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Full text of "Neues Archiv für sächsische Geschichte und Alterthumskunde"

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Neues Archiv 

Sächsische Geschichte 

und' 

Altertumskunde. 



Herausgegeben 



von 



Dr. Hubert Eriniscb, 

K. Archivrat, 



Fünfzehnter Band. 




Dresden 1894. 
Wilhelm Baensch, K. S. Hofverlagsbuchhandlung. 



Das Neue Archiv für Sächsische Geschichte und Alter- 
tumskunde, welches im Auftrage der Königlichen Ötaats- 
regierung und des Königlichen Altertumsvereins heraus- 
gegeben wird, erscheint in halbjährlichen Doppelheften, von 
denen je zwei einen Band von ungefähr 22 Bogen bilden. 



Tiir /irrru PCMTCD 



Inhalt. 



Seite 

I. Die säclisisclie Gescliichtsforscluing- in den letzten 
dreilsig Jahren. Vom Herausgeber 1 

II. Wiedergefundene Originalurkunden des Klosters 
Grünliain. Von Archivar und Bibliothekar Dr. 
Berthold Schmidt in Schleiz 27 

III. Über die Anwendung des Namens Lausitz . auf 
die Oberlausitz im 14. Jahrhundert. Von Staats- 
archivar Dr. Woldemar Lippert in Dresden . . 41 

IV. Hans Harrer, Kammermeister des Kurfürsten 
August. Ein Beitrag zur sächsischen Ver- 
waltungs- und Wirtschaftsgeschichte. Von Pro- 
fessor Dr. Georg Müller in Dresden .... 63 

V. Zur Kipper- und AVipperzeit in Kursachsen. 

Von Dr. jur. et phil. R. Wuttke in Dresden . .119 
VI. Kleinere Mitteilungen 157 

1 . Kurfürst Augusts Bauten zu Stolpen. Von Pro- 
fessor Dr. Cornelius Gurlitt in Dresden. S. 157. 

2. Die Särge der Kurfürstin Anna und des Kur- 
fürsten August im Dome zu Freiberg und des Kur- 
fürsten August Tod. Von Oberlehrer Dr. Selmar 
Peine in Freiberg i. S. S. 161. 3. Die Familie 
Pols in Solingen und Dresden. Von Dr. Georg 
Petzsch, wissenscbaftl. Hilfsarbeiter am köuigl. 
historischen Museum. S. I(i9. 

Litteratm^ 175 

VII. Das Interim in Sachsen 1548-53. Von Pro- 
fessor Dr. S. Ifsleib in Leipzig 193 

VIII. Der Passauer Vertrag und seine Bedeutung für 
die nächstfolgende Zeit. Von Di-. Gustav AVolf 

in Freiburg i. B 237 

IX. Die Vermählung des Herzogs Johann von 
Sachsen 1. bis 5. März 1500. Von Archiv- 
direktor Archivrat Dr. C. A. H. Burkhardt in 

Weimar 283 

X. Eine sächsische Plattnerwerkstatt zu Witten- 
berg. Von M. V. Ehrenthal, Direktor des Königl. 
histor. Museums in Dresden 299 



IV Inhalt. 

XT. Kleinere Mitteilungen 313 

1. Eine Schuld der Stadt liautzeii. Von Üherlehrer 
Dr. Fr. H. Baiuiiglirtel iu Bantzoii. S. 'MH. 2. Zur 
Genealogie der Wettiuer im 15. .lalirhuudert. Von 
Staatsarchivar Dr. Woldeniar |jiiii)ert in Dresden. 
S. 317. 3. Noch einige Berichtigungen zum Stamm- 
baum des Hauses Wettin. Vom Heransgeher. S. 322. 
4. Neues üher die Herzogin Kathai'ina zu Sachsen 
und die Ihrigen. Von Archivi'at Dr. Tiieodor Distel 
in Dresden. S. 326. 

Litteratiiv 328 

Register 349 



Besprochene Schriften. 

Bahrfeldt, Die märkischen Engelgroschen (Wuttke) 333 

Bärge, Die Verhandlungen zu Linz und Passau ((i. Wolf) . . 333 
Brockhaus' Konversations-Lexikon VI — X. (Ermisch) .... 341 
Distel, Zur Todesstrafe gegen Wilderer in Kursachsen (Wuttke) 178 
de la Fuensanta del Valle, Colecciön de documentos CA'III. CIX. 

(Haehler) 336 

Gebauer, Die Volkswirtschaft im Königreich Sacnsen (E. U. 

Schulze) 179 

Frh. V. Hausen, Vasallen-Gescblechter der Markgrafen zu Meifsen 

(Ermisch) 177 

V. Raab, Regesten zur Orts- und Familiengeschichte des Vogt- 
landes I. (B. Schmidt) ^ . 17.5 

Rössler, Die Lütticher Affaire (M. Exner) .... . 337 

Schmidt, B., Urkundenbuch der Vögte II. (Lippert) 330 

Schulze, W., Die Geschichtsquellen der Provinz Sachsen (Ermisch) 328 
Sponsel, Die Frauenkirche zu Dresden (v. Oechelhäuser) . . . 338 



I. 



Die sächsische Geschichtsforschung in den 
letzten clreissig Jahren. 



Von 

Hubert Ermiscli. 



Die zweite Versammlung deutscher Historiker, die 
in diesen Tagen auf sächsischem Boden stattfindet, wird 
sich unter anderem mit dem gegenwärtigen Stande und 
der Bedeutung landesgeschichtlicher Studien beschäftigen 
und damit eine Frage behandeln, die gerade für die 
deutsche Geschichtswissenschaft von hoher Wichtigkeit 
ist. Deutschlands politische Geschichte zeigt ein fort- 
w^ährendes Auseinander- und Zusammenstreben; der steten 
Neigung, aus dem Ganzen Teile loszulösen und selbst- 
ständig auszugestalten, steht die stete Sehnsucht gegen- 
über, die Teile von neuem zu einem Ganzen zu vereinen. 
Das Verständnis der allgemeinen Geschichte des deutschen 
Volkes erschliefst sich nur dem , der mit warmem Anteil 
die Geschichte der Einzelstaaten und ihrer Teile verfolgt. 
So ist die wissenschaftliche Behandlung der Spezial- 
geschichte eine Vorbedingung für die Erforschung der 
Geschichte Gesamtdeutschlands. 

Man kann wohl sagen, dafs gegenwärtig in den 
meisten Landen deutscher Zunge ein ernster, wissen- 
schaftlicher Sinn die Landes- und Provinzialgeschichts- 

Neues Archiv f. S. C!. u. A. XV. 1. 2. 1 



2 Huliert Ermisolr. 

forscliuiig durchdringt. Berichterstatter aus Nord und 
Süd, aus West und Ost werden dies für ihre Gebiete 
darthun. Es sei uns gestattet, an dieser Stelle für 
unsere sächsische Heimat den Nachweis zu führen, dals 
auch bei uns auf allen Gebieten geschichtlicher Arbeit 
ein reges Leben herrscht. Damit soll nicht gesagt sein, 
dals nicht noch viele Lücken auszufüllen wären ; im 
Gegenteil: je mehr die Forschung fortschreitet, um so 
fühlbarer machen sich diese Lücken. Auch auf sie hin- 
zuweisen, wird unsere Aufgabe sein. 

Im Jahre 1862 eröffnete W. Wachsmuth die erste 
landesgescliichtliche Zeitschrift Sachsens, der eine längere 
Lebensdauer beschieden gewesen ist, mit einem Aufsatz 
über Sachsens vaterländische Geschichtsschreibung seit 
dem 16. Jahrhundert. An ihn knüpfen wir an, wenn 
wir den Versuch machen, einen Überblick über die landes- 
geschichtliche Forschung in den Jahren 1863 — 1893 zu 
geben. Freilich wird sich dieser Überblick auf allgemeine 
Umrisse beschränken müssen. Werke allgemeineren In- 
halts, die nebenbei auch für die Geschichte Sachsens von 
Bedeutung geworden sind, können wir nur ausnahmsweise 
nennen ; auch von den tausenden mehr oder weniger ver- 
dienstlicher Arbeiten rein spezialgeschichtlichen Charakters 
vermögen wir nur eine kleine Auswahl anzuführen. Wer 
sich näher unterrichten will, ist für die ersten 15 Jahre 
unseres Zeitraums lediglich auf allgemeine bibliographische 
Werke angewiesen ; seit 1878 bieten ihm alles Nötige 
die betreffenden Abschnitte in den „Jahresberichten der 
Geschichtswissenschaft", ferner seit 1880 meine Litterat ur- 
übersichten im Neuen Archiv für Sächsische Geschichte, 
endlich seit 1888 die Bibliographie der Deutschen Zeit- 
schrift für Geschichtswissenschaft. Eine allgemeine Über- 
sicht über die Litteratur der sächsischen Geschichte, wie 
sie Ende vorigen Jahrhunderts B. G. Weinart versuclit, 
oder wenigstens eine Quellenkunde, wie sie für die 
Provinz Sachsen Walther Schnitze (1893) gegeben 
hat, ist ein dringendes Bedürfnis, das durch P.E.Richters 



Sächsische Geschichtsforschung- in den letzten 30 Jahren. 3 

Litteratur der Landes- und Volkskunde des Königreichs 
►Sachsen (1889) nur zum Teil befriedigt wird. 

Als Organ für die gesamte heimische Geschichts- 
forschung wurde, wie schon bemerkt, im Jahre 1862 das 
Archiv für die sächsische Geschichte geschaffen, 
dank hauptsächlich der freigebigen Unterstützung der 
Königlichen Staatsregierung, die überhaupt alle landes- 
geschichtlichen Bestrebungen stets verständnisvoll ge- 
fördert hat; der damalige Kultusminister Freiherr Joh. 
Paul von Falkenstein, dessen anregender Thätig- 
keit wir noch mehrfach zu gedenken haben werden, 
ist der Zeitschrift fortwährend nicht nur ein wohl- 
wollender Gönner, sondern auch ein sachkundiger Berater 
geblieben. Die Begründer waren der Leipziger Historiker 
Prof. Dr. W. Wachsmuth und der Direktor des Dresdner 
Hauptstaatsarchivs Dr. Karl von Weber, der vom 
3. Jahrgange an die Herausgabe allein besorgte. „Für 
die Behandluiig des Materials muls als Grundsatz fest- 
gehalten werden, dals die Grundlage wissenschaftlich sei 
und dafs die Bearbeitung des Gegenstandes auf histori- 
scher Basis ruhe und neue Gesichtspunkte biete. Mei- 
nungen politischen Prinzipienstreites und Polemik des 
kirchlichen Glaubensbekenntnisses sind unbedingt von 
dieser Zeitschrift fernzuhalten. Das Archiv soll nicht zu 
blols vorübergehender Unterhaltung dienen, sondern dem 
Geschichtsforscher beachtenswertes Material und dem Ge- 
schichtsfreund anregenden und belehrenden Stoff bieten." 
Diesen gesunden Grundsätzen, zu denen sich die Heraus- 
geber in der Einleitung zum ersten Bande bekennen, 
treu zu bleiben, hat die Zeitschrift sich redlich bemüht, 
und mit Befriedigung konnte Karl von Weber, als er im 
Jahre 1879 die Redaktion niederlegte, auf eine stattliche 
Reihe von 18 Bänden zurückblicken, die eine Fülle wohl- 
bearbeiteter Bausteine zur Geschichte Sachsens enthalten. 

Noch älteren Ursprungs war ein anderes landes- 
geschichtliches Organ, das damals neben dem „Archiv" 
bestand. Zu den frühesten geschichtlichen Vereinen 

1* 



4 Hubert Ermisch: 

Deutschlands gehört der 1825 gegründete Königlich 
Sächsische Altertumsverein, der allerdings von jeher 
seine Thätigkeit in erster Linie auf die Erforschung und 
Erhaltung der Kunstdenkmäler und Altertümer des Landes 
gerichtet, jedoch auch dessen Geschichte in den Kreis 
seiner Bestrebungen gezogen hat. Seit 1835 gab er 
„Mitteilungen" heraus, die anfangs in unregelmälsigen 
Zwischenräumen, seit etwa 1865 aber jährlich erschienen 
und ebenfalls manchen beachtenswerten Beitrag zur 
Landesgeschichte brachten. Zu einer wahrhaft gedeihlichen 
Entwicklung gelangten die „Mitteilungen" aber doch 
nicht, teils weil sie dem buchhändlerischen Vertrieb ent- 
zogen waren, teils weil das Nebeneinanderbestehen von 
zwei Zeitschriften gleicher Richtung der Sache selbst 
nicht förderlich war. 

Man begrüfste es daher allgemein mit Freude, als 
im Jahre 1879 ein Abkommen zwischen der Königlichen 
Staatsregierung und dem Altertumsverein getroffen wurde, 
nach dem an Stelle des Archivs und der Mitteilungen 
nur eine Zeitschrift als Organ sowohl der Regierung 
wie des Vereins erscheinen sollte. Es w^ar dies das 
Neue Archiv für sächsische Geschichte und 
Altertumskunde, dessen 15. Jahrgang mit dem vor- 
liegenden Hefte beginnt. Mit seiner Herausgabe war 
von Anfang an der Verfasser dieser Zeilen beauftragt ; 
er hat sich bemüht, auch diese Zeitschrift zu einer 
Sammelstätte für tüchtige Forschungen auf allen Ge- 
bieten der Landesgeschichte zu machen '). 

Es sind dies aber nicht die einzigen geschichtlichen 
Zeitschriften unseres Landes geblieben. Wenn wir auch 
von Alfr. Moschkaus kurzlebiger Saxonia (1876 — 1879) 
ihres mehr belletristischen Charakters wegen absehen, 
so verdienen doch die Beiträge zur sächsischen 



1) Wir citieren: A. bez. ANF. — v. Webers Archiv für die 
Sächsische Geschichte bez. Neue Folge ; NA. = Ermischs Neues 
Archiv für Sächsische Geschichte ; M.— Mitteihingen des Königlich 
Sächsischen Altertumsvereins. 



Sächsische (leschichtsforscliuiig in den letzten 80 Jahren. 5 

Kircliengeschichte, die F. Dibelius gemeinsam mit 
Gotth. Lech 1er und später mit Th. Brieger im Auf- 
trage der Gesellschaft für sächsische Kirchen geschichte 
seit 1882 herausgiebt, sowie mehrere Vereinszeitschriften 
lokalgeschichtlichen Charakters Beachtung. 

Wie kräftig sich das geschichtliche Interesse in allen 
Teilen des Landes während der letzten Jahrzehnte ent- 
wickelt hat, davon zeugen die zahlreichen Geschichts- 
vereine, die aller Orten entstanden sind. Um 1863 gab es 
aulser dem Königlich Sächsischen Altertumsverein nur die 
altehrwürdige Deutsche Gesellschaft in Leipzig, die ihrem 
Charakter nach eine „Sprachgesellschaft" war, aber doch 
auch auf geschichtlichem und insbesondere landesgeschicht- 
lichem Gebiete manche dankenswerte Publikation hervor- 
gebracht hat, dann die für einen Teil unseres Landes 
noch heute sehr wichtige, 1779 begründete Oberlausitzer 
Gesellschaft der Wissenschaften, deren Organ, das „(Neue) 
Lausitzische Magazin", jedoch nur teilweise der heimi- 
schen Geschichtsforschung diente, die 1838 entstandene 
Geschichts- und Altertumsforschende Gesellschaft des 
Osterlandes zu Altenburg und endlich als ersten der 
ortsgeschichtlichen Vereine Sachsens den 1860 von 
H. Gerlach ins Leben gerufenen Freiberger Altertums- 
verein. Li schneller Folge schlössen sich diesem an die 
Altertums- und Geschichtsvereine zu Leisnig (1866), Leip- 
zig (1867), Dresden (1869), Chemnitz (1872), Plauen i.V. 
(1873), Meilsen (1880), Pirna (1885), Annaberg (1885), 
Rochlitz (1892). Die meisten dieser Vereine geben „Mit- 
teilungen" (der Verein für Geschichte Dresdens daneben 
noch eine Vierteljahrsschrift, die „Dresdner Geschichts- 
blätter") heraus, in denen uns neben vielem Minder- 
wertigen doch auch mancher Beitrag von Bedeutung für 
die Orts- und selbst für die Landesgeschichte begegnet. 
Dasselbe gilt von den periodischen Publikationen des 
Gebirgsvereins für die sächsische Schweiz und des Erz- 
gebirgsvereins. Mag man auch die Zersplitterung der 
materiellen und geistigen Mittel bedauern, die in dieser 



6 Hubert Ermisch: 

Vielheit der Organe liegt, so muls man doch andererseits 
anerkennen, dalis sie den Anteil an landesgeschichtlichen 
Bestrebungen in Kreisen verbreiten, die ihnen sonst fern 
stehen würden; und auch der strengwissenschaftlichen 
landesgeschichtlichen Forschung kann es nur als ein 
erstrebenswertes Ziel gelten, wenn in allen Teilen des 
Landes und in allen Schichten der Bevölkerung histori- 
sches Verständnis und historisches Interesse gefördert 
wird. Die wiederholt angebahnte Vereinigung all dieser 
kleinen Gruppen in einem über das ganze Land reichenden 
Verbände hat sich zwar bis jetzt noch nicht erreichen 
lassen; wir hoffen jedoch, dals die entgegenstehenden 
Schwierigkeiten nicht unüberwindlich sein werden. — 

Der Königlichen Staatsregierung und der Bereit- 
willigkeit der Stände verdanken wir, wie das Bestehen 
einer landesgeschichtlichen Zeitschrift, so auch die Be- 
gründung und Fortführung eines umfassend angelegten 
Urkundenwerks zur Geschichte Sachsens. Die Heraus- 
gabe eines Codex diplomaticus Saxoniae regiae 
wurde, ebenfalls auf Anregung des Ministers Freiherrn 
von Falkenstein, im Jahre 1860 beschlossen und dem 
Leipziger Oberbibliothekar Dr. E. G. Gersdorf übertragen. 
Der Plan war, die gesamten Urkunden zur sächsischen 
Geschichte bis zur Landesteilung 1485 (eine Grenze, die 
für die Stifter und Klöster und für die Universität noch 
weiter gesteckt wurde) in drei Hauptabteilungen zu ver- 
öffentlichen ; die I. sollte die Urkunden zur Geschichte 
des regierenden Hauses und des Landes in seiner 
Gesamtheit, die H. die Urkunden der Stifter, Klöster 
und bedeutenderen Städte, die IH. die der kleineren 
Ortschaften, einzelner Geschlechter u. s. w. enthalten. 
Gersdorf wurde seit 1862 von Karl von Posern- 
Klett unterstützt; seit 1875 sind Otto Posse und der Ver- 
fasser dieser Zeilen die Herausgeber des Codex diplomaticus, 
denen als Mitarbeiter Joseph Förstemann, Bruno 
Stübel. Hermann Knothe und Ludwig Schmidt zur 
Seite traten. Die II. Abteilung wurde durch ein drei- 



Sächsische Geschiclitsforschuiii;' in den letzten HO Jahren. 7 

bändiges Urkuiidenbuch des Hochstifts Meilsen (1864 
bis 1867) eröjffiiet; ihm folgten Urkundenbücher der Städte 
Leipzig (2 Bände 1868, 1870; der Universität 1879), 
Meifsen (1873), Dresden und Pirna (1875), Chemnitz 
(1879), Kamenz und Löbau (1883), Freiberg (3 Bände 
1883, 1886 und 1891) sowie der in diesen Städten befind- 
lichen Klöster. Ein dritter Band des TJrkundenbuchs von 
Leipzig und ein Urkundenbuch der Stadt Grimma und 
des Klosters Nimbschen werden demnächst erscheinen; 
eine Ausgabe der Leipziger Universitätsmatrikel ist unter 
der Presse. Von der I. Abteilung, für welche die Vor- 
arbeiten am schwierigsten waren, liegen zwei Bände 
(1882 und 1889) vor, die bis zum Jahre 1195 reichen, und 
zwei weitere Bände sind im Druck. 0. Posse, der diese 
vier Bände bearbeitet hat, hat seine eingehenden diplo- 
matischen Vorstudien in seiner Lehre von den Privat- 
urkunden (1887) niedergelegt. Sein gelegentlich des Wet- 
tinerjubiläums (1889) erschienenes Werk Die Hausgesetze 
der Wettiner bis 1486, das eine Anzahl wichtiger Urkunden 
in Lichtdrucknachbildungen bringt, soAvie sein Werk über 
die Siegel der Wettiner (1888, 1894) schlielsen sich er- 
gänzend der J. Abteilung des Codex diplomaticus an. 

Von sonstigen Urkundenpublikationen nennen wir nur 
drei Sammlungen zur Geschichte des Vogtlandes: die in 
den Mitteilungen des Altertumsvereins zu Plauen i. V. 
von Job. Müller veröffentlichten Urkunden und Ur- 
kundenauszüge zur Geschichte Plauens und des Vogtlands, 
Berth. Schmidts Urkundenbuch der Vögte von Weida, 
Gera und Plauen (1885, 1892) und C. von Raabs Re- 
gesten zur Orts- und Familiengeschichte des Vogtlands 
(1893). 

Auch für die leider so dürftigen annalistischen und 
chronikalischen Quellen unserer Lande ist manches ge- 
schehen. Die Monumenta Germaniae haben Ausgaben des 
Chronicon montis Sereni (SS. XXIII), der Historia uni- 
versalis des Sifridus presbyter (SS. XXV), der Erfurter, 
Altzeller, Pegauer Annalen (SS. XVI) und mancher kleineren 



Hubert Ennis 



cii: 



Stücke (SS. XXIII. XXIV) gebracht. Von der Chronik des 
Thietmar von Merseburg- hat Friedr. Kurze eine Hand- 
ausgabe besorgt (1889). Der erste Band der Geschichts- 
quellen der Provinz Sachsen brachte St Übels Ausgabe 
des Chronicon Sampetrinum (1870), die Mitteilungen der 
Deutschen Gesellschaft J. 0. Opels Ausgabe der Annales 
Veterocellenses (1874). Von kleineren Arbeiten zur Quellen- 
kunde nennen wir nur die Arbeiten von 0. Posse (1872) 
und C. Wenck (1878) über die Entstehungsgeschichte der 
Reinhardsbrunner Geschichtsbücher. Was uns vor allem 
noch Not thut, ist eine kritische Untersuchung und eine 
gute Ausgabe unserer chronistischen Quellen des späteren 
Mittelalters. — 

Für das lange vernachlässigte Gebiet der geschicht- 
lichen Geographie Sachsens, für das E. Herzogs 
Arbeiten über Sachsens wüste Marken (A. II. V. X. XII) 
und Mor. Weites Programm über den Gau Nisan (1876) 
Vorarbeiten enthalten, kommen die dem I. Bande des Codex 
diplomaticus beigefügte, von 0. Posse bearbeitete Gau- 
und Diözesankarte, ferner A. Brechers Darstellung der 
Gebietsveränderungen in den sächsisch - thüringischen 
Ländern seit dem 12. Jahrhundert (1888) und die Schul- 
wandkarte zur Geschichte der wettinischen Länder von 
0. Kämmel und G. Leipoldt (1891) in Betracht. — 
Grundlegende Untersuchungen über die Geschichte der 
sächsischen Kartographie im IG. Jahrhundert verdanken 
wir S. Rüge (Kettlers Zeitschrift für wissenschaftliche 
Geographie 1881). Von hoher Bedeutung aber ist nament- 
lich Ruges Veröffentlichung des von Matthias Öder 
1586—1607 ausgeführten grofsen Kartenwerks, die 1889 
als Festgabe des Hauptstaatsarchivs zum Wettinerjubiläum 
erschien. — 

Noch ein Quellenwerk anderer Art, zu dem die An- 
regung vom Königlich Sächsischen Altertumsverein aus- 
gegangen ist, verdankt Sachsen der Freigebigkeit seiner 
Regierung: die Beschreibende Darstellung der 
älteren Bau- undKunstdenkmäler desKönigreichs 



Sächsische Geschichtsforschung' in den letzten 30 Jahren. 9 

Sachsen. Die Herausgabe desselben wurde Richard 
Steche übertragen, der in den Jahren 1882 — 1891 fünf- 
zehn Amtshauptmannschaften des Landes bearbeitet hat. 
Nach seinem Tode (1893) hat Cornelius Gurlitt die 
Fortsetzimg übernommen. — 

Von Darstellimgen der Gesamtgeschichte Sach- 
sens kommt, wenn wir von populären Werken, wie 
K. Petermanns Geschichte des Königreichs Sachsen 
(S.Auflage 1881) und 0. Kämm eis Gang durch die 
Geschichte Sachsens il889), und Leitfaden für den Schlü- 
gebrauch, wie denen von K. A. F. Mohr (S.Auflage, 
besorgt von Th. Flathe 1891) oder Kämmel (1892) 
absehen, nur die von Th. Flathe bearbeitete und bis zur 
Neuzeit fortgesetzte zweite Auf läge von C. W. Böttigers 
Geschichte von Sachsen (3 Bände, 1867-1873) in Betracht, 
die allerdings, namentlich in ihren älteren Teilen, nicht 
mehr genügt, dank dem steten Fortschreiten der Einzel- 
forschung. Bevor diese nicht noch eine ganze Reihe 
dringender Aufgaben gelöst hat, wird wohl eine sowohl 
wissenschaftlichen Ansprüchen genügende, als.auch dem viel- 
fach empfundenen Bedürfnis weiterer Kreise entsprechende 
sächsische Geschichte ein frommer Wunsch bleiben müssen. 
— Für die Genealogie unseres Herrscherhauses sind neben 
den betreffenden Tabellen in K. von Bohr s Genealogie 
(2. Auflage 1870, Suppl. 1890) und L. A. Cohns 
neuer Ausgabe der Voigtelschen Stammtafeln (1871) 
G. Eb. Hofmeisters Werk „Das Haus Wettin" (1889) 
und für die ernestinischen Linien C. A. H. Burkhardts 
Stammtafeln (1885) anzuführen. — 

Wenden wir uns nun zu den einzelnen Abschnitten 
unserer Geschichte. Die vorgeschichtlichen Forschungen 
haben in Sachsen stets mehr Fühlung mit der Naturwissen- 
schaft als mit der Geschichte gehabt, wie ja auch die 
prähistorischen Sammlungen des Staates mit den geo- 
logischen verbunden sind. Dafs auch auf diesem Gebiete 
fleifsig gearbeitet worden ist, bezeugen die Arbeiten von 
B. Geinitz (Urnenfelder von Strehlen und Grofsen- 



10 Hubert Ermiscli; 

haiii 1876), Job. V. Deichmüller u. a.. die meist in den 
Sitzungsberichten der Dresdner naturwissenschaftlichen 
Gesellschaft Isis erschienen sind. — Von andern Gesichts- 
punkten aus beleuchten die älteste Geschichte unserer 
Lande die Arbeiten von Alb. Fr au Stadt und Ed. 
von Wietersheim über deren germanische Urbevölkerung 
(A. I. III) und das hauptsächlich auf Ortsnamenforschung 
beruhende Buch von Gust. Hey über die slavischen Sie- 
delungen im Königreich Sachsen (1893). Ein Werk über 
die Kolonisation der wettinischen Lande wird Ed. 0. 
Schulze demnächst veröffentlichen. 

Für die Geschichte der Mark Meifsen bis in den 
Anfang des 11. Jahrhunderts, für die Franz Winter 
(ANF. II), Fraustadt (ANF. IV) u. a. Vorarbeiten 
geliefert, ist vor allem auf 0. Posses Werk Die Mark- 
grafen von Meilisen und das Haus Wettin bis zu Konrad 
dem Grolsen (1881) hinzuweisen. Arbeiten von Paul 
Rockrohr (1885, 1886), K.Uhlirz (1887) und die Unter- 
suchungen von R. 0. Langer zur Geschichte des heiligen 
Benno (1884—1888) schlielsen sich an. Über Konrad den 
Grolsen und Dietrich den Bedrängten sind Abhandlungen 
von J. L. 0. Lobeck (1879) und 0. Siegismund 
(M. XXVI/XXVII) erschienen. Eine für ihre Zeit sehr ver- 
dienstvolle Arbeit ist die Schrift von K. Fr. von Pos er n- 
Klett Zur Geschichte der Verfassung der Markgrafschaft 
Meifsen im 13. Jahrhundert (1863). Die wichtigste Mono- 
graphie aber auf dem Gebiet der meilsnisch-thüringischen 
Geschichte des 13. und 14. Jahrhunderts ist F. X. Wegeies 
Friedrich der Freidige (1870). Ferner erwähnen wir 
zur Geschichte des 14. Jahrhunderts die Aufsätze von 
K. G autsch über die Hersfelder Lehen der AVettiner 
(A. V), von W. Lippert (von dem ein grölseres Werk über 
die wettinische Politik dieser Zeit im Druck ist) über die 
Beziehungen zu den böhmischen Luxemburgern und Witteis- 
bachern (1889— 1892), von Berth. Schmidt über die zu den 
Reufsen von Plauen (1885), von F. Voigt über die zu 
Brandenburg (1864), von C. Beyer über die zur Stadt 



Sächsische Geschichtsforschung in den letzten HO Jahren. 1*1 

Erfurt (1889), namentlich aber C. Wencks Schrift 
über die Wettiner des 14. Jahrhunderts, insbesondere 
Markgraf Wilhelm I. (1879) ; und zur Geschichte des 
15. Jahrhunderts Arbeiten von Fritz Richter über den 
luxemburgischen Erbfolgestreit (1889), von Ernst Koch 
zur Greschichte des Prinzenraubs (1890, 1891), von A. Bach- 
mann (NA. II), H. Knothe (NA. II. VI) und mir 
(NA. I. II) über die sächsisch -böhmischen Beziehungen, 
von E. Stoewer (1882), Ad. Abramowski (1890) und 
Osk. Sperling (1892) über Albrecht den Beherzten. 

So ist zwar in allen Teilen der mittelalterlichen 
Geschichte Sachsens gearbeitet worden , aber überall 
klaffen noch Lücken. Ihre Ausfüllung wird vor allem 
von dem weiteren Fortschreiten der I. Abteilung des 
Codex diplomaticus Saxoniae abhängen; es ist deshalb 
sehr erfieulich, dals neuerdings eine Beschleunigung dieses 
Fortschreitens durch Teilung der Arbeit angestrebt wird, 
insofern die Bearbeitung des Jahrhunderts 1381 bis 1485 
dem Verfasser dieser Zeilen übertragen worden ist. — 

Kein Zeitabschnitt der sächsischen Geschichte hat 
die Forschung so lebhaff beschäftigt als das 16. Jahr- 
hundert; und es ist dies vollkommen begreiflich: sind 
doch zu keiner anderen Zeit die allgemein-deutsche und die 
Landesgeschichte Sachsens so innig verflochten. Sachsen 
wurde die Geburtsstätte der Reformation; ein gi'ofser 
Teil der so umfangreichen Litteratur der Reformations- 
geschichte würde auch in einer Bibliographie der sächsi- 
schen Geschichte genannt werden müssen. Es bedarf 
wohl keiner Entschuldigung, wenn wir an dieser Stelle 
von jedem Versuche absehen, einen Überblick über diese 
Litteratur zu geben. Nur wenige Namen wollen wir 
nennen; vor allem den Namen eines Mannes, der nicht 
blofs wegen seiner anspruchslosen Schriften, sondern vor 
allem wegen der seltenen Uneigennützigkeit, mit der er 
jahrzehntelang jede Arbeit auf reformationsgeschichtlichem 
Gebiete aus der reichen Fülle seines Wissens unterstützt 
hat, unvergessen zu bleiben verdient : J o h an n K a r 1 S e i d e - 



12 Hubert Ennisch : 

mann. Von andern speziell sächsischen Forschern dieses 
Gebiets erwähnen wir Georg Müller, Georg Buch- 
wald, Felician Gels. Der letztere hat sich insbesondere 
einer Aufgabe zugewandt, für die vor ihm die beiden 
jung verstorbenen W. S c h o m b u r g k und Ludwig 
Schwabe gearbeitet hatten und die als eine der dank- 
barsten dieser Zeit gelten darf: die Geschichte des 
Herzogs Georg. Eng mit ihr verbunden ist die Geschichte 
seines Bruders Heinrich ; zu dieser habe ich gelegentlich 
der Bearbeitung meines Freiberger Urkundenbuchs einige 
Beiträge geliefert, von denen vielleicht der Aufsatz über 
die Herzogin Ursula von Münsterberg (NA. III) hier 
erwähnt werden darf. 

Mit besonderer Vorliebe aber hat sich die Forschung 
der genialen Persönlichkeit des Kurfürsten Moritz zu- 
gewandt. Eine biographische Meisterarbeit über ihn ver- 
danken wir Georg Voigt, dessen „Moritz von Sachsen'^ 
jedoch leider nur die Jahre 1541— 1547 umfalst, also mit 
dem Zeitpunkt aufhört, wo Moritz' allgemeingeschichtliche 
Bedeutung recht eigentlich anfängt. Für die späteren 
Jahre haben mancherlei Beiträge geliefert: Wold. Wenck 
(A. VIII. IX), C. A. H. Burkhardt (A. IV. VHI), 
A. von Druffel (1878), Wold. Glafey (M. XXVI. 
XXVII), Th. Distel (ANF. VI), E. Schlomka 
(1884), Jul. Witter (1886), Herm. Bärge (1893) u. a. 
Besondere Erwähnung verdienen die fleilsigen Arbeiten 
von S. Ilsleib (M. XXVI /XXVII. ANF. V. NA. IV 
bis VIII. IX — XIV). Immerhin bleibt noch jetzt die 
zweite grolse Aufgabe der sächsischen Historiographie 
des 16. Jahrhunderts eine Biographie des Kurfürsten 
Moritz. 

Die dritte würde eine solche des Kurfürsten August 
sein. Auch für sie ist schon vorgearbeitet worden. Seine 
hervorragende volkswirtschaftliche Wirksamkeit hat Joh. 
Falke dargestellt (1868); über seine politische und kirch- 
liche Thätigkeit haben G. Droysen (A. II. V). Wold. 
Wenck (ANF. III), Kobert (Jalinich (1868, 1870), 



Sächsische Geschichtsforschiing in den letzten 30 Jahren. 18 

M. Ritter (ANF. V), Oskar Scholz (1875), 
Walther Goetz (1891), Joli. Tielftz (1891), G. Wolf 
(NA. XIII. XIV) u. a., über seine kirclilicbe Calinich 
(186G), A. Kliickholin (A. VII. Historische Zeitschrift 
XVIII), Th. Distel (Der Flacianismus u. s. w. 1879) u.a. 
gearbeitet. Auch das ansprechende Buch von K. von Weber 
über des Kurfürsten Gemahlin Anna (1865) dürfen wir 
nicht übergehen. 

Eine weit geringere Anziehungskraft haben die folgen- 
den Zeiten ausgeübt. Für die Geschichte der beiden 
Christiane und der vier Johann George liegen eine Reihe 
fleifsiger Aufsätze von G. Heibig vor (A. I. III. V— VII. 
IX. XI. NF. II). Wir erwähnen ferner die Arbeiten von 
Friedr. Brandes über Krell (1873), von 0. Kämmel 
über die Stellung Kursachsens zur Revolution in Ungarn 
1604 — 1606 (ANF. VI) und von Dietr. Kohl über 
die kursächsische Politik 1612 (1879). Sachsens Anteil 
am dreilsigj ährigen Kriege betreffen, immer abgesehen 
von allgemeineren Werken, Arbeiten von G. Droysen 
(A. VII. XII. NF. VI. NA. I), H. Hall wich (A. VIII. 
NF. III), J.O.Opel (NA. VIII), H. Knothe (Neues 
Lausitz. Magazin LVI. LXV) und Arnold Gaedeke 
(NA. VII. IX. X), dessen Werk Wallensteins Verhand- 
lungen mit Schweden und Sachsen 1631—1634 (1885) 
wir besonders hervorheben wollen ; die sächsische Kirchen- 
politik dieser Zeit behandelt ein anregender Aufsatz von 
Ludwig Schwabe (NA. XI) 

Für die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts kommt 
vor allem das AVerk von Bertr. Auerbach La diplo- 
matie et la cour de Saxe (1887) in Betracht. Eine kleine 
Litteratur rief das Jubeljahr der Befreiung Wiens 1883 
hervor; wir erwähnen davon nur die Schrift von P. Hassel 
und A.C. Graf Vitzthum von Eckstädt Zur Geschichte 
des Türkenkrieges 1683. 

Über die Zeit Friedrich Augusts I., des ersten 
Wettiners, der die für Sachsen so verhängnisvolle Krone 
Polens trug, ist wenig gearbeitet worden. Einiges bieten 



J4 Hubert Ermisch: 

die Arbeiten von Joli. Rieh. Danielson über die Politik 
der Jahre 1706— 1709 (1878) und vonK. von Jarochowski 
über Johann Reinhokl Patkul (NA. III); mehr in das 
staatsrechtliche Gebiet fällt die Schrift von A. Frantz 
über das katholische Directorium des Corpus Evangeli- 
corum (1880). Zur Geschichte der Gemahlin des Kur- 
fürsten, Christiane Eberhardine, hat Franz Blanck- 
meister neues Material veröffentlicht (1891). Von den 
Damen, denen der galante König seine Gunst zu- 
wandte, hat Anna Constance Gräfin von Cossell in Karl 
von Weber (A. IX) ihren Biographen gefunden. Der- 
selbe hat von den außerehelichen Kindern des Königs 
dem freilich mehr der französischen als der sächsischen 
Geschichte angehörigen Moritz Grafen von Sachsen (1863) 
eine Monographie gewidmet, zu dessen Leben auch St.- 
Rene Taillandier (1865), Graf C. F. Vitzthum von 
Eck Stadt (1867) und der Herzog v. Broglie (1891) 
Beiträge veröffentlicht haben; F. A. Freiherr öByrn 
hat den Grafen Friedrich August von Rutowski (ANF. II) 
und den Chevalier de Saxe (1876) behandelt. Von den 
Generälen des Königs hat Heinrich Friedrich Graf von 
Friesen eine biographische Darstellung durch O. von 
Schimpff (NA. II), von seinen Staatsmännern Graf 
Karl Heinrich von Hoym eine solche durch den Baron 
Jeröme Pichon (1880) erfahren. 

Aus der Regierungszeit Friedrich Augusts IL heben 
wir die Arbeiten von Ferd. Körner (ANF. V) und 
F. S. Hark (NA. IV. VI) über das Verhältnis des Grafen 
von Zinzendorf zur kursächsischen Regierung hervor. Dann 
war es hauptsächlich Sachsens Teilnahme an den Kriegen 
um Schlesien, was die Blicke der Forscher auf sich 
lenkte. Wir nennen hier die kleine Schrift von Carl 
Hübner über die kursächsische Politik 1740 — 1741 
(1892), das anonym erschienene Werk des Grafen C. 
Fr. Vitzthum von Eckstädt : Die Geheimnisse des 
sächsischen Cabinets (1866), die Aufsätze von Winkler 
(A. VII— IX), E. Herrmann (ANF. II, auch Preuls. 



Sächsische Geschichtsforschung- in den letzten 30 Jahren. 15 

Jahrbücher XLVII. XLVIII), C. Grünhagen (ANF. 
II. NA. I) und Carl Freiherni von Beaulieu-Mar- 
connay (über Thomas von Fritsch A. IX) ; auch des 
letzteren Schritt über den Hubertusburger Frieden (1871) 
mag- erwähnt werden. Über die Bewerbung des Kur- 
fürsten Friedrich Christian und seines Bruders Xaver 
um die polnische Krone 1763/64 sowde über das Ver- 
hältnis Kurfürst Friedrich August III. zu Karl Theodor 
vou der Pfalz hat E. Reim an n (ANF. IV. NA. IV) 
geschrieben. 

Die Arbeiten von Th. Fiat he über die Neutralität 
Sachsens 1790 (A. IX) und von P. Hassel über das Ver- 
hältnis Kursachsens zu den Präliminarien des Baseler 
Friedens 1794/95 (NA. XII) leiten uns in die Geschichte 
unseres Jahrhunderts hinüber. Abgesehen von Beiträgen 
K. von Webers und C. D. von Witzlebens zu 
Sachsens politischer Geschichte in den Jahren 1802 bis 
1806 und den Biographien des Grafen Camillo Marcolini 
von F. A. Freiherrn 6 Byrn (1877) und des Feld- 
marschalls Carl Friedr. am Ende von Ernst am Ende 
(1878) erwähnen wir aus der Zeit vor Einführung der 
Verfassung nur die Arbeiten von K. von Weber und Ed. 
von Wietersheim über den Kabinettsminister Detlev 
Grafen von Einsiedel (A. I. III). Die Entstehung der 
konstitutionellen Verfassung Sachsens behandelt eine Fest- 
schrift von C. D. von Witzleben (1881); schon früher 
hatte derselbe über zwei Staatsmänner geschrieben,' die 
zu den Schöpfern dieser Verfassung zählen: über die 
Minister Julius Traugott Jakob von Könneritz (A. VII) 
und Heinrich Anton von Zeschau (1874). 

Für Sachsens neueste Geschichte seit der Mitte 
unseres Jahrhunderts endlich bieten die Memoirenwerke 
des Grafen C. Fr. Vitzthum von Eckstädt (1886. 
1889) und der Minister R. Freiherr von Friesen 
(1880) und Friedr. Ferd. Grafen von Ben st (1887), 
Fr. Ebelings Werk über den letzteren (1870), des 
Freiherrn Joh. Paul von Falkenstein Lebensbeschrei- 



16 Hubert Ermisch: 

bung- des Königs Johann (1878) , die durch zahlreiche Ver- 
öffentlichungen von Jul. Petzhold t ergänzt wird, end- 
lich die von G. von Schimpff verfalste militärische 
Biographie Seiner Majestät des Königs Albert (1893) 
mannigfaches Material. — 

Nicht allein die Kenntnis der politischen Geschichte 
Sachsens, sondern auch die der übrigen Gebiete ge- 
schichtlichen Lebens hat im Laufe der letzten 30 Jahre 
mannigfache Förderung erfahren. Bei dem innigen Zu- 
sammenhang aller Zweige der historischen Forschung 
ist es selbstverständlich, dals schon unter den bisher 
genannten Arbeiten sich viele befinden, die mehr oder 
weniger auch die rechtlichen und wirtschaftlichen, geisti- 
gen und sittlichen Zustände unseres Landes in den ver- 
schiedenen Perioden seiner Geschichte betreffen. Wir 
fügen ihnen noch einige weitere bei. 

Beginnen wir mit dem weiten Gebiete der Ver- 
fassungs- und Rechts-, Verwaltungs- und Wirt- 
schaftsgeschichte, so haben wir zunächst neben den 
Handbüchern und Grundrissen des sächsischen Staats- 
rechtes von H.G.Opitz (1884. 1887) und K. V.Fricker 
(1891), des sächsischen Verwaltungsrechts von O.E. Leut- 
hold (1878) und dem Werke von V. Otto über das Recht 
der Lehngüter in den sächsischen Erblanden (1888), die 
sämtlich einen mehr dogmatischen als historischen Cha- 
rakter tragen, einige Einzeluntersuchungen staatsrecht- 
lichen Inhalts, wie die von Edg. Loening über die 
Erbverbrüderungen zwischen Sachsen, Brandenburg und 
Hessen (1867), von Aemil Merkel über die Geschichte' 
der sächsischen Erbfolgeordnung (1881), und die Sammlung 
der sächsischen Hausgesetze von Hermann Schulze 
(1881) zu erwähnen. Zur Geschichte der Landstände im 
16. und 17. Jahrhundert hat Joh. Falke Beiträge ge- 
liefert (M. XXI- XXV. A. X. NF. I); eine umfassende 
Darstellung versuchte von Witzleben in dem oben er- 
wähnten Werke. Doch bleibt eine quellenmäfsige Be- 
handlung des Gegenstandes eine der wichtigsten Auf- 



Sächsische Geschiclitsforschung' in den letzten 30 Jahren. ] 7 

gaben der Zukunft. Mit der Geschichte der Stände 
hängt die Geschichte des Finanzwesens, insbesondere die 
Steuergeschichte Sachsens eng zusammen ; auf diesem 
Gebiete sind neben Arbeiten von Joh, Falke (M. XIX. 
XX) die Untersuchungen von K Wuttke über die Ein- 
führung der Landaccise und der Generalkon sumptions- 
accise (1890), von E. Lobe über die Geschichte der 
Finanzkontrolle (1884, 1885) und des Staatshaushalts 
(1889) sowie von Paul Krey über das Lotteriewesen 
(1882) anzuführen. Für die verwickelte Geschichte des 
sächsischen Münzwesens, die trotz der verdienstlichen 
älteren Arbeiten von J.-F. Klotzsch (1775 f.) und K. Fr. 
von Posern-Klett (1846) dringend einer neuen Darstellung 
bedarf, haben W. Puckert (1862), Falke (M. XVL 
XVII), Jul. und Alb. Erbstein, für die Geschichte der 
Preise namentlich Joh. Falke (Jahrbücher für National- 
ökonomie XII) brauchbare Vorarbeiten geliefert. Andere 
Gebiete der Verwaltungsgeschichte behandeln die Schriften 
von L. Bartsch über die sächsischen Kleiderordnungen 
(1882, 1883), von Th. Distel über die Geschichte des 
Leipziger Schöppenstuhls (1886 bis 1889). 

Dem unermüdlichen Forscher auf dem Gebiete der 
lausitzer Geschichte, Herrn. Knothe, verdanken wir 
urkundliche Grundlagen zu einer Rechtsgeschichte der 
Oberlausitz (1877). Über ihre staatsrechtliche Stellung 
haben H. De um er (1884) und ein Mitglied unseres 
erlauchten Herrscherhauses, Max Herzog zu Sachsen 
(1892), Untersuchungen veröffentlicht. 

Für Sachsens Kechtsgeschichte im engeren Sinne 
kommen meine Ausgabe der wichtigsten Rechtsquelle, 
die während des Mittelalters in unseren Landen ent- 
standen ist, des Freiberger Stadtrechts (1889), so- 
wie meine Arbeiten über die sächsischen Stadtbücher 
(NA. X) und über das Verzählen (NA. XIII) in Be- 
tracht. Die Universität Leipzig, die während des von 
uns behandelten Zeitraums den Ruhm einer der ersten 
Rechtsschulen Deutschlands genofs, hat leider für die 

Neues Archiv f. S. G. u. A. XV. 1. 2. - 



18 Hubert Eriniscli: 

heimische Rechtsgeschichte in dieser Zeit nichts Erheb- 
liches geleistet. Es sei uns gestattet, ihre Aufmerksam- 
keit auf eine Aufgabe hinzulenken, deren Lösung für die 
Rechtsgeschichte, insbesondere die Stadtrechtsgeschichte 
unseres Landes von entschiedener Bedeutung wäre: auf 
eine neue Bearbeitung des in unseren Gegenden ent- 
standenen Rechtsbuchs nach Distinktionen, dessen Aus- 
gabe von Ortloif (1836) längst nicht mehr genügt. 

Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte ver- 
binden sich innig auf dem Gebiete des für Sachsens Ent- 
wicklung so wichtigen Bergbaus. Mit der Geschichte 
des Freiberger Bergrechts, das eine wahrhaft internatio- 
nale Bedeutung erlangt hat, beschäftigten sich W. Herr- 
mann und der Verfasser dieses Aufsatzes. Mein Buch 
über das sächsische Bergrecht des Mittelalters (1887) 
enthält die verschiedenen in Betracht kommenden Rechts- 
quellen sowie eine Übersicht über ihre Geschichte. Auf 
Grund dieser Angaben und der im Codex diplomaticus 
Saxoniae (II, 13) veröffentlichten bergwerksgeschichtlichen 
Urkunden haben C. E. Leuthold (Zeitschrift für Berg- 
recht XXL XXIX) und G. Schmoll er (Jahrbuch für 
Gesetzgebung XV) von verschiedenen Gesichtspunkten 
aus die ältere sächsische Bergwerksverfassung behandelt. 
Noch weisen wir hin auf das Werk von Geinitz, Fleck 
und Hartig über den Steinkohlenbergbau (1865), auf 
unseren Aufsatz über das Zinnerrecht von Ehrenfriedens- 
dorf, Geyer und Thum (NA. Vll), auf die Schrift von 
Heinr. Schurtz über den Seifenbergbau im Erzgebirge 
und die Walensagen (1890), auf die Einleitung zu G. H. 
AVahles Werk über das allgemeine Berggesetz für 
Sachsen (1891) und auf E. Heydenreichs Geschichte 
und Poesie des Freiberger Berg- und Hüttenwesens (1892). 

Für die Geschichte der reich entwickelten Industrie 
Sachsens, die in mehr als einer Hinsicht an die Geschichte 
des Bergbaus anknüpft, kommen aulser manchen lokalge- 
schichtlichen Arbeiten, von denen wir R. Zöllners 
Arbeit über die Anfänge der Chemnitzer Industrie (1876) 



Sächsische Geschichtsforschnng in den letzten 30 Jahren. 19 

und die Programme von G. Berlit und M. Flemming über 
Leipziger und Dresdner Innungsverhältnisse (1886, 1887) 
nennen, vor allem Knothes Geschichte des Tuchmacher- 
handwerks in der Oberlausitz (1882), A. Mating-Sanim- 
1 er s Schrift über das Leineweberhandwerk (1879), L. Beins 
Werke über die Musikinstrumenten- und Textilindustrie des 
Vogtlandes (1883, 1884), die Arbeiten von Mor. Gerber 
über die Blaufarbenwerke (1864), J. Schmidt über die 
Zöblitzer Serpentinindustrie (1869), von V. Böhmert 
(1881) und W. von Seidlitz (NA. IX. X) über die 
Meifsner Porzellanmanufaktur, von Ed. Siegel über das 
Posamentiergewerbe (1892), von Joh. Falke (A. I) und 
F. Herm. Meyer (Archiv für Gescliichte des Buch- 
handels XI) über Papierfabrikation in Betracht. Wie die 
letztere zugleich Industrie und Handel berücksichtigt, so 
sind beide auch untrennbar verbunden in den Arbeiten 
zur Geschichte des Buchgewerbes, einem Gebiete, auf dem 
Carl B. Lorck (1879) und insbesondere A. Kirchhoff 
in seiner Schrift über die Entwicklung des Buchhandels 
bis ins 16. Jahrhundert (1885) und in zahlreichen Auf- 
sätzen im „Archiv für Geschichte des deutschen Buch- 
handels" Erfreuliches geleistet haben. 

Auch in der Geschichte des Handels spielt Sachsen 
und insbesondere Leipzig eine hervorragende Rolle. Mit 
deren Voraussetzung, den Verkehrswegen, haben sich 
Schönwälder (Neues Lausitz, Magazin LVl), Joh. 
Falke (A.VII), H. Heller (NA. V), Heinr. Schurtz 
(1891), A. Simon (1892) beschäftigt; auch G. Schäfers 
Geschichte des sächsischen Postwesens (1879) und J. Fr. 
F. Ulbrichts Geschichte der sächsischen Staatseisen- 
bahnen (1889) sind zu nennen. Sachsens Bankwesen hat 
H. von Poschinge r behandelt (1877). Den Leipziger 
Handel speziell betreffen K. Biedermanns Geschichte 
der Leipziger Kramerinnung (1881) und E. Hasses Ge- 
schichte der Leipziger Messen (1885). 

Für Sachsens Agrargeschichte nennen wir zu- 
nächst die wertvollen Arbeiten von H. Knothe über die 

2* 



20 Hubert Ermisch: 

verschiedenen Klassen der slavischen Hörigen (NA. IV) 
und über die Gutsunterthanen der Oberlausitz (Neues 
Lausitz. Magazin LXI); wenig selbständigen Wert hat 
Fr. Joh. Hauns Schriftchen: Bauer und Gutsherr in 
Kursachsen (1892). Eine wichtige Bereicherung unserer 
Litteratur ist R. Wuttkes Arbeit über ländliches Gesinde- 
wesen (1893). Ein Gebiet, das eine Zukunft hat, betritt 
Otto Böhme mit seiner Schrift über die Entwicklung der 
Landwirtschaft auf den königlich sächsischen Domänen 
(1890). über die Geschichte der Pferdezucht in Sachsen 
hat Alb. Johne (1888), über die der Schafzucht Joh. 
Heyne (1890) geschrieben. 

Ein willkommenes Handbuch für alle Zweige der 
eben besprochenen Gebiete ist das dreibändige Werk 
von H. Gebauer: Die Volkswirtschaft im Königreiche 
Sachsen (1893), wenn auch seine geschichtlichen Aus- 
führungen nicht auf selbständigen Forschungen beruhen. 

Endlich mag noch auf die kleinen Arbeiten von 
W. Röscher über einige sächsische Volkswirte des 
16. und 17. Jahrhunderts (A. I. VI) hingewiesen werden. — 

Die Geschichte der sächsischen Armee hat 
eine umfassende Darstellung durch O. Schuster und 

F. A. Francke (1885) erfahren. Kleinere Arbeiten über 
die Militärverfassung, besonders des 17. und 18 Jahr- 
hunderts, haben L Freiherr von Friesen (A. I. II), 
Dietzel (A. II), Winkler (A. VII), O. von Schimpff 
(ANF. IV), A. von Minckwitz (A. X. NA. IL VII. 
XIV), A. von Welck (NA. XIII. XIV) geliefert." 
Von Geschichten einzelner Truppenteile nennen wir 
A. von Kretschmars Geschichte der sächsischen Feld- 
artillerie (187G, 1880), sowie die Geschichten der beiden 
Grenadierregimenter von H. von Schimpff (1877), des 
6., 7. und 8. Infanterieregiments von J. A. Larrals (1887), 

G. von Schönberg (1890) und E. G. Th. Wagner 
(1893), des Gardereiterregiments von G. von Schimpff 
(1881), des Husarenregiments No. 19 von Mor. von Süls- 
milch gen. Hörn ig (1882). — 



Sächsische Geschichtsforschung in den letzten 30 Jahren. 21 

Für Sachsens Kirchengeschichte vor der Re- 
formation liegen zwar zwei grölsere Werke, Ed. Macha- 
tscheks Geschichte der Bischöfe des Hochstifts Meifsen 
(1884) und H. G. Hasses Geschichte der sächsischen 
Klöster (1888) vor; leider genügen beide wissenschaft- 
lichen Anforderungen nicht. Dagegen giebt es eine Reihe 
brauchbarer Arbeiten über die Geschichte einzelner Stifter 
und Klöster, wie die von Knothe über Marienstern (1871), 
Löbau, Kamenz, das Kollegiatstift zu Bautzen (NA. XI), 
von C. Evers über das Franziskanerkloster zu Leipzig 
(1880), von Th. Flathe (ANF. II) und K. Seeliger 
über die Klöster der Stadt Meilsen, von Herzog über 
Grünhain (A. VI), von C. W. Hingst über Buch, von 
A. Sammler und mir (ANF. IV. V) über die Klöster zu 
Chemnitz u. a. Die Kirchengeschichte des Reformations- 
zeitalters erfuhr, abgesehen von den oben genannten 
Forschern, wesentliche Förderung durch C. A. H. Burk- 
hard ts Geschichte der sächsischen Kirchen- und Schul- 
visitationen (1879). Wir nennen aufserdem W. Haans 
Schrift über die Episkopal-, Konsistorial- und Diözesan- 
verfassung Sachsens (1880), A. H. Kreyssigs Album der 
evangelisch -lutherischen Geistlichkeit in Sachsen (1883), 
G. Müllers Quellenstudien zur Geschichte der sächsischen 
Hofprediger (1886, 1887). 

Auf dem Gebiete der sächsischen Schulgeschichte 
verdienen vor allem angeführt zu werden die Arbeiten 
von Joh. Müller über die Anfänge des sächsischen 
Schulwesens (NA. VIII), von Georg Müller über ,die 
Schulgeschichte des 16. Jahrhunderts (NA. VIII und 
Programm 1888), von E. R. Börner (1888) und H. 
Däbritz (1891) über die Entwicklung des Volks- 
schulwesens, von Heinr. Heyden über die Geschichte 
des höheren Schulwesens in der Oberlausitz (1889, 1891). 
Unter den Darstellungen der Geschichte einzelner Schulen 
heben wir hervor die Arbeiten von P. Süfs (1876, 1877) und 
K. A. Thümer (1887) zur Geschichte des Gymnasiums 
in Freiberg, von Otto Meltzer über die Kreuzschule 



22 Hubert Ermisch: 

ZU Dresden (1880, 1886 und NA. XIV) und vor allem 
Th. Fiat lies Geschichte der Fürstenschule zu Meilsen 
(1879) und K. J. Röfslers Geschichte der Fürsten- 
schule zu Grimma (1891). — Für die Geschichte der 
Universität Leipzig, deren Urkundenbuch der Codex 
diplomaticus Saxoniae gebracht hat, kommen in Be- 
tracht E. Friedbergs Collegium juridicum (1882), 
Th. Briegers Programm über die theologischen Promo- 
tionen 1438—1539 (1890), sowie einige kleinere Aufsätze 
von B. Stübel (ANF. IV. NA. XIV) und die Be- 
arbeitung des ältesten Teils der Matrikel von P. W. Ullrich 
(1891). — Eine Geschichte der königlichen Tierarznei- 
schule in Dresden hat A. G. T. Leisering (1880) heraus- 
gegeben, — Wir weisen schliefslich noch auf die Arbeiten 
über sächsische Prinzenerziehung von M. Ritter (NA. I) 
und Chr. Fietz (1887) hin. — 

Auch die Geschichte der Kunst ist nicht vernach- 
lässigt worden. Theater und Musik haben in M. Fürsten au 
ihren Historiker gefunden ; neben seinen Arbeiten kommen 
noch in Betracht solche von F. A. Freiherrn 6 Byrn 
(NA. I), 0. Richter (NA. IV), J. 0. Opel (NA. V) 
und die Geschichte des Dresdner Hoftheaters von Rob. 
Prölfs (1878). Für die Geschichte der bildenden Künste 
haben, abgesehen von der „Beschreibenden Darstellung", 
Beiträge geliefert: Jul. Hübner (A. II), Jul. Schmidt 
(A. XI) ; ferner zur Geschichte des Dresdner Schlosses: 
H. Freiherr von Friesen (M. XVI. XVII), R. Steche 
(1877), Corn. Gurlitt (M. XXVIII), zur Geschichte der 
Albrechtsburg und ihres Erbauers Th. Distel (ANF. 
IV. V), Milberg (1878) und Gurlitt (1881), zur Geschichte 
der Dresdner Frauenkirche J. L. Sponsel (1893). Noch 
mögen genannt werden die Arbeiten von G. Wustmann 
über Hieronymus Lotter (1875) und zur Geschichte der 
Malerei in Leipzig (1879), von K. Berling über den Maler 
Goeding und die Dresdner Malerinnung (NA. VIII. XI), 
von W. Lippe rt über sächsische Fürstenbilder des 
16. Jahrhunderts (NA. XII), von R. Freiherr von 



Sächsischo Geschichtsforschung in den letzten BO Jahren. 23 

Mansberg über die Goldene Pforte am Freiberger 
Dom (1888). Das Leben des Malers Adam Friedrich 
Öser hat Alphons Dürr beschrieben (1879) , während 
L u d w i g E, i c h t e r durch eine prächtige Selbstbiographie 
(1885), Jul. Schnorr von Carolsfeld durch die (1886 
von seinem Sohne Franz Schnorr von Carolsfeld 
veröffentlichten) gehaltvollen Briefe aus den Jahren 1817 
bis 1827 selbst dafür gesorgt haben, dafs ihr Andenken 
nicht blofs in ihren künstlerischen Schöpfungen fortlebt. 

Zur Geschichte der Kunsttöpferei in Sachsen hat 
A. von Eye (M. XXVIII), zur Geschichte der Gold- 
schmiedekunst E. Wer nicke (ANF. XIII) Beiträge 
gegeben. — Auch die von K. Wo er mann, Jul. und 
Alb. Erbstein und A. von Eye bearbeiteten Kataloge 
der Gemäldegalerie, des Grünen Gewölbes, des historischen 
Museums und des Altertumsmuseums enthalten ein reiches 
Material zur Geschichte der heimischen Kunst. — 

Von gewaltigem Umfange, aber sehr ungleichem Werte 
ist die ortsgeschichtliche Litteratur der letzten 
dreifsig Jahre ; wir beschränken uns auf eine kleine Aus- 
wahl. An erster Stelle verdient ohne Frage 0. Richters 
Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte Dresdens (1885, 
1891) genannt zu werden; dagegen ist M. B.Lindaus 
Geschichte Dresdens auch in 2. Auflage (1884) ein wenig 
befriedigendes Werk geblieben. Zur Geschichte Leipzigs 
kommen die Darstellung dö^ ältesten Zeiten von Heinr. 
Wuttke (1873), G. Wustmanns gesammelte Aufsätze 
(1885) sowie dessen Quellen zur Geschichte Leipzigs 
(Band I, 1889) in Betracht. Aufserdem erwähnen wir 
noch Joh. Falkes Geschichte von Geyer (1866), Chr. 
G. Lorenz Chronik von Grimma (beendet 1870), Hingsts 
Chronik von Döbeln (1870, 1871), Knothes Geschichte des 
Eigenschen Kreises (1870), J. G. Jahns Chronik von 
Ölsnitz (1872), H. Fiedlers Beiträge zur Geschichte 
von Plauen i. V. (1876), H. Heydenr eichs Geschichte 
des Kirchspiels Leubnitz (1878), Ad. Hantzschs 
Gescliichte des Dorfes Plauen bei Dresden (1880), 



24 Hubert Ermisch: 

K. Gaiitschs Geschichte der Sächsischen Schweiz (1880), 
H. Heydenreichs Bibliographie (1885) sowie C. E. 
Leutholds und meine Aufsätze zur Geschichte von 
Freiberg (NA. X. XII), die Arbeiten von R. Hof mann 
und O. Speck zur Geschichte von Pirna (1887—1890), 
C.W.Zöllners Geschichte von Chemnitz (1888), G W. 
Schuberths Chronik von Grofsenhain (1892), A. von 
Minckwitz Geschichte von PiUnitz (1893), sowie die 
von W. Loose (1889), 0. Richter (1890, 1892) und 
G. Wustmann (1891) herausgegebenen Illustrationswerke 
zur Geschichte von Meilsen, Dresden und Leipzig. Die ür- 
kundenbücher mehrerer Städte sowie die lokalgeschicht- 
lichen Zeitschriften haben wir schon oben erwähnt. — 

Endlich ist auch auf dem Gebiete der Adelsge- 
schichte eine rege Thätigkeit entfaltet worden ; aber auch 
hier handelt es sich um Arbeiten von sehr verschiedenem 
Werte. So darf gleich das erste hier zu erwähnende Werk, 
Cl. Freiherrn von Hausens Vasallengeschlechter der 
Markgrafen zu Meilsen (1892), nur mit grölster Vorsicht 
benutzt werden. Dagegen ist die Geschichte des Ober- 
lausitzer Adels von H. Knothe (1879; fortgesetzt Neues 
Lausitzer Magazin LXIIl) eines der besten adelsgeschicht- 
lichen Werke, die neuerdings erschienen sind. Von Ge- 
schichten einzelner Familien nennen wir vor allem die 
von Alb. Fraustadt (Band II von B. von Schönberg) 
bearbeitete Geschichte des Geschlechts von Schönberg 
(1878); fernerhin A. von Mülverstedts Diplomatarium 
Ileburgense (1879), die zahlreichen familiengeschichtlichen 
Werke des Freiherrn L. F. von Eberstein, K. von 
Krosigks Urkundenbuch seiner Familie (1882—1886), K. 
A. Tobias Regesten zur Geschichte des Hauses Schönburg 
(1865), H.R. von Kyaws (1870) und W. von Tümplings 
(1888, 1892) Geschichten ihrer Familien, E. Sals Buch 
über die von Oertzen (1892) sowie die anonym er- 
schienenen Werke über die Familien von Köckritz 
(1871), von Carlowitz (1875, 1891), von Nostitz 
(1874, 1877) und der Burggrafen von Dohna (1876). 



Sächsische Geschichtsforschung in den letzten 30 Jahren. 25 

Die ältesten Siegel der oberlausitzer Geschlechter hat 
Knothe (1891) bekannt gemacht. Von den Wappen der 
sächsischen Adelsgeschlechter giebt A. Freiherr von 
Zedtwitz (im Dresdner Residenzkalender 1886 fgg.) 
heraldisch genaue Abbildungen. — 

Wir sind am Schlüsse unserer Übersicht angelangt. 
Harren auch auf allen Gebieten unserer vaterländischen 
Geschichte noch viele Aufgaben ihrer Lösung, so darf 
man doch mit Befriedigung auf die Ergebnisse der letzten 
drei Jahrzehnte zurückblicken; Sachsens landesgeschicht- 
liche Thätigkeit braucht den Vergleich mit der aller 
anderen deutschen Lande nicht zu scheuen. Gemeinsam 
mit einer kleinen Zahl von Fachmännern, die in der Er- 
forschung der Vergangenheit unsers Vaterlandes einen 
Teil ihrer Berufspflicht sehen, finden wir die verschiedensten 
Klassen der Bevölkerung, Geistliche und Lehrer, Beamte 
und Militärs, eifrig thätig im Dienste der Landesgeschichte. 
Wenn auch manche Arbeit, die diesem Wetteifer ihre 
Entstehung verdankt, davon zeugt, dals die Liebe zu 
Vaterland und Vaterstadt und die Freude an der Er- 
kenntnis ihrer Vergangenheit allein noch nicht zu deren 
Erforschung und Darstellung befähigen, so ist doch die 
Zahl der Avirklich tüchtigen Leistungen eine nicht geringe. 
Verhältnismälsig wenig hat sich bisher unsere Landes- 
universität beteiligt, die doch in erster Linie berufen ist, 
die Vermittlerin zwischen der allgemeinen und der landes- 
geschichtlichen Forschung zu bilden; von gröfseren Werken 
Leipziger Historiker konnten wir — wenn wir von der 
nicht zum Lehrkörper gehörigen Universitätsbibliothek 
absehen — nur G. Voigts Buch über Herzog Moritz 
nennen. Aber mittelbar hat auch die Universität für 
die Landesgeschichte gewirkt: in ihren Seminarien haben 
zahlreiche jüngere Forscher eine tüchtige Ausbildung er- 
fahren; und ganz neuerdings hat der seit Jahrzehnten 
in Fachkreisen erörterte Gedanke einer historischen 
Kommission für Sachsen in der Universität besonders 
warme Vertretung gefunden. Möchte dieser aussichts- 



26 Ermisch : Sachs. Geschichtsforschung i. d. letzt. 30 Jahren. 

reiche Plan so zur Ausführung gelangen, dafs die Landes- 
geschichte dauernden Nutzen davon hat! 

Den lebhaftesten Dank aber schuldet die sächsische 
Geschichtsforschung dem verständnisvollen Anteil, den 
die Staatsregierung an ihr genommen hat. Sie hat nicht 
allein, wie wir erwähnten, mehrere gröfsere Unternehmen 
ins Leben gerufen und mancher kleineren Arbeit das 
Erscheinen ermöglicht, sondern sie hat auch denjenigen 
Anstalten , denen die Unterstützung der landesgeschicht- 
lichen Forschung obliegt, stets ihre besondere Gunst 
bewiesen: so den Landesbibliotheken, von denen nament- 
lich die königliche öffentliche Bibliothek zu Dresden 
bestrebt ist, eine vollständige Sammlung aller Saxonica 
zu besitzen, und neuerdings durch einen trefflichen, von 
Fr. Schnorr von Carolsfeld bearbeiteten Katalog auch 
über ihre handschriftlichen Schätze eine bequeme Über- 
sicht geschaffen hat; so vor allem der Fundgrube der 
Landesgeschichte, dem Landesarchiv. Das Hauptstaats- 
archiv zu Dresden, das sich den Ruf eines der am Besten 
geordneten und am Leichtesten zugänglichen Archive 
Deutschlands unter K. von Webers langjähriger Leitung 
erworben und unter seinen Nachfolgern bewahrt hat, ist 
während der ganzen von uns behandelten Zeit der natür- 
liche Mittelpunkt der sächsischen Geschichtsforschung 
gewesen und wird es wohl auch in Zukunft bleiben. 



II. 

Wiedergefundene Originalurkundeu des 
Klosters Grünhain. 

Von 

Bertliold Scliniidt. 



Bereits 1726 beklagte der sammeleifrige Hörn den 
Verlust der Grünhainer Klosterurkunden und meinte, das 
ältere Archiv dieses Cisterzienserstiftes wäre 1429 bei 
der gründlichen Zerstörung, welche Grünhain damals 
durch die Hussiten erlitt, der Vernichtung anheimgefallen. 
Zwei Jahre später veröffentlichte Hörn ein Regestarium 
von 36 Grünhainer Urkunden, das auf einer um 1450 
geschriebenen Sammlung des Leipziger Professors Johann 
Breslauer beruhte. Dieselbe Sammlung benutzte dann 
auch der bekannte Kreysig für seine Historia diplomatica 
abbatiae Grunhaynensis. Er brachte darin die Texte von 
69 Urkunden zum Abdruck, und sie bilden wieder die Haupt- 
quelle für Herzogs Geschichte des Klosters Grünhain ^). 

Die älteren Originale des Stiftes aber blieben ver- 
loren, und über ihr Schicksal tauchte allmählich die Ver- 
mutung auf, dals die letzten ihrem Gelübde treu ge- 
bliebenen Mönche des Klosters bei dessen Aufhebung 
im Jahre 1536 die Urkunden mit nach Böhmen fort- 
genommen hätten^). 

Hörn, Henricus illiistris S. 107 f. — Ho ms Nützliclie Samm- 
lung zu einer historischen Handbibliothek von Sachsen S. 305 ff. — 
Seh Ott gen und Kreysig, Diplomat. II, 526 ff. — v. Webers Archiv 
für die Sächsische Geschichte YII, 60 ö'. 

-) Oesfeld, Historische Beschreibung einiger Städte des Erz- 
gebirges II, 68, meint, die Mönche wären nach Kaaden gegangen. 



28 Berth. Schmidt: 

Jene Mönche waren anch verdächtio;, das Kloster 
damals angesteckt zu haben, und für eine Verschleppung 
von Archivalien durch sie könnte noch eine urkundliche 
Stelle sprechen, laut welcher der letzte Abt bei seiner 
Abfindung verpflichtet wurde, die Briefe, Freiheiten und 
Register des Stiftes zu übergeben, „und soll hierüber dem 
Kloster nichts ferner entwenden, noch entwenden lassen"''). 

Es wurde dann mit ziemlicher Bestimmtheit behauptet, 
die Urkunden wären nach dem Kloster Ossegg bei Teplitz 
geschafft worden; aber auch in dessen Archiv, das aller- 
dings ebenfalls und wiederholt grolsen Schaden erlitten 
hat, ist nicht die leiseste Spur von Grünhainer Urkunden 
wahrzunehmen*). 

Dagegen ist es mir gelungen, fünf ältere Original- 
urkunden des Klosters im fürstlich reufsischen Hausarcliiv 
zu Schleiz wieder aufzufinden. Von ihnen ist ihrer Be- 
deutung wegen die älteste hier zum Abdruck gebracht 
worden, während die übrigen in der Form ausführlicher 
ßegesten mitgeteilt werden. 

Die erstere steht auf einem Pergamentstück von 
23 cm Länge und 7,2 cm Höhe, und an ihrem Streifen 
hängt das zerbrochene Siegel des Burggrafen Meinher IL 
von Meifsen (vergl. Cod. diplomat. Saxon. II, 4, Tafel I 
Nr. 3). Der Text lautet: 

Notum Sit Omnibus Cliristi fidelibus presentem pagiuam in- 
specturis, quod ego Meinerus dei gratia prefectus in Misna recepi de 
niajnu Heindenrici militis de Lapide quedara bona, qiie a me 
tenuerat titulo et iure feodali videlicet villam Beiervelt cum suis 
attinenitiis, villam Sachsenveit cum suis attinentiis, fundum quondam 
ville Holzinhain, item fundum quondam ville VVestervelt cum Omni- 
bus attinenitiis suis, campis scilicet, pratis, pascuis et rivis, aquis 
et nemoribus, item nemus quoddam si[n]2;ulare, que onmia predictus 
H. vendidit nostro consensu ecclesie sancto | Marie virginis sanctique 
Nvcolai in Ciruninhain pro ducentis marcis in manum domni Briiningi 
alibatis in Biich predicti loci Uruiiinhain proviso | ri§. Nos igitur 
predicta bona a prefato railite nobis resignata sucepimus, ut dictum 
est, ad conservandum ea prononiinate ecclesie savicti Nico | lai, ita 
ut quandocunque predictus al)lias volnerit. supradicta bona cuilibet 
persone, quam ipse abbas vel eins successor elegerit ad conser- 
vandum, I eadem porrigamus. Si vero niedio tempore utpote raortales 
de hac vita discesserimus, filius noster H[ermannus] velquicunque 
noster heres fuerit, ad idem tenebitur, donec nostro superiori, a quo 
sepedicta bona tenemus, tempore congruo resigneraus. 



*) Schöttgen und Kreysig, Diplomat. II, 5ß7B. 

■*) V.Webers Archiv Vit. 91. — Mä reker. Das Burggraftum 
Meifsen S. 27 und 229. Anm. 22. — Mitteilungen des Vereins für 
Geschichte der Deutscheu in Böhmen VII, 185 ff. 



Originalurkunden des Klosters Grünhain. 29 

Auf der Rückseite steht: Frivilegium hurcgravü 
de Beiervelt cum omnibas attinentm suis, de villa 
Sachsenvefljtli cum suis aitinentiis et omnia bona 
circumiacencia (sie!) cum omnibus attinentiis. 

Die Urkunde ist undatiert, doch ihre ziemlich genaue 
Datierung ergiebt sich aus dem Vorkommen des Abtes 
Brüning von Buch, der zur Zeit der Ausstellung der- 
selben auch Provisor von Grünhain war. Brüning er- 
scheint urkundlich von 1215 bis 1232 als Abt von Buch 
und soll hier 1233 seine Würde niedergelegt haben. Dazu 
stimmt auch, dals in einer Bucher Urkunde vom 17. April 
1234 ein neuer Abt namens Bernhard bezeugt wird. 
Weiter erschien am 8. Januar 1243 auf einer Naum- 
burger Sjmode ein Abt Brüning von Grünhain. Daher 
war schon Herzog der Ansicht, dals beide Personen 
identisch wären ^). Brüning legte also wohl die Abtei 
von Buch nieder, um die von Grünhain zu übernehmen. 
Das geschah 1233 und höchst wahrscheinlich bald nach 
Ausstellung obiger Urkunde, laut welcher er bereits die 
Geschäfte Grünhains leitete. 

Als älteste Urkunde des Klosters war bisher eine 
burggräflich meilsnische Schenkung von 1240 bekannt. 
Man nahm nun meistens an, das Kloster wäre 1236 vom 
Burggrafen Meinher II. gestiftet und gleich dem Kloster 



^) Schöttgen und Kreysig, Diplomat. II, 174 und 181. — , 
Thammius, Chronic. Coldiz. bei Mencke, Script, rer. Germ. I, 679. — 
V. Webers Archiv VIT, 71. — Herzog an letztgenannter Stelle und 
Beyer, Alt-Zelle S. 67 führen zwar als ersten Abt von Grünhain noch 
einen Luppold an, der 1240 mit dem Abt Dietrich von Buch nach dem 
Kloster Altzelle gekommen sein soll, um einen Streit desselben mit 
den Herren von Nossen zu schlichten. Dieser Dietrich von Buch 
ist aber höchst zweifelhaft und könnte nur wenige Monate regiert 
haben (s. Hingst, Annalen des Klosters Buch, in Mitteilungen des 
Geschichts- und Altertums vereins in Leisnig V, 45ft'. ; Knauth, 
Geographische und historische Vorstellung des Stifts Kloster Alten- 
Cella II, 118). Herzog und Beyer berufen sich auf von Zehmen, 
Die Reihenfolge der Äbte von Alten-Zelle S. 14, und letzterer wieder 
auf eine Stelle aus der Grünhainer Chronik des Mönches Konrad 
Feiner, die bei von Süsse, Diplomatische Kloster-Geschichte des alten 
Sachsenlandes zu Alt -Zelle, im Katalog der Abte angezogen ist. 
Die Arbeiten Feiners und von Süsses sind Manuskripte. Das 
Original der ersteren soll sich im Kloster Ossegg befinden und war 
mir nicht zugänglich. Bei von Süsse, den ich aus der königlichen 
Bibliothek in Dresden zur Einsicht erhielt, ist zunächst das Jahr 1240 
nicht angegeben. Sodann aber ist dort auf Grund von Feiners 
Chronik jener Luppold ausdrücklich als zweiter Abt von Grün- 
hain bezeichnet. Demnach war Brüning der erste. 



30 Berth. Schmidt: 

Buch mit bergwerkskundigen Cisterziensermönchen aus 
Sichern oder Öitticheubach im Maus feldischen besiedelt 
worden"). Der Pirnaische Mönch und nach ihm wohl 
Knauth behaupteten dann, dals der Grund und Boden 
von Grünhain einst denen von Uttenhofen gehört habe 
und das Kloster selbst aus einer Wallfahrtskapelle des 
heiligen Nikolaus erwachsen sei'). 

Wie stellt sich nun die Schleizer Urkunde hierzu? 
In ihr bestätigt also Burggraf Meinher der Kirche St. 
Marien und Nikolai in Grünhain die Dörfer Beyerfeld 
und Sachsenfeld nebst den Wüstungen Holzenhain und 
Westerfeld, welche Güter der Abt Brüning von Buch 
als Provisor des Ortes Grünhain für 200 Mark vom 
Ritter Heidenreich von Stein gekauft hat. 

Von den in der Urkunde vorkommenden Orts- und 
Personennamen sind zunächst die nahe bei Grünhain ge- 
legenen Dörfer Bej^erfeld und Sachsenfeld noch jetzt vor- 
handen. Die Wüstung Westerfeld lag an der Stelle des 
heutigen Ortes Kühnhaide**), und Holzenhain möchte ich 
für die spätere Stadt Grünhain ansprechen. Letztere 
erscheint erst 1267 als oppidum^). 

Den Ritter Heidenreich von Stein halte ich ferner 
für identisch mit dem 1240 als Zeugen genannten Heiden- 
reich von Grünhain^"). Der Stein ist eine noch heute 
erhaltene Burg in der Nähe des Schlosses Hartenstein, 
und Herren dieses Namens erscheinen noch 1254 in Grün- 
hainer Urkunden ^^). 

Seit dem Anfang des 14. Jahrhunderts besafs dann 
diese Burg das Zwickauer Patriziergeschlecht der Egerer 
von Stein ^"). 

Ob die von Uttenhofen, die ja auch in der Gegend 



®) Schöttgen imdKreysig, Diplomat. II, 527. — Paul Lange, 
Clironic. Citicense bei Pistor. II, 1120f. — Jongeliniis, Notitia 
abbatiarura ord. Cisterc. III, 66. — v. Webers Archiv VII, 62. 

') Knauth, Prodroraus Misniae S. 188 (1692) aus dem Monach. 
Pirn., chronic. Z\viccaw.(Hdschr.V); s.a. ExcerptaSaxouic. beiMeucke, 
Script. II, 1562. 

**) V.Webers Archiv VII, 64. 

^) Oesfeld, Historische Beschreibiing einiger Städte des Erz- 
gebirges II, 65. 

^0) Schöttgen und Kreysig, Diplomat. II, 527. 

1') Gerhard und Heidenreich s. Schöttgen und Kreysig a. a. 0. 
528 f. — Die 1305 genannten Hermann und Heinrich von Stein waren 
schon Egerer, s. Herzog, Chronik von Zwickau II, 54. 

12) Herzog a. a. 0. II, 30 und 63 und Märcker a.a.O. S. 227 
Note 19. 



Originalurkunden des Klosters Grünhain. 31 

begütert waren, mit der älteren Familie von Stein 
gesclilechts verwandt waren, ist nicht erweislich. Dem- 
nach widerspricht zunächst die Schleizer Urkunde jener 
Angabe des Pirnaischen Mönches über die Beziehungen 
Grünhains zu denen von Uttenhofen. Wahrscheinlicher 
dagegen ist seine andere Notiz , dafs das Kloster aus 
einer dem St. Nikolaus geweihten Wallfahrtskirche hervor- 
ging. Mit den von den Gläubigen reichlich gespendeten 
Opfern kaufte dann wohl der Bucher Abt den ersten 
Grundbesitz des Klosters. 

So ist denn die Schleizer Urkunde von 1233 der 
eigentliche Stiftungsbrief von Grünhain. Die Fertig- 
stellung der Klostergebäude und ihre Besetzung mit 
Sittichenbacher Mönchen mag ja immerhin, wie Paul Lange 
und andere angeben, erst 1236 erfolgt sein^^). 

Die zweite Grünhainer Urkunde des Schleizer Archivs 
bietet keine Schwierigkeiten. Laut ihr verleiht am 
16. August 1278 Burggraf Meinher (HL) von Meilsen 
dem Kloster die von dem Zwickauer Bürger Heinrich 
Rofsmark aufgelassenen Güter zu Oberhohndorf. Das 
etwas beschädigte Siegel des Burggrafen (s.Cod.diplom.II,4, 
Tafel I No. 4) hängt an grauer Hanfschnur. Die Dorsale 
lautet: Privilegium hurcgravii Misnensis super villam 
Hoendorf, und unten rechts: tercia decima. 

Die Urkunde ist in der Sprache des 15. Jahrhunderts 
bei Kreysig abgedruckt^*) und wird durch das Original 
an mehreren Stellen berichtigt. Zunächst hat letzteres 
Heinricus dictus Bossmarc gegen JRossmargk des Druckes, 
während Herzog den Mann als den Zwickauer Richter 
Heinrich Roismarkt anführt. Derselbe erscheint auch in 
einer Zwickauer Urkunde vom 14. Juli 1273'^). Erst nach 
ihrer Einsicht könnte man also die richtige Schreibung 
des Namens feststellen. Für Cziuighnu des Drucks hat 
das Original Zivickoive, für Hoendorff hat es Hohendorf 
und für Grunliain die ältere Form Grunetihain. Im 
Text ist noch zu berichtigen ut ergo omnihus statt ut 
igitur omnihus des Drucks, und in der Zeugenreihe hat 
das Original Rechenberg für Reiclienhergk und Ortivins- 
torf für Ortwgnsder. Diese letzteren recht auffälligen 
Fehler machen es sehr wahrscheinlich, dafs die Quelle 



1') Sielie S. 30 Anm. 6. 

'■*) Schöttgen und 7\reysig a. a. 0. S. ?32. 

1-^) Herzog a. a. 0. II, 30. 



32 Berth. Schmidt: 

des Druckes nicht unmittelbar auf dem sehr deutlichen 
Original, sondern wieder erst auf einer weniger lesbaren 
Abschrift beruht. 

Die dritte Urkunde ist gleichfalls schon im Drucke 
bekannt^**). Sie ist undatiert, und mit ihr bezeugt Burg- 
graf Meinher (III.) von Meilsen dem römischen Könige A., 
dals Kloster Grünhain in allen Gütern, die es vom Burg- 
grafen zu Lehen habe, die volle Gerichtsbarkeit besitze 
und dals die Gerichtsbarkeit der Stadt Zwickau sich 
nicht über ihre Mauern hinaus erstrecke. Das beschädigte 
Siegel des Burggrafen hängt am Pergamentstreifen, und 
die Dorsale hat: De collacione libertatis bonorum a 
hurgravio, und am unteren Rande : vicesima quarta. 

Auch Landgraf Albrecht von Thüringen stellte am 
31. Oktober 1295 dem Kloster das Zeugnis aus, dals die 
von ihm und seinen Vorfahren besessene Gerichtsbarkeit 
von Zwickau sich nie über Wall und Graben der Stadt 
erstreckt habe ^'). 

Beide Zeugnisse gehören zu dem langjährigen Streit, 
welchen das Kloster mit Zwickau wegen der Gerichts- 
pflege auf den in der Umgebung der Stadt liegenden 
Klosterdörfern führte. Wenn man nun das ähnliche Zeug- 
nis des Landgrafen in Betracht zieht und aulserdem weils, 
dals König Adolf sich im Frühjahr 1296 in Zwickau, in 
Lölsnitz, ja selbst in Grünhain aufgehalten hat, so wäre 
man fast versucht, das A. des Originals auf letztgenannten 
zu deuten. Da aber eine später zu erwähnende Abschrift 
der Urkunde ausdrücklich das burggräfliche Zeugnis für 
König Albrecht (Alberto recji) ausgestellt sein lälst, so darf 
man wohl nicht daran rütteln; denn es könnte damals im 
Kloster noch eine richtige Tradition über den Vorgang 
vorhanden gewesen sein. Auch König Albrecht muls 
sich einmal in der Nähe von Zwickau und Grünhain auf- 
gehalten haben, nämlich im November 1306. Zwar giebt 
Böhmer in den Kaiserregesten an, dals der König zu 
jener Zeit nur sein Heer nach Meilsen entsendete, selbst 
aber nach Österreich ging^*^). Dem gegenüber hat schon 
Wegele den Bericht des Chronicon Sampetrinum an- 
geführt, wonach Albrecht damals von Böhmen aus ins 
Osterland einfiel, aber bald durch den schnellen und 



'^) Schöttgen und Kreysig, Diplomat. II, 536. 

") Ebenda S. 534. 

''*) Böhmer, Regesta imperii 1246-1313 S. 246. 



Originalurkunden des Klosters Grünhaiu. 33 

heftigen Einfall des Winters wieder zum Eückzug ge- 
zwungen wurde '-'j. Wegele weist ferner auf Grund des 
königlichen Itinerars nach, dals eine am 10. November 1307 
in terra Pliznensi ]^rope Riguz (Eegis zwischen Altenburg 
und Leipzig) ausgestellte Urkunde Albrechts richtiger zu 
1306 gehört -•>}. 

Die Richtigkeit der Ansicht Wegeies läfst sich aber 
noch anderweitig belegen; denn am 5. November 1306 war 
der König in castris prope Oyten, das ist Geithain, und am 
13. projje Bunne. Letzteres dürfte aber wohl Burne zu 
lesen sein, ist also nicht, wie bei Böhmer mit Brunn, 
sondern mit Borna zu erklären ^^). 

Indem ich aber annehme, dafs Kloster Grünhain 
schwerlich bessere Gelegenheit hatte, seinen Streit mit 
Zwickau vor dem Könige auszutragen, als zu einer Zeit, 
wo dieser in der I^ 'the war, so möchte ich das burg- 
gräfliche Zeugnis in den Oktober oder November 1306 
setzen; denn vorher und nachher ist Albrecht niemals 
persönlich im östlichen Thüringen und Meilsen gewesen. 

Die folgende Urkunde des Klosters ist ungedruckt. 
Mit ihr bekennen die Burggrafen Hermann, Meinher und 
Albert von Meifsen, dafs ihr Getreuer Hermann von 
Bockwen (dictus Buciien) Güter im Dorfe Lenkersdorf 
bei Lölsnitz (villa Netikersdorf sita juxta Leznicz) mit 
Einkünften von 37« Pfund Pfennige dem Abte und den 
Brüdern des St. Nikolaiklosters in Grünhain (Grunhayn) 
verkauft und vor ihnen, den Burggrafen, aufgelassen habe, 
welche Güter sie zugleich mit ihrer Mutter Sophie dem 
Kloster verleihen, und zwar frei von jeder Anforderung 
(ah omnium hnpeUcione), mit allen Rechten und Nutzbar- 
keiten. Als Zeugen des Kaufes und der burggräflichen 
Schenkung werden genannt Otto, Meifsener Domherr und 
Archidiakon der Lausitz, Heinrich, Pfarrer in Lölsnitz, 
Berthold von ßoitzsch (Beroldus de RoscMcz), Günther 
von der Diera (Der), Konrad und Reinbot, Gebrüder von 
Vielau (Bilau) und Günther von Ortmannsdorf (Ortwins- 
dorf). Die Datierung lautet: Datum et actum anno 
domini mülesimo CCC^ duodecimo, in festo PentJiecostes 
= 14. Mai 1312. Am Pergamentstreifen hängt das wohl- 



ig) Wegele, Friedrich der Freidige S. 278 Anm. 8. 

^°) Böhmer a. a. 0. Additam. primum p.XXI reihte die Ur- 
kunde nicht ein, da sie ind. 7 (= 1308), anni reg. 9 (= 1306) hat. 

21) Böhmer, Kegesta Imperii 1246—1313, Additament. I, 395 
Nr. 638 und 639. 

Neues Archiv f. S. G. u. A. XV. 1. 2. 3 



34 Rerth. Schmidt: 

erhaltene Siegel des Burggrafen Hermann (s.Cod. diplomat. 
Saxon. II, 4, Tafel 1 No. 6). 

Von den in der Urkunde genannten Orts- und Personen- 
namen ist zunächst die alte Schreibung Nenkersdorf für 
Lenkersdorf zu beachten. Dals hier kein Irrtum vorliegt, 
beweisen die Aufschriften auf der Rückseite, von denen 
die gleichzeitige ältere privüegüim super Nenkerstorf, 
die darunter stehende jüngere (von einer Hand des 
16. Jahrhunderts) Privilegium super Leiickersdorf hat. 
In älteren Urkunden scheint der Ort nicht weiter vor- 
zukommen. Der Verkäufer Hermann von Bockwen findet 
sich noch am 19. Mai 1322 und 26. März 1328 als Zeuge 
burggräflicher Urkunden^') 

Von den Zeugen gehörte der Meilsener Domherr Otto, 
Archidiakon der Lausitz, dem Geschlechte der Burggrafen 
von Dohna an und erscheint urkundlich von 1305 bis 131 3-"'). 
Der Pfarrer Heinrich von Lölisnitz war auch Kaplan der 
Burggrafen und wird 1317—1323 genannt-*), ßerthold 
von Roitzsch findet sich in Urkunden von 28. Februar und 
5. April 1312-'*). Günther von Diera erscheint von 1312 
bis 1337^^), und von denen von Vielau (Bilau, Vielau, 
Vilen) kommt Konrad 1297 und Reimbot 1322 vor'^"). 
Günther von Ortmannsdorf ist nicht belegt. Die Aussteller 
der Urkunde endlich waren die Söhne des Burggrafen 
Meinher III. (f 1308) und seiner Gemahlin Sophie, deren 
Herkunft noch nicht ermittelt ist-*^). 

Die letzte Grünhainer Urkunde des Schleizer Haus- 
archivs ist gleichfalls ungedruckt. Mit ihr bekennen 
Hermann und Meinher, Burggrafen von Meifsen und Grafen 
von Hartenstein, dafs ihre Getreuen Johann und Anarch, 
Herren von Wildenfels, mit Zustimmung ihres jüngeren 
Bruders Heinrich einen Teil ihrer Güter in Oberhohn- 
dorf (Hohindorf), nämlich 5 Vierdung und 1 Lot Silbers, 
dem Abte Konrad und dem Konvente des Klosters Grün- 
hain (Orunenhain) verkauft und ihnen, den Burggrafen, 



22) Siehe S. 3.Ö mid Märcker a. a. 0. S. 449. 

23) Cod. diplom. Sax. 11, 1, 265, 268, 271, 276, 283. - Märcker 
a. a. 0. S. 440 f. 

21) Märcker a. a. 0. S. 443 und 445f. 
2"^) Cod. diplom. II, 1, 283 und II, 4, 19. 

2ö) Cod. diplom. II, 1, 283 und 329. — Märcker a. a. 0. S. 445, 
449, 454, 458, 465 und 467. 

2') Schöttgen und Kreysig, Diplomat II, .'i34 und 538. 
2«) Märcker a. a. O. S. 64. 



Onginahirknnden des Klosters (rrünhain. 35 

aufgelassen hätten, worauf diese die Güter mit allem 
Rechte dem Kloster verleihen. 

Die Datierung lautet : Datum in castro nostro Harten- 
stein anno domini M'^ CCC^ XXir\ quarto decimo 
Knlendas Junii = Schlofs Hartenstein den 19. Mai 1322. 
Als Zeugen werden genannt Heinrich, Pfarrer in Löfs- 
nitz (Lesnicc), Nikolaus, Pfarrer in Hartenstein, Kapläne 
der Burggrafen, Heinrich, Pfarrer in Schönau (ScJionotve), 
Hermann von Bockwen (Buckewen), Reimbert, Hermann 
und Konrad von Ölsnitz. 

Die beiden zerbrochenen Siegel hängen an gelblichen 
Seidenfäden (für das erste s. Cod. diplom. Sax. II, 4, 
Tafel I No. 8). Die Dorsale hat super Hoendorff. 

Die Urkunde bietet gar keine Schwierigkeiten. Von 
den Zeugen kam Pfarrer Heinrich von Lölsnitz bereits 
in voriger Urkunde vor. Pfarrer Nikolaus in Hartenstein 
ist nicht weiter belegt. Der Pfarrer Heinrich von Schönau 
erscheint in einer Urkunde der Herren von Wildenfels 
vom Jahre 1322-''). Hermann von Bockwen ist ebenfalls 
schon früher nach gewiesen =^"), während die von Ölsnitz 
sich nur in der hier besprochenen Urkunde finden. Der 
Ort Ölsnitz im Norden von Schlols Hartenstein war 
wildenfelsischer Besitz ^^). 

Es würde sich nun fragen, zu welcher Zeit und unter 
welchen Umständen die Grünhainer Urkunden in das 
reufsische Hausarchiv gekommen sind? 

Zunächst scheint das ältere Archiv des Klosters 
thatsächlich bei dem Hussitensturm von 1429 verloren 
gegangen zu sein. Ich schlielse das aus einigen Urkunden 
des Kaisers Sigismund. Nachdem nämlich dieser bereits 
1417 dem Kloster alle Urkunden und Privilegien bestätigt 
hatte, wiederholte er am 4. Dezember 1436 nochmals 
solche Bestätigung, und zwar mit inserierten Urkunden. 
Ferner konfirmierte der Kaiser am folgenden Tage noch 
eine Urkunde Karls IV. über die Freiheiten der in Besitz 
Grünhains befindlichen Stadt Schiettau '^^). 

Es ist nun interessant zu sehen, wie Grünhain im 
15. Jahrhundert seine älteren Urkunden sorgfältig sammelte. 
Für die kaiserlichen und königlich böhmischen hatte schon, 
wohl auf Grund der Reichsregistraturbücher, die Sigis^ 



29) Schöttgen und Kreysig, Diplomat. II, 538. 

30) Siehe S. 34 Anra. 22. 

3') Märcker a. a. 0. S. 234 Arnu. 43. 

*2) Schöttgeu xmü Kreysig, Diplomat. II, 548 ff. 

3* 



36 Berth. Schmidt: 

mundisclie Bestätigung von 1436 einigen Ersatz ge- 
schaffen. 

Eine gewisse Vorstellung von der Art und den Grund- 
lagen dieses Sanimelns giebt uns dann aber ein Konvolut 
des königlichen Hauptstaatsarchiys zu Dresden, welches 
die Lokatnummer 8936 und die Überschrift hat: „Über- 
setzungen und Copeyen von verschiedenen das Kloster 
Grünhain betreffenden Dokumenten." Dieses Konvolut 
bildet die Grundlage der Hornschen und Kreysigschen 
Sammlungen. Kreysig hat jedoch noch mehrere Ab- 
schriften, besonders aus dem Zwickauer Stadtarchiv hinzu- 
gethan. 

Das Dresdner Aktenstück ist auf 39 Folioblättern" 
geschrieben und zwar von drei deutlich zu unterscheidenden 
Händen. Die erste Hand, dem Schriftduktus nach zu 
urteilen, nimmt bei weitem den grölsten Eaum ein, näm- 
lich von Blatt 3 bis 25 und Blatt 28 bis 34. Darauf 
sind enthalten die Texte und Übersetzungen von 25 Ur- 
kunden nebst der Sigismundischen Bestätigung, aus welcher 
aber die lateinischen inserierten Stücke ebenfalls über- 
setzt sind. Das wieder spricht dafür, dals dem Schreiber 
die kaiserliche Bestätigung im Original vorlag, während er 
für die übrigen Urkunden, wie ja auch die schon vorhin 
bemerkten Fehler anzeigen, Abschriften benutzte. 

