^"). Er zeigte 
sich sogar einigermassen empfindlich, dass Philipp ihm 
nicht zugetraut zu haben scheine, seinen Begriff von der 
christlichen Kirche auf die heilige Schrift gründen zu 
können; habe er doch nie Ursache gegeben anderes von 
ihm zu vermuthen. Mit der Annahme des Landgrafen 
aber, dass die Unmässigen sündigen, könne er sich ein- 
verstanden erklären; habe er doch längst gehört, dass 
„Eigenwille in der Hölle brenne", womit er denn also 
doch wieder auf sein Axiom zurückkam, dass Auflehnung 
gegen die bestehende christliche (d. h. die katholische) 
Kirche — und in diesem Lichte betrachtet er die Un- 
mässigkeit — schlechthin Sünde gegen Gott sei. Im 
übrigen dankt er seinem Schwiegersohne für die über- 
sandten Schriften. Er habe dieselben zwar schon erhalten, 
doch vermerke er gern, dass der Landgraf einen frommen 
Mann aus ihm zu machen wünsche. Auch stellt er ein 
Gegengeschenk in Aussicht, nämlich den Hyperaspistes, 
die Gegenschrift des Erasmus wider Luthers Abhandlung 
vom unfreien Willen; man möchte fast glauben, es liege 
etwas wie L-onie darin, wenn er hinzufügt, er versehe 



") Unter dem 7. April, s. u. No. m. 

8* 



116 W. Friedeiisburg: 

sich, die Schrift müsse dem Landgrafen gefallen, der 
manches Gute darin finden werde. — 

Hiermit schliesst der Briefwechsel, wenigstens hahe 
ich keine weiteren Schreiben aus dieser Zeit mehr auf- 
finden können. Anhangsweise seien aber noch zwei 
Schriftstücke aus dem Anfang des Jahres 1527 mitge- 
theilt. Die Situation war damals gegen die des Vor- 
jahres insofern wesentlich geändert, als inzwischen dem 
Speierer Reichsabschied gemäss, welcher die Ordnung der 
kirchlichen Angelegenheiten einstweilen den Territorial- 
herren überliess, Philipp von Hessen sein Land in aller 
Form zur neuen Lehre hinübergeführt hatte. Man kann 
sich denken, mit welchen Gefühlen Herzog Georg, der 
noch auf dem Esslinger Fürstentag im Dezember 1526 
aufs neue die schärfsten Anklagen gegen das Lutherthum 
ei'heben liess, diesem Beginnen seines Eidams zusah. 
Einen wie hohen Grad die Spannung zwischen ihnen er- 
reichte, zeigt nun besonders jener in den Anfang des 
Jahres 1527 gehörende Schriftenwechsel, in welchem sich 
gleichsam der verhaltene Unwillen jedes von ihnen gegen 
den andern Luft zu machen schien. Der Anlass hierzu, 
an sich sehr geringfügig, stand mit den Reformen Philipps 
in Zusammenhang. Als dieser nämlich die Zinse, welche 
die dem Herzog unterstehende Sta.dt (I^angen-) Salza 
dem hessischen Kloster Vach schuldete, nach Aufhebung 
des letzteren für sich in Anspruch nahm, stiess er auf 
Widerspruch. Er ging Georg an ; dieser aber stellte 
sich auf die Seite derer von Salza, mit dem Bemerken, 
da ein Kloster Vach nicht mehr existiere, so könnten 
demselben auch keine Zinse gereicht werden. Auch sonst 
muss Georg wohl sehr schroff aufgetreten sein, denn 
Philipps Antwort, welche uns vorliegt^'), ist nun in einem 
überaus leidenschaftlichen Tone gehaUen und ergelit sich 
in heftigen Schmähungen gegen das katholische System; 
kaum dass der Herzog persönlich von Injurien verschont 
bleibt. Von Geoi-gs Seite liegt hierauf die Instruktion 
für eine Gesandtschaft vor^'^), welche an den Landgrafen 
abgehen sollte, um denselben aufs neue die grossen Ver- 
dienste, welche sich Georg um ihn erworben^ vorzuhalten 



*') Vom 21. Januar 1527, s. u. No. 16. Über den früheren 
(anscheinend verlorenen) Briefwechsel der beiden Fürsten in dieser 
Angelegenheit giebt No. 17, namentlich zu Anfang einigen Aufschluss. 

**) Undatiert; s. u. No. 17. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 117 

und ihm seine Heftigkeit zu Gemüth zu führen, den 
Standpunkt des Herzogs aber zu vertheidigen und auf- 
recht zu erhalten und die Angriffe des Landgrafen gegen 
die katholische Kirche zu parieren. Namentlich die 
erste Fassung dieser Instruktion ist ebenfalls in einem 
sehr entschiedenen, wenn nicht schroffen Tone gehalten; 
Georg droht sogar mit der Auflösung der Erbverbrüder- 
ung; später hat er dann an verschiedenen Stellen mildere 
Wendungen gewählt; auch Philipp mag wohl, als die 
erste Erbitterung sich gelegt, wieder gelindere Seiten 
aufgezogen haben. Immerhin traten bei Gelegenheit dieser 
Auseinandersetzung die Gegensätze, welche beide Männer 
von einander schieden, so schroff und unverhüllt zu Tage, 
dass wohl beide sich von der Unversöhnlichkeit derselben 
überzeugen mussten, wie es denn Georg selbst in der er- 
wähnten Instruktion ausspricht, dass der letzte Brief seines 
Eidams seine Hoffnung auf Besserung, d. h. Rückkehr 
desselben zur katholischen Kirche, vernichtet habe; wessen 
sich andererseits Landgraf Philipp von seinem Schwieger- 
vater, den er noch zu Anfang des Jahres 1526 für seine 
Ansichten zu gewinnen gehofft hatte, nunmehr versehen 
zu können glaubte, hat er ja im Jahre 1528 durch sein 
gläubiges Verhalten der schnöden Fälschung Otto's von 
Pack gegenüber nur allzu deutlich an den Tag gelegt. 



Briefe und Kegesten. 

No. 1 (c. 1524 Dez. Ms 1525 Jan.). 

Hersog Georg von Sachsen an Landgraf Fhilipj) von Uesaen: 
hütet, der Landgraf möge Nikolaua von Mrnkivitz Erhhcrrn 
zu Sonnemvalde (mit tueleJiem loegcn seiner Begünstigung der 
lutherischen Lehren Georg in Streit gerathen ist) mahnen, sieh 
auf Grund eines früheren Abkommens ihm, dem Landgrafen, 
in Haft zu stellen. 
Das Schreiben ist verloren; der Inhalt erhellt aus No. 2. 

No. 2 (c. 1525 Anfang-). 

Landgraf Philipp an Herzog Georg in Antwort auf No. 1: schlägt 

das Begehren des Herzogs ah, verbreitet sich über die Frage 

der Verbindlichkeit der Kloster gel übde, über die Fastengebote 

dir katholischen Kirche, den Messkanon und bittet Georg, nur 

die Bibel zur Richtschnur in Glauhenssachen zu nehmen. 

Gedruckt: liommel, Philipp der Großrnüthige, Landgraf von 

Hessen, 111 (Urkundenband), 3—6 (No. 2), ans dem hessischen 

Konzept; Original (von. der Hand des Landgrafen) im Dresdner 

Hauptstaatsarchiv. Loc. 10299 Dr. Martin Luthers u. a. Sachen 

1516-1539 fol. 113. 



1^18 "W. Friedensburg: 

No. 3 (vor 1525 März 11). 

Herzog Georr/ an Landgraf Philip) in Antwort auf No. 3: vcr- 
theidigt die Vcrhindliclüced der Kloster gel iihde, die Fasteugebote 
der katholischen Kirche, die lateinische Messe; hofft, daß Fhilip^) 
in sich gehen und von Luther und dessen Anhängern ablassen 
werde. 
Nach dem Konzept von der Hand des Herzogs im Dresdner 
Hauptstaatsarchiv a. a. 0. fol. 11-5. 

Hochgbonier fürst, framitlicher liber oliein und soii. Nochdem 
ich auerm vatter und auch*^) mit leib und gut gdiiit bab, korfursten 
fursten mecbtig graffen und vom adel umb auer wil erzort und 
bgeben, uf das ich keinerlei underlis domit ich a. 1. zu frauntlichem 
wiln bweget, also habet ir meiner mir gnossen den ich acht auer 
ummer mir gnissen wcrd**); dorumb ich in kein zweifei gsatzt, 
wes ich widerumb frauntlich an auch sinnen werd, a. 1. werd den- 
selben frauntlichen wiln zu underhalten sich och gutwillig bfinden 
lossen, ab och gleich a. 1. imant mechtiges dorumb bgeben solt. 
Ich hab aber in vorzeiten umb erledung Nikel von Mingwicz bei 
a. 1. traiüich anghalten, aber nichtz erlang; andre haben sovil bei 
a. 1. erlanget das a. 1., wi ir schreil)et, in zugsaget in nicht zu 
manen, wiwol Ealtasar Schrawtenbach naulich gschriben das a. 1. 
nicht gstee das in a. 1. nicht zu manen hab. Het ich aber gwost 
sovil ich itzt aus auerm schreiben vormorg, den zufal so her von a. 1. 
in seinem vornemen hat, ich wolt a. 1. anzusuchen wol underlossen 
haben, den der alt keisser sprach; es ist böse Schweiczer mit 
Schweiczern zu schlan! 

Das aber a. 1. frauntlich bit ich nicht wolle a. 1. ader einleben 
menschen ader geist glauben wol dan den fir ewangelisten, sant 
Pauls episteln, sant Peters, sant Johans, den gschichten der 
aposteln und das alt testament lessen, und avoI di von mir thun 
di mich dorwider füren: deruf geb ich a. 1. zu erkennen das uuers 
weibes vater, dorzu ich mich bken, eir ir uf erden kommen, gwost 
hat was im zur selikeit dinstlicb. Ich hab och als ein armer sun- 
der das ew'angelium Cristi ghort, Petrum und Paulum, wiwol ich 
dem leider nicht glebet; aber das sal a. 1. von mir wissen und nicht 
sorg haben, das mein gniut itzt stet und, ab got wil, biß in mein 
grab also bleiben sal, das ich dem ewangelio Cristi und anderm das 
doran hanget, wi das di cristlich kirch geordcnt und angnomen 
hat, beistendig und noch meinem vormogen gfolgig sein wil, aber 
nicht dem ewangelio Lutters, Melangtons aber anderer di sich er- 
laucht dünken in demselben ewangelio, den ich weiß das Luters geist 
ein logener ist. So spricht das ewangelium: man sol den bäum an 
frochten erkennen**). Diweil den kein gut frucht aus seiner lere 
komen, wi offenbar am tag, so ist kein gut grünt do; es kan kein 
logener worsugen, vil wenig der so drei ader hr moineid uf sich 
hat. Dasselbe zu bementeln mocht das ewangelium Luters wol 
leiden das iderman wider trau nocli glauben hilt, globde ader eide. 
Das a. 1. bit, ich wol der menschen gwissen nicht vorknupen **), 



**) = euch. Weiterhin: a. 1. = auer (euer) lieb. 
**) Zusatz am Bande: und hab es gern gthan; hifort weiß ich 
micli ocli zu halten. 

*") Matth. 12 f. 34. Luc. 6 v. 44. 

*'J soll wohl so viel heissen als verknüpf en ; nicht ganz deutlich. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 119 

das kan ich a. 1. leichlich gweren, den es an das iu meinem gwalt 
nicht steet, als wenig als in meinem gwalt steet den ufzulossen in 
gwissen der sich selber gbunden hat mit eiden und globden ; und 
wolt gerne seen, wo im ewangelio stet, ein monch ader ein non, di 
kauschheit globet hat, das der ader di aussem kloster laufen möge 
und sich vorelichen, diweil gschriben stet: globet und halz I und 
got spricht: auer wort soln ja ja sein, nein nein*'); diweil got wil 
ja und nein ghalten haben, vil mir wil her di eide ghalten haben. 
Den ich acht, es sei kein fürst, wen her sein underthan zu einer 
vorwillung einer Steuer vormag, her wils von in ghalten haben. 
Worumb sal man dan nicht och halten was man dem fromen alten 
got globet? wi til liat a. 1 fromer ausgloffener monch funden ader 
nonen; seint nicht gmeinlich hurn und buften*') doraus worden? das 
wil der geist der Martinus' ewangelium treibet! 

Das ich di menschen gwissen mit esse und dem das in bauch 
geet vorbind: doran gschit mir och unrecht; den war ist, got spricht: 
was in leib geet, das get sein natürlichen weg; aber es folget halt 
hernoch: was aus dem herzen geet, das bflekt di sele*'). Das sein: 
böse gdanken thotschleg ebroch unkeuscheit dauberei falchse gzeugniß 
und mißbittung gots; ab villeicht in den bossen gdanken der unghor- 
sam ader egenwil mit bgriffen mocht werden, den jo saut Peter und 
Paulus sprechen: wir soln ghorsam der oberheit*"). Diweil dan 
langer den auer und mein gblut forsten gwest, alweg zwe haubt 
der kristenheit gwest, ein das do zu rcgirn hat ghat die sele, das 
andre das do hat ghat gwalt zu regirn den leib, und gar vor langen 
jarn ordenung gmacht wi man sich mit essen und trinken zu vor- 
sunen gotz zorn halten sal, acht ich darvor, wer das an not fre- 
felich obertrit, das der nicht sündiget mit dem essen ader trinken, 
sunder mit dem frefelen gdanken des unghorsams und egenwil. So 
werd och a- 1. mir dan an einem ort finden, das im alten testa- 
ment gboten ist zu fasten gwest och den thirn zu vorsuuung gotz 
zorn, wi zu Ninive gschach*'). 

Das a 1. alegirt den Spruch Pauli do her spricht: es werden 
Vorboten werden weiber zu nemen und verboten di speiß di got 
gschaften hat zu gbrauchen zu seiner ere*^): hiruf wol a. 1. den 
Spruch warnemen, den sant Peter sprich: das ir bruder vor wissen 
auch huttet, uf das ir nicht durch irthum der unweissen vorfiirt und 
von auer bstendikeit abfalt**). Den sante Paul an einem andern 
orte spricht zu Galatern : das tronkenheit freisserei och sund sei*'); 
wi wil sich das mit dem ewangelio gleichen, so das ewangelium 
spricht: was in mund get. das bfleg die sele nicht? Paulus hat etliche 
hoch ding gschriben und gret in sein briffen, under welchen etliche 
ding schwer zu vornemen, welche di unglarten und unbstcndige 
gleichwi ander schrift mir zu ir egen Verdammung felschen und 
vorkern **). In dem mocht auch und mir och so widerfaren, den 



'V Matth. r, V 37. *») d. i. Buben. *») Mattli. J5 v. Jl, 
17— IL). ="') Römer 13 v. 1. *') Jona 3 v- 7. '"■) 1. Tmo. i v. 3. 
") 3. Petr. 3 V. 17. *') Gal. 5 v. 21. 

^■•) Im Konzept foUjt nach: sant Peter spricli der Satz: Paulus 
hat etliche - felsclien "und vorkern, dann erst dan CItat aus der 
2. Epistel des Petrus. Daneben am Bande ohne Verwelsxngs- 
zeichen der Satz : den sante Paul an einem andern — btleg die sele 
nicht. 



120 ^^'^- Friedensbnrg: 

Paulus' Schrift nicht Luter ader Melaiigton von eirst untlerghat, 
sunder es seint vil heiliger vater vor in gwest, die och ir lere mit 
helikeit ires leben bweist haben, den mir zu glauben den Luters 
geist. Aber dennoch so wil ich auch mein eifaldig bdenken anzogen. 
Der Spruch ist itzt uf di zeit nicht zu richten, den ir wert nidert 
finden das di ee imant verbotten sei, her hab es den zuvor sich 
selber vorschniten zu der ere gots. Derselb hatz sich vormessen 
sukhes zu bgreifen; dorumb halt her's billich. Ordenung der speiß 
ist nicht in dissen zeiten, sunder den meren theil bei zeiten der 
alten ordenung der kirchen so herbrocht. Diweil aber Paulus von 
letzten zeiten anzöget, kan es itzt nicht stat haben als solt es itzt 
ufgsatzt sein. 

Von haltung der messe, das di deuts ader latinisch sal ghalten 
werden, halt ich darvor, sei dui-ch di gordent'") di es bas dan ir 
ader ich vorstanden, das man latinisch meß halt, aus orsach das di 
latinisch sprach di aller gelchist *') sprach ist ; und diweil man die 
kristlich kirch nicht bas dan an der einkeit erkennen kan, so halt 
ich, das och gut sei das maus latinisch halt bis das eitrechtig ein 
bessers gordent wert. Das a. 1. den canon so vorachtlich ausleget, 
pit ich, a. 1. wol nicht den munt in himel setzen, den das ist ganz 
offenbar, das gar heilig und hochbrumpt vater dissin canon gmacht, 
und ist in der kristlichen kirchen gar vil hundert jar ghalten, vor 
erlich und lobelich gacht**), hat worlich der deutung Martini und 
Melangkthon aber der probest zu Norinberg nicht erwart; den es 
ist i am tag, wan ein fürst ein briff gibet und einch misvorstant 
darin ist, so wil her nicht das imant deute, den her selber; so nu 
der kanon von der kristlichen kirchen aufgsatz, di allein vom heiigen 

geist *»), so los man der kirchen ir deutung och; den der 

si regirt, der irt nicht. — 

Also wil ich itzt korz a. 1. underweisung vorantwort haben, 
nicht aus einchem haß ader neid, sonder allein, das got weiß, als 
ich mitleiden mit a. 1. hab, dan a. 1. gern den rechten weg wolt 
und so böse wegweisser habet, und bsorg, a. 1. mocht gschen wi 
man sprich Judes dem verreter gschacb, der hat rau und leid ober 
sein sund, her beichte, her gab wider und tat wie ein bußhaftiger 
mensch; allein her suchit den rechten beichtvater nicht; wen her 
zun aposteln gangen und nicht zu Juden, her het villeicht gnad 
funden. Also muß a. 1. och thun: wolt ir Martinus' bosheit innen 
werden, so must ir nicht Melanton ader der probest von Norenberg 
schreiben lessen, sonder derjenen di wider Luter schreiben; so mocht 
auch got erlauchten zu finden den weg der selikeit. 

Ich höre ser gern das a. 1. vor gut ansit das ich vorgebe 
wer wider mich gthant, den wo es nicht gschit, so wil mir got och 
nicht vorgeben. JEs sal a. 1. gewiß sein, was Martinus wider mich 
gthan, das ist langest vorgeben; was her aber wider mein hern den 
keiser gthan ader zufoderst di kristlich kirchen, das vurgeb im got. 
Ich vorhoff a. 1. wert och so thun und Ludewig von BaM'melberg 
Hartman von Cronberg Pfillips Weyffen und ander di wider auch 
gthan Och vurgeben und in wider geben was ir in gnomen, desgleich 
dem von Nassaw och folgen lossen was im von keiserlicher mt. zu- 
gsprochen; so werd iderman sprechen, ir seit rechter ewangelischer 



*•) geordnet. *') Superlativ von gleich. **) geachtet. *') folgt 
ein unleserliches Wort. Der Zusammenhang fordert regiert, was 
aber kaum dasteht; vielleicht liegt ein Schreibfehler des Herzogs vor. 



Beiträge zuiii Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 121 

fürst. Und wil och a. 1. frauntlich erinnert haben, das ich und vil 
fursten — ist mir recht, so ist a. 1. och dorbei gwest — bschlossen 
zu Wormiß, lissen es och vorlauten kegen kei. mt., das wir wolten bei 
den alten brauch der kristlichen kirchen- bleiben biß so es anders 
durch ein gmein consilium erkant word; wo nu a. 1. des indeiig, 
wert a. 1. sunder zvveifel auer zusag nicht vorrugken •"). 

Zu andern hör ich gern, diweil a. 1. Nickel zugsaget, ir wolt 
in nicht nianen, das es von a. 1. nicht gschit; dan wu nicht worheit 
bei auch wer', so hilt ich's dorvor, ir wert ganz Luterisch, diweil ir 
profeß anzeiget was si zusagen und seint sin nicht scholdig zu halte. 

Das ich ober der geistlichen jurisdiccion halt, ist orsach, das 
ich weiß das ich Juden und Heiden bei recht schützen sal; diweil 
dan di geistlichen garnicht weniger den Juden und Heiden sein, so 
muß ich si bei dem das si in langem gbrauch berbrocht und noch 
nicht vor unrecht erkent, schützen und hanthabbeu; vorhoff ich thu 
got ein gfal doran, es gfal den Luterisch wi es wol. 

Den driten artikel hab ich doben vorantwort. 

Diß alles wolle a. 1. och mit gdult und sunder verdriß ufnemen, 
den ich such liirin nicht mein ere ader rnm, sunder di ere gots 
und seiner kristliclien kirchen ; den sucht' ich mein notz, mir wer' 
langest kloster weist worden, di ich het zu meinem notz brau- 
chen mögen, damit ich meinn holt' halten wolt; aber ich wil, ab 
got wil, gotz ere zufoderst setzen, do sal mir got zu helfen! 
Welchs als ich a. 1. zu antwort nicht hab wolt vorhalten. Got wol 
a. 1. lang gsunt sparen in frid und gutem regiment. A. 1. wol mein 
lang schreiben nicht vordrislich ansen, sunder der nottorft zumessen. 
Vordin ich gern. Geben 

No. i. (Kassel; 1525 März 11.) 

Landgraf Vhil/'pp an Herzog Georg in Antwort auf No. 3: hält 
an der lutherischen Lehre fest, iveil dieselbe durchweg mit der 
Bibel übereinstimme, und weist nach, ivie zu der letzteren eine 
grosse Reihe der Einrichtungen und Satzungen der katholischen 
Kirche in schroffem Widerspruch stehe. 

Nach dem Original im Dresdner Hauptstaatsarchiv a. a. 0. 
fol. 123. 

Hochgeporner fürst,- freuntlicher lieber vatter und ohaim. 
Euer lieb schreiben und erzelung vieler meinem hern vatter seligen 
und mir bewiesener dinst mit leip und gut «escheen. auch das e. 1. 
churfursten fursten meclitig graven und vom adel umb meines vatters 
und meinen willen erzürnet und begeben haben, damit ie e. 1. mich 
zu freuntlichem willen beweget, also das ich e. 1. mehr genossen 
dan dieselb acht meiner ununermehr zu geniessen etc. : des und 
alles weitern Inhalts hab ich mit vleis und nit an sonder bewegung, 
auch an allen verdries durch und wider leßen und gnugsam ver- 
standen, darzu solichs mit gedult und allem freuntlichen willen von 
e. 1. als der soen vermergkt und angnomen. Nu ist nit 'an, e. 1. 
haben meinem hern vatter seligen und mir in meinen kinttairen 
biß hier in viel wege groesse und mirgliche dinst und jedesmal auf 
mein bitlichs erfordern zusetzlichen beistant gethan, des ich mich 



'*) [lud wil — vorrugken Einschiebsel auf einem anderen 
Blatt; gehöH nach den Vcrtveisungszeichen ivohl hierher. 



122 ^^^- Frieilensburg: 

wol zu erinnern und desselben e. 1. hohen vermeglichen dank M'eis; 
erken mich auch und bin es nit allein aus verwantnus, sunder auch 
aus dankparer pillicher Vergeltung schuldig dasselbig umb e. 1. mit 
darstreckung nieins leibs nnd guts, meiner lande und leute freunt- 
lich zu verdinen. Wes ich auch nit verdint hett', wie ich wol weis 
das nit gescheen sein, so es dan darzu queme, so solt mich e. 1. 
noch in alwege darzu nochmals mit allem vermegen gneigt und be- 
vliessen finden. Nu vermergk ich, wie ich zuvor besorgt hab, das 
e. 1. meins gethanen Schreibens halb vast unwillig ist, wiewol ich 
nit hoft" das ich etwas ungepurlichs geschrieben hab, dan ich habs 
treulich und gut gemeint, als das got weis. Ich hab mich auch 
erpotten unterweißen zu lassen aus dem wort gottes, wo ich unrecht 
hett', das ich es wolt abstellin, wuchs ich noch gneigt bin. Das 
ich mich aber durch alte gepreuch, der mentschen weise bedunken 
oder einsetzung solt vom wort gottes leiten und irren lassen, das 
wil ich, ob got wil, nit thun, dan mentschlich Vernunft kan irren 
und darumb in gottes wort nit urteilen. Ich bin auch schuldig got 
mehr dan den mentschen gehorsam zu sein, wie wir das haben in 
der aposteln geschieht am 5 cap. *'); so sehe ich auch das man 
kein concilium machen wil; so ist auch niemants der wider den 
Luther mit gotliclier geschrift und seinem wort fechten will, dan 
allein das sie alte mentscbliche gepreuch, die einsteils wider got 
sein, furwenden und das sie mit dem schwert dran wollen, wan sie 
es nit weiter bringen können. 

Das aber e. 1. schreibt Minquitz betreffend, halt ich nit das 
ich geschrieben hab inen nit zu manen, sunder ich hab geschrieben 
inen nit leichtlich zu manen. Wo ichs aber geschrieben, so hab ich 
mich verschrieben. 

Ich hab mich auch in meinem brive erpotten mein leibe und 
gut bei e. 1. zu setzen gegen allermenniglich, wie das mein brief 
inhelt; darumb het ich mich nit versehen das e. 1. darin ein un- 
gefallen het gehapt, das ich e. 1. die warheit geschrieben hab, wan 
ich bin es schuldig. So weis ich das e. 1. so vil spitzhute bei sich 
hat von pfaffen und raonichen, die umb ires nutz und geizcs willen 
e, 1. die warheit nit sagen. Nu kan ich es aus herzlichem willen 
nit unterlassen e. 1. antwort zu geben, wan ich bins schuldig und 
thue es gern aus guter getreuer wolmeinung, und bit e. 1. wols nit 
anders dan im besten verstehen, dan ich mein's gut. 

Zum ersten, wie e. 1. schreibt das dieselb das evangelium ge- 
leßen, auch die predig gebort hab, das glaub ich woll, wolt auch 
das es e. 1. nach christlicher auslegung recht und wol verstünde, 
dan ich sorge, man deute es e. 1. anders dan es inhelt und der recht 
christlich verstaut ist, welche iren vortail und nutzen darin suchen, 
und sag noch wie vor, das ich wolt das got dieselben von e. 1. 
schicket. 

Das e. 1. auch anzaigt das aus doctor Luters schrift nit viel 
guts kome und wie Christus darvon gesagt habe, man soll sie an 
iren fruchten erkennen, da sag ich das zu, wie wir das 1 Johannis4") 
und 1 Chorin. 14 habin, das man soll die geister prüfen: welcher 
Christum vor gottes sun helt und das er uns erloeßet hab und 
bekenn es das er sei in das fleisch kommen, der sei von got. Wo 
nu der Luther sagt, das man in got glauben, ime allein anhangen 



«') Acta 5 V. äO. «^) 1. Joh. 4 v 1—3. 



Beiträge zum BriefAvechsel zwischen Herzog Georg etc. 123 

vertrauen inen auch und unsern nechsten als uns selbst, wie Christus 
gepot ist, lieben sollen, so halt ich, er sei recht und das gute frucht 
aus solichem glauben und bekentnus volgen und gescheen werden, 
als es sich dan an etzlichen orten wol anlest und der mentschen 
gepot einsteils abkonien. E. 1. inus sich auch des nit irren lassen, 
ob schon etlich ergernus daraus kurapt, wan es was bei Christus 
Zeiten auch also, wie das Paulus 1 Chorin. 1 sagt: wir predigen 
Christum den gecreuzigten den Juden zur ergernus und den Heiden 
zur torheit"*); wie auch Christus selbst säst: es ist nit möglich, es 
mus ergernus sein, aber wee dem der sie gipt •*). So kan e. 1. auch 
nit iederman ins herz sehen, wan got wirt das inwendige am meisten 
ansehen; so helfen uns unsere eusserliche werk nit zu der seligkait, 
dan allein der glaub, aber die andern werk müssen wir thun zu 
einer beweisung des glaubens und aus einer kintlichen liebe, die 
wir zu got haben. 

Ich will aber e. 1. nit bergen was boeßer fruchten und miß- 
preuch aus unser vermeinten geistlichen leben kumpt und das in 
die kurz erzelen. 

Zum ersten so hats der babst dermassen herpracht und spricht: 
was ich binde, das ist gepunden >md ich mag gots gäbe umh gelt 
verkaufen und habs alles macht So spricht Petrus in der aposteln 
geschichten: vermaledeit seistu Simon zeuberer mit deim gelt, 
meinstu das gots gäbe umb gelt zu verkaufen sei")? also das man 
daselbs im 8 cap. das widerspill und sonderlich auch im selben 
buch findt das Petrus gots wort nit allein gethan hat, sunder die 
andern aposteln haben ie sovil gethan. So spricht auch Christus 
Luce am 22.«») und Mathei am 20."): die weltlich heidnischen fursten 
regirn mit gewalt, aber unter euch nit also etc. So wollen babst 
und bischoff das geistlich und weltlich schwort haben und ir keiner 
predigt doch, sunder haben viel huren hengst groesse guter, geben 
auch niemant kein gut exempel. So ist das auch ein groesser miß- 
prauch das die bischoff und pfaiTen ir keiner kein weip hat, sunder 
huren zuvoran, wilcher dem bischof gelt gipt, und Paulus schreibt 
zu Thima. am 3.«*) und zu Tito am ].*»): sie sollen weiber haben 
und wie sie geschickt sollen sein. Der halten sie keins, und sunst 
ander unzeliche grausame mißpreuch. 

Zum andern ist auch gotiicher schrift zuwider das man gepeut 
den dagk zu feiern, den dagk zu fasten bei einer todtsunde, und 
das solte pillich frei stehen, wie das dan Paulus zun Colossen am 2. 
sagt '") : last euch niemant gewissen machen über speiße oder über 
drank oder über einsteils tagen nemlich feiertagen oder neumondten ; 
item ir solt euch in kein mentschliciie Satzung füren lassen, wie wir 
das zun Galetern auch haben"). 

Zum dritten so ist es ein groesser mißprauch das man das 
hochwirdig sacrament nit gipt wie es Christus eingesetzt hat, und 
das ist ie unwidersprechlich das got spricht Deute, am i und 12: 
man sol weder darvon noch darzu thun was got gebotten hat'-). 
So wollen nu unser babst und bischoven umb der geverlichait willen 
weiser sein dan Christus selbs. 



") 1. Chor. 1 V. 23. «♦) Matth. is c. 7. "■') Acta « r. 2ü. 
^•) Luc. 22 V 25—26. «') Math. 20 v. 25—26. «"j 1. Timo. 3 v. 2. 
«') Tit. 1 V. 6. '") Col 2 V. 16. ") Uni. 3 passim. "y Beuter. 4 
V. 2; 12 V. 32. 



124 W. Friedensburg: 

Zum vierdeii, wie e. 1. schreibet das man soll die eide halten, 
und das e 1. wolt gern sehen wo es stunde im evangelio, wen man 
got etwas gelopt, das man es nit halten seit, und sprecht: got wol ja 
und nein gehalten haben, dan die underthan musten doch iren hern 
halten was sie geloben; auch zeigt e. 1. au, das eitel huren und 
hüben werden aus den ausgelaufen nonnen und monchen otc. — 
darzu sag ich also: das es boese und ein törichte mentschliche ver- 
messenheit ist solich gelubde, sonderlich der keuscheit, die weder 
im alten oder neuen testament grünt oder bewerung haben, zu 
thun und sich mit mentschlichen Satzungen zu verbinden, dan Pau- 
lus sagt 1. zun Corin. am 7 cap."): ir seit umb einen deuren loen 
erkauft, darumb so wollet nicht knecht werden der mentschen. So 
wir dan nicht unser, sunder Christ sein, in des macht und gewalt 
steht solich gelubde zu volnbringen und zu halten, zuzulassen und 
zu geben : wie können wir dan geloben das nit unser ist und wir 
aus unsern aigen kreften nicht halten noch volnbringen mögen? So 
spricht auch Christus Mathe, am 19., das keuschait nit iederman 
geben sei, sunder wers fahen kan, der fahe es '*). So nu keuschait 
ein engellisch tugent ist und dem mentschen von oben herab mus 
gegeben werden, wie kans dann ein mentsch geloben das zu hellten 
so er nit hat, auch in seiner gewalt nit stehl? So spricht Paulus 
zun Corin. am 7 cap. alßo: von den Jungfrauen hab ich kein gepott 
des hern; ich sag aber mein gutdunken: bistu an ein weip gebun- 
den, so such nit loeß zu werden ; bistu aber loes vom weihe, so 
such kein weip. So du aber freihest, so hastu nit gesundigt, und 
so ein Jungfrau freihet, so hat sie nit gesündigt. Ich wil aber das 
ir an sorge seit. Wer on ehe ist, der sorget was den hern ange- 
hört, wie er dem hern wol gefalle; wer aber freihet, der sorget was 
die weit angehört, wie er dem weibe wol gefalle, und ist zurteilet. 
Ein weip und ein Jungfrau, die on ehe ist, sorget was dem hern 
angehört; die aber freihet, sorget wie sie dem man gefalle. Solichs 
sag ich zu euerm nutz, nit das ich euch einen strick an hals werf, 
sunder das euch wol ansteht; so aber imant sich lest dünken es 
stehe ime übel an mit seiner Jungfrauen, so sie über die zeit gangen 
ist und mus also gescheen, so thue er was er will, er sundigt nicht, 
laß sie heiratten. Wer aber in seinem herzen festiglich vorsetzt 
und ist nit benottigt und hat macht seins willens und beschleust 
solichs in seinem herzen seine Jungfrau zu behalten, der thut woll. 
Entlich: welcher verheiratet, der thut wol, wilcher aber nicht ver- 
heiratet, thut besser '*). Deßgleichen schreibt er von verpietung 
der ehe zu Timo. am 4 cap.") Nu ist ie offintlich am tage, das sie 
wider solich gotlich wort verpotten haben die ehe den pfaffen und 
Paulus erleupt sie; so hat man aus der keuschhait ein gelobde 
gemacht, das doch Paulus nit thun wolt, deßgleichen unser selig- 
raacher Christus. So geschieht groes buberei in cloestern, auch bei 
der bebst cardinelen der sunde Sodoma und Gemorra. Darumb wer' 
besser, man ließ die gelobde, die wider got sein und wir nit halten 
können an sein gnad, auch nit schuldig zu halten sein, deweil es 
in unser macht nit steht, abgehen und hielten gots gepott, darmit 
wir nnugk zu schicken haben, und solich keuscbait freiliessen bei 
einseieden") gewissen stehen, so lang als ime got gnade gebe, und 
hielten gots gepot, da uns die papisten einen rat aus gemacht 

") 1. Corin. 7 v. 23. '*) Math. IS v. 11, 12. '') 1. Corin. 7 
V. 25—38. '") 1. Timo. 4 v. 3—5. "J d. i. jeden. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 125 

liaben. Unsere veinde liep zu halten, den zu vergeben die uns leits 
gethan haben, unserra nechsten mitzuteilen und mit meinem Wider- 
sacher nit zu hadern, zu leihen und nichts zu fordern und mich 
des zeitlichen wesens nit zu gelüsten lassen und meinem leibe ab- 
zuprechen und gern zu sterben: des und andere dergleichen sein 
die gepott gottes, da betten wir gnugk mit zu Schäften. Ich wolt 
auch gern, das einer unter den geistlichen erfurtrett und sprech, 
das got gepotten het das man keuschait solt halten oder geloben, 
oder das Christus gesagt het, wan mans got gelobet, das man es 
halten solt. — Ich hab gnugk geschrieben von der keuschait. 

Das e. 1. auch anzaigt, wan eins fursten underthan einem 
fursten etwas geloben, so seien sie es schuldig zu halten, das ist 
war und mentschlicher weise gereth, mentschliche vernunlt reimet 
sich nit mit got, sie ist gegen got wie schwarz gegen weis, üot 
begert der glubde nit von uns, sunder allein an inen zu glauben 
und sein gepot zu halten. Darumb mus man gotlich geschrift an- 
zaigen, die besteht vor got und sunst nichts. Man findet dennocht 
wol ausgelaufen monich und nonne, die from sein und sich ehrlich 
halten. Wie sich aber die groessen biscboff" epte und dhumbheru 
halten, da darf ich nit viel von schreiben, e. 1. weis selbs wol. So 
sein auch die cloester erst frei gewest. 

Zum fünften so ist das auch nit ein geringer mißbrauch mit 
den walfarten und heiligen ehren, das man die anbeth als weren 
sie got gleich, und sie begerns nit so, Avissen wir auch nit ob sie 
es heren. So ist es auch im alten testament verpotten an vielen 
orten, dan got hat sie darumb gestraftt das sie ander abgotter ge- 
eheret haben; Christus spricht auch in Matheo am 24.: wen sie 
werden sagen hie ist Christus, dort ist Christus, so glaupt inen nit, 
sonder er ist in eins iglichen herzen -wer glaubig ist'*). So sagt 
Paulus zu Timo. am 2.'*), das Christus allein der mitler und versuner 
sei zwuschen got und dem mentschen. So spricht auch Petrus in 
der aposteln geschieht, das in keiner creatur weder in himel oder 
auf erden dem mentschen sei die seligkait geben dan in Christo *"). 
Es spricht auch Christus Luce am 11., da das weip sagt: selig sind 
die brüst die du gesogen hast und der bauch der dich getragen 
hat; da sagt Christus: verwar sag ich dir, selig sein die die das 
wort gottes boren und behaltens"); und sagt gar nichts das man 
sein mutter solt anbetten. So tindet man in keiner gotlichen schrift 
darvon das Maria oder die heiligen unser vorliitteriu oder mittelerin 
sein, sunder wir sollen allein got in seinen heiligen loben und got 
danken vor die gnad die er inen geben hat. 

Zum sechsten so ist der bau ein miiJbrauch, wie e. 1. selber 
weis, wan sie bannen ander leute und sein selbs strelilich; wilcber 
ban in der sclirift nit gegruiult ist. So wil Christus nit, das man 
umb gelt soll bannen; und das haben sie am meinsten, ja uinb eins 
weißpfennigs willen, getlian, wie e. 1. (bis wol weis, wo irs wissen 
wolt : wir sein es an geringen nachteil unser underthan nit innen 
worden. 

Zum siebenden ist auch ein mißbrauch das die weil)ischofi:" 
haben die bildnus versigelt, deßglichen dis und das geweihet und 
haben daraus einen aberglauben gemacht, in gleichnus mit dem 
weichwasser und salz ; da hat man auch mehr glaubens zu dan zu 



'») Math. 34 V. J23 ff. ">) 1. Timo. 2 v. 5. «") Acta 4 r. 12. 
") Luc 11 v. 28. 



126 W. Frierlensburg: 

gottes wort, es sol jo gut sein und suiide abnemen; ist nichts dan 
aberglaube. So findet man in keinem ort gotlicher gesclii-ift davvon. 
Zum achten ist auch ein mißprauch das man in den kirchen 
veintlich heult und niemant versteht was es ist. Man solt es 
pillich halten nach sanct Paulus' lere: wan zwen leßen oder singen, 
so solt einer sein der es aaslegt"). Und das geschieht auch nit; 
man heult und singt und die es singen verstehen es selber nit. 

Zum neunten, wie o. 1. schreibt das e. 1. darvor helt, das einer 
mit dem essen nit sundigt, sunder allein mit dem frevel, das bin 
ich fro das mir e. 1. in einem zufeit. Ich halt aber, wan einer es 
nit thue zu schme seines nechsten oder ergernus, so sei es kein 
sunde, er es was er wolle. So hat der babst die gewalt nit, das er 
möge setzen: du solt den tag feiern oder fasten, nachdem Christus 
kein gepott hat drus gemacht und spricht: der mentsch ist nit ge- 
macht umb des saboths willen, sunder der saboth um des mentschen 
willen *'). Deßgleichen spricht Paulus an vielen orten: ir solt euch 
kein gewissen lassen machen über speiße oder feiertage. Spricht 
auch zun Corin. in der ersten epistel am 10. cap.*';: .A.lles was feil 
ist auf dem tieischmarkt, das esset, nf das ir der gewissen nit ver- 
schonet. "Wan man ist got mehr schuldig gehorsam zu leisten dan 
dem bal)st. So spricht auch Christus: was zum munde eingeht, ver- 
unreinigt den mentschen nit'*). Das man aber wil sagen, das die 
unvernunftigen thier und mentschen gefüst haben im alten testament, 
das ist war; es was aber gots gepot und nit der mentschen. Wan 
got gesagt hett das wir solten aus gepott feisten, so hielten wir es 
pillich; deweil er es aber in unsern freien willen gesatzt hat, so 
hat des babsts gepot nit stat. Es ist auch got unser fasten, wie 
wirs itzo halten und brauchen, nit angenem; wan es frist einer 
uf ein malzeit so vil, einer het es wol zwen tage gnugk. Das ist 
nit anders gefast dan einem fräs einlich! Wollen wir aber gots 
fasten lialten, so müssen wir uns aller begirlichait abziehen und 
messig leben, das ist die recht fasten, wie uns die auch wirt ange- 
zaigt Esaie am öS'*'). Also magk der bapst wider diese erzelte 
clare spruch der mentschen gewissen zu nirgen 2u, das in der 
Schrift nit grundt hat, verbinden oder einicli gepot oder vei'pot 
machen. 

Wie auch e. 1. anzaigt das man niemants die ehe verpeut, das 
mein ich, e. 1. weis es wol besser. Man verpeut sie ie den pfaffen, 
den sie doch Paulus erloupt, deßgleichen monichen und nonnen; 
und doch vor Zeiten die closter sein frei gewest. Darumb lies man 
es pillich frei stehen, wo man anders gots wort wolt halten und 
dem nachgehen. Wie aber e. 1. schreibt, das der spruch Pauli nit 
sal uf das verstanden werden, das itzt die letzst zeit sei, deweil 
man die elie und speiße verpeut: nu kan man ie den spruch Pauli 
nit anders teutschen oder taddcln, wan wie er innhelt, wan er 
helt ie dar das in letzsten zeiten solich ding gescheen werden. 
Nu sein sie ie vor äugen und gescheen. Oh man nu wolt sagen: 
es ist lang, darumb ist es die letzste zeit nit das es verpotten ist, 
so mus man die ander epistel l'etri ansehen, da er spricht im .3. cap , 
das ein tag vor dem hern seien wie tausent jar und tausent jar wie 
ein tagk *'). Nu sehen wir das das evangelium herfurbricht und 



") 1. Corin. 14 v. 37. "*) Marc. 3 v. 27. «') 1. Corin. 10 
V. 25. ") Math. 15 v. 11. »•=) Jcsaias 58 v. 3 flg. "j 2. Fctri 3 v. ö. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 127 

das man in vier oder fünfhundert jaren nit so viel darvon gesagt 
hat als itzt, und got spricht durch den propheten: ich wil meinen 
geist ausgiessen auf euer soen und dochter, das ener meidlein sollen 
weissagen und euer kneblein sollen spruch sprechen««); und Christus 
spricht Mathei am 24.: wan das ovangelium in der ganzen weit ge- 
predigt wirt, so ist das ende nahe «'). So l<an ic Paulus' spruch 
nit anders verstanden werden dan wie er inhelt. 

Zum zehenten der meß halb, da sag ich noch zu wie vor, das 
mich gut deucht das man under zelten ein teutsch meß hielt; dan 
in welschen landen da kan das gemein volk niereuteils das latein 
wol verstehen, wilchs in teutschen landen nit ist. Darumb wer's 
gut uuder zeiten teutsch meß zu halten, damit das volk aus ver- 
stentnus der wort zu groesserer andacht mocht gezogen werden, 
nachdem iiian auch nit hndet wie es die aposteln gehalten haben, 
dan allein iglicher nach seiner sprach, wie das e. 1. wol kan merken, 
deweil Paulus allen gotsdinst verpeut da kein besserung aus kumpt, 
und spricht, man sol was man singt oder beth auslegen. 

Des canons halb halt ich noch wie vor; man kans auch nit 
verwimpeln; die wort lauten also wie ich e. 1. geschrieben hab. 
Darumb thut maus pillich abe, und ist pillich das man got mehr 
gehorsam sei dan den mentschen. Es ist sich auch nit zu vermuten 
das der heilig geist bei dem canon gewest sei, wan der heilig geist 
kan nit irren, aber da ist seer geirt, wan die wort sein ie ie seer 
boeße und verechtlich gotlicher maiestat. E. 1. darf weder Lutern 
Melaiichton oder den Nurnbergern nit glauben, e. 1. gehe in e. 1. 
selbs gewissen, und wo sie was schreiben und allegirn, so sehe e. 1. 
in der gotlichen schrift darnach: findet dan dieselb das es also ist, 
so glaupt e. 1. billich; finden es e. 1. aber nit, so glaub e. 1. inen 
auch nit, deßgleichen mir auch. 

Wie e. i. auch schreibet der zusagnng halb bei den alten ge- 
preuchen zu pleiben bis ein concilinm wurde: nu mag ich das sagen 
das ich zu Worms nf dasselbige mal bin hinwegk gewest; so wil 
man auch kein concilium machen; so bin ich ie got mehr schuldig 
gehorsam /.u sein dan den mentschen in <;otlichen gepotten, wie 
das auch Christus sagt: was forchtet ir euch vor den die euch den 
leip nemen können? forcht euch vor den der euch seel und leip 
auf einen tag kan nemen '"j. Aber in Sachen, die got nit antreffen, 
wil ich gern gehorsam sein. 

Wie e. 1. auch schreibt, es mocht mir gehen wie Judas, und 
bit mich das ich nit wolt Melanchton Luther und die Nurin bergischen 
leßen, sunder die auch die wider den Luther schreiben: das nem 
ich freuntluhs danks von e. 1. an und wil dem volgen und wil die 
wider den Luther schreiben leßcn; und wo sie schreiben das dem 
evangelio und den episteln gleich ist, da aviI ich inen glauben; wo 
sie aber mentschen murrerrei uiul alte gepreuch dem woit gottes 
uiifemcs herrurbringeii, da wil inen nit glauben. Ich bit, e. 1. wolle 
inii; auch all.ii) tliiin und wolle dem biscliolf von Meyssen und dem 
Empser auch nit weiter glauben, wan was sie mit dem wort gottes 
beweißen können. 

Wie e. 1. schreibt das ich sohle meinen vheiiulen vergeben, 
du bit ich got alle dag umb, das er mir die gnad wolle geben das 
ichs thnn möge. 



«0 Jod 3 V. 1 '") Math. 34 v li. ""> Math. 10 c 3,S /Uj. 
Luc. 12 V. 4. 



128 W. Friedensburg: 

Wie auch e. 1. schreibt, ich solt geschrieben haben das e. 1. 
über der geistlichen Jurisdiction halt, das hab ich meins beheltnus 
nit gethan; ich hab aber also geschrieben: das sich e. 1. anmasse 
etlicher Jurisdiction der mentschen gewissen betreffend, das stehe 
e. 1. nit zu. Wie aber e. 1. schreibt das die geistlichen nit weniger 
dan Juden und Heyden sein, da schreibt e. 1. recht an, wan sie 
merenteils (doch got sein urteil furbehalten) mehr wuchern dan die 
Juden und sein einsteils unbarmherziger und unkeuscher dan die 
Heyden ! 

Der selemessen und vigilien halb haben die Nurinberger probst 
gnugk geschrieben, das leße e. 1, und sehe in der schrift darnach; 
wo sie formlich und recht sein, da glaub e. 1. ; wo sie unrecht sein, 
da glaub e. 1. nit. 

Hirauf bit ich nu freuntlich, e. 1. wolle das wort gottes vor 
sich nemen und demselben volgen, sich auch darin niemants weder 
mentschen Satzung oder alt herkomen lassen irre machen, dan es 
ist got selbs warhaftig bestendig und pleibt in ewigkait, es wirt e. 1. 
auch woU darüber gehen. 

Bit auch sonderlichs vleis, e. 1. wolle dis meins langen Schrei- 
bens keinen verdries oder ungefallen haben, dan ich hab es nit 
anders dan freuntlich und wol gemeint und meins noch nit anders 
dan treulich und gut; kan e. 1. auch oder sunst imants mich aus 
dem wort gottes anders unterweisen, dem wil ich gern volgen. 
Und bit, e. 1. wolle dis mein schreiben mit bedacht leßen, dan e. 1. 
soll mich nit anders dan iren freunt finden. Ich wil auch mein 
leip und gut zu e. 1. setzen; wil e. 1. auch haben das ich Minquitz 
schreiben soll das er sich gegen e. 1. gehorsamlich halten sol, wo 
nit so must ich inen manen — so wil ichs gern thun, dan e. 1. 
freuntlich zu dinen bin ich gneigt. Der almechtig bewar und er- 
leucht e. 1. nach seinem gotlichen willen. 

Datum Cassel am sanipstag nach invocavit anno etc. 25. 

Philips von gots gnaden lantgrave zu Hessen 

grave zu Catzennelnpogen etc. 

[m. pr.] Philips 1. z. Hessen etc. sst. 

[Nachschrift.] Aucli, freuntlicher lieber vatter und ohaim, 
als ich erst dieße meine antwort mit aigner haut gemacht geschrie- 
ben und die nachfolgents übersehen, hab ich befunden das es un- 
leserlich geweßen ist und darumb besorgung gehapt, e. 1. mocht es 
nit leßen oder sich daraus recht richten können. So hab ichs 
derhalb durch meinen camersecretarien und vertrauten diner in 
geheim wider abschreiben und e. 1. das himit zufertigen lassen, 
damit thue ich e. 1. alzeit was ir liep und dinst ist. Datum ut in litera. 

No. 5. (Dresden 1525 März 20.) 

Hersog Georg an Landgraf Philipp in Antwort auf No. 4: loird 
sich nicht darauf einlassen, Philipps ausführliches Schreiben 
zu ividcrlegen, da es nichts helfen werde und sie alle beide in 
Gefahr ständen sich lächerlich zu machen; in hundert Jahren 
werde Gott die Wahrheit schon an den Tag kommen lassen. 
Nach dem Konzept (von der Hand Georgs) im Dresdener 

IlStA. a. a. 0. fol. 121. (Gleichzeitige Abschrift im Ernestimsehen 

Gesamtarchiv zu Weimar.) 

Ilochgborner fürst, frauntlicher Über ohem und son. Ich hab 

a. 1. langes schreiben, das fol heiiger schrift und allegaten ist aus 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 129 

dem alten und nauen testament, wie das Lutter vordeutz hat, vor- 
lesen; des ich mich (di warheit zu sagen) bei a. 1. nicht vorsehen 
liet. Mir weite ach wol gborn a. 1. widerumb was aus der heiigen 
Schrift zu antworten; so acht ichs dorvor, es sei vergebens, den 
a. 1. di helt es doch dorvor, es quem von den spitzhüttern pfaifen 
und monchen her, di mich auers bdenkens vorfnren, so doch ein 
lei och was in der Sachen zu thun vormagI\. 

Vor das andre, wo ich mich mit a. 1. in weiter Schrift di auere 
zu vorlegen begeh, mochten es vorstendig leut uns beiden villeicht 
nicht unbillich vor ein thorheit achten und sagen, wir vorstundens 
beide nicht. Dorumb wil ichs got bfeln und dem vortrauen. Es 
ist noch umb hunter jar zu thun, so woln wir erfarn wer recht ader 
nnreicht ist und was ein itzlicher vor ein spitzhut ist. 

Hab ich a. 1., dem ich zu dinen gneget, vor antwort nicht woln 
vorhalten. 

Geben*') am montag noch oculi im 1500 und 25, 

No. 6. (1525 April 11.) 

Landgraf Philipp an Herzog Georg : zeigt sein Bedenken wegen 
des Bauernaufstandes an. 

Das Schreiben ist verloren; Inhalt und Datum erhellt aus No. 7. 

No. 7. (Dresden 1525 April 27.) 

Herzog Georg an Landgraf Bhilipp in Antwort auf No. 6: hat 
bereits Anstalten gegen die Bauern getroffen; tvürde auch den 
Landgrafen in dieser Sache angesucht haben, wenn er denselben 
nicht dem lutherischen Evangelium, dessen Frucht der Auf- 
stand ist, gänzlich hingegeben vermerkt hätte; hofft, Philipp 
tverde es ihn nicht entgelten lassen, dass er diesem Evangelium 
nicht anhänge, sondern ihm Beistand leisten. 

Gedruckt Bommel, Geschichte von Hessen III Anm. S. 221 flg. 
aus dem Kasseler (Marburger) Original. 

No. 8. (Gotha 1526 Februar 24.) 

Landgraf Philipp an Herzog Georg: hat vernommen, dass Georg 
die freie Predigt des Evangeliums auf Grund der h. Schrift 
zugelassen haben solle; freut sich, dass der Herzog somit den 
rechten Weg betreten habe, und mahnt ihn von demselben nicht 
zu weichen. 

Nach dem Original (von Philipps Hand) im. Dresdner HStA. 
Loc 10300 Instruction und allerley Schreiben n'. 1526 fol. 13 
(daselbst fol. 14. 22 auch zivei Abschriften.) 

Hochgebornr fürst, frundlicher lieber fater und oheim. Wo es 
e. 1. an sei und leib glucklicli und woll zustünde, des wer' ich 
hoch erfrauet. 

Mir ist angezeit worden von etlichen personen, wie das c. 1. 
Prediger die rechte warheit sol geprediget liaben und e. 1. sol zu 



") Die Weimarer Abschrift fügt das Ortsdatum Dresden 
hinzu. 

Neues Archiv f. S. (i. u. A. VI. i. 2. 9 



130 ^- Friedensburg: 

im gesagt haben, er sol frei predigen was er mit der schrift beweisen 
kan. Wo nu das also wer', als ich Loft", so wer's ein gros gnade 
von got, den ich dan bitten wil das er e. 1. sin und gewissen regiren 
wil nach seinem wort und das, als ich hoff", das er in e. 1. ange- 
fangen hat, wol volbringen, als er an zweifei dun wirt nach seinem 
willen. Und ist uarumb mein frundlich und dinstlich bit umb gots 
willen an e. 1., das e. 1. sich nit wol lassen ir ader forchtsam machen 
nimants und bei gotlichem wort und evangelio sten und anemen, 
und sich durch dasselbige wort underweisen zu lassen, wie dan das 
e. 1. schuldig ist; so wirt es e. 1. got unbelont nit lassen, wie er 
dan auch gesagt hat durch Cristum seineu son, der dan spricht: 
wo ich bin, do sal auch mein diner sein "), und aberraal an einem 
andern ort : vater ich -wil, wo ich bin, das auch do mein diner sei*'), 
und spricht weiter an vilen orten, wer an in und sein wort gleube, 
der hab das ewig leben, und sprich noch weiter: wer mich be- 
kennet for den menchsen, den wil ich bekennen vor meinem him- 
lichsen vater"), und sagt uns darzu mit trostlicher zusagnng, wo 
wir versamlet sein in seinem namen, das er wil bei uns sein**), und 
spricht weiter, das er uns wol mund Weisheit und seinen geist 
geben, das wir nit sollen sorgen was wir reden sollen, wu man uns 
vorfordert **). So spricht auch Cristus, das himel und erden sollen 
vergen, aber sein wort sol nit vergeu *'). Darumb so bleiben wir billich 
bei seinem wort, dieweil das nit verget und sein zusagung wert bis 
uf kinds kind, als ich dan hoff, als e. 1. dun wirt; und wo es e. 1. 
dut, so wirt es e. 1. got belonen, wie dan vor gesagt ist, und wirt 
e. 1. ein gut cristlich gerucht machen kegen allen Cristen. So wil 
ich es auch, so vil in meinen vermögen ist, umb e. 1. verdinen mit 
leib und gut. Uf das ich aber e. 1. cristlich gemut vernemen mag, 
so bit ich e. 1. antwort, das e. 1. wol mir anzeigen wie es ein gestalt 
hot, obs war aber nit war sei (als ich dan nit hoff). Und wil himit 
e. 1. got bevelen, der geb e. 1. und uns allen sein gnad, wie er dan 
zugesagt hat, won mir in drum bitten. 

Datum Gotta sonabent nach reminiscere anno domini 2C. 

Philips 1. z. Hessen etc. 

No. 9. (Leipzig 1526 März 6.) 

Herzog Georg an Landgraf Philipp in Antwort auf No. 8: be- 
richtet loas es damit auf sich habe, dass er, wie dem Land- 
grafen überbracht ivorden, die freie Predigt des Kvangeliutns 
zugelassen haben solle, und bekennt sich als treuen Anhänger 
des Christenthums und der Icatholischen Kirche. 

Nach einer gleichzeitigen Abschrift ebenda fol. 30 (DJ. Coli, 
eine gleichzeitige Abschrift ebenda fol. 24 (E). 

Hochgeborner fürst, IVeuntlicher ''lieber oheim und soen. 

Euer lieb schreiben, das datum heldet am sonnabent nach 
reminiscere [1526 Febr. 24j zu Gotha, hab ich gestern niontag 
spat empfangen, und wiie es e. 1. geluglich und seliglich an sele 
und leibe zustünde, das wehr' mir ein herzliche freud; befinde auch 
das e. 1. schreiben aus trauen herzun gescheen ; das es och so aus 



") Ev. Joh 12 V. 26. ") Ec. Juh 17 v. 24. »') Math. 10 
V. 32. *') Math. 18 v. 20. *") Luc. 21 v. 15. »') Math. 24 v. 35. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 131 

rechter gültiger anleitung geschehen were, vorhoflet ich, es solt bei 
e. 1. und mir dester raeher frucht bringen. Und wil e. 1. nichts 
bergen: der euch solch geschiecht zwischen meinem prediger und 
mir bericht, der hat nichts darnmb gewust oder hats erdicht, damit 
er mit holTniehren quem, die vielleicht bei etlichen angenhem zu 
hören gebest; denn es heldt sich alßo : 

Am Sonntag invocavit [1526 Febr. 11] do hat mein prediger 
gesagt das gewonulich evangelium, M-ie Cristus gefast vierzig tag 
und nach, dornoch gesagt das uns dermassen zu fasten, wie Cristus 
gethann, nicht gebotten, denn es wer' uns auch unmöglich zu thun ; 
er befinde auch im ewangelio und der heiligen schrift nicht das die 
f.isten gebotten wehr, denn die nutzlichst fasten were, die wir ge- 
thun konnten und die am seligsten wer', die, das wir von sunden 
fasten ; wie er auch von der feier gesagt, das man solt von sunden 
feiern. Er hat auch von vleisch essen gesagt, was Paulus davon 
geschrieben und andere allegat, wie man sagt, was in mund gehet, 
das befleckt die sele nicht; auch wie Paulus sagt, das kein trun- 
kener oder fressiger **) ins reich der hierael komme, und anders ; 
hat also pro et contra gearguirt und doch darbei gesagt, was die 
cristliche kirche geursacht die fasten auszusetzen, das loß er in 
dem gericht und gewalt der cristlichen kirchen, bei der er allezeit 
bleiben ") und davon nicht scheiden wolle. Er hat auch sonderlich 
angezaigt, das man ergernis meiden solle, und darzu Paulum gealle- 
girt und gesagt, sand Pauli sprech, ehr er sein nechsten ergern 
■weit, er wolle ehr sein tage kein tieisch essen; und im beschlus 
gesagt, sein rath und mainung 'sei, wir sollen beim gehorsam der 
cristlichen kirchen bleiben. Dornoch bin ich zu ime in sein stube 
gegangen und ihne in seim studio funden. Do hat er wider mich 
gesaget, er sei bekümmert, er könne mit der fasten nindert uberein 
kommen, und hat mir zwen namhaftige ort in der schrift geweist, 
an einem ort gesagt die fast sei nicht vom ewangelio gebotten, am 
andern ort do stehet sie sei von altvettern prophetten und Cristo 
bestettigt; er rathe noch, man bleibe bei der cristlichen kirchen. 
Do hab ich ime gesagt : wir haben das woU behalten, das die fast 
nicht gebotten; aber das wir sollen bleiben beim gehorsam der 
cristlichen kirchen, das dine uns nicht, darumb haben wirs nicht 
alle behalten. Als hat er alsbald gesagt, er hab auch gesagt, man 
sal nicht ergernus geben, wie sandt Pauli sagt. Do hab ich ime 
gesagt: wir sein arme leute; was uns dienet, das fassen wir bald; 
aber was widder das fleisch ist, das lassen wir voruberwuschen; und 
habe ime eben gesagt, ich sorge, es sein viel leute der jjredig 
geergert; darumb so sege ich vor gut an, dieweil er uns allen ge- 
zaigt das ers laße in gewalt und Verantwortung der cristlichen 
kirchen, warumb sie die fast ausgesazt, dorbei er bleiben wolle, 
und uns doliin geweist, so sei nott das er zu einer andern zeit 
erclere die gewald der cristlichen kirchen und wie wir ire gehorsam 
sein sollen. Das hat er alßo zu tliun gesagt, vorsehe mich auch, 
es sei meines abwesens alßo geschehen. Sovil ist mir dits handeis 
wissend und kau mit warheit niemand anders gesagen. — 

Das mich auch e. 1. erinnert und ermant das wort gottes zu 
hören und dem gefolgig zu sein, daran e. 1. mir warlich traulich 
und weislich retli; wue ich auch nicht folge, so werde ich mein 
straff woU finden. Das aber e. 1. der sorgfoldigkait entledigt, die 



»») so E; D vleissiger. »») öo E; D blieben. 

9* 



132 W. Friedensburg: 

e. 1. bei mir traget, als solt ich vileicht ein feiiid sein des ewan- 
geliums Christi, aber '*") das nit hören wollen, sonder vorfolgen 
das, wie ich dann von denjhenigen e. 1. angeben, denn'*") e. 1. 
villeicht mehr denn mir glaubt, so wil ich e. 1. anzaigen wie mein 
gemut bisher gestanden, jetzt stehet und, ab got wil, in mein tod 
stehen sali: ich hab das ewangeliuin Cristi, sint ich tzue Vernunft 
kommen, angenomen und gehört (wolt got ich thete auch die wergk), 
dennigk "'^) auch darbei zu bleiben, wie es die cristliche kirch an- 
genomen und approbirt hat; davon sal mich kein höchster weltlicher 
ader geistlicher erengeiz dringen ader fuhren ; mich auch sal mit 
hulf gottes kein forcht darvon abschauen, und ab der maister '"') 
hinder mir stunde und mir das leben nemen solt, sol er mir aber 
dennoch den glauben der cristlichen kircben nicht abtringen, bei 
der cristlichen kircben ewangelion will ich bleiben, und wes ich 
darvou nicht vorstehe, das wil ich bei der deutung der cristlichen 
kircben lassen und dobei beharren, das wolle mir got, der mich am 
creuze erlost, helfen ! wehr auch e. 1. anders von mir sagt, der 
kennet mich nicht. Hiraus hat e. 1. abzunehmen, wehr der ist, der 
euch sein tochter gegeben. Ich bin kein Turgke, ich bin kain 
Hayde, ich bin kain Jude, ich bin kain ketzer; ich bin ein getaufter 
Crist, ein glied des corpers, welchs corpers Cristus das haupt ist, 
und ein gehorsamer seiner cristlichen kircben. Bedank mich von 
e. 1. weiser lehr und Spruche, so mir e. 1. in euerm schreiben ange- 
zaigt, und bitt, e. 1. habe acht uf die fruchte derjhenen, so e. 1. in 
zweivel fuhren ab ich ein Cristen sei; denn got spricht: man sali 
sie aus den fruchten erkennen, und spricht auch: wehr die kirch 
nicht bort, der sei ein etniciis und publicanus "**). 

Will hirmit e. 1 dem almeclitigen bevolhen haben, der gebe 
uns allen seine genad das zu thun das sein gotlicher wille ist; ane 
den vermögen wir nichts. Derselben e. 1. zu dienen bin ich willig. 

Geben am dinstag nach oculi im 1526 ten zu Leiptzk. 

Georg herzog zu Sacbssenn. 

No. 10. (1526 zwisclien März 6 und 22.) 

Landgraf Philip}^ an Her sog Georg in Anttvort auf No. 9: legt 
in ausführlichem Schreiben dar, toie sehr die Kirche, deren 
Haupt der Papst ist, von der von Christus gegründeten Kirche, 
deren Haupt dieser allein ist, ahiveiche, verioeist den Herzog 
abermals auf die Bibel and nimmt die lutherische Lehre in Schutz. 

Gedruckt Bommel, Philipp der Großmüthige, Landgraf von 
Hessen, Uricundenband No. 3 S. 6—10 aus dem hessischen Konzept; 
Original (von der Hand des Landgrafen) in Dresden, HStA. a. a. O. 
fol. 38; eine gleichzeitige Abschrift ebenda fol. 33. 

No. 11. (Dresden 152() März 22.) 

Herzog Georg an Landgraf Philipp in Antivort auf No. 10: theilt 
auf Wunsch des Landgrafen mit, ivas er unter der christ- 
lichen Kirche verstehe, spricht über sein Verhältnis zu Luther 
und über die Simseverbote der katholischen Kirche. 



') s. V. a. oder. '"') s. v. a. denen. '"-) s. v. a. denke. 
') d. i der Henker. '»*) Math. 18 v. 17. 



100 
103 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 133 

Nach dem Original (von der Hand Georgs) im Marburger 
Staatsarchiv. Auch im Dresdner HStA. in zwei gleichzeitigen 
Abschriften (a. a. (). foh 17. 37). 

Hochgborner fürst, frauntlicher über ohem und son. Das es 
a. 1. an sele und leip wol ginge, erfiir ich gern. 

A. 1. antwort uf den briff, so ich uf a. 1. foriges schreiben a. 1. 
zugschigkt, hab ich vorlessen und btind dorin, das a. 1. mit viller 
frauntlicher lere und vormanung, der ich micli '"') frauntlich bdang, 
ein bger zu wissen hat, was ich vor di kristlich kirchen halt, mit 
bit a. 1. mit meiner antwort zu erfrauen. Doruf wil ich a. 1. nicht 
bergen, das ich vor die kristlich kirch halt do l'aulus von schreibet: 
ein leib, ein geist, ein glaub, ein got und ein tauf'"«), und do mich 
Cristus heinweiät do her spricht: sag' es der kirchen '"'). Ferner 
bschit weiß ich a. 1. nicht zu geben, den ich hab nicht woU weile 
in der heiigen schrift ader des Luters bucher zu lessen, sunder 
kaum zuweilen zeit ein predig zu hörn, dorin ich bgreif sovil mir 
got verleiet. Lutter sal mich, ab got wil. nicht erger machen. 

Uf das och a. 1. wiss, wi ich mit Luter stehe, so schigk ich 
a. 1. himit wes her mir und ich im gschriben ""). Thut imant böses, 
her sei hohes ader nider standes,"^ das ist mir als einem Kristen 
leit und hut mich vor irn werken; die werden iren "") wert wol 
dorumb bkommen. Saget mir imant guttes, dem folg ich billicli nach 
Cristus' lere. 

Mich dunkt och, do Paulus spricht: di freisigen "") und tron- 
kenen soln nicht in himmel kommen'"), es darf wol einer concor- 
dancien kegen dem das got spricht: was in mond get, bflegkt di 
sele nicht"-), so di fresigen und trunkenen das ire mit grosser 
dangsagung kegen got und der weit zum digker mal zum münd 
einnemen. Ich halt aber, der e^enwil und Verachtung der gbot der 
kristlichen kirchen kom aus anleitung böser leut und dem herzen. 

Himit wil ich a. 1. dem almechtigen bfolii haben, dem ich zu 
dinen willig. 

Geben am dornstag noch judica 1500 und 26 zu Dresden. 

Jörg herzog 

zu Sachssenn etc. 

No. 12. (Kassel 1526 April 1.) 

Landgraf Philipp a)t Herzog (rcorg in Antwort auf No. 11: ist 
mit der von Georg gegebenen Definition der christlichen Kirche 
einverstanden., erklärt einen Bibelspruch über unmäßigen Genuß 
von Speise und Trank, sch'ckt zwei ivider die Schwarmgeister 
erschienene Büchlein. 

Nach dem Original (von Kanzleihand) im Dresdner TlSt.X. 
a. a. 0. fol. IS. 

Hochgeporner fürst, freuntlicher lieber vatter und ohaim. 
Als uns e. 1, mit aigner hant wideriimb geschrieben hat, das 
ist uns zu verleßen zukomen, und hören herzlich gern das e. 1. 



'"'•) im Oriq. ausqef allen. '»») Kjyhes. 4 v. 5. "") Math. 18 v. 17. 
">*, Der Brief Luthers (gedr. de Wette 111, r>r>) liegt bei. 
'"*) Im Orig. korrigiert aus: der loerd seinen. 
'">) s. v. als gefräßigen. '") Gal 5v. 21. "^) Math. 15. v. 11. 



]^34 ^- Friedensburg: 

solichs vor die christlich kirch helt, davon raulns schreibt: ein leip 
ein geist ein glaub ein got und ein tauf. On zi^eivel, ein solich 
kirch, in got versamlet und erleuchtet, richtet sich allein nach gottes 
willen lere und gepott und wirdet seinem wort zu entgegen nichts 
ordnen oder beschliessen. 

Es sein auch die zwene spruch Christi: was zum munde ein- 
geht, das befleckt die seel nit, und der ander Pauli von den vol- 
seufern und fressigen nit widerwertig, suuder der erst vom gesatz 
der speiße, das einem jeden Christen alle von got geschaffene speiße 
mit danksagung anzunemen erleupt sei, und der ander von volsaufen 
zu verstehen; und hat die danksagung eines volseufers gegen got 
nit stat, dan wie kan einer gegen got umb dasjhenig danksagen das 
sund und seinem gotlichen willen zuwider ist? . . . "*) wir hoffen, 
wie wir auch teglich darumb bitten wollen, der almechtig soll und 
werde sein gotlich gnade verleihen, das wir alle erleucht werden 
und zu rechter erkentnus seins worts und der warhait komen! 

Nachdem auch von etzlichen schwurmgeistern und lestermeulern 
mancherlei zu verlesterung des hochwirdigen sacraments leibs und 
bluts Christi einzubilden boßlich unterstanden wirdet und dan wir 
e. 1. eins bestendigen christlichen gemuts darin erkennen und wis- 
sen, so schicken wir e. 1. zwei hübsche von vielen gelerten trefflichen 
mennern ausgegangen buchlein wider dieselben schwurmer, freunt- 
lich bittend solich buchlein mit vleis zu übersehen und zu leßen. 
Gepurt uns auch widerumb freuntlich zu verdienen. 

Datum Cassel am ostertage anno etc. 26. 

Philips von gots gnaden lantgraf 
zu Hessen grave zu Catzennelnpogen etc. 

[m. pr.] Philips 1. z. Hessen etc. sst. 

No. 13. (Leipzig 1526 April 7.) 

Hersog Georg von Sachsen an Landgraf Philipp von Hessen in 
Antioort auf No. 12 : hätte geglaubt, der Landgraf loürdc ihm 
keine andere als die richtige I)eß)iition,ßer diristUchen Kirche 
zugetraut haben, betcnt nochmals, dass Übertretung der Kirchen- 
gebote jedenfalls Sünde sei, dankt für die Zusendung, wird 
dem Jjandgrafen des Erasmus Schrift Hyperaspistes iU' Über- 
setzung zuschicken. 

Nach dem Konzept (von der Hand des Herzogs, das Datum 
von Schreiberhand) im Dresdner HSiA. a. a. 0. fol. 20. 

Liber ohem und son. Wie wir uns kegen a. 1. erklert, wehn 
wir vor die kristlich kirch halten noch dem spruch Kristi und 
Pauli, solt sich a. 1. an "*) das zu uns vormut haben, den wir 
nicht anders von uns zu vormuten nie orsach geben, denken och, 
wi wir vormols a. 1. angzeget, mit got dorbei zu bleiben. 

Was das blanget di speisse und trang, di in menschen geet, 
und der übrig"*) fraß und trungke, so in di egenwilligen und 
unghorsamen geet, seint wir och eins, den wir haben vorlangest 
ghort das egenwil in der hei bornt; do wol uns got vor bhütten 
und woln uns wonschen dasjenig so in a. 1. schritt ausgdrugkt ist. 



' '*) folgt das mir unverständliche Wort belan. '") s. v. a. ohne. 
"') s. V. a. überflüssig (in der Bedeutung: unmäßig). 



Heiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 135 

Wir bdangken uns och gar frautitlich der zweier biuhlein, so 
uns a. 1. itzt zugschigkt, und wollen"«) a. 1. nicht bergen das wir 
si zuvor ghat; dennoch soln uns di och lib sein, den wir vormerken 
doraus, das a. 1. gern ein fromen man aus uns machen wolt. 

Uns ist itzt ein lateinisch buchlein zukommen, hat der Roter- 
dam'") gmacht uf das buih do Luter den freien wiln ein knecht 
wiln nent"*); das denken wir vordeutzen zu lossen und wolns a. 1. 
zuschigken ; versehen uns, es sal a. 1. gfaln und sal was gutz dorin 
finden. Derselben a. 1. zu dinen seint wir willig. 

Geben zu Leiptzig sonabents noch den ostert'eiertagen im 26. 

Georg etc. 

Anhang. 

Zum Briefweclisel zwischen Georg und Pliilipp aus «lern 

Jahre 1527. 

No. 14. (c. 1527 Anfang.) 

Landgraf Philipp an Hcrzor/ Georg' verlangt für sich die Äus- 
zaldung der Zinse, tvelchc die Stadt Suiza dem aufgehobenen 
Kloster Vach schuldet. 
Das Schreiben ist verloren; der Inhalt erhellt aus No. 11. 

No. 15. (Vor 1527 Januar 21.) 

Herzog Georg an Landgraf Philipp in Antwort anfNo.l4: stellt 
sich auf die Seite derer con Salza, erliennt die Berechtigung 
der vom Landgrafen, für Vach erhobene)! Forderungen nicht 
an u. s. w. 

Das Schreiben ist verloroi: der Inhalt erhellt aus No. 16"*). 

No, 1(>. (Marl)urg 1527 Januar 21.) 

Landgraf Philipp an Herzog Georg in Antwort atif No. 15: eifert 
gegen das Klosterwesen und die Tiatholische Messe., legt dar., 
dass die katholische Kirche keineswegs mit der christlichoi 
identisch sei, und mahnt, nicht über dem S2)litter im fremden 
Auge den Balken im eigenen zu i'tbersehen ; ist dem Herzog in 
allem zu dienen, willig, nur nicht wider das I£vungelium. 

Nach dem Original (von der Hand des Landgrafen) im 
Dresdner HStA. a. a. 0. fol. 42. 

Hochgeborner fürst, frundliclior lieber oheim und vater. Ich 
habb e. 1. schriben gelesen und fast spitzig vormerkt, raeinthalben 
unvordint. Das aber e. 1. sreibt, o. 1. hab ireu ungehorsam nit 
Sterken wollen und es vor kein closter halten '^"), so disputir ich 
nit umb den namen closter, wan ich weis woU das weder im neuen 
testament ader im alten testament von clostern geschriben stat; 
ich weis auch woU, das in clostern mer buberei schalkeit, mer gots- 



'") Orig. wol mit 2 Überstrichen. '") d. i. Erasmus. 

"') Gemeint ist der Hyperaspistes, die Gegenschrift auf 
Luthers de scrvo arbitrio. 

'") Übrigens sind in der Angelegenheit noch mehrere Schreiben 
(Schrift und widerschrift, vgl. No. 17 Anfang) ergangen. 

'^") Es ist vom Kloster Vach die Rede, s. oben S. IIb'. 



136 W. Friedensburg: 

hurerei geschieht dau an keinem ort; wils e. 1. haben, ich wils uch 
woll vorkeren, und mich ducht gut sein, do man solch unerbar 
gotlossig wessen sege, das man do die zins vorbot und nerae nit 
gelt und lis buberei gesehen. Do dut man aber die äugen zu und 
wils nit wissen, got weis aber woll. 

Das aber die papistichse meß nit gotloß suU sein, das ist 
erbärmlich von eim solchen weissen fursten zu hören ; wan ich 
finde ja nit den namen meß in der ganz schrift; so finde ich auch 
gar nit das man Cristum noch ein mal sol opfern, sonder das kegen- 
spil in der epistel zu den Ebrern '^'). So spricht Cristus: nemet, 
esset'"); er spricht nit: nemet, opfert. So ist uns verpotten, wir 
sollen kein andere lere annemen dan die 1er Cristi, zu den Gallatern 
und Mathej am lesten und Johannis in der andern epistel'"); so 
las ich die reehtgelerten über gots wort nit zu; so wirt die cristlich 
kirch nit anders reden, man wais fie ir harr heist, dan es stet so 
geschriben: so ir in meiner rede bleibt, so seit ir warhaftig mein 
junger '-*). 

Das aber e. 1. sagt, e. 1. woll bei der cristlichen kircheu bleiben, 
das wil ich auch, aber nit bei euer bestichsen'"*) kirchen, die nit 
anders dan uf gelt gestift ist, der meister der deufel ist. Ich weit 
aber gern sehen, das ir mir doch die cristlich kirch weiset ader 
doch ein Cristen in euer kirchen ! der groß häuf ist die kirch nit, 
sost musten zu jar die bauren die kirch gewest sein ader itzt die 
Toreken! lest aber das zwelft capittel zu den Romern, so wert ir 
wol finden wer die kirch sein wirt, als nemelich die got erhelt und 
die ander der weit unbelunt sein. Ir pocht alle über ein hänfen 
uß gots vorstecken hart uf die kirch unt kent sie selbst nit. Bitt 
got, obs euch der kennen wolt lern, kont ir anders bitten! menchsen 
seint vil zu schwach über gots wort zu richten. Ich wolt doch gern 
wissen von euch als eim alten forsten, was doch der recht gots- 
dinst wer', nachdeni Cristus spricht Mathei lö: vorgeblich dint 
ir mir mit den leren die menchsen gebot sein •='*)! Wo wollen euer 

gotsdinst und kegen got zusagen, '^e) e. I. weis, hinkomen? 

Der recht gotsdinst ist seinen zusagung zu gleuben und unsern 
nesten zu dinen ! 

Das aber e. 1. etlich urteilt, das sie ir land misbrauch haben, 
das weis ich nit; weis auch vorwar nit, wen e. 1. meint. Wan man 
aber urteilen solt, so wurd man on zweifei die auch orteilen die so 
geswinde mit den armen umbgehen und kein barmherzikeit erzeigen 
und nichts kennen dan kopfabhauge und die armen uf den erunt 
schätzen, nit gnug haben das sie die leut umb den leib bringen, 
sonder die kinder umbs gut auch und den unschuldigen mit dem 
schuldigen straffen, und darzu noch mer Schätzung nemen und vor 
vil genomen haben. 

Got weis wo es hin komen ist! mich gemant der leut eben wie 
Cristus sagt: du sist in eim andern ein" spliter, aber in dir den 
hausbalken nit '") ! Stralit nu got sie hie nit, als der doch wol dut, 
wan man sich selbst ansige, so wirt ers — zu besorgen — dort 
dun, wan man drit im zu hart uf die fuß, er kans nit leiden! man 

'*') Kap. 10. '") Math. 34 v. 26. Marc. U v. 22. 

'='*) Gal. 4 V. 9. Math. 28 v. 20. 2. Joh. v. 1—9. 

'") Joh. 8 V. 31. '"*) d. i. päpstlichen. '") Math. 15 v. 9. 

'*') unleserliches Wort. '") Math. 7 v. 3. Luc. 6 v. 41. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 137 

zucht iiß seinem wort gelt und es ist sust kein sunde vor den 
hausen, dan wer sich nach gots wort helt und prediget, sie inachen 
in die leut gar nutz im beutel. Ich weit lieber kein laut haben 
dan so regiren ! Ich vorsehe mich die von Salcz werden ir britt' lui 
sigel wol halten, sollen sie sich meins lands gebrauchen; wans aber 
die meinung solt haben, so weis e. 1. gut, das euer schuldener 
luterichs — wie irs nennet — weren '^'), so dorft ir in nichts geben! 

Das aber e. 1. schribt, das ich e. 1. dinst wol vor gut nemen, 
zu dem schriben hab ich e. 1. kein ursach geben, dan wo ich wüst 
e. 1. zu dinen, das wer' ich geneit, aber wieder das ewangelium zu 
thun umb euert willen, do wirt nit uß, wan ir mir schon zwo 
thöchter geben bet! E. 1. sust mit leib und gut zu dienen, so vil leib 
und gut angehet, bin ich geneit. 

Ich geh e. 1. l'rundlich zu erkennen das mein gemal gotlob 
swanger gett, das ich mich versehe, e. 1. werde sich us erfrauen. 

Domit sei e. 1. got bevollen, der erlucbt e. 1. von dem finsterniß 
ufs licht und mach das e. 1. nit mer menchsen ansehe dan got. 

Datum Marpurgk am montag den 21 tag januarii anno etc. 27. 

Philips 1. z. Hessen etc. 

No. 17. (1527 nach Februar 1.) 

Herzog Georgs Instruktion für Georg von TaubenJiaim und 1). 
Otto von Fach zu. einer Werbung an Landgraf Philipp in 
Antioort auf No- 16: sollen dem Landgrafen den unange- 
messenen Ton seines Schreibens (No. 16) vorhalten und seine 
Angriffe gegen, das katholische Kirchensystem und den Herzog 
selbst zurückweisen und tviderlegen. 

Nach dem Konzept (von Schreiberhand) im Dresdner HStA. 
a. a. fol. 2 (DJ. Daselbst auch ein sehr flüchtig geschriebenes, 
schwer leserliches Konzept von der Hand des Herzogs. 

Zu vormerken was unser gschigkten an unsern ohmen und 
sone den landgraven tragen soln. 

Zu eirsten sollen sie freuntlich erbietung thun und darnach 
seiner lieb anzeigen: das in korz vorgangen zelten sein lib uns 
gscbriben unib etlichs gelts halben, so di von Saltza etwan dem 
prior und convent des closters zu Fach schuldig gwesf, darauf 
Schrift und widerschrift ergangen , wie unsere rete bitten sollen 
dieselbigen, wie die nach der zal nach einander vorzeichent sein, 
zu vorlesen, mit forder anzeigung, das uns am abent puriticacionis 
Marie fFebr. 1] von seiner lib zwone lirive, einer aus der canzlei, der 
ander seiner egen hantschrift, zukomen, die sie auch sollen vorlesen 
lassen, und weiter anzeigen, wie sie mit einer langen instruction 
abgefertigt sein, die inen nicht wol möglich dermassen wie sie ge- 
stellt zu reden; darumb so wollen sie dicselliig vorlessen lassen, 
bittend dieselbig mit gdolt bis zu dem bsloß anzuhören. 

Nemlich: das wir von jugent auf mit seiner lieb herrn und 
vater in freuntlicher einung gewest, mit erzeigung vil luitzbarer 
dinst; haben auch groß begir gehabt mit demselben unserm ohmen 
forder in solcher freuntlichen einigkeit zu leben, derhalben auch 
seine tochter unserm eldesten sone gegeben. So es aber der al- 
mechtig got also geschickt das gemelter landgratf Wilhelm nach 



') Orig. weret. 



138 W. Priedensburg: 

dem willen gots gegen nns in ganz freuntlicher einung in got vor- 
storben, so haben wir die zeit bei uns beslossen, demjenigen so wir 
am leben geliebt, im todt sovil an uns gewest auch gnts zu thun, 
haben das nicht bequemer denn an seinem vorlassen weihe und 
kindern zu thun wissen. Darumh wir auch an dem tag so gemelter 
unGers ohmen und sons vater todt von Cassel gefurt, gemelter seiner 
gemahel unser swiger zugesagt, in irem anligen, sovil an uns ge- 
west und uns gezimen wolt, retig huläicb und beisteudig zu werden; 
desgleichen haben wir gemeltem unserm ohmen und sone denselben 
tag, do er noch gar ein kind gewest, zugesagt, seiner lieb freund 
zu sein und zu bleiben, seine lieb wolte uns denn nicht zu freund 
haben. 

Welchem allem wir mit höchstem vleis volg gethon, kegen 
seiner muter, dieweil sie landgrevin gewest, also erzeigt, das raenig- 
lich weiß das wir umb iren willen vil unser hern und freund, zum 
teil ettlich von seiner landschaft, auf uns mit bewegtem gemuet 
geladen, und sein also unser zusag treulich nachkomen. 

Wir haben auch umb sein selbst gedeihen und nutzes willen, 
auch seiner land und leute in seinen jungen jarn bei kei. mt. sein 
sach zu fordern ufs höchste gefleissigt, wie das denjenen, so sie 
noch am leben wern und die zeit in seinen Sachen am keiserlichen 
hof gewest, wol wissent were, desgleichen den die noch leben, 
unverporgen ist. 

Wir haben uns auch nicht betauern lassen unser land und leut 
seinenthalben zu besweren, seiner muter und ime in eigner person 
zuzuziehen wider seine feind und widerwertigen. 

Desgleichen haben wir auch mer denn eins seiner lieb die 
unsern zu roß und fueß zugeschickt seinen schaden zu wenden und 
bestes zu vorfugen. 

Dorzu wo etwas seiner lieb gemangelt, es sei zum schimpf 
oder ernst gewest, haben wir seiner lieb von unserm eigen gelt 
darzuschicken nicht erwinden lassen und also aller freuntschaft 
gegen seiner lieb gepflogen. 

Und zum uberfluß sein seiner lieb vater und er als sein erb 
uns vorschriben gewest mit seiner swester, die unserm sone zugelegt, 
und nach dem beilager in kurzer zeit uns haben 25 000 gülden 
entricht sollen werden; so haben wir doch mit seiner lieb gedult 
gehabt bei sechs jarn und solang das wir ime unser liebe tochter 
vorelicht und beigelegt nach seinem willen, haben also ufs höchst 
geflissen zu merung freuntlichs willens freuntschaft und einigkeit 
an uns nichts erwinden zu lassen. 

Wir haben es auch von seiner lieb zu bekomen keinen zweivel 
gehabt, wie wir auch in der aufrur der mutwilligen paurn bei seiner 
lieb zum teil merklich befunden; haben uns des forder vortrost, 
solang das wir vormerkt, wie s. 1. in dem ewangelio, das Martinus 
Lutter nennet es müsse rumoren, ettlicher maß er tprandt ist worden 
und anderung an sich genomen, die hivorn bei seinen eidern und 
vorfarn landen und leuten nicht in ubuug gewest. _ Do hat sich s. 1. 
understanden uns ime zufellig zu machen, und wir bei uns nicht 
haben linden mögen das es uns tuelich sei Lutters sitten anzunemen, 
dieweil sie von den houptern der Cristenheit und von der cristlichen 
kirchen nicht gehalden worden sind. Des haben wir avoI ein mis- 
fallen bei s, 1. gegen uns befunden, wir haben aber allewege der 
besserung bei s. 1. verhofft, bis solang uns die letzsten zwu Schriften 
zukomen, der wir uns dermassen in keinen wege vorsehen, und 



Beitr<äge zum Briefweclisel zwischen Herzog Georg etc. 139 

suiulerlich der so s. l. mit seiner band geschriben [oben No. 16]. 
Die wir unser notturft nacb vorantworten wollen, freuntlich bittend, 
sein lieb wolle dieselbig unser antwort mit geduld anhören. 

Vor das erst, wie s. 1. anzeigt, als solte unser antwort fast 
spitzig bei s. 1. vormarkt sein seiner unvordient, können wir niibt 
wissen, was spitzigs s. 1. daran gefunden, denn s. 1. uns ane das 
wol kennet, das wir mit spitzfindigen worten nicht wissen umbzu- 
gehn, sundern pflegen gemeinlich, wie wir einen handel finden, 
dorvon zu reden und zu schreiben. Wo aber s. 1. unsers Schreibens 
aus unserm vorschulden verletzt, solte uns laid sein. Wir wissen 
auch einen monch, der seinen habit und regel, so er gelobt und 
gesworn hat, von sich wirft, vor keinen gehorsamen bruder zu halten, 
können ime auch seins Ungehorsams noch nicht zufall geben. Was 
aber die mönch vor ein süntlichs leben in clostern furderlicher 
denn sust in der werlt treiben, das wissen wir nicht; aber das haben 
wir gehört, das in der schul Cristi, do das erst cristlich convent 
gewest, die grösten sunden geschehn, so ie erfarn und nimmermer 
sollen erfarn wei'den; denn do ist der son gottes von seinem junger, 
von Judas, leiplich vorraten, es sein alle aposteln feltüuchtig worden, 
sand Peter hat Cristum dreimal vorleugnet. Hette got omh der 
grausamkeit willen der Sünden die apposteln sollen alle ausroden, 
wer hette uns den glouben gepredigt? Hette gott sand Paulus umb 
seiner vorfolgung willen den donner lassen todt slagen, wo betten 
wir nu ein solch schön liecht der Cristenheit? Got hat uns exempel 
geben, wes wir uns zu lebenden leuten vorsehen sollen, denn er 
sprach: es sein zwelf stund im tage '"). Do auch die junger wollen 
sagen, das feur solte über die fallen, die sie nicht herbergen wolten, 
vorboet es got, wie geschriben steht Luce am neunden capittel '*"). 
Doch ist es ane not dorvon zu disputirn, denn s. I. ist gelert genug, 
man darf ime nicht predigen. 

Als aber s. 1. schreibt, das es gut were das man in solch 
unerbor gotloß wesen sehe, doselbst die zins vorpöte und neme 
nicht gelt und ließ buberei geschehn; do thue man die äugen zu 
und wolle es nicht wissen etc.: konten wir nicht vor unbillich achten, 
also das es mit massen geschehe, von denjenen die es zu thun 
macht betten, die man auch wol mit manir dorzu bringen kont. 
Das aber s. 1. schreibt, man neme gelt und lasse buberei zu: wissen 
wir nicht, wen s. 1. doniit meinet, vorsehen uns auch eigentlich, s. 1. 
meine uns nicht dormit. Wo es aber also were, das es s. 1. auf 
uns achtet, so musten wirs davor halten, s. 1. hette es nicht er- 
dicht, sundern were s. 1. von uns gesagt. Darunib bitten wir, s. 1. 
wolle solchs auf uns nicht glouben und demjenen, der es s. 1. ge- 
sagt, von unsern wegen sagen nach cristlichem ewangelio: wir haben 
es nicht gethan, er thue uns unrecht. Wo es aber s. 1. für besser 
ansieht das wirs nach rumorischem ewangelio vorantworten sollen, 
so bitten wir, er wolle demselben sagen, das er uns anlenget als 
ein vorreter unser eren. Des wollen wir gestendig sein, es hab 
gesagt wer do wolle; zudem wir uns amii nichts anders vorsehen 
können, dann das er s. 1. wider uns halt bewegen wollen. 

Nachdem auch s. 1. anzeigt, das es erbärmlich sei von einem 
solchen weisen fnrsten zu boren, das die papistiscli moß niclit gotloß 
sein solle: bekennen wir, das wir mehr am alter denn in der Weis- 
heit zunemen. Wir haben aber vormals s. 1. unser bedenken der 



'") Joh. 11 0. 0. "») Luc. 9 V 54—56. 



140 W. Friedenshurg: 

messe halben zugescliriben, darumb wir itzt lücht gedenken dorvon 
zu disputirn , sundern lassen es bei voriger meinung. Vorsehen 
uns auch , so s. 1. die bucher list die wider den Lutter und seinen 
anhang geschriben, er werde wol auf sein schrif't, darauf man ine 
fürt, antwort tinden. 

Wir sein auch nicht so geltgirig das wir einer andern kirchen 
gedenken gehorsam zu sein, denn der cristlichen kirchen, der honpt 
Cristus ist und nicht der teufel, in welcher kirchen s. 1. teglich 
Cristen zu sehen hat. 

Das aber s. 1. vorwundert und ie gern wolt, das wir ime die 
kirchen weisten, und weiset selber alsobald ufs zwelft capittel sandt 
Pauls zu den Romern, do werden wir wol finden wer die kirch sei, 
als nemlich die got erhelt und von der weit uubekandt sei etc. : ist 
das also zu vorstehen, wie s. 1. maint, das got wolle die kirchen 
vor der werlt vorborgen haben, so wirdet er sie wol vor s. 1. und 
uns behalten, das wir sie beide nicht erkennen. Es spricht aber 
Cristus im ewangelio Mathei am 18: sag es der kirchen'*'). Soll 
man irs sagen, so muß sie uns nicht vorporgen sein. Sie muß oren 
haben zu hören und gewalt, auch vorstand zu straffen und zu andern. 
Nun halten wirs dofur, s. 1. wissen, das das ewangelium eer gewest 
denn sand Pauls episteln; darumb ists nicht unbillich, das sand 
Paulus dem ewangelio noch und demselbigen gemeß vorstanden 
werd und nicht das ewangelium sand Pauls episteln; alsdenn wirdet 
s. 1. baß vorsteen, was die kirch sei. 

Wie auch s. 1. weiter anzeigt, wir pochen alle über einen 
häufen uß gotes vorstecken hart uf die kirchen und kennen sie 
selber nicht; wir sollen got bitten, ob er sie uns wolt erkennen 
lernen, wo wir anders bitten können: sal s. 1. nicht zweiveln, wir 
können bitten und beten mit hulf gottes, und unser kinder haben 
eher bitten und beten können eher sein vater sein muter genomen, 
und bitten got, wenn uns sein almechtigkeit gnad vorleihet, das er 
uns in der ruffung, darinne wir gefordert sein, wolte bleiben lassen 
und entbalden und uns von keinem wind alder ader neuer ketzerei 
lassen bewegt werden. 

Das s. 1. gern wissen wolt von uns als einem alden fursten, 
was der recht gottesdinst sei, und s. 1. sich selbst bald bericht, der 
rechte gotsdinst sei seinen zusagen zu glouben und unserm nechsten 
zu dienen: wir glouben gottes zusag billich und gern, denn er ist 
die warheit; dieweil er denn gesagt, er wolle einem itzlichen geben 
nach seinen werken, so thun wir was wir aus seinen gnaden ver- 
mögen und gewarten seiner zusag, denn wir glouben, er sei ein 
beloner des guten und straffer des argen. Er spricht auch im 
ewangelio Mathei am 23: diß muß man thun und das ander sal 
man nicht underwegen lassen '*-). 

Das auch die paurn nicht die kirche gewest, denn sie sein 
nicht in got, sundern durch Muntzer und seine gesellen aus Lutters 
buchern, als dem Babilonischen gefenknus, aus der abthuung der 
messe und aus dem buch von den falschgenenten geistlichen vor- 
samelt worden; so sein die Turcken als ein straft und warnung 
gottes gewest und noch umb unser sunden willen. 

S. 1. hat uns in der nechsten schrift vor der letzsten geschriben 
dise wort: „wurde auch wol doraus folgen, so der missbrauch in 
disen dingen die Wirkung haben solte, das auch hinfurder den 

'»') Math. 18, 17. '**) Math. 23 v. 23. 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 141 

fursten, so sie sich nicht fürstlicher gebur halten, kein zins ader 
rente mer gereicht werden musten. Darauf wir s. 1. wider ge- 
schriben, ime seiner meinung zugefallen mit disen worten: „tragen 
keinen zweivel, e. 1. erfar teglich und sehe vor äugen bei konigen 
und fursten, wenn sie ir land misbiauchcn, das es inen zu k(ineni 
gutem reicht, sundern müssen inen zur schmähe und andern zu 
einem exenpel im land ane land umbreissen". Mit disen worten 
haben wir erregt, das uns s. 1. zeihet, das-wir ettliche urteilen, und 
nennt nicht wen, will auch nit wissen wer sie sind. Nu wissen s. 1. 
wol, das bei unsern zeiten konig und fursten'*^) vortriben sein. 
Ob dieselbigen ires landes ader rcgierung gemißbraucht ader nit, 
stellen wir in s. 1. bedenken. Und so wir die warheit geschrieben, 
haben wir nimands gericht "*). 

S. 1. aber zeigt au: wo man urteln solt, wurde man die auch 
urteiln, die also geswinde mitt den armen unibgiengen und kein 
barmherzigkeit erzeigten und nichts konten denn kopfabhauen und 
die armen auf den jrrunt schätzen, nicht genüge haben das sie 
die leut umb den leibe bringen, sundern die kinder auch umbs gut, 
und darzu noch mer Schätzung nemen und zuvorn vil genommen 
haben, gott wisst wo es hinkommen sei. S. 1. erman derselben leut, 
eben wie Cristus sagt: du sihest in eins andern aug ein Splitter, 
ader in deinem äugen den hausbalken nicht. Strafft got sie nicht 
hie, als er doch wol tut, wenn man sich selbst ansehe, so wird er 
es, als zu besorgen, dort thun, wenn man trit got zu hart auf die 
fueß, er wirdts nicht leiden; man zeucht ans seinem wort gelt und 
es sei sunst kein sunde, denn were sich nach dem wort gottes heldet 
und predigt, sie machen inen die leut nutz im beutel. S. 1. wolte 
lieber kein hmd haben denn also regiren etc. Dieweil wir denn 
niemandts gerichtet, sundern die warheit gcschriben, so solton wir 
billich ungericht bleiben, wo anders s. 1. uns domit will gemaint 
haben, das wir umb s. 1. mit den woltaten, die wir seinem vater 
muter und ime gethan, nicht vordient haben. Und ob wir nicht 
genant sein, so ist doch wol abzunemen, wene er hiemit hat wollen, 
den wir dodurch vorstehen solten. Denn wie barmherzig wir sein 
und wie schwind wir mit den armen leuten umbgehn , ist got am 
besten bekant; und hören, es werde von got nicht vor ein klein 
barmherzigkeit geacht, einen frommen armen von des bösen armen 
untugeut zu entledigen, dann got spricht im andern buch Mose am 
22. capittel : man sai die bosluiftigen nicht lassen leben auf erden '**). 

Das aber s. 1. sagt, wir können nichts mer denn köpf abhauen 
und grausamkeit üben, wie oben erzelt : achten wir, wo s. 1. solchs 
wol bedenkt, werde er behuden, das wir mer können mit gottes hulf 
denn allein das böse, und auf das wir des ein exempel setzen, so 
sein in der aufrur zu Duringen drei ader vierlei leute gewest: erst- 
lich die anleiter solcher aufrur, darimch die volger, die sein zweierlei 
gewest, einteil aus gutem willen, ettlich aus forchf ; die vierden 



'**) Hieß zuerat ein konig und drei fursten im reich; die Worte 
ein, drei und im reich sind aber iDitcrstridicn als Zeichen der 
Tihjunfj. 

'") iS'o am Rande; der Te.idliatte anfaitf/s: . . . vortrieben sein. 
Er neme under den welchen er wolle, mögen wir mit warheit sagen, 
das derselbig Seins lands gemissbrauclit liat und darumb von got 
gestrafft ist, und so wir die warheit reden, richten wir nicht. 

'") 2. Mos. 22 V. 18. 



