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Full text of "Neues Archiv für sächsische Geschichte und Alterthumskunde"

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Neues Archiv 

für 



Sächsische Geschichte 

und 

Altertumskunde. 



Herausgegeben 



von 



I3r. Hubert EriTiisch, 

K. Archivrat. 



Dreizehnter Band. 




Dresden 1892. 
Wilhelm Baensch, K. S. Hofveilagsbuchhandlung-. 



Das Neue Archiv für Sächsische Geschichte und iVlter- 
tuDLskunde, welches im Auftrage der Künigiichen Staats- 
regierung- und des Königlichen Altertumsvereins heraus- 
gegeben wird, erscheint in vierteljährlichen Heften, von 
denen je vier einen Band von ungefähr 22 Bogen bilden. 



THt GETTY CENTER 
LI8RABY 



Inhalt 



Seite 

I. Das Verzählen. Ein Beitrag zur Gescliiclite des 
Strafverfahrens gegen Abwesende. Vom Heraus- 
geber 1 

II. Mitteilungen zur sächsisch - thüringischen Ge- 
schichte aus den Handschriften der alten Schnee- 
berger Lyceumsbibliothek. Von Oberlehrer Dr. 
Eduard Hejdenreich in Schneeberg .... 91 

III. Das Geburtsjahr und der französische Ver- 
niählungsplan der Margarete von Sachsen, späte- 
ren Gemahlin Johann Ciceros. Von Archiv- 
sekretär Dr. Woldemar Lippert in Dresden . lOS 

IV. David Schirmer. Ein sächsischer Dichter 1623 
bis 1686. Von Gymnasiallehrer Dr. Reinhard 
Kade in Dresden 117 

V. Zur Geschichte der Goldschmiedekunst in Sach- 
sen. Von Dr. E. Wernicke, Sekretär des kgl. 

Heroldsamts in Berlin 132 

VI. Kleinere Mitteilungen 142 

I.Zwei erzgebirgische Franziskaner - Formulare. 
Von Dr. Eduard Heydenreich in Schneeberg. S. 142. 
2. Ein Brief aus dem Lager l)ei Frag vom 1 H. Mai 
1757. Von Lic. Dr. Georg Bucbwald, Diakouus in 
Zwickau. S. 144. 

Litteratur 150 

VII. Die Zerstörung der Burg Bohnau bei Zittau 
durch die oberlausitzischen Sechsstädte (1399). 
Von Prof. Dr. Hermann Knotlie in Dresden . 177 

VIII. Moritz von Sachsen 1547— 154S. Von Ober- 
lehrer Dr. S. Ilsleib in Leipzig 188 

IX. Schweizer Soldtruppen in kursächsischen 
Diensten 1656 — 1681. Von Oberstlieutenant 

a. D. A. von Welck in Basel 221 

X. Das Ohronicon Citizense des Benediktiner- 
mönches Paul Lang im Kloster Bosau und 
die in demselben enthaltenen Quellen. Ein Bei- 
trag zur Historiographie des 16. Jahrhunderts. 
Von Gymnasiallehrer Dr. K. E. Heiniann 
Midier in Prenzlau . 279 



lY Inhalt: 

Seite 

XL Kleinere Mitteilungen 315 

1. Zur Ueschichte des Klosters Uybiu im 15. Jahr- 
hundert. Von Pastor Sauppe in Lückendorf bei 
Zittau. S. 315. 2. Kleinigkeiten aus Kurfürst 
Augusts Regierungszeit. Von Archivrat Dr. Th. 
Distel in Dresden. S. 322. 3. Leipzigs Bankerott 
und die Schweden in Leipzig seit 1642. Von Bib- 
liothekar Dr. E. Kroker in Leipzig. 8. 341. 4. Die 
älteste Schulordnung der Kreuzschule zu Dresden. 
A'om Herausgeber. S. 34(1 

Litteratur 348 

Register 361 



Besproeliene Schriften. 



Max, Herzog zu Sachsen, Die staatsrechtl. Stellung der Olier- 

lausitz (Erinischl 348 

Becker, .Johann Hoft'mann (Ermisch) .350 

Brockhaus Konversations -Lexikon (Ermisch) 169 

Cod. diplomat. Saxoniae regiae s. Ermisch. 

Däbritz, Zur Ueschichte der Katecheten- und Kinderlehrerschulen 

in der Diöcese Grimma (Gr. Müller) 158 

Ermisch, Urkundenbuch der Stadt Freiberg Bd. III (.Schum) . 150 

Fricke, Aus dem Feldzuge 1866 (Knothe) 161 

Goetz, Maximilians Wahl zum römischen Könige (Wolf) . . . 352 
Gurlitt, Kunst und Künstler am Vorabende der Reformation 

(Schumann) 155 

Haun, Bauer und Gutsherr in Kursachsen (Knothe) 160 

Kämmel & Leipoldt, Schul Wandkarte und Handkarte zur (Teschichte 

der wettin. Lande (Lippert) 153 

Richter, Fr., Der Luxemburger Erbfolgestreit (Lippert) . . . 351 
Sclmrtz, Der Seifenbergbau im Erzgebirge (Ermisch) .... 161 

— Die Pässe des Erzgebirges (E. Ö. Schulze) 163 

Steche, Beschreib. Darstellung der älteren Bau- und Kunst deuk- 

mäler des Königreichs Sachsen. Heft 13 — 15 (A. Schultz) 167 
Trefttz, Kursachsen und Frankreich 1552—1557 (Wolf) . . . 157 



I. 

Das Verzählen. 

Ein Beitrag zur Geschichte des Strafverfahrens 

gegen Abwesende. 

Von 
Hubert Ermiscli. 



Wie überhaupt die sächsische Eechtsgeschichte grofse 
Lücken aufzuweisen hat, so gehört insbesondere die Ge- 
schichte unseres älteren Strafrechts zu den bisher noch 
so gut wie gar nicht behandelten Gebieten. Teilweise 
erklärt sich dies daraus, dafs uns nur dürftige Quellen 
darüber zu Gebote stehen. Aber unter ihnen befinden 
sich doch zwei Rechtsdenkmäler, die unfraglich eine über 
die Grenzen der Landesgeschichte weit hinausgehende 
Bedeutung haben: das Freiberger Stadtrecht ^) und das 
Verzählbuch des Freiberger Ratsarchivs -). Die Be- 
arbeitung des letzteren für den Codex diplomaticus Saxo- 
niae regiae gab den Anlafs zu der nachstehenden Ab- 
handlung, die, zunächst für die Emleitung zu dem 
betreifenden Bande unseres Urkundenwerks bestimmt, 
unter den Händen für diesen Zweck zu umfangreich ge- 
worden ist. 

Der Gegenstand, mit dem sie sich befalst, ist einer 



^) Herausgegeben von Ermiscli, Urkundenbuch der Stadt 

Freiberg III (Cod. dipl. Sax. reg. II, 14. Leipzig 1891), 1 ff. Eine 
Sonderausgabe erschien Leipzig 1889. 

-) Herausg. von Ermisch a. a. 0. III, 177 ft'. 



Neues Archiv f. 8. G. u. A. XIII. 1. 2. 



2 Hubert Ermisch: 

der interessantesten in der Geschichte des Strafrechts 
und hat neuerdings verschiedene, mehr oder weniger tief 
eindringende Darstellungen gefunden'^), die jedoch Einzel- 
forschnngen noch keineswegs als überflüssig erscheinen 
lassen. 

„Es gab eine Zeit im deutschen Strafverfahren, in 
welcher das Verfahren gegen Abwesende fast das regel- 
mäfsige Strafverfahren genannt werden konnte"*). Zur 
Erklärung dieser auf den ersten Blick auffallenden Er- 
scheinung dienen verschiedene Umstände. Das Verfahren 
gegen den auf frischer That oder unmittelbar nach der- 
selben ergriffenen Verbrecher war im Mittelalter ein so 
summarisches, dais seine schnelle Verurteilung und Be- 
strafung aulser Frage stand; da das Gefängnis nicht als 
Strafmittel galt, so drohte ihm stets Lebens- oder Leibes- 
strafe. Andrerseits aber war selbst bei den schwersten 
Verbrechen ein gütlicher Vergleich mit dem Geschädigten 
nicht ausgeschlossen; wenn auch schon das, was Tacitus 
über das älteste Strafrecht der Germanen überliefert 
hat, zeigt, dals man keineswegs die Verletzung der Ge- 
samtheit, die in jedem Verbrechen liegt, verkannte, so 
trat diese Erkenntnis doch, entsprechend den noch wenig 
ausgebildeten Staatsbegriffen der Zeit, zurück vor dem 
Gedanken an die Verletzung des Einzelnen. Es mulste 
also dem Verbrecher vor allem darauf ankommen, Zeit 
zu gewinnen. Das geschah, wenn er ziniächst die Flucht 
ergriff. Diese wurde durch die grolse Zahl kleiner, von 
einander unabhängiger Gerichts- und Herrschaftsbezirke 
sehr erleichtert ; zudem fehlte es an wirksamen polizeilichen 
Mafsnahmen zur Ergreifung des Flüchtigen. So folgte der 
That fast immer das Entweichen aus dem Gerichtsbezirke; 
die freiwillige Verbannung, der sich der Thäter unterwarf, 
verlor durch die Aussicht auf spätere Versöhnung mit dem 
Verletzten viel von ihrem Schrecken. Unter solchen Um- 
ständen war ein regelmälsiges Verfahren gegen den ab- 
wesenden Verbrecher ein Bedürfnis; es hatte nicht etwa 



^) A. F. B. Bienko, De proscriptione secundum foutes juris 
Saxonici medii aevi commentatio. Dissert. inaug. (Regiraonti 
Pr. 1867). Hugo Meyer, Das Strafverfahren gegen Abwesende 
(Berlin 1869) S. 60 ff. F. Frensdorffs Einleitung zu Francke, 
Das Verfestungsbuch der Stadt Stralsund (Hansisclie (xeschichts- 
quellen Bd. I. Halle 1875). J.W. Planck, Das deutsche Gerichts- 
verfahren im Mittelalter II (Braunschweig 1879), 289 ff'. 

'; Meyer a. a. O. S. 1. 



Das Verzählen. 3 

bloLs die Bedeutung' einer prozessualischen Zwang-sraals- 
regel, sondern bezweckte die Verm^teilung des Abwesenden 
zur Strafe wegen des begangenen Verbrechens. Auf diese 
Weise entwickelte sich der Verfestungs- und Achtsprozels 
des Mittelalters, der in Freiberg eine ganz eigenartige 
Ausbildung gefunden hat. 



Über Alter, Bedeutung und Verbreitung des Wortes 
vorczehi (verceln, vorczelin und ähnlich, praet. vorczalte, 
part. vorczalt) hat neuerdings F. Frensdorff eingehend 
gehandelt-'); seine erschöpfenden Ausführungen lassen 
eine Zusammenstellung der Belege für das Vorkommen 
des Wortes als überflüssig erscheinen. Zuerst begegnet 
es uns wohl im Heliand {tvena fartalda man v. 5562); 
hier und sonst in der nicht -juristischen Litteratur des 
früheren Mittelalters in der allgemeinen Bedeutung „zu 
einer Strafe verurteilen". Erst seit der Mitte des 
13. Jahrhunderts ist es in juristischen Quellen nachweis- 
bar und zwar einmal in der Urkundensprache des Reichs- 
rechts, dann in einigen niederrheinischen Rechtsdenk- 
mälern, endlich in Obersachsen , Mähren und Böhmen; 
ursprünglich und abgesehen von späteren Veränderungen 
der Bedeutung bezieht sich der Ausdruck hier überall 
auf das Strafverfahren gegen Abwesende und entspricht 
in der Hauptsache dem Verfesten der niedersächsischen 
Rechtsquellen. Die Ableitung von „Zahl" (ahd. sala, 
mhd. zxd) ist zweifellos*^); neben der BeÄewtimg niimenis 
hatte dieses Wort bekanntlich auch die Bedeutung sermo, 
Rede (vergl. „erzählen"), besonders gerichtliche Rede, 
und an diese Bedeutung ist wohl bei der Ableitung „ver- 
zählen" vorzugsweise zu denken'). 

Die ausgedehnteste Anwendung findet der Ausdruck 
„Verzählen" in den Rechtsquellen der Stadt Freiberg*^), 



^) F. Frensdorff, Recht und Rede; in „Historische Aufsätze 
dem Andenken an Georg Waitz gewidmet" (Hannover 188f)) S. 460 ti'. 

*') Wir geben daher der Form „verzählen" mit Grimm (Rechts- 
altcrl inner S. 881) den Vorzug vor der namentlich durch Klotz seh 
eingel)ürgerten ¥ovm\ „verzellen". 

^) Frensdorff a. a. ü. S. 458 f. 475 f. 

*) Vereinzelt ist es uns auch in andern ohersächsischen Städten 
begegnet; so in Dresden um 1438 (Item Hauck ist komen und 
hrocht in die achte von Kuncze Bescli umme eyn heynschrottichte 
■wunde, die lier yin gcsla(jin Itot und corczeltistalz weid (ilz denin 



4 Hubert Ermisch: 

und lediglich auf diese wird sich unsere Untersuchung 
beschränken^). 

Dabei wird es sich sowohl für die Erläuterung der 
technischen Bedeutung des Wortes in der Freiberger 
Rechtssprache als auch für die Darstellung des gesamten 
Verfahrens, seine Veranlassungen und seine Wirkungen, 
empfehlen, die älteren Rechtsdenkmäler der Stadt, in 
denen der Begriff des Verzählens uns viel schärfer ent- 
gegentritt, vor allem das um die Wende des 13. und 
14. Jahrhunderts entstandene Stadtrecht, von den spä- 
teren, unter denen in erster Linie das Verzählbuch steht, 
zu trennen. 

Was die Terminologie anlangt, so entspricht im 
Stadtrecht und in gleichzeitigen Urkunden das Verzählen 
offenbar genau dem Verfesten des Sachsenspiegels und 
anderer Rechtsquellen; ja die Ausdrücke verceln und 
vervesten wechseln sogar zuweilen ^^). Spätere Belege 
für das Vorkommen von „Verfesten" in Freiberger Rechts- 
quellen fehlen. Als Synonym mit verceln verwenden das 
Stadtrecht und das Verzählbuch an der hurger hrif brengen 



gerichte gelegin sint. Alt-Drescluer Statltbucli im Hauptstaatsarchiv 
zu Dresden fol. 23 1>), in Grimma 1400 (Conr. Schindeler ist uz den 
reihten vorczalt iimme II ivayne myd treten u. s w. Grimm. 
Stadtb. 1372 ff. fol. 13), in Frauenstein 1430 (Ab eyn hnrgermeyster 
mit rathe seyner eydgnoßin ymandiß icht hyße, daz nucz unnde 
frome brechte unnßernn gneydigen hernn ader unnßer stnd gmeyn 
unnd icer sich doivider seczte unnde daß nicht thun wolde , den 
magk eyn burgermeyster mit rathe seyner eydgnoßin dorumbe 
straffen alzo mit vorczelnn auß der stad ader nicht auß seynem 
hauiie zcu gehnn, her hette denne daß vorioandelth, daz her unge- 
horßam gewest loere dem burgermeyster unnd den burgern. Frauen- 
steiner Stadtb. im H.-St.-A. zu Dresden fol. 2. Item der kren- 
czelmecher hat yn broch gehat mit den burgern der ist zo schioer 
geivesth daß sy yn vorzcelth habenn auß der Stadt ebd. am Ende), 
in Zwickau 1397 ( . . . daz wir . . . Heinriche Caldenkuchen vor- 
schriben und vortzalt haben umme daz er meyneyde an ge- 
richte gestvorn hat etc. Lib. proscript. im Ratsarcbiv zu Zwickau 
fol. 10''), 1424 (man hat Jörgen Wittrich von der Sittaw von der 
stad vorczalt eyn iar Liber proscript. fol. 121j vergl. fol. 18. S. a. 
Klotz seh, Das Verzellen S. 168). Vergl. auch: Andr. Fleischer 
und Georg Frundt sein noch ordenung dez recht auß der acht 
getzalt wurden (1525), Dresdner Gerichtsbuch 1517—1537 fol. 125''- 

") Vergl. besonders J. Fr. Klotzsch, Das Verzellen, nach 
seiner Bedeutung aus der alten Hechts- Verfassung untersucht und 
durch Urkunden erläutert (Dresden 1765). 

^0) vervesten, vergl. St.-R. Kap. XXVI § 1. XXVIII § 3. 8. 
uze der veste lazin, Urk. von 1.305 im Prb. Urkundenbuch I, 45, 39. 
der vorveste ebd. 43, 41. 44, 15. 



Das Verzählen. 5 

oder schriben^'^), an den hrief setzen'^'-); der Ausdruck 
wird später zu erklären sein. Im Verzählbuch wird ferner 
vielfach die Acht (achte, oclite) als völlig gleichbedeutend 
mit Verzähl ung gebraucht'^). Lateinisch wird das Ver- 
zählen mit proscrihere wiedergegeben, ebenso wie das Ver- 
festen ^^). 

Dals „Verzählen" in den jüngeren Quellen auch die 
Bedeutung von „Verweisen" hat und mit entsprechenden 
Ausdrücken wechselt, werden wir weiter unten zu er- 
wähnen haben, 

A. Das Verzählen uach dem Freiberger Stadtrecht. 

1. Voraussetzungen. 

Die Verfestung trat nach dem sächsischen Land- 
recht'"') nur bei Verbrechen ein, die an Hals und 
Hand gingen. Auch im Freiberger Stadtrecht gehören 
fast alle Fälle, in welchen dem abwesenden Beklagten 
die Verzählung angedroht wird, in diese Kategorie. Es 
sind folgende: Totschlag und kampere^*^) Wunden (St.-R. 
Kap. V § 16 — 18. XXIII § 1. XXVII § 5. XXX 
§ 6 vergl. ÜB. I, 43 f.); Heimsuchung d. h. mit Totschlag 



") z. B. St.-R. Kap. XXI § 2. XXVII § 6. 

^-) Sehr oft im (älteren)Vei'zählb. ANo. 4. 8. 10. 13-15. 20. 22 u. ö. 
Im Verzählbuch B zuerst in No. 274; hier und später fast aus- 
schliefslich dann, wenn die Verzählung von Privaten, sehr selten 
(z. B. No. 369), wenn sie vom Rate ausging. 

^■'') in die achte bringen, thun Verzählb. B 442. 469. 490. 
578. 609. 619. 895. 897. 909. 968. 971. in die achte bringen und an 
den brief setzen laßen 485. 490. 496. 504. 989. 1115. in die ochte 
und an den brief brengen 608. vorechten und vorczeln A 9. Auch 
hier handelt es sieh fast durclnvcg um Fälle, in welchen die Ver- 
zählung von Privaten ausging. Über den unterschiedslosen Gebrauch 
von Acht und Verfestung vergl. Bienko, De proscriptione S. 82; 
Planck, Gerichtsverfahren II, 291. 

^') Verzählb. B No. 834—854. proftrribere : virczelen, verbannen 
Gloss. Lat.-Teut. (bei Haltaus S. 1916). Dieffenbach, Gloss. Lat.- 
Germ. 467. Vergl. Fiensdorff a. a. 0. S.47I und in Hausischen 
Geschichtsquellen I, XiV f. 

^^) I, 68 § 1 (II, 45). Vergl. Rechtsbuch nach Distinctionen IV, 
20 dist. 4. Nach Lübischera Hechte war die Verfestung dagegen 
auch bei Vergehen möglich, die mit geringerer Strafe bedroht 
waren, vergl. Frensdorff, Hans. Gcschiohtsqu. 1, XXXII. 

''') d. h. solche Wunden, bei denen der Beweis dei- That durch 
gerichtlichen Zweikampf zu führen Avar, kampfwürdige, schwere 
Wunden (nnqeh tif und geledes lang s. Rechtsb. nach Dist. TV, 5 
dLst. 1). 



6 HiiLert Enniscli : 

oder schwerer Verwundung verbundener Hausfriedens- 
bruch (St.-R. Kap. XXVIII § 8); Raub und Diebstahl 
(ebenda Kap. XXI § 2. 3); Entführung einer Jungfrau 
wider deren Willen (ebenda Kap. V § 7). Ebenso drohte 
ohne Zweifel die Verzählung auch jedem andern Ver- 
brecher, dem Lebens- oder Leibesstrafe in Aussicht stand. 
Auch denjenigen, der für einen wegen solcher Verbrechen 
Angeklagten Bürgschaft geleistet hatte, traf die Ver- 
zählung, wenn weder der Beklagte noch er selbst sich 
stellten (Kap. V § 18); denn er hatte dieselbe Strafe zu 
gewärtigen, wie der Verbrecher, wenn er einvaldikliche 
gebürgt d. h. nicht ausdrücklich ein Eigen oder Erbe be- 
zeichnet hatte, mit dem er bürgen wolle; war letzteres 
der Fall, so verfiel nur dieses Besitztum, während er 
selbst der Bürgschaft ledig Avar (Kap. V § 16 — 17. 
XXVIII § 8), es lag also zum Entweichen kein Grund vor. 

In allen diesen Fällen erfolgte die Vermählung iif den 
hals (Kap. V § 7. 16 — 18. XXVIII § 8. XXX § 6) 
d. h. den in der Verzählung Ergriffenen traf die Todes- 
strafe (s. S. 21). Im Gegensatz zum Verzählen if/ cZen ImU 
kennt aber das Stadtrecht auch eine Verzählung uf dl 
huze (Kap. XXX § 6); dieselbe trat ein wegen volleist 
d. h. Hilfeleistung bei einem Verbrechen, einer Handlung, 
welche nicht mit Leibes- und Lebensstrafe bedroht war^^). 

Die zweite Voraussetzung der Verzählung war die 
Erhebung einer Anklage, wie ja überhaupt der ältere 
deutsche Strafprozeß eine Verfolgung der That ohne vor- 
herige Anklage nicht kennt. Die Klage wird erhoben 
durch den Geschädigten selbst (z. B. Kap. XXI § 1. 
XXVin § 9) oder, wenn dieser verwundet ist, durch 
sein Gesinde oder seine Angehörigen (Kap. XXVII § 2. 
5. 7 ff.) oder endlich, wenn es sich um einen verwun- 
deten oder getöteten Fremden oder um einen Einheimischen 
handelt, der keine Angehörigen hat, die für ihn Klage 
erheben können, durch den Richter (Kap, XXX § 1—4), 
der aber dann selbstverständlich beim weiteren Verfahren 
nicht selbst als Richter auftreten, sondern einen anderen 
Richter an seine Stelle setzen muls (Kap, XXX § 5). 
Bei der Klage waren der Name des Verbrechers und sein 



^'') Vergi. Kap. II § 2, wonach zur Büi'gschaft nmme volleist 
unde umme vride, umme schult iinnd itmme allerlei eide unde bicieht 
der Besitz von Erbzinsgütern genügt, während zu der um Totschlag 
und Kamperwunden nur der Besitzer von .. Erh und Eigen", d. h. 
ziust'reieu Gütern, berechtigt ist. 



Das Yerzählon. 7 

Verbreclien ausdrücklich zu bezeichnen (Kap. XXI § 1. 
XXVII § 5. XXVIII § y. XXX § 5); war ersterer 
nicht bekannt, so wurde eine Frist für seine Ermittelung 
gewährt (Kap. XXVII § 1). Die Helfer des Ver- 
brechers {sin wirecJite volleist Kap. XXVII i^ 2) 
brauchten nicht genannt zu werden^*). Die Einleitung 
dieser Klage gegen einen AbAvesenden durch das „Ge- 
rücht" '•') scheint in Freiberg nicht üblich gewesen zu sein 
(vergl. z. B. Kap. XXI). 

Die dritte und wesentlichste Voraussetzung der Ver- 
zälilnng war das Ausbleiben des Beklagten; es 
niulste festgestellt werden, dafe er sich der gerichtlichen 
Verantwortung entzogen habe. Dabei kann man ein ein- 
facheres und ein umständlicheres Verfahren unterscheiden. 
Das erstere trat bei handhafter That ein-"). Wird z. B. 
eine Jungfrau entführt und ereilen die „mit Gerichte" 
nachsetzenden Angehörigen das flüchtige Paar, so soll 
der Kichter die Jungfrau vor zwei ihr nicht verwandten 
Zeugen fragen, ob die Entführung mit ihrer Einwilligung 
stattgefunden habe oder nicht. Im ersteren Falle sind 
beide freizulassen; im letzteren aber ist der Entführer 
ohne weiteres Verfahren mit dem Schwerte zu richten 
oder, wenn er entwichen ist, zu verzählen: da darf man 
nicht keiner ander heivisunge zu, wen iz der ricliter ge- 
Jwrt hat unde di zivene erhafte man (Kap. V § 7). Die 
förmliche Verzählung fand übrigens auch in diesem Falle 
wohl erst an dem nächsten der drei-^) wöchentlichen 
Dingtage statt; so ist zu erklären, wenn von dem Falle 
die Rede ist, dais der Entwichene sich dem Gerichte 
stellt oder ergriffen wird, e he verzalt ivirdit, an dem 
anderen tage, an deme dritten oder an dem vir den tage 
(Kap. V § 8). — Ein entsprechendes Verfahren mag auch 
bei andern Verbrechen eingetreten sein, wenn der auf 
handhafter That ertappte Missethäter entfloh; doch er- 
wähnt das Stadtrecht nur dieses einen Falles. 

Lag keine handhafte That vor, so mulste man dem 
Beklagten vor allem Gelegenheit geben, sich dem Ge- 
richte zu stellen, ihn vorladen. Was die Form der 
Ladung anlangt, so scheidet das Stadtrecht genau die 
Fälle, die an Hals und Hand gehen, von den geringeren. 



IS) Vergl. Meyer, Strafverf. S. 68. Frensdorff a. a. 0. S. XCV. 
1") Vergl. Planck 11. 304. 

2") Verii-l. Bionko S. 8 ff. 
21 1 Vergl. Kap. XXXI i; 1. 



8 Hubert Ennisch: 

Während bei Klagen wegen geringerer Sachen solche, 
die in Freiberg im eigenen oder in gemietetem Hause 
wohnten oder wenigstens Grundbesitz daselbst hatten, 
wenn sie auch außerhalb der Stadt in einem Umkreise 
von 4 Meilen lebten, ferner Haussöhne und Dienst- 
boten von Ansässigen nur mittels Vor gebots d.h. einer 
durch den Büttel der Person des Beklagten übermittelten 
Vorladung zu Dinge gebracht werden durften, einmal weil 
die Beklagten in der Regel leicht erreichbar waren, dann 
weil der Besitz eine ausreichende Bürgschaft für ilir Er- 
scheinen vor Gericht bot (vergl. z. B. Kap. II § 3. 14. 
VIII § 1. XXXIII § 5), hatte bei Klagen, die an Hals 
und Hand gingen, das einfachere Heischen oder Ein- 
heischen--) statt (Kap. II § 3. 13 f. V § 19. XXI 
§ 1. XXVII § 5. XXVIII § 9. 11. XXX § 5), das 
auf Nichtansässige auch bei geringeren Sachen Anwendung 
fand (Kap. XXX § 5. XXXIII § 7). Das Verfahren 
war dabei folgendes. Der Geschädigte oder sein Ver- 
treter, der im nächsten Dinge nach der That oder in 
einem wegen derselben berufenen aulserordentlichen 
Dinge -■^) seine Klage gegen den Verbrecher dem Richter 
vorgetragen hatte, bat um ein Urteil, ob man die Be- 
schuldigten ineischen solle. Nach bejahender Antwort 
heischte der Büttel sie etwa mit folgenden Worten: Ich 
eische in NN. umme den roiq) oder umme di dube, di 
den vride gebrochen haben, zu einem male, zume andern 
male, zume dritten m,ale (Kap. XXI § 1 vergl. XXVIII 
§ 9. XXX § 5). Unmittelbar darauf folgte die eben- 
falls durch den Büttel zu stellende Frage, ob jemand für 
das Erscheinen des Beklagten Bürgschaft leisten wolle: 
Ich bite in zu borge (Kap. XXX § 5 vergl. XXI § 1. 
XXVIII § 9). Findet sich ein Bürge, der zur Bürg- 
schaftsleistung rechtlich befähigt ist, d. h. Eigen und Erbe 
in Freiberg besitzt (Kap. II § 1) oder durch dessen 
Bürgschaft sich der Kläger für befriedigt erklärt, so 
nimmt das Gericht die Bürgschaft an (man gibet si zu 
borge uf ir recht Kap. XXI § 1)^^). Das Honorar des 
Büttels für diese Bemühungen betrug, wenigstens in 
späterer Zeit, 2 oder 4 Heller, je nachdem es sich um 



22) Irrtümlich ist es, wenn üseubrüggen, Hausfrieden S. 28f. 
das Einlieischen für gleichbedeutend mit Verhaftung erklärt. 

23) A^ergl. Kap. XXXI § 2. ÜB I, 92. 
21) Vergl. Bienko S. Hü. 



Das Vcizälilen. 9 

die Einheiscliung von Ansässigen nncl Bürgern oder von 
Fremden liandelte-"')- Nach erfolgter Heischnng bescliied 
der Vog-t Kläger nnd Beklagten in das nächste Ding: 
(Kap. XXI § 1. XXVII § 5). In diesem wiederholte 
sich die Klage und die dreimalige Heischung. Erschien 
der Beklagte auch jetzt nicht, so erfolgte seine Ver- 
zählung (Kap. XXI § 2. XXVII § 5. XXVIII § 11. 
XXX § 6). 

Die Eigentümlichkeit der Heischnng war also, dafs 
der Person des Beklagten eine Vorladung gar nicht über- 
mittelt wurde; es wäre dies schon deshalb schwierig ge- 
wesen, weil.. es sich meist um flüchtige Verbrecher han- 
delte; die (JfFentlichkeit des Verfahrens berechtigte zu 
der Voraussetzung, dafs die im Dinge vorgetragene Klage. 
Heischung und Ausbietung zur Bürgschaft auf irgend 
welche AVeise dem Kläger bekannt werden würden. Aus 
ähnlichen Gründen war auch nach anderen deutschen 
Rechtsquellen die persönliche Vorladung des Beklagten 
nicht durchaus erforderlich-*^). Wenn dagegen anderwärts 
die Heischung als eine Form vorkommt, durch welche 
die Abwesenheit des vorgeladenen Beklagten fest- 
gestellt wird-'), so bildete sie in Freiberg gerade den 
Gegensatz zum Vorgebot, trat nur dann ein, wenn dieses 
nicht erfolgte. Eine weitere Eigentümlichkeit des Frei- 
berger Verfahrens ist, dals der ausbleibende Beklagte 
bereits im zweiten Dinge verzählt wird; sonst ist es all- 
gemein üblich, ihm drei, selbst vier Termine zu setzen, 
bevor die Strafe des Ungehorsams eintritt-"). 

Dals der Beklagte nicht blofs dingflüchtig geworden 
sei, sondern auch das Gerichtsgebiet verlassen habe-^j, 
ist nicht die notwendige Voraussetzung der Verzählung. 
Audi gegen denjenigen leitete man das Verfahren ein, 
welcher zwar nicht innerhalb der 4 Bänke d. h. an Ge- 
richtsstelle erschien, aber in der Nähe derselben sich 
aufhielt und auf die Klage nicht antwortete : stet he Joch 
vorme dinge unde sivifjet also lange, daz man vingere 



25) ÜB. I, 12(i ij 20. 

26) Verg-1. Planck 1, 29H. 
•") P^benda I, 851. 

-*) Sachs. Lamlrecht I, 67 § 1. Goslariscln^ Stiitnten (lioninsf;-. 
von 0. Göschen, Berlin 1840) .S.'56, 30 if. Eechtsl). nach Distinct. 
IV, 20 dist. 1. Meyer, Strafverfahren S. 66 f. Planck I, 351 f. 
II, 293. 

•2'0 Wie dies für Lübeck Frensdorff a. a. 0. S. XL f. feststellt. 



10 Hubert Ermisch: 

mide jungen uf in irliebit'^^), he mac zit rechte keinen 
Vormunden me gehaben (Kap. XVIII § 1). Es ist aber 
wolil an zunehmen, dals er den drohenden Gefahren sich 
in der Regel durch die Flucht entzog, bevor die Ver- 
zählung rechtskräftig geworden war, wenn er es nicht 
vorzog, noch während des Dings oder doch an demselben 
Tage dem Gerichte sich zu stellen. — 

Der Kläger hat endlich vor der Verzählung einen aller- 
dings sehr erleichterten Beweis des Verbrechens zu 
erbringen. Nach dem Sachsenspiegel-^^) war, wenn der auf 
handhafter That ertappte Verbrecher flüchtig wurde, das 
Gerücht zu erheben und durch den Kläger der Beweis mit 
6 Zeugen (selbsiebent) zu führen. Das Freiberger Stadt- 
recht erwähnt des Gerüchts gegen den flüchtigen Verbrecher 
überhaupt nicht und begnügt sich bei Diebstahl, Raub und 
Heimsuchung mit dem Zeugnis von zwei unbescholtenen 
ansässigen „Nachbarn"""-), die im zweiten Dinge nach 
Wiederholung der Klage und der Einheischung auf die 
Frage des Richters einvaldikliche d. h. ohne Eid auszu- 
sagen haben, dals ihnen das am Kläger begangene Ver- 
brechen bekannt sei (Kap. XXI § 2. XXVIII § 11). 
Dals bei Entführung die Aussage der Entführten mit dem 
Richter und zwei Zeugen zu beweisen war (Kap. V § 7), 
wurde oben bereits bemerkt. Bei Klagen um Wunden und 
Totschlag wird ein derartiger Beweis nicht erwähnt; nur 
sollten (drei) Boten die Wunde „besehen und besagen" 
d. h. ihre Kampf Würdigkeit feststellen (Kap. XXIII § 1. 
XXVII § 5. XXVIII § 8. XXX § 6); denn nur wegen 
„kamperer" Wunden erfolgte Verzählung. 

Dafs auch das spätere Verfahren den Beweis des 
Verbrechens verlangte, ergiebt sich aus der sehr häufigen 
Erwähnung desselben im Verzählbuch ^^). 



ä^) Wenn Bienko S. 23 diese Wendung nicht auf die Ver- 
zählung lieziehen will, so wird niemand, der den Sprachgebrauch 
des Freiberger Stadtrechts kennt, ihm darin beipflichten können. 

^^) Säclis. Landrecht I, 70 § 3, vergl. Rechtsbuch nach 
Distinct. lY, 28. Bienko S. 24. 

32) Über den Begriff der Nachbarn vergl. St.-R. Kap. XXVIII 
§11: ivo si gesezzen sint in der virden oder in der sechsten gassen, 
daz lieizen alliz nakebur. 

'^'^) als er beivieste vor den burgern, also das hewyst wart 
vor den biirgern, als er derczügit, ercziigit, deriviset hat u. dergl. 
mehr z. B. Verzählb. A 64. 65. 84. 87. B 12. 39. .52 u. ö. alse 
sie das mit hederleiithen vor den burgern beivicst hat A 61. Beweis 
..mit den Nachl'nrn" B 55. 73. 465 u. ö , mit dem Stadtvogt 456. 
895. teste et sciente magistro civium et duobus juratis 841. 



Das Verzählen. H 



2. Verfahren. 

Für die Kenntnis des eigentlichen Yerzählungsakt es ^^) 
ist unser Stadtrecht eine wichtige Quelle. Nachdem im 
zweiten Dinge die Klage und Heischung wiederholt und 
der erwähnte Beweis durch den Kläger geführt ist, 
bittet dieser um ein Urteil: ui man im na zu rechte 
richten salle. Das Urteil lautet: mit vingeren itnde mit 
Zungen. „Also seil der volt gehlten allen den, di in dem 
dinge sint. So sal ein iklich man ufrccken einen vinger 
zu rechte, ande daz heizet verzalt mit vingern unde mit 
Zungen'' (Kap. XXI ^ 2 vergl. XXVII § 5. XXVIII 
§ 11). Die Formel „mit Fingern und mit Zungen" ist 
beim Achtsverfahren nicht ungewühniich""'). In Goslar 
sollten die innerhalb der Bänke Anwesenden mit eren 
vingheren upstippen '^^) ; nach dem Rechtsbuch nach Distink- 
tionen (IV, 20 § 1 ) hatten sie, wie beim Eide;^'}, zwei Finger 
zu erheben"^); in Freiberg aber wurde, wie es scheint, 
nur ein Finger ausgestreckt. 

Was bei dieser symbolischen Handlung gesprochen 
wurde, erfahren wir nicht. Da die Verzählung nicht blofs mit 
Fingern, sondern auch „mit Zungen" geschah, so ist doch 
kaum anzunehmen, dals sie in tiefem Schweigen vor sich 
gegangen sei; und doch ist es in hohem Grade auffällig, 
dals das Stadtrecht, das den Vorgang sonst so ausführ- 
lich schildert, einer vom Richter vor- und von den An- 
wesenden nachzusprechenden Achtsformel'^^) mit keinem 
Worte gedenkt. Dals eine solche sonst in sächsischen 
Städten gebräuchlich war, ersehen wir aus einer Dresd- 
ner und einer Chemnitzer Achtsformel aus dem Anfange 
des 16. Jahrhunderts"^). 



"^) Bienko S. 27 lt. Plauck II, 304 ff. 

3») Verftl. Sachs. Landiecht II, 4 ij l : utlaten mit vingere unde 
mit tungen. Klotzsch, Verzelleu S. 98 ff. 

"") Gosl. Statuten, herausg. v. Göschen S. .^7, 11. 

3') Planck IL 34. 

^^) So auch nach Chemnitzer und Dresdner Formeln s. N. 40. 

39) Vergl. Grimm, Rechtsaltertümcr S. 39 ff". Mever, Straf- 
verf. S. 71. Planck IJ, 30«. 

^*') Alte Willkür der Stadt Dresden, Fassung- von ca. 1512 
(Ratsarchiv C. XVI, 53 e): VorJcundigiw p in die (icJit. Der rivhter 
sali aufstehn mit seinen scho]}pen und sali sprechen : Allen den 
recht üb ist die heben die rechten zioene eides/inger au ff' und 
sprechen mir nach Alhier in disen gerichten ist N. N. mit rechter 
clagen vorvestent umb den mortli, den er begunsi hat an N. JS', 



12 Hubert Ennisch: 

Im Auscliliisse an das Erheben von Fingern und 
Zungen liefe der Kläger nunmehr durch besondere Ur- 
teile die Rechtsfolgen feststellen, die wir sogleich näher 
zu betrachten haben werden. Schließlich soll er hesefcen 
'uiit dem ricJdere und mit den dlncivarten , daz di Jute 
also sine vergalten sint umme den roup oder unime di 
dube uf iren hals d. h. er soll Richter und Dingwarten 
ausdrücklich auf den Vorgang aufmerksam machen, um 
denselben ihrem Gedächtnis einzuprägen und sich ihr 
Zeugnis über den Akt der Verzählung zu sichern^^) (Kap. 
XXI § 2). 

Völlige Rechtskraft gewann die Verzählung durch 
das Richten mit Fingern und Zungen noch nicht. Er- 
schien der Beklagte während des Dinges, in welchem 
über ihn gerichtet worden war, so galt er als nicht ver- 
zählt, und das gewöhnliche Verfahren fand statt. Er- 
schien er zwar nicht während des Dinges, wohl aber an 
demselben Tage vor Sonnenuntergang und setzte Bürgen 
dafür, dafs er dem Kläger antworten wolle, so galt er 
zwar gleichfalls noch nicht als verzählt; doch traf ihn 
einer der Rechtsnachteile, die dem Verzählten drohten: 
er verlor das Recht, sich vor Gericht durch einen Vor- 
mund vertreten zu lassen^-). 

Hiernach ist anzunehmen, dafs frühestens am Tage 
nach dem Richten mit Fingern und Zungen die Fort- 
setzung des Verzählungsverfahrens stattfand. Bisher hatte 
sich dasselbe im Dinge, vor Richter und Dingwarten, ab- 
gespielt; sollte die Verzählung volle Rechtskraft gewinnen, 
so bedurfte es auch der Mitwirkung des Rates, der nach 
dem Stadtrechte bereits „die höchste und grölste Gewalt 
und Gerichte hatte" (Kap. XLVIII § 1). Man mulste 
den Verzählten „an der Bürger Brief bringen". 

Zu diesem Zwecke hatte der Richter zunächst dem 
Rate eine förmliche Mitteilung zu machen: so sal der 



und ist mit gericht erlanget ane Widerrede, des ich eyn gezeuge 
seyn ivill mit den schojtpen und allen disen dingpfliclt,tigen und die 
gegemvertig seint. Denselbigen N. N. kundige ich in die achte in 
der stat weichhilde, auch so neme ich yn seinen freunden und er- 
laube yn seinen feinden und kundige sein weih ziv ivitbe und seine 
Idnder zue loesen also lange biß er seines rechtes wider bekommet. 
Die Cheranitze]' Aclitsformel habe ich in den Mitteilungen des Ver- 
eins für Chemnitzer Gesch. VII (Chemnitz 1891), 27 mitgeteilt. 
Vergi. auch ßechtsb. nach Dist. IV, 20 dist. 1. 

") Vergl. Planck I. 331. 

*'-) Vergl. unten S. 23. 



ö 



Das Verzählen. 13 

richter vor di bürgere tretin, da di meiste menie der bür- 
gere si, und sprechen: „Mir ist luizzentlicli, daz der man 
umme roub ader umme dube also vor mir verczalt ist, 
daz man in nn zu rechte an den brief setzin sal und 
mach" (Kap. XXI § 3). 

Nach dem Sprachgebrauch des Stadtrechts, das unter 
bürgere fast durchweg den Rat versteht, haben wir diesen 
Satz*-^) wohl nicht auf eine öffentliche, etwa auf dem 
Markte oder in der Kirche erfolgende Bekanntmachung 
der Verzählung zu beziehen, sondern lediglich auf eine 
Mitteilung an den Rat; darauf deuten auch die auf die 
Eintragung in der Bürger Brief bezüglichen Schlulsworte. 
Allerdings lassen die Rechtswirkungen der Verzählung 
es als erforderlich erscheinen, dals jedermann die Ver 
zählten kannte ; aber in älterer Zeit, als der gröiiste Teil 
der Gerichtsinsassen sich, noch persönlich im Dinge ein- 
fand, machte ohne Zweifel die öffentliche Vornahme des 
Aktes der Verzählung eine besondere Publikation des- 
selben entbehrlich. Später war eine solche üblich; ein 
interessantes Beispiel dafür, dals man in Ausnahmefällen 
aus persönlichen Rücksichten von der öffentlichen Be- 
kanntmachung absah *^), bietet eine dem Anfange des 
16. Jahrhunderts angehörige Notiz des Verzählbuches ^"'*). 

War der Rat so amtlich benachrichtigt, so war es 
seine Aufgabe, die Verzählten in das hierfür bestimmte 
Buch eintragen zu lassen. Dasselbe heilst im Stadtrecht 
durchweg der burger brief : auch im Verzählbuch ist die 
Bezeichnung brief die gewöhnliche**^). Eine solche Ein- 
tragung Geächteter teils in die auch anderen Zwecken 
dienenden Stadtbücher, teils in besondere xlchtbücher, 
libri proscriptionmn oder wie sie sonst heilsen, war ziem- 
lich allgemein üblich*^). Auch in sächsischen Städten 



*ä) Derselbe ist übrigens, wie wir aus dei' handschriftl. Llber- 
lieferung- des St.-R. entnehmen können, ein allerdings Avohl noch 
dem ersten Viertel des 14. Jahrli. angehöriger Zusatz zu der ältesten 
Textgestalt des St.-R. 

^) Vergl. Francke, Verfestungsbuch von Stralsund No. 454. 

'*^) fol 85*^: Der junge Hans Alnpeck am margkte und Paul 
Trener seynclt bis auf die aneu-eysung vorczalt wurden. Die vor- 
czelung wardt ine heymlichen angesaget und ine zu gute nicht 
aufhentlich ausschreiben lassen. 

^") Vergl. hierüber und über die Bezeichnungen catalogus truf- 
fatorum, schwarzes Register Uß. III, XXXIV f. 

^■'j Vergl. Budde, Rechtlosigkeit S. Ifi3 f. Üsenbrüggen, 
Hausfrieden S. 52 Homeyer, Die Stadtbücher des Mittelalters 
S. 32. Bienko, De proscriptione S. 39 f. Frensdorfl' a. a. 0. 



14 Hubert Ermisch: 

kommt beides vor: wir wissen namentlich, dafs es in 
Dresden^^), Leipzig^^), Chemnitz besondere Verfestungs- 
bücher gegeben hat. Erhalten aber hat sich davon mit 
Ausnahme eines nur wenige Einträge enthaltenden, 1535 
„vernewerten" Chemnitzer Achtbuches ohne erhebliclien 
Wert''"; nur das stattliche Verzählbuch der Stadt Erei- 
berg, und schon dieser Umstand mulste uns bestimmen, 
es im Urkundenbuche seinem vollen Wortlaute nach zum 
Abdruck zu bringen. Der Grund, warum so viele der- 
artige Bücher zu Grunde gegangen sind, ist wohl einfach 
der, dals an ihre Erhaltung sich weitaus nicht die In- 
teressen knüpften wie an die Erhaltung derjenigen Bücher, 
welche privatrechtliche xlbmachuugen betrafen; ja es 
mochte eher wünschenswert erscheinen, die Zeugnisse 
früherer Vergehen, wenn dieselben gesühnt oder sonst 
erledigt waren, aus der Welt zu schaffen, und so scheint 
vielfach bei_ der Anlage eines neuen Verzählbuches das 
alte unter Übertragung der noch giltigen Verzählungen 
in jenes vernichtet worden zu sein'^). 

Welche Gestalt in der ältesten Zeit der „Bürger 
Brief" hatte, wer die Eintragungen bewirkte und unter 
welchen Formalitäten diese geschahen, darüber giebt 



S. XIII f. XXVIII. Planck II, 201. Frauenstädt, Blutrache 
und Todschlagsühne S. VII. — A'ollständig veröifentlicht sind ein Ver- 
festuugsbuch der Stadt Stralsund (vergl. oben N. 3) und ein Liegnitzer 
Verfestungsbuch (C. J. Schuchard, Die Stadt Liegnitz S. 153 11'.). 
Über Achtbücher zu Wismar, Rostock, Braunschweig vergl. Frens- 
dorff S. XIV, das schwarze Buch zu Riga Bunge, Riga S. 318-, 
über ein Breslaiier Achtbuch.1332— 1.549 Frauenstädt in der Ztschr. 
f. Strafrecht X, 2 ff . ; über Ächtungen in Signatiu'lnichern von Jauer 
1381 -- 1412 Ztschr. d. Vereins f. schles. Gesch. IX, 100 ff', (vergl. die 
A^ermerke über die Eintragung Geächteter auf Wachstafeln ebd. 97 ff'.), 
im OJmützer Stadtl)uch Bischoff, Sitzungsber. der philos.-histor. Kl. 
der kaiserl. Akad. LXXXV, 308 ff., den über proscriptionum zu Prag 
Röfsler, Deutsche Rechtsdenkm. I, L f. LX, ein Görlitzer Acht- 
buch Lausitzer Magazin X.Y, 134 vergl. 319, ein Augsburger Acht- 
buch Ztschr. d. histor. Vereins für Schwaben u. Neuburg IV, 3, 
160 ff. u. dergl. m. 

*^} 1492 wird hier ein achtbuch erwähnt, vergl. 0. Richter, 
Verfassungsgesch. von Dresden S. 154. 

■^f) Im ältesten Leipziger Stadtbuche war eine Abteilung für 
die proscripti bestimmt, vergl. diese Ztschr. X, 178 f. Ein späteres 
liber proscriptionum (1493) nennt das ebenda S. 182 beschriebene 
Stadtbuch II fol. 88 b. 

50) Vergl. Er misch, Das Chemnitzer Achtbuch: Mitteilungen 
des Vereins für Chemnitzer Geschichte VII (Chemnitz 1891), 23 ff. 

■") Vergl. ÜB. III, XXXA\ XXXVII. 



Das Verzählen. 15 

unser Stadtrecht keine Aufklärung. Wenn der Richter 
zum Beweise der Verzählung einer Person den ganzen 
Brief laut vorlesen liefe (Kap. XYIII § 3), so lälst 
dies vermuten , dafs er von nur geringem Umfange 
war. vielleicht aus einem einzelnen Pergamentblatte be- 
stand. Wie das uns vorliegende Verzählbuch durchweg 
von der Hand des jeweiligen Stadtschreibers geführt 
wurde '^), so war es ohne Frage auch dieser, der bnrger 
schriber, der die Namen der Verzählten und ihre Ver- 
gehen in den Brief eintrug'^'"). Wie das ganze Verfahren, 
so setzte auch die Eintragung in den Brief wohl durch- 
weg einen Antrag des Klägers voraus; der Kläger war 
es, der den Verzählten durch Vermittelung des Richters 
„an der Bürger Brief brachte" (Kap. XXI § 2). 

Der Zweck der Eintragung in der Bürger Brief war 
lediglich die Erleichterung des Beweisverfahrens. Zwar 
konnte jede im Dinge vorgenommene Handlung, also auch 
jede Verzählung, durch das Zeugnis des Richters und 
eines Ding warten bewiesen werden (Kap. XIII § 1). 
Aber eines solchen Zeugenbeweises bedurfte es nicht, 
wenn der Name des Verzählten „an dem Briefe" stand; 
der Beweis dieser Thatsache genügte vollkommen. Während 
andere Beurkundungen wie auch die Einträge in die 
Stadt- und Gerichtsbücher in älterer Zeit lediglich zum 
mündlichen Zeugnis verhelfen sollten und daher die 
Zeugen namhaft machten, die bei einer Handlung zu- 
gegen gewesen, war der „Bürger Brief" an sich selbst 
Zeugnis genug ; wir haben in demselben eines der frühe- 
sten Beispiele des reinen Urkundenbeweises. Eine Ein- 
tragung von Zeugen der Verzählung konnte daher unter- 
bleiben und unterblieb auch stets. — Im einzelnen werden 
wir auf das Beweisverfahren noch zurückkommen. 

3. Wirkungen. 

Was die Wirkungen der Verzählung anlangt, so steht 
das Freiberger Stadtrecht im allgemeinen auf dem Stand- 
punkt des Sachsenspiegels, der bekanntlich kurz dahin 
pi'äzisiert wird: Vestinge nimt dem manne sin lif, of he 
hegrepen wert dar binnen, unde nicht sin recht, svo lange 
Jie daran ist'''^). Wir verstehen diese Worte dahin, dafs 



^^) ÜB. III, xxxvn f. 

^*) VerQ'l. über seine sonstigen Obliegenheiton ebd. XI ff. 
5*) Säciis. LiUidreeht III, Ü3 ^ 3. 



16 Hubert Ermisch: 

die Verfestung- zwar friedlos, aber nicht völlig rechtlos 
macht ^•^). 

Insbesondere zieht die Verzählung in Freiberg nicht 
die Konfiskation des Vermögens nach sich^'*^). Das Stadt- 
recht (Kap. I § 20) bestimmt: 

Tut ein mau einen schaden, wi groz he ist, oder verlusit des 
herren hulde, daz he iutwichen muz, waz der erbis unde gutis lezet, 
daz ist zu rechte siner luisvroweu unde siner kindere; daz inmac in 
niman genemeu noch versprechen nach der stat recht, weder herre 
noch ratgebeu. Haben aber di bürgere icht zu im zu sachene, di 
bliben dabi mit rechte. Hat ouch imant uf in icht irteidinget vor 
gerichte umme schult oder umrae phauduuge wizzentlichen dem rich- 
tere und den dincwarten, deme sal der richter helfen phandis oder 
sal in wisen an sin erbe mit rechte. 

Also das Gut, das einer zmiicklälst, der wegen eines 
Vergehens gegen die Stadt oder die Landesherren „ent- 
weichen mufs" d. h. doch wohl verzählt wurde, fällt seinen 
rechten Erben heim ; selbst der Landesherr kann es ihnen 
nicht entziehen. Ansprüche der Stadt an dasselbe bleiben 
in Kraft; auch andere vor Gericht erstrittene Forderungen 
konnten ebenso geltend gemacht werden, als wenn der 
Verzählte anwesend wäre. 

Dem entspricht es, wenn auch der Verzählte das 
Recht behielt, seinerseits privatrechtliche Ansprüche gegen 
andere geltend zu machen: umme schult unde umme ge- 
lubde sal man im anhverten zu rechte (Kap. XLIX § 18); 
ein Recht, von dem er allerdings persönlich keinen Ge- 
brauch machen konnte, ohne sich den schlimmsten Folgen 
auszusetzen; wohl aber vermochten es an seiner Stelle 
seine Rechtsnachfolger im Besitze des Vermögens zu 
thun. Ungünstiger gestellt war in dieser Hinsicht der 
im Kirchenbanne Befindliche, dessen Lage sonst der des 
Geächteten sehr ähnlich war: ihm brauchte man auch 
auf Klagen um Schuld und Gelübde nicht zu antworten 
(Kap. XLIX § 19). 

Hatte somit die Verzählung keine vermögensrecht- 
liche Wirkung, so traf sie dagegen um so schärfer die 
Person des Verzählten. Er gehörte nicht mehr zu den 
erhaften litten, verlor sein „Echt und Recht": er konnte 
kein giltiges Zeugnis vor Gericht ablegen'^') (Kap. II § 3. 



55) Vergl. Bienko S. 55 ff. Frensdorff S. XX. Planck 
II, 299. 

50) Wie dies im lübischen Rechte der Fall war, vergl. Frens- 
dorff S. XX f. XXXII f. 

•-) Yergl. Planck II, HO. 



Das Verzählen. 17 

VIII § 4. XII § 1 veifil. XIII § 1. XXIX § 1. 
XXXII § 17. XLIX § 41), selbstverständlich auch 
keine Bürgschaft übernehmen, nicht als Vorsprecher oder 
Vormund im Gerichte auftreten, noch sonstige bürgerliche 
Rechte ausüben. 

Vor allem aber hatte er keinen Anspruch auf den 
allen anderen Bürgern zustehenden Rechtsschutz inner- 
halb des Stadtgebietes; er genols nicht den Stadtfrieden, 
man konnte an ihm keinen Friedebruch begehen. Das 
Stadtrecht unterscheidet zwischen schweren Friedens- 
brüchen (Totschlag und kampere Wunden), bei denen der 
Beweis mittels gerichtlichen Zweikampfs, und leichten 
Friedensbrüchen, bei denen der Beweis mit mindestens 
2 Zeugen zu führen war; in beiden Fällen braucht man 
einem Verzählten nicht zu antworten. Wohl kann der- 
selbe wegen einer ihm zugefügten Verwundmig Klage 
erheben und den Thäter einheischen lassen; auch wird 
der letztere, wenn er sich nicht im Dinge einfindet, ebenso 
verzählt, als ob er gegen jemanden gefrevelt hätte, der 
Echt und Recht behalten hat. Erscheint aber der Be- 
klagte im Dinge, erbietet sich rechtzeitig zum Beweise, 
dals der Kläger an der Bürger Briefe stehe, und ver- 
mag diesen Beweis zu führen, so braucht er keine Ant- 
wort um den Friedensbruch zu geben (Kap. XXVI § 1. 2). 
Ebenso ist es, wenn ein Verwandter des Getöteten oder 
Verwundeten die Klage erhoben hat; gelingt der Beweis, 
dals der letztere oder auch der, der für ihn klagt, ver- 
zählt ist, so braucht der Beklagte nicht zu antworten, 
und der Kläger verfällt aulserdem in die Bulse von 
60 Schillingen, die jeden betrifft, der eine begonnene 
Klage nicht durchzuführen vermag (Kap. XXVI § 3. 4. 
XXVII § 12). Endlich befreit der Nachweis der Ver- 
zählung auch dann von der Pflicht, sich auf die Klage 
einzulassen, wenn der Richter dieselbe für den Verletzten 
erhoben hat (Kap. XXX 5^ 10). In allen diesen Fällen 
kommt es darauf an, dalis der Beklagte sich rechtzeitig 
zum Beweise erboten habe d. h. bevor er das Gericht um 
Boten zum kämpf liehen Grulse, zu der mit dreimaligem 
Zetergeschrei einzuleitenden förmlichen Kampfklage, ge- 
beten hat ; hat er dies gethan, so wird angenommen, dafs 
er sich auf den gerichtlichen Zweikampf einlassen wolle, 
und eine nachträgliche Berufung auf den Brief hat keinen 
Erfolg mehr (Kap. XXVI i^ 2 vergl. XXVII § 12). Audi 
bei geringeren Friedensbrüchen wird der Kläger durcli 

Neues Archiv f. S. G. u. A. XIII I. •>. 2 



18 Hubert Ermiseh: 

den Nachweis, dals er selbst oder einer seiner Zeugen 
am Briefe stehe, sachfällig und es trifft ihn die Bulse 
von 60 Schillingen (Kap. VIII § 4). 

Die weitei'en Wirkungen der Verzählung betreifen 
namentlich die rechtliche Stellung des Verzählten dem Klä- 
ger gegenüber, der ihn „an den Brief gebracht hatte". Die 
Anschauung, dafs ein schwerer Friedensbruch ebenso ein 
Verbrechen gegen die Gesamtheit als eine Verletzung 
des Geschädigten bedeute, drang, wie wir schon be- 
rührten und wie sich auch aus der Notwendigkeit der 
Klagestellung durch den Geschädigten oder einen Ver- 
treter desselben ergiebt, nur langsam durch; lag doch 
nach Freiberger Stadtrecht sogar die Vollstreckung des 
ausgesprochenen Todesurteils dem Kläger ob, ein deut- 
licher Beweis dafür, dals sich die Begriffe der Strafe 
und der Rache noch nahe berührten-^*). Der Verzählte 
war des Klägers Verzählter "'**); seine Festnahme war 
Sache des Klägers, nur er durfte sie vornehmen. Aber 
wie man klagte „über sinen dtp unde der landhUe dtp" 
(Kap. XIX § 2 vergl. XX § 1. 2), so war die Gesamt- 
heit verpflichtet, dem Kläger bei Ergreifung des Ver- 
zählten behilflich zu sein. Namentlich durfte niemand 
den Verzählten durch Aufnahme in sein Haus schützen. 

Diese Rechts Wirkungen des Verzählens liefs sich 
der Kläger, nachdem mit Fingern und Zungen gerichtet 
war, durch drei Urteile des Gerichts ausdrücklich fest- 
stellen. 

Seine erste Frage lautete: tver si (die Verzählten) 
after dem tage liuset oder höret ir keinen, ivi im der zu 
rechte bestanden si. Darauf entscheidet das Gericht: 
iver si hiise oder hove after dem tage, der si desselben 
bestanden, des auch jene bestanden sint, he wolle si denne 
zu rechten teidinqen stellen (Kap. XXI § 2. ebenso 
XXVII § 5. XXVIII § 11). Die blofse Aufnahme eines 
Verzählten und die AVeigerung, ihn auf Verlangen des 
Klägers dem Gerichte zu stellen, zog also dieselbe Strafe 



■'^») Kap. XIX § U. XX § 6. XXII § 4. XXYIII § 14. Vergl. 
Frauenstädt, Blutrache uufl Tort^clilagsühue S. 99 f. Dafs man 
(loch auch bei dieser merkwürdigeu Einrichtung den öffentlichen 
Chai-akter der Strafe nicht ganz verkannte, darauf deutet die Be- 
stimmung hin, dafs der Auswärtige, der als Kläger obgesiegt, seinen 
Dieb zwar mit in seine Heimat nehmen, aber Bürgen für die Voll- 
streckung der Strafe setzen mufste, vergl. St. R. Kap XIX i< 14. 

■'■*} daz (U inte diso sine rerzalten sinf (Kap. XXI i; 2). 



Das Verzählen. 19 

nach sich, die dem Verzählten drohte, wenn er ergriffen 
wurde, d. h. die Todesstrafe, oder die Verzählung im Falle 
der Flucht*"-). Der Einwand, man habe um die Ver- 
zählung nicht gewulst, schützte schwerlich vor Strafe; 
wohl um ihm zu begegnen, wurde im Anfange des 
15. Jahrhunderts ausdrücklich statutarisch festgesetzt: 
Da sal nymand den andern husen, lierhergen adir Jiofen, 
er weis unde uil en denne entiverten czu rechten tei- 
dingen (ÜB. I, 127 § 9, vergl. III, 474 § 33. 34). 

Weit milder ist m diesem Falle der Sachsenspiegel, 
nach welchem der, welcher einen Verfesteten tuetenlike 
herbergt und speiset, nur in das Gewette verfällt, und 
Unkenntnis auch vor dieser Strafe schützt ''^). Dals man 
in Städten strenger verfuhr, war eine Folge des in ihnen 
herrschenden höheren Friedens; auch in Stralsund"^), in 
Goslar*^-') und an anderen Orten traf den, der einen Ver- 
festeten aufnahm, dieselbe Strafe wie diesen''*). 

Dafs den Verzählten im eigenen Hause sein Haus- 
friede geschützt habe, wie dies anderswo der Fall war*^^), 
ist für Freiberg kaum anzunehmen; wenigstens wii'd man 
Mittel und Wege gefunden haben, diesen Schutz wir- 
kungslos zu machen, wie man auch das Asylrecht der 
Kirchen und Klöster zu umgehen wufste •'*'). 



'^) Verzählung des Ulricli Snj'der wegen Aufnahme seines 
verzählten Sohnes, s. Verzälüb. B No. 947; von zwei Personen, 
Aveil sie einem Verzählten weggehulffen haben A No. 18. 

*") Sachs. Landrecht III, 23, vergl. aber auch die strengern Bestim- 
mungen über die Aufnahme eines Friedensbrechers in eine Burg II, 
72 § 1. Es ist bezeichnend, dafs in das Rechtsbuch nach Distink- 
tionen, welches das in sächsischen Städten geltende Recht geben 
will, die erstere Bestimmung des Ssp. nicht Aufnahme gefunden hat, 
wohl aber (VI, 4 dist. 1) die zweite. Vergl. Osenbrüggen, Haus- 
frieden S. 54. John. Das Strafrecht in Norddeutschland zur Zeit 
der Rechtsbücher I. 131. 235 f. Tlanck 11, 296. 

62; Vergl. Frensdorff S. LV. 

63) Gosl. Stadtrecht S. 59, 29. 

^) Dagegen setzten z. B. die Statuten der Stadt Grimma (1372) 
nur eine Geldbufse auf Belierbergung, Speisung oder Fiirdei'ung eines 
Verfesteten (Lorenz, Grimma S. 475), entsprachen also dem Sach.sen- 
spiegel. 

0.^) Vergl. Grimm, Rechtsaltertümer S. 891. Osenbrüggen 
S. 26 f. 

6") Vergl. den Befehl Kurf. Friedrichs an den Rat zu Freiberg 
vom 2. Novemljer 1475 wegen des in das Franziskaneikloster ge- 
flüchteten Philipp Gorteler: der Rat solle die Seinen ins Kbister 
schicken und darauf achten lassen, dafs dem G. weder Nahrung ge- 
reicht nocii Knbi' und Siblnf verstattet werde; dann werde er bald 



sich ergeben. Uli. 1, 3S9. 



2' 



20 Hubert Ermiscli: 

So entsprach die Verzäliluiig- in ihrer Wirkung' durchaus 
der Verweisung' aus dem Stadtgebiet, wenngleich das 
Stadtrecht sie als solche nirgends bezeichnet. 

Der Kläger stellte dann die weitere Urteilsfrage: 
ah he ir keinen ansichtic iveräe after dem tage, tri oder 
mit iveme he si nfhalden sulle? worauf die Antwort 
lautete : mit alle den, die vride unde gnade haben tvollen. 

Die Ergreifung des Verzählten stand also zunächst 
nur dem Kläger zu. Wenn freilich jedermann ihm dabei 
behilflich sein mufste, so ist die Wirkung nicht wesent- 
lich verschieden von der einer allgemeinen Friedlos- 
erklärung. 

Die dritte Urteilsfrage endlich war: ah he si uf- 
halden icolle unde si sich iveren, ah he oder kein sin 
vrunt oder kein sin helfer keinen vride an in gebrechen 
muge? die Antwort darauf: das: after dem tage he noch 
kein sin vrunt keinen vride an im gehrechen muge, icolle 
he in volhrengen, als reclit si. 

Hierdurch wurde eigentlich nur etwas Selbstver- 
ständliches ausdrücklich festgestellt; denn auch andere 
als der Kläger konnten an dem Verbrecher keinen Friede- 
bruch begehen, wie schon oben ausgeführt wurde. — 

Gelang dem Kläger die Festnahme des Verzählten, 
so war die Lage des letzteren eine sehr üble, da es sich 
nunmehr nur um den Beweis der Verzählung, nicht um 
den der That handelte; was diese anlangte, galt der Er- 
griffene als bereits überführt. 

Das Stadtrecht schildert eingehend das Verfahren 
gegen den wegen Diebstahls oder ßaubes Verzählten; 
ohne Frage wurde ebenso verfahren, wenn die Verzählung 
aus irgend einem anderen Grunde erfolgt war. Der 
Kläger bringt den Ergriffenen zu Haus und Hof des 
Richters, erbietet sich nach kurzer Darlegung des Sach- 
verhalts zum Beweise der Verzählung und verlangt die 
Gefangenhaltung des Verzählten bis zum nächsten Dinge; 
diese muis ihm gewährt werden, einen Bürgen darf der 
Verzählte nicht stellen. Der Richter bescheidet hierauf 
beide in das nächste Ding (Kap. XXTI § 1); länger als 
bis zum nächsten Dinge soll niemand, der auf den Hals 
gefangen sitzt, warten (Kap. XIX § 4). Wie bei dem 
Verfahren gegen den auf handhafter That ergriffenen 
Dieb oder Räuber beginnt der Kläger im Dinge mit dem 
Antrage auf Vorführung des Verhafteten. Aber während 
der auf frischer Tliat Ergriffene mit dreimaligem „Ge- 



Das Verzählen. 21 

schrei" vorgeführt wurde (Kap. XIX § 5. 6. XX § 2), 
eine Formalität, durch die man die That gewissermalsen 
bis in das Gericht verlängern, in das Gericht bringen 
wollte*^'), erfolgte die Überführung des Verzählten aus 
der Haft in das Gericht ohne Geschrei und mithin auch 
ohne die Boten, die der Richter sonst behufs Ableguug 
von Zeugnis über das Geschrei dem Kläger mitgab ; denn 
es bedurfte keines Beweises der handhaften That (Kap. 
XXII § 2). Ist der Verzählte, dem man die Hände 
auf den Rücken binden kann, anwesend, so giebt der 
Kläger nochmals eine Darstellung der Vorgänge, die zur 
Verzählung geführt haben, erbietet sich zum Beweise der 
Verzählung, falls der Beklagte ihm nicht glauben will 
(so teil he in volhrengen mit der hur(/er hrive als recld 
ist), und bittet für den Fall, dals ihm der Beweis gelinge, 
um ein Urteil: ui lie im zu rechte bestanden si. Dieses 
Urteil lautet in jedem Falle"^) auf Lebensstrafe: vindet 
man in aii der hiirger brive, daz he sin verzalter si innme 
eine dube oder umme einen raup, als he sich vermezzen 
hat, daz he im zu rechte bestanden si mit deme halse 
(Kap. XXII § 3). 

Das BcAveisverfahren beginnt mit der Urtelsfrage 
des Klägers: irer im zu rechte des brifes yehelfen sidleY 
worauf geteilt wird: daz sidle der richter tim. Die Vor- 
legung des Briefes kann sofort *''^) geschehen. Ist dies 
nicht möglich, so werden die Parteien zum nächsten 
Dinge beschieden. Der Kläger lälst durch Urteil fest- 
stellen, dals es ihm unschädlich sei, wenn der Richter, 
obwohl von ihm gemahnt, ihm doch bis zum nächsten 
Dinge nicht „des Briefes gehilft" ; in diesem Falle wird 
den Parteien ein anderer Tag beschieden. Der Verzählte 
wird inzwischen wieder in Haft gebracht (Kap. XXII 
§ 3 vgl. XVIII § 2. XXVI § 3. XXVII § 12). 

Wird der Richter rechtzeitig d. h. am Tage vor dem 
nächsten Dinge (des tages alsc he des anderen ia(/es vol- 
Immen sal Kap. XVIII § 2. XXVI § 4) vom ' Kläger 
gemahnt, so muls er seinerseits den Bürgermeister mahnen, 
dals er den Brief zu Dinge bringe (Kap. XVIII § 2). 



ß') Planck I, 762 ft'. Über den sehr weiten Bciiiift' der liand- 
haften That im Freiherger St.-li. s. v. Kries, Der ]5e\veis im Straf- 
prozefs des Mittelalters (Weimar 1878) S. 171 ff. 

«^) Vergl. Sachs. Landrechtl, 68i;5. Frensdorff S.XNlii.Lli. 

"") binnen dinges Kai). ^XTT t^ .". ab hc iz da nicht gefiin 
mac -Kap XXVi ij ;3. 



22 Hubert Ermiscli: 

Wird der Brief vorgelegt, so soll ihn der Richter laut 
lesen lassen (Kap. XVIII § 3); die Parteien können, 
wenn sie wollen, zu dieser Verlesung Boten bitten, die 
dann über den Inhalt ein giltiges Zeugnis ablegen können. 
Steht in dem Briefe, dafs der Beklagte des Klägers Ver- 
zählter wegen Raubes oder Diebstahls sei, so braucht man 
nur noch durch Urteil des Büttels die Art der Hin- 
richtung bestimmen und dieselbe vollstrecken zu lassen 
(Kap. XXII § 4). 

So genügte also der einfache Beweis der Verzählung 
zur Verurteilung des ergriffenen Verzählten oder richtiger 
,.zur gerichtlich ausgesprochenen Ermächtigung des Klägers 
zur Vollstreckung des früher bereits provisorisch aus- 
gesprochenen Toclesurteils" '^"). 

Ebenso war der Beweis mit dem Briefe zu führen, 
wenn man dadurch der Verpflichtung zur Antwort wegen 
Tötung oder Verwundung entgehen (Kap. XXVI § 3. 4. 
XXVII § 12) oder wenn man dem Beklagten das Recht, 
sich durch einen Vormund vertreten zu lassen, entziehen 
wollte (Kap. XVIII § 2. 3); in diesen Fällen handelte 
es sich nur darum, dals der Name des Betreffenden in 
dem Briefe stand , auf die näheren Umstände kam es 
nicht an. 

Gelang es nicht, den angebotenen Beweis mit dem 
Briefe zu führen, sei es weil der gesuchte Name sich im 
Briefe nicht fand oder sei es auch nur, weil durch Schuld 
des Klägers (insbesondere wegen nicht erfolgter Mahnung 
des Richters) der Brief nicht rechtzeitig zu Dinge kam, 
so erreichte der Beweisführer nicht l)loIs dasjenige nicht, 
was er erstrebte — die Bestrafung des Verzählten oder 
Befreiung von der Pflicht ihm zu antworten oder den 
Verlust des Vormunds — , sondern mulste wohl stets auch 
dem Richter hülsen. Handelte es sich um eine Kampf- 
klage, der sich der Beklagte durch den Nachweis der 
Verzählung des Gegners entziehen wollte, so betrug diese 
Bufse 4 Schillinge (Kap. XXVII § 12). Wie hoch sie 
in anderen Fällen war, giebt das Stadtrecht nicht an; 
wahrscheinlich trat dann, wenn der Kläger den Beweis 
der Verzählung nicht zu führen vermochte, die Bulse von 
60 Schillingen ein. 

Das Stadtrecht gedenkt, wie bereits oben erwähnt 
wurde, mehrmals des Falles, dals einer, der an der burger 



™) Planck II, 301. 



Das Verzälileii. 23 

hrive stet umme sine unvuge, aus einem anderen Grunde 
als dem seiner Verzälilung freiwillig als Kläger oder 
Beklagter vor Gericht erscheint. Bei den schweren 
Folgen, die ihn treffen mutsten, wenn derjenige, dessen 
Verzählter er war, die Gelegenheit benutzte, um ihn 
festzunehmen, ist dies auffallend; wir müssen entweder 
annehmen, dafs dem Verzählten manchmal freies Geleit 
zugestanden wurde '^), oder dafs der Urheber der Ver- 
zählung durch Entfernung, Krankheit oder Tod an der 
Ergreifung des Verzählten behindert war. 

Aber auch in diesen Fällen trafen den Verzählten 
gewisse Rechtsnachteile. Dafs man ihm auf Klagen 
wegen leichten oder schweren Friedensbruches nicht zu 
antworten brauchte, wurde oben bereits erwähnt. Eine 
weitere wichtige Folge der Verzählung, die selbst dann 
eintrat, wenn die Eintragung in der Bürger Brief noch 
nicht erfolgt war (s. o.), war der Verlust des Vor- 
munds (Kap. XVIII § 1 — 3. XXVI § 5. 6. XXVII 
§ 6). Besonders bei Klagen um Totschlag oder Wunden 
war es nach den sehr eigentümlichen Bestimmungen des 
Freiberger Stadtrechts von der grölsten Bedeutung, wenn 
der Beklagte sich durch einen Vormund vertreten lassen 
konnte; denn der Eineid des A'oimunds befreite ihn von 
der Pflicht, dem Klägei- kämpf lieh zu antw^orten. Da 
nun auch Frauen als Vormünder zulässig waren, wenn 
sie den Beklagten „in ihrem Brote hergebracht" hatten 
d. h. seine Ernährerinnen waren, und da Frauen bei der 
Eidesleistung stets Holung hatten, also einen formell un- 
giltigen Eid eigentlich gar nicht leisten konnten, so war 
die Stellung eines Vormunds vielfach ein sicheres Mittel, 
einer Klage wegen schweren Friedensbruchs zu entgehen 
(Kap. XXIII). Diese Bestimmung, zu der mir eine 
Parallele nicht bekannt ist, nmiste offenbar zu argen 
Milsbräuchen führen, und es ist daher sehr begreiflich, 
dafs sie später aufgehoben wurde '^) 

Andere Nachteile trafen den Verzählten beim ge- 
richtlichen Zweikampfe. Unser Stadtrecht ist eine 
der interessantesten Quellen für dieses letzte der Gottes- 
urteile, das sich bis in das spätere Mittelalter, ja darüber 



'») Vergl. Planck TI, ;d»7. 

'-) Dui'ch eine von don Landesliorreii am fi. März 137;^ bestä- 
tigte Willkür: Auch sal kein man unibe toylshijv, unibe wunden 
adir iimbe kn/nrn vrcde l'cync niayt adcr tcip zcu kri/nem Vormunden 
kysen. Uß. 1, 94. 



24 Hubert Ermiseh: 

hinaus erbalten hat. Bei einem schweren Friedenshrnche, 
der einen Totschlag oder eine einste VerAVundung' zur 
Folge gehabt, stand zwar (wenn es nicht, was wohl meist 
der Fall war, zum Sühneverfahren kam, vergl. Kap. XIV. 
XV, oder der Thäter entfloh) dem A'erletzten oder seinem 
Vertreter, wie es scheint, stets auch die „siechte klage", 
die einfache Friedensklage frei (Kap. XXX § 3 vergl. 
Kap. XXVII § 1.4), bei welcher der Beweis der Tliat 
durch den Kläger und zwei Zeugen zu führen war (Kap. 
VIII); aber dabei verfiel der Beklagte nur in eine mäisige 
Geldbulse, und das entsprach in den meisten Fällen nicht 
dem Reclitsbewulstsein des Klägers; daher Avurde diese 
Form der Klage Avohl nur dann gewählt, wenn wegen 
irgend welcher Formfehler die Kampf klage unmöglich 
geworden. Denn der „ Kampf esgrufs" Avar das eigent- 
liche Recht des Klägers bei schweren Friedensbrüchen. 
Über das Verfahren im einzelnen, Avelches das Stadtrecht 
Kap. XXVII sehr eingehend darstellt, ist hier nicht zu 
handeln; wir erwähnen nur kurz, dals rechtzeitige Klage 
beim Untervogt (Kap. XXVII § 1) , die Einheischung 
des Thäters (ebenda § 5), die Besichtigung der Wunde 
durch gerichtliche Boten und deren Zeugnis über ihre 
Kampf Avürdigkeit , die Setzung von Bürgen durch den 
Beklagten (ebenda § 7), die Erhebung des Geschreis, auf 
Avelches die nochmalige förmliche Klage nebst dem Erbieten 
zum Beweise durch Kampf folgte (ebenda § 11), und der 
BeAveis der formellen Giltigkeit des Geschreis durch 
7 Schreileute (ebenda § 13. Kap. XXX § 11. 12) die 
wesentlichsten Voraussetzungen des BeAveises durch Zwei- 
kampf Avaren. Der Verzählte hatte als Beklagter schon 
bei diesem vorbereitenden Verfahren gewisse Nachteile; 
abgesehen davon, dals er, wie Avir sahen, sich nicht durch 
einen Vormund vertreten lassen konnte, brauchte der 
Kläger ihm gegenüber keine Schreileute^ (Kap. XXVI 
§ 5. 6), d. h. der BeAveis der handhaften That war ihm 
erlassen. Bei dem eigentlichen Kampfe hatte er keinen 
vorworchten (Kap. XXVI § 5. 6) d. h. er konnte nicht, 
was eigentlich beiden Parteien zustand, einen (gewerbs- 
mäfsigen) Kämpfer als Vertreter stellen'-'), sondern mulste 
persönlich kämpfen. Endlich hatte er auch keinen griz- 
warten ßonmtregerp'^); es waren dies die Sekundanten, 

'3) Vergl. Kap. XXX § 11. Sachs. Landrecht I, 48 § 3. 
■'*) Über rlie Thätig'keit des grizwarten vergl. St.-R. Kap. XXVII 
§ 17. 18. 



Das Verzählen. 25 

die jedem der beiden Kämpfer zur Seite standen, ihren 
„Baum trugen" d. li. eine Stange, durch deren A'orstolsen 
der Kampf unterbrochen wurde; dieselben hatten das 
Eecht, den Kämpfer dreimal vor einem tötlichen Stiche 
oder Schlage zu beschützen. Die Lage des Verzählten 
beim Kampfe war also eine erheblich ungünstigere als 
die seines Gegners. Unterlag er aber (Kap. XXVI 
§ 5. 6), so traf ihn in jedem Falle die Todesstrafe, die 
sonst dem besiegten Beklagten nur dann drohte, wenn 
es sich um einen Totschlag handelte, während auf Ver- 
wundung nur Verlust der Hand stand (Kap. XXVII § 19). 

Als Kläger bei der Kampfklage konnte der Ver- 
zählte nur in Frage kommen, wenn auch sein Gegner am 
Briefe stand; sonst genügte der Nachweis der Verzählung, 
um den Gegner von der Pflicht der Antwort zu befreien : 
denn an einem Verzählten konnte man ja keinen Frieden 
brechen (s. o.). Standen aber Kläger und Beklagter am 
Briefe, so hatten sie auch beide „Briefesrecht" d. h. keinen 
Vormund, keine Schreileute, keine Yorworchten und keine 
Grieswarten, und dem Unterliegenden ging es stets an den 
Hals (Kap. XXVI § 6) — also selbst dann, wenn er 
der Kläger war, in welchem Falle sonst nur eine Bufse 
entrichtet wurde (Kap. XXVII § 19). — 

Der Bereich, innerhalb dessen die Verzählung galt, 
ist ohne Frage das Gebiet des Stadtgerichts d. h. nicht 
blols die Stadt, sondern auch die sie umgebenden Berg- 
baubezirke. Denn diese gehörten zur Stadt; auch dort 
war der Rat die oberste Behörde (Kap. XLVIII § 1); 
w^er in Freiberg ansässig war, hatte auch die Rechte 
des Ansässigen auf dem Gebirge (Kap. II § 10) und 
dergleichen mehr-'). So war hisbesondere das Stadt- 
gericht auch für die Bergleute kompetent: Klagen gegen 
Ansässige mulsten sie in der Stadt vorbringen und eben- 
dort auf Klagen dieser antworten (Kap. II i; 10. 11); 
der Stadt richter zwingt Zeugen, die auf dem Gebirge 
ansässig sind, zum Erscheinen (Kap. XXIX § 4. XXXVII 
§ 7). Die Gerichtsbarkeit des Bergmeisters und der Berg- 
richter, seiner Vertreter für entferntere Bergwerke, war 
auf privat- und strafreclitliche Fälle beschränkt, die un- 
mittelbar mit dem Beigbau zusammenhingen; so hatte er 
auch über Frevel, welche sich bei einem im Betriebe befind- 



■'■•) Vergl. die Zu.sammen.^^tellimgen UT?. IT, XXXT. Ennisili. 
Das Sachs. Bergrecht des Mittelalters S. XXXIX. 



26 Hiibert Ermiscli: 

liehen Bergwerke in der Grube, an der Hängebank oder 
in den Kauen ereigneten , zu richten (Kap. XXXVII 
§ 1—3). Entzogen sich in diesen Fällen die Schuldigen 
dem Richter, so erfolgte auch im Berggerichte ihre Ver- 
zählung; auch dort gab es einen „Brief", an welchen sie 
gesetzt wurden. Aber die Verzähl ung hatte zugleich für 
die Stadt Geltung (vergl. Kap. XVIII § 1). Die Namen 
der Verzählten waren „mit der Schrift" dem Rate mit- 
zuteilen, und dieser liels sie an den Bürger Brief setzen""). 

Ganz unerörtert lälst das Stadtrecht die Frage, in 
welcher Weise man sich aus der Verzählung ziehen konnte. 
Dafs dies möglich war, unterliegt keinem Zweifel und 
wird durch die spätere Praxis bewiesen. Wir kommen 
weiter unten auf diesen Punkt zurück. ■ — 

So trat in der Entstehungszeit des Stadtrechts (Ende 
des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts) die Verzählung 
in Freiberg, entsprechend der Verfestung gleichzeitiger 
Rechtsquellen, nur bei schweren Verbrechen ein, war 
aber dann nicht blols eine prozessualische Zwangsmafs- 
regel gegen den dem Gerichte sich entziehenden Be- 
klagten oder eine Strafe der contumacia, sondern geradezu 
eine Verurteilung des abwesenden und als überführt 
geltenden Thäters oder kam wenigstens in der Wirkung 
einer solchen vollkommen gleich"). 

Auf demselben Standpunkte steht eine in mehr als 
einer Beziehung interessante Willkür des Freiberger 
Rates vom 24- Juni 1305^^). Die Kodifikation des Stadt- 
rechts, mit der man um 1294 begonnen hatte, mochte um 
diese Zeit ihren Abschluls erreicht haben ^■'), als aulser- 
ordentliche Verhältnisse, ohne Frage Folgen der damaligen 
Fremdherrschaft, zu einer Reihe von Ausnahmemalsregeln 
nötigten. Geschworne Ratleute waren damals wegen 
ihrer Treue gegen die Landesherren und die Stadt ver- 
räterisch ermordet worden. Um Frevelthaten der Art vorzu- 
beugen, wurde ein ausnahmsweise strenges Verfahren gegen 
solche, welche ein Mitglied des Rates verwunden oder 
töten würden, eingeführt. Wer wegen einer solchen That ver- 



'«) Bergrecht A § 3. Klotz seh S. 45 f. versteht die Stelle 
falsch. Das Verzahlbuch bietet ver.schiedene Beispiele, z. B. B 
No. 161. 442. 

") Vergl. Meyer, Strafverfahren gegen Abwesende S. 82. 
Planck II, 291. 

'^) ÜB. I, 43. 

'■■') Erniisch, Das Frb. Stadtrecht S. XVIIl. 



Das Verzählen. 27 

klagt wurde, hatte — ebenso wie der Verzählte (s. S. 128) 
— keinen Vormund; er durfte ferner keinen Bürgen 
stellen. Der Beweis durch Zweikampf, das regelmälsige 
Verfahren bei Klagen um Wunden und Totschlag, war 
nicht nötig; eine AViderrede (Verteidigung) des Beklagten 
fand nicht statt. Der Kläger überführte ihn vielmehr 
mit dem blolsen Eide, bei welchem ihm sogar Formfehler 
nicht schaden konnten und zu dem er mithin keine Boten 
behufs Ablegung eines Zeugnisses über die formelle 
Griltigkeit brauchte. So war die Verurteilung des Be- 
klagten, wenn er im Gericht erschien, schlechterdings 
sicher; die Strafe aber, mit der er bedroht wurde, 
war stets, auch bei Verwundung, auf die sonst nur der 
Verlust der Hand stand, die Todesstrafe. Stellte sich der 
Thäter nicht — und er wird unter diesen Umständen 
dies sicher freiwillig nie gethan haben — , so wurde er 
„nach der Stadt Recht" verzählt und zwar auf hundert 
Jahre und einen Tag, eine Frist, die in Freiberger Rechts- 
quellen hier zuerst angegeben wird^^"); er soll binnen 
dieser Zeit nhnnwr genade vindin noch uze der veste 
gelasin iverden ivedir von uns und von allin den, die 
nach uns gestuorne werden, binnen hnndirt jaren: also 
eine Aufhebung der Verzählung, die sonst wohl häufig 
vorkam, vielleicht die Regel bildete, war ausgeschlossen. 
Beachtenswert ist ferner, dals im Gegensatz zu dem, was 
wir oben über die vermögensrechtlichen Folgen der Ver- 
zählung sagten, in diesem Falle eine Konfiskation des 
Vermögens mit ihr verbunden war: 

Waz oiu'h derselbe vorveste hinrlir ime lezit in dei' stat an 
eig'in, an erbe, an varndir halie adir nffe gebii'ge adir in Imttin adir 
wa he iz hat, da daz gerichte in die stat gehorit, daz sal der stat 
czu Vriberc sin. Unde waz he lehengutis hat, daz sal sinen herrin 
ledic sin, von den he iz hat. Desselbin gutis uiugin die geswornin 
bürgere des totiu adir des wundin mannis kindin adir sinem wibe 
gebiu, wi vil .si wollin, daz stet an in. 

Während sonst allein der Kläger berechtigt war, 
seinen Verzählten festzunehmen, wird in unserem Falle 
jedem, der den A'erbrecher lebend oder tot einbringt oder 
"ihn tötet, die hohe Belohnung von 'M) Mark ausgesetzt. 
Erschlugen oder verwundeten der angegriffene Ratsmann 
oder seine Helfer den „Anfertiger" oder dessen Helfer, so 
brauchten erstere auf keine Klage deswegen zu ant- 
worten, wenn der Ratmann die Sache auf seinen FAd 



^'•) Sie kommt aucli sonst vor, s. unten S. .^5. 



28 Hubert Ermiscli: 

imlim, vielmehr mulsten die verwundeten Angreifer bei 
Lebensstrafe Stadt und Land räumen, bis sie der Eat 
mit Einwilligung des Angegriffenen zurückrief. Diese 
Strafe des Versuchs dürfen wir vielleicht für den ersten 
Fall einer Stadtverweisung im Gegensatz zur Verzählung 
ansehen. — An Belegen dafür, dals diese Bestimmungen 
jemals in Anwendung gekommen sind, fehlt es ganz; sie 
mügen wohl bald, nachdem durch die Rückkehr des recht- 
mäfsigen Herrschers geordnete Zustände in Freiberg ein- 
getreten waren, in Vergessenheit geraten sein. 

B. Das Verziilileu iiacli den späteren Freiberger 

Quellen. 

So gut Avir über das Verzählen in seiner älteren 
Form durch die eingehenden Bestimmungen des Stadt- 
rechts unterrichtet sind, so fehlt es uns doch völlig an 
Beispielen von Anwendung dieser Bestimmungen. Es 
mag dies damit zusammenhängen, dals die grofse Feuers- 
brunst, welche Freiberg am 17. März L375 heimsuchte, 
auch das Dinghaus und wahrscheinlich die in demselben 
aufbewahrten Bats- und Gerichtsbücher zerstörte*^); das 
älteste ..vorhandene Stadtbuch beginnt mit dem Jahre 
1378. Über die Zeit nach diesem Jahre stehen uns um- 
gekehrt nur wenig statutarische Nachrichten, aber eine 
um so reichere Fülle von Belegen für die Praxis zu 
Gebote. 

Diese Belege bietet uns das im 3. Bande des Frei- 
berger Urkundenbuchs abgedruckte Verzähl buch der 
Stadt Freiberg^-). Da wir über seine äulsere Form 
in dem Vorberichte zu jenem Bande ausführlich gehandelt 
haben, so beschränken wir uns hier auf wenige Be- 
merkungen. Das Buch zerfällt in zwei ungleiche Teile. 
Der erste, von mir mit A bezeichnet, ist als ein um 1423 
angefertigter Auszug aus einem älteren Verzählbuch an- 
zusehen, das bald nach jenem Stadtbrande angelegt und 
wohl nach Überschreibung der noch nicht erledigten Ver- 
merke in das neu angelegte Buch vernichtet worden sein 
mag; die 108 Einträge dürften sämtlich in die Zeit von 
ca. 1375 — 1405 zu setzen sein. Der zweite Teil besteht 



*i) ÜB. I, 94. III, XXX f. Ermisch, Freiberger Stadtrecht 
S. LXTII. f. 

*'-) Ich eitlere die beiden Teile desselben mit A mid B. 



Das Verzählen. 29 

aus Originaleinträgen, die anfangs undatiert sind, während 
später durch Beifügung der jeweiligen Bürgermeister meist 
eine ziemlich genaue Zeitbestimmung möglich gemacht 
ist. Diese Einträge beginnen um 1404 und reichen bis 
etwa 1472; es sind bis dahin nicht weniger als 1874 
Nummern. Dann folgen nach einer grölseni Lücke, die 
vielleicht darauf deutet, dafs um 1472 ein neues Yerzähl- 
buch angelegt wurde, noch 126 Einträge aus den Jahren 
1505 — 1517, die wir in unsere Ausgabe nicht mit auf- 
genommen haben, weil sie aulserhalb der Zeitgrenze des 
Urkundenbuchs liegen. 

Vergleichen wir diese Quelle mit den einschlagenden 
Abschnitten des Stadtrechts, so zeigt sich auf den ersten 
Blick eine sehr erhebliche Verschiedenheit zwischen den 
Bestimmungen dieses letzteren und der im späteren Mittel- 
alter geübten Praxis: eine Verschiedenheit sowohl hin- 
sichtlich des Anwendungsgebietes der Verzählung, das 
sich bedeutend erweitert hat, als hinsichtlich ihrer Wir- 
kungen, die offenbar viel milder geworden sind. Wie 
sich der Begriff des Verzählens in verhältnismälsig kurzer 
Zeit so gewandelt hat, vermögen wir im einzelnen nicht 
nachzuweisen. Aber als eine wesentliche Ursache dieser 
Wandlung glauben wir die Vermischung der Verzählung 
mit einer anderen strafrechtlichen Institution, mit der 
Strafe der St adtver Weisung, bezeichnen zu können. 
Auf diese und die mit ihr in nahem Zusammenhange 
stellende Urfehde müssen wir daher zunächst eingehen, 
bevor wir unsere Untersuchung fortsetzen. 

1. Stadtverweisung und Urfehde. 

Die Stadtverweisung"^-') war ein in den Städten 
namentlich während des späteren Mittelalters häufig an- 
gewandtes Strafmittel für gröisere wie für geringere Ver- 
brechen. Sie war also im Grunde durchaus verschieden 
von der Verzählung oder Verfestung. Was bei der Ver- 
weisung selbständige Strafe war, die Entfernung aus dem 
Stadtgebiet, war bei der Verzählung, bei der es sich um 
eine über den Abwesenden verhängte Strafe handelte, 
die vollstreckt wurde, sobald man ihn ergriff", lediglich 
eine Folge dieses Kontumazialurteils, ja ein Mittel, der 
Strafe zu entgehen. x\ber die nächsten Wirkungen der 



^3) Vcrgl. Frensdovff S. LXXXIX ff. Frauenstädt iinlcr 
Ztsehr. f. Strafrechtswis.senschai'r, X, J6 ff. 



30 Hubert Ermisch: 

Verweisung' und der Verzählung waren dieselben, und es 
ist daher wohl begreiflich, dals es an Verwechslungen 
zwischen beiden nicht fehlte^*). 

Ein Beispiel für die Anwendung der Verweisung als 
Strafe haben wir in Freiberger Quellen bereits aus dem 
Jahre 1305 nachgewiesen*"*). Unser Verzählbuch enthält 
neben den wirklichen Verzälilungen abwesender Beklagter 
und ungesondert von ihnen auch zahlreiche Verweisungen 
und Urfehden *^) ; andere sind in die Stadtbücher ein- 
getragen worden, ohne dals ein bestimmter Grund er- 
kennbar wäre, aus welchem die Eintragung hier oder 
dort erfolgte. Eine Verweisung und keine Verzählung 
liegt ohne Frage vor, wenn die Formeln lauten : NN. hat 
vorstvoren di stat (daz lant, gehirye u. dgl.)^') oder di 
hurger (und der ohirste voit) haben voritiset, haben lassen 
vorivisen, uß der stat wisen und ähnlich*^), haben di stat 
vorsaget^^), NN. sal die stat mgden^^), rewmen^^). In 
allen diesen Fällen war die Stadtverweisung eine Strafe 
gegen anwesende Verbrecher, wie sich schon aus dem 
Eide ergiebt, mit dem sie versprechen müssen, die Stadt 
nicht wieder zu betreten^-). Mit diesem Eide ist meistens 
das Gelöbnis der Urfehde verbunden. 

Die Urfehde^^) (urfede, orvede, urfride, orvrede) 
war das eidliche Versprechen, sich für erlittenes Gefäng- 



^) Vergl. 31 e y e r , Strafverf. S. 64. B i e n k o S. 75 ff. F r e n s - 
dorff S. XXIII f. XC. Planck II, 309 f. 

*•') Oben S. 28. Ein nocb älteres Beispiel aus unserer Gegend 
bietet eine Bündnisurkunde der Reichsstädte Altenburg-. Chemnitz 
und Zwickaa von 1290 oder 1291 (Cod. dipl. Sax. reg. II. 6, 3); Si 
quis Omnibus Ms contraire jrresnmpserif, a loco suo et civitate 
tarn diu proscribi (lebet, qiiousque ab ejusdem loci judice et consu- 
libus rcvocetur. 

^•5.1 Genau ebenso der Rostocker Über proscript. Mecklenb. Ur- 
kundenbuch V. XV, das Stralsunder Verfestungsbuch Freus dorff 
S. XV. 

87) A 83. 86. 92. B 372. 566 (vergl 967). Stadtbuch II (im 
Frbg. ÜB. III) No. 49. 51. 57. 104. 

»^) A 7. B 212. 240 367. 368. 423. 509. 510. 515. Stadtb. II 
No. 351. 

s») Stadtb. II No. 375. 403. 

9«) B 228. 

"1) B 1642 (vergl. ÜB. I, 44). 

»2) Wenn es einmal heifst: N. N. ist von der statt entrvichen 
(B 511), so bedeutet das wohl heimliche Flucht, die durch die Ein- 
trngung ins Verzählbuch in Stadtverweisung verwandelt wurde. 

"■') Vergl. Frensdorff S. XVU ff. 



Das Verzählen. 31 

nis^*) oder sonstige Strafe^') nicht rächen zu wollen. Sie 
wurde daher auch dann gelobt, wenn jemand imschuldig 
in Haft gesessen hatte '"'**j. Nicht blofs in diesen Fällen, 
sondern auch in vielen anderen, in welchen der Urfehde 
eine Begnadigung vorangegangen war, blieb der Schwö- 
rende in der Stadt'*'); in anderen ist die Begnadigung 
ausdrücklicli hervorgehoben"*^) oder man kann sie daraus 
schlielsen, dals die Verweisung nicht ausgesprochen ist ^"); 
es kommt wolil vor, dals der Betreffende sich gleichzeitig 
zu Leistungen für die Stadt verpflichten muiste, z. B. zu 
Heerfahrtsdiensten ^*^'*) oder zu Zahlungen ^''^). 

Besonders häufig aber wurde Urfehde geschworen 
bei Verweisung aus der Stadt ^*'"-), der dann wohl regel- 
mälsig eine Haft vorhergegangen war. Die betreffenden 
Einträge erwähnen entweder ganz kurz die Thatsache, 
dals der Betreffende „orfede", „rechten urfede" geschworen 
habe, oder geben die Formeln, unter denen dies geschehen, 
mehr oder weniger vollständig an^^'^). Auch wurden wohl 
Abschriften der ausgestellten Urfehdebriefe in die Stadt- 
bücher aufgenommen ^'^^j. In allen Fällen wurde die Ur- 
fehde nicht blols der Stadt, in deren Gefängnis der 
Schwörende gesessen , und ihrem Gebiete, sondern auch 
den Landesherren als der Gerichtsherrschaft gelobt. 



91) A 53. B. 1865. Stadtb. II No. 67. 181. 324. 351. 357. 358. 
374. 538 u. ö. 

"•■*) z. B. Stadtb. III No. 7. 

9ö) Stadtb. II No. 413. 516. 

^'i sed non debet vitare civitatem Stadtb. II No. 375. 

98) z. B. ebd. 324. 374. 

»9) z. ß. B. 1865. Stadtb. I No. 72. Stadtb. II No. 107. 254. 

^'^) z. B. Stadtb. II, 181 ; vergl. die Anmerkungen zu B 1013. 1031. 

i"i) Stadtb. [I No. 78 (?). 

J02) z. B. A 83. 86. 92. B 228. 240. 372. 423. 566. 967. 1539. 
1642. Stadtb. II No. 51. 57. 104. 351. 375. 448. 449. 

'^^) Z. B. A92: das sie nymant mit iv orten noch mit weryken 
darumbe vordenjjken ivollen. B 372: gesworn eynen rechte urfede im- 
sern herren und allen iren landen unde luten nymmer kein argis zu 
gesachen noch gedenken also von des urhabis ivegen u. s. w. B 967 : 
also daz sie iveder unser hern, alle ire landt, unser stat Fribcrgk unde 
ire ymvoner nymmer gethnn tvollen nach sie yefeden mit teerten 'nach 
mit ivercken unde globet sich noch diesim heutigen tage von der stat 
wenden tvollen u. s. w. B 1642 : alle, die eyn der stat unde czu 
der stat gehören, unde alle die, die her eyn rordechtcniß unibe der 
Sachen ivllten kette, sie nymmermehr zu gefeden noch en kein argis 
zu thim, sunder die sache vor eyne gancze gerichte sacke zu halden 
unde yn arge nymmermekr zu gedengken . 

'■"1) Stiidtl..' r. Xo. 324. 351. 375. 



32 Hubert Ennisch: 

Regelmäfsig ist mit dem Gelöbnis der Urfehde die 
Stellung von Bürgen verbunden, die ebenfalls Urfehde 
schwören. Ihre Zahl schwankt sehr; die höchsten Zahlen, 
die mir begegnet, sind IS^*^"'), 11^"*^}, 10'""); meist sind 
es weniger, einmal sogar schwört mit dem V^erwiesenen 
nur einer (wohl sein Bruder), dals er im Fall des Bruches 
der Urfehde 30 Schock Groschen an den Eat und 30 an 
die Landesherren zahlen wolle ^*'''). 

Wer die gelobte Urfehde brach, hatte wohl regel- 
mäßig sein Leben verwirkt und wurde, wenn er sich der 
Strafe entzog, auf den Hals verzählt^"'*). — 

Die Verweisung wurde selten allein vom Rate ver- 
hängt; in der Regel wird der Mitwirkung des obersten 
Vogtes oder Hauptmanns, des Vertreters des Landes- 
lierrn, gedacht"*^) ; manchmal erscheint sie auch als eine 
von den Landesherren allein ausgehende Strafe, die der 
Rat nur registrierte und dadurch zur Vollstreckung 
brachte ^^^). Meistens trat sie an die Stelle einer Leibes- 
strafe, hatte also die Bedeutung einer Begnadigung; so 
wenn der gefangene Dieb'^-), dem nach dem Stadtrecht 
der Galgen gebührte, oder der Mörder ^^■^) verwiesen 
wurden. Ln Urfehdeeide wird wohl auch ausdrücklich 
der Charakter der Verweisung als eine Begnadigung 
hervorgehoben; so bekennt Matthis Legeier, der wegen 
einer Beleidigung des Rates gefangen sals, darumbe sie 
mich an mynem liebe tvoldin gestraffit haben, dafs der 
Rat die Strafe umbe bete ivillen myner hern und friinde 
in gnade geivand und mich uz und von der stat Frieberg 
umbe solche myne boßheit vonvieset habin^^^). So kommen 
Verweisungen wegen der mannigfachsten Vergehen vor; 
es hat kein Interesse, sie einzeln aufzuzählen. 

Die Fälle, die wir bisher erwähnten, sind sämtlich 
solche, in denen es sich zweifellos um eine Strafe gegen 



^ö») ß 18^5. Unter ilmen ist Jac. Hartuscli, der Grundherr 
von Pretschendorf, ans welchem Dorfe der Missethäter wahrsclieiu- 
lich stammt; dieser hat aber nur mit underscheit glohet, das em 
sollich globde nicht zu schaden kommen solle. 

'*Ö Stadtb. II No. 375. 

10') Ebenda No. 57. 

10^) Ebenda No. 490. 

10») A iS3. 

"0) Beispiele s. u. S. 40. 

ii>) z. B. B 372. Stadtb. II No. 481. 

"2j B 212. 368. 967. Iä39. 

"3) A 83. 

1'^ Stadtb. II No. 351, äbnlicli No. 375. 



Das Verzählen. 38 

im Gericht anwesende, vielfach sogar in der Haft des 
Kats befindliche Übelthäter handelte; damit stimmen die 
gebrauchten Formeln völlig überein. Indes ist nicht 
selten auch dann thatsächlich die Stadtverweisung ge- 
meint, wenn von einem Verzählen des Verbrechers die 
Rede ist. Darauf deutet schon die Verbindung beider 
Ausdrücke: Die burger haben laßen vorczeln und ^iß der 
stad ivisen (A 7), Jiaben vorczalt und voriueist (B 184. 
185) ; doch könnte man diese Einträge dahin verstehen 
wollen, dals die Verweisung hier die gegen einen Ab- 
wesenden verhängte Strafe sei. Völlig klar, dals es sich 
um eine gegen den Anwesenden gerichtete Strafe handelt, 
ist es aber, wenn ein auf handhafter That ergriffener 
Beutelschneider aus Stadt und Land ewiglich „vorczalt" 
wird, nachdem ihm die Ohren abgeschnitten worden sind 
(B 177); oder wenn ein vormals Verzälilter, der das 
Weichbild betreten hat, nunmehr nach geleisteter Urfehde 
auf 4 Meilen von der Stadt vercmlt wird (B 178), oder 
wenn die Bürger Hans Tathan wegen Schmähungen 
gegen die Stadtobrigkeit, die er selbst vor dem Rate 
eingestanden hat, verzählen lassen (B 60). 

Eine Reihe von anderen Fällen, in denen es sich 
aller Wahrscheinlichkeit nach nicht um eine Verzählung im 
Sinne des Stadtrechts , sondern um eine Strafe gegen 
Anwesende, eine Verweisung, handelt, ergiebt folgende 
Beobachtung. 

Bei der Verzählung des Stadtrechts wurde weder 
ein Gebiet angegeben, innerhalb dessen sie gelten 
sollte — als solches sah man wohl das des Stadtgerichts an 
(s. 0. S. 25) — , noch eine Zeitdauer, weil die Verzählung, 
wenn nicht gütliche Vereinbarungen stattfanden, nur 
durch Ergreifung und Hinrichtung des Klägers ihr Ende 
fand. Bei der Verweisung dagegen wurde häufig das 
Gebiet und ab und zu auch die Zeitdauer bezeiclniet''"). 
So kommt eine Verweisung auf eiup. Meile vor'"'); be- 
sonders häufig ist die Verweisung auf 4 Meilen von der 
Stadt"'): dieses Gebiet galt als deren nähere Umgebung, 
was sich auch darin zeigt, dals die innerhalb desselben 



"''•) Analogien bei Oseubrüggen. Hausfrieden S. i'(j. 

"6) Stadtb. II No. 49. 

"') A92. B 184. 185. 212. 240 42:3. 509. 967. 1539. Stadt 1.. II 
No. 104. 4();5. Eiunial wird dem auf vier Meilen Verwiesenen iler 
Aufenthalt in Sayda ansdrücklirh i^rstnttet. i'lid, No. :?■')]. 

Neues .Vichiv f. !^. Li. u. A. Xlll. 1. ,'. 3 



34 Hubert i^rmisch: 

Wohnenden nach Stadtrecht (Kap. III § 4 vergl. V § 39) 
nicht als Gäste in gerichtlicher Beziehung- zu behandeln 
waren. Ferner finden sich Verweisungen aus Stadt und 
Land (A 86), aus „unser Herren Land und Gebirge" 
(A 83 vergl. Stadtb. 11 No. 51), aus Stadt, Fliege der 
Vogtei und Gebirge (B 372), aus „alle unser Herren 
Land und Gebiete" (B 566) und dergleichen mehr. Ebenso 
aber kommen im Verzählbuche auch häufig Entferinings- 
angaben vor, wenn von „Verzählung" die Rede ist; so 
lielsen die Bürger verzählen auf eine Meile von der Stadt 
(B 205), auf zwei (B 252), drei (B 1329. 1330), meist 
aber auf vier Meilen (B 163. 201. 210. 224. 364. 524. 
984. 1036. 1098, 1325); auch einmal auf zwanzig Meilen 
(B 1531), was natürlich nicht wörtlich zu verstehen ist. 
Ferner wird verzählt von der stad und von dem iveig- 
büde (B 1656), von der stad und von unser herren gehirge 
(B 258, ähnlich 1128. 1572), in dem ivighäde, in dem lant- 
gerichte unde uff aller unser hern gehirge (B 328j, aus 
Stadt- und Landgericht fB 121), uff der stad gerichte 
und des spetals gerichte (B 191), ujf allen gutern des 
spetals (B 578). ' 

In allen oder doch den meisten angeführten Fällen 
darf man wohl annehmen, dals es sich nicht um Ver- 
zählungen im Sinne des Stadtrechts , sondern um Ver- 
weisungen handelt; die Möglichkeit, dals solche auch über 
abwesende Beklagte verhängt wurden, ist ja allerdings 
nicht .ausgeschlossen. 

Ähnlich ist es, wenn eine bestimmte Dauer angegeben 
wird. Wir finden einmal eine Verweisung auf 6 Jahre 
(Stadtb. II No. 449). Ebenfalls als Verweisungen müssen 
die Verzählungen auf Jahr und Tag gelten, die einige 
Male vorkommen, meist mit Angabe des Bereichs, inner- 
halb dessen sie gelten sollen (B 1098. 1329. 1572) i^^). 
In einem Falle, in welchem ein bereits Verzählter, der 
ohne Erlaubnis in die Stadt gekommen, nunmehr auf Jahr 
und Tag verzählt wird (B 1375), erscheint dies, wie 
sonst die Verzählung auf 4 Meilen (B 178), als eine Ver- 
schärfung der gewöhnlichen Verzählung, deren Dauer 
hiernach in der Regel eine kürzere war. 



^'^) Vergl. auch eine um 1480 entstandene Willkür , nach 
welcher jeder, der die Gelegenheit, einen Mörder zu ergreifen oder 
einen Mord zu verhindern, versäumt, ein Jahr aus der Stadt verczalt 
sein soll. ÜB. I. 640. 



Das Verzählen. 35 

Ziemlich häufig sind Verweisungen auf ewig"^) 
(nymmvr dorijn czu komen, ctvifjlidien, dy iveijh er lehit 
u. dergl.j. Eine Verzähking auf hundert Jahre und einen 
Tag, ein oft vorkommender Ausdruck^-"), der in der be- 
liebten Redeweise deutscher Eechtsquellen den Begriff 
des Ewigen umschreibt, kommt schon, wie wir oben sahen, 
in einer Urkunde von 1305 und dann in der Polizeiord- 
nung von etwa 1480 vor^-^); in beiden Eällen wird der 
flüchtige Mörder damit bedroht, es handelt sich also um 
eine wirkliche Verzählung, die als unwiderruflich hin- 
gestellt werden soll. Im Verzählbuch finde ich nur ein 
Beispiel flu' diese Redewendung (B 1531). 

Eine eigentümliche Anwendung des Ausdrucks ver- 
czeln mag bei dieser Gelegenheit noch angeführt werden. 
Wegen Beleidigung des Rates und des Stadtvogts lassen 
die Bürger einmal den Peter Koler auf das Meilsnische 
Thor verzählen und wegen eines ähnlichen Falles den 
Mattis Wayner auf das Erbische Thor (B 32. 40). Dals 
es sich um Frevler handelte, die sich in den Thorturm 
geflüchtet und von hier aus dem Gericht nicht gestellt 
hatten, ist gewils nicht wahrscheinlich; vielmehr scheint 
mir auch in diesem Falle die Verzählung mit der Ver- 
weisung sich zu berühren und der Eintrag auf eine Haft 
von unbestimmter Dauer d. h. bis zur Zahlung einer an- 
gemessenen Buise zu deuten '"). 

Auch aulserhalb Freibergs wurde im späteren Mittel- 
alter verzählen und verweisen als gleichbedeutend ge- 
braucht. Eine landesherrliche Urkunde für Zwickau vom 
7. März 1463^-=^) bestätigt eine städtische Willkür, nach 
welcher man den, der sich des Bruches eines Ehever- 

1"^) B 312. 423. 566. 1237. (Hier ist dem Eintrag über die Ver- 
zählung- Trebels nachträglich der Satz hinzugefügt worden: Der ist 
vorvvist ewiglichen.) 

120) Grimm, Kechtsaltertümer S. 225. Osenbrüggen, Haus- 
frieden S. 56. Planck II, 309 f. A>rgl. Reehtsb. nach Dist. V, 
27 d. 2. Ein Beispiel aus Leipzig (1361) Cod. dipl. Sax reg. II 8 
38, vergl. II 5, 52. Nach dem ungedruckten Zwickauer Stadtrecht 
von 1348 fol. 31'' soll der Meineidige 100 Jahre und 1 Tag räumen, 
„darnach mag er wol wider buiger werden, hat es im got beschert, 
ob er wil." 

i-'j ÜB. I, 640. 

1-"^) Auch nach dem un^cdrucktcn Zwickaucr Stadtrocht 
soll der, welcher zu wachen und zu zirkeln versäumt, 5 Schilling 
Heller geben und 8 Tage auf einem Thore liegen , daz er nyinndr 
davon sol kumen, uf tvdchcm tor in di bunjer heisen. 

12-i) Klotz seh, Das Verzellen S. 16S tf. 



36 Hnbeit Ermisclir 

Sprechens schuldig machte, von der Stadt vorczelen sollte 
uf zcelien m/jlen ewiclichen ane edle r/na de iryder inczu- 
komen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dals es sich 
liier nicht um eine Verfestung, sondern um eine Ver- 
weisung handelt, und so ist die Stelle bisher auch stets 
verstanden worden'-^). 

Dafs man sich gleichwohl eines Unterschieds zwischen 
Verzählen und Verweisen noch am Ende des 15. Jahr- 
hunderts bewulst war, lälst ein beachtenswerter Prozels 
erkennen, auf den wir schliefslich noch in Kürze ein- 
gehend-'^). Hermann von Weilsenbach war im Jahre 1488 
vom Rate der Stadt Freiberg verzählt worden, weil er 
am S. Thomas Abend ein „Fals mit Feuer" auf seinem 
Haupte in der Nähe des Schulhauses und des Hauses 
von Jörg Alnpeck umhergetragen, also gegen die noch 
im Jahre 1487 eingeschärften feuerpolizeilichen Vor- 
schriften des Rates verstolsen hatte ^^"). Er hatte sich 
dadurch in seiner Ehre gekränkt gefühlt und bei Herzog 
Georg Beschwerde erhoben. Der Rat verteidigte sich: 
das sollich ir fhun nit zu eyner voriveißunge gescheenn 
unnd das sie hemeltenn Herman nicht vonveißt halenn, 
sundern auß alte?' hcfraghunge gewonnheit unnd her- 
komenn, das sie gedachten Herman vorzcalt in heken- 
nenn gestandemi, sollicJie vorzcelunge nicht darumhe ge- 
thann, das es Herman vonn Weissenhach seinen eren 
ader gelimpf zu nahe ader zu vorklegnunge sein solle, 
nachdem sie yn vorschy^mer zceit erbarnn unnd merck- 
lichen ijersonenn, der ouch etdiche vom adel gewest, der- 
gestalten gehanndelt unnd nyhe vorstandenn, das sich die- 
selbenn in der iceiße, das es irenn eren zu nahen sein 
solle, angetzogenn ader heclagt hettenn, unndivustenn ouch 
vonn gedachtem Herman vonn Weissennhach nicht anders 
danne als vonn einem frommen edelman. Darauf ent- 
schied der Herzog : das gedachter Herman von Weissenn- 
hach in . . . unnser stat Freihergk der gethanen vorczelung 
halhenn frey ane vorhinderunge gleich einem andern 
frommen edelmanne in zcymlicher unnd geburlicher weise 
seinen handell unnd ujcindell hdbenn unnd gebruchenn 



'^) Tob. Schmidt; Zwickaiier Cliroiiik II, 216. Klotzscb 
S. 73 f. Herzog, Chronik von Zwickau II, 125. Vergl. auch den 
Vermerk aus dem Frauensteiner Stadtb. oben S. 4. 

125) Stadtb. III (ßatsarchiv Freiberg) fol. 42. 3L ö 11 e r . Theatr. 
Freib. chron. II. 129. Klotzsch S. 30 ff. 16.5 ff. 

12«) Vergl.' IIB. I. 125 fij 5\ III, 473 (4j 25). 



Das Verzählen. 37 

nmge. Dieser Vorgang ist deshalb interessant, weil er 
einerseits zeigt, dals man noch damals offiziell die Ver- 
weisung von der Verzähliing unterschied, dals die letztere 
aber, ganz im Gegensatz zu der Auffassung des Stadt- 
reclits, als eine leichte, durchaus nicht ehrenrührige Polizei- 
mafsregel galt, die Verweisung jedoch als eine Strafe, 
welche die Ehre des Betroffenen kränkte. 

2. Voraussetzungen und Verfahren. 

Dafs trotz dieses Festhaltens an einem Unterschiede 
zwischen Verzählen und Verweisen die strafrechtliche 
Praxis beides vermischte, dürfte sich aus dem Vor- 
stehenden vollkommen klar ergeben. Es ist unmöglich, 
diejenigen Fälle, welche eine über den anwesenden Be- 
klagten verhängte, wenn auch nicht als ehrenrührig gel- 
tende Verweisung enthalten, von denen zu scheiden, welche 
eineVerfestung des dingflüchtigenVerbrechers aussprechen ; 
die kurzen Angaben lassen nur selten mit Sicherheit er- 
kennen, ob das eine oder das andere vorliegt^-'). Darauf 
wird unsere weitere Darstellung Rücksicht zu nehmen 
haben. 

Trat in der Begel auch später das Verzählungs- 
verfahren nur dann ein, wenn sich der Betreffende dem 
Gerichte bez. der ihm drohenden Polizeistrafe entzog, so 
kann doch das Ausbleiben des Beklagten nicht mehr als 
notwendige Voraussetzung gelten. 

Während ferner die Verzählung nach dem Stadt- 
rechte , abgesehen von einer einzigen Ausnahme (S. G), 
nur bei Verbrechen erfolgte, die an Hals und Hand gingen, 
wurde sie später in ausgedehntester Weise auch bei Ver- 
gehen angewandt, die lediglich mit ]^>ulsen bedroht waren. 
Zwar fehlt es auch an Verzählungen wegen schwerer 
Friedensbrüche keineswegs ; aber es ist bezeichnend, dals 
der Ausdruck „Acht" hier mehr und mehr den Ausdruck 
„Verzählen" verdrängt. Weitaus die meisten Fälle jedoch, 
welche das Verzählbuch erwähnt, sind solche, bei denen 
es sich um eine Verletzung der biiigerlichen Pflichten, der 
Autorität des Stadtregiments, um Übertretung von Polizei- 
vorschriften und dergleichen handelt. Die städtischen 
Willküren, die im Anfange des 15. Jahrluniderts erlassen 



'") Die Abwesenheit des Beklagten winl z. B. hervorgehoben 
A i;i 4R. B (i71 ; vergl. auch flic zahlreiclicn Fülle von V(M-zählun<i- 
wegen Nichtantwortens vor Gericht (unten 8. (ib f.). 



38 Hubert Ermiscli: 

wurden, bedrohen z. B, mit Verzälilung den, der in der 
Stadt mit Pfannen leuchtet und Flachs dörrt, der Welt- 
liche in weltlichen Sachen vor das geistliche Gericht 
ladet, den Schmied, der den Sinder auf die Stralse 
schüttet, den, der fremdes Bier einführt, den Brauer, der 
die städtischen Brauvorschriften übertritt ^■-^). Aber dafs 
sie gerade diese Fälle hervorheben, ist nur ein Zufall; 
das Verzählbuch selbst beweist, dafs alle Vergehen gegen 
die Stadt, kleine wie grolse, zur Verzählung führen 
konnten, ebenso auch Vergehen gegen die Landesherr- 
schaft und ihre Beamten, Bergwerksvergehen , kurz alle 
Verstöfse gegen die öftentliche Ordnung, gleichviel ob 
sie polizeilichen oder kriminellen Charakter trugen. 
Wir geben unten eine Zusammenstellung, die den Beweis 
hierfür erbringt. 

Damit hängt ein weiterer Unterschied zusammen. 
Während nach dem Stadtrecht eine Verzählung nur dann 
eintrat, wenn der Geschädigte oder sein Vertreter gericht- 
liche Klage erhob, also auf Privatklage '-^), erscheint im 
Verzählbuch in weitaus den meisten Fällen der Rat der 
Stadt Freiberg als derjenige, der „verzählen läfst"; die 
von Privaten ausgehenden Verzählungen, die in den älteren 
Abschnitten des Buches noch ziemlich häufig sind, werden 
immer seltener und hören um 1443 ganz auf^'^*^). 

Für die Verzählung auf Privatklage lauten die For- 
meln: NN. hat laßen vorczeln (z. B. A 2. 5. 11. 24—34. 
B 214), an den hrief setzen (z.B. A 4. 10. 75. B 274 f. 
und fast regelmäfsig von 300 an), hat vorcmlt (z- B. A 
73. 74. 108. B 126. 131), let verczelen (z. B. B 7. 16. 22. 
66), hat in die achte bracht (z. B. B 619. 968. 989}, hat 
yn die ochte bracht und an den brieff lassen seezen 
(B 1115). Auch dann hat wohl eine Privatklage vor- 
gelegen, wenn es (z. B. B 95) heifst: Die Imrger lassen 
verczeln uff dy bicße Kasp. Beruirsdorf umme dry clayen 
unde umme den frede von Pe. Schyckels tvegen des 
czolners (vergl. B 182. 428. 854). Meist sind es schwere 
oder leichte Friedensbrüche, Totschlag, Wunden, Frevel- 
klagen, bei denen dem Privatkläger die Einleitung des 
Verfahrens überlassen blieb und der Rat nur dann die 



128) Yergi. Uß. I, 125 l§ 5. 6. 10). 127 .§ 6). 129. 

^-"j Auch im Stralsunder Lib. proscript. erfolgt die Veifestung 
meist auf Privatklage; nur ausnahmsweise erhebt die Stadt selbst 
Klage. Frensdorff S. XLII f. 

'••'0 Der letzte Fall ist B 1115. 



Das Yerzälileu. 39 

Initiative ergriff, wenn das Verbrechen an besonders be- 
friedeten Orten stattgefnnden hatte; nur selten erfolgte 
die Verzählung auf Privatantrag, wenn es sich um Nicht- 
erfüllung eines Gelöbnisses, besonders eines Zahlungs- 
versprechens (B 68. 287. 294. 295. 345. 376. 481. 482. 
559), um Nichträumung eines dem Kläger gerichtlich 
zugesprochenen Hauses (B 506) , um Verweigerung der 
gerichtlichen Antwort (B 398. 400. 495) und dergleichen 
handelte, weil in diesen und ähnlichen Fällen zugleich 
eine Verletzung der Autorität des Rates vorlag, vor dem 
das Gelöbnis abgelegt, von dem der Eäumungsbefehl, der 
Befehl zur Antwort und dergleichen ausgegangen war 
und daher in der Regel der Rat das Vergehen verfolgte; 
diesem gebührte die Bulse für die Unbotmälsigkeit des 
Beklagten, nicht dem Kläger, der lediglich die Erfüllung 
des Versprechens verlangen konnte, während bei Erevel- 
klagen u. dergl, neben dem Gerichte der Kläger zur Er- 
hebung von Bulse berechtigt war, der Rat aber leer 
ausging. 

Wenn der oberste Vogt (B 155. 156), der Stadtvogt 
(B 365), der Richter von Falkenberg (B 119) wegen 
Totschlag und Wunden verzählen lassen, so ist wohl an- 
zunehmen, dals dieselben in Vertretung des Verletzten 
Klage erhoben haben (s. o. S. 6). 

Meist aber beginnen die Einträge im Verzählbuch 
mit den Worten: Die hurger (unser kern, mine herren) 
hahin laßin rorczeln, laßen vorcsehi, setzen an den hrieff, 
cives proscribunt u. dergl. m., und dann ist wohl in der 
Regel — denn manchmal mag eine Privatklage auch 
dann vorgelegen haben, wenn sie nicht ausdrücklich er- 
wähnt ist — anzunehmen, dafs der Rat das Verfahren 
einleitete; und in der That handelt es sich fast durchweg 
um eine Verletzung seines obrigkeitlichen Ansehens, um 
Ungehorsam gegen seine Gebote, Nichtausführung vor 
ihm abgelegter Versprechen u. dergl. Dahin gehört auch 
der Bruch des Friedens an solchen Orten, die als be- 
sonders befriedet galten, wie das Rathaus, das städtische 
Weinhaus, das Frauenhaus ; auch Hausfriedensbrüche, ja 
nach und nach den Bruch des städtischen Friedens über- 
haupt rechnete man dazu. Selbst wegen Diebstahls er- 
folgte schon nach den frühesten Einträgen die Verzähl- 
ung durch den Rat (A 20. 23. B 694. 1354. 1679). Die 
Autorität des Rates scheint also mehr und mein- die 
Privatklage zurückgedi^ängt zu haben; man zog die An- 



40 Hubert Erraisch: 

zeige beim Rate dem gerichtlichen Verfahren vor^-^^); 
auch der Beweis wurde daher fast immer im Eate 
geführt. 

Erschien durch das Verbrechen nicht blols die Auto- 
rität des Rates, sondern auch die des Landesherrn ver- 
letzt, so erfolgte die Verzählung durch den Rat im 
Auftrage des Landesherrn ^"^) und unter Mitwirkung 
landesherrlicher Beamten. Zu dieser Mitwirkung war in 
erster Linie der Obervogt, der spätere Hauptmann, als 
der erste landesherrliche Beamte der Stadt berufen. 
In den Jahren 1369—1380, in welchen die Münzmeister 
den maisgebenden Einfluls auf die Besetzung des Rates 
hatten'-'-'), waren diese auch bei der Verzählung beteiligt; 
so verzählen die Bürger einen Gotteslästerer „von der 
Markgrafen, von der Münzmeister und von der Stadt wegen" 
(A 57); wegen Bruch des Burgfriedens lassen der Rat, 
der Münzmeister und die Amtleute von unsern lierren 
wegin (A 63), wegen eines Hausfriedensbruchs die Münz- 
meister, die Bürger und das Gericht (A 54) verzählen. 
Später ist es der Obervogt, der sehr oft gemeinschaftlich 
mit dem Rate, niemals aber allein eine Verzählung ver- 
anlafst; in den wenigen Fällen, wo der Mitwirkung des 
Rates nicht gedacht wird, dürfte der Vogt wohl als Privat- 
kläger aufzufassen sein (B 155. 156. 971). Eine Ver- 
zählung durch den Rat und den obersten Vogt (den 
Hauptmann, das oberste Gericht) oder durch den Rat 
von des obern Vogtes wegen (B 460. 999. 1422. 1570), 
mit Willen (B 1036) oder mit Wissen des obersten 
Vogts (B 1325. 1329. 1330) erfolgte aus sehr verschiede- 
nen Ursachen. Zur Erklärung mag angeführt werden, 
dals einmal 5 Eheleute wegen Besuchs des Frauenhauses, 
also Übertretung einer Ratswillkür^'^*) durch den Rat und 
gleich darauf wegen groben Unfugs im Frauenhause noch- 
mals „von des Hauptmanns und der Bürger wegen" ver- 
zählt Averden (B 1016. 1017). Ähnlich ist es, wenn mehrere 



^^*) also daz vor den rat komen ist mit ciute.r kunischaft 
B 143- 145, vergl. 149. 159 u. ö. 

1*2) Vergl. die in mehrfacher Hinsicht wiclitige Urknnde 
Friedrichs des Freidigen von 1294 Mai 27: Vorwirket sich ymand 
gein uns, daz loolle wir jagen unde teidingen nach irnie rate 
(ÜB. I, 38) und dazu B 37ü: darumbe ym unsere gnedigen Jierren 
mid einandir dii straffunge zcugeleit habin mid gutem rate. 

1.S3) Vergl. ÜB. II, 30. 31. 35. 38. 42. 

'»"j Vergl. ÜB. I, 119. 127 § 10. 



Das Verzählen. 41 

Personen „von des Hauptmanns wegen" verzählt werden, 
weil sie nächtlicher Weile Leute ans ihrer Wohnung- 
„ausgeheischen" habe (s. u. S. 58), und dann nochmals „von 
des Kates wegen" _wegeii Nachtgeschreis. In beiden Fällen 
lag sowohl eine Übertretung städtischer Satzungen als 
eine Verletzung der landesherrlichen Gerichtsbarkeit vor. 
Gleiche Gründe sind wohl stets anzunehmen, auch wo 
der Eintrag es nicht erkennen läfst^''^"*). Schon erwähnt 
haben wir, dals in zahlreichen Fällen, in denen nach- 
weislich eine Verweisung, keine Verzählung stattfand, der 
Mitwirkung des Vogtes gedacht wird'"'"); auch in den oben 
angeführten Beispielen ist der Grund der Mitwirkung des 
Obervogtes vielleicht vielfach darin zu suchen, dafs es 
sich um Verweisungen handelte. 

Einmal kommt eine Verzählung durch den Landvogt, 
den Richter des in der nächsten Umgebung der Stadt 
belegenen Landgerichtsbezirkes^^'), vor. Der Rat liels 
einen gewissen Andr. Moler wegen unbescheidenen Be- 
nehmens in Gegenwart eines liatsmitgliedes und der 
Weigerung Bürgen zu setzen verzählen; oucli hat ijh der 
lanifoyf lassen rercsdn innle dy selbe, saclie uf sinen hals, 
alc injt uvser herren Jantgeridd ivendet (B 121). Wir 
bemerkten bereits oben (S. 34), dali? es auch hier sich 
wohl um eine Verweisung handelt. 

Dafs der Bergmeister und die Bergrichter Verzähl- 
ungen, die in ihren Gerichten ^"^) ausgesprochen waren, 
in das städtische Verzählbuch eintragen liefsen, wurde 
bereits S. 26 angeführt. Einen Einblick in das Verfahren 
gestattet B 442: Der hergmeister hat hekant in dem 
rate, das Pe. Platener yn die achte hrocJit hat den jungen 
Heim: MarsscJialJv mit allem rechten umhe toden; des hat 
Fe Platener och in der hürger buch lossen seczen iimbe 
denseUiiyen toden. Ebenso sind die Verzählungen durch 
den Bergrichter bez. Bergmeister und die Schöffen vom 
Kürschenberge (A 18), zu Siebenlehn (A .'37. 413) zu ver- 
stehen; meist erscheint der Bergmeister allein als der, 



135) veryl. A 93. ß 11. 132. 28.n. :«0. 324. 326. 327. 330. 369. 
409. 460. 874. 999. 1017. 1022. 1146. 1295 1422. löTO. 16fiK. 1830. 
1838. 1872. 

'-") z. B. B 1K4. IKä. 201. 205. 210. 212. 224. 240. 252. 364. .'{(iK 
423. 1036. 1325. 1329. 1330. 1580. 

137) Vergl. über .seine Stellung Stadtrecht Kap. XXXIX. 

'^'') Vergl. B 161: Der hrrfpueistcr hat lassen vorczchi in 
dem bergtjerichte Andr. Brunstor/f u. s. w. 



42 Hubert Ermisch: 

von dem die Verzälilung ausgeht (A 16. 17. 40. 41. 
ß 161. 194. 217. 334. 335. 442. 484. 1484), einmal auch 
der Zehntner (A 45). Überall sind es Vergehen, deren 
Aburteilung zur Kompetenz des Berggerichts gehörte. — 

Das ganze Verfahren, das der Verzälilung voran- 
ging, spielte sich nach dem Stadtrecht im Dinge ab. Vor 
dem Richter war die Klage anzubringen; im Gericht er- 
folgte die Einheischung des Beklagten, die Beweisführung 
des Klägers und das Richten mit Fingern und Zungen; nur 
die Eintragung hi der Bürger Brief war die Sache des Rates. 
Dals all den zahlreichen Verzählungen, die uns das Ver- 
zählbuch überliefert, ein so umständliches Verfahren vor- 
angegangen, erscheint höchst unwahrscheinlich. Wo eine 
Privatklage vorlag, ist es freilich stets anzunehmen; das 
Verzählbuch braucht dann mit Vorliebe den Ausdruck 
„Acht", mit dem wohl der Begriff des gerichtlichen Ver- 
fahrens verbunden war. Einmal heilst es ausdrücklich, 
Benisch Greiffe habe den Steffan Heidenrich wegen Ermord- 
ung seiner Erau nach der scheppen orfel ivnde tdlunge 
nach statrechte in die Acht gebracht ^■^■'). Der Beweis 
der erfolgten Verzählung war dann durch das Zeugnis 
des Stadtvogts im Rate zu führen '^'^). 

Wo aber die Verzählung vom Rate ausging, da 
dürfte auch das ihr vorangehende Verfahren, das wohl 
in der Regel summarischer war als das Verfahren nach 
dem Stadtrecht, grölstenteils im Rate stattgefunden haben. 
Statt der Klage vor dem Richter war wohl eine Be- 
schwerde beim Rate die Einleitung. Das Vorgebot ge- 
schah durch den Rat, wenn der Beklagte vor dem Rate 
erscheinen sollte; sollte er vor Gericht antworten, so lud 
ihn der Vogt von der Imrger vegen vor. Überall, wo 
von einer solchen Vorladung die Rede ist, erscheint die 
Verzählung als Folge des Ungehorsams gegen das Gebot 
des Rates, nicht eigentlich als Folge des Vergehens, 
wegen dessen die Vorladung erfolgt Avar: ein wesent- 
licher Unterschied gegen die frühere Auffassung, der es 
uns als wahrscheinlich erscheinen lälst, dals auch dann 
ein Verfahren im Rate und nicht im Gerichte erfolgte, 
wenn wegen ungehorsamen Ausbleibens im Gerichte 
verzählt wird. Der Beweis des Vergehens wird durchAveg 
im Rate geführt. 



"») B 1649, vergl. aucli Stadtb. II No. 470. 

"'^j (las beivist ist vor tms mit eyme gesivorn stadvoytte B 456. 



Das Verzählen. 43 

Über den eigentlichen Verzählungsakt entlialten 
unsere Quellen nichts näheres; wir wissen nicht, ob auch 
später in der vom Stadtrecht vorgeschriebenen feierlichen 
Form über den Angeklagten mit Fingern und Zungen im 
Dinge, also vor Richter und Schöffen, gerichtet wurde 
oder ob es einer solchen Förmlichkeit nicht bedurfte. 
Bei der häufigen Anwendung der Mafsregel ist das 
letztere wohl wahrscheinlicher. Die gewöhnliche Formel 
Die hurger hcdieii lassen veraelen deutet freilich darauf 
hin, dals der Rat die Verzälilung zwar veianlalste, aber 
nicht selbst vornahm ; doch kommt es ja oft genug vor, 
dals alte Formeln beibehalten werden, auch wenn sie 
ihren Sinn verloren haben, und zudem findet sich auch 
oft die Wendung: Die hunjer liuhen verczult. 

Die Eintragung in das Verzählbuch erfolgte jeder- 
zeit eigenhändig durch den Stadtschreiber^"). 

3. Bedeutung und Wirkungen. 

Bevor wir auf die Wirkungen der Verzählung in 
ihrer späteren Form eingehen, müssen wir zunächst die 
erheblichste Umbildung, die der Begriff' im Laufe der Zeit 
gefunden hat, hervorheben. 

Nach dem Stadtrecht war die Verzählung ein gegen 
den Abwesenden ausgesprochenes Todesurteil, das voll- 
streckbar wurde, sobald der flüchtige Verbrecher ergriffen 
wurde. Im Verzählbuch tritt diese Bedeutung nur selten 
und nur in seinen älteren Teilen hervor^^^). Eine wesent- 
lich andere Auff'assung bekunden dagegen einige der 
oben schon erwähnten Willküren. Wer fremdes Bier 
schenkt oder einführt, soll den Bürgern von jedem Fasse 
1 Schock hülsen adder alzo lange von der stad vorczalt 
sien, his her daz gelt gegeben hat und an der hurgcr 
holde komc'^*^). Der Brauer, der die von ihm beschworenen 
Vorschriften über das Brauen der Bürger übertritt, soll 
1 Mark dem Rate geben; /tat er nicht zeit gehen, so 



1") Verg-l. ÜB. III, XXXVIl f. 

"-) Bcsoiulcrs deutlich A 13: Die bnrgcr hoben an den brüff' 
lassin setzen Meyncr Tufel, darimihe daz im unser herre der 
niarcgrafe vor recht bescheiden hatte von ber(]irvrfikcs ivegen nnde 
das er nicht quam unde im wart lyp undc gut vorteilt. 7i\\ be- 
merken ist dabei, dafs eine Verteilung des Gutes in älterer Zeit 
nicht stattfand, s. o S. Iß. 

'"j ÜB. I, in § 6. 



44 Hubert Eiinisch: 

sal er vorczalt seyn, Ms er das gelt gehiP^^). Das Ver- 
zählen erscheint hier also als ein Mittel, die Zahlung 
der verwirkten Bulse zu erzwingen, oder als eine bei 
Zahlungsunfähigkeit an Stelle der Bulse tretende Strafe, 
wie sonst wohl auch das Stellen an den Pranger oder 
das Setzen auf die „Schuppe" (den Schandkorb), das dem 
im Frauenhause ertappten Ehemanne für den Fall der 
Zahlungsunfähigkeit angedroht wird^*'^). Die Wirksam- 
keit dieser bequemen Zwangsmalsregel mochte sich so 
gut bew^ähren, dais man sie bald bei allen möglichen Über- 
tretungen städtischer Gebote anwandte, gleichviel ob die 
Ratswillküren die Höhe der Bufse bestimmten oder ob 
dieselbe dem Ermessen des Rates (bez. unter Mitwirkung 
der landesherrlichen Beamten) überlassen blieb; man setzte 
einfach den BuMälligen , wenn er sich nicht stellte und 
und sofort die Bufse erlegte, in der Bürger Brief und 
überlieis es ihm, sich mit der Stadt über die Bedingungen 
zu einigen, unter denen die Verzählung aufgehoben werden 
konnte. 

Diese Bedeutung macht es erklärlich, wenn ein und 
dieselbe Person wegen verschiedener Vergehen kurz hinter 
einander zwei- oder dreimal verzählt wird, was nach dem 
Stadtrecht keinen Sinn gehabt hätte ^^''); der Betreffende 
hatte dann eben zwei- oder dreimal Bulse zu zahlen. 
Wenn es bei einer Verzählung mehrerer Personen wegen 
Frevels im Frauenhause heilst, sie hätten ander unfuge 
mehr begangen, den man en yczund nicht henen^iet, 
sundern ernoch wH gedencken (B 1017) oder wenn eine 
Verzählung wegen verschiedener Bergvergehen mit den 
Worten schlielst: item umhe ander sacJie mehr, die man 
liernoch muntlichen wil vorc^eJen^*'^) (B 1127), so ist dies 
auch wohl so zu verstehen, dafs diese sonstigen Ver- 
gehen dann zur Sprache gebracht und bestraft werden 
sollen, wenn die ausdrücklich angeführten gesühnt sind. 



144) ÜB. I, 129. 

"■^) ÜB. I, 119. 127 § 10, vergl. III, 474 § 35. Dafs nach dem 
Verzälübuch auch in diesem Fall Verzählnng- eintrat, s. \\. S. 82. 

140) Vergi. B 582 n. 583, 706 n. 729 (andcrivcyt), 753 n. 754, 
auch die oben angeführten Fälle 1016 u. 1017, 1570 u. 1571. Eine 
dreifache Verzählung 455, 462,471; am Kande: primum, secundum, 
tertium. 

''■') Doch wohl hier s. v. a. erzälilen. Von einem ,, mündlichen 
Verzählen" im Gegensatz zum schriftlichen, das Bursiau in den 
Mitteil, des Freiberger Alterturasvereins T, HO nach dieser Stelle nn- 
pimmt, ist sonst nichts bekannt. 



Das Verzählen. 45 



Ohne Frage hat in weitaus den meisten Fällen, die 
das Verzählbiich enthält, die Verzähluiig diese Bedeutung- 
einer Exekutivmalsregel und ist also ein Verbot des 
Autenthalts in der Stadt bis zur Leistung gewisser Ver- 
bindlichkeiten und besonders bis zur Zahlung einer bereits 
feststehenden oder noch festzusetzenden Bulse^^^j. Strich 
das Verzählen im Sinne des Stadtrechts den Betroffenen 
definitiv aus der Zahl der Bürger und liels ihm nur die 
Hoffnung, durch ausnahmsweise Begnadigung wieder in 
dieselbe aufgenommen zu werden, so hielt das spätere 
Verzählen ihm die Rückkehr offen, sobald er sich der 
Strafe für sein Vergehen unterwarf. Letzteres geschah 
jedenfalls meist sehr bald nach der Verhängung der die 
ganze bürgerliche Existenz in Frage stellenden Malsregel, 
oft vielleicht bevor sie überhaupt in AVirksamkeit ge- 
treten war. So ist das Verzählen eine Stadtverweisung, 
deren Dauer von dem Verhalten des Verzählten abhing; 
die Verwechselung mit der eigentlichen Verweisung, die 
stets für einen bestimmten Zeitraum erfolgte und daher 
recht wohl als eine schärfere Strafe gelten konnte (s. o. 
S. 37), lag daher sehr nahe. Eine Verzählung im älteren 
Sinne, die eine wirkliche Ergreifung des Verzählten zum 
Ziele hatte, hat man wohl nur in den immer seltener 
werdenden Fällen anzunehmen, in denen eine Friedens- 
bruchsklage durch Private erhoben wurde. 

Die ]-echtlichen Wirkungen der Verzählung er- 
geben sich teilweise schon hieraus. Über .die im Stadt- 
recht erwähnten prozessualischen Nachteile, die den Ver- 
zählten trafen, erfahren wir aus dem Verzählbuch nichts; 
doch mögen sie teilweise wenigstens fortbestanden haben. 
Die wesentlichste Folge der Verzählung ist das Verbot des 
Aufenthalts in der Stadt. Am Empfindlichsten traf das- 
selbe natürlich denjenigen, der in der Stadt seinen ge- 
wöhnlichen Wohnort hatte; aber auch gegen Auswärtige, 
namentlich Bewohner benachbarter Dörfer, wurde sehr 
oft die Verzählung angewandt'*''), einmal sogar (A 75) 



"«) So erklärt richtig Bienko S. 79, wälireml Ivlotzsch 
S. 81 if. ineint, dafs <ler Verzählte am Orte bleiben luid nur gewisse 
bürgerliche Rechte nicht ausüben durfte. 

1'") So werden verzählt l'ersunen aus Rcrtliclsdoit (B 103Ü). 
Biebersteiu (fi. 795. 97()), l'.obritzsch (18. 1B7), Bräuusdorf(.ö74), Colm- 
nitz (735), Erbisdorf (1019. 1103), Falkenberg (44. 1585), Grols- 
hartinannsdort'(971), Ileinrichsdorf'=Kruniinenhennersd()rf(.'}29), Hilbers- 
dorf (840), Langeuau (759. 17(ir)\ Lolstiitz (730), St. Michaelis (703), 



46 Hiibert Ermisch: 

gegen „die Richter und Gemeine[n] in den Dörfern zcii 
den dryen syden" (auf drei Seiten von Freiberg?). 

Wer einen Verzählten aufnalim, verfiel, wie nach 
dem Stadtrecht, ebenfalls der Verzählung (B947); doch 
liels man wohl in solchen Fällen Gnade für Recht er- 
gehen ^■^"). Als der landesheiTÜche Mllnzmeister Stelfan 
Glasberg im Jahre 1465 zwei Münzer, die der Rat wegen 
Unfugs verzählt hatte, in das Schlots hatte kommen und 
dort arbeiten lassen, stellte ihn der Rat darüber zur 
Rede, und er verstand sich zu einer Entschuldigung ^■^^). 
Wenn einmal zwei Personen verzählt wurden, Aveil sie 
einen Verzählten „weggeholfen", zur Flucht verhelfen 
hatten (A 18), so handelte es sich wohl dabei um einen 
Fall, bei dem die Ergreifung des Verzählten beabsich- 
tigt war. 

Was stand aber dem Verzählten selbst bevor, wenn 
er widerrechtlich, d. h, ohne sich durch das Erbieten zur 
Bulszahlung die Erlaubnis dazu ausgewirkt zu haben, 
die Stadt betrat? 

Wir erwähnten oben, dalis nach dem Stadtrecht die 
Verzählung in der Regel auf den Hals lautet und nur 
in einem Falle ein VerzäUen auf die Bufse vorkommt. 
Dieser Unterschied ist im Verzählbuch noch weiter aus- 
gebildet; häufig, aber freilich bei weitem nicht immer, 
ist bei den einzelnen Einträgen angemerkt, ob die Ver- 
zählung auf den Hals oder auf die ßulse ging. 

Was die Verzählung auf den Hals^''-) anlangt, so 
finden wir dieselbe nur selten in Fällen, wo die Ver- 



Niederschöna (727. 1485), Reinsberg (616), Klein- und Grofsschirma 
(114.987), Seif ersdorf (1204) , Walthersdorf (760), Wegefahrt (725. 
1068), Weigmaunsdorf (213), Weifseuborn (219), Wingendorf (86); 
auch aus entfernten Orten wie Nofsen (536) und den bei Nofsen ge- 
legenen Dörfern Hirschfeld (1777) und Deutschenbora (1631), Oederan 
(1295), Rofswein (233.352), Graupen (643.1678), Halle (875). In 
nianclien dieser Fälle mag der Ortsname nur die Herkunft des Be- 
treffenden andeuten und sein regelmäfsiger Aufenthalt Freiberg ge- 
wesen sein (z. B. bei Peter Koch von Aufsig, der in Freiberg schofste 
B 1090); meist aber ist dies nicht der Fall. 

150) vergl. Stadtbuch I No. 22. 

151) Stadtbuch II No. 485. 

152) uff' sinen hals, uf ire helse, super collum (B 841 — 844. 854), 
häufig affter (itff'ter) des tages uff' sinen hals, afftermals u. s. h. 
(154 — 156. 1.59—161), aff'ter Jnite clisen tag, affter hüte u. s. h. (1176. 
1177. 1180. 1181); corrnmpirt: aff'ter sich hüte u. s. h. (1362. 1365. 
1375. 1376 u. ö.); gekürzt: after dieses tages etc., aff'ter dieses etc., 
aff'ter etc. 