Von der zweiten Hand stammen Blatt 1, 2, 26 und 
27 mit Abschriften für die Jahre 1240, 1413 und 1463. 
Solche müssen also nach letzterem Jahr geschrieben sein. 
Wichtig ist, dals auf Blatt 2 b, unverkennbar auf die Ab- 
schriften der ersten Hand weisend, die Notiz steht: 
„Diessze hirnach geschriebene brive had der wirdige er 
Johannes Bresszlau wer doctor etc. usz dem latinindeutzschs 
gemacht und gesatzt." Dieselbe Notiz in lateinischer 
Sprache findet sich auch noch auf Blatt 2a ^■^). Darnach 
wird die erste Hand dem genannten Leipziger Professor 
Johann Breslauer zuzuschreiben sein. Er kommt urkund- 
lich 1448 vor='^). 

Die dritte Hand des Dresdener Konvoluts hat die 
Abschriften zweier Urkunden von 1455 niedergeschrieben. 
Die von der ersten Hand herrührenden Abschriften haben 



'^^) Has litteras subsequentes transtulit venerabilis dominus 
Johannes Wratislaviensis sacre theologie professor de latino in 
teutunicum. 

3^) Cod. diplom. Sax. II, 11, 118 und 119. 



Orioinalurknnden des Klosters Grünhain. 37 



*o 



nun offenbar ursprünglicli zwei Teile gebildet, nämlich die 
lateinischen Texte und die Übersetzungen. Mit diesen 
beiden Teilen sind dann die zweite und dritte Hand ziem- 
lich willkürlich zusammengeheftet worden. Das Ganze 
hat jetzt folgendes Ansehen: Blatt Ib bis 2b zweite Hand, 
Blatt 3a bis 25b erste Hand (Übersetzungen), Blatt 26 
bis 27 a zweite Hand, Blatt 27b bis 27d dritte Hand und 
Blatt 28a bis 39a erste Hand (lateinische Texte). 

Uns interessiert hier nur die erste Hand, die des 
Professors Breslauer, und von seiner Niederschrift betreffen 
aufser den Sigismundischen Bestätigungen alle Stücke die 
Klostergüter Crossen, Bockwa, Oberhohndorf, Königs- 
walde, Hartmannsdorf, Gersdorf, Lauenhain und Schet- 
witz. Da aber Kloster Grünhain wegen der Gerichtsbar- 
keit auf diesen Dörfern lange Jahre mit der Stadt Zwickau 
in Streit lag^^), so ist augenscheinlich, dals die von ßres- 
lauer benutzte Vorlage ein auf diesen Streit bezügliches 
Aktenstück war. Dasselbe enthielt 25 Abschriften von 
1254 bis 1351, aus welchem Jahre wir die letzten Nach- 
richten über jenen Streit besitzen. Breslauer scheint 
seine Vorlage genau kopiert und sogar die Randnummern 
der Stücke (prima, secunda, tercia etc.^ mit verzeichnet 
zu haben. Ich schliefse das daraus, dals die beiden hier be- 
nutzten Originalurkunden, die Bestätigung des Rolsmarki- 
schen Gutes in Oberhohn dorf und der Zeugnisbrief für König 
Albrecht genau dieselben Nummern auf der Rückseite 
zeigen, wie hier die Abschriften (tercia decima und vicesima 
quarta). Es mufs also der Schreiber der ursprünglichen 
Vorlage die Urkunden der Reihe nach kopiert und Ori- 
ginale wie Abschriften mit gleichen Nummern versehen 
haben. Unerklärlich bleibt dabei, warum er die Wilden- 
felsische Urkunde von 1322, welche doch auch Oberholm- 
dorf betraf, nicht mit aufgenommen hat. Seine Nieder- 
schrift, die Vorlage ßreslauers, wurde dann wohl in dem 
sogenannten Grünhainer Hof in Zwickau, welcher dem 
Kloster gehörte, aufbewahrt und so erhalten. 

Wie späterhin die fünf Originale in das reufsische 
Archiv gekommen sind, darüber lassen sich nur Ver- 
mutungen aufstellen. Einmal könnte das in der Zeit von 
1426 bis 1429 geschehen sein; denn in ersterem Jahre 
erwarben die Herren von Plauen das Burggraftum Meifsen 
und die Grafschaft Hartenstein, und in letzterem ging ja 



35) Vergl. S. 39 f. 



38 Berth. Schmidt: 

nach unserer Ausführung: das ältere Archiv des Klosters 
zu Grunde ■''^). Gegen obige Annahme aber spricht, dals 
die Grafschaft Hartenstein bereits seit 1406 an die von 
Schönburg versetzt war^'). 

Weiter Heise sich denken, die Schleizer Urkunden 
wären 1429, bei der Zerstörung des Klosters durch die 
Hussiten, zufällig verschleppt und später von' den Burg- 
grafen von Meifsen aus dem Hause Plauen, sei es in 
Sachsen, sei es in Böhmen, wo sie ja auch JBesitzungen 
hatten, durch Kauf oder in anderer Weise erworben worden. 

Eine dritte Möglichkeit endlich wäre, dals jene Ur- 
kunden schon bald nach 1351 in das Archiv der Herren 
von Gera gelangten. Sie lassen sich nämlich mehr oder 
weniger um den schon berührten Streit gruppieren, welchen 
Grünhain wegen der Gerichtsbarkeit der bei Zwickau 
gelegenen Klosterdörfer mit der Stadt führte, und zwar: 

1. Die Urkunde von [1233] betrifft einen Kauf von 
der älteren Familie von Stein, deren Stammburg wohl 
noch in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in den 
Besitz der Zwickauer Patrizier Egerer von Stein über- 
gingt^). 

2. Die Urkunden von 1278 und 1322 betreffen das 
westlich von Zwickau gelegene Oberhohndorf, um das 
sich hauptsächlich der Streit drehte. 

3. Das burggräfliche Schreiben an König Albrecht 
bildet ein wesentliches Zeugnis in diesem Prozels. 

4. Die Urkunde über Lenkersdorf mag nur aus Ver- 
sehen zu den übrigen geraten sein. Da nämlich bei diesem 
Streitfalle auch das nordwestlich von Zwickau gelegene 
Klostergut Bockwa (Bockwln) mit in Frage kam, so lälst 
sich denken, dals die Erwähnung des Hermann von Bock- 
wen, der aber seinen Namen nicht von genanntem Bockwa, 
sondern von dem bei Meilsen gelegenen Bockwen führte ■^■•), 
zu einer Verwechslung Anlafs bot. Der Klosterbruder, 
welcher die Urkunden zur Vorlegung in jenem Streit aus 
dem Archiv nahm, mag das Buckwen des Textes bona 
fide auf Bockwa bezogen und darum die Urkunde mit 
eingepackt haben. 

Um nun den Zusammenhang zu erklären, müssen 
wir hier kurz den Verlauf des ganzen Streites angeben. 

»••) Siehe S. 3.5. 

•'■') Märcker a. a. O. S. 2281f. 

38) Siehe S. 30. 

«"j Cod. diplom. Sax. II. 4, JOS». 



Originalurkunden des Klosters Grünhain. 39 

Bereits 1289 hatte Landgraf Albrecht von Thüringen 
dem Kloster die volle Gerichtsbarkeit über die Dörfer 
Crossen, Bockwa nnd Oberhohndorf übertragen, welche 
vordem das landesherrliche Stadtgericht zu Zwickau aus- 
geübt hatte ^'^). Als dann Zwickau Reichsgebiet geworden 
war, bestritt der königliche Stadtrichter diese Exemption. 
Zur Wahrung seines guten Rechtes liels sich Grünhain 
darum unter andei'em die bereits besprochenen Zeugnisse 
des Landgrafen Albrecht und des Burggrafen Meinher 
über die Begrenzung der Zwickauer Gerichtsbarkeit 
geben "^^). 

Nach König Albrechts Tode dann übertrug Markgraf 
Friedrich von Meilsen das Schiedsgericht in diesem Streite 
dem Abte Albert von Pegau und dem Ritter Peregrin 
von Remsa, die zu Gunsten des Klosters entschieden. 
Infolge dessen wohl kam 1310 ein förmlicher Vergleich 
zwischen der Stadt und dem Kloster zustande. Darnach 
sollte letzteres das Gericht über die eigenen Leute und 
über die Fremden, welche sich innerhalb der Dörfer sträf- 
lich vergingen, der Stadtrichter solches über die Fremden 
aulserhalb der Ortschaften handhaben. Nach einigen Jahr- 
zehnten erhob sich ein neuer Streitfall zwischen dem 
Kloster und der Stadt wegen mehrerer Äcker bei dem 
zwischen Bockwa und Oberhohndorf gelegenen Orte 
Schetwitz, sowie über die wirtschaftliche Ausnutzung des 
Grünhainer Klosterhofes in Zwickau. Diese Irrungen 
wurden 1342 durch Vermittelung Heinrich des Altern, 
Vogtes von Gera, gütlich beigelegt. Aber schon nach 
wenigen Jahren brach der alte Zwist wegen der Gerichts- 
barkeit aufs neue aus. Es half dem Kloster wenig, dafs 
es sich 1350 von Kaiser Karl IV. seine Privilegien und 
besonders seine volle Gerichtsbarkeit über die um Zwickau 
gelegenen Klostergüter Crossen, Oberhohndorf, Bockwa, 
Königswalde, Gersdorf, Hartmannsdorf und Lauenhein 
bestätigen liefs; denn noch im folgenden Jahr mufste 
Markgraf Friedrich von Meilsen seinen Zwickauer Haupt- 
leuten Hans und Melchior von Neumark anbefehlen, dem 
Kloster die Gerichtsbarkeit in Crossen, Bockwa, Ober- 
hohndorf nicht zu nehmen und dafür zu sorgen, dals es 
darin auch von den Bürgern der Stadt Zwickau nicht 
behindert werde*-). 

^'') Schöttgeu und Kreysig, Diplomat. II, 533. 

"M Siehe S. 32. 

*-) Schöttgeu und Kreysig, Diplomat. II, 543. 



40 ^- Schmidt: Orig:inaliirkun(lcn d. Klosters Grüiihaiii. 

Wie und wann der Streit beigelegt wurde, erfahren 
wir nicht. Es wäre aber nicht unmöglich, dals der Bruder 
des inzwischen verstorbenen Herrn von Gera*^), der 1342 
zwischen der Stadt und dem Kloster teidingte, als Schieds- 
richter fungiert hat. Da derselbe 1347 urkundlich als 
Landrichter zu Meilsen, im Osterlande, zu Landsberg 
und Pleilisen vorkommt '*'^), so war er jedenfalls eine sehr 
geeignete Persönlichkeit, solche Rechtsfragen zu ent- 
scheiden. 

Bei diesem Schiedsgericht, das etwa kurz nach 1351 
stattfand, könnten Grünhainer Originalurkunden als Beweis- 
mittel vorgelegt und die hier besprochenen Stücke ver- 
sehentlich mit nach Gera verschleppt worden sein. Es 
ist das freilich alles nur Vermutung, doch glaube ich 
wenigstens bewiesen zu haben , dals das ältere Archiv 
von Grünhain. 1429 zu Grunde ging, die Verschleppung 
der Urkunden also nicht nach diesem Jahre stattfand. 

Zu dem alten Hausarchiv der Linie Gera wurde endlich 
gegen Ende des 16. Jahrhunderts noch der grölsere Teil der 
burggräflich plauischen Archivalien geschlagen, so dafs 
also die Grünhainer Urkunden auch von dieser Seite nach 
Gera gelangt sein können. Von dort wurden sie dann 1869 
mit den übrigen Originalen der Linien Gera und Plauen 
in das fürstliche Hausarchiv Schleiz übergeführt. 



*^) 56. iiud 57. Jahresbericht des vogtl. altertumsforsch. Vereins 
zu Hohenleuben S. 47. 

") Schmidt, Urkundenbuch der Vögte von Weida, Gera und 
Plauen etc. I (Thüring. Geschichtsquellen N. F. II) No. 890. 



III, 

über die Anwendung des Namens Lausitz 
auf die Oberlausitz im 14. Jalirliundert. 

Von 
Woldeniar Lippert. 



Über den Namen Lausitz im 14. Jahrhundert handehi 
zu wollen, könnte als überflüssig erscheinen, da über den 
Lausitznamen im Allgemeinen schon eine Speziallitteratur 
vorhanden ist ; doch ist eine eingehende Prüfung der bis- 
herigen Ansichten, wie sich ergeben wird, nicht unnötig^). 

Allgemein bekannt und unbestritten ist ja, dafs 
Lausitz — Lusicz , Lusatia — ursprünglich nur die 
Niederlausitz bedeutet und dafs die Oberlausitz eine 
Reihe wechselnder Namen durchgemacht hat, ehe sie 
diesen Namen erlangte ; einen Hauptpunkt der Erörterung 
bildet die Frage, w^ann der Name Lausitz auf dieses Ge- 
biet übertragen und damit der Namensunterschied Ober- 
und Niederlausitz geschaffen wurde. Man hat nun bereits 
für das 14. Jahrhundert, und zwar schon für die Mitte 



1) Hier seien nur die beiden brauchbarsten Zusammenstellungen 
und Erörterungen erwähnt, die von Gr. Köhler, Über den Namen 
Ober- und Niederlausitz, im Neuen Lausitzischen Magazin XX (1842), 
49 flg. und H. Knothe, Die verschiedenen Benennungen des jetzigen 
Markgrafentums Oberlausitz, in v. Webers Archiv für die Sächsische 
Geschichte, Neue Folge I (1875), 72 flg., welcher Aufsatz dann wört- 
lich herübergenommen ist in Knothe s Urkundliche Grundlagen zu 
einer Rechtsgeschichte der Oberlausitz von ältester Zeit bis Mitte 
des 16. Jahrhunderts, in dem Neuen Lausitzischen Magazin LIII 
(1877), 278—280; einen kurzen Auszug giebt Knothe auch in dem 
Aufsatze über das Landeswappen der Oberlausitz, in dieser Zeitschrift 
in (1882), 100, 106 f. 



42 Wold. Lippert: 

desselben, die ITbertragung' des Lausitznamens auch auf 
die Marken Bautzen und Görlitz annehmen wollen. Diese 
Annahme stützt sich auf drei Beweisstellen zu den Jahren 
1345, 1350, 1371. 

Wenden wir uns zuerst zu der Stelle von 1350, 
weil sie einerseits besonders wichtig sein würde, anderer- 
seits am einfachsten zu erledigen ist. In ihr soll schon 
die Sonderbenennung superior et inferior Lusatia vor- 
kommen. In jenem Jahre nämlich erneuerte am 14. Mai 
zu Villeneuve bei Avignon der päpstliche Legat Bischof 
Gaufried (Guaffred) von Carpentras die Verkündigung 
des Bannes Papst Clemens VI. über Markgraf Ludwig 
von Brandenburg und Lausitz und alle seine Anhänger. 
Hierin findet sich die Stelle: wir befehlen (den zuvor er- 
wähnten Erzbischöfen, Bischöfen u. s. w.), „quod Ludovi^um 
.... et alios excommunicatos nunciaretis . ... et omnes 
terras alias et alia loca presertim marchie Branden- 
burgensis et Lusatie, superioris et inferioris Bararie 
diicatuum et comitatus Tyrolis .... suppositas et supposita 
ecclesiastico interdicto ..." Bei dieser Stelle ist nichts 
zu beachten, als eine richtige Interpunktion; die beiden 
Worte superioris et inferioris gehören nicht zum voraus- 
gehenden Lusatie, sondern zum folgenden Bararie'^). 
Rein äuliserlich führt darauf schon der Plural ducatunm, 
der uns zeigt, dals von mehr als einem Herzogtum 
Baiern die Rede ist. Bestimmter aber führen zur 
richtigen Erkenntnis die politischen Verhältnisse. Die 
Witteisbacher besalsen bekanntlich zwei Herzogtümer 
Baiern, Ober- und Niederbaiern, nicht aber gehörte 
ihnen die Oberlausitz, sondern nur die Niederlausitz; 
jene gehörte vielmehr dem getreuen Sohn der Kirche, 
Karl IV. Clemens VI. hatte also keinen Grund, 
dieses Gebiet wegen etwaiger Anhänglichkeit an Ludwig 
zu bannen-^). Wenn aber diese Erwägungen nicht genügt 



2) Ganz richtig giebt die Stelle der Druck in Riedels Codex 
diplomaticus Brandenburgensis II, 2, 303. 

■') Diesen Umstand hat Knothe a. a. 0. auch erkannt, der „ent- 
schiedene Irrtum", dessen er den Papst beschuldigt, liegt aber in 
Wahrheit nicht auf Seiten des Papstes, sondern des neueren Dar- 
stellers. Der Papst, bez. seine Kanzlei war in der politischen Sach- 
lage meist recht gut orientiert, hesser als manche weltliche Regierung 
jener Zeit. Verstümmelungen der dem italienischen oder französischen 
Ohre unbekannten, barbarisch klingenden Namen kommen wohl vor, 
solche gröbliche sachliche Verstöfse aber nicht Gerade recht gut selbst 
in Einzelheiten unterrichtet, zeigt sich hierbei die Kurie, da sie 



Anwendung dos Namens Lausitz auf die Oberlausitz. 43 

hätten, das Richtige erkennen zu lassen, so hätte die 
folgende Stelle derselben Urkunde jede Unklarheit be- 
seitigen müssen, wo es heilst: „. . . . requisivimus omnes 
.... cives . '. . . et inhabitatores .... terrarum totius 
marchionatus Brandenburgensis ac terre Liisatie necnon 
superiorii< et inferioris Bavarie ducatuimi et comitatus 
Tyrolis . . . ." Hier mufste durch das necnon die Unmög- 
lichkeit der Hinzuziehung der Worte superioris et in- 
ferioris zu Lusatic deutlich werden*). 

Die andere Beweisstelle entstammt einer Urkunde 
Kaiser Karls IV. für die Stadt Hoyerswerda, der 
er zu Prag 1371 am Mittwoch in der Kreuzwoche, am 
14. Mai, die Gnade erwies, einen rechten und gewöhn- 
lichen Landmarkt allwöchentlich zu halten, wohin jeder 
fahren und kommen möge, um zu kaufen und zu ver- 
kaufen: „. . . . darumme so gebyten wir den voyten und 
andern amptluten cm Laivsicz und ouch den richten! und 
gemeyneschaften der stete, dy dorumme gelegen sein, 
unsern üben getruwen . . . ., dals sie die Bürger von 
Hoyerswerda an dem Markte nicht hindern noch irren 
sollen-^)." Da Hoyerswerda zur Überlausitz gehörte, soll 
unter der genannten Lausitz auch die Oberlausitz zu ver- 
stehen sein. Bekanntlich liegt aber Hoyerswerda ganz 
im Norden der Oberlausitz, unweit der niederlausitzischen 
Grenze. Der Ort war ferner wichtig als Punkt an 



nicht blofs die heutige Oherlausitz aus dem Spiele läfst, sondern des- 
gleichen auch die nicht unter wittelsbachischer Hoheit stehenden 
Teile der Niederlausitz, die seit Sommer 1346 ebenfalls böhmischen 
Gebiete von Sorau, Triehel u. s. w. Schon Scheltz, Gesamtgeschichte 
der Ober- und Niederlausitz I (1847), 371 hat eine richtige Inter- 
pretation dieser Stelle gegeben, und Neumann in Gallus und Neu- 
manns Beiträgen zur Geschiehts- und Altertumskunde der Nieder- 
lausitz I (1833), 107 Anm. 47 auf das Mifsverständnis sogar besonders 
hingewiesen. 

*) Worbs, Inventarium diplomaticum Lusatiae inferioris (Lübben 
1834) No. 431 hat es sogar vermocht, diese zweite Stelle richtig zu 
verstehen, S. 160 „des ganzen Markgraftums Brandenburg und 
Lausitz, desgleichen die von Ober- und Niederbaiern u. a.", und 
dennoch vorher die erste Stelle aufzufassen „die Mark Brandenburg, 
die Ober- und Niederlausitz, das Herzogtunl Baiern und die Graf- 
schaft Tirol". 

^) B. G. Weinart, Neue Sächsische Handbibliothek(Leipzigl784) 
II, 224, 225 Statuta und Privilegia der Stadt Hoyerswerda. Verzeich- 
nis Oberlausitzischer Urkimden (Görlitz 1800) I, 2, 90 No. 441. A. 
Hub er, Regesten des Kaiserreichs unter Kaiser Karl IV. (Innsbruck 
1877) S. 412 No. 4969. H. Knothe, Geschichte der Herrschaft Hoyers- 
werda, in v. Webers Archiv f. d. Sachs. Gesch. X (1872), 247. 



44 WoM. Filppert: 

der Hauptstrafse aus der westlichen Oberlausitz in die 
Niederlausitz. In Hoyerswerda teilte sich die von Bautzen 
herunterkommende Strafse; der eine Arm lief als Fort- 
setzung der südwestlich von Königsbrück kommenden 
Strafse in nordöstlicher und dann nördlicher Richtung 
weiter nach Spremberg, Kottbus^), der andere Arm ging 
westlich und nordwestlich nach Senftenberg und nach 
Kalau u. s. w. Die nächsten Städte in beiden Richtungen 
aber, Spremberg und Senftenberg, gehörten schon zur 
Niederlausitz, das Gebot Karls IV. hatte also für die 
nahe Niederlausitz, mit der HoyersAverda eng durch jene 
zwei Stral'senzüge verbunden war, mindestens gleiche 
Bedeutung wie für die Oberlausitz ; es ist deshalb un- 
möglich, den niederlausitzischen Namen Lausitz in der 
Urkunde ohne sonstige Begründung auf die Oberlausitz 
zu beziehen. Auch der Ausdruck „stete, dy dorumme ge- 
legen seyn", würde, lediglich auf die Oberlausitz bezogen, 
kaum passen, da westlich, nördlich und östlich von um- 
liegenden oberlausitzischen Städten keine Rede sein kann, 
wohl aber von niederlausitzischen; und als seine „lihen 
getrmve?!" kann der Kaiser seit 1368 die Niederlausitzer 
ebenso gut bezeichnen. 

Zur Verstärkung ist ferner auch noch Kaiser Sieg- 
munds Urkunde für die damaligen Herren von Hoyers- 
werda, Ginderzich und Heinrich von der Duba, Prag 
St. Scholastikatag, 10. Februar 1437, herbeizuziehen'). Er 
verleiht darin der Stadt für jeden Dienstag einen wöchent- 
lichen freien Salzmarkt und für den Sonntag nach St, 
Bartholomäustag einen Jahrmarkt, und verordnet, dafs 
alle vom und zum Markte Kommenden die gleichen Rechte, 
wie auf anderen Märkten in den Städten zu Lausitz und 
Budissin gebrauchen sollen „ . . . . und gebieten .... allen 
unsern undertanen und getreuen, in welichen adel, wirden, 
State oder wesen die sindt, undt nemlich in den landen 
m Luzitz lind zu Budissin gesessen . . . .", die Herren 
von der Duba, die Einwohner von Hoverswerda und die 



") Von hier ging ein Strafsenzng in Fortsetzung der östlich 
von Forst kommenden Strafse westlich nach Vetschau und Luckau, 
der andere über Peitz nach Guben, nach Lieberose, Beeskow, Frank- 
furt. Über die von Cottbus ausgehenden Strafsen s. meinen Aufsatz 
„Cottbus als Knotenpunkt von Handelsstrafsen im 14. Jahrhundert" 
in den Niederlausitzer Mitteilungen IIl (1893), 73 f. 

■') Weinart a. a. 0. S. 229— 23L, Verzeichnis Oberlausitzischer 
Urkunden E, 5, 42. Knothe in v. Webers Archiv f. d. Sachs. 
Uesch. X, 253. 



Anwendung des T^amens TjaiTsitz auf die Oberlausitz. 45 

Kaufleute nicht zu liindern. Hier sind also die Lande 
Lausitz (Niederlausitz) und Budissin (die westliche Ober- 
lausitz) ausdrücklich neben einander gestellt als die beiden 
Gebiete, die nördlich wie südlich für den Handel und 
Durchgangsverkehr Hoyerswerdas in Betracht kamen; 
hier kann daher ein Zweifel, als ob Lausitz nicht die 
Niederlausitz bedeuten solle, gar nicht aufkommen^). 

Ebenso, wie aber hier nicht blofs an die Oberlausitz, 
in welcher der Ort selbst lag, das kaiserliche Gebot er- 
ging, sondern auch an die Nachbarmark, so gilt dies auch 
für die frühere entsprechende Marktverordnung Karls IV. 

Es bleibt nun noch die dritte Stelle zu betrachten 
übrig, der Zeit nach die erste, vom Jahre 1345. Da- 
mals fanden zwischen den Witteisbachern und Luxem- 
burgern Kämpfe statt, die ihren Ausgang nahmen von 
dem tiefgehenden Zerwürfnis des Jahres 1341, der Ver- 
drängung des luxemburgischen Prinzen Johann, des zweiten 
Sohnes des Böhmenkönigs, aus dem reichen tiroler Erbe 
durch die kirchlich ungesetzliche Ehe Markgraf Ludwigs 
von Brandenburg mit der Erbtochter Margareta Maul- 
tasch''j. Mehrfach wurden Ausgleichsversuche angebahnt, 
wobei es sich darum handelte, für die Luxemburger, da 
die Baiern Tirol nicht aufgeben wollten, eine passende 
Entschädigung zu finden. Diese schien sich verhältnis- 
mäfsig günstig in der Niederlausitz zu bieten. Die Nieder- 
lausitz war der am spätesten, erst 1303 hinzugekommene 
Teil der märkischen Lande, aulserdem war sie mehrfach 



^) Die gleiche Nebeneinanderstellung der Lande Lausitz und 
Budissin finden wir auch sonst ; beispielsweise sei hier aus jener 
Zeit nur eine bei Pelzel, Lebeusgesch. des Rom. und Böhm. Königs 
Wenceslaus (Prag 1790) II, 329 kurz erwähnte, noch ungedruckte 
Urkunde des K. K. Haus-, Hof- und Staatsarchivs zu Wien verwiesen, 
worin Johann genannt Michaletz von Michalowitz (Jan rzeczeny 
Mychalecz z Mychalowicz) verspricht, Budyssynske zemye y Luznyczke 
zemye, ßudissiuer Land und Lausitzer Land, mit allem Ilechte, mit dem 
er sie vom römischen und böhmischen Könige Wenzel erhalten hat, 
zu jeder Zeit und an jeden, an den ihn der König weisen wird, ohne 
allen Verzug und Schaden abzutreten, v Prazye wnedyeli prwu 
poswatem Procopye letha po bozyeho syna narozeny po tysyczy po 
trzyechstech a dowaddesateho ssesteho, Prag, Sonntag nach y. Prokop, 
9. Juli 1396. 

>*) S. hierüber die betreffenden Abschnitte in den Werken von 
Klöden, Diplomat. Gesch. des Markgrafen Waldemar Bd. III. 
V. Freyberg, Gesch. Ludwigs des Brandenburgers. Palacky, Gesch. 
Böhmens Bd. II, 2. Riezler, Gesch. Baierns Bd. II. Werunsky, 
Gesch. Karls IV. Bd. I. v. Weech, Kaiser Ludwig und König Jo- 
hann u. a. 



46 Wold. Lippert: 

von Brandenburg getrennt gewesen^"); eine Hingabe dieses 
Landes schien also für den Wittelsbaclier kein allzu- 
schweres Opfer, wenn er seinem Hause den gesicherten 
Besitz des so erstrebenswei-ten Tirol verschaffen konnte. 
Der Böhmenkönig Johann hingegen hatte schon vor 
Jahrzehnten nach der Angliederung der Niederlausitz an 
sein gerade nach Nordosten sich ausbreitendes Reich ge- 
strebt. Die Niederlausitz schlofs sich passend an seine 
Erwerbung der Marken Bautzen und Görlitz, an den 
bevorstehenden Anfall weiterer Teile der Oberlausitz und 
auch schon der Niederlausitz ^^) und an seinen Macht- 
zuwachs in Schlesien an. 

Es kommen hierfür zwei Zeugnisse in Betracht. In 
dem einen, dem vierten Buch der Chronik des Benesch 
von Weitmühl, wird von Verhandlungen König Johanns 
mit Ludwig dem Baiern im Jahre 1343 erzählt, wonach 
Johanns jüngster Sohn Wenzel (der spätere Herzog von 
Luxemburg) eine Tochter des Kaisers heiraten sollte^-). 
Es heilst dann weiter: „Jam enim procuraverat ipse 
Ludwicus eici Johannem filium regis Boemie de comitatu 
Tirolis. Cuius uxorem tradidit ipse filio suo Ludwico 
marchioni Brandeburgensi; Johanni vero ipsi expulso 
promiserat dare in recompensam terram Lusacie". König 
Johanns Sohn Markgraf Karl von Mähren widersetzte 
sich aber diesem Plane und führte selbst im Januar 1344 
von Tauls in Böhmen aus mit dem in Cham weilenden 
Kaiser neue Unterhandlungen, die folgende Abmachungen 
ergaben: „Tractatus vero iste: quia Ludwicus volebat 
vice et loco ablate nxoris Johanni dare filiam suam et 
post mortem suam dare illi coequalem porcionem cum 
aliis filiis suis. In vita autem Ludwici debebat illi assignare 
terram Lusacie in recompensam terre sue sibi ablate, 
videlicet comitatus Tirolis". Benesch berichtet dann 



^0) Näheres in moinem demnächst erscheinenden Buche „Wettiner 
und Witteisbacher und die Niederlausitz im 14. Jahrhundert" 
(Dresden, W. Baensch, J894). 

") Einzelne Gebiete der Niederlausitz, darunter Sorau, Triebel, 
Priebus mit Zubehör, sollten nach dem kinderlosen Tode Herzog 
Heini'ichs von Jauer an Böhmen fallen; dies geschah auch, als 
Heinrich zwischen dem 6. März und 15. Mai 134H (s. Grotefend, 
Stammtafeln der schlesischen Fürsten, 2. Aufl., Breslau 1889, S. 7 
Taf. IV) starb. 

^2) Pelzel und Dobrowsky, Scriptores rerum Bohemicarum 
(Prag 1784) II, 332. Emier, Fontes rerum Bohemicarum (Prag 
1884) IV, 510. 



Anwendnnie: des Namens Lausitz auf die Oberlausitz. 47 

weiter, wie dif se Pläne durch das Einschreiten des Königs 
von Böhmen vereitelt wurden, der seinem Sohne Karl auf 
das bestimmteste alle Verhandlungen untersagte. 

Die zweite Stelle entstammt der Selbstbiographie 
Karls IV. '^). Er erzählt am Schlüsse dieses Werkes, 
wie nach dem Sommer 1345^*) Aussöhnungsversuche 
zwischen den Witteisbachern und Luxemburgern durch 
Kaiser Ludwig angeregt worden seien und zu dem Zwecke 
unter Vermittelung des trierer Erzbischofs Balduin eine 
Besprechung in Trier stattgefunden habe: „Tandem ad 
hoc deventum exstitit, quod Ludovicus de Bavaria se ad 
hoc detulit, quod regi Johanni et filio suo, qui de dominus 
suis, ut prefertur, relegatus extiterat, vellet dare terram 
Liisacie utpote Oorlicz et Budissun civitates, que cum 
totis dominus et universis suis pertinenciis regno Boemie 
incorporari debeant totis futuris temporibus permansure". 
Der Ausdruck ist an dieser Stelle so deutlich wie mög- 
lich, und hiernach scheint die Gleichsetzung „Lausitz = 
Oberlausitz" festzustehen^'^). Doch dagegen sprechen die 



^'^) Vita Karoli IV. iinperatoris bei Böhmer, Fontes rerum 
German. (Stuttgart 1843) I, 269. Emier, Fontes rerum Bohemic. 
(Prag 18B2) III, 368. 

'*) Kl öden, Diplomat. Gesch. des Markgrafen Waldemar von 
Brandenburg (Berlin 1845) III, 29 bringt deshalb diese Punkte in 
Zusammenhang mit den Verhandlungen Markgraf Ludwigs und 
König Johanns im August 1345 und meint, am 11. August sei zu 
Spremberg der Friede geschlossen worden, während damals, aber 
am 15. August zu Guben, nur ein bis zum 11. November dauernder 
Waffenstillstand festgesetzt wurde, vergl. hieriiber meinen Aufsatz 
,,Der angebliche Friede zu Spremberg zwischen Brandenburg und 
Böhmen 1345", in den Niederlausitzer Mitteilungen III (1893), 
202 — 207. Da es sich aber blofs um eine vorläufige Waffenruhe 
handelte, die vermutlich erst zu weiteren Verhandlungen über 
eine endgiltige Aussöhnung benutzt werden «ollte, können schon 
deshalb die mehrgedachten Friedensartikel (Abtretung der Lausitz) 
niclit mit diesen Präliminarien im August 1345 in Zusammenhang 
gebracht werden. Werunsky, Gesch. Kaiser Karls IV. und seiner 
Zeit (Innsbruck 1880) I, 386 beruft sich bei der kurzen Erwähnung 
dieser Verhandlung einfach auf Klöden, ohne dessen unzutreffende 
Angaben näher zu prüfen und richtig zu stellen, S. 397 — 399 aber 
tritt er dafür ein, dafs die trierer Verabredung erst im Febriiar 1.346, 
wo Johann und Karl wirklich in Trier bei Balduin weilten, die 
Anregung dazu aber schon im November 1345 durch Kaiser Ludwig 
erfolgt sei. 

••^) Auch im böhmischen und deutschen Texte finden sich die 
Zusatzworte, s. Font. rer. Bohem. III, 395; bei dem tschechischen 
Wortlaut begnüge ich mich mit der Heraushebung der betreffenden 

Worte : zemi Lnznicku, to vez mesta Zhorelec a Budis'in " 

III, 416; „Dach zcu letczten qwam ess dorczw, das Lodwicus von 



48 Wold. Lippert: 

gewichtigsten inneren Gründe, Von der Oberlausitz ge- 
hörte der westliche Teil, das Land Budissin, ja schon 
seit 26 Jahren, der östliche Teil, das Land Görlitz, seit 
16 Jahren zu Böhmen, sie konnte also nicht erst jetzt 
von Ludwig an König Johanns Sohn Johann abgetreten 
werden. ^ Der etwaige Einwand aber, als ob es sich bei 
dieser Überlassung nicht um eine wirkliche, jetzige Ab- 
tretung zu handeln brauche, sondern nur um die Hingabe 
der Anrechte oder Ansprüche der brandenburgischen 
Markgrafen auf das Land^"), widerlegt sich durch die 
Thatsache, dafs König Ludwig selbst bereits am 13. Sep- 
tember 1320 den Böhmenkönig mit Bautzen und Kamenz 
belehnt hatte"). Hier hatten also die Witteisbacher nichts 
mehr zu vergeben. 

Es bleibt somit nichts übrig, als die Angabe der Vita 
Karoli zu verwerfen. Eine derartige Kritik erweist sich 
keineswegs als zu kühn oder willkürlich, wenn wir die 
textliche Überlieferung der Vita berücksichtigen. Einer- 
seits sind von ihr keine gleichzeitigen Handschriften, ja 
nach Böhmer überhaupt keine solchen des 14. Jahrhunderts 
bekannt, während Emier als die ältesten solche aus den 
letzten 4 Jahren des 14. Jahrhunderts aufführt ^^), so dals 
schon dadurch die Möglichkeit einer Interpolation nicht 

Beyern sich dorczu gab unde vorvvillete, das her dem koiiige Johaiiiii 
uiide sej'uera sone , der von seyner gesanth unde vortreben, als 
gesprochen ist, dem Avelde her geben das erdreich unde land 
Lusacia alzo Görlitz, Bautczen die stete, die do mit gant- 
czen eren hirschafften unde czugehorunge dem reiche zcu Behemen 
sulden zcugefugit seyn unde gegeben werden unde dorczu geboren 
unde yn den zcukunflt'tigen czeiten bleiben." Wie sich aus der Ver- 
gleichung ergiebt, schliefsen sich beide Übersetzungen eng an die 
lateinische Vorlage an, betreffs der textlichen Überlieferung s. im folg. 

J«j So bei Klö.den a. a. 0. III, 30. 

>') Riedel, Cod. dipl. Brand. II, 1, 460. Görlitz hatte Johann 
am 3. Mai 1329 von Herzog Heinrich von Jauer abgetreten erhalten, 
Worbs, Invent. dipl. Lus. inf. No. 386, Emier, Regesta Bohemiae 
et Moraviae (Prag 1884) III, 258 No. 613. 

JS) S. Böhmer Fontes I, Vorrede S. XXV. Emier, Font. rer. 
Bohem. lil, .331 — 334 über 10 Handschriften der lateinischen Form, 
S. 335 über 3 Hs. der tschechischen und über die eine Hs. der 
deutschen Form. Von den lateinischen gehören drei nach seiner An- 
gabe dem ausgehenden 14. Jahrhundert an, nämlich dem Ende des 
Jahres 1396 (No. 3 seiner Aufzählung, die Böhmer jedoch dem 15. 
Jahrhundert zuweist), dem Jahre 1399 (No. 4) und unbestimmt aus 
den letzten Jahren des 14. Jahrhunderts (No. 6). Von den drei 
tschechischen Handschriften gehört keine dem 14., die beiden ältesten 
erst der zweiten Hälfte des IF». Jahrhunderts an, dessen Mitte auch 
die deutsche Hs. zugewiesen wird. 



Anwendnnii' des Namens Lausitz auf flie Oberlausitz. 49 

ausgeschlossen ist; denn seit dem 15. Jahrhundert ging ja 
der Name Lusatia auf die Lande Bautzen und Görlitz 
über, und aus diesem späteren Sprachgebrauch heraus ist 
wohl jener für die Mitte des 14. Jahrhunderts unzulässige 
Deutungszusatz zu erklären ^^). Andererseits rührt der 
letzte Abschnitt der Vita nicht von Karl IV. selbst her, 
sondern ist nur ein Auszug eines nicht mehr bekannten, 
vollständigeren Textes-"). Hierdurch erhöht sich die 

'^^) Der Zusatz zeigt gerade, dafs damals der Begriff Lausitz in 
seiuer Anwendung auf Bautzen und Görlitz noch etwas neues, nicht 
allgemein bekanntes war und dafs deshalb der betreffende Abschreiber 
bez. Epitomator der Vita es für nötig erachtete, seiue (infolge man- 
gelnder Kenntnis der Verhältnisse des 14. Jahrliunderts falsche) Er- 
klärung beizugeben, der Zusatz mufs also wohl in der Zeit gemacht 
sein, als die Begriffsverschiebung sich anbahnte. Ivnothe hat a. a. 0. 
eine Anzahl Belege für das Aufkommen des Namens Oberlausitz iu 
der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts beigebi'acht. Selbst in 
dieser Zeit kämpfte noch lange der alte historische Sprachgebrauch 
siegreich gegen die neue Anwendung des Namens. Eine Menge für 
Knothe noch nicht benutzbarer Stellen bietet der reiche Stoff von 
Urkunden und Aktenstücken über die Zeit Kaiser Friedrichs III. und 
Georg Podiebrads, den A. Bach mann in den Fontes rerum Austri- 
acarum Bd. LH, LIV, LVI (Wien 1879, 1885, 1892) veröffentlicht 
hat. Ich gebe hier nur eine summarische Gruppierung. Von 26 
Fällen in Schreiben aus den Jahren 1450—1477, die von sächsischer, 
böhmischer , brandenburgischer und schlesischer Seite ausgegangen 
sind, ist es in 6 Fällen (LH, 57, 246, 337, 368; LVI, 234, 271) un- 
bestimmt, welches Land mit dem Namen Lausitz gemeint ist; iu 
weiteren 7 Fällen (LH, 338, 340; LIV, 246, 263, 285 f.; LVI, 11, 
418) wird zwar aucli nur kurzweg von der Lausitz gesprochen, der 
Zusammenhang ergiebt aber mit Sicherheit die Niederlausitz. In 12 
Fällen (LIV, 218, 228, 631; LVI, 89, 178, 233, 306, B42, 389, 411, 
416, 431) ist durch die Nebeneinandernennung von Lausitz und Sechs- 
städten deutlich die Lausitz als Niederlausitz gpkennzeichnet. Ins- 
gesamt ergeben also 19 Fälle bestimmt die Niederlausitz, 6 sind 
ohne nähere Bestimmung, wobei auch das Vorkommen im böhmischen 
Königstitel mit als unbestimmt gezählt ist, sprechen also auch nicht 
gegen diese Deutung, sondern eher dafür. Nur in einem Falle (Bd. 
LVI, 141, No. 114 vom Februar 1471 aus Schlesien) finden sich beide 
Lausitzen genannt: „wisset ouch, das der herre von Sternberg widder 
zu koniglichir gnaden uff'genommen und durch die königlich majestat 
bestetiget ist zu Under- und Obir-Lusacz voite". Wir erkennen 
also aus dieser Übersicht mit dem Zahlenverhältnis 19 : 1, dafs auch 
damals noch der alte Begriff' „Lausitz=Niederlausitz" die Herrschaft 
behauptete und nur allmählich die Erweiterung der Namensbedeutung 
durch die Ausdehnung auf das Land der Sechsstädte, die Marken 
Bautzen und Görlitz, zur Geltung zu kommen vermochte. Das erste 
imaufechtbare, bisher unbekannte Zeugnis der Übertragung des 
Namens Lausitz liefert die Matrikel der Universität Leipzig in deu 
Jahren 1410—1414, vergl. hierüber den Anhang. 

-**) S. 0. Lorenz, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittel- 
alter (3. Aufl., Berlin 1886) I, 305 Anm. 2 und 307. 

Neues Archiv f. S. G. u. A. XV. 1. 2. 4 



50 Wold. Lippert: 

Wahrscheinlichkeit der Annahme, dals der jetzige Text 
uns nicht den unmittelbaren, zvveifelsfreien Wortlaut der 
Vorlage bietet, sondern Änderungen erlitten haben kann. 
Auf dieselbe Grundlage wie die jetzige Vita Karoli 
geht auch das vierte Buch von Beneschs Chronik zurück, 
und dieses bietet uns in der That an der oben auch mit- 
geteilten Stelle Angaben, die sich ohne Zwang und Um- 
deutungen den Zeitverhältnissen einfügen-^). Benesch 
giebt hier, dem Sprachgebrauch des 14. Jahrhunderts 
entsprechend, den einfachen Begriff Lusatia ohne jedweden 
Zusatz, der ihm selbst und seinen Lesern ja ganz über- 
flüssig hätte erscheinen müssen, da er und seine Zeit- 
genossen blofs eine Lausitz, die Niederlausitz, kannten. 
Auf diese ist somit ^seine Angabe von dem Abtretungs- 
plan zu beziehen. Übrigens handelte es sich nach der 
Stelle des Benesch bei den Verhandlungen König Johanns 
1343 und Karls 1344 nicht um eine völlige Abtretung, 
sondern lediglich um eine Verpfändung. Klar und deut- 
lich sagt der Text, Ludwig habe versprochen, dals König 
Johanns Sohn seine Tochter-^) zur Ehe erhalten und nach 
des Kaisers Tode gleicherbberechtigt an dessen Landen 
sein sollte-*^). Vorläufig aber, da ja der Vater noch lebte, 
(in vita Ludwici) und sich keines Teils seiner Erblande 
entäulsern mochte, sollte der böhmische Schwiegersohn 
die Lausitz erhalten; diese sollte ihm also als Pfand 
dienen, bis ihm nach des Kaisers Tod das versprochene 
Erbteil zufallen würde-*). 



-') Dafs beide Angaben, die Beneschs über die Chara-Taufser 
Verhandlungen und der Vita Karoli über die in Trier, sicli auf das- 
selbe Ereignis beziehen sollen, wie Palacky, Gesch. Böhmens (Prag 
1842), II, 2, 245 meint, ist nicht anzunehmen und auch allseitig auf- 
gegeben, s von Weech, Kaiser Ludwig der Baier und König- 
Johann von Böhmen (München 1860), S. 88—90, 98, 99, Werunsky 
I, 335, 343, 397 f. 

22) Welche der Töchter Ludwigs gemeint war, ist nicht zu er- 
mitteln, da Ludwig im Jahre 1344 mehrere unverheiratete Töchter 
besafs, s. Häutle, (ienealogie des erlauchten Stammhauses Wittels- 
bach (München 1870) S. 10, 12. 

"^) Sie sollte also nicht blofs, wie vielfach üblich, für ihre Erb- 
rechte mit Geld abgefunden werden, da es darauf ankam, ihrem Ge- 
mahl an Stelle der verlorenen Herrschaft in Tirol ein neues Herr- 
schaftsgebiet zuzuwenden, mag mau nun an einen Teil der bairischen 
Stamralande, oder an wittelsbachischen Besitz in Schwaben oder 
anderswo denken. 

-^) Bei der Verhandlung im Frühjahr 1346 hingegen handelte 
es sich um eine wirkliche Abtretung, da hören wir aber auch nichts 
von anderen Besitzungen, die künftig dem Prinzen Johann zu Teil 



Anwendung des Namens Laiisitz auf die Oberlausitz. 51 

Wie in der Stelle des Benesch aber die Lusatia auf 
die einzige Lausitz des 14. Jalirluinderts zu beziehen ist, 
so gilt das auch für die Lusatia in der Vita Karoli unter 
Ausscheidung- des unzulässigen Zusatzes: utpote Gorlicz 
et Budissyn civitates. 

Es kann also die Sprachregel aufgestellt werden: 
Lusatia, Lusicz ist auch im 14, Jahrhundert die 
alte, historisch allein zur Führung dieses Na- 
mens berechtigte Mark Lausitz, unsere heutige 
Niederlausitz. 

Zum Schlüsse sei noch hingewiesen auf ein Zeugnis, 
das — als den letzten Jahren des 14. Jahrhunderts 
angehörig — unseren vorstehenden Satz kaum beein- 
flussen kann. 

Der Stadt Löbau waren ihre Urkunden über die 
Ausdehnung der städtischen Gerichtsbarkeit auf die Dörfer 
ihres Gebietes verbrannt; es galt die erforderlichen Grund- 
lagen beizubringen, um sich vom Landesherrn, dem König 
Wenzel, die Gerechtsame neu bekräftigen zu lassen. Zu 
diesem Zwecke berief der Rat einen oder mehrere Ein- 
wohner der betreffenden Dörfer vor sich und forderte von 
ihnen Aussagen über die Gerichtsbarkeit. Während nun 
in den meisten dieser vom 29, Juli 1390 datierten Zeugnisse 
nur im allgemeinen gesagt ist, dafs die Rügung sich be- 
zogen habe auf Räuber, Diebe und Übelthäter, heilst es 

in zwei derselben: „ das dy in woner desselben 

doT'fes Opeln recht, als se gehorn czu dem Lobischen 
gebyt, haben geruget und bisher gewonet haben czu 
rügen roivber, dyhe und andir obüteter des landes Lussitcz 
vor dem burgermeister und schepphin der vorgenanten 
stat Lobaw " und fast ebenso das zweite Mal be- 
treffs des Dorfes Krapicz (Krappe)-^). Hiernach scheint 

werden sollten, sondern die Lausitz sollte definitiv als Entschädigung 
dienen. — Beiläufig sei mit darauf hingewiesen, dal's schon zehn 
Jahre zuvor, im Jahre 1335, als nach Herzog Heinrichs Tode der 
böhmische Prinz Johann als Gemahl der Margareta Maultasch die 
Grafschaft Tirol erlangt hatte, das Gerücht auftauchte, man wolle 
von luxemburgischer Seite Tirol an Baiern überlassen gegen Hin- 
gabe von Brandenburg (wobei die Lausitz als Nebenland der Mark 
Brandenburg mit einbegriffen gewesen wäre), ein Gerücht, das in Tirol 
lebhafte Mißstimmung hervorrief, so dafs sich König Johann genötigt 
sah, es formell zu dementieren, s. Riedel, Cod. dipl. Brand. II, 6, 
61, Johanns von Viktring Chronik bei Böhmer, Fontes I, 424, dazu 
K. Stögmann in den Sitzungsberichten der phil.-hist. Klasse der 
k. Akad. d. Wissensch. zu Wien XIX (1856), 235, 

'^^) Regest im Verzeichnis Oberlaus. Urkunden I, 131 No. 647, 



53 WoM. Lippert: 

der Schreiber dieser Urkunde, der Notar Johannes Gruning 
aus Brieg, das Löbauer Gebiet als im Lande Lausitz 
liegend zu bezeichnen, eine Angabe, die allerdings Be- 
fremden erregen muls. Und doch glaube ich, dals auch 
sie eine Erklärung zulälst, wenn wir unsere Urkunde im 
Zusammenhange mit einigen anderen betrachten. Erstens 
ist es schon beachtenswert, dafs die böhmische Kanzlei 
in der Urkunde vom 14, August desselben Jahres, worin 
König Wenzel unter Bezugnahme auf jenes Notariats- 
instrument der Stadt Löbau die Gerichtsbarkeit bestätigt, 
des Ausdruckes Lausitz sich nicht bedient hat-''). Zweitens 
aber kommt besonders Wenzels Urkunde vom voraus- 
gehenden 24. Juni in Betracht-'^): „Konig Wencziaw er- 
laubet und belihlet den räthen und burgern der städte 
Budissin, Görlitz, Sittaw, Lauban, Lobaw und Camenz 
das landgerichte in der gegend derselben städte, also, 
wäre der übelthäter ein gast, mögen sie über ihn 
richten, hätte aber derselbe in den vorgenannten landen 
erbe, mögen sie ihn fahen, doch ohne der amtleute wissen 
nicht richten, als lange, das er das nicht widerruffet; 
Präge 1390 am tage S. Johanns des taufers." Hier ist 
„Gast" in der alten und hauptsächlichsten Bedeutung 
dieses Wortes so viel wie „Landfremder", im Gegensatz zu 
den im Lande Angesessenen. Es ergiebt sich daraus, dals 
damals irgend welche Kompetenzstreitigkeiten über die 
Aburteilung fremder und einheimischer Verbrecher in der 
Oberlausitz sich erhoben hatten. Berücksichtigen wir 
dabei, dals die Niederlausitz auf der ganzen langge- 
streckten Nordseite das Nachbarland der Oberlausitz ist, 
dals sie auliserdem im Rufe stand, ein Schlujjfwinkel be- 
denklicher Elemente zu sein, die auch über ihre Grenzen 
hinaus die Nachbarlande heimsuchten'-^), so liegt wohl 



Druck im Urkundenbuch der Städte Kameuz und Löbau (Cod. dipl. 
Saxoniae reg., II, 7, Leipzig 1883) S. ;i39 No. 31. 

28) Regest im Verzeichnis Oberlaus. Urk. No. H48. Druck Ur- 
kundenbuch der Städte Kamenz und Löbau S. 242 No. 32. „Conni- 
nensis" im Kanzleivermerk ist hier zu verbessern in „Caminensis" 
s. Lind n er, Das Urkundenwesen Karls IV. und seiner Nachfolger 
(Stuttgart 1882) S. 29. 

-') Regest im Verzeichnis Oberlaus. Urk. S. 130 No. 645. 

-'*) In der Niederlausitz hatten die schwankenden Herrschafts- 
verhältnisse, die während der ersten Hälfte und Mitte des 14. Jahr- 
hunderts das Land aus einer Hand in die andere übergehen liefsen, 
dazu beigetragen, die öffentliche Sicherheit zu untergraben. Wir 
hören schon zu Karls IV. Zeiten von räuberischen Einfällen in die 



Anwendung' des Xaraens Lausitz auf die Oberlausitz. 53 

die Vermutung nicht allzu fern, dafs bei den ver- 
brecherischen „Gästen" in erster Linie an unerwünschte 
Besucher aus der Niederlausitz zu denken ist, und dals 
demgemäfs dann auch in dem obigen Notariatsinstrumente 
darauf Bezug genommen ist'-^). Obgleich also in diesem 
letzten Falle mit solch zwingender Bestimmtheit, wie in 
den drei ersten Fällen (1345, 1350, 1371), die Deutung 
Lausitz=Niederlausitz, nicht = Oberlausitz sich nicht be- 
weisen läfst, so ist doch soviel aus vorstehenden Be- 
merkungen ersichtlich, dals die Auffassung des Landes 
„Lussitcz" als Niederlausitz auch hier nicht ausge- 
schlossen ist. 



Oberlausitz ; denn als die Niederlausitz Pfaudbesitz der Wettiner 
war und Markgraf Friedrichs „des Strengen" energisches Auftreten 
gegen Friedensbrecher den unruhigen Gesellen im Lande selbst ihr 
Handwerk erschwerte, wandten sie sich gern der Oberlausitz zu. 
1358 sah sich Görlitz genötigt, über 8 Personen die Acht zu ver- 
hängen; vergl. Je cht, Das Zweitälteste Stadtbuch von Görlitz 1342 f., 
im Neuen Lausitz. Magaz. LXIX (1893), 137: „ex parte Henrici de 
Kokericz proscripti sunt Djrske de Wysinse, Heynich List, Brechter 
List, Henczil Heynich, Ulich Czenker, Segehart de Luthen, Martinus 
de Redirn, Ditricb List pro suo incendio et spolio". Die Mehrzahl 
der Genannten begegnet uns selbst in der Niederlausitz oder gehört 
Familien an, die in der Lausitz auftreten. Dirske oder Dersekin 
(Dietrich) von Weifsensee, der Vogt Markgraf Ludwigs des Römers 
zu Drossen in der Neumark, besafs in der Niederlausitz Matzdorf, 
Baudach und Gablenz, Kreis Sorau, bei Gassen, SO. und S. v. 
Sommerfeld, s. Scheltz I, 339, 389-391, 395; ein Sifrid List ist 1302 
Besitzer von Vetschau, s. Worbs, Inventar. No. 320, und unter den 
brandenburgisch-lausitzischen Anhängern der Witteisbacher im päpst- 
lichen Bannbrief vom 14. Mai 1350 sind 7 Mitglieder der Familie List 
genannt, darunter ein Tilo (Ditrich) und Heinrich, Riedel, Cod. 
dipl. Brand. IL 2, 302, 304; Martin von Redern (Redern zwischen 
Drebkaii und Kalau) erhielt 1351 Starzeddel, SO. von Gliben, s. 
Hauptstaatsarchiv Dresden, Kop. 25 fol. 49 b; Sighard von Leuthen 
(Leuthen, Kr. Sorau, NO. von Sommerfeld oder Kr. Cottbus, zwischen 
Drebkau und Cottbus) tritt mehrfach in lausitzischen Urkunden auf, 
die Hansen von Biberstein, Herrn zu Sorau und Beeskow, be- 
treffen oder von ihm ausgestellt sind, so 1389, s.v. Mülverstedt, 
Diplomatarium Jleburgense (Magdeburg 1877) I, 589 No. 4, und 1397 
s. Hille, Chrono). Verzeichnis der im Ratsarchiv zu Luckau befind- 
lichen Urkunden, im Neuen Laus. Magaz. XLVI (1869), 76. Dersekin 
von Weifsensee hatte 1360 abermals die Oberlausitz geschädigt und 
zwar war es diesmal die Stadt Zittau, die durch einen Heerzug im 
November 1360 an ihm Vergeltung üljte, s. Johanns von Guben 
Zittauische Jahrbücher in den Script, rer. Lusat. I (1837), 12. 

2") Möglicherweise war den Sechsstädten das Recht, diese 
Nichteinheimischen vor ihr Gericht zu ziehen, bestritten worden, sei 
es nun von den Gefangenen oder ihrer Verwandtschaft, sei es vom 
Landvogt der Niederlaiisitz selbst, was Wenzel zu der Bestimmung 
vom 24. Juni veranlafste. 



54 Wold. Lippert: 

Sollte aber diese Erklärung keine Zustimmung- finden 
und Lausitz hier als Oberlausitz verstanden werden, so 
wäre diese Stelle als das erste Zeugnis der Namens- 
übertragung aufzufassen-^**). Selbst in diesem Falle würde 
aber der obige Satz über die Bedeutung des Namens im 
14. Jahrhundert, wie schon zuvor erwähnt, nicht beein- 
flufst werden, da wir ihn dann nur mit der unwesent- 
lichen Einschränkung versehen mülsten, dafs die Über- 
tragung im letzten Jahrzehnt vereinzelt vielleicht schon 
vorgekommen sein möge. 



Anhang. 

Die Lausitz bei der Nationeiieinteilung au der 
Universität Leipzig. 



Im Folgenden mögen noch einige Bemerkungen Platz 
finden, die zwar aus dem zeitlichen Rahmen des vorstehen- 
den Aufsatzes herausfallen, da sie dem Anfang des 
15. Jahrhunderts angehören, die aber doch hier nicht 
unwillkommen sein werden, weil sie einer wertvollen, für 
die Untersuchung des Namensbegriffes der Lausitz völlig 
unbenutzten Quelle entlehnt sind. Sie sind der ältesten 
Matrikel der Universität Leipzig entnommen, deren voll- 
ständige Veröffentlichung als Teil des Codex diplomaticus 
Saxoniae regiae erst in einigen Jahren zu erwarten steht, 
von der aber ein besonders wichtiger Abschnitt, die ersten 



^°) Wie oben das geltend gemacht ist, -was sich gegen diese 
Auffassung- vorbringen läfst, so soll auch nicht verschwiegen werden, 
dafs sich verstärkend für die Ansicht Lausitz hier ^^^Oberlausitz ancli 
darauf mit hinweisen liefse, dafs die ältesten Handschriften der Vita 
Karoli IV. mit ihrer vorher besprochenen LausitzstcUe auch gerade 
aus dieser Zeit, den Jahren 1396, 1399, stammen, ein Argument, das 
aber meiner Meinung nach ebenso Avenig eine unbedingte Beweis- 
kraft haben würde, wie die Stelle des Notariatsinstrumentes, da die 
Angaben über das Alter jisner Handschriften ja nicht über jeden 
Zweifel erhaben sind, wir im Gegenteil von sn berufener Seite, wie 
Böhmer, andere Altersansetzuug kennen gelernt haben. 



Anwendung des Namens Lausitz auf die Oberlausitz. 55 

zehn Jahre uiiifasseiul , in der fleifsigen und sorgsamen 
Arbeit von Ullrich vorliegt^). 

Auf den mittelalterlichen Universitäten waren be- 
kanntlich die einzelnen Länder im wesentlichen nach dem 
Prinzip der Himmelsgegend gewissen grofsen Gruppen, 
den „Nationen", zugeteilt, deren Namen je nach der Lage 
und den äulseren Verhältnissen der Universität und des 
betreffenden Landes verschieden waren. Von Paris hatte 
Karl IV. diese Einrichtung auf Prag übernommen und 
von Prag wurde sie nach Leipzig übertragen. Hier be- 
standen die Nationen der Meilsner, Sachsen, Baiern und 
Polen. Zur meifsnischen Nation gehörten anfangs die 
wettinischen Lande, zur sächsischen fast das gesamte 
Norddeutschland und was drüber hinausliegt (Sachsen, 
Brandenburg, die deutschen Küstenländer der Nord- und 
Ostsee, die skandinavischen Staaten), zur bairischen das 
ganze West- und Südwestdeutschland und die entsprechen- 
den aulserdeutschen Länder, zur polnischen die gesamten 
Slavenländer im Osten (Schlesien, Polen, Böhmen, ferner 
auch Ungarn, Preulsen, die russischen Ostseeprovinzen, 
Finnland u. s. w.)-). Betreffs einzelner Gebiete aber 
herrschte anfangs bei der ausschlaggebenden Stelle der 
Universität, dem Rektor, der damals die Inskription in 
die Matrikel selbst vornahm, Zweifel, welcher Nation 
sie einzuordnen wären, so z. B. betreffs Hessens, das im 



') P. W. Ullrich, Die Anfänge der Universität Leipzig. I. Per- 
sonalverzeichnis, 1409b (Wintersemester) bis 1419a (Sommersemester), 
ans den ältesten Matrikeln der Universität zusammengestellt. 
Zwickau 1891. 4 *'. Leider hat Ullrich es unterlassen, die nötigen 
Angaben über die Handschriften , über die Anlage seiner Publika- 
tion, die gewählten Chiffern u. a. diesem ersten Teile beizugeben, 
sodais einem mit dem Stoffe nicht Vertrauten die Benutzung or- 
schweit ist; jenes unumgänglich nötige Beiwerk nebst den geschicht- 
lichen Erörterungen, Anmerkungen und Registern ist dem zweiten 
Teile vorbehalten. — Die Namenliste der ersten drei Semester 
(Sommer 1409 bis Winter 1410) ist schon ohne den textkritischen 
Apparat, den Ullrich bietet, abgedruckt von E. G. Gersdorf, Die Uni- 
versität Leipzig im ersten Jahre ihres Bestehens, in dem Berichte 
der deutschen Gesellschaft zu Leipzig 1847, als Anhang III S. 35— 5fi. 

2) Für die Nationen sei nur verwiesen auf 0. 0. Gretschel, 
Die Universität Leipzig in der Vergangenheit und Gegenwart 
(Dresden 1830) S. 39f., besonders 44; Fr. Zarncke, die urkund- 
lichen Quellen zur Geschichte der Universität Leipzig in den ersten 
150 Jahren ihres Bestehens, in den Abhandlungen der Königl Sachs. 
Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig, phil.-hist. Klasse II, 
(18ö7\ 573f., 7.32.f; Br. Stübel, Aus der Vergangenheit der Uni- 
versität Leipzig, in dieser Zeitschrift XIV (1893), 4 f. 



56 Wold. T;ippert: 

Wintersemester 1409 für sich als unbestimmt aufgeführt 
ist U. 23=^). Besonders aber sind solche Verlegenheits- 
lande die beiden Lausitzen. Der Himmelsrichtung nach 
hätten sie zur natio Polonorum gezogen werden können, 
andererseits hatte die Niederlausitz lange in enger, poli- 
tischer Verbindung mit Meilsen und Brandenburg ge- 
standen, gegenwärtig aber gehörte sie wie auch die 
Oberlausitz zu Böhmen; in kirchlicher Beziehung jedoch 
fielen beide in die Diözese von Meilsen. Diese Unbe- 
stimmtheit kommt denn auch in der Zuteilung bald ein- 
zelner Individuen , bald der gesamten Angehörigen beider 
Lande zum Ausdruck. 1409 b wird ein Johannes Pere- 
grini (Hans Pilger) de Lubnaw (Lübbenau) zur nat. Mis. 
gerechnet U. 11 No. 37. Doch eine allgemein gültige 
Entscheidung war noch nicht getroffen, denn ü. 22 lesen 
wir hinter den Listen der vier Nationen: „Item subsequencia 
nomina sunt eorum, de quilms non fuit plene diffinitum, 
ad quam vel ad quas naciones pertinerent," und unter den 
26 Namen sind alle örtlich Bestimmbaren aus den beiden 
Lausitzen. AVir sehen da (U. 23) Studenten aus Wit- 
tichenau (Wichnaw und Wichigina) 1, Kamenz 1, Görlitz 4, 
Luckau 7, Lauban 1, Sonnewalde 1, Reichenbach 1, 
Cottbus 1, Budissin 1, Priebus (Prebis) 1^), also Ober- 
und Niederlausitzer bunt durcheinander, beide aber zu- 
sammengefafst in der Gruppe der Unbestimmten. 



3) u. = Ullrich nebst Zahl der Seite und der Personennnmmer 
in der betr. Nation; a bedeutet das Somraersemester (aestivumj, 
b das Wintersemester (brumale). — Der Lage nach gehörte Hessen 
zur natio Bavarorum, der es auch dann eingefügt ist, so 1410 a 
U. 27 No. 10, 18, 19; Ulla U. 35 No. 10 u. s. w. 

**) Priebus gehörte früher zur Nieclerlausitz, obwohl Heinrich 
in der Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Altertum 
Schlesiens XXVI (1892), 364f. das Gegenteil darthuu will; erst durch 
den 1413 erfolgten Kauf kam es an das Herzogtum Sagan ut d 
wurde dadurch zu Schlesien gezogen. Unsere Stelle ist sogar als 
Zeugnis für die Zugehörigkeit von Priebus zur Lausitz noch um 
jene Zeit zu verwerten, denn wohl sämtliche Personen, die in der 
Matrikel 1409 b (U. 23) unter denen, de quibus non fuit plene difti- 
nitum, genannt werden, sind Laiisitzer (von 26 Personen sind bei 
19 ober- und niederlausitzische Orte als Heimat bemerkt, bei 7 fehlt 
die Ortsangabe); die Schlesier hingegen sind, soweit wir Ortsan- 
gaben haben, alle zur polnischen Nation gerechnet, z.B. sind 1409b 
und 1410 a, b allein aus dem Kegierungsbezirk Liegnitz (von der 
Berücksichtigung der beiden anderen sei ganz abgesehen) vorhanden 
die Orte Freistadt, Goldberg, Grünberg, Haiuau, Hirschberg, Liebeii- 
thal, Liegnitz, Löwenberg (Lemberg), Lüben, Primkenau, Sagan, 
Wartenberg, vergl. U. 12—17, 28, 30, 31. 



Anwendung- des Namens Lausitz auf die Oberlausitz. 57 

"Wertvoller aber ist der Eintrag U. 25 zu 1410a, 
unmittelbar im Ansclilufs an die nat. Mis. und vor den 
drei anderen Nationen: ,^lnfrascri2)ti de Luzasia exeiintes 
iuxta difflnicionem dominorum nostrorum sunt de nacione 
Mysnensium intitulati sub magistro Helmoldo')". Man hatte 
sich also inzwischen schlüssig gemacht, die aus den beiden 
Landen stammenden Schüler entsprechend dem Diözesan- 
verbande zur meifsner Nation zu rechnen. Für unsern 
vorliegenden Zweck besteht nun der besondere Wert 
dieser Namenreihe darin, dals unter den „aus der 
Lausitz" Stammenden aulser einem Senftenberger, 
2 Gubenern und 1 Bukkensdorfer (Kahnsdorf bei 
Luckau, Stammsitz des in der Niederlausitz bekannten 
Geschlechtes der von Buckansdorf) aufgezählt sind 
2 Kamenzer und 2 Bautzner^). Hier liegt also für 
das Frühjahr 1410^) das gleichzeitige, amtliche und 
unbestreitbare Zeugnis vor, dals Bautzen und Kamenz 
ebenso gut wie Senftenberg und Guben zur Lausitz ge- 
rechnet wurden, der alte, niederlausitzische Begrilf der 
Lusacia sich erweitert hatte zur Mitumfassung der 
späteren Oberlausitz ^). 

1410b U. 29 und 30 sind demgemäls Leute beider 
Lande in der nat. Mis. mitgebucht, ohne Sonderbezcichnuug 
als Lausitzer, so aus Cottbus 2, Sorau 2, Lauban 1, 
Guben 1, Luckau 1, Bautzen 1. 

Gelegentlich eines Aufenthaltes der Landesherren zu 
Leipzig im März 1411 wurde ihnen auch die Frage über 
die Ausdehnung der meifsner Nation vorgelegt und am 
31. März von den Markgrafen Friedrich dem Streitbaren 
und Wilhelm darüber eine urkundliche Entscheidung ge- 
troffen des Inhalts, „daß alle die, dye in dem Meißnischem 
bisthume^) seyn, und alle die, die uß unßermfurstenthume sin, 



^) Magister Helmold Gledenstede aus Salzwedel, der damalige 
Rektor, s. U. 2 und 24. 

'^) Bei einem Johannes de Ketelicz (andere Lesart Becelicz) 
U. 25 No. 41 ist unsicher, ob darunter ein Mitglied des Geschlechtes 
von Kittlitz , oder eine aus dem niederlausitzischen Kittlitz N. von 
Kalau oder dem oberlausitzischen Kittlitz N. von Löbau stammende 
Person zu verstehen ist. 

■') Die Immatrikulation fand am Georgstag, dem 23. April, statt. 

*) Die spätere Unterscheidung einer Ober- und Niederlausitz 
ist der Matrikel noch fremd, sie kennt blofs eine Lusacia als Ge- 
samtnamen. 

") Auch in Wien wiu'de gemäfs der fast durchgängigen Be- 
stimmung nach Diözesangrenzen 1366 das Bistum Meifsen als Ganzes 
zusammengelassen und, ohne Rücksicht auf die politische Zugehörig- 



58 Wold. Lippert: 

die sollen zcu der Meißnischen nacio gehören und sich fnrbas 
zcu der halden" "^), welche Verfüg-ung am folgenden Tage 
durch den markgräflichen Protonotar Nikolaus Lübeck 
mitgeteilt und näher ausgelegt wurde ^^): „Item anno 
domini 1411 quarta feria post dominicam, qua cantatur 
Judica me deus, natio Misnensis in suis suppositis et 
membris a serenissimis principibus .... ab aliis nationibus 
et singulariter a natione Polonorum distincta et com- 
plete ordinata fuit sub hac forma, ita quod deinceps in 
dicta universitate ad nationem Misnensem intitulandi et 
computandi sunt Misnenses, Thuringi, Ost[er]landi et 
Voytlandi et ceteri de principatu principum antedictorum, 
item Lusaci^^) et exteri de diocesi Misnensi, ut in litteris 
super huiusmodi ordinatione ab illustrissimis principibus 
sepedictis datis et concessis plenius continetur". Hiermit 
war also die Frage der Zugehörigkeit in aller Form er- 
ledigt. Umsomehr befremdet es, dals dennoch schon drei 
Wochen danach, bei der nächsten Inskription am 
23. April für das Sommersemester 1411 die Lausitzer 
ohne Beachtung dieser Bestimmung am Schlüsse sämt- 
licher Inskribierten der vier Nationen, hinter der nat. Sax. 
als besondere Gruppe für sich gestellt sind: „De Lusacia" 
(U. 36) und darunter 1 aus Forst, 2 aus Bautzen. 

1411b. (U. 39) desgleichen De Lusacia: 2 aus 
Kamenz, 1 aus Bautzen, 1 aus Görlitz; hier sind also 
die oberlausitzischen Städte nicht mit niederlausitzischen 
zusammen als Lausitz bezeichnet, wodurch sich die An- 
wendung dieses Begritfes leichter erklärt, sondern der 
Name ist sogar in diesem Falle, und ebenso auch im 
folgenden wiederholt, auf die Oberlausitz allein angewandt. 



keit wenigstens der 01)erlausitz zu Böhmen, zur nacio Saxonie ge- 
schlagen, während Böhmen selbst nehst Mähren und Polen (wozu 
geographisch damals auch Schlesien meist noch gerechnet wurde) 
die nacio Boeniie bildeten, vergl. Ant. St eye r er, Commentarii pro 
historia Alberti II ducis Austrie cognom. Sapientis (Leipzig 1725) 
S. 434. 

"*) Br. Stube 1, Urkundenbuch der Universität Leipzig von 
1409 bis 1555 (Codex diploniaticus Saxoniae regiae II, 11) S. 7 No. 4. 

>') Stübel a. a. 0. S. 8 No. :^■, bei Posse, Privaturkunden 
S. 181 heifst er Nie. Lubicz. 

1-) Hier ist nicht gesagt, in wclclioni Sinne die Lusacia zu 
verstehen ist; da indessen die Oberlausitz nicht besonders als die 
Marken Görlitz und Bautzen nandiaft gemacht, aber dennoch im (ie- 
biet des Bistums Meifsen mit inbegriffen ist, so ist sie wolü auch 
hier mit unter Lusacia zu verstehen, wie dies dann auch in der 
Praxis geschehen ist. 



Anwendung des Namens Lausitz auf die Oberlausitz, 59 

1412a (ü. 42) De Lusacia: 1 aus Luckau, 1 aus 
Cottbus, 1 aus Görlitz, 1 aus Bautzen, 2 aus Guben. 

1412b (U. 46) De Lusacia: 2 aus Lauban, 1 aus 
Löbau. 

1413a. (U. 49) Intitulati de Lusacia: 1 aus Luckau, 
1 aus Spremberg, 1 aus Cottbus, 1 aus Sonnewalde, 
1 aus Beeskow, 1 aus Görlitz. 

141 8 b. (U. 52) De Lusacia: 2 aus Görlitz. 

1414 a. (U. 56) De Lusacia: 1 aus Löbau, 1 aus Bautzen. 

1414b. (U. 58) De Luzacia: 1 aus Kamenz. 

1415a. (U. 60) De Lusacia: 1 aus Luckau, 1 aus 
Cottbus, 1 aus Kalau. 

Mit dem Sommersemester 1415 hört die Sonder- 
stellung der Lausitz auf, indem fernerhin die früheren 
Zuteilungsbestimmungen wieder in Anwendung gebracht 
und demgemäfs die Nieder- und Oberlausitzer der meifsner 
Nation eingeordnet werden''^), so 



^^) Einzelne Inkonsequenzen finden sich wie vorher so auch 
nachher, manche scheinbare Inkonsequenzen jedoch klären sich bei 
genauerer Prüfung auf durch das Vorkommen gleicher Ortsnamen 
in verschiedenen Gebieten. So finden wir, während die oberlausitzischen 
Löbauer in der meifsner Nation oder für sich als Lausitzer gebucht 
sind, daneben noch mehrfach in der nat. Polon. Personen aus Löbau, 
de Lobaw, Löbaw (1409 b, 1412 a, 1413 a, 1416 a U. 13 No. 10; 41 
No. 13; 48 No. 42; 64 No. 2), doch das ist wohl die westpreufsische 
Kreisstadt Löbau im Regierungsbezirk Marienwerder, vergl. ester- 
ley. Historisch- geograph. Wörterbuch des deutschen Mittelalters 
(Gotha 1883) S. 404. Ähnlich verhält es sich mit einem Lobin, Löbin, 
vielleicht auch Leben, das zur nat. Pol. gezählt wiid (1410b, 1413a, 
1414a U. 31 No. 37; 48 No. 41; 54 No. 2), denn auch hierbei braucht 
nicht an das niederlausitzische Lübben, sondern an das schlesische 
Lüben N. von Liegnitz (eventuell auch Löwen SO. von Brieg) 
gedacht zu werden, Oesterley a. a. 0. S. 411. Ebenso dürfte 
ein Lucckow und Luchaw, das in der nat. Sax. (1418a, 1418b 
U. 77 No. 18; 81 No. 3) vorkommt, wohl unter den verschiedenen 
sprachlich zulässigen norddeutschen Orten am ehesten auf das im 
Mittelalter oft genannte lüneburgische Lüchow, N. von Salzwedel 
zu beziehen sein, vergl. Oesterley S. 412. Ein weiterer an- 
klingender Ort , Lucka (früher auch oft Luckau genannt) S. 
von Leipzig im Altenburgischen , wird 1413 a (U. 46 No. 8) 
mit Fug und Recht in der nat. Mis. aufgeführt, aber der Deutlich- 
keit halber mit dem ausdrücklichen Zusatz versehen „in Meifsen": 
Johannes Michelwicz de Luckaw in Misna. Ein Rychenbach 
begegnet uns 1414a (U. 55 No. 15) in der nat. Pol., doch 
nötigt nichts, an fälschliche Inserierung des oberlausitzischen 
Reichenbach zu denken, da abgesehen von kleineren Orten auch die 
Kreisstadt Reichenbach im Regierungsbezirk Breslau, SO. vou 
Schweidnitz in Betracht kommen kann, vergl. Oesterley S. 555. 
Betraten diese Fälle niu" scheinbare Inkonsequenzen, so mangeln doch 



60 Wold. Lippert: 

1415 b. (U. 61) 1 aus Luckaii. 

1416a. (U. 64) 2 aus Görlitz, 1 aus 8onnewalde, 
1 aus Sorau. 

1416b. (TT. 67) 1 aus Görlitz, 2 aus Luckau, 1 aus 
Kalau, 1 aus Bautzen^*). 

1417 a. (U. 72) 2 aus Cottbus, 1 aus Beeskow, Saus 
Guben, 1 aus Friedland, 1 aus Görlitz, 2 aus Luckau, 
1 aus Forst, 1 aus Kanienz. 

1417b. (U. 73) 3 aus Guben, 1 aus Spremberg, 1 aus 
Görlitz, 1 aus Luckau. 

1418 a. (U. 78) 1 aus Lieberose, 2 aus Luckau. 
1418b. (U. 83) 1 aus Liebenwerda , das früher ja 

auch zur Niederlausitz gerechnet wurde. 

1419a. (U. 87) 3 aus Guben, 1 aus Löbau, 1 aus 
Reichenbach, 2 aus Görlitz, 2 aus Luckau, 2 aus Bautzen, 
3 aus Sorau, 1 aus Kamenz, 1 aus Lübben^'*), 1 aus 
Sommerfeld. 

Letztere Semester kommen also für unsere Frage 
nicht mehr in Betracht, sie zeigen nur, dals Ober- und 
Niederlausitz einheitlich auf gleichem Fulse behandelt 
wurden; die anderen 9 Semester aber, das Sommer- 
semester 1410 und dann fortdauernd Sommersemester 
1411 bis Wintersemester 1414 bieten sämtlich reichliche 
Zeugnisse, dafs damals die Oberlausitz fast in ihrem ganzen 

auch einige, allerdings sptärliche Fälle nicht, wo es sich um eine wirk- 
liche Abweichung von der Regel zu handeln scheint, so wenn 1414 a 
(U. 54 No. 13) Storkow zur nat. Sax. gerechnet wird, wozu es zufolge 
seiner späteren Zugehörigkeit zu Brandenburg wohl gehören würde, 
nicht aber damals gehörte, denn da war es ebensogut wie Beeskow, 
ßeczkow, das 1411a (U. 36 No. 34) auch in der nat. Sax. unzu- 
kömnilieher Weise auftritt, noch niederlausitzisch und gehörte mit 
der Lausitz zum Bistum Meifsen. Übrigens gieht es auch ver- 
schiedene Dörfer Storkow und Storkau in den Gebieten der sächsischen 
Nation. Beeskow hat in 6 Jahren sogar eine vierfache Wandlung 
durchgemacht: 1411a (U. 36 No. 34) Beczko in der nat. Sax., 1412 a 
(U. 40 No. 11) Beczkow in der nat. Pol., obwohl in beiden Semestern 
die Lausitzer eine Sondergruppe bilden (s. oheni, 1413a (U. 49 No. 5) 
Bezekaw mit in der besondern Lausitzgruppe, 1417a (U. 72 No. 3) 
Beskaw mit den andern Lausitzern in der nat. Mis. Einmal ist 
Luckaw, und zwar, wie sich aus den sonstigen Verhältnissen 
ergiebt, in der That das lausitzische Luckau, zur nat. Pol. ge- 
rechnet, 1414a (U. 55 No. 13); hetr. des Näheren siehe Ullrichs 
Anm. a. a. 0. 

") Ob das Boche (U. 67 No. 7) auf eines der lausitzischen 
Bucko oder Buckow zu beziehen ist , ist fraglich , da es auch in 
wettinischen Landen Bocka und Bockan giebt. 

*5) Lywina (ü. 87 No. 27) ist gleichfalls zweifelhaft, da eher 
als an Lübbenau an eins der Liebenau zu denken sein dürfte. 



Anwendung des Namens Lausitz anf die Oborlausitz. 61 

späteren Umfange, die Mark Bautzen sowohl wie die 
Mark Görlitz, zur Lusacia einbezirkt wurden, denn die 
Zeugnisse in jenen 9 Semestern mit der Sonderstellung 
der Lausitzer betreffen Orte aus beiden Landeshälften, 
Bautzen, Kamenz und Löbau, Görlitz, Reichenbach und 
Lauban^*^). 

Die oben für 1415b — 1419a des näheren belegte 
Zurechnung der Angehörigen beider Lausitzen zur natio 
Misnensium blieb auch künftig in Geltung"), bis die all- 
mählich eintretende grolse Ungleichheit im Mitglieder- 
bestand der einzelnen Nationen 100 Jahre später Ab- 
hilferaafsregeln nötig machte, indem der schwachbesetzten 
sächsischen und polnischen Nation verschiedene Gebiete 
der bairischen und meifsnischen Nation zugewiesen wurden. 
Hinsichtlich der polnischen Nation, die hier allein für 
uns in Betracht kommt, verordnete Herzog Georg von 



^'') Zittau tritt, soviel ich habe ermitteln können, nicht auf; 
nur an zwei Stellen U. 14 No. 25 und 84 No. 12 findet sich neben 
Stortaw (oder Stirtaw) die abweichende Lesart Sittaw, und neben 
Stinavia Zittavia, beide Male in der nat. Pol.; da aber Ullrich 
über die Handschriften erst im zweiten Teil handeln wird, ist über 
den Wert dieser Varianten nichts zu bestimmen; sind sie der von 
Zarncke S. 554, 565 f. mit A" bezeichneten Hs. entnommen, so 
haben sie keinen Wert, da dieselbe nur Abschrift der alten Original- 
matrikel A' ist. 

'") Ullrichs Matrikeltext geht nur bis 1419a, doch sind für die 
folgende Zeit genügend die Notizen in Zarncke s Urkundl. Quellen 
S. 583 f., wo das Rektorenverzeichnis bis 1559 gegeben ist. Wir 
sehen aus dieser knappen, schematischen Zusammenstellung, dafs seit 
1415b (wie auch oben schon näher dargelegt ist) die Sondei- 
stellung der Lausitzer für immer aufhört. Dafs sie aber ständig 
zur nat. Mis. zählten, beweisen die Rektornamen; die Nation, 
welcher der in wechselndem Turnus (Zarncke, Urkundl. Quellen 
S. 574 — 577) gewählte Rektor angehörte, hat stets in dem betreffen- 
den Semester den Vorrang bei der Immatrikulation. Bei allen 
Rektoren nun, die sich durch ihren Heimatsort als Lausitzer er- 
weisen, steht die nat. Mis. zuerst, der Rektor gehört also der 
meifsnischen Nation an, so 1425b Michahel de Kothebus, 1437a 
Johannes Ermilrich (aus Görlitz, U. 52), 1489 a Theodericus de 
Buckinstorf, 1447 b Petrus Presczhewicz de Budissin, 1451b Andreas 
Ridigeri de Görlitz, 1453b Thymo Passerin de Lugkow , 1459b Jo- 
hannes Gedaw de Budissin, [1485b Gregor Weszenigk de Kirchaj'n,] 
1491b Wenceslaus Judicis de Witchenau, 1507 b Ludowicus Sartoris 
Gorlitzensis, 1509 b Paulus Suoifheym Gorlitzensis. In der einzigen 
Abweichung, 1474b Johannes Kleyne de Loebaw als Polon., erweist 
sich gerade durch diese Nationbezeichnung das Löbau als das west- 
preufsische Löbau. — Die vollständige Rektorenliste giebt E. G. 
Gersdorf, Die Rektoren der Universität Leipzig, in den Mitteil, 
der Deutschen Gesellsch. zu Leipzig V (1869), 21 f. 



62 W. Lippert: Anwendung d. Namens Lausitz a. d. Oberlaiis. 

Sachsen im Jahre 1522: „das von der Meifsenischen 
nation die sechs stedt und das landt in Obir- unnd Nider- 
lawsitz solle genommen und zcu der Polnischen nation 
geschlagen werden, doch allso das die, so iczo die nation 
Polonorum seyn, das coUegium beate virginis und was 
darzcu gehöret, zcuvor vor sich behalten und die, so iczo 
zcu derselben nation geschlagen, daran nichts gewarthen 
sollen"^**}. Hier begegnet uns also neben der neuen, 
seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts oktroyierten 
Benennung Oberlausitz noch der alte Name „Sechsstädte". 
Die Leipziger Matrikeleinträge von 1410 und 
den folgenden Jahren sind also das älteste bisher 
nachweisliche,^ urkundliche und unanfechtbare 
Zeugnis der Übertragung des Namens Lausitz 
auf die Oberlausitz. 



18) Stübel, Urkundenbuch S. 445 No. 329. Die Änderung- 
gehört, wie Zarncke, Urkundl. Quellen S. 736 und 909 Anm. 1 nach- 
weist, zu 1522, nicht zu 1505, wie Gretschel, Univers. Leipzig 
S. 45 annahm. Die späteren Rektoren von lausitzer Herkunft sind 
demgemäfs stets der nat. Pol. zugezählt, so 1524b Paulus Suoftheym 
(Görlitz), 1526b Joannes Weys ex Senfftinberg, 1528b Ludowicus 
Sartoris Gorlicius, 1550b Petrus Thomaeus Senftenbergensis , vergl. 
Zarncke, Urkundl. Quellen S. 596, 599. Besonders lehrreich ist das 
Auftreten zweier von diesen, des Ludowicus Sai toris und des Paulus 
Suoffheym, die 1507 b und 1509 b schon Rektoren waren und damals 
noch zur nat. Mis. gehörten, infolge der Neuordnung von 1522 
aber dann in die nat. Pol. übergingen. 



IV. 

Hans Harrer, 

Kammermeister des Kurfürsten August. 

Eiu Beitrag zur sächsischen Verwaltungs- und Wirth- 

schaftsgeschichte. 

Von 
Georg Müller. 



Als Kurfürst Moritz im Jahre 1553 in der Schlacht 
von Sievershausen fiel, hinterliefs er seinem Bruder, 
Herzog August, eine grolse Aufgabe. Mit dem Kurhute 
hatte er seinem herzoglichen Erblande ein grofses Gebiet 
hinzugewonnen, aber dieses bedurfte noch der einheitlichen 
Zusammenfassung. Aulserdem lag auf dem Lande in- 
folge der zahlreichen Kriegszüge eine drückende Schulden- 
last'). Sie mufste abgetragen und das Land finanziell 
gekräftigt werden, wenn der Kurfürst eine seinem Eange 
entsprechende Stellung einnehmen wollte. Mit der ihm 
eigenen Thatkraft, Zähigkeit und Vorliebe für das Kleine 
ging er an seine Aufgabe. 

Aber als er nach zehnjähriger Arbeit, im Jahre 1563, 
den Erfolg überblickte, da sprach er sich sehr scharf über die 
bisherigen mangelhaften Resultate und die Notwendigkeit 
einer gründlichen Besserung in einem Aufsatze aus, den 
er eigenhändig in einer stillen Stunde entwarf und mit 
den Worten schlols: „Darum wird mich nicht niemand 



^) Hauptstaatsarchiv zu Dresden. Loc. 10376. Verzeichnus wie 
hoch der Chui fürst zu Sachsen mit Schulden beschwert und verhaftet. 
I?i53. Wo nichts anderes bemerkt ist, beziehen sich die Citate stets 
auf das Hauptstaatsarchiv. 



64 Georg Müller: 

verdencken können, dafs ich mit bessern Fleifs, denn 
bishero geschehen, zu dem meinen sehe, sonst hätte ich 
Sorge, es würde unser Herr Gott dadurch erzürnet und 
wäre auch sonst bei wenig Leuten rühmlich"-). 

Und nun begannen eine Reihe tiefgreifender Reformen, 
die darauf ausgingen, durch schärfere Überwachung 
der Beamten dem Rechnungswesen grölsere Sicherheit 
und Stetigkeit zu geben, durch bessere Ausnutzung der 
vörliandenen Hilfsmittel die bisherigen Erträgnisse zu 
steigern, sowie durch Beteiligung an den Unter- 
nehmungen des gerade damals in Sachsen aufblühenden 
und reichen Gewinn versprechenden Gewerbfleilses und 
Handels der kurfürstlichen Kasse reichere Mittel zuzu- 
führen. Diese waren um so nötiger, als der Glanz des 
Hofes, die Schlolsbauten im Lande, die Verstärkung des 
Heeres, die Kosten der Verwaltung, die Erhaltung der 
Schulen, die Pflege der Wissenschaften und Künste, die 
Unterstützung der Kirche, immer grölsere Anforderungen 
stellten. Mit Befriedigung und Genugthuung konnte der 
Kurfürst ein Jahrzehnt später das Wachstum seines Ein- 
kommens als erfreuliche Tatsache anerkennen") und, als er 
im Jahre 1586 starb, hinterliefs er trotz mancher schweren 
Verluste einen haaren Schatz von beinahe 2 Millionen 
Gulden^). 

Unter den Beamten, die bei diesen finanziellen und 
M'irtschaftlichen Bestrebungen dem Kurfürsten zur Seite 
standen, tritt ein Mann hervor, der beinahe drei Jahr- 
zehnte lang das vielverzweigte, verantwortliche und be- 
deutungsvolle Amt eines Kammermeisters bekleidete, 
Hans Harr er. Auch heute ist er von Interesse dadurch, 
dais während seiner Amtsführung, unter seiner besonderen 
Mitwirkung, das kurfürstliche Rechnungswesen eine völlige 
Umgestaltung erfuhr, dals er in seinem Amte mit den 
verschiedensten Kreisen der Bevölkerung, dem Adel, den 



2) Vergl. Lobe, Die oberste Finanzkontrolle des Königreichs 
Sachsen in ihrer organischen Entwicklung von den ältesten Zeiten 
bis auf die Gegenwart: im „Finanzarchiv" Jahrgang 1885, Heft 2, 
S 28. — J. Falke, Die Geschichte des Kurfürsten August von 
Sachsen in volkswirtschaftlicher Beziehung (Leipzig 18K8) S. 21. 

3j Z. B. Loc. 329H1. Bestallungen de ao. 1570—1575. IL Bl. 
221b, „weil sich die (Einnahmen) Gottlob jährlichen weitläuftiger 
und gröfser machen." 

*) Loc. 8(i94. Wahrhaftig und richtig Verzeichnis aller Baar- 
schaft, so in Churfürst Augustens geheimdeu Verwahrang au guldener 
und silberner Münze gefunden worden. 



Hans Harrer. 65 

Beamten, den Gelehrten, den Kaufleuten und Hand- 
werkern die vielseitigsten Beziehungen unterhielt und dals 
er auf kurfürstliche und eigene Rechnung als Grolskauf- 
raann und Groisindustrieller die Bestrebungen der Zeit 
benutzt und selbst manche Anregung gegeben hat. 

Über seine persönlichen Verhältnisse ist wenig zu 
ermitteln, nicht einmal seine Heimat ist bekannt'^). Sein 
älterer gleichnamiger Stiefbruder, der sich Hans Harrer 
der Ältere nannte, war Lautenist in der kurfürstlichen 
Kapelle und starb 1570*'). Zu ihm unterhielt der Kammer- 
meister nähere Beziehungen, während er mit seinem 
jüngeren Bruder Melchior, der in Markersbach bei Pirna 
ein Gut besals, auf gespanntem Fufse stand. Er las ihm 
z. B. wegen Nachlässigkeit in der Wirtschaft gründlich 
den Text^). Des Kammermeisters Frau hiels Barbara^), 
geborene Funke. Mit ihren Brüdern Dr. Michael Funke, 
der mehrfach als Anwalt am Reichskammergericht 
in Speyer beschäftigt erscheint, Bastian und Hans 
Funke in Schneeberg, stand Harrer in vertrautem fami- 
liären und geschäftlichen Verkehr und benutzte ihre An- 
wesenheit in Dresden wohl zur Veranstaltung „eines 
guten Trunkes". Zwei Söhne ^) werden genannt. Der 
ältere, August, trat in das Geschäft von Konrad Roth 
in Augsburg ^^) und ertrank 1580 in Spanien, während 
der jüngere, Ernst, 1595 Dresdner Bürger wurde^'). 

Um 1550 trat Harrer in kurfürstliche Dienste. 1557 
wird er als Kammerdiener erwähnt. Dals wir uns darunter 
keine untergeordnete Stellung zu denken haben, geht daraus 
hervor, dafs er als solcher einen Diener zur Verfügung 
hatte. Um 1562 trat er sein Amt als Kammermeister 
an^-). Über seine gesellschaftliche Stellung spricht er 

^) Er nennt Lic. Arbogast in Merseburg und Jobann Braun, 
Dechant zum belügen Kreuz bei Mainz, (Cop. 37Hb II, IßO. III, 76) 
seine Landsleute. Aber wo stammten diese ber ? 

") Vergl. die Recbnungen aus dieser Zeit unter der Überschrift: 
Instrumeutisteu. 

') D II, 201. E I, 186. Vergl. B I, 106. (Über die Citate s. 
Anm. 17.) 

^) Dresdener Ratsarcbiv, C XIX, 2 B1...16. 

") 1576 wollte er sie dem M. Johann Ötweiu nach Leipzig an- 
vertrauen, liers..sie aber vorläufig in Dresden, weil sie „auch hier 
eine ziemliche Übung hatten." Kop. 376d III, 114. 

^") E II, 93. Der Sohn war eben von einer schweren Krank- 
heit genesen und in einem Warmbad 6 Meilen von Dresden gewesen. 

") Dr. Ratsarchiv, C XIX, 2 Bl. 69b. 

'-j Von Kammermeistern des 15. und 16. Jahrhunderts seien er- 

Neues Archiv f. S. G. u. Ä. XV. 1. 2. 5 



66 Georg Müller: 

sich in einem Briefe an Christoph von Zentzsch aus. 
Als dieser ihn ersucht hatte, seinen Sohn in Pension zu 
nehmen, lehnt dies Harrer mit folgender Begründung ab: 
„Es ist an dem, dals er bei mir wenig Mores und Hofflig- 
keiten lernen oder begreilien wird können, so lasse ich 
mich auch bedeuchten, dals es Euch noch ihm gelegen 
sein wird, dafs er sich in Handelssachen gebrauchen 
lassen wollte, denn er bei mir in itziger seiner Jugend 
von nichts anders dan pfeffersäckischen Händeln wirdet 
berichtet werden können, das Euch oder ihm an seinem 
adeligen Namen Schaden bringen möchte" ^■^). 

In die Amtsthätigkeit des Kammermeisters gewährt 
uns seine B es tal hing ^^) mit dem zugehörigen ßevers einen 
ziemlich genauen Einblick. Allerdings ist uns nur eine 
spätere aus dem Jahre 1575 erhalten. Aber da es 
damals Sitte war, die neue auf Grund der alten auszu- 
fertigen, so dürfen wir annehmen, dals die spätere eine 
einfache Abschrift der früheren war, wie sie sich auch 
ausdrücklich in einzelnen Punkten, z. ._B. bezüglich des 
Gehaltes, geradezu auf die bisherige Übung beruft. In 
der jener Zeit eigentümlichen Fülle' und Breite des Aus- 
druckes werden die einzelnen Pflichten aufgezählt. Es 
wird dehi Kammermeister zunächst aufgegeben, dals er 
sich an dem Orte, Avie es der Kurfürst anordnen wird, 
wesentlich enthalten, seinem Herrn getreu, hold, gehorsam 
und dienstgewärtig sein, den Nutzen und Wohlfahrt des 
Kurfürsten höchsten und besten Vermögens schaffen, 
werben, befördern und treulich fortsetzen, Schaden, Nach- 
teil und Schimpf wehren, wenden, mit nichten gestatten, 
sondern nach seinem höchsten Vermögen vorkonnuen und 
seiner Kammergeschäfte treulich warten solle. 

wähnt: 1490 Caspar von Sal, 149(5 Johann Mayer, 1497 Barthol. Steytan, 
1498 Valten Krewl, 1501 Kottaler, bis 154;J Balthasar Keltzsch, 
1548 Joachim Thyle, 1558 Andreas Hampel, nm 1562 Hans Harrer, 
1580 Georg- Hermann, 1586 Gregor Schilling, 1587 Gregor Unwirth. 
Vergl. Loc. 7172. Die Bestellung derer Renth- und Kammermeister, 
ao. 1578-1700 Bl. 3. — Loc. 7344. Cammer-Rechnungeu betr. de ao. 
1544-1600 Bl. 1. — ö'Byrn, Hofsilberkammer S. 20. 

'■') Falke S. 213. Im Hauptstaatsarchive linden sich über diese 
in den genealogischen Werken wenig berücksichtigte Familie zahl- 
reiche Nachrichten. Vergl. auch C. Frhr. v. Hausen, Vasallen-Ge- 
schlechter der Markgrafen zu Meil'sen (Berlin 1892) S. 626. - Die 
Wappen der deutschen und adligen Familien. IV (Leijtzig 1857), 466. 

") Loc. 32 961. Bestallungen de ao. 1570—1575. li. Bl. 220 flg. 
Im Reversbrief am Schlüsse verspricht Hari-er seine Pflichten zu 
erfüllen „ohne geferde und argelist". 