142 W- Friedensbiirg: 

haben es thun müssen aus zwang. Do es aber zum handel komen, 
do hat man keinen können ausscheiden denn die, so williglich 
kommen und ir bedranknus angezeigt, das sein graven edell und 
burger gewest, den ist kein last begegent, wie s. 1. weist. Die 
andern sein mit einander undergangen, haben leib und gut verloren, 
mag wol sein das mancher darunder gewest der nicht so vil als der 
ander schuld daran gehabt; wir aber haben gotlob mit der band 
keinen erwürget, auch niemands nichts genomen; wir haben etlich 
hundert gefangener auf ein tag laufen lassen, die alle wol leib und 
gut als die aufiurigen vorburt betten. Hernachmals do wir under 
unser eigen vorwandten und geschwornen gein Saltza komen, haben 
wir die leithemel ausgehoben, ungestrafft nicht gelassen an leib und 
gut. Domit auch die ungetrauen fluchtigen irer untreu und flucht 
nicht genossen, so haben wir auch verordent, wie es mit denselben 
gehalden sol werden, und nach gehaldenem rat nier gnad denn s'c 
vordient vorgewandt. Das wir auch dieselbigen auf s. 1. furbitt 
nicht haben wollen lassen einkomen ""), ist darumb geschehn, das 
zu Molhausen'*') im felde dorvon geredt und beslossen worden, das 
man dieselbigen aufrürer nicht wider solte lassen einkommeu; sie 
solten auch in keinem unser furstenthum dem andern zuwider ge- 
halten noch gehaust werden. So sint dieselbigen fluchtigen den 
merern teil mit der Lutterischen gift beflegt, welche gift ein ursprung- 
lich ursach gewest des aufrurs. Dieweil denn der groß häuf — gott 
gelobt — noch ist der frommen, verhoffen wir thun kein unbarm- 
herzigkeit, das wir sie behüten, das sie von den bösen nicht vor- 
unreint werden. 

Wir befinden auch das uns nicht mag unaufgerugkt bleiben, 
das wir in vorzeiten unser frommen und getrauen underthaneu rat 
und hulf haben suchen und brauchen müssen und noch, und ist nicht 
weniger, das unser herr vater gotseliger uns in unrath gelassen ; 
derhalben wir auch gemelte unser underthan mit irem rath und 
gutem willen umb hulf angelangt, welches kommen ist aus den 
trauen nutzlichen dinsten , die derselbig unser her vater kei. mat. 
und dem heiligen reich vor andern fursten mit seinem eigen leib 
und gut bis an sein ende gethan, wie das vil leuten kunt und wissent- 
lich gewest und noch ist. Das wir aber aus solchem unrath nicht 
haben kommen mögen , ist ursach die vorreterische untreu des 
graven von Embden, auch der '*'J konig von Frankreich '*') und die 
böse nagbarschaft des herzogen von (iellern, der sein art gegen 
uns als andern nagbarn bezeigt hat '*"). Diß haben angesehen unser 
getraue underthaneu und uns getraulich gerathen und geholfen, 
und tragen keinen zweivell, wo es die not erfordert, sie werden uns 



'*") s. V. a. wieder ins Land kommen. 

'*') Das Miihlhauser Ablcommen swischen Kurfürst Johann, 
Herzog Georg und dem Landgrafen, Ende Mai 1525 ahgeschlossoi, 
gedr. Seidemann, Das Dessauer Bündtiis (Zeitschrift für histor. 
Theologie 1847) 641 flg. 

'*") D add. unterstrichen (als Zeichen der Tilgung): itzigo. 

'*") D add. unter strichoi: den got auch nach seinem willen 
an ere und gut gestratfl. 

'*") Diese Anspielungen beziehen sich auf die friesischen 
Wirrett, in ivelche Georg von seinem Vater Herzog Alhrecht (f 1500), 
Erhstatthalter von Friesland, Iter verivickelt getvesen loar. Seine 
Gegner dort waren der Graf Ezard von Friesland tmd dessen 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 143 

forder mit hulf und rath beistehen und ol) got will in kurz aus 
allen nöteu helfen. Wir haben auch gotlob ujis dermassen gegen 
inen gehalten, das wir der keins mit gewalt hahen dürfen von inen 
dringen'*'). Sie sein auch got hab lob so sere nicht vorarmt vom 
adel burger und paurn, sie sollen neben andern ir pfennig wol 
zeren mögen und iren herren ein hulf thun können gleich andern 
und vor andern; darumb s. 1. uns mit dem zu reizen sich wol hette 
enthalten '*^). Dieweil uns auch von s. 1. nichts darzu gegeben ist, 
dürfen wir ime auch kein rechnung dorum thun. Wir wissen wol, 
das wir neider gnug haben, das wir von unsern getrauen under- 
thanen sovil zufals haben, die sich doch billicher mit uns freuen 
sölten. Wir haben zuvorn angezeigt, das wir so geltsuchtig nicht 
sein als wir an s. 1. getragen ; wir ziehen auch nicht gelt aus dem 
ewangelio. Darumb bitten wir, s. 1. wollen uns kegen seinen an- 
tragern vorantworten, wie wir oben gebeten. 

Wir hassen auch die nicht, die gottes wort warhaftiglich pre- 
digen; das wir sust neben andern ein armer sunder sein und von 
got hie gnediglich gestraft't werden, erdulden wir mit seiner got- 
lichen hulf billich ganz willig und gern und bitten, wenns uns vor- 
lihen wird, umb gnade. 

Wir haben regirt nach unserm vorstand, wie wir es kegen got 
vorantworten müssen und darumb still stehn werden. S. 1. solle 
es besser machen, darzu wünschen wir ime gluck und heil. 

Als s. 1. meldet, er vorsehe sich, die von Saltza werden ire 
brief und sigel wol halten, sollen sie sich seins lands gebrauchen; 
wenns aber die meinung solte haben , wer' es uns gut das unsere 
Schuldner lutterisch wern, wie wirs nennten, so dorft wir inen nichts 
geben etc.: die von Saltza werden ir brive und sigell als fromme 
leut halten, man zeige inen die allein an, kegen den sie vorschriben 
sein. Wo sie dann in dem wesen sind, wie sie inen vorschriben, 
alsdenn wird es nicht mangel haben; wo sie aber in einem andern 
stand, darauß nicht anders denn böses sich zu inen zu vormuten, 
so haben sie es beigelegt bis auf erkentnus geordenter oberkeit. 
Wirdet inen zuerkant das sie solchs denselbigen abtrönnigen ordens- 
leuten geben, sollen sie es an inen nicht ei winden lassen. Das 
nuhn s. 1. über solch gleichmessig erbieten die von Saltza aufhalten, 
wolt der erbainunge nit fast gemeß sein, wollen uns auch des in 
s. 1. nicht vorsehen '**j. Wir wissen uns kegen unsern schuldigern, 
den wir schuldig sein, sie sind papistisch ader lutterisch, wol zu 
halten, dorfen seiner underweisung ader underhandlung deßfals 
gar nicht '**). 



Bundes genosüc Herzog Karl von Gel der n , den Frankreidi ins- 
gelieim unterstützte. Im Jahre 1514 hatte (reory ihnen weichen 
und die Rechte an J'^iesland atifgeben inüssen. 

'*') U add. unterstrichelt, weder kidch nionstranzen i)aceni oder 
glocken smelzen dorfen. 

'*-) D add. getilgt wir haben auch das unser nicht vorspilt 
vorprast vorhurt ader vorpufl't, sundern mit eren und zu unser not- 
turft anworden darinne nichts gespart. 

'**) Statt dieses letzteti Satzes stand anfänglich : wo aber über 
solch erbieten s. 1. aus der erbeinung mit einem fuß schreiten, so 
erloube er uns mit dem andern auch licrauß zu trett(Mi. 

'**) D wir wissen — deßfals gar nicht ausgestrichene' 



X44 ^- Friedensburg: 

Das s. 1. schreibt, s. 1. hab kein iirsach gegeben, das -wir ge- 
schriben, das er unsern dinst vor gut neme, mag vol sein und ist 
villeiclit des Schreibers schuld , denn wir haben allewege im brauch 
gehabt, wie sich andere unser freund kegen uns erboten, haben wir 
unser erbieten widerumb zugleich geihan und zuweiln etwas mer. 
So aber in nechster schritt vor der letzsten der Schreiber kein er- 
bieten im besluß von s. 1. wegen gesetzt und wir des nicht ursach 
gewust, haben wir (auf das wir s. 1. nicht forder bewegten) solch 
unser erbieten mit einer maß gethan, domit wir nicht zu vil ader 
wenig tetten: haben wir es aber domit verterbt, so ist es doch Un- 
danks geschehn. 

Das sich s. 1. erbeut uns zu dienen wo er wüste, des wer' er 
geneigt, aber wider das ewangelium zu thun umb unsern willen do 
wurd nichts auß, wenn wir ime schon zwen töchter gegeben, mit 
merer erbietung etc.: nu wissen s. 1., das wir in der ehestiftung 
s. 1. unsre tochter nicht darumb gegeben, das er wider das ewan- 
gelium thun solte umb unsern willen; vil wenig weiten wir irne 
zwen gegeben haben, denn wo wir gleich etwas wenigers "*) gehabt 
und vormarkt betten das s. 1. umb unser ader ander böser leut 
willen wider got und sein ewangelium thu, wir weiten es ime nicht 
gegeben haben. 

Wir bedanken uns sust freuntlicher erbietung und das er uns 
wünscht im besluß seins brives, wünschen war ime auch, dann es 
mögen villeichte wol leute s. 1. auf die wege fuhren, die da öffent- 
lich ir orden aide und gelubde vergessen haben, zu denen wir uns 
nichts guts vorsehen können '*"). — 

Diß sollen die geschickten reden und sollen hirauf bitten, das 
s. 1. bedenken wolt die grosse geschwindigkeit und gehe'*'), so s. 1. 
in dem bricf gegen uns unvorschult und als seinen sweher geübt ane 
grund, nachdem wir uns vorsehen, wo imands also unbedechtig uns 
mit ungrund also bescliAveren wolte, s. 1. wurde seinen leib und gut 
vor uns gesetzt haben; auch betrachten die zimlich gedult, die 
wir mit ime in unser antwort tragen, uns forder solcher swindickeit 
vorschonen, denn wo es mehr geschehe, musten wirs achten, er wolte 
uns nicht zu freund haben und uns mit fuessen von sich stossen, 
des wir musten geschehn lassen, und uns dann wenig tauret, denn 
allein unser tochter sein gemahel und sein getraue fromme Land- 
schaft, den es ane zweivel wurde leit sein. Verdienen wir zur 
billicheit gerne . . . 

[Es folgt der Inhalt des letzten Absatzes in milderer Form:] 
Diß sollen die geschickten reden: "Wir zweifeln nicht, wa s. 1. ir 
gethan schreiben zu gemuethe fürt, s. 1. werde es etwas fast zu 
geschwinde und zu gehe vormerken, darzu wir s. 1. unsers vor- 
hoffens nicht ursach gegeben, auch zu s. 1. vielmehr vorsehen betten, 
wa wir sunst von imands dergestalt weren angegriffen, s. 1. wurde 
uns als iren schweher nicht allein vorantwort, sonder leib und gut 
vor uns gesatzt Iiaben. Nuhr haben wir s. 1. aufs freuntlichste und 
glimpflichste vorantwort und wollen s. 1. darvor bitten uns mit 
solchem geschwinden schreiben liinfurder zu vorschonen. Wa es 



'*■') Statt gleich — wenigers stand anfangs ein liebes thier. 

'*") Anfangs: denn es sein auch leut die s. 1. auf die wege 
füren und sein darzu leut die öffentlich — vergessen haben; was 
gnad darbei sein kan, solt ein itlicher vorstendiger wol ermessen 
können. '*'j d. i. Jähe (als Substantiv). 



Beiträge zum Briefwechsel zwischen Herzog Georg etc. 145 

aber ie nit sein wolt, rausten -ft-irs darvor achten, das uns s. 1. zu 
irem freund nicht mehr ze haben, sunder von sich zu sundern ge- 
sint, darbei wirs auch musten wenden lassen; uns dauert aber dann 
sein gemal und landschaft, den es ane zweifei wurde leid sein. 
Wir weren aber viel geneigter mit s. 1. in der freundschaft, so von 
irem vater auf sie geerbet, zu pleiben. — 

"Wa auch irgent nach der vorher ader sunst vorfiele, das der 
landgraff hart darauf drunge, wie s. 1. vorwandten '*») gleichwol briff 
und sigill nicht gehalten Murden: so sollen sie sagen: sein lieb 
habe bei den von Saltza ettliche zinse gefordert von wegen der 
wirdigen und andechtigen priors und convents zu Fach. Darauf 
wir, weil wir bericlit das keni prior nach convent mehr dasein solt, 
dieselbigen volgen zu lassen geweigert und unsers vorsebens nicht 
unpillicb, denn wir kondten nicht befinden, wa sie nicht dergestalt 
angezaigt und vorhanden, wie von irentwegen die forderung an- 
gestelt, das man ihnen die zinse zu geben schuldig; wa aber s. 1. 
dieselbigen zinse als inhaber der vorschreibung gefordert, betten wir 
uns einer anderer antwort Avollen vornehmen lassen '*'). 

'*') s. V. a. Unterthancn; gemeint sind die von Vach. 

'*') Auf einem später ai Blatte findet sich der Schhisspassus 
in folgender Form: vorschreibung gefordert und auch s. 1. zu manen 
gebort, hetten wir uns dennoch so schwinder manung umb 16 fl. 
nicht vermut, diweil wir um 25000 fl. so frauntlich gdult mit s. 1. 
gehabt. Darunter stehen die Namen der Gesandten her Georg 
Taubenhaym amptmann zu . . . (?) D. Pack. Folgen dann noch No- 
tizen über anderweitige Irrungen. 



Keucs Aicliiv f. Ö. 0. u. A. VI. 1. 2. 10 



Literatur. 



(Jesc'hichle der iu «1er Preussischen Prorinz Sachsen vereiiijgleii 
Gebiete. Yon Eduard Jacob«. Gotha, F. A. Perthes. 1883. 
YlII, 540 SS. 8«. 

Die Verlagshandliing ^ou Perthes in Gotha, der die deutsche 
Geschichtswissenschaft schon manches verdienstliche Werk zu danken 
hat, beabsichtigt bekanntlich, gewisserniassen als Ergänzung der in 
ihrem Verlage erscheinenden, von Heeren und Uckert begründeten 
und gegenwärtig unter der Leitung von W. von Giescbrecht fort- 
geführten Europäischen Staatengeschichte, eine Sammlung von Dar- 
stellungen der Geschichte der einzelnen deutschen Landschaften, 
insbesondere der preussischen Provinzen, herauszugeben: ein Unter- 
nehmen, dessen Ausführung allerdings mit nicht geringen Schwierig- 
keiten verbunden ist. Sind doch gerade die Provinzen Preussens 
grossentheils Bildungen, die erst in neuerer Zeit aus oft ganz hete- 
rogenen Bestandtheilen zusammengeschmolzen worden sind, so dass 
man von einer einheitlichen Geschichte derselben kaum reden kann. 
Dieser Übelstand, mit dem K. Lohmeyer, der Bearbeiter der treff- 
lichen Geschichte Ost- und Westjireussens, und Grünhagen, von 
dessen Geschichte Schlesiens vor kurzem der 1. Band erschienen ist, 
nicht in gleichem Masse zu kämpfen hatten, tritt in dem uns vor- 
liegenden Werke um so schärfer hervor; denn die preussischc Provinz, 
die am 30. April 1815 unter dem Namen Provinz Sachsen gebildet 
worden, ist sehr bunt zusammengesetzt: ausser märkischen Gebieten 
und solchen, die dem Hause Wettin gehört haben, wie namentlich 
dem alten Herzogthum Sachsen- Wittenberg, dem sie ihren Name 
verdankt, umfasst sie das alte Erzbtift Magdeburg, die Stifter 
Halberstadt, Quedlinburg, Merseburg, Naumburg, vormalige Besitz- 
ungen des Erzstifts Mainz, freie Reiclisstädte wie Nordhausen und 
Mühlhausen, eine ganze Reibe alter Grafschaften wie Stolberg-Stol- 
berg, Stolberg-Rossla, Mansfeld, Hohnstein u. a. Dazu kommen 
wesentliche Stammesunterscbiede innerhalb der Bewohnerschaft, die 
theilweise aus niederdeutschen Sachsen, theihveise aus mittel- 
deutschen Thüringern besteht; ein grosser Theil der Gebiete ist 
bekanntlich den Slaveu abgerungenes Kolonisationsland und unter- 
scheidet sich dadurch sehr bemerkbar von den deutschen Stamm- 
landen. Von einer wirklichen Geschichte der Provinz Sachsen 
kann also kaum die Rede sein; es war die Aufgabe des Ver- 
fassers, wie er das im Titel auch angedeutet liat, eine ganze 
Reihe von Spezialgeschichten zu einem Ganzen zusammenzu- 



Literatur. j^47 

schweissen, und diese Aufgabe \vurde noch erschwert dadurch, dass 
dies Ganze auf weitere Kreise berechnet sein sollte. Erwägen wir 
diese Schwierigkeiten, so müssen wir dem als exakten Forscher und 
gewissenhaften Urkundenherausgeber rühmlichst bekannten Ver- 
fasser, der gewiss selbst bei seiner Arbeit am wenigsten Befriedig- 
ung gefunden hat, das Zeugnis ausstellen, dass er das Möglichste 
geleistet hat. Wenn er für den grössten Theil des Werkes nicht 
auf die Quellen zurückgegangen ist, sondern nur die — übrigens 
mit grosser Umsicht ausgewählte — Litteratur benutzt hat, so bedarf 
dies keiner Entschuldigung; ein anderes Verfahren hätte die Aufgabe 
zu einer nahezu undurchführbaren, sicher aber noch viel weniger 
lohnenden gemacht. Näher auf das Werk von Jacobs einzugehen, 
kann unter diesen Umständen nicht die Aufgabe einer an dieser 
Stelle zu gebenden Rezension sein. Nur ein schmerzliches Ue- 
dauern können wir nicht unterdrücken; warum wurde die Benutzung 
des seinem ganzen Charakter nach wenig übersichtlichen Werkes 
nicht durch ein alphabetisches Register und etwa auch ein paar 
Bogen Litteratur- und Quellennachweisungen, wie sie Grünhagen 
dem 1. Bande seiner schlesischen Geschichte beigegeben hat, er- 
leichtert? Dadurch würde sicher weder die von der Verlagshand- 
lung gewünschte Popularität des Werkes gemindert noch der Preis 
desselben wesentlich erhölit worden sein. 

Dresden. H. Ermisch. 

Oescbiclite der Säcligisch-AskainHchen Kiirfüisten (1180—1422), 

ihre Grabstätten in der ehemaligen Franciskaner-Kirche zu Witten- 
berg, die Überführung ihrer Gebeine in die dortige Schlosskirclie 
und die Stammtafeln ihres Geschlechts. Von (ieorg v. Hirschfeld, 
Regierungs-Ratb in Merseburg. Sonderahdruck aus der „Viertel- 
jahrsschrift für Heraldik, Spliragistik und Genealogie". Berlin, 
Sittenfeld. 188t. IV, 15Ü SS. 8». Beil. I— V. 

Das obengenannte Werkchen, welches anzuzeigen mir mehr- 
fach nahegelegt worden ist, behandelt in Abschnitt 1 (S. D— 72) 
nach einer Einleitung über das Franziskanerkloster die vom Titel 
als Hauptsache bezeichnete und uns hier zunächst angehende Ge- 
schichte, im II. Abschnitt (S. 7.3—92) die Auffindung und Über- 
falirnng der Gebeine, iin III. (S. 9:^—139) Feststelhuig der Persön- 
lichkeiten der aufgefundenen Leichenreste, bauliche Einrichtung der 
ehemaligen Franziskanerkirrhe, Grabsteinfragmente u. s. f. Von den 
Anlagen bietet I. Plan und Grundriss der K'irche, V. Darstellung 
der Grabstein- und Baufragmeiite, beides vom königl. Banftilner 
L ottner, II. di(^ nach den Forscliungen des Verfassers vervoll- 
ständigten und berichtigten Stammtafeln der ;<äcbs.-ask. Kurfürsten, 
III. Abdruck eines „Auszugs aus dem Totenl)uche des Franziskaner- 
Klosters, in Zerbst durch Arcbivratb Prof. K i 11 il scli e r aufgefunden" 
mit dessen Anmerkungen, IV. Abdruck des einsclilägigen Abscbnitts 
aus Mentzius Syntagma epitaphiorum .... Witeb. etc., Magde- 
burgi lÜOL 

Für Beurtheilung der S.hrift erscheint die S. LSÜ tlg. i; j.T 
gegebene Anf/.älilnng der -11 bauptsä( hliib benutztcin (^)u eilen 
um so wichtiger, als V'erfassrr im Verlaufe seiner Darstellung sie fast 
nirgends zitiert, weder bei Üliereinstimmung, noch bei Abweichung 
bez. Bekämpfung. Es drängt sieb aber einerseits die Verniutlmng auf, 
dass auch dort nicht genannte Scbriften mittelbar oder unmittelbar 
benutzt seien; anderseits würde Zuratheziehung anderer ebenso wenig 

10* 



148 Literatur. 

genannter Schriften der vorliegenden Arbeit sehr zu statten gekom- 
men sein. Man vergl. z. B. Cohns Stammtafeln, Gretschel-Bülaus Ge- 
schiclite des Sächsischen Volkes und Staates I, 284—295 u. a. Von 
Hirschfeld glaubt (S. 9 Anm.), dass die bisher nur vorhandenen zer- 
streuten Nachrichten über das in Rede stehende Fürsten geschlecht 
durch die von ihm geleiteten Ausgrabungen und seine „neuesten 
Forschungen vielfach ergänzt und berichtigt" seien. Greifen wir, um 
zu sehen, wie von Ilirschfeld geforscht hat. einige Punkte ücraus '). 

§22: Albert, nachgeborner Sohn Kurfürst Rudolfs II., „ist 
bisher nirgends erwähnt; seine Existenz ergiebt erst der Auszug 
ans dem Totenbuche". Verfasser setzt daher Rudolfs Kinder an: 
1. Elisabeth, f 135.3, 2. Albert, geboren nach dem Tode Rudolfs II. 
u. s. f. Nun haben aber sowohl Beckmann als Cohn bereits 
Albert und Elisabeth als Kinder jenes; das Neue wäre also nur die 
vom Verfasser erst noch zu beweisende Posthumität Alberts. Das 
von ihm dafür beigebrachte genügt nur zu beweisen, dass Albert 
nach seinem Vater und vor seiner Mutter, d. h. zwischen 1370 und 
1373, starb. 

§ 23 w-iederholt von Hirschfeld den alten Irrthum, dass Kurfürst 
Wenzel nicht 1388, sondern 1-102 gestorben sei, also was zwischen 
beiden Jahren von sächsischen Kurfürsten berichtet wird, von jenem 
statt von Rudolf IIl. gelte. Er sagt getrost: „Bei der Belagerung 
von Celle (1402) erhielt Wenzel eine tötliche Wunde, an der er 
18. September starb"; alles entgegenstehende wird abgefertigt mit 
den Worten: „Die Ereignisse des Jahres 1400 schreiben einige dem 
Kurfürsten Rudolf HL, nicht Wenzel zu, und zwar wohl deshalb, 
weil sie das Jahr 1388 irrthümlich als Todesjahr Wenzels annahmen. 
Allein nicht nur die Inschriften des Grabsteins, sondern auch das 
hier massgebende Totenbuch der Franziskanerkirche geben überein- 
stimmend den 18. September 1402 als Tag und bezw. Jahr seines 
Todes an" u. s. w. Hier nur einige der Beweise für 1388 bez. gegen 
1402, um dann zu erwägen, mit welchem Rechte „Totenbuch" und 
„Grabschriften" mehr gelten sollen. 

Riedel, Cod. dipl. Br. D. 191 zum Jahre 1395 hat: In dem 
suluen jare loart hertoch Boleff van Sassen vient bischop Albrechtes 
van qticrenforde uncle des yodeshuses to inagdehorch etc. 



') Noch ist erwähnenswerth, dass der Verfasser in § 3 zwischen 
Albrecht d. B. und Bernhard ICinscliub eines 3 Seiten fassenden Ab- 
schnitts über den heiligen „Hain-Allvaters im Semnonenlande zwischen 
Berlin und Brandenburg" für angezeigt hält. Wir erfahren, dass „nach 
alten urkundlichen Quellen" Brandenburg (die Stadt ist gemeint) lange 
vor der slawischen Periode Herrschersitz des obersten Semnouen- 
fürsten. ja Mittelpunkt der deutschen Einheit gewesen (S. 2-i); 
dass Allvaters, der die Herzen seiner Kinder lenkte (21), Machtwoit 
eine Götterdreiheit ms Leben gerufen; dass Tacitiis, „obwohl er auf 
germanischem Boden lebte und starb", so wenig als andere Römer 
das germanische Wesen begrift'en; dass die Enthauptung der Kriegs- 
gefangenen ein Akt der Nächstenliebe war — alles Ideen, die 
Verfasser in einer speziellen kritisch-historischen Arbeit „Religion 
der alten Germanen bis auf Tacitus" im einzelnen nachzuweisen 
versucht habe. Wir empfehlen sie den Forschern in deutscher Mytho- 
logie; für uns hier hat diese Episode nur den Zweck, S. 22 den 
Preis der Askanier und HohenzoUern unmittelbar daran zu knüpfen. 



Literatur. 149 

J. M ei Sil er, Descr. Eccl. Collegiatae Witteb. 1668. S. 76 flg. 
giebt de» Wortlaut einer Bulle lionifaz des IX. wegen Einverleibung 
der Pfarrkirche vom 5. Dezember 1400; sie bat u. a.: Nos dilecti 
filii nobüis viri Biidolfi dticis Saxoniae supplicationibus indinafi 
w. s. f. Derselbe '26 Hg. (allerdings mir in Übersetzung) über Bol- 
densdorf und Kapelle d. d. St. liUwis 1401: Wir Rudolf v. G. Gn. 
zu Eugern, Westfalen, Sachsen und Lüneburg Herzog. . . 

von Heinemann, Cod. dipl. Anh. V, 197. 5. Dezember 1.392, 
Wittenberg: Mudolphus III. dei gratia etc. — Derselbe V, ölS 
d. d. .30. Mai 1400 Frankfurt: Wir von Götz gnaden Johan . . . 
und Budolff zu Saessen und Lünenhurg hertzogc . . . alle kiir- 
fürsten des heiligen Eoemschen ritchs etc. Ebenda .319. (;. Juli 1400: 
Wir Patdolß' von Gottes Gnaden des heiligen Elmischen reichs 
crtzuiarschalk. 

Urkundliche Beweise, dass 1392—1401 bereits Rudolf IH. den 
Kurhut trug, welche von Hirschfeld kennen niusste, da er jene drei 
Werke unter seinen Quellen anführt; freilich spürt man auch sonst 
keine Verwerthung des Cod. dipl. Anh. pjbenso wenig von Riedel, 
sonst hätte er beispielsweise S. 41 nicht 13-29 angegeben, statt das 
aus jenem B. II, 61 bekannte Datum 25. Mai 13-28, und vieles andere. 

In Cohns für jeden Genealogieforscher unentbehrlichen Stamm- 
tafeln hätte er für' das Jahr 1388 als Todesjahr Wenzels die ent- 
scheidende Stelle im Lüneburger Toten buche zitiert gefunden 
(ed. A. Ch. Wedekind, Noten etc. IH, 1836); es heisst dort zum 
15. Mai wörtlich: Anno demini M. CCG. LXXXVIII obiit Wenetz- 
luus dux Saxonie et Lunehorch, qiii dedit ecclesiam sancti Cyriaci 
cum patruo [Yetter] suo duce Alberto. Entsprechend zum 28. Juni: 
Anno domini M. CCG. LXXXV obiit Albertus dux Sax. et Lun., 
qui dedit eccl. s. Cyriaci cum patruo suo Wenetzlao d. Nach dem 
Schriftgrade müssen diese Eintragungen dem 14. Jahrhundert ange- 
hören. Übrigens stimmen lür Winsen a. d. Aller und Celle auch 
(etwa abgesehen von Meibom) alle älteren und neueren überein, 
dass die' Schlacht Fronleiclmanistag 1388 stattfand, dass der in 
Winsen erkrankte Wenzel nach Neustadt gebracht wurde u. s. w. 
S. Hans Porners Gedenkbuch bei Hänselmann, Chroniken der Stadt 
Braunschweig I, 218; Anno XIIIc LXXXVIII in des hilghen 
lichamen, daglie ivas de grote strid vor Wynsen vor Tzelle; vergl. 
II, 55. Eine Belagerung Celles um 1402 ist schwerlich nachzuweisen. 
Anderseits macht jene Toten buchsnotiz es wahrscheinlich, dass Wenzel 
in Lüneburg in der von ihm gestifteten Kirche begraben war. 

Diesen Zeugnissen also sollen die „Grabschriften" und das 
„Totenbuch" vernichtend gegenübertreten. Zuerst jene, mitgeteilt 
von Balth. Mentzius, Syntngnia (1604) I, denen auch ich früher ein 
Hauptgewicht beigemessen. Dass von Uirschfeld den hier <.'eltcnden 
Abschnitt als aus einem ,,sehr seltenen" Buche vollständig abdrucken 
lässt mit der Unterschrift „Für die Richtigkeit der Abschrift, Witten- 
berg, den 29. Mai 1883, G. von Hirschfeld, Reg.-Rath% ist fast spass- 
haft. Das Buch ist in vielen «rrösseren Bibliotlieken erliältlich (Berlin, 
Wittenberg doppelt, auch Halle als Doublettc, Magdeburg, Dresden 
u. s. f.), sodann der von ihm verbürgte Abdruck ziemlicli Hüchtig, 
vergl. S. 145 Z. 11 bellum für belli, S. 117, VI: B. n. für Vn:, 
S. 148 Z. 9 V. u. atcxiiio für auxdium, S. 149, XIV: et für est, ab- 
gesehen von vielen Kleinigkeiten in j und i und dergl. 

Verfasser nennt nun das Syntagma eine ^immerhin zuverläs- 
sigste Origiualquelle" S. 7, vergl. 98: „Da Mentzius als Melanch- 



150 Literatur. 

thons Schüler aus dessen eignem Munde wissen musste, ob derselbe 
die Grabsehriften aus den Gräbern oder aus einer sonstigen Quelle 
entnahm, wir auch die Wahrheitsliebe beider nicht zu bezweifeln 
Anlass haben" — wobei vorausgesetzt scheint, dass Melanchthon 
die Grabschriften möglichst genau, wenn auch eilig abschrieb, und 
seinem Schüler Mentzius, falls dieser niclit selbst zugegen gewesen, 
wenigstens mit mündlichen Erläuterungen übergab. Doch im Laufe 
der Untersuchung sieht Verfasser sich zu folgenden meist berech- 
tigten A usstellun gen genöthigt. In der Einleitung über das Fran- 
ziskanerkloster: das Stiftungsjahr 1238 sei zu früh, es müsse etwa 
1248 heissen (allerdings nicht früher als 124P, vergl. Cod. dipl. 
Anh. II, 170). S. 101: der übliche Schluss der Gralischriften Cujus 
anima requ. in pace sei infolge der Eile wohl überall weggelassen. 
Zu I: sepelitur Ballenstadii sub turri [BcruhardusJ — sei nach 
neuerem Befunde unrichtig, wie auch Henr. Basse schon richtig in 
oratorio habe. Zu II (S. 35) sei pater für frater, und 1285 für 
128.S einzusetzen. Zu VII (S. 53) bei Albert Rudolfs Sohn sei 
4. Juli statt 4. April zu setzen. Zu VIII (S. 50) das Todesjahr 
Kunigundens müsse 1333 statt 1331 sein — beiläufig nach „Schwein- 
bergs Chronik", vermuthlich desselben, den Verfasser S. 51 Schwan- 
feld, sonst aber Schwanberg nennt. Zu XIII (8. 4G flg.): Rudolf II. 
sei mit Rudolf I. verwechselt, ,, vielleicht weil Mentzius Randbemerk- 
ungen Melanchthons an unrichtiger Stelle einschaltete". Ja es 
müsse sogar Rudolf I. für Friedrich III. eingesetzt werden, wo 
Melanchthon sage, dass 1353 der Kurfürst die Kapelle eingerissen 
und an ihrer Statt die Schlosskirche erbaut hätte. Ein auffallender 
Mangel philologischer Divinationsgabe des Verfassers. Der Text 
lautet nämlich mit Weglassung der Interpunktion: [Bodolphus] 
f'undauit Witebergae Collegeum [sie] Ccmonicorum Anno 1353 die 
34. Febr. Sed Fridericics III. Elector Saxon. sacelluin ä Eo- 
dolpho extructum diruit atqnc etc. Setzen wir (wegen des Sed 
wohl selbstverständlich) das Punkt hinter Febr. statt vor Anno, so 
ist alles in Ordnung. Für die Gründung dos Allerheiligenstifts am 
23. bez. 24. Februar 1353 vergl. Cod. dipl. Anh. IV, 55. Dass 
Kurfürst Friedrich III. (der Weise) 1499 reine Schlosskirche an 
Stelle des askanischen Kirchleins vollendete, wie über dem Portale 
noch jetzt zu lesen steht, wird dem Verfasser bekannt sein. Es 
ergiebt sich aber deutlich, dass Mentzius seinen Setzern viel ein- 
räumte, wenn er mit Anno einen Absatz beginnen liess, vermutlich 
auch, wenn sie die sogenannten Grabschriften ohne angegebenen 
Grund aus 3 verschiedenen Schriftarten setzten. 

Ferner zu XIV (S. 149): Anna IL conjunx müsse I. heissen, 
wie § 26 stillschweigend verbessert ist. Zu XVIII: Albertus dux 
Saxon. Fleet: in familia Anlialdina ultimus. S. 130 sagt, dies 
sei „unrichtig, denn die familia Anhaldina blüht in den Fürsten von 
Anhalt fort", also habe Mentzius stark zusammengezogen; er ver- 
muthet in familia Anlialdina ultimus Ascaniorum. Sieht Verfasser 
nicht, dass die Interpunktion \ or Flector zu setzen ist? ,, Albrecht, 
Herzog von Sachsen — letzter Kurfürst aus dem Anhaltischen Ge- 
schlecht" — ist ebenso klar als korrekt, die Konjektur also inhalt- 
lich unnöthig. 

_ Was nun Mentzius' Person betrifft, so hat er vor 1561 
wenigstens laut Album nicht der Wittenberger Universität angehört. 
Sein gleichnamiger Vater allerdings, geb. Herford 1500, gest. 1585 
als Pastor zu Niemegk, ist 12. Juni 1'29 eingetragen &\s JBalthamr 



Literatur. 151 

Mentse dioc. Badebtirnen : (wozu spätere Hand bemerkt Pater M. 
Mencij); laut Grabschiift Syiit. lY, 79 war er Schüler Luthers, und 
des nur 3 Jahre älteren Melanchthons (auch Buorenhasens, Paul 
Ebers etc.) canicus inteyerrimas studiorwiique socius; dann zuerst 
in Zorbst (wohl Johannissehule) thätig als Jugendlehrer. Sein 
ältester Sohn nun, Balthasar, geboren nicht vor 1538, später magister 
und poeta coronatus, um ISßr. — 1572 in Rom, war bei Melanchthons 
Tode höchstens 22 Jahr, in den Jahren 1542 — 44 noch gar nicht in 
"Wittenberg, und es fragt sich sehr, in welchem Zustande die 00 Jahre 
vor der Herausgabe gemachten Aufzeichnungen des Reformators, 
den er nur in dessen letzten Lebensjahren kennen gelernt, in seine 
Hand gekommen waren — vielleicht durch seinen Vater. Mentzius 
sagt ülirigens nur: Sunt coJlecta et conservata haec nomina et 
epitai^hia p^incqnim, quae subjiciemus, ä j^raeceptorc nostro Ph. 
MeJanthone, zwei Seiten weiter sogar nur: nomina principnm — de 
sepulcfiris eormn descripsit. Das sei 1542 geschehen. Ob man sich 
hierauf verlassen kann bei einem Autor, der das Gründungsjahr 
des Kloster 8 — 10 Jahr zu früh, die Verwandlung des Klosters in 
ein Hospital 1544 statt 1527 ansetzt? Übrigens nehmen wir Akt 
davon, dass man sich nach Mentzius erst 1544 anschickte, Altäre 
und Grabsteine zu zertrümmern fci(m — diruerentur, nicht diruta sunt 
als Hauptsatz, wie von Hirschfeld zitiert), also nirgend Grund vor- 
liegt, mit dem Verfasser anzunehmen, dass schon die Bilderstürmer 
(ausser einem Altare, vergl. mein „Wittenberg im Mittelalter" S. 08) 
Grabsteine zerstört hätten. 

In den Werken Melanchthons (Corp. reformatorum I — XXVIII) 
ist's mir nun nicht gelungen, eine Hindeutung auf obige Thätigkeit 
zu finden, wohl aber die aus der Feder des für vaterländische Ge- 
schichte stets warm interessierten Praeceptor Germaniae (vergl. meinen 
Aufsatz: Melanchthors Verhältnis zur Geschichtschreihung im Korre- 
spondenzblatt d. Gesch. V. iSßO) stammende, 1558 in den Thurm- 
knopf der Pfarrkirche gelegte summarische Geschichte Wittenbergs 
Corp. ref. IX, 582 flg. Ihr Text erweist sich, zumal in den geschicht- 
lichen Zusätzen zu den einzelnen Namen, vielfach als die Urschrift 
zuB. Mentzius, enthält aber natürlich, da es hier zunächst nicht 
um Grabschriften sich handelte, nicht alle 20, sondern rair deren 12. 
Dass anderseits Melanchthon seine nach den Grabschriften gemachten 
Notizen zur Geschichte zu Grunde legte, erhellt aus dem Beginn 
mit Helena. Beachtenswerth ist aber schon der einleitende Satz: 
Multi principes electores ortl a Bernhardo Auhaldino et corum 
eonjuges, filü et füiae Wüteherejae sepulti sunt, qiiorum nomina in 
ipsis monumentis hgimus, et recitantur in historia principinn An- 
haldinorum, quorum praecipua et hie recitahimus., nt qui legent 
toi bonis principibtis gratum fiiisse hoc domicilium, magis amciit 
hoc oppidum. Auch dieser Gedanke, den von Hirschfeld als Eigen- 
thura des B. Mentzius S. 90 lateinisch und aus guten Gründen 
noch dreimal deutsch zitiert (S. 5. 88. 91). rührt also von Me- 
lanchthon her; und wenn er hier in einer Handschrift fehlt, so 
haben den spätem beide: ut qui legent sciant fuisse cgrcgiam 
virtutem ctiam illo tempore principuin elect. duc. ISax'., quanquum 
potentia non scinper par fuit. 

Was das sonstige Verhältnis dieser Darstellung zu Mentzius 
anlangt, so nennen wir nur folgende Verschiedenlieiten. Bei Alhrecht H., 
Anna und Rudolf H. giebt Mentzius den Bestattungsort genauer an, 
hat auch richtiger bei Hagne 1322 (Mel. 1312) und Jutta 1328 



J52 Literatur. 

(Mel. 1327), bei Rudolf II. 1370 (Mel. 1385 bez. 138G), bei Anna 
coiijux Rud. III., wenn aucb falsch conjnx II. (Mel. Rudolfs 11). 
Freilich könnten, da in den Thurniknopf Paul Ebers Abschrift nach 
Melanchthon'schem Konzept gelegt wurde, Lese- oder Schreibfehler 
jenes vermuthet werden, doch nach dem Charakter des Ganzen 
etwa nur bei 1312, 1327, 1385. Zu beachten ferner, dass das Por- 
.phyrgrab Melanchthon der Cäcilia zuschreibt, Mentzius der 
Barbara; nur dieser Rudolf IIL an Gift sterben lässt, beide von 
Rudolf II. einzelnes erzählen, was man auf Rudolf I. beziehen möchte, 
beide den 1-102 sterbenden Wenzel als Kurfürst bezeiidinen. Die 
Melanchthonsche Darstellung ist fast 50 Jahre älter als Mentzius' 
Druck; trotz der Abweichungen beruft sich dieser auf den nämlichen. 
Der Gedanke liegt nahe, dass er Melanchthon'sche Notizen urschrift- 
lich oder in Abscliriit durch seinen Vater überkam, vielleicht mit 
dessen Randbemerkungen; da er mehrfach Richtigeres zu haben 
scheint, mochten in der Zwischenzeit jene Notizen nach weiteren 
Überlieferungen oder Aufzeichnungen aus dem Kloster verbessert 
oder vervollständigt worden sein; ebensogut aber konnte Mentzius 
die Sache aus dntter, vierter Hand haben. Philologisch genaue 
Wiedergabe der Grabschriften war offenbar schon Melanchthons Zweck 
nicht gewesen, sondern Notizensammlung Cnomina legimus) zur 
vaterländischen Geschichte. An Gleichzeitigkeit bez. Genauigkeit 
der Mentzianischen Grabschriften hat schon mancher gezweifelt, 
vergl. Adelungs Direktorium zur Sachs. Geschichte Einl. S. XVIII. 
Auch von Hirschfeld giebt gelegentlich die ihm vermuthlich von 
Archäologen geäusserten Bedenken z. B. wegen mortuus est statt 
obiit. 

Hier tritt nun der von Archivrath Kindscher in Zerbst 
gemachte Fund ein, den von llirschfeld als „Auszug aus dem Toten- 
buche der Franziskaner" S. 140 flg. abdrucken Hess, samt den 
vom Entdecker mit gewohnter Akribie beigegebeuen Noten. Nach 
gef. Mittheilung des letzteren ist übrigens gegen Ende (wo auch 
hie statt lois steht) libro vite statt rite zu lesen — ein wesentlicher 
Irrthum des Verfassers : die infantuli und non adulti waren also 
nicht, wie er annahm, ebenfalls im Totenbuche eingetragen, sondern 
(wie der fromme Schreiber vertraut) im Buche des Lebens. Die 
Handschrift, die ich seitdem selbst verglich, datiert von der Mitte 
des 16. Jahrhunderts, enthält Randbemerkungen eines Dessauer 
Chronisten Schwanberg, und noch spätere Korrekturen von der 
Grenze des 17. Jahrhunderts. Leider setzt von Hirschfeld gelegent- 
lich gleich seine Verbesserungen in den Text. Der Eingang Sub- 
notata corpora .... tumulata reperiutitur, qiiemadmodum indicat 
lieber [sie] mortuorum Monasterii jam dicti erhebt den Anspruch 
auf Herleitung aus dem Totenbuche des Klosters, daher von Hirsch- 
feld oft geradezu dies zitiert. In der That deutet das durchgängige 
obiit, die gelegentlichen Zusätze fidelissima mater fratrum bei 
Jutta, gloriosa fautrix fr. bei Elisabeth, specialissimus protector 
bei Wenceslaus, die häutige genaue Ortsangabe auf ältere mön- 
chische Aufzeichnung. Anderseits zeigt sclion die Form Braun- 
schtvifjk die willkürliche Änderung des Notizenmachers; die Anord- 
nung, welche durchaus nicht (wie z. B. in dem obengenannten 
mustergültigen Lüneburger Nekrologium) der Kalenderordnung ent- 
spricht, die Namenlücken, das häufige Fehlen der Jahreszahl nicht 
nur, sondern namentlich des Heiligentages, dass ein flüchtiges, um 
nicht zu sagen tumultuarisches Excerpt vorliegt. Oder wir haben 



Literatur. 153 

eine recht verderbte bez. nachlässige Kopie einer altern vielleicht 
Mitte lü. Jabrhundeits entstandenen Quelle vor uns; möglich dass 
schon ein Miuorit sich die Mühe gab, aus dem nekrologischen 
Kalender des Klosters die Namen der Fürstlichkeiten auszuziehen 
und chronologisch zu ordnen — eine Auffassung, worin ich mich 
mit einem autoritativen Kenner dieser Gebiete eins weiss. Dass die 
zu Grunde liegende Quelle älter und im ranzen vollständiger ist 
als Melancbtlion und Mentzius, giebt ilir immerhin ^^■erth, ohne die 
Kritik ihrer PHicbt zu entbinden. Diese würde vor allem die drei 
Quellen AT. (Ausz. a. d. Totenbuche), Mtz. (Mentzius) und Mel. 
(Melanchthon) nebeneinander zu stellen haben -) und dann fragen : 
In welchem Verhältnis standen diese Nachri( bten zu einander V Be- 
achten wir zunächst, das AT. dreimal <len römischen Kalender 
anwendet (127.S. 1285. 1402), zweimal nach dem Kirchenjahr (1.350 
14.35), siebenmal die Tageszahl (1327 — 1419) ohne TIeiligennamen, 
die übrigen elf Male ohne jedes Datum. Mentzius l'erner hat 
1. den römischen Kalender nur da, wo auch AT., 2. desgl. die Kir- 
chenjahrsbezeichnung (bei XX mit offenbarer .Auslassung). Dieser 
Bezeichnungswechsel spricht entschieden für Zusammenhang, zum 
mindesten gemeinsame Quelle ; verdächtig erscheint auch , dass 
Mentzius in V (Wenceslatis) viarmorco hat, wo AT. materno, sei 
es, dass die Urschrift des 14. oder 15. Jahrhunderts letzteres ab- 
gekürzt gab uiul der spätere Benutzer murmoreo las, oder dass ein 
einfacher aber arger FUichtigkeitsfebler vorliegt. Hat doch Mentzius 
auch (II) frater für i)atev, und ist auf luschriitengebiet überhaupt 
berüchtigt wegen ungenauer Lesung, vergl. mein Corpnsc. Inscr. Vit. 
Z. B. liest er u. a. (das. S. 92) in der schönen noch vorhandenen 
Gedenktafel des Rhagius Aesticampianus Z. 8 Sj)iruquc statt 
Spreuague, und Z. 4 cinyiud docticanas laurea scrta comas 
statt aestivas sie tria. Die Verscbiedenheit beim l'orphyrmarmor 
erklärt sich etwa dadurch, dass (wie Verfasser anderwärts ebenfalls 
annimmt) lose Zettel aus Melanchtbons Verlassenschaft von Mentzius 
falsch angeschlossen worden ; freilich hätte dann von Ilirschfeld 
(statt bei Barbara 8. 70) bei Siliola röthlicheu Marmor finden müssen. 

Den Fehler, dass Rudolf IL manches zugeschrieben wird, was 
Rudolf I. zukommen mag, verschuldet offenbar Melanchthon selbst. 
Ohne auf das Nähere hier einzugchen, müssen wir betonen, dass 
Rudolf II. in der That (s. auch Hirschfeld S. GG. 149) durch Schenkunif 
seiner Dornreliquie an der Gründung der Scblosskirche stark 
betheiligt, auch früh zu Regierungsgeschälten herangezogen war. 
Aber wir fügen hinzu, dass Vertretung bez Stiuimenübertragung 
bei den Kaiserwableu, zumal den Doppelwahlen, doch öfter zuge- 
lassen worden ist, als die Theorie gestattete, wir weisen nur hin 
auf die Wahlen Heinrichs VIT,, Ludwigs, 'sVenzels. 

Kehren wir zur Hauptfrage zurück: sind vorliegende Quellen 
hinreicliend, gegen obige zu beweisen, dass Kurfürst Wenzel 
1402 starb, bez. in der Minoritcnkircbe begraben ist? An und für 
sich schon wird die volb; Glaubwürdigkeit der einzelnen durch (lie 
mannigfachen Feliler und Mängel wesentlich herabgemindert ; leider 
sind die sogenannten Grabschriften durch die Ausgrabungen in 
keiner Weise bestätigt worden. Man fand nur ganz unbedeutende 



*) Auszugsweise von mir ausgeführt in „Mittheilungen des Ver- 
eins für Anhaltische Geschichte" lY, 3, wo ich auf besonderen Wunsch 



diese P'ragen ährlich behandelt. 



154 Literatur. 

Reste von Grabsteinen (Anl. V), von denen nur zwei Inschrift- 
bruchstücke enthalten, diese wieder weder einen Namen noch 
eine Jahreszahl, ja die von Prof. Schuni bez. I). Otte entzifferten 
Worte können ohne Konjektur denen bei Mentzius g.ir nicht an- 
gepasst werden! Wir haben überhaupt geschichtlich vier Wenzel 
anzusetzen: 1) Rudolfs I. Sohn, t 17. März 1327 (5), 2) Kurfürst 
Wenzel, nach dem Lüneburger Totenbuche t 15. Mai 1388 und ver- 
muthlich dort begraben, s. ob. S. 149. 3) Dessen Sohn, der zum Coad- 
jutor von Magdeburg in Aussicht genommen worden (Monum. Germ. SS. 
XIV, 454: Gesta archiep. M. ed. Schum): bei von Hirschfeld falschlich 
geradezu „Erzbischof" genannt — f 1396 nach Gesta archiep. Magde- 
burtf a. a. 0., nach Cohn im Jan. 1402 (von Hirschfeld S. 62: 1/20. Jan.). 
4) Rudolfs ni. 17. Januar 1407 in Schweinitz verunglückter Sohn. 
Wer war nun der 18. September 1402 gestorbene? oder mit welchem 
der genannten fällt er zusammen? Melanclithon-Mentzius sehen 
ihn als den Kurfürsten an, nicht so AT. an sich. Wenigstens fehlt 
hier sowohl elector, als das allen anderen Kurfürsten gegebene 
jrriuceps: nur (las 2'>redicti beim folgenden bezeichnet den Wencesiaus 
rückwirkend als solchen; aus diesem mögliclierweise später zuge- 
setzten Worte allein entnahm Melanchthon das Recht zu seiner 
Autfassung. Ich vermuthe folgenden Hergang. Gerade um die beiden 
Wenzel zu unterscheiden, hatte die erste Fassung von AT. (17): 
. . Eudolffus ßlius aatior dncis Wenceslai pr elect: sepnltus . . . ., 
dies wurde verlesen bez. falsch abgeschrieben predicti, und dies 
wiederum gab den Anlass zu Melanchthons folgenschwerem Irrthum, 
daher er nun bei dem 1402 gestorbenen das scheinbar vergessene 
clecfor nachtragen zu müssen glaubte. Hoffentlich ist durch meine 
Darlegung nunmehr a>if immer die Zeit 1388—1402 für Rudolf HI. 
gerettet. Für den Coadjutor Wenzel bleibt die Frage offen, ob 
er 1396 oder 1402 (bez. Januar oder September) starb, letzteres hat 
den meisten Anspruch. Die Differenz darf neben den zahlreichen 
anderen Differenzen in den Todesdaten bei Agnes (1312. 1322. 1327), 
Jutta (1.S27. 1.T28), Kunigunde (1331. 1333), Albert (Juli oder April), 
Rudolf H. (1370. 1385. 1386) u. a. nicht allzusehr wundern. 

Möge diese Probe der Geschichtsforschung des Verfassers ge- 
nügen. Hätte er sich auf den im 2. Theil enthaltenen, sehr detail- 
lierten und so dankenswerthen Bericht über den Befund der Mino- 
ritenkirche, sowie über die Ausgrabungen beschränkt: wir würden 
ohne Zweifel für ihn, wie für die Herren, die ihn so selbstlos dabei 
unterstützten bez. für ihn arbeiteten (z. B. Garnisonoberinsp. Jahn) 
uneingeschränktes Lob haben. Auch der Scharfsinn und die 
Kombinationsgabe, zumal auf irenealogischem Gebiete (wo Verfasser 
bekanntlich ziuiächst die Familie Ilirschfeld bearbeitete), verdienen 
im allgemeinen durchaus Anerkennung. Der geschichtliche Theil 
zeigt ihn als Dilettanten, der gleichwohl gelegentlich den Anspruch 
auf unbedingten Glauben auch ohne Beweise erhebt. Es erschüttert 
aber die Glaubwürdigkeit im allgemeinen, wenn Verfasser nicht 
selten blosse Vermuthungen, die er eben selbst als solche bezeich- 
nete, dann als gewiss vorträgt und verwerthet; wenn er etwas be- 
zweifelt, was er auf einer der nächsten Seiten als „Thatsache" zu- 
giebt (S. 45 „angeblich" vercl. S. 54), wenn er Zitate entstellt. 
Von den mancherlei Willkürlichkeiten sei noch erwähnt, das er 
Jutta nicht nur (was häufig berechtigt) von Judith trennt, sondern 
als urkundlich erweisbare Koseform für Brigitte (Brigida, Gida) 
ansieht und nun jede urkundlich ülierlieferte Jutta nur Brigitte 



Literatur. 155 

nennt. Bedachte er nicht, dass auch die Kirche St. Brigida und 
St. Jutta trennt? Vei wundern wird deu Leser, wie Verlasser viel- 
fach über Angriffe in der Presse, unberufene Einmischung, Ent- 
stellungen, Mangel an Loyalität und Pietät, Ergüsse der Bosheit 
und Ignoranz klagt (bes. S. 76 tig.). Unisoniehr fühlen wir uns 
schliesslich zu einer Abwehr im Interesse unserer Wittenberger 
Heimath gedrängt (vergl. Kettner, Rathskollegium der Churstadt 
Wittenberg IT.'U, S. 19); 

Die Kede des Verfassers bei Überführung der 27 Särge in die 
Schlosskirche S. 87 beginnt: „Durch meine Jugenderinnerungen an 
die altehrwürdige Lutherstadt ward die seit Dezennien verschollene 
Tradition von den askanischcn Kurfürstengräbern am Arsenalplatze 
neuerdings wieder aufgefrischt". S. 73 lesen wir, dass er 184." als 
Gymnasiast jene Tradition vorgefunden, 1882 aber wahrgenommen, 
dass sie in der Stadt „völlig untergegangen" — wie er früher 
vermuthet, infolge der nivellierenden Anschauungen seit 1818. So 
von Hirschfeld. Die Wahrheit ist vielmehr folgende. Es ist Herrn 
von Hirschfeld wohl bekannt, dass ein „Verein für Heimathkunde des 
Kurkreises" 1856 — 1869 über seine Thätigkeit Jahresberichte ver- 
üftentlichte, und dort gelegentlich auch der Pflicht, die Askanierzeit 
zu erforschen, gedacht wurde — insbesondere in der (von mir be- 
arbeiteten) Vereinsfestschrift 18G0 ül)er „die Schlosskirche"; dass 
endlich bis heute jeder Besucher derselben von dem wohlunterrich- 
teten Führer auf die Reste aus der Minoritenkirche aufmerksam 
gemacht wird. Gern glaube ich, dass einzelne von auswärts nach 
Wittenberg versetzte Beamte oder für alte Zeiten überhaupt nicht 
warm interessierte Einwohner sich nicht als Bewalner jener Tra- 
dition erwiesen. Dass diese gleichwohl vorhanden geblieben, verräth 
von Hirschfeld selbst S. 7: Die allgemein verbreitete Annahme, 
„Melanclithon habe lö44 dafür gesorgt, dass die am besten erhal- 
tenen Stein te Hefs (und auch die Gebeine und Särge einiger 
Askanier) in die Schlosskirche versetzt wurden, widerspricht" u. s. f.^). 
Wie vereint sich allgemeine Verbreitung mit völligem Untergehen? 

Über die seit G. April 1883 (an welcher Konferenz auch Unter- 
zeichneter theilnalun) auf von Hirschfelds Veranlassung erfolgten 
Ermittelungen konnte kaum jemand sich mehr freuen als ich — es 
war hohe Zeit, dass jene alte Schuld gesühnt wurde. Das von be- 
achtenswerthester Seite geäusserte Urtheil, man habe womöglich die 
fürstlichen Keste dem neu zu weihenden Boden überhissen, diesen aber 
äusserlich dem entsprechend auszeichnen sollen, erörtern wir aus 
naheliegenden Gründen der Pietät hier nicht weiter. Nach dem, 
was geschehen, freuen wir uns lebhaft der Aussicht, die gegenwärtig 
in durchaus provisorischem Zustande aufgeschichteten neuen Särge in 
einer würdigen Krypta der Schlosskirche, deren grossartige Restaura- 
tion dem Vernehmen nach soeben begonnen wird, entsprechend unter- 
gebracht zu sehen. Wir schliessen mit Ausdruck der Hollnung, tlass 



*) Deutliche Beziehung auf des Unterzeichneten fast wörtlich 
übereinstimmenden Satz (Die Schlosskirche S. 15); nur steht dort 
„(vielleicht auch die Särge mehrerer)". Natürlich meinte ich die jetzt 
noch in der Schlosskirche eingemauerten Steinreliefs (nicht Grab- 
steine), die von ihm selbst erwähnten der Kunigunde und Rudolfs IIL 
nebst Gattin (nach H. Otte). Das dritte sind 9 iieiligc^ Jungfrauen. 
Mentzius' Schweigen beweist nichts, da er nur von Grabschriften 
reden wollte. 



15G Ijiteratnr. 

die durch des Verfassers Schrift vielfach nicht jsfehobeneu Dunkelheiten 
der askanischen Zeit als Geschichtsepoche bald berufene Arbeiter 
finden möge; ohne gewissenhafte Durchforschung der nunmehr 
reichlich edierten und immer neu auftauchenden Urkundenschätze 
wird es nicht möglich sein. 

Z erbst. G. Stier. 

tlescliichte der Bischöfe des Hocbstifts Meissen in chronologischer 
Reihenfolge. Zugleich ein Beitrag zur Culturgeschichte der Mark 
Meissen und des Herzog- und Kurfürstenthums Sachsen. Nach 
dem Codex diplomaticus Saxoniae regiae, anderen glaubwürdigen 
Quellen und bewährten Ges.hichtswerken bearbeitet von Eduard 
Machatschek, Vicariatsrath und Pfarrer zu Dresden - Neustadt. 
Dresden, Meinhold & Söhne. 1884. 8tß SS. 8». 

Seitdem ('alles in seiner Series Episcoporum Misnensium einen 
Überblick über die Geschichte der Meissner Bischöfe gegeben, ist 
mehr als ein Jahrhundert verflossen und eine Fülle neuen Materials 
ist in Monograi)hieen und archivalischen Publikationen erschienen, 
welches eine Verarbeitung erheischte. Verfasser, bereits bekannt 
durch seine Studien auf diesem Gebiete, stellt die Frucht einer 
Arbeit von zwei Dezennien in vorliegendem Werke zusammen, als 
Festgabe für seinen bochwürdigen Bischof zu dessen 50jährigem 
Priesterjubiläum. S^lion der äussere Umfang des Buches zeigt den 
Fortschritt gegenüber der Series von Calles. Und doch hat Ver- 
fasser auf eine pragmatische und kritische Darstellung verzichtet, 
sondern reibt, wie bereits der Titel andeutet, die einzelnen Daten 
in chronologischer Keihenfolge aneinander und lässt „allenthalben 
die geschichtlichen Thatsachen für sieb sprechen, enthält sich im 
besondern jedes überflüssigen Kommentars und weist in Anmerk- 
ungen kurz auf die einschlagenden Quellen hin, die er meist nach 
ihrem sich ergebenden Inlialte benutzte". Freilich hat dadurch 
der Verfasser sich und dem Leser manche Entsagung auferlegt. 
Eine sachliche Ausbeutung des oft nur knapp angedeuteten Mate- 
rials hätte erst die rechte Vertiefung der Darstellung und die an- 
schauliche Einfahrung in die Zeitströmungeu zur Folge gehabt. So 
zitiert er S 82(3 nur kurz ein Umlaufschreiben des Erzbischofs 
Johann von Jenzenstein. Die einzelnen Anordnungen bieten nicht 
unwichtige Züge für die kirchliche und theologische Bewegung, die 
hervorgehoben zu werden verdienten. Da wird die Feier des Wenzel- 
festes auch in Meissen angeordnet, da erfahren wir von der Existenz 
der Sekte der Sarrauoyten (cf. Du Gange s. v.) und Waldenser, gegen 
welche bis dahin zu milde vorgegangen worden, da wird gerügt, 
dass eine Neigung für den Gegenpapst vorhanden ist; dass bezüg- 
lich der Mönchsorden manche Beschwerden eingelaufen sind, zu 
deren Abstellung auch der Bischof von Meissen aufgerufen wird. 
Auch das Verhältnis der Bischöfe zu den sächsischen Landesfürsten 
wäre so noch klarer geworden besonders in den Jahren, in denen 
Böhmen eifrig bestrebt ist, sich in Sachsen festzusetzen. Die Be- 
merkung S. 3.^4 konnte weiter ausgeführt werden auf Grund ver- 
schiedener Dokumente. Referent verweist auf die Urkunden .vom 
27. März 1.384 (Cod. dipl. Sax. reg. II, 2,208 No. 681) und 31. Au- 
gust desselben Jahres (a. a. 0. II, 2, 212 No. 685), ferner vom 
23. Juni 1385 über den Verkauf von Döbeln Ca. a. 0. II, 217 No. 691), 
des Bischofs Nicolaus Entgegenkommen bei Gelegenheit einer 
landesfürstlichen Steueraufiage (a. a. 0. II, 2, 216 No. 690). Über 



Literatur. 157 

die Bauthätigkeit dieses, wie anderer Bischöfe wäre mancherlei 
nachzntra!?en. Nicolans baut den Thurm von Schloss Rugethal in 
Mügeln (.Sinz, Geschichte der Stadt Mügeln S. 4(i, wo auch ein 
auf des Bischofs Wappen bezügliches Versehen erwähnt ist). Durch 
das ganze l'uch hindurch zeigt sich, wie viel sicherer durch den 
Codex diplomaticus Saxoniae regiae die Zeitbestimmung geworden 
ist. Auf Grund dieser Quelle dürften noch folgende Daten zu 
ändern sein. Der Anfarg der S. 276 erwähnten Pest ist bereits ins 
Jahr 1357 zu setzen; denn in dem Schreiben der Äbtissin uml des 
Convents zu Mühlberg (Cod. dipl. Sax. reg. II, 2, 22 No. 514) lieisst 
es ausdrücklich: in mortalitatc sive pestiJentia, quae nuper videlicet 
de anno domini milhmno treccntesmo quinquagesimo septimo 
iniscrabüiUr vigtiit. Auf S. 60:> muss statt des 20. Fei rnar der 
20. Januar eingesetzt werden, dies war der Tag Fabian und iSubastian 
(Sinz, Geschichte der Stadt Mügeln S. .37). S. 278 muss statt des 
28. März eintreten der 28. Mai. (V. Kai. Junii Cod. dipl. Sax. 
reg. II, 2, 64); vgl. auch Wenck, Die AVettiner im XIV. Jahr- 
hundert S. 99, Anm. 17,1. S. 297 dürfte der 13. Juli beizubehalten 
Sein; vgl. Grotefend, Handbuch der histor. Clironologie S. 112. 
Leider ist dem Keferenten versagt, näher auf den Inhalt des Buches 
einzugehen. Er verweist nur auf die zahlreichen Notizen zur Ge- 
schichte des Handwerks und der Zünfte in Sachsen. Bei dem Mangel 
einer Zusammenfassung der Meissner Bischofsgeschichte ist das 
Werk für jeden, der sich mit letzterer beschäftigt, ein unentbehr- 
liches Nachschlagebuch. 

Dresden. Georg Müller. 

Martin Luther. Eine Biographie von 1). Theodor Kolde. l. Band. 
Mit Portrait. Gotha, F. A. Perthes. 1884. VH, 396 SS. 8». 

Die Vorzüge, welche wir au den früheren Arbeiten des Ver- 
fassers hervorgehoben haben, treten uns auch bei diesem Bache 
entgegen. Zunächst die Frische der Darstellung, die gerade für 
diesen Stoff geeignet ist. Denn der vorliegende Band, welcher das 
Leben Luthers bis zum Jahre 1521 behandelt, führt uns die Refor- 
mation in ihrer jugendlichen Frische und Bewegung vor. Als be- 
sonders anziehend heben wir heraus die Ausführung der schon 
früher angedeuteten Linien über die kirchliche Bewegung im 15. Jahr- 
hundert, ferner die Charakteristik des Humanismus, voran Erasmus, 
und den Tag von Worms, der hier eine neue Beleuclitung empfängt. 
Weiter aber zieht au der Darstellung au das Zurückgehen auf die 
Quellen, die in einer werthvollen, zum Theil mit feinen kritiscin-u 
Bemerkungen versehenen Auswahl S 358 — 394 zusammengestellt 
sind. Mancher Beitrag findet sich hier für die sächsische Geschichte, 
wozu Referent folgende Bemerkungen fügen möchte. BetretVend den 
S. 369 ausgesprochenen uiul unterdes in den (jöttingisciien Gelehrten 
Anzeigen (1884, No. 25, 10. Dezember) näiier begründeten Zweifel 
an der Verfasserschaft des von Knaake auf Grund eines Landslmter 
Druckes LutKer zugeschriebenen tructatiäus de ein qui ad ccdeniam 
coiifHfjiunt, ist zu verweisen auf einen Fall, wo die l'rage vom kirch- 
lichen Asylrecht der Klöster wenigstens praktisch in Saclisen zur 
Behandlung gelangt. Im Jahre 1475 hatte sich rhilii)p Ciorteler ins 
Franziskanerkloster zu Freiberg geflüchtet und dadundi dem (Je- 
richte des Raths entzogen. Auf die Anfrage wird der letztere von 
dem Kurfürsten Ernst und dem Herzog AUtroiht ihiliin instruiert, 
„daa ir die uwcrn yiin barfusucrclonicr achickeU uude u/j' yn cigcnt- 



1 58 Literatur. 

lieh sehen lasset, die daroh unde davor seyn, das ym 'kein spiße 
und libeßnariinge mitgeteilt noch zcu neincn gestat werde, aiich kein 
rüge noch slaff vorgunst noch gestat . . . So denne der gnant Phi- 
lipp liheßnarunge nicht haben noch rügen mag, werdet er sich ent- 
synnen mit uch herauß zu gehen adder in unsir hende geben'': 
God. dipl. Sax. reg. II, 12, 389. Der Bemerkung über die Predigt 
in Sachsen im 15. Jahrhundert (S. 361) stimmt Referent durchaus 
bei und verweist hierzu auf Leipziger Beschwerden, in welchen man 
sich beklagt, dass in der theologischen Fakultät keine rechten 
Prediger gezogen würden. So schreibt die polnische Nation über die 
„praedicatores, die man gar tiffte alhie zu Leipczick auss andirn 
namhaftigen steten auch universiteten suchet unud begeret, sonder- 
lich doctores theologie, licentiatos, auch alleync in derselben facultct 
baccalaurcos, tvie gar neidich ujft geschecn, sundirlich von Halle 
im tall . . ." Cod. dipl. Sax. reg. If, 11, 289. Allmählich regte sich 
das Interesse. In den verschiedensten Städten wurden neue Prediger- 
steilen gegründet, meist vom Rathe oder von einzelnen Personen; 
so in Freiberg 1465 durch M. Andreas Grüner mit einem Zuschüsse 
des Rathes. Hier wie sonst öfters wird betont, dass der anzu- 
stellende Prediger eine gute Bildung genossen haben müsse; nicht 
bloss Baccalaureus, sondern Magister solle er sein. Aber letztere 
Bestimmung wurde öfters vernachlässigt. Daraus entstehen dann 
mancherlei Streitigkeiten zwischen dem Propste und der Stadt. 
Vergl. P. u. E. Lobe, Geschichte der Kirchen und Schulen des 
Ilerzogthums Sachsen- Altenburg. 1. Lieferung. 1884. S. 32 flg. 
Derselbe Andreas Grüner stiftete 146B in Freiberg einen Altar, 
dessen Einkommen für den Prediger zu Unser Lieben Frauen be- 
stimmt war; dass es sich hier aber nicht um das Interesse der 
Predigt, sondern vielmehr um das Seelenheil des Stifters und die 
Brüderschaft handelt, geht aus Cod. dipl. Sax. reg. II, 12,234 Z. 37 
hervor. Hier werden auch die Predigttage genau angegeben. Welche 
Wichtigkeit die Predigt für die Ankündigung der Anniversarien 
hatte, geht aus einem Freiberger Aktenstücke aus dem Jahre 1488 
hervor, wo die einzelnen „dies j)raedicabiles''' näher bezeichnet 
werden. Cod. dipl. Sa.x. reg. II, l?, 352 No. 531. Eine ähnliche 
Stiftung wird in Chemnitz gemacht. Jedenfalls hat Verfasser hier, 
wie an anderen Stellen, auf ein für die Detailforschung ergiebiges 
und wichtiges Gebiet aufmerksam gemacht. 

Dresden. Georg Müller. 

August Hermauu Fraucke. Ein Lebensbild, dargestellt von D. 
(instav Kramer, Geh. Regierungsrath. 2 Theile. Halle, Buch- 
handlung des Waisenhauses 1882—1884. XI f, .304. VIII, 5i0 SS. 8». 
Es ist eine interessante Erscheinung, dass die Geschichts- 
wissenschaft von den verschiedensten Seiten aus die Erforschung 
des Pietismus in Angrift' genommen hat. Ist derselbe bisher vor- 
wiegend nur nach seiner theologischen und religiösen Bedeutung 
gewürdigt worden, so hat man neuerdings seine kulturhistorische, 
sprachliche, poetische, litterarische und pädagogische Einwirkung 
mehrfach monographisch und zusammenfassend dargestellt. Be- 
sonders werthvoll ist, dass hierzu eine reiche Fülle neuen Materials 
aus Bibliotheken und Archiven veröffentlicht worden ist, welches die 
Zeit und Bewegung in wesentlich anderer Beleuchtung erscheinen 
lässt. Gerade dies ist auch der Vorzug des vorliegenden Werkes. 
Seit dem Jahre 1827, in welchem Guerike seiue Biographie A. H. 



Literatur. 159 

Franckes veröffentlichte, sind eine Reihe werthvoller Beiträge zur 
Lebensgeschichte des berühmten Gründers der Halleschen Stiftungen 
erschienen, namentlich hat aber die unterdes erfolgte genaue Ord- 
nung der Waisenhausbibliothek wie seines Archivs die wiclitigste 
Quelle für eine Lebensbeschreibung A. H. Franckes erschlossen. 
Verfasser, bekannt durch eine Anzahl kleinerer Monographien, war 
als langjähriger Direktor der Stiftungen, wie als gründlicher Kenner 
ihrer Geschichte in besonderem Grade dazu befähigt. 

Wir sehen an dieser Stelle davon ab, die vielangefochtene 
religiöse Frage zu erörtern oder der Entwickelung der Anstalten 
nachzugehen, deren Entfaltung aus kleinsten Anfängen uns hier 
urkundenmässig vorgeführt wird. Referent möchte nur auf den einen 
Punkt aufmerksam machen, wie A. H. Francke gerade in dieser 
Biographie als Mittelpunkt der damaligen geistigen Bewegung er- 
scheint und welche Fülle neuen Materials für die Geschichte der- 
selben geboten wird, bezüglich Gelehrtengescbichte (sieiie ilie 
interessanten Mittheilungen über Leibniz I, 257 flg. BOZ flg. 
ir, 157 A.), wie Büchergeschichte (man vergl. über den Buchhandel 
und Zeitungswesen II, 35 und sonst). Von Russland bis England 
spürt man sein Wirken, im Norden hat er Beziehungen zu den ver- 
schiedensten Höfen und Städten, im Süden zu Württemberg Da- 
neben ist der eigentliche Boden seiner Wirksamkeit MittLldeutsch- 
land. Wie kräftig er hier auftritt und durch persönliche Einwirk- 
ung eingreift, das geht aus den Urtheilen fremder, wie aus den 
eigenen Briefen hervor. Es würde das öfters durch eine genauere 
Berücksichtigung der Litteratur noch anschaulicher geworden sein. 
Referent verweist hierbei auf den mächtigen Einlluss, den Francke 
auf des Herzugs Moritz Wilhelm von Sacbsen-Zeitz Konversion zur 
evangelischen Kirche hatte. Wie selir er innerlich betheiligt war, be- 
weist der Ton des vom Verfasser nur gestreiften Briefes vom 17. Ok- 
tober 1718, wie auch das von Francke für den Gebrauch im Waisen- 
hause verfasste Gebet bei Buder, Merkwürdiges Leben des Herzogs 
Moritz Wilhelm 11, 577. Wie man aber kathoiischerseits seinen 
Eintluss kannte, geht aus den von jer.er Partei stammenden Doku- 
menten hervor. So erscheint nach einem Briefe des Kardinals von 
Sachsen an Herzog Moritz Wilhelm (d. d. Regensburg, den 4. Sep- 
tember 1718 im Dresdner HStA. Loc. 10.330) „der berüinnte pieti^t 
der Doctor Francke von Halle" als der eigentliclie Veranstalter. 
Zu vergleichen ist auch der Bericht des Pater Bermeitiiiger aus 
Regensburg bei The in er, Die Geschichte der Zurückkehr der regie- 
renden Häuser von Braunschwcig und Sadisen Einsiedclu 184:1. 
S. 219. Ferner ist genauer zu berücksicbligen der Brief des Herzogs 
an den Kardinal vom 8. September 1718, der die von Kram er 
S. 265 flg. gegebene Erzählung in einzelnen Punkten näher be- 
stimmt. Das Schreiben steht lateinis(h und darnacii ins Deutsche 
übersetzt allerdings bei Riess, Die Konvertiten seit der Reformation 
IX, 284 flg. Da aber der tlort gegebene Tc xt von dem Konzept wie 
Original des Dresdner HStA. (a. a. 0.) nicht unbedeutcml abweicht, 
so fügt Referent die wichtigste Stelle bei: „Eu: Eminentz können 
sich versichert halten, dass dieses (sc. die Konversion) die grösste 
ScIiandLüge von der Welt, so der imfamste Sclielin ausgebradit, 
und können Eu: Eminentz mir gewiss zutrauen, dass ich dergleiclieu 
Veränderung zu thun nicht capabel. Der Professor Francke ist auch 
nicht den 8. sondern den 1.3. .Vugu^t zu mir kommen, den 14. hat 
Er sich wieder beurlaubt, ist nach Graitz gangen und den 16. und 



160 Literatur. 

17. den Nachmittag wieder bey mir gewesen, da sich das letztere 
inahl der Pater Schmeltzer dahey befunden, also 4 mahl mit mir 
gessen und nachmittags geredet". Es dürfte sich wohl lohnen, die 
Dunkelheit und Gegensätze in der Auffassung, die der Verfasser 
liierbei andeutet, einer genaueren Prüfung zu unterwerfen, wie über- 
haupt der Werth des Buches nicht nur darin besteht, was es giebt, 
sondern in Fingerzeigen und Anregungen zu weiterer Forschung. 

Dresden. Georg Müller. 

Bibliographisches Kepeitorium über die Geschichte der Stadt 
FreJberg und ihres Berg- und Hüttenwesens. Für akademische 
Yorlesu'igen und für den Freiberger Alteitumsverein. Von 
Dr. phil. Ednard Heydenreich. Freiberg i/S.. Komm, von Graz & 
Gerlach (Job. Stettner) 1885. XI. 128 SS. 8». 

Wer sich je mit spezialgoschichtlichen Studien beschäftigt hat, 
wird wissen, mit welchen Schwierigkeiten und mit welchem Zeit- 
verlust gewöhnlich die Zusammenstellung der einschlagenden Lite- 
ratur verbunden ist. Alle bibliographischen Arbeiten, die derartige 
durchaus erforderliche Vorstudien erleichtern, sind daher mit Freude 
zu begriissen, umsomehr als ibre Ausführung einen hohen Grad von 
Selbstverleugnung voraussetzt. Seit der wackere B. G. Weinart 
seinen wenn auch nicht ganz vollständigen, doch sehr reichhaltigen 
und noch heute unentbehrlichen „Versuch einer Literatur der 
Sächsischen Geschichte und Staatenkiinde" geschrieben hat, ist fast 
ein Jahrhundert verflossen, eine Zeit, welche eine wahrhaft er- 
drückende spezialgeschichtliche Literatur von allerdings sehr ver- 
schiedenem Wertbe gezeitigt hat; zu einer Fortsetzung oder besser 
Neubearbeitung Weinarts, die wiederholt angeregt wurde, ist es bis 
jetzt noch nicht gekommen, und die Bibliographie, welche der Aus- 
schuss für sächsische Landeskunde gegenwärtig bearbeitet, wird sie, 
kaum entbehrlich machen. Koners Repertorium, dieser treffliche 
Wegweiser in den Irrwegen der Zeitschriften, reicht nur bis 1850; 
die „Jahresberichte der Geschichtswissenschaft", die ja auch die 
spezialgeschichtliche Literatur erschöpfend berücksichtigen, er- 
scheinen erst seit 187», unsere Literaturübersichten in dieser Zeit- 
schrift seit 1880. 

Unter diesen Umständen wird man für eine Bibliographie wie 
die vorliegende, welche für ein lokal begrenztes Gebiet die ge- 
samte nur irgend einschlagende Literatur zusammenstellt, sowohl 
dem fleissigen Verfasser, als dem um die Lokalgeschichte schon viel- 
fach verdienten Vereine, der die Kosten der Veröffentlichung über- 
nommen hat, lebhaft dankbar sein müssen. Die Bearbeitung war 
namentlich darum schwieriger, aber auch lohnender, als ähnliche 
Zusammenstellungen zu sein ptiegen, weil es sich u. a. um die ausge- 
dehnte und theilweise schwer zugängliche berg- und hüttenmä,nnische 
Literatur handelte; wenn der Verfasser das Büchlein auch bei seinen 
bergwerksgeschichtlichen Vorlesungen an der Freiberger Bergakade- 
mie zu benutzen gedenkt, so bezieht sich das wohl besonders auf 
diesen Theil desselben. Nicht weniger als 1413 Nummern — abge- 
sehen von zahlreichen Verweisungen auf andere Schriften und einigen 
Nachträgen in der Einleitung — hat der Verfasser zusammen- 
gebracht; allerdings befinden sich darunter auch manche Werke 
allgemeinen Inhalts, in denen Freiberg nur gelegentlich erwähnt 
wird, und manche Aufsätzchen aus Zeitungen und obskuren Zeit- 
schriften, aus denen niemand viel lernen wird ; immerhin muss man 



Literatur. 161 

den Grundsatz des Verfassers , lieber allzuvollständig als liltkenhaft 
sein zu wollen, als durchaus berechtigt anerkennen. 

H. hat den Stoff in Quellenwerke und Darstellungen geschieden 
und beide Abtheilungen in eine Reihe von Unterabtheilungen zer- 
legt; in der H. Gruppe hätte die sachlirhe Eintheilung wohl noch 
schärfer und logischer durchgeführt werden können , wenn H. inner- 
halb der theilweise sehr weit gefassten Unterabtheilungen — vergl. 
„Städtisches Leben", „Bergmännisches Leben-* — von der alpha- 
betischen Anordnung der Werke nach den Namen der Verfasser 
(unter welchen als einer der fruchtbarsten Herr ,, Ungenannt" er- 
scheint) abgegangen wäre und auch hier lediglich von sachlichen 
Gesichtspunkten "sich hätte leiten lassen. Es hätte dies allerdings 
ein noch genaueres Durcharbeiten des Stoffes verlangt, aber die 
Übersichtlichkeit wesentlich erleichtert; so z. B. wären dann Avohl die 
Münzgeschichte von Klotzsch (No. 95) und Falkes Beiträge zur 
Münzgeschichte (No. 281) nicht in verschiedene Abtheilungen ge- 
rathen, auch wären Doppelauffnhrungen (No. 620 [wo jxidiciis, 
scahinatibns zu lesen ist] — 6ö.n, 639 — 663) zu vermeiden gewesen. 
No. 464 hätte wohl unter Uttmann, nicht unter Elterlein ein- 
gereiht werden sollen. 

Von der wichtigen (Annaberger) Bergordnung von 1509 (No. 611) 
giebt es sehr seltene alte Drucke von 1509 und von 1520 (Leipzig, 
Melchior Lotter) im Hauptstaatsarchiv zu Dresden. So gut wie 
No. 622 war auch dessen Quelle „Vrsprung und Ordnungen der 
Bergwerge im Königreich Böheim, Churfürstenthum Sachsen .... 
Leiptzigk, inn Vorlegung Henning Grossen des Jüngern 1616" (fol.) 
zu nennen ; beide Werke geben den Text der Freiberger Bergrechte 
lediglich nach Haselberger (No. 600). Das Hauptwerk von Georg 
Agricola De re metallica libri XII erschien zuerst 1556; auch die 
deutsche Übersetzung von Philipp Bechius (Frankfurt a./M. 1880) 
hätte IJerücksichtigung verdient. So Hessen sich noch manche Einzel- 
heiten nachtragen bez. berichtigen, was übrigens den Werth der 
tleissigen Arbeit nicht im Geringsten vermindern soll. 

Dresden. H. Ermisch. 

Uesclireibeiide Darstelluug der ilUeren Bau- und Kunstdenk- 
iiiäler des Köuigreiclis Sachsen. Auf Kosten der Kgl. Staats- 
regierung herausgegeben vom Kgl. Sächsischen Altertlnunsverein. 
Drittes Heft: Amtshauptmannschaft Freiberg. Bearbeitet von Dr. 
K. Steche. Dresden, C. C. Meinhold & Söhne (Komm.) 188L 
129 SS. 8». 

Das dritte Heft vorstehend genannten Werkes setzt die beiden 
ersten in würdiger W^eise und gleich schöner Ausstattung fort und er- 
füllt die Erwartung, die man von ihm vorher hegte, in vollem Masse. 
Wohl kommt ihm freilich das nach verschiedenen Gesichtspuidtten 
so hoch interessante Freiberg zu statten, dessen Schilderung auch 
allein 90 Seiten, also drei Viertel des ganzen Heftes, umfasst. 

Getreu dem anfänglich angenommenen Plan ist dem Heft keine 
historische Einleitung und keine kunststatistische Übersicht bei- 
gegeben, auch keine Glockenschau, obschon sie hier der vielbeschäf- 
tigten Offizin der sich über ein paar Jahrhuiulcrte erstreckeiulen 
Glockens-iesser-Familie Hilliger ..angemessen gewesen wäre. Es 
blieb uns daher übrig, selbst eiue Übersicht über den Inhalt uns zu 
verschaffen. 

Ist es historisch erwiesen, dass Freibergs Geschichte nicht 

Neues Archiv f. S. G. u. A. VI. 1. 2. H 



1(32 Literatur. 

weiter zurückgeht, als in die Zeit von 1162 bis 1170, in welcher 
man aufmerksam wurde auf den unermesslicheu Reichtlium des 
dortigen Bodens an adeln Erzen, und ist die erste urkundliche Er- 
wähnung 1185 geschehen, so wird es auch erklärlich, dass hier keine 
älteren Bauwerke an Kirchen und Kapellen nachgewiesen werden 
können. Die Entwicklung des Gemeinwesens muss indessen, unter- 
stützt durch das Herrscherhaus, ausserordentlich schnell vor sich 
gegangen sein imd die Bevölkerung muss so rasch zugenommen 
haben, dass bereits vor dem Ende des XII. Jahrhunderts an die 
Gründung von zwei Kirchen gegangen Averden konnte, der JacoLi- 
kirche und der Marienkirche (des Doms); wenn auch ihre Vollend- 
ung sich weit in das XÜI. Jahrhundert hineinzog. Auch die Nicolai- 
Idrche, die Peterskirche und die Hospitalkirche St. Johaniis ist 
wenig später zur Ausführung gekommen. Wegen dieser frühen 
Erbaunngszeit wäre es erwünscht gewesen, mindestens Grundrisse 
der Kirchen beizufügen, doch ist ein solcher nur vom Dom gegeben 
worden. Dass auch aus Grundrissen nicht immer ganz sichere 
Schlüsse gezogen werden können, geben wir freilich zu; es wird ja 
auch berichtet, dass öftere und ausgedehnte Brände in der Stadt 
und die im Bedürfnis wachsender Bevölkerung liegende Erweiter- 
ung der Kirchcnanlagen zu Um- und Neubauten geführt haben. 

Da über die kleineren Kirchen keine spezielleren Zeichnungen 
und Erörterungen beigebracht sind, so wollen wir uns dem schönen 
Dom ausschliesslich zuwenden, der namentlich inneihalb durch' 
seine schlanken Pfeiler und reichen Netzgewölbe von herrlicher 
Wirkung ist. Wir stimmen dem Urtheile Stockes bei, dass seine 
erste Anlage in die letzten Jahre des XU. und die ersten des XIII. 
Jahrhunderts gehört, namentlich stammt aus dieser Zeit die sogen, 
goldene Pforte und der Lettner, doch möchten wir auch den nörd- 
lichen der Westthürme ihr zuschreiben. Alles übrige ist aus 
späterer Zeit, aus dem Ende des XIV. oder dem Ende des XV. Jahr- 
hunderts. Das weite Hinausreichen des südlichen der Westthürme 
aus der Achse des Schiffs ist unerklärt. Man darf bei aufmerksamer 
Betrachtung des Grundrisses vielleicht annehmen, dass ein älterer 
Thurm daselbst symmetrisch stand mit dem nördlichen und dass 
das Mittelschiff des Langhauses im wesentlichen dasselbe geblieben 
ist als in der basilikalen Anlage. Diesem Mittelschiff entsprach 
auf jeder Seite ein ungefähr halb so breites Seitenschiff von halber 
Höhe des Mittelschiffs. Erst in spät gothischer Zeit machte man 
das Langhaus zu einer Hallenkirche — ganz sinnverwandt mit der 
Obermarktskirche zu Mühlhausen in Thüringen (siehe das IV. Heft 
der Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen). Die drei 
Quadrate des Querschiffs der alten Basilika, in deren südliches die 
goldene Pforte führte, scheinen noch jetzt vorhanden zu sein. Hat 
man, wie es heisst, bei der Gothisierung der Kirche alte Funda- 
mente des Langhauses herausgerissen für eine neue Disposition, so 
mögen auch die Lmenpfeiler sich verändert haben. Übrigens liegt 
es, wie die schöne Kirche in Zschillen (Wechselburg) zeigt, welche 
vom Verfasser mit Recht öfter in Vergleich gezogen worden ist, 
nicht in der Nothwendigkeit, das Mittelschiff nur in Quadrate ein- 
zutheilen, fast immer indessen bestand das Querschift" in drei neben- 
einander liegenden Quadraten und ein gleiches Quadrat bildete den 
Altarraum. Die Länge des Langhauses zwischen Thüre und Quer- 
schiff war unabhängig von der Ausdehnung des Querschif^s, nicht 
ebenso gross als das letztere. 



Literatur. 163 

Wie die Mehrzahl der romanischen und viele der frühgothischen 
Kirchen, mögen sie gross oder klein sein, zeigen, befand sich höchst 
selten der Haupteingang an der Westseite des Baues, sondern stets 
an irgend einer Stelle der Seitenfronten , meist in der Nähe des 
Thurmes. Das Innere des oder der Thiirme, welches im Erd- 
geschoss mit Krenz- oder Tonnengewölben überdeckt war und des- 
halb einen Thurmaufgang direkt nicht immer zuliess, war allein 
vom Schiff aus zugänglich, sei es mit einem oder zwei Bogen, 
welche sich auf Känipfergesimse aufsetzten. In Wechselbarg liegt 
der Haupteingang, portalmässig ausgebildet, in dem nördlichen Seiten- 
schift', im Freibergei- Dom im südlichen Querschiff. Auch die oben an- 
geführte Obermarktskirebe in Mühlhausen (? 1330) hat, nachdem sie 
an Stelle einer romanischen Basilika wieder aufgebaut worden, ihre 
Prachtportale in den Stellen, wo die ehemaligen Querschiffe lagen. 
Unbekannt sind uns die Motive dieser Anwendung, weshalb nämlich 
hier und nicht an anderen Stellen die Haui)teingänge waren. 

Die nähere Betrachtung des berühmten Portals der „goldnen 
Pforte", von welchem Steche zwei Photographien beigebracht xuid 
diesen vier Details von Säulen zugefügt hat, wofür wir ihm danken, 
wird zu einem viel Zeit in Anspruch nehmenden Stuilium, denn auf 
eine sinnige Weise sind die zur Verherrlichung des Portals auf 
kurze Konsolsäulen gestellten biblischen Heroen ausgewählt und 
beziehungsvoll gruppiert. Die ganze Anordnung zeugt von einem 
vollendeten Schönheitsgefühl und von einem feingebildeten Werk- 
meister, dem die besten Muster ähnlicher Bauten mit Erfolg zu 
eigen geworden waren. Von „gothischen • Kathedralen konnte er 
wohl schwerlicü das Muster entlehnt haben (vgl. S. 32 Z. 13 v. oben), 
da es dergleichen zur Zeit wohl noch nicht gab. Wohl aber sind Ähn- 
lichkeiten unverkennbar. Den Erörterungen über den gedanklichen 
Zusammenhang der Figuren sind wir mit Interesse gefolgt, und sie 
dürfen wohl ziemlich allgemein auf Zustimmung rechnen. Sind zu 
den Figuren die ersten Bildhauer der Zeit genommen worden, welche 
Hochbedeutendes darin schufen, so sind tlie vielen ebenfalls daran 
beschäftigt gewesenen Steinmetzen — denn einer oder zwei konnten 
das herrliche Werk nicht bemeisteru — von gleich hohem Range 
gewesen. Ein vollendet schönes Ebenmass durchzieht die ganze 
Disposition und die Details. Die aut S. 24 und 25 dargestellten 
Muster von Kapitalen der spätromanischen Periode gehören zu dem 
Schönsten, was überhaupt existiert. Die Freude an diesem wohl 
vielleicht schönsten Bildhauerwerk des ganzen Mittelalters, speziell 
Sachsens, wird erhöht durch die vorzügliche Erhaltung des Werkes. 
Zu dieser Freude gesellt sich aber auch die Sorge um den ienieren 
Schutz dieses kostbaren Baues. 

Eine Vergleichung mit ICloster ZschiUen (Wechselburg) führt 
zu dem Uitheü, dass letzteres (1174 gestiftet und 1181 eingeweiht) 
die älteren romanisclien Formen nicht uutgeben wollte, was sich 
namentlich in dem Figurensehmuck auf den beiden Tyinpanons 
dokumentiert. Auch die Kapitale der Säulen wurden dies darthmi, 
wenn sie in dem Puttrich'schen Werke in ihrer Ächtheit vorgefahrt 
worden wären. Wir nehmen gelegentlich Veranlassung, auf diesen 
Missstaud aufmerksam zu machen und, wenn Zsehillen an die Reihe 
kommt, um getreue Wiedergabe einiger Kapitale zu bitten. Die 
goldne Pforte samt der zugehörigen Basilika ist mindestens zwei 
Jahrzehnte später ausgeführt als ZschiUen und zeiüt durchweg eine 
viel freiere Behandlung der Figur und des Ornaments. Dasselbe 

11* 



164 Literatur. 

stellt sich heraus in den leider sehr verwitterten Formen der 
Figurenreliefs, welche an dem Lettner angebracht gewesen sein sollen. 

Die drei Figuren des Triuniphkreuzes, Christus, Maria und 
Johannes, von Holz geschnitzt, dürften einer vielleicht 100 Jahre 
späteren Zeit, der entschiedenen Frühgothik angehören und von 
einem der bedeutendsten Bildhauer in Holzschnitzerei ausgeführt 
sein. Sie dokumentieren eine Neigung zur realistischen Darstellung 
des Details. Ein Vergleich mit dem "Wechselburger Triumphkreuz 
wird sich erst dann mit Erfolg anstellen lassen, wenn auch von 
diesem eine getreue Photographie vorhanden sein wird. 

Das Übrige des schönen Laughauses gehört theils dem Ende 
des XIV. Jahrhunderts , theils dem Ende des XV. Jahrhunderts an, 
und ein gewisser Rococo-Geschmack der Gothik macht sich in den 
unruhigen Formen der phantastischen Kanzel bemerkbar. Ebenso 
widrig ist der 1531 ausgeführte Taufstein. 

Recht plump ist das 1.555 aufgestellte Moritz- Monument, und 
das Non plus ultra von Rococo ist in dem gothisch begründeten 
Ausbau nach Osten geleistet, den der zwar talentvolle, jedoch ebenso 
eingebildete als oft phantastisch sich verirrende Bildhauer Nosseni 
mit einem Wulst von dürftigen Details auszuschmücken versucht 
hatte. Die Kirche wird durch diese „Gedächtnishalle" entstellt 
und schmerzlich vermisst man den Hochaltar, der hier eigentlich 
seine Stelle finden musste. Sehr bezeichnend charakterisieren die 
auf S. 54 mitgetheilten Überhebungen den ganzen Nosseni. 

Dagegen sind die 28 Messing-Grabplatten von 1541 — 1643 aus 
der bescheideneren Giesshütte der Familie Hilliger hochinteressant; 
sie beziehen sich auf das Fürstenhaus, einige andere sind den Geist- 
lichen gewidmet. Wie billig diese Platten geliefert wurden , geht 
aus den noch vorhandenen Rechnungen hervor. Das schöne schmiede- 
eiserne zweiflüglige Thor ist 1672 von einem „Hufschmit" Mehner 
ausgeführt und zeugt von ebensoviel Geschmack als Kunstfertigkeit. 

Das übrige über Freiberg Mitgetheilte ist für die Geschichte 
der im Königreich Sachsen so allgemein verbreitet gewesenen Re- 
naissance nicht ohne Interesse, ohne jedoch Erhebliches in den 
Formen zu zeigen. Dankenswerth snid immerhin diese Mittheil- 
ungen für die Geschichte der Kunst, für die Geschichte des Gewerb- 
fleisses, zumal für die Fertigkeit der Goldschmiede, Graveure und 
Zinngiesser. Dass sich dabei in Freiberg fast alles um den Berg- 
bau dreht, darf in den Motiven des Schmucks nicht weiter auf- 
fällig sein. 

Von den [{irchen der Freiberger Umgegend ist nichts Sonder- 
liches aufzuführen, sie sind alle umgebaut bezw. vergrössert, nur 
hin und wieder wird der bei einer Vergrösserung der Kirche neutral 
bleibende Thurm um so lieber beibehalten sein, weil ein Neubau 
einen verhältnismässig höheren Aufwand erfordert hätte. 

An Altargeräthen werden zahlreiche schöne Kelche erwähnt, 
welche aus dem Ende des XV. oder Anfang des XVI. Jahrhunderts 
stammen, von besonderer Schönheit in der Verzierung scheint in- 
dessen keiner derselben zu sein. An dem in Helbigsdorf wird au- 
gegeben, dass um den Fuss herum das selten in dieser Weise be- 
merkte Wort „Ostern" stehe; es könnte auch ebensogut ,^noster^^ 
heissen und sich auf ein anderes nicht mitgetheiltes Wort beziehen. 

Von den Glocken scheint nicht eine einzige dem XIV. Jahr- 
hundert anzugehören, von noch älteren weiss man gar nichts, welche, 
da für den Kirchendienst doch Glocken vorhanden sein müssen. 



Literatur. 165 

sämtlich frühzeitig zum ümguss gelangt seiu werden — die oft sicLi 
wiederholende Klage aller Gegenden. Die Tnttendorfer, ebenlalh 
umgeschmolzene, hat nach Steches Mittheiking mehrere Glocken- 
kundige verar.lasst, eine Deutung der räthselhaften Umschrift zu 
versuchen, ohne dass die Sache klar gelegt worden wäre. In Wege- 
fahrt soll eine Glocke mit Ciirsivschnft aus dem Anfang des XV. Jahr- 
hunderts vorhanden sein, mit dem hübschen Spruch: Maria hilf 
aus not dorch deines Üben kindes thot. Um einen Vergleich zu 
ziehen mit der schönen in Elstertrebnitz vorhandenen von 1-109, 
welche von dem Unterzeichneten theils im Anz. d. germ. Mus., 
theils auf besondern Wunsch auch in Moschkau's Saxonia beschrieben 
und abgebildet wurde, würde die Schrift in genauem Bilde erwünscht 
gewesen sein. Eine grosse Menge von Glocken aus den Jahren 
1475 — 1510 führen in der Umschrift den Buchstaben T, auch ander- 
wärts ist dies bemerkt, sie alle scheinen vom Meister Tyme herzu- 
rühren. (Vgl. Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen. Heft 1 
unter Artikel Predel). 

Wernigerode. Gustav Sommer. 



üebersicht über neuerdings erschienene Schriften und 
Aufsätze zur sächsisch -thüringischen Geschichte und 

Alterthumskunde. 



Blume, Ludw. Goethe als Student in Leipzig. Aus dem Jahres- 
bericht des K. K. akademischen Gymnasiums zu Wien für das 
Schuljahr 1883/84. Wien 1884. 19 SS. 8». 

Crede, JB. und Distel, Th. Kurfürst August und der Nierenstein 
Herzog Albrechts V. von Baiern (mit zwei Abbildungen) : 
Virchow's Archiv für patholog. Anatomie. Bd. 196 (1884). S. 501 üg. 

Deichmidler, J. V. Über Urnenfunde in Uebigau bei Dresden : 
Sitzungsberichte und Abhdl. der Gesellsch. Isis zu Dresden. Jahr- 
gang 1884. S. 105—112. 

D., F. Beformationsgeschichtliche Cnriosa II. Ser. III. Friedrichs 
des Weisen Schwester Margareta. IV^ Luthers Buchdrucker 
Lotter. V. Leipzigs Baumeister Letter: Allgem. evang. luther. 
Kirchenzeitung 1885. No. 50-52. Sp. 1200 tlg. 1225 Üg. 1252 Hg. 

Distel, Th. Der kursächsische Hofmaler Johann Oswald Harms 
aus Hamburg: Kunst-Chronik (Beiblatt zur Zeitschrift für bikhinde 
Kunst) XIX (1884), 728 tig. 

— Eine Arbeit des Freiberger Goldschmiedes Samuel Klemm: Zeit- 
schrift für Museologie. Jahrg. VII (1884) No. 2.3 S. 182. 

— Nachrichten über einige Uhrmacher in der kurfürstlichen Kunst- 
kammer (1558 flg.): ebenda Jahrg. VIII (1885) No. 2 S. 12. 

— Schreiben der kurfürstl. Käthe (tl. d. Leipzig den 19. Juli 1553) 
an die verwitwete Kurfürstin Agnes: ebenda No. 3 S. 19. 

— Der erste Damastweber in Dresden (1576): ebenda. 

— Was liegt in dem Grundsteine des jetzigen K. S. Ilauptstaats- 
archivs: ebenda No. 4 S. 27. 

— Kleine Notizen über den kurfürst. Bildhauer Zacharias Hegewald: 
ebenda S. 35. 



1C6 Literatur. 

D.'stel, Th. Nachrichten über den Contrafactor und Eisenschneider 
Christian Maler: Blätter für Münzkunde. Jahrg. XX. No. 114. 
Sp. 1036 Hg. 

— Bestrafung eines Falschmünzers in Sachsen 1564 : ebenda Sp. 1060. 
Uörff'el, Alfr. Geschichte der Gcwandhausconcerte zu Leipzig vom 

25. November 1781 bis 25. November 1881. Im Auftrage der 
Concert-Direction verfasst. (Festschrift zur 100jährigen Jubel- 
feier der Einweihung des Concertsaales im Gewandhause zu Leipzig. 
1^881.) Leipzig, 188t. 270, 104 SS. 4". 

V. Ebcrstciu, Louis Ferd. Frhr. Urkundliche Nachträge zu den 
Geschichtlichen Nachrichten von dem reichsritterlichen Ge- 
schlechte Eberstein von Eberstein auf der Rhön. Fünfte Folge. 
Berlin 1885. II, 444 SS. 8». 

[Ermisch, H.] Zum 19. Januar 1885. Ein Erinnerungsblatt aus der 
Geschichte des Königlich Sächsischen Alterthumsvereins: Wissen- 
schaftliche Beihige der Leipziger Zeitung. 1883. No. 6. S. 29 tig. 

Ermisch, H. Jahresberichte über Erscheinungen auf dem Gebiete der 
Geschichte von Obersachsen, Thüringen und Hessen im Jahre 1881 : 
Jahresberichte der Geschichtswissenschaft, im Auftrage der 
Historisclien Gesellschaft in Berlin herausgegeben von J. Herr- 
mann, J. Jastrow, Edm. Meyer. Jahrg. IV. (Berlin, Mittler & 
Sohn 188.5) II. S. 24—130. IIL S. 87—96. 