Das Verzählen. 47 

Zählung von Privaten ausging-; so bei Totsclilag (A 25—31. 
B 165), schweren -Wunden (A 11. B 456. 90D), Not- 
zucht (A 34), wo die Verzähhmg auf den Hals durch- 
aus dem Stadtrecht entspricht, ausnahmsweise auch bei 
einer blolsen Drohung (A 33). Regel ist sie dagegen, 
wenn der Rat, der Obervogt oder sonst eine obrig- 
keitliche Person die Verzählung aussprechen lassen. 
Es deutet dies ohne Zweifel auf einen erheblichen Um- 
schwung in den rechtlichen und sittlichen Anschauungen 
hin; während das Stadtrecht den gefangenen Verzählten 
dem Kläger zur Hinrichtung überwies, wurde später nur 
der Obrigkeit das Recht über Leben und Tod zuerkannt, 
ihr allerdings in sehr ausgedehntem Malse; denn Ver- 
zählungen „auf den Hals" werden wegen aller möglichen 
Vergehen, von den schwersten bis zu den leichtesten, 
verhängt, während nur sehr selten und nur in der früheren 
Zeit der Rat „auf die Bufse" verzählen lälst (B 87. 95. 
98. 282. 285). 

Dagegen ist die Verzählung uff die huße^'"'^) das 
Gewöhnliche, wenn sie von Privaten ausgeht. Es handelt 
sich dabei in der Regel um Klagen wegen Friedensbruchs 
und Wunden (s. u. S. 56). 

Wenn sehr oft nicht angemerkt wird, ob die Ver- 
zählung auf den Hals oder ob sie auf die Bulse ging, so 
liegt es nahe, auch diesem Schweigen eine Bedeutung 
beizulegen ; man könnte ja meinen, dals der Zusatz uf 
den hals eine Verschärfung der gewöhnlichen Verzählung 
bedeute und dals da, wo dieser Zusatz fehlt, eine Ver- 
zählung auf die Bulse anzunehmen sei. Allein das wäre 
entschieden irrig ; auch bei schweren Verbrechen ist nicht 
selten der Zusatz uf den hcds ausgelassen^'^), und in 
vielen Fällen kann man leicht nachweisen, dals wegen 
desselben Vergehens bald uf den hals bald ohne diesen 
Zusatz verzählt wird^-^'^). Allerdings liels man bei Ver- 
gehen, wo die Verzählung lediglich den Charakter des 
gerichtlichen Zwangsmittels hatte und wohl niemand 
ernstlich an eine Hinrichtung des ergriffenen Verzählten 
dachte, z. B. bei Nichterfüllung eines vor dem Vogte oder 



^•''^) umme III klagen und uff dy bwesen (B 7) ist wohl irr- 
tümlich; ebenso B 278: nnih III frevelclagen uff den fride. 

154) Verg-1. z. B. A 47 (Ermordung einer Frau), A 50 (Notzucht), 
A 4. 20. 23 und namentlich A 13, wo besonders bemerkt wird, dafs den 
Verzählten Gut und Leib verteilt sei. 

1.^5) Y^,i,„,i j, |. ^ 24 mit 25 -B 1 , B 2ö und 59, 694 und 1354 u. s. w. 



48 Hubert Ermisch: 

Rate abgelegten Zahlungsversprecliens oder bei Nicht- 
räumimg eines Hauses, den bedrohlichen Zusatz besonders 
gern fort; allein dals auch dann die vom Rate ausgehende 
Verzählung eine Verzählung auf den Hals war, dafür 
lassen sich verschiedene Beispiele an führen ^■''*^). Die Aus- 
lassung der betreffenden Formeln bedeutet also wohl nichts, 
als dals der Stadtschreiber sich seine Arbeit etwas er- 
leichtert hat^''), weil man auch ohne den Zusatz wuIste, 
welche Wirkung die Verzählung im einzelnen Falle hatte : 
dals sie in der Regel auf den Hals ging, wenn der Rat, 
auf die Bufse, wenn ein Privater sie veranlaßt hatte. 
Aulserdem können wir aus der nachlässigen Behandlung 
der Formel noch schlielsen, dals ihre Bedeutung in späterer 
Zeit nicht mehr sehr grols war; gewils wurde nur noch 
selten nach ihrem Wortlaut verfahren. 

Für die Hinrichtung eines auf den Hals Verzählten 
bietet das Verzählbuch nur ein Beispiel. Dem Kunczel 
Brwne, der verzählt worden war, weil er „einer Frauen 
des Nachts in ihr Haus wollte laufen und sie übel be- 
handelte mit Worten", lielsen die Bürger dorumme unde 



156) B 71. 218. 222. 231. 1157. 1182. 1198. 1203. 1222. 1245. 
1858 u. ö. 

1"'") Dafs für Zufüg-uug oder Auslassung des Zusatzes nur die 
Willkür der einzelnen Stadtschreiber mafsgebend war, ergiebt folgende 
Beobachtung. Im Verzählbuch A enthalten von 64 Verzählmigen 
dui'ch den Rat 22 den Zusatz ttf den hals; von B4 Verzählungen 
durch Private gehen 13 nf den hals, 16 uf di biize; von 6 Verzäh- 
lungen durch Bergmeister und Bergrichter geht 1 uf den hals. Alle 
übrigen haben keinen Zusatz. Der erste Schi-eiber von B (No. 1 — 108) 
läfst in den ersten 30 Nummern den Zusatz stets aus, fügt ihn aber 
dann oft hinzu ; von 97 Verzählungen durch den Rat sind 46 , von 
11 durch Private 3 ohne Zusatz. Die drei folgenden Hände (No, 
109 — 143, 144—192, 193—225) lassen nur ausnahmsweise (im Ganzen 
in 19 Fällen) den Zusatz aus, wähi'end der nächste Schreiber (No. 
226 — 425) ihn ungefähr ebenso oft ausläist als zufügt. Seine 3 Nach- 
folger (No. 426 — 480) haben nur 2 Verzählungen als ufdeti hals gehend 
bezeichnet, alle übrigen sind ohne Angabe; ebenso verhält sich der 
überhaupt mit dem Papier sehr sparsame Paul Lindner (No. 481 — 
1152), der von 646 Verzählungen durch den Rat und 26 durch Pri- 
vate jmr 55 bez. 12 mit dem entsprechenden Zusatz versehen hat. 
Ganz entgegengesetzt verfahren seine Nachfolger; die 215 Einträge 
des Heinr. Siez (No. 1153—1360) und die sich daran anschliefsenden 
(No. 1361— 67) lauten mit Ausnahme von dreien „auf den Hals". Casp. 
Ludwig (No. 1368— 1563) hat zwar in 79 von 196 Fällen die Formel 
ausgelassen, dafür aber Paul Weigkarth (No. 15H4— 1723) nur in 22 von 
160 und die letzten beiden Schreiber (No. 1724—1873) gar nur in 3 von 
149 Fällen. Bei den Einträgen aus dem 16. Jahrh. fehlt die Formel 
nf den hals stets. 



Das Verzählen. 49 

anders dornodi sipien hojjp ahcluvu-en (B 39). Hier haben 
wir es doch wohl mit der Bestrafung eines Verzählten 
zu thun, der während der Verzählung ergriffen worden 
war. Anders liegt die Sache in dem zweiten Falle einer 
Hinrichtung, den das Verzählbuch erwähnt. Gabriel 
Wolf gang hatte um 1431 die Stadt durch Fehde und 
Raub geschädigt und das Geleit und gütliche Stehen, das 
die Landesherren gemacht, mit AVorten und Werken ge- 
brochen (B 859); wenn ihm dafür sein Haupt abgehauen 
wird, so geschah dies „von Empfehlunge unser gnädigen 
Herren, so als er ihr Geleit gebrochen hätte"; dals er 
verzählt gewesen, ist aus dem Eintrage, der die Klage- 
punkte besonders ausführlich aufzählt, nicht zu ersehen. 

Dafs auch in anderen Fällen der verzählte Frevler, 
der in der Stadt ergriffen wurde, dem Tode verfiel, ohne 
dals ein Eintrag in das Buch gemacht wurde, ist wohl 
anzunehmen. Noch häufiger freilich mag eine Milderung 
der Strafe eingetreten sein. So wurde der wegen Spiels 
und andern Unfugs verzählte Köler von Gablenz, den 
die Bürger ergriffen und in der Stadt Gefängnis gebracht 
hatten mtd irolden mit ym recht hcgcnujen haben, auf 
Fürbitte biderber Leute gegen Urfehde begnadigt (Stadtb.I 
No. 24). Nickel Stoleck, der wegen Unfugs im Frauen- 
hause auf den Hals verzählt (B 1368) und trotzdem in die 
Stadt gekommen war, wurde auf Jahr und Tag verzählt 
(B 137.5), also verwiesen, was in diesem Falle als Ver- 
schärfung der einfachen Verzählung erscheint (s. o. S. 34). 
Ähnlich ist es, wenn Hans Keiner der Krämer, der vor- 
her auf die Bulse verzählt war (B 75), wegen frevent- 
lichen Betreten des Weichbildes nunmehr auf 4 Meilen 
verwiesen wird und Urfehde schwijren muls (B 178). 
Aber auch das Umgekehrte findet sich: die der Stadt 
verwiesene Anna Kneuzelin, die ohne Erlaubnis von 
Hauptmann und Rat zurückgekehrt ist, wird auf den 
Hals verzählt (B 1580). 

In den meisten Fällen wurde die Verzählung, wenn 
sie nicht auf eine bestimmte Zeit lautete, also eigentlich 
eine Verweisung war, durch einen Vergleich zwischen 
den Parteien bez. dem Rate und dem Verzählten be- 
endet '•^'*). Letzterem gewährte man, um einen solchen 



1.^8) Vergl. H. Meyer. Strafverf. S. 77 ff. Bicukd S. 0(5 If. 
F r 8 n s «1 )• f f S. X X X VI. F r a u e n s t ä d t S. 102 ff. 



Neues Ariliiv L S. (;. ii. A. Xlll. 1. •»'. 



50 Hubert Ermisch: 

Vergleich zu ermöglichen, eine zeitweilige Aufhebung der 
Verzählung, freies Geleit in die Stadt ^'^*'). 

So wurden Klagen wegen Wunden und Totschlag 
sehr häufig gütlich beigelegt; schon das Stadtrecht 
(Kap. XIV. XV) enthält eingehende Bestimmungen für 
derartige Sühnen, und die Stadt- und Gerichtsbücher 
bieten manche Beispiele ^*^^'), die allerdings meist nicht er- 
kennen lassen, ob der Sühne eine Verzählung vorherge- 
gangen ist oder nicht. Bei einem 1392 errichteten Ver- 
gleich zwischen Henschel Nuwendorf und Paul von Bu- 
dissin, der den Sohn des ersteren schwer verwundet hatte, 
wird festgesetzt, dals dieser, wenn er sich weitere Frevel 
gegen Nuwendorf oder die Seinen zu Schulden kommen 
lasse, „sein Verzählter in gleicher Weise sein solle, als er 
es zu der Zeit war, als die Sache berichtet wurde." 
(Stadtb. I No. 80). Im Jahre 1436 berichtet sich Nickel 
Kluge mit dem Schneider Starke, den er wegen zweier 
Frevelklagen in die Acht gebracht hat „auf die Bulse" 
(B 968); es wird dabei für den Fall weiterer Vergehen oder 
Verleumdungen des Starke gegen Kluge und sein Weib fest- 
gesetzt, dals letzterer dann vorberurte unde berichte sacke 
mit nochvorJauffener eyne mit der andern ivol furdern möge 
(Stadtb. II No. 240). In diesen beiden Fällen ist von 
einer Bulszahlung nichts in das Stadtbuch eingetragen. 

Wo die Verzählung vom Rate ausging, da legte dieser, 
wenn der Missethäter wieder „an der Bürger Huld" 
kommen wollte ^**^), manchmal Verpflichtungen zum Kriegs- 
dienst^"-) oder andere Leistungen an die Stadt ^**") als Sühne 



^^^) Ein lutercessionsscbreiben des Kurfürsten Ernst und des 
Herzogs Albrecht für Nigkel Bottener d. d. 1470 Aug. 23 ersucht den 
Rat zu Freiberg, den Genannten, der zu Frbg. einen Mord begangen 
habe und sicJi deßhalben mit gerichte und ivu das sust not thut gerne 
gutlichen entrichten und vertragen wolle, zu geleiten und zu Rich- 
tung kommen zu lassen, Or. im Ratsarchiv zu Freibg. (K. 2). Ein 
Schreiben des Rates zu Chemnitz an den zu Freiberg, den Valien 
Thobel , der unrechtmäfsiger Weise als Bürge für Frauenstein ver- 
zählt worden sei, zu Geleite kommen zu lassen, d. d. 1478 Mai 9, Oi". 
in der Ponickauschen Bibl. zu Halle Mscrpt. bist. 28 fol. 30. 

i«0) Stb. I, 42. II, 101. 113. 114. 154. 271. 289. 298. Gerichtsb. 
I No. 130. 166 u. ö. 

161) Vergl. ÜB. I, 127 {5 6. 

^*'") B 1013: Itemremissa pcna suh tali condicione, quod dchet 
famulari civitati in expedicionibus, cum deposcetur. B 1031: Oben 
berurte schuld haben en die burger gelassen, daz sie donoch yn die 
herfardt czihen unde es umbe die stat iveder vordinen wollen als hoch 
als das vorczelegeld (s. u.) anlanget. Vergl. auch Stb. II No. 4, 96. 181. 

'«») So eine Kalklieferung B 978 (Note). 



Das Verzählen. 51 

auf. Dem Peter Koler, der wiederholt wegen Spiels und 
andern Unfug's verzählt worden war^*^^), wurde auf Für- 
bitte angesehener Männer die Eückkehr unter der Be- 
dingung gestattet, dals er, wenn er nochmals spielen 
oder sich an einem Spiel beteiligen würde, in jedem 
Falle die hohe Bulse von 20 Schock der Stadt erlegen 
und eine Fürbitte ausgeschlossen sein sollte (Stb. I 
No. 154.) In der Regel war es jedenfalls eine Geld- 
leistung, durch welche die Aufhebung der Verzählung 
bewirkt wurde. Zu der Zahlung der Bulse, mit der das 
betreffende Vergehen bedroht und deren Nichtleistung 
oft die Ursache der Verzählung war, der Befriedigung' 
der Forderung, deren Erfüllung gelobt war u. dergl. m., trat 
noch ein besonderes Strafgeld, das ausschlielslich für die 
Entlassung aus der Verzählung entrichtet werden muiste. 
Dieses Strafgeld, das anderwärts als Achtschatz, Acht- 
schilling , Friedepfennig ^'^•'•) , denarii truphatorii^*^*"') be- 
zeichnet wird,hieisin Freiberg das V er zähl gekP'"). Ver- 
merke über die gänzliche oder teilweise Zahlung des- 
selben sind hie und da den Einträgen des Verzählbuchs 
beigefügt ^*^^). Auch die gezahlte Summe ist aus diesen 
oft schwer lesbaren Randbemerkungen zuweilen ersichtlich. 
Dabei kommen besonders oft Beträge von 14 bez. 7 Groschen 
vor (B 22. 28. 1210; 57. 1012. 1130. 1169. 1322. 1572), 
was auch in den Einträgen aus der Zeit zwischen 1507 
und 1515 als die regelmälsige Höhe des ganzen oder 
halben Verzählgeldes erscheint, und Beträge von 8 Groschen 
(B 65. 881. 884. 898. 907. 1166. 1328), daneben aber auch 
andere Summen ^*^''), die meist wohl als Teilbeträge an- 
zusehen sind. Zuweilen wird auch ein Termin für die 
Zahlung des Verzählgeldes bez. des Restes beigefügt'^"), 
besonders oft bei den Einträgen aus dem 16. Jahrhundert, 



16*) Stb. I No. 24. 

185) H. Meyer, Strafverfahren S. 78. 

18») Pauli, Abhandlungen a. d. Lüb. Rechte II § 13. Vergl. auch 
Ztschr. f. d. Kulturgesch. II. F. II, 766. 

107) Vergl. die Noten zu B iOiJJ u. 1422 sowie die Notizen auf dem 
vorderen Umschlag des X'erzählbuchs (UP.. 111, XXXVI). Dedit \'^ 
verzelgelt (1510) Verzähllmch fol. 82 h, ähnlich fol. 8ö. 

»"») B 1214: dedit. B 1176. 1178. 1313: dedit pecunlam. B 
1175: preeedens commissum est solutum. B 701. 732. 750. 814. 822. 
916. 1044: dedit, dederuvt parfem. 

>»») X yr.: B 10.1271. XI f (jr. : B 1011. 3 ijr.: B lOlö. 
6 gr.: B 1036. IT sexag. (?): B 1167. 4 qr. 10 hl.: B 1211. 

1'") B 536. 1020. 1211. 



52 Hubert Ermiscli: 

in denen anch vielfach Bürgen für die Zahlung des Geldes 
genannt werden. Bezog der Verzählte eine Besoldung 
aus städtischen Mitteln, so zog man wohl von dieser das 
Verzählgeld ab (z. B. B 136. 379j. Bisweilen wurde die 
ytrafsumme ganz oder teilweise erlassen "\), manchmal 
mit dem Zusatz, dais im Wiederholungsfalle der Betrag 
nachträglich zu zahlen sei^^"^). Die Strafgelder wurden in 
die leider nicht mehr vorhandenen städtischen Bechnungs- 
bücher eingetragen ''■^). Den ganzen Vorgang nannte man 
satisfactio'^'^^). 

Die Tilgung des Eintrages im Verzählbuche erfolgte 
'einfach durch Ausstreichen desselben oder der Namen 
derjenigen, die sich von der Verzählung befreit hatten. 
Wenn hie und da einer dem Stadtschreiber zu zahlenden 
Summe von 4 Groschen gedacht wird^'"'), so war dies 
wohl eine Gebühr für die Tilgung. In einzelnen Fällen 
wird die Tilgung nachträglich für kraftlos erklärt ^'*^), 
vielleicht weil sie irrtümlich erfolgt war oder weil der 
Verzählte seiner Verpflichtung nicht nachkam. 

4. Die Delikte im Verzählbuch. 

Nach unsern bisherigen Ausführungen wird es nicht 
auffallend erscheinen, wenn die Zahl der im Verzähl- 
buch erwähnten Delikte eine aulserordentlich grolse ist. 
Wurde doch die Malsregel der Verzählung im späteren 
Mittelalter im weitesten Umfange, bei den schwersten 
Verbrechen wie bei den leichtesten Vergehen, angewandt. 
Gerade dies giebt dem Verzählbuch neben der rechts- 
geschichtlichen auch eine nicht zu unterschätzende sitten- 
geschichtliche Bedeutung, und eben dieser Umstand ver- 
anlalst uns, über die bunte Menge der Straffälle eine 
nach gewissen Gesichtspunkten gruppierte Übersicht zu 
geben. Wir fassen dabei zunächst diejenigen Fälle zu- 
sammen, in denen das ältere und jüngere Recht noch 
am meisten übereinstimmen, die Delikte gegen Person 
und Eigentum, die Friedensbrüche und was damit zu- 



'■") Dedit VII gr. et aliud dimissum est B 1170, ve.rgl. 1735. 

1'-) Dedit VII gr. d(ominis) et domini dimiserunt sibi VII 
(jr. et si inposterum magis fecerit, quod tiinc debet dare in totum 
B 1210. 

"■'') ut patei in registro perceptorum B 1018 vergi 1044. 

1'*) B 661. 1018. 

'"■') B 1130. 1211. 

1™) Non debet esse deletum B 680. 738. 



Das Verzäliku. 53 

sammenliäiigt, dann die Vergehen gegen die Religion und 
die Landesherren, denen sich die Bergwerks vergehen und 
die Vergehen gegen das Gericht anschlielsen , und be- 
handehi zuletzt die breite Masse der Vergehen gegen 
die Stadt, den Rat und seine Gebote. 

a) Vergehen gegen Person und Eigentum. 

Wir sahen oben , dafs das Stadtrecht die schweren 
Friedensbrüche, die an Hals und Hand gehen, von den 
leichteren scheidet und nur bei den ersteren die Ver- 
zählung eintreten liefe. Zu ihnen gehören vor allem 
Totschlag und schwere Wunden. Wie nach dem 
Stadtrecht, so erfolgte auch nach dem Verzählbuche die 
Verfolgung dieser Verbrechen nur auf vorhergegangene 
Klage, die in der Regel der nächste Verwandte des Ermor- 
deten oder Verwundeten (A 2. 24-28. 77. 80. B 237. 480. 
496. 609. 1649), manchmal auch, wenn es sonst an einem 
geeigneten Kläger fehlte"'), der oberste Vogt (B 155. 
156), der Stadtvogt (B 365) oder im Berggericht der 
Bergmeister (A 16) erhob; also der Gedanke der Blut- 
rache, auf dem schlielslich die Ächtung wegen Tot- 
schlags und Wunden beruhte"*^), war noch in voller 
Kraft. Ein merkwürdiges Beispiel, wie sich die ganze 
Familie des Ermordeten gewissermalsen in die Verfolgung 
der Mörder teilte, bieten die Verzählungen des Peter 
Greich und seiner Genossen wegen Ermordung des Lorenz 
Lutze (A 24—32). Statt der älteren Formel {N. N. hat 
lassen verczelen) kommt mehr und mehr die eine Ver- 
wechselung mit der Verweisung ausschliefeende Acht- 
formel (lad in die ocJitc hravht) auf und ist von etwa 
No. 500 an ausschliefelich in Gebrauch; man empfand 
wohl den Unterschied, den die strafrechtliche Praxis 
zwischen der Acht als Rest der alten Vei-zählung und 
ihrer neueren Form machte. Vielleicht hängt damit 
auch der auffallende Umstand zusammen, dals die Ver- 
zählungen wegen IMords und schwerer Wunden fast 
ausschliefelich im Verzählbuch A und im ersten Drittel 
des Verzählbuchs B vorkommen""); da nicht anzunehmen 
ist, dafe die Verbrechen später seltener wurden, so 



i"j Vergl. oben S. 

''S) Frauon.stiidt, Blulraclio und Toil'^HilnüsüliiH^ S. 100 ff. 

i'ö) AusnahiiR'ii bilden B 8iJ4. 9U'J. 9ö3. Kilü. 



54 HuLert Ermiscli: 

möchten wir fast glauben, dafs seit etwa 1427 ein be- 
sonderes Achtsbuch neben dem Veizälilbuch geführt 
worden sei, das sich aber nicht erhalten hat. 

Was speziell die Tötung anlangt, so ist eine Unter- 
scheidung zwischen totslac (so meistens), mort (A 24. 
B 1649) und mortslac (B 365) wohl kaum anzunehmen. 
Die Verzählung erfolgte stets „auf den Hals" ; auch wo 
der Zusatz fehlt, ist es wohl der Fall. Einmal kommt die 
Verweisung eines Totschlägers, die wohl als Begnadigung 
aufzufassen ist, vor (A 83). 

Bei Verwundungen unterscheidet auch das Verzählbuch 
zwischen schweren und leichten Wunden. Erstere heilsen 
in älterer Zeit wie im Stadtrecht Immpere ivunden'^^^) \ 
als der Ausdruck unverständlich wurde, weil der Zwei- 
kampf als Beweismittel überhaupt verschwand, trat an 
seine Stelle die Bezeichnung o f fen e Wunde^^^) im Gegen- 
satz zu Blutrun st. Die Zahl der Wunden wurde mit 
wenigen Ausnahmen (z. B. B 428. 909) genau angegeben ; 
selbst dann, wenn eine der Wunden den Tod herbei- 
geführt hatte, wurde nicht allein wegen des Totschlags, 
sondern auch wegen der sonstigen Wunden geklagt und 
verzählt (z. B. B 156: um 21 Wunden und einen Tod- 
schlag, B 397: umhe eine offene ivunde uncle eynen 
todslmj, vergl. B 641). In solchen Fällen wurde natürlich 
auf den Hals verzählt, sonst aber im Gegensatz zum 
Stadtrecht meist ^^-) auf die Bulse. — Eine Verzählung 
wegen lemde, Lähmung, die wohl der offenen Wunde 
gleichkam, begegnet uns nur einmaP^'^). 

Aulser dem Thäter wurden auch seine Helfer, die 
„Folgen und Gefährten", wegen „Volleist" ^^*) verzählt 
und zwar stets, soweit der entsprechende Zusatz vorhanden, 
auf die Bulse, ganz wie im Stadtrecht (Kap. XXX § 6). 
Auch hier ging eine Klage des Verletzten vorher ^^■^). 



180) A2. 25—31; spcäter(c. 1447) noch einmal Stadtb. II No. 359.360. 

isi) Auch nur wunde z. B. B IH. 428. 

i»2) Ausnahmen B 456. 854. 909. 

183) B 428; vergl. Stadtb. II No. 359. 

18^) imibe folieist des totslages A 17. umhe eyne folieist A 
32. 78. 79. 81. B 239. umbe ein folieist an eim toden B 238. umbe 
folge eyner offen ivimden A 68. als voUjer des totslages B 496. 
darumhe daz er eyn folge unde eyn geferte ys gewest an eyme toten 
B 53. also wegen imd geferten an derselben ivunden B 549. als 
umbe folgen unde geferte B 989. umbe fulge unde gefertige B 1076. 

^^■') Nur einmal läfst der Rat verzählen B 53. Der Verzählung 
auf Antrag des Bergmeisters A 17 war wohl eine Verzählung im 
Berggericht vorhergegangen. 



Das Verzählen. 55 

Endlich mag hier noch die Verzählung- des N. Lant- 
voit erwähnt werden, der sich für Geld anheischig gemacht 
hatte, eine Frau zu ermorden (A 47). 

Für leichtere Friedensbrüche (mit icorten, mit 
siozene, mit hantslane, mit ronfene, mit mezzerruckene, 
ivi daz ist, ane ininden, di da Immper sin Stadtr. 
Kap. VIII § 1) braucht das Stadtrecht den Ausdruck 
vride (z. B. Kap. II § 2. 3. 13. VIII. XXIV. XLIX § 31) 
und rechnet die Klagen deswegen zu den siechten dagen 
(XLIX i^ 31 vergl. XXVII § 1. 4. XXX § 3); der 
Beweis wurde nicht durch Zweikampf, sondern durch 
Zeugen geführt, und die Strafe, die den schuldigen Be- 
klagten traf, bestand in einer Geldbulse, die zu zwei 
Dritteln dem Richter und zu einem Drittel dem Kläger 
gebührte (Kap. VIII § 2—4). Eine Verzählung wiegen 
solcher Friedensbrüche kannte man in älterer Zeit nicht. 

Später schied man schärfer zwischen der schlichten 
Klage und der Frevelklage^^*^), wie man mm die 
Klagen wegen geringerer Friedensbrüche nannte, und 
wandte auch bei dieser in ausgedehntem Malse die Ver- 
zählung an. Die Ausdrücke w^echseln; man verzählte 
um frevildagen, um dagen, iim frevel (B 158), um frevil- 
dagen uff den frede (B 909), um dagen umme frede 
(B 74. 75) oder uff den fride (B 278. 590), um dagen 
umid den fride (A 68. 69 vergl. B 66. 95. 103. 242), 
um dagen und den frevel (B 246), um freveldagen die 
den fride und frevel anlangen (B 469). Geringere Ver- 
letzungen, zu denen es bei solchen Händeln kam, wurden 
wohl nur ausnahmsweise im Verzählbuche angemerkt 
{umbe eyne hlutrunst A 68. 76. 108. B 236), während 
eigentliche Wunden stets notiert werden; so finden sich 
zahlreiche Verzählungen wegen einer oder mehrerer 
Wunden und Frevelklagen. Die Zahl der Frevelklagen, 
welche zu der Verzählung geführt hatten, wird meist ^^') 
genau angegeben ; es sind ihrer bald eine (B 29. 260), bald 
zwei (A 68. 69. 90. B 236. 242 u. ö.), sehr oft drei (A 73. 
76. 102. B 16 u. ö), aber auch noch mehr bis zu acht (B 301), 
neun (B 157), ja selbst siebzehn (B 334); es ist dabei 
daran zu erinnern, dals das Stadtrecht (Kap. XLIX 
§ 31) die Klagen um den Frieden ausdrücklich von der 



180) Vere-1. die Vorsprcdioiitaxp von 143fi fü?.. T. 153 f.). 
'8^) Unbestimmt z. B. B BUT. 909. 953. 971. 



56 Huliert Eriniscli: 

Bestimmung ausnimmt, nach welcher in einem Dinge nur 
drei schlichte Klagen vorgebracht werden dürfen. 

Auch die Frevelklagen erhob, soweit wir es ver- 
folgen können, stets der Geschädigte'^^). Den Rat finde 
ich nur in drei Fällen als den bezeichnet, von dem die 
Verzählung ausgegangen sei, und von diesen erklärt sich 
der eine dadurch, dals es sich um eine Verletzung des 
städtischen Zöllners handelt (B 95, vergl. 384 428). Die 
Verzählung um Frevel erfolgte wohl durchweg auf die 
Bulse; es ist mir nicht ein einziger Fall von Verzählung 
auf den Hals wegen einer Frevelklage ohne Konkurrenz 
eines andern Vergehens vorgekommen. 

Den Verzählungen wegen Frevelklagen stehen sehr 
nahe die zahlreichen Verzählungen und Verweisungen 
wegen Real- und Verbalinjurien, Drohungen, Ver- 
leumdungen und Verspottungen, aus denen wir nur wenige 
Beispiele herausgreifen. Da wird Timel verzählt, weil 
er des Hirten Sohn geschlagen und ihm aus einer Flasche 
mireyne trinkin gegeben hat (B 1287), Helwigs Sohn 
mit seinen Helfern, weil sie einen Bauerjungen geschlagen 
und ihm Kirschen genommen haben (B 1573), Joe. Krewel, 
weil er den Herrn Anark von Waidenburg mit Frevelworten 
in seiner Herberge oherfaven hat (B 1597), Pe. Koler 
und Hans Dytrich, weil sie einander gedroht haben, einer 
wolle den andern „erbelos machen und aus der Stadt 
spielen" (B 13), Lor. Zcerler, weil er Gäste, die in 
ihre Herberge gehen wollten, mit blolsen Messern be- 
droht hat (B 1351), Stralle der Häuer, weil er Bobricz 
vor seinem Hause „Lauser dy hurre(?)" geheilsen 
(B 1567), Crondel, weil er „Lieder auf die Leute ge- 
dichtet und gesungen'' ^^») (B 1383), Pa. Keubeler, 
weil er „von Wollfe in der Engengasse solle gesungen 
haben" (B 1742) u. dergl. m. In mehreren Fällen ist 
die Verleumdung ehrbarer Frauen und Jungfrauen der 
Grund der Bestrafung (B 20. 163. 639. 651. 820. 1159). 
Auch die sonderbare Verzählung von Mich. Donner und 
Hans Cluge , welche mittenander getruncken haben lint- 
kauff', daz eyner den andern, tvo er yn anqiveme, ir- 
morden welle (B 529), gehört wohl hierher; die beiden 
scheinen einen förmlichen Vertrag mit einander gemacht 

188) Wo die Verzählung vom Bergmeister ausging (A 16. B 334. 
335), war ein Verfahren im Berggericht vorhergegangen. 

ISO) Vergl. die Urfehde des Ha Boher, der vf N. Man lider 
getickt und gesungen hat Stadtb. II No. 448. 



Das Verzählen. 57 

ZU haben (das Trinken des Leinkaufs gehörte zum x4.b- 
schluls eines Kaufgeschäfts^'*"), dals sie sich gegen- 
seitig nach dem Leben stehen wollen. Erschwerend 
wirkte es, wenn die Beleidigung des Nachts (z. B. A 61. 
B 1567) oder unter Verletzung des vom Landesherrn 
B 1363) oder vom Rate (B 1184) gewährten Geleits 
oder in Gegenwart von obrigkeitlichen Personen (z. B. 
B 1461. 1493. 1646) erfolgte; doch gehört letzteres 
eigentlich zu den weiter unten zu erwähnenden Ver- 
gehen gegen den Rat. Li allen diesen und ähnlichen 
Fällen ging die Verzählung vom Rate aus'"^); vor ihm, 
nicht im Dinge, mochten derartige Beschuldigungen er- 
hoben werden und im Rate war auch der Beweis zu 
führen (vergl. A 61. B 159. 186. 188. 205). Es kann 
also zweifelhaft sein, ob wir die Gegenstände nicht in 
die Zahl der weiter unten zu erwähnenden Polizei- 
vergehen zu setzen hätten, wie wir es mit den zahlreichen 
Bestrafungen wegen nächtlichen Unfugs thun. 

Wir erwähnen schlielslich noch einige Fälle des 
(lualifizierten Friedensbruches. Vor allem ist der Haus- 
friede besonders geschützt; das eigenmächtige^''-) Ein- 
dringen in ein fremdes Haus gilt als besonders strafbar. 
Den Begriff, den das Stadtrecht mit der „Heimsuchung" 
verband (s. o. S. 5 f.), finden wir zwar im Verzählbuch 
nicht; auch der Ausdruck erscheint nirgends. Dagegen 
sind die Fälle sehr häutig, in denen Personen verzählt 
werden , weil sie andern ihren hnsfrede gebroclien 
(z. B. B 76), geivalt und frevel hegangen liabin an eym 
besessen manne und an seynem husfryde i z. B. A 93), 
einen oJnl gehandelt halx'ii yn synen vier pheln (B 97.465), 
einem frevelicJi in sein hus lifjfcn (z. B. A 65) u. ä.; bald 
handelt es sich nur um Schmähungen (z. B. B 12. 54. 
1352], bald um Verwundungen (z. B. A 84. B 269. 1321. 
1333) oder um Sachbeschädigung (B 1622). Auch hier 
wird es besonders hervorgehoben, wenn der Frevel bei 
Nacht geschehen ist (z. B. B 34. 874. 991. 1143. 1420. 
hie nacht heslossener tJn'tr A 56). Hans Sechsheller wurde 
bestraft wegen Hausfrieden.'<bru<'hs am eignen Vater 
(B 447), Nickel Ijodwig wegen Hausfriedensbruchs an 
seinem Wirte, bei dem er wohl als Hausgenosse, Mieter, 



liw) vergl. ÜB. III, L. 

'"') Eine Ansnahnie, macht .\ 8!^ 

'"^) ane (d. h. ohiiej (jericIUc U ö'JÜ. 



58 Hubert Ermisch: 

wohnte (B 1143). Auch das Schiefsen durch eine Wand 
des Hauses (A 54), das Hauen, Stechen, AVerfen in das 
Haus (B 169. 252. 860. 1349. 1688. 1689. 1762), das 
Ötolsen in die Fenster (B 1073), das Hauen in die Thüre 
^B 1202. 1778) galt als Hausfriedensbruch. Wer vor 
ein Haus lief, dort schmähte und mit Hausfriedens- 
bruch drohte (B 39. 215. 235), war gleichfalls strafbar; 
besonders häufig sind die Fälle des „Ausheischens" aus 
dem Hause, womit in der Regel Beleidigungen, Drohungen 
und Milshandluiigen verbunden waren (A 99. B 10. 31. 
73. 93. 94. 105. 145. 169. 1196. 1422. 1433. 1570 u. ö.). 
Entstand in einem Hause, in dem feiler Trank war d. h. der 
Reiheschank stattfand, ein „Gestofse", so sollte dies nach 
dem Stadtrecht iKap. J^ XVIII § 5) nicht als Heim- 
suchung gelten; dafs man solche Rücksichten auch später 
nahm, darauf deutet der Zusatz zur Verzählung des 
Andr. Bauch wegen Hausfriedensbruchs an Merten 
Keuschberg: und lud docli den tag keijne zceclie do 
grJ/abt (B 1872^. — In allen Fällen des Hausfriedens- 
bruchs war der Beweis „mit den Nachbarn" (vergl. 
Stadtrecht Kap. XXVIII § 3) vor dem Rate zu führen 
(vergl. A 56. 93. B. 12. 52. 54. 93 u. ö.) und ging die 
Verzählung von diesem aus, manchmal unter Mitwirkung 
der landesherrlichen Oberbeamten [z. B. A 54. 93. B 252. 
269. 874). 

Wie die Privathäuser, so genossen auch die öffent- 
lichen Gebäude einen besonderen Frieden, namentlich das 
Wein haus, in welchem der Rat seine Weine und 
fremde Biere unterbrachte und verschenken liels, und 
das Frauen haus. 

Aufserordentlich zahlreich sind die Vergehen im 
Weinhause, deren das Verzählbuch gedenkt. Dabei wird 
bald nur allgemein angegeben , dals einer umbc unfuge 
(z. B. A 97. B 417), weil er im Weinhause geunfuget 
und unhescheidenUch gelebt Jiahe (z. B. B 80. vergl. 63), 
weil er ein orhah in dem tuinhase liot geliahen (B 51. 88. 
479. 494. 607) verzählt worden sei, bald werden die Delikte 
näher bezeichnet (z B. Unfug mit Worten B 179. 528. 713. 
726, Gotteslästerung B 483, Raufen und Schlagen B 63. 241. 
1438, Verwundung B 50. 872. 884, Bedrohung B 62. 101. 
463 u. dergl. m.). Der vom Rate angestellte Schenke 
(meist „Weinschenk", doch auch „der Bürger Bierschenk" 
B 37. 354 genannt) bedurfte natürlich besondern Schutzes 
gegen den Übermut seiner Gäste, wenn er z. B. solchen, 



Das Verzählen. 59 

die nächtlicherweile eindrangen, keinen Wein geben wollte 
(B 64) ; grober Unfug gegen ihn und seine Frau (B 201. 
642. 643. 680. 701. 807. 1046. 1303. 1723. 1763) wie 
gegen „der Stadt Dienerinnen" im Weinhause (B 901. 
958; vergl, 241. 1205. 1236) kam oft genug vor. Auch 
wer das Weinhaus verliels, ohne zu bezahlen (an des 
irmsditnglxcn dang B 304, umhereit B 642. 800. 926. 
1141, darumbe daz er dem tvinschcnkin schuldig ist und 
nicht heczaJt B 1251), wurde verzählt. 

Ebenso notwendig war ein besonderer Friede im 
Frauenhause ^^'') , das ebenso wie das Weinhaus als 
städtisches Institut galt. Viele Personen wurden ver- 
zählt, weil sie daselbst geunfugt (z. B. B 120. 216. 418. 
659), unbescheidenlich oder frevelich gelebt (B 81. 439), 
unfiir getrieben (B 1368), geu-aldinhergct haben (B 1217). 
Wo die Vergehen näher bezeichnet werden, da sind es 
meistens Mifshandlungen der „freien Frauen" (z. B. 
B 117. 224. 461. 524. 646. 1332. 1375) oder ihrer 
„Meisterin" (B 1013; vielleicht ist auch die Krewelynne 
B 1671 für eine solche zu halten). 

Die Namen der im Wein- und Frauenhause Ver- 
letzten sind oft nicht angegeben, weil es offenbar eines 
Strafantrags nicht bedurfte. Denn hier begangene Frevel 
galten als Verletzung der städtischen Freiheit (vergl. 
B 884), als Vergehen gegen den Rat {hat der burger 
nicht 'geschont z. B. A 97. B 64. 117. 120. 179. 3Ö2\ 
Von ihm ging also die Vei'zählung aus, hie und da (z. B. 
B 1017) unter Mitwirkung der landesherrlichen Beamten, 
und war stets eine Verzählung auf den Hals. — 

Nur wenige Beispiele der Verzählung wegen Not- 
zucht und Entführung kommen vor (A 5. 34. 50 
vergl. B 510) ; in den beiden letztgenannten Fällen ist es 
der Rat, in den ersten die Verletzte bez. ihr Dienst- 
herr — denn dafür ist doch wolil Reinfr. Grolse zu 
halten — , von denen die Verzählung, die aber auch in 
diesen Fällen auf den Hals lautet, ausging. — 

Auch Raub und Diebstahl, die nach dem Stadt- 
recht zu den schweren Friedensbrüchen gehörten , bei 
denen V^erzählung ehitrat, werden auffallend selten im 
Verzählbuch erwähnt. Heinrich Vogelsberg läist den 
Conrad Fasold an den Brief setzen, weil er ihn beraubt 
hat (A4): der einzige Fall, in welchem die Verzählung 

1!«) Vei'o-l. V. Poseni-Klett in v. Weber.s Archiv f. d. Sachs. 
Gesch. XII, 73 ff. 



(jO Hubert Ermiscli: 

des Räubers vom Gescliädigten ausging. Als ein Ritter 
vom Stegreife erscheint Taubenheim, der wegen zahl- 
reicher Räubereien voreclit und rorczalt wird , A 9). Wie 
dieser, so hatten es auch die Brüder Kogeler haupt- 
sächlich auf Pferde abgesehen (A 23). Die Räubereien 
des Cunczsche und Kogilsberg, bei denen es auch zu 
Totschlägen kam, wiu'den dadurch besonders erschwert, 
dals sie im Geleit geschahen (B 864). Hentzschel Em- 
merich wurde verzählt, weil er Freiberger Bürger um 
Geld an Räuber verraten hatte (A 48). Wenn mehrfach 
Personen verzählt werden, die anderen (jeiveyelogit haben 
(A 55. 75. B 280. 409. 487. 497. 500. i059. 1146. 1336. 
1337), so dachte man dabei, wohl nicht an Raub, sondern 
an heimliches Auflauern, Überfälle (oft hie nacJ/t z. B. 
409. 487) in der Absicht, an jemanden einen groben 
Fiiedensbruch zu begehen. 

Eine einzige Verzählung iinihe chibe kommt vor 
(A 20) ; wir schliefsen ihr einige Fälle von Garten- und 
Felddiebstahl (B 694. 1354, vergl. 1811, auch 568. 576) 
und von unberufenem Fischen in fremdem Fischwasser 
(B 1679) an. Ergriffene Diebe, denen nach dem Stadt- 
recht der Strang gebührte, wurden zuweilen zu ewiger 
Verweisung begnadigt (B 212. 368. 967. 1539), ebenso 
einer, den man dabei ergriffen hat, dafs er bütel ahege- 
snyten hat (B 177) ; diesem wurden vorher die Ohren ab- 
geschnitten, die einzige Verstümmelungsstrafe, die unser 
Buch erwähnt. 

Auch von Betrug finden sich nur wenige Fälle. 
Wir können et\Aa dahin rechnen, wenn die Schifer- 
bartynne verzählt wird, darumhe daz sie hijer hole und 
fordert das andern lueten und luanne man die darumhe 
manet, so uissen sie davon nicht, und uanne die Inte, 
zu (d. h. von) den sie das hier holt, [sie darumhe an- 
sprechen (^)J, so leuJient sie des (B 1209). Auch die nicht 
seltenen Fälle von Zechprellerei (beim Reiheschank) ge- 
hören hierher, so wenn Puchel und Fabian Clugenickel 
verzählt werden, weil sie dei» ivirthe onhereit sein aus- 
gegangen (B 1709); das „unbereite Ausgehen-' erscheint 
als der Kunstausdruck für solche Vergehen ^"^) (B 1138. 
1175. 1278. 1324. 1805. 1844). 



^^'^) Deutlicher in eiuein Falle von 1.505: das sie bei/ Ciintz 
Gramer zu bir qewest und die zceche nicht bezcnlten. verzählb. 
fol. 76 b cf. fol. '78. 



Das Verzählen. Ql 

Es mag- liier auch erwähnt werden, dals mehrfacli 
Dienstboten verzählt werden, weil sie den Dienst wider 
Willen des Herrn verlassen (ß 1313. 1647. 1648) oder 
trotz des vor dem Rate abgelegten Gelöbnisses nicht 
angetreten haben (B 1713). Noch häufiger verzählt 
der Rat solche, welche die Ausführung von Arbeiten für 
die 8tadt (namentlich an den Festungswerken, vergl. 
B 47. 778) übernommen, auch wohl bereits Geld dafür 
erhalten haben und ihrer Verpflichtung dann nicht nach- 
gekommen sind iB 513. 681. 703. 778. 839. 1804. 1806, 
vergl. a. 1387) oder andere zu solchen Vergehen ver- 
leitet haben (B 47. 674. 681. 839). 

b) Vergehen gegen die Religion, die Landesherren, 
den Bergbau, das Gericht. 

Den Vergehen gegen die Obrigkeit stellen wir die- 
jenigen gegen Gott und die Kirche voran, die von be- 
sonderem sittengeschichtlichen Interesse sind. Sittlich- 
keitsvergehen erschienen doppelt strafbar, wenn sie in 
einer heiligen Nacht d. h. der Nacht vor einem Feier- 
tage, stattgefunden hatten; so wurden zwei Personen ver- 
zählt, weil sie in der Nacht von Sonnabend zu Sonntag bei 
einer Hure ergriifen worden „und Gottes und ihrer ehelichen 
Weiber nicht geschont hatten" ( A 91). Joe. Spetener verfiel 
in Strafe, weil er //n JwiJgen neckten eine Hure in sein 
Haus geführt (B 78), Joe. Hone und die „Kulechte Kete", 
weil sie hivreit und hafferie in heiligen Nächten ge- 
trieben (B 91), der Brauer Brumpnicz, weil er am 
Pfingstabend allerhand Unfug gegen das Frauenhaus be- 
gangen (B 553 j. Der Verweisung eines Mannes, der 
am Osterabend im Frauenhause gelegen und dann am 
Ostertage das Abendmahl genommen hat, gedenkt Stadt- 
buch II (No. 57). Andere wurden wegen Zechens und 
unziemlicher Worte am Karfreitage bestraft (B 1448). 
An einen Unfug, der namentlich während der Fastnachts- 
zeit im Mittelalter gar nicht selten erwähnt wird, er- 
innert die Verzählung mehrerer Personen, welche iinscrs 
lierrcn fjotis bilde in vorspöttenißc ro)i gasten zu gassoi 
getragen /idbei/ und mit lucuichcn siucliche ivortcn vor- 
spotteti (A 57), wohl auch die einiger andern, welche 
jieg nacht vilge (Vigilien) halten gelungen und ha/x-n 
onciemelicJi gei-ichreg gctrrJti^i (B 1761). Auch noch einige 
andere Fälle von Gotteslästerung weiden ciwälint ( H 483. 



62 Hubert Ermisch: 

1022). Gar nicht selten sind Milshandlungen und Be- 
leidigungen von geistlichen Personen (ß 671. 746 819. 
1172. 1177. 1214. 1630); es kommt sogar vor, dafs die- 
selben in der Kirche geschmäht werden (B 247). So 
wird Hans Berbener der Stadt verwiesen, weil er in der 
Kirche zu Unser Lieben Frauen erklärt hatte , er tliue 
den Prediger, der eben den Bann über ihn ausgesprochen, 
ebenfalls in den Bann (B 1325). Geistliche waren wohl 
auch die Kollektoren der 1427 gegen die Hussiten 
ausgeschriebenen allgemeinen Steuer, die „Aufheber des 
Geldes wider die Ketzer", wegen deren Schmähung Joh. 
Copian verzählt wird (B 672). Im Zusammenhang damit 
mag erwähnt werden, dafs einige Jahre vorher die 
Musuterin ausgewiesen wurde, weil sie unhristenlich mit 
den keti'ern uß- und yngeczogen ist (B 515). Zwei 
Frauen werden verzählt wegen Beleidigung der Nonnen 
im Jungfrauenkloster (B 1267. 1852). Wenn Tosscheinckel 
und Jorge Melczer verzählt werden, weil sie die heterinnen 
an ir hetlie den Imntslegern (Schindern) (jefjlichet haben 
(B 610), so dürfen wir das vielleicht auf die Beginen oder 
Polternonnen beziehen, jene halb geistliche Genossenschaft 
für Krankenpflege, Beerdigungen u. dergl., welche die für 
ihre Zwecke erforderlichen Gelder zu sammeln pflegten. 
Endlich mag noch auf einige Fälle von allerhand Unfug 
auf den Kirchhöfen, in den Kirchen (B 1108. 1370. 1460. 
1462) und in der mit der Marienkirche verbundenen 
Schule (B 478. 581, vergl. 1036) hingewiesen werden. 

Vergehen gegen die Landesherren werden selten 
erwähnt ^•'■"'). Hierher gehören die Verzählungen wegen 
freventlichen Bruches des landesherrlichen Burgfriedens 
(A 63) und des landesherrlichen Geleites (B 1363), die Aus- 
weisung von zwei Personen wegen Frevels am Hofe des 
Markgrafen Wilhelm (B 364^. Häufiger sind Beleidigungen 
der landesherrlichen Amtleute (B 258 644. 799. 870 u. ö., 
falsches Zeugnis vor den Amtleuten B 1128), wie des 
obersten Vogtes oder Hauptmannes (B 77. 79. 262. 1371. 
1382 u. ö.), des Münzmeisters (B 1174. 1309. 1718), des 
Bergmeisters (B 676. 710. 838. 990 u. ö.), des Zelmtners 
(B 161. 323). Auch nächtlicher Unfug gegen landes- 
herrliche „Söldner und Diener" wird erwähnt (B 11). 

Kraft des Bergregals war der Landesherr Obereigen- 



^"5) Über die Mitwirkung landesherrlicher Beamten in solchen 
Fällen s. o. S. 40 f. 



Das Verzählen. 63 

tümer aller Bergwerke und deshalb gehören auch die 
B e r g w e r k s V e r g e h e n hierher. Wie die oberen Berg- 
beamten, so wurden auch die Hutleute (B 500. 1127) 
und insbesondere die Bergrichter und Bergschötfen gegen 
Beleidigungen, Mifshandlungen und Widersetzlichkeiten 
geschützt (A40. B 622. 695. 777. 794. 841. 1000. 113.3) 
und in ihrer Gegenwart oder im Berggericht begangener 
Unfug gestraft (A 37. 43. B 217). In diesen Eällen 
und in vielen andern, in denen der Bergmeister als der- 
jenige erscheint, der die Verzählung veranlafste , war 
dieselbe wohl zunächst im Berggericht ausgesprochen 
und dann erst dem Rate notifiziert worden ^^*^). Ein 
gleiches Verfahren ist z. B. anzunehmen, wenn Meyner 
Tafel verzählt wird, der auf die Citation des Landes- 
herrn „von Bergwerks wegen" nicht gekommen und deshalb 
verurteilt worden war (A 13). Mehrfach wird wegen „Un- 
fugs auf dem Berge" verzählt (z. B. B 140. 194 vergl. 9). 
Interessanter sind einige Einzelfälle. Bürger und Amt- 
leute lassen Slicher und Küttener verzählen, weil sie „eine 
Einung gemacht haben unsern Herren und dem Berg- 
werk zu schaden" (A 35), den Hensel Kremser wegen 
„unnützer Rede dem Bergwerk zu schaden" (A 58), Symon 
Drystich, weil er bauende Gewerke bedroht und im Be- 
triebe der ihnen geliehenen Gruben gehindert hat unsern 
herren zu schaden (B 258j, den Bauer Fleck, weil er 
eine Kaue zu Frankenstein abgebrochen und nebst an- 
derem zur Grube gehörigen Gezäh weggeführt hat (B 86), 
den Jac. Weter, weil er ohne Erlaubnis Ronbaum, Leiter 
und Pfähle in der Stadt Stollen genommen hat (B 1413). 
Welzel wird durch den Zehntner verzählt, weil er nicht, 
wie er gewillkürt hat. vor den Amtleuten erschienen ist, 
um sich wegen gestohlenen Erzes zu verantworten (A 45). 
Andere werden bestraft wegen betrügerischer Hand- 
lungen beim Erzverkauf (B 1572), wegen Versäumnis 
der verdingten Bergarbeit (B 868), weil sie sich cor- 
hamuer genant, koste vom hoffe gefordert und hinden 
noch enjjhremdet haben (B645); Ha. Summer, weil er unter 
dem Vorgeben, ein Tiefstes im Kippersberge sinken zu 
wollen, Steuer (Unterstützung aus der landesherrlichen 
Kasse) erhoben und dann jene Arbeit nicht ausgeführt 
hat (B 484), N. Hoffemann, weil er von seinen Gewerken 
14 Tage lang Kost gefordert und in dieser Zeit nur 



i90j Vergl. S. 41 f. und die dort gegebenen Beispiele. 



04 Hubert Einiisch: 

3 Schichten g-earbeitet hat (B 1056) , drei Personen, 
weil sie hie außer hern (jelde unde stewre e/jn durcJislack 
zum Roten Crucze yeinacht, den roiieiukent unde furder 
nach 4 niarg zcu Steuer von den anvptJeuthen gefurdert 
haben, daz sie den d'urcJisIag mochten volbrengen (B 1127). 

Eine besondere Grnppe bilden die Vergehen 
gegen das G-ericht, die wir hier anschlielsen, obwolil 
sie ebensogut in das nächste Kapitel zu bringen wären. 
Denn das Gericht war ohne Frage landesherrlich; aber 
der Rat hatte schon sehr früh einen wesentlichen Anteil 
an seiner Verwaltung, der dann, was hier nicht weiter 
zu verfolgen ist, fortwährend wuchs. Namentlich be- 
stellte der Rat seit ältester Zeit den üntervogt (später 
Stadtvogt oder schlechthin Vogt genannt), der bereits 
im Stadtrecht als der eigentliche Richter erscheint; zwar 
hatte auch der vom Landesherrn ernannte Obervogt (der 
spätere Hauptmann) umfassende gerichtliche Befugnisse, 
übte sie aber thatsächlich immer wenigei- aus, bis er 
schlielslich blolser Administrativbeamter wurde. Mehr- 
fach ist von den Vögten (B 90. 189. 1384j oder den Ge- 
richten (B 1264. 1504. 1547; die gerichte der voite und 
hurger 320) in der Mehrzahl die Rede. Das Gericht des 
obersten Vogts wird aber nur einmal ausdrücklich er- 
wähnt (B 1362). Um so häufiger kommen Verzählungen 
wegen Vergehen gegen das eigentliche Stadtgericht, das 
Gericht des üntervogts, Stadtvogts oder Vogts vor; sie 
gehen durchweg vom Rate aus, wenn auch zuweilen 
(B 285. 327. 369. 412) unter Mitwirkung des obersten 
Vogts: war doch auch die Autorität des Landesherrn 
durch derartige Vergehen verletzt worden. 

Betrachten wir nunmehr die einzelnen Fälle. Be- 
kanntlich herrschte im Dinge ein besonderer Friede, 
der bei Hegung desselben ausdrücklich geboten wurde. 
Das Stadtrecht gedenkt der Hegung nur bei den drei jähr- 
lichen „Vardingen", der späteren Form der uralten echten 
Dinge; bei diesen verwirkte Bulse, wer den Frieden mit 
Worten, das Leben, wer ihn mit Werken brach 
(Kap. XXXII § 9). In späterer Zeit tritt ein Unter- 
schied zwischen Vardingen und andern Dingen nicht 
mehr hervor; jedes Ding galt als ein gehegtes. „Unding- 
liches" und frevelhaftes Reden, Scheltworte u. dergi. vor 
gehegter Bank wurden bestraft (B 192. 230 320. 552. 
1194), besonders wenn die Beleidigung sich gegen den 
Richter und die Schöffen richtete (A 22. B 40 45. 150. 



Das Verzählen. 65 

412. 1193. 1617). Wie alle andern Stadtbeamten (s. ii.), 
so genols der Stadtvogt auch anfserlialb des Dinges be- 
sondern Scbutz gegen Beleidigungen und Verleumdungen 
(B 116. 176. 615 u. ö.), namentlich iu Gegenwart des 
Bürgermeisters und Rates (B 1179. 1247. 1575) und bei 
Amtshandlungen z. B. Pfändungen ( B 774), Verbüi^gungen 
(B 1317); als Beleidigungen galten auch Vergehen und 
„unpflegliche" Eeden iu seiner Gegenwart ( A 72. B 1012. 
1065. 1329). 

Der Richter durfte bekanntlich kein Urteil teilen 
(Stadtrecht Kap. XXXII § 2); dies war Sache der Beisitzer. 
Das Stadtrecht kennt kein geschlossenes Schötfenkolleg; 
der Richter konnte seine Urteilsfrage an jeden richten, 
der sich innerhalb der vier Bänke befand ^^"). Erst seit 
dem Anfang des 15. Jahrhunderts wurde jährlich eine 
bestimmte Anzahl von Schöffen, die von vier bis auf 
sieben stieg, gewählt. Diese ständigen Urteiler waren 
nunmehr ebenfalls gegen Beleidigungen besonders ge- 
schützt (B 245. 571. 620. 793. 891. 1417), namentlich in 
ihrer amtlichen Thätigkeit: wenn man sie „strafte an 
ihrer Aussage" (B 601, vergl. 1390) oder wenn sie einer 
beschuldigte, das sie im die ortel anders geteilt sidden 
haben, wen sie die bürgei' in dem rathe gelert haben 
(B 431). Letzteres bezieht sich darauf, dals die Schöffen 
in Zweifelsfällen sich an den Rat als die letze Quelle 
des geltenden Rechts zu wenden und von diesem Be- 
lehrung zu erbitten hatten ^^^). Auch wenn die Partei 
das Urteil der Schöffen strafte, entschied der Rat; 
im Jahre 1383 wird ein Bürger auf den Hals verzählt, 
weil er freventlich gesprochen, die Bürger hätten ihm 
ein Urteil 2:u Imrz geteilt (Stadtb. I No. 39). Die 
Verzählung des Franz Becker, der gesagt hatte, sein 
Schwager „krieche den Schöffen nach, darum dals sie 
ihm teüen, was er will" (B 652), gehört auch in diesen 
Zusammenhang. 

Endlich war auch die Beleidigung des Gerichts- 
dieners, des Büttels oder Fronboten strafbar (B 1300. 
1450. Unfug in seinem Hause B ()7. 77), besonders wenn 
er im Dienste war (B 234. 1410. 1516). 

Häufig sind Verzählungen wegen Ungehorsams 
gegen das Gericht oder den Vogt (B 357. 444. 



197) Vergl. ÜB. II, XXXIII. 

^"^) Vergl. ebenda. 

Neues Archiv f. S. (i. u. A. .\II1. 1. V. 



66 Hubert Ermisch: 

448. 462 u. ö.) und wegen Widersetzlichkeit gegen das 
Gericht ^®^) (darumhe das er sich gerichtis gewert hat 
A 104. B 30. 111. 162 u. ö. das' er sicJi wedersessigli ge- 
macht dem gerichte 1134. 1538). Diese Widersetzlichkeit 
bestand oft in der Weigerung, Bürgen zu setzen ( A 51. 
72. B 25. 121. 122. 1067 u. ö.j, was als besonders straf- 
bar galt, wenn die Bürgensetzung vorher vor dem Stadt- 
vogt gelobt worden war (B 460. 706. 724. 752. 987), 
oder Pfand zu geben (B 134. 349. 392. 1066. 1407 u. ö.) 
oder das gerichtlich gewonnene Pfand auszuantworten 
(B 310); im Zusammenhang damit weisen wir hier auf. 
Verzählungen wegen Entwendung von Pfändern (B 627 
695. 698. 744. IUI, vergl. 604) und von gerichtlich ver- 
botener Habe (B 593, wohl auch 669), wozu auch der 
Ausschank gerichtlich mit Arrest belegten Bieres gehört 
(B 403), und auf die Verzälilung des Reyfer, der 
unpfandeliche pfand yn die hang zu pfände gesand hat 
nemelichen 1 hl. pro qiiinque grossis (B 791 ). Ein Fall der 
Widersetzlichkeit gegen das Gericht, der nur bei Aus- 
wärtigen vorkommen konnte, war der des Fahrens und 
Reitens aus dem Kummer, dem über Fremde oft gericht- 
lich verhängten Arrest auf ihre Güter und besonders 
auf Pferde und Wagen (B 817? 1164. 1208. 1232. 
1491 u. ö., vergl. 599. 1545); gegen ungerechten Kummer 
wurde dagegen der Fremde geschützt (so ist wohl B 501. 
502 zu verstehen). 

Sehr häufig sind Verzählungen Avegen Verweigerung 
der gerichtlichen Antwort. Nach dem Stadtrecht war 
solche, wie wir oben sahen, die Voraussetzung jeder Ver- 
zählung; dals dies später nicht mehr der Fall, dals mit- 
hin die Abwesenheit des Beklagten keineswegs nötig 
war für seine Verzälilung, beweist das Vorkommen der 
hier zu erwähnenden Fälle. Der Gegenstand, wegen 
dessen der Beklagte antworten sollte, wird durchweg 
nicht angegeben; es handelte sich wohl lediglich um 
privatrechtliche Klagen und Polizeivergehen, da bei 
schwereren Straffällen stets der Grund der Verzählung 
bezeichnet wird. Das Vorgebot zur Antwort erfolgte 
meist durch den Vogt „von der Bürger wegen", seltener 
durch Gericht und Bürger (B 878. 911. 923. 964. 980; 



1^) Das Stadtrecht bedrohte diese, wenn der Richter zugegen 
war, mit Lebensstrafe (Kf^P- XXXIII § 19). Eine Urfehde wegen gro- 
ber Widersetzlichkeit gegen die landesherrl. (TerichteStadtb. II No. 324. 



Das Verzählen. 67 

V071 der hürger und des ohern voits wegen 1695), noch 
seltener durch das Gericht (B 1233) oder durch den 
Vogt allein (B 1311), wobei man sich wohl ebenfalls den 
Rat als Auftraggeber zu denken hat; übermittelt wurde 
das Yorgebot jedenfalls ebenso wie früher durch den 
Fronboten. Wer nach erfolgtem Vorgebot die Antwort 
weigert, sei es, dafs ihn der Kläger überhaupt nicht vor 
Gericht (vor Recht) bringen kann (B 221. 299), sei es, 
dafs er sich zwar im Gericht einfindet, aber dem Kläger 
nicht Rede steht -'"^j, wird verzählt, besonders wenn er 
etwa vorher vor dem Richter „bei dem höchsten Rechte", 
„bei der höchsten Bulse" oder „bei einem Verzählen" 
gelobt hat zu antworten (B 15. 106. 250. 369. 396. 
398 u. ö.). Dasselbe Schicksal trifft den, der dem Ge- 
richte oder dem Vogte entläuft (B 263. 355. 738. 1365. 
1467. 1710. 1800), wobei man nicht immer an eigentliche 
Dingflucht, d. h. eigenmächtiges Entweichen von Ge- 
richtsstelle während der Gerichtsverhandlung -'^M zu 
denken braucht, da man unter „Gericht" auch den 
Richter allein, wenn er Amtshandlungen vornahm, ver- 
stand. Ein ähnliches Vergehen liegt bei solchen vor, 
die verzählt werden, weil sie des Gerichts nicht heiten 
(d. h. warten) wollten (B 986. 999. 1140. 1162j. 

Ungehorsam gegen Gericht und Rat war es, wenn 
der, dem ein Haus oder Hof oder sonstiges Grundstück-"") 
wegen Schulden (B 231. 506. 842) oder als verfallenes 
Pfand (B 837) gerichtlich ^°'') abgewonnen war, dasselbe 
auf ein wohl stets zugleich vom Rat und vom Gericht -"■*) 
ausgehendes Gebot (vergi. B 24. 174 284. 466 u. ö.) 
nicht räumte-"'^); mit wenigen Ausnahmen (B 174. 506) 
war es dann der Rath, der die Verzählung veranlalste. 



200) Vergl. Planck II, 314 ff. Meist ist nicht zu erkennen, ob 
das eine oder das andere der Fall, z. B. B 6. 98. 125. 189. 282. 1315 
und sehr oft. 

2"n Planck 11. Bio. 

202) Eine Fleischbank B 695, eine Hütte B 736, ein Erbe in 
Bobritsch B 18; die öbirmasse an einem Hause B 317. 318. 

-**'') als sii das mid rechte irfordirt haben B 353. mit recht 
angeivunnen B 525. mit gerichte irstandenTi 1203. de jnre et ciribus 
B 847. 849. 

-0^') Beide Faktoren wirkten auch wolil da zusammen, wo es 
heifst, es sei die Räumung von der Bürger wegen (B 35. 225. 264 
u. ö.) oder von (lerichts wegen (B 198. 220, 317 u. ö.) geliotcn 
worden; meist ist gar nicht bemerkt, von wem das (lebot der Räu- 
mung ausging (15 18. 38. öH. 71 u. ö.). 

•-"•') Vorgl. Stadtrecht Ka].. V 5< 20. 



68 Hubert Ermisch: 

Die Verzälilung wegen Verletzung eines vor Rat oder 
Gericht abgelegten Grelöbnisses werden wir unten er- 
wähnen. — 

An die Stelle des gerichtlichen Austrags von Streitig- 
keiten aller Art trat häufig der aulsergerichtliche Ver- 
gleich, die Richtung durch ratlnte , wie das Stadtrecht 
(Kap. XIV. XV) die Schiedsmänner bezeichnet. Diese 
Vergleiche wurden meist vor dem Rate, oft auch von 
dem Rate (von Amtleuten und Bürgern B 567) abge- 
schlossen und fanden Aufnahme in die Stadtbücher, in 
denen sie in grolser Zahl überliefert sind. Verzählt 
wird, wer verspricht, sich wegen einer Sache zu „richten" 
und es dann nicht thut (B 455. 574. S69. 1367. 1795j, 
den für diesen Zweck angesetzten Tag nicht besucht 
(B 931), das vereinbarte „gütliche Stehen" nicht hält 
(B 603), vor allem aber die gemachte Richtung bricht 
(A 55. B 385. 467. 567 579. 1100 u. ö.), ebenso wer 
eine gütlich beigelegte Sache verniiivet, indem er gericht- 
liche Klage deswegen erhebt (B 370. 636. 921. 979?). 
Die gewillkürten Ratleute, deren Zeugnis vor gehegter 
Bank als entscheidend galt, durfte man nicht „strafen 
an ihrem Bekenntnisse" (B 96). — 

Gegen die Einmischung fremder Gerichte in 
die städtische Gerichtsbarkeit war der Rat sehr em- 
pfindlich. Was das Hofgericht des Landesherrn anlangt, 
so hatte schon Markgraf Heinrich der Erlauchte im 
Jahre 1255 bestimmt, dals alle in Freiberg und auf den 
Bergwerken vorkommenden Rechtsfälle lediglich vom 
Vogte und Rate zu entscheiden seien und dafs er nieman- 
den solcher Sachen wegen vor sein Hofgericht ziehen 
woUe^'**'), und dem entsprechend verbot das Stadtrecht 
(Kap. XXXIV § 4) bei 10 Mark Strafe jedem, dem 
nicht in der Stadt das Recht versagt worden sei, bei 
Hofe zu klagen. Unser Verzählbuch enthält nur einen 
hierher gehörigen Fall; Jorge Titze, der mit Hertrich 
in Streit wegen der Bezahlung von Malz geraten war, 
wurde verzählt, weil er sich nicht auf einen Vergleich 
vor dem Rat einlassen, sondern „sich der Sachen an 
unsere gnädigen Herren" berufen wollte, „das wider der 
Stadt Recht ist" (B 1171). Wir gedenken hier auch 
der Verzählung des Hans Bartel wegen Verleumdung 
des Rates: das im des rechten nicht gegelien möge unde 
sein wyp müsse zceter schryen übir ungerichte (B 283). 

208; Uß. I, 15 vergi. 38. 



Das Verzählen. 69 

Häufiger scheinen Konflikte mit den geistlichen Ge- 
richten gewesen zu sein. Auf solche Fälle bezieht sich 
eine im Anfange des 15. Jahrhunderts gegebene Willkür, 
nach welcher bei einem Verzählen niemand, der weltlich 
ist, wegen weltlicher Sachen „laden" solle '-^'); dals hier 
eine Ladung vor geistliche Gerichte gemeint ist, versteht 
sich von selbst und wird ausdrücklich bezeugt durch die 
Polizeiordnung von 1487 "■'"^j. Auch entsprechende landes- 
herrliche Verordnungen muls es gegeben haben (vergl. 
B 92). Mehrfach werden Personen verzählt, die dieses 
Gebot übertreten, „weltliche Sache geistlich gemacht" 
(B 3. 41. 42. 92. 1042) oder wegen einer vor dem Stadt- 
gericht entschiedenen Sache jemanden in den Bann ge- 
bracht haben (B 26). — 

. Einige vereinzelte Fälle von A^ergehen gegen das 
Geiicht mögen hier angeschlossen werden. Paul 
Meuschener wird verzählt, weil er Kerbener czu eyde 
(lehalden hat iinde siist ridt den svlicppen irtrert tverv 
worden (B 522); d. h. wohl, weil er eine eidUche Aus- 
sage des Klägers oder Beklagten in einem Falle, der 
durch Gerichtszeugnis zu entscheiden gewesen wäre, 
veranlalst hat; Paul Glasesetzer, weil er sich tvef/efertiget 
macJite unde arme luthe czu rechten notrechten dringen ivolde 
und doch, nicht sich hernoch ivegfertigete (B 605), d. h. unter 
dem fälschlichen Vorgeben einer bevorstehenden Reise 
das für solche Fälle vorgesehene abgekürzte Verfahren 
erlangte -'^^). Auch die Verzählungen wegen eines falschen 
Bekenntnisses (A 21) und wegen Meineids (A 8. 10. 15. 
B 184. 185) können wir hier anführen. 

c) Vergehen gegen Stadt und Rat. 

Eine nicht geringe Anzahl der in den vorstehenden 
Abschnitten aufgeführten Vergehen, insbesondere die 
Vergehen gegen das Gericht, sind zugleich Vergehen 
gegen die Stadt, Verletzungen der Autorität des Rates 
und würden daher ebensogut hier ihren Platz finden 
können. Allein eine streng logische Scheidung der ein- 
zelnen Delikte, wie sie die heutige Strafrechtswissen- 



2""J ÜB. I, 125 § H. 

208) Uß. ill, 473 § 22. 

209) Vergl. Stadtrecht III § 3, Zusatz 2 § 1 2. 1 3 Dazu V 1 a u <■ 1< 
II, 44 (Note 6). 



70 Hubert Enniscli: 

Schaft kennt, lag jener Zeit sehr fern, und so müssen 
auch wir uns bescheiden, den Stoff im G-rofsen und 
Ganzen zu gruppieren. 

In Freiberg wie anderswo galten als die wichtigsten 
Bürgerpflichten das Zirkeln und Wachen, das Heer- 
fahrten, das Schossen. Ihre Verletzung konnte zur 
Verzähluug führen. 

Was die militärischen Pflichten anlangt, so hatten die 
Bürger und alle, die „zu der Stadt Handlung pflegten" 
(B 917), in regelmäßigem Turnus den nächtlichen Wach- 
und Patrouillendienst persönlich oder durch Vertreter zu 
leisten. Wer auf Gebot des Rates nicht zirkelte (B 49. 
65. 319. 346. 499. 541. 547) oder wachte (B 454. 917. 
1426), wurde bestraft, ebenso wer sich Vergehen dabei 
zu schulden kommen liels: so finden wir Verzählungen 
wegen Unfugs und Nachtgeschreies beim Zirkeln (B 521. 
1095), wegen Holzdiebstahls während desselben (B 612), 
wegen Zuspätkommens zur Wache vor dem Thore 
(B 1359). Einer, der zirkeln soll, Avird verzählt, weil 
er, da er in das Frauenhaus kommt, nicht weiter gehen 
will (ß 313), andere, weil sie sich in einer Mühle aufs 
Heu legen, statt zu zirkeln (B 1696). 

Besondere Aufmerksamkeit verlangte die Thor- 
wache. Wenn der damit Beauftragte das Thor nicht 
rechtzeitig schlofs (B 1203), schlief oder unachtsam war 
(B 1683. 1684, vergl. 1400), so wurde er bestraft. 
Steffen Leineweber wird verzählt, weil er gelegentlich 
der Wache die Leisten auf dem Thorhause abgerissen 
hatte (B 1465). Auch Asman Schuwart und Zschindefus, 
die auf dem Meilsnischen Thore „mit Spiel geunfugt" 
und der Stadt Geräthe zerschlagen, zerworfen und zer- 
brochen haben, mögen diesen Frevel gelegentlich der 
Thor wache verübt haben (B 112). Der junge Peter 
Becker hat sich geweigert, den Thorschlüssel zu „halten", 
ihn dem Büttel, als dieser ihn brachte, nachgeworfen 
und auf Befehl des Bürgermeisters den Ratsdienern 
nicht aufschlielsen wollen (B 17). Nickel am Ende und 
N. Behems Knecht haben cmi tortcarten einen landes- 
herrlichen Boten nicht eingelassen, der dem Münzmeister 
einen wichtigen Brief zu überbringen hatte (B 912); der 
Schuster Fischer hat ansälsige Amt- und Ratleute nicht 
ohne „Schätzung und Trankgeld" einlassen wollen (B 675). 

Bei Kriegszügen des Landesherrn hatten die Städte 
bestimmte Mannschaften zu stellen. In der Zeit des 



Das Verzählen. 71 

A^erzählbuches leisteten die Bürger ihre He erfahrt s - 
pflicht meist nicht persönlich, sondern riisteten besoldete 
Schützen aus. Wer dies auf Befehl des Rates nicht thut 
(B 831. 876. 955. 1003. 1443. 1470) oder den ihm auf- 
erlegten Beitrag zur Haltung eines Pferdes nicht ent- 
richtet (B 721) oder sich weigert, sein Heerfahrts- 
gerät — das bekanntlich jeder Bürger besitzen mulste — 
zu einer Heerfahrt dem Rate zu leihen (B 914), war 
strafbar. Kramp wurde um 1421 verzählt, weil er „Ge- 
sellen, die gegen Hux ziehen sollten", aufwiegelte 
(B 416), N. Ulrich (um 1441), weil er (jeschiclde sclmczen 
von eyme tfciyne getrchen hat unde ungeschickte von em 
selber als Trchil diu-vh vorff'elspels iiffyesaczt hat (B 1086); 
ein mir unverständlicher Eintrag. Waren genug tüchtige 
Söldner vorhanden, so wurden die minder „Rüstigen" 
zurückgestellt; so ging es (um 1433) dem Hans Golswin, 
der „gewonnen Avar, dals er in die Heerfahrt ziehen 
sollte", und der dann freventlicherweise sein Heerfahrts- 
gerät in Meilsen versetzte, daz -is die, vor die her czilien 
sulde, selber musten iveder losen (B 907). Auf der Heer- 
fahrt selbst wurde natürlich streng auf Disciplin gehalten 
und Ungehorsam gegen den Rat und die von ihm ge- 
setzten Hauptleute bestraft (B 1. 929. 1357). Auch die 
Verzählung von zwei Personen, weil sie „in Herren- und 
Landes-Not ungehorsam gewesen" (B 582) — es war 
das Hussitenjahr 1426 — , können wir hier erwähnen. 

In des Rates Rüstkammer lagen zahlreiche grölsere 
und kleinere Schulswaffen, die in älterer Zeit der 
städtische „Schulsmeister" zu liefern und in Stand zu 
halten hatte -^*'). Später wird einmal der Rothgielser 
verzählt, quod noluit niaylstro civi/am ex parte civitatis 
aptare diias jnxides dumtaxat in foraminibus, quod piossent 
sagittare (B 844). Aus diesem Waifenvorrat verlieh man 
nicht selten einzelne Stücke an Bürger, deren Heerfahrts- 
gerät zur Ausrüstung eines Schützen nicht ausreichte -^') ; 
die Deinhartin wird verzählt, weil sie der Stadt eine 
Büchse nicht zurückgegeben hat (B 7()6). 

Unter den finanziellen Bürgerpflichten ist die Schois- 
pf licht die wichtigste-'-). Nicht selten sind Verzäh- 
lungen wegen Nichtentrichtung des Geschosses, denen 
gewöhnlich ein ein- oder mehrmaliges Gebot des Rates 



"0) UB. I, 97. 99. 10.5. 111. 

2") Vergl. z. B. Stadtl.. TT No. 547. 

-'-) Vergl. Stadtrecht Kap. IV. 



s 



72 Hubert Ermisch: 

vorhergegangen war (B 450. 464 657. 689. 783. 1008. 
1704 u. ö.); auch Widersetzlichkeit bei Pfändung wegen 
des Geschosses wird bestraft (B 411, vergl. 348}. Her- 
vorgehoben mag die Yerzähhuig des ehemaligen Zehntners 
N. Emmerych werden, den die Bürger bei Landgraf 
Balthasar verklagt hatten, weil er kein Geschofs geben 
wollte; er wandte ein, seine Eltern hätten nie Geschols 
gegeben — beanspruchte also wohl für sein Grund- 
stück die Eigenschaft eines Freihofes — und drohte: 
„griffen die Bürger über in das Seine, so wolle er ihnen 
wieder in das Ihre greifen, sollte es auch seinen Hals 
kosten" (A 49). 

Hauptsächlich um der Schofs- und Wachtpflicht 
willen hielten die Bürger darauf, dalis wüste Häuser bald 
wieder besetzt würden '^^•^i, und bestraften denjenigen, der 
ein Haus abbrach und das Gelübde, es wieder zu bauen, 
nicht hielt (B 883). Auch das Verbot, ohne Genehmi- 
gung des Rats.. Zinsen auf Grundstücke aufziuiehmen'-^"*), 
wegen dessen Übertretung Paul Nail und Fritze verzählt 
werden (B 1702 , hing damit zusammen. 

Eine weitere Einnahmequelle des Rates war der Zoll, 
von dem jedoch die Bürger für ihre Bedürfnisse befreit 
waren -^■'*); es fehlte nicht an Streitigkeiten zwischen 
solchen und dem Zöllner (B 1207), Wegen „Verfahrens" 
des Zolles werden daher in der Regel nur solche ver- 
zählt, die nicht Bürgerrecht haben, besonders Auswärtige 
(B 1223. 1703. 1711. 1777. 1782. 1851, vergl. 1406). 
Milsbrauchten aber Bürger ihre Zollfreiheit dazu, das 
Gut von Zollpflichtigen frei einzuführen (B 1211), oder 
führten sie gekauftes Gut unverzollt wieder aus (B 1837), 
so waren sie strafbar. 

Eine sowohl von Einheimischen als von Auswärtigen 
zu zahlende Abgabe war das Wegegeld, dessen Er- 
hebung wohl meist auch dem Zöllner übertragen war 
(B 1207, vergl. 44. 114) und dessen Hinterziehung eben- 
falls bestraft wird (B 44. 114. 922. 982). 

Auch andere Beeinträchtigungen des städtischen 
Vermögens und Einkommens kommen vor. So lassen 
die Bürger wiederholt Personen verzählen, die der Stadt 
geschuldete Summen nicht bezahlen (B 142. 563. 813. 



213) Vei-o-l. die Willkür von 1435 ÜB. I, 151. 

214) Yei.gi. UB. I, 125 § 13. 

2^5) Stadtrecht Kap. XL § 2—6 vergl. 18. 19. Vergl. den Zolltarif 
ebenda Zusatz 1 (bes. § 31). 



Das Verzählen. 73 

1181) oder anvertraute städtische Gelder nicht dem 
übergeben, dem sie zukommen (B 1701 ?). Der Läufer 
Lorber wird verzählt, weil er um eynerley botschaft cziveij 
Ion genomen hat (B 773). Vergl. auch oben S. 61. 

Eine Willkür verbot, Beile, Messer und andere 
Werkzeuge, mit denen man dem Spital (oder der Stadt) 
am Holze schaden könne, in den Spital wald zu tragen 
und Lehm auf dem Ziegelanger zu graben-^*"'). Dem 
entsprechen Yerzählungen wegen Holzhauens im Spital- 
walde (B 25G. 1250, vergl. 1855) und wegen Grabens 
von Erde und Lehm bei der Ziegelscheune (B 1650. 
1774); auch Entwendung von Holz aus der letzteren 
kommt vor (B 1775). 

Einen breiten Raum nehmen im Verzählbuche die 
Vergehen gegen die städtische Obrigkeit ein. 
Sehr zahlreich sind die Verzählungen wegen Beleidigung, 
Bedrohung oder Verleumdung des Rates (A 67. B 32. 
60. 79. 89. 90 und oft), des Bürgermeisters (B 336. 351. 
782. 881. 978. 1769), einzelner Ratsmitglieder (B 72. 
137. 732. 1031. 1204. 1673 u. ö., Hausfriedensbruch 
A 36. B 739. 808 u. ö.'i oder städtischer Beamten, wie 
des Stadtschreibers (B 324. 586), des Spitalmeisters 
(B 325), des Rohrmeisters (B 537), des geschwornen 
Wagemeisters (B 557. 1260), der Gassenschöffen (B 1039^ 
der geschwornen Handwerksmeister (A 52. 59. B 58. 
149. 167 u. ö.), des Zöllners (A 1. B 1207. 1295. 1463. 
1782. 1813 u. ö.) und seiner Frau, die ihn wohl oft in 
seinem Amte unterstützte (B 1406. 1483. 1819. dy zolle- 
rynn meyn liern dienpvynn 1411), des Stadtknechts 
(B 371. 1388. 1502. 1560), der Stadtdiener und Stadt- 
boten (A 60. B 33. 406. 440. 507. 771. 802. 848. 1072. 
1373. 1386. 1387. 1391. 1409. 1563. 1677). N. Haulauls 
und Lochberg werden verzählt, weil sie Paul Grauel 
und Puchel vorc^irrer und vorretJier geheissen haben, das 
.sie der stat dicner werden irollen (B 1776), Pe. Hanyke 
wegen Unfugs an der Hüterin des Stadtviehs, womit 
sich die Verzählung des Hans Ruxoff zusammenstellen 
läist, der „der Stadt Gebot nicht gehalten und Kühe 
aufgenommen hat zu hüten" (B 1641). Die Bürger, welche 
zeitweilig den Dienst als Zirkler (A 1. B 8. 446. 491. 
1018 u. ö.) oder Thorwächter (B 305. 315. 649 V 1355) 
versahen, wurden ebenfalls gegen Unbill geschützt. 



216 



') ÜB. 1, 127 § 11. 



74 Hubert Ermisch: 

Auch befreundeten Städten und deren Boten durfte 
niemand zu nahe treten; so wird Grossei verzählt, weil 
er ,, etliche Wort auf die von Brüx sollte geredet haben" 
(B 1403\ Bartel Lomatsch, weil er „der von Halle Boten 
vor der ßatstube übel gehandelt hat" (B 359). 

Wie in diesem letztern Falle, so wird auch in vielen 
andern bereits erwähnten oder noch zu erwähnenden 
hervorgehoben, dals der Unfug im Rathause "^') oder in 
Gegenwart von Ratspersonen verübt war; die darin 
liegende Nichtachtung des Rates, der Umstand, dafs 
man der hmyej' iiicJd (/c.'^cJ/onf habe, galt als erschwerend. 
So finden wii- zahlreiche Bestrafungen wegen Unfugs 
und unbescheidener Worte im Rathause oder in der 
Ratsstube (B 23. 438. 451. 624. 693. 731 u. ö.), vor 
dem Bürgermeister (B 1513. 1662), dem Rate (A 71. 
88. 94. B 82. 124. 160, 286 u. ö.), einigen (B 143) oder 
einem Mitgliede desselben (B 1005. 1202\ wegen Messer- 
ziickens (A 6. 12. 62. B 1011. 1754), Drohungen und 
Milshandlungen im Beisein des Rates (A 3. B 118. 1646) 
u. dergl. m. Während der Ratssitzungen herrschte wohl 
ein besonderer Friede; Joe. Mewschein wird verzählt, 
weil er einen geschlagen und wol getvust hat, das der 
radt didjen gesessen hi lieimliche ding, da handeln ivllich 
vortragen sulde sein (B 1518). AVer in Gegenwart von 
Ratleuten einen Lügen strafte (B 453. 1493. 1629), war 
ebenso strafbar, wie der, der selbst unwahre Aussagen 
vor dem Rate machte (B 166. 168. 564. 603. 733). 

Namentlich Ungehorsam gegen den Rat und seine 
Diener war sehr häufig der Anlafs der Verzählung-^-). 
Oft wird nicht angegeben, worin dieser Ungehorsam be- 
stand (A 89. B 347. 420. 430 u. ö.). In andern Fällen 
erfolgte die Bestrafung, weil die (wohl nur ausnahms- 
weise z. B. B 21. 1169 drei Mal wiederholte) Vorladung 
der Bürger (z. B. A 70. B 175. 180. 312 u. ö.) oder des 
Bürgermeisters (B 708. 718. 1161) nicht befolgt worden 
w^ar (auch die Verleitung hierzu war strafbar B 1139) 
oder weil der Delinquent das Rathaus verlassen hatte, 
obwohl ihm ausdrücklich befohlen war , dort zu bleiben, 
etwa bis eine Richtung zustande gebracht oder eine Ab- 



2^') Über den auf gleichen Gründen beruhenden besonderen 
Frieden im Weinhause und Frauenhause s. o. S. 58 f. 

2^*) Vergl. dieVerfestung des, der dem Rate tvederstrevich ist, 
in Goslar (Gosl. Statuten ed. Göschen ßO, 37). Auch den oben S. 4 
angeführten Fall aus Frauenstein. 



Das Vei'zählen. 75 

bitte geleistet war (A 38. B 30. 48. 204. 487. 551) 
11. der gl. m. 

Hierher gehört auch der überaus häufige Fall der 
Verzählung wegen Nichterfüllung eines vor dem Rate 
oder dem Vogte abgelegten Gelöbnisses, dessen Inhalt 
sehr oft nicht angegeben ist (ß 222. 300. 377. 449 u. ö.). 
Manchmal handelte es sich um das Versprechen, vor dem 
Rate zu erscheinen und dort zu antworten (Ä 39. 42. 
B 153. 229, 1720), wobei auch wohl die gestellten Bürgen 
mit verzählt werden (B 1767). Meistens aber sind es 
Zahlungsversprechen. Es war sehr gewöhnlich und 
kommt auch in den Stadtbüchern '-^■') sehr oft vor, dals 
der Schuldner seinem Gläubiger vor dem Rate, dem 
Vogte oder dem Bürgermeister die Zahlung einer Summe 
an einem bestimmten Termine hi eimc vorczdn („bei dem 
höchsten Rechte", „bei Schuld und Landrecht" u. dergl. m.) 
gelobte '-'■^•'). Diese Verzählung wegen Schulden, die in 
dem alten Rechte des Gläubigers auf die Person des 
Schuldners wurzeln niag--^), kommt fast auf jeder Seite 
des Verzählbuchs vor, so dals wir davon absehen können, 
Beispiele zu geben. In der Regel wird dabei des Zah- 
lungsversprechens , dessen Verletzung ja der eigentliche 
Grund der Verzählung war, gedacht; aber auch, wo dies 
nicht der Fall, wo einer nur deswegen verzählt wird, 
weil er nicht bezahlt hat [z. B. B 1564, 1565, 1568 u. ö.), 
ist ein solches Gelöbnis vorauszusetzen. Zu beachten 
ist, dafs in der Regel die Verzählung vom Rate ausgeht 
rAusnahmen : B 68. 287. 294. 295. 345. 376. 481. 482. 
559) und auf den Hals lautet („auf die Bufse" nur 
B 87). 

d) Übertretung von Polizeiverordnungen. 

Unter den Fällen des Ungehorsams gegen den Rat 
sondern wir diejenigen zu einer besondern Gruppe aus, 
die wir heute als Polizeiveigelien bezeichnen würden und 
bei denen das bequeme Verfaliren des Verzählens in sehr 
ausgedehntem Malse zur Anwendung kam. 



-'•') z. B. Stadtb. 1 No. 1 15. 11 No. 55. 64. 98. 137. 182, 209 u. ö. 
Crerichtsb. I No. 61. 63, 70. 118 u. ö. 

--«) Verg-1. damit Tlensl.T, Institut. 1, 103 f. 

221) Vergl. Stadtreclit Kap. 11 t^ 8. 9. V § 30. 32. XXXlll t; 16. 
XXXVI § 2, Vergl. über den meteban des Magdcbur£?or Rechts J ' 1 a iw 1< 
11, 250. 



76 Hubert Ermisch: 

Gehen wir von der H a n d el s - und G e \v e r b e p o 1 i z e i 
aus Schon früh regelten Polizeiverordnungen den Markt- 
verkehr. So lange das Marktzeichen, der „Wusch", aus- 
gesteckt war, durfte niemand, der nicht mit der Stadt 
schoiste und Rechts pflegte, auf dem Markte kaufen-^-). 
Wer etwas zum Verkauf nach Freiberg brachte, dem 
sollte keiner seine Waren im Grolsen (nn sampnus- 
lamff(') abkaufen, bevor er nicht ZAvei Tage damit 
zu Markte gestanden hatte ---^j; daher wurde Gabr. Voit 
verzählt, weil er ein Fuder Kirschen gekauft hatte, 
bevor sie zu Markt gekommen waren (B 1549). Häufig 
kommen Yerzählungen wegen Vorkaufs, Aufkaufs oder 
„Unkaufs" -■-^) vor, unter welcher Bezeichnung man alle 
Manipulationen zusammenfalste, die zur Verteuerung der 
Marktartikel führten (B 378. 443. 780. 916. 1204. 1229. 
1327. 1736); wo die Waren genannt werden, um die 
es sich handelte, da sind es Lebensmittel oder sonstige 
Verbrauchsgegenstände (Bier und Brot B 747. 915, Korn 
B 151, Hafer B 654, Gerste B 1827, Mohn B 1581, 
Erbsen B 1282, Stroh, Milch u. a. 1743, Honig B 1334, 
Butter und Käse B 1638. 1698. 1801, Wilpret A 98. 
B 863. Vögel B 405, besonders oft Fische B 360. 361. 
572 ? 976. 1281. 1286. 1600. 1613. 1764, Obst B 362. 
1549. 1574, Eisen B 1132. 1744, Schufen (?) B 1616). 
Namentlich waren es Wiederverkäufer, die davon be- 
troffen wurden; so wurde z. B. Lor. Frowyn verzählt, 
weil er, n-enne iclit Jieryn hroclit ivart an iviliwete iinde 
fischen ader andern dingen, daz zcMfert, en daz abeJioiift 
unde furder vorunkanft ader sust hie czeit unde ußhockt 
unde unhauft macht, daz sust wol Imuflich gegeben 
icorde (B 954). Die Höker und Hökerinnen durften 
nicht unter den Bäuerinneu sitzen -^■'^) (B 1801), nicht 
auf dem Markte einkaufen--'^); später wurde ihnen auch 
der Bierschank untersagt-'-^). 

Von einzelnen Marktvergehen nennen wir noch die 
Feilhaltung von Töpfen an verbotener Stelle (B 1035), 



222) UB. I, 125 § 11 vergl. III, 472 § 11. 

228; ÜB. I, 125 §"l2 vergl. III, 472 § 7. Ausgeschlossen war nur 
Gretreide, dessen Einliauf durch die Bäcker und Mälzer ührigens auch 
Beschränkungen unterlag, vergl. Stadtrecht Kap. XLII § 12. 

224) Yergi. UB. I, 127 § 13. III, 471 § 5. 

225) UB. I, 127 § 12. III, 472 § 6. 
22«) IIB. I. 129. 

227) ebenda 156. 



Das Verzählen. 77 

den Kauf und die Wegführung- eines Wagens mit Krebsen 
(B 1643), den Kauf von zwei Hasen um den wohl un- 
gehörigen Preis von 22 Groschen (B 1785), den Verkauf 
unrechter Kohlen (B 1482), Sehr frevelhaft war es, 
dals zwei Kaufleute die grolsen Heringe ausgesucht und 
nach auswärts gesandt, die kleinen aber in Freiberg 
verkauft hatten; sie wurden verzählt und mit ihnen die 
Gattin des einen, die zum Schaden den Spott gefügt 
und gesagt hatte: „Neüi, die Bürger allhier essen nicht 
die grolsen Häringe, sondern wenn die von Sayda die 
grolsen guten Häringe essen, so müssen sie hier den 
Dreck essen" (B 488. 489). 

Strafbar war auch derjenige, der ungeaichtes oder 
zu kleines Gemässe brauchte oder andere zu Verwen- 
dung von solchem veranlalste [B 1114. 1327. 1682), wer 
die ßatswage, auf der grölsere Lasten gewogen werden 
mulsten, umging (so ist wohl B 1401 zu verstehen, viel- 
leicht auch 1405;. 

Unter besonderer Aufsicht stand der Salzverkauf, 
an den sich infolge der Regalität des Salzes eigen- 
tümliche Rechtsverhältnisse knüpften. Eine Abgabe 
von demselben war durch einen gewissen Borto, der 
sie als landesherrliches Lehn besals, bereits 1279 . an 
das Hospital gekommen; dann war 1318 der Stadt 
das Recht der divisiones et mensurationes salis que 
vulgär Her stramen nu'}wu])antur bestätigt worden--^;. 
Der Salzverkauf fand nur an besonderen Stätten 
und gegen eine teils dem Hospital teils der Stadt zu- 
stehende Abgabe, deren Nichtentrichtung zur Verzählung 
führen konnte (B 591. 1803), statt; die konzessionierten 
Verkäufer aber galten als verpflichtet, die Stadt mit 
Salz zu versorgen (B 1674). 

Nur der Bürger war zum Betriebe von Handwerk 
und Handel berechtigt; wer ohne Bürgerrecht hanfinoK/c 
trieb--''), war strafbar (B 1341. 1551. 1558, vergl. 1437 
und 1610, wo doch wohl vom Bechverkauf ohne Bürger- 
recht die Rede ist). Zum Betriebe eines Handwerks 
war aber weiterhin die Aufnahme in eine der wohl schon 
seit dem 13. Jahrhundert in Freiberg bestehenden In- 
nungen erforderlich; wer arbeitete, ohne ihnen anzu- 

228) UB. I, 26. ^2. 

-•-9) Dasselbe bedeutet doch wohl, wenn es von einem heifst, er sei 
nicht Mitbürger und gebrauche der Stadt doch ane rot und recht 
B r)94 vergl. 577. 



78 Hubert Ermisch: 

gehören, wurde bestraft (vergl. B 1243. 1441. 1442?). 
Die für die Aufnahme in die Innung zu entrichtenden 
Aufnahmegebühren fielen teilweise an den Rat "^*') ; wenn 
der Klingenschmied Brunouwer u. a. deswegen verzählt 
wird, weil er den Bürgern ihre Gerechtigkeit nicht giebt 
(B 1310), so möchten wir das auf eine Hinterziehung 
dieser Gebühr deuten. Solche, die nf //rem liantwercke 
hinder dem, rate und lianhverckmeistern nuive Satzungen 
machen (B 822), es }j7i ir innunge nicJi.t noch geJieisse 
der hurger halden (B 908), werden ebenfalls verzählt; 
auch ein Fleischerknecht, der ivider das hantkwerg der 
fleischer gethan Jiat unde sich noch yerer gewonheit nicht 
gehalden hat (B 1843\ 

An der Spitze der Innungen standen die jährlich 
wechselnden Innungsmeister ^■^'). Wie sie dem Rate zu 
Gehorsam verpflichtet waren (vergl. B 1180. 1385. 1582), 
so hatten die Innungsgenossen ihnen zu gehorchen. So 
wurden um 1472 sämtliche Schlosser mit Ausnahme der 
Handwerksmeister wegen Ungehorsams gegen die letztern 
verzählt; es hatte dies die Auflösung der Innung zur 
Folge (B 1866). Worin der Ungehorsam bestand, ist 
hier und sonst sehr oft nicht angegeben (B 244. 288. 
322. 1154 u. ö.); wo wir es erfahren, da handelt es sich 
um nicht erfüllte Zahlungsversprechen (B 1434. 1435. 
1439}, Widersetzlichkeit gegen auferlegte Bufsen (B 1396), 
um Fortbetrieb des von den Meistern gelegten Hand- 
werkes (B 1356), um unerlaubte Annahme von Lehr- 
lingen (B 1468) und um mannigfache Übertretungen der 
Vorschriften wegen der Beschaffenheit und des Preises 
der Waren. So wird die Herstellung und der Verkauf 
von nicht vorschriftsmäfsiger Leinwand (B 421), von 
„ungerechtem", „sträflichem" Tuch (A 7. 14. B 1167. 1168. 
1261. 1614) bestraft; N. Holt wird verzählt, weil er die 
tueise ivolle nicht den meistern geireist hat, uff das man 
gm, spynnlon gesaczt hette (B 1416), der Böttcher Balth. 
Schindler, weil er wider Willen der Meister Holz kauft 
(B 1741), ein ander Mal weil er einen Reifen um 2 
neue Heller (also wohl zu teuer?) angelegt (B 1821), 
Rebental, weil er zwei Kuffen um 20 Gr. (B 1788), 
Merten Jachen, weil er ein Hufeisen um 12 neue Heller 



230) Vergl. Stadtrecht XLII § 1. XLIII §2. XLIV § 1. XLV 
§ 1. XLVI § 1. 

231) Yergl die Verzeichnisse derselben seit 1379 ÜB. III, 432 ff. 



Das Verzählen. 79 

gegeben hat (B 18-22). Die Schmiede durften keine 
Messer anfertigen (B 1156), die Messerschmiede keine 
fremden Messer feilhalten-^-') (B 1395 vergh 1425). Be- 
sonders aber sah man den Bäckern und Fleischern auf 
die Finger. Wir finden Verzählungen wegen Ungehor- 
sams beim Backen (B 1632), insbesondere wegen Backens 
von zu kleinem Brote (B 1501. 1786), wegen Verkaufs 
von Brot aus der Stadt gegen das Gebot des Rates 
(B 748), wegen Verkaufs von schlechtem Fleische (A 87), 
von Kuhdärmen statt Schweinsdärmen (B 830), wegen 
Übertretung der vom Rate gesetzten -•^^) Fleischpreise 
(B 1780. 1781) und sonstiger Verkaufsvorschriften (B 1784: 
Verzählung eines, der einen Kalbskopf nicht allein, son- 
dern nur mit einem Viertel Fleische zusammen verkaufen 
will), wegen Unfugs beim Hausschlachten '^•^^) (B 866). 
Auswärtige Fleischer, die ihre besonderen Bänke hatten -•''''), 
wurden bestraft, wenn sie, entgegen der Vorschrift, nur 
am Sonnabend feilhalten zu dürfen-''"'^), in der Woche 
Fleisch einführten und verkauften (B 1124), ungerechtes, 
(nidit recht bereitetes, unheipiemes) Fleisch feilhielten 
(B 213. 233. 1074) oder auch finniges Fleisch nach aus- 
wärts verkauften (B 1779), statt es in den eigens für 
solches bestimmten Bänken zum Verkauf zu bringen-""). 
Auch der Verkauf von ungesundem (torrecht) Vieh unter 
den Bänken war stratT)ar (1312). — 

Wie der Betrieb eines Handwerks, so stand auch 
das wichtige Brau- und S c h a n k r e c h t nur den Bür- 
gern zu. Nach den spätem Bestimmungen '•^•^^) hatte der 
Bürger, welcher ein eigenes Haus besals, die volle, der, 
welcher ein Haus gemietet hatte, eine beschränkte Brau- 
gerechtigkeit -•^^j. Daher wurde N. Koler verzählt, w^eil 
er gebraut hat „und hat nicht eignes Hauses" (B 1265), 
und Andr. Trenkner, weil er ohne Bürgerrecht gebraut, 
geschänkt und Handlung getrieben hat (B 1341). Die 



232) vergl. Stadtrecht Zusatz 6 J? 2. 
2''3} Vergl. Stadtreclit Kap. XLIII § ?,. 

234) Vergl. die Vorschriften darüber ÜB. I, 125 § 10. 126 § 22. 
III, 472 § 12. 

235) macella carnificum extraneorimt ÜB. 1, 74. 
2«ß) Stadtrecht XLIII § 9. 

2Ü7) Vergl. ebenda § 4. 

23^) Nach dem Stadtrecht Kap. IV i< Vi durfte auch füi' Nicht- 
ansäfsige gemälzt vverdeu; somit waren in älterer Zeit wohl auch 
diese nicht ganz ausgeschlossen von der P.rauherechtignng. 

-«') ÜB. I, 154.160. 



80 Hubert Ermisch: 

Zahl der Biere, die jeder Bürger brauen durfte, ihre 
Qualität und Quantität wurde von Zeit zu Zeit fest- 
gesetzt -^"). Um die Einhaltung dieser Bestimmungen 
kontrollieren zu können, war es Vorschrift, dals jedes 
gebraute Bier dem Rate angemeldet und hier aufge- 
schrieben wurde; der Brauberechtigte, der ohne Vor- 
wissen des Rates brauen, wie der Brauer, der die ge- 
brauten Biere nicht aufschreiben liels, wurden verzählt 
(B 879. 1230. 1445). Später gab der Rat dem sich melden- 
den Brauberechtigten ein Brauzeichen, ohne welches 
niemand brauen durfte und das nach dem Brauen zurück- 
gegeben werden mulste (B 1625 — 1627). Wer sein 
Zeichen einem andern gab, statt selbst zu brauen, war 
ebenso strafbar, als der, der es annahm und darauf 
braute (B 1601. 1602. 1661). Nur innerhalb bestimmter 
Monate durfte gebraut werden-^';; wer diese Frist nicht 
einhielt, wurde verzählt (B 61. 1119). Geringes Bier, 
sog. Kesselbier, durfte man nur auf besondere Erlaubnis 
des Rates brauen-^-) (B 1419). Zur Beobachtung aller 
dieser Vorschriften mulste sich der Brauer eidlich ver- 
pflichten; die Verletzung dieser Pflicht wird 1414 mit 
einer Strafe von einer Mark und event. der Verzählung 
bis zur Zahlung dieser Strafe bedroht ^*-^) (B 1116. 1117). 
Der gleichen Strafe verfiel der Brauer, der „unterstiefs" 
d. h. heizte und Wasser aufgofs, bevor zur Frühmette 
geläutet war'-*^); daher die Verzählung von Brauern, 
welche hie tage (B 1037), zu heczyfe (! B 1258), rur czwen 
(B 1062), zu XI (B 1507) untergestofsen und Wasser 
aufgegossen hatten. Endlich wurden Brauer bestraft, 
wenn sie gegen die Vorschrift-^') zwei Braupfannen 
führten (B 363). 

Ebenso war den Mälzern, deren Gewerbe mit dem 
der Brauer eng zusammenhing, verboten, zweier Malz- 
häuser (Darren) zu warten ^'^'^). Wie die Übertretung 
dieser Vorschrift (B 538. 632. 634), so war auch das 
verbotene Mälzen von Hafer -'*') Anlafs zur Verzählung 
(B 975). 



240) Vermerke darüber UH. 1, 119. 124 § 1. 129. 154 156. 160. 

2*1) Vero-l. ÜB. I, 124 i; 1. 7. 

-■*-) Vergl. ebemla 160. 

24!!) Yergi. ebenda 129. 

2«) Ebenda. 

2«) ÜB. I, 124 § 2. 129. 

2*«) ÜB. I, 124 § 3. 

2*') Ebenda. 



Das Verzählen. 81 

Das Ausschroten des gebrauten Bieres aus den 
Kellern zum Beliule des Verscliankes, das sogenannte 
Schrotamt, war von Alters her eine Einnahmequelle 
der Stadt'-"**); es wurde daher von besondern Bier- 
schrötern besorgt, die, wenigstens in späterer Zeit, ihr 
Amt vom Rate gegen eine gewisse Abgabe pachteten -''■'). 
Wer ,,in ihr Gedinge griff" und selbst Bier schrotete, 
war strafbar (B 611). 

War die städtische Tranksteuer, wie man etwa die 
Schrotabgabe bezeichnen kann, berichtigt und das Bier 
nicht etwa mit Gericht verboten (B 403), so verschänkte 
es der Brauberechtigte, wobei er selbstverständlich rich- 
tiges Mals haben ;Verzählungen Avegen zu kleinen Maises 
B 404. 426. 429. 927. 928. 9,36) und den vom Rate fest- 
gesetzten Preis innehalten muliste; wenn die Alexiussin 
ein Mals Bier um zwei Pfennige gab und deshalb ver- 
zählt wurde (B 1823), so lag wohl ein Vergehen letzterer 
Art vor. 

Verboten war dagegen die Einfuhr und der Aus- 
schank fremden Bieres -■*"); wer solches ohne Erlaubnis 
des Rates in die Stadt einführte (selbst wenn es für ein 
Kloster bestimmt war B 1660), einlegte und verschänkte, 
hatte ein Schock für jedes Fafs zu hülsen oder wurde 
bis zur Zahlung dieser Bulse verzählt (vergl. A 64. 100. 
106. B 70. 865 1001. 1041). Auch den traf Strafe, der 
von der Einfuhr fremden Bieres erfuhr und es unterliels, 
dem Rate Anzeige zu erstatten (B 1129). Ebenso war 
der Ausschank von Wein an eine besondere Genehmi- 
gung, für die der Rat wohl den sog. seczeivein^''^) zu 
erhalten hatte, und an einen bestimmten vom Rate ge- 
setzten Preis gebunden (B 1131). 

Der Deutsche hat es stets geliebt, bei Bier und 
Wein die Zeit zu A'ergessen; so war es denn nicht un- 
begründet, wenn die Obrigkeit sich verpflichtet fühlte, 
ihn daran zu erinnern. In Freiberg wurde im Jahre 
1442 die Polizeistunde eingeführt: niemand sollte länger 
als bis 7 Uhr im Sommer und bis 9 Uhr im Winter in 
fremden Häusern bei Bier und Wein sitzen dürfen; ein 
Glockenzeichen forderte zum Heimweg auf. Nur im 



218J Vergl. die allerdings viclfacli nicht mehr ausreichende Schrift 
von J. F. Klotz seh, Das Schrotamt (Dresden 1766). 

249) Veröl. ÜB. III, 460 ff. 

250) ÜB. I, 127 5^ 6. 

"-">') ÜB. T. 12«. ?. III, 473 § 28. 

Neues Archiv f. S. (i. u. A. XIII. 1. 'i. 6 



82 Hubert Ermisch: 

städtischen Weiiihaiise, wo füi^ Aufsicht gesorgt war, durfte 
man länger verweilen'-'"-). Dals diese weise Malsregel 
keineswegs allen gefiel, geht aus den starken Ausdrücken 
hervor, mit denen N. Haupt diejenigen schmähte, die „zu 
der Glocke gewillt hatten" (B 1347). Der Rat liefe ab 
und zu durch den Stadtvogt und andere städtische Diener 
nächtliche Revisionen vornehmen ; es kam dann wohl 
vor, dafe die Wirte ihre Thüren zuschlössen und die 
Gäste zum Hinterpförtchen hinaus liefeen (B 1345), wofür 
sie dann freilich ebenso verzählt wurden, wie die, welche 
gegen den Willen des Wirtes im Hause blieben (B 1709 
vergl. 1720). 

Damit sind wir auf das Gebiet der Sittenpolizei 
gekommen. Des städtischen Frauenhauses gedachten wir 
bereits oben -■''•^). Ehemänner, welche dasselbe besuchten, 
sollten 1 Mark leisten oder im Nichtvermögensfalle am 
Pranger stehen oder auf die Schuppen gesetzt werden -'^*); 
auch mehrere Verzählungen aus diesem Grunde kommen 
vor (B 781. 1016. 1030, auch wohl 229). Aufeerhalb des 
Frauenhauses ihrem Gewerbe nachzugehen , war den 
freien Frauen untersagt ; daher wurden verschiedene Weibs- 
personen wegen unzüchtigen Lebens verwiesen oder ver- 
zählt (B 226. 600. 1751, vergl. auch 984. 1655) und ebepso 
ging es ihren Zuhältern und denen die „büferie"' (hugerie 
B 776) hegten (B 367. 389. 509. 511. 600. vergl. 871. 1670. 
1728). Liefe sich eine freie Frau im Bierhause blicken, so 
sollte sie nach der Polizeiverordnung von 1487 in die 
Schuldkammer gesetzt werden -■'■^) ; dafe sie es auch früher 
♦ thaten, beweist die Verzählung des Trebel, der eine freie 
Frau im Weinhause geschlagen hatte (B 1237). — Auch 
zwei Verzählungen wegen Bigamie (ß 426.510) mögen 
hier erwähnt werden -'''''). 

Gegen die alte deutsche Leidenschaft des Spiels 
wandte sich bereits das Stadtrecht, indem es die Höhe 
des Einsatzes bestimmte und Maferegeln gegen die Aus- 
beutung von Haussöhnen traf '-''^); spätere Polizeiordnungen 

252) ÜB. I, 165. III, 474 § 30. Über Vergehen im städtischen 
Weinhause s. o. S. 58 f. 

253) S. 59. Vergl. auch S. (Ü. 

25^) ÜB. I, 119. 127 i< 10. Später wurde die .Strafsumme erhölit 
ÜB. III, 474 § 35. 

255) ÜB. III, 475 § 4ii. 

256) Ein weiterer fall Stadtb. II No. 448. Notzucht, Entfüh- 
rung s. 0. S. 59. 

257) Stadtrecht Kap. V i< 9—12. XLIX i; 47. 



Das Verzählen. 83 

verschärften diese Vorscliriften -^^ k Dem entspricht es, 
wenn das Veizählbuch mehrere Fälle aufführt , in denen 
wegen unerlaubten Spiels (B 11^3. 1409), wegen Hegung 
von Spiel und Spielern (B 224. 276. 312) und wegen 
Nichtzahlung der für Spielvergehen verhängten Bulse 
oder Nichtbefolgung des Vorgebots vor den Rat zur Ver- 
antwortung wegen solcher Vergehen (A 105. B 312. 342) 
gestraft wurde. 

Die zahlreichen Verzählungen wegen Unfugs auf den 
Stralsen, ungewöhnlichen Geschreis (B 1432) , Erregung 
von Aufläufen (B 1101) u. dergl. m. gehören auch noch ins 
Gebiet der Sittenpolizei. Zwei Personen wurden verzählt, 
weil sie gegen der Herren Gebot auf der Pauke geschlagen 
haben (B 1399). Interessant ist, dals 1429 eine Frau, 
genannt die „Brud", verzählt wird, weil sie auf dem Felde 
ohne Grund gerufen habe: „Flieht, flieht, sie kommen, 
sie sind im Tiefen Grunde" — was in jener Zeit der 
Hussitengefahr einen grolsen Schreck verursacht haben 
mag (B 740). Aulserordentlich zahlreich sind die Ver- 
zählungen wegen Nachtgeschreis und mannigfachen 
nächtlichen Unfugs -•^•^) (B 132. 486. 534. 587. 589 u. sehr oft). 

Dies führt uns auf das Gebiet der Sicherheits- 
polizei hinüber, die dem Rate bei dem gewaltthätigen 
Geiste jener Zeit viel zu schaifen machte. Das Stadt- 
recht gestattete das Waffen tragen innerhalb der 
Stadt nur gewissen obrigkeitlichen Personen"-*'"); es setzt 
dies voraus, dals es den andern Bürgern, die aulserhalb 
der Mauern Waifen führen durften'-*'^), nicht erlaubt 
war. Um 1413 wurde das Tragen ,, ungerechter Wehre'' 
d. h. von Spielsen, Schwertern, Armbrüsten, langen Mes- 
sern, „dicken Schebelingen", Beilen, Barten und allen 
eine bestimmte Länge überschreitenden Waffen, auch von 
zwei Messern ausdrücklich verboten-"-). Vogt und Rat 
machten zuweilen Umgänge nach verbotenenWaffen, nahmen 
fort, was sie davon auffanden, oder beschieden ihre Be- 
sitzer zur Ablieferung der AVaffen auf das Rathaus. Mat. 
Hotenner wurde verzählt, weil er „unbescheiden Wort 
redete in Gegenwart des Bürgermeister und der Bürger 

258) UB. I, 126 § 3. 207. HI, 47! i; 1. 

250) Vergl. UB. 1, 12« t; 2. III, 474 i; 31. 

200) vergl. Stadtrecht Kap. XXXVU i< 1. 9. XXXYIH i; I. 
XXXIX t? l. XL § 1. Vergl. UB. I, (55. 

2»') Stadtrecht Kap. XXXVII i? 10. XXXIX 5< 6. 

2«2) UB. I, 127 § 4. Vcrpl. III, 471 J; 2; an letzterer Stolle ist 
das Verzeichnis der i,mortlichon (icAvclire- noch erheblich länger. 

6* 



84 Hul)ert Erinisch: 

und des Vogts, da sie umgingen nach Messern und 
Schwertern" (B 19 vergl. 1389j. Wer „ungerechte Wehre'" 
(lange Messer, Armbrüste, Schwerter, Beile B 1047. 
1052. 1058. 1060. 1078. 1107. 1108. 1110. 1200. 1259. 1284. 
1322, pfafoysen B 1283, zcerper B 1329. 1330, zwei 
Messer B 84) auf der Strafse führte oder auf Befehl 
nicht ablieferte, wurde verzählt (B 1020. 1049. 1089. 
1135. 1140. 1271). 

Aus sicherheitspolizeilichen Gründen erklärt sich 
auch das schon oben S. 19 erwähnte Verbot des Hausens 
und Hofens freradei" Leute, dessen Übertretung einige 
Male erwähnt wird (B 14, yergl. 1733. 1789); kulturge- 
schichtlich interessant ist die Verzählung einer Frau, die 
ihr Haus an „Sterczer" d. h. Gaukler, fahrende Leute-*^'^) 
vermietet hatte (B 1721). Von den Folgen der Ax\f- 
nahme Verzählter war bereits die Rede. Die Aufnahme 
Gebannter muMe schon deswegen als eine Schädigung 
der Stadt gelten , weil sie die Einstellung des Gottes- 
dienstes zur Folge hatte (B 1706. 1707); darum w^urde 
auch N. Heinze verzählt, weil er gelobt hatte, sich aus 
dem Banne zu w^ii^ken, und dies dann nicht that (B 139). 

Endlich mag hier noch die Verzählung einer grölseren 
Anzahl von Personen erw^ähnt werden, die „neue Brüder- 
schaft gemacht hatten, dannen der Stadt grolser Schaden 
entstehen mochte" (B 814). 

Was die Baupolizei anlangt, so bestimmt das 
Stadtrecht , wie weit der Hausbesitzer auf die Gasse 
hinaus bauen darf und welche Verpflichtungen er seinem 
Nachbar gegenüber hat; ferner, dais „unrechte Bauten" 
d. h. dem Rechte widerstreitende Anlagen, die den Nach- 
bar schädigen , auf Verlangen desselben jederzeit zu be- 
seitigen seien ; das dabei zu beobachtende Verfahren stellt 
es ausführlich dar-*^^). Nur wenige Einträge unseres 
Buches erinnern hieran. Paul Stregis wird verzählt, weil 
er ein Haus in der Fischergasse auf Befehl des Rates 
nicht abgebrochen, Heinr. Snyder, weil er unrechten Bau 
nicht abgethan hat (B 265. 267), endlich Hoppe, weil er 
uf dy gemeyne cm tuissen (des Rats) yepauet hat (B 
1430). Auch die Verzählung des Petir Rouber, der eine 
prifefe yehuet hat über einen Schacht, der vff den stallen 
gehet (B 338), erwähnen wir hier, obwohl die Mitwirkung 



203) Vergl. ÜB. III, 474 § 34. 

-«') Stadtrecht Kap. I §'32—84. Y i; 21. 



Das Verzählen. 85 

der (Berg-) Amtleute bei der Verzähliuig die Sache eher 
als ein Bergwerksvergehen erscheinen lälst. 

Andere baupolizeiliche Bestimmungen hängen mit 
der Feuer Ordnung zusammen, deren hohe Wichtigkeit 
die grolsen Stadtbrände des 14. Jahrhunderts in nur zu 
deutlicher Weise gelehrt hatten. Die wichtigste Mafs- 
regel wäre die Ersetzung der Holz - und Fachwerkbauten 
durch steinerne Häuser gewesen ; allein ist auch ein der- 
artiges Bestreben z. B, darin bemerkbar, dals der Rat 
gelegentlich jemandem gegen das Versprechen, sein Haus 
in bestimmter Frist steinern bauen zu wollen, die verwirkte 
Strafe erliefs (Stadtb. II No. 135), so waren die Vermö- 
gensverhältnisse der Einwohner doch nicht der Art, dais die 
Physiognomie der Stadt sich rasch hätte verändern können; 
Steinhäuser gehörten während des ganzen Mittelalters 
zu den Seltenheiten. So galt es denn durch polizeiliche 
Maisregeln dem Ausbruche eines Feuers möglichst vor- 
zubeugen. Vor allem sollte man die Feuerstätten gut 
verwahren. Niemand durfte brauen, der nicht eine 
Feuermauer und einen Korb um die Esse hatte "-"''). Die 
feuerpolizeiliche Aufsicht führten (spätestens seit 14o9) 
die Gassenschöppen ; Aver auf ihren oder des Rats Befehl 
„ungewerliche Feuerstätten" nicht besserte (B 677. 1038. 
1097), seine Feuermauer nicht in baulichem Wesen hielt 
(B 1419), überhaupt unvorsichtig mit Feuer umging 
(B 173.508 545. 1155), wurde bestraft. So auch Assmann 
Junger, weil er nicht, wie ihm von den Gassenschöppen 
geboten, Holz fortgeschafft (B 1039), Heinr. Grosse, weil 
er Kohlen in seine Kammer getragen hatte (B 1240); 
in beiden Fällen war dadurch Feuer entstanden. Wie 
das Flachsdörren -*'*^), so war auch das Dörren von Holz 
über dem Feuer verboten (B 1040). Nicht selten werden 
solche bestraft, die auf dem Markte oder sonst an un- 
geeigneten Stellen in der Stadt Feuer gemacht (B iiH:i. 
9()1. 1241. 1289 1293. 1452) oder in unvorsichtiger Weise 
mit Lichten (B 546, vergl. 628) oder Strohwischen (B 606) 
geleuchtet hatten -''") ; ja einer wird verzählt, weil er auf 
seinem Haupte ein brennendes Fais vom Markte bis in 
die \Veingasse getragen haf-"'^) (B 1276). Für fahrlässige 



2ß5) UB. I, ]ßo. 

20«) UB. I, 125 i< 5. Vergl. 111, 473 i; 25. 
-'") Verbot des Leuchtens mit Pfannen UB. 1, 125 § 5. Vergl III, 
473 ij 25. 

''^^) Ein ähnliches Vergehen s. oben 8. 



86 Hubert Ermisch: 

Brandstiftimg-, die in manchen der erwähnten Fällen vor- 
lag, ist wohl aiicli das Vergehen des Bäckers Lorenz 
Lange zu halten, der „Feuer unter den Brodbänken ge- 
macht hat, dafs das fürder entbrannt ist" (B 962); da- 
gegen scheint eher vorsätzliche Brandstiftung vorzuliegen, 
wenn der Glöckner von St. Nicolaus und sein Knecht 
verzählt werden, weil sie ,,den Thurm zu St. Mclaus 
möcliten verbrannt haben, hätten das Gott und fromme 
Leute nicht bewahrt und geläutet" (B 136), und Hans 
Jenichen, weil er das Frauenhaus angezündet hat (B 678). 

War irgendwo Feuer ausgebrochen, so waren der 
Hausbesitzer und, sein Gesinde bei einer Mark Strafe 
verpflichtet, dasselbe zu beschreien, bevor es über das 
Dach kam "-''**) ; doch wurde das oft unterlassen, wohl aus 
Furcht vor Bestrafung der Fahrlässigkeit oder weil 
brennende Häuser sofort niedergerissen wurden (B 5. 
17L 458. 1077. 1093. 1097. 1188. 1189. 1224—1236. 1239. 
1372. 1402). Aber auch falscher Feuerlärm wurde be- 
straft (B 673), 

Zur Hilfeleistung bei Feuersnot war jedermann ver- 
pflichtet ^'"). Daher wurden um 1422/25 mehrere verzählt, 
die bei einer sonst nicht bekannten „grolsen Feuersnot" 
nicht hatten arbeiten wollen (B 505), und ebenso Michel 
Reuber und sein Weib, die ihrem eignen Hauswirte nicht 
hatten helfen wollen (B 635). 

Die Stralsenpolizei machte weniger zu schaifen. 
Wie es um die Reinlichkeit der Stralsen stand, ergiebt 
sich daraus, dafs Markgraf Heinrich der Erlauchte im 
Jahre 1259 dem Hospital den Mist, der auf dem Markte 
gesammelt wurde (ßwumi qitud coUigitur in foro Vriherc), 
zum Geschenk machte -^^). Das Stadtrecht (Kap. I § 34) 
bestimmte, dafs jedem Hausbesitzer der Mist vor seinem 
Hause bis mitten in die Gasse gehöre, verlangte aber 
auch, dafs er den Weg vor seiner Thüre bessern solle, 
ah he iz verniar. Ebensowohl feuer- als stralisenpolizei- 
licher Art war die Bestimmung, dafs die Schmiede den 
Sinder nicht auf die Strafse werfen sollten -'^), die 1487 
dahin erweitert wurde, dafsjeder seinen Abraum aus der 



-ö») ÜB. I, 127 S 8. III, 473 i; 2H. 

-™) UE. I, 124 i; 4. III, 478 tj 2!». Insljesondere der Päfhter 
des Schrotamts, der zugleich die Aufsicht über die städtische Was- 
serleitung hatte, ebenda 464. 

2^1) ÜB. I, 17. 

272) ÜB. I, 125 § 10. 



Das Yerzälileii, 87 

Stadt ZU entfernen habe ^'^^). Das Verzälübuch enthält 
nur zwei Fälle von Verunreinigung- der Stralsen durch 
Unflath (B 1665. 1850). Wegen Zerhauens der Steige 
d. h. wohl der Treppen, die aus den niedern in die höhern 
Stralsen führten, wurde AValther von Geier (B 1798) 
verzählt. 

Häufiger kommen Yerzählungen vor wegen ver- 
schiedener Frevel an der städtischen Röhrwasserleitung 
(A 107. B 382. 475. 516. 1353. 1829) und an den Brunnen, 
unter denen namentlich der „Steinhorn" hervorgehoben 
wird (B 514. 517. 1055); auf die Reinhaltung der letztern 
wurde streng gehalten, namentlich war es verboten in 
ihnen zu watschen '-^'') (B 1301. 1373. 1427) oder zu baden 
(B 1756). 

Ebenso war die Verunreinigung des Stadtgrabens 
(B 257) und das Fischen in demselben ohne Genehmigung 
des Rats (B 1540) sowie Beschädigungen anderer Teile 
der Stadtbefestigung, wie des Zwingers, der Thore und 
Türme (B 1678. 1680. 1708. 1730. 1824) strafbar. Un- 
verständlich ist mir die Verzählung von Alexius Sohn, 
der „die thole uff dem i-othuse derwurffen hätte" (B 1615). 

So wirft unser Verzälübuch in die mannigfachsten Ver- 
hältnisse des bürgerlichen Lebens Streiflichter; bei der 
Dürftigkeit der uns sonst überlieferten Quellen über die 
Kulturzustände unserer Heimat im Mittelalter schien 
eine eingehendere Bearbeitung desselben eine Pflicht zu 
sein, der sich sein Herausgeber nicht entziehen durfte. 

C. Das Ende des Verziihleiis. 

Unser Verzählbuch wurde etwa bis 1468 (B 1865) regel- 
mäfsig fortgeführt; die letzten 9 Einträge gehören zwar 
wahrscheinlich in spätere Jahre (so B 1866 ins Jahr 1472?), 
aber wir gehen wolil nicht fehl, wenn wir annehmen, dals, 
obwohl das alte Verzählbuch noch Raum genug bot, doch 
um 1468 ein neues angelegt wurde. Dieses hat sich 
nicht erhalten ; es reichte vielleicht bis 1505. Dann er- 
innerte man sich wieder des alten Buches und benutzte 
es in den Jahren 1505 — 1517 zur Eintragung der 
Verzählungen ; diese 126 Nummern hat unsere Ausgabe 
nicht mit aufgenommen. Nach 1517 ist mir kein weiterer 



273) UB. III, 472 § U). 

2'*; UB. I, 135 § 17. III, 473 g 20. 



88 Hnljert Ermisch: 

Fall einer Verzählmig' bekannt; aber das liegt nur daran, 
dals spätere Aufzeichnungen nicht erhalten sind, denn 
das Institut des Verzählens selbst dauerte , wie wir aus 
der gleich zu erwähnenden Verordnung des Herzog Hein- 
rich von 1525 sehen, auch später noch fort. 

Obwohl Klagen bei Hofe nur im Falle der Rechts- 
verweigerung gestattet waren (oben S. 68), lälst es sich 
doch begreifen, dafs hie und da bei den Landesherren 
Beschwerde gegen den Freiberger Rat wegen erfolgter 
Verzählung geführt wurde. Eine solche hatte z. B. 
Andr. Erbesesser um 1414 erhoben ■-^^) ; wahrscheinlich 
ohne Aveiteren Erfolg, als dals die Bürger die Thatsache 
der Beschwerdeführung, (larcoi er yn uminilkli iietan hat., 
(la.i sie voll iiii unhiUichcn lulen, in ihr Stadtbuch ein- 
trugen, um ihrer gelegentlich eingedenk zu sein. Als im 
Jahre 1475 Hans Gerhart und Paul Weibe, die, so weit 
sich aus dem ziemlich unklaren Schriftstücke entnehmen 
lälst, wegen Vorenthaltung gewisser Erbstücke verzählt 
worden waren , sich an die Landesherren wandten , er- 
suchten diese den Rat, bis zur Hinkunft landesherrlicher 
Räte die Verzählung aufzuheben und ihre Klage ruhen 
zu lassen -'") ; es geschah dies jedoch in so schonender 
Form, dals man das Bestreben die althergebrachten Ge- 
wohnheiten der Stadt nicht zu verletzen deutlich erkennt. 
Auch in dem oben S. 36 erwähnten Falle des Hermann von 
Weilsenbach wurde im Prinzip dem Rate Recht gegeben. 

Weniger schonend verfuhr Herzog Heinrich. Wie 
er 1517 nachdrücklich für die Berechtigung einer Be- 
rufung an den Herzog eintrat -"') , so scheint er auch in 
den uns angehenden Teil der städtischen Strafrechts- 
pflege Eingriffe gemacht zu haben. Auf eine Supplika- 
tionsschrift des Rates, die neben andern auch diesen Punkt 
betraf, entschied er am 30. Juli 1525 folgendermalsen : 

Dritten die verweisteii personell belangende, ist pillich, das iin.ser 
und unser vorordentten retlie befhelich darinnen vorhaltten , so viel 
immer möglich uutzucht gestraift und abgewandt, auch tugent mit 
gepurlicher forderunge vergleichet. So tragen wir doch gut wissen, 
das ir niemandes ferner vortzelen nach voriveysen möget, dan 

^'^^) Stadtbnch II No. .58. Sie könnte sich auf die im Verzäbl- 
liuch B unter Ko 175 cder 189 vermerkten Verzäblungen beziehen. 

-■"■') Schreiben des Kurf. Ernst und Herz. Albrecht an den Rat 
zu Freiberg d d. 1475 Nov. 4: Or. im Ratsarchiv zu Freiberg, gedr. 
Klotz seh, Das Verz eilen S. 124 f. 

2'^) Vergl. sein Schreiben von 1517 Juni 30 bei Schott, Samml. 
zu den deutschen Land- und Stadtrcchtrn ITT. 96. Er misch. Das 
Freiberger Stadtrecht S. LXXIl. 



Das A'erzähloii. 89 

euch gerichtc und gebiettc vorliehen. Waii demselbig'Cii also uocli- 
gegangeu. durffet ir derwegen bey uns keiner beschwerde ader Un- 
gnade befharen u. s. w. ""'^) 

Wenn Klotzscli und nach ihm andere '^ ''•') aus dieser Ver- 
ordnung ein völliges Verbot der Verzählung haben heraus- 
lesen wollen, so beruht das auf einem offenbaren Milsver- 
ständnis der oben hervorgehobenen Stelle. Dem Rate 
wurde vielmehr nur untersagt, über die Grenzen seines 
Gerichtsgebietes hinaus zu verweisen. In früheren Zeiten 
kam dies oft vor (oben S. 33 f.); jedoch erfolgte in fast 
allen derartigen Fällen die Verweisung unter Mitwirkung 
des Obervogts oder anderer landesherrlicher Beamten. 
Vielleicht hatte sich der Rat angemalst ohne eine solche 
Mitwirkung Vei'weisungen auszusprechen, die über seinen 
Gerichtsbezirk hinaus wirken sollten; gegen derartige 
Mißbräuche wandte sich Heinrichs Verordnung, das eigent- 
liche Verzählen aber liels sie unberührt. 

Es lälst sich jedoch nicht leugnen, dals im IG. Jahr- 
hundert das Verfahren des älteren Rechts gegen Ab- 
wesende, das nicht blols in Freiberg, sondern auch ander- 
wärts Entartungen zeigte, auf mancherlei Bedenken stiels. 
So heilst es z. B. in einer Abhandlung „Procels von der 
Acht", die der 1535 bei Melchior Lotter in Leipzig ge- 
druckten Ausgabe des Sachsenspiegels -^*^) angehängt ist: 
Denn ans dem Mifsbraucb, das man mit der vortestuiig also 
leicht ist umbget>angen nnd die lewt uff unschlilsliche vvan und sus- 
pitiun ohne alle vorgehende Ladung etc. . . . geechtiget, ist herge- 
flossen, dals die vorfestnngen seyn yn grol'se vorechtung gef'nrt. 

Das Eindringen des römischen Rechts, die neuen 
strafrechtlichen und strafprozessualischen Grundsätze, 
welche die Halsgerichtsordnimg Karls V. einführte, und 
der Umstand, dals auch in der städtischen Verwaltung 
mehr und mehr der Einflufs gelehrter Juristen sich geltend 
machte, wirkten zusammen, um eine Einiichtung zu ver- 
drängen, die in Freiberg Jahrhunderte lang als ein be- 
sonderes Vorrecht der Stadt angesehen und hochgehalten 
wurde. AVie so manche alte Rechtsgewohnlieit. verschwand 
das Verzählen aus dem Rechtsleben des Volkes, ohne 
dals es je durch einen bestimmten Akt abgeschafft worden, 
ja ohne dals man den Zeitpunkt seines Aufhörens genau 



-'®) Ol', auf Pap. im Ratsarcbiv zu Freiberg (K. 2). 

2'9) Klotzsch, Das Verzellen S. 125 f. lUirsian. Mittb. des 
Freiberger Altertunisvereins I. 29. Ben sei er, Gesch. I''rcilien;s 
S. 384 ;«8. 

-«Oj Aaa 11. Angeführt bei Uieuko a. a. U. S. 8. 



90 Hubert Ermisch: Das Verzählen. 

angeben könnte. Als Kurfürst August durch seine Kon- 
stitutionen (1572; dem Freiberger Stadtrecht die Axt an 
die Wurzel legte, wurde wohl längst nicht mehr verzählt; 
sonst wäre doch vielleicht in den langjährigen Verhand- 
lungen, durch welche der Rat sein altes Eecht zu schützen 
suchte-*^), auch diese Eigentümlichkeit der Freiberger 
Gerichtspraxis zur Sprache gebracht worden. Nur eine 
Seite des Verfahrens , der eigentliche Achtsprozefs , der 
auch sonst in Sachsen üblich war, hat sich noch länger 
erhalten; auf seine spätere Entwicklung einzugehen, ist 
jedoch nicht unsere Aufgabe. 



2N1) Verg-1. Ermisch, Das Freiberger Stadtrecht S. LXXV it. 



II. 

Mitteilimgeu zur sächsisch -tliüriugisclieu 

Geschichte ans den Handschriften der alten 

Schneeberger Lycenmsbibliothek. 

Von 

Eduard Heydenrekli. 



Die alte Schneeberger L5^ceumsbibliotliek besitzt eine 
stattliche iinzahl Handschriften historischen, juristischen, 
pädagogischen, philologischen und theologischen Inhaltes. 
Bisher wurden dieselben in einem Anbau der St. Wolf- 
gangskirche aufbewahrt; für künftige Zeiten aber ist 
ihnen in den neuen Gymnasialräumen eine freundlichere, 
zu häufiger Benutzung einladende Aufstellung vorbelialten. 
Ihr teilweise sehr massiver Einband erinnert an die Zeiten 
des Mittelalters, in denen dieselben mit Ketten angebunden 
wurden und als ein kostbarer Schatz dem Besitzer ge- 
sichert blieben. 

Die einzelnen Sammelbände, welche meist im Folio-, 
seltener im Quart- oder Oktav -Format gebunden sind, 
vereinigen Manuskripte von sehr verschiedener Schrift 
und Ausstattung und sehr verschiedenem wissenschaft- 
lichen Werte in sich. 

Infolge der Feuersbrünste, von denen die Stadt 
Schneeberg wiederholt heimgesucht worden ist, hat sich 
keine zuverlässige Nachricht darüber erhalten, ob diese 
Handschriften bereits vor der Reformation durch die 
Mönche, welche in Schneeberg verkehrten^), oder erst in 



^) Melzev, Clironik von Schneeberg- S. 204. Lelnnann, 
Chronik der Bergstadt Schneeberg III, 85. 



92 E. Heyflenreich : 

späterer Zeit durch Kauf oder Schenkung auf das hiesige 
Gebirge gelangten und dem alten Lyceum überwiesen 
wurden. Ein im Jahre 1597 aufgenommenes „Vorzeichnus 
der Buchere, so inn die Schul gehörige" registriert aulser 
einigen anderen Manuskripten „eczliche geschriebene 
buchere allerley Materien, grols vnd Klein, Item Oben 
vifme Bucher Kasten seindt gestanden 37 stuck Allerlei 
Alte papistische gedruckte vnd zum Theil geschriebene 
buchere in 4" vnd Octavo, so nicht sonderlichen vffge- 
zcichnet wordenn " - j . 

Es ist denkbar, dals ein Teil der Schneeberger 
Lyceum shandschriften einst dem berühmten Verfechter 
der päpstlichen Rechte Johann v. Torquemada gehört 
hat. Melzer berichtet an einer wiederholt nachgeschrie- 
benen") Stelle seiner Chronik*): der katholische Pfarrer 
Johann Bischoff zu Sclmeeberg, welcher 1494 seinem 
Vorgänger Peter Iltner v. Weyda im Amte folgte, habe 
in solchem Ansehen gestanden, „dals auch ein Cardinal 
Johannes de Turri cremata, Cardinalis S. Sixti Papae, ihn 
besuchet und bey seinem Abzug etliche Bücher in die 
alte Bibliothec verehret hat". Torquemada latinisierte 
nämlich seinen Namen, nannte sich in allen seinen Schriften 
Johannes de Turre cremata und führte als Kardinal enien 
brennenden Turm im Wappen. Unter den Büchern, die 
er geschenkt haben soll, können recht wohl auch Manu- 
skripte verstanden werden, da für den ungenannten Ge- 
währsmann jener Notiz bei Melzer der Unterschied 
zwischen gedruckten und geschriebenen Büchern gleich- 
giltig sein mochte. Eine Stütze findet diese Vermutung 
darin, dals Turrecrematas Psalmenerklärung, welche durch 
Kürze und das Gewicht der den Psalmtexten unmittelbar 
angeschlossenen oder eingefügten Glossen sich auszeichnet''), 
gegenwärtig dem Handschriftenbestand des Schneeberger 



-) ..Inveiiüiiiuin der Pfarr- und Spital- Kirchen, des Custodis, 
der Pfarr, der Scluübuchere , der kirclien Gesang Buclier vnd der- 
gleichen Auögerichtet Anno 1597." Im Schneeberger Eatsarchiv, 
dessen Benutzung ich der Liberalität des Herrn Bürgermeisters 
Dr. von Woydt verdanke, unter der Bezeichnung G II 3, vergl. be- 
sonders Blatt 7 ff. 

^) Schaarschmidt, Versuch einer Geschichte der Schnl- 
bibliothek zu Schneeberg (Progr. Schneeberg 1813) S. 19. Stade, 
Geschichte des Lyceums zu Schneeberg I (1877), 9. 

■*) Melzer,' Chronik von Schneeberg S. 202. 

•'^) Steph. Lederer, Der spanische Kardinal Johann von Torque- 
mada (Freiburg 1879) S. 265. 



Aus Sclineeberg-er Handschriftou. 9B 

Gymnasiums angehört''). Dem Kardinal lag es auch 
näher als manchem anderen, die gegenwärtig ebendaselbst 
vorhandene Handschrift honen confessorani des Andreas 
Hispanus') zu schenken. Denn damit ist der Zeitgenosse 
und Landsmann Turrecrematas Andreas de Escobar^) 
gemeint, der an den Konzilien von Konstanz und Basel 
teilnahm und ein vielgesuchter theologischer Eatgeber der 
Kurie war''). Aber freilich von einem Besuche Turre- 
crematas nach 1494 kann nicht die Rede sein, denn die 
Aufschrift seines Grabes besagt: „Hie quiescit D. Joannes 
de Twrre cremata naüojie His-panus episcopits Sabinus 
S. R. E. cardhialis S. Sixti qni ohiit XXVI Sept. A. D. 
3ICCCCLXVIir'"). Nun wurden zwar die Schnee- 
berger Erze noch zu Lebzeiten Turrecrematas fündig; 
denn bereits 1453 wird urkundlich bezeugt, dais sich 
etwas .,nff dem Sneherge Ine Zackkoiv eroivget Jiahe, das 
dannelioffenlich were geivynhafft zcu icerden"^^). Allein 
Torquemada sah Deutschland zum letzten Male Ende der 
30er Jahre, als er den Fürstenkonventen von Nürnberg 
und Mainz als päpstlicher Theologe beiwohnte. Von 
einer Reise desselben nach Schneeberg ist auch dem ver- 
dienstvollen Biographen Torquemadas, Herrn Pfarrer 
Dr. Lederer, wie derselbe die Güte gehabt hat mir brief- 
lich mitzuteilen, nichts bekannt. Wenn also die Nach- 
richt bei Melzer nicht vollständig auf Irrtum beruht, so 
kann nur so viel als möglich gelten, dals ein Teil der 
vorhandenen Manuskripte dem Kardinal ehedem gehörte 
und später — wahrscheinlich aus dritter Hand — in 
Bischoffs Besitz und durch diesen nach Schneeberg kam. 
Drei Bände des gegenwärtigen Bestandes, welche die 
Nummern IX, X und XXI tragen, enthalten an ihrem 
Ende den Namen von Wolfgang Kraus, welcher 1509 
sein Amt als katholischer Pfarrer in Schneeberg antrat, 
von Melzer S. 202 als „Egranus Canonicus Frihergensis 
et Wurzensis" bezeichnet wird und 1537 in Freiberg 



ö) Jo. de Turre crematix Cardiiialis expositio super psaltei'iuiii, 
Band XXIV, Blatt 1—1 l:i. 

') Band XXIV, Blatt ;i20 tf. 

®) Fabricius, Biblioth. lat med. et inf. aet. I, 93 f. 

") Finke, Forsclmngcn und (Quollen zur Geschichte des Knn- 
stanzer Konzils (Paderborn 188Ü) S. \m. 

1*') Jac. Quetif und Jac. Ecliard, Scriptores Braedicatoruin 
I, 888 b. 

") Er misch, Das sächsische Bergrecht des Mittelalters 
(Leipzig 1887) S. CL. 



94 E. Heydeureicli : 

starb. Vorbesitzer des gegenwärtig mit No. XVI be- 
zeichneten Bandes scheint Johann Zympel gewesen zu 
sein^-). Den Folianten No. XIX hatte, wie ein auf dem 
Holzeinband aufgeklebtes Blatt Papier besagt, der Fran- 
ziskaner Georgius Zügner aus Zwickau gekauft de uno 
sacerdote secidari qui vocahatur Symon. — Die alte 
Lyceumsbibliothek wurde anfangs in der Schule unter- 
gebracht, im Jahre 1614 aber in das Gemach über der 
Sakristei der St. Wolfgangskirche verlegt, wo sie vor 
Feuersgefahr gesichert war. 

Von den städtischen Behörden in Schneeberg ver- 
anlafst, unterzog sich Herr Professor Dr. Weicker aus 
Zwickau 1883 der Mühe, die Bibliothek neu zu ordnen ^■^) 
und einen kurzen Handschriftenkatalog anzulegen. Der- 
selbe beschränkt sich , wie dies bei der Beschaffenheit 
der Sammelbände niemand anders erwarten wird, auf 
eine ungefähre Übersicht des Inhaltes und begnügt sich 
wiederholt mit allgemeinen Angaben wie „Betrachtungen 
theologischen Inhaltes" , „Handschrift juristischen Inhaltes" , 
„Legendarium", „Predigten" und dergleichen. Bei dieser 
Gelegenheit hat Herr Professor Dr. Weicker auch eine 
neue Numerierung der Handschriften nach römischen Ziffern 
vorgenommen, welche an Stelle der alten Bibliotheks- 
signaturen mit arabischen Ziffern getreten ist. 

Die genauere Prüfung der Handschriften, mit welcher 
die Leitung des Schneeberger Gymnasiums mich beauf- 
tragte, ergab, dals dieselben wertvoller sind, als bisher 
angenommen wurde ^^). Denn sie enthalten aufser anderem 
nicht nur einige bisher unbekannt gebliebene Nachrichten 
zur Geschichte der sächsischen Lande, sondern auch 
interessante und zum Teil noch ungedruckte Texte zur 



'G^ 



Kircheno-eschichte Deutschlands und Italiens vor der Re- 



^Ö 



formation^''). 



1-) Ein in diesem Bande lose inliegendev, alter halber Bogen 
Papier, von dem es allerdings nicht feststeht, ob er grade zu diesem 
und nicht etwa zu einem anderen Bande gehört, trägt die Eintragung: 
„Dni Joannis Zcympels fuit." 

1») Schneeberger Ratsarchiv Acta B VII a No. 32. Über die 
vorausgegangene Verwaltung der Bildiothek vergl. auch Schnee- 
berger Ratsarchiv Acta G II No. 104. 

^*) Vergl. z. B. Schaarschraidt, Versuch einer Geschichte 
der Schulbibliothek zu Schneeberg (181B) S. 20. 

^■'■') Nähere Mitteilungen hierüber in der Festschrift tavc Ein- 
weihung des neuen Schneeberger Gymnasialgebäudes. 



Aus Schneebergcr Handschriften. 95 

1. Dietrich von Apolda. 

Der im 15. Jahrhundert von sehr verschiedenen 
Händen geschriebene Sammelband XV (früher No. 201), 
dessen Inhalt im Katalog als ein theologischer bezeichnet 
und mit den Worten „Legendarium in verschiedenen Ab- 
sätzen, Predigten, physiologische „Probleme" näher an- 
gegeben ist, enthält unter der Überschrift De sanda 
Elyzaheth fol. 143—154 auf 41 Kolumnen einen geschicht- 
lichen Text in lateinischer Sprache ohne weitere Angabe 
des Verfassers oder der zu Grunde liegenden Quellen. 
Es ist dies aber eine teils kürzere teils längere Bearbei- 
tung des Lebens der Landgräfin Elisabeth von Thüringen, 
welches Dietrich von Apolda im 1.3. Jahrhundert schrieb 
und das lange Zeit die Grundlage aller späteren Bio- 
graphien dieser Heiligen geblieben ist. Wenn nun auch 
insbesondere nach der Untersuchung von Wegele^'') nicht 
geleugnet werden kann, dals die üppig wuchernde Sage 
in der Dietrichschen Schrift bereits einen breiten Baum 
einnimmt, so gehört dieselbe doch zu den wichtigsten 
Quellen über die Landgräfin^"). Bei dem noch immer 
recht fühlbaren Mangel einer guten Ausgabe^*) ist aber 
ein neues handschriftliches Material erwünscht. Ein 
solches liegt in der Schneebergcr Handschrift vor. 

Zum Beweise, dals der namenlose Text der alten 
Schneebergei' Lyceumsbil)liothek der des genannten Do- 
minikanermönches ist, mag der Anfang folgen, wie er 
auf Blatt 143 unter Weglassung der praefatio lautet. 
Um das Verhältnis zu denjenigen Handschriften, deren 
Lesarten bisher von Canisius in seiner Ausgabe und 
von Mencke^-'j veröffentlicht shid, anzudeuten, füge ich die 
abweichenden Lesarten derselben unter dem Texte hinzu : 



^'') V. Wegele, Die heilige Elisabeth von Thüringen, in der 
Histor. Ztschr. V (1861), ;351 ff. 