Hans Harrer. 67 

Hierauf folgen besondere Anweisungen, zunächst über 
die Berichte und Rechnungen. Harrer soll regelmäßig 
alle Quartale und auch sonst auf ausdrücklichen Befehl 
„Generalauszüge" fertigen und dem Kurfürsten zustellen. 
Auch steht ihm das Aufsichtsrecht über die „geheimbden, 
sonderbaren Einkommen und Ausgaben" des Kurfürsten 
zu, über die der Kammerschreiber Gregor Unwirth die 
Rechnung führte. Der Abhörung der Schösserrechnungen 
hat er beizuwohnen, namentlich auch der Eintreibung der 
Reste von früheren Terminen seine gröfste Sorgfalt zu- 
zuwenden. Besonders wird ihm der persönliche Dienst 
beim Kurfürsten und bei der Kurfürstin ans Herz gelegt. 
Da er durch diesen in der regehnälsigen Führung der 
Rechnungen sehr gehindert wird, erhält er als Hilfskräfte 
einen Kammerschreiber, Georg Hermann, und mehrere 
Kammerdiener, die das Rechnungswesen einzelner Gebiete 
übernehmen. Der Kammermeister soll sie genau über- 
wachen, auch darauf sehen, dals die Dienststunden, früh 
von 6 bis 10, nachmittag von 12 bis 5 Uhr, genau inne 
gehalten werden. 

Alle Ausgaben sollen mit Quittungen, Bekenntnissen, 
Beweiszetteln und gebührlichen Urkunden belegt werden. 
Ausleihen von kurfürstlichen Geldern ist ohne ausdrück- 
lichen kurfürstlichen, schriftlichen oder mündlichen Be- 
fehl nicht gestattet. Nur Handwerkern, welche Liefe- 
rungen übernommen haben, dürfen Vorschüsse gemacht 
werden, ebenso Beamten, die in kurfürstlichen Angelegen- 
heiten auf Reisen gesandt werden. Es folgen Vor- 
schriften über die Führung der Akten, auf deren Voll- 
ständigkeit Kurfürst August bekanntlich den grölsten 
Wert legte. Die Kammerdiener sollen täglich die ein- 
gehenden Schriftstücke, sowie die darüber gehaltenen Ver- 
handlungen pünktlich registrieren, zusammenhalten, ordnen 
und verwahren. Unfleils, Nachlässigkeit oder Widersetzlich- 
keit soll die ersten Male gerügt, dann aber dem Kurfürsten 
gemeldet werden, der das Nötige veranlassen wird. 

Mehrfach wird hervorgehoben, dafs das Amt des 
Kammermeisters eine Vertrauensstellung ist. Ver- 
schwiegenheit in allen dienstlichen Angelegenheiten wird 
ihm streng eingeschärft, ebenso das Verbot, jemanden 
in die Silberkammer einzuführen. Dagegen wird ihm 
das Recht persönlicher Berichterstattung und Verteidigung 
vor dem Kurfürsten eingeräumt. „Und weil er in solchem 
Dienst und Ampt nicht einem jeden zu gefallen dienen 



68 Georg Müller: 

oder leben kann, so wollen wir ihnen, do er bei uns be- 
schwert, verklaget oder sonsten verunglimpft, jederzeit 
selbst hören und zu gnädigster Antwort kommen lassen, 
ihnen auch mit den Seinen in gnädigsten gebührlichen 
und billigen Schutz und Befehlich haben und halten." 
Seine bevorzugte Stellung zeigt auch die Höhe seines 
Einkommens. Er bekommt als Gehalt 960 Gulden mit 
den Mitteln zum Unterhalte dreier Pferde. Bei Reisen 
erhält er, wie die Räte, für Tag und Nacht einen halben 
Gulden für sich und den Jungen. 

Leider ist uns von den Rechnungen aus Harrers 
Amtsführung nur eine einzige, die aus dem Jahre 1566/67 
vollständig erhalten. Es ist ein stattlicher, in Leder 
gebundener Foliant^').,. Die Ausführung zeichnet sich 
durch Sauberkeit und Übersichtlichkeit vor anderen, der- 
selben Zeit entstammenden Rechnungsbruchstücken vor- 
teilhaft aus. Namentlich macht die zierliche und gefällige 
Schrift, wie die Deutlichkeit und Klarheit der durchweg 
verwendeten arabischen Ziffern einen guten Eindi-uck. 
Es war ein besonders günstiges Jahr; denn es schlols 
mit einem Überschusse von reichlich einer halben Million 
Gulden ab, obwohl auch diesmal mehrfach Reste in ver- 
schiedenen Abschnitten verzeichnet sind und die Gothaische 
Expedition aulserordentliche Heeresausgaben und andere 
Nebenkosten nötig machte. Die Rechnung zerfällt in 
vier Vierteljahre nach Einnahme und Ausgabe. Erstere 
setzte sich aus einei- Reihe einzelner, regelmäfsig wieder- 
kehrender Posten zusammen: Jahrrente, Gerichtsgeld, 
Schutzgeld, Bergwerkseinkünfte, Amtsgeld, Geleit der 
einzelnen Städte, die noch regelmälsig in alte und neue 
geschieden wurden. Die Ausgaben sind nur in Haupt- 
summen angegeben. Die Einzelausgaben wurden in be- 
sonderen Rechnungen verzeichnet, die von den Unterbe- 
amten selbständig geführt und gesondert abgenommen 
wurden. Die Übersicht stellt sich für die einzelnen 
Quartale folgendermafsen : 

Einnahme. 
Crucis 611986 fl. 16 gr. loy.. neue, 1 alter Pf. 

Lucie 141861 „ 18 „ Syl Pf. 

Reminiscere 190096 „ 14 ,. 3 n. V-a. Pf. 
Trinitatis 644037 „ ö „ 3'/., Pf. 



*^) Renthrechnung angefangen durch mich Hansen Harrer den 
Jüngern dieser tzeit Cammermeister Crücis 15H6 vnd wiederumh 
Crücis Ao. 67 auf ein gantz Jhar beschlossen. 





Hans Harrer 






Ausgabe. 




Crucis 
Lucie 

Reminiscere 
Trinitatis 


14521.'ifl. — gv. 
221 960 „ 18 „ 
567405 „ 10 „ 
119424 „ 20 ,. 


lov.. u. 
5 Pf. 
4 Pf. 
9V. Pf. 



69 



Vaa. Pf. 



Diese Rechnung' wird bezüglich der Ausgaben durch 
eine andere aus dem Jahre 1571/72^") ergänzt, die aber 
nicht von dem Kammermeister, sondern von dem Kammer- 
schreiber Georg Hermann geführt ist und mit einer 
Summe von 612302 fl. 5 gr. 1 neuem 7« altem Pf. abschlieM. 
Von besonderem Interesse ist hier zu vergleichen, wie 
der sparsame Sinn des Kurfürsten gewisse Ausgaben 
beschränkt hat, während andererseits die Verhältnisse 
eine Steigerung der Bedürfnisse der Regierung nötig 
machten. 

Zu diesen handschriftlichen Quellen kommt der uns 
in reicher Fülle erhaltene Briefwechsel. Er ist uns 
für das letzte Jahrzehnt, neben einzelnen wenig umfang- 
reichen Aktenstücken, in 4 starken Foliobänden erhalten, 
die, ursprünglich dem Finanzarchiv angehörig, erst neuer- 
dings unter die Kopiale des Königl. Hauptstaatsarchivs ein- 
gereiht und daher noch nicht benutzt worden sind^'). Sie 
enthalten Harrers -Schreiben in dienstlichen wie persön- 
lichen Angelegenheiten. Die Entwürfe dieser Briefe 
sind von seinen Schreibern verfafst, nur selten zeigen sie 
Verbesserungen von Harrers zierlicher Hand. Bedauer- 
licher Weise fehlen nicht selten Schreiben vertraulicher 
Natur, die in besonders wichtigen Angelegenheiten vom 
Kammermeister eigenhändig entworfen wurden. Wir 
erfahren von ihnen nur in späteren Verweisen. Auch 



*") Ausgaben ann gelde der Churfürstl. Sexischen Rentrechnung, 
auf ein gantz Jar, angefangen Sontags nach Crucis Ao. 1571 vnnd 
desselbigen abents Ao. 72 wiederumb, wils got, zubeschlissenn etc. 

^') Kop. 376b— e. .376b zerfällt in 3 Abteilungen von 127, 177 und 
270 Blättern und enthält die Briefe vom 16. August 1572 bis 11 No- 
vember 1574. — 376 c enthält 258 BU. und umfafst die Schreiben vom 
14. Juli 1575 bis 2, Februar 1576. — 376 d zerfällt in 3 Abteilungen 
zu 267, 269 und 256 BU. und umfafst die Briefe vom 6. Juni 1576 
bis zum 18. Oktober 1577. — 376 e zerfällt in 2 Abteilungen von 
273 und 281 BU. und umfafst die Schreiben vom .30. Juli 1578 bis 
zum 16. Januar 1580. — Leider sind also zwischen den einzelnen 
Bänden nicht unbeträchtliche Lücken; namentlich fehlen auch die 
Schi'eiben aus Harrers letztem halben Lebensjahre. — Ich be- 
zeichne die Bände mit dem der Kopialnummer beigefügten Buch- 
staben und der Abteilung, also ß L B II, B III; C; D I, D II, D IIP, 
E I und E IL Die arabische Ziffer nach dem Komma bedeutet 
die Blattzahl. 



70 Georg Müller: 

die von seineu Dienern geführten Handelsbücher sind 
nicht erhalten. Die an ihn gerichteten Briefe sind voll- 
ständig verloren gegangen mit Ausnahme der Zeitungen, 
die vom Kammermeister in die kurfürstliche Kanzlei 
eingeliefert wurden. 

Auf Grund dieser Quellen können wir uns ein völlig 
klares Bild von der Thätigkeit des Kammermeisters 
machen, zunächst im Verkehr mit dem Kurfürsten. 
Nicht nur in Dresden war er in dessen Umgebung, son- 
dern auch auf den Reisen und Sommersitzen zu Torgau, 
Annaburg, Sitzerode ; auch nach Regensburg zum Reichs- 
tag wurde er befohlen. Zu jeder Zeit konnte er beim 
Kurfürsten vorsprechen; nur an hohen Feiertagen und 
wenn Gäste^^) da w^aren, war kein Vortrag. Hatte der 
Kurfürst schlechte Laune, so zog Harrer es vor, zweifel- 
hafte Bittgesuche auf eine gelegenere Zeit zu verschieben. 
Befand er sich aber nicht am Hoflager, so übernahm 
sein Freund und Gesellschafter bei zahlreichen Geschäften, 
Hans Jenitz^*^*), die Vermittelung. Auf der Reise zur 
Leipziger Messe nahm er dann seinen Weg über Anna- 
burg und legte dem Kurfürsten den „Marktzettel" vor, 
empfing hier bestimmte einzelne Weisungen, z. B. über 
schärfere Eintreibung der Reste ''*j, und berichtete dann 
auf der Rückfahrt nach Beendigung des Marktes über 
den Verlauf der Geschäfte. 

Bei besonders dringlichen Angelegenheiten wurde 
der Kammermeister durch reitende Boten ans Hoflager 
befohlen und hatte dann oft grolse Strecken mit grölster 
Schnelligkeit zurückzulegen. Als es sich z. B. im Sep- 
tember 1575 um den endlichen Abschlufs der schon seit 
langer Zeit angeregten grölseren Anleihe des Kaisers 
beim Kurfürsten handelte, erhielt Harrer abends in 



18) Der Kammermeister war über diese Verzögerung bisweilen 
sehr \ingehalten. So äulserte er über .den Kurfürsten von Köln, er 
sei mehr „vml) sauften da". D I, 117. Über die Gastereien D T, 11(1. 
Über den Besuch des Herzogs Albrecht von Baiern zu Freiborg im 
Juli 157(i, der bekanntlich den Kurfürsten zum Erscheinen auf dem 
Reichstage im Auftrage des Kaisers bestimmen sollte, vergl. D T, 62. 
V. Bezold, Briefwechsel Johann Casimirs 1, 198. 

i«*) Vergl. über ihn meinen Aufsatz in den Dresdner Geschichts- 
blättern II (1893), 89 ff". 

10) Er schreibt z. B. an den Hauptmann zu Sangershausen, 
Nikolaus von Ebeleben, der die gestundeten Reste noch länger ge- 
stundet haben will, dies sei ihm unmöglich, da ihm der Kurfürst 
„geschwynde und ernstlich" befohlen habe, die Reste unnachsichtlich 
einzutreiben. B I, 53.' 



Hans Haner. 71 



Dresden den Befehl. Unmittelbar vor Thorschluls begab 
er sich zu Wagen nach Mülilberg, fuhr die ganze Nacht 
hindurch, kam in der Morgenfrühe an, als sich der Kur- 
fürst eben zur Jagd begeben wollte, wurde von diesem 
auf seinem Jagd wagen mitgenommen und mit Weisungen 
bezüglich des Anlehens versehen; begab sich auf einem 
bereit gehaltenen Pferde nach Mühlberg, bestieg hier 
seinen Wagen und fuhr sofort nach Dresden zurück-"). 

Dieser unmittelbare Verkehr des Kurfürsten mit 
seinem Kammermeister fällt um so mehr auf, als eigent- 
lich die Kammerräte, z. B. Dr. Mordeisen, von Ponickau^^) 
und namentlich Hans von Bernstein die Leitung der 
Geldangelegenheiten hatten. Es tritt hier wieder das 
Bestreben des Kurfürsten August hervor, sich möglichst 
genau auch in einzelnen Fragen zu unterrichten und sich 
der Ausführung seiner Befehle zu vergewissern. Auch 
erteilt er dem Kammermeister die verschiedenartigsten 
Aufträge bezüglich seiner persönlichen Wünsche und 
Anliegen--). Oft sind sie sehr wichtig und vertraulich 
und würden heute zur Erledigung den Gesandtschaften 
übergeben werden. 

Dies tritt noch mehr in dem Verhältnis des Kammer- 
meisters zur Kurfürstin Anna hervor, die bei ihrem 
Interesse für Hauswesen und Landwirtschaft unerschöpf- 
lich im Befehlen war. Da handelte es sich zunächst um 
Küche und Keller, namentlich wenn ein Fest oder ein 
längerer Aufenthalt auswärts, z. B. auf dem Reichstage 
zu Regensburg, bevorstand. Von der Versorgung mit 
frischem Fleische wird noch bei Gelegenheit der Land- 
wirtschaft die Rede sein. Dazu wurden allerhand 
Leckerbissen begehrt. „Austrien", aber gut und frisch, 
nicht mit Essig oder Wein eingemacht, sondern in Schalen 
oder Butter, werden wiederholt bestellt-^), dazu 2 Tonnen 
frische Schellfische, „wie man die pflegt in Erde einzu- 
machen", Spiraale, englische Sprotten, Stör, Mackrenen, 
wie sie, ^/^ Elle lang oder länger, in dem holsteinischen 

-'') C 67. 

21) K. V. Webers Archiv f. d. Sachs, (lescb. XI, 86. 

--) Die Bauern in Dorfwehlen hatten eine xA^rt gut dressierter 
Dachshunde, die der Kurfürst konfisziert, schliel'slich aber zurück- 
gegeben hatte. Jetzt läfst er sie im Geheimen für die Zwecke der 
Jagd aufkaufen. B I, 52. 

2^) E I, 203. E II, 144 vergl. auch B I, 69. 90. B I[, 168. C 43. 
•^29. Vergl. übrigens G. Eberl, Die Fischkonserven der Alten. Pro- 
gramm (ies alten txymuasiums zu Kegeusburg. 1892. 



72 Georg- Müller: 

Städtchen Eckelfor (Eckernförde) geräuchert würden. 
Auch aus Lübeck wurden viele getrocknete Fische be- 
zogen, Schnepfen und Tauben mufsten geliefert werden, 
ebenso frische „rigische" Butter, die aber nicht „eidelicht" 
sein durfte, und Parmesankäse sowie Kastanien und Süd- 
früchte. Weine wurden von auswärts bezogen, nament- 
lich in guten Weinjahren, wie 1572. Böhmische und 
ungarische Sorten besorgte Georg Kramer in Prag, 
Rheinweine Christoph Mülsteter in Mainz. Unter letzteren 
bestellte Harrer als besonders gut den vom Gebirge, so 
man den „Schluffen" nannte-*). Von einheimischen 
Bieren hatte Harrer Leipziger und Torgauer, auch Frei- 
berger-'^) (z. B. auf den Reichstag zu Regensburg) zu 
besorgen. Bei festlichen Gelegenheiten verlangte man 
etwas Besseres: zur Fastnacht Avurde Eimbecker ge- 
trunken-**); Hamburger^^) und Danziger-^) (Preussing) 
Bier kam an die Reihe, auch Gose-**) und Meth-'*') wurden 
verlangt. 

Der Kurfürstin Vorliebe und Bedeutung für die Mode 
ihrer Zeit ist bekannt. Harrer wurde mit zahlreichen 
Aufträgen in dieser Richtung versehen, z. B. wenn er 
zur Messe reiste. Da sollte er goldne Hauben und 
goldne Röslein einkaufen. Bisweilen überstiegen die ver- 
langten Summen die zur Verfügung stehenden Mittel. 
Ein Bericht an die Kurfürstin läfst noch den Schrecken 
erkennen, den er bekam, als auf der Leipziger Messe 
Kaufleute sich mit angeblich von der Kurfürstin be- 
stelltem „räuchern, schwarzem und gelbem Sammt würlf- 
licht", die Elle zu 8 Gulden, meldeten. Er fragte an, 
ob er die beiden Stücke nehmen solle, habe er doch 
für Seidenwaren erst 3000 Gulden bezahlt ^^). 

Auch mit der Besorgung von Geschenken wurde 
Harrer von ihr in Anspruch genommen. Geburts- und 
Namenstag habe ich nicht erwähnt gefunden, dagegen 
spielt der Niklastag, Weihnachten'^-) und Neujahr eine 
grolse Rolle. Das eine Mal wollte die Kurfürstin ihren 

«) B I, 34. 

-5) C 93 f. 

-") Wenn es der Leipziger Rat nicht gut hat, soll es aus Eira- 
beck bezogen werden. B III, 40. 

2') 2^Tonnen monatlich bestellt E II, 1«; 4 Tomien E II, 144. 

28) B I, 41. 2i') j5 iii^ 62. ™M C 101. 

^*) Loc. 8528. Sendbrieffe an die Kurfürstin zu Sachsen. 
1556-1561. Bl. 6G. 

32) B I. 28. 39. Becher zum Heiligen -Christfest. D I, 239. 



Hans Harrer. 73 

Gemahl mit Jagdgegenständen überraschen. Harrer 
bestellte in Nürnberg zwei Vogelsteller, 8 Vogelrohre, 
so rein nnd eben ausgezogen, und 4 Kleben, darauf man 
Vögel fähet. Als diese Bestellung nicht schnell genug 
besorgt wurde, brachte sie Harrer von neuem in Er- 
innerung, bat auch noch um Pfeif lein und andere zum 
Waidwerk nötige Dinge ^'^). Der Kurfürst erwiderte die 
Geschenke z. B. mit englischen Zeltern"*); auch goldne 
Eier undKännlein'^') werden als Niklasgeschenke erwähnt. 

Mit seiner Geschäftskenntnis wurde der Kammer- 
meister von der Kurfürstin bei ihren Wirtschaftsan- 
gelegenheiten vielfach in Anspruch genommen. Er 
vermittelte den Verkauf der Butter und des Käses von 
ihren Vorwerken. In Leipzig und Magdeburg über- 
nahmen ihn seine Vertreter. Er besorgte die Ge- 
hilfen und Frauen, wie die Waren für die Bereitung 
von Spezereien, Aquavit und Arzneimitteln''''). Als sie 
damit umging, eine Haushaltungsschule für junge Mädchen 
zu gründen, sah er sich nach einer Frau um, die geeignet 
war, die Anstalt zu leiten. Im ganzen spricht die Kur- 
fürstin ihm ihre Zufriedenheit aus'''). 

Aber einmal war sie, wie ihr Gemahl, auf den 
Kammermeister sehr ungehalten. Sie hatte der kaiser- 
lichen Hofdame Brigitta Freifrau von Trautson''"") 
1000 Thaler durch Harrer anweisen lassen, der mit der 
Auszahlung Friedrich Schmidt in Breslau beauftragte. 
Wiewohl nun dieser die Berechnung bereits am 21. No- 
vember 1572 nach Dresden geschickt hatte, so war doch 
das Geld im folgenden Januar noch nicht in die Hände 
der Empfängerin gelangt, was der Kurfürstin um so un- 
angenehmer war, als sie mit ihrem Gemahl eine Reise 
nach Prag vorhatte. Sie fragte zunächst bei Harrer 
brieflich an und liels ihn dann selbst kommen. Höchst er- 
zürnt erkundigte sie sich nach dem Grunde der Verzögerung 
und liels sich als Beweis der Unschuld des Kammer- 



33) B I, 29. 31) B I, 42 

35) Bisweilen wurde Harrer die Wahl freigestellt. Der Kur- 
fürst hat an seine Gemahlin einen Niklas verspielt; der Kammer - 
meister soll etwas Seltsames und Artiges besorgen. Kop. 439, 2öHb. 

3") Log. 8528. AUerlev Fürstenbriefe an den Kurfürsten zu 
Sachsen. 1561—1564. Bl. 47 u. ö. 

") E II, 83. 

3*) B I, 84. 94. 1 15 : der Kurfürst hat ihn so hart angelassen, 
wie ihm noch nie begegnet, und zwar in Gegenwart der Kammer- 
sekretäre Hans Jeuitz und Valerius Cracau. 



74 Georg Müller: 

meisters die Schmidtsclie Rechnung' vorzeigen. Der Kur- 
fürst wollte das Geld nicht noch einmal auszahlen lassen, 
aber ohne Wissen ihres Gemahls wies sie die nochmalige 
Erlegung des Geldes an. Wie sie hier versöhnend ein- 
trat, so bewilligte sie bisweilen aus ihrer Privatschatulle 
Unterstützungen an Geistliche, Gelehrte und verschieden- 
artige Bittsteller. Sie wuiste dann wohl den Kurfürsten 
zu bestimmen , ihr das Geld zurückzuzahlen , und so er»- 
scheint schlieislich der Betrag in des Kammermeisters 
Rechnungen. 

Auf seinen Ratschlag hin liels sie sich selbst in 
Handelsgeschäfte ein und folgte dann seinen Weisungen. 
So hatte sie eine günstige Konjunktur zum Einkaufe 
eines größeren Postens Moschus, Civita und Ambra in 
Lissabon zu billigem Preise benutzt. Schon in Portugal 
hätte sie die Waren ungleich teurer losschlagen können, 
da die aus Indien kommenden Schiffe nur wenig von 
diesen Spezereien mitbrachten. Als jetzt Lic. Steinmetz 
ein Kaufgebot zu gewöhnlichem Preise machte, schlug 
es Harrer im Auftrage seiner gnädigsten Herrin ab, da 
die Artikel voraussichtlich noch mehr steigen würden, 
wenn auch die nächsten Schüfe wenig davon führten. 
Dagegen sollte Moschus und Cibita für 10 Gulden das 
Lot, Ambra für 16 Gulden abgegeben werden-^**). 

Eine besonders wichtige Seite der Thätigkeit des 
Kammermeisters im Dienste seiner „gnädigsten Herr- 
schaft" war das Postwesen. Kurfürst August hatte 
mehrfache Versuche gemacht, der Briefbeförderung eine 
grölsere Schnelligkeit und Stetigkeit zu verschaften^"). 
Namentlich war die Bestellung der kurfürstlichen Befehle 
und Schreiben den Ämtern und Städten gegen eine Geld- 
entschädigung genommen worden. Der Kammermeister 
mit seinen weitverzweigten Beziehungen übernahm nun 
oft die Besorgung der Postsachen im Lande, namentlich 
auch nach auswärts, und nicht selten seufzte er über die 
Langsamkeit und Schwerfälligkeit der Boten. Selbst fürst- 
liche Briefe mulsten sich längere Verzögerungen gefallen 
lassen. Er schreibt der Gemahlin Herzog Erichs von Braun- 
schweig, Sidonie, geborenen Prinzessin von Sachsen: der 



3») E II, 144. 

■*'*) Verffl. G. Scliäfer, Gesch. d. säclisischen Postwesens. 
(Dresden 1879.) 



Hans Harrer. 75 

Postmeister Daniel''^) habe ihm für die Fürstin Briefe 
übergeben. Er überantwortete sie der Kanzlei, diese der 
Kammermagd der Herzogin. Das Mädchen fragte schliels- 
lich wieder bei Harrer an, und so schickte dieser die Briefe 
nebst einem Lädlein mit Schlüsseln der Herzogin nach^-). 
Wir können aus den erhaltenen Notizen verfolgen, wie 
infolge des regeren Verkehrs und der Wichtigkeit der 
Sendungen die Schnelligkeit der Beförderung zunahm*"'). 
Im Zusammenhang mit dem Postwesen fiel dem 
Kammermeister auch die Besorgung der fremden 
Zeitungen zu, die er entweder unmittelbar dem Kur- 
fürsten oder Hans Jenitz sandte, letzterem bisweilen mit 
der Weisung, seinem Herrn nur das Geeignete mitzu- 
teilen. Er hob wohl auch hervor, dais es nur „Kauf- 
mannszeituiigen" seien**). Sie betrafen zunächst deutsche 
Verhältnisse, z. B. Ereignisse an den Höfen. Eigen- 
tümlich ist folgende Meldung eines „guten Freundes" in 
Köln: Die drei Herren, Graf Ludwig und Graf Heinrich 
von Nassau, desgleichen Pfalzgraf Christof haben sich 
nach gehaltenem Scharmützel verloren, dafs kein .Mensch 
von den Ihrigen weils oder gewufst hat, wo sie hinge- 
kommen sind. Es heifst, alle drei seien tot. Aber der 
Briefschreiber versichert auf Treu und Glauben, alle drei 
seien, allerdings verwundet, bei guter Gesundheit, doch 
darf er den Aufenthalt nicht veri'aten. Graf Johann 
von Nassau ist jetzt beim Kurfürsten in Heidelberg*''). 



*^) Es ist dies der Postmeister Daniel "Wiutzenberger B I 55. 
1577 war er nicht mehr im Amte. D III, 43. o'Byrn, Hofsilber- 
kamraer S. 19. 

^2) B I, ö5. 

''^) Ich füge einige Beispiele über die Schnelligkeit der Brief- 
beförderung bei: Es geht ein Brief nach Dresden von Nimwegen 
vom 12. März bis zum 18 April E II, 53; von Utreclit.vom 23. April 
bis 29. Mai E II, 102; von Nürnberg vom 23. Februar bis 1. März 
E II, 95b; von Prag vom 8. bis 13. Juni B II, 54; von Breslau vom 
28. Juni bis 7. Juli B II, 76; vom 14. bis 19. Juli C 13; vom 24. 
bis 30. Oktober C 127; vom 14. bis 18. .Tuli 157« D I, 63; vom 5. 
bis 9. September E I, 79; von Breslau bis Merseburg vom 30. De- 
zember bis zum 10. Januar C 214. — Die Boten wurden für besondere 
Schnelligkeit belohnt, .für Nachlässigkeit bestraft. Als ein Bote 
Wichmanns anstatt am 24. November 1576 erst am 27. abends spät 
in Dresden eintrifft, meldet dies Harrer dem Geschäftsfreunde und 
s.tellt ihm anheim, dem Boten den Lohn zu kürzen. D I, 224. — 
Über Einrichtung einer neuen Postverbindung mit Augsburg durch 
Christoph Stamler D III, 47. 72. 

^') B III, 146. 

*■') Ebenda. 



76 Georg Müller: 

Alle wiclitig-en deutschen Länder wai-en Gegenstand 
der Beobachtung. Im Norden fesselte der schwedisch- 
russische Krieg und die damit zusammenhängende, für 
die Hansastädte handelspolitisch wichtige Frage der 
Narwafahrt. Vom Sommer 1574, wo die Nachricht bekannt 
wurde, dals der König von Schweden 20 Schilfe, die aus 
der Narwa kamen, aufgehalten habe, bis zum Verbot der 
Lübecker dahin auszulaufen, sind die verschiedenen Wen- 
dungen der Angelegenheit berichtet^*^). Natürlich spielte 
der niederländische Aufstand gegen die Spanier eine 
groise Rolle und mit frohen Hoffnungen für das Auf- 
blühen des Handels wurde der Friede begrülst*'). Über 
die französischen Kriege berichtete My in Stralsburg 
und wiederholt sprach der Kammermeister sein Erstaunen 
darüber aus, dals die Krone Frankreichs ihr schönes 
Land mutwillig so zu Grunde richte'*''). Über die portu- 
giesischen Wirren und die Stimmung der Bevölkerung 
gegen Spanien war Harrer augenscheinlich sehr gut unter- 
richtet. Er konnte nicht ahnen, Avelch verhängnisvollen 
Einfluls diese Verhältnisse auf den Geschäftsgang aus- 
üben sollten***). 

Lebhaft interessierte den Kurfürsten seit dem Jahre 
1573 die polnische Frage''^). Die einzelnen Wendungen 
der Königswahl waren ihm genau bekannt. Er trat für 
Erzherzog Ernst, des Kaisers Sohn, ein und fragte sich 
wohl, wie Heinrich von Valois (Anjou), der Bruder des 
französischen Königs Karl IX., in sein Land kommen 
sollte'*^). Als dieser nun nach seines Bruders Tode in 
der Pfingstnacht Krakau verliels und sich nach Frank- 
reich begab, verfolgte man am kurfürstlichen Hofe die 
Angelegenheit mit dem grölsten Eifer, wollte auch, wenn 
notwendig, handelnd eingreifen. Wie der Kurfürst von 
Brandenburg rüstete, so riet Kurfürst August seinem 
Schwiegersohne, dem Pfalzgrafen Johann Casinür, die 



-■«) Bin, 160. EU, 171. Vergl F. C. J. Fischer, Geschichte 
des teutschen Handels. Dritter Teil. Hannover 1791. S. 82 ff. 

'*■') Loc. 10 698. Niederländische, welsche, auch Christoiih Hallers 
nnd Gararaermeisters Zeitungen. . . 1576. D III, 73. DU, 161 be- 
richtet er, die aus den Niederlanden abziehenden Spanier wollten dem 
König von Frankreich in dej- Bekämpfung der Hugenotten beistehen. 

■**) D II, 159. 

^^) Ell, 73. G. Weber, Lehrbuch der Weltgeschichte IP', 10-^. 

■^) G. Weber, Allgemeine Weltgeschichte XP, 852. B. L onn or , 
Beschreibung des Königreichs Polen. Leipzig 1700. S. 109. 

^') B II, 27. 76. 



Hans Harrer. 77 

8000 gegen Fraiikreicli geworbenen Reiter dem Kaiser 
zuzuführen und die Ungnade wieder gut zu machen, 
„deswegen S. f. g. das Pulver angesteckt haben"'^^). Die 
Angelegenheit erschien dem Kurfürsten so wichtig, dals 



s 



er durch seinen Kammermeister Friedrich Schmidt in 
Breslau beauftragte, einen zuverlässigen Mann ins Lager 
von Krakau zu schicken und die eingehenden Nach- 
richten ihm sofort zustellen zu lassen. 

Die Bauthätigkeit des Kurfürsten nahm den 
Kammermeister viel in Anspruch. Sie ging hervor aus 
dem Bedürfnisse der Zeit, sich wohnlicher, bequemer und 
stattlicher einzurichten, sowie aus dem Bewulstsein er- 
höhter Machtfülle. In den Rechnungen finden wir die 
Ausgaben genau verzeichnet, während die Briefe die 
Verhandlungen mit den einzelnen Meistern und Hand- 
werkern enthalten. 

Die Dresdner Festungswerke wurden damals 
wesentlich verstärkt. Die Gärten, welche die Stadt wie 
ein grüner Kranz umgaben, mufsten vor dem „wüschen 
Thore" weichen und den neuen Werken Platz machen. 
Harrer selbst verlor den seinigen, ebenso der kurfürstliche 
Leibarzt Dr. Nefe, wie jener dessen Gemahlin auf ihre 
sorgenvolle Anfrage mitteilte: der „welsche Baumeister"''-*) 
hatte den Plan entworfen und das Land abgesteckt. 
Der Kammermeister suchte sich durch den Ankauf des 
Ponickauschen Gartens vor dem Salomonisthore zu ent- 
schädigen'*-^). 

Daneben spielten die Schlots bauten im Lande 
eine grolse Rolle. Die Augustusburg, die mit ihren weithin- 
leuchtenden Türmen noch heute ein beredtes Zeugnis für 
die Bauthätigkeit des Kurfürsten August ist, wird mehr- 
fach erwähnt. Mit dem Erbauer, dem Leipziger Bürger- 
meister Hieronymus Lotter'^^), hatte der Kammermeister 
mehrfach zu thun. Z. B. hatte er im Februar 1574 die 
Schlulsabrechnung über den Bau geprüft und soweit 
fertig gestellt, dals sie nur noch dem Kurfürsten, der 



52) B III, 160. 186. 188. 192. C 201. 206. v. Bezold, Brief- 
wechsel Johann Casimirs I, 190. — Kurfürstliche Gesandte in Polen 
mit Dr. Abraham Bock an der Spitze, der der polnischen Spraclie 
mächtig ist. D III, 220. 

ry2=i=^ Es ist dies Johann Baptista Buonhoraia aus Brescia, vergl. 
Dresdner Geschichtshlätter II, 85. 

^3) B III, 104. 

^*) B 111,6.46.56. G. Wustmann, Der Leipziger Baumeister 
Hieronymus Lotter (Leipzig 1875). 



78 Georg Miilloj-: 

eben durch den Besuch des Pfalzgrafen in Anspruch 
genommen war, zur Unterschrift vorgelegt zu werden 
brauchte. Auch mit des Baumeisters Söhnen, Hieronymus 
Lotter d. J. , „dem eigentlichen Geisteserben seines 
Vaters" ^'^i, und Albrecht Lotter, stand Harrer in geschäft- 
lichem Verkehr. Mit dem letzteren hatte er wegen 
Nachlässigkeit in der Erfüllung seiner finanziellen Ver- 
pflichtungen sehr scharfe Auseinandersetzungen^^). 

Ungleich mehr erfahren wir über die Gründung und 
den Ausbau von Annaburg. Die Harrerschen Briefe 
enthalten zu der kürzlich erschienenen Geschichte dieses 
Schlosses") manchen wertvollen Nachtrag bezüglich der 
Lage der Gebäude und Gärten, der inneren Ausstattung 
und Verteilung der Räume. Mit kurfürstlicher Erlaubnis 
baute Harrer hier auf eigene Rechnung einen Gasthof, 
der ihm auf 10000 fl. zu stehen kam, und nach seinem 
Tode vom Kurfürsten für 5000 fl., zuzüglich 2000 fl. für 
Vorräte, übernommen wurde ^^^). Den Plan entwarf als 
Holzmodell der Zeugschreiber Veit Clement. Auf des 
Rentmeisters Veranlassung brannte ihm der Rat zu Prettin 
die Ziegeln, auch von Holzlieferungen ist die Rede. Die 
Ausstattung übernahmen zunächst Dresdner Handwerker; 
da diese aber zu viel verlangten, wurden Meister aus 
den umliegenden kleinen Städten genommen, mit der 
Begründung, dals es ja kein Prachtbau zu werden brauche. 

Für Bauten zu Sitzerode und Freiberg sind nur 
kleinere Summen verzeichnet. An letzterem Orte hatte 
Irmisch die Leitung"'**). Mit ihm verhandelte Harrer 
z. B. wegen eines neuen Altars und Predigtstuhls. Er 
glaubte hier die Verantwortung nicht auf sich nehmen 
zu können, sondern verwies auf die kurfürstliche Ent- 
scheidung. Auch Stoffe zur Drapierung wurden abge- 
schickt. Vor\\ erksbauten zuDippoldiswalde und Blesern"*') 
waren nur von geringer Bedeutung. 

Natürlich hatte der Kamniermeister bei den zahl- 
reichen Bauten mit den Handwerkern viel zu thun. 
Machte er auch in der Regel die Bestellungen persönlich. 



''•'^) D I, 129. Wustmann a. a. O. S. 89. 
•■»ö) B I, 38 421). B III, 50. C 110. D III, 53. 241. E II, 91. 
••') E. (irüiuUer, Schlofs Aimaburg (Berlin 1888). 
■''^) Loc. 7:30«. Cammersaclieii. 1588 III, Bl. 88. Die zahlreichen 
Stellen über den Hausbau befinden sich in C. 
5») 39. 103. DI, 40. 41. 
"') E I, 88. 



Hans Harrer. 79 

SO niulste er doch, wenn er, wie oft, abwesend war, die 
Verhandlungen über Lieferungen schrifUich führen. So 
sind uns vielfache Notizen erhalten, z. B. über die 
Tischler. In Dresden besals Harrers volles Vertrauen 
Brosius Waltei". Als dieser seine Tochter verheiratete, 
lud er auch seinen Gönner ein und wurde, da jener nicht 
kommen konnte, mit herzlichen Wünschen und einem 
Fasse Bier aus Hermsdorf bedacht. Das hinderte aber 
Harrer nicht, in Annaburg ihn nicht mehr heranzuziehen, 
als seine Arbeiten zu teuer wurden. Bartel Jhan und 
Peter Schanz wurden nun um Gesellen angegangen**^). 
Für feinere Sachen liels man auswärtige, angesehene 
Leute kommen, z. B. den Schreiner Arnold Weigand 
aus Augsburg ^-\ Überhaupt scheint der Luxus der 
Patrizierhäuser in den grolsen Handelsstädten manche 
Nachahmung veranlafst zu haben *''^). 

Schlosserarbeiten besorgte Thomas Elling in 
Dresden''*). Von Kupferschmieden werden Laux 
Müller und Alexander Salier erwähnt. Bei Gelegenheit 
einer längeren Verhandlung forderten sie für die Verar- 
beitung eines Zentners Kupfer 1 Thaler Arbeitslohn^^). 
Salier lieferte die kupfernen Gefälse für das Badezimmer 
der Kurfürstin in Annaburg, die nach Wunsch ausfielen. 
Kurz darauf wurde eine gleiche Ausstattung für die 
Schwester der Kurfürstin nach Mecklenburg bestellt. 
Dals Salier ein grolses Geschäft hatte, ergiebt sich aus 
dem bedeutenden Verbrauche von rohem Kupfer, das er 
durch Harrer von der Grünthaler Hütte kaufte, wie aus 
der Rücksicht, die ihm dieser zu teil werden liefs. Ein 
Hofmesserschmied in Altendresden lieferte u. a. für 
den Kurprinzen Christian 6 Schreibmesser, darunter Ra- 
dierer und Durchstecher''**). 

Ununterbrochen geht der Verkehr mit den Gold- 
schmieden. Viele Sachen wurden von auswärts be- 
zogen. Jakob Griebe in Leipzig besorgte zahlreiche 



•") D I, 175. D II, 11«. 128. I) III, 
«2) B III, 7 u ö. 



'^^) Der Kurfürst Avünschte z. B. Nachtstühle zu habeu, wie er 
sie im Hause der Fngger gesehen, mit Sanimt überzogen, inwendig 
mit feinen, reinlichen Kesselein, daneben ein breit Kästlein, darein 
man Papier und anderes legen kann. B III, 160. 

"*) D I, 265. 

'^•^) Loc. 7295. Schreiben so an Kurfürst August gethan. 1579 
bis 1588 Bl. 7. B II, 153. 
«) D III, 78. 



(i6\ 



80 Georg Müller: 

Wertsachen, z. B. 1579 vor einer Hochzeit „goldne Kös- 
lein, allerlei gattung, geschmelzt und ungeschmelzt", 
einen Trauring im Werte von 200 Thalern, gute und 
gemeine Ringe, ein schmal Halsbendle oder Armband 
eines Musters, so man auf eine Hauben anstatt eines 
Stirnbandes gebraucht und heften kann'"'). Aus Nürn- 
berg war der Goldschmied Hans Lemcker im Juni 157G 
beim Kurfürsten gewesen und wurde auf des letzteren 
Kosten nach seiner Heimat znrückbefördert''^). Andere 
Kostbarkeiten kamen aus Augsburg, Wien, Mailand und 
Paris. 

Aber auch die Dresdner Goldschmiedeinnung 
war leistungsfähig. Georg Weinolt'^'') u. a. werden 
mehrfach genannt. Von Harrer hoch geschätzt und 
mit zahlreichen Lieferungen bedacht war Urban Schnee- 
weils. Als jenem der Apotheker Christoph Mülstetter 
in Mainz auf der Michaelismesse 1572 einen jungen Gesellen 
empfahl, brachte er ihn bei dem genannten Meister unter 
und schrieb seinem Freunde, der Schützling sei bei einem 
Goldschmied, der viel Arbeit und die meisten Gesellen 
habe, der auch dem Ankömmling derartige Arbeit unter 
die Hand geben werde, dals dieser sich wohl üben und 
etwas, dazu er Lust habe, begreifen werde '^'^j. 

Auch an seinem Hofe hielt der Kurfürst Gold- 
schmiede, mit denen der Kammermeister vielfach zu 
schaffen hatte. So befand sich 1579 hier ein Spanier, 
Jakob Martin aus Madrid. Er war wegen Neigung zur 
evangelischen Lehre als ein Haereticus verdammt und 
nach seinei- Flucht in effigie verbrannt Avorden. Da seine 
Frau ihn angeblich verklagt haben sollte und nicht zu 
ihm kommen wollte, so beantragte er die Ehescheidung, 
die der Kurfürst ihm gestattete, wenn er beglaubigte 
Zeugnisse über den Verrat seiner Frau beibringen könnte. 
Die Vermittlung hatte wieder Harrer zu übernehmen^'). 

Mehrfach finden sich in des Kammermeisters Briefen 
und Eechnungen Notizen über die Buchdruckerkunst'-). 

' «') E II, 65. 

"^) D I, 23. B II, 120 u. ü. Auch 1577 vergl. Loc. 7295. Schreiben 
so an Churfürst August. 1.579-83. Bl. 1. Vergl. auch Loc. 7192. 
Georg Lenickers Bestrickung... in Dresden. 1584. 

"") D III, 247. ■") B I, 29. "') E II, 5. 83. 

'-) Vergl. auch die Verhiuidlinigen ülier die Rechtsverhältnisse 
und den Verkauf der Vügelinscheu Druckerei Loc. 7295. Schreiben 
so an hurfürst August. 1579— 88 Bl. 11. A. Kirchhoff. Wirtschafts- 
leben im älteren Buchhandel: Ernst Vögelin in Leipzig. I. und 



Hans Harrer. 81 

Gimel Bergen wurde als Setzer bezahlt ^^). Wissen- 
schaftliche Werke, auch ein Bibeldruck von Conrad Rühl 
und Samuel Seelfisch in Wittenberg wurden mit ansehn- 
lichen Beiträgen unterstützt'^). 1578 wurde auch ein 
Buchbinder, Caspar Heuser, in kurfürstlichen Dienst 
genommen^''). Zu Geschenken wurden von den fürstlichen 
Personen Bücher mit besonders kostbaren Einbänden 

bestellt"'')- 

Für die Künstler war der Kammermeister der Ver- 
mittler mit dem Kurfürsten in Geldsachen. In der Regel 
werden nur die geleisteten Zahlungen erwähnt, bisweilen 
hat er auch über Verhandlungen zu berichten. Dem Maler 
Andreas Bretschneider zahlte er Crucis 1566 die Summe 
von 100 Gulden aus, bemerkte aber dabei, dafs des 
Künstlers Verschreibung auf 2000 Gulden laute, von 
denen noch 500 fl. auf fünf Märkte zu bezahlen seien ^'). 
Mehrere Briefe sind an den Maler Göding, der die 
Augustusburg geschmückt hatte, gerichtet'"'). Wichtiger 
ist der Briefwechsel mit Lukas Kran ach d. J. in 
Wittenberg, der von dem kurfürtlichen Hofe vielfach, 
z. B. auch beim Bau der Augustusburg, beschäftigt 
wurde. Bezüglich der dortigen Kanzel war man im 
ungewissen , ob sie von ihm herstamme. Durch einen 
Brief Harrers werden die Zweifel behoben. Dieser 
meldet dem von ihm verehrten Meister, dals der Predigt- 
stuhl zu Schilf in Dresden angekommen, vorläufig in 
seinem Hause untergebracht sei und bei nächster Gelegen- 
heit zu Wagen nach seinem Bestimmungsort gebracht 
werden solle ^'''). Merkwürdig lange zieht sich bei ihm 
mehrfach die Prüfung und Bezahlung der Rechnungen 



IT. Teil, im Archiv für Geschichte des deiitschen Buchhandels XVI, 
247; XVII, 36 ff. Der XVI, 349 Anra. 37 genannte Kammerraeister 
ist Harrer (wie statt Hane zu lesen ist); auch XVII, 43 bietet ein- 
schlagendes Material über Zahlungen der kurfürstlichen Rentkammer. 

^3) Loc. 33 342. Bestallungen 1575. Bl. 198. 

''*} Sie erhielten 1572 1000 Thaler. B I, 62. 

'5) Loc. 7295. Schreiben so an Churförst Augnst 1579-83. Bl. 7. 

'^) Der Hofprediger M. Johann Triller sollte die Form der Ein- 
bände der Katechismen und Betbücher bestimmen. E II, 203. 

'"j Er ist nicht zu verwechseln mit A. B. dem Jüngeren; er 
ist der Vater Daniel Bretschneiders, der in Prag von dem Hofmaler 
Spraiiger ausgebildet wurde. A. Seubert, Allg. Künstler- 
Lexikon I (Frankfurt a/M, 1882), 175 f. 

'S) Über ihn K. Berling in dieser Zeitschrift VIII, 290ff. — 
C 94. D II, 31. 33. 

'**) B II, 37. 

Neues Archiv f. S. G. u. A. XV. 1. 2. 6 



82 Georg Müller: 

I 

liin und, da der Meister das Geld braucht, so muls er 
melirfacli mahnen. Der Kammermeister entschuldigt sich 
dann wohl damit, er sei nicht so kunsterfahren, um die 
Arbeit schätzen zu können, dazu müfste er sich erst an 
zuverlässige Leute wenden*^"). Ein ander Mal schützt 
er die viele Arbeit vor*^'). 

Von Bildhauern wird am häufigsten Giovanni 
Maria Nosseni (Noysen, Noj^sis)^-) erwähnt, der auf Em- 
pfehlung des Freiherrn von Sprinzenstein im Januar 1575 
in kurfürstliche Dienste trat, in Torgau eine Werkstatt 
angewiesen erhielt, während der Pestzeit wohl auch in 
Weilsenfels untergebracht wurde^'^). Auch bei ihm 
spielten die Rechnungen eine grolse Rolle. Nosseni hatte 
z. B. zu viel Geld erhalten und sollte nach Annaburg 
kommen, um mit den Kammerschreibern zu verhandeln; 
er werde den Fehler am schnellsten finden ^^). Im April 
1576 hatte er an Harrer wegen Bewilligung eines kur- 
fürstlichen Hauses zu seiner Hochzeitsfeier geschrieben *^-^). 
Dieser hielt die Bitte für unbedenklich, doch sollte der 
Künstler „umb glimpfs und erzeigung . . . unterthänigen 
gehorsam s willen-' sich an den Kurfürsten selbst wenden, 
der ihm dann auch mancherlei Geschenke an Wild, Wein 
und Geld zukommen lieis^"). Wohl im Zusammenhange 
mit seiner Aufgabe, in Sachsen edle Gesteine aufzusuchen, 
hatte Nosseni von Harrer den Auftrag erhalten, für seine 
Farbemühle einen Laufstein zu besorgen. Dafür lief's 
ihm dieser verschiedene für die Bildhauerwerkstatt 
nötige Gegenstände aus Leipzig kommen"). 

Bei der wohlwollenden Fürsorge, die Kurfürst August 
wie seine Gemahlin den Geistlichen und Gelehrten 
zuwandten, konnte es nicht fehlen, dals der Kammer- 
meister mit diesen vielfach Verkehr hatte, zu vielen so- 
gar in freundschaftlichem Verhältnisse stand. Von 
ersteren sei Tübingens Kanzler Jakob Andrea erwähnt, 
der sich im Interesse der Vermittlung eines einheitlichen 



8ö) B III, 99. 106. 260. 

"') C ^O. 104. 16S. 215. Hier wird ;incli ein Annaburger Altar 
erwähnt, den Kranach unter die Hand nehmen soll. Nach Kop. 414, Bl. 
66 erhält er für einen .Inngen, den er in der Lehre hat. 100 Thaler. 

**) A. Seubert, AÜg. Künstler- Lexikon II, Hfil. Schmidt in 
K. V. Webers Archiv für die sächs. Gesch. XI, 121 — 169. 

«•=) Kop. 43;3, Bl. 121 f. -*) D I, 175. »") D II, 238. 

s9) Kop. 433, Bl. 48. 

8^) D III, 87. — DT, 24. 2 dürre Fischhäute, wie sie die 
Messerschmiede haben, 2 Pfund Terpentin, 1 Pfund Mastix . . . 



Hans Harrer. 83 

evangelisch-lutherischen Bekenntnisses und der Sicherung 
einer neuen kirchlichen Verwaltung längere Zeit in 
Sachsen aufhielt. Bei seinem Eintreffen wurden in 
Leipzig für ihn ein Paar „schimlichte Pferde" gekauft; 
wir können seine Fahrten durchs Land verfolgen. Li 
Dresden wohnte er bei Harrer, wurde wohl auch von 
diesem ins Vertrauen gezogen. Von Interesse ist ein 
Brief des Kammermeisters, der von Intriguen gegen den 
Kanzler spricht ui],d ihm mitteilt, er Avolle, wenn er 
zum Kurfürsten komme, bei diesem für den Verleumdeten 
eintreten '^^). Nikolaus Seinecker geht den Kammer- 
meister um ein Darlehen an , wird aber wegen Geld- 
mangels abgewiesen ^^). Die Lehrer der Stadtschulen 
bekommen von ihm die kurfürstlichen Gnadengeschenke, 
suchen w^ohl auch seine Gunst durch Bücherwidmungen 
zu gewinnen. Der Mathematiker und Musiker Joachim 
Heller, der in kurfürstliche Dienste trat, bekam von 
ihm seinen Gehalt^"). Der Mathematiker Abraham 
Riese wird mehrfach im Briefwechsel erwähnt, wenn 
z. B. der Kurfürst seinen Rat, namentlich für praktische 
Angelegenheiten, in Anspruch nahm^^). Besonders zahl- 
leich sind die Gesuche des Wittenberger Magisters Johann 
Major, der immer wieder um Vorschüsse auf seinen 
Gehalt einkam und sich durch keinen Verweis auf die 
Hofordnung abschrecken liels. Dals natürlich zahlreiche 
mehr oder minder selbstbewulste Erfinder von allerhand 
Künsten um Unterstützungen und Preise einkamen, wird 
uns nicht wundern. 

Noch erfahren wir aus Harrers Briefen und Rech- 
nungen, wie dieser bei Käufen für die Sammlungen 
thätig war, airf deren Vermehrung der Kurfürst grolsen 
Wert legte. Er hatte oft die Verhandlungen über die 
neuen Erw^erbungen zu leiten, z. B. im Jahre 1574 über 
den Ankauf des Nachlasses von dem Rektoi- der Meilsner 
Eürstenschule, Georg Fabricius. Im Auftrage der 
Erben bot der Meifsner Bürger Hans Faust dem Kur- 
fürsten die Sammlungen an und w^urde vom Kammer- 
meister benachrichtigt, dals er die Erwerbung der Ge- 



^^) D I, 84. 153. 197. D II, 11.' 18. 189. 248. E I, 60. 201. 
262 b. E II, 11. 87. Dresdner Geschichtsblätter II, 93. 

8-') B III, 250. 

"0) D III, 220. Vergl. Will. Nürnberger Gelehrten -Lexikon. 
II, 85. Allg. deutsche Biographie XI, 694. 

"') B I, 69. 

6* 



84 Georg Müller: 

mälde ablehne, dagegen die Silbersaclien, namentlich die 
Gold- und Silbennünzen , kaufen wolle. Sie wurden 
schliefslich für 50 Gulden erworben**-). Auch richtete 
sich die Aufmerksamkeit auf den Nachlafs berühmter 
auswärtiger Kunstsammler. So suchte sich Harrer den 
Katalog der Sammlungen des Grafen von Montfort zu 
verschalten ^=^). 

Die meisten Antiquitäten wurden aus Süddeutsch- 
land bezogen, wo ständige Agenten, die Vermittlung be- 
sorgten. Der Nürnberger Goldschmied Hans Lemcker 
bot mehrfach, z. B. im Jahre 1574, gröfsere Sammlungen 
an. Der Kammermeister erklärte, der Kurfürst sei zum 
Kaufe geneigt, w^ünsche aber nicht die Sachen selbst, 
sondern nur ein genaues Verzeichnis zu haben, damit er 
daraus die ihm fehlenden Stücke auswählen könne. Denn 
er habe bereits grofse Sammlungen'**). Besondere An- 
erkennung wegen seiner Betriebsamkeit und Findigkeit 
wurde mehrfach dem Augsburger Vermittler Philipp 
Stamler zu teil""'). Von vielseitigem Interesse ist ein 
Schreiben Harrers an diesen vom 7. Juli 1574, wo die 
eingehendsten Angaben über diesen Handel gemacht 
werden. Erwähnt sei, dals von seltenen Kontrefakten 
und Schaugroschen Bleiabgüsse verlangt werden; der 
Kurfürst will sie dann in Dresden in Silber oder Gold 
gleisen lassen. Diamanten*"^) und die verschiedensten 
Edelsteine w^erden ebenfalls aus Süddeutschland, Perlen 
entweder ebendaher'*') oder aus dem Vogtlande''*) be- 
zogen, Erzstufen von besonderer Schönheit durch Berg- 
beamte eingeschickt. Natürlich mufsten auch zahlreiche 
Angebote von geringerem Werte abgelehnt w^erden. So 
hatte Georg Hoyers Witwe ein geschnitztes Christusbild 
zum Kaufe angeboten. Lange Zeit scheint es in der 
Harnischkammer gestanden zu haben ; schlielslich ordnete 
der Kammermeister die Rückgabe an""). 



»2) B III, 43, 55. 61. 196. 21(1. 

»3) B III, 160. 

^^i) B III, 72. 98. 116. 127. 

05) B III, 160. "") E II, 19. 

»') E II, 216, für die JSurfürstin eine Schnur von Perlen, von 
denen jede 30 Thaler kostet. 

"*) Crucis 1566 werden dem geschworenen Perlensucher von 
Ölsnitz 18 fl. 6 gr., Trinitatis 1567 Heinrich Acker, Perlensucher, 
für eine ziemlich grofse Perlein, die er im Vogtlande gefunden, 
9 fl. 3 gr. ausgezahlt. 

0«) D I, 154. 



Hans Harrer. 85 

Bei dieser Mannigfaltigkeit und Vielseitigkeit seines 
Amtes schenken wir dem Kammermeister Glauben, wenn 
er an Lukas Kranacli schreibt, er habe so viel zu thun, 
dafs der Maler schon vom Zusehen Verdrieß haben 
würde ^"'^). Um so mehr sind wir erstaunt, aus seinen 
Briefen zu erfahren, dafs er neben seiner amtlichen 
Thätigkeit ein ausgedehntes Handelsgeschäft betrieb, 
in dem alles Gegenstand der Beachtung war, wobei ein 
Gewinn in Aussicht stand. Er stand darin nicht allein; 
auch sein Vorgesetzter, der Kammerrat Hans von Bern- 
stein, und sein verti'auter Amtsgenosse, der Kammer- 
sekretär Hans Jenitz, thaten es ihm gleich ^*''). Das Geld- 
geschäft stand als besonders lohnend in erster Linie; 
alle möglichen industriellen Unternehmungen folgten. 
Aber auch Kleinigkeiten und Modeneuheiten wurden, 
wenn man auf Absatz hoffen durfte, nicht verschmäht^"-). 

Natürlich konnte er nur die oberste Leitung seines 
Geschäftes haben, besonders da er in kurfürstlichem 
Dienste oft wochenlang abwesend war. Er hatte daher 
eine gröfsere Anzahl von Hilfskräften, auf deren Aus- 
wahl er groise Sorgfalt verwendete. Namentlich in 
Geldsachen und grölseren Geschäftsabschlüssen genols 
sein vollkommenes Vertrauen Christoph Öchweicker^''^), 
der auf grölseren Reisen Frankfurt und Hessen, Hamburg 
und Lübeck, Antwerpen, ja England besuchte. In Berg- 
werkssachen war sein Vertreter Michel Heidenreich '***), 
Melchior Manlicher^'^'^) hatte die Buchhaltung zu führen, 
seinem Kassierer Erhard Schamberger stellte er bei dessen 
Weggang ein ehrendes Zeugnis aus^"*^). 

Sehr ungehalten war er über die Unzuveriässigkeit 
seiner Diener, namentlich wenn Waren nicht rechtzeitig 



100) C 74. 

101) Seine „Parthiteubäudel, Geldausleilien , Rentgulden und 
Wechselgelder" werden scharf gebrandraarkt. Loc. 9668. Schreiben 
so an Churfnrst August. M. Anton Michel gerichtet. Dresdner 
Geschichtsblätter II, 97 f, 

10'-) 1573 sollte Christoph Schweicker aus Antwerpen mitbringen: 
„feine artige Nehekerbel", allerlei Gattung, klein und grofs, 30 bis 
40 Stück, Hummer, Vögel, dergleichen was man zu Panquetten braucht, 
ferner Papageien, Sittige, Falken, Elstern, Staare, Kibitze, Zeisige, 
Finken, die „gesclmnden und wieder gepacken und z^igerichtet , in 
den Stuben auf Simsen, als wenn sie lebendig wären, aufgestellt 
werden". 

10») B I, 105. E I, 26 u. ö. 'Ol) c 136. 

*05) C 83. Er stammte aus dem angesehenen Augsburger Hause. 

Joe) C 198. 



o 



86 (Jeorg Müller: 

geliefert, Meldungen und Berichte uni)imkt]icli einge- 
gangen waren. Mehrfach spi-ach er die Überzeugung 
aus, dals, wenn in Handelssachen überhaupt die grölste 
Pünktlichkeit nötig sei, er als kurfürstlicher Beamter 
sich doppelt zuverlässig zeigen müsse. Mit der grölsten 
Energie ging er vor, wenn jemand seinen guten Namen 
in Zweifel zu ziehen Avagte, z. B. als ein Breslauer in 
Hamburg aussprengte. Harrer habe gemeine Röte für 
Breslauer Ware verkauft und auf die Fässer wider- 
rechtlich das Stadtwappen eingebrannt ^*''). Jedenfalls 
genols er das Vertrauen in hohem Malse und seinem 
kaufmännischen Sinne stellte die Großartigkeit seiner 
Unternehmungen ein ehrendes Zeugnis aus. 

Mit der Landwirtschaft zeigte sich Harrer genau 
bekannt. Vielleicht stammte er aus ländlichen Verhält- 
nissen. Sein Stiefbruder hatte z. B. das Gut Markers- 
bach bei Pirna in Besitz, scheint aber nicht gut gewirt- 
schaftet zu haben. Die schneidige Kritik, die der Kammer- 
meister übt, und die thatkräftigen Malsregeln, mit denen 
er der weiteren Belastung des Gutes entgegentritt, 
zeigen seine Kenntnis der einschlagenden Verhältnisse. 
Gehörte doch in seinen amtlichen Bereich die Abrech- 
nung mit den Amtleuten, Schössern und Vorw^erksver- 
waltern. AVenn auch der Landrentmeister die technische 
Seite vertrat, so wurde doch auch der Kammermeister 
in diese Fragen eingeweiht. 

Mehr gezwungen, als aus innerer Neigung hatte er 
längere Zeit Güter in Pacht. Die Unfähigkeit mehrerer 
Schuldner, grölsere Summen zurückzuzahlen, veranlalste 
ihn zur Übernahme ländlicher Besitzungen, wiewohl er 
mehrfach hervorhebt, dafs sein Geld sich bei kaufmännischer 
Verwendung viel besser verzinse. So hatte er von dem 
Ritter Christoph von Carlowitz das Gut Hermsdorf 
an der Röder^"^) gepachtet und liels es durch einen 
Schösser, Christoph Büttner, bewirtschaften. Wann die 
Übernahme erfolgt ist, entzieht sich unserer Kenntnis. 
Ostern 1574 lief der Kontrakt zum ersten Male ab^"'') 
und wurde dann mehrfach erneueit, bis Harrer nach 
Ankauf der Mansfelder Berganteile das Gut aufgab und 



107) Vergl. den Briefwechsel mit Fi'iedridi Schmidt iu Breslau. 

'""*) Auch Wansdorf gehörte zur Pachtung, das übrigens wegen 
einer Forderung von 1200 Gulden an den Bischof von Meifsen ver- 
pfändet war. E II, ;il5. 

»»») B III, 59. 



Hans llarrcr. 87 

sich das Geld lierauszahlen liels. Der Briefwechsel hat 
es mit einer Reihe Auseinandersetzungen zu thun, die 
sich z. B. auf die mangelhafte Beschaifenheit der Ge- 
bäude bezogen. Der Turm an der Mühle war schadhaft 
und drohte einzustürzen, der Schafstall war baufällig und 
brach auch schliefslich zusammen. Ein anderes Mal hatte 
die Röder das Wehr zerstört. Als er jetzt die Ein- 
wohner des Ortes und der zugehörigen Dörfer zum Bau 
heranziehen wollte, setzten die Hermsdorfer trotzigen 
Widerstand entgegen und hetzten auch die umliegenden 
Ortschaften auf. Der Pachter forderte daher Carlowitz 
auf einzugreifen, weil er nicht wünschte, dafs während 
seiner Pachtzeit dem Besitzer eines von seinen Rechten 
geschmälert würde. Übrigens benutzte Harrer das Gut 
als Sommeraufenthalt für sich, seine Familie und seine 
Gäste. Hier empfing er auch seinen Leipziger Geschäfts- 
freund Hans Fuchs, als dieser wegen der in Leipzig 
herrschenden Pest fürchten mufste, an den Dresdner 
Thoren abgewiesen zu werden '^^'). 

Sehr unangenehme Erfahrungen machte er mit der 
Bewirtschaftung des Rittergutes Teuchern, das Rudolf 
von Bünau gehörte. Dieser war ihm für seine Person, 
wie als Bürge für David von Ponickau, eine grölsere 
Summe, gegen 12000 Thaler, schuldig und konnte sie 
trotz wiederholten Versprechens nicht zusammenbringen. 
Da wufste sich der oft getäuschte Gläubiger einen kur- 
fürstlichen Befehl zu erwirken, der ihn so lange in Besitz 
des Gutes setzte, bis er bezüglich seiner Forderungen 
befriedigt sein würde. Christoph Schaller setzte er zu 
seinem Befehlshaber und Verwalter ein. Da aber Rudolf 
von Bünau auf dem Gute wohnen blieb und sich eigen- 
mächtige Eingriffe in die Bewirtschaftung erlaubte, sich 
an den Vorräten vergriff', den Schäfer entliefs, wegen der 
Jagd Schwierigkeiten machte, auch wegen der Hand- 
habung der Rechtspflege Klage erhob, so kam es bald 
zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden 
Parteien. Die Dienerschaft ahmte dem Beispiele der 
Herren nach und zwischen Kutscher, Schreiber und 
Häscher spielten sich arge Raufereien und Schlägereien 
ab. Harrer wünschte lebhaft, von seinem Schuldner das 
Geld zu erhalten, um das Gut los zu werden, das ihm 
keinen Gewinn, sondern nur Unannehmlichkeiten brachte. 



110 



) C 155. 



88 Georg Müller: 

Während wenig baare Einnahmen einkamen, niulste der 
Pächter wohl oder übel noch eine Reihe von Lasten 
zahlen, die anf dem Gute lagen, so an den Rat zu 
Meilsen, das Stift zu Altenburg und den Geleitsmann 
zu Weilsenfels. Er rechnete 150 fi. baare Auslagen 
nach. Auch andere Gläubiger Bünaus machten Anspruch 
auf das Gut"M. Endlich nach langen Verhandlungen 
und vergeblichen Versprechungen scheint es zum Aus- 
gleiche im Jahre 1577 gekommen zu sein, namentlich 
nachdem der Kammermeister mit der kurfürstlichen Er- 
laubnis zum Verkaufe des Gutes gedroht hatte. Auch 
später gab es noch zwischen beiden ein Rechtsverfahren, 
zu dem D. Michael Funke im Juni 1579 nach Merse- 
burg reiste ^^2), 

Mehr Interesse als für Güterbewirtschaftung zeigte 
Harrer für den Handel mit landwirtschaftlichen Er- 
zeugnissen. Allerdings liefe er sich in selbständige 
Getreidegeschäfte nicht ein. Als im Herbst 1574 ein 
böhmischer Händler, Rabbi Rüben in Teplitz, wegen 
einer Korn-, Weizen- und Gerstenhandlung an ihn schrieb, 
lehnte er sie ab und verwies ihn an Hans Plenz in 
Pirna, der damals namentlich aus Böhmen viel Getreide 
einführte. Er stellte diesem mehrfach grölsere Summen 
Geldes zur Verfügung, namentlich als es sich um ein 
gröiseres Geschäft in Anhalt handelte^^'). Er gab ihm 
Empfehlungsbriefe an den Fürsten von Anhalt, mit dem 
er geschäftliche Beziehungen hatte und von dem er 
gerade die Rückzahlung einer grölseren Summe erwartete. 
Er stellte diesem frei, anstatt des Geldes Getreide zu 
liefern, und bat ihn, wenigstens Plenz zu gestatten, Ein- 
käufe im Lande zu machen. Später hören wir aller- 
dings, dafe sich das Geschäft nicht so glatt abwickelte, 
als man gehofft hatte. Namentlich wurden von selten der 
anhaltischen Regierung Schwierigkeiten wegen des Aus- 
gangszolles erhoben. Da schrieb Harrer an Plenz, er 
sollte sich nicht einschüchtern lassen und geltend machen, 
dafe des ersteren Zinsberechnung für das fällige Kapital 
nur so niedrig gestellt worden sei -in der Erwartung, 
dafe die Regierung sich dem Geschäfte förderlich zeigen 
würde. Schlieislich blieb der Einkauf auf 5 Schiffe Ge- 



"') E I, 236. 

"2) E II, 173. 

"") B I, 12. 14. 17. 21. ,13. M. i! il, 84. 



Hans Harrer. 89 

treide bet^cliräiikt, während iirspiünglidi viel gröfsere 
Posten in Aussicht genommen worden waren. 

Auch der Einkauf und Verkauf von Vieh für den 
kurfürstlichen Hof wie für den eigenen Bedarf wurde 
vom Kammermeister schwunghaft betrieben und wir 
sehen ihn bemüht, immer vorteilhaftere Wege ein- 
zuschlagen. Pferde wurden von auswärts bezogen, 
z. B. 3 Koppeln aus Mailand, Stuten aus Polen ''^). 
Ochsen waren lebhaft begehrt. Denn die Versorgung 
des Hofes, an dem zahlreichen Beamten auch die Ver- 
pflegung gewährt wurde ^^•^), mit frischem Fleische machte 
grofse Schwierigkeiten. Als der Kurfürst auf dem Reichs- 
tage zu Regensburg war, mufsten 60 Stück hingetrieben 
werden. Bisweilen wurden die Tiere im Frühling ge- 
kauft, um im Sommer auf den kurfürstlichen Vorwerken 
geweidet und im Herbste verkauft zu werden. Auch 
für seine Person machte Harrer grolse Einkäufe. Diese 
wurden entweder durch eigens ausgesandte Fleischer* ^*^), 
oder durch geeignete sachkundige Vermittler"^), oder 
durch Harrers Breslauer Geschäftsfreund Friedrich 
Schmidt besorgt. Weitaus die meisten Ochsen kamen 
aus Polen und wurden in Brieg oder Breslau gekauft. 
Beinahe jedes Jahi- wird von grofseren Käufen berichtet. 
Die Zahl bewegt sich zwischen 200 und 600. Die Treiber 
sind in der Regel Breslauer Knechte. 

Auch mit Schafen wurde gehandelt. 1575 kauften 
Georg Preiser und Jakob Mauckisch aus Dresden 1000 
Stück in Breslau ein. Harrer gab ihnen 300 Thaler 
mit, den Rest sollte Schmidt auslegen*'^). In Herms- 
dorf befand sich eine Schafheerde. Die Wolle wurde 
aber nicht in der Torgauer Tuchfabrik verarbeitet, son- 
dern an die Tuchmacher, z. B. in Meifsen, verkauft*^^). 

Geflügel wurde mit Vorliebe aus Böhmen bezogen. 
Hans Plenz besorgte bei Gelegenheit seiner Getreide- 
einkäufe weiise und graue Pfauen, Schwäne, grolse 
böhmische und kalkuttische Hühner, weiise Tauben mit 



"0 B III, 25. C 13. D 1, 27.y. Vergl. Falke S. 107. 

"•■*) K. V. Weber, Aus vier Jahrhunderten II (Leipzig- 1858), 5. 

"'■) Z. B. den Dresdner Fleischer und Bürger Hans Keuling. 

1") Christoph Schröter aus Ortrand, der sich von Jugend auf 
in der Krone Polen aufgehalten und sich genügende Kenntnis der 
polnischen Sprache und Handelsverhältnisse erworben hatte. E I, 46. 

"«) C 18. 

"■') B I, 6. 



90 Georg Müller: 

niedrigen Beinen. Auch Anweisungen zur Mästung sollte 
er mitbringen'-"). 

Obstbaumzucht und Gartenbau werden mehr- 
fach erwähnt. Im Februar 1573 bestellte Harrer iii 
Breslau Pfropfreiser der Kuiiofskibirne, ferner von grolsen 
Morellen und grolsen Kirschen. Auch aus Metz wurden 
Proben verschrieben'-'). In Merseburg wuchsen be- 
sondere „Rüblein", von denen Samen verlangt wurde'--). 
Andere Sämereien liefs man aus Schlesien, namentlich 
aber aus Süddeiitschland kommen, wo Nürnberg und 
Augsburg Hauptbezugsorte waren. Wieweit diese Lieb- 
habereien der eigenen Neigung des Kammermeisters ent- 
sprachen , oder durch die Vorliebe des Kurfürsten ver- 
anlalst wurden, lälst sich nicht genau bestimmen. Jeden- 
falls behandelt er sie sehr nebensächlich, sein eigent- 
liches Interesse galt den kaufmännischen Unternehmungen. 

Die grölste Bedeutung erlangte Harrer durch Ver- 
mittlung des Geldverkehrs, der in der ersten Hälfte 
der siebziger Jahre den wichtigsten Teil seiner kauf- 
männischen Thätigkeit bildete. Wenn gerade damals die 
Beschaffung baren Geldes wegen der zahlreichen indu- 
striellen und Handelsunternehmungen, sowie wegen des 
intensiveren Betriebs der Landwirtschaft eine grofse 
Rolle spielte, so war der kurfürstliche Kammermeister 
mit schien zahlreichen Beziehungen und seinem Einblicke 
in die finanziellen Kräfte des Landes eine besonders ge- 
eignete Persönlichkeit. 

In erster Linie kam hier hi Betracht das Wechsel-, 
geschäft. Die Verschiedenartigkeit der Münzen in den 
einzelnen Ländern machte einen Ausgleich nötig. Nament- 
lich auf den Leipziger iMessen trat dieses Bedürfnis stark 
hervor. Deshalb wurde hier eine Wechselbank ge- 
schaffen, die mit 30000 Thalern ausgestattet war'--^). 
Sie erschien besonders wichtig in einer Zeit, wo der Kur- 
fürst auf die Regelung eines einheitlichen Münzsystems 
und die Ausprägung vollwertiger Münzen bedacht war. 
Bei den einzelnen Handelsgeschäften tritt uns die durch 
die verschiedensten unterwertigen Münzen entstandene 
Schwierigkeit lebhaft vor Augen. Nicht selten bestand 
die gezahlte Summe zum allergrölsten Teile aus mindei- 

'■'^) B Tl. 

»■-') B I, 114. Vergl. Falke S. 111. 

'"-•') B II, IfiO B I, 113. 

'23) Loc. 7295. Schreiben so an Clinrfürst August. 1579-83. Bl. 3. 



Hans Haner. 91 

wertigeii Münzen, sogar bei Zahlungen an Geschäfts- 
freunde. 

Einen noch größeren Umfang gewannen die Zah- 
lungen in andere Städte und Länder. Sie waren um 
so häufiger, als gerade damals Sachsen ein industrielles 
Land geworden war, das Getreide, Vieh, Rohmaterialien 
einführte und dafür namentlich die Produkte des Berg- 
baues nach allen Gegenden Deutschlands und darüber 
hinaus verkaufte. Diese Zahlungen wurden entweder in 
barem Gelde geleistet, das wohlverwahrt in Kasten, 
Stöcken oder Laden versandt wurde ''-^), oder in „Wechsel- 
brieflein", die aber in dem Harrerschen Kreise verhält- 
nismälsig selten vorkommen'-'*), oder durch Zahlungsauf- 
träge der Geschäftsfreunde in den verschiedenen Städten, 
das einfachste und billigste Verfahren, wenn Gegen- 
zahlungen zu erwarten standen^-**). 

Dies wai- bei Harrer bezüglich zahlreicher Beamten 
in den einzelnen Städten der Fall. Sie hatten die 
Steuern, Renten und Zinsen alljährlich zur Messe an ihn 
abzuführen. Gab es für ihn eine Zahlung in irgend einer 
Stadt zu leisten, so brauchte er nur einen Schösser'-'), 
Bergbeamten u. s. w. anzuweisen, das Geld voi^läuflg 
auszulegen. Bei der Abrechnung wurde die Summe in 
Anrechnung gebracht. Ebenso hatte er mit dem Rate 
verschiedener Städte zu thun '-^). Auch er wurde ver- 
anlafst, diese oder jene Zahlung zu leisten. Namentlich 
die gröfseren Städte Ereiberg, Chemnitz, Zwickau und 
Leipzig wurden vielfach von ihm in Anspruch genommen. 

Aber dies bezog sich meist nur auf dienstliche 
Zahlungen. Für seine kaufmännischen Angelegenheiten 
hatte er in allen gröfseren Orten, namentlich an den 
bedeutenden Handelsplätzen, seine Vertretei', die wohl 
auch den Namen Faktore führten. In Freiberg ver- 
handelte er z. B. mit Simon Richter, dem er in Aussicht 
stellte, ihn zu seinem Faktor zu machen. Auch mit dem 
Zehntner und Bürgermeister Christoph Prager stand er 
mehrfach in Verbindung'-'*). In Pirna machte Hans 



i2i) C ;^]9b. E I, 14H. :iH: Geld wuhlver wahrt von Hamburg 
zu Schiff bis Torgau, dann zu Wagen nach Leipzig. 

'^■^) E I, 16. Es ist ungewifs, oli man in Frankfurt Wechsel 
auf Hamburg kaufen kann. E II, 66: Wechsel (prima und secunda) 
von Lissabon nach Augsburg und Dresden. 

»■-") B II, 10-;. 127) ^ l^ 14,-; 

1-'*) D III, 10 u. ö. 1-") B I, 16. 41. 



92 Georg Müller: 

Plenz mit ihm Getreide- und Geldgeschäfte '=^'^). In Torgau 
wurde Michael Fuchs ^■'') mit den verschiedenartigsten 
Aufträgen bedacht. Denn wie sich Harrer selbst mit allen 
möglichen Unternehmungen befalste, sofern sie nur Ge- 
winn in Aussicht stellten, so nahm er auch seine Ge- 
schäftsfreunde vielfach in Anspruch. 

Dies zeigt sich namentlich auch bei dem Verhält- 
nisse zu seinen Vertretern in Leipzig. Zahlreiche Ge- 
schäfte hatten hier im Zusammenhang mit dem Zusammen- 
strömen kaufkräftiger Fiemden während der Messen wert- 
volle Beziehungen zu den grölsten Handelsstädten in den 
verschiedenen Gegenden Deutschlands. Bei ihnen fand 
Harrer für seine Aufträge wünschenswerte Unterstützung. 
Jakob Griebe besorgte u. a. Rauchwaren, Seide und 
Kleinodien; Martin Eote handelte mit Tuch, Blei und 
Wolle; Speditionssachen vermittelte das Ratsmitglied 
Hieronymus Brehm; Heinrich Kramer von Claulisbach 
und Kaspar Schelhammer waren in Bergwerksangelegen- 
heiten erfahren; Geldgeschäfte hatte er mit Kaspar 
König und Ludwig Gadt, dessen aufdringliche Gesuche 
von Harrer nicht selten mit kühler Ruhe behandelt und 
abgewiesen wurden. 

Das grölste Vertrauen aber genols bei ihm Hans 
Fuchs d. J. in Leipzig. Er scheint einer angesehenen 
Kaufmannsfamilie zu entstammen; sein Bruder Anton 
besafs ein Geschäft in Hamburg, während Michel Harrers 
Tuchfabrik in Torgau leitete. Er hatte viele Beziehungen 
zum deutschen Norden, weshalb er von seinem Dresdner 
Geschäftsfreunde mit der Besorgung der aus Hamburg 
und der deutschen Ostseeküste entstammenden Waren 
beauftragt wurde. 1572 hatte er eine eigene „Armada" 
unterwegs, die Harrer mit seinen besten Wünschen be- 
gleitete. Da er von Zeit zu Zeit selbst die Hansa- 
städte bereiste, so war er über die Personen und Handels - 
Verhältnisse vortrefflich unterrichtet. Ein wichtiges Privileg 
war ihm vom Kurfürsten in dem Monopol des Sandstein- 
handels zu teil geworden. Harrer und Jenitz unterstützten 
ihn mehrfach in der Erneuerung der Gunstbriefe. Gleich- 
zeitig machte er aber auch grolse Geldgeschäfte und Harrer 
bewies ihm darin grolses Vertrauen, trotzdem dals mehr- 



"0) B. I, 24. 

"') Hier wie bei den folgeiulen Namen verweise icli anf die 
Namen in den Registern zu den einzelnen Kopialbänden. 



Hans Harrer. 93 

fach Mifshelligkeiten vorkamen. So hatte Fuchs dem 
Geschäftsfieuiule eine greise Lieferung Talg verkauft, 
sie aber, als die Ware plötzlich ungewöhnlich hoch im 
Preise stieg, anderweit verhandelt. Er hatte dann die 
Ankunft der Ware mit dem nächsten Schiff in be- 
stimmte Aussicht gestellt, aber auch diesmal nicht Wort 
gehalten. Am wenigsten bewies er sich aber zuver- 
lässig, als der Kammermeister im Auftrage der Kur- 
fürstin ihm zur Verwendung im Geschäfte 30000 Gulden 
übergeben hatte. Zeigte er sich schon im Abzahlen 
der fälligen Zinsen unzuverlässig in einem Grade, dafs 
er seinen Gönner in Verlegenheit brachte, so stellte sich 
schlielslich heraus, dals er das Geld an unsichere Leute 
verliehen hatte. Kulwein und Griebe nahmen sich jetzt 
im Auftrage des Kurfürsten der Angelegenheit an. Hans 
Fuchs und ein ihm zugeordneter Magister zogen nun 
erst in der Leipziger, dann in der Dresdner Pflege herum, 
um die Schulden einzumahnen. Der Erfolg mufs sehr 
gering gewesen sein. Denn nach Harrers Tode wurden 
noch dessen Erben zur Bezahlung der 30000 Gulden an- 
gehalten. Bemerkenswert ist übrigens, mit welcher 
fiuhe und Nachsicht der Kammermeister ihn auch nach 
dem Krache noch behandelt. Er hatte, wie es scheint, 
die Katastrophe kommen sehen, denn bereits drei Jahre 
vorher schrieb er ihm: „Denn Kaufmannschaft zu treiben 
und Landgüter zu besitzen wollen sich mit einem armen 
Gesellen zugleich und miteinander nicht thun lassen, 
sondern es wird eins müssen gethan werden und das 
andere unterwegs bleiben. Aber es wird kein gut Ende 
nehmen. Dafür ich Euch denn treulich gewarnt haben 
will". In den mir zur Verfügung stehenden Briefen ist 
von keinem Gutskaufe, sondern nur von der Erwerbung 
des Schützenhofes in Geyer die Rede^-'^^). Infolge des 
genannten Unfalles schrumpft der Briefwechsel, der früher 
überaus lebhaft gewesen war, aufserordentlich zusammen. 
Besonders zahlreich und vielgestaltig sind Harrers 
Beziehungen zu Hamburg. Wenn diese Hansastadt da- 
mals den deutschen Verkehr mit dem Osten, Norden und 
Westen vermittelte, so war sie, wegen des bequemen 
Wasserweges leicht erreichbar, für den sächsischen Berg- 
bau, Gewerbfleils und Handel bezüglich der Ein- und 
Ausfuhr die wichtigste Stadt des Nordens. Harrers 



132 



) B II, 141. 



94 Georg Müller: 

Haiiptvei'treter war hier Jochem Wichmanii. Er ver- 
mittelt den ganzen Geldverkehr mit dem deutschen Norden. 
Braunschweig, Lüneburg, Mecklenburg und Holstein 
kommen namentlich in Betracht. Fürstliche Personen, 
Beamte und Kaufleute zahlen bei Wichmann ein. Die 
Hauptrolle spielen die Zahlungen an und von Dänemark. 
So hatte der König Friedrich 11. dem Kui lursten August 
die Zinsen für „eine bewulste Geldsumme" zu zahlen. 
Schon einige Wochen vor dem Termine sendet der 
Kammermeister an seinen Hamburger „Faktor" die Quittung 
und erkundigt sich bald darauf dringend, weshalb das 
Geld noch nicht eingelaufen sei. Sächsische Adlige be- 
ziehen vom dänischen Hofe Pensionen oder Geschenke 
und lassen sich den Betrag durch den Kammermeister 
auszahlen, weil sie sicher sind, durch ihn das Geld in 
„Thalern und gangbarer Münze" zu bekommen. Bei 
längerem Ausbleiben der Pensionen muls sich der gute 
Kammermeister und sein Hamburger Geschäftsfreund wohl 
gefallen lassen, dals die fällige Summe mit „Gotteslästern, 
Pochen und Hohnsprechen" gefordert wird. Aulser diesem 
Geldverkehr besorgte Wichmann jahraus, jahrein zahl- 
reiche Einkäufe an Blei, Tuch, Talg, Flachs, (spanischem) 
Boysalz u. s. w. Er meldete, wenn Schiffe aus England 
in Aussicht standen, er unterstützte Harrers Handels- 
diener mit gutem Rate, stand ihnen namentlich mit seiner 
Personalkenntnis durch Empfehlungen an zuverlässige 
Leute zur Seite und schols ihnen das Geld zur Bar- 
zahlung vor, auf die Harrer gerade hier grolsen Wert 
legte. Auch kleinere Aufträge hatte er zu erledigen. 
Wenn der Kurfürst einen guten Trunk spanischen Weins 
oder Madeira haben wollte, wurde Wichmann ersucht, 
ein Fals von 4 oder 5 Eimern, in Planen eingebunden, 
möglichst schnell an Hans Fuchs in Leipzig zu schicken. 
Nebenher verkaufte er wieder die aus Dresden gelieferten 
Waren, z. B. Kupfer und Zinn, wiewohl letzteres 
wegen des niedrigen Preises an diesem Orte von Harrer 
nicht gern in Hamburg auf den Markt gebracht wurde. 
Er vermittelte ferner den Verkehr mit Lissabon, schickte 
Briefe an den kurfürstlichen Arzt Hieronymus Kramer 
dorthin, nahm die von diesem gesandten Waren in Em- 
pfang und sandte sie entweder zu Schiff nach Dresden 
oder auf dem Landwege nach Leipzig. Die gegenseitige 
Abrechnung erfolgte in bestimmten Terminen durch Über- 
sendung des Auszugs, der dann gewissenhaft durchgesehen 



Hans Harrer. 95 

wurde. So meldete Harrer Wichmann am 30. Juni 1576, 
dieser habe einen Posten, den er an Hieronymus Schröter 
in Lüneburg gezahlt habe, nicht in Ansatz gebracht^""'). 
Dals er auch durch Mitteilung von neuen Zeitungen sich 
dem Kurfürsten nützlich erwies, wird mehrfach von 
Harrer anerkennend hervorgehoben. Letzterer konnte wohl 
namentlich in Rücksicht auf diese Thätigkeit seinem 
Freunde am I.August 1574 eine goldene Kette mit dem 
Kontrefekt des Kurfürsten übersenden. 

In Lübeck hatte Harrer Beziehungen zu Anton 
Fuchs und Friedrich Kriebel. Sein eigentlicher Ver- 
treter aber ist Marx Heyne, der u. a. ein lebhaftes Ein- 
und Ausfuhrgeschäft mit Polen betrieb. Er besorgte 
zunächst als Faktor von Hans Fuchs d. J. in Leipzig 
für den Kurfürsten Fischwerk mancherlei Art. Später 
machte er mit Harrer gröfsere Geschäfte. 1573 war er 
selbst in Dresden und kaufte 100 Zentner Zinn, die Hans 
Plenz nach Lübeck bringen sollte. Gleichzeitig übernahm 
er auch den weiteren Vertrieb von Zinn, Alaun, Röte, 
Kupferwerk, Branntwein u. a. m. Zinn hatte hier einen 
höheren Preis als in Hamburg. Ein Jahr später sollte 
ihn Schweicker aufsuchen, um persönlich mit ihm Rück- 
sprache zu nehmen. Nach Sachsen lieferte er Wachs, 
Flachs und Unschlitt. Seit 1576 w^irden auch Geld- 
geschäfte gemacht. 1577 bot Marx Heyne dem Kammer- 
meister an, sich mit ihm und Heinrich Kramer in eine 
Muskowitische Handlung einzulassen, auf die die ur- 
sprünglichen Unternehmer bis gegen 20 000 Gulden auf- 
wenden wollten. Als Gegenleistung für mancherlei 
erwiesene Freundlichkeiten Avar Harrer gern bereit, ihm 
einen Gunstbrief beim Kurfürsten an den König von 
Dänemark auszuwirken. Mit Rücksicht auf diese engen 
Beziehungen lehnte er ein Gesuch Georg Eckarts in 
Lübeck ab, mit ihm in geschäftliche Verbindung zu treten; 
er schrieb ihm, sein Zinn werde ihm in Leipzig gut be- 
zahlt, aufserdem habe er so viel unter der Hand, dafs er 
sich in neue Unternehmen nicht einlassen könne ^^^). 

In Dan zig hatte er geschäftlichen Verkehr mit Hans 
Leytz d. Ä., der umfangreiche Handelsverbindungen bis 
in die Mark und nach Polen hatte '■'"'). Hier trieb er 
namentlich Salzbergbau in Wielicka und Bochna. In 



^^^) E I, 207. Bedenken gegen Wichmanns Zuverlässigkeit, 
"^j E II, 168. '"■') B III, 203. 



96 Georg Müller: 

Stettin wird ein gleichnamiges Geschäft erwälnit, bei 
dem für den Kurfürsten u. a. Gehörn bestellt wurde '"'•). 

Von Antwerpen er Kaufleuten werden Johann van 
Brück und Konrad v. Geilenkirchen erwähnt. Letz- 
terer hatte dem Kurfürsten den Vorschlag zu einem 
Handelsunternehmen unterbreitet, das dieser als unklar 
und unsicher zurückwies. Geschäfte in Lissabon be- 
sorgte Nathanael Jung, der namentlich im Gewürzhandel, 
z. B. bei Gelegenheit der Kramerschen Reise und des 
Rothschen geplanten Pfefferrings mehrfach in Anspruch 
genommen wurde. 

Merkwürdiger Weise finden sich keine Nachrichten 
über einen Handelsverkehr mit Frankreich. Harrer 
scheint ihn im Auge zu haben, wenn er Niklas My in 
Stralsburg^"^"), der dort viel Handel trieb und selbst das 
Land bereiste, um Auskunft ersuchte, ob er nicht Zinn, 
Kupfer und Lasurfarbc verkaufen könne. Zahlreich ist 
der deutsche Westen und Südwesten vertreten. In Mainz 
wendet er sich an Christoph Mühlstetter. Li Augsburg 
besorgt ihm mancherlei, z. B. Citronen, so grolis wie 
Melonen, Hieronymus Frasy. Li Geldgeschäften hat der 
Kammermeister mit Hans Ganger d. Ä., dessen Schwieger- 
sohn ihm 2000 fl. zu lO^o geliehen hat, auch mit Konrad 
Roth zu thun. Besonders zahlreich sind die Briefe, die 
er mit Philipp Stamler wechselt. Dieser scheint etwas 
von der Harrerschen Vielseitigkeit und Geschmeidigkeit 
besessen zu haben, infolge dessen wendete sich dieser in 
allen möglichen Angelegenheiten an seine Geschäftskenntnis 
und versäumte nicht, die Bemühungen des Augsburger 
Geschäftsfreundes dem Kurfürsten zu rühmen, der ihn 
mit einer goldenen Kette und dem Bilde beschenkte. Die 
gleiche Auszeichnung wurde in Nürnberg Leonhard 
Hübner zu teil, der aulser allen nur erdenklichen Be- 
sorgungen in Geldangelegenheiten von dem Kammermeister 
häufig in Anspruch genonnnen wurde. 1574 schickte ei- 
ihm z. B. für 7000 Reichsgulden rheinisches Gold. Auch 
in vertraulichen Dingen wurde bei ihm angefragt. Als 
der Onkel der Kurfürstin, Herzog Johann d. Ä., unter 
dem Namen eines Grafen von Ostfriesland sich in Nürn- 
berg aufgehalten und dann ein Warmbad aufgesucht hatte, 
mulste Hübner Bericht erstatten. Er, wie Mathes Wetzer, 
vermittelte den Verkehr mit Italien, namentlich mit 



'-«) B I. 27. 34. 1") D II, 159. 



Hans Harrer. 97 

Mailand. Übrigens hatte Harrer auch hier direkte Be- 
ziehungen mit Castreno Pollini Alliverti und Antonio de 
Busto, der die Frankfurter Messe besuchte. Welchen 
Wert der Kanimermeister auf Anknüpfung von neuen 
Geschäftsverbindungen legte, sieht man daraus, dais er 
letzteren einlud von Frankfurt nach Dresden zu kommen ; 
er wolle die Kosten decken. In Regensburg ist Harrers 
Vertreter der Bürgermeister Breckendörfer, der den Trans- 
port der Waren nach Wien besorgt. Hier kauft 
Christoph Helfrich Zinn von Harrer, leiht von ihm auch 
Geld, während in Prag Georg Kramer, zeitweise auch 
Ambrosio Spiritello und Albrecht Lotter das Geldgeschäft 
vermitteln. 

Einen besonders lebendigen Verkehr unterhielt Harrer 
jahrelang mit Friedrich Schmidt in Breslau^^^), der 
seit 1573 die Würde eines Ratsherrn bekleidete. Dieser 
hatte im Osten und Südosten bis über die Grenzen Deutsch- 
lands hinaus ein weitverzweigtes Geschäft und besorgte 
die Zahlungen nicht nur in Breslau ^=^") und Schlesien^*"), 
sondern im Osten bis Posen und Polen"^), im Südosten 
bis Böhmen, Mähren ^^-) und Wien ^^•^). Aber auch in 
Thüringen hatte er Beziehungen. Der Kammermeister 
übernahm z. B. von ihm eine Forderung an den Grafen 
Wilhelm von Schwarzburg'**). Die beiden Freunde be- 
trieben die verschiedenartigsten Geschäfte, namentlich in 
Gewährung und Vermittlung von Anleihen, die zum Teil 
bis zu sehr ansehnlichen Summen steigen. 

Aus den zahlreichen und umfangreichen Schreiben 
geht deutlich hervor, auf wie vertrautem Fufse die beiden 
Geschäftsfreunde standen. Dies zeigt sich z. B. bei Ge- 



^*®) Über ältere Handelsbezieliungen Dresdens zu Breslau vergl. 
A. Schultz, Topographie des 14. und 15. Jahrhunderts. Zeitschrift 
d. V. f. Gesch. u. Altert. Schlesiens X (1870), 1, 218. 

"") Z. B. V. Promnitz B II, 27. Rochus von Linar schickt 
seinem Bruder in Breslau Geld. D II, 170. 

"<') Er zahlt 3327., Thaler an einen Bürger in Glatz, Sohn 
des Endres Schwine in Dresden. E I, 211. 

"1) Das von Michael Schönleben in Polen gekaufte Blei Avird 
erst in Breslau bezahlt, weil man fürchtet, ,dafs die Polen, „seltzame 
köpfe", das Blei, wenn es bezahlt wäre, nicht herausgeben würden. 
E I, 207. 

"2) Jörg Dittrich in Olmütz. D III, 73. 

^*^) C 125 wegen eines Handels mit Hirschfellen. — Dem 
Fähnrich Raymund von Bernstein im Lager zu Raab zahlte er im 
September 1575 300 Thaler aus. C 77. 

1") D I, 183. 196. D II, 27. 

Neues Archiv f. S. ü. u. A. XV. 1. 2. 7 



98 Georg Müller: 

legeulieit einer iViileihe des Herzogs Georg von Liegnitz 
und Brieg^^''), bei der Schmidt als Vermittler auftrat^"*"). 
Der Herzog hatte sich an den Kurfürsten August um 
ein Darlehn von 50000 Gulden gewendet. Dieser trug 
Bedenken, darauf einzugehen, erklärte sich aber im ge- 
heimen bereit , das Geld seinem Kammermeister zu 6 ^j^ 
vorzuschieisen , der es dann zu 7 "/„ gegen gute Bürg- 
schaft der Stände und Städte dem Herzog leihen sollte. 
Harrer richtete nun an Schmidt ein Schreiben, das be- 
stimmt war, dem Herzog vorgezeigt zu werden. Hier 
sprach er in seinem und seiner Gesellschafter Namen 
die Bereitwilligkeit aus, das Geld zu den genannten 
Bedingungen vorzuschieisen. Gleichzeitig meldete er ver- 
traulich seinem Geschäftsfreunde, von wem das Geld 
eigentlich stamme. Es war übrigens nicht so leicht wieder 
zu erlangen. Mehrfach mulste der Termin der Rück- 
zahlung hinausgeschoben werden und, als es schlielslich 
eintraf, beklagte sich der Gläubiger, dals nicht weniger 
als 5000 minderwertige Thaler darunter gewesen seien. 
Umgekehrt kam auch Schmidt wieder mit vertraulichen 
Anliegen. Er hatte nämlich dem Kaiser Maximilian II. 
Geld geliehen und hörte, der Kurfürst von Sachsen 
würde diesem eine grölsere Summe vorstrecken '*'). Er 
hoffte bei dieser Gelegenheit zu seinem Gelde zu kommen 
und fragte bei Harrer au. wie weit die Angelegenheit 
gediehen sei. Aber zwei Jahre vergingen, bis dieser am 
9. September 1575 melden konnte, dals die Anleihe 
200000 Gulden betrage; 50000 Gulden würden sofort in 
Dresden, der Rest in nächster Zeit in Regensburg aus- 
gezahlt. Ulm, Augsburg und Nürnberg hätten die Bürg- 
schaft übernehmen müssen. Eigentlich seien Breslau 
und die Sechsstädte dazu ausersehen gewesen; er selbst 
habe dies verhindert und glaube ein Anrecht auf die 
Dankbarkeit Breslaus zu haben, die er entweder in der 
Gestalt einer Tonne Schöps oder in der Beschleunigung 
eines beim Stadtgericht anhängigen Prozesses"**) zu sehen 
wünschte. Er rät seinem Freunde, sich bei dem Kaiser 
dazuzuhalten. Dagegen trägt er Bedenken, in Schmidts 
Auftrage eünen Mahnbrief an den Kaiser zu richten. 



"^) H. Grotefend, Stammtafeln der scliles. Fürsten (2. Aufl.) 
S. 18 No. 6. Anm. S. 55. 