Gurlitt, Com. Aus den sächsischen Archiven (I. Wenzel Jamnitzer) : 
Ijützows Zeitschrift für bildende Kunst. Jahrg. XX. S. 51 — 53. 

Hey, Gustav. Das Deutschthum der vogtländischen Ortsnamen auf 
-bach: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung. 1885. 
No. 21. S. 121 flg. 

Heydenreich, Ed. Bibliographisches Repertorium über die Ge- 
schichte der Stadt Freiberg: s. oben S. 160. 

Klix-Kamenz, T. F. Zur Geschichte der Familie Lessing: Wissen- 
schaltliche Beilage der Leipziger Zeitung. 1885. No. 7. S. 37 Hg. 

Knothe, H. Die ältesten Besitzer von Türchau bei Zittau: Neues 
Lausitz. Magazin Bd. LX (1884). S. 338—351. 

KorscheU. Kriegsereignisse der Oberlausitz zur Zeit der franzö- 
sischen Kriege: ebenda S. 246 — 336. 

— Nachtrag zu den Kriegsereignisseu der Oberlausitz zur Zeit des 
bairischen Erbt'olgekrieges: ebenda 337. 

Lehmann, Fritz. Der rechtliche Anspruch Böhmen-Österreichs auf 
das königl. sächs. Markgrafthum Oberlausitz: Wissenschaftl. 
Beilage der Leipziger Zeitung. 1884. No. 92. S. 547 — 551. 

(Levy, Älplionse.) Die Begräbniss- Kapelle im Dom zu Freiberg. 
Festschrilt zur Vollendung der Kenovation. Mit Abbildung. 
Freiberg, 1885. 29 SS. 8». 

Lohn-Siegel, Anna. Ein sächsischer Baumeister [G. Bahr]: Wissen- 
schaftl. Beilage der Leipziger Zeitun*. 1884. No. 97. S. 577 — 579. 

V. Mansherg, B. Freiherr. Aus dem „Turnei von Nantheyz". Bei- 
trag zur Kunde des sächsischen Landeswappen: ebenda. No. 95. 
96. S. 565—567. 569—571. 

— Die Errichtung des stehenden Heeres in Chursachsen 1682: 
ebenda 1885. No. 22. 24. 25. S. 125—127. 137—140. 145—148. 

MoschJcau, Alfr. Oybin-Chronik. Urkundliche Geschichte von Burg, 
Cölestinerkloster und Dorf Oybin bei Zittau. Mit 6 Abbildungen. 
Böhm.-Leipa, Künstner. 18b5. VIll, 390 SS. 8". 

V. Mülxerstedt. Codex diplomaticus Alvenslebianus. Urkunden- 
Sammlung zur Geschichte des Geschlechts von Alvensleben und 



Literatur. IQY 

seir.er Besitzungeu. Dritter Band vom Jahre löOl bis 165.". Mit 
8 Stammtafeln und 4 Abbildungen sowie mit einer chronologisclien 
Übersicht der urkundlichen Hauptdaten zur Genealogie und Ge- 
schichte des Geschlechts von Alvensleben , einem Verzeichnisse 
des Grundbesitzes in dem obigen Zeiträume und Bemerkungen 
zu den Abildungen. Im Auftrage der Familie veranstaltet und 
herausgegeben. Magdeburg 1885. IV. 586 SS. 8». 

XosivHtnn, Otto. Bad Lauchstädt. (A. u. d. T. Neujahrsblütter. 

Herausgegeben von der Historischen Kommission der Provinz 

Sachsen. 9.) Halle, Pfeffer. 1885. 52 SS. 8". 

OjJi'l, J. 0. Zur 200jährigen Geburtstagsfeier Georg Friedrich 

Handels. I. Die Hofoper unter dem Administrator Herzog August 

in Halle. II. Der Kammerdierer Georg Händel und sein Sohn 

Georg Friedrich: Zeitschrift für allgemeine Geschichte etc. 

Bd. I (1884). S. 909—942. Bd. II (1885). S. CG— 80. 147— 1G4. 

Fctzholdt, J. Die Ei Ziehungsgrundsätze des Königs Johann von 
Sachsen mit Rücksicht auf die Erziehung seines Sohnes Albert: 
Wissenschaftl. Beilage der Leipziger Zeitung. 1885. No. 20. 
S. ll.S— 117. 

V. Vflug'k-Harttung , J. Das Bisthum Merseburg unter den säch- 
sischen Kaisern: Foischungen zur deutschen Geschichte. Bd. XXV. 
Heft 1. S. 152—174. 

Pohh, F. W. Chronik von Loschwitz. Auf Grund amtlicher 
Quellen etc. Heft IV. Dresden, Albanus'sche Buchdruckerei. 
1884. S. IGl- 216. 8». 

P;///, Jos. Die Schlosskirche zu Wechselburg, dem ehemaligen 
Kloster Zschillen. Zur Erinnerung an die siebenhundertjährige 
Jubelfeier der Kirchweihe am 15. August 1884 gezeichnet und 
beschrieben. Leipzig, H. Lorenz. ]8«4. 47 SS. 12 Taf. und 
Titelbild, fol. 

V. B[aah]. Die von der Oelsnitz im sächsischen Erzgebirge und im 
Voigtlande: Deutscher Herold. XVL No. 2. S. 25 flg. 

Richter, Otto. Verfassungsgeschichte der Stadt Dresden. Heraus- 
gegeben im Auftrage des Rathes zu Dresden. (A. u. d. T. Ver- 
fassungs- und Verwaltungsgeschichte der Stadt Dresden. Bd. 1). 
Dresden, W. Baensch. 1885. XII. 450 SS. 8". 

Schirren, C. Patkul und Leibniz: Mittheilungen aus der livländi- 
schen Geschichte. Bd. XIH. Heft .3 (1884). S. 435—445. 

Schneider, Vir. Aus dem Vogtlande. Einiges über die Ableitung 
vogtländischer Ortsnamen auf bach: Wissenschaftl. Beilage der 
Leipziger Zeitung. 1885. No. 1. S. 1—3. 

Schönwälder. Görlitz im Jahre 1813, aus der Perspektive des da- 
maligen Bürgermeisters Samuel August Sohr: Neues Lausitz. 
Magazin. Bd. LX (1884). S. 201—245, 

— Der Budissiner Queißkreis. Eine topographisch-historische Studie: 
ebenda S. 352—391. 

Schuster, 0. und Francice, F. A. Geschichte der Sächsischen Armee 
von deren Errichtung bis auf die neueste Zeit. Unter Benutz- 
ung handschriftlicher und urkundlicher Quellen. 3 Tiieile. Mit 
37 Skizzen auf IG Tafeln. Leipzig, Duiicker & Ilumblot. 1883, 
XII, 226. VI, 393. VH, 421 SS. 8». 

Schwarz, Hilar. Landgraf Philipp von Hessen und die Packschen 
Händel. Mit archivalischen Beilagen. Eingeleitet von W. Mauren- 
brecher. (A. u. d. T. Historische Studien. Herausgegeben von 



1 68 Literatur. 

W. Arndt, C. von Noorden und G. Voigt etc. Heft 13). Leipzig, 
Veit & Co. 1884. VII, 166 SS. 8». 

Steche, B. Über ältere Bau- und Kunstwerke in den Amtsliaupt- 
mannschaften Annaberg und Marienberg: Wissenschaftl. Beilage 
der Leipziger Zeitung. 1885. No. 14. S. 77—80. 

Steril, Ad. Hermann Hettner. Ein Lebensbild. Leipzig, Brockhaus. 
188,5. VII, 306 SS. 8». 

Stidiler, Karl. Hans Adam von Schöning. Ein Heerführer aus der 
Zeit des grossen Kurfürsten: Neue militär. Blätter, Bd. XXV 
(1884). S. 183—194. 

TheiJe. Altgermanisclie Gräberstätte bei Stetzsch: Ober Berg und 
Thal. Jahrg. VIT (1884). No. 12. S. 287 flg. 

— Die Gräberstätte von Stetzsch. Ebenda. Jahrg. VIII (1885). 
No. 1. S. 29') flg. 

Werncburg, A. Die Namen der Ortschaften und Wüstungen Thü- 
ringens, zusammengestellt und besprochen: Jahrbücher der 
königl. Akademie ceraeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt. 
Neue Folge. Heft XII (1884). S. 1—213. 

Wesseli/, J. E. Kurzgefasste Geschichte der Stadt Leipzig mit Er- 
läuterungen zu den Photographien „Das alte Leipzig". Leipzig, 
0. Roth. 1881. IV, 89 SS. 8». 

Wustmann., G. Der Leipziger Bürgermeister Karl Wilhelm Müller 
1728 — 1801. Vortrag, gehalten in der Gemeinnützigen Gesell- 
schaft zu Leipzig. (Sonderabdruck aus dem Leipziger Tageblatte 
vom 10. und 12. November 1884.) 30 SS. 8». 

Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler 
der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete. Herausgegeben 
von der Historischen Commission der Provinz Sachsen. N. F, 
Bd. I; Die Stadt Halle und der Saalkreis, bearbeitet von Gustav 
Schönermark. Lf. 1—4. Halle a./S., Hendel 1884. S. 1—192. 8». 

Bruchstück eines Briefes des kurf. sächs. Majors der Kavallerie 
Siegmund Freiherrn von Gutschmid, von ihm geschrieben, als er 
im August 1796 zum General Jourdan Avegen des abzuschliessen- 
den Waffenstillstandes geschickt worden war: Wissenschaftliche 
Beilage der Leipziger Zeitung. 1884. No. 98. S. 585 flg. 

Zusammenstellung einiger geschichtlichen nnd statistischen That- 
sachen aus dem Bereiche der Staatsschuldenverwaltung im König- 
reiche Sachsen anlässlich des am 31. Dezember 1834 erfüllten 
fünfzigjährigen Bestehens des Landtagsausschusses zu Verwalt- 
ung der Staatsschulden. Dresden. 30 SS. 8". 



Mittheilungen dss Vereins für Anhaltische Geschichte und AUer- 
thumshmde. Bd. IV, Heft 3. Dessau, 1884. 8». 

Inhalt: Th. Stenzel, Wanderungen zu den Kirchen Anhalts 
im Mittelalter. K. Schulze, Über den Namen Mägdesprung. 
W. Zahn, Die Burg Thieleberg bei Aken. W. Ho saus. Aus 
den Briefen Friedr. Joh. Rochlitz' an Friedrich Schneider. 
W. Ho sä US, Deutsche mittelalterliche Handschriften der Fürst- 
Georgs-Bibliothek zu Dessau. Ders., Dichter und Dichterinnen 
aus dem Hause der Ascanier. 

Mittheilungen des Vereins für Geschichte und Topographie Dresdens 
und seiner Umgebung. 5. und 6. Heft. Dresden, C. Tittmann 
(Komm.). 1885, 8». 
Inhalt: Alfr. Heinze, Dresden im siebenjährigen Kriege. 



IV. 

Katharina (Herzogin von Sachsen, (jemahlin 
Kurfürst Friedrich's IL von Brandenburg) 

und ihr Haus. 

Von 

G. Sello. 



Katharina, „Fräulein Ketterlin", „Frau Kathrein", 
das vierte Kind Kurfürst Friedrich's des Streitbaren von 
Sachsen aus seiner Ehe mit Katiuirina, Herzogin von 
Braunschvveig, wurde im Jahre 1421, wahrscheinlich in 
der Zeit vom April bis Juni, geboren; ihr Taufpatiie war 
der Abt Vincentius von Altzelle. Vielleicht lediglich 
diesem Umstände haben wir es zu verdanken, dass das 
sog. Chronicon Vetero-Cellense minus ihr Geburtsjahr 
erwähnt und ihr somit eine bestimmte Stelle in der 
Reihenfolge der Geschwister anweist '). Er nennt indessen 
das Jahr 1420. Ihre ältere Schwester Anna wurde aber 
ganz zweifellos am 5. Juni 1420 geboren'^) und ihr 
jüngerer Bruder Heinrich am 21. Mai 1422*). Hörn ^) 
will das Datum des Altzeller Chroriisten dadurch retten, 
dass er annimmt, derselbe habe das Jahr mit Ostern 
begonnen. Das ist aber nicht richtig; im Cisterzienser- 
orden, welchem das Kloster Altzelle angehörte, war nie 
das Osterfest, eher das Fest der Verkündigung Maria 



') Mencke, SS. rer. Germ. H, 445. 

=*) Tylicli's (.'liroii. Misn. bei Scliaiinat, Vindem. litter. 11, f-<9. 

*) CliroD. Vetero-Cell. m ., Meucite 1. c 

*) Friedrich d. Streitb. 92. 93. 

Neues Archiv f. S. G. u. A. VI. 3. 4. H 



170 G. Sello: 

(25. März) als Jahresanfang gebräuclilicli ; bei einer andern 
Gelegenheit — dem Todestage Friedrich's des Streitbaren — 
bringt auch der Altzeller Chronist das Marienjahr nicht 
zur Anwendung; legte man dasselbe bei der Berechnung 
von Katharina's Geburtsjahr zu Grunde, so müsste die- 
selbe vor dem 25. Mäi'z 1421 geboren sein (bei der 
Annahme des österlichen Jahresanfanges sogar vor dem 23.), 
was mit Rücksicht auf den Geburtstag der älteren Schwester 
ein gar zu früher Termin sein würde. 

Ihr Vater starb am 4. Januar 1428 ^), sie selbst fand 
Aufnahme in das zum Orden der hl. Clai'a gehörige 
(Franziskanerinnen-)Kloster Seusslitz bei Meissen. Wann 
dies geschehen und welches ihre Stellung im Kloster 
gewesen, lässt sich nur vermuthen. Es ist zwar eine Ur- 
kunde ihrer beiden ältesten Brüder Friedrich und Siegmund 
vorhanden, in welcher dieselben bekunden, dass sie Katha- 
rina in das Kloster „gegeben und einsegnen lassen". Leider 
ist diese Urkunde undatiert. Hörn setzt sie „um 1429", 
weil ein Copial des Hauptstaatarchivs zu Dresden sie 
hinter eine Urkunde von 1428 an den Anfang einer langen 
ürkundenreihe von 1429 stellt. Unsicher bleibt diese 
Datierung immerhin, zumal, wenn man das daraus sich 
ergebende zarte Alter der Prinzessin bei ilirer Aufnahme 
bedenkt; die Cisterzienserinnen z. B. verlangten für ihre 
Novizen ein Alter von mindestens 10 Jahren "). Sicher ist 
nur, dass die von Herzog Friedrich und Siegmund ge- 
meinschaftlich ausoestellte Urkunde vor den 4. Januar 1436 
zu setzen ist; innere Gründe scheinen für einen wenig 
früheren Zeitpunkt zu sprechen. Die herzoglichen Brüder, 
welche bis dahin gemeinschaftlich regiert hatten, theilten 
an diesem Tage ihre Länder, und Siegmund, der spätere 
Bischof von Würzburg, empling noch im März desselben 
Jahres die kirchlichen Weihen'). Der Tlieilungsvertrag 
ist recht eigentlich als eine Nachlassregulierung im 
civilrechtlichen Sinne zu betrachten; jeder Bruder erhielt 
seinen Antheil an der väterlichen Erbschaft; die ältere 
Schwester Anna, welche in demselben Jahre, sechszehn- 
jährig, den Landgrafen Ludwig von Hessen heirathete, 
wurde mit ihrer Mitgift von 19000 Rheinischen Gulden 



») Hörn a. a. 0. 597. 
•) Winter, Cisterzienser 11, 10. 

') Leidenfrost, Churf. Frieiliicli II. iiml seine Brüder (1827), 
18 flg. 25. Riedel, Cod. dipl. Brandenb. Abth. D. 215. 



Katharina (Herzogin von Sachsen etc.) und ihr Haus. 171 

abgefunden, und da sieht es nicht unwahrscheinlich aus, 
dass man die noch übrige ledige Schwester, die vielleicht 
keiner der untereinander in wenig; verwandtschaftlicher 
Harmonie lebenden Brüder an seinen Hof nehmen wollte, 
in dem Familienkloster, als welches Seusslitz zu betrach- 
ten ist, versorgte. 

Katharina's Eintritt in das Kloster geschah, wie aus 
dem Wortlaut der in Rede stehenden Urkunde erhellt, 
mit der Absicht, sich dem Klosterleben ganz zu widmen. 
Dass sie aber nach Zurücklegung des Noviziats wirklich 
Profess abgelegt, dürfte sehr zu bezweifeln sein. Denn 
mit diesem Schritte wäre ihr der Rücktritt in die Welt 
de iure abgeschnitten gewesen; wer nach dem Profess 
das Kloster verliess, war ein Apostat; durch päpstlichen 
Dispens hätte eine restitutio in integrum erfolgen köimen; 
von einer solchen ist aber keine Spur zu entdecken, er 
kann also auch nicht präsumiert werden. iNIerkwürdig 
ist es nun, dass der ebenfalls dem Franziskanerorden, 
als Provinzial der Ordensprovinz Sachsen, angehörige 
Chronist Mathias Döring, welcher an der Erfurter Uni- 
versität lehrte, dann in Magdeburg lebte und 1469 in 
dem brandenburgischen Kloster Kyritz starb, also den 
Vorgängen zeitlich, räumlich und amtlich nahe stand, 
sie anlässlich ihrer Heirath mit Kurfürst Friedrich H. 
nicht als „professa" sondern als „votiva" bezeichnet. Die 
Wahl dieses Ausdrucks scheint zu bestätigen, dass sie 
noch nicht alle Klostergelübde abgelegt. 

Die von Franziskus von Assisi der heiligen Clara 
gegebene Regel war an sich sehr streng; die Nonnen 
mussten z. 15. barfuss gehen. Päpstliche Bullen haben 
aber daran nach und nach mancherlei geändert; ins- 
besondere hatten auch die Ordensoberen das Recht, die 
Einzelne von der Strenge der Regel zu entbinden. Davon 
wird natürlich reichlicher Gebrauch gemacht worden sein 
bei dem Eintritt von Fürstinnen, Avelche zu jener Zeit 
eine grosse Hinneigung zum Clarissinnen- Orden zeigten; 
so traten beispielsweise drei Schwestern Kurfürst Fried- 
rich's 1. von Brandenburg, Anna, Katharina und Agnes, 
1376 in denselben ein, von welchen die erstere ebenfalls 
in Seusslitz lebte, die beiden anderen nacheinander Äb- 
tissinnen in llof waren ; Agnes soll als solche 1430 bei 
dem Hussiteneinfall erschlagen worden sein *). 



•) Riedel, Gesch. d. preuss. Königshauses I, .364. 



172 G- Sello: 

Katharina erhielt bei ihrem Eintritt in das Kloster 
eine Art von Hofstaat in den von ihren Brüdern aus- 
gestatteten Jungfrauen Anna von Salhausen, Barbara 
von Honsberg und Ilse von Miltitz und eine Civilliste 
von 50 Schock Uroschen und 1 Fuder Meissner Wein 
Cli roth, ^ji weiss und die andere Hälfte je nach der 
Crescenz). Charakteristisch für die exzeptionelle Stellung 
Katharinas im Kloster ist jedenfalls, dass diese Einkünfte 
nicht, wie bei sonstiger Ausstattung von Klosterjungfrauen, 
dem Kloster verschrieben wurden, sondern zum persön- 
lichen Gebrauch der Prinzessin; dass dieselben auch nicht 
nach ihrem Tode an das Kloster übergehen, sondern an 
die herzogliche Familie zurückfallen sollten. Das Kloster 
erhielt auf diesen Fall nur den Anspruch auf eine Se- 
mesterrate der Geldrente, wovon noch Seelgeräthe und 
Memorien bestritten werden sollten. 

Aus der allgemeinen Clarissinnenregel lässt sich ein 
Bild des Lebens der Prinzessin im Kloster nicht ent- 
werfen, da der Grad der Verbindlichkeit derselben für sie 
in Ermangelung bezüglicher Urkunden nicht festzustellen 
ist. Es lässt sich auch nicht annehmen, dass sie dort 
eine geistig freiere Atmosphäre gefunden habe, als sie 
durchschnittlich in Frauenklöstern zu herrschen pflegte. 
Denn wenn auch der damalige gelehrte sächsische Pro- 
vinzial der Franziskaner, Mathias Döring, eine auf den 
ersten Blick reformatorisch erscheinende Richtung in seiner 
Verwerfung des damaligen päpstlichen Ablasshandels ^) 
vertrat, so wird davon kaum etwas zu den Ohren des 
jungfräulichen Konventes gedrungen sein. Die Opposition 
Dörings hatte aber überhaupt ihren alleinigen Grund in 
den, den gesamten Klerus in zwei feindliche Lager spal- 
tenden Streitigkeiten des Baseler Konzils, im übrigen 
war er als Verfechter der unbefleckten Empfängnis der 
Jungfrau Maria, als Vertheidiger des Wilsnacker Wunder- 
bluts ganz ein Kind seiner Zeit'"). Ohne Einfluss auf 
den Gesamtcharakter des Lebens in Seusslitz wird es 
indessen nicht geblieben sein, dass Döring der Haupt- 
vertreter der sogenannten Konventualen des Ordens in 
Deutschland war"), welche „in ihren Konventen viele 
Milderungen der Ordensregel einführten, und wegen der 
mancherlei Ausschweifungen, deren man sie beschuldigte. 



•) Riedel, Cod. dipl. Brandenb. D. 223. 230. 231. 
">) Mark. Forschungen XVI, 215. ") Ebendas. XVI, 198. 



Katharina (Herzoj^in von Sachsen etc.) und ilir Haus. 173 

von vielen gchasst wurden ' ^)". Ihnen gegenüber ver- 
traten die „Observanten" die strenge Richtung. 

Es lässt sich nur sagen, dass Katharina ein beschau- 
liches Dasein in Gebet und geistlichen Übungen, nicht 
als Professa, sondern als Laienschwester verbrachte, wo- 
durch ihr der Rücktritt in das Leben und die Möglich- 
keit einer Heirath offen blieb, so lange, bis ihr selbst 
wünschenswerth erschien, durch Ablegung des Professes 
unwiderruflich der Welt Valet zu sagen. 

Ob sie bis zum 2. Juni 1439, an welchem Tage 
Kurfürst Friedrich I. von Brandenburg mit den Herzögen 
Friedrich und Wilhelm von Sachsen den Ehevertrag 
zwischen ihr und seinem zweiten Sohne Friedrich schloss*^), 
im Kloster blieb, entzieht sich der Kenntnis. Ein Termin 
für den Vollzug der Ehe wurde nicht verabredet, nur 
finanzielle Abmachungen wurden getroffen. Der Prin- 
zessin wurden als Heirathsgut und Heimsteuer 19000 Rhei- 
nische Gulden, zahlbar in vier Jahresraten, und eine 
„Ausrichtung zu Bett und Tisch" zugesichert. Ihr künf- 
tiger Gemahl sollte sie dagegen „nach seinen Ehren 
vermorgengaben" und ihr ein Jahr nach Vollzug des 
Beilagers eine, eventuell mit einem Kapital von 25000 
Rheinischen Gulden abzulösende Jaiiresrente von 4000 Fl. 
auf die Schlösser und Städte Treuenbrietzen, Mittenwalde, 
Belitz, Trebbin, Saarmund und Potsdam als Leibgedinge 
verschreiben. 

Dem Abschluss der Ehe stellten sich schwere Hinder- 
nisse entgegen. Nachdem Kurfürst Friedrich I. von Bran- 
denburg am 21. September 1440 gestorl)en und Fried- 
rich II. die Regierung angetreten hatte, ermahnten ihn 
zwar die Stände, wie Gundling berichtet, im November 
zur Heirath; durch die Zerwürfnisse zwischen beiden 
Fürstonhäusern wurde dieselbe aber in Frage gestellt. 
Mathias Döring giebt an **), weil der Kurfürst von Bran- 
denburg das von den Sachsen augegriffene Magdeburg 
in Schutz genommen habe, sei ihm die Braut verweigert 

'^) Bellermann, Gesch. il. grauen Klosters in Berlin H, 27. 

•») Riedel, a.a.O. B. IV, ]9(;. Derselbe l'ührte übrigens bei 
seinen Zeitgenossen nicht den schwer erklärlichen Beinamen „mit 
den eisernen Zähnen", sondern Spalatin zufolge den „des Mageren" 
(Macer), im oftenbaren Gegensatz zu seinen beiden jüngeren Brüdern, 
von denen Albrecht nacli seinen eigenen Worten zienilieh beleibt 
war und Friedrich der Jüngere in der Geschichte den Zunamen 
„der Fette'' führt. 

'*) Riedel a. a. 0. D. 216. 



174 G. Sello: 

worden. Die Sache lag aber noch etwas anders. Ka- 
tharina's Bruder Herzog Siegniund war aui 20. Januar 
1440 zum Bischof von Würzburg erwählt worden, jedoch 
sofort mit seinem Kapitel in Streit gerathen. Seine Brü- 
der Friedrich imd Wilhelm hielten es mit letzterem, die 
Markgrafen Johann der Alchymist und Albrecht Achilles 
von Brandenburg mit dem Bischof, und Kurfürst Fried- 
rich von Brandenburg gewährte seinen Brüdern Hilfe. 
Die Brandenbur<Ter stellten nämlich noch besondere An- 
forderungen an Meissen wegen des AUodialnachlasses des 
letzten Landgrafen von Thüringen, von ihrer (jrossmutter, 
Sopliia von Henneberg, Gemahlin Burggraf Albrecht's 
des Schönen von Nürnberg, her. Ausserdem machte 
Markgraf Johann Ansprüche wegen des Nachlasses seines 
Schwiegervaters; des Kurfürsten Rudolf III. von Sachsen 
aus askanischem Hause, geltend, und Albrecht Achilles 
verlangte Begleicliung einer Kostenliquidation, welche 
aus dem unter st^iner Leitung im Jahre 1438 in Böhmen 
stattgehabten Feldzuge herrührte. Letzterer stellte am 
IL November 1440 ein energisches Ultimatum, wegen 
gewisser Aug-ritFe auf die Ehre seiner Familie sich zum 
Zweikampf erbietend '^). die Sachsen rückten in das Ge- 
biet des Bischofs von Würzburg ein, und es kam dort 
zu offenen Feindseligkeiten. Sofort zog auch der Kur- 
fürst von Brandenburg das Schwert. Der märkische 
Adel, darunter Bernd v. d. Sehulenburg, Hanptmann der 
Altmark, Graf Albrecht von Lindow, Herr von Ruppin, 
Hauptmann der damaligen Neu- jetzt IMittelmark, Georg 
von Schliefen, Marschall des Kurfürsten, Wichard von 
Rochow auf Golzow, kündigte Sachsen am 25. und 27. No- 
vember Fehde an^®), und während in Franken mit 
wechselndem Erfolge gekämpft wurde, bemächtigte sich 
der Kurfürst von Brandenburg der damals sächsischen 
Schlösser Niernegk und Brück, schloss am 7. December 
mit Bischof Burchard von Halbcrstadt und den Städten 
Magdeburg, Halberstadt, Quedlinburg und Aschersleben 
ein Schutz- und Trutzbündnis und bot, da sich ein säch- 
sisches Heer bei Wittenberg zusammenzog, den Heerbann 
der märkischen Städte auf. Das vom 8. December aus 
Treuen brietzen datierte bezügliche Schreiben an die Ge- 
samtstadt Brandenburg ist noch erhalten, in welchem 
dieselbe aufgefordert wird, binnen 8 Tagen mit ihrer 



'») Riedel, B. IV, 217. '•) Riedel, B. IV, 219, 220. X, 143. 



Katharina (Herzogin von Sachsen etc.) und ihr Haus. 175 

gesamten wafFenfähigen Mannschaft bei Berlin einzu- 
treiFen ''j. Der Kurfürst selbst scheint inzwischen mit 
den bereits disponiblen Truppen auf Wittenberg mar- 
schiert zu sein, denn im Dorfe Marzaiin, zwischen Treuen- 
brietzen und Wittenberg, auf kursächsischem Boden, 
wurde am 10. Dezember ein bis zum 2. Februar 1441 
reichender Waffenstillstand geschlossen, welchem die Mark- 
grafen Johann und Albrecht am 23. Dezember auf der 
Plassenburg beitraten. Wie immer in jener Zeit begannen 
nun endlose verwickelte scliiedsrichterliclie Verhandlungen. 
Zunächst wurde der Waffenstillstand bis zum 4. Juni 
ausgedehnt, dann trafen sich die Parteien zu Anfang- 
April in Halle und versöhnten sich. Kurfürst Friedrich 
von Brandenburg wurde bewogen, die Schlösser Niemegk 
und Brück umgehend, bis zum 13. April, znrückzugeben, 
und äusserte gelegentlich in einer Urkunde vom 3. April, 
dass sein Beilager mit Prinzessin Katharina am H.Juni 
gefeiert werden solle **). 

Ausdrückliche urkundliche Zeugnisse über die auf 
die Hochzeit bezüglichen Verhandlungen liegen nicht vor, 
aus dem Mitgetheilten ergiebt sich aber, dass der Kurfürst 
von Brandenburg die Rückgabe der Schlösser von der 
endlichen Einwilligung der Brüder seiner Braut wird 
abhängig gemacht haben. Im wesentlichen berichtet also 
eine ältere meissnische Chronik '*) richti":: Marn-anivius 
Brandcnburgensis coegit Fridericum per invasionem terrae 
Saxoniae ad dandum sororem suam in uxorem. 

An dem bestimmten Tage wurde die Hochzeit in 
Wittenberg auf das Prächtigste gefeiert, und die ver- 
sammelten Fürsten wai'en „in saclien die zum schimpfe 
gehören, als mit stechen, fröhlich als das wol zii-mt"; 
der Kurfürst von Sachsen hatte sich dazu schon 4 Wochen 
vorher von der Stadt Halle einen starken grossen Turnier- 
hengst geliehen *"). 



") Riedel, H. IV, 221. A. IX, 15.^. 

'•) Ilicdcl, D. 217. J{. IV, 224, 22(1, 230, 2.S9, 240, 243. 
Riedel hat in den Miirkisclien Forsclnuigen VI, 20.{ eine unfieiiügeiidf 
Darstellung dieser Vorgänge girgebenj in seiner Abhandlung „Al- 
hrecht Achill's Confiiet mit Würzburg und Siulisen i. d. Jahren 
1440— 144.V', Zeitschr. f. Preuss. Gesch. u. Landeskunde VIII, iu> Hg., 
wird der P'eindseligkeiten zwischen Sachsen und lüir-Brandenburg 
nur mit zwei Worten gedacht. 

") Chron. terrae Misn. bei Mencke 11, .S.3r,. 

'") Riedel, Supplem. (J2. Gundling, Kurf. Friedrich II., 
p. 39 „ex dipl. arch". 



176 G. Sello: 

Über die Einholung der jungen Fürstin in die Mark 
ist nichts bekannt, nur das wissen wir, dass die Stadt 
Frankfurt a. O. ihr und ihrem Gemahl ein Geschenk von 
22 Schock Groschen machte^'). 

Zu seinem ersten Aufenthaltsorte wählte das Ftirsten- 
paar wahrscheinlich die noch in ihrem alten Glänze 
stehende, vielgethürmte, auf steilem Ufer über der Elbe 
liegende Burg Kaiser Karl's IV. zu Tangermünde; we- 
nigstens finden wir den Kurfürsten dort 8 Tage nach der 
Hochzeit und sonst noch im Monat Juni; von da unter- 
nalnn er eine Huldigungsreise in die Priegnitz; erst im 
Anfang Juli wurde Berlin besucht, und in der damaligen 
kurfürstlichen Residenz, dem „Hohen Hause" neben dem 
grauen Kloster, Quartier genommen ^^). 

Im August des folgenden Jahres reiste die Kurfürstin 
über Trebbin nach Sachsen zu ihrer kranken Mutter, zu 
welcher Reise die Altstadt Brandenburg 3 Wagenpferde 
stellte, und wiederum ein Jahr später, am 15. August 
1443, vollzog der Kurfürst die Statuten der Gesellschaft 
U. L. Fr. auf dem Marienberge bei Brandenburg; seine 
Gemahlin steht dabei an der Spitze der weiblichen Mit- 
glieder^^). 

Die speziell zwischen Brandenburg und Sachsen ob- 
waltenden Streitio-keiten w^irden am 31. Oktober 1441 
dahin geschlichtet, dass ersteres gegen Zahlung von 
1000 Rheinisciien Gulden seinen Ansprüchen „wegen des 
Landes zu Doringen, des Wiederfalls und Eigentums im 
Lande zu Franken, der hinterhissenen Habe der Fi'au 
zu Zahna und Trebitz (der Mutter Markgräfin Barbara's) 
und der Schätzung zu Böhmen" entsagte. Schon wieder 
aber begannen neue Mishelligkeiten. Die Herzöge von 
Sachsen waren bei Zahlung der Mitgift ihrer Schwester 
säumig; wiederholt gab der Kurfürst von Brandenburg 
Ausstand; am 8. Juli 1445 waren noch 1800 Fl. rück- 
ständig, und wahrscheinlich erst im Jahre 1452 war dieser 
Rest getilgt'^*), denn die Verschreibmig des Leibgedinges 



^'M Riedel, D. .'iSl. 

-*) Itinerar Friedrich's: Juni 18. Havelberg, Tangermünde — 21. 
Kyritz — 22. Pritzwalk — 24. Perleberg, ßuppin — 28. 29. Tanger- 
münde — Juli 8. Berlin. 

2^) Riedel, A. XXIV, 429. C. I, 269. 

^*) V. Raumer, Cod. diplom. Brandenb. contin. I, 173. Rie- 
del, B. IV, 245, 252. C. I, 253—255, 273. C. III, 5G. 



Katharina (Herzogin von Sachsen etc.) und ihr Haus. 177 

erfolgte iu diesem Jahre ■•^*). Nach dein Elievertrage vom 
Jahre 1439 hätte dies schon ein Jahr nach dem Beilager 
geschehen sollen; die Verhandlungen aus dem Jahre 1441, 
wodurch diese Bestimmung abgeändert wurde, sind nicht 
erhalten. Aus der Urkunde von 1452 erfahren wir^ dass 
die Kurfürstin ausser ihrer Mitgift von 19000 Fl. noch 
fahrende Habe, Silbergeschirr und Kleinode im Werthe 
von 1000 Fl. in die Ehe gebracht hatte, wofür ihr nun 
die mit 38000 Fl, ablöslichen Schlösser und Städte Span- 
dau, Trebbin, Treuenbrietzen, Belitz, Bernau, Mittenwalde, 
Oderberg und Lieben walde als Leibgedinge verschrieben 
wurden; für letztere Stadt tauschte sie durch Vertrag vom 
11. November 1454 die Mühlen zu Berlin ein"-^*"'). Der Name 
der Kurfürstin kommt selten in Urkunden vor. Ausser 
einigen Verwalttmgsmassregeln betreffs der zu ihrem 
Leibgedinge gehörigen Schlösser sind es nur Urkunden 
religiösen Inhalts, in denen sie neben ihrem Gemahl ge- 
nannt wird: Aufnahme in die Gemeinschaft der guten 
Werke des Cisterzienserordens, päpstliche Privilegien betr. 
die Anstellung von Beichtvätern, Beobachtung der Fasten 
und dergleichen. Ein einziges Mal sehen wir sie aus 
ihrer Reserve heraustreten und in die Händel eingreifen, 
welche ihre Brüder Friedrich und Wilhelm unausgesetzt 
mit einander und mit der Mark hatten, leider ohne dass 
wir bestimmt erführen, in welcher Weise dies geschah. 
Garcaeus theilt nämlich aus einer anscheinend verlorenen 
Urkunde mit, die Kurfürstin habe am 12. September 1455 
zwei Rathsherrn der beiden Städte Brandenburg zu sich 
nach KöUn beschieden, ihres Bruders von Sachsen wegen. 
Es geschah dies anscheinend zu einer Zeit, als der Kur- 
fürst nicht in der IMittelraark anwesend war, wenigstens 
steht vom 19. September ab seine Anwesenheit in der 
Neumark und in Preussen fest'"). 

Aus ihrer Ehe mit Kurfürst Friedrich hatte Katha- 
rina zwei Söhne, Johannes und Erasmus, und zwei Töch- 
ter, Margaretha und Dorothea. Von den beiden ersteren 



**) Die von v. Raum er I, 237 aus einem Copiar mitgetheilte 
Urkunde ist vom 24. Juni datiert; das bei Riedel, C. Hf, «S abge- 
druckte Original ist vom 9. Oktober und zeigt textliche Abweich- 
ungen von jener, die wohl als Konzept anzusehen ist; insbesondere 
fehlt die Angabe des Werthes der gesamten lUaten. 

=*«) V. Räume r I, 236. 

") Riedel, C, I. 252, 279, 313. Garcaeus, Success. familiär, 
etc. 204. 

Neues Archiv f. S. G. u. A. VI. 8. 4. 12 



178 G. Sello: 

berichten die Chronisten einstimmig, dass sie jung ge- 
storben seien ^^). 1452 wird Johannes als einziger, da- 
mals unmündiger Sohn genannt ^^). Erasmus wird schon 
vor ihm gestorben sein; er wurde nämlich in der von 
Kaiser Karl IV. erbauten, ihrer Schätze nicht erst durch 
die Schweden, sondern schon früher, wahrscheinlich durch 
Jobst von Mähren beraubten Schlosskapelle zu Tanger- 
münde bestattet. Bis zum Vertrage vom 26. September 
1447, durch welchen der jüngste Bruder Friedrich's, 
Friedrich der Fette, mit der Altmark abgetheilt wurde, 
residierte der Kurfürst oft in Tangermünde ; Götze's Ver- 
muthung, dass Erasmus in dieser Zeit gestorben, dürfte 
daher wohl zutreffen. Zum Andenken an den früh ver- 
storbenen Prinzen mochte der s. Erasmus-Altar in der 
Nicolaikirche zu Berlin „gen dem Chore" gestiftet worden 
sein, dessen Einkünfte der Kurfürst als Patron dem von 
ihm an seiner Schlosskapelle am 20. Januar 1469 ge- 
gründeten Kollegiatstift verlieh, zu dessen Nebenpatronen 
u. a. auch der heilige Erasmus gehören sollte ^"}. Wann 
Johann gestorben, ist bisher nicht zu ermitteln gewesen. 
Aus einer in den Februar 1468 zu setzenden Urkunde 
hat man folgern zu müssen gemeint, dass er damals noch 
am Leben gewesen sei, doch scheinen andere Urkmiden 
dagegen zu sprechen; am 17. Juni 1469, an welcliem 
Tage der Kurfürst den Sohn Albrecht Achill's seinen 
Sohn nennt (wenn anders die Urkunde richtig gelesen 
ist), war er jedenfalls verstorben; es ist daher eine poe- 
tische Licenz des neuesten fruchtbarsten brandenburgischen 
„Geschichtsbilderers" Schwebel, wenn er den Tod zur 
Zeit der Belagerung Ukermündes (im August 1469) er- 
folgen lässt. BrotufF hat diesen Johann mit dem gleich- 
namigen älteren Bruder Friedrich's IL verwechselt, indem 
er ihn zum Gemahl Barbara's von Sachsen macht*'). 



*') Chronic, pict. Bothoiüs, bei Leibiiitz, Script, rer. Brunsvic. 
KI, 400 und Ladisl. Suntheims Familia burggrav. Nureiiberg. bei Rie- 
del, D. 26(5, sind wolil die ältesten Zeugnisse. Von Wichtigkeit 
dürfte auch das Zeugnis des Plassenburger Archivars Moninger 
(Ende Saec XVI.) sein; ct. Möhsen, Gesch. d. Wisseusch. 330, 
Anm. q. Küster, Biblioth. histor. Biandenb. 333. 

") Riedel, G. I, 307. 

*°) „Der Bär", Berlinische Blatt, f. vaterländ. Gesch. etc. 
IV, 178. — Entzelt, Altraävk. Chron. (edit. 1736) 130. — Götze, 
Gesch. d. Burg Tangermünde 53. — Berliner Urk.-Buch 411, 443. 

*') Riedel, C. I, 461, 508, cf. die Urkunde von 1469 Jan. 20, 
Berlin. Urk.-Buch 443. — Schwebel, Kulturhistor. Bilder aus d. 



Katharina (Herzogin von Sachsen etc.) und ihr Haus. 179 

Erasmus hat man auch für einen unehelichen Sohn 
des Kurfürsten halten wollen, oder man hat ihm ausser 
einem legitimen Sohn dieses Namens noch einen illegitimen 
gleichnamigen beigelegt ^^). Man warf nämlich diesen 
Erasmus mit dem Propst Erasmus von Berhn zusammen 
und schloss aus dessen Familiennamen Brandenburg 
(Brandeburg, Brandberg, Brandburger, Bramburger — 
alle diese Varianten kommen vor, am häufigsten hcisst 
er indessen Bramburg) auf eine intimere Beziehung zum 
Fürstenhause. Aber abgesehen davon, dass der von der 
Stadt Brandenburg abgeleitete gleiclie Familienname in 
vielen Varianten häufig sich findet, dass 1453 ein Kauf- 
mann Erasmus Braborch (Bramborch) in Berlin erscheint, 
dass 1475 in Sandau ein Buschklepper Branaburg hauste 
(welchen HefFter freilich auch mit dem Berliner Propst 
verwechselt), ergiebt sich aus dem Schreiben, in welchem 
Kurfürst Albrecht Achilles den damaligen Wurzener 
Domherrn und Scholastikus Erasmus Bramburg auf Ver- 
wendung der Herzöge Ernst und Albrecht von Sachsen 
und des Bischofs von Meissen zum Propst von Berlin 
empfiehlt, zur Evidenz, dass von einem Verwandtschafts- 
verhältnis nicht die Rede sein kann (1475 August 15). 
Denn wäre durch die Beilegung des Namens „Branden- 
burg" die Vaterschaft gewissermassen anerkannt worden, 
dann wlire auch Kurfürst Albrecht über die Persönlich- 
keit besser orientiert gewesen, als dass er seinem Sohne 
geschrieben hätte: „der gedachte Meister Erasmus scheint 
ein redlicher Mann zu sein, als welcher er auch von 
unsern Schwägern und dem Bischof von Meissen sehr 
gerühmt wird^. Eine weitere haltlose Fabel ist, dass 
dieser Erasmus als Abt von Lehnin im Jahre 1509 ge- 
storben sei^^). 

Die Altersfolge der Töchter ist nicht bekannt; La- 
dislav Suntheim führt Margaretha an erster Stelle auf, 
Riedel ^*) macht die Dorothea zur älteren. Am 31. Juli 
1452 wurde der Plan einer Erbverbrüderung zwischen 



alten Mark Brandonb. 190 — Brotuff, Anhalt. Geneal. (1556), 
fol. «Ob. 

*^) Küster, Icon. March. p. 79. — Riedel in Mark. Forsch. 
VI, 20;^, Anm. 2; 1. c. VIII, 29 ist derselbe anderer Meinung ge- 
worden. — Bucliholtz, üesch. d. Cluirniark III, 152. 

*') Fidicin, Histor. diplomat. Beiträge z. (jescli. Borlins III, 108. 
— Riedel, Supplem. 100, 101. C. II, 170. 

") Mark. Forsch. VIII, 29. 

12* 



180 G. Sello: 

Brandenburg und Saclisen-Lauenburg und einer Heirath 
der noch im zartesten Alter stehenden Margaretha mit 
dem Herzog Johann von Sachsen-Lauenburg entworfen. 
Da aber der Kurfürst sich u. a. verpflichten sollte^ der 
Linie Sachsen-Lauenburg das Land Sachsen- Wittenberg 
und die Kur wieder zu verschaffen, so machte er jeden- 
falls von den ihm vorbehaltenon Recht der Ratifikations- 
verweigerung Gebrauch, und die Heirath zerschkxg sich. 
Derselbe Herzog Johann verlobte sich am 13. Juli 1463 
mit Margaretha's Schwester Dorothea, nachdem König 
Christian von Dänemark und Markgraf Johann der Al- 
chymist „vormals zu glücklicher Zeit" die Eheberedung 
zu Stande gebracht hatten. Mit der Hochzeit nmss es 
aber auch hier seine ganz besondere Bewandtnis gehabt 
haben. Denn die fränkischen Freunde neckten den 
Kurfürsten am 6, September desselben Jahres, sie hätten 
vergeblich auf eine Einladung „zu der Fröhlichkeit und 
Heimfahrt Fräulein Dorothea's" gewartet; bei der sie 
„wollten auch gut Gesellen mit gewesen sein". Der Kur- 
fürst wolle es wohl mit der Hochzeit halten „als der 
Radecker mit seinem Hasen: der briet ilm unter dem 
Sattel und ass ihn aus dem Stegreif". In der ersten 
Hälfte des Februar 1464 fand die Heimführung statt; 
die Braut wurde von ihrer Mutter „herliken mit grotem 
State und apparate" nach Schloss Lauenburg geleitet, der 
Kurfüi'st aber und seine Brüder blieben daheim. Herzog- 
Heim ich von Mecklenburg vertrat die Stelle des Braut- 
vaters; seine Gemahlin (Schwester des Kurfürsten) und 
viele märkische Adlige waren anwesend; die ebenfalls 
geladenen Städte Lübeck, Ham.burg und Lüneburg er- 
schienen nicht, sandten aber kostbare Geschenke. Die 
Ehe wurde eine glückliche, mit Kindern reich gesegnete ^''). 
Für Margaretha machte der Kurfürst später die 
verschiedensten Heirathspläne, die alle zunichte Avurden. 
Im Mai 1466 schreibt Markgraf Albrecht Achilles, der 
Herzog von Stettin (Erich) sei bei ihm gewesen, habe 
aber nicht von Friedrich's Tochter gesprochen, und des- 
wegen sei auch seinerseits das Thema unerörtert geblieben, 
man habe indessen nach dem Wunsche des Kurfürsten 
ihm die grössten Ehren erwiesen. Da Herzog Erich 



") V. Raumer I, 222. — Riedel, C. I, 359. — Detmars 
Fortsetzer bei Grautoli II, 273. — Krantz, Saxonia, XII, 4. — 
Cernitius, Decem icoiies 24. — Riedel, Suppleiu. p. 121. 



Katharina (Herzogin von Sachsen etc.) und ihr Haus. 181 

(lamcals verheirathct war, wird man die Ehe mit einem 
seiner Söhne, Wartislav (der 1474 starb) oder Bo^islav 
(den Marg-aretha nachmals wirklich heirathete) gewünscht 
haben. Im August 1467 wird von einer Verlobung mit 
einem Sohne Piiilipps von Burgund gesprochen. Im 
April 1469 wurde König- ]\rat]iias von Ungarn erwartet, 
welcher in erster Ehe mit König Georg Podiebrad's von 
Böhmen Tochter vermäldt und seit 1464 AA'ittwer, „in 
Pilgrim's Weise" durch das Land ritt, Avie man annahm 
auf der Brautschau, um „Fräulein Margaretha zu sehen". 
Markgraf Albreclit rietli seinem Bruder, dem königlichen 
Freier Margarethens Hand nicht zu versagen; es sei 
sicher, dass wenn derselbe „unser Mühmchen sieht, die 
wohlgezogen, höflich und säuberlich ist, wird sie ihm 
wolgefallen, wenn sie dazu nur etlicherraassen recht ge- 
schmückt ist". 

Es müssen nun die Umstände sich so gestaltet haben, 
dass Kurfürst Friedrich_, als der König ihn zu seiner im 
Juni stattfindenden Krönung nach Breslau einlud, be- 
stimmt hoffte, seinen Herzenswunsch in Erfüllung gehen 
zu sehen. Er schrieb wenigstens am 12. Mai seinem 
Bruder Albrecht mit Bezug auf die Breslauer Reise, es 
sei ihm „zu der Sache, da jetzt mit umgegangen würde, 
ein vergoldeter Wagen nothwendig, wenn Gott gebe, dass 
sich die Dinge finden wollten, dass der dann von Stund 
an fertig und vorhanden wäre, dass es sich an einem 
solchen nicht stiesse. Da er in so kurzer Zeit in der Mark 
keinen fertigen lassen könne, möchte ihm Albrecht einen 
der vergoldeten Wagen seiner Gemahlin leihen, den er 
ihm, wenn das Spiel aus sei, unverzüglich zurücksenden 
wolle". Albrecht antwortete umgehend bejahend, mit dem 
Hinzufügen, er habe für seine Gemahlin sofort einen 
neuen giUdenen Wagen bei dem IMaler in Nürnberg be- 
stellt, da er wohl wisse „wie es um das Wiedergeben 
von geliehenen Wagen, Pferden und Röcken bestellt sei". 
Am 31. Mai desselben Jahres begal) sich Friedrich mit 
Albrecht's Sohn Johann nach Breslau, Mathias war von 
grösster Freundlichkeit, besuchte den Kurfürsten, wenn 
dieser nicht am Hofe war, in dessen Herberge, spielte 
und turnierte mit ihm und bemühte sich eifrig um sein 
Bündnis. Wegen der Heirath äusserte er sich auswcächend: 
er wollte keine in der Welt lieber haben als Margaretha, 
wünsche aber sich vor zwei Jahren nicht wieder zu ver- 
heirathen, bis dahin möchte man sie ihm „halten". Der 



182 G- Sello: 

Kurfürst erwiderte, seine Tochter sei zwar schon ver- 
sprochen (wohl an den Herzog- von Braun schweig, von 
dem weiterhin die Rede sein Avird, oder mit Herzog Sieg- 
mund von Bayern-München, dessen nur Ladishiv Suntheim 
Erwähnung thut), es sei aber noch nicht so weit gediehen, 
dass er sie nicht lieher einem Könio-e als einem Herzoo-e 
gebe ! „Also blieb es mit den Teidingen bestehen". Die 
fröhliclien Tage in Breslau, in denen, wie der Kurfürst 
schreibt, „auf Brandenburgisch wohl gelebt wurde", waren 
der letzte Lichtblick in dem von schwerer Melancholie 
umdüsterten Lebensabend Friedrich's; seine Tochter Mar- 
garetha sah er aber nicht unter der Krone gehen, denn 
König Mathias wollte höher hinaus. Er hielt um die 
Hand einer Tochter Kaiser Friedrich's III. an, wurde 
abgewiesen und heii'athete dann erst 1476 eine neapoli- 
tanische Prinzessin^**). 

Heffter verzeichnet im Namensregister zum Riedel'- 
schen Codex diplomaticus Brandenburgensis ausser diesen 
beiden noch eine dritte Tochter Hedwio- welche an 
Herzog Heinrich von Liegnitz verheirathet gewesen sein 
soll. Am 4. Mai schreibt nämlich eine Herzogin von 
Schlesien, Frau zu Liegnitz, Avelche einen erwachsenen 
Sohn, Herrn zu Ohlau und Nimptsch, hat, an ihren 
Vater, den Kurfürsten Friedrich von Brandenburg^'). 
Es tritt sofort zu Tage, dass Friedrich II., der 1441 ge- 
heirathet hatte, 1458 keinen erwachsenen Enkel haben 
konnte, und in dem Liegnitzer Herzogshause findet sich 
in dieser Zeit nur eine Hedwig (geb. 1425, gest. 1471^, 
vermählt mit Johann I. von Liegnitz (gest. 1453), ]\rutter 
Friedrich's I. von Liegnitz. Sie war eine Tochter Lud- 
wig's II. von Liegnitz (gest, 1436) aus seiner Ehe mit 
Kurfürst Friedrich's I. von Brandenburg Tochter Elisa- 
beth, also Kurfürst Friedrich's IL Schwestertochter. Ent- 
weder ist also in dem Brief Vetter statt Vater zu 
lesen, oder diese letztere Bezeichnung ist ein Ausdruck 
des Respekts der Sclireiberin gegen ihren Oheim. 

Noch eine vierte Tochter, Theodora, vermählt mit 
Herzog Heinrich von Mecklenburg, verdanlvt nur einem 
Lese- oder Schreibfehler in Haftitz' Mikrochronikon ihre 



»«) Riedel, C. II, 35. I, 441. B. Y, 132. Supplem. 92, 93. 
C. T, r)03, 507. D. 266. 

*') Riedel, C. I, 326; die übrigen von Hefifter hierher ge- 
zogenen Stellen handeln von Prinzess Margaretha. 



Katharina (Herzogin von Sachsen etc.) und ihr Haus. 183 

Existenz. Gemeint ist Friedrich's I. Tochter Dorothea, 
wie die Vergleichung mit Augehis ergiebt^®). 

Riedel ist der Ansicht, dem Kurfürsten Friedrich 
sei seine erste früh gestorbene Verlobte, Hedwig von Polen, 
unvergesslich geblieben, und seine Liebe zu ihr habe sich 
allmählich in den Glauben an einen liebenden Schutzgeist 
verklärt, der über ihm wache u. s. w.; er folgert dies 
aus der Anrede des Kurfürsten an den „heiligen Engel, 
der du mir von Gott gegeben bist u. s. w." am Schlüsse 
seines schriftlichen Glaubensbekentnisses vom Jahre 1453, 
welcher „heilige Engel schwerlich anders zu deuten ist 
als auf die engelsreine Seele, welche sich in seinen Armen 
der sterblichen Hülle entwunden hatte" ^^). Er sclireibt 
damit dem Kurfürsten modern-sentimentale Empfindungen 
zu, die einem Kinde des 15. Jahrhunderts fremd waren; 
der Kurfürst stand vielmehr lediglich auf dem Boden 
seines Glaubens, der überhaupt jedem Menschen seinen 
besonderen Schutzengel zuordnete. Des weiteren folgert 
er daraus, dass Friedrich mit seiner klösterliche Frömmig- 
keit gewohnten Gemaldin wohl am meisten in seiner fast 
schwärmerischen Religiosität sympathisiert haben möge, 
im übrigen aber in seinen eheliclien und häuslichen Ver- 
hältnissen nichts gefunden habe, was geeignet gewesen 
wäre, die alten Wunden seines Herzens völlig auszuheilen. 
Es ist richtig, dass von einem so herzlichen, innig-liebe- 
vollen Verkehr, wie der durch zahlreiche Briefe belegte 
zwischen seinem Bruder Albrecht und dessen zweiter 
Gemahlin Anna war, zwischen ihm und Katharina sich 
keine Spuren erlialten haben. Andererseits fehlt aber 
absolut jede Andeutung vom Gegentheil, und es hätte 
daher ein Mann wie Riedel, dessen Stimme ein so grosses 
Gewicht unter den Historikern der Mark Brandenburg 
und der HohenzoUernschen Familien>»;eschichte hat, billiger- 
weise vorsichtiger in seinen Vermuthungen sein dürfen. 
Darin, dass die Kurfürstin, als ihr Gemahl am 2. April 
1470 zu Gunsten seines Bruders Albrecht abdankte und 
schwer leidend nach Franken zog, in Berlin blieb, mit 
Riedel eine Hindeutung auf „den IMangel eines nahen 
innigen Verhältnisses der Kiirfürstin zu ihrem Gemahl 
oder zu dessen Familie", „auf ein für den Kurfürsten 



**) Riedel, D. 72. — Justus, Geneal. Signat. N.I. — Angelus, 
Märkische Annalen 240. 

*») Märkische Forschungen VI, 204. 



184 G. Sello: 

nicht besonders beglückendes Elicverliältnis" zu finden, ist 
durchaus ungerechtfertigt. Lediglich ihr eigener Körper- 
zustand, der ihr sowohl die Reise wie die Pflege des 
kranken Gemahls unmöglich gemacht haben dürfte, war 
die Veranlassung; seit Jahren war sie so krank, „dass 
sie ihres Leibes in keinerlei Weise mächtig war zu be- 
wegen". Bei dem Tode ihres Gemahls war sie nicht zu- 
gegen. Kurfürst Albrecht zeigte ihr („der alten Frauen") 
und ihrer Tochter Margaretha daher durch den mit be- 
sonderem Kreditiv an sie gesandten Meister Hertmann 
an, dass derselbe „von dieser Welt mit VerAvahrung der 
heiligen Sakramente als ein christlicher Fürst und fast 
bei Besinnung am Sonntag zu Nacht nach Apollonientag 
(1471 Februar 10) zu Neustadt an der Eich verschieden 
und zu Hellsbronn bestattet sei". Sie sollten getrost sein, 
dass er sie sich getreulich befohlen sein lassen wolle, die 
alte wie seine Schwester, die junge wie seine Tochter. 
Ein Testament habe Friedrich nicht hinterlassen, was er 
aber dem Beichtiger als seinen letzten Willen zu ver- 
stehen gegeben, sei aufgeschrieben und solle ausgeführt 
werden. Die verwittwcte Fürstin werde ihr Silbergeschirr 
sobald wie möglich durch einen eigenen Boten zuge- 
schickt erhalten. 

Wegen ihres leidenden Zustandes bot Katharina 
demnächst dem Kurfürsten, ihrem Schwager, die Abtret- 
ung ilirer Leibgedingsschlösser an, dieser acceptierte das 
Anerbieten und schrieb seinem Sohne: „es wäre nicht 
billig, dass man sie zu Zeiten mit einer kleinen Zehrimg 
liesse, und nit liebet, dass sie bei uns bleibe^")". Der 
Vertrag kam am 11. November 1471 zu Stande. Die 
Verzichtleistungsurkunde der Kurfürstin von diesem Tage 
ist gedruckt bei Riedel (C. II, 55) nach einem Konzept 
im königlichen Hausarchiv zu Bei'lin, in welchem die 
ursprünglich aufgenommene Aussetzung einer Jahresrentc 
gestrichen ist; die Gegenerklärung des Kurfürsten von 
demselben Datum, welche wörtlich desselben Inhalts ist, 
aber die Rente enthält, nach einem nicht näher bezeich- 
neten Kopialbuch des kurmärkischen Lehnsarchivs bei 
von Raumer (II, 4) und bei Burckhardt, „Das fünft Mer- 
kisch buch" (p. 271) nach einer als Umschlag für dieses 
Buch dienenden Pergamenturkunde, welche Korrekturen 
von Markgraf Albrecht's Hand zeigt, also nicht vollzogen 

*») Zeitschr. f. Preuss. Gesch. u. Landesk. 1882, p. 21, 26. 



Katharina (Ileizogin von Saclisen etc.) und ihr Hans. 185 

worden sein kann; die Art dieser Korrekturen ist aus 
dem Abdruck niclit klar ersichtlich; sie bezogen sich 
offenbar auf die Höhe der Berliner Urbede (114 Schock 
statt 150) imd Hinzufügung' oder Streichung des Oder- 
berger Zolles. Von Notifikatorien an die in Betracht 
kommenden Städte ist vorhanden das an Treuenbrietzen 
im Orioinal, dem die Namen der übrigen Städte mit der 
Summe ihrer Urbede beigefügt sind, und das an Berlin- 
Kölln in alter Abschrift*'). In der Überschrift, welche 
der Herausgeber des Berliner Urkundenbuchs dieser Ur- 
kunde gegeben hat, heisst es, dieselbe sei «ohne Datum 
1471"; das Datum ist aber vollständig vorhanden: ^am 
Tage Martini episeopi anno domini etc. LXX primo". 
Ausserdem enthält die vorhergehende Nummer (244) des 
gedachten Urkundenbuchs ein Redest ijanz derselben 
Urkunde, entnommen aus Fidicin's historisch- diplomatischen 
Beiträgen (IV, 286), in welchem aus der verwittweten 
Kurfürstiu von Brandenburg „die Schwester des Kur- 
fürsten (nändich Albrecht AchiU's), die verwittwete Her- 
zogin von Sachsen" geworden ist; ferner steht ein Regest 
der Haupturkunde des Kurfürsten, nacli von Raumer I, 5 
(statt: II; 4) ohne Datum, unter Urkunden von 1476 
(p. 448 no. 258). Der Kurfürst wies die seiner Scliwä- 
gerin überwiesenen Städte an, ihr darüber Brief und 
Siegel zu geben; eine bezügliche Urkunde der Stadt 
Nauen ist vom 23. Februar 1472 *^). 

Infolge des Vertrages erhielt die Kurfürstin statt 
ihres Leibgedinges eine aus der Urbede der Städte Berlin, 
Kölln, Bernau, Treuenbrietzen, Mittenwalde, Nauen, Treb- 
bin und Stendal und dem Zolle zu Oderberg zu bestrei- 
tende Rente von 510 Fl, freie Wohnung im Schlosse 
zu Kölln und völlig freie Station tür sich und ihren auf 
12 Personen festgesetzten Hofstaat zugesichei t. Die im 
Detail ausgeführten Bestimmungen dieser Urkunde sind 
für die Kenntnis der Sitten des ausgehenden 15. Jahr- 
hunderts von grossem Interesse. 

Die Fürstin beanspruchte und erhielt demnach für 
sich ein „Fürstenessen" wie die regierende Kurfürstin, 
für ihren Hofstaat, bestehend aus Hofmeister, Ilofmcisterin, 
Jungfrauen, jMaiden, Knechten und Dienern, Verpflegimg 



*') Riedel, C. II, 5«. — Berliner Urk.-L5. p. 445 no. 245. 
") Riedel, C. III, 98. 



186 G. Sello: 

gleich dem Hofstaat der Kurfürstin; einen eigenen Keller 
für ihr Getränk, zu welchem nur ihr Kellner den Schlüssel 
haben soll; Lieferung von Wittenberger, Zerbster und 
in der Mark gebrautem Bier nach Bedarf; als „köstlich 
Getränk und zu ihren Ehren" jährlich ein Legel Mal- 
vasier, ein Legel Rheinfall, ein Legel Welschwein, und 
ausserdem bei der Residenz des Hofes in Kölln dasselbe 
Getränk, wie es der „Herschaft" vorgesetzt werde. Ferner: 
Tischtücher, Handtücher, Stablichte (eigentlich Fackeln 
oder Windlichter, hier wohl besser Tafelkerzen), gewöhn- 
liche Talglichte, Talg zum „Nachtstein" (Nachtlampe), 
Brennholz für die Dornit^ (Wohnzimmer mit Kachelofen, 
vielleicht die „grüne gewölbte Dornitz bei der Kapelle 
oberhalb der Silberkammer", welche Kurfürst Friedrich 
im April 1465 bewohnte)*^), freie Wäsche, Badegeld für 
sich und ihren Hofstaat einmal in der Woche, und zwei 
Wagenpferde mit einem Knechte, wenn sie in's Bad 
fahre; alle vier Wochen für sich und ihr Personal je ein 
Paar Schuhe, Ausstattung ihrer Jungfrauen im Falle ihrer 
Verheirathung mit einer „Hofgabe" von 100 Gulden. 
Schliesslich behielt sie sich noch den Patronat über die 
Propstei zu Bernau vor. 

Als der Kurfürst im März 1473 mit seiner Gemahlin 
die Mark vcrliess, ordnete er u. a. an, dass, wenn sein 
Sohn Markgraf Johann, der in der Mark als Statthalter 
verblieb, heirathe und mit seiner Gemahlin das Schloss 
zu Kölln beziehe, sein Hofstaat nur aus 100 Personen 
bestehen solle, „dieweil die alt Frau (die Kurfürstin Ka- 
tharina) lebt". Bei dieser Gelegenheit wird auch das 
Dienstpersonal der verwittweten Kurfürstin mit Namen 
aufgezählt: der Hofmeister Hans Spiegel, zugleich Hof- 
meister der Prinzess Älargaretha, welcher auch die Thor- 
schlüssel zum Schlosse in Verwahrung hatte und über die 
Schlosswächter gesetzt war; der Kammerknecht Peter; 
der Koch Meister Simon mit einem Knecht; der Schenk 
Erhart; der Schneider Peter mit einem Knecht, die Fräu- 
lein Ursula Hake und Katharina Wilmersdorf; die Kammer- 
frau Anna Hesin; die Tischdiener (Pagen) Roder und der 
Junge von Loben; der Kaplan Johann Pfuhl; die Diener 
Liborius Wilmersdorf, Rennefart, Caspar, und ein Ofen- 
heizer. Die mit ihrer Mutter im Schlosse lebende Prinzess 
Margaretha hatte eine Hofmeisterin, 12 Jungfrauen und 



») Riedel, C. I, 374. 



Katharina (Herzogin von Saclisen etc.) und ihr Haus. 187 

Mägde (darunter ihre frühere Amme Margarethe), 2 Pagen, 
2 Diener und einen Zwerg namens Dietrich^*). 

Diese Margaretha, von deren zahh'eichen vereitelten 
Heirathsprojekten die Rede war, bereitete dem Kurfürsten 
und ihrer Mutter viel Sorge und Verdriesslichkeiten, Im 
Jahre 1473 war dieselbe mit Herzog Heinrich von Braun- 
schweig verlobt. Es scheint fast, als sei sie von etwas 
emanzipierten Sitten gewesen; denn zu den mancherlei 
Anordnvmgen des Kurfürsten vor seinem Weggange aus 
der Mark gehört auch, dass ihrem Hofmeister eingeschärft 
wurde, sie überall hinzubegleiten und zu keiner Zeit 
allein zu lassen, ihr auch keine besondere Wallfahrt oder 
Kirchfahrt zu gestatten; sie solle damit liuhe geben, „bis 
sie zu ihrem Gemahl kommt; mag sie danach Wallfahrt 
und Kirchfahrt treiben nach ihrem Gefallen*^)". 

Aber auch diese Heirath kam nicht zu Stande, weil 
die Mitgift von 10000 Fl. nicht zu beschaffen war. Kur- 
fürst Albrecht hatte seinem Bruder die Ausstattung Mar- 
garetha's zugesagt"''^), verlangte aber die Erstattung der 
Summe von den Ständen. Markgraf Johann, für dessen 
knappausgestatteten Haushalt die Unterhaltung seiner 
Tante und Cousine eine schwere Last war — er ent- 
schuldigt seinem Vater oesjenüber einmal sein Defizit: 
„angesehen dass wir eine schwere Bürde haben mit den 
Frauenzimmern, die keinen Abbruch leiden wollen^')" — 
gab sich alle Mühe, die Stände zu bewegen; auf ver- 
schiedenen Landtagen betonte er die Pflicht des Landes 
zur Ausstattung, das Alter der Prinzessin und die Mittel- 
losigkeit ihrer Mutter, der „alten Frau"; aber alles umsonst, 
denn es wurde als Gegenforderung die Aufhebung eines 
vom Kurfürsten auferlegten, zur Deckung der von Fried- 
rich H. eingegangenen Staatsscluilden bestimmten Zolles 
verlangt. Beide Theile blieben fest; der Papst ertheilte 
den erforderliclien Dispens (1473 Juli 21), der treue und 
kluge Kanzler, Bischof Friedrich von Lebus, rieth selbst 
dem Kurfürsten zur Nachgiebigkeit, da die Prinzessin auf 
diese Weise unvcrmählt bleiben Averde „und sollte man 
sie lauge" unterhalten, so wird sie in kurzen Zeiten wohl 
so viel kosten, wie ihr jetzt mitgegeben würde"; die ver- 
bitterte Margaretha beschwerte sich selbst bei ihrem Oheim 
imd wandte sich um Verraittelung bittend an den Erz- 



**) Riedel, C. H, 92, 9.^, 126 fljr. »») Riedel, C. H, 92. 
*«) Riedel, C. I, 519. *») 1473 Juli 12. Riedel, B. V. 224. 



188 G. Sello: 

bischof von Magdeburg, doch vergebens. Wir besitzen aus 
dieser Zeit und in dieser Angelegenheit v^-l^S, August 9) 
einen Brief der vervvittweten Kurfürstin an ihren Schwager, 
welcher ein trauriges Bild von der trüben Stimmung, dem 
Herzenskummer und der Vereinsaiuung der hohen Frau 
gewährt. Sie klagt, dass sich die Angelegenheit ihrer 
Tochter so in die Länge ziehe, „das geht uns nahe zu 
Herzen, und wir bekümmern uns heftig darum, und da 
wir hier elend sind, und bei niemand, denn allein bei 
E. L. Zuflucht, Hilfe und Rath wissen zu suchen, bitten 
wir E. L. auf das beste, Ihr wollet unser Elend und Be- 
trübnis ansehen imd pAich unsere Tochter befohlen lassen 
sein, sie im Besten zu bedenken, dass sie versorgt werde. 
Das wollen wir um E. L. gegen Gott verbitten" ^^). 

Katharina starb am 23. August 1476, erst 55 Jahre 
alt; sie erlebte es also nicht mehr, ihr Schmerzenskind 
Margaretha mit Herzog Bogislav von Pommern vermählt 
zu sehen ^^); es blieb ihr aber auch der Schmerz erspart, 
den traurigen Verlauf dieser Ehe zu erleben, die schliesslich 
dahin führte, dass gegen Margaretha der schwerste Vor- 
wurf, der eine Frau treffen kann, nicht bloss erhoben, 
sondern auch durch beschworene Zeuo-nisse imterstützt 
wurde. Dass freilich diese Anklage in ihrer ganzen 
Schwere habe aufrecht erhalten werden können, ist billig 
zu bezweifeln, da Pommern schliesslich die von ihm ver- 
weigerte Rückgabe der Mitgift der kinderlos verstorbenen 
Margaretha im Jahre 1529 — so lange hatte der schmäh- 
liche Prozess gedauert — zu leisten genöthigt wurde *^'). 



Von ihrer Familie, sicherlich im Einklang mit ihren 
eigenen Neigungen, für das Kloster bestimmt, dann aus- 



*«) Riedel, B. V, 215, 218, 234. Suppleni. 96. B. V, 228, 
207, 231. C. Iir, 100. 

"} Die Werbung ist vom 28. Febr. 1477 datiert, Riedel, 
B. V, 2fi0; die Heirath erfolgte in demselben Jahre zu Prenzlau, 
Riedel, Supplem. 130, der undatierte Morgengabe-Brief steht ]. o. 120. 
Anlässlich der Verlobung wird erzählt, der Kurfürst habe dem Herzog 
die Hand gereicht mit den Worten: ,, Lieber Oheim, hiermit verlehne 
ich euch Land und Leute", Avorauf dieser mit den Werten: „nee, 
Markgrof, dat is so nich gemeent; dar schulden ehr dree söwen 
düwel dorch foahren" davongeritten und nur mit Mühe zur Umkehr 
bewogen worden sei. 

*•) V. Raum er II, 261, 307. Leu tinger, Topogr. prior, 
p. .39, posterior, p. 83. 



Katharina (Herzogin von Sachsen etc.) und ihr Haus. 189 

erseheri; den durch das Rechten um die Habe zweier 
Frauen ihres Hauses angefachten Hader zwischen den 
Häusern Brandenburg und Sachsen beizulegen_, ein Werk- 
zeug berechnender Hauspolitik, von ihrem Verlobten mit 
dem Sehwert in dtr Hand ihren trotzigen Brüdern ab- 
gerungen, wurde Katharina, statt Frieden zu stiften, nur 
die schuldlose Ursache neuer Verwickelungen. Früh 
des Stolzes der Mutter, ihrer Söhne, beraubt, in vielen 
Hoffnungen getäuscht, durch schweres Siechthum geprüft 
und vom fernen Sterbelager ihres Gatten zurückgeiialten, 
in drückender Abhängigkeit am Hofe des neuen Kurfürsten 
lebend mit dem schmerzlichen Bewustsein, durch ihre 
Tochter Veranlassung des Zwiespalts zwischen dem Kur- 
fürsten und seinem Lande geworden zu sein — dies Facit 
ihres Lebens lässt dasselbe als ein freudloses, in seinen 
höchsten Zielen verfehltes erscheinen und verleiht ihr in 
der Geschichte den Ans])ruch auf den Titel der „Dulderin". 



V. 



Die Berka von der Duba auf Mühlberg. 



Von 

Hermann Knothe. 



Die Geschichte der Berka von der Duba auf Mühl- 
berg ist allerdings bereits bearbeitet worden^); allein eine 
nochmalige Prüfung der betreffenden Urkunden, besonders 
der im königlich sächsischen Hauptstaatsarchiv befindlichen^ 
bot so manches neue Material und so manchen neuen 
Gesichtspunkt, dass eine abermalige und zwar wesentlich 
genealogische Behandlung dieses aus seiner böhmischen 
Heiniath nach dem Meissnischen verpflanzten Zweiges 
jenes altberlünnten czechischen Herrengeschlechts nicht 
überflüssig sein dürfte. 

Die Berka oder, wie sie seit Mitte des 15. Jahr- 
hunderts meist genannt werden, die Birken von der 

') Hasche, Magazin der sächsischen Geschichte IV und V 
(1787 — 1788): „Diplomatische Nachrichten von den Freyherren Birk 
von der Duha, so die Herrschaft INIühlberg besessen". Der Ver- 
fasser dieser für jene Zeit sehr gewissenhaften Aufzeichnungen, der 
sich (V, 146) mit den Buchstaben J. G. B. unterschreibt, war der 
Mühlberger Stadtschreiber Joh. Gottfr. Bottich. Er fügt seinen 
in einzelne Paragraplien abgetheilten „Nachrichten" einige und 
dreissig meist Mühlberger Archiven entnommene Urkunden voll- 
ständig bei. — Carl Rob. Bertram, Chronik der Stadt und des 
Klosters Mühlberg (Torgau 1865). Der Verfasser dieser sehr tüch- 
tigen Lokalgeschichte hat auch das Dresdner Hauptstaatsarchiv theil- 
weis bereits benutzt, behandelt aber der Anlage des ganzen Buchs 
zufolge die Burka, diese eine unter den verschiedenen Dynasten- 
familien, welche einst Mühlberg besessen haben, nur in gedräng- 
tester Kürze. Auch er druckt in einem besonderen Anhange 38 Ur- 
kunden, darunter mehrere über die Berka, ab. 



Die Berka von der Duba auf Mühlberg. 191 

Duba auf Holinstein hatten sich ebenso wie deren 
Vettern auf Wildenstein und Tollenstein im nördlichen 
Böhmen von jeher und namentlich wäln'end der lang- 
jährigen Hussitenkriege für die meissnischen Fürsten als 
Jiöchst unzuverlässige Grenznachbarn erwiesen'^). Die 
feste, ja fast uneinnehmbare Burg Hohnstein war, sobald 
sie sich einmal in den Händen offener Feinde befand, 
eine stete, drohende Gefahr für das markgräflich meiss- 
nische Pirna, ja selbst für Dresden, in noch höherem 
Grade aber für die nahgelegene bischöflich meissnische 
Residenz Stolpen. Endlich gelang es den gemeinsamen 
Bemüliungen des Kurfürsten Friedrich des Sanftmüthigen 
und des Bischofs Johann IV. von Meissen, den dama- 
ligen Besitzer von Hohnstein, Hinko III. Berka, dahin 
zu bestimmen, dass er diesen seinen angestammten Fa- 
milienbesitz an den Kurfürsten abtrat und dafür von 
diesem die Herrschaft Mühlberg an der Elbe übernahm. 
Am 26, Februar 1443 Avaren zu Torgau zwischen 
den kurfürstlichen Käthen, dem bischöflichen Offizial zu 
Stolpen, Dr. Johann Swofi'heim, und dem Berka'schen 
Hauptmann zu Hoimstein, Janko Knobloch, die Einzel- 
bestimmungen dieses Tausch Vertrages vereinbart wor- 
den. Den 8. März erklärte sich Hinko IH. mit all den- 
selben einverstanden, und am 14. März stellten beide 
Parteien, der Kurfürst Friedrich und dessen Bruder Herzog 
Wilhelm in Meissen, Hinko Berka in Hohnstein die be- 
trcflenden Abtretungsurkunden aus '^). Hinko erhielt ausser 
der Herrschaft Mühlberg noch 570 Schock Groschen baar, 
weil dieselbe „seinem Schlosse Hohnstein und dessen Zu- 
ofeliörungen nicht gleich kommen mochte". In einer be- 
sonderen Urkunde von demselben Tage ) sagten die fürst- 
lichen Brüder Hinko Berka auch aller Geldschulden los, 
erklärten „alle Brüche und Schelungen, die sich zwischen 
ihnen und Hinko und all' den Seinigen in Fehden oder 
sonst verlaufen, für gänzlich gesühnt und beigelegt", gaben 
ihm die betreß'enden Schuldverschreibungen zurück und 
enthoben seine Bürgen der für ihn eingegangenen Ver- 
pflichtungen. Sollte er sein neues Besitzthum Mühlberg 



*) Vergl. Knothe, Die Berka von der Duba auf Ilolnisteiu, 
WiUleiisteiii, Tolleiistoin und ihre 15e/iehuugeu zu den meissnischen 
Fürsten, in dieser Zeitschrift 11, lU.'J 11g. 

*) Ilauptst.-Arch. Orig. G745, 0748 (abgedruckt bei Bertram 
127), 6750. 

*) Orig. 9749. 



192 Hermann Knothe: 

im Laufe der Zeit etwa wieder verkaufen oder versetzen 
wollen, so stehe ihm dies frei; nur „Fürsten, Grafen, 
freie iind geborene Herren" sollten als Käufer ausgeschlos- 
sen sein; wenigstens wollten sich die fürstlichen Brüder 
ihre Entschliessung vorbehalten, ob sie solchen Käufern 
oder Pfandinhabern die Lehn darüber reichen würden. 

Bei diesem Gütertausche waren aber auch noch die 
eijjenthümlichen Rechtsverhältnisse zu berücksichtigen <i"e- 
weseu; in welchen nicht nur das böhmische Hohnstein^ 
sondern auch das meissnische Mühlberg zur Krone 
Böhmen standen. Zwar erklärte Hinko III. in seiner 
Abtretungsurkunde, dass die neuen Besitzer von Hohustein 
damit, als einem „freien, lauteren, ledigen, unbekümmerten 
Eigen, wie Eigens-Landrecht ist", schalten könnten; allein 
als 1353 Hinko I. Berka, sein Grossvater, diese Herrschaft 
von Kaiser Karl IV. erhielt, und als sie später (1361) 
durch Erbschaft an Hinko IL, des jetzigen Verkäufers 
Vater, überging, war von dem Kaiser ausdrücklich hervor- 
gehoben worden, dass dieselbe alle Zeit Lehn der Krone 
Böhmen bleiben solle ^), und auch später war, soviel uns 
wenigstens bekannt, diese Lehnsqualität niemals aufge- 
hoben, Holmstein niemals in freies (landtäfliches) Eigen 
verwandelt worden. Da nun zu befürchten stand, dass 
man in Böhmen diese wichtige Grenzfestung gegen Meissen 
nicht eben gern werde in die Hände der meissnischen 
Fürsten übergehen sehen, so erklärten letztere in ihrem 
Kaufbriefe: „Würde auch ein König, die Krone oder die 
Herren im Lande zu Böhmen das genannte Schloss Hohn- 
stein ganz oder theilweis ansprechen, so sollen wir Hinko 
Berka und seine Erben unbeteidingt lassen, noch ihm dies 
zum Argen wenden". Sie verlangten also nicht, dass er, 
wie sonst üblich, das abgetretene Besitzthum auch zu 
entvvähren habe. — Mühlberg dagegen war einst von 
demselben Kaiser Karl IV. seinen damaligen Besitzern 
abgekauft und 1370 der Krone Böhmen einverleibt, jedoch 
von seinen Nachfolgern wiederholt an die Markgrafen 
von Meissen verpfändet worden. Zuletzt hatte König 
Siegmund von Böhmen und Ungarn, der dem damaligen 
Markgrafen für allerhand ihm erwiesene Dienste 90000fi.rh. 
schuldete, unter dem 29. August 1422 ^) nebst anderen 
Schlössern im Voigtlande „auch das Schloss Mühlberg, 
das ihnen jetzund zu Pfände steht", auf's neue dergestalt 

*) Diese Zeitschrift II, 194. •) Orig. 5886. 



Die Berka von der Duba auf Mühlberg. I93 

eingeräumt^ dass sie und ihre Erben es pfandweise „inne- 
haben, nützen, geniessen und gebrauchen" sollten, bis er 
oder seine Erben Mühlberg und jene anderen Schlösser 
mit obiger Summe „wieder einlösen" würden. Darum 
schaltete jetzt Kurfürst Friedrich und sein Bruder Wil- 
helm in ihre Abtretungsurkunde die Klausel ein: „Wäre 
es auch, dass die Krone Böhmen oder ein zukünftiger 
König von Böhmen [seit dem Tode Kaiser Albrechts II. 
1439 bis zur Wahl seines Sohnes Ladislaus 1452 herrschte 
Interregnum in Böhmen, und Georg Podiebrad leitete die 
Regierungsgeschäfte nur als Verweser des Königreichs] 
Schloss und Städte Mülilberg, als die auf uns in Wieder- 
kaufs Weise gekommen sind, wiederum lösen und kaufen 
wollen, dann wollen wir dem Hinko Berka ein andres 
Schloss in unseren Fürstenthümern, das so gut ist wie 
INlühlberg, einantworten". Demnach „währten" die säch- 
sischen Fürsten ihrerseits dem Hinko Berka „diesen Kauf 
nach Kaufsrecht", während sie eine gleiche Gewähr für 
Holmstein von ihm nicht beanspruchten. Aus alledem 
geht deutlich hervor, welch' lebhaftes Interesse sie daran 
hatten, in den Besitz von Hohnstein zu gelangen. Und 
in der That wurden durch diesen Tauschvertrag von 1443 
die Grenzen des Meissner Landes auf die Dauer nach 
Süden hin erweitert. Georg Podiebrad, der Verweser 
von Böhmen, protestierte nicht gegen den Verkauf von 
Hohnstein, erkannte vielmehr später, als König des Landes, 
in dem Eger'schen Vertrage von 1459 dasselbe aus- 
drücklich als ein böhmisches Lehn in sächsischem Besitze 
an, und auch von dem Rechte, Mühlberg wieder einzu- 
lösen, haben die böhmischen Könige niemals Gebrauch 
gemacht. 

Aber noch ein anderes Hindernis war zu beseitigen 
gewesen, bevor der von dem Kurfürsten so sehr gewünschte 
Gütertausch vollzogen werden konnte. Eben auf der 
Herrschaft Mühlberg hatte Friedrich der Sanftmüthige 
seiner Gemahlin Margarethe von Osterreich, der Tochter 
Kaiser Friedrichs HL, „einiges Leibgedinge" verschrie- 
ben gehabt. Daher inusste jetzt Margarethe durch eine 
besondere Urkunde vom 14. März 1443 auf diese ihre 
Rechtsansprüche verzichten '). Endlich galt es, Hinko 
Berka durch hochangesehene Gewähr sbürgcn sicher 
zu stellen, dass alle die ihm zugesagten Kaufsbedingungen 



') H.-St,-A. Cop. 42 fol. 8.3. 

Neues Archiv f. S. 0. u. A. VI. 3. 4. 13 



194 Hermann Knothe: 

von den meissnischen Fürsten gewissenhaft würden inne- 
gehalten werden. Und so gelobten denn ebenfalls in 
einer besonderen Urkunde vom 14. März die Bischöfe 
Johann von Meissen und Johann von Merseburg, sowie 
der Dompropst von Naumburg und von Meissen, Jo- 
hann (aus) Magdeburg, ferner der Domherr Bernliard 
von Kochberg, der Ritter Eckarius Schotte und Friedrich 
von Maltitz dem Hinko Berka und seiner Frau Barbara, 
jeder mit drei Pferden und zwei Knechten entweder nach 
Dresden oder nach Luckau „einzureiten", falls die fürst- 
lichen Verkäufer von Mühlbero- nicht bis zum nächsten 
Johannistage die Herrschaft von allen etwa darauf haf- 
tenden Verbindlichkeiten gegen Dritte befreit und dem 
neuen Besitzer den vollen Ertrag derselben (170 Schock 
Gr.) gesichert haben sollten *). 

Nachdem alle diese mit grosser Umsicht entworfenen 
Einzelbestiramungen von beiden Seiten genehmigt und 
die Abtretungsurkunden ausgetauscht worden waren, sag- 
ten den 15. April 1443 die Brüder Friedrich und Wil- 
helm von Sachsen „Propst^ Mannen, Bürgermeister und 
ganze Gemeinde der Pflege und Stadt Mühlberg" von 
dem ihnen gethanen Eide und Gelübde los und wiesen 
sie damit an den edlen Herrn Hinko Berka von der Duba. 
Am 25. April aber reichten sie ihm und seinen rechten 
Leibeslehnserben die Herrschaft Mühlberg „zu rechtem 
Lehno;ut". Man war am kursächsischen Hofe mit dem 
nun erledigten Geschäft sichtlich zufrieden. Den 9. April 
1444 wurde dem neuen Vasallen und seiner Gemahlin 
Barbara „durch sonderliche Gunst und Gnade" ^) auch 
noch ein Fuder guten Weines aus den landesherrlichen 
Kellern zu Meissen auf Lebenszeit verschrieben. 

Dieser Barbara, schon 1434^^) als Frau Hinko's IIL 
auf Hohnstein erwähnt, war, wie üblich, ihr Leibgedinge 
auf der Herrschaft Hohnstein zugesichert gewesen. Des- 
halb enthält auch Hinko's Kaufbrief die ausdrückliche 
Erklärung, dass der Verkauf mit Barbara's gutem Wissen 
und Vollwort geschehen sei und dass sie auf jede Ver- 
schreibung wegen Leibgedinges oder sonst, die sie auf 
Hohnstein oder dessen Zubehör besessen, verzichte; des- 
halb hatte sie auch ihr Siegel an den Brief hängen 
lassen. Dasselbe zeigt keinen Schild, sondern nur zwei 



•) H.-St.-A. Cop. 42, fol. 87 b. ») Orig. C761, 67(52, 6808. 

■0) Cod. dipl. Sax. reg. II, 3, 50 flg. 



Die Berka von der Duba auf Mühlberg. 195 

seukreclite und drei horizontale, die ganze Rundung aus- 
füllende starke Striche, zu schmal, um als Pfähle und 
Balken bezeichnet werden zu können, und in dem mittel- 
sten so gebildeten Quadrate einen kleinen Ring, viel- 
leicht auch eine Rose. Die Umschrift lesen wir: Bar- 
bara Wvlltic. 

So war denn seit 1443 Hinko III. Lehnsinhaber der 
Herrschaft Mühlberg, in welcher einst (1388) sein Vater 
Hinko II. „vollmäclitiger Statthalter" für König Wenzel 
von Böhmen gewesen war^'). Noch aber waren ihm 
auch Erbgüter in Böhmen verblieben, nämlich der dritte 
Tlieil an der Herrschaft ToUenstein-Schluckeaau 
und die Stadt Bensen. Ersteren Besitz muss er alsbald 
(zwischen 1448 — 1451) ebenfalls an Kurfürst Friedrich 
von Sachsen abgetreten haben; denn dieser vertauschte 
ihn 1451 seinerseits wieder gegen die Herrschaft Wilden- 
stein, welche bis dahin Albrecht Berka, dem Cousin von 
Hinko III., gehört hatte ^^). Die Herrschaft Scharfen- 
stein mit der Stadt Bensen hatte Hinko II. auf Hohnstein 
1409 von Johann von Michelsberg erworben", bei der 
brüderlichen Erbtheilung von 1410 war dieselbe auf 
Hinko HL, den ältesten Sohn, übergegangen, der sie auch 
1435 '■') noch besessen zu haben scheint, bald darauf aber 
diesem durch Henico von Skal entrissen worden. Da 
klagte endlich „Hinko von Duba und Bensen" gegen 
letzteren. Dieser aber behauptete „Hynek genannt von 
Scharfenstein" (d. h. Hinko III. auf Hohnstein) habe ihm 
Burg und Stadt Schulden halber verpfändet und abge- 
treten. Die Landesbarone entschieden den 11. Oktober 
1437, dass Hinko von der Duba jenes Mitgiftsgut seiner 
Mutter Juditli nicht habe verpfänden können, und dass 
daher Heniko von Skal wenigstens die Stadt Bensen mit 
Zubehör an Hinko von der Duba herauszugeben liabe^'*). 
Wann und wie auch Bensen darauf in den Besitz der 
Wartenberge auf Tetscheu übergegangen ist, vermögen 
wir zur Zeit nicht anzugeben. 

Aber auch in der Herrschaft Hohnstein hatte zwar 
nicht Hinko 111. selbst, aber docii sein Cousin Albrecht 
Berka auf Wildenstein noch ein Besitzthum. Hinko HI. 
hatte nändich einst seiner Schwester Anna, der jetzigen 
Witwe von Nikolaus Kolowrat, das Dorf Saupsdorf 



") Orig. 40.35. '=>) Diese Zeitschr. II, 21.3 flg. 

'*) Ebendas. 204. '*) Em 1er, Reliq. tab. regni Bob. 1, 106. 

13* 



196 Hermann Knothe: 

überlassen und diese es später wieder an den oben- 
erwähnten Albrecht Berka und seinen damals noch leben- 
den Bruder Hinko wiederkäuflich abgetreten. Der Kur- 
fürst aber wünschte jetzt, in seiner neuerworbenen Herr- 
schaft alleiniger Herr zu sein. Da erklärte denn am 
24. Dezember 1447 Hinko HL durch eine besondere 
Urkunde, dass dem Kurfürsten das Recht, Saupsdorf 
wieder einzulösen, unzweifelhaft zustehe, und sein eben 
zu Mühlberg sich aufhaltender Neffe („itzund zu Molberg") 
Jhan Kolowrat sprach ebenfalls durch eine Urkunde von 
demselben Tage sein Einverständnis hiermit aus^*). 

Die Herrschaft Mühlberg, die neue Heimath 
der frühereu Birken auf Hohnstein, bildete den nörd- 
lichsten Grenzbezirk des Markgrafthums Meissen gegen 
das einstige Herzogthum Sachsen-Wittenberg. Sie hatte 
mindestens seit Anfang des 13. Jahrhunderts den mäch- 
tigen Herren von Ileburg (Eilenburg) "^), darauf seit 
Mitte des 14. Jahrhunderts den Edlen von Querfurth, 
als markgräfliches Lehn, gehört. Von diesen hatte, wie 
bereits erwähnt, Kaiser Karl IV. sie erkauft und 1370 
der Krone Böhmen einverleibt^'). Seitdem wurde sie 
durch böhmische Hauptleute verwaltet, welche auch das 
Recht besassen, die dasigen Vasallen in des Königs von 
Böhmen Namen zu belehnen. Allein von 1393 an setzten 
die Söhne Karls IV. sie zu wiederholten Malen den Mark- 
grafen von Meissen für grössere oder kleinere 'Summen, 
die sie denselben schuldeten, zum Pfände ein. Seit 
1422 (S. 171) durften die Meissner Fürsten die Herrschaft 
Mühlberg als ihr volles Eigenthum betrachten, wenn sich 
auch König Siegmund von Böhmen das Einlösungsrecht 
vorbehalten hatte. 

Der Ertrag der Herrschaft hatte sich für die Besitzer 
derselben im Laufe der Zeit sehr verringert, besonders 
dadurch, dass 1228^^) die damaligen Inhaber, Otto und 



") Orig. 7014, 7015. Dieser „John Colobrat" kommt bereits 
den 25. Mai 1444, sowie noch den 11. November 1447 als Zeuge bei 
seinem Onkel Hinko vor. Bertram 129. Schöttgen, Diplom. 
Nachlese V, 168. 

'") Vergl. Bertram 6 flg. v. Mülvers tedt, Diplomatarium 
Heburgense (1877) 14 flg. 

") Hoffma'nn, Script, rer. Lus. IV, 20.3 flg. 

'*) Vergl. Kreyssig, Beiträge zur Historie der sächsischen 
Lande I (1754), 107 flg.: „Dijilomatische Annales des Jnngfern- 
Closters zu Mühlberg zum Güldenen Stern, Cistertienser Ordens". 
Bertram 15 flg. 



Die Berka von der Dul)a auf Mülilberg. 197 

Botho von Ileburg-, ein Cisterzienserinnen-Kloster, 
Marienstern (erst nach der Reformation: Güldenstern 
genannt), gestiftet und diesem nicht nur die Pfarrei der 
Stadt Mühlberg nebst all' ihren Einkünften und liegenden 
Gründen, sondern auch die Stadtkirche selbst geschenkt 
hatten. Sowohl die Stifter und ihre Nachkommen, als 
auch deren zahlreiche Seitenverwandten hatten dieser «xe- 
meinsamen Familienstiftung nach und nach zahlreiche Dorf- 
schaften, einzelne Acker und AViesen, Renten etc. zugewen- 
det; welche bei dem kirchlichen Sinne der damaligen Zeit 
von den Landesherren meist auch dem Kloster ..geeignet", 
also aus jedem Lehnsverbande gelost worden Avaren. Nur 
das Schutzrecht über das Kloster war den Besitzern der 
Herrschaft Mühlberg verblieben. Mitte des 15. Jahr- 
hunderts gab es im ganzen Gebiete kaum ein einziges 
Dorf, in welchem den Nonnen nicht wenigstens einige 
Bauern, Zinsen, Wiesen gehört hätten. Daraus ergaben 
sich natürlich unaufhörliche Händel, Kompetenz- und 
Grenzstreitigkeiten theils mit den Herrschaftsbesitzern 
selbst, theils mit deren Vasallen oder sonstigen Unter- 
thanen. 

Als Hinko IH. Berka 1443 mit Mühlberg belehnt 
ward, wurden ihm nachstehende Güter überwiesen: 
das geräumige, feste, mit doppeltem Walle, Gräben und 
starken Mauern umgebene Schloss, desgleichen „die Städte 
Mühlberg", d. h. die Altstadt und die erst in der zweiten 
Hälfte des 13. Jahrhunderts entstandene Neustadt, deren 
jede noch im 16. Jahrhundert ihren eigenen Bürgermeister 
und Ratli besass, ferner „die Zölle auf dem Lande und 
dem AV asser" (der Elbe), die Ober- und Niedergerichts- 
barkeit über Stadt und Herrschaft, selbst auf den Gütern 
des Klosters, endlich folgende unmittelbar unter dem 
Herrschaftsbesitzer stehenden Dörfer'^), beziehentlich 
Dorfantheile mit all' ihren Zinsen, Diensten, Frohnen und 
zwar a) auf dem rechten Eibufer: Stehla (Steel, Stele, 
Stehel), Altbelgern (alden Beigern), Martinskirche (Mercz- 
kirchen), Cossdorf (Castorff, Knstorff), Lehndorf (Leyen- 
dorff), Langenrieth ( Langenryt, Langerit), Möglenz (Mo- 
gelencz, Magelentz), Köttlitz (Cottelicz), Burxdorf (Bor- 
kersdorff, Borgstorff), Cossilenzien (Kosselwicz, Kaselioitz), 



'•) Wir verzeichnen dieselben in anderer Reihenfolge als im 
Lehnbriefe und fügen den jetzigen Ortsnamen in Parenthese die 
älteren, in den Urkunden vorkommenden Namensforraen bei. 



198 Hermann Knothe: 

Oschätzchen ( Oschatzchin, seh sitzigen) ^ Kröbeln (Kro- 
helin, Krobeln), Boragk, Fichtenberg, Zschepa (Cscheep, 
Sczepp, Czepp) und Wissagk (?). Demnach erstreckte sich 
die Herrschaft Mühlberg auf dem rechten Eibufer süd- 
wärts bis unmittelbar gegenüber den auf dem anderen Ufer 
gelegenen Städten Beigern und Strehla. Dazu kam noch 
im äussersten Osten (zwischen Liebenwerde und Saat- 
hain) „das Wal [d. h. die Burgstätte] Würdenhain, das 
zu ewigen Zeiten nicht bebaut noch bezinnuert werden 
soll" '^^), nebst den zu dieser ehemaligen Burg gehörigen 



*") Die Burg Würden ha in bildete mit den vier hier aufge- 
führten Dörfern und drei Waldungen im 13. Jahrhundert eine selb- 
ständige Herrschaft (dominium), war aber von Kaiser Karl IV., 
ebenso wie die Herrschaft Mühlberg, angekauft, mit letzterer ver- 
einigt und somit 1370 ebenfalls der Krone Böhmen inkorporiert 
worden (Hoffmann, Script, rer. Lus. IV, 203 flg.). Mit Mühlberg 
zugleich war sie später wieder an die meissnischen Fürsten ge- 
kommen und von diesen nun als Lehn an Vasallen überlassen 
worden. Eine Notiz bei Hasche VI, 88 besagt, das Schloss Würden- 
hain sei 1420 zerstört worden, „weil sich der Besitzer gegen eine 
Hofdame der zu Liebenwerde residierenden lüufürstin ungebührlich 
erzeiget". Wenn auch das Jahr entschieden unrichtig ist, denn 
damals waren die Markgrafen von Meissen noch nicht „Kurfürsten", 
so kann die Thatsache selbst, nur in spätere Zeit und unter die 
Regierung Friedrichs des Sanftmüthigen fallend, sehr gut auf Wahr- 
heit beruhen. In diesem Falle wird der damalige Besitzer von Wür- 
denhain, der am Hoflager des Lehnsherrn gefrevelt, Hans Mar- 
schall gewesen sein. Der Kurfürst hatte den Frevler gefangen 
gesetzt, dessen Lehngut eingezogen, das Schloss selbst zerstört und 
befohlen, dass es nie wieder aufgebaut werden solle. Die Brüder 
des Gefangenen hatten darauf dem Kurfürsten Fehde angekündigt 
und dieser dafür ihnen auch ihre in Thüringen gelegeneu Lehngüter 
entzogen. Als aber Hinko Berka jetzt wie mit Mühlberg so auch 
mit Würdenhain förmlich belehnt worden war, hielten es die Ge- 
brüder Marschall doch für zweckmässiger, mit dem Kurfürsten end- 
lich ihren Frieden zu machen. Dies alles glauben wir einer Urkunde 
vom 5. August 1443 (Orig. 6776) entnehmen zu dürfen, durch welche 
die Brüder Gerhard, Hans, Jürge und Ludolf „Marschalke" erklären, 
dass, nachdem die Brüder P'riedrich und Wilhelm von Sachsen Hans 
Marschall „in Gefängniss" und die übrigen Brüder „in Schulden 
und Forderungen eine Zeit bisher gehabt, sich auch ihrer Guter und 
väterlichen Erbes unterwunden", sie, die Brüder, jetzt mit deu 
Fürsten durch Freunde gütlich gerichtet und gesühnet worden seien. 
Demzufolge war Hans nun aus dem Gefängnis entlassen worden und 
gelobte, die sämmtlichen Länder der sächsischen Fürsten zu ver- 
lassen und mindestens auf Jahr und Tag „in's Ausland zu reiten". 
Würdenhain aber mit Zubehör, welches die Fürsten „in Zeit der 
Fehde" an sich genommen, sollten dieselben geruhiglich behalten, 
indem die Brüder Marschall sämtlich auf ihr Recht daran hiermit 
verzichteten. Dafür seien ihnen von den Fürsten alle ihre väter- 
lichen Güter in Thüringen wieder eingeantwortet worden. Zum 



Die Berka von der Duba auf Mtihlberg. 199 

Dörfern Würdenliain (Werdenhayn, Wirdenliayn)^ Heide 
(die Heyde), Prieschkc (Brissigk, Prisshaio), Reiclienliain 
(Richnmo), sowie den ebenfalls zugehörigen Waldungen 
Zigrara (Czigram), Gliben (Khjwen) und „dem Eichwald 
der Opach". — b) Auf dem linken Eibufer befanden 
sich in unmittelbarem Besitz der Herrschaft Mühlberg 
nur die Dörfer Staritz, Lücke (die Lücke, jetzt wüste 
Mark bei Plotha) und Aussig (Vssigk). 