") Vergl. Wencic, Die Entstehung der Reinhardsbrninier 
Geschichtsbücher (1878) S. 8 ff. — Mielke, Zur Biographie der 
heiligen Elisabeth (Rostocker Dissertation 1888) S. 3l tt'.; auch 
Wattenbach, Deutschlands üeschichtsquellen II (5. Auti.), 3BH. 

'^^) Eine solche ist (vergl. Wenck, Entstehung der Keinhards- 
brunncr Geschichtsb. 8. 10) für die ]\Ionnnienta (lennaniac von dem — 
inzwischen verstorbenen — Konsistoiialrat Kanke in Marburg vor- 
bereitet worden, aber bis jetzt nicht ersdiiciien. 

"^) (Janisius, Thesaurus nionumentoruni ecclesiast. et histor. 
sive lectiones anti(|uae ed. Basnage IV, ] 16 ff'. — Mencke, Script, 
rer. Germ. II. 1987 ff 



9() E. He.ydenreich : 

Eo tempore, quo Pliilii)pus , Swevonim dnx . frater Heiiirici 
quoiidam -*^j imperatoris, et Otto, Heiniiei quoudam Eavarie et Saxoiiie 
ducis filins, a principibus coutencione^V electi, quis eorum arcem Romani 
obtiiieret imperii, ho.stiliter et periculose--) disceptabaiit, erat in 
Alemauia priuceps illustris valde Herniaiiiius Tliuringie lantgravius 
vir utique streunuus et acer in liostes, Ottokari regis Bohemie conso- 
brinus, qui prefatos imperatores nunc istum minc illum"'*) promoveus 
ac provocans alternatim exacerbavit et contra se in prelium excitavit-^). 
In hnjus pallacio et farailia fuernnt sex viri milites'-'') non intimi 
ingenio excellentes honestate morum virtuosi cantilenarum confectores 
snmmi ceitatim sua studia-") efferentes. Habitabat tune in partibus 
Ungarie in terra, que septeni castra vocatur, nobilis quidam et dives 
triiira miliam niarcarum annuatim '-'') habens censum vir pbilosophus 
litteris et studiis secnlaribus a primeva etate -■*) inbutus nigromancia 
et astronomie-") nihiloniinus eruditus. Hie magister Clingisore'^'^) 
nomine adducidicandas''') predictorum virorura canciones in Thuringiara 
per volnntatem et beneplacitum prineipum est adductus. Qui ante- 
quam ad lantgravium introisset nocte quadani in Ysenaco*') sedens 
in area hospicii sui astra magna, diligencia intuitus est. Tnnc roga- 
tus a1) hiis, qui aderaut, si*^^) qua secreta perspexisset, ediceret, 
respondit: Noveritis, quod liac nocte uascitur regis Ungarie filia, que 
Elizabeth nuncupatur^^) et erit sancta tradeturque priucipis^'») filio 
in uxorem, de cujus sanctitatis preconio exultabit et exultabitur 
omnis terra. Ecce! (pii per Balaam ariolum incarnaeionis sue pre- 
nuneiavit misterium, ipse per liunc preelecte sue famule Elizabeth 
predixit nomen et ortum. ßegnahat tunc in Un2;aria Andreas rex 
diviciis clarus et potencia. cui^'') uxor Gerdrudis nomine nobilissimi 
ducis Carintie lilia ut preraonstratum ^''j a domino peperit tiliam 
sui generis*^*) decns. Que in Christo regenerata Elizabeth nomen 
accepit anno dominice incarnaeionis MCfiVII. 

Der weitere Text der Schneeberger Handschrift 
unterscheidet sich von dem bei Canisius Aveseutlich da- 
durch, dafs zahlreiche, bei diesem abgedruckte theo- 
logische Betrachtungen in jener fehlen. Hinter den 
Worten auf Blatt 153 „quasi suaviter obdormiens incli- 
nato capite expiravit sicque a dolore mortis extranea 
occurrentibus (et comitantibus C) angelis et sanctorum 
choris ad sidera evolavit (ad regna evolavit sidera C)" 



-°) quondam fehlt bei (J[anisiusJ. 

-*) contentiose C. 

-") periculose et hostiliter C. 

-^) So auch C; nunc illum nunc istum M[encke]. 

21) concitavit C 

2'^) milites nataliciis C. -") sua certatim studia C. 

-■') annnum C. -'^) a primevo etatis C; optime M. 

-") nigromantiae et astronomiae scientiis C. 

^'') Clyncsor C; Clinsor M. ^') Richtiger: adjudicandas C. 

32) Ysenach C. «») ut si C. 

^•^) nuncnpabitur C. '^■'') hnjus principis C. 

^^) cujus C. '*'') praemonstratum fuerat C. 

^^) generis sui C. 



Aus Schneeberger Handscliriften. 97 

folgt ohne Andeutung eines neuen Anfanges mit den 
Worten „Äffuit in Ret/nnarsburn tunc temjwris cum beata 
migravit (ad dominum) Elizabeth f rater quidam" ein 
Abschnitt, der mit unwesentlichen stilistischen Abweich- 
ungen in Kollars Analecta Vindobon. I, 896 f. unter 
dem Titel ,;de viro religioso cui in die mortis sue beata 
Elizabeth apparuit-' und in Menckens Script, rer. germ. 
II, 2004 f. unter dem Titel „de viro religioso cui beata 
Elyzabeth in morte apparuiP- abgedruckt ist. 

Darauf wird in unserer Handschrift (Bl. 153 b) durch 
die Worte ,p)ost solempnem translacionem ipsius^J^, welche 
bei Canisius und Mencke nicht stehen, der Übergang 
gewonnen zu den folgenden Worten „die sequenti ajyerto 
sarcofago" etc. d. i. zu einer Erzählung, die nicht weiter 
durch Überschrift kenntlich gemacht, bei Canisius aber 
S. 151 f. „De sacro oleo quod de ossibus sanctae Eliza- 
beth emanavit" und bei Mencke S. 2006 „De oleo quod 
de sacrosanctis ossibus efnanavit" überschrieben ist. 

Der hierauf Blatt 153b folgende Abschnitt ist weder 
an den genannten Orten noch bei Struve, Acta litteraria 
ex manuscriptis erutall, 1, 1 ff. gedruckt, wo acht neue 
Kapitel zu Dietrichs Biographie sich finden. Auch wird 
diese Geschichte weder in dem ältesten Bericht über die 
heilige Elisabeth und die an ihrem Grabe geschehenen 
Wunder erwähnt, welcher von Henke ■^■') zum ersten Mal 
veröffentlicht ist, noch in dem Briefe*^), welchen Konrad 
von Marburg behufs ihrer Kanonisation an Papst 
Gregor IX. gerichtet hat. Ebensowenig kommt eine 
Irmgard von Mansfeld in den Eeinhardsbrunner Ge- 
schichtsbüchern vor^^). Dieses Ineditum lautet: 

Matrona (luedam nobilis Irmegardis plena bonis operibus et elemo- 
sinis commorans in castro Seburc soror videlicet honorabilis Bertoldi 
comitis majori« de Mansfelt fimdatons ceiiobii saiictimonialinm in 
Elpbede audiens famam beate Elizabfth ft signorum que ad sepulcruni 
crescebant mirabili devocione provocata in bonore ejiisdem obiit et ipsa 
ad visitanduui sepubTum ejn.s. Cuiuque illnc pervenisset, supcryenit 
eciam vir quidam gestans in uhiis infantnluni cecum natuni, cui nee 
sedes erat oculorum, quem buic niatrone reverende consignavit igno- 



»») Henke, Konrad von Marburg (1861) S. 53 ff. 

'") Abgedruckt in Leonis AUatii 2?',«,«/xr« (Köln 1653) 
S. 269 sqq. 

*i) Annales Reinbardsbrunnenses, berausgcg. von Wegele 1854. 
Eine Dienerin der Elisabetb, Irmengard. begegnet im libellns de dictis 
quatuor ancillarum. vergl. Boerner, Zur Kritik der (^uillen für die 
(Jesch. der beil. Elisabeth, Neue.s Archiv d. Ges. f. ältere deutsche 
Üeschichtsknnde XTTl (1888), 433 ff. 

Neues Archiv 1. S. t:. u. A. Xlll. 1. '<;. ' 



98 E. Heydenreich : 

rans, qiienam ipsa esset, petens instanter, ut ipsnm teneret, donec 
rediret de foro. Quem illa ut erat plena caritate benigne suscepit 
et more gerule ipsum secum ad sepulcrum sancte Elizabeth detulit. 
Et ecce incidit nienti ejus, ut puero a sepe dicta Elizabeth dei 
famula inpetraret lumen oculorum donari; sed et suborta est ex 
huniana fragilitate quedam diftidencia, qua estiniabat nequaquara 
tante sanctitatis preconium meruisse illani quam quondam viderat 
secularibus actibus choree et similium desevisse. Attamen mox de 
tali cogitacione redarguente eam de conscieutia sua penitens vice 
versa retractare cepit, que, quanta et qualia postmodum in pauper- 
tate despecta et similibus pro amore domini volnntarie pertulisset, 
quibus non solum preteritas vauitates diluisse, set et insuper graciam 
omnipotentis dei posset meruisse ; cum devocione magna et fide plena 
sociatis sibi pkmmis utriusque sesus hominibus probis et devotis 
esorabat dominum, quod per merita sibi dilecte Elizabeth ipsum 
infantem oculorum lumine dignaretur nmnerare; Omnibus itaque 
divinam clemenciam cum desiderio iuvocantibus ceperuut repente 
loca oculorum pueri cum quodam fragore audientibus omnibus scindi ad 
modumdurissimi pergameni cepitque puer voce magna ejulatum emittere. 
Quam ammiracione nobilis illa et deo devota matroua respiciens 
vidit ipsum habentem oculos griseos grandos et multum claros. Quod 
videutes presentes dominum deum in sua famula collaudabant. Set 
cum oculos apertos teneret puer, ipsos nee hunc nee illuc ad videndum 
convertere sciret, acceperuut testam ovi ipsamque sursum et infra 
coram oculis ejus duceutes ipsi pretendebant . quousque puer visum 
post eam convertere didicit sicque deinceps usque ad finem vite sue 
claro visu letabatur. Pater vero pueri rediens a foro cum infantem 
suum reposceret, letus reperit oculorum lumine mirabiliter ditatum, 
quem antea doluerit miserabiliter cecum natuni. Venerahilis vero 
hec et devota domina Irmegardis comitissa, hujus colendi miraculi 
testis egregia, postmodum in cenobio beate dei geuitricis in Ro- 
charsdorff in conventu sanctimonialii;m ordinis Cisterciensium conversa 
morabatur laudabiliterque vivens inibi vitam fiuivit. 

Mit den hierauf folg-eiiden Worten „in Strigouiensi 
etiam civitate" beginnt ein neuer Abschnitt , der aber 
weder durch Einrücken einer neuen Zeile, noch durch 
eine Überschrift kenntlich gemacht ist. Es ist dies die 
Erzählung bei Mencke a. a. 0. S. 2006, wo sie die Über- 
schrift trägt: De puella mortna meritis heatae Elijsaheth 
resuscitata. Die Abweichungen des Schneeberger Textes 
sind für diese Gescliichte nicht wesentlicher Natur. Der 
Schlufs desselben lautet: 

Gavisi sunt ergo nimis uterque parens nichilominus puellam 
suscitatam in Martburgk cum oblacionibus deferentes. Deinde leti 
ad propria redierunt. Puella vero cum adolevisset, cum filia regis 
Ungarie in Bawariam duci transmissa est. [Tandem ducis et ducisse ) 
interventu in Ratispona in cenobio sanctimonialium de ordine predi- 
catorum recepta materque et priorissa sororum ibidem eftecta in 
virgiuitate et eximia sanctitate jocundum et mirabile domino exhibuit 
famulatum. 

Hiermit endet der Schneeberger Text des Dietrich 
von Apolda. Derselbe ist bis jetzt gänzlich unbekannt 



Aus Sclmeeberger Handschriften. 99 

geblieben. Auch Justi'*-) und "Walther*"), der nach 
Lorenz^*) die weitaus vollständigste Zusammenstellung 
über die Litteratur zur heiligen Elisabeth bietet, er- 
wähnen die Schneeberger Handschrift nicht. 

2. Nicolaus Baumgärtel. 

Der aus 262 Blatt in 4** bestehende Handschriften- 
band No. XII enthält eine bis jetzt verschollen ge- 
bliebene kirchenrechtliche Arbeit. Unter dem, auf den 
Rand des ersten Blattes eingetragenen Wunsche Veiii 
sande sinritus befindet sich zunächst ein Register mit 
der Unterschi^ift auf Blatt 50: „Explicuerunt inicia ca- 
pit'iäorum decreti cum suis autoritatibus completa in 
Kempnicz et scrij^ta per me fratrem Nicolaum Baium- 
gertel anno domini 1478." Der Text selbst ist alpha- 
betisch nach Überscliriften geordnet: Aron, Abbates, 
Abbatissa, Abel, Aborsus, Abraham, Abrogatio, Abso- 
lutio u. s. f. Durch gelelirte Verweise werden die ein- 
zelnen Sätze begründet, z. B. unter der Überschrift 
visitare die folgenden über Kirchenvisitation auf Blatt 256 : 

Visitare debent episcopi dyoceses suas ant per se aut per alios 
dumniodo ipsi sint impediti. Item yisitando debent inqiüi-ere de vita 
clericorum et de ornatu ecclesiarum et de reparationibus ubi aliqua 
sunt fracta. Item debent visitando Status laycorum videre, si in 
fide sint stabiles, si diversa crimina sicut homicidium adnlteriuui 
periurium et fonsilia fugiant et resurrectionem credant. Item visi- 
tando non debent cum gravamine sive cum moderacione exquirere. . . 
Item omni anno tenetur episcopus semel dyocesin suam visitare. 
Item visitando temporale Stipendium pro suo obsequio potest reci- 
pere. Item episcopus si non visitat loco visitacionis procuraciones 
non recipiat vel exigat. Item episcopi visitandi et exhortandi yracia 
quotiens necessitas exigit possunt monasteria religiosorum non 
exempta visitare. Item visitando non debent visitandos crudeliter 
desevire. Item in visitacione de dubiis debent coram senioribus in- 
quirere. Item uni visitatori plures ecclesie visitande comniitti 
possunt. Item episcopi ytalici immediate ad curiam Romanam ex- 
spectantes de anno in annura limina apostolormn petere Petri et 
Pauli et Romanam curiam visitare tenentur vel per litteras de impo- 
tentia se excusantes. 

Die mit der erwähnten Stelle des Blattes 50 über- 
einstimmende Unterschrift auf Blatt 262 „Explicit mar- 
garitlia juris per me fratrem Nicolaum Baivmgertel'ordinis 

*2) Justi in seiner Biographie der heil. Elisabeth S. IX f. 

■*«) Walther, Litterar. Handb. f. Hessen S. 37 und 2. Supple- 
ment S. 21 f. 

**) Lorenz, Deutschlands Geschichtsquellen II (U. Aufl.), 94, 
Anm. 3. 



100 E. Heydenreich : 

minorum terminarium pro tempore Kempnicii suh incar- 
nacionis doniini anno 1478 In die sandi Gorgonn martiris 
etc.'' bietet eine erwünschte Notiz zur Chemnitzer Ge- 
schichte. Der Name Baunigarte ist in den Chemnitzer Ur- 
kunden nichts Seltenes^'), aber Nicolaus Baumgärtel un- 
belegt. Die Stiftung eines Franziskanerklosters in Chemnitz 
erhält zwar erst 1485 die päpstliche Bestätigung^*^), doch 
lassen sich seine Anfänge bis 1481 verfolgen^'), und die 
Möglichkeit ist nicht ausgesclilossen , dals ein Franzis- 
kaner bereits 1478 in Chemnitz sich aufhielt, um jene 
Stiftung vorzubereiten. Auch könnte man Baumgärtel 
für den Terminar eines auswärtigen Franziskanerklosters 
halten; urkundlich kommen in Chemnitz nur Terminare 
aus Grimma (Augustiner Eremiten) und Freiberg (Domi- 
nikaner) vor. Nahe liegt auch die Annahme, dals Baum- 
gärtel von einem fremden Franziskanerkloster nach 
Chemnitz gesandt war, um fällige Zinsen einzutreiben; 
Chemnitz hatte Zinsen oder Renten zu zahlen an die 
Franziskaner in Torgau, Dresden und Freiberg. 

3. Andreas Rüdiger von Görlitz. 

Die archivalischen Aufzeichnungen über die Ge- 
schichte der Universität Leipzig im 15. Jahrhundert, 
welche Bruno Stübel 1879 herausgegeben hat, sind ziem- 
lich sparsam^^). Aus dem Jahre 1461 , in welches das 
gleich zu besprechende Gutachten des Andreas Rüdiger 
fällt, enthält das Urkundenbuch der Universität Leipzig 
nur ein einziges Aktenstück über die Türkengefahr*''). 
Auch die Forschungen Zarnckes'^") kommen für das 



*5) Er misch, Urkundenbuch der Stadt Chemnitz (Cod. diplom. 
Saxon. reg-. II, 6) S. 485. 

■»ö) A. a. 0. S. 416. 

*'') A. Sammler, Das Franciskauerkloster in Chemnitz: in 
den Mitteilungen des Vereins für Chemnitzer Geschichte I (1876), 153. 
Aucli die folgenden Angaben verdanke ich l)rieflichen Mitteilungen 
des Herrn Realschuldirektor Dr. Mating- Sammler in Werdau. 

"**) Stübel, Urkundenbuch der Universität Leipzig von 1409 
bis 1555 (Cod dipl. Saxon. reg. II, 11). — D robisch, Beiträge zur 
Statistik der Universität Leipzig innerhalb der ersten hundertund- 
vierzig Jahre ihres Bestehens : Berichte über die Verhandlungen der 
Kgl Sachs. Gesellsch. d. W. II, 71. 

4») Stübel a. a. 0. No. 122_, S. 142 f. 

^°) Zarncke, Die urkundlichen Quellen zur Geschichte der 
Universität Leipzig in den ersten 150 Jahren ihres Bestehens: Ab- 
handlungen d. K. S. Ges. d. W. III, 509—922, vergl. bes. 891. 



Aus Sckneeberger Handschriften. 101 

15. Jalirlmiidert zu dem Ergebnis, dals die Geschiclite der 
Vorgänge an der Universität in jener Zeit stets nur 
lückenhaft bleiben wird. Einen freilich sehr kleinen Bei- 
trag zur Ausfüllung dieser Lücken bietet der XVII. Band 
der Schneeberger Lyceumsbibliothek. 

Aus dem Vorworte''^) zu dem in diesem Band Blatt 
360—366 eingetragenen articuli in quibus magister non 
tenetur commitnifer sehen wir, dafs venerahilis et egregius 
vir sacre theologice ])rofessor dominus atque doctor Andreas 
de Görlitz , wie der Verfasser dieser articuli an deren 
Ende genannt wird, von dem Cistercienserkloster Altenzelle 
aus gebeten wurde, über gewisse dogmatische Gegen- 
stände ein Gutachten abzugeben. Er entsprach dieser 
Bitte nach Blatt 366 b ad singidarem instaarationcm 
presentis prioris de Vetere Cella Sande Marie JoJtannis 
Schröter de Hirszhergk anno domini MCCCCLXI. 

Aus dem Catalogus illustrium sive ecclesiasticorum 
scfiptorum qui in Lipzensi Academia a fundatione studii 
usque praesens ad aevum claruere'-), den man dem Wim- 
pina zuschreibt'*'^), ergiebt sich, dals der vollständige 
Name jenes berühmten Mannes Andreas Küdiger von 
Görlitz Avar. Derselbe ward 1465 bezeichnet als „lerer 
der heiigen schrifFt und thumherr zcu Myssen"''^), gehörte 
schon längere Zeit der Universität an und starb 1495''''). 

Die in der Schneeberger Handschrift enthaltenen 
articuli des Andreas Rüdiger, welche mit einer sehr 
kleinen Schrift und sehr gehäuften Abbreviaturen zu 
Papier gebracht sind, waren bisher völlig unbekannt. 
Wenigstens werden sie in dem genannten (Jatalogus, 
welcher S. 40 f. die wissenschaftlichen Arbeiten dieses 



^') Dieses Vorwort lautet auf Blatt 360 a folgendermafsen : 
Quia i)etistis, veneral)ili,s pater, ut cetera puncta et articnlos, in 
quibus ]iiagister sententiarum coraniuniter non tenetur, niotiva et 
rationes portentatas a doctoril)US sub compendio in unura reducerem, 
non potui nee deliui ejus frustrare desidcrium , cujus bencliciuni et 
liumanitatem ])li'i-uinqui; snscepi. Igitur ut cupiditatem meani, qua 
vobis satisfacere desidero, intellegeretis , assumo oruis et aggredior, 
quod optatis; l)i'evitei' ponani que superficiar et cursorie in scriptis 
doctornm recolo me legisse plena, namque dictorum articulornni reso- 
lutio diligenteui et longani exigit inquisitioneni, quam liic sub con- 
pendio ponere curavi. 

^2) Ausgabe von Merzdorf, S. 40. 

■'^) Zarncke a. a. 0. 8. 526. 

■'^) 8t übel a. a. 0. S. 164, 37. 

■^■^ Znviifl<e a. a. 0. S 58R. 745. 751, 764. — Oatalogus 
illustrium No. XXVIII. 



102 E- Heydenreich : 

Gelehrten zusammenstellt, nicht genannt. Diese articuli 
zerfallen in vier Abteilungen. Die erste derselben, der 
ein besonderer Titel nicht beigegeben ist, besteht aus 
5 Artikeln; die articuli secundi sententiarum sind ihrer 
drei, die articuli tertii sententiarum ihrer zwei, die quarti 
ihrer zehn, also sind es im Ganzen 20 Artikel. Dals 
der Name desjenigen, welcher 1461 in Altenzelle Prior 
war , Johann Schröter von Hirschberg lautete , konnte 
aus den bisherigen Veröftentlichungen über dieses be- 
rühmte Cisterzienserkloster'"') nicht ersehen werden. Denn 
eine vollständige Beamtenreihe für Altenzelle ist nur 
hinsichtlich der Äbte veröffentlicht worden •'^'). In den 
gedruckten Urkundenauszügen des Jahres 1461'^'^) aber 
begegnet nicht der Name eines Altenzeller Priors; nur 
ein Unterprior Johannes wird in einer Urkunde vom 
25. Februar 1461 genannt. Dagegen erscheinen 28. März 
1460 der Prior Johannes und 26. April 1465 der Prior 
Johannes Eapeh '*'*). 

Die Beziehungen des Klosters Altenzelle zur Uni- 
versität Leipzig datieren schon seit dem Jahre 1411, in 
welchem der Abt Johannes zu Cisterz und die Vorsteher 
des Generalkapitels auf Bitten der Markgrafen Friedrich 
und Wilhelm an der neuerrichteten Universität eine 
Stiftung machten und den Abt zu Altenzelle mit der 
Ausführung beauftragten*^'^). Auf einen geistigen Ver- 
kehr zwischen Altenzelle und der Universität Leipzig 
um die Mitte des 15. Jahrhunderts deutet nicht allein 
das Gutachten des Andreas Rüdiger von Görlitz, sondern 
auch die Leipziger signatura promotorum in theologia, 
welche von Brieger in der Einladuugsschrift zur Feier 
des Reformationsfestes und des Rektor wechseis 1890 
veröffentlicht worden ist^^). 

4. Zur Bücherkunde des Mittelalters. 

Die Mönche, denen wir die Niederschrift der im 
Vorstehenden mitgeteilten Nachrichten verdanken, be- 
safsen, wie aus den Sammelbänden der Schneeberger 



^«) Beyer, Altzelle S. 87 ff. 691 ff. Vergl. meine Geschichte 
des Kirchspieles Leubnitz S. 24 f. 

•") Beyer a. a. 0. S. 61 ff. ^s) Beyer a. a. 0. S. 691 f. 

69) Beyer a. a. 0. S. 693. ß») Stübel a. a. 0. S. 8 f. 

^') Brieger, Die theologischen Promotionen auf der Universität 
Leipzig 1428—1539 S. 9. 



Aus Schneeberger Handschriften. 103 

Lj^ceiimsbiblioüiek hervorgeht, wenigstens teilweise eine 
recht achtungswerte Bücherkenntnis. Besonders inte- 
ressant ist in dieser Beziehung Band IX Blatt 300—306. 
Hier trägt der Schreiber die ihm bekannten Bücher nach 
Titel, Anfangs- und Schlulisworten ein*^-). Von den 
Autoreu des alten Rom kennt er Plinius , Valerius 
Maximus, den Valerius ad Eufinum, Macrobius, Cicero, 
Boetius, Seneca. Von den meisten dieser Schriftsteller, 
die er in eben dieser Reihenfolge behandelt, weils der 
Schreiber ehie große Anzahl Werke anzugeben; besonders 
lang ist das Verzeichnis, welches mit libri Senece über- 
schrieben ist. Dals es namentlich Kirchenväter sind, deren 
Werke er nennt, entspricht seinem Stande. So kennt er 
z. B. Augustin, Hieronymus, den heiligen Beruhard, 
Anselm u. s. w. 

Auch von den Dichtern des Altertums und des 
Mittelalters enthalten die Schneeberger Handschriften 
Proben. Alanus ab insulis z. B. wird nicht allein in 
diesem Bücherverzeichnis genannt, sondern ist auch in 
Band XXIII Blatt 14 f. mit einer Probe vertreten, 
welche dem 9. Kapitel des 5. Buches des Anticlaudianus 
angehört *^^). Ein den Frauziskanerorden und seine An- 
schauungen sehr charakterisierendes Gedicht auf den 
heiligen Franziskus reiht sich einer groisen Reihe von 
Kopien von allerhand Franziskaner-Urkunden und Nach- 
richten an. Mehrfach finden sich ferner lateinische Ge- 
dichte auf die Jungfrau Maria. 

Wenn wir in dem erwähnten Bücherverzeichnis die 
Katalogisierung irgend einer bestimmten Bibliothek vor 
uns haben sollten, worüber Anhaltepunkte in der Hand- 
schrift freilich nicht gegeben sind, so würde dasselbe 
eine Ergänzung bieten zu dem Werke von Becker: 
Catalogi bibliothecarum antit^ui. Bonn. 1885. 

5. Musikgescliichlliches. 

Ein für die Geschichte der sächsischen Handschriften 
folgenschweres Verhängnis war die Geldnot des 30jährigen 
Krieges. Grolse Massen von beschriebenem Pergament, 



"2) Band IX, Blatt 300 a: „Notandum quod libros originaliuiu 
sanctorum ac doctorum quoad primordia et iines ac per aliaiii lil)ro- 
rum niateriani hie siguare curaveram, iit, si aliuin oceurrerent, 
facilius posset eos cngTinscere et serurius allegare." 

'■'■'') Vergl. rabricius, Biblioth. lat. med. et inlim. aetatis 1, 3(3. 



104 E. Heydenreich : 

Bücher aller Art und Noten in Handschriftenform wurden 
an Buchbinder und andere Leute für einen Spottpreis 
verkauft, teils in grölseren Partien, teils in einzelnen 
Bogen und nicht nur in die Nachbarschaft, sondern auch 
in entfernte Ortschaften. So sind in Freiberg allein in 
den beiden Jahren 1644 und 1645 über 90 Pfund Pergament 
auf solche Weise weggeschleudert worden *^^). 

Auch die Stadt Sclmeeberg, und insbesondere die 
alte Lyceumsbibliothek enthält, gleich dem benachbarten 
Lölsnitz'^'*), manchen interessanten Rest mittelalterlicher 
Musik«**). Das Totenregister 1642—1683 der St. Wolf- 
gangskirche ist mit einem Teile der Sequenz de dedica- 
tione Ecclesiae = Psallat ecdesia von Notker Balbulus 
vom Jahre 887 eingebunden. Bücher der alten Lyceums- 
bibliothek enthalten aulser anderem in grofsen, schön 
geschriebenen Lettern mit farbigen Liitialen und in der 
Schrift des 15. Jahrhunderts unter der Überschrift Ad 
matutinas Hymnus einen Lobgesang zum Frühgottes- 
dienst, welcher von Gregor I. für die Sonntage I und II 
quadragesimae ad nocturnum vorgeschrieben ist •"''). Da 
jedes Stück der altrömischen Liturgie mit einem Melodie- 
körper belegt war, so gehört auch die dem Inkunabel- 
band XXXI angebundene vorreformatorische , mit zalil- 
reichen Abkürzungen geschriebene Handschrift, zu welcher 
die Noten als bekannt vorausgesetzt werden, zu dem 
musikgeschicJitlichen Teil der Schneeberger Lyceums- 
bibliothek ; zahlreiche mit roter Tinte eingetragene, musi- 
kalische Kunstausdrücke, wie Magnificat primo tono, 
antipliona, resjjonsormm u. s. w., erweisen die Hand- 
schrift als ein Bruchstück eines Breviar oder Hymnariums, 
das alle zur Vesper und Mette gehörigen Stücke enthält 
zum Unterschied von dem Missale, in welchem nur die 



^) Näheres darüber habe ich im Neuen Archiv für ältere 
deutsche Grescliichte V, 210 ft. mitgeteilt. 

^^) Hier kommt insbesondere das Löfsnitzer Amtsgerichtsarchiv 
in Betracht, dessen Benutzung ich der Güte des Herrn Amtsrichter 
Uaudich verdanke. Insbesondere enthalten die Einbände der Akten- 
bände : Kaufbuch Pfannenstiel vom Jahre 1692 ff., Stadtbücher vom 
Jahre 1694 ff., 1705 ff"., 1720 ff", mittelalterliche Notenschrift. 

*^^) Für die folgenden Notizen hatte ich wiederholt gütige brief- 
liche Mitteilungen des Herrn Musikdirektor Prof. Dr. Kade in 
Schvi^erin zur Verfügung, wofür ich auch an dieser Stelle meinen 
sehr verbindlichen Dank ausspreche. 

«') Gedruckt z.B. bei Mone, Latein. Hymnen des Mittelalters 
I, 93 und bei Wacker na gel, Kirchenlied I, 71. 



Aus Schneeberger Handschriften. 105 

liturgischen Gesangsstücke zu den Sonntags- und Feier- 
tagsdiensten verzeichnet sind. 

Ähnliche Handschriften des Mittelalters erhielten 
sich auch in Schneeberg dadurch fragmentarisch, dafs 
sie zur besseren Stütze des Einbandes zwischen diesem 
und Inkunabeldrucken eingeheftet oder eingeleimt wurden. 
So erhielt sich z. B. ein schönes Blatt in Band XXXXI 
mit der roten Schrift oben am Rand „Lttdeivici episcoxn 
et confessoris" und ein eben solches im Inkunabelband 
XXXXII mit der Schlulszeile ..Hermminus TJmringus 
me scripsit''. 

Auch aus dem 16. und 17. Jahrhunderte haben sich 
in Schneeberg Musikalien erhalten, so z. B. „Die deutzsche 
Prosa im Advent zu singen Johannis Spangenbergii. 
Dominica IV xldventus vnd zwischen 2 Gesetze 1 Ver- 
sum ex Cantilena Germanica. Herr Christ der Einig 
Gottes Sohn: Als der gütige Gott vollenden wolt, sein 
Wort fand Er ein Engel schnell des Name Gabriel." 
Am Ende: „Anno christi 1600. 18. Dec." Der Ver- 
fasser ist derselbe, dessen Cantiones ecclesiasticae vom 
Jahre 1545 nebst der Psalmodia von Lucas Lossius als 
Grundpfeiler der protestantischen Liturgie gelten. Die 
Eintragung der Spangenbergischen Arbeit in den Papier- 
anliang eines Psalmendruckes vom Jahre 1484 ist wahr- 
scheinlich von Valentin Koburger geschehen, welcher nach 
Lehmanns Chronik in dieser Zeit Kantor zu Schneeberg 
war. Von diesem sonst nirgends genannten Tonsetzer 
ist dem langjährigen Kenner sächsischer Musikgeschichte, 
Herrn Musikdirektor Prof. Dr. Kade, nur ein Tonwerk 
bekannt, das handschriftlich in der Ratsbibliothek zu 
Zwickau unter folgenden Titel aufbewahrt wird: „Co- 
burger, Valentini, Stollbergeusis Cantor: Concertatio mi- 
sericordiae et justitiae coram judice Christo. Anno Christi 
1590" mit dem deutschen Texte: „Am jüngsten Tage 
wird Christus kommen." Dies Werk ist nirgends ge- 
druckt. Wenn die Lehmannsche Chronik von Schneeberg 
Koburger schon 1589 nach Schneeberg kommen lälst, so 
ist dieser Zeitansatz wohl etwas zu früh, da die Be- 
zeichnung Stollbergensis Cantor mit der Jahreszahl 1590 
sonst nicht stimmen würde. 

Der Bestand alter Musikalien war früher erheblich 
grijlser als gegenwärtig in Schneeberg. Die früliero Reich- 
haltigkeit dieser Schätze wii'd besonders deutlich aus 



106 E. Heydem-eich : 

dem „Inventarium der Pfarr- und Spital-Kirchen'"'^). In 
diesem Aktenstück sind melii-ere Inventarien vereinigt, 
welche im 16. und 17. Jahrhundert über Bücher und Mu- 
sikalien in Schneeberg- angefertigt wurden. Hier werden 
als in Schneeberg vorhanden angegeben Werke von fol- 
genden Komponisten: Samuel Capricornus, Valentin Co- 
burger, Val. Corvinus, Thomas Crequilo, Adam Czumpel- 
zainer Trospergius, Euricius Dedekind, Philipp Dulichius, 
Ant. Porinus , Melchior Pranck , Joh. Gabriel , Joh. Gar- 
danus, Matthias Gastritz, Joh. Häbler, Andreas Hammer- 
schmidt, Jakob Händel, Heinrich Hartmann, Homer Her- 
pol, Heinrich Isaak, Abraham Langhans, Orlandus Lassus, 
P. Lindner, Michael Lohr, Lucas Lossius, Martin Luther, 
Karl Luj'thon, Obricht Popilius, Hieron. Praetorius, Wolfg. 
Carl Prügel, Paul Rinander, Petr. de la Rue, Lambert 
de Sayne, Abraham Schade, Samuel Scheidt, Heinrich 
Schütz, Claudius de Sermisii, Soberger, Horatius Vecchius, 
Caspar Vincentius, Melchior Vulpius, Christoph Thomas 
Wallisar, Christophorus Walter, Joh. Wanningius, Tobias 
Zeuzschner. 

Bei dem fortwährenden Verkehre zwischen den bei- 
den Bergstädten Schneeberg und Preiberg ist es möglich, 
dals manches Tonstück aus Sachsens Berghauptstadt nach 
Sclmeeberg gelangte. Denn Preiberg ist seit alter Zeit 
durch seine Musik berühmt und enthält noch gegenwärtig 
eine grofse Anzahl wertvoller Musikalien aus früherer 
Zeit «'■'). 

6. Lokalgeschiclitliches. 

Die Schneeberger Lyceumsbibliothek besitzt auch 
Handschriften aus neuerer Zeit. Zu ihnen gehört 
der mit Nummer XXXIX bezeichnete Band, welcher 
Chorrechnungen enthält. Li den Anhang dieses Bandes 
hat der Schneeberger Kantor (vergl. Lehmann, Chronik 
von Schneeberg S. 146) Christian Umblaufft den nach- 
folgenden Bericht über das Brandunglück des Jahres 
1719 eingetragen: 

„ In Nomine J esu ! Nachdem der Gerechte Gott am 13. August 
1719 des Nachts ein Viertel auf 1 Uhr unser liebes Schneeberg durch 



^^) Schneeberger Ratsarchiv G II, 3. 

'"*) Vergl. : Die älteren Musikalien der Stadt Freiberg in Sachsen. 
Zum ersten Male vollständig bearbeitet und mit einer Einleitung 
versehen von Otto Kade. Herausgeg. von Reinhard Kade. 
Beilage zu den Monatsheften für Musikgeschichte, Leipzig 1888. 



ft 



Aus Schneeberger Handscliriften. 107 

eine gautz unvermutliete und entsetzliclie Feurs-Brunf^t. welche in 
Herr M. Schindlers Arch.-Diac. Hintern Hause, das der Schule gleich 
gegenüber gelegen, ausgebrochen und innerhalb 5. bis 6. Stunde die 
gantze Wehrte Stadt mit den Kirch-Thuren und der grofsen Kirche bis 
aufs Gewöll)e, Schule, Kathhaufs, Hospital und darzu gehörigen Be- 
gräbnifs- Kirche, samt allen andern Commun - Gebäuden erbärmlicher 
Weise in die Asche geleget, wegen unserer übermächtigen Sünden 
heimgesucht und gestraift, und aber besagte Schule auch als bald bey 
Anfang das Unglück getroffen hat, alsodafs der Herr Rektor M. 
Johann Dopperts Frankofurt, sehr wenig von seiner kostbaren und 
schönen Biljliothee salviren können, sondern das meiste davon, wie 
auch seine mobilien und die Chor- Bücher der hefftig Avütenden 
Flamme schnieitzlich überlassen müssen; als ist gegenwärtiges Chor- 
Buch sowohl guter Ordnung wegen als der Posterität zui- Nachricht 
neu angeschafft worden, dafs in demselben jedes mahl die Gelder, 
welche ostialien, desgl. auf Hochzeiten und von Nahmens-Tägen ge- 
wöhnlicher mafsen coUigiret werden, nebst denen darüber gehaltenen 
Distributionen eingeführten Gebrauch nach, mögen und sollen ein- 
geschrieben werden." 

Bei den Feuersbrünsteii , von welchen die Stadt 
Schneeberg wiederholt heimgesucht Avorden ist, wurden 
auch historisch wertvolle Papiere mit vernichtet. Trotz- 
dem enthält das Schneeberger Ratsarchiv, dank der ein- 
sichtigen Fürsorge der städtischen Behörden, von dem 
Zeitalter der Reformation an noch manches interessante 
Aktenstück. Dagegen ergeben die vorreformatorischen 
Handschriften der alten Lyceumsbibliothek zur Schnee- 
berger Lokalgeschichte nur ganz vereinzelte Beiträge. 



ö 



IIL 



Das Geburtsjahr und der französische Yer- 

niählungsplan der Margarete von Sachsen, 

späteren Gemahlin Johann Ciceros. 



Von 

Woltlemar Lippert. 



Über das Geburtsjahr Margareteiis, der Tocliter 
Herzog Wilhelms von Sachsen und Gemahlin des Kur- 
fürsten Johann Cicero von Brandenburg, fehlt in den 
genealogischen Werken jedwede Angabe. Eine gelegent- 
liche Notiz gewährt jedoch darüber wenigstens annähernde 
Auskunft. 

Die Ansprüche, die Wilhelm als Gemahl von König 
Albrechts IT. Tochter Anna auf Luxemburg besafs und 
die er in seiner Jugend mit Waffengewalt, obwohl ver- 
geblich, zu behaupten gesucht hatte ^), nahm er nach dem 
Tode seines Schwagers Ladislaus (Posthumus) von Böhmen 
und Ungarn (23. November 1457) Avieder auf, trat sie 
jedoch 1459 ■-) gegen Geldentschädigung an König Karl VII. 
von Frankreich ab. Die einzige in Betracht kommende 
Darstellung ist die von Werveke"), der von sächsischem 
Material die im Ernestinischen Gesamtarchiv in Weimar 



') Vergl. Fr. Richter, Der Luxemburger Erbfolgestreit in 
den Jahren 1438—1443 (Trier 1889). 

-) Nicht 1458, wie C. E. Weisse, Gesch. der kursächs. Staaten 
II (Leipzig 1803), 324 (und nach ihm Gretschel I, 322) angeben. 

*) N. van Werveke, Definitive Erwerbung des Luxemburger 
Landes durch Philipp, Herzog von Burgund, 1458—1462, in der 
Zeitschrift Das Luxemburger Land N. F. IV (Luxemburg 1886), 3 flg 



Margarete von Sachsen. 109 

befindlichen Aktenstücke benutzt, die Dresdner aber, 
die ihm für mehrere Punkte genaueren i\.ufsclihils ge- 
boten liätten, nicht lierbeigezogen hat. So ist ihm in 
den Verhandlungen der eine vorübergehend aufgetauchte 
Versuch, Luxemburg durch Heirat an Frankreich zu 
bringen, entgangen. Zur Gewinnung des Landes war 
eine Vorstufe schon dadurch erreicht worden, dals Karl 
auf die Vorstellungen der böhmischen Gesandten hin, die 
1457 noch Ladislaus in Sachen seiner Vermählung mit 
Karls Tochter an den französischen Hof geschickt hatte ^), 
bewogen worden war, Anfang 1458 Schirm und Hut des 
Luxemburger Landes zu übernehmen und in der That 
einige Städte und Festen Burgund feindlich gesinnter 
Herren zu besetzen'). 

Die geplante Vermählung bezog sich auf Wilhelms 
Tochter Margareta und einen Sohn des französischen 
Königs; sie sollte wohl im allgemeinen die schon be- 
stehenden freundschaftlichen Beziehungen beider Fürsten- 
häuser enger gestalten, zugleich aber sollten dieser 
Tochter die Ansprüche ihrer Mutter an Luxemburg über- 
lassen werden. Der Sohn des Königs ist in den im 



ö 



^) über diese Gesandtschaft s. Palacky, Gesch. v. Böhmen IV, 
1 (Prag 1857), 414 f. 424. AVerveke a. a. 0. 5. 

^) Nach Karls Brief an die böhmischen Stände vom 9. Jan. 
1458 war es die böhmische Gesandtschaft, die ihn dazn aufforderte, 
s. Palacky, Urkundliche Beitr. z. Gesch. Böhmens und seiner 
Nachbarländer im Zeitalter Georgs von Podiebrad (Font. rer. Austriac. 
XX, 1866) n. 125 S. 122; nach der dem Herzog Wilhelm iiber- 
reichten Auseinandersetzung des Dompropstes von Trier, Philipp 
von Sierck, und Friedrichs von Clerf, zweier Häupter der Burgund 
feindlichen Partei, waren es besonders die luxemburgischen Mit- 
glieder jener Gesandtschaft, von denen der Wunsch eines französischen 
Protektorates ausging, das währen sollte, bis der rechte König- 
Böhmens, der von Luxemburg als Glied der böhmischen Krone auch 
als Herr anzunehmen sei, von den böhmischen Ständen gewählt 
werde, s. Dresdner Hauptstaatsarchiv, Al)t. Wittenberger Archiv 
(abgekürzt H. St. A., W. A.), Luxemburgische Sachen 151. 207, 
207'>. Als dann ohne Berücksichtigung des weiblichen Erbrechts 
nicht Wilhelm, den sie für den J^estbei'echtigten erklärten, sondern 
Georg von Podielirad gewählt wui'de, erkannten diese Ijuxemburger 
ihn nicht als ihren rechten Herrn an, sondern eisuchten Karl um 
Verlängerung des Schutzes. Nach diesem Schriftstück scheint es 
auch, als sei die erste Anregung an Wilhelm, die Rechte Annas 
geltend zu machen, von dieser luxeml)urgiscbeii Partei selbst aus- 
gegangen, vergl. Bl. 208. Der gröfsere Teil des Landes blicl» iil)rigeiis, 
wie (ier Dompropst auch ehrlich eingesteht, in den lläniU'n des 
Herzogs von Burgund, den zu verdrängen betiächtlichc Anstrengung 
erfordern würde, Bl. 208, 



110 W. Lippert: 

folgenden zu erwähnenden Aktenstücken, die uns von 
diesen Verhandlungen berichten, nicht mit Namen genannt; 
es war der jüngste Sohn Karls, Karl von ßerry*^). Un- 
mittelbar ehe dieser Heiratsplan auftauchte oder fast 
gleichzeitig damit hatte Karl VII. mit diesem Sohne viel 
höher strebende Zwecke verfolgt. Er suchte, von den 
ei'Wähnten böhmischen Gesandten bewogen, für ihn die 
böhmische Krone selbst zu erlangen'). Der König wuIste 
aber, dafs Wilhelm mit Ladislaus' Schwester vermählt 
war und folglich Anrechte haben könnte ; diese weiblichen 
Ansprüche wurden jedoch durch den Gesandten Zdenko 
von Sternberg abgeleugnet. Trotzdem scheint Karl ein 
gewisses Bedenken in dieser Hinsicht gehabt zu haben, 
denn seinem als Wahlagenten nach Prag geschickten 
Kammerherrn Dietrich von Lenoncourt, Bailli von Vitry ^), 
gab er zugleich den Auftrag zuVerhandlungen mit Wilhelm : 
.... sin herre der konig sey uudirwieset uwer gnade [Wilhelm] 
habe konig Laszlas seligen swester, die eyn erbe zu sinen gelaszen 
konigrichen und landen sin sulle, und mit der ettlich frawlin ader 
tochter erczugt; werde er [der Gesandte] nu darinne erlernen, das 
die erbschaift wol gegründet sey, so sulle er sich des widirwegs in 
uvver gnaden furstenthum fugen, bittende yn uwer tochter und 
frewlin zu besehen lassen. Wurden ym danne die gefellig, so sey 
der konig in willen und gancz geneygt, sich mit eynem siner sone 
zu uwern gnaden durch eyne uwer tochter zu gefruuden, auch furder 
zu verbinden, damitt er uwern gnaden biestendig und behulffen 
wurde, die angestorben uwer gerechtickeid zu erfordern. 



'^) Der älteste Sohn, der spätere Ludwig XI., war damals in 
zweiter Ehe mit Charlotte von Savoyen vermählt, die andern Söhne, 
Jakob und Philipp waren längst verstorben, Karl hingegen (geboren 
1446) stand in einem Alter, in w-elchem die Eltern sich in jenen 
Zeiten bereits mit Verheiratungsplänen ihrer Kinder trugen. 

') Näheres über diesen Versuch s. Palacky IV, 2 (1860), 29-, 
Palacky, Urkundliche Beiträge n. 137 S. 131 und besonders auch 
den dritten Bericht der sächsischen Gesandten, von dem Palacky n. 
139 S. 134 nur ein kleines Stück gegeben hat. Der weggelassene 
Teil (H. St. A. III, 129, Ungarische Sachen, fol. 17 n. 1 Vol. I Bl. 
70 1) f.) enthält höchst interessante, sehr oifenherzige Meinungs- 
äufserungeu des über seinen Mifserfolg verstimmten französischen 
Gesandten in Prag, der die böhmische Botschaft in Frankreich, be- 
sonders Herrn Zdenko von Sternberg mit klaren Worten beschuldigte, 
Karl VII. durch falsche Vorspiegelungen von dem angeblichen Mangel 
jedweder berechtigter Erbansprüche betrogen und zur Thronbewer- 
bung für seinen Sohn verleitet zu haben. Daran schliefsen sich 
dann die Heiratsvorschläge (s. im folgenden). In derselben Weise 
sprach sich Philipp von Sierck einige Wochen später in Koblenz aus, 
H. St. A., W. A. Französische Sachen Bl. 29 (Bericht der Gesandten 
an Wilhelm über diese Zusammenkunft, s. im folgenden). 

8) H. St. A. in, 129 fol. 17 n. 1, Vol. I Bl. 71-, den „Belys" 
oder „Bellis" nennen ihn die sächsischen Berichte. 



Margarete von Sachsen. Hl 

Einer Interpretation bedarf diese Stelle nicht. Die 
wahre Absicht des Königs ist darin zwar nicht offen 
ausgesprochen, sein Zweck aber dabei war, durch diese 
Verbindung den zu erwartenden Widerspruch des säch- 
sischen Herzogs gegen die von ihm erhoffte Wahl seines 
Sohnes zum Böhmenkönig zu verhüten, indem dann diese 
Tochter statt sonstiger Mitgift an Geld oder Land jene 
mütterlichen Anrechte erhalten sollte^). Dann wären 
ja in dem neuen böhmischen Herrscherpaare allseitige 
Forderungen aufs schönste vereinigt und erfüllt gewesen: 
dem Erbrecht wäre Genüge geleistet durch die Königin, 
dem Wahlrecht der Stände durch die freie Wahl eines 
ganz Unbeteiligten und auch dem Staatswohl durch die 
versprochenen reichen französischen Geldzuschüsse, die 
zum Besten der Krone (zu Wiedereinlösungen und dergl.) 
verwendet werden sollten. 

Diese Kombinationen Karls VII. vereitelte aber eben 
so bitter wie die Erwartungen Wilhelms die Wahl des 
„ungläubigen und unchristlichen" Gubernators Georg (wie 
ihn der erzürnte französische Botschafter gegenüber den 
sächsischen Räten in Prag nannte). Trotzdem sollte 
aber die Verbindung mit Wilhelm weiter gefördert werden. 
Der Bailli wollte fünf oder sechs Tage nach Wilhelms 
Gesandten von Prag abreisen^''); freilich wurde dann aus 
diesem Besuch nichts, angeblich wegen notwendiger 
Geschäfte, wie der Gesandte selbst dem Herzog schrieb; 
wie aber bei den folgenden Koblenzer Besprechungen der 
Trierer Dompropst Philipp von Sierck in Lenoncourts 
Namen erklärte, hatte diesen von der Reiserichtung nach 
Meissen und Thüringen die Besorgnis vor den Böhmen 
abgehalten, die etwas von den Verhandlungen gemerkt 



**) Es wäre dann also derselbe Ausweg gefunden worden, ura 
Aviderstreitende Interessen zu vereinen, der ein Jahr darauf wirklich 
gewählt wurde, als Wilhelm die zweite Tochter Katliarina dem 
Herzog- Hinko von Münsterberg, dem Sohne des 15(ihmenkönigs 
Georg verlobte, veigl. W. A. Luxemburgische Sachen, in dem lit'richt, 
den Wilhelm den französischen Gesandten über das Egerer Ab- 
kommen mit Geoi'g gab, El. 1H6 .... nos filiam nostram inniorcm 
tilio regis predicti (Georgs) desponsamus et siln omne ins, quod 
illustri consorti nostre matri sue et nobis respectu eiusdem ad coro- 
nam Boheinie ac ad totam Slesiam cum suis attinenciis conpetere 
videhatni-, filie ot hercili nostre in doteni dedinnis . . . . ; dasselbe 
Schriftstück in deutsclier Übersetzung, iliid. IH. lH9i' und 170. 

^*) Bericht der nach Prag; gesandten Räte III, 129 f 17 n. 1, 
Vol. I. Bl. 71 b. 



112 W. Lippert: 

haben künnten "). Der Botschafter hatte Wilhehii ersucht, 
seine Gesandten zum Dienstag nach Palmarum (dem 
28. März) nach Koblenz zu schicken, als Wilhelm grade 
bei seinen hessischen Verwandten in Spangenberg weilte ^-). 
Auf des Herzogs Wunsch, in Koblenz bis zum Sonntag 
Misericordia domini (16. April) zu warten, versprach 
Lenoncourt, seinen Aufenthalt bis zum 17. April zu ver- 
längern; doch als Wilhelms Eäte hinkamen, fanden sie 
im Auftrag und mit einem Schreiben Lenoncourts den 
Dompropst Philipp, mit welchem sie die Unterhandlungen 
begannen; hier sei davon nur die Ehesache berührt. In 
der Instruktion hatte Wilhelm sie ermächtigt, seine Freude 
über diese Herablassung des Königs auszusprechen ^'^) ; 
zur Festsetzung der Heimsteuer sollte ein anderer Tag 
von beiden Seiten verabredet werden, dann möge Karl 
zu Wilhelm und Wilhelm zu Karl Botschafter schicken, 
welche die Tochter, bez. den Sohn des Betreffenden 
„besehen" sollten; denn Avürde die Besichtigung erst ge- 
schehen und die Verhandlungen kämen dann vielleicht 
nicht zum Abschlufs, so sei für beide Teile Schmach und 
Nachrede zu besorgen ^^). Dieselbe vorsichtige Zurück- 
haltung bei allem Eifer für die Sache selbst verrät auch 
diexlnweisung, keinesfalls über diese vorbereitenden Schritte 
hinauszugehen und auch über die Verhandlungen ein 
genaues Protokoll aufzunehmen; denn man müsse sich 
mit den Leuten vorsehen, da sie schnellen Sinnes seien 
und die Worte umzudrehen Wülsten. Am Schlüsse der 
Instruktion (Bl. 28) giebt Wilhelm eine Zusammenstellung 
der damaligen Verwandtschaftsverhältnisse der Wettiner, 
die wohl berechnet war, den französischen Herren eine 
günstige Meinung von der ansehnlichen Machtstellung 
der Wettiner zu verschaffen; ganz zuletzt ist dann noch 
eine Notiz über die Prinzessin beigefügt: sie sei neun 
Jahre alt und heilse Margareta ^•^) ; die Eäte sollen sich 

") W. A. Französische Sachen Bl. 25 b und 30. 

^2) W. A. Französische Sachen Bl. 25''- Spangenherg im Keg.- 
ßez. Kassel, östlich von Melsungen. 

'^'^) Französische Sachen Bl. 26 ^ : das sin gnade [der konig von 
Franckrich] so demutig were, sich zu uns in vorgemeldter wiese zu 
gefninden. 

") Französische Sachen Bl. 27 und 27 b. 

'^•') Ihre Schwester Katharina, die dann Georgs von Podiebrad 
Sühn Hinko von Münsterberg heiratete, damals aber als für einen 
Sohn Albrechts von Brandenburg bestimmt erscheint (für Johann, 
ihren späteren Schwager, der 1458 von Albrechts Söhnen allein 
lebte) ist als die jüngere bezeichnet. 



Margarete vou Sachsen. 113 

gleichfalls nach Alter und iSTamen des Prinzen (Karl, 
b!. üben) erkundigen. Margarete Avar demnach aller 
Wahrscheinlichkeit nach 1448 auf 1449 geboren ^*M; jeden- 
falls wird diese Ansetzung, die sich auf eine olFiziell ab- 
zugebende Erklärung gründet, künftig in Ermangelung 
genauerer Kenntnis als Geburtszeit angenommen werden 
müssen. 

Der von Wilhelm befohlene Bericht ist ihm auch 
schriftlich erstattet worden; das auf die Instruktion 
folgende Aktenstück bringt denselben^'), in dem wir nun 
auch über die Ehesache etwas lesen. War zuerst auf 
französischei' Seite der Gedanke als leitend aufgetreten, 
durch Erlieiratung der sächsischen Erbansprüche den 
etwa erlangten böhmischen Thron zu festigen, so mulste 
nun das Streben dahin gehen, wenigstens anderweitigen 
Gewinn aus der Ehe herauszuschlagen. Die Mitgifts- 
frage, die Wilhelm erst bei einem zweiten Verhandlungs- 
tage erledigt haben wollte, wurde von Karls Bevoll- 
mächtigtem gleich bei der ersten Zusammenkunft in 
Koblenz zur Sprache gebracht. Wenn man für den 
Prinzen Karl auch nicht die böhmische Krone selbst hatte 
erlangen können, deren Schicksal dann natürlich die 
Nebenlande hätten teilen müssen, so wollte man doch 
eines der Glieder für sich gewinnen, das von allen 
Landen der Wenzelskrone dem französischen König am 
gelegensten war: Luxemburg. Das HeVzogtum sollte 
Margarete mitbekonnnen, eine recht unsichere Mitgift in 
Anbetracht der Macht Philipps von Burgund, dem es 
erst abzunehmen war; ihrem Vater suchte man diese an- 
gesonnene Preisgebung dadurch annehmbar zu machen, 
dafs man ihm Hilfe gegen die Böhmen zusagte ^^). Der 
Vorschlag schien für Wilhelm so übel nicht: pars pro 
toto! Hingabe von Luxemburg für die Durchsetzung der 
Ansprüche auf Böhmen selbst^'*). 

i") Wilhelms Ehe mit Anna (gchoien l'i. April 1432 nach K. von 
Behr, Genealogie der in Europa regierenden Fürstenhäuser S. 141) 
war am 20. Jnni 144H geschlossen worden. 

'■') Französische Sachen Bl. 29, 80. 

'S) Französische Sachen Bl. 29'': Item er hat anch gesagt 
under fylle andern wortten, wafs nuczefs nnd guttefs nnsserm gene- 
digen herren darnfs nnd davon knmen mnchte, nemclichcn das er 
sein tochter mit dem lande zcu Luczelliuig vorgeben muchte, nnd 
auch l)cistant hulftc nnd ratte von nnsserm herren dem knnig vou 
Franckriche gescheen nnichte wider die Behenien nnd andere. 

'") Warum Wilhelm nicht zum ernsteren Vorgehen gegen 
Georg kam, sondern schliefslich nebst seinem Bruder Friedrich unter 

Neues Aicliiv f. S. 0. u. A. XIII. ]. •.'. ö 



114 W. Lippert: 

Dafs dennoch der Heiratsplan sich zerschlug, war 
ein Schicksal, das er mit sehr vielen jener schier zahl- 
losen, zum Teil nur beabsichtigten, zum Teil auch fest 
verbrieften Verlobungen des 14. und 15. Jahi'hunderts 
teilt, wo es nur wenigen Prinzessinnen beschieden war, 
dem ursprünglich bestimmten Gemahl dereinst auch 
wirklich vermählt zu werden -"). Luxemburg konnte also 
auf diese Weise nicht an Frankreich kommen; wie es 
Karl VII. dann durch Kauf für kurze Zeit an sich 
brachte, sein Sohn Ludwig XI. es wieder aufgab und 
das vielerstrebte Land nun von Wilhelm und seiner 
Gemahlin Anna an Herzog Philipp von Burgund-^) 
verkauft wurde, das hat Werveke zwar noch nicht 
völlig abschlielsend, aber in den Hauptzügen richtig dar- 
gelegt. 

Die interessante Übersicht über die Verwandtschafts- 
beziehungen der Wettiner zu anderen Fürstenfamilien 
lautet: 



Vermittlung- des Markgrafen Albrecht Achilles in enge, selbst ver- 
wandtschaftliche Beziehungen zum Böhmenkönig trat, das hat ein- 
gehend A. Bach mann, Böhmen und seine Nachbarländer unter 
Georg von Podiebrad 1458—1461 (Prag 1878) S. 18 f. dargelegt. 
Dieser Umschwung in Deutschland selbst machte ein Einschreiten 
des französischen Königs zu Wilhelms Gunsten überhaupt unmöglich. — 
Jener Gedanke Karls VII., seinen jüngeren Sohn Karl mit Luxem- 
burg zu versorgen, scheint auch später, wo von der Ehe mit der 
säciisischen Prinzessin schon nicht mehr die Rede war, vorhanden 
gewesen zu sein- in einem Briefe, worin Wilhelm den König für 
das Eingehen auf die zu Tours im Mai geführten luxemburgischen 
Verkaufsverhandlungen dankt, nimmt er Bezug auf Karls Plan, 
jenen Sohn dereinst zum Herzog von Luxemburg zu machen, drückt 
seine höchste Freude darüber aus und verspricht u)iermüdliche 
Förderung, wenn der Sohn in die Gemeinschaft der deutschen 
Reichsfürsten aufgenommen würde, s. W. A. Luxemburgische Sachen 
Bl. 234. Das Schreiben ist hier undatiert, wird aber auch wie 
Bl. 238 in den Juni 14.59 gehören. 

-^) Beispielsweise sei darauf hingewiesen, dafs von den im 
folgenden erwähnten vier Verlobungen nur zwei in der festge- 
setzten Weise ausgeführt wurden. Ein Jahrhundert früher war 
auch schon einmal eine französische Heirat im Werke gewesen: 
Landgraf Balthasar selbst sollte sich mit der Tochter des Herzogs 
Johann von der Normandie, des späteren Königs Johann, vermählen ; 
der Plan scheiterte aber eben?o, wie der vorliegende, s. J. G. Hörn, 
Lebens- und Heldengeschichte Friedrichs des Streitbaren (Leipzig 
1733) S. 44. Über einen andern ähnliclien Versuch l.'iHO s. Wenck, 
Die Wettiner im 14. Jahrluuidcrt (Leipzig 1877) S. .'iB. 

-^) Philipp stellte dadurch seinen nunmehr fast zwanzigjährigen 
faktischen Besitz, zumal es bisher nur ein Pfandbesitz war, auch 
von dieser Seite her gegen neue Anfechtungen sicher. 



Margarete von Sachsen. 115 

Item unnser swager marcgraff Friderich von Brantlemburg 
kurfurst had nnnser swester--;. 

Item unnser oheymen von Hessen sind unnser swester sone-^). 

Item lierczog Ludewig von Beyern had unnsers bruders 
tochter^i). 

Item marcgraff Albrechts von Brandemburg son sal unnser 
jüngste tochter habiu--^). 

Item unnsers bruders iungster son sal marcgraff Albrechts 
tochter haben -'^). 

Item marcgraff All)recht sal unnsers bruders tochter haben-"). 

Item unnsers bruders eldester son sal herczog Albrechts von 
Beyern tochter habiu-''). 

Item unnser bruder had des Romischen keysers swester-"). 

Item so ist unnser gemahel konig Laszlaes seligen swester. 

Item wir fursten alle von Sachsen, Miesseu, Doringen, Brand- 
[emjburg und Hessen sind mit allin unnsern lannden zusampne ver- 
brudert und mit ewiger erbeynunge verbunden und verstiickt, das 
w^ir uns in keinen Sachen scheiden lassenn*^*^]. 

Item ob sie fragen wurden, wie alt unser tochter were, so ist 
sie nun iare alt und heiszt Margaretha'^')- 

Desglichen fraget auch, wie alt des kouigs son sey und wie 
yn heisse. 



--) Friedrich IL von Brandenburg war seit 1441 mit Wilhelms 
Schwester Katharina verheiratet; für alle diese genealogischen An- 
gaben vergl. K. von Behrs Genealogie der in Europa regierenden 
Fürstenhäuser 2. Aufl. 1870. 

-^) Wilhelms Schwester Anna war seit 14Bß die (lemahlin des 
Landgrafen Ludwig I. von Hessen; damals regierten dessen Söhne 
Ludwig IL und Heinrich III.; Oheim ist also in der üblichen (ileich- 
bedeutung mit Nette gebraucht. 

-^) Fi'iedricbs IL von Sachsen Tochter Amalia war seit 14.Ö2 
die Gemahlin Ludwigs des Reichen von Bayern-Ijandshut. 

-■'') Johann Cicero heiratete aber später nicht diese jüngere 
Tochter Wilhelms (hierüber s. Auni. 15), sondern 147H die Margarete 

-•*) Friedrichs IL von Sachsen jüngster Sohn Albrecht (der 
Beherzte) wurde jedoch statt dessen im nächsten Jahre mit Georgs 
von Podiebrad Tochter Zedena vermählt. 

'") Albrechts (Achilles) erste Gemnliliu ^largarete von Baden 
war im Vorjahre gestorben; er vermählte sich noch im Jahre 1458 
12. Nov. in der Tbat mit Fiiedrichs IL von Sachsen Tochter Anna. 

28) Friedriclis IL von Sachsen Sohn Ernst heiratete 1460 
Elisalieth, die Tocht(!r Albrechts IL von Bayern. 

2») Friedrichs IL von Sachsen Gemahlin war seit 1431 Margarete, 
die Tochter Ernsts I. von Steiermark und Schwester Kaiser 
Friedrichs IlL 

»") Am 29. April 1458 traten die Brandenburger der Erbver- 
brüderung von Sachsen und Hessen bei, vergl. Bottige r-Fl athe, 
Gesch. des Kurstaates und Köniiireiches Sachsen I (Gotha 1SB7), 'MU. 

3') Die undatierte Instruktion gehiirt etwa in die zweite Hälfte 
des IMärz 1458, denn Georgs am 2. März in Prag erfolgte Königs- 
wahl war schon in Thüringen bekannt, wozu doch nicbrcre Tage 
gehörten, und die sächsischen Gesandten, die diese liistiuktion er- 
hielten sollten bis zum Sonntag (bez. Montag nadi) Misericonlia 
domini, 16. (17.) .April, in Kolilcnz simu. 



11(3 W. Lippert: Margarete von Sachsen 

Nachtrag. 

Nach Abschluls obigen Aufsatzes ersali ich, dals von 
Behr im Supplement (1890) S. 33 Katharinens Geburts- 
tag auf den 18. April 1453 ansetzt; nach gütiger Mit- 
teilung hat er das Datum jedoch lediglich R. G. iStillfried, 
Stammtafel des Gesammthauses der Hohenzollern (Berlin 
1879) entlehnt, dieser fügt aber keinerlei Nachweis bei, 
woher dasselbe stammt. Das Monatsdatum kann ja 
richtig sein, die Jahreszahl aber schwerlich, denn das 
Jahr 1453 ist das Geburtsjahr der jüngeren Tochter; 
nun werden beide Schwestern stets als ältere und jüngere 
geschieden, können also, da sie nicht als Zwillinge er- 
scheinen, nicht im selben Jahre geboren sein. Die durch 
seine Bevollmächtigten abgegebene Erklärung des Vaters 
selbst muls jedenfalls als malsgebend betrachtet werden. 



IV. 

David Scliirmer. Ein sächsischer Dichter. 

1623 1686. 



Von 

Reinhard Kade. 



Die kleine kultuiliistorisclie Skizze von Paul Lemcke 
über David Schirmer in der Wissenschaftlichen Beilage 
der Leipziger Zeitung 1885, No. 103 ist der einzige in 
der neueren Zeit gemachte Versuch, über diesen Dichter 
des 17. Jahrhunderts zu handeln. Freilich, auf mehr als 
auf einen schwachen Versuch darf die Arbeit keinen An- 
spruch erheben, und so scheint es mir nicht unangebracht, 
wenn ich, mit reicherem Material ausgerüstet, nochmals 
die Augen auf diesen vergessenen sächsischen Dichter 
lenke. Denn mit Unrecht wirft man ihn zu dem alten 
Eisen ; auch v. Waldberg sowohl in seinem Buche über 
die deutsche Renaissance-Lyrik als auch neuestens in der 
Allgemeinen deutschen Biographie (unter Schirmer) spricht 
doch nur vorübergehend oder mit sehr geringschätzigen 
Worten über Schirniers Können, Nun will aucli ich 
diesen Dichterling keineswegs verherrlichen, aber ich 
möchte ihn zu seinen rechtmäßigen Ehren bringen und 
wenigstens einmal sein Leben klarzustellen versuchen, 
das von den hälslichsten Fehlern im einzelnen verwirrt 
ist. Dabei will ich mich auf seine eigenen Angaben in 
seinen Gedichten stützen , die natürlich in bezug auf 
seine zahlreichen Liebesabenteuer nur sehr l)edingten 
historischen Wert besitzen. Doch sind geiade bei 
Scliirmer klehie Züge des wirklichen Lebens unverkenn- 



118 R. K.ide: 

bar in die Reime liinein gelaufen und nunmehr zwisclien 

den Zeilen herauszulesen. Trotzdem erhellt sich sein 

Lebensgang nur in grölsten Umrissen. 

Jöcher im Gelehrten-Lexikon, auf das sich meist 

alle beziehen, giebt bekanntlich nur an. Schirmer sei ein 

deutscher Poete von Freiberg in Meiisen. Wir wissen 

es genauer : er war in dem Dorfe Pappendorf bei Freiberg 

geboren , welches ein kleines Flülschen , die Striegis, 

durcheilt. Er singt selbst davon in dem Gedichte: „der 

liebende Dämon an der Strygils"^): 

Dainon safs am külileu Strande, 
Da der klare Silber -Fhifs 
Lieblich beibin fliefseu mufs 
Im geliebten Vaterlande. 

Auch das Geburtsjahr schwankte. Man nannte ihn 
„um 1623" geboren. Ich kann aus dem Kirchenbuche 
zu Pappendorf (von 1566 an beginnend) unter dem Jahre 
1623 Schirmers Taufzeugnis beibringen: 

David filius secuudus jVl. Davidis Scbirmeri Pastor. Papp, et 
Jlatris Barbarae natns 29. Maji 4. mane in ipso puncto horae quartae. 
Baptizatus 3. Juiiii fer. 3. Pentecost. a Dno. Elia Wagnero , Pastor. 
Grossenschirma, Patronis et susceptoribus Dn. Johanne Fausto Prae- 
fecto Electorali in Börlen, Dn. Balthasaro Witte Consule in Hainichen 
et Dn. Anna Schönlebia Friberg. uxore Wolf Seifrid^:. 

Dazu hat der Vater folgendes „Votum xmrentis'^ ein- 
tragen lassen-): 

Davidem mundo lux nona vigesima JMaji 
Dat sacrä Junii tertia lustrat aqua, 

Insimul alma Salus niveis bunc suscipit ulnis 
Sic pius et sospes vivat, ut ille diu. 

fiat , fiat. Sic David amabilis audis : 
In probitate patri, in pietate deo. 

Sein Vater, 1588 geboren und ebenfalls David ge- 
heilsen, war, wie wir sahen, Pastor in Pappendorf, dessen 
Kirche von den Schweden zerstört, aber von Johann 
Georg I. wiederhergestellt wurde. Durch die Gleichheit 
des Namens ist nun schon Jöcher irregeleitet worden 
und schreibt em Werk dem Sohne zu, das der Zeit nach 
dem Vater gehört: 

Conditorium saxonicum de novo tabitlis aereis incisum .... 
das ist: Kurtze Beschreibung der in Kupffer gestochenen überaus 
herrlichen und kunstreichen Begräbniss-Kapelle . . ., so in der Dom- 



') Vergl. Rosengebüsche 11.5. 

-) Gütige Mitteilung- des Herrn Pastor Freund in Pappendorf. 
Ein anderes Quartbuch in Pappendorf auf dem Pfarrarchiv betitelt: 
„Pfarrer zu Pappendorf, Biographien von 1450 an" besagt noch, dass 
Schirmer verheiratet war mit Anna Maria Leschke aus Dresden 1668. 



David Schirmer. 1 1 

kirchen der alten Häiipt-Bergstadt Frevbergk zu sehen. . Xov dessen 
von M. Michaele Hempeln^), der Schulen zu Freybergk gewesen 
Rectore, gegeben. Jetzo aber von newen übersehen, vermehret i;nd 
in eine richtiiiere Ordnung gebracht von M. David Schirmern, S. 8. 
Theol. Studioso. Freybergk. In Vorlegung Melchior Hoffinanns. 
1C19. 4. (Freiberg. Altertumsvereins - Bibl. Ba. 12 und Dresd. Bibl. 
Hist. Sax. H. 241)^). 

Von dem Vater rührt aus dem gleichen Grunde her 
das Trauergedicht : „Drohung- thut Gott fürstellen" in 
den Threnodiae des Freiberger Domkantors Christoph 
Demantius von 1620 (S. 307), wo der Dichter David 
Schirmer noch gar nicht lebte. Ebenso stammt vom Vater 
das „Cordolium Schirm erianum super obitu viri Samuelis 
Wagneri . . 1644" (Freiberger Leichpredigten, Gymnasial- 
bibliothek Bd. 5), und auch der Vater ist es, an den An- 
dreas Möller, der Freiberger Chronist, zwei lateinische 
Briefe richtete (Hamburger Stadtbibliothek, Möllers Brief- 
sammlung II No. 177. 178). Unseres David ältester 
Bruder Melchior scheint wenig Glück im Leben gehabt 
zu haben ; wenigstens klingt ein Lied von ihm sehr weh- 
mütig, in dem er den Bruder an das Vaterhaus erinnert 
(1651): 

Hier, wo der Striegis - Flufs sein strenges Eis durcheilet 
Und unser Vater -Feld mit kleinen Fluthen theilet; 
Hier wo kein Lorber-Wald begrünte Blätter hegt 
Noch sonst ein frischer Ast sich ümb di(! Stirne schlägt: 
Da Bruder, leb' ich noch. Wo du mich hast gelassen, 
Da miifs ich noch, wie vor, die Einsamkeit iimfassen. 

Ein anderer Bruder liiels Georg, wie der Vater 

Theolog, ein dritter Samuel, glücklicher Gutsbesitzer. 

David kam zunächst auf die Schule nach Freiberg, wo 

der thatkräftige Johannes Schellenberg Rektor war 

(1603 — 1642), hierauf nach Halle, das er unter dem 

Namen DoJnrhora feiert, und wo er den Unterricht des 

Rektors Christian Gueintz genols. Schon hier fing er 

an zu dichten: 

Wie sang der muntre Geist so zierlich schon vor diesen 

Dort in Dobrebora, wo bei den g]üneii Wiesen 

Die schlanke Saale sich gar oftermals ergeufst 

Und durch die Wunderl)urg nüt manchen Strömen fleufst. 

Dal's aucli der alte Queintz, das Wunder von den Sciiuleu. 

Um seiner Lieder Klang oft pflegte selbst zu buhlen. 

^) Rektor 1587— in03. Die von ihm angelegte Schulmatrikel 
wurde von mir 188»! in der Freib. Gymiiasialliibliothek wieder auf- 
gefunden, nachdem sie lauge Zeit verloren schien. 

■^) Darin ein aus 4 grofsen Sektionen bestehender Kupferstich. 
Vergl. Steche, Beschreibende Darstellung der IJandenkmiilcr 111 
(1884), %. 



1-20 K Kade: 

So sein Freund Adam Krieger (Elirenged. zu den 
Raiitengeb.), Noch ein Paar Dicliterversuche sind uns 
aus jener Zeit erhalten. Zunächst: „DiSanders an der 
fliefsenden Meilse Lieb- Leid- und Lobsgedichte Als der 
hochbelobte Schäfer Thyrsis in den Dobreborischen Feldern 
sein Namens-Fest begieng. 1643" (Rosengeb. 135j. Es 
sei das, sagt er im Anhang dazu, eine „Anacreontische 
Ode nach Art der Griechen und Lateiner gesetzet, unter 
welchen der weitgepriesene Poeten -Vater Taubmann ein 
Meister ist". Sodann ein anderes Gedicht: des MjTtillo 
Frühlings Klaggedichte. 1643 (Rosengeb. 256). Vor 
allem aber aus dem letzten Jahre seines Hallischen 
Aufenthaltes eine poetische: „Rede über das durch Jesu 
Christi Triumph triumphirende und von der Torstensoh- 
nischen Belagerung wieder erlösete Freiberg, zu Hall in 
dem Gymnasio öffentlich gehalten. 1643" (Rautengeb. 
516) •■^). Li überschwenglichen Worten rühmt er den 
endlichen Sieg der Freiberger über die Schweden. Von 
Halle begab er sich auf die Hochschule nach Leipzig. 
Ich rechne ungefähr die Jahre 1644/45—1650 heraus nach 
seinen eigenen Beteuerungen, dafs er 5 Winter in Leipzig 
sich aufgehalten habe: 

Füufmahl hat die Nordenzeit 
Hier die Blumen abgemeilit '^). 

Er scheint sich hier ganz dem Dichterberuf, ohne ernstere 

Studien zu betreiben, hingegeben zu haben, da Adam 

Krieger von ihm singt: 

Die Linden grünten stets, wann sich sein Ton erhub, 
Den er so unvermerkt in ihre Wurzeln gruli. 
Sie tragen noch sein Lob in ihrem grünen Laube 
Und lassen es allda der Musenschaar zum Raube. 

Dazwischen fällt aber eine Reise nach Wittenberg, 

wo August Buchner ihn fesselte. Er schrieb hier das 

Empfangsgedicht für Johann Georg I. als dieser dorthin 

kam, und eine Ode, die vor dem Kurfürsten bei Tafel 

abgesungen Avurde. Auch die Umgegend gefällt seinem 

dichterischen Gemüte, und entzückt singt er von den 

Orten, wo die schwarze Elster in die Elbe fällt: 

Wo die Elster ungetrübet 
Ihren Schaum der Elbe giebet '') 
oder: Dreimal blies den Schaum die Elbe 
Zu dem obern Blaugewölbe. 



'»^ 



^) Separatdruck im Freiberger Altertumsverein B. a. 156 a Nr. 10. 
«) Rosengeb. 346. 
'1 Ebenda 125. 



David Scliiimer. 121 

Dreimal hüpften Lämmer auf. 
Bis der Speckbusch voller Kualleu 
Aller Freuden b ei gefallen *). 

Eine andere, wolil nur vorübergehende Reise führte 
ihn nach Arnsdorf, von wo aus er ein Lied au Johann 
Georgs II. jungen Sohn richtete. 

Gleichwohl ist damit seine Kenntnis des deutschen 
Vaterlands nicht erschöpft. Er kennt die Gegend an der 
Neilse. (Der scheidende Seladon an der Neilse, Rosen- 
geb. 110.) Er weilt öfter an den Ufern der Mulde und 
mufs auch einmal nach Bamberg gekommen sein, von dem 
er unter dem Namen des Liebhabers Dämon sagt: 

Nachmals bin ich fortgereiset 
Zu der weitberühmten Stadt 
Die des Berges Xamen hat. 
Da der Bembo wird gepreiset, 
Bembo, der l)elobte Mann 
Der gar artlich spielen kann'^). 

Mit dieser Reihenfolge der Städte stimmt es auch 
im grofsen und ganzen, wenn er selbst in einem längeren 
Gedichte: Coridon an der Mulde (Rosengeb. 127) sagt: 

Du, du linder Eiben -Strand 

Nahmst mich erstlich von der Hand (= Wittenberg). 

Darauf gab ich einen Kufs 

Dir, du alter Pleifsenflufs (= Leipzig). 

Ich besuchte Jene Stadt, (^ Jena) 

Die sich hingesetzet hat, 

Wo der Saalstrom rinnet. 

Bis ich wieder Abschied nahm 

Nach den Meifsner Weiden (= Leipzig). 

So seinem Dichterberuf lebend gab er in Leipzig 
schon Teile seiner „poetischen Rosengebüsche" heraus. 
Die Zueignungsschrift vor dem I.Buch trägt das Datum: 
Leipzig den 11. Wintermonds 1043 i"). Er schreibt noch 
am 1. Wintermond 1648 ein Sonett an einen Herrn „H. A. M. 
in Coburg" und gab — wohl die letzte Fruclit der Ijei[)- 
ziger Zeit — das 3. Rosengebüsch des 1. Buches von hier 
aus an die Öifentlichkeit (datiert: Leipzig 11. Winter- 
monds 1649). Seine Gedichte machten ihn bekannt, so 
dafs er schon 1647, als 25jähriger junger Mann, unter 
dem Namen „der Beschirmende" in die 4 Jahre zuvor 



") Ebenda 126. 

") Ebenda 117. 

"^) 1654 ist in der Gesamtausgabe von 1657 in Dresden (Dresd. 
Bibl. Poet. Ucrm. ."i6i)) ein offcnliMicr Druckfehler statt \M:\. Die 
spätem Aullagen erschienen 1Ü5U in Halle, 1053 und I6ri7 in Dresden. 



122 R- J^ade: 

in Hamburg gegTüiidete „Teutsch gesinnte Genossenschaft" 
Aufnahme fand. Nur noch eins bleibt uns aus diesem 
Leipziger Aufenthalt zu erwähnen übrig: seine Liebe zu 
Marnia, die er in den 60 Sonetten des 3. Rosengebüsches 
(1. Buch) besingt und die ihm leider starb. Hier tritt 
das wirklich Erlebte ganz sichtbarlich in seine Reimerei 
über, man merkt den wärmeren Schlag des Herzens, in 
diese Gedichte ist etwas von der Wärme Tibulls zur 
Cynthia hineingekommen. Er klagt dem Roseuthal seine 
Schmerzen ; ich glaube auch den Namen der Geliebten zu 
wissen, sie hiels „Stein"; denn er ruft: 

.Stein bist du, liebstes Lieb, und wirst aucb Stein genannt. 

Das Herz ist Stein. Der Sinn ist Stein. Das Wort ist Stein "). 

So war denn auch sein Ruf und Ruhm nach Dresden 
gedrungen, und da man an dem prachtliebenden Hofe auch 
der Dichtkunst nicht entraten wollte, so wandte man sich 
um Auskunft an August Buchner in Wittenberg, der 
sofort David Schirmer, seinen Schüler, empfahl. Johann 
Georg I. berief ihn 1650 aus Leipzig, zwar nicht unter 
dem Titel eines Hofpoeten und noch ohne feste Anstel- 
lung, aber mit den Pflichten eines solchen, in die Residenz, 
indem er ihn durch die Entschädigungsgelder für die 
gelieferten Festgedichte ziemlich sicher stellte. Schmerz- 
lich nimmt Schirmer von Leipzig Abschied. Dem Rosen- 
thal, dem Orte seiner Liebesklagen, widmet er noch ein 

Madrigal : 

An das Leiptzigscbe Rosentlial. 

So lafs, Rosentbal 

Um deinen Strand die Schatten 

Sieb mit den Blumen gatten. 

Es füge dir kein Eber Schaden zu. 

Kein wilder Bär betrübe dir die Pleifse 

DaXs er dir deine Nj'mphen 

Nicht störe von der Ruh. 

Du bist mir hold gewesen, 

Wann ich dii' was von Lielie vorgelesen. 

Gehab dicli wohl. Ich muls dich lassen. 

Ich mufs nun fort. 

Mein Glücke, das mich schien zu hassen, 

Zeigt mir noch einen Ort. 

Hörst du die Elb und AVeisseritz erklingen, 

So denke nach. 

Wo ich, wie ich versprach. 

Doch deinen Ruhm im Grünen müsse singen ^-). 



") Rosengeb. 200. 
'-) Vergl. ebenda 352. 



David Schirmer. 1:23 

Es folgte nun in Dresden die Zeit der Gelegenlieits- 
dichtiing-. Dazu boten keine Jabre mehr Anlals, wie 
gerade die von 1650 — 1652, die ja die begebnisreicbsten 
waren. Verlöbnisse wechselten mit fürstlichen Besuchen, 
Beilager mit Feuerwerken ab, Tafelgesänge und Ballette 
boten fortwährende Gelegenheit zum Dichten. Schon am 
6. März 1650 führte er eine allegorische Dichtung in dem 
Kirchsaale aus zum 66. Geburtstage Johann Georg I., in der 
die Zeit, Kindheit, Jugend, Mannheit, Alter und Ewig- 
keit auftraten. Zur Hochzeit der Herzöge Christian und 
Moritz dichtete er schon wieder für das FeuerAverk „auf 
dem Münzberg" und am 2. Dezember 1650 brachte er sein 
Ballett „Paris und Helena" auf dem Riesensaale ^■^) zur 
Aufführung. Bei allen diesen Stücken spielte die Musik 
natürlich eine Hauptrolle; ein Aktenstück besagt, es seien 
hierbei etliche bestimmte vom Kapellmeister Heinrich 
Schützen komponierte Stückchen musizieret worden. Lei- 
der besitzen wir diese gerade, wie auch die Musik zur ersten 
deutschen Oper „Daphne" von Schütz zu dem Texte 
Opitzens, nicht mehr. Um so interessanter ist es, dals 
nur Schirmer (Rautengeb. 505) noch die Musik zu einer 
Ode für Friedrich Wilhelms von Altenburg Verlobung 
aufbewahrt hat. Sie ist zweistimmig mit beziffertem Bass. 

In ähnlich fruchtbarer Weise ging es das Jahr 1651 
und 1652 durch fort, dann aber lälst die Gelegenheit bis 
1663 allmählich mehr und mehr nach. Es ragen aus diesen 
vielen wertlosen Machwerken die Ballette heraus, deren 
eines „Paris und Helena" von Gottsched (Vorrath 1, 203) 
als die erste Dresdner Oper nach der „Daphne" und als 
diejenige bezeichnet wird, die zu allen nachmaligen Opern 
die Anregung gegeben habe. Sie ist genau beschrieben 
bei Fürstenau (Zur Geschichte d. Musik u. d. Theaters z. 
Dresden 1, 117 fg.). Der „triumphierende Amor", der 
wegen des Todes der Gemahlin Herzog Moritz (am 
27. September 1652) nicht aufgeführt wurde, ist noch nicht 
besprochen worden und verdient darum ein paar Worte 
(Rautengeb. S. 173). Amor tritt auf und triumphiert, dais 
ihm die ganze Welt gehöre. lo kommt und beginnt mit 
den Nymphen eiu Ballett. Da naht Jujjitcr und erklärt 
ihr seine Liebe. Juno bittet den Jupiter um die Hirsch- 
kuh, in die Jupiter inzwischen die lo verwandelt hat; 

^^) 2. Stockwerk nach der Schlofsstrafse. Das Kartell dazu odrr 
die Iiilialtsangabe erschien auch separat beim Hofbnclidrucker Mel- 
chior Bergen. 



124 R- Kade: 

diese wird dem Argus übergeben (I). Pan klagt dem 
Merkur seine Liebe zur Syrinx ; sie erscheint, wird aber 
vor seinen Blicken in ein Rohr verwandelt, aus dem ihm 
Merkur eine Flöte macht (II). luachus sucht die lo und 
Jupiter zu befreien. Argus singt ein Lied und schläft 
ein (III). Da tötet ihn Merkur. Juno ist anfangs ent- 
setzt, doch verwandelt sie auf Jupiters Bitten die lo 
wieder zurück. Es schliefst sich ein Ballett der Hirten 
und Hirtinnen an (IV). lo wird unter die Götter auf- 
genommen, und ein „grand ballet" der Götter und 
Göttinnen endigt das Stück. Amor thront währenddessen 
in den Wolken (V\ 

Aufser diesen beiden grölseren Balletten dichtete 
Schirmer noch ein „Ballett der Glückseligkeit" (18. März 
1653), „des Atlas" (17. März 1653), „der Tugenden und 
Laster" (1659) und ein Drama „Liebesspiel der Nymphen 
und Satyrn" (vergl. Fürstenau a. a. 0. 132 fg.). In diesen 
Balletten liegt der Schwerpunkt Schirmerscher Dichtkunst, 
und vergleicht man, was sonst am sächsischen Hofe um 
diese Zeit an deutschen Singspielen entstand, so wird 
man ihm ein gewisses Lob der Geschicklichkeit nicht 
versagen, da sich alles übrige der andern Dichter auf 
Übersetzungen aus dem Italienischen beschränkt. Man 
denke nur an Ernst Gellers „Arkadischen Hirtenaufzug" 
(1653) , der den pastor fido des Guarini übertrug. Erst 
später um 1670 fängt Dedekind zu wirken an, bis dahin 
bleibt Schirmer der einzige und immerhin glückliche 
Hofpoet. 

In diese Zeit glücklichen Dichtens fallen auch Schir- 
mers „Singende Rosen oder Liebes- und Tugend -Lieder 
in die Musik gesetzt durch Philipp Stollen, itzo Ihrer 
Durchl des Hrn. Administratoris des Ertz-Bischthumbs 
Magdeburg Cammer-Musicum. Dresden. 1654" (Exempl. 
Berlin. Bibl. 14, 208). In der Vorrede sagt er: „Unter 
anderen hat mir Hrn. Philipp Stollens, wohlbestalten 
Teorbistens, sehr liebliche Art sonderlich Wohlgefallen, 
dals ich mich endlich erkühnet, ihn hierinnen zu Rate 
zu ziehen." Zugleich bittet er den Leser in des Kom- 
ponisten Namen, er möchte die Melodeyen nicht so faul 
und schläffrig, wie in den gemeinen Schulen zu geschehen 
pflegt, herausweinen, herauskeuchen oder sonst ein ab- 
scheuliches und heulendes Dehnen der Noten vorstellen 
lassen. „Sondern weil sie nach der Kapell-art in etwas 
eingerichtet sein, so wollen sie bald mit einem sehnlichen 



David Schirmer. 125 

Tone oder mit einer frischen Trillung- angebraclit werden, 
damit sie ihrer natürlichen Anmuth nicht entbehren müisten. 
AViewohl aucli ihr Fnndament eigentlich auf die Theorbe 
anzusehen ist, so kann man es auch mit einer Viol de 
Gamba ver\Yechsehi." Am Schluls verspricht er „etliche 
geistliche Arien", die aber unveröffentlicht geblieben zu 
sein scheinen ^*). — So dürftig nun die Melodien ausge- 
fallen sind, so hübsch sind gerade in dieser Sammlung 
Schirmers die Texte, deren nur einzelne in die späteren 
Auflagen der Rosengebüsche Aufnahme gefunden haben. 
Ja das Trinklied (Nr. 58) ist gar munter und flott : 

Heran, heran 
Du Traubenmann. 
Du grofser Zecher, 
Du .Stürzebecher. 
Schenk uns den Wein 
Bis oben ein, 
Dafs wir im IMeyen 
Uns sämtlich freuen. 



Ihr andern singt, 
Ihr andern klingt, 
Dafs in dem Giefsen 
Der Wein kann fliefsen. 
Singt hier und da 
„Di Nellula'-, 
Singt alle sclmelle 
„ßunda di Nelle". 



Rauf auf die Bank, 
Das Glas ist blank 
Du sollst es haben 
I\Iit Bacchus Gaben. 
Wer ifst und trinkt 
Und tanzt und singt 
Dem kann im Sterben 
Kein Geld verderben. 



Da Schirmer nun so reichlich dichtete und den 
Dresdner Hof besang, hoffte er auf definitive Anstellung. 
Das schien aber nicht gleich werden zu wollen , so dals 
diese Unsicherheit nach 3 Jahren (1053) in ihm den 
Wunsch aufkommen liels, sich wieder auf die Universität 
zu begeben. Da aber sagte der Kurfürst: „Ich lasse 
Euch nicht weg, denn ich kann Euch gebrauchen; ich 
will Euch zu einem Manne machen, dals Ihr es mir hier 
zeitlich Dank wissen sollt." Es erfolgte wirklich seine 
endgiltige Anstellung als Hofdichter mit 218 Thalern Be- 
soldung (Reskript vom 20. August 1653. Hauptstaats- 

arcliiv). Da heilst es: 

Wir bekeunen, dafs Wir Schirmer zu Unserem Diener auf- und 
angenommen, dergestalt, dafs er sowohl in poetisclier als ungebundener 
Aufsetzung einer oder anderer ihm angegebenen Materien sich un- 
verdrossen zu erweisen, dieselben nach seinem besten Verstände aus- 
zuarbeiten und sich nach rnserm Befohl und Anordnung jederzeit 
aufwärtig und gehorsamst zu l)ezeigen hat 



") Vielleicht zielt darauf ein Aktenstück im Königl. llauptstaats- 
archiv, worin dem David Scbirnier für Fortsetzung seines „christ- 
lichen Ehrenwerks" eine Unterstützung gegeben werden soll. 



126 R. Kade: 

Das führte 3 Jahre später noch zu etwas weiterem. 
Der Bibliothekar Clmstian Brehme wurde 1656 kurfürst- 
licher Rat und Bürgermeister und gab aus dem Grunde 
das Bibliothekamt ab. Die erledigte Stelle übertrug 
man am 11. März 1656 dem David Schirmer mit einer 
Besoldung von 100 Gulden (lieskript d. d. Dresden. 
11. März 1656. Hauptstaatsarchiv). Von allen Seiten liefen 
Gratulationen ein, von Andreas Möller aus Freiberg, aus 
Wittenberg von Buchner, von seinem Vater und seinen 
Brüdern, die er später alle vereinigt unter dem Titel 
herausgab: „Virorum illustri fama decantatorum ad Da- 
videm Schirmerum Hermundurum . . . Dresdae 1663." 

Es ist zuerst festzustellen, dafs unter seiner Amts- 
führung die Benutzung der Bibliothek eine allgemeinere 
und ungezwungenere wurde, zu der die unmittelbare kur- 
fürstliche Erlaubnis nicht mehr erforderlich gewesen zu 
sein scheint. Wir haben die Zettel noch, auf denen 
Schirmer die Bücher an vornehme und gewisse (d. i. zuver- 
lässige) Leute auslieh. (Bibliothekarchiv Vol. I No. 42. 
49.43 Z. 6 : „Dieser Zettel ist richtig und sind die Bücher 
zu fodern" [weil noch nicht abgeliefert]. No. 45: „Aus der 
Churf. Saechs. Bibliothek hat der bestallte Bibliothecarius 
Davidt Schirmer, Fuggers Buch von der Stüterey mit 
illuminierten Bildern in braun Leder gebunden und grau 
auf dem Schnitt in Fol. auf begehren abfolgen lassen und 
soll solches unverletzt ehestens wieder eingeschickt werden. 
Dresden 5. Oktober 1665 . . . Götz". — No. 22-25: 
„4 Zettel über zurückgelieferte und ausgeliehene Bücher 
aus des Bibliothekars Schirmer Zeit.") 

Schirmer erkannte ferner die Ungenauigkeit des alten 
Katalogs und wünschte einen neuen; er beantragte die 
Einsetzung einer Kommission. Er drang 1662 auf ein 
geräumigeres Lokal und auf Anstellung eines Aufwärters, 
wovon ihm nur die letzte Bitte sich erfüllte. Aber er 
besafs nicht genug eigenen Trieb, diese Arbeit eines 
neuen Katalogs, die eines Mannes Kräfte nicht überstieg, 
selbst zu unternehmen. Die Bibliothek besals höchstens 
7000 Bände, so dafs die Herstellung einer annehmbaren 
Ordnung möglich war. Dazu war er nicht genauer 
wie seine Vorgänger im Ausleihen, Einfordern, Auf- 
zeichnen der Bücher, gewils weil ihn seine poetischen 
Nebenarbeiten zu viel in Anspruch nahmen. Nur aber 
durch die peinlichste Gewissenhaftigkeit begründet sich 
die Würde eines Bibliothekars. Er konnte das Dichten 



David Schirmer. 127 

lüclit lassen. Seine Rauten gebüs che führen allerdings 
nur Gedichte bis 1663 auf; aber wir wissen, dafs er noch 
1675 „der edlen Tugenden immer blühenden Rosenkranz 
für Maria Elisabeth Kottin" dichtete (Königl. Bibliothek), 
und vor allem , dals er eine Übersetzung von Georg 
Arnolds Leben des Kurfürsten Moritz verfertigte ^■'). 

..Ich will — so sagt er in der Voi'rede mit trefflichen Worten — 
dei' Hoffnung leben, Ew. Churf. Durchl. werden an meiner Übersetzung 
ein gnädiges Vergnügen haben. Hoher prächtiger Art zu reden, 
habe ich n)ich Inllig nicht befleifsigen wollen, weil die Historien nicht 
so wohlredend als deutlich wollen beschrieben sein. Denn ihr Nutz 
rühret nicht von (Trofssprechen, sondern von dem Verstände und der 
AVahrheit derselben her ; wer jenem nachfolget und dieses unterläfst, 
der scheinet mehr einer Finsternifs als der hellen Sonne ähnlich zu 
sein. Mehr will ich nicht anführen, als dafs die Historien mir für- 
kommen, als ein hocherbautes und mit Fenstern geziertes Haus. 
Die darinnen wohnen, sind die gegenwärtige Welt, die vorübergangen, 
die vorlauö'ene, und die wir von ferne kommen sehen, die sind die- 
jenigen Leute, welche wir die Nachkommen nennen. E. Ch. D. lassen 
vor diese so mühsame Arbeit, die ich an dieses Werk gewendet, 
dero hohen Gnade mich gnädiges befohlen sein und l)ieten mir dero' 
gnädigste Hände, dafs icli in denen Originibus Saxonicis oder von 
dem Anfange und Ursprünge der Sachsen des hochgelahrteu Georgii 
Fabricii, so er in Latein beschrieben, fortfahren und wie ich sie in 
das Deutsche zu übersetzen angefangen, also auch unter dero hoher 
kurfürstlicher Gnade glücklich vollenden möge. David Schirmer. 
Dresden d. 27. Martii, an welchen der seligst verblichenen kgl. 
Majestät in Dänemark das castrum doloris in der heil. Sophienkirche 
aufgerichtet worden. 1670." Der Titel lautet: „Des durchl. Herrn 
Moritzens . . . Lebenslauft' mit sonderliarcm Fleifs erstlich lateinisch 
beschrieben von George Arnolden . . . izo aber auf Churf. gnädig- 
sten Befehl in's Teutsche gebracht durch David Schirmer, . . . 
l)ibIiothecarium." 

So führte denn diese Vernachlässigung seines eigent- 
lichen Amtes zur endlichen Entlassung, die schon im 
Jahre 1683 erfolgte, und Trier bekam Schirmers Amt. 
Der Defekten hatten sich immer mehr herausgestellt, so 
dals Trier ein Gesuch eingab, Schirmern zur Rechenschaft 
zu ziehen (Bibliotheksarchiv I, 40): 

Bei vorhabender Aui'ricditung des Inventarii über die Churf. 
Library ereignen sich der Defekten, dergleichen unlängst ein sprcinien 
überreichet, im Fortgang nach und nach mehr. Es sind aber solche 



1-^) Es existieren 3 Handschriften davon auf der königl. lUljliothek: 
K. 28; J. 117b-, und J. 117a. Davon luit die erste den volL^^tändigen 
Titel; die zweite ist eine moderne Abschrift; die dritte ist die älteste, 
gleichwohl aber kein Autograph. — Auch Jöclier citiert diese Über- 
setzung. Daneben noch „Nili yüldene Sprücli" und "Sh: de Calieres 
„Glück tugentbafter Leute-' und die „eifersüclitige Celndvte" aus dem 
Französischen. Diese sowie „Naeviisermonesconvivales t'trdinandill." 
vnn Scbirmet- ül)ersetzt halie ich nirgends auftreDicn kimncu. 



128 • R- Karle: 

Defekten nicht nacli Besag der voi'liandenen alten ßüclierverzeieh- 
nisse, sondern nur als es die niutilirten Opera selbst weisen, auf- 
notirt. Welche Mängel alle nach und nach stückvveis bei Churf. 
Saechs. Kammer schriftlich zu bemerken, auch allemal Ant- und Ge- 
genantwurt auf solche Weis zu erstatten, ist weitläuftig und zugleich, 
da Herr Schirmer oft mit einem Wort den darauf eiforderten Be- 
richt ertheilen kann, unnöthig. Daher ein kürzerer Weg wäre, wenn 
sich gedachter Herr Schirmer zu gewissen Zeiten ein und das ander 
mal auf Churf. Bibliothek zu freundlicher Unterredung einfinden und 
über vorfallender Xothdurft Bescheid geben möchte. Diente auch dem 
Bibliothecario, zu seiner unter Händen habenden Arbeit, eine Copie 
von der specification ausstehender Bücher, so in Churf. Kammer Herr 
Schirmer eingegeben zu haben, in seinem Memorial erwähnet. 

Diese Anschuldigungen wollte Scliirmer nicht auf 
sich sitzen lassen und schrieb nun jenes denkAvürdige eigen- 
händige Memorial vom 10. Dezember 1683, das den ganzen 
Mann so gut charakterisiert, dalsiches, zum ersten Male 
vollständig, hier zum Abdruck bringen will, zumal es erst 
1886 — also 300 Jahre später — wieder aus dem Anti- 
quariat von O. A. Schulz in Leipzig für die Königl. 
Bibliothek zurückerworben worden ist: 

Schirmer, David, wegen der Defekten. Durchleuchtigster Chur- 
fürst gnädigster Herr. Es wehre zu wünschen, dafs Sr. Churf. Durchl. 
Bibliothek noch in dem Zustande zu finden wäre, wie sie anfangs 
bei dero Aufrichtung zu befinden. Weil aber seit Churf. Augusti 
Zeiten, als ersten Stifters derselben, keine Revision vorgegangen und 
also der alte Katalogus ^'') sehr unrichtig worden . als hat die fast 
hundertjährige Zeit viel verursacht, dafs etliche Defekten darinnen 
anzuheften sein müssen. Zu dem kommt noch, dafs derselbigen Vor- 
steher und BiI)liothecarii nicht so grofsen Fleifs bei derselben ange- 
wendet, dieweil man nicht einmal wahre Nachricht haben kann, wie 
sie theils geheifsen und wer sie theils gewesen. Ew. Churf. Durchl. 
Herr Vater glorwürdigsten Andenkens hab ich oftermals mündlich 
über Nienborgen ^■') klagen hören; der hat wie die Churfürstlichen 
Worte waren, die Bibliothek ganz in ürund verderbet und so ver- 
wahrloset, dafs viel schöne Bücher bei seiner Zeit daraus kommen 
seind. Nach diesem ist Christian Brehme, hernach Bürgermeister in 
Dresden, Bibliothecarius worden, welcher wegen seiner Ratsgeschäfte 
sich derselbigen nicht eifrig angenommen und die Bücher, so er etwa 
herausgegeben und mit Bleireifs auf kleine schedulas aufgezeichnet, 
die man auch fast nicht mehr recht lesen kann, wie die Beilagen 
seiner eigenen Hand ausweisen. Bei diesen Zeiten bin ich, auf Vor- 
schlag des weitberühmten Professoris zu Wittenberg, Augusti Buchneri 
sei. , von E. Ch. I). von der Universität Leipzig hierher gnedigst er- 
fordert worden und weil meine wenige Poesie, doch ohne meinen 
Ruhm zu sagen, in ziemlichen Beruf kommen war, seind mir aller- 
hand theatralische Sachen an Opern, Balletten auf dem Theatro, dem 



^'*) Derjenige vom Grafen Joh. Andr. Schlick und dem Dr. Siegen 
und Roeling. 1595. 2 Bde. 

") Bibliothekar seit IHll ; 1638 entlassen. Vergl. Ebert, Gesch. 



d. Königl. Bibl. zu Dresden S. 36. 



David Schirmer. 129 

Rieseusohle und bei dem Feuerwerk zu verfertigen gnädigst anver- 
traut worden, wie E. Ch. D, sich noch selbs dessen gnädigst erinnern 
und meine gedruckte poetische Rautengeljüsche solches genügsam be- 
zeugen werden. Als ich mich aber von hier wiederumb auf die 
Universität begeben wollte, sagte E. Ch. D. Herr Vater, damals 
Churprinzliche Diu'chl., zu mir: „Ich lasse Euch nicht weg, denn ich 
kann Euch gebrauchen, ich will Euch zu einem Manne machen, dafs 
Ihr es mir hier zeitlich Dank wissen sollt." Hierauf wurde mir eine 
Hofbestallung von 218 Thlrn. ausgeantwortet und 3 Jahr hernach, 
als Christian Brehme abgedanket hatte, ist vou E. Churf D. Gross- 
Herrn -Vater Churf. Joh. Greorg I. durch den Geh. Secretarium Eeich- 
brodt noch eine Bestallung, jedoch mir ganz unwissend, ausgeaut- 
wortet und mir das Bibliothekariat gnädigst aufgetragen worden. 
Und weil E. Ch. D. Grolsherr Vater und Herr Vater wohl wufsten, 
wie es mit dem Oatalogo der Bibliothek bewandt , haben sie diese 
Clausul der Bestallung einverlei1)en lassen: ,,Und soll er an niemand 
anders, als au unserm Oberliofprediger Dr. AVellern seinen Oberin- 
spektoru der Bibliothek gewiesen sein und weil der alte Catalogus 
und Curatorium der Bibliothek ganz unrichtig, soll ihm nach bevor- 
stehender Revision ein neuer aiisgeantwortet -werden, nach welchem 
er sich richten soll-', wie dasConcept bei der Churf. Saechs. Rentkammer 
bezeugen und daselbst noch zu ünden sein wird. Auf diese gnädigst 
versprochene Revision habe bei E. Ch. I). Herrn Vater, nunmehr 
Churfürsten, so wohl mündlich als schriftlich offtermalen ich unter- 
thänigste Ansuchuug gethau und endlich so viel erhalten, dals E. 
Ch. D. höchstseliger Hr. Vater damals die Anstalt gemacht, dafs : ein 
Geheimbde Rath, ein Hofrath, der Oberhofprediger, als Oberinspektoi-, 
zweene Secretarii, nebenst zweenen Copisten darzu erkieset worden. 
Da aber die Revisores verlanget, sie möchten mittags traktiei'et und 
auf der Bibliothek gespeiset werden und es an die Churf. Kammer 
gebracht worden, hat sie dieses abgeschlagen mit dem Vorwand , es 
wehre solcher Aufgang nicht vorhanden und daher ist dieses hoch- 
nötige Werk in das Stocken gerathen und bis daher gänzlich unter- 
blieben. Aus diesem allen können E. Ch. D. ermessen und vermerken, 
dafs ich die Delekten des alten unrichtigen Katalogs zu verantworten 
und zu ersetzen niclit so hastig künne angestrenget werden, sintemal 
E. Ch. D. Bibliothek ich, zeit meines Dienstes nicht deterioriret, son- 
dern vielmehr vermelioriret und bis auf eine grofse Summe Bücher ver- 
mehret habe. Was aber bei meinem lUbliothekariat von der gnädiü-sten 
Herrschaft ist herausgenommen und was auch vornehmen und andern 
angesessenen Hei'rn und Freunden vcilielien wordt^n , werden meine 
2 Vorzeichnisse, so durch E. Ch. D. Rentmeister Zcschauen (V), dero 
hochbestallten Cammerdirectori , dem von Böse , aus meinen Händen 
überreichet worden, ein gnädigstes und verhoffentlich Churf. gütiges 
Vergnügen haben. Auf das eingegebene Specinien oder Specilication 
defectuum, der theologischen Folianten, antworte icli nach meinem 
Wissen und Gewissen also: (folgen Notizen über Ausleihungen). 
So viel habe auf den ersten Punkt der gnädigsten Rescripte ich un- 
terthänigst und gehorsamst antworten sollen. Den andern aber in- 
gleichen voizuiiehmen , wollen E. Ch. 1). gnädigst mir armen, alten 
und kranken Diener bifs morgen, Dienstags, Frist verstatten, weil 
meine von einem jehliehen Schlagtlusse herrührende annocli ürofse 
Unpälslichkeit und heftiger Hauptschmerz mir alles auf einmal zu 
berichten nicht zulassen wollen. E. Ch. D. befehl ich dem Aller- 
höchsten zu allem AVohlergelien , midi armen, verbissenen Diener 

Neues Archiv f. S. G. u. A. XlII. 1. 2. 9 



130 B. K-adc: 

aber zu dero Gnade. David Scliirmer, alter Diener nnd Bibliothe- 
carius, meines Alters im bl. Jahre ^^). Siyu. Dresden. 10. Dec. I(i83. 

Drei Jahre später gab er — wahrscheinlich nochmals 
interpelliert — ein Verzeichnis (Bibl. Arcliiv I, 43), wo- 
rauf er bemerkte, was nach seinem Wissen an Büchern 
noch ausstand. Darunter die Angabe: „David Schirmer, 
aetat. 64" ^^) und die lateinischen Verse: 

Affixi lecto scripsit manus aegre dolentis, 
Cum corda servet teque tuorumque deus. 

Das sind die letzten Zeilen von Schirmers Hand. 
Wann er gestorben, wissen wir nicht. Gewils noch 1086. 

Diese ziemlich unglückliche Beamtenlaufbahn hat 
seinen Dichterruhm nicht beeinträchtigen können, den wir 
ihm ebensowenig wie Gervinus herabsetzen, noch wie 
Förster (Bibl. deutscher Dichter XIII) über Gebühr ver- 
gröfsern dürfen. Es war eine unendlich dürftige, unter 
den Schlägen des Dreilsigj ährigen Krieges kümmerlich 
sich fristende poetische Zeit; das muls auch Schirmern 
entschuldigen und ihm eine historisch- ruhige Würdigung 
sichern. Er beherrscht zahlreiche Eormen der Dichtkunst, 
er spricht Erlebtes und Gedachtes natürlich und geschickt 
aus. Er vermeidet bis auf w^enig Stellen widerlichen 
Schwulst, neigt öfter zur Trockenheit. Seine Stellung giebt 
er sich selbst einmal an: „Ob ich gleich kein Opitz bin, so 
haben doch gegenwärtige Lieder noch jederzeit ihre 
Maecenaten gefunden, denen sie gefallen haben. Der von 
Wolfsberg und Hr. Rudolph werden sich noch unschwer 
erinnern, mit was vor Lust sie dieselben, benebenst einer 
Violgambe, angehöret haben" (Zueignung von d. Eosen- 
geb.). Das war das wichtigste: die leichte Sanglichkeit 
seiner Lieder. Philipp Stolle und Adam Krieger -") haben 
viele von ihnen komponiert, die sich nun schnell über 
Deutschland verbreiteten. Sehr lehrreich ist dafür eine 
Stelle aus Georg Schoch's „Neuerbauter poetischer Lust- 
nnd Blumengarten, Leipzig 1660": 

Hrn. David Schirm ers meines ühralten Freundes sein kaum 
ausgeblühtes Rosengebüsche, dessen Avir uns vorweilen in unsern 
frölichen Zusammenkünften als einer sonderbahren Gemütlisbelusti- 
gung gebraucliten, in was für böse Gesellschaft seind sie in so kurzer 
Zeit gerathenV Wie übel und lästerlich seind sie hin und wieder 
zerzaust worden? Unter vielen eines zu gedenken: unser gewöhn- 



^'^) Auch hieraus ergab sich das Geburtsjahr. 
1») Dieser Zettel ist also von 1686. 

2<*) Hofkaramermusikus. Grabschrift bei Michaelis, Dresdener In- 
scriptionen S. 372. 



David Schirmer. 131 

liclies Leibstückcben: .Jminer hin, fahr immer hin", darauf wir so 
viel hielten : wie geschwind ist es in die Wiederdan (?) gerathen und 
so gar gemeine geworden, dals nunmehro kein Schneidergeselle auf 
seiner Werkstatt ein paar Strümpfe pflicken oder kein" Schlosser- 
junge eine Kanne Bier auf dem Keller holen kann, wenn es nicht 
von ihm gesungen oder gepfiffen würde. 

Und wie lautete nun jenes Lied: 

Immer hin, fahr immer hin 

Falscher Sinn 

Du sollst mich nicht kränken. 

Was mir gar nicht Averdeu kan 

Wird von dann 

Mein Gemüthe lenken. 

Ich weifs meine Zeit 

Und ein solches Leid 

In den kühlen Wein 

Der mir glatt geht ein, 

Wohl zu versenken. (Rosengeb. S. 56.) 

Immer, wo die besten ihrer Zeit aufgezäht werden, 
wird auch Öchirmers Name genannt. Johann Sinapius 
(Lobgedicht in poesin Sieberianam) singt: 

Was Heinsius erdacht. 
Was Opitz aufgebracht, 
Was Fleming nachgesungen. 
Was Risten wohlgelungen, 
Was Tscherning fürgemahlt. 
Womit der Clajus prahlt, 
Was Dach und Scliirmer sinnen: 
Ist Sieber's sein Beginnen. 

Gotthilf Treuer (Deutscher Daedalus) stellte sogar 
alle poetischen Wörter aus Schirmers Gedichten zusam- 
men! Da konnte es nicht fehlen, dals iSchirmer eitel 
wurde und sich stolz brüstet: 

Denn ich bin dci-, dnicii den der Sachsen schönes Wesen, 
AN'as Dichterkunst betrifft, itzt iiocbdeutscli wird gelesen. 
Setz, ]\lelpomene, mir auf, als meinen J\ulini. 
Den grünen Lorbeerkranz, mein rechtes Eigenthum. 

Die Geschichte, die gerechtest(; Richterin, hat ihm 
wenigstens ein klein Lorbeerreislein nicht zu versagen 
vermocht. 



9* 



V. 

Zur Geschichte der Goldschmiedekimst 

iu Sachsen. 

Ton 

E. Wem icke. 



Marc Rosenberg' hat in seinem verdienstliclien 
Werke „Der Goldschmiede Merkzeichen" (Frankfurt a. M., 
H. Keller 1890), worin er 2000 facsimilierte Stempel auf 
älteren Goldschmiedearbeiten nebst Erklärungen veröffent- 
licht , folgende sächsische Städte : Dresden , Freiberg, 
Halle, Leipzig, Magdeburg, Torgau, Weimar, Wittenberg, 
Zeitz und Zwickau in Betracht gezogen und hierbei 
nahezu 40 Meister mit den ihnen zuzuschreibenden Ar- 
beiten festzustellen vermocht, zahlreicher Urheberzeichen 
nicht zu gedenken, die einer noch ausstehenden oder ganz 
einwandfreien Deutung harren. 

Während Rosenbergs Werk noch im Druck sich 
befand, benutzte ich einen dreitägigen Aufenthalt in Dres- 
den, um Rechnungsbücher des Königl. Hauptstaats- 
archivs, die Ausgaben für den kurfürstlich sächsischen 
Hoflialt betreffend, in der Voraussetzung zu durchmustern, 
dals das mir bekannte Rosenbergsche Unternehmen zu 
gewissen Nachti-ägen Anlals bieten würde. Nachdem sich 
diese Anschauung bestätigt hat, ermangele ich nicht, die 
einschlagenden Ergebnisse meiner damaligen, den Zeitraum 
von 1624—1652 umfassenden Forschungen nachstehend 
bekannt zu geben. Einige Angaben Rosenbergs werden 
dadurch teils bestätigt, teils ergänzt, die von ihm namhaft 



Zur Greschichte der Goldschmiedekunst. 133 

gemachten Goldsclimiedemeister aber um eine nicht zu 
verachtende Anzahl ihm unbekannt gebliebener oder ab- 
sichtlich (vergl. VorAVort) unterdrückter Künstlernamen 
vermehrt. Wo jedoch die anzuführenden Erzeugnisse der 
Betrelienden hingewandert sind bezw. aufbewahrt werden, 
diese Frage zu beantworten, muls ich Orientierteren wie 
Vorständen und Inhabern von Sammlungen um so mehr 
überlassen, als die häufig sehr lakonische Fassung der 
Quittungen und Beläge nur dem Eingeweihten den rich- 
tigen Weg verraten dürfte^). 

Als eine selbstverständliche AVahrnehmung möchte 
ich es bezeichnen, dals der kursächsische Hof seinen Be- 
darf an Kostbarkeiten und Kleinodien nicht allein aus 
Werkstätten des eigenen Landes deckte, sondern auch von 
— wie es scheint — ständigen Lieferanten an renommierten 
Stätten der Goldschmiedekunst bezog. Die Leipziger 
Juweliere August Richter, Georg Opitz und Johann Hein- 
rich Reinhardt (letzterer möglicherweise ein Nachkomme 
des Leipziger Goldschmieds Hans Reinhart, vergl. Rosen- 
berg a. a. O. S. 199), von denen schon im Dezember 1650 
durch Heinrich von Taube Silberwaren für Dresden er- 
handelt worden waren, lieferten im folgenden Jahre einen 
raassivgoldenen und geschmelzten Becher mit einem 
Deckel, auf drei Löwenklauen stehend, mit 11 Diamanten, 
13 Rubinen, 6 „Schmarallen" und einem Saphir versetzt, 
einschlieislich des Futterals zum Preise von 480 Thlr. 
und wahrscheinlich auch das in Leipzig für 700 Thlr. 
angekaufte grofse, aus Nephrit geschnittene Geschirr mit 
getriebenem und vergoldetem Silberwerk. Ein eclit- 
goldener, geschmelzter Becher* mit 14 Diamanten, eben 
soviel Rubinen, 6 Smaragden und einem Saphir, im Werte 
von 513 Thlr., wurde am 17. August 1652 von Georg 
Opitz bezogen und dem bisherigen Administrator des Erz- 
stifts Magdeburg, August von Sachsen. l)ei seinem Abzüge 
im Oktober verehrt, während Neujalirsgeschenke für Her- 
zog Johann Georg von Sachsen, bestehend in einem Ge- 



') Benutzt luid unter den nebenstehenden Abkürzungen angefiihit 
wurden folgende Aktensttu-ke : Loc. 8(i95, Berechnung der Edelge- 

steine , Kleinoder. (Joldes und güldener Ketten welehes auf 

des Durch). Kurfürsten . . . Bevclicli . . . vom I.Jan. Ilil9his Muri 
eingenommen und wiedei' ausgegeben (Jür.). J;Oc. sfiiif), Reehnungen 
und Belege ülier die von denen (jl(dd- Arbeitern gefertigten Kleinode Ix'tr. 
im4:—Hir>i(RB). Loc. H(i9(i, Belegc-Zeddelzur Reclimuige um Ein- 
nahme und Ausgabe edeler Gesteine, tCIeiiiiMb'r. Goldes . . . 1(524 — 29 
und desgl. 16;JU— l(i.i(i [JiZ). 



134 i^. Weniicke: 

schirr in Gestalt eines Schiits aus Nephrit mit silberver- 
gokletem Fuls und Deckel, zwei silb er vergoldeten Pokalen 
von getriebenerArbeit, einem hohen silbervergoldeten Becher 
und zwei kleineren ausnahmsweise aus Ihrer Kurfürstlichen 
Durchlaucht ,.gTolsem Gewölbe" genommen worden sind. 
Während über Beziehungen zu Nürnberger Firmen 
(s. unter Laue) nichts Näheres zu ermitteln war, verlautet 
über Augsburg, man habe von den dortigen Juwelieren 
Michael Spengler und Hans Georg Lauge auf dem Leip- 
ziger Ostermarkte eine weilse Flasche und einen durch- 
brochenen Korb um ca. 205 Thlr. erworben. — Johann 
Weinmann von Hamburg verkaufte 1651 ein diaman- 
tenes Kleinod und diverse „Büchsen-Diamanten, woraus 
dergleichen Sachen verfertigt werden sollten", um zu- 
sammen 5050 Thlr. Von den Hamburger Handelsleuten 
Hans Lambrecht und Gerhard Heusch, welche zum Jahre 
1652 als Verkäufer einer „Conterfeit-Büxe" mit dünnen 
Diamanten pro 280 Thlr. erwähnt werden, ist der Erst- 
genannte auch sonst in seiner Heimat bezeugt als Lieferant 
kunstvoller, zu Ehrengeschenken für Fürsten und Herren 
seitens des Senats von Hamburg bestimmter Gold- und 
Silbergeräte. Edelsteine vermittelte der Juwelier Hein- 
rich Sivers daselbst wiederholt nach Dresden. — Wegen 
Einkäufen in Prag wolle man unter „Seuter" nachsehen. 
AVahrscheinlich ist es auch dieser Händler, welcher sich 
unterm 26. Oktober 1652 für eine nach spanischem Muster 
gearbeitete Kette, die Graf Wallenstein bekommen, 410 
Thlr. auszahlen liels. 

Die genannten fünf Städte, mit deren Goldschmieden 
bezw. Händlern der kursächsische Hof Verbindungen 
unterliielt, sind eben diejenigen gewesen, in denen der 
betretfende Kunstzweig seiner Zeit ganz besonders blühte. 
Beziehungen nach dem Osten haben sich nur insofern 
ergeben, als ein Goldschmiedgeselle aus Dresden in 
Breslau gearbeitet und ein in Breslau Ausgelernter (s. 
Gerlach) am Dresdner Hofe hervorragend Beschäftigung 
gefunden hat. 

Es folgen nun die einzelnen Meister in alphabetischer 
Ordnung. 

Blus, Martin, liefert am 11. Okt. 1637 in Sohra 
(bei Freiberg): 8 silberne Flaschen, inwendig vergoldet, 
für 199 Thlr. 12 Gr.; einen Becher von 2 Mk. 12 Lt. für 
33 Thlr. ; 2 goldene Armbänder mit geschnittenen Steinen, 
einen Diamantring und einen „Kleinod-K,ing" für bezw. 



Zui' Geschichte der (Toklschmiedekun.st. 135 

15. 60 und 2 Tlilr. (BZ 1630-6). — Rosenberg- bildet 
unter Nr. 630 ein aus den Buchstaben M und B zusam- 
raengesetztes Meisterzeiclien ab, das er auf einen im 
Beginne des 17. Jahrhunderts thätigen Gohlschmied Michael 
Botza zurückzufüln-en sich versucht fühlt. Ebenso gut 
Heise sich aber auch der obige Name herauslesen oder 
derjenige des später zu behandelnden Martin Borisch. 

Born er, Bartholomäus, kurfürstlicher Edelstein- 
schneider, urkundet unterm 20. Dez. 1626, daXs auf Befehl 
des Oberkämmerers Heinrich von Taube Abraham Schwed- 
ler bei ihm habe 5 krystallene Platten kleiner machen 
und wieder polieren lassen. Der Arbeitslohn von jeder 
betrug 10 Gi*. 6 Pf. Für 6 neue dergl. wurden ihm am 
30. Dez. 12 Floren ausgezahlt (BZ 1626 No. 26). 

Am 28. Juli 1635 liquidiert er 64 Thlr. für 32 Stück 
krystallene „Conterfeit (Confect?)-Blatten". 

Auf Befehl Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht hat 
er 1636 in ein Uhrgehäuse von Chalcedon 3 Löcher ge- 
bohrt, mit Kitt und goldenen „Tibelgen" wieder be- 
festigt, wofür er unterm 26. April 2 Thlr. erhielt (BZ). 
Eosenberg gedenkt unter No. 1529 eines Strafsburger 
Goldschmieds Abraham Berner z. J. 1547, dessen Mono- 
gramm er abbildet. Möglicherweise war dieser ein Vor- 
fahr des hier Behandelten. 

Borisch, Martin, quittiert am 29. Okt. 1628 über 500 
Thlr. Aufgeld für 3 Dutzend Schalen, welche künftige 
Weihnachten fertig werden sollen (BZ 1628 No. 19). In 
No. 21 werden sie bezeichnet als silberne, ganz vergoldete, 
gemuschelte, schöne, grolse Confectschalen, auf jeder eine 
Figur, von einem Gesamtgewicht von 251 Mk. 14 Lt. 
2 Qu. Die von ihm ausgelegten 3022 Thlr. 21 Gr. werden 
ihm am 20. Dez. erstattet. 

1649 erhält er 51 Fl. 9 Gr. für einen Diamantring, 
welchen des Fürsten von Oels Abgesandter, Justus von 
Kospoth, wegen überbrachter Gevatterschreiben im Sei)t. 
1648 erhalten (Ber. 1649 s. v. Ausgabe -Geld vor und in 
den Leipziger Märkten). 

Böse, Caspar, zu Leipzig, quittiert am 15. Jan. 
1624 über einen bezahlten Saphirring (BZ 1()24). Von 
seinem Bruder Paul Böse wird am 18. Okt. 1652 ein 
„dreifaches Geschirr mit einem Jäger" erhandelt. (Ber. 
1652 Bl. 6()). Aus diesen und anderen Aiifülirnngon 
geht hervor, dals die Gebrüder Böse Juweliere und kaum 
ausübende Künstler gewesen sind. 



136 J^- Weniicke: 

Man ist eben zu sehr geneigt, den modernen Begriff 
des Wortes „Juwelier" für die frühere Zeit zum Mais- 
stabe zu nehmen, die darunter aber einfach Händler ver- 
standen zu haben scheint. Solche Gewerbetreibende hatten 
übrigens in der Regel mit vielen Schwierigkeiten zu 
kämpfen, ehe die eifersüchtigen Goldschmiede in ihre 
Niederlassung willigten. So weils ich mich eines Falls 
in Freiberg zu erinnern, wo einem Juwelier die Ein- 
richtung eines Geschäfts nur unter der Bedingung gestattet 
wurde, dals er weder vor seinem Laden, noch am Schau- 
fenster Geschmeide ausstelle, sondern einfach vermittelst 
eines Täfelchens mit seinem Namen in Goldschrift die 
Aufmerksamkeit auf sich ziehe. 

Flach, Hans, derzeit in Chemnitz, liquidiert über 
585 Thlr. für 4 gelieferte goldene Ketten im Gesamt- 
gewichte von 324 Kronen k 38 Gr. und von jeder Kette 
18 Thlr. Macherlohn. Die Zahlung erfolgte am 21. Dez. 
1629 in Dresden (BZ 1629 No. 27, wo auch ein Siegel 
mit der Hausmarke des Meisters). Einen Goldschmied 
Sebastian Flach findet man in „Schlesiens Vorzeit" 
Bd. IV, 506. 

Friedrich, Michael, liquidiert über 14 Thlr. 9 Gr. 
für Macherlohn an 2 Leuchtern und 2 Salzfäfschen 1629. 
(BZ 1629 No. 35). 

Gent seh oder Bentsch, Andreas, Kunststecher, 
erhält für Stechen des ganzen kurfürstlichen Wappens 
mit Schild und Helm samt dem Titel mit vollkommener 
Schrift auf 8 Flaschen ä 2 Fl, , sowie für das Schön- 
bergische Wappen auf 2 Flaschen und 6 Becher ä V'» Fl. 
Wird bezahlt den 9. Febr. 1628 (BZ 1628 No. 31).^ 

Gerlach, Wenzel, berechnet 360 Thlr. für ein Hals- 
band mit Rubinen 13. Aug. 1649 (RB 1649). Am 12. Dez. 
1650 werden ihm 262 Thlr. 6 Gr. für ein gefertigtes 
kurfürstliches Bildnis gezahlt (ebd. 1650). 

Obgleich der Name Gerlach ein sehr verbreiteter, 
auch unter den alten Goldschmieden häufig vorkommender 
ist, glaube ich doch den in Rede stehenden Wenzel Ger- 
lach mit dem aus Sulau in Schlesien gebürtigen Gold- 
schmiedegesellen gleichen Namens für identisch halten zu 
dürfen, welcher i, J. 1620 bei Meister Caspar Pf ister 
in Breslau gearbeitet hat (Gesellenbuch v. J. 1618 in 
Breslau). 

Göppert, Anna, Goldschmiedswitwe, liquidiert für 
am 23. Juni 1628 für die kurfürstliche junge Herrschaft 



Zur (beschichte der {idlil^cliiuinlt'lauist. 137 

geliefertes Silberwerk 94 Thlr. 21 Gr. 6 Pf., darunter ist 
ein silbervergoldeter „Astbeclier" für 25 Thlr. 8 Gr. 
(BZ 1629 No 9). 

Michael Güppert (Sohn der vorigen ?) liefert am 
23. Juni 1649 1 Paar silberne, ganz vergoldete Fläschchen 
um 42 '/.-, Thlr. (Ber. 1649 ff.). 

Herneiisen , Johann, quittiert d. d. Dresden 11. Dez. 
1637 über eine Abschlagszahlung von 30 Thlr. (von 100 
Gldn.) für Einschneiden des kurfürstlichen Wappens in 
Edelsteine (BZ 1630—36). 

Kauxdorf, Andreas, Goldschmied in Leipzig, liqui- 
diert über 120 Thlr. für einen silbervergoldeten Baum mit 
drei Äpfeln, wiegt 10 Mk. ä 12 Thlr. (BZ vorliegend 
ohne Datum, jedenfalls aber aus d. J. 1628). Rosenberg 
unterscheidet S. 201 zwei Meister des Namens. 

Kellerthaler, Daniel, erhält am 7. Jan. 1628 
3 Thlr. dafür, dals er in 12 silbervergoldete achteckige 
Schalen der kurfürstlichen Witwe zu Lichtenberg ihr 
Zeichen als eine 8, darüber eine Krone und Jahrzahl hat 
puncionieren müssen (BZ 1628 No. 22). Am 10. Jan. 
1629 erhält er 24 Thlr. für drei in Silber getriebene 
Christkindlein zumAVeihnachtsfeste 1628 (BZ 1(;29 No. 32). 
1637 wird er beauftragt, das kurfürstliche Sekret- (Lehns-) 
Siegel zu fertigen, wofür ihm 300 Thlr. versprochen werden. 
Die letzte Abzahlung erfolgte am 6. Dez. 1637. Er 
schneidet auch das geheime Kammersiegel, worauf er am 
22. Dez. 20 Thlr. empfängt (BZ 1630-36 No.23tf.). 

Rosenberg kennt einen Daniel Kellerthaler nicht, 
bildet aber unter No. 622 ein Merkzeichen ab, aus dem 
jeder Unparteiische die Buchstaben D. K. herauslesen 
wird, wälirend R. einen mir sonst nicht begegneten, 1608 
thätigen (Hans) Johann Kellerthaler unterzubringen sucht. 
— Dem Goldschmiede Friedrich Kellerthaler werden am 
16. Mai 1653 für einen Silberbeschlag an eine Schalmei, 
welche der Pfeifer Peter Schanbe bekommen, 28 Fl. 
9 Gr. 9 Pf. bezahlt (Ber. 1652 Bl. 109b). Auf diesen 
Goldschmied würde auch das von Rosenberg unter Nr. 629 
veröffentlichte Meisterzeichen passen, das dort auf einen 
Friedrich Klemm bezogen wird. 

Kitz k atz, Ruprecht Nikolaus, Münzeisenschneider, 
erwähnt im Juli 1625 (BZ 1624). 

Klemm, Samuel (aus Freiberg), quittiert 1629 o.T. 
über bezahlte 10 Thlr. 3 Gr. für 27 grolse und kleine 
Silbergeschirre bezw. Becher, zu renovieren und aus- 



138 ß- Wernicke: 

zuputzen (BZ 1629 No. 29). Hat 1636 an die silber- 
vergoldete Kanne, welche in der Schlolskirche zur Kom- 
munion gebraucht wird und wovon die Schnauze ganz 
abgebrochen, diese angelötet und das Kultgerät ausge- 
putzt und in- und auswendig aufs neue vergoldet, wofür 
er am 12. Sept. mit 12 Thlr. 14 Gr. abgelohnt wird. — 
Rosenberg kennt diesen Goldschmied nicht, sondern 
einen Friedrich Klemm 1638 (vergi. das bei Kellerthaler 
Gesagte). 

Kramer, Zacharias, erhält am 2. Mai 1630 425 
Thlr. für ein goldenes, mit Rubinen besetztes Becherlein 
(BZ 1630 No. 25, wo auch das Siegel des Goldschmieds 
mit Hausmarke, die aber durchaus verschieden ist von 
der eines i. J. 1569 verstorbenen Augsburger Goldschmieds 
David Kramer, vergl. Rosenberg S. 19 oben). 

Krauls, Heinrich, quittiert am 20. Febr. 1629 über 
Empfang von 19 Thlr. für drei silbervergoldete Schäch- 
telchen ä 5 Thlr. und Silberbeschlag für ein Pulver- 
fläschchen von Elfenbein (BZ 1629 Nr. 61). 

Kr e hm an n, Tobias, in Leipzig, liefert im Febr. 
1625 lOPaarKrystallplatten, die zum „Conterfeite" sollen 
gebraucht werden (BZ 1625 ff.). 

Laue, David, Goldschmied in Nürnberg, scheint an 
den kurfürstlichen Hof Lieferungen gemacht zu haben, 
indem seine Erben im Nov. 1625 (BZ) und zehn Jahre 
später im diesbezüghchen Rechnungswesen namhaft ge- 
macht werden. BZ 1635 No. 27 bringt das sehi' un- 
vollkommen aufgedrückte Siegel des Obigen, wovon sich 
nur zwischen den helmzierenden Büffelhörnern des Wap- 
pens D. L. erkennen läfst. Der Lihalt des Wappenschil- 
des ist nicht mehr wahrnehmbar. - - Dafür hat Rosenberg 
mit dem unter No. 1264 wiedergegebenen Meisterzeichen 
(geteiltem Schild mit zwei Sternen zu einem) Ersatz ge- 
bracht. — Die Namensform Laue, nicht Lauer, dürfte 
den Dresdner Archivalien zufolge die malsgebende sein, 
um so mehr, als im Verzeichnis der „Goldschmit-Zeichen, 
wie sie auf den Nadeln in der Schau (zu Nürnberg) und 
in der Laden (der Lmung) sein" zum Jahre 1580 ein 
Goldschmied Hans Christoph Laue mit dem Monogramm 
H L C verzeichnet steht. — Ein Juwelier Johann Gott- 
lieb Laue erhielt übrigens am 6. Mai 1763 in Hamburg 
Bürgerrecht (Katalog des dortigen Bürgerbuchs 1670—1767 
Litt. H-0). 



Zur Geschichte der Goldschmiedekuiist. 130 

L IUI den, Heinrich von, Goldschmied, erhält am 
10. Jan. 1629 27 Flor. 9 Gr. für drei Dutzend silberne 
Schüsseln, drei Dutzend silberne Teller, auf alle das 
Schönberger Wappen und Buchstaben gestochen, ausge- 
sotten und von neuem zugerichtet (BZ 1629 No. 28). 

— Üb die Initiale „L" meinerseits richtig aufgefalst 
worden ist, mufe ich einer besonderen Prüfung anheim- 
stellen. An Lunden im Norderdithmarschen wird wohl 
kaum zu denken sein. 

Munter s, Ludwig de. Ein Verzeichnis der Ringe, 
welche er zu dem Fürstlich Holsteinischen Beilager ge- 
liefert, in BZ 1630—36 No. 3. 

Peilsker, Hans, quittiert d. d. Leipzig 1. Okt. 1627 
über 100 Thlr. Abschlagszahlung für ein Becken von 
60 Mk. Gewicht und weitere 200 Thlr. 1. Okt. 1628 
(BZ 1627. 28 , wo auch das nicht mehr genau zu bla- 
sonierende Wappensiegel dieses Goldschmieds, dessen 
Namensform auf Herkunft aus Niederschlesien schlielsen 
läfst). 

Peyerle, Hans Georg, erhält 1630 418 Thlr. für 
5 diamantene „Tafel-Ringe" (BZ 1630 No. 24). 

Pischhäuser, Markus. In den BZ 1628 läM er 
sich folgendermalsen aus: ein silbern und vergoldetes 
Trinkgeschirr in Gestalt eines Baumes von 22 Mk., tliut 
352 Thlr.; item vor das Futter darzu 3 Thlr. und den 
Fischer, welcher mich und meinen Gesellen mit obigem 
Trinkgeschirr aufm Eibstrom li^runter geführet, 3 Thlr.; 
item 8 Tage lang in Torgau stille liegen müssen und mit 
meinem Gesellen verzelirt 9 Thlr. Die Erstattung erfolgte 
zu Torgau am 18. März 1628. 

Putleste(Putlitz?), Joachim. Rosenberg, der ihn S. 153 
„Puttlost" und um 1607 thätig gewesen bezeichnet, erwähnt 
neben abgebildetem Meisterzeichen „drei Jagdbestecke" 
im Besitze des historischen Museums zu Dresden. Eine 
Rechnung des P. über Lieferung des Beschlags zu einem 
„Wildmesser und Hirschfänger" s. BZ 1624; die liquidierte 
Arbeit dürfte auf das Obige sehr wohl zu beziehen sein. 

Reils (Reig?), Johann Philipp, wird am 7. Juli 1625 
für Lieferung von Diamantringen bezahlt (BZ). 

Schwedler, Abraham. Lieferte zunächst: 13 Dia- 
mantringe geschnitten und schwarz geschmelzt, wiegen 
12^=V], Kronen. Macherlohn: 19 FI. 10 Gr. 6 I^f. 1625. 

— Ein Kleinod, wie eine sechseckige Rose formiert, ist 



140 E. Wernicke: 

ganz von neuem bossiert; sind darin versetzt 43 Diamanten, 
wiegt an Gold 33'/^ Kr.; drei schwarz geschmelzte Ringe, 
in jedem eine schöne groise Diamant -Tafel versetzt. 
Macherlohn 45 Thlr. Bezahlt 28. Aug. 16:25 (BZ). 
Die Kosten seiner Lieferungen an den Hof betrugen 1634 
466 Thlr. 12 Gr. 9 Pf. Über Abschlagszahlungen quittiert 
am 11, Juni 1649 im Namen der Erben Abraham Schwedler 
d. J. Ein Brief Johann Georgs d. d. Kalkreut 18, Okt. 
1648 bezeichnet den Verstorbenen als „Hofgoldarbeiter" 
(RB 1634 ff. Bl. 3). 

Seutter, Martin, kaiserlicher Hof- Silberhändler in 
Prag , reicht unterm 16. Nov. 1652 Rechnung ehi 
über eine 120 Kronen Aviegende goldene Kette (RB). 
Die Grabstätte eines Christoph Seuter von Hamburg und 
seiner Ehefrau Margareta, geb. Hagedorn, in Nürnberg 
(1667) ist beschrieben in „Norischer Christen -Freyd- Höfe- 
Gedächtnis". Nürnberg 1682 No. 2129. 

Weinolt, Tobias. Wird am 13. Okt. 1636 bezahlt 
für verschiedene Arbeiten für den Kurfürsten, darunter 
„eine silberne Soldaten- Jungfrau (Minerva?) gefärbt und 
wiederum gemacht" (BZ 1630 — 36). Ein Christoph 
Weinhold aus Dresden arbeitete 1618 als Geselle bei 
dem Goldschmiede Veit Koch in Breslau (vergl. Wenzel 
Gerlach). 

Weilshun, Nikolaus. Zuerst erwähnt in einem 
„Memorial" d. d. Dresden 23. Aug. 1651 (RB). Im Juni 1652 
bekennt der Maler Valentin Wagner für ein Paar kleine 
gemalte kurfürstliche Bildnisse von Herrn Goldschmied 
N. Weilshun 10 Thlr. erhalten zu haben. Weilshun be- 
stätigt dies folgendermalsen : Ihrer Kurfürstlichen Durch- 
laucht und Dero herzliebsten Frau Gemahlin Bildnisse 
dem Maler Wagner malen lassen, so dem Landgrafen 
aus Hessen zukommet, leget' ich aus (RB). — „Ein 
Halsband von 37 Smaragden, daran der h. Geist in Tauben- 
gestalt, ist den 26 Dez. 1651 von Nik. Weilshun pro 
180 Thlr. zu notwendigem Bedürfen erkauft worden." 
Desgleichen von ebendemselben um 200 Thlr. eine goldene 
Schleife, mit Diamanten und Rubinen versetzt (RB). 
Im Okt. 1652 erhielt Weifshuhn 60 Thlr. für eine „Con- 
terfact-Büxe, darauf zwei Friedensbildnisse mit Blu- 
menwerk geschmelzet, und darüber eine Schleife mit 
einem Saphir und Rubin, welche Herzog Johann Georgs 
Fräulein an dero Namenstage präsentirt" (Ber. v. 10. Nov. 
1652 ab). 



Znr C-reschicbte der Goldschmiedekmist. 141 

Zilie ke, Paul, Juwelier, erhält am 21. Juli 1049 
50 Thlr. für eine silberne, sauber gestochene Kanne (RB). 
NachBer. vom Nov. 1652 Bl, 981» bekam derselbe — dort 
als Goldschmied bezeichnet ■ — für eine Erbsenkette von 
26^/2 Ki'onen, mit welcher der niederländische Maler 
Anselm von Hülle im Jan. d. J. ausgezeichnet worden 
war, 45 Thlr. 



VI. 

Kleinere Mitteilungen. 

1. Zwei erzgebirgische Fraiiziskanerfornmlare. 

Mitgeteilt von Eduard Hey d eure ich. 



Bei der AVichtigkeit , welche der Franziskanerorden 
für die Geschichte nicht nur der Städte Freiberg-, Chem- 
nitz, Zwickau und Schneeberg, sondern des ganzen Erz- 
gebirges im Mittelalter gehabt hat, ist der Wortlaut 
zweier vor kurzer Zeit in Schneeberg gefundener mittel- 
alterlicher Formulare dieses Ordens von Interesse. 

Das eine derselben enthält ein Gelöbnis, welches bei 
der Aufnahme abzulegen war, und ist im fünften Band 
der alten Lyceumshandschriften erhalten, welche 1614 in 
einem Anbaue der Schneeberger St. Wolfgangskirche auf- 
gestellt und dadurch vor den damals häufigen Feuers- 
brünsten gesichert wurden. Dieser Band, dessen Vor- 
besitzer nicht zu ermitteln ist, ist infolge Vertrages 
zwischen der Stadt Schneeberg und dem königl. säclis. 
Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichtes 
gelegentlich der Neuerrichtung des gegenwärtigen Schnee- 
berger Gymnasiums an die Bibliothek des letzteren abge- 
treten worden. Die Schrift, mit weicher das Gelöbnis 
Blatt 189a hinter der Unterschrift: „Explicit regula et 
vita fratrum et sororum de penitentia" mit veränderter 
Tinte eingetragen ist, ist flüchtig und reich an Abkür- 



zungen. 



Das Gelöbnis hat folgenden Wortlaut: 

„Icli biuder N adder swister des dritten ordins sancti Fraucisci 
globe gote und der liben juncf'rawen Marien und dem Üben herrn 
Sancto Fraucisco uud allen heiigen und den vater, al meine lebetage 



Kleinere Mittoiliing-eu. 143 

zu halden den dritten orden Sancti Francisci der brüder vnd der 
swestern von der dritten regel, den orden der do bestetiget und lie- 
festent ist von unserm heilgeu vater dem bal)iste Nicoiao und daz 
her gesatzt hat an d^-sem leben daz wil ich wirken und thun mit 
guten trawen in gehorsam und globe daz ich noch nimmer gescheyden 
wil von disea orden, ich kenne den zu eynen hocheren leben kommen 
mit der giu^den des heiigen geistes. Amen." 

Ein solches Gelöbnis wurde nach Verlauf eines Probe- 
jahres von sog.Tertiariern d. h. denjenigen Ordensmitgliedern 
abgelegt, welche nicht in ein Kloster traten, sondern in ihren 
weltlichen Lebensverhältnissen blieben. AVenn sie, wie dies 
auch das Ende des vorliegenden Gelöbnisses erweist, der 
Sitte nach versprachen, im Orden zu bleiben und nicht 
aus demselben wieder auszutreten, so pflegten sie den 
Vorbehalt zu thun, es sei denn um Mönch oder Nonne 
zu werden. Kamen sie aber „zu einem höheren Leben 
mit der Gnade des heiligen Geistes", so wurden sie fratres 
primae regulae d. i. eigentliche Franziskanermönche (fratres 
minores) oder sorores secundae regulae d. i. Ciarissen. 

Aulser den mittelalterlichen Handschriften, über deren 
wissenschaftliche Bedeutung Referent an anderer Stelle 
sich geäulsert hat^), hat sich in Schneeberg noch eine 
Zahl zum Teil sehr stattlicher Inkunabeln erhalten. AVäh- 
i'end durch den oben erwähnten Vertrag die meisten 
Handschriften der Gymnasialbibliothek und nur die rein 
theologischen Manuskripte der Bibliothek der St. Wolf- 
gangskirche zugewiesen sind, hat nur ein klenier Teil der 
Inkunabeln in dem neuerbauten G^^mnasialgebäude Auf- 
stellung gefunden. Zu diesen gehört ein Leipziger Druck 
vom Jahre 1497 „impressa Lipsigck per Baccalarium 
wolfgangum Monacensem''. Derselbe führt den Titel: 
„Confessionale domini Antonini archiepiscopi Florentini". 
Wie häufig bei alten Sammelbänden von Handschriften 
oder Drucken sind pergamentene Manuskriptfragmente 
als Stütze der Buchbinderarbeit verwendet. Auf den bei- 
den Innenseiten des Holzeinbandes war je ein alter gedruck- 
ter Zettel vom Jahre 1490 aufgeklebt, dessen durchschim- 
mernde Buchstaben und Abbreviaturen den Forschungs- 
trieb anregten. Meinem Kollegen, Herrn Gymnasiallelirer 
Zürn in Sclmeeberg, gelang es, die beiden aufgeklebten 
und nur auf einer Seite bedruckten Papiere derartig los- 
zulösen, dafs jede Beschädigung der alten Druckschrift 



^) Festschrift des Königl. Clymnasiums zu Schncelierg 1891, 
S. 40 ff. und oben S. 91 fgg. 



144 Kleinere Mitteilungen. 

vermieden wurde. Wie in der Ratsbibliothek zu Zwickau 
auf dieselbe Weise kürzlich interessante Funde gemacht 
wurden, so auch hier : die beiden Drucke sind auf gelbem 
Papier ohne Verlust auch nur eines Buchstabens erhalten 
und vollständig übereinstimmend. Der Wortlaut dieses 
Formulars lautet: 

In cliristo deo deuotis (der übrige Raum der ersten Zeile ist leer ge- 
lassen) Frater Erhardus Meltzer Guardianns conventus Czwickaviensis 
immeritns Sa | Intern et gracie incrementa in domino seinpiterna piis 
vestris petitionibus cum ad salutem anime | pertineant inclinatus 
Deuotionemque quam ad ordinem sancti patris nostri Francisci 
geritis in | domino commendans ac vicissitudiuibus salutaribns reconi- 
pensare desiderans Avictoritate ße ] uerendi patris nostri prouincialis 
ministri mihi in liac parte specialiter indulta Vos | ad vniuersa nostre 
religionis suftragia in vita recipio pariter et in raorte Concedens | 
vobis presentinm teuere plenam participationera Missarum. vigiliarum. 
orationum. ieiunio | rum Castigationum ac aliorum omnium bonoram 
operum que per fratres nostri munasterii | domino digne fannxlantes 
operari diguabitur dementia saluatoris Adijciens singulariter | quod 
cum obitus vest (folgt kleine Lücke) predicto mouasterio fuerit nunciat 
(folgt kleine Lücke) pro vobis talia ordina | Inmtur defunctorum 
suftragia qualia pro fratribus nostri ordiuis ab antiquo con | sueuimus 
ordinäre. Insuper et animas (folgt gröfsere Lücke) | Et omnium pro- 
genitorum ad memorata recipio suftragia defunctorum Datum Czwickauie 
I Anno domini Millesimo quadringentesimo Nonagesimo. 