"0) B I, 71 u. ö. vergl. D II, 118 u. ö. E II, 8. 271. 
'*') B I, 114. C 50. 67. 149. E II, 271. 
"*) Er spielte schon zwei .Jahre. C 67. 



Hans Haner. 99 

Er habe dem Kurfürsten versichern müssen, dafs jener 
ihm (dem Kammermeister) nichts schuldig sei. Nach 
einiger Zeit ist Hoifnung vorhanden, daß der Gläubiger 
sein Geld zu Weihnachten zurück erhält. Schlielslich hatte 
es damit noch gute Wege. 

Trotz dieser Freundschaft kamen bisweilen auch 
scharfe Auseinandersetzungen vor. Über die Trautsonsche 
Angelegenheit ist schon oben (S. 73 f.) berichtet worden. Eine 
andere Verstimmung bezog sich auf eine „Partita", die, 
von Schmidt vorgeschlagen, von Harrer abgelehnt worden 
war"^j. Ein Herr von Zobel hatte um Gewährung eines 
größeren Darlehens nachgesucht. Schmidt war dazu 
geneigt und machte dem Kammermeister Vorwürfe, weil 
dieser durch seine Weigerung das Geschäft und den Ge- 
winn vereitelt hatte. Dem gegenüber betonte der An- 
gegriffene die UnZuverlässigkeit des Bittstellers; dieser 
habe schon seine bisherigen Schulden nicht bezahlen 
können; Schmidt müsse ihm vielmehr dankbar sein, dafs 
er ihn vor diesem gefährlichen Geschäft bewahrt habe, 
und dies um so mehr, da die Wahl zum Ratsmitgliede 
ihn vielleicht zur Auflösung des Geschäfts veranlassen 
werde. Er bittet ihn, ihm in diesem Falle den Dienst 
ein halbes Jahr zuvor zu kündigen, damit er sich ander- 
weit umsehen könne. 

Lange Zeit finden sich in den Briefen eingehende 
Nachrichten über den Ankauf eines Vorwerks Böse durch 
die Stadt Wittenberg. Harrer bez. der Kurfürst scheint 
der Verkäufer zu sein. Immer von neuem treten Ver- 
zögerungen in dem Abschlüsse dieses Handels ein, über 
die sich Harrer sehr scharf uM ärgerlich ausspricht ^^°), 

Auch andere Handelsgeschäfte wurden zwischen den 
beiden abgeschlossen. Schmidt verkaufte Harrers Kupfer, 
Zinn, Tuch, Zucker und kaufte polnisches Blei, Unschlitt, 
Talg, Röte, schlesisches Leinen, polnisches Steinsalz und 
Ochsen. Bei Rechtsgeschäften übernahm er die Ver- 
mittlung ^^^). Bei schwierigen Verhandlungen wurde er 
um seinen Rat ersucht ^'^-j. Er berichtete genau über das 



"9) B II, 28. 

ißO) B I, 74 u. ö. 

^^^) Z. B. in dem Prozesse gegen Fenerbach B II, 107 u. ö. C 67. 

i°2) Als der Dresdner Goldschmied Urban Schueeweifs nach 
Breslau reiste, namentlich aber wenn Beamte und Geschäftsleute in 
kurfürstlichen Angelegenheiten nach Breslau und weiter gesandt wurden. 
Für den Fall, dafs er den Hüttenverwalter Michael Schönleben nach 

•7* 



100 Georg Müller: 

Steigen und Fallen der Preise, über Angebot und Nach- 
frage auf dem Ereslauer Markte, der damals eine grolse 
Rolle spielte. Namentlich sandte er auch Zeitungen 
über die polnischen Zustände '•^•^). Harrer dankte ihm 
mehrfach in sehr anerkennenden Worten und verschaffte 
auch ihm die goldne Kette mit dem Bilde des Kur- 
fürsten^''*). 

Wenn er so mit zahlreichen Bankgeschäften in regem 
Verkehre steht, so erscheinen daneben in seinen Büchern 
die verschiedensten Stände, voran zahlreiche fürstliche 
Personen, die nicht selten vom Kurfürsten August und 
der Kurfürstin Anna persönlich an ihn empfohlen wurden. 
Er war der Vermittler ihres Geldverkehrs, wurde aber 
auch gleichzeitig zur Besorgung der verschiedenartigsten 
Angelegenheiten verwendet. Herzog Ulrich von Mecklen- 
burg bestellte bei ihm im Frühling 1573 300 Mühlsteine, 
400 Stämme Holz und 400 Schock Breter und vertraute 
ihm auch sonst eine grolse Anzahl von Besorgungen an^"''^), 
ebenso auch Herzog Hans d. J. von Holstein. Für die 
Kurfürstin von Brandenburg lieferte der Kammermeister 
1570 eine kostbare Haube im Werte von 379 Thaler 6 gr. 
Drei Jahre später erinnerte er an die noch ausstehende 
Bezahlung''^"). Herzog Wilhelm von Braunschweig und 
Lüneburg liefs durch ihn den anteiligen Beitrag für 
das Beichskammergericht zu Speyer in der Höhe von 
825 Gulden'") bezahlen; sein Apotheker, wie mehrere durch 
Dresden reisende Räte erhoben mehrfach Vorschüsse, die 
dann durch Jochem Wichmann in Hamburg ausgeglichen 
wurden. Die Grafen von Schwarzburg wie Fürst Jochem 
Ernst von Anhalt ^■'*^) hatten von Harrer Geld geliehen, der 
Landgraf von Hessen ''*'') schuldete ihm für Lissabon er 
Waren grölsere Summen; auch der Pfalzgraf CaroP"*^) 
entlieh bei ihm eine nicht genannte Summe. Da aber Michel 
Richter, der an dessen Hofe Präzeptor war, von Harrer 
Geld zu bekommen hatte, so zog ihm dieser vielfach des 
Herrn Schuld ab und verwies ihn an die pfalzgräfliche 
Kammer. 



Polen begleitete, sollte er vom Kurfürsten freie Kost und Auslösung 
bekommen. E I, 78. 

133) vergl. oben S. 76 f. 

^^*) Ein Schwager Schmidts war Hans Wolf D II, 27. Auch 
ein Schwiegersohn wird erwähnt ; über seinen Eintritt in kurfürst- 
liche Dienste wird verhandelt. 

i^S) B T, 112. i'^ß) B I, 81. 83. "^^) B II, 160. i^s) ß j^ 26. 
i""^») D I, 147. 243. lö") C 160. 



Hans Haner. 101 

Die verschiedenartigsten Beziehungen unterhielt 
Harrer mit dem sächsischen Adel, der sich entweder 
am kurfürstlichen Hofe befand oder „von Haus aus" 
diente. Ritter wie Edelfrauen machten beim Kammer- 
meister Anleihen oder liefsen sicli ihre wirtschaftlichen 
Bedürfnisse, Tuch, Modewaren u. a. m., von ihm be- 
sorgen. Nicht selten entwickelten sich daraus nähere 
familiäre Beziehungen. Zu den Familienfesten wurde er 
oft zugezogen und, wenn er, wie häufig, wegen Amts- 
geschäften der Einladung nicht folgen konnte, so schickte 
er sehr ansehnliche Geschenke. So lud ihn der Kanzler, 
Hieronymus Kiesewetter, zur Hochzeit seiner ältesten 
Tochter Anna ein, die mit dem Vorwerksverwalter Adam 
von Strogotitz ^*'^) verheiratet gewesen war und sich nach 
einjährigem Witwenstande mit Kaspar Karras zu Goders- 
dorf vermählte ^*^^). 

Zahlreich sind die Briefe, die der Kammermeister 
mit Christoph von Carlowitz wechselte. Er, der unter 
Kurfürst Moritz und August grolses Ansehen genofs, 
hatte der Verwaltung seines Vermögens nicht die gleiche 
Sorgfalt zugewendet oder zuwenden können und stak 
schliefslich mehr oder weniger in Geldschwierigkeiten, 
in denen er sich nicht selten an Harrer wandte. Aus 
den wiederholten dringlichen Gesuchen, auch um verhält- 
nismäfsig kleine Summen, sehen wir, wie nötig er oft 
das Geld brauchte. Harrer hatte von ihm Hermsdorf 
gepachtet, kaufte ihm auch in kurfürstlichem Auftrage 
oder für eigenen Bedarf manche Erzeugnisse des Berg- 
baues „ab ^'^■^). 

t iber die finanzielle Lage des Adels und der Beamten 
damaliger Zeit finden sich in den Briefen zahlreiche 
Nachrichten'*^*); auch über andere Seiten, z. B. über die 
Studien der jungen Edelleute in Italien, da Harrer 



^•'^) Vergl. seine Bestallung vom 1. Mai 1569 im Kop. 348 b. 
Bl. 4. 14. — Schreiben an ihn befinden sich im Kop. 356 a hinter 
Bl. 82 sub A. V. Str. 

^^-) Hierdurch wird ergänzt die Notiz bei Seidemann, Esch- 
dorf und Dittersbach (Dresden 1840) S. 71. 

^«3) B I, 20. B II, 54. 60. 67 ff. B III, 48. 132. 162. D I, 136. 
209. D II, 14. 198. 

*^) Als Beispiel dafür, wie zahlreiche Namen vorkommen, 
führe ich eine Reihe von Mitgliedern der Familie von Carlowitz an : 
Christoph v. C. auf Rotenhaus, Christoph v. C. auf Ernburg, Hans 
V. C. zu Zuschendorf, Job v. C. zu Karsdorf, Melchior v. C. zu 
Wehleu, Oswald v. C, Rudolf v. C, Wilhelm v. C. zu Kreischa. 



ö 



102 Georg Müller: 

ihnen den Wechsel vermittelte. Dr. Geoig- Krakaus 
Sohn Paul in Bologna erhielt tür den Monat 8 Kronen. 
Als er viel mehr brauchte, sprach ihm der Vater zunächst 
sein Milsfallen aus ; würde er sich nicht einschränken, so 
sollte er nach dem augenscheinlich billigeren Padua über- 
gehen oder nach Deutschland zurückkehren '^■''). Sebastian 
Wallwitz, der Sohn des durch seine Verteidigung Leip- 
zigs 1547 berühmt gewordenen gleichnamigen Vaters, 
trat 1579 eine Reise nach Italien an. In Venedig 
wurden ihm 500 Gulden (zu 60 Kr.) ausgezahlt. Außer- 
dem stellte Harrer seinem Vertreter frei, dem jungen 
Edelmann auf seinen Wunsch noch 200 Kronen mehr zu 
geben ^*^'^). 

Über Sachsen hinaus hatte Harrer zahlreiche Ver- 
bindungen mit dem Adel. Einige Beispiele seien erwähnt. 
Zu den hervorragendsten Vertretern des schlesischen Adels 
gehörte der Ritter Fabian von Schönaich, bekannt als 
Eeldhauptmann, auch in kurfürstlichen Diensten ^'''^). Für 
seine Familie hat er grofse Bedeutung als der eigent- 
liche Begründer der Standesherrschaft Carolath-Beuthen. 
Er hatte diese Stiftung durch ein ausgebreitetes Finanz- 
system ermöglicht, das ihn auch mit dem kurfürstlichen 
Kammermeister mehrfach in geschäftliche Verbindung 
brachte. Dieser zahlte ihm seinen Gehalt, er verhandelte 
mit ihm wegen eines vom Kurfürsten gewährten Vor- 
schusses von 13 000 Thalern, dessen Wiedererstattung 
nicht ohne Schwierigkeiten zu erreichen war. Mehrfach 
mufste Harrer an ihn schreiben, ihn an den Verfall des 
Termins erinnern, den ausdrücklichen Befehl des Kur- 
fürsten zur Einziehung der Summe melden. Schliefslich 
erfolgte die Bezahlung unter Vermittlung des Dresdner 
Rats, der aber Schwierigkeiten machte. Harrer konnte 
trotz seiner Freundschaft für Schönaich nicht umhin, 
jenes Bedenken zu teilen ^'**^). Daneben hatte Harrer 
Privatforderungen, die erst nach mehrfacher Mahnung 
beglichen wurden'**^). Nichts destoweniger knüpfte er 



1«^) B I, 19. B III, 11. 20. 
1'^) E II, 213. 



167) Vergl. AUg.D. Biogr. 32, 249-253. — Chrn. Dav. Kl opsch, 
Geschichte des Geschlechts von Schönaich (Glogau 1847—56). 4 Hefte. 
»0^) 1) II, 264 u. bereits vorher öfter. 



11 



'«») Ira Jabre 1572 und 1573 bandelte es sich um 1496 fl. 9 gr. 
Pf. ß 1, 37. 75. 110. 



Hans Hairer. 103 

mit dem Säumigen neue Geschäftsverbindungen an, z. B. 
bezüglich der Lieferung von Alaun ^'*'). 

Auch mit Fabian von Schönaichs zweiter Gemahlin, 
Euphemia geb. Seidlitz"^), finden wir ihn in Brief- 
wechsel. Sie wendete sich z. B. im Jahre 1576 an den 
Kammermeister mit der Bitte, von der kurfürstlichen 
Begnadigung ihres Mannes dem Dresdner Goldarbeiter 
Urban Schneeweis 500 Thaler zu bezahlen^'-). Harrer 
kam in diesem Falle ihrem Wunsche nicht nach, weil er 
das fällige Geld bereits zur Begleichung der eigenen 
Forderung erhoben hatte. Wegen augenblicklicher Geld- 
knappheit, die überhaupt in solchen Fällen gern als Be- 
gründung der Ablehnung dient, könne er auch das Geld 
nicht vorschielsen. 

Hans Georg von Schönaich, der Sohn von Fabians 
früh gestorbenem Zwillingsbruder Stephan, wird eben- 
falls in Harrers Briefen erwähnt. Nach Erlangung 
seiner Mündigkeit hatte er den Kechtsweg betreten müssen, 
um sein stattliches väterliches Erbe, das bisher der Onkel 
ohne rechte Scheidung mit seinen eigenen Besitzungen 
verwaltet hatte, heraus zu bekommen. Er hatte vom 
Kurfürsten August, an dessen Hof er lange Zeit war, am 
18. November 1571 die Summe von 2000 Thaler zu 6 "/„ 
vorgestreckt erhalten. Mehrfache Mahnungen waren 
nötig, ehe die Summe, die unterdes zwei kurfürstlichen 
Lakaien als Gnadengeld überwiesen worden war, den 
sehnsüchtig Harrenden ausgezahlt werden konnte"-^). 
Auch mit ihm leitete Harrer Verhandlungen Avegen Alaun 
ein, wies aber das Angebot wegen zu hohen Preises ab ^'•^). 

Von böhmischen Adelsfamilienseiendie von Schi ei- 
nitz genannt. Sie besalsen größere Herrschaften in und 
um Rumburg (damals Ronneburg) und Tollenstein, hatten 
aber mit grofsen Finanzschwierigkeiten zu kämpfen ^'''^). 



1™) B I, 110. Schreiben vom 15. März 1573. 

"0 Vergl. Allg. D. Biogr. XXXII, 251. 

^■^2) C I, 190. Er erinnert zugleich an die Rücksendung des 
Reverses seiten des Ritters. 

"3) B II, 135. B III, 72. 191 u. ö. Wie eingehend Barrer 
über die Familienangelegenheiten, finanziellen Verhältnisse u. s. w. 
unterrichtet war, geht aus einzelnen Bemerkungen hervor. Er deutet 
die Schmeriirkeiten in den Briefen mehr oder minder zart an. 

"') B II, 161. 

^''•'') H. Knothe, Das Schleinitzer Ländchen im „Neuen Lau- 
sitzer Magazin" XXXIX (1862), bes. S. 411. 414. Vergl. auch den 
Stammbaum S. 417. 



104 Georg- Müller: 

Selbst Christoph von Schleinitz, der den Familienbesitz 
znm gTofsen Teile übernahm und mit grolser Thatkraft 
zu halten und zu heben suchte, sah sich nach einem ver- 
geblichen, mühevollen Ringen von mehr als einem Jahr- 
zehnt gezwungen, seine Besitzungen zu verkaufen. Gerade 
mit diesem edlen und thätigen Manne sehen wir Harrer 
mehrfach in geschäftlicher Verbindung. So ersuchte ihn 
Christoph von Schleinitz im September 1572 um Aus- 
wechslung von 2 bis 3000 Gulden kleiner böhmischer 
Münze gegen Thaler. Das Gesuch wurde für diesmal 
abgelehnt, da der Kammermeister augenblicklich in Prag, 
Görlitz und Bautzen, wo er böhmisches Geld verwenden 
konnte, keine Zahlungen zu leisten hatte. Auf ein er- 
neutes Schreiben sandte er ihm 1000 Thaler, war auch 
bereit, ihm und seinen Brüdern mehr Geld zu ver- 
schaffen"*'). Die Rückzahlung der Summe sollte in 
Leipzig während der Zahlwoche der Michaelismesse er- 
folgen. Auch andere angesehene Glieder der Familie, 
z. B. der Landeshauptmann der Lausitz zu Bautzen, 
standen bei dem Kammermeister zu Buche"'). Von 
böhmischen Familien seien noch die Schönberge erwähnt, 
z. B. Caspar von Schönberg zu Teplitz, bei dem er sich 
schwer über die Versäumnis des Termins beklagt und 
mit Klage beim Kaiser droht "^). 

Am anhaltischen, hessischen, mecklenburgischen und 
dänischen Hofe benutzten zahlreiche Beamte Harrer als 
Vermittler bei ihren Geldangelegenheiten. 

Dals ein so unternehmender Mann sich auch mit 
dem Bergbau versuchte, wird uns nicht wundernehmen. 
Waren doch auf diesem Gebiete in Sachsen innerhalb 
der letzten hundert Jahre zahlreiche grolse Vermögen 
gewonnen Avorden"^). Auch die kurfürstlichen Gruben 
und Hütten brachten reichen Ertrag ^^'^) und wurden noch 



"«) B I, 13. 16. 

^") Er bat für Caspar Km-ggraf zu Dolina um Vorstreckung 
von 12000 Thalern. Harrer konnte sie nicht bewilligen, weil er sich 
in den Spezereihandel eingelassen hatte und selbst Geld brauchte. 
E II, 159 f. 

i^**) D III, 157. Über Hans und Christoph Schaffgotsch vergl. 
Anm. 200. 

1™) Falke S. lOf. 

''^) Zum Quartal Crucis 1572 erwartet Harrer von der Frei- 
berger Hütte einen Ertrag von 20000 fl. B I, 1. Vergl. auch die 
Zusammenstellungen bei Falke !S. 343. Anm. 27. 



Hans Harrer. 105 

möglichst vermehrt ^^'). Ein drohender Mifserfolg konnte 
kaum schrecken, wenn jemand so mit den Verhältnissen 
vertraut war, wie der in alle Geheimnisse, Versuche, 
Aussichten, Pläne und Rechnungen eingeweihte kurfürst- 
liche Kammermeister. 

In Altenberg, wo damals der Bergbau blühte, be- 
gann er mit dem Münzmeister Hans Biener^^"^) im August 
1572 ^^^) als Teilhaber der Gewerkschaft „des tiefen 
Stollens" ''^^) auf Zinn zu bauen. Er besafs ursprünglich 
-/32, im September handelte er noch um 732 "^^^ that 
sich später noch nach mehr Anteilen um^*'^). Ob es ihm 
gelungen ist, einen grölseren Teil zu erwerben, ist nicht 
klar. Jedenfalls spielte er bei der Verwaltung wegen 
der Kenntnis der Verhältnisse eine grofse Rolle '^*'). 
Wegen der Mühle und des Pochwerkes finden wir ihn 
mit Adrian von Hilst und seiner Gesellschaft in Ver- 
handlung'^'). Von Zeit zu Zeit war er und der Münz- 
meister tagelang in Altenberg damit beschäftigt, den 
Betrieb zu mustern und Abrechnung zu halten ^^^). Die 
Lohnregister mulsten ihm regelmälsig zur Prüfung zu- 
geschickt werden'^-'). Außerdem war man auf die 
Heranziehung tüchtiger Beamten bedacht. Erwähnt wird 
u. a. ein Schichtmeister Paul Kraft'''"). Im Frühling 
1574 trat Merten Schade an, der bis dahin auf dem 
Bergwerke Hieronymus Lotters auf dem Geyei' beschäftigt 
gewesen war. Aus dem wiederholten Ausdruck des 
Dankes für die Überlassung dieses Beamten sieht man, 
welchen. Wert Harrer auf seine Gewinnung legte'^'). Die 
Versorgung mit Holz für die Bedürfnisse des Bergbaus 
war eine wichtige Angelegenheit. So bot der Bautzner 
Hofrichter Georg von Berbisdorf der Gewerkschaft ein 
Stück Wald in dem böhmischen Gebirge nahe bei Alten- 



isi) 1574 kauft der Kurfürst V32 in Freiberg B III, 61. 

^^2) Auch der Kammersekretär Hans Jenitz und Simon Richter 
in Freiherg waren beteiligt B I, 14. 

''*") C 7, wo aus §iner späteren Abrechnung sich die Zeit ergiebt. 

1**) B I, 38. i^'^j B I, 13. 16. 

isoj j]j. ^qJ (jer Münzmeister die gröfsten Gewerken in Alten- 
berg B III, 142. 

^*'') B I, 89. Ist dies vielleicht die alte Zinngesellschaft, die 
1574 im Gegensatz zur neuen genannt wird? B III, 43. 

i'*ä) Sie wird bisweilen auch in Dresden gehalten, z. B. B I, 38. 

'**') Über Lohnverhältnisse finden sich manche Andeutungen, 
z. B. E I, 264. 

i*'j B I, 38. 1^1) B III, 6. 56. 105. 



106 Georg Müller: 

berg an. Bisweilen erbat man sich auch eine Unter- 
stützung aus den kurfürstlichen Waldungen. Das er- 
beutete Zinn wurde entweder auf den Messen zu Leipzig"'-) 
und Frankfurt, oder in Breslau ^"■^), Wien^^*), Hamburg 
und Lübeck '«-^j verkauft 1573 galt das Fäfslein M'/^ fl.'"«). 
Wiewohl Harrer seinen Geschäftsfreunden gegenüber die 
Notwendigkeit der sofortigen baren Zahlung betonte, so 
mufste er sich doch oft zu Gewährung bequemer späterer 
Zahlungsfristen herbeilassen, oder die Waren gegen Talg 
und Tuch'"^) verhandeln. 

Weniger Erfolg als hier hatte Harrer mit der Be- 
teiligung am Zinnbergbau in Böhmen. 1575 hatte er 
seinen Mitgewerken Christoph Gössel und seinen Diener 
Michel Heidenreich dorthin geschickt und die Nachricht 
erhalten, dafs Hans Schaffgotsch auf Kynast und Greiffen- 
stein auf seinen Besitzungen Kupfer, Zinn und andere 
Metalle habe'"^). Er trat mit ihm in Unterhandlung, 
und einige Zeit später werden Bergwerke auf dem 
Hundsrück und auf dem Gyren oder Gordon erwähnt, 
an denen der Kammermeister und der Münzmeister be- 
teiligt w^aren. Die Ausbeute an Zinn sollte in Breslau 
verkauft werden, erwies sich aber als minderwertig '^'•). 
Man schrieb den mangelhaften Erfolg der Unerfahren- 
heit des Schmelzers zu und Schaffgotsch wurde veran- 
lafst, auf die Gewinnung eines bessern bedacht zu sein. 
Kurz darauf kam Harrer in Verdacht, in Verkaufsver- 
handlungen zu stehen. Er leugnete dies und erklärte, 
sein Diener habe blols die Görlitzischen und Schweidnitzer 
Mitgewerken um den Wert befragt -''"). Wir erfahren 
nur wenig über das Unternehmen. 

Auch in Freiberg besafs Harrer Kuxe. 1575 hatte 
er z. B. mit Abraham Bürger einen Kontrakt gemacht, 
gemeinsam zu bauen '-°^). 

Sein umfangreichster und wertvollster Besitz war 
der Anteil an dem Kupferbergwerk in Mansfeld. 

^^-) Hier war es sehr gesucht. Hauptkäufer war z. B. die 
Knimerische Gesellschaft. C 14.'i. B I, 91. 1579 war das Zinn hier 
teurer als in Hamburg E II, 35. 

1'«) B I, 52. '"^) B I, 117. ''■"') B II, 142. '"«) E I, 27. 

1»^) Z. B. in Hamburg und Lübeck. B II, 67. B III, 74 

18«) C IHH. D II, 132. '0") D 1, 183. 193. 

-'**') D II, 132. Hier gewährt er Hans Schaffgotsch das Vor- 
kaufsrecht. Ein ('hristopli Schaffgotsch in Schlesien steht mit Harrer 
in geschaftliclicr Verljimlung. D III, 1.5H. 



Hans Harr er. 107 

Da er gerade mit den kurfürstlichen Hütten, z. B. der 
zu Grüntbal, viel zu thun gehabt hatte, so war er mit 
diesem neuen Geschäftszweig besonders vertraut, Im 
November 1576 kaufte er von dem Grafen von Mansfeld, 
mit dem er schon lange in Verbindung stand-''-), ein 
Fünftel des Bergwerks für 100000 Gulden, die in zwei 
Raten auf der Neujahrs- und Ostermesse des folgenden 
Jahres erlegt wurden. Die Beschaffung dieser Summe 
veranlalste ihn zu mehifachen, kräftigen Mahnungen 
seiner Schuldner. Namentlich die Seigerung auf den 
Hütten zu Luderstadt und Wernigerode -''") erforderte 
seine ganze Aufmerksamkeit. Er mulste dazu grofse 
Posten Blei schaffen. Der jährliche Bedarf betrug un- 
gefähr 1000 Zentner-"*). Ursprünglich wurde ausschliels- 
lich englisches Blei in Hamburg gekauft; das Schiffs- 
pfund zu 11 bis 12 Mark-*'-'^). Als dieses aber im Preise 
stieg, sah man sich nach rheinischem, goslarischem, 
pfälzischem und westfälischem Blei-*"') um. Da auch 
diese Sorten immer noch zu hoch zu stehen kamen, 
falste man polnisches Blei ins Auge, das freilich durch den 
langen Landtransport teuerer wurde. Schmidt in Breslau 
wurde deshalb angewiesen, recht vorsichtig vorzugehen, 
damit durch die plötzliche starke Nachfrage der Preis 
auch hier nicht in die Höhe schnelle -"'). Von Wichtig- 
keit war ein lohnender Verkauf, der durch ein kurfürst- 
liches Privilegium vom Jahre 1579 geschützt wurde-"^). 
Das Kupfer wurde in Form von Kugeln, Halbkugeln, 
Dachblech und Pfannblech in den Handel gebracht -''•'). 
Man ahmte darin englische Muster nach. Harrer 
schickte ein Mal geradezu englische Halbkugeln nach 
der Grünthaler Hütte mit der Weisung, sich im Formen 



202) z. B. B I, 102. 

203) D II, 27. 156. l&I. 224. 228. 

20*) D II, 27. Doch werden oft aug-enscheinlich noch gröfsere 
Mengen gekauft. 1500 Zentner werden auf einen Posten in Breslau 
gekauft. D III, 101. 

205) D II, 69. 135. 215. D III, 42. 200 u. ö. 

206) D III, 10. I) II, 55. 

20') C 226. D II, 227. Die Kraraerische Gesellschaft kaufte 
gleichzeitig grofse Posten auf, z. B. durch Merten Lochner 
2000 Zentner. Michel Schönleben kauft in Tarnowitz ein. E I, 71. 79. 

20S) E. II, 3. 

20») B I, 7. Runde und vierkantige Platten werden E II, 164 
erwähnt. 



108 Georg Müller. 

des Kupfers darnach zu richten-'"). Denn wenn auch 
kleinere Posten in Freiberg, Dresden und Leipzig an 
einheimische Kupferschmiede verkauft wurden, so mulste 
man doch in der Hauptsache auf die Ausfuhr rechnen. 
Wegen der Wasserverbindung war Hamburg Hauptplatz, 
aber auch in Breslau wurde viel verarbeitet. Natürlich 
war der Preis vielfachen Schwankungen unterworfen. 
Als er auf der Frankfurter Messe 1577 sehr herunter- 
gegangen war, schrieb man dies in Dresden dem Übel- 
wollen der Nürnberger Händler zu-"). Im Jahre 1579 
ging der Verkauf des Kupfers aus den kurfürstlichen 
Hütten in Harrers Hände über-"*). 

Seit 1568 hatte er auch ein Alaun werk bei Burk 
im Betriebe, auf das er über 7000 Gulden verwendete-'-). 
Auch von einem solchen in Düben ist die Rede-^''). 
Aulserdem wurden noch bedeutende Posten gekauft, z. B. 
1572 bei Christoph von Carlo witz aufser den bestellten 
140 noch 200 Zentner. Als Hans Georg von Schönaich 
im Jahre darauf für den Zentner 5 Thaler verlangte, 
fand Harrer den Preis zu hoch, da er in Leipzig nur 
5 Gulden zahle "i^). 

Behufs Herstellung von Messing kam im Dezember 
1572 die Errichtung einer Hütte in Frage. Die An- 
regung ging von dem Bergwerksverwalter Martin Planer 
in Freiberg aus. Dieser empfahl Matthes Hoifner zu 
einer Reise durchs Erzgebirge behufs Aufsuchung von 
Galmey. Harrer erstattete darüber dem Kurfürsten und 
Hans Jenitz Bericht, legte auch die bei Wolkenstein 
gefundenen Proben bei, riet aber für seine Person wegen 
der hohen Kosten von der Errichtung der Messinghütte 
ab, ehe man über die preiswerte Beschaffung von Galmey 
genau unterrichtet sei. Schlielslich wurde wenigstens 
für den Winter von der Verfolgung des Gedankens ab- 
gesehen-'"'). 

Mit der Bereitung von Farben waren die Hütten 
in Schneeberg und Annaberg-'^) beschäftigt. 1575 hatte 
Harrer mit Hans Jenitz ein kurfürstliches Privileg auf 10 



^'^) B I, 3, Später ist auch von seinem „Handelszeichen" die 
Rede. E II, 10. 

2") DU, ;i24. 

211*) j] 11^ ](i4.. Dieses war bisher nach Nürnberg verkauft 
worden. Er denkt an Ausfuhr nach Portugal. 

2'^) FalkeS^U. ^is) d 11, 160. su) jj n, Ifil. ^is) b I, 52. 56. 

2'") E 11, 95 f. 



Hans Harrer. 109 

Jahre erhalten, das 1578 bestätigt-") wurde. 1579 erklärte 
er, er besitze es noch 7 Jahre, dann hoffe er auf eine 
Verlängerung von weiteren sieben Jahren. Safflor- und 
Lasurfarbe wird häufig erwähnt. 1579 bot Harrer Proben 
in Breslau an-'^), schickte auch solche nach Antwerpen-'-') 
und Lissabon und fragte bei Konrad Roth an, wo für 
diese Waren voraussichtlich am meisten Nachfrage sein 
würde. Selbst nach Italien suchte er sie zu verhandeln--^). 
Ab Dresden verlangte er für den Zentner 5 Gulden; 
6000 Zentner konnte er sofort, grölsere Posten in kurzer 
Zeit liefern '--'J. 

Auch der Herstellung von Papier hat sich Harrer 
nebenbei zugewandt. Li Hermsdorf hatte er eine Fabrik 
übernommen, die bereits vor 1557 gegründet worden 
war--'-;. Während ursprünglich die italienischen Er- 
zeugnisse den deutschen Markt beherrschten ^-■'), ent- 
standen im 16. Jahrhundert eine Reihe von Fabriken, 
auch in Sachsen'--^). Lange war es ein nutzbringender Ge- 
schäftszweig. Jetzt waren aber die Preise wegen des 
reichen Angebots gedrückt, und mit Sorge sahen die Be- 
sitzer der bisherigen Fabriken neue Unternehmungen 
aufkommen--'). Ein interessanter Beleg dafür ist uns 
in einem Briefe Harrers an Jenitz erhalten--*'). Dieser 
hatte 1574 die Absicht, in Böhmen eine Papierfabrik zu 
gründen, und erkundigte sich bei seinem Freunde nach 
den Kosten, dem technischen Betrieb und den nötigen 
Hilfsmitteln. Li einem längeren Schreiben vom 17. Juni 
1574 antwortete ihm Harrer. Er schickte ihm die letzte 
Abrechnung seines Hermsdorfer Befehlshabers. Aus ihr 
sollte Jenitz ersehen, was für einen Ballen oder Ries 
bezahlt wurde. Der Papiermacher wurde also auf Akkord- 



21') Falke S. 217. ^is) E I, 46. 2.56. ^lo^ g n, 111. 

22") E II, 269. 22.) E 11^ 95 

222) Dresdner Ratsarchiv. A IX 18 c. Kop. Bl. 2. 

223) E. Kirchner, Die Papiere des 14. Jahrhunderts im Stadt- 
archiv zu Frankfurt a. M. (Frankfurt a. M. 1893.) Strafsburger 
Mittel-Kronen-Papier von Xicolaus Düncker und Söhne erwähnt 
Archiv f. Gesch. des deutschen Buchhandels XVI, 350 Anm. 40, 
vergl. die Rechnung Anm. 43. 

22^) V. Webers Archiv f. d. sächs. Gesch. I, 329. Besonders an- 
gesehen war die Schafhirtsche Fabrik in Freiberg. Vergl. das in 
Anm. 222 genannte Aktenstück Bl. 1. 

225) Vergl. z. B. den Widerspruch gegen ein Unternehmen des 
Dresdner Bürgers Georg Schwarz im Amt Pirna. Ebenda Bl. 1. 

228) B III, 146 f. Vergl. C 184. 



110 Creorg Müller: 

Sätze gelohnt. Über die technischen Fragen konnte der 
Schreiber keine Anskunlt erteilen, erklärte sich aber 
bereit, von seinem Befehlshaber Bericht einzufordern und 
diesen Jenitz zuzustellen. Gleichzeitig teilte er ihm mit, 
dals die Freiberger Papiermühle eine andere Art der 
Zubereitung habe. Der Freiberger Hüttenverwalter 
Michel Schönleben werde am besten Auskunft geben 
können; dieser besitze Vr, von der Fabrik. Er selbst könne 
nicht von der Neugründung abraten, auch wenn Herras- 
dorf sein eigen Erb und Gut wäre. Er fügt hinzu, dafs 
es notwendig sei, sich genügend mit Lumpen und den 
anderen Hilfsmitteln zu versehen, z. B. Schaf fülsen, 
Leim, Formen, Falzhölzern u. s. w., damit der Betrieb 
durch eintretenden Mangel nicht gestört würde. Er fügt 
noch eins hinzu, was ihm jedenfalls sehr am Herzen 
lag : die Lumpensammler hätten bereits erzählt, die neue 
Fabrik zahle für den Zentner einige Pfennige mehr. Er 
könne nicht glauben, dals sein Freund eine Preissteigerung 
herbeiführen wolle. Denn ein solcher Vorgang würde 
nur den Erfolg haben, dafe man überall den gleichen 
Preis oder noch mehr zahle. Dadurch würde das Papier 
nur teurer und infolgedessen den Kanzleien grölsere 
Sparsamkeit anempfohlen werden ; faule Schreiber würden 
damit ihre Trägheit entschuldigen. Aufser dem Ankauf 
der Lumpen wird mehrfach der von Schaffülsen erwähnt. 
Sie wurden von den Fleischern der umliegenden Städte 
bezogen. Da diese aber nicht genug liefern konnten, 
wurde z. B. Hans Fuchs in Leipzig mit der Besorgung 
beauftragt^'"). 

Während von diesem Unternehmen in den Briefen 
sehr wenig die Rede ist, wird ein anderes sehr häufig er- 
wähnt, eine Samt- und Seidenfabrik in Meilseu"^). 
Bei dem grofsen Bedarfe, den der Hof an diesen Stoifen 
hatte, wird uns der Versuch, sie im Lande herstellen zu 
lassen, begreiflich erscheinen. Der Kurfürst hatte dazu 
Geld bewilligt und auf dem Meiisner Schlosse die nötigen 
Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. Auch Harrer 
scheint mit einem Kapitale dabei beteiligt^-*), wiewohl 
die Erben dies, freilich mehr als zwei Jahrzehnte später, 
in Abrede stellten--^"). Jedenfalls hatte er mit diesem 

22') B I, 96. C 251 u. ö. 

228) Hierdurch wird ergänzt Falke S. 34«. 

220) B I, 45. 

23") Loc. 7308. Cammersachen 1598. III, Bl. 64b. 



Hans Harrer. 111 

Unternehmen, dessen Oberaufsicht er führte, sehr viel 
Verdrielslichkeiten der verschiedensten Art. 

Ums Jahr 1572 wurde der Betrieb begonnen. Die 
Leitung hatten Italiener. Das Seidengeschäft führte 
Ambrosio Spiritello--^^), an dessen Stelle 1574 Ludovicus 
de Vitallibus (Vitallius) trat. Er wird auch der „Faktor 
des Samtmachers" genannt. Er bekam 4 Thaler Wochen- 
lohn. Der Samtfabrikation stand Meister Jakobus Donis 
vor, der bereits in Zürich und an anderen Orten ähn- 
liche Unternehmungen geleitet hatte. Er bezog keinen 
Gehalt, sondern wurde für sich und die Ihm unterstehen- 
den Gesellen nach der Zahl der Ellen der gelieferten 
Ware bezahlt, bekam aber vom Kammermeister Vor- 
schüsse, deren Höhe und Häufigkeit letzteren nicht selten 
in helle Verzweiflung brachte, namentlich da die er- 
sehnte kostbare Ware lange auf sich warten liels und 
die Abrechnung nie ohne vorhergegangene mehrfache 
Mahnung erfolgte. Der Jahresabschluß fand um Michae- 
lis statt. 

Die Besorgung des Rohmaterials fiel Harrer zu. 
Im Mai 1573 bezog er von Laux Torisan in Florenz 
für 1000 Kronen rohe Seide. Am 15. Juni 1574 bestellte 
er bei seinem Freunde Castreno Pollino Aliverti in Mai- 
land ebenfalls für 1000 Kronen „gute, rohe, ungefärbte 
Seide, die noch nicht am Gerede gewesen". Leonhard 
Hübner in Nürnberg übernahm den Transport nach 
Sachsen. Das Geld sollte in Leipzig in guten sächsischen 
Thalern bezahlt werden--^-). Anfänglich fiel die Ware 
nicht nach Wunsch aus. Als im September 1572 ^■^■^) 
zwei Stücke Seidenatlas und ein Stück Damaschken ge- 
liefert worden war, fand Harrer die Ware in dem 
Boden „grob und bodenscheinig", vermifste auch den rechten 
Glanz. Er spornte daher den Meister zu grölserer Sorg- 
falt an, damit die Ware als „gutes Kaufmannsgut" ver- 
trieben werden und er damit bestt^hen könne. Und als der 
Tischler einen Monat später eine Quittung über gelieferte 
Schränke und Möbeln für die Samtmacher einsandte, 
trug Harrer Bedenken, das Geld ohne kurfürstliche Ge- 
nehmigung auszuzahlen, mit der Begründung, dals das 
Geschäft schlecht ginge ^•^*). Später scheinen die Liefe- 



2") Er war später in Prag B I, 107. 126. Seine Frau scheint 
zunächst noch in Meifsen gebliehen zu sein. B II, 6. 

232) B III, Ul. 233) B I, 19. 234) ß J 39 



112 Georg Müller: 

ruiigen den Anforderungen der Kurfürstin genügt zu 
haben. Als ihr im Dezember 1575 zwei Proben vorge- 
legt wurden, entsprach die eine ihrem Geschmack und 
wurde in grölserer Menge angefertigt -•^■^). Doch wurde 
auch noch später von auswärts Samt bezogen, z. B. 
durch Hans Fuchs in Leipzig 10 Ellen schöner, lichter, 
himmelblauer Samt--''') u. s. w. 

In den folgenden Jahren scheint das Geschäft zur 
Zufriedenheit des Unternehmers gegangen zu sein. Da 
erfüllte ihn die grobe Zuchtlosigkeit der Gesellen und 
Auflehnung gegen ihren Meister mit grolsem Unwillen. 
Schon früher hatte Donis mit Vitallius und seinen Leuten 
wegen Lieferung desFeuerungsmaterials'-^") einen scharfen 
Streit gehabt. Letztere hatten damals die Arbeit ein- 
gestellt und sich persönlich bei Harrer beschwert. Dieser 
verwies den Samtmacher auf seine Verpflichtung, die 
Heizung zu liefern, erklärte aber im übrigen, er würde 
keinen halten, der gehen wolle, er werde schon andere 
Leute zu finden wissen-"^). Als er aber 1579 von der 
Leipziger Neujahrsmesse nach Dresden zurückkehrte, 
hörte er von einem neuen, schweren Tumulte. Ohne sich 
mit ihm in Einvernehmen zu setzen, was Harrer sehr 
übel vermerkte, hatte sich der Meilsner Schösser, Nikolaus 
Hain, klagend an die Dresdner ßäte gewandt. In scharfem 
Tone schrieb jetzt der Kammermeister an die Samt- 
macher. Er fand es unverantwortlich, dals der Meister 
und sein „Gesindlein" „ungeachtet der churfürstlichen 
Freiheit und Burgfriedens des Ortes" in dem fürstlichen 
Hause schweren Unfug mit Schelten, Schlagen, Werfen 
und Stechen getrieben, die Schlösser an den Thüren 
abgebrochen, Thüren und Öfen zertrümmert hätten. Die 
Übelthäter wurden zur Verhandlung., und gebührenden 
Strafe nach Dresden geladen-""*). Über den Verlauf 
dieser Angelegenheit und den weiteren Gang des Ge- 
schäftes stehen mir keine Nachrichten zur Verfügung. 

Ganz auf eigene Kosten betrieb Harrer in Torgau 
eine Tuchfärberei und Bereiterei, Dieses Geschäft 
ist insofern von Wichtigkeit, als es ein Beispiel des Ver- 
edelungsverkehrs ist, der eine Reihe von Jahren schwung- 



235) C 174 230) D 11^ 85_ 

2'^'') Baumöl zur Beleuchtung wurde aus Leipzig bezogen. B I, 8. 
238) B III, 239. Über einen anderen Streit vergl. B 111, 57. 
23") E 1, 234. 246 f. 



Hans Harrer. 113 

liaft betrieben wurde. Zur Verarbeitung gelangten rohe 
englische Tuche („Lacken"), die in Hamburg, Emden und 
Stade, bisweilen sogar in England entweder von den 
Faktoren oder eigenen Beamten -^°) eingekauft, zu Schiff 
nach Torgau gebracht, hier fertig gestellt und alsdann 
nach allen Richtungen als englische Tuche versandt 
wurden. Mit Stolz spricht Harrer von dieser Ware. 
Als Caspar von Schönberg Tuch bestellt hatte und augen- 
blicklich keins auf Lager war, schrieb ihm jener, er 
solle Geduld haben; sofort nach dem Eintreffen neuer 
Ware aus Torgau solle er Tuch haben, „dessengleichen 
Ihr in diesen Landen itziger Zeit schwerlichen bekommen 
sollt". Umgekehrt beklagte er es tief, wenn er wegen 
Einkaufs von schlechtem Rohmaterial keine gute Ware 
liefern konnte"-^'). Über den Preis, der sich in den ein- 
zelnen Jahren ganz nach Angebot und Nachfrage 
änderte, werden zahlreiche Mitteilungen gemacht. Die 
feinste Sorte war das „Zähltuch", von dem die Elle 
2 bis 7 Thaler galt; von den gewöhnlicheren Arten wurde 
das „Recktuch", das Stück zu 40 Ellen, mit 38 fl., 
„Schiefftuch" mit 45 fl. bezahlt^*-). 

Während ursprünglich das Geschäft sehr lohnend 
war, trat später infolge der Steigerung des Preises für 
rohe Tuche ein fühlbarer Rückgang ein, der in lebhaften 
Klagen zum Ausdruck kommt. Der Einkauf wurde von 
einem Termine zum andern verschoben, der Betrieb ein- 
geschränkt, schlielslich gab es nicht einmal genügendes 
Material, um die Leute zu beschäftigen-^'^). Dazu war 
wenig Nachfrage nach der fertigen Ware. Vergeblich 
hoffte Harrer, dals der Krieg in den Niederlanden den Preis 
der englischen, rohen Ware zu Fall bringen würde-"). 
Auch sein Wunsch, dals nach eingetretener Sicherung 
der Verhältnisse in Polen ein gröfserer Bedarf dort ein- 
treten würde, ging nicht in Erfüllung. Dazu war alles 
Nötige auch teurer geworden, z. B. die Farbestoffe, Waid, 
Röte-^') u. s. w. Auch die Arbeitslöhne erforderten 
hohe Auslagen. 

ursprünglich scheinen wesentlich niederländische 



2^0) Namentlich von Scliweicker; einmal wird auch der Bereiter- 
meister Karl Rinze nach Hamburg gescliickt. E I, Kl 

211) E I, 203. '-=12) Kop. 539 Bl. 50 f. ^is) g i^ in. 

2«) D III, 200. 

^^) Kupferwasser wurde ihm von Marx Zelmeyer in Schluckenau 
angeboten. B I, 70. 

Neues Archiv f. Ö. ü. u. A. XV. 1. a. 8 



114 Georg Müller: 

Arbeiter verwendet worden zu sein. Man hatte sie samt 
den Familien aus Antwerpen konnnen lassen. Ein nieder- 
ländischer Tuchbereiter Cornelius ist noch 1580 da, ein 
Färber Mathias ging bereits 1574, nachdem Verhand- 
lungen ohne Erfolg geblieben waren, weg. Aber nach 
und nach zog Harrer die billigeren deutschen Arbeiter heran. 
An des letzteren Stelle gew^ann er einen Nürnberger 
Färber, Tymmermann. Allerdings hatte er im Anfange 
seine Bedenken. Der Meister hatte bisher in Nürnberg 
hauptsächlich nur „Carmesin und violfeil braun" gefärbt, 
Farben, die in Sachsen nicht begehrt waren. Er \vandte 
sich daher an seinen Nürnberger Faktor mit der Bitte 
um Auskunft. Diese scheint befriedigend ausgefallen zu 
sein; denn kurze Zeit später forderte er Tymmermann 
auf, mit dem nächsten Geleit nach Leipzig zur Messe zu 
kommen und sich bei ihm zu melden. Ob er seine Frau 
mitbringen wolle, stellte ei- ihm frei. Er bemerkte, er 
Wülste nicht, ob die Färbergesellen in Torgau bleiben 
würden. Zwei würde er wenigstens zu halten suchen, 
weil sie mit dem bisherigen Betrieb vertraut seien. Doch 
solle auch der neue Meister einige Gehilfen aus Nürn- 
berg mitbringen-*^). Welchen Wert Harrer auf die 
Färberei legte, geht auch aus den Erkundigungen her- 
vor, die er darüber anstellte, welche von seinen Tuchen 
sich in der Farbe besonders gut hielten'-*'). 

Trotz aller seiner Bemühungen konnte er das Ge- 
schäft, auf das er 100000 Gulden verwendet haben 
soll, nicht halten; er mulste teuer einkaufen und die 
Ware billig losschlagen. Das war gegen seine Gewohn- 
heit. Er klagte seinem Breslauer Vertrauten, mit Tuchen 
sei nichts mehr zu verdienen, er müsse etwas anderes 
in die Hand nehmen. 

Bereits eniige Zeit vorher hatte er eine Zucker- 
raffinerie angelegt und den Zucker nach Breslau ge- 
liefert. Aber das Geschäft wollte sich nicht lohnen, die 
Waren waren ebenfalls im Einkauf teuer, beim Verkauf 
billig. Er erklärte, andere Leute nicht begreifen zu 
können, sie mülsten Bankrott machen. Dazu fiel die 
Ware nicht nach Wunsch aus und konnte keine eisten 
Preise erzielen. Er war bereit das Unternehmen wieder 
aufzugeben, und doch ist später bei den Verhandlungen 
mit Roth von der Gewinnung eines „Zucker-Reuenators" 



2J«) B in, 64 Iftö. 21 ß. -") T> III, 100. 



Hans Harrer. 115 

Nikolaus de Moiilin die Rede, auch werden grofse Posten 
Zuckers von allerlei Sorten zum Raffinieren bestellt'-*^). 

Aber seine ganze Thatkraft zeigte der unternehmende 
Mann bei dem Unternehmen, das für ihn verhängnisvoll 
werden sollte, bei der Gründung der thüringischen 
Gesellschaft in Leipzig. Ursprünglich für Torgau in 
Aussicht genommen, kam sie schlielslich in Leipzig im 
Frühling 1579 zu Stande. Sie hatte die kühne Aufgabe, 
den ganzen Pfefferhandel der Welt in eine Hand zu 
bringen, scheiterte aber schlielslich an politischen und 
finanziellen Schwierigkeiten. Da die Geschichte dieses 
Unternehmens bereits von Falke -^^) eingehend behandelt 
worden ist, so trage ich nur die Züge nach, die sich in 
Harrers Briefwechsel finden. 

Bereits seit 1570 stand dieser zu dem Gründer der 
Gesellschaft, Konrad Roth in Augsburg, einem Mitgliede 
des geheimen Rats, dessen Hauptgeschäft die Gewürz- 
einfuhr aus Lissabon war, in Beziehung ^•''*^). Er hatte 
durch ihn einen Wechsel in Lissabon auszahlen lassen. 
Roth hatte sich dabei sehr entgegenkommend gezeigt, 
indem er — kaum ohne tieferen Grund — weder Pro- 
vision noch Zinsen berechnete. Auch wegen des Ver- 
kaufs von Lasurfarbe wurde er angegangen. Unter 
grolsen Hoffnungen wurde jetzt der Pfefferring im März 
1579 ins Leben gerufen. Die Teilnehmer hatten von dem 
Festtrunke einen solchen Rausch davon getragen, dals 
die Ratsmitglieder die versprochene Urkunde nicht recht- 
zeitig liefern konnten. Die Räumlichkeiten für den Ver- 
kauf sollten im grofsen Stile, und zwar von Prager 
Malern, hergestellt werden. Aber bald verschwindet 
der zuversichtliche Ton. Harrer meldet, dafs die Nürn- 
berger und Frankfurter Kaufleute sich dagegen erklärten, 
auch beim Kaiser um Verbot des Unternehmens ein- 
kommen wollten--^^). Er ist zwar der Meinung, dafs 
dieser Versuch keinen Erfolg haben werde, weil es sich 
um Einfuhr, nicht um Ausfuhr von Waren handle. Aber 
er ist doch selbst unsicher geworden. Die Gegner ver- 
breiteten unglaubliche Nachrichten: Roths Schiffe seien 
untergegangen, aufserdem bereite sich ein schwerer 



2«) C 83. 125. 127. 149. D I, 6. E II, 91. 93. 
219) S. 307—321. Falke hat die von mir benutzten Harrerschen 
Bücher nicht gekannt. 

2*^0) D II, 66 ff. E II, 5. 13. 82. 88. 91. 97. 213. Kop. 456 II, 387 b. 
251) E II, 93. 

8* 



116 Georg Müller: 

spanisch -portugiesisclier Krieg vor. Er bat dalier um 
Nachrichten. Eine grolse Verstimmung rieten dann die 
Zahlungen an Roth liervor, deren Höhe der kurfürstlichen 
Regierung wie den Teilnehmern über die Köpfe wuchs. 
Harrer schlug u. a. vor, die magdeburgischen 160000 fl. 
dazu zu verwenden. Schlieislich schols er von seinem 
Privatvermögen gegen 60000 fl. zu. 

Unterdes suchte Roth die fürstlichen Personen, den 
Kurfürsten August, wie den Kurprinzen Christian, durch 
Geschenke bei guter Laune zu erhalten: er sandte kost- 
bare Steine und indische Vögel, „dergleichen vor nicht 
gesehen." Aufserdem machte er den schwankenden Teil- 
habern den Mund wässrig mit dem Angebot, in Sachsen 
750 Lasten Getreide aufzukaufen, die er auf Befehl des 
Königs von Portugal nach Afrika bringen sollte-''-). Alle 
diese Pläne wurden zu nichte, als sich im Frühling 1580 
Roth in seiner Schreibstube selbst entleibte. Der Kur- 
fürst war vom höchsten Unwillen erfüllt. Er verlangte, 
das Geschäft sollte fortgesetzt und seine Forderungen 
befriedigt werden und wenn jeden Monat sich jemand 
das Leben nähme. 

Da durcheilte an einem Junitage (gegen den 20.) 
des Jahres 1580 Dresden die Schreckensbotschaft, dals 
sich der Kammermeister in der Silberkammer selbst das 
Leben genommen habe. Welchen Eindruck diese Nach- 
richt auf die Kurfürstin machte, ersehen Avir aus einem 
Schreiben, das sie an ihre Schwester Elisabeth, Ge- 
mahlin Herzog Ulrichs von Mecklenburg, richtete-^^). 
Als mutmalsliche Veranlassung zu dem Schritte giebt sie 
Schwermut an, weil Harrers ältester Sohn, August, und 
sein Schwager, Dr. Funke, in Spanien ertrunken seien, er 
auch groise Verluste erlitten habe. Wie sie darin nicht 
den eigentlichen Grund sehen konnte, so war der Kur- 
fürst bemüht, der Sache auf die Spur zu kommen. Er 
scheint Bedenken wegen des Lebenswandels gehabt zu 
haben. Er schickte den Hauptmann der Guardj^, Christoph 
Zahnmacher, zu Albrecht Heinitz, Harrers Diener, der 
bestrickt worden war, um ihm in dieser Richtung mehrere 
Fragen vorzulegen. Dieser wulste nur zu berichten, dafs 
sein Herr allerdings lustig, guter Dinge und fröhlich ge- 



262) E II, 162. 

2''3) Kop. 5^3 Bl. 44. Die Antwort voller Teilnahme Loc. 8536. 
Mecklemburgische Schreiben. 1572—83. Bl. 153 b. 



Hans Harrer. 117 

weseii sei; über Beziehungen zum schönen Geschlechte 
konnte er ihm nichts Böses nachsagen; Geschenke zum 
Jahrmarkt und sonst habe Harrer Frauen und Mädchen 
aus Familien seiner Bekanntschaft versprochen und ge- 
macht. Eine andere Frage scheint den ausgelassenen 
Ton bei den Trinkgelagen in des Kammermeisters Hause 
betroffen zu haben. Vielleicht argwöhnte der Kurfürst, 
dals er selbst die Zielscheibe des Witzes gewesen sei. 
Heinitz konnte auch in dieser Beziehung gegen seinen 
Herrn keine Klagen vorbringen. Er berichtete nur, 
wenn der Kammermeister einen Rausch gehabt, habe er 
ihn „die hüpsten Liedlein" singen lassen und ihm dafür 
reiche Belohnung versprochen^-^*). Besonderen Wert 
legte der Kurfürst darauf, ein Lied „von dem adlichen 
Pfeffersack", Hans von Bernstein, in die Hand zu be- 
kommen. 

Gleichzeitig suchte sich der Kurfürst vor etwaigem 
Schaden zu schützen. Bereits am 21. Juni erliels er an 
den Schösser und den Verwalter der Färberei in Torgau 
den Befehl, ein Verzeichnis der vorhandenen Vorräte, 
namentlich an Waid und Tuch, aufzusetzen, die rohe 
Ware fertig zu stellen und nichts wegkommen zu 
lassen-^'). Auch mufsten die Geschäftsbücher der Re- 
gierung ausgeliefert werden. 

Die Abrechnung, die Dr. Bräutigam als Rechtsbei- 
stand der Familie leitete, ergab, dafs der Kammermeister 
der Kammer 130000 Gulden schuldete. Die Wittwe er- 
klärte sich, wenn man ihr Zeit lielse, zur Tilgung der 
Schuld bereit und zahlte am 7. Juli 1581 60861 fl. 2 gr. 
1 Pf., am 9. November 1586 52630 fl 12 gr. 9 Pf. und 
in drei Terminen bis Ostern 1590 12 837 fl. 8 gr. 8 Pf. 
Den Rest von 4000 fl. weigerte sie sich zu erlegen, 
weil sie eine Gegenrechnung von 11000 fl. vorbrachte. 
Letztere machte sie auch geltend, als man ihr eine 
Summe von 30000 fl. abverlangte, die die Kurfürstin 
durch Harrer Hans Fuchs in Leipzig zu geschäftlicher 
Verwertung übergeben hatte. Die Verhandlungen zogen 
sich vor verschiedenen Kommissaren beinahe zwei Jahr- 
zehnte hin und wurden namentlich im Jahre 1598 wieder- 
holt aufgenommen. Rechtsgutachten der Juristenfakul- 



2^) Loc. 9649. Albrecht Heinitz, Hansen Harrers Diener 1580. 
Kop. 456 II Bl. 188. 

2'5) Kop. 456 BL 415. 



118 Georg Müller: Hans Harrer. 

täten Wittenberg und Leipzig wurden von beiden Teilen 
eingeholt. Die Regierung unter Herzog Friedrich AVil- 
helms Vormundschaft wollte ihr Recht nicht aufgeben. 
Dafs die Familie noch vermögend war, sehen wir aus 
der thatkräftigen Vertretung der Angelegenheit'-'"'). 

Ein charakteristischer Zwischenfall spielte sich nach 
des Kammermeisters Tode ab. Einer seiner Beamten, 
Anton Michel, hatte verschiedene Urkunden vidimieren 
und rekognoszieren müssen, auch zwei Schuldverschreib- 
ungen Hans von Bernsteins über 60 000 fl. und 3000 fl. 
Diese bot er jetzt gegen eine Entschädigung von 
100 Thalern durch Hans Jenitz dem Schuldner an, da 
„der fromme, redliche Mann" das Geld zahlen müfste, 
wenn die Quittungen in die Hände der Erben gelangten. 
Aus den vorhandenen Papieren ist der Erfolg des 
Schreibens nicht ersichtlich^'^'). 

Als Hans von Bernstein 1584 in Ungnade fiel und 
sich auf seine früheren Verdienste berief, schrieb ihm der 
Kurfürst eigenhändig, er stelle ihn dem braven Kleeblatte 
Dr. Krakau, Bartel Lauterbach und Hans Harrer gleich-''**). 
„Dieselben hatten diesen unterthänigen Willen zu mir: 
was ich ihnen zu thun befahl, das unterlielsen sie und 
was ich ihnen verbot, das thaten sye; doch sollt es alles 
von ihnen treulich und wohl gemeint sein". Auch von 
den Harrer'schen Ränken war die Rede; ein Urteil, das 
von der früheren Hochschätzung des Kammermeisters 
weit abwich. 



25») Loc. 7307. Camraersaclien 1598. II. Bl 7bff. Loc. 7308. 
Cammersachen 1598. III. Bl. 58 ff. 

2»') Loc. 9668. Schreiben So an Churf. August M. Anton 

Michel gerichtet. Bl. 6. 

2''8) Loc. 9668. Johann von Bernstein. 1583. bes. Bl. 7. 8. 



V. 

Zur Kipper- und Wipperzeit in Kursachsen. 



Von 
Robert Wuttke. 



In den Jahren 1618 bis 1623 brach in Deutschland 
eine Geldkrisis aus, wohl die grölste und umfangreichste, 
die unsere Geschichte kennt, und begleitet von den nach- 
teiligsten Folgen für das wirtschaftliche und sittliche 
Leben des Volkes. Im Anfang, in den Jahren 1618 
bis 1621, ja sogar noch bis 1622, gab es Geld in Hülle 
und Fülle. Der Kaufmann wie der Handwerker, der 
Tagelöhner wie der Dieustbote verdienten leicht und 
mühelos; bedenklich war es nur, dafs alle Waren im 
Preise beständig stiegen, und dals, wer auf einen festen 
Gehalt oder auf den Bezug einer Rente angewiesen war, 
nicht wuIste, wie er mit den alten Mitteln die hohen 
Preise bezahlen sollte. Alles dies vollzog sich Schritt 
für Schritt, ohne dals der Einzelne die wirtschaftlich 
treibenden Kräfte erkannte, ohne dals sich einer, er sei 
arm oder reich gewesen , ihren Wirkungen entziehen 
konnte. Die breite Masse des Volkes sah nur, wie ihr 
immer mehr und mehr Geld untei' die Hände kam, aber 
sie ahnte nichts von dem später hereinbrechenden Unheil. 
Bald ergriff alle ein Taumel , und jeder suchte nun 
möglichst rasch reich zu werden ; das in der Truhe wohl- 
verwahrte und ersparte Geld holte man jetzt hervor, um 
es an die Kipper und Wipper zu verkaufen. Und wie 
im Spiel rollte bald dem einen das Geld zu, während es 
dem andern schwand; die Zeit kam aber nur zu bald, 
wo immer mehr Nieten gezogen wurden. Erst wurden 



120 Robert Wuttke. 

einige ernüchtert, dann mehrere, bis schliefslich ganz zuletzt 
das Volk die wahre Sachlage erkannte, — es war 
betrogen worden. Und nun eifolgte der Rückschlag. 
Es werden uns Fälle berichtet, avo einer 2000 Gulden an 
barem Gelde zu Hause liegen hatte und wo dies Geld 
mit einem Male nicht mehr wert war, als das Metall, 
aus dem es geprägt war, als ein silberner Löflt'el und eine 
Trinkkanne aus Kupfer getrieben. — Der materielle Verlust, 
den diese Geldkrisis über Deutschland herbeiführte, ist 
unberechenbar; aber noch viel höher müssen wir den 
sittlichen Verlust anschlagen. Denn stets, und diese 
Beobachtung läfst sich bei jeder Geldkrisis machen, ist 
mit ihr ein Niedergang der sittlichen Kraft verbunden. 
Das Vertrauen durch harte Arbeit und eignen Schweifs 
sich sein ßrod und späteren Wohlstand zu erwerben ist im 
Volke erschüttert. Damals fand das Volk bald einen Namen 
für diese Zeit, es nannte sie die Kipper- und Wipperzeit; 
denn die Thätigkeit der Kipper und Wipper, der Geld- 
Avieger und -aufwechsler, war ihm die auffälligste Ursache 
der Krisis. Aber es gab auch schon damals einige denkende 
Köpfe, welche einen tieferen Einblick in das Spiel der 
wirtschaftlichen Kräfte besafsen und welche die Ent- 
wicklung des deutschen Geldwesens für diese Krisis ver- 
antwortlich machten. Und auch wir müssen, wollen wir 
die Ursachen wie den Verlauf der Kipperzeit in Kur- 
sachsen verstehen lernen, oft unsorn Blick von den ein- 
heimischen Verhältnissen auf die allgemein deutschen 
Zustände wenden. 

Unter Karl V. begann die Reichskraft zu erstarken 
und grolse weittragende Pläne wurden in Angriff ge- 
nommen. Man suchte durch wiitschaftliche Reformen 
das Reich neu zu kräftigen und zu befestigen. Da konnte 
es auch nicht fehlen, dals man von Reichswegen den Ver- 
such einer umfassenden Ordnung des deutschen Münz- 
wesens wagte. Erst nach dreimaligem Anlaufe in den 
Jahren 1524, 1551, 1559 gelang es jedoch eine Reichs- 
münzordnung aufzustellen, die von den deutschen Ständen 
angenommen und in den Kreisen auch zum Teil durch- 
geführt wurde. Auf die Dauer liels sich aber auch diese, die 
sogenannte Augsburger Reichsmünzordnung, nicht aufrecht 
erhalten. Zwei Punkte waren es vornehmlich, an denen 
sie scheitern mulste, erstlich an der Festsetzung des Wert- 
verhältnisses zwischen Gold und Silber, hier eilte die 
Ordnung der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands 



Zur Kipper- und Wipperzeit in Kiirsachsen. 121 

voraus, und zweitens an der Scheidemünzpolitik, liier 
blieb die Ordnung gegen die fortgeschrittenere Entwicklung 
des Münzwesens zurück. 

Was den ersten Punkt betrifft, das Wertverhältnis 
des Goldes zum Silber, so würde uns eine Untersuchung 
dieser Frage zwingen auf die internationalen Verhältnisse 
des Geldmarktes einzugehen, und diese würde uns von 
den allein in Betracht kommenden sächsischen Verhält- 
nissen zu weit abführen; wir müssen uns deshalb mit 
diesem Hinweise begnügen. 

An einer falschen Scheidemünzpolitik hatte schon 
das Mittelalter gekrankt. Nun war es wohl sehr ver- 
dienstlich, dais das Reich sich aufraffte und in diesem 
Wirrwarr Ordnung zu schaffen suchte ; aber leider waren 
die Wege, welche man einschlug, gänzlich verfehlt. Was 
die Reichsmünzordnung zunächst bestimmte, einmal, dafs 
niemand mehr als 25 Gulden kleiner Münze bei gröiserer 
Bezahlung anzunehmen gezwungen werden könne, und 
sodann, dafs kein Münzstand mehr als für den „täglichen 
Bedarf" Scheidemünzen prägen dürfe u. s. w., verdient 
alle Anerkennung; aber bei der Ausmünzung war sie in 
einen verhängnisvollen Irrtum verfallen. Sie unterschied 
wohl zwischen groben oder harten und leichten Münzen; 
sie verlangte jedoch, dafs alle Münzen aus Silber geprägt 
würden, also auch die Pfennige und Heller; nur durften 
diese um Vio hinter der harten Münze zurückbleiben. 
Diese Bestimmung war, wie sich bald zeigen sollte, ganz 
unhaltbar; sie verursachte in erster Linie die Kipper- 
und Wipperzeit. Aber von dieser Krisis ging dann auch 
zugleich eine tiefere Erkenntnis der Natur des Geldes 
aus. Man erkannte, dafs Scheidemünzen nicht in dem 
Währungsmetall, sondern als eine Art von Kreditgeld 
in einem anderen minderwertigeren Metall (etwa Kupfer, 
Nickel) ausgeprägt werden mülsten. Freilich mufste diese 
Lehre mit unverhältnismäfsigen Opfern erkauft werden. 

Weit verbreitet ist heute die Ansicht, dafs wir erst 
in der Gegenwart angefangen hätten, uns mit wirt- 
schaftlichen und sozialen Fragen zu beschäftigen und 
dafs man in früheren Jahrhunderten wenig Interesse da- 
für gezeigt habe. Will man die Zustände des 16. und 
17. Jahrhunderts nach den wenigen wirtschaftstheoretischen 
Werken beurteilen, so kann man leicht Recht behalten, 
denn in der gelehrten Litteratur wird meist alles nur 
doktrinär abstrakt behandelt und die realen Verhältnisse 



122 Robert Wuttke: 

werden kaum berührt; wenn man aber die Ständever- 
sammlungen, in denen damals das politische und wirt- 
schaftliche Leben des Volkes pulsierte, verfolgt, so wird 
man bald eines anderen und besseren belehrt werden. 
In Sachsen standen während des 16. Jahrhunderts zwei 
wirtschaftliche Fragen: die Bergwerke und das Münz- 
wesen im Vordergrunde des Interesses der Landschaft. 
Fast kein Land- oder Ausschuistag verging, wo diese 
Fragen nicht, sei es gestreift, sei es eingehend erörtert 
wurden. Und liest man die Verhandlungen nach, so staunt 
man, mit welcher praktischen Erfahrung, mit welchem 
weiten Blick und mit welcher Fülle von Kenntnissen 
das so schwierige Problem des Geldes damals behandelt 
wurde. Keine noch so geringfügige Veränderung der 
Münzverfassung konnte ohne lange Erörterungen der 
Fürsten mit ihren Ständen eingeführt werden, und eine 
solche Bedeutung legte die Landschaft auf das Münz- 
wesen, dals Herzog Heinrich 1540 ihr das Privileg er- 
teilen mufste, an dem Korne nichts ohne ihr Gutachten, 
Rat und Bewilligung zu ändern. 

Die Reichsmünzpolitik verfolgten die sächsischen 
Stände mit Mifstrauen; sie glaubten, dals man darauf 
ausgehe, den Silberpreis herabzudrücken ; davon aber be- 
fürchteten sie, und wie die Folge zeigte mit Recht, den 
Niedergang der sächsischen Bergwerke. Sie ermutigten 
deshalb auch Kurfürst Moritz in seinem Widerstände 
gegen die Reichsmünzordnung, und als er 1549 eine eigene 
Münzordnung erliels, unterstützten sie ihn in seinen Be- 
strebungen. Sein Bruder, Kurfürst August, suchte zu- 
nächst diese Politik fortzusetzen ; an der schwereren Aus- 
münzung des Guldengroschen — nach der sächsischen 
Münzordnung von 1558 8 Stück auf die rauhe Mark zu 
14 L. 8 Gr. fein Silber, dagegen nach der Reichsmünz- 
ordnung von 1559 8 Stück auf die rauhe Mark zu 
14 L. 4 Gr. fein Silber — hielt er auch dann noch fest, 
als schon die Gefahr bestand, dals die schwerere sächsische 
Münze gegen die leichtere Reichsmünze ausgewechselt 
werden könnte. Dann mit einem Male, ohne dals eine äulsere 
Veranlassung dazu vorlag und gegen den ausgesprochenen 
Willen der Stände, gab er seine eigene Münzordnung 
auf und ordnete er sich der Reichsmünzordnung unter. 
Auf den 16. Juni 1571 berief er den ersten Probationstag 
des obersächsischen Kreises ein und hier vereinbarte er 
mit den Ständen des Kreises die Ausmünzung — mit 



Zur Kippet- und Wipperzeit in Kursachsen. 123 

geringfügigen Abweichungen — nach der Augsburger 
Reichsmünzordnung von 1559. 

Die Gründe für diesen plötzlichen Wechsel in der 
Politik Kurfürst Augusts haben wir vielleicht in seinem 
AVunsche zu suchen, die wachsende Macht der Stände 
zu brechen. Mit Annahme der Reichsmünzordnung lag 
die Entscheidung in allen Münzfragen bei den Ständen 
des obersächsischen Kreises; die sächsische Landschaft 
hatte von jetzt ab nur noch gelegentlich eine begut- 
achtende Stimme. Dies zeigt sich besonders deutlich in 
den nächsten Jahrzehnten. Wenn wir die Entwicklung 
der sächsischen Münzpolitik verfolgen wollen, so müssen 
wir in erster Linie nicht die Verhandlungen der sächsischen 
Land- und Ausschulstage, sondern die der Münzprobations- 
tage lesen. 

Diese Probationstage sollten nach den Reichsmünz- 
Probationsordnungen von 1551 und 1556 die Durchführung 
der Reichsmünzordnung sichern. Ein fruchtbarer Ge- 
danke lag ihnen zu Grunde ; in sachgemälser Weise war 
man bestrebt, die Aufgaben der Kreise auch auf das 
wirtschaftliche Gebiet zu erweitern. Ursprünglich waren 
die Kreise nur als grölsere Selbstverwaltungskörper ge- 
dacht, welche die Ausführung der Reichskammergerichts- 
urteile wie die Aufstellung der zur Reichsmatrikel zu 
stellenden Mannschaft zu überwachen hatten. Jeder 
Kreis sollte eigentlich das Gebiet eines deutschen Stammes 
umfassen, danach erhielten sie den Namen: bairischer, 
schwäbischer, fränkischer, westfälischer u. s. w. Kreis. 
Zum Teil deckte sich in den Kreisen Stammes- und 
Wirtschaftsgebiet, und wo dies stattfand, war die Grund- 
lage zu einer erspriefslichen wirtschaftlichen Thätigkeit 
gegeben; zum Teil aber fielen sie auseinander und dann 
zeigten sich bald unübersteigbare Schwierigkeiten, ge- 
meinsam wirtschaftliche Mafsnahmen zu beschli^Isen und 
durchzuführen. 

Für den obersächsischen Kreis bildete Kursachsen 
den natürlichen Schwerpunkt ; aber die mit dem Kurhaus 
durch politische und wirtschaftliche Bande eng verbundenen 
Stände, wie Magdeburg, Goslar und Nordhausen, fehlten 
und gehörten zum niedersächsischen Kreis , während 
wieder Pommern - Stettin und Pommern -Wolgast ihm an- 
gegliedert waren. 

Die Aufgabe der Kreise bestand zunächst darin, die 
Bestimmungen der Reichsmünz Ordnung durchzuführen, 



124 Robert Wuttke: 

ihre Innehaltiing- zu beobachten, und, was die Hauptsache 
damals war, eine richtige tScheidemünzpülitik zu ^befolgen. 
Bei letzterer galt es ein altes eingefressenes Übel aus- 
zurotten. Der Mangel an jeder beharrlichen und steten 
Münzpolitik in den Gliedstaaten hatte schließlich dazu 
geführt, dals jedermann Kleingeld irgend eines beliebigen 
Gepräges annahm und ausgab; ob das Geld in der Münz- 
stätte des einheimischen Fürsten geprägt worden war, 
fragte man nicht mehr. Gegen diesen Mifsbrauch hatte 
bereits die territoriale Gesetzgebung vergeblich angekämpft, 
und auch das Reich war, wie sich bald zeigen sollte, mit 
seiner Münzordnung und den Probationstagen nicht 
glücklicher. 

Zwei Wege waren es, die das Eeich einschlug: erstlich 
wurden sogenannte Kreismünzhäuser errichtet; man hoffte 
so den Umfang der Prägung und den Gehalt der Münzen 
besser als früher überwachen zu können; und zweitens 
versuchte man durch Verbote das Umlaufen unterwertiger 
Münzen zu verhindern. 

Auf dem ersten Probationstag ^) des obersächsischen 
Kreises — 16. Juni 1571 — beschlols man in Berlin, 
Stettin und Leipzig Kreismünzstätten anzulegen; dazu 
kam es jedoch nicht, z. B. liels Kurfürst August nicht 
in Leipzig, sondern in Dresden münzen. Dann beriet man 
eingehend die Frage, wie man der starken Einfuhr 
fremder minderwertiger Scheidemünze im Kreise begegnen 
könne. Man verfiel schlielslich auf den schon oft ver- 
suchten Ausweg, ein Verbot und eine Bewertung der 
fremden Münzen zu erlassen^). 

Wenige Jahre später publizierte Kaiser Rudolf IT. ins 
Reich ein Mandat „wider die Einschleiffüng geringhaltiger 
Müntz-Soi'ten" — am 18. Februar 1577 auch in Sachsen "*) 
veröffentlicht — , in welchem lebhafte Klage über die Zu- 
nahme leichten Geldes geführt wurde. 

Aber auch dieses, wie eine Reihe anderer in den 
nächsten Jahren im obersächsischen Kreise wie in Sachsen 
ergangene Edikte und Mandate gegen die unterwertige 
Scheidemünze — vom 2. März 1589, vom 15. November 



*) J. Falke, Die Geschichte des Kurfürsten Aus'Ui^t von Sachsen 
in volkswirtscliaftiicher Beziehung" (Leipzig" 1868) S. 39. Hauptstaats- 
archiv Dresden Loc. 9798 D. C. F V. S. D. — 1571. 

'^) In Kursachsen erlassen am 22. Dez. 1571 (vergl. auch Edikt 
vom 22. April 1572). Cod. Auffusteus II, 908. 910. 

••') Cod. Augusteus II, 911. 



Zur Kipper- und Wipperzeit in Kursachsen. 125 

1592, vom 29. November 1594 — hatten keinen Erfolg 
aufzuweisen, und auf dem Kreistag- zu Jüterbogk wurde 
im Abschied (24. April 1601) geklagt: es ist vor Augen, 
„wie die guten Reichsmünzen an groben und kleinen 
Sorten betrüglicher und vorteilhafter Weise entweder 
gar aus dem Reich geführt, oder doch gebrochen, granu- 
lieret, gesteigert, gewaschen, beschnitten, dagegen böse 
geringe Münzen haufenweise eingeschoben, in höherem 
Werte für Währschaft ausgegeben werden". 

Es war klar, da(s die Stände auf diesem Wege, 
mit Klagen und Einzelverboten schlechter Münzen in 
ihren Kreisen, nichts erreichten; sie beantragten deshalb 
auf dem Reichstage zu Regensburg 1603, einen „sonder- 
baren" Münztag einzuberufen, auf dem man beratschlagen 
könne, „wie der bei der Münz eingerissene schädliche 
Milsbrauch und wie solchem Unheil vorzukommen und 
abzuhelfen" sei. Joder Kreisstand solle zuvor ein eignes 
Bedenken einschicken. 

Leider sollte es dazu nicht kommen; nur allmählich 
gingen von 1607—1613 die Gutachten der Kreise ein. 
Die politische Spannung im Reich war bereits so grols, 
dafs sich eine grolsdeutsche Münzpolitik nicht mehr 
durchführen liefs. Man gab es auf, gemeinsam eine 
Reichsmünzpolitik zu treiben. Nur die Kreisverbände 
blieben zunächst noch bestehen, aber auch nicht auf lange; 
bald suchte jeder einzelne Münzstand nach eignem Er- 
messen zu münzen und zu prägen. 

Wir sehen, man scheiterte vornehmlich an dem Ver- 
suche, die eindringende Flut unterwertiger Scheidemünzen 
einzudämmen; im Gegenteil, sie stieg in den nächsten 
Jahren, um schlielslich zur Krisis zu führen. Man hat 
deshalb ,,auch die Ursache der Kipper- und Wipperzeit 
in der Überflutung des Geldmarktes mit Scheidemünze 
finden wollen, aber dann verwechselt man die Wirkung 
mit der Ursache. Wir haben schon erwähnt, dafs nach 
den Vorschriften der Reichsmünzordnung alles Kleingeld 
in Silber ausgeprägt werden mulste. Infolgedessen 
waren die Prägkosten des Heller, Batzen, Dreier so hoch, 
dals sie nur mit Verlust gemünzt werden konnten. Kein 
Stand wollte aber diesen tragen. Die ehrlichen Münz- 
stände prägten deshalb vorzugsweise nur die groben 
Sorten aus, der Verkehr aber bedurfte des Kleingeldes. 
Bald fanden sich einige Münzherren, die es mit den Be- 
stimmungen der Reichsmünzordnung nicht so genau nahmen, 



126 



Robert Wnttke: 



sie prägten mm imterwertige Scheidemünze aus, und überall 
war man bei dem Mangel an Kleingeld bereit , ohne 
weitere Prüfung dies Geld anzunehmen. Während aber 
Kaiser Rudolf II. 1577 noch über die geringe Aus- 
prägung von Pfennigen, Hellern und Batzen klagte, so 
änderte sich dies bald. Man fand, dafs bei der schlechten 
Ausmünzung von Groschen u. s. w. mehr als bei der von 
Hellern zu verdienen war. Je grölser der Gewinn, um 
so umfangreicher die Ausmünzung. So entwickelte sich 
naturgemäfs aus dem Mangel an guter Scheidemünze die 
Pülle unterwertigen Kleingeldes. 

In Sachsen hatten die Stände sowohl auf dem Land- 
tage von 1595 als von 1605 um die Ausprägung eines 
hinreichenden Quantums von Kleingeld gebeten ; der 
Verlust aber, den die Münze durch diese Ausprägung 
erleiden konnte, war zu grofs, als dals man den ständischen 
Wünschen nachgeben konnte. 

Nach den bei den Probationstagen eingereichten 
Registern über die Dresdner Münze kamen folgende Münz- 
sorten in den Verkehr: 





1,572/73-1582 


1583—1592 


1593—1602 




Ouldengroschen 


Giildengroschen 

i 


fiuldengroschen 


An grober Münze 








an ganzen, halben Thalern, 








Urteni und Zinsgroschen 


3 939 893 


3 463 717 


2 428 875 


An Kleingeld 








an Dreiern 


26 282 


12 906 


52846 


„ Pfennigeil 


1869 


1651 


4 553 


„ Hellern 


— 1 




586 



Diese Zahlen zeigen deutlich, dafs man in Sachsen fast 
ausschlieislich die sogenannten groben Sorten prägte. Über 
die Kosten der Ausprägung unterrichtet uns ein sehr 
interessanter Anschlag*) Heinrich von Rhenens aus dem 
Jahre 1606. Rhenen berechnet allein bei der Ausprägung 
von Tlialern, ganzen und halben Guldenstücken einen 
Gewinn, dagegen bei sämtlichen anderen Münzsorten 
einen Verlust. Es ergaben 100 Mark fein Silber ver- 
münzt zu 



*) Log. 9802 Münzsachen 1620 Bl. 134, „was für Unkosten auf 
100 Mark fein Silber auf alle Sorten , so allhier auf Ihrer Ohurf. 
Münze zu Dresden gefertigt werden, kommen". 



Zur Kipper- und Wipperzeit in Kursachsen. 127 

Tlialern, Guldenstücken einen Gewinn von 14 fl. 17 Gr. lO'/o Pf. 

Eeiehsgroschcnsiücken ,, Verlust „ 18 „ 2 „ 11 

Reichspfennigstücken ., „ „ ^8 « 1-4 „ H „ 

Hellerstücken „ .- „ 37 „ 18 ,, 3 

Dreierstücken „ « „ 46 „ 6 „ 11 „ 

Übeiliaiipt lieiTSclien bis auf die heutige Zeit herab über 
den sogenannten Münznutz, den man damals an der Aus- 
prägung machte, irrige Ansichten. Im allgemeinen glaubt 
man, dals das Münzregal einen außerordentlich hohen 
Gewinn abwarf; sieht man aber in den Akten nach, so 
ergiebt sich ein wesentlich anderes Bild. 

Nach den ßentkammerreclmungen betrug der „Münz- 
nutz aus der Dresdner Münze" in den Jahren 

1592 : 7689 fl. bei einem Umfang der Prägung von 386308 fl. 

1593: 8699 ., „ „ „ „ „ „ b53 532 „ 

1594: 9651 ,, ., „ „ „ „ „ 368903 „ 

1595 : 7048 „ ,, „ ., „ „ „ 321 002 „ 

Unter der Regierung Christian II. sank er aber : 

1604: 3486 fl. bei einem Umfang der Prägung von 256337 fl. 

1605: 3119 „ „ „ „ „ „ „ 239137 „ 

1606: 2199 „ „ „ „ „ „ „ 235331 ,, 

1607 : 3008 „ „ „ „ „ „ „ 234930 „ 

In diesem I^ünznutz ist auch noch die Verzinsung 
eines Kapitals von 50000 Gulden enthalten, welches der 
Münzmeister zum Ankauf von Silber, Schw^arzkupfer 
u. s. w. erhalten hatte. 

Die bedrängte Lage des Münzwesens führte wieder 
Kurfürst und Stände in Sachsen zusammen. Christian 11. 
beschickte Avohl die Probationstage, aber er suchte auch 
bei seiner Landschaft Rat; 1604 liels er in Dresden einige 
„Erforderte"^) von der Landschaft zusammentreten und 
legte ihnen „unterschiedliche Punkte" vor, in denen er 
über die herrschenden Münzwirren klagte. Ihre Antwort 
fiel nicht zu seiner Zufriedenheit aus, denn sie beschul- 
digten geradezu die Obrigkeit des Münzhandels. Sie 
führten aus, dals mit Aufwechslung und Ausführung der 
guten sächsischen Thaler in die benachbarten Länder ein 
grolser Handel getrieben werde, an dem sich die Rent- 
kammer und Steuer beteilige. Nachdem der Landtag von 
1605 im wesentlichen den Ausführungen der Erforderten 
beigestimmt hatte, verlangte der Kurfürst von der Ober- 



ö 



^) Loc. 9359 Erforderte von der Landschaft Bedenken auf 
unterschiedliche Punkte 1604. 



128 Robert Wuttke: 

steuereinnalime, dafs sie alle Münzsorten, „wie sie izo im 
Lande gang- und gebe seien", annehme. 

Diesem Befehl kam jedoch die Steuerbehörde nicht 
nach. In einem Schreiben an den Kurfürsten wies sie 
darauf hin, dals die meisten Münzen einen doppelten 
Wert hätten, einen, zu dem sie im Lande angenommen 
zu werden pflegten, und einen, zu dem sie die Handels- 
leute nähmen. Sie stellten nun ein „Verzeichnis etlicher 
pacificirter Münzsorten, und wie dieselben in Einnahme 
und Ausgabe der Land- und Tranksteuer gültig sein sollen", 
auf. Eine weitere Schwierigkeit ergab sich bei der 
Schuldentilgung und den Zinszahlungen. Die meisten 
Steuerschulden waren auf den Reichsthaler zu 24 Groschen 
verschrieben. Neujahr 1606 aber war der Reichsthaler 
schon auf 26 Groschen 3 Pfennige gestiegen. Nach dem 
Bericht der Obersteuereinnehmer (vom 23. Januar 1606) 
waren im Schuldbuch für 1525895 Reichsthaler Schulden 
eingetragen; sollten diese in Reichsthalern getilgt werden, 
so muliäte die Steuer, „da auf dem letzten Markt kein 
einziger Reichsthaler eingegangen war", einen Verlust 
von 141942 Gulden in 6 Jahren tragen. Und weitei*. 
An Zinsen hatte die Steuer in den näfchsten 6 Jahren 
1128000 Gulden, den Gulden zu 21 Groschen, zu zahlen; 
die Steuer nahm aber den Gulden zu 20 Groschen an 
und befürchtete deshalb einen Verlust von 53 714 Gulden. 
Damit nicht genug. Die Steuereinnehmer führten aus, 
dals die meisten Zinszahlungen u. s. w. nach dem Ausland 
gingen; verwende man alles gute Geld dazu, so bliebe 
nichts in Sachsen zurück. Dann werde aber jeder 
Handwerksmann auf seine Waren etwas schlagen, um 
gutes Geld zu erhalten. Dies sei eine Schraube ohne 
Ende. Sie baten deshalb den Kurfürsten ihnen zu ge- 
statten, Zinsen und Schulden nicht in Reichsthalern ab- 
zuführen. 

Trotz dieser Schilderung des Schadens, welchen die 
Steuer und das Land von den Zahlungen in Reichs- 
thalern erlitt, gab der Kurfürst den Bitten der Steuer- 
einnehmer nicht nach; er entschied am 7. Februar 1606 
— um jedes Sinken des Steuerkredites zu verhüten — , 
dals die Landsteuer in jeder im Lande gangbaren Münze 
angenommen werde, die Auszahlungen aber nach den 
Bestimmungen der Schuldverschreibungen erfolgen solle. 

In den nächsten Jahren steigerten sich die Münz- 
wirren, der Reichsthaler stieg im Kurse und immer zahl- 



Zur Kipper- niul Wipperzeit in Kursachsen. 129 

reicher drang unterwertiges Kleingeld in Sachsen ein. 
xluf dem Landtage*^) von 1609 wies der Kurfürst in seiner 
Proposition vom 4. September auf dies Verhältnis hin; 
er betonte die Notwendigkeit, eine neue Münzordnung zu 
erlassen, und erbat sich den E,at seiner Stände. Die 
Antwort der Landschaft ist sehr bemerkenswert, sie zeigt, 
eine wie tiefe Einsicht in wirtschaftliche Fragen die 
Stände besalsen. Die Stände erklärten, dafs, wenn die 
Ausfuhr des guten Geldes anhalte, schliefslich Handel 
und Gewerbe zu Grunde gerichtet werden möchten: „denn 
die guten Münzen und Bergwerke haben die Ge- 
werbe und Handel in diesem Lande nach sich gezogen, 
dadurch dann Zoll und Gleithe, Land und Strafsen ge- 
baut" werden konnten. Sie halten dafür, „dals im Münz- 
wesen dies das Hauptfundament, darauf alles gegründet 
sei, dafs der Kurfürst nicht allein kein böses Geld nehme, 
sondern auch kein anderes als in der Reichsmünzordnung 
vorgeschrieben gangbar sein lasse." Die umlaufenden ge- 
ringen Münzen bewirkten, dalis nicht nur alle fremden 
Waren, sondern auch alles, was man zur gemeinen Haus- 
haltung, oder auf den Bergwerken brauche, wie Blei, 
Holz, Arbeitslohn u. s. w., gesteigert werde. Zur Besserung 
des Münzwesens schlugen sie vor, dafs der Kurfürst sich 
mit den Ständen des ober- und des niedersächsischen 
Kreises zur Aufrechthaltung der Eeichsmünzordnung 
verpflichte, dann, dafs er den Silberpreis erhöhe, mehr 
kleine Münzen an Groschen , Dreiern schlagen lassen, 
auch wenn er dabei am Schlagschatz Verlust erleiden 
müsse, und schliefslich, dals er mit den Reichsständen 
eine Valvation vereinbare. 

In Ausführung dieser Beschlüsse beantragte Kur- 
sachsen auf dem nächsten Probationstage zu Leipzig 1609 
den Erlals eines Valvationsediktes. Man verglich sich 
auch zu einer Bewertung der im obersächsischen Kreise 
umlaufenden Münzsorten nach böhmischer, Reichs- und 
meilsner Währung; zu Grunde legte man den Reichs- 
thaler zu 28 Groschen; der Generalwardein Biener hatte 
26 Groschen 3 Pfennige vorgeschlagen. 

In Sachsen zögerte man den ganzen Winter mit 
der Veröffentlichung dieser Interims -Valvation; erst am 
1. März 1610 erschien das „newe Müntz-Edict". Darin 



«) Loc. 9361 Landtag zu Torgau 1609 Bl. 2 Proposition ; Bl. 42 
Landschaft Erklärung. 

Neues Arhiv f. Ö. Ü. u. A. XV. 1 2. . 9 



130 Robert Wuttke: 

klagt der Kurfürst, sich eng an den AVortlaut des Kreis- 
abschiedes anschlielsend, dals das Münzwesen im ganzen 
römischen Reich in Vei-fall geraten wäre. Er habe bis 
jetzt zu seinem Schaden und Nachteil steif und fest an 
der Eeichsmünzordnung gehalten. Eigennützige Leute 
schickten die guten, harten Münzsorten aus dem Lande 
und führten dagegen untüchtige, auswärtige ein ; es sei zu 
befürchten, dals aus dem Münzwesen „ein lautere Mercantia 
oder Kramerei werden solle". Er sei nicht gemeint dem 
Unheil länger zuzusehen und habe sich mit den Kreis- 
ständen dahin verglichen an der bonitas intrinseca der 
Münzsorten festzuhalten, aber ihren äulserlichen Valor 
den jetzigen Zeiten zur Erhaltung des Handels anzu- 
passen. Auf diese Einleitung folgte nun mit Abbil- 
dungen die Bewertung der goldnen und silbernen Sorten 
nach den auf dem letzten Kreistag vereinbarten Sätzen. 

Li diesem Münzedikte erkannte die sächsische Regie- 
rung die Steigerung des Reichsthalers von 24 Groschen 
auf 28 Groschen an. Damit war der erste Schritt zur 
Aufhebung der Reichsmünzordnung gethan! Was man 
erhofft hatte, dals nun der Reichsthaler eher im Lande 
bleiben werde, erfüllte sich jedoch nicht. Die Handels- 
welt kehrte sich nicht an die Sätze des Edikts, und der 
Prozels der Einfuhr schlechter, der Ausfuhr guter Sorten 
nahm ungestört seinen Fortgang. Jetzt aber wurden erst 
weitere Kreise des Volkes auf die milslichen Geldverhält- 
nisse aufmerksam, und mehr und melir griff überall eine 
allgemeine Unsicherheit um sich. 

Der zweite Schritt, die endgiltige Aufhebung der 
Reichsmünzordnung, lieis nicht lange auf sich warten. 
Auf dem im Frühling IGIO abgehaltenen Kreisprobations- 
tag') erstattete der General wardein Biener ein Gut- 
achten , „wie es fernerhin mit Ausprägung der Münzen 
zu halten sei", in welchem folgende bedeutsame Stellen 
vorkommen: wenn das kleine Geld in diesem Kreise, 
wie zeithero geschehen, zu münzen nachbleiben und 
mit Schlagung der kleinen Sorten die anderen Kreise die 
Überhand behalten sollten, so wäre zu besorgen, dals die 
Steigerung in den groben Münzsorten nicht allein täglich 
zunehmen, sondern auch je länger je mehr gering Geld 
in diese Lande durch die kleinen Münzsorten — so aus 



") F. K. Moser, Des hochlöbl. Ober-Sachsischen Orayses A))- 
schide (Jena 1752). 



Zur Kipper- und Wipperzeit in Kursachsen. 



IBl 



eingewechselten Thalern gemacht — gewifslich eingeführt 
werde. 

Auf Grund dieser Anregungen beschlofs man auf 
einem im Herbste noch abzuhaltenden Kreisprobationstag, 
die Münzmeister der einzelnen Stände auf folgende drei 
Fragen zu vernehmen: 1. welcher Gestalt nach dem 
gesetzten Wert des Thalers die kleinen Sorten zu münzen ; 
2. wieviel sie auf die Mark ohne sonderbaren Schaden und 
Nachteil des Münzherrn zu stückeln seien; und 3. Avie 
hoch die feine Mark in solchen Sorten ausgebracht werden 
könne? 

Auf dem Kreistag in Leipzig beratschlagte man über 
diese Fragen. Biener hatte einen Antrag eingebracht, 
wonach besonders die Dreier und Pfennige geringer aus- 
geprägt werden sollten. Den Ständen ging aber Bieners 
Vorschlag nicht weit genug; sie einigten sich über einen 
noch viel leichteren Fuls der Ausprägung. 

Ein Vergleich mag dies zeigen: 





Auf die rauhe 


Hält fein 


Danach < 


iie fe 


ine Mark 




Mark Stück 


•Silber 


Silber ausgebracht zu 


S i 1 b e r g- r s c h e n 














Nach dem Anschlag von 






i 








1606 in Kursachsen . 


IO8V2 


8 


Lot. 


10 fl. 


7 


Gr. 


Nach Bieners Antrag . . 


120 


8 


n 


11 „ 


9 


:? 


Nach dem Beschhifs des 














Kreistages 1610 . . . 


133 


8 


)) 


12 „ 


14 


5) 


Reichs dreier 














Nach dem Anschlag von 














1606 in Kursachsen 


214,2 


4 


M 


10 „ 


9 


11 


Nach Bieners Antrag . . 


244 


4 


n 


11 n 


13 


IJ 


Nach dem Beschlufs des 














Kreistages 1610 . . . 


276 


4 


)i 


13 „ 


3 


1: 


Reichspfennige 


1 












Nach dem Anschlag von 














1606 in Kursachsen 


682 


4 


)) 


10 „ 


17 


„ 4 Pf. 


Nach Bieners Antrag . . 


759 


4 


11 


12 „ 


1 


11 


Nach dem Beschlufs des 














Kreistages 1610 . . . 


859 


4 


1) 


13 „ 


12 


11 



Mit der Annahme des Kreisbeschlusses durch die 
Stände war auch formell der Boden der Reichsmünz- 
ordnung von 1559 verlassen. Das hatte aber seine 
bedenklichen Seiten. Bis jetzt war im obersächsischen 
Kreise einheitlich ausgeprägt worden, nun suchte bald 
jeder einzelne Stand nach eignem Belieben zu prägen 

9* 



132 Robert Wuttke: 

und einen möglichst hohen Nutzen aus dem jetzt gewinn- 
bringend gewordenen Münzregal zu ziehen. Schlechter und 
schlechter wurde das Kleingeld im obersächsischen Kreise 
ausgemünzt. Manche Stände mögen wenigstens bis 1620 in 
gutem Glauben gehandelt haben, wenn sie im Schrot und 
Korn nachlielsen, denn der Kreisbeschluls von 1610 hatte 
eine gefährliche Lücke. Während die Reichsmünzordnung 
Schrot und Korn nach der kölnischen Mark bestimmte, 
gingen die Stände 1610 von dem gesetzten Wert des 
Reichsthalers aus. Als nun in den nächsten Jahren der 
Reichsthaler, statt, wie man gehoö't hatte, zu fallen, immer 
weiter im Kurse stieg, hielten sich viele Stände berechtigt, 
entsprechend der Steigerung des Reichsthalers am Korne 
der Münzen zu fallen. 

Noch im Herbste 1610 erging an die Münze zu 
Dresden der Befehl, von nun ab nach der neuen Kreis- 
ordnung zu münzen, was sofort einen hohen Münznutz 
brachte, z. B. 