An ritterliche Mannen waren 1443 ganz oder 
zum Theil zu Lehn ausgethan a) auf dem rechten Eib- 
ufer die Dörfer: Altbelgern (Lehnsinhaber Heinrich Breße- 
wicz und Gebhard Filcz, Fielitz), Martinskirche (Peter 
Hewne, Albrecht und Hans Mönch, Hans Trütschler, 
Nickel Runge, Hans Breßewicz), Schweditz (Swelieticz, 
Sweticz, Besitzer: Günther Kula), die Vorwerke Bor- 
schitz (Borsewicz, Wendisch-Borschitz), Fichtenberg (Otto 
Taupadel), Kreinitz (Kiinicz, Besitzer später Friedrich 
von Schleinitz), — b) auf dem linken Eibufer: Pusch- 
wdtz (Boscherwicz, Besitzer: Nickel von Köckeritz), Sta- 
ritz (Conrad von Köckeritz und Caspar von Seydewitz), 
Plotha (rioet, Hote, Besitzer Kune von Seydewitz), Ca- 
vcrtitz (Kamcerticz, Besitzerin die Witwe des Christoph 
von Turgaw und Drewus Franczsch), Oelzschau (Vlczsch, 
Olsch, Alsch, Besitzer Friedrich von Weßenig), Klingen- 
hain (Heinze Poyden), Batitz (Boticz, Boyticz, Besitzer 
Heinrich von Köckeritz). — Ausserdem hatten die beiden 
Höfe Drosch kau (Treßkow) und Packisch (Pockelrisch) 
„Schulterzins", d. h. Fleischzins, zu entrichten. 

Es war also ein stattliches Besitzthum mit festem 
Schloss, zwei Städten, einer Menge von Dörfern, Wal- 



Schluss geloben alle vier Brüder denselben rechte Urfehde. — 
Hans Marschall selbst ward später wieder zu Gnaden aufgenom- 
men. Der Kurfürst hatte ihn sogar zum „Landvogt zu Sachsen" 
(d. h. im Kurkreise) gemacht und gab ihm „für die Schäden, die er 
an Werdenhain, das er von dem Kurfürsten zu Lehn gehabt und 
sein Erbe gewest ist", gehabt, das Schloss Brücke im Lande zu 
Sachsen auf vier Jahre ein, wofür Hans „Marschalg" den 23. Fe- 
bruar 145ä (Orig. 7418) nochmals auf alle Ansprüche wegen Würden- 
hain verzichtete. — Die älteste Landesvermessungskarte von Sach- 
sen, welche Mathias Oeder in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts 
aufgenommen hat (im Hauptstaatsarchive), bezeichnet den Platz der 
ehemaligen Burg Würdenhain zwischen Cossilenzien und dem Röder- 
fluss und setzt hinzu: „Alhie ein Haus gestanden, heist der Bnrgk- 
waldt". Schon damals also verstand man den Ausdruck „das Wal" 
(nicht: der Wall) d. h. die [Burg-] Stätte, nicht mehr, sondern er- 
klärte sich denselbeu durch [Burg-]„Wald". 



200 Hermann Knothe: 

dungeii; fruchtbaren Werdern, einer zahlreichen „ehrbaren 
Mannschaft" und 170 Schock Groschen jährlichen Ein- 
künften, welches Hinko III. Birke von der Duba jetzt 
im Meissner Lande sein Eigenthum nennen durfte. Als 
bisher zum böhmischen Herrenstande gehörig, wurde ihm 
auch von den neuen Landesherren das Prädikat „Er", 
alsbald sogar das noch höhere „Herr" zu Theil, und 
während er anfangs in den von ihm selbst ausgestellten 
Urkunden nur die erste Person des Singular („Ich 
Hinko etc.") gebraucht hatte, bediente er sich alsbald (1447) 
regelmässig des pluralis majestaticus („Wir Hinko etc."). 
Obgleich ständig in jNlühlberg wohnend, hielten sich die 
Birken stets einen „Vogt" zur Erledigung von mancherlei 
Geschäften, der aus der Zahl ihrer Vasallen genommen 
war*'). 

Wie sich gebührte, ward nun in dem neuen Besitz- 
thum auch der Gemahlin des Besitzers ein entsprechendes 
Leibgut gesichert. Und so reichte den 28. Februar 1444^^) 
Kurfürst Friedrich „der edlen Frau Barbara" die Dörfer 
Cosdorf, Zschepa, Fichtenberg, Boragk, sowie 11 Schock 
Groschen von dem Geschoss in den beiden Städten Mühl- 
berg, 1 Schock von der Fähre, eine Wiese bei Borschitz 
und den Wakl Zigram zu Leibgedinge. 

Die erste öffentliche Handlung, die wir von dem 
neuen Herrschaftsbesitzer kennen, ist eine kirchliche 
Stiftung. Er schenkte nämlich am 25. Mai 1444 ^^) dem 
Pfarrer zuWürdenhain und dessen Amtsnachfolgern 
eine Wiese nebst einem „Horst", wofür diese jeden Sonn- 
tag in der Kirche „vom Predigtstuhl aus" der Seelen 
sowohl des Schenkgebers als dessen Frau gedenken sollten. 
Sonst sind es nur einige lehnsherrliche Akte, welche wir 
von ihm erfahren. So gab er den 8. Januar 1447 Gunst, 
dass das Kloster zu Mühlberg von einem gewissen Kunze 
Voit gegen Überlassung des Vorwerks „Koten" „die halbe 
Fähre über die Elbe" ertausche, wofür dasselbe aber 
jährlich 1 Schock guter Groschen an die Herrschaft und 
ebenso 1 Schock an den Kalandaltar in der Pfarrkirche 
der Stadt entrichten solle ^*). So belehnte er 1447 Jakob 
Miezsch, Bürger zu Beigern, mit einem Werder und 

") Ihre Reihenfolge bei Hasche V, 138. Bertram 14. 
") Cop. 42, fol. 2.31b. 

") Schöttgen, Diplomatische Nachlese V. 168. 
**) Chartularium monasterii in Mühlberg. Handschrift des 
Hauptst.-Arch. Loc. 8957 (nicht paginiert). 



Die Berka von der Duba auf Mühlberg. 201 

etlichen Wiesen bei Köttlitz, welche dieser von Georg 
Radestock erkauft hatte; so genehmigte er 1451, dass sein 
Vasall Hans Mönch zu Martinskirche gewisse Güter zu 
einem Salve regina in der Pfarrkirche zu Neustadt Mühl- 
berg dem Kloster überweise '^); so reichte er 1452 Hansen 
von Bibra verschiedene Güter (Schweditz etc.) zu Lehn*®). 
Wir wissen nicht, weshalb die Brüder Nickel, Gabriel 
und Hans Steinbach und „Junge von Schönfeld zu Gleßyn(?)" 
in des Kurfürsten Lande und auf dessen Leute eing-e- 
fallen waren und auch „gegen den edlen Ern Hincke 
Bircke verhandelt" hatten. Letzterer hatte darauf die 
Strassenplacker „zu Gefängnis gebracht" und Hess sie bei 
ihrer endlichen Freilassung (17. April 1449) Urfehde 
schwören*^). 

Sonst erfahren wir noch, dass er am 24. und am 
29. April 1447 einer Einigung mehrerer Bischöfe, Grafen, 
Ritter und Städte zu Naumburg beitrat, welche zwischen 
Kurfürst Friedrich und seinem Bruder Wilhelm von 
Sachsen vermitteln und die zwischen ihnen ausgebrochene 
Fehde beilegen wollte*^), und dass ihm 1451 Johann 
von Bergow und Trosk sein Erbe zu Chlumec in Böh- 
men verpfändete*''). 

Hinko in. Birke von der Duba muss zwischen 1452 
und 1454 gestorben sein'"), nachdem er seit 1410 Herr 
auf Hohnstein, seit 1443 Herr auf Mühlberg gewesen war. 
Noch am 12. April 1452 hatte er nebst „seinen Söhnen 
Hans, Henigke und Albrecht" dem Kloster zu Mühl- 
berg 1 Schock jährlichen Zinses auf der Fähre daselbst 
um 10 Schock wiederkäuflich überlassen^'). Am 6. März 
1454 aber Hess „der edle Hans Birke, Herr zu Mühl- 
berg" seiner Gemahlin Margarethe gewisse Güter „seines 
väterlichen Erbes, die ihm zu seinem Tlieil zugefallen", 
durch Kurfürst Friedrich zu Leibgedinge reichen '''). 
Allein dieser Hans L muss bereits vor 1457 gestorben 
sein, denn am 3. Februar 1457 ^^) verkauften „die ehe- 
lichen Brüder" He nicke (Hinko IV.) und Albrecht 



") Hasche IV, 404, 407. Bertram 129. ") Orig. 7240a. 

*') Orig. 7081. ='») Staatsarchiv Magdeburg, Erfurt A. 87 u. 90. 

»») Diese Zeitschr. II, 209. 

*") Bertram 12 setzt seinen Tod erst vor 1462, Hasche IV, 
413 gar erst vor 1478; beide kannten die sofort zu erwähnenden 
Urkunden von 1454 und 1457 noch niclit. 

*') Chartulariuiumonasterii in Mtililberg. **) Cop. 44, fol. 217. 

") Notarielle Abschrift von 1492. Orig. 7518. 



202 Hermann Knothe: 

Birken von der Duba, Herren zu Mülilberg, dem Kloster 
1^/2 Schock und 3 ''2 Grosclien Jahreszins auf dem Dorfe 
Aussisj um 30 Schock Groschen, jedocli auf Wiederkauf. 
Ein diesen Brüdern ausgestellter Leimbrief ist nicht be- 
kannt. Ihres verstorbenen Bruders Hans o^leichnamio-er 
Sohn Hans H. war damals jedenfalls noch nicht mündig. 
Erst am 23. März 1463 '*) reichte Kurfürst Friedrich der 
Sanftmüthige auf Ansuchen seiner „lieben Getreuen, Ern 
Hincke und Ern Albrecht Birke von Duba, Gebrüder", 
nicht nur „dem edlen Ern Hansen Birke, ihrem Vetter, 
Ern Hansen, ihres Bruders seligen Sohn, den dritten 
Theil der Herrschaft Mühlberg, so der genannte sein 
Vater auf ihn gebracht", sondern auch ihnen selbst (aufs 
neue?) ihre Antheile und zwar allen dreien als Ge- 
samtlehn. 

So war denn seit 1454 Schloss und Herrschaft Mühl- 
berg in drei Antheile getheilt. Allein alsbald starb auch 
Hinko IV. und zwar wohl unverheirathet; wenigstens wer- 
den von ihm weder Kinder noch Witwe erwähnt. Sein 
Drittheil fiel an seinen nächsten Blutsverwandten, seinen 
Bruder Albrecht. Und so belehnten den 28. Januar 1465'*) 
die Brüder Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht von Sach- 
sen „den edlen Ern Albrecht und Ern Hansen Bir- 
ken von der Duba, Gevettern" aufs neue und zwar mit 
der Bestimmung, dass, falls Albreclit ohne rechte Leibes- 
lehnserben sterben sollte, seine „zwei Theile" an Hans fallen 
sollten, doch unbeschadet des Leibgedinges von Anna, 
Albrechts Gemahlin. In der That war vmd blieb auch 
Albrecht kinderlos. Am 17. Juli 1478 *'') wurden ge- 
wisse Streitigkeiten zwischen den beiden Vettern Birke 
einerseits und dem Propste zu Mühlberg andrerseits durch 
die Herzöge Ernst und Albrecht von Sachsen und den 
Bischof Johann von Meissen entschieden, und am 2. August 
desselben Jahres*') gab Albrecht Birke seine Genehmig- 
ung, dass sein Vetter Hans dem Priester Michael Nolder, 
Altaristen am St. Wolfgangsaltar zu Leisnig, und dessen 
Amtsnachfolgern 20 fl. Zins auf dem Dorfe Köttlitz (das 
also zu Hansens Antheil gehörte) verkaufen könne. 



") Orig. 7772. Bertram 12 hält diesen Haus I. für einen 
noch in der Gegend von Hohnstein ansässigen Bruder von Hinko IH. 
") Orig. 7848. 

") Orig. 8346. Hasche IV, 409. Bertram 130. 
") Orig. 8349 b. 



Die Berka von der Diiba auf Mühlberg. 203 

Bald darauf (also wohl 1479) muss Albrecht Birke 
gestorben sein ^*). Er hinterliess eine Witwe, Anna 
geborne von Ileburg^*^), M'-elche, wie aus der obigen Bc- 
lelmungsurkunde von 1465 erhellt, schon damals mit Leib- 
gedinge versehen war, welches aber den 16. Dezember 
1467 ^'*) erneuert und bis auf „die Hälfte aller und jeg- 
licher Güter" ihres Mannes in der Herrschaft Mühlberg 
vermehrt wurde. Sie wohnte in ihrem Antheile des 
Schlosses, bis sie sich (vor 1484) mit Christoph (von) 
Pfaffenberg*') auf's neue verheirathete, und besass 
unter anderem ein Drittheil aus dem Ertrage der Fischerei 
im Kuna'er See und einen xlntheil am „Achtwerder", den 
sie 1507 gemeinschaftlich mit ihrem zweiten Manne um 
700 fl. rli. der Gemeinde Aussig verkaufte *'■'). Trotz 
ihrer zweiten Ehe verblieb ihr all' ilir Leibgut und heisst 
sie noch immer „Frau zu Mühlberg". Erst nach ihrem 
Tode ward ihr bisheriges Leibgedinge durch Herzog 
Georg von Sachsen den 12. Februar 1512 *^) der Gemahlin 
Hans IL, des nunmehr alleinigen Besitzers der ganzen 
Herrschaft Mühlberg; ebenfalls als Leibgut gereicht. 
Verstorben war sie vor 1510**), in welchem Jahre auch 



*') Die Angabe bei Hasche IV, 582, dass derselbe schon 1440 
bei der Eroberung der Burg Rathen an der Elbe betheiligt gewesen 
sei, beruht anf einer Verwechselung desselben mit einem anderen 
Albrecht Birke, Herrn anf Wildenstein, Cousin des Albrecht auf 
Mühlberg. Vergl. diese Zeitschr. II, 205 flg. 

^«) Nach M ü 1 V e r s t e d t, Diplomat. Ileburgense I Stammtafel III, 
war sie die Tochter des Botho von Ileburg auf Sonnenwalde, der 
1480 — 1481 starb. Nach Hasche IV, 582 dagegen stammte sie aus 
dem Hause Liebenwerde. Aus der Urkunde bei Mülverstedt a. a. 0. 
457 geht nicht deutlich hervor, wer ihr Vater gewesen sei. 

*») Dazu gehörte „auf dem Schlosse das Haus mit den Ziegeln 
ausgeschlagen auf der linken Hand, als man zu dem Schlosse hinein- 
geht, mit der steinernen Kemnate, dem Keller darunter und dem 
Gebäude darunter, und die Gebrauchung des Thurmes und der 
Kapelle, auch die Hälfte an dem Borne auf dem Schlosse", ferner 
die Hälfte von zwei Vorwerken, „die alte Stadt Mühlberg mit ihren 
Zugehörungen und Gerichte", die vier gar.zen Dörfer Zschepa, 
Lehndorf, Boragk, Oschätzchen mit Zinsen, Gerichten etc. und fol- 
gende „ehrbare Mannschaft", Hans Moncli zu Martinskirche, Fried- 
rich von Wessenig zu ültzschau, Georg von Seydewitz zu Plotha. 
Cop. 59, fol. 512 b. 

*') Nach V. Mülverstedt a. a. 0. Stammtafel HI war der- 
selbe auf Aussig gesessen. Wir haben vergeblich nach irgend 
welcher Nachricht über ihn geforscht. 

**) Orig. 8541 (abgedruckt bei Bertram 133). Hasche IV, 
427, 518. Bertram 137. 

") Orig. 9929. ") v. Mülverstedt a. u. 0.457. 



204 Hermann Knothe: 

für sie („Anna Berkhin, die eine Frau zu Mülilberg ge- 
wesen ist") Meraorien gestiftet wurden. 

Durch den kinderlosen Tod seiner beiden Onkel war 
also Hans IL Birke alleiniger Inhaber von Mühl- 
berg geworden. Als solcher wurde er zuerst am 11. Ja- 
nuar 1480 durch Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht, 
darauf nach erfolgter Theilung der sächsischen Länder 
am 27. Juli 1486 bloss durch letzteren, und nach dessen 
Tode am 15. Juni 1501 durch dessen Sohn und Nach- 
folger, Herzog Georg, auf's neue belehnt*^). Was uns 
von seinem immerhin noch dreissigj ährigen alleinigen 
Walten in der Herrschaft Mühlberg bekannt worden ist, 
berichten wir nicht in streno- chronolo<»;ischer Aufeinander- 
folge, fassen es vielmehr unter gewisse gemeinsame Ge- 
sichtspunkte zusammen. 

Vielleicht geschah es, um die mancherlei mit der 
feierlichen Bestattung seines Onkels und mit seiner eignen 
Neubelehnung verbundenen Kosten zu begleichen, dass 
er (den 7. Februar 1480) ein Kapital von 600 fl. rhein. 
von Hieronymus AmstorfF ,.jetzt zu Torgau'' aufnahm und 
ihm dafür 36 fl. rh. Jahreszins auf der Stadt Mühlberg 
und anderen seiner Lehngüter verschrieb^®). Sonst 
erfahren wir nichts von Geldverlegenheiten. Wohl nur 
auf besonderen Wunsch der Dorfgemeinde zu Aussig ge- 
schah es, dass er zuerst (14. Februar 1491) 10 fl. rh. 
Zins auf zwei „Kabeln" (ein Wiesenmass) in dem unAveit 
des Dorfes gelegenen „Achtwerder" um 115 fl., desgleichen 
1 Schock 33 Gr. Zins im Dorfe Aussig selbst um 30 fl. 
dem Kloster wiederkäuflich überliess und später (am 
23. Juni desselben Jahres) 4';4 solche Kabeln für eine 
gewisse Baarsumme und einen Jahreszins von 1 Schock 
20 Gr. von jeder Kabel der dasigen Gemeinde selbst 
„eingab", sowie endlich den 15. Mai 1508 auch den 
übrigen, ihm noch zuständigen Antheil an dem Acht- 
werder bis auf einen Jahreszins von 10 Schock 20 Gr. 
derselben überliess*'). 

Von Lehnbriefen, die Hans IL seinen zahlreichen 
ritterlichen Vasallen bei Besitzwechsel dei- betrefl'endcn 
Güter als Lehnsherr ausgestellt, hat sich, wie es scheint, 
keiner erhalten. Von Gunstbriefen erfahren wir nur, 
dass er 1493 seinem Lehnsmanne Seifried Bruckschlegel 



ö 



") Bertram 131. Orig. 8623. 9416. *«) Orig. 8395, 

*') Orig. 8875. Ha seh e IV,515. Bertram 136. HaschelV,519. 



Die Berka von der Duba auf Mühlberg. 205 

gestattete, das Vorwerk Klingenhain an die Gemeinde 
Paussnitz zu verkaufen, dass er 1496 dem Jakob Miezscli 
zu Beigern erlaubte, einen Werder und gewisse Wiesen 
bei Köttlitz an mehrere Bürger von Mülilberg zu ver- 
äussern ^^), und dass er 1518 den Brüdern Mönch auf 
Martinskirchen veigönnte, 6 fl. rh. Jahreszins auf diesem 
und andern ihrer Güter an das Domkapitel zu Witten- 
berg wiederkäuflicli zu verkaufen ^^). 

Häufig hatte er Streitigkeiten, zumeist wegen Weide- 
berechtigungen, theils zwischen einzelnen seiner Vasallen, 
theils zwischen diesen und ihren oder fremden Guts- 
unterthanen zu entscheiden. So „schied" er 1485 die 
Gebrüder Hans und Christoph Mönch auf Martinskirche 
mit den Gemeinden Lehndorf und Hohendorf, 1492 die 
Stadt Mülilberg mit der Gemeinde Boragk, 1494 Christoph 
von Bibra auf Schweditz mit dem Kloster, Bürgern von 
]\lühlberg und der Gemeinde Mertitz *" ), 1502 das Kloster 
wegen seines Kretschams zu Stehla und Johann Thoss 
auf Altbelgern wegen Bierschanks, und an demselben 
Tage auch Unterthanen zu Martinskirche und Altbelgern 
mit einigen Bürgern wegen Hutung zu Bressnitz, 1503 
Klosterunterthanen zu Treptitz mit Georg Preuss auf 
Cavertitz, 1514 Georg von Seydewitz auf Plotlia mit der 
Gemeinde Köttlitz, in demselben Jahre auch denselben 
Georg von Seydewitz mit Hans von Wessenig auf Olzschau, 
endlich 1518 abermals denselben mit Klosterunterthanen 
im Dorfe Seydewitz^'). 

Bisweilen aber hatte Hans Birke auch selbst Strei- 
tigkeiten und zwar fast ausschliesslich mit dem Kloster 
zu Mühlberg und dessen anspruchsvollen Pröpsten. In 
solchen Fällen mussten die Landesiierrcn durch ihre Käthe 
die streitenden Parteien vergleichen oder entscheiden 
lassen. So handelte es sich 1489 um die Grenzen zwi- 
schen Borschitz und Mertitz, um die Fischerei im Kuna'er 
See, um Jagdberechtigung, um Obergerichtsbarkeit auf 
mehreren Dörfern und Feldern, endlich um den Bierschank 
auf der Propstei, 1494 dagegen um die Badestube zu 
Mühlberg, um die Zugehörigkeit der wüsten Mark Wen- 
disch-Borschitz und sonstige Lchnbefugnisse, und im 



* «) Hasche IV, 522, 5.'52, 579. B e r t r a in 1 39. 

*») Hasche IV, 448. 

*») Bertram 134, 137, 138. Hasclie IV, 520. 

»') Hasche V, 92, 94. Bertram 143, Orig. 1016G. 



206 Hermann Knothe: 

Jahre 1509 um nicht weniger als 15 verschiedene Punkte ^^). 
Ausserdem ist uns nur noch eine Entscheidung wegen 
der Grenzen zwischen Mühlberg und Saathain (148S) 
vorgekommen ^^). 

Den Bürgern seiner beiden StädtC; Altstadt und 
Neustadt Mühlberg, erwies sich Hans Birke stets als einen 
wohlwollenden, ihr geistiges wie leibliches Woiil im Sinne 
jener Zeit fördernden Herrn. Dem Kloster zwar scheint 
er nicht eine einzige Stiftung zugewendet zu haben. 
Allein seinen kirchlichen Sinn bezeigte er durcli seine 
lebhafte Betheiligung an dem Wiederaufbau der einst von 
den Hussiten eingeäscherten Frauenkirche, seit Gründ- 
ung des Klosters der eigentlichen Pfarrkirche für beide 
Stadtgemeinden. Zumal der Thurm wurde hauptsächlich 
auf seine Kosten neu aufgeführt. Unter einem Fenster 
desselben erblickt man noch heute sein und seiner Ge- 
mahlin Familienwappen. Die erst 1525 erfolgte Voll- 
endung des gesamten langjährigen Kirchenbaues hat er 
nicht mehr erlebt- — 1506 ^*) gründete er „zur Seligkeit 
der Seelen seiner Aeltern, seines Weibes und seiner eig- 
nen" ein neues Hospital in der Altstadt, in welchem 
sieben arme Leute vollen Unterhalt finden, und welches 
von zwei Vorstehern unter Aufsicht des ßathes verwaltet 
werden sollte. — 1516 gestattete er beiden Stadto^emein- 
den, aus seinem Steinbruche zu Klingenhain Steine 
„zu ihrer Nothdurft zu brechen"; 1517 konfirmierte er 
die Innungsartikel der Schuhmacher und wirkte 1519 
von Herzog Georg von Sachsen, als dem Landesherrn, 
die Bestätigung eines von ihm eingerichteten Jahrmarkts 
und ausserdem noch eines Viehmarkts zu Mühlberg 
aus**). 

Bei seinen mehrfach wechselnden Landesherren 
stand er in hohem Ansehn. Mindestens seit 1489 gehörte 
er, worauf unseres Wissens bisher noch nicht hingewiesen 
worden ist, zu deren „Räthen". Auch als solcher Rath 
behielt er zwar seinen ständigen Aufenthalt zu Mühlberg; 
aber oftmals erging an ihn die Weisung, entweder sich 
an dem herzoglichen Hoflager einzustellen oder (meist in 
Gemeinschaft mit anderen Räthen) sich da- oder dorthin 
in diplomatischer Sendung zu verfügen. So ward er 

") Hasche IV, 425, 529. V, 42. Bertram 1.S5, 1.S8, 141. 
Orig. 9826. ") Hasche IV, 422. 

") Hasche V, 39 titr. Bertram 140 flg. 47 flg. 
") Hasche V, 97, Too, 101. Bertram 144, 141. 



Die ßerka von der Duba auf Mühlberg. 207 

1496^®) zu einem „Tage" mit Markgraf Johann von 
BrandenLurg, den Herzögen von Liegnitz und anderen 
Ständen und Städten Schlesiens und der Niederlausitz 
abgeordnet; so half er 1497*^) einen Eezess zwischen 
Kursachsen, Meissen und Brandenburg wegen des Domes 
zu FürstenwaJde vereinbaren; so 1498 das Kloster Alt- 
zelle und ]\rarschall von Biberstein wegen des Eigenthums- 
rechtes über einen Werder bei Grossschirma entscheiden; 
so ward er (den 8. Oktober) 1500 auch zu der vorläu- 
figen Beisetzung des Herzogs Albrecht von Sachsen 
(12. Oktober) nacli Meissen entboten*®). 

Er war (mindestens bereits 1484) vermählt mit Agnes, 
der Tochter des herzoglich sächsischen Obermarschalls 
Hugold von Schlei nitz ^'*) auf Kricbstein etc. (gestor- 
ben 1490). Wohl diesem seinem am Hofe Herzog Alb- 
rechts sehr einflussreichen Schwiegervater hatte er auch 
seine Ernennung zum herzoglichen Käthe zu verdanken. 
Durch seine Gemahlin ward er der Schwager Heinrichs 
von Schleinitz, M^elcher seit 1472 herzoglicli sächsischer 
Vogt in der Herrschaft Hohnstein gewesen war, imd für 
welchen darauf 1481 dessen Vater von Kurfürst Ernst 
und Herzog Albrecht die Herrschaft Tollenstein-Schlu- 
ckenau erkaufte""), und welcher 1497 selbst Obermarschall 
am Hofe des letzteren wurde und diese Stellung auch 
unter dessen Sohne und Nachfolger, Herzog Georg, be- 
hielt. Die Ehe Hans Birkens war ebenso kinderlos ge- 
blieben, wie die seiner beiden Onkel. Die Herrschaft 
Mühlberg musste daher bei seinem Tode an die Lehns- 
hand zurückfallen. Kein Wunder, dass er bemüht war, 
seiner Gemahlin wenigstens ein möglichst stattliches Leib- 
gedinge zu sichern. Schon 1484*^') liess er ihr als 
solches verreichen den Theil des Schlosses Mühlberg, den 
bisher Anna, die Witwe seines Onkels Albrecht, inne- 
gehabt hatte (S. 182), ferner das Vorwerk bei dem Schlosse 
mit seinen Ackern und Wiesen, den Dienst von dem 



") Orig. 9142. ") Riedel, Cod. Brandenl). A. XX, .313. 

=*») Orig. 9272. Cop. lOG, 00. 

*») Das an die Herrschaft Miihlherg grenzende Rittergut Saat- 
haiu gehörte einer nah verwandten Linie derer von Schleinitz. 

*°) Diese Zeitschr. II, 235. Über die Besitzungen lieinriclis 
von Sclileinitz in .Böhmen und der Obi'rlausitz, vergl. Knothe, 
Geschichte des Schleinitzer Ländchens , Ijausitz. Magazin 1862, 
401 flg. 

«') Orig. 8541. Bertram l.'i.S. Die Jain-eszahl 1482 bei 
Bertram 12 ist jedenfalls bloss Druckfehler. 



208 Hermann Knothe: 

Klosterhofe zu Dröschkau, närahch einen Wagen mit 
vier Pferden, samt dem Schulterzins (S. 178), desgleichen 
den Eichwald Gliben, den dritten Theil von dem Walde 
Zigram (S. 178) und von dem Zoll und dem Geleite zu 
Mühlberg und zu Oschätzcherij den Schlosswerder, eine 
„Kabel" im Achtwerder und folgende fünf ganze Dörfer: 
Würdenhain, Prieschke, Heide, Cossdorf und Langenrieth 
samt allem Zinse und Diensten, sowie dem Ertrage aus 
der Ober- und Niedergerichtsbarkeit, endlich soviel ihr 
Gemahl Hans an den Dörfern Fichtenberg und Burxdorf 
besass. Dieses Leibgut vermehrte er noch, indem er ihr 
den 13. Januar 1498 *'^) „die Hälfte des Schlosses Mühl- 
berg" und das Vorwerk Borschitz „zu rechtem Leibgut 
reichen" Hess, wobei er aber, um sich selbst eventuell das 
Anrecht auf diese Güter zu wahren, „nach Gewohnheit 
des Landes mit ihr wieder an die Lehn griff". Als, wie 
oben (S. 182) erwähnt, vor 1510 seine Tante Anna ge- 
storben war, reichte den 26. Februar 1512'^') Herzog 
Georg auf Bitten des Hans Birke dessen Gemahlin „zu 
ihrem vorigen Leil)gut" auch noch die Dörfer Zschepa 
und Boragk samt Diensten, Gerichten und folgenden 
Zinsen: 25 Schock 5 Gr. Geld, 39 Scheffeln Korn, 
73 Scheffeln Hafer, 1 Schock und 12 Hühnern^ 7 Schock 
Eiern und einem Kalbe, sowie (an demselben Tage) auch 
noch den Keulenwerder bei Mühlberg und den Antheil 
von Altbelgern, welcher durch Absterben der bisherigen 
Leimsinhaber, „der Tewsen" (Thoss), an Hans Birke 
zurückgefallen war. Hierzu kam den 23. November 1513 
auch noch ein Weinberg hinter dem Kloster bei dem 
Hasenbusche ^^). Zu welchem Zwecke der Agnes Birke 
1509 *^^) ledige Kornböden auf dem landesherrlichen Schlosse 
in Grossenhain zum Ausschütten von Getreide bewilligt 
wurden, wissen wir nicht. 

„Am Neujahrsabende 1520", d. h. also jedenfalls: am 
31. Dezember 1519, starb Hans II. Birke von der 
Duba, und in ihm zugleich der letzte Spross der Birken 
nicht bloss von der Nebenlinie Mühlberg, sondern von 
der ganzen, einst viel verzweigten Hauptlinie Hohnstein, 
von welcher zuerst 1424 mit Hinko Hlawatsch die Neben- 
linie Leipa, sodann vor 1457 mit Johann (Hansens Gross- 
onkel) die Nebenlinie Kreibitz erloschen war. Von ßenes 



«») Orig. 9228. ") Orig. 9929. «*) Orig. 9930, 9997. 
") Cop. 110, fol. 194. 



Die Berka von der Duba auf Mühlberg. 209 

und Christoph, den Söhnen von Albrecht Birke, aus der 
Nebenlinie Wildenstein (Andergeschwisterkind von Hans II.), 
welche 1495 erwälmt werden, haben wir wenigstens weiter 
keinerlei Kunde erlangen können ^*^). 

Durch den Tod von Hans Birke fiel die gesarate 
Herrschalt Mühlbei'g, soweit sie nicht an seine Witwe 
zu Leibgedinge gereicht war, an den Lehnsherrn, Herzog- 
Georg von Sachsen, zurück. Agnes quittierte z. B. 
noch 1527 über den vom Rathe zu Mühlberg ihr aus- 
gezahlten halbjährigen Schoss von 30 Schock Gr. Li 
ihrem Testamente hatte sie die Summe von jährlich 
12 Schock Gr. einmal zu einem ewigen Jahrgedächtnis 
und „einer ewiglichen Fürbitte in der Frühmesse", sodann 
aber auch zu Gewand für arme Leute ausgesetzt®'). Am 
21. Mai 1527*^*) starb auch sie und ward neben ihrem 
Gemahl in der von beiden neuaufgebauten Kirche zu 
Neustadt Mühlberg vor dem Altare beigesetzt. Die eiser- 
nen Platten mit breitem Messingrande, welche einst ihre 
Grabstätten bedeckten, wurden 1782 von dem Kirchen- 
vorsteher — verkauft. 



") Diese Zeitschr. 11, 215, 233. 
•') Hasche V, 131. Bertram 13. 
') So bei Bertram 13, während Hasche V, 130 das Jahr 



1526 angiebt. 



Neues Archiv f. S. G. >i. A. VI. 3. 4. 14 



VI. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. bis zum 

Kriegszuge 1552. 



Yon 

S. Issleil). 



Der Kriegszug des Kurfürsten Moritz von Sachsen 
gegen Kaiser Karl V. ist schon vielfach behandelt worden 
und wird so lange behandelt werden, bis man endlich alle 
zerstreuten archivalischen Einzelheiten mühsam zusammen- 
getragen und aus der Fülle des Gesamtmateriales volle 
Klarheit gewonnen iiaben wird^). Des Kurfürsten Zug 
gegen den Kaiser steht im geraden Gegensatze zum 
schmalkaldischen Kriege. Scharf treten da gegenüber: 
Bekämpfung des vorwärtsstrebenden Protestantismus und 
Widerstand gegen den unduldsamen Katholizismus, Über- 
wältigung fürstlicher Selbständigkeit und Erschütterung 
kaiserlicher Allgewalt, Unterwerfung und Befreiung. Für 
den kurfürstlichen Kriegszug gegen Karl V. wird sich 
wohl kaum jemand begeistern können, ebensowenig wie 
für den kaiserlichen Krieg gegen den schmalkaldischen 
Bund; denn nicht allein auf die Ideen, welche verfolgt 
werden, kommt es an, sondern auch auf die Mittel, auf 
die Art und Weise, wie Pläne und Vorhaben ausgeführt 
werden. Völlig berechtigt aber ist jedermann, die beiden 
wichtigen und folgenschweren Feldzüge nach Gebühr zu 

') Yerfasser konnte zunächst nur das Hauptstaatsarchiv zu 
Dresden (zitiert mit H.-St.-A. oder durch blosse Angabe des Locats) 
besuchen, glaubt aber mit Hilfe des vorgefundenen Materiales und 
vor allem der von A. v. J) ruf fei verölfentlichten Briefe und Akten 
zur Geschichte des 16. Jahrhunderts (3 Bände) die Untersuchung 
gefördert zu haben. 



Moritz von Sachsen gegen Karl T etc. 211 

würdigen und in das rechte Licht zu setzen. Wer alle 
Verhältnisse und Einzelheiten sorgfältig erwägt, dem 
ringt die That von 1552 schliesslich wohl mehr Be- 
wunderung ab als die der Jahre 1546 — 47. Im schmal- 
kaldischen Kriege besiegte ein gewaltiger Kaiser unter 
Anwendung aller Hilfsmittel seiner oberhoheitlichen 
Stellung einen gelockerten und keineswegs schlagfertigen 
Bund; 1552 bekämpfte einer der sieben Kurfürsten neben 
wenigen der vielen Reichsfürsten unter sclnvierigen Ver- 
hältnissen den Kaiser des heiligen römischen Reiches und 
nöthigte ihm Zugeständnisse von weittragender Bedeutung 
ab. Man hat nicht ungern Moritz von Saclisen als 
Scliüler Karls V. bezeichnet; dann liegt es nahe auszu- 
sprechen, dass der Schüler den Meister übertrofFen hat^). 
Die kriegerische Erschütterung von 1552 ist 
durch eine Reihe lästiger Unzuträglichkeiten, quälender 
Besorgnisse, aufreibender Befürchtungen und tief ver- 
letzender kaiserlicher Gewaltakte hervorgerufen worden. 
Der vernichtende Schlag gegen den schmalkaldischen 
Bund und die beschwerliche Wittenberger Kapitulation, 
die Gefangennahme, Festhaltung und Misshandlung des 
Landgi'afen Philipp und die zahlreiciien Aechtungen von 
Städten, Grafen und Herren , die erniedrigende Beein- 
trächtigung und verächtliche Behandlung deutscher 
Fürsten^) und die Reichstagsbeschlüsse von 1548 und 1551 
haben den Sturm gegen den Kaiser ganz besonders 
heraufbeschworen. Die neue Einrichtung des Reichs- 
kammergerichtes, die Härte einer strengen Bücherzensur, 
die ungewöhnliche Beschränkung des freien Waffendienstes 
und der freien Söldnerwerbung, die Einziehung eines 
„Reichsvorrathes" zur Unterdrückung geheimer Praktiken 
und Empörungen im Reiche, die gewaltsame Einführung 
des verhassten Interims, das herrische Vorgehen gegen 
die „Ungehorsamen und Rebellen" und die auferlegte 
Beschickung des Tridentiner Konziles, das alles brachte 



*) Diese Bemerkungen sind besonders durch C.A.Cornelius 
veranlasst worden. Bei seiner Abhandlung: „Zur Erläuterung der 
rditik des Kurfürsten Moritz von Sachsen" (im Münchener liisto- 
rischon Jahrbucli für ISGO) ist zu berücksichtigen, dass ein (katho- 
lischer) Süddeutscher im Jalire 18(56 über einen evangelisciien nord- 
deutschen Fürsten schrieb. Die Art, wie Cornelius gearbeitet hat, 
ist durcliaus verwertlicli. 

*) Vergl. Wilh. Maurenbre eher, Karl V. und die deutschen 
Protestanten 1545 — 55, 251 flg. L. v. llanke, Zeitalter der Ite- 
formation, V. 

11* 



212 S. Issleib: 

die deutsche Nation in Gährung. Unwille und Unmutli, 
Erbitterung und Entrüstung herrschte hauptsächlich im 
evangelischen Norden Deutschlands. Mehr als anderswo 
waren hier die evangelischen Fürsten, die protestantischen 
Theologen und die lutherischen Unterthanen zu beherztem 
Widerstände gegen den Kaiser entschlossen. Rastlos 
arbeiteten die Elemente der Opposition. Seltsam fürwahr 
haben sich in jenen unruhigen Jahren die allgemeinen 
Verhältnisse mit den allerpersönlichsten berührt, ver- 
flochten und durchdrungen. Alles wii-kte schliesslich 
zusammen: die überaus mannigfachen und verwickelten 
deutschen und die europäischen Verhältnisse. Die Un- 
zufriedenheit und Spannung in der kaiserlichen Familie 
wegen der Nachfolge im Reiche kam der Erhebung von 
1552 ähnlich zu statten wie die Stellung Karls V. zu Frank- 
reich, zum Papste und zu den Türken. 

Ehe wir in das Kriegsjahr 1552 eintreten, ist es 
nöthig, die Lage des Kurfürsten Moritz und die werden- 
den Verhältnisse bis zum Waffengange 2;eü;en den Kaiser 
in ausführlicher Weise darzulegen. 

Moritz von Sachsen hatte durch seinen Anschluss an 
den Kaiser unstreitig viel gewonnen. Er hatte die Herr- 
schaft über die Stifter Meissen und Merseburg erreicht und 
kurz vor Ausbruch des schmalkaldischen Krieges die jahre- 
lang begehrte Schutzherrlichkeit über das Erz- und Bisthum 
Magdeburg-Halberstadt erlangt; der Sieg bei Mühlberg 
hatte ihm fast die Hälfte des kursächsischen Besitzthums ein- 
gebracht und auf dem geharnischten Reichstage zu Augsburg 
war seine Belehnung mit der sächsischen Kurwürde erfolgt. 
Dagegen aber hatte ihm die weitschauende, viele Möglich- 
keiten erwägende und ränkevolle kaiserliche Staatskunst 
durch einzelne Artikel der Wittenberger Kapitulation, 
besonders durch den Punkt, welcher die Jahreseinnahme 
der Ernestiner auf 50000 Fl. rh. bestimmte und den 
unsäglich mühsamen, Misstrauen nährenden und Unfrieden 
erhaltenden Liquidationshandel nach sich zog, einen Dorn 
in den Fuss gesetzt, den er, so lange er lebte, nie ganz 
beseitigen konnte. Ferner war er neben dem Kurfürsten 
Joachim von Brandenburg durch die listige, um nicht 
zu sagen betrügerische Gefangennahme seines Schwieger- 
vaters, des hessischen Landgrafen Philipp, zu Halle auf 
das Tiefste verletzt und durch die kaiserliche Missachtung 
seines verpfändeten Ehrenwortes hart betroffen worden. 
Je länger die schmachvolle Haft des Landgrafen dauerte, 



Moritz von Sachseu gegen Karl V. etc. 213 

um so peinliclier war für ihn und Kurfürst Joachim die 
berechtigte „Einmahnung" nach Cassel. Der mächtige 
Druck der Reichstagsbeschlüsse, vor allem der Druck 
der religiösen Neuerungen des Kaisers, machte sich ausser- 
dem bei keinem evano-elischen Fürsten so fühlbar wie 
beim sächsischen Kurfürsten; durch das Interim ist der- 
selbe in die bedenklichste Lage zu seinen Unterthanen 
gekommen. So war Kurfürst Moritz durch des Kaisers 
verführerische Gunst befördert und gleichzeitig durch die 
allen deutschen Fürsten so gefährliche habsburgische 
Politik belastet worden. Die Jahre nach dem schmal- 
kaldischen Kriece sind für ihn überaus sclnvierio- nrewesen. 
In jener sturrabewegten Zeit bemühte er sich auf 
das eifrigste, die streitigen Punkte der Wittenberger 
Kapitulation ins Reine zu bringen, die Befreiung des 
gefangenen Schwiegervaters zu erreichen und die Härte 
des kaiserlichen Interims durch das Leipziger Interim 
und durch wiederholte Sendungen an den Kaiser und 
den römischen König zu mildern. Allen wilden Agi- 
tationen und religiösen Verlictzungen in seinem Lande 
suchte er zu steuern und das grosse Misstrauen seiner 
Nachbarn hinsichtlich seiner politischen und religiösen 
Gesinnung zu beruhigen. Daneben behauptete er energisch 
seine neu erworbene kurfürstliche Stellung, befestigte die 
Rechte seiner Schutzherrlichkeit über die Bisthümer Magde- 
burg und Halberstadt und schmiedete unermüdlich Pläne, 
die geächtete Stadt Magdeburg zu erwerben*). Aufmerk- 
sam verfolgte er die europäische und kaiserliche Politik 
und licss alle Vorgänge am kaiserlichen Hofe und in der 
kaiserlichen Familie ausforsclien. Als Kurfürst vertrat 
er mit Entschiedenheit die Interessen des Reiches und 
widersetzte sich jeder Beeinträchtigung deutscher Fürsten- 
freiheit. Zu Gunsten der evangelischen Lehre berief er 
sich dem Kaiser gegenüber auf ein allgemeines Konzil 
oder auf eine Nationalversammlung, welche, aus Katho- 
liken und Evangelischen zusammengesetzt, nach dem 
Richtscheid der heiligen Schrift alle Dinge gottselig und 
christlich entscheiden sollte. Die o^esamte kaiserliche 
Politik gab ihm im Laufe der Zeit Veranlassung, sich 
mehr und mehr dem Kaiser zu entfremden. Aber während 
er neuen Verhältnissen, welche alle Schärfe gegen Karl V. 



*) S. Issleib, Magdeburg und Moritz von Sachsen bis zur 
Belagerung der Stadt, in dieser Zeitschrift IV, 273 üg. 



214 S- Issleib: 

richteten, nacligiiig , pflegte er doch sorgfältig möglichst 
gute Beziehung zum deutschen Kaiser. Mit erstaunlichem 
Geschicke vermied er, sich zwischen zwei Stühlen nieder- 
zusetzen. Allemal zur rechten Zeit trat er mit Kraft 
und Entschlossenheit, Berechnung imd Vorsicht ein, um 
dieses oder jenes Ziel zu erreichen. 

Nichts hat mehr zur Erhebung des Kurfürsten gegen 
den Kaiser geführt als die Gefangenschaft des Land- 
grafen. Niemand sollte doch mehr an dem ehrlichen Eifer 
und dem guten Willen des Kurfürsten, seinen Schwieger- 
vater zu erledigen, zweifeln. Volle Beachtung verdient 
des Kurfürsten Erklärung: keine Reise zu Wasser und 
Land sollte ihm auf dieser W^elt zu schwer sein, nva. den 
Landgrafen zu befreien; Unmögliches könne er aber nicht 
bewirken^). Die Sache ist nicht allein nach den zahl- 
losen Klagebriefen und heftigen Einraahnungsschreiben 
der hessischen Landgrafen — Philipp und seine Söhne — 
zu beurtheilen, sondern man muss auch die Haltung des 
Kaisers berücksichtigen. Von der kaiserlichen Gnade 
und Willfährigkeit hing fürwahr alles ab; je unzugäng- 
licher der Kaiser blieb, um so geringer die Aussicht, ohne 
Gewalt etwas durchzusetzen. 

Als anfangs 1550 ein unruhiges und geheimnisvolles 
Treiben in Norddeutschland zu bemerken war und Be- 
sorgnis erregende Werbungen und Bestallungen aller 
Orten vor sich gingen, da verhandelte Kurfürst Moritz 
ernstlich mit den hessischen Käthen Wilhelm von Schachten 
und Simon Bing über Anschläge zur Befreiung des Land- 
grafen und veranlasste die Absendung Heinrichs von 
Schachten an den französischen König, um dem ent- 
flohenen Landgrafen eine Zufluchtstätte in Frankreich 
zu bereiten und eine Verbindung mit Heinrich II. an- 
zubahnen''). Darauf stellte Moritz mit seinem Bruder 
x\ugustus nach Beilegung einiger obwaltenden Difi'erenzen 
durch einen zufriedenstellenden Vergleich (am 5. März 1550) 
das beste brüderliche Einvernehmen her'), vereinte sich 
mit dem kaiserfeind liehen Marko-rafen Albrecht von 



*) Eine Einstellung zu Cassel werde zu nichts führen, ihm 
aber und seinen Landen unendlich schaden. 

*) C. A. Cornelius, Kurfürst Moritz gegenüber der Fürsten- 
Verschwörung 1550—51 (Casseler Akten), in den Abhandlungen der 
historischen Klasse der königlich liayerischen Akademie der Wissen- 
schaften, München 1867, 659 flg. 

') W. AVenck, Kurfürst Moritz und Herzog Augustus, in 
V. Webers Archiv für Sachs. Geschichte IX (1871), 418 flg. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 215 

Bruncleubur^- Kulnibacli zu treuer Waffengenosseiischaft 
(am 11. März)^), suchte durch beide Anschluss an den 
Markgrafen Hans von Küstrhi; an den Herzog von Preussen 
und andere Fürsten und setzte mit den jungen Herren 
von Weimar die bis dahin erfolglosen Liquidationssachen 
wieder fort, um die Vettern von widrigen Praktiken fern 
zu halten und m seine eigenen Pläne zu verflechten''). Je 
häufiger ihn der Gedanke beschäftigte, er könne „des 
gefangenen Landgrafen imd anderer Dinge halben" mit 
dem Kaiser in Zwiespalt gerathen und in kaiserliche Un- 
gnade fallen, desto rühriger arbeitete er daran , durch 
einen stattlichen Anhang und durch eine wehrfähige 
Vereinigung sich im Nothfalle aus tausend Peinlichkeiten 
zu retten. Fortwährend fasste er neben Herzou^ Aujiustus 
und Markgrafen Albrecht den Kriegsfall in das Auge 
und rechnete dabei vielfach auf den Tod des Kaisers. 
Mit dem Kurfürsten Joachim von Brandenburg ver- 
ständigte er sich, nicht länger den kaiserlichen Plänen 
und Bestrebungen Vorschub zu leisten; beide wurden 
einig, den nach Augsburg berufenen Reichstag, auf 
Avelchem der Kaiser seinem Sohne Philipp die Nachfolge 
zu sichern, die L'nterwerfung der Evangelischen unter das 
Konzil und die Bestrafung aller Ungehorsamen und 
Rebellen, besonders Magdeburgs, durchzusetzen gedachte, 
nicht zu besuchen. Sie entschuldigten sich mit der land- 
gräflichen Verpflichtung und der abermals geforderten 
Einstellung in Cassel, mit den gefährlichen Werbungen 
und Rüstungen in Norddeutsclilaud , mit der Belagerung 
Braunschweigs durch Herzog Heinrich und mit der 
Haltung Magdeburgs, welche nöthige, auf den Schutz 
der Bisthümer und ihrer eigenen Lande bedacht zu sein'"). 
Schliesslich hielt Kurfürst Moritz die Übernahme der 
Belagerung INlagdeburgs für das beste Mittel, vom Reichs- 
tage fern zu bleiben'^). 



') Johannes Voigt, Markgraf Albiecht Alcibiades (Berlin 
1852) 207 flg. In Zscliopau wohl, nicht in Zwickan, ist eines franzö- 
sischen Bündnisses gedacht worden. Interessant ist des Markgrafen 
Denkschrift (H.-St.-A.), abgedrnckt hei A. v. Druffel: Uriefe niul 
Akten zur Geschichte des 16. Jahrhunderts I, No. 400. 

*) ^Y. "VVenck, Albeitiner und Ernestiner nach der Witton- 
berger Kapitulation, in v. "Webers Archiv für säclis. Geschichte VIII, 
(1870), 152 u. 225. 

'») Vergl. Loc. 10187 Reichstagshändel zu Augsburg 1550. 
Druffel I, No. 413, 4.H.S, 448 flg. 

") S. Issleib, diese Zeitschrift V, 177 u. 227. 



216 S. Issleib: 

Als nach Aufhebung der Belagerung Braunschweigs 
der jugendliche Herzog Georg von Mecklenburg im 
Vorhaben, brüderliche Händel auszuf echten , mit zehn 
Fähnlein Knechten und 200 Reitern nach der Elbe auf- 
gebrochen war, das magdeburgische Gebiet berührt 
und die ihm entgegengezogenen Bürger bei Hillers- 
leben geschlagen hatte, da nahm Kurfürst Moritz das 
kleine Heer auf unbestimmte Zeit und gegen jeder- 
mann verfügbar in seine Dienste. Diesen Schritt that 
er, weil ihm nach seiner eigenen Aussage nicht wenig 
grauste, es möge ein trübes Wetter über ihn fallen. 
Tag und Nacht plagte ihn damals die Sorge, der nach 
Frankreich entsendete Bote möge niedergeworfen und 
der Heinrich H. gemaciite Antrag zu einem Offensiv- 
bündnisse dem Kaiser verrathen worden sein. Weiter 
fürchtete er die Gefährlichkeit der bemerkbaren Umtriebe 
einiger Fürsten schmalkaldischen Anhanges*^). In völliger 
Ungewissheit schwebte er über die Absichten des Kaisers, 
ob derselbe vom Reichstage aus zu Gunsten seines kaiser- 
lichen Ansehens, des Interims und des Konziles in Trient 
die „Ungehorsamen und Rebellen" des Reiches in Person 
überziehen, züchtigen oder, durch andere unterwerfen lassen 
wollte. Kam der Kaiser nicht nach Norddeutschland, 
dann hoffte er durch beherztes Eingreifen und glückliche 
Bemeisterung der Verhältnisse Magdeburg endlich in 
seine Hände zu spielen, eine entscheidungsvolle Stellung 
zu erwerben und gegen den Kaiser selbst „viel gute Leute 
an den Tanz zu bringen". Treu verbündet mit seinem 
Bruder Augustus und dem Markgrafen Albrecht und im 
guten Einvernehmen mit dem Kurfürsten Joachim von 
Brandenburg beschloss er „zu lavieren, so gut er könne", 
und zwischen dem Kaiser und den kaiserfeindlichen 
Elementen eine Stellung einzunehmen, die es ermög- 
liche, das Übergewicht leicht nach der einen oder der 
anderen Seite zu werfen. Daher hielt er kaiserlichem 
Wunsche gemäss die Knechte vor Magdeburg diensteifrig 
zusammen, verstärkte sie, versuchte sich der Stadt zu 
bemächtigen, führte Verhandlungen und Hess sich später 
zur Übernahme kaiserlicher und Reichsdienste willig 



'=') Der Kurfürst kannte nicht die Fürstenverschwörung, die sich 
Februar 1550 in Königsberg gebildet hatte. Siehe Johannes 
Voigt, Der Fürstenbund gegen Kaiser Karl V., in Raum er s histo- 
rischem Taschenbuche 3. Folge, 8. Jahrgang (Leipzig 1857). 



Moritz von Schseii gegen Karl V. etc. 217 

finden. Grleichzeitig aber fragte er in Hessen beim jungen 
Landgrafen Wilhelm an, was er (Wilhelm) neben ihm zu 
thun bedacht sei, wenn er sich beim plötzlichen Todesfälle 
des Kaisers eines Werkes unterziehe, wünschte „Glück 
und Wohlfahrt" zur geplanten Entführung des Land- 
grafen Philipp, erwartete guten Fortgang des begonnenen 
französischen Handels und wandte alle Mühe auf, um 
sich dem Markgrafen Hans von Küstrin, und anderen 
Fürsten zu nähern *^K Allein je zweifelloser Moritz für 
ein williges kaiserliches Werkzeug in Sachen der Achts- 
exekution gehalten wurde, je deutlicher seine Absicht auf 
Magdeburg hervortrat und je unabwendbarer die hart 
bekämpften Reichstagsbeschlüsse gegen Magdeburg und 
alle Anhänger der Stadt erschienen, um so grösser war 
von markgräflicher Seite trotz aller Versprechungen und 
Erbietungen das Misstrauen gegen den Leiter der raagde- 
burgischen Belagerung, imi so schwieriger jede Vereinigung 
mit den Fürsten, um so energischer die Bemühungen, 
Magdeburg zu entsetzen, den Kurfürsten zu vertreiben 
und dem Kaiser „ein Blatt über die Füsse zu wälzen". 
Auch Landgraf Wilhelm „lag lange in der Armbrust" und 
war mehr mit Worten als mit der That willfährig*'*). 
Fürwahr, erst musste des Landgrafen Philipp Flucht- 
versuch missglücken *^) und die Haft verschärft werden, 
erst der bedenkliche und höchst gefährliche Kriegszug 
gegen den Gardhaufen im Stifte Verden vom Kurfürsten 
Moritz so glücklich beendet werden, ehe die Kraft der 
geheimen feindlichen Praktiken zusammenbrach , ehe 
Treue und Glauben das widerwärtige Misstrauen ver- 
drängten und ehe sich der Kurfürst — seltsam aller- 
dings — in der Würde eines kaiserlichen Reichsfeldherrn 
vor Magdeburg zum Haupte eines kaiserfeindlichen Bundes 



**) Ausführlich wurde den Herzögen von Preussen, Mecklen- 
burg und Pommern zu erkennen gegeben, dass man von einem 
neuen Bündnisse gehört. Loc. 9151, Magdeburgische Belagerung, 
Buch II, m. 462. 

'*) Willielm hatte den Vater um Rath gefragt, und dieser ver- 
langte, Moritz solle sich erst einmal seiner Verpflichtung gemäss 
einstellen, wolle er dann etwas zu seiner Erledigung thun, dann 
sollte ihm Wilhelm nach Möglichkeit helfen. Eine Kriegsunter- 
nehmung wurde unter Umständen bewilligt. Cornelius, Churf. 
Moritz etc. 672. 

'*) Loc. 8498, Kurf. Moritz meistentheils eigenhändige Schreiben 
an sehie Gemahlin 1547 — 5.3, Bl. 20. Wilhelm von Hessen an seine 
Schwester Agnes, Cassel, 21. Januar 1551. 



218 S. Issleib: 

aufzuschwingen vermochte. Dann erst versclimolzen all- 
raählif; mit einander die zaiil reichen bis dahin o-etrennten 
gleichen und ähnlichen Bestrebungen der evangelischen 
norddeutschen Fürsten, Städte und Stände. Von Mitte 
Januar 1551 an nahm Kurfürst Moritz eine bedeutende 
Stellung ein. Sollte noch ein Unternehmen gegen den 
Kaiser ins Werk gesetzt werden, so musste man seiner 
Mitwirkung versichert sein. Der emsigen Thätigkeit ge- 
schickter Mittelspersonen — wir nennen Wilhelm und 
Heinrich von Schachten , Simon Bing , Klaus Berner, 
Hans von Heideck, Adam Trott, Christoph Arnold — 
war es zu verdanken, dass die protestantischen Fürsten, 
voran Markgraf Hans, dem Kurfürsten von Sachsen endlich 
entgegen kamen. 

Am 20. Februar 1551"*) fand die bekannte Be- 
gegnung des Kurfürsten Moritz und des Markgrafen Hans 
in Dresden statt. Zögernd und vorsichtig näherten 
einander die Fürsten und verständigten sich über Ver- 
theidigung der Religion und der Freiheiten des Reiches, 
über die Befreiung der gefangenen Fürsten, des Land- 
grafen Philipp und des Herzogs Johann Friedrich, und 
über die Beilegung des magdeburgischen Krieges"). In 
den gegenseitig ausgestellten Verpflichtungsurkunden ver- 
sprach zunächst Moritz (am 20. Februar), dem Augs- 
burger Bekenntnis treu bleiben, gegen das Tridentiner 
Konzil mit anderen Fürsten und Ständen protestieren 
und zur Erhaltung der wahren Religion augsburgischer 
Konfession sowie zum Schutze der deutschen Freiheit in 
ein näher bestimmtes Defensivbündnis sich einlassen 
zu wollen. Er war entschlossen, den kaiserlichen Dienst 
nach Verlauf der drei (bis zum 2. April) bindenden 
Monate zu verlassen, vorausgesetzt, dass die jungen Herren 
in Weimar sich mit ihm und anderen Potentaten, Fürsten 
und Ständen zu Gunsten der Religion, der deutschen Frei- 
heit und Erledigung ihres Vaters einlassen und ihre 
Irrungen zu gebührlichem Austrage stellen würden. 
Magdeburg sollte nicht verlassen und bei der wahren 



'«) Loc. 7281, Französische Yerbüncbiisse Bl. 40 flg. und 
Loc. 7277, Marggraffen Johaiinsen hendel mit Clmrfürst Moritzen 
'a. 1548—53, Bl. .3, 5. Siehe Druffel I, No. 586, 587, v. Lange im, 
Moritz, Herzog und Churfürst zu Sachsen II, 321 tig. 

") Man erkennt, Moritz steuerte in erster Linie auf Befreiung 
des Landgrafen los, Markgraf Hans auf Yertheidigung der Religion 
und der deutschen Freiheit. 



Moritz von Sailisen gegen Karl V. etc. 219 

Religion geschützt werden, sofern es sich in zeitlichen 
Sachen dem Kaiser füge. Eine Fürstenversammlung' 
sollte stattfinden, Kurfürst Moritz wollte die jungen Herren 
von Hessen, den Herzog von Koburg und andere Poten- 
taten in den Handel ziehen und darauf denken, wie die 
beiden Gefangenen von Hessen und Sachsen zu befreien 
seien. Markgraf Hans übernahm (am 21. Februar), die 
Ernestiner und Albertiner auszusöhnen, die Herren von 
Weimar für das Bündnis zu gewinnen, mit den Herzögen 
von Mecklenburg, Preussen, Pommern zu verhandeln und 
dann in ihrem Namen mit Moritz abzuschliessen. Mark- 
graf Albrecht sollte nicht zugezogen werden, da Mark- 
graf Hans meinte, es sei gefährlich, ihn in die wich- 
tigen Dinge einzuweihen. Weiter wurde verabredet: 
Hans von Heideck als Unterhändler zu gebrauchen, 
Frankreichs und womöglich auch Englands Beistand zu 
erwerben und den König von Böhmen Maximilian nicht 
anzugreifen. Man hoffte, 7000 Reiter und 20000 Knechte 
ins Feld stellen und mit dieser Macht die PfaiFen und 
Mönche aus Deutschland vertreiben zu können, besonders 
Avenn die Türken den König Ferdinand beschäftigen 
würden und Frankreich die Niederlande überziehe'^). 
Dem Markgrafen Hans kam es besonders darauf an, dass 
Moritz dem kaiserlichen Dienste entsage, für Moritz da- 
gegen war Hauptsache, dass die Vettern in Weimar mit 
ihm verglichen und zur Theilnahme am Bunde bewogen 
würden. Ein rühriges Treiben begann. Markgraf Hans 
leitete die Verhandlungen mit Magdeburg ein, verständigte 
sich mit seinen bisherigen, aber noch ungenannten Bundes- 
genossen und fand bei den Erncstinern williges Gehör. 
Kurfürst Moritz andererseits weihte seinen Schwager Wil- 
helm von Hessen und dessen Räthe Schachten und Bing in 
die Dresdner Verhandlungen ein, empfahl eine Sendung an 
den Herzog Christof von Württemberg und gab den Auftrag, 
an Georg von Reckerod zu schreiben, dass er den fran- 
zösischen Handel so lange in officio halte, bis die Ver- 
gleichung mit Weimar erfolgt sei und von allen vereinigten 
Fürsten ein gemeinsamer Schritt bei Heinrich H. geschehen 
könne. Unter Heranziehung des Kurfürsten Joachim 
und des Domkapitels, des Markgrafen Hans und des 



") Kurfürst Moritz erfuhr uiclit, dass Markgraf Hans bereits 
mit dem Herzog von l'reussen und Jolianu Albrecht von Mecklen- 
burg ein Bündnis geschlossen hatte. 



220 S. Issloib: 

Herrn von Heideck verhandelte er mit Magdeburg und 
nahm einen ernsten Anhiuf, den kaiserlichen Dienst zu 
verlassen'^). Als Hauptursaclie führte er die landgräfliche 
Sache an, denn sollte er mit dem Kurfürsten von Branden- 
burg eingefordert werden, so könne er nicht an beiden 
Orten, vor Magdeburg und in Cassel, sein. Das kaiser- 
liche Entgegenkommen aber , die noch schwankenden 
und unberechenbaren Verhandlungen mit Magdeburg und 
den Vettern in Weimar, die noch unsicheren und unfertigen 
Bundesverhältnisse und die anfangs Mai in Nürnberg er- 
folgten neuen Geldbewilligungen der Reichsstände zur 
Fortsetzung der magdeburgischen Belagerung bestimmten 
ihn dann, den Oberbefehl vor Magdeburg beizubehalten, 
doch so, dass das Dienstverhältnis zum Kaiser nach 
monatlicher Kündigung gelöst werden konnte. In solcher 
Stellung wartete er auf einen guten Beschluss aller 
Sachen. Von neuem versicherte er sich anfangs Mai 
des Kriegsvolkes auf 6 Monate im Interesse des werden- 
den Bundes. 

Im Mai wurde zu Naumburg"''") über die sächsischen 
Partikular-DifFerenzen, über das Fürstenbündnis und über 
Magdeburg berathen. Die Magdeburgischen Erbietungen 
hielt Kurfürst Moritz des Kaisers wegen für ungenügend, 
und die sächsischen Rechtsstreitigkeiten Mairden nicht bei- 
creleüt. Aber in Betreff der Bundessache erklärte Johann 
Friedrich der Mittlere, er gedenke ungeachtet irgend 
welcher Abmahnungen von Seiten des gefangenen Vaters 
am Bündnisse theilzunehmen und keinesfalls beim grossen 
Werke zu fehlen^ ^). Allein zu einem bindenden Akte kam es 
auch hierbei nicht. Unmittelbar darauf (am 22. Mai) waren 
Kurfürst Moritz, Markgraf Hans, Johann Albrecht von 
Mecklenburg und Wilhelm von Hessen ohne Johann Fried- 



'*) Darüber Näheres in dieser Zeitschrift V, 279 flg. 

*") W. Wenck, Kurfürst Moritz und die Ernestiiier in den 
Jahren 1551 und 1552, in den Forschungen zur deutschen Geschichte 
XII (1872), 11 flg. Vom 10. bis 20. Mai waren Kurfürst Moritz 
und Joh. Friedrich der Mittlere anwesend. Später schrieb Mark- 
graf Hans an Herzog Albrecht von Preussen (S. 13): „Und sind an 
dem Tage bei beider Partei Rätlien, sonderlich aber des Kurfürsten 
Theils, des Kaisers Praktizierung und Unterstechen scheinbarlich 
und gröblich gespürt, auf dass die Herren ja miteinander nicht sollten 
verglichen werden". 

") Des Herzogs Vertraute waren der Landhofmeister Bernhard 
von Mila und der Hofmeister Wolf Mülich. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 221 

rieh den Mittleren in Torgau^*), um auf Grund der 
Dresdner Februarabmaclmno-cn weiter zu verhandeln. 

Die Punkte ), treues und offenes Festhaken an der 
augsburgischen Konfession '•^^), Vertheidigung der Frei- 
heiten des Vaterlandes und Erledigung der gefangenen 
Fürsten, behielten bindende Kraft. Auf Grund der kur- 
fürstlichen Bewilligungen und der herzoglichen Erbietungen 
in Naumburo- sollte Markgraf Hans die sächsisclien Irruno-en 
endgiltig ausgleichen. Zur gelegenen Zeit sollten sich 
die Fürsten von neuem betagen und alle Dinge vollziehen, 
selbst wenn die Herren von Weimar die vorgeschlagenen 
Mittel nicht annehmen oder ihrem Erbieten nach sich 
nicht einlassen Avürden. Innerhalb zweier Monate sollten 
die auferlegten Geldsummen zum Unterhalte für die 
Reiter und Knechte hinterlegt werden''^). Alle ver- 
pflichteten sich, so oft es Noth thue, Vollmachten und 
Creditive an Potentaten, Stände und Städte unter ihrem 
Siegel auszufertigen und alle Bundesinteressen auf das 
treulichste befördern zu helfen. Ohne Zweifel auf Moritz 
ausdrücklichen Wunsch wurde dem Torgauer Vertrage 
ein Zusatzartikel folgenden Inhaltes beigefügt : wären 
die jungen Herren von Weimar nicht zum gemeinen 
Werke zu bringen, so sollte man von ihnen eine gründ- 
liche Erklärung verlangen, dass sie keine Gegner sein 
wollten, es gerathe die Sache, auf welchen Weg sie wolle. 
Im Weigerungsfalle sollten sie als Feinde betrachtet 
werden. Kurfürst Moritz wollte niemanden im Rücken 
dulden, der dem Werke hinderlich sein könnte. Mit 
vollem Rechte meinte er am guten Willen der Ernestincr 
zweifeln zu dürfen und sich vor ihren Praktiken sicher- 
stellen zu müssen. 

Weil man auswärtige Hilfe für nothwendig hielt, so 



**) Man schien zu Naumhurg infolge der stattlichen Ver- 
sammlung und der langen Dauer der Berathungen lauernden Be- 
obachtungen und gellässigen Aussprengnngen ausgesetzt. 

2') Siehe den Torgauer Vertrag vom 22. Mai bei Cor- 
nelius, Churf. Moritz gegenüber der Fürstenverschwörung 1550 — 51, 
694 flg. 

**) Man beachte, es felilt die Protestation gegen das Konzil. 
Auf dem Reichstage (zu Augsburg in.')!) liatten die anwesenden 
Protestanten erklären niiisson, das Tridentiuer Konzil besuchen zu 
•wollen. 

=**) Markgraf Hans war gewillt, den Antheil des Herzogs von 
Preussen zu übermitteln. 



222 S. Issleib: 

wurde am 25. Mai ein MemoriaP®) für Friedrich von 
Reifenberg ^') behufs einer neuen Werbung am franzö- 
sischen Hofe ausgefertigt**). Darnach wölken die Fürsten 
mit dem Könige ein Bündnis gegen den Kaiser schlicssen 
und auf ein, zwei und mehrere Jahre hinaus 6000 Reiter, 
eine entsprechende Zahl von Knechten und Feldgeschütze 
stellen , um den Feind nach Gelegenheit an mehreren 
Orten zuo-leich angreifen zu können. Der Könio; sollte 
sich zu einer Monatssumme von mindestens 100000 Kronen 
verpflichten und in Person zu Felde ziehen. Dafür 
wollten sich die Fürsten bei Erwählung eines neuen zeit- 
lichen Oberhauptes und in andere Wege dankbar erzeigen 
und ohne den König keinen Vertrag schliessen. Durch 
Brief, Siegel und Geiseln sollte das Bündnis bekräftigt 
werden. Auf Wunsch des Königs wollten auch Kurfürst 
Moritz und Markgraf Hans heimlich und unbemerkt nach 
Frankreich Icommen und sich mit ihm über alle Dinge 
verständigen. Noch vor Anbruch des Winters wünschte 
man das Werk zu beginnen. 

So steuerten jetzt die Fürsten, welche sich am An- 
fange des Jahres mit dem grössten Misstrauen gegen- 
über standen, einem gemeinsamen Ziele zu. Wie bei 
Frankreich so suchte man bei England ^^), Dänemark, 
Kurpfalz, Württemberg, bei Herzog Ernst von Ko- 
burg etc. Hilfe, Rückhalt, Willfährigkeit und Genossen- 
schaft. Um des Bundes willen wurde die Belagerung 
Magdeburgs in die Länge gezogen und das Kriegs- 
volk auf Reichskosten unterhalten '^"j. Neben Johann 
Albrecht von Mecklenburg bemühte sich Markgraf Hans, 
die Herzöge von Weimar mit Moritz auszugleichen und 
in den Bund hineinzuziehen. Leider bemerkte er, sie 
wollten fühlen, wo das Brett am dünnsten sei^^), und 

26j Vergl. Loc. 7281, Französische Verbündnisse. v. Langenn 
II, 327. Druffel I, No. 7U.3-705. 

*') Derselbe war früher für Markgraf Hans etc. am franzö- 
sischen Hofe thätig gewesen. Druffel I, No. 70.3. 

=") Cornelius, Churf. Moritz etc. (;t)3. Nach Schärtlins Brief 
vom 8. Mai hatte sich Heinrich 11. ül)er den Verzug von Seiten des 
Kurfürsten etc. verwundert ausgesprochen. Schärtlin warnte vor zwei 
Punkten, vor einer üeldforderung und vor der Religion. Heinrich II. 
wollte des Glaubens wegen nicht angefochten werden; jeder sollte bei 
seinem Glauben bleiben. 

^') Loc. 7277, Marggraffen Johannsen hendel etc. Bl. 9 flg. 
V. Langenn II, 328. Druffel I, No. «58, 661, 687, G95, 705. 

^o) S. Issleib in dieser Zeitschrift V, 291 flg. 

*') Johannes Voigt, Der Fürstenbund etc. 12G flg. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 223 

Kurfürst Moritz bat, an gewissen Orten nicht zu viel zu 
trauen, bis man der Leute im Grunde gewiss sei; es sei 
nicht rein an dem Orte, versicherte er später, man reite 
auf zwei Strassen. Den Landgrafen Wilhehn warnte er 
auf alle Weise, und verhielt ihm nicht, dass „der Kaiser 
etwas rieche". 

Bemüht, Deutschland völlig zu beraeistern, Hess 
Karl V. die Stimmung der Nation allerorten ausforschen. 
Kundschafter durchzogen wie früher das gesamte Reich, 
besonders den Norden Deutschlands. Am meisten standen 
bei ihm in Verdachte Markgraf Hans und die Landgrafen 
von Hessen. Aber auch Moritz blieb trotz seiner Thätig- 
keit vor Magdeburg und trotz des so glücklich ausge- 
führten Verdener Krieiiszu>;'es nicht frei von Bear^wöh- 

O tJ CD 

nungen und Verdächtigungen. Es fiel auf, dass er jetzt 
mehr als früher auf die Befreiung des Landgrafen drang, 
obgleich der Kaiser erklärt hatte, er solle nicht schuldig 
sein, der „angemassten, nichtigen Einnehmung" naeii 
Cassel Folge zu leisten'^); man sah die Annahme des 
Markgrafen Albrecht als Oberstlieutenant vor Magdeburg 
ungern und bekämpfte sie lange Zeit. Unverhohlen sprach 
man seine Verwunderung darüber aus, dass der Kurfürst 
den geächteten und listigen, mehr französisch als kaiser- 
lich gesinnten Herrn von Heideck im Lande dulde, sogar 
als Oberhauptmann in Leipzig eingesetzt und seinen 
Sekretär Arnold als Verwalter in Eilenbarg angestellt 
habe. In den Regionen des höfischen Klatsches wurden 
allerlei verdriessliche zuweilen fast ehrenrührige Reden 
geführt^^). Man hielt sich auf über die lange Belagerung 
Magdeburgs und über die nutzlosen Verhandlungen, über 
die Zusammenkünfte der Fürsten^*) und deren Sendungen 
an fremde Potentaten. Man empfahl. Acht zu geben, 
dass der Kurfürst nicht nach der Eroberung Magdeburgs 
eine Gesellschaft an sich hänge und dem Kaiser des 
Landgrafen halber einen Possen spiele; denn wiederholt 
wurde an den kaiserlichen Hof berichtet, man versuciie 



*') V. Langenn II, .S21. Drnifel f, No. 664. 

*') Die meisten Nachrichten darüber stammen von Dr. Franz 
Kram. Lo(;. 10 695, Dr. Franz Kranimons Zcitnngsbiuli an Komcr- 
stadt 1551 nnd Loc. 10 189, M. Franz ivramiiiens Scliroihen etc. 1551, 
hl 81 ilg. 

^*) IjOc. 7277, Marggratt'on Johannsen hendel mit Chnrlürst 
Moritzen A. 1.548— 58, Bl. 18. Drnffel I, No. 661. 



224 S- Issleib: 

den Kurfürsten vom Kaiser abzubringen^^). Moritz sali 
sich wiederholt veranlasst, den Kaiser zu bitten, ver- 
leumderischen Berichten über ihn keinen Glauben zu 
schenken. Eingedenk der kurfürstlichen Verdienste vor 
Magdeburg und Verden legte der Kaiser selbst in der 
That wenig Gewicht auf die gewohnheitsmässig umlaufenden 
Reden und suchte den Kurfürsten, als der Himmel sich 
ringsum zu trüben begann, als die Türken rüsteten und 
in Italien der Krieg in Aussicht stand, durch beson- 
dere Willfährigkeiten auf seiner Seite festzuhalten. Er 
war einverstanden, dass der Kurfürst Magdeburg nach 
der Eroberung oder Ergebung so lange innebehalte, bis 
er wegen aller zur Exekution vorgestreckten Gelder gänz- 
lich zufriedengestellt sei, und veranlasste das Erzstift für 
die Bezahluno; in bestimmter Frist zu haften. 

Anfangs August kehrte Friedrich von ßeifenberg 
mit guter Nachricht aus Frankreich zurück'"), und wenige 
Tage darauf erschien der angekündigte königliche Bevoll- 
mächtigte Johann de Fresse (Fraxineus), Bischof von 
Bayonne, in Marburg^'). Still und verborgen hielt er 
sich in Hessen und Sachsen auf, bis die Fürsten alles zu 
einem gründlichen Beschlüsse vorbereitet hatten'^). Ende 
September '*') begannen die Verhandlungen in Lochau. 
Es erschienen Kurfürst Moritz^"), Markgraf Hans (mit 
Vollmachten Albrechts von Preussen und Heinrichs von 
Mecklenburg), Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, 
Schachten und Bing an Stelle des Landgrafen Wilhelm*^) 
und zuletzt der Bischof von Bayonne. Während der 
zehntägigen Beratimngen trat klar zu Tage, was Frank- 
reich wollte und welche Ziele Kurfürst Moritz mit den 
Hessen und Markgraf Hans verfolgten, worauf der eine 



»*) Joh. Voigt, Der Fürsteubund etc. 127. Vergl. Druffell, 
No. 662, 687, 709, 714, 766. 

") Druffel I, No. 709, 714. 

") Druffel I, No. 711, 714, 722, 73.3. Landgraf Wilhelm 
sollte sich auf Moritz Wunsch gegen den Gesandten grossmüthig 
erzeigen und von grossen Streichen reden. Eine Nothlüge schade 
zu Zeiten nichts. 

»») Vergl. Joh. Voigt, Der Fürstenbund etc. 133, 135. 

»•) Druffel I, No. 767. III, 267. 

*") Derselbe vertrat zugleich seinen Mündel und Vetter Mark- 
graf Georg Friedrich von Ansbach. 

*') Druffel I, No. 714, 733. Herzog Augustus war nicht an- 
wesend, da Moritz sich mit ihm besonders versttändigt hatte, Druffel I, 
No. 711 A. 3. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 225 

und der andere Theil das Hauptgewicht legte. Ver- 
scliiedeu geartet, von ungleichen Interessen geleitet und 
von mannigfachen Rücksichten abhängig, gerieth man 
hart aneinander. Nach hessischen Mittheilungen^^) war 
„es nicht zu sagen, wie seltsam der Handel gewackelt. 
Denn der Teufel hatte, wo er gekonnt und gemocht, 
seine Hinderung nicht allein hundert- sondern tausend- 
fältig eingeworfen". Als alle Dinge abgeredet waren und 
endgiltig zu Papier gebracht werden sollten, als Mark- 
graf Hans die andern wohl zehn Tage „gefexieret und 
mit ihnen geschlossen" hatte, fiel er nach einem harten 
Wortwechsel mit Moritz am Abendtische schändlich aus 
aller Handlung ^^) und ritt frühmorgens am 4. Oktober 
trotz vorangegangener Bitten Fresses, der Hessen und 
des Herzogs von Mecklenburg mit den Vollmachten der 
Herzöge von Preussen und Mecklenburg „heimlich wie 
die Katze von der Böne" davon. Vergleicht man das 
bis jetzt bekannte, aber noch immer lückenhafte Quellen- 
material ^^), so geht daraus mit Bestimmtheit hervor, dass 
der französische Gesandte sich von vornherein nur auf 
ein Offensivbündnis einlassen wollte und Zustimmung 
beim Kurfürsten und bei den Hessen fand^^), Markgraf 
Hans dagegen, auf die Dresdner Abmachungen und den 
Torgauer Vertrag gestützt, einem Defensivbündnisse das 
Wort redete und von keiner Offensive hören wollte, bevor 
die Defensive nicht völlig verglichen sei^**). Fresse, Kur- 
fürst Moritz und die Hessen brachten die früheren Fest- 
setzungen ins Schwanken, Markgraf Hans suchte sie auf- 
recht zu erhalten und kam auch später immer wieder 
darauf zurück. Moritz stellte neben den Hessen als 
Hauptzweck des Unternehmens Freiheit des Vaterlandes 
und Erledigung des Landgrafen hin*'), der Markgraf 
sah Vertheidigung der Keligi()n und der Freiheiten des 
Vaterlandes als die Hauptgründe ihrer Vereinigung an. 



") Druffel I, No. 767, 779, vcrgl. 782, oder Loc. 7277, Marg- 
graffen Joliannsen liendel etc. Bl. 17. 

") Druffel III, 266. 

") Druffel III, 2G4 flg. Johannes Voigt, Der Fürsten- 
bund etc. 140 Hg., 157 flg. 

**) Druffel I, No. 662. Schon am 12. Juni schrieb Moritz an 
Wilh. von Hessen: was nützte ihnen der Bund ohne die nerva belli. 

*") Der Markgraf erklärte, er sei auf Grund der Verträge von 
Dresden und Torgau zur Defensive bevollmächtigt, sowie zu Ver- 
handlungen über die Offensive. Druffel III, 267 u. 269. 

*') Druffel III, 268. 

Neue« Archiv f. S. (J. u. A. VI. 3. 4. 15 



226 S. Issleib: 

Der Kurfürst erklärte, „Frankreich dulde nicht, dass die 
Religion auch nur mit einem einzigen Worte erwähnt 
werde, das könne' den Handel sofort stutzig machen". 
Der Mai'kgraf meinte: „ihnen sei die Religion der vor- 
nehmste (jrrund, den man nicht wegen der Franzosen 
unter die Bank stecken könnte. Ihre Verbindung unter 
einander berühre die Franzosen gar nicht. Die Religion 
sei wichtiger als die Freiheit; wären diese beiden Punkte 
nicht, so sei der Landgraf keine solche Ursache; was in 
dem geschehe, das würde dem Kurfürsten anders nicht 
denn als ein Werk der Liebe geleistet und müsste auch 
des gefangenen Kurfürsten halber vorgenommen werden; 
Reifenberg habe in vielen Punkten seine Instruktion über- 
schritten." — Die beiden Männer, Avelche so schwer ein- 
ander näher gebi'acht waren, zerfielen schnell im ent- 
scheidungsvollen Momente. Es mögen viele Gründe''^) den 
verhängnisvollen Entschluss des Markgrafen mit gereift 
haben; ohne Zweifel aber war die Beiseite- und Hint- 
ansetzung der wahren christlichen Religion von franzö- 
sischer und sächsischer Seite für ihn der Hauptgrund des 
Bruches und des Davonreitens*^). 

Die Entfernung des Markgrafen sprengte den Fürsten- 
bund; allein die Zurückgebliebenen Hessen das Werk 
nicht sitzen und trafen mit dem französischen Gesandten 
einen Vergleich „wiewohl mit Mühen und Krachen". 
Am 5, Oktober wurde ein Vertrag unterzeichnet, welcher 
dann neben zwei Kopien nach Frankreich wanderte und 
nach langen Auseinandersetzungen und schwankenden 
Verhandlungen am 15. Januar 1552 von Heinrich H. auf 
dem Schlosse zu Chambord ratifiziert wurde. Der Bischof 
von Bayonne versagte in Lochau seine Unterschrift, weil 
die königliche Vollmacht auch den Markgrafen Hans in 
sich schloss. 

Der Lochauer Vertrag^'^) nun überliess und unter- 
warf die Religionssache „dem göttlichen Willen und Ge- 



*') Die Stellung des Kurfürsten zu den Ernestinern, sein Ver- 
hältnis zu Magdeburg und seine Neigung zur Aufnahme des Mark- 
grafen Albreclit in den Bund, die Übertragung der Würde eines 
Generalobristen an ihn und die hohen Erwartungen von englischer 
Hilfe siehe Loc. 9145, Hessisclie entledigung I, Bl. 690 flg. 

*') Vergl. das Urtheil Nikolaus v. Amsdorf: „es ist einer eben 
so fromm als der andere und sonderlich Markgraf Hans ist ein 
Fuchs"; Loo. 91-42, Custodie und Erledigung Joh. Friedrichs zu Sach- 
sen Bl. 99. D ruf fei I, Wo. 844. 

*») Druffel III, .S40 flg. No. 902 und I, No. 77.3, 774. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 227 

(leihen", ^ denn Gott werde seine Ehre nach seinem Ge- 
fallen wie bisher selbst zu richten und zu führen wissen. 
Als Bundesgenossen Heinrichs II. wollten die Fürsten 
mit Heereskraft und gewaltiger Hand das beschwerliche 
kaiserliche Joch „viehischer Servitut" abwerfen, die alte 
Libertät deutscher Nation erretten und die Wiederer- 
ledigung des Landgrafen Philipp von Hessen suchen. 
Alle Förderer des Vorhabens sollten laut öffentlicher 
Ausschreiben gnädig und günstig aufgenommen und ge- 
schützt, Widersacher dagegen — gleichviel ob weltliche 
oder geistliche — mit Schwert, Blut und Feuer heim- 
gesucht werden. Verboten war, ohne Wissen und Willen 
aller mit dem Kaiser oder mit anderen Frieden oder 
Waffenstillstand, Vertrag oder Aussöhnung zu schliessen. 
Nöthigenfalls sollte das französische und verbündete 
Kriegsvolk zusammenstossen und vereinigt handeln. Mit 
ihrer Mannschaft wollten die Fürsten zunächst die nach- 
barlichen und die anderen Widersacher unschcädlich machen 
und dann gegen des Kaisers Person oder an vortheiliiafte 
Orte, welche der König bezeichne, vorrücken. Zur Unter- 
haltung von 6 — 7000 geworbenen Keitern und einer ent- 
sprechenden Zahl von Knechten sollte der König monat- 
lich lOOÜOO Kronen und zwar bei Beginn des Kriegszuges 
die Summe von mindestens G Monaten auf einmal er- 
legen. Die landsässigen Reiter der Fürsten sollten im 
Lande bleiben und im Nothfalle mit dem Landvolke 
einander Hilfe leisten. 

Ein ausführlicher Artikel befasste sich mit den 
Ernestinern. Falls sie nicht zur Bundestheilnahme zu 
bringen seien, sollten sie eine verbriefte und versiegelte, 
durch ihre Landstände bestätigte und durch Geiseln ge- 
währleistete Erklärung abgeben, in keinerlei Weise gegen 
die Verbündeten liandeln zu wollen, es gerathe die Sache, 
auf welchen Weg sie wolle. Verweigerung der Ver- 
sicherung brachte sie unter die Zahl der oüenen Feinde. 
Die Zustellung aber einer genügenden Erklärung und 
die Gewährleistung von Hilfe zu einem Offensivkriege 
auferlegte den Verbündeten die Wiedererledigung .Johann 
Friedrichs. Der aus kaiserlicher Hand befreite Herzog 
sollte jedoch nicht eher ledig oder zur Kegierung gelassen 
werden, bis er sich aller Nothdurft nach obligiert habe'''); 
eine ähnliche Forderung wollte man an den befreiten Land- 



*') Moritz' Ziel war also: volle Sicherheit gegen die Ernestiner. 

16» 



228 S. Issleib: 

grafen Philipp stellen. Landgraf Wilhelm sollte vor Be- 
ginn des Krieges die hallische Kapitulation dem Kaiser 
kündigen und Kurfürst Moritz ihm den Dienst aufsagen. 
Es folgten dann Bestimmungen über den obersten Feld- 
hauptmann, über einen Kriegsrath, über Stiminreclit, über 
Zutritt neuer Bundesmitglieder, über die Stellung der 
durch die Bundesleistungen erschöpften und verarmten 
Genossen ^^), über den Schwur des Kriegsvolkes, Ver- 
theilung der Beute, der Brandschatzungen, Eroberungen 
nach den veranschlagten Bundesleistungen etc., über Aus- 
söhnungen, Verträge und über die zu stellenden Geiseln. 
Ferner wurde für gut erachtet, dass der König von Frank- 
reich die Städte, welche von Alters her zum Reiche ge- 
hört und nicht deutscher Sprache seien, nämlich Cambrai, 
Toni, Metz, Verdun und andere mehr, ohne Verzug ein- 
nehme und als ein Vicarius des heiligen Reiches, zu 
welchem Titel die Fürsten den König zu befördern ge- 
neigt waren, behalte, doch wurden dem Reiche die 
auf den Städten ruhenden Gerechtigkeiten ausdrücklich 
vorbehalten^*). Der König sollte auch in den Nieder- 
landen ein Feuer anzünden, damit der Feind an vielen 
Orten löschen und seine Macht theilen müsse. Man stellte 
weiter an Heinrich II. das Ansinnen, durch besondere 
Geldopfer norddeutsche Fürsten und Städte an sich zu 
ziehen. Für alles dieses wollten ihm die Fürsten noch 
zu seinem verlorenen erblichen Besitze treulich verhelfen 
und sich bei der Wahl eines künftigen Kaisers nach 
seinem Gefallen verhalten und kein christliches Haupt 
wählen, welches nicht gute Nachbarschaft halte. Liege 
ihm auch selbst daran, solche Bürde und Dignität auf 
sich zu nehmen und zu tragen, dann wollten sie ihm 
dieselbe wohl gönnen*^). — Was die Einstellung der 
beiden Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg betrifft, 

*^) Siehe bei Druffel I, No. 774 den Abschnitt über Herzog 
Johann Alhrecht von Mecklenburg. 

*') Weil die Städte „wieder aus des Gegentheils Händen ge- 
bracht" ^Verden sollten, so gehörte ihre Befreiung mit unter die 
Errettung deutscher Libertät aus dem spanisch-habsburgischen Joche. 
Alle Bundesfürsten hatten gleichen Antheil an dem so oft 
gebrandmarkten Reichsfrevel; es wird nirgends erwähnt, dass Mark- 
graf Hans gegen diesen Punkt gesprochen habe, und doch ritt er 
erst ab, als alle Dinge abgeredet waren und zu Papier gebracht 
werden sollten, siehe Druffel I, No. 767. 

**) Der Vertrag von Lochau war unterschrieben und besiegelt; 
an einzelnen Stellen befanden sich Lücken für Angabe der Subsi- 
dien, für Zeit- und Ortsbestimmungen, die später ausgefüllt wurden. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 229 

so versprach Kurfürst Moritz in Locliau, nach eingelaufener 
königlicher Resolution dem Landgrafen zu schreiben, an 
welchem Tage er sich gewiss einstellen wolle"). Mit 
Magdeburg gedachte er einen Vertrag zu schliessen, dass 
die Stadt bei der augsburgischen Konfession bleiben und 
ihm der Privilegien und der liegenden Güter halben 
billig Dank sagen sollte. Im Nothfalle sollte sie als 
Zufluchtstätte offen stehen. Die Stadt und die Stifter 
Magdeburg-Halberstadt wurden von den Bundeserober- 
ungen ausgeschlossen und dem Kurfürsten zur "Wieder- 
erlangung seiner ausgelegten Gelder nebst Interessen vor- 
behalten. Herzog Hans Albrecht sollte neben einem 
kurfürstlichen Vertrauten mit Albrecht von Preussen und 
Heinrich von Mecklenburg verhandeln und beide zum 
Eintritt in den Bund bewegen. Markgraf Hans wurde 
zunächst seinem Schicksale anheimgestellt*®), obgleich er 
unmittelbar nach seiner Abreise die stürmisch zerrissenen 
Fäden wieder anzuknüpfen suchte*'). Durch die ge- 
wechselten Briefe und die veranstalteten Sendungen 
wurde zwar der Bruch nicht erweitert, aber auch keine 
volle Verständigung herbeigeführt. Markgraf Hans und 
Herzog Albrecht von Preussen — Heinrich von Mecklen- 
burg starb am 6. Februar 1552 — sind nie dem Lochauer 
Bündnisse beigetreten, sie hielten sich nur durch die 
Dresdner Abmachungen und den Torgauer Verti'ag ge- 
bunden, während Kurfürst Moritz an der Ansicht fest- 
hielt, der Markgraf habe auch das Offensivbündnis in 
Locliau mit abgeschlossen. 

Nach der Lochauer Entzweiung trat Markgraf Albrecht 
von Brandenburg, welcher bis dahin vor Magdeburg ge- 
legen hatte, dem Fürstenbunde näher, ohne jedoch Mit- 
glied zu werden. Markgraf Hans hatte seine Heran- 
ziehung beharrlich widerrathen. Kurfürst Moritz wünschte 
und hoffte, dass ihn Heinrich IL in seine Dienste nehme 
und neben anderen gegen die Niederlande gebrauciie. 
Während daher der Bischof von ßayonne in Deutsch- 
land zurückblieb, reiste Markgraf Albrecht nach Mitte 



") Loc. 7281, Französische Verbiüidiiisse etc. Bl. 50. Druffell, 
No. 774. 

") Druffcl I, 764. No. 773. „Gott gebe, wo Markgraf Hans 
bleibe." 

") Druffel in, 264 Hg. I, No. 828. Johannes Voigt, Der 
Fürstenbuud 149, 151 flg., 157. 



230 S- Issleib: 

Oktober^®) im Auftrage der Bundesfürsten über Ziegenhain 
in Hessen an den französischen Hof, um dort die Be- 
stätigung des Lochauer Vertrages einzuholen und mit 
dem Könige ein persönliches Abkommen zu treffen. Atif 
seiner ßeise begegnete er dem Rheingrafen Johann 
Philipp, welcher infolge der Lochauer Vorgänge, über 
die Fresse in höchster Eile Bericht erstattet hatte, von 
Heinrich II. an den Landgrafen Wilhelm und den Kur- 
fürsten Moritz abgeschickt worden war. Markgraf Albrecht 
glaubte nach einer Unterredung mit dem Rheingrafen 
am französischen Hofe keine leichte Aufgabe zu finden; 
demungeachtet aber bat er Moritz dringend , die Sache 
nicht zu übereilen und geringschätzig zu achten, damit 
nicht ein Handel den anderen umstosse; er wollte ein 
sicheres Ja oder Nein bringen. 

Kurfürst Moritz sah nach Abfertigung des Markgrafen 
an Heinrich IL dem ferneren Verlaufe der französischen 
Verhandlungen mit ziemlicher Ruhe entgegen^^), beeilte 
sich aber sofort anderen wichtigen und drängenden An- 
gelegenheiten obzuliegen. Da galt es zunächst die Be- 
lagerung INIagdeburgs zu beenden. Ernstlich fanden die 
letzten öffentlichen und geheimen Verhandlungen statt''")- 
Als der Kaiser nach längerer Weigerung die Kapitula- 
tionsartikel gemildert hatte und der „geheime Vertrag" 
vereinbart war, wurde die Ergebung der Stadt vorbereitet. 
Am 9. November 1551 hielt der Kurfürst als Reichsfeld- 
herr und künftiger Lehnsherr in Magdeburg mit glänzendem 
Gefolge Einzug und liess dem Kaiser, dem Reiche und 
sich selbst huldigen. Fünf Fälmlein Knechte blieben als 
Besatzung auf seine Kosten in der Stadt zurück. Hin- 
sichtlich des übrigen Kriegsvolkes waren geschickte 
und möglichst unverdächtige Anordnungen zu treffen. 
Es hatte bis dahin ein ungewöhnliches Verhältnis be- 
standen. Das gesamte Kriegsvolk (26 Fähnlein und 
1300 Reiter) hatte in kurfürstlicher Bestallung und Ver- 
eidigung für Kaiser und Reicli gekämpft und vom kur- 
fürstlichen Kriegsherrn aus Reichsmitteln Zahlung er- 
halten^^J. Den rückständigen Sold forderte die Mann- 
schaft vom Kurfürsten, und dieser drängte den Kaiser 

5«) Loc. 9152, Hessische entledigung V, Bl. 120. Druffel I, 

No. 795 und 797. 

*') Druffel I, No. 799. 

») S. Issleib in dieser Zeitschrift V, 301 flg. 



«0\ 



et 



) Siehe ebenda 183, 275, 286. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 231 

zur EiiitreibuDg- der letzten Summe des Reichsvorratlies. 
Oft liatte Kurfürst Moritz dem Kaiser gegenüber hervor- 
gehoben, man werde noch gezwungen sein, wegen Geld- 
mangels mit Schimpf und Schande von der Belagerung 
abzustehen. Gegen Ende September sprach er auch die 
Befürchtung aus, dass sich das Kriegsvolk nach dem 
schimpflichen Abzüge von der uneroberten Stadt nicht 
trennen, sondern das es zusammenbleiben und auf lästige 
Weise Bezahlung suchen werde. Besorgt ersuchte Karl V. 
am 1. Oktober den Kurfürsten, unter allen Umständen 
Geld aufzutreiben und nach Übergabe Magdeburgs die 
Zertrennung des Kriegsvolkes durchzusetzen und neue 
Vergarderuug zu verhindern; kein Stand des Kelches 
sollte es gegen den andern gebrauchen, und kein Knecht 
oder Reiter sollte Frankreich durch Praktiken zugeführt 
werden. Im Berichte nun an den Kaiser über die Ein- 
nahme und Huldigung Magdeburgs (vom 12. November) 
forderte der Kurfürst wiederum nachhaltig Geld zur Be- 
zahlung des „ehrlichen" Kriegsvolkes und erbot sich gleich- 
zeitig wiegen der unruhigen Zeiten und der Nothwendig- 
keit guten Aufsehens zu einem Versuche, das auserlesene 
und an einander gewöhnte Kriegsvolk noch einige AYochen 
bis zur Bezahlung trotz vieler persönlicher Beschwerden 
zusammenzuhalten. In der Hoffnung, dass der Kaiser 
darüber kein Missfallen haben werde, wollte er Reiter 
und Knechte bewegen, das erschöpfte Erzstift Magdeburg 
zu verlassen und die Auszahlung des rückständigen 
Soldes an anderen Orten zu erwarten. Nach seiner 
Meinung gereichte das zusammengehaltene sächsische 
Kricgsvolk Kaiser und Reich zum Nutzen und Froramen. 
Darauf versprach er am 14. November dem gesamten 
Kriegsvolk sichere Zahlung bis zum 17. Januar 1552 
unter der Bedingung, bezahle er und nicht das Reich, 
dann sollte es ihm zu dienen bereit und zur Erlangung 
seines ausgelegten Geldes behilflich suin**^). Hans vonDiskau 
und Georg von Altensee (genannt Wachtmeister) erhielten 
Weisung, das Kriegsvolk aus dem Stifte Magdeburg zu 
führen, Erfurt und Mühlhausen in Thüiingcn einzunehmen 
und beide Städte bis zur Entrichtung des Soldes zu 
halten; den Herzügen von Weimar aber sollte auf diesem 
Zuge kein Schaden zugefügt werden. Ani 17. November 



") Loc. 9152, Magdeburgische Handlung VI, Bl. 1 flg. Mit 
den Rittmeistern vor allen verglicli er sich über Wartegeld und 
Unterhalt und über fernere iJestalhmg vom 18. Januar 1552 an. 



232 S. Issleib: 

verliess die Mannschaft die Feldlager vor Magdeburg. 
Erfurt wurde nicht eingenommen, die Bürger setzten 
sich zur Wehre, klao-ten umo-ehend beim Kaiser und bei 
den Nachbarfürsten und erwirkten Schutzmandatc beim 
Karamergerichte®^). Mühlhausen dagegen wurde be- 
setzt und arg heimgesucht; am 12. Februar 1552 begab es 
sich auf 20 Jahre in den kurfürstlich sächsischen Schutz 
und gelobte jährlich 600 Fl. zu zahlen"*). 

Wohl zu beachten ist, dass sich Kurfürst Moritz ira 
Berichte vom 12. November vernehmen Hess: wünsche 
der Kaiser vom Verlauf der magdeburgischen Belagerung 
mündlichen Bericht, dann wolle er zu ihm kommen und 
zufriedenstellende Anzeige thun; bis dahin sollte der Kaiser 
solchen, die ihn verunglimpfen möchten, nicht glauben, 
sondern sein gnädigster Herr sein und bleiben. Dies 
unerwartete Erbieten fand Beifall, Karl V. forderte den 
Kurfürsten am 22. November auf, sich unverzüglich zu 
erheben und zu ihm zu verfügen, um mit ihm über 
Magdeburg und andere wichtige persönliche und allge- 
meine Dinge zu verhandeln. Die Trennung des Kriegs- 
volkes, welches nicht zur Besetzung Magdeburgs gebraucht 
werde, sollte jedoch vor seiner Abreise stattfinden. Von 
der Zusammenkunft des Kurfürsten mit dem Kaiser ver- 
sprach man sich allgemein viel, daher wurde von ver- 
schiedenen Seiten alles aufgeboten, um den Kurfürsten 
zum baldigen Aufbruch nach Innsbruck zu bewegen. 
Der kaiserliche Kommissar Schwendi verscäumte nicht, 
wiederholt zu versichern, man meine es am kaiserlichen 
Hofe redlich und gut und werde dem Kurfürsten so be- 
gegnen, dass alle Dinge zu seiner Zufriedenheit in „gute 
Richtigkeit gerathen" würden**^). An keiner Snche aber 
war dem Kurfürsten mehr gelegen, als an der Befreiung 
des Landgrafen, für welche damals gerade in Inns- 
bruck Fürsprache eingelegt wurde. 



**) Die Kriegsunruhen in Thüringen veranhissten die nachbar- 
lichen Reichsstände, besonders die Bischöfe von Würzburg und Bam- 
berg, zu rüsten. Druff el II, No. 872. 

«*) H.-St.-A. Original No. 11449. 