Der Aussteller dieses Formulars war der Gardian 
des Zwickauer Franziskanerklosters Erhard Meltzer. 
Die Personen ; die in den zur Ausfüllung leergelassenen 
Raum der ersten Zeile eingetragen wurden (nach deren 
Numerus und Genus sich dann auch die Ausfüllung der 
kleineren Lücken richtete), erhielten mit diesem Schein 
die Teilnahme „an allen guten AVerken, deren Ausführung 
durch die Brüder uuseres Klosters, welche dem Herrn 
würdig dienen, die Gnade des Heilandes gestatten wird"-). 



2. Ein Brief „aus dem Lager bey Praj^" vom 16. Mai 1757. 

Mitgeteilt von G. Buch wähl. 

Unter den preulsischen Musquetieren , welche vom 
Februar bis in den April 1757 in Zwickaulagen, befand sich 
auch ein gewisser August Fr. Lange, der bei dem Kasten- 
knecht Job „bey der Unterkirche im Quartier'' lag. Es 
knüpfte sich zwischen dem Kriegsmanne, der schon in 



-) Vergl. ähnliche Brüderschaftsbriefe Cod. dipl. Sax. reg. II, 6, 
448. 12, 387. 



Kleinere Mitteihmgeii. 145 

der Schlacht bei Lobositz mitofekämpft hatte, und seinem 
Wirte ein Freundschaftsverhältnis, von dem der im Fol- 
genden abgedruckte Brief Zeugnis ablegt. 

Der leider nicht ganz unverletzt erhaltene Brief kam 
in die Hände des Zwickauer Rektors M. Clodius, der ihn 
mit dem Bleistiftvermerk versah: 

„Der Verfasser dieses Briefes ist Aug. Fr. Lange, ein Musquetier 
beym i'erilinandschen Braunschweigischen Regiment, geschrieben den 
16. May bey Prag an den Kastenknecht Job bey der Unterkirche, 
bey welchem Er im Quartier gelegen. Annotavit M. Cl. Rect. den 
25. May 1757. Zur Bibliothec ins M. S. C. Archiv." 

König Friedrich begann in der zweiten Hälfte des 
April 1757 den Feldzug, indem er in drei Haupt- und 
zwei Nebenkorps nach Böhmen rückte. Unser Brief- 
schreiber befand sich bei der von Moritz von Anhalt- 
Dessau befehligten Heersäule, die zur Rechten des Königs 
marschierte ^). 

Meine Hülfe steht im Nahmen des Herrn , der Himmel und 
Erde gemacht hat ! 

Geehrter Herr Job, meine treugesinnte Liebe, die ich jederzeit 
aufrichtig gegen ihm geheget habe, auch anitzo an dem Tag zu legen 
und mein gehabtes Versprechen, ein vollkommenes Genüge zu leisten, 
so kau ich nicht unterlafsen, ein Handschreiben an ihn abzustatten, 
Avorinnen ihm einige Relationes von dem Ausmarsch aus Zwickaxi 
vom 10. April bis ultimo Mai avertiren werde, wenn er sich indefsen 
mit seiner lieben Ehegattin noch wohl befindet, soll es mir höchst 
erfreulich zu vernehmen seyn, was mich anbetrifft, bin ich noch wohl 
auf: für welche grofse Gnade und wunderbahre Beschirmung meines 
Leibes und Lebens wieder meine Feinde dem allerböchsteu Gott nicht 
Dank genug abstatten kau und dahero wohl die höchste Ursache habe 
und auch die erheblichsten Beweggründe in meinem Hertzen ver- 
spühre, mit jauchzendem Munde und frolockendem Heitzen anszu- 
ruffen: dafs ich tausend Zungen hätte und einen tausendfachen 
Mund und stimmte damit in die Wette aus allertiefsten Herzensgrand 
ein Loblied nach dem andern au von dem, was Gott an mir gethan. 

Erstlich melde ich ihm, weil wir den 10. April aus Zwickau 
marschierten, lautete es unserer Aussage nach, wir sollten nach 
Eger marschieren, also marschirten wir i;nserer Marsch-Rutho nach 
auf Schönfelfs, den 11. auf Lehmbach 2), den 12. durch Rei- 
chenbach nach Plauen. Da haben v,'ir einen Ruhetag gehabt. 
Unser und das Kalck st einsehe Reginumt führten die seh wehre 
Artillerie bey uns und der Priutz Ferdinand von Hause^) war 
unser Commandeui'. Der Fürst Moritz aber ging mit 7 Battaillou 
Grenadier und mit 2 Frey-Battaillon, die in Reichenbach gestanden 



1) Vergl. nachden Ki'iegsjahre 17n6, 1757, 1758 in Deutschland. 
Aus dem Nachlasse Johann Ferdinand Huschbergs mit Ergänzungen 
herausgegeben haben. Heinrich Wuttke. Leipzig. I85H. S. 141 ff. 

-) Limbach: 

"') Gemeint Prinz Fcrdin-xnd von Brauuschweig. 

Neues Archiv f. !>. (i. u. A. XIII. 1. 2. lO 



146 Kleinere Mitteihiugeii. 

haben, nebst den Scitischen Husaren an die Egersche CTrenze 
und liefsen einige Dörfer in Böhmen plündern , blofs der Ursache, 
den Feind ein Blendnifs zu spiehlen, als wenn die ganze Armee nach 
Eger marschiren sollte, wie aber die Plünderung geschehen, mar- 
schirte der Prinz auf das geschwindeste mit denen Grenadieren und 
Husaren wieder aus der Eg ersehen Grenze ab, und wir marschirten 
aus Plauen den 14. nach Falckenstein, den 15. durch Auer- 
bach nach Neu Städte 1. Da lag noch Schnee bis an die Knie, 
wo wir durch marschiren mufsten. Da bekam ich Zwickau noch 
einmal zu sehen. Da hatten wir einen Ruhetag. Da stofsen die 
Grenadier, die Frey Battaillons nebst denen Husaren wieder an 
uns. Den 17. des Sonntags marschirten wir aus Neustädtel des 
Morgens um V^^ Uhr aus und kamen durch Schneeberg, durch 
Lösenitz, durch Zwönitz, durch Elterlein und marschirten 
von des Morgens '/,2 4 Uhr an bis des andern Morgens um H Uhr, da 
kamen wir erst nach Buchholz ins Quartier zu liegen. Da mufsten 
wir die gantze Nacht und den ganzen Tag durch das Gebürge und 
Schnee marschiren. Wir wären wohl eher nach Buchholz gekom- 
men, aber die schwere Artillerie konnte die Berge nicht gut ran- 
komnien , und also mufsten wir auch alle Augenblicke stille stehen, 
selbige Nacht gingen aus Ungeduld 96 Mann fort, von unsrer Com- 
pagnie deserteurten selbige Nacht 6 Mann , lauter grofse Kerls, aus 
dem ersten Gliede. Da lagen wir selbigen Tag stille. Den 19.- 
marschirten wir dui'ch Annaberg und kamen in Marienberg zu 
liegen. Da versammelte sich das ganze Chor, welches Fürst Moritz^; 
coramandirte. Es lagen 29 Battaillone nebst der ganzen Beckerey 
darin, welches 400 Beckknechte ausmachten. Eine Compagnie bekam 
3 Häuser, wo wir drein zu liegen kamen. 2 Stunden hinter Ma- 
rienberg an Böhmischen Grentzeu, war ein Verhau, worzu 600 
Arbeitsleute commandirt waren denselben Weg zu räumen, aber nicht 
eher, bis wir ausmarschirten. In Marienberg hatten wir einen 
Ruhetag. Den 21. marschirten wir um 4 Uhr aus, nahmen die 600 
Mann mit, welche den Verhau auf das allergeschwiudeste wegräumen 
mufsten. 2 Stunden vorher aber waren Pandui'en und Husaren da- 
gewesen recognosciren , weil sie aber den Verhau noch zugestopft 
linden, denken sie nicht, dafs der Preufse so bald kommen wird, 
sondern setzen sich ins Wirthshaufs und besaufen sich recht voll. 
Das war das erste böhmische Dorf, Nahmens Grimma^). Da be- 
kamen wir 19 Panduren; denn sie hatten sich noch gar wehren wollen 
nach ihrer Art, weil die andern aber Allarm hören, springen 15 Pan- 
duren in die Kirche sich zu verstecken, wir erfuhren es aber gleich 
und bekamen sie auch gefangen, also bekamen wir den 1. Tag in 
Böhmen gleich 34 Gefangene. Hinter dem Dorffe schlugen wir also 
unser Lager auf. Den 22. marschirten wir bis nach Commettau. . . . ") 

Den 24 durch Dux und schlugen da unser Lager auf 

linker Hand Teplitz. Den 25. marschirten wir nach Willheimiene'') 
rechter Hand Lobositz über unsern alten Wahlplatz. Da konnte 
man noch die Löcher sehen, wo sie begraben worden sein in der 
vorigen Battaille. Hinter Schirkowitz schlugen wir unser Lager 
auf. Da stofs unser Chor zu Königs Armee, um 6 Uhr rückten wir 



^) Prinz Moritz von Anhalt-Dessau, 
^) Krima? • 

<*) 3 Zeilen im Manuskript zerfressen. 
') Wellemin? 



Kleinere Mitteihiiig-en. 147 

ins Lag-er und denselbigen Abend um 9 Uhr mufsten wir wieder auf- 
lirechen, mit Königs- Armee an den EgerHuls. Beym Dorffe Padit, 
da kamen wir des Morgens um 4 ULir hin, da musten wir schitt- 
hrlicken schlagen über die Eger, anders konnten wir- nicht rüber. 
Denn über der Eger stunde die Oesterreichische Armee, sobald sie 
nur uns gewahr nahmen, dafs wir auffmarschirten zur Battaille, da 
liefen sie fort und wollten uns nicht sehen, worüber unser König 
sehr erzürnt war und sagte: „Wenn die Hunde nicht stehen wollen, 
will ich sie alle in die Lufft sprengen." Also weil sie liefen und 
wir vor grofser Müdigkeit ihnen nicht nachfolgen konnten, musten 
wir unser Lager aufschlagen am Dorfe Worsowit, rechter Hand 
dem Städtgen Laune, wir hatten solche saiire Märsche gehabt, dafs 
wir fast hinriehlen, wie die Fliegen. Denn der König war gar zu 
hitzig, man sollte kaum glauben, dafs ein Mensch so viel ausstehen 
könnte, mit solcher schwehren Last Tag und Nacht zu marschiren, 
und nichts als Wafser und Brod und man könnte sich nicht mahl 
in Wafser satt trincken. Da bekamen wir doch mahl einen Ruhetag. 
Den 29. marschirten wir bis Jocowitz. Den 30. seyn wir marschirt 
eine Stunde hinter Budiu. Da bekamen wir der Österreichischen 
ganzes Magazin, 96C0O Brodte, 68000 Fäfser Mehl, ohne was Stroh 
und Heu gewesen ist. 

Den 1. Mai, des Sonntags, seyn wir marschirt bis Durso, ein 
Dorff 2 Meilen von Prag. Da hatten die Oesterreicher auch in 
Lager gestanden, weil wir aber hinkamen, zogen sie gleich hinter 
Prag Den 2. marschirten wir vor Prag und nahmen den weisen 
Berg in Besatzung. Weiter konnten nun die Oesterreicher nicht 
kommen, als hinter Prag. Des Fürst Moritz sein Chor jagte sie 
von Lobositz vor sich her, der König kam von Drefsden durch 
Böhmen mit einer Collonne, der Prinz von Beyern kam durch 
den Lei trae ritz er Creyfs mit einer Collonne, der Greneralfeldmar- 
schall Schwerin kam mit einer Armee von Schlesien durch Böhmen, 
der General AVinterfeld hatte sich vor Mähren gezogen und kam 
durch Böhmen mit einer Collonne, also hatten wir sie alle vor uns 
hergetrieben, und waren also völlig hinter Prag von uns umringt, 
dafs sie gar niclit weiter konnten. A\'ir lagen stille bis den 5. IMai 
und ruheten uns etwas aus. 

Den 5. Mai des Morgens musten wir mit dem König hinter 
Prag marschiren. Da stofs unsere gantze Armee zusammen, also 
dafs wir 186 000 Mann starck waren. Da wurde befohlen, dafs von 
der gantzen Armee alle Wagen und alle Kutschen, die die Ofriciere 
bey sich hatten, hinter der Armee halten sollten. Da merkten wir 
gleich, dafs wir den Morgen drauf battailliren würden, untei- der Zeit 
liatten sich die Oestreiclier aber ganz gewaltig auf ihre Berge ein- 
geschautzt. Den 6. Mai des Morgens iv.Vi 7 Uhr musten wir vor die 
Front, sie waren U/» Stunde von uns, wir stunden aber in einem 
tiefen Grund, wie es "aber um V2IO Uhr kam, da lingen sie schon 
mit Canonen an auf uns lofszufeuern, sie waren 29.5 000 Mann starck 
und liatten 40 Sclianzcn und in einer jeden Sclianze 36 Canonen, 
wir musten aliei' dunli ein Doif maiscliiien. wo eine .so ongi^ Dedle 
war, dafs nur immer 2 Mann konnten gdii'u und so wie wir lieiaus 
kamen, schofsen sie uns alle zu schänden. In Prag waren aber 
20000 Mann, die wollten einen Ausfall tlinn und uns in Rücken 
kommen. Da musten 6 Regimenter vom recliten Flüi;fl ülier der [!] 
sich an Prag rausch wcnckcn. Das war Königs Guarde, Kalck- 
stein. , wir Moritz, Knohlocli., Warllicn und Asseburg. 

lU* 



148 Kleinere Mitteihmg-en. 

Regiment, wir ß Regimenter kamen dichte an Prag an zu stehen. 
Das Canonenfeuer dauerte his um 1 Uhr, deun sie hatten 4 Tretten 
und wenn wir ein Treffen aus der Schanze verjagt hatten, so stunde 
das andere Treffen wieder in ihrer völligen Schanzen gerüstet und 
sie schofsen lauter Ohardätschen aus ihren Canonen, und aus den 

kleinen Gewehren^) 

und mit den kleinen Gewehren durften wir gar nicht feuern und sie 
hatten bey einem jeden Regimente 10 Canonen ohne die sie in ihren 
Schanzen hatten, er kann sich vorstellen: sie haben bald so viel 
Canonen als Mannschaffteu gehabt und wir musten die Berge so ge- 
fährlich ran klettern und durften nicht teuren, nun kann er sich fur- 
stellen, was vor Volck von uns gehlieben ist. 4 Grenadierbattaillone, 
ein jedes ist 800 Mann starck, nehmlich das Moring. , das Kaiische, 
das Butkammerische, das Ingerslebische Battaillon, da seyn von einem 
jeden Battaillon nach 18. — 20. — 11. 16 Mann noch am Leben und 
gar kein Officier mehr davon am Leben, das Prinz Würtem- 
bergische, das Schwerinische^ das Winterfeldische, das 
Itzenblitzische Regiment seyn gantz totaliter geschofsen worden. 
Die Regimenter nebst denen Battaillon en seyn acurat auf ihre Schan- 
zen los gekommen, darum seyn so viel darvon geblieben. Wie wir aber 
den Berg ran kommen und waren 30 Schritt von sie, da gaben wir 
3 Salven auf sie mit kleinem Gewehr, da war aber keine Gnade und 
Barmherzigkeit vor sie , sie wollten zwar aus der Schanzen nicht 
heraus , aber unsre Wuth und Tapferkeit war so beherzt , dafs wir 
sie in ihren eignen Schanzen mit den Paguonetten todt stachen und 
was noch lebte , schlugen Avir mit dem GewehrColben todt. Unsere 
Cavallerie aber jagte den rechten Flügel zwischen uns durch, es 
waren 3 Regimenter: 1. die Guarde Chor, 2. die Gens de Armes, 
3. die Leib-Carrobinier, und auf die Oestreichische Infanterie lofs 
und trennten gleich 8 Regimenter von ihrer Armee ab und 6 Regi- 
menter hauten sie totaliter in die Pfanne, es sah erbärmlich aus, wo 
die niedergehauen waren, wir seyn bis über die schuhe im Blute ge- 
badet, weil sie nun retirirt, so zog ihr rechter Flügel ins Gebürge 
hinter Prag fort, welchen der König mit Cavallerie nebst etlich 
Battaillon Grenadieren gleich nachsetzte und noch 4 Regimenter von 
sie nebst ihrer ganzen Kriegs - Calse gefangen bekam. Ihr lincker 
Flügel aber, 40000 Mann starck, die konnten vor unserer Cavallerie 
nicht durch, sondern musten nach Prag und so seyn 60000 Mann 
anjetzo in Prag. Geblieben seyn von uns 6 Generale Nahraens 
1. Generalfeldmarschall Schwerin, 2. General Graf Heririt von 
Wessel, 3. Prinz Holstein von den Dragonern, 4. General Zastro, 
'■>. General Knobeloch, 6. General Ascharmo. Der General Winter- 
feld ist tödtlich blefsiert. Gemeine seyn von uns auf dem Platz 
geblieben 8000 und 10 000 Mann blefsiert, auch seyn 16 Obristen von 
uns todt geschossen. Von den Kayserlichen seyn geblieben auf dem 
Platz 12000 Mann und 18000 Mann blefsiert, von beyden selten 
machen sie 50 000 Mann aus. Was vor Ofliciere von den Kayserlichen 
geblieben seyn, weifs man noch nicht recht, so viel ist aber gewifs, 
dafs der Generalfeldmarschall von Braune tödtlich blefsiert ist. 
Erbeutet haben wir 200 Canonen aus ihren Schanzen, die sie nicht 
mit fortbringen konnten, 2nO Standarten und Fahnen, der ganzen 
österreichischen Cavallerie ihre Zelte und ihre völlige Equipage, 
denn sie waren etwas faul gewesen, denn wie unsere Cavallerie auf 



S) 



^) 2 Zeilen im Manuskript zerfressen. 



Kleinere Mitteilungen. 149 

sie lofs attaqniret, liegen sie noch in den Zelten und hatten nicht 
einmahl die Stiefeln anziehen können. In der Battaille haben wir 
12000 Mann ge.sunde Leute gefangen bekommen und 4000 Mann, weil 
ihnen der König nachgesetzt hatte, nebst der ganzen Kriegs-Cafse, 
ohne die Blelsierten, die haben wir auch alle bekommen, anfänglich 
haben wir viel Volk verlohren, aber weil sie an zu retiriren fungen, 
da haben wir sie mit ihren eignen Canonen todt geschofsen. Mein 
lieber Herr Job , das ist so eine jämmerliche und erbärmliche ßat- 
taille gewesen, die kein Mensch denken kann, auch kein Mensch 
wieder erleben wird, er kann es sich leicht vorstellen, wo 50000 
Mann allein bleiben, er kann gewifs glauben, dafs wir immer in Blut 
haben baden müfsen, so viel Menschen und Pferde, die todt gemacht 
worden seyn. Denn die AVagen von der Armee die haben ganzer 
14. Tag und Nacht stehen müfsen, ehe sie die Blefsierten von dem 
Wahlplatz halten Aveggeltracht. Das war nun von der Battaille ge- 
meldet worden. Jetzo stehen Avir nu noch vor Prag, da seyn 60000 
Mann darein, das haben wir ganz umringt und haben dem Feind 
auch schon mit Sturmlaufen die 4 Hauptschanzen weggenommen und 
werfen schon lauter feurige Kugeln und Bomben in die Stadt, worauf 
sie sich auch hatten schon ergeben wollen, aber die 60000 Mann 
sollen frey ohne KriegsGefangene herausmarschiren. Das Avill aber 
unser König nicht, sondern Tiefs von frischem wieder feuern, des 
Nachmittags halten wir B Stunden mit Feuern ein, dafs die Todten, 
die davor 1 »leiben, begraben werden können. Wir müfsen alle Nacht 
in die Aprosche und bleiben viel Leute von uns, so viel kann ich 
ihm zur gewifsen Nachricht melden, dafs wir Prag bald bekommen 
Averden und die 60000 Mann, die darinne seyn, seyn sclion so gut 
als unser, als wie die sächsische Armee, die übrigen seyn aber alle 

zusammen zerstreut wir 

Prag einhaben, werden wir wohl nach Wien gehen. 

Aus dem Lager bey Prag 
den 16. May 1757. 



Litteratur. 



Codex diplomaticus Saxoniae regiae. Im Auftrage der Königlich 
Sächsischen Staatsregieriing herausgegeben von Otto Posse und 
Hubert Ermisch. Zweiter Haupttheil, XIV. Bd. : Urkundenbuch der 
Stadt Freiberg in Sachsen, herausgegeben von Hubert Erniisch. 

III. Bd. Mit 2 Tafeln. Leipzig, (iiesecke & Devrient. 1891. LXIV 
und 688 SS. 

Mit diesem seinen Vorgängern ebenbürtigen Bande hat das 
Freiberger Urkundenbuch seinen Abschlufs gefunden. Urkunden im 
engeren Sinne enthält derselbe freilich in ganz geringem Umfange; 
nur ein Nachtrag an solchen findet sich auf S. 477 — 483, darunter 
allerdings einzelne bemerkensw^erte Stücke, wie die Aufzeichnung 
über die Unterwerfung der Stadt unter König Wenzel von Böhmen 
vom Jahre 1298. Dafür führt uns der vorliegende Band mitten hinein 
in die Fülle hochwichtiger Kechtsdenkmäler, deren sich die Stadt 
Freiberg zu erfreuen hat. Wäre ein Freiberger Urkundenbuch ohne 
dieselben vollständig gewesen? So scheint sich wohl der Herausgeber 
bei Beginn seiner Arbeit gefragt zii haben; ich für meinen Teil möchte 
wenigstens nicht, dafs diese Frage von ihm verneint worden wäre, 
und ich hoffe mit dieser Ansicht durchaus nicht allein zu stehen. 

Die erste und hervorragendste Stelle unter diesen rechts- 
historischen Quellenmaterialien nimmt natürlich das Freiberger Stadt- 
recht ein. Bei aller Bedeutung desselben und der trefflichen Be- 
handlung, die ihm bei der Herausgabe zu Teil geworden ist, kaun 
ich diesem Teile des Urkundenbuches hier nur wenige Worte widmen ; 
ich habe ja bereits der Sonderausgabe des Stadtrechtes, die Ermisch 
bei Gelegenheit des Wettiner Jubiläums dem Urkundenbuche voraus- 
schickte, in diesen Blättern (XI, 1B2) ausführlich gedacht; es bleibt 
nur höchstens daran zu erinnern übrig, dafs E. in richtiger Erkenntnis 
der Sachlage und vorsichtiger Selbstbeschränkung nicht die ganze 
Einleitung der Sonderausgabe, sondern nur die wichtigeren Teile 
derselben hier im Vorberichte wieder zum Abdruck gebracht hat. 

Auf die Wiedergabe des Stadtrechtes folgt einmal die des sog. 
Verzählbuches und sodann die der Freiberger Stadtbücher. Haben 
sich auch in anderen sächsischen und deutschen Städten ähnliche 
Aufzeichnungen wie ersteres unter dem Namen Verfestungs- und 
Achtbücher oder libri proscriptionum erhalten, so sind aus dem übrigen 
Deutschland bisher nur zwei, aus Sachsen noch gar kein ähnliches 
Stück in aller Vollständigkeit an die Öffentlichkeit gelangt. Wie 
der Ausdruck „Verzählen" in Freiberg für das in Rede stehende 



Litteratur. 151 

Yerfabi'en selbst eine besondere, eigenartige Bedeutung erlangt hat, 
so bieten die 1874 im Verzählbuch verzeichneten Fälle allerhand 
merkwürdige Anhaltspunkte, an denen sich einerseits eine Wandlung 
der Einrichtung zu milderer Ausgestaltung, andererseits mancherlei 
bemerkenswerte Souderbildungen des sächsischen Strafreclits und 
Strafverfahrens verfolgen lassen. Der Herausgeber behält es sich 
vor, uns demnächst hierül)er an anderer Stelle ^) eine Sonderdarstellung 
zu liefern; so interessant dieselbe an sich schon zu werden verspricht, so 
kann ich doch den Wunsch nicht unterdrücken, dafs er bei dieser 
Gelegenheit auch die einzelnen Anlässe, die zum Verzählen führten, 
vom raoralstatistischen Standpunkte aus würdigen undbeleuchten möchte. 
Schon beim Durchblättern des vorliegenden Abdruckes wird man inne, 
wie wichtige Aufschlüsse für die Erkenntnis und Beurteilung des 
gesellschaftlichen Verkehrslebens in einer mittelalterlichen Stadt und 
der die Bürgerkreise beherrschenden Anschauungen hier verborgen 
liegen. Leider scheinen die verhängten Bestrafungen nicht in frühere 
Zeit als bis in die siebenziger Jahre des 14. Jahrhunderts zurückzu- 
gehen und auch dieser ältere Teil liegt wohl nicht in gleichzeitiger 
Aufzeichnung vor, sondern ist erst zwischen 1413 und 1423 auf ein Mal 
aus einem älteren, später vernichteten Bande ausgezogen worden; 
erst von letzteren Jahren ab bis zum Ausgange des Mittelalters haben 
wir es mit einer ganz authentischen Quelle zu thun. Dafs bei ähn- 
lich gestalteten Eintragungen nicht immer der volle Wortlaut gegeben 
ist, sondern Verweisungen und Kürzungen stattgefunden haben, ist 
aus berechtigten Sparsamkeitsrücksichten geschehen. 

Aus ähnlichen, gleichfalls durchaus zubilligenden Gründen hat 
der Herausgeber auch beim Alidruck de)' vier ältesten Stadtbücher 
sich Weglassungen erlaubt und mehifach den Text des Originales durch 
Auszüge ersetzt. Die Stadtbücher reichen ebenfalls nicht über 1378 
zurück, und über das Verfahren, wie es vor diesem Jahre gehalten 
wurde, fehlt es in Folge des Brandes, von dem die Stadt 1375 heim- 
gesucht wurde, an jeglichem zuverlässigen Anhaltspunkte. Dagegen 
gehen die erhaltenen Bände mit ihren Mitteilungen in ununter- 
brochener Reihenfolge bis weit in das 16. Jahrhundert hinein. In 
buntem Wechsel finden wir hier Eintragungen vom verschiedensten 
Umfange und Werte; Aufzeichnungen über „die Geschäfte der 
städtischen Verwaltung in weitestem Umfange" wechseln in mannig- 
facher Weise mit Zeugnissen über „Privatgeschäfte aller Art, die vor 
dem Rate verlautbart wurden"; alles in allem genommen stehen wir 
vor einer reichen Fundgrulie für mittelalterliche Rechts- und Wirt- 
schaftsgeschichte. In der Zeit von 1409 bis 1415 liat man ülirigens in 
Freiberg den Versuch gemacht, die Aufzeichnungen über die wichtige- 
ren, in ihren Folgen länger nachwirkenden Angelegenheiten von den 
Einträgen über Geschäfte von vorübergehender Bedeutung zu trennen, 
doch hat man seit dem zuletzt genannten Jahre beides wiodei- in 
einen Band vereinigt und das für die Vermerke erstcrer Art benutzte 
l)ucli zur A^erzeichnung der jeweiligen Batsmitglieder, Hiindwerks- 
oberiueister und Schöffen, sowie als Matrikel für die neuaufgenonnnenen 
lUiiger verwendet. Audi hieraus durften Jlitteiluugen in einem 
Fi'eiberger Urkundenbuche nicht fehlen. Denudcli ist hiermit der 
Reichtum der alten Bergstadt an solclien Quellen nicht ersc]iöi)ft-. 
vielmehr giebt es aufserdcm für die Zeit von 14(>f) bis 1507 nodi 



ij Vergl. oben S, 1 t'gg. (Änm. d. Red.). 



153 Litteratur. 

sieben sog. Gerichtsbücher mit lauter Anfzeiclmungeii über Eigentums- 
und Besitzübertragungpu unbewegliclier Güter, die nach altem 
sächsischen Rechte ursprünglich vor dem versammelten Gerichte, 
später vor dem Richter oder dem Geiichtsschreilter stattzuiinden 
pflegten. Ermisch hat aus denselben zwar für die Ausgabe nur eine 
Auswahl getroffen, die ungefähr den fünften Teil des ganzen Um- 
fanges ninfaist, doch kann man Ijei E."s bekannter Gewissenhaf- 
tigkeit und fachmännischer Erfahrung sicher sein, dafs nichts, was 
für ernstere Forschungen Wert haben dürfte , uns vorenthalten ge- 
blieben ist Eine Übersicht über die Art der einzelnen Rechtsge- 
schäfte und der bei denselben zur Anwendung gekommenen Grund- 
sätze hat der Herausgeber auch hier nicht lieigefügt, sondern die 
Ausnutzung der von ihm gebotenen Materialien nach dieser Seite hin 
den Juristen vom Fach überlassen. Möchten sich die letzteren diesen 
Wink nicht entgehen lassen: ihre Forschungen auf jenem Gebiete 
des mittelalterlichen Lebens bedürfen noch mancher Vervollständigung 
und Ergänzung. 

Auf diese unmittelbaren Quellenüberlieferungen folgen endlich 
noch in vier Anhängen die Bürgeraufnahmelisten von 1378 — 1485, 
die Freiberger Ratslinie von 1223 — 1485, eine Übersicht über die 
Verpachtung der Ämter von 13'59— 1486 und eine Freiberger Polizei- 
ordnung von 1487. Der Übersichtlichkeit wegen sind die hierauf 
bezüglichen Notizen aus den voraufgehenden Aktenmaterialieu aus- 
geschieden luid hier zu besonderen Zusammenstellungen vereinigt. 
Weicht dies A^erfahreu auch etwas vom Herkommen ab, so gewährt 
es doch für das Stuflium der Freiberger Verhältnisse entschieden 
grofse Vorteile. 

Wie all diese Quellen .. entstanden und in welchem Zustande 
sich die handschriftlichen Überlieferungen derselben heut zu Tage 
befinden, das ersieht man aus dem dem Ganzen voraufgehenden, mit 
bekannter Sorgfalt und Liebe zur Sache. .gearbeiteten Vorberichte. 
An der Spitze desselben wird aufserdem ein Überblick über die Thätig- 
keit der Freiberger Stadtschreiber gegeben und der verdienstliche 
Versuch gemacht, die Reihenfolge der einzelnen Pei'sönlichkeiten, 
die dies Amt inne hatten, sowie die Dauer ihrer Amtswirksamkeit 
seit den ältesten Zeiten kritisch festzustellen. Ebenso folgt zu har- 
monischer Abrundung des Bildes, welches dieser Band von den inneren 
Verhältnissen Freibergs geben soll, am Schlüsse des Vorberichtes 
noch eine zwar knappe, aber überaus gediegene Skizze der Ent- 
wicklung, die sich in der dortigen Ratsverfassung seit dem Bestehen 
der Stadt bis zum Jahre 1500 vollzogen hat. 

Die letzten 200 Seiten des Bandes sind den Registern zu diesem, 
wie zu seinen beiden Vorgängern gewidmet. Schon der Umfang 
dieser Beigabe, deren Herstellung eine unsägliche Mühe wie nicht 
minder grofse Selbstverleugnung erfordert, spricht dafür, dafs hier alles 
geschehen ist, um jedem Benutzer die Handhabung des Werkes nach 
allen erdenklichen Richtungen liin zu erleichtern. Aufser dem \'er- 
zeichnis der Personen- und Ortsnamen treffen wir dies Mal auch auf 
ein Sach- und Wortregister, welches zugleich die Stelle eines Glossars 
vertritt. Das ist eine erfreuliche Neuerung, deren Einführung der 
Herausgeber nicht erst so ausführlich zu begründen brauchte. Wie 
ein solches Verzeichnis eigentlich bei keinem Urkundenbuche fehlen 
sollte, so war die Beifügung desselben hier bei dem grofsen Schatze 
des Freiberger Bergrechtes an eigenartigen Ausdrücken mehr als 
geboten. Den grolsen Schwierigkeiten, die sich gerade durch letzteren 



Litteratur. 153 

Umstand ergeben mufsten, zu begegnen, hat sich Ennisch nach Rat 
lind Hülfe eines Fachmannes auf sprachlichem Gebiete umi;esehen und 
einen solchen in der Person des Oberlehrers Beriit in Leipzig 
zum gedeihlichen Al)schlusse seines A\'erkes gefunden. Sollte übel- 
wollende kritische Kleinkrämerei hier doch einzelne Versehen und 
Mängel nachweisen wollen und können, so mag sie es immei'hin thun, 
sie wird die gute Meinung, deren sich Ermischs frühere und neueste 
Leistungen l)ei der wissenschaftlichen AVeit zu erfreuen haben, nicht 
um das geringste Titelchen zu mindern im Stande sein. Im (Gegen- 
teil werden alle Forscher mit besonderer Freude und Befriedigung 
von dem Schlufsworte des Vorberichtes, wonach Ermisc.h jetzt nach 
Abschlufs des Freiberger Urkundenbuches seine Kräfte der L Haupt- 
abtheilung des Cod. dipl. Sax. reg. zuwenden will, Kenntnis nehmen. 
Möchte es uns beschieden sein, auch auf diesem Gebiete in nicht allzu 
ferner Zeit gleich ausgereifte Früchte der Forscherthätigkeit und 
des Herausgebergeschickes Ermischs, wie sie im Freiberger Urkunden- 
buche vorliegen, kennen zu lernen! 

Kiel. W. Schum. 



Sclmlwandkarte zur (iteschichte der wettinisclieu Lande. Ent- 
woifen und gezeichnet von Prof. Dr. Otto Kaemuicl und Dr. («ustav 

Leipoldt. Vier Blätter mit einem Begleitwort (Textheft) für den 
Lehrer (12 SS. S»), Dresden. Albin Huhle (Karl Adler). 1891. 
Handkarte zur (iJescliiclite der wettiuischen Lande. (Von denselben 
Herausgebern im gleichen Verlag.) 8 SS. 8" und 1 Karte. 

Die Entwicklungsgeschichte der wettinischen Lande bietet der 
historischen Kartoaraphie eine sehr schwierige Aufgabe, da sich der 
Machtbereich der Wettiner auf eine beträchtliche Zahl vcm (iebieten 
erstreckte und den mannichfachsteu Schwankungen unterworfen war 
sowohl durch den ständigen Wechsel von Gewinn und Verlust wie 
durch die übei'reiche Spaltung in Seitenlinien. Alles das ist genau 
und übersichtlich nur in einem historisclien Atlas darzustellen; jeder 
Versuch, die ganze Entwicklung auf einem Blatt darzubieten, ist 
überhaupt ein Ding der Unmöglichkeit. So kann auch der in vieler 
Hinsicht recht anerkennenswerte Versuch von Adolf Brecher, 
Darstellung der Gebietsveränderungen in den Ländern Sachsens und 
Thüringens vom 12. Jahrhundert bis heute (Berlin, Dietrich Reimer,^ 
1888) nicht als völlig gelungen betrachtet werden, trotzdem er auf 
seinem Blatt 5 Karten vereinigt. K. und L. haben sich ihre Aufgabe 
zum Teil leichter, zum Teil schwerer gemacht: leichter, indem sie 
auf die Darstellung dci- gesamten Veränderungen verzichten und nur 
das Wichtigste geben, auch die ernestinischen Wandlungen nicht he- 
rücksichtigen ; schwerer, indem sie alles auf einer Karte mit nur 
einem Nebenkärtchen erledigen wollen. Bei der Besprechung können 
beide Ausgaben zusammengenommen werden, da die Handkarte nur 
eine Reduktion der Sclndwnndkarte ist; auch der erläulcnide Text 
stimmt meist Avörtlich überein. Die Karte soll nicht faclihistorischen 
Zwecken dienen, sondern weiteren Kreisen den nötigen Aufschlufs 
bieten und in erster Linie dem L'nterricht in sächsischer (lescbichte 
zu gute kommen, der ja höchst erfreulicher A\'eise seit einigen .labren 
endlich anzufangen scheint, ein wenig mehr Beachtung zu rinden. 
Bei solchem Zwecke war eine. Auswahl nur des Wichtigsten von 
selbst geboten; auch manche Äufscrlichkeiten (inden dadurch ihre 



154 Litteratur. 

Erklärung, so die grofsen Punkte zur Bezeichnung der Orte, wobei 
aber doch mit weniger Willkür hätte verfahren werden sollen. Sollen 
die Punkte der heutigen Bevölkerungszilt'er entsprechen? (dann müfste 
aber Zittau gröfser sein als Bautzen, Freiberg grölser als Meifsen, 
Gera gröfser als Weimar, Guben und C'ottbus gröfser als Sorau und 
Sagan und so fort für alle Landesteile) oder der historischen Be- 
deutung? (dann stände aber Altzelle über Nossen und Rofswein, 
Herrnhut über Bernstadt, Henneberg über Ostheim, Reinhardsbrunn 
über Friedrichroda u. a. , von Dutzenden anderer, die gleichwichtig' 
sind, abgesehen, z. B. Freiberg und Chemnitz). Die den Orten bei- 
gefügten Zahlen über Gründung, erstes Vorkommen, denkwürdige 
Ereignisse sind ein lobenswerter Gedanke, dem man nur eine reich- 
lichere Anwendung wünscht; denn der Osten, vor allem die Nieder- 
lausitz ist ganz ungenügend bedacht, obwohl, gerade in diesen Slaven- 
Jändern solche Beifügung interessant wäre. Überhaupt ist die Nieder- 
lausitz zu dürftig behandelt; viel Ortsnamen wird dieser Karte niemand 
wünschen, doch wo solche grofse Flächen leer stehen, sollten wenigstens 
einige Namen, die geschichtlich wichtig gewesen sind, wie Peitz, 
Golfsen, besondei's aber das bekannte Stift Neuzelle und Luckau, 
einer der Hauptorte des Landes, nicht fehlen. . Das Physische tritt 
natürlich auf dieser Karte zurück, dennoch ist es zu billigen, dafs 
die Gebirge in zarter, nicht störender Weise schattiert sind. Von 
Einzelheiten liefse sich noch verschiedenes rügen, was hier zu weit 
führen würde; nur beispielsweise sei erwähnt, dafs das Gebiet von 
Ziegenrück-Ranis keineswegs, wie die blaue Farbe ausdrücken soll, 
„dauernd ernestinisch" war, sondern es gilt hierfür dasselbe wie für 
den nördlich anstofsenden Aveimarischen Gebietsteil des alten Neu- 
städter Kreises; während aber hier auf der Handkarte und im Text 
zu beiden Karten S. 9 bez. 6 (wo es aber 1567 statt 156K heifsen 
mufs) beigefügt ist, wann dieses Gebiet albertinisch war, fehlt für 
den heute zur Provinz Sachsen gehörigen Südteil des Neustädter 
Kreises (Ziegenrück) jeder derartige Vermerk, so dafs man hiernach 
annehmen müfste, er sei von einem der ernestinischen Staaten an 
Preufsen gekommen. Hinsichtlich der technischen Ausführung ist 
der grofsen Wandkarte zwar das Lob besonderer Eleganz nicht zu 
erteilen, doch genügt sie einfachen Ansprüchen; bei der kleinen Hand- 
karte hingegen mufs nicht die Herausgeber, wohl aber die herstellende 
Offizin und den Verlag entschiedener Tadel treffen wegen des zum 
Teil recht schlechten Farbendrucks. Die Grenzlinien (Ref. hat 
mehrere Exemplare vor Augen gehabt) haben sich vielfach beim Zu- 
sammenfalten der in 8*^ gebrochenen Karte auf dem gegenüber befind- 
lichen Teil des Blattes abgedruckt und bieten so nicht blofs einen 
unschönen Anblick, sondern sogar ein stellenweise recht störendes 
Durcheinander von Linien. Wohl ist der Preis gering, doch dafs 
selbst für geringes Geld ganz unvergleichlich Besseres in technischer 
Hinsicht geliefert werden kann, lehrt Brechers Karte. Die Aus- 
stellungen, die zu machen waren, sollen aber nicht abhalten, dei' 
Freude Ausdruck zu verleihen, dafs überhaupt der Plan gefasst wurde, 
Schule und Haus mit den Grundzügen der territorialen Entwicklung 
der sächsischen Heimat einigermafsen vertraut zu machen; bierfür 
gebührt den Herausgebern gewifs Dank. Vielleicht hätte es sich 
mehr empfohlen, statt einer grofsen Karte vier Karten von je Vi 
der jetzigen Gröfse auf demselben Blatt zu bringen, auf ihnen aber 
nicht wechselnde Zustände durch mancherlei Farben, Linien und 
Schraffierungen darzustellen, sondern einfach den jeweiligen Zustand 



Litteratur. 155 

einer bestimmten Zeit. Dabei würden natürlicb manch ei-lei Ver- 
änderungen, die gerade zwischen die dargestellten Zeitpunkte fielen, 
nicht zur Darstellung gelangen, doch Vollständigkeit ist ja hier 
auch nicht erstrebt ; es stände dann aber wenigstens für einzelne be- 
merkenswerte Zeitpunkte das Bild dem Schüler oder Laien klar und 
fest vor Augen, und das wäre ein aufserordentlicher Gewinn. Die 
Erklärung, wie sich ein Kartenbild aus dem andern entwickelte, 
würde ja der Unterricht oder ein Beiheft geben, wie ja auch die 
jetzige Karte ohne solche Erläuterung dem mit dem Stoff nicht Ver- 
trauten vielfach unverständlich bleibt. Wegen einer dabei vielleicht 
befürchteten Verteuerung sei abeimals nur auf Brecher verwiesen, 
der sogar 5 Karten und 4 Schlaclitfelder bringt. Als solche Zeit- 
punkte könnte man etwa zur Darstellung wählen 1. den Zustand 
beim Tode Heinrichs des Erlauchten 1288, 2. bei der Leipziger 
Teilung 1485, 3. l)eim Tode Augusts 1586, 4. unter der Regierung 
Friedrich Augusts III (1.); auf die Angabe der heutigen Grenzen 
verzichtet man gern, denn die hat jeder zur Hand. Die historische 
Kartographie Sachsens ist überhaupt ein Arbeitsfeld, auf dem noch 
viel zu thuu ist; hoffentlich fördert die von Thudichum angeregte und 
für Sachsen vom k. sächs. Altertumsverein und dem Dresdner Verein 
für Erdkunde in Angriff genommene Herstellung historischer Grund- 
karten das Studium der historischen Geographie, um auf dieser Grund- 
lage dereinst die Zusammenstellung eines zuverlässigen Atlas der 
wettinischen Lande zu ermöglichen. 

Dresden. W. Lippert. 

Kunst lind Künstler am Vorabende der Reformation. Ein Bild 
aiis dem Erzgebirge. Von Cornelius (Jurlitt. Mit IH Abbil- 
dungen. Halle, Max Niemeyer (Komm.). iSHO, 155 SS. 8". (A. u. 
d. T. : Schriften des Vereins für Reforraationsgeschichte, 7. .Jahr- 
gang. 4 Stück.) 

Der Verfasser giebt in diesem Buche einleitend in zwei Kapiteln 
ein anschauliches und anziehendes Bild des Erzgebirges und der 
dort im 15. Jahrhunderte herrschenden Kulturverhältnisse. Alsdann 
kommt er in einem längeren Abschnitt auf den Profanstil der Spät- 
gothik zu sprechen und der zweite Hauptabschnitt ist der Annen- 
kirche zu Annaberg, mit ihr dem erzgebirgischen Kirchenban über- 
haupt, gewidmet. In kuiturgeschichtlicher Beziehung sind hier 
namentlich die Schilderixngen des Hüttenwesens wichtig, das auf 
den Hüttentag(^n zu Regensburg und Torgau 14H3 durch Aufstellung 
einer Hüttenordnung neu gekräftigt werden sollte. Es handelte sich 
bei diesem höchst bemerkenswerten Vorgehen, wie Gurlitt wabrsihein- 
lich macht, um den ersten Versuch, Übelstände in dem vcifallcnden 
Hüttenwesen durch eine gröfsere Einigung zu beseitigen. Als Folge 
dies(!r B>estrebungcn bezeichnet Gurlitt den diuni erst erwachenden 
Ruiimsinn unter den Künstlern, der auf eine Hrlialtung ihres Namens 
dringt und ihre Persönlichkeit mehr und melir in den Vorderiinuid 
schiebt. Ein hervorragender Zeuge dieses neu erwachten Imlividua- 
lismus ist Arnold von Westiihaleu. der l)ekanute Erltauer der 
Albrecht.slmrg in Meifsen, des llanjitteils am Schlosse Ixochsburg und 
einiger kleinerer Bauten. Aniohl erselieiiit in (iuilitts Dar.xtelluiiy 
in scharfem Lichte. Er sagt da u. a. S. 5Q: „In dem Meifsiier 
Schlosse herrscht ein Geist der Selliständigkeit und des Individualis- 



156 Litteratur. 

mus, wie in keinem anderen deutschen Werke jeuer Zeit, es ist ein 
erstes mächtiges Auftreten der Renaissance, ehe deren Formen 
diesseits der Alpen bekannt wurden, ein wunderbares Denkmal dafür, 
dafs die Gotik aus sich selbst heraus neue Formen zu einer Zeit an- 
strebte, als Italiens Boden seinen Söhnen die Formen des alten Uonis 
wiedergab, dafs sich das Mittelalter aus sich selbst heraus 
den Garaus zu machen begann, ehe die antiken (Tcbilde 
Einflufs gewannen." 

,,Was Arnold liaut, ist selten oder nie foi'm vollendet, aber stets 
eigenartig. Er ist ein Mann des Kampfes, der vordrängenden Selbst- 
ständigkeit, eine gewaltige Kraft, nicht aber eine in sich beruhigte 
Künstlernatur. Sein AVollen war gröfser als sein Können: wollte 
er doch das schwerste, was sich je ein, Künstler zur Auf- 
gabe gestellt hat: den Bruch mit der Überlieferung und 
die Geburt, nicht die "Wiedergeburt einer neuen Bau- 
kunst!" Als Merkmale dieser Reform, die nicht von der Renaissance 
abhängt, sondern ihr voran und parallel geht, bezeichnet Gurlitt das 
Fehlen aller Merkmale der Gotik am Äufseren des Baues, also der 
Strebepfeiler (die in das Innere gezogen sind), der Spitzbogen — 
die Fenster sind im Vorhangbogen geschlossen — , des Masswerks, 
der Knaggen, Kreuzblumen, der Fialen, der senkrechten Mauerein- 
teilung (die Flächen sind vielmehr kräftig in wagrechten Linien 
eingeteilt). Endlich verweist Gurlitt auf die berühmte Treppe des 
Schlosses. Gurlitt geht wohl zu weit, wenn er sagt, man habe Arnold 
von Westfalen bis heute noch nicht zu würdigen verstanden. Man 
lese nur die Würdigung in Dohmes Geschichte der deutschen Bau- 
kunst. Indefs wollen wir gerne zugeben, dafs Gurlitt seine Gestalt 
noch plastischer herausgearbeitet hat. — Die gleichen Bestrebungen 
wie in der Profanarchitektur findet Gurlitt auch in den erzgebirgischeu 
Kirchenbauten gegen Ende des 1.5. Jahrhunderts. In verschiedener 
Hinsicht entwickeln sich die Kirchen lange vor Luthers Auftreten 
zu Saalbauten, zu Predigrkirchen : namentlich werden die Strebe- 
pfeiler in das Innere der Kirchen gezogen, die dadurch gewonnenen 
Räume als Kapellen verwerthet, darüber die vorher nur als Schmuck- 
form vorhandenen Emporenanlagen stark ausgebildet und als Aufent- 
haltsort für die zuhörende Gemeinde ausgenützt. — Gurlitt zieht 
aus diesen Thatsachen den Schlufs, dafs die Gotik noch kurz vor 
ihrer Ablösung durch die Renaissance Keime getrieben habe, die eine 
neue nationale Entwicklung der Baukiinst ermöglicht hätten. .Die 
Spätgotiker sind die Meister, die aus dem alten Stile nach einem 
unbekannten neuen hindrängten, die Renaissance gab dem Streben 
nur den formalen Ausdruck. . . Es wäre ganz verkehrt, die Spät- 
gotik für den Stil der Rechtglänbigkeit imd die Renaissance für den 
der Häresie zu erklären . . . Nicht Renaissance und Reformation 
sind eins, sondern Renaissance und Humanismus. Ein grofser Nach- 
teil für die ])rotestantische Baukunst war, dafs in ihr die Renaissance 
über die Anfänge selbständiger Neugestaltung siegte, d. h. dafs man 
nur zu bald geneigt war, die Form für das Wesentliche zu nehmen, 
die der Spätgotik innewohnenden Gedanken aber für nebensächlich 
zu halten." — Mögen wir nun eine nationale Renaissance der deut- 
schen Baukunst auf Grund jener noch unklaren Bestrebungen der 
Spätgotiker für möglich halten oder mögen wir glauben, dafs die 
thatsächliche Wiedergeburt erst durch den Einflufs der italienischen 
Renaissance ermönliclit wurde, in jrdem Falle sind Gurlitts Aus- 
führungen anregend und lehrreich. Ob jene Gedanken der Spätgotiker 



Litteratnr. I57 

auch noch für unsere Zeit fruchtbar sein können, wie Grurlitt wünsclit, 
dürfte eine nicht zu ferne Zukunft lehren. Wir wollen zum Sclilufs 
nur noch bemerken, dafs durch Gurlitts Darstellung- die von Steche 
im 4. Hette des Inventarisationswerkes (Annaberg) in einigen Punkten 
ergänzt wird. Gurlitt hat in dem besprochenen Werke einen wert- 
vollen Beitrag zur vaterländischen Kultur- und Kunstgeschichte ge- 
liefert. 

Dresden. Paul Schumann. 



Knrsachseu und Frankreich. 1552 — 1557. Von Dr. Joh. Trefttz. 

Leipzig, Fock. 1891. 164 SS. 8". 

Das reiche Material, welches das Dresdner Hauptstaatsarchiv 
für die Geschichte des Kurfürsten August enthält, ist fast voll- 
ständig noch unbearbeitet. Namentlich sind die aufserdeutscheu Be- 
ziehuugeu Augusts bis jetzt auffallend vernachlässigt worden, obgleich 
man sich sonst mit den Verhältnissen zwischen den deutschen und 
aufserdeutscheu Protestanten vielfach beschäftigt hat. Der Grund 
liegt einerseits darin, dafs Kursachsen in diesen Verhandluugeu 
hinter Pfalz, Württemberg und Hessen zurücktritt, andererseits 
August den aufserdeutscheu Beziehungen wenig Aufmerksamkeit 
widmete. Doch ist gerade tue französische und niederländische Politik 
des Kurfürsten August trotz ihrer Inhaltlosigkeit und ihrer geringen 
Ergebnisse sehr charakteristisch für den Mann, der 30 Jalire lang 
die deutschen Verhältnisse wesentlich beeinÖufst hat. 

Mit dem vorliegenden Buch eröffnet der Verfasser seine Studien 
über die Beziehungen Sachsens zu Frankreich. Nur wer wie Referent 
sell)st Einblick in die unübersehbaren einschlägigen Aktenmassen 
des sächsischen Hauptstaatsarchivs genommen hat, kann ilie Mühe 
und Sorgfalt der Arbeit ermessen. Die Genauigkeit der Angaben 
scheint mir manchmal fast zu weitgehend; solche ausführliche Be- 
schreibungen von Aktenstücken, wie z. B S. 54 Anm. 2, S. 56 
Anm. 2, S. 68 Anm. 3, haben in Darstellungen der neueren Gescliichte 
doch nur ausnalimsweise einigen Wert. Auch in der eigentlichen 
Erzählung wären stellenweise Kürzungen am Platze gewesen; die 
leitenden Gesichtspunkte würden dadurcli präziser liervorgetreten sein. 

Der Verfasser behandelt die kursäclisische Politik von 1552 1557. 
d. h. das Ende des Kurfürsten Moritz und den Anfang der Regierung 
Augusts. Diese Begrenzung des Themas halte ich für nicht sehr 
glü(;klich. Otfcnbar ist T. durch die interessanten Aufschlüsse, welche 
das von Druffel veröffentlichte, aber noch lange niclit genug ver- 
wertete Material bot, und diirch seine eigenen archivalischen l<]iit- 
deckungen dazu geführt worden, der mauricianischen Politik nicht 
nur eiuleitungsweise zu gedenken. Dadurch geht aber die Einiieit- 
lichkeit der Arlieit notwendig verloren. Denn die französische Politik 
der beiden sä(;hsischen Biüder ist ja, wie der Verfasser selbst aus- 
führt, eine vollständig entgegengesetzte. Moiitz hatte 1552 zwar 
den Kaiser niedergeworfen und den Aufstand durch den PassauiM- 
Vertrag siegreich beendigt, Aber er mufste doch gegebenenfalls 
die Rache KarN fiiirhten uud suchte daher diesen durcli seine fi'aii- 
zösischen Beziehungen in Schach zu lialt(.'u. Es kam dazu, dafs er 
seine Aufgabe noch keineswegs für abgeschlossen hielt, sondern 
weitei'e Angiiffe gegen die Sinnier, l)es(inders Anscliläge auf die 



158 Litteratur. 

Niederlande plante und dazu des französischen Geldes bedurfte. So 
sehen wir, wie im wesentlichen der Kurfürst sich um die Freund- 
schaft König Heinrichs II. bemüht und dieser je nach den Umständen 
zurückhaltender oder entgegenkommender ist. Das ändert sich mit 
einem Schlage durch die Schlacht bei Sievershausen. August erstrebt 
vor allem die Konsolidierung der Verhältnisse und wird hierdurch 
an die Seite der Habsburger, der Gegner seines Bruders, geführt; 
den französisclieu Zettelungeu steht er im Interesse des Friedens 
kühl oder gar feindlich gegenüber. Von Bemühungen um Heinrichs 
Freundschaft ist keine Rede mehr; der König ist es jetzt, der immer 
wieder die Initiative ergreift, dessen Gesandte jedoch von August 
nur mit nichtssagenden Redensarten abgespeist werden. 

Infolge dieses Gegensatzes zerfällt die Arbeit in zwei heterogene, 
ziemlich unvermittelt neben einander stehende Teile. Der Verfasser 
hätte besser in der Einleitung kiu'z die Verhältnisse zwischen Moritz 
und Frankreich seit dem Passauer Vertrag geschildert und in der 
eigentlichen Abhandlung die französische Politik Augusts unter 
Vermeidung unnötigen Details noch einige Jahre über 1557 hinaus- 
geführt. Das hätte umsomehr gelohnt, weil, wie der Verfasser selbst 
zugesteht, die Beziehungen Augusts zu Frankreich in den ersten 
Jahren sehr unbedeutend sind, später aber reger werden. Indessen 
wird hoffentlich der Verfasser seine erfolgreich begonnenen Studien 
fortsetzen. Wir möchten in diesem Falle eine Bitte aussprechen. 
In Arbeiten, die sich zum grofsen Teil auf diplomatische Korrespon- 
denzen und so gut wie gar nicht auf Schriftsteller stützen, treten die 
Persönlichkeiten fast immer hinter den Verhandlungen zurück. 
Dieser Mangel haftet den meisten Darstellungen der deutschen 
Geschichte der Gegenreformation an. Im vorliegenden Falle würde 
das Material günstig liegen. Die Männer, die zwischen Paris und 
den deutschen Höfen hin- und herreisen, wie der ßheingraf oder 
Virail oder Mannsfekl, kehren in den Verhandlungen immer wieder. 
Sollte es nicht möglich sein , diese Leute auf Grund des vorhandenen 
Materials genauer ins Auge zu fassen, ihr Streben und Wirken zu 
schildern und so einen festen Punkt in dem Wirrwar der schleppenden 
und ergebnisarmen Verhandlungen zu gewinnen? Auf diese Weise 
würden manche interessante Erscheinungen der deutschen Geschichte 
des späteren 16. Jahrhunderts besser beleuchtet werden. 

Dresden. Gustav Wolf. 



Zur (iescliichte der ehemaligen Katecheten- und Kinderlehrer- 
scliulen in der Diözese Grimma. Ein Beitrag zur Schulgeschichte 
Sachsens. Von Oberlehrer Dr. Hermann Dähritz: Bericht über 
die Königl. Seminare I. und II. zu Grimma. (Grimma 1891). 8". 
S. 1—96. 

Dafs das Archiv der Superiatendentur Grimma ül)eraus wert- 
volles Material zur Geschichte des kirchlichen Lebens in Sachsen 
enthält, dafür hat Superintendent Dr. Grofsmann seinerzeit den Beweis 
geliefert durch die Veröffentlichung der Visitationsakten vom Jahre 
1529. Eine Fülle wichtiger Nachrichten aus den Aktenbeständen 
der genannten Diözese bietet auch die vorliegende Arbeit, welche 
sich mit einem für die Geschichte des sächsischen Volksscliulwesens 
sehr wichtigen Abschnitte beschäftigt. Waren doch die Katecheten 



Litteraüxr. 1 59 

und Kinderlehrer bestimmt, den Übergang- von den bescheidenen 
Anfängen der Volksschule zu ihrer Entwicklung in unserem Jahr- 
hunderte zu bilden. Ursprünglich war in der Regel nur in dem 
Kirchdorfe ein Schulmeister, Kustos, Kirchner oder Glöckner. Frei- 
lich nicht immer; dann mufste der Pfarrer den Dienst selbst ver- 
richten, wie dieses z. B. von Ragewitz (S. 6) ausdrücklich bei einer 
Verhandlung über Annahme eines neuen Küsters noch im Jahre 1574 
bezeugt wird. Vergl. dazu auch Loc. 1991 : Visitation der Superin- 
tendentur Grimma 1574. Bl. 429 * (Königl, Hauptstaatsarchiv in 
Dresden). Besonders bei Gelegenheit der Visitationen wurde der 
Untersuchung des Zustandes und der Hebung dieser Schulen die 
gröfste Sorgfalt zugewendet. Wie ernst es die kursächsische Regie- 
rung damit nahm, und wie sehr sie zu verhüten bemüht war, dafs 
die Visitationen blofse Form würden, geht bezüglich Grimmas aus 
einem Aktenstücke des hiesigen Königl. Hauptstaatsarchivs hervor. 
Als nämlich im Jahre 1578 der Superintendent Martin Reinhard die 
Visitation nicht sorgfältig genug behandelt und u. a. die Schulver- 
hältnisse und persönlichen Nachrichten über die Lehrer wenig be- 
rücksichtigt hatte, wurde ihm ein energischer Verweis zu teil. Vergl. 
Loc. 2002: Extrakt aus der Visitation der ins Konsistorium Leipzig 
gehörigen Superintendenturen. Anno 1578 Bl. 60 ff. und besonders 
ßl. 65 und Loc. 1989: Extrakt aus der Visitation der ins Konsisto- 
rium zu Leipzig gehörigen Superintendenturen. Anno 1578. Wie 
alle diese Bemühiingen der Regierung oft vergeblich waren und auf 
die Hoffnungen der Lehrer bittere Enttäuschungen folgten, davon 
geben die obenerwähnten Verhandlungen aus dem Jahre 1574 zahl- 
reiche Belege. Als aber nach Beendigiuig des Dreifsigjährigen Krieges 
und im Beginne des vorigen Jahrlninderts einzelne Filialdörfer und 
gröfsere Orte eine eigene Schule zu haben wünschten , da machten 
sich oft längere Verhandlungen nötig. Schien doch dieses Begehreu 
mit den alten Vorrechten der Kirchschullehrer in Widerspruch zu 
stehen. Daher ist in der Regel die erste von den Behörden auf- 
gestellte Bedingung, dafs der Schulmeister für den Ausfall an Schul- 
geld entschädigt werden soll. Aufserdem wird verlangt die Be- 
schaffung eines geeigneten Schulraums , die Sicherung eines genü- 
genden Einkommens und die Wahl der Persönlichkeit durch die 
Ortsobrigkeit, während der Gemeinde nur das votum negativum zu- 
steht. Auch stand der neue Lehrer dem bisherigen Schulmeister 
nicht gleich, er durfte nicht den Titel Schulmeister fülu-en, und die 
Konfirmation mit den sich daran knüpfenden Rechten wurde ihm 
zunächst nicht zu teil. Die letztere veranlafste übrigens eine Reihe 
von Anträgen und Erwägungen seitens der Stände wie der Regierung, 
über welche Referent an anderer Stelle zu handeln gedenkt. Der 
Kinderlehrer wurde in seltenen Fällen von der Gemeinde, sondern 
in der Regel nur von einzelnen Vätern angenommen, war also eine; 
Art Privatlehrer oder SammelschuUehrer. Oft wurde er nur von den 
vermögenden Bauern unterJialten , während die ärmeren Bewohner 
trotzdem ihre Kinder zur Kirclischule schickten. — Verfasscj- hat 
den Stoff fleifsig gesammelt und geschickt verarbeitet. Es ist zu 
wünschen, dafs er seine Studien auf diesem Gebiete fortsetze. Ist 
doch zur Kenntnis der Entstehung des .sächsischen Volksschulwesens 
die Veröffentlichung des in den einzelnen l'farr- und Superintendentur- 
archiven lagernden Materials unbedingt nötig. 

Dresden. Georg M ü 1 Icr. 



lÜO Litteiatur. 

Bauer und (intshoiT in Kursaclison. Schilderuiii^ der ländlichen 
Wirtschaft und Veifassiing im 16., 17. und 18. Jahrhundert. Von 
Dr. Friedr. Job. Hauu. Strafsburg, Träbner. 1892. XI, 220 SS. 
8". (A. u. d. T. : Abhandlungen aus dem staatswissenschaft- 
lichen Seminar zu Strafsburg i./E., herausg'egel)en von G. F. Knapp. 
Heft IX.) 

Wie schon aus dem Titel sich ergiebt, ist die vorliegende Arbeit 
in dem staatswissenschaftlichen Seminar zu Strafsburg entstanden, 
indem der Leiter desselben, Professor Knapp, den Verfasser auf 
Joh. (jrottlieb Klingner 's „Sammlungen zum Dorf- und Bauren- 
ßechte" (Leipzig 1749, 4 Bde.) aiifmerksam gemacht hatte. Das reiche, 
in diesem Werke angesammelte Material au Urkunden, Urbarien, 
Proze.ssakten etc. aus früheren Zeiten, sowie die Darstellungen 
Klingner"s aus der Zeit, in der er selbst lebte, hat nun der Verfasser 
nach den Gesichtspunkten der heutigen Nationalökonomie geordnet 
und so eine interessante Schilderung der gesamten um die Mitte des 
vorigen Jahrhunderts in Kursachsen bestehe aden ländlichen Wirt- 
schafts- und Verwaltungsverhältnisse gegeben. Er sagt selbst, dafs er 
sich hierbei fast lediglich auf die Klingnersche Vorarbeit beschränkt habe, 
und allerdings hätte er das Mateiial aus den öffentlichen und Privat- 
archiveu Sachsens noch wesentlich vervollständigen und so.eine weit 
gröfsere Anzalü von einzelnen Rittergütern und ganzen Ämtern in 
den Kreis seiner Untersuchung ziehen können. Wie Klingner, be- 
handelt auch er nur die älteren, längst schon völlig deutsch gewor- 
denen Landschaften des ehemaligen Kursachseu, nicht aber auch 
die Lausitzen, welche doch damals auch bereits längst zu Sachsen 
gehörten. In diesen beiden Ländern bestanden neben deutschen viel- 
fach auch noch altslavische Verhältnisse fort ; für sie sind daher die 
in dem vorliegenden Buche gegebenen Schilderungen nicht zutreffend 
(vergl. meine Schrift: „Die Stellung der Gutsuuterthanen in der Ober- 
lausitz zu ihren Gutsherrschaften." Dresden 188ö). Der Verfasser 
will auch „keine geschichtliche Darstellung der Entwicklungsstufen" 
geben, obgleich sich nur aus ihr das Verhältnis zwischen Bauer und 
Gutsherrn zu einer bestimmten Zeit vollständig begreifen läfst, 
sondern Avill dem Leser nur einen deutlichen ,. Einblick in das länd- 
liche Leben der damaligen Zeit" vermitteln. — Innerhalb der so ge- 
zogenen Grenzen stellt er nun in einer bei knappester Form doch 
durchaus anschaulichen Weise, in einzelne Kapitel wohlgeordnet, all 
die verschiedenen Beziehungen zwischen der bäuerlichen Bevölkerung 
und den Gutsherrschaften dar Scharfe und treffende Delinitionen 
der einzelnen Ausdrücke, Begriffe, Rechte, Gewohnheiten etc., ge- 
schickte Einordnung der unzäbligen Einzelheiten unter die betretfen- 
den Kapitel und eine möglichste Glätte des Stils zeichneu die Arbeit 
vor anderen ähnlichen vorteilhaft aus. Wer sich je mit den ein- 
schlagenden Fragen zu beschäftigen hat, wird in dem Buche ein 
reiches, wohlgeordnetes Material voriinden. 

Da es uns hier an Raum gebricht, auf einzelnes einzugehen, 
führen wir nur kurz die Einteilung des Ganzen an. I. Kapitel : 
Rügen und Dorfordnungen; Doi fverfassung ; die Nachbarschaft (d.h. 
die eigentlichen Bauern): die übrigen Einwohner; Dorf Verwaltung; 
Flurverfassung; Hufenrichter .und Hegebürgen; die Flur; Viehhaltung; 
die AUmend ; Wiesen ; Ackerwirtschaft. II. Kapitel : Das Rittergut 
in Sachsen; Ursprung und Entstehung; Umfang; Gutsverwaltung; 
Schäfereien; Ackerwirtschaft. III. Kapitel: Die ländlichen Neben- 
.gewerbc; Mühlenbetrieb ; Brauereibetrieb. IV. Kapitel: Gutsherrlich- 



Litteratur. IGl 

bäuerliche Verhältnisse; Servituten; Gerichtsbarkeit-. Erbhuldigunf;' ; 
bäuerliche Besitzverhältuisse; Abgaben; Dienste; der Bauernaufstand 
von 1790. 

Dresden. Hermann Knothe. 



Ans (lern FeWznge 18(i6. Briefe aus dem Felde und Predigten und 
Reden im Felde. Von Prof. Dr. Fricke. Leipzig, Friedrich 
Richter. 1891. VT, 248 SS. 8o. 

Der als akademischer Lehrer wie als Kauzelredner gleich aus- 
gezeichnete Prof. Fricke in Leipzig veröft'entliclit jetzt, nach 25 .Jahren, 
aufgefordert von vielen, die Briefe, welche er während des Krieges 
von 1866, wo er Feldpropst der königlich sächsischen Armee war, 
an seine Frau geschrieben, und eine Anzahl Predigten und Reden, 
welche er teils in Kirchen oder Lazarethen, teils aber auch unter 
freiem Himmel vor Abteilungen der sächsischen Truppen gebalten 
hat. Von so vielen Seiten aus man jenen Feldzug schon eingehend 
behandelt hat, eine Darstellung der seelsorgerischen Wirksamkeit, 
Avie sie an den Krankenbetten der Lazarethe, bei Austeilung des 
heiligen Abendmahles, bei Feldgottesdiensten und an den Gräbern 
gestorbener Sachsen geübt worden ist, nebst den damit verbundenen 
Anstrengungen, Ansteckungsgefahren, alter auch mit ihrem Segen, 
ist uns noch nicht bekannt geworden. Die Briefe, oft in fliegender 
Eile und unter den erschwerendsten Umständen in elenden Dorfhütten 
geschrieben, schildern die persönlichen, auch für den sächsischen Feld- 
propst oft recht unliebsamen Erlebnisse des Verfassers, zumal auf 
der Flucht nach der Schlacht bei Königgrätz, sodann aber auch die 
leibliche und geistige Pflege der sächsischen Verwundeten und Kranken 
in und um Wien, sowie die aufopfernde Thätigkeit der dabei be- 
schäftigten Ärzte, Schwestern und Geistlichen. Obgleich der Ver- 
fasser oft auch mit höchstgestellten Persönlichkeiten in Berührung 
kam, so streift ei- nur selten die politischen Fragen, höchstens zu 
der Zeit, wo es sich um die Zukunft Sachsens und um die Bestim- 
mungen des mit Preufsen abzuschliel'scndcn Friedens handelte. Die 
Predigten und Reden, Casualreden eigentümlichster Art, von denen 
mehrere sofort in Tausenden von Exemplaren gedruckt und an die 
Soldaten verteilt worden sind, erweisen in ihrer jetzigen Zusammen- 
stellung den Verfasser aufs neue als den hochbegabten, die Worte 
der Schrift mit ergreifender Anwendung auf die jedesmaligen Um- 
stände auslegenden, bald tröstenden, l)ald ermunternden christlichen 
Prediger. Wer an jenem Kriege selbst teilgenommen oder aus ii-g(!iid 
welchem Grunde noch jetzt ein besonderes Interesse an demselben 
hat, wird das Buch gewifs nicht ohne Befriedigung aus der Hand legen. 

Dresden. Hermann Knothe. 

Der Seifenborglmii im Frzf^obirf^o und die Walensagen. Von 
Dr. llcinricli Schnrlz. Stuttgart. J. Engelhnrn. IWto. 8<! SS. 
8". (A. u. d. T. : Forscliungim zur deutschen Landes- und N'olks- 
kunde, im Auftrage der Centralkoiumission für wissenschaflliclie 
Landeskunde von Deutschland herausgegeben von A. Kirchhofl'. 
Bd. V Heft 3.) 

Der Bergbau hat auf die wirtschaftlicln u und damit aurli auf 

Neues Archiv f. S. G. ii. A. XUl. 1. 'i. H 



162 Litteratur. 

die politischen Geschicke iinsers Landes einen so hervorragenden 
Einfiufs ansgeübt, dafs eine wissenschaftlichen Anforderungen durch- 
aus entsprechende Geschichte desselben dringend zu wünschen wäre. 
Aber es ist das eine Aufgabe, deren Lösung eine Vereiniglang von 
naturwissenschaftlichen, technischen, natioualökonomischen und histo- 
rischen Kenntnissen verlangt, wie sie sich nur selten bei einem 
Einzelnen finden wird; nur ein Zusammenwirken verschiedener 
Kräfte verspricht hier Erfolg — und wann wird sich ein solches 
ermöglichen lassen? Einstweilen müssen wir für jeden Beitrag dank- 
bar sein, so auch für den vorliegenden, wenngleich seine Ergebnisse 
nur mehr oder weniger unsichere Vermutaugen sind. Schurtz hat 
sich an die schwierigste aller Fragen gemacht, an die Frage nach 
den frühesten Anfängen unseres Bergbaues. 

Er geht aus von den zahlreichen vorgeschichtlichen Bronze- 
funden. Während einer der beiden Bestandteile der Bronze, das 
Kupfer, ein sehr verbreitetes Metall ist, kommt der andere, das Zinn, 
in Europa nur selten vor. Für die Frage, woher es die Römer und 
Griechen bezogen haben , wäre auf die Untersuchungen Blümners 
(Technologie und Terminologie der Gewerbe und Künste bei Griechen 
und Römern IV, 81 ff.) zu verweisen gewesen. Schon hier wird 
Britannien als das Land genannt, das in historischer Zeit weitaus 
das meiste Zinn nach den klassischen Ländern geliefert habe. Eben- 
so beherrschte im Mittelalter England fast allein den Markt, bis um 
die Mitte des 13. Jahrhunderts die nordböhmischen und meiisnischen 
Ziimdistrikte ihm anfingen Konkurrenz zu machen. Schurtz sucht 
nun wahrscheinlich zu machen, dafs der Zinnbergbau in diesen 
Gegenden viel älter ist, als man bisher annahm. Seine früheste 
Form ist die des Seifenbergbaues, und es kann wohl nicht zweifel- 
haft sein, dafs schon lange vor Aufzeichnung der ersten Nachrichten 
diese primitivere Art der Zinngewinnung ausgeübt worden ist. Was 
der V'erfasser über die Technik und die Geschichte der Zinnseifen 
im Erzgebirge mitteilt, beruht meist auf Quellen des 16. Jahrhunderts 
und noch späterer Zeit, und diese Quellen sind teilweise nicht eben 
die zuverlässigsten; hier würden ihm archivalische Forschungen eine 
bessere Grundlage gegeben haben, wie er das schon aus meinem ihm 
entgangenen Aufsatze über das Zinnerrecht von Ehrenfriedersdorf, 
Geyer und Thum (in dieser Zeitschr. Band VTI) hätte entnehmen 
können, in welchem auch die falsche Angabe über das Anfangs- 
jahr des Altenberger Bergbaues (1458) widerlegt ist. Was die 
Eibenstocker Zinnbergwerke anlangt, die der Verfasser nach 
Albinus, Melzer und Körnera Bockauischer Chronik mit besonderer 
Vorliebe behandelt, so mag auf eine allerdings ziemlich unklare 
Notiz in einer Handschrift des Freiberger Bergrechts hingewiesen 
werden, die anzudeuten scheint, dass schon Ende des In. Jahrhunderts 
in der .rohaungeorgenstadter Gegend Seifenbergbau getrieben wurde 
(Cod. dipl. Sax. reg. IL 13, XXI). Auch die Nachrichten über die 
Goldwäschen im Erzgebirge hätten sich wohl aus archivalischen 
Quellen noch vermehren lassen. Immerhin vermögen wir auf diesem 
Wege die Geschichte unseres Bergbaues nicht über das Ende des 
12. Jahrhunderts zurück zu verfolgen. 

Der Verfasser schlägt nun andere Wege ein, um in die graue 
Vorzeit einzudringen. Er untersucht die nicht blos im Erz- und 
Fichtelgebirge, sondern auch im Harz, in den Alpen vielver- 
breiteten Sagen von goldsuchenden Walen und Venedigern. Die 
eigenartige Litteratur, die sich an ihren Namen knüpft, die band- 



Litteratur. 163 

schriftlich und gedruckt viel — bis iu unser Jahrhundert hinein — 
verbreiteten ,, Walenbücher", Anw^eisungen, wie und wo mau nach 
Gold suchen soll u. dgl. m., erweisen sich bei näherer Betrachtung 
als wertlos für den Zweck des Verfassers; es sind „zusammen- 
getragene Notizen phantastischer Metallsucher, die durch allerlei 
irrtümliche Voraussetzungen, UnvoUkommenheit der mineralogischen 
Kenntnisse und die trügerischen Aussagen der Wünschelrute ver- 
leitet wurden, in tauben Gesteinen geheimnisvolle Schätze zu ver- 
muten" — „ein Gegenstück zu der unübersehbaren, aber hohlen 
alchimistischen Literatur", j^ber viel älter und viel wertvoller sind 
die Walensagen. Der Verfasser findet in ihnen uralte mj'thologische 
Anklänge, die teils an die germanische Götterlehre, teils an die 
finnischen Zvvergsagen (Venedigermännlein) gemahnen; und wenn 
nicht auch slavische und keltische Beziehungen nachweisbar sind, 
so liegt das wohl nur an der Dunkelheit der Mythologie dieser 
Stämme. Diese Beobachtungen führen den Verfasser nun weiter zu 
dem Versuch, bei den Slaven, Germanen, Kelten, ja selbst bei den 
Finnen einen vorgeschichtlichen Zinnbergbau nachzuweisen; haupt- 
sächlich sind es sprachliche Untersuchungen, Ortsnamendeutungen 
u. s. w., die ihm die Belege liefern müssen. Auf dieses Gebiet 
können wir dem Verfasser nicht folgen ; es ist Sache des Linguisten, 
zu beurteilen, ob die Ableitungen richtig und die darauf gebauten 
Schlüsse möglich sind. Dafs das Resultat der ganzen Untersuchung 
ein überaus unsicheres ist, mit dem der Historiker recht wenig an- 
zufangen vermag, das fühlt der Verfasser wohl selbst, wenn er 
schliefslich sein Resultat in die vorsichtigen Worte zusammenfafst : 
„Es hindert uns nichts zu glauben, dafs der Zinnbergbau des Erz- 
gebirges älter ist, als es nach dem Zeugnis der Chronisten scheint ; 
es ist somit auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dafs unter 
dem Namen der Walen oder Venediger sich ältere bergbautreibende 
Völker — Wenden, Kelten oder Finnen — verbergen. Gegen diese 
Ansicht spricht freilich, dafs die prähistorischen Funde im höheren 
Erzgebirge äufserst geringfügig sind und dafs ebenso von Spuren 
der Zinnschmelzung wenig zu entdecken ist. Vielleicht aber dürfen 
wir — was auch die Walensagen andeuten — an eine Ausfuhr der 
ungeschmolzenen Erzkörner nach Süden denken, von wo das Zinn 
(mit Kupfer legiert) in Gestalt bronzener Waften und Geräte nach 
Germanien zurückkehrte. Damit würde denn auch die Beobachtung 
übereinstimmen, dass die Walensagen im Fichtelgebirge meist auf 
alte Zinnseifen verweisen." 

Dresden. H. Ermisch. 

Die Pässe des Erzjfcbirges. Von Dr !!(-inr. Scliiirlz. Mit einer 
Karte. Leipzig, J. .). Weber. IHHI. 64 SS. S'>. 

Der Verfasser findet die Bedingungen der Erzgebirgspässe 
..mehr in anthropogeographischen als in orographischcii Zuständen" 
gegeben derart, dafs besonders durch die vorliegendi'n Städte „ans 
einer Fülle möglicher Strafsen bestimmte (iruppen ausgeschieden und 
vorwiegend entwickelt" wurden. 

Daraus ergiebt sich ihm die Sondcruiig der Pässe in die von 
Dresden, Frcibcrg, Chemnitz und Zwickau. Im (Jcgcnsatz zu den 
modernen Verkehrswegen liebten die alten Strafsenziige die Jliiluii 
zwischen den Wasserläufen und teilten sirli, nach Böhmen liiual)- 
steigend, in fiu'inliclie Strafsciiliündcl. 

11* 



164 Litteratur. 

Der Verfasser bezeichnet seine Arbeit, die offenbar mit Liebe 
lind deshalb fesselnd nnd anregend geschrieben ist, als „eine Ab- 
handlung geographischen Inhalts mit starkem Betonen des historisch 
Gegebenen". Letzteres legt uns einige Bemerkungen nahe. 

Die Annahme, Heruler seien 494 durch Böhmen längs der Elbe 
nach Dänemark gezogen (S. 7), gehört, abgesehen von der unhalt- 
baren clu'onologischen Bestimmung, in das reich angebaute Gebiet 
der grundlosen in majorem Slavorum gloriam aufgestellten Behaup- 
tungen, die man ohne Nachprüfung nicht wiederholen sollte. Sie will 
die slawische Einwanderung in die Eibländer um die Mitte des 
5. Jahrhunderts beweisen. Die zu Grunde liegende Stelle bei Procop, 
Gothenkrieg II, 15, berechtigt zu dieser Auffassung nicht im mindesten. 
Der fragliche Teil der Heruler trennte sich von der Hauptmasse erst, 
als diese vor den Gepiden weichend die Donau in der Belgrader 
Gegend überschritt, und es bot sich wegen der feindlichen Gepiden 
und Langobarden kein anderer Weg, als die Donau abwärts und dann 
an den Karpathen hin zum Quellgelnet der Weichsel. So „berührten 
sie auch alle Stämme der Sklavenen der Keihe nach'', denn diese 
safsen nach Jordanes (Getica V, 34) links von den Gepiden von der 
unteren Donau an nordöstlich der Karpathen bis zur Weichsel. 
Die Heruler durclizogen dann „ein Aveitgedehntes wüstliegendes Land" 
bis zu den Warnen in Mecklenburg, das „Mauringaland, Land wild- 
wuchernder Grasnarbe". Diese Angabe Procops beweist also gerade, 
dafs die Gebiete von der mittleren Oder bis zur Elbe von den deut- 
schen Stämmen verlassen und von den Slaven damals (um 508—512) 
noch nicht besetzt waren. 

Der Annahme (S. 8 flg.), „der wichtigste Ort, der Böhmen das 
unentbehrliche Salz lieferte", sei Halle a. d. S. gewesen, fehlt für 
das frühere Mittelalter (und gar erst für die Kelten- und Hermun- 
durenzeit!) jede Grundlage. Albinus' Landchronik (1589) kann man 
doch unmöglich als Quelle für jene Zeit anziehen. (S. 11 führt aller- 
dings der Verfasser wiederum Albinus [und sogar eine Bockauische 
Chronik von 1763] als Gewährsmann dafür an, dafs die von ihm an- 
genommenen Bewohner des Erzgebirges in den älteren Perioden bis 
zur Entdeckung der Silbererze besonders durch Viehzucht sich nährten 
und dafs also weitausgedehnte Weidegründe im Walde sich fanden.) 
Kaiser Arnulfs Forderung an den Bulgarenfürsten Wladimir be- 
züglich der Salzsperre richtete sich zunächst gegen die Mährer, 
deren Fürst Swatopluk allerdings auch Böhmen beherrschte. (Ann. 
Fuld. ad 892: „ne coemptio salis inde Moravanis daretur." Böhmen 
bezog sein Salz in erster Linie von ßeichenhall her auf dem altbe- 
rühmten goldenen Steig Passau- Prachatitz. Wie bedeutend der Salz- 
handel überhaupt hier im Süden auf der Donau war, zeigen die sogen, 
leges portorii vonliaffelstätten903 — 906(Monum. German. Leg. III, 480). 
Späterhin (1130) werden auch Salztransporte auf dem Grenzsteig an 
der Trstenica (Leitomischl-Zwittau) erwähnt, vielleicht aus dem 1136 
zuerst genannten Wieliczka kommend. Salzzufubr durch Wagen über 
das Erzgebirge war bis ins 12. Jahrhundert bei der Beschaffenheit 
der dortigen Wege kaum möglich. Alle Quellen wissen bis dahin 
nur von Grenzsteigen, Pfaden, semitae, die selbst für Reiter höchst 
beschwerlich waren. Erst seit dem Beginn des Bergbaues and später 
unter Ottokar II , Wenzel IL und den Luxemburgern wurden die 
Verkehrsstrafsen mit den Nachbarländern verbreitert und in eigent- 
liche Fahrstrafsen umgewandelt. Selbst der hochwichtige Pracha- 
titzer Salzsteig bot nur für 2 Säumer (equi honusti, qui saumer di- 



Litteratm-. 165 

cuntnv) Eaiim — Noch 1361 heifst es von der Avichtigen Sti'afse 
Gubel-Zittau, sie soll wegsam gemacht und verbreitert werden, so 
weit man einen gröfseren Stein, den man gerade noch mit der Hand 
erfassen kann, nach rechts und links zu werfen vermag. — Der über 
Weitra führemle Beheimsteg nach Niederösterreich erscheint erst 
Ende des 12. Jahrhunderts als Pehaimstralse. 

Der Verkehr nach Norden bewegte sich zunächst hauptsächlich 
auf der Elbe, die auch stromauf weit mehr befahren Avurde, als der 
Verfasser annimmt (S. 15), — Schon 98o wird dem Bischof von 
Meifsen der ElbzoU zwischen Beigern und Meifsen, auf- und abwärts, 
von allen Handeltreibenden überlassen. 99:5 wird verfügt über den 
Zoll in Lutomiricz und Na vsty super Albiam (Leitmeritz und Aufsig). 
Bei Gründung des KoUegiatstiftes in Leitmeritz um 1057 wird (neben 
der via per silvam Hulmez) die Schiiffahrt auf der Elbe, stromauf luid 
stromab, besonders hervorgehoben. Es werden unterschieden naves 
magnae, mediocres, parvae und naviculae minimae. Als Gegenstände 
des Handels treten Salz und Wein, als Vermittler desselben Graeci 
(Griechisch-Orthodoxe) und Judaei hervor. — Kloster Platz tauscht um 
1183 ein Dorf ein für seineu schon 1146 besessenen Teil am Salzzoll in 
Tetschen, weil der Zollertrag (in natura gegeben) infolge der Unsicher- 
heit der Strafsen auf dem Transport zum Kloster oft verloren ging. — 
Die Prämonstratenser von Strahow dürfen (1226) ein Schiff zollfrei per 
Albiam in Swrbiam educere und reducere mit Salz u. a. beladen. — 
Auch das Holz, das sie Elbe und Eger abwärts führen, bleibt zoll- 
frei. 1274 ist von Schiffen, die Salz und Heringe nach Melnik bringen, 
die Rede. Aus sächsischen Urkunden erfahren wir über den Salz- 
handel nach Böhmen erst um das Jahr 1292, als die Bürger von 
Frohse, Schönebeck, Kalbe und Barby den Bischof Withego von 
Meifsen baten, es bezüglich ihres Handels in Pirna — Verkauf voii 
Salz und Einkauf von Holz — bei alter Gewohnheit zu lassen. Seit 
Ende des 12. .Jahrhunderts mag man bei Verbreiterung und Besserung 
der Wege angefangen haben, das Salz über das Erzgebirge auf Wagen 
nach Böhmen einzuführen, obwohl die 1274 Brüx gewälirte depositio 
salis sich nicht auf dorther kommendes Salz zu beziehen liraucht. 

Dafs „die wichtigsten Strafsen" vom Bernsteinlande zum 31ittcl- 
meer „insbesondere durch die Pässe des Kiesengebirges" gefühlt 
(S. 10). dürfte dem Verfasser nicht ganz leicht werden nachzuweisen. 
Die von einigen dem sogen, polnischen Steig (Nachod— Glatz) l)eige- 
legte Wichtigkeit läfst sich für jene Zeit bezweifeln. Über das 
Riesengebirge im engeren Sinne führte weder Weg noch Steg. Sobeslav 
mufste sich 1110 mit unsäglicher Mühe — Martinus Gallus vergleicht 
den Zug mit Hannibals Alpenübcrgang — dort eine Strafse bahnen, 
zu deren Schutz er dann später die; Bui'g Hostin-Hradec (Arnau) 
anlegte. 

Die Ansicht des Verfassers, das Erzgebirge sei auch in den 
älteren Perioden seiner Geschichte bewohnt gewesen (S. 11. 18 u. ö.), 
können wii- nicht teilen. Slawische ( )rtsbenennungen beweisen ohne 
chronologische Sidierung bei dei- slawischen Nationalität der An- 
wohner und der böhmischen Einwanderung Ende des Mittelalters )ind 
später für die Zeit des Anbaues gar nichts, zumal gewil's auch <lie 
Rodungen von Norden her vielfach mit slawischen Arbeitern und 
Zinsleuten unternonuncn sind oilcr ducli nacliweislich slawische Namen 
erhielten. Slawische Bejicnnungen von Gewässern, Bergen und ein- 
zelnen auffalleuden Lokalitäten, zumal in der Nähe der Stralsenzüge, 
wo schon leichtere Orientierung sie wünschenswert erscheinen liefs, 



166 Litteratur. 

setzen ebensowenig Avie unsere Flur- und Forstnamen geordnete 
menschliche Siedelungen voraus, konnten aber wohl auf spätere, selbst 
deutsche Niederlassungen übertragen werden (Meifsen!). Ohne 
chronologische Bestimmung schwebt hier, wenn sich nicht etymo- 
logisch relative Altersgruppen ergeljen, alles in der Luft. — Sämt- 
liche Quelleiiberichte über Heereszüge, Grenzen, nennen niemals einen 
bewohnten Ort im höheren Gebirge, bis ins 12. Jahrhundert; nur 
an den Endpunkten der „seinitae-' erscheinen urbes terminales, Burgen 
und Ortschaften. Alle Quellen dagegen wissen nicht genug zu er- 
zählen von den schrecklichen Wildnissen, von den unsäglichen Schwie- 
rigkeiten, die von den Durchziehenden überwunden werden müssen. 
Von Böhmen aus — und die böhmische Herrschaft erstreckte sich oft 
und lange weit über die eigentliche Grenze, die media silva, hinaus — 
wurde lange Zeit nicht einmal Holzschlag, viel weniger Rodungen und 
Siedelungen im Greuzwalde geduldet. Besondere Wächter (chodove, 
sträze) waren mit der Durchführung dieser Verbote und mit der 
Kontrolle über die einzelnen Grenzpassanten beauftragt. Im Brünner 
Privileg heifst es z. B. noch 1229: nullus de illis, qui custodiunt 
silvam, debet spoliare aliquem in via vel in foro, nisi tunc illum 
spoliet, quando invenit arborem secantem. — Leider liat der Verfasser 
— nicht zum Vorteil seiner Arbeit — die Erben-Emlersche Urkunden- 
und Regestensammlung gar nicht lienutzt. Bezüglich der Handels- 
beziehungen Zwickaus mit Böhmen, für welche der Verfasser S. 54 
Hinweise vermifst, ist ihm eine wichtige Urkunde völlig entgangen. 
Im Jahre 1118 (Cod. dipl. Sax. I, 2, 53) urkundet nämlich Bischof 
Dietrich von Naumburg über die Übertragung der von der Gräfin 
Bertha gegründeten Pfarrkirche „in territorio Zcwickaw" an Kloster 
Bosau. Die Dotation bestand aufser den vorgeschriebenen 2 Mausen 
aus dem teloneum Bohemicum, der 12 Pfund jährlich trug uud den 
das Kloster 1145 gegen 2 Dörfer, Thechebodiz und Rodowe, 
tauschte. Das Land ist zum Teil noch nicht kultiviert, die Parochie 
ist „intra praefatos limites construenda". Bei der Angabe der Grenzen, 
die nach Posse (Die Markgrafen von Meifsen S. 235) mit denen des 
Zwickauer Vogteibezirkes tibereinstimmen, kommt kein einziger Ort- 
schaftsname vor. 

Dasselbe ist der Fall in einer Urkunde von 1144 (Cod. dipl. 
Sax. I, 2, 176), welche der Kirche zu Hürgel lüö Königshufen im 
Pleifsener Walde auf beiden Seiten der Mulde zuweist. Auch hier 
ist alles noch im Werden begriffen. Übrigens hätte der Verfasser 
auch diese Urkunde wegen der darin erwähnten „semita Bohemica" 
nicht unbeachtet lassen sollen. Eine ,,via vetus" erwähnt ferner die 
Urkunde vom 15. April 1146 (Cod. dipl. Sax. I, 2, 192), die uns eben- 
falls den Anbau in den Gauen Plisna und Geraha in seiner Ent- 
wicklung zeigt. Es ist also durchaus irrig, wenn der Verfasser aucli 
für die Zwickauer Gegend und noch höher hinauf S. 55 eine „sehr 
frühe und nicht ganz spärliche" Bevölkerung annimmt. Nach allem, 
was wir bisher aus Urkunden und sonstigen Quellen entnehmen können, 
kann von festangesessener nennenswerter Bevölkeiung im höheren Ge- 
birge vor den Rodungen des 12. und besonders des 13. Jahrhunderts 
nicht die Rede sein. So erklärt es sich auch, dafs der umfangreiche 
Landbesitz Hersfelds zAvischen Zschopau und Striegis in Hersfeld 
selbst so in Vergessenheit geraten konnte und bei der Dotierung Alt- 
zelles 1162 (auch hier 800 kaum erst gerodete Hufen) gar nicht respek- 
tiert wurde. — Wird doch selbst in dem ca. 10 Quadratraeilen grofsen 
Gau Dobna ei'st 1122 in dem vicus Plauen die erste Kirche errichtet, 



Litteratur. 107 

und in dem üaiizeu Gau treten uns nur 3 Ortsnamen, Plauen, 
Chrieschwitz und Zobern, entgegen. Auch hier kann die Bevölkerung, 
den urkundlichen Nachrichten zufolge, nur eine sehr spärliche ge- 
wesen sein noch iai l;i. Jahrhundert. — Die Vermutung, dals Saida eine 
Zollstätte gewesen (S. 28), wird bestätigt durch ein Diplom von 1287 
(Emier II, 604). Den Zollzehnt hatte Kloster Ossegg inne. 

Die Annahme eines besondern Priesterstandes, der ,.nach slawischer 
Sitte" das Clericht und zum Teil den Zoll in Händen gehabt, wider- 
spricht der neueren Forschung (vergl. Krek, Einleitung zur slawischen 
Litteratur-Geschichte, 2. Aufl., 1887). Nur bei den Polaben zwischen 
unterer Elbe und (_)stsee hat sich, wahrscheinlich durch den Kampf 
mit den christianisierenden Deutschen, eine solche Priesterschaft heraus- 
gebildet. Bei den Tschechen und Sorben findet sich keine Spur 
davon. Die Ableitung des Namens Kämmerswalde von komora = 
Gericht scheint uns sehr kühn, und was der Hinweis auf das Frei- 
l)erger Zollhaus „camera juxta valvam" hier soll, verstehen wir nicht. 
Hält der Verfasser camera, Kammer, Kämmerei für Lehnwörter, von 
komora = Gericht abgeleitet"? —Wenn der Verfasser in der jetzigen 
deutschen Benennung des schlesischen Komorowitz: Mückendorf, 
eine Stütze für seine Ansicht zu finden glaubt, jenes mit komora = 
Gericht, dieses mit mike -= Priester in Zusammenhang bringt, so müssen 
wir gestehen, dal's wir auf diese Pfade ihm nicht zu folgen vermögen. 
Koraafi, komor, heilst Stechmücke, so ergiebt sich Mückendorf als 
einfache Übersetzung. — Auch Mochowe erinnert den Verfasser an 
„mike" (S. 33), uns zunächst an mok, moca, moker, nafs, sumpfig 
(oder mucha. Fliege? In Schlesien Mochau aus Muchowo). Ebenso 
gezwungen erscheint uns die Ableitung des Namens Birkwitz von 
bjerka, Steuereinnehmer. Übrigens war die Besteuerung der Flufs- 
ü'bergänge nicht nur bei den nördlichen Wenden üblich (S. 22), sondern 
überall, ist es sogar in Gestalt des Brücken- und Überfahrgeldes 
noch jetzt. 

Dresden. E. O. Schulze. 

IJesclireibeudc Darstellung der älteren Itau- und Kunstdenk- 
miilor des Königreicbs Sachsen. Auf Kosten der K. Staats- 
regierung herausgegeben vom K. Sächsischen Alterthuinsverein. 
13. und U. Heft: Amtshauptmannschaften Glauchau und Rochlitz. 
15. Heft: Amtshauptmannschaft Borna. Bearbeitet von Dr. 
R. Steche. Dresden, in Commission bei C. C. Meinhold & Söhne. 
1890, 1891. 4H, 135, 121 SS. 8". 

Es ist in dieser Zeitschrift wiederholt von mir auf die Vortrett- 
lichkeit des Stecheschen Werkes liingewicsen worden. Auch die 
vorliegenden Hefte zeugen wiederum von der Gewissenhaftigkeit der 
Arl)eit, welche Steches Leistung als mustergültig für alle Monuraental- 
Statistiken erscheinen läfst. 

Heft 1 -.1 (Amtshauptmann.schaft Zwickau) ist schon früher (XI, 1 70) 
angezeigt und besprochen worden; icli möclite aber, ehe ich (lie Fort- 
setzungen ins Auge fasse, noch einmal auf den von Michael Wolgemut 
für die Marienkirche in Zwickau gemalten Altar zurückkommen, da ich 
der Erklärung, welche Steche von der Darstellniigder h. Sippe giebt, nicht 
ganz beizuidlichten vermag. Zumal .scheint es mir sehr fraglich, oli „die 
übrigen trachtlich freiei- behandelten Männerliiinren wohl wdtlicli 
(vielleicht als die oben genannten vier bei der Bestellung Malsgeben- 



168 Litteratur. 

den) aufzufassen sind". ]\Iöglich, wenn auch nicht zu erweisen, ist 
es wohl, dafs eine gewisse Porträtähnlichkeit angestrebt Avurde, 
aller jedenfalls haben die Männergestalten ihre wohlbegründete Be- 
deutung. Hinter der Maria Cleophae (links) steht Alphaeus, ihr 
Gemahl, hinter der Maria Salome Zebedaeus; die beiden Männer 
rechts von der h. Anna sind Joachim und Cleophas; neben der h. 
Anna links ist jedenfalls Joseph dargestellt — die Züge verraten auf- 
fallende Ähnlichkeit mit den Josephsbilderu des Rogier van der Weyden 
— ; hinter Joseph steht dann der dritte Gemahl der h. Anna, Salome. 

Unter den iin 1.3. Heft besprochenen Denkmälern ist besonders 
hervorzuheben das Grabdenkmal des Hugo von Schönburg if 1566) 
in der Kirche zu Waidenburg, ein ausgezeichnetes Werk des Dresdner 
Bildhauers Christoph Walther, das augenscheinlich in der Art der 
italienischen Prachtnionumente der Fi'ührenaissance entworfen ist. 
Auch in dem 14. Heft wird eine vorzügliche Arbeit Walthers, das 
Altarwerk von Penig, besprochen. Es wäre sehr zu wünschen, dafs 
der Verfasser seine Studien über diesen interessanten Meister zu- 
sammengefafst bald den Freunden der deutschen Kunst zugänglich 
machte. Besonderes Interesse erregt der Abschnitt über die Denk- 
mäler von Rochlitz und vor allem sind die Mitteilungen über die für 
die Kunstgeschichte des Mittelalters so wertvollen Skulpturen von 
"Wechselburg hoch anzuschlagen. Der Verfasser geht aber wohl ab- 
sichtlich der doch so überaus wichtigen Frage aus dem Wege, was 
diese Denkmäler durch die in der neueren Zeit veranlafste Renovierung 
gelitten haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind dieselben so 
überarbeitet worden, dafs sie nicht mehr als unverfälschte Werke des 
dreizehnten Jahrhunderts angesehen werden dürfen; der Verfasser 
scheint dies selbst zuziagestehen, da er ältere vor der verhängnisvollen 
Renovierung angefertigte Abbildungen benützt; dafs die alte wohl- 
erhaltene Bemaiung der Kreuzesgrappe durch modernen Anstrich 
vernichtet worden ist, erfahren wir nur beiläufig. Wie gesagt, es 
wäre sehr gut gewesen, wenn alle die Schädigungen, welche diesen 
Kunstwerken zugefügt worden sind, von einem so berufenen Kenner, 
wie Steche dies ist, genau dargelegt worden wären. 

Es liegt in der Natur einer solchen Arbeit, dafs nicht alle Ab- 
schnitte derselben gleich reich an interessanten Mitteilungen sind. 
So bringt das 1.5. Heft wohl ganz wichtige Nachrichten über romanische 
und gotische Kirchen, weltliche Baudenkmäler u.s. w., ülier die Menge 
der in Sachsen noch erhaltenen geschnitzten Altäre des Mittelalters 
und ähnliche Denkmäler; von Monumenten ersten Ranges wird jedoch 
nur eins in diesem Hefte besprochen: das Grabmal des Grafen 
AViprecht von Groitzsch (f 1124). aus der ehemaligen Klosterkirche 
in die Laureutiuskirche zu Pegau übertragen. Es gehört dies Werk 
mit zu den vorzüglichen Leistungen der sächsischen Bildhauerschule 
aus dem Beginne des dreizehnten Jahrhunderts. Allein so hoch der 
Kunstwert dieses Grabmales auch angeschlagen werden mag, noch 
viel gröfser ist seine Bedeutung für die Geschichte der Tracht in den 
ersten Dezennien des 13. Jahrliunderts. An keinem andern plastischen 
Denkmal jener Zeit ist der Besatz der Kleider mit edelsteinge- 
schmückten Borten, wie derselbe im Nibelungenliede geschildert ist, 
sichtbar gemacht; bei diesem Bildwerk sehen wir den Halsausschnitt 
und das Bruststück des Rockes mit farbigen in Glasflüssen nachge- 
bildeten Edelsteinen besetzt. Auch der Schildrand ist mit solchen 
Steinen verziert. Ich glaube der Verfasser des hier besprochenen 
Werkes würde sich alle, die für mittelalterliche Sittengeschichte 



Litteratur. 169 

Interesse Laben, zn gvöfstem Danke verpflichten, wollte er eine diesem 
Denkmale gewidmete Studie veröffentlichen und dieselbe wenn mög- 
lich noch durch eine farbige Abbildung erläutern. 

Prag. Alwin Schultz. 

Brockliaus KouYersatioiis- Lexikon. 14. vollst, neu bearbeitete 
Auflage. In 16 Bänden. Erster Band (A — Astrabad). Mit 71 
Tafeln und 97 Textabbildungen. Leipzig , Berlin und Wien. 
F. A. Brockhaus. 1892. 1018 SS. 8". 

Eine Anzeige der neuen Auflage des Brockhaus'schen Konver- 
sations-Lexikons wird man an dieser Stelle nicht erwarten. Wenn 
wir gleichwohl der darin enthaltenen Artikel zur sächsischen G-eschichte 
mit einem Worte gedenken, so geschieht es des grofsen Einflusses 
wegen, den bei dem Maugel einer zugleich guten und volkstümlichen 
Landesgeschichte ein so verbreitetes encyklopädisches Werk not- 
wendig auf die Anschauungen weiter Kreise über die vaterländische 
(xeschichte aixsüben mufs. Im vorliegenden Bande kommen nur wenige 
Artikel (Agricola — Albert — Albrecht— Altenberg — Altenburg 
— Amalie) in Betracht. Erfahren wir aucli leider die Namen ihrer 
Verfasser nicht, so sind die knappen, aber in den Hauptsachen aus- 
reichenden Angaben doch offenbar von kundiger Hand geschrieben. 
Die Litteraturangaben am Schlüsse lassen erkennen, dafs ü))erall die 
wichtigsten Werke benutzt sind; bei Allirecht dem Entarteten wäre 
Wegele, Friedrich der Freidige, nachzutragen. Eingehendere Einzel- 
studien erwartet man nicht; wenn z. B. dem Verfasser entgangen ist, 
dafs das Jahr 1458 nicht mehr als Anfangsjahr des Altenberger Berg- 
Iiaues gelten kann (vgl. dieses Archiv Vtl, 99), so wird man ihm 
kaum einen Vorwurf daiaus machen können. Mehrere Versehen 
enthält der Artikel Altenzelle; es würde dem Verfasser schwer Averden- 
nachzuweisen, dafs „die schon im 14. Jahrhundert blühende Kloster, 
schule die erste bedeutende sächsische Bildungsanstalt gewesen sei", 
da wir vor 1400 gar nichts (vgl. .Tob. ]\Iüller in dieser Zeitschr. A^III, 34) 
und aus dem 15. Jahrhundert auch nicht eben viel über die Altzeller 
Schule wissen. Auch die Notizen zur Altzeller Historiographie sind 
verwirrt; nur das sog. Chronicon Vet. -Cell, majus hat Opel (Mitt. 
der deutscheu Gesellsch. I, 2) unter dem nicht glücklich iiewählten 
Titel Anuales Vet.- Cell, herausgegeben, wiihreiKl das Chron. V. -C. 
minus ebenfalls als Annales Vet.-Cell. im 16 Bande der Scriptores der 
Mon. Germ, histor. steht. Endlich ist die „Fürstenkapelle" 1787 
nicht restauriert, sondern erljaixt woi'den. 

Dresden. H. Ermisch. 



Durch die Redaktion der Grenzboten ist uns ein in .labry-. 1S92 
Bd. I No. 11 (S. 544—547) erscliienener kleiner Aufsatz von K. I'.runs 
in Torgau: „Zeichnet Stammbäume" mit der Bitte um Abdruck 
übcrsandt worden. Obwohl wir dieser Bitte Avegen Mangels au Raum 
und in Rücksicht auf die speziellen Zwecke unserer Zeitschrift nicht 
entsprechen können, nehmen Avir doch gern die Gelegenlieit wahr, um 
auf den von einem Juristen gesclniebeueu beherzigensAverten Artikel, 
der aus praktischen Avie idealen Gründen die Anlegung von F a m i 1 i e n- 



170 Litteratur. 

stai>iml)äuraen aneiiipüelilt, aufmerksam zu machen. Ist flocli in 
der That die so weit verbreitete Unwissenheit über die eigenen 
Familien- und Verwandtschaftsverhältnisse in jeder Hinsicht sehr be- 
dauerlich, selbst abgesehen von den üblen Folgen, die sie zuweilen 
nach sich ziehen kann. — Im Zusammenhange damit mag auf einen 
A'om Amtsrichter Georg Conrad in Neidenburg verfafsten Ai;fruf: 
„Sorgt für die Erhaltung der Familiennachrichten!" hin- 
gewiesen werden, der aus dem Neidenburger Kreisblatt im Deutschen 
Herold Bd. XXIII (1892) No. 2 S. 27 wieder abgedruckt worden ist; 
als Mittel zur Erhaltung von Familiennachrichten bringt er die An- 
legung von Aktenstücken bez. Mappen für jedes Familienmitglied in 
Vorschlag — ein einfaches Verfahren, das allerdings für viele nicht 
neu sein wird. j^ -o 



ö 



Übersicht 

über neuerdings erschienene Schriften und Aufsätze zur 

sächsischen Geschiclite und Altertumskunde*). 



Arras, P. Aus dem Tagebuche eines sächsischen Artilleristen: 
Wöchentl. Beil. zu den Bautzner Nachrichten. 1891. No. 3 — 5. 
7—12. 15. S. 11 f. 15 f. 18 f. 26 f. 3Ü f. 34. 39. 43. 47. 58—60. 

— Zwei Ablafsbriefe für die Marien- und Marthenkirche zu Bautzen 
(1494): ebenda No. 50 S. 199 f. 

— Drei urkundl. Beiträge zu dem Streite zwischen Bautzen und 
Kamenz über den Salzmarkt (1506): Neues Lausitz. Magazin. 
Bd. LXVII (1891). S. 240-246. 

Baumgärtel. Die älteste Karte der Oberlausitz : ebenda S. 247— 250. 

— Die Bautzener Wasserkünste : Wöchentl Beilage zu den Bautzner 
Nachrichten. 1891 No. 9 f. S. 35 f. .39 f. 

— Die ältesten Feuerordnungen Bautzens : ebenda No. 27 — 31. S. 107 f. 
Ulf. 115 f. 119 f. 124. 

Bär, A. Der Tauf- oder Heidensteiu bei Lauterhofen: Glückauf! 

Organ des Brzgebirgsvereins. Jahrg. 11 (1891). S. 24—26. 
Beck, Martin. Sächsische und Thüringische Städte in einem Keise- 

führervon 1671: Wissenschaft!. Beilage der Leipz. Zeitung. 1891. 

No. 123 f. S. 489-496. 
/^v. Carloivitz, O. R.J Nachträge zur Familien-Geschichte aus dem 

Archiv der Familie von Carlowitz bis zum 13. Dezember 1891. 

Dresden, Rammingsche Buchdruckerei. 1891. 72 SS. 8". 



*) Der Herausgeber bittet angelegentlich die Herren Verfasser, 
Verleger und Redakteure, durch Zusendung der neu erschienenen 
Publikationen auf dem Gebiete der sächsischen Geschichte, besonders 
solcher, die leicht der Beachtung entgehen, wie Gelegenheitsschriften, 
Programme, kleinere Aufsätze in Zeitungen und Zeitschriften, zur 
Vollständigkeit der bibliographischen Übersichten beitragen zu wollen. 



Litteratur. 171 

Distel, Th. Ein Gedicht Ulrich Königs: Yierteljahrsschrift für Lit- 
teraturgeschichte. IV (1«H1). S. 578— 5H:^. 

— BestaUungsdekret für Handels Vater zum Sachsen -AVeifsenfelsi- 
schen Leibchirurgen (l(i88): Monatshefte für Musikgeschichte. 
Jahrg. XXIII (1891). S. 109 f. 

— Ein kursächsischer JMusikus [Corn. Hermann] als lateinischer 
Dichter (1W6): ebenda Jahrg. XXIV (189-!). S. la. 

— Therese Mengs und ihre Corregiokopien in Dresden: Zeitschrift 
für bildende Kunst N. F. II (1891). S. ;<i79 f. 

— Ein Schreilien des Mitregenten Friedrich August II. zu Sach- 
sen, Zeichnungen zu Dante betr : ebenda N. F. III (1891/9;^). S. 47. 

— Weidmännisches unter Kurfürst August zu Sachsen: AVeidmann. 
XXIII (1891/9;:!). S l;U. 

— Jagdgeschichtliche Findlinge: ebenda S. 16(1. 

— Eine Kopie des Krell'schen ]\Ioiitzporträts von Heinrich Gödiug 
auf dem Königsteine: Pirnaer Anzeiger. 1891. Nr. 190. S. (i. 

— Die Harmonika am kursächsischen Hofe: ebenda Xr. 2.öO. S. 5. 

— Eine Reforraationsmedaille vom Jahre 18.30 als Corpus delicti: 
Blätter für Münzfreunde. 189:2. No. 179. Sp. 1711 f. 

Dreher. Das Auerthal in Vergangenheit und Gegenwart: Glückauf! 
Organ des Erzgebirgsvereins. Jahrg. 11 (1891). S. 9;5 — 99. 
103—108. 

Erbstein, J. Ein Wolkensteiner Brakteat der Herren von Waldeu- 
burg: Aus Dresdner Sammlungen. Heft 4 (1891). S. 8 — 14. 

— Der breite Gemeinschaftsthaler des Kurfür.sten Friedrich des 
Weisen von Sachsen und seines Bruders, des Herzogs Johann, 
von 1.0:2.3 und deren Buchholzer Dickthaler von l'ri't: ebenda 
S. 17— ;a. 

— Der Leipziger Thaler Herzog Georgs zu Sachsen von 1532: 
ebenda S. 22 — 2.5. 

— Der Sächsische Gemeinschaftsthaler von 1542 mit des Herzogs 
Moritz Bildnis im Federhute : ebenda S. 2(>— 32. 

— Ein Goldgulden des Kurfürsten Moritz von Sachsen vom Jahre 
1548: ebenda S. 32— .37. 

( — ) Neuere Porträtmedaillen des Sächsischen Königshauses: ebenda 
S. 81 f. 

Franz, Paul. Der sächsische Prinzenrauh im Drama des sechzehn- 
ten Jahrhunderts. Inaugural-Dissertation u. s. w. Marl)urg. 1891. 
.36 SS. 4". 

Frhr.v. Gablenz, Heim: Zur Geschichte der v. Gablenz: Viertel- 
jahrssohrift für Wa])pen-. Siegel- und Familienknnde. Jahrg. XIX 
(1891). S. rx24— ö.3(). 

Gehiniich, Ernst. Das ländliche Schulwesen des Erzgebirges im 
1 6. Jahrliundei't. Ein Beitrag zur Schulgesdiichte Sachsens : Wissen- 
schaft!, licilage der Leipz. Zeitung. 1892. Nu. 9. S. 3.3— .3ti. 

Geß, Fei. Ein Gutachten Tetzels nebst anderen Briefen und In- 
struktionen den Ablafs auf St. Annaberg betr. ir)l()/17: Zeitschrift 
für Kirchengeschicbte Bd. XII (1891). S. 5.34—5(12. 

— Herzog Georg, Kurfürst Joachim I. und Kardinal Albrecht: obouda 
Bd. XIII (1.S!I2). S. 119 125. 

— Bittschreiben Michel Blums in Leipzig an Herzog Georg vom 
25. Nov. 1525: Archiv für Geschichte des Deutschen Buchhamlels. 
XV (189;2). S. 310-312. 



173 Litteratur. 

Glitsch, A. Versuch einer Geschichte der liistorischen Samnihing'en 
/Archiv, Bibliothek, (jemäldesammlung') der Brüder- Uni tat. Herrn- 
hut, Unitätsarchiv. 1891. 40 SS. 8» 

H., J. Sächsische Adeltänze im 1(). und 17. Jahrhundert: Wissen- 
schaft!. Beil. der Leipz. Zeitung. 1891. No. l.il. S. 5^!;3 f. 

-ff., M. Das Lauenthor und die Lauengasse: Wöchentl. Beilage zu 
den Bautzener Nachrichten. 1891. iNo.-;i5. S. 100. 

Haun, Friedr. Joh. Bauer und Gutsherr in Kursachsen. Schil- 
derung der ländlichen Wirtschaft und Verfassung im Ki., 17. und 
18. Jahrhundert, (a. u. d. T. Abhandlungen aus dem staatswissen- 
schaftl Seminar zu Strafsburg. Heft IX). Strafsburg, Trübner. 
189:<!. XI, 2-21 S8. 8». 

Frhr.v. Hausen, Clemens. Vasallen-Geschlechter der Markgrafen zu 
Meifsen, Landgrafen zu Thüringen und Herzoge zu Sachsen bis 
zum Beginn des 17. Jahrhunderts (Forts.): Vierteljahrsschrift für 
Wappen-, Siegel- und Familienkunde. Jahrg. XIX (1891). S. o93 
bis 464. Jahrg. XX (189:2). S. 73—149. 

Heintze, J. Johann Friedrich Böttger als Chemiker: Meifsner Tage- 
blatt. 1891. No. :<!44. (Auch separat.) 

Henbner, J. L. Kurze Geschichte der Parochie Mylau. 2 Aufl. 
mit Fortsetzung der Geschichte der Parochie bis zum Jahre 1890 
besorgt von Ludw. Schlag. Mylau 1890. III, 104 SS. 8». 

Heyäenreich , Ed. Die geistigen Bestrebungen der Residenzstadt 
Dresden und ihrer Umgebung zur Zeit Winckelmanns : Wissen- 
schaftl. Beilage der Leipz. Zeitung. 1891. No. 101. S. 401—404. 

— Aus der Geschichte des alten Schneeberger Lyceums : ebenda No. 129. 
S. 51.3 f. 

— Kurze Geschichte des Schneeberger Lyceums: Festschrift des 
Königl. Gymnasiums mit Realklassen zu Schneeberg. (Schnee- 
berg 1891.) S. III— X. 

— Mitteilungen aus den Handschriften der alten Schneeberger Ly- 
ceumsbibiiothek : ebenda S. 40—48. 

Holzhaus, A. Unser Erzgebirge in schwerer Not, ein Städtebild 
aus dem dreifsigjährigen Kriege: Glückauf! Organ des Erzge- 
liirgsvereins. Jahrg. 11 (1891). S. H7— 70. 85—81. 91—93. 

Kade, Reinhard. Winckelmann in Dresden: Dresdner Anzeiger. 
1891. No. 843. S. 37 f. 

Kaemmel, Otto. Grundzüge der Sächsischen Geschichte für Lehrer 
und Schüler liüherer Schulen. Dresden, Alw. Huhle. 1892. IV, 
72 SS. (und eine Karte). S». 

Kirchhoff\ Albr. Christoph Birck, Buchbinder und Buchführer in 
Leipzig 1534—1578: Archiv für Geschichte des Deutschen Buch- 
handels XV (1892). S. 11— H2. 

— Die kaiserlichen Bücher-Privilegien in Sachsen: ebenda S. 73—102. 

— Lesefrüchte aus den Akten des städtischen Archivs in Leipzig. 
VI. Miscellen zum Buchhandels-Recht und -Brauch: ehenda S. 189 
bis 297 vergl. 322 f. 

— Censorenüberhebung in Sachsen 1705: ebenda S. 315—317. 

— Moritz Georg Weidmann und Peter Schenck: ebenda S. 317 f. 

— Kalenderprivilegien: ebenda S. 318. 

— Einführung von Schulbüchern: ebenda S. 320—322. 

Kirchhoff, Alfr. Die territoriale Zusaunuensetzung der Provinz 
Sachsen (mit Karte"): Archiv für Landes- und Volkskunde der 
Provinz Sachsen. Jahrg. I (1891). S. 1—18. 



Litteratur. 173 

KHx-Kamens, F. F. Albreclit Adolpli Tjevin v. Metzsch . K. S. 
Major. Originalbriefe aus den Jahren 1809 und 1812: Wissen- 
scliaftl. Beil. der Leipz. Zeitung. 1891. No. 121. S. 481—484. 

Knothe , H. Die Hunde in den Rechtsaltertümern der Oberlausitz: 
Neues Lausitz. Magazin. Bd. LXYII (1891). S. 234-:<!4u. 

— Zur ältesten Geschichte der Pfarrei Grottau : Mittheil, des Nord- 
böhm. Excursions-Clubs. Jahrg. XIY (1891). S. 289—291. 

— Die alte Landstralse von Zittau bis Ostritz vor sechzig Jahren: 
Zittauer Nachrichten und Anzeiger. 1891. No. 284—286. 

Köhler, E Ein uralter erzgebirgischer Erwerbszweig [Köhlerei]: 
Glückauf! Organ des Erzgebirgsvereins. Jahrg. 11 (1891). S.W) 
bis 6.-3. 

Korscheit, G. Die Tage vor, während und nach der Schlacht bei 
Bautzen: Neues Lausitz. Magazin. Bd. LXVII (1891). S. 203—223. 

Krnber, F. E. Wie ein erzgebirgisches Kirclidorf [Oberpfannenstiel] 

entstand: AVissenschaftl. Beil. der Leipz. Zeitung. 1892. No. 19. 

S. 73-75. 
Kühnel, F. Die slavisclien Orts- und Flurnamen der Oberlausitz 

(Fortsetzung): Neues Lausitz. Magazin. Bd. XL VII (1891). S. 43 

bis 126. 
G-raf V. Leiningen, A. Schöneck und seine Bewohner im vorigen 

Jahrhundert: Wissenschaft!. Beil. der Leipz. Zeitung. 1891. No. 104. 

S. 413 f. 
Liersch, C. Nachrichten über Tracht und Sitten der Slaven und 

Germanen aus dem 6. Jahrh. n. Chr.: Jhtteilungen der nieder- 

lausitzer Gesellschaft für Anthropologie und Altertumskunde. Bd. II. 

Heft 2 (1891). S. 1.54—161. 

Lindner, Felix. Bostocker Findlinge [u. a. Gedichte des kursächs. 
Hofpoeten Ulr. König] : Vierteljahrsschrift für Litteraturgescbichte. 
Bd. IV (1891). S. 582-593. 

lAppert, Wold. Markgraf Wilhelm von Meifsen und Elisabeth von 
Mähren : Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen 
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Nach zahlreichen gedruckten und handschriftlichen Quellen. Mit 
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Staatsi'egierung herausgegeben vom Königl. Sachs. Altertumsver- 
eine. Fünfzehntes Heft: Amtshauptmannschaft Borna. Dresden, 
C. C. Meinhold & Söhne (Komm). 1891. 121 SS. 8". , 

Tetzner, F. Die Entstehung der ältesten sächsischen Schulen im 
1.3. und 14. Jahrhundert: AVissenschaftl. Beilage der Leipz. Zeitung. 
1891. No. 114. S. 453-455. 

Theile, F. Das Dehn-Rothfelser Denkmal: Über Berg und Thal. 
Jahrg. 14 (1891). S. 201—204. 

Türke. Sachsens mächtigste Orgel, ein Kleinod in der Kirche zu 
St. Marien in Zwickau: Sächsische Schnlzeitung. 1891. No. 32 f. 
39 f. S. 394— .396. 406-408. 484 f. 500-504. 

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von Sachsen (Wittenberg 25. Nov. 1539): Zeitschrift für Kirchen- 
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lischen Quellen bearbeitet: Vierteljahrsscbrift für Wappen-, Siegcl- 
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Wilsdorf, Oscar. Gräfin Cosel. Ein Lebensbild aus der Zeit des 
Absolutismus. Nach historischen (Jucllen bearbeitet. Dresden 
und Leipzig, Minden. 189:i. 78 SS. 8". 

fWunder, H.J Die Ecce der Fürsten- und Landesschule Grimma in 
den Jahren 189o und 1891. XlTl. Heft des Giimmaischcn Ecce. 
Grimma. 1891. 71 SS. 8". 

Wuttke -Biller, Hob. Eine kursächsische Valvation der Schrecken- 
berger von 1622: Ans Dresdner Sammlungen. Heft 4 (1891). 
S. 50—68. 

FrJir. V. Zedtwitz. Arthur. | Die \Vai)pcn der im Königreich Saclisen 
blühenden Adelsfamilien: Frhr. Lcuckart v. W'eifsdorf - v.Nitsch- 
witz]: Dresdner Residenz-Kalender für 1892. S. 175-186 mit 6 
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Die Dreikönigskirche (in Dresden-Neustadt): Dresdner Anzeiger. 

1891. No. 34:^ S. 29. 
Das sächsische Sandsteinbrechergewerbe: Wissenschaft!. Beilage der 

Leipz. Zeitung. 1892. No. 16 f. S. Hl— «.3. (i;V-68. 



Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Meißen. Bd. III 
Heft 1. Meifsen, Mosche (Komm.). 1891. S. 1—156. 8». 

Inhalt: Mann, Die Verlegung der Leipziger Universität nach 
Meifsen. Wolf, Die Meifsner Ofeniudustrie. Leicht und 
Granz, Meifsner Inschriften und Abzeichen. Loose, Die Topo- 
graphie der Stadt Meifsen (mit 2 Plänen). 

Mitteilungen vom Freiberger Altertumsverein mit Bildern aus Frei- 
herger Vergangenheit. HeraiTSgegeben von Heinrich Gerlach.. 
27. Heft: 1890. Freiberg i./S., Gerlach"sche Buchdruckerei. 1891. 
XVI, 104 SS. 8". 

Inhalt; J. A. Fr. Lingke, Die Familie Lingke, ein altes Frei- 
berger Patrizier-Geschlecht. Hey den reich. Ein Humanist des 
16. Jahrhunderts üjjer die Freiberger Sage vom ungeratenen 
Sohne. Nebst einem Anhang. R. Kade, Wolfgang Leopold, ein 
Freiberger Kind, der Erzieher des Herzogs Christoph von Mecklen- 
burg 1552. H. Gerlach, Der 800jährige Bleibarren im Frei- 
berger Altertums-Museum. Derselbe, Freiberger Bauchronik. 
Knebel, Karl Theodor Körner in Freiberg. 



VII. 

Die Zerstörimg der Burg Eoliiiau bei Zittau 

durch die oberlausitzischen Seclis- 

städte (1399). 

Von 
Herinauu Kiiothe. 



Oft schon und mit besonderer Vorliebe ist die Zer- 
störung der „Raubburg-" Rohnau von den oberlausitzischen 
Historikern erzählt worden. Infolge von Benutzung wei- 
teren Quellenmaterials lälst sich aber jetzt von den darauf 
bezüglichen Einzelheiten ein noch anschaulicheres Bild 
entwerfen, und durch Einordnung in den Gang der lang- 
jährigen politischen Streitigkeiten zwischen den verschie- 
denen Grliedern des Luxemburgischen Königshauses gegen 
Ende des 14. Jahrhunderts gewinnt jene einzelne Begeben- 
heit auch eine allgemeinere Bedeutung. 

Die Burg Eohnau bildete seit ältester Zeit den 
Mittelpunkt einer gleichnamigen Herrschaft, deren Haupt- 
ort Hirschfelde an der Neilse war, urid zu der aulserdem 
die Dörfer Dittelsdorf, Rosenthal, Schlegel, Burkersdorf 
auf dem linken, Seitendorf, Dornhennersdorf, Türchau, 
Reichenau, Markersdorf und Lichtenberg auf dem rechten 
Ufer des Flufses gehörten. Ihre Gründung und ihren 
Namen (Rouoav, Ronaw) verdankt sie jedenfalls einem 
der zahlreichen Nachkommen des altczechischen Edeln 
Hron, die sich nach ihren Besitzungen verschieden be- 
nannten. Derselben Linie, wie Rohnau, geliiU'te auch die 
dicht angrenzende, noch Aveit umfangreichere Herrschaft 

Neues Archiv f. S. U. u. .\. XUl. i. 4. lü 



178 Hermann Knothe: 

Zittau, und nach dieser wurden ihre Besitzer, seitdem sie 
in der Geschichte auftreten, zuerst „Herren von Zittau", 
später nach ein er anderen Herrscliaft „Herren von L e i p a " 
genannt. Immer blieben die beiden Herrschaften Zittau 
und Rohnau vereinigt, auch dann, als sie 1319 Heinrich 
von Leipa an König Johann von Böhmen abgetreten 
hatte. Seitdem war Rohnau bis gegen Ende des 14. Jahr- 
hunderts eine 1 a n d e s h e r r 1 i c h e B u r g , welche von „Kastel- 
lanen" oder „Burggrafen" gehütet und nebst den zuge- 
hörigen Ortschaften, soweit diese nicht an ritterliche 
Vasallen zu Lehn vergeben oder an geistliche Stifter 
„geeignet" waren, verwaltet wurde. 

Der „Bnrgstall" Rohnau, wie er in den Urkunden 
heifst, war ein weniger auf Wohnlichkeit, als auf Festig- 
keit und Sicherheit berechneter Bau. Er sollte sowohl 
die von Görlitz über Rosenthal, als die von Friedland 
über Seitendorf nach Hirschfelde und weiter nach Zittau 
führende Strafse beherrschen und schützen. Er erhob 
sich mitten aus dem dichten Walde auf einem rings von 
Thalsenkungen abgegrenzten Hügel, Ein tiefer, von einer 
1 — 1 ^,'2 Ellen starken Mauer, umschlossn er Wallgraben 
zog sich rings um die Burg. Über ihn führte von Süden 
her eine Zugbrücke in den SchloMof, den eine zweite, 
noch höhere, 2 — 3 Ellen starke und mit Brustwehren, 
sowie mit einem Wachtturm versehene Mauer umgab. 
Dieser Schlolshof, 210 Ellen lang und 92 Ellen breit, 
enthielt aulser mehreren nur aus Holz aufgeführten Neben- 
gebäuden, als den Pferdeställen und Vorratshäusern ver- 
schiedener Art, nur ein einziges, auf den Fels gebautes, 
viereckiges Hauptgebäude mit zum Teil 4 Ellen dicken 
Mauern. Die Fenster waren der grölseren Sicherheit 
wegen erst in bedeutender Höhe angebracht; wenigstens 
zeigen die noch stehenden Ruinen der Hauptmauer selbst 
in einer Höhe von 12=^4 Ellen noch keine Spur von den- 
selben. Ein 75 Ellen tiefer, in den Fels gearbeiteter 
Ziehbrunnen mit noch jetzt 30 Ellen Wasserstand ver- 
sorgte die Burg und ihre Bewohner reichlich mit Wasser. 
Von einem gegen Süden gelegenen Vorwerk (Underronoiv) 
aus wurden die zugehörigen Felder bewirtschaftet; an 
diese Felder schlois sich eine Schäferei, aus welcher 
später das Dorf Scharre (Sdierre) entstanden ist. Hier 
mündete der einzige von der Burg ausgehende Fahrweg 
auf die von Seitendorf nach Hirschfelde führende Strafse, 
während man auf einem steilen Reitwege von der Burg 



Die Zerstörung der Burg Rolmau bei Zittau. 179 

hinab an die nalie Neifse und mittels einer Furt unweit 
der ebenfalls zur Burg g-ehörigen Hirscbfelder Mühle 
schnell auch auf die Strafse von Görlitz nach Hirschfelde 
gelangen konnte. 

Mit dieser Burg und den freilich nur noch wenigen 
unmittelbar unter den Landesherren stehenden, d. h. nicht 
verlehnten, geeigneten oder verpfändeten Resten der Herr- 
schaft Rohnau belehnte nun 1389 König Wenzel von 
Böhmen Herrn Anshelm von Rono w auf Sandau, stam- 
mend aus einer Nebenlinie der einstigen Herren von Leipa. 
So gehörte seitdem die Burg Ronow einige Jahre lang 
wieder einem Herrn von Ronow, einem Nachkommen 
ihres Erbauers. Wie schon früher bei Kaiser Karl IV., 
so stand „Herr Anshelm" auch bei dessen Söhnen, König 
Wenzel und besonders bei Herzog Johann von Görlitz, 
in hoher Gunst. Letzterer, dem nach des Vaters Tode 
auch die Niederlausitz zugefallen war, hatte ihn 1380 
zum Landvogte dieses Landes, 1386 auch zu seinem Mar- 
schall gemacht und übertrug ihm 1391 die Landvcgtei 
in seinem Herzogtum Görlitz. Aber auch König Wenzel 
verpfändete 1390 ihm und seinem Bruder Przedebor für 
vorgestreckte 930 Schock Groschen die Landvogtei in 
dem Weichbild Zittau, zu welchem Rohnau gehörte, und 
gestattete ihm, auch den schon von Karl IV. um 830 
Schock Groschen verpfändeten Zoll zu Zittau nebst ^/^ 
vom Erbgericht dieser Stadt an sich zu bringen; ja er 
schenkte ihm 1394 sogar das „Kaiserhaus" zu Zittau, 
bisher das Absteigequartier der Landesherren. So war 
Anshelm jetzt Vogt zu Görlitz und zu Zittau und 
residierte bald auf seiner Burg Rohnau, bald auf seinem 
Kaiserhaus in Zittau, hielt „Tage" ab zu Hirschfelde 
und Ostritz, erteilte Lehen und führte Kriegszüge gegen 
störrische oder räuberische Rittersleute. Die Burg Rohnau, 
so wenig Gelais und häusliche Bequemlichkeit sie bieten 
mochte, war jetzt die landvogteiliche Residenz für zwei 
Weichbilde geworden. 139;^ hielt daselbst Anshelms 
Gemahlin ihr Wochenbett ab, bei welcher Gelegenheit 
ihr der Görlitzer Rat Bier und Wein zur Verehi-ung 
sendete. Nach ihrem Tode hielt Anshelm 1395 anderweit 
Hochzeit in Zittau in Gegenwart des Adels von beiden 
AVeichbilden , sowie des Bürgermeisters von Görlitz und 
der Ratsherren von Zittau. Bald darauf aber zog er 
wieder auf seine Burg Rohnau. 

Da fiel er plötzlich, noch in demselben Jahre, bei 

12* 



180 Hermann Knothe: 

König Wenzel in Ungnade. Man kennt nicht die nähere 
Veranlassung; es fehlen leider von Mitte 1390 bis Mitte 
1398 die Görlitzer „Ratsrechnungen", die wichtigste 
Quelle für die innere Geschichte der Oberlausitz, ja zum 
Teil selbst Böhmens und der Niederlausitz, in jener Zeit. 
Wahrscheinlich hatte er in den immer schärfer sich ge- 
staltenden Zerwürfnissen zwischen König Wenzel und 
dessen Bruder, Johann von Görlitz, zu letzterem gehalten. 
Der König nahm ihm die Zittauer Landvogtei und setzte 
(24. Oktober 1395) einen anderen Landvogt ein. Als 
nun bald darauf (1. März 1396) Herzog Johann plötzlich 
starb und dessen Herzogtum Görlitz an den König fiel, 
verlor Anshelm von Bonow auch diese Vogtei. Da durfte 
er wohl mit Recht auch um seine Burg und Herrschaft 
Rohnau besorgt sein. Er verkaufte sie eiligst an 
Hinko (IL) Berka von der Duba, Herrn auf Hohn- 
stein bei Stolpen, neuerdings Landvogt der Nieder- 
lausitz ^), welche nach Herzog Johanns von Görlitz Tode 
Markgraf Jost von Mähren, Vetter des Königs Wenzel, 
an sich gebracht hatte. Nach der Niederlausitz, wo 
ihm noch von früher her die Herrschaft Lieberose ge- 
hörte, begab sich jetzt auch Herr Anshelm und ward 
seitdem der eifrigste und erfahrenste Parteigänger des 
Markgrafen Jost. Die Ansprüche übrigens, welche er 
noch an der Landvogtei und dem Erbgericht Zittau be- 
safs, mufste auf des Königs Befehl diese Stadt ablösen 
(8. August 139G) und den beiden Brüdern von Ronow 
die oben erwähnten 930 und 870 Schock Groschen aus- 
zahlen oder bis auf weiteres wenigstens die jährlichen 
Zinsen davon entrichten. So gelangte Zittau in den 
Besitz dieser wichtigen Rechte und Einnahmequellen. 

Obgleich unmittelbar nach Herzog Johanns von 
Görlitz Tode König Wenzel mit seinem ehrgeizigen und 
ränkesüchtigen Vetter, dem Markgrafen Jost, in bestem 
Einvernehmen zu stehen schien, trat doch alsbald die alte 
Zwietracht zwischen ihnen wieder zu Tage. Berka, Josts 
Landvogt in der Niederlausitz, hatte die jetzt ihm ge- 
hörige Burg Rohnau mit seinen eignen Leuten, wohl 
Niederlausitzern, besetzt. Diese hatten nun nach 



^) Nicht an Markgraf .Tost; wenigstens bekannte Berka den 
21. Dezember 1399, daft er dem Anshelm von Ronow noch 2oO Srhock 
üroschen (also doch wohl für Rohnau) schuldig sei. Über diesen 
Berka vergl. diese Zeitschr. 11, 196. 



Die Zerstönmg der Burg Tlolmau bei Zitta\i. 181 

Art des damaligen iiiederlausitzisclien Adels gelegentlich 
auch einen „Zugriff" auf die mit Kaufmannsgut beladenen 
AVagen der Zittauer und Gürlitzer an dem steilen Rosen- 
tlialer Berge, den sie passieren mufsten, getlian. Schon 
den 11. November 1396 setzte König Wenzel die Sechs- 
städte davon in Kenntnis, dafs sowohl Markgraf Jost, 
als „der von Hohnstein" d. h. Berka, ,,gar in Ungutem 
von ihm (dem Könige) geschieden und seine Feinde ge- 
worden seien". Und da er wohl unterrichtet sei, dals 
die genannten Herren von dem Burgstall Rohnau aus 
Lande und Städte auf den Stralsen zu leidigen meinten, 
wie besonders Zittau geklagt habe, so habe er seinem 
Landvogt über die Oberlausitz, Heinze Pflug (auf Raben- 
stein) befohlen, Rohnau in seine (des Königs) Hände 
zu bringen. Daher gebiete er hiermit sowohl den 
Mannen als den Sechsstädten bei Strafe an Leib und 
Gut, auf Ermahnung des Landvogts sofort zu Fufs und 
zu Rofs, mit allen „Forschen"'-) und Handwerkern auf 
zu sein und ihm die Burg unterthänig machen zu helfen. 
— Wir erfahren nicht, weshalb es damals zu einem solchen 
allgemeinen Aufgebot gegen Rohnau noch nicht gekom- 
men ist. 

Die Differenzen aber zwischen König Wenzel und 
Markgraf Jost dauerten fort, und in der Niederlausitz 
herrschte infolge derselben allgemeines Zerwürfnis. Die 
Städte daselbst wünschten wieder mit Böhmen vereinigt 
zu werden; der Adel dagegen hielt es mit dem Mark- 
grafen. Schon sollte ein böhmisches Heer unter Mark- 
graf Prokop, dem Bruder von Jost, welcher aber auf 
Seite König Wenzels stand, den niederlausitzischen Städten 
zu Hilfe kommen und sie wieder an die Krone Böhmen 
bringen helfen. Schon war dieses Heer bis in das Weich- 
bild Zittau vorgerückt; aber die oberlausitzischen Städte, 
obgleich gut königlich gesinnt, fürchteten mit Recht den 
Durchzug der zügellosen Truppen durcli das Land. Nach 
wiederholten Verhandlungen mit Prokop gelang es ihnen auf 
einem Tage zu Hirschfelde (Woche vor dem 13. Juli 1390) •'), 



2) D. h. Burschen, jungen Leuten. 

") Die (rörlitzer Ratsrcciinungen , denen wir die mei.'^ten der 
nachstehenden Einzelheiten zu entnehmen geliabt haben, verzeichnen 
jeden Sonnabend die Ausgaben, web'hc sicli wiiliren(l der ganzen 
Woche notwendig gemacht haben. Daher kann nur die Woclie, in 
welcher, nicht der bestimmte Tag, au welchem sich eine Begebenheit 
zugetragen hat, augegeben werden. 



182 Hermann Knothe: 

ilin durch Zusicherung „eines kleinen Gekles'* (näm- 
lich von 20 Schock Groschen) dahin zu bringen, 
„dals er das Land räumete", und als er nun in der 
That über Lauban nach Schlesien abzog, sendeten sie 
Boten an den Eat zu Lauban, „dafs sie sich vorsehen 
sollten''. 

Noch hatten bisher die Oberlausitzer in den Händeln 
zwischen König AVenzel und seinem Vetter Jost nicht 
offen Stellung genommen. Die Nötigung dazu brachten 
endlich die Wirren in der Niederlausitz. Von dem dor- 
tigen Adel sträubte sich nur Hans von Hakenborn 
auf Priebus, Markgraf Jost als seinen Landesherrn an- 
zuerkennen. Da „entsagten" ihm (Woche vor dem 2. No- 
vember) Herr Johann von Kotbus und Herr Anshelm von 
RonoAV und zogen sofort mit Heeresmacht gegen ihn. 
Schnell ward das offene Städtchen genommen und ver- 
brannt. Aber in dem festen Schlosse hielt sich Hakenborn 
mit seiner schwachen Besatzung noch tapfer gegen die 
„Bestürmung" der Feinde. Dieser Hakenborn nun hatte 
sich längst schon mit den oberlausitzischen Sechsstädten 
„verbrieft". Er sendete daher jetzt Boten um schleunige 
Hilfe. Görlitz hatte ihm schon seinen „Büchsenmeister" 
nebst einigen „Büchsen" (Kanonen) und Pulver, sowie 
auch Pfeile und Häringe zugeschickt. Es wufste ihm 
jetzt auch noch glücklich zwei Wagen mit Brot, Fleisch, 
Bier, Schmalz, Speck und Pfeilen zukommen zu lassen. 
Da schrieb denn aber auch sofort (Woche vor dem 9. No- 
vember) der niedei'lausitzische Landvogt Berka an die 
Oberlausitzer, der von Hakenborn beschädige Markgraf 
Jost'sLand und Leute; die Oberlausitzer aber „thäten ihm 
Hilfe dazu und förderten des Markgrafen Räuber. Ob 
sie dies lassen wollten oder nicht?" Er bat um Antwort. 
Die Städte hielten sich durch die „Verbriefung" mit 
Hakenborn zur Hilfeleistung verpflichtet, und so antwor- 
teten sie Berka, dals man Hakenborn helfen wolle. Einst- 
weilen „tröstete man" diesen und liefe ihm durch Boten 
sagen, „dafs er sich feste hielte". Auf einem Tage zu 
Löbau erklärte sich auch der Landvogt Pflug für eine 
„Heerfahrt nach Priebus". Allein nur die Städte 
waren dazu bereit; der Adel versagte seine Teilnahme. 
Er hatte soeben erst den Landvogt beim Könige verklagt, 
so dafe derselbe sich von den Städten Zeugnis über seine 
Amtsführung hatte erbitten müssen. Vorsichtiger Weise 
holte der Vogt schnell noch die Genehmigung des Königs 



Die Zerstörung der Burg Rohuau l)ei Zittiin. 183 

zur Heerfahrt*) ein und betrieb zugleich eifrig eine „Eini- 
gung"' mit Markgraf AVilhelm von Meilsen, dem Schwager 
von Jost, zu Aufrechthaltung des Landfriedens, welche 
auch (18. Dezember 1398) zu Stande kam. 

Diese offene Unterstützung des von Hakenborn von 
Seiten der Sechsstädte wirkte nun aber sofort auch zurück 
auf das Verhalten der niederlausitzischen Besatzung in 
der Burg Rohnau. Wir finden es begreiflich, das die- 
selbe jetzt aufs neue die ihrem Markgrafen feindlich ge- 
sinnten Zittauer auf den Stralsen zu berauben suchte, 
wobei diese natürlich sich zur Wehre setzten. Da berief 
(Woche vor dem 14. Dezember 1398) der Rat zu Zittau 
eiligst einen Städtetag nach Löbau, ,,da sie grofse Not an- 
rührte von Herrn Anshelm, der ihnen Scheltbriefe 
gesendet hatte". Es werden Vorwürfe und Drohungen ge- 
wesen sein wegen ihres Verhaltens gegen Rohnau. Man 
beschlofs, den König sofort von dieser Einmischung des bei 
ihm ohnehin schleclit angeschriebenen einstigen Besitzers 
der Burg in Kenntnis zu setzen und sich vorsichtiger 
Weise Verhaltungsmaisregeln von ihm zu erbitten. Zwar 
nicht von dem schwer zugänglichen Könige, aber von 
Markgraf Prokop, als seinem bevollmächtigten Landes- 
verweser von Böhmen, erfolgte unter dem 23. Dezember 
die erbetene Antwort. Derselbe befahl dem Adel sowohl, 
als den Sechsstädten, „da ihm berichtet worden sei, wie 
etliche des Königs Mannen und Bürger von dem Schlosse 
Rohnau aus geschossen, gefangen, beraubt und beschädigt 
worden und hernachmals gröfsere Schäden von demselben 
Schlosse zu besorgen seien, dafs sie, wenn sie es ver- 
mögen, dasselbe Schlols Rohnau gewinnen, wie sie 
es vermögen, und ob ihnen Gott hülfe, dals sie es ge- 
winnen, es brechen und gründlich zerstören und 
alles, was sie auf dem Schlosse und in den Vorwerken 
finden, nehmen und sich zu der Zugehörung halten sollten 
zu des Königs Händen, besonders die Stadt Zittau, in 
deren Vogtei dasselbe Schlols mit seinen Zugehörungen 
gelegen sei". 

Hiermit lag der ausdrückliche Befehl zur Zerstörung 



■*) Die höchst interessante Rechnung über die genau spezifi- 
zierten Ausgaben der Stadt (uirlitz für diese „cxpeditio in Prrl»us" 
ist nach den ßatsreclmungen abgedruckt im N. Ijausitz. Magazin 1H44, 
29H ff. Es fehlen dal )ei weder Butter, Käse, Wein, Bier, Erbsen, 
Rinder, noch Schüsseln, Tisch- und Handtücher, Kerzcnliditer, Köclie. 
sogar ..rteifer" d. h. Spiellcute. 



184 Hermann Knothe: 

des zumal für Zittau längst schon gefährlichen Schlosses 
vor. Kaum war derselbe angelangt, so versuchte Zittau, 
als „besonders" hierzu aufgefordert, auch ganz allein mit 
seiner Bürgerschaft einen Angriff auf dasselbe. Wir er- 
fahren dies nur aus der kurzen Notiz der Görlitzer Rats- 
rechnungen, dafs der Rat von Görlitz (Woche vor dem 
4. Januar 1399) einen Boten nach Priebus an Hakenborn 
sendete, „als die Zittauer Rohnau berannt hatten, 
dafs er sich die Weile vorsehe". Allein die Zittauer hatten 
ihre eigene Kraft überschätzt. Es bedurfte der vereinigten 
Macht der Sechsstädte (denn auf eine Mitwii'kung des 
Adels war nicht zu rechnen), um die feste Burg zu er- 
obern. Sofort berieten sich in Ostritz Ratsherren von 
Zittau und Görlitz, „wie sie die Ding an wollten greifen 
mit dem Hause Rohnau". Auf einem Tage zu Löbau, 
auf welchem auch der Landvogt zugegen war, „hielt mau 
einen gemeinen Rat, wie stark jede Stadt vor Rohnau 
ziehen sollte". Die Ausführung der beschlossenen Heer- 
fahrt folgte auf dem Fufse. Schon im Laufe der nächsten 
Woche (vor dem 11. Januar) liels sich der Ratsherr Claus 
Heller, der also jedenfalls das Görlitzer Kontingent be- 
fehligte, zuerst „mehr Breter" (zum Schutze gegen die 
Pfeile der Belagerten oder vielleicht auch gegen den 
Schnee und die Kälte des harten Winters), sodann auch 
noch mehr Mannschaft nachsenden. Nur Görlitz besals 
auch bereits „Büchsen" zur Beschiefsung der Mauern 
mit Steinkugeln ■'). Im übrigen aber zielte man mittels 
Armbrust und Pfeil auf jeden einzelnen Mann, der sich 
etwa an den Luken und Fenstern der Burg blicken liels. 
Die Sage berichtet, dafs besonders ein Rittersmann 
darin lange Zeit die Erstürmung verhindert habe. Da 
soll sich ein guter Schütz von den Städtern den Augen- 
blick ersehen haben, wo jener sich unweit eines Fensters 
den Halskoller anschnallte. Als er gefallen, war der 
Widerstand der Belagerten gebrochen. Der Hauptangriff 
muls von Südosten her erfolgt sein; dort fand man noch 
vor einigen Jahrzehnten Pfeilspitzen von verschiedener 
Gröfse und Form. Der Befehl, „das Schlofs zu brechen 
und gründlich zu zerstören", wurde von den Städtern 
nach altgewohnter Praxis wörtlich vollzogen. Von dem 



^) Ostern 1399 erhielt der Büchsenmeister Heinrich für das An- 
richten „der Büclisen vor Priebiis und Rohnau" seinen Lohn und 
Geld lur Kupfer. 