Nach der alten Ordnung- 
Quartal Crucis 1610: 723 fl. Münziuitz 
„ Luciae 1610: 165 fl. „ 

Nach der neuen Ordnung- 
IG Wochen im Quartal Luciae 1610: 4 621 tl. Münziuitz 
10 „ „ „ Reminisc. 1611: 4945 „ „ 

und in den drei Jahren Crucis 1610-1613: 63827 „ 

Die Dresdner Münze berechnete aufserdem an ,,Thaler- 
wechslung" von Crucis 1610 bis Luciae 1611 einen Gewinn 
von 22957 Gulden, weil sie den Reichsthaler zu 24 Groschen 
prägte, ihn aber mit einem Aufgeld von 4 Groschen in den 
Verkehr brachte^). Dieser Gewinn war an den groben 
Sorten so hoch, dals er den, welchen man an dem Klein- 
geld, den Dreiern und Pfennigen, machen konnte, Aveit 
überwog. Was die Kreisstände gehofft hatten, dafs nun 
das Kleingeld reichlicher ausgeprägt werde, trat nicht 
ein. Nur Silbergroschen kamen zahlreicher in den Ver- 
kehr. So wurden in der Münze zu Dresden in je fünf 
Jahren gemünzt: 



^) Die Rentkamniorrechnung führt für 1611/12 ferner auf: 
3947 Gulden an der ]\IünzwähruDg- gewonnen; 740 Gulden an Auf- 
geld von den Ämtern eingenommen. In dem nächsten Jahre 1612/13 
ergeben beide Posten eine Einnahme von 5412 Gulden. 



Zur Kipper- uml Wipperzeit in Kursachsen. 133 

nach der alten an Tinlden- -anZinsgr.- an Dreier- an Pfennig- 

Ordnunü;- stücken 

1605—1610 für 913647 Thlr. 1410 Thlr. 1215 Tlilr. 177 Tblr. 

nach der neuen 

Ordnung 
Luciae 1605—1615 „ 823812 „ 44069 „ 724 „ 201 „ 

nach der neuen 

Ordnung weniger 89835 mehr 42 659 weniger 491 mehr 24 Thlr. 

Während man früher darauf gehalten hatte, dafs 
alle Münzsorten möglichst gleichmäfsig ausgebracht 
wurden, liels jetzt die Ausprägung viel zu wünschen 
übrig. Der Kreissekretär David Hermann berichtete 
am 22. Dezember 1614 dem Kurfürsten über einige von 
ihm probierte Münzsorten ^). Er tadelte besonders die 
Prägung der Zinsgroschen; einige wären zu schwer, andere 
zu leicht und die wenigsten der neuen Ordnung gemäfs; 
sie schwankten zwischen 120V.2 — ^^'U Stiick auf die 
rauhe Mark, statt 133 Stück. tJie Ungleichheit gebe den 
Kaufleuten und Wechslern Anlafs, die schweren Groschen 
auszusuchen, um sie mit grofsem Gewinn in den Tiegel 
zu werfen. Die zu leichten Stücke blieben dagegen im 
Lande, und bewirkten eine Steigerung aller Preise, denn 
der Kaufmann sähe allein auf die monetae bonitatem 
intrinsecam und berechne darnach den Preis seiner Ware. 
Kämen diese sächsischen Münzen aber in andere Staaten, 
so würden sie banisiert werden. So etwas wäre den 
sächsischen Münzen noch nie widerfahren. 

Als im nächsten Jahre noch einmal Hermann klagte, 
wurde von Seiten der Kammer eine Untersuchung ange- 
ordnet, über deren Ausgang wir nichts näheres erfahren. 
Man scheint aber von jetzt ab wieder bei der Aus- 
prägung sich mehr Mühe gegeben zu haben. 

Für den Handel mit Münzen war Leipzig ein Haupt- 
markt in Deutschland; die Bedeutung seiner Messen lag 
in dem Austausch mit dem Osten. Polen war damals 
auch ein münzkranker Staat und die Händler auf der 
Messe machten im Vertrieb von polnischen und deutschen 
Geldsorten ein gewinnbringendes Geschäft. An unsere 
heutigen Differenzgeschäfte erinnert es, wenn in seinem 
Neujahrsberichte ^°) von 1615 der Leipziger Rat be- 



'') Finanz- Archiv Rep 47 No. 545 a Bl. 221. 

^*') Yergl. Loc. 9807 Des Rats zu Leipzig Bericht wegen Ein- 
schiebung der bösen Schreckenberger. Ao. 1615 — Loc. 9807 
Juden und andere so falsche Schreckenberger nach Leipzig gebracht 
Ao. 1616. 



134 lioliert Wuttke: 

riclitet, dals Kaufleiite grofse Summen von Schreckeii- 
bergern auf ein Jalir ohne Zins und sonstigen Inter- 
essen ausleihen wollten, nur unter der Bedingung, dals 
ihnen nach Ablauf des Jahres die Summe in Reichs- 
thalern zurückgezahlt werde. 

Als nun auch der Rat zu Nürnberg in einer Eingabe 
(2. Januar 1615) an den Kurfürsten sich über das Auf- 
wechseln von guten und groben Münzsorten und über den 
Handel mit polnischem und rohem Silber auf den Messen zu 
Leipzig und Naumburg beschwerte, beschlofs man in 
Dresden energischer einzugreifen. Ein kurfürstlicher Befehl 
an den Rat zu Leipzig verbot alle Münzpartiererei. In 
seiner Antwort macht jedoch der Leipziger Rat darauf auf- 
merksam, dals viele Handelsleute nur in Schreckenbergern 
ihre Zahlungen leisten könnten. Auf der nächsten Neu- 
jahrsmcsse (1616) bestellte man in Leipzig Personen, 
welche auf die Anfuhr von Schreckenbergern achten 
sollten. Man wollte auf diesem Wege jede Zufuhr der 
Schreckenberger nach Leipzig abschneiden. Aber die 
Kaufleute schöpften Argwohn; „einer avisierte den anderen, 
sich in Acht zu nehmen". So mifsglückte auch dieser Ver- 
such. Man gab damit aber die Sache nicht auf, sondern 
ergritf ein neues erfolgreiches Auskunftsmittel. Die 
Namen der Kaufleute, w^elche an der Münzpartiererei sich 
beteiligten und leichtes Geld in gröfseren Beträgen um- 
zuwechseln pflegten, waren schwer zu erfahren, denn 
die Händler wechselten nicht eigenhändig um, sondern 
lielsen diese Geschäfte durch Juden, „die allerärmsten, 
welche sonst keine Handlung führten", abwickeln. Man 
hoffte durch diese jüdischen Zwischenhändler die Namen 
der Geldwechsler zu erfahren. Zunächst wandten sich 
Dr. Paul Calenberg und Dr. Theodor Möstel an die 
Leipziger Makler und Unterkäufer und forderten diese 
auf, den Juden eine gröfsere Summe — sie nannten 
10—20000 Gulden — an polnischen Dütgen, Schrecken- 
bergern u. s. w. zum Einwechseln anzubieten. Zwei 
Juden nahmen die Offerte der Makler an und führten 
dann am 5. Januar 1616 abends diese zu den auf der 
Messe weilenden Geldwechslern. Unbemerkt folgten 
ihnen jedoch vom Rat angestellte Späher, und noch in 
der Nacht liels dann der Rat Haussuchungen halten 
und die verdächtigen Kaufleute verhaften. Am andern 
Morgen war unter den Händlern grolse Aufregung und 
Bestürzung, auf dem Rate aber freute man sich; über 



Zur Kipper- und Wipperzeit in Kuisaclisen. 135 

15000 Gulden schlechter Miinze hatte man mit Be- 
schlag belegt^'). 

Die ganze Leipziger Kaufmannschaft stand nun 
wie ein Mann auf und griff dies Verfahren an. Sie 
behaupteten, dals sie froh wären, wenn die Regierung 
gegen die Münzpartiererei vorgehe, denn die Einschleifung 
von verdächtigen Münzen geschehe nur von betrüglichen 
und eigennützigen Leuten. Dagegen sei zu allen Zeiten 
unter den Handelsleuten das Wechselgeschäft und die 
Zahlung eines xiufgeldes für gute Münzen gebräuchlich 
gewesen und für ehrbar gehalten worden. Die Hand- 
lung bestehe in Erkaufung der Waren. Sie drohten, 
dals, wenn man „straff"-' verfahre, an allen Orten ein 
Aufruhr entstehen werde und dals die Kauf leute mit der 
Handlung sich an andere Orte wenden würden. 

Auch die verhafteten Kauf leute ruhten nicht; 
während sie mit Bittschriften den Kurfürsten bestürmten, 
verwandten sich der Rat zu Hamburg und zu Goslar in 
Eingaben für sie. Unter diesen Umständen bildete der 
Kurfürst aus den geheimen Räten in Dresden eine eigne 
Kommission zur Untersuchung dieses Falles. Diese ent- 
schied dann am 29. Februar 1616, dals alle in Leipzig 
in Haft gehaltenen Kaufleute und Juden, unter Zurück- 
gabe des beschlagnahmten Geldes, mit einer Verwarnung 
zu entlassen seien. 

Der Schlag, welcher gegen das Münzgeschäft geführt 
worden war, war also vergeblich gewesen. Um so kühner 
erhoben in den folgenden Jahren die Geldwechsler ihr 
Haupt und Leipzig ward mehr und mehr Warenplatz 
für schlechte Geldsorten. 

Li diesem Zeitraum 1610—1619 hatten sich unter- 
dessen die Verhältnisse im obersächsischen Kreis wesent- 
lich verschlechtert. Einzelne Stände beriefen sich auf 
veraltete Privilegien und forderten auf den Probations- 
tagen das Recht, neue Münzstätten anzulegen, so z. B. 
die Fürsten von Anhalt, die Grafen von Stolberg -Wer- 
nigerode, der Herzog von Sachsen -Weimar; noch zahl- 
reicher aber waren die Fälle, wo ohne Kreisbeschluls 
Heckmünzen errichtet wurden, so u. a. vom Kurfürsten 
zu Brandenburg, den Herzögen zu Pommern-Stettin, den 
Grafen zu Barby. 



") Noch in der Nacht ging an den Kurfürsten ein -^8 Blatt 
langer Bericht ah, ein zweiter von 45 Blatt folgte am 29. Januar 1616. 



136 Robert Wuttke: 

Bald liefen im obersäclisischen Kreise nicht nur 
fremde, sondern auch im Kreise geprägte, unterwertige 
Münzen massenhaft um. Man wuIste kein Mittel, um die 
immer stärker hereindrängende Flut von „leichtem" 
Golde einzudämmen. Auf dem Probationstage von 1617 
beriet man, ob man nicht auf eine kurze Zeit das Prägen 
von Scheidemünzen ganz einstellen solle. Zwei Jahre 
später suchte man wieder einen andern Ausweg zu er- 
greifen ; man beschlols feierlich, dats alles Kleingeld aus- 
schliefslich mit der Rechbank gemünzt werde. Aber 
alles war vergeblich; die Münzverwirrung nahm zu; ein 
Stand nach dem andern wurde mutlos, abtrünnig und 
vermehrte die Zahl der Münzstände, welche offen unter- 
wertiges Geld prägten. 

Nach den Berichten des General wardein Rentzsch, 
welcher alle Jahre jeden Münzstand im Kreise wenigstens 
einmal zu besuchen hatte, war die Quelle der Münzver- 
schlechterung im obersächsischen Kreise vornehmlich in 
Pommern, in den sächsischen Herzogtümern und in den 
Harzdynastien zu suchen. Rentzsch fand, dals man schon 
1618 die rauhe Mark durchschnittlich zulöO— 160Groschen 
(statt 133) stückelte und die feine Mark zu 16 Gulden (statt 
12 Gulden 14 Groschen) ausbrachte. Im nächsten Jahr stieg 
die Stückelung auf 180 Stück und mehr, die feine Mark 
wurde zu 18 Gulden ausgebracht; 1619 aber fand er, dals 
200 Groschen aus der rauhen Mark gestückelt wurden und 
man die feine Mark zu 20 Gulden, ja zu 26 Gulden aus- 
brachte; er meinte: und ist zu vermuthen, dals diejenigen, 
welche in jetziger Zeit Kleingeld münzen, ein Werk guter 
Groschen in Vorrat machen, um es dem Generahvardein, 
wenn er die Münzen visitiert, vorzulegen; wann derselbe 
wieder hinweg reiset, machen sie es wieder auf ihre alte Art. 

tjber den Umfang der Prägung im obersächsischen 
Kreise sind wir für diese Zeit schlecht unterrichtet. 
Wohl pflegten auf den Probationstagen die Kreisstände 
Register über das von ihnen gemünzte Geld einzuschicken ; 
aber die Angaben aus diesem Zeiträume sind mit Vor- 
sicht aufzunehmen, denn wahrscheinlich haben die Stände 
es vermieden, über die Ausprägung des unterwertigen 
Kleingeldes zu berichten. Immerhin bleibt es von Inter- 
esse, sich das Verhältnis der ausgeprägten groben Sorten 
und der Scheidemünzen zu vergegenwärtigen. 

Im obersächsischen Kreise wurde vom 1. Mai 1609 
bis 2. Mai 1619 ausgeprägt: 



Zur Kipper- und Wipperzeit in Kursachsen. 



137 



an groben Sorten un Scheidemünze 

(Thaler, Gulden, Örter) (Groschen, Dreier, Pfennige, 

Heller) 



Kursachsen 
Kurbrandenbuig 
Sachsen-Weimar 
Sachsen-Koburg 
Stettin-Pommern 
Schwarzburg . 
Mansfeld . . . 
Stolberg- . . . 



1608861 Thlr. 

5 704 

315407 

230268 

13654 

510 

265876 

11537 



51 



55705 Thlr. 
55061 

358 



n 

)) 



121324 

67705 
38434 



11 
11 
•.1 

11 
11 



Kursachsen . . 
Kurbrandenburg 
Sachsen-Weimar 
Sachsen-Koburg 
Stettin- Pommern 
Schwarzburg . 
Mansfeld . . 
Stolberg . . . 



mehr an groben Sorten 
1553156 Thlr. 



315049 
230268 

510 
198171 



11 
11 
11 

11 



mehr an Scheidemünzen 

— Thlr. 
49357 „ 



107 670 



26 897 



11 
11 
11 
11 
11 



2 297154 Thlr. 



138924 Thlr. 



Als die Hoffnung schwand, aus eigner Kraft der 
Münzwirren Herr zu werden, wandten sich 1618 einige 
Kreisstände an den Kurfürsten von Sachsen als Kreis- 
obersten, klagten ihm ihre Not und baten ihn um seine 
Unterstützung. Der Kurfürst erwiderte, dafs er die all- 
gemeine Not wohl anerkenne, nicht aber sehe, wie es 
einem oder zwei Kreisen möglich sei, dieser Konfusion 
zu wehren und das Münzwesen wieder in den richtigen 
Stand zu bringen. Er wisse kein anderes Mittel, als die 
Einberufung einer allgemeinen Reichsversammlung, die 
dann einen „einhelligen Schluls" fassen müsse. Einstweilen 
hoffe er, dafs das kaiserliche Poenalmandat etwas dem 
Unheil steuern werde ^^). 

Was der Kurfürst hier aussprach, war in aller 
Munde. Man sah ein, dals kein einzelner Stand mehr 
Ordnung schaffen konnte. Das Poenalmandat aber, auf 
das der Kurfürst hinwies, wurde nie publiziert. Die 
Ohnmacht des Reiches lag offen vor aller Augen, die 
kommenden kriegerischen Ereignisse w^arfen ihren Schatten 
voraus und in den Kabinetten wurden wichtigere als 
die Münzfragen erörtert. Nach der Reichsmünzver- 
fassung konnte der Kreisoberst die Exekution gegen die 



12) Loc. 9802. Münz- und Probationstag. — 1618 Bl. 4. 



ebendas. eine 
Kreisstände, 



Bl. 11. 
Reihe Vermahnungsschreiben des Kurfürsten an die 



138 Robert Wiittke: 

Heckmünzen beantragen und ausführen; bei der ge- 
spannten politischen Lage aber suchte jeder seinen 
Freund nicht gerade jetzt sich zum Feinde zu machen. 
Die Geldkrisis der Kipper- und Wipperzeit liätte nie den 
Umfang angenommen und so tiefgreifende Störungen im 
wirtschaftlichen Leben des Volkes hervorgerufen, wenn 
sie nicht gleichzeitig mit der politischen Krisis, dem Aus- 
bruch des BOjährigen Krieges, zusammengetroffen wäre. 

Der letzte Münzprobationstag wurde 1G19 abge- 
halten; auf dem allgemeinen Kreiskonvent im Februar 
1620 kam noch einmal die Sprache auf die Münzverhält- 
nisse. Man einigte sich über eine „per tolerantiam be- 
liebte Temporal -Reduction und Valvation ", ein Edikt, 
welches am 8. Februar 1620 auch in Kursachsen ver- 
öffentlicht wurde^^'). Dies war auf längere Zeit die letzte 
That des obersächsischen Kreises. Die Münzmeister 
der Kreisstände baten um Enthebung von ihrem Eid 
auf die Kreisverfassung '^). Eine schrankenlose Willkür 
griff Platz, ein jeder Stand glaubte sich aller Fesseln 
und Ordnung entledigt und münzte nach eignem Gut- 
dünken. Erst als die Krisis mit voller Wucht den Geld- 
markt getroffen hatte , im Jahre 1623, besann man sich 
wieder auf die Kreisverfassung und rief einen Probations- 
tag ein. 

Mit der Aufhebung der obersächsischen Kreisverfas- 
sung sind wir in die eigentliche Kipper- und Wipperzeit ein- 
getreten. In Kursachsen ^^) begann man mit der Ausprägung 
einer sogenannten Interims- oder Usualmünze, jedoch sollte 
dies „leichte" Geld nur als Landesmünze in Sachsen um- 
laufen. Die Numismatiker nehmen an, dals die ersten 
Ausmünzungen des leichten Geldes schon im Jahre 1619 
erfolgt seien und berufen sich auf einige Münzstücke aus 
diesem Jahre, welche das den sächsischen Kippermünzen 
eigne Gepräge schon tragen ; nach den Münzrechnungen 



13) Cod. Augusteus II, 766. 

") David Hermann am 17. Juli 1620 in Dre.sden. 

'■'') Klotz seil, Versuch einer Chnrsächsisclien Münzgeschiclite 
Bd. II (Chemnitz 1780) behandelt eingehend die Kipperzeit. Sein 
Werk ist eine für seine Zeit ganz hervorragende Leistung, aber 
heute fast in allen Teilen veraltet Über die Münzmeister u. s. w. 
finden sich wertvolle Angaben in J. und A. Erbsteins Erörterungen 
auf dem Gebiete der sächsischen I\Iünz- und j\Icdaillen-(ieschichte Th.H 
(Dresden 1890). Von denselben Verfassern erschien auch in der Zeit- 
schrift für Museologie II No. 16 ein Aufsatz über sächsische Kipper- 
müuzen. 



Zur Kipper- und Wippeizeit in Kursachsen. 139 

scheint man jedoch erst im Herbst 1620 in größerem 
Umfange Usualmünze geprägt zu haben. In den Jahren 
1621-1623 entstanden dann in allen Teilen des Landes 
Münzstätten , wie viele, lälst sich heute nicht mehr mit 
Sicherheit feststellen. 

Hier muls zuerst die Frage aufgeworfen werden : 
Weshalb prägte der Kurfürst Kippergeld, wer war sein 
Berater? Klotzsch nennt als den „vielleicht ersten Eat- 
geber" den Kammerrat Christoph Carl von Brandenstein '*^); 
er weils aber nichts über die Thätigkeit Brandensteins 
mitzuteilen. Trotzdem das über die Kipperzeit erhaltene 
Aktenmaterial sehr reichhaltig ist, läfst es uns in dieser 
Frage im Stich. Dies kann nicht Zufall sein. Die Rat- 
geber ^^) des Kurfürsten werden später ein Interesse ge- 
habt haben, die Spuren ihrer Thätigkeit zu vertilgen; 
dafs jedoch Brandenstein beteiligt war, lälst sich akten- 
mäfsig feststellen. In einem Schreiben an den Kurfürsten 
vom 28. Januar 1622 erwähnt er, dals ihm die Expedition 
des Münzwesens anbefohlen worden sei. Auch noch einige 
andere Beweise für seine Thätigkeit lassen sich anführen. 
Es scheint, dafs sich unter dem Vorsitz Brandensteins 
eine eigne Gesellschaft gebildet hatte, welche dann die 
berüchtigten Pachtmünzstätten anlegte; so hat sich in 
den Akten ein von Cuvelier aufgestellter Anschlag, wahr- 
scheinlich vom Jahre 1621, gefunden: „der von Branden- 
stein giebet zum Münzverlage an: 207000 Gulden. Wenn 
nun hierzu ferner, weil die obige Post zu einem so wich- 
tigen Werke zu geringe und zu wenig ist, aufgebracht 
werden könnte 93000 Gulden, so trüge der Münzverlag 
300000 Gulden. Diese Summe auf sechs unterschiedliche 
Münzen eingeteilt, kommt auf jede Münze 50000 Gulden." 



'<*) Brandensteiu war ein zweideutiger Charakter. Nachdem 
.seine Rolle in Sachsen ausgespielt war, ging er zu Gustav Adolph über, 
um dann sich zu Kaiser Ferdinand IL zu wenden, der ihn in den 
E.eich.sgrafenstand erhob. Wenige Jahre später ist er wieder bei Gustav 
Adolph, der ihn mit der Grafschaft Querfurt belehnte. Als schwedi- 
scher Gesandter kam er 1637 durch Sachsen, ward hier verhaftet 
und starb 1640 im Gefängnis. 

^") Betreffs des Geldwechselgeschäfts heilst es einmal in einem 
Schreiben des Esaias von Brandenstein an Caspar von Schönberg 
vom 24. Juni 1620: „wann dann etliche Vornehme im Rathe selbsten 
diese Partirerei mitgetrieben und gerne diesen leichten Handel unter- 
drücken und vertuschen, auch garnicht diese Sachen ins Maul recht 
greifen wollen, dadurch m. gn. Churf Herrn eine ansehnliche Summe 
entzogen und verschwiegen bleibet." Loc 9807 Münz-Partierer zu 
Neustadt a. d. Orla 1620/21. 



140 ßobert Wuttke: 

Aus einer späteren Verliandlung wissen wir dann noch, 
dais von Wertlier 80000 Gulden, von Osterhausen 55000 
Gulden zu dem Münzwerk eingeliehen hatten. Auch wie 
sich die Ausgaben auf die einzelnen Münzstätten verteilt 
haben, bleibt unklar. Nur ein Anschlag ohne Unterschrift 
und Datum ist erhalten; aufgezählt werden die Miinzen 
zu Pirna (Birn) mit 5000 Gulden und 10000 Gulden Über- 
schuls, zu Zwickau mit .30000 Gulden mit der Rüstung, zu 
Grofsenhain (? „zum hen") 20000 Gulden mit der Rüstung, 
zu Weida 6000 Gulden, zu Neustadt a. d. Orla 12000 
Gulden und 8000 Gulden Überschuis, zu Grünhain 20000 
Gulden (?); von der Münze zu Langensalza, heilst es, 
mangle der Bericht und in der zu Chemnitz sei kein 
Vorrat mehr vorhanden^''). 

Alles dies sind sehr dürftige Nachrichten, aus denen 
sich kein Bild gewinnen lälst. Glücklicherweise fand 
sich in Akten, welche „wegen Abhörung des gewesenen 
Kammermeister Frauenlobs Rechnung 1628" geführt wurden 
(Loc. 7348), eine genaue Rechnung über die sogenannten 
neun Landesmünzen ^''): 

Eiiiuahme Ausgabe Überscliufs 

(an geringem (ieltle) 

Pirna 230398 fl. 22085 fl. 208313 fl. 

Chemnitz 440390 ,. 348670 „ 91719 „ 

Zwickau (iß3085 „ 545108 „ 117977 „ 

Leipzig 570981 ., 482582 „ 88398 „ 

Weida <i69311 „ 542796 „ 126515 „ 

Neustadt 341240 „ 267 558 „ 73681 „ 

Langensalza 20222 „ 14773 „ 5449 „ 



1«) Alle citierten Stellen betinden sich in Rep. 26 No. 123 
Loc. 32883 Die Ao. 1621/22 geschehene Münzveränderung samt was 
dem anhängig. Ebendaselbst ein Brief von Braudenstein an den 
Kurfürsten vom 10. November 1621 , in dem er ihm über Verhand- 
lungen mit dem Münzmeister, welchem die Weidasche und Chemnitzer 
Münze pachtweise bestellet sei, nnd mit dem (iommerschen Münz- 
meister, wie auch über die Münze zu Annaberg berichtet 

'") Über Zwickau vergl. Herzogs Chronik von Zwickau II, 
401 ff. Über Leipzig Leipzigfer. Katsarchiv LA'l, 5 Akten des Rats 
zu Leipzig, Münze betr. 1621. Über Grofsenhain: Rep. 26 No. .5451) 
Loc. 32418 Bl. 268. Giefs- und Beschickbüchlein in der Münze zu 
Hayn gehalten vom 10. August 1621 bis 2. März 1622 von Martinus 
Brun. Geprägt wurden ThaloT-, Groschen-, Dreierstücke und Schrecken- 
berger. In Böttiger-Flathe Geschichte von Sachsen II, 205 wird 
ein Pachtkontrakt von A. Brun mitgeteilt, der aber wahrscheinlich 
nicht richtig ist. Vergl. Blätter für Münzfreunde 1890 No. 168. 



Zur Kipper- und Wipperzeit in Kiirsachsen. 



141 



Einnahme Ausgabe Überschufs 

(an goringem GeUle) 

(Grofsen-) Hain .... 96200 fl. 80827 fl. 15372 fl. 

üoinniern 12870 ,, 9313 „ 3559 „ 

Vergoldetes Brandsilber . 14897 „ 14851 „ 46 „ 

Ki;pfer 21346 „ 17389 „ 3956 „ 

Weinstein . . .... 7208 „ 5799 „ 1408 „ 

3088153 fl. 2351755 fl. 736397 fl. 

Aus dieser Aufzählung erfahren wir zum ersten Male 
die Namen einer Reihe von Kippermünzstätten. Frauen- 
lobs Rechnung enthält aber auch noch Angaben über die 
Dresdner und Annaberger Münze. 

In Dresden gab es zwei Münzen, die sogenannte kur- 
fürstliche oder Bergkasse und die Granalienkasse. Die 
Bedeutung der Granalienkasse hat man bisher nicht genug 
gewürdigt. Von ihr ist eine Unmasse von Kippergeld 
in das Land ausgegangen: 

Rechnung über Usualmünze in der Granalieukasse^) geprägt. 

Einnahme Ausgabe Überschufs 

Luciae 1620 122965 fl. 73070 fl. 49894 fl. 

1621 1355432 „ 688223 „ 595 209 „ 

1622 1418788 „ 986147 „ 432641 „ 

Remimsc. 1623 .... 94430 „ 70539 „ 23890 „ 

in 2V2 Jahren: 2 991615 fl. 1817979 fl.' llQ1634fl. 

In den nächsten Jahren 1623—1628 wurde dann in 
der Granalienkasse gute Reichsmünze geprägt. 

Rechnung über Usualmünze in der Bergkasse zu Dresden geprägt. 

Einnahme Ausgabe Überschufs 

1620 482119 fl. 396 906 fl. 85213 fl. 

1621 1149 646,, 809407,, 340239,, 

1622 2271222,, 2118792,, 1.52430,, 

Reminisc. 1623 . . . 380195 „ 413989 „ (veriu8t= 33793 „) 

in 31/2 CO Jahren: 4283182 fl. 3739094 fl. 544079 fl. 

Während der Kipperzeit wurden jedoch auch in den 
kursächsischen Erblanden gutes Reichsgeld geprägt. 
Nach den Kreisregistern des obersächsischen Kreises vom 
2. Mai 1619 bis 2. November 1623: 



-°) Über die einzelnen Ausprägungen der Granalien- wie der 
Bergkasse sind wir genau unterrichtet, da die vierteljährlichen Über- 
sichten erhalten sind. Dieses umfangreiche Material kann hier je- 
doch nicht weiter benutzt werden. — In der Rechnung der Graualien- 
kasse für 1621 steckt ein Fehler. 



142 



Robert Wnttke: 



Gewicht 



Gehalt an fein 

Silber 



•araiis ge- 
niünzt 



I. Silberprägung 


M. 


L. 


Q. 


M 


L. 


Q. 


Bthlr. 


Gr. 


Reichsthaler . . 


78119 


4 


— 


69406 


15 


12 


624991 


15 


Nach der Ordnung 


















von 1610 


















Zinsgroschen . . 


508 


8 


1 


253 


o 


16 


2809 


19 


Dreier .... 


1 622 


12 


1 


407 


2 


2 


4669 


19 


Nach der ß.-M.-ü 


















von 1559 


















Zinsgroschen . . 


10879 


1 


2 


5440 


6 


10 


49161 


6 


Dreier .... 


1055 


1 


2 


330 


14 


2 


3001 


9 




752633 1 20 


II. Goldprägung- 
















Dukaten . . . 


— 


30 


4 


29 


18 


7 


2028 Stück 


rheinische Gold- 
















gulden . . . 


— 


11 


— 


8 


11 


— 


791 , 





Aufser den beiden Münzen in Dresden gab es noch 
eine kurfürstliche Münze zu Annaberg-'). In ihr wurden 
folgende Summen von Usualmünze geprägt: 



Einnahme 
Crucis u. Luciae 1621 . . 537610 fl. 

1622 1187 626 ,. 

Reminisc. u. Trinit. 1623 . 248579 „ 



Ausgabe 
370277 fi. 
871722 ., 
203411 ., 



Überschufs 

167332 fl. 
315904 „ 
45167 „ 



in 2 Jahren: 1973813 fl. 1445410 fl. 



528 403 fl. 



Nur Über diese Münzen besitzen wir bis jetzt genaue 
Rechnungen, es lassen sicli jedoch noch eine grolse An- 
zahl von anderen Münzen nachweisen. Der Berghaupt- 
mann von Schönberg erAvähnt einmal in einem Schreiben 
vom 4. November 1621 an Brandenstein die Münzen zu 
Delitzsch, Düben, Bitterfeld, Freiburg, Sanger- 
hausen--). Wir wissen dann, dals in Taue ha--') bei 
Leipzig am 28. Februar 1621 eine Münze errichtet wurde, 
deren Einrichtungskosten sich auf 3520 Gulden beliefen; 
ferner verlangt einmal der Kurfürst von Brandenburg 
— am 23. August 1623 — die Münzregister von Gommern 



-') Für Annaberg sind die Münzregister noch erhalten: Loc. 7865 
Probier- und Aufziehbüchlein der .Alünzsorten zu St. Annaberg 1622 
2 Bdchen. und Loc. 7865 Rechnung der churf. siulis. ]\Iünze zu St. 
Annaberg 1622, 2 Bde. 

") In Rep. 26 No. 123 Loc. 32383 Bl. 13. Betr. Delitzsch 
vergl. Lehmanns Chronik von D., S. 84. 

-*) Leipziger Ratsarchiv LYL 4. Die Münze zu Taucha betr. 1621. 



Znr Kipper- und "Wipperzeit in Kursachsen. 148 

und Lichtenberg'-*). Sonst werden noch aufgezählt 
als Münzstätten: Wittenberg, Liebenwerda-'"') und 
Eilenburg-*^). 

Eine besondere Stellung nimmt als Münze die Seiger- 
hütte zu Grünthal-^j ein. Wie schon früher erwähnt, 
waren zuerst Pfennige und Batzen in grölserem Umfange 
unterwertig ausgebracht worden, später mit dem Steigen 
des Reichsthalers wurden es Groschen und Schrecken- 
berger, schliefslich in der Kipperzeit auch Gulden und 
Thaler. Die sächsische Usualmünze bestand vorzugsweise 
aus sogenannten groben Sorten ; nur wenig Groschen, Dreier 
und Pfennige wurden geprägt. Die Klagen über den 
Mangel an Kleingeld wollten deshalb auch in der Kipper- 
zeit nicht verstummen, besonders die ärmere Bevölkerung 
litt sehr darunter. Am 25. Juni 1621 ging an den Hütten- 
schreiber Roth zu Grünthal der kurfürstliche Befehl, 
schleunigst Pfennige zu prägen, „damit das Lamentieren 
unter den Leuten etzlicher Malsen gestillet werde". Die 
fertig gestellten Pfennige solle er dann an das Hütten- 
amt in Freiberg abliefern. Einen Monat später bat der 
Dresdner Münzmeister H. von Rehnen den Roth, mit 
dem „Pfennigmachen" fortzufahren, „weil die Herrschaft 
so sehre deswegen anhellet und treibet und daran dem 
ganzen Lande mächtig gelegen". In Grünthal wurde dann 
bis Reminiscere 1623 mit der Prägung von Pfennigen zuerst 
mit dem Hammer, später mit einem Druckwerke fort- 
gefahren; in diesen l^« Jahren wurden, nach den genau 
geführten Rechnungen, 3 231494 Stück angefertigt. Die 
Einnahmen beliefen sich auf 16032 Gulden, die Ausgaben 
auf 15 358 Gulden, der Überschuls auf 675 Gulden. Der 
Gewinn war also ein geringer, denn selbst jetzt nahm 
man zu dem Pfenniggufs noch einen Zusatz von Silber, 
auf die Mark 1 bis P/a Loth; auch waren die Löhne sehr 



21) Loc. 9803 Münz -Sachen und Probatioustag 1623 El. 26. 
Gemeint ist wohl Schlofs Lichtenberg bei Torgau. 

-'") Die Münzstätten und Münzmeister der Markgrafen von 
Meifsen, Kurfürsten und Könige von Sachsen, i. d. Mitt. des Ver. f. 
Münzen-, Wappen- und Siegelkunde in Dresden I (1869), 25. 

^^) lu Simons Eilenburgiseher Chronica (Leipzig 1696) wird 
erwähnt , dafs 1622 am Leipziger Thore in Salomons Hause eine 
Münze errichtet wurde. 

-") Rep. 26 Xo. 548 a Loc. 32 424. Das Pfennigmünzen und 
die darüber geführten Rechnungen bei der Snygerhütte Grünthal 1621. 
Xo. 548b Loc. 32424 Saygerbütte Grünthal i621/22 Pfennigprägung. 



144 Robert Wuttke: 

hoch, so bekam em Pfennigschläger die Woche 7 Griilden 
18 Groschen, ein Hammerschmied 11 Gulden 18 Groschen. 

Wie viel Usualmünze ans allen sächsischen Münzen 
ausging, wird sich nie. feststellen lassen, denn nur über 
die neun Landesmünzen und die drei kurfürstlichen Münzen 
liegen uns Rechnungen vor. In letzteren Münzstätten 
wurden allein üsualmünzen in einem Nennwert von 
12\'2 Millionen Gulden geprägt. Schon diese Zahl zeigt, 
welche Geldflut auf den Verkehr hereinbrach; hatte doch 
Kurfürst August in zwanzig Jahren nur 8 7« Millionen 
Gulden gemünzt, und Johann Georg I. prägte später in 
28 Jahren (1628 — 1657) nur noch 3% Millionen Gulden. 

Bei diesem Umfang der Prägungen in der Kipper- 
zeit müssen wie uns fragen: wie haben die Münzmeister 
in der kurzen Zeit das nötige Metall, Silber wie Kupfer, 
sich verschafft ? Zwei Wege hat man damals beschritten ; 
erstlich wurde in Leipzig eine Silbereinkaufshandlung er- 
richtet und zweitens suchte jeder Münzmeister sich einen 
Kreis von Silberlieferanten, später Aufwechsler, Kipper 
und Wipper genannt, zu erwerben. Je mehr Silber die 
einzelne Münze erhielt, desto mehr konnte geprägt werden 
und um so gröfser war der Gewinn für den Münzmeister. 

Nach der Reichsmünz - Probationsordnung besals 
der Kurfürst von Sachsen als Kreisoberster ein Silber- 
regal; er durfte von jeder Mark fein Silber einen soge- 
nannten Schlägeschatz von 6 Groschen nehmen-^), erst 
dann durfte das Silber aufgekauft, verarbeitet und aulser 
Land — „es sei roh oder an Waren so im Lande fabri- 
ziert" — geführt werden. Es scheint jedoch, dais die 
Kurfürsten dieses Regal nie ausgeübt haben. Da aber 
das in den einheimischen Bergwerken produzierte Silber 
den Bedarf in der Münze in Dresden nicht deckte, suchte 
die Regierung in der Meiszeit in Leipzig stets Silber 
einzukaufen-"). In der Kipperzeit nahm das Einkaufs- 
geschäft einen grolsen Umfang an. Nur einen Teil der 
Rechnungen aus den Jahren 1623/24, von Christian Cuvelier 

2*) So der Kreisabschied vom :i7. April 1573, dann im Landtags- 
abschied vom 18. März I82:i und im Kreisabscliicd vom 7. >.'ovember 
1623 wiederholt. Loc. 7413 Das Silbernegotium im Kurfürstentum 
Sachsen betr. 

-") Leipziger Ratsarchiv LVL 1 ^' Register über die Granalia, von 
dem Katli in Leipzig in die churfürstl Kammer geliefert und was 
darauf bezahlt worden. 15«2— 161K. — Am 1:1. Dezember 1620 er- 
ging ein Patent Kurfürst Johann Georgs: kein Bruch- noch ander 
.Silbe)' u. s. w. ans dem Lande zu tiihren. Cod. Augusteus II, 7(Jö. 



Zur Kipper- imd Wipperzeit in Kursaclisen. 145 

geführt, haben sich erhalten. Danach wurde z, B. in di-ei 
Monaten 1623 für circa 47700 Keichsthaler an 6700 Mark 
fein Silber eingekauft"**). Das Silber wurde dann- den 
einzelnen Münzen wieder zugestellt. Wann dieses Silber- 
einkaufsgeschäft in Leipzig errichtet wurde, wer es ver- 
waltete, wie lange es bestand, auf alle diese Fragen giebt 
unser Aktenmaterial keine Antwort. 

Interessant ist es dagegen, den Silbereinkauf in der 
Dresdner Münze zu verfolgen. Zum Einkauf von Paga- 
ment, Granalien, Bruchsilber erhielt der Münzmeister am 
29. Oktober 1620 einen Vorschuls von 60 000 Gulden =^^), 
eine geringfügige Summe, wenn man bedenkt, was er da- 
mit zu leisten hatte. Nach einigen erhaltenen Wochen- 
zetteln von 1621-^^) kaufte die Münze durchschnittlich 
für 15000 Gulden wöchentlich Granalien an, im Viertel- 
jahr Trinitatis 1622 für 282 880 Gulden =^^3). Diese Wochen- 
zettel ergeben wertvolle Aufschlüsse über die sogenannten 
Kipper und Wipper. Den gröfsten Teil des Silbers 
lieferte ein Kreis von offenbar den Silbereinkauf gewerbs- 
mälsig betreibenden Händlern; an ihrer Spitze stand in 
Dresden Hans Schneeweifs; er brachte in jeder Woche 
durchschnittlich für 3 — 4000 Gulden Silber zusammen. 
JSFeben dieser Händlergruppe, deren Namen in den Listen 
sich immer wiederholen, besals die Münze eine zahlreiche 
Kundschaft an kleinen Leuten, die oft in geringen Be- 
trägen, bis auf 5 und 4 Gulden herab, Silber lieferten. 
Sie brachten ihr erspartes Geld, die alten in der Truhe 
zurückgelegten und aufbewahrten Eeichsthaler, um diese 
jetzt bei ihrem hohen Stande vorteilhaft zu verwerten; 



30) Rep. 26 No. 545 b Lnc. 32418 Münz- und Probationstagakteu 
1621—23 Bl. 356 eine Rechnung der Dresdner Münze über Leipziger 
Granalien, so Chr. CuveUer zu vermüuzen überschickt. Bl. 401 
Silbereinkauf in Leipzig vom 19. Februar bis 26. April 1623 (unter 
den Verkäufern, die alle aufgezählt werden, kommt öfters der Name 
des Hauptmann Vopelius vor). Bl. 414 Rechnung über Q. Crucis. B1.439 
Verzeichnis der Pagamente, welche auf cliurfürstl. Verordnung in 
Leipzig granuliret und probiret wurden (unter den Zusendern die 
Namen vieler Münzmeister.) — Ebendas. No. 545c Bl. 6 Rechnung 
über den Silbereinkauf für Reminiscere 1624. Vergl. Cod. Aug. II, 777. 

^^) Loc. 9810 Dem Münzmeister Rehnen überschickte Wochen- 
ausztige 1612-20. 

^-) Loc. 32 412 Auszüge über die churfürstl. Münze zu Dresden 
1601/04. 

^^) Rep. 26 N. 545 b Loc. 32418 Münz- und Probationstagakten 
1621/23, bes. Bl. 206. 

Neues Archiv f. ö. G. u. A. XV. 1. 2. 10 



146 Robert Wuttke: 

die armen Leute ahnten nicht, dals sie für ihr gutes Geld 
nur Schaumsilber eintauschten. 

.Das Silber, welches die Münzen verarbeiteten, war 
zum grölsten Teil sogenanntes Pagament, d. h. einge- 
schmolzenes Münzsilber. Um dies recht reichlich zu er- 
halten, mutete es der Regierung nicht nur daran liegen, 
die Ausfuhr der guten groben Münzsorten zu verhindern, 
sondern auch ihre Einfuhr zu begünstigen. Das Mittel, 
zu dem man griff, war ein sehr einfaches: man setzte 
in den Valvationsedikten den Kurs der groben Gold- und 
Silbersorten für Leipzig höher fest, als er sonst in Deutsch- 
land stand. Die Folge war, dafs alle Kaufleute ihre 
Wechselzahlungen nach Leipzig in Reichsthalern u. s. w. 
leisteten. Nachdem kaum am 8. Februar 1620 das ober- 
sächsische Kreis -Valvationsmandat in Sachsen veröffent- 
licht worden war, trat die Regierung mit der Leipziger 
Kaufmannschaft in Verhandlungen'^^) wegen Erlafs eines 
neuen Ediktes; am 22. Dezember 1620*^'^) konnte dieses 
publiziert werden, um schon nach einem halben Jahre 
von einem dritten und letzten Valvationsedikt — 22. August 
1621'^*^) — überholt zu werden. Wie hoch letzteres die 
groben Sorten bewertete, mag folgender Vergleich ''') 



zeigen : 

In den Münzmandaten von 
Nürnberg. Kaiserl. Unterösterreicb. Kursachsen. 

Dukaten . . . . 5 fl. 6 fl. 45 kr. 7 fl. 

Rhein. Goldgulden 3 „ 40 kr. 4 „ 50 „ S'/o „ 

Dicktlialer . . . 3 ,, 32 „ 4 „ 45 „ 5 fl" 6 gr. 

Reiclistlialer . . B „ 15 „ 4 „ 30 „ 5 „ 

Der Zustrom an Gold infolge dieser Valvations- 
politik war so bedeutend, dais man in den Jahren 1619 
bis 1623 an 2028 Stück Dukaten ausprägen konnte; seit 
absehbarer Zeit war dies in Sachsen nicht geschehen. 

Während der sogenannte Münznutz von 1600—1610 
kaum noch die Literessen des Münzverlages getragen hatte, 
steigerte er sich nach 1610, wie wir schon gesehen haben ; 
aber erst mit der Usualmünze kamen hohe Einnahmen auf. 



'^^) Diese Verhandlungen sind sehr interessant und uns ausführ- 
lich in den Akten überliefert, es würde uns aber zu weit führen, hier 
näher auf sie einzugehen; vergl. übrigens Erbsteins Erörterungen 
II, 210. 

"^) Cod. Augusteus II, 770. 

3») Cod. Augusteus II, 772. 

'") Loc. 9788 Münz-Sachen Ao. 1621/22 Bl. 247. 



Zur Kipper- imd Wipperzeit in Kursachsen. 147 

Nach Franenlobs Rechnung betrug- der Münznutz an 
der Usuahnünze: 

In der Bergkasse zu Dresden . 577 883 Gulden 

Granalienkasse 1 051 743 „ 

Der Annabergischen Münze . 528 404 ,, 
Den neun Landesmünzen . 736 397 „ 

2 894 426 Gulden. 

Über die Verwendung dieses Münznutzes erfahren 
wir folgendes: ein Teil sei zu dem neuen Anlehn, ein 
anderer zu den böhmischen und thüringischen Kriegs- 
kosten verwendet worden, „und hatte man dergestalt vom 
Kriegswesen keinen Schaden, sondern vielmehr grofsen 
merklichen Nutz und Frommen. Welches zum meisten 
und guten Teil von dem Dresdner und Annaberger Münz- 
nutz — weil derselbe gleich zur ersten Zeit dem Kriegs- 
wesen zu statten kommen und weder verzinset noch 
wieder bezahlet werden darf — herrühret ■^^)." 

Freilich bald sollte sich zeigen, dals dieser Münznutz 
mit großen, schweren Opfern erkauft war, wenn er auch 
„nicht verzinset noch wieder bezahlet" werden mulste. — 

Untersuchen wir nun an einigen Beispielen, was für 
wirtschaftliche Wirkungen die Usualmünze ausübte. In 
der ersten Zeit schien es fast, als ob sie nur segensreich 
wäre. Der Verkehr und Handel hob sich, der Umsatz stieg, 
die gesamte nationale Produktion wurde gesteigert. Geld 
hatte nun jeder; für den sparsamen Sinn des sächsischen 
Volkes ist es sehr bezeichnend, dafs es das leicht und 
mühelos erworbene Geld nicht durchbrachte, sondern es 
fest in Wertpapieren anlegte. Die Steuer- und Kent- 
kammereinnahme vertraten damals die Stellung unserer 
Banken; sie nahmen stets zur Meiszeit Gelder auf, und 
diesen staatlichen Kassen flofs nun in erster Linie Geld zu. 

Aufgenommene Gelder "s) bei der Steuer der Rentkammer. Summe 
1603/4-1619/2U durchschnittlich 294 704 fl. 4071210. 701 825 fl. 

Dagegen in d. Kipperzeit 1620/21 1176 288,, 379098,, 1555386,, 

1621/22 1492820 ,. 897104 „ 2389 924,, 

1622/23 725 535,, 25.34879,, 3260414,, 

1623/24 190714,, 587162,, 777876,, 



^^) Loc, 9348 Abhörung des gewesenen Kammermeister Frauen- 
lobs Kammerrechnung Bl. 189. 

■'") Über das aufgenommene ,, leichte" Geld sind mehrere Akten 
erhalten: Loc. 10463 Leichtes Geld. Loc. 10496 Marktauszüge 
über die Einnahme und Ausgabe der Land- und Tranksteuer 1622 bis 
1628. Loc. 10433 Steuer- Sachen 1618/27. Nach einer Angabe wurden 

10* 



148 



Robert Wuttke: 



Auch nach einer anderen Seite zeigte sich eine er- 
freuliche Wirkung der Geldhochtlut. Viele zahlten jetzt 
ihre alten Steuerreste ab; gewiss ein weiterer BeAveis 
der Tüchtigkeit der Bevölkerung. Während auf die Amts- 
reste im Durchschnitt von 1604 bis 1622 nur jährlich 
47 990 Gulden einkamen, wurden 1621/22 95 606, 1622/23 
135307 Gulden abgezahlt. 

In dem Steigen und Fallen der Amtsgelder spiegelt 
sich der jeweilige Wohlstand des platten Landes wieder; 
wie kein zweiter Einnahmeposten,der Rentkammer setzten 
sich die Amtsgelder aus einer Fülle von Gebühren, Ab- 
gaben, Naturalleistungen zusammen. Die Einnahmen aus 
den Ämtern betrugen durchschnittlich von 1604 — 1621 
178729 Gulden, dagegen 1621/22 242351 Gulden, 1622/23 
417768 Gulden. 

Seit Frühling 1621 wurden in allen Teilen des Landes 
Klagen über unerschwingliche Preise laut, und doch standen 
in diesem Jahre die Preise immer noch um die Hälfte 
niedriger als 1622. Besonders hartnäckig in ihrer Preis- 
forderung war die Landbevölkerung ; sie weigerte sich Waren 
in die Städte zu liefern, wenn man nicht in Reichsthalern 
zahlte oder ihre übertriebenen Forderungen bewilligte. 
Die Getreidepreise gingen bald so in die Höhe, dafs unter 
der niederen städtischen Bevölkerung Not eintrat. Ihr 
rapides Steigen mag folgende Tabelle veranschaulichen. 

Weizen 





Zwickau 


Dresden 


Delitzsch 


im Durchschnitt 








in den Jahren 








1600—1620 


4 Rthlr. 


2 Rthlr. 15 Gr. 


24Vo Gr. 


im Jahre 1621 


11-17 fi. 


5 „ 13 „ 


25 Gr.— 5 fl. 


1622 


48 fl. 


11 „ 5 „ 


8-13 fl. 


1623 


58 „ 


war keines feil 


— 


nach der Reduktion 








des Kippergeldes 






38 Gr. 


im Jahre 1624 


71/2 Rthlr. 


4 Rthlr. 51/2 Gr. 


24-30 Gr. 



in die Steuer von Ostern 1620 bis Ostern 1623 an 3860000 Gulden 
an Usualmünze eingeliehen , jeder einzelne Gläubiger ist aufgezählt 
(Loc. 10463). Nach einer anderen Angabe habe von 1620 ab, „so 
lange als die gewesene üsual- oder Interimsinünze gedauert", ein- 
geliehen der Kurfürst von Sachsen 1134000 Gulden, kurfürstliche 
Diener und Ofüziere 485 000 Gulden, die von Adel und andere Per- 
sonen 1087000 Gulden = 2706000 Gulden (Loc. 10 496, die Gläubiger 
werden namentlich aufgezählt). 



Zur Kipper- nud Wipperzeit iu Kursachsen. 



149 



Roggen 





Zwickau 


Dresden 


Delitzsch 


im Durchschnitt 








in den Jahren 








1600-1620 


3 Rthlr. 4 Gr. 


2 Rthlr. 


191/2 Gr. 


im Jahre 1621 


9—16 fl. 


4 Rthlr. 19 Gr. 


24Gr.-4V2fl. 


„ 1622 


18—40 „ 


j „ ly „ 


7—12 fl. 


1623 


48 fl. 


11 « 10 „ 


— 


nach der Reduktion 








des Kippergeldes 






35 Gr. 


im Jahre 1624 


5 Thlr. 


4 „ 3 „ 


18-22 Gr. 



Die drei Städte, welche wir ausgewählt haben, spie- 
geln die wirtschaftlichen Verhältnisse im Erzgebirgischen, 
im Meifsner und Kurkreis wieder. 

Besonders hart von der Teuerung*") wurden alle 
diejenigen, welche auf den Bezug einer Rente oder auf 
einen festen Qehalt angewiesen waren, betroifen. Die 
Unterbeamten, wie Kirchen- und Schuldiener, wie Kopisten 
und Sekretäre, gingen den Kurfürsten um Zulage und 
Gehaltserhöhung an. In einem dieser Schreiben heilst 
es, dafs alles, was zum Unter- und Aufenthalte mensch- 
lichen Lebens unumgänglich von nöten sei, um den fünften, 
sechsten Pfennig, ja höher, bezahlt werden müsse. Die 
Handwerker und Handelsleute könnten aufschlagen, wer 
aber ein Gewisses von Alters her habe, erlitte den Schaden 
und die Einbufse*^). In einigen Städten, besonders im 
Erzgebirge, wurden öffentliche Sammlungen angeordnet, 
um die Geistlichen und Lehrer vor der äufsersten Not 
zu schützen und ihnen eine aulserordentliche Zulage zu 
verschaffen. 

Das sprunghafte Steigen der Preise notwendiger 
Lebensbedürfnisse erregte die unteren Volksklassen; sie 
konnten sich diesen wirtschaftlichen Vorgang, unter dessen 
Nachteilen sie empfindlich leiden mufsten, nicht erklären. 
Bald aber verbreitete sich im Lande das Gerücht, die 
Geldwechsler, die Kipper und Wipper, wie sie der Volks- 
mund nun taufte, seien die wahren Schuldigen. Die Geist- 



'^'') Nach einem Anschlag über die Kosten eines Landtages hatte 
der Landtag von 1609 verbraucht für Fischwerk 3628 fl., für Gewürze 
3773 fl., für Gemüse 1609 fl., für Salz 139 fl. Es würde dies nach 
den Preisen des Dezember 1621 gekostet haben: 9102, 13512, 3422 
und 331 fl. u. s w. Loc. 9363 Landtag zu Torgau 1622. Erstes 
Buch Bl. 15. 

**) Loc. 7167 Besoldungs- und Zulag-Sachen 1621. 



150 Robert Wuttke: 

lichkeit nährte diesen Glauben; sie donnerte niclit nur 
von den Kanzeln auf die Geldwechsler los, sondern sie 
griff durch eine Reihe von Fluoschriften in die Bewegung 
ein. Der Ton, den sie anschlug; war volkstümlich; in 
drastischer Weise wuMe sie zu schildern, wie der Eigen- 
nutz und die Sucht nach Reichtum die Menschen ver- 
führe; sie ermahnte zu einem christlichen Lebenswandel 
und betonte den sittlichen Wert der Armut gegen den, 
zu Ausschweifungen verführenden Reichtum; aber auf 
die tieferen wirtschaftlichen Ursachen der Geldkrisis 
ging sie nirgends ein, ja sie wagte nicht, die Münz- 
herren, welche das minderwertige Geld ausprägten, an- 
zugreifen, all ihr Hals und alle ihre AVut kehrte sich 
gegen die Kipper und Wipper. Schon die Titel ihrer 
Schriften reizen zum Lesen ; so schrieb U: a. der sächsische 
Pfarrer A. Lampius eine Flugschrift: „De ultimo diaboli 
foetu. Das ist von der letzten Bruth und Frucht des 
Teuffels, von den Kippern und Wippern, wie man sie nennet" 
(Leipzig 1621), oder der Halberstädter Pfarrer T. Henckel 
einen „Gewissenstritt aller sicheren Lungerhöltzer, Geld- 
händler und Müntzer" (1621) und einen „Gewissens- 
Spiegel aller eigennützigen Käuffer und Verkäuffer" 
(1621) u. s. w. Die Zahl dieser Kipper-Flugschriften ist 
sehr grols^-), ihr Lihalt aber einförmig; hat man eine 
gelesen, so kennt man fast alle. Segensreich hat diese 
Litteratur nicht gewirkt; sie lenkte die Augen von den 
Schuldigen ab, verschleierte die wahren Ursachen und 
regte die ohnehin unruhige Stimmung des Volkes noch 
weiter auf. 

Im Jahre 1621 brachen in verschiedenen Orten Un- 
ruhen aus, so in Naumburg und Wittenberg; in Freiberg 
stürmte der Pöbel die Häuser einiger des Münzhandels 
beschuldigter Personen; in Leipzig konnte nur mit Mühe 
ein Aufstand noch im Keime erstickt werden. 

In den leitenden politischen Kreisen wuIste man, wo 
die Schuldigen zu suchen waren. Im Sommer 1621 richteten 
die Geheimen Räte eine Eingabe an den Kurfürsten, sie 
sprachen die Bitte aus: „E. Chrf. Gn. (möge) die izo vor- 
handenen Pachtmünzen, wie Sie zu thun inwillens, als- 
bald abschaffen, dieweil solche E. Chrf. Gn. und dero 
Land und Leuten hochschädlich, nicht reputirlich, 



*2) Eine reiche Sammhing besitzt die Kgl. Bibliothek zu Dresden. 
(Hist. Germ. C. 521. 524.) 



Zitr Kipper- und Wippersseit in Knrsaclisen. 151 

auch sich cleroselben Inspectoren und Münzmeister an 
keine Verfassung binden lassen wollen"^"). Auch unter 
den Landboten begann es zu gähren. Als von Oster- 
hausen, von dem bekannt war, dafs er in die Münze 
Geld eingeliehen hatte, in einem Wirtshaus mit einigen 
Adligen und kurfürstlichen Beamten zusammentraf, wurde 
über ihn hergezogen**), man hielt ihm vor, wie er ein 
solches unchristliches landesverderbliches Werk, welches 
contra honestatem et pietatem wäre , befördern könne ; 
sie wollten auf dem nächsten Landtage öffentlich dies 
sagen. Osterhausen erwiderte: der Kurfürst hege nur 
eine väterliche Gesinnung, das Münzwesen sei ein poli- 
tisches Thun und keine lex divina, deshalb könne man 
auch in Zeiten der Not die alte Münzverfassung auf- 
heben und aus Kupfer Geld machen. Es wurde ihm 
aber so hart zugesetzt, dafs er schlielslich von Branden- 
stein bat, sein Darlehn ihm zurückzugeben, denn er 
wolle mit der Landschaft nicht in Feindschaft leben und 
überall von seinem unchristlichen Lebenswandel zu hören 
bekommen. 

Unter diesen Umständen hielt es der Kurfürst für 
ratsam, sich mit seinen Ständen in Verbindung zu setzen. 
Zunächst berief er den engeren Ausschuls der Städte 
auf die Neujahrsmesse 1622 nach Leipzig; dieser erstattete 
ein längeres Gutachten über die Ursachen und Mittel "zur 
Abstellung „der Geld-Kipp- und Wipperei" ^'^j. Der Aus- 
schuls benutzte diese Gelegenheit, um dem Kurfürsten 
eine Reihe von anderweitigen Beschwerden vorzutragen; 
die Münzwirren waren ihm nicht die Hauptsache. Im 
Übrigen ersuchte er den Kurfürsten, den Umlauf aller 
fremden Münzen zu verhüten und die Pachtmünzstätten 
aufzuheben; denn die Münzpächter hätten so schlechte 
Münzen angefertigt, dals man ein unterthäniges Mitleid 
um des Kurfürsten darauf befundenen Namen willens 
tragen müsse. Von Einflufs war dieses Gutachten nicht; 
schon im Februar 1622 trat zu Torgau der Landtag zu- 
sammen. Auf ihm mulsten dann freilich die wirtschaft- 
lichen Fragen hinter den politischen zurücktreten, aber 
es bot sich mehr als eine Gelegenheit auch auf die 



43) Loc. 9788. Münz- Sachen 1621/22. 

^) Rep. 46 No. 123 Loc. 32383 Bl. 36. 

*5) Loc. 9364 Landtags -Sachen Torgau 1622. Erstes Buch 
Bl. 62— 87, aba:edru'^l<t hei Klotz seh IT, 546. Klotzsch verlegt den 
Landtag von 1622 auf 1623. 



]^52 Robert Wuttke: 

Münzwirren einzugehen . weil mit den Worten der knv- 
fürstlichen Proposition: „die Tlieuerung wäre billig für 
eine Strafe Gottes zu achten und daher solche ander- 
gestalt nicht abzuwenden als durch ein bufsfertiges 
frommes und gottseliges Leben", die Sache nicht ab- 
gethan war. Die Stände verlangten dringend, dafs der 
Kurfürst zur Reichsmünzverfassung zurückkehre, die 
Pachtmünzen einziehe und eine Valvation wie teilweises 
Verbot der geringen Münzen erlasse. 

Auf alle diese Wünsche ging der Kurfürst nicht ein ; 
der Betrieb in den Pachtmünzstätten wurde fortgesetzt, 
dagegen suchte er in etwas der erregten Volksstimmung 
Rechnung zu tragen; er erteilte Auftrag zur Abfassung 
eines neuen Münzedikts^"), liefe an die Städte die Auf- 
forderung ergehen , Taxordnungen aufzustellen , um mit 
diesem alten Polizeimittel der Teuerung entgegenzuwirken, 
und errichtete eine Kommission zur Inquisition der Kipper 
und Wipper. Für jeden Kreis wurde eine eigene Kommission 
aus zwei Adligen, je einem Beamten und einem gelehrten 
Manne gebildet, aber die Räte in den Städten wurden 
nicht hinzugezogen, denn eine Frage der Kommission 
lautete: „sonderlich ob es deren (Kipper) unter den Rats- 
personen zu befinden und wie sie heifsen?" Über die 
Thätigkeit dieser Kommission geben eine Reihe von 
Aktenstücken Auskunft; viel hat sie nicht geleistet, nur 
wenige Personen sind verurteilt worden, aber wenn sie 
auch die Ursachen der Geldkrisis nicht zu heben ver- 
mochte, so hat sie doch auf die erregte Leidenschaft des 
Volkes beruhigend eingewirkt*'). 

Unterdessen verausgabten die Landesmünzen immer 
neue Massen von Usualmünzen ; sie fanden aber nicht 
mehr so leicht Eingang wie früher, denn jetzt machte 
man einen Unterschied zwischen den Pachtmünzen und 
den in Dresden geprägten Münzen. Das Vertrauen in 
das staatliche Geld war überhaupt so tief erschüttert, dafe 
die städtischen Obrigkeiten in Leipzig wie in Würzen, 
in Mittweida wie in Oschatz an Stelle der kurfürstlichen 
Münzen städtische Blechmünzen ausgaben. Dies ist eine 
eigentümliche beachtenswerte Erscheinung ; während in 
früheren Jahrhunderten, wenn das Vertrauen in den staat- 



*«) Erlassen am 26. März 162:^. Cod. Augusteus II, 775. 

•*■') Gleichzeitig wurde ein Mandat wider die Tuniultuanteu 
wegen der Kipper und Wipper erlassen. (15. März 1622. Cod. 
AugusteuslI, 1498.) 



Zur Kipper- und Wipperzeit in Xursachsen. 153 

liehen Münzstempel gesunken war, der Verkehr in die 
ersten Anfänge des Münzwesens zurückfiel und nur noch 
Münzen mit einem Gewichtszeichen würdigte, schaifte er 
sich jetzt neue Formen; an die Stelle der kurfürstlichen 
Münzen trat ein in ihrem Umfang auf das städtische 
Gebiet beschränktes Kreditgeld. Es bedeutete dies einen 
unermeßlichen Fortschritt in der Entwicklung unserer Geld- 
verhältnisse '"^). Das Kreditgeld hatte dem älteren deutschen 
Münzwesen gefehlt; jetzt in den Zeiten der Not entwickelte 
es sich aus den fortgeschritteneren Verkehrsverhältnissen. 

Im Winter 1622 stellten erst wenige, im Frühling 
1623 schon die meisten Münzherren das Prägen von 
Kippergeld ein ; die Ursache war eine sehr einfache ; 
jeder erkannte jetzt dies Geld, niemand wollte es mehr 
nehmen. Sachsen gehörte zu den Staaten, die am spätesten 
zu geordneten Verhältnissen zurückkehrten. Auf den 
3. Juni 1623 berief der Kurfürst eine aus den Kammer- 
und Bergräten, den Obersteuereinnehmern und den Rent- 
meistern gebildete Kommission ^^) ein, der er fünf Fragen 
zu beantworten vorlegte. Schon am folgenden Tage er- 
stattete diese Kommission ein 26 Seiten langes Gut- 
achten, in dem sie unter anderem ausführte : man müsse 
die Reichsmünzverfassung von 1559 wiederherstellen, die 
Usualmünze nach ihrem wahren Wert valvieren und den 
Reichsthaler auf 24 Groschen festsetzen. 

Wenige Tage später, am 13. Juni, befahl der Kur- 
fürst dem Dresdner Münzmeister, alles, was ihm aus 
der Kammer und Steuer an Usualmünze zugewiesen 
werde, schleunigst in gutes Geld auszumünzen, und als 
der Münzmeister um weitere Befehle bat, schrieb der 
Kurfürst, am 24. Juni 1623, aus Hohenburka : „Darauf 
ist hiermit unser Begehren, du wollest die Münz hin- 
türo allerdings der 1559 publicirten Münzordnung gemäfs 
machen, und weil die Münzprobationstage wieder in 
Gang gebracht und künftig Michaelis der Anfang damit 
gemacht werden soll, sowohl grobe als kleine solche 
Münze dermafsen richtig und just verfertigen, damit 
daran nichts zu tadeln sein möge'^*^)." 



"**) Deutlicher läfst sich dies in den anderen deutschen Grlied- 
staaten verfolgen, die Kipperzeit hat verschiedene Formen des Kredit- 
geldes gezeitigt. 

*9) Rep.26 No.46 Loc. 32382 Müntzwerk Berathschlagimg (ent- 
hält u. a. die Protokolle). 

50) Loc. 9803 Münz.-Sachen Probationstag 1623 Bl. 12, 15, 16. 



154 Robert Wiittke; 

Die Pachtmünzstätten, soweit sie noch bestanden, 
wurden nun aufgehoben, und nur noch in den beiden 
Dresdner Münzen, der Berg- und Granalienkasse, fort- 
gemünzt. 





Berg 


kasse 


Granalienkasse ^^) 






an guter Reich^münze 






Eiunabine 


Ausgabe. 


Eiimabme 


Ausgabe 


1623 . 


. 607289 fl. 


659389 fl. 


182107 fl. 


164466 fl 


1624 . 


. 430069 ,, 


424060 „ 


234535 „ 


225588 „ 


1625 . 


311808 „ 


309 393 „ 


— 


— 


1626 . . 


. 267892 „ 


266333 ,. 


68002 ,, 


66750 „ 


1627 . . 


. 153824 „ 


153427 „ 


58191 „ 


56795 „ 


1628 . . 


. 234471 ., 


233167 „ 


64117 .. 


63049 „ 



Es verstrich fast ein ganzer Monat, ehe in dem Münz- 
mandat und der Taxordnung ^-) vom 31. August 1623 dem 
Volk die Rückkehr zu der alten Münzverfassung bekannt 
gemacht wurde. Zu seiner Rechtfertigung wies der Kur- 
fürst auf die Münzwirren in Deutschland hin, welche es 
ihm alleni nicht ermöglicht hätten, die Reichsmünz Verfas- 
sung einzuhalten, jetzt aber, wo eine Reihe von Ständen 
zu ihr zurückkehrten, wolle auch er sich dieser Ordnung 
unterwerfen. Im November 1623 trat in Jüterbogk der 
obersächsische Kreis-Probationstag zusammen; man suchte 
in die alten Gleise wieder einzulenken. 

Zunächst galt es, alle Usualmünze einzuziehen und 
in vollwertige Münzen umzuprägen; es ist bewunderns- 
wert, wie schnell die sächsische Verwaltung diese schwere 
Aufgabe bewältigt hat. 

Rentkamraer-Einnabme Einnabme au Amtsgeldern 

an leichtem an schwerem an leichtem an schwerem 

Gelde'"'^') Gelde 

1622/23 4692245 fl. 97701 fl. 401 982 fl. 15786 fl. 

1624/25 306581 „ 1268972 „ 568 „ 220363 „ 

Rentkammer-Ausgabe Einnahme an Hufen- und neuem 

=" Nutzungsgelde 

an leichtem an schwerem an leichtem an schwerem 

Gelde Gelde 

1622/23 4086675 fl. 34703 fl. 378995 fl. 2] 695 fl. 

1624/25 201344 „ 1322598 „ 12260 „ 220179 „ 



^') Nach Frauenlobs Rechnung. Die Granalienkasse wurde 
1628 geschlossen. 

^»2) Cod. Augusteus n, 783. 

^*) In den Kammer- wie Steuerreclinungen werden die Aus- 
gaben wie Einnahmen nach leichtem und seliwerem Gelde unter- 
schieden. 



Zur Kipper- und Wipperzeit in Kursachsen. .155 

Diese Zahlen zeigen dentlicli, dafs es in wenig Jahren 
gelungen war, fast alles üsualgeld aus dem Verkehr zu 
ziehen. Das Verfahren, welches man einschlug, war fol- 
gendes: die staatlichen Kassen nahmen alles umlaufende 
sogenannte leichte Geld an, lieferten es dann an die Dresdner 
Münzen ab, welche es einschmolzen, in gute grobe Sorten 
umprägten und diese an die Kasse zurückzahlten. Die 
Differenz zwischen dem leichten und schweren Gelde 
wurde bei der Kasse, nicht bei den Münzen, verrechnet. 
So wurde z. B. aus der Einnahme an Soldatengeldern am 
22. November 1623 an die Münze gegeben 6935 Gulden, 
daraus wurde nur für 863 Gulden schweres Geld gemünzt, 
und die Soldatenkasse hatte den Verlust von 6072 Gulden 
zu tragen. Für die Rentkammer fehlen einige Zahlen, 
aber aus den Steuerrechnungen kann man ein Bild ge- 
winnen, welchen Schaden der Staat bei der Einziehung 
des Usualgeldes erlitt; er überwog bei weitem den einst 
gemachten Münznutz. 

Steuereinnalime. Verlust „an Münze". 
1620 .... 1651067 fl. 24108 

1621 



1622 
1623 

1624 
1625 



1 960 937 „ 80 252 

2 345 260 „ 159 740 
1 584 395 „ S35 731 

9.54 184 „ 57 966 

984 407 „ 6 366 



Der Verlust, welchen der Kaufmann wie der Hand- 
werksmann, der Bauer wie der Arbeiter durch die Re- 
duktion der Usualmünze tragen mulste, lälst sich in Ziffern 
nicht nachweisen; wohl aber können wir nach den obigen 
Zahlen ahnen, wie schwer er für die Einzelwirtschaft 
gewesen sein mag. 

Die zweite Frage, welche die Regierung beschäftigte, 
war: wie soll man es mit der Rückzahlung der aufgenom- 
menen leichten Gelder halten? Während man noch 
schwankte, welchen Weg man einschlagen solle, brach 
der Krieg auch über das sächsische Land herein, die 
Steuereinnahmen blieben zurück; man besafs kein Geld 
mehr, um die Steuerdarlehne zurückzuzahlen. Die Land- 
schaft drängte mehrmals auf Reduktion der leichten Gelder; 
aber erst am 16. Dezember 1650 regelte ein Patent diese 
Angelegenheit. Die Gläubiger, so weit sie noch am Leben 
waren, erhielten sehr wenig zurück, z. B. ein Kapital von 
4000 Gulden wurde auf 571 Gulden reduziert. Noch im 
•Jahre 1699 standen leichte Gelder bei der Steuer aus. 



156 R" Wiittke: Zur Kipper- und Wipperzeit in Kursachsen. 

Die andere Frage, wie ein Privatmann sein Kapital 
zurückzuzahlen habe, wurde gleich im Münzedikt vom 
31. Juli 1623 geregelt. Auf den Verkehr wirkte es je- 
doch störend ein, dafs dies Edikt die alte von Kurfürst 
August im Jahre 1572 erlassene Konstitution aufhob und 
jetzt verlangte, dals alle Kapitalien, welche nur auf Gulden 
oder Zählthaler verschrieben waren , in guten, groben 
Sorten zurückzuzahlen seien. Erst durch das Mandat 
vom 25. Juli 1656 wurde der alte Rechtszustand wieder 
hergestellt. 

Im Jahre 1623 erkannte man noch nicht, dafs die 
Münzkrisis der Kipperzeit in erster Linie auf die ver- 
kehrte Scheidemünzpolitik des Reiches zurückzuführen 
war und man hoffte, mit Einführung der Reichsmünz- 
ordnung von 1559 alle Schäden beseitigt zu haben. Der 
30jährige Krieg lenkte dann die Blicke von allen Münz- 
fragen ab; erst nach seiner Beendigung suchten in dem 
sogenannten Zinnaischen Fufs von 1667 und in dem so- 
genannten Leipziger Fuls von 1690, der 1735 zum Reichs- 
münzfuls erhoben wurde, Sachsen und Brandenburg eine 
Regelung der Münzverhältnisse in einem ihnen günstigen 
Sinne. Der Mangel an Kleingeld wurde auch in der 
nächsten Zeit nicht völlig behoben, er lastete mit einem 
Drucke, den wir heute nicht genug zu würdigen pflegen, 
auf den Armen und Ärmsten des Volkes. Erst die all- 
mähliche Entwicklung des Kreditgeldes, wie sie in der 
Kipperzeit ihren Anfang genommen hatte, sollte hier 
eudgiltig Hilfe bringen''^). 

^*) Der engbegrenzte Raum verbot auf alle Fragen, welche die 
Kipperzeit anregt, einzugehen uu<l das gesamte Aktenmaterial — 
es sind über HO Aktenbände noch erhalten — zu verwerten. 



VI. 

Kleinere Mitteilungen. 

1. Kurfürst Augusts Bauten zu Stolpen. 

Von Cornelius Gurlitt. " 

Ein „Historischer Bericht von dem Bergschlofs Stolpen", 
welcher sich in der Handschriftensammlung der königl. 
öffentlichen Bibliothek zu Dresden (J. 54 f, Bl. 14) be- 
findet, erzählt: 1559 habe Kurfürst August dort „überall 
stark bauen" lassen, und zwar am hinteren Schlots, an 
der AVasserkunst , am Tiergarten, „worin er mit eigner 
Hand Bäume gepflantzet", und an der Erweiterung des 
Vorwerks. Die Akten des königl. Hauptstaatsärchivs 
zu Dresden bestätigen dies. Nach diesen gab der Kur- 
fürst am 18. April 1559 den Befehl (Kop. 294, Bl. 157), 
etliche angefangene Gebäude auf dem Schlosse Stolpen 
zu vollenden. Die Ämter Hohnstein und Pirna werden 
zu Frohnfuhren herangezogen. Vor der Ernte sollen 
zwei Ruten Kalkstein, 20000 Dachziegel und alles ge- 
hauene Steinwerk, „das den so gar viel nicht ist, so man 
bei diesem baw bedürffen wirdet", von Hohnstein und 
Pirna aus angefahren werden. Besonders wird bestimmt, 
dals das behauene Steinwerk nicht beschädigt werden 
solle. Am 8. und 22. Juni werden weitere Ziegel 
(ebendas. Bl. 226, 24-2 b), am 14 April 1562 (Kop. 313, 
Bl. 122b) Schindeln bestellt, am 2. April (Bl. 149b) wird 
Holz zur Wasserleitung und zum Turm angewiesen, 
am 4. April (Bl. 151) erhält Heinrich von Schönberg 
eine Geldunterstützung, um sein Haus auf dem Stolpen 
zu verbessern. Am 14. September 1562 (Bl. 235) erhält 
Hans Süfsefleisch den Auftrag, den Brunnen zu 
bauen und das Wasser „zu Höchst vfs Hauls hinauf(zu)- 



158 Kleinere Mitteilnngen. 

bringen". Am 16. Juni 1564 erhält der Eat zu Stolpen 
(Kop. 32G, Bl, 40b) Geld zu Besserungen in der Stadt. 

Vorher schon war die Mauer um den Wildgarten 
fertig gestellt worden, für deren Ausführung Bestimmungen 
am 8. April 15G0 (Kop. 300, Bl. 222) und am 12. Mai 1560 
(Bl. 243b) getroffen wurden. Am letzteren Tage wird der 
Ziegelei zu Bischofswerda befohlen 150000 flache Dach- 
ziegel, „die man sonst Bieberschwänze nennet", zur Be- 
deckung der Mauer zu liefern, da jene zu Dresden und 
Pirna mit Aufträgen überhäuft seien. 

Der Schlolsbau war inzwischen so weit gediehen, 
dafs im Winter 1564 der Maler Heinrich Göding dort 
seine Arbeit beginnen konnte. Bemerkenswert ist, dals 
er „den Predigtstuhl in der Kirche gemalt, vergoldet 
und aulsgestrichen" hat. Die Amtstube soll er aber nicht 
malen, sondern des Bischofs und seiner geschworenen 
Räte Wappen und Gemälde sollen ganz abgerieben und die 
Amtstube allenthalben geweiM werden. (Schreiben vom 
12. Februar 1564. Kop. 321, II, Bl. 24. Vergl. Berling in 
dieser Ztschr. VIII, 292). 

Den hier erwähnten Predigtstuhl, der kurz vor der 
Bemalung durch Goeding, also etwa 1563, vom Stein- 
metzen gefertigt sein dürfte, sah C. H. F. von Zehmen 
noch 1792 an Ort und Stelle (vergl. desselben Bemerkungen 
über das Stolpner Schlots 1792 handschriftlich in der 
Königl. öffentlichen Bibliothek zu Dresden L. 303m); 
er stand „gegen Mittag, dem Eingang gegenüber". „Es 
war daran die Kreuzigung und die Auferstehung Christi 
mit vieler Kunst und Mühe gearbeitet". Nachdem er 
dann eine Zeitlang im Amtsarchive zu Stolpen gestanden 
haben soll, wurde er auf Befehl des Königs Friedrich 
August 1813 nach dem Brande von Bischofswerda dorthin 
überführt. Jetzt steht er, wie schon Steche (Beschrei- 
bende Darstellung I, 89) mitteilt, in der Begräbnis- 
kirche daselbst. Die Formbehandlung entspricht in hohem 
Grade jener der Lauensteiner Kanzel, vergl. Steche a. a. 0. 
II, 54 : die Kanzel ruht auf einer Engelstatue, der kelch- 
förmige Stein über dem streng gezeichneten Kapital ist 
mit sehr anmutigem Eankenwerk verziert, auf den 
Brüstungsplatten sind zwischen einfacher Architektur be- 
wegte, teilweise bis zur vollen Bundung ausgearbeitete 
Figuren vor landschaftlichem lielief angebracht und zwar 
der Sündenfall, bei welchem die Schlange in einem Küider- 
körper endend in der Krone des Baumes erscheint; die 



Kleinere Mitteilungen. 159 

Austreibung aus dem Paradies; die Kreuzigung und die 
Auferstehung, bei welcher Christus als Überwinder der 
Hölle über dem Grabe schwebt. Auf Täfelchen an- 
gebrachte Bibelstellen erläutern die Darstellungen. Reste 
der Bemalung und Vergoldung erhielten sich auf dem 
Sandsteinwerke, dessen Herkunft aus Pirna wohl für 
gesichert gelten kann. 

Gleicher Zeit entstammt der ebenfalls nach Bischofs- 
werda überführte Taufstein, der die Jahreszahl 1564 
trägt. Er ist von schwerfälliger Kelchform und be- 
achtenswert durch die Profilierung noch in den Gliederungen 
der Frührenaissance. Bei 92 cm Höhe milst er am oberen 
Rande 86 cm, hat also eine Massigkeit, die sonst nur bei 
romanischen Taufsteinen gebräuchlich ist. 

Die von Zelimen erwähnte und von Steche (a. a. 0. 
I, 88) als verloren gegangen bezeichnete Figur der Maria 
aus der alten Schlolskapelle befindet sich gleichfalls in 
Bischofswerda, ebenso eine Heilige, vielleicht St. Barbara, 
beides vergoldete und bemalte Statuen in Holz aus der 
Zeit um 1500. Weitere Nachrichten über das jetzt im 
Museum des königl. sächs. Altertumsvereins befindliche 
Altarwerk siehe bei Steche a. a. 0., Berling a. a. 0., Eye, 
Das Museum des Königl. Sächs. Altertumsvereins, in den 
Mitteilungen desselben XXIX, S. 35. 

Ebenso hat sich das von Zehmen erwähnte Kruzifix 
aus Pirnaischem Stein erhalten, das als dem Altar gegen- 
über stehend und als „schön, obgleich nicht ganz korrekt 
gearbeitet" geschildert wird. Es befindet sich ebenfalls 
in Bischofswerda und zeichnet sich durch seine mächtige 
Gröfse und durch die Herstellung in Stein vor zahl- 
reichen anderen erhaltenen Kruzifixen aus dem Anfang 
des 16. Jahrhunderts aus, welche in der Regel in Holz 
geschnitzt sind. 

Im Herbst 1566 sollte die Kurfürstin Anna das 
Schlols Stolpen beziehen und zwar werden am 9. September 
Anordnungen wegen der von ihr zu bewohnenden Räume 
getroffen (Kop. 326, Bl. 373). Vorher war, wie aus den 
Unterschriften auf Briefen vom 1. November (ebendas. 
Bl. 279) bis 10. November (ebendas. Bl. 292) hervorgeht, 
der Kurfürst selbst auf dem Schlofs gewesen und hatte 
von hier aus verordnet, dals von dem mit grofsen Kosten 
durch Gestänge und Pumpwerke auf das Schlofs geführten 
Wasser an die an solchem Mangel leidende Stadt ab- 
gelassen werde. So erhält der Amtsschösser Matthes 



160 Kleinere Mitteihingen. 

Richter, der dem Kurfürsten zu Ehren ein neues Haus 
am Markt gebaut habe, eine Leitung hi „eines zimblich 
gutten pfrimen Dicke". 

Der „Historische Bericht" erzählt nun weiter, die 
Kurfürstin habe 1571 im Schlosse Wochen gehalten und 
zwar wurde hier ihr zweit jüngstes Kind, Herzog Adolf, 
am 8. Juli geboren. Damals sei der „Ausfall gegen die 
Stadt zu" ein Laboratorium gewesen, „wo sie Gold und 
andere köstliche Dinge laborierte". Es erhielt sich im 
Dresdner Altertumsmuseum ein prächtiges Bett, welches 
für jenes der Kurfürstin angesehen wird, aus Stolpen 
stammt und den wohlgelungenen Renaissanceformen nach 
dieser Zeit angehört (vergl. Eye a. a. O. S 94). 

Besonderer Pflege erfreute sich der Obstgarten. Die 
in der Handschriftensammlung der königl. öffentlichen 
Bibliothek unter K. 68 erhaltenen Akten geben von den 
dort gepflanzten Obstsorten ausführlichen Bericht. Man 
erfährt, dals der Kurfürst sich Bäume ans Mainz, Neu- 
stadt in der Pfalz, Ottweiler im Nassauischen durch 
Pfalzgraf Johann Kasimir besorgen liels, dals ein Torgauer 
Bürger, Thomas Michel, zur Pflege herzugezogen 
wurde, dafs der Gärtner des „Borschensteiners", also 
des 1570 verstorbenen Kaspar von Schönberg und 
seines Nachfolgers, Meister Felix, am 9. Oktober 1571 
dort thätig war. Schon vorher, am 17. Juli 1571, wurde 
Adam Wolff von Nürnberg als Baumgärtner mit dem 
Wohnsitz im Vorwerk Ostra bei Dresden angestellt, 
doch zugleich mit dem Auftrag, für die Obstbäume in 
Stolpen und Augustusburg zu sorgen (Kop. 223, Bl. 7). 
Die Oberaufsicht führte der Amtsschösser Matthes 
Richter, der auch am 8. Oktober berichtete, dafs der 
weilse Hirsch, welcher neben Schweizer Kühen im Baum- 
garten gehegt wurde, so böse sei, dals er einen Arbeiter 
schwer beschädigt habe (königl. öffentliche Bibliothek 
K. 68, S. 32 und 33). Endlich wurde in Heinrich Strauls 
ein besonderer Baumgärtner für Stolpen angestellt, der am 
30. Mai 1580 einen Vorschulis ausgezahlt erhielt (Kop. 
456, Bl. 111). 

Gleichzeitig mit diesen Verbesserungen des Gartens 
wurde eine erneute Bautliätigkeit 1571 geplant, nachdem 
der Kurfürst abermals, ungefähr vom 19. Juli bis 15. August, 
dort Hof gehalten hatte (Kop. 367, Bl. 89-125^. Zum Ge- 
dächtnis der Geburt des Prinzen ordnet er am 14. August 
1571 an, dafs die Stadtkirche gewölbt werden solle (Kop. 



Kleinere Mitteilungen. 161 

368, Bl. 58) und daiis sich Hans Irmisch oder Christoph 
Trendler, seine Baumeister, deshalb mit dem ßate ins 
Einvernehmen setzen sollen. Aber die Sache blieb zunächst 
liegen; denn noch am 22. Juni 1575 (Kop. 404, Bl. 145b) 
erhalten Paul Buchner, der Zeugwart Hesse und 
Hans Irmisch den Auftrag, und zwar ausdrücklich 
auf Anregung der Kurfürstin Anna, sie sollten einen An- 
schlag über die Gewölbe anfertigen, nachdem ein solcher 
bereits vom Grafen Linar vorlag. Dieser hatte auch 
einen Anschlag für die Neubedachung des Kapitelturmes 
gefertigt und am 17. Mai 1571 zu diesem Zweck 99 Gulden 
7 Groschen 8 Pfennige erhalten (Kop. 367, Bl. 78). 

Das kurfürstliche Paar wufste zweifellos die gute 
Luft auf dem einsamen Basaltkegel des Stolpen zu schätzen. 
Man versteht daher, warum Kurfürst August am 16. Sep- 
tember 1577 (Kop. 433, Bl. 139b) seinem ßentmeister von 
Glücksburg aus schreibt, er wolle den Winter über in 
Freiberg, Dippoldiswalde oder Stolpen Hof halten. Hauste 
doch damals eine gefährliche Seuche, das „grolse Haupt- 
weh", so stark, dafs z.B. der Bau des Schlosses Anna- 
burg stockte, jene Krankheit, welche wir als Influenza 
aufs neue zu fürchten gelernt haben. 

2. Die Särge der Kurfürstin Anna und des Kurfürsten 
August im Dome zu Freiberg und des Kurfürsten 

August Tod. 

Von Selmar Peine. 

Im XIII. Bande dieser Zeitschrift (S. 322 — 341) 
bringt Theodor Distel als kleine Beiträge zu einer zu- 
künftigen Monographie über Kurfürst August mancherlei 
Neues aus dem königl. sächs. Hauptstaatsarchiv, unter 
anderem zwei Abschnitte über den Sarg der Kurfürstin 
Anna und über des Kurfürsten August Tod, die mich 
zu einigen ergänzenden Bemerkungen veranlassen. 

Das Freiberger Altertumsmuseum ist im Besitze eines 
Ölgemäldes^) auf Holz, welches, ungefähr 40 cm hoch, 
50 cm breit, nicht nur den Sarg der Kurfürstin Anna, 
sondern auch den des Kurfürsten August, beide in 



^) Kurz erwähnt bei Steche, Beschreibende Darstellung der 
älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen III, 54. 

Neues Archiv f. S. G. u. A. XV. 1. ü. 11 



162 Kleinere Mitteilnngen. 

einem G-ewölbe ruhend , augenscheinlich genau wieder- 
gegeben zeigt. Dieses Ölgemälde gehört dem Schlüsse 
des 16. Jahrhunderts an, einer Zeit, wo die Särge des 
Fürstenpaares noch unverletzt erhalten gewesen sein 
müssen. Es entstammt der Bibliothek des Gymnasium 
Albertinum in Freiberg und ist leider vom Zahne der 
Zeit schon etwas benagt. 

Um den Standort der Särge im Chore des Freiberger 
Domes, besonders derjenigen der Kurfürsten August und 
Moritz zu ermitteln, sind bekanntlich Autgrabungen vor- 
genommen worden, und bei der dann am 8. August 1861 er- 
folgten Besichtigung fand sich — dies sei hier beiläufig be- 
merkt — der aus schwachem Zinkblech bestehende Sarg des 
Kurfürsten Moritz unter dem südöstlichen Teile des Moritz- 
denkmals ; ursprünglich mit einem nunmehr zerfallenen 
Holzsarge umgeben, erschien der Sarg, auf dem ein ein- 
faches Schwert lag, durch die Erdmasse zusammengedrückt 
und gebrochen (Steche a. a. 0. S. 45 ; Mitteilungen des 
Freiberger Altertumsvereins I, 11). In einer größeren 
Gruft fand man, die Richtigkeit der Angabe Heuchlers-) 
vorausgesetzt (die von Steche a. a. 0. S. 54 angezweifelt 
wird), unter der bronzenen Grabplatte des Kurfürsten 
Christian I. die starken Zinnsärge des Kurfürsten August 
und seiner Gemahlin Anna. Während nun die auf schwarzen 
Marmorflötzeu ruhenden und meist mit Kruzifixen ver- 
sehenen Metallsärge derjenigen Mitglieder des Kurfürsten- 
hauses, die in der im Jahre 1591 hergestellten Gruft 
unter der Allerheiligenkapelle ruhen, ziemlich schmucklos 
gebildet sind (Steche S. 46), zeigen die Särge des Kur- 
fürsten August und der Kurfürstin Anna reiche, kunst- 
volle Verzierungen, und es dürfte sich verlohnen, diese 
an der Hand des obengenannten Ölgemäldes genauer zu 
verfolgen. 

Auf der hier sichtbaren (rechten) Längsseite des 
Sarges der Kurfürstin erblickt man in Feldern, 
durch erhabene vergoldete Leisten unterschieden, fünf 
Löwenköpfe mit Handhaben (Henkeln) im liachen, auf 
der sichtbaren Schmalseite nur einen Löwenkopf. 

Auf der rechten Seite, oben auf der Sargdecke, 
schwebt unter dem Querbalken des Kruzifixes ein Engel 
und hält an seinen Fülsen ein Täfelchen mit der Auf- 



2) Der Dom zu Freiberj? (Freiberg 1862) S. 39. 



Kleinere Mitteilungen. 163 

Schrift: Johann. 3 Cap. Also hat Gott die ivellt geliebet 
das er seinen einigen Son gab auf das alle die 2C. 

Es ist dieses ihr Lieblingsspruch , Johannes 3, 16, 
derselbe, über den in Freiberg- am 2;^) November 1585, 
dem Tage der Beisetzung des Leichnams der Kurfürstin, 
Hofprediger Dr. Mirus eine mehrfach gedruckte, sehr 
lesenswerte Gedächtnispredigt gehalten hat^). 

Auf der linken Seite, oben auf der Sargdecke, hält 
ein unter dem Querbalken des Kruzifixes schwebender 
anderer Engel an seinen Füisen ein Täfelchen mit fol- 
gender Aufschrift : Her Jesu CJiriste in deine Hende 
bevehl ich meisten Oeist. Du hast mich erloset du ge- 
treuer Gott. 

Eine. Stellenangabe — Psalm 31, 6 — ist weder auf 
unserem Ölgemälde vorhanden noch in der weiter unten zu 
besprechenden Beschreibung bei Laurentius Faustus (S. 306); 
sie hat also wohl auch auf dem Originale gefehlt. Wes- 
halb Bibelsprüche und gerade dieser Spruch zur Aus- 
schmückung ihres Sarges gewählt wurde, ist leicht er- 
sichtlich ; hatte doch diese schon bei ihren Lebzeiten 
vom dankbaren Volke Mutter Anna genannte Fürstin, 
die Tochter des dänischen Königs Christian III., von 
Kindheit an aus der Bibel, die auf Kosten ihres Vaters 
ins Dänische übersetzt worden war, besonders die Psalmen 
gern gelesen und gelernt und ihre Kinder eifrig angehalten, 
einzelne Psalmen auswendig zu lernen ; und kurz bevor 
sie, ein Opfer der Pest, im 53. Lebensjahre am 1. Okto- 
ber 1585 in der achten Abendstunde verschied, wieder- 
holte sie mehrmals die Worte : „Vater, in deine Hände 
befehle ich meinen Geist ! Du hast mich erlöset, Herr, 
du treuer Gott"^)!" 

3) Die Ano-abe Di st eis a.a.O. S. 3.S8, dafs die Kiirfürstin 
Anna seit dem 1. November in der fürstlichen Begräbniskapelle des 
Domes zu Freiberg ruhe, kann nur ein V einsehen sein; sie ist erst 
am 2. November beigesetzt. Vergl. z. B. Möller, Theatrum Frei- 
bergense Chronicum II, 348. 

M Zu finden z. ß. in: 46 Leichpredigten, gehalten bei den 
Begräbnissen etc. Augusts etc. und Annas etc. (Leipzig 1588 bei Joh. 
Beyer, 4<') oder in: Dr. Martin us Mirus, Drei christliche Leichen- 
predigteu über den seligen Abschied etc. Annas (Dresden 1586). 

^) Der nämliche Spruch Joh. o, 16 und Luc. 23, 46 : „Vater, 
in deine Hände befehle ich meinen Geist" war übrigens dem ster- 
benden Kui-fürsten Moritz gegenüber vom Beichtvater, dem Feld- 
prediger Johann Weifs (Albinus), angeführt (siehe dessen am 22. Juli 
1553 gelegentlich der Beisetzungsfeierlichkeiten auf den Kurfürsten 
Moritz im Freiberger Dome gehaltene Leichenrede-, hei Hausen, 

11* 



1(34 Kleinere Mitteilungen. 

Am Fufse des Kruzifixes ist der dänische gekrönte 
Hauptscliild mit den drei gekrönten Löwen angebracht; 
auf beiden Seiten ein Engel, am unteren Ende der Sarg- 
decke ein grölseres Tätelchen (über und unter welchem 
je ein menschlicher Kopf als Verzierung) mit folgender 
Aufschrift: In diesem Sank riüiet der DnrchlaucJitigsten 
HücJigehornen Fürstin und Frauen Frauen Annen, ge- 
horne aus Komglichen Stamm Dennemarck & Herzogin 
und Churfurstin zu Sachsen et- corper, derer Seel den 
1 Odohris nach sieben uhr zu Abend Anno 1585 zu 
CHRISTO Ihrem Erloser Seliglich abgeschieden ist. 

Die im Hauptstaatsarchiv befindliche Abschrift stimmt 
sicherlich mehr ndt dem Originale überein, als die auf 
unserem Ölgemälde, welche einige kleine Abweichungen 
von ersterer zeigt. 

Die sichtbare (rechte) Längsseite des Sarges des 
Kurfürsten August zieren, zum Unterschiede vom 
Sarge der Kurfürstin, sechs Löwenköpfe, die Schmal- 
seite zwei Löwenköpfe (mit Handhaben); wie solche auch 
an dem unteren Teile des Denkmals dieses Fürsten- 
paares in der Begräbniskapelle angebracht sind (siehe die 
Abbildung dieser Statuen bei Steche a. a. 0. Beilage VII 
und VIII). 

Genau ebensolche Löwenköpfe schmücken jetzt die 
Eingangsthüre des Freiberger x'^ltertumsmuseimis ; sie 
rühren, gleich anderen, noch im Rathause aufbewahrten 
von Särgen aus der Fürstengruft her. 

Über die Sargdecke hin erstreckt sich gleichfalls ein 
grolses Kruzifix mit dem üblichen INFI: über dem Quer- 
balken des Kreuzes schwebt zu beiden Seiten ein Engel, 
darunter mit Heiligenschein je ein Evangelist und zwar 
rechts Matthäus mit dem geflügelten Menschen, links 
Johannes mit dem Adler. 

Auf dem darunter befindlichen rechten Täfelchen steht 
geschrieben.- A Aor 10 Cap. von diesem Jesu zeugen alle 
Pro2)heten das durch seinen Namen alle die an ihn 2C. 
[glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen]. Auf 
dem linken Täfelchen: Johann. 3. Cap. Wer an in gleubt 
der nird nicht gerichtet; icer aber nicht gleid)ct, der ist 
schon 2C. Es sind die beiden Sprüche Acta apostolorum 



Gloriosa electorum ducum Saxoniae busta, Dresden 1728, S. 373 f.). — 
Annas Wahlspruch war: „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit 
Anfang" (Tentzel, Saxonia nuniismatica S. 18(3 f.). 



Kleinere Mitteilungen. 165 

Kap. 10, V. 4o und Evang. Jolmnnis Kap. 3, V. 18; viel- 
leicht Lieblingssprüelie des Kurfürsten")? 

Am Ende des Kreuzes befinden sich zwei Engel und zu 
deren Füfsen ein schmales Täfelchen mit dem Wahlspruche 
des Kurfürsten^): ERHALT VNS HERR BEI DEINEM 
WORT, darunter auf dem Schilde die Kurschwerter und 
auf einem zweiten die vom Rautenkranze umschlungenen 
fünf Balken, rechts und links wieder ein Engel und ganz 
unten ein grölseres Täfelchen des Inhalts: In diesem 
Sarck liegt bis zur frolidien \ Anfferstelmng vericaret 
weilandt des Durch \ lauclitigsten Hochgebornen Fürsten 
und Heren \ Heren Augusti Herzog zu Sachsen des heiligen] 
Romischen Beichs Erzmarschall und Chur | fürst etc. 
Und Burggrafen zu Magdeburg \ seligen Gedechtnis Corper 
Des Seele der All \ mechtige Barmherzige Gott den ll.Febru] 
arii Anno 1586 aus diesem elenden Jammer \ thal zu sich 
in die Eivige Freude erfordert. 

Soviel vom Sarge des Kurfürsten August, der, wie 
man sieht, viel reicher ausgestattet ist, als der Sarg seiner 
Gemahlin Anna (mehr Löwenköpfe, mehr Engel, Täfelchen 
und Wappen). 