'*) Siehe darüber Loc. 9152, Belagerung Magdeburgs VI, Bl. 86, 
285 ttg., .307. Drnffel I, No. 820. Loc. 10695, Dr. Franz Krammens 
Zeitungsbuch 1551. Innsbruck, 29. November 1551 ; dagegen Loc. 7281, 
Französische Yerbündnisse Bl. 114. (Drnffel I, No. 804). Landgraf 
"Wilhelm nahm an, Moritz werde nur dann zum Kaiser reisen, wenn 
die Geldsendung von Frankreich abgeschlagen -werde; für seine 
Person rieth er gänzlich ab. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 233 

Im Laufe des Sommers hatte Kurfürst Moritz 
neben den Kurfürsten von Brandenburg durch Send- 
ungen au verschiedene Höfe eine allgemeine Fürbitte 
für den Gefangenen vorbereitet"*'). Um Michaelis kamen 
dann die Abgeordneten von Kursachsen und Kurbranden- 
burg, von Kurpfalz und den anderen pfalzgräf liehen 
Höfen, von Württemberg und Baden, von Mecklenburg 
und Dänemark in Donauwörth zusammen und zogen 
nach gemeinsamen Vorberathungen nach Augsburg. 
Hier erlangten sie keine Audienz mehr, Aveil der vor- 
nehmste Sprecher, der kursächsische Abgeordnete Mel- 
chior von Osse, welcher in Donauwörth krank dar- 
nieder gelegen hatte, erst am 20. Oktober nach Augsburg 
kam und die Abreise des Kaisers nach Innsbruck bereits 
auf den 21. Oktober festgesetzt war. Auf Befehl des 
Kurfürsten von Sachsen folgten die Abgeordneten am 
4. November nach Tyrol. Unterwegs erkrankte Dr. Osse 
von neuem und langte erst am 13. November schwach 
in Innsbruck an. Mittlerweile waren beim Kaiser Bitt- 
schriften zu Gunsten des Landgrafen vom Könige Sigis- 
mund August von Polen, vom König Ferdinand, vom 
Herzog Albrecht von Bayern und den jungen Herzögen 
von Lüneburg eingelaufen. 

Am 17. November nachmittags zwischen 4 — 5 Uhr 
„gab der Kaiser in eigener Person Audienz"') und hörte 
dem Anscheine nach die Anträge nicht mit Ungeduld, 
sondern mit Lust und allem Fleisse an; er sass auch 
allezeit ganz still, nur als man ihn einen löblichen deut- 
schen Kaiser nannte, strich er, aber ohne Ungebärde, 
mit der rechten Hand über den langen Zahn""®). Die ver- 
einigte kursächsische und kurbrandenburgische Instruktion 



«•) Näheres über die landgräfliche Sache 1551 Loc. 9145,- 
Hessische entledigung I, lil. 70, 85, 90 flg., 107 flg., 143, 144, 153. 
Loc. 10 ISO, Franz Krannnens Schreiben an Kurfürst Moritz zu Sachsen 
1551, 151. 76, 88. Loc. 10695, Dr. Franz Kraramens Zeitungsbuch 
(ohne Blattzahleu), Schreiben vom 29. Xovember. Loc. 848.'), .\cta 
miscellanea, Handschreiben 1550—1559 Bl. 12 flg. und llandelbuch 
des Dr. Melchior von Osse, S. 1G2 (in der Dresdner üft'entlichen 
Büdiothek). Vergl. Druffel I, No. 619, 644, 657, C69, 683 (In- 
struktion zum Tage von Salza), 686, 687, 762, 760, 788, 821, 825 (S. 
828 unten und S. 829 Postscr.), 840. 

") Im Beisein Herzogs Adolf von Holstein, I»r. Solds, llossis 
und des Don Luis de Avila. 

«') Bericht des Franz Kram vom 29. November im Zeitungs- 
buch, Loc. 10695. 



234 S. Issleib; 

wurde Wort für Wort vorgetragen ; dann folgte die Für- 
bitte des Königs von Dänemark und die der anderen 
Fürsten ****). Nach Granvellas Mittheilung an die Königin 
Maria verlor die Audienz an Feierliclikeit durch die ver- 
schiedenen Partikularerklärungen. Überdies spracli der 
kurbrandenburgische Gesandte Dr. Jung (an Stelle des 
kranken Osse) im Auftrage der Kurfürsten von Sachsen 
und Brandenburg sehr schläfrig, und der dänische Bot- 
schafter blieb sogar stecken. Im Namen des Kaisers 
erwiderte der Vizekanzler Seid und vertröstete auf gute 
Antwort. 

Als dann des Kurfürsten von Sachsen Bericht vom 
12. November mit dem Erbieten, auf Verlangen nach 
Innsbruck kommen zu wollen, anlangte, Hess der Kaiser 
am letzten November durch Seid den auf Resolution und 
Antwort harrenden Abgeordneten anzeigen, er sei ent- 
schlossen, demnächst mit dem Kurfürsten von Sachsen 
über die landgräfliche Sache persönlich zu verhandeln 
und gestatte ihnen, ihrer Gelegenheit nach abzureisen"^). 
Dr. Franz Kram unterliess nicht, dem Kurfürsten viele 
„tractatus" und weitere Versicherungen des Landgrafen 
wegen in Aussicht zu stellen, und meinte, man wolle den 
Landgrafen und seine Kinder also schmälern und extenuieren, 
dass man ihrer zu jeder Zeit mächtig sein könne. 

Noch einer anderen Angeleo-enheit müssen wir hier 
gedenken, der Konzilsache. Der ßeichstagsabschied 
vom 14. Februar 1551") auferlegte den Besuch des 
Konziles zu Trient allen Reichsständen, und der Kaiser 
hatte demgemäss ein Mandat (vom 23. März) ergehen 
lassen. Darauf befahl Kurfürst Moritz den Theologen, 
eine Apologie der christlichen Lehre zu stellen, „welcher- 
massen sie den hochwichtigen Handel vor die Hand 
nehmen und worauf sie auch endlich bleiben wollten'"'-'). 



•') Auf Auhalten der jüliclischen Gesandten ging man damit 
um, auch eine Fürbitte für den Herzog Johann Friedrich einzulegen, 
allein die Sache wollte sich nicht recht schicken. (Franz Kram, 
29. November). 

'") Im Briefe an den Kurfürsten vom 22. November (Druffel I, 
No. 818) erwähnte der Kaiser die Audienz vom 17. November etc. 
nicht. Vergl. Druffel I, No. 825. 

") Loc. 10187. Reichshandlung zu Augsburg 1550 — 1551. 
Siehe Druffel III, No. 728, vergl. I, No. 729, A. 1 u. 2. Loc. 10324, 
Tridentiner Konzil. 

") Druffel I, No. 655. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 235 

Melanchthou schickte Ende Mai eine sächsische Kon- 
fession ein, welche nach mancherlei Abänderungen Anfang- 
Juli den Gesandten des Markgrafen Hans und einer Ver- 
sammlung sächsischer Prediger zu Wittenberg") vorgelegt 
und auch dem Könige von Dänemark überschickt wurde. 
Man trug sich wohl mit dem Gedanken, alle Evangelischen 
Deutschlands gegen das 'Konzil zu einen. Im August 
war Kurfürst Moritz entschlossen, wie Brandenburg 
Württemberg etc. das Konzil zu beschicken'''); aber er ver- 
langte für seine Theologen ausser dem im März zuge- 
schickten Geleite des Kaisers auch ein Geleit vom Konzile 
und zwar in aller Form, wie es einst den Böhmen nach 
Basel gewährt worden war, er verlangte ausserdem freie 
Verhandlung auf Grund der heiligen Schrift'^). Bufler 
wurde (im Oktober) nach Trient abgefertigt, um für eine 
Herberge zu sorgen und über den Konzilverlauf zu be- 
richten"^). Bald darauf traf ein Pergamentbrief ohne 
Siegel als Geleit ein; allein da es nicht dem Baseler ent- 
sprach, hielt der Kurfürst seine Theologen zurück. Doch 
sandte er im Dezember seine Räthe Wolfgang Koller und 
Leonhard Badhorn nach Trient"), um die Uberschickung 
des beantragten Geleites durchzusetzen und so den säch- 
sischen Theologen das Erscheinen auf dem Konzil zu 
ermöglichen. An den kaiserlichen Hof schrieb er Ende 
Dezember ''^): der Kaiser werde es ihm bei der Wichtig- 
keit der Sache gewiss nicht verübeln, wenn er Über- 
eilung vermeide; aber die Theologen sollten sich in- 
zwischen auf den Weg machen, um günstigenfalls vollends 
nach Trient zu ziehen. Wohl jeder erkennt klar daraus, 
dass Kurfürst Moritz die >Geleitfrage benutzte, um die 
Konzilsache so lange hinauszuschieben, bis seine anderen 
Pläne, welche weder die sonst vertrauten Räthe wie 
Christof von Carlowitz etc. noch die Theologen kannten, 
entweder „gereift oder gescheitert" waren"*). Fasst man 



") Druffel III, 234, A. 1. 

") Vergl. Loc. 10189, Franz Krammens Schreiben an Knrfürst 
Moritz etc. Bl. 55. Dm fiel I, No. ()88. 

'») Drnffel I, No. 729; III, No. 728 S. 236; I, No. 765, 769 
vergl. 753, 772, 792. 

'«) Ebenda I, No. 771. 

") Ebenda I, No. 841 ; vergl. No. 792, 826, 830 (S. 843), 831 
(S. 846), 833, 856, 857 (26. Dezember Wolf Koller in Innsbruck). Die 
Eäthe kamen am 7. Januar 1552 in Trient an. Loc. 10 041, Ver- 
schiedene Schriften, die Regierungszeit Moritz 1516—1553 betreftend. 

'«) Ebenda I, No. 860. '») Ebenda I, No. 830 (S. 843). 



236 S. Issleib: 

alles in das Auge, so lagen die Dinge doch so, dass Kur- 
fürst Moritz nöthigenfalls auf Frankreich verzichten und 
in kaiserliche Bahnen einlenken konnte. Als Besieger der 
Magdeburger Rebellen hatte er sich um Kaiser und Reich 
augenscheinliche Verdienste erworben, seine Erbietungen 
und Anordnungen in betreff des Kriegsvolkes konnten 
vorerst nicht anders als günstig gedeutet werden, seine 
Willfährigkeit in der Konzilsache durfte auf des Kaisers 
Zufriedenheit rechnen, und seine Bereitwilligkeit, nach 
Innsbruck zu kommen, musste noch jeden Zweifel an der 
Treue des Kurfürsten gegen den Kaiser verscheuchen *"). 
Einen Einblick in die Pläne des Kurfürsten besass der 
Kaiser thatsächlich nicht; über die französischen Praktiken 
im Reiche nur war er im allgemeinen unterrichtet ^^). 
Wie leicht konnte er allen künftigen Unzuträglichkeiten 
vorbeugen, Avenn er den Landgrafen in Freiheit setzte ! 
König Ferdinand schlug ihn als bestes und wirksamstes 
Mittel gegen alle gefährlichen Praktiken die Befreiung 
des Landgrafen vor ^^). Allein Karl V. meinte, die bis- 
herigen Sicherheiten genügten nicht, um Philipp äussersten 
Falles loszugeben. Er w^ollte darüber mit dem Kiu'fürsten 
verhandeln und sah täglich seiner Ankunft in Innsbruck 
entgegen *^). 

Bereits haben wir oben auf die Reise des Rheingrafen 
Johann Philipp nach Deutschland hingewiesen. Er kam 
vom französischen Hofe und erreichte anfangs November 
Cassel. Was er mittheilte ^*), war niclit gerade erfreu- 
licher Art. Tiefen Eindruck hatte am französischen Hofe 
der Abfall des Markgrafen Hans und die Uneinigkeit der 
Fürsten in Lochau gemacht. Der Rheingraf äusserte, 
König Heinrich werde nicht zu bewegen sein, dem so 

«") Druffel I, No. 856, vergl. 840. 

*') Böcklin wurde nach Norddeutschland geschickt, um die 
französischen Praktiken besonders in den Hansestädten zu bekämpfen. 
Loc. 9152, Magdeb. Belagerung V, Bl. 337 flg.; vergl. Druffel I, 
No. 766. 

**) Dann versichere er sich nicht nur des kursächsischen und 
kurbrandenburgischen Anhanges, sondern werde auch den Kurfürsten 
Moritz leicht bewegen, sich mit dem sächsischen Kriegsvolke gegen 
die kaiserlichen Feinde gebrauchen zu lassen. Siehe Druffel I, 
No. 801, 821, 825, 839. 

"J Alle Kräfte setzte er ein, um durch Schwendi und den 
Pfennigmeister Haller Geld aufzutreiben und das magdeburgische 
Kriegsvolk zu bezahlen und zu trennen. 

") Loc. 728], Französische Verbündnisse Bl. 114; Druffel I, 
No. 804. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 237 

geschwächten Bunde monatlich 100000 Kronen zu geben, 
kaum die Hälfte oder höchstens 100000 Fl. ®^). Bestehe 
Markgraf Albrecht auf seiner Forderung, so könne sich 
der Handel zerschlagen, den König fechte keine Noth an, 
es liege in seiner Hand, mit dem Kaiser Frieden oder 
Kries; zu haben. Gerathen erscheine, unverzüglich zum 
König zu senden und auf eine geringere Summe hin ab- 
zuschliessen *''). Sofort veranlasste Landgraf Wilhelm 
den Rheingrafen und Fresse, Heinrich H. zu bitten, sich 
günstig zu erzeigen; er selbst rieth brieflich den Mark- 
grafen Albrecht, im Nothfalle auf 70000 Kronen herab- 
zugehen und seiner persönlichen Dienste halben zunächst 
keine allzuhohen Forderungen zu stellen ^'). Nachdem 
dies geschehen, machte sich der Rheingraf auf den Weg 
zum Kurfürsten Moritz, mit dem er jedenfalls in Magde- 
burg oder in der Nähe, wenige Tage nach der Übergabe 
der Stadt zusammentraf**). Wie Landgraf Wilhelm, so 
hörte der Kurfürst von dem Entsetzen des französischen 
Königs über den Abfall des Markgrafen Hans und von 
der allzuhohen Geldforderung. Der Rheingraf verlangte 
laut seiner Instruktion **^) Bescheidenheit in Geldsachen, 
eifrige Förderung des Bundes und ein kurfürstliches Gut- 
achten^ Avie dem Kaiser am meisten Abbruch gethan und 
der Krieg im Frühjahre begonnen werden könne. Mark- 
graf Hans sollte, tief in die Sache eingeweiht, an der Hand 
behalten und von den jungen Herren zu Weimar wenig- 
stens einer für den Bund gewonnen werden. — Den 
Bundesinteressen wollte der Kurfürst auf das Eifrigste 
nachgehen und hoffte, auch den Markgrafen dem Bunde 
wieder zu gewinnen. Mit den jungen Herren von Wei- 
mar aber sollte der Rheingraf im Namen des Königs ®") 
ohne kurfürstliches Zuthun geheim verhandeln. Für die 
ersten drei Kriegsmonate beanspruchte Moritz 300000 Kro- 
nen als unumgänglich nöthig, um vor allen Dingen des 



") 80000 Kronen — 125000 fl. ~ lOOOOO Goklgulden. 

'") Über alles dies schrieb Landgraf Wilhelm an Moritz am 
7. November. Der IJrief traf denniacli am 10. oder 11. in Magde- 
bvu'g ein. Gewiss hat er Kinünss gcliabt auf des Kurfürsten Er- 
bieten, nach Innsbruck kommen zu wollen. 

«') D ruf fei I, No. 803. 

'') Vergl. I) ruffei I, No. 799, 809. 

«») 1) ruffei Iir, No. 810. (S. 257 Hg.) 

»") Loc. 7281, Franz. Verbündnissc 281, .311. Hierüber siehe 
Druffel I, No. 814, 815, 82:J, 859, 88:5, Anm. 1. W. Wenck, Kur- 
fürst Moritz und die Ernestiner etc., 2.S tlg. 



238 S- Issleib: 

Kaisers Reputation im Reiche zu schädigen. Es sei be- 
schlossen, hob er hervor, ihm den besten Anhang und 
die beste Kraft, die Pfaffen und andere, abzuziehen und 
in Verpflichtung zu nehmen. Man hoffe, im ersten Ruck 
Augsburg und den besten Donaupass Ingolstadt einzu- 
nehmen und dann den Kaiser nach Italien zu drängen, 
besonders wenn der König; mit seinem Krieo-svolke nahe. 
Setze sich der Kaiser in Augsburg fest, dann sollte der 
König mit 30000 Mann zu den Bundesfürsten stossen und 
die Stadt belagern helfen. Die Niederlande sollten ver- 
schlossen und vom Rheine bis Böhmen alles in das könig- 
liche Bündnis gedrängt werden etc. Der Kurfürst er- 
kannte aus der Verhandlung mit dem Rheingrafen, dass 
man in Frankreich kärger sei als gut thue. In ziemlich 
beklommener Stimmung schrieb er daher an seinen Schwa- 
ger Wilhelm®'), ihm in Wahrheit zu glauben, dass er 
seines Vaters Erledigung gern befördern wolle, es ge- 
schehe auf welchem Wege es wolle. Sollten aber, fuhr 
er fort, die 100000 Kronen nicht bewilligt werden, so 
habe er gar keine Hoffnung zur Sache; denn je länger 
er dem Handel nachdenke, desto mehr Ausgaben finde 
er. Er könne nicht mehr thun, als er bewilligt habe, 
stecke in der grössten Last und sei am übelsten daran, 
die Sache gehe vor oder hinter sich. Das Kriegsvolk 
liege ihm auf dem Halse, und es bedürfe wahrlich guten 
Aufsehens. Heftig sei er über die Schrift des Rheingrafen 
und Fresse's an den König erschrocken. Für seine Per- 
son wisse er gar keine Abänderung in der Abfertigung 
des Markgrafen zu thun. In Summa, der Handel sehe 
ihn wunderlich an. Er bat den Landgrafen, zu ihm zu 
kommen. Am 29. November ^^) erklärte er, wer rathe, 
an der geforderten Summe etwas fallen zu lassen, der 
rathe in ein Bad, in dem man weder schwimmen noch 
waten könne. Der Kaiser (Raffzahn wurde er stets ge- 
nannt) sei ein solcher Vogel, der sich in 4 oder 5 Monaten 
nicht ausbeissen lasse. Alles, was sie (Moritz und Wil- 
helm) in der Welt hätten, stehe für sie auf dem Spiele. 
Daher möge der Landgraf dem Fresse ihre Nothdurft 
anzeigen, sich nicht leicht zu anderen Vorschlägen be- 
wegen lassen und auf Antwort dringen, damit man wisse, 
woran man sei. Am Schlüsse wiederholte der Kurfürst 
die Einladung zu einer noth wendigen Besprechung. 

") Druffel I, No. 809, Brief vom 14. Novbr. aus Magdeburg. 
") Ebenda No. 828; vergl. 811 u. 823. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 239 

Vom Markgrafen Albreclit, welcher am 10. November 
am französischen Hofe angekommen war, lief die erste 
Nachricht (vom 22. November) anfangs Dezember ein**). 
Lästige Schwierigkeiten waren ihm in den Weg gelegt 
und grosse Enttäuschungen bereitet worden. Wiederholt 
und nachdrücklich hatte man betont, dass Reifenberg seiner 
Zeit drei Heerliaufen in Aussicht gestellt, die Eintracht 
der F'ilrsten aufs höchste gerühmt, die Herzöge von Wei- 
mar schon als Bundesmitglieder bezeichnet und nur 
100000 Kronen gefordert habe. Jetzt dagegen seien die 
Fürsten zerfallen und könnten den früheren Verpflichtungen 
nicht nachkommen; demungeachtet aber forderten sie für 
ein Heer von 7000 Reitern und 20000 Knechten dieselbe 
Summe wie vordem. Man bot nicht melir als 40000 fl. 
monatliche Unterstützung und verlangte die Abänderung 
mehrerer Punkte des Lochauer Vertrages ''^). Obgleich 
nun der Markgraf, veranlasst durch die Zuschrift vom 
7. November, allmählicli von den geforderten 100000 Kro- 
nen auf 80000 und 70000 Kronen und zuletzt auf 
100000 fl. herabging, so schloss man trotzdem nicht mit 
ihm ab, sondern beauftragte Fresse, sich mit den Bundes- 
fürsten über die Geldsumme zu verständigen. Infolge 
dessen lud Kurfürst Moritz seinen Schwager zu einer 
Berathung nach Dresden ein ^^). Der Landgraf sollte 
auch den königlichen Gesandten mitbringen, aber auf der 
Reise die grösste Vorsicht anwenden, dass der Franzose 
unerkannt bleibe, denn der kaiserliche Kommissar von 
Schwendi habe viele Kundschafter in Leipzig. Auf die 
aus Frankreich erhaltenen Briefe verweisend, klagte der 
Kurfürst, dass man dort die Händel wunderlich karte, 
er wisse schier nicht, wie er es verstehen solle. Einmal 
wolle man Unterhändler mit voller Gewalt zu schliessen 
haben, zum andern halte man sie nach der Ankunft auf 
und schreibe wieder heraus, was der Gesandte thun solle, 
lim sehe der Handel in dieser Sache ganz wild und selt- 
sam an. Seiner Beschwerlichkeit des Kriegsvolkes wegen 
müsse man schliessen, gleichviel ob es etwas oder nichts 
sei. Habe der Faktor (Fresse) nicht volle Gewalt, der 
lOOiJOO Kronen halber zu schliessen, so achte er die ganze 
Sache für nichts etc. 



") D ruffei I, No. 83G; Loc. 7281, Franz. Vcrbiuulnisse, Ul. 80. 
Druffel III, No. 819 (S. 279 flg.). 

') Der Religionsartikel müsse ausgestrichen werden. 
*) Druffel I, No. 836. Brief vom 8. Dezember. 



9S\ 



240 S. Issleib: 

Die Dresdner Verhandlungen ^^) vom 17. — 21. De- 
zember 1551 zwischen Kurfürst Moritz, Landgraf Wilhelm, 
Johann Albrecht von Mecklenburg, dem französischen 
Gesandten, dem Rheingrafen, Heideck, Heinrich von 
Schachten und Bing befassten sich hauptsächlich mit der 
französischen Geldbewilligung. Fresse bot für den Kriegs- 
zug gegen den Kaiser die Monatssumme von 50Ü00 Kronen 
und stellte eine einmalige Bewilligung von 30000 Kronen 
für die Operationen gegen die Niederlande in Aussicht. 
Kurfürst Moritz dagegen hielt an der Summe von 100000 
Kronen fest. Der Handel stockte und schien sich zu 
zerschlagen. Erst am 21. Dezember waren die Fürsten 
zufrieden, dass der König für den ersten Kriegsmonat 
100000 Kronen und für die folgenden 80000 Kronen 
zahle, doch sollte er die Summe dreier Monate stets im 
voraus erlegen. Der endgiltige königliche Bescheid wurde 
bis zum 20. Januar 1552 beansprucht. 

Nicht zu übersehen ist die „Erklärung" des Lochauer 
Vertrags, welche die Fürsten auf Anhalten Fresses ab- 
gaben. Darin sprachen sie aus: es sei nie ihr Gemüth 
dahin gerichtet gewesen, jemanden mit Gewalt zu ihrer 
Religion zu zwingen, oder jemanden ohne genügende 
Ursache und Anreizung der Religion Avegen zu bekriegen, 
wohl wissend, dass sich die Gewissen in Religionssachen 
nicht zwingen lassen wollten; sondern sie gedächten bei 
der katholischen, w^ahren, christlichen Religion und Kirche 
zu bleiben und keine Verächter oder Widerspänstige 
derselben und der prophetischen und apostolischen Schrif- 
ten zu sein. Die Verbündeten verzichteten also auf einen 
Religionskrieg und kennzeichneten ihre Stellung zu den 
Katholiken und zum Konzile. Weiter versprachen sie 
gewinnendes Verhalten gegen alle Reichsstände (ohne 
Unterschied des Bekenntnisses) ausgenommen die Anhänger 
der Feinde, die Widersetzlichen und die, welche keine 
genügende Versicherung geben würden. Besetzte Pässe 
und Festungen sollten am Ende des Krieges wieder 
zurückerstattet werden. Sie sprachen den König von der 
Verpflichtung frei, einen besonderen Kriegshaufen neben 
ihnen in Deutschland zu erhalten, doch riethen sie zu 
einer derartigen Annäherung, dass im Nothfalle beide 
Heere zusammenstossen und vereinigt handeln könnten. 



•*) Druffel III, No. 845, 865 und I, No. 849, 862. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 241 

Der königliche Kriegsrath sollte bei allen Berathungen 
im Felde eine Stimme, haben u. s. w. 

Der Bischof von Bayonne Fresse war erbötig, un- 
gesäumt an den königlichen Hof zu ziehen und einen 
Abschluss der Verhandlungen herbeizuführen. Von Seiten 
der Fürsten erhielt Markgraf Albrecht Weisung ^'), die 
Subsidienfrage gemäss den Dresdner Bewilligungen zu 
erledigen oder doch eine königliche Erklärung beizu- 
bringen, worauf der Handel beruhen solle. Das Ulti- 
matum wollten sie an den Herzog Albrecht von Preussen, 
den Herzog von Mecklenburg und andere Fürsten gelangen 
lassen und innerhalb einer bestimmten Zeit beantworten. 
Alle Versuche ®®), nach den Dresdner Tagen den Kur- 
fürsten zu fernerer Nachgiebigkeit und zur Bewilligung 
eines weiteren, wenn auch geringen Spielraumes in der 
Subsidienfrage zu bringen, scheiterten. Ohne Wanken 
blieb er bei den letzten Di'esdner Vereinbarungen und 
wünschte spätestens bis zum 27. Januar zu wissen, woran 
er sei, da aus vielen Ursachen die Dinge keinen längeren 
Verzug leiden könnten. „So ist auch der Teufel", schrieb 
er am 7. Januar 1552 an seinen Schwager Wilhelm**''), 
„an dem andern Orte (am kaiserlichen Hofe) nicht so 
schwarz, dass wir uns deshalben in ein Spiel sollten 
führen oder schrecken lassen, wo wir weder aus noch 
ein wüssten. Ich hab E. L. angezeigt, dass viel Suchen 
von RafFzahns Hofe an mich geschehen, der Averden niciit 
weniger, sondern von Tag zu Tag mehr. Und in Summa, 
man begehrt, ich soll nur kommen, ich würde E. L. 
Vaters halben erhalten, was ich wilF •*")". Darum sollte 
der Landgraf diesen Dingen nachdenken und in alle 
Wege daran sein, dass eine Antwort dem Dresdner Ab- 
schiede nach eiukomme. 

Sobald Fresse am 31. Dezember 1551 hoffnungs- 
vollere Nachrichten vom königlichen Hofe erhalten Iiatte, 
brach er am Neujahrstage 1552 in Cassel auf, versprach 
innerhalb 25 Tagen zurückzukehren oder des Königs 
Willen zu eröffnen und ritt eiligst nach Frankreich"*'). 
Der Erfolg dieser Reise war, dass Heinrich H. den 

•') D ruf fei I, No. 850, vergl. 852. 
»») Ebenda No. 855, 859. II, No. 875, 878, 887, 900. 
»») Ebenda LI, No. 887, vergl. 904. 

'•") So einfach dachte sich der Kurfürst die Sache in Wahr- 
heit nicht. 

'«') Druffül II, No. 873, 883, 880, 900, 904. 

Neues Archiv 1'. S. ü. u. A. VI. 3. 4. 16 



242 S. Issleib: 

Locliauer Vertrag am 15. Januar zu Chambord'"*) rati- 
fizierte und sich entschloss, bis zum 25. Februar 240000 
Goldkronen für die drei ersten Kriegsmonate nach Basel 
zu liefern und dann monatlich 70000 Kronen zu erlegen. 
Durch des Landgrafen Vermittelung erfuhr Kurfürst 
Moritz anfangs Februar; am französischen Hofe seien alle 
Dinge bewilligt und abgeschlossen. Darauf war er bereit, 
die hoffnungsvollen kaiserlichen Vertröstungen hintanzu- 
setzen, nach Friedewalde zu kommen und an den letzten 
Berathungen theilzunehmen '"^). 

Bei den Schlussverhandlungen in Friedewalde vom 
11. — 14. Februar 1552 '"*) kam es nochmals zu weit- 
läufigen gereizten Erörterungen und heftigen Auseinander- 
setzungen. Der französische Orator rühmte in prahle- 
rischer Weise die Verdienste seines Königs um die deutsche 
Nation, seine edle Gesinnung und hochherzige Opfer- 
willigkeit; rechthaberisch liess er häufig vorwurfsvolle 
Bemerkungen fallen und erwartete Willfährigkeit in allen 
Dingen. Kurfürst Moritz dagegen brachte seine Unzu- 
friedenheit und seinen Unwillen über die lästigen fran- 
zösischen Zumuthungen und vertragswidrigen Einschränk- 
ungen unverhohlen zum Ausdrucke. Es würde zu weit 
führen, alle Einzelheiten der Friedewalder Verhandlungen 
anzugeben, die Hervorhebung der wichtigsten Punkte 
genüge -zur Beurtheilung. Der Kurfürst betonte noch- 
mals allmonatliche Erlegung von 80000 Kronen und meinte, 
Markgraf Albrecht habe eigenmächtig 10000 Kronen er- 
lassen. Als aber Fresse sich zu keinem neuen Zugeständ- 
nisse bewegen liess, suchte Moritz den König wenigstens 
zu einer regelmässigen dreimonatlichen Vorausbezahlung 
während des Krieges zu verpflichten. Die Fürsten ge- 
lobten Bundestreue nur durch Handschlag, weil auch der 
König das Bündnis nur durch Handschlag bekräftigt und 
den geforderten Eid nicht oeleistet hatte. Die Ratifikation 
des Lochauer Vertrages durch Herzog Augustus wurde 



"'^) H.-St.-A. Orig. No. 11 448. Druffel III, No. 902, S. .S40 flg. 

"**) Über Markgraf Albrechts Heimreise (Ende Januar) und 
über seine Bemühungen, den Herzog von Württemberg, den Kur- 
fürsten von der Pfalz und den Herzog von Bayern für die Bundes- 
interessen zu gewinnen, siehe Druffel II, No. 937, 956, 961, 967, 
972, 1007. Beachten wir, der Markgraf trat nicht in fran- 
zösische Dienste. 

'"*) Die betr. Akten des H.-St.-A. sind gedruckt im Münchner 
histor. Jahrbuch für 1866, 282 flg. als Beüage zu Cornelius, 
Politik etc. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 243 

nach Bewilligung einer königliclien Gegenverschreibung 
zugestanden. Die in Dresden unterschriebene und be- 
siegelte Deklaration des Lochauer Vertrages sollte dem 
Gesandten übergeben werden. 

Am Tage der Geldverleguug (25. Februar) sollte die 
Musterung und Bezahlung des Kriegsvolkes beginnen. 
Die Geiseln ^"^) sollten spätestens den 12. März (statt 
25. Februar) in Basel eintreffen und ausgewechselt werden. 
Die Fürsten erklärten sich bereit, bei Beginn des Krieges 
an die Städte Metz, Toul, Verdun und Cambrai zu schrei- 
ben, ihnen das zur Erhaltung deutscher Freiheit aufge- 
richtete Bündnis anzukündigen und von Reichs wegen zu 
befehlen, des Königs Besatzung aufzunehmen und das 
geraeme Werk zu fördern etc. 

Über ein öffentliches Ausschreiben des Königs und 
der Fürsten an alle Reichsstände war schon in Dresden 
disputiert worden. Anfangs hatte man für gut gehalten, 
ein geraeinsames Ausschreiben ergehen zu lassen, jetzt 
wollte man davon absehen. Die Fürsten hatten Gründe, 
zu fordern, das königliche Ausschreiben müsse dem 
Hauptbündnisse von Lochau und der Nebenerklärung 
von Dresden gemäss sein. Aus dem französischen Aus- 
schreiben sollte jedermann ersehen, dass der Krieg 
allein der deutschen Freiheit wegen angefangen werde 
und kein Reichsstand, besonders kein Geistlicher, der 
mit dem Könige eines Glaubens und einer Religion 
sei, etwas zu fürchten habe. Die Fürsten blieben dabei, 
Geistliche wie Weltliche müssten sich gegen sie erklären 
und versichern, wie es ihre (der Fürsten) Nothdurft er- 
fordere. Die Worte: „Der König wolle die Geistlichen 
in seinen Schutz genommen haben" sollten gestrichen 
oder dem Hauptbündnisse und der Erklärung gemäss 
moderiert werden. Des Ansehens und der Autorität, der 
Leute Gunst und ehrerbietiger Furcht halben wünschte 
Fresse die Namhaftmachung möglichst vieler Fürsten in 
den Ausschreiben. Der Krieg sollte als „ein gemein 
Werk" erscheinen. Damit die Leute die Sache desto 
billiger beurtheilen möchten und alle innere Verhinderung 
wegfalle, sollten die jungen Herren von Weimar noch 
zum Beitritte bewogen werden. Es sollte eine Sendung 
an England und Dänemark stattfinden etc. Darauf wurde 
erwidert: im fürstlichen Ausschreiben werde mau die 



'"*) Ein Herzog von Mecklenburg inid ein Landgraf von Hessen. 

16* 



244 S. Issleib: 

verbündeten Kur- und Fürsten nennen; andere, die noch 
nicht Bundesmitglieder seien, namhaft zu machen, wolle 
sich übel reimen. Die jungen Herren von Weimar ge- 
denke man nicht auszuschliessen, sofern sie zum Bünd- 
nisse Lust hätten, keine allzubeschwerlichen Bedingungen 
stellen und sich der Lochauer Haupteiniguug gemäss 
halten würden. An der Sendung nach England und 
Dänemark wollte man sich betheiligen. Der Orator 
wiederholte: des Königs Wille sei, dass niemand, 
ausgenommen die Widersetzlichen und Feinde, Schaden 
erleiden solle. Der König sei kein Beschirmer der Bi- 
schöfe, aber man solle keine Feinde erwecken, wo man 
mit Ehren Freunde haben könne. Ihm dünke, meinte 
Fresse, und wollte es mit besonderer Erlaubnis gesagt 
haben, dass die Fürsten die Zeit der Rache und des Er- 
werbens nicht erwarten könnten. Es wäre nützlich, im 
Ausschreiben viele Bundesmitglieder aufzuzählen. Der 
König begehre vor allem die Theilnahme der Herren 
von A'Veimar am Bunde, und niemandem sei mehr als 
dem Kurfürsten daran «elegen. Wozu halte man so 
ehrliche Fürsten, die sich so frei erboten, so lange auf ^^*^)? 
Die Fürsten entgegneten : sie gedächten freundlich auf- 
zunehmen, wer mit ihnen sein wolle. Wer gegen sie sei 
und sich nicht genügend erkläre, gegen den müsse laut 
Vertrag und Erklärung gehandelt werden. 

In Betreff der übrigen Punkte: des Kriegszuges, des Vor- 
gehens gegen den Kaiser, der Bundesländer, des höchsten 
Imperiums, des Kriegsrathes, des Bundessiegels, der Bundes- 
fahnen etc. hielt Kurfürst Moritz neben den anderen Fürsten 
für gut, dass König Heinrich bis zum 20. ]\Iärz ungefähr 
am Rheine etwa bei Speier, Worms oder Mainz eintreffe, 
dann wollten sie sich mit ihm über die ferneren Kriegs- 
operationen vergleichen '"'*). Des Kurfürsten Land und 
Leute werde Herzog Augustus neben anderen guten 
Freunden behüten. Im Kreise der Fürsten sollte der 
König als Haupt des Bundes betrachtet werden und ver- 
tragsmässig im Kriegsrathe eine Stimme erhalten. Ein 
Bundessiegel wurde abgelehnt. In den Salvagardis sollte 
des Königs Wappen mit der Umschrift : Vindex libertatis 

'**) Vergl. W. Wenck, Kurf. Moritz u. die Emestiiier etc., 27. 

"") Der König sollte eilig herausziehen. Nehme er auf diesem 
Zug Toul, Yerdun, Metz und Cambrai ein, wohl und gut, wenn 
nicht, dann solle er 15 — 20 000 Mann hinter sich lassen, die ihn 
trotz der Städte Proviant etc. nachbringen könnten. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 245 

Germanicae et principuni captivorum stehen. Die Fähn- 
lein der Bimdesfürsten sollten in der Mitte grosse weisse 
Kreuze haben '*'^) etc. 

Auch die Keligionssache kam zur Sprache. Die 
Fürsten sollten den König ersuchen, durch ein gemein 
Konzil oder andere Reraedia die Einigkeit und die durch 
den Kaiser und andere Widerwärtige verhinderte Ver- 
söhnung der Kirchen zu befördern^ -'^). 

So schloss man zu Friedewalde ab. Niemand wird be- 
haupten können, dass grosses Vertrauen die Verbündeten, 
den König und die deutschen Fürsten, aneinandergekettet 
habe. Kurfürst Moritz wollte von Frankreich doch nur 
möglichst hohe Subsidien und kräftige Unterstützung; die 
Ausdehnung der französischen Macht auf Kosten Deutsch- 
lands lag nicht im Bereiche seiner Wünsche. Von ferne 
zwar zeigte er dem Könige die deutsche Kaiserkrone und 
bewilligte auch bedingungsweise die Besetzung der loth- 
ringischen Städte; aber er Hess sich nicht bewegen, dem 
Könige den Schutz über die katholische deutsche Geist- 
lichkeit einzuräumen. Im Reiche sollte sich der fran- 
zösische Einfluss nicht allzuweit einnisten. Der Kurfürst 
suchte die unbeschränkte Freiheit zu wahren, unter Um- 
ständen gegen geistliche Territorien nach Kriegsrecht 
handeln, sie zu Bereicherungen, Entschädigungen und 
Belohnungen verwenden zu können. Lästig war ihm der 
französische Einmischungsversuch in die deutschen Reli- 
gionsverhältnisse. 

Genug, vorläufig standen Kurfürst Moritz, Landgraf 
Wilhelm und Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg 
im Bunde mit Frankreich; aber auch sie nur allein. 
Markgraf Albrecht schon gehörte ihm nicht an, er war 
unverpfiichtct, aber bereit, mit selbstgeworbenen Truppen 
Hilfe zu leisten. Die anderen Fürsten hielten die Ver- 
handlungen hin. Markgraf Hans suchte Ausflüchte und 
Winkelzüge ' ' "), verwies auf die Verträge zu Dresden 
und Torgau und erneuerte beständig die bekannte Streit- 
frage über Offensive und Defensive. Der Herzog von 

'*') Nicht Hut und zwei Dolche — die alten Zeichen der Freilieit. 

"") Vergl. Loc. 7281, Französische Verbündnisse, 131. 147. 
Druffel U, No. 981. 

"") Nach dem Eintreffen ziemlich günstiger Nachricht aus 
England schrieb Johann Albrecht von Mecklenburg über den Mark- 
grafen: „Nun schlägt er eine Parade und wäre gern ein wenig ge- 
feiert". Loc. 7277, Marggraffen Johannsen hendel etc. 36; Druffel II, 
No. 891. 



246 S. Issleib: 

Preussen wollte sich von ihm nicht trennen und machte 
den eigenen Zutritt zum Fürstenbunde von dem seinigen 
abhängig^"). Auf Theilnahme und Beistand einiger 
süddeutscher Fürsten imd der norddeutschen sogenannten 
Seestädte war vorläufig nicht zu rechnen, höchstens hatten 
die vertriebenen braunschweigischen Junker Lust zum 
Kampfe. Etwas zugänglicher und willfähriger erschien 
nach Mitte Februar Herzog Johann Friedrich der Mitt- 
lere ''"). Zwar unterblieb die vom Kurfürsten gewünschte 
Zusammenkunft in Leipzig; allein Johann Friedrich gab 
die Versicherimg ^^^), dass er dem kurfürstlichen Unter- 
nehmen zum höchsten gewogen sei und wenn irgend mög- 
lich demselben beiwohnen wolle. Um gegen den Vater 
und die Brüder das eigene Vorhaben desto besser ver- 
antworten zu können, sollte der Kurfürst zuvor die vom 
Rheingrafen in Aussicht gestellte Gebietseutschädiguug 
durch Land und Stifter namhaft machen, sich zum Schutze 
des weimarischen Landes verpflichten, eine Geldsumme 
vorschiessen ujad bindend erklären, auf Erledigung des 
Vaters Johann Friedrich nicht weniger als auf Befreiung 
des Landgrafen bedacht sein zu wollen. Sobald das 
Unternehmen beginne, sollte der Kurfürst an ihn, um die 
Opferwilligkeit der Unterthanen zu erreichen, eine „Drang- 
schrift" senden, mit der strengen Forderung, das Seine 
zu thuU; sonst werde er (der Kurfürst) verursacht, andere 
Wege einzuschlagen. Sei der Vergleich vollzogen und 
er in das Bündnis aufgenommen, dann sollte der Kurfürst 
Sorge tragen, dass der Vater Johann Friedrich, der Vet- 
ter Johann Ernst von Koburg ' '*) und alle Ernestiner 
wieder in die verwirkte sächsische Gesamtbelehnung 
aufgenommen würden. Kurfürst Moritz Avollte sich jedoch 
vor dem Eintritte Johann Friedrichs des Mittleren in das 
Bündnis in keine weiteren Erörterungen einlassen. Nach 
erfolgter Aufnahme war er gewillt, das weimarische Land 



'") Herzog Heinrich von Mecklenburg war am 6. Februar 
gestorben. 

"*) Loc. 9155, Assecuration oder Schriften etc., Bl. 1 flg. 
Druffel II, No. 999, 1001. W. "Wenck, Kurfürst Moritz und die 
Ernestiner, 27 flg. 

"*) Mittelsperson war Fürst Wolfgang von Anhalt. Loc. 9142, 
Custodie und Erledigung Joh. Fr. etc. Druffel II, No. 990. 

"*) W. Wenck, Kurfürst Moritz und die Ernestiner etc., 28. 
Herzog Jobann Ernst wurde vom Markgrafen Albrecht bearbeitet, 
um in das Fürstenbündnis einzutreten; er reiste auch nach Cassel, 
aber schwankte dann und zögerte. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 247 

zu schützen, über die Liindesentscliädigimg zu verhandeln, 
über eine Geldanleihe zu beratheu und die Befreiung 
Johann Friedrichs zu erstreben. Eine Drangschrift sollte 
überschickt und die Erneuerung der Gesamtbelehnung 
vom Kaiser erbeten werden. 

Ohne grosse Rücksicht auf fernere fruchtlose Ver- 
handlungen beeilten die Bundesfürsten ihre Rüstung. 
Kurfürst Moritz, bedacht, dem Kaiser einen un- 
erwarteten, heftigen Schlag beizubringen, trieb zum 
schnellen und kräftigen Angriffe. Noch wandte er alle 
Mühe an, um zu täuschen, hinzuhalten, irrezuleiten und 
im Unklaren zu lassen. Sein Spiel hatte Erfolg. Der 
Kaiser ahnte und kannte nicht die ihm drohende Ge- 
fahr', er ist in der That fast völlig überrascht worden. 
Als die Kurfürsten von Mainz, Köln und Trier Ende 
Dezember 1551 wegen eingelaufener scldimmer Gerüchte 
das Konzil zu Trient verlassen und in die Heimath zu- 
rückkehren wollten, da beruhigte der Kaiser (am 3. Ja- 
nuar 1552 ^**) : „Er habe bei Fürsten, Ständen und Städten 
Aveit umher Kundschaft eingezogen und allenthalben wil- 
ligen Gehorsam gefunden. Über den Kurfürsten von 
Sachsen gingen zwar allerlei Reden hin und her, haupt- 
sächlich wohl, weil das Kriegsvolk nacli der Übergabe 
Magdeburgs zusammengeblieben und durch dasselbe au 
einigen Orten Schaden angerichtet worden sei; aber der 
Kurfürst habe durch Sckreiben und Gesandte sich gegen 
ihn erklärt, dass er sich, sofern noch menschliche Treue 
und Glauben auf Erden sei, nicht anders denn alles Ge- 
horsams und Guten zu ihm versehe, deswegen könne er 
das Widerspiel weder glauben noch vermuthen. Das 
magdeburgische Kriegsvolk werde des nichtbezahlten 
Soldes wegen zusammengehalten. Jetzt finde die Be- 
zahlung und Trennung statt, dann würden alle Unruhen 
gestillt werden. Es gehe viel Geschrei und käme täglich 
viel zu seinen Ohren; aber es sei alles nur unbeständig 
und eitel Gedicht, nur ausgebreitet, um das christliche 
Konzil und den Frieden in Deutschland zu stören. Alles 
werde noch an den Tag kommen. Er habe allerorten 
fleissige Kundschafter und spare weder Mühe noch Kosten, 



"*) Loc. 10r,24, Tridenthier Konzil 11, Bl. JiO. Druffel II, 
No. 871, vergL 872, 884, 892, 909. J oh. Voigt, Der Fürstenbuml etc. 
159 üg. 



248 S. Issleib: 

damit allenthalben getreulicli zu den Sachen gesehen 
werde'^^»«). 

Der Königin Maria*"), welche verhältnismässig den 
tiefsten Einblick in die kaiserfeindlichen Pläne besass 
und unermüdlich zur Vorsicht mahnte, hielt der Kaiser 
und nicht minder sein erster Rath Granvella vor, mit 
welcher Ergebenheit der Kurfürst schreibe, wie fest ent- 
schlossen er sei, das Kriegsvolk nach der Bezahlung zu 
trennen und dann nach Innsbruck zu kommen. Es sei 
unmöglich, vor der Bezahlung des Kriegsvolkes mit Be- 
rechtigung gegen den Kurfürsten vorzugehen. Die Ge- 
rüchte könnten kein Grund sein, ihn mit Krieg zu be- 
drohen und in seinem Lande zu überfallen. Kein Ver- 
gehen liege vor. Der Kurfürst sei nicht zu fürchten, 
versicherte man, denn er besitze wenig Anhang, werde 
von den Seestädten gemieden und vom grössten Theile 
des deutschen Volkes tötlich gehasst; er schwebein Soi'gen 
vor dem gefangenen Kurfürsten, könne keine grossen 
Kosten tragen und werde sich, wie früher andere, durch 
Truppenwerbungen finanziell zu Grunde richten. Mark- 
graf Albrecht sei bis zur Verzweiflung verschuldet und 
der König von Frankreich könne keine grossen Geld- 
opfer bringen. Granvella erklärte oifen : Der Kurfürst 
von Sachsen habe so Avenig wie der Markgraf von Bran- 
denburg hinreichenden Verstand und Kredit, um eine 
grosse Unternehmung zu leiten, beide seien zu beschränkt, 
um hervorragende Anschläge auszuführen. Der gänzlich 
mittellose Kaiser wollte die Gegner durch Schi-eiben und 
Verhandlungen bekämpfen; das schien zu genügen. Als 
berichtet wurde, die magdeburgischen Reiter seien be- 
zahlt und die Knechte hätten das Abzugsgeld erhalten, 
aber der Kurfürst nähme die Besten des Kriegsvolkcs 
wieder in Bestallung, gäbe Hand- und Wartegeld und 
lagere die Mannschaft zum Theil in Sachsen ein, da be- 
ruhigte Granvella die Königin Maria damit, es sei in 
Deutschland nicht ungewöhnlich, dass die Fürsten zu ihrem 
eignen Ruine Rittmeister und Hauptleute in Wartegeld 
hätten. Nähme der Kurfürst die Kriegsleute in Masse 



"•) Man vergleiche hiermit die unaufhörlichen Warnungen des 
Kurfürsten in den Briefen an seinen Schwager Wilhelm : D ruf feil, 
No. 714 flg., II, No. 875 flg. Die Verrätherei sei gross, schrieb der 
Kurfürst. 

'") Vergleiche die hierhergehörigen Briefe bei Druffel I, 
No. 813 flg. II, No. 86(5 flg. 



Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 249 

an, dann könne man anfragen, zu welchem Zwecke, und 
werde er Fürsten und Ständen des Keiclies damit lästig, 
dann könne man auf Grund des Landfriedens gegen ihn 
einschreiten; so hinge ihm kein Unrecht aufzuerlegen sei, 
könne man nicht gegen ihn vorgehen, und so lange keine 
feindliche Erklärung vorliege, erscheine es besser, abzu- 
warten und ihn sich durch Geldausgaben erschöpfen zu 
lassen, als ihn grundlos aufzuscheuchen und zu einer 
verzweifelungsvoUen Tiiat zu treiben. 

Der kaiserliche Hof war sichtlich erfreut und von 
Sorgen erleichtert, als am 9. Februar der kursächsische 
Ratli Franz Kram in Innsbruck eintraf, um für den Kur- 
fürsten eine Herberge zu bestellen. Nach Krams Aussagen 
war derselbe unmittelbar nach ßezahluno- und Zertrennunc" 
des Kriegsvolkes am 1. Februar mit ihm und 40 Reitern in 
Sachsen aufgebrochen, aber in Bayern zurückgeblieben, um 
in Wasserburg den Herzog Albrecht und den dort verwei- 
lenden König Maximilian von Böhmen aufzusuchen. In 
5 — 6 Tagen, versicherte Kram, werde sein Herr nach- 
kommen "^). Was den Kaiser und Granvella in unlieb- 
same Spannung versetzte, war die Reise nach Wasser- 
burg zum Herzog Albrecht und König Maximilian. Die 
Nachricht gab, als später die Rückkehr des Kurfürsten 
nach Sachsen gemeldet wurde, Anlass zum Verdachte des 
Kaisers gegen den Schwiegersohn Maximilian und gegen 
den Bruder König Ferdinand, als habe der Kurfürst im 
Einverständnisse mit beiden gehandelt, Avas doch nicht 
der Fall gewesen ist*'^). Schwerlich lassen sich ver- 
dächtige Beziehungen nachweisen! 

König Ferdinand hat dem Kaiser hinlänglich ehrlich 
vmd brüderlich gewarnt und Anstalten getroffen, um französi- 
schen Praktiken zu ])cgegnen und Unzuträglichkeiten im 
Reiche vorzubeugen. Seit Dezember warb er um Truppen 
für den drohenden Türkenkrieg und gedachte das magde- 
burgische Kriegsvolk zum Theil in seinen Dienst zu ziehen. 
Mitte Januar *'^") fertigte er Adam Pflug nach Sachsen ab, 
um mit Hilfe des Kurfürsten die demnächst abgedankten 



"•) D ruffei ir, No. 978, vergl. No. 1054. 

•'•) Karl Lanz, Korresponilenz des Kaisers Karl V. (Leipzicc 
1846) lir, 97 flg. 

'^'*) Loc. 91.53, Magdeburgisihe Händel, so nielirentheils etc., 
1550/57, Bl. 187 tig. ii. Loc. 8498, Allerlei Fürsten-Briefe an Kurfürst 
Moritz und Herzog Augustus. 1542/53. Druffel H, No. 971, 974, 988. 



250 S- Issleib: Moritz von Sachsen gegen Karl V. etc. 

1000 gutgerüsteten Reiter zu gewinnen. Scheinbar ging 
der Kurfürst auf das Verlangen ein und empfahl den 
Herzog Georg von Mecklenburg als Obersten; mit diesem 
völlig einverstanden, hielt er auch für sich selbst die 
Möglichkeit zur Betheiligung am Türkenkrieg durch 
unterthänige Anerbieten offen. Gestützt auf den reich- 
haltigen Inhalt vieler Zuschriften wandte sich König Fer- 
dinand dann am 12. Februar besorgten Gemüthes als ein 
„rechter guter Freund" an den Kurfürsten, um „aus lauter 
Liebe und Treue" eingehend vor einer Kriegsempörung 
zu warnen '^'); denn solches Beginnen gehe gegen Gott, 
Kaiser und Reich und ihn, den römischen König, gereiche 
dem Kurfürsten und seinem Bruder Augustus zur Ver- 
kleineruno;, Schande und Nachtheil und komme nur den 
Franzosen und Türken zu Gute. Der Eid des Kurfürsten 
gegen Kaiser und Reich sei wichtiger als irgend eine 
dem gefangenen Landgrafen gegebene Zusage etc. 

So lagen die Verhältnisse, als sich Kurfürst Moritz 
zum Losschlagen in Bereitschaft setzte^ ^"•'). 



'*') Loc 9146, Hessische entlecligung 1551, IV, Bl. 121 flg. 
Druffel .11, No. 982. 

'='*) Über den Feklzug selbst gedenken wir im folgenden Bande 
dieser Zeitschrift zu handeln. 



vn. 

Sächsische Künstler in Görlitzer 
Geschichtsquellen. 

Zusammengestellt von 

E. Wernicke. 



Zur ErUliiterung der Überschrift sei gleich von vorn- 
herein, um Enttäuscluingen vorzubeugen, die Erklärung 
vorausgeschickt, dass im folgenden nur solche bildende 
Künstler sollen vorgeführt werden, welche entweder aus 
Landestheilen des gegen wä rtigen Königreichs stammend 
in Görlitz gearbeitet, oder in Görlitz ursprünglich an- 
gesessen von hier Aufträge nach kgl. sächsischen Städten 
erhalten haben. Fast die Mehrzahl von ihnen findet man 
bereits in den urkundlichen Beiträgen zur Künstler- 
geschichte Schlesiens verzeichnet, welche ich seit 1875 im 
Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums zu Nürn- 
berg veröffentlicht habe. Die früheren Mittheilungen über 
sie brauche ich darum jetzt nur in aller Kürze zu citieren. 
Hingegen sind meine Erfahrungen über einige derselben 
seit 1880 durch Studien, namentlich der libri missivarum 
(Konzepte der abgesandten Briefe) im Görlitzer Raths- 
archiv, bedeutend erweitert. Letztere bilden, sobald nicht 
das Gegentheil vermerkt ist, die Quelle zu den nachstehen- 
den Angaben, von denen ich vielleicht hoffen darf, dass 
der oder jener unter den geneigten Lesern sich dadurch 
zu spezielleren Forschungen oder ergänzenden Berichti- 
gungen angeregt fühlt, deren Resultate niemandem mehr 
als dem Einsender willkommen sein werden. 



252 E. Wernicke: 

Dass zwischen der oberlausitzisclien Hauptstadt und 
den jetzigen kgl. sächsischen Gebieten kunstgeschichtliche 
Wechselbeziehungen müssen obgewaltet haben, war ja an- 
zunehmen, und so soll denn dieser kleine Aufsatz dem 
Zwecke dienen, dafür den urkundlichen Nachweis anzu- 
treten. Vielleicht erwächst aus ihm auch für die allge- 
meine deutsche Kunstgeschichte ein bescheidener GcAvinn. 

Den Anfang soll die Besprechung der Architekten 
u n d B i 1 d h a u e r machen, über die ein ziemlich reichhaltiges 
Material vorhanden ist. Wir lassen ihnen dann einige 
Maler, Goldschmiede und Giesser folgen. 

Architekten und Bildliauer. 

Siegmund von Lob au, Maurer, wird 1410 Avegen 
Hintergehung des Magistrats aus Görlitz ausgewiesen. 
1443 Avird der Steinmetz von Budissin gedingt, um 
Steinkugeln für die grossen' Büchsen zu bereiten '). 

Konrad Pfluger stand seit 1496 in sächsischen 
Diensten und lebte 1504 in Meissen. In Diensten der 
Stadt Görlitz war er seit 1488 beschäftigt. Die Urkunde 
über seine feste Anstellung ist im liber actorura inceptus 
1490 verzeichnet. In dieser heisst es: Als wir denn nach 
dem Tode Meister Stephans ^) etliche Zeit und bisher 
eines Werkmeisters „Gebroch" gehabt, haben wir auf 
heute in Gegenwart aller Steinmetzen- und INlaurer-Meister 
Konrad Pflüger zu unserm Werkmeister, alle unsere 
Gebäude, und was an der Stadt und den Gotteshäusern 
zu bauen ist, zu versorgen, aufgenommen, also dass er 
solche „Baue" mit Wissen und Rath der Bauherren, die 
vom Rathe dazu geordnet sind, thun und bauen soll. An 
solchen unsern Bauten soll kein Steinmetz noch Maurer 
über ihm arbeiten in keiner Weise, sondern alle, die dazu 
benützt und berufen werden, das (!) soll geschehen mit 
seinem guten Willen. Auch soll er keinen aufnehmen, 
es geschehe denn mit Wissen und Willen unserer Bau- 
meister (Adilen). Darum wollen wir ihm geben von der 
Stadt Gebäuden alle Quartale 2 Schock und ihm auch 
einen Parlierer halten und dem die Woche 4 Groschen 
mehr geben als einem andern Maurer. Wenn er ein 
Gewölbe schliesst; so soll der Boden und die „Bogstelle" 



') Anz. 1876 Sp. .S24. S61. 

*) Sein Zuname war Aldenberg, vielleicht hergeleitet von der 
Bergstadt dieses Namens. 



Sächsische Künstler in Görlitzer Geschiohtsquellen. 253 

sein sein statt des Trinkgeldes oder man soll ihm geben, 
so viel als das Holz werth ist, ausgenommen Rüstholz, 
Rüstbretter und Verschalungen, welche bei unsern Gebäu- 
den verbleiben sollen. Item Avollen wir ihm alle Wochen 
durch das ganze Jahr geben ^2 Schock von einem Haus- 
bau, wo er die meisten Gesellen bei hält, nämlich itzund 
zu St. Peter, und was man an andern Gotteshäusern wird 
für „Baue" haben, da wollen wir ihm die Woche 12 Gr. 
von jeglichem Baue geben, ausgenommen zu St. Nikolaus^); 
so man daselbst bauen würde, soll ihm über das Wochen- 
lohn zu St. Peter nichts gegeben werden nach alter Ge- 
wohnheit, und so er an des heiligen Kreuzes Kapelle*) 
bauen würde, soll er über die Summe, die ihm die 
Kirchenväter daselbst geben werden, nichts fordern. Zu 
solchen Gebäuden wollen wir ihm 3 Diener Steinmetzen 
und 3 Diener Maurer halten, jedoch also, dass er von jeg- 
lichem Vierteljahr vom Anheben seiner Lehrjahre wöchent- 
lich nicht mehr fordere als eines Helferknechtes Lohn, 
nämlich 18 Gr., aber darnach soll ihr Lohn vor sich 
gehen wne für einen andern Steinmetzen und Maurer. 
Auch sollen an den Hauptbauten nicht mehr als höchstens 
2 Steinmetzen und 2 Maurer von denselbigen Dienern 
und Lehrknechten gehalten werden. Von Wache und 
Heerfahrtgeld soll er ganz frei bei uns sitzen. Ausser- 
halb der Stadt darf er ohne unsere Erlaubnis keinen Bau 
übernehmen, nur den „zu der Eiche" (Bölun. Aicha b. 
Turnau?*) mag er versorgen, wie er vordem gethan hat. 
Es sollen sich alle Steinmetzen und Maurer nach ihm als 
der Stadt Werkmeister richten und auf alle Quatember 
auf seine Anforderung zusanunenkommen, da er dann die 
„bussfälligen" nach des Handwerks Gewohnheit zu Rede 
stellen soll, wie das sein Vorgänger Meister Stephan 
geübt hat. Seine Untergebenen hat er anzuhalten, dass 
sie die obrigkeitlich festgesetzten Ruhestunden beobachten. 
Actum coram consulalu Ipso die Marie Magd. (22. Jidi) 
1490. Dergleichen Kontrakte mögen auch anderwärts 
mit ihm aufgerichtet worden sein, weshalb die ausführliche 
Wiedergabe gerechtfertigt erscheint. 



') Alteste Pfarrkirche der Stadt, jetzt nur bei Tranerfeierlich- 
keiten benutzt. 

*) Kapelle des h. Grabes, um 1489 vollendet. 

^) Anfragen an die dortige Geistlichkeit haben zu keinem 
Resultate geführt. 



254 E, Wernicke: 

Aus einem im Januar 1493 ausgestellten Eeverse 
Pflugers gellt hervor, dass er einen Kramladen bei den 
Scbuhbänken überwiesen erhalten und sich schon um diese 
Zeit mit der Absicht getragen hat, „um seiner Besserung 
willen" den Ort seiner Thätigkeit zu wechseln. Vielleicht 
hat er auch nur einen Druck auf die Görlitzer üben 
wollen, die ihm in der That, in Rücksicht auf die Grösse 
des Baues zu St. Peter, weitere Vergünstigungen zu- 
sicherten. So wird zunächst seinem Sohne für den Fall, 
dass er die Priesterweihe erhält, das erste vakante Altar- 
lehen in Aussicht gestellt, ihm selber aber über den ge- 
wöhnlichen Wochenlohn vom Rathe auf jeden Quatember 
3 ung. Gulden und von den Kirchenvätern zu St. Feter 
1 Gulden versprochen. Dazu sollte er von seiner fahren- 
den Habe 300 Mark von Geschoss frei haben, wogegen 
er alle erblichen Güter, den Kram ausgenommen, wie 
jeder andere Bürger versteuern will und zusagt, seinen 
Aufenthalt ohne Urlaub nicht zu unterbrechen. — Diese 
Urkunde wurde doppelt ausgestellt und mit dem Petschier 
des Werkmeisters versehen, welches jedenfalls das leider 
unbekannte Monogramm des Künstlers enthielt. — Hier- 
auf folgt die wörtlich mit Script, rerum Lusaticarum 
(n, 50) übereinstimmende Notiz, dass bis Neujahr 1497 
Meister Konrad und den Parlierern auf den Kirchen- 
bau gezahlt worden sind 1182 M. 9 Gr. oder 945 Schock 
und 14 Gr. — An genannter Stelle und auf den voran- 
gehenden Seiten ist auch des näheren mitgetheilt: wie man 
den bawhe S. Feters kirchen vol. füren sal (1490); icie man 
die aheseyte kegen des voits hofe^) zu haiven vordinget; 
icenne vnd loie man zu sulchem baio gebeten hat (1495. 1497). 
Zur Besichtigung einiger Schäden an dem Gotteshause 
waren demnach zusammengetreten ausser Pfluger: Peter 
Peschel, Zimmermann, und Meister Heinrich, Steinmetz, 
Werkleute der Stadt Bautzen; Meister Kilian, Steinmetz, 
und Nickel Hirsch, Zimmermann, der Fürsten von 
Sachsen Werkleute. Ich lialte diesen Kihan unbedenk- 
lich für den Polierer gleichen Namens, dem nach Gurlitts 
Annahme ') 1481 nach Arnolds Tode die Leitung des Baues 
an der Albrechtsburg übertragen wurde. Seine in Görlitz 



«) Jetzt Gefängnis; gemeint sind die Abseiten im Norden 
der Kirche. 

») Gurlitt, Das Schloss zu Meissen (Dresden 1881) 20. 



Sächsische Künstler in Görlitzer Geschichtsqnellen. 255 

mit Pfluger gemachte Bekanntschaft *) ist jedenfalls von 
Einfluss auf die Berufung gewesen, Avelche dieser 1496 
nach Sachsen erhielt. Der Wortlaut des Schreibens von 
1496 Sept. 24 (sabb. p. Matth. apost.), womit der Görlitzer 
Kath eine von dort geschehene Anfrage wegen Beurlau- 
bung des Meisters beantwortete, wird an dieser Stelle 
erwünschter sein, als was im „Anzeiger" 1877 Sp. 99 im 
Auszuge steht: 

An Herzog Fridricb, Churfiirsten , vnd Johannsen gebrnder. 
Durch!, etc. (Euer) furstenlichen gnaden Schaffung vnd beger, meister 
Conrats desz wergmeisters hallien durch ew. f. gnaden geschickten 
(boten), (wir) wolden im vorgonnen sich iv. f. gn. bawes zcu vnder- 
winden vnnd zcu Vorsorgen, au vns gelanget, haben wir deniutiglich 
verstanden, vnnd wicwnll wir bey vns an vnszerer pfarkirchen zu 
sant Peter einen treft'enlichen grossen baw vorhanden haben, der vns 
etwasz mergkliclis vnnd vill gestanden vnd noch bisz zu voUfurung 
stehen wurth, alsz dem bemelten meister Conraten woll bewost ist, 
vnnd solcher baw, alsz vill (d h. soweit) wir vns desz vorstehen vnnd 
vnderweist werden, sein abwesen nicht woll erleyden will, yedoch 
so wir alhvege geneiget sein, uwern furstenlichen gnaden beczeg- 
liche dinst vnd ere zcu erzeigen, wollen wir iv. f. gn. zcu woll- 
gef'allen bemeltem meister Conraten solches vorgonnen, alszo dasz 
er, wie ew. f. gn. begeren, vonn einem baw zcu dem andern abe- 
vnd czuczyhe vnd durch sein angeben, wo er in kegenwertigkeit 
nicht sein wurde, auch vnsren baw notdorfftiglich versorge. 

Daran schliesst sich die Bitte, dem Meister einzu- 
schärfen, dass er, zur Vermeidung voiv Nachtheilen, auch 
den hiesigen Bau betreibe. Dieses Ab- und Zuziehen hat, 
wie wir aus den Missiv- Büchern unterrichtet werden, 
thatsächlich stattgefunden und steht in der Görlitzer 
Künstlergeschiclite keineswegs vereinzelt da. Denn auch 
der Renaissancekünstler Wendel Kosskopf wurde 1527 
auf eine ähnliche Anfrage des Herzogs von Liegnitz zeit- 
weise dorthin entlassen. Eine wichtige Frage wäre nun 
zu lösen: Wo haben wir den Bau zu suchen, mit dem 
Pfluger beauftragt wurde? Hat er an der Wittenberger 
Stiftskirche, deren VoUendmig nicht vor 1499 ^) erfolgte, 
aebaut oder in Meissen oder o-ar an beiden l^hitzen ? Das 
Letzte besitzt die grössere Wahrscheinlichkeit für sich. 
Denn die beiden Fürstenbrüder, welchen die Stiftskirche 
ihren Neubau und ihre glänz(mde Ausstattung verdankte '"), 
sind es ja, die Görlitz um den Bauineistcir angehen. 
Wohl aber hat sich auch Bischof Johann VI. von Meissen 



') Gurlitt, a. a. 0. 37 hat die Jahrzahl 149-t dazu, es geschah 
aber 4 Jahre früher. 

») Lindau, Lucas Cranach 18. '») Ebd. 93. 



256 E. Wernicke: 

1498 für Pfluger beim Ratlie von Görlitz verwandt, als 
dieser wegen grober Missliandlung eines Verwandten hier 
unmöglich geworden war ' '). Das Interesse, welches der 
Kirchenfürst an dem Künstler nalmi, möchte doch in 
erster ßeihe durch Dienstleistungen zu motivieren sein, 
welche dieser in Meissen erwiesen. Ich denke dabei an 
den neuen Bischofsbau, welcher nach 1487 unter Dach 
gebracht worden ist '^). Pflugers Anwesenheit am Bischofs- 
sitze ist 1504 bezeugt durcli eine Aufforderung, sich nach 
Görlitz in Erbschaftsangelegenheiten zu verfügen. Gurlitt 
hält ihn für identisch mit jenem Konrad Schwad, welcher 
1502 den Grund zum Thurm der Annaberger Kirche 
legte und denselben 1507 vollendete. Sein Parlierer hiess 
damals Jobst. Diese Konjektur hätte etwas für sich; 
wenn letzterer zusammenfiele mit dem Stadtzimmermeister 
gleichen Namens, der 1512—1519 im Verein mit dem 
Steinmetzen Albrecht Stieglitzer den Rathsthurm in Görlitz 
erbaute, was so unwahrscheinlich nicht ist. In Rücksicht 
auf die Möglichkeit der Identität gestatte ich mir noch 
hinzuzufügen, dass 1520 einem Baumeister Jost Möller 
von Görlitz die Erlaubnis ertheilt wurde, einem Auftrage 
des Raths von Böhm. Leipa nachzukommen^^). 

Was sonst noch von Meister Konrad mitzutheilen, 
so steht zunächst fest, dass er 1497 mit Urban Laubanisch 
(auch Laurisch geschrieben) und dem Parlierer Blasius 
Börer von Leipzig die Peterskirche „mit den Pfeilern und 
darauf stehenden hohen Gewölben" vollendet hat, wie eine 
Inschrift, rechts vom Haupteingange , einst bezeugte. 
Einige Signaturen, Akte freiwilliger Gerichtsbarkeit be- 
treflend, - sind ausserdem vorhanden, welche die Wohl- 
habenheit des Meisters bekunden; die letzte datiert von 
1504, wo er an einen Michel Schmied 2 Krame abtrat '^). 
Die letzte ErAvähnung, die ich über ihn in Görlitz ent- 
deckte, datiert aus dem Frühjahr 1506, wenn anders diese 
auf seine Persönlichkeit Anwendung finden darf. Es 
ist nämlich fer. 2. post Laetare ein Schreiben gesandt 
worden 

an Meister Kuntzen, Steinmetzen, itzund zu Bautzen. 
Wir werden berichtet, dass die Gesellen bei euch nicht stehen wollen 
noch arbeiten. Deshalb ist unsere freundliche Bitte, wollet uns zu 
erkennen geben, ob dem also, oder was daran sei. 

") Anz. 1876 Sp. 99.100. '^j Gurlitt a. a. 0. 36. 

'*) Liber missiv. '*) Repertor. testaraentorum (1500—1580). 



Sächsische Künstler in Görlitzer Geschichtsqnellen, 257 

Das wäre nur eine Vergeltung für Cliikanen gewesen, 
die er sich gegen strebsame Genossen „im Steinwerk" 
erlaubt hatte, als er noch in der Görlitzer Hütte das 
grosse Wort führen durfte ^^). Aus den Aufzeichnungen, 
die sich über ihn erhalten haben, geht im allgemeinen 
hervor, dass er wegen seiner künstlerischen Begabung 
ebenso geschätzt und gesucht, als wegen Mangels an 
Kollegialität und unruhigen Wesens übel beleumun- 
det war. 

Schliesslich bleibe nicht unerwähnt, dass die Görlitzer 
Jahrbücher 1494 eines gewissen Pflugschar von Dres- 
den gedenken, welcher um 24 Reichsgulden die Mauer 
bei der Neissebadestube, soweit die neugesetzteu Pfeiler 
anzeigen, „gerichtet und wohl gegründet habe" ' "). An 
eine Verwandtschaft dieses Mannes mit Pfluger ist wohl 
kaum zu denken. 

Pflugers Nachfolger als städtischer Werkmeister wurde 
sein früherer Gehilfe Blasius Börer. Die Tradition 
lässt ihn übereinstimmend aus Leipzig herstammen. 
Ich finde dieselbe bestätigt durch einen Brief aus Görlitz 
an den dortigen Rath, d. d. 2. post Thomae (22, Dezbr.) 
1505, worin der Meister als bereits gestorben bezeichnet 
wird. Seine Kinder Hans und Lucia (letztere verheirathet 
an Severin Buch) waren damals nebst der verwittweten 
Mutter in Leipzig ansässig. Börers Name ist auf's engste 
verknüpft mit einer Sehenswürdigkeit, in welcher sich ein 
Görlitzer Bürgermeister, den Luther ob seines Reichthums 
den König von Görlitz zu nennen beliebte, ein Monument, 
aere perennius, gestiftet hat. Als dieser Bürgermeister, 
Georg Emmerich, 1476 mit dem Herzog von Sachsen zum 
zweiten Male nach Palästina pilgerte"), hatte er vielleicht 
schon die Bekanntschaft Börers gemacht, dem er nach 
seiner Rückkehr die Ausführung des von Fremden viel- 
besuchten heiligen Grabes übertrug. Diese Nachbildung 
heiliger Stätten besteht aus einer zweistöckigen Kirciie, 
deren unterer Theil das Sitzungszimmer des hohen Raths 
vorstellen soll, während der obere den Saal bedeutet, 
worin Jesus mit den Jüngern das Osterlamm ass; ferner 
aus einer verschliessbaren Kapelle mit einer Pieta; end- 
lich aus der ganz getreuen Imitation des kapellenartigen 
Gebäudes, welches unmittelbar über dem Grabe Christi 



'*) Anz. 1870 Sp. 143. '«) Script, rer Liis. 11, 385. 

") Röhricht und Meissner, Deutsche Piljjerfahrten 485. 

Neues Archiv r. ,S. (;. u. A. VI. 3. 4. 17 



258 E. Weniicke: 

zu Jerusalem sich erhebt. Der gesamte Bau ist inner- 
halb der Jahre 1481 — 1489 entstanden. Wieviel daran 
Börers ausschliessliches Werk ist, lässt sich nicht darthun, 
da nicht einmal unanfechtbare urkundliche Aufzeichnungen 
über seine Urheberschaft überhaupt vorhanden zu sein 
scheinen. Für diese spricht indes ausser ziemlich alten ge- 
druckten Nachrichten der Umstand, dass er in Ulm eine 
Arbeit verwandter Art ausgeführt hat. In der 1817 abge- 
brochenen Rothischen Kapelle beim Münster stand nämlich 
seit 1492 ein heiliges Grab, nach einem aus Jerusalem 
gekommenen Modell durch den Steinmetzen Blasius Bärer 
gefertigt. Eine anscheinend abhanden gekommene Ab- 
zeichnung enthielt das Monogramm des Verfertigers im 
Wappenschilde, welches aus ineinander geschlungenen 
Instrumenten, wie sie die Bildhauer gebrauchen, zusam- 
mengesetzt gewesen sein soll. Börers Name wird 1495 
das letzte Mal in Ulm erwähnt'*). Wie er dorthin ge- 
kommen, dafür fehlt es wohl nicht an Vermuthungen, 
doch bleiben dieselben, besser unausgesprochen, bis sich 
Sichereres gefunden. Über seinen Antheil an dem grossen 
Görlitzer Kirchenbau, dessen in Aussicht stehende Thurm- 
vollendung in Zeitungen und Fachschriften in letzter Zeit 
viel besprochen wurde, ist bereits gehandelt. Am 3. Januar 
1498 hat ihn die Stadt als Werkmeister angestellt. Der 
Vertrag mit ihm ist beinahe in demselben Wortlaut ab- 
gefasst, wie der mit Pfluger, von dem es im Eingange 
des Schriftstücks heisst, dass er seinen Urlaub und Ab- 
schied erlangt habe. Der Ratli bewilligt Börer 3 ung. 
Gulden „aus der Kammer" und die Kirchenväter zu St. 
Peter 1 ung. G. quartaliter. Hinsichtlich eines Erlasses seiner 
Abgaben wird ihm versprochen, dass man sich gegen ihn 
ebenso gutwillig erzeigen wolle, wie gegen seinen Vor- 
gänger. Über Börers weitere Thätigkeit hat sich eine 
spezielle Mittheihmg nicht erhalten. Nur über seine 
äusseren Lebensumstände sind Avir einigermassen unter- 
richtet. Er Avar vermählt — muthmasslich nicht in erster 
Ehe — mit Agnes, Tochter des Daniel Thyme in Frei- 
stadt (i. Schi.), der daselbst 1475 Bürgermeister war und 
1486 als Hausbesitzer und auch sonst noch begütert an- 
geführt wird'^). Demselben wohlhabenden Freistadter 



'*) Klemm, Württemb. Baumeister und Bildhauer, in den 
Württeml). Viertel Jahrsheften 1882. Separatabdruck S. 78. 
'•) Zeitschrih f. Gesch. Schlesiens XVil, 215. 



Säclisische Künstler in Görlitzer Geschichtsqiiellen. 259 

Geschlecht enstaimntc übrigens auch Christoph Thieuie, 
1458 Rektor der Universität Leipzig""). Sollte der 
Meister bereits dort zu Mitgliedern der Familie, in die 
er hineinheirathete, in Beziehungen getreten sein? Seine 
materielle Lage scheint sich in Görlitz günstig gestaltet 
zu haben, wie das mit seiner Frau gegenseitig abge- 
schlossene Testament (März 1503) bezeugt. Er vermacht 
ihr darin 200 M. zuvor und gleich Kindestheil, falls sie 
Nachkommen haben würden, wo nicht, das Haus in der 
Neissegasse und dazu 300 AI. in allen seinen Gütern^'). 
1505 ist Börer gestorben. Sein Nachfolger als städtischer 
Werkmeister wurde der obengenannte Albrecht Stieglitzer 
(t den 4. Febr. 1514) '^-), an dessen Stelle der um 1545 
gestorbene berühmteste Baukünstler von Görlitz, Wendel 
Kosskopf, trat. Dieser vererbte das Amt auf seinen 
o;leichnamigen Sohn, welcher am 15. Jidi 1582 bei Be- 
sichtio;ung des schadhaften Rathsthurmes vom Blitze er- 
schlagen wurde ). 

Lorenz, Steinmetz in Zittau, wird 1502 von Blasius 
Börer ermächtigt, seine Ansprüche gegenüber dem Georg 
Kanitz^*) geltend zu machen. Über Lorenz' Bauten an 
der Johanniskirche zu Zittau verbreitet sich Carpzow in 
den Annal. Zittav. I, 47. An der steinernen Treppe zum 
Chore soll sein Werkzeichen mit der Jahrzahl 1505 zu 
sehen sein. 

Peter von Pirna („Birne") hat man 1512 „aus vor- 
schaffen hertzogs Jeorgen zu Dresden, als seines hatce- vnd 
ivergmeisters, hirein holen vnd den hawe (den bis zur Vierung 
aufgeführten, Risse zeigenden Rathsthurni) hesichtigen 
lassend -- Diese Angabe der Görlitzer Rathsannalen ist durch 
W. V. Lübke (Geschichte der Renaissance in Deutschland 
2. Aufl. II, 204) in weiteren Kreisen verbreitet worden. In 
den Missiven ist die Aufforderung erhalten, durch welche 
der Rath den Meister zu g(,'MMnnen sich bcmülit. An Meister 
Peter, Werkmeister zuPirna, lautet die Adresse. „Deamach," 
heisst es nach den üblichen Kingangsformcln, „ihr euch 
auf unser Ansinnen habt vernehmen lassen, wo wir euch 
einen, der mit euch ritte, nach Donati (7. August) zu- 
schicken würden, nachdem ihr auf diesen Strassen nicht 



=") Ztschr. f. üesch. Schlesiens XVIf, 21:5 Hg. =") Anz. Rp. 101. 
") Wolf, Denkm. und Altertli.- Sannnlung II, :589 (liclschr. 
oberlaus. Gesellsdi.) 

**) Meister, Annales Gorlicenses 43. 

*') Vergl. ül)er ihn Knothe, Gesch. des Oberlaus. Adel 143. 

17* 



260 E- Weniicke: 

bekannt^ wolltet ihr uns hierin zu Gefallen sein und zu 
uns reiten, schicken wir zu eucii Lucas Walter, unsern 
Diener, bittend, Avollet euch nicht besclnverlich sein lassen, 
mit ihm auf unsere Kost und Zelirung zu uns zu kommen, 
einen Bau zu besichtigen und einen Rath mitzutheilen." 
3'' post vincula Petri (3. August) 1512. — Mit dem Peter 
von Heilbronn, welcher 1478 als fürstlicher Baumeister 
bestallt wird, hat der obige füglich nichts zu schaffen. 
Wohl aber ist man versucht, ihn in der Reihe der AVerk- 
meister unterzubringen, welche bis 1522, bis zum Auf- 
treten Jakobs von Schweinfurt, am Bischofsbau zu Meissen 
sich thätig erwiesen haben, da er eben als Herzog Georgs 
Werkmeister bezeichnet wird, der zu gedachter Zeit den 
Ausbau des Schlosses vollführen liess. Jedenfalls ist durch 
die obige Adresse erwiesen, dass er sich nicht bloss von 
Pirna nannte, sondern sich auch dort als ausübender 
Künstler aufgehalten haben nuiss. 

Christoph Walter von Dresden errichtet 1565 
den steinernen Brunnen (Röhrkasten) auf dem Unter- 
niarkte. Nach dem Rechnungsbuche des Jahres wird 
ihm am 4. Mai „auf Gedinge vom Röhrkasten" ein Vor- 
schuss von 25 Thaler gezahlt. Am 20. Juni erhält er 
30 Thaler ; am 28. September vom Ständer samt 4 mes- 
singnen Röhren in allem 24 Schock. Meisters Annal. 
Gorlic. sagen einfach: Hoc anno (1565) aedificatur in foro 
mercatorio der Röhrkasten. 

Hans Cromer, ebendaher, Bildhauer, gewinnt Bürger- 
recht den 24. Oktober 1590. 

Georg Herr mann, Architekt und Bildhauer in 
Dresden, verfertigt im Auftrage der Margaretha, "W ittwe 
des Andreas Summer auf Lissa, Zodel und Nieder-Sora, 
den jetzigen (geschmacklosen) Hochaltar in der Peters- 
kirche 1695'^}. 

Maler. 

Kaspar Eichler („der Eycheleryn Sohn von der 
Zittaw") liess sich um Pfingsten 1447 bei Meister Paul 
dem Maler in Görlitz als Lehrling aufnehmen, bat jedoch 
nach vierteljähriger Lehrzeit, seines Kontrakts entiioben 
zu werden, da er sich wieder zu Schule halten und ein 
Priester werden wolle ■^''). 



*■') Haupt, Gesi-liiclite der Peterskirche (1857) 21. 
^') Aiiz. 1876 Sp. 139. 



Sächsische Kinistlor in üörlitzer Geschichtsquellen. 261 

Im Wirthscluiftsbcriclite des Franziskanerklostcr.s zu 
Bautzen (1506) '"'j wird ein Meister Lucas von Görlitz 
erwähnt; welcher einen Schnitzaltar („Toffel") in der 
Barbara- (alias Christophori-) Kapelle gefertigt hat. Ausser- 
dem hat er ein h. Grab gemalt um 25 Mark, wozu ihm 
je |'2 Buch (Blatt-) Gold und Silber verabfolgt worden. ■ — 
Von diesem Maler berichten die Görlitzer Rathsannalen 
nur nocli weiter, dass er 1515 die kupfernen Buchstaben 
und Zahlen der „spera" (Uhr) am Rathsthurme zu G. 
vergoldet, aber (samt dem Seigermeister) zur Arbeit liabe 
getrieben werden wollen. — 1503 wird er Mitbürger von 
Görlitz genannt und gleichzeitig ein Lehrling von ihm, 
Hans Weissenberg, erwähnt, der noch bei anderer Gelegen- 
heit zur Sprache kommt. — Den vollständigen Namen 
des Künstlers geben die „litterae credentiales datae Lucac 
Hau pictori ad emendum lapidem lazuli"'^^!i" vom Ascher- 
mittwoch 1506. Li diesen schreibt der Magistrat von 
( xörlitz: „Vor Siegmund von Zedlitz zu Neukirch (Kr. Gold- 
berg) bekennen wir: Als Herr Albrecht von Colowrat, 
Herr auf Liebstein, des Königreichs Böhmen oberster 
Kanzler, an ims begehret, seinem Diener Bernhard förder- 
lich zu sein, dass er für etliche Gulden Lasurstein zu 
kaufen bekommen möchte, haben wir Meister Lucas dem 
Maler, Briefeszeiger, für 10, 15 oder 20 Gulden ung. zu 
kaufen zugelobt, und was er also auf berührte Sunmie 
Geldes kauft, das wollen wir auf künftige Mitfasten be- 
zahlen." ■ — ■ Es ist vermuthlich dieser Meister Lucas ein 
Solm des Malers Hans Han gewesen, welcher 1483 — 1481) 
in Görlitzer Urkundenbüchern sich nachweisen lässt. — 
Die oberlausitzische Hauptstadt scheint übrigens öfters in 
die Nothwendigkeit versetzt gewesen zu sein, an Maler- 
utensilien von weither ihren Bedarf su beziehen. So z. B. 
schrieben die Görlitzer, als es sich um die obgenannte 
„spera" handelte, an Meister Jakob Beynhart, Maler zu 
Breslau '^'^) : „Wir bedürfen dazu gutes ölMowe ^'*) und feines 



=") Abgedr. im N. Lausilz'sclicn Magazin XlilX, 43. 

**) Lasurstein, er wurde in Schlesien bei Goldberg gefunden; 
liodie (saec. XVI to) reperitur lasura . quae picturas ornat, sagt 
Uartb. Stheni Descriptio Silesiae, das Folgende giebt eine Lestäti- 
gung dazu. 

*') 1483—1525 nacliweisbar (Schultz, Untersuchungen zur 
Gesch. d. schles. Maler. Breslau 1882, S. 21). Seine Familie sdieint 
aus Geislingen in Württemberg eingewandert zu sein, wie mir Herr 
Diakonus A. Klemm daselbst schreibt. 

^") Schmalteblau? 



262 E. Wernicke: 

Gold. So wir denn berichtet sind , dass man das alles 
bei eucli bekommen mag, bitten wir euch, wollet uns 
2 Buch fein Gold, das gut und unverstossen ist, auch 
2 Pfund Cantzynisch ölhloic (als inliegende Probe anzeigt) 
oder bes?;eres, das die Farbe auf dem Steine und im Wetter 
behieltCj schicken und dabei schriftlich zu erkennen geben, 
wieviel jegliches an Gelde beträgt C1516)." 

Goldschiniede. 

Niklas von Löbau 1418. Johannes, ebendaher, 
Avird 1424 Bürger, Gregor Pyrn er (aus Pirna?) 1479^^). 
Georg Burchart zieht 1516 von Görlitz nach Kamenz^*). 
Er war wahrscheinlich der Sohn des gleichnamigen 
Malers, dessen Wittwe 1503 einen Kram betrieb. Sie be- 
schwerte sich in diesem Jahre durch ihren gerichtlichen 
Vertreter, den Maler Paul Schuster, dass „ein Zubereiter 
aus dem Handwerke der Maler", Hans Weissenberg, der 
früher bei Meister Lucas gearbeitet, ihr bei einem Besuche 
etliche Korallen, etwa 5 Loth schwer, in der Grösse 
massiger Erbsen, entwendet liabe. 

Ein Goldschniiedegeselle Endres Moler war, Avie wir 
aus einem Verordnungsschreiben des Görlitzer Raths an 
den Dresdner vom 16. Juni 1540 für seine Mutter Barbara 
Paul Molerin erfahren, zu Alten-Dresden böslich ermordet 
worden; er sollte einige Baarschaft und sonstige Habe 
hinterlassen haben ^^). 

Am 29. Mai 1574 wird geschrieben an Urban 
Schneeweiss, Goldschmied zu Dresden. In diesem 
Briefe ist erwähnt sein Geselle Valtin Tirold, welcher 
zu Görlitz bei Albrecht Tirold gelernt habe^\i. 

Giesser. 

Über Mitglieder der Familie Hilger, welche für Görlitz 
Glocken gegossen haben, ist von mir bereits in den Mittli. 
des Freibei'ger Alterthumsvereins (XVII, 29 flg.) gehandelt 
worden. Ihre Arbeiten sind aber bei dem grossen Brande 
der Peterskirche 1691 imtergegangen. Über Gestalt und 
Inschriften der Glocken verbreitet sich eine von Christian 
Nitsche (Görlitz o. J.) verfasste Beschreibung des Gottes- 
hauses. Die erste, Maria genannt; ist den 24, Sept. 1516 



*') Anz. 1877 Sp. 137, 138. *^) Catal. civium. ") Lib. miss. 
^*) Catal. civium. 



Sächsische Künstler in Görlitzer Geschichtsquellen. 263 

im Zwinger Leim Frauentliore gegossen. Sie liat 165 Ztr. 
gewogen. Von jedem Zentner erhielten die Gebrüder 
Martin und Andreas Hilgcr von Froibcrg 2 Mark, also 
zusammen 330 Mark (oder wie Nitsche reduziert 256 Tlilr. 
16 Gr.). Ihr Umfang betrug am untern Rande 13 Ellen 
2 Zoll, die Länge von oben bis unten 3 Ellen 1 Viertel. 
Die Inschrift bietet nichts Besonderes. Abgebildet waren 
dabei die beiden Apostelfürsten. Die vierte oder Vesper- 
glocke hat Andreas Hilger 1521 zu Breslau gefertigt. 
Sie trug auf der einen Seite das Wappen der Stadt, auf 
der anderen das Bild Petri. — Gegenwärtig besitzt die 
Kirche 6 Glocken, von denen die vierte, ein Geschenk der 
Tuchmachergilde, 1616 von Michael Weinliold aus Dres- 
den das erste Mal gegossen wurde ■'*^); ihre jetzige Form 
stammt von 1737. — Von einem gleichnamigen Dresdener 
Giesser stammt her die grosse Glocke zu St. Nikolaus 
(1716) ^^). Er goss auch in demselben und dem folgenden 
Jahre die 3 Glocken der Frauenkirche um^'); eine In- 
schrift nennt ihn „fusor regius". — Ein Brief d. d. domin. 
p. visitat. Mar. 1.529 an Herzog Friedrich von Liegnitz 
meldet; dass die Görlitzer „aus gnädigem Zulassen Herzog 
Georgs zu Sachsen einen Eisengiesser vom Eisenberg- 
werk bei Pirna (Pirnaw) bei sich gehabt mid mit ihm 
eine Beredung getroffen, dass er zu dem neuen Geschütze 
etzlidie centner schiveher gezeuge gegossen hat, die man bei 
ihm geholt und zu sich gebracht". 

Joachim Hannibal Brosse, Glocken- und Stück- 
giesser zu Görlitz, fertigte um 1700 das messingene 
Epitaph des Gustav Friedrich Schmeiss von Ehrenpreis- 
berg in der Peter-Paulskirche zu Zittau^®). 



»*) Neumann, Gesch. v. Görlitz (1850) 650. 

") Ebd. Ü53. »') Ebil. 660. *«) Garpzow a. a. 0. 97. 



VIII. 

Des Grafen von Zinzendorf Rückkehr nach 
Sachsen und die Hennersdorfer Kommission. 

1747—1748'). 

Von 

F. S. Hark (t). 



Zinzendorf hatte im Dezember 1738 die bereits vor 
seiner abermaligen Verweisung aus Sachsen beschlossene 
Reise nach Westindien angetreten. Vorher war er wenige 
Tage unbemerkt in Herrnhut gewesen (13. — 17. September), 



') Das Nachstehemle scliliesst sich an meinen früheren Auf- 
satz in dieser Zeitschrift III, 1 tig. an. Die dort benutzten Akten 
des Königlichen Hanptstaatsarchivs sind zum Theil wieder ver- 
werthet und ebenso bezeichnet. Neu sind verwendet: 1) Loc. 4612. 
Geheime Kanzlei-Akten. Die Aufnahme der sogenannten Mährischen 
Brüder in dem Markgrafthum übcrlausitz und der Grafschaft Barhy 
betreliend. "Vol. 1, ab Ao. 1748 sqq.; und folgende vier iu Loc. 10.S3S: 
J2) Acta Commissionis, die wegen deier so prädicierten Mährischen 
Brüder-Gemehulen allergnädigst anbefohlene Erkundigung zu Hen- 
nersdorf und deren Aufnahme in die Kursächsischen Lande be- 
treuend. 1748. Vol. I.; 3) Acta Commissionis. Die allergnädigst 
anbefohlene Erkundigung, ob das allergnädigste Reskript vom 
7. August 1737 in Ilerrnhut allerunterthänigst befolgt worden? be- 
treffend. Vol. II; 4J Erklärung der Deputierten der Mährischen 
Brüder-Gemeinden über ihren Gottesdienst, ihre Scliriften, Ge- 
bräuche und Grundsätze, ps. 1. August 1748; 5) Fascicul. Einige 
zur Hennersdorfer Kommission gehörige, nach beendigter Expedition 
eingereichte Schriften. 1748. — Dieselben sind citiert als (1) Loc. 4612. 
G. K.-A. 1748 sqq.; (3) Act. Comm. 1748. I; (3J Act. Comm. 1748. 
II; f4jAct. Comm. 1748. III; (5J Act. Comm. 1748. IV. — H.-St.-A. 
und U.-A. bezeichnen dasselbe wie a. a. 0. 



F. S. Hark: Des Grafen von Zinzeiulorf Rückkehr etc. 265 

und elie er Europa auf vier Monate verliess, richtete er 
nocli vom Texel aus ein Abscliiedssclireiben an den Köni«:^ 
und Kurfürsten ^). 

1740 wandte er sich aufs neue an ilin, lun die Er- 
laubnis zu zeitweiligem kurzen Aufenthalt auf seinen 
Gütern zu erbitten. Graf Brühl aber Hess das Gesuch 
nicht erst an den König gelangen ^). 

Dem abgcAviesenen Bittsteller drohte in die.«cm Jahr 
sogar die Gefahr, auf Antrag ,.ansehulicher Reichsstände" 
in die Acht gethan zu werden. Nur die Vorstellung des 
Ministers eines geistlichen Kurfürsten verhinderte die Aus- 
führung*). 

Über vier Jahre vergingen, ehe Zinzendorf wieder 
einen Versuch inachte , die Gnade seines Landesfürsten 
zu erlangen. Im März und im April war er zweimal iu 
Herrnhut gewesen. Als er im Herbst 1745 abermals 
dort heimlich erschien, schwebten noch die Verhandlungen. 
Diesmal hatte er es aber nicht bloss auf Erlaubnis zur 
Rückkehr abgesehen, sondern zugleich auf eine Unter- 
suchung „seines Lehramts" in den letzten Jahren imd 
auf Sicherstellung der Mährischen Kirche im Reich durch 
Vermittelung Sachsens^ als des Direktors des Cor])Us 
Evangelicorum. Dazu sollte eine Untersuchung der 
mannigfachen gegen die Brüder und ihn allerwärts er- 
hobenen Beschuldigungen dienen, welche von Sachsen 
betrieben würde ^). Die Grähn Zinzendorf aber wandte 



^) S. Kur 11 er, I'ie kursächsisclie Staatsren^ierimg dein (Jrafeii 
Zhizeiulorf und Herrnhut bis 1760 gegenüber (Leipzig 1878) 5t5; wo 
aber statt 26. Oktober .,'?(;. Dezember" zu lesen ist. — U.-A. 

*) Das Nähere Körner 1. c. ö8 flg. — Zinzendorf that 
diesen Scliritt von Gotlia aus, wo im Juni eine Synode der Brüder 
abgehalten wurde. Beweggrund war der plötzliche Tod des llaujit- 
manns Geo. Abr. v. Schweiniz auf Olier-Steinkirch währeml derselben. 
Dieser, seit17B7 in Herrnhut wohnhaft, hatte für die Grähn Zinzen- 
dorf deren Gutswirthschaft geleitet. — Ziiizendorfs Brief an den 
Herzog s. d. s. Herz. Corresp. 95 flg.; des letzteren Antwort i. II. -.A. 
Das an Brühl übermittelte Memorial konnte ich nirgends finden. 

*) Dieser Minister war wohl Georg von Spangenberg, der Brutler 
von Ziiizendorfs Biographen, der in den Diensten des Kurfürsten 
von Trier stand und katholisch wurde. — Näheres bei D. Craiiz, 
Alte und neue Brüderhistorie (1771) .334. Spezielleres ist nicht zu 
ermitteln. 

*) Eine dergleichen hatte er schon 1740 beim Reichskammer- 
gericht begehrt, doch vergeblich (s. Spangenberg, Leben Ziiizen- 
dorfs 1278 flg.; Cranz 1. c. .3.34). — Von den zu obigem dreifachen 
Zweck eingegebenen Schriften ist besonders beachtenswerth: ,,Yor- 



2QQ F. S. Hark: 

sich im Interesse ihres Gatten münclHch und schriftlich 
an die Gräfin Brühl, „und ihre gegründeten Vorstellungen 
hatten dieselbe sehr bewegt, so dass sie alles mögliche 
thun wollte, bei ihrem Herrn die Sache aufs beste zu 
recommandieren". Auch der letzteren ScliWcägerin, die 
Oberstallmeisterin von Brühl, „eine besondere Freundin 
guter Seelen", war dafür interessiert. Allein weder die 
Gräfin Zinzendorf noch ihr Gemahl reüssierten. Die Ver- 
handlungen, Avelche dieser nacli dem Tode des Kaisers 
Karl VII. in der mehrfacli gehegten Erwartung, die 
kaiserliche Würde werde an Sachsen übergehen und dann 
auch ihm Vortheile bringen, angeknüpft hatte, zogen sich 
bis in das Frühjahr 1746 hin und blieben ohne das er- 
sehnte Resultat. Unter Brühls Regiment mussten andere 
Saiten berührt werden, wenn man Gehör finden sollte. 
Bald bot sich in der That ungesucht eine Gelegenheit 
dar, den rechten Ton anzuschlagen. 

Der damalige Besitzer von Gross-Henner sdorf, 
dem grossväterlichen Gute Zinzendorfs, dessen rechter 
Vetter Karl Gottlob von Burgsdorf, Kanzler von Zeitz, 
sah sich 1746 genöthigt, seiner derangierten Vermögens- 
verhältnisse wegen, einen Käufer dafür zu suchen. Auch 
meldete sich bald ein solcher, ein Baron von Seidewitz. 
Er war aber katholisch, und nicht nur konnte seine 
Nachbarschaft Herrnhut unbequem werden, sondern es 
war auch zu Ijesorgen, dass auf Grund eines zu Kaiser 
Rudolfs II. Zeit errichteten, die Traktaten der Oberlausitz 
nicht berührenden Rezesses in Hennersdorf der Katholizis- 
mus wieder eingeführt würde und derselbe somit eine neue 
Eroberung in dem Markgrafenthum machen dürfte. Um 
dies zu verhüten, empfahl der Oberamtshauptmann Graf 
von Gersdorf seinem Freunde Zinzendorf dringend die 
Erwerbung des Rittergutes. Endlich ging dieser auch 
darauf ein und zwar unter für Burgsdorf sehr günstigen 
Bedingungen. Noch ehe der Kauf auf den Namen von 
Zinzendorfs Tochter Benigna, vermählten Freifrau von 
Watteville, abgeschlossen war, hatte der Verkäufer ^Ende 
Februar 1747) dem Grafen Hennicke in Dresden mit- 
getheilt, wer es eigentlich sei, der ihm auf so generöse 
Weise aus der Verlegenheit helfen wollte. Dabei lenkte 

Stellung der lutherischen Theologen der Mährischen Kirche" d. d. 
"Wetzlar, 25. April 1745, s. Copie davon Loc. 4612 G. K.-A. 1748 flg. 
fol. 127 flg. und im Ü.-A. 