Die Zerstörung- der Burg Rohnau lici Zittau. 185 

Schicksal der Besatzung- erfahren wir niclits. Aber die 
Gebäude wurden erst ausgeplündert, dann ausgebrannt 
und endlich von den mitgebrachten Maurern und sonstigen 
Gewerken kunstgerecht niedergelegt. Sie mögen Mühe 
genug dabei gehabt haben schon mit den doppelten Ring- 
mauern; die oben erwähnte, noch jetzt 12 -'/^ Ellen hohe 
Frontmauer des Hauptgebäudes haben sie aber nicht zu 
brechen vermocht. Die sonstigen, anfangs herumliegenden 
Steine sind später großenteils zimi Aufbau der Häuser 
in dem nach und nach sich bildenden Dorfe Rohnau 
verwendet worden. Eine Woche, etwa vom 4. — 11. 
Januar 1399, hatte die Belagerung gewährt. In Görlitz 
gab man „den gesetzten Wächtern die Woche, die- 
weil man vor Rohnau war, mehr denn andere AVochen 
18 Groschen". 

Wenn man Rohnau ' später in der Regel als eine 
„Raub bürg" bezeichnet hat, so hat man allerdings 
insofern Recht, als in der That innerhalb der Jahre 
1396 — 1398 von der niederlausitzischen Besatzung der- 
selben gelegentlich auch Beraubungen oberlausitzischer 
Kaufleute verübt worden sind. Aber wir glauben, in 
dem Bisherigen erwiesen zu haben, dals es wesentlich 
politische Gegnerschaft war, welche dazu Anlafs gegeben 
hatte. 

Die gefährliche Burg war also jetzt zerstört. Abei- 
die Sechsstädte waren sofort auch besorgt wegen der 
möglichen Folgen. Auf jenem Tage zu Löbau, wo der 
Zug gegen dieselben beschlossen wurde, „einigte" man 
sich auch schon, „dals man Markgraf Jost schriebe, wie 
das Haus Rohnau verfehmt gewesen sei, dals er nicht 
unmuthig wäre ; denn die Städte seien von den Zittauern 
angeiufen worden". Man betrachtete also Rohnau als 
eine eigentlich zwar dem Landvogte des Markgrafen, in 
Wirklichkeit aber diesem selbst zuständige Burg. Man 
hielt es darum für nötig, sich bei ihm wegen der beab- 
sichtigten Zei-störung derselben im voraus zu entschuldigen 
und zwar damit, dafs sie „verfehmt" gewesen sei. Kaiser 
Karl IV. hatte 1355 den Seclisstädten die Ermächtigung, 
ja den ausdrücklichen Auftrag erteilt, „Höfe oder Vesteu, 
die kundlicli bescliuldigt wären böser Sachen und Dinge, 
zu brechen und zu brennen""). Das summarische Reclits- 

**) Knotlie, Reclitögcscüichte der überlausilz S. 87. 'M. 



186 Hermann Knothe: 

verfahren gegen dergleichen Burgen, nämlich die Anklage 
durch eine der Städte, die Beratung über die Schuld 
durch die Gesamtheit derselben und den Beschluls der 
Bestrafung, bezeichnete man auch in der Oberlausitz als 
„den Fehm" oder „das Fehmgericht*'. Die Handhabung 
dieses Gerichts lag, wenigstens anfangs, dem kaiserlichen 
Befehle gemäi's, lediglich in den Händen der Städte. 

Ihre Besorgnis vor den Folgen der Zerstörung von 
Rohnau war in der That eine wohlbegründete. Alsbald 
erhielten sie nicht blols die Nachricht, dals Markgraf 
Jost mit Heeresmacht bei Luckau stehe und „die Städte 
beschädigen wolle"; sondern in der Woche vor dem 
18. Januar 1399 brachte Herr Wentsch von Donyn aus 
dem Hause Grafenstein, damals auf Tschocha gesessen 
und königlicher Rat'), „Briefe von dem Könige, 
dals man Rohnau nicht brechen solle". Sogleich beriet 
man daher in Löbau, „wie man es damit halten wolle". 
Jedenfalls hatte Jost auf die Kunde, dafs man Rohnau 
belagern wolle, sofort Boten nach Prag gesendet und 
von dem wankelmütigen Könige den Widerruf des eben 
erst erteilten Befehls erwirkt. Aber auch Haken born 
schickte jetzt wieder um Hilfe, „da man Priebus aufs 
neue überfallen wolle". Oberlausitzische Späher mulsten 
in der Niederlausitz auskundschaften, „wie es um den 
Markgrafen wäre mit der Samenung zu Luckau". Der 
Landvogt Pflug aber übernahm es, die Städte beim 
Könige persönlich zu entschuldigen. Er brachte gute Bot- 
schaft von Prag zurück und für die Stadt Zittau einen 
speziell an sie gerichteten Brief des Königs vom 
6. Februar 1399 folgenden Inhalts: „Liebe Getreue, Als 
man euch vorgelegt hat, dals Wir gar sehr in ITnmuthe 
hätten das Fällen des Hauses zu Rohnau, so wilset, dals 
Wir etwas | das '?] wohl verstehen, dafs ihr das in Bestem 
gethan habt. Darum wollen Wir das gegen euch gnädig 
halten, wiewohl ihr das ohne unser Geheils gethan habt." 

Nach Priebus hatte man in der That von Görlitz 
aus aufs neue Hilfe gesendet. Es waren daselbst einzelne 
„Gesellen" gefangen, aber auch der Büchsenmeister Hein- 
rich an Kopf und Bein verwundet worden. Das Schlois 
Priebus hatte sich abermals wacker gegen die Feinde 
gehalten. Als nach deren Abzüge Hakenborn (Woche 



') Über denselben vergl. von Weber's Archiv f. d. sächsische 
(ieschichte. Neue Folge I, 223 flg. 



Die Zerstörung der Burg Rohiuu bei Zittau. 187 

vor dem 22. Februar) persönlich nach Görlitz kam, „hatte 
er keinen Pfennig- und mochte nicht auskommen; da 
mulste man ihn mit den Seinen aus der Herberge lösen''. 
Auch mit dem Landvogt Berka, der also die Ober- 
lausitz wegen der Zerstörung von Rohnau bedroht haben 
muls, war ein „Friede", d. h. ein Waffenstillstand, abge- 
schlossen worden. Als aber besonders der oberlausitzische 
Landvogt Pflug denselben „aufsagen'- wollte (wir erfahren 
nicht Aveshalb), so beschlols man (Woche vor dem 17. Mai ) 
vorher zum Könige zu schicken, „seine Meinimg darauf 
zu hören", und als der Landvogt bereits drängte, „auf 
zu sein gegen Herrn Birke", und „wie stark man wollte 
sein" (wahrscheinlich zu einem Zuge gegen Hohnstein), 
so baten ihn jetzt die Städte, mit der Aufsage zu ver- 
ziehen und die xlntwort des Königs abzuwarten. Da 
nun aber auch im Königreich Böhmen neue Unruhen aus- 
gebrochen waren, so ward endlich „der Zug wendig" 
(Woche vor dem oL Mai). 

Wir haben diese Unruhen und die neuen Streitig- 
keiten zwischen Markgraf Jost und König Wenzel und 
dessen Bruder, König Siegmund von Ungarn, hier nicht 
Aveiter zu verfolgen und erwähnen nur noch, dals bei 
einer endlichen Aussöhnung Wenzel (14. September 1401) 
seinem Vetter Jost die Niederlausitz aufs neue, aber nur 
auf Lebenszeit, überlassen und ihm wegen Rohnau 
8000 Schock Groschen und bis zur einstigen Auszahlung 
dieser Summe die jährlichen Zinsen im Betrage von 800 
Schock versprechen mulste. Von diesem Gelde wird 
wohl der Markgraf auch Hinko Berka auf Hohnstein für 
den Verlust von Rohnau entschädigt haben. 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 

Von 

S. Ifsleib. 



Naclidem die Wittenberger Kapitulation am 19. Mai 
1547 zwischen Kaiser Karl V. und dem gefangenen Herzog 
Johann Friedrich zum Abschluss gebracht worden war, 
wurden am 1. Juni zwischen diesem und seinem Vetter 
Moritz von Sachsen die „Überweisungsbriefe'") ausge- 
tauscht, welche, gemäls dem Vertrage, die in Betracht 
kommenden Unterthanen beider wechselseitig an den 
andern als den neuen Erbherrn und Landesfürsten ver- 
wiesen. Als dann der jugendliche Albertiner auf Befehl 
des Kaisers am 4. Juni im Feldlager und in Wittenberg 
als Kurfürst von Sachsen ausgerufen worden war, nahm 
er die Stadt in Besitz und liels auf dem Schlosse von 
Seiten der Bürgerschaft die Huldigung vollziehen. Wenige 
Tage später durchzogen etliche seiner Räte und Befehls- 
haber die einzelnen Ämter, um die neuen Unterthanen 
in Eid und Pflicht zu nehmen-). Diejenigen vom Adel, 
welche sich weigerten, der Vorladung zu folgen, verfielen 
in Strafe, indem ihre Schlösser und Güter solange in 
Beschlag genommen wurden, bis sie die Lehnshuldigung 
geleistet hatten. Auch die ehemaligen Räte und Diener 
Johann Friedrichs sahen sich durchweg genötigt, in die 



^) Dresden, Loc. 9141, Churfürstlirh sächsische Handlung- 1547 
Bl. 17. Loc. 9147, Liquidationshandluny zu Zeitz 1547 Bl. 60. 

^) Dresden, Loc. 9142, Capitulation ingl. die Ueberweisung und 
Huldigung etc. 1547 Bl. 8 flg. 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 189 

Dienste des neuen Landesherrn zu treten. Darauf berief 
der Kurfürst seine alten und neuen Stände samt den an- 
gesehensten Theologen'^) zum ersten gemeinsamen Landtag 
nach Leipzig, um mit ihrer Hilfe die noch erregten Ge- 
müter zu beruhigen, die neuen Verhältnisse zu befestigen 
und die allgemeinen Landes- und Kirchenangelegenheiten 
zu ordnen^). 

In der Proposition oder Vorlage vom 14. Juli be- 
richtete Kurfürst Moritz über das verflossene Kriegsjahr 
vom Landtag zu Chemnitz an bis zu den jüngsten tief- 
eingreifenden Ereignissen und betonte, dafs er alle Befelile 
des Kaisers mit Wissen und Willen seiner treuen Stände 
übernommen und ausgeführt und sich zu, nichts anderem 
verpflichtet habe. Jedermann sollte die Überzeugung ge- 
winnen, dals es nicht des Kaisers Absicht gewesen sei, 
die christliche Religion mit dem Schwerte zu vertilgen. Li- 
dem er die Ansicht vertrat, dafs der Krieg nicht zu 
umgehen gewesen sei, dankte er allen Unterthanen und 
besonders der Ritterschaft für die mannhafte Treue im 
Felde. Allerdings habe er sich, sagte er, eines solchen 
weitläufigen Kampfes nicht versehen, und er habe nichts 
mehr begehrt, als sein ererbtes Land friedlich zu be- 
sitzen. Um das Vertrauen der alten Unterthanen zu 
befestigen und das der neuen zu erwerben, gab er die 
Versicherung, dafs er geneigt sei, mit Gottes Hilfe fried- 
lich und wie es einem christlichen Kurfürsten gezieme, 
zu regieren und bei der wahren Religion gemäfs der 
augsburgischen Konfession zu bleiben. Die Universitäten 
in Wittenberg und Leipzig und die vor kurzem gegrün- 
deten Schulen wollte er erhalten und jederzeit mit ge- 
lehrten Leuten versehen, damit Gottes Wort, gute Künste 
und ehrbare Sitten gelernt würden. Alle Vierteljahre 
sollte in Leipzig ein aus geschickten und erfahrenen Rittern 
und Gelehrten zusammengesetztes Hofgericht gehalten 



3) Fürst Georg von Aiihiilt, Ivoadjutur von ]\lorseburg, brachte 
Philipp Melanclitlion, welcher bis dahin in Weimar gewesen war, mit. 

*) Loc. 9354, Handlung auf dem Landtage zu TiCipzig, 1547. 
Vergl. 1. Joh. Falke, Mitteilungen des Königl. Säidis. Altert ums- 
vereinsXXi] (1872), 77 flg. S. 8!i und 95 nnten gehören znm Land- 
tage 1548. 2. Gründlicher und warhalftiger Lerieht aller Kathschlegund 
antwort, so die Theologen zu \\'ittcnl)erg und andere darzu erforderte 
anff den Landtegen und andern Versandungen etc. Durch Georgen 
Rhawen seligen Erben. Anno 1559 Jil. 61. 



190 S. IMeib: 

werden, damit jedermann zu seinem Rechte komme ''^). 
Stets gedachte er für E,uhe und Sicherheit im ganzen 
Lande zu sorgen und alle Strafsen zu Gunsten des fried- 
lichen Handels und Wandels von „Plackerei und ßaub 
zu säubern." Am Herzen lag ihm aber auch die schlag- 
fertige Bereitschaft gegen jeden feindlichen Angriff. In- 
dem er sich der Gnade und Gunst des Kaisers und Königs 
rühmte, erklärte er, dals er nicht gesonnen sei, beiden 
irgend welche Ursache zur Ungnade zu geben. Mit allen 
Nachbarfürsten wollte er im Frieden leben ; bald hoffte 
er auch in gute Beziehungen mit den Söhnen Herzog 
Johann Friedrichs treten zu können. Auf alle Weise 
wollte er die Wolilfalu't des Hauses zu Sachsen befördern. 

Unter den kurfürstlichen Landständen, welche teil- 
weise noch völlig unter dem mächtigen Eindruck des 
jüngsten Krieges und seiner folgenschweren Neuerung 
standen, herrschte ziemlich erregte Stimmung, und erheb- 
liche Meinungsverschiedenheiten traten scharf zu Tage. 
Viele der alten und neuen Unterthanen standen einander 
zu fremd gegenüber, um eine rasche Verständigung zu 
ermöglichen; überdies erschwerten stark betonte ständische 
Sonderinteressen die wünschenswerte Einhelligkeit über 
wichtige allgemeine Fragen. 

Während die höheren Stände, die Grafen, Herren und 
Prälaten, eine vorsichtige und vornehme Zurückhaltung be- 
obachteten, traten die Ritterschaft und die Städte eifrig in 
alle Erörterungen ein. Die Bischöfe von Meifsen und Naum- 
burg enthielten sich, dem sonst üblichen Geschäftsgange zu- 
wider, jeder schriftlichen Teilnahme und gaben nur mündliche 
Erklärungen und Gutachten ab. Sie machten geltend, dais 
sie nach althergebrachtem Rechte nicht verpflichtet seien, 
auf dem Landtage zu erscheinen; doch wollten sie sich 
diesmal dem Schutze und dem allgemeinen Besten des 
Landes nicht entziehen*^). 

Durchmustert man die Landtagsakten der zehntägigen 
Beratungen, so ergiebt sich in kurzem Folgendes. 

Zunächst legten die Landstände das Hauptgewicht 
auf das religiöse Bekenntnis und auf alle kirchlichen An- 
gelegenheiten. Gelehrte und gottesfürchtige Männer sollten 



'^) In der Kur zu Sachsen sollte auch ein regelniäfsiges Hof- 
gericht zusammengesetzt werden. 

*») Julius Pflug, Bischof von Naumburg, sprach mit Kurfürst 
Moritz über die kirchlichen und religiösen Angelegenheiten und ge- 
dachte dem Kaiser eine Gedenkschrift darüber zu überreichen. 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 191 

Rat lialten und Achtnng- darauf geben, dafs alle Geistlichen 
das Wort Gottes gemäls der augsburgischen Konfession 
rein, einträchtig und frei vom eignen Gutdünken predigten, 
Streit und Zank vermieden und sich aller aufwiegelnden 
und unbotmäfsigen Reden enthielten. Jeder Obrigkeit 
sollte es gestattet sein, den Pfarrherren und Predigern 
auf dem Lande jede Unschicklichkeit im Guten zu unter- 
sagen und unter Umständen das Einschreiten der Superinten- 
denten gegen sie zu veranlassen. Man verlangte für die 
Geistlichen ein genügendes Auskoramen, welches auch recht- 
zeitig zu entrichten sei. Dürftiges Einkommen solle 
durch eine jährliche Zulage vom Ertrage der geistlichen 
Güter aufgebessert werden. Für die Kinder armer 
Pfarrer und Prediger bat man um Unterstützungen, da- 
mit sie ein Handw^erk oder andere „ziemliche Sachen" 
erlernen könnten. Allgemein war man für möglichste 
Förderung der Schulen. Man bat den Kurfürsten, dals 
er in herkömmlicher Weise alle Jahre vier Mitglieder 
der Landstände neben vier kurfürstlichen Räten verordne, 
um über die Schulen eingehende Erkundigungen ein- 
zuziehen und die Rechnungen über das Einkommen der 
geistlichen Güter zu prüfen"). Von dem Überschusse der 
Erträge sollten arme Jungfrauen vom Adel erzogen und 
erhalten werden. 

Der Kurfürst teilte mit, dals er den Koadjutor zu 
Merseburg, Fürst Georg von Anhalt, und etliche Super- 
intendenten bereits zu sich beschieden habe, um ihren 
Rat in allen kirchlichen und geistlichen Dingen zu hören 
und demgemäis zu verfügen. Für die Prüfung der Rech- 
nungen über „die geistlichen Güter, für die Entfernung 
voi-handener Übelstände in den Schulen und für die Er- 
ziehung und Ausstattung armer adliger Jungfrauen sollte 
Sorge getragen werden. Die Gründung einer neuen Schule 
im kurländischen Gebiete wurde in Aussicht genonnnen. 

Hinsichtlich der Universitäten klagten die Stände 
darüber, dais die Professoren vielfach durch andere Ge- 
schäfte von ihren Vorlesungen abgehalten würden. In 



'') Herzog- lleiuiich hatte alle geistlichen Güter (IrnLandständen 
anheimgestellt. Seine beiden Söhne Moritz nnd Angnst stinuiiten dem 
nicht zii; doch verwendeten sie die erledigten Lehen des Bistums 
Meifsen auch nicht zu ihrem eigenen Nutzen, sondern zu Stiiiendicn 
und zu anderen guten Zwecken und liefsen den Ständen Bericht er- 
statten und liechnung vorlegen. 



192 S. Ifsleib: 

solcher Zeit gingen dann die Schüler in dei- Irre und 
blieben im Studium zurück. Darum sollten die Professoren 
mit fremden Dingen verschont bleiben und ihren Vor- 
lesungen obliegen. Zwar konnte der Kurfürst den Beweis 
erbringen, dals von den Gelehrten der Hochschule durch- 
weg nur Juristen und von diesen auch nur wenige aufserhalb 
der Stadt in kurfürstlichen Diensten gebraucht worden 
seien ; doch war er gewillt, die Störung der Vorlesungen 
in Zukunft möglichst vermeiden zu lassen. Besonderen 
Dank sprachen die Landstände dafür aus, dafs jährlich 
vier Hofgerichte in Leipzig abgehalten werden sollten; 
aber sie baten, das neue Hofgericht wieder genau nach 
der löblichen alten Hofgerichtsordnung, welche einst mit 
Hat der „Landschaft" aufgerichtet worden sei, einzurichten 
und alle üblen Gewohnheiten fernzuhalten. Nach einigem 
Widerstreben versprach der Kurfürst, aulser dem Hof- 
richter nicht acht, sondern wie früher zwölf Beisitzer 
zu ernennen. 

Der Punkt über Frieden und Schutz des Landes 
gegen jeden Feind gab besonders den neuen Ständen 
Veranlassung, den Kurfürsten zu ersuchen, stets des 
alten Gebrauches und Privilegs im Hause zu Sachsen 
eingedenk zu sein, wonach der Landesfürst ohne Rat, 
Wissen und Willen der Landstände keinen Krieg führen 
solle. Dringend wünschten alle, dals die gehässigen 
Disputationen und unschicklichen Predigten über den letzten 
Krieg verboten würden. Für die Gefangenen, welche 
wegen verdrielislicher Worte und Thaten verhaftet worden 
waren, bat man um Freiheit und Zurückgabe der ein- 
gezogenen Güter, Schlösser und Häuser '^). Man erkannte 
das Bestreben des Kurfürsten an, die Gnade und Gunst 
des Kaisers und Königs erhalten zu wollen und hoffte, 
dafs er weder ein Bündnis noch eine Kriegsrüstung zum Scha- 
den des Landes eingehen werde. Die Erneuerung der 
alten Bündnisse und Erbeinigungen mit den benachbarten 
Fürstenhäusern erschien höchst dienlich zur Erhaltung des 
Friedens. Wegen der Kosten sollte das geworbene fremde 
Kriegsvolk beurlaubt werden, da die Stände bereit seien, 
im Falle der Not an die Beschützung des Landes Leib 
und Vermögen willig daranzusetzen. Es wurde vorge- 



^) Dresden, Loc. 9142. Das schwarze Buch enthält die Prozesse 
gegen Bürger von Aunaberg, Dresden, Döbeln, Freiberg, Chemnitz, 
Leipzig, Meifsen, Naumburg etc. vom 23. August 1547 an. 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 193 

schlageil, alle Ämter, besonders die an den Grenzen mit 
Amtsleuten und Reisigen stärker als bisher auszustatten, 
um Stralsenraub und Plackerei zu unterdrücken. 

Kurfürst Moritz versicherte, dafs er sich wie früher 
ohne Wissen seiner getreuen Stände weder in ein Bünd- 
nis noch in eine Kriegsrüstung einlassen wolle; doch 
hielt er die Wahl eines landständischen Ausschusses für 
zweckmäfsig, um denselben in gefahrvollen Tagen schnell 
zu berufen und zu befragen. Unmöglich könne das ge- 
worbene Kriegsvolk umgehend beurlaubt werden, denn es 
sei noch grölstenteils in Böhmen und helfe dem König; 
Wittenberg müsse einstweilen besetzt bleiben, da die Zu- 
sammenrottung der Kriegsknechte in Norddeutschland zur 
gröfsten Vorsicht mahne. In der Hoffnung, dals die Unter- 
thauen sich bereitwillig gebrauchen lassen würden,, wollte 
er eine stattliche Zahl Reiter in den einzelnen Ämtern 
aufbringen und fürstlich besolden, um die Grenzen zu 
überwachen, die Stralsen zu säubern und friedliche Ord- 
nung aufrecht zu erhalten. Für die Zeit der Not aber 
sollten die Stände Geld bewilligen, um schnell rüsten und 
Reiter und Knechte besolden zu können; denn ohne Geld 
sei keine Kriegsmannschaft zu gewinnen ; er selbst wolle 
sich mit seinem Hofgesinde in Bereitschaft halten. Ob 
Wittenberg künftig Festung bleiben oder geschleift werden 
solle, gab er dem Rate der Landstände anheiin; auch 
begehrte er, darauf bedacht zu sein, wie die entstandenen 
Kriegskosten bezahlt werden möchten. 

Auf manche unangenehme Erfahrung des letzten 
Jahres gestützt, wiesen die Landstände die Wahl eines 
neuen Ausschusses zurück. Aber sie fanden sich darein, 
dals der Kurfürst das geworbene Kriegsvolk noch eine 
Zeitlang im Dienste behielt. Um den Sold zu bestreiten 
und die Kriegsschuld zu decken, bewilligten sie die Trank- 
steuer auf weitere zwei Jahre; doch sollte diese Steuer 
auch von den Unterthancn der Bischöfe, Grafen und 
Herren, sowie vom Kurfürsten selbst mit getragen werden. 
Die früher zugestandene Bausteuer blieb bis auf weiteres"). 
Dem Ermessen des Landesherrn überliels man die Ent- 
scheidung über die Festung Wittenberg; allein man er- 



0) Der Kurfür.st liefs den üblichen 8teuerrevcrs, wonacli die 
Abgaben als vorübergehende, freiwillige Hilfe betrachtet wurden, am 
23. Juli ausstellen. 

Neues Arcliiv f. S. CJ. u. A. XIII. 3. 1. 13 



194 S- Ifsleil): 

mahnte zur gröfsteii Sparsamkeit wegen der erlittenen 
Kriegsscliäden. 

In einer besonderen Schrift waren die „Landesge- 
brechen" zusammengestellt, gegen welche man Abhilfe 
oder Linderung suchte. Man empfahl möglichste Schonung 
und Unterstützung aller im Kriege geschädigten Unter- 
thanen. Die Wiederaufrichtung der alten guten Landes- 
polizei wurde durchaus gewünscht. Man forderte scharfe 
Verbote und Erlasse gegen Gotteslästerung, unmälsige 
Feste, Wucher und Kleiderluxus, Allgemein wünschte 
man die Erhaltung und Aufbesserung der Konsistorien, 
und eine höhere Besoldung der Pfarrer wurde für nötig 
gehalten. Gründliche Kirchen Visitationen schienen ge- 
boten und strengere Überwachung der Geistlichen in 
Bezug auf ihren Lebenswandel. Der Adel sollte nicht 
mit leichtfertigen Dirnen haushalten, damit nicht die un- 
ehelichen Kinder, wenn sie des Schildes und Helmes teil- 
haftig würden, ehrliche adlige Geschlechter in Schimpf 
und Nachteil brächten. Man vermilste die Handhabung 



ö 



des Rechtes nach althergebrachter Gewohnheit. Ein 



'ö 



genügend besetzter kurfürstlicher Hofrat sollte alle 
Streitigkeiten schneller und billiger wie seither schlichten. 
Beantragt wurde eine genaue Abgrenzung der höheren 
und niederen Gerichtsbarkeit und eine zuverlässige Ord- 
nung der Gerichtskosten. Überaus notwendig erschien 
es, dafs das Sachsenrecht gemeinverständlich gemacht, 
genügend erklärt, von Fremdwörtern gereinigt und richtig 
verdeutscht werde. Das Oberhofgericht und die Schöppen- 
stühle sollten einerlei Eecht sprechen, um widerwärtige 
Urteile zu vermeiden. Die Doktoren der Rechte suchte 
man wie die Ärzte an eine bestimmte Taxe zu binden. 
Man bestand darauf, dafs ehrlose und anrüchige Personen 
von allen Ämtern ausgeschlossen und leichtfertige, mut- 
willige Ankläger streng bestraft werden mülsten. Es 
wurde gebeten, die Ritterschaft nicht aulser Landes zu 
gebrauchen und die Schriftsassen mit Neuerungen von 
Seiten der Amtsherren zu verschonen. Alle kurfürstlichen 
Beamten sollten sich jedes Eingriffes in die Gerechtsame 
des Adels und der Städte enthalten. Man führte Be- 
schwerde über die Anmalsung der reisigen Knechte und 
über die hohe Lohnforderung des Gesindes. Um gegen 
den lästigen Ungehorsam ankämpfen zu können, sollte 
kein Dienstgesinde ohne Absagebrief des letzten Herrn 
angenommen werden. Allgemem geltend machte man das 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 195 

Bedürfnis nach möglichst gleichem Gewicht, Ellen- und 
Klaftermais. Zu Gunsten der heimischen Tuchmacher 
und Handwerker verlangte man ein Verl3ot gegen die 
Ausfuhr der Schafwolle und der rauhen Schaffelle und gegen 
den Verkauf derselben auf nicht „gefreiten Märkten"^*'). 
Man forderte eine Ermälsigung des hohen Salzpreises 
und begehrte eine neue Jagd-, Holz-, Wald- und Gewerbe- 
ordnung. 

Kurfürst Moiitz wollte alle Beschwerden und Ge- 
brechen sorgfältig erwägen und nach Gebühr, Billigkeit 
und Möglichkeit abstellen. Er war bereit, die Ordnungen 
und Gesetze gegen Gotteslästerung, Wucher, Luxus etc. 
erneuern, die kirchlichen Angelegenheiten gründlich 
prüfen, die Milsstände des Gerichtswesens beseitigen 
und das sächsische Recht verständlich ausüben zu lassen. 
Alle eingeschlichenen schädlichen Neuerungen sollten ent- 
fernt und die alten Rechte des Adels und der Städte 
erhalten werden. Die Übelstände des adligen Ehe- 
lebens aber verwies er wie die Taxe der Juristen, An- 
wälte und Ärzte auf den Reichstag. In nahe Aussicht 
stellte er die Veröffentlichung einer neuen Gesinde-, Ge- 
werbe-, Markt-, Jagd-, Holz-, Mafs- und Gewichtsordnung. 

Mit den anwesenden Theologen trat der Kurfürst 
am 18. Juli in Verhandlung. Frei und offen erklärte er 
ihnen, dals er bei der reinen Lehre bleiben und sich den 
papistischen Milsbräuchen nicht anhängig machen wolle; 
er habe als christlicher Kurfürst die PÜicht, das Wort 
Gottes und die Diener desselben nach Vermögen zu be- 
fördern und alle Studien und gelehrten Leute in Schutz 
und Schirm zu nehmen. Wie in den vorhergehenden 
Jahren, so ging er damit um, eine gleichförmige Kirchen- 
ordnung für das ganze Land einzurichten und ein allge- 



meines Kirchengebet einzuführen, damit nicht einer dieses, 
der andere jenes thue und halte, gleich als ob nicht alle 
zusammengehörten. Die Theologen versprachen, dafs auch 
sie bei der christlichen und reinen Lehre, wie sie in den 
sächsischen Kirchen gepredigt und gelehrt werde, bleiben 
und überall Eintracht erhalten wollten. Vor allem sei 
es nötig, dals die beiden Universitäten in Leii)zig und 
Wittenberg der Studien halber wieder ehigerichtet und 



lö) Die Bauern im Umkreise von Alteuburj^- sollten vom Zwange 
befreit worden, dafs sie das lietreide nnd alle Fcldfriiclitc nur in 
dieser Stadt verkaufen dürften. 

13* 



196 S. Tfsleib: 

die Konsistorien zu Merseburg, Meifsen und "Wittenberg 
beibehalten würden "). Die Superintendenten sollten auf 
die reine Lehre und auf die Ceremonien in den Kirchen 
fleifsig Achtung geben, damit in den vornehmsten Städten 
Gleichheit herrsche und über geringfügige Ungleichheiten 
nicht gezankt werde. Auf Wunsch des Kurfürsten über- 
gaben die Theologen eine Schrift über die Gleichheit der 
Ceremonien oder Kirchengebräuche, worin sie auf die 
Leipziger Gutachten in den Jahren 1544 und 1545 zurück- 
gingen. Weil aber der Reichstag zu Augsburg bevor- 
stand, so unterliels man einstweilen die Veröffentlichuug 
des Buches. Besser wäre es allerdings gewesen, wenn 
dieselbe damals erfolgt wäre; dann hätte man später 
nicht sagen können, „es seien die Handlungen von den 
Adiaphoris oder Kirchenbräuchen erst nach des Interims 
Publikation vorgenommen worden und man habe damit 
den Papisten hofiren w^ollen". 

Unmittelbar nach dem Landtage wurde der neue 
Kurstaat in fünf Kreise geteilt und an die Spitze der- 
selben Oberhauptleute oder Kreishauptleute gestellt. Der 
Kurkreis stand unter Sebastian von Wallwitz , der 
thüringische Kreis unter Georg Vitzthum von Eckstädt, 
der Leipziger oder osterländische Kreis unter Asmus von 
Könneritz, der Gebirgskreis unter Heinrich von Gersdorf 
und der Meilsnische Kreis unter Ernst von Miltitz. 
Gleichzeitig richtete der Kurfürst einen neuen Hofrat 
ein, welcher alle Justizsachen, die täglich aus den fünf 
Kreisen eingingen, ungehindert und rasch entscheiden 
sollte. Eine neue Kanzleiordnung vom 5. August^-) 
setzte den Geschäftsgang dieser Behörde genau fest 
und bestimmte die Kosten für die verschiedenen Urteile 
und Entscheidungen. Der kurfürstliclie Kanzler war 
Vorstand des Hofrates, neben ihm standen die Räte ; 
für jeden Kreis gab es einen Sekretär und etliche Schreiber. 
Der Botenmeister nahm alle Briefe in Empfang und ver- 
teilte sie an die Eäte. Besondere Sekretäre lagen den 
Lehns- und Kirchensachen ob.. Zu Diensten des Kur- 
fürsten stand ein Geheimsekretär. Der Kanzler oder 
auch der Geheimsekretär hatte dem Landesherni täglich 



") Im Oktober 1547 konnten die Vorlesungen m Wittenberg 
und Leipzig wieder beginnen; in Wittenberg lebrte wie frülier 
Philipp Melanchthon, in Leipzig Joachim Camerarius. 

'-) Dresden, Loc. iOOÖl, Cantzley-Ordmmgen Bl. 17. 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 197 

ein- oder zweimal üher fürstliche und auswärtige Ange- 
legenheiten, über „Briefe zu eigenen Händen", über Kund- 
schaften, neue Zeitungen etc. Bericht zu erstatten. 

Als Kurfürst Moritz sich anschickte, den Reichstag 
zu besuchen, übertrug er seinem Bruder Herzog August 
die Regierung und ordnete an, wie alles während seiner 
Abwesenheit zu halten sei^'^). Von den beauftragten 
Räten sollten stets drei neben dem Kanzler in Torgau 
anwesend sein, um mit dem Herzog zu beraten und zu 
beschließen. Alle Briefe und Befehle gingen im Namen 
und mit dem Siegel des Bruders aus. Strenge Weisung 
erlegte auf, sofort gegen alle Praktiken und Eingriffe der 
Bischöfe und Domherren von Meilsen und Naumburg in 
die bestellende Kirchenordnung vorzugehen, dagegen alle 
Prediger, Pfarrer und Kirchendiener zu schützen, die 
Zusammenkünfte und Visitationen der Superintendenten 
zu erleichtern, den herkömmlichen Gottesdienst aufrecht- 
zuerhalten und unsittliche Geistliche abzusetzen. Der 
kurfürstlichen Gemahlin sollte es an nichts gebrechen, 
und der neuen „Ordnung im Frauenzimmer" sollte allent- 
halben nachgegangen werden. Die Silberkammer hatte 
wie die Bergwerke Ernst von Miltitz zu überwachen. 
Kurfürstlicher Hofrichter war Dr. Melchior von üsse. 
Religiöse Streitigkeiten sollten derKoadjutor vonMerseburg, 
Fürst Georg von Anhalt, und Philipp Melanchthon schlichten. 
Die Sorge für die Universitäten, Schulen und Stipendien 
war Dr. Komerstadt auferlegt. Die Oberhauptleute der 
fünf Kreise hatten Befehl, allerorten gute Kundschaft 
einzuziehen und für Ruhe und Sicherheit einzutreten. 
Im Falle der Not sollte Herzog August mit den Räten 
zu Torgau unverzüglich König Ferdinand von Böhmen 
und den Kurfürsten von Brandenburg oder die Regierungen 
beider um Rat und Hilfe angehen. Über alle wichtigen 
Dinge war nach Augsburg zu berichten. 

Am 10. August verliefs der Kurfürst Torgau und traf 
vier Tage später in Hof mit Markgraf Johann Georg 
von Brandenburg, dem Sohne Kurfürst Joachim II., zu- 
sammen. Nach einem Besuche beim Herzog von Bayern 
und beim gefangenen Schwiegervater Philipp von Hessen 
in Donauwörth ritt er am 1. September mit stattlichem 
Gefolge zur Eröffnung des Reichstages in Augsburg ein. 



^3) Loc. 10041, Clmrfürst Moiitz heiini>elassene Instruction etr. 
Torgau, 1. August 1547 (Original). 



198 S- Iftleili: 

Moritz hatte einst in Naumburg zum Herzog von 
Alba gesagt, der bevorstehende Reichstag werde kurz 
sein und sich von allen früheren dadurch unterscheiden, 
dals auf demselben mehr geboten als beraten werde'*). 
Derartig aber gestalteten sich die Dinge keineswegs. 

Der Kaiser hatte die Absicht '■'), seine bessernde 
Hand an alles zu legen, was seit 30 Jahren in Unord- 
nung geraten war. Der Sieg über die Schmalkaldener 
sollte wesentlich mit dazu beitragen, um alles „von Grund 
aus-' in Angrift' zu nehmen und zum Wohle des Reiches 
durchzuführen. Alle bisherigen Leistungen seiner Regierung 
schienen ihm „Flickwerk" zu sein. Jetzt wollte er sich 
mit den Ständen des Reiches über die Religion, über das 
Konzil und über die geistlichen Güter samt der bischöf- 
lichen Jurisdiktion, über Gehorsam und Ruhe, Friede und 
Recht, Schutz und Sicherheit, über Kammergericht und 
Polizeiordnung, über Reiclisanschlag und Türkensteuer, 
über Münzeinheit und allgemeine Gebrechen verständigen^®). 
Dabei stiels er jedoch auf gröfseren Widerstand als er 
erwartet hatte. 

Es ist nicht unsere Aufgabe, allen Reichstagsver- 
handlungen nachzugehen, wohl aber zu zeigen, welche 
Stellung Kurfürst Moritz zu einzelnen Avichtigen kaiser- 
lichen Vorlagen eingenommen hat. 

Die protestantische Religion zu vernichten und die 
der Altgläubigen wiederherzustellen, hätte der Stimmung 
des Kaisers ganz entsprochen; allein selbst in jener sieg- 
reichen Zeit fehlte ihm dazu die Kraft und Macht. Weil 
ihm der religiöse Zwiespalt als die eigentliche Wurzel 
und die wahre Ursache des gesamten Unfriedens und 
aller Unruhen im Reiche erschien, so wollte er ihn mög- 
lichst schnell beseitigen. Nun hielt er das Konzil zu 
Trient für den sichersten und christlichsten Weg zur reli- 
giösen Wiedervereinigung und verlangte daher von allen 
Reichsständen eine bedingungslose Unterwerfung unter 
dasselbe. Auch wollte ei" bis zum Ende des Konziles 
für seme Person ohne Zutlmn des Papstes oder der all- 
gemeinen Kirchenversammlung den religiösen Zuständen 
in Deutschland „Mals geben". 



„XfJ.U,iO jjV 



14) A. von D ruf fei, Briefe und Akten I, 67. 

iR) Wien, Reiclistassakten 21 I. Reichstag von Augsburg 1547 
bis 1548. I. Vorgäugiges. 

Iß) Dresden, "Loc. 10186, Propositiou zu Augsburg am 1. Sej)- 
tember 1547. 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 199 

Von seinem protestantischen Standpunkte aus gab 
Kurfürst Moritz '') zu, dals der religiöse Zwiespalt durch 
ein allgemeines freies christliches Konzil oder durch eine 
Nationalversammlung, so wie es die Stände der augs- 
hurgischen Konfession immer gewünscht hätten, beigelegt 
werden müsse. Die Fortsetzung des Trientiner Konzils 
aber erschien ihm höchst bedenklich, weil es der Papst, 
der doch einem Konzile unterworfen sei, berufen und als 
Präsident geleitet habe, und weil man dort ohne Beisein 
und Mitwirkung der evangelischen Stände bereits über 
etliche Hauptartikel der christlichen Lehre Beschlufs ge- 
falst habe. Seiner Auffassung entsprach es, dafs der 
Kaiser als Advokat der christlichen Kirche ein allge- 
meines freies und christliches Konzil mit Bewilligung der 
gesamten abendländischen Christenheit in deutscher Nation 
abhalte oder eine Nationalversammlung berufe und die 
Stände der augsburgischen Konfession wie alle anderen 
einlade und sicher geleite, damit sie Gehör finden und 
Rede stehen, auch mit beratschlagen und mit beschlielsen 
könnten. Die Beschlüsse des Trientiner Konziles sollten 
für ungiltig erklärt, alle streitigen Punkte von neuem 
gottselig und christlich gemäfs der heiligen Schrift ver- 
handelt, alle Irrlehren und Mifsbräuche abgeschafft und 
eine allgemeine Reformation an Haupt und Gliedern voll- 
zogen werden. Der Papst dürfe weder Richter noch 
Präsident des neuen Konziles sein. Auf eüie solche all- 
gemeine oder nationale Kirchenversanmilung wollte der 
Kurfürst unbedenklich gelehrte und friedliebende Männer 
schicken. Mittlerweile sollten gottesfürchtige Schrift- 
gelehrte von beiden Teilen in gleicher Anzahl zusammen- 
kommen und durch friedliche Religionsgespräche dem 
Konzile oder der Nationalversammlung vorarbeiten ; oder 
der Kaiser sollte drei weltliche und drei geistliche Fürsten 
mit geeigneten Theologen zur christlichen Vergieichung 
der Streitpunkte zusammenberufen. 

Karl V. hielt aber an der Fortsetzung des Trientiner 
Konziles fest; doch war er gewillt, die Stände der augs- 
burgischen Konfession sicher zu geleiten, damit sie zur 
Verhandlung gezogen würden. Alles sollte gottselig und 
christlich nach der göttlichen und der alten Väter Schrift 



") Anm. 16 Bl. 72; Loc. 91 II Chnrfür.stl. .sächs. TTaiKllnnq: etc. 
1547 Bi. 44, 51, 53 flg. 



200 S. Ifsleib: 

lind Lehre vorgenommen und eine christliche und nütz- 
liche Reformation der Geistlichen und Weltlichen durch- 
gesetzt werden. In der kaiserlichen Audienz am 18. Ok- 
tober erinnerte der Kurfürst den Kaiser vertraulich an 
die Versprechungen und Zusicherungen, die er ihm und 
seinen IJnterthanen hinsichtlich der Religion gegeben habe 
und bat inständig, von ihm nicht mein- zu verlangen, als 
was er mit Gott und gutem Gewissen verantworten könne 
und im kurfürstlichen Rate bereits eingeräumt habe; 
unmöglich dürfe er die Gewissen der Seinen beschweren. 
Sofort versicherte der Kaiser, dafs er sich in allem christ- 
lich verhalten und hinsichtlich des Trientiner Konziles 
nicht einmal den Papst ansehen wolle ; Gottes Ehre allein 
solle bedacht werden. Niemand werde Ursache zur Klage 
haben, und auch der Kurfürst möge ihm vertrauen. Dieser 
jedoch erklärte, dafs er nur das, was der heiligen Schrift 
gemäfs sei, bewilligen könne und nichts anderes. 

Indessen wurde Moritz neben Brandenburg und Pfalz 
im Kurfürstenkollegium wie die übrigen Protestanten in 
den beiden anderen Kollegien von den Altgläubigen mehr- 
fach überstimmt. Bald konnte der Kaiser dem Papst 
anzeigen lassen, dafs die Stände des Reiches sich dem 
Konzile zu Trient unterworfen hätten. Anfangs November 
reiste der Kardiualbischof von Trient Christof Madrucci 
nach Rom, um im Namen des Kaisers und Reiches die 
Zurückverlegung des Konzils von Bologna nach Trient 
zu fordern. 

Der Gedanke, dafs die Wiederaufnahme der Konzil- 
geschäfte sich lange verzögern und die Entscheidung in 
Religionssachen erst nach Jahren erfolgen könne, veran- 
lagte den Kaiser, darauf bedacht zu sein, den kirchlichen 
Verhältnissen in Deutschland einstweilen (interim) „Mafs 
zu geben". 

Die ersten Andeutungen zu diesem Interim enthielt 
bereits die Reichstagsvorlage ; aber erst im November 
trat das kaiserliche Vorhaben mehr in den Vordergrund. 
Wie andere Reichsfürsten, so hielt es auch Kurfüi'st 
Moritz für christlich und gut, Mittel und Wege zu finden, 
welche dem religiösen Zwiespalte im Reiche Einhalt thim 
möchten; er wollte aber unter keinen Umständen dem 
Kaiser die Sache vor irgend welcher offenen und näheren 
Erklärung anheimgeben. Mit rechtem Nachdrucke sprach 
er aus, dals man nicht aus den Grenzen des Reichsab- 
schiedes von Speier 1544 schreiten dürfe, wo die Be- 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 201 

Avilligimg eines allgemeinen, freien und christlichen Kon- 
ziles als der beste und äulserste Weg zur religiösen Ver- 
ständigung angesehen worden sei. Allein die Mehrheit 
des Kurfürstenkollegiums entschied sich ohne weiteres 
dafür, den Kaiser um seine Erklärung anzugehen, wie 
er dem religiösen Zwiespalte im Reiche abzuhelfen ge- 
denke. Etliche Male entwickelte der Kurfürst seine 
Ansicht dahin, dafs jede Änderung in der Religion vor 
der Entscheidung eines allgemeinen, freien und christlichen 
Konziles oder einer Nationalversammlung Unruhe, Auf- 
stand und Empörung in Deutschland hervorrufen und be- 
sonders den gemeinen Mann in der Meinung bestärken 
werde, dafs der Kaiser den letzten Krieg gegen den 
evangelischen Glauben geführt habe. Auch gab er den 
guten Rat, man möge sich mit den Zusicherungen be- 
gnügen, dafs die Stände der augsburgischen Konfession 
auf alle Neuerungen vor der Hand verzichten, keine 
Wiedertäufer und lästigen Sekten dulden, keine Bücher 
religiösen Inhaltes ohne Bewilligung der Landesfürsten 
oder ohne Prüfung durch gelehrte Geistliche veröffent- 
lichen, keine Scheltworte auf den Kanzeln und keine 
unnötigen Disputationen zulassen, keine Kloster- oder 
Stiftsgüter angreifen sollten etc. Indessen der Kurfürst 
blieb mit seinen Gesinnungsgenossen in der Minderheit. 
Die Mehrheit der Eeichsstände, vor allem das Fürsten- 
kollegium, überliefe es dem Kaiser, einstweilen religiöse 
Ordnung im Reiche zu treffen. 

Im Zusammenhang damit stand die Frage über die 
geistlichen Güter und über die bischöfliche Jurisdiktion. 
Auch da wollte Kurfürst Moritz Duldung für alle be- 
stehenden Verhältnisse bis Ende des Konziles oder der 
Nationalversammlung ; denn der Ertrag von den Klöstern 
und geistlichen Gütern werde zur Unterhaltung der Kirchen 
und Schulen, zu Stipendien und anderen milden und nütz- 
lichen Zwecken verwendet. In dieser Sache wurde er 
nicht nur vor dem Kaiser ernstlich vorstellig, sondern er 
beauftragte auch den Kardinalbischof von Trient vor 
seiner Abreise nach Rom, dafe er den Papst um Nach- 
sicht und Geduld, um Begnadigungen und Privilegien 
bitte, damit vorläufig jedermann unangefochten bleibe'**). 



*'*) Während des Reichstages trat Moritz iiiclit nur iiiil dem 
Kardinal ('liristof von Trient, sondern ancli inii dem Kardinal Ottci 
von Augsburg in ein näheres Verhältnis. Den Sühn Karls iil. von 



202 S. IMeib: 

Entschiedene Verwahrung legte der Kurfürst vor 
Kaiser und Reich gegen die Bischöfe von Meilsen und 
Naumburg ein, als sie im Fürstenrate Sitz und Stimme 
beanspruchten ^''). Klar erwies er, dals sie seit langer Zeit 
nicht mehr für freie Reichsstände gehalten, sondern in 
Reichssachen durch den weltlichen Schutzfürsten ver- 
treten worden seien. 

Bekannt sind weiter die Bestrebungen des Kaisers, 
einen neuen Bund, ähnlich dem alten schwäbischen, zu 
begründen und möglichst auszudehnen. Alle Reichsstände 
Avurden aufgefordert beizutreten. Kurfürst Moritz -'*) wurde 
ganz besonders umworben und in die kaiserlichen Pläne 
hineingezogen; doch war er entschlossen, sich nicht all- 
zuweit einzulassen, weil er die sichtlich angestrebte Be- 
vorzugung der geistlichen Stände und die Hinzuziehung 
der burgundischen Länder, die leicht in einen Krieg mit 
Frankreich verwickeln konnten, für bedenklich und ge- 
fährlich hielt. Mutig suchte er zu verhüten, dafs der 
neue Bund die landesfürstliche Gewalt oder die alte Erb- 
einiguug der Häuser Sachsen, Brandenburg und Hessen 
oder die Vorzüge des sächsischen Rechtes und viele andere 
Privilegien beeinträchtige. In anderen Punkten, Avelche 
den Landfrieden, das Kammergericht, die Polizeiordnung '-^), 
die Türkenhife etc. betrafen, schlois er sich im ganzen 
den allgemeinen Kundgebungen an. Bei der Beratung 
über die „Reichsanschläge" (Reichssteuer) aber forderte 
er volle Berücksichtigung der neuen sächsischen Landes- 
verhältnisse. 

Nachdrücklich widersprach er auiserdem einem auf 
Anregung des Kaisers von mehrei-en Reichsständen ein- 
gebrachten Vorschlage über eine allgemeine und bestän- 



Savoyen, Eraaimel Philibert, unterstützte er beim kaiserlichen Hofe 
in Angelegenheiten seines Hauses und verdiente sich den Dank des 
Vaters. Loc. 8498, Allerlei Eürstenbriefe etc. Bl. 22; v. Langenu, 
Christof von Carlowitz S. 165. 

>3) Loc. 10186, Propositiou zu Augsburg 1547—1548 Bl. 323, 
9141, Chui'fürstlich-sächsische Handlung etc. — Der Kurfürst besorgte, 
dafs sich nach dem Beispiele der Bischöfe etliche Grafen und die Ver- 
treter der Äbtissin von Quedlinbiirg auf dem Keichstage einfinden 
würden. 

20) Loc. 9141, Churfürstlich sächsische Handlung etc. Bl. 36. 

^^) Eingedenk der Laudtagsverhandlungen stellte Moritz den 
Antrag, dafs uneheliche Kinder von allen Ritterlehen, sowie von der 
Ehre des Schildes, Helmes und Dienstes ausgeschlossen werden sollten. 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 203 

(lige Reiclismünze ■-■-). Zwar war er völlig davon über- 
zeugt, dafs die deutschen Münzverliältnisse kaum trauriger 
sein konnten und eine zweckmälsige Neuerung höchst 
wünschenswert erschien ; der Reforraentwurf jedoch war 
wenig günstig, und die Annahme desselben mulste zweifel- 
los die gute sächsische Münze, sowie den gewinnreichen 
sächsischen Bergbau, den blühenden Handel und gewerb- 
lichen Verkehr hochgradig benachteiligen. Überdies durfte 
der Kurfürst zufolge alter herkömmlicher Verpflichtungen 
ohne Wissen und Willen seiner Landstände keine Münz- 
veränderung vornehmen. Grund genug für ihn, um nach 
Kräften in der Opposition gegen die erörterten Münz- 
vorschläge zu verharren und den Reichsständen seinerseits 
die Annahme des sächsischen Münzwesens angelegent- 
lichst zu empfehlen -••). 

Der vorsichtigen Natur des jugendlichen Kurfürsten 
entsprach es, wenn er Ende November vom Kaiser einen 
mehrwöchentlichen Urlaub erbat, um in der Heimat seine 
Räte und die vornehmsten Vertreter seiner Landstände 
über die wichtigsten Punkte der kaiserlichen Vorlage um 
Rat zu fragen. In den letzten Dezembertagen -^) Avaren 
seine Vertrauten um ihn in Torgau versammelt und er- 
klärten sich einhellig einverstanden mit seiner bisherigen 
Haltung auf dem Reichstage. Freimütig ermunterten sie 
ihn, auch ferner ohne Wanken den Standpunkt zu be- 
haupten, den er in der religiösen Frage eingenommen 
habe. Nur ein freies, christliches und unparteiisches Konzil 
in deutscher Nation oder eine Nationalversammlung sollte 
er bewilligen-'*). Da die Religion Gottes Ehre, den lieiligen 



22) Loc. 1018fi, Proposition und Roichstaii: zn Anasimrff 1547 
bis 1548 Bl. 29; 9141, Churfürstlicli sächsische Handluni? I.'i47 \\\. -.W, 
28, 67 flg. — Am 27. Oktober berieten die erfahrensten s<ächsischen 
Räte in Oschatz über das Münzwesen. Alles lief daranf hinans: 
Gnte Münze lielebe Handwerk, Handel und Üergbau, sclilrchte >Münze 
schädige den Verkehr und alle staatlichen und volkswirtschaftliclicn 
Verhältnisse ; sie l)eeinträchtigc das füi'stliche Einkommen und treffe 
Kapital, Zinsen und Renten. 

-") Schlierslich zeigte die Reichstagsiiiehrheit Noiguntr dafür, 
dafs die Keiclismüiizen nach säcjisischem Korn gcscliliigun werden 
sollten. König Ferdinand wollte sich mit Kurfürst Moritz, dem Krz- 
bischof von Salzburg und dem (irnfen von Mansfeld verbinden; allein 
die anderen J^ergwerksherren kämiiften dagegen an. 

-^) Loc. 9141, Churfürstlich sätihsische Handlung etc. 1547 Bl. 14, 
Torgau, 27. JJezember. 

-•'') In Folge dessen verlangte der Kurfürst von den Witten- 
berger Theologen ein „Bedenken des Konzils halben". 



204 S. ITsleib: 

christliclien Glauben und der Seelen Seligkeit betreife, 
so müsse man zuletzt Gott mehr als der weltlichen Obrig- 
keit gehorchen. Unter keinen Umständen sollte er eine 
kaiserliche Ordnung annehmen, welche „mittlerweile" bis 
zur Entscheidung des Konziles oder der Nationalver- 
sammlung die kirchlichen Verhältnisse regeln wolle ; denn 
im sächsischen Lande werde die reine Lehre nach der 
heiligen Schrift gelehrt und gepredigt, und der Kaiser 
habe sowohl dem Kurfürsten als auch den Landständen 
die schriftliche Zusage gegeben, dals sie bis zum Konzil 
bei ihrer christlichen Religion bleiben sollten. Ingleichen 
sei jeder Veränderung in Betreff der geistlichen Güter 
und Jurisdiktion vorzubeugen. Kein kaiserliches Bündnis 
sei anzunehmen, welches die alten Erbeinigungen und die 
Verträge mit den Nachbarfürsten aulser Kraft setze 
und viele andere schwierige Verhältnisse mit sich bringe. 
Mit guten Gründen widerriet man, der vorgeschlagenen 
Münzordnung zuzustimmen oder dem vom König Ferdinand 
und dem Erzbischof von Salzburg angeregten Münzverein 
beizutreten. Als vollständig berechtigt erkannte man den 
kurfürstlichen Protest gegen die Bischöfe von Naumburg 
und Meilsen wegen des Sitzes im Fürstenrat an. Hin- 
sichtlich der „Reichsanschläge" stimmte man der kurfürst- 
lichen Forderung um billige Berücksichtigung der neuen 
sächsischen Landesverhältnisse zu, damit die Reichslasten 
gleichmälsig verteilt würden. Offen tauschte man die 
Meinungen aus über den mit den Ernestinern begonnenen 
Liquidationshandel, über die gegen das geächtete Magde- 
burg einzuschlagenden Maisnahmen und über alle übrigen 
Landesangelegenheiten. Lisofern der Kurfürst seine wei- 
teren Schritte nach dem Gutachten seiner Vertrauens- 
männer richtete, hatten die Beratungen in Torgau an- 
sehnliche Bedeutung. 

Als Kurfürst Moritz abermals genaue Verfügungen 
über die Regierung seines Landes am 21. Januar 1548 
in Torgau -'^) getroffen und die Theologen angewiesen 
hatte, sich für ein Kolloquium auf dem Reichstage be- 
reit zu halten, reiste er wiederum nach iVugsburg. 
Dort setzte zunächst der Kaiser nach eingeholter Zu- 
stimmung der Kurfürsten-') die feierliche Belehnung 



^^) Loc. 10041, Kurfürst Moritz heimg-elassene Instruktion etc. 

2') Loc. 9B07, Wie Kurfürst Moritz zu Sachsen mit der Kur 
belieben etc. 1547 — 1.548. Über die Belehnungsfeicrlicbkeit selbst 
siehe v. Langenn, Moritz, Herzog und Kurfürst von Sachsen I, 389. 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 205 

Moritzens zur Verlierrlichnng seines (des Kaisers) Ge- 
burtstages auf den 24. Februar an. Öffentlich unter 
freiem Himmel wurde der wichtige Akt in aller Förmlich- 
keit würdig und prunkvoll vollzogen. Vorher vereinbarte 
man, dafs das Burggrafentum Magdeburg und das Grafen- 
geding zu Halle in herkömmlicher Weise an Moritz ver- 
gabt werden solle unter der Bedingung, dafs er ernst- 
lichen Fleils auf die Vollziehung der gegen Magdeburg 
ausgesprochenen Acht verwende. Sein Bruder, Herzog 
August, sollte hinsichtlich der Anwartschaft auf die Kur- 
würde und auf alle anderen damit verbundenen Reichs- 
lehen und Regalien den Söhnen und dem Bruder Johann 
Friedrichs vorgezogen werden ; doch hatte er Verzicht auf 
die weltliche Verwaltung des Bistums Merseburg zu 
leisten. Beiden Brüdern und ihren Nachkommen gewährte 
der Kaiser das Schutzrecht über die Stifter Meifsen, 
Merseburg und Naumburg ; aber sie sollten die Bistümer 
als Reichslehen bei ihren Privilegien lassen und die Stifts- 
güter von den Bischöfen zu Lehen nehmen-^). Eine Ent- 
scheidung über die Rechte der Ernestiner auf die sächsische 
Gesamtlehnschaft behielt er sich bis auf weiteres vor; 
ihren neuen Lehnsbrief sollten Moritz und xA.ugust vor 
der Ausfertigung einsehen und begutachten dürfen. Zuletzt 
wurde Moritz ersucht, sich in Rücksicht auf die ansehnliche 
Begabung und bevorstehende Belehnung der ihm einst 
verschriebenen kaiserlichen Jahrespension zu entäulsern^''). 
Im Hauptlehnsbriefe vom 24. Februar mit dem goldenen 
SiegeP*^) bestätigte der Kaiser, dais er Moritz und August 
mit der Kurwürde, dem Kurfürstentum, dem Erzmarschall- 
amte, dem Herzogtum Sachsen und den anderen Fürsten- 
tümern, Grafschaften und Herrschaften im Beisein von 
fünf Kurfürsten und vielen geistlichen und weltlichen 
Fürsten des Reiches „öffentlich in der kaiserlichen Ge- 
zierde unter den Fahnen" belehnt habe^^). Er erkannte 



2**) Bald beschAverte sich liiscliof Johann von Mcifscn üher die 
Einschränlanig" seiner Anitshandhuii;- nnd Lehnsfreihcit etc. Loc. 10186, 
Eeichstagshäudel zu Augsburg 1547 — 1548 Bl. (iö. 

~^) bas Original der kaisei'liclien Ycrschreibung durfte er gegen 
Ausstellung eines Reverses elirenhalber belialten. Siehe Georg 
Voigt, Moritz von Sachsen 1541 — 1547 S. 5(?. 

3") Dresden, Urkunde 11339, Loc. 10186, Reichstagshändel zu 
Augsburg 1547 — 1548 El. 35, 46, 55. 

^^) Moritz forderte nun, .loliann Friedrich solle zur Herausgabe 
aller Urkunden über die sächsische Kur, insonderheit der goldenen 
Bulle angehalten werden. 



206 S. IMeib: 

die Erbansprüclie beider auf alle ernestinisclien Be- 
sitzungen an; behielt sich jedoch die Entscheidung über 
die Rechte der Vettern auf das sächsische Gesamtlehen 
ausdrücklich vor. .. Im Mai stimmten die fünf Kurfürsten 
urkundlich der Übertragung der sächsischen Kur auf 
Moritz und seinen Bruder samt der Nachkommenschaft 
bei. Der Erzbischof von Mainz jedoch beanspruchte einen 
Revers, welcher ihm die geistliche Gerichtsbarkeit und 
Obrigkeit über Erfurt und andere thüringische Orte 
sicherte. Ein kaiserliches Dekret vom 28, Mai verfügte, 
dals die Grafen von Schwarzburg ihre Lehen beim Kur- 
fürsten von Sachsen suchen sollten, und ein oifener Brief 
von demselben Tage gab allen Reichsständen die feierliche 
Belehnung Herzogs Moritz mit der sächsischen Kurwürde 
kund. 

Inzwischen waren die Reichstagsverhandluugen lang- 
sam vorwärts geschritten, und die Religionsfrage hatte 
sich aller Gemüter bemächtigt'*"). Die kaiserliche Sendung 
nach Rom war milsglückt und hatte einen offenen Bruch 
zwischen den beiden höchsten Gewalten der Christenheit 
veranlalst. Um so eifriger falste der Kaiser das nächste Ziel 
ins Auge, den religiösen Zustand des Reiches einstweilen 
so zu gestalten, dafs alle deutschen Stände bis zur Ent- 
scheidung des Religionsstreites auf dem Konzile „gottselig 
und christlich nebeneinander leben" könnten; denn ohne 
einige Vergleichung in der Religion sei kein äulserlicher 
beständiger Frieden zu machen. Im Januar 1548 baten 
ihn die Reichsstände, Mittel und Wege dazu anzuzeigen ■^'^). 
Darauf trat er mit dem Antrage an sie heran, eine kleine 
Zahl geschickter, erfahrener und gottesfürchtiger Personen 
zu wählen, die vor seiner selbständigen Entscheidung 
nochmals mit etlichen der Seinen beraten sollten. Die 
geistlichen Kurfürsten und die altgläubigen Fürsten waren 
dafür, dals man dem Kaiser alles anheimstelle, während 
die protestantischen Kurfürsten und Fürsten sich zur 
Wahl geeigneter Personen bereit erklärten. Durch die 
Mehrheit aber gedrängt, änderten sie schliefslich ihre 
Meinung und gaben an, es sei ihnen auch recht, wenn der 
Kaiser die Personen selbst wähle. In Folge dessen bildete 
Karl V. im Februar wii'klich einen Religionsausschuls 



^-) Ranke V, 25. Vergl. Georg Beutel, Über den Ursprung 

des Augsburger Interims (Dissertation 1888). 

3^) Loc.^101 86, Propositiou zu Augsburg 1547—1548 Bl. 283, 287 flg. 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 207 

aus Männern beider Parteien; allein der Versuch, sich 
zu verständigen, milslang. Auf Rat sehies Bruders 
Ferdinand wählte nun der Kaiser drei Männer, Julius 
Pflug, Bischof von Naumburg, Michael Heiding, W'^eih- 
bischof von Mainz, und Johannes Agricola, Hofprediger 
Joachims II. von Brandenburg, welche seinen kirchen- 
politischen Plan verwirklichen und den gangbaren Mittel- 
weg zwischen Katholiken und Protestanten ohne Schädi- 
gung der Hierarchie auffinden sollten. 

Julius Pflug, welcher dem Kaiser nach dem schmal- 
kaldischen Krieg eine politisch - kirchliche Denkschrift 
überreicht hatte, zeichnete die Grundzüge des Entwurfes 
auf und suchte als altgläubiger Bischof in evangelischen 
Landen die Interessen beider Religionsparteien mafsvoll 
abzuwägen. Seine beiden Helfershelfer bemühten sich, 
ihn nach der einen oder anderen Seite hin zu unterstützen. 

Bei allen früheren ausgleichenden Versuchen Avar es 
den Protestanten immer darauf angekommen, ihre Auf- 
fassung von der Rechtfertigung, vom Abendmahl, von der 
Priesterehe und von einigen anderen Punkten zu behaupten. 
Dem mufste auch jetzt Rechnung getragen werden. Da- 
her verwiesen die drei kaiserlichen Bevollmächtigten ohne 
weiteres die Priesterehe und das Abendmahl unter beider- 
lei Gestalt auf das Konzil. Die Lehre aber vom 
Sündenfall, von der Rechtfertigung, von der Kirche, von 
den Sakramenten und von den Ceremonien zogen sie in 
den Bereich ihrer Arbeit. Obgleich sie in allen Punkten 
die protestantische Anschauung berücksichtigten, so zeigte 
doch schlielslich der Entwurf so ziemlich die alte Kirche 
mit ihrem Glauben und Gottesdienst. Die Durchsicht 
und Prüfung vollzogen der kaiserliche Beichtvater Soto, 
der Spanier Malvenda und der Hofprediger König 
Ferdinands =^^). Alsdann legte der Kaiser den Entwurf 
Mitte März den protestantischen Kurfürsten i m G e h e i m e n 
zur Durchsicht und zur Annahme vor. 

In der festen Überzeugung, dals das Interim 
für alle Reichs st an de Geltung haben sollte, nahmen 
die Kurfürsten von der Pfalz und Brandenburg den 
„einstweiligen Ratschlag" an ; Kurfürst Moritz aber ver- 
hielt sich ablehnend. Eingedenk der letzten Beratungen 



■■''•) Das Buch war ähnlich der Sclnifl, welche der Kaiser auf 



dem Reichstag- zu Augsburg 1541 vorlegen liels. 



208 S. Ifsleib: 

mit seinen Vertrauten in Torgau wies er die vorgelegte 
Einigungsformel zurück und wollte sich auf nichts ein- 
lassen. Da luden ihn die beiden genannten Kurfürsten 
auf Befehl des Kaisers und Königs zu sich ein und nötigten 
ihn im Beisein etlicher Räte zu einer vertraulichen Aus- 
sprache. Man hat dann mehrere Tage ernstlich ver- 
handelt"'^}. Moritz zeigte an, dals die ßeligionssache nicht 
mir ihn, sondern auch seine Unterthanen betreffe; ohne 
Rat seiner Theologen und ohne Zustimmung seiner Land- 
stände könne er nichts bewilligen. Vor dem Kriege habe 
der Kaiser ihm in Regensburg durch König Ferdinand 
mündlich und später ihm und seinen Landständen schrift- 
lich zugesagt, dals er sie nicht von ihrer Religion ab- 
bringen wolle. Li Folge dessen habe er allen seinen 
Unterthanen versprochen, sie in ihrem christlichen Glauben 
zu schützen bis zur Entscheidung eines allgemeinen freien 
christlichen Konziles. Zwar willigte er ein, dals der 
kaiserliche Ratschlag verlesen werde, um Bedenken da- 
gegen zu erheben; doch sollte alles unverbindlich sein, 
die Beratung mit seinen Landständen behielt er sich vor. 
Darauf wurde ein Artikel nach dem andern besprochen. 
Als er zuletzt auf seiner Meinung bestand, dafs er die 
Formel nicht annehmen könne, sagten die beiden Kui'- 
fürsten: er müsse sie hier in Augsburg bewilligen, sonst 
verursache er grolse Zerrüttung im Reiche; denn das 
Interim solle „durchaus gehen" und von allen Ständen 
gehalten werden. Widersetze er sich der Annahme, 
so werde es ihm zu Ungnaden und seinem Lande zum 
Nachteil gereichen. Ungern wollten sie dem Kaiser von 
seiner Weigerung Anzeige erstatten. Alle Einwendungen 
gegen den Entwurf sollte er schriftlich zusammenfassen 
und vorlegen lassen, damit man sich darüber an Ort und 
Stelle vergleichen könne. Dieses Ansinnen lehnte Moritz 
ab, weil er und seine Räte der Sachen nicht kundig ge- 
nug seien; doch äulserte er unter anderem, dals Messe 
und Kanon mit der im „Vorschlage" aufgestellten Lehre 
von der Rechtfertigung im Widerspruch stünden, und dafs 
den Sakramenten, der Firmung und der Ölung zuviel 
Kraft zugeschrieben würde. Was er und seine Land- 



3'"') Loc. lOlSß, Reichstag-shändel zu Augsburg 1547—1548 Bl. 253 ; 
10297, Interim Augustanuin 1548 Bl. (S, 78, 223. Verhandhmgen am 
17., 19., 20. März, dann mit dem Kaiser am 24. März Bl. 257. Siehe 
Ranke, Zeitalter der lieformation VI, 276. 



Moritz vou Sachsen 1547—1548. 209 

stände mit Gott und gutem Gewissen tlmn könnten, das 
solle geschehen, vorausgesetzt, dafs das Interim von 
allen Reichs ständen bewilligt, angenommen und ge- 
halten werde. Für nötig und nützlich hielt er ein 
Religionsge sprach, zu welchem er gottesfürchtige und 
friedliche Gelehrte schicken wollte ■^''); die beiden Kurfürsten 
sollten es allen Ernstes beim Kaiser und König bean- 
tragen. 

Unmittelbar darauf stellte Moritz König Ferdinand 
vor, welche grolse Unruhen in Deutschland und auch in 
Böhmen entstehen würden, wenn man die Unterthanen 
von ihrem Glauben abbringen wolle, ohne vorher noch 
einmal verständige und gelehrte Theologen von beiden 
Parteien gehört zu haben. Allein der König war wenig 
zugänglich und liefs bald den Kurfürsten Melanchthons 
wegen verwarnen und sagen: der Kaiser sei mit dem- 
selben übel zufrieden, weil er gegen ihn geschrieben habe. 
Und da er noch nicht ausgesöhnt sei, so wäre zu besorgen, 
dals seine Auslieferung eines Tages befohlen werde. 
Darum erscheine es gut, wenn ihn der Kurfürst hinweg- 
brächte. Moritz nahm jedoch seinen Wittenberger Professor 
aufs beste in Schutz und liels dem König durch Dr. Fachs 
und Christof von Carlowitz versichern, dafs er gerade 
durch Melanchthon seine Kirchendiener in guter Zucht 
und Ordnung zu erhalten und eine Reformation zu er- 
möglichen hoffe. Überdies sei ihm bestimmte Nachricht 
überbracht worden, dals der Kaiser nach dem Kriege 
vorgehabt habe, ihn durch ein Stipendium zu gewinnen, 
um ihn über die strittigen Artikel der Religion zu hören. 
Dadurch sei er bewogen worden, dem Gelehrten in seinem 
Lande Geleit und Sicherheit zu gewähren. Keineswegs 
habe er besorgt, dals es nun dahin kommen werde. Der 
König möge Melanchthon beim Kaiser entschiildigen und 
ihn auch für seine Person auiser Verdacht lassen. 

Trotz dieser Verwendung gab doch der Kurfürst 
Befehl, dais Dr. Komerstadt den Wittenberger Professor 
einige Tage den Augen der Welt entrücke"). 



'"') Sofort gab erBefohl, dieWittenlierger Theologen Mclanclitlion, 
Kreuzig-er und Meier sollten mit Pt'eftinger aus Leipzig nach Zwickau 
eilen, damit sie Augsburg etwas näher seien, falls es zum lleligions- 
gespräch komme, oder falls er ihres Rates schleunigst bedürfe. 

"■'j Ehe die Weisung in Wittenberg anlangte, war Melanchthon 
mit den anderen Theologen a\if der Reise nach Zwickau. In liriefcn 
Komerstadfs an den Kurfürsten hiefs Melanchtlmn nur der „Mann". 

Neues Archiv f. S. G. u. A. XIII. 3. 4. 14 



210 S. Ksleib: 

Am 24, März wurde Kurfürst Moritz zum Kaiser 
befohlen und ihm in Gegenwart des Königs und der Kur- 
fürsten von Pfalz und Brandenburg durch den Vize- 
kanzler Dr. Seid eröffnet, dafs seine Weigerung, das 
Interim anzunehmen, befremde. Der Kaiser erinnere sich 
wohl, dafs er ihm und seinen Unterthanen zugesagt habe, 
die Eeligion nicht mit Gewalt oder mit dem Schwerte 
zu vertilgen, sondern auf gebührlichem Wege zu christ- 
licher Vergieichung zu bringen. Dieses Versprechen schliefe 
aber das Interim nicht aus; denn zum Teil habe sich 
seine damalige Zusage auf die Reichsabschiede bezogen, 
nach denen ein freies, ordentliches, christliches Konzil 
oder eine Nationalversammlung oder ein Reichstag christ- 
liche Wege zur Vergieichung seien. Nun hätten sich 
alle Stände auf diesem Reichstage über das Interim ver- 
glichen, weil sich das Konzil verzögern werde. Der Kaiser 
handle also seiner Zusage gemäls und ersuche den Kur- 
fürsten, der ihm erzeigten grofsen Gnade und Beförderung 
eingedenk zu sein, sich mit den Reichsständen zu ver- 
ständigen und keine Irrung im Reiche zu veranlassen. 
Friedfertigkeit werde ihm zu Ruhm, Ehre und allem 
Guten gereichen. 

Kurfürst Moritz wiederholte, was er vor wenigen 
Tagen den Kurfürsten von Brandenburg und Pfalz an- 
gezeigt hatte und beteuerte, dafs er ohne Rat seiner 
Gelehrten und ohne Bewilligung seiner Landstände keine 
Religionsveränderung zugestehen dürfe; er habe seinen 
Unterthanen zugesagt, sie in ihrer Religion bis zur Ent- 
scheidung durch ein allgemeines freies christliches Konzil 
zu schützen. Und da der Kaiser diese Zusage durch 
eine gnädige Zuschrift bekräftigt habe, so hätten sie sich 
im letzten Kriege gegen die kaiserlichen und königlichen 
Feinde gebrauchen lassen. Er bat um Urlaub, damit er 
ehrenhalber mit seinen Landständen über das Interim 
beraten könne. Für seine Person wollte er alles, was zu- 
lässig sei, bewilligen ; gleiche Nachgiebigkeit hollte er bei 
seinen Unterthanen voraussetzen zu dürfen, da sie stets 
bereit gewesen seien, dem Kaiser in allem, was ohne Ver- 
letzung der Gewissen möglich sei, Gehorsam zu leisten. 

Der Kaiser liels wiederholen, dafs er sich seiner Zu- 
sage und seiner Zuschrift wohl bewufst sei; weil aber 
alle Reichsstände in die Vergieichung durch ein 
Interim eingewilligt hätten, so wäre das ein christlicher 
Weg gemäls der Reichsabscliiede. Darum wünsche er, 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 211 

dafs der Kurfürst die übergebenen Vorschläge gutwillig 
annelime und keinen Zwiespalt verursache. Was alle 
Stände gutheifsen und thun würden, könne er nicht ver- 
Aveigern. Die Bedenken wegen seiner Theologen und 
Landstände seien zu verwerfen; im Reiche sei es also 
Herkommen, dals alle Unterthanen die Beschlüsse der 
Reichsstände halten müisten. Es verkleinere sein kur- 
fürstliches Ansehen, wenn er die Seinen um Rat an- 
gehen wolle, und für den Kaiser wie für die Reichs- 
stände sei es unleidlich, einen solchen Brauch auf- 
kommen zu lassen. Es scheine nicht geraten, die 
Theologen zu fragen, denn sie gerade hätten den Kaiser 
aufs Heftigste angegriffen; vor allem möchte Philipp 
Melanchthon, welcher schon Johann Friedrich in seinem 
Ungehorsam bestärkt habe, sich unterstehen, auch ihn zu 
verführen; er befehle, denselben zu überantworten. Der 
Kurfürst solle sich auch nicht von seinen Räten abhalten 
lassen, in das Interim einzuwilligen, sonst werde der 
Kaiser veranlafet, gegen diese vorzugehen. 

Moritz erklärte, dafs er das, was die Reichsstände ein- 
hellig bewilligten, nicht ändern könne. Da er aber die be- 
wulste Zusage seinen Unterthanen mit kaiserlicher Zustim- 
mung gethan habe, so liege die Sache für ihn ganz 
anders als für die anderen Kurfürsten und Fürsten, 
welche an kein Versprechen gebunden seien. Niemand ver- 
führe ihn, weder seine Theologen noch seine Räte. Er denke 
allein an seine Ehre ; denn was er zugesagt habe, das sei 
er schuldig zu halten. Obgleich er für seine Person, wie 
seine anwesenden Räte keine grolsen Bedenken gegen die 
Interimsvorschläge habe, wenn sie von allen Reich s- 
ständen einhellig angenommen würden, so wolle 
es ihm doch nicht gebühren, ohne Wissen seiner Land- 
stände zu handeln. Inständig bat er um Aufschub der 
Saclie und um gnädige Berücksichtigung seiner Ehre. 
In Ansehung seines bisherigen Gehorsams möge ihn der 
Kaiser zu keinem Schritte gegen sein Versprechen zwingen ; 
denn er könne sich zu nichts verstehen, wenn er nicht 
Treue und Glauben verletzen woUe. 

Indem er seine Theologen und besonders Melanchlhou 
in Schutz nalun, sagte er, dals in seinem Lande keine 
Angriffe gegen den Kaiser geduldet worden seien. Tief 
betrübe ihn, dals gerade Melanchtlion so sehr angeklagt 
erschehie. Der Kaiser möge die Anscbuldigungen nach- 
sichtsvoll beurteilen und genaue Erkundigungen enizii^hcn 

14* 



212 S. Ifsleib: 

lassen, vor allem des Buches halber, welches Philipp ge- 
schrieben haben solle. Vielleicht finde er dann, dals man 
zu viel berichtet habe^^^j. Hätte Johann Friedrich 
auf Melanchthon gehört, dann würde es mit ihm nicht 
so weit gekommen sein. Mit gutem Gewissen versicherte 
er, dals Philipp ein gottesfürchtiger, friedliebender und 
gelelirter Mann sei, der zu Wittenberg und in den Nach- 
barländern gute Zeremonien erhalten und Zwiespalt ver- 
hütet habe. Durch ihn gerade hoffe er eine christliche 
Vergleichung zu ermöglichen. Der glaubwürdige Bericht, 
dals der Kaiser ihn für ein Stipendium ausersehen, habe 
ihn bewogen, deu Gelehrten an sich zu ziehen. Uner- 
wartet erfahre er nun, dafs Melanchthon dem Kaisej- so 
zuwider sei. Nach der königlichen Warnung vor einigen 
Tagen habe er ihm anzeigen lassen, dals es schwer 
falle, ihn gegen den Kaiser zu schützen. Ob nun Philipp 
sich noch in seinem Lande aufhalte, wisse er nicht. Unter- 
thänigst aber ersuchte er den Kaiser um Nachsicht und 
Geduld. 

Als darauf der Kurfürst das kaiserliche Gemach ver- 
liefs , folgte König Ferdinand und verkündigte , dals 
er sich beim Kaiser für Melanchthon verwendet habe. 
In Augsburg solle man nun seiner nicht mehr gedenken, 
doch möge ihn Moritz in seinem Lande dulden; jedenfalls 
werde er sich wohl und recht halten. Um die Hauptsache 
aber, fuhr der König fort, komme der Kurfürst nicht 
herum; denn was alle Stände bewilligten, das 
müsse auch er annehmen. 

Nochmals eriimerte Moritz an die Zusage in Regens- 
burg, dafs er selbst dann nicht gefährdet werden solle, 
wenn auf dem Konzile ein, zwei, drei oder vier Artikel 
nicht verglichen werden könnten. Endlich einigte man sich 
daliin, dals der Kurfürst, wenn alle Reichs stände das 
Interim zugestehen würden, im Reichsrate keine Irrung durch 
offenen Widerspruch veranlassen,sondern seinerseits erklären 
wolle, dafs er zwar in dieser Sache seiner Unterthanen 
nicht mächtig sei, doch hoffe er, sie würden wohl ein- 
sehen, dals er den Beschluls aller anderen Fürsten und 
Stände nicht abändern könne. Damit war der König 
zufrieden, und der Kaiser schien die kurfürstliche Er- 



^^) Über dieses Buch handelt Gründlicher und wahrhafftiger Be- 
richt aller Ratschleg uud Antwort etc. Bl. 86. 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 213 

kläriing für eine vollkommene Einwilligung zu hallen. Der 
erbetene Urlaub zur Heimreise wurde verweigert. 

Während nun Karl V. die geistlichen Kurfürsten 
sowie die angesehensten geistlichen und weltlichen Fürsten 
um ihre Zustimmung zu dem Interimsvorschlag anging''"), 
liefs Kurfürst Moritz den Entwurf in aller Eile abschreiben 
und an Dr. Komerstadt schicken mit der Weisung, dafs 
Melanchthon und die andei'en Theologen ein Gutachten 
darüber abgeben sollten. 

Am 30. März^*^*) traf Dr. Komerstadt mit Philipp 
Melanchthon iii Altzella bei Nossen zusammen, wo der 
grofse Gelehrte den kaiserlichen „Ratschlag" über das 
Interim durchlas und einige Bedenken dagegen nieder- 
schrieb. Da Komerstadt das Gutachten „kurz und dunkel" 
fand, so dafs sich der Kurfürst und seine Räte in 
Augsburg nicht leicht darnach richten • könnten , so 
schrieb er selbst seine Bedenken, wie er meinte, ver- 
ständlicher als Melanchthon, nieder und gab sie ihm zu 
lesen. Dieser aber sagte, damit werde der Sache auch 
nicht geholfen, und sclmeb ein zweites Gutachten klarer 
und ausführlicher als das erste. Komerstadt prüfte das- 
selbe, fügte einige Bemerkungen hinzu und schickte alles 
zusammen über Zwickau^^) nach Augsburg. Im Begleit- 
schreiben führte er aus, dafs es nötig sei, sowohl die an- 
gesehensten Theologen als auch die vornehmsten Räte 
und Vertreter der Landstände schnell zu einer Beratung 
über den wichtigen Gegenstand zusammenzufordern, was 
dann für gut angesehen werde, das würden alle auch den 
Landständen gegenüber mit verantworten helfen. Dr. 
Philipp müsse auf alle Fälle dabei sein, weil die Theologen 
ohne ihn nichts thun oder zugestehen würden. Soviel er 
erkenne, sei Melanchthon der Ansicht, dals man in allem 



3") Am 26. März widersetzte sich Markg-raf Hans von Küstrin 
der Annahme des Interim und erinnerte gleichfalls an die kaiser- 
liche Zusage vor seiner Dienstbestallung, dafs er wie ütoritz bei seiner 
Religion bleiben solle. Endlich wollte er sich so verhalten wie alle 
anderen Stände der augsburgischen Konfession. 

•^0) Dresden, Loc. 10297, Interim Augustanum 1548 Bl. 58 flg. 
Melanchthon war damals mit den anderen Theologen auf der 
Reise nach Zwickau. In Altcuburg holte ihn ein Eilliote ein und 
meldete von der kaiserlichen Uagnade. Aufgefordert zog er mit ül)er 
Rochlitz nach Altzella, während die übrigen ihren Weg nach Zwickau 
fortsetzten. 

») Siehe Anm. 36 u. 40. 



214 S. Ifsleib: 

nachgeben solle, was man mit dem guten Willen der 
Unterthanen vergleiclieu könne; alles übrige möge man 
einem reclitscliaffenen Konzile anheimstellen. Niemanden 
solle man zwingen, sonst würden grolse Unruhen, Ge- 
fahren und Verfolgungen entstehen^-). Melanchthon er- 
biete sich, zur Einigkeit zu raten und mehr nachzugeben 
als irgend ein anderer, damit der Friede erhalten bleibe. 
Viel lieber wolle er sterben als die Ursache zu Zwiespalt, 
Aufruhr und Kampf sein. 

Von Altzella fuhi- Komerstadt mit Dr. Philipp nach 
Meifsen und liels ihn von da nach Wittenberg zurück- 
ziehen*'^). Der Gelehrte war sehr traurig und bekümmer- 
ten Gemütes. Das Buch über das Interim wollte ihm 
gar nicht gefallen; je länger er darüber nachdachte, um 
so trüber sah er die Sache an. Wenn man dagegen 
schreibe, klagte er, werde eine grofse Disputation erregt, 
und wenn man es mit Gewalt einführe, sei das grölste 
iJbel zu besorgen. Komerstadt wünschte, dals der Kur- 
fürst einen Trostbrief an Philipp schreiben lasse, damit er 
nicht allzu niedergeschlagen bleibe. 

Sobald Kurfürst Moritz den Vorschlag seines treuen 
Rates gebilligt hatte, berief Komerstadt die Theologen, 
welche in Zwickau weilten, samt Melanchthon und einige 
weltliche Eatgeber nach Altzella. Mit Eeclit meinte er, 
die Theologen würden weniger furchtsam und bedenklich 
sein, wenn Männer wie der alte Georg von Carlowitz und 
andere bei ihnen wären. Der Kaiser sollte von dieser 
Zusammenkunft in Kenntnis gesetzt werden, weil sie doch 
nicht ganz geheim bleibe ; besser sei es, man wisse davon, 
dann habe die Sache kein böses Ansehen, und man ver- 
meide allerlei Furcht und Argwohn. 

Von Annaberg aus schrieb Komerstadt in jenen Tagen 
an den Kurfürsten: er habe gesehen, dafs die Bergleute 
die Hände emporgehoben und Gott gebeten hätten, er 
Avolle ihren Landesherrn bei seinem heiligen Worte er- 



*2) Viele Prediger würden in die See- und sächsisclien Städte 
flüchten und „ein mächtig Geschrei erheben, man sei von der wahren 
üeligiou abgefallen". 

■*^) Unterdessen war die Nachricht vom 25. März aus Augsliurg 
eingelaufen, dafs Moritz zufolge königlicher Verwendung den Gelehrten 
in seinem Lande dulden dürfe. Demnach ist Melanchthon gar nicht 
in Sicherheit gebracht worden. AVährend der ßeise von Wittenberg 
nach Zwickau wurde er in Altenburg aufgefordert, zu Komerstadt 
nach Altzella zu kommen etc. 



Moritz von Saelispii 1547—1548. 215 

halten und ihm gnädig beistehen. Darum sei es nötig, 
mit Rat und Willen der Unterthanen, besonders der Ge- 
lehrten und Vornehmsten der Landstände die wichtige 
Sache zu verhandeln. 

Vom 19. bis 24. April fanden die Beratungen über 
die kaiserlichen Vorschläge zum Interim in Altzella statt ^*). 
Die Theologen*'') gaben zu, dals viele Ungleichheit in 
den Kirchen der evangelischen Länder herrsche und eine 
Einheit wahrhaft uotthue; aber sie hielten die Interims- 
frage für so wichtig, dafs man nichts übereilen dürfe und 
alle Stände der augsburgischen Konfession um Rat fragen 
müsse ; es handle sich um Gottes Ehre und um das Seelen- 
heil der Menschen. Ohne Neigung zu Streit und Zank 
schritten sie an ihre Aufgabe; je tiefer sie jedoch ein- 
drangen, um so mehr überzeugten sie sich davon, dafs 
man mit grofser Vorsicht zu Werke gehen müsse. Das 
„augsburgische Buch" erschien ihnen nicht leicht ver- 
ständlich und voll verborgener List. Kaum wollten sie 
es wagen, dem Kurfürsten einen Rat zu erteilen. Man 
war sich dessen wohl bewufst, dafs an seiner Antwort 
vor Kaiser und Reich viel gelegen sei; offen sprachen sie 
aus, dafis alle Nationen auf ihn sehen würden ^'^). Trotz 
rühmlicher Mäfsigung zeigten sie doch soviel Mannesmut, 
dafs sie gleich an dem Lehrstück von der Rechtfertigung 
starken Anstofs nahmen. Wer möchte es ihnen verargen, 
wenn sie erklärten : es sei ein listiger Betrug , indem 
man sage, der Glaube sei eine Vorbereitung zur Gerechtig- 
keit, darnach sei der Mensch gerecht durch die Liebe, 
durch eigne Tugenden und durch gute AVerke etc. In 
solcher Fassung verwarfen sie den Lehrsatz rundweg; 
denn niemand solle und düi^fe das Evangelium vom Glauben 
ändern, wodurch Christi Verdienst erniedrigt werde. 
Duldsam gegen den Artikel über die Kirche und den 
Papst wollte man selbst den Bischöfen gehorchen, weini 
sie die alten Mifsbräuche nicht wieder einführen würden. 
Mafsvoll erwies man sich gegen die sieben Sakramente, gegen 
viele Zeremonien und Feste , auch gegen die Fasten und 



") Gleichzeitig wurde in Freiberg die Münzfrage erörtert. 

''•^) Kaspar Creuziger, Georg Meier, Joliann Pfefflnger, Philipp 
Melanchthon. 

'"*) Moritz war jetzt Tjandcsherr von Wittenberg, der Heimat 
des Protestantismus ; deshalb mufsteu die lilicke der gesamten evan- 
gelischen Welt auf ihn gerichtet sein. 



216 S. Ifsleib: 

gegen andere kirchliche Ordnnngen. Mit aller Entschieden- 
heit aber bekämpfte man den gesamten Heiligendienst, 
die Seelen- und Privatmesse und alle öffentlichen Miis- 
bräuche. Nicht mit Unrecht bemerkte man, dais äufser- 
liche Zeremonien das gemeine Volk heftiger aufregten als 
unsichtbare Dinge; selbst gottesfürchtige Leute würden 
daran schweren Anstofs nehmen und schlielslich im Herzen 
Widerwillen gegen die Religion überhaupt empfinden. 
Es drängte sich den versammelten Theologen die Über- 
zeugung auf, dafs der Entwurf zum Interim ein „geflicktes 
Ding" sei, welches Gutes und Böses durcheinander menge 
und mit Sophisterei spiele, gleich als handle man mit 
Kindern, die es nicht merken könnten. Um die Verant- 
wortung der wichtigen Angelegenheit nicht ganz auf sich 
zu laden, baten sie den Kurfürsten, er solle sich mit dem 
Kurfürsten von Brandenburg in Einvernehmen setzen und 
auch den Fürsten Georg von Anhalt, sowie Dr. Eisleben 
(Agricola), Sturm und Bucer um ihre Meinung fragen. 

Die weltlichen Ratgeber ersuchten den Landesherrn 
um einen Befehl an die Theologen, dais sie alle Artikel, 
welche der göttlichen Schrift entgegen seien und ge- 
ändert werden mülsten, zusammenstellen sollten. Dann 
möge er allen Eleils darauf verwenden, dafs diese unver- 
glichenen Artikel durch Religionsgespräche, oder auf einer 
Nationalversammlung, oder auf einem allgemeinen Konzile 
erörtert, oder auch von den Theologen aller Stände der 
augsburgischen Konfession beraten und in einer einträch- 
tigen Schrift dem Kaiser überreicht würden zu dem Zwecke, 
dafs er die Vorschläge zum Interim mildern und mäfsigen 
lasse. 

Wohl von Komerstadt beeinflufst schrieb Melanchthon 
am 28. April jenen bekannten, offenbar bedauernswerten 
Brief an Christof von Carlowitz, in welchem er seme eigene 
Friedfertigkeit Luthers Streitlust entgegenstellte und klein- 
mütig den hohen Standpunkt, welchen er einst neben dem 
verstorbenen Freunde eingenommen hatte, aus den Augen 
verlor. 

Unterdessen hatten in Augsburg die kurfürstlichen Erz- 
bischöfe, die Bischöfe und die altgläubigen Fürsten dem 
Kaiser erklärt, dafs die Schrift über das Interim, abgesehen 
vom Abendmahl und der Priesterehe, den christlichen Lehren 
im ganzen entspreche, aber es sei unnötig, dieselben den 
Reichsständen insgesamt vorzulegen; sie selbst wollten 
bei ihrem Glauben bleiben. Der Kaiser sollte die Gewissen 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 217 

der katholischen Stände nicht besdnveren, sonst sei Auf- 
ruhr, Empörung und Abfall von der alten Religion zu 
befürchten, und man bekenne dann stillschweigend, dais die 
Abtrünnigen bis dahin unbillig verfolgt worden seien. Es 
sei eine edle Aufgabe, wenn er die anderen Stände be- 
wegen könne, von ihren Irrlehren, auch von der augs- 
burgischeu Konfession abzulassen und die Schrift ül3er 
das Interim anzunehmen und öffentlich zu bekennen. Aus- 
drücklich sei jedoch zu gebieten, dals kein Altgläubiger 
irgend welche Veränderung in seiner Religion vornehmen 
solle. Man sprach geradezu dem Kaiser die Befugnis 
ab, einstweilige Anordnung für die Katkoliken zu treffen. 

Augenscheinlich war des KaisersLage höchst schwierig ; 
denn nach allen voraufgegangenen Verhandlungen konnte 
er das Interim den altgläubigen Reichsständen nicht er- 
lassen, wenn er es den Protestanten auferlegen wollte. 
Schon mehrfach aber hatte er fast Unmögliches ermög- 
licht ; so schlug er auch damals ein ungewöhnliches Ver- 
fahren ein. 

Am 15. Mai nachmittags 3 Uhr^') versammelte er 
die Reichsstände in seiner Behausung. Sein Neffe, Erz- 
herzog Maximilian, sprach in seinem Namen einige ein- 
leitende Worte über das Interim und begehrte Gehör und 
Gehorsam. Darauf wurde die Vorrede des Buches als 
Vorlage verlesen. In kurzen Sätzen erinnerte sie an jene 
dem Kaiser dargebotene Heimstellung, in religösen Dingen 
einstweilen Mals zu geben, und bot einige, doch ziemlicli 
verhüllte Aufklärung über die Entstehung der Schrift. 
Dann wurden die Altgläubigen ermahnt, an den Ordnungen 
und Satzungen der allgemeinen christlichen Kirche treu 
und beständig festzuhalten; die Protestanten dagegen 
sollten entweder zum alten Glauben zurückkehren oder 
sich dem „Ratschlage" gemäls verhalten. x411en Ständen 
wurde es zur Pflicht gemacht, um des Friedens willen 
das Interim gutwillig zu dulden, es weder anzufechten 
noch dagegen zu schreiben, zu lehren oder zu predigen, 
sondern geduldig und gehorsam die Entscheidung des 
allgemeinen Konzils zu erwarten. Ohne Verlesung wurde 
die Annahme des Buches unverweilt verlangt. Der Kaiser 
und der König bliel)en auf ihren Stühlen sitzen, während 



Bl. 280 flg. 



") Loc. 10186, Keichstagshändel zu Augsburg 1547—1548 



218 S. Ifsleib: 

alle Stände im Saale nach Kollegenschaften zusammen- 
traten. Vor den Augen der Majestäten beriet man eine 
Stunde, und mancher Widerspruch wurde laut. Kurfürst 
Moritz erklärte seinen Mitkurfürsten, dals er nicht in 
das Interim einwilligen könne, sondern es aus Gründen, 
welche der Kaiser kenne, vorher seinen Landständen vor- 
legen müsse. Als man ihn nach längerer Gegenrede über- 
stimmte, unterliefs er zwar die öffentliche Protestation, 
doch beliielt er sich besondere Verwahrung vor dem 
Kaiser vor. Ganz aufgebracht war er darüber, dals 
das Interim nur für die Protestanten und nicht auch 
für die Katholiken Geltung haben sollte ^^). — Da kein 
Widerspruch offen durchdi^ang, so verkündigte zuletzt der 
Kurfürst von Mainz als Erzkanzler beiden Majestäten 
den Gehorsam des Reiches und bat um Zulassung der 
Abschrift des kaiserlichen „Ratschlages". Darauf zeigte 
Erzherzog Maximilian an, der Kaiser habe die Bewilligung 
der Stände in Gnaden angenommen und werde ihrer 
Bitte willfahren. Am folgenden Tage wurde das Interim 
in den drei Reichsräten verlesen und ohne Beratung und 
Umfrage abgeschrieben. 

Obgleich Moritz zufolge seiner Erklärung im Kur- 
fürstenrate gleich am 16. Mai eine förmliche Protestation 
gegen das Interim aufsetzen liefs ^^ ), so konnte er das Schrift- 
stück erst am 18, Mai dem Kaiser in der gewährten 
Audienz überreichen'^"). Mündlich wie schriftlich gab er 
seiner Verwunderung darüber Ausdruck, dals das Interim 
nur den Protestanten auferlegt werden solle. Ihm erschien 
das für seine Person höchst beschwerlich und in Rück- 
sicht auf seine Unterthanen ganz unverantwortlich. Dann 
werde das Interim, meinte er, nicht allenthalben ein ruhiges 
und friedliches Zusammen wohnen im Reiche begünstigen. 
Er wollte mit seinen Unterthanen die Schrift erAvägen 
und tlmn, was mit gutem Gewissen geschehen könne, so 
dafs der Kaiser befinden werde, man sei in seinem Lande 
zu Frieden, Ruhe und Einigkeit geneigt. 

Bereit, die übergebene Protestationsschrift zu er- 



■'*) Die Reformationsfonnel, welche der Kaiser nach dem Interim 
zur Beratung brachte, Avar für die katholische Geistlichkeit bestimmt. 

'1») Loc. 10297, Interim Augustanum 1348 Bl. 238, 241, 254 flg. ; 
10186 Reichstagshändel etc. Bl. 282 tig. 

^") Am 16. Mai bewilligte der Kaiser kein Gehör, am 17. ritt 
er sehr früh von dannen und kam erst ganz spät zurück. 



Moritz von Sachsen 1547—1548. 219 

wägen und zu beantworten, spracli der Kaiser sein Be- 
fremden darüber aus, dafs der Kurfürst mit der Absiebt 
urazugeben scbeine, sieb von den anderen Eeiclisständen 
zu trennen. 

"Während einer längeren Unterredung mit König 
Ferdinand wurde dann Moritz zu der Erklärung genötigt, 
dafs er sieb für seine Person, wenn er nicbt an die seinen 
Untertbanen gegebene Zusage gebunden sei, jnit dem 
Kaiser wobl zu vergleicben wissen werde. Diese Äufserung 
Wulste Karl V. ni der letzten Audienz am 24. Mai so 
zu deuten, als verzicbte Moritz auf seinen erhobenen Ein- 
spruch und sei für seine Person mit ihm ganz einver- 
standen'^^). Gleicbsam zur Beruhigung des Kurfürsten 
wurde der Nachweis geführt, dals die Schrift über das 
Interim fast durchweg bis auf die beiden Artikel über 
Abendmahl und Priesterehe mit der Lehre der altgläubigen 
Eeichsstände übereinstimme ; daher sei es unnötig gewesen, 
sie ihnen aufzuerlegen. Vor allem wisse nun jedermann, 
betonte der Kaiser mit Nachdruck, dals er die Religion 
nicht mit Gewalt ausrotten wolle, sondern eine friedliche 
Vergleichung mit Wissen und Willen aller Reichsstände 
suche. Er werde mit Wohlgefallen hören, wenn der Kur- 
fürst seinen Widerspruch völlig fallen lasse und seine 
Untertbanen zu schuldigem und billigem Gehorsam anhalte. 
Trotzdem Moritz seine Neigung zum Frieden und zum 
christlichen Vergleiche beteuerte, so behauptete er dennoch 
seinen früheren Standpunkt und blieb dabei, dals er ohne 
seine Landstände nichts bewilligen könne ; doch wollte er 
nach Möglichkeit darauf bedacht sein, dals man in allem, 
was vor Gott zu verantwoilen sei, dem Kaiser willigen 
Gehorsam leiste und jeden neuen Zwiespalt verhüte. 
Darauf sprach der Kaiser nochmals die Erwartung aus, 
dals der Kurfürst mit seinen Untertbanen dem Beschlüsse 
des Reichstages willig nachgehen werde. Zuletzt legte 
er ihm die Vollziehung der gegen Magdeburg ausge- 
sprochenen xVcht dringend ans Herz und gewährte den 
erbetenen Uilaub in die Heimat. 

Einige kurfürstliche Räte blieben zurück, um bis zum 



'ö^ 



•'■'*) In diesem Sinne spracli sich der Kaiser dann gegen Maik- 
s>Taf Hans von Brandcnbnrn-Kiistriii und andnrc Fürsten ans. Dresden 
Loc. 10:^97, Jnt. donicst. 1. Interim und Handlung- zu i\Ieifsen etc. 
Bl. 361. Markgraf Hans an Kurfürst Moritz, Küstriu, 26. .Juni 
1548 (Original). 



320 S- Ifsleib: Moritz von Sachsen 1547—1548. 

Schlüsse des Reichstages auszuharren. Die Müuzordnuug 
Avurde nicht erledigt'^^), und die neue Bundesordnung 
mufete vertagt werden. Dagegen wurde der allgemeine 
Landfrieden erneuert und die Besetzung des Kammer- 
gerichts dem Kaiser völlig anheimgestellt. Eine strenge 
Polizeiordnung gal) jeder Obrigkeit weitgreifende Rechte 
gegen Schmähschriften und billigte eine scharfe Zensur 
gegen Bücher und sonstige Drucksachen. Burgund oder die 
gesamten Niederlande erhielten als besonderer Kreis den 
Schutz des Reiches, ohne an die Ordnungen und Satzungen 
desselben gebunden zu sein'^-^). Die Stände bewilligten 
in der Hohe eines ganzen Römerzuges gemäls der Ab- 
schätzung von 1521 einen „Reichs Vorrat" oder eine Reichs- 
kriegskasse zur Sicherung des Friedens und der Ruhe im 
Reiche. Man gewährte aulserdem eine Unterstützung von 
500 000 Gulden zur Deckung der Reichsgrenze gegen die 
Türken. 

So setzte der Kaiser auf dem „geharnischten Reichs- 
tage" von 1547 — 1548 mehr durch als auf den früheren 
und rückte der Ausführung seiner grofsen Pläne bedeutend 
näher. Für die evangelischen Stände aber bildete es ein 
wahres Verhängnis, dals das Interim durch die Aufnahme 
in den Reichsabschied vom 30. Juni Reichsgesetz wurde. 



^^) Für alle Reichsstände, welche Münzregalien besafsen, wurde 
ein Münztag auf den 2. Februar 1549 zu Speier anberaumt. 

■'^) Der ßegent hatte Sitz und Stimme im Eeichsrate wie ein 
Erzherzog von Österreich. 



IX. 

Schweizer Solcltnippeu in kursächsisclien 
Diensten 1656—1681. 

Von 
A. von Welck. 



Die Mitte des 15. Jahrhunderts kann als der Zeit- 
punkt betrachtet werden, von Avelchem aus die Schweizer 
begannen, gegen Soldgewährung in ausländische Kriegs- 
dienste zu treten. Dals schon vorher und zwar bereits 
nach den glücklichen und ruhmvollen Kämpfen gegen 
Österreich im 14. Jahrhundert kriegs- und beutelustige 
Schweizer als „Reisläufer" unter fremden Fahnen ihr 
Glück suchten und dort mit Freuden aufgenommen wur- 
den, ist bekannt; aber es hatten diese Erscheinungen mit 
dem 150 Jahre später beginnenden Anwerben eidgenössi- 
scher „Kriegsvülker" auf Grund förmlicher Verträge 
noch nichts zu thun. 

Die erste Nation, welche sich die kriegerischen Vor- 
züge der Schweizer zu Nutze zu machen verstand, war 
die französische. Die Schlacht bei St. Jacob am 2G. August 
1444, in welcher 1900 Schweizer gegen das 30 bis 
40000 Mann starke französische Söldnerheer unter dem 
Dauphin kämpften und mit ihrem Blute die Rettung des 
Vaterlandes erkauften, liels Karl Vll. den Wert solcher 
Kriegertugend wohl erkennen, und nachdem er bereits 
durch den Frieden von Ensisheim (8. Oktober 1444) in 
nähere Beziehungen zu den acht Kaiiloiu'n getreten war, 
schlols sein Nachfolger, Ludwig XL, im Jahre 1474 einen 



222 A. von Welck: 

förmliclien Bundesvertrag mit ihnen ab, der den Charakter 
eines Offensiv- und Defensivbiindnisses trug^). 

Der König- verpflichtete sich in demselben , den 
Schweizern in allen Kriegen — namentlich gegen den 
Herzog Karl von Burgund — Hilfe zu leisten und ihnen 
jährlich 20000 Franken auszahlen zu lassen, Avohingegen 
die Eidgenossen sich anheischig machten, dem Könige so 
viele Mannschaften, als ihnen möglich sei, zur Verfügung 
zu stellen, falls sie nicht selbst in einen Krieg verwickelt 
seien. Jeder Mann sollte einen monatlichen Sold von 
4^/2 Rhein. Gulden erhalten. Die Zahl dieser Hilfstruppen 
wurde vorläufig auf 6000 Mann festgestellt. 

Noch in demselben Jahre, 1475, kam es auf Betreiben 
Ludwigs XI. — um der wachsenden Macht des Herzogs 
von Burgund ein Gegengewicht zu schaffen — zu einem 
Vertrage zwischen dem Hause Österreich und der Schweiz, 
welcher am 30. März zu Konstanz abgeschlossen wurde 
und die Bezeichnung der „ewige Friede" erhielt. Nach 
demselben „soll aller Groll abgethan, Handel und Wandel 
freigegeben, kein Teil den Feinden des andern Duichpals 
noch Aufenthalt gewähren, und in Kriegsfällen gegen- 
seitige Hilfe geleistet werden". 

Trotz dieser Verträge lag es zwei Jahre später den 
Eidgenossen allein ob, die mächtigen Schaaren des Herzogs 
von Burgund zu bekämpfen und dessen Macht in den 
Schlachten bei Granson, Murten und Nancy zu ver- 
nichten. 

Mit diesen Waffenthaten war aber auch der Kriegs- 
ruhm der Schweizer für alle Zeiten festgegrüudet und 
sie bildeten von nun an einen mächtigen und oft Aus- 
schlag gebenden Faktor in den Heeren der kriegführenden 
Parteien. 

Von den Festsetzungen des oben erwähnten Vertrags 
zwischen Frankreich und der Schweiz machte Ludwig XI. 
zum ersten Male im Jahre 1480 offiziellen Gebrauch, in- 
dem er von den Eidgenossen auf den Tagsatzungen von 
Luzern — im Februar und Juli 1480'-) — ein Hilfskorps 
von 6000 Mann verlangte und endlich auch zugestanden 



^) Staats- Archiv Bern: Bundbucli II, 45. Abgedruckt in der 
amtlichen Saiuralnng der älteren Eidgenössischen Abschiede (= E. A.) 
Bd. II Beil. 53. Eidgen. Erklärung d. d. 26. Oktober 1474; KönigL 
Erklärung d. d. 2. Januar 1475. 

-) E. A. III» No. 60. Ebenda No. 77 lit. d. 



Schweizer Soldtrnppen 1656—1681. 22B 

erhielt^). Dasselbe ging unter Hubert von Diesbach von 
Bern aus ab und langte im Septembei' im Lager von 
Pont de l'Arclie in der Normandie an. Dort hatte der 
König 10000 Mann Fufsvolk, 2500 Pioniere und 1500 
Reiter vereinigt zu dem Zwecke, dieselben von den 
Schweizern in den bei ihnen gebräuchlichen Waffenübungen 
und taktischen Evolutionen ausbilden zu lassen. 

Nach Beendigung dieser zur vollen Zufriedenheit 
des Königs verlaufenen Instruktion'*) wurden die Schweizer 
reich beschenkt wieder entlassen; nur 200 Mann blieben 
zurück, aus welchen eine Leibgarde für den Dauphin ge- 
bildet wurde ; aus ihr entwickelte sich nach und nach die 
spätere „Garde des Cent-Suisses". 

Wir finden hier in Frankreich in diesen cent hommes 
de guerre Suisses (wie sie ursprünglich hiefsen) das erste 
Beispiel der für die Schweizer so charakteristischen Ver- 
wendung als fürstliche Haus- und Gardetruppe ; ein Bei- 
spiel, dem bald von anderen Höfen gefolgt ward. Zuerst 
war es Papst Julius II., der 1505 eine Schweizer Leib- 
garde errichtete, und binnen kurzem folgten die übrigen 
italienischen Fürsten und die päpstlichen Legaten. Die 
Zahl dieser Garden betrug meist 50 — 100 Mann, während 
sich ihre Kleidung und Bewaffnung mehr oder weniger 
der von den französischen Cent-Gardes adoptierten alten 
Schweizer Tracht anschlofs. Allerdings wurde dieselbe in 
luxuriösester Weise hergestellt. 

Die erste Erwähnung von Schweizergarden bei 
deutschen Fürsten finden wir in dem Begehren des 
Pfalzgrafen Otto Heinrich bei Rhein, der im Jahre 1577 
um eine Leibgarde von 12 oder 14 Trabanten bittet •''). 
Es scheint aber, dafs dieses bescheidene Gesuch abschläg- 



3) E. A. IIP No. 78 lit. a— d und No. 79 lit. b. 

*) Wie lange diese Instrnktion gcwäiirt hat, liifst sicli nidit. 
genau feststellen. Nach Jahns, Hceresverfassnng und Vülker- 
leben, Berlin 1885, hätte der Aufenthalt der Schweizer ein Jahr 
gewährt; wir haben diese bestimmte Angabe nirgends begründet ge- 
funden. May, Hist. milit. des Suisses II, 502 (Bern 1772), spricht 
nur von einem Monat. Die z.uverlässigste Quelle bietet wohl Fiefve, 
Hist. des troupes etrangeres au service de France (Paris 1854) 1, 48: 
„Quand le roi eut trouv6 la le^on süffisante, il paya les Suisses 
genereusement, en retint un cei'tain nombre pour former une com- 
pagnie de sa garde qui prit quinzc ans idus tard Ic nom de Cent 
Suisses, et congedia le reste." 

'■') St.-A. Basel E. S G": 



224 A. von Welck: 

lieh bescliieden wurde, während sein zweiter Nachfolger, 
Johann Casimir (1576 — 92), besseren Erfolg erzielte*^). 

Ziemlich gleichzeitig erscheint auch am Hofe des 
Herzogs von Lothringen bereits eine Schweizergarde. 

100 Jahre später — 1696 — entschlols sich Kur- 
fürst Friedrich III. von Brandenburg zur Errichtung 
einer derartigen Haustruppe und beauftragte den Oberst 
und General- Adjutanten Imbert Rolas de ßosey mit den 
bezüglichen Unterhandlungen, nachdem er von Cleve aus 
d. d. 15. August das schriftliche Ersuchen an die evange- 
lischen Kantone gerichtet hatte, ihm die benötigten Leute 
zur Errichtung einer „distinguierten" Leibgarde zu stellen, 
und zwar in der Stärke von 104 Köpfen inclusive 24 
Mann prima plana^). Die Bemühungen des Oberst Eosey 
waren erfolgreich und die Kantone erklärten in einem 
Schreiben vom 1. Dezember ihre Bereitwilligkeit. 

Zwei Jahre später — 1698 — wurde diese Garde 
noch um 20 Mann vermehrt, jedoch im Jahre 1713 be- 
reits wieder aufgelöst und abgedankt. 

Gehen wir nun von der Errichtung dieser Branden- 
burgischen Schweizergarde um 40 Jahre zurück, so 
finden wir, dals auch der Kurfürst von Sachsen die 
erforderlichen Scluitte that, um die Anwerbung, zunächst 
nur emiger weniger „Personen", kurze Zeit später aber 
einer vollständigen Kompagnie von den evangelischen 
Kantonen als Leibgarde bewilligt zu erhalten. 

Es handelte sich anfänglich nur um 20 Mann, welche 
der Trabanten-Leibgarde einverleibt Averden sollten. Diese 
zählte nur 50 Köpfe und konnte ihren Dienstobliegen- 
heiten nicht mehr genügen, da ihr die Bewachung des 
Innern sämtlicher königlicher Schlösser zufiel. 

Der Kurfürst Johann Georg I. übertrug im Jahre 
1656 die Einleitung der erforderlichen Schritte seinem 
Sohne, dem Kurprinzen, der seinerseits wieder den 
Kommandanten der Kompagnie „Einspänniger"^), Isaac 
de Maguy**), einen gebornen Schweizer, im Monat Juli 

«) E. A. IV Abth. III. 

''j St.-A. Basel E. 8 Dl Prima plana: der Stab, nach heu- 
tigem Sprachgebrauch; die hierzu gehörigen Personen waren auf der 
ersten Seite der Musterrolle verzeichnet. 

®) „Einspännige", „Einspänner", auch „Hoffahne" (unter diesem 
letzteren Namen schon zu Kurfürst Moritz' Zeit) waren Edelleute 
ohne Ijerittene Knechte. 

^) Über Isaac de Magny ist es uns nicht gelungen, genaue 
Personal -Nachrichten zu erlangen, da die Familien- Archive und 



Schweizer Sokltnippeii 1650-1081. 225 

1656 beauftragte, nacli der Schweiz zu reisen, um diese 
Anwerbung- an Ort und Stelle zur Auslührung zu bringen. 

Magny begab sich zu dem Zwecke nach Basel und 
überreichte in der Ratssitzung vom 23. August (2. Sep- 
tember n. St.) ein vom 16. (26.) Juli datiertes Schreiben des 
Kurprinzen^*'). In demselben Avird das Ersuchen aus- 
gesprochen, dem Abgesandten bei der Anwerbung von 
„zwanzigk Personen" „alle Gunst und befördersamen 
Willen zu erweisen" und ihm freien „Pass und repass" 
zu erteilen. 

Dieses Schreiben wurde in der gedachten Rats- 
sitzung „abgelesen" und die Ratsherren Johann Stähelin 
und Benedict Socin^^) beauftragt, sich mit Magny ins 
Einvernehmen zu setzeu^"^). Über die mit demselben ge- 
pflogenen Verhandlungen berichteten die beiden Ratsherren 
in der Sitzung vom 27. August (6. September), worauf 
die Werbung bewilligt wurde ^■^). 

Man darf annehmen, dafs unmittelbar nach dieser 
Genehmigung die Anwerbung effektuiert und die Leute 
nach Sachsen geführt, dort aber in die „Leibgarde der 

sonstigen Papiere während der französischen Revolution verbrannt 
sind. Über die Familie giebt das Dictionaire von Grillet, einige 
Auskunft. Diesellie heifst eigentlich de Constantin. Ein Zweig 
derselben nannte sich nach dem der Familie gehörigen und in 
Savoyen gelegenen Dorfe Magny: „de Constantin de la maison de 
Magny" und später kurz : „de Magny". Diesen Namen führt sie 
nocü jetzt. Die — unseres Wissens — letzten Nachkommen der- 
selben bewohnen jetzt das Schlofs Chäteaufort, Canton de Ruft'ieux 
in Savoyen. 

^"j St.-A. Basel Acta St. 90 F. No. 12. Diese Anwerbung 
vom .Tu 1 i 1656 haben wir nirgends erwähnt gefunden. Auch Schuster 
und Francke, üeschichte der Sachs. Armee (Leipzig 1885) I, 83 
bezeichnet als erste Anwerbung von Schweizern die im Oktober 
desselben .Jahres stattfindende (s. u.) 

^^) Benedict Socin, geb. 1594, gest. 1664. Hervorragender 
Staatsmann Basels, der im .Jahre 1600 auch zum Olterstzunftmeister 
erwählt wurde. Siehe Neue Folge der Baslerischen Beiträge zur 
vaterländischen Geschichte (Basel 1889) JIP, 33 ft'. 

^^) Basler Kaths-l^rotokoll von Samstag den 23. August (2. Sep- 
tember) 1656. 

'3) Basler llaths-Pi'otokoU vom 27. August (0. Septeml)or) 1056: 
Sächsischen Chur-i'riuzl. Leibguardi. Beide H. Stchelin und Socin haben 
Ihres Berichtens bey dem Sächsisch, (iuardihaubtmann von Dresden 
relation gethan mit vermelden dafs Fjr mehrere anzahl zu werben 
nicht befehligt seye, als 20 Mann darunder ein Trominelschlegm', ein 
Pfeyffer und 2 Corporate, so Er damit alliier aufklinmmen kliönno, 
begehre Er die sonsten oder andei'u ortheii nicht zuwcrlien. (_ist 
Ihme die Werbung diser 20 Mann bewilligt, uiul sollen beide II. 
Deputirte dem Haubtraann solches anzeigen.) 

Neues Archiv f. S. (1. u. A. XUI. 3. -1. 15 



226 A. von Welck: 

Trabanten" eingereiht wurden, welche demnach nun — 
inklusive der prima plana — 70 Mann zählte. 

Noch in demselben Jahre — am 8. (18.) Oktober — 
rief der Tod den Kurfürsten nach einer langen und 
sorgenschweren Regierungszeit ab, und sein ältester Sohn 
folgte ihm auf dem Throne als Johann Georg II. 

Trotz der Pietät, welche der junge Fürst dem An- 
denken und den Grundsätzen seines sehr sparsamen Vaters 
entgegen zu bringen geneigt war, der auch in seinem 
Testamente seine Söhne ganz besonders zur äulsersten 
Sparsamkeit — namentlich im Hofhalte — ermahnt 
hatte, erschien ihm doch die Unzulänglichkeit der Haus- 
truppe — auch nach der Vermehrung um die 20 Schweizer 
— so unzweifelhaft, dals es eine seiner ersten Regierungs- 
handlungen war, den Oberstlieutenant de Magny abermals 
nach der Schweiz zu entsenden zum Zwecke der An- 
werbung einer gröfseren Anzahl eidgenössischer Unter- 
thanen, aus denen eine eigene Schweizer-Leibgarde 
gebildet werden sollte. Um mit grölserer Aussicht auf 
Erfolg vorgehen zu können, sollte sich Magny diesmal 
nicht nur an Basel, sondern auch an die Kantone Bern 
und Zürich wenden. Er reiste am 24. Oktober (3. No- 
vember) von Dresden ab und erhielt je ein kurfürstliches 
Handschreiben an die genannten drei Kantone einge- 
händigt^^), desgleichen eine „Kapitulation"^-), nach welcher 
er „in denen zuhöchst gedachten Ihrer Churf. Dchlt. 
Leib-Compagnie an Schweitzern gnädigst begehrenden 
Völckern tractiren und dieselben so fort commandiren soll". 

Wir ersehen aus dieser Kapitulation, welche Magny 
den Kantonen vorlegte, dafs 1 Lieutenant, 1 Fähnrich, 
2 Wachtmeister, 3 Korporale, 2 Trommelschläger und 
2 Pfeifer anzuwerben waren und die Höhe des ihnen 
zugesagten Soldes, aber sie enthält auffallender Weise 
keine Angabe über die Zahl der anzuwerbenden Mann- 
schaften. Vermutlich wollte der Kurfürst in dieser Be- 
ziehung dem Magny die Hände nicht binden'"). 

Im November traf Magny in Basel ein und legte 
dem Rate das Schreiben des Kurfürsten vor, welches 



") St.-A. Basel St. 96. F. No. U. (Auch St.-A. Zürich Acta 
Sachsen.) 

^^) Ebenda. Unten Anlage I. 

^^) Über die spätere Fassung der Kapitulation und ihre in den 
Anmerkungen zu Anlage I wiedergegebeuen Abweichungen s. unten 
(Note 23).' 



Schweizer SoMtruppen IßöÖ— 1G81. 227 

in der Sitzung vom 22. November (2. Dezember) „abge- 
lesen" wurde. Das Resultat der Beratung- war, dalis 
man eine Anwerbung von 25 Mann bewilligte, zugleich 
aber den Wunsch aussprach, dals „da über etlich Jahre 
einer oder der andere seinen Abschied begehrte, Ihme 
solch nicht zu ferweigern und etwas schrifftliches in die 
Hand bringen mögen" ''j. 

Wahrscheinlich begab sich Magny von Basel aus zu- 
nächst nach Bern, ohne dafs sich dies konstatieren lielse. 
Anfangs Dezember war er aber in Zürich und brachte 
dort seine Wünsche vor, welche ebenfalls Gewährung 
seitens des ßates fanden. Schon in diesem Falle zeigt 
es sich aber, dals Zürich mit ganz besonderer Vorsicht 
handelte und für das moralische und physische Wohl 
seiner Untert hauen besorgt war. Die Regierung empfahl 
nämlich zunächst dem Überstlieutenant de Magny den 
Züricher Bürger Johann Caspar von Escher als Lieutenant 
zu der neuen Schweizergarde zu bestellen und sicherte 
so den Angeworbenen die Fürsorge und den Schutz eines 
einflulsreichen Mitbürgers; nächstdem aber übergab sie 
dem kurfürstlichen Werber zwei Schreiben für seinen 
Souverän, von denen das eine^^) die gewöhnlichen Höf- 
lichkeitsbezeugungen (auch Kondolenz anlälslich des Hin- 
scheidens des kurfürstlichen Vaters), das zweite''*) aber 
eine warme Empfehlung für Escher und für seine „mit- 
habende Manscbaft" enthält. Von Escher heilst es: 
„Sonderlicli aber wirf ermelter Lütenant Escher, als der 
by uns eines alten woladenlichen geschlechts und her- 
kommens auch das umb unser Freyes Regiment wolver- 
dient nach der prattic die er albercit in dem Kriegs- 
wesen erlanget, auch syner sonst anwohnenden fynen 
fugenden und (ßialiteten sich verhoftentlich dergestalt be- 
tragen, dals üw. Cuhrfrl. Dcht. von selbsten anlaas und 
ursach bekommen werdent nit allein an ihnen sich gne- 
digst zu vernügen" etc. 

Nicht zufrieden liiermit entwarf aber der Rat zu 
Zürich eine „Ordonanz" für die „Churfürstl. Sächsischen 
Völckher", nach welcher sie sich zu richten hatten-'*), und 
erteilte endlich dem Lieutenant Escher eine spezielle 



") Basler Rats-Protokoll vom 22. Novcinl)er l(i5(i. 

1») St.-A. Zürich Acta Sadiscii, d. d. 10. Dezember KInö. 

19) Ebenda. 

20; St.-A. Zürich Acta Sachsen. Unten Anlage II. 

15* 



228 A. vou Welck: 

„Anleitung, wessen Er b}- syner stell nnder Ihr Cuhrfrl. 
Dclit. in Saxen Leib-guardie wol zu gewahren-^). 

Diese beiden Schriftstücke sind von hohem Interesse 
und dürften als wertvolle Beiträge zur Zeit- und Sitten- 
geschichte zu betrachten sein. 

Die Werbung ging in Zürich sehr schnell von 
statten, denn die verschiedenen Schreiben des Rates 
Zürich sind bereits vom 10. (20.) Dezember datiert. 
Wie viel Mannschaften dieser Kanton stellte, ist nicht 
ersichtlich; in dem an den Kurfürsten gerichteten 
Schreiben ist nur gesagt, man habe die Werbung „bis 
uff anbegerte Zahl" bewilligt. Noch vor Jalu^esschlufs 
trafen die Schweizer in Sachsen ein, was daraus hervor- 
geht, dals ein Etat der Schweizer-Leibgarde von Ende 
1656 existiert und zwar nach folgender Stärke: 
1 Hauptmann mit monatlich 100 Tlialern 
1 Lieutenant ,, „ 50 ,, 

1 Fähnrich „ „ 30 „ 

1 Wachtmeister „ „ 20 „ 

1 Yoifähnrich „ „ 15 „ 

3 Korporals „ ,. ä 15 ,, 

3 Trommelschläger „ ,- 7 •, 

3 Pfeifer ,, „ „ 7 „ 

6 Gefreite „ ,, ,, 7 ,, 

108 Schiltmänner ,, „ „ 6 ,, 

128 Mann 992 Thaler. 

Es werden also jetzt exkl, der prima plana im Ganzen 
etwa 88 Mann angeworben worden sein, denen die 20 
bereits in Sachsen befindlichen nur zugeteilt wurden, und 
der Monat Dezember 1656 ist demnach als der Zeitpunkt 
der Errichtung der Schweizergarde festzustellen, die mit 
kurzen Unterbrechungen mehr als 150 Jahre — Avenn 
auch in späterer Zeit nicht von National-Schweizern ge- 
bildet — einen Bestandteil der sächsischen Armee bildete. 

Vergleicht man den obigen Etat mit der Kapitulation 
vom 24. Oktober (3. November) 1656 (Anlage I), so be- 
merkt man, dals die ursprünglichen ßesoldungssätze eine 
ganz wesentliche Erhöhung erfahren hatten-'-). Die Kapi- 

-^) Konzept elienda. Unten Anlage III. 

--) Ein Irrtum möge an dieser Stelle berichtigt werden: in 
offiziellen sächsischen Quellen und danach auch in Schuster und 
Francke, Geschichte der Sachs. Armee, findet sich die Angabe, 
dafs diese im Jahre 1(356 angeworbene Kompagnie Schweizergarde 
aus Deutschen bestanden, aber Schweizer Tracht getragen 
habe. Dies ist falsch; die Werbungen wurden in der Schweiz aus- 
geführt, deren Bewohner — namentlich der nördlichen Kantone — 
aber damals auch vielfach Deutsche genannt wurden. 



Schweizer Soldtiuppen 1656—1681. 229 

tulation wurde daher einer Uniarbeit iiiig unterworfen; in 
dieser Form ist sie uns in zwei Abschriften erhalten-'^). 

Wenn wir die Errichtung der »Schweizergarde auf den 
Monat Dezember 1656 feststellten, so muls ausdrücklicli be- 
tont werden, dafs die Leibgarde oder „Ober-Guardia" der 
Trabanten in ihrem Bestände dadurch nicht alteriert wurde, 
sondern neben der Schweizergarde fortbestand. Über 
diesen Punkt begegnet man mehrfach irrtümlichen An- 
gaben. So heilst es in der „kurzen Geschichte der 
Sächsischen Armee", welche den zu Ende des vorigen 
Jahrhunderts zuerst in Druck erschienenen Ranglisten 
vorgesetzt ist, bezüglich der Schweizergarde: „Die Zeit 
der Errichtung dieser Garde ist nicht zu bestimmen. Sie 
wurde ehemals Fufstrabanten genannt, den 1. Januar 
1698 ganz reduziert und 1699 am 1. November wieder 
hergestellt. Seit 1726 führt dieses Korps den Namen 
„Schweizer Leibgarde" u. s. w. Und bei Schuster und 
Francke-^) ist gesagt: „Fulstrabanten, 1656 als kurfürst- 
liche Haustruppe errichtet. Später Leibgarde zu Fuss, 
Schweizergarde und Trabantengarde genannt. 1698 auf- 
gelöst, 1699 wieder errichtet (120 Mann stark), 1725 
Schweizer Leibgarde genannt". 

Wir finden also in beiden Schriften eine Vermengung 
der Trabanten und der Schweizergarde, die thatsächlich 
nicht bestand. Während die letztere erst im Jahre 1656 
formiert Avurde, ist es richtig, dals sich die Zeit der Er- 
richtung der Trabantengarde nicht feststellen lälst. Jeden- 
falls ist ihr Ursprung aber in das frühe Mittelalter zurück- 
zuführen. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts werden wieder- 
holt „Trabanten" in der unmittelbaren Umgebung der 
sächsischen Fürsten erwähnt und eine förmliche, aus 
Trabanten gebildete „Leibwache" finden wir zuerst unter 
Herzog Georg dem Bärtigen (1500 — 1539)-''). 

Dafür, dals auch nach der Errichtung der Schweizer- 
garde — 1656 — die Trabantengarde noch neben ihr 
fortbestand, sprechen verschiedene offizielle Schriftstücke. 
So fand z. B. am 7. (17.) April 1657 die Musterung der 

2') iJresducr Hauptstaatsarcliiv Loc. 1154. Die Errichtung 
zwey Schweitzer Heginieuter 1701 ff. Bl. 77. — Loc. 1152. Die Leib- 
Garde-Trabanten zu Fufs l)etr. 1612 ff. Bl. 1 '' '. 

") A. a. 0. III, Anhan(,r 16. 

2.5) Vcro-l. auch Gretschcl, Geschichte des sächsischen Volks 
und Staates (Leipzig IHVi) I, 596. — G. Voigt, Moritz von Saclisi-n 
(Leipzig 1876) S. 47. — K.A. Müller, Forschungen auf dorn Gebiet 
der neuereu Geschichte (Dresden und Leipzig lS:jB) II, 26 u. a. 



230 A. von Welck: 

Leibgarde der Trabanten unter dem Hauptmann Sigismund 
von Pflugk statt, und das königliche Hauptstaatsarchiv giebt 
zu verschiedenen Zeiten ihren genauen Etat an-'^). Auch 
die alten Ranglisten dokumentieren den Bestand der 
Trabanten-Leibgarde mit ihren besonderen Hauptleuten bis 
zum Jahre 1725, mit einer kurzen Unterbrechung vom 
Juli 1698 bis November 1699, und erst vom Jahre 1725 
an findet die Umwandlung derselben in die neu formierte 
Schweizergarde statt. 

Die neu angeworbene Schweizergarde wurde nach 
Feststellung ihres Etats (S. 228) in eine Kompagnie for- 
miert, zu deren „Hauptmann" Oberstlieutenant de Magny, 
zu deren Lieutenant aber Johann Caspar Escher aus 
Zürich bestellt wurde. 

Über die Uniformierung und BewaflFnung dieser 
Schweizergarde, welche, wie wir sehen werden, nach 
wenigen Jahren um eine zweite Kompagnie vermehrt 
wurde, liegen aus dieser Zeitperiode keine offiziellen Nach- 
richten vor. May-') sagt, dals Zusammensetzung, Uniform 
und Bewaffnung der kurfürstlich sächsischen Schweizer- 
garde genau diesen Verhältnissen bei der 1696 vom Kur- 
fürsten von Brandenburg angeworbenen Schweizergarde 
entsprochen habe, deren Beschreibung in dem genannten 
AVerke voransteht und folgendermalsen lautet-^): 

„Ell 1696 les cantons protestaiis accorderpiit ä Frederic III. une 
garde Suisse de 125 homnies, qui eut pour premier capitaiiie, Imbert 
ßolaz, seigiieur du Rosey, de Rolle, cautoii de Benie. Cette 
compaguie, outre le capitaiue, etait composee d"uii lieutenaut, d'un 
sous-lieiitenant, d'un enseigne, d'nn fourrier, de quatre sergens, de 
qnatre caporaux, d'un secretaire, d'un Chirurgien, de quatre trabans 
servant au logis du capitaine, de quatre tambours, d'un fifre, d'un 
prevöt et de 100 soldats factiounaires. Cette troupe avait pour uni- 
forme des pompoints et des hauts de cbausses k l'antique, jauues et 
bleu de ciel, un chapeau en barette avec des plumes de la couleur 
des pourpoints, une fraise et des souliers ä rosette, de la couleur des 
pourpoints. Cette garde Suisse, annee d'une hallebarde et d'une 
longue epee ä garde et ä poignee de cuivre dore, fut reformee" etc. 

Ebenso wie ein Blick auf den Etat der sächsischen 
Schweizergarde (S. 228) zeigt, dafs die Stärkeverhältnisse 
nicht genau übereinstimmen, ebenso lälst sich konstatieren, 
dals die Unifoimierung derselben der hier für die Bran- 



2«) H.-St.-A. Loc. 431. Bd. 5. 

-■') May , Histoire militaire de la Suisse (Lausanne 1788) VII, 491. 

28) Ebenda 457. 



Schweizer Sokltruppen 1656—1681. 231 

deiiburgisclie Garde angegebeiieii nicht entsprach-"). Man 
findet nämlich im Theatr. Europ. ein paar Angaben über 
die Uniformierung der sächsischen Schweizergarde, die als 
zuverlässig betrachtet werden dürfen'^"). Als sich der 
Kiufürst im Frühjahr 1G58 zur Kaiserwahl nach Frank- 
furt a. M. begab, begleiteten ihn nach Sitte der Zeit dahin 
auch neben dem sonstigen glänzenden Gefolge seine Leib- 
garden; unmittelbar vor dem Kurfürsten ritten „Hieronimus 
Sigmund Pflug, Trabantenhauptmann und Cammerjunker, 
und Hr. Isaac de Magu}', Schweitzerhauptmann, Cammer- 
junker und Oberstlieutenant", neben ihm aber „zur rechten 
Hand 12 Trabanten in gelb und schwarzer Liberey und 
gelbeuFedern auf den Hüten, und zur linken zwölf Schwei- 
zer m gelben Naccarafarben-^^) und schwarzer Kleidung 
und naccarafarben Federn auf den Hüten, bevderseits in 
6 Gliedern, je zween und zween neben einander". Ob 
die gesamte Schweizergarde mit in Frankfurt war, oder 
nur diese hier genannten 12 Mann, ist nicht zu ersehen. 
— Acht Jahre später — 1666 — als Kurprinz Johann 
Georg mit seiner Gemahlin, der Prinzessin Anna Sophia 
von Dänemark, seineu feierlichen Einzug in Dresden hielt, 
hatte die „Teutsche Leibguardie" in rot und gelber 
Liberey die Eibbrücke besetzt. Auf der Schlolsgasse 
stand die Leib - Kompagnie der „rothen Schweitzer" 
bis an das Schlofsthor, woselbst die „gelben Leib- 
guarden an Schweitzern" und Trabanten aufwarteten. 
Schlielslich heilst es: „Und weil nunmehr diese gantze 
Zug-Ordnung geendigt, folgte deroselben allgemählich die 
Teutsche Leib-Guarde z. F., darauff die rothe Schweitzer- 
Compagnie" u. s. w."-). 

Man darf aus diesen Angaben als bestimmt annehmen, 
dafs die erste, 1856 formierte Kompagnie (Hcllebardiere) 
als Grundfarbe gelb trug, während die zweite im Jahre 
1661 noch angeworbene i\Iusketier-Kom])agnic (s. u.) 
rote Uniformen erhielt. Bestätigung lindet diese An- 
nahme auch in dem später (S. 246) erwähnten Scln-eiben 
des Oberwachtmeisters Fäsch aus Dresden, der die Helle- 
bardier-Kompagnie als die „gelbe Companey" bezeichnet. 

-") Auch die Unifdrmierunjf der l)riindenl)urgischen Schweizer- 
gardo war anders als hier angegcl)en. Ihre Gruiidfarheii waren blau 
und rot. 

3") Theatnim Europaeum VIII, 332 11. 

'") Soll wohl hei fscn: i;(dl) und naccara. Naccara= karminrot. 

'-) Theatnnn EuropaeMiii X. 173. 



232 A. von Welck: 

Bezüglich des Schnittes stimmten die Uniformen dei 
Schweizergarden aller Nationen mehr oder weniger über- 
ein: geschlitztes Wamms und Kniehose; dazu Barett, 
Krause, Schuhe und Strümpfe, und an Waffen: Hellebarde 
und langer Degen. — 

Johann Caspar Escher scheint der ihm durch das 
Züricher Schreiben gewordenen warmen Empfehlung Ehre 
gemacht und bald die Gunst des Kurfürsten erworben zu 
haben. Es gelang ihm hingegen nicht, sich mit seinem 
Vorgesetzten, dem Hauptmann de Magny, auf guten Fuls 
zu stellen. Dies mag auch der Hauptgrund gewesen sein, 
weshalb Escher bereits zu Anfang des Jahres 1658 das 
Gesuch an den Kurfürsten richtete, ihn des Dienstes zu 
entlassen oder den Hauptmann de Magny von der 
Schweizergarde zu versetzen. Diesen Wunsch erfüllte 
zwar der Kurfürst nicht, er verlieh ihm aber den Titel 
als Kapitän -Lieutenant, erhöhte sehie Besoldung und 
stellte ihm auch in Aussicht, dafs er ihn bald beurlauben 
werde. 

Alles dies erfährt man aus einem Briefe, den Escher 
am 8. (18.) Mai 1658 von Frankfurt a. M. aus, w^o er 
sich zu der oben erwähnten Kaiserwahl im Gefolge des 
Kurfürsten befand, an seinen Vetter, den Bürgermeister 
Waser, nach Zürich schrieb •^■^). — Abgesehen von den 
darin behandelten persönlichen Verhältnissen Eschers, 
bietet dieser Brief besonderes Interesse wegen der Er- 
wähnung des bekannten Vorfalles zwischen dem Kurfürsten 
Karl Ludwig von der Pfalz und dem kurbayrischen Ge- 
sandten Dr. Oexel während der Sitzung des Kurfürsten- 
Kollegiums am 7. (17.) Mai, w^elcher damit endete, dals 
der Pfalzgraf dem bayrischen Bevollmächtigten das 
Tintenfafs an den Kopf warf-^*). 

Nach der am 18. (28.) Juli stattgehabten Wahl des 
Erzherzogs Leopold zum Kaiser kehrte der Kurfürst 
nach Sachsen zurück und mit ihm auch Escher. Er hielt 
aber nur noch kurze Zeit aus und es scheint neben seinen 
Differenzen mit Magny, der bereits in dem Brief vom 



^'•^) St.-A. Zürich Acta Sachsen. 

^*) Eacher schreibt: „Sousten ist die Zeit her (obglich der 
Churfürst alle Tag in die Session fahrend) noch nit vil neures passiert 
und gehandlet worden, gestei-n hat Chur- Pfalz wegen des Vicariats- 
streits dem Churpejerischen abgesanten in voller Session ein Tinten- 
fafs in den Kopf gesclnnisseu, dorffte wol wüeste hendel abgeben, so 
pejern auch endtpündtlich sein wolte" etc. 



Schweizer Soldtruppen 1656—1681. 233 

8 (18.) Mai ausgesprochene Wunsch „seine Fortune zu 
suchen" und in französische Dienste zu treten, mafsgebend 
gewesen zu sein. Anfangs Dezember 1658 kehrte Escher 
nach Züricli zurück mit einem sehr schmeichelhaften 
Eekommendationsschreiben des Kurfürsten d. d. Dresden 
1. (11.) Dezember 1658-''), in welchem gesagt ist, dals 
derselbe ihn „für jezo auf sein unterthänigstes anhalten 
zu fernerer fortsetzung seiner wolilfahrt in gnaden dimittirt" 
habe. 

Gleichzeitig mit der Entlassung Escher's, der sich 
nach seiner Vaterstadt Zürich zurück begab, wurden 
unter dem 1. (IL) Dezember 1658 neue Bestimmungen 
erlassen, unter welchen die Dienstleistung der Schweizer 
von nun an stattzufinden habe, und dadurch die Kapitu- 
lation vom 24. Oktober (3. November) 1656 in einer 
Weise abgeändert, die später Veranlassung zu vielfachen 
Miisverständnissen und Klagen bot. Dieser neue „Aus- 
satz und Begriff, welcher gestalt der Durchleuchtigste 
Churfürst zu Sachssen und Burggrafif zu Magdeburgk etc. 
es bey Sr. Churf. Durchl. Scliweitzer- Leib -Garde von 
dato an der Mannschafft und des Tractaments halber, 
gehalten wissen wollen"-'"), belälst die Stärke der Kom- 
pagnie und die Höhe der Besoldungssätze genau dem 
Etat von Ende 1656 (S. 228) entsprechend; anstatt aber, 
dals die bisher gültige Kapitulation vom 24. Oktober 
(3. November) 1656 (Anlage No. I) in ihrem Punkt 7 die 
Bestimmung enthielt : „Auch sollend dieselben frey quartier 
. . . . haben", ist hier davon nichts gesagt, sondern 
nach der Bezifferung des Soldes heilst es : „Darfür sind 
sie schuldig, ihnen dals Quartier alhier zu Drelsden selbst 
zu schaffen. Auf der Reifse aber wollen Churf. Durchl. 
sie mit freien Logier und einer Zuliulse wie bilshero auch 
Järlich oder so offt Churf. Durclil. dero Leuthe kleiden. 
Beider Officiren und Gemeinen durch die gantze Com- 
pagn. jedem ein Kleid geben und reichen lassen." 

Wohl möglich ist es, dals infolge dieser Nichtge- 
währung des freien Quartiers ein Teil der Schweizer um 
ihre Entlassung baten; jedenfalls entstanden Vakanzen 
im Etat der Garde, und der Kurfürst entsendete im Mai 
des folgenden Jahres — 1659 — den Oberstlieutenant 



8ö) St.-A. Züricli Acta Sacliscii. 

36) K. S. n,-St.-A. Loc. 115.1. Die Errichtung- zwey Schweitzer 
Regimenter 1701 fl. Bl. 78. 



234 A. von Welck: 

de Magny nach Basel, um daselbst die in Abgang ge- 
kommene Anzahl zu ergänzen. Er erhielt eine vom 
1. (11.) Mai datierte Kapitulation"^) mit, welche sich be- 
züglich der Etatstärke und der Besoldung dem Etat von 
Ende des Jahres 1656 abermals anschliefst und mithin 
dem üben erwähnten „Aussatz" vom 1. (11.) Dezember 1658, 
hingegen noch die weiteren Bestimmungen enthält: „Nebenst 
versprochener Kleydung und wenn einer krankh oder in 
Herrendienst schadhafft, nothwendige Medicamenta, auch 
auf der Eeyfsen gleiche Kost als wie die Trabanten und 
im übrigen Ihren Sold monatlich richtig". Wir ersehen 
also, dafs freie Arzneimittel zugesagt wurden, dafs aber 
auch in dieser Kapitulation, wie bereits in dem „Aussatz", 
von der Gewährung freien Quartiers nicht die 
Rede ist. 

Über die Anwesenheit Magny's in Basel zum Zwecke 
dieser Werbung und infolgedessen auch über einen Er- 
folg derselben liegen keine Nachrichten vor. Es darf 
aber wohl angenommen werden, dafs es zu keiner An- 
werbung kam, da der Kurfürst bereits im Herbst des- 
selben Jahres Magny ein viertes Mal nach der Schweiz 
entsendet und zwar an die drei Kantone Basel, Bern 
und Zürich. Magny wurde durch ein kurfürstliches 
Schreiben d. d. Freiberg, 18, Sept. 1659-^^) beglaubigt, 
in dem es heifst: „Alls ersuchen wir Sie hiermit auch 
für izo obgenanten, Unserem Hauptmanne zu schleuniger 
Erlangung derer noch bedürfenden Personen Ihrer Nation 
allerdings geneigten AVillen zuerweisen" etc. Es handelte 
sich ßlso um eine Ergänzung der bestehenden Kompapnie. 
Im Übrigen wurde die Kapitulation vom 1. Mai als Basis 
der Unterhandlungen angenommen. 

Während das Basler Staatsarchiv auch über diese 
erneute Mission Magny's keine Auskunft giebt, werden 
sowolü in Bern, als auch in Zürich darauf bezügliche 
Korrespondenzen aufbewahrt. Der erstere Kanton ant- 
wortete dem Kurfürsten bereits am 20. (30.) Oktober, 
dafs die Werbung genehmigt werde und man bereit sei, 
„Deroselben Abgeordneten Guardihaubtmann undCammer- 
Junckherr Hr. Obristlieutenant de Magny, deme wir 
dann als Einer von denen Unseren herkommenden Persohn 
von guter condition ohne das gewogen sind, in seiner 



"') St.-A. Züricli Acta Sachsen, d. d. 1. Mai 1655). 

«'^) St.-A. Zürich Acta Sachsen. St.-A. Bern L^ S. 509. 



Selnveizer Soldtnxppeu 1656—1681. 235 

obliegenden Verrichtung- alle begehrte Befürdernuls wieder- 
fahren zu lassen" etc.^*^). Zürich, wolün, Magny zuletzt 
kam, bedurfte anscheinend reiflicher Überlegung, und 
wir finden hier wieder bestätigt, was wir schon bei der 
ersten Anwerbung vom Jahre 165G zu bemerken Veran- 
lassung hatten, dafs dieser Kanton mit grolser Vorsicht 
und besonderer Sorgfalt die Interessen seiner Unterthanen 
wahrte. Erst am 28. November (8. Dezember) entschlofs 
man sich zu einer Antwort an den Kurfürsten^"), in 
welcher es u. a. heilst: „wolten wir von dessentwegen 
einiches bedenckhen tragen, hierin geneigt und gutwillig 
zu willfahren". Trotzdem aber wurde die Werbung auch 
hier genehmigt und der Wachtmeister Eeichel beauftragt, 
die Angeworbenen sicher nach Sachsen zu transportieren, 
wozu ihm Pafs und Reiselegitimation ausgestellt wurde. 