Oben, in der linken Ecke unseres Ölgemäldes, hält 
ein Engel mit erhobenen Händen ein langes, schmales 
Täfelchen mit Angaben über Geburtsjahr (1526), Tag 
(30. Juli, statt 31. Juli) und vielleicht auch über den Ge- 
burtsort des Kurfürsten August und mit entsprechenden, 
leider unlesbar gewordenen Angaben über die Kurfürstin 
Anna (die bekanntlich am 25. November 1532 zu Haders- 
leben geboren, am 11. März 1548 mit ihm verlobt und am 
7. Oktober desselben Jahres vermählt worden war). 

Unten, in der rechten Ecke des Bildes, hält ein 



**) Leichenpredigteu über ihn hielt der Hofprediger Dr. Mirus 
über 2. Kön. 2i^, 8 ff. in der Schlofskirche am 13. Februar, über 
Sir. 44, 1 ff. in der Kreuzkiiche zu Dresden am 13. März, über 
Dan. 12, 2 im Dome zu Freiberg am 15. März. Am Denkmale dieses 
Fürsten in der Begräbniskapelle ist 1. Kön. 3, 12f. citiert — also 
keiner von unseren Sprüchen. 

"') Dieser sein Wahlspruch erscheint auch auf Medaillen des 
Kurfürsten August: in Gestalt der Anfangsbuchstaben A. G. E. U, 
B. D W. d.i. ach Gott, erhalte u. s. w. (Tentzel a. a. 0. S. 111, 
Tab. 11, IV) oder vermehrt um den Reim: Bebute uns vors Pabst 
Lugen unde Mort auf einer Münze des Jahres 1585 (Tentzel S. 184, 
Tal). 15, VI), oder allein auf einer Münze desselben Jahres 1585, nach 
seiner zweiten Vermähhing (Tentzel s. 184 f., Tab 15, V), oder in der 
lateinischen Gestalt: Conserva apud nos verbum tuum. Domine 
(Tentzel S. 134 und 139, Tab. 13, I). 



166 Kleinere Mitteilungen. 

Engel mit gesenkten Händen eine größere Tafel, deren 
Aufscbrilt nicht mehr leserlich ist; jedenfalls ist von 
demselben Fürstenpaare die Rede, soviel ist noch zu ei-- 
kennen. Beide Tafeln dürften vielleicht an den Wänden 
des Gewölbes, befestigt gewesen sein, oder sind sie etwa 
Zuthaten des Ölgemäldes? 

Schlielslich bleiben noch die beiden Medaillen ganz 
oben zwischen beiden Särgen zur Besprechung übrig. 
Sie sind in das Holz des Gemäldes eingefügt, besitzen 
die Gröfse eines Thalers und bestehen aus Gips. Die 
linke Medaille, mit dem Brustbilde der Kuifürstin Anna 
(mit leichter Kopfliülle), trägt ringsherum am Rande die 
(etwas beschädigte) Aufschrift: V. G. G. ANNA GEBO. 
KONIGIN IN DANEMA. UN[D CHV] RFURSTIN. 
unter dem Brustbilde: HERTZ. ZV SAX. Die rechte 
Medaille, mit dem Brustbilde des Kurfürsten August 
(ohne Kopfbedeckung, mit ganz schwachem, stumpfem 
Barte, wie er ihm in den letzten Lebensjahren eigen war^), 
trägt am Rande die lateinische Aufschrift: AVGVSTVS 
D. G. DVX. SAX : ET ELECT. 

Welche Bewandtnis es mit diesen beiden Medaillen 
hat, vermag ich nicht anzugeben. Begräbnis- oder Ge- 
dächtnismünzen mit diesen Aufschriften sind meines 
Wissens nicht geprägt worden**). Beide Medaillen gleichen 
aber aufs Haar derjenigen bei Tentzel S. 174, Tab. 15, I 
mit der Jahreszahl 1579***). — 



«) Vergl. Tentzel a. a. O. S. l;?Onnd 196. 

ö) Tentzel a.a.O. S. 18(i erklärt, „auf das Begräbnis der 
Kurfür.stin Anna" habe er keine (ledächtnisniiinzen gefunden. — 
Über die Begräbnismünzen, zu Ehren des Kurfürsten August ge- 
prägt, siehe Tentzel S. 206. 

'") Die beiden Medaillenabgüsse sind diejenigen der Vorder- 
seiten zu zwei verschiedenen, nicht gleichzeitig entstandenen Me- 
daillen von der Hand des berühmten Dresdner Meisters Tobias Wolf, 
welche aber auch zu einer Medaille vereinigt vorkommen (vergl. 
Tentzel Tab. 15, I.) Diejenige auf die KurfUrstin Anna, eine 
Medaille , welche auf der Bückseite die Auferstehung Christi zeigt 
(Tentzel Tab. 15, VJl. und J. u. A. Erb st ein, Erörterungen auf 
dem Gebiete der sächs. Münz- und Medaillen -Geschichte No. ;384) 
trägt die Jahreszahl 1579 (am rechten Arme des Brustbildes), die- 
jenige auf den Kurfürsten August, auf deren eigentlicher Eückseite 
das dreifach behelmte vollständige Wappen erscheint (Tentzel Tab. 15, 
III), zeigt die Jahreszahl 1583 {xov der Brust). Wenn übrigens 
Tentzel 8. 186 sagt, dafs er auf das Begräbnis der Kurfür.stin Anna 
keine Medaille gefunden habe, so existiert doch eine solche von ge- 
dachtem T. Wolf aus dem .lahre 1585 auf ihren Tod, die Tentzel 
überdies selbst Taf. 26, IV in Abbildung gegeben hat mit der später 



Kleinere Mitteilungen. 167 

Noch ein Wort von der anderen Quelle für unseren 
Gegenstand. In dem im Jahre 1588 gedruckten Werke 
des Lorenz Faust (Erklerung desFürstlichenn Stammbaums 
aller Hertzogen, Chur und Fürsten etc. im hochlöblichen 
Hause zu Sachsen u. s. w.) findet sich auf S. 299 eine 
Abbildung derselben Särge; sie stehen auch hier ganz 
nahe aneinander, sind indes nur flüchtig wiedergegeben. 
Die beiden unteren Täfelchen mit der Angabe darüber, 
wer im Sarge ruht, enthalten nur die Anfangsworte; 
alle übrigen Täfelchen fehlen, desgleichen die Medaillen. 
In der linken Ecke der S. 299 oben schwebt ein Engel 
mit Kreuz, vielleicht eine Zuthat zwecks Ausfüllung des 
Raumes. Auf S. 300—306 folgt dann eine theologisch 
gehaltene Besprechung beider Särge, der Bibelsprüche, 
des betreffenden Wahlspruches des Kurfürsten, der Engel 
auf dessen Sarge; ferner werden die Inschriften: „in diesem 
Sarge" u. s. w. vollständig beigebracht, in der einen fehlt 
„und Burggrafen zu Magdeburg", in der anderen heilst 
es, mit derselben Reihenfolge der Worte wie in der 
archivalischen Urkunde: „Hertzogin zu Sachsen unnd ('hur- 
fürstin", ferner: „Stamm zu Dennemarck". Die Schreib- 
weise stimmt weder mit derjenigen auf unserem Ölgemälde 
noch mit der der betreffenden Urkunde überein. — 

Über den Tod des Kurfürsten August schreibt 
Distel a. a. 0. : „Bisher wurde angenommen , dals der 
Kurfürst, am 11. Februar 1586 in Mo ritz bürg vom 
Schlage gerührt, an demselben Tage in Dresden gestorben 
sei. Ein aus Dresden 11. Februar 1586 datiertes Original- 
konzept Herzogs Christian I. an den Kurfürsten Johann 
Georg zu Brandenburg belehrt uns jedoch eines Anderen". 
Dieses von der Hand des Kammersekretärs Jenitz kurz 
vor Augusts Tode niedergeschriebene Schriftstück wird 
dann abgedruckt. 

Dazu bemerke ich folgendes: 

Allerdings liest man, wie Distel anführt, in Böttiger- 
Flathes Geschichte des Kurstaates und Königreiches 
Sachsen II (1870), 93, der Kurfürst sei in Moritzburg 
vom Schlage gerührt, an demselben Tage in Dresden 
gestorben; auch nach Stichart ^^) ist der Kurfürst — der 
übrigens noch am Morgen in der Schlolskirche zu Moritz- 
burg mit grolser Andacht einer Predigt des Hofpredigers 

(1.586) von demselben Künstler dazu gefertigten Vorderseite auf den 
Tod der Kurfürstin. J Erbstein. 

") Galerie der Sächsischen Fürstinnen (Leipzig 1857) S. 298. 



168 Kleinere Mitteilungen. 

Dr. Mirus vom ewigen Leben beigewohnt, die offene 
Beichte gesprochen, die Absolution empfangen, sich dem 
Herrn Christo innig befohlen und über Tisch sich sehr 
erfreut über dessen Predigt ausgesprochen hatte '^) — 
kurz nachher i)lötzlich von einem Schlaganfalle getroffen 
und darauf sogleich nach Dresden gefahren worden. Diese 
Angaben bei Böttiger-Flathe und Stichart, sowie bei nam- 
haften älteren Geschichtsschreibern, z. B. bei Tentzel, 
Weck'"^), erweisen sich, abgesehen von obigem Schrift- 
stücke aus dem Hauptstaatsarchive, auch anderen Quellen 
zufolge als irrig; berichtet doch Hausen in seinei- ,.aus den 
edierten vornehmsten Sächsischen Historicis geschöpften" 
Lebens- und Sterbensgeschichte des Kurfürsten August^'): 
„denn der gottselige Herr den 11. Februar, da er mit 
seiner Gemahlin zu Moritzburg auf der Jagd gewesen, 
kranck nach Drelsden gebracht worden, wo er noch dem- 
selben Tag Abends in seinem Schlaff-Gemach am Schlage 
selig verstorben" . . . ., eine Stelle, die Stichart (a. a. 0. 
Anm. 640) auch citiert, aber nicht sorgfältig verwendet 
hat. Ferner hat der wohl seinen nahen Tod ahnende 
Kurfürst nach dem Zeugnisse des Hofpredigers Mirus 
(Hausen a. a. 0. S. 492, vergl. auch Lor. Faust a. a, O. 
S. 295) auf dem Wege nach Dresden herein mit diesem 
von der betreffenden Predigt geredet. Der Schlag hat 
ihn also erst nach seiner Rückkehr in Dresden gerührt; 
diese Überlieferung findet durch das obige Aktenstück 
aus dem Hauptstaat sarchiv nunmehr ihre Bestätigung ''•). 
Der Kurfürst August ist eines geschwinden, doch sanften 
und seligen Todes gestorben, wie der Freiberger Chronist 
Andreas Möller ^^) bemerkt. 



'2) Vergl. (aufser Hauptstaatsarcliiv 111, 51 a fol. 3(j No. 31, Bl. 49) 
die erste Leichenpredigt des Hofpredigers .Mirus liei Hausen, Gloriosa 
electorum ducum Saxoniae busta, oder Elire derer Durchlauchtigsten 
und Hüchgebohrnen Chur-Fürsteu und Hortzoge zu Sachsen Leichen- 
Grüffte (Dresden 1T>8) S. ■^9± 

'") Tentzel a. a. 0. S. 205. Anton Weck, Der Kesidenz und 
Hauptvestung Dresden Beschreibung und Vorstellung (>.'ürnberg 1(J8(») 
S. 135 und 408. — Lorenz Fausts Erklärung des Sächsischen 
Stammbaums, 1588. also zwei Jahre nach des Kurfürsten August 
Tode herau.sgegeben , S. 295, spricht nur von einem schmerzlosen 
Tode, ohne des Schlages Erwähnung zu thun. 

"; Hausen a. a. O. S. «25. 

"^) Ganz ungenau und belanglos ist die Angabe über seinen Tod 
in der Leichpredigt des Polycarp Leiser vom 27. Februar 1586, bei 
Hausen a. a. 0. S. 576. 

'«) Theatrum Freibergense Chronicum (Freiberg 1653) II, 349. 



Kleinere Mitteilungen. 169 

3. Die Fainilieu Pols in Solingen und Dresden. 

Zur Geschichte einiger Eichtschwerter des königlichen 
historischen Museums zu Dresden. 

Von Georg Petzsch. 

Eudolf Gronau (Geschichte der Solinger Klingen- 
industrie, 1885) macht aus Zeichenrollen und Rathaus- 
papieren Solingens die daselbst angesessene Schvvertfeger- 
familie Pols namhaft. Er nennt den 1430 vorkommenden 
0. Pols, ferner „Christoph Pols 1603". Bei letzterem 
machen sich indessen Einwände geltend. Er kennt diesen 
vermeintlichen Klingenschmied nur von einem im Dresdner 
historischen Museum befindlichen Richtschwerte (SS 176 a) 
her, welches auf der Parierstange mit 

CRJSDOFPEL.POLS'- 

. r c c 3 . 

bezeichnet ist. Die auf der Klinge in flacher Tausia 
angedeuteten Wappen (das sächsische und das Kur- 
wappen) bildet Gronau in seinem Buche (Tafel I. No. 104) 
überdies falsch ab und deutet sie als Meisterzeichen des 
Schwertfegers, ein Irrthum, welchen übrigens schon 
J. G. Th. Grässe, Guide de Tamateur d'objets d'art 
et de curiosite (Dresde 1871) p, 25 ins Leben rief. 
Diese Wappen können nämlich nur den Bezirk, das 
Land bedeuten, innerhalb dessen das Schwert seine 
unheimliche Thätigkeit ausüben durfte; sie finden 
sich auch auf den Klingen anderer sächsischer Richt- 
schwerter, einzig die Gewalt des landesherrlichen 
Blutbannes versinnbildlichend. Man kann aber, da eine 
Verzierung in Tausia vorliegt, wohl mit Sicherheit be- 
haupten , dafs dieselbe gleich bei der Anfertigung der 
Waffe angebracht . dals die letztere also auf Bestellung 
geliefert ward. Unhaltbar ist dagegen die Ansicht, dafs 
eben dieser unbekannte Schwertfeger der auf dem Heft 
genannte, 1603 lebende Christoph Pols sei. Die tauschiert en 
Zeichen auf dem Stahl und der zierlich geätzte Name 
auf der Kreuzstange können unmöglich von derselben 
Hand herrühren, ganz abgesehen davon, dals der Klingen- 
schmied seine Signatur nie auf einem Griffteile anbrachte. 
Üblich w^ar es dagegen, auf dieser Stelle, wenn sie nicht 
der Gefäfsschmied signierte, den Namen des Besitzers 



170 Tvleiiiere Mitteihingeii 

oder Trägers der betreffenden Waffe zu verewigen, wofür 
sich viele Beispiele nennen lieisen. Nach dem Charakter 
des vorstehenden Schwertes kann also Christoffel Pols 
nur der Scharfrichter sein; auch die halb scherzend 
klingende Diminutivform des Vornamens, wie sie bei 
Hofnarren und dem Meister Hämmerlein üblich war, 
spricht dafür. Den Irrtum Cronaus, Christoph Pols als 
einen 1603 thätigen Solinger Schwertfeger aufzufassen, 
hat August Demmin auch in der 4. Auflage (1893) seines 
Werkes „Die Kriegswaffen", S. 1016, übernommen. 

Als dritten Angehörigen der Solinger Familie nennt 
Gronau endlich den Conrad Pols. Auch dieser ist eine 
vielumstrittene Persönlichkeit. Was zunächst Cronaus 
Auffassung anbelangt, so ist ebenfalls ein im königlichen 
historischen Museum zu Dresden vorhandenes Richt- 
schwert (SS 129) das einzige Zeugnis für die Existenz 
dieses Schmiedes. Die Abbildung der Marke in seinem 
Buche ist eine ungenaue. Die Klingeninschrift (in Plach- 
tausia) heilst nicht CONRAD POLS, sondern 

ConväT)vspol5 

(das V an Stelle des E, im Vornamen ist wahrscheinlich 
auf einen zufälligen Schlagfehler zurückzuführen; den 
Schlufsbuchstaben des Familiennamens, der von dem S 
in CONVADVS grundverschieden ist und bis unter 
die Zeile hinabgeht, halte ich übrigens für ein Z); neben 
dem Namen sind noch tauschierte, ebenfalls in der Re- 
produktion flüchtig und ungenau wiedergegebene Zeichen 
zu sehen. Richtig kopiert sind dagegen die Inschriften 
dieses Schwertes bei Gustav Klemm, Die Werkzeuge und 
Waffen, ihre Entstehung und Ausbildung (Sondershausen, 
1858) S. 238. 

Auf der genannten Klinge ist Folgendes in Kupfer 
auf beiden Seiten flach tauschiert und somit als Schwert- 
fegermarke aufzufassen: 

Das Doppelkreuz ist vielleicht nur der Symmetrie 
halber zweimal angebracht, auf der jenseitigen Klingen- 
hälfte steht es nur einmal. Dieses Zeichen kommt auf 
vielen Klingen vor. (Auf der Angel ist auch auf dem 
verdeckten Teile keine weitere Marke.) 



Kleinere Mitteilungen. 171 

Zweitens trägt dasselbe Schwert in Tausia auf einer 
Seite die Symbole: 





O 



i 

welche wahrscheinlich die Henkerwerkzeuge Zange, Rad 
und ßichtschwert bedeuten, zugleich beweisend, dais die 
dünne und breite Klinge eigens für einen Scharfrichter 
gearbeitet wurde. Zwischen den beiden vorstehenden 
Markengruppen steht nun ebenfalls tauschiert der doppelt 
gedeutete Name Convadus Polz. Zieht man aber in 
Betracht, dals er gleichzeitig mit den angeführten Marken 
und schon bei dem Schmieden des Schwertes angebracht 
sein mufs, dals sich ferner nirgends ein Beispiel dafür 
findet, dals der Henker seinen Namen auf der Klinge 
eines Richtschwertes anbringen lassen durfte, so kann 
man nicht Bedenken tragen, Gronau Recht zu geben 
und Conrad Polz für einen Schwertfeger, und zwar aller 
Wahrscheinlichkeit nach für einen Nachkommen des 
nicht anfechtbaren Solingers von 1430, 0. Pols, anzusehen. 
In ziemlich gewaltsamer Weise später einge- 
schlagen oder tief eingeätzt, und zwar jedenfalls 
nach der mit diesem Schwerte vollzogenen Enthauptung 
Krells, stehen auf der Klinge noch die hier nicht in Betracht 
kommenden Worte Cave Calviniane, D. N. K. und 
darunter drei bisher ganz unberücksichtigt gebliebene, 
schlecht ausgedrückte Zeichen: 



xfk 



J 

o 



welche ich für: d[em] f-j-f [=Gott| G[enade] lese, da 
sie nicht wohl als Datum des Exekutionstages gedeutet 
werden können. Oder sollten diese ein Signum des Henkers 
sein? ÄhnlicheErinnerungsinschriften, an vollzogene Urteile 
der Jahre 1638 und 1639 gemahnend, finden sich auf 
einem anderen im königlichen historischen Museum auf- 
bewahrten Richtschwerte (SS 128) graviert. 

Für die Ansicht, dals Pols der Klingenschmied sei, 
trat schon Gustav Klemm ein, der S. 238 seines oben- 
genannten Buches die Waffe beschreibt. In derselben 
Schrift (S. 216) sagt der Verfasser sogar, dals unter 
den deutschen Schwertfegernamen, die das königliche 



172 Kleinere Mitteilungen. 

historische Museum zu Dresden bietet, der Name C. Pols 
„sehr häufig" sei. Indessen ist bis jetzt in der genannten 
Sammlung keine weitere Klinge aus dieser Schmiede 
bekannt, welche aulser der Meistermarke auch den 
Namen des Pols trüge. Ebenso erwähnt J. G. Th. Grässe 
(Guide de l'amateur etc. p. 25) unter Abbildung der 
oben tauschierten Schwertfegermarke den „Conrad Pols 
armurier'". 

Im Gegensatz zu der vorstehenden Meinung halten den 
Meister Conradus für den Nachiichter: Albert Erbstein 
in seiner „Beschreibung des königlichen historischen 
Museums und der königlichen Gewehrgalerie zu Dresden" 
(I. Auflage 1880, S. 69) und August Victor Richard, welcher 
im zweiten Bande seines bekannten Werkes über Krell 
(1859) das Schwert abbildet und ebenda,' S. 328, nach 
einer etwas ungenauen Beschreibung desselben sagt: 
„Wahrscheinlich wollte der Scharfrichter Kunz Pols 
oder Polster dadurch seinen Namen der Nachwelt über- 
liefern." Diese Bemerkung stammt aber aus einem schon 
1798 in Leipzig anonym erschienenen Buche, wo auf 
S. 68 unter einer ganz skizzenhaften Zeichnung des 
Eichtschwertes die Bemerkung steht: „Durch welche 
Aufschrift der Nachrichter, Kunz Polz oder Polster, 
ohnfehlbar seinen Namen hat verewigen wollen." — Wie 
oben schon bemerkt wurde, ist es durch kein einziges 
Beispiel beglaubigt, dafs der Freimann auf der Klinge 
seinen Namen anbringen oder anbringen lassen durfte; 
noch weniger ist natürlich anzunehmen, dals die grobe 
Henkerfaust selbst ein Schwert tauschiert hätte. 

Ist nun aber die Existenz einer Schwertfeg er- 
familie Pols oder Polz (die schwankende Schreibweise 
der Namen ist keine seltene Erscheinung) wenigstens in 
zwei Repräsentanten bis jetzt bewiesen, so muls doch 
auch merkwürdiger AVeise den Gegnern dieser Ansicht 
Recht gegeben werden, denn es hat im 16. und 17. Jahr- 
hundert unzweifelhaft in Dresden auch ein Scharf- 
richter geschlecht dieses oder eines sehr ähnlichen 
Namens gegeben; ja, es hat sogar zufällig der 1601 
fungierende, aus dieser Familie stammende Henker den 
Vornamen Konrad (Kunz) geführt. Folgendes diene zum 
Nachweis. 

I. Eine im Dresdener Ratsarchive vorhandene Nach- 
richt, welche der Vernichtung der städtischen Akten in 
den Septemberunruhen von 1830 entgangen ist, bezeugt, 



Kleinere Mitteilungen. 173 

dals im Jahre 1548 der Scharfrichter von Dresden 
Kuntz Peltz hiefs. Peltz und Polz lassen sich wohl 
indentifizieren\\ 

IT. Dieser Kiinz von 1548 ist vielleicht derselbe, 
welchen eine im Inventar des historischen Museums 
befindliche, auf das Richtschwert SS 176 b bezügliche 
Notiz meint: das Schwert soll dasjenige sein, „mit dem 
unter der Regierung Kurfürst Augusts sich ein Scharf- 
richter Namens Konrad losgerichtet haben soll". 

III. Im Jahre 1588 am 11. März ward, wie Hasche 
(Diplomatische Geschichte Dresdens III, 11) glaubwürdig 
berichtet, zu Dresden ein Selbstmörder „aufm Schinder- 
karren hinausgefahren und dui'ch den Henker Polz unterm 
Galgen begraben". 

IV. Der zu Krells Zeiten lebende Nachrichter hiefs 
Kunz, wie uns eine zeitgenössische Nachricht verbürgt, 
nämlich einzelne Verszeilen einer in der Stadtbibliothek 
von Leipzig aufbeAvahrten Handschrift (Repos. V, 17. 
|36. MS.]), eines Pasquills von 48 Blättern in Folio, 
welches A. V. Richard in seinem obengenannten Buche 
in den Anmerkungen zu den sieben ersten Kapiteln des 
ersten Bandes, S. 303 ff., zum Teil abdruckte und welches 
den Titel führt: „Eine frey willige, wahrhafftige und 
auffrichtige Bekenntnus, etlicher fürnehmen Redellsführer 
im Exorcismi Handel, im Churfürstenthumb Sachsen, und 
des Ministerii zu Leipzigk, poenitents und absolution zu 
besserung vorgeschrieben, durch einen Liebhaber der 
Wahrheit." Die Stellen aus diesem Pasquill, welche den 
Henker Kunz erwähnen, sind folgende: 

. . . Das Ich also hett gerichtet alin 
Ein Parisisch Blutbatt, wie denn 
Schon ist ein gutter Anfang geschehu, 
Cuntzen gab ich von Samt ein Kleidt, 
Viel Richtschwerdt wurden zuhereitt 
Damitt Ehr sollt die hinschlachten 
Die nicht wollte annehmen unser Sachen. 

. . . Solchs weisset aufs der eiserne Kasten, 
Dorin Ich liefs zusammenfasten 



1) Die Waffe dieses Kuntz Peltz war vielleicht das gegen- 
wärtig im Dresdener Stadtmuseuni aiifhewahrte Richtschwert mit 
der Jahreszahl 15B7. Die jetzige messingene Fassung des Schwertes 
ist eine ganz moderne, dagegen würden die im Eisen tauschierten 
Marken, welche auf eine bischöfliche deutsche Werkstatt hinweisen, 
auch ohne die beigefügte eingeschlagene .Jahreszahl die erste Hälfte 
des 16. Jahrhunderts als Entstehungszeit der Klinge kennzeichnen. 



174 Kleinere Mitteilungen. 

Die Neun iliclitschwerdfc Cuntzens Kleidt, 
Daneben auch ein Zettel leit. 

. . . Und wan Ihn Kunz das Leben genommen, 
So hett Er solln sein Kleid bekommen. 

... Cunz, wie bistu itzt so weitt! 

Kom baldt, kom weil es noch ist Zeitt 
Mein Leben Ich dir itzt thue schenken 
Du magst mich köpfen oder hencken . . . 

V. Zuletzt nennt ein in der königlichen ütf'entlichen 
Bibliothek zu Dresden befindliches Manuskript von Grund- 
manns Hand aus dem Jahre 1709 (J 69) den 1601 fun- 
gierenden Scharfrichter mit dem vollen Namen: Kunz 
Polz, und Hasche (HI, 90) bestätigt den Geschlechtsnamen. 

VI. Endlich kennen wir zwei Jahre nach diesem, 
1603, den im Anfange dieses Aufsatzes erwähnten, durch 
die Inschrift auf der Kreuzstange eines sächsischen Richt- 
schwertes verbürgten Christoph (Cristoffel) Pols, imd 
unsere Zeugnisse zusammengesetzt ergeben : 



1548 


Kuntz Peltz 


zwischen 1553 und 1.586 


Konrad 


1588 


Polz 


um 1594 


Kunz 


1601 


Kunz Polz 


1603 


Crisdoft'el Pols 



Mithin lälst sich aus der Gleichheit der Vornamen und 
dem im Zeiträume von 55 Jahren viermal verbürgten 
gleichen Geschlechtsnamen fast mit Sicherheit schlielisen, 
dals in der genannten Zeit das Scharfrichteramt in einer 
und derselben Familie forterbte, welche sich Peltz, Polz 
und Pols schrieb, ja, sicher identisch mit dem Dresdener 
Nachricht ergeschlechte Polster ist, welches von der zweiten 
Hälfte des 16. Jahrhunderts an in den Akten des könig- 
lichen Hauptstaatsarchives vorkommt. Ob das im histo- 
rischen Museum vorhandene Richtschwert SS lJi8, welches 
laut seiner Inschrift 1638 und 1639 benutzt ward, noch 
von einem Polz geführt wurde, ist unbekannt; noch im 
17. Jahrhundert muls aber das Richtamt aus der Familie 
herausgekommen sein, da ein anderes in der letztgenannten 
Sammlung hängendes Paraderichtschwert (ISS 127), welches 
sicher ebenfalls noch dem 17. Jahrhundert angehört, den 
Namen eines Henkers Hans Engelke trägt. 



Litteratur. 



Re^esten znr Orts- und Familiengeschichte des Yogtlandes. 

I. Bd. 135U- 1485. Gesammelt und heraiLSgegeben von C. von Raab. 
Plauen i. V., F. E. Neupert. 1893. X, 310 SS. 8». 

Es wäre zu wünschen gewesen, dafs man schon vor 20 Jahren 
von sächsischer und thüringischer Seite sich vereinigt hätte, um 
wenigstens his 14 H6, wo die Herrschaft Plauen an Sachsen kam., ein 
gemeinsames vogtläudisches Urkundeubuch zu schaffen. Die Vögte 
von Weida, Gera und Plauen waren im Mittelalter Lehnsempfänger 
von allen möglichen Nachbarn, von Kaiser und Reich, von Böhmen, 
Thüringen und Meifsen, vom Bistum Naumburg und vom Stifr. Qued- 
linburg. In dieser bunten Zusammensetzung war ihr Gebiet das 
Bindeglied zwischen Thüringen und Meifsen und hätte als solches 
ein eigenes Urkundenwerk verdient, das nicht allein die Geschichte 
der Territorialherren oder einzelner Landesteile, sondern wie das 
mecklenburgische Urkundeubuch alle geschichtlichen Verhältnisse 
des Landes umfafste. So sind aber hüben und drüben Quellenpubli- 
kationen erfolgt, wie J. Müllers Urkunden und Urkundenauszüge 
zur Geschichte Plauens und des Vogtlandes (in Mitteil, des Altertums- 
vereins zu Plauen i. V. 1.— 5. Jahresschr., 1875—1885), Albertis Ur- 
kundensammlung zur Geschichte der Herrschaft Gera (1881) und 
desselben Urkunden zu Geschichte der Stadt Schleiz (1882), sowie 
die beiden Bände meines Urkundenbuches der Vögte von Weida, 
Gera und Plauen etc. (1885 und 1P92), mid darum konnte es nicht 
ausbleiben, dafs manche Arbeit doppelt gemacht worden ist. 

Das nun zwar hat die vorliegende Arbeit mit Geschick vermieden, 
doch ist hier wieder zu bedauern, dafs nicht auch die allgemeine Ge- 
schichte des Landes und seiner Inb aber einen breiteren Raum erhalten hat. 

Der Verfasser, der sich auch sonst schon als tüchtiger Kenner 
und Forscher der vogtländischen Geschichte hervorgethan hat (siehe 
3.— 8. Jahresschr. des Altertumsvereins in Plaueni. V.), ist ursprünglich, 
wie es scheint, von der Geschichte der eigenen Familie ausgegangen, 
bis ihn dann seine Forschungen zu einer allgemeinen Orts- und 
Familiengeschichte des Vogtlandes ^) führten. 

^) von Raab begreift darunter nur das heutige sächsische Vogt- 
land. Dem kann ich nun allerdings nicht beistimmen; denn die alte 
terra advocatorum umfafste auch die Gebiete von Weida, Gera und 
Greiz. Noch um l^Iitte des 15. Jahrhunderts erzählt Konrad Stolle 
in seiner Thüring. - Erfurtschen Chronik, dafs Herzog Wilhelm zog 
„in dy voite land ubir den hern von Gera" (s. Bibliothek des litter. 
Vereins in Stuttgart XXXII, 30). 



176 Litteratur. 

Auch die vorliegende Regestensainmlung- ist eine dankenswerte 
Leistung und mit Kenntnis und Fleifs zusammengetragen. Besonders 
anzuerkennen ist die knappe und übersiclitliclie Fassung der Regesten. 
Einzelne Irrtümer und Versehen linden sich ja wohl bei allen 
derartigen Sammlungen. Ich verzeichne hier folgende: Walde 
N'orrede S. TV und S. 8 No. B(i ist durch Wallhof hei Schünhadi 
(s. Gradl, Geschichte des Kgerlandes S. 482) zu erklären. Bei No. 7 
war anzugeben, welches Kloster zu Hof, da es hier deren zwei, ein 
Frauen- und ein Mönchskloster, gab. Ebenso war bei No. 80 zu be- 
merken, dals hier das Kloster zum heiligen Kreuz bei Saalburg ge- 
meint ist. In No. 574 ist im Datum der letzern statt letzten zu lesen. 
Datierungsfehler finden sich mehrere. No. 79 ist April 15 statt 8 zu 
datieren, No. 84 Juli 12 (IMargarethen abend) statt 13, No. 85 
August 17 für 7 (wohl Druckfehler), No. 13H Februar 3 für 15, 
No. 311 Dezember 20 (au dem abend s. Thomas) statt 21, No. 318 
August 22 (die Oktave der nssumptio) für August 15, wenn wirklich 
das nach im Texte steht, und ist letzteres dann nicht einzuklammern. 
No. 319 s. d. hätte nach den sonstigen Verfahren hinter No. 321 ge- 
hört. Bei No. 889 ist Juli 20 (dinstag nach Maigarethe) für Juli 13 
zu setzen. 

Der bei weitem gröfste Teil der Urkunden, die von Raab mitteilt, 
war bisher ungedruckt, doch sind einzelne Drucke noch nachzutragen, 
so No. 347 l)ei Richter, Die Herrschaft Mühltrutt' und ihre Besitzer 
(1857) S. 147, No. .505 in Festschrift des Hohenleubeuer Altertums- 
vereins zum Regierungsjubiläum des Fürsten (1892) S. 46 , No. 708 
bei Olischer, Entwurf einer Chronika der alten vogtländischen Stadt 
Reichenbach (1729) S. 19. No. 740 findet sich auch als Regest bei 
Märcker, Das Burggraftura Meifsen S. 365. Letzteres Buch hätte 
überhaupt mehr benutzt werden können. Hier findet sich noch 
mancher Hinweis auf Stücke, die im Dresdner Archiv befiiullich sind 
und offenbar in diese Sammlung mit hinein gehören, so bei Märcker 
a. a. (). S. 335. 345. 346. 348. 349. 354. 356. 359. 362 f 369 und .5.58 
für die Familien von Döhlau, Geilsdorf, Hermsgrün, von der Heyde, 
von Pohl, Posseck, Röder, Sack, Tettau, Walsperg und Wolfersdorf, 
sowie für die Ortschaften Adorf, Gefell, Linda, Mühltruff, Ölsnitz, 
Pausa, Plauen und Vogtsberg. 

Nicht fehlen durften hier auch, meine ich, der Klagzettel „der 
erbar Mannen von Plauen" um 1462 (s. von Langenn, Herzog Albrecht 
der Beherzte S. 48) und der Brüxer Vertrag von 1482 (s. Märcker 
a. a. ( ). S. 370). Aufser dem Dresdner Archiv , dessen zahlreiche 
Kopialbücher von Raab mit vielem Fleifse durchforscht hat, sind 
Archivalien aus München, Bamberg, Weimar, Schleiz und Eger be- 
nutzt worden. Auch hier lassen sich noch Nachträge bringen. So 
fehlt die für die Stadt Plauen nicht unwichtige No. 6602 des Dresdner 
Archivs. In Eger feiner liegen noch Nachrichten über eine Fehde 
der von Mylau, Rabe und Tristam gegen die Stadt Eger im Jahre 1444 
(etwa 5 Nummern). Ebenso in Weimar mehrere Stücke zur Be- 
teiligung der von der Heide, von Pohl, Rabe, Röder und Watzdorf 
an den Wirren des Bruderkrieges. Sodniui verweise ich lür die 
Stadt Plauen noch auf das Ernestinische Gesamt -Archiv in Weimar 
Reg. KK g 134 No 6, 4 a, wo die Stadt 1479 über eine Zinszahlung 
an Sophie Vasmann urknndet. Aus Schleiz bringe ich noch folgende 
Nummern hinzu: 1. 1451 Oktober 31, Michael Haussener, Prior des 
Predigerordens zu Plauen, urkundet über die Stiftung eines Seel- 
gerätes durch Mathes AValmann. Am abend aller heiligen. Orig. 



Litteratur. 177 

Pap. — 2. 1460 Juni 22 Burggraf Friedrich von Dohna und Gemahlin 
Margarethe bewilligen der Geistlichkeit in der Stadt Auerbach das 
Spolienrecht. Am suntag vor s. Johannes des theuffers. Orig. Perg. — 
3. 1458 und 1466. Belehnungen der von Trützschler zu Falkenstein mit 
dem Hofe zu Reumtengrün. Abschr. L 5 Fol. 143. 

Das Register der von Raabschen Sammlung scheint im Ganzen 
zuverlässig gearbeitet worden zu sein. Stichproben ergaben Folgendes. 
Es fehlen im Register aus No. 2 Kirchleufs, No. 10 Peter Thusel, 
No. 75 Stein, No. 130 Tirpersdorf, No. 215 Copticz, wohl verschrieben 
für Tobertitz, das Rödersches Gut war (s. auch No. 217). Aus No. 250 
fehlt Hans von Kotzau zu Ivotzendorf. Letzteres ist unfraglich 
Kautendorf (s. R. 276). Aus 425 fehlen Zickra und Stelzendorf, beide 
südlich von Auma. Zu den Namensevklärungeu bemerke ich noch: 
Für Siegeler wäre wohl nach sonstiger Analogie Schlegler zu er- 
warten gewesen. Stehen (in No. 31) dürfte Schieben sein. Ugel von 
Weischlitz (in No. 158) ist wohl aus Nickel verlesen. Die von 
Gössnitz und Gofsnitz uS. 268) gehören zu einer Familie. Die 
Fannauer (S. 265) werden besser als Fahner angeführt. Heinz 
Bufsmann (S. 262) ist vielleicht ein Fafsmann. Bei Levin von Wirs- 
perg (S. 305) ist 624 Druckfehler für 604. 

Aber unsere kleinen Aussetzungen werden allen Freunden der 
vogtläudischen Geschichte die Freude an der dankenswerten Arbeit 
von Raabs nicht beeinträchtigen. Wir wünschen guten Fortgang, 
damit der versprochene zweite Band dem ersten bald nachfolgen möge. 

Schleiz. Berthold Schmidt. 

Vasallen -Gfeschlecliter der Markgrafen zu Meifsen, Landgrafen 
zu Thüringen und Herzoge zu Sachsen bi.^ zum Beginne des 
17. Jahrhunderts. Auf Grund des im Königlichen Hauptstaats- 
archiv zu Dresden befindlichen Urkiuideumaterials zusammengestellt 
von Clemens Freiherr von Hausen. Berlin, Karl Heymann. 
1892. 643 SS. 8". 

Nicht eher dürfen wir hoffen ein auch wissenschaftlichen An- 
forderungen genügendes deutsches Adelslexikon zu erhalten, bevor 
nicht diese Aufgabe für die Adelsgeschichte der einzelnen deutschen 
Landschaften gelöst ist; bei der ungeheuren Masse archivalischen 
Quellenmaterials ist eine Teilung der Arbeit unbedingt erforderlich. 
In welcher Weise die territoriale Adelsgeschichte zu bearbeiten ist 
dafür dürfen z. B. die Arbeiten Kuothes für die Oherlausitz 
von Albertis für Württemberg als mustergiltig hingestellt werden. 
Das vorliegende Buch hat sich kein so hohes Ziel gesteckt. Von 
Benutzung der gedruckten Litteratui", insbesondere der zahlreichen 
uns vorliegenden Urkundenbücher , hat der Verfasser von vornherein 
abgesehen; nur Kueschkes Adelslexikon ist viel herangezogen und in 
zahlreichen Fällen, wie wir zugeben, vervollständigt und berichtigt 
worden. Auch für das archivalische Material hat er sich enge 
Grenzen gesteckt; er hat sich lediglich auf das Dresdner Haupt- 
staatsarchiv beschränkt, das ja die wichtigste Quelle für seine Zwecke 
ist, aber doch der Ergänzung durch zahlreiche andere Archive, 
namentlich der ernestinischen Archive in Weimar, bedarf. Immerhin 
würden wir geneigt sein, diese auf dem Titel offen eingestandene Ein- 
seitigkeit zu entschuldigen, wenn der Verfasser nur in der That das 
„Urkundenmaterial" des Hauptstaatsarchivs benutzt hätte. Leider hat 
er aber offenbar die Archivalien selbst, abgesehen vielleicht von einigen 

Neues Archiv f. S. G. u. A. XV. 1. 2. 12 



J78 Litteratnr. 

Aiisiiixlmiefällen, Sfar nicht eingesehen, sondern sich ledig-lich auf die 
Benutzung der genealogischen Repertorien des Archivs hescliräiikt, 
die ja eine wegen ihrer grofsen Reichhaltigkeit vielbewunderte Arbeit 
sind, aber doch nur als Hilfsmittel für die Benutzung der Archivalieii 
seihst angesehen werden dürfen. Jeder Kundige weifs, dafs solche 
im Laufe von Jahrzehnten durch verschiedene Hände; zusammen- 
getragenen Nachweisungen notwendig eine Menge von Irrtümern 
enthalten und dafs ein kritikloses Ahschreiben zu den gröfsten 
Übelständen führen mufs. Dafs es aber der Verfasser an Kritik so 
gut wie völlig hat fehlen lassen, davon zeugt fast jede Seite. Fälle, 
dafs aus einer Familie mehrere geworden sind, Aveil verschiedene 
Namensschreibungen vorlagen, oder dafs umgekehrt Mitglieder ver- 
schiedener Familien unter einem Namen zusammengeworfen werden, 
sind durchaus nicht selten. Der Verfasser will von jedem Geschlecht 
die zuerst und die zuletzt im Hauptstaatsarchiv erwähnte Person an- 
gehen. Das erstere war verhältnismäfsig leicht, da für die im Mittel- 
alter schon voikomraenden Familien die Repertorien in der Regel und, 
wo sie sich in einer Urkunde finden, stets die ältesten Vertreter nach- 
weisen; eine Durchsicht der Kopialien des Hauptstaatsarchivs hätte 
freilich noch zahllose Nachträge ergeben. Aber zur Angabe der letzten 
in Archivalien unseres Archivs erwähnten Person einer Familie genügen 
die Hilfsmittel durchaus nicht; in dieser Beziehung sind von Hausens 
Angaben, wenigstens soweit es sich nicht um Familien handelt, die 
schon im Mittelalter erloschen sind, ganz wertlos. Die aufserdem mit- 
geteilten familiengeschichtlichen Notizen lassen jedes Prinzip ver- 
missen. Ferner sind die betreffenden Urkunden bald nur nach der J ahres- 
zahl, bald unter vollem Datum angeführt; bald die Familiennamen 
in der alten, bald in der modernen Form gegeben; ebenso verhält 
es sich mit den Ortsnamen. Kurz, die Arbeit macht den Eindruck 
einer recht oberflächlichen Kompilation und wird den Genealogen 
wohl häufiger irre führen als sie ihm zu nützen vermag. Wir wundern 
uns, dafs die Redaktion der „Vierteljahrschrift für Wappen-, Siegel- 
und Familienkunde", in welcher die Arbeit zuerst erschienen ist, die 
von uns gertigten Schwächen derselben nicht erkannt hat. ' 

Dresden. Er misch. 

Zur Todesstrafe gegen Wilderer in Kursacliseii. Neues aus der 
Gesetzgebung und Spruihpraxis vor dem Mandate vom 10. Oktober 
1584. ^Eine Archivstudie von Tlioodor Distel. (Sonderal)dnuk 
aus der Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft Bd. Xili 
1893. Heft -Z.) 22 SS. 8". 

Schon seit längerer Zeit ist die rechtshistorische Forschung in 
Sachsen vernachlässigt worden. Umsomehr müssen wir uns freuen, 
wenn von der Hand eines Juristen und trefflichen Kenners unserer 
Archive von Zeit zu Zeit Auisätze erscheinen, die geeignet sind, einer- 
seits das Interesse an diesen Stoffen wach zu erhalten, andrerseits 
gründliche Belehrung über die älteren Rechtszustände zu geben. Dabei 
geht Distel seinen eignen Weg; nicht in zusammenfassender Dar- 
stellung behandelt er sein Thema, sondern er sucht den Leser in 
Stand zu setzen, auf Grand des dargebotenen Materials ein selbständiges 
Urteil zu fällen' Diesmal läfst uns Distel einen Einblick in die Jagd- 
gesetzgebung und in die Spruchpraxis sächsischer Schüppenstuhle 
in der Epoche Moritz -August gewinnen. Distel widerlegt die seit 
Carpzov geltende Lehre, dafs erst im Jahre 1584 in Sachsen die 



Litteratur. 1 79 

Todesstrafe für Wilderer eingeführt worden sei, er weist auf eine 
ßeihe von Mandaten und Ausschreiben aus den Jahren 1549, 1551, 
1554 u. s w. hin, in denen die Todesstrafe schon erwähnt wird, und 
er helegt die einzelneu Gesetze mit den Sprüchen sowohl der Leipziger, 
Magdeburger, Brandenl)urger Schoppen, als auch der Doktoren des 
Hofgerichts zu Wittenberg und der Juristenfakultät in Ingolstadt. 
Erst dadurch gewinnt die Arbeit ihren rechten Wert. Auch erfahren 
wir noch manches Interessante über die Ausübung des Jagdrechtes. 

Dresden. R. Wuttke. 



Die Volkswirtschaft im Königreiche Sachsen. Historisch, geo- 
graphisch und statistisch dargestellt von Heinrich (rebaiier. 
Ed. I bis III. Dresden. Wilhelm Baensch. 1893. LXIV, 612. 
576. 780 SS. 80. 

Das vor uns liegende umfangreiche Werk kommt unleugbar 
einem weitverbreiteten Bedürfnis entgegen. In jahrelangen Studien, 
von denen zahlreiche frühere Publikationen spezielleren Inhaltes 
Zeugnis ablegen, hat der A'erfasser mit grofsem Fleifs zusammen- 
getragen, was ihm von Arbeiten, Nachrichten, Notizeu über die Volks- 
wirtschaft Sachsens in Vergangenheit und Gegenwart erreichbar war. 
Übersichtlich und klar ist das weitschichtige und oft recht spröde 
Material gruppiert und verarbeitet, zuverlässig zugleich und mit 
grofser Besonnenheit in den Schlufsfolgerungen, die zu ziehen der 
Verfasser mit Recht mehr dem Leser überläfst. Diese Beschränkung 
auf das Zuständliche mit möglichstem Zurückhalten subjektiver Ur- 
teile und Hypothesen giebt dem Buche uusers Erachtens eineu be- 
sonderen Wert nicht nur für den Geschäftsmann, sondern auch für 
die Volkswirtschaftler und Sozialpolitiker aller Richtungen. Die Fülle 
der mitgeteilten Thatsachen, die durchsichtige Bearbeitung derselben 
und die ruhige, objektive Darstellun«: macht es zum geeignetsten 
und unentbehrlichen Hilfsmittel für jeden, der sich über die wirt- 
schaftliche Entwickelung Sachsens orientieren will. 

Auf eine eingehende Erörterung der einzelnen Probleme ver- 
zichtet der Verfasser, läfst es aber an gelegentlichen Hinweisen 
nicht fehlen. Gegenüber den Streitfragen, die in der Tagespresse 
und in der Fachlitteratur , besonders in sozialpolitischen Schriften, 
oft mit leidenschaftlicher Erregung behandelt werden, verhält er sich 
durchaus objektiv und lediglich referierend, ohne irgend eine An- 
sicht dem Leser aufdrängen zu wollen. Dem ganzen Charakter des 
Werkes gemäfs läfst er möglichst nur die Thatsachen und Zahlen 
sprechen und ist bemüht, unbefangen das Material zur Bildung eines 
eigenen, selbständigen Urteils zu bieten, 

Gegenüber der neueren Entwickelung mit ihrem reichen statisti- 
schen Apparat tritt die Behandlung der älteren Zeit zurück. Sie 
ist für die einzelnen Materien ungleich und läfst manche wichtige 
Frage often oder streift sie nur flüchtig. Doch ist die Schuld hieran 
nicht sowohl dem Verfasser, als dem Mangel an genügenden Vor- 
arbeiten beizumessen. Aufgabe des Verfassers konnte es natürlich 
nicht sein, in mühsamen und weitschichtigeu Quellenforschungen 
dem historischen Werdeprozefs auf all den vielen einzelnen Gebieten 
nachzugehen. Die Wirtschaftsgeschichte Sachsens ist noch zu schreiben, 
und noch fehlt es fast gänzlich au den Vorarbeiten dazu, an der 
Publikation wichtiger Quellen ebenso wie au gediegenen Monographien 

12* 



130 Litteratur. 

über die einzelnen Perioden nnd die einzelnen Verzweigungen und 
Ausgestaltungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. Hier 
bietet sich der historischen Kommission, die hoffentlich recht bald 
ihre Thätigkeit beginnen kann, eine Fülle der fruchtbarsten Auf- 
gaben, deren Bearbeitung weit über Sachsens Grenzen hinaus das 
lebhafteste Interesse erwecken und vielleicht auch überraschende 
Aufschlüsse bringen wird über die hohe, oft vorbildliche Bedeutung 
der sächsischen Staats- und Volkswirtschaft. 

Wo dem Verfasser gute geschichtliche Arbeiten zur Verfügung 
standen, hat er sie geschickt und bei aller gebotenen Kürze doch an- 
schaulich und klar zu verwerten gewufst, wenn ihm auch begreiflicher- 
weise manche Irrtümer seiner Gewährsmänner mit unterliefen. 

Bei der Behandlung der Neuzeit hätten wir gern ein mehr an- 
schauliches Bild von der ^yirtschaftlichen und sozialen Lage der 
Arbeiterklassen erhalten. Lohnsätze, Länge der Arbeitszeit, Frauen- 
nnd Kinderarbeit und ähnliches werden nicht immer in erwünschter 
Vollständigkeit mitgeteilt, auch die Lage des handwerksmäfsigen 
Betriebs gegenüber dem zentralisierten mechanischen Grofsbetrieb 
ist nicht immer ausreichend charakterisiert^). 

Der Verfasser stützt sich hier im wesentlichen auf die Berichte 
der Handels- und Gewerbekammern, die naturgemäfs die Lage der 
Dinge vornehmlich vom Standpunkte des kapitalistischen Unternehmer- 
tums darstellen. Die Auffassung erfährt dadurch unwillkürlich eine 
Verschiebung nach dieser Seite hin. Vielleicht hätte sich aus der 
umfangreichen Broschürenlitteratur, aus den vielen in Zeitschriften 
zerstreuten Abhandlungen und Mitteilungen und besonders aus den 
Veröffentlichungen des königl. statistischen Bureaus und den Be- 
richten der Fabrik- und Gewerbeinspektoren die Darstellung noch 
ergänzen und vervollständigen lassen. 

Es ist natürlich nicht möglich, im Rahmen einer Besprechung 
auf den reichen Inhalt aller 22 Kapitel des dreibändigen Werkes 
einzugehen. Wir möchten deshalb nur einzelne Partien herausheben. 

Nach einer vorzüglichen Einleitmig über „das Land" als Grund- 
lage und Bedingung der wirtschaftlichen Entwickelung (I, 1—79) be- 
handelt der Verfasser auf 379 Seiten die Land- und Forstwirtschaft 
in den Abschnitten Bodenkultur (Ackerbau, Gartenbau, Obstbau, 
Weinbau), Viehzucht, Forstwirtschaft, Jagd und Fischerei. — Dieser 
Teil gehört unsers Erachtens zu den besten des Buches, und seine 
Lektüre ist jedem, der sich für diese Dinge interessiert — auch in 
weiteren Kreisen — warm zu empfehlen. In treffender Weise wird 
S. 80 hervorgehoben, dafs es auch für den industriellsten Staat eine 
Notwendigkeit bleibt, einen wesentlichen Teil dessen, was zu des 
Leibes Nahrung und Notdurft gehört, selbst zu erzeugen, dafs ferner, 
je höher ein Volk in der Kultur (in städtischer und industrieller 
Entwickelung) steige, es umsomehr auch der ununterbrochenen Er- 
neuerung von unten her bedürfe, aus denjenigen Kreisen, die noch 
mit der Natur in engster Gemeinschaft leben. Vielleicht konnte noch 
hingewiesen werden auf die hohe Bedeutung einer zahlreichen und 
tüchtigen Landbevölkerung für die Wehrkraft des Landes und auf 
den Wert der Kaufkraft der grundbesitzenden Klassen auch fürdie 
Industrie; denn soweit diese nicht blofs für den Export arbeitet, 
bietet das Inland doch stets den sichersten und zuverlässigsten Markt, 



') Vergl. z. B. Schuhmacherei III, 488 und Bäckerei III, 521 



Litteratur.- 181 

der auch zur Überwindung von Krisen auf dem leicht empfindlichen 
Weltmarkt nicht unwesentlich beizutragen vermag. 

Neben dem wirtschaftlichen Motiv der Auswanderung, der Un- 
möglichkeit, daheim eine eigene Scholle zu erwerben (S. 88), konnte 
auch das ebenso einflufsreiche soziale Motiv hervorgehoben werden: 
die Aussichtslosigkeit, in eine sozial höhere Schicht des Berufs 
aufsteigen zu können. Auch dies fällt in Sachsen fort. 

Von gröfstem Interesse sind die öfters hervorgehobenen engen 
Beziehungen zwischen Landwirtschaft und Industrie Sie haben 
nicht zum wenigsten jene günstige Mischung des kleineren, mittleren 
und gröfseren Grundbesitzes mit Vorwiegen des mittleren befördert, 
die Sachsen so vorteilhaft auszeichnet gegenüber dem Grofsgrund- 
besitz des östlichen und den Zwergwirtschaften des südwestlichen 
Deutschland. 

Seit alter Zeit hat das kapitalkräftige Bürgertum neben der 
Ritterschaft sich im Besitze gröfserer Güter befunden und behauptet. 
Die Kapitalbefruchtung führte schon früh zu bedeutender Intensität 
des Betriebs, zu wertvollen Meliorationen und zur Aufnahme land- 
wirtschaftlicher Nebengewerbe. Für den mittleren, besonders auch 
den bäuerlichen Besitz liegt in den Beziehungen der besitzenden 
Familie oder einzelner Glieder derselben zur Industrie unsers Er- 
achtens das Hauptmoment, welches bisher die Zersplitterung bezugs- 
weise unerträgliche Überschuldung leidlich verhütet hat. Letztere, 
verbunden mit chronischem Besitzwechsel, wäre auch für die ge- 
schlossenen Güter längst eingetreten infolge des bei Erbteilungen 
meist zu Grunde gelegten Verkehrs wertes und bei dem Mangel 
eines auch nur subsidiären Anerbenrechtes resp. -Vorteils, wenn nicht 
von Seiten der Industrie her auf die eine oder andere Art sich in 
häufigen Fällen Hilfsmittel darbieten würden. — Für die Arbeiter 
endlich, die industriellen xmd ländlichen ivergl. I, 89 und 91), bieten 
die kleinen eigenen Grundstücke nicht nur erwünschten Nebenerwerb, 
sondern sie sind zugleich physisch und sozial von günstigem Einflufs 
und wirken allzugi-ofser Fluktuation der Bevölkerung entgegen, ohne 
bei der meist vorhandenen Fülle der Arbeitsgelegenheit die Be- 
treffenden als eine Art Schollenpflichtige gleich den Büdnern und 
Häuslern des Ostens der event. Willkür eines Arbeitgebers zu über- 
antworten. Vorteilhaft auch in dieser Beziehung ist das für Sachsen 
so charakteristische Hinaustragen der Industrie in die kleinen Ort- 
schaften und auf das Land. 

Zutreffend hebt der Verfasser S. 120 und 124 die Ursachen der 
landwirtschaftlichen Notstände hervor, darunter unwirtschaftliche 
Kapitalinvestierung und zu weit getriebene, nicht mehr rentable 
Intensität der Bewirtschaftung ebenso, .wie allzuhäufigen Mangel an 
dem notwendigen Betriebskapital und Überzahlung des Gutes. Als 
eins der Grundübel hätte betont werden können, dafs bei Erbüber- 
nahme (wie beim Kauf) gewöhnlich nicht der Ertragswert zu Grunde 
gelegt wird, sondern der Verkehrswert, der bei dem relativen Selten- 
heitscharakter von Grund und Boden natürlich höher ist, als jener 
erstere. Es liegt hierin eine Verkennung des wirtschaftlichen Wesens 
des Gutes wie des juristischen und wirtschaftlichen Sinnes der Ver- 
erbung. Grund und Boden ist nicht eine beliebig vermehrbare Ware 
und ist deshalb, und weil er für jeden in irgend einer Weise unum- 
gänglich notwendig ist, sowie aus sozialpolitischen Gründen nicht 
berufen, als Spekulationsobjekt von Hand zu Hand zu gehen. — 
Und die Vererbung bezweckt nicht die spekulative Verwertung des 



182 Litteratur. 

Gntes als Handelsobjekt seitens des Erbnehmers, sondern die E_r- 
baltung desselben als Wirtsebaftsobjekt und die Fortfülmui^ der in 
ibm fixierten Arbeit und Mühe des Erblassers. Demgemäfs hal)en 
die Miterben einen Anspruch nur auf die Quote des Ertrags wertes, 
auf ein Kapital, das sich bei gemeinsamer Bewiitschaftung dem 
einzelnen verzinsen würde, nicht auf eine Quote desjenigen Wertes, 
den das Gut vielleicht bei einer dem Sinne der Vererbung nicht ent- 
sprechenden Veriiufsernng erzielen würde. 

Ein der Eigenart des Grandbesitzes angepafstes Erb- und 
Kreditwesen und Beseitigung der auf anderem Boden und unter 
anderen Voraussetzungen erwachsenen jetzigen Rechtsbestimmungen 
sind deshalb u. E. zunächst anzustreben, um das Gedeihen der Land- 
wirtschaft und die Erhaltung eines gesunden bäuerlichen und mittleren 
Grundbesitzes zu sichern. Dui'ch solch allgemeine Bemerkungen 
wie S. KU: Verlassen auf eigene Kraft und Erwehrung der fremden 
Konkurrenz durch intensiven Betrieb (der doch seine Grenze hat 
s. S. 120) und durch das Betreten neuer Wege (welcher V) kommt 
man nicht Aveiter. Sie treffen auch den Kern des Übels nicht, das 
mehr noch wie in der ausländischen Konkurrenz in der auf wesentlich 
andere Dinge zurückgehenden Überschuldung und dem dadurch be- 
dingten Mangel an Widerstandskraft liegt. 

S. 134 ff. ist die historische Entwickelung nicht überall richtig 
dargestellt. Man kann nicht sagen , dafs ,.von der Leibeigenschaft 
her auf dem bäuerlichen Grundbesitz viele Lasren ruhten, die aus 
dem Verhältnis des Obereigentümers zum Untereigentümer abgeleitet 
waren"; dafs zu diesen „der Leibeigenschaft verwandten Lasten" 
(S. 13f> heifsen sie „Ausflüsse der L.") die Frohnden gehört hätten; 
dafs »ein Nachklang der Leibeigenschaft" der Dienstzwang (dessen 
Wesen nicht deutlich dargelegt wird) gewesen sei. — Leibeigen- 
schaft und Obereigentum haben gar nichts mit einander zu thun. 
Die „Leibeigenschaft" ist nicht der Ausgangspunkt der bäuerlichen 
Belastung, sondern der Endpunkt; vielfach, z. B. links der Elbe bis 
zur Saale hin, hat sie so gut wie gar nicht existiert. Die Frohnden 
sind entstanden nicht aus der Leibeigenschaft, sondern aus der 
Übertragung und Umwandlung öffentlicher Lasten in private, aus 
rechtmäfsigem oder angeniafstem Verfügungsrecht der Herren über 
Wald, Gewässer, Allmende, aus Vorbehalten bei Grundstiicksüber- 
lassungen, aus Vereinbarung, Verjährung von freiwillig geleisteten, 
erbetenen Diensten u. a. — Im Grunde gehen sie fast stets auf wirt- 
schaftliche A'erhältnisse, nicht sowohl auf rechtliche Voraussetzungen 
und Konstruktionen zurück. Das Recht sanktionierte gewöhnlich 
nur, was faktisch — so oder so — sich schon längere Zeit heraus^ 
gebildet hatte. 

S. 136 findet sich eine Vermischung von Zins und Zehnt, die 
irre führen kann. Geldzins und Lehnware sind doch nicht so 
identisch zu setzen. Von grofsem Interesse siiul die mehrfachen 
Darlegungen über den Eiuflufs der Verkehrsverhältnisse auf die 
Landwirtschaft, besonders hinsichtlich der I*roduktionsrichtung, der 
Intensität des Betriebes und der Preisäuderungen (cfr. Staffeltarife!). 
Vergl. z. B. S. 189 ff. 

Zu der Verfügung Kurfüst Augusts I., jedes junge Ehepaar 
solle 2 Obstbäume setzen (S. 219), können wir aus einer Witten- 
berger Bauernordnung von 1518 eine noch weiter gehende Bestimmung 
anführen, wonach jeder Hufner und Gärtner jährlich, so weit er 



Litter atur 183 

Raum hatte, 15 Obstbäume pflanzen sollte. Auch der Safranbau 
wird hier ev. vorgeschrieben. 

Die Schafzucht, deren Bedeutung für Sachsen wohl eine be- 
sondere quellenmäfsige Untersuchung verdiente , bildete schon im 
Mittelalter eine Haupteinnahraequelle für die Gutsherren. So ver- 
zeichnet 1474 (im Kurkreise) Ulr. von Canitz zu Trebin 2 Schäfereien, 
davon eine mit 500 Schafen. Jan Draeudorf in Wildenau hatte 
300 Schafe, für die er das Futter kaufen mufste. Auf dem Deutsch- 
Ordenshofe in Dansdorf waren 100 Schafe neben 24 Haupt Rindvieh 
und 30 Schweinen (Gesindelohn 10 Schock Groschen ohne Essen und 
Trinken). Nickel Haldau gewann aus seinen Schafen 1474 jährlich 
73 Stein Wolle; Hans von Honsberg in Clöden hatte öOO Schafe. 
Der Schäfer safs auf den vierten Teil. Diese Anteilswirtschaft des 
Schäfers scheint das Gewöhnliche gewesen zu sein. Sie findet sich 
1513 auch auf den Schäfereien der landesherrlichen Domänen in 
Pratau und Bleesern bei Wittenberg mit je 1000—1100 zweischürigen 
Schafen. Die Schäfer erhielten auch den vierten Teil der Milch. 
Geliefert wurde ihnen nur das Futter, alles andere war ihre Sache. 

Sehr lesenswert ist der Abschnitt über Forstwirtschaft und 
Waldnutzungen; vorzüglich dann — auch in dem geschichtlichen 
Teil — die Behandlung des Erzbergbaues. 

Wenn, wie es dem Wortlaut nach scheint (I, 330) Zeidellehen 
und ritterliche Zeidelmeister in der Leipziger Gegend um 1161 vor- 
kommen sollen, so ist dies ein Irrtum, der bei Gretschel-Bülau I, 55 
nicht begründet ist. Die höchst interessanten Zeidelgüter und 
Zeid 1er verbände finden sich urkundlich erst später (im 13. und besonders 
im 15. Jahrhundert) namentlich in der Lausitz, vereinzelt auch links 
der Elbe, z. B. um Königstein -Pirna. — Zurück geht die Bienen- 
zucht freilich bis in die älteste Zeit der Wenden, von denen sie all- 
gemein, von der Ostsee bis zur Donau, eifrig betrieben wurde. In 
den Schenkungen an Kirchen und Klöster im 10. Jahrhundert spielt 
der Honigzins der Wenden eine bedeutende Rolle. — Von Gretschel 
I, 55 übernommen ist bei Besprechung der Jagd (I, 402) ein anderer 
Irrtum, der auf falscher Deutung einer Stelle in Thietmars Chronik 
8,10 beruht. Nicht um „Hemmung des freien Laufs des Wildes" 
handelt es sich dort, sondern um Eingriffe in den dem Bischof zu- 
stehenden Forst- und Wildbann. 

In detailliertester Weise ist die Industrie, besonders die Textil- 
industrie dargestellt (II, 488 bis III, 480). 

Bemerkenswert ist es, wie die erzgebirgische Industrie wesent- 
lich an den Bergbau anknüpft. Schon seit dem 14. Jahrhundert finden 
sich Perioden tiefen Verfalls desselben, und die zahlreiche Bevölkerung, 
zu deren Ernährung der Avenig fruchtbare Boden bei ungünstigen 
klimatischen Verhältnissen nicht entfernt ausreichte, stellte dem 
fremden Kapital (Nürnberger, Schotten u. a.) billige Arbeitskräfte in 
Menge zur Verfügung 2). Durch Aufnahme von Flüchtlingen wurden 
— wie die Fabrikation von Musikinstrumenten — so auch andere 
Gewerbe begründet resp. gefördert. 

Doch der Stoff ist hier so reichhaltig und bietet des Inter- 



^) Damit hängt die bemerkenswerte Thatsache zusammen, 
dafs die Hausindastrie als kapitalistische Unternehmung hier im 
wesentlichen nicht, wie gewöhnlich, auf ein kräftig entwickeltes 
Handwerk in ihren Anfängen zurückgeht. 



184 Litteratiir. 

essanten so viel, dafs ein näheres Eingehen darauf unmöglich ist. 
Nur auf einen Punkt möchten wir noch hinweisen, auf die kapita- 
listische Hausindustrie, die noch immer einer speziellen Bearbeitung 
harrt, und auf ihren Einflufs auf die wirtschaftliche und soziale Lage 
der Arbeiter. Das vom V'erfasser an vielen Stelleu zerstreut mit- 
geteilte Material ergiebt etwa folgende Resultate: 

I. Betreffs der Arbeitsprodukte: häufiger Mangel an Solidität, 
an sauberer Herstellung und an üleichmäfsigkeit (III, ;3(». 176. 21;i. 
326 u. ö.). 

II. Betreffs der Arbeiter: 1. Übermäfsig lange Arbeitszeit bei 
oft grofser köi'perlicher Anstrengung. 2. Verwerfliche Ausnutzung 
der Kinderarbeit (z. B. III, 147). B. Grofse sanitäre (event. auch sitt- 
liche) Übelstände hinsichtlich des Wohnraumes, der zugleich Werkstätte 
und Schlafraum ist. 4. Unregehnälsigkeit und Unsicherheit des Ver- 
dienstes; Perioden völliger Arbeitslosigkeit nach solchen übertrie- 
benster Anspannung. 5. Ohnmacht gegenüber dem Unternehmer, und 
kärglicher Verdienst, oft noch geschmälert durch zwisclien Unter- 
nehmer und Arbeiter sich einschiebende Faktore. 6. Schlechte Er- 
nährung und physische Deteriorierung. 

III. Betreffs der Unternehmer: 1. Elastizität des Betriebes; 
Möglichkeit, das Risiko auf die kleinen Meister abzuwälzen oder 
die Arbeiter nur nach Bedarf zu beschäftigen. 2. Billigkeit der Arbeit. 
Keine Verzinsung von Fabrikgebäuden und Weikstätten. Völlige 
Abhängigkeit der Arbeiter betreff's der Löhne. Lohndi'uck auch auf 
die Fabrikarbeiter desselben Gewerbes ermöglicht durch die billigen 
Arbeitskräfte der Heimarbeiter. 3. Möglichkeit, Artikel, die schnel- 
lem AVechsel in Nachfrage und Geschmack unterworfen sind, in 
kleinen Quantitäten herzustellen, die den mechanischen Betrieb nicht 
lohnen. 

Wer für diese hausindustrielle Erscheinungsform des Kapita- 
lismus schwärmt, dem werden die vom Verfasser an vielen Stellen 
beigebrachten Thatsachen und Zahlen Stoff' zum Nachdenken geben. 
AVir empfehlen besonders den Abschnitt über Handweberei III, 265 ff. 
Verdienst pro Tag: 0,80—1,20, selten bis 1,60 M. Arbeitszeit im 
Sommer 13—15, im Winter 14-16 Stunden. In der einen Wohnstube 
wird gearbeitet, gekocht, gegessen, geschlafen, werden Kranke gepflegt, 
Kinder erzogen. Die von der Schule frei gelassene Zeit der Kleinen 
wild ausgefüllt mit Spulen u)id Treiben. Die Kost besteht zu 90 o/^, 
aus Brot, Kartoffeln, Butter und Mehl. Fett, Speck, Milch, Eier, 
Heringe, Fleisch sind sehr seltene Geschmack verbessernde Genufs- 
mittel, nicht Nahrungsmittel. Die geringe Körperkraft macht un- 
fähig zu jeder schwereren Muskelarbeit, z. B. zur ßestellungs- und 
Erntearbeit auf dem Felde. Wir begrüfsen es mit Freuden, wenn 
die Leute von solcher Arbeit sich abwenden und bessere und lohnendere 
finden, und bezeichnen dies als einen Gesundungsprozefs im volkswirt- 
schaftlichen Leben, mag es auch der Handelskammerbericht (III, 
279) ein „Kränkeln" der betr. Industrie nennen. 

Der Weg zur Abhilfe dieser zum Teil trostlosen Übelstände 
ist öfters angedeutet; z. B. III, 30—32. 56. 176. 261. 272. 323. 40.5. 
511. 603. 

Auf die Abschnitte über Märkte und Messen und Verkehrswege 
noch näher einzugehen, müssen wir uns leider versagen, obwohl die 
historische Darstellung hier noch vielfach ergänzt woi-den könnte. 

Erwünscht wäre eine besondere Zusamoienstclluug der Litteratur 



Litteratur. 185 

gewesen; Verfasser würde dann wahrscheinlich noch manche Lücke 
in der ^eleg-eiitlichen Angabe derselben ausgefüllt haben. 

Die Ausstattung des Buches in Papier und Druck ist gut, dem 
Brauch der bekannten Verlagshandlung entsprechend. Wir wünschen 
lebhaft, dafs das Werk trotz des nicht unerheblichen Preises von 
30 Mark recht viele Leser linde. Es verdient dieselben. 

Leipzig. E. 0. Schulze. 



Übersicht 

über neuerdings erschienene Schriften und Aufsätze zur 

sächsischen Geschichte und Altertumskunde^). 

Bcmg. Zur Geschichte der Schneeberger Bürgerschule: Bericht über 

die Bürger- und Fortbildungsschule zu Schneeberg. 1893. S. 3—13. 
Bär, A. Nochmals der Tauf- oder Heidenstein bei Lauterhof en: 

Glückauf! Organ des Erzgebirgsvereins. Jahrg. XI (1893). 

S. 24—26. 
Banmgärtel, H. Zur Geschichte des Hospitals und der Kirche zum 

h. Geist in Bautzen: Wöchentl. Beilage zu den Bautzner Naih- 

richten. 1893. No. 32 f. 

— Das älteste Stadtbuch Batitzens: ebenda. 1894. No. 5-7. 

— Zur Geschichte der Michaeliskirche in Bautzen: Neues Lausitz. 
Magazin. Bd. LXIX (1893). Heft 2. S. 203-214. 

Bergmann, Alivin. Geschichte des Dorfes Oi-tra bei Dresden vom 
XIV. bis XVI. Jahrhunderte: Über Berg und Thal. Jahrg. XVII 
(1894). No. 1. S. 1-4. 

Blanckmeisfer, Franz. Aus dem kirchlichen Leben des Sachsen- 
landes. Heft 9 und 10: Die sächsischen Consistorien. Aus dem 
Verfassnngsleben der Landeskirche. Heft 11 und 12: Der Pfarrer 
von Lockwitz. Christian Gerber, Erbauungsschriftsteller und 
Liederdichter Lebensbild eines Landpfarrers aus Speners Schule. 
Leipzig, Fr. Richter. 1893. 48 und 32 SS. 8«. 

V. Boetticher, Walter. Die ältesten Siegel der Stadt Bautzen nebst 
einigen Bemerkungen über das Bantzener Wappen: Vierteljahrs- 

^) Zur Ergänzung unseier „Übersichten" verweisen wir auf die 
von 0. Dobenecker in der Zeitschrift des Vereins für thüringische 
Geschichts- und Altertumskunde (zuletzt Bd. VIII S. 473-491) und von 
R. Jecht im Neuen Lausitzer Magazin (Bd. LXIX S. 301—807) 
veröffentlichten Verzeichnisse der thüringischen bez. lausitzer Litteratur. 
Sehr dankenswert wäre es, wenn ähnliche Verzeichnisse über die 
Geschichtslitteratur der Provinz Sachsen eine ständige Abteilung der 
„Neuen Mitteilungen" des thüringisch sächsischen Vereins zu Halle 
würden. — An "die Herren Verfasser, Verleger und Redakteure 
richten wir die Bitte, durch Zusendung der neu erschienenen 
Publikationen auf dem Gebiete der sächsischen Geschichte, besonders 
kleinerer, die leicht der Beachtung entgehen, wie Dissertationen, 
Programme, Aufsätze in Zeitungen und Zeitschriften und dergleichen, 
zur Vollständigkeit der bibliographischen Übersichten beitragen zu 
wollen. 



186 Litteratur. 

schritt für Wappen-, Siegel- uiul Faniilieiikuiide. .labrg'. XXI 
(1898), S. 331-345. 

V. Boetticher, Walter, Znr Geschichte der Ortschaften Grofswelka und 
Kleinwelka: Wöcheiitl. Beilage zu den Bautzncr Nachrichten. 
1893. No. 43. 

Brasch, Moritz. Leipziger Philosophen. Portraits und Studien aus 
dem wissenschaftlichen Lehen der Gegenwart. Mit einer histo- 
rischen Einleitung: Die Philosophie an der Leipziger Universität 
vom 15.-19. Jahrhundert J.eipzig, Adolf Weigel. 1894. XXVIII, 
371 SS. 8<\ 

— Zur Erinnerung an Gottfried Stallbaum: Wissenschaftl. Beilage 
der Leipziger Zeitung. 1893. No. 114. S. 453-455. 

fBucInvnld, G.J Der neue Katalog über die Rothsche Briefsammlung 
in der Zwickauer Ratssclnilliibliothek: Zwickauev Wochenblatt. 
1893. No. im. Beilage. 

Bführijng. Der Zug der Schweden und Sachsen durch die Ober- 
herrschaft 1706 und 1707: Arnstädter Nachrichts- und Intelligenz- 
blatt. Jahrg. CXXV (1893). No. 130. 

Colditz, Ludolf. Vergilbte Blätter, Wahres und Wahrscheinliches 
aus Mügelns alter Zeit. Leipzig. 1893. 50 SS. 8» und 5 Pläne. 

Distel^ Theodor. Ein kursächsischer, lutherischer Geistlicher als Todt- 
schläger: Deutsche Zeitschrift für Kirchenrecht. IV (1894) S. 74 f. 

— Zwei falsche Geldstücke im Königlichen Münzkabinet: Blätter für 
Münzfreunde, XXIX (1893). No. 191. Sp. 1843f. 

— Königliche Geschenke für zwei sächsische Komponisten, Schicht 
und Fincke (1818): Monatshefte für Musikgeschichte. Jahrg. 25 
(1893). S. 155. 

— Zur Geschichte der Töpferei in Waidenburg: Schönburger Tage- 
blatt. 1893. No. 237. S. 2. 

— Etwas über die Wäsersche Truppe: Dresdner Anzeiger. 1893. 
No. 2H8. S. 3. (Vergl. No. 272 S. 26 und No. 283 S. 25.) 

— Ein Fuder Gose aus Kursachsen (1577): ebenda No. 272. S. 28. 

— Über ,,die Gustel aus Blasewitz": Pirnaer Anzeiger. 1894. 
No. 7. S. 5. 

Dreher, F. Das Auerthal in der Vergangenheit und Gegenwart: 
Glückauf! Organ des Erzgebirgsvereins. Jahrg. XI (1893). S. 93-99. 
103-108. 

— Die Röhrenmacher und Blechwaarenhändler aus Schönheide im 
Erzgebirge: Wissenschaftl. Beilage der Leipziger Zeitung. 1894. 
No.3. S. 9-12. 

V. Ehrenthal, Max. Nachtrag zur Beschreibung des Kgl. Historischen 
Museums zu Dresden. Herausgegeben von der Generaldirektion 
der Kgl. Sammlungen. Dresden.'^ 1893. 25 SS. 8». 

Einert. Mitteilungen über den Kampf der Schweden und Sachsen 
beim Fraueuwalde: Arnstädter Nachriclits- und Intelligenzblatt. 
Jahrg. CXXV (1893). No. 129. 

Erbstem, .Tut. Fälschungen der Leipziger Nothklippen des Herzogs 
Moritz von Sachsen von 1547: Blätter für Münzfreunde. XXIX 
(1893). No. 191. Sp. 18.38—1840. 

[Erlcr.J Ein Jubiläum des Zwickauer Gymnasiums: Zwickauer 
Wochenblatt. 1893. No. 233. Beilage. 

Eulitz, Ernst. Zur (ieschichte der Stadt Waldheim. III. Die Kirch- 
fahrt Waldheim während der katholischen Zeit und der Ein- 
führung der Reformation. Xacli liandschriftlichen Quellen. Wald- 
heim, C. G. Seidel. 1894. 164 SS. 8". 



Litteratur. 1 87 

Falland, Fr. Ed. Geschichte des Ortes Löbtau. Lfg. 1. Ijöbtan, 
Verlag des Löbtauer Anzeigers (H. Nietsch). 1894. S. 1 - 24. 8". 

Förster, Clemens. Ziir Geographie der politischen Grenze mit be- 
sonderer Berücksichtigung curvinaetrischer Bestimmungen der 
sächsischen und schweizerischen Grenze. (Inaugural-Dissertation.) 
Leipzig. 1893. 54 SS. 8» 

de la Fiiesanta del Valle, Marqu. Colleccion de documentos ineditos 
para la historia de Espafia. Torao CVIII. Madrid, Jose Perales 
y Martinez. 1893 509 SS. 8». [Enthält S. 325-509 die Korre- 
spondenz des Grafen von Arauda, Gesandten bei Kurfürst Friedrich 
August II. 1760—1762.] 

Gehmlich, Ernst. Die städtischen Lateinschulen des sächsischen 
Erzgebirges im 16. Jahrhunderte. (Inaugural-Dissertation.) Leipzig- 
Reudnitz. 1893 78 SS. 8». 

/Gerlach, Heinr. u. Theod.J Johann Christoph Friedrich Gerlach. 
Familien-Chronik. Das Haus Gerlach in Freiberg. Freiberg i. S., 
Gerlachsche Buchdruckerei (Heinr. Gerlach) f893. 90 SS. 8». 

Gießler , Oscar. Sächsische Volks -Sagen. Stolpen, Jul. Hanzsch 
(o. J.). 690 SS. 8». 

Grüner, 0. Beiträge zur Erforschung volksthümlicher Bauweise im 
Königreich Sachsen und in Nord -Böhmen. Mit 58 Abbildiuigen. 
Leipzig, A. Felix. 1893. 51 SS. 8«. 

Gnha, Paul. Der Kurfürstentag zu Fulda im Jahre 1568: Jahres- 
bericht der Drei -König -Schule zu Dresden -Neustadt. 1894. 
S. 3-18. 

/Heger, M.J Vor 50 Jahren. Aus den Erinnerungen eines alten 

Dresdners. Mit einem Lebensbilde des Verfassers. Heft 1. Dresden, 

Carl Höckner. 1894. IV, 115 SS. 8«. 
fHerrmann, F. A.J Führer durch die Thoniaskirche in Leipzig. 

Leipzig. [1893.] 108 SS. 8''. 
Hey, Gust. Die slawischen Siedelungen im Königreich Sachsen 

mit Erklärung ihrer Namen. Dresden, W. Baensch. 1893. 

V, 335 SS. 80. 
Heyden, H. Beiträge zur Geschichte des höheren Schulwesens in 

der Oberlausitz: Neue Jahrbücher für Philologie und Pädagogik. 

Jahrg. 1891. Abt. IL S. 113—124. 161—170. 218—232. 273-283. 

321-330. 

Hinke, 0. Bilder aus der Vergangenheit des Städtchens Reichen- 
bach O.-L.: Gebirgsfreund. Jahrg. IV (1893). S. 210-212 
223—226. 232-234. 245—248. 

Hoffmann, Max. Pförtner Stammbuch 1543 — 1893. Zur 350jährigen 
Stiftungsfeier der Königlichen Landesscbule Pforta. Berlin, 
Weidmann. 1893. XV, 564 SS. 8». 

Holzhaus, A. Unser Erzgebirge in schwerer Not. Ein Städtebild aus 
dem dreifsigj ährigen Kriege: Glückauf! Organ des Erzgebirgs- 
vereins. Jahrg. XI (1893;. S. 67-70. 85-89. 91—93. 

Kaemmel, Otto s Kranz. 

Kaiser, K. B. Dr. A. G. Rudelbach, ein Zeuge der lutherischen 
Kirche im 19. Jahrhundert. Leipzig, Naumann. 1892. VII, 
118 SS. 8". 

Karsten, Hermann. Die Geschichte der evangelisch - lutherischen 
Mission in Leipzig von ihrer Entstehung bis auf die Gegenwart 
dargestellt. Teil I u. IL Güstrow, Opitz & Comp. 1893/94. 
VIll, 443. 468 SS. 8" 



188 Litteratnr. 

Kirchhoff, Albrecht. Das Sortimentslager von Christoph Ziehenans 
in Leipzig 1563: Archiv für Geschichte des Deutschen Buchhandels. 
XVII (1894). S. 3-25. 

— Wirthschaftsleben im älteren Buchhandel. Ernst Vögelin in I^eipzig. 
II. Nachträge: ebenda S. 36—5:2. 

— Sortiments-Mefslager in Leipzig. Andreas Hoffmann von Witten- 
berg: ebenda S. 53 — 78. 

— Die Privilegien über die Elementar-Schulbücher in Leipzig 1652 
und sonstige Schädigungen nach dem Kriege: ebenda S. 79— 106. 

— Die Überhebung der Grofsverleger. Ambrosius Haude ■/. Caspar 
Fritsch: ebenda S. 107—118. 

— Ursprung und erste Lebensäufserungen der „Leipziger" Buch- 
handlungs-Deputirten (Die französische Sperre von 1811): ebenda 
S. 326—353. 

— Selbständige Illustrationen als Nachdruck des illustrierten Werkes: 
ebenda S. 359-363. 

— Der Zeitpunkt des Wegblcibens der Holländer von der Leipziger 
Messe: ebenda S. 363—365. 

Kneschke, Emil. Das Königliche Conservatorium der Musik zu 
Leipzig 1843—1893. Mit Illustrationen. Leipzig und New- York, 
Internationale Verlags- und Kunstanstalt (A. Laurencic). [1893.1 
87 SS. 80. 

Knothe, Herrn. Genealogie der verschiedenen Linien des Geschlechts 
von Gersdorff in der Oberlausitz von Mitte des 16. Jahrhunderts 
bis 1623: Neues Lausitz. 3Iagazin. Bd. LXIX (1893). Heft 2. 
S. 153—202. 

Köhler, E. Ein uralter erzgebirgischer Ervverbszweig [Kohlen- 
brennerei]: Glückauf I Organ des Erzgebirgsvereins. Jahra:. XI 
(1893). S. 60-63. 

KoniecU, Ernst. Die Wettiner im Kampfe mit Adolf I. von Mainz 
1373—1381, vornehmlicn im Ertuiter Kriege 1.375. (Leipziger 
Inaugural-Dissertation.) Zittau. 1894. 32 SS. 8". 

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[Tjehynann, Emil./ Gemeindevorstelier Kommerzienrat Joseph Bondi 
1861 — 1893. Denk- und Dankschrift dem aus dem Gemeinderat 
Scheidenden von seinen Collegen gewidmet [Dresden. • 11S94.1 
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iH. M. Schlofs Pillnitz: Wissenschaftl. Beilage der Leipziger 

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Molhvo, Ludioig. Die Kapitulation von Maxen. (Inaugural-Disser- 

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Moschkau, Ä. Theodor Körner und das Lützower Freikorps in der 

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Plauen, F. E. Neupert. 1893. IV, 168 SS. 8». 
Müller, Etvald. Das Wendentum in der Niederlausitz. Kottbus, H. 

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Waidenburg i. S., Kästner. 1887. 32 SS. 8». 
Müller, Johannes. Zur Geschichte von Liebenau bei Lauenstein 

1000—1539: Kirchlicher Bericht auf die Jahre 1891— 189.3. S. 3 

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1732—1767. Mit Benutzung archivalischen Materials. Mit 6 

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schaftl. Beilage der Leipziger Zeitung. 1893. No. 128. S. 509 

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von R. Menzel. 1890. 28 SS. 8«. 

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167. 175. 180. 183. 201. 

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(leorgL: Wissenschaftl. Beilage der Leipziger Zeitung. 1893. 
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2. Auflage. Meifsen 1892. 32 SS. 8«. 

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Sachsens Avährend der Jahre 1831-1851. Wissenschaftl. Beilage 
zum Programm der städtischen Realschule zu Plauen i. V. 1894. 
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Schurig, E. Der Humor in der sächsischen Aimee. Ein kultur- 
historischer Beitrag zur Kenntniss unserer vaterländischen Armee. 
Dresden, Albanus. [1893.J XV, 140 SS. 8«. 

— Von der alten sächsischen Garde : Der Soldat. Jahrg. 1893. No. 5 
S. 17 f. 

— Die Soldatenehen in der alten sächsischen Armee: ebenda No. 7. 
S. 25 f. 

— Lange Kerls in Sachsen: Wochenbeilage zum Pirnaischen An- 
zeiger. 1893. No. 19. S. 1 f. 

— Vom militärischen Aberglauben, besonders in Sachsen. Eine kultur- 
historische Skizze: Der Kamerad. Jahrg. 31 (1893). No. 40. 
S. 2-5 No. 41. S. 3-5 

Smitt, Willem. Dr. Ernst Innocenz Hauschild: Wissenschaftl. 
Beilage der Leipziger Zeitung. 1893. No. 130. S. 517-519 

fSpindler.J Zur Geschichte der Zwickauer Fleischer-Innung und 
des alten Kuttelhofes: Zwickauer Tageblatt und Anzeiger. 1894. 
No. 5. 1. Beilage. 

Stetfenhnqe.n, M. 45 Jahre Kampf um die evangelische Wahrheit. 
Eine Erinnerungsgabe zur dreilumdertfünfzigsten Wiederkehr des 
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Merseburg, Steffenhagen. 1893. 26 SS. 8«. 

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zur Geschichte der Adjuvantengesellschaften in Sachsen. Im 



Litteratur. 191 

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IV, 54 SS. 8». .. 

TscJiirch, Otto. Die Übertragung- der Mark Brandenburg an Wilhelm 
von Meifsen im Jahre 1402 nach einer neu aufgefundenen Ur- 
kunde des Brandenburger Stadtarchivs : Forschungen zur Branden- 
burgischen und Preulsischen Geschichte. Bd. VI. 2. Hälfte (1893). 
S. 223—229 (565—571). 

V. Tümpling, Wolf. Geschichte des Geschlechtes von Tümpling. 
Bd. II (bis zur Gegenwart). Mit Urkunden -Anhang, Bildnissen, 
anderen Knnstbeilagen, einer Karte zum Feldzuge gegen Polen 
von 1794 und des Treffens von Gitschiu, dem Faksimile eines 
Schreibens des Kaisers Wilhelm L, des Kronprinzen Friedlich 
Wilhelm und des Prinzen Friedrich Karl, mit Stammtafeln, einer 
Ahnentafel, zwei Siegeltafeln, drei Haudschriftentafeln, Register 
und Stammbaum. Weimar, H. Böhlau. 1892. VIII, 784 und 137 SS. 
5 Taff. 50 Bll. 8». 

Uhle, F. Die „schwarze Legion" Friedrich Wilhelms von Braun- 
schweig und österreichische Truppen in Chemnitz im Juni 1809: 
Bericht über die Verwaltung und den Stand der Gemeindeange- 
legenheiten der Fabrik- und. Handelsstadt Chemnitz auf das Jahr 
1892. S. 256-270. 

— Aus der Geschichte von Chemnitz im siebenjährigen Kriege: 
Chemnitzer Tageblatt 1894. Nr. 23. 2. Beilage. 

Ullrich, Paul Willi. Die Anfänge der Universität Leipzig. I. Per- 
sonenverzeichnifs 1409b -1419a. Aus den ältesten Matrikeln der 
Universität zusammengestellt. Zwickau (Selb.stverl.). 1891. 88 SS. 4". 

Voigt, Friedr. Alb. Die Besitzer der Herrschaft Droyfsig vom An- 
fang des 15. bis zu Ausgang des 19. Jahrhunderts: Vierteljahrs- 
schrift für Wappen-, Siegel- und Familienkunde. Jahrg. XXI 
(1893). S. 346—422. 

fW einhol Jd. Museum des Vereins für Chemnitzer Geschichte. Er- 
innerungen an eine interessante Persönlichkeit [Wolf Hühuerkopf]: 
Chemnitzer Tageblatt. 1893. No. 218. S. 14. 

V. Werlhof. Friedrich IL und Napoleon I. bei Zittau 1757 und 1813: 
Neues Lausitz. Magazin. Bd. LXIX (1893). Heft 2. S. 215—231. 

fWilisch, C O.J Auch eine Theatererinnerung. Beitrag zur Ge- 
schichte des Leipziger Stadttheaters. (Mit ungedruckten Briefen 
von Felix Mendelssohn-Bartholdy u. a.) Separatabdruck aus dem 
Leipziger Tageblatt. Leipzig. 1893. 44 SS. 8». 

Wunder, Herrn. Das Ecce der Fürsten- und Landesschule Grimma 
in den Jahren 1892 und 1893. XIV. imd XV. Heft des Grimmaischen 
Ecce. Grimma 1892. 1893 63 i;nd 95 SS. 8». 

Frhr. v. Zedtivitz, Arthur. [Die Wappen der im Königreich Sachsen 
blühenden Adelsfamilien: v. Raab — v. Schleinitz]: Dresdner 
Residenz- Kalender für 1894. S 175—187 mit 6 Tafelu. 

Eine Erinnerung au das Jahr 1866: Mitteilungen des A^ereins flu- die 
Geschichte Berlins. 1893. No. 3. S. 28 f. 

Geschichte des Allgemeinen Turnvereins zu Dresden von seiner 
Gründung (12. Februar 1844) bis zur Gegenwart. Dresden, Selbst- 
verlag des Vereins. 1894. 131 SS. 8^\ 

Unsere Heimatstadt Reichenbach i. V. in Charakterbildern. Reichen- 
bach i. V., Haun & Sohn. 1894. II, 86 SS. 8» 



192 Litteratur. 

Zittaner Kunstdenkmäler. III. Der Roland-<briumen auf dem Markte. 
IV. Das Stuhlmaunsehe Gitter in der Fraiieukirche : üebirgsfreimd. 
Jahrg. IV (1893). S. 221—223. 



Beiträqe zur sächsischen Kirchengeschichte. Herausgegeben im 
Aiif'trage der Gesellschaft für sächsische' Kirchengeschichte von 
Franz Dibelius und Theodor Brieger. Achtes Heft. Leipzig, 
Barth. 1893. 348 SS. 8'^. 

Inhalt: R. Hofmanu, Keformatiousgeschichte der Stadt Pirna, 
nach urkundlichen Quellen dargestellt. Fr. Blanck meiste r, 
Aus dem Leben D. Valentin Löschers. Dibelius, Bemerkungen 
zum Verzeichnis der liiederdichter im sächsischen Landes- 
gesangbuch. 

Dresdner Geschichtshlätter, herausgegeben vom Verein für Geschichte 
Dresdens. Jahrg. III (1894). No. 1. Dresden, W. Baensch. 40. 

Inhalt: O. Richter, Elisa von der Recke im Wonnemonat des 
Jahres 1790. Mittheilungen aus ihrem Tagebuche. O. Meltzer, 
Gereimte Selbstbiographie des Diakouus M. Christian Richter 
1645—1725. R. Wuttke, Ein Standrecht in Dresden während 
des 30jährigen Krieges. 

Mitteilungen des Freiherger Altertumsvereins mit Bildern aus Frei- 
bergs Vergangenheit. Herausgegeben von Heinrich Gerlach. 
Heft 29: 1892. Freiberg i./S., Gerlach' sehe Buchdruckerei. 1893. 
72 SS. 80. 

Inhalt: A. Kiefsling, Die alten Burgen und Rittersitze von 
Freiberg. 6. Freibergsdorf. H. Gerlach, Ein lOOjähriges Jubi- 
läum: Zur Erinnerung an den Freiberger Buchdrucker und Buch- 
händler Johann Christoph Friedrich Gerlach. Derselbe, Das 
25Üjährige Kalender- Jubiläum der Gerlach'schen Buchdruckerei. 
G. Buchwald und S. Peine, Ein Freiberger Schulzeugnis aus 
dem 16. Jahrhundert. H. Geriach, Die Gold- und Silber- Manu- 
faktur von Thiele & Steinert in Freiberg zu ihrem 200jährigen 
Jubiläum den 19. August 1893. Derselbe, Freiberger Bauchronik. 

Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Meißen. Bd. III. 
Heft 3. Meifsen, Mosche (Komm.). 1893. S. 245-S:32. 8» 

Inhalt: P. Markus, Meifsen während der Napoleonischen Kriege 
(Fortsetzung). H. Erler, Die Gesundheitsverhältnisse der Stadt 
Meifsen. Lebensläufe verdienter Meilsner (1. 0. Radestock, Ernst 
Justus Burckhardt. 2. C. Angermann, Ernst Wilhelm Z.schörner). 
W. Loose, Ein Meifsner Hausstand vor dem dreifsigj ährigen 
Kriege. A. Leicht, Eine Pestrechnung aus dem 16. Jahrhundert. 
W. Loose, Beschwerde der Meifsner Bürgerschaft über einen 
neuen Katechismus 1669. Kleine Mitteilungen. 



VII. 

Das Interim iu Sachsen 1548-52'). 

Von 
S. Ifsleib. 

Auf dem Reichstage zu Augsburg setzte Kaiser 
Karl V. infolge eines aufsergewülmlichen Verfahrens am 
15. Mai 1548 die Annahme des Interims mühsam durch. Völlig 
unerwartet kündigte die als Proposition verlesene Vor- 
rede den Reichsständen an, dafs die „kaiserliche Erklä- 
rung" — das Interim — nur für die Protestanten und 
nicht auch für die Altgläubigen Geltung haben sollte. 
Da dieser Schritt allen vorangegangenen Verhandlungen 
mit den evangelischen Fürsten entgegenlief, so sträubte 
sich vor allem Kurfürst Moritz von Sachsen gegen eine 
solche Zumutung. Allein Karl V. hielt an der Bewilligung 
der Reichsstände fest und verlangte Gehorsam gegen die 
Beschlüsse des Reichstages. Der hartbedrängte Kurfürst 
mulste schliefslich zugestehen, dals er alles Mögliche thun 
wolle, um seine Landstände zur Annahme des Interims 
zu bringen. 

In die Heimat zurückgekehrt, veranlafste er Me- 
lanchthon und etliche Theologen"), em ausführliches 



1) Vergl. diese Zeitschrift XIII, 188 flg.: S. Ifsleib, Moritz 
von Sachsen 1547 — 1548. Dann Dresden, Loc. 10297: 1. Interim 
Angustanuma. 1548 Bl. 150 flg., 2. Interim und Handlung zu Meifsen 
etc. 1548 (Interim domesticum) Bl. 1 flg. Loc. 1U186: Eeichstagshändel 
zu Augsburg 1547 — 48. Bl. 186. Aufserdem ist zu beachten: 
Gründlicher und warhafftiger Bericht aller Hatschleg und antwort, so 
die Theologen zu Wittenberg etc., a. 1559 durch Georgen ßhawen 
seligen Erben eto.; Bretschneider, Corp. reform. VI, 925. VII, Iflg. 

2) Bugenhagen, Kreuziger, Meier in Wittenberg und Superin- 
tendent Pfeffinger in Leipzig. 

13 

Neues Archiv f. S. ü. u. A. XV. 3. 4. 



194 S- Ifsleib: 

Gutachten über das Interim abzugeben. Dann ordnete er 
an, dals die ältesten, vornehmsten und erfahrensten Ver- 
treter seiner Landstände sowie die liervorragendsten Theo- 
logen samt den namhaftesten kurfürstlichen Räten am 
1. Juli 1548 in Meifsen zur g-emeinsamen Beratung über 
die neue kaiserliche Religionsordnung- zusammenkommen 
sollten-'). 

Das von den Theologen eingeforderte Gutachten wurde 
bereits am 16. Juni 1548 in Wittenberg beendet und 
tags darauf mit einem Begleitschreiben an den Kurfürsten 
abgeschickt' |. Der malsvolle, jedoch glaubensnuitige Geist 
des Schriftstückes hatte zur Folge, dals sich die kur- 
fürstlichen Räte in der am 24. Juni zu Torgau abge- 
haltenen „geheimen Vorberatung" ■'^) gegen das Interim 
erklärten und bis zur Entscheidung eines allgemeinen 
freien und christlichen Konziles bei ihrer Religion bleiben 
wollten. Allgemein billigten sie auch den für den 1. Juli 
vom Kurfürsten angeordneten Beratungstag. 