Des Grafeil von Zinzendorf Rückkehr nach Sachsen etc. 267 

er des Ministers Aufmerksamkeit auf die noch immer 
andauernde Verbannung Zinzendorfs. Sowohl von Hen- 
nicke als von andern hörte er, ihre Aufhebunj^ würde 
mögllcli sein, wenn jener etwa einen reichen Holländer 
bestimme, bei der Steuerkasse eine Summe Geldes anzu- 
leg'en. Ohne ein solches Entgegenkommen sei sie aber 
nicht zu erwarten, denn Zinzendorfs Person sei dem König 
verhasst gemacht worden, und I. Maj. in favorem einer 
Sache zu disponieren, dar wider sie eingenommen, sei ohne 
solche BeAveguno;s2:ründe äusserst schwer ^). Zinzendorf 
scheint aber in der angegebenen Richtung nichts gethan 
zu haben. Er schreibt wenigstens am 15. Juli an Hen- 
nicke, es habe sich bei seinen Freunden in Holland „kein 
Anlass finden Avollen", derartige Geschäfte anzuregen. 
Aber zugleich meldet er, er selbst sei bereit, 100000 
Thaler, über die er disponieren könne und Avelchc er 
nach Aufkündigung zu Michaelis ein Jahr darauf (vom 
Hause Meerholz-Iscnburg) zu erhalten hoffe, „zum Dienste 
seines lieben Vaterlandes zu employieren"'). Auf die 
wünschenswerthe Rückkelir nach Sachsen spielt er nur 
in angegebener Weise an. Burgsdorf aber sagt er 
(16. Juli) deutlicher, dass sein banissement das hollän- 
dische Geschäft und auch sein Commercium hemme. Je- 
doch dringt er später wiederholt darauf, dass seine Be- 
gnadigung mit diesem aus reiner Liebe zum König ge- 
machten Anerbieten in keiner Weise kombiniert werden 
dürfe. Beim thatsächlichen Zusammenhang beider Sachen 
schwer zu fassen. Seine patriotische Offerte fand beim 
Könige resp. Brühl gute Aufnahme. Hennicke versicherte 
Burgsdorf, der Aufhebung des Exils stände nichts mehr 
im Wege, nur wusste er noch nicht, wie man sie am 
zweckmässigsten nachsuche. Endlich ging er auf den 
Voi'schlag ein, beim König eine Immediateingabe zu 
machen, und liicss Burgsdorf sie entwerfen. Er selbst 
meldete Zinzendorf (31. Juli) die gnädige Walirnehmung 
seines Anerbietens, wünschte aber die Auszahlung schon 
Michaelis dieses Jahres ^). Zum Glück hatte er Burgs- 
dorf gestattet, die Forderung auf „den grössten Theil" 

*) Nach Briefen Köber's vom 9. März, 7. n. 17. Juli 1747. 

') S. Körner 1. c. 60. Der 13 rief ist aber nicht an liurgstlorf, 
sondern an Hennicke gerichtet, und von Darleihung „gegen massige 
Verzinsung" steht nichts darin. — Die Bitte um Geheimhaltung 
(ib. 61) bezielit sich auf ein späteres Geschäft 1750. 

*) Körner 1. c. 60. — Orig. im U.-A. 



268 F- S. Hark: 

im Notlifall zu bcscliranken^ denn Zinzendorf kostete es 
Mühe, in der kurzen Frist aucli nur den vierten Theil 
aufzubringen. Gleichzeitig (1. August) sandte Burgsdorf 
an ihn das entworfene Memorial. Es enthielt die Bitte, 
sicli in des Königs Landen „von Zeit zu Zeit" frei imd 
imgehindert aufhalten und in ihnen wohnen zu dürfen. 
Ehe noch die Auszalilung des Geldes erfolgte, war es 
(d. d. 13. August 1747) nebst einem Schreiben aus Henners- 
dorf vom 18. September durch Köber (am 20.) Hennicke 
übergeben worden''). 

Des Erfolgs gewiss hatte Zinzendorf die Wetterau 
am 10. September verlassen und war am 16. in Berthels- 
dorf angekommen. Die zehn Jahre der Trennung von 
Herrnhut; die er einst ge weissagt hatte ^"), waren vor- 
über und sollten sich nicht wiederholen. Auch Hess die 
formelle Begnadigung nicht lange auf sich warten. Hen- 
nicke hatte Köber erst das deshalb entworfene Dekret 
mündlich in Leipzig mitgetheilt, dann am 10. Oktober es 
sogar mit ihm dort durchgesprochen und nach Zinzen- 
dorfs Wünschen geändert. Dieser hatte am 12. daselbst 
eine Unterredung mit dem Minister, und noch an dem- 
selben Tage wurde das wichtige Dokument Köber ein- 
gehändigt. Es lautet: „Wir Friedrich August etc. haben 
Uns auf des p. p. Nicol. Ludwigs Grafens von Zinzendorf 
beschehenes uuterthänigstes Ansuchen und durch die vor 
ihn eingelangten Litercessiones nunmehr bewogen gefun- 
den, demselben die Erlaubnis, sich in Unserm Mark- 
grafthum Ober-Lausitz wiederum aufzuhalten, hierdurch 
in Gnaden zu ertheileu. Wie Wir nun selbigen hierbei 
Unseres Landesfürstlichen Schutzes versichern, dicserhalb 
auch an Unser Geheimes ConsiHura dato das Erforder- 
liche rescribiret; also ist . . . dieses Decrct . , . aus- 
gefertigt worden. So geschehen und geben zu Leipzig 
am n. Octobris 1747.' Augustus Rex. G. v. Brülil''^^). 

») Orig. G. K.-A. 5986, l'ol. 64. „praes. 10. Nov. 1747" mit der 
Randnotiz: „Resoliitio d. 27. Nov. a. f. ad Acta, weil das Reskript 
bereits ergangen". — S. unten. 

'") S. Span gen berg 1. c. 960. 

' ') Orig. u. Copien im U.-A. — Wie leicht zu erkennen, ist das 
von Körner 1. c. 61. inhaltlich mitgetheilte nicht obiges, sondern 
(bis darin erwähnte Reskript an die Geh. Käthe. Diesen wird zu- 
gleich — was bei Körner fehlt — aufgetragen genaue Aufsicht 
über Zinzendorfs uiul der Seinen Verhalten zu führen. Das für 
Zinzendorf bestimmte Dekret mag ursprünglich ähnlich gelautet 
haben. "Was mau aber hier änderte, liess man dort stehen in Rück- 



Des Grafen von Zinzendorf Rückkehr nach Sachsen etc. 269 

Ehe Zinzendorf seinen Verpflichtungen nachge- 
kommen, und unabhängig von seinem Gesuch um Be- 
gnadigung, war die Regierung ihm darin willfährig ge- 
wesen. Reines Wohlwollen war gewiss nicht die Ursache, 
sondern — Geldmangel, von dem Köber am 2. August 
gemeldet hatte, er sei aufs äusserste gekommen. Darum 
acceptierte man nicht nur das für einen Staat wie Sachsen 
o;eringe Anerbieten Zinzendorfs mit Freuden, sondern war 
aucli bereit, ihm gefällig zu sein, um sobald als möglich 
in den Besitz dieser Summe und vielleicht noch anderer 
zu gelangen. Die Aufhebung der Verbannung war dazu 
ein Haupterfordernis, weil Zinzendorf öfters auf hollän- 
dische Freunde gewiesen hatte, die das Geldgeschäft er- 
leichtern könnten, wenn ihr Misstrauen gegen Sachsen 
durch seine Restituierung beseitigt wäre. Der Name Hol- 
länder hatte bei den sächsischen Finanzmännern einen 
guten Klang. Solche zu gewinnen, durfte nichts ver- 
säumt werden. Hauptsächlich in Rücksicht auf den mit 
auf die Messe gekommenen begüterten Herrn van Laer 
hatte Hennicke alles möglicherweise Verletzende aus dem 
Dekret vom 11. Oktober entfernt. Andererseits Hessen 
auch Zinzendorf und die Brüder die von den hollän- 
dischen Freunden gehegten Erwartungen nicht unbenutzt. 

Noch in Leipzig hatte Hennicke bei Zinzendorf und 
Köber, der von jetzt an als Deputatus des ersteren in 
Dresden die Verhandlungen mit der Regierung führte, 
und seitdem wiederholt, den Wunsch ausgesprochen, Aus- 
länder und namentlich Holländer zur Hebung des Wohl- 
standes nach Sachsen zu ziehen'^). Waren doch die 



sieht auf das Misstrauen, welches nach Hennickes eigener Aussage 
viele Mitglieder dieses Kollegiums in hohem Masse gegen den Be- 
gnadigten hegten, und das sich sogar im Widerspruch gegen seine 
Zurückberufung geäussert hatte. — In ganz entsprechender Weise 
rescribierte das Geh. Consilium an (jas Oberamt unter dem 16. Oktober 
1747 (G. K.-A. 5986, fol. 60). — Über die im Hauptdekret stoben 
gebliebenen und Zinzendorf anstössigen Ausdrücke: „Intercessiones" 
und „Oberlausitz" statt „Königliche Lande überhaupt" gab Hennicke 
nachträglich beruhigende Erklärungen. 

'^) Der schon mehrmals genannte Job. Friedr. Kober war 
damals .SO Jahre alt. Er stammte aus Altenburg, hatte nacli voll- 
endetem Studium der Rechte als Sekretär beim Oberamtslianptmann 
Graf Gersdorf zu Uhyst a. d. Spree gedient und war liier mit llerrn- 
luit näher bekaiuit geworden. Als er im April 174:7 mit Aufträgen 
Burgsdorfs, den Verkauf Hennersdorfs betrettend, nach der Wetterau 
reiste, wurde er in Ilerrnhaag Mitglied der Brüdergemeine und von 
da an in Geschäften Zinzendorfs verwendet, obgleich er erst 1748 



270 F. S. Ilark: 

politischen Wirren in der Heimath geeignet, manchem 
von ihnen dieselbe zu verleiden. Man Imldig-e, sagte der 
Geheime Rath und Finanzrainister, jetzt in Sachsen tole- 
ranteren Grundsätzen, als zu der Zeit, da man in blindem 
Eifer und unter Hintansetzung der Vortheile des Landes 
die Refugies nicht aufnehmen Avollte. Es werde darum 
auch das reformierte Bekenntnis der Holländer kein Hinder- 
nis sein. Gehe auch ihre Aufnahme nicht in den alten 
Erblanden an, so doch in der Lausitz und vor allem in 
der erst neuerdings dem Könige zugefallenen Gi-afschaft 
ßarby. Die Stadt passe besonders dazu, denn sie sei 
— so meinte Hennicke fälschlich — reformiert. Übrigens 
sollten Leute von einer andern Konfession nicht aus- 
geschlossen sein, wenn nur keine Streitigkeiten entstünden. 
Köber hielt aber gerade die Stadt für ungeeignet zu 
einer derartigen Niederlassung. Sofort empfahl Hennicke 
statt dessen königlichen Grund und Boden daselbst und 
zwar das Barbyer Schloss. Köber ging immer weiter. 
Sollten ausländische Brüder geneigt gemacht werden, sich 
m Sachsen zu etablieren, so möchten die schon im Lande 
wohnhaften gegenüber den Angriffen der lutherischen 
Theologen öffentlich per Rescriptum für Augsburgische 
Koiifessions-Verwandte erklärt und mit den Rechten und 
Freiheiten anderer Unterthanen versehen werden. Hen- 
nicke wollte das erst nach Monatsfrist angeregt haben. 
Die Brüder dagegen hielten mit der Zusage einer Nieder- 
lassung noch zurück, schlugen jedoch vor, ihnen das ge- 
nannte Schloss mit einigen Vorwerken in Pacht zu geben, 
als Sicherheit für den zu leistenden Vorschuss. Denn 
solche sei nöthig, weil Meerliolz wahrscheinlich doch nicht 
zahlen würde, das Geld also von andei'swoher beschafft 
werden müssen. Der Vorschlag fand nicht nur Beifall, 
sondern man bot sogar die ganze Grafschaft dazu an. 
In der That einigte man sich mit der Zeit darüber, dass 
gegen ein Darlehn von 160000 Thalern an Zinzendorf 
auf den Namen seines Neffen Heinrich XX VHI. Graf Reuss 
und Konsorten die Grafschaft Barby auf zwölf Jahre 
gegen eine jährliche Pachtsumnie von IG 000 Thalern 



seine Stelhuig in Uhyst aufgab. — Seine zahlreich vorhandenen 
Briefe und Tagebuchsberichte sind Hauptquellen für diesen Ab- 
schnitt der Brüdergeschichte. Zwar ist seine Darstellung steif und 
trocken, aber klar und zuverlässig, was man bei Zinzendorfleider nur 
zu oft vermisst. 



Des Grafen von Zinzendorf Rückkehr nach Sachsen etc. 271 

verpachtet wurde und zwar so, dass sich der Pächter für 
Zinsen und Kapital durch die Revenuen bezahlt mache. 
Im September 1748 fand die ÜbergaLe statt. Die kirehen- 
rechtliche Stellung der Brüder in Barby blieb zunächst 
noch ungeordnet. Die Benutzung der Scldosskapelle 
wurde aber in Aussicht gesteüt, und bis dahin hieUen sie 
ihre Privatandachten ungestört in andern Räumen des 
Schlosses. 

Neben den Verhandlungen über diesen Vorsohuss 
und Barby gingen andere her, welche schon vor jenen 
zum vorläufigen Abschluss gekommen waren. Der Wider- 
spruch, welchen Zinzendorf und sein Werk aller Orten, 
wo er und die Brüder bekannt geworden waren, zuerst 
in Herrnhut, dann nach seiner Verweisung aus Sachsen 
im übrigen Deutschland und ausserhalb desselben in den 
neu entstandenen Gemeinen inid Kolonien, nach Leben, 
Lehre und Verfassung gefunden hatte, bewog ihn wieder- 
holt, sich zur Klarstellung seines Charakters und seiner 
^^'irksamkeit da und dort um öffentliche Unter- 
suchung zu bemühen. Nur in wenigen Fällen erlangte 
er sie^*). 

Wir begegneten bereits einem seine Person und die 
ganze Mährische Kirche umfassenden Antrag der Art 
an Sachsen (1745). Eine zu beider Gunsten ausschlagende 
Prüfung in dem Hauptsitz des Gnesio- Lutherthums liess 
hoffen, dass sie die immer zunehmende Animosität der 
Lutheraner aller Länder vermindern, wenn nicht gar be- 
seitigen würde. Jetzt da er ins Vaterland zurückkehren 
durfte, schien es möglich, auch diesen Wunsch erfüllt zu 
sehen. Am liebsten wäre ihm gewesen, die Untersuch- 
uno- hätte der Rückkehr voran o-ehen können. Jedenfalls 
aber sollte sie ihr bald folgen. Wie er gleich nach seiner 
Rückkehr von Leipzig in Herrnhut erzählte (14. Oktober 
1747), hatte er dort mit Ilennicke schon vorläufig Avegen 
einer Untersuchung seines Ganges gesprochen. AVenige 
Wochen darauf that er weitere Schritte. Am 28. No- 
vember theilte Köber dem Grafen Hennickc Zinzendorfs 
Begehren mit, „es möchte einmal zu einer Generaluntersuch- 
ung seiner Anstalten, sowohl was Lehre als Verfassung 
beträfe, gedeihen", um den Beschuldigungen und Schmäh- 
ungen ein Ende zu machen, und damit er imd seine 



'*) p]ine Aufzählung solcher Versuche und ihrer Erfolge siehe 
in Zinzendorfs Naturellen Reüexionun 120, 131 — 144. 



272 F- S. Hark: 

Anstalten „in Ansehung ihrer Reahte und Lauterkeit 
möchten ins Licht gestellt werden". Zwar wollte Hen- 
nicke statt Theologen aus verschiedenen Ländern nur 
sächsische dazu verwendet wissen, im übrigen billigte er 
aber den Gedanken. Zinzendorf bezeichnete in einer 
kurzen „Idea der gesuchten Untersuchungskommission" 
(November) die zu prüfenden Gegenschriften und die ins 
Auge zu fassenden Punkte, berücksichtigte bei den vor- 
geschlagenen Kommissarien Hennickes Begehren, machte 
aber geltend, die Untersuchung sei keine ex officio an- 
gestellte, sondern „ein examen oblatum". Als er Ende 
März 1748 nach Dresden kam, konferierte er in Köbers 
Begleitung zunächst mit Plennicke, der ihn der geneigten 
Gesinnung des Königs gegen seine Person und Herrnhut 
versicherte, über dieselbe Sache. Ausser den Kommissa- 
rien wurden sogar vorläufig Zeit und Ort (Juni, Dresden) 
ausgemacht. Als Zweck der Kommission gab der Mi- 
nister freiwillig an, Zinzendorf solle nicht nur von dem Ge- 
heimen Conseil als dem Directorio der evangelischen Reichs- 
stände erkannt, sondern es sollten dann auch öffentlich alle 
Beschuldigungen gegen ihn für Unwahrheiten erklärt und 
neue Verleumdungen bei harter Ahndung verboten werden. 
An dem Exil Zinzendorfs behauptete er nicht schuldig 
zu sein, doch bat er ihn, alles zu vergessen und allen 
Urhebern des angethanenen Unrechts zu vergeben, wie 
er es ja allen seinen Feinden thue^^). Graf Brühl 
hatte Zinzendorf ebenfalls zu sehen begehrt, um, wie Hen- 
nicke sich ausdrückte, sich dessen gegen den König zu 
rühmen und den Herrn Grafen der vollkommensten Zu- 
friedenheit I. Maj. vor Ihre Person versichern zu können. 
Am folgenden Tag (1. April) fand er sich auch auf der 
Kammer bei dem Genannten ein. Nach seiner bei allen 
Untugenden gefälligen Art des Verkehrs begegnete Brühl 
dem einst von ihm Geächteten nicht weniger als Hen- 
nicke in den schmeichelhaftesten Ausdrücken. Aber, 
schreibt Köber, „Se. Excellenz schienen überhaupt, also 
auch besonders" — als Zinzendorf das ihm ehemals ertheilte 



'*) Damals sagte Hennicke n. a. : „Der König habe vor einigen 
Jahren Herrnhat auf der Reise nach F'ok-n selbst gesehen und seit- 
dem ganz andere Gedanken davon bekommen". In den Diarien 
und sonst findet sich dafür kein Beleg (s. Körner 1. c. 59 nach 
Schrauten bach, der aber nicht das Jahr 1747 angiebt, wie ersterer 
thut). Nur der Durclizug des Herzogs von Weissenfeis (Dez. 1744) 
ist angemerkt. 



Des Grafen von Zinzendorf Rückkehr nach Sachsen etc. 273 

consiliimi abeiindi erwähnte, trotzdem Herrnliut des Kö- 
nigs Gnade und. Schutz genossen habe — ■ „ein wenig en 
embarras" zu sein. Sie „waren ausnehmend höflich und 
poli, überaus modest und niedergeschlagen" und meinten, 
man habe den König falsch von ihm berichtet. „Gottlob, 
dass es sich nun geändert und wir Sie nun wieder bei 
uns haben". Wohl um aus der Verlegenheit zu helfen, 
nahm Zinzendorf die Schuld jener Prozedur ganz auf 
sich, Avorüber Brühl höchst erstaunte, sodass er ihn mehr- 
mals bat, alles Vergangene zu vergessen; des Königs 
Gnade werde sich ihm nie mehr entziehen. Mehr Satis- 
faction konnte Zinzendorf kaum zu theil werden. That- 
sächlich hatte er, der viel geschmähte Graf, einen Triumph 
über den mächtigen Premierminister davon getragen, ob- 
wohl er ihn nicht beachtete. Für ihn war von mehr 
Bedeutung, dass auch Brühl der begehrten Untersuchung 
ohne weiteres zustimmte. Nicht minder belangreich war 
zu vernehmen, wie man ausser der Barbyer Niederlass- 
ung den Anbau von noch mehr Gemeinen in Sachsen 
gern sehen würde. Inwieweit freilich sich diese Ver- 
sprechungen, eröffneten Aussichten und Wünsche reali- 
sieren würden, musste der Zukunft überlassen bleiben. 
Ausserdem fanden in Dresden auch Unterredungen mit 
dem Oberhofprediger Dr. Hermann, dem Nachfolger 
des 1746 gestorbenen Dr. Marperger statt. Zinzendorf 
wollte ihm die Administration des lutherischen Tropus 
in der Mährischen Kirche übertragen, und Köber hatte 
schon früher einmal schriftlich einen entsprechenden An- 
trag gestellt. Die Angelegenheit kam aber erst in einer 
späteren Zeit zu spezieller Verhandlung. Fürs erste stand 
die öffentliche Untersuchung im Vordergrund. 

Obgleich man ihr von selten des Geheimen Kabinetts 
zugestimmt hatte, so hörte doch Köber vom Geheimen 
Rath Graf Rex, dem Geheimen Consilium würde lieber 
sein, wenn sie unterbliebe. Zinzendorf, der wohl wusstc, 
dass die meisten Geheimen Räthe ihm nach wie vor ab- 
geneigt waren, wollte sie gegen deren Willen nicht durch- 
setzen. Er ging darum auf Hennickes Vorschlag ein, 
seine Sache privatim zu untersuchen. Den Oberamts- 
hauptmann, welchen er gern dabei gesehen hätte, wollte 
Hennicke aber nicht hinzuziehen, und dieser wünschte 
selbst aus dem Spiel gelassen zu werden. Dagegen soll- 
ten Zinzendorf, Hennicke und Hermann zu dem Zweck 
in Dresden zusauuncn treten. Doch würde dies nur ein 

Neues Archiv t. «. G. u. A. VI. 3. 4. 18 



274 ^- ^ Hark: 

P r ä 1 i ra i n ar e X a m e n sein, nach welchem Graf Gersdorf 
und Dr. Hermann der in nächster Zeit abzuhaltenden 
Synode der Brüder zur allgemeinen Kenntnisnahme vom 
Ganzen beiwohnen und davon Bericht erstatten möchten. 
Um dem Oberhofprediger vorläufig „einige Ideen von 
dem statu causae zu geben", richtete er an ihn ein aus- 
führliches Schreiben, d. d. Herrnhut 14. April 1748'^). 
Als Köber es überbrachte (20. April), vernahm er, dass 
sowohl Hermann als der einflussreiche Geheime Rath 
Zech (wie leicht zu begreifen) an manchen Liedern des 
damaligen Gesangbuchs der Brüder Anstoss nähmen 
und dass letzterer das ganze Vorgehen des Hofes und 
der Brüder mit Besorgnis verfolge. Zur Charakteristik 
des hochgestellten Geistlichen sei noch angeführt, dass als 
Köbers Begleiter Wenzel Neisser zugab, die Brüder hätten 
in dogmaticis von Zeit zu Zeit etwas geändert, er es 
billigte. „Es sei rechte Thorhcit", sagte er, „wenn man 
seiner Erkenntnis Grenzen setzen wolle. Die Geheimnisse 
des Evangelii seien unerschöpflich und man konnne immer 
weiter und tiefer hinein. Das komme auf den heiligen 
Geist an". Eine für einen lutherischen Theologen der 
sächsischen Landeskirche damaliger Zeit gewiss unge- 
wöhnliche Ansicht! 

Am 26. April fand sich Zinzendorf zum projektierten 
Examen in Dresden ein; von Watteville sen. u. a. begleiteten 
ihn^''). Li einem Schriftstück von demselben Tage^") er- 
klärt er, um was es ihm zu thun sei, nicht um Justifi- 
kation, sondern er wünsche seine Handlungen seit 1738 
in mehrfach angegebener Richtung darzulegen, zu erörtern 
und urkundlich zu belegen. Das sollte jedenfalls in einer 
„Kabinettskonferenz über Brüdersachen" zwischen ihm, 
Watteville, Hennicke und Hermann am 29. April abends 



■') Im U.-A. u. H.-St.-A. s. Körner 1. c. 61. Das Schreiben 
hat aber nicht die Tendenz .,das Oberkonsistorium umzustimmen", 
mit dem der Schreiber damals gar nichts zu thun hatte, sondern 
sollte nur den Adressaten als designierten Kommissarius über die 
Brüdergemeinen und, vrie es darin heisst, „über den ganzen Zu- 
sammenhang der vorseienden Prüfung in Wenigem benachrichtigen". 
Ebensowenig soll darin gezeigt werden, dass die Järüdergemeine 
„keine Sekte" sei. 

'*) Leider fehlen uns für diesen 14tägigen Aufenthalt Zinzen- 
dorfs Köbers Tagebuchberichte , weil er während desselben meist 
krank war. Wir sind also nur auf andere Nachrichten davon an- 
gewiesen. 

") Orig. G. K.-A. Vol. Ib, fol. 9. — U.-A. 



Des Grafen von Zinzendorf Rückkelir nach Sachsen etc. 275 

o-eschelien. Wir erfahren al)er nur, Hennicke habe dein 
Oberhofprediger gegenüber die uns im wesentlichen 
bekannte Intention des Königs in betreff Zinzendorfs 
und der Brüder mitgetheilt. Hervorgehoben sei nur, 
dass er auch jetzt nachdrücklich betonte, die gegenwärtige 
Untersuchung sei nicht vom Könige veranlasst, sondern 
Ihre Majestät habe sie nur gestattet, nachdem sie von 
Zinzendorf begehrt worden wäre. Zu andern Konferenzen, 
die noch gehalten werden sollten, kam es nicht, weil Her- 
mann aus Furcht vor seinen Kollegen sich dieser Sache nicht 
weiter zu unterziehen wagte. Zinzendorf dachte darum 
sogar daran, die ganze Untersuchung fallen zu lassen, 
und da der Genannte sich ebenfalls vom Besuch der 
Sjaiode lieber dispensiert sähe, auch „Konsistorialeingriffe" 
zu besorgen wären, von ihrer Bescliickung Abstand zu 
nehmen und einem andern Plan zu folgen. Schliesslich 
bat er aber doch den König in einer Immediateingabe, 
d.d. Dresden 3. Mai'^), den am 12. in der Oberlausitz 
und zwar „wenn es beliebt würde", zu Gross-Henners- 
dorf zu haltenden Synodum, zu welchem auch der preus- 
sische Oberhofprediger Koch (Cochius), als Praeses tropi 
reformati, zu erwarten sei, durch den Oberamtshauptmann 
als königlichen Kommissarius, einen oder mehrere Kon- 
sistorialen und einen kursächsischen Theologen zu be- 
schicken, damit dieselben vom ganzen Werke Kenntnis 
nähmen. Der Dresdner Oberhofprediger war nicht ge- 
nannt, dass er aber unter den Konsistorialen sein sollte, 
wusste Hennicke, Gleich am folgenden Tag erging ein 
Geheimer Kabinettsbefehl an die Geheimen Rätlie"'), die 
Beschickung der von Ihrer Majestät hiermit genehmigten 
Versammlung zu veranlassen, und zwar wurden zu Ab- 
geordneten auch Mitglieder des Wittenberger Konsisto- 
riums vorgeschlagen. Ausserdem aber sollte eine beson- 
dere (ständige) Kommission niedergesetzt und instruiert 
werden zur „Abwendung alles ordnungswidrigen Für- 
gangs bei den Herrnhutern oder andern in Unseren 
Landen duldenden Mährischen Gemeinden in ccciesiasticis 
et politicis". 

Dass auch ein akademischer Theolog zur Synode 
erschien, war ganz gegen Zinzendorfs Sinn, weil ein der- 
gleichen „von einer Synode keinen Konzept habe". Das 



") Körner 1. c. C>2. — U.-A. ") Körner ß'i. — Das 

18* 



Mundum Loc. 4612. G. K.-A. 1718 flg. fol. 1 flg, 



276 F- S. Hark: 

hatte er vorbeugend Hennicke wissen lassen. Man hörte 
aber mehr auf das Oberkonsistoriura, das offenbar mit 
der Synode nichts wollte zu thun haben. Wenigstens 
hatte dessen Vorsitzender, Graf Holtzendorf, schon am 
3. Mai sein Gutachten über Zinzendorfs Gesuch dahin an 
Hennicke abgegeben, dass dem Grafen Gersdorf der Hof- 
rath Leyser und Dr. Weickhraann in Wittenberg könnten 
beigesellt werden'^")- Diese wurden auch wirklich nach 
Leipzig, wohin Hennicke mit dem Könige zur Messe ging, 
zitiert. Zinzendorf sah damit seinen Plan durchkreuzt und 
veranlasste, unter Erstattung der Reisekosten, noch vor 
dem 12. ihre Rückkehr. Andererseits scheint das Gerücht 
gegangen zu sein, man wolle die Synode in Herrnhut zu 
tagen veranlassen. Aber gerade diese Gemeine wollte er 
durchaus von der in Rede stehenden Untersuchung unbe- 
rührt wissen. Letztere sollte nur die Mährische ausserhalb 
Sachsens etablierte Kirche angehen. Er gab darum den 
jetzt beabsichtigten Zusammentritt der Synode ganz auf. 
Dazu bot sich ein erwünschter Vorwand dar. Der oben- 
genannte Geistliche Koch hatte nämlich von seinem Könige 
Erlaubnis zum Besuch der Synode erhalten, wenn sie 
sich in Schlesien versammele ^^\ Dass aber Sachsen da- 
hin keinen Abgeordneten senden werde, hatte man schon 
früher erfahren. Ausserdem war bis zum 12. Mai noch 
kein Bescheid auf die Eingabe vom 3. ertheilt worden. 
Zinzendorf schrieb also für den Juni eine schlesische 
Provinzialsynode aus, der im Mai nur präparatorische 
Konferenzen in Hennersdorf vorano'ehen sollten. Davon 
geschah am 25. Mai die Anzeige. Die Darlegung nöthiger 
Nachrichten über das, „was bisher ausserhalb der könig- 
lich kurfürstlichen Lande vorgekommen und ausgerichtet 
worden", könne auch anderweitig geschehen. Zu Herrn- 
huts Untersuchung sei keine Veranlassung; der König 
habe seine Zufriedenheit darüber geäussert. 

Inzwischen hatten die der Mehrzahl nach Zinzendorf 
gegenüber stehenden Geheimen Räthe der ganzen von 
ihm in Bewegung gesetzten Untersuchungsangelegenheit 
eine verhängnisvolle Wendung zu geben unternommen. 
Schon am 6. Mai beantworteten sie das Kabinettsreskript 
vom 4. in folgender Weise ""^): die Beschickimg eines von 
Zinzendorf eigenmächtig berufenen Synodi durch königl. 



") S. Orig. G. K.-A. Vol. Ib fol. 19. 

»') S. z. B. Spangenberg 1. c. 17.^7 tig. ^^j S.Körner 1. c. 62. 



Des Grafen von Ziiizendorf Rückkehr nach Sachsen etc. 277 

Koramissarien involviere die Anerkennung der Mährischen 
Gemeinde als einer ecclesia separata^ wofür sie nicht 
gelten wolle. Sie sei abzurathen^^), denn in andern 
Landen und beim Corpus evangelicum, dessen Direktion 
Ihre Majestät führe, könnte sie Aufsehen machen. Da- 
gegen empfehlen sie die Abordnung einer Kommission nach 
Herrnhut (die „Herrnhuter" zu beaufsichtigen, hatte ja 
das Reskript vom 4. auch als Aufgabe der besondern 
Kommission bezeichnet), welche grünrllich untersuche, ob 
dort das Reskript vom 7. August 1737 befolgt worden 
sei, und „inwieferne die Herrnhutischen und andere Mäh- 
rische Gemeinden in ihren Glaubenslehren von der unge- 
änderten Augsburgischen Konfession abwichen". Zu dieser 
Vermuthung gäben ihre und namentlich Zinzendorfs 
Schriften Ursache, sowie dass „sie in ihren principiis und 
in der Abweichung von den Kirchengebräuchen und 
recipierten Liturgicis weitergingen". Auch rede Zinzen- 
dorf in seinem Memorial von einem lutherischen und 
einem reform irten Tropus innerhalb der Mährischen Ge- 
meinden. An Stelle des, wie verlautet, den Herrnhutern 
zugethanenen Oberamtshauptmanns möchten der Landes- 
hauptmann von Loben, Heydenreich, Teller und Weickh- 
raann zu Kommissarien ernannt werden. Nach beendeter 
Expedition, deren Kosten die Mährischen Brüder zu be- 
streiten hätten, würde man sehen, wie die zu beständiger 
Obsicht einzusetzende Kommission zu instruieren sei. 

Das Wichtigste in diesem Schriftstück ist ohne 
Zweifel die klar zu Tage tretende Tendenz, die Unter- 
suchung, zu der sich Zinzendorf freiwillig erboten hatte 
und die nur die Gegenstände betreffen sollte, welche er 
vorlegen würde, ganz zu beseitigen und an ihre Stelle 
eine auf Verdacht und Misstrauen beruhende offizielle — 
ähnlich der von 1736 — treten zu lassen. Gerade mit 
demjenigen Objekt sollte sicli die Kommission am meisten 
befassen, welches Zinzendorf jetzt nicht untersucht Iiabcn 
wollte, mit der Gemeine zu Ilerrnhut, welche sich ja 
auch, wie man behauptet hatte, des allerhöchsten Wohl- 
gefallens erfreute. Auf welche Weise man dab(;i auch 
andere Mährische Gemeinen der Inquisition zu unterziehen 
gedachte, ist nicht recht klar. In Sachsen gab es ja 
keine solchen, denn die damals noch im Entstehen bc- 



*') Die Geh. Räthe sagen also das Gegentheil von dem, was 
Körner sie sagen lässt: „sie wollten nichts dagegen einwenden". 



278 F. S. Hark: 

grifFene böhmische Kolonie Niesky war so unbedeutend, 
dass man sie in Dresden kaum kannte. — Wahrschein- 
lich hoffte man von Herrnhut und vermittelst Schluss- 
folgerung" dann auch von Zinzendorf und den Mährischen 
Brüdern nur Ungünstiges berichten, auf Grund dessen 
aber weitere Etablissements der letztern hintertreiben zu 
können. Jetzt schon dagegen Widerspruch zu erheben, 
wäre gegen den Respekt gewesen. Der König hatte sie 
ja im Reskript vom 4. Mai bestimmt in Aussicht gestellt. 
Den Brüdern sollte nur die Ehre bleiben, alles bezahlen 
zu dürfen. Zinzendorf wusste nichts von dem, was ge- 
schehen war, sonst hätte er wohl nicht, so Avie er es that, 
sein Ziel weiter zu erreichen gesucht '^^). Wir übergehen 
das Einzelne. Wie man aber den besten Erfolg er- 
wartete, zeigt der Umstand, dass Köber am 25. Mai 
Hennicke einen von ihm gefertigten Entwurf zu einer 
Konzession für die Mährischen Brüder übergab. Schon 
früher hatte er eine solche angeregt, war aber von Hen- 
nicke immer auf später verwiesen worden. Auch den 
gegenwärtigen, bestimmt formulierten Antrag zu einer 
solchen wies dieser ab, hauptsächlich weil inzwischen eine 
andere allerhöchste Erklärung in betreff der Kommis- 
sion sei gegeben worden. Er meinte damit das könig- 
liche Speziaireskript an das Geheime Conseil, d. d. 21. Mai, 
in Erwiderung auf dessen Vorstellung vom 6. Mai*''^). 
Dasselbe sieht von der Beschickung der Synode ab, wie- 
derholt aber die königliche Intention, die Mährischen 
Brüder, und zwar „in der Art und Weise, wie zeither zu 
Herrnhut geschehen, auch an andern Orten in Uusern 
Landen und insbesondere in Unserm Amt und Stadt 
Barby", zu dessen Verpachtung gleichzeitig ein Befehl an 
die Kammer ergangen sei, „zu dulden". Dann heisst es 
weiter: „Wenn dann aber einestheils Wir hierbei, dass 
dieser Leute Glaubenslehren der Augsburgischen Konfession 
im Grunde nicht zuwider sein, hingegen ihr Lebenswandel 
anerkannt unanstössig sei, voraussetzen und hiernächst 
andererseits das Absehen hierbei auf Verhütung" alles nach- 
theiligen Aufsehens bei Auswärtigen „zu richten sein will; 



**) In der an Hennicke (nicht an die Kommission) gerichteten 
Schrift vom 9. Angust 1748 (Körner, 1. c. 66) sagt Zinzendorf, 
er wisse nicht, wie aus den vorhandenen Prämissen die Heuners- 
dorfer Kommission (s. unten) habe resolviert werden können. 

") Das Orig. Loc. 4612. G. K.-A. 1748 flg. fol. 11 flg. „praes. 
31. Mai 1748". 



Des Grafen von Zinzendorf Rückkehr nach Sachsen etc. 279 

als empfehlen wir euerer Vorsorge hiermit gnädigst", eine 
Kommission niederzusetzen, welche beständig auf das 
der weltlichen und geistlichen Landesverfassung und den 
Unterthanenptiichten entsprechende Betragen der Mähri- 
schen Brüder „bei ihrem Aufenthalt in Unsern 
alten und neuen Erblandcn aufmerksame Obsicht 
zu führen hat". Unter den Kommissarien, deren Ernenn- 
nung diesmal nicht den Geheimen Käthen überlassen 
bleibt, ist auch der von ihnen beanstandete Oberamts- 
hauptmann ^''). Dieselben soll das Geheime Konsilium 
„wegen ihres behutsamen Verhaltens hierbei mit einer 
couvenablen Instruktion" versehen. 

Dem strengen Wortlaute nach könnte man meinen, 
es handele sich hier nicht um eine Kommission zum Zweck 
der viel besprochenen Untersuchung, sondern um eine 
Aufsichtsbehörde über die Mährischen Brüder, die erst 
nach der geschehenen Aufnahme derselben in Funktion 
treten sollte. Allein schon die Voraussetzung, auf welcher 
ihre Anordnung wesentlich mit beruht, die korrekte Stellung 
der Brüder zur Augsburgischen Konfession, erforderte, 
dass sie noch vor deren Ansiedelung im Lande ihre 
Thätigkeit ausübe. Es rausste erst erwiesen werden, was 
der König voraussetze, sei begründet, wenn nicht ein der 
Landesverfassung widersprechendes Verfahren riskiert 
werden sollte. So fassten offenbar auch die in loco be- 
findlichen Kommissarien das gleichlautende Keskri])t vom 
1. Juni 1748 auf, in welchem die Geheimen Räthe sie 
mit Entwerfung einer Instruktion beauftragten^'). Auch 
Graf Gersdorf, Zinzendorf und Köber, als sie davon Kent- 
nis erhielten, verstanden es nicht anders, als dass nun 
endlich die Untersuchung stattfinden solle. Es kam jetzt 
nur darauf an, welcher Art dieselbe sein werde, ob nach 
der Geheimen liäthe oder nach Zinzendorfs Gedaiüvcn. 
Die Zugehörigkeit der Brüder zur Augsburgischen Kon- 
fession aus freien Stücken ui'kundlieh darzuthun, war 
letzterer schon vorher entschlossen gewesen"^). 



^*) Es sind diejenigen, welche im Juli nach llennersdori' ab- 
gingen (s. Körner, 1. c. OÖ)... 

*') S. ihren Bericht bei Übersendnng der entworfenen Instruk- 
tion vom 6. Juli. — Orig. Loc. 4612. G. Iv.-A. 1748 flg., t'ul. 18 flg. 
— Das Konnnissariiile vom 1. Juni in Orig. Act. Gomni. 1748, I, 
fol. 1 Hg. — Copien im U.-A. 

*'f S. auch den Henuersdorfer Kommissionsbericht bei Körner 
1. c. 112. 



280 ^- S. Hark: 

Was Hennicke am 25. Mai Köber vom Inhalt des 
Kabinettsreskripts sagte, stimmte völlig mit Zinzendorfs 
Wünschen, auch in betreft' Herrnhuts, dessen nur „zu 
seinem Ruhm" darin gedacht werde. Aber die meisten 
seiner Kollegen im Geheimen Konsilium dachten nicht so. 
Und was man bald darauf auch aus seinem Munde ver- 
nahm, M^ar bedenklich. Auf seinen Wunsch sollten K'öber 
und der Syndikus Dav. Nitschmann zugegegen sein, wenn 
er am 28, Mai Holtzendorf und Hermann nochmals die 
königliche Intention eröffnen und sie für die Kommission 
instruieren werde. Sie fanden aber nur letztern bei ihm, 
und mit dem hatte der Minister soeben „die Konunissions- 
sache nach des Königs Intention überlegt". Köber er- 
klärte sich darum noch einmal klar und bestimmt, so- 
wohl über Herrnhuts Stellung zur Kommission, als über 
das eigentliche Objekt der Untersuchung, „Zinzendorfs 
Person und Amtsführung nebst der ganzen Situation 
der damit konnektierenden Kirche". Aber Hennicke ant- 
wortete darauf, „als ob man ihn nicht reden hörte", Herrn- 
hut müsse nothwendig mit der Sache konnektieren; gegen 
Zinzendorf habe man nichts, wozu ihn untersuchen etc. 
Und als Hermann die 1736er Kommission hineinmengte, 
widersprach Hennicke nicht! Der von jenen gebrauchte 
Ausdruck, die Brüder verlangten in des Königs Landen 
aufgenommen zu werden, erregte aber Köbers Eifer. 
„Hautement replizierte er, es sei keinem Mährischen 
Bruder eingefallen, in Sachsen etabliert zu werden, das sei 
eine ohne ihr Vennuthen freiwillig offerierte Sache", 
— so dass „Se. Excellenz hierüber ganz roth und ein 
wenig alarmiert wurden". Nitschmann beruhigte indes 
die Gemüther, indem er auf einen neulich übergebenen 
Aufsatz Zinzendorfs vom 23. Mai verwies, und Hennicke 
fand nun wieder den gewohnten Ton, den Inhalt des 
Reskripts in unverfänglichen Worten wiederliolend. Am 
nächsten Tag sprach sich auch Holtzendorf, offenbar von 
Hennicke informiert, ganz nach Zinzendorfs Ansichten 
über die Kommission aus. Der Oberliofprediger hatte 
den genannten Aufsatz gelesen, schien „ein ganz anderer 
und umgekehrter Mann" zu sein. Auch war er bereit, 
auf Zinzendorfs Wunsch, noch vor Beginn der Kommission 
in Herrnluit und Hennersdorf einen Privatbesuch zu 
machen, um die Gemeine und deren Einrichtung erst 
kennen zu lernen. In der Abschiedsaudienz erklärte 
endlich Hennicke den beiden Vertretern der Brüder, die 



Des Grafen von Zinzendorf Rückkehr nach Sachsen etc. 281 

Kommission sei bloss pro forma, bezwecke keine Unter- 
suclinng, sondern nur „ein reziprokes Vernehmen über 
die Sachen"; Zinzendorf möge zu ihrer Regulierung in 
Monatsfrist selbst nach Dresden kommen. So glaubten 
sie ohne Sorge auf kurze Zeit die Stadt verlassen zu 
dürfen. Ob mit Grund? Die ganze Sache lag jetzt 
allein in den Händen der Gelieimen Käthe, deren Ab- 
sichten wir kennen. Alles hing von der Beschaffenheit 
der auszufertigenden Instruktion ab; aber selbstverständ- 
lich durfte das Geheime Consilium die Kommission nur 
mit einer solchen versehen, die der Erreichung seiner 
Ziele dienen konnte. — Ehe wir aber von ihrem Zu- 
standekonnnen berichten, gilt es uns zum Verständnis 
des bisherigen und des ferneren Verlaufs der Dinge die 
Gründe kurz zu vergegenwärtigen, welche fast alle Ge- 
heimen Räthe und andere dabei betheiligen Männer be- 
stimmten, der Ausbreitung der Mährischen Brüder in 
Sachsen entgegenzuarbeiten. 

Es wäre unrecht, die von dieser Seite ausgehende 
Opposition auf Willkür, Böswilligkeit oder dergleichen 
zurückzuführen, und unrichtig, Zinzendorf und die Brüder 
als schuldlose Märtyrer anzusehen. Vom Geheimen Rath 
Graf Rex und von Dr. Heydenreich z. B. sagt Graf 
Gersdorf ausdrücklich, ihre Opposition trage keinen per- 
sönlichen gehässigen Charakter, sondern beruhe auf Grund- 
sätzen und Gewissenhaftigkeit. Und so mögen auch an- 
dere es für ihre heilige Pflicht angesehen haben, die 
Brüder fern zu halten. Zinzendorf aber, der Leiter der- 
selben, war von jeher in vieler Augen eine unverstandene, 
ja anstössige Person gewesen. Die von ihm gestiftete, 
weitverbreitete Gemeinschaft trug nach innen und aussen 
ein von den hergebrachten Kirchen sehr verschiedenes 
Gepräge. Ihre Ausdrucksweise wich von der sonst auf 
Kanzel und Katheder üblichen vielfach ab. Zinzendorf 
bediente sich durchweg der blossen Konversations- 
sprache '^°). Kein Wunder, wenn theologische Genauig- 
keit in seinen Worten manches fand, was der rezipierten 
Rechtgläubigkeit nicht zu entsprechen schien. Auch gab 
es in der That Lehrpunkte, über welche er und seine 
Anhänger nicht wie die theologische Schule dachten. Von 
Jahr zu Jahr war darum die Zahl derer gewachsen, 
welche sich ilnien, die sie noch dazu oft nieht näher 



") J. G. Müller, ZinzCntlorfsLehen, 2. AuÜ. (Winterthur 1822),3. 



282 F. S. Hark: 

kannten, entgegenstellten. Andererseits trieb der Wider- 
spruch Zinzendorf in der einmal eingeschlagenen Richt- 
ung immer weiter. Dazu kam noch ein anderer Umstand. 
Von Anfang an hatte man in der Brüdergemeine die 
heilige Schrift zur Norm des Glaubens und des Glaubens- 
lebens gemacht. Jedoch hatte Zinzendorf die Bibel, die 
er übriges genau kannte, schon frühzeitig nur wie ein 
Spruchkästchen behandelt, statt sie in ihrem Zusammen- 
hang zu erforschen und zu verstehen*^*). Wenn nun des 
Mannes lebhafte Phantasie sich einzelner biblischer Aus- 
drücke bemächtigte, und wiederum andere Stellen ge- 
wissen Lieblingsidecn und speziellen individuellen Erfahr- 
ungen gegenüber hintansetzte, so musste das, je weiter 
er darin ging, allem, was Lehre und Leben in der Ge- 
raeine betraf; ein eigenthümliches Kolorit geben. Das- 
selbe spiegelte sich nicht allein in dem uns geschmacklos 
und läppisch erscheinenden Diminutiv- und Superlativ- 
jargon in Rede und Lied ab, sondern dessen sinnliche, 
namentlich dem ehelichen Leben entnommenen Bilder 
drohten die nüchterne Wahrheit des Evangeliums sach- 
lich zu entstellend^). Ausserdem begab sich Zinzendorf 
auf ein Gebiet, dessen Betreten in Verbindung mit dem 
eben Angeflüirten sehr bedenklich sein musste. Früher 
hatte er einmal behauptet, „Christum und seine Wahr- 
heit in einen systematischen Zusammenhang zu bringen, 
sei die Mutter von allem L-rthum" *'■'). Jetzt verüel er 
selbst auf ein Systematisieren und Spekulieren besonders 
über die göttliche Trinität, von dem auch Spangenberg 
glaubte'*'), es wäre besser unterblieben. Endhch hörte 
sogar im Leben, wenigstens der wetterauischen Gemeinen, 



'») Yergl. H. Chr. Oetiiigers Leben und Briefe von Elimaiin 
(Stuttgart 1859), 73, 142, 238, 453 flg. — In Zinzendorfs Tagebuch, 
15. Februar 1731, ist zu lesen: „Herr (Pastor) Kothe redete mit 
mir vom Zusammenhang. Ich sagte ihm, dass ich glaubte, es sei 
besser keinen Verbalzusammenhang haben, sondern die Wahrheit 
zerstreut kennen, wie sie in der Bibel stünde . . ., so sei mau nicht 
leicht Irrtbümern unterworfen". 

*') Eine Auswahl von Liedern der Art theilt Varnhagen 
von Ense, Graf L. v. Zinzendorf, 3. Aufl. (Leipzig 1873), 16G ilg. 
mit. Doch sind die pikantesten auf S. 168 flg. nicht dem Oesang- 
buche der Brüder entnommen, sondern einer handschriftlichen Privat- 
siimmluiig einiger junger exaltierter Köpfe, „Agonien" genannt. Varn- 
hagen hat sie wohl aus Volk, Entdecktes üeheimnis der Bosheit der 
Herrnhutischen Sekte (Frankfurt und Leipzig 1750) G94 flg. abgedruckt. 

^=') In sehiem Tagebuch, 1. April 1731. — U.-A. 

'*) In Zinzendorfs Leben 1574. 



Des Grafen von Zinzendorf RiUkkelir nach Sachsen etc. 283 

die alte strenge Zucht auf. Wurde auch keineswegs all- 
gemein oder gar prinzipiell dem Weltsinn, der Leiclit- 
fertigkeit und Ungebundenheit Raum gegeben, so kam 
docli zum Theil unter der Maske der Gottseliükeit bei 
einzelnen manches vor, was selbst vor dem Richterstuhl 
büi'gerlicher Moral nicht bestehen konnte. 

Dieses Wesen erreichte in den letzten Jahren des 
fünften Jahrzehnts seinen Höhej)unkt, und man stand in 
der That „am Rande des Fanatismus"'^*), und zwar eines 
höchst gefährlichen. Doch machte man noch zur rechten 
Zeit Halt und kehrte um, so dass diese Zeit nur eine 
„Sichtungszeit" und nicht die des Untergangs für die 
Brüdergemeine wurde, „eine Erscheinung, die einzig in 
der Kirchengeschichte dasteht" ^^). Dass aber Avährcnd 
derselben selbst Männer, welche früher Zinzendorf und 
seiner Gemeine mehr oder weniger nahe gestanden hatten, 
an beiden irre Avurden und jetzt in Schrift und Rede 
auf die Gefahren hinwiesen, die von ihr der übrigen 
Kirche drohten, ist kaum zu verwundern. Von andern 
wurde mancherlei, was man hörte, ohne nähere Prüfung 
der Richtigkeit angenommen und geglaubt, ja noch mehr 
entstellt. Zinzcndorfs Schriften, die ohnedies bei vielem 
Vortrefflichen manches Anstössige und Tadelnswerthe 
enthielten, waren der Missdeutung und Verdrehung aus- 
gesetzt. Allmählich sah sich jeder bedeutendere Theolog 
gezwungen, die Feder zum Streit gegen die allgemein 
angefochtenen zu ergreifen, um nicht selbst iu Verdacht 
zu kommen. Bereits war eine Schandliteratur im Ent- 
stehen, die geeignet war, die Brüder und ihren Führer 
der Verachtung aller ehrbaren Leute preiszugeben. Wenn 
aber Zinzendorf seine Feinde mit Ironie bediente, dagegen 
seinen und seiner Brüder evangelischen Charakter be- 
hauptete und sich nebst ihnen sogar als strikten Bekenner 
der Augsburgischen Konfession darzustellen wagte, so stei- 
gerte das nur die Erbitterung. Der Widerspruch , in 
welchem sf)lchc Behauptungen mit allem, was man scmst 
vernahm, zu stehen schien und zum Theil auch stand, das 
Bestreben, immer Recht zu behalten und die Konflikten, in 
die er sich dabei mit seinen eio^enen Aussajicn nicht selten 
verwickelte, Hessen ihn bei vielen als einen unaufrichtigen 



") J. G. Müller, 1. c. 241. 

*') Job. Ileinr. Kurtz, Lehrbuchder Kirchengeschichte, §167. 



284 F. S. Hark: 

Mann erscheinen, der es mit der Wahrheit nicht ernst 
nähme, und von dem man sich darum fern haUen müsse'*). 

Dieses Wenige in Betracht ziehend, wird man es 
minder auffallend finden, dass in Sachsen, dem Vorort 
streng kirchlichen Lutlierthums, mit Besorgnis der Mög- 
lichkeit entgegengesehen wurde, dass sich den Mährischen 
Brüdern Gelegenheit darböte, sich daselbst einzubürgern 
und auszubreiten. — Man glaubte das nicht ohne weiteres 
geschehen lassen zu dürfen. Das Geheime Konsilium 
insbesondere hatte ja nicht bloss die weltlichen Interessen 
des Landes zu wahren, sondern seine Aufgabe war ebenso, 
da« Eindringen fremder Elemente zu verhüten, die den 
bestehenden kirchlichen Ordnungen in Lehre, Leben und 
Verfassung gefährlich werden konnten. Auch das Dresdner 
sogenannte Oberkonsistorium musste sich berufen fühlen, 
seinen damals nicht unbedeutenden Einfluss auf höhere 
EntSchliessungen in der nämlichen Richtung zu verwerthen. 
Von einem andern Standpunkt aus wird man das be- 
klagen können, aber die Lage der Dinge Avar einmal so. 
Übrigens durfte im vorlieoenden Fall weder das Ge- 
heime Konsilium noch das Konsistorium bei Lösung ihrer 
Aufgabe der „allerhöchsten Intention" zu nahe treten. 
Und so galt es die Kommissarien in einer Weise zu in- 
struieren, die beiden Rücksichten entsprach. 

Die Abfassung der Instruktion übernahm von den 
drei damit betrauten Mitgliedern des Konsistoriums, Graf 
Holtzendorf, Hermann und Heydeureich, der letztere. 
Grade aber ihn hatten die Brüder allein von allen Kom- 
missarien beanstandet als denjenigen, der „bei der ehe- 
maligen Kommission in Herrnhut (1736) die allerwidrigst 
gesinnte und feindseligste Person gewesen wäre". Graf 



'*) Der Vorwurf der Zweizüngigkeit und Unaufrichtigkeit war 
schon längst gegen Zinzendorf erlioben worden. Wer den Mann 
nicht nur aus den apologetischen Biographien und Geschichtswerken 
kennt, wird nicht darüber erstaunen. P]benso wird man aber auch 
anstehen, ilin für einen im Grunde unwahren Menschen zu halten, 
sobald man den ganzen Mann betrachtet. Der bezügliche Fehler 
ist in der Peripherie, nicht im Centrum seines Charakters zu suchen. 
Nicht selten mag das, was als Unwahrheit und Unzuverlässigkeit 
sich darstellt, mit J. J. Moser (Selbstbiographie, Theü 4. 97; — 
siehe auch Spaneenbergs Bemerkungen 1. c. 2249 tig.) auf des 
Mannes „ausserordentlich feurige Einbildungskraft" zurückzuführen 
sein. — Freilich, wenn Zinzendorf gelegentlich glaubte erklären zu 
müssen, er sei „ein ehrlicher Mann", — ein Luther hatte das nie 
nöthig! 



Des Grafen von Zinzendoif Rückkehr nach Sachsen etc. 285 

Gersdorf meinte, er werde vermutlilicli „denen vestigiis 
von 1736 inliärieren", und rieth deshalb und weil er „einer 
der gelehrtesten und angeseliensten Leute in zwei Kol- 
legien sei", mit ihm vorsichtig umzugehen. In der That 
hatte sich Heydenrelch gegen Hermann, als beide nach 
Wittenberg reisten, dahin ausgesprochen, nach seiner An- 
sicht handele es sich bei der bevorstehenden Kommission 
um dasselbe, wie bei der von 17oG. Bei diesen Uin- 
ständea konnten die Geheimen Räthe voraussehen, dass 
die Instruktion ganz nach ihrem Wunsche ausfallen würde. 
Wenn andererseits Holtzendorf auf Hennickes Vorstellung 
hin erklärte, er wolle für Heydenreich stehen, so war 
damit wenig geholfen. Der Mann, von dem den Brüdern, 
wie der Erreichung der königlichen Absichten Gefahr 
drohte, war dem Konsistorialpräsidenten geistig und an 
Selbständiukeit des Charakters weit überlegen''"). Und 
wenn ferner Hennicke auf Zinzendorfs Vorstellung, falls 
Heydenreich die Instruktion aufsetze, möchte vielleicht 
aus der ganzen Sache nichts werden, erwiderte, dann 
werde er kurzen Prozess machen, und wenn er Diffikul- 
täten veranlasse, seine Reniotion in Polen beantragen, so 
war dies leichter gesagt, als gethan. — Köber suchte 
zwar den bedenklichen Mann auf, aber derselbe Hess sich 
auf nichts ein. Nur bemerkte er, es scheine ihm, als 
wollten sich die Brüder in alle Religionen mengen und 
alles an sich ziehen. So war von dieser Seite nichts zu 
erreichen. Der Oberliofprediger blieb zwar immer liebens- 
würdig und Hess es an freundlichen Worten nicht fehlen, 
war aber theils durch seine Stellung theils durch Mangel 
an Energie verhindert, ihnen Nachdruck zu geben. Selbst 
der vorläufige Privatbesuch in Herrnhut musste deshalb 
unterbleiben. Nur eines wäre vielleicht geeignet gewesen, 
etwas günstigere Prospekte für die Sache der Brüder zu 
eröffnen. Köber deutet darauf hin (28. Juni), wenn er 
Zinzendorf, zunächst überhaupt im IMick auf die Sunnne, 
welche die Kommission kosten werde, auffordert, Gott zu 
bitten, „dass er uns einen hübsch grossen Sack voll Du- 
katen schenke; wir brauchen ihn", und dann im beson- 
deren sagt, „ich wäre davor, dem Grafen TToltzendorf 



*') „Holtzendorfs Contestationcs sind so gut, als man sie ver- 
langen kann; wenn nur die Tliathandlnngen bei der Sache harmo- 
nieren" (Köber). 



286 F- S. Hark: 

ein Präsent zu machen, denn er ist sehr hungrig, und es 
ist gewöhnlich" ''*). 

Es blieb also nichts anderes übrig, als abzuwarten, 
wozu und wie die Kommissarien würden instruiert werden. 
Inzwischen wurde Ort und Zeit ihres Zusammentritts 
vereinbart. Zinzendorf hatte anfangs gewünscht, die 
Kommission möchte in Dresden gehalten werden, während 
Holtzendorf Bautzen oder Zittau vorzog. Des Oberamts- 
hauptmanns Graf Gersdorf wohlbegründete Vorstellungen 
bestimmten Zinzendorf aber auf Gross-Hennersdorf 
zu dringen; wobei man schliesslich stehen blieb. Auch 
verständigte man sich über den 29. Juli als Termin der 
Eröffnung der Kommission, nachdem auch viel vom 8., 
15. und 22. Juli die Rede gewesen war^^). Ausserdem 
war Zinzendorf unausgesetzt thätig, Vorbereitungen auf 
eine Kommission, wie er sie beantragt hatte, zu treffen. 
Dass sie Herrnhut nicht berühren sollte, wissen wir. 
Ebensowenig wollte er, „dass die in allen Landen bekannt 
gemachte Konformation der Brüder zur Augsburgischen 
Konfession erst auf eine Untersuchung gesetzt würde", 
noch dass man annähme, die Brüder stellten ein Gesuch 
„um gewisse Freiheiten, die sie in andern deutschen Län- 
dern, wo sie etabliert Avären, noch nicht erhalten hätten". 
Er sprach dies noch bestimmt am 11. Juni in einem 
Schreiben an Hennicke aus, und dieser fand nichts da- 
gegen einzuwenden. Da es, wie sogar Holtzendorf gegen 
Köber (1. Juli) äusserte, „bei der Kommission nicht dar- 
auf ankomme, was selbige vorbringen oder fragen, son- 
dern was der Graf von Zinzendorf derselben, um eine 
Kenntnis von der Mährischen Kirche zu bekommen, vor- 
legen und vortragen würde", so liess er die verschieden- 
artigsten Akten, um sie zu präsentieren^ in Dresden auf 
40 Buch Papier kopieren. Auch die Gegenschriften 



'') Holtzendorf hatte schon auf der Ostermesse die Brüder um 
ein Darlehn gegen niedrige Zinsen gebeten. Man hatte ihm aber 
nicht willfahren können, ebensowenig als später, da er einen Yor- 
schuss von 5000 Thalern begehrte (s. J. P. Weiss, 12. Mai, und 
Köber, 7. September 1748, an Zinzendorf). 

'*) Als Kuriosum sei erwähnt, dass der sonst nüchterne Köber 
Zinzendorf mehrmals bat, vom 22. abzusehen, der ihm „ungemüthlich 
wäre, weil in die Woche eine grosse sichtbare Sonnenfinsternis und 
der Anfang der Hundstage einlalle, was einen Einfluss in die Kom- 
missarien haben möchte". Zinzendorf gab auch nach, „weil es Leute 
giebt, die so närrisch sind, auf solche Dinge zu reÜektieren und 
zum wenigstens was Ridiküles daraus zu deduzieren" {2?>. Juli). 



Des Grafen von Ziiizendorf Rückkehr nach Sachsen etc. 287 

sollten einofcselien werden, und dazu schaffte man sie zum 
Theil aus der Zittauer Rathsbibliothek herbei. Endlich 
arbeitete Zinzendorf selbst zur Mittheiluiig an die Kom- 
mission eine ausführliche Deduktion aus. 

Anfang- Juli war Heydenreich mit seinem Instruktions- 
entwurf fertig geworden, der mit einem von den drei Kom- 
missarien in loco unterzeichneten Bericht, d. d. (5. Juli^"}, 
am 11. präsentiert wurde. Noch an demselben Tage 
zeigte Hennicke, seinem Versprechen gemäss, Köbern 
beide Schriftstücke. Dieser erschrak über sie. Denn im 
Bericht war unter anderen darauf angetragen, dass die 
Kommission in Herrnhut gründliche Nachricht darüber 
einziehen möge, wie dort das Reskript vom 7. August 1737 
beobachtet worden sei. Wie oft hatten Köber und Zinzen- 
dorf im Voraus gegen die Hineinzieiiung Herrnhuts in 
die Kommission protestiert, und wie oft hatten Hennicke, 
Holtzendorf und Hermann deren Protest zugestimmt! 
Die Instruktion aber war nach Form und Inhalt eher für 
eine Untersucliung geeignet, deren Zweck war, zu er- 
fahren, ob erhobene Beschuldigungen und Anklagen be- 
gründet wären, als für eine solche, welche womöglich die 
günstigen Voraussetzungen eines gnädig gesinnten Königs 
als berechtigt darthun sollte^'). Köbei- hatte nicht Un- 
recht, wenn er sagte, „das Meiste sei aus Fresenii feind- 
seligen Schriften genommen". Es ist auffallend, im Ein- 
gang der Instruktion, übereinstimmend mit dem Reskript 
vom 1. Juni, die Voraussetzung, dass die (Tlaubenslehre 
der Brüder der Augsburgischen Konfession im Grunde nicht 
zuwider und ihr Lebenswandel unanstössig sei, als An- 
lass der vorzunehmenden Untersuchung bezeichnet zu 
sehen und dann unter den speziellen Fragen über Gottes- 
dienst und Liturgie, Verfassung, Lehre etc. derartige zu 
finden, ob sich die Brüder zu den symbolischen Büchern 
der kursächsischen Landeskirche, der Konkordienformel 
und dergleichen bekennen, au.ch sich darauf wollen ver- 
pflichten lassen, sowie solchen, welche die Sittlichkeit der 
Brüder auf eine beleidigende Weise in Zweifel ziehen. 
Köber bezeichnete diese Fragen treffend als ungeeignet, 
Ausländern vorgelegt zu werden. In den letzten Pai-a- 
graphen ward der Kommission anbefohlen, den Mähri- 
schen Brüdern, damit ihre Aufnahme ohne nachtheiliges 



*») S. 0. Anm. 27. 

*') S. das Kabiuettsreskript vom 21. iM:ü auf S. 20.'i (Anm. 25). 



288 F. S. Hark: 

Aufsehen geschelie, Anweisungen und Vorstellungen zu 
thun. Zinzendorf, so vmzufrieden er mit der ihm von 
Köber abschriftlich überbrachten Instruktion von 70 Para- 
graphen war, nahm besonders an diesen letzteren, indirekt 
wegen der Aufnalmie Bedingungen stellenden Vorschriften 
Anstoss. „Die Anträge wegen der Aufnahme wären der 
Art, dass die Holländer und Engländer glauben würden, 
man wolle ihrer spotten." Er liätte am liebsten gesehen, 
dass die Kommission mit der Aufnahme der Brüder nichts 
zu thun habe, sondern sie anderswie entschieden würde. 
„Ein Consistorialis ist gut zum Examinieren, taugt aber 
in der Welt nichts zum Kolonien stiften." Die auf Lehre^ 
Leben und Wandel d. h. auf die eigentliche Untersuch- 
ung bezüglichen Fragen, wollte er sich allenfalls gefallen 
lassen, so anstössig und ehrenrührig sie zum Theil waren. 
Im allgemeinen hielt er die Instruktion für schlimmer, 
als die von 1736, und für geeignet, die Erreichung der 
königlichen Absicht zu vereiteln. Er erkannte, dass ihre 
Beschaffenheit das, was für ihn die Hauptsache war, sich 
vor der Kommission selbständig zu explizieren, ausschloss. 
Seine durch Köber gemachten Vorstellungen und Aus- 
stellungen fanden bei Hennicke scheinbar Gehör. „Zu 
Ausländern", meinte dieser^ „könne man so nicht reden; 
man habe ihnen ja nichts zu befehlen". Auch blieb ein 
Schreiben der beiden reichen Holländer van Laer und 
Schellinger nicht ohne Eindruck auf ihn, als ihm sein 
Inhalt mitgetheilt wurde. Diese erklärten nämlich, sich 
an der Kommission nicht betheiligen zu wollen, weil sich 
Consistorales dabei befänden und eine für ein bestimmtes 
Land festgesetzte Kirchenagende ihnen drückend wäre. 
Köber brachte Hennicke auch wirklich dazu, die Änderung 
der Instruktion in einigen Punkten durchzusetzen und sie auf 
62 Paragraphen zu reduzieren. Ihr Charakter blieb aber, 
wie er war. Ein Memorial, welches auf Hennickes Wunsch 
eingereicht wurde, um ihm Gelegenheit zu geben, be- 
züglich der Ausländer Änderungen zu beantragen, kam 
zu spät^'^j. Die endgültige Instruktion d. d. 16. Juli 1748 
war schon in Holtzendorfs Händen. Dasselbe Datum 
trägt das zweite Kommissoriale, welches die Expedition 
nach Massgabe der beigefügten Instruktion in Henners- 



") S. dass. im Orig. Loc. 4612. G. K.-A. 1748 flg., fol. 47; 
Kopie Act. Comm. 1748. I, 15. — und U.-A. 



Des Grafen von Zinzendorf Rückkehr nach Sachsen etc. 289 

clorf auszuführen befiehlt*'). Köber erfulir, dass beide 
am 22. expediert waren, und zwar die Instruktion ge- 
ändert, in welcher Weise, aber nicht. Ausserdem hörte 
er, wie der ihm zur Unterstützung zugeschickte Stein- 
hofer, mancherlei, was zu den besten Hoffnungen zu be- 
rechtigen schien. Man verschwieg ihm aber sorgfältig 
die Existenz eines Inserats zum Kommissoriale^*), das im 
Einklanü" mit dem im Bericht vom 6. Juli gestellten An- 
trag die Kommission beauftragt, sich „zuverlässig und 
gründlich zu erkundigen", wie das wegen „derer zu 
Berthelsdorf und Herrnhut eingerissenen Unordnungen 
unterm 7. August 1737 ergangene Reskript bisher befolgt 
worden". Am 26. Juli reiste Köber nach Hennersdorf 
ab, wo sich schon diejenigen Personen eingefunden hatten, 
die der Kommission beiwohnen sollten. Die meisten waren 
Theilnehmer an der zu Gross-Krausche bei Bunzlau Ende 
Juni abgehaltenen, auch vom Oberhofprediger Koch aus 
Berlin besuchten schlesischen Provinzialsynode gewesen. 
Zur Aufnahme der Kommissarien war das damals noch 
stattliche Hennersdorfer Schloss eingerichtet worden. Graf 
Gersdorf war schon am 26. Juli erschienen, um dazu 
Rath und Anweisung zu ertheilen. 

Im Verlauf des 27. Juli langten die übrigen Kom- 
missarien an, ausser dem Landeshauptmann von Loben, 
welcher erst am folgenden Mittag eintraft"). Am Nach- 
mittag des 28. erledigten sie einige Formalien unter ein- 
ander und beauftragten den Protokollisten Kcrsten, eine 
Konsignation derjenigen Personen, mit denen die Kom- 
mission verhandeln sollte, beim Baron von Watteville ein- 
zuholen, „im Fall der Herr Graf von Zinzendorf heute 
Abend nicht eintreffen sollte"^**). Dieser Avar nämlich 
am Morgen des 27. Juli nach Hermsdorf bei Görlitz ge- 



") Das Orig. davon: Act, Comm. 1748. T, fol 5 üg. u. ebendas. 
die Instruktion fol. 9 — 14; der erste Entwurf der letzteren von 
70 Paragraphen nur im l].-.\. 

**)~^ürig.: Act. Comm. 1748. 11, fol. 1. 

**) Quellen für die hier folgende Darstellung der kommissari- 
schen Verhandlungen sind ausser dem im H.-St.-A. sich iindcnden 
(s. Anm. 1): Kijbers Tagebuch von der liennersdorft^r Kommission, 
das Gemein haus-Diarinm, Ludwig Weiss' Bericht von der Kommis- 
sion, für den 01)erliofi)rediger Koch in Berlin angefertigt und der 
Hauptsache nach nur ein Auszug aus dem vorigen, sowie nn'hrerc 
andere hierher gebörende Piecen im U.-A. 

") S. das von Kersten geführte Protokoll. Dieses wichtige 
Schriftstück findet sich im Act. Comm. 1748. 1, fol. 16 sqq. 

Neues Archiv f. S. G. «. A. VJ. 3. ■!. 19 



290 F. S. Hark: 

reist, um die Kommission „als zu ihm nicht geschickt" 
nicht empfangen zu müssen. Es war dies der Ausdruck 
seines erklärlichen Missvergnügens über die Wendung, 
welche die von ihm aus freien Stücken angeregte Unter- 
suchung genommen hatte. Ganz den Verhandlungen 
fernzubleiben, konnte er nicht wirklich beabsichtigen. 
Auch die Kommissarien setzten seine Anwesenheit vor- 
aus, und die Brüder würden sich ohne ihn auf nichts ein- 
gelassen haben*'). Er kam auch am Abend des 28. nach 
Hennersdorf zurück, um die Leitung der Sache auf Seiten 
der Mährischen Brüder als ihr „Ordinarius" zu übernehmen. 
Auf Wunsch des Prinzipal -Kommissarius Graf von 
Holtzendorf erschienen zur ErofFnungsfeierlichkeit am 
29. Juli nicht nur die acht vorläufig bestimmten Depu- 
tierten der Brüder, sondern etliche 40 Personen, Der 
Vorsitzende hielt eine kurze Rede'*^), die er vorher Köber 
und Zinzendorf hatte einsehen lassen, und las dann das 
Kommissoriale vom 16. Juli vor. Zinzendorf war bis 
dahin nicht gegenwärtig gewesen und erschien erst, nach- 
dem von Watteville für ihn um Erlaubnis nachgesucht 
hatte, „sich selbst vor den Herren Kommissarien einzu- 
finden"*^). Die Ansprache, welche er hielt, ist insofern 
charakteristisch, als er darin seine Freude darüber aus- 
drückt, dass nun durch Darlegung des Glaubensgrundes 
der Mährischen Brüder und ihre abzugebenden Erklärungen 
eine Freisprechung von den bisherigen Anschuldigungen 
erfolgen solle. Damit Avollte er das Ziel bezeichnen, das 
er auch jetzt noch der Kommission gegenüber zu ver- 
folgen gedachte ^"). Noch an demselben Tage ersetzte er 

*') Die Bemerkung im Kommissionsbericlit (Körner 1. c. 109), 
die Kommission gehe eigentlich nicht den Grafen von Zinzendorf 
an, sowie eine Äusserung des Geheimen Raths Graf Zech nach der- 
selben, „die Kommission hätte sich mit Zinzendorf gar nicht ein- 
lassen sollen" (Köber an Zinzendorf, d. d. Dresden 17. August 1718), 
lässt vermuthen, dass auch einige Kommissarien lieber gesehen 
hätten, er wäre von den Verhandlungen ausgeschlossen gewesen. 
Aber in allen früheren Besprechungen Köbers mit Hennicke u. a. 
galt es als selbstverständlich, dass Zinzendorf die Hauptperson da- 
bei sein -würde, wie es auch die Sache mit sich brachte. 

**) S. Körner 1. c. Anm. 167. — Der grosse ovale Tisch, der 
eigens für die Kommissionssitzungen verfertigt war, wird noch heute 
in der Unitätsbibliothek benutzt. 

*') So laut Protokoll. Nach Köber war das gegenseitig schon 
vorher verabredet worden. 

*») Er wollte eigentlich nichts von einer „Kommission" wissen, 
die sich Ausländern gegenüber nicht schicke, sondern sprach lieber 
von der Hennersdorfer ,, Konferenz". 



Des Grafen von Zinzendorf Rückkehr nach Sachsen etc. 291 

den Deputierten Ludwig Weiss, einen Reformierten, um 
Schwierigkeiten zu vermeiden, durch drei andere, so dass 
nun solcher mit ihm elf waren ^'). Zu ihrer Legitimation 
diente eine von dem in Enghxnd abwesenden Bischof 
Johannes von Watteville, Zinzendorfs Schwiegersohn, aus- 
gestellte lateinische Vollmacht, d. d. Westmouasterii Cal. 
Jul. St. v. 1748, von welcher die Kommission aber nur 
Kopie nehmen durfte *^). 

Von vornherein war der „Ordinarius'* darauf bedacht, 
zu verhüten, dass die kommissarische Untersuchung nicht 
ausschliesslich den inquisitorischen Charakter trage, den 
ihr die Instruktion aufprägen wollte. Es sollte dem 
wenigstens auch Rechnung getragen werden, dass er 
und seine Brüder das Material zur Prüfung seiner Person 
und seines Werkes vorzulegen sich aus freien Stücken 
erboten hatten. Zu dem Ende hatte er zunächst noch 
vor Eröffnung der Konnnission durch Köber, welcher in 
den folgenden Tagen die Verhandlungen mit dem Vor- 
sitzenden Graf Holtzendorf ausserhalb der Sitzungen 
führte, diesem eine Bewillkommnungsschrift übergeben 
lassen und ihr etliche von seinen und den Gegnern ge- 
druckte Schriften beigelegt '^^). Jetzt erklärte er sich in 
einer Hausandacht am Morgen des 30. Juli, in Gef>en- 
wart von Holtzendorf, Heydenreich und Leyser, sowie der 
in Hennersdorf anwesenden Brüder unter anderm über seine 
und ihre Stellung zur Augsburgischen Konfession. Die 
Mährischen Brüder hätten sich schon längst und aller 
Orten zu ihr bekannt. Auch gegenwärtig handele es sich 
nicht um Annahme dieses Bekenntnisses, sondern dieses 
sei, wie das Kommissoriale beweise, ein Suppositum bei 
ihrer Aufnahme in Sachsen. Letztere sei niciit von ihnen, 
sondern vom König gewünsclit worden. Dagegen hätten 
sie die Untersuchung begehrt, und würde auch von den 
ernannten Bevollmächtigten vor der Kominission nichts 
gesagt werden, was man nicht schon 10 — 12 Jahre laug 
unter den Brüdern gedacht und geredet habe. Dabei 
erklärte sich Zinzendorf selbst für einen strikten Luthe- 
raner, der in den Ausdrücken des Konkordicnbuchs sprechen 



^') S. Körner 1. c. Anm. 108. 

") S. dies. Loc. 4612. G. K.-A. 1718 sqq. fol. 67 Aü;. und die 
dazu gehörenden Registraturen, fol. 65 \\<x. und (;9. — ürijr. i. U.-A. 

**) S. die Schrift im Auszug mit Angabe der Gegenschriften 
bei Spangen berg, Darlegung richtiger Antworten etc. (Leipzig 
und Görlitz 1751), 'J49 tlg. Beil. T. 



lö"* 



292 F- S. Hark: 

könne, was er von seinen grossentheils aus andern Reli- 
gionen stammenden Mitbrüdern nicht erwarte ^*). Ferner 
setzte er es durch, dass Holtzendorf eine von ihm verfasste 
„Hauptsclu-ift" von 94 Folioseiten, die er nach beendeter 
Kommission ad Acta geben wollte, nebst 2 Volumen 
Akten als Beilagen annahm, und ein Theil von ihr noch 
denselben Tag der Kommission von Graf Gersdorf vor- 
gelesen wurde ^*). Auch die Beilagen nahm man später 
auf Zinzendorfs Drängen zur Hand. Das war aber auch 
alles, was er erreichte. Die Kommissarien wollten ihrem 
llauswirth gegenüber nicht unhöflich erscheinen, aber 
weder hörten sie der auch später fortgesetzten Vorlesung 
seiner Schrift aufmerksam zu, noch nahmen sie eine mehr 
als oberflächliche Einsicht von den beigelegten Akten, 
und noch weniger war das eine oder das andere von 
irgend welcher Bedeutung für den Gang und das Er- 
gebnis der Untersuchung. Die Kommission hielt sich 
bei derselben ausschliesslich an ihre Instruktion, und 
musste es thun. 

Die eigentliche Arbeit begann damit, dass die in 
§ 3 — 53 enthaltenen Fragen zur schriftlichen Beantwort- 
ung an die Deputierten übergeben wurden. Zinzendorf 
war dazu willig, verlangte aber, dass jeder Punkt auf 
einen besonderen Bogen geschrieben würde, weil sich ver- 
niuthlich viele „Consistorialia und präjudicierliche Expres- 
sionen" darin fänden und kein Bruder sie würde ab- 
schreiben wollen. So könne er aber die Antworten zu 
beiderseitiger Zufriedenheit danebensetzen. Wie er damit 
gegen die Instruktion gleichsam protestierte, so verlangte 
er in einem Promemoria die Abänderung einiger Fragen, 
die nach Form und Ausdruck eine Beschuldigung in sich 
schlössen. Man kam darin seinem Begehren ebenfalls 
nach, weil man auch auf anderm Wege darüber die 
nöthige Erkundigung einziehen könne ""). Da nachmit- 

**) Damit kontrastiert freilich sehr eine iiocli im Januar 1748 
von ihm gethane Äusserung: er halie nichts mit der Form. Concord, 
zu thun; sie sei ein Gaukelspiel und habe den Zweck gehabt, den 
Kurfürsten von Sachsen oder seinen Oberhofprediger zum Chef der 
Religion zu machen etc. 

*^) Diese „Hauptschrift" ist identisch mit der oben erwähnten 
Deduktion; s. die Angabe ihres Inhalts bei Spangenberg in 
Zinzendorfs Leben 1746 Hg. Mit wenigen Abänderungen ist sie 
al)gedruckt in „Barbysche Sammlungen" (1760), erste Sammlung, I. 

*") Eine Frage lautete: „Ob nicht in denen Privatzusammen- 
künften und Banden vielnial ärgerliche Dins:e und Excesse vorgehen?" 



Des Grafen von Zinzendorf Rückkehr nach Sachsen etc. 293 

tags (31. Juli) den Konimissarien nichts vorlag', so be- 
suchten sie das benachbarte Herrnhut, um ,.von dortiger 
Einrichtung, Beschaffenheit und Anstalten Erkundigung 
einzuziehen'"'. Gegen einen Besuch daselbst hatte Zinzen- 
dorf nie etwas einzuwenden gehabt, nur sollte keine Unter- 
suchung dieser Gemeine vorgenommen werden. Doch 
wollte er alles Aufsehen vermieden wissen und Aktuar 
Kersten musste deshalb zurückbleiben. Von ihm selbst 
begleitet fuhren sie hin und fanden die kurz vorher aus 
Berlin angekommene Gräfin von Zinzendorf vor. Ausser- 
dem nahmen sie dies und jenes in Augenschein, wohnten 
auch einem Kindergottesdienst und einer Abendandacht 
bei und „fanden alles in guter Ordnung". Den drei Her- 
ren, welche schon 1736 als Konmiissarien in Herrnhut 
gewesen waren, entging es nicht, dass der Ort seitdem 
stark angewachsen war und sich verschiedene adlige 
Familien inzwischen liier niedergelassen hatten^'). Am 
1. August hatte Zinzendorf die Beantwortung der vor- 
gelegten 51 Fragen vollendet und las sie den Brüdern 
vor. Nach ertheilter Zustimmung wurden sie untersiegelt, 
von den Deputierten unterzeichnet und abgegeben. Sic 
betrafen vorzugsweise Lehre, Gottesdienst, Leben und dergl., 
hatten also vor allem theologische Bedeutung, so dass es 
bei ihrer Beurtheilung hauptsächlich auf die Ansicht der 
Theologen unter den Konimissaricn ankommen musste. 
Aber diese hatten von der Brüdergemeine sehr geringe 
Kenntnis. Dr. Hermann besass noch am meisten infolge 
der ihm von Zinzendorf und Köber in Dresden gemachten 
Mittheilungen. Wäre er noch vor Zusammentritt der 
Kommission nach Herrnhut und Hennersdorf gekonnnen, 
wie er jrebeten war, so hätte er nocli mehr Einblick in 
den Charakter der Gemeine haben erlangen können. 
Die akademischen Theologen Weickhmann und Teller 
hatten, ehe sie nach Hennersdorf abgereist Avaren, offen 
bekannt, „von den mährischen Kirchenumständeu nicht 
sattsam informiert zu sein". Gleichwohl hatte der letztere 
vor kurzem bei (Gelegenheit einer unter seinem Vorsitz 
gehaltenen Dissertation sich gegen Zinzendorf mindestens 
präoccupiert gezeigt. Weicklniianii wird von Zinzendorf 



und wurde so gestaltet: „Ob in iliien etc. nichts anderes, als was 
zur Erbauung im Christenthuin, auch sonst zu guter Zucht und 
Ordnung gehörig, vorgehe und vorgehen könne". 

*') S. die besondere Registratur von dicscni besuch .^ct. Conim. 
1748 II, fol. 6 Hg.; den aust'ührliclieren Ik'riclit im U.-A. 



294 F..S. Hark: 

charakterisiert als ,,jung, in metliocio unerfahren, in seinen 
scholastischen Ideen so entfernt von unserer Art zu den- 
ken und zu reden, dass wir einander niemals verstehen**)". 
Ausserdem galt es ihm und den Brüdern für ausgemacht, 
beide müssten schon aus Rücksicht auf ihre Kollegen 
daheim als Gegner auftreten und dürften keine günstige 
Meinung von jenen nach Hause bringen. Mag dies auch 
auf sich beruhen, so viel ist gewiss, dass man von solchen 
Männern voraussetzen muss, sie seien nicht im Stande 
gewesen, mit ihrer einseitig wissenschaftlich theologischen 
Professorensonde den Grund einer Gemeinschaft zu er- 
forschen, bei der, trotzdem dass sie eine Anzahl tüchtiger 
Gelehrter in ihrer Mitte hatte, das Christenthum mehr als 
bei anderen gerade nicht in Theologie, d. h. in theoretischer 
Erkenntnis, sondern im Gegensatz zu der damals herr- 
schenden Richtung in einer wirklich lebendigen Gemein- 
schaft mit Gott und Christus bestand. So w^r denn auch, 
zumal in der gegenAvärtigen Zeit, die Ausdrucksweise der 
Brüder von derjenigen der Schule so verschieden, dass, 
wer sie nicht gründlich kannte, kaum fähig war, sie recht 
zu verstehen. Graf Gersdorf v/usste das und hatte darum 
schon eine Woche, ehe die Kommission anlangte, Zinzen- 
dorf gerathen, „sich ratione doctrinalium deutlich und 
soviel möglich in denen terminis, die in älteren Zeiten 
gewöhnlich gewesen, zu explicieren", um nicht den Glauben 
zu erwecken, man sei eine Sekte, die „abominable Sachen 
enthielte und bei ihrem Gottesdienst infame Sachen sänge, 
wie solches die Königin gegen die Gräfin R. gesaget". 
Er fand aber kein Gehör, sondern erhielt von seinem 
Freunde die Antwort, er werde um der Kommission willen 
kein Jota an seinen Prinzipien ändern oder anders ein- 
kleiden. Auf hoher oder niederer Weiber Geschwätz, 
das unvermeidlich sei, mache er keine Reflexion. Dem 
entsprechend waren auch die 51 Antworten abgefasst 
worden und ausserdem Holtzendorfs Avohlgemeintem Rath 
zuAvider zum Thcil sehr ausführlich. Zur Kritik war 
dadurch umsomehr Gelegenheit geboten. In einem vor- 
angestellten Promemoria griff Zinzeudorf aber sogar die 
Kommission selbst an, indem er gegen diese Art von 
Untersuchung die Brüder protestieren Hess. So war 
vorauszusehen, dass weder mit der Übergabe der Ant- 
worten die Verhandlungen der Hauptsache nach zum Ab- 



*') An Hennicke, 4. August 1748. 



Des Grafen von Zinzendorf Rückkehr nach Sachsen etc. 295 

schluss gebracht sein, noch sie einen ungestörten Verlauf 
nehmen würden*^). 

Ihres Gegenstandes halber wurden die 51 Erklär- 
ungen zuerst von den Theologen allein durchgegangen. 
Dann lasen die übrigen Konunissarien dieselben, und end- 
lich beriethen beide Theile darüber. Dabei fand man 
mehrere Punkte, die eine weitere Erläuterung erforderten. 
Um diese zu geben, erschien Zinzendorf nlich Verab- 
redung mit nur zwei Bevollmächtigten, David Nitschmann 
und dem „Consultor Tropi Lutherani" Mag. Steinhofer am 
Vormittag des 3. August. Über den neuen Fragen und 
Antworten drohte es aber zum Konflikt zu kommen, 
indem Nitschmann gegen die auf Subtilitäten hinaus- 
laufenden Einwendungen, namentlich Weickhmanns, Pro- 
test erhob. Obgleich die Kommission nichts ohne Vor- 
schrift thun werde, so habe man in Dresden nicht gehört, 
dass solcherlei des Königs Absicht sei. Auch wäre es 
ungewiss, ob die Brüder mit ihres Ordinarii jetzt ertheilten 
Erklärungen zufrieden sein iind sie approbieren wollten. 
Dem gegenüber berief sich die Kommission auf ihren 
Auftrag und auf die undeutliche Fassung der Antworten, 
Doch könnten die Brüder sich nach Belieben ad Acta 
erklären, da man dann neue Verhaltungsbefehlc einholen 
würde. Gleichwohl gab Holtzendorf dem Dr. Weickh- 
mann eine Erimierung Avegen seines Benehmens, sodass 
nachher „die Verhandlungen viel moderater und anstän- 
diirer ausfielen" **"). 



'o 



)' 



Zinzendorf war andererseits verständig genug, sich 
zu weiteren Ei'läuterungen bereit zu finden, und gab diese 
nachmittags um 5 Uhr ohne Zwischenfall. An Nitschmanns 
Stelle war der Direktor des theologischen Seminariums 
Layriz dazu erschienen. Da ersterer am 5. eine gemässig- 
tere Fassung seiner ^Äusserung zu Protokoll gab, so war 
es auch nicht mehr nöthig, dass sich die andern Depu- 
tierten noch speziell über die weitereu Antworten ihres 
Ordinarii ad Acta erklärten. Der Abend des Tags (3. August) 
hatte einen friedlichen Ciuirakter. Zur Feier des königl. 
Namenstags versanimcilte man sich beiderseits im Schloss- 
garten zu Musik und Illumination bis Mitterniicht. Zinzen- 
dorf scheint aber nicht dabei gewesen zu sein. Zur Tafel 
kam er niclit, wie er auch sonst nie mit den Kominissa- 



*») S. die 51 Fragen und Antworten Act. Comui. 1748, 111. 
»") Das Protokoll erwähnt davon nichts. 



296 F- S. Hark: 

rien speiste und überhaupt, nach seinem bei Untersuchungen 
befolgten Grundsatz, privatim nicht mit ihnen verkehrte. 

Dass Zinzeudorf im allgemeinen von dem bisherigen 
Verlauf der kommissarischen Geschäfte befriedigt war, 
spricht er in dem oberwähnten Brief an Hennicke aus, 
den er Sonntags, den 4. August schrieb und in dem er 
die einzelneu Kommissarien vorwiegend günstig charak- 
terisiert. Dagegen erfidir man durch Graf Gersdorf an 
dem nämlichen Tage, dass die Herren Theologen verstimmt 
wären, ihre Bedenken nicht weiter kund geben wollten 
und die Ertheilung eines Gutachtens in causa fratrum 
vielleicht verweigern würden. Um dem vorzubeugen, be- 
gab sich Köber sogleich zu Heydenreich und Holtzendorf 
imd fand beide billig und wohlwollend. Nur wollte ersterer 
in das Bekenntnis zur Augsburgischen Konfession auch 
die Apologie eingeschlossen wissen, und rechnete Barby 
seltsamerweise zu den alten Erblanden. Holtzendorf be- 
stätigte das über die Theologen Vernommene, meinte 
aber^ es werde sich alles noch gut gestalten, wenn Zinzen- 
dorf zu noch mehr Erläuterungen willig sei, und versprach, 
selbst mit ihnen zu reden. Am Nachmittag ging Her- 
mann mit Teller und Weickhmaun nach Herrnhut. Zinzeu- 
dorf hatte dazu aufgefordert und war ihnen voraus- 
gegangen. Sie hörten ihn hier mehrere Reden halten, unter 
andern an die ledigen Schwestern und Eheleute, zu denen 
er „von dieser Chöre Plan und Grundprinzipiis so deutsch 
und positiv redete, dass man sich wundern musste". Auch 
Weickhmann wunderte sich und Hess seinen Anstoss später 
laut werden. 

Holtzendorf, der Vorsitzende der Kommission, war 
bisher stets bemüht gewesen, die Gegensätze zu mildern, 
und suchte auch ferner die Verhandlungen zu einem 
fj-ünstio-en Resultate kommen zu lassen. Am folgenden 
Morgen (5. August) zeigte er Köber gegenüber em gleiches 
Bestreben, indem er Zinzendorf ersuchen Hess, sich noch 
weiter über unklare Punkte zu äussern. Er selbst wünsche 
ihn und die Brüder für ortiiodox erklärt zu sehen und 
habe das auch den Theologen gesagt. Die Kommission 
sei nicht zum Verketzern da; das hätten andere schon 
hinreichend gethan u. s. w. In der That wurden Zinzen- 
dorf wiederum etliche „Monita" zugestellt, welche er nach- 
mittags in Begleitimg von 4 Bevollmächtigten olme An- 
stand beantwortete. So schien man dem Ziel nicht mehr 
fern zu sein, aber unvermuthet kamen neue Störungen. 



Des Grafen von Zinzemlorf Rückkehr nach Sachsen etc. 297 

Köber liörte nämlich nach der letzten Sitzung von Graf 
Gersdorf, dass das kommissarische Gutachten zwar in 
Hennersdorf entworfen, der Bericht aber in Dresden ge- 
macht werden sollte. Zinzendorf hatte dagegen die Aus- 
fertigung beider in loco begehrt und schon vorher (2.August) 
deshalb an Holtzendorf geschrieben. Die Nacliricht vom 
Gegentheil steigerte seinen Unwillen, den er bereits vor 
Empfang derselben über den bisherigen Gang der Ver- 
handlungen empfand, da man aclit Tage mit einem Exa- 
men über theologische Subtilitäten zugebracht hätte, ohne 
dass es zur Einsicht der Akten gekommen wäre, auf die 
es am meisten zur Erreichung des Hauptzweckes ankomme. 
Seine Mitbevollmächtigten stimmten ihm bei. Auf An- 
rathen des Grafen Gersdorf, dagegen Vorstellung zu thun, 
begaben sich abends zunächst Köber und Nitschmann zu 
Holtzendorf. Mit diesem kamen sie scharf aneinander, 
namentlich Nitschraann, der eine gewöhnliche kommissions- 
artige Behandlung auf die Mährischen Brüder nicht pas- 
send fand. Sie wären Ausländer und begehrten ihrerseits 
nichts von Sachsen. Beide beschwerten sich über die 
theologischen Subtilitäten und verlangten, man solle die 
Sache nicht länger durch sie aufhalten. Vielmehr möchten 
die Theologen nach den mehr als nöthigen Auseinander- 
setzungen der Brüder bezeugen, ob sie diese der Augs- 
burgischen Konfession gemäss fänden oder nicht. Holtzen- 
dorf erwiderte, es seien nur noch wenig dubia übrig, die 
bald gehoben werden sollten. ^ Zu einer Erklärung aber, 
wie man sie von den Theologen begehre, wären diese nicht 
befugt. Die Akten durchzugehen, hätten die Konnnissa- 
rien keinen Auftrag, auch habe es an Zeit gefehlt. Was 
die Ausfertigung des Berichts betreffe, so werde man sie 
nochmals in Überlegung nehmen. Obgleich Holtzendorf 
kaum einen anderen Bescheid geben konnte, so war Zinzen- 
dorf doch noch nicht zufrieden gestellt. Ein von ihm 
inzwischen im Namen der Deputierten aufgesetztes Me- 
morial wurde zwar noch nicht vollzogen, aber doch am 
nächsten Tag in aller Frühe dem Prinzipalkommissar von 
Wattewille und Köber zur vorläufigen Einsicht überbracht. 
Sein Inhalt machte Holtzendorf nicht wenig betreten, denn 
es enthielt „inconveniente Ausdrückungen gegen die Kom- 
mission" und liess sich besonders scharf gegen die Theo- 
logen aus®^). Nachdem er es den Konnnissarien, mit 



*') Zinzendorf und etliclic Intherissche Tlieologeii, heisst es 



298 F. S. Hark: 

Ausschluss der beiden Professoren, mitgetlieilt liatte, gab 
er nach gemeinsamen Beschkiss die Schrift an Watteville 
zurück mit dem Bemerken, es bleibe den Brüdern über- 
lassen, ob sie dieselbe unterschreiben wollten. Die Kom- 
mission habe bisher nicht anders handeln können, und 
nicht sie, sondern Zinzendorf trage die Schuld am Verzug. 
Übrigens seien die theologischen Punkte nun beendet und 
es gelte anderes zu besprechen. 

Dass ein solches Auftreten Zinzendorf's nur nacli- 
theilig wirkte, ist leicht zu begreifen. Die Kommissarien 
Avaren darüber sehr alarmiert. Als sie abends von Zittau, 
wohin sie noch an demselben Tage gefahren waren, zurück- 
kehrteu; erfuhr man durch Graf Gersdorf, alle wären 
jetzt den Brüdern abgeneigt, selbst der Oberhofprediger 
fände die Erklärungen der Deputierten nicht der Augs- 
burgischen Konfession gemäss. Andererseits wollte Zinzen- 
dorf nicht nachgeben. Die Tlieologen verdienten als unver- 
ständige und unlautere Leute nicht, dass man sich noch 
weiter mit ihnen einlasse. Köber eilte daher am folgenden 
Morgen (7. August) zu Holtzendorf, den er „ganz deconte- 
nanciret" fand. Auch der Oberhofprediger war missver- 
gnügt. Nur von Loben und Hofrath Leyser ( — nach 
Zinzendorf „ein alter Thomasius" — ) zeigten sich „den Brü- 
dern geneigt". Das genannte Memorial hatte Zinzendorf 
aber zurückgelegt, und noch am vorhergehenden Tage — 
wie Köber angiebt, auf Holtzendorfs Rath — ein anderes 
entworfen, das in der nächsten Sitzung der Kommissarien 
zur Besprechung kam ^^). Es enthielt die zwei Petita; 
den Bericht in loco abzufassen und ihm die wesentlichsten 
Punkte aus demselben zur Information mitzutheilen. Das 
erstere gewährte man, das letztere musste man selbst- 
verständlicli abschlagen. Sodann ward Kersten zu dem 
Ordinarius mit dem Ersuchen abgeschickt, die sämtlichen 



darin, stünden schon 8 Tage lang ein examen rigorosum aus, als ob 
sie Doctores auf einer Universität -werden sollten. Auch wird auf 
die schon oben erwähnte Erklärung der beiden Holländer van Laer 
und Schellinger hingewiesen (p. 213) und gerügt, dass das Gesuch, 
sich mit ihnen zu vernehmen (s. Anm. 42), unbeachtet geblieben sei. 
Die statt dessen den Brüdern vorgelegten 51 „meist in lauter Trans- 
sumten aus schlechten Schriften gegen uns bestehenden Fragen" 
hätten dieselben so eft'arouchiert, dass sie sich auf nichts einlassen 
wollen, sondern abgereist seien. (Eine besondere Registratur vom 
7. August — Act. Coram. 17481, 93 — hat offenbar den Zweck, nach- 
zuweisen, wie die Kommission keine Gelegenheit hatte, sich mit den 
genannten zu vernehmen.) 

") Das Orig. Act. Comm. 1748 I, fol. 97. 



Des Grafen von Zinzendorf Rückkehr nach Sachsen etc, 299 

Deputierten die von ihm am 3. und 5. August gegebenen 
Erläuterungen coram commissionc agnoscieren zu lassen. 
Die ertheilte Antwort, „er wolle es ihnen sagen, mehr 
könne er nicht tliun", verrieth, dass sich das UnAvetter 
noch nicht zertheilt hatte. Zwar erschienen die Depu- 
tierten in Bälde, aber ohne Zinzendorf und ohne sich auf 
ihre Plätze zu setzen. Mit Erlaubnis der Kommission 
las Layriz vielmehr eine von Zinzendorf aufgesetzte Dekla- 
ration aller Bevollmächtigten ab, des Inhalts: „sie de- 
precirten alle fernere Einlassung, wenn sich nicht prae- 
liminariter die Herren Theologi erklärten, entweder 
durch die bisherigen Antwortungen über der Brüder Con- 
formität mit der Augsburgischen Konfession satisfacirt zu 
sein, oder ihren dubiis so lange zu insistiren, bis ihr 
silentium einer dergleichen Deklaration äquipoUent von 
den Brüdern angenommen werden könnte". Denn falls 
man ihre Augsburgische Konfessions- Verwandtschaft nicht 
wolle anerkennen, was doch schon für Herrnhut im Re- 
skript vom 7. August 1737 geschehen sei, so lehnten sie 
alle weitere Aufnahme ab ; vielmehr sei dann die Emi- 
gration der noch in Herrnhut wohnenden Mährischen 
Brüder zu erwarten, und die hohe Kommission brauche 
sich nicht Aveiter mit ihnen zu bemühen. Diese Erklärung 
wurde unterschrieben und ad acta gegeben '^^). Ehe 
man sich aber trennte, bemerkte Steinhofer, Zinzendorf 
und er wären bereit, sich noch weiter auf etwa übrig- 
gebliebene Zweifel an der Brüder Konformität mit der 
Augsburgischen Konfession einzulassen, bis keine mehr 
übrig seien, jedoch nur auf Grundlage dieses Bekennt- 
nisses mit Ausschluss der anderen symbolischen Bücher. 
Der Grund, weshalb Zinzendorf die Sache auf diese 
Spitze trieb, ist Avohl darin zu suchen, dass er nicht über 
die Etablierung der Brüder in Sachsen irgend svie ver- 
handeln wollte, ohne dass die Anerkennung ihna- Augs- 
burgischen Konfessions- Verwandtschaft fest stehe. Letz- 
teres schien nach dem Bisherigen aber noch ungewiss, und 
doch stand die Erörterung der mit der Aufnahme in engster 
Verbindung stehenden Punkte jetzt nahe bevor. Indes 
hätte sein Verfahren, wodurch sich die betroffenen Per- 
sönlichkeiten verletzt fühlen mussten, leicht seiner Sache 
schaden, ja wohl gar einen verhängnisvollen Bruch zur 
Folge haben können. Dass ein solcher vermieden wurde 



") S. Act. Comm. 1748 I, fol. 99 flg. 