Längere Zeit fehlen nun speziellere Nachrichten über 
die Schicksale der Schweizer in Sachsen; nur aus dem 
Jahre 1660 bewahrt das Staatsarchiv Zürich*^) das Original 
eines Entlassungsscheines für einen Gefreiten -Korporal 
der Schweizer Leibgarde, Namens Hanns Strumpf, den 
wir um deswillen erwähnen, weil derselbe vom Kurfürsten 
eigenhändig unterschrieben ist. Wir glauben hierin 
einen Beweis erblicken zu dürfen für das ganz spezielle 
Interesse, welches der Kurfüi'st seiner Schweizergarde 
zuwendete. So befindet sich auch bereits aus dem Jahre 
1659 ein Schreiben des in kursächsischen Diensten stehen- 
den Wachtmeisters Lindinge (?) aus Zürich hi dem dasigen 
Archiv*"-), in welchem derselbe um „Recommandation" zum 
Zwecke seines Avancements bittet und erzählt, dals sich 
der Kurfürst sehr eingehend und gnädig mit ihm unter- 
halten habe über seine früheren Erlebnisse u. dgl. m. 

Man darf hieraus schliefsen, dals später vorkonnnende 
Fälle von schlechter Behandlung, über welche sich Teile 
der Schweizergarde beschwerden, den Intentionen des 
Kurfürsten entschieden zuwider liefen. — 

Mit dem Jahre 1661 tritt die Geschichie der 
Schweizergarde insofern hi ein neues Stadium, als der 
Kurfürst sicli entschlols, noch eine zweite l\(im]»agiile zu 
formieren, und zwar sollte dieselbe aus „Muscjuetieifu" 
bestehen, während die bereits 1656 angeworbene Kom- 

39) St.-A. Bern L- S. 513. 

*<>) St.-A. Zürich Acta Saclisen, d. d. 28. November 1659. Konzept. 

*i) Ebenda d. d. 14. .linii KKiO. 

'»•■') Ebenda d. d. 1. Februar 1659. 



236 A. von Welck: 

pagnie von mm an als „Hellebardier"- Kompagnie bezeich- 
net wird. Wir linden wenigstens diesen Namen erst 
von jetzt an, wäln-eud bis dahin in allen offiziellen 
Schriften, die uns vorlagen, nur im Allgemeinen von der 
„Schweizer" oder auch „Eidgenössichen Leibguardie" die 
ßede Avar. Es kounnt aber in den nächsten Jalu-eu 
für die Hellebardier - Kompagnie auch die Bezeichnung 
„Schweizer Trabanten", für die Musketier - Kompagnie 
die Bezeichnung „Leib-Kompagnie" vor. 

Der Kurfürst erteilte zum Zwecke dieser xlnwerbung 
abermals dem Oberstlieutenant de Magny Befehl, in Basel, 
Bern und Zürich die erforderlichen Schritte zu thun, und 
bevollmächtigte ihn mittelst eines an die drei Kantone 
gerichteten Schreibens, d. d. Dresden 1. Juni 1661, in 
welchem gesagt ist: „Wir seindt abermahls gnädigst ent- 
schlossen, einige Anzahl Musquetierer der Nation Schweizer 
zu Unserer Leib - Compagnie bestellen und werben zu- 
lassen" etc/"'). 

Eine Angabe über die gewünschte Zahl fehlt*"^), ebenso 
ist von einer besonderen Kapitulation nicht die Rede, so 
dals angenommen werden muls, dais die früheren Be- 
dingungen wieder als Basis galten. 

Am 17. (27.) Juli wurde das kurfürstliche Schreiben 
in der Ratssitzung zu Basel vorgelegt und der Ober- 
zunftmeister „Sotzin" beauftragt, dem Magny anzuzeigen, 
dafs „Willfahr erzeigt werden solle". 

Magny leitete die Verhandlungen mit Bern und Zürich 
von Basel aus, und wenn er auch als Grund hierfür Un- 
wohlsein angiebt, so scheint doch thatsächlich ein hoher 
Grad von Becpiemlichkeit mitgewirkt zu haben ; wenigstens 
wird es ihm später zum ernsten Vorwurf gemacht, dals 
er nicht persönlich in Bern und Zürich war. Trotz der 
früheren Diiferenzen verschmähte er nicht, zur Führung 
der Verhandlungen in Zürich die Beihilfe des Johann 
Caspar Escher, der zu der Zeit dort aufhältlich war, in 
Anspruch zu nehmen, indem er ihm allerdings gleichzeitig 
die Mitteilung machen konnte, dafs der Kurfürst beab- 
sichtige, ihn — Escher — an die Spitze dieser neu 
anzuwerbenden Musketier - Kompagnie zu stellen. Am 
11. (21.) Juli, also jedenfalls unmittelbar nach seiner An- 

*3) St.-A. Zürich Acta Sachsen. St.-A. Basel St. 96. St -A. 
Bern L^ S. 519. 

"•*"') Auf dem Umschlage des Züricher Exemplars befindet sich 
die Registraturbcmei'kuug, dafs 40 Musketiere begehrt werden. 



Schweizer Soldtmppen 1656—1681. 237 

kiinft in Basel, schrieb Magnj^ über diese Angeleg-enheit 
an den Bürgermeister Waser in Zürich und teilte ihm 
mit, dals er selbst wegen Unwohlseins nicht nach Zürich 
kommen könne, dals er aber Escher, den der Kurfürst 
zum Kapitän - Lieutenant der gedachten Kompagnie be- 
stellt., habe, mit der Anwerbung beauftraget'^). 

Über die Führung der Verhandlungen in Bern fehlen 
die Unterlagen; doch wurde hier ebenso wie in Basel 
und Zürich die AVerbung genehmigt. 

Bern richtete ein darauf bezügliches Schreiben an 
den Kurfürsten d. d. 27. Juli (6. August)^*'), in welchem 
es heilst: „. . . Inmassen Dero Ehren Abgeordnetem vor- 
gedacht, sonders gern zugelassen biss in fünffzig vor- 
gedachter Männer auch ein mehrers hinder uns zewerben 
und abezefüehren" etc. Man ersieht also hieraus auch die 
Zahl der dort Angeworbenen. 

Zürich, welches erst unter dem 12. (22.) August 
seinem Einverständnis in einem an den Kurfürsten ge- 
richteten Schreiben Ausdruck giebt^'), benutzt gleich- 
zeitig diese Gelegenheit, um den Hauptmann J. C. Escher, 
der also nun zum zweiten Male in sächsische Dienste 
tritt, von neuem aufs wärmste zu empfehlen. 

Als Zeitpunkt der Errichtung dieser zweiten Kom- 
pagnie giebt die „Geschichte der sächsischen Armee" ^^) 
den Monat September 16G1 an und fügt hinzu, dals Etat 
und sonstige Verhältnisse unbekannt seien. Da, wie wir 
eben sahen, in Bern 50 Mann, in Zürich 40 Mann ange- 
worben wurden, so darf man wohl den ursprünglichen 
Etat auf 130—140 Köpfe inkl. prima plana annehmen. 
Einige Jahre vorgreifend, sei erwähnt, dals Ende 1G66 
der Etat der unter Hauptmann de Magny stehenden 
Hellebardier-Kompagnie auf 132 Mann, der von Haupt- 
mann Escher befehligten Musketier-Kompagnie aber auf 
200 Mann angegeben wird'''). 

In dem folgenden Jahre — 1G62 — führt sich Magny 
abermals schriftlich iu der Sclnveiz ein, diesmal aber 
nicht als Anwerber von Söldnern, sondern als Diplomat; 
er schreibt nämlich an je eine einflulsreiche Persönlich- 
keit in Basel, Bern und Zürich und jedenfalls auch Schall- 



'•■) St.-A. Zürich Acta Saclisci), d. d. 11.. Juli Kidl. 

'") Bern, Extract aus (leinTcütschciiMissiveu-Buch JS'u.XXli'oI.ü. 

*') St.-A. Züricli Acta Sachsen, d. d. 12. Ang-ust 16G1. 

^^) Schuster und Fraucke a. a. 0. S. 84. 

^0) Ehenda S. Bü. 



238 A. von Welck: 

hausen — worüber aber die Unterlagen fehlen — und 
fragt ün angeblichen Auftrage des Kurfürsten zunächst 
unter der Hand an, ob diese vier evangelischen Kan- 
tone gewillt seien, in ein Bündnis mit Sachsen ein- 
zutreten. Nach Basel richtet er diese vom 13. (23.) Januar 
16G2 datierte Anfrage an den ihm aus früheren Jahren be- 
kannten Oberzunftmeister Benedict Socin''"*), welcher nicht 
verfehlt, das betreffende Schreiben dem Rate vorzulegen. 
Dieser, nicht wissend, dals sich Magny in gleicher Weise 
an die drei anderen Kantone gewandt hatte, schickte an 
diese das Magny'sche Schreiben — vom 18. (28.) Februar 
— und bat um Mitteilung, was sie zu antworten ge- 
dächten, wenn das gleiche Anerbieten etwa auch an sie 
heranträte, „weil dann dils eine sach von hoher impor- 
tantz"^^) sei. 

Von den weiteren Folgen dieses Antrages, den Magny 
hier stellt, ist nichts bekannt ; nur das Antwortschreiben 
von Bern an Basel ist erhalten ; es verweist auf die Not- 
wendigkeit, solch' wichtige Angelegenheit reiflich zu über- 
legen und zu beraten^-). Auf den nächsten eidgenössischen 
Tagsatzungen wird aber die Sache nicht erwähnt, und da 
auch das Hauptstaatsarchiv zu Dresden keine Unterlagen 
zu dem Vorgehen Magny's bietet, dieser selbst auch, als 
er im folgenden Jahre wieder längere Zeit in der Schweiz 
verweilte, so viel man weife, auf diese wichtige Ange- 
legenheit nicht zurückkam, so will es nicht unmöglich 
scheinen, dals derselbe aus eigener Initiative handelte und 
sich diese diplomatische Stellung anmafiste, um für spätere 
Werbevcrhandlungen sehier Person eine besondere Wich- 
tigkeit beizulegen. 

Aber auch für seine Stellung in Sachsen selbst er- 
schien es Magny wahrscheinlich wünschenswert, auf die 
eine oder andere Art sich in der Gunst des Kurfürsten 
besonders festzusetzen. Sein Verhältnis zu seinem Lands- 
mann Escher nämlich ebensowohl wie das zu seiner ihm 
untergebenen Hellebardier - Kompagnie verschlechterte 

ß*') St.-A. Zürich Acta Sachsen d. d. 18. Februar 1662. Unten 
Anlage IV. Nach der in Zürich befindlichen Abschrift, da das 
Original in den Basler Akten fehlt. Das nach Bern gerichtete 
Schreiben Magny's — Name des Adressaten unbekannt — befindet 
sich daselbst St.-A. Loc. L^. Es ist noch höflicher und devoter abgefafst 
als das obige, vom 12. Januar datiert und mit Magny's Unter- 
schrift versehen. 

") St.-A. Schaffhausen Acta Sachsen No. 59, d. d. 18. Februar 1662. 

52) St.-A. Basel St. 96. F. No. 12, d. d. 21. Februar 1662. 



Schweizer Soldtruppen 1656—1681. 239 

sich mehr und melir, und das Jahr lü63 bildet für die 
Geschichte der öchAveizergarde insofern eine wichtige 
Episode, als in demselben die Klagen und Beschwerden 
über Magny zum offenen Ausdruck gelangen. Ob und 
inwieweit dieselben ganz berechtigt waren, lälst sich kaum 
feststellen. Des Anklagematerials liegt eine Menge vor, 
andererseits aber auch manches, was zu Gunsten Magny's 
spricht. Jedenfalls gewinnt man durch die zahlreichen 
Schriftstücke, welche diese Beschwerden betreffen, einen 
interessanten Einblick in die damaligen militärischen Ver- 
hältnisse. Die grofee Gewalt, die dem „Hauptmann" über 
seine Untergebenen eingeräumt war, wird grell beleuchtet. 
Man kann aber auch kennen lernen, welches warme 
Interesse der Kurfürst seiner Schweizergarde zuwendete. 

In der ersten Hälfte des Jahres 1663 hatte ein Teil 
der Mannschaften der Hellebardier- Kompagnie schwere 
Anklagen gegen den Hauptmann de Magny vorgebracht 
und zwar — wie wir aus einem von Hauptmann Escher 
aus Torgau an den Bürgermeister Waser in Zürich ge- 
richteten Brief vom 17. (27.) September dieses Jahres ■^=*) 
ersehen — in einem an den Kurfürsten pei-sönlich ge- 
richteten Schreiben, in welchem sie auch, der üblen Be- 
handlung wegen, um ihre Verabschiedung baten. Der 
Kurfürst habe sich darauf, schreibt Escher, „sonderlich 
bemühet, das wesen zu accomodieren, damit die besten 
Kerle bleiben und in's künfftig besser commandirt werden". 
Es sei aber Magny gelungen, ihre Entlassung durchzu- 
setzen 

Der Kurfürst erliefs demzufolge d. d. 10. (20.) Sep- 
tember ein Sclireiben an die drei Kantone Basel, Bern, 
Zürich'^*) und in wenig veränderter Fassung (insoweit 
nicht auf frühere Truppenbewilligungen Bezug genommen 
werden konnte) auch an den Kanton Schalfhausen und 
entsendete gleichzeitig Magny abermals nach der Scln\ eiz. 
Er solle, heilst es in dem kurfürstlichen Schreiben, an 
Stelle der früher angeworbenen Schweizer, von denen 
„etliche bielsanhcro nicht allehi wieder Ihren Hauptmann, 
ohne einige erheliliche Ursach, unverantwortlich aufzu- 
lehnen, sondern auch umb erlassung Ihrer Dienste zu 
bitten sich unterstanden", andere „kriegsgeübte gute Mann- 



^■») St.-A. Zürich Acta Sarlisen. 

<■•*) St.-A. Basel St. 96. V. No. 12 (Original). St.-A. SclialV- 
hausen, Acta Sachsen No. 102. 



240 A. von Welck: 

scliafft" von den Kantonen erbitten, und diese möchten 
dem Abgesandten „alle gunst und schleunige Beförderung" 
erweisen. 

Am 13. (23.) September verliefs Magnj^ heimlich 
Dresden, da er nicht wollte, dafs von der Neu Werbung 
von Schweizern etwas bekannt würde. Er mochte wohl 
fürchten, dafs, wie es dann thatsächlich doch geschah, 
Klagen an die Kautone gelangten und seine Werbege- 
schäfte dadurch mindestens sehr erschwert würden. Er 
verbreitete das Gerücht, dafs er sich „in's warme Bad" 
begebe und nahm zwei der Kompagnie angehörige Per- 
sonen mit: Caspar Eckenstein (derselbe war Schreiber) 
und Bulacher. 

Seine Abreise und der Zweck derselben wurden aber 
trotz aller von ihm angewandten Vorsicht, schnell be- 
kannt, denn bereits am 15. (25.) September ging ein Klage- 
schreiben von einem Teil der Magny'schen Kompagnie 
(22 Basler, 22 Züricher und 23 Berner Unterthanen) an 
die betreffenden Kantone ab'^''), in welchem sie sich über 
nachstehende Punkte beschweren: 1. dafs ihnen das bei 
der Anwerbung versprochene „freie quartier" und jährlich 
ein „Lieberey-Kleidt" nicht zu Teil geworden sei; 2. dafs 
sie, geringer Ursachen wegen, streng bestraft worden 
seien; 3. dafs etliche vor ihnen „ohne Willen und Be- 
gehren" verabschiedet worden seien, dafs man ihnen bei 
dieser Gelegenheit einen Monat Sold oder das „Lieberey- 
Kleidt" abgezogen habe und dafs zwei Züricher „als 
Schelmen von der Compagnia gejaget" und ihnen „die 
Degen gebrochen" worden. Endlich habe Hauptmann 
de Magny dem Musterschreiber Eckenstein unbeschränkte 
Vollmacht gelassen, bei Auszahlung des Soldes Abzüge 
zu machen, um auf diese Weise die Schulden der Soldaten 
bei den Bürgern zu tilgen. Derselbe habe aber mehr- 
fach diese Zahlungen nicht geleistet, sondern das Geld 
für sich behalten. 

Die Beschwerdeführer schreiben nun in weitsdiwei- 
figster Weise weiter, dafs sie sich infolge solcher „Tyranney" 
zusammen unterredet hätten und dann zu ihrem Haupt- 
mann gegangen seien, um sich zu beschweren. Dieser 
habe ihnen zunächst erwidert, dafs die bei ihrer Anwer- 



^^) St.-A. Zürich Acta Saclisen, d. d. 15. September 1663. Bern 
L"- d. d. 18. September 1663. St.-A. Basel St. 96. F. No. 12, d. d. 
15. September 1663. 



Schweizer Soldtrnppen 1056-1081. 241 

billig abgeschlossene Kapitulation, worin ihnen das Quar- 
tiergeld versprochen sei, keine Gültigkeit mehr habe, weil 
sie seitdem eine neue Kapitulation (vom 1. [11.] Dezember 
1658) beschworen hätten. Darauf hätten sie bemerkt, 
dals sie zwar von neuem geschworen hätten, dal's ihnen 
von einer neuen Kapitulation aber nichts bekannt sei. 
Als der Hauptmann sich auf weiteres nicht eingelassen 
habe, hätten sie sich bei dem Kurfürsten „unterthänig 
supplicando" angemeldet und derselbe habe ihnen einen 
Monat Sold und Quartiergeld versprochen. Trotzdem 
sei aber Hauptmann Magny zur Auszahlung desselben 
nicht zu bewegen geAvesen, und als sie sich noch ein- 
mal persönlich zu ihm begeben, habe er ihnen „galgen, 
Radt unnd Schwerdt anerbotten, mitt fernerer ahngeheffte- 
ter Betrohung, wie dals er dem Ersten, so delswegen wieder 
zu ihm kommen, darumb sollicitiren würde, Er Ihme den 
Degen durch den Leib stolsen, auch etliche mit Pistolen 
nieder zuschiefsen betrohende sich vernehmen lassen, auch 
über dils Vielen den Plaz auf dem Neümarkte alhier 
gewisen alwo die Ubell: iinndt Milsthätter iustificiret 
werden" u. s. w. 

Bei der nächsten Soldzahlung hätten sie sich dann 
geweigert, den Monatssold anzunehmen, wenn nicht gleich- 
zeitig das Quartiergeld ausgezahlt würde, und schliefslich 
hätten sie sich nochmals an den Kurfürsten gewendet, der 
sie hätte bescheiden lassen, sie sollten den Monatssold 
annehmen und würden zu Michaelis für ein halbes Jahr 
Quartiergeld ausgezahlt erhalten. Damit aber noch nicht 
zufrieden, hätten sie nun auch noch die Entlassung des 
Musterschreil)ers Eckenstein verlangt, und auch dies sei 
ihnen auf ausdrücklichen kurfürstlichen Befehl und gegen 
den Wunsch aller Offiziere gewährt worden. 

Trotzdem, dafs nach diesen Angaben alle mehr (»der 
weniger berechtigten Wünsche erfüllt wurden, schreiben 
die Kläger: „In Summa, es ist nicht aufszusprechen, wie 
die Herren Officiere mit uiiIs umbgegangen, unndt unnfs 
getribulieret, also, dals es keine Mögligkeidt wai-, uniils 
länger unter solchen Joch (welches gleichsam ärger alls 
dels Turcken) zu gedulden, sondern, uns ins gesanüjt 
resolviret, bey Ihrer Churfürstl. Durchl. den gnedigsten 
abschiedt zufordern" etc. Der Kurfürst habe ihnen darauf 
zugeredet, sich noch bis Michaelis zu gedulden. Jetzt 
schiene es ihnen aber, als sollten neue „Völcker" ge- 
worben werden, und sie bäten deshalb ihre übrigkeiten, 



Neues AiThiv 1'. S. (i. u. A. Xlll. 3. I. 



242 A. von Welck: 

sie möchten doch suchen, ihre Lage in Sachsen zu ver- 
bessern, da sie sonst nicht weiter dort dienen könnten, 
„welches zwart unnsers gnedigsten Churfiirsten unndt 
Herrn sehre leidt wehre". Namentlich sei es schlimm, 
dafs sie bei der Kompagnie keine deutschen (d. h. Deutsch- 
Schweizer) Offiziere hätten, sondern nur „Welsche" und 
es ginge so parteiisch her, „weille Leütenant unndt 
Fendrich, zween Gebrüder'^'^), unndt der Haubtmann Ihr 
Schwager sein thutt." Die Obrigkeiten möchten also doch 
dafür sorgen, dals Offiziere ihrer Nation zu der Kompagnie 
kämen, dann würden sie gern weiter dienen, „weill wir 
mitt Ihrer Churf. Durclil. zu Sachfsen unterthenigst wohl 
contend unndt zufrieden unndt Deroselben unterthenigst 
zue dienen gerne begehren". 

Die Hauptsorge der Beschwerdeführer scheint ge- 
wesen zu sein, dals die Kantone neue Truppen bewilligen 
und sie infolgedessen entlassen werden möchten. 

Zwei Tage später, am 17. (27.) September richtet 
Hauptmann Escher über dieselbe Angelegenheit aus Torgau, 
wo er sich mit seiner Musketier-Kompagnie im Gefolge des 
Kurfürsten befand, einen Brief an den Bürgermeister Waser 
nach Zürich, der geeignet ist, etwas mehr Licht über die 
Klagen seiner Landsleute zu verbreiten'^'). Als ganz un- 
parteiischen Berichterstatter kann man allerdings Escher 
auch nicht betrachten, da er bekanntlich schon aus der 
Zeit seiner ersten Dienstleistung in Sachsen, wo er unter 
Magny stand, diesem feindlich gesinnt war. Der gedachte 
Brief Eschers enthält deshalb namentlich auch Klagen 
über Magny und die Bitte, es möchte ihm in Zürich, wenn 
er wegen Anwerbung dahin käme, „stattlich der Meister- 
stecken gewisen werden". Weiter schlägt aber Escher 
vor, man möchte doch dem Kurfürsten auf sein Schreiben 
vom 10. (20.) September, in welchem er um neue Leute 
bittet, antworten, dals man viel lieber eine oder mehrere 
Kompagnien mit den dazu gehörigen Offizieren bewilligen 
würde, als so „wenig Volk unter die Compagnie, da sie 
keinen Officier nit habind". Auf die Sache selbst, d. h. 
auf die grölsere oder geringere Berechtigung der Klagen 
der Schweizer, geht eigentlich Escher nicht ein ; er schreibt 
nur zuletzt: „Gewüls ist's, das die Soldaten zu vil an 



'*") Gebrüder von Montet. 

•") St.-A Zürich Acta Sachseu d. d. 17. September 1663. 



Schweizer Soldtruppen 1656—1681. 243 

die sacli gethan, aber der Anfang betreffende, sind si bei 
den Haaren zu disen ungüetliclien sacken gezogen worden". 

Mittlerweile mögen nun die Beschw^erde führenden 
Hellebardiere erfahren haben, dafs Magny wirklich nach 
der Schweiz abgereist war, um neue Söldner anzuwerben, 
und die Befürchtung, dals sie könnten entlassen werden, 
tritt mehr und mehr in den Vordergrund. Infolgedessen 
richten sie am 26. September (6. Oktober) eine abermalige 
Vorstellung an die Kantone"'^) ; in welcher sie berichten, 
dafs sie, sowie die Abreise ihres Hauptmanns nach der 
Schweiz zu ihrer Kenntnis gelangt sei, beschlossen hätten, 
eine Deputation dahin zu entsenden, um sich zu recht- 
fertigen. Sie hätten aber keinen Urlaub erhalten, und 
nun bäten sie, die Obrigkeit möchte doch „umb Gottes 
Willen, in dieser Sach uns nicht übereylen lassen", sondern 
ihnen dazu verhelfen, dafs etliche von ihnen hinaus reisen 
dürften, um „Bericht zu thun, damit wir doch entlichen 
dieses unerträglichen Jochs der Welschen Officiereu 
(welchen keinen Teütschen gut) möchten erledigt werden, 
in deme wier sonsten Ihrer Churf. Durchl. weiters zu 
dienen willig und bereit sind, weiln Avier iederzeit einen 
gnädigsten und wohl meinenden Herrn an ihnen gehabt" 
etc. Unterschrieben ist das an Zürich gerichtete Schreiben 
von „etzliche zw^antzig", das an Basel gerichtete: „bils 
etliche zwantzig" Mann. 

Es lälst sich wohl begreifen, dals unter diesen Um- 
ständen der Rat zu Basel, wo sich Magny persönlich be- 
fand und das Schreiben des Kurfürsten überreicht hatte, 
in ernster Verlegenheit war. Auf der einen Seite die 
dringende Bitte Magny's, den Wünschen seines Souveräns 
nachzukommen, auf der andern Seite das Klageschreiben 
der Unterthanen aus Sachsen'^''). 

Bürgermeister und Rat wendeten sich deshalb am 
3. (13.) Oktober an die Kantone Zürich und Bern''") und 
baten um deren Ansicht, indem sie bemerkten, Magny 
habe ein Schreiben des Kurfürsten „eingeliefert", in 
welchem um die Genehmigung zur Anwerbung „von etwas 
wenig Völckheren" gebeten werde. Er sei aber ihrer- 
seits „zur Geduld gewiesen worden", bis mau mit den 



58) St.-A. Zürich Acta Sachsen. St.-A. T.ascl St. {)(\. V. No. 12. 

^"') Oh auch die Klageschrift d. d. ;i(i. Sci»tcnil)or ((>. Oktohor) 
hereits eingeganf^'on war, erscheint irai^lich. 

«") St.-A. Zürich Acta Sachsen, d. d. ;5. Oktoher KKi:«. St.-A. 
Bern L"^ d. eod. 



244 A. von Welck: 

andern Kantonen darüber konferiert habe, umsomehr, 
als kurz zuvor ein Schreiben der bereits in sächsischen 
Diensten befindlichen Basler eingegangen sei, „darinnen 
sie ob dem üblen und, wie sie es nennen, tyrannischen 
Tractament ihrer Ober-Officirer sich auf's höchste und weh- 
mütigste erklagen". Die Eidgenossen möchten sich doch 
darüber aussprechen, ob es unter diesen Umständen nicht 
geraten sei, dals man, vor Genehmigung einer neuen 
Anwerbung, wenigstens eine schriftliche Kai3itulation mit 
Magny abschlösse, nach welcher künftighin die Ober- 
Offiziere nicht mehr allein von „Welschen" sondern von 
den „Haupt -Orten" genommen werden sollten. Beide 
Kantone beeilten sich mit einer Beantwortung dieser 
Anfrage nicht, wohl hauptsächlich aus dem Grunde, weil 
Magny daselbst noch gar kein Werbebegehren angebracht 
hatte. Unter diesen Verhältnissen wäre es immerhin 
fraglich gewesen, welches Resultat Magny in Basel er- 
zielt hätte wenn nicht nach Ablassung des erwähnten 
Schreibens vom 3. (13.) Oktober eine abermalige Zuschrift 
aus Dresden eingelaufen wäre von den übrigen Gliedern 
der Magny'schen Kompagnie, welche die ganze Angelegen- 
heit in einem wesentlich anderen Lichte darstellte *^^). Es 
waren dies noch 46 Mann, welche die Beschwerdeschriften 
vom 15. (25.) September und vom 26. September (6. Ok- 
tober) nicht mit unterschrieben hatten. Sie bezeichnen 
die Klagen ihrer Kameraden als vollständig ungerecht- 
fertigt, diese selbst aber als Empörer. Das Schreiben ist 
vom 29. September (9. Oktober) datiert, ebenfalls an die 
Kantone gerichtet und besagt u. a. : „Am allermeisten 
aber wird Ihnen (d. i. den Obrigkeiten der Kantone) nicht 
un verborgen liegen, was sich bishero by unser Churf. 
Ober-Leibguarde der Hallebardirer von etlichen zusammen 
gerotteten Mitt Cameraden vor factiones, Revolten und 
conjunctiones entsponnen". Es wird alsdann berichtet, 
dals eine gerichtliche Untersuchung der Angelegen- 
heit durch den Kriegs-Auditeur stattgefunden habe und 
dafs sich an dem ganzen Vorgehen nur 67 Mann der 
Kompagnie beteiligt, die übrigen 46 Mann aber nichts 
davon gewulst hätten, noch „viel weniger in dero An- 
schläge willigen wollen" ; sie erklärten vielmehr ausdrück- 
lich, dafs sie von diesen Aufwiegelungen „franq und frey 



") St.-A. Zürich Acta Sachsen, <\. d. 29. September 1663. Auch 
bei Basel und Bern. 



Schweizer Soldtrappen 1656—1681. 245 

sein" und bäten die Eidgenössische Obrigkeit, sie „wieder 
solche Revoltisten und die daraus entstehente böse famam 
zuschützen" etc. Unterschrieben ist dieses Schriftstück: 
„unterthänige, gehorsambste Diener alls übrige Sechs und 
Vierzig Mann von der Churf. Ober - Leibguarde der 
Schweitzer Hallbardierer". 

Dafs ein so schlauer Kopf und gewiegter Unterhändler, 
wie Magny, den Vorteil, den ihm eine derartige Er- 
klärung gewähren mufste, nicht unbenutzt vorübergehen 
liels, lag auf der Hand, und er vermochte — gestützt auf 
diese ihm gewordene reparation d'honneur, deren Abfassung 
er übrigens wahrscheinlich nicht ganz fern stand — nun 
thatsächlich den Rat zu Basel, ihm die Anwerbung von 
40 Mann, und zwar unter Zugrundelegung einer ziemlicli 
nichtssagenden Kapitulation, mittels welcher nur die Form 
gewahrt wurde, zu gewähren. Die wesentlichsten Punkte 
dieser am 15. (25.) Oktober abgeschlossenen Kapitulation, 
welche einerseits von Magny, andererseits von den Rats- 
herren J. Jacob Burkhard und Hanns Heinrich Zässlin, 
sowie von dem Ratsschreiber Conrad Härder unterzeichnet 
war, lauteten dahin, dals: 1. die anzuwerbenden Soldaten 
lediglich in der kurfürstlich sächsischen Leibgarde „ge- 
braucht" werden und die gleiche Besoldung erhalten wie 
die bereits dienenden; 2. dafs bei eintretenden Vakanzen 
die Offiziersstellen mit „tauglichen Persohnen aufs den 
Hauptorthen ersetzt und ergentzt werden"; B. dals die- 
jenigen, die um ihre Entlassung einkommen, ihren ehrlichen 
Abschied, sowie die Besoldung, die sie auf Grund der 
Kapitulation zu fordern liaben, richtig erhalten"-). 

Nach dieser glücklichen Erledigung der Geschäfte 
m Basel, begab sich Magny nach Schaffliausen, wo er 
el)enfalls die Genehmigung zur x\nwerbung erlüelt (die 
Zahl ist nicht genannt) und am 19. (29.) Oktober den 
betreffenden Vertrag abschloß — gleichlautend mit dem 
Basler. Die Soldverhältnissc blieben die gleichen wie in 
der Kapitulation vom 1. (11.) Mai 1G59 (S. 284). Trotz 
dieser Erfolge in Basel und Schaffhausen ging Magny 
weder nach Zürich noch nach Bern, ja es erscheint auf 
Grund späterer Korresiiondcnzen sogar fraglich, ob er das 
kurfürstliche Schreiben überhaupt nach Zürich schickte. 



"-j lu tlea Basler Archiven ist diese Kapitulation nicht inclir 
vorhanden, wohl aber im St.-A. Zürich Acta Sachsen, 5. November 
l()6o und St.-A. Sehaffhausen Ruhr. Sachsen No. WZ. 



246 -^- ^on Welck: 

Magny hatte bereits in Basel Kenntnis erhalten, dafs die 
Beschwerdeschriften eines grofsen Teiles seiner Kompagnie 
auch nach Bern und Zürich gelangt waren; aulserdem 
konnte er aber als sicher annehmen, dais Escher ebenfalls 
in einer für ihn nicht vorteilhaften Weise in seiner Vater- 
stadt Zürich berichtet hal)en würde, und in Bern war er aus 
verscliiedenen Gründen, die später berührt weiden, ganz 
besonders schlecht angeschrieben. Er durfte also in diesen 
beiden Städten kaum auf so erfolgreiche Abwicklung 
seines Auftrags rechnen, wie in Basel und Schaffhausen. 
Am ersteren Orte waren ihm jedenfalls zwei Umstände 
förderlich geAvesen: die langjährige Bekanntschaft mit 
den beiden Eatsherren Socin und Stähelin und die Eigen- 
schaft seiner beiden Begleiter, Eckenstein und Bulacher, 
als Basler; in Schalfliausen aber war er selbst, sowie die 
Vorgänge in Sachsen, noch unbekannt — beides im vor- 
liegenden Falle für ihn günstig. 

Auch in Basel hatte Magn^^ wohl weise gehandelt, 
das Eisen zu schmieden, so lange es warm war, denn im 
Laufe des Monats Oktober gestalteten sich seine Chancen 
entschieden ungünstiger. Zunächst gingen zwei Schreiben 
des in sächsischen Diensten befindlichen, bei der Musketier- 
Kompagnie stehenden Ober Wachtmeisters Fäsch '''■') ~ eines 
geborenen Baslers — ein, von denen das erste, vom An- 
fang des Monats, an den Oberzunftmeister Socin, das 
zweite aber, vom 20. (30.) desselben Monats, an den Rat 
zu Basel gerichtet war*'^). Ist auch nur das letztere 
noch vorhanden, so geht doch aus demselben hervor, dais 
auch das erstere, übereinstimmend mit dem zweiten , 
das Verhalten der „gelben" (Hellebardier-) Kompagnie 
ihrem Hauptmann de Magny gegenüber in Schutz nahm. 
Fäsch schreibt, die Leute hätten „die Gewehr nie abge- 
legt" (d. h. sich nie des Dienstes geAveigert), „sondern 
durch drey underschiedliche suplicationen I. Cliurf. Dclilt. 
allen Sachen berichtet unnd ihre BeschAverden eingesetzt 
unnd zugleich I. Ch. D. ihre getrüAve Dienst oferirt", 
nur hätten sie gern andere Offiziere haben wollen, „die 
ihrer Sbrachsind, die besser Avissen, Avie man die Schweitzer 



''^) Jeremias Fäsch, geb. 24. September 1606, als Sohn des 
Bürgermeisters Rudolph Fäsch, war bei der Anwerbung im Jahre 1659 
mit nach Basel gekommen. — Zwei Verwandte von ilim gleichen 
Namens, Johann Rudolph Fäsch und Georg Rudolph Fäsch, erlangten 
später in Sachsen hohe militärische Stellungen. 

0*} St.-A. Basel St. 96. No. 12. 



Schweizer Soldtruppen 1^56 — 1681. 247 

halten soll". Dafür, dafs Magny kein reines Gewissen 
habe, spräche schon seine heimliche Abreise „in ein 
Warmbad". 

Nächst dem kam aber auch die längst erwartete 
Antwort von Zürich'^'') — d. d. 24. Oktober (S.November) 
— , in welcher zu grolser Vorsicht gemahnt wird. Zürich 
schreibt, die Anfrage vom 3. (13.) Oktober sei eingegangen 
und seitdem auch die Klageschreiben der Schweizer aus 
Dresden. Bis jetzt habe aber Magu}^ überhaupt in Zürich 
noch kein Gesuch um eine neue Anwerbung angebracht. 
Sollte dies noch geschehen, so würde man in Zürich ganz 
ebensolche Vorsicht und „Consideration" beobachten, wie 
in Basel. Man möge sich nur ja in Acht nehmen und 
in die aufzustellenden Kapitulationen auch das „gute 
Tractement" derjenigen mit aufnehmen, die bereits in 
sächsischen Diensten ständen. In jedem Falle er- 
schiene es aber ratsam, „under gemeinem naramen" an 
den Kurfürsten zu schreiben und ihm die in seinem Dienste 
befindlichen eidgenössischen Unterthanen „zu besserer und 
wohl ertragenlicheren Haltung" zu empfehlen, was auch 
„zu Vermeydung schimpfflich und spöttischen Hinweg- 
schickung gereichen und dienen wirt". Es wäre aber 
gut, dieses Schreiben nicht durch Magny selbst, sondern 
auf anderm sichern Weg zu schicken. 

Dieses Schreiben aus Zürich wurde umgehend beant- 
wortet'"'). Der Hat zu Basel schrieb, es wäre seit der 
Absendung der nach Zürich gerichteten Anfrage vom 
3. (13.) Oktober (s. o.) ein Schreiben von 46 Mann der 
Hellebardier- Kompagnie, datiert vom 29. September (9. Ok- 
tober), eingelaufen (s. o.), in welchem dieselben „ihren 
Cameraden rührende Klagten, factionen und Conjurationen 
(wie sie selbige nennen) durchaus improbiren , darol) 
groises Milsfallen bezeugen und vermelden, dals sie da- 
mit gantz nichts zuthun liaben .... wollen". Aus diesem 
Grunde und da „Ihr unsei-e g. 1. E. Ihre antwortliche 
Erklärung etwas verweilet", da ferner Bern auch nicht 
geantwortet habe, hingegen Magny „aber die unserseitige 
Resolution eyfrig sollicitirt", so hätte man endlich dem 
kurfürstlichen Ansinnen „willfahren erzeigt", die An- 
werbung von 40 Mann gestattet, aber mit Magny wegen 
des „Tractaments" und wegen „ehrlicher dimission und 



»S) Ebenda. 

««) St.-A. J3asel St. 96 No. 12, d. d. 28. Oktober 1663. 



248 A. vou Welck: 

Bezahlung" „etwas Abred pflegen lassen", auch den Kur- 
fürsten in einem Antwortsclireiben vom 26. Oktober (5. No- 
vember)'"), von der Aufsetzung der Kapitulation benach- 
richtigt und ihn um Aufrechterhaltung derselben gebeten. 
Hierauf antwortete Zürich am 31. Oktober (10. No- 
vember)*'^), dafs mittlerweile das erwähnte Schreiben der 
46 Hellebardiere ebenfalls eingelaufen sei. Es sei „eine 
grofse WiderWertigkeit, die unbedingt mit synen gebühren- 
den Mittlen mueste underbrochen und corrigiert werden, 
wie es aber am Besten werde können beschächen, da 
stehen wii' noch in gedancken". Basel möchte doch seine 
Ansicht aussprechen. Diesem Wunsche wird auch d. d. 
5. (15.) November*^") entsprochen, doch kann in der Haupt- 
sache nur das früher Mitgeteilte wiederholt werden. Es 
wird hinzugefügt, der „widerwertige" Inhalt der beiden 
Schreiben der in sächsischen Diensten befindlichen eidgenös- 
sischen Söldner vom 26. und vom 29. September, „da 
etliche allerhand klagten füehren, andere aber gar wohl 
zufrieden zusein bekhenneu", habe sie zwar zum „Nach- 
dencken" veranlagt, aber sie hätten schliefslich doch die 
Anwerbung von 40 Mann gestattet, eine kurze Kapitu- 
lation abgeschlossen, welche in Abschrift beilag, und 
an den Kurfürsten das Ersuchen gerichtet, dieselben zu 
„placidiren". Wenn aber Zürich und vielleicht auch Bern 

— von wo noch immer keine Antwort eingegangen sei 

— sich in demselben Sinne gegen den Kurfürsten äufsern 
wollten, so „wollen wir solches nicht weniger genehm 
halten und die Anstellung dessen Euch unseren g. 1. E. 
lediglich überlassen". Es scheint übrigens, dafs man in 
Zürich gar nicht zufrieden war mit dem Ausbleiben von 
Magny und dals man trotz der Schwierigkeiten, die von 
Haus aus den Anwerbungen gewöhnlich gemacht wurden, 
ganz gern wieder eine Anzahl junger Leute an das 
sächsische Hoflager entsendet hätte. Der Dienst in den 
Schweizergarden an fremden Höfen war zu der Zeit 
bei den Sölmen der schweizerischen Aristokratie sehr be- 
liebt, und namentlich der kursächsische Hof bot so manche 
Annehmlichkeiten und Vorteile. Die jungen Leute lernten 
die Welt kennen, erhielten Titel und Würden (für Avelche 
die damaligen Schweizer durchaus nicht unempfänglich 



6') St.-A. Basel St. 96. No. 12. 

«8) Ebenda. 

«»} St.-A. Züricli Acta Sachsen. 



Schweizer SoWtnippen 1656-1681. 249 

waren) und machten meistens ancli in pekuniärer Hinsicht 
gute Geschäfte. Dafs diese Anschauung die wirklich 
herrschende war, finden wir vielfach bestätigt bei Be- 
trachtung des damaligen Schweizer Söldnerwesens. Nur 
wenige begnügten sicli mit einem fremden Dienste, und 
mancher Sohn der Schweizer Berge kehrte gar nicht 
wieder, sondern beschlofs seine Tage in hohem Alter im 
Auslande, das ihm lieb geworden war. Andererseits bot 
aber der fremde Dienst den Regierungen eine will- 
kommene Gelegenheit, sich unruhiger Köpfe und lieder- 
licher Elemente zu entledigen. Man mufs sich diese Ver- 
hältnisse vergegenwärtigen, um zu verstehen, dafs trotz 
der Beschwerden der in Sachsen befindlichen Schweizer 
und trotz der geringen Sympathien, deren sich Magny 
zu erfreuen hatte, doch seine Werbung wieder zu einem 
Resultate führte, und dals, wie erwähnt, Zürich gar nicht 
zufrieden war mit dem Nichterscheinen des Werbers. 
Es erhielt daher auch der „Underschreyber" Hanns Georg 
Escher den Auftrag, sich einmal privatim an seinen 
Kollegen nach Bern zu wenden und dort anzufragen, ob 
Magny daselbst gewesen sei und geworben habe. Es 
heilst in diesem Briefe, den Escher an den Stadtschreiber 
Rothe nach Bern schrieb'") und welchem die verschiedenen 
aus Dresden eingelaufenen Schriften beigelegt waren: 
„Aufs den Beylagen hat der Hr. zuvernemmen, wafs von 
den Eydtgenössischen Soldaten in Saxen pro und contra 
an myn Gn. H. yngelanget und allem empfangenen Be- 
richt nach, müssen einem Lobl. Magistrat zu Bern gleiche 
Schryben zukommen syn, wie gegen Basseil auch be- 
schächen und wylen Hr. de Magny Cuhrf. Sächssischer 
Leibguardi-Haubtman sich in der Eidtgenossschafft und 
mit Nammen zu Basseil und Schaffhussen befunden, etwas 
mehrere Soldaten zu werben, so hat man erwarthet, dass 
er auch nacher Zürich kommen werde, und dann wollen 
von obbedüthen Differenzien under den Soldaten mit Innne 
fründtlich conferieren und reden, AV^len eis aber dalj; 



s 



ansächen nit hat, dals Er Hr. i\Iagny nacher Zürich 
kommen werde" etc., so wird gebeten, verti-aulich mit- 
zuteilen, ob die in Abschrift beiliegenden Schriften auch 
nach Bern gekommen seien, ob Magny selbst dort war, 
um zu werben und was für einen Bescheid man ihm 
eventuell erteilt habe. 



™) St.-A. Bern L-, d. d. 5. November 1663. 



250 A. von Welck: 

Hierauf antwortet Rotlie an Esclier am 9. (19.) No- 
vember^'), dals Magny die Absicht zu erkennen ge- 
geben habe, in Bern Soldaten anzuwerben. Die 
„gnädigen Herrn" seien aber der Ansicht gewesen, es 
werde damit wohl Zeit haben bis nach dem „Herbst" 
(Weinernte). Mittlerweile seien nun die Klageschreiben 
aus Sachsen eingelaufen und das Gesuch Magny's sei 
deshalb zur „reiferen deliberation" an die „Kriegs Cam- 
mer" gewiesen worden. Persönlich sei Magny nicht 
in Bern gewesen, „hat auch kein Ansehen, dals er kom- 
men werde oder dörffe, denn Imme leicht ein Scliimi)f 
begegnen möchte von etliche junge Burgern, die drunden 
in Diensten gewesen und sie sein gutes tractament noch 
beschmiietzt". 

Der Rat zu Bern hatte in der That nach dem Ein- 
gang der verschiedenen Schriftstücke aus Sachsen unter 
dem 26. Oktober (5. November) 1663 den „Kriegsrat" 
oder die „Kriegs Cammer" beauftragt, „über das, von 
etlichen in sächsischen Diensten sich aufhaltenden Garde- 
soldaten an ihr Gnaden gesandte Klagschreiben ab den 
Offizieren, sonderlich dem Hauptmann Magnin" eine Un- 
tersuchung einzuleiten '-). 

Diese Untersuchung, über welche zwei Dokumente 
vorliegen, scheint in der Weise geleitet worden zu sein, 
dafs zunächst mehrere noch in Sachsen befindliche Berner 
Unterthanen vernommen wurden. Deren Aussagen '■') 
enthalten in der Hauptsache die schon bekannten Klage- 
punkte; Ort und Datum fehlen dem betreftenden Schrift- 
stück. Nach Eingang desselben in Bern Avurden nun ver- 
schiedene, früher bei der sächsischen Schweizergarde 
gedient habende Männer protokollarisch vernommen — 
wahrscheinlich am 22. Januar (1. Februar) 1664. Es 
waren dies der Hauptmann Versset (?), Wurstenberger 
— „des gleichnamigen Venners von Bern Sohn", — Hans 
Rudolph Koller, Heinrich Weber von Aarau, Hehnich 
Mathys und Andreas Hermann. 

In diesem Protokoll'*), aus welchem auch hervorgeht, 
dafs Magny früher in venetianischen Diensten gestanden, 
werden ihm direkte Unterschlagungen Schuld gegeben; 
so habe er z. B. vom Kurfürsten das Geld erhalten, um 



'1) St.-A. Zürich Acta Sachsen. 

''^) Berner Rats-Protokoll No. 147 vom 26. Oktober 1663. S. 123. 

73) St.-A. Bern L^ S. 577. 

'*) Ebenda S. 581. 



Schweizer Soldtnippen 1656—1681. 251 

jedem Scliweizer jährlich „ein Libereykleid" zu geben, 
„aber es habe oift einer drei Jahr daran haben müssen". In 
der Hauptsache wiederholen sich die nämlichen Beschwer- 
den, welche schon in dem Klageschreiben vom 15. (25.) Sep- 
tember 1663 enthalten sind; dieselben richten sich vielfach 
auch gegen den oben erwähnten Schreiber Eckenstein. 
Am ausführlichsten spricht sich Andreas Hermann"') aus ; 
er giebt u. a. das Nachstehende zu Protokoll: 

„Alfs Ihnen seehfs gautzer ]\Imiat lang- keine besoldung ge- 
flossen, seyend die Soldaten schwüiig und ungedultig worden, unnd 
hahind sich mit einandren verbunden, dafs keiner den andren lassen 
welle, bils sie bezalt und der Ekenstein abgeschaff'et seye; da habe 
Magnie Ihnen allk Rebelies getröüt und den Galgen gezeiget: Woruff 
sie sich bey Ir Churfr. Dcht. erklagt der dan verschaffet, dafs Eken- 
stein congedirt , und die gelter durch seinen Secretarium Löwe dis- 
tribuirt werdent. Alfs nun Magnin solchen ansehen und erfahren 
müssen, hat er alsbald Ihrer dreifsig uff einmal abgedankt, mit hin- 
derhaltung defs gedachten Reichsorts Monatssoldts, unnd kleidren, und 
habe drey, so Inne am einfeltigsten gedünkt, vor ihrer abreifs für 
die Stattauditores kommen lassen, imd by beschlossner Thüre Sie 
zwingen AvoUen zubekennen, dafs sie alfs Rebellen seyend fortge- 
schikt Avorden. Es übervortheile der Magnin gemachter suffotation 
nach Ir Clmrf. Dcht. nur in dem, was er an der verglichnen anzahl 
guardi Soldaten haben solte , und nit , by zwantzig thusend Reichs- 
thaler, damit er aber dises bementelen möge, müssiud seine Soldaten 
all Tag auff und abzüchen." 



•s 



Bestätigt werden diese Klagen durch die Aussagen 
eines „In Churf. Dchlt. Bedienten", der auch beifügt, 
dals der Kurfürst befohlen habe, dafs die Gelder zur 
Bezahlung der Soldaten nicht mehr durch Magny's Hände 
gehen sollten, sondern dals ein „gewüsser hooff Secre- 
tarius Löwe selbige ufsrichten sollen". 

Es wird dem Magny ferner zum Vorwurf gemacht, 
dals er sich in einem „gewüssen Schlaghandel mit Major 
Basler gar nit Cavallierisch weniger Soldatisch verhalten", 
und endlich wird noch erwähnt, „dals er sich seines Na- 
ntes beschemet""''). 

Alle diese Anschuldigungen wurden nicht allein be- 
stätigt, sondern noch wesentlich ernster gestaltet dui'ch 
einen Brief, den Escher mittlerweile von Dresden aus 
an den Bürgermeister Waser nach Zürich geschrieben 



'^^) Derselbe hatte vcrmutlirh als Lieutenant bei der Schweizer- 



garde gestanden. 



■''') Die Familie hicfs eigentlich de Constantin. Vergl. ol)eii 
S. 224 No. 9. 



252 A. von Welck: 

hatte. Derselbe ist irrtümlich vom 2. (12.) November, 
anstatt vom 2. (12.) Dezember 1663 datiert"). 

Escher schreibt, dafs Magny am 16. (26.) November 
wieder in Dresden eingetroffen sei. Als er. Escher, nun 
vernommen habe, dafs der „weltbekante Verführer, Liegner 
und Betrieger" nicht allein nicht persönlich in Zürich 
und Bern gewesen, sondern auch das kurfürstliche „an jeden 
Stand besonderbar adressierte" Schreiben „hinderhalten" 
habe, habe er sich entschlossen diesen Brief zu schrei- 
ben. Man werde in Bern sehr erzürnt auf Magny sein, 
weil „vill fornemmer Hern Söhn, die die Zeit her sehr 
übel gehalten und ganz malcontent nacher Haus gereist 
sind, als des Hern Sekelmeisters Steigers Sohn, einer 
Im Hoff, einer v. Graffenried, einer v. Bonstetten und 
noch vil andere mehr" schwere Klage führen würden. 
Nun sage zwar Magny, die beiden Stände Zürich und 
Bern würden leicht zu begütigen sein, „es seige nur umb 
ein Churf. Attestation oder Justification Schreiben zu 
thun, werde alles wieder gut werden", aber er — Escher — 
riete dringend, man möge an den Kurfürsten schreiben, 
dafs man sich durch das Verhalten Magny's sehr beleidigt 
fühle und die Unterthanen nur im sächsischen Dienste 
belassen könne, wenn sie unter Offiziere „von den Stenden, 
weliche mit ihren Kopf alles Unreclit zu verandtworten", 
gestellt würden. Der Bürgermeister Waser möge nur mit 
dem Stand Bern oder persönlich mit Herrn Seckelmeister 
Steiger in Korrespondenz treten. Die Züricher und Berner 
hätten, als sie erfahren, dals Magny gar nicht in ihrem 
Heimatsort gewesen, beschlossen, sofort nach Neujahr, 
wenn sie „die neuwen Kleider auf dem Leib haben 
werdind", einen deutschen Schweizer als Hauptmann zu 
verlangen, oder ihren Abschied einzureichen. Es wäre 
zu verwundern gewesen, „wie die etlich und 70 man von 
Zürichern, Bernern und Baslern so standhafft ihren Ab- 
scheid genommen" und „es vertrusse die gantze Hofstat, 
so hübsche abgerichte kerle soltend wech glasen und 
andere grobe pflegel angenommen werden", da aber die 
40 „Neuen" von Basel einmal dagewesen seien, so sei 
nichts übrig geblieben, als sie zu entlassen. „Es ist auch 
ein öffentlicher Discurs von vornemmen Cavaliers gehalten 
worden, als, es seige nit müglich, das es mit dem Schwei- 
tzer Ob. Leut. recht natürlich zugehe, inn demme son 



'■j St.-A. Zürich Acta Sachsen d. d. 2. November 1663. 



Schweizer Soldtrnppen lO.'ß-lfiSl. 253 

Altesse wo der Feier steke, gar wol sehe". Endlich 
richtet Escher an den Bürgermeister Waser die Bitte 
„zu vermögen, meine gnedigen Hern mich mit sambt den 
ihrigen, so auch die H. von Bern ihre officier mit sambt 
den irigen, Sy uns nit wollind steken sondern wie bis 
dato vetterliche Hilf widerfahren lassen". 

Bei dieser Lage der Dinge fand man es nunmehr 
doch angezeigt, dieselben auf der nächsten Tagsatzung 
in gemeinsame Beratung zu ziehen. 

Die evangelischen Orte traten im Januar 1664 zu 
dem Zwecke in Baden zu einer allgemeinen Tagsatzung 
zusammen und die Klagen der Schweizergardisten sowie 
das anscheinend noch immer unerledigte Werbebegehren 
des Kurfürsten gegenüber den Kantonen Zürich und 
Bern, wurden auf die Tagesordnung gesetzt. Der auf 
dieser „Conferenz'' gefafste Beschluls lautet: 

„Auf geschehenen Anzng, dafs der Oberstlt. Magny die in 
knrsächfs. Diensten stehende Mannschaft dej- IV Städte übel halte, 
wird beschlossen , diei's durch ein Schreiben dem Kurfürsten zu 
klagen und von ihm Ilemedur zu verlangen. Glarus und Appenzell 
wünschen, dafs bei einem etwaigen Aufbruche dahin auch den Ihrigen 
Zutritt gestattet werde'"«). 

In Befolgung dieses Beschlusses richtete unter dem 
20. Februar (1. März) 1664 Zürich, der Vorort der evange- 
lischen Kantone, ein Schreiben an die Mitkantone, in 
welchem es heifst: 

„Tn dem Abscheidt von der jüngsten Badischen Tagsatzung, so 
die Evangel. Orth under sich selbsten abgefasset, haben Avir auch 
befunden, dafs wegen der Klegten der Eidgenössischen Soldaten inn 
Saxen gut und rathsamm erachtet worden, dieselbigen Ihr Churf. 
Dchlt. daselbsten <lurch ein fründtliches Schryben anzemelden, und 
zu eroffnen, zuevor aber das Concept defs Schryben den Lobl. Evang. 
Stetten alfs under deren Nammen dasselbige abgaben solle , nacli- 
richtlich communicieren" etc.""'). 

Beiliegend ging an die Kantone zur Begutachtung 
das Konzept eines an den Kurfürsten zu richtenden 
Schreibens und eine Zusammenstellung der Klagen der 
Soldaten gegen H. de Magny^*^). 

Auf der näclisten Gemeineidgenössischen Tagsatzung, 
die am 12. (22.) März in Baden stattfand, traten die 



'8) E. A. Bd. VI I^ No. 395 c. — Es scheint demnach, dafs die 
Klagen der Schweizergardisten nicht sehr tragisch genonnneu wur- 
den, oder doch nicht aT)schreckend wii'kten. 

™) St.-A. Schaffhausen Acta Sachsen No. 33. St.-A. Bern 
L2 S. 589. 

^^) St.-A. Schaffhausen Acta Sachsen No. 32. 



254 A. von Welck: 

evangelischen Orte zur Beratung dieser Angelegenheit zu- 
sammen, konnten sich aber nicht einigen. Der betreffende 
„Abschied" ^^) enthält darüber die nachstehende Ent- 
scheidung: „Dem Entwurf eines Schreibens an den Kur- 
fürsten von Sachsen, betreffend die gegen den Oberst- 
lieutenant Magn}' erhobenen Klagen, wird von Basel und 
Schaff hausen darum nicht beigestimmt, weil sie die Ka- 
pitulation mit Magny erneut haben, und nur ein Teil 
der Soldaten Klage führe. Infolgedessen wird die Be- 
schwerdeschrift nur im Namen Zürichs und Berns ab- 
gesandt und demselben die Bemerkung beigefügt, dais 
Magn}^ die beiden kurfürstlichen Schriften nicht über- 
liefert, hingegen auf Bernischem Territorium ohne zuvor 
nachgesuchte Bewilligung Volk geworben habe ; das be- 
treffende Schreiben soll aber vor dem Abgange dem 
Hauptmann Escher zur Einsicht vorgelegt werden" ^^). 

Leider fehlen alle Nachrichten, ob diese Schriftstücke 
wirklich an den Kurfürsten abgegangen sind. Dafür, 
dals dies geschehen und dafs dieselben auch ihre Wirkung 
nicht verfehlten, spricht der Umstand, dals in den nächsten 
Jahren keine weiteren Klagen verlauten. Oberst lieute- 
nant de Magny verblieb im Kommando seiner Hellebar- 
dier-Kompagnie und Hauptmann Escher in dem der Mus- 
ketier-Kompagnie. Im Truppenbestand der sächsischen 
Armee pro Ende 1666 heilst es: „Schweizer Trabanten: 
Oberstlieutenant de Magny 132 Mann. Schweizer Leib- 
Compagnie der Musketiere: Hauptmann Escher 200 
Mann"^=^). 

Es dürfte jetzt angezeigt erscheinen, einen Rück- 
blick auf die Klagen und Beschwerden der kurfürstlichen 
Schweizergarde, die sich während des Jahres 1663 geltend 
machten, zu w^erfen und die Frage zu stellen, ob und 
inwieweit dieselben berechtigt erscheinen. 

Es liegen zunächst die beiden Schreiben vom 15. 
(25.) September und vom 26. September (6. Oktober) 
1663 von einem Teil der Magny'schen Kompagnie vor, 
nächstdem die beiden Briefe J. C. Eschers vom 17. (27.) 
September und vom 2. (12.) November desselben Jahres, 
und endlich die Klagen und protokollarischen Verneh- 
mungen der Berner Unterthanen. In allen diesen Schrift- 



81) E. A. Bd. VI, Abt. II No. 397, lit. f. 

8-) Es scheint demnach, dals Escher zu dieser Zeit in Zürich war. 

*^) Schuster und Franc ke a. a. 0. I, 86. 



Schweizer Sokltruppen 1650—1681. 255 

stücken erstrecken sich die Beschwerden in der Haupt- 
sache auf nachstehende Punkte: 

1 Magny habe bei der Anwerbung freies Quartier 
und jährlich „ein Lieberey-Kleidt" versprochen — beides 
sei aber nicht gehalten worden. 

2. Wenn einer oder der andere bei einem der Offi- 
ziere sei „verklagt" worden, so sei er mit strenger Strafe 
belegt worden. 

3. Es seien etliche von ihnen ohne ihren Willen ver- 
abschiedet worden, so namentlich zwei Züricher, denen 
die Degen zerbrochen und die von der Kompagnie „ver- 
stolsen" Avurden. 

Auliserdem habe der Musterschreiber Eckenstein zu 
viel Gewalt gehabt und vielfach Löhnungsgelder unter- 
schlagen. Wenn sie aber bei den Offizieren ihre Klagen 
angebracht hätten, so hätten sie Unrecht bekommen. 
Die Behandlung, die sie seitens des Oberstlieutenants 
Magny zu erdulden hätten, sei überhaupt eine unwürdige 
und eine „Verantworttung" vor dem Kurfürsten sei ihnen 
nicht möglich, während die Offiziere den täglichen Zu- 
gang zu demselben ex officio hätten. 

Als Gegenstück hierzu sagt nun aber die Eingabe 
der „46 Mann" vom 29. September (9. Oktober) desselben 
Jahres, dals diese Beschwerden ihrer Kameraden ganz 
ungerechtfertigt und dafs die betreffenden Kläger „Re- 
voltisten" seien. Auch Escher, der als persönlicher Gegner 
Magny 's kaum ganz unparteiisch war, giebt zu ,,dafs die 
Soldaten zu vil an der Sach gethan haben". 

Das Entscheidende scheint uns aber zu sein, dafs 
den Schweizergardisten der Zugang zu der Person des 
Kurfürsten sehr wohl offen stand und diese Fügiichkeit 
auch — wie aus allen Schreiben übereinstimmend her- 
vorgeht — in ausgiebiger Weise benutzt wurde. In dem 
Klageschreiben vom 15. (25.) September heilst es: dals 
sie — die Schweizer — genotwendigt gewesen seien, 
sich „supplicando" an den Kurfürsten zu wenden, welcher 
daraufhin verordnet habe, ihnen einen Monat Sold und 
Quartiergeld auszuzahlen. Später haben sie sich dann 
nochmals an den Kurfürsten gewendet, welcher auch ihre 
Entlassung aus dem Gefängnis persönlich befahl. Nichts- 
destoweniger haben sich dann die Leute abermals be- 
schwert, haben sich geweigert, mit Eckenstein „auf- 
zuziehen" u. s. w., bis endlich der Kurfürst dessen Ver- 
abschiedung angeordnet hat. Auch Escher schreibt am 



256 A. von AVelck: 

17. (27.) September, dafe die Soldaten dem Kurfürsten 
ihre Beschwerden schriftlicli übergeben hätten, und dals 
derselbe sich „sonderlich bemüehet habe, das wesen zu 
accomodieren''. Das Ohr des Kurfürsten stand also that- 
sächlich den Schweizern offen und soweit als möglich 
wurde ihren Beschwerden abgeholfen. Dals derselbe aber 
auch sonst sein persönliches Interesse an der Schweizer- 
garde bethätigte, wurde schon auf S. 235 bemerkt. Ebenso 
ist es richtig, worauf die Beschwerdeführer von Magny 
hingewiesen wurden, dals die Kompagnie Ende 1658 auf 
eine neue Kapitulation verpflichtet wurde, in welcher 
von Gewährung von Quartiergeld nicht dießede 
war. Endlich dürfte aber als entscheidend zu betrachten 
sein, dafs nicht nur in Sachsen selbst die ganze Ange- 
legenheit kriegsgerichtlich behandelt wurde (vergl. das 
Schreiben der 46 Mann vom 29. September (9. Oktober) 
1663, sondern dals auch von Seiten Berns eine kriegs- 
gerichtliche Untersuchung eingeleitet wurde, namentlich 
gegen Magny, die, anscheinend wenigstens, zu keinem 
Resultate führte, denn derselbe blieb noch mehrere Jahre 
unbehelligt in sächsischen Diensten. Dafs derselbe aus 
seiner Stellung als Schweizer Hauptmann pekuniären 
Nutzen zog und in dieser Hinsicht nicht allzu gewissen- 
haft verfuhr, erscheint zweifellos; das lag aber in den 
damaligen Militärverhältnissen und man konnte ihm daraus 
keinen ernsten Vorwurf machen. 

Erst im Beginn des Jahres 1667 finden Avir in den 
Akten des Basler Staatsarchivs ^^) wieder eine Erwähnung 
der Schweizergarde. Der Rat zu Basel richtet nämlich 
an den Oberstlieutenant Magny das Ersuchen, den Sohn 
ihres „Mitrathsfreündes" Fridrich Bulacher, Lux Bulacher, 
zum Fähnrich bei seiner Kompagnie avancieren zu lassen ^■'). 
Sie wären „von glaubwürdigem Ortt berichtet worden, 
dafs der Capit. Lieut. von der Compagnie, in welch der 
mehrere Theil Unserer Angehörigen sich befinden , mit 
ehistem abdancken, auch an dessen Stell sein Bruder, so 
derselben Compagnie Fendrich'^**), ohn Zweifenlich succe- 
dirn, hiemit die Fendrichsstelle vacirend werden dörffte". 
Da nun Magny bei seiner Anwesenheit in Basel den 
jungen Mann sehr gerühmt habe, und da in der „Capi- 



«*) St.-A. Basel St. 9ß F. No. 12, d. d. 13. Februar 16H7. 
^^) Jedenfalls derselbe Bulacber, der 16(5.3 mit Magny in 
Basel war. 

^") Die schon erwähnten Brüder Montet. 



Schweizer Soldtrnppen 1656—1681. 257 

tulatlon und anderen auch dises klärlich versehen, wofern 
künfftigs Einer oder der Andere bey diser Schweitzerisch 
Leib Guardi befindliche Officirer abgehen oder geändert 
würde, dafs alsdann derselben Officirern vacirende hohe 
oder nidere stellen mit Bafsler ergäntzt werden sollen", 
so hoffe man, dafs er jetzt und künftig danach verfahren 
werde. 

In dem nämlichen Jahre — 1667 — machte sich noch 
eine abermalige Kompletierung der Schweizergarde not- 
wendig und zwar betraf dieselbe die Musketier-Kompagnie. 
Der Kurfürst beauftragte infolgedessen den Hauptmann 
Escher mit den bezüglichen Verhandlungen bei den Kan- 
tonen Basel, Bern, Zürich und Schaffhaiisen und be- 
glaubigte ihn mittelst eines an diese Kantone gerichteten 
Schreibens vom 1. (11.) August 1667, in welchem zugleich 
dem Wunsche Ausdruck gegeben wird, die „Schweizer 
Leib Compagnie an Musquetieren mit kriegsgeübter Mann- 
schafft diser Nation vollents zu compliren" "). Nur von 
Basel und Bern liegen zusagende Entscheidungen vor^^); 
man darf aber um so mehr annehmen, dals auch die 
anderen Kantone die Anwerbung genehmigten, als es in 
Bern gewils die meisten Schwierigkeiten zu überwinden 
galt. Schaflfhausen hatte sich schon vor 4 Jahren will- 
fährig erzeigt, und in Zürich waren dem Hauptmann Escher 
in seiner Eigenschaft als Bürger und Glied einer hoch- 
angesehenen Familie die "Wege ganz besonders geebnet. 

Auf die Länge scheinen sich aber doch die Verhält- 
nisse bezüglich Magny's als unhaltbar erwiesen zu haben, 
so dals sich der Kurfürst im Jahre 1669 entschlois, die 
Musketier -Kompagnie der Schweizergarde aufzulösen, 
den Oberstlieutenant Magny zu entlassen und seine — 
die Hellebardier- Kompagnie — dem Hauptmann J. C. 
Escher zu übergeben*^). 



8'') St.-A. Züricla Acta Sachsen. St.-A. Basel St. 96 F. No. 12. 
St.-A. Bern L- S. 597. St.-A. Schaffliausen Acta Sachsen 
No. 100. 

«**) Basler Rats - Protokolle , 4. Septemher 1667. St.-A. Bern, 
Extract ans dem Teutschen Missivenhnch No. XXII fol. 500 S. 601 
d. d. 29. August 1667. 

*") Ein anderer Grund für die Abdankung dieser Kompagnie 
ist nicht bekannt. Es mufs liior bemerkt werden, dafs nacli den An- 
gaben in den beiden Werken May's, Hist. milit. des Suisses und 
de la Suisse (a. a. O.), sowie in Leu's Schweizer- Lexikon, .1. C. 
Escher im Jahre 1669 nicht die Schweizergarde übernommen hätte, son- 



Neucs Arcbiv f. S. (i. u. A. XIII. 3. 4. 



17 



258 A. von Welck: 

Nähere Nachrichten über diese Vorgänge liegen nicht 
vor, auch nicht über die speziellen Gründe zu Magny's 
Verabschiedung. Sein Name erscheint seit dieser Zeit 
nicht mehr in irgend einem, die sächsischen Militärver- 
hältnisse berührenden Schriftstück und die Entlassung 
der Kompagnie scheint ohne alle Reibungen vor sich ge- 
gangen zu sein. 

Magny's Schwager, Montet, verblieb bei der Helle- 
bardier -Kompagnie und erhielt später den Titel als Ka- 
pitän-Lieutenant. 

Über den Etat der Schweizergarde - Kompagnie in 
den nächsten Jahren findet man in der „Liste der Säch- 
sischen Armee für das Jahr 1676", welche der Rangliste 
für das Jahr 1785 beigefügt ist^"), die Angabe: „Schwei- 
zer Trabanten 1 Compagnie = 130 Mann", also ziemlich 
genau wie im Jahre 1666. 

Doch auch die Tage dieser letzten aus Schweizern 
bestehenden Abteilung waren gezählt. 

Die Anforderungen, die Kurfürst Johann Georg II, 
nach dem Ausbruche des Krieges gegen Frankreich — 
1673 — an die Steuerkraft seines Landes stellen mulste, 
um die dem Reichsheer zuzuführenden Truppen zu unter- 
halten, erschienen unter den damaligen Verhältnissen 
nahezu unerschwinglich, und nicht allein die Landstände, 
sondern die gesamte Ritterschaft gaben auf unzweideutige 
Weise ihre Unzufriedenheit zu erkennen. Als demnach 
im Jahre 1679 durch den Frieden zu Nymwegen der 
Krieg beendigt worden war, erklärte sich der Kurfürst 
sofort zu einer namhaften Reduktion der Armee bereit ^^). 



dem das „Garde -ßegiment zu Fufs". Spätere Korrespondenzen und 
sonstige Schriften, die wir anführen, liefern aber den Beweis, dais 
Escher bis 1680 Kommandant der Scliweizergarde war. Das „Chur- 
fürstl. Leib-Regiment z. F." aber, von welchem in den bezeichneten 
Quellen nur die ßede sein kann, wurde von 1670 — 81 von Oberst 
Kufter kommandiert, dessen Nachfolger ein Oberst von Escher war, 
aber nicht der bis jetzt genannte Johann Caspar. Vergl. H. v. S., 
Geschichte der beiden K.S.Grenadier-Regimenter. (Dresden 1877). 
Anlage I. A^'ergl. auch unten Anlage No. VI. 

^) Bachenschwauz, Gesch. und Zustand der kursächs, 
Armee 1785. Beil. 2. 

"*) Die betreffende Verordnung des Kurfürsten vom 10. Februar 
1680 besagt: „Da der allmächtige Gott nach dem langen und be- 
schwerlichen Kriege den Frieden geschickt", so wolle der Kurfürst 
,,nach dem Beispiele des Kaisers und anderer Potentaten und auf 
untertäniges und dringendes Ansuchen der Landstände nun auch iu 
Gottes Namen an die Abdankung seiner Truppen gehen". 



Schweizer Soldtnippen 1656—1681. 259 

Dieselbe hatte wälirend der letzten Jahre aus 5217 
Mann Reiterei (inkl. 617 Mann Garde) und aus 7442 Mann 
Infanterie (inkl. 796 Mann Garde) bestanden^-). Bereits 
im Februar 1680 wurden hiervon 14 Kompagnien Reiterei 
und 9 Kompagnien Fufsvolk entlassen, und als im Herbst 
desselben Jahres, nach dem am 22. August in Freiberg 
erfolgten Ableben Johann Georgs TI, sein Sohn als Johann 
Georg III. die Regierung angetreten hatte, wurde nicht 
allein die Reduktion der Feldtruppen fortgesetzt, sondern 
auch der grölste Teil der kostspieligen Gardetruppen, 
und zwar: 30 Mann Leibgarde der Mousquetons, 75 Mann 
Kroaten und 130 Mann Schweizer gar de, abgedankt. 
Gleichzeitig benutzte aber der mit scharfem militärischen 
Blick begabte Kurfürst, der sich von der Unzulänglichkeit 
der angeworbenen Truppen während der letzten Kriegs- 
jahre überzeugt hatte, diese auf solche Art den Land- 
ständen gemachten Konzessionen, um durch Gewährung 
der erforderlichen Mittel seinem Lieblingswunsche näher 
treten zu können und den ersten Grund zu einer stehenden 
Armee zu legen. — 

Die Abdankung der letzten Schweizergarde- Kom- 
pagnie sollte nicht ohne wesentliche Schwierigkeiten vor 
sich gehen, vielmehr zu langwierigen Verhandlungen und 
Korrespondenzen Anlals geben. Diese Schwierigkeiten 
betrafen in der Hauptsache die Ansprüche von Quartier- 
geld, welche die Entlassenen noch zu haben vermeinten. 
— Dals der endlichen Rückkehr in die Heimat später 
noch andere Verzögerungen bereitet wurden durcli strenge 
Quarantänemaferegeln , welche die Schweizer Behörden 
wegen der in Sachsen grassierenden Pest für nötig er- 
achteten, werden wir weiter unten sehen. 

Die Verabschiedung der Kompagnie — deren Haupt- 
mann Joh. Caspar Escher sich seit längerer Zeit in der 
Heimat befand und das Kommando an den Kapitän- 
Lieutenant Montet übergeben hatte — fand Anfang No- 
vember durch den kurfürstlichen Kriegskommissar, auch 
Reichsquartiermeister und Oberstlieutenant Lenz statt. 
Da die Schweizer, wie aus dem unten erwähnten Schrei- 



»2) Bachenschwanz a. a. O. 1785. Beil. 2. Hiervou waren 
nach derselben Quelle 3400 Reiter und 800 M. Fufsvolk bei der 
kaiserlichen Armee und in kaiserlichem Sold. Cxretscliel a.a.O. 
II, 510 giebt für das Jahr 1676 die Stärke des säclisischen Heeres 
nur zu 2353 ßeiter, .')758 Mann Fufsvolk und etwa InO Mann 
Artillerie an. 

17* 



2G0 A. von Welck: 

bell des Kammer- Präsidenten von Bose^^) hervorgeht, 
seit vielen Monaten freies Quartier genossen hatten — 
was ihnen nach der Kapitulation vom 1. (11.) Dezember 
1658 nicht zukam — , so hatte derselbe befohlen, dafs 
ihnen nur 7 Monate Sold ausgezahlt, der Betrag für den 
achten aber für das genossene freie Quartier zmiickbe- 
halten, aulserdem aber zuförderst ihre Schulden von dem 
Solde in Abzug gebracht würden. Wegen dieser Maß- 
regeln, die als vollständig gerechtfertigt erscheinen und 
später auch so von Oberstlieutenaiit Escher bezeichnet 
wurden (s. u.), entstand nun grolse Unzufriedenheit. Die 
Schweizer verlangten nicht allein noch für den 8., ja 
wohl sogar für den 9. Monat Sold, sondern aufserdem 
Quartiergelder und „Abdankungsgelder". Oberstlieutenant 
Lenz wendete sich deshalb an seinen Vorgesetzten, den 
genannten Kammer-Präsidenten von Böse, der ein Schrei- 
ben an ihn erliefs, in welchem er sich dahin ausspricht, 
dals die entlassenen Schweizer den Sold für den 8. Monat 
unbedingt nicht zu beanspruchen hätten; der Oberst- 
lieutenant Lenz möge ihnen nur 7 Monate Sold auszahlen, 
zuförderst aber die Schulden davon abziehen; für die 
Verstorbenen könne die Gage bis zum Tage ihres Todes 
verrechnet werden. „Der Hr. Oberist Leutenant Escher 
betreffend, wellicher so lang nit im Land gewessen, wirt 
seine Besoldungsgelter schon selber zusuchen wüssen". 
Sollten die Schweizer mit diesem „raisonables Tracta- 
menten" nicht zufrieden sem, so möchte Lenz die Gage 
im Amt Dippoldiswalde deponieren und befehlen, dafs die 
Leute weder in das „Stättly Darand noch anderen Orthen 
eingelassen" würden; nötigenfalls solle man sich ihrer 
Personen versichern '■**). Kapitän-Lieutenant de Montet 
und Lieutenant von Erlach, die beiden Offiziere, welche 
bei der Kompagnie anwesend waren, schickten dieses 
Schreiben zur Kenntnisnahme an den Oberstlieutenant von 
Escher nach Zürich, was aus einer Bemerkung, welche sich 
auf der im Staatsarchive Zürich befindlichen Kopie befindet, 
hervorgeht, die lautet: „Das Original dises Schreybens ist 
Hern Obristen Leutnant Escher von Hr. Capit. Leut. 
Montet und Leut. Erlach aus Saxen in die Schwytz über- 
schickt worden." 

^^) Christoph Dietrich von Böse der Ältere, von 1680—86 Kam- 
mer-Präsident; später unter Avigust dem Starken Minister. 

Ol) St.-A. Basel E. 8 C. No. 3, d. d. 28. November 1680. Desgl. 
in den St.-A. Zürich und Bern. 



Schweizer Soldtruppeii 1656—1681. 201 

Die Anspi'üche, welche die Schweizer noch bezüglich 
der Besoldung erhoben und die daraus resultierenden Ver- 
handlimgen, verzögerten die Rückreise derselben, so dafs 
sie erst zu Anfang des Jahies 1681 scheint angetreten 
worden zu sein , wie aus einem Beschlufs des llats zu 
Zürich vom 20. Januar (1. Februar) 1681 hervorgeht, in 
dem es heilst : „Wegen der abgedankten Comp. Hr. Obst. 
Leut. Escher's in Sachsen, so zum Theil mit Wyb und 
Kindern uff der Heimreils begriffen seyn soll, ward 
erkent, Hr. Vogt Vögeli soll uff einen ohnwägsammen 
Hoff" als liauls von der Landstrafs ohnfehren vom wasser 
ussert Rhyns nachforschung haben die erfahrende Ge- 
lägeuheit schleunig benachrichtigen, iudesse by synem 
Pafs von dergleichen Lüth niemand hindurchlassen, son- 
dern" etc. — es folgen nun noch einige weitere Bestim- 
mungen wegen der zu haltenden „purga" und „quaran- 
täne" »•^). 

Wir begegnen also hier den oben erwähnten Quaran- 
tänemalsregeln, die mit ernsten Schwierigkeiten und Un- 
annehmlichkeiten für die betr. Kantone verknüpft waren, 
namentlich aber für den Vorort Zürich. Ihm lag es 
zunächst ob, die entsprechenden Anordnungen zu treffen, 
wie man aus dem obigen Eatsbeschlufs ersieht, es scheint 
aber auch, dafs sich die Zurückkehrenden in corpore zu- 
nächst nach Zürich wenden wollten , um gemeinsam von 
dem dort aufliältlichen Escher die — ihrer Ansicht nach — 
ihnen noch gebührenden Emolumente zu fordern^'*). 

Zürich ordnete, in Befolgung des Beschlusses vom 
20. Januar (1. Februar) zunächst an, dafs die Quaran- 
täne im „Hof Langenried'-^') gehalten werden solle, falls 
der Besitzer es gestatte, worüber der Vogt Vögeli mit 
dem „Bauer von Langenried" verhandeln solle ■*'^). 

In der Sitzung vom 19. Februar (1. März) wurde 
bestimmt, dafs der Vogt Werdemüller zu Eglisau „die 
abgedankte Saxische Compagney zugethan geweiste Sol- 
daten, so keine Landeskinder, in ihr Heimath, benantlich 
die Berner uff Keiliserstuel , die Balsler uff' Lauffenburg, 



^^) Manual I des Rats Züi'ich. 16IS1. Sitzung vom 20. Jaiuiar. 

^"j Ein Teil der Schweizer blieb vorläufig noch in Sachsen 
zurück. 

'*■') Der noch jetzt bestehende „Hof Langenried", unmittelbar 
an der Grenze zwischen Rofz und dem badisdien Ort Baltersweil. 

^^) Manual des Rats Zürich. Sitzungen vom 2. und 12. Fe- 
bruar 1681. 



262 A. von Welck: 

und die Appenzeller ^") uff Rhynau weisen ohne Betretung 
Zuriclies Territorium, liierlierwerts Rheins. Die Landes- 
kinder aber mit bescheidenlicher Nothwendigkeit an Brot 
und etwa einem Trunk in den Langeurieder Hof versor- 
gen. Indessen die frembden vor Verflielsuug 2 Monate 
wegen ihrer vermeinender Ansprachen Juncker Obst. 
Leut. Escher angelangen nit harkommen mögen" ^*'"). 

In diesen Tagen trafen also die in Sachsen Ent- 
lassenen an der Schweizer Grenze ein, und in der Rats- 
sitzung vom 21. Februar (3. März) wurden die erforder- 
lichen Anordnungen wegen der vorzunehmenden Desin- 
fektion getroffen ^"^). 

Die beabsichtigte Dirigierung der Nicht-Züricher auf 
die verschiedenen Rheinübergänge scheint aber nicht oder 
wenigstens nicht vollständig zur Ausführung gekommen 
zu sein , denn in dem Sitzungsberichte vom 23. Februar 
(5. März) ^02) heifst es: 

„Es wird abgelesen die Supplication der Landeskinder von der 
abgedankten Sax. Comp, so sich in dem Langenrieder Hof bei Rafftz 
aufhalten, die begehrte Besoldung eines restier. Monatssoldes und 
ihre Heimlassuug betrfid. Es v^^ird erkannt, dafs die Fremden 
in ihre Heimath gewiesen werden sollen, die Züricher aber die 
Quarantäne richtig halten müssen. Ob. Ltnt. Escher sagt, dafs er 
kein Sold für die Leute erhalten habe ; den ehrlichen Abschied wer- 
den sie aber erhalten. Uff erhaltem Bericht aber, dafs Hr. Oberst Ltnt. 
und Commissar Lentz selbigen wegen vor etwas Zeit hero genossenen 
Quartieren hinderhalten, vrerde Er Juncker Escher bei seiner ohne 
das bald vorhemmeuden Reise in Saxen sorgfeltig auf desse Erhe- 
bung nachtrachtung haben und alsdann denselben verabfolgen lassen". 

Endlich finden wir noch im Sitzmigsberichte vom 
26. Februar (8. März)^"-^) die Bemerkung: „Die Kosten 
haben im Hof Langenried 10 Reiclistlialer betragen. 
Escher soll soviel vom zu erwartenden Sold innebehalten". 
Es bezieht sich dies jedenfalls auf die bis dahin dort 
verpflegten „Fremden". 

Von dem obigen Sitzungsberichte gab der Rat zu 
Zürich am 26. Februar (8. März) den Räten zu Basel, 
Bern und Schaffhausen Kenntnis ^''^). In Basel wurde die 
betreffende Zuschrift in der Ratssitzung vom 2. (12.) März 



*") Man möchte hier an eine Verwechselung mit Schaffhausen 
glauben. 

10^) Manual des Rats zu Zürich. Sitzung vom 19. Februar. 

101) Ebenda. Sitzung vom 21. Februar 168L 

102) Ebenda. Sitzung vom 23. Februar 168L 

103) Ebenda. Sitzung vom 26. Februar 1681. 
1«) St.-A. Basel E. 8 C. No. 3. 



Schweizer Soldtruppen 165ß— insi. 263 

verlesen und beschlossen, „dafs es darbey bleibe" ; „wann 
sich der ünsrigen Jemandt anmeldet, wirt man ferneres 
rhätig- werden" ^°'). 

Bern antwortete am 4. (14.) März, indem es sich 
bedankt und mitteilt, dals es für die erforderlichen Qua- 
rantänemalsregeln bezüglich der Bernischen Unterthaneu 
gesorgt habe. Es schliefst : 

„Wir ersuchen Euch gleich wohl darbey freündt Eidtgenössisch, 
Ihr geruhet den Hr. Ohristeu Lieuten. Escher güetlichen zuvermögen, 
besagten den unseren, die Ihme bekandt sein werden, Ihren restiren- 
deu Sold sambt dem Abscheidt zukommen zu lassen, undt zwahr 
ohne dafs defswegen Sie eine expresse Reise in Eure Unsere V. L. 
A. E. Statt mit Kosten thun müessend, weilen es auf eine andere 
Weise wohl wirt beschechen können"^"*'). 

Mittlerweile hatte aber der Rat Zürich den Oberst- 
lieutenant Escher aufgefordert, einen ausführlichen Bericht 
und ein Gutachten über diese Angelegenheiten und nament- 
lich über die Rechtmälsigkeit der Ansprüche der ent- 
lassenen Garde-Kompagnie anzufertigen und einzureichen. 

Diesem Befehle kam Escher nach und zwar unter 
Beifügung des oben erwähnten Schreibens des Kammer- 
Präsidenten von Böse, welches ihm, wie bemerkt, zuge- 
schickt worden war. 

Diese Eingabe Escher's ^'''^) entwirft ein klares und 
unparteiisches Bild von den vorliegenden Differenzen. 
Er schreibt, dais „die beiden Herren von Bern", Kapi- 
tänlieutenant von Montet und Lieutenant von Erlach 
(welche bekanntlich bei der Abdankung der Kompagnie 
in Sachsen waren) die beste Auskunft würden geben 
können. Dieselben würden auch bezeugen, dafs alle in 
sächsischen Diensten gewesenen Schweizer Soldaten bis 
zum 1. November des vergangenen Jahres ihren Sold stets 
richtig erhalten hätten. Die Soldzahlung pro November 
habe ihnen allerdings eigentlich noch gebührt, das bei- 
liegende Schreiben Bose's enthielte aber den Grund, 
warum dieselbe nicht geleistet wurde. Es sei ihm — 
Escher — also eine Schuld nicht beizumessen, noch viel 
weniger sei aber an ihn eine Forderung zu stellen, da 
er der grassierenden Pest wegen, bei der Ab- 



105) Basler Rats-Protokolle Bd. 47. 
1"«) St.-A. Bern L^ S. 629. 

'<>■') St.-A. Zürich Acta Sachsen. Olnie Datum. St.-A. Basel. 
Als Beilage zu E. 8 C. No. 2 (siehe Anmerkung No. 108). 



264 A. von Welck: 

dankiing iiiclit zugegen gewesen sei^*'^). Was 
die Forderung von Abdankungsgeldern beträfe, so liefse 
sich eine Berechtigung dazu aus der Kapitulation nicht 
herleiten, immerhin wolle er versuchen, wenn er naclr 
Sachsen käme, ob sich sowohl bezüglich des Monatssoldes 
als auch bezüglich dieser Abdankungsgelder etwas erreichen 
Heise. Die „Abschiede" wolle er einem jeden in bester 
Form zukommen lassen. Die Berner könnten sich aber 
dieselben ebenso gut vom Kapitänlieutenant Montet in 
Escher's Namen ausstellen lassen. Endlich bittet Escher 
der „Lobl. Stand Bern" möge sich doch sowohl bei den 
schon genannten beiden Offizieren, als auch bei den andern 
Bernern, die in Sachsen gedient hätten, Hauptmann Wolf- 
gang von Bonstetten, Steiger, Im Hoff u. a., namentlich 
auch bei Herrn Landvogt Beat Fischer, der wiederholt 
in Dresden gewesen sei, informieren, ob er — Escher — 
nicht stets sein Möglichstes gethan habe „zur Erhaltung 
und Vermehrung Lobl. Eidtgenolsschaft Ansehen und 
Eeputation", sowie zur „Vernügung Ihr. Churf. Dchlt". 

Man möchte ihm also keine Schuld beimessen, und 
es schiene beinahe, dals die Soldaten, die ihm für so viele 
gehabte Mühe so schlechten Dank Wülsten, diese For- 
derungen erst auf der „verdriefslichen Quarantaine ge- 
schmidet" hätten. Endlich fügt er noch hinzu, dals, selbst 
wenn die Auszahlung des Soldes für die letzten 7 Mo- 
nate (siehe das Schreiben Bose's) nicht erfolgt wäre, 
man ihm keine Schuld beimessen könne, da die Soldaten 
das gezahlte Geld stets „alles in ihre Hüte gestrichen" 
hätten, und es sei „nichts en deconte oder Abrechnung 
wie in Französischen Diensten oder anderstwo bräuchig 
zurückbehalten worden", so dafs also auch die Offiziere 
nicht für die richtige Bezahlung der Soldaten Bürgschaft 
leisten könnten. 

Dieses Schriftstück nebst dem beigefügten Schreiben 
Bose's schickte am 25. März (4. April) Zürich in Ab- 
schrift an die drei Kantone ^"'■^) und schrieb hierzu, die- 



^°^) Er begründet diese seine Abwesenheit in einem späteren 
Bericht an die Obrigkeit zu Zürich durch Beilegung eines „Scheines 
No. 5", der uiclit mehr vorhanden ist. Doch scheint es hiernach, 
dafs er wegen Krankheit nacli der Schweiz gereist war und dafs 
dieser „Schein" demnach ein ärztliches Attest war. 

10") St.-A. Zürich, Acta Sachsen d. d. 25. März 1681. Konzept. 
St.-A. Bern, L- S. 643. St.-A. Basel, E. 8 C. No. 2. St.-A. 
Schafthausen, Acta Sachsen No. 18. 



Schweizer Soldtmppen 1656—1681. 265 

selben wüi'den aus den Beilagen ersehen, wie Escher die 
vorliegende Frage beurteile. Sie möchten also ihre betref- 
fenden Unterthanen davon abhalten, etwa nach Zürich zu 
kommen, um ilire vermeintlichen Ansprüche geltend zu 
machen, sondern dieselben „oberkeitlich zu ruhen weisen". 
Hingegen werde Escher in den nächsten Tagen nach 
Sachsen reisen und das Verlangen des „praetendii-enden 
Monat -Solds mit allen ersinnlichen Offlcien anzebringen 
und zu der Interessirten Contento bester massen aulsze- 
würcken trachten"' "■). 

Um vor seiner Abreise nach Sachsen vollständig 
orientiert zu sein über die Sachlage und namentlich über 
die Vorgänge bei der Abdankung der Kompagnie, bat 
Escher den Kapitänlieutenant Moutet, der mittlerweile 
auch in der Schweiz eingetroffen war und sich in Servion 
bei Vevej' aufhielt, ilim einen ausführlichen Bericht über 
diese Vorgänge zukommen zu lassen. Montet kam diesem 
Wunsche mittelst eines Schreibens vom 19. (29.) März 
nach^"), welches alle Vorgänge bei der Entlassung der 
Schweizergarde durch Oberstlieutenant Lenz eingehend 
berichtet und als die hauptsächlichsten Forderungen der 
Soldaten die nachstehenden bezeichnet: 

1. Käme ihnen noch vom Jahre 1679 her eine drei- 
monatliche Soldzahlung (im Ganzen 1000 Reichsthaler) 
zu, welche der Kurfürst dem Herrn „Leben"''-) zu 
leisten befohlen habe. — Aus dem etwas unklaren Schreiben 
Montet's scheint hervorzugehen, dals dies für Schulden 
innebehalten wurde. 

2. Hätten sie den Sold für 9 Monate zu fordern ge- 
habt : er sei ihnen aber zunächst nur für 6 Monate, dann 
noch für den 7. bezahlt worden. Wegen des 8. — der 
bekanntlich für das in natura geleistete Quartier in Ab- 
zug kam — hätten sie sich wollen an ihren Haupt- 
mann (Escher) wenden, wovon er (Montet) ihnen aber 
sehr abgeredet habe. Schliefslich habe der Kommissar 
sich erboten, wegen dieses 8. Monats sich noch einmal 
in ihrem Interesse an den Kurfürsten zu wenden, was 
sie gern acceptierten. „Ayant enfin rendu les armes le 
lendemain et dautant que parmi ces dernieres instances, 
monsieur le Commissaire oftiit de se charger encor dune 



"") Basler Rats -Protokoll No. 55. Sitzung v. Sambstag den 
30. Marty Ao. 1681. 

1") St.-A. Bern L- S. (535. In französischer Sprache. 
"-) Hofsekretär Löwe. Vergl. ProtokuU der Beruer. 



266 A. von Welck: 

suplication ä S. A. E. pour ce hiiittieme mois, oii axcepta 
avec bien de la ioye et du respect ce bon office et luy 
remit la suplication a la teste de la compagnie et le 
pria fort instament de les avoir en reccommandation. II 
promit de bonne grace toutes sortes de bon office a cest 
esgard". 

Am 30. März (9. April) erhielt Escher diesen Brief 
und schrieb am 7. (17.) April, anscheinend unmittelbar 
vor seiner Abreise nach Sachsen, an ,, Monsieur le Lieute- 
nant" (jedenfalls Lieutenant von Erlach) nach Bern^^'^), 
dals eine grofse Anzahl der entlassenen Schweizer bei 
ihm gewesen seien und von ihm die Bezahlung des drei- 
monatlichen Soldes verlaugt hätten. Er habe ihnen daraaf 
nur erwidern können, dals er „selbiges auch gern haben 
wolle". Wenn es ihnen jemand schuldig sei, so sei er 
es in kehieni Falle, sondern der Kurfüi^st, und er wolle 
gern in Sachsen sein Möglichstes thun, um noch etwas 
für sie zu erlangen. 

Zürich erbat sich nun von BaseP'*) noch die Ab- 
schriften der Kapitulationen von 1659 und 1663, jeden- 
falls damit Escher dieselben als Unterlagen seiner Ver- 
handlungen mit nach Sachsen nehmen könne, und endlich 
liegt vom 25. April (5. Mai) eine Mitteilung Zürichs an 
Bern vor^^^), dafs, „um weitere Verdriefslichkeiten zu 
ersparen" die Zahlung des rückständigen Monatssoldes 
mit sechs Reichsthalern seitens des Kantons geleistet wor- 
den sei. Aulserdem ersieht man aus dieser Zuschrift, 
dafs Escher nun \nrklich nach Sachsen abgereist war. 

Ob die andern Kantone dem Beispiel Zürichs, den 
Sold für einen Monat zu bezahlen, nachfolgten, ist aus 
den Akten nicht ersichtlich. 

Oberstlieutenant von Escher wurde zum Zwecke 
seiner Mission mit einem an den Kurfürsten gerichteten 
Schreiben der Kantone und mit einem desgleichen an den 
Oberhofmarschall von Haugwitz^^**) versehen. Er traf 
am 15. (25.) Mai im Hoflager zu Torgau ein und hatte am 
17. (27.) dieses Monats eine Audienz beim Kurfürsten, in 
welcher er sich seines Auftrags entledigte und die Wünsche 



"3) St.-A. Bern L^ S. 631. 

1'*) Basler Rats - Protokoll No. 55. Sitzung v. Mittwoch d. 
13. Aprilis 1681. 

"&) St.-A. Bern L^ S. 649. 

i'ö) Friedrich Adolf von Haugwitz, geh. 1637. Seit 1680 Oher- 
hofniarschall. Stirht 1715. Diese heiden Schreiben fehlen. 



Schweizer Soldtruppen 1056—1681. 267 

der entlassenen Schweizer aucli mündlich dem Kurfürsten 
vortrug. Derselbe empfing ihn sehr gnädig, erteilte aber be- 
züglich dieser letzteren eine abschlägliche Antwort, welche 
auch bereits am 25. Mai (4. Juni) dem Oberstlieutenant 
Escher schriftlich zuging und welche sich darauf gründet, 
dals 1. die Schweizer etliche Monate freies Quartier er- 
halten und demnach kein Quartiergeld zu beanspruchen 
hätten; dafs sie 2. wegen Abwesenheit des Hofstaates 
von Dresden mehrere Monate keinen Dienst gethan hätten 
und infolgedessen der Abzug des letzten Monatsoldes 
gerechtfertigt erscheine, und dals 3. die Gewährung von 
Abdankungsgeldern weder in der Kapitulation vorgesehen, 
noch _ überhaupt in Deutschland gebräuchlich sei'"). 

Über die weitere Thätigkeit Escher's während seines 
Aufenthaltes in Sachsen, soAvie über die vielfachen Vor- 
würfe, die daselbst wider ihn erhoben wurden, und wie 
er dieselben entkräftet, giebt der Bericht Auskunft, den 
er nach seiner Rückkehr nach Zürich — Mitte August — 
an seine Obrigkeit erstattet und der nebst den dazu ge- 
hörigen Beilagen zur Kenntnisnahme an die drei Kan- 
tone geschickt wurde"-). In Basel ging derselbe bereits 
am 20. (30.) August ein, wie das Ratsprotokoll aus- 
weist""), während er nach Bern erst 4 Wochen später, 
am 19. (29.) September, abgesendet wurde. 

Da dieser Bericht gewissermaßen den Abschluls 
bildet für die Dienstleistungen der Schweizer in Sachsen 
während des 17. Jahrhunderts, so teilen wir ihn als An- 
lage V wörtlich mit. 

Es geht aus demselben hervor, dafs irgend welches 
Recht zu weiteren Forderungen den entlassenen Offizieren 
und Soldaten niclit zur Seite stand; Escher hält aber 
trotzdem die spätere Erlangung des qu. Monatsoldes, „weil 
Ihr Churfürstlich Durchlaucht sich so gnädig erzeigt und 
Ihne in synen Diensten wiederum zu accomodieren be- 
gehrt", nicht fiir unmöglich. Besonders bemerkenswert 
ist der Schlufspassus: „Letstlichen bitet Herr Obei'st- 

"'0 St.-A. ■Rern Iß S. 653 d. d. 25. Mai 1681. 

"«) St.-A. Bern L- S. 6ö5— 662. Unten Anlage V. 

"») Basler Rats -Protokoll No. ,55. 1680 — 82. Sambstags den 
20. Augusti Ao. 1681 : „Schreihen von Zürich communicirt die Ori- 
ginalbeylagen so der Ihrige Hr. Obrist Lieutenant Escher aufs 
Sachsen mitgebracht. Daraufs sich erscheinet, dafs man Ihme den 
undergehabten Guarti Soldaten letsten Monat Sold nicht bezahlt, 
sondern inubehalten, weilen Sie frey quartier genossen, so man Ihnen 
nicht schuldig gewesen." 



268 A- '^on Welck: 

Leiit. Esclier, das mau doch keine Gleichheit zwüschend 
den Teütschen und frautzösischen Diensten machen wolle, 
danne in den erstereu der Soldat so woll alfs der Offlcier 
synen gewüssen sold flyssig bezeüche, und gar nichts in 
deme deconte verblj^be" etc. 

Zwischen Zürich und Bern fanden in dieser Zeit 
noch verschiedene Korrespondenzen in diesen Sachen statt; 
aus einem Schreiben Zürichs vom 19. (29.) September 
geht hervor, dals Kapitänlieutenant de Montet sowohl, 
wie Lieutenant von Erlach für ihre Person noch Ansprüche 
bezüglich ihrer sächsischen Dienstzeit geltend machten ^^''). 
Es scheint denselben aber von keiner Seite weitere Folge 
gegeben worden zu sein. 

Nach der Abreise Escher's aus Sachsen, dürften 
wohl auch die letzten, bis jetzt noch in Erwartung ihres 
Abschieds daselbst verbliebenen Soldaten der Schweizer- 
garde nach ihrem Vaterlande zurückgekehrt sein. Mit der 
Entlassung der Escher'schen Kompagnie im Jahre 1680—81 
verschwindet für zwei Jahrzehnte die letzte geschlossene 
Abteilung Schweizer aus den kurfürstlichen Diensten. Wir 
finden sie, die uns bis jetzt nur als Gardetruppen und 
am Hoflager begegneten, zu Anfang des kommenden 
Jahrhunderts wieder auf dem Schlachtfelde im Kampfe 
gegen das Heer Karl's XII. 

Auch Hans Caspar Escher scheint, trotz des Wun- 
sches des Kurfürsten, nicht wieder nach Sachsen zurück- 
gekehrt zu sein^-^). Sein Neffe Hans Heinrich Escher 
kommandierte seit 1680 oder 81 das Leibregiment; bereits 
1682 gab er aber das Kommando ab an Oberst von Schön- 
feld ^^•-).— 

Wir beschliefsen diesen Abschnitt mit einer kurzen 
Bemerkung üjber die Uniformierung der Leib trab an ten 
zu Fufs, die in den folgenden Jahren vielleicht Anlafs 
zu den schon erwähnten Verwechselungen zwischen der 
Trabanten- und der Schweizergarde bot, können aber 
allerdings auch mehr oder weniger nur auf Annahmen 
fulsen. 

Wahrscheinlich erhielt nämlich die Trabanten-Leib- 
garde im Jahr 1681, nach Auflösung der Schweizergarde 
(gelbe Kompagnie), deren Uniform, und der Name 

120) St.-A. Bern L^ S 6.55. 

121) Yergl. über ihn Anlage VI. 

^-") Vergl. Winsenscliaftliche Beilage der Leipziger Zeitung 
No. 69 vom 26, August 1885. 



Sdiweizer Sokltmppeii 1656—1681. 269 

Schweizer wurde infolgedessen vielfach — unberechtigter 
Weise — auf die Trabantengarde übertragen ; es ist aber 
ausdrücklich zu bemerken, dafs nur dem Korps diese Be- 
zeichnung zu Teil wurde, während die einzelnen Leute „Tra- 
banten" genannt werden. So finden wir im Codex legum 
milit. Sax. ^-■^) einen „Bestallungs- und Articuls Brief Chui" 
Fürst Joh. Georgens III. zu Sachfsen, worauf die bey 
der Chur Fürstl. Schweitzer Garde befindlichen Tra- 
banten schweren und sich verpflichten lassen sollen, de 
26. April Anno 1684". 

Die historischen und Personal -Nachrichten, welche 
in den Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts 
erschienenen Ausgaben des Bachenschwanz „Geschichte und 
gegenwärtiger Zustand der sächsischen Armee" der Rang- 
liste der Schweizergarde vorgedruckt sind, sind unrichtig, 
sowohl hinsichtlich der „Geschichte", als hinsichtlich der 
Namen der „Schweizer Hauptleute", weil ausnahmslos 
eine Vermengung der Trabanten mit der Schweizergarde 
stattfindet. Wie aus den vorstehenden Aufzeichnungen 
zu ersehen, wurde die Schweizer Leibgarde in Sachsen 
im Jahre 1656 errichtet und 1680 aufgelöst und Schweizer 
Hauptleute waren nur Isaac de Magny und Johann Cas- 
par Escher. 

Erst im Jahre 1725 wurde eine Schweizergarde wieder 
errichtet. 

Auf das erneute Auftreten Schweizerischer Sold- 
truppen in kursächsischem Dienste in den ersten Jahren 
des neuen Jahrhunderts werden wir in einem späteren 
Aufsatz näher eingehen. 



Anlagen. 

No. I. (1656, Oktober 24./Novl)r. 3.) 

Vergl. oben S. 226, 

Capitulatio nach welcher des Durchlauchtigsten, Hochg-eliohrnen 
Fürsten und Herren, Herren Johann Georgens Defs Anderen, Her- 
tzogens zu Sachfsen, JüUich, Cleve und Bergk, defs heyligen Römi- 
schen Rychs Ertzmarschalls und Churfürstens, Laiidtgraffens in 1 )ii- 
ringen, Marggraffens zu Magdel)urgk, (Iraffens zu der Marck und 
Kavensbergk , Herrens zu Ravenstein, über Dero Leib-Guardie be- 
stelter Hauptman und Cammer Juncker, Isaac de Magny Oberster 



^-^) Tobias Benjamin Hoffmann, Codex legum militarium Saxoni- 
cus etc. (Dresden T/öü.) 



270 A. von Welck: 

Leütenant etc. iu denen zuhöchst gedachten Ihrer Churf. Dchlt. Leib- 
Compagnie an Schweitzern, gnädigst begehrenden Völckern tractiren 
und dieselben so fort commendireu soll. 

1. Ist ein Leütenant zu werben, welcher monatlich dreyfsig^^*) 
Thaler zugewarten hatt. 

2. Ein Fenderich, soll haben zwantzig'-^) Thaler. 

3. Zwey 1-") Wachtmeister, einem Jeden monatlichen fünffzehn^-'') 
Thaler. 

4. Drey Corporalen, einen Jeden monatlichen zehen '-*) Thaler >'-''). 

5. Zweyi^") Drommelschläger , und zwey^*^") Pfeyffer, Jedem 
monatlichen siben Thaler. 

6. Sollen von denen andern zu Dero Leib Gruardie bedürffenden 
ein Jeder monatlich sechs Thaler empfahen ^^i). 

7. Auch sollend dieselben frey Quartier 

8. Kleidung 

9. Auff den Reissen Kostgelt oder Speifsung"-) 

10. Unnd wann einer krancki^Sj^ dann nothwendige Medicameuta 
haben. 

IL Ihn mafsen Sy glychsfahls alle monatlich richtigk ihren 
Soldt überkommen werden wie dessentwegen bereits anstalt gemacht 
worden ^'^*). Signatum Drefsden, am 24t. Octobris, Anno 1656. 

(L. S.) Johann Georg Churfürst. 



No. II. (1656, Dezember.) 

Vergl. oben S. 227. 
Project der Ordonnanz für die Churfürstl. Säxischen Völckher. 

Es sollen die Herren Officier und Knecht, so von der Statt 
Zürich Inn die Churfrl. Sächsische Lybsgwardi werden gegeben, vor 
allen dingen dahin sehen, dafs die Ehr Gottes defs Allerhöchsten; 
Ihr Churfl. Dchlt. Wirde; der Statt und Kirchen Zürich Ansehen 
und rum, wie auch eines Jedefsze zytliche und ewige Wolfahrt an- 
gelegenlich werde beobachtet: Welches durch volgende Articul im 
Werckh kan erhalten werden. 

L Dafs under die Compagnei von Zürich keine andere nit syn 
sollend, alfs ehrliche Burger und Landtleüth , und etwann auch von 
gemeinen Herrschafften so fehr (sie) dafs die Knecht Evangelisch 
sygind. 

2. Es soll der Haubtman als Leütenant über difse Knecht haben 
ein ordenlichen Rodell, und denselben alle halbe Jahr unseru gfnädigen] 
H[erren] ynlifferen, mit andeütung, wie sich der ein und andre 
verhalte. 



12*) 50 Cop. 125) 30 Cop. 128) Ein Cop. i^^) 20 Cop. i^s) 15 Cop. 

129) Ein Vorfähnrich 15 Thlr. (Zusatz) Cop. 

"ö) Drey Cop. 

i'*') .'^ 6 lautet in Cop: Sollen im übrigen 108 Knechte geworben 
werden und ein jeder Mann 6 Thlr. emphahen. 

i''2) Für Kostgelt oder Speissung hat Cop: Auslösung gleich 
denen Trabanten. 

i'^") oder schadhafft Zusatz Cop. 

1^*) wie — worden fehlt Cop. 



Schweizer Soldtrappen 1656—1681. 271 

3. lim der Reifs imd inn den Quartieren da soll allwegen defs 
Morgens und Abendts, wie auch vor und nach dem Aefszen das Ge- 
bett laut gesprochen werden, allefs mit gebührender Andacht. 

4. An den Son- und heiligen Fesstagen zoll mann inn den 
quartieren die Zj'th zubringen mit betten, läfsen, singen: 1. mit einem 
aldanderen Capütul defs der H. Bibell: 2. mit Widerhollung unsers 
Cathechifsmi und der Zeügnufszen. 

5. Der Obere - Officier soll versehen syn mit Unserer Eydtg. 
Glaubens - Bekaudtnuss : mit der Kirchen -Agend und Bättbuch, mit 
dem grofsen Mandath und Ehesatzung und anderen nothwendigen 
stuckhen. 

6. Die Predigen by denen, die der Augstpurgischen Cofession. 



No. III. (1656, Dezember.) 

Vergl. oben S. 228. 

Anleitung für Hr. Leütenant Escher, Avessen Er by syner stell 
under ihr Cuhrfl. Dcht. in Saxen Leib-guardie wol zugewahren. 

Die Ihme undergebene soldats anzemanne zu einen christlichen 
und fromen lobe : zu brüderlich liebe gegen ein andern : zu alle trüw 
redelichkeit und dapferkeit. 

Sy allezyt in guter disciplin zehalten und by fürfalleuden Ur- 
sachen der mit-burgerlichen aft'ection nit znvergessen. Alle sache 
under wegs und by den Säxisch hoff wol zugewahreu, sonderlich 
sovil uusern Stand betrifft und denselben aller orten wol recommendiren. 

Nach ankunfft by vermelden Saxisch Hoff, desselben beschaffen- 
heit in Geist -und weltlich sach sovil müglich eigentlich erkundi- 
gen und berichten. 

Auch welche Herrn in beiden Stenden in den höchsten ansehen 
und was affection Sy zu unsern Stand tragind. Sich versehn mit 
derer Eydtgenossischen Republic Simleri '"•'') , auch den mercure 
Suisse '"''), daraus unsere Altfordern Thaten auch jüngste sach wesent- 
lich auzebringen: dsgl. mit den Scriptis Lutheranorum so zu der 
zyt des H. Zwingly alhero kommen, und darus by gutem anlaas er- 
scheinen, unsere allerbeste Zuneigiing auch in ßeligionssach. 

Er wolle auch gute anstalt mach zu sicheren aiisendung der 
brieffe, damit man wichtig und berichtwürdige sache wöchentlich 
communiciren und ihme herdurch auch by hoff desto angenehmer 
mach könne. 



^^•'') Regiment Gemeiner loblicher Eydgenoschaftt : Beschriben 
und in zwey Bücher gestellet diii'ch Josiam Simler von Zürych: 
Jetzo aber von ueweni übersehen unnd an vilen orten gemehret und 
verbesseret. In diseren Bücheron wirt nicht allein beschriben das 
Regiment gemeiner Eydgenoschafft in gemein unnd auch der Orten 
und Zugewandten insouderheit, sondern es werden erzeilet der 
Pündten Ursprung und hci-konimen, auch ihre conditionen und llanpt- 
artickel und was sich darauff in einer Eydgenoschafft verlogen lial)e: 
und begreyfft also das erste Buch ein sumen der Eydgenossisciien 
history von den zweyten König Rudolffen bifs auff das Reych Caroli V. 
Getruckt zu Zürych im 1576. Jar. 

^^*') Le mercure Suisse par Jean Martin, chez Jean de la 
Tovrette. Paris, 1634. 



272 A. von Welck : 

In glych wolle Er sich auch beflyfsen, was der andern wichti- 
ges verlaufft coutinnirelich alher zuberichten, dardurch syneu credit 
auch alhir zuerhalden: Insonderheit aber in alle wäg wolge wahren 
dessen so unsern Eydtgenössisch. Stand berüre, und man darüber 
halten und discurriren möchte. 

Des vergangenen Wesens halber wolle Er sich bedienen unsres 
Manifests und mengklichen versichern, das wir anders mit ergreyöung 
der waaffen nichts gesucht, als den ohnbedingten ßechtsstaud zuer- 
halten, wie Er in den Pündten versehen und damit herkommen: das 
wir auch glych in anfang des Krieges die vernügliche declaration 
zu ohnbedingtem Recht erhalden und daruff der pacification auch 
widerumb platz gegeben: das zwahre Bern in etwas by Villemerg ^*'') 
überylt worden, aber eine Gottes Hilft, wo der Friden nicht erfolgen 
sich wol wider hette revanchiren können, auch syge es zum Theil us 
veranlasung der luceruisch underthanen in wehrenden stillstand be- 
schehen dem Sy nit wenig schades zugefüge. 

Das Zürich nit hundert man in allem verloren, die 5 orte noch 
mehreren. Das Zürich uff der 5 orten boden underschidlich art den 
Friden gewahrt auch das Thurgäuw und ein Theil der Graftschaftt 
Baden allein ingehept, hernachen aber der ursach wider cediret das 
die 5 ort auch alles was sy ingehept widerverlassen habend. 

Auf dem Umschlag aussenstehend : Concept der Anleitung, so 
Hr. Lütenant Escher in particulo von mir übergeben worden d. 
10. Dcbr. 16.56. 



No. IV. (16G2, Jauuar 13./23.) 

Vergl. oben S. 238. 
Monsieur 

II y a desja quelques annees que S. A. Electie de Saxe par 
une singuliere affection a eu la confiance par Tesperance d'une reci- 
proque et sincere amitie de Messeigneurs les Cautons Evangeliques 
a leur avoir demande des gens de leur nation, pour les employer a son 
Service , comme ses premieres gardes de Corps , de sorte que ayant 
reconnu toutes les fois quelle ont demande et desires d'avoir du renfort 
de leurtroupes, vos Seigneuries se sont tousjours trouves portees de 
bonne volonte ä satisfaire aux desirs de ce grand Prince, ce que reco- 
gnoissant partir d'une si cordiale et deliberee volonte par une toute 
particuliere providence de la Divine Majeste, s'est resolu, constamment 
de vouloir recercher une estroite alliance avec les quatre cautons 
Evangeliques, surquoy Jay eu ordre expres, d'en escrire par soubsmain 
a des Seigneurs particiüiers pour presentir d'eux si la recerche pre- 
teudu d'uji si grand Electeur d'Empire pourroit estre accordee , et 
que selon cela, Ton peust prendre les mesures, Mons. pour ce subject 
jay creu trouver a propos, de vous eu addresser la proposition et la 
Vous confier, comme estant un des principaux appuis de la Repu- 
blique, pour le soustrint d'mi si grand dessein et de tres haute im- 
portance, permettes Mons. que ie vous prie de prendre la peine d'en 



^^'^) Die Angelegenheiten von 1656 , welche zur Schlacht bei 
Vilmergen führten, waren Streitigkeiten konfessioneller Natur zwischen 
den katholischen Kantonen einer- und Bern und Zürich andererseits. 
Bei Vilmergen wurden die Berner durch die Katholischen besiegt. 



Schweizer SoUltruppen 1656-1681. 2713 

faire aupres du Magistrat iiiie proposition secrette, pour a cellc flu 
qu' au plus tost par uue favorable Response i"en puisse faire la relatiou 
a S. A. Elect'e mou Maistre ile la coramissiou, laquelle il luy a pleu 
nie vouloir contier pourtant le tout soubs silence, puis douques nia 
(lestinee m'invite a la negociation de cest affaire, Je prie nostre 
JSeigneur en vouloir benir les dessins, et les faire reüssir a sa gloire, 
pour le bien et l'advautage de nostre chere patrie, et au contentement 
de S. A. Electip jnon maistre, laquelle est tellenient iuclinee et portee 
de bouue voloote ä l'advantage et interest de toute nostre nation, 
que i'espere la cliose reüssissant Ton en aura du contentement de 
tous costes. 

de Dresde ce IS^e Janvier 

1662. (Ohne Unterschrift.) 



No. V. (1681, August.) 

Vergl. oben S. 267. 

Nach demme Herr Oberist Lieutenant Escher zufolg des Hoch 
Oberkeitlichen Befelchs sich vor etwas Zyths in Sachsen begeben, 
und nunmehr von syner gethanen Reifs widerum glüklich alUiier an- 
gelanget, Thuet Er wegen der alda gehabten Verrichtungen, Avie 
auch über des Loblichen Stands Bafsel seith seiner Ankunfft einge- 
langtes und Ihme communicierten Schrybens, folgenden bericht in 
aller undertheuigkeit ablegen: 

Erstlichen, das nachdemnie Er den 15»«'° May Ao. 1681 an dem 
Chur Säxischen Eoff zu Torgauw angelanget habe Er nith ermanglet 
des folgenden Tags darauf by Ihr Exellence Herren Ober Hoff Mare- 
chal von Haugwitz gebührend sich anzumelden, und selbigem das 
au Ihne addressierte Schryben zuübergeben, Welicher soliches mit 
aller Ehrerbietung empfangen, Ihne früudlich bewillkommet, und aller 
syner Diensten versicheret, des folgenden Tags darauf seige Er, 
durch Hoch WoUermeldteu Herren Ober Hoff Marechal zu der Chur- 
fürstlichen audientz geführt, allwo Er nach abgelegten complimenten 
syner Churfürstlich durchleucht, das Hoch Oberkeitlich schryben, mit 
höchstem respect eiugehendiget, Weliche auch selbiges mit sonderen! 
benüegen, und Ehrenbezeigungen gnädigst angenommen, auch \\'eilen 
die mitiig mahlzyth verbanden Herren Oberist Leut: Escher mit zu 
Ihrer hochfürstlichen Taftelen genommen, und in Währender Zyth, 
mit fründlichen discursen, Ihne, Ihrer gegen den Evangelischen 
Ständen Loblicher Eydtgnoschaft't Tragender Wohlgewogenheit vor 
Jedermänigklich versicheret. 

Etweliche Tag hernach hatt Herr Oberist Leut: Escher von 
Herren Cammer Director von Bofsen, Churfürstliche gnädige antworth 
erhalten, weliche darin bestanden, das Ihr Churfürstlich durchleucht 
so woU schrifftlich alfs mündlich, sein anbringen und begehren ver- 
nommen, sich auch allerguädigst erklährt, llime alle billiche satis- 
faction zugeben, was aber anlangen thucge, den abgezognen munath- 
sold, und die Abdanckungs Gelter, Werde Er aus der überschikten 
Churfürstlichen gnädigen resolution, Weliche mit Ihr Churf. durchlt. 
eigner Hand underschribeu , uud dero Chur Secret bckräfftiget er- 
sechen können, die Jenige Uründ, weliche dieselbige bewogen nith 
in die bezahluug des verlaugenden mouathsolds ynzuwilligeu, ^Veliche.s 

Neues .Vrcliiv f. S. (i. u. A. Xlll. :i. 4. 18 



274 A. von Welck: 

alles US der bylag No. 3 bezeicliiiet originaliter zuersechen, über 
soliche unverhoffte abschlägige antworth, hatt Herr Oberist Leut: 
Escher sich höchst beschwerdt, und nit imderlafsen alle nur erdenk- 
liche Grund, umb synem begehren ein vernüegen zu sechen einzu- 
wenden, so aber alles kein gehör funden, und Ihr Clmrfürstlich 
durchleueht von abgefaster meinung nith abwenden mögen, daraus 
gnugsam zuersechen, wie träffenlich Herr Uberist Leut: Escher 
Ihme soliche sach angelegen sein lafsen. 

Difsere erhaltene ohuverhoft'te Resolution hatt Herr Oberst 
Leut : Escher den in Drefsden sich annach aufhaltenden Schwytzeren, 
zuwüfsen gemacht, weliche sich höchst darüber verwunderet, auch 
alsobald, ohne einiches wytheres begehren, Ihre Abscheidschryben, 
soliche nacher Hoff überschickt, und demüethig angehalten, dafs 
soliche von Ihme möchtend bekräfftiget werden, so auch beschechen. 
In weifs und Form, wie aus byligender Copie No. 6 bezeichnet zu- 
ersechen. 

Wie wahrhafft dann, das Jenige seige, was von etwelichen 
böfswilligen , über die persohn des Herren Oberist Leut: Eschers, 
ausgesprengt worden, nammlich das Er ohne verwilligung Ihr Churf : 
durchleueht höchstseligister gedechtnus, by angestekten und sechr 
gefahrlichen Zythen, sich darvon gemacht, und syne Ihm anver- 
trauwte Compagnie verlasen wird aus byligendemm Schein No. 5 be- 
zeichnet gnugsam zu ersechen sein, was dann die Jenige verlümbduug 
anlangen thuet, das Herr Oberst-Leut: Escher, sich woll verhüetten 
werde sich nacher Hoff' zu begeben, aus Forcht, das Er, wegen vil- 
lerley Ihme fälschlich zugelegten Sachen, möchte yngestekt oder 
empfindlich aff'rontiert werden, deswegen thuet Hr. Oberst-Leut: 
Escher sich gäntzlich auf die Churfürstlich Ihme gegebene dimission 
und authentischen Abscheid, wie auch auf das von Herren Oberhoff' 
Marechal an die vier Evangelischen Stand, abgegangnes antworth 
Schryben, so woll in difser alfs anderen sachen referieren. 

Wie ohnbegründt und fälschlich danne etweliche böfse Zungen 
usgegeben, das Herr Oberst Leut: Escher Ihr Cliurf: durchleueht 
ein grolse Summa gelts zuthuen schuldig und soliche verlümbduugen 
annach beschönen wollen, In demrae Sy vorgewendt das Herr Com- 
missarius Lentz by abdanckung der Compagnie ein soliches öffentlich 
gesagt, alfs mm Herr Oberst-Leut. Escher in Sachsen angelanget, 
hat Er Ihme höchst angelegen sein lafsen sich difser zulag zu in- 
formieren, und alsobald zwey vornemme Herren, au obwoUermeldten 
Herreu Commissarium Lentzen abgeschikt, umb von Ihme zu ver- 
nemmen ob Er soliches geredt, welicher sich dann höchst darüber 
beschwert und mit höchster bestürtzung ein soliches in dem schärften 
widersprochen, und bezeuget, das Er des Herreu Oberst Leut: Eschers, 
mit nichten als mit höchsten Ehren, nach syner Schuldigkeit, gedacht 
habe, Seige zwahr nit ab, das Er von dergleichen matery etwas ge- 
redt, aber in einem weith anderen Verstand, nammlich das Ihr Churf: 
Drchlth. selige, us sonderer wollgewogenheit gegen Schwytzerischer 
Nation von anfang der dieusten bis auf selbigen Tag, so vill gnad, 
VerElirungen und geschenk, so woll officieren alfs gemeinen Kuäch- 
ten habind widerfahren lafsen, das wann mann mit selbigen nach 
der Capitulation rechnen wolte , wurde die Compagnie woll eine 
grofse summa gelts vor empfangen haben. Wams aber Khlar zu 
sechen, wie fälschlich soliche böfswillige Zungen understanden Herren 
Oberst-Leut: Escher zu verkleineren imd vor so vilfaltig gehabte 
müehe gar schlechten Dank erweisen thüegind. 



Schweizer Soldtruppeu 1656—1681. 275 

Endlichen bezeuget Herr Oberst Leut: Escher Ihme hertzlich 
Leid zu sein, das by so verwirter gewefsner abdankung, wegen gras- 
sierter leidiger pest, nit habe können by der Stehl sein, In dehme 
Er nit zwyllle das dann alles nait mehrerer veruüegung abgeloifen 
were dann Er mit höchster Verwunderung in Sachsen so woll 
von vornemraen Herren alfs gemeinen Soldaten vernemmen müefscn, 
das alles in höchste Unordnung gerathen, auch etweliche unverschambte 
sich uith gescheuchet in Toseut, so das quartier, alwo Sy gelegen, 
die Churfürstliche Hochheit durch gottlofse reden anzugriften, weliches 
aber so vill raüglich vertuscht, damit Es by Hoff nith an das Tag 
Liecht komme. Es hat auch einer von der CompagTiie namraens Abra- 
hamm Mächtig von Bafsel, in obvermeldter Statt, synem Wirth, by 
demme Er in quartier gelegen die Haufsfrauw, von villen Kinden 
weggefüehrt und mit selbiger durchgangen, anderen und anderen 
Sachen zugeschwigen, weliches alles villfaltige Ursachen, soliche Bofs- 
willige mit höchsten Ungnaden anzusechen, und kann man sich mit 
billichkeit verwunderen, das man nach so güetig gewesen, und annach 
Siben monath Sold hat abfolgen lafsen, Mann betrachtete aber das 
Ansechen der Ständen und die Unschuld der Jenigen, so lange Jahr 
mit höchsten Treüwen gedieneth, Weliches das Jenige sein Thuet 
so Herr Oberst-Lieutenannt Escher, wegen seinen gehabten Verrich- 
tungen in Sachsen in aller underthenigkeit ablegen und berichten 
Thuet. 

Ueber das eingelangte Löblichen Stands Basel, und Ihme Herren 
Oberst -Leut: Escheren communicierten Schryben, berichtet Er, das 
wann verhofentlich ein Loblicher Stand Bafsel difsere Relation sechen, 
auch by ligende Schein alfs No. 1 die Capitiüation in Original, No. 2 
sein authentischer Abscheid, No. 3. Ihr Churfürstlich durchleücht re- 
solution: No. 4. und 5 die beiden pafsporten, No. 6. die Copie, der 
in Sachsen gegebnen Abscheiden, und sonderbahr das Schryben von 
Ihr Exellence Herren Oberhoff Marechal an die vier Evangelischen 
Stand, betrachten werdend, selbige olmfehlbahr mit synen Verrichtun- 
gen nit nur vernüegt sein, sondern alle wythere anforderung abstehlen 
werdind : 

Daunethin gestehet Herr Oberst-Leut: Escher, das er etlichen 
Soldaten, von Schaffliaufsen und anderen orthen, diisen Strythenden 
monathsold nebend Ihren Abscheiden alllüer in Zürich halte abfolgen 
lafsen, weliches aber nith us Schuldigkeit lieschechen, sondern zu dem 
End, damit Er difser verdrieslichen anforderung überhebt, in unge- 
zwiftleter Hoffnung selbigen monath sold in Sachsen zu erhalten, 
weliches aber, weilen es nith geschechen , Hoffet Herr Oberst-Leut : 
Escher das soliches Ihme zu keiner böfsen consequentz nit nur allein 
dienen, sonderen villmehr zu widereinforderung difser bezablren gel- 
teren Ihme vM'hulifen werden solle: 

Es hat zwahren auch Herr Oberst-Leut: Escher syth syner 
ankunft, in syner ab Wesenheit vier angekommnen Schwytzeren, Ihr 
Ehrliche Abscheid, auff Ihr inständiges anhalten und weilc^n Sy nach 
aufgewifsner Ohurlürstlicheu resolution nichts mehr au Ibne ge- 
forderet, abfolgen lafsen, welichc auch allen anderen so selbige nach 
nith habend, unii von Ihme zuerlangen begehrend, zukommen sollend. 
Das antwortb Schryben, von Ilir Cburfüistlich durchleücht an 
die vier Evangelischen Stand , anlangende berichtet Herr Oberst- 
Leut: Escher, das selbiges albreitb zu Torgauvv fertig gewesen, und 
sich an nichts alfs an der Titulatur gcstofsen, weliclie liy abgesön- 
dereter Cantzley, nith habe können aufgesuecht werden, weliches 

1«* 



270 A. von Welck: 

aber auch ehistes anlangen wird, und an gebührende hoche orth yn- 
gelifferet werden soll. 

Danethin anerbieth Herr Oberst-Leut: Escher das imm fahl mit 
der Zyth, difser Strvthende uiouath Sold nach zuerhalten sein möchte. 
Insonderheit, weil Ihr Churfürstlich durchleucht sich so gnädig er- 
zeigt, nnd Ihne in synen diensten Widerum zu accoraodieren begehrt, 
\Yann alfsdann selbiger zubekommen, Er nith ermanglen wolle, einem 
Jeden sein gebührenden autheil zu stehlen zu lafsen, Letstlichen 
bitet Herr Oberst-Leut: Escher, das man doch keine glichheit, 
zwüschend den Teütschen und Frantzösischen diensten machen wolle 
danne in den ersteren der Soldat so woll alfs der Officier synen ge- 
wüfsen sohl flysig bezeüche, iind gar nichts in dem deconte verblybe. 
Wann dann nun, by AbEnderung der Herrschafft oder anderen 
couiunctureu, der soldat nith bezahlt werden solte, mau alfsdann den 
Obersten Officieren darum anlangen wolte, AVer ist der mit so grofser 
müech sich uuderstechen Thete, in soliche gefahr sich zu steckheu? 
Weliches Herr Oberist - Lieutenant Escher, flysig zu betrachten in 
aller uuderthenigkeit anhalten Thuet. 



No. VI. 

Johann Caspar Escher (vom Luchs) aus Zürich. 

Obgleich die Familie Escher, welche sich zu Anfang des 15. Jahr- 
hunderts in die beiden Linien „Escher vom Luchs" und ,, Escher 
vom Glas" spaltete , zu den ältesten und bekanntesten Patrizier- 
geschlechtern Zürichs gehört, und auch in der Gegenwart noch blüht, 
so war es doch mit ganz besonderen Schwierigkeiten verbunden, etwas 
Licht über die beiden Glieder der Familie zu erlangen, welche in 
der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in kursächsischen Diensten 
standen. Alle Nachrichten, die über dieselben, und namentlich über 
Johann Caspar existieren, weichen nicht allein mehrfach von einander 
ab, sondern sind zum Teil als entschieden irrtümlich zu bezeichnen. 

Die Schi-iften von Leu"*), May'-'**) und Girard^^j geben überein- 
stimmend an, dafs Johann Caspar Escher i. J. 1657 in französische 
Dienste und von da i. J. 1665 — nach May und Girard — , i. J. 1669 
— nach Leu — in die des Kurfürsten von Sachsen übergetreten sei 
als Schweizerhauptmann mit Oberstlieutenants - Eang. Er sei dann 
Kammerherr geworden, habe 1689 seinen Abschied genommen und 
sei nach Zürich zurückgekehrt, wo er seit 1681 Mitglied des grofseu 
Rats gewesen sei. Als Todesjahr wird 1702 angegeben. May fügt 
noch hinzu, dafs Escher im Jahre 1669 Oberstlieutenant und 1676 
Oberst des Regiments „des gardes ä pied"'-*') geworden sei. 



'^^; Hans Jacob Leu, Allg. Helvetisches Eydgenössisches 
oder Schweitzerisches Lexicon. (Zürich 1752.) 

^^^') May de Romainmortier , Histoire militaire des Suisses 
dans les differeus sei-vices de TEiu-ope. (Bern 1772.) 

"'*) Frangois Girard, Histoire abregee des officiers suisses 
qui se sout disting-ues aux Services etrangers dans des grades su- 
perieurs. (Fribourg 1781.) 

"') Im Jahre 1663 war das kurfürstliche Leibregiment zu Fuis 
errichtet worden, zu dessen Kommandant der (Jberstlieutenant Brandt 
von Lindau ernannt wurde. 1664 wurde das Regiment von 6 Kom- 
pagnien aiif 3 reduziert, deren 1. der zum Oberst beförderte Brandt 



Schweizer Soldtnippen 1656-1681. 277 

Mit diesen Augabeu über Esclier's Eintritt in französische 
Dienste und später in sächsische Dienste stimmen anffallender Weise 
auch Privat-Farailieunachrichten überein, die uns in dankenswertester 
AVeise mitgeteilt wurden. Wir sind aber auf Grund der vorliegenden 
Aktenstücke und Korrespondenzen in der Lage, das Lebensbild des 
Betreffenden etwas anders hinzustellen, indem wir dabei auch von 
den erwähnten Familiennachrichten mehrfach Gebrauch macheu 
konnten. 

Johann Caspar Es eher wiu-de im Jahre 1624 (oder 1625) 
als der älteste Sohn des Junkers, ßatsherru und Stadthauptmanns 
Johann Escher und der Margarete Schmid geboren. Er trat im De- 
zember 165« in kursächsische Dienste als Lieutenant der neu er- 
richteten Schweizergarde (Schreiben des Rats zu Zürich vom 10. De- 
zember 1656). Da er in dem betreffenden Empfehlungsschreiben als 
„Hauptmann" bezeichnet wird, so ist es möglich, dafs er schon 
vorher in französischen Diensten war: es erscheint aber wahr- 
scheinlicher, dafs er diesen Rang im Züricher Dienst bekleidete, da 
sonst ge^vifs auf seine Dienstleistungen in Frankreich speziell Bezug 
genommen worden wäre. 

1658 begleitete Johann Caspar Escher den Kurfürsten auf den 
Reichstag nach Frankfurt a./M. (Schreiben vom 8. Mai 1658). Ende 
desselben Jahres kehrte er nach Zürich zurück (Schreiben vom 
1. Dezember 16.58). Die Veranlassung dazu lag zunächst in dem 
üblen Verhältnifs zu seinem direkten Vorgesetzten, dem Hauptmann 
de Magny. Aufserdem giebt Escher den Wunsch an, in fi-anzösische 
Dienste zu treten, wo er etwas „prosperieren, ehr und erfahr enheit'- 
erwerben könne. Hier hätte er also gewifs erwähnt, wenn er schon 
früher in Frankreich gedient gehabt hätte. — Ob er diese_ Absicht, 
französische Dienste zu nehmen, jetzt ausführte, läfst sich nicht 
konstatieren. Wir möchten es aber bezweifeln, da er im .Jahre 1661 
bereits wieder in Zürich ist und von da aus wieder in kursächsische 
Dienste zurücktritt (Schreiben vom 12. August 1661), um das Kom- 
mando der neu errichteten Musketier- Kompagnie der Schweizer- 
garde zu übernehmen. 

1663 wird er mehrfach als in kursächsische Dienste stehend 
genannt, und 1667 wiitt er im Auftrage des Kurfürsten in seiner 
Vaterstadt. 

1669 übernimmt er, nach der Entlassung der Musketier - Kom- 
pagnie, an Stelle Magny's das Kommando der Hellebardier-Kom- 



von Lindau, die 2. Oberstlieutenant Kuffer, die B. Oberstwachtmeister 
von Schweinitz befehligte. Im Mai 1666 wurde die 1. Kompagnie 
entlassen und die verl)leibenden in 2 Freifähndel formiert, an deren 
Spitze Oberstlieutenant Kuffer trat. Ende 1666 wurden Avieder 
3 Kompagnien gel)ildet und im .Fahre 1670 wurde wieder ein Leib- 
regiment zu Fufs, durch Vermehrung der 3 Kompagnien auf die 
doppelte Zalil, aufgestellt, zu dessen „Ober.sten" sich der Kurfürst 
erklärte, wälii'end Oberst Kuffer als Kommandant bestellt wurde. In 
dieser Stellung verblieb er bis 1680. Nach seinem am 22. August dieses 
Jahres erfolgten Tode wurden die beiden Leibregimenter (1675 war 
ein zweites errichtet worden) in eins vereinigt und Oberst Escher 
— Hans Heinrich — zum Kommandanten desselben ernannt. Vergl. 
H. V. S., Gesch. der beiden K. S. Grenadier -Regimenter. (Dresden 
1877.) 



278 A. von Welck: Schweizer Solcltruppen 1656—1681. 

pagnie der SchAvdzerffarde und führte dasselbe bis zu deren Ab- 
dankung im Jahre 1680, wo er seinen Abschied nimmt und nach der 
Schweiz zurückkehrt. 

1681 wird er in Zürich Mitglied des grofsen Rats (XVIlIer 
vom Rüden, Constaffelherr), auch Kommandant zu Stein a./Rh. 

Er verheiratet sich 1683 mit Anna Meyer v. Knonau, kauft 
1688 Schlofs- und Gerichtsherrschaft Nennforn, welche er 1694 an 
die Züricher Regierung abtritt. 

Er stirbt i'701 im 77. Lebensjahre und liegt im Kreuzgauge 
des Grofsmünsters begraben. 



X. 

Das Chronicoii Citizense des Beuediktiuer- 

luöuclies Paul Lang im Kloster Bosau und 

die in demselben enthaltenen Quellen. 

Ein Beitrag zur Historiographie des 16. Jahrhunderts. 

Von 
K. E. Hermaun MiUler. 



Mit dem Bosauer Mönche Paul Lang und seinen 
Schriften haben sich schon verschiedene Forscher be- 
schäftigt, am eingehendsten Christian Schöttgen \) ; doch 
hat sich derselbe begnügt, die Quellen, aus welchen Lang 
für sein Werk gescliöpft, der Eeihe nach aufzuführen, 
ohne eine Untersuchung darüber anzustellen, in welchem 
Umfange und in welcher Weise sie benutzt worden sind. 
Auch sind ihm, da er keine sich bis auf die kleinsten 
Einzellieiten erstreckende Betrachtung des Chronicon 
Citizense anstellte, viele Quellen unbekannt geblieben, 
die der Autor noch zur Hand gehabt hat. Lepsius, der 
gründlichste Kenner der auf das Bistum Naumburg be- 



züglichen Geschichts(iucllen, erklärt zwar in seiner Ge- 
schichte der Bischöfe des Hochstiftes Naumburg Lang 
für den Hauptschriftsteller über die Nauniburger Stifts- 
geschichte, legt jedoch seinem Chronicon Citizense als 



') Schöttffeu und Kreyfsig, Diplomatische und enrionse 
Nachlese der Historie vun Obersachscn XI (Dresden und Leipzig 
1733), 88 flg-. 



280 K. E. Hermann Müller: 

historischer Quelle keine besondere Bedeutung bei^). Trotz- 
dem bin ich der Ansicht, dals ein genaueres Eingehen 
auf die Quellen dieser Chronik für die historische Wissen- 
schaft wohl von einigem Nutzen sein dürfte; denn un- 
bedhigt muls es für dieselbe von Interesse sein, das ge- 
samte Quellenmaterial, über welches Lang verfügt hat, 
kennen zu lernen. Auch finden sich unter anderem in 
dem Chronicon Citizense da, wo Lang als Zeitgenosse be- 
richtet, äufserst interessante Charakteristiken hervor- 
ragender fürstlicher Persönlichkeiten des weltlichen und 
geistlichen Standes, die nicht ohne Wert für einen Histo- 
riker sind, welcher sich mit jener Zeit beschäftigt. Auf 
die Bedeutung der Chronik für die Kenntnis der zur Zeit 
des Autors unter dem deutschen Klerus herrschenden 
sittlichen Zustände und auf seine sich in derselben kund- 
gebende freundliche Gesinnung für Luther soll hier nur 
kurz hingewiesen werden. 

Der eingehenden Besprechung des Chronicon Citizense 
will ich eine kurze Schilderung der Lebensumstände des 
Verfassers desselben voraufgehen lassen. Den Stoif hier- 
für liefert das Chronicon Citizense selbst. Die von mir 
benutzte Ausgabe ist die von Struve in der 3. Ausgabe von 
Pistorius Scriptores rerum Germanicarum Bd. I S. 1120 
bis 1291. Das Jahr seiner Geburt nennt Paul Lang nicht. 
Nach Schöttgens^) Ansicht mülste derselbe in einem der 
nächsten Jahre nach 1460 das Licht der Welt erblickt 
haben. Das Todesjahr Längs ist gleichfalls unbekannt. 
Da er jedoch im Jahre 1536 seine Chronik der Bischöfe 
von Naumburg zum Abschlufs gebracht hat, so kann er 
frühestens in demselben Jahre gestorben sein, wird also 
wenigstens ein Alter von 70 Jahren erreicht haben. Als 
Ort seiner Geburt bezeichnet er Zwickau. Seine Mutter 
hiefs Elisabeth, sein Vater Georg Lang. Derselbe, einem 
edlen, ritterbürtigen Geschlecht in Nürnberg entsprossen, 
war von dort in Zwickau eingewandert. Er war ein 
verständiger Mann von höchst tugendhaftem Lebenswandel, 
der Gott fürchtete und allen Heiligen die grölste Ehr- 
furcht entgegenbrachte. Vor allen bewies er ohne Unter- 
lafs der Jungfrau Maria durch bestimmte Gebete seine Ver- 
ehrung und hielt auch seine sämtlichen Kinder täglich zu 



2) Lepsius, treschiclite der Bischöfe des Hochstiftes Naum- 
burg vor der Reformation I (Naumburg 1846). 
•■'j Diplomatische Nachlese XI, 89. 



Das ChioniconCitizense desBenediktinermönches P.Lang. 281 

ähnlichen Andachtsübungen an"*). Schot igen findet es wahr- 
scheinlich, dals Lang- die Vorbereitung für seine Univer- 
sitätsstudien auf der damals berühmten Schule seiner Vater- 
stadt, insgemein die Schleifmühle genannt, erhalten habe'^X 
Im Jahre 1486 studierte er auf der Universität Krakau, 
trat jedoch schon im folgenden Jahre auf den Wunsch 
seines Vaters in das Benediktinerkloster Bosau bei Zeitz 
ein, wohin er sich im Monat Mai mit drei jungen vor- 
nehmen Männern aus Zwickau und seinem Bruder Lorenz 
begab. Er wurde im Kloster freundlich willkommen ge- 
heifsen und zog schon nach einer Probezeit von wenigen 
Tagen am 26. Juni das Novizengewand an, wobei der 
Abt Peter in eigener Person celebrierte. Doch vollzog 
sich, wie er selbst andeutet, kurz bevor er das bindende 
Gelübde that, ganz urplötzlich eine Umänderung in seiner 
Gesinnung. Er bereute jedenfalls den Schritt, welchen 
er vorhatte. Sogleich indes trug er im Vertrauen auf 
Gottes Beistand über sich selbst den Sieg davon und 
legte am 21. März 1488 das Mönchskleid an"). Seine 
Widersacher, welche er unter den Vertretern der scho- 
lastischen Philosophie, hauptsächlich wohl unter den Do- 
minikanermönchen, hatte, nahmen, weil ihnen sein Wider- 
wille gegen ihre Afterweisheit, seine Vorliebe für das 
lautere Wort Gottes ohne Beimischung der Philosophie 
eines Porphyrius und anderer verhalst waren, die schwan- 
kende Haltung, welche er kurze Zeit vor Ablegung des 
Mönchsgelübdes bewiesen, zur Veranlassung, um ihn in 
der gehässigsten Weise anzugreifen. Welcher Art die 
hierauf bezüglichen Gerüchte Avaren, die aus diesen Kreisen 
über ihn in Umlauf gesetzt wurden , das dürfte wohl aus 
den Epistolae obscurorum virorum zu ersehen sein. Dort 
heilst es. Lang sei neunmal aus dem Kloster entlaufen'). 
Diejenigen Humanisten, von welchen diese Briefe ausgingen, 
zürnten Lang wegen des heftigen Angriffs, welchen er 
in einer seiner Schriften gegen Jakol) Wimi)heling, einen 
der Ihrigen, gerichtet hatte, und dies veranlafste sie 
jedenfalls, die schon von den Dominikanern gegen den- 
selben erhobenen Beschuldigungen, von denen sie Kennt- 
nis erhalten, für einen Angriff gegen ilm zu verwerten. 



') Clirüiiicüu Citizense 1262. 
^) Diplomat. Nachl. XI, 90. 



«) Chronicou Citi/ense 1262, 1263 und 1264. 
''j Epistolae oliscuroruiii virorum ed. Böckiui;- (Vir. Huttcnii 
operum supplementum) 1, 2H6. 



282 K. E. Hermann Müller : 

Ich glaube, dafs, wenn auch diesen Gerüchten etwas 
Thatsächliches zu gründe liegen sollte, es doch zuerst 
von den Dominikanern aus Hals gegen Lang sehr ver- 
gröfsert und entstellt worden ist. Unmöglich ist es ja 
nicht, dals derselbe in der kurzen Zeit, welche zwischen 
dem 26. Juni 1487 und dem 21. März 1488 liegt, mehr- 
mals dem Kloster entlaufen ist, doch wohl nicht so oft, 
wie ihm schuld gegeben wird. Darüber spricht er sich 
ZAvar nicht aus, aber er könnte doch in der Gemütsver- 
fassung, in der er sich nach seiner eigenen Angabe da- 
mals einige Zeit befand, Neigung liierzu verspürt haben. 
Die an Grausamkeit grenzende Strenge, welche der Abt 
Peter gegen seine Mönche zur Besserung ihi-er Fehler 
anwendete, machte eine etwaige Neigung derselben, sich 
durch die Flucht dem strengen ßegimente zu entziehen, 
nur zu erklärlich und entschuldbar. Lang sagt von ihm: 
„Er war mehr zur Härte als zur Barmherzigkeit, mehr 
zur Strenge als zur Milde geneigt. Deshalb hat er 
meistens nicht die Wohlfahrt der Schwachen, sondern 
deren Verzweiflung hervorgerufen. Denn da er Ketten, 
Gefängnisse und Strafen vervielfältigte, so verscheuchte 
er unwiederbringlich seine Schäflein und büfste sie ein" ^). 
Sollte nun also auch Lang in der Verzweiflung mehrmals 
aus dem Kloster entwichen sein, so kann ihn doch meines 
Erachtens kein so grofser Vorwurf daraus gemacht werden. 
Ich bin der Ansicht, dals schon der ehrenwerte Charakter 
desselben, wie er uns aus dem Chronicon Citizense ent- 
gegentritt, der Auffassung, wie sie seine Feinde über ihn 
zu verbreiten suchten, vollständig widerspricht"). Abt 
Peter, an dem Lang trotz seiner übertriebenen Strenge 
doch manche schätzenswerten Eigenschaften rühmend an- 
erkennt, vermehrte die Klosterbibliothek durch den An- 
kauf vieler neuer Bücher. Nachdem er sie durchgelesen 
hatte, gab er sie Lang, der sie mit roter Farbe durch- 
malen mufste. Auf diese Weise erhielt derselbe un- 
zweifelhaft Gelegenheit, viele Bücher zu lesen und dadurch 
seine Kenntnisse zu bereichern. Im Jahre 1507 starb 
Abt Peter; sein Nachfolger wurde Benedikt L, der 
bis zum Jahre 1517 seinem Amte vorstand. Derselbe 
wird als ein gelehrter, zu grolser Milde geneigter, aber 



^) Chronicon Citizense 1256. 

") Sehr hart und nnyerecht urteilt auch nach meiner Ansicht 
Schöttgen, Diplomatische NachieseXl, 92, 93, 12o umll24 über Lang. 