Ende Juni erschien Moritz mit seinem Bruder August 
und Herzog Franz") von Lüneburg in Meilsen und erwartete 
die geladenen Vertreter der Landstände, die Räte und 



^) Kurfürstliches Schreiben an Dr. Fachs vom 13. Juni 1548- 

■*) Obgleich die Theologen die Vorrede des Interims noch nicht 
kannten, so bekämpften sie doch ihren Inhalt, wovon sie gehört 
hatten. Wie früher erwiesen sie, dafs das Interim in vielen Ar- 
tikeln von der rechten Lehre abweiche; es werde keine Einigkeit 
bringen und von vielen evangelischen Reicbsständen verworfen 
werden. Da jede Obrigkeit schuldig sei , ihre Kirche zu schützen, 
so müsse verhütet werden, dafs die rechte Lehre in Sachsen ver- 
ändert werde. Gottes Gebote seien höher zu achten als menschliche 
Befehle, selbst wenn der Kaiser mit Krieg drohe. Indem sich die 
Theologen ülier die grofse Nachgiebigkeit des Kurfürsten von Bi'anden- 
burg wunderten, ermahnten sie Moritz zur Standbaftigkeit, weil viele 
ehrliche Leute jetzt auf ihn sehen würden. Sie selbst wollten die 
göttliche Wahrheit auch dann bekennen, wenn sie um Gottes 
Willen leiden müfsten. 

Da Kreuziger das Gutachten am 10. Juni an seinen Schwieger- 
sohn nach Magdeburg schickte, so kam es bald als „erste Schrift 
gegen das Interim" unter dem Namen Melanchthons in Druck. Zum 
zweiten Male erschien es dann als „Bedenken der Theologen zu 
Wittenberg" und erregte grofscs Aufsehen. Siehe den in Anm. 1 an- 
geführten ^P> e r i c h t etc. Bl. 119, 139, 1-1(1, 15-^, l!)0. 

'*) Churfürstliche Sächsische Handlung sider der nächsten sech- 
sischen Fehde L547. Bl. 77. 

8) Herzog Franz war im Begriffe nach Dänemark zu reisen, 
wo er wenige Monate vorher die Holle des Brautwerbers für Herzog 
August gespielt hatte. 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 195 

Theologen'). Alle Herbergen der Stadt überfüllten sich von 
Neugierigen, die gern wissen wollten, was verhandelt und 
beschlossen werden würde. Die Beratungen fanden durch- 
weg in der Behausung des Bischofs Johannes statt, der 
selbst in Stolpen weilte. 

Am 2. Juli 1548 liefs Kurfürst Moritz über die Ent- 
stehung des Interims und über seine in Augsburg be- 
hauptete Stellung kurz und- sachgemäls berichten und 
dann nachdrücklich hervorheben , dals der Kaiser ihm 
ernstlich befohlen habe, seine Unterthanen zur Annahme 
des Interims und zum Gehorsam gegen die „Ordnung 
des Kaisers und Reiches" zu bringen. Darauf begehrte 
er, die neue Religionsordnung zu prüfen und zu erwägen, 
welche Antwort dem Kaiser zu geben sei, wenn er die 
Befolgung des Interims in Erinnerung bringen lasse. 

Der Kurfürst wünschte den Rat der anwesenden 
landständischen Vertreter, selbst wenn es bedenklich er- 
schien , ihn ohne Wissen und Beisein der gesamten 
Landstände zu erteilen; war es nötig, dann sollten auch 
sie zusammenberufen werden. Vor allem aber sollten 
die Theologen frei und offen bekennen, was man vom 
Interim annehmen könne, und was man auf Grund der 
heiligen Schrift zurückweisen und verwerfen müsse. Der 
Kurfürst gab die bindendste Versicherung, dafs er selbst 
weder von der rechten Lehre abweichen, noch dulden 
wolle , dafs einer seiner Unterthanen zur falschen Lehre 
gezwungen werde. Aber er liefs alle Anwesenden mehr- 
fach bitten, um des allgemeinen Friedens willen und um 
ernste Gefahren zu verhüten, in allen Punkten nach- 
zugeben, die nicht die Wahrheit des göttlichen Wortes 
beeinträchtigen oder die Gewissen der Gläubigen verletzen 
würden. Wenn irgend möglich, sollte der Kaiser merken, 
dafs man gesonnen sei, sich in allem, was mit Gott und 
gutem Gewissen geschehen könnte, willfährig zu erzeigen. 

Nachdem sich die Theologen durch Fürst Georg von 
Anhalt bereit erklärt hatten, das Interim zu prüfen und 
zu begutachten, schritten sie an die ernste Arbeit und 
erledigten sie in wenigen Tagen. 

Zunächst waren sie durch die Vorrede des Interims, 
die sie erst in Meifsen kennen lernten, heftig betroffen, 



■') Die Theologen waren der geistliche Koadjutor von Merse- 
bui'g Fürst Georg von Anhalt, Domprediger Dr. Förster aus Merse- 
burg, Superintendent Pfeffinger aus Leipzig, Melanchthon, Kreuziger 
■und Meier aus Wittenberg und Superintendent Greser aus Dresden. 

13* 



196 S. Ifsleib: 

weil darin die Lehre der Altgläubigen als echt katholisch 
bezeichnet und von der Unterwerfung aller Reichsstände 
unter das Tri enter Konzil geredet wurde. Auch nahmen 
sie groisen Anstols daran, dals die beiden Punkte, die 
Priesterehe und das Abendmahl in beiderlei Gestalt, von 
allen anderen Punkten ausgeschieden worden waren, als 
widerstritten sie der wahren christlichen Religion, Es 
erschien ihnen höchst beschwerlich, dals der Kaiser die 
Papisten dermalsen gerühmt habe, als hätten sie die 
Ordnungen der allgemeinen christlichen Kirche gehalten, 
Ihrer Überzeugung nach waren aber die Protestanten 
durch Abschaffung aller eingewurzelten papistischen Mils- 
bräuche wieder zur ursprünglichen Lehre der allgemeinen 
christlichen Kirche zurückgegangen. Wie mild das Ver- 
fahren des Kaisers nach den Worten der Vorrede auch 
erscheinen mochte, so hielten sie es doch für hart und 
verderblich, weil es die Unterwerfung unter das Trienter 
Konzil verlange, die Lehren des Augsburgischen Be- 
kenntnisses verdamme, alle Angriffe gegen das Interim 
verbiete und mit Krieg und Zerstörung drohe. Wer die 
reine Lehre aber erhalten wolle, der müsse alles wider- 
legen, was ihr widerstreite. Obgleich die kaiserliche 
Vorrede entweder die Annahme des Interims oder die 
Rückkehr zu den Papisten verlange, so könne man diesem 
Ansinnen unmöglich Raum geben. 

Darauf griffen sie mit vielem Ernste die meisten 
Artikel des Interims selbst an und deckten alle Mängel 
mutvoll auf. Vor allem verwarfen sie die Lehre von 
der Rechtfertigung in der vorliegenden Form und Fassung 
und bezeichneten den Artikel von der Gewalt der Kirche 
und der Bischöfe als den gehässigsten von allen; jeder- 
mann müsse eifrig verhüten, dals die Bischöfe ihre alten 
Abgöttereien und Milsbräuche wieder einführten, gute 
Ordnungen zerstörten, Unruhen und Verfolgungen erregten, 
fromme Priester verjagten etc. Freimütig bekämpften sie 
die Privat- und Seelenmessen, die Prozessionen und Wall- 
fahrten, den gesamten Heiligendienst und andere Cere- 
monien. Dagegen urteilten sie in gemäfsigter Weise über 
die meisten Feste und andere Mitteldinge. 

Während sie einerseits die Annahme des Interims 
in Sachsen einmütig ablehnten, so befürworteten sie an- 
dererseits dringend, dals die christliche Kirchenordnung 
Herzog Heinrichs des Frommen von 1539 neu über- 
arbeitet, gedruckt und veröffentlicht werde, um die reine 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 197 

Lehre der „alten und wahren katliolischen Kirche" zu 
erhalten. 

Die Vertreter der Landstände schlössen sich dem 
Gutachten und der Meinung der Theologen in allen 
Stücken an und wollten lieber Leib und Gut daransetzen 
als die w^ahre christliche Lehre preisgeben. 

Als man beriet, wie dem Kaiser nötigenfalls geant- 
wortet werden müfste, hielt man für gut, dals die Theo- 
logen eine „Summe christlicher Lehre" zusammenstellten, 
um sie dann mit den Unterschriften der Theologen ^) und der 
Vertreter der Landstände an den Kaiser zu schicken, 
damit er klar erkenne, was man in Sachsen glaube und 
predige und worin man mit dem Interim nicht über- 
einstimme. 

Schon war die Arbeit begonnen^), als die Ansicht 
Oberhand gewann, dals es besser sei, wenn man von allen 
Disputationen und Gegenartikeln absehe und den Kaiser 
demütig bitte, dafs er die sächsische Kirche zu keiner 
Veränderung der Lehre oder der Ceremonien zwinge. 
Ohne Zweifel werde er eine einfache Bitte gnädiger auf- 
nehmen als weitläufige Rechtfertigungen. 

Am 8. Juli prüften die kurfürstlichen Räte und die 
Vertreter der Landstände die von den Theologen ent- 
worfene Bittschrift an den Kaiser und liefsen sie dann 
dem Kurfürsten vortragen. Bald darauf erschien es rat- 
samer, die Bittschrift an den Kurfürsten statt an den 
Kaiser zu richten. Der Landesherr sollte bitten, dals 
Karl V. eingedenk der früheren Zusagen die sächsische 
Kirche bis zum freien christlichen Konzil unverändert 
dulde und durch nichts beunruhigen lasse. Keine andere 
neue Lehre sollte eingeführt und kein aufrührerisches 
Schmach- oder Schandbuch gegen das Interim gedruckt 
werden. Un verweilt änderten nun die Theologen, was 



8) Die Tiieologen wollten ihre geistlichen Ohliegenheiten von 
der „Aufgabe des Kiirfürsten und der Landstände" trennen und nicht 
mit unterzeichnen. Es sei ihre Aufgabe, nur die reine Wahrheit 
anzuzeigen, nicht aber die weltlichen Stände mit einem Bekenntnisse 
zu belasten. Ihre Unterschrift erwecke den Schein, als wollten sie 
sich die Landstände zum Schutze verpflichten. Lieber wollten sie die 
reine Lehre auf ihre eigene Gefahr bekennen als andere mit in den 
religiösen Kampf hineinziehen. Die Landstände sollten ihrerseits nur 
darthun, was sie zu halten gesonnen seien; sie dagegen wollten treu 
dienen und raten, so lange man sie dulde etc. 

») Melanchthon war bis zum Artikel von den guten Werken 
vorgerückt. Siehe Bericht Bl. 176. 



198 S. Ifsleib: 

nötig war, und lielsen den neuen Entwurf dem Kur- 
fürsten durch Georg von Carlowitz und Dr. Fachs zu- 
stellen. 

Während der folgenden ernsten Beratungen erinnerte 
der Kurfürst wiederholt an seine fleißigen, aber vergeb- 
lichen Bemühungen in Augsburg, das Interim von Sachsen 
fernzuhalten. Überzeugt davon, dafs beim Kaiser weder 
ein Bittgesuch, noch eine Gesandtschaft etwas nützen 
werde, kam crdarauf zurück, dafs man ihm bestimmt angeben 
solle, wie weit man überhaupt nachgeben könne; denn 
er wünschte zu vermeiden, dals der Kaiser glaube, er 
verleite seine Unterthanen zur Verwerfung des Interims, 
Obgleich er bei der wahren christlichen Religion bleiben 
wollte, so war er sich doch dessen bewulst, dals man der 
von Gott verordneten hohen Obrigkeit in äulserlichen 
Dingen, die Gottes Wort nicht verbiete, Gehorsam schul- 
dig sei. Die Gefahr eines Krieges, die man besorgen 
mülste, wenn man in keinem Punkte zurückwiche, hielt 
er für gröfser und entsetzlicher als Nachgiebigkeit in 
minder wichtigen Stücken. Mehrfach gab er ernstlich zu 
bedenken, ob man um etlicher Ceremonien und Mittel- 
dinge halber zum Schwerte greifen dürfe. Ein unglück- 
licher Krieg , meinte er, werde mit der Wohlfahrt des 
Landes auch die ganze Lehre des heiligen christlichen 
Glaubens auf das Spiel setzen. Ganz anders liege die 
Sache, wenn der Kaiser trotz bewiesener Nachgiebigkeit 
in einzelnen Stücken das Interim mit Gewalt einzuführen 
versuchen werde; dann könne man mit fröhlichem Gewissen 
AViderstand leisten. So wollte Moritz durch wohlerwogene 
Annäherung an die Interimsformel den Kaiser befriedigen 
und sein Land vor Gefahren behüten. 

Die Theologen aber hielten an ihrer Meinung fest^°), 
und die landständischen Vertreter lehnten es ab, etwas 
ohne Wissen und Zustimmung der gesamten Landstände 
zuzugestehen. x\lle baten, die wichtige Angelegenheit 
vorläufig zu vertagen. 



^*') Wiederum suchten sie ihre Saclie von der des Kurfürsten 
zu trennen. Um sie unbekümmert sollte er mit seinen Landständen 
beraten und beschliefsen, was zu thun sei, um das Kurfürstentum 
vor jeder Gefahr zu behüten. Der Kurfürst aber liielt es für seine 
unbedingte Pflicht, die Theologen ebenso wie alle anderen Unter- 
thanen in Schutz zu nehmen. Keiner von ihnen sollte des 
Glaubens und der Lehre halber aus seinem Lande ins 
Elend ziehen. 



Das Interim in Sachsen 1548 — 52. 199 

Vorübergellend verfiel man auf den Gedanken, Fürst 
Georg von Anhalt möchte sich mit den Bischöfen von 
Meilsen und Naumburg über ein gemeinsames Schreiben 
an den Kaiser verständigen^^). 

Als man zuletzt eine Unterredung der Theologen und 
einiger Eäte mit den Bischöfen über das Interim für 
nötig und nützlich hielt, beauftragte Moritz den Füi^sten 
von Anhalt , vor der Zusammenkunft persönlich mit dem 
Bischof von Naumburg über alle Mängel des Interims 
zu sprechen, um seine Meinung darüber zu hören. 

Gegen Ende der Verhandlungen in Meifsen beeilte 
sich Herzog August, seinem künftigen Schwiegervater 
König Christian III. von Dänemark eine Abschrift des 
Interims und des „Bedenkens der sächsischen Theologen" 
über die kaiserliche Religionsordnung zu übersenden. 
Im beifolgenden Briefe vom 8. Juli sprach er die Hoffnung 
aus, dals Gott ihn und seinen Bruder samt allen Unter- 
thanen „ durch christliche und rechtschaffene Mittel bei 
seinem allerheiligsten Wort und Evangelium erhalten, 
schützen und stärken" werde ^-). 

In Meilsen traf auch ein Briefe*') des vom Reichs- 
tage spät heimgekehrten Markgrafen Hans von Küstrin 
ein, worin er wegen der allgemeinen schwierigen Lage 
eine Zusammenkunft mit Moritz für höchst wünschens- 
wert erachtete. Keineswegs abgeneigt dazu, gab doch 
der Kurfürst zu erwägen, wie sie wohl, ohne Gefahr zu 
laufen , der Religion am besten dienen könnten. Er zeigte 
dem Markgrafen an , dals er mit etlichen Theologen und 
Vertretern der Landstände über das Interim beratschlage, 
und schlols seine briefliche Antwort mit den Worten: 
„Der allmächtige Gott wolle seine Gunst geben, dals 
seine Ehre gesucht und die Wahrheit erhalten werde." 

'^) Bald darauf berichteten Christof von Carlowitz und sein Ver- 
Avandter, Bischof Julius Pflug von Naumburg- an den Kaiser, dafs 
der Kurfürst in Sachen des Interims keinen Fleifs spare. 

12) Dresden , Loc. 7977: Dennemark I Bl. 53 f. Herzog August 
schickte dem Herzog Franz von Lüneburg, der am 7. Juli abgereist 
war, alle Schriften durch einen Eilboten nach. 

1^) Dresden, Loc. 10297: Interim und Handlung zu Meifseu etc. 
Bl. 361. Loc. 9147: Liquidationshandlung zu Zeitz 1547—48 Bl. 53. 
Briefe aus Cüstrin, 26. Juni, und Meifsen, 4. Juli 1548. Der Kaiser 
hatte nach der Abreise des Kurfürsten Moritz von Augsburg dem 
Markgrafen mehrmals hart zugesetzt, um das Interim anzunehmen, 
da es Moritz für seine Person auch bewilligt habe. Allein Markgraf 
Hans „liefs sich nicht irre machen, weil er es von Moritz selbst 
anders gewufst und verstanden hatte." 



200 S. Ksleib: 

Kurze Zeit darauf begehrte Markgraf Hans von 
Melanchthon Eat und Weisung, wie man sich gegen das 
Interim verhalten solle. Der grolse Gelehrte führte in 
der Zuschrift vom 31. Juli dieselben Gedanken aus, die 
man in Meilsen zum Ausdruck gebracht hatte ^•'). 

Was Prediger und Lehrer thun sollten, meinte er, sei 
leicht zu beantworten. Vor allen Dingen hätten sie ihre 
Antworten von denen der weltlichen Obrigkeit abzusondern. 
Alle gottesfürchtigen und verständigen Theologen mülsten 
klar und ausdrücklich sagen, dals sie das Interim wegen 
der darin enthaltenen Irrtümer, Betrügereien und 
Sophistereien weder annehmen, noch billigen wollten. 
Er selbst habe nicht die Absicht, das Interim gut zu 
heilsen, w'erde er gleich gefangen oder verjagt. 

Schwieriger sei den weltlichen Regenten zu raten. 
Ein Fürst aber, der die Hauptwahrheiten des christ- 
lichen Glaubens kenne und dann finde, dals das In- 
terim der göttlichen Wahrheit zuwiderlaufe, solle es 
keinesfalls annehmen. Niemand brauche mit der Antwort 
an den Kaiser zu eilen, denn die Zeit werde Rat bringen." 
Viele sächsische Städte würden wie etliche süddeutsche 
das Interim nicht bewilligen, und so stehe zu holFen, dals 
die Sache von selbst in Verzug komme. Jedenfalls werde 
der Kaiser damit zufrieden sein, wenn ein Fürst des 
augsbuigischen Bekenntnisses mit gebührender Demut 
erkläre, was man annehmen und nicht annehmen könne, 
und wenn er sich erbiete, in Mitteldingen oder Oere- 
monien mit allen Christen Gleichheit zu halten. Jede 
Obrigkeit, die das Interim billige, verpflichte sich damit 
zur Verfolgung unschuldiger Priester und anderer Per- 
sonen, die die kaiserliche Ordnung nicht anzuerkennen 
vermöchten. Niemand aber solle zur Verfolgung be- 
hilflich sein. 

Ob die Verteidigung der Religion erlaubt sei, darüber 
bedürfe es keiner Disputation. Wie ein Hausvater schuldig 
sei, Weib und Kind zu schützen, wenn Mörder in sein 
Haus fielen, so seien die Regenten schuldig, ihre Kirchen 
und unschuldigen Unterthanen zu schützen. Allerdings 
sei des Kaisers Macht so grofs, dals die Fürsten ihm 
wohl kaum Widerstand leisten könnten; demnach mülste sich 
jeder, der die Wahrheit bekennen wolle, Gott befehlen. 



") Berlin R. 18. ^a 2. Acta betreffend das Interim 1547-48 
Bl. 65. Corp. reform. Vll, 84 u. a. 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 201 

Anfangs August 1548 fand eine geheime Zusammen- 
kunft des Kurfürsten Moritz und des Markgrafen Hans 
statt ^^), wo beide sich darüber einigten, dafs in ihrem 
Namen der Starost von Posen König Sigismund August 
von Polen um ein Bündnis angehen sollte, wozu man 
noch andere Fürsten zu gewinnen hoffte. Alles Nähere 
wollten sie im Oktober auf der Hochzeit Herzog Augusts 
besprechen und vereinbaren. Moritz gedachte „keineswegs 
auf der Seite stehen zu bleiben" , wenn andere zum 
Kampfe für die allgemeine Wohlfahrt vorwärts drängten. 

Inzwischen war der 23. August als Verhandlungstag 
mit den Bischöfen von Meifsen und Naumburg festgesetzt 
worden. Die kurfürstliche Instruktion vom 19. d. M. ver- 
fügte , dals die Räte und Theologen ^^) zuerst hören 
sollten, welche Erklärung der Bischof von Naumburg 
dem Fürsten Georg von Anhalt hinsichtlich der Mängel 
des Interims gegeben habe. Demzufolge sollten sie dann 
zusammenstellen, was als erledigt oder nicht erledigt zu 
betrachten sei, und worin man ganz oder teilweise oder 
gar nicht nachgeben könne. Weiter sollten sie während 
der Unterredungen mit den Bischöfen auf Grund der 
heiligen Schrift anzeigen, warum man die unverglichenen 
Punkte nicht bewilligen könnte, und welche Gefahren 
entstehen würden, wenn man sie mit Gewalt durchsetzen 
wollte. Dabei sei aufs höchste an die Wohlfahrt des Vater- 
landes zu erinnern und zur Geduld zu ermahnen, um 
Empörung und Aufruhr zu verhüten. Die Bischöfe sollten 
damit zufrieden sein, dafs man ihnen ihre bischöfliche 
Gewalt und Autorität lassen und erhalten wolle, wenn 
sie sie nicht durch Verfolgung christlicher Lehre und 
wahrhaften Gottesdienstes mifsbrauchen würden. Man 
setze voraus, dals sie sich willig finden liefsen, alle Pfarrer, 
die ehelich lebten und das Abendmahl in beiderlei Gestalt 
reichten, zu dulden und zu ordinieren und nicht zu nach- 
teiligen Gelübden und zur Ehelosigkeit zu zwingen. 

Falls die Bischöfe vorgäben, dafs sie für ihre 
Person geneigt wären, Geduld zu tragen, dals aber 



1^) Ort und Tag konnte nicht ermittelt werden. Vergl. 
Hans Kiew n in g, Herzog Alhrechts von Preufsen nnd Markgraf 
Hans von Brandenburg Anteil am Fürstenhund gegen Karl V. 1547 
bis 1550 (Königsberg 1889, Dissertation) S. 17 flg. 

^«) Georg nnd Christof von Carlowitz, Dr. Osse, Dr. Fachs und 
Heinrich von Bünau, Melanchthon nnd Paul Eber; Kreuziger war 
krank geworden. 



202 f=i- Ifsleib: 

der Kaiser damit nicht einverstanden sein würde, sollte 
man sie bitten, dem Vaterlande zu gute mit an den Kaiser 
zu schreiben, um ihm die Schwierigkeit und Unmöglichkeit 
der Durchführung einzelner Artikel anzuzeigen , weil die 
Verhältnisse in Sachsen anders ständen als in anderen 
Ländern. Wenn irgend möglich, sollte der Kaiser soweit 
zufriedengestellt werden, dals man im Frieden leben könne. 
Der Kurfürst w^ollte die Ungnade des Kaisers ernstlich 
vermeiden und harten Mandaten oder Geboten zuvor- 
kommen. Ohne seine evangelische Überzeugung zu ver- 
leugnen, gedachte er doch nicht auf seiner Ansicht ruhm- 
und ehrsüchtig oder halsstarrig zu bestehen und lieber das 
Land bekriegen, verwüsten und verderben zu lassen als 
irgend wie nachzugeben. Er w-ollte Gott geben, was 
Gottes sei, und dem Kaiser, was ihm als der von Gott 
verordneten Obrigkeit zukomme. 

Den Theologen sollten die kurfürstlichen Räte vor 
den stattfindenden Unterredungen zu Gemüte führen, 
dafs sie sich nicht durch halsstarrige Leute, die wenig zu 
verlieren hätten, beeinflussen lassen möchten. Sie sollten 
mehr Einigkeit als Zwiespalt befördern, damit alle getreuen 
Unterthanen ohne schwere Heimsuchung beim AVorte 
Gottes bleiben könnten. Es sei besser, in minder wichtigen 
Dingen nachzugeben und so die wahre Lehre zu erhalten, 
als alles stracks auf den Krieg zu setzen, der schlieislich 
die reine Lehre ganz zu Grunde richte. 

In Pegau zeigte Fürst Georg von Anhalt an, dafs 
er zwar mit dem Bischöfe von Naumburg verhandelt, 
aber nichts beschlossen, sondern alles in Bedenkzeit ge- 
nommen habe. Darauf stellten die Theologen die Punkte 
zusammen, die man bewilligen und nicht bewilligen könne^'), 
und arbeiteten zwei Entwürfe aus, wie dem Kaiser zu 
antw^orten sei, w^enn man das Interim nicht stracks ab- 
schlagen wolle. Zugleicli baten sie die kurfürstlichen 
Räte, man möchte sie um Gottes Willen nicht für hals- 
starrige Leute halten, die Freude am eignen oder allge- 
meinen Elende hätten. Könnte ihr Weggang oder ihre 
Entfernung Frieden schaffen, dann wollten sie herzlich gern 
weichen und leiden. Bisher hätten sie treu gedient, um 

") Kein Protestant könnte bewilligen: 1. Die Rechtfertigvingslehre 
gemäfs dem Interim, 2. die Lebre de poenitentia, .H. die Privat- und 
Seelmessen etc., 4. die öifentlicben ;\[ifsbräuc]ie , Kanon, Heiligenan- 
rufung, Prozession, Ölung etc., 5 Abendmabl in einer Gestalt, 6. Ehe- 
losigkeit der Priester. 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 203 

etliche nötige Stücke zu erklären ; doch wollten sie nie- 
mandem Mafs setzen, was zu glauben sei; jeder möchte 
nach seinem Verstand und Willen prüfen, bewilligen und 
annehmen. 

Am 24. August kamen die Räte und Theologen mit 
den beiden Bischöfen zusammen und überreichten ein 
Verzeichnis der zu erörternden Artikel '^). Nach längerer 
Unterredung begann man die Verhandlung über den Ar- 
tikel von der Rechtfertigung. Als die Bischöfe die ihnen 
vorgelegte evangelische Erläuterung dieser Lehre ^•*) durch- 
lasen, fingen sie an zu grübeln und anzufechten und wollten 
etliche Worte und Wendungen getilgt und geändert haben. 
Anstatt zu sagen, die Gerechtigkeit des Versöhnten be- 
deute nur, „dais Gott sich den schwachen angefangenen 
Gehorsam in dieser elenden gebrechlichen, unreinen Natur 
um seines Sohnes willen in den Gläubigen gefallen lasse", 
sollten die Worte aufgenommen werden, „dafs der Mensch 
durch den heiligen Geist erneuert werde und die Ge- 
rechtigkeit mit dem Werke vollbringen könne". 

Als nun die Theologen anzeigten, weshalb sie nichts 
ändern könnten, entspann sich ein heftiger Wortwechsel, 
und die Verhandlung fing an zu stocken. Da griffen die 
Räte ein und bew'ogen zuletzt die widerstrebenden Gottes- 
gelehrten insoweit nachzugeben, dals die Worte der 
Bischöfe mit in den Text aufgenommen und so beide 
Sätze vereinigt würden, wodurch die Lehre von der 
Rechtfertigung an sich nicht beeinträchtigt werde-"). 



1«) Corp. reform. VII, 119 vergl. 117. 

'^'') Die Erläuteruns: war eine gemilderte Überarbeitung des 
zweiten Meifsener Gutachtens über die Rechtfertigung. Nach den 
Worten „ein neuer Grehorsam" fand sich sogar zweimal der Ausdruck 
„eingegossene oder eingegebene Gerechtigkeit", der der katholischen 
Kirche ausschliefslich angehörte. 

'^^) Nun hiefs e.s, dafs „der Mensch durch den heiligen 
Geist erneuert und die Gerechtigkeit mit dem Werk ver- 
bringen kann", und dafs Gott sich diesen schwachen angefangenen 
Gehorsam etc. Die gesperrten Worte hat Christof von Carlowitz an 
den Rand des Originaltextes geschrieben. Dresden, Loc. 10297: In- 
terim und Handlung zu Meifsen etc. Bl. 285. Bl. 279 trägt die Auf- 
schrift von Dr. Fachs: „Das ist das rechte Original, wie man 
sich zuPegau des Artikeln justificationisverglichenhat 
a. 1548 mit den Bischöfen." — Kurfürst Moritz drückte auf die 
Innenseite des Bl. 279 sein Petschaft und verlieh dadurch dem Ori- 
ginal seinen Wert. Zu Corp. reform. YII, 120 gehört der Text VIT, 48. 
Aus den Anmerkungen ergiebt sich, dafs der Cod. Goth. dem Origi- 
nal entspricht und demnach dem Texte hätte zu Grunde gelegt 
werden müssen. 



204 S. Ifsloib: 

Darauf sagten die Bischöfe, dafs „die also vereinigte Notel 
von der Gerechtigkeit" der Lehre im Interim gemäfs sei. 
Allein Melanchthon widersprach und erwies mit klaren 
Worten, dafs beide Formeln nicht übereinstimmten. 
Verwundert über die unfriedfertige Äufserung hätten die 
kurfürstlichen Räte am liebsten gewünscht, dals erdolche 
Bemerkungen unterlassen hätte. Melanchthon aber suchte 
seinen protestantischen Standpunkt auf das bestimmteste 
zu wahren, damit in Zukunft kein Zweifel über seine Ge- 
sinnung und Überzeugung aufkomme. 

Unglücklicherweise hatte dieser Zwischenfall zur 
Folge, dafs sich die Bischöfe auf nichts mehr einlassen 
und keinen andern Artikel mit erörtern wollten, indem 
sie vorgaben, es stehe nicht in ihrer Gewalt, das Interim 
irgendwie zu verändern. Als die Räte sie tags darauf 
um eine vertrauliche und unverbindliche Meinungsäulserung 
über die anderen Artikel dringend ersuchten, begründeten 
sie ausführlich, weshalb es ihnen nicht möglich sei. Zu- 
letzt deuteten sie an, dals man sich vielleicht über alle 
Artikel, nur nicht über die Messe und über die Or- 
dination der Priester vergleichen könne. Denn in 
Betreff der Messe dürften sie nicht zugeben, dafs man 
den Kanon, der ein sehr alter Brauch sei, zu lesen ver- 
biete. Und ohne päpstlichen Indult, den der Kaiser aus- 
zuwirken zugesagt habe, könnten sie keine Priester ordi- 
nieren, die Weiber hätten und das Abendmahl in beiden 
Gestalten austeilten. Seinerseits zeigte der Bischof von 
Naumburg an, er habe kürzlich am kaiserlichen Hofe um 
den in Aussicht gestellten Indult angehalten und aus- 
drücklich erklärt, dals weder der Kurfürst von Sachsen 
noch er ohne Indult das Interim ins Werk setzen könne. 

Um Rat gefragt, wie man dem Kaiser nötigenfalls 
antworten mülste, sagten die Bischöfe, der Kurfürst möchte 
schreiben, er hätte mit ihnen Unterredung gehalten und 
befunden, dals sich alles an der Ordination der Priester 
stieise, weil der vom Papste zu erteilende Indult fehle. 
Darum möge der Kaiser einstweilen entschuldigen, wenn 
sich die Einführung des Interims verzögere. Den Räten aber 
erschien es bedenklich, in solcher Weise zu schreiben. 

Während der letzten Unterredung ermahnten die 
Bischöfe, das Interim nach Möglichkeit einzuführen, um 
nicht den Kaiser zu erzürnen und einen Kriegszug gegen 
den sächsischen Kreis, wozu schon Magdeburg genug 
Grund gebe, mit zu verschulden. Jedermann wisse, wie 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 205 

mifsgüiistig' die Nachbarn dem Kurfürsten seien, und der 
Kaiser könne nicht dulden, dals man das Interim eigen- 
mächtig abändere. 

Ehe Kurfürst Moritz von dem kargen Ergebnisse der 
Pegauer Tage Kunde erhielt, erschien der königliche 
Gesandte Hans von Oppersdorf in Dresden und wurde 
am 26. August wegen des Interims und der Acht Magde- 
burgs vorstellig-^). 

Da das im Namen der Wittenberger Theologen er- 
schienene gegen das Interim gerichtete Buch--) in die 
Hände König Ferdinands gekommen war, so liefs er den 
Kurfürsten „aus Liebe und Verwandtschaft" vertraulich 
ermahnen, dem Kaiser zu gehorchen, das Interim mit 
seinen Unterthanen anzunehmen und nicht zu dulden, dafs 
jemand dagegen schreibe und predige. Ohne Religions- 
vergleichung, wie sie das Interim erstrebe, sei kein be- 
ständiger Friede möglich. Wenn der Kurfürst die Witten- 
berger Theologen des Buches wegen bestrafen wei'de, 
so thue er ein gottseliges und dem Kaiser angenehmes 
Werk. Und weil die Magdeburger in ihrer Rebellion, 
die zu Krieg, Unrat und Empörung führen könnte, ver- 
harrten, so sollte er darauf bedacht sein, wie sie durch 
Beschlagnahme ihrer Güter und durch Absperrung aller 
Zufuhr geschädigt und zur Unterwerfung gebracht werden 
möchten. 

Der Kurfürst gab an-^), dafs er vom Buche der 
Wittenberger Theologen nichts wisse und weder ein 
Exemplar noch eine Anzeige davon erhalten habe. Eine 
unter dem Namen Melanchthons herausgegebene Schrift 
sei ihm allerdings vor etlichen Wochen zugegangen ; allein 
er habe keinen Gefallen daran gehabt und von Stund 
an befohlen, mit Melanchthon darüber zu reden. Dieser 
habe gesagt, dafs die Schrift ohne seinen Befehl gedruckt 
worden sei, und habe das ihm gezeigte Exemplar zornig 
zerrissen. Infolgedessen habe man es dabei bewenden 



-') Dresden, Loc. 10298 : Interim unclHandlimg zu Meifseu, Interim 
dornest. II 1548 Bl. 1 flg. Instruktion aus Wien, 14. August. Siehe 
D ruf fei I, No. 206, Karl V. an Ferdinand, Speier 1. Septemher 1548. 
Der König sollte die beiden Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg 
und den Markgrafen Hans wegen des Interims und der Achtsexekution 
stets im Auge behalten. 

22) S. Aum. 4. 

23) Berlin 13. 5 a 2. Interim 1547—1548, Acta betr. Interim 
Bl. 70, Abschrift der königlichen Instruktion vom 14. und der kurfürst- 
lichen Autwort vom 26. August 1548. 



20C) S. Ifsleib: 

lassen. Über das neue von Oppersdorf übergebene Buch 
wollte der Kurfürst in AVittenberg Erkundigungen ein- 
ziehen und König Ferdinand vom Ergebnisse in Kenntnis 
setzen lassen. Schon sei er gegen einige Leute, die 
Schandbücher und andere verdächtige Schritten und Bilder 
im Lande verbreitet hätten, mit Ernst vorgegangen und 
habe ihretwegen ein öffentliches Verbot erlassen'-^). 

Wegen der Einführung des Interims habe er etliche 
Tage lang mit einem Ausschusse seiner Landstände aus 
Kursachsen, Thüringen und Meilsen verhandelt; doch sei 
es zu keiner richtigen Antwort gekommen, weil man sich 
gescheut habe, ohne Wissen der gesamten Landstände 
irgend etwas zu beschlielsen. Eben finde eine Unterredung 
etlicher Eäte und Theologen mit den Bischöfen von 
Meilsen und Naumburg über das Interim statt. Nichts 
versäume er, um dem Kaiser willfährig zu sein; doch 
möge der König die Verhältnisse Sachsens berücksichtigen, 
wo die vorhandene Religion schon fast dreilsig Jahre 
lang gepredigt werde. Das darin aufgewachsene Volk 
lasse sich schwer davon abbringen, weil es fürchte, dals 
das Interim von Christus abführe. Man dürfe nichts 
übereilen; in kurzem werde er dem König allerlei ver- 
traulich anzeigen. 

Hinsichtlich Magdeburgs wollte sich Moritz mit dem 
erst kürzlich vom Reichstage heimgekehrten Kurfürsten 
von Brandenburg über ein gemeinschaftliches Schreiben 
an den Erzbischof von Magdeburg und an Herzog Hein- 
rich von Braunschweig verständigen, um dem Kaiser und 
dem König nach Vermögen zu dienen. 

Von Dresden reiste der königliche Truchseis zum Kur- 
fürsten von Brandenburg. Joachim erwiderte in Schöneck, 
dafs er wegen seiner verspäteten Heimkehr das Interim 
noch nicht habe veröffentlichen können; doch halte er 
daran fest und werde es durchzusetzen suchen. Gegen 
die verbreiteten Schmähschriften wollte er vorgehen. 
Auch war er bereit, die Acht gegen Magdeburg mit aus- 
führen zu helfen. Auf seinen Bruder Markgraf Hans zu 
Gunsten des Interims einzuwirken, hielt er für sehr schwer; 
mehr Wirkung werde es haben, wenn der Gesandte selbst 
zu ihm reise-''). 



"') Em anderes Mandat l)efalil den J'rädikanten, sich auf der 
Kanzel mit ihren Reden etwas züclitiger zu halten. Am 29. Sep- 
tember 1548 l)at Kurfürst -Toacliiin um ein Exoinplar. 

'^^) Markgraf Hans gab dem königlichen Gesandten iu Küstrin 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 207 

In geheimer Audienz riet Kurfürst Joachim, der 
König möchte eine vertraute Person zur Hochzeit Herzog 
Augusts nach Torgau senden, um ihn zu unterstützen, 
wenn „etwas gegen das Interim geprakticirt" werde. 
Markgraf Hans habe Moritz im Geheimen besucht und 
sei mit dem Starosten von Posen der Religion Avegen zu- 
sammengekommen^*^). 

Wegen des erschienenen Buches befragt, entgegnete 
Melanchthon am 3. September 1548-'), dals es bestimmter 
Nachrichten zufolge in Magdeburg gedruckt worden sei. 
In Wittenberg sei es gewils nicht erschienen; auch ver- 
möge er den Drucker nicht zu nennen. Mit anderen 
Theologen habe er einst ein Bedenken in Form einer de- 
mütigen Erinnerung aufstellen helfen, welches klar angebe, 
dafe man über viele Artikel, worüber andere heftig ge- 
stritten hätten, nicht streiten solle. Allein von diesem Be- 
denken weiche das gedruckte Büchlein an vielen Stellen 
ab. Daher sei es billig, dals der Drucker auch den ge- 
änderten Text verantworte. Die einst entworfene Schrift 
habe er mehrere Wochen lang geheim gehalten; in 
Meilsen sei sie dann in viele Hände gekommen und ohne 
sein Wissen und Willen als Abschrift weiter gewandert. 

Fünf Tage später wiederholte er in einem eigen- 
händigen Schreiben an den Kurfürsten, dafs das ohne 
sein Wissen und Willen erst in seinem Namen, dann im 
Namen der Wittenberger Theologen erschienene Bedenken 
weder in Wittenberg noch im Kurfürstentum gedruckt 
worden sei und vieles entstellt und falsch bringe. Dann 
verwies er auf seine dreifsigj ährige friedfertige Thätigkeit 
und versicherte, dals er stets gehässige Streitschriften 
vermieden, keine neue Lehre aufgestellt, viele Dinge zur 



zur Antwort : Er wisse wohl, dafs er die Beobachtung des Interims, 
soweit es mit Gott und gutem Gewissen zu verantworten sei, zuge- 
, sagt habe. Schon habe er mit seinen Ständen darüber verhandelt; 
stets wolle er ein gehorsamer Fürst des Reiches sein. Jedenfalls 
werde diese Erklärung den Kaiser befriedigen. In seinem Lande 
schreibe und deute man nichts gegen das Interim. Au einer Ver- 
sammlung wegen der Exekution der Magdeburger Acht wolle er teil- 
nehmen, wenn er dazu eingeladen werde. 

20) König Ferdinand bat am 2H. September 1548 Joachim, auf 
der Hochzeit Herzog Augusts alles aufzubieten, um Moritz und 
Markgraf Hans zur Annahme und Befolgung des Interims und zur 
Ausführung der Acht gegen Magdeburg zu bewegen. Berlin R. 13. 
5 a 2. 1, Acta betr. das Interim 1547—1548 Bl. 78. 

'-■') Loc. 10297: Interim und Handlung zu Meifsen etc. Bl. 340, 
369. Siehe Anm. 4. 



208 S. Ifsleib: 

Einigkeit gebracht und die reine christliche Lehre nach 
Möglichkeit befördert habe. Vielfach sei er jetzt ange- 
gangen worden, heftig zu schreiben und zu schelten, denn 
es werde ihm nicht an Schutz fehlen. Allein er wolle 
das nicht thun, sondern von nötigen Dingen zeitlebens 
wohlanständig reden und vor jedem unnötigen Streite 
warnen. Keinesfalls werde er sich an Leute hängen, 
die Unruhe und Aufruhr freventlich suchten. Unbe- 
kümmert um Gunst oder Ungunst wolle er jedermann zui" 
Friedfertigkeit und Einigkeit anhalten und alle Prediger 
iieilsig ermahnen, Gehorsam zu predigen, nicht ungebühr- 
lich von der Obrigkeit zu reden und nichts gegen die 
kaiserlichen Edikte zu schreiben. 

Zu dieser Eriedfertigkeit Melanchthons bildete da- 
mals die Haltung und die Gesinnung -Herzog Augusts 
einen gewissen Gegensatz. Da der jugendliche Fürst 
fürchtete, es möchten mißgünstige Leute seinen künftigen 
Schwiegervater, König Christian III. von Dänemark, auf 
das weitverbreitete Gerücht aufmerksam gemacht haben, 
dals man in Sachsen von der erkannten göttlichen Wahr- 
heit abgefallen sei und wiederum Menschensatzungen und 
schändliche papistische Milsbräuche mit dem Interim an- 
genommen habe, so erklärte er am 3. September 1548 
mit aller Entschiedenheit"**): Gott wisse, dafs ihm solches 
nie in den Sinn gekommen sei ; auch habe der Kaiser ein 
solches Ansinnen bisher nicht an ihn gebracht. Selbst 
wenn man ihm hohes Ansehen und grolsen Reichtum 
in Aussicht stelle, so w^erde er sich doch keinesfalls da- 
zu bewegen lassen, die wahrhaftige Lehre des allein- 
seligmachenden Evangelii hintanzusetzen und die giftige 
Lehre des Buches Interim anzunehmen. Er sei nicht ge- 
sonnen, dem Ewigen Zeitliches vorzuziehen, vielmehr 
wolle er bis an sein Ende bei der reinen Lehre verharren 
und für sie Leib, Gut und Vermögen einsetzen; denn es 
sei besser, das irdische Leben und die weltliche Ehre 
als Gottes Gnade und das ewige Leben zu verlieren. 
Ehe er die erkannte göttliche Wahrheit verleugne und 
erdichteten schändlichen Menschensatzungen diene, so 
wolle er lieber nicht geboren sein. Es wäre ihm auch 
herzlich leid, wenn des Königs Tochter mit einem so un- 
christlichen Herrn vermählt werde. Er schicke etliche 
gedruckte Schriften, damit König Christian erkenne, dals 



28' 



') Anm. 12. 



Das Interim in Sachsen 1548 — 52. 209 

weder er noch sein Bnider Moritz etwas vom Interim 
halte, und dals sie beide gestatteten, dafs dagegen ge- 
schrieben werde. Des Herzogs Brief schlols mit der 
festen Zuversicht, dafs Moritz ebenso wie er im rechten 
Glauben und in der unleugbaren Wahrheit ausharren 
werde-''). 

Ohne Zweifel kannte Herzog August die wahre Ge- 
sinnung seines Bruders , der seine innere Überzeugung 
sicherlich ebenfalls unverhohlen zum Ausdruck gebracht 
haben würde, wenn er frei hätte handeln können. Für 
ihn aber lagen die Verhältnisse schwieriger. Da er in 
wichtigen Dingen auf die Gunst und Gnade des Kaisers 
angewiesen war, so mulste er vor der Hand jeden Bruch 
mit ihm sorgfältig vermeiden''*^). Auch durfte er die 
guten Beziehungen zum römischen Könige, mit dem er 
mancherlei territoriale Händel abzuschlielsen hatte, weder 
lockern noch preisgeben. Trotz des geheimen Briefwechsels 
mit Markgraf Hans wegen eines polnischen Bündnisses 
war es für ihn unbedingt nötig, mit dem interimsfreund- 
lichen Kurfürsten Joachim von Brandenburg, der wie er 
in Betreff des gefangenen Landgrafen verpflichtet war, 
im besten Einvernehmen zu bleiben. 

Glücklich griffen die Dinge zuweilen ineinander. 
AVährend der am 15. September 1548 zu Jüterbog k statt- 
findenden Beratung über die Befreiung des Landgrafen 
von Hessen redete Christof von Carlowitz mit dem kur- 
brandenburgischen Rat Timotheus Jung auch über das 
Interim und über die nachgiebige Stellung des Kurfürsten 
Moritz zur kaiserlichen Religionsordnung. Schliefslich 
meinte er, es sei in der That nützlich und gut, wenn 
Sachsen und Brandenburg wie in anderen ernsten Dingen 
so auch in dieser wichtigen Sache miteinander gingen. 
Als Dr. Jung seinem Herrn darüber Bericht erstattete, 
hörte Kurfürst Joachim mit besonderem Wohlgefallen 
und mit grofser Freude, dafs sich Moritz jetzt besser als 



-") Im Falle der Not hoffte Herzog August mit seiner künftigen 
Gemalilin Schutz und Aufnahme in Dänemark zu finden, wozu sicli 
Christian III. schon väterlich erboten hatte. Am 13. September er- 
Aviderte der König von Flensburg aus : Zwar sei allerlei Gerede an 
ihn gelangt ; allein er gebe Verläumdungen kein Gehör. Noch erwarte 
er einen friedlichen Verlauf aller Dinge mit dem Kaiser; doch stehe 
solches in der gewaltigen Hand des Allmächtigen, der Gefahr und 
Not verhüten und abwenden könne. 

^*') Mau denke an die Gefangenschaft des Landgrafen von Hessen 
und an die „Liquidation" mit den Ernestinern. 

Neues Archiv f. S. G. u. A, XV. 3. 4. 14 



210 S- Ifsleib: 

früher und anders, als die Gerüchte lauteten, in das In- 
terim schicke. Gern war er bereit, sich mit ihm über 
etliche religiöse Punkte zu verständigen^^) und ersuchte 
Christof von Carlowitz, eine Zusammenkunft sächsischer 
und brandenburgischer Räte zu befürworten. — Indessen 
wollte Moritz auf der Hochzeit Herzog Augusts mit 
Joachim erst persönlich darüber reden''-). 

Genötigt durch die obenerwähnte Werbung des könig- 
lichen Truchsefs von Oppersdorf schickte der Kurfürst 
Mitte ISeptember 154S die beiden Räte Melchior von 
Osse und Hans von Schönberg zum Könige Ferdinand, 
um während der Verhandlungen über andere Dinge die 
Interimsfrage ernstlich zur Sprache zu bringen und die 
sächsischen Verhältnisse klar darzulegen ■^■'). In der über- 
gebenen Instruktion hiels es: Wenn der König auf die 
Annahme und Durchführung des Interims stracks bestehe 
und voi-gebe, dals der Kurfürst doch für seine Person 
in das Interim gewilligt und auch zugesagt habe, seine 
Unterthanen zur Annahme desselben zu bringen, dann 
sollten die Räte erwidern: sie wülsten nur, dais der Kur- 
fürst dem Ausschusse seiner Landstände, ohne die er 
keine Veränderung in der Religion vornehmen könne, an- 
gezeigt habe, er solle mit ihnen auf Befehl des Kaisers 
über das Interim verhandeln. Obgleich sich der Kurfürst 
für seine Person mit dem Kaiser wohl verständigen 
werde, so vermöge er seine Landstände ehrenhalber nicht 
zur Annahme des Interims zu zwingen, weil er ihnen einst 
versprochen habe, dals sie bis zum allgemeinen freien 
christlichen Konzile bei ihrer Religion bleiben sollten. 
Und dieses Versprechen habe der Kaiser vor dem Kriege 
1546 durch eine Zuschrift ausdrücklich bekräftigt, worauf 
dann seine Unterthanen Kriegshilfe geleistet hätten. 



3') Berlin R. 39. 5. Landgraf Philipp von Hessen 1548. Bl. 22, 
Brief vom 29. Septeml)er. 

^-) S. diese Zeitschrift!, 267: G. Kaweraii, Clutacliten .lohann 
Agricolas für Christof von Carlowitz über die Annahme des Interims. 
Jedenfalls steht diese Schrift im Zusammenhange mit dem Tage zu 
Jiiterbogk und ist nach dem lö. September 154S entstanden. 

3^) Dresden, Loc. 10 298: Interim domest. II Bl. 9, 14, 73. 
Vergl. diese Zeitschrift III, 184 und 194: Bericht ül)er eine der 
Bantzener Stadtbibliothek gehörige Handschrift von .Julius Bern- 
hard. Die iläte sollten über die drei Ämter Leisnig, Colditz und 
Eilenburg, über Pausa, Treuen und Schwarzenberg, über die reu- 
fsischen und geraischen Lehen, über die Nachfolge der Ernestiner ia 
der Kur und ül)er die Acht ^lagdeburgs vei-handeln. 



Das Interim in Sachsen 1548—52. ^11 

Darum möge sich der König beim Kaiser verwenden, 
dafö niemand in Sachsen beschwert oder gefährdet werde. 
Man möge Frist und Zeit zur ruhigen Verhandlung mit 
den Landständen gewähren, um die Sache zu friedlichem 
Ende zu bringen. Schon habe man sich mit den Bischöfen 
von Meifsen und Naumburg über den gröfsten und wich- 
tigsten Punkt des Interims, über die Lehre von der Recht- 
fertigung, verständigt. Zweifellos wäre man weiterge- 
kommen, wenn nicht die Bischöfe vorgewendet hätten, 
dals sie ohne päpstlichen Indult weder die Priesterehe, 
noch das Sakrament in beiderlei Gestalt gestatten könnten. 
Deshalb möge der König den Kaiser gnädig ersuchen, 
den Indult vom Papste auszuwirken. 

Es falle gar schwer, die Leute von der Religion, wo- 
rin sie schon seit fast dreilsig Jahren erzogen und unter- 
richtet seien, wider ihren Willen abzubringen. Kaum 
werde man die Seelenmesse, die Heiligenanrufung oder 
den Kanon der Messe wieder einführen können. Nach 
der Hochzeit Herzog Augusts solle ein Landtag einbe- 
rufen und kaiserlichem Befehle zufolge mit allen Land- 
ständen verhandelt werden. Bis dahin müsse man um 
Geduld bitten. Jedenfalls wisse der König, dafs der 
Kurfürst wegen seiner Treue und seines Gehorsams gegen 
den Kaiser innerhalb und außerhalb Sachsens in gröister 
Milsgunst stehe. Vor allem sei in den Seestädten die 
Abneigung gegen das Interim so grols, dafs man sich 
mit aller Gewalt gegen die Einführung desselben sträuben 
werde. Deshalb möge man gemach thun. Der Kurfürst 
stimme mit dem Könige darin völlig überein, dafs man 
unruhige Köpfe zähmen müsse. Ein allgemeiner Erlafs 
in seinem Lande verbiete, gegen das Interim zu predigen 
und zu schreiben. Aufser anderen Personen habe er den 
Prediger von St. Annaberg in Dresden ermahnen lassen, 
sich verdächtiger Reden zu enthalten. Melanchthons 
eigenhändiger Brief vom 8. September möge den König 
überzeugen, dals das überschickte Buch gegen das Interim 
nicht in Sachsen und ohne Wissen und Willen des Ge- 
lehrten gedruckt worden sei. 

Während die beiden Räte von Osse und von Schön- 
berg über Prag nach Wien reisten ■^^), traf ein kaiserlicher 



'^*) Ihre Ankunft in Wien erfolgte den 7. Oktoher 1548, am 9. 
gab ihnen der König- zum ersten Male Gehör; D ruf fei I, No. 225, 

227, 229, 230. 

14* 



212 S. Ifsleib: 

Brief in Torgaii ein"''), der einesteils das Verhalten des 
Kurfürsten gegen das Interim anerkannte und anderer- 
seits sich scharf gegen Melanchthon richtete. Da Christof 
von Carlowitz und der Bischof von Naumburg in einem 
Briefe an den Kaiser den Kurfürsten gerühmt hatten ■"'*'), 
dals er sich „gar sehr um die Einführung des Interims 
in seinem Lande bemühe", so ermunterte Karl V., in 
diesem löblichen Streben eifrig fortzufahren. Doch war 
er nicht gewillt. Nachsicht zu üben gegen solche, welche 
wider das Interim schrieben. „Hochbeschwerten Ge- 
mütes" milsbilligte er, dals Melanchthon, zu dem er sich 
eines Besseren versehen habe, „auf seinem bösen und 
giftigen Gemüt stracks verharre und allerhand gegen 
das Interim vornehme". Moritz sollte ihn als einen der 
vornehmsten Lärmbläser, der die letzte Empörung im 
Reiche durch giftige und aufrührerische Schriften nicht 
wenig erregt und gestärkt habe, des Landes verweisen, 
zumal er nach dem Kriege noch gar nicht wieder zu 
Gnaden angenommen und ausgesöhnt Avorden sei. Wenn 
das dem Briefe beigelegte „Bedenken der Wittenberger 
Theologen" wirklich in Wittenberg oder Leipzig erschienen 
sei, dann sollte Moritz allen Ernstes vorgehen und die 
Schuldigen strafen. 

Was thun? Vor Beantwortung des kaiserlichen Schrei- 
bens wollte der Kurfürst erst abwarten , welchen Be- 
richt die zu König Ferdinand geschickten Räte über- 
bringen würden. 

Mittlerweile nahten die glänzenden Hochzeitstage, 
die Moritz zur Vermählungsfeier seines Bruders August 
mit der dänischen Prinzessin Anna vom 7. bis 13. Oktober 
1548 in Torgau veranstaltete. Unter den zahlreichen an- 
wesenden Fürsten Norddeutschlands befanden sich auch 
Kurfürst Joachim und sein Bruder Markgraf Hans von 
Brandenburg. Erzherzog Ferdinand hatte die an ihn 
ergangene Einladung abgelehnt, doch verfügte der Vater, 
König Ferdinand, dals sich der böhmische Marschall 
Poppel als Vertreter und zugleich als Beobachter in Torgau 
einfand. Soviel man erkannte, ging die Erwartung vieler 
Tausende dahin, dals das Hochzeitsfest die erschienenen 
evangelischen Fürsten zu vereinten Schritten gegen das 

*•'■') Origiiifil aus S])eier, 31. Angnst. Dresden, Loc. 10298: In- 
terim dornest. II, 1548 El. 96, vergl. El. 136. 

*") S. Anm. 11. Es liefs sich nicht genau feststellen, wann sie 
geschrieben haben. 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 213 

Interim führen werde. Allein alles Auffällige Avurde ver- 
mieden. Wie andere Späher, so bemerkte der königiiche 
Marschall nichts als Gastereien und Festlichkeiten-"). 
Und doch geschah zweierlei: Einmal setzte Moritz mit 
Markgraf Hans vor Beginn der Hochzeit, am 6. Oktober, 
fest, dals er gesonnen sei, mit dem Könige von Polen ein 
gegenseitiges Schutz- und Trutzbündnis zu schliefsen und 
alles zu halten, was der Markgraf durch den Starosten 
von Posen mit König Sigismund August vereinbaren 
werde •^^). Dann verabredete er mit Kurfürst Joachim, 
dals sie in Sachen des Interims gleiche Schritte thun 
wollten. Wie an Markgraf Hans, so wollte er an ihn 
die Überarbeitung des Interims senden, die er in kurzem 
mit seinen Räten und Theologen so zu Stande zu bringen 
gedachte, dals sie auch der Kaiser bewilligen werde. 

Schon am 18. Oktober fand in Torgau eine Beratung 
über das Interim statt, woran mehrere kurfürstliche 
Räte, etliche Vertreter der Landstände, Fürst Georg von 
Anhalt, Melanchthon und andere Theologen teilnahmen-'^). 

Zunächst wurde den Theologen vorgehalten, dals man 
in Meilsen und in Pegau für nötig erachtet habe, alle 
Besprechungen über das Interim geheim zu halten. Nichts 
destoweniger seien etliche Schriften im Drucke erschienen 
und in die Hände des Kaisers und Königs gekommen, 
wodurch ganz unerwartete Schwierigkeiten entstanden 
wären. Nun dringe der Kaiser und der König darauf, 
dals das Interim ins Werk gesetzt und darüber berichtet 
werde. Wolle man Gefahren und Nachteile von Sachsen 
fernhalten, dann erscheine es durchaus geboten, das an- 
zunehmen und zu thun, was mit Gott und gutem Ge- 
wissen geschehen könne. Jedermann müsse nach Gebühr 
gehorsam sein und dem Kaiser geben, was des Kaisers 
sei. Die reine Lehre solle erhalten bleiben; doch ohne 
äufserste Not dürfe man die armen Unterthanen nicht in 
Gefahr des Leibes und Gutes bringen. 

Darauf zeigten die kurfürstlichen Räte an, dafe sie 
als Laien die wichtigsten Punkte des Interims so aus- 



3^) Druffel I, No. 235, vergl. S. 164 tertio. 

3«) Druffel I, No. 2-24, vergi. 237; Laiigenn I, 463. Die 
Verhandlungen führten schliefslich zu nichts. Hatte wohl Kurfürst 
Joachim als Schwager des Königs von Polen die abwehrende Hand 
dabei im Spiele? 

3'J) Nur am 18. Oktober wurde beraten. Corp. reform. VIII, 174 flg. 
Bericht Bl. 213 flg. Kreuziger war damals krank und starb dann 
Mitte November. 



214 S. Ifsleib: 

gearbeitet hätten, dafs sie ihres Erachtens annehmbar 
seien und zu einer neuen Kirclien Ordnung ITihreu möchten^"). 
Nun sollten die Theologen prüfen, erwägen und offen 
kundgeben, ob man dem Kaiser derartig willfahren 
könne, um Euhe und Frieden zu erhalten und die Ge- 
fahr eines Krieges, der die wahre chiistliche Eeligion 
völlig gefährde, abzuwenden. Sie sollten sich durch kein 
Gerede von allerlei schwebenden Bündnissen be- 
einflussen lassen, sondern allein Gottes Ehre suchen. Ihr 
Gutachten müsse geheim bleiben; nur der Kurfürst solle 
erfahren, was sie gebilligt oder zurückgewiesen hätten. 

Das von Melanchthon niedergeschriebene Bedenken 
der Theologen erklärte sich mit den meisten vorgelegten 
Punkten einverstanden. Vor allem betonte man die 
Wichtigkeit der Ordination der Priester, wobei unrechte 
Verpflichtungen und alle Milsbräuche,, verhütet werden 
mülsten. Einhellig verwarf man die Ölung, die Privat- 
und Seelenmessen, den Heiligendienst und die Prozessionen. 
Das Fleischessen sollte von der Obrigkeit an bestimmten 
Tagen und zu bestimmten Zeiten verboten, doch die Ent- 
haltsamkeit nicht als ein Gottesdienst oder als ein gott- 
gefälliges Werk betrachtet werden. 

Nachdem die kurfürstlichen Räte ihr Verzeichnis an 
einzelnen Stellen geändert und verbessert hatten, sagten 
die Theologen : es mülsten vor allem noch die Mitteldinge 
oder Adiaphora, die man bewilligen wolle, genau an- 
gegeben werden; auch die alten Kirchengesänge, sowie 
die Historien und Legenden seien zu berichtigen; auf 
öffentliche Kirchenstrafen und auf gute Kirchenzucht habe 
man Bedacht zu nehmen. Über die Ordination, der 
Priester müsse man mit den Bischöfen reden etc. Die 
Theologen waren ferner dafür, dals die Konsistorien mit 
Kirchenbann belegen sollten und dals die weltliche 
Obrigkeit ihnen Beistand zu leisten habe und keinen 
Gebannten in ehrlichen Ämtern oder guten Gesellschaften 
dulden dürfe. 

Nützlich erschien es, dals die Pastoren zusammen- 
berufen würden, um die Agenden zu vergleichen , damit 
man dann alle Ceremonien, Feste und Gesänge im ganzen 



^") Die Lelire von der ileclitfertigung sollte so bleiben, wie sie 
in Pegau mit den Bischöfen vereinbart worden war. Das Verzeichnis 
behandelt!! die Gewalt der Kirche und der Kirchendiener, Firmung 
Bnfse, Ölung, Ordiniernng der Kirchendiener, Messe, Vigilien, Feier- 
tage, Prozession und Fasten. 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 215 

Lande gleich habe. Auch befürwortete man Verständig- 
ung mit den Nachbarn, damit die evangelischen Kirchen 
gleiche Lehre und einträchtige Ceremonien erhielten , Gott 
zum Lobe, dem Frieden zu Liebe und anderen Nationen 
zum guten Beispiele. 

Zuletzt wurde eine Zusammenkunft in Altzella ver- 
abredet, um über die Mitteldinge oder x\diaphora zu berat- 
schlagen und eine womöglich einheitliche Kirchenordnung 
festzusetzen. 

Ende Oktober kehrten Osse und Schönberg von Wien 
nach Torgau zurück und berichteten, dals König Ferdi- 
nand die Einführung des Literims durchaus wünsche und 
von Geduld und Nachsicht wenig wissen wolle. Schon 
aus Dankbarkeit gegen den Kaiser, der ihm so grolse 
Gnade erzeigt habe, müsse der Kurfürst alle dem Interim 
in Sachsen entgegentretenden Schwierigkeiten überwinden. 
Sein Verhalten mache den Eindruck, als wolle er sich 
einer ihm persönlich unbequemen Sache gern und leicht 
entziehen. Der König könne es kaum wagen , den Kaiser 
an die einst in Regensburg gegebene Zusage nochmals 
zu erinnern, ohne ihn aufs höchste zu erzürnen und 
grolsen Verdacht zu erregen. 

Die erbetene Fürsprache für Melanchthon hatte der 
König abgelehnt; denn obgleich Melanchthon hinsichtlich 
der erschienenen Bücher gerechtfertigt erscheine, so gebe 
er doch in seinem Briefe zu, dals er bei der Beratung 
über das Bedenken gegen das Interim gewesen sei. 
Eine Verwendung für ihn werde den alten Verdrufs nur 
erneuern und dem Kurfürsten nichts nützen. 

Wegen des beantragten Indultes wollte Ferdinand 
beim Kaiser vorstellig werden*^); doch warnte er wieder- 
holt vor Ungehorsam und ermahnte nachdrücklich zur 
raschen Einführung des Interims, um sich die Gnade des 
Kaisers zu erhalten. Offenbare Weigerung werde anderen 
Ständen des Reiches ein böses Beispiel geben und allerlei 
Gefahren zur Folge haben. Der Kurfürst sollte jeden 
Angriif auf das Interim bestrafen, alle Schmähschriften 
verbieten und gegen Magdeburg ernstlich vorgehen ; denn 
so lange „dieser Wurm-' vorhanden, so lange wäre kein 
Frieden zu erwarten. 

Sobald Kurfürst Moritz die Stimmung König Fer- 



*') Es geschah am 12. Oktober, als die sächsischen Gesandten 
noch in Wien waren. Druff el I, No. 216, 227. 



210 S- IMeib: 

dinaiids kannte, wandte er sich an den Kaiser mit der 
Veisichernng-, dals er keinen Fleils spare und täglich 
emsig arbeite, nm bei seinen Unterthanen alles zu er- 
reichen, was zur Ehre Gottes und zum Gehorsam gegen 
des Reiches Oberhaupt dienlich sei. Dann nahm er 
Melanchthon in Schutz und bezeugte aufrichtig und 
Wahrheit sgemäls, dals der Gelehrte seit dem Wittenberger 
Vertrage, der allen ehemaligen Dienern Johann Friedrichs 
Gnade gewähre, nichts gegen den Kaiser verschuldet, 
sondern sich gegen das Interim friedfertig erzeigt und 
andere Personen zur Nachgiebigkeit ermahnt und gebracht 
habe. Viele Artikel, worüber andere heftig gestritten 
hätten , helfe er Avillig zum Vergleiche bringen. Fürwahr, 
ohne Melanchthon wisse er, namentlich bei seinen jüngst 
erworbenen Unterthanen, die fast dreilsig Jahre lang ihrer 
Religion gemäls gelebt hätten, wenig durchzusetzen. Der 
Gelehrte werde ganz besonders wegen seiner Friedens- 
liebe und Nachgiebigkeit öffentlich angegriffen. AVie nach- 
teilig und gefährlich würde es sein, wenn er ihn nun des- 
wegen aus seinem Lande verweise. Darum möge der 
Kaiser seine Ungnade fallen lassen und gestatten, dafs 
Melanchthon in seinem Lande bleibe, so lange er Gottes 
Ehre , christliche Vergleichung und gebührenden Gehorsam 
gegen den Kaiser befördern helfe. — Zuletzt zeigte der 
Kurfürst an, dafs er über das zugeschickte Buch, das 
weder in Wittenberg noch in Leipzig gedruckt worden 
sei, schon an den römischen König habe berichten lassen. 

Am 19. November 1548'*-) kamen die kurfürstlichen 
Räte und Theologen, die zuletzt in Torgau beraten 
hatten, mit anderen dazu berufenen Personen in Alt- 
zella zusammen''^). 

Nach erfolgter Durchsicht eines von den Theologen 



•*") Am 10. November schickte Kurfürst Joachim die Artikel, 
die er in Brandenburg einzuführen gedaclite, mit der Bitte um Geheim- 
haltung an Moritz. .Gleichzeitig bat 3Iarkgraf Hans um die ver- 
sprochene sächsische Überarbeitung des Interims Dresden, Loc. 10298: 
Interim dom. IL Bl. ISO, 203, 207; Loc. 7277: Marggraffen Johannscn 
hendel 1548— .52 Bl. 2. D ruf fei I, No. 237. — Damals tobten und 
wüteten viele Theologen Norddeutschlands so heftig gegen das Interim, 
dafs sich Joachim wunderte, dergleichen von so hochgebildeten und 
gelehrten Leuten zu hören. 

"^ Aufser Fürst Georg von Anhalt, iMelanchthon, Förster, Meier, 
Pfeffinger und Greser fanden sich Bugenhogen und Camerarius ein 
sowie die Superintendenten aus Freiberg und Pirna. Bericht etc. 
Bl. 231. Corp. rcform. VII, 198 flg. 



Das Interim in Sachsen 1548 — 52. 217 

ZU Gunsten einer neuen sächsischen Kirchenordnung ge- 
fertigten und am 20. November ühergebenen Gutachtens 
über die nicifsnische Agende von 1539 legten die kurfürst- 
lichen Räte ihren in einigen Punkten veränderten Torg au er 
Entwurf über das Interim nochmals zur weiteren 
Prüfung vor. Und um auf die Gemüter nachhaltig ein- 
zuwirken, verwiesen sie auf die in einigen süddeutschen 
Städten und in Württemberg stattgefundenen kaiserlichen 
VergCAvaltigungen ^^) und erörterten eingehend, welche 
Gefahren nahen könnten, wenn man nicht in Mittel- 
dingen, die weder die reine Lehre schädigten, noch die 
Gewissen verletzten, nachgäbe. Jedermann habe die 
Pflicht, dem Kaiser gebührenden Gehorsam zu leisten, 
auch wenn andere Leute davon übel redeten. Keiner 
könne sich nach dem Gutdünken aller richten; wer aber 
Recht thue, der scheue niemanden. Das Interim enthalte 
doch viele Stücke, die der heiligen Schrift gemäfs und 
kein Unrecht seien. Gut und nützlich erscheine es, wenn 
der Kaiser davon überzeugt werde, dals man in Sachsen 
Neigung zu Ruhe, Frieden, Gehorsam und Einigkeit habe. 
Der Kurfürst trage kein Verlangen, gegen Gott und sein 
heiliges Wort zu handeln oder jemanden von der wahren 
Lehre abzubringen. 

Am anderen Tage (21. November) verwahrten sich 
die Theologen gegen jeden Verdacht oder Vorwurf, als 
seien sie streitsüchtige Leute. Zum Frieden und zum Ge- 
horsam gegen den Kaiser geneigt, hätten sie nie die Ab- 
sicht gehabt, den Kurfürsten oder ihr Vaterland in Not 
und Krieg zu führen. Stets seien sie bereit gewesen, in 
Mitteldingen nachzugeben; allein unrechte Lehre und 
abgöttische Ceremonien könnten sie nicht bewilligen. Vor 
übereiligen Veränderungen, die nur Uneinigkeit und Zer- 
rüttung der Kirchen und Schulen herbeiführen würden, 
möge man sich wohl hüten. 

Im vorgelegten Torgauer Entwürfe erschien ihnen 
ganz besonders der Artikel über die Ordination der Priester 
bedenklich. Den Bischöfen sollte die Einsetzung der 
Geistlichen nur dann eingeräumt werden, wenn sie sich 
verpflichteten, weder die reine Lehre zu verfolgen, noch 
den rechten Gebrauch der Sakramente zu verhindern, 
noch die Ordination mit unbilligen Verpflichtungen zu 
beladen. So lange dies Zugeständnis nicht erreicht werde, 



44 



) Ranke V, 41 (6. Auflage). 



218 S. IMeib: 

SO lange mülsten, wolle nuiii die sächsische Kirche er- 
halten , die Superintendenten die Einsetzung der Priester 
vollziehen. 

Nachdem am 22. November die Räte ihre Ansicht 
über den Artikel von der Kirche, über das Chrisma, über 
das Amt der Bischöfe, über Vigilien, Meiskanon, Kirchen- 
zucht, Prozessionen etc. abermals dargelegt hatten, sagten 
die Theologen: man sei wohl in allen Artikeln, aulser 
Chrisma (Salbung) und Meiskanon, einträchtig. Doch er- 
schraken sie fast vor ihren weitgehenden Bewilligungen 
und Zugeständnissen und befürchteten, dalses ihnen schwer 
fallen werde , böse Nachreden zu stillen. Inständig W' arnten 
sie vor jeder Übereilung, da jede plötzliche Veränderung 
nicht nur Unvernünftige ärgere, sondern auch gottes- 
fürchtige und verständige Herzen betrübe, Sie hielten 
für gut, dafs der Kurfürst den Bischöfen anzeigen 
lasse, wie w^eit man sich dem Interim in Mitteldingen 
genähert habe, um von ihnen zu hören, ob sie die grolse 
Nachgiebigkeit für einen Schritt zur Eintracht hielten. 
Gleichzeitig solle man ihre Meinung über Chrisma und 
Mefskanon zu erfahren suchen. — Die Räte nahmen an, 
dals den Theologen jedenfalls Gelegenheit geboten werde, 
mit den Bischöfen über die beiden Punkte selbst zu reden. 

So kam in Altzella eine Interimsformel zu Stande, 
die in der Lehre von der Rechtfertigung und in anderen 
Punkten den evangelischen Standpunkt behauptete, in 
Mitteldingen aber nachgab und das zu halten befahl, was 
die alten christlichen Lehrer gehalten hatten, und was 
davon in der Kirche dei- Altgläubigen. .noch im Brauche 
war. Demnach sollten Firmelung und Ölung ^'■*) , fast der 
ganze Ritus der alten Messe, Lichter, Gefälse, Gesänge, 
Kleidung, Läuten, sowie Bilder, Feiertage und Fasten 
geduldet oder wieder eingeführt werden'**). 

Nach diesem bedeutenden Ergebnisse berief der Kur- 
fürst Moritz den Landtag nach Leipzig und setzte sich 
mit Kurfürst Joachim von Brandenbuig in Einvernehmen. 



*■') Frei vom Aberglauben und Mifsverständnis sollte die Ölung 
nach der Apostel Gebrauch stattfinden. Die Bilder der Heiligen und 
die Gemälde des Leidens Christi sollten nui- zur Erinnerung dienen 
und nicht zur Abgötterei verführen. 

■'*') Das Original des Abschiedes von Altzella vom 22. November 
wurde vom Fürsten Georg von Anhalt, von Bugeuhagen, Osse und 
Christof von Carlowitz unterzeichnet Dresden, Loc. 1029R, Interim 
dornest. II, 299. 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 219 

Beide berieten dann am 16. und 17. Dezember in Jüter- 
bogk über den Abschied von Altzella^') und verpflich- 
teten sich urkundlich, alle vereinbarten Artikel mit Be- 
willigung ihrer Unterthanen ins Werk zu setzen^-). 
Mit geAvisser Zuversicht hofften sie, dals ihr gemein- 
sames Bekenntnis anderen Fürsten und Ständen eine 
gute Anleitung zur Vergleichung und Einigkeit bieten 
werde. 

Vier Tage später, am 21. Dezember 1548, trat der 
vereinigte sächsische Landtag in Leipzig zusammen*^), 
um vor allem über das Literim zu verhandelnd*^). 

Die Landtagsvorlage berichtete sowohl über die Ent- 
stehung des Interims als auch über die in Augsburg behaup- 
tete Stellung des Kurfürsten zur kaiserlichen ßeligions- 
ordnung und erwies die Notwendigkeit des Landtages, Aveil 
der Kaiser und der römische König wiederholt befohlen 
hätten, dieLandstände zur AnnahmedesLiterimszubewegen. 
Obgleich der Kurfürst jederzeit an die frühere die Re- 
ligion betreffende Zusage erinnert habe , so sei doch ernst- 
lich vorgehalten worden, welche Gefahren eine halsstarrige 
Weigerung nach sich ziehen werde. Darum sollten die 
Landstände über das Literim beraten und dabei das Wohl 
des Vaterlandes bedenken. Wie früher bleibe der Artikel 
von der Rechtfertigung, das Sakrament des Leibes und 
Blutes Christi und die Priesterehe. Auch suche man 
keinen Zwang in anderen Dingen; aber man müsse den 
Kaiser in allem gehorchen , was mit Gott und gutem Ge- 
wissen geschehen könne. 

Zunächst von der Ritterschaft, dann von allen Land- 
ständen um ihr Bedenken über das Interim gebeten, über- 
reichten die Theologen ein dem Abschiede von Altzella 
fast gleichlautendes Schriftstück, sowie den in Pegau 

*') Zeitweilig wurden einige Käte und der Bischof von Naum- 
burg zur vertraulichen Beratung hinzugezogen. Fürst Georg von 
Anhalt und die Theologen wurden nur des Chrismas und des Kanous 
halber gefragt. Über den Mefskanon vermochte man sich nicht zu 
verständigen. Ungern .«ah Melanchthon den anwesenden Agricola. ' 

*«) Originalurkunde in Dresden No. 11378. Corp. reform. VII, 
248. Bericht Bl. 251. Später nannte Moritz den Kurfürsten von 
Brandenburg gern „das dicke Interim", 

^ö) Dresden, Loc. 9354 : Handlung auf dem Landtage zu Leipzig 
1548. Corp reform. VII, 2ö3, Bericht etc. Bl. 261 flg. 

^0) Anwesend waren auch die beiden Bischöfe von Meifsen und 
Naumburg und die Theologen. Aufser dem Interim kam die allge- 
meine Reichssteuer, die Achtsexekution gegen Magdeburg, das Reichs- 
münzwesen etc. zur Verhandlung. 



220 S- Ifsleib: 

yergliclieiien Artikel von der Eeclitfertiguiip;- iiiul das 
giolse Meilsner Bedenken über das Interim und ermahnten 
zum Gehorsam gegen den Kaiser, zu Ruhe, Frieden und 
Einigkeit, damit das Vaterland vor Krieg bewahrt und 
die Lehre vom rechten und Avahrhaftigen Gottesdienst 
erhalten bleibe ■'•'). 

Am 25. Dezember waren die Stände mit den meisten 
Punkten des Abschiedes von Altzella einverstanden, doch 
fochten sie die Firmung und Ölung, die Ohrenbeichte und 
Pi'ivatmesse, die Vigilien und Seelenmessen, das Fron- 
leichnamfest und zwei Marienfeste an. Ihr grölstes Be- 
denken erregte der Artikel von den Kirchendienern und 
der Ordinierung; denn wie sollte man in Sachsen zu 
Bischöfen kommen, die ihr Amt zur Erhaltung der Landes- 
kirche verwalten würden und unter deren Jurisdiktion 
die Pfarrer und Prediger die reine christliche Lehre 
zwanglos verkündigen dürften! Vor der Weihe sollten 
die Priester keinesfalls mit unnötigen oder unchristlichen 
Gelübden und Salbungen beladen werden. Allenthalben 
möge man sich nach dem Augsburger Bekenntnisse von 
1530 und nach den landesüblichen Visitationsordnungen 
richten. 

Die Theologen entgegneten, dals sie an den über- 
gebenen Artikeln, die sie mit anderen Personen erwogen 
und zusammengestellt hätten, festhalten mülsten. Ohne 
Zweifel werde Gottes Gnade verleihen, dals die Bischöfe 
ihr Amt recht gebrauchten; denn künftig sollten nur 
tüchtige gelehrte und gottesfürchtige Personen zum 
Bischofsamte bei-ufen werden. Beruhigend sprachen sie 
über Konfirmation, Ordination, Salbung, Messe, Feier- 
tage, Heiligenanrufung etc. und meinten, dals die Bewillig- 
ung der vorgelegten Artikel ohne grofse Disputation mög- 
lich- sei, da die rechte Lehre und die guten Ceremonien 
in den Kirchen erhalten werden sollten. 

Fünf Tage später zeigten die Landstände dem Kur- 
fürsten an, dalis ihnen die von den Theologen vorgelegten Ar- 
tikel nicht mifsfallen hätten, sofern die alten Milsbräuche 
abgeschatft blieben. Den Konsistorien und Superintendenten 
müsse ihre seitherige Gewalt und das Recht der Ordination 
gelassen werden, so lange nicht die Bischöfe bestimmt er- 

■'■') Ein Bedenken der Theologen vom 22. Dezember Avnrde zwar 
den knrfürstliclien Räten, nicht al)er den Landständen übergeben. 
Dresden, Loc. 10298: Interim dorn. 1 1 Bl. 240, 292. Corp. reform. VII, 
255. Bericht Bl. 266. 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 221 

klärten, dafs die Geistlichen die reine Lehre predigen, die 
Ceremonien nach der neuen Ordnung lialten und vor der 
AVeihe durch keine unnötigen Eide und Gelübde gebunden 
werden sollten. Vor jeder Neuerung möchten die Prediger 
und Pfarrer dem Volke, das schon viele Jahre an die be- 
stehende Kirchenordnung gewöhnt sei, fleißig und be- 
scheiden erklären, warum die Veränderung ohne Verletz- 
ung des heiligen christlichen Glaubens vorgenommen 
werden könne. Früherer Zusage gemäls sollte der Kur- 
fürst die sächsische Kirche erhalten und die alleinselig- 
machende Lehre lauter und rein predigen lassen; auch 
den Kaiser sollte er Punkt für Punkt darüber verstän- 
digen, was in Sachsen bleiben müsse, und was wieder ein- 
geführt werden könne. 

Auf Begehren der Landstände war der Kurfürst so- 
fort bereit, mit den Bischöfen in Unterhandlung zu treten, 
zumal da er hoffte, bei ihnen christliche und friedfertige 
Gesinnung zu finden. Damit aber nicht der gesamte 
Landtag genötigt sei, das Ende der Besprechungen, falls 
sie lange dauerten, ruhig abzuwarten, so empfahl er die 
Wahl eines i^usschusses, der zurückbleiben und im Namen 
aller beraten und beschlielisen sollte. Allein die Stände 
lehnten die Wahl eines Ausschusses ab und baten um Ver- 
handlung mit den Bischöfen in Gegenwart aller Stände 
und im Beisein der Theologen. Darauf wurde für gut 
angesehen , dals sie selbst die Bischöfe um ihre Mei- 
nung über die neuen Religionsartikel angehen sollten. 

Als das geschehen war, erwiderten die Bischöfe, sie 
seien entschlossen, ihr Amt zur Ehre Gottes, zur not- 
dürftigen Besserung und zum Seelenheile des Volkes zu 
gebrauchen. Hinsichtlich der Artikel über die Kirchen- 
diener und deren Ordinierung wollten sie der „veröffent- 
lichten kaiserlichen Reformation" christlich nachgehen, 
aber keine abändernde Neuerung oder unzulässige Ver- 
hinderung bewilligen. Wohl sollten, meinten sie, die 
von den Landständen übergebenen Artikel so verstanden 
werden, als ob sie mit dem kaiserlichen Literim im 
Einklänge stünden; allein da sie zum Teil mit anderen 
Worten, zum Teil summariter und stückweise und zum 
Teile vielleicht aus Versehen der Abschreiber völlig 
verändert erschienen , so fordere die unvermeidliche Not- 
durft, sich wohl vorzusehen, damit keine neuen Milis- 
verständnisse verursacht würden; denn jeder wisse und 
sehe, wie sehr der freventliche Übermut überhand ge- 



222 S. IMeib: 

Tiomraen habe, und wieviele geneigt seien, auch die mit 
khiren Worten ausgedrückten JJinge milszuverstehen und 
in vermessener Weise zu kahimnieren. Darum mülsten 
die übergebenen Artikel dernialsen erklärt, verstanden und 
ausgeführt werden, dals der Kaiser erkenne, man wolle 
in Sachsen nach seiner Eeligionsordnung leben. Sei ii'gend 
etwas noch zweifelhaft und der Erklärung bedürftig, dann 
solle man den Kaiser um Rat fragen, da er sich vorbe- 
halten habe, dem Interim Mais und Ordnung zu geben. 
Man möge bedenken , was der Kaiser sagen und wohin 
es führen würde, wenn die landständischen Beratungen 
und Entschlielsungen zu Unzuträglichkeiten Anlafs böten. 

Über diese Antwort, die weder Entgegenkommen 
noch Friedfertigkeit zeigte, waren fast alle Landstände 
entsetzt. Niemand wollte finden, dals die neuen Interims- 
artikel unklar oder dunkel oder zu kurz oder ungebühr- 
lich abgefalst W'ären. Darauf ersuchten die Stände den 
Kurfürsten, mit den Bischöfen w^eiter verhandeln zu 
lassen, aber nicht durch einen Ausschufs, sondern vor 
allem durch die Theologen. Auf alle Fälle sollten die 
Konsistorien und Superintendenten vorläufig die ihnen über- 
tragene Gewalt behalten'*-). Und da man dem Fürsten 
Georg von Anhalt für die Pflanzung, Beförderung und 
Erhaltung der w^ahren christlichen Religion die grölste 
Dankbarkeit schuldig sei, so möge der Kurfürst ihm, 
wenn er künftig nicht mehr beim Stifte Merseburg bleiben 
könnte, einen notdürftigen Unterhalt gewähren, damit er 
als guter Berater und als Stütze der Theologen in Re- 
ligions- und Gewissenssachen dem sächsischen Lande er- 
halten bleibe'"'-'). 

Neujahr L549 erklärte sich der Kurfürst dazu bereit, 
dafs er mit den Bischöfen weiter verhandeln lassen wolle, 
auch solle „ eine Kirchenordnung dem Bedenken der Theo- 
logen und der Bewilligung der Landstände gemäls" aus- 
gearbeitet und veröffentlicht werden"''). 

Dann einigte er sich mit den beiden Bischöfen über 



■'■-) Vergl. K. Solim, Kirchenrecht I, (iOl, 611. 

^'^) (xeorg von Anhalt war der (Joadjntor Herzojj Augusts in 
geistlichen Angelegenheiten. Da dieser alier gegen die vom Kaiser 
bewilligte Anwartschaft auf die Knrwürde die weltliche Verwaltung 
des Bistums Merseburg abtreten mufste, so stand die Wahl eines 
neuen und zwar altgliuibigen Bischofs bevor. Siehe diese Zeitschrift 
XIII, 205. 

^*) Noch am Neujalirstage verabschiedete er die Landstände 
durch (ien Kanzler Dr. Fachs aut dem Kathause. 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 223 

einen Bericht an den Kaiser''"'''). Er selbst wollte die 
Verhandlungen mit den Landständen darlegen lassen, die 
Bischöfe dagegen sollten wegen des vom Papste zu be- 
willigenden Indultes vorstellig werden und unumwunden 
erklären, dafs sie in ihren Sprengein das Interim unmög- 
lich durchsetzen könnten, wenn sie nicht beweibte Priester 
weihen und das Abendmahl in beiden Gestalten zulassen 
dürften •^''). Der Kurfürst habe mit seinen Landständen 
über die Einführung des Interims fleissig verhandelt und 
nach Überwindung grofser Schwierigeiten mehrere Punkte 
zur Annahme gebracht. Es sei zu hoffen, dals seine 
Unterthanen mit der Zeit alle Artikel gutheilsen würden"). 



55) Dresden, Loc. 9354. Landtag zu Leipzig etc. B1.63. Drnffel I, 
No. 253 giebt nach dem Wiener Archive den L Januar 1549 statt 
den 2. an. 

56) Über die Ahsendung des kurfürstlichen und bischöflichen 
Schreibens siehe Dresden, Loc. 10297 und 10 298: Literira dorn. II 
1548, Bl. 256 und 296. Briefe des Bischofs von Naumburg und des 
Kanzlers Dr. Fachs vom 8. und 12. .lanuar 1549. — Während des 
Leipziger Weihnachtsmarktes wurde eine gegen den Bischof von 
Naumburg gerichtete Schritt unter dem Namen „Christian Lauterwahr" 
öffentlich feilgehalten und in den Wirtshäusern verkäuflich herum- 
getragen. In Pegau sollte der Bischof unter anderem gesagt haben, 
das Interim sei falsch und abgöttisch, nicht er, sondern der spanische 
Mönch und kaiserliche Beichtvater Soto habe es gemacht. 

5''j Durch den Verlauf des Leipziger Landtages ermutigt, ent- 
schlofs sich Kurfürst Joachim von Brandenburg, noch im 
Januar 1549 mit den Vornehmsten seiner Landstände über das In- 
terim zu beratschlagen. Dresden, Loc. 10298 Interim dom. II, 1548, Bl. 
250 und 280. In Berlin, R. 13, 5a 2 finden sich Abschriften von 
den Leipziger Landtagsverhandlungen. Über das Interim in Branden- 
burg vergl. Grustav Kawerau, Johann Agricola von Eisleben 
S. 280flg., auch Job. Gust. Droysen, Geschichte der preufsischen 
Politik II, 2, 226. — Im Briefe vom 24. Januar 1549 an Markgraf 
Hans wünschte Melanchthon, dafs die Leipziger Verhandlungen 
klarer gewesen wären, doch tröstete er sicli damit, dafs „in den 
nötigen Stücken nichts geändert" worden sei. Die Ritterschaft habe 
sich besonders wohl und christlich gehalten. Voll Zweifel, ob das 
Ergebnis den Kaiser zufriedenstellen werde, war er entschlossen, 
seinerseits nicht weiter nachzugeben und lieber Verfol- 
gungen zu erdulden. Seiner Ansicht nach werde das Interim, obgleich 
man es als eine neue ewige selige Reformation rühme, in zwei Jahren 
wieder erlöschen. Vor aller Augen liege klar, dafs es grofse Unruhe 
und Zerrüttung bringe. An vielen Orten wurden in der That christ- 
liche Prädikanten verjagt und Gewaltthaten jeder Art ausgeübt. Der 
Markgraf sollte nötigenfalls arme bekannte und verjagte Prediger in 
irgend einem Kloster eine Zeit lang beherbergen. Berlin. R. 13, 5a 2, 
das Interim betreffend Bl. 49. Ranke VI, 304. — Über die Stellung 
der Ernestiner in Weimar zum Interim sielie Druff el I, No. 186, 187, 
266, 281, 282, 315 (S. 24.5), 324. 



224 S. Ifsleib: 

Kurz nach dem Leipzi^ier Landtage entschlols sicli der 
Knrfürst zur Reise nach Tirol, um den Solin des Kaisers, 
Prinz Philipp von Spanien, an der deutschen Grenze zu 
begrülsen und um Verwendung für den gefangenen Land- 
grafen zu bitten. Vor dem Aufbruche gebot er dem Statt- 
halter und den Räten zu Toigau'^), auf die Prediger im 
Lande gut Achtung zu geben, die gehorsamen vor jeder 
Gewalt zu schützen und die unruhigen und verdächtigen 
gefänglich einzuziehen oder ganz wegzuschaffen. Vor 
allem sollten sie den alten Hofprediger und zwei Pfarrer 
in Zwickau und Annaberg im Auge behalten und unver- 
züglich gegen sie einschreiten, wenn der eine ver- 
führerische Winkelgespräche halte, der andere gegen das 
Interim wild tobe und der dritte gegen die Landtags- 
beschlüsse ungebührlich predige. Und sobald die Theo- 
logen die neue Kirchenordnung ausgearbeitet hätten, 
sollten sie dieselben mit den Räten in Dresden gemeinsam 
durchsehen und begutachten. 

Auf der .Reise durch Süddeutschland gewann der 
Kurfürst die Überzeugung, dals hier die Interimsverhält- 
nisse viel schlimmer seien als in Noiddeutschland. Gegen 
die Kardinalbischöfe von Augsburg und Trient sprach 
er sich dahin aus , dals er durch rasche Einführung einer 
neuen Kirchenordnung dem Kaiser gefällig sein wolle, 
damit der gefangene Landgraf desto eher befreit werde. 

Nach der Rückkehr in sein Land"*^) schickte ihm am 
18. März 1549 Fürst Georg von Anhalt die von ihm mit 
etlichen Theologen und Pastoren in Merseburg ausge- 



& 



f*s) Instruktion vom ](). Januar 1549, Dresden, Loc. 10041 : Cliur- 
fürst Moritz heirag-elasseue Instruktion. Am 12. Januar bat er den 
Bruder August, die Regierung in I'oi'gau mit Rat und Hilfe zu 
unterstützen, so oft es nötig sei. Loc. 8031 : Brüderliche Irrungen 
111.28. — Am 10. Januar beantwortete Moritz das Schreiben des 
Mainzer Erzbischofs vom 1. Dezember 1548, worin dieser be- 
gehrte, alle Neuerungen abzustellen und alle Unterthanen in die all- 
gemeine chi istliche Kirche wieder eintreten zu lassen. Kurz und 
bündig versetzte der Kurfürst, dafs er sich nie von der allgemeinen 
christlichen, auf Christus und die heilige Schrift gegründete Kirche 
getrennt .habe, noch gegen den Kaiser ungehorsam gewesen sei. 
!S(!in Verhalten gegen Gott und dou Kai.-^er wisse er zu verantworten. 
Dresden, Loc. 82B8: Magister Franz Krams Schriften an]\Ioritz etc. 1549. 
Druffell, No. 261. 

'■•") Der Kurfürst kam am 12. ISlärz in Wolkensteiu an. Uald 
darauf wünschte Markgraf Hans vor Ostern mit ihm zusammen- 
zukommen, um über wichtige Dinge zu leden. Brief vom 23. ]\lärz 
154!) aus ilimmelstedt, Dresden, Loc, 8498: Handschreiben etc. 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 225 

arbeitete neue Kirchen Ordnung'^") und bat, sie prüfen 
und möglichst bald im Drucke erscheinen zu lassen, ehe 
etwa unerwartete*^^) Hindernisse dazwischen kommen 
möchten, die gröfsere Konfusion und Unordnung als 
bisher anrichteten. Unverweilt liels der Kurfürst das 
Schriftstück den Doktoren der heiligen Schrift in Witten- 
berg und Leipzig und etlichen seiner Räte vorlegen und 
am 28. März an den Bischof von Naumburg abgehen mit 
dem Gesuche um möglichst rasche Beförderung an den 
Bischof von Meilsen*'-). Da nach seiner Ansicht der In- 
halt der Agende den Leipziger Artikeln durchweg ent- 
sprach, so erwartete er von Seiten der Bischöfe keinen 
Widerspruch gegen die Veröffentlichung. Falls sie aber 
begründete Bedenken dagegen zu erheben hätten, dann 
sollten sie den 10. April zu einer gemeinschaftlichen 
Unterredung nach Torgau kommen '^■^). 

Um diese Zeit leuchtete über Melanchthon ein glück- 
licher Stern; denn im Briefe vom IL Februar 1549, der 
am 30. März in Torgau eintraf, gab der Kaiser zu er- 
kennen, dafs er ungeachtet vieler eingelaufener Klagen 
dem Berichte des Kurfürsten (vom 31. Oktober 1548) über 
Melanchthon Glauben und Vertrauen schenken und damit 
einverstanden sein wolle, dals der von ihm ergangene 
Strafbefehl vorläufig unausgeführt bleibe. Vielleicht ver- 
halte sich der Gelehrte künftig so, dals er ihm nicht nur 
alles Vergangene verzeihen, sondern ihn auch gelegentlich 
gnädig befördern und bedenken könne '^^). Der Kaiser 
rühmte auch des Kurfürsten Fleils, den er auf die Ein- 



*^^) Man legte die Agende Heinrichs des Frommen von 1539 zu 
Grunde und berücksichtigte in äufserlichen Mitteldingen das kaiser- 
liche Interim gemäfs der jüngsten Landtagsbeschlüsse zu Leipzig. 

**') Am 19. März wählte das Merseburger Domkapitel den Weih- 
bischof von Mainz Michael Heiding zum Bischöfe, obgleich es Moritz 
gern gesehen hätte, wenn der Bischof von Naumburg nach Merse- 
burg beriifen worden wäre und sein Bistum an den Suftragan abge- 
treten hätte. Als Michael Heiding 1550 nach Merseburg übersiedelte, 
zog sich Fürst Georg von Anhalt nach Dessau zurück. 

'^^) Die Kirchenordnuug kam am 31. März in Zeitz au, wo der 
Bischof residierte. 

''^) Bei dieser Gelegenheit wollte der Kurfürst mit dem Bischöfe 
von Naumburg auch über das in Leipzig verbreitete Schmähbüchlein 
reden. 

^) Von Brüssel berichtete Franz Kram am 17. März 1549: Der 
alte Granvella sei Melanchthon sehr gewogen, lobe ihn wegen seiner 
grofsen Geschicklichkeit und lasse ihn grüfseu. Er gönne dem Kur- 
fürsten, dafs er diesen gelehrten Mann bei sich habe, und meine, die 
Nachwelt werde zu rühmen wissen, dafs er diesen zur Zeit 

Neues Archiv f. S. G. u. A. XV. 3. 4. 15 



226 S- IMeib: 

führung des Interims verwendet habe, und spracli die 
Erwartung aus, dals er in Zukunft gewils allem treu 
nachsetzen werde*'"'"'). 

Am 10. April 1549 erschienen hervorragende Land- 
räte und Vertreter der Ritterschaft sowie die namhaf- 
testen Theologen in Torgau, um über die neue Kirchen- 
ordnung zu beraten; auch die beiden Bischöfe wurden 
erwartet. Nach erfolgter Aufforderung, sich darüber zu 
erklären, ob die Kirchenordnung also im Drucke erscheinen 
könne, entschuldigten sich die Versammelten (aulser den 
Theologen) damit, dals sie aufser Stande seien, im Namen 
der gesamten Laiidstände zu raten , weil sie dazu in 
Leipzig keinen Befehl erhalten hätten. Darauf liels 
Kurfürst Moritz sie ersuchen, als Diener und Unterthanen 
ihre Meinung kundzugeben. Willig lasen sie nun die 
neue Kirchenordnung ileiisig und gründlich. Da sie aber 
ungefähr dreihundert geschriebene Blätter zählte, so dau- 
erte die Durchsicht länger als dem Landesherrn erwünscht 
war; man hörte von seiner Ungeduld und bat, den Ver- 
zug gnädig zu entschuldigen. Zuletzt erklärten alle"**), 
dals in der vorgelegten Kirchenordnung viele gute Lehren 
und christliche Unterweisungen enthalten seien; doch finde 
man auch etliche Artikel darin, die in Leipzig niemand 
erörtert oder erwähnt habe. Daher erscheine es ratsam, 
dafs der Kurfürst nochmals die vortrefflichsten Theologen 
und alle Superintendenten des Landes zur sorgfältigen 
Beratung zusammenberufe, ob die neue Agende im vollen 
Einklänge mit dem Worte Gottes und mit den Leipziger 
Artikeln stehe. Was alle Theologen guthielsen, dafs 
würden die Landstände zweifellos annehmen und dulden. 
Dadurch verhüte man heftigen Streit und Zank unter den 
Theologen, Superintendenten, Pfarrern und Predigern 
und beuge ungleichen Predigten und unziemlichen Hetzereien 
im Volke vor. 