300 F. S. Hark: 

und nüchterne Besonnenheit den Sieg über das beleidigte 
Gefühl davon trug, ist zunächst dem Vorsitzenden der 
Kommission zu verdanken. Letztere ging nämlich avif 
Steinhofers Anerbieten ein und verlangte nur die Aus- 
stellung einer Vollmacht für ihn und Zinzendorf. Auch 
kam sie den Wünschen der Brüder darin nach, dass zwei 
Volumen Akten, soweit es möglich war, durchgesehen 
wurden. Die noch vorhandenen dubia wurden schrift- 
lich mitgetheilt, um noch aus der Augsburgischen Kon- 
fession entschieden zu werden. In der Sitzung um 6 Uhr 
erfolgte ihre Beantwortung '^^). Vorher hatte Holtzendorf 
in einer Ansprache die Theologen ermahnt, alles Partei- 
Interesse ausser Acht zu lassen. Zinzendorf, der nicht 
hier zum Ketzer gemacht werden solle, müsse alle Ge- 
rechtigkeit geschehen. Dieser aber forderte sie am Schluss 
nochmals auf, falls sie noch mehr Zweifel hätten, dieselben 
ja zu eröffnen, denn bei irgend welchem Verdacht gegen 
ihre Augsburgische Konfessionsmässigkeit könne aus 
einer Niederlassung in des Königs Landen nichts werden. 
Nun war endlich die theologische Untersuchung mit ihren 
viel beklagten „Subtilitäten" beendet. Am folgenden Tag 
(8. August) gaben nur noch sämtliche Deputierte ihre 
Zustiunnung zu den protokollarisch verzeichneten Ant- 
worten vom 3., 5. und 7. August ad acta. Nachdem 
dies geschehen war, beantragte aber Zinzendorf nochmals 
eine förmliche Deklaration von seiten der Theologen, die 
ebenfalls ad acta zu geben sei, dass sie ihn und seine 
sämtlichen Brüder „nunmehro vor Augsburgischer Kon- 
fession massig erkenneten", sonst würden sich die Depu- 
tierten in gar nichts wieder einlassen. So schien man 
wieder auf dem alten Fleck zu stehen. Die Kommission 
konnte ihm darin nicht nachgeben; auch machte sie da- 
rauf aufmerksam, dass die begehrte Anerkennung nicht 
von der Kommission, die nur zu berichten habe, sondern 
nur von königlicher Entschliessung abhinge. Zum Glück 
begnügte sich Zinzendorf mit der Erklärung, welche ihm 
Holtzendorf mit Hinzuziehung des Oberamts- und des 
Landeshauptmanns noch während der Sitzung in einem 
Nebenzimmer gab; sie alle drei glaubten nicht, dass man 
bei Abfassung des Berichts gegen der Brüder Bekenntnis 



*') Zinzendorf berief sich liier und sonst stets auf die deutsche 
Ausgabe der Augsburgischen Konfession, als die eigentlich authen- 
tische, denn sie und niclit die lateinische sei auf dem Reichstag, 
als Bekenntnis der Evangelischen vorgelesen worden. 



Des Grafen von Zinzentlorf Rückkehr nach Sachsen etc. 301 

zur Augsburgischen Konfession viel einwenden würde. Auch 
die übrigen Punkte der Instruktion, welclie Zinzendorf 
früher so bedenklich gefunden hatte, weil sie Anweisungen 
enthielten, welche Stellung die Mäiirischen Brüder nach 
ihrer Aufniihme im Lande gegenüber den syiubolischen 
Büchern, den Landes- und Kirchengesetzen, dein Recht 
und Amt der Obrigkeit einzunehmen, was für eine Bibel- 
übersetzung, Agende, Katechismus etc. sie zu gebrauchen 
hatten, wer zu Geistlichen angestellt Averden sollte u. s. w., 
wurden „ohne viel Widerspruch" noch in derselben Sitz- 
ung abgethan. Die Arbeit schien im Frieden zum Schhiss 
gekommen zu sein. Allein der Friede sollte nochmals 
ernstlich bedroht werden. 

Die Kommission hatte, wie wir wissen, zwei zur 
schriftlichen Beantwortung aus der Instruktion vorgelegte 
Fragen ändern müssen, weil Zinzendorf Anstoss daran 
nahm. Doch glaubte sie verptliclitet zu sein, über den 
ursprünglichen Inhalt auf anderem Wege sich Auskunft zu 
verschaffen. Nun lebten in Hennersdorf zwei Personen, 
die früher zur Herrnhuter Gemeine gehört, sich dann 
aber im Unfrieden von ihr getrennt hatten, einer namens 
Kühnel, der andere Augustin Neisser, ein Messer- 
schmied, welcher mit seiner und seines Bruders Familie 
der erste Emigrant aus ]\lähren und der erste gewesen 
war, der sich in Herrnhut angebaut hatte. Au diese 
wandte man sich in erwähnter Absicht und um zugleich 
in Geraässheit des geheimen Inserats von Herrnhut einige 
vorläufige Nachrichten über Herrnhut einzuziehen. Neisser 
war schon am L August unter dem Vorwande, man wolle 
Messer von ihm kaufen, in das Schloss gerufen und von 
Holtzendorf, Loben und Ileydenreich verhört worden. 
Die ihm vorgelegten Fragen Avaren zum Theil für die 
Brüder äusserst ehrenrührig, z. B. ob in deren Zusammen- 
künften oder bei den Liebesmahlen oder beim Spazieren- 
gehen im Walde nicht Exzesse mit Weibsleuten vor- 
o-ingen, und ob sich bei dem sogenannten Liebeskuss nach 
dem Abendmahl die Geschlechter promiscue küsstcn? 
Der Befragte gab aber einen Bescheid, der die schmach- 
voll verdächtigten Brüder völlig rein darstellte '^^}. Am 



«*) Derartige BeschukHgungen waren in /uliircidien Schritten, 
wie sie damals gegen ilie Urinier erschienen, häutig zu lesen. 
Meistens mochten sie völlig ans der Lnlt gegriffen sein, und wo 
das nicht anzunehmen ist, konnten sie sich nur auf Vergehnngen 
und Leichtfertigkeiten einzelner gründen, wie sie aueh in den aposto- 



302 F. S. Hark: 

8, August musste auch Pastor G r o li von Bertlielsdorf 
und nach ihm der genannte Kühnel vor der ganzen 
Kommission erscheinen. Jener, der seine Liebe und Zu- 
gehörigkeit zu der Herrnhuter Gemeine frei bekannte, 
wurde hauptsächlich über das Verhalten derselben gegen- 
über dem Reskript vom 7. August 1737 inquiriert- Er 
antwortete freimüthig und doch umsichtig. Auch Kühnel 
wusste nichts von Exzessen, so wenig wie Neisser, konnte 
aber aus Unkenntnis über das gegenwärtige Herrnhut 
nichts aussagen. Von diesen Verhören wurde Zinzendorf 
in Kenntnis gesetzt, als er den 8. August spät abends 
von Herrnhut zurückkehrte. Schon vorher hatte er durch 
den Oberhofprediger erfahren, dass fremde Pfarrer der 
Umgegend den langen Aufenthalt der Kommission be- 
nutzten, um Klagen gegen die Herrnhuter vorzubringen 
und dass namentlich die Zittauer Klerisei eine Haupt- 
schrift gegen sie einreichen wolle *^**). Schon dies hatte 
ihn unangenehm berührt, und er schrieb deshalb von 
Herrnhut aus an Graf Hennicke. Die Kunde von dem, 
was in seinem Hause inzwischen war vorgenommen wor- 
den, erregte seinen Unwillen noch mehr, und er liess ihn 
so laut werden, dass die neben seinem Zimmer noch ver- 
sannnelten Herren Kommissarien es hören konnten. Er 
sollte aber noch mehr erleben. Während seines Besuchs 
in Herrnhut hatte Graf Gersdorf dem Syndikus D. Nitsch- 
mann jenes bisher geheim gehaltene Inserat vom 16. Juli, 
Herrnhuts Untersuchung betreffend, zur Insinuation an 
die Gräfin von Zinzendorf übergeben, damit sich diese 
darüber erkläre. Schon die Brüder waren darüber er- 
schrocken, und Nitschmann hatte es nicht angenommen. 

Zinzendorf gericth über diese Handelsweise, die einem 
Bruch des gegebenen königlichen Wortes gleich zu kommen 
schien, in grosse Aufregung. Er müsse gegen jede weitere 
Thätigkeit der Kommission protestieren; sie könne morgen 
auseinandergehen und die Brüder sollten das gleiche thun. 
Bei dem Grafen von Gersdorf wiederholte er dies und 
erklärte dazu, dass deshalb noch diese Nacht eine Sta- 



lisclien Gemeinen ausnahmsweise vorkamen. Der Gesamtheit durfte 
mau sie aber nicht zur Last legen, die nie, auch nicht in der so- 
genannten Sichtungszeit, dergleichen duldete. Dass die Trennung 
der Geschlechter in der Brüdergemeine streng beobachtet, ja öfters 
zu weit getrieben wurde, ist allgemein bekannt. 

«"} Sie that es auch nach dem Schluss der Kommission ; 
s. Körner 1. c. 116. 



Des Grafen von Zinzendoif Rückkehr nach Sachsen etc. 303 

fette nach Dresden und eine andere direkt nacli Warschau 
gehen werde. Alsbald eilte der Oberamtshauptmann zu 
Holtzendürf, brachte aber beruhigende Versicherungen 
zurück. Die ganze Sache solle fallen gelassen Averden, 
Zinzendorf möge nur ein Promeniuria abfassen. Auch 
Neissers und Kühneis Verhör sei nur zu Herrnhuts Gun- 
sten ausgefallen. — „Dies war einer der unruhigsten Tage", 
schreibt Köber; und es mag wohl bald Morgen gewesen 
sein, als man sich zur Ruhe begab. Zinzendorf scheint 
sie gar nicht aufgesucht zu haben, denn er verfasste in 
der Nacht „einige Schriften wegen Herrnhut" und das 
verlangte Promemoria. Darin ersucht er die Kommission, 
auf Grund einer im Namen des Königs geschehenen Ver- 
sicherung, von jeder ferneren Beschäftigung mit Herrnhut 
gänzlich abzusehen. Falls dieselbe aber „Bedenken finde, 
ihm hierunter zu deferieren", müsse er sich sofort an Ihre 
Königl. Majestät selbst wenden. Von Köber, der die Schrift 
am Morgen (9. August) Holtzendorf einhändigte, musste 
sich dieser noch sagen, lassen, „wenn man auf gegebene 
Versicherungen sich nicht verlassen könnte, so müsste man 
künftig avif seiner Hut sein und billig Bedenken tragen, 
sich weiter einzulassen". Die Kommission zog diesmal 
klugerweise zurück, sich damit beruhigend, dass Herrnhuts 
Untersuchung nicht Hauptzweck sei und man auch be- 
reits Nachrichten darüber eingezogen habe. Dieselljcn 
wurden noch vervollständigt durch einen noch an demsel- 
ben Tage von Steinhofer verfertigten Bericht über Herrn- 
hut, dessen Übergabe mit der von kürzeren Ergänzungen 
protokollarischer Erklärungen am 10. August erfolgte®*). 

«') S. die letzteren: Act. Comni. 1748 I, fol. 124—128; Stoin- 
hofers Bericht Act. Comm. 1748 II, fol. 2(;— 29. Er wurde zum 
Inseratsbericht verwerthet, von dem Körner 1. c. 64 Hg. einen 
Auszug gieht. In Steinhofers Schrift „war gezeigt, wie mau bisher 
dem aÜergnädigsten ßegulativo von Ao. 1737 nicht nur nachgegangen, 
sondern noch weniger gethan, als selbiges zugelassen habe". Der 
Verfasser war damit beauftragt worden ; von wem ist aber nicht ge- 
sagt. Man kann sich nicht denken, dass es ohne Zinzendorfs Wissen 
geschah. Doch aber wollte dieser sich nachträglich zu der diplo- 
matischen, der Wahrheit keineswegs streng folgenden Akte nicht 
bekennen. Die von ihm aufgesetzte „abermalige uiul zweite Krklär- 
ung über einige vorzunehmende lierrnliutische Untersuchung", 
d. d. 9. August' 1748, trägt allerdings einen anderen Charakter. 
Weil sie nicht an die Kommission, sondern an Graf Ilennickc; ge- 
richtet ist (s. Anm. 24), liegt sie niciit bei den Konimissionsakten. 
Daselbst fehlen auch die dazu gehörenden scharfen „IMouita zu dem 
lieskript vom 7. August 17.37". Sie e.\;isti(!ren mir unter den Bei- 
lagen zu einer Synodaladresse d.d. Haus von Zeist 10. Februar 1749 



304 F. S. Hark: 

Das Anerbieten Zinzeudorfs, sich über die ökonomischen 
Umstände der Brüdergemeinen zu erklären, war schon 
abgewiesen. Es kam nur zu den Akten *'^). 

Nvm konnte der förmliche Schluss der Kommission 
gegen 12 Uhr mittags am 10. August stattfinden. Zinzen- 
dorf erschien dazu „mit einem Ooetus von ungefähr 60 Per- 
sonen so prädicierter Mährischer Brüder^ worunter einige 
von gräflichem und adeligem Stande waren'' (Protokoll) 
im Sitzungszimmer. Holtzendorf hielt „eine wohlgesetzte 
Kede'*, die er vorher Köbern gezeigt und an einigen 
Stellen auf dessen Wunsch geändert hatte "^^j. Mit Recht 
konnte er Anspruch auf der Brüder Zeugnis machen, 
dass die Kommission „mit möglichstem Glimpf und Vor- 
sichtigkeit" ihren Auftra"; ausoeführt habe. Die Kom- 
mission als Corpus und Holtzendorf im besondern hatten 
sich durchaus rücksichtsvoll bewiesen, mochte auch das 
Benehmen der „bornierten" (Zinzendorf) akademischen 
Theologen oft der Brüder Missfallen mit mehr oder we- 
niger Grund erregt haben. Auch jetzt zeigte sich der 
Prinzipal-Kommissarius wohlwollend, indem er die Hoff- 
nung aussprach, der Erfolg ihrer Bemühung werde sein, 
dass die Brüder sich noch mehrer königlicher Gnade 
erfreuen könnten. Wenn er dem hinzufügte, man er- 
warte auch von ihnen, dass sie ihrerseits stets „Worte zu 
Werken machen" würden, so lag die Befolgung dieser 
Ermahnung auch in ilirem eigenen Interesse. Zinzendorf 
sprach endlich auch seinen Dank und seine Anerkennung 
in versöhnlichem Tone aus. — Seine Feder liess er aber 
gleichwohl nicht ruhen. Er entwarf zunächst noch eine 
„Schlussschrift" an die Kommission, in welcher er die 
ganze Mährische Kirche sich noch einmal zur Augsbur- 
gischen Konfession bekennen und die akademischen Theo- 
logen ersuchen liess, mit ihr den in die Lehre von der 
Schöpfung sich heutzutage einschleichenden Arianismus 
zu bekämpfen *"). 

Die Kommission hatte sich sofort nach dem Schluss 
der Verhandlung mit den Brüdern an die Ausarbeitung 
des Berichts begeben. Weil man nun hörte, die Hälfte 



in ü. K.-A. Vol. I, fol. 317 flg. Körner fuhrt sie p. 57 am un- 
rechten Ort an. 

«») Act. Comm. 1748 I, fol. 122. 

**j Nur im U.-A. vorhanden. 

^"^ S. Act. Comm. 1748, IV, fol. 19 flg.; abgedruckt in Spangen- 
berg, Darlegung etc. 253 flg. Beü. U. — U.-A. 



Des Grafen von Zinzenclorf Rückkehr nach Sachsen etc. 305 

der Kommissarien hätten gelegentlich derselben behauptet, 
dass die Brüder in der Schöpfungslehre von der Augs- 
burgischen Konfession abwichen, so fügte ihr Ordinarius 
der „Schlussschrift" noch ein besonderes Stück an, welches 
diesen Punkt noch weiter erörterte. Auch hier unterliess 
er nicht, wie auch sonst fast bis zum letzten Augenblick^ 
gegen die nach einer Instruktion, die mit dem Commis- 
soriale in Widerspruch stehe, vorgenommenen Untersuch- 
ung zu polemisieren ''). Dasselbe thut er in einem an 
Holtzendorf, Hermann und Leyser gerichteten Schreiben, 
worin er bittet, diese Kontroversfrage aus dem Bericht 
zu lassen'^). Beide Schriften, sowie noch einige Bemerk- 
ungen zu Protokollen und dergleichen wurden am 11. August 
überreicht. Selbst als die Kommissarien wieder zu Hause 
waren, wurden ihnen Erklärungen über diesen Lehrsatz 
nachgesandt — nicht zum Besten späterer Verhandlungen. 
Dass im Kreise der Kommission nicht völlige Ein- 
stimmung in betreff der Stellung herrschte, welche die 
Brüder zur Augsburgischen Konfession einnahmen, geht 
aus dem Bericht, wie er schliesslich zustande kam, deut- 
lich hervor''^). Und zwar machte der genannte Artikel 
von der Weltschöpfung die Hauptschwierigkeit. Man war 
nahe daran, zu erklären, sie stünden darin ausserhalb 
derselben. Zinzendorf erhielt davon Kenntnis und erklärte, 
ohne völlige Anerkennung der Brüder als Augsburgische 
Konfessions- Verwandte würden sie sich auf kein Etablisse- 
ment in Sachsen einlassen. Dem Grafen von Gersdorf 
wurden dringende Vorstellungen gemacht, es dahin nicht 
kommen zu lassen. In der That fand derselbe mit einem 
dies bezweckenden Vorschlao- Anklanii; bei seinen Kolle- 
gen. Nur Heydenreich und Weickhmann votierten da- 
gegen. Doch konnten er und Leyser nicht verhindern, 
dass man gleichwohl einen Widerspruch in der Brüder 
Schöpfungslehre mit der Augsburgischen Konfession und 
anderen symbolischen Büchern konstatierte. Es blieb 
beiden nichts übrig, als ihren Disscnsus mit diesem Be- 
schluss der Kommission dem Berichte einverleiben zu 
lassen '^). Dem „Erachten der politicorum commissariorum" 

»') S. ib. im II.-St.-A. fol. 26 flg. — U.-A. 

»») S. ib. fol. 21 Üg. — U.-A. ") S. Körner 1. c. 111 flg. 

'*) S. ib. 112. — Im Protokoll werden von den Besprechungen 
bei Anfertigung des Berichts und Gutachtens nur diese Diflerenzeu 
genannt. Im ersten Entwurf hatte laut demselben gestanden : Die 
Glaubenslehre der Mährischen Brüder sei der Augsburger Kon- 

Ncues Archiv f. S. G. n. A. VI. 3. 4. 20 



506 F. S. Hark: 

setzten, wie der Bericht mittlieilt, die Theologen gewisse 
Einschrcänkungen gegenüber. Zum Theil beziehen sich 
diese auf einige Lehrmeinungen, in denen die Brüder 
nicht richtig wären. Auch wird geltend gemacht, dass mit 
der von ihnen behaupteten Augsburgischen Konfessions- 
Verwandtschaft der Inhalt ihrer, vor allem Zinzendorfs 
Schriften und nicht am wenigsten viele Lieder ihres Ge- 
sangbuches nicht harmonierten. So wenig dieser Einwand 
überrascht, so seltsam will der Anstoss erscheinen, der 
von ihnen daran genommen wird, dass die Brüder bei 
den ipsis verbis Aug. Conf. stehen blieben, welche man 
doch erst durch andere symbolische Bücher, wie die Kon- 
kordicnformel, erklären müsse. Sie fordern also eigent- 
lich, dass sich die Brüder zu diesen bekennen müssen, 
wenn sie für Bekenner der Augsburgischen Konfession 
gelten wollen. In der That beantragen auch die beiden 
Professoren die Verpflichtung der Geistlichen der Brüder 
auf die symbolischen Bücher der sächsischen Kirche, falls 
diese im Lande Aufnahme finden sollten. Der Oberhof- 
prediger verlangt es, wenn sie „als Glieder der evan- 
gelisch-lutherischen sächsischen Kirche geachtet werden 
wollten", wovon die Brüder, die ihrerseits nie beantragt 
hatten, in Sachsen aufgenommen zu werden, — wie Dr. 
Hermann wissen muss\e — , weit entfernt waren. Oder 
soll eine gewisse Ironie in seinen Worten liegen? — Die 
Kommission in ihrer Gesamtheit schlug in ihrem Gut- 
achten solche Verpflichtung ebenfalls vor'^). 

Ira Ganzen ist es aber immer noch zu verwundern, 
dass der Bericht samt Gutachten so ausgefallen ist, wie 
er vorliegt. Das öfters rücksichtslose Benehmen Zinzen- 
dorfs und einiger seiner Brüder gegen die Kommission, 
vor allem gegen deren theologische Mitglieder, musste 
diese erbittern; und solche „personelle OfFensionen" hatten, 
wie Graf Gersdorf sagt'**), „auch die sonst gar geneigt 
Gesinnten .frappiret". Das auf gewisser Seite bereits 
vorhandene Übelwollen gegen die Brüder wurde dadurch 

fession nicht im Grunde zuwider, ausser dass etc. Dafür wurde 
mit Stimmenmehrheit gesetzt :wobeijedoch etc. (s. den Bericht 1. c.) 
Teller verschaft'te sich dadurch, dass er mit der Majorität stimmte, 
ein freundliches Billet Zinzendorfs (i. U.-A.). — Wie sich der Geh. 
Rath von Zech über diese der Kommission anstössige Lehre der 
Brüder von der Weltschöpfung durch den Sohn Gottes geäussert 
haben soll, sagt Zinzendorf in seinen Naturellen Reflexionen 288. 

") S. Körner 1. c. p. 114, g. 

'") An Zinzendorf, den 17. August 1748. 



t)es Grafen von Zinzendorf Rückkehr nach Sachsen etc. 307 

nur vermehrt. Es hatte sich in der That zu dem Wunsch 
gesteigert, dass das Resultat der Kommission ein rein 
negatives sein möge'*). Dass es dazu nicht gekommen 
ist, sondern — was zunächst das Wichtigste blieb — die 
Glaubenslehre der Brüder als „der Augsburgischen Kon- 
fession im Grunde nicht zuwider" seiend, wiewohl ver- 
klausuliert, im Bericht anerkannt ^vurde, mag wohl we- 
niger ein Ausdruck aufrichtiger Überzeugung gewesen 
sein, als der schuldigen Rücksichtnahme auf des Königs 
Majestät. Ein entgegengesetztes Urtheil hätte nicht nur 
die höchstenorts beabsichtigte Aufnahme der Brüder ver- 
hindern müssen, sondern hätte auch die dort gehegte 
Voraussetzung als eine irrige hingestellt, w^as einer Be- 
leidigung gleich gekommen wäre. Die Art und Weise, 
wie das Gutachten die projektierte Aufnahme im Lande 
bedingte, war ja auch geeignet, jene konfessionelle An- 
erkennung wirkungslos zu machen. Freilich blieb noch 
abzuwarten, ob diese Vorschläge die allerhöchste Geneh- 
migung finden würden; allein die „Konsistorialprinzipien" 
hatten schon einmal, als man die Methode der eben be- 
endeten Untersuchung feststellte, den Sieg über andere, 
mit königlicher Autorität gegebene Zusagen davongetragen. 
Warum konnte es nicht auch ferner geschehen? In dieser 
Hoffnung reiste die Mehrzahl der Kommissarien, in dieser 
Besorgnis wohl nur der Oberamtshauptmann Graf von 
Gersdorf am Montag den 12. August 1748 wieder von 
Hennersdorf ab. Was die einen wünschten und andere 
befürchteten, hat sich in der damals noch verdeckten Zu- 
kunft insofern verwirklicht, als zwar das Versicher- 
ungsdekret vom 20, September 1749'*) den INIäh- 
rischen Brüdern als Bekennern der unveränderten Augs- 
burgischen Konfession die Aufnahme und Toleranz auch 
in den alten Erblanden gewährte und ihnen eine besondere 
Konzession in Aussicht stelUe, aber bis auf den heutigen 
Tag weder letztere ertheilt worden ist, noch die Brüder 
im eigentlichen Kursachsen eine Gemeine oder Kolonie 
angelegt haben. 

") Graf Gersdorf schreibt an Köber (18. August 1748^: „man 
hätte gern gesehen (nameutlicli der eintiussreiche, durch eine starke 
Partei in Dresden gedeckte Heydenreich), wenn die unzulänglichen 
Antworten auf einer Seite Gelegenheit gegeben hätten, die Deklara- 
tion (der Augsburgischen Konfessions-Verwandtschaft) und Aufnahme 
abschlagen zu können, auf der andern Seite aber Fratres sich er- 
kläret, auf solche Conditiones würden sie nicht ins Land kommen-. 

'») S. Körner 1. c. 72 tlg. 

— 20* 



IX. 

Kleinere Mittheilungen, 

1. Die Meldung Yom Tode und von der Beisetzung 
Melanchtlions an den Kurfürsten August. 

Mitgetheilt von Theodor Distel. 

In den Akten des K. S. Hauptstaatsarchivs (Loc. 10541 : 
des Herrn Pliilippi etc. 1560 — 61) befindet sich ßl. 1 das 
Originalschreiben der Universität Wittenberg an den 
Kurfürsten August über den Tod Melanchthons. Dasselbe 
soll hier, da sein Inhalt bisher unbekannt geblieben ist, 
wörtlich mitgetheilt werden. Es lautet also: 

Durchlauchtigster hochgebonier fürst. E. chf. g. seint unßere 
umlertbeiiigste gehorsame gantzwillige dinste bevor. Gnedigster 
churfurst und herr. E. chf. g. sollen und können wir, aus großem 
bekumraernus und gantz hochbetrubten gemutth in underthenikeitt 
nicht bergenn, das der ervj^dige und hochgelarte her magister 
Phillippus Melanthon unßer lieber her, vater und praeceptor, am 
neclistvorschienen sontagk palmarum am fieber kranck und schwach 
worden, und wiewoU wir der besßerung gehofftt, auch ann mensch- 
lichem vleiß nichtts erwj'nden laßen, wie ehr den des folgenden 
dinstags, donnerstagks und freitagk noch im collegio geleßen, und 
den sonnabent öffentlich neben andern communicanten in der pfar- 
kirche das hochwj^rdige sacrament des leybes und bluds unßers 
lieylands Jhesu Christi entpfangen, auch die intimation des oster- 
fests selbst gestaltt, und dinstags in osterfeiertagen und mitwochens 
hernacher, tlem durchlauchtigsten und hochgebornen l'ursten und 
hern hern Albrecht herzogen in Preußen etc. u. gstn. h. doctor 
David Voigtt ßo in der fasten ncchstvorschienen alhier promovirt, 
und von s. f. g. zum professore der heyligen schrilft kegen Konnigs- 
bergk erfordertt, underthenigst commendirt, ßo halt doch die kranck- 
heitt überhand genhommen, das ehr nach vielfeltigen christlichem 
gebetth luul anruftung gottes des almechtigen, heutt freitag dieße 
stunde kurtz vor sieben uhr auff den abent'}, als ehr den siebenden 



') Auf diese Nachricht dürfte sich die Bemerkung des Kur- 
fürsten in seinem Schreibekalender (Moschkau: Saxonia Jahrgang 1, 
S. 39) stützen; so lautet auch die Nachricht Augusts an den Erz- 



Kleinere Mittheilungon. 309 

paraxismum gehabtt, ein vernnnfftiges christliches nnd seliges ende 
und abschied aus dießer weltt genhonien, und von dem almechtigen 
gott, in die ewige freude und himmelische hohe schule abgefordertt, 
des seien der liebe gott gnedigk sein, yhme und allen christgleubigen 
eine froliche aufferstehuug. wie wir den ghar nicht tzweyveln, vor- 
lejdien w[olle]*) Amen, und habens e. chf. g. in underthenikeit und 
eyll nicht bergenn sollenn, mit underthenigster bitt e. chf. g. weiten 
derselbigen armen schulen alhier, yhr gnedigst befolen sein laßen, 
und unßer gnedigster churfurst und her sein und bleyben. Das 
erkennen wir uns in aller underthenikeitt zuvordienen schuldig und 
irautzw^illigk. Datum AVittenberg freitagk den 19. Aprilis anno etc. LX'ca. 

E. eh. g. 

underthenigste 

gehorsame 

gantzwillige 

Rector magistri und doctores 

E. chf. g. universitet Wittenberg. 

Arn Dienstag-, den 29. April 1560 (ebenda Bl. 20 flg.) 
berichten dieselben Universitätsmitglieder über die Bei- 
setzung der Leiche Melanchthons an den Kurfürsten Au- 
gust u.a.: 

„Das wir seinen corper, alls ehr inu einen zienernen sargk ge- 
legett, ahn nehstverschienenen sontagk umb zwey uhr nach mittagk 
mitt gewolinlichen christlichen gesengen iiin die pfabrrkirche tragen, 
und inn dem chor deß orths, da er zur zeitt der Ordination pfiegett 
zuknien und zubethon , sezen lasen , und hatt der ehrwirdige und 
hochgelarte herr pfarrer doctor Paulus Eberus eine leichpredigt ge- 
than'j, nach derselbigen ist der corper inn E. c. f. g. Schloßkirche 
durch die universitet und burgerschafft, auch ettlichen von adell, so 
von landtt herein kommen, mitt groser traurikeitt, wehklagen und 
weinen beleidt und getragen, und als daselbst der hochgelarte und 
achtbare doctor Vitus Winsheimus ein wolgestallt latinam orationem 
funebrem gehalten, ist der corper auff der andern selten kegen deß 
ehrwirdigen und hochgelarten, unsers auch lieben herrn vaters und 
preceptors , doctoris Martini Lutberi seligen begebnuß über neben 
der grosen kirchenthuer, uff die lincke haiultt, unter und kegen den 
chor zur erden bestatt und begraben worden". 



2. Die Bouvroy-Medaille 
auf die Tertheidiguiig \on Oudenarde im Jalirc 1814. 

Mitgetheilt von P. E. Kichter. 

Im Mcssagcr des sciences historiques, Annce 1883 
(p. 417 flg.), veröß'entlieht E. Varenbergh über einen 

herzog von Österreich, Maximilian, und an den Pfalzgrafen Wolfgang, 
sowie an den Landgrafen zu Hessen vom 21. April 15G0 (augez. 
Akten Bl. 10, 12, U). 

^) An dieser Stelle befindet sich ein Loch. 

*) Zur Feier hatte der Yizerektor, Melanchthons treuer Schüler, 
Georg Major eingeladen. (Allg. deutsche Biographie s. v. Melanchthon). 



310 Kleinere Mittheilungen. 

tapfern säclisisclien Offizier einen Aufsatz, dessen Inhalt 
wohl werth ist in weiteren und besonders sächsischen 
Kreisen bekannt zu Averden. Im Februar 1814 hatte in 
Belgien die französische Herrschaft aufgehört, ira De- 
partement l'Escaut wurde provisorisch der französische 
Praefect Desmousseaux durch den Intendanten Grafen 
d'Hane de Steenhuyse ersetzt. Aus Rache griffen die 
Franzosen am 5. März Oudenarde und am 31. März das 
erst am 17. Februar verlassene Tournai an. Von beiden 
Orten wurden sie zurückgeschlagen, und zwar von Oude- 
narde durch die Umsicht des sächsischen Artillerie- 
Kapitäns Karl Heinrich von ßouvroy. Nun hatte die 
Verwaltung der Stadt Tournai dem dortigen Artillerie- 
Kommandanten zu Ehren eine Erinnerungsmedaille schlagen 
lassen, und in unserm ßouvroy regte sich der Wunsch, 
gleichfalls ein Andenken an seine Wirksamkeit zu er- 
halten. Er schrieb daher an die Verwaltung von Oude- 
narde folgenden mit den Zeichnungen der ihm daraufhin 
gewidmeten Medaille im Provinzialarchiv des östlichen 
Flanderns aufbewahrten Brief: 
Herr Maire, 

Ich habe die Ehre ihnen hierdurch von meinen jetzigen Auf- 
enthalt zu benachrichtigen, indem ich glaube, Ihren Wünschen damit 
zuvor zu kommen. 

Ich habe nehmlich in Erfahrung gebracht das die Stadt Tournay 
dem Artillerie Commandanten, für die Verteitigung am .Slten Märtz 
eine Medaille zum Beweis Ihrer Achtung und zum Andenken dieses 
Tages ertheilt hat. 

Indem ich nun die feste Überzeugung habe, das Audenarde ge- 
wiss gleiche Gesinnungen gegen mich, den Artillerie Commandanten 
hegt, welcher am öteu Märtz die Stadt vertheitigte, so säume ich 
nicht, Ihnen durch dieses Schreiben zu beweisen, wie wehrt mir 
Ihr Andenken ist. 

Obschon mir es sehr schmeigelhaft bleibt, von den Comman- 
danden königl. Preusischen Oberst Hove, wegen dieser Vertheitigung 
am 5teu Martz an Seiner Kussisch Kaiserlichen Majestät empfohlen 
und von Seiner Durchlaucht dem Herrn Herzog von Weimar im 
Bulletin der Zeitung, nahmentlich gerühmt worden zu seyn, so 
bleibt mir dennoch das schönste Andenken, die Achtung mit welcher 
die Einwohner Audenardens von meiner Artillerie gesprochen haben. 
Weit entfernt mir die ehrenvolle Vertheitigung zuzuschreiben, so 
bin ich doch fest überzeugt, dass ohne die Geschicklichkeit, Uner- 
schrockenheit und Ausdauer meiner Artilleristen, die Stadt ein Opfer 
des Feindes geworden wäre. 

Das Blut vieler meiner braven Artilleristen was an diesen Tage 
für Audenarde floss. heiligt sein Andenken, und die Achtung seiner 
Einwohner für uns, machen ihm unvergesslich. 

Nehmen sie daher meine Aufrichtigkeit als einen Beweis meiner 
Achtung, welche ich gegen die braven Einwohner Audenardens hege, 
indem ich ihr Andenken so werth halte. 



Kleinere Mittheilungen. 311 

Ich hoffe nicht dass sie meinen Schreiben eine falsche Deutung 
geben werden, Sie wurden sonst meine Gesinnungen verkennen. Mit 
dieser Versicherung, habe ich die Ehre zu seyn, 

Carl Heinrich de Rouvroy, 
Königl. Sächsischer Artillerie Capitaine 
bei den 3*'^'" Deutschen Armee Corps, 
Hauptquartier unter commando des Herzogs von Weimar. 

Acken bey Cöln am Rhein, 
den 26te" May 1814. 

So eben ist" die Erlaubniss ergangen, diese Medaille tragen zu 
dürfen. 

Da dieser Brief an Deutlichkeit nichts zu wünschen 
übrig- Hess , so bewilligte der Intendant des Departement 
l'Esca'-it am 17. August der Verwaltung- von Oudenarde 
auf ihre Anfrage dem Capitän von Kouvroy eine Medaille 
zu widmen. Der Werth derselben war auf 40 Francs 
festgesetzt. Sie zeigte auf dem Avers fast das noch jetzt 
gebräuchliclie Siegelbild der Stadt Oudenarde, nehmlich 
das von zwei wilden Männern gehaltene Wappen der 
Stadt, unter welches die Worte gesetzt waren: „La Ville 
d'Audenarde Reconnaissante", und auf dem Revers: „A 
Monsieur Charles Henry De Rouvroi, Capitaine Comman- 
dant des Cannonniers des troupes Saxonnes, pour la bra- 
voure dans la Defense de la Ville lors du bom bar dement 
du Cinq mars 1814''. — Es ist gänzlich unbekannt, aus 
WL'lchem Metall die Medaille hergestellt war, sollten aber 
bei den bewilligten 40 Francs sämtliche Herstellungs- 
kosten inbegriffen gewesen sein, so ist wohl anzunehmen, 
dass das Metall gerade kein kostbares, die Inschrift des 
Revers auch nur graviert und nicht geprägt gcAvesen ist. 
Ebenso unbekannt ist der Verbleib des Stückes. Falls der 
Modulus der der obengenannten Zeichnung gewesen sein 
sollte, dürfte der Diu-chraesser etwa 3*2 cm betragen 
haben. 

3. Kunst^eschichtliclie Notizen. 

Mitgetheilt von Theodor Distel. 
Der Rathhausbau zu Leipzig 1555. 

Einem beim K. S. Hauptstaatsarchive befindlichen 
Konzepte (Copial 271, Bl. 81b) d. d. Dresden, 17. _ De- 
zember 1555, entnehme ich Folgendes: Der Rath zu Leipzig 
war „aus dringender Noth verursacht" worden , sein 
Rathhaus „zu bauen und bessern zu lassen", auch zu 
Verhütung grosser Feuersgefahr ein Röhrwasser in die 
Stadt zu füln-cn. Kurfürst August genehmigte das Ge- 
such des Rathes um Lieferung von Bauholz dazu und be- 



312 Kleinere Mittheilungen. 

fahl dem Amtmann und Schösser zu Dübcn, sowie dem 
Förster zu Weidenhain, dem Rathe vier Schock Stamm-, 
Balken- und Sparrenhölzer, 30 Ellen lang, und drei Schock 
Stämme Röhrenhölzer, alles aus der Düben'schen Haide, 
da er aus. anderen seiner Wälder die Hölzer ohne Ver- 
ödung derselben nicht nehmen könne, unentgeltlich zu 
verabfolgen. Über die Erbauung des Rathhauses selbst 
vergl. auch Vogels Annalen der Stadt Leipzig S. 202, 
und Wustmann, Hieron. Lotter S. 30. 

Zur Geschichte der Orojel in der Stadtkirche 

zu Pirna. 
In der von Dr. R. Steche bearbeiteten „Beschreibenden 
Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des 
Königreichs Sachsen" heisst es (I, 69), dass die Orgel in 
der Kirche zu Pirna durch Kurfürst Moritz aus Mühlberg 
an der Elbe hierher versetzt worden sein soll. Diese 
Schenkung ist jedoch nicht von Moritz, sondern erst von 
seinem Bruder und Nachfolger, Kurfürst August, gemacht 
worden. Unterm 16. Oktober 1555 erliess derselbe näm- 
lich an den Klosterverwalter zu Mühlberg folgenden Be- 
fehl (K. S. Hauptstaatsarchiv Cop. 271, Bl. 42 b): 

L[ieber] g[etreuer]. Weichermassen die verordneten visitatores 
des meissnischen unnd gebirgischen kreisses den rath unnd gemaine 
zu Pirnaw einer orgell halben, die noch im closter zu Mülberg sein 
soll, verschrieben und bei unß verbethen, wirdest du auß inver- 
schlossener*) irer vorschritft vernehmen, weill dann die orgell zu 
Mülberg nit gebraucht wirdet und wohl zu vermuethen, das sie in 
die lenge nit zunehmen oder besser werden mochte, so haben wir 
dem rathe zu Pirna dieselbig auß gnaden geschenckt. Begeren 
deshalben wann sie bei dir darumb ansuchen werden, du wollest inen 
die orgell mit aller irer zubehorung unwaigerlich volgen laßen .... 

Unterm 4. August 1578 bewilligte derselbe Kurfürst 
hundert silberne Schock zur Erbauung einer Orgel in der 
dasigen Kirche. (Ebenda Cop. 439, Bl. 133). 

Eine kostbare Arbeit des Goldschmiedes zu 
Dresden, Hans Dirr*). 

In den Kammersachen des K. S. Hauptstaatsarchivs 
von 1595 (IV. Th., Loc. 7303 Bl. 125 [498] flg.) wird von 
einer Arbeit des Dresdener Goldschmiedes, Hans Dirr, 
gehandelt, über welche wir nachstehend Näheres berichten 

*) Dieselbe liegt nicht mehr dabei. 
*) So schreibt er sich selbst. 



Kleinere Mittheilungeu. 313 

wollen. Unterm 28. August genannten Jahres schreibt 
Dirr an den Administrator des Landes, Friedrich Wilhelm, 
dass er auf Befehl des (am 25. September 1590 ver- 
storbenen Kurfürsten Christian I. ein goldenes Halsband, 
„darein perlen und edelgestein vorsetzet, so vor s. cluirf. 
g. geliebte gemahlin") . . . zum heiligen christ anno 1591 
vormeihnet" verfertigt und dasselbe rechtzeitig an die 
Kammerräthe abgeliefert habe. Bisher, schreibt Dirr, 
habe er nur 605 Gulden 13. Gr. 2 Pf. dafür empfangen, 
es verbleibe jedoch noch ein Rest von 285 Gulden 7 Gr. 
10 Pf. Bei dem Schreiben liegt eine genaue Beschieibung 
des Halsbandes, zu welchem sieben Stein-, acht Perlen- 
stücke, ein Mittelstück, „daran ein gross angehengtes 
clainot mit denn chursch wertern und rautenkrantz, item 
die vier jharszeitenn possiret". In das Halsband waren 
nun versetzt 94') Smaragden: 53 Stück ins Mittelstück, 
nämlich ein grosser in die Mitte, um diesen befand sich 
der Rautenkranz mit 28 kleinen Smaragden und zu den 
Rautenblättern kamen 24 deriileichen; 7 o-rosse Stück in 
die sieben Steinstücke; 32 Stück zu den acht Perlen- 
stücken; 1 grosses orientalisches Stück „von dreyen stucken 
zusammen geschnitten und vorsetzt zum haubtsteine ;" endlich 
1 grosses „ablenglchtes" Stück für das Kleinod in der Mitte. 
An Rubinen kamen 63 Stücke in das Halsband: 16, 
darunter 2 grosse , ins Mittelstück , 14 in die sieben 
Steinstücke, 33, darunter 7 grosse, in das Kleinod. 
Diamanten wurden 63 Stück dazu verwendet: 2 grosse 
Tafeln ins Mittelstück, 14 in die sieben Steinstücke, 
47 in das Kleinod, „darunter eine grosse Demant rautenn". 
Perlen werden neun genannt, nämlich: 8 „knobperlen" in 
die acht Perlenstücke, 1 „hengperle" an das Kleinod. 
Das ganze Halsband hatte mit dem Kleinod ein Gewicht 
von 376 Kronen 2 Ort. An Macherlohn berechnet Dirr 
891 Gulden (150 Gldn. für das grosse Kleinod, 100 Gldn. 
für das Mittelstück, 315 Gldn. für die sieben Steinstücke, 
320 Gldn. für die acht Perlenstücke, 6 Gldn. für das zu 
Nürnberg erfolgte Schneiden der Smaragde und Rubinen 
zu dem Rautenkranz und den Schwertern im INIittelstück). 
Zu dem Halsbande hatte der Goldschmied 138 Kronen 
„an ein alten güldenen halßbandt und creutzclainot", 
sowie 346 Kronen 2^2 Ort, „so zeenwcis gegossenn", im 

•) Sophia, Tochter des Kurfürsten Johann Georg von Branden- 
burg. 

') Die Dirr'sche Addition giebt 96 Stück an. 



314 Kleinere Mittheilungen. 

Gewichte von 4 IMark 15 Lotli 1 Quent erhalten. Ins- 
gesamt iiatte Dirr an Gold übrig behalten und an Münze 
empfangen die bereits oben erwähnte Summe von 605 Gldn. 
13 Gr. 2 Pf. Der kurfürstliche Kammerraeister, Gregor Un- 
wirdt, meldet am 31. Oktober 1545 (ebenda Bl. 126 und 
130, bezw. 498) dem Administrator, dass das Halsband durch 
Hieronymus Kramer auf 768 Gldn, 12 Gr., durch Abraham 
Schwedler *) aber nur auf 748 Gldn. 12 Gr. gewiirdert 
worden sei, während Urban Sclmeweis*) den Werth des- 
selben auf 800 Gulden angegeben habe. Dirr bemerkt 
zu diesen Taxationen, dass er bei Tag und bei Nacht an 
dem Halsbande gearbeitet und durch Haltung von Ge- 
sellen grosse Unkosten gehabt habe, lässt sich jedoch 
schliesslich einen Abzug von 70 Gulden gefallen. — Die 
Nachforschungen nach dem Verbleib des Halsbandes sind 
leider vergeblich geblieben. 

Hans Dirr (auch der Jüngere genannt) ist mir noch 
einige Male in den Akten des K. S. Hauptstaatsarchivs 
begegnet. 1575 erhielt er 50 Gldgr. für einen Magnet- 
stein (Cop. 407 Bl. 95) und 1602 bekam er Bezahlung 
für eine Menge Waffen, welche er mit Silber beschlagen 
liatte^). Den Namen Dirr (Dürr, Dürre, Dhürr, Dühre, 
Dorer) finde ich im Hauptstaatsarchive noch öfters (von 
1605-1640) erwähnt, einen Georg, Hofmaler (vergl. meine 
Mittheilungen in der Zeitschrift für Museologie etc. 1883, 
No. 16 S. 123 Anm. 3), ferner einen Christian, welcher 
auch Goldschmied war (1616)^'^); Nagler (HI, 553 f. führt 
zwei Kupferstecher Johann (1625 — 1670) und C. L. (um 
1664 zu Danzig) und einen Medailleur Ernst Caspar (um 
1680 zu Dresden) an. 

Beihilfe zum Bau des alten Kreuzthurmes 
in Dresden 1583. 

1579 imternahm man die Erhöhung des Kreuzthurmes 
in Dresden. Das Muster dazu hatte der Bildhauer Hans 



*) Über die Goldschmiede Schwedler und Schneeweiss enthält 
das K'. S. Hauptstaatsarchiv ebenfalls Nachrichten. Vergl. auch [0-Byrn] 
Die Hofsilberkamraer etc. (1880) 28, 33 u. 5tj — auch über Schnee- 
weiss Gebr. Erbstein, Das Kgl. Grüne Gewölbe zu Dresden (1881), 87 
No. 129/130, 134 z. Anf. Auch ein Maler Jonas Schneeweiss wird 
1620 erwähnt (Dresdner Rathsarchiv CXXIV, 215 s Bl. 1) und ein 
Goldschmied Christian 1642 (Hauptstaatsarchiv: Loc. 9838, die Gold- 
schmiedsinnung etc. Bl. 10). 

») Wochenzettel 1601 — 1G03, Loc. 7339, Bl. 164 b, 287 b flg., 
Bl. 4 b, 25 a u. b, 33 b, 89. '») Vol. I, Loc. 8085, Bl. 27. 



Kleinere Mittlieiluiigen. 315 

Waltlier gegeben und soll der Kurfürst August 2000 Gldn. 
dazu beigesteuert haben. Xälieres über den Bau giebt 
Lindau (Dresden, 2. Aufl., S. 347, vergl. aucb die Ab- 
bildung der Kirche ebenda zwischen S. 6623, auch 
S. 446 u. 663). Die kurfürstliche Beihilfe erbat sich der 
Rath zu Dresden unterm 3. April 15S3 (K. S. llaupt- 
staatsarchiv: Graf ChristofFs zu Mannsfeld etc. Loc. 9668), 
indem er schreibt, dass er „daß wichtigen grossen ge- 
bendes am heiligen creutzthurmb, so tzu sonderlicher Imu- 
churf. gn. stadt und vhestungs zierde, vornemblich ge- 
meint", mit grossen Unkosten „soweit gebracht" habe, 
„das es alleine vor regen und ungewitter initt dem kupper 
vorwahret und bedecket werden solP. Er fügt hinzu, 
dass sie „an der einen kleinen spitzen albereit entpfunden" 
hätten, dass die Sache vieles Geld erfordere. Die Bitte 
des Rathes geht nun dahin, der Kurfürst möge von der 
zu entrichtenden Strafsunune des Grafen Christojih zu 
Mansfeld einen Theil zum Thurmbau abtreten, auch die 
Söhne des verstorbenen Grafen Hans Georg zu Mansfeld 
hätten bereits einhundert Centner Kupfer „tzu vorferttigung 
offterwehnttes thurmbs" zu liefern versprochen, liege doch 
ihr Vater in der Kirche begraben. Diese hundert Centner 
erbittet der Rath nun einstweilen ebenfalls vom Kurfürsten, 
da das Gebäude schon den ganzen verflossenen Winter 
über unbedacht gestanden habe. 



Literatur. 



Verfassungsg-escliichte der Stadt Dresden. Von Dr. Otto Richter, 

Archivar und Bibliothekar der Stadt Dresden. Herausgegeben im 
Auftrage des Ratbes zu Dresden. (A. u. d. T. : Verfassuncrs- und 
Verwaltungsgeschichte der Stadt Dresden. Von Dr. Otto Richter. 
1. Bd.) Dresden, Wilhelm Baensch. 1885. XII, 450 SS. 8». 

Bei der Abfassung einer jeden Stadtchronik ist es stets nicht so- 
wohl die äussere Geschichte der Stadt, sondern die ihrer inneren Ent- 
wicklung, zumal ihrer im Laufe der Zeiten vielfach wechselnden Ver- 
■ fassung und Verwaltung, was dem Verfasser die meisten Schwierig- 
keiten bereitet. Für die äussere Geschichte bieten selbst in ältester 
Zeit fast immer einzelne Urkunden oder sonst hinlänglich beglaubigte 
Nachrichten feste Anhaltspunkte; die innere dagegen muss aus un- 
zähligen, meist nur zufällig in den Stadt- und Gerichtsbüchern, in 
den städtischen Rechnungen, Schossregistern und sonstigen Auf- 
zeichnungen aller Art vorkommenden Einzeliiotizen mühsam er- 
mittelt werden , und nur von Zeit zu Zeit konstatieren einzelne, 
meist durch vorangegangene Streitigkeiten veranlasste Urkunden 
der Landesherren den jemaligen Zustand der innerhalb der Stadt 
bestehenden Verhältnisse. Je grösser die Mühe, desto verdienst- 
licher ist aber auch eine Arbeit, welche, wie die vorliegende, sich 
lediglich die Ermittelung dieser inneren Verhältnisse der Stadt 
Dresden im Laufe der verschiedenen Jahrhunderte zum Vorwurf 
nimmt und in wahrhaft mustergiltiger Weise die allmählige Ent- 
wickelung der jetzigen Haupt- und Residenzstadt sowohl nach ihrer 
räumlichen Ausdehnung, als nach den wechselnden Zuständen des 
Stadtregiments und der gesamten Bürgerschaft klar legt. Nur ein 
so eifriger und arbeitsfreudiger, historisch wohlgeschulter und zu- 
gleich in der einschlagenden Literatur bewanderter Stadtarchivar, 
wie der Verfasser es ist, konnte an diese gewaltige Arbeit gehen; 
nun darf er selbst, wie die Stadt Dresden, in deren Aultrage er sie 
unternommen, sich des gelungenen Werkes freuen. 

Den allenthalben urkundlich wohlbegründeten Ausführungen 
des Verfassers zufolge führten ursprünglich wendische Ansiedlungen 
sowohl auf dem rechten, als auf dem linken Ufer der Elbe und 
zwar dicht am Flusse, den Namen „Dresdene", d. h. Waldbewohner. 
Als dieselben christianisiert worden waren, bildete die auf dem linken 
Ufer gelegene Frauenkirche das beiden Dörfern gemeinsame Gottes- 
haus. Da wurde Anfang des 13. Jahrhunderts (vor 1216), jedenfalls 
von dem damaligen Landesherrn, auf eben diesem linken Ufer, aber 



Literatur. 317 

ausserhalb des Überschweimnungsgebietes des Flusses, zwischen einer 
Reihe dort befindlicher Seen nach deutscher Art eine neue, städtische 
Ansiedluug gegründet und für dieselbe ein stattlicher Marktplatz 
und ein von diesem ausgehendes rechtwinkeliges Strassennetz ab- 
gesteckt. So entstand die Stadt Dresden. Im Gegensatz zu ihr 
wurden nun, wie dies auch anderswo bei ähnlichen Städtegründungen 
üblich war, die beiden gleichnamigen Dörfer dies- und jenseits des 
Flusses als „Aldendresden" bezeichnet. Die Frauenkirche, ursprüng- 
lich das Gotteshaus auch für die junge Stadt, stand anfangs noch 
ausserhalb der Stadtmauern. Erst 1519 wurde alles Vorstacitgebiet 
zwischen der (zuerst 1287 erwähnten) steinernen Eibbrücke und dem 
damaligen Frauenthore, somit auch die Frauenkirche und das Dorf 
Aldendresden links der Elbe mit der Stadt verbunden und nun 
ebenfalls mit Wall und Graben umgeben. Diesen neu hinzugefügten 
Stadttheil nannte man die „Neustadt", und noch heute führt hier- 
von der ,. Neumarkt" seinen Namen. Seitdem hiess nur noch das 
Dresden jenseits des Flusses „Aldendresden". Dies ehemalige 
Dorf hatte inzwischen 140.3 ebenfalls eigenes Stadtrecht erhalten, 
wurde aber 1549 aus militärischen Befestigungsgründen dem übrigen 
Dresden einverleibt und, als es nach einem grossen Brande (1(385) 
neu aufgebaut worden war, nun „Neustadt-Dresden" genannt. 

Ist es schon eine verdienstliche Arbeit, in dieser Weise die 
Entstehungsgeschichte von Dresden endgiltig festgestellt und im 
Anschluss hieran die verschiedenen Thore, Pförtchen, Thürme, die 
einzelnen Gassen und Gässchen mit ihren vielfach wechselnden Be- 
nennungen, sowie die sich immer weiter ausbreitenden Vorstädte nach- 
gewiesen zu haben, so gestaltet sich noch allgemein interessanter 
der zweite Hauptabschnitt des Buches über ,.dic Stadtobrigkeit". 
Die oberste Verwaltungs- wie Gerichtsgewalt in der neuen landes- 
herrlichen Stadt übte ursprünglich ein landesherrlicher Beamter, 
vülicus oder judex genannt. Bei seiner Amtsverwaltung stand ihm 
zur Seite ein aus der Bürgerschaft ernanntes Kollegium, von welchem 
die einen Mitglieder (jurati) vorzugsweise als Beisitzer im Gericht, 
d. h. als Schötien, zu fungieren, die übrigen (consules) aber lediglich 
die verschiedenartigen Verwaltungsgeschälte zu besorgen hatten. 
Seit 1292 nun erscheint als Haupt und Spitze dieses städtischen 
Gesamtkollegiums auch ein Bürgermeister (magister civiumj^ während 
bei den Gerichtsverhandlungen nach wie vor der markgräfliche 
Richter den Vorsitz führte, die Stadtschöffen aber „das Urtheil 
fanden". Die Anzahl der Schöffen betrug 7 , die der Rathmanne, 
den Bürgermeister eingeschlossen, ursprünglich 12, die des Ge- 
samtkollegiums also 19; später jedoch (1399 — 1469) belief sich die 
Zahl aller llathsgenossen, Bürgermeister und Schöffen eingeschlossen, 
nur auf 12. Erst 1412 wurde vom Markgraf die niedere, endlich 
1484 auch die obere Gerichtsbarkeit „über Hals und Hund" samt 
den daraus Hiessenden Sportein dem Rathe überlassen; seitdem 
trat an die Stelle des markgräflichen Richters ein vom Rathe be- 
soldeter „Stadtrichter". Der Rath ward zwar alljährlich erneuert; 
aber Wiederwahl der meisten galt als Regel, und auch die nicht 
wieder in den „regierenden" oder „sitzenden" Rath übergegangenen 
Rathsherren des vorigen Jahres wurden, als „ruhender Rath" oder 
[Raths-j „Aeltesten", vielfach zu den lautenden Geschäften zuge- 
zogen. Das Amt der Rathsherren war ein Ehrenamt, ursprünglich 
ohne jede Besoldung; daher durfte ihre Zeit und Kraft nicht un- 
unterbrochen in Anspruch genommen werden. Die Wahl derselben 



318 Litevatuf. 

erfolgte übrigens in früherer Zeit „niemals" durch die Bürgerschaft 
oder die Stadtgenieinde selbst, sondern jedesmal durch den regieren- 
den Rath kurz vor seinem Abgange, so dass sich dieser also seine 
Amtsnachfolger selbst bestimmte, beziehentlich zum grossen Theil 
selbst in den Rath des nächsten Jahres übertrat. Die Liste der 
neuen ßathsherren musste vom Markgrafen erst bestätigt werden. 
Gewählt nun wurde der Rath ursprünglich nur aus „den vornehmeren 
Bürgern" (potiorcs cives), d. h. den reicheren Kaufleuten, besonders 
den „Üewandschneidern" (Tuchhändlern) und den wohlhabenden 
Ackerbürgern. Da suchten denn, besonders im Laufe des 15. Jahr- 
hunderts, wie dies damals in allen grösseren Städten geschah, auch 
die Handwerker und die sonstige ärmere Stadtgemeinde einen stetigen 
Antheil an der Stadtverwaltung, vor allem eine berechtigte Stim'me 
bei den Steuererhebungen und der Verwendung des städtischen Ver- 
mögens sich zu verschaüeu. Auch in Dresden, wie anderwärts, standen 
an der Spitze der mit dem Gebahren des Käthes oftmals unzu- 
friedenen Bürgerschaft die Tuchmacher oder Wollenweber, als das 
durch ihre Anzahl und ihr den Gesamtwohlstand der Stadt förderndes 
Gewerbe damals wichtigste Handwerk. Sie durften ursprünglich 
ihre selbstgefertigtcn Tuche nicht auch selbst nach der Elle ver- 
schneiden, sondern mussten dieselben im ganzen Stück an die Ge- 
\\-andschneider verkaufen, und diese nun zogen den bedeutenderen 
Gewinn sowohl aus dem Einzelverkauf nach der Elle, als aus dem 
en-gros Handel. Über das Ankämpfen der Tuchmacher gegen dies 
Monopol der reichen Tucbhändler giebt es, wie es scheint, in Dresden 
weniger ausführliche Nachrichten, als z. B. in den oberlausitzischen 
Sechsstädten. Der Ausgang der Kämpfe aber war hier wie dort 
derselbe; der Rath schützte zwar zunächst die reichen Tuchhändler, 
die zum grossen Theil seihst im Rathe sassen, bei ihren hergebrachten 
Vorrechten, aber der Landesherr gestand auf wiederholte Be- 
schwerden endlich 1368 den Tuchmachern zu, dass sie ihre selbst- 
gefertigten Tuche von allen Farben (nur bunte und gestreifte aus- 
genommen) künftig auch selbst verschneiden durften. Auch darüber 
fehlt es an speziellerer Kunde, wie seit Anfang des 15. Jahrhunderts 
die Zünfte und die übrige Gemeinde das Recht erlangten, dass der 
Rath mindestens bei allen Vermögensangelegenheiten der Stadt 
nicht nur „die Aeltesten", d. h. die früheren Rathsherren, befragen, 
sondern auch „den Handwerken und Gemeinde" vorher Mittheilung 
machen und deren Zustimmung einholen musste. Aber fast das 
ganze Jahrhundert hindurch gehen die Erwähnungen von Wider- 
setzlichkeiten der Zünfte gegen den Rath und von Mahnungen der 
Landesherren, dem Rathe Gehorsam zu leisten. Die neue durch 
den Landesherrn vermittelte Rathsordnung von 1470 erledigte end- 
lich mindestens einen Theil der bisherigen, wohl nicht unberechtigten 
Beschwerden. Ihr zufolge sollte aus den Rathsherren des jetzigen 
und der beiden nächsten Jahre ein Rathskollegium von 26 Personen 
gebildet werden, welche, sämtlich auf Lebenszeit gewählt, sich der- 
gestalt ablösen sollten, dass jedes Jahr aus dem bisherigen Käthe 
(nur) zwei Mitglieder in den neuen übertreten und neben diesen 
von den „ruhenden" Rathsherren acht in den „regierenden" Rath 
eintreten sollten, so dass also für die je 10 Rathsherren ein drei- 
jähriger Turnus entstand. Dem entsprechend sollten auch die drei 
Bürgermeister und die drei Stadtrichter, ebenfalls auf Lebenszeit 
gewählt, einander ablösen. In diese „Räthe" waren jetzt bereits 
auch Handwerker aufgenommen worden; eine landesherrliche Ver- 



Literatur. 319 

ordmnig von U71 bestimmte, dass unter den zehn jedesmal den 
regierenden Rath bildenden Personen sich niemals mehr als zwei 
Handwerker befinden durften. 

Aus Rt'uksicht auf den uns zugemessenen Raum müssen wir 
hier unser Referat abbrechen und können nur noch kurz verweisen 
auf die besonders interessanten Kapitel über den Geschältskrei? und 
die Geschäftsordnung des Rathes, über die verschiedenen Yerwaltungs- 
ämter (das Kammer-, Zins-, Bau-, Salz-, Pfannen-, Brücken-, Ma- 
ternihospital-Amt), in welche nacii und nach die Geschäftsführung 
getheilt, und welche von den einzelnen Rathsherren übernommen 
wurden, ferner über Stadtschreiber und Syndikus, über Kanzlei und 
Vollzugsbeanite, über das Rathhaus und die verschiedenen Zwecke, 
denen dasselbe diente, über die Stadtgemeinde, die Anzahl der 
Häuser und der Einwohner, die Juden und deren Stellung, sowie 
ihre oft traurigen Schicksale, endlich über die Stellung der Stadt 
zum Landesherrn und die demselben zu leistenden Steuern und 
Kriegsdienste. 

Der fast überreiche Stoff', wohlgeordnet und gegliedert, überall 
durch urkundliche Belegstellen in den Anmerkungen erwiesen, bietet 
in seiner Gesamtheit ein getreues und vollständiges Bild des städt- 
ischen Lebens nach den verschiedensten Richtungen hin und in 
allen Kreisen der städtischen Bevölkerung, von den Bürgermeistern 
und Rathsherren an bis hinab zum unehrlichen Henker und dessen 
schauerlichen Prozeduren und enthält somit einen werthvollen Bei- 
trag nicht bloss zur lokalen, sondern zur allgemeinen Kulturgeschichte 
der einzelnen Jahrhunderte. 

Dresden. Hermann Knotho. 

Landgraf Philipp von Hessen und die Pack'sclien HüudcL Mit 

archivalischen Beilagen. Von Hilar Scliwarz. Eingeleitet von 
W. Maurenbrecher. (13. Heft der „Historischeu Studien".) Leipzig, 
Veit & Co. 1884. 1G6 SS. 8». 

In Bd. IV S. 160 flg. dieser Zeitschrift hatte Unterzeichneter 
zwei fast gleichzeitig erschienene, den Pack'schen Händeln gewidmete 
historische Arbeiten angezeigt, die Schrift von Stephan Ehses und 
den Aufsatz von ^Yilh. Schoniburgk. Die Schrift des ersteren, 
welche die Tendenz verfolgt, die Schuld an jenen Irrungen, die 
intellektuelle Urheberschaft des gefälschten „Breslauer Bündnisses" 
von Pack selbst auf Landgraf Philipp zu wälzen, hatte wenigstens 
den Erfolg zu verzeichnen gehabt, dass Janssen, der in den früheren 
Auflagen seiner Geschichte des deutschen Volkes die Schuldfrage 
,,noch unentschieden" gelassen, seitdem seine Leser auf die Elises'sche 
Arbeit verweist, um von diesem die Lösung etwaiger Zweifel darüber 
zu empfangen. Nun liegt wieder eine neue Schrift über jene Händel 
vor uns, die gleichfalls einen katholischen Historiker zum Verfasser 
hat — aber sie ist toto coelo von der ihres Vorgängers verschieden. 
Überlegen ist sie der Ehses'schen Schrift nicht allein durch das um- 
fängliche archivalische Material, das in ihr verwerthet ist, sondern 
vor allem durch die methodische Stringenz, mit welcher sii; ihre 
Untersuchungen führt, durch die Unbefangenheit in ihren Urtheilen, 
durch die Sorgfalt, die auch auf die formale Seite, auf Stil und Dar- 
stellung, verwendet worden ist'). Schwarz lenkt mit siegreicher 



aufgefallen. 



') Nur auf S. 84 ist mir die Zwitterbildung „nnkonscqucnt" 



320 Literatur. 

Beweisführung zu der von Ranke begründeten Auffassung der Händel 
zurück, wonach zwar das Bündnis selbst als Fälschung anerkannt*), 
jedoch Landgraf Philipp als bona fide handelnd und von Pack ge- 
täuscht betrachtet wird. Der Beweiskraft der von Schwarz hierfür 
beigebrachten Argumente wird sich kein Leser entziehen können: 
Philipps Verhalten und ähnlich das der Wittenberger Theologen in 
diesem Handel wird begreiflich gemacht durch eine sorgsame und 
möglichst vollständige Zusammenstellung der der Sache der Evan- 
gelischen bedrohlichen Vorgänge im gegnerischen Lager aus den 
Jahren, 1526 — 1528. Nebenbei sei bemerkt, dass der Verfasser durch 
diese Übersicht über die Zeitlage auch für die Entstehung von 
Luthers „Ein feste Burg", die er in Übereinstimmung mit Schneider 
und Knaake in die letzten Wochen des Jahres 1527 setzt, ein hohes 
Mass von Wahrscheinlichkeit zu gewinnen weiss, wenn wir auch 
auf die Anklänge an Ferdinands Religionsedikt vom 20. Aug. 1527, 
die er im Liede zu finden meint, kein sonderliches Gewicht legen 
wollen*). War bisher als dunkelster Punkt in dem Verhalten des 
Landgrafen Philipp die Stellung erschienen, die er bei den Ver- 
handlungen zu Kassel (20. — 24. Juli 1528) eingenommen, so giebt 
Schwarz im 7. Kapitel seiner Arbeit auch hierüber so befriedigende 
Darlegungen, dass es ihm m. E. völlig gelungen ist, den Schatten 
eines Verdachts, der von hier aus auf jenen zu fallen schien, zu 
entfernen. Er weist aktenmässig nach, uass es sich dort nicht um 
ein Gerichtsverfahren gegen Pack handelte, nicht um die Frage, ob 
Philipp ihn an Herzog Georg auszuliefern habe, sondern nur um 
die persönliche Reinigung des Landgrafen seinem Schwieger- 
vater gegenüber von dem Verdacht, ,,er selbst solle das vermeinte 
Bündnis erdichtet haben". Wie hier die vorliegende Untersuchung 
zu einer Rechtfertigung des persönlichen Charakters Philipps sich 
gestaltet, so wird Exkurs H, S. 139 flg. zu einer Vertheidigung 
Luthers gegen die gehässigen Vorwürfe, die ihm Ehses wegen seines 

-) Nebenbei bemerkt eine Thesis, die auch W. Kampschulte 
1856 in seiner Doktordissertation verfochten hat. 

') Neuerdings hat auch Küchenmeister (Das evangel. Glaubens- 
lied: Eine feste Burg. Dresden und Leipzig. 1884) im allgemeinen 
Schneiders Zeitbestimmung adoptiert, dieselbe aber aus Gründen, 
die er der Krankheitsgeschichte Luthers entnahm, genauer auf die 
Tage nach dem 6. Januar 1528 fixieren wollen. Bis zu diesem 
Tage sei, so behauptet er, Luther physisch ausser stände gewesen, 
dann aber sei laut Brief vom 6. Januar (de Wette HI, 256) eine 
Krisis eingetreten, die ihn wieder fähig gemacht habe, sein Helden- 
lied zu schaffen. Dagegen ist kurz zu bemerken, dass der betreffende 
Brief Luthers von einem Leiden erzählt, welches er drei Jahre 
zuvor gehabt hatte (vergl. meine Anmerkung im „Briefwechsel des 
Justus Jonas" L Halle 1884, S. 115), und daher von Küchenmeister irrig 
auf eine in jenen Tagen des Jahres 1528 eingetretene Besserung 
seines Befindens bezogen ist. Ausserdem sehen wir aus den kürz- 
lich von Buchwald aus der Zwickauer Rathsschulbibliotbek bekannt 
gemachten „Ungedruckten Predigten Luthers" 1, 1. S. XXVHI, dass 
Luther in den Monaten November und Dezember 1527 fast ganz 
regelmässig seines Predigtamtes gewartet hat, dass also jene physische 
Depression, welche Küchenmeister zum Ausgangspunkt seiner Be- 
weisführung nimmt, gar nicht vorhanden gewesen ist. Vergl. Bach- 
mann in Zeitschrift für kirchliche Wissenschaft 1885 S. 42 Üg. 



Literatur. 321 

Verhaltens in den Pack'schen Händeln gemacht hat. Besonders 
dankenswerth ist hier die Untersuchung über die Aufeinanderfolge 
der verschiedenen Gutachten , die wir von Luther und Melanchthon 
aus dem Frühjahr 1528 besitzen. Es ist ihm hier gelungen, die 8 
in Betracht kommenden Gutachten, von denen nur zwei datiert sind 
(de Wette UI, 322 u. 323), durch genaue Vergleichung unter einander 
und mit den sonstigen Dokumenten jener Tage in ganz klare und 
einleuchtende Ordnung zu bringen (siehe das Register der Briefe 
auf S. 145): mit Hilfe dieser Feststellung der Daten ist es dann 
ein leichtes, den Vorwurf zu entkräften, den Ehses erhebt, als 
wenn zwischen Luthers dem Hofe vorgelegten Gutachten und seiner 
Privatkorrespondenz, und ferner zwischen Luthers und Melanchthons 
Verhalten in dieser Angelegenheit der schroft'ste Gegensatz bestehe. 
Wenn einer von beiden Reformatoren hierbei in ungünstige Be- 
leuchtung rückt, so ist es gerade Melanchthon, dessen Brief an 
Camerarius (Corp. Ref. I, 984 flg.), wie Schwarz mit Recht her- 
vorhebt, nicht als ungetrübte Wiedergabe desThatbestandes betrachtet 
werden darf. Was an Luthers Verhalten materiell verfehlt war, 
das leitet Schwarz aus der gründlichen Verbitterung desselben gegen 
Herzog Georg ab ; „es soll gewiss nicht der Zweck dieser Unter- 
suchung sein, Luthers Behauptungen und seltsame Schlüsse zu 
retten: aber das allerdings sollte bewiesen werden, dass Luther bei 
seinem Vorgehen von demselben Bewusstsein des Rechtes 
durchdrungen war wie Georg, und dass die im Verlauf des Streites 
immer massloser werdenden Auslassungen beiden Theilen in 
gleicher Weise angehören". — Diese Worte kennzeichnen das Re- 
sultat, zu welchem der Verfasser hier gelangt. Aber sie sind zu- 
gleich Zeugnis dafür, dass in der Beurtheilung des grössten aller 
Gegner Luthers, des Herzogs Georg, hier eine Anschauung geltend 
gemacht wird, welche das nicht allein auf katholischer Seite, sondern 
auch unter protestantischen Theologen wie Historikern nur zu 
leicht idealisierte Bild dieses energischen Fürsten zu korrigieren 
sich bemüht. Darin begegnet sich die Schwarz'sche Arbeit mit der 
gleichzeitig veröffentlichten Studie des Marburger Historikers Walter 
Friedensburg „Zur Vorgeschichte des Gotha -Torgauischen Bünd- 
nisses" (Marburg 1884). Beide Arbeiten, die in voller Unabhängig- 
keit von einander dahin streben, Georgs Verhalten nicht nur den 
evangelischen Regungen im eignen Lande gegenüber, sondern in 
der Gesamtaktion der katholischen Mächte zur Ausrottung 
der Reformation, scharf hervorzuheben, legen uns den Wunsch 
nahe, dass doch die gesamte politische Wirksamkeit dieses Fürsten 
mit Hilfe des reichen archivalischen Materials, das dafür zu Gebote 
steht, zum Gegenstande einer umfassenden Darlegung gemacht werden 
möchte. 

Magdeburg. Kawerau. 

Beschreibende DarsteHung der älteren Bau- und Kunst-Denk- 
mäler des Königreichs Sachsen. Auf Kosten der K. Staats- 
regierung herausgegeben vom K. Sächsischen Alterthnmsverein. 
Viertes Heft : Amtshauptmannschaft Annaberg. Fünftes Heft : Amts- 
hauptmannschaft Marienberg. Bearbeitet von Dr. R. Steche. 
Dresden, in Kommission bei'C. G. Meinhold & Söhne. 1885. 92 
und 36 SS. 8». 

Die verhältnismässig geringere Ausbeute der Amtshauptmann- 

schaften Annaberg und Marienberg hat die Redaktion der „Be- 



21 



Neues Archiv f. 8. G. u. A. VI. 3. 4. 



322 Literatur. 

schreibenden Darstellung" bestimmt, beide in ein Heft zu vereinigen, 
wenn auch jede selbständig behandelt und für sich abgeschlossen. 
Im Übrigen ist die Behandlung des Stoffs und die Ausstattung die- 
selbe wie bei den früheren Heften: die Abbildungen sind von gleicher 
Schönheit, der kunsthistorische Text zeugt von gleicher Gründlich- 
keit. 

Die Bergstadt Annaberg wurde erst 1495 angelegt, weil der 
seit 1492 dort betriebene äusserst lohnende Bergbau eine grosse 
Anzahl von Arbeitern beschäftigte. Unbekannt und unerörtert ist, 
ob der Stadt an dieser Stelle ein Dorf vorausgegangen ist: wahr- 
scheinlich ist dies nicht der Fall und die im Jahre 1498 erbaute 
hölzerne Kirche überhaupt die erste Kirche daselbst gewesen. Es 
darf daher auch nicht Wunder nehmen, dass sich hierorts keine 
älteren Bau- und Kunstdenkmäler befinden: denn das an Stelle 
dieser Holzkirche neu errichtete, noch jetzt vorhandene massive 
Kirchengebäude wurde erst 1499 gegründet, 1513 mit Dach versehen, 
1516 gewölbt, 1524 mit Fenstern versehen und 1525 geweiht. Der 
Bauzeit entspricht der spätgothische, stark zur Kenaissance hin- 
neigende Baustil, welche sich im allgemeinen des ganzen Ober- 
sachsens bemächtigt hatte. Der Bauzeit entspricht ferner das ziem- 
lich vollständige ßekanntsem aller an dem Bauwerk beschäftigt 
gewesenen Künstler und Werkmeister, was wir in der klassischen 
Zeit der romanischen und gothischen Bauperiode so schmerzlich 
vermissen. 

Die in dem Hefte wiedergegebenen Grundrisse, mit Angabe 
der in ihrem Charakter unruhigen, wenn auch reichen Netzgewölbe 
unter den Emporen und in der Kirche sind nach Aufnahmen des 
Prof. F. Arnold gezeichnet. Sie dokumentieren eine grosse Genauig- 
keit und Sorgfalt. Von gleicher Treue erscheinen die übrigen 
Zeichnungen und Details, und wir müssen besonders für die zahl- 
reichen schönen Photographien des inneren Ausbaues, Kanzel und 
Altar, danken, wenn die Gegenstände sich auch unserer Ansicht nach 
durch geschmacklose Auffassung auszeichnen und an sich wenig 
Sympathie erwerben mögen. 

Von erheblichem Werthe erscheinen unter den angeführten 
Gemälden die Tafeln eines kleinen Flügelaltars, die Verkündigung 
Mariae und die Geburt Christi darstellend, wovon äusserst sorgfältige 
Skizzen von Künstlerhand beigebracht sind: sie sind von herrlichem 
Detail und vollendeter Zeichnung, werden aber in der Farbenwirkung 
als etwas kalt geschildert, was vielleicht eine Folge öfteren ohne 
Verständnis ausgeführten Keinigens ist. 

Ganz eigenartig sind die zahlreichen Reliefs, welche zum 
Schmuck der Emporen dienen, zumal diejenigen 20 Reliefs, welche 
die 10 Alter des menschlichen Lebens darstellen und für jedes 
Geschlecht besonders sich auf beiden Seiten der Brüstungen hin- 
ziehen. Ihre Entstehung soll man unter direktem EinÜuss des 
Herzogs Georg annehmen dürfen, der sich lebhaft für die An- 
bringung interessierte. Es mag bei dieser Gelegenheit darauf hin- 
gewiesen werden, dass die später oft angewandte Reihe der 10 
Lebensalter erst im 15. Jahrhundert aufgekommen zu sein scheint; 
die ältesten Zeugnisse dafür finden sich im Liederbuch der Clara 
Hätzlerin und in einem Fastnachtsspiel des Pamphilus Gengenbach, 
dessen ältester Druck von 1500 ist. Vergl. die Bemerkungen von 
Karl Goedeke in seiner Ausgabe des Pamphilus Gengenbach 
(Hannover 1856) S 571 flg. (auch der Annaberger Totentanz wird 



Literatur. 323 

S. 575 besprochen). Auch "Wanders Sprichwörter -Lexikon, Bd. IL 
(1870) Sp. 996 führt einige Beispiele an, namentlich ein gereimtes 
fürs weibliche Geschlecht. Auf einem Pokale von grünem Glase 
vom Jahre 1603, 29 Vs cm hoch, 12'/» cm weit, welcher sich unter 
den Sammlungen des Ratbhauses zu Wernigerode befindet und in 
zwei über einander gestellten Bilderfolgeu ähnliche Darstellungen 



igt, 


lautet die Inschrift: 








10. 


Jar. ein. kindt. 


60. 


Jar. 


gehts alter an. 


20. 


Jar. ein jvngling. 


70. 


Jar. 


ein greys. 


30. 


Jar. ein. man. 


80. 


Jar. 


nimmer weis. 


40. 


Jar. woUgethan. 


90. 


Jar. 


der kinder spodt 


50. 


Jar. stille stan. 


100. 


Jar. 


genadt dir gott. 



Der Knabe erscheint hier auf einem Steckenpferd, eine Wind- 
mühle im Gurt, hinter ihm ein Ziegenböckchen, ein Yogel mit auf- 
gewickelter Schnur (1); — der Jüngling, etwas zu alt dargestellt, 
mit einem wolfähnlichen Hunde, die rechte Hand ausgestreckt, in 
der Linken ein Falke mit Schnur (2); — der Mann mit Degen und 
blaugelber Fahne (Braunschweigs ?), die Hose rotli und weiss ge- 
puift, das Camisol schwarz mit grünen Putten, hinter ihm liegt ein 
fleischfarbener Stier (.3); — ein Ritter in Rüstung und Schwert, 
rothen Strümpfen, Barett mit Federn, hinter ihm ein Löwe (4); — 
ein Mann in Bürgertracht, mit Seitengewehr, am Fusso ein Luchs (5); 
— ein Mann mit Beutel in der Linken, am Fusse hinter ihm ein 
graublaues fuchsälmliches Thier mit einer Taube im Maule (6); — 
ein gebückter Mann, Weiser der Stadt, mit Hund (7) ; — ein Greis 
mit langem Pelzrock, Rosenkranz in der Rechten , Gehstock in der 
Linken, hinter ihm eine Katze (8); — ein Alter auf 2 Krücken, 
hinter ihm ein Esel und rechts ein ihn verspottender Junge (9); — 
ein nackter Greis auf einer Bank mit schwarzer Kappe , eine Gans 
links, der Tod (10). 

Die übrigen Bildhauerarbeiten der Kirche, wohl kaum später 
ausgeführt, als die bereits erwähnten, weil sie noch spät-gothisches 
Ornament und Masswerk von manierierten Formen enthalten, sind 
trotz ihrer Gedankenfülle nur geschmacklos zu nennen. Nur das 
Auferstehungsbild an dem Epitaphium des Job. Unwirth enthält 
einige schön modellierte Figuren, wenn auch von uuhistorischem 
Zusammenhange, da es ein eigenthümlicher Gedanke ist, die vier 
schreibenden Evangelisten im Vordergrunde des auferstehenden 
Christus anzubringen. 

Von den kleineren in Annaberg noch befindlichen Kirchen und 
Profangebäuden ist Erhebliches nicht zu berichten. 

Grosses Interesse erwecken auch in dieser Lieferung die 
schönen Photographien von Dilich'schen Städte-Ansichten, von Anna- 
berg, Buchholz, Khrenfriedersdorf, Eiterlein, Geyer, Oberwiesenthal, 
Schftibenberg, Schiettau, Tluun im IV., und Lauterstein, Lengefi-ld, 
Marienberg, Rauhenstein, Marienl)ail, Wolkenstein und Zublitz im 
V. Hefte, in einer Anzahl von 16 Nummern. Sie verratheu sämtlich 
eine derzeitige Porträt-Ähnlichkeit und nöthigen zum grössten Danke 
für die AViedergabe derselben. 

Einer eingehenderen Berücksichtigung wird das ehemalige Altar- 
bild von IJuchholz unterzogen. Leider ist dasselbe nicht mehr voll- 
ständig und deshalb in einzelnen Stücken in der Kirche vertheilt. 
Die vorzügliche Zeichnung der einzelnen Figuren wird von Steche 
entweder dem L. Schenfl'elin oder M. Wohlgemuth zugeschrieben 

21* 



324 Literatur. 

Von herrlicher Erfindung zeugt das das Christus-Porträt enttaltende 
Yeronica-Bild, welches auf S. 61 dargestellt ist. 

Aus der Nikolaikirche zu Ehrenfriedersdorf ist höchst dankens- 
werther Weise eine grosse Photographie von dem schönen Kelch 
aufgenommen; wenn Steche aber geneigt ist, dessen Herstellung in 
die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts zu verweisen, so widerspricht 
dem theils die bedeutende Höhe von 23 cm, welche zu dieser Zeit ganz 
ungewöhnlich war, theils die hyperbolische Form der Cuppa und 
die steife Ansteigung des Fusses. Wir sind mehr geneigt, die An- 
fertigung des in jeder Beziehung spätgothische Formen zeigenden 
Gefässes in die Mitte des 16. Jahrhunderts zu setzen, wo die allgemein 
eingeführte Spendung des Kelches auch eine weitere Cuppa verlangte. 

Im Übrigen berichtet der Verfasser über eine Menge mittel- 
alterlicher mehr oder weniger erhaltenen Altarschreine, welche aus 
der Zeit von 1480 — 15.30 stammen und daher wohl in derselben Werk- 
statt gefertigt sein werden, Sie sind sämtlich von konventionellen 
Autfassungen, im Geschmack der Zeit. 

Unter den Glocken scheint keine einzige mehr dem 15. Jahr- 
hundert anzugehören. 

Das V. Heft für die Amtshauptmannschaft Marienberg hat eine 
Ausdehnung von nur 35 Seiten erhalten können. Die Hauptstadt 
Marienberg dankt ihre Entstehung, wie Annaberg und Joachims- 
thal, der Einführung segenbringenden Bergbaues, doch ist sie die 
jüngste dieser drei, indem ihre Gründungsurkuude vom 28. April 
1521 datiert. Da bereits 1551 an 500 Wohnstätten errichtet waren, 
so muss ziemlich leichtfertig, d. h. von Fachwerk etc. gebaut worden 
sein, was zu öfteren Feuersbrünsten von grosser Ausdehnung führte. 
Auch die Haupt- und Marien-Kirche war anfänglich von Holz, und 
die massive Erneuerung in grösserer Form erfolgte erst 1548, wie 
es heisst, nach dem Vorbilde der Stadtkirche in Pirna. Im Jahr 1564 
konnte sie der Benutzung übergeben werden, wurde indessen durch 
einen Stadtbrand von 1610 so verwüstet, dass sie fast ganz neu 
wieder aufgeführt werden musste. Der Bau ist ein Gemiscii von 
Gothik und Renaissance, was sich auch auf die Gewölbe im Innern 
erstreckt, während der Thurm nur in Renaissance angesetzt ist. 
Ebenso sind die inneren Ausbauten künstlerisch unbedeutend, wenn 
man auch hier und da bestrebt sein mochte, einen gewissen Luxus 
zu zeigen. Die Geräthe sind meist erst aus dem 17. Jahr- 
hundert. 

Über die Profangebäude der Stadt (das Rathhaus und die Bürger- 
häuser) war nichts Bemerkenswerthes mitzutheilen. Die beiden 
Portale in Photographien sind gelungene Muster für zopfige Archi- 
tekturen, 

Auch die übrigen Ortschaften der Amtshauptmannschaft boten 
wenig Beachtenswerthes. Die Kirchen und deren innerer Ausbau 
sind meist ebenso unbedeutend als die Mehrzahl der Kirchengeräthe. 
Die Schnitzaltäre sind bis auf den in Forchheim aus dem 16. und 17. 
Jahrhundert, die Glocken grösstentheils aus dem 16. bis 18. Jahr- 
hundert, nur 2 in Forchheim (1490 und 91), 2 in Mittelsaida (1463 
und 1497) und 1 in Zöblitz (1476) gehören dem Ende des 15. Jahr- 
hunderts an; der Buchstabe T und die fast gleiche Zeit des Gusses 
lassen vermuthen, dass sie wohl von demselben Meister herrühren, 
der mit gleichem Zeichen ziemlich oft auch in der weiten Umgegend 
von Leipzig vorkommt und Hans Tyme zu sein scheint (vergl. Ütte, 
Glockenkunde, 2. Aufl., S. 219.) 



Literatur. 325 

Ein besonders beraerkenswerther Deckelpokal, der früber in 
Grnntbal (Saigerbütte) war und dann nach Freiberg gelangte, befindet 
sich jetzt im „Grünen Gewölbe" zu Dresden; sein Schmuck bezieht 
sich auf den Segen des Bergbaues. 

Wernigerode. Gustav Sommer. 

LlberCronicornm (Erfordensis) [Cbronicon Tburingicum Viennense]. 
Herausgegeben von Carl "VVenck: Zeitschrift des Vereins lür 
thüringische Geschichte und Alterthumskunde N. F. IV, 185 flg. 
(citiert mit L. C.) '). 

Zur Entstehungsgeschiclite der Reiiihardsbruiiner Historien und 
der Erfurter Peterschronik. Von Carl Wenck: Neues Archiv 
für ältere deutsche Geschichtskunde. X, 97 flg. (citiert mit 
W. X. A.). 

Untersuchung der Chronik des St. Petersklosters zu Erfurt in 
Bezug auf ihre einzelnen Theile und deren geschichtlichen 
Werth. Von Erich Schmidt: Zeitschrift des Vereins für thürin- 
gische Geschichte. N. F. IV, 110 flg. (citiert: S.)- 

C. Wenck's Aufsätze, ebd. II, 221 flg. 416 flg. IV, 187 flg. 279 flg. 
(citiert: MV. Z.). 

Die Fälschung der ältesten Reinhardsbrnnner Urkunden. Von 
Alb. Naude. Berlin, W, Weber. 188.3. 128 SS. 8» (auch in den 
Neuen Mittbeilungen des thüringisch-sächsischen Vereins, XVI. Bd.) 
(citiert: N.) -). 

Kritische Bearbeitung und Darstellung der Oeschichte des 
thüringisch -hessischen Erbfolgekrieges 1247—64. Von Th. 
Ilgen und Rud. Vogel: Zeitscbrift des Vereins für hessische 
Geschichte und Landeskunde. N. F. X. Kassel 1884 (citiert: I.V.). 

Die Anfänge des ersten thüringischen Landgrafengeschlechts. 
Von Arthur (Jross: Ein Beitrag zur tliüringischen Geschichts- 
forschung. (Inaug -Diss.) Göttingen, Vaudenhoeck und Ruprecht. 
1880. 59 SS. 8». (citiert: G.)*). 

Unser chronikalisches Material zur thüringischen Geschichte 
ist kürzlich durch Publikation weiterer Theile des bisher mangelhaft 
bekannten sogenannten Chronicon Thuringicum Viennense *) ver- 



') Frühere Ausgabe von 0. Lorenz in den Geschichtsquellen 
der Provinz Sachsen I (Halle 1870), 197—214. 

*) Die Ortsangaben der Urkunden sind neuerdings behandelt 
von Regel (Petermann's Mittheilungen Ergänzungsheft 76, S. 33 flg.) 
und Werneburg „Namen der Ortscliaften und Wüstungen Thüringens" 
(in den Abhdl. der Erfurter Akademie). 

3) Der Kürze halber citierc ich auch: W. E. = C. Wenck, Die 
Entstehung der Reinhardsbrnnner Geschichtsbücher, Halle 1878. 
St. = E. B. Stübel, Das Chronicon Sampetrinum Erfurtense. Leipziger 
Inaug. Diss. 1867. S. P. — Chronicon Sampetrinum (ed. B. Stübel): 
Gesch. (^u. der Prov. Sachsen I. A. R. = Annales Reinhards- 
brunnenses (ed. Wegele): Thüringische Geschichtsquellen I, Jena 1854. 
M. = Menckenius, Scriptores Rerum Germanicarum, Leipzig 1728. 
Chr. M. = Chronica minor auctore minorita Erphordiensi: Mon. Germ. 
SS. XXIV, 173 ttsr. A. E. = Annales Erpliordenses: ebd. XVL 2(i flg. 

*) Neben der früher allein benutzten Wiener Handschrift zieht 
W. noch eine Leydener und eine Wiesbadener, die beste von den 



326 Literatur. 

mehrt und der eigenthümlicbe Charakter des Geschichtswerkes mm 
deutlicli geworden. Durch interessante, womöglich wunderbare Ge- 
schichten *) wollte der Verfasser das Unterhaltungsbedürfnis kirchlich 
gesinnter Leser ") befriedigen und kompilierte — so sagt er seihst — 
zu diesem Zwecke aus andern Werken, mit souveräner Verachtung 
der Chronologie, wie W. bemerkt, doch nicht ganz ohne Nachdenken 'J. 
Aus eigener Kenntnis scheint er nirgends zu berichten, allerdings 
können wir seine Quellen nicht alle nachweisen. Er legt seinem 
Liber cronicorum sive annalis, wie ihn die beste Handschrift und, 
entsprechend dem kompilatorischen Charakter des Werkes, der 
Herausgeber nennt, Ensehii cronica^ d. h. Ekkehards Weltchronik 
zu Grunde, schiebt Stücke aus einer moralisierenden Bearbeitung 
von Ovids Metamorphosen ein, bringt eine fabelhafte Urgeschichte 
der Franken, Sachsen und Thüringer meist nach Ekkehard*] und 
geht dann auf die thüringische Landgrafengeschichte über, für die 
er hauptsächlich die Reinhardsbrunner Geschichtsbücher excerpiert, 
nicht ohne hie und da mehr als sie zu bieten; die Reichsgeschichte 
lässt er — das hebt W. als charakteristisch hervor — fast syste- 
matisch bei Seite. Gegen das Ende hin nehmen den meisten Raum 
Geschichten ein, welche das Christenthum im Kampfe mit Juden- und 
Heidenthum und Ketzerei zeigen , recht nach dem Geschmacke des 
Predigerordens, dem, wie W. (Z. IV, 197) im Anschluss an Herrmann 
und Lorenz ausführt, der Autor angehört haben dürfte. Das Interesse, 
das derselbe für Erfurt an den Tag legt, auch der Umstand, dass 
zwei Handschriften, die Leydener und die Maihinger, in Erfurt 



dreien, heran; eine Maihinger, eine Breslauer und eine Wolfen- 
büttler (Neues Archiv für ältere deutsche Geschichtskunde X, 435) 
bleiben noch zu untersuchen. 

*i Die Geschichte von Helena ist eingefügt, weil sie dclccta- 
bilis et nota inter mirahilia mundi. Z. IV, 219, 36. 

*) Rath und Erlaubnis der lirelati ist zu der Arbeit eingeholt. 
Z. IV. 250, 29. 

') Wenn der von ihm besonders stark ausgebeutete lib. rer. 
memorabil. Heinrichs von Hervord den Ketzer Amalricus erst zu 
1210 nach Vincenz von Beauvais ruhig sterben, dann zu 1215 nach 
Martin von Troppau den Feuertod erleiden lässt, so beseitigt unser 
Autor, beide Stellen ausschreibend, den Widerspruch und lässt die 
Bemerkung über die Verbrennung weg. 

*) Das Kapitel de ortu Thuringornm stimmt zum Theil (Z. IV, 
224, 1—4. 224, 21—225, 2. 225, 5—14) wörtlich mit Gottfried von 
Viterbo (Mon. Germ. Script. XXII, 300, 33—301, 17) überein. Ebenda 
berührt sich unser Autor eng mit der jüngeren thüringischen Land- 
grafengeschichte Hist(oria) Kcc(ardiana) , von der Eccardus Hist. 
genealog. princip. Sax. 351 flg. nur das Stück seit 1025 gedruckt 
hat: diesem geht in der Jenaer Handschrift, die ich Dank der 
Liberalität der dortigen Bibliotheksverwaltung benutzen darf, die 
Geschichte der Zeit vor 1025 voran, die vielfach mit Martin von 
Troppau und der Chr. M., vielfach auch mit der altern Landgrafen- 
geschichte bei Pistorius-Struve SS. Rer. German. I, 1296 flg. Ver- 
wandtschaft zeigt, übrigens ebenso die Nachrichten durcheinander 
wirft, Duplizitäten und Widersiirüche stehen lässt, wie es in dem 
bereits gedruckten Theil der Fall ist. Ob den drei Urgeschichten eine 
ältere Zusammenstellung zu Grande liegt, wird also zu untersuchen 
sein. 



Literatur. 327 

fresL-lirieben sind, weisen auf diese Stadt als die Heimath der Knni- 
pilatioi). Dass er aus der Erfurter Peterscbrouik so wenig entnahm, 
wird begreitticb, wenn wir mit W. (Z. IV, 196) seine Verweisungen 
auf eine nachfolgende ausführlichere Darstellung auf die Peters- 
chronik beziehen, die in der That zu den bezüglichen Jahren mehr 
bietet als der L. C. uiul , nach jenen Andeutungen zu schliessen, 
mit demselben in einem Baiuie vereinigt wurde. Hinter dem Prolog 
hat die W^iesbadener Handschrift — und gewiss aus dem Original 
— die Worte: Anno domini 1346 hunc libruni inccpi [Z. IV, 194); 
dem gegenüber fällt auf, dass hinter einem Eintrage zu 1270 
(Z. IV, 23.S, 28) eine Thatsache als nostris temporibus geschehen 
berichtet ist, die in S. P. zu 1276') gesetzt wird; sie scheint im 
L. C. einer beträchtlich sjjätern Zeit als 1270 zugewiesen, wie der 
Autorauch dem Jahre 1265 seine Zeit als presens Uminis (Z. IV, 2.32) 
gegenüberstellt. Oder war der Zusatz noatris temjjoribus '") ebenso 
wie die in S. P. fehlenden Worte multo tempore ursprünglich letzterer 
Chronik eigen? 

So sind wir bereits auf die Frage geführt, in welcher Gestalt 
die beiden Hauptwerke der mittelalterlichen Geschichtsschreibung 
Thüringens, die Pieinhardsbrnnner Gescliichtsbücher und die Erfurter 
Peterschronik, dem Autor des L. C. vorlagen. 

Die A. R. weisen bekanntlich viele Stücke auf, die aus Lam- 
berts Annalen, den Chroniken Ekkehards und Gottfrieds von Viterbo, 
den Annales S. Petri Erphesphordenses (1078—1182), aus Chr. M. 
und S. P. stammen. Zuweilen kaum eine Zeile, oft ganze Seiten 
lang, sind diese Stücke, wie W. (N. A. 12.3) nachweist, mit anderem 
Quellenstoff theils so, dass ein Mosaik entstand, verflochten, theils, ohne 
dass Zusammenhang hergestellt ward, eingeschoben, dies wie jenes 
meist unter Festhaltung des wörtlichen Ausdrucks, hie und da unter 
Beifügung von kleinen Zusätzen, besonders von Verwiiisungen. So 
kamen in die A. R. über nicht wenige Ereignisse doppelte Berichte, 
z. B. 234, 20-235, 11. Dass eine so massenhafte Entlehnung fremden 
Stoffes, die in überall gleicher Weise ein vorliegendes Material an 
den verschiedensten Stellen lediglich vervollständigte, damit das 
Buch auch recht viel des WJssenswerthen böte, wird man am natür- 
lichsten als von einem und auf einmal ausgeführt ansehen. Für 
die Beantwortung der Frage, wann sie erfolgt, gewann Wegele den 
terminus ante quem aus der wettinischeu Genealogie, die im Anscbluss 
an eine Ekkehardstelle, also eins jener entlehnten Stücke, bis auf 
Friedrich den Ernsthaften (1.324-1349) geführt wird (A. R. IH, 2); weiter 
stammt die Schlussnachricht der A. R. zu 1338 aus dem Eintrage 
der Peterschronik zu 1837: also wird Ekkehard zwischen 1324 und 
1349, die Peterschronik nach 1337 für die A. R. ausgebeutet, somit 



•) S. 162. Zu 1276 berichtet das Faktum auch der Dresdener 
cod. K. :il6 fol. 155b, auf den W. (N. A. 130) hinweist und den 
nach Schmidt aucli ich Dank der Liberalität der Bibliotheksver- 
waltung benutzen durfte, uiul unmittelbar vor 1276 Erph. Antiq. 
Varil. (M. II, 489); genauer (ob richtiger?) lassen den Krüppel, von 
dem die Rede ist, 1276 geboren sein: Ilist. Ecc. 438, Rothe 445 
und Konrad Stolle f. LXXXlIb der Jenaer Handschrift, die einzu- 
sehen mir gütigst gestattet wurde. 

'») Derselbe Ausdruck S. P. 116. 117. 149. 



328 Literatur. 

überhaupt das fremde Material nach 1337 und spätestens 1349 ein- 
geschaltet sein"). 

Das unten zu erwähnende Leben des h. Ludwig, nach 1314 
geschrieben , zeigt das Reinhardsbrunner historische Material noch 
unvermischt (W. E. 25;, dagegen sind im L. C. zu 1070, 1089, 1227, 
1258, 1263 Notizen aus Ekkehard, Chr. M., S. P. in derselben Yer- 
bindung wie in A. R. selbst zu lesen; nicht gerade vor dem Anfang, 
wie W. annimmt, jedenfalls aber vor dem Abschluss der Arbeit am 
L. C. muss der Reinhardsbrunner Kompilator fertig gewesen sein. 
Als historiae wird sein Werk citiert in den Annales breves de 
lantgraviis Thuringie '^), einem noch unter Friedrich dem Strengen 
(f 1381) angefertigten Auszuge und in den Excerpten, die sich 
Schedel 1507 aus den A. R. machte (W. E. 85. N. A. 105), als 
Cronica monasterii Reinh. im Bibliothekskatalog dieses Klosters von 
1514, den W, veröffentlicht hat (Z. IV, 284). 

Weder der L. C. noch die Ann. brev. noch Sch(edels) Excerpte 
gehen auf die einzige uns erhaltene Handschrift der A. R. zurück, 
die, nach 1424 geschrieben (A. R. 111), einen arg verstümmelten 
Text bietet, sie sind also für die Herstellung des Originaltextes 
neben jener zu verwertlien '*). Ob ihr gegenüber alle drei Auszüge einen 
Archetypus vertreten oder zwei einen und der dritte einen andern 
oder jeder einen besondern, ist kaum zu entscheiden, da der Ver- 
fertiger des späteren Auszugs den früheren neben dem Original be- 
nutzt haben kann. Dass z. E. Seh. neben den historiae den L. C. 
für seine Excerpte aus jenen. verwerthete, wird angesichts der zu 
1222 und 1241 vorhandenen Übereinstimmung zwischen L. C. und 
Seh.'*) nicht für unmöglich erklärt werden können; auch Seh. und 
die Ann. brev. haben einen auffälligen Jrrthum gegenüber der richtigen 
Angabe in A. R. gemeinsam '^). Wenn ein bis auf Heinrich den 
Eisernen (1328 — 76) reichender Stammbaum der hessischen Land- 
grafen in gleichem Wortlaut im L. C. zu 1260, in der Einleitung 
der Ann. brev. und bei Seh. zu 1224, aber nicht in A. R. zu lesen 
ist, so möchte man vermuthen,dass eine Randbemerkung des Originals 
von dem einen Benutzer hier, vom andern dort eingefügt wurde'*). 

Welche ßestandtheile sind ferner in den Aufzeichnungen zu 
unterscheiden, die der Reinhardsbrunner Kompilator unter Friedrich 
dem Ernsthaften mit den fremden Materialien verband? 



") Vindiciert man die Schlussnotiz von Schedels Excerpten, 
die vom Eintrag der Pet. Chr. zu 1337 mehr giebt als in der Schluss- 
notiz der A. R. geboten ist, den ursprünglichen Reinbardsbr. Ge- 
schichtsbüchern, so kann man deren Vollendung frühestens 1340 
setzen: denn Ereignisse dieses Jahres sind bei Schedel zu 1337 (wie 
in S. P.) berührt. W. E. 49. 114. 

'^) Eccardus Hist. geneal. princip. Sax. 346 — 52. W. E. 56. 

") Dazu noch ein römisches Fragment zum Jahre 1226. W. 
Z. n, 227. 