Das Chronicon Citizense des Beuediktinennönches P.Laug. 283 

selir verschwenderischer und durchaus nicht sittenstrenger 
Mann bezeichnet^"). Wohl bakl nach Übernahme der Abtei 
Bosau durch ihn trat Lang in nahe Beziehungen zu 
Abt Tritheim. Er verweilte bei diesem zuerst im Kloster 
St. Jakob bei Wiirzburg um das Jahr 1507 oder 1508, 
um sich von ihm in den Wissenschaften unterrichten 
zu lassen^^j. In dieser Zeit verfalste er im Auftrage 
Tritheims sein „opusculum hipertüum ad omnium daustra- 
lium laudem et defensioncm" , in welchem er Jakob 
Wimphelings Buch „de integritate" heftig angriff. Längs 
Werk wurde schon im Jahre 1509 auf einem Konvent 
der Benediktiner zu Eeinhardsbrunn gutgeheilsen. Ln 
Jahre 1507 oder 1508 wird es also jedenfalls entstanden 
sein '-). In diesem Werke, welches, soviel ich weifs, noch 
ungedruckt ist, soll unser Autor sogar die wunderbare 
Behauptung aufgestellt haben, Christus sei Abt, Petrus 
Prior, Judas Ischarioth Kellermeister und Philippus 
Pförtner gewesen. Gegen dieses halb in Prosa, halb in 
Poesie geschriebene Werk gingen nun diejenigen Huma- 
nisten, von welchen die Epistolae obscurorum virorum ver- 
fafst sind, zum Angriff über, um ihren Freund Wimpheling 
an Lang zu rächen. Sie machten sich nicht allein über das 
schlechte Latein desselben lustig, sondern tasteten sogar, 
wie wir schon früher gesehen haben, seinen guten Ruf an. 
Nach ihrer Angabe hätte er auch nicht einmal eine Uni- 
versität besucht^-^), was doch durchaus unwahr ist. Man 
muls überhaupt sagen, dals die Humanisten den armen 
Lang härter mitgenommen haben, als er es verdiente. 
Denn ein Dunkelmann und Freund der Dominikaner, auf 
welche die Briefe eigentlich gemünzt sind, war er nicht, 
vielmehr, wie schon früher erwähnt, ein erbitterter Gegner 
derselben. 

Aufserdem verband ihn sogar mit mehreren Huma- 
nisten, einem Tritheim und Selmstian Braut, innige Freund- 
schaft. Sein Latein in dem opnsc. bipert. mag sehr 
schlecht gcAvesen sein; so überaus anstölsig erscheint es 
aber in seinen späteren Werken nicht. 



10) Chronicon Citizense 125(i— 1250, 1273-1275. 

") Diplomatische Nachlese XI, 99. Chronicon Citizense 1267. 

12) Chronicon Citizense 1124, 1267 und 1268. Silberna ffcl , 
Johannes Trithemins (I. Auflage) S. 67. Epistolae obscurorum virorum 
ed. Böcking I, 285. Diplomatische Nachlese XI, 92. Epistolae fami- 
liäres Johannis Trithemii: ()[)era liistorica ed. Fvelier IT, 550. 

^^) Epistolae obscurorum virorum ed. Böcking 1, 286 Üg. 



284 K. B. Hermann Müller: 

Lang ist auch der Verfasser eines Gedichtes, \Yelches 
sich betitelt: „Carmen de lauilihus Saxoniae". Aus 
demselben teilt er uns im Chronicon Citizense einige Verse 
mit"). Es ist vollständig abgedruckt bei Schöttgen^''). 

Im Jahre 1515 nahm Lang mit Erlaubnis seines 
Abtes Benedikt wiederum für einige Zeit seinen Aufent- 
halt im Kloster St. Jakob bei AVürzburg bei seinem hoch- 
verehrten Lehrer Tritheim, da es sein sehnlichster Wunsch 
war, sich noch weiter von demselben in den Wissen- 
schaften unterrichten zu lassen. Tritheim war damals 
gerade damit beschäftigt, ein Werk über deutsche Ge- 
schichte in drei Bänden abzufassen und sein früheres 
Werk de scriptoribus ecdesiasücis, welches bis zum Jahre 
1494 reichte, weiter fortzusetzen. Um seine Arbeit desto 
schneller fördern zu können, beauftragte er Lang, ver- 
sehen mit einem Briefe von ihm, der das Datum des 1. April 
1515 trug und den er Äbten, Prioren und Pröpsten zur 
Beglaubigung seiner Sendung vorlegen sollte. Reisen nach 
verschiedenen Klöstern Deutschlands, besonders des Bene- 
diktinerordens, zu unternehmen, um in denselben Nach- 
forschungen nach für seinen Zweck brauchbaren histo- 
rischen Quellen anzustellen. Mit grolsem Eifer unterzog 
sich unser Autor in den Jahren 1515 und 1516 dieser Auf- 
gabe, wenngleich ihm schlechte Wege, die Furcht vor 
Räubern und Dieben in Gebirgen und Wäldern und die 
Unbill der winterlichen Jahreszeit dieselbe sehr erschwer- 
ten und ihn nicht in so viele Orte gelangen ließen, wie 
er es wohl gewünscht hätte. Jedoch kehrte er mehrmals 
im Winter noch bei Lebzeiten Tritheims mit gesammeltem 
und zusammengeschriebenem Quellenmaterial und mit ver- 
schiedenen Briefen und Grülsen gelehrter Männer an 
Tritheim nach Würzburg zurück^"). Es ist nicht un- 
interessant, zu verfolgen, wohin er überall nach seiner 
Angabe auf seinen Kreuz- und Querzügen durch Deutsch- 
land in dieser Zeit kam. Er verweilte mehrere Tage im 
Benediktinerkloster des Erzengels Michael in Lüneburg, 
ebenso im Kloster desselben Ordens auf dem Oybin bei 
Zittau. Einen viermaligen Besuch stattete er dem auf 
einem Berge bei Chemnitz gelegenen Benediktinerkloster 
ab, dessen Abt, Heinrich von Schleinitz, ein humanistisch 



1*) Chronicon Citizense 1235, 1236, 1252. 
^'^) Diplomatische Nachlese XI, 105 flg. 
1") Chronicon Citizense 1289 und 1290. 



t)as Chronicon Citizense des Benediktincniiünclies P.Laiig. 285 

gebildeter Mann, mit Vorliebe geschichtliche Studien trieb 
und Lang für historische Quellen, welche ihm derselbe 
von seinen Reisen mitbrachte, durch reiche Geldspenden 
belohnte. Auch in Halberstadt and im Kloster auf dem 
St. Petersberge zu Erfurt suchte Lang nach Geschichts- 
quellen. Sogar bis ins südliche Deutschland dehnte er 
seine Forschungsreisen aus. So sah ihn das Benediktiner- 
kloster Andechs als Gast in seinen Mauern ; ebenso kam 
er nach Stralsburg, woselbst er mit Jakob Wimpheling, 
Sebastian Braut und Johannes Reuchlin zusammentraf. 
Auch im Kloster Lehnin in der Mark, in Klostermansfeld 
und in Groningen in Holland sprach er als Gast vor. 
Die Städte Halle und Meilsen waren ihm unzweifelhaft 
gleichfalls recht gut bekannt"). Da er schon am 13. De- 
zember 1516^**) seinen Gönner Tritheim durch den Tod 
verlor, so erreichten hiermit seine Wanderungen durch 
Deutschland ein unerwartetes Ende. Dieselben hatten 
ihm wieder, wie er sich bitter darüber beklagt, seitens 
ihm feindlich gesinnter Mönche heftige Angriffe zugezogen. 
Man hatte ihn sogar einen Herumtreiber genannt '"). 
Schon während seiner Rundreisen durch Deutschland hatte 
er zugleich Stoff für sich zu seinem Chronicon Citizense 
gesammelt und auch mit der Ausarbeitung desselben be- 
gonnen. Veranlafst war er zur Abfassung dieser Chronik 
durch die Wahrnehmung, dals das Verzeichnis der Bischöfe 
von Naumburg, welches von einem Naumburger Schul- 
meister Peter herrührte, sehr viele Irrtümer enthielt'-"). 
Die erste Ausgabe seiner Chronik vollendete er im Jahre 
1516 und überreichte sie dem damaligen Bischof von 
Naumburg, Johann von Schönberg, der sie mit Freuden 
entgegennahm und den Verfasser durch ehi ansehnliches 
Geschenk ehrte-^). Diese erste Ausgabe des Chronicon 
Citizense war unter den ungünstigsten Umständen zustande 
gekommen. Lang hatte sehr schnell an derselben auf 
seinen Reisen, häufig in Baueriüiäusern, gearbeitet, indem 
ihm allein das Material zu geböte stand, welches er aus 
Quellen ausgezogen hatte, dagegen fast keine Bücher zur 
Hand waren, welche ihm Ijei seiner Arbeit hätten von 



V 



") Chronicon Citizense 1219, 1220, 11.56, 1157, 1185, 1181, 1195, 
120.3, 1159, 1268, 1275, 1276—1278, J218, 1152, 1269. 1148, 1239. 
^*) Silbernagel, .Johannes Trithemius S. 2(31. 
"•) Chronicon Citizense 1290. 
-0) Ebendaselbst 11.58 und 1174. 
21) Ebendastdbst 1266. 



286 K. E. Hermann Müller: 

Nutzen sein können. Infolgedessen hatten sich so manche 
Irrtümer in diese Ausgabe eingeschlichen. Das sah er 
sehr wohl ein und beschlols deshalb, noch einmal dieselbe 
Arbeit vorzunehmen. Er arbeitete jetzt daran in seinem 
Kloster, in welches er nach Tritheims Tode zurückgekehrt 
war, mit grölserer Mulse. Jetzt konnte er auch das ganze 
grolse Material, welches er für Tritheim zusammenge- 
tragen hatte und welches ihm nach dessen Tode gleich- 
sam als Erbteil zugefallen war, für seinen Zweck aus- 
nutzen. Er hoffte, dals diese neue Ausgabe in ihren 
Angaben zuverlässiger sein und sich von den Fehlern 
der ersten frei halten werde. Er erklärt, er habe 
für dieselbe besonders Chroniken der Slaven, Sachsen, 
Thüringer, der Naumburger und Merseburger Bischöfe 
und der Erzbischöfe von Magdeburg benutzt. Hiernach 
zu urteilen, war die erste Ausgabe seiner Chronik auch 
viel weniger umfangreich als die zweite. Diese so er- 
weiterte und verbesserte Ausgabe entstand in den Jahren 
1518—1520^^). Die Chronik, wie sie uns erhalten ist, 
bricht plötzlich mit dem Jahre 1515 ab; es ist aber wohl 
keinem Zweifel unterwoii'en, dals sie ursprünglich weiter 
bis zum Jahre 1520 gegangen ist. Wenigstens bis zum 
Jahre 1517 ist sie sicherlich geführt worden. Unter dem 
Jahre 1492 '-■^) nämlich, wo Lang über den Bischof Johann III. 
von Naumburg berichtet, verweist er auf das Jahr 1517, 
das Todesjahr dieses Kirchenfürsten, in welchem er noch 
weiter über denselben reden wolle. Es ist nun die Frage 
aufgeworfen worden, welchem Umstände wohl die Ver- 
stümmelung unserer Chronik zuzuschreiben sei. Man hat 
gemeint, entweder sei die Chronik nicht von Lang vollendet 
oder von Mönchen, welche seine Widersacher waren, 
sehr verstümmelt worden, weil er dem Anschein nach 
etwas über die evangelische Lehre in dieselbe aufge- 
nommen hätte-*). Die erste Annahme halte ich darum 
nicht für wahrscheinlich, weil ich nicht einzusehen ver- 
mag, weshalb Lang, der noch im Jahre 1536 am Leben 
war, dieselbe hätte unvollendet lassen sollen. Die zweite 
erscheint mir schon aus dem Grunde als unhaltbar, weil 
sicherlich seine Feinde, wenn sie einmal die Macht ge- 
habt hätten, mit seinem Werke vorzunehmen, was sie 



22) Chronicon Citizense 1174, 1175, 1137, 1254, 1260, 1270. 

23) Ebenda 1266. 

2^; Vorrede Struves zum Chronicon Cilizense 1118. 



Das Chroiiicon Citizense des Benecliktinerraönches P. Lang. 287 

wollten, nicht blofs die letzten Jahre der Chronik wegen 
ihres der Reformation günstigen Inhalts weggelassen, 
sondern auch noch andere Stellen derselben, welche sym- 
pathische Äußerungen über Luther und seine Lehre ent- 
halten, ausgemerzt haben würden. Ich bin der Ansicht, 
dais nicht das besondere Verschulden irgend eines Menschen, 
vielmehr nur ein böser Zufall diese Verstümmelung her- 
beigeführt hat. Mit dem Jahre 968 nach Christi Geburt, 
in welchem von Otto dem Grolsen das Bistum Zeitz ge- 
gründet wurde, beginnt unsere Chronik. Das Bistum 
führte später, als der Sitz desselben von Kaiser Konrad IL 
nach Naumburg verlegt wurde, den Namen nach dieser 
Stadt. 

Sein Hauptaugenmerk hat der Verfasser darauf ge- 
richtet, uns die Schicksale, welche das Bistum Zeitz- 
Naumburg und das Kloster Bosau erfahren, zu schildern. 
Aulserdem berichtet er auch über die Bistümer Meifsen, 
Merseburg und Würzburg, über die Erzbischöfe von 
Magdeburg und Mainz, über die Markgrafen von Meiisen, 
die Landgrafen von Thüringen, die Kurfürsten von Sachsen, 
über brandenburgische Verhältnisse, die deutschen Kaiser, 
die Päpste, über Konzilien, die Gründung verschiedener 
Klöster, die Stiftung von Mönchsorden, über wissenschaft- 
lich bedeutende Männer und Ereignisse aus seiner eigenen 
Zeit. Vielfach citiert er auch Stellen aus der heiligen 
Schrift, aus verschiedenen Kirchenvätern und kirchlichen 
Schriftstellern des Mittelalters. Seine häufigen Citate 
aus Horaz, Ovid, Plautus, Terenz, Properz, Seneca und 
Sallust beweisen seine groise Belesenheit in den Dichtern 
und Prosaikern der klassischen Periode der römischen 
Litteratur. Ein gleiches Interesse bekundet er für latei- 
nische Verse, welche erst der mittelalterlichen Latin ität 
angehören, indem er sowohl Verse von Dichtern der 
früheren, als auch seiner eigenen Zeit anführt; so den 
Vers auf S. 1162: 

Tempora mutaiitiu- et res luutantur in illis, 
für welchen Büchmann in seinen „Geflügelten Worten'* 
den bekannten Wortlaut hat: 

Tempora mutantiir iios et mntamur in illis. 
Auf S. 1215 werden mehrere Verse aus dem über I 
Pastorum des Baptista Mantuanus, eines Zeitgenossen 
Längs, angeführt. Auf S. 1221 stehen einige Verse, 
welche dem über metricus de suo exilio des im Jahre 1139 



288 K- E. Hermann Müller: 

verstorbenen Erzbischofs Hildebert von Tours entnommen 
sind. Auf S. 1244 wird ein Vers des als Epigrammen- 
dicliter bekannten Bischofs Campanus von Terni, bezüg- 
lich auf die Erfindung der Buchdruckerkunst, mitgeteilt. 
Demselben schlielsen sich einige den nämlichen Gegen- 
stand berührende Verse des Sebastian Braut an. Die- 
selben findet man auch als von Brant verfalst bezeichnet 
in Chronici Moguntini Miscelli Eragmenta collecta bei 
Boehmer, Fontes rer. Germ. IV, 388. 

Die Zahl der Quellen, aus welchen Lang für seine 
Chronik geschöpft hat, ist bedeutend. 

Viele der von ihm herangezogenen Quellen citiert er, 
jedoch nicht überall, wo er sie benutzt hat, vielmehr ge- 
wöhnlich nur an einigen Stellen. Zuweilen deutet er nur 
ganz im allgemeinen an, woher er seine Angaben über 
irgend eine Thatsache entnommen. Manchmal verschweigt 
er sogar gänzlich eine Quelle, die ihm viel Material geliefert. 
Meistens hat er sich bei seinen Berichten ziemlich eng 
an den AVortlaut der ihm vorliegenden Quellen ange- 
schlossen, doch auch nicht selten Verkürzungen des Textes, 
der ihm zur Hand war, vorgenommen. 

Wir lassen nun die Quellen folgen, welche der Autor 
seinem Chronicon Citizense zu gründe gelegt hat. 

I. Quellen, betreffend die Bistümer Nauml)urg, 
Merseburg und das Erzbistum Magdeburg;. 

1. Johannes delsenach: Acta et facta prae- 
sulum Nuenborgensium breviter notata. 968 bis 
1493. Bei Paullini, Syntagma rerum German. S. 125'-''^). 

Ihn hat Lang, obgleich er ihn nicht als Quelle nennt, 
doch von S. 1124 a. 968 bis S. 1255 a. 1481 für seine 
Berichte über die Bischöfe von Naumburg grölstenteils 
verwertet. Zwischen beiden Quellen herrscht vielfach 
fast wörtliche Übereinstimmung. Die Regierungsjahre 
der Naumburger Bischöfe, wie sie uns Lang giebt, stimmen 
ziemlich häufig mit denen, welche Lepsius Geschichte der 
Bischöfe von Naumburg enthält, nicht überein, ebenso 
wenig mit dem Verzeichnis derselben Bischöfe von Lepsius, 
das in Kruse, Deutsche Alterthümer II, 2, 169 steht. 
Auch weichen die ßegierungsjahre dieser Bischöfe im 



-■^) Über ihn Lepsius, Geschichte der Bischöfe von Naum- 



burg I, V. 



Das Chronicon Citizense des Benedikt] nermönclies P.Laiig. 289 

Clironicon Citizense nicht selten von denen in Joh. de 
Isenacli ab. Ja, man ündet sogar, dals Lang in der Clii'onica 
Neumljurgensis ecclesiae omnium episcoporuni (bei Mencke, 
Script, rer. Germ. 11,1) einzelnen Bischöfen von Nanmburg 
andere Regierungsjahre zuschreibt, wie im Chronicon 
Citizense, also mit sich selbst in Widerspruch gerät. 

Auf S. 1238 und 1248 werden uns die Grabinschriften 
der Bischöfe Johannes II. und Peter mitgeteilt. Die des 
Bischofs Richwin lesen wir bei Lepsius, Geschichte der 
Bischöfe von Naumburg I, 37. Lang kannte sie, wie 
daraus hervorgeht, dafs er aus ihr den im Jahre 1125 
erfolgten Tod dieses Bischofs feststellt, führt sie jedoch 
nicht an (S. 1154). Zur Entscheidung der Frage, ob 
Bischof Udo I. ein Sohn Ludwigs des Springers sei, 
nimmt Lang S. 1155 auf die Grabinschrift dieser Land- 
grafen im Kloster Reinhardsbrunn bezug. Die wichtigen 
Urkunden über die Verlegung des Bischofssitzes von Zeitz 
nach Naumburg blieben Lang vollständig unbekannt. Er 
kann sich deshalb auf S. 1138 gar nicht erklären, wie 
dieselbe unter Kaiser Konrad IL im Jahre 1032 statt- 
fand-''). 

2. Urkunden, bezüglich auf das KlosterBosau. 

Dals Laug für seine Berichte über das Kloster Bosau 
hauptsächlich aus den Klosterbriefen geschöpft hat, hat 
Lepsius a. a. O. S. VI festgestellt, ebenso, dals Leuckfeld 
für seine von Schamelius herausgegebene Schrift: Chro- 
nologia Abbatnm Bosaugiensium (1731/32) seinen Stoff 
vorwiegend dem Chronicon Citizense entnommen hat (a. a. 
O. Xf.). Derselbe bemerkt auch sehr richtig, dafs be- 
deutender und für die Bearbeitung der Stiftsgeschichte 
fruchtbarer das von Schöttgen und Kreysig-") mitgeteilte 
Chartarium Abbatiae Bosaug. sei (ebenda S. XI). Dieses 
enthält aus den Jahren 1118 — 1549 91 Urkunden, von 
denen Lang 54, die jedenfalls nicht zu seiner Kenntnis 
gelangt sind, unerwähnt gelassen hat. Sämtliche Ur- 
kunden Längs beziehen sich auf dem Kloster Bosau vom 
12. bis ins' 15. Jahrhundert gemachte Schenkungen, 
welche demselben teils von Bischöfen von Naumburg, teils 
von Päpsten und deutschen Kaisern durcli Urkunden be- 
stätigt worden sind. Zur Zeit Längs war das ursprüng- 

2«) Ebenda S. 11—14. 

^''i Diplonmtaria et scriptüres historiae üennauiae nitdii acvi 
II, 418 flg. 

Neues Archiv f. S. (i. u. A. XIII. 3. 4. 19 



290 K. E. Hermann Müller: 

lieh SO reiclie Kloster scIior ganz verarmt (Chronicon 
Citizense S. 1150 f.). Auf S. 1149 f. wird der Gründung 
des Klosters durch Bischof Dietrich von Naumburg ge- 
dacht. Seinem Bericht hierüber hat Lang zu gründe ge- 
legt die Stiftungsurkunde des Klosters (Historia de fun- 
datione nionasterii Bosaugiensis, bei Hoffmann, Scrij^t. rer. 
Lusatic. IV, 134). Eine zusammenhängende Geschichte 
der sämtlichen Äbte Bosaus hat Lang uns in seinem 
Werk nicht geliefert. Er begnügt sich meistens, nur 
kurz diejenigen Äbte zu erwähnen, deren Namen in den 
von ihm angeführten Urkunden vorkommen. Erst seit dem 
Jahre 1467, in welchem sich das Benediktinerkloster 
Bosau der Bursfelder Kongregation anschlols, erhalten 
wir ausführlichere und zusammenhängendere Nachrichten 
über die einzelnen aufeinander folgenden Äbte desselben. 
Wohl allein aus einer Inschrift der Hauptglocke im Kloster, 
welche der Abt Heinrich Reck im Jahre 1448 giefsen 
liels, erfuhr Lang etwas von der Existenz dieses Abtes 
(Chronicon Citizense S. 1241). 

3. Bulle Papst Paschalis II. für das Kloster 
Pegau von 1106, Jan. 30. Chronicon Citizense S. 1153. 
Bei Mencke, Script, rer. Germ. III, 1007 f. und bei 
Schöttgen, Wiprecht, Cod. probat. 4. (Original im Haupt- 
staatsarchiv zu Dresden.) 

4. Urkunde des Bischof Udo von Naumburg 
über die Verlegung des Klosters zu Schmölln 
nach Pforta (1132). Chronicon Citizense S. 1157 f. 
Darüber Lepsius, Bischöfe von Naumburg I, 43, 151 
Anmerkung 128. 

5. Gründung des Augustiner-Mönchsklosters 
zu Mildenfurt und der Dominikanerinnenklöster 
zu Weida und Cron schwitz. Chronicon Citizense 
S. 1160—1162. Darüber Lepsius S. GO, 79 f. 

6. Chronicon Gozecensis monasterii. Monum. 
Germaniae histor. Script. X, 141. Citiert auf S. 1141. 
Daselbst und auf S. 1145 f. benutzt für auf Goseck be- 
zügliche Verhältnisse. 

7. De regione, vetustate ~ Tubantino- 

rum, Cygneorura etc. per egregium, eximium et 
doctum virum. Dominum Erasmum Stell ae, artium 
liberalium et medicinae doctorem — ■ — et Physi- 
cum civitatis Cygneae descripta. Fragmente bei 
Mencke, Script, rer. Germ. III, 2039 flg. Chronicon Citi- 



Das Chronicon Citizense des Benediktinermönclies P.Lang. 291 

zense S. 1163—1165. Diese Schrift hat Lang seinem 
fabelhaften Bericht über den Ursprung der Stadt Zwickau 
zu gründe gelegt. 

8. Thietmarus episcopus Merseburgensis: 
Chronici libri VIII. Mon. Germ. Script. III, 733 bis 
871. — Als Quelle genannt auf S. 1120 f., 1123 f. und 
1132. Daraus entnommen Chronicon Citizense S. 1120 
bis 1150: Gründung des Erzbistums Magdeburg und 
verschiedener Bistümer durch Otto den Grolsen, Ereignisse 
aus Ottos I., II. und III. Regierung und der ersten Zeit 
Heinrichs II., die ersten Erzbischöfe von Magdeburg, 
die ersten Bischöfe von Merseburg, Meifsen und Zeitz, 
verschiedene Markgrafen von Meifsen. Die aus Thiet- 
mar entlehnten Stellen sind meistens verkürzt wieder- 
gegeben. 

9. Chronicon episcoporum Merseburgensium. 
(968—1514). Mon. Germ. Script. X, 162. Benutzt auf 
8. 1137, 1167, 1225 und 1228. 

10. Gesta archiepiscoporum Magdeburgen- 
sium. Mon. Germ. Script. XIV. Citiert auf S. 1124, 
1132, 1146-1148. Von S. 1124—1250 hat Lang die 
Regierung der Erzbischöfe von Magdeburg nach dieser 
Quelle gegeben, doch stehen die Worte auf S. 1129: 
„Tnidnntur pliires — iiichoatari" nicht in den G. A. M. 
auf S. 382. Nach Längs Angabe S. 1218 soll der im 
Jahre 1368 gestorbene Erzbischof Dietrich im Kloster 
Lehnin bestattet worden sein, während die G. A. M. 
S. 442 f. den Dom zu Magdeburg als seine Begräbnis- 
stätte bezeichnen. Sonst sind die G. A. M. noch als 
Quelle herangezogen an folgenden Stellen: S. 1124 Re- 
gierungsjahre Ottos L, S. 1132 Verwüstung der Zeitzer 
Kirche, S. 1141 Tod Heinrichs III., S. 1144 die deutschen 
Volksstämme für Heinrich IV., S. 1145 plötzlicher Tod 
mehrerer Bischöfe, S. 1147 Weihe des Bischofs Walram 
von Naumburg, S. 1149 Bischof Dietrich von Naumburg, 
S. 1151 „Anno milleno — crtwris/ S. 1153 Praemon- 
stratenserorden. 

11. Annalista Saxo. Mon. Germ. Script. VI, 
542—777. S. 1137 Heinrich, Bruder der Kaiserin 
Kunigunde, Herzog von Bayern, S. 1147 Belagerung der 
Stadt Gleichen, S. 1154 die Kaiserin Richenza,^ Graf 
Otto von Anhalt, seine Gemahlin und sein Sohn, S. 1156 
Regierungszeit Lothars IL, das Kloster Königslutter. 

19* 



292 K. E. Hermann Müller : 

1 3. A 11 n al e s M a g d e b u r g e n s e s. Mon. Germ. Script. 
XVI, 107—196. S. 1121 Gründung des Klosters Bergen 
bei Magdeburg. 

13. Bruno: De belle Saxonico über et vita 
Heinrici IV. imperatoris. Mon. Germ. Script. V, 328. 
S. 1145 und 1146 Schlacht an der Elster. Citiert von 
Lang: „Haec ex Chronicis Saxoniae." 

14. Botho: Cronecken der Sassen ab 0. C. 
— 1489. Bei Leibnitz, Script, rer. Brunsvic. III, 
277. Citiert auf S. 1120. — Gründung der Bistümer 
Zeitz u. s. w. durch Karl den Grolsen, Wiederherstellung 
derselben durch Otto den Grolsen, S. 1221 Angern und 
andere Güter durch Erzbischof Friedrich von Magdeburg 
erworben, S. 1232 Friedrich von Meilsen Kurfürst von 
Sachsen, S. 1240 Christoph von Bayern König der drei 
nordischen Reiche. 

An diese Chroniken schlielsen wir am passendsten an : 
Engelbertus Wusterwitz clericus Branden- 
burgensis: Chronica Marchitica. Über die Be- 
nutzung dieser Quelle durch Lang vergleiche: Engel- 
bertus Wusterwitz, Märkische Chronik, herausgegeben 
durch Julius Heidemann (Berlin 1878), Einleitung S. 1, 5. 

II. Niedersächsische Geschichtsquellen. 

1. Helmoldus presbyter Bosoviensis ad lacum 
Ploenensem: Chronicon Slavorum. Mon. Germ. 
Script. XXI. Citiert auf S. 1123, 1148, 1152. — S. 1121 f. 
Bekriegung und Christianisierung der Slaven und Dänen 
durch Otto den Großen, S. 1123 ßegierungszeit desselben, 
S. 1148 Beendigung des Schismas, Tod Heinrichs IV. im 
Bann, Tod Magnus von Sachsen, Lothar Herzog von. 
Sachsen, Magnus Töchter, S. 1151 f. Schlacht am Weifes- 
holze, grolse Niederlage der Römer, S. 1154 Lothar 
deutscher König. 

2. Arnold von Lübeck: Chronicon Slavorum. 
Mon. Genn. Script. XXI. Als Quelle angeführt auf 
S. 1159 und 1166. S. 1159 Barbarossas Tod, S. 1166 f. 
Verwüstung Thüringens, Landgraf Hermann von Thüringen 
von Philipp von Schwaben wieder unterworfen. 

3. Chronicon Slavicum parochi Suselensis ab 
a.814 — 1485 ap. Lindenbrog, Script, rer. septentr. (Francof. 
1609) S. 189—247. Citiert auf S. 1255. — Für Lübecker 



Das Chroincon Citizense des Benediktinermönches P.Lang. 293 

Verhältnisse benutzt auf S. 1158, 1175, 1217, 1219, aufser- 
dem noch an folgenden Stellen: S. 1185 Johannes 
Teutonicus, S. 1217 und 1218 Sieg- des Bischofs Gerhard 
von Hildesheim, S. 1229 Eroberung Plauens, S. 1231 
Gründung der Universität Rostock, S. 124G Absetzung 
des Erzbischofs Dieter von Mainz, S. 1254 Heirat Johanns, 
eines Sohnes Christians I. von Dänemark, S. 1255 Ablals 
in Schweden. 

4. Rudimentum noviciorum. Lübeck 1475. Von 
Lang Chronica Rudimenti genannt und als Quelle be- 
zeichnet auf S. 1215 f., 1223, 1227. Für die Geschichte 
der Päpste herangezogen auf S. 1190 f., 1195, 1206 f., 
1211 f., 1214 f., 1217; aufserdem noch an folgenden 
Stellen benutzt: S. 1176 f. Worte über den Kardinal 
Hugo, S. 1210 f. Thomas de Valas, S. 1214 grofses 
Sterben in Frankreich und in Lübeck, S. 1216 Brand des 
Lübecker Rathauses, S. 1218 Brigittas Vorhersagung er- 
füllt sich, S. 1223 Sieg der Türken über Siegismund von 
Ungarn, S. 1227 Gründung der Universität Leipzig, 
S. 1228 Siegismund deutscher König, Schlacht bei 
Tannenberg, S. 1243 Eroberung Konstantinopels, S. 1245 
Niederlage der Türken, S. 1251 Eroberung Lüttichs durch 
Karl den Kühnen. 

5. Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis 
ecclesiae pontificum Libri IV. Mon. Germ. Script. 
VII, 280—389. S. 1126 die Erzbischöfe Willehad und 
Ansgar von Bremen. 

6. Compilatio chronologica. Bei Pistorius-Struve, 
Script, rer. Germ. I, 1057. S. 1136 Heinrichs IL 
Kaiserkrönung, Anwesenheit des Papstes Benedikt VIII. 
in Bamberg, S. 1173 Kaiser Friedrich IL verfolgt die 
Kirche. 

7. Albert von Stade: Annales — 1256. Mon. 
Germ. Script. XVI, 283—378. S. 1144 Wahl lUidolfs 
von Schwaben zu Heinrichs IV. Gegenkönig. 

Hierher dürfte wohl noch zu setzen sein: 
Cochlaei Cosmographia, auf welche sicli Laug 

S. 1216 beruft. Über diese Quelle habe ich sonst nirgends 

etwas finden können-*'). 



•-'*) Wohl Cosmographia Poinponii TMelac ed. Cochlacus. Norini- 
bergae, Joh. Weyssenburg 1512. Panzer Ann. Typgr. Vll, 4F)1 no. 8(5. 
(Anm. der lled.) 



294 K. E. Hermann Müller: 

III. Westfälische Geschichtsquelleu. 

1. Altfridi Vita S. Liudgeri. Mon. Germ. Script. 
11,403—419. S. 1129 f. Liudgers wissenschaftlicher Eifer. 

2. Henricus de Hervordia: Liber de rebus 
niemorabilioribus — 1355 ed A. Potthast. 8. 1190 
Adolf von Nassau deutscher König. 

3. Werner Rolevinck: Fasciculus temporum. 
Bei Pistorius-Struve, Script.rer.Germ.il, 397—576. Citiert 
auf S. 1122, 1182, 1201. Als Quelle für die Päpste be- 
nutzt auf S. 1149, 1157, 1167 f., 1193 (Cundis Frae- 

latis ut canis), 1205, 1212, 1222, für deutsche 

Kaiser auf S. 1122 f., 1201, für Mönchsorden und geist- 
liche Ritterorden auf S. 1147, 1166 f., 1182; sonst noch 
an folgenden Stellen als Quelle herangezogen: auf S. 11 53 f. 
Hugo von St. Viktor, S. 1167 Eroberung Konstantinopels, 
S. 1170 Zerstörung Jerusalems, S. 1171 Friesland vom 
Meere schwer heimgesucht, S. 1188 Tripolis und mehrere 
andere Städte von den Sarazenen erobert, S. 1202 die 

Verse: ,,Mitis canonizatos", S. 1217 die heilige 

Brigitta, S. 1218 plötzlicher Tod eines Lektors der 
Krakauer Universität, S. 1222 Schlachten bei Sempach 
und Näfels, der Theologe Heinrich von Hessen, S. 1223 
"Wikleff, Hüls und Hieronymus, S. 1228 f. Beendigung des 
Schismas zu Kostnitz. 

4. Theodorici Urie His toria Concilii Constan- 
tiensis bei Herm. von der Hardt, Francof. 1700 post 
Concilium Constantiense, fol. 1. S. 1226 die hier ange- 
führten Verse lib. I, S. 11. Auf ihn beruft sich auch Lang. 

IV. Hessische, thüringische imd meifsuische 
(ireschichtsquelleii. 

1. Lambertus Hersfeldensis: Historia Hers- 
feldensis. Mon. Germ. Script. V. S. 1129 wissenschaft- 
licher Eifer im Kloster Hersfeld. Hier Lamb. citiert. 
Darüber Mon. Germ. Script. V. 137. Anmerk. 4. S. 1140 
Bischof Cadalu s von Naumburg und Kaiser Heinrich III. 
in Hersfeld. Hier Lamb. angeführt. Dazu Mon. Germ. 
V, 140, Anmerk. 30. S. 1140 Charakteristik Heinrichs III. 
Mon. Germ. V, 140. 

2. Lamberti Annales Hersfeldenses. Mon. Germ. 
Script. V. Auf die Benutzung dieser Quelle durch Lang 



Das Chronicon Citizeiise des Benecliktinermönches P.Lang. 295 

auf S. 1142—1144, 1146 wird S. 148 unserer Ausgabe 
liingewiesen. 

3. Additiones ad Lambertum. BeiStruve, Script, 
rer. Germ. I, 425-440 Citiert auf S. 1181. Als Quelle 
zu gründe gelegt auf S. 1144 f., 1223, 1253 für Erfurter 
Begebenheiten, aulserdem noch an folgenden Stellen: 
S. 1143 Sclilacht an der Unstrut, S. 1181 Herzog Albert 
von Braunschweig aus der Gefangenschaft befreit, S. 1186 
Tod des Markgrafen Johann von Brandenburg, S. 1188 
Untergang vieler Menschen in Friesland. 

4. Chronicon Sampetrinum, herausgeg.vonStübel: 
Geschichtsquellen der Provinz Sachsen I, 9 flg. Daraus 
geschöpft für Landgrafen von Thüringen, für Naumburger 
Bischöfe und Mainzer Erzbischöfe auf S. 1166—1168, 
1170, 1174 f., 1177, 1179, 1181, 1187, 1189, 1200, 1206, 
1215; aulserdem ist Chron. Sampetr. noch an folgenden 
Stellen herangezogen: S. 1166 Tod Heinrichs des Löwen, 
Reichstag zu Gelnhausen, S. 1168 Otto von Witteisbach 
geächtet, S. 1195 die Erfurter zerstören mehrere Burgen, 
S. 1203 grolse Hungersnot in Thüringen, grolses Sterben 
in Erfurt, S. 1215 Rudolf von Vargula Beschützer der 
heiligen Elisabeth. 

5. Successio episcoporumMoguntinensium. Bei 
Boehmer, Font. rer. Germ. IV, 355—363. Benutzt für 
Erzbischöfe von Mainz auf S. 1176, 1196, 1223, 1231, 
1246, 1264. 

6. Chronicon Montis Seren i. Mon. Germ. Script. 
XXIII. S. 1159 Otto, Dietrich, Albert, Dedo Mark- 
grafen von Meilsen. 

7. Annales S. Petri Erphesfurdenses. Mon. 
Germ. Script. XVI, 16. S. 1147 Ruthard, Erzbischof von 
Mainz. 

8. Erphurdianus antiquitatum variloquus. Bei 
Menckc, Script, rer. Germ. IL S. 1205 und 1206 Erz- 
bischof Peter von Mainz tot, Matthias sein Nachfolger 
(a. a. 0. 500 und 501). 

9. Historia Erphesfordensis Anonymi scrip- 
toris de Landgraviis Thuringiae. Bei Pistorius- 
Struve, Script, rer. Germ. I, 1296. S. 1233 Tod des 
Markgrafen Wilhelm von Meilsen. 

10. Chronicon Terrae Misiiensis. Bei Mencke, 
Script, rer. Germ. II, 313—376. Dasselbe hat als Quelle 



296 K. E. Heniiauu Müller: 

gedient für thüringische und meilsnische Verhältnisse auf 
S. 1122, 1139, 1142 f., 1180 f., 1223, 1243. Zu S. 1122 
ist zu vergleichen R o t h e ; C h r o n i c o n T h u r i n g i a e bei 
Mencke II, 1660. Derselbe erwähnt auch S. 1168 f. 
die Schauenburg, . von der Lang auf S. 1139, jedoch nicht 
das Chr. T. M. S. 320 f. spricht. 

11. Pucheler: ResMisnicae ab anno 1426— 1488. 
Bei Mencke, Scriptor. rer. Germ. II, 417. S. 1241 Streit 
zwischen Friedrich dem Sanftmütigen und seinem Bruder 
Wilhelm, S. 1243 der Baron von Gera gefangen nach 
Böhmen geschleppt. 

12. Johannes Garzo Bononiensis: Annales 
Misnenses sive Historia de bellis Friderici Magni. 
Libri II. Bei Mencke, Script, rer. Germ. II, 1015 bis 
1056. Von Lang vollständig in sein Chronicon Oitizense 
auf S. 1191—1194, 1197, 1199, 1200 und 1202 aufge- 
nommen. 

13. Hieronymus Emser: Vita Bennonis epis- 
copi Misnensis. Lipsiae 1512. Bei Mencke II, 824 flg. 
S. 1131 beruft sich Lang auf diese Vita, S. 1148 BennosTod. 

14. Siffridus Presbyter Misnensis: Chronicon 
universale US que ad annum 1306. Bei Pistorius-Struve, 
Script, rer. Germ. I, 1017—1055. S. 1137 Kaiser Hein- 
richs II. Fürsorge für verschiedene Bistümer, Godehard 
Bischof von Hildesheim, S. 1172 die Landgräfin Elisabeth 
heilig gesprochen, S. 1186 Niederlage des Erzbischofs 
Konrad von Magdeburg und des Markgrafen Dietrich 
von Landsberg, S. 1196 Tod des Bischofs Bruno von 
Naumburg. 

15. Decanus Misnensis, auf S. 1159 von Lang 
citiert, doch nicht als Quelle ausfindig zu machen. 

V. Gesehichtsciuelleu, hiis Frauken uud Schwaben 

stammend. 

1. Trithemii Annales Hirsaugienses. St. Gallen 
1690. 2 Volum. Dieselben sind häufig von Lang als 
Quelle herangezogen worden bei deutschen Kaisern, bei 
Päpsten, bei deutschen Fürsten geistlichen und welt- 
lichen Standes, besonders den Erzbischöfen von Mainz 
und Fürsten des Hauses Witteisbach, bei verschiedenen 
Klöstern des Benediktinerordens, bei mehreren Augaben 
über die Bursfelder Kongregation, bei mehreren litterarisch 



Das Clironicon Citizense des Beiie(likti]iPimr>nrhes P.Laiig. 297 

bedeutenden Männern des geistlichen Standes und ver- 
schiedenen Begebenheiten im Orient. Derartige Angaben 
sind entnommen dem 1. Teil der Hirsauer Annalen auf 
S. 1122, 1128, 1130, 1139, 1144, 1146, 1148, 1154, 1159, 
1162, 1167, 1176 f., 1183, dem 2. Teil derselben auf S.1187f., 
1200 f.. 1204, 1206, 1216, 1218, 1224, 1227, 1238 f., 1240 f. 
1247 f., 1251, 1254, 1266, 1270, 1272 f., 1275 f., 1284. — 
Auf S. 1138 ist Tritheim von Lang citiert. 

2. Trithemii Catalogus seu Liber scriptorum 
ecclesiasticorum. Ed. Freher, Trithemii opera I, 184 
bis 421. Von Lang als Quelle angeführt auf S. 1205 
und verwertet für fast sämtliche Berichte desselben über 
wissenschaftlich bedeutende Männer des geistlichen Standes 
von S. 1130-1269. 

3. Trithemii Chronicon Sponheimense. Ed. 
Freher, Trithemii opera II, 236 — 435. S. 1229 Kaiser 
Friedrichs III. Geburt, S. 1252 jährliches Kapitel der 
Benediktiner zu Trier, S. 1273 desgl. zu Mainz. 

4. Hartmann Schedel: Chronicon mundi seu 
Chronicon Chronicorum ab 0. C. — 1492. Nurem- 
berge, Koberger 12. Juli 1493. Von Lang als Quelle ge- 
nannt auf S. 1186, 1188, 1200, 1232. — Diese Chronik 
hat ihm Material geliefert für seine Angaben über deutsche 
Kaiser auf S. 1135, 1166, 1168, 1171, 1186, 1190, 1201 
(„qui — — fruitus fuisset, egissct'^), 1202, 1224, 1236, 
1240, 1262, über Päpste auf S. 1128, 1183, 1186, 1188, 
1192, 1201 f., 1226f., 1229, 1236, 1241, 1246, 1252, 
1255, 1264, über wissenschaftlich l)edeutende Männer und 
verschiedene historische Ereignisse auf S. 1148, 1168, 
1174, 1177, 1186, 1200-1202^ 1204 f., 1218, 1222, 1231, 
1232, 1233, 1252, 1253, 1254, 1254 und 1255, 1255, 1264. 
Nach dem Citat auf S. 1200 hat Lang ganz dieselbe Aus- 
gabe der Chronik Schedels zur Hand gehabt wie wir. 

5. Anonymi Chronicon Wirceburgense. Bei 
Eckhart, Francia orientalis (Wirceburgi 1729) I, 81(5 
bis 825. AVas Lang übei- die Bischöfe von Würzburg 
berichtet, ist auf diese Quelle zurückzuführen. 

6. Nauclerus: Chronicon universale ab O. C. 
~ 1500 (Tul)ingae 1516). Citiert auf S. 1139 und fast 
nur für Angaben über deutsche Kaiser benutzt auf 
S. 1122 1'., 1132 1"., 1135 (7 Kurfürsten, Erzbischof Udo 
von Magdeburg), 1136—1139, 1167, 11701'., 1186, 1189, 
1190, 1214. 



298 K. E. Hermann Müller: 

YI. Bayrische, böhmische, österreichische und uoch 
mehrere audere Geschichtsquellen. 

1. Ottonis Frisingensis Chronicon. Mon.Germ. 
Script. XX. Citiert und benutzt auf S. 1123, 1143 und 

1152 und aulserdem noch als Quelle herangezogen für 
deutsche Kaiser auf S. 1138 und 1140. 

2. Ottonis Frisingensis GestaFriderici I. Mon. 
Germ. Script. XX. S. 1144 Fürsten von Heinrichs IV. 
Partei, S. 1146 Friedrich von Hohenstaufen Herzog von 
Schwaben. 

3. Gottfried von Viterbo: Pantheon. Mon. 
Germ. Script. XXII. S. 1139 Fabel über Heinrich III. 
(Panth. Partie. XXIII S. 243). Hier von Lang citiert. 

4. Martinus Polonus: Chronicon summorum 
pontificum imperatorumque. Mon. Germ. Script. XXII. 
Als Quelle angegeben und benutzt auf S. 1139, 1143, 

1153 und aulserdem noch als solche zu gründe gelegt, 
besonders für kirchliche Verhältnisse, auf S. 1140 f., 
1152, 1157, 1168, 1172 f., 1177, 1185. 

5. Gesta comitum de Andechs. Auf dieselben 
beruft sich Lang auf S. 1159, wo er der Abstammung 
der heiligen Elisabeth mütterlicherseits von den Grafen von 
Andechs gedenkt. In einer Ausgabe dieser Chronik aus 
dem Jahre 1657, betitelt: „Mons sanctus Andechs", 
welche vom Abt Cölestin des heiligen Berges herrührt, 
wird auf S. 7 diese Angabe bestätigt. 

6. Diarium Joannis Cuspiniani de congressu 
Maximilian! Caesaris cum Uladislao Hungariae, 
Sigismundo Poloniae ac Ludovico Bohemiae re- 
gibus Viennae M. Julio 1515 facto. Francof. ad 
Moen. 1601. Citiert S. 1288. S. 1286 — 1288 Maria, 
Maximilians I. Enkelin, Verlobte Ludwigs von Ungarn, 
Bauernaufstand in Ungarn, Zusammenkunft Maximilians 
mit den Königen von Ungarn, Böhmen und Polen (S. 496 
bis 511). 

7. Aeneas Sylvius: Historia Bohemica. Bei 
Freher, Script, rer. Bohemic. S. 118. Als Quelle genannt 
auf S. 1245 und für böhmische Geschichte benutzt auf 
S. 1146 f., 1200, 1205, 1212, 1214, 1217, 1230 f., 1245; 
daher auch die AVorte über Albrecht Achilles auf S. 1241 : 

„Erat nihilo secius — ^ler orbem esse eocpit." — 

Im xlnsehlufs hieran gedenken wir der auf S. 1220 des 



Das Chronicon Citizense des Benediktiuermönches P. Lang-. 299 

Clironicon Citizense besprochenen Stiftung des Cölestiner- 
Klosters auf dem Oybin durch Kaiser Karl IV. Dafür 
Quelle Längs: Caroli IV. fundatio Coeuobii Coele- 
stinorum in Oybin a. 1369. Hoffmann, Script, rer. 
Lusatic. IV, 201' flg. 

8. Vincentius Bellovacensis: Speculum bi- 
st oriale. August. Vind. in monast. s. Udalrici et Afrae. 
a. 1474. 3 Volum. Als Quelle genannt und benutzt auf 
S. 1153 und 1159. 

9. Thomae Cantiprati bonum universale de 
apibus. Duaci 1627. S. 1184 f. Thomas von Aquino 
(S. 81—83. Lang: „ut refert Thomas Brahantinus"). 

VII. Italienische Geschichtsschreiber. 

1. Piatina: Liber de vita Christi ac de yitis 
summ omni pontificum ßomanorum. Ex ofticina 
Eucharii Cervicorni. Basileae 1529. Citiert und benutzt 
auf S. 1122, 1127, 1160, 1172, 1175, 1201 und 1222, 
aulserdem noch als Quelle herangezogen auf S. 1133, 
1143, 1158, 1165 f., 1168, 1171, 1177, 1183, 1188, 1191, 
1194, 1197, 1218, 1225, 1236 f., 1249 f. für Päpste, 
Kaiser und einiges andere. 

2. Matthaei Palmerii Florentini Chronicon. 
Ex officina Eucharii Cervicorni. Basileae 1529. Als 
Quelle angeführt auf S. 1148. Hauptsächlich als Quelle 
zu gründe gelegt für Päpste und Kaiser, aulserdem noch 
für verschiedene Begebenheiten, betreffend das König- 
reich Jerusalem, Frankreich, Venedig und Florenz selbst 
auf S. 1136, 1146-1148, 1151—1154, 1158, 1160, 1166 f., 
1170-1173, 1175, 1179, 1184—1188, 1190, 1194, 12051., 
1211—1214, 1216 f., 1229. 

3. Matthias Palmerius Pisanus: Opus de tem- 
poribus suis. In derselben Ausgabe wie der vorige. 
Aus ihm besonders geschöpft für ungarische und türkische 
Verhältnisse auf S. 1245 f., 1251—1255. 

4. Antoninus Florentinus: C'hronicon ab O. C. 
— 1457. Nurembergae per Ant. Koburger a. 1484. 3 
Volum. Als Quelle angefülirt und benutzt auf S. 1124, 
1169, 1171, 1176, 1201, 1211, 1243; aulserdem noch aus 
ihm entlehnt für deutsche Kaiser und Päi)stc folgende 
Stellen: S. 1167-1169, 1170, 1172, 1173, 1183, 1186, 
1197, 1202, 1207, 1217, 1219 f., 1236, 1245. Sämtliche 



300 K. E. Hermann Müller: 

Stellen mit Ausnahme einer einzigen sind im 3. Teil des 
Ant. Flor, enthalten. 

5. Ptolemaeus Lucensis sive de Fiadonibus: 
Historia ecclesiastica. Muratori, Script, rer. Italic. 
XI, 753-1242. Citiert und benutzt auf S. 1201, aulser- 
dem noch als Quelle zu gründe gelegt auf S. 1171 und 1188. 

6. Johannes Stella presbyter Venetus: De 
vita ac moribus pontificum Romanorum ad a. 1503. 
Venetiis 1505. S. 1181 Vereinigung der Augustiner- 
Eremiten durch Papst Alexander IV., S. 1217 Tod des 
Papstes Innocenz VI, S. 1271 (hier citiert) Alexander IV. 
tot, nach ihm Päpste Pius III. und Julius II. 

7. Raphael Volaterranus: Vitae Paparum 1518. 
Die auf S. 1202 und 1203 als aus ihm stammend 
angeführte Stelle nicht in ihm zu linden, dagegen aus 
ihm entnommen: S. 1264 Charakteristik Alexanders VI. 
und S. 1271 Alexander VI. 

8. Picus von Mirandula: Libri contra astro- 
logos. Als Quelle benutzt auf S. 1204 und 1205. 

Vin. Urkunden. 

S. 1176 Bullen der Päpste Innocenz IV. vom 17. Jan. 
1244 (gedruckt Crusenius, Monasticon Augustinianam, Mo- 
nach. 1623, S. 115) und Alexander IV. : „Licet ecclesiae" 
vom 9. April 1256 (Potthast Hegesta pontif. Rom. TI, 1341 
m. 16334), bezüglich auf die Augustiner-Eremiten. 

S. 1187 Konstitution des Papstes Gregor X. auf dem 
Konzil zu Lyon (Cap. 23), betreffend die Bettelmönche. 
Gedr. Mansi Nova Collect, concil. XXIV, 96. 

S. 1211 f. Konstitution des Papstes Benedict XII. 
von 1336 (Benedictina), gedr. Magnum Bullarium Romanum 
(Lugd, 1692) S. 241 flg. u. ö. 

S. 1237 Bulle des Basler Konzils über die unbefleckte 
Empfängnis der Jungfrau Maria vom 17. Sept. 1439. Bei 
Mansi Collectio conciliorum XXIX, 183. 

S. 1237 Bulle desselben Konzils aus dem Jahre 1440, 
durch welche die vom Kloster Bursfeld ausgegangene 
Reformation der Benediktinerklöster bestätigt wird. Vergl. 
Leuckfeld, Antiquitates Bursfeldenses S. 43 f. 

S. 1249 Bulle des Papstes Pius IL vom 3. November 
1461 für die Bursfelder Kongregation, gedr. bei Leuckfeld 
a. a. O. S. 160 flg. 



Das Chronicon Citizense des Benediktmermöiiches P. Lang. 301 

S. 1224 Brief des heiligen Bernhard an die Äbte zu 
Cluny und Brief des Archidiakon Peter von Blois an 
seinen Bruder Wilhelm, Abt inMecheln. Darüber Leucldeld 
(Schamelius), Kloster Bosau S. 39. Anmerk. M. 

S. 1282—1284 Epistulae Emanuelis regisPortugaliae de 
victoriis habitis in India et Malacha ad Leonem pontif. 
niax. per Jacob. Spiegel Seiestensem. Yiennae 1513. 

IX. Werke theologischen Inhalts. 

1. Erasmus von Rotterdam. Aus welchen Werken 
des Erasmus Lang die Stellen, auf welche er auf S. UTGund 
1185 f. hinweist, entnommen hat, habe ich nicht aus- 
findig machen können, besser verhält es sich dagegen mit 
drei anderen Stellen. Zwei auf S. 1209 f. angeführte 
entstammen der Ratio seu Methodus compendio perveniendi 
ad veram theologiam (Opera Erasmi Lugd. Batav. 1703 
ed ClericusV, 138 und 83), die dritte ebenfalls auf S. 1210 
dem Encomium morias (ebenda IV, 466). Diese Werke 
citiert hier auch Lang. 

2. Augustinus. Auf S. 1181 werden Stellen aus 
folgenden Werken desselben angeführt: Libri soliloquio- 
rum, libri contra Academicos, über retractionum, sermo 
de communi vita clericorum, liber de bono perseverantiae, 
libri de libero arbitrio, libri de civitate Dei. 

3. Hieronymus. Auf S. 1210 eine Stelle aus dessen 
Schrift „contra Helvidium". 

4. Der heilige Bernhard. Auf S. 1225 eine Stelle 
aus dessen „liber de consideratione". 

5. Gerson cancellarius Parisiensis. Auf S. 1225 
eine Stelle aus dessen „libellus conclusionum theologi- 
carum". 

6. Simon de Cassia. Aus dessen Werk „Gesta 
Domini Jesu Christi" teilt Lang auf S. 1212 f. mehrere 
Stellen mit. Dasselbe umfafste, wie aus Tritheims \Verk 
„De Script, eccles." S. ;}20 ersichtlich, 15 Bücher. Vhev 
dasselbe siehe Schamelius S. 87 und 92. 

7. Ambrosius de Chora. Ihn, der General des 
Ordens der Augustiner - Eremiten war, greift Lang auf 
S. 1182 sehr heftig wegen seiner Werke an. Ei- führt 
dieselben zwar nicht mit Namen an, doch hatte er sie 
jedenfalls gelesen. Die Titel derselben findet man in 
Tritheims Schrift „De Script, eccles." S. 369. 



302 K. E. Hermann Müller : 

Das sind die Quellen, aus welchen Lang für sein 
Werk geschöpft hat, soweit wir dieselben haben ausfindig 
machen können. 

X. Lang als Berichterstatter über seine Zeit. 

Teils nach eigener Kenntnis der Personen und Ver- 
hältnisse, teils nach Berichten von Augenzeugen, teils 
]iach allgemeinen, im Volk umlaufenden Gerüchten berichtet 
Lang an folgenden Stellen: 

S. 1232 f. Friedrich der Weise, Universität und 
Schlofskirche zu Wittenberg. S. 1245 Herzog Albert von 
Sachsen. S. 1249 Bischof Dietrich III. von Naumburg. 
S. 1250 Bischof Heinrich I. von Naumburg. S. 1250 f. 
Abt Thomas von Bosau. S. 1254 die Türken bei Krakau 
besiegt. S. 1255 Dietrich von Schönberg Bischof von 
Naumburg, Tod mehrerer Mitglieder des sächsischen 
Fürstenhauses. S. 1256 Abt Johann von Bosau Abt 
des Klosters Pegau. S. 1256—1259 Abt Peter von Bosau. 
S. 1259 — 1261 Tod des Kurfürsten Ernst von Sachsen, 
seine Kinder, Lob Friedrichs des Weisen. S. 1261 Johann 
der Beständige, Herzog Albert von Sachsen. S. 1262 
Längs persönliche Verhältnisse. S. 1263 Albert von 
Sachsen Feldherr in den Niederlanden. S. 1264 Lang 
wird Mönch. S. 1264—1266 Charakteristik Johanns von 
Schönberg, Bischofs von Naumburg. S. 1266 f. die 
Energielosigkeit Friedrichs III. schuld an den kriegerischen 
Fortschritten der Türken. S. 1267 f. Wimphelmg, 
Reuchlin, Brant. S. 1269 f. merkwürdige Erzählungen 
über den Tod Alberts von Sachsen, wovon Lang im 
Dominikanerkloster zu Groningen hörte. S. 1270 f. 
Gründung der Universität Wittenberg, Lob Luthers und 
Karlstadts, Krieg mit Venedig, der päpstliche Legat 
Raimund in Deutschland. S. 1272 Gründung der Stadt 
Annaberg. S. 1272—1275 Abt Benedikt von Bosau, 
Tod Philipps von der Pfalz, seine Kinder. S. 1276 bis 
1278 Brief Brants an Lang. S. 1279-1282 Charak- 
teristik der Päpste Julius IL und Leo X., Lob Luthers 
wegen seines Auftretens gegen den Ablals. Den Stoff 
hierfür will Lang aus einem in deutscher Sprache ver- 
fafsten Buch geschöpft haben. S. 1284 Äufserungen Längs 
über die gefährliche Macht der Türken. S. 1284 und 1285 
Bauten des Erzbischofs Ernst von Magdeburg. S. 1285 
Albrecht von Hohenzollern sein Nachfolger. Der Bericht 



Das Cbronicou Citizense des ßenediktinermönches P. Lang. 303 

Über ihn nach Angaben von Geistlichen seiner Diöcese. 
S. 1285—1286 der Jude Pfefferkorn in Halle. Darüber 
erhielt Lang Nachricht durch das allgemeine Gerücht 
und durch eine im Druck erschienene Schrift. Kämpfe 
des Herzogs Georg von Sachsen in Friesland. Vom 
Hörensagen („ut ferehatur^'). S. 1287 Graf Adolf von 
Anhalt Bischof von Merseburg. S. 1287 Tod des Abtes 
Georg von Pegau. Vom Hörensagen („iit dictum est''). 
S. 1288 Schlacht bei Marignano. Vom Hörensagen 

(fßieviadmodum quidcmi me praesente, fratrihus 

IKäam retulit; ut fama erat). S. 1288 grosse Über- 
schwemmung des Rheins, Brände in mehreren Städten. 
S. 1288 und 1289 Andreas Luchtenstern. S. 1289—1291 
Lang berichtet über sich. 

XI. Stellen, für deren Ursprnug ein Nachweis nicht 

zu führen ist. 

Solche Stellen, bezüglich auf Meilsen, Tliüringen, 
Sachsen und das Erzbistum Mainz finden sich auf S. 1137, 
1152f., 1171, 1173, 1186, 1188, 1192, 1197 f., 1206, 
1216, 1231 f., 1234 f., 1239, 1241, 1245 f., 1248, 1253. 
Stellen, betreffend die Häuser Witteisbach und Hohen- 
zollern auf S. 1205, 1229, 1241 f., 1246 f., 1252 f., 1262. 
Stellen, berührend deutsche Kaiser auf S. 1141 bis 
1144, 1194, 1228. Stellen, handelnd von Päpsten, Konzilien, 
bedeutenden Männern und Frauen der Kirche, verschie- 
denen Mönchsorden und sonstigen kirchlichen Angelegen- 
heiten auf S. 1127 f., 1131 f., 1154, 1173, 1177, 1187, 
1193, 1197, 1205, 1222, 1226 f., 1236, 1244, 1252. 
Stellen, welche die Hussiten, die Türken, die Stadt Augs- 
burg und noch einiges andere zum Gegenstand haben, 
auf S. 1205, 1218 f., 1221, 1231 f., 1235, 1238, 1243 f, 
1248, 1253, 1264. 

XII. Verhalten des Autors seinen (Quellen gegenüber. 

Dafs Lang eines gewissen kritischen Sinnes nicht 
ermangelt, ergiebt sich aus verschiedenen Stellen seines 
Werkes. Er nimmt Angaben, welche er in irgend einer 
Quelle findet, nicht ohne weiteres in dasselbe auf, unter- 
wirft sie vielmehr zuvor einer Prüfung auf ilire Riclitig- 
keit. Ihm fabelhaft oder wenigstens unrichtig (Mschei- 
nenden Angaben schenkt er keinen Glauben, sucht 



304 K. E. Hermann Müller: 

vielmehr ihre Un Wahrscheinlichkeit aus glaub würdigeren 
Quellen nachzuweisen. Gelingt es ihm nicht, sich über 
das Jahr des Regierungsantritts eines Regenten oder 
des Todes desselben nach den Quellen volle Gewilsheit 
zu verschaffen, so führt er gewissenhaft die verschiedenen 
Berichte derselben darüber der Reihe nach vor. So 
eifert er auf S. 1120 gegen die irrige Annahme Bothos, 
des Verfassers der Chronik der Sachsen, die Bistümer 
Zeitz, Meilsen u. s. w. seien schon von Karl dem Grolsen 
gegründet und von Otto dem Grolsen erneuert worden. 
Auf S. 1123 f. giebt er, da er unsicher über das Jahr der 
Thronbesteigung Ottos I. und dessen Regierungszeit ist, 
die Angaben verschiedener historischer Quellen darüber 
wieder. Auf S. 1135 f. zweifelt er ganz entschieden 
die Existenz des Erzbischofs Udo von Magdeburg an 
und widerlegt die Erzählung hierüber mit triftigen 
Gründen. Auf S. 1139 verwirft er die fabelhafte Er- 
zählung über die Herkunft des Kaisers Heinrich III., 
obgleich eine Anzahl von Schriftstellern, welche er anführt, 
dieselbe in ihre Werke aufgenommen haben. Trotz seines 
an diesen Stellen sich bekundenden kritischen Sinnes 
haben sich doch in sein Werk so manche Irrtümer ein- 
geschlichen. Auf einige derselben wollen wir hier auf- 
merksam machen. Auf S. 1126 nennt Lang einen Erz- 
bischof Vinius von Bremen, der niemals existiert hat. 
Auf S. 1134 wird Herzog Heinrich von Bayern, welcher 
nach Ottos II. Tode nach der deutschen Krone strebte, 
fälschlich als Bruder Ottos des Grofsen bezeichnet. Auf 
S. 1253 wird Friedrich der Siegreiche von der Pfalz 
fälschlich der Groisvater des Bischofs Philipp von Naum- 
burg genannt. Auf S. 1270 lälst Lang König Karl VIII. 
von Frankreich im Jahre 1497 statt 1498 sterben und 
macht Ludwig XII., seinen Vetter und Nachfolger, zu 
seinem Sohne. 



XIII. Persönliche Auschauungen Längs. 

Lang richtet in seinem Chronicon Citizense sein 
Hauptaugenmerk darauf, die ungeschminkte Wahrheit 
ohne Ansehen der Person zu sagen. Er hebt die Tugenden 
der einzelnen Persönlichkeiten hervor, geilselt aber deren 
Laster und Schwächen ziemlich unbarmherzig. Dabei 
macht er zwischen Päpsten, Bischöfen, Äbten und welt- 
lichen Fürsten nicht den geringsten Unterschied. Auch 



Das Chroüicon Citizense des Benediktiueimöucbes P. Lang. 305 

ZU seiner Zeit lebende Personen behandelt er durchaus 
nicht glimpflicher. Er, der an sich selbst augeuscheinlich 
in sittlicher Beziehung die strengsten Anforderungen 
stellte, streng den Regeln seines Ordens nachlebte, 
urteilte jedenfalls sehr gerecht. Er erscheint als ein 
charakterfester, für die höchsten sittlichen Ideale be- 
geisterter Mann, der, frei von jedem kriechenden, 
schmeichlerischen Wesen, nicht um die Gunst der Grofsen 
buhlte, als Freund der Wahrheit sich aber manchen Feind 
machte. So spricht er davon--'), dais deutsche Geschichts- 
schreiber Kaiser Friedrich III. bei seinen Lebzeiten 
besonders wegen seines friedfertigen Charakters bis zu 
den Sternen erhoben hätten, und deutet an, dals sie, um 
ihm zu schmeicheln, in seinem Lobe zu viel gethan. Er 
dagegen macht dieses Monarchen Energielosigkeit verant- 
wortlich für das mächtige und gefahrdrohende Anwachsen 
des türkischen Reiches. Friedrich den Weisen von Sachsen 
preist er-"') wegen seiner vielen schätzenswerten Eigen- 
schaften, tadelt ihn aber sehr wegen einer Steuer, welche 
er aufs Bier legte und welche den Armen und Reichen 
auf gleiche Weise drückend erschien. Seinem Bericht 
hierüber schliefst er die Worte an, es werde sich viel- 
leicht der Leser wundern, dals er einen solchen Fürsten 
nicht verschont habe und Tadelnswertes an demselben 
nicht mit Stillschweigen übergehe. Derselbe möge aber 
wissen, dals er nicht gelernt habe, den Magnaten und 
Prälaten zu schmeicheln. Den Orden des heiligen 
Benedikt, dem er angehörte, umfafst Lang mit schwär- 
merischer Liebe und Verehrung. Er ist stolz auf das 
hohe Alter desselben, auf die wissenschaftliche Tüchtig- 
keit und das fromme, tugendhafte Leben, wodurch dessen 
Mitglieder einst hervorleuchteten. Darum seien auch, 
ehe die anderen Mönchsorden ins Leben traten, aus 
demselben von den deutschen Kaisern die Bischöfe ge- 
nommen, ihnen allerlei Hofämter, z. B. das des Kanzlers, 
übertragen worden; auch verschiedene Päpste aus dem- 
selben hervorgegangen. Ebenso habe sich dieser Orden 
die grölsten Verdienste um die Bekehrung der deutschen 
Volksstämme zum Christentum erworben. Nach Lang 
vertraten die Benediktiuerklöster Hersfeld, Corvey, 
Weilsenburg, Fulda, Prüm, Deutz, Gemldoux, Hirsau, 



29) Chronicon Citizense 1243. 

30) Ebendaselbst 1259-1261. 

Neues Archiv f. S. Ci. u. A. XI 11. 3. 4. 2U 



306 K. E, Hermann :\[iiller : 

Trier als Bildungsstätten in Deutschland ursprünglich 
die Stelle der späteren Universitäten. Deshalb übergaben 
zu jener Zeit auch Könige, Fürsten und Edelleute ihre 
Kinder den Klöstern, damit sie in denselben in der 
Furcht Gottes und in den Wissenschaften unterwiesen 
würden ■^^). Trotz der grofsen Vorliebe für seinen Orden 
kann es Lang aber nicht in Abrede stellen, dals auch 
die Brüder seines Ordens zu seiner Zeit von den Wegen 
der heiligen Väter früherer Zeit abgewichen und er- 
kältet wären im glühenden Eifer, auch jenen heiligen 
Vätern weder im Wandel noch in der Gelehrsamkeit 
glichen. Sehr willkommen war ihm daher die Burs- 
felder Kongregation, welche eine Erneuerung des sitt- 
lichen Lebens in den Benediktinerklöstern anstrebte 
und der sich auch das Kloster Bosau angeschlossen 
hatte. Er spricht es aus, dafs zu seiner Zeit im 
Volke ein grofser Hals und eine grofse Geringschätzung 
gegen die Kuttenträger herrsche"-). Stand auch, wie 
unser Autor andeutet, das Leben der Benediktiner- 
mönche vielfach durchaus nicht mehr im Einklang mit 
der strengen Regel des heiligen Benedikt, so muls es 
doch um die Sitten der Dominikanermönche noch viel 
schlechter bestellt gewesen sein. Was Lang über den 
schlechten Lebenswandel der Klostergeistlichkeit sagt, 
ist, wie aus verschiedenen Stellen des Chronicon Citizense 
klar hervorgeht, hauptsächlich auf diese Mönche zu be- 
ziehen: „Man sagt von ihnen", heilst es, „allgemein, 
sie sind ohne Mangel arm und ohne Geringschätzung 
gering, indem sie nichts haben und alles verlangen, dem 
Gelübde und dem Namen nach arm, ihrer Lebensweise 
nach Könige sind, wie man deutlich ihren roten Backen 
und ihren dicken und fetten Körpern ansieht. Wegen 
ihrer grofsen Anzahl und vorzüglich wegen ihrer häufigen 
Berührungen mit dem gemeinen Volk, wegen ihrer trägen 
und wollüstigen LebensAveise ist das Wort „Mönch" recht 
verächtlich geworden""). Wie herben Tadel nun unser 
Chronist auch gegen diese Mönche äufsert, so rühmt er 
doch an ihnen, dals sie in der Blütezeit ihres Ordens 
sich durch Gelehrsamkeit und Frömmigkeit ausgezeichnet 
hätten und sich hierin noch zum Teil zu seiner . Zeit 



81) Chronicon Citizense 112«, 1128, 1129. 

32) Ebendaselbst 1124 f., 1131. 

33) Ebendaselbst 1125 und 1157. 



Das Chvonicon Citizense des Benediktiiiermönches P. Laiio-. 307 

auszeichneten'^). Indessen dem Lobe, welclies er an 
dieser Stelle den Bettelmönclien im allgemeinen, an 
anderen den erlauchtesten Geistern derselben zollt, wird 
eigentlich die Spitze abgebrochen durch die heftigen 
AngriÖe, welche er gegen dieselben als die hauptsäch- 
lichsten Vertreter der scholastischen Philosophie richtet. 
Lang, der da wünscht, dals das Wort Gottes rein und 
unverfälscht, ohne menschliche Zusätze, wie es in der 
Bibel enthalten, gelehrt und gepredigt werde, ist entrüstet 
über die Vermengung der christlichen Lehre mit der 
heidnischen Philosophie. So sagt er von Albertus 
Magnus, derselbe habe, berauscht vom Weine der welt- 
lichen Weisheit, zuerst die weltliche Weisheit, um nicht 
zu sagen unheilige Philosophie, mit der heiligen Schrift 
in Verbindung zu setzen gewagt und sich nicht gescheut, 
die streitsüchtige, dornenvolle und schwatzhafte Dialektik 
mit der sehr heiligen und reinen Theologie zu vermischen"''). 
Noch andere Stellen des Chronicon Citizense beweisen die 
grolse Abneigung Längs gegen die scholastische Philo- 
sophie und ihre Vertreter •''^). Möglicherweise wurde der 
Hals Längs gegen die Dominikaner noch dadurch ver- 
stärkt, dals er, wie aus einer Stelle seiner Chronik her- 
vorgeht'"), gleich seinem Freunde Sebastian Braut ein 
eifriger Verteidiger der Lehre von der unbefleckten 
Empfängnis der Jungfrau Maria war, während die 
Dominikaner dieselbe aufs heftigste bekämpften. Seine 
Antipathie gegen die scholastische Philosophie verleitet 
unseren Autor sogar dazu, Johannes Hüls durchaus un- 
gerecht zu beurteilen, indem er den Ursprung von dessen 
Ketzereien in der eifrigen Beschäftigung desselben mit 
dieser Philosophie sucht^^^). Das thut derselbe Mann, 
der doch sonst in seiner Chronik mehrfach über Luther 
mit der grölsten Begeisterung sich äulsert. Bei Beur- 
teilung der Sitten der höheren Geistlichkeit legt Lang 
denselben strengen moralischen Malsstab an. Dem Abt 
Hermann IL von Bosau, der sich für Geld und durch 
Bitten vom Papst Bonifacius IX. im Jahre l'6\)8 das 
Recht verschaffte, eine Bischofsmütze zu tragen, wird 



84) 


Chronicon Citizense 


1179. 


^ 


Ebendaselbst 


1180. 




3U\ 


Ebendaselbst 


1208 nnd 12(J3. 


") 


El)endaselbst 


1276- 


■1278. 


as\ 


Ebendaselbst 12;j0. 





20" 



308 K, E. Hermann Müller: 

dies als Anmafsung und Eitelkeit ausgelegt '^*). Der 
Holienzoller Albreclit, Bruder Joachims I. von Branden- 
burg, anfangs Erzbischof von Magdeburg, bald auch 
zugleich von Mainz, wird als unmenschlich und hart- 
herzig gegen seine armen Unterthanen und als gewalt- 
thätig gegen die Geistlichkeit in der Magdeburger Diöcese 
geschildert^*^). Im Anschluls an den Bericht Längs über 
den Tod des Bischofs Johann von Naumburg im Jahre 
1352, der plötzlich eintrat, während derselbe mit einigen 
schönen Damen tanzte, finden sich die Worte : „Aus dem 
Ende desselben und seinen Thaten erhält man den Be- 
weis, dals jener Bischof zur Schar derjenige Bischöfe 
gehört hat, welche nicht durch die Thür, sondern von 
anderswoher in den Schafstall Christi einsteigen, welche 
ihren bischöflichen Beruf nicht verstehen, ihr Hirtenamt 
hintenan setzen, den Klerus verachten, das ihnen anver- 
traute Volk vernachlässigen, die Armen gering achten 
und Hungers sterben lassen, welche ihre Gedanken mehr 
auf Karten und Würfel, als auf das Evangelium richten, 
welche Venus und Bacchus mehr als Christus verehren"^^). 
Nicht schonender geht die scharfe Feder Längs mit den 
Päpsten um. Zwar neigt er sich, wie man nach seiner 
sonstigen Auffassung der Dinge eigentlich nicht erwarten 
sollte, in den Streitigkeiten derselben mit den deutschen 
Kaisern entschieden mehr auf ihre Seite, so dafs er in 
dieser Beziehung als durchaus parteiisch erscheint; doch 
lälst er es im übrigen an den heftigsten Angriffen gegen 
sie nicht fehlen. So wird der Papst Johann XXII. 
hart getadelt wegen der grolsen Schätze, welche er bei 
seinem Tode hinterliels, und ihm als wahrer Nacheiferer 
der Armut Christi der Apostel Petrus entgegengehalten*^). 
Wie man ferner aus dem, was Lang über das Konstanzer 
und Basler Konzil berichtet, ersieht, gehörte er durchaus 
derjenigen kirchlichen Partei an, welche der Ansicht 
huldigte, das Konzil stehe über dem Papste. Er ist 
somit ein Gegner der unumschränkten Gewalt des Papstes. 
Das Urteil, welches er über Papst Leo X., seinen Zeit- 
genossen fällt, ist wenig schmeichelhaft für denselben. 
Er sagt von ihm: „Er dürstet nach der Weise seiner 
Landsleute sehr nach Gold, da sich bei ihm die Begierde 



30) Chronicon Citizense 1223 f. 

*0) Ebendaselbst 1285. 

'") Ebendaselbst 1215. 

^^) Ebendaselbst 1211. 



Das Chroiiicon Oitizense des Benediktmerinöiiches P. Lang. 309 

der Florentiner mit der Habsucht der Eömer vereinigt 
hat, und der verwünschte Hunger nach Gold unendlich 
gewachsen ist, und es nimmt bis jetzt noch die Liebe 
zum Gelde zu, wie das Geld selbst zunimmt. Ans Liebe 
zum Golde ist auch jetzt in Rom alles feil"''^. Die 
grölsten Sympathieen dagegen bringt Lang der gewaltigen 
Persönlichkeit Martin Luthers entgegen. An einer Stelle 
werden Luther und Erasmus von Rotterdam sehr ge- 
priesen, weil sie sich bemühten, die Theologie zum An- 
sehen der Quelle, zur ursprünglichen Reinheit, zu ihrer 
evangelischen lauteren, einfachen Unschuld und unver- 
fälschten Beschaffenheit, mit Ausschlufs jeder weltlichen 
Philosophie, zurückzuführen^^). An einer anderen Stelle 
wird Luther die Zierde und Krone der Universität 
Wittenberg genannt und sein Studium der heiligen 
Schrift rühmend erwähnt*-^). An derjenigen Stelle, an 
welcher Lang der Begründung der Universität Witten- 
berg gedenkt, wird Luther das grölsere, Karlstadt das 
kleinere Licht der Universität genannt und erklärt, dafs 
Luther die heilige Schrift ohne alle Vermischung mit 
der weltlichen Philosophie rein und lauter lehre**^). Da, 
wo unser Chronist vom Ablafs spricht, den Leo X. in 
Deutschland predigen liefe, stellt er sich unbedingt im 
Streite Luthers mit Tetzel auf des ersteren Seite. Nach- 
dem in diesem Passus der heftigen Angriffe gedacht ist, 
welche Luther wiegen seines Auftretens vom Papste und 
seinen Anhängern erfuhr, heilst es : „Jener Martin jedoch, 
leicht unter allen Theologen unserer Zeit an Weisheit 
der hervorragendste, indem er seine Lehre durch Zeug- 
nisse des Evangeliums, des Apostels Paulus und durch 
die ursprünglichen Worte der alten rechtgläubigen Väter 
bekräftigt und beweist, ist bisher unbesiegt geblieben, 
und ihm selbst hängen an und mit ihm stimmen überein 
die ausgezeichnetsten Doktoren der Gottesgelahrtheit 
anderer Gegenden, wie jener gelehrteste und beredteste 
Ausleger der heiligen Schrift, Erasmus von Rotterdam, 
ferner Johannes Reuchlin, Jacques Lefevre d'Etaples 
und mehrere andere^'). Gleich nach diesen freimütigen 
Äulserungen über Luther verwahrt sich indessen Lang 



'^5) Chronicon Citizense 1279 f. 
*^i) Ebendaselbst 1177 f. . 
*'^) Ebendaselbst 1213. 
*«) Ebendaselbst 1270. 
■") Ebendaselbst 1280 f. 



310 K. E. Hermann Müller 



^, 



dagegen, als habe er dieselben wie ein Schüler jenes 
fest behauptend gethau, vielmehr, da er bisher noch nicht 
auf die Worte eines Lehrers geschworen, habe er sich 
nur aus Bewunderung für jenen so ausgesprochen. Er 
will darüber gleich vielen anderen so lange seine be- 
stimmte Erklärung zurückhalten, bis ein allgememes 
Konzil entschieden habe, was in einer so schwierigen 
Sache zu beobachten sei*^). Man merkt, er ist entschlossen, 
sich dem Ausspruch .desselben in dieser Frage zu unter- 
Averfen. Eine wie grofse Liebe und Hochachtung Lang 
den Fürsten des Hauses Wettin, den Schirmherren des 
Klosters Bosau, entgegenbringt, dafür liefern verschiedene 
Stellen des Chronicon Citizense den vollgültigsten Beweis. 
Neben der begeisterten Verehrung für dieses Fürsten- 
haus und dem regen Anteil, welchen er an den Schick- 
salen der meifsnischen , sächsischen und thüringischen 
Lande nimmt, erscheint sein Interesse für das grofse 
deutsche Vaterland als sehr gering. Eine wahrhaft 
deutschpatriotische Gesinnung, eine Begeisterung für das 
deutsche Vaterland, ein Stolz, demselben anzugehören, 
wie sie z. B. den Abt Tritheim kennzeichnen, tritt bei 
unserem Autor nirgends hervor. An einer Stelle macht 
er darauf aufmerksam, dafs die italienischen Geschichts- 
schreiber Heinrich IL als Kaiser Heinrich I. nennen, 
weil Heinrich I. nicht von ihnen mitgezählt werde. Die 
deutschen Geschichtsschreiber dagegen bezeichneten 
Heinrich, Ottos I. Vater, als Heinrich L, weil er in 
Deutschland regiert habe. Weiter heifst es dort: „Es 
müfsten sogar die tapfersten und des Lobes würdigsten 
Cäsaren oder Könige der Eömer aus der Reihe der Kaiser 
gestrichen werden, wenn allein die mit der Kaiserkrone 
geschmückten als solche gelten sollten! Wie abge- 
schmackt und unpassend das sein würde, mufs jeder 
Verständige einsehen, da unser Maximilian, der erhabenste 
und unbesiegteste Cäsar, niemals zu Rom gekrönt, zum 
Kaiser und Augustus ausgerufen worden ist, obgleich, 
wenn die ausgezeichneten und tapferen Thaten , welche 
er sehr tapfer ausgeführt, genauer abgewogen würden, 
er in Wahrheit als ein solcher angesehen werden mülste. 
Denn nicht geringere Thaten als viele von den Kaisern 
während ihrer Regierung hat er im Krieg und Frieden 
vollführt" '*''). Aus diesen Worten Längs ersieht man 

48) Chronicon Citizense 1282. 
*") Ebendaselbst 1137. 



Das-Chronicon Citizense (le!< Benefliktiucniiihiehes P. Laiis'. 31 1 

klar und deutlich, dafs derselbe der Krönung eines 
deutschen Königs zum Kaiser in Rom nicht die geringste 
Bedeutung melir beimifst, und dals er den deutschen 
König auch ohne die Kaiserkrönung für berechtigt hält, 
sich als Kaiser zu betrachten. Ihm kommt es dabei 
hauptsächlich auf die Machtstellung an, welche derselbe 
einnimmt. Er denkt also in dieser Beziehung viel 
nüchterner, als andere seiner Zeitgenossen, denen die 
römische Kaiserkrone noch gewissermalsen als von über- 
irdischem Glänze umstrahlt erschien. 

Mit den Urteilen, welche Lang im Chronicon Citizense 
über Luther und dessen reformatorische Thätigkeit fällt, 
stehen seine Aussprüche über denselben in seiner Chronica 
Neumburgensis Ecclesiae omnium Episcoporum (Mencke, 
Scriptor. rer. Germ. II, 1) im entschiedensten Widerspruch. 
Dies Werk enthält überwiegend Nachrichten über die 
Bischöfe von Naumburg und ist bis zum Jahre 1536 
fortgefühi't^"). Der letzte Teil desselben, welcher über 
das Jahr 1515 hinausgeht, ist für uns besonders wichtig. 
In der Chronica Neumburgensis Ecclesiae ist an die 
Stelle der enthusiastischen Verehrung, welche Lang im 
Chronicon Citizense Luther entgegenbringt, ein geradezu 
fanatischer Hafs und die gröfste Erbitterung gegen dessen 
Persönlichkeit getreten. Im Chronicon Citizense erscheint 
Luther als ein der höchsten Achtung würdiger, tapferer 
Kämpfer gegen die Anmafsungen und Milsbräuche der 
katholischen Kirche, in der Chronica Neumburgensis 
Ecclesiae dagegen gleich Hufs als ein fluchwürdiger 
Ketzer, als ein zweiter Arius, der die Kirche zu ver- 
derben trachtet; so unter den Jahren 1414 und 1503"''). 
Der Unwille Längs über die im Jahre 1525 erfolgte 
Verheiratung Luthers mit Katharina von Bora kennt 
keine Grenzen-^-), weil Luthers Beispiel, wie er sagt, 
von unzähligen Klosterinsassen beiderlei Geschlechts 
nachgeahmt wurde. Es kann nun die Frage aufgeworfen 
werden, wie sich wohl dieser Umschlag in der Gesinnung 
Längs Luther gegenüber vollzogen hat^._ Die Chronica 
Neumburgensis Ecclesiae enthält keine Äufserungen des- 
selben hierüber, aus denen man auf die Veranlassung 
dieses Wechsels der Gesinnung einen Schlufs machen 



^) Über das Verhältnis der Chronica Neumburgensis Ecclesiae 
zum Chronicon Citizense siehe Lepsius a. a. 0. S. V f. 
•''^) Chronica Neuml)urgensis Ecclesiae 41 und .5n. 
■>"') Ebendaselbst 68. 



313 K. E. Henniinn Müller: 

könnte Mir scheint die völlige Umwandlung in der Gesinn- 
ung unseres Autors aus seinen starren kirchlichen, besonders 
mönchischen Anschauungen herzuleiten zu sein. Er hoffte, 
wie wir gesehen haben, zuversichtlich darauf, ein bald zu- 
sammentretendes Konzil werde die Entscheidung in den 
Streitigkeiten bringen, welche durch das Auftreten Luthers 
hervorgerufen worden waren. Der Entscheidung eines Kon- 
zils wollte er sich, allem Anschein nach, unterwerfen. Er 
stellte ja, wie wir Avissen, dasselbe über den Papst. Es lälst 
sich demgemäls annehmen, dafs er, falls sich ein solches Kon- 
zil nach seinem Zusammentritte für Luther erklärt hätte, 
sogar entgegen den Ansichten des Papstes, auch offen für 
denselben Partei ergriffen haben würde. Nun kam aber ein 
derartiges Konzil nicht zustande, und Luther wurde durch 
Ecks Vorgehen veranlafst, energisch auf dem Wege der Re- 
formation weiter zu gehen. Immer mehr wuchs die Zahl der 
Anhänger desselben, und es entstand in Deutschland eine 
Kirchenspaltung ;^^ welche durch eine anscheinend unaus- 
füllbare Kluft die deutsche Nation für immer in zwei feind- 
liche religiöse Lager zu trennen drohte. Das mufste einen 
Mann wie Lang, der jedes Schisma irgend einer Zeit, wie 
zur Genüge aus seinem Chronicon Citizense hervorgeht, 
äulserst schmerzlich empfand, in die gröfste Gemütsauf- 
regung versetzen. Er kam dahin, in Luther den Störenfried 
der Euhe und Einheit der katholischen Kirche und einen 
fluchwürdigen Ketzer zu sehen. Er mochte von ihm, für den 
er anfangsgrolse Zuneigung gehegt, erwartet haben, dafs 
er nur in Übereinstimmung mit einem zusammengetretenen 
Konzil religiöse Neuerungen vornehmen würde. Als sich 
diese Hoffnung nicht erfüllte, Luther sogar aus seinem 
Orden austrat und sich vermählte, da kannte der Unwille 
des eingefleischten Mönches Lang keine Grenzen mehr. 
Er sah, da das von Luther gegebene Beispiel von vielen 
Mönchen und Nonnen befolgt wurde , dals dadurch das 
ganze Mönchswesen mit dem Untergange bedroht wurde. 
Er, trotz der Erkenntnis vieler Gebrechen, welche dem 
Mönchswesen seiner Zeit anhafteten, doch ein aufrich- 
tiger Verehrer desselben, konnte die Berechtigung des 
Schrittes, welchen Luther that, nicht begreifen und kehrte 
ihm auf immer, nun sein heftigster Gegner geworden, den 
Eücken. Der Vorwurf, er habe sich nun jetzt charakter- 
los gezeigt, kann ihm nach meinem Dafürhalten nicht ge- 
macht werden. Er war ein Mann von Charakter und blieb 
es auch, nachdem er sich von Luther losgesagt hatte. 



Das Chronicon Citizense des Benediktinermöiiches P. Lang. 313 

Als das Eesultat dei- ganzen Untersuchung ergiebt 
sich folgendes: 

Lang hat für die 'Thatsachen , über welche er im 
Chronicon Citizense berichtet, eine bedeutende Anzahl 
von Quellen herangezogen, und zwar nicht blols für die 
vor ihm liegende, sondern auch für die von ihm selbst 
durchlebte Zeit. Eine Benutzung von Quellen für seine 
eigene Zeit bis auf die letzten Seiten seines Werkes 
haben wir dargethan. Dem gegenüber sind die Nach- 
richten, welche er uns über seine Zeit als aus eigener 
Erfahrung geschöpft giebt, nur gering an Zahl. Ebenso 
sind diejenigen Stellen, für welche es uns nicht gelungen 
ist, die zu gründe liegenden Quellen aufzufinden, im 
Verhältnis zu den nachweisbaren nicht sehr zahlreich. 
Die Angaben, welche uns Lang über das Kloster Bosau 
selbst macht, sind sehr dürftig, weil es ihm für die Ge- 
schichte desselben an den nötigen Quellen fehlte. So 
sind ihm viele für dasselbe wichtige Schenkungsurkunden 
vollständig unbekannt geblieben. Über manche Vorgänge, 
betreffend das Bistum Zeitz - Naumburg hat er nicht 
recht zur Klarheit gelangen können, weil einzelne Ur- 
kunden sich seiner Kenntnis entzogen. Eine zusammen- 
hängende Darstellung der deutschen Geschichte hat er 
uns in seinem Chronicon Citizense durchaus nicht ge- 
liefert. Dieselbe ist vielfach lückenhaft. Die häufigen 
Citate aus lateinischen Dichtern und Prosaikern legen 
Zeugnis ab für seine grolse Belesenheit und für sein 
reges wissenschaftliches Streben. Von hervorragendem 
Interesse sind die Schilderungen, welche er uns über 
zeitgenössische Persönlichkeiten, besonders über ver- 
schiedene geistliche Fürsten und die Fürsten des Wettiner 
Hauses, über das Leben der Geistlichen seiner Zeit und 
über Martin Luther entwirft. Schon deshalb verdient 
seine Chronik gelesen zu werden. Wenn derselben auch 
mancherlei Mängel anhaften, so ist doch nicht zu ver- 
kennen, dals er sich redlich bemüht hat, durch gründ- 
liches Studium der Quellen überall das Richtige ausfindig 
zu machen. Die ganze Persiniliclikeit Längs, wie sie 
uns in seinem Chronicon Citizense entgegentritt, nötigt 
uns die grölste Hocliachtung ab. Dem Benediktinerorden, 
dem er angehörte, zeigt er sich mit schwärmerischer 
Liebe ergeben; doch geifselt er die schlechten Sitten 
der höheren und niederen Geistlichkeit seiner Zeit, welche 
er uns im Chronicon Citizense abmalt, schonungslos. Ein 



314 K. E. Hermann: Das Chrouicon Citizense etc. 

erbitterter Gegner der scholastisclien Philosophie und 
der Dominikanermönche, bringt er anfangs Luther als 
dem Verkündiger des lauteren Wortes Gottes die grölsten 
Sympathieen entgegen. Doch seine ursprünglich enthu- 
siastische Verehrung für denselben verwandelt sich 
später in fanatischen Hals. Darum wird er aber nicht 
charakterlos; vielmehr läfst sich gerade aus seinem 
eigenartigen Charakter der vollständige Umschlag in 
seiner Gesinnung gegen Luther erklären. 



XL 

Kleinere Mitteilungen. 

1. Zur Geschichte des Klosters Oyhiii iui 
15. Jahrliiiiidert. 

Von P. Sauppe. 

Beziehungen des Klosters Oybin zu Frankreich waren 
bisher nicht bekannt. Allerdings ist es schwer anzunehmen, 
dals in den ersten Jahrzehnten der Konvent die Bezie- 
hungen mit Avignon abgebrochen hätte. Von dort hatte 
Karl IV. die Cölestiuer, in deren Kloster er oft die Messe 
hörte, nach Böhmen eingeladen, weil sie dazumal in 
Deutschland kein Kloster hatten (1365). Zwei Brüder 
zogen mit dem Kaiser nach Böhmen und kamen zu Pfingsten 
1366 auf den Oybin. Es liegt nahe, dals die Brüder zu- 
nächst von Avignon abhängig waren und geschützt wurden. 
Die Verbindung mag sich nach 1387 gelöst haben, seit 
die Oybinischen Väter auch das ehemalige Cisterziense- 
rinnenkloster zu St. Michael unter dem Vissehrad zu Prag 
geschenkweise erlangt hatten. Wenigstens führt der 
Prior Petrus 1395 den Titel Ordensprovinzial. Das ist 
wohl Petrus Zwicker aus Wormditten in Preufsen, bis 
1381 Schulmeister in Zittau, von da ab Mönch in Oybin, 
von Carpzov Anal. Pastor. Zittav. III, lOG auch als Pro- 
vinzialprior bezeichnet. Er spielte in den Inquisitionen gegen 
waldensische Häretiker in Deutscldand und B()hnien eine 
Rolle. Weitere Provinziale sind Martinus aus Striegau 
(Carpzov 1. c. I, 166), provincialis per Alemanniam 1412; 
Ulrich von Rohrbach, 1397 Subprior in Oybin, 1405 Prior 
unter dem Vissehrad, 1421 prior provincialis zu Oybin in 
einer Urkunde (Pessina, Phosphorus sej)ticornis etc. Prag 
1673, S. 480f.); Johannes Bassandi, dominus provincialis 



316 Kleinere Mitteilungen. 

vor 1420 und wahrsclieinlicli nicht bis zu diesem Jahre. 
Weiterhin werden Provinziale gar nicht mehr erwähnt. 
Es ist also möglich, dafs dieses Amt aufhörte, dals die 
Oybiner sich dem französischen Generalkapitel unterwarfen, 
aber wahrscheinlich, dals später die Verbindung sich 
lockerte. Nur ein einziges Mal noch tritt ein französi- 
scher Cölestiner in Deutschland auf. 1482 nämlich, nach- 
dem wieder geschenkweise das Kloster und die Güter 
des aufgelösten Benediktinerinnenkonvents Schönfeld bei 
Dürkheim in Rheinbayern an die Cölestiner gefallen waren, 
bildeten die Bruderschaft daselbst 4 Religiöse: „bruder 
Franciscus von der Zittaw Prior vnd bruder Johannes 
von Franckrich vnd bruder Magnus von Fufsingen mitte- 
priester mit sampt bruder Symon von der Freyenstat 
leybruder." 

Aus der nachfolgenden interessanten Urkunde, welche 
sich bei der Ordnung der im April 1890 vom k. Bezirks- Archiv 
zu Metz in Cheltenham (England) angekauften lothringi- 
schen Archivalien gefunden hat und von dem wissenschaft- 
lichen Hilfsarbeiter am genannten Archiv, Herrn Dr. Hans 
Witte, der Redaktion dieser Zeitschrift freundlichst in 
Abschrift mitgetheilt worden ist, ergiebt sich, dafs durch 
die Hussitennoth schwer bedrängt die Oybinischen Cölestiner 
muth- und ratlos sich die Hilfe der französischen Brüder 
erbeten haben, dafs ihnen das Generalkapitel — denn an 
dieses mufsten sie sich gewendet haben — den Provin- 
zialprior Bassandi zugeschickt und dafs dieser kräftigend 
auf die Bruderschaft eingewirkt hat. Man greift nicht 
fehl in der Annahme, dafs er auch eine lebhafte wissen- 
schaftliche Thätigkeit angeregt habe, welche nachhaltig 
gewesen ist. Er selbst nämlich war litterarisch in Ver- 
bindung mit dem Kanzler der Universität Paris, Johann 
Gerson. Einige Zeugnisse seiner, überhaupt der Ver- 
bindung des Konvents mit Gerson haben sich abschrift- 
lich erhalten. 

Der junge Mönch Nicolaus Weber zu Löwenberg in 
Schlesien schrieb nämlich 1459 (etatis mee vicesimo quarto) 
eine Anzahl (26) theologischer Schriften ab, die im Cod. 
Chart. 157 der Breslauer Universitätsbibliothek vereinigt 
sind und einst in die Bibliothek der Augustiner- Chor- 
herren in Sagan gehört haben. Neben Schriften des 
Augustin, des grolsen Innocenz u. a. sind für uns vier 
von Wichtigkeit: 



Kleinere Mitteihmgeii. 317 

No. 10. Tractatulus ter duodecim veritaüiiu de suscepcione hu- 
manitatis Christi Johaniiis de Gerzoua. 

Revereudo patri doinino provinciali Coelestiiioruni fratri Johanni 
Bassandi suus Johannes cancellarius Parisiensis. 

Nu. 11. Tractatuhis triplex duodenarius de incarnacione Cristi seil 
suscepcione eins hnmanitatis, editus a caucellario Parisiensi Johanne 
de Gerzona ad peticionem fratris Johannis Bassandi monachi colende 
relig'ionis Celestinorum. Scriptus est per Nicolaum Weher de Leraherg 
ibidem anno domini 1459 in mense Uctohri. 

Wenn diese beiden Schriften an Bassandi gerichtet 
worden wären, so lange er noch in Frankreich war, so 
würde er beide Male als Provinzial genannt Avorden sein. 
Denn nach dem Inhalte des Bobersbergischen Briefes ist 
er ein Mann voll Energie gewesen und würde in Frank- 
reich das Provinzialpriorat behalten haben. In der Titu- 
latur herrschte bekanntlich eine genau abwägende Sorgfalt. 
Möglich also, dafs Bassandi das deutsche Provinzialat 
niedergelegt hatte, als er die Petition um die zweitgenannte 
Schrift an Gerson richtete. Das würde auf den Vollzug 
der gewünschten Union hindeuten. 

Noch zwei Pariser Schriften enthält der Kodex: 

No. 14. Epistola de modo ahsolvendi magistri Johannis de 
Gerzona cancellarii Parisiensis cuidam monacho ordinis Coelestinorum 
fratri suo carnali. 

Auf geschehene Anfrage nach einer authentischen Absohxtions- 
formel in den Schriften der Doktoren. 

No. 2. Epistola magistri Parisiensis missa cuidam canouico 
regulari in qua invehit contra vicium proprietatis in religiosis. 

Der Subprior Michael aus Schwiebus hat de vita religiosorum 
geschrieben und in der ersten Hälfte diese Frage auch behandelt. 

Gleichwie die Cölestiner von Avignon zwei Brüder 
nach Böhmen abordneten, so mag das Generalkapitel 
(patres ac fratres. — Stiftungsbrief des Cölestinerordens 
1294 bei Carpzov An. I, 159: Volumus et statuimus, ut 
singulisannis hat capitulimi generale, ubi vestri et locorum 
— praesidentes — et visitatores - constituantur) zwei Brüder 
dem zerrütteten Konvente in Oybin zugesendet haben. Aus 
dem vorliegenden Briefe geht übrigens hervor, dals Bo- 
bersberg das Priorat zu Oybin l)ehielt. 

Die äulserste Bedrängnis, von welcher Bobersberg 
schreibt, war eine Folge der hussitischen Unruhen. Oybin 
verarmte so, dals Papst und Kaiser sich des Klosters 
annehmen mulsten. Der Erfolg dieser Unterstützung ist 
nicht nennenswert gewesen. Daher also suchte Oybin 
wieder Vereinigung mit der französischen Provinz. Aber 
auch die konnte es nicht hindern, dafs im September 1429 
Oybin noch viel größere Nöte zu erdulden hatte. 



318 Kleinere Mitteilnng-en. 

In den zahlreiclien brieflichen und chronistischen Re- 
gesten findet sich keine Spur einer Verbindung mit Frank- 
reich. 1524 bestand das Stammkloster zu Sulmona noch. 
Gegenwärtig besteht der Cölestinerorden in Deutschland 
nicht mehr. In Italien ist er, nach einer durch S. Eminenz 
den Kardinal Melchers veranlalsten Erkundigung an zu- 
ständiger Stelle, auch nicht mehr vorhanden. — 

Prior und Konvent des CölestinerMosters in Oybin danken für 
die Vereinigung des Klosters mit der Ordensprovinz Frankreich 
und bitten um ferneren Sclmtz. Oybin, 1427, Oct. 17. 

(Pergament- Original mit zivei Siegeleinschnitten.) 

Frater Johannes Robersperg '), humilis prior venerabilis mona- 
sterii Montisparacliti in Oywiu religiosoruiu fratrum ordinis Celesti- 
Dorum, totusqvie conventus ejusdem raonasterii et ordinis prelibati 
venerabilibus ac religiosis patribus, prioribus ceterisque fiatribus 
nostris karissimis et in Cristo dilectis tocius provincie Ffrancie pro 
humili ac fraterna recommeudacione Jhesum Christum virgiuis filium 
et hunc crucifixum. Venerandi patres ac fratres, cum sit proprium 
(livine miseracioni subvenire in casibus desperatis, ubi omne hmnanum 
consilium et auxilium procul abest, nos quoque licet peccatores et 
inmeritos, oculis sue clemeutissime bonitatis ex alto prospiciendo, in 
nostra desolacione tempore summe opoituno non deperit, tamquam in 
extrema necessitate jam proximos dispersioni aut saltem periculoso 
errori vel gravissime turbacioni, tamquam oves errabundas sine duce 
et pastore morsibus luporum rapidissimoium expositas, jam quodam- 
modo desperatas de felici reduccione ad ovile proprium, unde pro- 
cesseramus, propter plurimas difficultates occurrentes, de quibus 
dispendiosum esset scribere per singTila. Quibus lassati seu fatigati 
pene a nostro conatu defecimus, quo hucusque per plurimos annos 
laboriose desudavimus aspirantes ad pristinam unionem nostri mo- 
nasterii cum vestra provincia, sicut retroactis temporibus fueramus. 
Quamobrem non ambigimus, divinam pietatem vestris mentibus tarn 
vehementem caritatis ardorem et pristine compassiouis affectum in- 
violabilera infudisse, ut non solum generosum pristine unionis preberetis 
assensum, verum eciam reverenduui in Christo patrem, fratrem Jo- 
hannem Bassaudi, patrem et provincialem vestrum et nunc nostrum 
dilectissimum, per tot terrarum spacia longam, difficilem ac viam 
periculis plenam, moti nostrarum animarura salute et fraterna caritate 
racione pristine unionis nobis mittere eurastis. Quem quidem patrem 
venerandum digna reverencia, prout decuit, devota graciarum accione 
et toto cordis tripudio suscepimus gaudentes de insperata salute. 
Et eidein prout prius litteratorie et per nunccios nostros, et nunc 
univoca et concordi voluntate , nullo penitus reclamante, humiliter et 
devote supplicavimus, quatenus ex auctoritate sacri vestri capituli 
generalis in hac parte concessa nos reunire vestre provincie dignaretur 
generöse, et curam de nobis agere regulando, visitando et gubernando. 



1) So nach wiederholter Vergleichung die Handschrift. Dagegen 
lautet nach Carpzov Anal. I, 166 der Name ,,Bobersberg", und damit 
stimmt überein, dafs sich im Cod. chart. 157 der Breslauer Univ.- 
Bibl. ein ,,Tractatus de indulgenciis fratris Johannis de Bobirsberg 
prioris in Oywin ordinis Oelestinorum" findet. 



Kleinere Mitteilungen, 319 

qneniadmoduni alia vestre provincie monasteria, promitteiites eidem 
et omuibus suis successoribus pleiiani et devotam obedienciani et pro 
viribus conformitateni, anullatis onuiibus condicionibus in qnadam 
littera positis. Qui quidem pius puter iutelligeus , nostram suppli- 
cacioneni fore justam et racionabileui , auctoritate qua supra nostre 
pcticioni benigne annuit et more pii illius Saraaritani nostris volne- 
ribus vinum et oleum infudit et curam nostri egit, pusillanimes con- 
fortando, desolatos consolando, errantes corrigendo. Et propter quid 
tautis beneficiis nobis exbibitis et pensatis, debitas non suflicimus 
reddere graciarum acciones, sed sufticieuda nostra flat ex filio dei et 
nie pro nobis faciat, qui nos multum dilexit. quod semet ipsum tradidit 
pro nobis oblacionem et hostiara deo in odorem suavitatis. Quem 
una cum patre et spiritu sancto unanimiter flagrantibus precibus 
obnixe et humiliter obsecrenms, quatenus vinculum nostre mutue unionis 
per nullam violeuciam, angustiam, laboreni, seu quamcunque aliam 
adversitatem disrumpatur, sed taliter ratificetur nunc in presenti per 
corduni veram et sincerara caritatera, morum, discipline et observan- 
ciarum coufonnitatem, ut quos nunc terrarum spacia disjungunt, in 
celesti domo et eterna beatitudiue simulfelici et jocundissima societate 
congregemur. Vos ergo, venerandi patres et fratres, nobis sincera 
caritate dulcissimi, nostri semper memores esse dignemini, tamquam 
existencium in medio uacionis prave atque perverse, procellis tem- 
pestatum undique exagitati, obsecrantes aput tbronum gracie, _ne in 
adversis deficiamus, pro vobis procul dubio idem semper acturi. In 
cujus rei testimoniiim sigilla nostra videlicet prioratus et conventus 
presentibus duximus appendenda. Datum in prefato nostro monasterio 
Oywin, anno domini millesimo quadringentesimo vicesimo septinio, 
XVII die mensis Octobris. 



Die drückenden Zustände im Kloster Oybin während 
der ersten Hälfte des Hussitenkrieges ergeben sich u. a. 
ans folgendem päpstlichen Erlafs an den Rat zu Zittau, 
den ich durch gütige Vermittelung des Herrn von Schlözer, 
königl. preuls. Gesandten beim Vatikan, erlangt habe: 

Papst Martin V. befiehlt der Stadt Zittau, dem Kloster Oybin 
die schuldigen Zinsen z%i zahlen. Rom, 1422 Apr. 23. 

Martinus etc. Dilectis filiis magistro civium, scabinis et con- 
sulibus communitatis Zittavie Pragensis diocesis, salutem etc. Cum 
ut accepimus dilectis filiis conventui monasterii sancti spiritus montis 
paracliti in Oyvin ordinis Celestinorum prope Zhtaviam Pragensis 
diocesis fundati per quondam bone memorie Carolum quartum im- 
peratorem et regem Boemie ad apostolicam sedem nuUo medio per- 
tinentis certos census anmios assignatos eisdem monasterio et conventui 
imperpetuura tarn per dictum Carolum quam etiam postea per bone 
memorie Vincislaum regem Bohemie ad eorum cameram pertinentes 
teneamini ad solvendum et in pluribus aunis preteritis de eisdem 
satisfactionem neglexeritis, ac nisi census integre persolvendum per- 
solvantur debiti tarn de preterito quam presenti ac etiam in futurum, 
dictus conventus, in quo monachorum magnus numerus vite exem- 
plaris est, ad quem plurimi boni viri clerici expoliati et expulsi ab 
Wiciefistis refugium habent ibique alimtur, ac ipsum monasterium, 
quod in fortilicio positmn est, sustentari et custodiri non valeant, ex 



320 Kleinere Mitteilungen. 

lioc ingens periculum inimineat, ne huiusmodi locus, cum aliunde nisi 
ex predictis censibus conservari et-custodiri non possit, ad manus 
ipsorum bereticorura deveniat, quod si contigeret, quod dominus 
avertat, quantum robur et stabilimentum ob aptitudiuem loci prefatis 
hereticis esset ac quantam stragem et calamitatem ac dispeudium 
tidelibus in partibus circumvicinis consistentibus ac vobis presertim 
inferre valeret, satis clarissime liquet et yos optime scitis, cuius rei 
essetis in causa, ne eveniat vigilantissime cum omuibus studiis obvi- 
andum est. Vestras igitur devotiones, que, quantum huiusmodi periculum 
Sit, inspicere debeut, requirimus et exhortamur in domino et uichi- 
lominus vobis et vestrum cuilibet stricte presentium tenore raandamus 
sub pena excommunicationis, quam ipso facto, si secus fieret incurratis, 
quatenus si ita est huiusmodi census debitos usque nunc integre omni 
mora sublata hinc ad sex menses proxime futuros et debendos in 
posterum singulis annis in terminis suis prefatis conventui et mo- 
nasterio solvere debeatis, ut ipsa ad laudem divini nominis a tautis 
noxiis preservetur et ne in posteritate hereticorum ullateuus valeat 
pervenire, sie enim in premissis vos habere curetis ut speramus, quod 
de promptitudine obedientie apud uos et dictam sedem possitis merito 
commendari. Datum ßome apud sanctum Petrum Villi. Kalendas 
Mali pontiticatus nostri anno quinto. 

B. de Puteo. 

Dieser päpstliche Befehl vom 23. April 1422 kann 
nicht lange Erfolg gehabt haben, oder wenigstens es blieb 
das Kloster ohne jede Hilfe sich selbst überlassen. Man 
darf den Sechsstädten es nicht verargen, dafs sie an sich 
selbst dachten und des Üybins nicht achteten, mochte 
auch die Burg für den Grenz- und Gebirgsschutz von 
gröfster Bedeutung sein. Bald wurden sie von den 
Hussitenscharen selbst bedroht und bestürmt, ihre Dörfer 
verbrannt, ihr Handel verkümmert, bald wurden sie durch 
Gerüchte drohender Gefahren erschreckt. Die Städte 
gerieten zumeist stark in Schulden. Die äufsere Not der 
Cölestiner muls zeitweilig geschwunden sein, denn nach 
Cliron. Haupt A S. 235 (Ratsbibl. in Zittau) vermochten 
sie 1424 eine Getreidegülte zu kaufen: „1424 am Tage 
Tiburtii, 14. April, haben Hans, Heintzemann und Frede- 
mann Gebrüder, genannt von Girhardsdorf, mit Wissen 
und Voll wort Margarethen ihrer Schwester verkauft 12 
Scheffel gutes geschüttes Korn und Zittauisches Mals in 
und auf ihrer Mühlen gelegen in dem Dorffe und Guthe 
Herwigsdorff des Zittauischen Weichbilds, genannt die 
Mühle bey den Stegen, an die Cölestiner Münche auf 
dem Oybin. Actum nach Gottes Geburth 1424, wie solchs 
in ihrem Stifftsbuche zu sehen, welches noch allhier aufn 
Rathhauls in Original vorhanden." 

Die oben erwähnte Mahnung Sigismunds an den Rat 
von Zittau lautet wie folgt: 



Kleinere Mitteilungen. 321 

König Sigmund befiehlt der Stadt Zittau, dem Kloster Oyhin 
die schuldigen Zinsen zu reichen und ihm in seinen Nöten bei- 
zustehen. Ofen, 1425 Sept. 5. 

Wir Sigemimdt von gottes gnaden Römischer könig zue allen 
Zeiten melirer des reiclifs vnndt zue Hungarn vnndt Belieimb pp. 
könig pp. Entbiethen dem bürgennaister, rathe vnndt bürgern ge- 
mainiglicli der Stadt Zittaw vnnsern lieben getreuen vnnsere gnadt 
vnndt alles gut. Lieben getreuen vnns verschmehet zuemahle sehr, 
das ihr nicht wollet merken, wie daz schlofs vnndt kloster zue Oybien 
beie euch gelegen vnnsers vaters keysers Caroli seligen stifftunge 
also feste vnndt nottürfftiglich gelegen ist, daz beide ihr vnndt ander 
landt davon gefürdert möget werden, vnndt da got für sey, würde 
es verderben, das beyde euch vnndt anderen landen davon grofser 
schade geschehen vnndt entstehen möchte, die man mit schwerer 
arbeit hatte mit wiederbrengen. Nu wisset ihr wohl daz der ge- 
nante vnnser vater seliger auf euch seine gixlde verschrieben hat, 
vnndt darnach Wencesla könig, vnnser lieber briider dieselben gulde 
gemehret vnndt wir diez auch gemeret vnndt bestetigt haben, den 
prior vnndt convent daselbst zu irer notturfft vnndt coste, do dasselbe 
closter vndt Detersbach möge erhalten werden vnndt nie nott also 
gewest ist, ... in dieser zeit dasselbe closter mit coste, zenhleuten 
C?) vnd allen anderen sachen zue bewahren vnnd zu mehren, nimbt 
vnns gros wunder daz ir so merkliche schaden nicht ansehet vndt 
solche gixlde vnndt zimise vorhaltet, davon derselbe berg vnndt closter 
vnns möchte entführet werden, zue vnnserm vnndt vnnser lande ver- 
derblichen schaden, damit nicht zu wieder were, sondern neue ann 
euch kummen müsten mit gröblichen straffuugen. Auch haben wir 
vernommen, daz ezliche der euren reden vnndt meinen daz vnnser 
lieber bruder seliger könig Wenzla, dem genannten closter geben 
habe, das da nit seine sey gewest vnndt wir doch wohl wissen, daz 
er ihn geben hat das da er geben möchte vnndt das sein gewest ist, 
darumh würde iemandt darwider, wir müsten ihn also vuterweisen, 
daz er nicht rede davon. So gebieten wir euch ernstlichen bey vnnsern 
hulden vnndt bufsen die sie haben in ihren briefen, daz ihr dem- 
selben convent zu Oyhin solche güld vnndt zinnfse, die vorhalten 
vnnd noch zuekünfftig sein, vnverzüglich gebet vnndt reichet mit 
gelde, mit güttern oder mit andern dingen, das wolten wir mit 
nahmen also gehabt haben vnndt vorbafs nicht vorhalten in keine 
weise, als lieb euch sey vnsere schwere vngnade zue vermeiden, vnndt 
wo ihr das fürbas mehr verzüget vnndt nicht gebet vnndt \Tinfs klage 
vorkäme, so müfshen wir vnnsere vngnade gröblich au euch kehren, 
also daz ihr lieber gehorsamb sein gewesen. Auch wollen wir vnndt 
gebietten euch vestiü^küchen als wir vormals euch geschrieben haben, 
daz ihr innezuebehalten dasselbe closter mit leuten die da tüchtig 
sinndt, vnndt in allen andern sachen, ob da noth were, vnndt von 
euch hüllf vnndt rath begehrten, behülfflich sein sollet, vnndt wo 
ihr das nicht thätet vnndt säumig weret, daz do ein schade geschehe 
an dem closter, ob got für sey, das müsten wir vnndt woltens an 
euch erholen. Dorumb ist vnsere meinung daz ihr ihn helffet ^^lndt 
rathet auch heystehen sollet inn allen ihren nöthen, daz das ehe- 
genante closter vnndt sie vnndt die ihren vnbekümmert bleiben von 
allerley beschwerung, als wir euch getrauen, wann sie ja vnnser be- 
sonder cappelanen sein vnndt vmb vnnsern vnndt euren vnndt des 
closters willen tag vnndt nacht grofses singen vnd arbeit haben vndt 

Neues Archiv f. S. G. u, A. XIII. 3. 4. 21 



322 Kleinere Mitteilungen. 

auch dasselbe closter nicht ist wie ein ander closter, sondern ist ein 
closter vndt ein schlos. Vnndt wenn ihr diesen brief vberlesen habt, 
so sollet ihr ihn dem vorgenannten convent wiedergeben. Datum 
Ofen, versigelt mit vnserui konigklicheu aufgedruckten innsigell anno 
domiui tausendt vierhundert vnndt im fünffvundtzwanzigsten jar 
Mittwoch vor Maria geburt vnnser reiche des Hungrischen im neun 
vnndt dreyfsigsten, des Römischen inn dem fünffzehenden vnndt des 
Bömischeu inn dem sechsten jar. 

Leider bin ich nicht in der Lage anzugeben, wo 
dieser in der Eechtschreibung ziemlich geänderte Brief 
sich befindet. Aber es möchte auch der Hinweis darauf 
nicht unterlassen werden, dals die Burg Oybin hier den 
Namen Detersbach führt. Balbinus nennt (misc. III, cap. 
VIII, § IV) unter den königlichen Burgen, welche ver- 
pfändet werden durften: Steigriff aliter Eberspach alias 
Üwin. 

2. Kleinigkeiten aus Kurfürst Augusts Regierungszeit. 

Mitgeteilt von Theodor Distel. 

An einer Monographie über Kurfürst i^ugust fehlt 
es zur Zeit noch , wenn wir auch verschiedene grölsere 
und kleinere Arbeiten besitzen, die ihn nach der einen 
oder andern Seite hin behandeln. 

Ohne Zweifel würde eine Biographie des vielseitigen 
und in mancher Hinsicht überaus einflulsreichen Fürsten bei 
der Menge des allein im Hauptstaatsarchive vorhandenen 
Materials eine vieljährige Arbeit beanspruchen, aber auch 
reiche Ergebnisse versprechen. Als kleine Beiträge zu 
einem solchen Unternehmen biete ich nachstehend in 
chronologischer Reihenfolge mancherlei Neues aus meiner, 
den Akten des Hauptstaatsarchivs entstammenden Kol- 
lektaneensammlung. 

Zur Chronik des Schlosses Grillenburg (1558). 

Nach Schumann 's „Lexikon von Sachsen" (III, 628) 
erbaute August 1554-1558 mitten im Tharander Walde das 
Schlofs Grillenburg (Grüllenburg, Gr3dlenburg) und zwar, 
wie sonst feststeht, aus dem Materiale, welches ihm das 
Schlots Tharand dazu bot*j. Im Tafelzimmer, so heilst es dort 
weiter, stehen an der Wand noch verschiedene alte Reime, 
die des Erbauers Endzweck sehr naiv bekunden. Die 



*) Man vergl. auch die Mittheilungen des K. S. Alterthums- 
vereins XXVIII, .31 f., wo die Reime „Zuvor — neunt" iind „Ich bin 



genannt — Hause bei" mitgeteilt sind. 



Kleinere Mitteiluugen. 323 

Verse sind durch vorgenommene Umbauten zerstört 
worden, doch werden sie in Abschrift unter Glas und 
Rahmen in gedachtem Schlosse aufbewahrt. Darunter 
ist auch der Autor, Sekretär (nicht „Doktor") Hans 
Jenitz (f 1589), genannt. Über eine andere, ähnliche 
Dichtung von ihm vergl. man meine Mitteilungen in 
von Webers Archiv für die Sächsische Geschichte N. F. 
VI (1878), 367 f. 

Im K. S. Hauptstaatsarchive (III, 54 * fol. 65 No. 2 "^ 
Bl. 3) kam ich auf eine Aufzeichnung jener Reime vom 
18. Februar 1738. Dort heilst es, daß dieselben zwischen 
den beiden Thüren des Eingangs, in Laubwerk ein- 
geschlossen, gestanden und folgendermaßen gelautet 
hätten : 

Meines lieben Bruders kläglich' End', 
Der schwer' Eingang zum Regiment 
Grofs Widerwärtigkeit und Gefahr 
Mir schwere Sorge und Müh' gehar, 
Zu vertreiben solche Fantasei, 
Fing ich an dies neu Gebäu, 
Die Grillenburg ich"s davon nennt, 
In einem Jahr' ward's gar voUendt. 

Zuvor ist hier nm- Holz gewachsen, 
Da baute Herzog August zu Sachsen 
In einem Jahr dies Jagdhaus behend, 
Welches er selbst die Grillenburg nennt. 
Von wegen schwerer Sorg' und Gedanken, 
Die ihm oblagen und bedrängten, 
Und richtet's an zur Lust und Freud' 
D'rum wii'd man hier der Grillen queit. 

Ich bin genannt die Grillenburg, 

Darauf geschieht gar mancher Schlurg [für Schluck!], 

Gedanken und schwere Fantasei 

Legt man auf diesem Hause bei, 

[Mit] Jagen, Fahren, Hirsch und Schwein, 

Vertreibt man hier die Zeit allein, 

Wer nui- hat Grillen und Mucke[n], 

Der lafs sie hinter sich zurucke. 

Kurfürst August als Ehevermittler (1559). 

Der Kurfürstin Anna als Ehestifterin widmet von 
Weber in seinem 1865 erschienenen Buche: Anna, Chur- 
fürstin zu Sachsen u. s. w., einen ganzen Abschnitt. Auch 
ihr Gemahl August spielt einmal (1559) den Ehever- 
mittler zwischen Hessen (?) und einer Tochter des Herzogs 
Christoph zu Württemberg. Er schreibt nämlich unterm 

21* 



324 Kleinere Mitteihiiigen. 

21. April genannten Jahres an seine Schwester Emilia^), 
die Wittwe des Markgrafen Georg von Brandenburg- 
Baireuth und Mutter der Anna Marie, der Gemahlin des 
erwähnten Württembergers"), dals Christoph „hübsche 
und wohlgezogene Fräulein, die zum Teil erwachsen und 
fast mannbar seien", haben solle. Ihr Alter, ihre „Ge- 
stalt und Gelegenheit"-^) wünscht er durch den Boten 
kennen zu lernen, auch bittet er, ihm die Bilder der 
ältesten beiden Herzoginnen (Hedwig, geb. 15. Januar 1547, 
und Elise, geb. 3. März 1548) heimlich zu verschaften. 

Das Antwortschreiben vom 23. desselben Monates^) 
meldet, dals Christoph fünf Töchter habe, die, wie ihre 
Eltern, „christlich, ehrlich, eingezogen und wohl leben" und 
die Kinder zur „Gottesfurcht und sonst zu allen guten 
Tugenden erwachsen und darinnen noch teglichs auf- 
erzogen werden und das in demselben durch Vater und 
Mutter sonderer Fleifs, Aufsehen und mögliche Bestellung 
gebraucht und gewilslich hierinnen nichts versäumt würde. 
Nebendem sind auch die Fräulein wohlgestallten Leuten 
ähnlich und gleich." 

Unterm 20. Oktober desselben Jahres sandte Emilia 
die angeblich für sie selbst angefertigten Bilder Hedwigs 
und Elisens^). 

Die älteste der beiden Herzoginnen vermählte sich 
zuerst (am 10. Mai 15G3) mit dem Landgrafen Ludwig IV. 
zu Hessen, während die Ehe der jüngeren (mit Georg 
Ernst zu Henneberg) erst am 1. Juli 1568 zu Stande kam. 

Vorkehrungen vor Eeisen ins Ausland (vor 1565). 

Einige Originalreskripte des Kurfürsten belehi^en 
uns darüber, wie vorsichtig derselbe alles bestellte, wenn 

^) K. S. Hauptstaatsarchiv (hier stets nur mit „H. -St.-A." 
zitiert) HI, 138 foi 1 No. 1 Bl. 1. 

-) Vor seiner Verheirathung war von einer Ehe zwischen ihm 
bzw. seinem Onkel Georg und Augusts Schwester Sidonie, der spä- 
teren unglücklichen Gemahlin des Herzogs Erich II. zu Braunschweig- 
Kalenberg, die Rede. (H.-St.-A. III, 188 fol. 107 No. 1 Bl. 4 und 20.) 
Georg heiratete nach über zehn Jahren Barbara (so genannt nach 
ihrer Grofsmutter mütterlicher Seits, Herzogs Georg zu Sachsen Ge- 
mahlin), Tochter des Landgrafen Philipp des Grofsmütigen zu 
Hessen und dessen Gemahlin Christine. 

^) An einer anderen Stelle des Reskriptes heifst es „Alter, 
Sitten und andere Gelegenheit." 

*) A. a. 0. Bl. 2 (Orig. mit eigenh. Unterschr.). 

°) A. a. 0. Bl. 3 (Orig. mit eigenh. Unterschr.). 



Kleinere Mit teil uiig'en. 325 

er einmal anlserlialb seines Landes reiste''). Im Nach- 
stehenden teile ich nur ein von ihm eigenliändig ge- 
schriebenes, leider aber ohne Jahresangabe vorliegendes 
lieskript an die vertrauten Räte Hans von Ponickau") 
und Dr. Ulrich Mordeisen *^) im Wesentlichen genau mit: 

„Mej'iie sachemi thragenn sych also czw, das ich inii grosser 
eyl auserhalb meyns laudes voreyteim raufs, Wye wol ich niiiin iiychtt 
hoft'enn wyl, das sich, meynes abwesseiis, imrychtykeyttenii, so dyseiin 
landeiin beschwerii[ii|k drawenii, czuthrageim mochttenn, so halie ich 
doch iiychtt uiiderlassenu mogenn, (do sych do gott vorsey, sollyche 
iiottfel cziithrugenn) hinder iiiyr meynes abwessens cznvorlassenn, 
wo ich im fall der jiott anczuthreffenn , habe deshalbenn meynera 
herczlybenn weybe denn ortt vnd auft' was czeytt ich wyls gott ann 
eynem iderun ortt ancznthreft'enu seynn werde schryftlych vorpyczyrtt ^) 
czugesteltt, wellyches i. 1. auch vonn myr freuntlychenn befellych hatt, 
inn gancz styller geheymm vorwarlych bey sych czu behaltenn vnd 
sych mytt sollychem hyndei'lasenen vorthraulychenn vorczeychnus 
kegenn keynem menschenn als kegenn euch, czu denen wyr vns 
beyderseytz aller threw vnd .vnderthenyges wyllens gethrostenn vnd 
vorsehenu, vornenieun lasseun, doch soll sollyches nychtt eher, dann 
inn der grostenn vnd vnformeydlychstenn uott gescheen, do ihr auch 
aiiff denn fal ann mycli czuschreybenn [hättet] , so sollenn sollyche 
bryff meynem gemal czugesteltt werdenn, myr czu überschykenn .... 
Datum denn 17. apryllys." 

Der kurfürstliche Schöppenstuhl und die Pest 

in Leipzig (1575). 

Bald nach der Neugründung des Leipziger Schöppen- 
stuhls durch Kurfürst August "') wütete die Pest (1575) 
besonders stark in Leipzig"), während dieses Jahr z. B. 
für Dresden keine eigentliche Pestzeit war. Der Bürger- 
meister Hieronymus Rauscher, der jetzt in besserem 



- «) H.-St.-A. III, 112 fol. 4 No. 2. 

'') Sein Name fehlt leider, wie auffälliger Weise der so manches 
hervorragenden Sachsen, in der Allgemeinen Deutschen Biographie; 
man vergl. über ihn von Webers Archiv für die Sächsische Ge- 
schichte VlII (1870), 49 if. 

**) Nach der Zeit, in welche dieses Schreiben gehört, wurde 
vergeblich im H.-St.-A., besonders in den einschlagenden Kopial- 
bänden, geforscht; die darin getroffenen Vorkehrungen haben die 
Reise, die wahrscheinlich in die Jahre der Grumbachischen Händel 
und sicher zwischen 1554 und 1565, bzw. vor oder l)is 1563 (man 
vergl. meinen Artikel in der Allgemeinen Deutschen Biographie 
XXII, 217 ff.) fiel, wohl nicht aktenkundig werden lassen. 

'') versiegelt. 

^*^) Vergl. darüber meine Mitteilungen in der Zeitschrift der 
Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte Bd. X (1889), Germanistische 
Abteilung S. 63 ff. 

") A. a. 0. S. 77, Aum. 



326 Kleinere Mitteilungen. 

Lichte vor uns steht, als dies früher der Fall war^-), hat 
in seinen Originalberichten an den Landesherrn genaue 
Sterblichkeitstabellen vom 1. Mai bis 5. November (es 
fehlt nur die Zeit vom 1. bis 22. Oktober) gegeben^"), 
denen ich kurz folgende Zahlen entnehme. Die Stadt 
hatte (darauf sei noch hingewiesen) damals, abgesehen 
von den Messen, wohl kaum mehr als 10 000 Einwohner^*); 
da gar mancher die Stadt wegen der darin herrschenden 
Krankheit verlassen hatte, dürfte diese Bevölkerungs- 
ziffer im Durchschnitte nicht einmal erreicht worden sein. 

Es starben vom 1. Mai bis 30. September insgesamt 
475 Pestkranke (127 in der Stadt, 236 in den Vorstädten 
und 112 im Lazarethe), während nur 372 andere Todes- 
fälle vorkamen. Vom 23. bis 29. Oktober erlagen der 
Seuche 20 (4, 15 und 1), sonst gingen damals mit Tode 
nur 5 ab ; in der folgenden Woche sank die Ziffer : von 
17 Toten wurden nur 7 durch die Pest dahingerafft. 
Ein dürrer Sommer hatte sie, nach des Chronisten Vogel 
Angabe, hervorgerufen, im Juli begann sie zu wüthen, 
am schUmmsten war die Sterblichkeit vom Monate August 
ab. Es erlagen ihr in demselben 272 (an der Pest 
52, 84 und 48), im September 258 (an der Pest 47, 105 
und 25). 

Die verheerende Krankheit befleckte u. a. selbst das 
Haus eines Schöppenstuhlsverwandten , des Dr. Paul 
Franckenstein ^^^), wie sie auch bald des einstigen Eats- 
herrn Dr. med. Wolffgang Meurers ^'') Frau und Sohn, einen 
„Magister", gefordert hatte. 



^-) A. a. 0. S. 77 und die dort gegebenen Litteraturnachweise. 

18) H.-St.-A. III, 130 a fol. 6 b No. 11 Bl. 70 bis 73 und III, 118 
fol. 3 No. 1 Bl. 71 — 79; hierdiuTh werden die Mitteilungen bei 
Heydenreich, Leipziger Cronicke u. s. w. (1635) S. 169, welchen 
Vogel in seinen Annales etc. (1714) S. '<?35 folgt, vervollständigt. 

") Vergl. auch dieses Archiv XI (1890), 148 No. 2 und die Be- 
merkung des Herzogs Georg zu Sachsen (gest. 1539) ebenda Anm. 9, 
nach welcher Freiberg gröfser als Leipzig und andere albertinische 
Städte war, dazu Lammert, Geschichte der Seuchen-, Hungers- und 
Kriegsnot zur Zeit des 30jährigen Krieges (1890) und Knapp, 
Mitteilungen des statistischen Bureaus der Stadt Leipzig Heft 6 
(1872) a. m. 00. 

^•^) Rauscher nennt ihn noch Stadtrichter und Schöppen- 
substituten Hieronymus Lotters-, vergl. jedoch die Anm. 10 angezogene 
Zeitschrift S. 95 i. Verb. m. S. 78. 

'ß) Vergl. Zeitschrift der Savigny- Stiftung Bd. VII (1886), Germ. 
Abtheil. S. 109. Stepuer, luscriptt. Lips. (1675) S.283fi. 



Kleinere Mitteilungen. 827 

Die Schoppen") strebten daher höchsten Ortes an, 
dafs der Stulü in eine andere Stadt verlegt werde, und 
schlugen dafür das schon öfters in gleicher Not gewählte 
Annaberg vor. August erachtete dieses jedoch als „dem 
Lande etwas unbequem und der Gränze zu weit abge- 
legen, bevorab, dieweil man sich nunmehr die peinlichen 
Urtel aus allen Ämtern bei den Leipziger Schoppen 
allein erholen müsse." Er bestimmte daher Chemnitz, 
welches „fast mitten im Lande ^^), auch sonst dazu gelegen 
und bequem sei", zum zeitweiligen Sitze seiner Spruch- 
behörde. Der JR,at genanntei' Stadt hielt alsbald fünf 
Wohnhäuser und eine im Eathause belegene, geräumige 
Sitzungsstube für die ftechtssprecher aus Leipzig bereit. 
An einem. Freitage, es war der 19. August ^^), brachen 
die Schoppen, deren Namen aus der Anm. 10 angezogenen 
Zeitschrift (S. 79 ff., 94 ff.) erhellen, aulser Wolf Peiligke, 
w^elcher als Verwalter der Landgüter u. s. w.-") sowie 
zum Empfange der in Leipzig einlaufenden Rechtsfragen 
und Akten dort verblieb, nach Chemnitz auf, um hier 
ihres Amtes bis nach dem Verschwinden der Seuche und 
zwar bis Hohneujahr '^) des folgenden Jahres zu walten'-^). 
Mir sind mehrere Originalsprüche und Schreiben aus ihrer 
Chemnitzer Thätigkeit vorgekommen. Die letzteren, denn 
die Urtel hatten kein Datum-'-), datieren entweder aus 
Chemnitz und sind „Schoppen zu Leipzig" oder ohne 
Datum „zu Chemnitz anwesende Schoppen u. s. w." un- 
terzeichnet. 

Auch der Revers des nach Dr. Johann Unwirths ^^) 



") Die folgende Darstellung- entstammt H.-St -A. III, 118 fol. 6 c 
No. 5 Bl. 1—15. 

18) Vergl. die Anm. 10 angezogene Zeitschrift S. 66. 

19) H.-St.-A. Kopial 41 5 fol. 6 (Konz.). Heydenreicli a. a. O. 
gieljt den 24. an (wahrscheinlich war dies der Tag der ersten Sitzung 
am neuen Orte), wie er ihn auch einige Tage länger, als oben an- 
gegeben ist (bis 11. Januar), aiiswärts bestehen läfst. Die Oberhot- 
gerichtssitzungen — dies sei hier gleich mit bemerkt — fanden in 
jener Zeit in Borna, dann in Weifsenfeis statt (a. a. 0.). 

20) Anm. 10 angezogene Zeitschrift S. 80. 

21) Ist ebenda S. 77 Anm. l schon angedeutet worden. 

22) Vergl. meine Mitteilungen a. a. 0. S. 97, dieses Archiv X 
(1889), 153 und Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft 
X (1890), 431 ff. und die nachher (Anm. 2i) angez. Akten, z. B. Bll. 
9 ff. und 76. 

23) Anm. 10 angezogene Zeitschrift S. 71 ff., 75, 87 und 94 ff. 



328 Kleinere Mitteilungen. 

in Chemnitz erfolgtem Ableben zum Schoppen ernannten 
Professors zu Wittenberg, Dr. Georg Lehmanns (Lene- 
mans), hat Chemnitz (10. Dezember 1575) als Datum "^^j. 

Aus dem Briefwechsel der Leipziger und der 
Eostocker Universität (1576/77). 

Die Universität zu Rostock lag mit dem dortigen 
Rat wegen ihrer „alten wohlhergebrachten Privilegien, 
Frei- und Gerechtigkeiten" 1576 schon seit langer Zeit 
im Streite -'^). Sie wandte sich deshalb an ihre Schwester 
nach Leipzig und erbat sich Abschriften von deren Fun- 
dation und Privilegien. Leipzig antwortete am. 8. November 
1576-*') ausweichend, dafs, da einige der die Schriftstlicke 
mit verwahrenden Professoren abwesend, auch des Kur- 
fürsten Erlaubnis nötig sei, die Bitte nicht erfüllt werden 
könnte. Unterm 9. Mai des folgenden Jahres schreibt nun 
Herzog Ulrich zu Mecklenburg in einem eigenhändig 
unterzeichneten Briefe von Güstrow aus an August") : 
„Dieweill dan den professorn in unserer universitet zu 
Rostock, das sie von e. 1. universitet zu Leipzigk fundation 
und Privilegien abschriflft haben mochten, in dieser zwischen 
ihnen und dem radt doselbst zu Rostock eingefallnen 
mengein und milsverstenden, insonderheit aber zu schleu- 
niger beylegung und Schlichtung derselben hoch und viell 
gelegen . . . ." 

Das hierauf ergangene kurfürstliche Reskript an die 
Universität Leipzig d. d. Annaburg den 8. Juni 1577 (von 
der Hand Hartmann Pistoris^^), lautet zustimmend da- 
hin, dafs der Universität Rostock, falls sie ferner um 
Abschrift der erwähnten Urkunden nachsuchen würde, 
dieselben in beglaubigter Form ausgefertigt werden sollten. 

Zur Lehre „von vertrautem Gut" (1578). 

In von Webers Archive (N. F. VI , 95 ff.) habe ich 
bereits einiges zur Lehre vom (an)vertrauteu Gute und 
zu dem Motive der Konstitution vom 10. Oktober 1584 



24) H.-St.-A. III, 118 fol. ficNo. 2 El. 16; über seinen Aussteller 
s. die Anm. 10 angezog-ene Zeitschrift S. 95 in Verbind, mit S. 94. 

25) Fast gleichzeitige Abschrift eines Schreibens der Professoren 
zu Rostock au ihren Landesherrn vom 2. Mai 1577 H.-St.-A. III, 51a 
fol. 21 No. 94 Bl. 267. 

26) Ebenda Bl. 268 b. 

27) Ebenda Bl. 266. 

2") H.-St.-A. Kop. 423 fol 174 b ob. (Konz.). 



Kleinere Mitteilungen. 329 

mitgeteilt. Hier erwähne ich noch, dals die 41. Kon- 
stitution der Gesetzgebung vom 21. April 1572-") unterm 
20. September 1578 auch auf die Schichtmeister, Steiger 
und Bergleute (trotz Artikel 5-4 der Bergordnung) •"^) er- 
streckt werden sollte. Dies entnehme ich einem kurfürst- 
lichen Befehle an die Schoppen zu Leipzig-^^), welchem 
neun Tage spater ein anderer folgte-'-), worin auf eine 
leider nicht zu ermitteln gewesene Antwort der letzteren 
Bezug genommen wird. August hält es für unnötig, 
die angezogene Konstitution den Bergleuten noch besonders 
l)ublizieren zu lassen, da sie auf dieselben ebensowohl als 
auf die Schösser, Förster und dergleichen Verwalter, 
Diener imd Befehlshaber „gemeint" sei. 

Geschäftliche Milsstände in Leipzig (1580). 

Für die Kenntnis der geschäftlichen Milsstände, die 
1580 in Leipzig herrschten, ist ein längeres Gutachten-'"') 
des Dr. jur. Laurentius Müller-''^) au August, d. d. Merse- 
burg den 2. Juli 1580, von einigem Werte. Müller be- 
ginnt mit Klagen über den Mangel an baarem Gelde, 
worauf eine Darlegung der Schäden folgt. Wir teilen 
aus seinen Ausführungen folgendes (in direkter Rede) mit. 

Die Geldknappheit ist vor etwa 25 Jakren nicht ge- 
fühlt worden ; früher starben die Leute mit Hinterlassung 
eines gröfseren Vermögens, jetzt aber scheiden sie mit 
mehreren tausend Gulden Schulden aus dem Leben. 
Brauchte mau sonst Geld, so waren leicht bei einem 
und „ohne eingemiscliten Betrug" 8, 10 und 20 tausend 
Gulden zu erlangen, jetzt aber ist bei vieren oder fünfen 
nicht der zehnte Teil dav^on zu haben. Der x4.del und 
der vornehme Bürgerstand steht mit der Zeit „gar ver- 
derbt" da oder hält sich sonstwo kümmerlich auf. 



2") Man vergl. hierzu Carpzov, Jurisprudentia foreusis etc. 
(1644) 1450 ff. und Schiet ter, Die Constitutionen Kurfürst Augusts 
von Sachsen u. s. w. (1857) S. 385 ff. 

••") Vom 3. Oktober 15.54: Cod. Aug. II (1724), 1.34. 

■'!) H.-St.-A. III., US fol. 3 No. 1 Bl. 162 (Abschrift v. J. 1592), 
cf. EI. 158/9. 

=^2) Ebenda Bl. 163 (Abschrift, wie vorher). 

»«) H.-St.-A. III, 51 a fol. 25 No. 17 BU. 204—210 (Orig.). 

**) Näheres über ihn ei'hellt aus der Allgemeinen Deutschen 
Biographie XXII (1885), 648 ft'. (Stavenliagen) und XXIX (1889), 
775 (Distel). Zu seiner Person sei noch auf Persoualregistr. des 
H.-St.-A. verwiesen. 



330 Kleinere Mitteilungen. 

Den Grund des Verfalls erblickt Müller nun nicht 
allein in der eingerissenen Verschwendungssucht und in 
der Energielosigkeit der Jugend, sondern darin, dals die 
Mehrzahl der Grofskaufleute Niederländer ■^•^) seien, die 
mit „Sonnenkrämichen"^'') sich eingeschlichen hätten und 
jetzt mit 20 und 50 tausend Gulden, ja mit ganzen 
Tonnen Goldes handelten. 

In xlntwerpen, heilst es weiter, war und ist es Brauch, 
dafs jedes Unternehmen an die Börse gebracht und leicht 
unterstützt wird. Dieses Manöver hat auch in Leipzig 
der „listige, verschlagene" Niederländer bald versucht 
(der Name Partiten-") ist „neulich" dafür aufgekommen); 
bei Gewährung eines Darlehns von nur 100 Gulden baaren 
Geldes haben sie für 3 oder 4 tausend Gulden an aller- 
lei Waren „mit eingeschlagen" und zwar so hoch, dals 
sie vom Empfänger nicht um die Hälfte des angesetzten 
Preises an den Mann zu bringen waren. Der erste Ver- 
käufer giebt auch gleich einen sicheren Abnehmer dafür 
an, dieser aber pflegt nicht den dritten Teil zu bezahlen 
und lälst die Gegenstände zurück in des Vormanns Hände 
gelangen ; anstatt 500 Gulden, auf die die Verschreibung 
lautet, wird dem Schuldner so „nicht recht" 200 Gulden 
zu Teil. 

Dieses unredliche Verfahren hat mehr und mehr an 
Umfang zugenommen und die Nürnberger, Augsburger 
u. a. schaarenweise ins Land gelockt. Ein Adliger, der 
1 oder 2 tausend Gulden bedurfte, hat für 3 oder 4 
tausend Gulden Kleinod, Zobelfelle u. dergl., auch wohl 
lahme Pferde und „alte, nichtswürdige Handschriften" 
mit annehmen müssen. 

Mancherlei Gesellschaften sind entstanden, die gute, 
ehrliche Handelsleute und den Adel, ja auch Herren und 
Grafen, nicht zu Gelde kommen lassen, weil eben jeder- 
mann sein Vermögen lieber bei den „Gesellen" wissen 
will, die sogar 10"/(, zu versprechen pliegen. Das Land 
ist dadurch „dermalen ausgesogen" Avorden, dafs man 
sich fast nirgends, als bei den Niederländern und Schwa- 
ben in seiner höchsten Not „eines baaren Pfennigs er- 
holen" kann. Betrachtet man der Herren von Mansfeld, 



^^) Sie beeinflufsten, wie sonst feststeht, gerade den Leipziger 
Handel keineswegs nachteilig. 

36) Man vergl. Zedier, ür. Univ.-Lexikon XXVI (1740j, 1077 ff. 
s. V. Partkramer. 

^^) Mau vergl. ebenda 1069 s. v. Partirerey, Partiten. 



Kleinere Mitteilmigeu. 331 

Stolberg und anderer Harzgrafen, auch sonstiger Adliger 
Verderbnis, so sind „allzeit die Niederländer oder Nürn- 
berger die Vornehmsten im Spiele und des Teufels Vor- 
tänzer". Wollten Einheimische ab und zu mit den Ge- 
nannten gemeinsam operieren, so wurden sie von ihnen 
„meisterlich in's Bad geführt"-'^). 

Die Ausländer haben die Herrschaft behauptet und 
in wenigen Jahren so grofse Summen aus dem Lande (?) 
geschleppt, dafs man jetzt bei den Bürgern schwerlich 
50 bis 60 tausend Gulden aufbringen kann, ein Vermögen, 
welches ehedem ein oder zwei Personen allein aus ihren 
„Kisten" zu zahlen im Stande waren. Wenn man sich 
in der Stadt auf dem Markte umsieht und sich dabei der 
früheren Zeiten erinnert, so gewahrt man, dafs mehr als 
ein oder zwei Häuser nicht mehr in dem Besitze der 
früheren Familien sind, wohl aber auch, dafs der Herr 
dem Knechte seinen Besitz geräumt hat. 

Mancher „stattliche" Adlige ist zu Grunde gegangen 
oder erblos geblieben (folgen Beispiele). 

Schliefslich kommt Müller noch auf die hohen Zmsen 
zu sprechen, die damals üblich waren. 

Zur Bekämpfung der mitgeteilten Übel schlägt er 
nun folgendes vor: 

Die Obrigkeit soll, wie dies auch anderweit schon 
der Fall ist, einen „eigenen AVechsel" gegen Pfandbe- 
stellung oder Bürgschaft zu billigem Zinsfufse einrichten, 
der vor später eingegangenen Verbindlichkeiten u. s. w. 
den prioritätischen Rang beansprucht. Der Kurfürst, 
so bittet Müller weiter, möge mit wenigstens einer Tonne 
Goldes den nötigen Fonds schaffen, der Vermögende 
werde dann schon sein Geld dazu leihen. Die Beamten 
der Bank könnten aus den Erträgnissen des Instituts 
besoldet werden u. s. w. 

Bald würden mit dem Vermögen auch die Mans- 
feldischen Bergwerke aus den Händen der Ausländer 
wieder frei gemacht werden u. s. w. — 

Nun, wir wissen, dals der später über die Stadt 
Leipzig ausbrechende Konkurs gerade in ihrem grofsen 
Besitze jener Werte und in der Spekulation, welche die 
„Kupferkasse" trieb, begründet war. (Vergl. auch unten 
S. 341 ff.). 

3») Diese Redensart hat nach Grimm, Deutsches Wörterbuch I 
(1854), 1069 sub 3 den Übeln Sinn von „einem nachstellen, ihm eine 
Falle legen" u. dergl. 



332 Kleinere Mitteilungen. 

Der Kiirlürst, der selbst stark an den Mausfeld- 
Eislebener Werken beteiligt war'^"), scheint, dies sei noch 
bemerkt, den Vorschlägen Müllers nicht näher getreten 
zu sein, sein Gutachten vielmehr als das, was es in der 
That war, als eine Tendenzschrift betrachtet zu haben '°j. 

AVeidmäunischcs mit Kunstgeschichtlichem 

(1583/4)^^). 

Eine Wildsau von 737 Pfunden (1583). Aus 
einem Schreiben des Herzogs Ludwig zu Württemberg, 
d. d. Bebenhausen, den 14. Dezember 1583*-), erhellt, dals 
August am 13. Oktober zuvor am Tannenberge im Amte 
Leisnig ein hauendes Wildschwein, welches verschnitten 
(„ein Mutz")^=^) und nicht weniger als 737 Zollpfunde**) 
schwer war, „gefangen" hatte *'^). Ludwig bemerkt, über 
das seltene Jagdglück Augusts staunend, dafs die Ver- 
schneidung des Tieres wohl in dessen Jugendzeit von Bauern 
oder andern Leuten vorgenommen sein werde und dasselbe 
infolgedessen „am Gewächs und ScliAvere" umsomehr habe 
zulegen können. Seltsam erscheint dem Herzoge auch, 
dals noch „Gewerf" *") an ihm gefunden worden sei. 