'*) W. E. 54. Wenn aber dort doppelte Lesarten bei Seh. 
als Spuren der Benutzung von L. C. neben A. R. geltend gemacht 
werden, so ist dem gegenüber auf solche doppelte Lesarten in A. R. 
selbst zu.verweisen: 67, 8. 230, 29.302, 19. 

'*) Über Konrads HI. Beisetzung. Sjpire ist also wohl kein 
Zusatz Schedels, wie W. E. 91 glaubt. 

'•) Als Abschweifung ist sie bezeichnet L. C. 199 und 206. 
Z. IV, 227, 16. 



Literatur. 32Ö 

Die Hist(oria) br(evis) principum Thuringie (W. E. 79. Mon. 
Germ. SS. XXIV, 819) berichtet von Ludwig dem Bärtigen: cum 
ditari in eadem cepisset regione \Thmwgew), permissione hnperatcris 
et principum quibus id iuris erat concedere edificavit castellum 
iuxta Loibam siham Schowenburc nomine ad quod negotium, rex 
quam pluriniam partcm eiusdem silve ei anctoritate sua contulit; 
wenn aber jemand so viel Land erworben hat, dass er eine Burg 
bant, wozu dann, fragt N. 61, „zum Zweck des Bnrgbaues" noch eine 
kaiserliche Schenkung? Der in den Zusammenhang der Chronik so 
wenig passende Relativsatz ist ganz am Platze in einer ürknnde, 
worin Heinrich in. erklärt: Lxdovico... comiti eoncenaimus cdificarc 
castellum Scuuonburg in confinio Loibae silvae, ciiius partein 
comiüurimam, quam eidcm comiti ad id negotium, pius genitor 
noster regia anctoritate donavit, et nos similiter Uli donavimus 
(N. 105). Dass derselbe nicht aus der Chronik in die Urkunde gelangt 
ist, sondern aus dieser in jene, folgerte O. (28) aus dem Aus- 
druck der Chronik: auctoritas, der offiziell für Königsurkunden ge- 
braucht, mit dem also in der Hist. br. die Urkunde citiert werde. 
Nun gehört letztere zn den 13 Reinhardsbrnnner Diplomen, deren 
Unechtheit von N". ans Innern und äussern Gründen nachgewiesen 
ist: obwohl aui die Besitzungen des Klosters bezüglich, werden sie 
1215 in einer alle Rechte desselben aufzählenden Bulle nicht er- 
wähnt, dagegen wird, wie es scheint, auf die Fälschungen bereits 
1227 Bezug genommen in einer einen Streit mit Kloster Georgen- 
thal erledigenden Urkunde: vielleicht, um in diesem Streite als 
Beweismittel verwandt zu werden , wurden sie hergestellt (N. 86). 
Nicht alles in den Diplomen Berichtete ist darum unwahr: z. B. 
die Angabe der Urkunde Konrads II. (N. 103), wiederholt in der 
Urkunde Heinrichs III. und in der Chronik: Ludwig der Bärtige 
habe a Gunthero quodam et Bisone alHsque liberis viris Güter er- 
worben, hatte man schwerlich Interesse zu erfinden, und sie muss, 
wie G. bemerkt, schon vorhanden gewesen sein, ehe die Geschlechts- 
namen aufkamen. Mag sie aber der Chronik auch von Anfang an 
angehört haben und mag auch N.'s Deutung des "Wortes p)rincipum 
als „des Erzbischofs", dessen Burgbaubewilligung ursprünglich ohne 
die des Kaisers in der Chronik gestanden habe, unhaltbar sein, so 
ist doch in der Chronik ein Nachtrag aus den 1215 wohl noch nicht 
vorhandenen Fälschungen von N. sicher nachgewiesen, und da weiter 
der 1212 verstorbene Berthold von Ilenneberg als lebend genannt und 
die Genealogie der Wettiner nur bis auf Dietrich (1198 — 1221) geführt, 
andererseits der Tod Ludwigs des Heiligen (f 1227) und der 12.34 
erfolgte Eintritt seines Bruders Konrad in den Deutschorden er- 
wähnt ist, so muss man mit W. (N. A. 100) auf eine Überarbeitung 
schliessen, die mit dem zwischen 1198 und 1212 verfassten Werkchen 
noch vor 1240, dem Todesjahre Konrads, vorgenommen und bei der 
wohl ancli der im Gegensatz zum vorangehenden die Töchter ganz 
zur Seite lassende Schlussabschnitt zugesetzt wurde "). Dass in 
dem Stammkloster der landgräfiichen Familie das Werkchen ent- 
stand, ist die nächstliegende Vermuthnng. Der Inhalt desselben 
erscheint nun grossentheils in A. R. wieder, jedoch in eigenthümlich 
veränderter Form: eine gewaltige Wortfülle ist an die Stelle des 
einfachen Ausdruckes getreten. 



") Der letzte Satz ist aus dem Eintrag der A. E. zu 1247 
noch später beigeschrieben. W. N. A. lOü. 113. 



330 Literatur. 

Eine zweite Leistung der Reinliardsbruniier Gescliiclitsschreibunn; 
sind die Annale», die für die Reiclisgeschichte von 1183 — 1215 höchst 
wichtige Nachrichten enthalten. Die genaue Berichterstattung wohl 
unterrichteter Zeitgenossen'") beginnt 1183 und wird bis 1197, in 
einem zweiten Absatz bis 1215 geführt. Die wörtliche Überein- 
stimmung, die zu den Jahren 1209 — 1215 (16?) zwischen A. K. und 
S. P. zu bemerken ist, muss mit W. (N. A. 106) daher erklärt 
werden, dass in der Petersberger Geschichtsschreibung hier lange 
eine Lücke war — wofür wir unten einen Beweis finden werden — 
und dieselbe später aus A. R. gefüllt wurde, denn in S. P. fehlen 
die Spuren gleichzeitiger Niederschrift, und während in A. R. die 
gleiche gut landgräfliche und gut päpstliche wie Otto IV. günstige 
Gesinnung vor und nach 1208 zu Tage liegt, ändert sich in S. P. 
nach 1208 das Urtheil über Otto IV. völlig. Allerdings bietet S. P. 
mehrfach den besseren Text. Vielleicht haben auch diese Annalen 
wie die Hist. br. einst für sich existiert. In der verlorenen Mainzer 
Sammelhandschrift, aus der Guden die Hist. br. druckte und die, 
nach den Titeln der einzelnen Theile zu schlies«en, im 13. Jahr- 
lumdert geschrieben war, wie denn das I. Stück derselben viele 
llandglossen von einer Hand des 14. Jahrhunderts trug, war eben 
dies erste eine „cronica Eusebii" — d. i. wie wir wissen, Ekkehard — 
und endete mit 1215 (W. E. .84). Eine Fortsetzung des Ekk. bis 
1215 ist nicht bekannt, doch schlössen sich die 1078—1182 reichenden 
Ann. S. Petri Erphesf. in verschiedenen Handschriften an Ekkehard 
an, und da der Reinhardsbriumer Annalist, der mit 1183 beginnt, 
sich wohl au eine bis dahin reichende Darstellung angelehnt haben 
wird, so vermuthet W. (Z. IV, 298) in jener bis 1215 reichenden 
cronica Eusebii einen um St. Peter- und Reinhardsbrunner Annalen 
vermehrten Ekkehard, identisch vielleicht mit der cronica Eusebii 
cum additionibus mon. Reinh., aus der Schedel einiges mittheilt"). 
Schwulst, ganz ähnlich dem, den die Hist. br. bei der Aufnahme 
in A. R. erhalten, weisen auch die Reinhardsbrunner Annalen von 
1183—1215 auf; auch sie werden also ursprünglich in einfacherem 
Stile geschrieben sein-"). 

Nicht so sehr Landes- und Reichsgeschichte als die Person 
des Landgrafen, Ludwig des Heiligen (1217 — 27), nimmt die dritte 
geschichtliche Arbeit aus R. zum Mittelpunkt der Darstellung 
(W. N. A. 110): Kaplan Berthold schrieb — vermuthlich in R. — 
nach des Landgrafen Tode Annalen, die mit seines Herrn Schwert- 



'«) Den Ereignissen sehr nahe z. B. A. R. 68, 13. 78, 21. 
129, 16 flg. (W. N. A. 106.) 116. 2 flg. ist, wie S. 133 bemerkt, vor 
ütto's IV. Exkommunikation, 143, 8 allerdings nach dem 25. April 
1217 geschrieben. Zu 1168 ist dagegen aus später Überlieferung 
berichtet. W. N. A. 102. 

'*) Nachrichten über das 10. Jahrhundert, so dass die Chronik 
nicht, wie W. früher wollte, mit dem L. C. idenficiert werden darf, 
der das 10. Jahrhundert ganz überspringt (W. N. A. 104. E. 55). 

-») Zweifelhaft ist, was W. (Z. IV, 298) vermuthet, dass die 
Zuthaten des Überarbeiters mit den Glossen jener bis 1215 geführten 
cron. Eusebii in der Mainzer Handschrift identisch seien; wenn er 
seine Änderungen zu den Annalen von 1183 — 1215 zunächst als 
Randglossen anbraclite, hätte er es mit der im selben Bande be- 
findlichen Hist. br. wohl ebenso gemacht; dass diese aber glossiert 
wäre, sagt Guden nicht. 



Literatur. 331 

leite 1218 beginiieii, mit dessen Tode enden und allenthalben den 
Augenzeugen verrathen (W. E. ]8). Auch in diesem hörlist werth- 
voUen Stücke der A. R. werden jene Stileigenthümlichkeiten. von 
^V. (N. A. 114) iiacligewiesen und damit die Annahme einer Über- 
arbeitung nahegelegt. 

Mitten zwischen Bertholds Annalen finden sich nun in A. R. 
zahlreiche Theile der von dem Erfurter Dominikaner Dietrich von 
Apolda 1289 herausgegebenen Vita s. Elis(abethe) mit manchen der 
A'eränderungen und Zusätze, die ein Keinhardsbrunuer Mönch novis- 
sime nach dem Klosterbrande von 1292 in jener Biographie anbrachte 
(M. 11, 1987 flg.). Dietrichs Stil ist von dem Verfasser der Reinhards- 
brunner Zusätze erfolgreich nachgeahmt, seine Wortfülle noch ge- 
steigert worden: hier findet sich die Kumulation der Synonyma, die 
Vorliebe für Antithesen und gewisse entlegene Wendungen, für di- 
rekte Reden wie in den Annalrn von 1183 — 1227 und in den Stücken, 
die den Inhalt der Hist. br. wiedergeben. Die Herstellung einer so 
eigenthümlichen Form an verschiedenen Stellen wird man mit W. (N. A. 
113— 1!8) um so eher auf einen, eben jenen nach 1292 schreibenden 
Reinhardsbrunner zurückführen dürfen, da in derselben auch der 
gleiche Gedanke wiederholt zum Ausdruck kommt: Verehrung für 
fürstliche Besucher des Klosters, die dessen Vorräthe geschont und 
den Mönchen noch etwas dagelassen haben (A. R. 38. 150. ]9f5. 
287). Bei solchen Gedanken musste ein Mönch des verarmten 
Klosters (A. R. 279) gern verweilen; es entsprach den Verhältnissen, 
wenn er seine Brüder zu frommem Wandel ermahnte, den Gott 
durch neue Förderung des Klosters lohnen werde, und wenn er 
die Gläubigen für das Kloster zu interessieren suchte durch Erzäh- 
lungen von Wundern, welche die dort beigesetzten Gebeine des 
h. Ludwig gewirkt; viele solche Erzählungen, ganz im Stile der 
Vita s. Elis. und der Reinhardsbrunner Zusätze, sind in A. R. 
zu lesen. 

Es ist an sich wahrscheinlich, dass der „Stilkünstler", wie ihn 
W. getauft, bereits selbst aus Bertholds Annalen, Stücken der Vita 
s. Elis. und eigenen Zuthaten ein Ganzes machte, dessen Vollendung 
ihn dann ermuthigte, auch die älteren Geschichtswerke des Klosters 
so zu modeln, dass sie dazu passten. Jenes Ganze kennen wir aus 
dem deutschen „Leben des h. Ludwig"^'), in welchem Albrecht des 
Entarteten Tod erwähnt und sein Stammbaum bis auf Markgraf 
Friedrich — ob den Freidigen oder den Ernsthaften, bleibt unsicher 
— geführt, das also zwischen 1314 und 1349 entstanden ist. Als 
eine Übersetzung aus dem Latein^-) bezeichnet es der Schreiber, 
und mit seiner lateinischen Vorlage ist es bezeugt durch den 
Katalog der Klosterbibliothek =**). 



^') Herausgegeben von Rückert, Leipzig 1851; über die Ab- 
fassungszeit S. XHI. W. E. 33. I. V. 173;. 

^^) Über die Zusätze der deutschen tibersetzung W. E. 33. 74. 

^*) Vita beate Elisabet et illustris Ludewici Thuringie lant- 
gravii etc. ac mariti eiusdem in stilo latino feliciter quiescentis in 
Reinhersbron. — Vita beate Elisabet et incliti Ludewici Thuringorum 
lantgravii etc. in Reinhersbron pie in domino quiescentis una cum 
miraculis eorundem in stilo vulgari (W. Z. IV, 285) ; welche Titel 
den Citaten im L. C. 210: Hystoria de utrisque principibus und 
bei Nicolaus von Siegen 347, 3(3: Gesta et vita eorundem (nicht 
vitac} Lulsprechend, W's. These (E. 3) bestätigen, dass eine lateinische 



332 Literatur. 

Wir lesen weiter in A. R. zwischen den Wundern am Grabe 
des h. Ludwig und den aus fremden Quellen eingeschalteten Stücken 
Aufzeichnungen zur Geschichte der Jahre 1231 — 1335, offenbar 
Reinhardsbruniier Ursprungs. Sie sollten nach I. V. 17-4 nicht 
selbständig, sondern als Zusätze zu dem Eingeschalteten entstanden 
sein. Aber auch an ihnen sind Spuren des Stilkünstlers von W. 
(N. A. 118) nachgewiesen, und die Häufung relativischer Satzanfänge, 
die in den legendarischen Theilen der A. R. (S. 14—16. 227. 264. 
265, vergl. M.'ir, 2003 D. 2004 C. 2006 ß.) da auffallt, wo Thatsachen 
an einander zu reihen waren, ist auch in jenen Aufzeichnungen 
anzutreifen (A. R. 223, 228. 2.n3. 256. 259). Aus dem Inhalt derselben, 
für den das Interesse an Sagenhaftem und Wundersamem, an dem 
einstigen Wohlstand und der jetzigen Noth des Klosters charakteristisch 
ist, wird wie aus ihrer Form als Yerfasser der Mann wahrscheinlich, 
den wir als einen naiv-gläubigen, um das Kloster besorgten, seines 
Wortschwalls sich freuenden Erzähler schon kennen. Von ihm 
werden dann auch die sagenhaften Erzählungen über die früheren 
Landgrafen herrühren, von denen die Hist. br. noch nichts hat, z. B. 
von Ludwig dem Springer, der Erbauung von Weissensee **) , der 
aus Rittern bestehenden Mauer, der Weisheit des Reinhardsbrunner 
Abts, dem Sängerkrieg auf der Wartburg etc. (W. N. A. 117). 
Dagegen möchten die sanz kurzen Klosternachrichten, grossentheils 
Urkundenauszüge (z. B. A. R. 21), da sie bis 1335 reichen, eher 
auf den späteren Kompilator zurückzuführen sein, der das Werk 
so vollständig als möglich sehen wollte (W. N. A. 127). 

Wann hat der „Stilkünstler" gearbeitet? Seine ersten Nach- 
richten z. B. zu 1231 klingen wie aus später mündlicher Über- 
lieferung, zu 1264 und darnach öfter braucht er den Ausdruck his 
diebus (L V. 174), nach 1290 in der Zeit des Klosterbrandes be- 
richtet er viel genauer, zuletzt findet W. das Gepräge seines Stils 
in einer. Notiz zu 1310 oder, wenn wir eine Nachricht bei Seh. den 
historiae vindicieren dürfen, zu 1315; des Stilkünstlers Hand verräth 
der Anhang der wettinischen Genealogie (A. R. 92), die bis auf 
Friedrich den Freidigen geht; vor dessen 1324 erfolgtem Tode also 
war die stilistische Überarbeitung fertig (W. N. A. 121). 

Es steht fest, dass in Reinhardsbrunn die Hist. br. und die 
Vita s. Elis. in ähnlicher Weise überarbeitet und erweitert sind: 
lassen sich nun Stil und Tendenz des Bearbeiters auch an den auf 
die Jahre 1231 — 1310 (1315?) bezüglichen Nachrichten und an den 
Annalen (1183 — 1227) beobachten, nicht aber an dem aus fremden 
Quellen eingeschalteten Material, so ist die vorstehend dargelegte 
Annahme W's. über die Entstehung der Reinhardsbrunner Geschichts- 
bücher gewiss nicht zu kühn. Vielleicht wird eingewandt werden, 
dass die stilistischen Eigenheiten, aus denen so viel zu schliessen 
war, auch bei mehreren, zumal Leuten gleicher Schule, vertreten 
gewesen sein könnten. Die Leeende vom Probst Sifrid (f 1215) 
z. B. , deren Stil des Stilkünstlers ganz würdig erscheint, kann 
diesem zugeschrieben werden nur unter der, immerhin nicht nahe- 
liegenden, Voraussetzung, dass der in ihr gebrauchte Ausdruck 



Biographie des h. Ludwig, das Original der deutschen, nur im An- 
schlüsse an die der h. Elisabeth vorhanden gewesen ist. 

**) Da der A. R. 35, 25 flg. erwähnte Regensburger Reichstag 
im Frühjahr 116S unglaublich ist, so kann hier eine gleichzeitige 
Aufzeichnung nicht vorliegen. W. N. A. 102. 



I;iteratur. 333 

persönlicher Betheiligung: huniandum deportavimus (A. R. 138, 2G, 
vergl. 228, 5) aus einer überarbeiteten altern Aufzeichnung stehen 
blieb (W. E. 18). Wie dem aber sei, an der grossen Mehrzahl 
der Stellen wird durch W's. Aufstellungen der Bestand der Über- 
lieferung am einfachsten erklärt^*). 

Eine Art Probe machen wir darauf, wenn wir thunlichst ohne 
Benutzung der obigen Ergebnisse die Entstehung der Peterschronik 
festzustellen versuchen. Der höchst mangelhafte Te.xt, den die 
allein zu berücksichtigende Göttinger Handschrift bietet, ist an 
vielen Stellen durch die Ableitungen-*) zu berichtigen, oft aber 
Icässt sich aus dem vorliegenden Material nicht entscheiden, ob vom 
Abschreiber Worte der Peterschronik weggelassen oder von Benutzern 
Zusätze gemacht sind *'j. Indem man meist die erstere der beiden 
Möglichkeiten bevorzugte, kam man zu der Ansicht, das uns vor- 
liegende S. P. sei ein blosses Excerpt aus einem weit reichhaltigeren 
Werke. Von den Vertretern dieser Ansicht verlangt S. (173) mit 
Recht den Nachweis eines Planes, nach welchem die Verkürzung 
stattgefunden: es müsste ein bestimmtes Interesse als massgebend, 
das Weggelassene als demselben fernliegend und überhaupt eine 
wesentliche Verringerung des ümfanges zu erweisen sein. Nun ist 
aber z. B. der Anfang der Chronik 1115 — 1149 im 12. Jahrhundert 
nicht umfangreicher gewesen als heute, wie aus dem Pegauer Annalisten 



^*) Manches Einzelne wird noch genauer untersucht, der An- 
theil der gleichzeitigen Annalisten von dem des Stilisten und dem 
des Kompilators sicherer gesondert werden müssen. Z. B. die 
Erzählung von dem Traum, den ein Cistercienser bei Inno(;enz' III. 
Tode hatte (A. R. 145 und darnach Hist. Ecc. 397), von W. (N. A. 
109) für ein Konglomerat aus den Berichten m Chr. M. 19(j und 
S. P. 58 erklärt, scheint doch so wohl zusammenhängend und klar, 
dass eher in A. R. der originale W^ortlaut und in S. P. und Chr. M. 
lückenhafte Auszüge vorliegen dürften. Sicher bietet A. R. alle 
Elemente für das, was die beiden andern haben, und aus diesen 
die Erzählung in A. R. herzustellen, wäre recht grosses Geschick 
erforderlich gewesen. Zu 1245 ist in A. R. 224 — der Text wird 
wieder durch Hist. Ecc. 429 gedeckt — viel genauer als in Chr. M. 
und S. P. über die sogenannten Pastorellen in Frankreich (vergl, 
Gieseler Kirchengesch. II. 2, 648) berichtet. Aus mündlicher 
Tradition wird das weder der Stilkünstler noch der Koinpilator er- 
fahren haben. Auch zu 1302 haben wir in A. R. 281, 31—283, 5 
eine, weder in Chr. M. noch in S. P. vorhandene, Erzählung, bei 
der es sich wie bei den zwei vorigen um Cistercienser handelt. 
Wie solche Erzählungen fortgepflanzt wurden, sieht man aus S. P. 
99, 33. Vergl. die ebenfalls aus unbekannter Quelle stammenden iin 
L. C. Z. IV, 235. 237 und A. R. 233, 5—9. 

*«) Zusammengestellt von S, (113—11.5), der Stübels Ausgabe 
nicht wenige Fehler nachgewiesen und zu dem dafür verwertheten 
Material beträchtliche Nachträge geliefert hat; hinzuzufügen sind 
Konrad StoUe's Chronik, stückweise herausgegeben von Hesse, und 
die Auszüge Schedels im cod. Monac. lat. 593 fol. 113 a — 162 a, 
vergl. Hesse in der Zeitschr. d. Vereins f. thür. Gesch. IV (18G1), 119. 

*') A. R. 297, 21—23. 302, 14. 233, 5; vergl. S. 164. A. R. 
296, 20 stand der Relativsatz in S. P. (153, 7), wie sich aus dem 
Dresd. cod. K. 31G fol. 120b ergiebt. Vergl. was oben über die Worte: 
nostris temporibus (Z. IV, 133, 28) bemerkt ist. 



3o4 Literatur. 

erhellt, der ihn benutzte. Soweit als die Chronik heute reicht, ward 
sie nicht auf einmal geführt. Die Unterscheidung einzelner Ab- 
schnitte, bereits von St. vorgenommen, ist von S. genauer durch- 
geführt worden. Wie S. darlegt, wurden aus einer jetzt verlorenen 
würzburgisch-mainzischen Quelle im Peterskloster die ersten Auf- 
zeichnungen entlehnt, die deshalb mit den eben dorther stammenden 
Jahrbüchern von St. Alban verwandt sind, und Annalen von 1103 — 49 *') 
angeschlossen. P"ür die Folgezeit stimmen die Erfurter Annales 
S. Petri^') mit S. P. vielfach überein; entgegen den bisherigen 
Versuchen zur Erklärung dieses Verhältnisses nimmt S. (127) wiederum 
eine ältere annalistische Aufzeichnung an, die in beiden Werken 
bald nach 1182 benutzt und von jedem für sich erweitert wurde. 
Nach 118.) scheint ein anderer Verfasser einzutreten*"); er erzählt 
von 1198 an zusammenhängender; ob man ihm auch die eigenthüra- 
lich stilisierte wehklagende Erzählung von Phiiipp's Tode verdankt, 
bleibt unsicher. Dass hinter 1208 ein Abschnitt war, muss man 
schon aus der Notiz zu 1187 schliessen, laut welcher post 1203 
anni scripta Nachträge zu 1187 folgen sollten, die freilicii verloren 
sind. Für die Folgezeit bis 1254 und wieder 126(5 — 1272 beschränkte 
sich, wie aus S's. und W's. Untersuchungen erhellt, die Geschichts- 
schreibung zu St. Peter wesentlich auf Lokalgeschichte *'), und was 
wir heute von der Welt- und Reiclisgescbichte jener Zeit in S. P. 
lesen, ist grösstentheils durch nachträgliche Entlehnung hinein- 
gelangt, für 1209 — 15, wie bemerkt, aus den Reinhardsbrunner 
Geschichtsbüchern, für 1217 — 19 aus Olivers Hist(oria) Dam(iatina), 
für 1219—72 theils aus der Chr. M., theils aus einer andern jetzt 
verlorenen Aufzeichnung. Aus dem Nebeneinander originalen und 
später entlehnten Materials erklären sich die in S. P. vorhandenen 
Duplizitäten"). Die A. E. (1220—54) stimmen mit S. P. vielfach 
überein, so jedoch, dass weder Benutzung der Annalen des Prediger- 
klosters in der Peterschronik, noch dieser in jenen wahrscheinlich 
ist; die Annahme einer von beiden verwertheten Quelle wird somit 
nothwendig. Dass dies etwa eine grössere Peterschronik gewesen 
sei, kann aus dem gemeinsamen Bestand der beiden Geschichts- 
werke nicht begründet werden; wenn vielmehr, wie W. (N. A. 132) 
zeigt, der gemeinsame Bestand viermal, ausserdem aber jedes der 
beiden Werke für sich viermal das Erfurter Marienstift erwähnt, 
desselben also innerhalb 30 Jahren zwölf mal, und zwar zum Theil aus- 
führlich gedacht wird, während es in S. P. vor 1220 nur zwei mal be- 



="•) Daraus sind besonders werthvoU die Ann. Lothariani (Mon. 
Germ. SS. VI, 536—41), deren Verf. nach seinem Sprachgebrauch auch 
mit dem Verf. des von 1138—1149 gehenden Theils der Peters- 
chronik von S. identificiert wird. 

=') Mon. Germ. SS. XVI, 15—20. 

*") S. begründet das aus dem gänzlich geänderten Charakter 
der Darstellung, sowie daraus, dass eine zu 1185 gemeldete That- 
sache zu 1186 nochmals bemerkt wird. 

=") Gleichzeitig scheint S. P. 76, 1 aufgezeichnet, weniger, 
was S. anführt: 77, 6—10. Auch S. P. 50, 25 muss nur vor Erz- 
bischof Siegfrieds Tod (1225), nicht gerade gleichzeitig geschrieben sein. 

") Otto's IV. confirmatio (50, 4 u. 9), Innocenz' III. Tod 
(57 n. 58), neue Orgeln von St. Peter (70), Ketzerverfolgung 
(72 u. 73), Überfall von Mühlhausen (82 u. 84), König Wilhelms Tod 
(86). W. N. A. 134. S. 139. 



Literatur. 335 

rührt ist, wenn weiter in dem gemeinsamen Bestände Mainz recht 
hervortritt, so ist zu schliessen, dass im Erfurter Marienstiit, dessen 
Probst in engster Beziehung zum Erzbischofstand, Aufzeichnungen 
gemacht wurden, die uns theils in der Chronik, theils in den Annalen 
erhalten sind. Aus denselben sind vermuthlich noch manche andere 
Nachrichten geschöpft, in denen mehr oder minder Chr. M. und 
S. P. , dann auch andere Geschichtswerke übereinstimmen, die den 
Erfurter Quellen nahe stehen und die bezüglichen Notizen nicht 
eins vom andern entlehnt zu haben scheinen '*). Es berührt sich 
z. B. L. C. betreffs einer 1250 in einem Teiche aufgefundenen Hostie 
enger mit einem Nekrologium des Marienstifts **) als mit S. P. oder 
A. E. ; wie diese Notiz, so dürften besonders die den Schluss des 
L. C. bildenden Nachrichten über Kloster- und Ordensstiftungen 
(Z. IV, 247 — 50) eher im Marienstift, dem kirchlichen Mittelpunkt 
Thüringens, als von dem Kompilator des L. C. zusammengestellt 
sein, der nicht so fieissig gesammelt zu haben scheint; sie finden 
sich theihveise auch in späteren Erfurter Kompilationen, ohne dass 
Benutzung des L. C. seitens derselben wahrscheinlich wäre. Dass 
es im Marienstift gute Information, auch Anlass zur Geschichts- 
schreibung gab, ist schon durch die Stellung desselben zu Mainz 
unzweifelhaft, zudem des dortigen Cantor Slag. Hugo politische 
Thätigkeit **) uns urkundlich bezeugt ist. 

Die Geschichtsschreibung zu St. Peter selbst, die für 1254— 6G 
wieder einen etwas weitern Gesichtskreis hat als vorher und nachher, 
— S. (141) zeigt, dass sie für 1266—72 das meiste aus Chr. M. 
entlehnt — nimmt 1273 einen neuen Aufschwung. Bis zum Jahre 
1.313 liegt eine zeitgenössische Darstellung der Reichsgeschichte 
vor, die bald mehr, bald minder rasch den Ereignissen folgt, öfters 
das Annalenschema verlässt, über die Ereignisse in Palästina wohl 
einen schriftlichen Bericht benutzt; auf Absätze zu 1276 und vor 
1294 weist S. hin**'). Im nächsten, 1314 — 38 reichenden, aber 
frühestens 1340 beendeten Abschnitt (s. oben S. 6 n. 1) wird die 
Erzählung erst von 1330 an zusammenhängender. Neben Stücken, 
die einer Vita Benedikts XII. entnommen wurden, bietet hier S. P. 



'*) Übereinstimmungen zwischen den aus Mainz stammenden 
Ann. Wormatienses breves (Mon. Germ, SS. XVII, 74) und Erfurter 
Quellen, Chr. M. , S. P., A. E., L. C, auch Sifrids Chronik (ebd. 
XXV, 679) sind für die Zeit 1191 — 1249 nachgewiesen von W. 
(Z. IV, 206). Auch die Ann. Moguntini (Mon. Germ. SS. XVII, 1) 
und Ann. Thuringici breves (ebd. XXIV, 40) bringt \V. mit den 
Marien-Annalen in Verbindung, und aus diesen leitet er u. a. ab, was 
von späteren Erfurter Chronisten über die Parochialeintheilung der 
Stadt zu 1182, von Hist. Ecc. 384 über die Schwertleite Landgraf 
Ludwigs in der Erfurter Marienkirche zu 1170 berichtet ist; die 
Ortsbestimmung der thüring. Landgrafengeschichte (bei Pistorius- 
Struve SS. rer. Germ. I, 1317 c. 27): coenaculum b. Marie virginis 
ubi nunc est dormitorium canonicormn möchte auch dortlier stammen. 

") Z. IV 201. Mone, Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrheins IV, 253. 

*■') W. N. A. 130. Z. IV. 300. Keuss, König Konrad IV. u. s. 
Gegenkönig Heinr. Raspe (Wetzl. Gymn. Progr. 1885) S. 7. Rübe- 
samen, Landgraf Heinrich Raspe, Halle, Inaug. Diss. 1865 S. 40. 

*•) Dass S. P. 133, 11—14; 17—19. 1.39, 22—23 ganz dieselben 
Gedanken und Ausdrücke wie 178, 21 — 24. 180, 13—14 sich finden, 
ist aufifällig und hätte auch Erwähnung verdient. 



336 Literatur. 

Nachrichten über städtische Verhältnisse, als deren Quelle eine 
Erfurter Lokakhronik von S. erwiesen ist. Diese städtische 
Geschichtsschreibung, von deren Autor (oder Autoren?) zu 1.S27 und 
1345 Selbsterlebtes berichtet wird"), scheint sich an einen von 
Stadt wegen niedergeschriebenen Bericht über die wichtigen Ver- 
fassungsänderungen der Jahre 1305 — 10 angesetzt zu haben; dass 
sie neben der Geschichtsschreibung von St. Peter herging, erhellt 
aus Duplizitäten der späteren Kompilationen und solchen in S. P. 
selbst*'); auf jene ,,Rathschronik"' darf man nun viele von den 
Notizen zurückführen, die der thüringische Fortsetzer der sächsischen 
Weltchronik**) und spätere Erfurter Chronisten über den Bestand 
von S. F. hinaus bringen und die bisher aus einem grösseren öampe- 
trinum abgeleitet wurden. 

Noch nach 1350 war, wie es scheint, die Peterschronik nur in 
einer bis 1338 reichenden Redaktion bekannt; denn bis dahin wird 
sie von Konrad von Halberstadt in der ersten bis 1342, wie in der 
zweiten bis 1353 gehenden Ausgabe seiner Weltchronik ausga- 
schrieben *"). Der 8chlussabschnitt 13.39 — 55 wird, wie S. bemerkt, 
bei der Genauigkeit der Angaben nicht allzu lange nach den 
Ereignissen geschrieben sein. Für spätere Einschiebsel sind daher 
die Einträge zu 1373 und 1410*') zu halten. 

Wann ist die Peterschronik aus der Chr. M., aus Oliver, den 
Reinhardsbrunner Geschichtsbüchern, den Marien-Annalen und der 
Erfurter Rathschronik vervollständigt worden? Wer über die Jahre 
1273 — 76 so genau berichtete, wie es in S. P. geschieht, hätte gewiss 
— so führt S. (181) aus — auch über die unmittelbar vorhergehende 
Zeit Mittheilungen gemacht, wenn nicht schon ein bis 1272 reichender 
Bericht ihm vorgelegen: er dürfte es also gewesen sein, der die 
bis dahin gehende Fortsetzung der Chr. M. für die Peterschronik 
ausschrieb, um daran den eigenen Bericht zu schliessen. Betreffs 
des aus A. R. entlehnten Abschnitts hat W. (E. 31) auf die grosse 
Lücke hingewiesen, die in den späteren Erfurter Kompilationen 



*') S. 168: Der Dresdener cod. K. 316 fol. 190b enthält zu 
1343 Nachricht von einem monstrum, quod oculis mcis vidi; der 
Erfurter cod L 12 (= No. 65 von Herrmann's Bibliotheca Erlurtina) 
fol. 58 a erzählt zu 1327 von einem Unwetter die 18 kal. iulü, qua 
decantavimus in ecclesia Severiana Erj^hordiae solenniter vigdias 
decani. War der Autor vielleicht Canonicus zu s. Severi, wie später 
Konr. Stelle? 

»«) Dass S. P. 160, 3-6 und 172, 22—27 dasselbe Ereignis 
erzählt ist und dies weder 1334 noch 1335, sondern 1336 erlolgte, 
wie S. (153) vermuthet, lehren die Verse Hist. Ecc. 455, in denen 
um des Reimes willen uno in seno zu ändern ist, was der Dresdener 
cod. K. 316 fol. 187a bietet. Auch S. P. 149, 20—22 und 33 Üg. fasst 
S. (149) gewiss mit Recht als Doppelberichte auf. 

*') Mon. Germ. Deutsche Chron. II, 287. 

*») W. Z. IV, 154. 213. Forsch, zur deutsch. Gesch. XX, 279. 

*V 1373: S. P. 163, 21. 1410 (nicht 1420): ein Knabe wird 
nach 12jährigem Aufenthalt unter Wölfen 1344 gefangen und etwa 
80 Jahre alt, S. P. 177. Als drittes Einschiebsel hätte S. noch die 
von St. 14 erwähnte, aber in S. P. 113 nicht abgedruckte Nachricht 
von einer Missgeburt zu 1384 nennen können. 



Literatur, 337 

für die Zeit von 1209 bis 1215 besteht*^), mul daraus geschlossen, 
dass noch im 15. Jahrhundert S. P. von der Einschaltang aus A. R. 
frei war. Daran festzuhalten erscheint vorläufig gerathen; denn die 
neuere Annahme, dass die originalen, wenn auch stilistisch über- 
arbeiteten Reinhardsbrunner Aufzeichnungen zu 1209 — 15 mit den 
Notizen aus Chr. M. etc. noch nicht vermischt waren, als sie in 
S. P. übernommen wurden, dass also die Peterschronik in Erfurt 
für die Jahre 1209 — 15 aus dem ^\erke des Reinhardsbrunner Stil- 
künstlers (nicht des Kompilators !) vervollständigt ward ziemlich zur 
selben Zeit, wo eben dieses seiner ganzen Ausdehnung nach vom 
Reinhardsbrunner Kompilator mit Stücken aus der Peterschronik 
wie andern Werken versetzt ward, ist von "W. (N. A. 110) noch 
nicht zur Evidenz gebracht. Was drittens die Hist. Damiat. be- 
trift't, so kann man S. (180) zugeben, dass bei der Verwerthung 
derselben für S. P. etwas anders verfahren wurde als bei der Ver- 
werthung der Ciir. M., und doch den Schluss abweisen, als könnten 
Theile von Chr. M. und Hist. Damiat. nicht zur selben Zeit S. P. 
einverleibt sein: denn die Verschiedenheit des Verfahrens bei der 
Benutzung ist schon aus der Verschiedenheit der Quellen selbst 
zu erklären. Vermuthen darf man nur, dass die Hist. Damiat. aus- 
geschrieben wurde, ehe das Kreuzzugsinteresse erstarb. Sie wie 
die Chr. M. waren bekanntlich bereits in der Peterschronik ver- 
werthet, als aus dieser, wie wir sahen, zwischen 1.3.37 (oder 1340?) 
und 1349 die Reinhardsbrunner Geschichtsbücher vervollständigt 
wurden. Wann und in welcher Ausdehnung Marien- Annalen und 
Rathschronik in S. P. Aufnahme gefunden, wird erst dann zu be- 
urtheilen sein , wenn durch genauere Untersuchung der späteren 
Kompilationen, besonders auch der bloss handschriftlich vorhandenen, 
die Beschaffenheit jener beiden verlorenen Werke deutlicher ge- 
worden ist. 

Nicht bloss für die Geschichte der Historiographie haben die 
Untersuchungen, denen wir gefolgt sind, Frucht getragen. Ganz ab- 
gesehen davon, dass sie unser ürtheil über den Werth der reichs- 
geschichtlich so interessanten Reinhardsbrunner und Erfurter Nach- 
richten stark beeinflussen, haben sie unter anderem auch die Tra- 
dition von der fränkischen Abstammung der thüringischen Landgrafen 
wieder zu Ehren gebracht und die ursprüngliche Lehnsabhängig- 
keit derselben von Mainz festgestellt und damit für die mittelal- 
terliche Geschichte Thüringens ein wesentlich besseres Verständnis 
eröffnet. 

Danzig. M. Baltzer. 

Kurfürst Moritz und Heinrich II. von Frankreich von 1550—52. 
Von Dr. Ernst Schlomka. Halle, Niemeyer. 1884. 4(5 SS. 8". 
Verfasser gedenkt zunächst der Veränderungen im Reiche, der 
Politik, Stellung und Lage des Kaisers, der Päpste, des Königs von 
Frankreich und der deutschen Protestanten seit der Mühlberger 
Schlacht 1547, hebt hervor, wie vor allem das Interim, das Ein- 



*^) Von dem in A. R. und S. P. gemeinsamen Bestand für 
1209—15 (16) hat der Dresdener cod. K. 316 fol. 155 b bloss den 
Satz S. P. 54, 15—16; Nikolaus von Siegen 348, 16 nur S. P. 
57, .32—33. Durch die Lücke zwischen 1208 und 1216 wird auch 
der Irrthum des L. C. (Z. IV, 229, 1) : 1208 statt 1216 begreiflich. 

Neues Archiv f. S. G. u. A. VI. 3. 4, 22 



338 Literatur. 

Verständnis Karls V. mit Papst Julius lil. zur Wiederaufnahme des 
Konziles und die Standhaftigkcit Magdeburgs den französischen 
König veranlasst habe, den deutschen Angelegenheiten seine Auf- 
merksamkeit zuzuwenden, erwähnt die wichtigen Berichte des fran- 
zösischen Gesandten Marillac vom kaiserlichen Hofe aus über das 
Verhältnis zwischen Moritz von Sachsen und dem Kaiser seit dem 
Tage von Halle (1547), über die Erbfolgezwistigkeiten im kaiser- 
lichen Hause etc. und macht auf die Folgen der Augsburger Reichs- 
tagsbeschlüsse von 1550 aufmerksam. Dann verweilt er bei der 
allmählichen Annäherung des Kurfürsten von Sachsen an Frankreich 
und beim Zusammenstosse desselben mit dem vom Markgrafen Hans 
von Küstriii gestifteten kaiserfeindlichen Fürstenbund (1550). Darauf 
behandelt Verfasser die bekannte Februai'zusammenkunft in Dresden 
(1551), den Torgauer Vertrag, die Sendung Friedrichs von Roifen- 
berg nach Frankreich, die Ankunft des Bischofs von Bayonne Johann 
de Fresse in Deutschland, die Verhandlung zu Lochau und den 
Bruch zwischen Moritz und Markgraf Hans, die Reise des Mark- 
grafen Albrecht von Brandenburg -Kulmbach an den französischen 
Hof, die weiteren Festsetzungen zu Dresden, Chambord und 
Friedewalde und bescliliesst die Abhandlung mit einer kurzen An- 
gabe der politischen Zustände der lothringischen Bisthümer Metz, 
Toul und Verdun vor und nach der französischen Einnahme, sowie 
mit der Vorführung verschiedener Urtheile über Moritz von Sachsen 
als Bundesgenossen Heinrich 11. von Frankreich. — Verfasser bietet 
in seiner Abhandlung nur Bekanntes dar; vergebens sucht man 
nach Neuem, vergebens nach wünschenswcrthen Ergänzungen oder 
zufriedenstellenden Berichtigungen. Das Verdienst der Arbeit be- 
steht allein in der ziemlich übersichtlichen Zusammenstellung des 
Materiales, wie es sich bei Drulfel, Langenn, Ranke, Maurenbrecher, 
Voigt, Cornelius etc. findet. Nicht selten hat Verfasser Bemerkungen 
und Urtheile anderer so verwerthet, dass sie fast für eigne gehalten 
werden könnten (vergl. S. 8 unten, 9 unten, 1.3, 14, 18 etc.) Ein- 
zelne Stellen und "Wendungen verrathen, dass noch kein genügender 
Überblick und gründlicher Einblick in die Verhältnisse gewonnen 
wurde. Die Abhängigkeit von seinen Gewährsmännern hat des Ver- 
fassers ürtheil vielfach gefangen genommen. Das behandelte Thema 
bedarf noch weiterer Bearbeitung; allerdings können manche Fragen 
und verschiedene Punkte nur mit Hilfe neuen archivalischen Quellen- 
materiales gelöst, klargestellt und erledigt werden. 

Bautzen. Issleib. 

Oybin-Chronik. Urkundliche Geschichte von Burg, Cölestinerkloster 
und Dorf üybin bei Zittau. Von Dr. Alfred Moschkau. Mit 
6 Abbildungen. Leipa, Joh. Künstner [1884J. 4 BU., 390 SS. 8". 

Die bekannte Liebe der Oberlausitzer zu ihrer speziellen 
Heimat, zu ihren Bergen, ihrer Stadt, ja ihrem Dörflein tritt unter 
anderem auch in der bemerkenswerthen Erscheinung zu Tage, dass 
wenigstens in dem südlichen Theile des Landes nur noch sehr 
wenig Ortschalten existieren dürften, welche nicht ihre eigne und 
zwar in Druck erschienene Ortschronik besässen. Die Verfasser 
dieser Spezialgeschichten sind zum grossen Theil Landleute ohne 
eigentliche wissenschaftliche Bildung, welche aber mit Bienenüeiss 
aus den ihnen irgend zugänglichen gedruckten und ungedruckten 
Quellen alles auf die Geschichte und besonders auf die Statistik des 



Literatur. 339 

bätreffenden Ortes bezügliche Material zusammentrugen und darauf, 
meist mit eigenen pekuniären Opfern, eine Lokalgeschichte von 
grösserem oder geringerem Umfang veröffentlichten, die nicht bloss 
den Ortsgenossen vielfache Belehrung und Freude, sondern auch 
der allgemeinen wissenschaftlichen Geschichtsschreibung manchen 
werthvollen Beitrag bietet. Auch die vorliegende Schrift verdankt 
ihre Entstehung der fast schwärmerischen Liebe des Verfassers zu 
dem Oybin, jenem durch seine Gestalt, seine Geschichte und seine 
Ruinen gleich interessanten und deshalb von Einheimischen wie von 
Fremden gleich viel besuchten Berge südlich von Zittau, an dessen 
Fusse der Verfasser seit Jahren eine neue Heimat gefunden und in 
dessen Ruinen er jetzt auch ein von ihm selbst gegründetes „Oybin- 
Museum" aufgestellt hat. Zwar hat die wechselvolle Geschichte 
dieses Berges bereits seit langer Zeit eine eigene, ansehnliche 
Literatur über denselben erzeugt; aber der Sammlerfleiss des Ver- 
fassers, welcher sich seit Jahren mit historischen Spezialarbeiten be- 
schäftigt, hat in der That zu dem schon Bekannten noch gar 
manche neuen und schätzenswerthen Einzelheiten aufgefunden und 
wollte nun in diesem umfänglichen Buche eine möglichst vollständige 
Beschreibung und Geschichte nicht nur des Berges und seiner 
Ruinen, sondern auch des erst später am Fusse desselben ent- 
standenen Dorfes Oybin liefern. Und dies ist ihm denn auch, von 
manchen gewagten Behauptungen und einzelnen Irrthüraern abge- 
sehen, wohl gelungen. Überall sind die Quellen, gedruckte wie 
ungedruckte, denen er die erzählten Thatsachen entnommen, 
verzeichnet; eine Anzahl Lithographien, meist nach alten Kupfer- 
stichen, helfen zumal über die einzelnen Ruinentheile orientieren, 
und so wird denn das Buch, dessen Widmung Se. Majest. der 
König angenommen hat, wie wir hoffen und erwarten dürfen, 
nicht nur von Besuchern des Oybins gern gekauft, sondern auch 
von Geschichtsforschern und Kunsthistorikern vielfach benutzt 
Averden. — Der Verfasser behandelt zuerst die am Oybin gefundenen 
Urnen und sonstigen Überreste aus prähistorischer Zeit, sodann die 
mehrfache Anlegung fester Steinbauten auf der Höhe des Berges, 
von denen aus häufig auch Strassenraub geübt ward, bis sich Kaiser 
Karl IV. (1364) ein „Kaiserhaus" daselbst aufführen Hess und bald 
darauf (1369) den Cölestinermönchen jenes stattliche Kloster er- 
baute, dessen herrliche Kirchenruinen noch beute Touristen und 
Künstler entzücken. Die Reformation brachte auch diesem Kloster 
den Verfall. König Ferdinand I. von Böhmen verpfändete zuerst 
die leergewordenen Gebäude samt den reichen Klostergüteru und 
verkaufte endlich (1574) die einen wie die anderen an die Stadt 
Zittau. Bald darauf (1577) zündete der Blitz und verwandelte die 
Gebäude in die jetzigen Ruinen. 

Dr. Knothe. 



22* 



34Ö tiiteratnr. 

Übersicht über neuerdings erschienene Schriften und 
Aufsätze zur sächsisch - thüringischen Geschichte und 

Aiterthumskunde. 



Bar dt, Fr. Ein Bracteat Landgraf Heinrichs von Thüringen 
1227—1247: Archiv für Bracteateukimde Bd. I. S. 15 f. 

— Zwei Lausitzer Bracteateu : ebenda S. 17 f. 

BärwinJcel. Die Restanration der Regler Kirche in Erfurt und die 
Geschichte ihrer Gemeinde in den letzten 25 Jahren seit der 
Restauration der Kirche. Eine Festschrift zum 25jährigen Ju- 
biläum der Restauration und zum 750jährigen Jubiläum des Be- 
stehens der Regler Kirche, nebst einem Anhang, einem kurzen 
Abriss der Geschichte der Kirche und Gemeinde von ihren ersten 
Anfängen an enthaltend, verfasst von Diak. Dr. Lorenz. Erfurt, 
Villaret (Komm.). 1885. 83 SS. 8». 

Brehmer, W. Lübeckische Studenten auf der Universität Erfurt: 
Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte Bd. IV, S. 
216—221. 

Burkhardt, C. A. H. Stammtafeln der Ernestinischen Linien des 
Hauses Sachsen. Quellenmässig bearbeitet. Festgabe zur Er- 
öffnung des Archivgebäudes am Karl Alexanderplatze am 18. Mai 
1885. Weimar (Thelemann). (IV, 28 SS.) Querfolio. 

Conrad, J. Die Entwickelung der Universität Halle statistisch ver- 
folgt: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik Bd. XI 
(1885). S. 105—124. 

V. Criegern. Über den Leumund der Sachsen: "Wissenschaftliche 
Beilage der Leipziger Zeitung. 1885. No. 40, 41. S. 2:^3 — 236, 
241—244. 

Deichmüller , Joh. V. Geschichte der naturwissenschaftlichen Ge- 
sellschaft Isis in Dresden in den Jahren 1860—1885: Festschrift 
der naturwiss. Gesellsch. Isis in Dresden zur Feier ihres 50jährigen 
Bestehens am 14. Mai 1885 (Dresden 1885). S. 1—22. 

Distel, Th. Zacharias Wehmes sogenanntes Türkenbuch 1582: 
Kunstchronik (Beibl. zur Zeitschr. für bild. Kunst) XIX (1884). 
Sp. 196 f. 

— Urteil Thorwaldsens über den Bildhauer Joh. Herrmann in 
Dresden: ebenda XX (1885). Sp. 219 f. 

— Sächsische Sandsteine zum Rathausbau in Antwerpen (1563): 
ebenda Sp. 413. 

— Ein Brief Rauchs: ebenda Sp. 493 f. 

— Zwei Kupferstiche des Moritzmonuments zu Freiberg von 1568 
und 1619: ebenda Sp. 494. 

— Nachrichten über den Maler Christoph Paudiss (um 1660): 
ebenda Sp. 542i). 

— Der kursächsische Hofmaler Johann Fasold: ebenda Sp. 617 f. 
Dittrieh, Max. Neuer Führer durch Meissen, die Albrechtsburg, 

den Dom und die kgl. Porzellan -Manufaktur. Meissen, Selbst- 
verlag. 1885. 36 SS. 8». 
Droysen, G Bernhard von Weimar. Leipzig, Duncker & Humblot. 
1885. VIII, 444. VI, 575 SS. 8». 

^) Zu Anmerk. 1 sei bemerkt, dass das Bild 1659 entstanden ist. 

Distel. 



Literatur. 341 

Eheling, Frdr. W. Kyaw und Brühl. Zwei historische Porträts 
und ein moderner Pressprozess. Leipzig, Th. Frisch. 1885. 
190 SS. 8». 

Ermisch, H. Ans dem Freiberger Rathsarchiv. Korrespondenzblatt 
des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Alterthums- 
vereine XXXIII (1885). S. 13—17. 

Fritzsche, Chr. H. Aus Gelenaus Vergangenheit: Beiträge zur 
ortsgeschichtlicheu Kenntnis Gelenaus. Thum 1885. 93 SS. 8». 

GaedeTce, Arnold. Wallensteins Verhandlungen mit den Schweden 
und Sachsen 1631 — 1634. Mit Akten und Urkunden aus dem 
Kgl. Sachs. Hauptstaatsarchiv zu Dresden. Frankfurt a. M , 
Literar. Anstalt. 1885. XII, 346 SS. 8». 

Gebauer, Heinr. Dresden und die sächsisch -böhmische Schweiz. 
(A. u. d. T. : Städtebilder und Landschaften aus aller Welt No. 5. 6.) 
Zürich, Schmidt. (1885.) 90 SS. 8». 

V. Grumblcow, B. Illustrirter Führer durch Schloss Stolpen. Histo- 
risch und topographisch dargestellt. Mit mehreren Abbildungen. 
Dresden, R. v. Grumbkow. 1885. 46 SS. 8«. 

Gurlitt, Com. Aus den sächsischen Archiven (I. Wenzel Jamnitzer 
und der kursächs. Hof. IL Zur Geschichte der Keramik in 
Sachsen): Kunstgewerbeblatt Jahrg. L S. 51 — 53, 188 f. 

— Sächsische Goldschmiede: ebenda S. 55. 

— Levin Herolt, Glasmaler zu Dresden: ebenda S. 56. 

— Martin Koler, Töpfer zu Annaberg: ebenda S. 158. 
Hagedorn, A. Joh. Arndes Berichte über die Aufnahme König 

Christians L von Dänemark im Jahre 1462 und des Herzogs 
Albrecht von Sachsen im Jahre 1478 in Lübeck: Zeitschrift des 
Vereins für Lübeck. Gesch. Bd. IV. S. 283—310. 

Hasse, E. Geschichte der Leipziger Messen. Gekrönte Preis- 
schrift, {k. u. d. T.: Preisschriften gekrönt und herausgegeben 
von der Fürstlich Jablonowskischen Gesellschaft zu Leipzig XXV.) 
Leipzig, S. Hirzel. 1885. VIII, 516 SS. Ü^. 

Herfurth, Bud. Geschichtliche Nachrichten von Zschopau. Wissen- 
schaftliche Beilage zum 15. Jahresberichte über das kgl. Schul- 
lehrerseminar zu Zschopau. Zschopau 1885. 80 SS. 8". 

Hingst, C. W. Geschichtliches über die Kirchfahrt Zschaitz (Ephorie 
Leisnig). Döbeln 1885. 42 SS. 8<'. 

Karstens, W. Sächsisch - hessische Beziehungen in den Jahren 
1524, 1525 und 1526. (Kieler Inaug.-Diss.) Jena, Fischer. 1885. 
79 SS. 8". 

Kawerau, G. Der Briefwechsel des Justus Jonas. Gesammelt und 
bearbeitet. (A. u. d. T.: Geschichtsquellen der Provinz Sachsen 
und angrenzender Gebiete. Herausgegeben von der historischen 
Kommission der Provinz Sachsen. Bd7 XVIL) 2. Hälfte. Halle, 
Hendel. 1885. LVIII, 413 SS. 8». 

Knothe, Herrn. Nachträge zur Presbyterologie des Zittauer Weich- 
bilds vor der Reformation : Neues Lausitz. Magazin Bd. LXI. 
Heft 1. S. 132—145. 

— Die ältesten Besitzer der Herrschaft Gabel -Lämberg: ebenda 
S. 146—157. 

— Zur Genealogie der Berka von der Duba aus dem Hause Mühl- 
stein: Mittheilungen des Nordböhmischen Excursions- Clubs VIII 
S. 81—100. 

Koch, E. Joh. Ileumanns Randbemerkungen zum Saalfelder Kirchen- 



342 Literatur. 

buclie aus der Zeit von 1614 — 1634. (Progr. des Gymnasium 
Bernhardinum zu Meiningen.) Meiningen 1885. 44 SS. -i^'. 

Krause, Carl. Briefwechsel des Mutianus Rufus. Gesaramelt und 
bearbeitet. Cassel, Freyschmidt (Komm.). 1885. 18, LXVIII, 
700 SS. 8". 

V. Krosigk, Konrad. ürkundenbuch der Familie von Krosigk. Eine 
Sammlung von Regesten, Urkunden und sonstigen Nachrichten 
zur Geschichte der Herren von Krosigk und ihrer Besitzungen. 
Im Auftrage der Familie von Krosigk gesammelt und heraus- 
gegeben. 3. Heft, 1. Abth. Halle a. S., Schmidt. 1885. 122 SS. 8". 

Lange, H. 0. Über einen Katalog der Erfurter Universitätsbiblio- 
thek aus dem 15. Jahrhundert: Centralblatt für Bibliothekwesen. 
Jahrg. IL Heft 7. S. 277—287. 

Lehmann, Emil. Der polnische Resident Behrend Lehmann, der 
Stammvater der israelitischen Eeligionsgemeinde zu Dresden. 
Dresden und Leipzig, E. Pierson. 1885. 75 SS. 8*^. 

Lehrs, Max. Carl Schlüter, ein Lebensbild: Zeitschrift für bildende 
Kunst. Jahrg. XX (1885). S. 125—134. 

V. Mansberg, B. Frlir. Ein Rückblick auf die Tage vom 31. Mai 
bis 28. Juni 1730: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger 
Zeitung. 1885. No. 48 — 52. S. 281—283, 289 — 296, 301 — 303. 
305— .309. 

Moschkaxi, A. Die prähistorischen Alterthümer der Oberlausitz und 
deren Fundstätten : Neues Lausitz. Magazin Bd. LXI. Heft 1. 
S. 79—131. 

l'etzholdt, J. Anekdoten aus dem Leben des Königs Johann von 
Sachsen : "Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung. 1885. 
No. 39. S. 219—232. 

— Der König Johann von Sachsen über ZM'eikämpfe: ebenda No. 53. 
S. 313—315. 

[FoeschelJ. Das sächsische Sibirien: Greuzboten. 1885. No. 25. 
S. 607—620. 

Meuss, Friedrich. König Konrad IV. und sein Gegenkönig Heinrich 
Raspe: Programm des kgl. Gymnasium zu Wetzlar. Wetzlar 
1885. 40. S. 1—21. 

Michter, Ludivig. Lebenserinnerungen eines deutschen Malers. Selbst- 
biographie nebst Tagebuchniederschriften und Briefen. Heraus- 
gegeben von Heinrich Richter. Frankfurt a. M., Abt. 1885. V, 
472 SS. 80. 

[Richter, Otto] Blicke in die Vergangenheit des Waisenhauses zu 
Dresden. Festschrift zur Feier des 200jährigen Bestehens der 
Anstalt am 8. Oktober 1885. Dresden 1885. 31 SS. 8». 

Rüge, S. Ludwig Richters Bedeutung für die sächsische Schweiz: 
Jahrbuch des Gebirgs -Vereins für die Sachs. -Böhm. Schweiz II 
(1885). S. 22—36, 126—128. 

— Chronologische Reihenfolge der Ansichten der Burg Wehlen: 
ebenda S. 75—79. 

Sammler, Carl. Aus den Gemeindeakten von Pillnitz, Hosterwitz, 
Söbrigen und Oberpoyritz: ebenda S. 45 — 61. 

Sax, Em. Die Hausindustrie in Thüringen. Wirthschaftsgeschichtliche 
Studien. 1. Th. : Das Meininger Oberland. 2. vermehrte Auflage. 
(A. u. d. T.: Sammlung nationalökonom. und statistischer Ab- 
handlungen des staatswissenschaftlichen Seminars zu Halle a. S., 
herausgegeben von J. Conrad. 2. Band, 7. Heft). Jena, Fischer. 
1885. XII, 1G4 SS. 8». 



Literatur. 343 

Schömoäldcr. Der Budissiner Queisskieis, eine topographisch-histo- 
rische Studie (zweite Hälfte): Neues Lausitz. Magazin Bd. LXI. 
Heft 1. S. 1—78. 

Schwabe, Viktor. Nachricht über die kirchlichen Zustände der 
Schwesterparochieu Kleinwaltersdorf und Kleinschirma im Jahre 
1884 nebst kleiner Chronik beider Ortschaften. Freiberg 1885. 
76 SS. 8», 

Seidemann, J. K. Collectaneen zur Ortsgeschichte: Jahrbuch des 
Gebirgsvereins für die Sachs. -Böhm. Schweiz II (1885). S. 80—90. 

Steche, E. Beschreibende Darstellung u. s. w. Viertes und fünftes 
Heft: s. oben Seite 321. 

Taylor, Shephard Thomas. An historical tour: or, the early ancestors 
of the prince of Wales of the house of Wettin. London, Williams 
and Norgate. 1884. YIIl, 182 SS. S«^. 

V. Tettau. Beiträge zu einer vergleichenden Topographie und Sta- 
tistik von Erfurt: Jahrbücher der Kgl. Akad. gemeinnütziger 
Wissenschafteu zu Erfurt N. F. XIII. Erfurt, Villaret. 1885. 
220 SS. 8». 

W — e. Ein Besuch des Königs Friedrich August von Sachsen bei 
dem Fürsten von Montenegro : Wissenschaftliche Beilage der 
Leipziger Zeitung. 1885. No. 70. S. 414—416. 

Wiechel, IL Urnenfunde bei Klotzsche und Laussnitz in Sachsen: 
Festschrift der naturwissenschaftlichen Gesellsch. Isis in Dresden 
zur Feier ihres 50jährigen Bestehens am 14. Mai 1885 (Dresden 
18851. S. 12.3—128. 

Wustmann, Gustav. Aus Leipzigs Yergangenheit. Gesammelte 
Aufsätze. Leipzig, Fr. W. Grunow. 1885. VH, 472 SS. 8». 

— Die Leipziger Goldschmiede Hans Reinhart der Altere und der 
Jüngere: Kuustgewerbeblatt Jahrg. I (1885). S. 161—168. 

— Der Sachs. Medailleur B. L. : Kuustchronik XX (1885), Sp. 489 f. 

Bergk Ordnung über die Steinbrüche im Liebethaler Grunde : Jahr- 
buch des Gebirgsvereins für die Sachs. -Böhm. Schweiz II (1885). 
S. 62—74. 

Verzeichnis der die sächs. Schweiz betreffenden Handschriften der 
Kgl. öflentlichen Bibliothek zu Dresden: ebenda S. 91 — i»5. 

Nachrichten über Benennung der sächsischen Infanterie- u. Kavallerie- 
Regimenter; Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung. 
1885. No. 69, 70. S. 409-41.3, 417—420. 

Wie ist das verschiedenartige Verfahren der sächsischen Heeres- 
leitung den preussischen Einmärschen der Jahre 1756 und 1866 
gegenüber nach der jeweiligen Situation zu beurtheilen? ebenda 
No^ 63. S. 373—375. 

Beiträge zur sächsischen Kirchengeschichte. Herausgegeben im 
Auftrage der „Gesellschaft für sächsische Kirchengescliichte" von 
Franz Dibelius u. Gotth. Lechler. 3. Heft. Leipzig, Barth. 1885. 8". 
Inhalt: Lechlcr, Die Vorgeschichte der Reformation Leipzigs. 
Wold. Schmidt, Zum Gedächtnis D. Georg Benedikt Winers. 
Meusel, Die Einwanderung böhmischer Brüder in Grosslienners- 
dorf bei Herrnhut in Sachsen. Förster, Sächs. Verordnungen 
früherer Zeit gegen den Kleiderluxus. Buchwald, I). Martin 
Luthers Deuteronomiumvorlesung vom Jahre 1523. Seifert, Hat 
Luther 1517 oder 1518 in Dresden gepredigt. 

Vierundfünfzigster und fünfundfi'tnfzigster Jahresbericht des Vogt- 
ländischen Älterthuins forschenden Vereins zu Hohenleuben und 



344 ' Literatur. 

sechster und siebenter Jalireshericht des Geschichts- und Älter- 
tlmmsfor seilenden Vereins zu Schleis. Im Auftrage des Direk- 
toriums herausgegeben von M. Dietrich. (1885.) 8". 

Inhalt: Veckenstedt, Pumphut. Alberti, Die ältesten 
Stadtrechte der Reussischen Städte (Schluss). B. Schmidt, 
Der Prozess Markgraf Friedrichs des Ernsthaften von Meissen 
gegen seinen Vormund Heinrich Reuss d. J. Voigt von Plauen. 
Weiss enborn, Die Anfänge der Universität Erfurt und ihr 
Rektor Heinrich Reuss von Plauen 1469. Arnold , Nekrolog tiber 
Christoph Hermann Moses. 
3Iitthcihmgen des Vereins für Anhaltische Geschichte und Älter- 
thumslcimde. Bd. IV, Heft 4. Dessau 1885. 8'1 

Inhalt: Stenzel, Urkundliches zur Geschichte der Klöster 
Anhalts. Stier, Die Herzöge und Kurfürsten von Sachsen- Wit- 
tenberg aus dem Hause Anhalt. Hos aus, Christian Friedrich 
Gallerts Briefe an die Fürstin Johanna Elisabeth von. Anhalt- 
Zerbst. Blume, Alterthümer in Anhalt. Wäschke, Über den 
Namen Mägdesprung. 
3Iitthcilungen des Vereins für die Geschichte iind Alterthumslcunde 
von Erfurt. Heft 12. Erfurt, Villaret (Komm.). 1885. 8». 

Inhalt: Frhr. v. Tettau, Beiträge zu einer vergleichenden 
Topographie und Statistik von Erfurt. Werne bürg, Über die 
Herleitung der Namen der thüringisch-sächsischen Gaue Suevon, 
Hassegau und Friesenfeld. Jaeger, Baurechnungen von Tonn- 
dorf und Mühlberg 1.358 bis 1417. 
Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Meissen. Des 
I. Bandes 4. Heft. Meissen 1885. 8". 

Inhalt: Flathe, Die älteste erkennbare Geschichte des 
Meissner Lands. Messien, Winkelschulen zu Meissen im 18. 
Jahrhundert. Bessert, Aus dem Briefwechsel des Pfarrers von 
St. Afra, Johann Tettelbach. Kreyssig, Verzeichnis der Lehrer 
an der Lateinschule (Franciscaneum) zu Meissen von 15.39 bis 
1800. Loose, Die Schulordnung des Franciscaneums zu Meissen 
vom Jahre 1609. Beiträge zur kirchlichen Zucht und Sitte in 
Meissen (aus dem Trauregister der Stadkirche). Kleinere Mit- 
theilungen. 
Mittheilungen des Vereins für Geschichts- und Alterthumskunde 
zu Kahla und Boda. III. Bd. 1. Heft. Kahla 1885. 8». 

Inhalt: V. Lommer, ßegesten und Jahrbücher der Stadt 
Orlamünde. 2. Theil. 
Mittheilungen vom Freiherger Älterthumsverein, herausgegeben von 
Heinrich Gerlach. Heft 21: 1884. Freiberg, 1885. 8". 

Inhalt: Gerlach, Zum 25 jährigen Stiftungsfest unseres Frei- 
berger Alterthumsvereins. Gerlach, Bilder aus Freibergs Ver- 
gangenheit (No. 4. Freiberg um das Jahr 1620 nach Dilich). 
Hingst, Mittelalterliche Sanitätsverhältnisse Freibergs. W er- 
nicke, Seltsame Familiennamen des Mittelalters in Freiberg. 
Heydenreich, Bibliographisches Repertorium (vgl. oben S. 160). 



Nachtrag zu Heft 1. 

Unter den auf Seite 22 genannten noch lebenden ältesten Mit- 
gliedern felilt Herr Geheim-Rath Dr. jur. Poeschmann (aufgen. 1842). 



Register. 



Agnes V. Brandenburg, Äbtissin 

in Hof 171. 
Albrecht (d. Entartete), Mkgr. 

V. Meissen 62. 

— I, Herzog v. Sachsen 76 f. 83. 

— H., Herzog v. Sachsen-Witten- 
berg 65. 8.3. 85 f. 89. 

— HL, Herzog v. Sachsen-Witten- 
berg 86. 

— (der Beherzte), Herzog v. 
Saclisen 91. 202, 204. 207. 

— (V.), Herzog v. Bayern 233. 249. 

— (Achilles), Kurf. v. Branden- 
burg 174 f. 178 ft; 

— Mkgr. V. Brandenburg-Culm- 
bacli 215 f. 219. 223. 229 f. 
237 ff. 

— Herzog v. Preussen 224 f. 
229. 241. 246. 308. 

— Erzbisch, v. Magdeburg 83. 
Aldenberg, Stph., Architekt 252 f. 
Allstedt 88. 

Altbelgern b. Beigern 197. 199. 

205. 208. 
Altenberg, Burggrafth. 57. 73. 
Altenburg, Burggrafth. 57. 67. 
V. Altensee, Georg 231. 
Alterthumsverein, kgl. sächs. 1 ff. 
Altzelle 32. 207. 

— Vincentius, Abt 169. 
Am Ende, Bibliothekar 42. 

V. Amnion, Überhofprediger 11. 
Amstorff, liieren., zu Torgau 204. 
Andrich, Oberst z. D. 42. 
Anhalt s. Heinrich. 
Anna (v. Sachsen), Gem. Ldgr. 
Ludwig V. Hessen 169 f. 

— V. Brandenburg, Nonne in 
Seusslitz 171. 

— Gem. Albrecht Achilles v. 
Brandenburg 183. 



Anna (v. Mecklenburg), Gem. 

Wilhelm's H. v. Hessen 97. 
Annaberg 321 ff. 
Anton, König v. Sachsen 15. 
Arnold, Chrph. 218. 223. 
Asfhersleben 174. 
Aufsess, Frhr. Hans von u. zu 38. 
Augsburg 215. 233. 238. 
Augsburg. Konfession 270 ff. 
August, Kurf. V. Sachsen 64. 74 f. 

214 tl. 242. 244. 308 f. 311 f. 

315. 
Augustusburg 46. 
Aussig b. Mühlberg 199. 202. 204. 

Badhorn, Leonh. 235. 
Balthasar, Mkgr. v. Meissen 66. 
Barbara (v. Sachsen), Gem. Mkgr. 

Johann (des Alchymisten) v. 

Brandenburg 176. 178. 
Barby 58. 87 f. 270 f. 273. 278. 296. 
Batitz b. Mühlberg 199. 
V. Baudissin, Graf, Generalmaj. 

a. D. 41 f. 
Bauernkrieg 109 f. 129. 138. 140 f. 
Bautzen 92. 252. 254. 261. 
Bayern s. Albrecht, Ludwig, 

Siegmund. 
V. Bawmelberg, Ludw. 120. 
Beltreru 198. 200. 205. 
Belitz 173. 177. 
Bensen 195. 
Berg 58. 91. 

V. Bergow u. Trosk, Joh. 201. 
Berka v. d. Duba (a. Linie 

Hohen st ein). 

— Hinko L 192. 

— Hinko II. 192. 195. 

— Judith s. Gera. 195. 

— Anna s. T. , Gem. desNicol. v. 
Kolowrat 195. 



346 



Register. 



Berka v. d. Duba (b. Linie 
Wildenstein). 

— Albrecht 195 f. 

— Hinko s. Bruder 196. 

— Benes 208. 

— Christoph 209. 

— (c. Linie Mühlberg) 190 ff. 

— Hinko irr. 191 ff 

— Barbara (WvUtic) s. Gemahl. 
194 f. 200. 

— Hans I. 207. 

— Margarethe s. Gem. 201. 

— Hinko IV. (Henigke) 201 f. 

— Albrecht 201 ff. 

— Anna s. Gem. (ireb. v. Ileburg) 
202 ff. 207 f. 

— Hans II., 202 ff. 

— Agnes s. G. (geb. v. Schleinitz) 
207 ff. 

Berlin (u. Kölln) 176 ff. 185. 
Bernau 177. 18.5 f. 
Berner, Klaus 218. 
Bernhard, Herzog v. Sachsen 76. 
Berthelsdorf 268. 289. 
Beynhart, Jak , Maler zu Breslau 

261. 
V. Biberstein, Marschall 207. 
V. Bibra, Chrph. 205. 

— Hans 201. 

Bing, Simon, hess. Rath 214. 218. 

224. 240. 
Blülier, Past. em. 47. 
Bobe, Museumsinspektor 42. 
Bogislaw, Herzog v. Pommern 

181. 186. 
Böhmen s. Diepold , Ferdinand, 

Georff, Sieffmund, Wenzel. 
Boragk "b. Mühlberg 198. 200. 

203. 205. 208. 
Börer, Blas., Architekt 256 ff. 
Borschitz b. Mühlberg 199 f. 

205. 208. 
Böttiger, K. A., Hofrath 3 ff. 
V. Boyneburg, Ludw. 97. 
Brandenburg 174. 176 f. s. Agnes, 

Albrecht , Anna , Barbara, 

Dorothea, Erasmus, Friedrich, 

Joachim, Johann, Katharina, 

Margaretha. 

— (Bramburg), Erasmus, Propst 
zu Berlin 179. 

Braunschweig 215 f. s. Heinrich, 

Katharina. 
Brena, Gralsch. 57. 65 f. 77. 90. 
Breslau 181 f. 



Bressewicz, Hans 199. 

— Heinrich 199. 
Bressnitz b. Mühlberg 205. 
Blosse, Joach. Hannib., Glocken- 

giesser 263. 
Brück 174 f. 

V. Brühl, H. Graf, Premierminister 
265 ff. 272 f. 

— Gräfin 266. 

— Oberstallmeisterin 266. 
Buchholz 34. 

Bufler 235. 

Burchard, Bisch, v. Halberstadt 
174. 

— Geo., Goldschmied 262. 

V. Burgsdorf, KarlGottl., Kanzler 

zu Zeitz 266 ff. 
Burgund s. Philipp. 
Burxdorf b. Mühlberg 197—208. 
Büttner, Museumsinspektor 42. 

Cambrai 228. 243 f. 

V. Carlowitz, Generalmajor 41. 

Maxen, Legationsrath 41. 

Cavertitz b. Strehla 199. 205. 

Chlumec in Böhmen 201. 

Christian I. Kurf. v. Sachsen 31.3. 

Christian, König V. Dänemark 180. 

Christina (v. Sachsen), Gem. 
Philipps, Ldgr. v. Hessen 97. 

Christoph, Herzog von Württem- 
berg 219. 

Chrosner, Alex., Mag., Hofprediger 
111. 114. 129 ff. 

Cleve 58. 91. 

Gliben (Wald b.Mühlbg.)199. 208. 

Cossdorf b. Mühlberg 197. 200. 208. 

Cossilenzien b. Mühlberg 197. 

Cromer, Hans, Bildhauer 260. 

V. Cronberg, Hartmann 120. 

Dänemark 222. 233 ff. 243 f. siehe 
Christian. 

Diepold, Herzog v. Böhmen 65. 

Dietrich v.Sommersenburg,Mkgr. 
V. Meissen 55. 62. 

— der Bedrängte, Mkgr. v. 
Meissen 61. 

Diezmann, Mkgr. v. Meissen 33. 

59. 92. 
Dirr, Christian, Goldschmied 314. 

— Ernst Casp , Medailleur 314. 

— Georg, Hofmaler 314. 

— Hans, Goldschmied 312 ff. 

— Joh., Kupferstecher 314. 
V. Diskau, Hans 231. 



Register, 



347 



Dittmann, Dr. 18. 

Dohiia, Marienkirche 18. 

Döring , Math. , Provinzial der 
Franzisk. 171 fi". 

Dorothea (v. Brandenburg), Gem. 
Johanns v. Sachsen u. Lauen- 
burg 177. 179 f. 

Dresden ü ff. 46. 316 ff. Sophien- 
kirche: 18. 46 Prinzenpalais: 
20. 24. 42. Palais im Grossen 
Garten: 27 f. 28f. 32.43. ßar- 
tholomäuskapelle: 28. Kreuz- 
thurm: 814 f. 

Dröschkau b. Mühlberg 199. 208. 

Ebert, Ad., Oberbibliothekar 
6 f. 10 ff. 

Eberus, Paul, Dr. 309. 

Ehrenfriedersdorf 324. 

Eichler, Kasp., v. Zittau, Maler. 

Eilenburg 64. 

V. Eilenburg (Ileburg), die Herren 
196. 

— Botho 197. 

— Anna, s. Berka. 

— Otto 196. 

V. Einsiedel, Detlev Graf,Kabinets- 

minister 7 . 
Eisenberg, Herrsch. 57. 72 f. 
Elisabeth (v. Hessen), Gem. des 

Herzoürs Johann v. Sachsen 

97. 114. 
Emmerich, Georg, Bürgermeister 

V. Görlitz 257. 
Engelhardt, Dr., Hofrath 18. 23 f. 
Engern 58. 66. 90. 
England 219. 222. 243 f. 
Erasmus , Mkgr. v. Brandenburg 

177 ff'. 

— (v. Rotterdam) 115. 135. 
Erbstein , Adv. , dann Archivar 

18. 23. 36. 

Erfurt 231 f. Historiographie 325 ff. 

Erich , Herzog von Pommern- 
Stettin 180. 

Ermisch, Dr., Archivar 42. 

Ernst, Herzog v. Öachsen-Koburg 
219. 222. 

— kurf.'v. Sachsen 202. 204. 207. 
Ezard, Graf v. Frieslaud 142. 

Falke, Job., Dr., Archivar 42. 47. 
Falkenstein, Hotrath 11 ff". 
Ferdinand I., König 219. 233. 
236. 279 f. 

Fichtenberg b. Mühlberg 198ff. 208. 



Filcz (Fielicz), Gebhard 199. 
V. l'lotow, G., Geh. Finanzrath 7. 
Francke, A. H. 158 ff. 
Franczsch, Drewus 199. 
Frankfurt a. 0. 176. 
Frankreich s. Heinrich. 
Freiberg 160 ff. Dom: 19. 2H. 

.30. ff. 46. 
de Fresse (Fraxineus), Job., lüsch. 

V. Bayonne 224 tY. 229 f. 237 ff. 
Friedewalde 242. 
Friedrich v. Brena 65. 

— (Tutta), Mkgr. v. Meissen 64. 

— (d.Freidige), Mkgr. v. Meissen 
66. 89. 

— (d. Ernsth.), Mkgr. v. Meissen 
63 f. 67. 71 f. 

— (d. Streitb.), Kurf. v. Sachsen 
65. 72. 74. 86 f. 89. 169 f. 

— H., Kurf. V. Sachsen 170. 
173 f. 191 ff. 

— (d. Weise), Kurf. v. Sachsen 
97. 255. 

— L, Kurf. V. Brandenburg 173. 

— n., Kurf. V. Brandenburg 1 69 ff. 

— (d. Fette), Mkgr. v. Branden- 
burg 175. 178. 

— Bisch. V. Lebus , brandenb. 
Kanzler 187. 

Friedrich August I. , König v. 

Sachsen 7. 93. 
H., König V. Sachsen 5 ff. 

— — Herzog zu Sachsen .50. 
Friedrich Wilhelm, Herzog zu 

Sachsen, Administrator 313 f. 
V. Friesen, Frhr., Kammerherr 

31. 33. 
Friesland s. Ezard. 
Fürstenwalde, Dom 207. 

Gautsch, K., Advokat 37. 
Geldern s. Karl. 
Georg, Herzog v. Sachsen 94 ff. 
203 f. 206 ff. 259 f. 263. 320 f. 

— Prinz 39 ff. 

— (Podiebrad), König v. Böhmen 
193. 

— Herzog v. Mecklenbg. 216. 250. 
V. Gersdorf, Oberamtshauptmann 

266. 269. 273 ff. 
Gesamtverein der deutschen 

Geschichts- und Alterthunis- 

vereine 38. 
Geyer 47. 
Glashütte 19. 



348 



Register. 



Görlitz 251 ff. 

Gotha 110. 

Granvella 248. 

Groh, Fast., v Berthelsdoif .S02. 

Grohmanii, K. G., Hofsekretär 

8. 23. 
Grossenhaiu 208, 
Gross-Hennersdorf 266. 269. 275 f. 

280. 286. 288 ff. 
Gross-Krausche b. Bunzlau 289. 
Grossschirma b. Freiberg 207. 
Gutbier, Adv., 24. 

Hake, Ursula 186. 

Halberstadt 174. 212 f. 229 siehe 

Burchard. 
Halle 81. 83. 175. 
Hamburg 180. 

llan, Lucas, v. Görlitz, Maler 261. 
Hartmami, Ferd., Direktor der 

Kunstakademie zu Dresden 

7. 12. 16. 18. 
Hase, Hofrath 11 f. 16, 18. 
Hedwig, Gem. Johanns I. vou 

Liegnitz J82. 
Heide b. Elsterwerda 199. 208. 
V. Heideck, Hans 218 ff'. 223. 240. 
Heilbronn , Peter v. , Baumeister 

2fi0. 
Heinrich (d. Erlauchte), Mkgr. v. 

Meissen 61 f. 77. 88. 

— Sohn Kurfürst Friedrich des 
Steitb. V. Sachsen 169. 

— (d. Fromme), Herzog v. Sach- 
sen 5G. 

— TII., deutscher König 67. 

— V. Anhalt 76. 80 f. 

— Herzog v. ßraunschweig 187. 
215. 

— IL, König V. Frankreich 214. 
216. 219, 222 ff'. 388. 

— Herzog v. Mecklenburg 180. 
182. 224 f. 229. 246. 

Henneberg, Grafsch. ?>S. 74 f. 

Hennersdorf s. Gross-Hennersd. 

V. Hennicke, Graf, Konferenz- 
minister 266 ff". 

Hermann L, Ldgr. v. Thüringen 68. 

Hermann , Dr. , Oberhofprediger 
273 ff. 

Herrmann, Georg, Architekt und 
Bildhauer 260. 

Herrnhut 264 ff. 

Hessen s. Anna, Christina, Elisa- 
beth, Ludwig, Philipp,Wilhelm. 



Hettner, Herrn. 41. 
Heuchler, Architekt 31. 
Heydenreich, Dr., Konsistorial- 

rath 277. 281. 284 f. 287. 

291. 296. 301. 305. 
Hilger, Andreas und Martin, 

Glockengiesser 262 f. 
Hillersleben 216. 
Hof, Kloster 171. 
Hohendorf 205. 
Hohenstein 191 f. 
Holtzendorf, Graf, Oberkon- 

sistorialpräsid. 276. 280. 284 ff. 
V. Honsberg, Barbara 172. 

Ingolstadt 238. 

Innsbruck 232 ff. 248 f. 

Joachim IL, Kurf. v. Brandenbg. 
212 f. 215 f. 219. 233. 

Johann, Herzog v. Sachsen- 
Lauenburg 76 f. 83. 85. 89. 

— Herzog v. Sachsen-Lauenburg 
180. 

— (d. Best.), Kurf. v. Sachsen 
67. 73. 97. 108. 110. 114. 255. 

— König V. Sachsen 7 ff". 

— (d. Alchymist), Mkgr. v. Bran- 
denburg 174 f. 180. 

— Mkgr. V. Brandenburg-Küstrin 
215. 217 ff. 

— Mkgr. V. Brandenburg (Sohn 
Kurf. Friedr. II.) 177 f. 

— Mkgr. V. Brandenburg 181. 
186 f. 207. 

— IV., Bisch. V. Meissen 191. 194. 

— V., Bisch. V. Meissen 202. 

— VI., Bisch. V. Meissen 255 f. 

— Bisch. V. Merseburg 194. 

Johann Albrecht, Hrzg v. Mecklen- 
burg 219 f. 222. 224 f. 229. 
240 f. 245. 248. 

Johann Ernst, Herzog v. Sachsen- 
Koburg 246. 

Johann Friedrich, Kurf. v. Sach- 
sen 56. 73. 91. 108 f. 218. 227. 
234. 246. 

(d. Mittl.) , Herzog v. 

Sachsen 74. 220. 227. 246. 

Johann Georg I. , Kurf. v. Sach- 
sen 92. 

IL, Kurf. V. Sachsen 87. 

Johann Philipp, Kheingraf 230. 
236 ff". 

Jülich 58. 91. 

Jung, Dr., 234. 



Registef. 



349 



Ivarl IV., Kaiser 63. 86. 92. 192. 
196. 198. 

— V., Kaiser 210 ff. 

— Herzog v. Geldern 142. 
Katharina v. Brandenbg., Äbtissin 

in Hof 171. 

— (v. Braunschweig), Gem. Kurt". 
Friedr. des Streitbaren von 
Sachsen 169. 

— (v. Sachsen) , Gem. Kurf. 
Friedr. H. v. Brandenburg 
169 fi". 

Kersten, Aktuar 289. 293. 298. 
Keyl, Museumsinspektor 29. 
Kilian, Meister, Steinmetz 234 f. 
Kirchberg, Burggraf v. 57. 73 f. 
Ivlemm, Dr., Hofrath 19. 23. 31. 

41. 45. 
Kliugenberg (b. Mühlberg?) 199. 
Klingenhain b. Strehla 205 f. 
Klösterlein b. Aue 46. 
Knobloch, Janko, Hauptmann zu 

Hohnstein 191. 
Köber, Johann Friedrich 268 fi". 
Koch, preuss. Oberhotprediger 

275 f. 289. 
V. Kochberg. Bernhard 194. 
V. Köckeritz, Heinrich 199. 

— Konrad 199. 

— Nickel 199. 
Koller, Wolfg. 235. 

V. Kolowrat, Albrecht, Herr auf 
Liebstein, Kanzler 261. 

— Jhan 196. 

— Nickel 195 s. Berka. 
Konrad, Mkgr. v. Meissen 60. 

— Landgr. v. Thüringen 68. 
Köttlitz b. Mühlberg 197. 201 f- 

205. 
Kram, Franz, Dr., sächs. Ratli 

234. 249. 
Kramer, Hieron. 314. 
Kreinitz b. Strehla 199. 
Kreuzburg a. Werra 108 f. 
Kröbeln b. Mühlberg 198. 
Krüger, Prot. 18. 26 f. 29. 
Kühnel 301 tf. 
Kula, Günther 199. 

van Laer 269. 288. 298. 

Landsberg, Mark 59. 64. 

V. Langenn, Geh. llath 23. 26 f. 

35 ff. 41. 45. 
Langenrieth b. Mühlberg 197. 208. 
Langensalza 116. 135 tf. 



Laubanisch (Laurisch), Urban, 
Architekt 256. 

Lauchstedt 88 f. 

Lauenburg 89 f. 

Layriz, Serainardirektor in Herrn- 
hut 295. 299. 

Lebus s. Friedrich. 

Lehmann, F. L., Maler 34. 

Lehndorf b. Mühlbg. 197. 203. 205. 

Leipzig 3. 10. 33. 311. 

Leisnig 202. 

Leuben b. Dresden 19. 46. 

Leyser, Hofrath 276. 291. 298. 305. 

Liebenwalde 177. 

Liegnitz s. Hedwig 182. 

V. Lindenau, Staatsminister 11. 

V. Lindow, Graf Albrecht, Herr 
V. Ruppin, Hauptm. der Neu- 
(Mittel-) mark, 174. 

Löbau, Job. u. Niklas v. , Gold- 
schmiede 262. 

— Siegmund v., Maurer 252. 

V. Loben, Landeshauptmann 277. 

289. 298. 300 f. 
Lochau 224 ff. 

Lorenz, Steinmetz in Zittau 259. 
Löwe, Prof Dr. 23 f. 42. 
Lübeck 180. 
Luckau 92. 

Lücke (Wüstung) b. Mühlberg 199. 
Ludwig IV., Kaiser 67. 70. 

— Landgr. v. Hessen 170. 

— Landgr. v. Thüringen 68. 
Lüneburg 180. 

Luther, Martin 98 ff. 157 f 309. 
320 f. 

Magdeburg 58. 77. 80 ff. 173 f. 
212 ff'. 215 ff. s. Albrecht, 
Wilbrand. 

— Joh., Dompropst z. Naum- 
burg u. Meissen 194. 

Major, Georg 309. 

V. Maltitz, Friedrich 194. 

Mansfeld, Hans Georg Graf zu 315. 

— Christof, Graf zu 315. 

V. Manteuffel, G. A. E. Frhr. 

7 f. 11. 
Margaretha, Gem. Kurf Friedr. II. 

V. Sachsen 193. 

— Tochter Kurf. Friedr. 11 v. 
Brandenburg 177. 179 ff. 

Maria, Gem. Karl V. 248. 
Marienberg 321 ff. 
Marieustern s. Mühlberg. 



350 



Register. 



Mark, Grafsch. 5S. 91. 
Marschall, Gerhard 198. 

— Hans 198 f. 

— Jür^e 198. 

— Ludolf 198. 
Martinskirche b. Mühlberg 197. 

199. 203. 205. 
Marzahn b. Treuenbritzen 175. 
Mathias, König v. Ungarn 181 f. 
Maximilian , König v. Böhmen 

219. 249. 
Mecklenburg s. Anna, Georg, 

Heinrich, Johann Albrecht, 
Meissen 252. Bauten 34 f. 45 f. 

254 IT. 260. Mark 57. 59 f[. 

s. Albrecht, Balthasar, Dietrich, 

Diezmann, Friedrich, Heinrich, 

Konrad, Otto, Wilhelm. Stift 

212 s. Johann. 
Meissner, Präsident 21. 27. 31. 
Melancbthon 98 f. 120. 149 ff. 235. 

.308 f. 3-21. 
Mentzius, Baltli. 149 ff. 
Merseburg 59 f. 212. s. Johann. 
Merlitz b. Lommatzsch 205. 
Metz 228. 243 f. 
V. Michelsberg, Job. 195. 
V. Mila, Bernh. , Landhofmeister 

220. 
V. Miltitz, Überhofmeister?. 11. 13. 

— Ilse, 172. 

V. Minkwitz auf Sonnenwalde 99 f. 

— Nikol. 100 ff. 117 ff. 128. 
Mittenwalde 17.3. 177. 185. 
Möglenz b. Liebenwerda 197. 
Möller, Jost, Baumeister 256. 
Mönch, Albrecht 199. 

— Christoph 205. 

— Hans 199. 201. 203. 205 f. 
Moritz, Kurt', v. Sachsen 64. 210 ff. 

312. .338. 

Moritz Wilhelm, Hrzg. v. Sachsen- 
Zeitz 159. 

Mühlberg 190 ff. 312. Kloster Ma- 
rien (Gülden-) stern 200 ff. 

Mühlhausen i. Th. 142. 231 f. 

V. Mühlingen, Grafen 87. 

Mülich, Wolf 220. 

V. Nassau, der 120. 

Nauen 185. 

Naumburg 220. 

Neisser, Augustin 301. 302 f. 

— Wenzel 274. 
Niederlausitz 58. 91 f. 



Niemegk 174 f. 

Niesky 278. 

Nitschmann, David, Syndikus 

280. 295. 297. 302. 
Noerner, Stadtgerichtsaktuar 18. 
Nollau, Oberfinanzeinnehmer 24. 
Northus, Maler 24. 29. 
Nossky, Präsident 24. 42. 
V. Nostiz und Jänkendorf, G. A. E., 

Konferenzminister 7. 
Nürnberg 101. 120. 127 f. 

Oberlausitz 58. 91 f. 
V. Odeleben, Frhr. 27 f. 
Oderberg 177. 18.5. 
Oeltzschaub.Mühlbg. 199.203.205. 
Opach (Wald) 199. 
Orlamünde, Grafsch. 57. 71 f. 
Oschätzschen b. Liebenwerda 198. 

203. 208. 
V. Osse, Melchior 233. 
Osterland 57. 59. 61. 
Otto, Mkgr. V. Meissen 60. 

— V. Brena 65. 
Oudenarde 309 ff. 

V. Pack, Otto 137. 145. 319 f. 
Packisch b. Mühlberg 199. 
Paussnitz b. Mühlberg 205. 
V. Pfaffenberg, Chrph. 203. 
Pfalzsachsen 8. 58. 88 ff. 
Pflug, Ad. 249. 

Ptiuger, Konrad, Architekt 252 ft'. 
Pfuhl, Joh., Kaplan 186. 
Philipp (Sohn Karls V.) 215. 

— Herzog v. Burgund 181. 

— Landgr. zu Hessen 94 ft. 211 ff. 
319 f. 

Pirna 312. 

— Eisengruben bei 203. 

— Peter v., Architekt 259. 
Plassenburg 175. 
Pleissnerland 57. 66. 
Plotha b. Mühlberg 199. 203. 
Polen s. Sigismund August. 
V. Polenz, Christoph 99. 
Pommern s. Bogislav , Erich, 

Wartislav. 
Pöschmann, Dr., Amtsaktuar 24. 
Posse, Dr., Archivar 42. 
Potsdam 173. 
Poyden, Heinze 199. 
Preuss, Georg 205. 
Preussen s. Albrecht. 
Prieschke b. Liebenwerda 199. 208. 



Register. 



351 



Pyrner, Greg, Goldschmied 262. 
Puschwitz b. Beigern 199. 

V. Quandt, J. G., 6 f. 12. 15 f. 
Quedlinburg 174. 
V. Querfurth, die Edlen 42. 80. 
83 f. 19(3. 

Ravensburg, Grafsch. ö8. 91. 
Reichenhain b. Elsterwerda 199. 
V. Reifenberg, Friedr. 222. 224. 

226. 229. 
ReinhardsbrunnerHistoriographie 

325 ü: 

V. Reitzenstein, Oberhofmarschall 

30 f. 
Renner, Inspekt., Restaurator 16. 
Rex, Graf, Geb. Ratb 273. 281. 
Rietschel, Prof., 33. 
V. Rochow, Wichard, a. Golzowl74. 
Rolle, Maler 39. 42. 45. 
V. Römer, R., a. Neumark 13. 18. 23. 
Rosskopf, Wendel 255. 259. 
Rouvroy, K. H., sächs. Kap. 309 ff. 
Rudolf, König 65. 77. 89. 

— I. Herzog v. Sachsen 86 f. 

— III. Herzog von Sachsen 85. 
148 ff. 174. 

Runge, Nickel 199. 

Saarmund 173. 

Saathain b. Elsterwerde 206. 

V. Salhansen, Anna 172. 

Sachsen 58. 65. 76 ff. s. Albrecht, 
Anna, August, Barbara, Bern- 
hard , Christian , Elisabeth, 
Friedrich, Friedrich August, 
Friedr. Wilhelm, Georg, Hein- 
rich, Johann, Joh. Ernst, Job. 
Friedrich, Joh. Georg, Katha- 
rina , Margaretba , Moritz, 
Moritz Wilhelm, Rudolf, Sieg- 
mund, Sophia, Wenzel, Wilh. 

Saupsdorf 195 f. 

V. Schachten, Heinr. 214. 218. 240. 

— Wilh., hess. Rath 214. 218. 224. 
Schäfer, Arn., Dr. 24. 

— Wilh., Dr. 23. 25. 28 f. 37. 
Scharfenstein, Herrschaft 193. 
Schellinger 288. 298. 
Schüffner, Alb. 13. 18. 23. 

V. Schlcinitz, Anna s. Berka. 

— Friedrich 199. 

— Heinr., Obermarschall 207. 

— Hugold auf Kriebstein, Ober- 
marschall 207. 



V. Schliefen, Georg, Hofmarschall 

174. 
Schmidt, Adv. 42. 
Schneeberg 46. 
Schneeweis, Christ. ,Goldschm. 31 4. 

— Jonas, Maler 314. 

— Urban, Goldschmied z. Dresd. 
262. 314. 

V. Schönleld, Junge 201. 

Schotte, Eckarius 194. 

Schrawtenbach, Balth. 118. 

Schreiber, Oberlieut. 23. 29. 

V. d. Schulenburg, Bernd, Haupt- 
mann d. Altmark 174. 

Schulz, H. W., Dr., Geh. Hofrath 
23. 29. 31. 

Schuricht, Oberlandbaumeister 1 2. 

Schwad, Konr., Architekt 256. 

Schweditz b. Mühlberg 199. 201. 
205. 

Schwedler, A., Goldschmied 314. 

V. Schweiniz, Geo. Albr., auf 
Obersteinkirch 265. 

V. Schwendi, Laz. 232. 239. 

Segnitz, Finanzarchivregistr. 24. 

V. Seidewitz 266. 

— Georg 203. 205. 

— Kaspar 199. 

— Kune 199. 

Seid, Vizekanzler 2.33 f. 
Semper, Gottfr. 34. 
Seasslitz, Kl. 170 ff. 
Seydewitz b. Mühlberg 205. 
V. Sickingen, Franz 100. 
Siegmund, Herz. v. Bayern-Mün- 
chen 182. 

— Kun. V. Böhmen u. Ungarn 
192. 196. 

— Herzog v. Sachsen, Bisch, v. 
Würzburg 170. 174. 

Sigismund August, Kön. v. Polen 

233. 
V. Skal, Henico 195. 
Sonnenwalde 99 f. 
Sophia, Gemahl. Christian I. von 

Sachsen 313. 

— (v. Henneberg), Gem. Burg- 
graf Albrechts V. Nürnberg 174. 

Soral)icus limes 58 f. 
Spandau 177. 
V. Spangenberg, Geo. 265. 
Spiegel, Hans, Hotmeister 186. 
Stapel, Baurath 42. 45. 
Staritz b. Mühlberg 199. 
Steche, Dr., Prof. 41. 44. 



352 



Register. 



Stehla b. Belgien 197. 205. 
Steiiibach, Gabr. 201. 

— Hans 201. 

— Nickel 201. 

Steinhofer, Mag. 289. 295. 299. 

300. 30.S. 
Stendal 185. 
V. Stieglitz, Dr., Appellationsrath 

2.3. .S7. 
Stieglitzer, Albr., Steinmetz 256. 

259. 
Streiüa 198. 
Swoffheim, Dr. Job., bischöfl. 

Official 191. 

Tangermünde 176. 178. 

V. Taubenhaim, Geo. 137. 145. 

Taupadel, Otto 199. 

Teller, Prof. 277. 293. 296. 306. 

Tliieme, Dan. 258. 

— Christoph , Rektor d. Univ. 
Leipzig 258. 

Thoss, Job. 205. 

Thüringen 325 ff. s. Hermann, 
Konrad, Ludwig. 

Tirold, Albr. u. Yalten, Gold- 
schmiede 262. 

Tollenstein- Schluckenau , Herr- 
schaft 195. 207. 

Torgau 191. 221. 

Toni 228. 243 f. 

Tournai 310 f. 

Trebbin 173. 177. 185. 

Treptitz b. Strehla 205. 

Treuenbrietzen 173 f. 177. 185. 

Trient, Konzil zu 234 ft'. 

Trott, Adam 218. 

Trütschler, Hans 199. 

V. Turgaw, Christoph 199. 

Ulm, das h. Grab 258. 
Ungarn s. Mathias. 

Vach, Kloster 116. 135 ff. 

Yerdun 228. 243 f. 

Verein der sächs. Alterthums- 

freunde 18 ff. 
Voigt, Dav., Dr. 308. 
Vincentius s. Altzelle. 
Walter, Christoph, Architekt 260. 
Walther, Hans, Bildhauer 315. 
V. Wartenberg, die, a. Tetschen 195. 
Wartislav, Herz. v. Pommern 181. 
V. Watteville (sen.), Baron 274. 
289 f. 297 f. 



V. Watteville, Joh. , Bischof der 
Brüdergemeine 291. 

— Benigna (geb. Zinsendorf), s. 
Frau 266. 

V. Weber, Karl, Dr., Geh. Rath 

41. 47 f. 
Weickhmann, Dr., Prof. 276 f. 

293. 295 f. 305. 
Weinhold, Mich., Glockengiesser 

263. 
Weiss, Ludw. 291. 
Wendisch-Borschitz b. Mühlberg 

205. 
Wenzel, König v. Böhmen 195. 

— Herz. v. Sachsen- Wittenb. 148 ff. 
Wessenig, Friedr. 193. 203. 

— Hans 205. 

Westfalen, Wappen 58. 90. 
Weyfle, Philipp 120. 
Wilbrand; Erzbischof v. Magde- 
burg 83. 

Wildenstein, Herrsch. 195. 
Wilhelm (IIL), Herz. v. Sachsen 
173 ff". 191 ff. 

— (IL), Landgr. z. Hessen 97. 137. 

— (III.), Landgr. z. Hessen 217. 
219 f. 224. 228. 230. 237 ff". 

Wilmersdorf, Kath. 186. 

— Libor. 186. 
Winsheim, V., Dr. 309. 
Wissagk (?) 198. 
Wittenberg 174 f. 255. 308 f. 
v. Witzleben, Generalmajor 42. 
Wohlgemuth, Michael 16 f. 
Wviltic s. Berka. 
Würdenhain b. Liebenwerda 198 f. 

200. 208. 
Württemberg s. Christoph. 
V. Würzburg, Konrad 63. Bisch. 

s. Siegmund. 

Zech, Geh. Rath 274. 290. 306. 

V. Zedlitz, Siegmund, auf Neu- 
kirch 261. 

V. Zehmen, K., Oberhofgerichts- 
rath 13. 32. 

Zigram, Wald" 199 f. 208. 

Zinzendorf, Graf N. L. 264 ff". 

— Gräfin 265 f. 293. 302. 
Zittau 259. 302. 

Zörbig 64. 

Zschepa b. Strehla 198. 200. 203. 

208. 
Zwickau, Marienkirche 4. 16 f. 



ETTY CENT 



R LIBRARY 




3 3125 00701 2426