«») H.-St.-A. 111, 21 fol 25 b No. 9a Bl. 66. 

'") Vei'gl. Böttiger-Flathe, Geschichte des Kurstaates und 
Königreiches Sachsen II (1870), 78, auch Falke, Die Greschichte 
des Kurfürsten August von. .Sachsen in volkswirtschaftlicher Be- 
ziehung (1868) 8. 69, 171. Über die Gründung der „Kupferkasse", 
welche die MüUer'sche Schrift .ja hervorgerufen haben könnte , ver- 
mochte ich etwas nicht zu ermitteln. 

") Vergi. „Weidmann" XXII (1891), 406 und 4.5, sowie XXIII 
(1892), 134. 

42) H.-St.-A. III, 51a fol. 16 No. 42 Bl. 31 ff. (Orig.). 

43) Grimm, Deutsches Wörterbuch VI, 2837. 

*4) Richard, Licht und Schatten (1861) S. 247 und von Weber, 
Auua S. 242 f. erwähnen diese Sau nebenher, geben jedoch 
ihr Gewicht um zwei Pfunde zu niedrig an. Ein Schwein 
von 6 Zentnern 50 Pfunden erbeutete August in seinem Lande 
1585 H.-St.-A. III, 131 fol. 18 No. 3 Bl. 15 b. Das Gewicht 
war damals nicht an allen Orten des Landes gleich, auch unterschied 
es sich mit Rücksicht auf den zu bestimmenden Gegenstand; man 
vergl. Falke a. a. O. S. 279 und meine Notiz im Anzeiger für Kunde 
der Deutschen Vorzeit XXIX (1882), 132. 

*■■*) Die Meldung davon ist, wie mir aus Stuttgart mitgeteilt 
wurde, nicht mehr im Königl. Württembergischen Haus- und Staats- 
Archive vorhanden, und da sie auch — als Konzept — im Königl. 
Säclis. Hauptstaatsarchive nicht ermittelt werden konnte, ist mau be- 
rechtigt anzunehmen, dafs sie eigenhändig geschrieben gewesen war. 

*") Gewerf von werfen, z. B. Hunde von einem Wurfe (Zedier, 
Gr. Univers.-Lexikon LV [1748J, 360). 



Kleinere Mitleilnnaen. 388 

Von Augustusburg aus befiehlt nuu der Kurfürst 
unterm 27. November desselben Jahres ^') dem Maler Lu- 
kas Kranach d. J. in Wittenberg, welcher damals an 
dem jetzt in der Königl. Gemäldegallerie zu Dresden 
aufbewahrten Altarbilde ^'^j für die Schlolskapelle zu Colditz 
arbeitete und in jener dem Tannenberge ebenfalls nahe 
gelegenen Stadt sich aufgehalten, auch schon die Mafse 
von der Sau genommen hatte, das Tier sechsmal in Le- 
bensgrölse abzumalen*^). Sechs Tage später hat August 
bereits eine Abbildung erhalten und befiehlt demselben 
Künstler von dem genannten Standorte aus"'"), sieben 
(wohl statt der früher bestellten sechs) Bilder anzufertigen, 
indem er dem Reskripte die darauf zu setzende Inschrift ■^^j 
anfügt. Gleichzeitig bemerkt er, dals er von mehreren 
Reichsfürsten um Übersendung eines Porträts ersucht 
worden sei, und eröffnet dem Meister, der gemeldet hatte, 
er habe schon seit längerer Zeit kein Wildschwein ge- 
sehen, die Aussicht auf Teilnahme an einer Sauhatz, bei 
welcher er „diese Tiere recht sehen", auch „eines fahen" 
könne. Leider ist es mir, weder in Sachsen, noch auch 
auswärts, geglückt, eine dieser Kranachschen Werkstatts- 
arbeiten (eine solche war das Bild sicherlich) zu ermitteln. 
Aktenmälsig steht fest, dafs z. B. der hier erwähnte Lud- 
wig unterm 20. Januar 1584 ■^^-j ^^d der Kurfürst Wolf- 
gang zu Mainz unterm nächsten 1. Juni *=^) je ein Exemplar 
erhalten haben. An ersteren schreibt der Schenker u. a. 
damals mit, dafs ihn das Schwein „ungeachtet, dalis es 
verschnitten, gar freidig und hart angelaufen" habe. 

Im folgenden Jahre mufste noch eine Kopie ange- 



") H.-St.-A. Kop. 484 fol, 510b, Konzept. 

48) Vergl. Woermanns Katalog der genannten Gallerie (gr. Ausg. 
1887) No. 19n3. Zu der dort angeführten Litteratur trage ich, der 
Vollständigkeit wegen, hier noch nach: meinen Aufsatz im Anzeiger 
für Kunde der Deutschen Vorzeit XXVI (1879) , 28 ff. und Mittei- 
lungen des Königl. Sachs. Altertumsvereins XXIX (1879), XIII. 

49) Vergl. meinen Aufsatz in derKunstchrouik(Beibl. zurZeitschr. 
für hild. Kunst) N. F. I (1890), 418. 

■•^) H.-St.-A. Kop. 484 fol. 415 b, Konz. 

") Ebenda fol. 416, Konz. Dieselbe ist bei der Darstellung be- 
rücksichtigt worden. . . „ . , 

5-) H.-St.A. Kop. 492, fol. 208 b, Konz. Das Ong. im Konigl. 
Württ. Haus- und Staats-Archive zu Stuttgart. 

■>■■) Kop. 492 fol. 75b. Damals hatte August. auch, wie er an- 
giebt, noch einige Abbildungen in Verwahrung. Tiber die Württem- 
berg betreffenden Strecken und eine Sau, welche Herzog Ulrich 1507 
erlegte, vergl. meine Mitteilungen im „Weidmann" XXIII. (1892), 214. 



334 Kleinere Mitteilungen. 

fertigt werden. August zeigt nämlich den Empfang der- 
selben Kranacli unterm 26. März 1585'*^) an, und wir erfahren 
aus diesem Reskripte auch den Preis eines Exemplars. 
Derselbe betrug fünf Thaler ■'^■''). 

Bei der Bezahlung des Honorars, dies sei zum 
Schlüsse noch mitgeteilt, spielt eine Verwandte des Künst- 
lers, „Dr. Hermans Tochter", die Rolle der Geld- 
empfängerin. — 

Würdige Seitenstücke zu dieser Kapitalsau bilden 
ein Hirsch von 7 Zentnern und 5 Pfunden (1584) 
und ein solcher von 7 Zentnern (1560). Im Königl. 
Jagdschlosse Moritzburg wird das monströse Geweih und 
die Abbildung eines Hirsches aufbewahrt, welcher das 
dem modernen Weidmanne unglaublich scheinende Gewicht 
von sieben (Zoll-) Zentnern und fünf Pfunden hatte. Das 
Tier wurde von einem („dem") sächsischen Kurfürsten auf der 
Weidenhainischen Haide im Amte Torgau und zwar am 
Dietzengrunde , wo auch ein Jagdschlofs steht, „beim 
Schwinderle" ins Blatt geschossen. Der Kurfürst war, 
wie ich bereits vor Jahren festgestellt habe, August und 
der nicht festzustellende Jagdtag fiel in das Jahr 1584'^^). 
Die Mafse dieses braven Hirsches sind, in nicht gerade 
fachmännischer AVeise, auf dem Bilde genau also ange- 
geben: „Die leng vom hintern Schenkel übern Rücken, 
zwischen Geweye bis uff die nase 5 Ein 3 virtel, die 
höhe vom förderfufse bis aufn Rückgrad 2^2 Ein, die 
Dickung umen Leib 3 Ein 1 Vo virtel, die leng des kopfs 
31/2 virtel." 

Das Porträt selbst mifst 2,60 Meter in der 
Höhe und 2,70 in der Breite. Es stellt den schweifsen- 
den Hirsch ruhig ziehend dar. Das natürlich schädel- 
echte Geweih hat braune Farbe und ist fein ge- 
perlt; die Kronen sind fächerartig und haben erhabene 
wulstige Ränder, die Sprossen kolbige Enden. Sein Ge- 
wicht beträgt etwa 12 Pfund, die Stangen haben eine 



^) H.-St -A. Kop. 501 f. 25 b, Konz. 

65) Vergl. auch Kop. 492 Bl. 2 Konz. : Befehl an den Karamer- 
meister vom 2. Januar 1584. Für das auch werkstattsmäfsige Altar- 
bild erhielt Kranach dagegen den in der Anm. 48 angeführten und 
ergänzten Litteratnr angegebenen ganz unverhältnismäfsig hohen 
Betrag. 

^) Zeitschrift für Museologie und Antiquitätenkunde V (1882), 
171, vergl. 123 ff. und 147. Daselbst habe ich auch über noch andere 
interessante Weidstücke in genanntem Schlosse Mitteilungen nach 
den Akten gemacht. 



Kleinere Mitteilungen. 335 

Länge von 0,63 bzw. 0,63, die Spannweite derselben mifst 
0,75 Meter. 

Bemühte ich mich früher vergeblich, den Maler des 
Bildes zu ermitteln, so ist dies mir kürzlich geglückt"*"). 
Als solchen nennt sich selbst der Dresdner Bürger und 
Maler Daniel Bredtschneider"*^), der Sohn des kursäch- 
sischen Hofmalers Andreas Br., und zwar, da fünf und 
dreifsig Jahre nach dem hierbei in Betracht kommenden 
Schriftstücke ein gleichnamiger Sohn, der auch Maler 
war, mit Tode abging, der ältere, derselbe, mit dessen 
interessanten Darstellungen von Dresdner Hoffestlich- 
keiten kürzlich die erste Vierteljahrsausstellung im Stadt- 
museum zu Dresden eröffnet wurde '"'''). Nicht unter dem 



5') H.-St.-A.ni, 21 fol. 18b No. 112 Bl.27/8, Konz. und bzw. 
Original. 

^'^) So steht sein Name unter dem soeben angezogenen Schrift- 
stücke geschrieben. Er starb 1657 (der Tag wird von seinen Erben 
nicht angegeben). 

^") Die Künstlerfamilie Bredtschneider ist zu bedeutend, als 
dafs sie, wie es leider der Fall ist, in der Allgemeinen Deutschen 
Biographie fehlen dürfte. Vieles Material über ihre einzelnen Mitglieder 
enthält das H.-St.-A. (vergl. Personalregistr. s. v. Bredtschneider sowie 
III, 131 fol. 1 No. 3 Bl. 39 ff. und 111, 21 fol. 18b, No. 111 BU. 6/7). 
Hier verweise ich noch, die Künstlerlexika nicht anziehend, auf den 
Handschriftenkatalog der Königl. öffentlichen Bibliothek zu Dresden, 
sowie auf meine Mitteilungen in den BLättern für Architektur und 
Kunsthaudwerk HI (1890), 23 in Verbindung mit Naumanns Archiv 
für die zeichnenden Künste u. s. w. III (1857), 95 ff., von Webers 
Archiv II (1864), 181, sowie XI (1873), 168ff., alsdann dieses Archiv 
VIII (1887), 326 ff. und XI (1890), 273 ff. Weitere Notizen 
enthalten die Mitteilungen des Königl. Sachs. Altertumsvereins 
(man s. das Register) \m<\ Böttiger -Flathe a. a. 0. S. 92. In der 
Beschreibenden Darstellung der älteren Bau- und Kunstdeukmäler 
des Königreichs Sachsen kommt bis jetzt (Hft. XV — 1891 — ) sonder- 
barer Weise, kein Mitglied der hervorragenden Familie vor. Von 
dem Maler des oben besprochenen Hirschbildes stammen, wie bisher 
nicht bekannt war, die Darstellungen der Leichenprozesse der Kur- 
fürsten August, sowie (dies erhellt aus der gleich mitzuteilenden 
Aktenstelle) Christian I. und Christian IL; alle di-ei besitzt das 
Königl. Kupferstichkabinet (No. 1248 — 50), die erstere auch die 
Königl. Bibliothek zu Dresden; leider sind alle diese Exemplare un- 
vollständig (vergl. A n d r e s e n , Der Deutsche Peintre-Graveur II, 8 ff.). 
Unterm 5. März 1658 (H.-St.-A. III, 54a fol. 43 No. 1 Bl. 2) schrei- 
ben die Erben Bredtschneiders d. J. an den Herzog Moritz zu Sachsen- 
Zeitz, dafs ihr Vater an einem sehr schönen und mühsamen Kunst- 
stücke, dem weithin und hochberühmten Kur- und Fürstlichen Stamm 
Sachsen von 900 Jahren her, kurz vor seinem Tode fast ein ganzes 
Jahr mit sonderbarem Fleilse und grofser Mühe geai'beitet und ins 
Kleine gebracht habe, dabei eine Andeutung von dem heidnischen 
Stamm, worauf der christliche Stamm, von Wittekind an, wie auch 



33G Kleinere Mitteilungen. 

gliickliclieii hohen AVeidmann, der den Hh-sch erlegte, 
sondern erst unter seinem Enkel und dritten Regierungs- 
nachfolger ist das Bild entstanden. Bei Überreichung 
desselben, am 6. Oktober 1622, war der Maler, wie er 
in dem betreffenden Unterstützungsgesuch selbst angiebt, 
schon über siebzig Jahre alt und am Schenkel leidend, 
so dals er schon seit einem Jahre das Zimmer hatte 
hüten müssen. Irrtümlich nennt er dabei das betreffende 
Jagdterrain die „wilde hanische Heyde"*''^) und verlegt 
die erwähnte Jagd in das Jahr 1585, setzt sie also ein 
Jahr später an. 

Mit der Anmerkung 59 am Schlüsse mitgeteilten Brief- 
stelle dürfte auch neues Material gegeben sein zur Beurtei- 
lung des wahre Kunstwerke der Gouache-Miniatur-Malerei 
auf Pergament enthaltenden Bandes Ms. J. 1 der Königl. 
Bibliothek zu Dresden, welcher von zwei Händen (einer 
geringeren bis mit Kurfürst Friedrich dem Streitbaren, 
f 1428 — Bl. 1 bis 39 -— , und einer überaus meisterlichen 
bis mit Kurfürst Friedrich August I. , f 1733 — Bl. 40 
bis 52 — ) stammt*'^). 

Für das in Farben abgemalte, 85 Bogen umfassende, 
angeführte Leichenbegängnis vom Jahre 1611 forderte 
der Meister unterm 29. August genannten Jahres pro 
Bogen einen halben Gulden ^^2), bekam aber laut Reskript 
vom folgenden 17. Dezember mehr, den Betrag zu 50 Gul- 
den abgerundet '^■^). — 

Über einen vier und zwanzig Jahre früher von 
August erlegten fast gleich schweren Hirsch von sieben 
Zentnern Gewicht giebt ein Originalschreiben des Land- 



die Abbildung der Taufe desselben, in 25 Bildern folget bis auf Kur- 
fürst Johann Georg II. ; auf dem Schiebedeckel, so heilst es freilich 
weiter, seien des Glenannten Vaters Stamml)aum und Bildnils, sowie 
dessen Miitter (des Vaters zweite Gemahlin, Magdalena Si- 
billa, geb. Markgräfin zu Brandenburg), Porträts und eine Abbildung 
der Stadt Dresden angebracht. Für 130 Thaler bieten die Erben 
das Kimstwerk an, indem sie melden, dafs ihr Erblasser dasselbe für 
des Herzogs Schwiegervater, Herzog Wilhelm IV. zu Weimar, 
bestimmt gehabt habe. Ob auf diese Offerte eingegangen worden 
ist, liefs sich nicht ermitteln. 

^) So liiefs es auch vor meinen Anm. 56 angezogenen Mitteilungen 
in der Inschrift auf dem Bilde. 

^'^) Die Handschrift wurde begonnen am 2. November 1645; vergl. 
Albinus, New Stammbuch 1602, von Birckens, Heldensaal 1718. 

«•-) H.-St.-A, III, 21 fol. 18 No. 93 Bl. 475, Orig, 

ß^) Ebenda Bl. 476, Kouz. 



Kleinere Mitteilungen. 337 

grafen Philipp zu Hessen an den Kurfürsten Auskunft"*) ; 
der ihm voraufgegangene Originalbericht, welcher, nach 
dem Antwortschreiben, aus Schwarzenberg den 31. Au- 
gust 1560 datiert war, ist ebensowenig, wie das Konzept 
desselben, auf uns gekommen. Philipp bemerkt bezüglich 
des seltenen Jagdglückes Augusts, er hätte wohl hundert 
Gulden daran „versehen" '^■^) mögen""). 



Ein Gutachten über die Sachsen-Albertinische 

Kur (1584). 

Der Verfasser der „Lipsia" (1689 u. oft.) und spätere 
Kanzler, Dr. David Peifer, arbeitete, wohl auf erhaltenen 
mündlichen Befehl, im Jahre 1584, also fast 37 Jahre 
nach der Schlacht bei Mühlberg, für August ein zustim- 
mendes Gutachten über die Frage aus, ob derselbe „die 
Kur Sachsen, so zuvorn Herzog Johann Priedericlien, 
dem Dicken, gehörte, mit gutem Gewissen und Titel be- 
sitzen und behalten könne". Der Argwohn gegen die 
ernestinischen Vettern"^) dauerte also auch nach dem 
Naumbui'ger Vertrage vom 24. Februar 1554 noch lange 
fort"^). Das dieses Gutachten enthaltende Originalschrei- 
ben Peifers d. d. Dresden 22. April 1584 liegt mir vor"^) ; 
auf seinen Inhalt näher ehizugehen, halte ich nicht für 
notwendig. — Schon im Jahre 1552 '^) schrieben Ernst von 
Miltitz") und Dr. Georg Kommerstadt an Kurfürst Moritz 

6*) H.-St.-A. III, 51 a fol. 13 No. 3 Bl. 83 ff. Im Königl. Preufs. 
Staatsarchive zu Marburg ist das Konzept desselben nicht mehr 
vorhanden. 

"■'') versehen := übersehen. Der Sinn dieser Wendung ist also: 
Hundert Gulden sind geringer als die Freude darüber, dafs man den 
Hirsch erlegt hat. 

'**') Im Anschlüsse hieran sei noch folgendes mitgeteilt: Wäh- 
rend der Pirschzeit 15B5 erlegte August eigenhändig 104 Hirsche, 
von denen zwei über 6 Zentner und 20 Pfunde wogen. Einen Zwan- 
zigender nennt er schon einen „Haupthirsch" ; 1585 schofs er einen 
Sechszigender (von Weber, Kurf. Anna S. 241 ff.). 

**■') Vergl. Distel, Der Flacianismus u. s. w. (1879) S. 17 und 
von Webers Archiv N. F. VI (1880), 131 ff., axich Arndt, Nonnulla 
de ingenio etc. Mauritii etc. (1806) S. 17. 

"^) Böttiger-Flathe a. a. 0. S. 5 ff. und Heidenhain, 
Die Unionspolitik Landgraf Philipps von Hessen 1557 — 1562 (1890) 
S. 11, 13. rrr-^- 

«9) H.-St.-A. III, 107a fol. 24b No. 21 Bl. 7—11. 

'0) Das Schreiben vom 33. (wohl 23.) September im H.-St.-A. III, 
67 a fol 380 b No. 42 Bl. 142/3. 

'1) Vergl. über ihn von Langenu, Moritz, Herzog und Chur- 
fürst zu Sachsen II (1841), 385. 

Neues Archiv f. S. ti. u. \. XIII. 3. 4. 22 



338 Kleinere Mitteilmigen. 

wegen einer Münze, Ortgroschen, dafs er eventnell'"-) veriis 
elector auf seine Geldstücke zu setzen befehlen wolle. 
Wahrscheinlich war ihnen eine Münze vorgekommen, auf 
welche der Exkurfürst, Johann Friedrich der Grofs- 
mütige, nahis elector hatte aufprägen lassen. 

Der Sarg der Kurfürstin Anna (1585). 

In der fürstlichen Begräbniskapelle des Domes zu 
Freiberg ruht seit dem 1. November 1585 auch die Kur- 
fürstin Anna. lieber ihren Sarg lassen sich ihre Bio- 
graphen Stichart '•^) und von Weber '^) nicht aus, weshalb 
ich hierzu aus den Akten ^■^) in moderner Schreibweise 
Folgendes mitteile: 



^Ö" 



„Der zinnerne Sarg ist von anfsen mit schönen, vergoldeten 
Löwenköpfen und Simswerk geziert nnd oben auf der Decke ein 
grofses, langes Kruzifix, desgleichen zwei Englein, so Täf eichen 
halten, daxunter gestochen rechts: (Joh. 3, 16) Also hat Gott die Welt 
geliehet (u. s. w.), links: (Ps. 31, 6) Herr Jesu Christ, in Deine Hände 
befehle ich (Dir) meinen Geist, Du hast mich erlöset (u. s. w.)." 

Beide Sprüche pflegte die Kurfürstin im Leben, be- 
sonders auch in ihrer letzten Krankheit, oft zu zitieren. 

Unter dem Kreuze sind mit grofsen Buchstaben fol- 
gende Worte, die ich genau nach meiner Vorlage mitteile, 
in das Zinn eingraviert: 

„In diesem sarck ruhet der durchlauchtigsten unnd hochgebornnen 
furstin und trauen, trauen Annen, gebornnen aus königlichem stamme 
zu Dennenmarck, herzogin zu Sachsen und churfurstiu corper, deren 
seel den ersten Octobris nach sieben uhren zu abent anno 1585 zu 
Christo ihrem erlosern seliglichen abgeschieden ist." 

Unterm 5. November darnach schreiben der Zeug- 
meister Paul Buchner (Puchner) und der berühmte Bild- 
hauer Johann Maria Nosseni an ihren Herrn über die 
Arbeiten an der Gruft '"^). 



'-) Nämlich für den Fall, dafs Kurwappen und Titel diu'ch die 
Königliche Majestät nicht geändert werden könnten. 

'3) Galerie der Sächsischen Fürstinnen (1857) S. 294. 

•'*) Kurfürstin Anna S. 499 ff. 

'^") H.-St.-A. in, 1 fol. 8 No. 2 Bl. 125 (102b). Diese Akten 
enthalten auch eine genaue Beschreibung ihres Leichenprozesses und 
neben anderen seltenen, den Tod Annas betreffenden Originaldrucken 
eine demnächst von mir im „Archive für Geschichte des Deutschen 
Buchhandels" zu erwähnende deutsche Dichtung desMeifsnerChronisten 
Laurentius Faustras. 

■'6) H.-St.-A. III, 1 fol. 8 No. 2 Bl. 91 ff, Oiig., in Verbindung 
mit Kopial .501, fol. 311/2, Konz. 



Kleinere Mitteihingen. 339 

Eine Abbildung der Statue der Kurfürstin und den 
Wortlaut der seitlich davon in der erwähnten Kapelle 
angebrachten Gedächtnisschrift giebt Steche in der „Be- 
schreibenden Darstellung der älteren Kunstdeiikmäler des 
Königreichs Sachsen" HI (1884) Beil. VIII und S. 51. 
Hier sei gleich mit erwähnt, dals ihr Gemahl ursprüng- 
lich seine spätere Schwägerin, Agnes, die auch damals 
schon ihr zweiter Gemahl, Herzog Johann Friedrich der 
Mittlere, begehrte, dann die Markgräfin Elisabeth 
Magdalena zu Brandenburg heiraten sollte (H.-St.-A.: 
Orig.-Urk. No. 10 948 und 10 958, sowie III, 131 fol. 17 
No. 2 und fol. 18 No. 3 Bl 14b u. ö.). 

Des Kurfürsten Tod (1586). 

Bisher wurde angenommen, dafs der Kurfürst am 
11. Februar 1586 „in Moritzburg vom Schlage gerührt" 
an demselben Tage in Dresden gestorben sei"). Ein mir 
vorliegendes, aus Dresden 11. Februar 1586 datiertes 
Originalkonzept "^) des Sohnes und Thronfolgers, Herzogs 
Christian I., an den Kurfürsten Johann Georg zu Branden- 
burg, Augusts Freund und Schwager, belehrt uns jedoch 
eines Anderen. Dieses Schriftstück (von der Hand des 
Kammersekretärs Jenitz, welcher von allen Ereignissen 
am kursächsischen Hofe genau unterrichtet zu sein pflegte) 
ist kurz vor dem Abscheiden Augusts abgefaßt worden 
und lautet in der Hauptsache also: 

„ El. kouuen wir mitt gantz bekommertteu geinuth 

nicht verhaltten , das unser gnediger , hertzliebster herr vater am 
nehern mittwoch mitt s. 1. geliebten gemahell von hinnen nach der 
Moritzburg verreiset , sich daselbst mitt Veränderung der lufft ein 
wenig zu er lustigen. Als aber s. g. heut dato nach der fruhnialtzeif") 
widerumb auffm Schlitten hierein gefahren und abgestiegen, 
haben sie sich ubell entpfunden und gefragt, ob man nicht balde in 
s. g. gemach were und do sie hienein bracht, ohne zweifei aus mat- 
tigkait, einen trunck begeret und gethan, auch das haupt gegen s. g. 
geniahl geklaget. Bald aber hernach hat man an der sprach und 
andern antzaigungen vermerckt, das leider s. g. der schbag_ zuge- 
hangen , derhalben man s. g. wenig mehr sinlicher entpfindlichkait 
habenn . . . ." 

Nach dem ebendaselbst befindlichen Konzepte der 



") Man vergl. z. B.Böttiger-Flathe a. a. 0. II, 93. 
'«) Man vergl. H.-St.-A. III, 1 fol. 7 NB. 
'^j Zuvorhatte er ai;ch noch, wie aus H.-St.-A. III, 51a fol. 36 
No. 31 Bl. 49 erhellt, Gottes Wort gehört. 

22* 



340 Kleinere Mitteilungen. 

Todesmeldung vom 12. Februar 1586 starb August am 
Abend zuvor „umb 6 Uhr"^^). , 

Nach diesem Schreiben widerlegt sich das bald darauf 
in Italien aufgetauchte „leichtfertige, liederliche Gedicht"^^), 
August sei vergiftet worden, von selbst; dasselbe wird 
auch durch das hier an erster Stelle angezogene Akten- 
stück hinfällig. 

Eine „Kupfergradierung" seines Leichenbegängnisses 
von dem xinm. 59 erwähnten Maler (Johannes Chro excude- 
bat) und eine genaue Beschreibung desselben liegen mir 
vor^^), desgleichen kam ich bei meinen Studien auf das 
Original und eine Abschrift ^'^) einer latemischen Elegie auf 
des Kurfürsten Tod in sechzehn Hexametern , deren 
Dichter kein geringerer ist, als der Landgraf Moritz zu 
Hessen, der sie mit einem lateinischen Überreichungs- 
schreiben vom 2. März 1586 sandte. Unter derselben 
steht ein das volle Sterbedatum enthaltendes Chronostichon : 

„CVM peteret CoeLos AVgVstVs FebrVa forte 
Per CeLebrant soLIs post tres oCtoqVe regressVs." 

Vor Augusts Beisetzung in Freiberg (14. März 1586) 
dies sei hier gleich mit erwähnt, fand auch eine kleine Re- 
novation des Moritzmonumentes im dortigen Dome 
statt, bei welcher die Kosten mit 2 Gulden 18 Groschen 
angesetzt sind***). 

Drei Jahre später arbeitete Nosseni am Epitaphe 
Augusts ^■^). Die Abbildung der Statue und die dazu ge- 
hörige Gedächtnisschrift befinden sich in Steches Be- 
schreibender Darstellung Heft III, Beil. VII und S. 50. 

Totenbilder des Kurfürsten August und der Kurfürstin 



s") Vergl. auch H.-St.-A. III, 1 fol. 7 No. 1 Bl. 132 in Ver- 
bindung mit Bl. 131 zu Anfang. 

81) Gerücht; nach H.-St-A. III, 51a fol. 22 No. 107 Bl. 132— 35 
a. E.und den 1592 ff. ergangenen Akten: III, 76 fol. 202 No. 52 a. m. 00. 

^-) Königl. öffentliche Bibliothek zu Dresden: Hist. Saxon. C 23m 
(unvollständig) und Königl. Kupferstichkahinet ebendaselbst No. 1248 
(desgl.); sowte H.-St.-A. HI, 1 fol. 7 No. 1 Bl. 173 if., No. 2 Bl. 116 ff., 
No. 3 Bl. 76 ff. — Über den Aufwand , welchen das Begräbnis ge- 
fordert hat, berichtet H.-St.-A. III, 1 fol. 7 b No. 4. 

«3) H -St.-A. III, 1 fol. 7 No. 3 Bl. 104 bis 106 und No. 2 Bl. 64/5. 
— Nacli einer No. 3 Bl. 107 zu lesenden Notiz wurde Moritzen eben- 
falls in lateinischer Sprache (Konz. wohl von Peifer entworfen) 
gedankt. 

^) H.-St.-A. III, 1 fol. 7b No. 4 Bl. 13 b. 

85) H.-St.-A. Kop. 558 fol. 248 ff, 286 ff 



Kleinere Mitteilungen. 341 

Anna sah ich kürzlich im Restaurationszimmer der Künigl. 
Gemäldegallerie, wolün sie aus der Königl. Gewehrgallerie 
gelangt sind. Dieselben gehören der Kranachschen 
Schule an. 

3. Leipzigs Banlierott und die Schweden in Leipzig 

seit 1642. 

Von Dr. E. Kroker. 

Was in einem städtischen Haushalt unserer Zeit die 
städtischen Anleihen sind, das waren in früheren Jahr- 
hunderten freiwillige Darlehen, die dem Rat gegen Ver- 
zinsung angeboten wurden. Gröfsere Städte, die im 
Schutz ihrer Ringmauern und durch den Reichtum, den 
Handel und den Gewerbfleils ihrer Bürgerschaft besondere 
Sicherheit zu bieten schienen, durften in ruhigen Zeiten 
stets auf fremdes Geld rechnen und konnten mit fremdem 
Gelde wirtschaften. 

Aus solcher Wirtschaft drohte leicht Milswirtschaft 
zu werden. Sie stürzte Leipzig in den ersten Jahrzehn- 
ten des 17. Jahrhunderts in einen völligen Bankerott.- 
Schon Grolse erwähnt in seiner Geschichte der Stadt 
Leipzig (II, 255), dals die Stadt im Jahre 1627 nicht 
mehr im Stande war, dem Rat zu Weimar einen Zinsen- 
betrag von vierzig Thalern auszuzahlen. Grolse führt 
die Not der Stadt auf die Unsicherheit im Münzwesen 
und die Kriegsunruhen zurück, obwohl Leipzig damals 
noch gar nicht vom Krieg heimgesucht worden war. Erst 
Hasse hat in der Geschichte der Leipziger Messen 
(S. 107 ff.) nachgewiesen , dafs Leipzig nicht durch den 
Krieg in die hilflose Lage versetzt wurde, dafs es viel- 
mehr durch die „Bankgeschäfte", die der Rat betrieb, 
in dem kurzen Zeitraum von 1610 bis 1623 mit einer 
Schuld von mehr als vierzig Tonnen Goldes belastet wor- 
den war und dafs der Kurfürst deshalb schon im Jahre 
1627 eine Kommission zur Untersuchung der Milswirt- 
schaft hatte einsetzen müssen. 

Zu den Aktenstücken, die Hasse im städtischen 
Archiv benützte, sind jetzt in den damals noch nicht ein- 
geordneten Restbeständen des Archivs gewissermafseu 
die Belege gefunden worden. Es sind Hunderte von 
Mahnbriefen an den Leipziger Rat, alphabetisch geordnet 
und in Bündel zusammengeschnürt, vom zweiten Jahr- 



342 Kleinere Mitteümigeu. 

zehnt bis in die sechziger Jabre des 17. Jaliilmnderts 
und noch weiter herab ; denn die kurfürstl. Kommission 
vermochte während des Kriegs, der seit 1631 auch über 
Sachsen hereingebrochen war, das Schuldenwesen der 
Stadt nicht zu ordnen. 

Diese Mahnbriefe geben über den Umfang der Bank- 
geschäfte , die der Leipziger Rat betrieben hatte , Auf- 
schlufis. Wir erfahren daraus, wie nicht nur der Adel 
Sachsens und Thüringens dem Rate hohe Summen anver- 
traut hatte; auch von Bürgern sächsischer, süddeutscher, 
rheinischer und nordischer Städte waren der Ratskämmerei 
Darlehen in der Höhe von hundert bis zu mehreren lau- 
senden von Thalern überlassen worden. Der Rat hatte 
eben alles genommen, was zu haben war, und je bedenk- 
licher seine Lage geworden war, um so unbedenldicher 
nahm er auch die kleinsten Beträge auf und suchte die 
alten Schulden mit neuen Schulden zu decken. Die letzten 
Ursachen des Krachs sind noch nicht ganz klar. Es 
waren wohl die riesenhaften Spekulationen, die einzelne 
Rats- und Handeisherren, wie die Lebzelter, Heinrich von 
Claulsbruch genannt Kramer, Schwendendörffer u. a. mit 
der Ausbeute der Mansfelder Kupfergruben begonnen 
und in die sie dann , wie es scheint , den Rat hineinge- 
zogen hatten. Auch hierüber, besonders über den Nach- 
lals Heinrich Kramers, eines Handelsherren, dessen Aktiva 
und Passiva bei seinem Tod auf mehrere Millionen Gul- 
den angegeben werden, sind aus den Restbeständen des 
Archivs dicke Aktenbündel zum Vorschein gekommen, 
doch muls es einer späteren Untersuchung vorbehalten 
bleiben, diese für die Geschichte der Stadt und ihrer 
Handelsbeziehungen wichtigen, aber sehr verwickelten 
Verhältnisse darzulegen. 

Jedenfalls war der Rat zu Leipzig schon im Anfange 
der zwanziger Jahre völlig zahlungsunfähig. Er vermochte 
nicht nur die ihm anvertrauten Hauptsummen nicht zurück- 
zuzahlen ; er zahlte auch keine Zinsen mehr aus. Das Un- 
heil, das hierdurch während des jammervollen Kriegs über 
Hunderte kam, tritt uns in den zahllosen Mahnbriefen er- 
schütternd entgegen ; immer und immer wieder die Bitte, 
doch wenigstens die Zinsen auszuzahlen, und immer die 
gleiche trostlose Antwort: Warten! Ein Augsburger Bürger 
fordert sogar die Ratsherren in einem mit Blut geschriebe- 
nen Brief vor den Teufel und vors Gericht — es wird 
ihm wolü auch nichts geholfen haben. 



Kleinere Mitteilniig'en. 343 

Die meisten von diesen Mahnbriefen sind nur in ihrer 
Gesamtheit von einiger Bedeutung. Einige wenige aber 
verdienen besondere Beachtiuig, sei es wegen der Per- 
sönlichkeit des Schreibenden oder wegen geschiclitlicher 
Einzelheiten, mit denen sie uns nebenbei bekannt machen. 
Der ganze Jammer des Kriegs spricht aus diesen Briefen 
zu uns, das Darniederliegen des Handels und aller Ge- 
schäfte, das Plündern und Niederschlagen auf offner 
Strafse, das Niederbrennen der Güter und Dörfer. Aber 
inmitten von Brand und Leichen quillt doch immer wieder 
die unversiegliche Kraft des Volks hervor, in dem Wunsche, 
mit den letzten übrig gebliebenen Gulden die Schulden 
zu bezahlen und den Handel neu zu beginnen, das ver- 
brannte Gut aus dem Schutte wieder aufzubauen und 
die wüsten Felder wieder zu bestellen. 

Wie hart Leipzig selbst, das sieben Jahr und acht 
Monate lang in den Händen der Schweden war, vom 
Kriege betroffen wurde, darüber geben ein Schreiben der 
Königin Christina von Schweden an den Rat und das 
vom Stadtschreiber Zeithopf aufgesetzte Antwortschreiben 
Auskunft. Beide Briefe sind nur in Abschriften da. Ilir 
Wortlaut ist: 

1. Christina, Dei gratia, Suecoruni, Gothorum Waiidalonim- 
que designata Regina et Princeps haereditaria, Magna Prin- 
ceps Finlaudiae, Dux Esthoniae et Careliae, lugriaeque 
Domina etc. 

Gratiani et favorem nostrum siugulareni, Spectabiles et Consul- 
tissimi, Nobis sincere dilecti. Qiü praesentes literas Nostras ad vo.s 
perlaturns est, Minister noster Balthasar David Kohl, humilime indicari 
Nohis fecit, mediocreni quantitatem peeuniae sibi fratrique suo ex 
defuncto patre, haereditario jure in se translatam, ä vobis ac civitate 
vestra deberi. In qua ä vobis repetenda idem couquestus Nobis est 
operara se hactenüs perdidisse ; debita subjectione Nos rogans, vellenius 
negotio huic clementissimam opem Nostraiu conferre, quo iaciliorem 
ejus consequendi viam invenire possit. Nos licet haudquaquam ignarae 
simus praesentium rerum vestraruni difficilem esse conditionem, ut 
vel hujus respectu illa non parum Nos afficiat; Cum tamen aequitati 
consonnm sit, ut quisquis reddatur compos earum rerum ,_ quae sibi 
jure merito debentur, praesertim cum ea inveniri solutionis ratio 
expedita possit, quae modernas difücultates non äuget, sed mitigat 
et iusecuturas majores praevenit, committere non potuimus, quin im- 
ploratam ä Nobis commendationem et opem praefato ministro Nostro 
deferremus, atque hisce vos seriö rogaremus, ut indilatam exsolvcndi 
debiti hujus vestri curam habeatis; Atque si non tutam uno sinml 
tempore, certis nihilominus et determinatis mensibus vel partibus anni 
certam peeuniae summam creditori reponatis; Noluimus commenda- 
titiis et monitoriis Nostris hactenüs, quanivis sedulö et instanter _re- 
quisitae ab aliis multis, molestiam vobis creare; Quae res fiduciam 



344 Kleinere Mitteilungen. 

Nobis ac calcar addet speraudi. ut hisce literis Xostris atque im- 
pertitae ministro Xostro Kohlio ad tos commendatioui morem baud 
gravate gestmi, eique et fratri ad dictum eumque tolerabilem modum 
satisfacturi sitis ; Prout Xostro armomm ac Praesidiorum apud tos 
praefecto injunsimus. id ipsum apud tos ut ui'geret et peiüceret. 
De caetero Tobis gratiä Xosträ Regia addictae. DiTinae tos protectioni 
commendamus. Dabautur in PiCgia Xostra Stockolinensi die 30. Sep- 
tembris Anno 1647. 

Christiaa. 
Spectabilibus et Consiütissimis X'obis sincere dilectis Con- 
siüibus et Senatui ciTitatis Lipsensis Clementer. 

praes. d. 10. januarii Ao. 1648. post meridiem. 

2. Serenissüna et Potentissima Princeps, Eegina et Domina 
Clementi.ssima , 

Literas Regiae Vestrae Majestaiis die 30. Septembris anno praeterito 
in Regia Testra Stockolmen.«i datas Baltha.'sar DaTid Kohl tradidit 
snperiori mense nobis integi-as et obsignatas; Quas ipsas nieritö in 
bumillima deTOtione sümu.s exosculali. quud V."-- ]\Iajestatis nun ob- 
seuram iu uos clementiae propensiouem iudicarint. Et certe üidubitatum 
Clementiae nobis signnm est, quöd ß.a V.ra Majestas conditionem 
rerum nostrainim sanequäm in praesenti perdifficilem haudquaquam 
iguoret, quudqne bujus lespectu non parum afticiatur: Si quidem hoc 
ipsnm mitigat difficultatis istius rationera, eü quöd scire alicujus 
miseriam, eaque affici. spem ferat auxilii ab illo proTeuturi. qui auxiliari 
potis est; Quin impendiü magis clementiae nos causa beat, quod R.» 
V.ra Majestas commendatitüs ac monitoriis suis, quamTis sedulö et 
constanter ab aliis niultis jam ante requisita molestiam nobis creare 
noluerit: quod Regium benelicium summa uos gratia excipimus, et 
tametsi pro eo gratias referre non possumus, Tolumus tarnen id gratiis 
nostris omare dum TiTimus. 

Ad ipsum igitnr scriptionis institutum quod attinet, nos memores 
aeris Xohliani ab antecessorilius nostris contracti exsolnmus illi 
Kohlio Joacbimicos ducentos laboriose comparatos. et utinam suppeti- 
isset plures repraesentandi copia. certe non tarn Terbis quam re ipsa 
ostendere Toluissemus. quam prompti simus creditoribus nostris ad 
Totum satisfacere ; prout et ipsi juxtim et fratri promisimtis pro ratione 
proTentuum nostronim siugTilis nundinis aliqualem summam reponere, 
nisi forte (quod Superi aTertantI) temporum injuria eü redigamiu-, 
quu ulteriori exsolTendi facultate destituamur, quia tum fore confidimus, 
ut R.a Y.ra Majestas rei impossibili et extra potestatem nostram 
constittttae aequam se praebeat et clementissime ignoscat. Xeque 
tarnen lides illa. quam ä nobis recepit Kohlius, eludit nostram ex- 
pectationem, qtiin cogitemus omnimodö futiuaiui, utR.a Y.ra Majestas 
eorum postulata, qui no.stris antecessoribus oüm pecuniam credidenint, 
durante etiamnüm difficili rerum nostrarum conditione postbinc renuat, 
ob quam hactenus ea non admisit : quod si enim bac in difiicultate 
ä nobis plura sint sokenda nomina, sane reliquum erit, ut ecclesiarum 
scholaiTunque nostrarum, itemque seuatüs et curiae necessai'ios mi- 
nistros et alios suo salario , cujus jamdudum tIx dimidiam partem 
capere quiTemnt, carere oporteat : quin et debinc actum erit de statüs 
nostri ratione. ut nihil nisi sepultura restet. Quare R.a™ V.ram ;jXa- 
jestatem supplices rogamus et per Deum obtestamur. ut creditorura 
causis imposterum omissis ä ruinä statüs nostri clementissime parcere 
ne desistat. 



Kleinere Mitteilungen. 345 

Caeterum si B..^^ v.ram Majestatem diixtii;s Mc affari liceret, 
existimaremns arreptä liac occasione nobis facieudum esse, nt statum 
civitatis Lipsiae, pront in praesenti miseria est, sub aspectum R.ae 
V.rae Majestatis bnmillime nunc locai'emus. Equidem si retrü spectemus 
ad illa tempora, quibus in deditionem vestrarum copiarum concessit 
Lipsia, tiun oportuit, ut datis centum et qiiiuquagiuta mille Joachinü- 
cis res suas redimeret, qu("i railites ä populatione cohiberentiu' : quod 
ipsum redemptionis pretiuui tantuui nou enecabat civitatem, utpote 
jampridem diutimiä belli calamitate annos aliquammultos exhaustam, 
Sed eheu in quantos incolanim snmptüs progressa deinceps sunt R.^'e 
V.rae Majestatis hie posita praesidia! Excurrunt euim sumptus illi 
quater centena et vicies novies millena Joachimicorum , quos civitas 
ä menseDeeembri Anno supra millesimum sexcentesimum quadragesimo 
secundo usque ad ultimum Januarii hujus anni in numeratä pecunia 
exsolvit, prout adjecta scheda literä A notata singulos suo nomine 
designat, Unde prob dolor! factum, ut magna incolarum parte ad 
incitas redactä, caeteris pancioribus praesidia sustentandi onus accre- 
verit, qui tarnen profectO non ita sunt firmi ab opibus, ut tantis im- 
pendiis diutius respondere queant, praesertim cursu negotiationum 
et mercatuum, quibus hoc emporium auimatur, in tantum hactenus 
impedito. Vertunt itaque solum negotiatores , deplorant donuis suas 
tril)utarias viduae ac pupilli, et tam graves tributorum militarium 
exactiones queruntur omnes, quin et virium nostrarum haud esse, ut 
posthac ad hodiernum contriliuendi luodum pergamus, attestatur ipsa 
veritas, Adeü scilicet ob diuturna illa tiibuta res civitatis istius sunt 
affectae, ut parietinae quam civitati louge siut similiores. 

Cum igitui-, ü Regina et Heroina christianissima! R.'^e V.iae 
Majestatis auxilium nos intoleraliili hac tiibutorum gravitate unice 
levare queat: Eapropter singulari gratiä et favore, quem literae Ma- 
jestatis vestrae in frontispicio poliicentur, freti non duliitamus ad 
R.ae V.rae Majestatis clementiam confugere, humillime exobsecrantes, 
ut si quid Augustanae Confessioni addictorum, si quid Academiae, 
si quid denique civitatis hujus couservandae causa velit, tributum 
illud trium millium Joachimicorum, quod hactenus praesidiis vestris 
ä civitate in singulos menses fuit conferendum. Regia manu sublevare 
ne gravetur. utque posthac ultra id, quod R.» V.i"» Majestas ad mi- 
norem tributi summam redegerit. civitati nihil amplius ä praesidiis 
imponatur. Dens ter Opt. Max. R.''"> Yjam Majestatem diu salvam 
])raestet et florentissimam I id quod ardenti votorum cousensu precamur, 
Lipsiae ad diem 18. Februarii Ao. I(i48. 

R.ae v.rae Majcstati sulijectissimä devotione Senatus 
Lipsiensis. Johannes Zeithopf concepit. 

Serenissimae et Potentissimae Principi ac Domiuae, Dominae 
Cliristinae, Suecorum, Gothorum Vaudalorumque designatae 
Reginae et Principi haereditariae, Magnae Ducatüs Fin- 
landiae Principi, Esthoniae et Careliae Duci, Ingriaeque 
Dominae etc. Reginae et Domiuae nostrae clementissimae. 

A. 

Königl. Schwed. coutribution vom monat Decembri Ao. 1642 bis 
ultimo Januarii Ao. 1648 ist bezahlt . . 199 180. — — 

Glockengelder 4 000. — — 

Ran^ion 1.50 000. — — 

Servifs undt Tafelgelder der hohen Officirer . . 24158. 21. 6. 



346 Kleinere Mitteilungeu. 

Dem Greneral statt vor selbige Einquartirimg . 2 000. — — 

Königl. Schwed. fuhren, so man bezahlen müssen 1;}364. 13. — 

Soldaten Speifsung i 294. — — 

Commis Koni 2 981. — — 

Fortification- undt baukosteu 25 557. 3. — 

Servifs denen in den Zwingern einlogierten Sol- 
daten 2 429. — — 

Liechteiif alle Wachen in den postennndt Zwingern 8 053. 3. — 



Summa 429 017. 16. 6. 
Vom monat Februario bis ultimo 
Julii Ao. 1648 fernem contri- 
bution . . ■ 18 000. 

447 017. 16. 6. 

4. Die älteste Schulordnung der Kreuzscliule 

zu Dresden. 

Mitgeteilt von H. Er misch. 

Ein 1404 angelegtes Stadtbuch von Dresden, das ich 
vor kurzem unter an das Dresdner Hauptstaatsarcliiv 
abgegel)enen Akten des hiesigen Amtsgerichts fand und 
demnächst in den „Dresdner Geschichtsblättern" ein- 
gehender besprechen will, enthält auf Bl. 51 ein Schrift- 
stück, das wohl als das wichtigste Dokument zur mittel- 
alterlichen Schulgeschichte Dresdens, ja vielleicht Sachsens 
bezeichnet werden muls und daher verdient, so bald als 
möglich der Forschung zugänglich gemacht zu werden. 

Es ist eine um 1413 niedergeschriebene Schulordnung 
der Dresdner Kreuzschule. Die Zeit ergiebt sich daraus, 
dafs als ihr Verfasser ein Magister Nicolaus Thirmann 
erscheint, von dem wir wissen, dals er in den Jahren 
1413 — ^1424 das Amt eines Stadtschreibers in Dresden be- 
kleidete^) ; als Rektor der Kreuzschule war er der Nachfolger 
des Meister Peter, d. h. jenes bekannten Peter von Dresden, 
der um 1412 oder 1413 wegen ketzerischer Lehren aus 
der Diücese Meilsen ausgewiesen wurde, dann in Prag 
während der hussitischen Bewegung eine noch nicht völlig 
klargestellte Rolle spielte und 1421 auf dem Scheiterhaufen 
endete-). Thirmann übernahm also die Leitung der Stadt- 
schule offenbar gleichzeitig mit dem Stadtschreiberamte ■^); 
er behielt sie wohl nur bis 1418, wenigstens sandte damals 

') Vergl. ßichter, Verfassungsgesch. der Stadt Dresden S. 378 
-) Vergl. Meltzer, Die Kreuzselmle zu Dresden bis zur Ein- 
führung der Reformation (Dresden 1886), S. 33 ff. 54 ff'. 

^) Beispiele für die Verbindung beider Ämters in dieser Zeit- 
schrift X, 91. 



Kleinere Mitteilungen. 347 

der Dresdner Rat einen Boten an den Bischof zu Meilsen 
„umbe den miwen schulmeistir". Jedenfalls fällt unsere 
Ordnung in die erste Zeit von Tliirmanns Rektorat und ist 
somit älter als die Bautzner Schulordnung von 1418, die 
bisher für die älteste sächsische Schulordnung galt*). 

Ihr Inhalt betrifft zwar nui' die Einkünfte der ein- 
zelnen Lehrer, eröffnet uns aber eine Reihe höchst inter- 
essanter Einblicke in die Gescliichte des mittelalterlichen 
Unterrichtswesens. Mit Rücksicht auf den Raum müssen 
wir uns leider darauf beschränken, lediglich den Wortlaut 
mitzuteilen, und die Erläuterung und wissenschaftliche 
Verwertung der Ordnung Berufeneren überlassen. 

Also pflegit man is zu halden in der schule zu Dresden, 

Des Schulemeisters lone. Ein iezlich virteil iars II gr. 
von iezliehem burgers sone, der habende ist. Item zu pfingsten, 
Michaelis, Wynachten und Ostern ufstribeheller von iezliehem II heller. 
Item Martini, Blasii, Philippi, Bartholomei lafsheller von iezliehem 
II heller. Item vor keniheller uf Margarete von den riehen VI hel- 
ler, item von den armen III heller. Item vor holcz II gr. Item 
meteheller der had man nicht genoraen bie magistro Nicoiao Thirraan. 

Der locaten lone. Item iezlich virtil iars von deme riehen 
I gr. Item y obir III wochin von deme riehen II heller, pauper 
[nihil?]. Item sangkheller super festum Katheriue von iezliehem 
i gr. Item zum uuwen iare von iezliehem riehen I gr. Item so 
vil zum iarmargkte sive Johannis baptiste. Item super festum 
puriticaeionis luchteheller von deme riehen II heller, item von den 
armen I heller. Item vor deme anhebin der buchere, die nicht 
buchere wider die locaten köuffen. Item von der regil I gr. Item 
vom Donat II gr. Item von deme prima parte II gr. Item von 
deme alphabeth I gr. 

Des signatoris lone. Item iezlich virtil iars VI heller 
von deme riehen. Item wenn die armen fremden schuler loube bi- 
ten zum ersten in die schule zu gehin IUI heller. Item vor hefs- 
heller von deme riehen IUI heller, von deme armen II heller. 

Also ist is gehalden bie meister Peter und allen mynen vor- 
farn, als ichs eigintlich undirricht bin, und sal ouch also bie mir 
magistro Nicoiao Thirmanue gehalden werden. 

Umbe den past, als man is ouch bie meister Peter und andern 
gehalden had. Item zum ersten die schulere, die alleyne hören 
primam partem und secundam, sie weren rieh adir arm, die gehin 
keynen andern past dann in dryen wochen der riebe II hl., die 
armen I hl. Dieselbin musten messen und vespere an den wergke- 
tageu singen und zu chore gehen. Item die schulere, die lecciones 
in loyca boren imd exercicia habin in loycalibus, die pflegen zu gebin 
V gr. y das halbe iare. Item die lecciones in philosophia hören und 
exercicia doriune habiu, die gebin VII gr. Item gramatici, die obir 
primam und secundam partes andere grosse und cleyne gramaticalia 
und exercicia hören, die gebin II gr. 

■*) Vergl. diese Schulordnung, die viele Parallelen bietet, bei 
Job. Müller, Vor- und frühreformatorische Schulordnungen und 
Schulverträge 1 (Zschopau 188.5). 38 ff. 



Litteratiir. 



Die staatsiecütlicüe Stellung- des Königlich Säclisisclion Mark- 
L'rafentnnis Oberlausitz. Von Max, Herzog zu Sachsen, Doktor 
heider Rechte. Leipzig (1892). 5 Ell. 60 SS. 8'^. 

Unter den mainiigfaclien verwiclielten Fragen, die das weiland 
heilige Römische Reich deutscher Nation dem Scharfsinn der neueren 
Staatsrechtskundigen als Erbteil hinterlassen, hat der hohe Herr 
Verfasser der vorliegenden Arbeit wohl eine der schwierigsten, jeden- 
falls aber eine der interessantesten zum Gegenstande seiner juristischen 
Doktordissertation gewählt. Die staatsrechtlichen Eigentümlichkeiten 
der Oberlausitz sind schon wiederholt Gegenstand der wissenschaft- 
lichen wie der diplomatischen Erörterung gewesen, ohne dafs bisher 
ein eigentlicher Abschluls erreicht worden wäre; die Frage einem 
solchen näher geführt zu haben, ist ein unzweifelhaftes Verdienst der 
klar und überzeugend geschriebenen Arbeit. Die Würdigung ihres 
Hauptinhalts, der staatsrechtlichen Schlüsse, die aus dem mit kriti- 
schem Verständnis zusammengestellten Material gezogen werden, 
müssen wir freilich den Juristen überlassen. Allein nur aus der 
geschichtlichen Entwicklung heraus sind Rechtsfragen wie die vor- 
liegende zu verstehen, und es ist daher begreiflich, wenn die „historische 
Einleitung" fast die ganze erste Hälfte des Buches in Anspruch 
nimmt. Somit können wir das Werkchen auch als einen Beitrag zur 
vaterländischen Geschichte willkommen heifsen, und als solchen ditrfen 
wir es an dieser Stelle etwas näher beleuchten. 

Noch jetzt bildet die Grundlage für die staatsrechtliche Stellung 
der Oberlaüsitz der Traditionsrezefs vom 30. Mai 16a5,..und von 
ihm geht der hohe Verfasser daher nach einem kurzen Überblicke 
ülier die älteren Schicksale der Lande aus. Diu-ch diesen Rezefs 
wurde bekanntlich die seit 1355 der Krone Böhmen inkorporierte 
Oberlaüsitz an das Kurhaus Sachsen abgetreten; Böhmen behielt 
nm- eine Oberlehnsherrlichkeit, welche die Landeshoheit der Wettiner 
nicht fühlliar beschränkte, ein Wiedereinlösungsrecht bei Aussterben 
des albertinischen (und des inzwischen ausgestorbenen herzoglich alten- 
burgischen) Mannesstammes und ein Heimfallsrecht für den Fall des 
Abgangs aller Erbberechtigten. Dagegen verpflichtete sich der 
Kurfürst, die katholische Geistlichkeit, das Bautzuer Domstift und 
die beiden Klöster bei ihren Rechten (insViesondere der Exemtion von 
aller weltlichen Gerichtsltarkeit) zu erhalten, auch das oberste jus 
protectionis der Krone Böhmen über jene nicht anzutasten, überhaupt 
in Religionssachen beider Konfessionen keine Neuerungen vorzu- 



Litteratur. 349 

nehmen, endlich die Stände bei ihren alten Rechten zw 
lassen und nur mit ihrer Zustimmung Verfassungsän- 
derungen zu bewirken. Diese letztere Bestimmung erscheint 
als die wichtigste; sie bildet die „Gewähr der Oberlausitzer Ver- 
fassung". 

Wie sich auf Grund dieser Abmachungen die Verfassung der Ober- 
lausitz in den beiden folgenden Jahrhunderten gestaltete, entwickelt 
der zweite Paragraph. Das Verhältnis der Oberlausitz zu den übrigen 
kursächsischen Landen läfst sich nicht durch einen modernen Begriff, 
etwa durch den der Personalunion, bezeichnen; „unsere heutigen 
logischen Konstruktionen des Staates versagen, wenn wir mit ihnen 
diese Rechtszustände alter Zeit erfassen wollen." Die Person des 
Herrschers war es, was das bunt zusammengesetzte Staatsgebilde 
zusammenhielt; die Oberlausitz war ein Teil dieses Staatsgebildes 
wie andere, sie wird gelegentlich geradezu als Provinz bezeichnet; 
sicher darf sie nicht als ein Staat für sich augesehen werden. Aber 
die Landesherrlichkeit war hier beschränkt namentlich durch weit- 
gehende Rechte der Stände, deren Verfassung und Organisation ein- 
gehend dargelegt wird. Was das Recht der Gesetzgebung anlangt, 
so hat dies im allgemeinen der Markgraf, und lediglich bei ihm steht 
es, bei welchen wichtigen Sachen er die Stände fragen will ; dagegen 
müssen diese gefragt werden bei Verfassungsänderungen und haben 
ferner ein weitgehendes Steuerbewilligungsrecht, das ja überall die 
Wurzel des ständischen Einflusses bildet. Auch erlassen in imieren 
Angelegenheiten die Landtage selbst gesetzliche Bestimmungen, die 
nur ausnahmsweise der landesherrlichen Genehmigung bedürfen. Sehr 
bedeutend ist der Einflufs der Stände auf Justiz und Verwaltung. 
Zwar ist der Landvogt, der als Statthalter und Vertreter des Landes- 
herrn die letzte Instanz bildete, ein durchaus landesherrlicher Beamter; 
aber schon das neben ihm stehende Oberamt, die wichtigste kollegiale 
I?ehörde der Oberlausitz, trägt einen fast rein ständischen Charakter. 
Für die beiden Amtshauptleute haben die Stände das Vorschlags- 
recht; auch die „Ämter" und „Hofgerichte" sind ständisch. Endlich 
wird auch der mit der Wahrnehmung der landesherrlichen Finanzen 
beauftragte Landeshauptmann nach dem Vorschlage der Stände ge- 
wählt. — Bei Einführung der konstitutionellen Verfassung Sachsens 
(1831) wurden Mittel und Wege gefunden, der Oberlausitz ihre Be- 
sonderheiten zu erhalten. Immerhin bedeutet der Vertrag vom 
17. November 1834 über „die durch Anwendung der Verfassung des 
Königreiches Sachsen auf die Oberlausitz bedingte Modifikation der 
Partieularverfassung dieser Provinz" die völlige Verschmelzung der 
Oberlausitz mit Sachsen. Auf die vielerörterte Frage, ob die (Jber- 
lehnsherrlichkeit Böhmens, die ja einer solchen Inkorporation im 
Wege gestanden hätte, damals noch fortbestand, geht der hohe Ver- 
fasser nicht näher ein; mit Recht bemerkt er, dafs sie so lange 
keine praktische Bedeutung halte, als die Verbindung der Oberlausitz 
mit den andern sächsischen Landen faktisch bestehe, und dafs vollends 
seit dem Beitritt Sachsens zum norddeutschen Bunde von einer aus- 
wärtigen Lehnsherrlichkeit über einen Teil Sachsens nicht mehr die 
Rede sein könne. 

Für die staatsrechtliche Praxis ist der zweite Teil der Schrift 
ohne Zweifel noch wichtiger und interessanter als der erste. Er 
stellt die heutige staatsrechtliche Stellung der Oberlausitz dar. 
Die Grundlage derselben bilden die schon erwähnte Urkunde vom 
17. Nov. 1834 und das unter demselben Datum genehmigte provinzial- 



350 Litteratur. 

ständische Statut. Diese beiden Fi;ndaraente der oberlausitzer Par- 
tikularverfassung werden ihrem Hauptinhalte nach mit eingehendem 
Verständnis und in höchst anregender Weise besprochen; was das 
erstere anlangt, so waren vor allem die Bestimmungen über Gesetz- 
gelmng, Behördenorganisation und Finanzen und die besonderen Ein- 
richtungen der Oberlausitz zu behandeln, während an der Haud des 
Statuts die Zusammensetzung der Provinzialstände, ihre Rechte und 
deren Ausübung dargestellt werden. Ein folgender Abschnitt stellt 
die Veränderungen zusammen, welche die Verfassung seitdem er- 
fahren hat. Vor allem beachtenswert und vielleicht als Glanzpunkt 
des ganzen Werkchens zu bezeichnen ist die scharfsinnige und 
selbständige Ausführung ül)er die durch die Verfassung vom Jahre 
1834 noch gewahrte Successionsordnung ; der hohe Verfasser vertritt 
die Ansicht, dafs das oben erwähnte Wiedereinlösungs- und Heim- 
fallsrecht Österreichs durch dessen in Art. 4 und 6 des Prager Friedens 
enthaltenen stillschweigenden Verzicht als erloschen anzusehen sei; 
auch die Succession der Descendenz der Töcliter Johann Georgs I. 
(die beim Erlöschen des Mannesstammes der albertinischen Linie 
eintreten würde), d..h. der Häuser Darmstadt, Eufsland und Olden- 
burg, sei ohne eine Änderung der Reichsverfassung unmöglich, da sie 
die Gründung eines besonderen Staats Oberlausitz voraussetzen 
würde, während die Reichsverfassung nicht ausdrücklich, aber indirekt 
die Mitgliederzahl von 25 Staaten als eine verfassungsrechtlich not- 
wendige hinstelle. — In einem. „Schlufsfazit" giebt der hohe Verfasser 
schliefslich nochmals einen Überblick über alle Eigentümlichkeiten 
der oberlausitzischen Verfassimg und beantwortet dann die Frage, 
unter welchen staatsrechtlichen Begriff ein Land falle, das eine solche 
Sonderstellung einnehme •, das Ergebnis der weitausholenden und von 
reifem Urteil zeugenden Ausführung, auf die wir im einzelnen nicht 
näher eingehen können, ist, dafs die Oberlausitz lediglich als ein Teil 
von Sachsen (nicht etwa als ein Staatswesen für sich) und zwar als 
„eine mit Selbstverwaltungsbefugnissen ausgestattete Kommune", als 
eine, wenn auch besonders bevorzugte „Provinz" anzusehen sei. 

Möchte der hohe Herr Verfasser für die vaterländische Staats- 
und Rechtsgeschichte auch fernerhin das nämliche Literesse und 
das gleiche feine Verständnis bewahren, wie es das uns vorliegende 
Schriftchen verrät, dem unter den juristischen Dissertationen der 
Universität wie unter den neueren Arbeiten zur Geschichte der Ober- 
lausitz ohne Frage eine Ehrenstelle gebührt. 

Dresden. H. Ermisch. 



Johann Hoffmann, der nachmalige Bischof Johann IV. von Meifsen. 
Seine Wirksamkeit anden Universitäten Pragund Leipzig. Inaugural- 
Dissertatiou der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig 
zur Erlangung der Doktorwürde vorgelegt von Ricliard Becker. 
Leipzig, Fock. 1891. 59 SS. S". 

Unter den meifsnischen Bischöfen des 15. Jahrhunderts gehört 
Johann IV. Hofihiann zu den thätigsten und geistig bedeutendsten ; 
eine eingehendere Behandlung seines Lebens, für die Material genug 
vorhanden ist, würde jedenfalls eine lohnende Aufgabe sein, da der 
betreffende Abschnitt in Machatscheks Geschichte der Bischöfe des 
Hochstifts Meifsen nicht als genügend gelten kann. Als Vorläufer 
einer solchen Arbeit heifsen wir die vorliegende ansprechend ge- 



Litteratur. 351 

schriebene Dissertation willkommen; sie stellt die Nachrichten über 
Hoffraanus Leben bis zu seiner Bischofswahl fleifsig und mit ver- 
ständiger Kritik zusammen. Das Material war nicht allzu ergiebig; 
immerhin gab es Gelegenheit, manchen oft nachgescluiebenen Irrtum 
zu widerlegen. Für die Prager Zeit Hoffmanns boten dem Yerfasser 
die in den Monumenta Univ. Prag, veröffentlichten Quellen genügende 
Anhaltspunkte. Um 1394 hatte Hoffmann die Universität Prag be- 
zogen und dort nacheinander die akademischen Grade des Bacca- 
laureus, Licentiaten und Magisters der Artistenfakultät erlangt; 1408 
war er Dekan derselben. Den Grad eines Doktor der Theologie hat 
er sich in Prag nicht erworben. Für die Begründung eines Kollegs 
der polnischen Nation erwarb er 1406 vom Kloster Grüssau das 
Dorf Grofs-Tinz und eine Präbende an der KoUegiatkirche in Liegnitz ; 
es hätte sich vielleicht gelohnt, hierfür auch in Schlesien nach urkund- 
lichen Nachrichten Umschau zu halten, zumal jene Dotation auch 
für die Geschichte der Universität Leipzig von Wichtigkeit ist: 
erst die Stiftung des Collegium Beatae Virginis in Leipzig ver- 
wirklichte den Plan Hoffmanns. Die Prager Vorgänge des Jahres 
1409 und ihre Folge, die Begründung der Universität Leipzig, sind 
oft behandelt worden; immerhin gelingt es dem Verfasser, auch in 
dieser Hinsicht auf einige neue Gesichtspunkte hinzuweisen : er be- 
streitet, dafs eine eigentliche Übersiedelung der Prager nach Leipzig 
stattgefunden habe; vielmehr zerstreuten sich die Ausgewanderten 
anfangs, um sich erst einige Monate später in Leipzig wieder zu- 
sammenzufinden. Über den Auteil Hoffmanns an der Gründung der 
Universität, der in der späteren Tradition eine gewisse Rolle spielt, 
wissen die ältesten Quellen nichts zu berichten; um so mehr erfahren 
wir über die segensreiche Thätigkeit, die Hoffmann in der Folge, 
namentlich während seines Rektorats 1413/14, entfaltet hat. Er selbst 
berichtet darüber im sog. „Rationarius fisci" des Universitätsarchivs, 
in dem sich 4 Seiten von seiner Hand finden; was davon bisher noch 
unbekannt war, druckt Becker im Anhange ab. Für die nächsten 
Jahre ist namentlich die Begründung des Kollegs Unserer Lieben 
Frau (1422) von Bedeutung. Schliefslich geht der Verfasser auf die 
litterarische Thätigkeit Hoftmanns, namentlich auf seinen in mehreren 
Handschriften erhaltenen „Tractatus contra communionem laicorum sub 
utraque specie", in welchem er die hussitisch-wicleffitischen Lehren zu 
widerlegen suchte, näher ein. Diese seine Stellung als Bekämpfer 
der eben damals auch Meifsen bedrohenden Ketzer war es wohl haupt- 
sächlich, was seine Wahl zum Bischof von Meifsen (6. Juni 1427) 
veranlafst hat. 

Dresden. H. Er misch. 



Der Luxemburger Erb folgestreit iu deu Jalireu 1438— 1M3 von 
Frit/ Richter. Trier, Fr. Lintz. 1889. 73 SS. 8». 

Das Leben Herzog Wilhelms IIL von Sachsen war erfüllt von 
kriegerischen Unternehmungen; am bekanntesten sind die Kämpfe mit 
seinem Bruder Friedrich IL, Bachmarms Aufsatz und Hansens Ver- 
öffentlichungen haben seinen Anteil an der Soester Fehde klar gelegt, 
Richter behandelt nun in seiner Leipziger Doktordissertation die früheren 
Kämpfe, an denen er seiner Jugend halber zwar nicht persönlich Teil 
nahm, die aber doch in seinem Namen geführt wurden: die um den Be- 
sitz Luxemburgs, worauf ihm die Mitgift seiner Gemahlin Anna ver- 



352 Litter atur. 

sclirieben war, der Tochter König Albreclits II. und der Elisabeth, 
die als Tochter Siegmunds, des letzten Luxemburgers, darauf An- 
spruch hatte. Luxemburg besass aber Elisabeth, die Tochter von 
Siegmunds Bruder Johann von Görlitz , der es von Wenzel und 
Siegmund pfandweise bis zur Bezahlung ihrer Mitgift überwiesen 
war. Verfasser schildert sorgfältig alle Anstrengungen, die die 
sächsische Feder und das sächsische Schwert machten, um trotz der 
(iegenbestrebungen des Bui-gunderherzogs Philipp den Besitz des 
Landes zu erlangen und zu behalten. Da aber aus dem wirtschaft- 
lich ziemlich wertlosen Lande — die Mehrzahl der Einkünfte war 
veräufsert — und auch aus den wettinischeu Erblandeu keine ge- 
nügende Unterstützung zu beschaffen war, sah sich Wilhelm nach 
vierjährigen Verhandlungen und Kämpfen, zumal im November. 1443 
sein Hauptstützpunkt, die Stadt Luxemburg selbst, durch Über- 
raschung in burgundische Hand gefallen war, im Dezember genötigt, 
gegen eine Abfindungssumme das Herzogtum au Philipp zu über- 
lassen. Als Lücke empfindet man , dafs R. keinen Versuch macht 
zu erklären, wie es kommt, das sächsischerseits den mehrfach gar 
nicht ungünstigen Bedingungen und Verpflichtungen für die beab- 
sichtigte Besitzergreifung nicht Folge geleistet wurde. Die Schuld 
liegt da nicht etwa in einer auffälligen Unpünktlichkeit oder Nach- 
lässigkeit der sächsischen Fürsten, sondern in der finanziellen Un- 
möglichkeit, die nötigen Summen rechtzeitig aufzubringen. Dies mit 
einigen Austührungen zu begründen, wäre Pflicht des Verfassers 
gewesen. Er hätte da hinweisen müssen auf die schweren Schädi- 
gungen, welche die hussitischen Einfälle über die wettinischeu Lande 
gebracht hatten, auf die nicht unbedeutenden Zahlungen, die 1440 
von den Herzögen den Burggrafen von Meifsen als Entschädigung 
für Frauenstein und andere Besitzungen nach vorausgehender Fehde 
gezahlt waren, ferner auf ihr feindliches Verhältnis zu Brandenburg, 
mit dem mehrfache Streitpunkte bestanden (wegen ihres Bruders, 
des Bischofs Siegmund von Würzburg, und wegen ihrer Bestrebungen 
nach Ausbreitung ihrer Herrschaft in der Niederlausitz); schlieislich 
hatten sie 1442 auch noch Zwistigkeiten mit dem Grafen von Eein- 
stein, die sie zu beträchtlichen Ausgaben für Sold und Ausrüstung 
nötigten (s. Gesamtarchiv Weimar). Doch im allgemeinen ist die 
Schrift als Beitrag zur mittelalterlichen sächsischen Geschichte mit 
Freuden zu begrüfsen. Hoffentlich stellt der Verfasser auch die 
späteren Beziehungen Wilhelms zu Luxemburg 1458 folg. dar, 
die zwar von N. van Werveke behandelt sind, für die sich aber aus 
Dresdner archivalischem Material noch mancher Aufschlufs gewinnen 
läfst, wie Referent in einem kleinen Aufsatz in diesem Bande des 
N. A. f. S. G. gezeigt hat. 

Dresden. W o 1 d. L i p p e r t 



Maxiiniliaus Wahl zum römischen Könige 1502. Mit besonderer 
Berücksichtigung der Politik Kursachsens. Von Dr. Walter (xoetz. 
Würzburg, Beckers Universitätsbuchdruckerei. 1891. 207 SS. 8'^. 

Obgleich für die beiden Kurfürstentage von 1562 und 1575 schon 
beachtenswerte Publikationen vorlagen, fehlte es bisher an Dar- 
stellungen. Die neue Arbeit füllt daher eine empfindliche Lücke 
aus, zumal sie nicht blos Aktenexzerpte reproduziert, sondern den 
Stoft geistig verarbeitet", sie gehört zu den besten Abhandlungen, 



Litteratur. 353 

welche in den letzten Jahren ans Maurenhrechers reformations- 
geschichtlicheiü Seminare hervorgegangen sinrl. 

Goetz begnügt sich nicht mit einer Darstellnng des Kurfnrsten- 
tags und seiner unmittelbaren Vorverhandlungen, sondern verfolgt 
Maximilians Leben bis 1550 zurück. Denn gerade die Persönlichkeit 
dieses Fürsten veileiht der Wahl ihre wesentliche Bedeutung. Aller- 
dings verwirft G. die längst aufgegebene apologetische Tendenz 
Rankes, und ich glaube, man kann in der Kritik des Mannes noch 
erheblich weiter gehen als Götz und die neueren Historiker über- 
haupt. Soweit meine bisherigen Studien ein abschliefsendes Urteil 
gestatten, komme ich zur Annahme, dafs Maximilian unter seinem 
Vater eine ähnliche Stellung erstrebte, wie sie dieser selbst während 
der Regierung Karls V. einnahm; daran war 1555 und 1556 mehrfach 
gedacht worden. Als Maximilians Hoffaungen sich nicht erfüllten, 
entschädigte er sich durch ein Haschen nach Popularität und durch 
U'igescheute Kritik. Hierdurch verstärkte sich seine schon seit den 
Suocessionsplänen Philipps II vorhandene Neigung znm Protestan- 
tismus oder richtiger zu einigen protestantischen Reichsständen, von 
welchen er eine Befriedigung seiner Wünsche erwartete. Denn dieser 
Annäherung lagen auf seiner Seite keine religiösen Motive zu Grunde ; 
seine kirchliche Opposition ist nur ein Teil der Gegnerschaft, die 
Maximilian gegen seinen Vater und., dessen Ratgeber überhaupt be- 
obachtet hat und durch die er dem Arger über seine Zurücksetzung- 
Luft machte. Als Kaiser hat er später nicht daran gedacht, die 
betreffenden Minister zu entlassen oder die von ihm gerügten kirch- 
lichen und politischen Verhältnisse zu ändern. Es blieb alles beim 
alten, aufser dafs vielleicht die organisatorische und gesetzgeberische 
Fruchtbarkeit, welche die Regierung Ferdinands auszeichnet, ufer- 
losen Plänen wich. 

Freilich die Intimität Maximilians mit den Protestanten gehörte 
schon 1562 der Vergangenheit an. August von Sachsen war ein viel 
zu nüchterner Politiker, um die Freundschaft mit dem Vater einer 
unsicheren Zukunft zu opfern. Auch bedurfte er Ferdinands wegen 
der weimarischen Herzöge und einer dänisch-österreichischen Heirats- 
verbindung. Deshalb hütete er sich, auf die Intentionen Maximilians 
weiter einzugehen, als sich mit seinen gegenwärtigen Interessen 
vertrug. Andererseits befürchtete der Habsburger, durch eine allzu 
protestantische Haltung seine Aussichten auf den Kaiserthron ein- 
zubüfsen, und diese Rücksicht bestimmte ihn einzulenken. 

Was die damaligen Kurfürsten betriftt, so erfahren wir über 
Oie Geistlichen verhältnismäfsig wenig. Es ist dies einer der wenigen 
Punkte der Arbeit, für die, wie icli glaube, durch eindringendes Studium 
noch ein weiterer Fortschritt möglich ist. Goetz teilt uns nur auf 
Grund der Bescheide, welche die Kurfürsten den kaiserlichen Ge- 
sandten gaben, mit, dafs der Kölner sehr bereitwillig auf die Wahl 
einging, dafs der Trierer sehr reserviert blieb, während der Mainzer 
in der Mitte stand, im allgemeinen aber wohlwollte. Die Gründe 
dieses verschiedenen Verhaltens scheinen mir noch nicht genügend 
aufgeklärt. Alsdann berichtet uns Goetz, wesentlich auf Grund der 
deutschen Religionsakten des Münchner Reichsarchivs, über die Ga- 
rantieen, welche sicli die geistlichen Kurfürsten für die katholische 
Haltung des Kandidaten zu verschaffen wulsten. 

Die weltlichen Kurfürsten gingen in ihren Ansichten noch 
Aveiter auseinander als die geistlichen. Der Hauptgegner Maximilians 
war Kurfürst Friedrich von der Pfalz. Schon Ritter hat (in v. Webers 

Neues Archiv f. S. 0. n. A, XIIT. .3. 4. 23 



354 Litteratur. 

Archiv für die Sächsische Geschichte Neue Folge V) darauf hin- 
gewiesen , dafs derselbe ein Interregnum bezweckt hat. Auch 
Goetz erwähnt S. 126 Anmerkung 3 diese Absicht des Pfälzers und 
spricht im Texte derselben Seite von der reichsrechtlichen Bedeutung 
einer Vakanz. Aher er verzeichnet beides nur als Gerücht, die 
politische Konsequenz zieht wieder er noch Ritter. In Wahrheit 
ist unter allen Kurfürsten Friedrich der am meisten zielhewuCste 
und am deutlichsten erkennbare. Während seiner ganzen Regierung 
ist er der entschiedenste Gegner der habsburgischen Pläne , nament- 
lich der Türkeukontributioneu, in denen er eine Belastung der Stände 
zu einseitigen Gunsten Österreichs erblickt. Andererseits scheut 
er sich nicht, in seinem Gebiete die neue Lehre rücksichtslos durch- 
zuführen und es auf Konflikte mit den benachbarten geistlichen 
Fürsten ankommen zu lassen. Diese finden ihrerseits wieder beim 
Kaiser ein geneigteres Entgegenkommen als der Pfälzer, der durch 
seinen Anspruch auf allgemeine Religionsfreiheit aller Deutschen die 
Existenz der katholischen Kirche im Reiche bedrohte. Alle diese 
Gründe machten Friedrich zu einem Widersacher der österreichischen 
Erbfolge. Dieses Ziel konnte er aber leichter erreichen, wenn erst 
der Kaiserthron erledigt war. Denn dann wurden Sachsen und Pfalz 
Reichsvikare, das Reich kam damit in protestantische Hände, am 
Heidelberger Hofe wurde als höchster Gerichtshof für die Länder 
fiänkischen Rechts ein Reichsvikariatsgericht errichtet, das in Zu- 
sammensetzung und Rechtsprechung ganz von Friedrich abhing und 
für die Beurteilung seiner Säkularisationen ein günstiges Präjudiz 
schaffen konnte. W^enn erst alle diese Momente eingetreten gewesen 
wären, dann hätten die geistlichen Kurfürsten sich für die pfälzischen 
Pläne voraussichtlich gefügiger erwiesen, als jetzt während der Re- 
gierung eines katholischen Kaisers. 

Dafs Friedricli nicht durchdrang, war wesentlich die Wirksam- 
keit Augusts und Joachims'). Auch zwischen diesen beiden besteht 
noch insofern ein Unterschied, als ersterer eine mehr vorsichtig 
abwartende Haltung eingenommen, der Brandenburger dagegen viel- 
leicht auf Veranlassung seines Bruders, des Markgrafen Hans von 
Küstrin, die Wahl Maximilians bei Ferdinand erst angeregt und 
später nach Kräften befördert hat. Auch benutzten beide Kurfürsten 
die Gelegenheit, um ihre mit einander vielfach konkurrierenden 
Pi ivatanliegen vorzutragen. Aber im grofsen und ganzen gehen 
Sachsen und Brandenburg zusammen. Zur Beleuchtung ihrer Politik 
dient ein Aktenstück vom 18. Juni 1557 (Berliner Archiv X Dd.). 
Damals berieten zu Dresden die sächsischen und brandenburgischen 
Räte über die bevorstehende Resignation Karls V. und kamen zu 
einem Vergleiche, welcher der Anlals zur Erneuerung der Kurfürsten- 
einung geworden ist. Sie hielten die Berufung Ferdinands für not- 
wendig, um der Rückkehr Karls und der Verwicklung des Reichs 
in die spanischen Kriegshändel vorzubeugen; sie vei laugten ferner 
die Verpflichtung des neuen Herrschers auf den Religions- und Land- 
frieden. Die gleichen Gesichtspunkte haben August und Joachim 
1562 bei der Wahl Maximilians beherrscht. Es galt den Ausschlufs 
des Königs von Spanien und es galt die Wahl eines Mannes, der 



*) Was ich über diese beiden hier sage, ist ein Auszug aus 
den Goetzschen Ausführungen mit Ausnahme der Folgerungen, welche 
ich an das Goetz uul)ekannte Berliner Aktenstück anknüpfe. 



Litteratur. 355 

für die Aufrechterluiltuiig des damaligen Zustandes und der Reform- 
gesetze Garautieen bot. 

Goetz bespricht dami die Haltung der Herzöge von Baiern nnd 
\yürttemberg und des Landgrafen von Hessen. Doch kann ich mir 
ein weiteres Eingehen auf seine Ergebnisse um so eher versagen, 
als ich zu denselben voraussichtlich bald in eigenen litterarischen 
Arbeiten Gelegenheit haben werde, Stellung zu nelimen. 

Dresden. Gustav Wolf. 



Übersicht 

über neuerdings erschienene Schriften und Aufsätze zur 

sächsischen Geschichte und Altertumskunde. 



Max, Herzog zu Sachsen. Die staatsrechtliche Stellung des König- 
lich Sächsischen Markgrafentums Oberlausitz. Leipzig. (1892). 
5 Bll. ()ü SS. 80. 

Achilles, F. E. Die Einführung der Reformation in Leipzig : Phoebe 
(Kalender und Jahrbuch des Diakonissenhauses in Dresden). 
1890. S. 35-71. 

Ärras, P. Das Mönchskloster zu Bautzen : Wöchentliche Beilage zu 
den Bautzner Nachrichten. 1892. No. 29. S. 114-116. 

Bachmann, Adolf. Urkundliche Nachträge zur Österreichisch- 
deutschen Geschichte im Zeitalter Kaiser Friedrichs III. (A. u. 
d. T. : Fontes rerum Austriacarura. Zweite Abth. : Diploraataria 
et Acta. XLVL Bd.) Wien, F. Tempsky (Komm.). 1892. 
XXVIII, 50.3 SS. 8». 

Baiimgärtel. Das Handwerk der Fleischer zu Bautzen: Wöchent- 
liche Beilage zu den Bautzner Nachrichten. 1892. No. 14—19. 

— Peter Preischwitz, der Verräter von Bautzen: elienda No. 30. 

Bergmann, Alivin. Der Heilige des Meifsner Landes und sein 

Tusculum [Briesnitzl: Über Berg und Thal. Jahrg. 15 (1892). 
S. 275-277. >r, K ; 

Blanckmeister, Franz. Kurfürstin Anna Sophie von Sachsen. Eine 
lutherische Bekennerin : Phoebe (Kalender und Jahrbuch des Dia- 
konissenhauses in Dresden). 1890. S. 140—156. 

Bohnstedt, Kurt Geschichtliches der Stadt Treuen i. V. und der 
Rittergüter Treuen ob. und unt. Teils aus dem XVI. und XVII. 
Jahrhundert. Dargestellt auf Grund gutsherrlicher und kirch- 
licher Aufzeichnungen aus der Zeit. (Treuen 1892.) 71 SS. 8". 

Börner, B. Die Erziehungsanstalt für Soldatenkinder in Sachsen 
im vorigen Jahrhunderte: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger 
Zeitung. 1892. No. 41. S. 161f. 

— Aus Sachsens Volksschulen im 18. Jahrhunderte: ebenda No. 109. 
S. 433-^40. 

Buchwald. Bilder aus der Reformationsgeschichte der Stadt Zwickau: 
Phoebe (Kalender und Jahrbuch des Diakonissenhauses in Dresden). 
1890. S. 83—99. 

Collmann , K. F. Reufsische Geschichte. Erster Teil. Das Vogt- 
land im Mittelalter. Greiz, E. Schlemm. 1892. VIII, 134 SS. 8«. 

Distel, Th. Eine Taufe mit Milcli in Kursachsen vor 300 Jahren: 
Deutsche Zeitschrift für Kirchenrecht Bd. I (1891). S. 408f. 

23* 



35G Litteratur. 

Distel, Th. Falsches Aufgebot des eigenen A^aters dmcli einen 
säclisischen Geistlichen (1829): ebenda Bd. II (1892). S. 105—107. 

— Aus fünf theologischen Gutachten wegen eines ehebrecherischen 
Pfarrers als 3Iotive zu der kuisächsischen Konstitution IV., 19. 
Tom 21. April 1572 : ebenda S. 262-274 

— Nachlese über die Neuberin: Vierteljahrsschrift für Litteratur- 
geschichte V (1892). S. 50—53. 

— Der kursächsische Bassist Johann Stunneck: Mouatshefte für 
Musikgesclüchte XXIV (1892). S. 60. 

— Etwas aus der kursächsischeu u. s. w. Jagdchronik : Weidmann 
XXIII (1891/92). S. 214. 

— Kurfürstliche Wildbretspenden für die Gräfin Cossell: ebenda 
S. 226. 

— Ein Jagdabenteuer bei Pillnitz (1723) und etwas über die Schiefs- 
passion des Kurfürsten Friedrich August I. zu Sachsen: ebenda 
S. .395 f. 

— Grausamkeit gegen Hunde in Kiu'sachsen (1588 f): ebenda S. 396. 

— Blautüfse in Kursachsen, zum Hasenfang abgerichtet: ebenda S. 396. 

— Kaiser Joseph II. in Dresden (1766): Dresdner Anzeiger. 1892. 
Xo. 150. S. 33. 

— Das Grab der Tochter des Prinzen Xaver, Beatrix, und das 
Wappen seines Sohnes, Josef: ebenda Xo. 168. S. 22. 

— Eine Statue J. W. Gg. Behrens" in Dresden : ebenda No. 202. S. 20. 

— Nachrichten über ein sächsisches Provinzialtheater (um 1798): 
ebenda No. 228. S. 4. Vergl. Chemnitzer Tageblatt und Anzeiger. 
1892. No. 198. 

— Zu dem [konfiszierten] Pasquille „Dämonion" auf Chemnitz (1798): 
Chemnitzer Tageblatt und Anzeiger. 1892. No. 215. S. 10. 

Falk, F. Der Unterricht des Volkes in den katechetischen Haupt- 
stücken des Mittelalters. Markus von Weida [Leipziger Domi- 
nikaner]: Histor. -politische Blätter für das kathol. Deutschland. 
Bd. CVIII (1891). S. 682—689. 

[Finck, Emil] Erzgebirgische Schulverhältnisse vor 50 — 60 Jahren: 
Annaberger Woclienblatt. 1892. No. 29. 

— Zwei hervorragende Annaberger Bürgerfamilieu. 1892. No. 69. 

Fleischer, Ernst. Zur Baugeschichte der Gemälde-Galerie in Dres- 
den. Vortrag, gehalten im Dresdner Architektenvereiu am 11. Nov. 
1886. Dresden, v. Zahn & Jaensch. 1892. 19 SS. 8». 

Floessel, Ernst. Zwei interessante kabbalistische Urkunden aus 
den Tagen Augusts des Starken: Sphinx. XI, 63. S. 161—168. 

Forster, W. Hussiten vor Budissiu: Wöchentliche Beilage zu den 
Bautzner Nachrichten. 1892. No. 5. S. 19 f 

Fritzsche, Rieh. Geschichte des Oschatzer Schulwesens von seinen 
Anfängen bis Ende des 16. Jahrhunderts. Inaug.-Diss. Leipzig 
1892. III, 70 SS. 80. 

Gehmlich , Ernst. Aus der Geschichte des alten Marienberger 
Lyceums : Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung. 1892. 
No. 103. S. 409-412. 

Goetz, Walter. Maximilians IL Wahl zum römischen Könige 1562. 
Mit besonderer Berücksichtigung der Politik Kursachseus. Würz- 
burg 1891. 205 SS. 8». 

Grauert, Herrn. Zur deutschen Kaisersage [Friedrich der Freidige 
als Nachfolger der Staufer]: Histor. Jahrbuch der Görres-Gesell- 
schaft. Bd. XIII (1892). S. 100 — 143 und Nachtrag: ebenda 
S. 513 f. 



Litteratiu". 357 

Grohmann, Max. Das Obererzgebirge uml seine Hauptstadt Aiuia- 
berg in Sage und Geschiclite. Heimatkiuidliches Lesebucli für 
Scbule und Haus. Quellenmäfsig zusammengestellt. Annaberg, 
Herrn. Graser. 1892. XVIII, 303 SS. 8». 

H. Die älteste Rochlitzer Zeitung: Vereinigtes Woclienblatt für 
Rochlitz u. s. w. 1892. No. 28. 

Haebler , Konrad. Maria Josefa Amalia Herzogin zu Sachsen, 
Königin von Spanien. Dresden, W. Baenscb. 1893. 4 BU. 
247 SS. 8 ". 

Helm, F. E. Geschichte des städtischen Volksschuhvesens in Leipzig. 
Festschrift zum 100jährigen Jubiläum der Ratsfreisehule. Mit 
Beigaben, die Geschichte der Ratsfreischule betreffend, und zwei 
Holzschnitten. Leipzig, Brands tettei-. 1892. 179 SS. 8». 

Heydenreich, Ed. Geschichte und Poesie des Freiberger Berg- \md 
Hüttenwesens : Freiberg i./S., Graz & Gerlach (Joh. Stettner). 1892. 
XIII, 180 SS. 8». 

Hockauf Ä., Das Erbe Heinrichs von Schleinitz bei der Theilung 
im Jahre 15W. Ein Beitrag zur Heimathskunde des Rumburger 
polit. Bezirkes, sowie der benachbarten sächsischen Ortschaften 
Seiflienuersdorf, Leutersdorf und Eibau: Mittheiluugen des Nord- 
böhmischen Exciirsions- Clubs. Jahrg. 15 (1892). S. 268 — 272. 

Jentsch, J. Ä. Der Name Lilienstein: Über Berg und Thal. Jahrg. 1.5 
(1892). S. 277 f. 

Klotz, Hermann. D. Veit Wolfrum, Superintendent zu Zwickau. 
1593 — 1626. Eine Studie zur sächsischen Kirchengeschichte. 
Zwickau, R. Zückler. 1892. 84 SS. 8". 

Knothe, Herrn. Erwiderung auf den Aufsatz des Geh. Archivraths 
Dr. von Mülverstedt über „Ein verschollenes Adelsgeschlecht der 
Oberlausitz in Preufsen": Neues Lausitzisches Magazin. 
Bd. LXVIII (1892). S. 50-61. 

— Eine alte Löbauer Patrizierfamilie: AVöchentliche Beilage zu den 
Bautzner Nachrichten. 1892. No. 20. S. 79 f. 

Kreyenburg, Gotthold. Friedrich Myconius: Grenzboten. Jahrg. 51 

(1892). No. 3. S. 114—127. 
Kruschioitz, P. Drei steinerne Urkunden auf dem alten Kirchhofe zu 

Bernstadt: Gebirgsfreund. Jahrg. IV (1892). S. 17— 19, 26 -28. 

— AVahlsprüche und goldene Worte sächsischer Fürsten: Wöchent- 
liche Beilage zu den Bautzner Nachrichten. 1892. No. 7. 
S. 26—28. 

Laue, M. Sachsen und Thüringen: Jahresbericht der Geschichts- 
wissenschaft im Auftrage der Historischen Gesellschaft zu Berlin 
herausgegeben von J. Jastrow. XII. Jahrg. 1889. (Berlin, Gärtner. 
1891.) II. S. 305—329. XIII. Jahrg. 1890 (ebenda 1892). IL 
S. 227—245. 

Leo, Richard. Naturhistorisches und Historisches vom Bad Schweizer- 
mühle und vom Bielathale der sächsischen Schweiz. Dresden, 
Weiske. 1892. 84 SS. u. 2 Karten. 8». 

Leßke, Friedr. Aug. Beiträge zur Geschichte und Beschreibung 
des Plauenschen Grundes. Lfg. 1—4. Dresden u. Leipzig, Wiih. 
Reuter (Komm.). 1892. S. 1-128. 8". 

TÄlie, Moritz. Clu'onik der die Parochie Kötzschenbroda bildenden 
Löfsnitzortschaften , Kötzschenbroda, Niederlöfsnitz , Naundorf, 
Zitzschewig und Lindenau mit besonderer Berücksichtigung der 
Hoflöfsuitz und Nachbarorte. Lfg. 1. Dresden, C. Höckner (Komm.). 
1892. S. 1—24. 8«. 



358 Litteratur. 

Lwdncr , Paul. Geschichte iler .Schützengesellschaft zu Nosseii. 
Eine Festschrift zu Anw am 25. .Juli 1892 stattiindenden HOjährigen 
Eahnenjuhiläum , verbunden u)it EinAveihung des neuen .Schiefs- 
hauses. Nossen. (1892.) 62 SS. 8". 

Liiuße, A. Der .Streittag, ein Bergfeiertag der Freilierger Knapp- 
schaft: Wissenschaftliehe Beilage der Leipziger Zeitung. 1892. 
No. 87. .S. .H45f. 

Lijipert, Wohl. Zur Geschichte Kaiser Ludwigs des Baiern: Mit- 
theilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung. 
Bd. Xlll (1892). S. .^^87-618. 

Löschhorn. Unglücksfall des Wahrener Pfarrer.s M. Hörnig im Jahre 
1686: Sächsisches Kirchen- und Schulblatt. 1892. Sp. 102 f. 

/Lungwitz, H.J Der Greifensteiu zu Ehrenfriedersdorf und seine 
.Sagen. IL verm. u. verhess. Aufl. Ehrenfriedersdorf 1892. 
20 SS. S'\ 

— Die Binge auf dem Geyei'sherge bei Geyer : Annaberger Wochen- 
blatt. 1892. No. 22. 

— Die lange .Schicht zu Ehrenfriedersdorf: ebenda No. 142 f. 

— Das Denkmal in Timm: ebenda No. 187. 

M. Eine Hochzeit ohne Braut [aus dem Liebenauer Traubuch 1654] : 
Sächsisches Kirchen- und Schulblatt. 1892. Sp 66 f. 

Mangner, Eduard, Die Inquisition in der Leipziger Ratsfreischule. 
Ein Beitrag zur deutschen Schulgeschichte. Mit den Bilduissen 
der Direktoren Plato und Dolz. Zur Feier des hundertjährigen 
Bestehens der Anstalt. (Schriften des Vereins für die (ieschichte 
Leipzigs Bd. IV.) Leipzig, Klinckhai'dt. 1892. XII, 251 SS. 8". 

Merke/. Die Schlacht.steuer uud die Ubergangsabgabe von Fleisch- 
werk im Köuigreiche Sachsen sonst und jetzt. Eine syste- 
matische Zusammenstellung der früher und jetzt darülier gel- 
tenden gesetzlichen und reglementären Bestimmungen. Leipzig, 
Rofsberg. 1892. 80 SS. 8». 

Müller, Gustav. Ein .Schreckensmorgen [Pulverexplosion zu Dresden 
27. Juni 1814]: Dresdner Anzeiger. 1892 No. 108. 

Needon, B. Mittelalterliche .Spitznamen: Wissenschaftliche Beilage 
der Leipziger Zeitung. 1892. No. 97. S .385f. 

Niessen , Willi. Das Liederbuch des Leipziger .Studenten Clodius: 
Vierteljahrsschrift für Musikwissenschaft. Jahrg. 7 (1891). S. 579 
bis 658. 

Opitz, Walter. Die Schlacht bei Breitenfeld am 17. September 1631. 
Leipzig, A. Deichertsche Yerlagsbuchh. Nachf. (Georg Böhme). 
1892. 116 SS. 8» u. 2 Pläne. 

Pfau, C. Rochlitzer Begräbnisstätten: Vereinigtes Wochenblatt 
für Rochlitz u. s. w. 1891. No. 86—90. 

— Ein Streit der Rochlitzer .Steinmetzen: ebenda No. 94 f. 

— Rochlitzer Ausgrabungen: ebenda No. 118. 

— Alte Merksteine: ebenda No. 1.33 f. 

— Eine Jahresrechnuug der .Seelitzer Kirche von 1501 : ebenda 1892. 
No. 50. 

— Aus der Zunftzeit: ebenda No. 56. 

Pfufz, R. Reinhardtsdorf und Krippen während des 30jährigen 
Krieges: Über Berg und Thal. Organ des Gebirgsvereins für 
die sächsische Schweiz. Jahrg. 15 (1892). No. 4. S. 2.39 f. 

Reindell, Wilh. Dr. Wenzeslaus Linck aus Colditz 1483 — 1.547. 
Nach ungedruckten und gedruckten Quellen. Erster Teil: Bis 
zur reformatorischen Thätigkeit in Altenburg. Mit Bildnis und 



Litteratur. 359 

eiiieni Anhang entlialteud die zugehörigen Documenta Linckiana 
1485— lö^ije. Marburg, Ehrhardt/ 189-^. XIV, k!90 SS. 8">. 

Richter. Cabinctsminister Graf Detlev von Einsiedel. I. Teil: 
Phoebe (Kalender und Jahrbuch des Diakonissenhauses in Dres- 
den). 1890. S. 99—114. 

— Dasselbe II. Theil: Kleine Chronik der evang. - luther. Diako- 
nissen-Anstalt zu Dresden. Jahrg. 15 (1890). 3 Viertelj. S. 1 
bis 3. 4. Viertelj. S. 1—5. Jahrg. 16 (1891). 1. Viertelj. S 1-8. 
3. Viertelj. S. 4—7. 4. Viertelj. S. 2-4. 

Eichtet; P.E. J.U.Königs Gevatterbriefe: Vierteljahrsschrift für 
Litteraturgeschichte Bd. V (1892). S. 332-334. 

Scheuffier. Bautzen und seine Kirchen : Kleine Chronik der evang.- 
luther. Diakonissen-Anstalt zu Dresden. Jahrg. 16. 2. Viertelj. 
S. 1-6. 3. Viertelj. S. 1-4. 4. Viertelj. S. 4-6. Jahrg. 17 (1892). 
1. Viertelj. S. 2-4. 2. Viertelj. S. 2—4. 

Schmidt, Bcrth. Urkuudeubuch der Vögte von Weida,_Gera und 
Plauen sowie ihrer Hausklöster Mildenfurth, Cronschwitz, Weida 
und z. h. Kreuz bei Saalburg. II. Band. 1357 — 1427. Namens 
des Vereins für thüringische Geschichte und Altertumskunde her- 
ausgegeben. (A. u. d. T. : Thüringische Geschichtsquellen. II. Bd. 
Der ganzen Folge V. Bd. 2. Teil). Jena, Fischer. 1892. IX, 
736 SS. 8». 

Schmidt, Beinhold. Der theure Christian [ein Wegebaudenkmal 
des 17. Jahrh. bei Zörbig]. Eine Erinnerung an Herzog Christian I. 
von Sachsen- Merseburg zu dessen 200 jährigem Todestage: Hallische 
Zeitung. 1891. No. 1.35. (Auch Beil. zum Zörbiger Boten. 1891. No.l23.) 

Schneider, E. G. Paul. Die Geschichte der Schule zu Nossen. 
Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Schulen in den kleineren 
und mittleren Städten Sachsens. Eine Festscluift zur Feier der 
Einweihung des Nossener neuen Bürgersclmlgebäudes. Nossen, 
Hensel. (1892). 70 SS. 8». 

Schönefeld, G. Aus den ersten Jahrzehnten der sächsischen Staats- 
post: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung. 1892. 
No. 102. S. 405-408. 

Schröter, Gotth. Groitzsch sonst und jetzt. Historisch - statistische 
Beschreibung der Stadt Groitzsch mit einem Berichte über den 
Stand und die Verwaltung der Gemeinde-Angelegenheiten speciell 
in den Jahren 1889, 1890 und 1891. Auf Grund amtlicher Unter- 
lagen bearbeitet. Mit einer Zeichnung : Groitzsch ums Jahr 
1628 und einem Stadtplane vom Jahre 1892. Groitzsch, Beirich. 
1892. IV, 246. SS. 8". 

Schulze. Kurze Übersicht über die Ortsgeschichte von Naunhof. 
Naunhof, Christoph. (1891.) 35 SS. 8«. 

Schurig, E. Der Dresdner Jägerhof als Kaserne: Der Kamerad. 
Jahrg. 30 (1892). No. 33. S. 4f. No. 34. S. 4f. 

Schiverdtner, Ernst. Das Seminar zu Annaberg nach seiner Begrün- 
dung und Entwickelung. Festschrift ziu- Feier des fünfzigjährigen 
Bestehens der Anstalt. Mit einem Anhange über die ehemaligen 
Privatsemiuare zu Mildenau, Grumbach und Wiesa bei Anna- 
berg. Annaberg. 1892. X, 276 SS. 8«. 

Spe. Der Name Oybin: Gebirgsfreund. Jahrg. IV (1892). S. 13f. 

Stöckhardt, E. Nachrichten über das Geschlecht derer von Dam- 
nitz mit besonderer Berücksichtigung der in der Lausitz ansässig 
gewesenen oder geborenen Glieder dieses Geschlechtes: Neues 
Lausitz. Magazin Bd. LXVIII (1892). S. 75-84. 



360 Lilteratur. 

Thomas, E. Alte Ostergebräiiclie der Oberlansitz: Gebirgsfreuud. 
Jahrg. IV (1892). S. 85 f. 

Woermann, Karl. Katalog der Köiiiglichen Gemäldegallerie zu 
Dresden. Herausgegeben von der Generaldirektion der König- 
lichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft. Grofse Aus- 
gabe. 2. verm u. verbess. Auflage. Dresden. 1892. XXXII, 
91.5 SS. 80. 

Wolff, B. Zur Geschichte der Stadt Zittau im 14. Jahrhundert. 
Beilage zum Jahresbericht des Gymnasiums zu Zittau. Zittau. 
1892. .38 SS. 40. 

Ein merkwürdiger Grabstein [auf dem Kirchhof zu Weigsdorf i. S.] : 
Gebirgsfreuud. Jahrg. IV (1892). S. 118f. 

Georg der Reiche oder der Bärtige, Herzog zu Sachsen: St. Benno- 
Kalender. 1892. S. 4H. 

Herzogin Sidonie, Gemahlin Albrechts des Beherzten: ebenda 
S. 47-68. 

Von Mineralien , Bergwerken und Gesundbrunnen in unserer Ober- 
lausitz : Wöchentliche Beilage der Bautzner Nachrichten 1892. 
No. 27. S. 106—108. 



Dresdner Geschichtsblätfer , herausgegeben vom Verein für Ge- 
schichte Dresdens. I. Jahrg. 1892. No. 1. 2. Dresden, W. Baeusch, 
S. 1-32. 40. 

Inhalt: Otto Richter, Dresdens Strafsen und Plätze. Der- 
selbe, Der Abschiedsbrief des letzten mittelalterlichen Pfarrers 
von Dresden. Derselbe, Merkwürdige Häuser. I. Altuiarkt No. 15. 
(Goldner Ring). — Paul Rachel, Das Dresdner Landwehr- 
bataillou 181.3/14. 0. Richter, Die Stadtgreuze bei Räcknitz. 
F. Blanckmeis ter, Zinzendorf in Dresden. 
MUieilunqen des Vereins für Geschichte Dresdens. Zehntes Heft. 
Dresden, W Baeusch. 1892. 1.34 SS. 8". 
Inhalt : G. B u c h w a 1 d , Dresdner Briefe 1625—1670. Ein Bild 
faus dem Dresdner Leben im 17. .Jahrhundert. G.Beutel, Aus 
' den Reisetagebüchern almosensammelnder Dresdner Bürger nach 
dem Brande von Altendresden im Jahre 1685. 



ßegister. 



Acht s. Verzähluug. 

Adam vou Bremen 293. 

Adolf (v. Anhalt), Bischof von 

Mersebnrg 303. 
Aeueas Sj'lvius 298. 
Agnes, Gem. Herzog Joh. Friedr. 

d. Mittleren 339. 
Agricola (Eisleben), Joh., brauden- 

burg. Hofprediger 207. 216. 
Alba, Herzog von 198. 
Albert v. Stade, Anuales 293. 
Albertus Magnus 307. 
Albrecht, Herzog von Sachsen 50. 

88. 115. .302. 

— (II.), Herzog von Bayern 115. 

— (V.), Herzog von Bayern 197. 

— (Achilles), Markgraf vou Bran- 
denburg 112. 114 f. 

— Erzliischof vou Magdeburg und 
Mainz 302. 308. 

Alexander IV., Papst 300. 

Alnpeck, Jörg 36, 

Altfridi Vita Liudgeri 294. 

Altzelle 101 f 213 ff. 

Amalie, T. Friedr. II. v. Sachsen, 
Gem. Ludwig d. Pteichen von 
Bayern-Landshut 115. 

Andechs, Bened.-Kloster 285. 298. 

Andreas IL, König von Ungarn 96. 

Anhalt s. Adolf, Georg, Moritz. 

Anna, Gem. Wilhelms III. von 
Sachsen 108 f. 113 ff'. .3511. 

— Tochter Friedrichs I. von Sach- 
sen, Gem. Ludwigs I. von 
Hessen 115. 

— Tochter Friedrichs IL von 
Sachsen, Gem. Albrechts vou 
Brandenburg 115. 



Anna, Gem. des Kurfürsten August 
323. 338 f. 

Anna Marie, Herzogin von Würt- 
temberg 324. 

Anna Sophia,Gem.Joh.Georgs III. 
vou Sachsen 231. 

Annaberg 146. .302. 327. 

Annales Magdeburgenses 292. 

— S. Petri Erphesfurd. 295. 
Anualista Saxo 291. 
Anonymi bist, de landgraviis 

Tiiuringiae 295. 

— Chron. Wii'ceburgense 297. 
Antonius Floreutiuus 299. 
Antwerpen 330. 

Apolda s. Dietrich. 

Arnold von Lübeck, Chron. Slavo- 
rum 292. 

Arnold, Georg, Verf. einer Bio- 
graphie des Kurf. Moritz 127. 

Ascharmo (?), preufs. General 148. 

Auerbach i. V. 146. 

Augsbmg 134. 303. Reichstag 
197 ff; 

August, Kurfürst von Sachsen 
90. 128. 191. 197. 205. 322 ff'. 

— Administrator des Erzstifts 
Magdeburg 133. 

Augustinus .301. 
Aviguon 315. 

Baden i. d. Schweiz 253. 

Balthasar, Landgraf von Thürin- 
gen 72. 114. 

Bamberg 121. 

Baptista Mantuauus 287. 

Barbara (von Hessen),Gem. Herzog 
Georgs vou Württemberg 324. 



362 



Register. 



Basel 225 f. 234. 23(3 ff. 300. 

Bassandi, Job., Provinzial der 
Cölestiner 315 ff. 

Baumoärtel, Nicol., Franciscaner 
99 f. 

Bautzen 847. 

Bayern s. Albreclit, Amalie, Lud- 
"wig. 

Benedikt XII., Papst 300. 

Benedikt I.,Al)t zuBosau 282ff.302. 

Benediktinerorden 305 f. 

Bei'gban 62 ff. s. Kippersberg, 
Kürscbenberg , Eotes Kreuz, 
Siebenlebu. 

Berka v. d. Duba, Hinko (IL), 
auf Hohnstein 180 ff. 187. 

Bern 226 f. 234. 23fift'. 243. 245 ff. 

Bernhard, der heilige 301. 

Bertbelsdorf Itei Freiberg 45. 

Bieberstein bei Freiberg 45. 

Bischoff, Job., Pfarrer zu Schnee- 
berg 92 f. 

Bobersberg, Prior des Klosters 
Oybin 317 ff'. 

Blus, Martin, Goldschmied 134. 

Bobritzsch bei Freibei'g 45. 

Böliinen 145 ff', s. a. (leorg, Jo- 
hann, Ladislaus, (Jttokar. 

Bologna, Konzil 200. 

Bonifaeius IX., Papst 307. 

V. Bonstetten, Wolfgang, Haupt- 
mann 252. 

Boriscb, Martin, Goldschmied 135. 

Borna 327. 

Börner, Barthol., Goldschmied 135. 

Bosau, Kloster 279. 281 ff'. 289 f. 
302. 306. 

V. Böse, Chrph. Dietr., Kammer- 
direktor 129. 260. 263 f. 273. 

Böse, Kaspar und Paul, Gold- 
schmiede 135. 

Botho, Sachsenchronik 292. 304. 

Botza, Michael, Goldschmied 135. 

Brandenburg, Mark 287 siehe auch 
Albrecht, Anna, Elisabeth 
Magdalene, Emilia, Friedrich, 
Joachim, Johann, Johann Ge- 
org, Katharina, Margarete. 

Brandt v. Lindau, Oberstlieute- 
naut 276. 

Brant, Seb. 283. 285. 288. 302. 307. 

V. Braiuie, Österreich. General- 
feldraarschall 148. 

Braunschweig siehe Ferdinand, 
Sidonie. 



Bräunsdorf bei Freiberg 45. 
Bredtschneider, Daniel, Maler 

335 f. 340. 
Brehme, Christian, Bililiothekar, 

dann Bürgermeister in Dresden 

126. 128 f. 
Breslau 134. 

Bi'uno, De hello Saxon. 292. 
Brüx 74. 
Buchholz 14(5. 
Buchner, August, Professor in 

Wittenberg 120. 122. 126. 128, 

— Paul, Zeugmeister 338. 
Bucer 216. 

Budin in Böhmen 147. 
Bulacher, Lux, Schweizergardist 

240. 246. 256. 
Burgund s. Karl, Philipp. 
Burkersdorf i. d. Oberlausitz 177; 
Burkhai-d, J. Jakob, Ratsherr in 

Basel 245. 
Bursfelder Kongregation 290. 296. 

300. 306. 

Camerarius, Joachim 196. 

Campanus, Bischof von Terni 288 

Cautiprati, Thomae, bonum uni- 
versale 299. 

Capricornus, Samuel, Komponist 
106. 

V. Carlowitz, Chrph. 209. 216. 

— Georg 214. 

de Cassia, Simon 301. 

Chemnitz 11. 14. 50. 99 f. 284. 
327 f. 

de Chora, Ambrosius, General des 
Au.gustinerordens 301. 

Christian I., Kurfiirst von Sach- 
sen 339. 

— Herzog von Sachsen -Merse- 
burg 123. 

Christina, Königin von Schweden 
343 f. 

Christof, Herzog von Württem- 
berg 323 f. 

Chro, Johann, Kiipferstecber 340. 

Chronicon episcoporum Mersebur- 
gensiinn 291. 

— montis Sereni 295. 

— Sampetrinum 295. 

— Terrae Misn. 295. 

V. Claufsbruch , Heinrich , gen. 

Kramer, in Leipzig 342. 
V. Clerf, Friedrich 109. 
Clingsor von Ungarn 96. 



Kecister. 



363 



CIoflius,M , Rektorin Zwickau 145. 
Cluny 301. 
Coclilaeus 29.'5. 
Colditz 333. 

Colmnitz bei Freiberg 45. 
Compilatio chronologica 293. 
Corviims, Val., Komponist loii. 
Creqiiilo, Thomas, Komponist lUli. 
Cronscliwitz, Kloster 290. 
Cuspiuianus, Jo. 298. 
Czumpelzainer, Adam, Komponist 
106. 

Dedekind , Euricius , Komponist 
lOB. 

— Hofpoet 124. 

Demantius, Chrph.. Domkantor in 
Freiberg 119. 

Detersbach s. v. a. Uybin 321 f. 

Deutsebenbora bei Nossen 46. 

V. Diesbaeb, Hubert 223. 

Dietricb, Erzbischof von Magde- 
burg 291. 

— III., Biscliof V.Naumburg 302. 
Dietrieh von Apolda 95 ff'. 
Dittelsdorf i. d. Oberlausitz 177. 
Dominikanerorden 307 f. 

V. Donvn, Wentseh, auf Tschocha 
18H. 

Doppert, Job., Rektor in Schnee- 
berg 107. 

Dornbennersdorf in der Überlau- 
sitz 177. 

Dresden 3. 11. 100. 122 ff. 132. 147. 

— Kreuzschule 346 f. 
Dulichius, Phil., Komponist 106. 
Durso bei Prag 147. 

Dux 71. 146. 

Eberspach s. v. a. Oybiu (?) 322. 

Eckenstein, Kaspar, Musterschrei- 
ber 240 f. 251. 255. 

Eger 111. 145 f. 

Eisenach 96. 

Elisabeth , Landgräfin von Thü- 
i'ingen 95 ff'. 

— Gem. des Kurfürsten Ernst 
von Sachsen 115. 

Elisabeth Magdalene, Markgräfiu 
von Brandenbui'g 339. 

Elise (von AVürttemberg) . Gem. 
des Grafen Georg Ernst zu 
Henueljerg 324. 

Elphede monasterium 97. 

Elterlein 146. 



Emanuel, König v. Portugal 301. 

Emanuel Philibert, Herzog von 
Savoyen 202. 

Emilia, Markgräfin von Branden- 
burg-Baircuth 324. 

Emser, Ifieron. 296. 

Ensishcim, Friede von 221. 

Erasmus v. Rotterdam 301. 309. 

Erbisdorf bei Freiberg 45. 

Erfurt 206. 285. 295. 

Erphurdianus antir|uitatum vari- 
loquus 295. 

V. Erlach, Lieut. der Schweizer- 
garde 260. 263. 266. 268. 

Ernst, Kurfürst von Sachsen 50. 
88. 115. .302. 

— Erzbischof v. Magdeburg 302. 
Escher, Haus Georg, Unterschrei- 
ber in Züricli 249. 

— Hans Heinrich, Kommandeur 
des Leibregiments 268. 277. 

— (vom Luchs), .Toh.Casp., Lieute- 
nant der Schweizergarde 227. 

230. 2.32 f. 236 ff. 

de Escobar, Andreas 93. 

Fachs, Dr., kursächs. Rat 209. 
Falkeuberg bei Freiberg 45. 
Falkenstein im Vogtland 146. 
Fäsch, Jerem., Oberwachtmeister 

231. 246. 

Faustus, Job., in Börlen 118. 
Ferdinand I., König 193. 197. 
203. 207 ff'. 

— Prinz von Braunschweig 145. 
Fischer, Beat, Landvogt 264. 
Flach,Hans, Goldschmied iuChem- 

nitz 136. 

Forinus, Ant., Komponist 106. 

Franciscus von Zittau, Prior in 
Dürkheim 316. 

Franck, Melchior, Komponist 106. 

Franckenstein, Paul, Dr., Stadt- 
richter in Leipzig 3?6. 

Frankenstein 63. 

Frankreich 221. 315 ff. siehe auch 
.lohanu, Karl, Ludwig. 

Franziskaner 142 ff'. 

Frauenstein 4. 

Freiberg 1 ff'. 100. 106. 118 ff'. 
132. 338. 340. Frauenbaus 
58 f 70. 82. Weinhaus .58 f. 

Friedland in Böhmen 178. 

Friedrich (d. Freidige), Markgraf 
von Meifsen 40. 



364 



Register. 



Friecb-ic]i (d. Streitbare), Mark- 
graf von Meifseii 102. 

— (11-), Kurfürst von .Sachsen 
113. 115. 

— (d. Weise), Kurfürst v. Sachsen 
302. .30.5. 

— (III.), Kaiser 302. .305. 

— (II.), Kurfürst von Branden- 
burg 115. 

— (III.), Kurfürst von Branden- 
burg 224. 230. 

— (d. Siegreiche), Kmfürst von 
der Pfalz 303. 

— (II.), Kurfürst von der Pfalz 
200. 207 ff. 

— (IL), König von Preufsen 145 ff. 
Friedrich Wilhehn, Herzog von 

Sachsen-Altenburg 123. 
Friedrich, Mich., Goldschmied 136. 
Friesland 303. 

Gabriel, Job., Komponist 106. 

Gardanus, Job., Komponist lOH. 

Garzo, Job., Bononiensis 296. 

Gastritz, Matthias, Komi)ouist 106. 

Geller, Ernst, Dichter 124. 

Gentsch (Beutsch?), Andr., Kunst- 
stecher 136. 

Georg, Herzog zu Sachsen 36. 
229. 303. 326. 

— Fürst von Anhalt, Koadjator 
V.Merseburg 189. 191. 197. 216. 

— (von Podiebrad), König von 
Böhmen 109. 111. 113 ff. 

— Herzog von AVürttemberg 324. 

— Abt von Pegau 30.3. 
Gerracli,Wenzel, Goldschmied 136. 
v. Gersdorf, Heinrich 196. 
Gerson. Job., Kanzler derUniversi- 

tät Paris 301. 316 f. 
Gertrud, Gem. des König Andreas 

von Ungarn 96. 
Ge.sta archiepiscop. Magdeburg. 

291. 

— comitum de Audecbs 298. 

V. Girbardsdorf, Hans, Heintze- 
maun und Fredemann 320. 

— Margaretlie 320. 

Göppert, Anna, Goldschmieds- 
witwe 136. 

— Mich., Goldschmied 137. 
Görlitz 178 ff. s. a. Johann. 
Goseck, Kloster 290. 
Gottfried von Viterbo 298. 
Gottsched 123. 



V. Graffenried 252. 

Graupen 46. 

Gregor L, Papst 104. 

— IX., Papst 97. 

— X., Papst 300. 

Greich, Peter, in Freiberg 53. 
Grilleiiburg. Schlofs 322 f. 
Giimma 4. 100. 

Groningen in Vogtland 28.5. 302. 
Grofshartmannsdorf b. Freiberg 45. 
Gueinz, Christ., ßektor in Halle 
119. 

Häbler, Jobann, Komponist 106. 
V. Hakeuborn, Hans, auf Priebus 

182 ff. 186. 
Hallierstadt 285. 
Halle 46. 74. 119 f. 132. 205. 

Grafengeding 205. 
Ham1iurgl22. 1.34. 
Haumierschmidt, Andreas, Kom- 
ponist 106. 
Händel, Jakob 106. 
Härder , Konrad , Ratsschreiber 

zu Basel 245. 
Hartraaun, Heinrich 106. 
V. Haugwitz , Friedrich Adolf, 

-Überhofmarschall 266. 273 ff. 
Hedwig (v. Württemberg), Gem. 

des Landgrafen Ludwig IV. 

von Hessen 324. 
Heerfahrtspflicht 70 f. 
Heinrich (d. Erlauchte), Markgraf 

von Meilsen 68. 86. 

— (d. Fromme), Herzog v. Sachsen 
88 f. 191. 

— L, König 310. 

— IL, Kaiser 310. 

— III , Kaiser 304. 

— VI., Kaiser 96. 

— Herzog von Bayern 304. 

— III., Landgraf V. Hessen 11.5. 

— I , Bischof von Naumburg .302. 
Heiding, Mich., Weihbiscbof von 

Mainz 207. 

Heller, Claus, Ratsherr zu Görlitz 
184. 

Helmold, Chron. Slavorum 292. 

Hempel, Mich., Rektor zu Frei- 
berg 119. 

Henneberg s. Elise. 

Henricus de Hervordia 294. 

Hermann, L andgraf vonThüriugen 
96. 

— IL, Abt von Bosau 307. 



Eegister. 



365 



Herniauii, Audi-., Lieutenant l)ei 

der Scliweizergarde 250 f. 
Herneifsen,Joh., Goldschmied 137. 
Herpol, Homer. Komponist 106. 
Herwigsdorf bei Zittau 320. 
Hessen 115 s. a. Anna, Hedwig, 

Heinrich, Ludwig, Moritz, 

Philipp. 
Heusch, Gerhard, in Hamburg 134. 
Hieronj'mus 301. 
Hilbersdorf bei Freiberg 45. 
Hildebert, Erzbisch, v. Tours 288. 
Hinko, Herzog von Münsterberg 

Ulf. 
Hirschfeld bei Nossen 46. 
Hirsehfelde a. d. Neiße 177 ff. 
Hoftmann, Job. 350 f. 
Hohenzollern, Haus 303. 
Hohnstein 187. 
Holstein, Prinz 148. 
V. Hülle , Anselm . niederländ. 

Maler 141. 
Hufs 307. 
Hussiteu 62. 71. 83. 303. 316 ff. 

346. 

Jena 121. 

Jenitz, Hans, kurfürstl. Sekretär 
323. 339. ' 

Im Hoff 252. 264. 

Lmocenz IV., Papst 300. 

Joachim II., Kurfürst von Bran- 
denburg 197. 200. 210. 216. 

Job, Kastenknecht in Zwickau 
144 f. 

Jocowitz in Böhmen 147. 

Johann (d. Beständige), Kurfürst 
von Sachsen 302. 

Johann, König von Böhmen 178. 

— König von Frankreich 114. 

— (Cicero), Kurfürst von Branden- 
burg 108. 112. 115. 

— Markgraf von Brandenburg- 
Küstrin 213. 219. 

— Herzog von Görlitz 179 f. 

— XXII., Papst 308. 

— IV. , Bischof von Meissen s. 
Hoffinann. 

— VIIL, Bischof V. Meifsen 205. 

— I., Bischof von Naumburg 308. 

— IL, Bischof von Naumburg 289. 

— IIL, Bisch. vonNaumbm-g 286. 

— Abt von Bosau (Pegau) 302. 
Johann Kasimir, Pfalzgraf bei 

Rhein 224. 



.lohaun Friedricli, Kuifürst von 

Sachsen 188 ff. 337 f. 
d. Mittl., Herzog von Sach- 
sen 339. 
Johann Georg I. , Kurfüi'st von 

Sachsen 118 120. 122 f. 129. 

133«'. 224 ff. 
IL, Kurfürst von Sachsen 

121 129. 224 if. 
IIL. Kurfürst von Sachsen 

128 f. 231. 259 ff. 
Kurfüi-st von Brandenburg 

197. 339. 
Johannes, Abt zu Cisterz 102. 

— von Frankreich, Cölestiner 316. 
Jost, Markgraf von Mähren 180 if. 
Isaak, Heim-., Komponist 106. 
Isenach, Johann de 288 f. 
Julius IL, Papst 223. 302. 

Karl IV., Kaiser 179. 315. 319. 
321. 

— V., Kaiser 188 ff. 

— Herzog von Burgund 222. 

— VII., König von Frankreich 
108 ff. 221. 

— (V. Berry), Sohn Karls VII. 
110 f. 113 ff. 

— III.,Herzog von Savoyeu 201t. 
Karl Ludwig, Kurfürst von der 

Pfalz 232. 
Karlstadt 302. 309. 
Katharina, Tochter Kurf Friedr. I. 

von Sachsen, Gemahlin Kurf. 

Friedr. IL V.Brandenburg 115. 

— Tochter Herzog Wilhelms IIL 
von Sachsen, Gem. des Her- 
zogs Hinko von Münsterberg 
Ulf. 115 f. 

Kanxdorf, Andr , Goldschmied in 
Leipzig 137. 

Kellerthaler , Dan. und Friedr., 
Goldschmiede 137. 

Kippersberg 63. 

Kitzkatz, Rupr. Nikol. , Münz- 
eisenschneider 137. 

Klemm, Samuel, Goldschmied 137. 

Klostermansfeld 285. 

Kuobeloch, preufs. General 148. 

Koblenz 112 f. 115. 

Koburger, Valentin, Kantor 105 f. 

Koch, Veit, Goldschmied in Bres- 
lau 140. 

Kohl, Balth. David 348 f. 

V. Komerstadt, Georg, Dr. 337. 



36G 



Register. 



V. Komerstadt, Hieron., Dr., kur- 
sächs.Rat 197. 209. 213 f. 216. 
Kommotaii 146. 
V. Künneritz, Asmus 196. 
Konrad II., Kaiser 287. 289, 

— von Marburg 97. 
Konstanz, ewigerFriede (^1475) 222. 
V. Kospoth, Jnstus 13.5. 

V. Kotbus, .Jobauu 182. 

Krakau, Univ. 281. 

Kramer, Heinr. s. Claufsbruch. 

— Zachar., Goldschmied 138. 
Kranadi, Lukas, d. J. 333 f. 341. 
Kraus, Wolfgaug, Pfarrer in 

Schneeberg 93. 

Kraufs,Heinrich, Goldschmied 138. 

Krehmann, Tobia.s, Goldschmied 
138. 

Krieger, Adam, Hof kammermusi- 
kus 120. 130. 

Kreuziger, Kaspar, Theologe 
209. 215. 

Krima (?) in Böhmen 146. 

Krummenheuuersdorf bei Frei- 
berg 45. 

Kuffer, Oberstlieuteuant 277. 

Kürschenberg 41. 

Ladislaus, König von Böhmen 
und Ungarn 108 ff. 115. 

Lambert v. Hersfeld 294 f. 

Lambrecht, Hans, inHamburg 134. 

Lang, Paul, Benediktiner 279 ff. 

Lange, August Friedrich, preufs. 
Musketier 144 f. 

— Hans Georg, Juwelier in Augs- 
burg 134. 

Langenau bei Freiberg 45. 
Langenried. Hof 261 f. 
Langhans, Abrah., Komponist 106. 
Lassus, Orlandus, Komponist 106. 
Lauban 182. 

Laue, Dav., Goldschmied in Nürn- 
berg 138. 

— Hans Chrph., Goldschmied 138. 

— Johann Gottlieb, Juwelier in 
Nürnberg 138. 

Laun 147. 

Lebzelter in Leipzig 342. 
Lefevre d'Etaples, Jacques 309. 
V. Leipa, Herren 178 f. 

— Heinrich 178. 

Lehmann, Georg, Professor zu 
Wittenberg, Schöffe zu Leipzig 
328. 



Lehnin, Kloster 285. 291. 
Leipzig 14. 132 f. 325 ff'. 341 ff. 

Universität 100 ff. 120 ff. 189. 

195 f. 328. Landtag (1547) 189. 
V. Lenoncourt , Dietr. , Bailli v. 

Yitry 110 ff 
Lenz, Oberstlieutenaut 259 f. 262. 

2H5. 274. 
Leo X., Papst 301 f. 308 f. 
Leopold I., Kaiser 232. 
Lichtenberg i. d. Oberlausitz 177. 
Lieberose 180. 
Limbach 145. 

Lindner, F , Komponist 106. 
Löbau 182 ff: 
Lobositz 146 f. 
Lohr, Mich., Komponist 106. 
Lossius, Lucas, Komponist 105 f. 
Lofsnitz bei Freiberg 45. 
Löfsnitz i. Erzgeb. 104. 146. 
Lothringen 224. 
Löwe, Hofsekretär 251. 265. 
Luclitenstern, Andr. 303. 
Luckan 186. 
Ludwig (d. Reiche), Herzog von 

Bayern- Landshut 115. 

— XL , König von Frankreich 
114. 221 f. 

— n., Landgraf von Hessen 115. 

— (d. Springer), Landgraf von 
Thüringen 289. 

— Herz og von Württemberg 332 f. 
v.Lunden,Heinr., Goldschmied 1.38. 
Lüneburg, Benedikt. -Kloster 284. 
Luther, Martin 106. 216. 280. 

287. 302. 307. 309 ff. 
Lutze, Lor., in Freiberg 53. 
Luxemburg 108 f. 113 f. 351 f. 
Lnj'thon, Karl, Komponist 106. 
Lyon, Konzil 300. 

Madrucci , Christof , Kardinalbi- 
schof von Trient 200 f. 

Magdeburg 132. 204 f. 219. 287 ff. 
Erzbischof s. Albrecht, Ernst, 
Udo. 

Magnus v. Fufsingen, Cölestiuer 
316. 

de Magny (de Coustantiu), Isaac, 
Oberstlieutenant 224 ff. 

Mähren s. Jost, Prokop. 

Mainz 206. 218. 287. 303. s. a. 
Wolfgang. 

Malvenda 207. 

Mansfeld, Bergbau 331 f. 342. 



Register. 



367 



Mansfeld, Grafen von 203. 330. 

— Bertold, Graf 97. 

— Irmgard, Gräfin 97 f. 
Margarete, Gem. Kurt. Fried- 
richs IL von Sachsen 115. 

— Tochter Herzog Wilhelms III. 
von Sachsen 108 ff. 

— Gem. Kurf. Albrecht Achilles 
von Brandenburg 115. 

Marienberg 146. 
Marignano, Schlacht 303. 
Markersdorf i. d. Oberlausitz 177. 
Martin V., Papst 319. 
Martinus aus Striegau, Provinzial 

der Cölestiner 315. 
Martinus Polonus 298. 
Maximilian I., Kaiser 310. 

— IL, Kaiser 217 f. 352 ft'. 
Mecklenburg s. Ulrich. 

Meier, Georg, Theologe 209. 215. 
Meifsen 190 f. 196 f. 202. 204 f. 
285. 287. 291. 346 f. 

— Markgrafen s. Friedrich, Hein- 
rich, Wilhelm. 

— Bischöfe s. Johann. 
Melanchthon, Philipp 189. 196 f. 

209. 211 ff. 

Meltzer, Erhard, Gardian des 
Franzisk. -Klosters zu Zwickau 
144. 

Merseburg 196. 205. 287 ff: 

Meurer, Wolfgang, Dr. med. in 
Leipzig 326. 

St. Michaelis bei Freiberg 45. 

Mildenfurt, Kloster 290. 

V. Miltitz, Ernst 196 f. 337. 

Müller, Andr. 119. 126. 

V. Montet, Fähnrich der Schweizer- 
garde 242. 256. 258. 

— Kapit.-Lieut. 242. 256. 258. 
260. 263 ff. 268. 

Mordeisen, Dr. Ulr., kurf. Rat 325. 
Moritz , Kurfürst von Sachsen 
127. 188 ff. 337. 

— Herzog von Sachsen - Zeitz 
123. 335. 

— Prinz von Anhalt-Dessau 145 ff. 

— Landgraf von Hessen 340. 
Moritzburg 334. 339. 

Müller, Laurent., Dr. jur. 329 ff'. 
Münsterberg s. Hinko, Katharina, 
de Münters, Ludw., Goldschmied 
139. 

Nauclerus, Chronic, univers. 297. 



Naumburg, Stift 190. 197. 205. 
278 f 285 tt\ 311. s. a. Pflug. 

Neustädtel 146. 

Niederländer in Leipzig 330 f. 

Niederlausitz 179 ff". 

Niederschöna bei Freiberg 46. 

Nienborg. Bibliothekar in Dres- 
den 128. 

Nossen 46. 

Nosseni, Joh. Maria, Bildhauer 
338. 340. 

Notker, Balbulus 104. 

Nürnberg 134—138. 330 f. 

Oberlausitz (Sechsstädte) 177 ff. 
348 ff. 

Öderan 46. 

Opitz, Georg, Juwelier in Leip- 
zig 133. 

V. Osse, Melchior, Dr., kurf. Hof- 
richter 197. 

Östereich 222 s. Maximilian. 

Ostritz 179. 184. 

Otto IV., König 96. 

— Kardinal von Augsburg 201. 

— von Freising 298. 

Otto Heinrich, Kurfürst von der 

Pfalz 233. 
Ottokar L, König von Böhmen 96. 
Öxel, Dr., kurbayr. Gesandter 232. 
Oybin bei Zittau 284. 299. 315 ff. 

Padit in Böhmen 147. 
Palmerius, Matthaeus, Florentinus 
299. 

— Matthias, Pisanus 299. 
Pappendorf bei Freiberg 118. 
Paschalis IL, Papst 290. 
Paul III., Papst 200 f. 206. 
Pegau, Bened.-Kloster 290. 302 f 
Peifer, David, Kanzler 337. 
Peiligke, Wolf, Schöffe in Leip- 
zig 327. 

Peifsker, Hans, Goldschmied 139. 
Peter, Bischof von Naumburg 289. 

— Abt zu Bosau 281 f. 302. 

— Archidiakon von Blois 301. 

— Schulmeister in Naumburg 285. 

— v. Dresden, Schulmeister 346 f. 
Peyerle, Hans Georg, Goldschmied 

139. 
Pfalz s. Friedrich, Joh. Kasimir, 

Karl Ludwig, Otto Heinrich, 

Philipp. 
Pfefferkorn, Jude 303. 



368 



Register. 



Pfefliiiger, Joli. 209. 215. 
Pflug-, Heinze, auf Rabenstein, 

Landvogt der Überlausitz 181 f. 

18(J f. 

— Hieron. Sigism., Hauptm. der 
Trabanten-Leibgarde 230 f. 

— Julius, Bischof von Naumburg 
190. 202. 204. 207. 

Pforta, Kloster 290, 
Philipp, König 96. 

— Herzog von Burgund 1 09. 1 1 3f. 

— Landgraf von Hessen 197. 337. 

— Kurfürst von der Pfalz 302. 
Picus von Mirandula 300. 
Pischhäuser, Marcus, Goldschmied 

139. 
Pistoris, Hartmann, kurf. Rat 328. 
Pius IL, Papst 300. 
Piatina 299. 
Plauen i. V. 145. 
V. Ponickau, Hans, kurf. Rat 325. 
Popilius, Obricht, Komponist 106. 
Portugal s. Emanuel. 
Prag 134. 147 ff. 346. 351. 

— Michaelskloster 315. 
Praetorius , Hierou. , Komponist 

106. 
Preufsen s. Friedrich. 
Priebus 182 ff. 186. 
Prokop, Markgraf von Mähren 

181. 183. 
Prügel, Wolfg. Karl, Komponist 

106. 
Ptolemaeus Lucensis 300. 
Pucheler, Res Misnicae 296. 
Putleste (Putlitz?), Joachim, 

Goldschmied 139. 

Raimund, päpstl. Legat 302. 
Rapeh, Job., Prior z. Altzelle 102. 
Raphael Volaterrauus 300. 
Rauscher, Hieron., Bürgermeister 

in Leipzig 325 f. 
Reck, Heinr., Abt z. Bosau 290. 
Regensburg 98. 

Reichbrodt, Geh. Sekretär 129. 
Reichel, Schweiz. Wachtmeister 

235. 
Reichenau i. d. Oberlausitz 177. 
Reichenbach 145. 
Reinhardt, Job. Heinr., Juwelier 

in Leipzig 133. 
Reinsberg bei Freiberg 46. 
Reifs, Phil , Goldschmied 139. 
Reuchlin, Job., 285. 302. 309. 



Richter, Aug., Juwelier in Leip- 
zig 133. 

Richwin, Bischof von Naumburg 
289. 

Rinander, Paul, Komponist 106. 

Robersperg s. IBobersberg. 

Rocharsdorf, Kloster 98. 

Rohnau bei Zittau 177 ff. 

V. Robrbacb, Ulr., Provinzial der 
Cölestiner 315. 

Rolas de Rosey, Imbert, branden- 
hmg. Ob-rst 224. 230. 

Rolevinck, Werner 294. 

Roeling 128. 

V. Ronow, Anshelm, auf Saudau 
179 ff. 

— Przedebor 179. 

Rosenthal i. d. Oberlausitz 177 f. 

Rofswein 46. 

Rostock, Universität 328. 

Rotes Kreuz 64. 

Rothe, Stadtschreilier in Bern 
249 f. 

Rothe, Chron. Thuring. 296. 

Rüdiger, Andr., von Görlitz 100 ff. 

Rudimentum noviciorum 293. 

de la Rue, Petr., Komponist 106. 

Sachsen, Herzöge und Kurfürsten 
287 s. a. Agnes, Albrecht, 
Amalie, Anna, Anna Sophia, 
August, Christian, Elisabeth, 
Ernst, Friedrich , Friedrich 
Wilhelm, Georg, Heinrich, 
Job. Friedrich, Job. Georg, 
Katbarina, Margarete, Moritz, 
Sidonie, Wilhelm, Zedena. 

Sagan 316. 

Salzburg, Erzbischof 203. 

Savoyen s. Emanuel Pbilibert, 
Karl. 

de Sayne, Lambert, Komponist 
106. 

Schade, Abrah., Komponist 106. 

Schaffhausen 237 ff. 245 f. 254. 
257. 2H2. 

Schedel, Hartmann 297. 

Scheidt, Samuel, Komponist 106. 

Schellenberg, Joh., Rektor in Frei- 
berg 119. 

Schindler , Archidiakonus in 
Scbneeberg 107. 

Schirkowitz in Böhmen 146. 

Schirma (Kl. u. Gr.) bei Frei- 
berg 46, 



Register. 



369 



Schirmer, David, Pastor in Pap- 
pen Jorf 118 f 126. 

— Barbara, seine Frau 118. 

— David, Dichter u. Bibliothekar 
117 ff. 

— Anna Maria g-eb.Leschke, seine 
Frau 118. 

— Georg, Melchior und Samuel 
119. 126. 

Schlegel i. d. Oberlausitz 177. 
V. Schleinitz, Heiur., Abt z. Chem- 
nitz 284. 
Schlick, Joh. Andi- , Graf 128. 
Schmölln, Kloster 290. 
Schneeberg 91 ff. 142 f. 146. 
Schoch, Georg 130. 
V. Schönberg 139. 

— Joh., Bischof von Naumburg 
285. 302. 

Schönfeld bei Dürkheim, Kloster 

316. 
V. Schönfeld, Oberst 268. 
Schönfels bei Zwickau 145. 
Schönlebe s. Seifried. 
Schröter, Job., von Hirschberg, 

Prior zu Altzelle 101 f. 
Schütz, Heinr., Hofkapellmeister 

106. 123. 
Schv^^arzburg, Grafen 206. 
Schweden 343 ff. 
Schwedler, Abrah., Goldschmied 

135. 139 f. 
V. Schweinitz, Oberstwachtmeister 

277. 
Schweizer Soldtruppen 221 ff. 
Schwendendörfer in Leipzig 342. 
Schwerin , Generalfeldmarschall 

147 f. 
Seburc castrum 97. 
Seifersdorf bei Freiberg 46. 
Seifried , Wolf und Anna (geb. 

Schönlebe) 118. 
Seitendorf i. d. Oberlausitz 177 f. 
Seid, Dr., kaiserl. Vizekanzler 210. 
de Sermisii, Claudius, Komponist 

106. 
Seutter, Martin, Goldschmied 140. 
Sidonie (von Sachsen), Gemahlin 

Herzog Erichs IL zu Braun- 

schweig-Kalenberg 324. 
Siebenlehn 41. 
Siegen, Dr. 128. 
Siegmund, König 187. 321. 
V. Sierck, Phil., Dorapropst zu 

Trier 109 ff. 



Siffridus presb. Misnensis 296. 

Simon v. Freistadt, Laienbruder 
316. 

Sinapius, Joh. 131. 

Sivers, Heinr, Juwelier in Ham- 
burg 134. 

Soberger, Komponist 106. 

Socin, Benedikt, Ratsherr in Basel 
225. 236. 238. 246. 

Sohra bei Freiberg 134. 

Soto, Beichtvater Karls V. 207. 

Spangenberg bei Melsungen 112. 

— Joh. 105. 

Speier, Reichsabschied (1544) 200. 

Spengler, Mich. , Juwelier in Augs- 
burg 134. 

Stadtverweisung 29 ff'. 

Stähelin, Joh , Ratsherr in Basel 
225. 246. 

Steiger, Säckelmeister in Bern 
252. 264. 

Steigriff (für Oybin) 322. 

Stella, Erasmus 290. 

— Joli., presb. Venetus 300. 
V. Steruberg, Zdenko 110. 

V. Stolberg, Grafen 331. 

Stolle, Phil., Musiker 124. 130. 

Strafsburg 285. 

Striegis. die 118 f. 

Struinpff , Hans , Korporal der 

Schweizergarde 235. 
Sturm, Theologe 216. 
Successio episcoporum Moguntin. 

295. 

Tannenberg, der, im Amt Leisnig 
332 f. 

V. Taube, Heinr., Oberkämmerer 
1.33 135. 

Teplitz 146. 

Tetzel .309. 

Tharand 322. 

Thietmar, Bisch. V.Merseburg 291. 

Thirmanu, Nicol , Mag., Stadt- 
schreiber und Schulmeister ia 
Dresden 346 f. 

Thomas, Abt zu Bosau 302. 

Thüringen, Landgrafen 287 s. a. 
Balthasar, Elisabeth, Her- 
mann, Ludwig. 

Torgau 100. 132. 197. 203 f. 208. 

V. Torquemada, Job., Kardinal 92. 

Treuer, Gotthilf 131. 

Trient, Konzil 198 ff. 

Trier, IJibliothekar in Dresden 127. 



370 



Register. 



Tritlieim, Abt zu S. Jakob bei 

Würzburg 283 ff. 296 f. 310. 
Türchau i. d. Obeiiausitz 177. 

Udo I., Bisch, von Naumburg 289 f. 
— Erzbisch. von Magdeburg 304. 
Ulrich, Herz, von Meckleubiu'g328. 
Umblaufft, Christian, Kantor in 

Schneeberg 106. 
Ungarns. Andreas, Clertrud, Ladis- 

laus. 
Uuwirth, Job., Dr., Schöppe 327. 
Urie, Theoderici, historia concilii 

Coustant. 294. 
Utner, Peter, von Weyda, Pfarrer 

zu Schneeberg 92. 



Vecchius , Horatius , Komponist 

106. 
Verbrechen und Vergehen 5 f. 

5.y ff. 
Verzählen Iff. Verzählbücher 13 ff'. 
Vincentius Bellovaceusis 299. 
— Oasp., Komponist 106. 
Vitzthum V. Eckstädt, Georg 196. 
Vögeli, Vogt zu Zürich 261. 
Vulpiiis, Melchior, Komponist 106. 



Wagner, Elias, Pastor in Gr.- 
Schirma 118. 

— Samuel 119. 

— Valentin, Maler 14u. 

V. Waidenburg, Anark 56. 

Wallenstein, Graf 134. 

AVallisar, Chrph. Thomas, Kompo- 
nist 106. 

V. Wallwitz, Sebast. 196. 

Walram, Bisch, von Naumburg 291. 

Walter, Chrph , Komponist 106. 

Walthersdorf bei Freiberg 46. 

Wauningius, Job . Komponist 106. 

Waser, Bürgermeister in Zürich 
232. 237. 239. 242. 251 ff. 

Weber, ISTicol., zu Lövrenberg in 
Schlesien, Mönch 316 f. 

Wegefahrt bei Freiberg 46. 

Weidenhainische Haide 334. 

Weigmanusdorf bei Freiberg 46. 

Weimar 132 s Wilhelm. 

Weinmann, Job., in Hamburg 134. 



Weinolt, Chrph. und Tobias, Gold- 
schmiede 140 
V. AVeifsenbacb, Hermann 36 f. 
Weifsenborn bei Freiberg 46. 
Weifsenfeis 327. 

Weifshun, Nico!., Goldschmied 140. 
Wellemin (?) in Böhmen 146. 
Welle]-, Oberhofprediger 129. 
Wenzel, König 179 ff 319. 821. 
v.AVessel, Graf, preufs.General 148. 
Wilhelm L. Markgr. v. Meifsen 183. 

— II., .Markgr. v. Meifsen 62. 102. 

— Herz, von Sachsen 108 ff. 351 f. 

— IV., Herzog zu Weimar 336. 

— Abt in Mecheln 301. 
Wimpheling,Jak. 281.283.285 302. 
Wingendorf bei Freiberg 46. 

V. Winterfeldt, General 147 f 

Witte, Balth., Ratsherr in Haini- 
chen 118. 

Witteisbach. Haus 303. 

Wittenberg 120 f. 132. 188 f 193. 
195 f. 302. 309. 

Wolfgang, Kurf. von Mainz 333. 

Worsowit in Böhmen 147. 

AVürttemberg s. Anna Marie, Bar- 
bara, Christoph, Elise, Georg, 
Hedwig. Ludwig. 

Würzburg 283 f 287. 

Wusterwitz, Engelbert 292. 

Zässlin , Hans Heinr. , Ratsherr 
in Basel 245. 

v. Zastro, General 148. 

Zedena (v. Böhmen), Gem. Herzog 
Albrechts von Sachsen 115. 

Zeitbopf. Stadtschreiber zu Leip- 
zig 343. 345. 

Zeitz 132. Chron. Citizense 279 ff. 

V. Zescbau, kurf Rentmeister 129. 

Zeuzschner, Tob., Komponist 106. 

Zincke, Paul, Juwelier 140. 

Zittau 178 ff: 319 ff. 

— Herren von 178. 

Zügner, Georg, Franziskaner aus 

Zwickau 94. 
Zürich 226 ff. 233 ff 243. 245 ff. 276. 
Zwickau 4. 35. 105. 132. 144 ff. 

209. 213. 280 f 290 f 
Zwicker, Peter, Proviuzial der 

Cölestiner 315. 
Zwönitz 146. 



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