Durch solche Einwendungen, Vorschläge und Vor- 
stellungen wurde Kurfürst Moritz so erbittert, dals er 
die Befragten vor sich fordern und ihnen durch den Kanzler 



«vornelimsten ]\Ianii hoviret und erhalten" habe. Dresden, TjOc. 8238 
Magister Franz Krams Scliriften an ^loritz 1549. 

"■'■') Des Kaiseis Brief wurde dem kurfürstlichen Rat Christof 
von Carlowitz nach Prag nachgeschickt, damit er ihn am königlichen 
Hofe verwerte. 

"") ^lan wollte Beeinflnssungen von Seiten eines Theologen 
beobachtet haben. 



l)as Interim in Sachsen 1548—52. 227 

Dr. Fachs — der es mit Freuden that — solche unnütze 
Worte geben liefs, dafö es allen höchst mifsflel und jeder 
darüber nachdachte, wie er ein anderes Mal daheim 
bleiben könnte*'^). 

Obgleich die Theologen anzeigten, dals die neue 
Kirchenordnung alle nötigen Stücke der rechten und reinen 
christlichen Lehre enthalte, auch keine neuen Ceremonien 
einführe — nur um der allgemeinen Gleichheit und Ord- 
nung willen seien einige in etwas andere Form gebracht 
worden — , so blieb doch jede weitere Verhandlung nutz- 
los und wurde rasch abgeschnitten*^^). 

Die plötzliche Wendung aber trat nicht allein infolge 
der eben erwähnten kräftigen Opposition ein, sondern auch 
infolge der aus einem eintreffenden Briefe ersichtlichen 
Stellung und Haltung des Bischofs von Naumburg zur 
neuen Kirchenordnung *'^). 

Bischof Pflug, der ki-ankheitshalber vom Tage zu 
Torgau fernblieb, hielt es keineswegs für geraten, die 
neue Agende in der ausgearbeiteten Form unter die Leute 
zu bringen, da sie mit dem kaiserlichen Interim gar nicht 
übereinstimme und die Veröffentlichung jeder abweichen- 
den ßeligionsordnung nur mit Zustimmung des Kaisers 
geschehen könne, der sich ausdrücklich vorbelialten habe, 
in allen Dingen Mals und Form zu geben. Schwere 
Folgen werde die Milsachtung der kaiserliche Deklaration 
nach sich ziehen. Wolle er selbst (der Bischof) nicht 
wider Pflicht und Gewissen handeln, dann könne er die 
Veröffentlichung weder raten noch bewilligen^''). 

Darauf lud der Kurfürst den Bischof ein, Ostern 
nach Torgau zu kommen, und setzte fest, dafs sich die 
Theologen , Superintendenten und Pastoren Ende April 
in Grimma versammeln sollten, um nochmals die neue 
Kirchenordnung ernstlich zu prüfen. 



•*■') Bericht Melchiors von Osse in seinem Handelhuch Bl. 110, 
Eigentum der königlichen öffentlichen Bibliothek zu Dresden. 

*^*) Bald darauf siedelte Professor Flacius von Wittenberg nach 
Magdeburg über und fachte mit Amsdorf, Gallus u. a. den bekannten 
Sturm der Streit- und Schmähschriften gegen das Interim und seine 
Förderer an. 

^^) Dresden, Loc. 7434: Torgauer und Grimmischer Tag etc. 1549 
Bl. 8 flg. Brief vom 8. April Bl. 14. 

™) In gleicher Weise schrieb der Bischof von Meifsen, der die 
Kirchenordnung zu spät erhalten hatte, um sie zu lesen und zu 
prüfen und aufserdem noch rechtzeitig in Torgau zu erscheinen. 
Briefe vom 8. und 11. April; der zweite kam am 14. in Torgau an. 

15* 



228 S. IfsleiL: 

Wegen dauernder Krankheit aber blieb der Bischof 
auch Ostern fern; docli wiederholte er seine Warnung, die 
neue Agende ohne AVissen und Zustimmung des Kaisers 
zu veröif entlichen. 

Dazu kam der Bericht Christofs von Carlowitz über 
seine in Prag geführten Verhandlungen'^^). König Fer- 
dinand hatte einerseits eifrig ermahnt, die Einführung des 
Interims ohne Verzug weiter zu betreiben, andererseits 
aber vor jeder Abweichung von der kaiserlichen Religions- 
ordnung ernstlich gewarilt. Keinesfalls sollte sich der 
Kurfürst unterfangen, eigenmächtig einzelne Artikel ab- 
ändern zu lassen. Dagegen versprach der König, keinen 
Fleils zu sparen und beim Kaiser darauf zu dringen, dals 
die Bischöfe den nötigen Indult möglichst bald erhalten 
möchten'-). 

In dieser schwierigen Lage fragte der Kurfürst seine 
vertrauten Räte um ihre Meinung und fügte sich der aus- 
gesprochenen und wohlbegriindeten Ansicht, dais die 
Veröffentlichung der neuen Kirchenordnung vor- 
läufig nicht stattfinden dürfe. Nur einige Mittel- 
dinge, etwa die Feiertage, die Psalmodien, die Eleva- 
tionen, der Chorrock und das Meisgewand, die keinen 
sonderlichen Streit erregen W'ürden, sollten herausgehoben, 
mit dem kaiserlichen Interim in Einklang gebracht und vor 
der allgemeinen Veröffentlichung dem Könige und Kaiser 
zur Billigung zugeschickt werden. Auf die Frage, unter 
welchem Vorwande man die nach Grimma berufenen 
Superintendenten und Prediger wieder auseinandergehen 
lassen könne, entgegneten etliche, dalis man guten Grund 
dazu haben werde, wenn sie vielleicht über etliche Artikel 
untereinander stritten. Geschehe das nicht, dann möge 
man sagen, es sei überaus schwierig und fast unmöglich, 
alles auf einmal auszuführen, es müsse eins nach dem 
anderen vorgenommen werden. Darum wolle man zunächst 



*') Carlowitz verhandelte vom 3. bis 11. April 1549 über das Interim, 
über territoriale Auseinandersetzungen, sowie über die Vollziehung 
der Acht gegen Magdeburg. Dresden, Loc.9150 I, Bl. 260. 

Am 15. April befahl der Kaiser den jungen Landgrafen von 
Hessen, das Interim stracks einzuführen. 

"''^j Papst Paul III. bewilligte zunächst ungenügende Voll- 
machten — Fakultäten — ; endlich liefs er sich die für die Länder 
der neuen Lehre unentbehrlichen abringen, doch starb er, ehe sie 
zur Geltung kamen. D ruf fei I, No. 300, 308 (S. 237), 310, 315, 333,. 



347 flg 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 229 

mit etlichen Artikeln anfangen niid mittlerweile sehen, 
was die Nachbarländer tliun würden''^). 

Als nun der Verhandlung'stag in Grimma nahte ^'*) 
und die Theologen, Superintendenten und Pastoren die 
neue Kirchenordnung guthiefsen und allerlei Vorschläge 
über ihre Einführung geltend machten, eröffneten ihnen 
die beiden anwesenden kurfürstlichen Räte, dafs der 
Druck der Agende wichtiger Gründe halber vorläufig 
unterbleiben müsse; doch sollten einige Exemplare für 
die Superintendenten abgeschrieben werden, damit sie 
alles nach und nach einführen und überwachen könnten. 
Der Kurfürst, bezeugten sie, habe niemals die Absicht 
gehabt, irgend welche Veränderung in der reinen Lehre 
oder in den Haupt artik ein herbeizufülu^en. Doch um des 
Friedens willen müsse man in dem, was mit Gott und 
gutem Gewissen möglich sei, nachgeben; dabei handle es 
sich nur um Feste, Kleidung, Lektion und andere äulser- 
liche Gebräuche. Darauf billigten alle, dafs nichts über- 
eilt und die Mitteldinge ganz allmählich eingeführt werden 
sollten ^•^). 

Während eines dreiwöchentlichen Besuches am könig- 
lichen Hofe zu Prag — Juni 1549 — vertröstete Kur- 
fürst Moritz den König, dals die Einführung des 
Interims einen guten Verlauf nehme; doch sei es unmög- 
lich, alles auf einmal durchzusetzen. Man müsse Geduld 
haben. Sein Thun und Handeln finde die gröfste Gegner- 
schaft in Weimar und Magdeburg"*^). 
. Heimgekehrt liefe er dann auf Melanchthons Rat") 



'3) Ein öffentliches Ausschreiben sollte das Schelten und Schmähen 
auf den Kanzeln verbieten und alles unnötige Schreiben an andere 
Leute untersagen. 

''^) In jenen Tagen war Christof von Carlowitz beim Bischöfe 
von Naumburg, um ihn vor allen Dingen wegen der Schmähschrift 
des „Christian Lauterwahr" zu beruliigen. Der Bischof, der eine 
Gegenschrift zu veröffentlichen beabsichtigte, bestand darauf, dafs die 
mit ihm einst in Pegau gewesenen kurfürstlichen Räte wegen seiner 
Aussagen verhört würden. Wiederholt und dringend ersucht, befahl 
Kurfürst Moritz am 29. August 1549, das Verhör stattfinden zu lassen. 

"5) Den 2. Juni 1549, Sonntag Exaudi, sollte der Chorrock in 
Torgau eingeführt werden ; allein Michael Schultheis u. a. weigerten 
sich, ihn zu tragen. Dresden, Loc. 7434, Torgauer und Grimmischer 
Tag etc. Bl. 62. Der damals beginnende Chorrockstreit ist 
bekannt. 

'6) D ruffei I, No. 308. 

") Dresden, Loc. 7434; Torgauer und Grimmischer Tag Bl. 97. 
Damals klagte Melanchthon über sehr giftige Reden, Schriften, Pre- 
digten, Gedichte und Schandgemälde der Gegner in Magdeburg, Halle, 



230 S. Ifsleib: 

einen Auszug- aus den Leipziger Artikeln _ über Taufe, 
Konfirmatiun , Bulse, Beichte, Absolution, Ölung, Ehe, 
Messe, Abendmahl, Feiertage, Priesterkleidung, Kirchen- 
zucht etc. machen, um ihn in Form kurzer Befehle zu 
veröffentlichen"). Obgleich der Gelehrte die Form des 
Auszuges billigte, so hielt er doch für nötig und gut, 
mit etlichen Artikeln nicht zu eilen. Daher geschah es'^), 
dafs erst Ende September 1549 die gedruckten Exemplare 
an die Dekane und Doktoren der heiligen Schrift in 
Wittenberg und Leipzig und an die Konsistorien geschickt 
wurden, um im Oktober an die Superintendenten und 
Pfarrer zu gelangen. Die Konsistorien^") und Univei'si- 
täten erhielten auch Abschriften von der neuen Kirchen- 
ordnung, damit sie den Superintendenten und Pfarrern 
jederzeit genügende Auskunft über die Lehre, Ceremonien, 
Gesänge etc. geben könnten. Alle Vorgesetzten sollten 
dafür sorgen, dafs die Artikel des Auszuges befolgt 
würden, damit Einheit und Gleichheit in allen Kirchen 
des Landes herrsche. 

Als am 16. Dezember 1549 in Leipzig nochmals 
eine Beratung über die neue Agende und über den ver- 
öffentlichten Auszug stattfand, verlangten die erschienenen 
Superintendenten, Pastoren und Pfarrer einmütig und 
eifrig die Veröffentlichung der Kirchenordnung, damit 
sich auch andere Länder darnach richten könnten. Wenn 
es für den Kurfürsten bedenklich sei, dann möge der 
Druck im Namen der Theologen ausgehen. Fast alle 
Leute würden die neue Agende hassen, wenn sie nicht 
Wülsten, was darin stände. Der Auszug errege Verdacht 
und werde wegen seiner dunklen Kürze viele Irrtümer 
hervorrufen; er sei gefährlich, weil sein Text leicht nach 
zwei Richtungen ausgelegt werden könnte. Ohne gedruckte 



Erfurt, in Niedersachsen, Preufsen und Dänemark. Trotzdem konnte 
er an Christian ] II. von Diineniiirk schreiben, dafs in den Kirchen 
zu IMcifsen, Tliüringen und Sachsen noch keine Vercänderung' in der 
lichie oder in den Ceremonien vorgenommen worden sei. Corp. 
rcform. VII, 4.S6. 

'8) Gleichzeitig wurde ein Ausschreiben au die Amtsleute und 
Befehlshaber von der Ritterschaft ausgcarlieitet, das liefahl, darüber 
zu wachen, dafs die veröffentlichten Artikel ausgeführt werden sollten, 
ohne alte Mifsbi'äuche wieder aufzurichten. 

■'") Jedenfalls sp)'ach Kurfürst Moritz im August 1549 mit König 
Ferdinand über den Auszug während der im Zschopaugebiete abge- 
halteneu .lagden. 

»",1 In Wittenberg, Meifsen und Leipzig (statt Merseburg). 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 231 

Kirchenordnung sei kein einheitlicher Gottesdienst mög- 
lich. Mündliche Auslegung und Unterweisung helfe nichts ; 
jeder deute dann wie früher alles nach seinem Gutdünken 
und Gefallen. Man solle die Pfarrer nur bis Ostern 1550 
an den Auszug binden, dann möge die gedruckte Kirchen- 
ordnung eingeführt werden. 

Trotz dieser Bitten und Vorstellungen wurde die 
Kirchenordnung nicht veröffentlicht^^); alles blieb 
beim Alten. Zwar liefs der Kurfürst einige geringfügige 
Mitteldinge einführen; allein das Interim gewann keinen 
Boden in Sachsen. Wichtige Zeiten drängten heran. 

Kaiser Karl V. suchte die vom Papste Julius III.'*-) 
bewilligte Wiedereröffnung des Trienter Konziles zu Stande 
zu bringen und berief im März 1550 einen Reichstag 
nach Augsburg, wozu er die Kurfürsten ganz besonders 
einladen liefs ^"). 

Indessen hatten sich Kurfürst Moritz und Joachim 
wegen der noch dauernden Gefangenschaft des Land- 
grafen von Hessen verständigt, den Reichstag persönlich 
nicht zu besuchen; doch schickten sie ihre Eäte, um allen 
Verhandlungen beizuwohnen. 

In der Reichstagsvorlage vom 26. Juli^*) erinnerte 
der Kaiser die Reichsstände daran, dals sie einst ein 
christliches allgemeines Konzil für den besten Weg zur 
Lösung der Religionsfrage gehalten und die Wiederein- 
berufung der allgemeinen Kirchenversammlung nach Trient 
bewilligt hätten. Nun sollte mit Hilfe des neuen Papstes 
das Konzil zu Trient fortgesetzt werden. Darauf erhob 
er grofse und vorwurfsvolle Klage darüber, dals weder 
das Interim noch die „Reformation des geistlichen Standes" 
ausgeführt worden sei. Etliche Reichsstände hätten die 
Annahme des Interims geradezu verweigert, andere die 
Einführung mit Absicht verzögert, andere gar wenig 



**') Erst in neuester Zeit gelangte sie in den Druck: E. Fried- 
berg, Agenda wie es in den Cliurf. zu Sachsen Landen in den Kirchen 
gehalten wird (Halle 1869). 

82) Die Kardinalbischöfe von Augsburg und Trient wünschten, 
dafs Moritz den neuen Papst beglück wünsch en lassen sollte; 
allein er lehnte das Ansinnen ab. Dresden, Loc. 10324, Trientisch 
Concilium etc. Bl. 4. Druffel I, No. 401, 431 ; Sinnacher, Sähen 
und Brixen 7, 429 und Schönherr, Moritz' Einfall in Tirol S. 3. 

^^) Die Einladuno- vom 13. März erreichte erst am 3. August 
den Kurfürsten in Freiberg. 

^) Dresden, Loc. 10188: Protokoll auf dem Reichstage zu 
Augsburg 1550—51; Druffel I, 454 flg. 



232 S. Ifsleib: 

dafür getlian. Jetzt sollten die versammelten Reichs- 
stände raten, was geschehen müsse, um das Interim und 
die Reformationsformel durchzuführen. 

Die Mehrheit der Reichsstände erklärte sich für die 
Fortsetzung des Trienter Konziles und stellte dem Kaiser 
anheim, nach seinem Ermessen und Gutdünken die saum- 
seligen Stände zur Annahme und Beobachtung des In- 
terims und der Reformationsformel zu nötigen. 

Die kursächsischen Räte^') betonten ohne Wanken, 
dafs das einzuberufende Konzil ein allgemeines freies und 
christliches sein müsse, und dafs auch die Stände des 
augsburgischen Bekenntnisses dahin zu berufen und mit 
sicherem Geleite für die Hin- und Rückreise zu versehen 
seien. Die früher in Trient gebilligten Artikel mülsten 
von neuem erörtert werden, weil die meisten christlichen 
Nationen und die evangelischen Stände damals nicht zu- 
gegen gewesen wären. Es sei darauf zu sehen und hin- 
zuarbeiten, dafs endlich einmal eine nützliche Reformation 
an Haupt und Gliedern vollzogen und alle Milsbräuche 
und unrechten Lehren abgeschafft würden. Alle Ver- 
handlungen müfsten gemäfs der göttlichen und apostolischen 
Schrift gottselig und christlich stattfinden. Der Papst 
dürfe, da er JPartei sei, keinen Vorsitz führen. Solle die 
allgemeine Kirchenversammlung wirklich stattfinden, dann 
erscheine es nicht ratsam, die Einführung des Interims, 
das doch nur bis zur Entscheidung des Konziles Be- 
rechtigung und Geltung habe, mit Gewalt zu erzwingen. 

Von der kaiserlichen Vorlage und von den ersten 
reichsständischen Beratungen in Kenntnis gesetzt, beeilte 
sich Kurfürst Moritz mit seinen vornehmsten Hof- und 
Landräten in Dresden zu beraten, welche Stellung man 
fortan behaupten müsse ^''). 

Alle entschieden sich für ein allgemeines freies christ- 
liches Konzil und verlangten Teilnahme der Stände des 
augsburgischen Bekenntnisses, sowie die Wiederberatung 
der früher verhandelten Artikel, Entscheidung nach dem 
Worte Gottes und gründliche Reform an Haupt und Gliedern. 
Das Interim sollte nicht mit Gewalt aufgenötigt, son- 



®'^) Den Sachsen schlössen sich die Kurpfälzer an, während sich 
der kui-briuulcnbnigische Rat Dr. .Tung interiinsfreundlich zurückhielt, 
so dafs „auf ihn kein Verlafs war". Druffel I, No. 471. 

^^) Die Beratungen dauerten vom 17. bis 20. August IS'jO, 
Dresden, Loc. 10188: Schreiben von Moritz an Räte etc. 1550 Bl. 1 flg. 
und 10298: Interim dorn. II Bl. 282. 



Das Interim in Sachsen 1548—52. 233 

dem wegen der bevorstehenden Kirchenversammlnng er- 
lassen werden; denn es habe genug Streit und Zank, Un- 
mut und Ungeduld erregt und sei beim Volke nicht durch- 
zusetzen. Eingedenk der früheren Zusage möge der Kaiser 
Avenigstens bis zur Tagung des Konziles Geduld haben 
und zufrieden sein, wenn die Hauptlehren des allgemeinen 
Glaubens, die Sakramente und die vornehmsten Ceremo- 
nien christlich gehalten würden. Abgesehen vom Kanon 
der Messe übe man in Sachsen die christliche Lehre, die 
Sakramente, Beichte, Gesänge und Oeremonien ehrlich 
und gottselig. Vor dem Konzile solle auch jede Verände- 
rung hinsichtlich der geistlichen Güter und Jurisdiktion 
unterbleiben. 

Als der Kurfürst kundgab, dals er zufolge wieder- 
holter Aufforderung von Seiten des Kaisers den Reichs- 
tag zu besuchen beabsichtige, da baten ihn die Räte, wegen 
der entstehenden grofsen Kosten und der sorgenvollen 
Unruhen in Norddeutschland lieber im Lande zu bleiben. 
Um allerlei lautgewordene und ängstliche Befürchtungen 
zu benehmen , gab er die beruhigende Versicherung, dafs 
er sich keinen Anhang verschaffen, auch nicht mit dem 
Kaiser und König brechen, sondern wenn irgend möglich 
in Ruhe und Frieden leben wolle. 

Unbekümmert um jede bedenkliche Nachricht von 
Augsburg, dals der Kaiser sein Ansehen im Reiche rück- 
sichtslos geltend machen wolle, hielt der Kurfürst an der 
von seinen Räten gestützten Meinung über Konzil und 
Literim fest^'') und liels im Reichsrate ohne Scheu alle 
Gründe vortragen , warum es durchaus ratsam sei, in reli- 
giösen Dingen rücksichtsvolle Nachsicht und Milde zu 
zu üben. Gewaltsame Einführung des Interims errege 
Aufruhr und Empörung ; nur ein allgemeines freies christ- 
liches Konzil vermöge dem religiösen Zwiespalte im 
Reiche abzuhelfend^). 



ST) Die Haltung des Kurfürsten erregte freudiges Aufsehen im 
Reiche. Der etwas entfremdete Markgraf Hans näherte sich ihm 
wieder und nahm Teil an den Verhandlungen mit Magdeburg. 

88) Noch im Oktober wollte der Kaiser das Interim und die 
Reforraationsformel mit Gewalt durchführen , dann wurde er milder, 
1 edenfall s wegen des Krieges gegen Magdeburg und der unruhigen 
Bewegungen in Norddeutschland. — Am 17. Oktober übergab er dem 
neuen Bischof von Merseburg die Regalien, worauf dieser vom Bistume 
Besitz nahm, das Fürst Georg von Anhalt bereits verlassen hatte. 
Im Bistume Meifsen folgte auf Johannes VIII. Nikolaus von Carlowitz 
von 1550—55. 



234 S. IMeib: 

Nach erreichter Verständigung mit dem Papste stellte 
Karl V. am 14. Februar 1551 ^'*) die Berufung des Kon- 
ziles nach Trient in nahe Aussicht. Auch die Stände 
des augsburgischen Bekenntnisses sollten eingeladen und 
sicher geleitet werden, aber das Interim sollte bis zum 
Schlüsse der Kirchenversammlung in Kraft bleiben. 

Als dann die kaiserliche Einladung zum Trienter Kon- 
zile am 24. April in Dresden eingetroffen war"'"), gebot 
der Kurfürst seinen liäten, mit den Theologen darüber 
in Beratung zu treten. 



& 



Melanchthon war der Meinung'"), dals man das 
Konzil beschicken und die neue Lehre gemäls dem augs- 
burgischen Bekenntnisse offen vertreten müsse. Nicht die 
Fürsten sollten Schriften übergeben lassen, sondern die 
Theologen, um anzuzeigen, was sie gelehrt hätten. Über- 
aus nützlich erscheine es, Avenn sich alle Theologen in 
Sachsen, Inder Mark, in Mecklenburg, Pommern, Württem- 
berg, Franken und anderen Ländern, sowie in den ober- 
und niederdeutschen Städten einträchtig darüber ver- 
glichen, was man dem Konzile vorlegen wolle, damit die 
fremden Nationen sehen könnten, dals die Lehre der 
evangelischen Kirche nicht eine zerrissene Verwirrung, 
sondern eine einmütige Wahrheit sei. 

Der glückliche Gedanke Melanchthons fand unge- 
teilten Beifall und wurde auch vom Landesherrn eifrig 
erfalst. Während der Kurfürst mit den Nachbarstaaten 
und mit etlichen Städten emsige Verhandlungen über 
ehie allgemeine christliche Einigung anknüpfen liels, wan- 
derte Melanchthon nach Dessau und verfalste mit dem 
dort lebenden Fürst Georg von Anhalt das sogenannte 
sächsische Bekenntnis, das als eine Wiederholung 
der augsburgischen Konfession die Interimszeit hier und 

^°) Am 20. Februar 1.5.51 sclilofs Moritz mit dem Markgrafen Hans 
in Dresden ein Bündnis zum Sclu;tze der evangelischen Keligion. Um 
endlich aus dem Verdachte herauszukommen, als habe er vom Worte 
Gottes abfallen wollen, versicherte er an Eidesstatt, dafs er das augs- 
burgische Bekeimtnis treu halten und jederzeit verteidigen und gegen 
das Trientoi' Konzil protestieren wolle. — Am 20. März befahl Karl V. 
dem Markgrafen, das Interim anzunehmen. Berlin, .11. 13. 5a 2. Bl. 73. 

"") Am 8. April 1551 gebot der Kaiser kraft seiner höchsten 
Reichsgevvalt allen Fürsten, die von der römischen Kirche abge- 
wichen waren, dafs sie ihre Theologen nach Trient schicken sollten, 
um von ihren Lehren Rechenschaft zu geben und anzuzeigen, 
warum sie sich von der römischen Kirche abgesondert hätten etc. 

»») Dre.sden, Loc. 10324: Trientisch Concilium a. 1551— .52; 
D ruf fei III, No. 728, S. 228 tig. 



Das Interim in Sachsen 1548 — 52. 235 

da durchblicken liefs^^). Ende Mai legte er die Schrift 
der kurfürstlichen Regierung vor, die einzelne Stellen 
malsvoll abänderte. Dann nahmen die Theologen der 
beiden Universitäten, die Superintendenten und Pastoren 
das Bekenntnis nach kurzer Beratung in Wittenberg am 
9. Juli 1551 einmütig an-'-^). 

Entschlossen, das Konzil zu beschicken, verlangte 
der Kurfürst für seine Theologen aufser dem im Früh- 
jahre 1551 zugeschickten kaiserlichen Geleite noch ein Geleit 
vom Konzile und zwar in aller Form, wie es einst die 
Böhmen nach Basel erhalten hatten. Er bekämpfte den 
Vorsitz des päpstlichen Legaten und forderte freie Ver- 
handlung auf Grund der heiligen Schrift. Im Oktober 
schickte er Bufler nach Trient''^), um für die Theologen 
Herberge zu bestellen und über den Gang und Verlauf 
des Konziles zu berichten. Als wenige Wochen später 
ein Pergamentbrief ohne Siegel eintraf, der dem Baseler 
Geleit nicht entsprach, so hielt er die Theologen zurück und 
beauftragte die Räte Koller und Badhorn, das beantragte 
Geleit in Trient auszuwirken und den sächsischen Gottes- 
gelehrten einen sicheren Weg zur allgemeinen Kirchen- 
versammlung zu bereiten""''^). Dann bat er den Kaiser, 
ihm nicht zu verargen , wenn er bei der Wichtigkeit der 
Sache jede Übereilung vermeide. Bald würden seine Räte 
in Trient sein, und in wenigen Tagen sollten sich die 
Theologen auf den Weg machen, um günstigenfalls das 
Konzil rasch zu besuchen^*'). 

Im Januar 1552 erhielten Melanchthon und zwei 
Theologen Befehl, vorläufig bis Nürnberg zu ziehen. Dann 
fragte der Kurfürst seine Anfangs März in Torgau versam- 
melten Landstände, ob die Abgefertigten nach Trient 
reisen sollten oder nicht, da man weder die Zurücknahme der 



92) Corp. reform. VII, 787. 

'■>^) Auch die anwesenden Vertreter des Markgrafen Hans billigten 
es. Dem Könige von Dänemark sandte man eine Abschrift. Später 
gaben die Geistlichen der Herzöge von Mecklenburg imd Pommern und 
des jungen Markgrafen Georg Friedrich von Ansbach ihr Einverständnis 
zu erkennen. Kurfürst Joachim fand immer mehr Gefallen am In- 
terim und wollte, wie sein Rat von der Strafsen an den neuen Bischof 
von Merseburg schrieb, dadurch selig werden. Da Michael Heiding 
in Merseburg "anfing, die Pfarrer zu beschweren und zu verjagen, so 
mufste Moritz als Schiitzherr des Stiftes Einhalt gebieten. 

■'*) Siehe diese Zeitschrift VI, 234undVJI, 2, 5 flg.: S. Ifsleib, 
Moritz von Sachsen gegen Karl V. 

9-^) Druffel I,No. 841. 

9ö) Ranke V, 97. 



236 S. Ifsleib: Das Interim in Sachsen 1548—52. 

früheren Beschlüsse noch die Unterwerfung des Papstes 
unter das Konzil, noch genügendes und sicheres Geleit 
erreicht habe. Die Landstände, die das zugeschickte Geleit 
für genügend hielten, baten, die Theologen nach Trient 
ziehen zu lassen ; denn \venn sie der Kurfürst wieder zu- 
rückrufe, dann heifse es, man getraue sich nicht, die neue 
Lehre auf Grund der heiligen Schrift zu verteidigen, und 
die Verdammung des augsburgischen Bekenntnisses werde 
erfolgen. Da die anderen evangelischen Stände, die sich 
nach Kursachsen gerichtet, nach Trient geschickt hätten, 
so sei es unverantwortlich, wenn gerade durch Sachsen 
die evangelische Lehre gefährdet und das allgemeine 
christliche Werk gehindert werde. Sei jedoch eine Em- 
pörung im Reiche zu befürchten, dann sollten die Theo- 
logen nicht nach Trient gesandt und zu Märtyrern ge- 
macht werden; jedoch möchten sie ihr Bekenntnis an das 
Konzil schicken und ihr Ausbleiben entschuldigen. 

Darauf zeigte der Kurfürst im Landtagsabschiede 
an, dals schon am 19. März die letzte Konzilsitzung statt- 
finden solle und die Württemberger neben anderen Avieder 
heimgekehrt seien. Wegen der vorhandenen Kriegsuni'uhen 
dürfe man die Theologen nicht in Gefahr setzen^'). 

Wenige Tage später begann Moritz den bekannten 
Kriegszug gegen den Kaiser „wegen der Religion und 
des Konzils, wegen der Gefangenschaft des Landgrafen 
und Avegen der unterdrückten Freiheit der deutschen 
Nation '•'«)". 



) Unverweilt -^nirden sie zurückgerufen. 



97 

•**) So schrieb am 10. März 1552 Herzog August an seinen 
Schwiegervater Christian III. von Dänemark. Dresden, Loc. 7977: 
Denuemark I, El. 244. 



VIII. 

Der Passauer Vertrag 
und seine Bedeutung für die nächstfolgende Zeit. 

Von 
Gustav Wolf. 



Schon oft ist die Frage aufgeworfen worden, welche 
Ziele Kurfürst Moritz bei und nach seiner Erhebung 
gegen Karl V. geleitet haben. Obgleich das Eätsel in- 
folge der Katastrophe von Sievershausen unlösbar ist , so 
vei'danken wir seiner Erörterung doch eine Eeihe wert- 
voller Studien über die Geschichte jener Tage. Namentlich 
hat Ifsleib die umfassenden Bestände des Dresdner Archivs 
durchforscht, viele Lücken aus aufsersächsischen Akten 
ergänzt und seine Ergebnisse in verschiedenen Aufsätzen 
niedergelegt, welche eine Fülle brauchbaren Materials 
enthalten^). Dasselbe ist seitdem noch mehrfach ver- 
vollständigt worden. Trefftz hat sich mit den Bezie- 
hungen zwischen Moritz und Frankreich beschäftigt-). 
Bärge hat kürzlich eine Arbeit über die Verhandlungen 
von Linz und Passau veröffentlicht, von der ich an 
anderer Stelle reden werde •^). Von katholischer Seite 
liegen die Berichte des späteren Kardinals Damula, der 



1) Die Arbeiten Ifsleibs hier aufzuzählen, halte ich für un- 
nötig, da sie sämtlich in den Mitteilungen des Königlich Sächsischen 
Alterthumvereins und in Webers resp. im Neuen Archiv für sächsische 
Geschichte erschienen sind. Aufser den im Register des 12. Bandes 
verzeichneten Abhandlungen kommt noch „die Gefangenschaft des 
Landgrafen Philipp von Hessen" (XIV, 211 f.) in Betracht. 

'•') Trefftz, Kursachsen u. Frankreich 1552— 57 (Leipzig 1891). 

^) Bärge, Die Verhandlungen in Linz u. Passau (Stralsund 1893). 



238 Gustav Wolf: 

in jener kritischen Zeit als venetianischer Gesandter in 
des Kaisers Umgebung weilte, vor^). So sind wir also in 
den Stand gesetzt, präziser als bisher das Gesamtbild 
der damaligen Verhältnisse zu fixieren. Bei diesem Ver- 
suche , für welchen mir aufser der neueren Litteratur auch 
ein reichhaltiges, bisher unbenutztes archivalisches Ma- 
terial ''•) zu Gebote steht, will ich nicht nach Art meiner 
Vorgänger aufs neue die Situation möglichst detailliert 
darstellen, sondern einige Gesichtspunkte herausgreifen, 
deren Beleuchtung mir fiir die Kenntnis jener Zeit not- 
wendig erscheint. 

Noch immer begegnen wir der Anschauung, dals Kur- 
fürst Moritz durch seinen Siegeslauf Kaiser und Reich in 
Schrecken gesetzt und zu den wichtigen prinzipiellen 
Konzessionen genötigt habe, durch welchen ein neuer 
Abschnitt der deutschen Geschichte, die Zeit der konfes- 
sionellen Gleichberechtigung, eröffnet worden sei. Diese 
Auffassung stützt sich auf die Bedeutung, welche der 
Passauer Vertrag durch spätere, bei seinem xlbschlusse 
jedoch nicht vorauszusehende Ereignisse erlangt hat; sie 
erscheint aber als ein Anachronismus, wenn wir die 
letzteren aulser Betracht lassen und uns auf die Situa- 
tion beschränken, welche den Politikern von 1552 vor 
x\ugen lag. 

Erörtern wir zunächst die Ereignisse, welche dem 
Abschlüsse des Passauer Vertrags vorausgingen. Der 
Vormarsch der Aufständischen nach Tirol hatte eine für 
Karl persönlich sehr empfindliche, von den Urhebern 
jedoch nicht beabsichtigte Folge; die Kirchenväter von 
Trient benutzten die That als Vorwand, um wegen an- 
geblich bedrohter Sicherheit auseinanderzugehen. Dagegen 
war der eigentliche Zweck des Kurfürsten Moritz und 
seiner Freunde nicht erreicht worden; der Kaiser war 
aus Innsbruck nach Villach entkommen und durch eineu 
Weitermarsch nach Kärnthen hätten sich Karls Gegner 



•') Venetianische Depeschen vom Kaiserhofe, herausgegeben- 
von Büdinger und Turba, Band ii. 

■') Ich hebe besonders hervor aus dem Wiener Archiv die Ab- 
teihingen Keichssachen in genere und Berichte aus dem Reich. In 
den Mainzer lleligionsakten (gleichfalls in Wien) befindet sich ein 
so viel ich sehe noch nicht benutztes Protokoll der Passauer Ver- 
handlungen. Ein el)ensolches, weder von Druffel noch von Bärge 
benutztes Protokoll und zwar von der Hand Jjambert Distelmeiers im 
Berliner Archiv. Sehr wertvolle Notizen enthält ferner die Littera- 
liensammlnng des Augsburger Stadtarchivs. 



Der Passauer Vertrag. 239 

ZU weit von der Operationsbasis entfernt und die Rückzugs- 
linie gefährdet. Eine grolse strategische Bedeutung konnte 
daher dem Streifzuge nicht beigemessen werden, denn 
wenn bereits ein hervorragender kaiserlicher Feldherr des 
schmalkaldischen Krieges der Einnahme der Ehrenberger 
Klause einen geringen Wert zugeschrieben hatte, so war 
gegenwärtig schon wegen der numerischen Schwäche des 
aufständischen Heeres die Tiroler Position gegen etwaige 
energische Angriffe nicht haltbar. 

Die Stimmung war denn auch in Karls Umgebung 
durchaus keine resignierte. Wenn der Kaiser infolge 
seiner Unbeliebtheit bei katholischen und protestantischen 
Ständen und infolge seiner finanziellen Notlage nicht 
rechtzeitige Vorkehrungen gegen die Pläne des säch- 
sischen Kurfürsten getroffen hatte, so war er doch 
keineswegs geneigt gewesen, die Flinte ins Korn zu 
werfen und hatte sich schon vor der Einnahme der 
Ehrenberger Klause zum Widerstand entschlossen. Die 
Ankunft grölserer Geldsendungen aus Italien hatte ihn 
in seiner Absicht bestärkt und der Unthätigkeit ein Ende 
bereitet, welche die pekuniären Verhältnisse verschuldet 
hatten. So entwarf denn Karl den Plan: die bevor- 
stehenden Passauer Verhandlungen nicht als ernstlichen 
Friedensversuch, sondern als Mittel zum Zeitgewinn zu 
betrachten und inzwischen sich mit Bundesgenossen und 
Truppen zu versehen*'). 

Schon im Oktober 1551 hatte Karl seinen Hof- 
marschall Böcklin von Böcklinsau zum Markgrafen von 
Küstrin geschickt und den ganzen Winter hindurch über 
eine Allianz verhandeln lassen. Markgraf Hans hatte 
zwar das Interim scharf bekämpft und zur Abwehr von 
Karls kirchlichen Plänen den Fürstenbund begründet; aus 
letzterem war er jedoch infolge Meinungsverschiedenheiten 
mit Moritz ausgeschieden und seitdem dessen erbitterter 
persönlicher Feind. Seine Hilfe erschien dem Kaiser 
um so wertvoller, weil sich der Markgraf guter Geld- 
quellen und grolser Beliebtheit erfreute und leicht Truppen 
zusammenbringen konnte und weil seine Parteinahme für 
den Kaiser etwaige religiöse Bedenken der protestantischen 
Bevölkerung zu beseitigen vermochte^). 



•"O Venetiaiiisclie Depeschen II, 5>4 flg. 

■'j U. a. Druffel, Briefe und Akten znr Reichsgeschichte II, 251 
und No. 1476. 



240 Gustav Wolf: 

Wichtiger nocli waren Karls Verhandlungen mit dem 
alten Kurfürsten Johann Friedrich, der durch sein Schick- 
sal und seine religiöse Standhaftigkeit Mitleid erregt 
hatte und im Gegensatz zu dem selbst in seinem 
Lande unpopulären Moritz auf die Liebe zahlreicher 
Anhänger rechnen durfte. Bereits im März erwartete 
er, dals die fortdauernde Feindschaft zwischen Karl 
und Moritz ihm die Freiheit verschaffen werde ^). Jedoch 
erst im Mai wurden ernstere Verabredungen gepflogen, 
an denen nicht nur die kaiserlichen Räte Granvelle 
und Seid, sondern auch die österreichischen Staats- 
männer Heinrich von Plauen, Haus Hofmaun und Obern- 
burger teilnahmen. Die Hoffnungen König Ferdinands 
auf ein Zustandekommen des Friedens waren äufserst 
gering; ein rasches Niederwerfen des Aufruhrs schien 
ihm am ehesten die baldige Wiederherstellung der liuhe, 
die er zur Abwehr der Türken nötig hatte, zu verbürgen. 
Deshalb unterstützte er eifrigst die Bemühungen seines 
Bruders um ein Bündnis mit Johann Friedrich und Hans. 

Noch in Innsbruck wurde dem ersteren eröffnet, 
dafs bei einem Scheitern der Passauer Verhandlungen 
Karl den Albertiner ächten und dem Ernestiner Kur und 
Exekution übertragen wolle und den Kurfürsten um ge- 
eignete Vorschläge bitte. Dieser ging mit Freuden 
darauf ein und diktierte Obernburger einen umfassenden 
Kriegsplan. Obgleich einzelne angegebene Mittel wie 
die Zurückführung Hermann von Wieds in das Kölner 
Erzbistum, eine weitgehende Religionsfreiheit, die An- 
erkennung des Preussenherzogs , eine Amnestie für alle 
kirchlichen Gegner Karls, die Aussöhnung mit dem 
Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg den kaiser- 
lichen Anschauungen ins Gesicht schlugen, so befähigte 
andererseits die langjährige Kenntnis von Land und 
Leuten Johann Friedrich zu Vorschlägen, deren Berück- 
sichtigung für den Vetter besonders verhängnisvoll werden 
mufste: Bearbeitung der kursächsischen Landschaft, 
Verabredungen mit einigen Bäten, „die bei Herzog 
August und Moritz am Brett sind", Unterhandlungen mit 
ersterem, dessen Verhältnis zum Bruder nicht immer das 
beste gewesen war und dessen dänische Verwandtschaft 
die kaiserliche Sache in Niederdeutschland zu fördern ver- 
mochte; August sollte durch die Hoffnung auf die alber- 



8) D ruffei II, No. 155Ü. 



• 



Der Passauer Vertrag. 241 

tinischen Stammlande mit Ausnahme Leipzigs gewonnen 
werden. Dagegen riet der Kurfürst, den hessischen 
Landgrafen erst nach der Niederlage des Vetters und 
auch dann nur unter erschwerenden Bedingungen frei- 
zulassen. Da endlich den Kaiser nichts so verhafst ge- 
macht hatte als die Verwendung fremder Soldaten gegen 
deutsche Fürsten, so empfahl der Ernestiner, welcher 
vor allem möglichst viele Reichsstände für Karls Sache 
zu gewinnen suchte, den Krieg diesmal ausschliefslich 
mit deutschen Kräften zu führen. Diesen Standpunkt 
eignete sich Karl freilich nicht vollständig an; vielmehr 
war er entschlossen, tiberall Hilfe zu suchen, wo er sie 
finden konnte. Aber er legte doch ein grölseres Gewicht 
als bisher auf die Deutschen, verwendete eine Reihe 
bekannter , von Johann Friedrich vorgeschlagener Führer 
und zog nach und nach am Bodensee ansehnliche Truppen- 
massen zusammen. 

Die Wahl dieser Gegend zu Mustei'ungen und Kon- 
zentrationen enthüllt uns Karls strategischen Plan. Die 
Soldaten sollten von Lindau aus nach Oberdeutschland 
ziehen und einerseits die dortigen reichen Städte okku- 
pieren, andererseits den nördlichen Zugang zum Fernpafs 
bewachen, damit die italienischen Truppen, welche aus 
dem Eugadin und dem Vintschgau kommen und sich bei 
Nauders vereinigen sollten, die wichtige Verkehrsstrafse 
passieren konnten. Und um seine süddeutschen Absichten 
desto besser zu erreichen, schüchterte Karl diejenigen 
Städte , welche auf die Seite seiner Gegner getreten 
waren, durch Drohungen und Mandate ein. 

Diese Rüstungen, Verhandlungen und sonstigen 
Kriegsvorbereitungen begannen wie erwähnt teilweise 
schon vor der Einnahme der Ehrenberger Klause und 
dauerten in erhöhtem Mafse bis Ende Juli fort. Man 
sieht: weder der Vormarsch des Kurfürsten Moritz noch 
die Rücksicht auf den bevorstehenden Kongrefs , noch die 
Friedensbestrebungen, wie sie auf letzterem zu Tage 
traten, vermochten den Kaiser von seinem Vorhaben 
abzubringen. Als die Fürsten sich in Passau bereits ge- 
einigt hatten, durfte Damula noch nach Hause berichten: 
„Wenn man vom Vertrage spricht, lacht jeder hier". 
Karl war also entschlossen, den Krieg gegen Moritz 
wieder aufzunehmen und den Feind hinzuhalten, um in 
der Zwischenzeit die nötigen militärischen und finanziellen 
Malsregeln zu treffen. 

Neues Archiv f. S. G. n. A. XV. 3. 4. 16 



242 Gustav Wolf: 

Was that nun der Kurfürst von Sachsen gegen die 
drohende Gefahr? Seine glückliche Expedition nach 
Innsbruck täuschte ihn über die Thatsache nicht hinweg, 
dafs es seiner Liga vollständig an einer innerlichen Ein- 
heit der Anschauungen und Interessen gebrach und daher 
das Gefüge des jetzigen Fürstenbundes noch lockerer 
war als dasjenige des schmalkaldischen. Zunächst war 
Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg -Kulm- 
bach, dem der Krieg nur Mittel zum Plündern und 
Raub war, ein politisch unberechenbarer Faktor. Land- 
graf Wilhelm von Hessen erhob zwar die weitgehendsten 
Ansprüche; da aber seine Stärke mehr in drastischen Rede- 
wendungen, als in Thaten bestand, lieis er letztere nur 
folgen, wenn er sich genügend geschützt glaubte'^). 
Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg hatte dem 
Bunde bereits angehört, als derselbe noch unter der 
Leitung des Markgrafen von Küstrin gestanden und 
wesentlich religiöse Zwecke verfolgt hatte. Wenn er 
trotz des Zerwürfnisses zwischen Moritz und Hans dem 
Bunde treu geblieben war, so hatte er doch dessen ur- 
sprüngliches Ziel nicht aus den Augen verloren , sondern 
folgte nach wie vor hauptsächlich religiösen Impulsen. 
Das radikale Programm, welches er während seines 
Innsbrucker Aufenthaltes entwarf, wollte von erneuten 
Konzilien und Kolloquien nichts wissen; dagegen schwärmte 
der Fürst für die Entfernung überflüssiger Äbte und 
Pfaifen aus dem Reichstage, für die Aufhebung der geist-^ 
liehen Jurisdiktion über Fürsten, Städte, Edelleute und 
Unterthanen, für die Reform des Kanmiergerichts nach 
konfessionell -paritätischen Grundsätzen, für Erbeini- 
gungen mit den Königen von Frankreich, England und 
Dänemark, für die Absetzung Karls V., falls derselbe 
ein habsburgisches Erbkaisertum aufrichten wolle ^"). Die 
kirchlichen Wünsche des Mecklenburgers teilte auch 
Pfalzgraf Ottheinrich von Neuburg, nur dals er persönlich 
noch aktionslustiger war und sich durch die schlechte 
Behandlung, welche er 1547 von Karl erfahren hatte 
— er war damals aus seinem Lande vertrieben worden — 
verletzt fühlte. Wenn sich Moritz solche extreme An- 



") Ich habe dies bei einer anderen Gelegenheit in meinem Auf- 
satz „ Kurfürst August und der niederländische Aufstand" (Neues 
Archiv für sächs. Geschichte XIV, 38. 49 f) dargelegt. 

^'') Druffel II, No. 1448. Schirrmacher, Herzog Johann 
Albrecht von Mecklenburg I, 72 ff. 



Der Passauer Vertrag. 243 

schauungen, deren Verfechten weder in seinem privaten 
Interesse noch in dem seines Landes lag-, angeeignet 
hätte, so würde er eine Eeihe bisher neutraler Stände 
ins feindliche Lager getrieben haben. Im entgegen- 
gesetzten Falle war fraglich, ob er weiter auf Johann 
Albrecht und Ottheinrich rechnen durfte. Noch weniger 
konnte sich Moritz auf die Städte verlassen. Ulm hatte 
der Belagerung siegreich widerstanden, und obgleich der 
Kurfürst des Führers der Augsburger Zünfte, des 
Kürschners Herbrot, sicher war, so begünstigten die 
mächtigen, durch die Aufständischen des Stadtregiments 
beraubten Augsburger Patrizier den Kaiser, durch den 
allein sie ihre verlorenen Rechte wiedererlangen konnten. 
Endlich hatte Moritz bei seiner eigenen Landschaft so 
wenig Verständnis für seine Politik gefunden, dals er bei 
einer etwaigen Rückkehr Johann Friedrichs alles zu 
fürchten hatte. 

Aus solchen Motiven erklärt sich der Entschluls des 
Kurfürsten Moritz , innerhalb Deutschlands neue Freunde 
zu suchen. Derselbe war unter den obwaltenden Ver- 
hältnissen gleichbedeutend mit dem Verzichte auf die 
Offensive und dem Anschlüsse an die Friedensbestrebungen 
des bevorstehenden Passauer Kongresses; bei einer Fort- 
setzung seines bisherigen Verhaltens wäre Moritz auf den 
teilweisen Widerstand der neutralen ruhebedürftigen 
Reichsfürsten gestofsen. Hatte doch schon im Januar, 
als die ersten Gerüchte einer bevorstehenden Erhebung 
erschollen waren, Sebastian von Mainz einen rheinischen 
Einigungstag nach Oberwesel ausgeschrieben und in seiner 
Gesandtschaftsinstruktion die Aufstellung einer Defensiv- 
macht unter bestimmten , ausdrücklich genannten Führern 
verlangt"). Ebenso hatten auf einer Fürstenzusammen- 
kunft zu Worms die Herzöge von Baiern und Württem- 
berg und andere Stände ihre entschiedene Friedensliebe 
bekundet. Deshalb verliefs Moritz Ende Mai sein Heer, 
um in Passau mit Ferdinand und den übrigen Reichs- 
ständen, die zur Vermittlung des Friedens berufen worden 
waren, zusammen zu treifen und die Grundlagen seiner 
künftigen Politik zu schaffen. 

So traten Karl und Moritz mit diametral entgegen- 



") Dat. 1552 Januar 8 (Wien Mainzer Reichstagsakten 23). 
Weitere Schriftstücke über diesen Tag fand ich bisher nicht. Derselbe 
darf nicht mit dem im April abgehaltenen rheinischen Kui-fürstentag 
verwechselt werden. 

16* 



244 Gustav Wolf: 

gesetzten Absichten in die Passauer Verhandlungen ein. 
Die kaiserlichen Gesandten Rye und Seid, welche be- 
stimmt waren, den von Karl zum offiziellen Vermittler 
bestellten Ferdinand zu unterstützen resp. nach kaiser- 
lichen Intentionen zu lenken, durften in keine andere 
Bedingung als die Freigabe des Landgrafen willigen 
und auch diese einzige Konzession nur unter der Voraus- 
setzung zusichern, dafs die Gegner vier Wochen vorher 
die Waffen niedergelegt haben würden'-). Bei dem 
Mifstrauen, mit welchem sich die feindlichen Parteien 
betrachteten, Avulste der Kaiser im voraus, dais Moritz 
und seine Verbündeten sich mit einem derartigen An- 
gebot nicht begnügen, sondern die sofortige Freilassung 
fordern würden; auch war Karl nicht im Zweifel, dals 
die Gefangenschaft des Landgrafen nur den Vorwand, 
nicht aber den alleinigen Zweck des Krieges gebildet 
hatte und seine Gegner noch manche weiteren Wünsche 
hegten. Die kaiserliche Listruktion Avar also gar nichts 
anderes als eine verblümte Ablehnung der Friedens- 
bestrebungen. 

Während demnach Karl starr an seinem bisherigen 
Standpunkt festhielt, bemühte sich Moritz nach Möglich- 
keit, sicli den Anschauungen der neutralen Fürsten, 
welche in Passau teils persönlich zugegen, teils durch 
Gesandte vertreten waren, anzubequemen. Die Aufgabe 
war für den Kurfürsten schwierig genug; die Meinungen 
der Kongi-efsstände vertrugen sich schlecht mit den oben 
dargelegten weitgehenden Ansprüchen seiner bisherigen 
Bundesgenossen, welche nur ungern einem Waffenstill- 
stand während der Friedensveiiiandlungen zugestimmt 
hatten und deren eigenmächtiges Losschlagen Moritz 
befürchten mufste, w'enn ihre Forderungen nicht erfüllt 
w^irden; auch fand sich in Passau der Bischof von Bayonne 
Fresse ein, der vom französischen König bevollmächtigt 
war, dem Frieden entgegenzuwirken. Moritz mulste 
darauf bedacht sein, sich die Sympathien Heinrichs II. 
und seiner anderen Alliierten zu erhalten und diejenigen 
der Versammlung neu zu gewinnen. 

So zeigten die Vorschläge, w^elche der Kurfürst der 
letzteren machte, ein doppeltes Gesicht. Auf seine bis- 
herigen Anhänger war die Freilassung des Landgrafen, 



^") Bemerkenswert ist , dafs Selds Instruktion noch in Innsbruck 
ausgestellt ist. Lanz, Korrespondenz Karls V. III, 223. 



Der Passauer Vertrag. 245 

eine allgemeine Amnestie für die Teilnehmer am Auf- 
stande und einige Privatanliegen gemünzt. Dagegen 
sollten die reichspolitischen und religiösen Forderungen 
des Wettiners den Krystallisationspunkt für seine neuen 
Freundschaften bilden. 

Während der Kaiser in den letzten Jahren gesucht 
hatte, die Protestanten wieder den Autoritäten der 
mittelalterlichen Kirche zu unterwerfen, knüpfte Moritz 
an den Eeichsabschied von 1544 an, welcher den Evan- 
gelischen eine weitgehende Duldung eingeräumt hatte, 
dessen Bedeutung aber durch die folgenden Ereignisse 
illusorisch geworden war. Und wie damals die endgiltige 
Beilegung des religiösen Zwiespalts einem kommenden 
Reichstag überwiesen worden war, so verlangte der Kur- 
fürst jetzt wiederum eine deutsch -nationale Besprechung 
der dogmatischen Streitfragen im strikten Gegensatze zu 
den ökumenischen Konzilsplänen des Kaisers. Wenn 
aber auf diesem Wege keine freiwillige Übereinkunft der 
beiden Religionsparteien zu erzielen war, dann sollten 
dieselben einander dulden. Damit wurde den Katholiken 
angesonnen, die Spaltung als eine dauernde anzuerkennen, 
was sie bisher noch niemals gethan hatten. Wenn ferner 
in reichspolitischer Hinsicht Karl mit Vorliebe die ge- 
fügigeren niederen Stände gegen die Kurfürsten be- 
günstigt und die Vorrechte, die letztere auf den Reichs- 
tagen genossen, teils durch die Wahl gemischter Aus- 
schüsse, teils durch Annahme der fürstlichen und Ver- 
werfung der kurfürstlichen Ansichten geschmälert hatte, 
verlangte Moritz neben gesonderten Kurfürstentagen 
Reichstagsverhaudlungen in getrennten Räten und Wieder- 
herstellung des früheren Verhältnisses, dafs die Zustimmung 
des Kaisers zur Ansicht der Kurfürsten die Regel bildete. 
Daran schlössen sich weitere Forderungen, welche alle 
Reichsstände betrafen und teils ihren Einflufs auf Karl 
steigern, teils den Fürsten eine gröfsere Aktionsfreiheit 
sichern, teils endlich der empfindlichen parteiischen 
Rechtspflege, der Bevorzugung der habsburgischen Erb- 
staaten, der Zurücksetzung der deutschen Räte am kaiser- 
lichen Hofe und den Übergriffen Karls über die von ihm 
beschworene Wahlkapitulation ein Ende bereiten sollten ^■^). 

Dafs die kursäclisischen Wünsche mit den Anschau- 
ungen der Passauer Versammlung harmonierten, ergab 



'3) D ruf fei III, No. 1447. VI. A'IL 



246 Gustav Wolf: 

sich bereits in den ersten Tagen. Zwar wurde auch 
Ferdinand in Mitleidenschaft gezogen, wenn die Aus- 
nahmestellung der österreichischen Erbstaaten einge- 
schränkt werden sollte und wenn das Zurücktreten des 
den liabsburgischen AVünschen geneigteren Fürstenrats die 
Aussicht auf eine hohe Türkenhilfe verminderte. Aber 
um dem jetzigen Ansturm der Osmanen zu widerstehen, 
bedurfte der König einer raschen und ergiebigen Geld- 
unterstützung. So lange nun die Ruhe Deutschlands 
nicht wiederhergestellt war und die Stände ihr Augen- 
merk nicht sowohl auf den auswärtigen Feind als auf die 
häuslichen Zw'istigkeiten richten und den Kampf im 
eigenen Lande befürchten mulsten, so lange konnte 
Ferdinands Wunsch nicht befriedigt werden; dagegen 
durfte er die Befreiung aus seiner Notlage erwarten, 
sobald den Fürsten die Sorge um ihre eigene Stellung 
abgenommen w^urde. 

Da war es denn für Ferdinands Verhalten mafs- 
gebend, dals der Kaiser so wenig Rücksicht auf seinen 
Bruder nahm und auf das Scheitern der Verhandlungen 
mit allen Mitteln hinarbeitete, dais sich dagegen Moritz 
nicht allein dem Frieden geneigt erwies, sondern auch 
den Bedürfnissen des Königs gerecht zu werden suchte. 
Obgleich die notleidenden Stände in ihren Reichssteuern 
erleichtert werden mulsten , so wurden andererseits haupt- 
sächlich infolge sächsischer Vermittlung die Fristen, 
innerhalb deren die einzelnen Raten des gemeinen 
Pfennigs fällig w^aren, abgekürzt; auch versprach Moritz, 
sich bei den befreundeten Ständen für pünktliches Ein- 
halten der neuen Termine zu verwenden. Vor allem aber 
stellte der Kurfürst beim etwaigen Zustandekommen des 
Friedens sein Kriegsvolk , das , wie er fürchtete , sonst 
seinen verschiedenen Gegnern zugelaufen wäre, dem König 
gegen die Osmanen zur Verfügung. So entstand eine immer 
grölsere österreichisch -sächsische Interessengemeinschaft, 
und die Nachteile, welche das reichspolitische Programm 
des Wettiners den zukünftigen Anträgen der Habsburger 
auf Türkenhilfen vielleicht bringen konnte, verschwanden 
völlig hinter den greifbaren Vorteilen , welche Moritz für 
die Gegenwart in Aussicht stellte ^^). 



") Sehr charakteristisch schrieb Georg Gienger aus Passau am 
S.Juli an den Vizekanzler Jonas: „Erfolgt der Vertrag, so habt 
ihr Geld und Volk, wo nicht, weifs icli euch leider nicht eines Spiefses 
und Hellers zu vertrö.sten " (Wien, Reichssachen in genere 16). 



Der Passauer Vertrag. 247 

Noch inniger harmonierten der Kurfürst und die an- 
wesenden Reichsstände. Unter diesen befand sich kein 
einziger, der den reichspolitisclien Forderungen des 
AVettiners nicht zustimmte. Zwar waren aulser den 
Räten der sämtlichen Kurfürsten noch der Erzbischof 
von Salzburg, Herzog Albrecht , die Bischöfe von Passau 
und Eichstätt persönlich zugegen und Jülich, Pommern, 
Württemberg, Braunschweig-Wolfenbüttel, Küstrin, Würz- 
burg durch Gesandte vertreten ^■'^). Doch da alle diese 
Stände zu den mächtigeren Mitgliedern des Fürsten- 
rats gehörten und in gleichem Malse wie die Kurfürsten 
unter der bisherigen Begünstigung der kleineren Grafen 
und Geistlichen gelitten hatten, trat in ihren Augen das 
sächsische Verlangen nach einer schärferen Betonung 
der kurfürstlichen Vorrechte zurück. Die Augsburger 
Gesandten Johann Baptista Haintzel und Jörg Meurer, 
welche uneingeladen von ihren Herren nach Passau ge- 
schickt waren, um die Interessen der Reichsstädte im 
allgemeinen und Augsburgs im besonderen wahrzunehmen 
und namentlich für die infolge der Einführung des 
Interims vertriebenen Prediger zu wirken, nahmen keinen 
aktiven Anteil an den Verhandlungen. Sie begnügten 
sich mit Moritz, mit Fresse und anderen Fürsten und 
Räten zu reden, sich zu orientieren und möglichst das 
durchzusetzen, was ihnen aufgetragen war; über das 
reichspolitische Programm des Kurfürsten äulserten sie 
sich nicht ^*'). So begegnete das letztere keinem prin- 
zipiellen Widerspruch. Da freilich die kaiserlichen Ge- 
sandten der definitiven Entscheidung über die Reichs- 
beschwerden mit der Begründung entgegentraten, dals 
nicht einzelne Stände der Gesamtheit vorgreifen dürfen, 



Am 24. Juli schreibt Gienger an Jonas , dafs der Streit zwischen 
Ferdinand und Christof von Württemberg in Passau unbedingt ver- 
tragen werden müsse, „damit Ihre Majestät gleich in jetziger Statt 
ein ansehnlich par Geld vom Herzog erlangen und zu Erhaltung des 
underen Wesens anwenden möchten" (ebeud.). 

1^) H ab erlin, Neueste teutsche Reichsgeschichte II, 179 flg. und 
die Unterschriften unter dem Passauer Vertrag. 

16) Bedenken, wie die Instruktion auf künftigen Tag gen Passow 
zu stellen, im Falle die anderen Stete denselben besuchen und da- 
selbst hinschicken wollten (s. d.) — Memorial, was eines Rats Ge- 
sandte auf dem Tag zu Passau bei den Fürsten soUicitieren und 
anmahnen sollen (s. d.) (Augsburger Litteralien). _ Die gleichfalls 
in den Litteralien bewahrten Gesaudtschaftsrelationen sind aus- 
gezeichnete Stimmungsbilder. Meurer reiste übrigens sehr bald ins 
Feldlager ab und erstattete von dort gleichfalls Berichte. 



248 Gustav Wolf: 

SO mufste die endgiltige Regulierung verschoben werden. 
Doch hatte Moritz den taktischen Vorteil erreicht, dals 
er die Dinge zur Sprache gebracht und indem sich alle 
Stände auf seine Seite gestellt, ein wichtiges Präjudiz 
für spätere Eeichstagsverhandhmgen geschaffen hatte. 

Ebenso fanden die kirchlichen Wünsche eine günstige 
Aufnahme. Entsprachen sie doch so sehr dem allgemeinen 
Bedürfnis, dals nicht allein die evangelischen Stände sie 
sich aneigneten, sondern auch die Geistlichen keinen 
ernstlichen Widerstand entgegensetzten. Denn unmöglich 
kam man auf dem Wege eines allgemeinen Konzils zur 
gesuchten Vergleichung der Glaubensunterschiede. Der 
Papst konnte dessen Leitung nicht aus der Hand geben, 
die Evangelischen konnten sich dieser Leitung nicht 
fügen; zwischen diesen beiden Gegensätzen gab es keine 
Vermittlung. Nun war soeben das Konzil von Trient 
auseinandergegangen und seine Wiederaufnahme bei der 
gegenwärtigen kriegerischen Verwicklung unmöglich. Da 
nun die Geistlichen im jetzigen Aufstande schon schweren 
Schaden erlitten und bei einer etwaigen Fortsetzung noch 
weiteren zu besorgen hatten^'), so erheischte die Rück- 
sicht auf ihre nächstliegenden Lebensinteressen, einen 
praktisch doch bedeutungslosen theoretischen Standpunkt 
aufzugeben und sich mit den Evangelischen friedlich zu 
vertragen. So sind die Wünsche des Kurfürsten in 
Passau zwar im einzelnen modifiziert, im Prinzip aber 
gutgeheilsen worden. Ohne Widerrede acceptierten 
die Stände das Verlangen nach einem dauernden Re- 
ligionsfrieden und einer deutsch -nationalen Besprechung 
der konfessionellen Streitfragen; über die Details des 
geplanten Ausgleichsversuchs gingen die Ansichten an- 
fangs etwas auseinander, zuletzt entschlols man sich, 
die Entscheidung dem nächsten Reichstag zu überlassen. 
Etwas länger stritt man sich über die Kirchengüter, 
weil Moritz alle Säkularisationen juristisch zu sichern und 
gleichzeitig alle seit 1544 erfolgten Restitutionen rück- 

^'') Charakteristisch ist in dieser Beziehung- ein Protokoll über 
die Beratungen des Kuifürsten von Mainz mit" seinem Hofmeister, 
Kanzler und Marschall, die am 19. Oktober über die Ausführniig 
des Passauer Vertrages stattfanden (Wien, Mainzer Jloligions- 
sachen 3). Die dort geäufserten Ansichten decken sich vollkommen 
mit dem Standpunkt des Kurfürsten gegenüber den Aufgaben des 
Reichstags von 1555 (vergi. Bucholtz, Geschichte der Regierung 
Ferdinands 1. IX, .550 und meine Ausführungen dazu im Augsburger 
Religionsfrieden S. 19 f.J. 



Der Passauer Vertrag. 249 

gängig zu machen suchte, die Geistlichen jedoch ihren 
rechtlichen Ansprüchen nicht ganz entsagen mochten. 
Schlielslich einigte man sich auf der Basis des Status quo. 

Ende Juni waren die Stände nach vierwöchentlicher 
Thätigkeit mit ihrem Friedenswerk fertig. Es war das 
erste Mal seit Luthers Auftreten, dafs die vornehmsten 
Reichsstände ohne ßücksicht auf ihre religiösen Unter- 
schiede nach gemeinschaftlichen Gesichtspunkten versucht 
hatten, die deutschen Angelegenheiten zu regeln. Bei 
diesen Erörterungen war eine weitgehende Interessen- 
harmonie zwischen Moritz und den übrigen Fürsten zu 
Tage getreten und der Wettiner hatte eine neue Grund- 
lage für seine fernere Wirksamkeit erhalten. Gleichzeitig 
war die tiefe Kluft, welche zwischen dem Kaiser einer- 
seits und Ferdinand und den angesehensten Reichsfürsten 
andererseits bestand, offenbar geworden. 

Freilich war durch den bisherigen günstigen Verlauf 
der Verhandlungen die Wiederherstellung des Friedens 
noch lange nicht erreicht. Denn es hatten sich nur die- 
jenigen geeinigt, welche prinzipiell für Beendigung des 
Krieges waren; jetzt mufeten Karl und die alten Bundes- 
genossen des sächsischen Kurfürsten zur Annahme des 
Passauer Vertrages bewogen werden. Obgleich Landgraf 
Wilhelm und Ottheinrich Gesandte zum Kongrefs ge- 
schickt hatten''^), so hatten sie sich doch inzwischen fast 
ausschliefslich mit den Vorbereitungen des neuen Feld- 
zugs beschäftigt. In diesem Vorhaben waren sie durch 
die Gerüchte von kaiserlichen Rüstungen und durch die 
Einflüsterungen Fresses bestärkt worden, welcher trotz 
aller Bitten von Moritz ins Lager zurückgekehrt war, 
als er den Passauer Boden für seine Aufgabe, die Stände 
den Interessen König Heinrichs dienstbar zu machen, 
nicht geeignet gefunden hatte. Markgraf Albrecht hatte 
sogar auf eigene Faust Krieg geführt und die Bischöfe 
von Bamberg und AVürzburg und die Stadt Nürnberg zu 
schweren Kontributionen gezwungen. Sowohl die That- 
sache, dafs die mächtigste und festeste Kommune sich 
fast ohne Widerstand ergeben, als auch die ihr aufer- 
legten drückenden Bedingungen hatten allgemeinen 
Schrecken erregt; wie konnten nach einem solchen Vor- 



^^) Die hessische Instruktion für Milchling von Schonstadt und 
Heinrich Lerfsener, dat. 1552 Mai 2.5, Innsbruck (Wien, Böhm. 
Supplement 97). 



250 Gustav Wolf: 

gang die kleinen und ärmeren Städte Mut zur Verteidigung 
finden! Es liiefs, dafs Albrecht in Begleitung des fran- 
zösischen Gesandten zunächst nach Regensburg und Passau 
ziehen und den Kongreis wo nicht auseinandersprengen, 
doch in grolsen Schrecken setzen würde. Man mulste 
erwarten, die Aussichten auf solche reiche Gegenden 
würden den Markgrafen mehr locken als irgend welche 
politische Erwägungen. 

So fand Moritz eine schwierige Aufgabe vor, als er 
nach Beendigung des Friedenswerkes mit Zustimmung 
der Passauer Stände auf einige Zeit ins Lager reiste, 
um seine Alliierten zu gewinnen. Doch erlangte er 
wenigstens die Zustimmung des Landgrafen von Hessen. 
Dieser hatte während der Passauer Verhandlungen in 
rascher Folge eine Reihe Briefe an Moritz gerichtet, 
welche Karl und den Kongreisständen die schwärzesten 
Pläne andichteten, die abenteuerlichsten Gerüchte mel- 
deten, dem Adressaten geradezu Untreue vorAvarfen und 
ihn zur Rückkehr ins Lager oder mit anderen Worten 
zum Abbruch der Unterhandlungen aufforderten. Indels 
hatte Wilhelm trotz des stellenweise drohenden Tones 
seiner Schreiben keinen anderen Zweck gehabt, als den 
Wettin er vom Friedensschlüsse zurückzuhalten und unter 
sächsischem Schutze „die Pfaffen zu rupfen". Nachdem 
diese Absicht aber milsglückt war, dachte der Landgraf 
gar nicht an eine selbständige Fortsetzung des Krieges ; 
abgesehen von einigen Verbeugungen gegen Frankreich 
erklärte er sich mit dem Passauer Friedensentwurf ein- 
verstanden. Dagegen lehnten Albrecht und Ottheinrich 
denselben ganz ab und auch der Mecklenburger lie(s sich 
nur zu einigen kleinen Modifikationen seines Innsbrucker 
Programms, nicht aber zur unumwundenen Annahme des 
Entwurfs bereit finden ; besonders verlangte er, dals 
Frankreich besser berücksichtigt Averde, dals alle Teil- 
nehmer des Kongresses solidarisch für die strenge Durch- 
führung des Vertrags haften sollten, dals jedermann das 
Recht zum beliebigen Anschlüsse an die Augsburgische 
Konfession erhalten müsse, während Moritz blofs auf die 
Sicherung des kirchlichen Status quo und nicht auf eine 
spätere Vergröfserung des evangelischen Machtbereichs 
Bedacht genommen hatte ^"). 



") Nach Hiiintzels Bericht vom 19. .Tnni (Augsb. Litter.) läfst 
sich Moritz' Ansicht genau feststellen: „Als ich nun S. Ch. G. an- 



Der Passauer Vertrag. 251 

Ebensowenig gelang es Ferdinand, seinen Bruder zu 
einer Meinungsänderung zu bewegen. Gerade während der 
Passauer Tage hatte Karl mit besonderem Eifer gerüstet und 
durch die Vermittelung von Böcklin und Lazarus Schwendi 
sich mit dem Markgrafen Hans geeinigt. Der Umstand, dafs 
die Kongrefsfürsten Karls Abneigung gegen den Frieden 
ignoriert hatten und gerade durch dieselbe zum raschen Ab- 
schlüsse gedrängt worden waren, hatte die Stimmung des 
Kaisers nicht verbessert. Obgleich sich daher Ferdinand, 
noch ermuntert durch die Vorteile, welche das Zustande- 
kommen des Vertrags ihm gegen die Türken bot, eifrigst zur 
Nachgiebigkeit riet und obgleich sogar Karls eigene Ge- 
sandten sich der Ansicht des Königs anschlössen und 
auseinandersetzten , dals eine Annahme der getruifenen 
Vereinbarungen die spätere Züchtigung der Gegner nicht 
verhinderte, gestand Karl dem Bruder zwar das Recht 
zu, für sich ohne kaiserliche Vollmacht abzuschliefsen, 
verweigerte aber für seine Person jede definitive Kon- 
zession und Avünschte den Aufschub aller schwierigen 
Entscheidungen bis zum nächsten Eeichstag. Dieser 
Verzug hätte dem Kaiser nicht allein den ersehnten Zeit- 
gewinn gebracht, sondern auch die Möglichkeit verschafft, 
sich mit einer für ihn wesentlich günstiger zusammen- 
gesetzten Versammlung zu einigen. 

Der kaiserliche Bescheid Avar derartig, dafs ihn der 
König in Passau gar nicht vorzulegen wagte, sondern 
sich mit einigen allgemeinen Andeutungen begnügte. 
Schon infolge dieser wollte Moritz, der inzwischen aus 
dem Heerlager zurückgekehrt war, anfangs die Ver- 
handlungen ganz abbrechen; endlich willigte er ein, das 
Ergebnis einer mündlichen Unterredung zwischen den 
beiden habsburgischen Brüdern abzuwarten. Demgemäfs 
reiste Ferdinand nach Villach und stellte in dreitägigen 



zeigte, das E. W. uugefehrlich vor acht Tagen die alten Predicanten 
widerum hetten aufgestellt, gab mir S. Ch. G-. dise Antwort darauf, 
sie hoereten es ganz gern, das solches gescheen, aus der Ursach, weil 
der Fridstand in Religiousachen gemacht mit sich ausdrücklich brechte, 
das man jeden Teil bei seiner Religion wie er dieselbe zur Zeit des 
Anstandes gebraucht und gehalten, unverhindert und ungeengt von 
meniglich verbleiben sollte lassen , bis man sich auf einem National 
oder General concilio oder Versammlung aller Ding vergleichen und 
aber diese Predicanten zwischen diesem Anstand aus seinem und 
seiner mitverwanten befehl wieder weren restituirt worden, wurde 
man sie bei demselben bleiben lassen müssen oder aber diesem Articul 
zuwiderhandeln." Hiernach modifizieren sich meine Ausführungen 
im „Augsburger Religionsfrieden" S. 5. 



252 Gustav Wolf: 

Konferenzen dem Kaiser nochmals die Notwendigkeit 
vor Augen. Das Ergebnis dieser Besprechungen ist viel- 
fach als ein diplomatischer Sieg des Königs aufgefalst 
worden; in Wahrheit hat Karl zwar einige Scheni- 
konzessionen gemacht, thatsächlich sich aber völlig freie 
Hand vorbehalten. Denn obgleich er sich zur prinzipiellen 
Annahme des Vertrags und zur Freilassung des Land- 
grafen wie zur Verlegung der fremden Truppen in die 
Niederlande bereit erklärte, bestand er doch darauf, dals 
sowohl die religiösen als auch die reichspolitischen Be- 
schwerden dem künftigen Reichstag, auf welchem er ohne 
Heer zu erscheinen gesonnen war, überwiesen würden 
und dals nur wenn alle seine Gegner den Vertrag halten, 
er das gleiche zu thun brauchte. 

Nun bemerkten wir bereits oben, dafs die Zusammen- 
setzung eines Reichstags für Karl wesentlich günstiger 
war als die des Passauer Konvents. x\ber dieser Reichstag 
war überhaupt unmöglich, wenn nicht blols die eine in 
Passau vertagte Materie, sondern alle erheblichen Fragen 
ungelöst blieben und infolgedessen die jetzigen Wirren 
fortdauerten; unter den gegenwärtigen Verhältnissen hätte 
kein Fürst gewagt, sein Land zu verlassen und den 
Reichstag zu besuchen, und der briefliche Verkehr zwischen 
den Gesandten und ihren Herren wäre vielfach behindert 
gewesen. Die Schwierigkeiten verlangte Karl also durch 
ein Mittel zu beseitigen, das erst nach erreichtem Zw^ecke 
anwendbar war. Aber auch die Nachgiebigkeit des 
Kaisers in einzelnen untergeordneten Punkten, welche 
keine prinzipielle Bedeutung besafsen, besagte nichts, weil 
die allseitige Anerkennung des Vertrags vorausgesetzt 
wurde. Diesen hatten schon der Kulmbacher, Ottheinrich 
und Johann Albrecht abgelehnt und auch Wilhelm nur 
in der Ei'wartung angenommen, dafs Karl gleichfalls 
der in Passau vereinbarten Fassung zustimmen Averde. 
Nachdem jetzt die wertvollen kirchenrechtlichen Zuge- 
ständnisse, welche die Evangelischen in Passau erlangt 
hatten, zu Villach derartig abgeschw'ächt Avaren und die 
dauernde Religionsfreiheit in eine zeitweilige umgewandelt 
worden Avar, schien die Zustimnuing der bisher ablehnenden 
Fürsten erst recht unwahrscheinlich und selbst die Wil- 
helms fraglich. Karl durfte deshalb die Bedingung, an 
welche er seine Konzessionen knüpfte ;, als unerfüllbar 
und die Fortdauer seiner vollständigen Aktionsfreiheit 
als gesichert betrachten. 



Der Passauer Vertrag. 253 

Deutlicher noch äufserte sich der Kaiser in seiner 
Instruktion an Eye und Seid, welcher die Phrasen fehlen, 
die er im Gespräche mit seinem Bruder für unvermeidlich 
hielt. Nachdem er seine Passauer Gesandten von den 
Beratungen in Villach unterrichtet, legt er den Adressaten 
ans Herz, möglichst viel Zeit zu gewinnen und für sich 
allein ohne Zuziehung des Königs ein Rechtfertigungs- 
manifest an die vermittelnden Stände zu erlassen-"). In- 
zwischen bereitete er mit fieberhafter Eile den Kampf 
vor; Mitte Juli standen schon dreiunddreilsig Fähnlein 
am*Bodensee, bezahlt und gemustert, jeden Tag bereit, 
Lindau, Überlingen und Memmingen zu überfallen und 
alsdann gegen Augsburg vorzugehen. Der letzteren Stadt 
hatte Karl bereits im Juni mit seiner Ungnade gedroht, 
und kurz nach der Villacher Zusamm.enkunft wurden 
Augsburg, Ravensburg und Überlingen zur Abschaffung 
des Zünfterats und Wiederherstellung des Geschlechter- 
regiments aufgefordert. Der Vogt von Bregenz ermahnte 
den Magistrat von Lindau, die Stadt unter österreichischen 
Schutz zu stellen, weil dieselbe in die kaiserliche Ungnade 
gefallen und weil die Aussicht auf den Frieden unsicher 
und auch bei dessen Zustandekommen der Einschluts der 
Städte fraglich sei. Die letztere Behauptung enthielt 
eine ganz willkürliche, den Ansichten des Passauer Kon- 
gresses zuwiderlaufende Rechtsanschauung-^). Karl wollte 
also vor allem Süddeutschland gewirnen, während im 
Norden Johann Friedrich und Hans seine Interessen ver- 
treten sollten. 

So schienen die Aussichten auf den Frieden von 
Tag zu Tag trüber zu werden. Als Ferdinand in Passau 
wieder eintraf, war Moritz zum Heere zurückgekehrt. 
Die Aufständischen hatten sich von der Wiedereröffnung 
der Feindseligkeiten, welche infolge der Passauer Ver- 
handlungen mehrfach verschoben worden war, nicht mehr 
abhalten lassen, und als Anfang Juli die Chancen auf 
das Zustandekommen des Friedens so schlecht standen, 
hatte auch Moritz zugestimmt und belagerte im Verein 
mit Wilhelm, Johann Albrecht und Ottheinrich die Stadt 
Frankfurt, während der Markgraf von Kulmbach auf 

'■^0) Lanz III, 361 flg. 

21, Augsburger Litteralien. Vergl. dort besonders die Berichte 
des Rats von Lindau an die Stadt Augsburg vom 17. und 23. Juli. 
Letzterem Schreiben ist die Werbung des Vogts Laux von Reischach 
beigelegt. 



254 Gustav Wolf: 

eigene Faust einen Raubzug- in die dem Heere nächst- 
gelegenen Stifter unternahm. Die oberdeutschen Städte, 
geängstigt durch die unausgesetzten Rüstungen und kaiser- 
lichen ScTireiben, häuften ihre Hilfegesuche an die Alliierten 
und Augsburg schickte sogar einen Gesandten zu ihnen. 

In der zweiten Hälfte des Juli galt der AViederaus- 
bruch des Krieges allenthalben als nahe bevorstehend 
und der Vermittlungsversuch für gescheitert. Die Passauer 
Stände selbst fragten bezeichnenderweise den König, der 
ihnen über seine Reise berichtete, ob er nicht aulser dem 
ihnen vorgelegten Villacher Abschied noch weitere In- 
struktionen habe. Dennoch nahmen sie, als dies Ferdinand 
verneinte, die kaiserlichen Vorschläge mit einigen Modi- 
fikationen an und schickten neben dem König ilu-e eigenen 
Bevollmächtigten, um Moritz und seine Freunde zur An- 
nahme des Vertrags zu bestimmen. 

Und nun geschah das Unerwartete, dals der säch- 
sische Kurfürst, welcher Anfangs Juli mit dem Abbruche 
der Verhandlungen gedroht hatte, den Vertrag unter- 
schrieb, obgleich der Kaiser seinen Standpunkt keines- 
Avegs geändert hatte und dafs sich ihm aufser Wilhelm 
auch der Herzog von Mecklenburg anschlols, nur Ott- 
heinrich und Albrecht verweigerten ihre Anerkennung nach 
wie vor. Wir erörterten oben, dafs die Hilfskräfte, über 
welche Moritz bei seinem Unternehmen gegen den Kaiser 
verfügt hatte, nicht hinreichten, um seinem Gegner dauernd 
gewachsen zu sein, und dals die Verstärkung seiner Allianzen 
das Motiv gewesen war, das den Kurfürsten nach Passau 
geführt hatte. Nun hatte sich dort eine weitgehende 
Interessengemeinschaft zwischen Moritz und den Ver- 
mittlern ergeben. Aber diese Gleichartigkeit der An- 
schauungen und Bedürfnisse hatte nicht genügt , um 
Ferdinand und die Passauer Stände dauernd und völlig 
an den Kurfürsten zu fesseln. Vielmehr hatten diese 
durch die Annahme des Villacher Abschieds dargethan, 
dals es ihnen" weniger um die einzelnen Bedingungen des 
Friedens zu thun war, als darum, dafs ein solcher 
überhaupt zustande kam. So war die Lage des Wettiners 
eine ähnliche wie zu Beginn des Passauer Kongresses, 
nur dals er und seine Freunde ihre militärische Lage 
nicht wesentlich verbessert, dagegen Karl unablässig ge- 
rüstet hatte. Da zog Moritz es vor, der Friedensliebe 
der Passauer Stände Rechnung zu tragen und sich mit 
dem Erreichten zu begnügen. 



Der Passauer Vertrag. 255 

Obgleich Ottheinricli und Albrecht sich dem Wettiner 
nicht angeschlossen hatten, so scheute sich Karl zuletzt doch 
durch eine schroffe Ablehnung des Vertrags die öffentliche 
Meinung herauszufordern und eine Verstärkung seiner 
Feinde zu riskieren. Als er am 15. August auf der 
Eückkehr ins Reich zu München weilte, unterzeichnete 
auch er den Frieden und erliefs die nötigen Befehle zur 
Freilassung des Landgrafen. 

Dals dieser Entschlufs einen "Wendepunkt der deutschen 
Geschichte herbeiführen würde, ahnte Karl damals noch 
nicht. Die unmittelbare Bedeutung des Friedensschlusses 
bestand nur darin, dafs die Feindseligkeiten zwischen 
Karl und Moritz vorläufig suspendiert wurden, dalis 
Philipp von Hessen los kam und dafs sich das kaiserliche 
Ansehen im Reiche verschlechterte. Denn der Wettiner 
hatte jetzt eine Parole gefunden, unter welcher er die 
hervorragendsten Reichsstände um sich sammeln und 
nötigenfalls gegen den Kaiser, wenn dieser sich nicht ehiiich 
auf den Boden des Vertrags stellen würde, mobil machen 
konnte; das in Passau geknüpfte Band war gefestigt 
und beruhte auf urkundlicher Grundlage. Dagegen hatten 
weder Karl noch Moritz die Absicht, auf ihre früheren 
Pläne zu verzichten; beiden galt der Vertrag nur als 
eine vorübergehende Episode, aus taktischen Erwägungen 
geschlossen und bestimmt, für die folgenden Ereignisse 
ihnen hierdurch eine möglichst günstige Position zu ver- 
schaffen. Eine abschliefsende Bedeutung schrieben sie 
dem Frieden keineswegs zu. 

Aus diesen Motiven erklärt es sich auch, dafs Karl 
und Moritz es nicht etwa als ihre Pflicht ansahen, die 
mannigfachen Schwierigkeiten, denen die Ausführung des 
Passauer Vertrags begegnete, aus dem Wege zu räumen, 
sondern dafis jeder darauf ausging, die Passauer Stände 
für seine Bestrebungen zu gewinnen und im Falle eines 
neuen Kampfes gerüstet dazustehen. Erörtern wir zu- 
nächst das Verhalten Karls und dann dasjenige des 
sächsischen Kurfürsten. 

Zu jener Zeit, als der Kaiser den Passauer Vertrag 
unterschrieb, machten der Baiernherzog und der Kardinal 
von Trient Versuche, eine persönliche Zusammenkunft 
zwischen Karl und Moritz zu veranstalten und eine Ver- 
söhnung herbeizuführen; aber beide Male widersprach 
der Kaiser entschieden. Dagegen weilte Johann Friedrich 
bis Augsburg im kaiserlichen Gefolge, und als er sich 



256 Gustav Wolf: 

von diesem am genannten Orte trennte, wnrde er von 
Karl reich beschenkt entlassen. 

Auch sonst zeigte der Kaiser gerade in Augsburg, 
dals er der alte geblieben war. Obgleich die in den 
letzten Monaten wieder eingesetzten evangelischen Pre- 
diger bis auf vier weiter amtieren durften, wurden aufser 
letzteren nocli acht bei den jüngsten Ereignissen stark 
beteiligte Bürger ausgewiesen und die Landgüter Jakob 
Herbrots grauenhaft verwüstet. Dagegen stellte Karl 
das gestürzte Geschlechterregiment wieder her und ver- 
pflichtete den neuen Rat zu einem zehnprozentigen Dar- 
lehen von 200000 fl., welches zur Hälfte sofort erlegt, 
zur Hälfte in bestimmter Frist nachgeliefert werden sollte. 
Die Bürger, welcher vorher dem Kaiser kein Vertrauen 
geschenkt, gewährten das Geld jetzt willig dem ihnen 
sicher dünkenden Rate. Aufserdem spürten Karl und 
die Fugger eifrigst alle Orte auf, wo sie, wenn auch nur 
geringe Posten, zu hohem Zinsfulse leihen konnten; die 
Vermögenden sahen sich teils aus Rücksicht auf ihre 
niederländischen und spanischen Geschäftsverbindungen 
zur Willfährigkeit genötigt, teils wurden sie hierzu durch 
den befehlenden und drohenden Ton der kaiserlichen 
Kommissare gezwungen'-^). 

Allerdings galten diese Geschäfte in erster Linie 
dem Kampfe gegen die Franzosen. Dafe jedoch Karl 
daneben auch seine deutschen Widersacher nicht aus dem 
Auge verlor, beweist eine Unterredung, welche er An- 
fang September mit Herzog Christof von AVürttemberg 
zu Ulm über die Errichtung eines Defensivbundes pflog. 
Statt also die Berufung des versprochenen Reichstags zu 
fördern, grift' Karl zum Projekte von L547' zurück, welches 
seinen damaligen Plänen zur Durchführung verhelfen und 
eine etwaige Opposition niederschlagen sollte. Trotz der 
ungünstigen Erfahrungen, die er damit auf dem vorletzten 
Reichstage gemacht, hatte er auf diesen Lieblingswunsch 
niemals verzichtet. Zwei Jahre später hatte er zu 
Augsburg mit seinem Bruder gründlich darüber gesprochen 
und noch wenige Monate vor dem Beginn des Aufstandes 
hatten beide mit einander darüber koirespondiert, wie 
man am geeignetsten den damals bevorstehenden Nürn- 
berger Deputationstag zur Förderung des Bundesprojekts 
verwenden könne. Unzweifelhaft waren durch die jüngsten 



22) Vergl. V. Stetteu, Geschichte der Stadt Augsburg- S. 495. 



Der Passauer Vertrag. 257 

Ereignisse die Aussichten auf die Verwirklichung des 
Planes gestiegen. Der Kaiser konnte als offiziellen Zweck 
ganz gut die Verteidigung gegen Landfriedensbrüche an- 
geben ; denn so lange die Ernestiner noch sehnsüchtige 
Bhcke auf die Kur ilires Vetters warfen, so lange Mark- 
graf Albrecht, die Braunschweiger und Graf Volrad von 
Mansfeld nicht zur Ruhe kamen, so lange drohten immer 
W'ieder aufs neue kriegerische Verwicklungen, deren Schuld 
der Kaiser leicht seinen Gegnern in die Schuhe schieben 
konnte, so dals der Kampf gegen Karls Feinde Bundes- 
sache wurde. Da der Kaiser diesen Endzweck natürlich 
verschwieg, so dachten die Stände nicht an diese Even- 
tualität, sondern berücksichtigten nur, dafs beim aber- 
maligen Emporkommen des Kulmbachers und anderer Ge- 
sellen die reichen oberdeutschen Gebiete schutzlos preis- 
gegeben lagen und umfassende Säkularisationen von 
Kirchengut und der Sturz der adligen Stadträte zu be- 
fürchten waren. Grolse und kleine Stände zitterten vor 
einer Wiederholung der jüngsten Vorgänge. 

Zu dieser günstigeren Stimmung trug wesentlich der 
Umstand bei, dafs Karl den Bund nicht in so breitem 
Umfange plante als vor fünf Jahren. Damals hatte sich 
die Einigung über das ganze Reich erstrecken^ sie hatte 
entgegenstehende Sonderverabredungen suspendieren, sie 
hatte die Macht des Kaisers über die Stände erhöhen sollen. 
Obgleich Karl keineswegs auf solche Ideen verzichtete, so 
niuiste er für den Moment schon darum die Grenzen enger 
stecken, weil er als nächsten Zweck des Bundes den Kampf 
gegen Moritz und seine Freunde im Auge hatte und hier- 
bei manche an den früheren Beratungen beteiligte Stände 
von selbst ausscheiden mufsten. Die Ausführung des jetzigen 
Bundesprojekts hätte im Grund nichts anderes als eine 
neue Auflage der alten schwäbischen Einigung bewirkt. 

Karls taktisches Vorgehen zeigt deutlich, was er 
eigentlich mit der Wiederaufnahme des Projekts bezweckte 
und wie sehr die Passauer Verhandlungen das Vertrauen 
zum Bruder geschwächt hatte. Einst hatte er in dieser 
Frage zunächst dessen Rat und Beistand in Anspruch 
genommen. Jetzt verhandelte er erst mit Christof; als 
er hierdurch Hoffnungen geschöpft, schickte er im Oktober 
den Reiterführer Georg Spet nach München ^-^j; als er 



2ä) Karls Instruktion für den Grafen Haug von Montfort 1552 
Oktober 1 Landau Konzept (die Instruktion wurde infolge Ver- 



Neues Archiv f. S. (i. ii. A. XV. 3. 4. 



258 Gustav Wolf: 

auch dort bereitwillig Gehör gefunden, fertigte er am 
24. November Heinrich Haase zu den Kurfürsten von Mainz 
und Pfalz ab-^). Und erst am 2G. November, also fast 
drei Monate nach der Ulmer Zusammenkunft, erhielt 
Feidinand eine Mitteilung-"'). Der Kaiser wünschte also 
das Bündnis vor allem mit jenen Ständen, welche in Süd- 
deutschland die ausschlaggebende Stellung einnahmen und 
aus Friedensliebe den Passauer Vertrag zum Abschlufs 
gebracht hatten. Es handelte sich für Karl sowohl um 
eine Machtverstärkung als auch um die öffentliche Mei- 
nung, die er durch seine Allianz mit den Urhebern des 
Passauer Vertrags gegen Moritz einzunehmen hoffte. 

Die Herzöge von Baiern und AVürttemberg erkannten 
in der Annahme des kaiserlichen Vorschlags eine Fort- 
setzung der Friedenspolitik, die sie nach Passau geführt 
hatte; ersterer bezeichnete den Verteidigungsbund aus- 
drücklich als den einzigen zur Beruhigung Deutschlands 
geeigneten Weg. 

In gleicher Weise, obwohl zum Teil aus anderen 
Gründen nahm Ferdinand Stellung. Dieser war haupt- 
sächlich durch Türkennot und Geldbedürfnis zu den 
Linzer und Passauer Verhandlungen gedrängt worden 
und hatte, noch ehe der Vertrag von Karl und Moritz 
unterzeichnet worden war, begonnen, den gemeinen Pfennig 
zu verlangen und sonst baare Mittel zu suchen. Aber 
der Erfolg entsprach den krampfhaften Anstrengungen 
keineswegs. 

Da die Kontributionen seitens der Stände unter den 
jetzigen Verhältnissen nicht schnell genug eingebracht 
werden konnten, bat Ferdinand zunächst den Rat von 
Augsburg um Bezahlung der auf die Stadt entfallenden 
Quote und um ein darüber noch hinausgehendes Darlehen. 
Das geschah ungefähr zu derselben Zeit, als Karl die 
200000 11. herauspreiste. Daher erzielte Ferdinand trotz 
aller Bemühungen nur die dürftige Abschlagszahlung von 
25000 ff. Im September begannen darauf drei königliche 



binderimg des Grafen am 26. September Georg Spet übersandt). — 
Georg Spet an Karl 1552 November 10 Augsburg Original. — Wien, 
Reiciissachen in genere 16. 

*•') Karls Instruktion für Haase Ino'Z November 24 Metz. — 
Haases Bericht über seine Werbung an Pfalz imd Mainz (s. d. 
Wien a a. ü.). 

■■') Karl an Ferdinand 1552 November 26 Metz. Konzept und 
Original (Wien a. a. 0.). 



Der Passauer Vertrag. 25Ö 

Kommissäre, Zasius, Mätsperger und Baumgärtner, die 
einzelnen vermögenden Bürger zu bearbeiten, und auch 
in Nürnberg waren Ferdinands Agenten thätig. Aber 
die Kaiserlichen waren zuvorgekommen und hatten wenig 
übrig gelassen. Auch hatten die bedeutendsten und 
reichsten Bürger Augsburgs grofse Summen schon früher 
dem König geliehen, welche teils während des Aufstandes 
rückzahlungspflichtig geworden waren, teils es in nächster 
Zeit wurden; Jakob Herbrot allein hatte von Ferdinand 
am 1. Mai 65000 fl. zu beanspruchen gehabt und am 
1. November weitere 38000 zu verlangen. Anstatt daher 
ihr Darlehen zu erhöhen, forderten oft genug die bisherigen 
Gläubiger alsbaldige Rückzahlung der fälligen Summen 
oder im Falle des Unvermögens höhere Zinsen. Die 
königlichen Kommissare brachten es zwar meist, mit 
Mühe dahin, dafs die Kaufleute auf dieses Verlangen 
verzichteten oder gar ihr Guthaben um ein geringes er- 
höhten, aber Ferdinand war damit wenig geholfen. Zasius 
und seine Genossen erkannten alsbald, dals man nur 
durch eine künstliche Erhöhung des österreichischen 
Kredits Geld bekommen konnte, mit anderen Worten, 
dafs entweder Fürsten und Städte, welche sich eines 
gröfsereu finanziellen Ansehens erfreuten , die Bürgschaft 
übernahmen oder dafs der zum Teil in Augsburg zu er- 
legende gemeine Pfennig zum Pfand eingesetzt wurde. 
Nun war aber gerade die Aussicht auf letztere Ein- 
nahmequelle eine recht zweifelhafte : viele Stände, welche 
in Passau nicht mitgewirkt hatten, erklärten das Ver- 
langen einer beschleunigten Bezahlung für ungerecht- 
fertigt, weil allgemeine Reichsabschiede nicht durch 
Sonderabkommen einzelner Stände aufgehoben werden 
könnten. Andere spielten wieder den Passauer Vertrag 
gegen die Reichsabschiede aus, weil jener die geschädigten 
Stände von den durch diese auferlegten Pflichten befreite. 
Und unter den Fürsten, Avelche ihre Notlage geltend 
machten, gab es manche, die von ihren Unterthanen den 
gemeinen Pfennig selbst wiederholt als Reichssteuer ein- 
hoben und zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse 
verwendeten ! So kam der Dezember heran, bis Ferdinand 
nach mühsamen Einzelverhandlungen einen kleinen Teil 
der bewilligten Kontributionen erhielt-**). 



2^) Über diese Verhältnisse orientieren uns die Berichte von 
Zasius und Mätsperger (Wien, Berichte aus dem Reich 2 a), welche 

17* 



260 Gustav Wolf: 

Diese Umstände schrieben dem König das gleiche 
Verhalten wie in Linz und Passau vor, d. h. alles zur 
Beruliigung Deutschlands dienliche zu thun; denn je 
rascher diese eintrat, desto mehr konnten alle Kräfte des 
Reichs auf die Türkenhilfe konzentriert werden, deren 
Ansprüche während der jetzigen Wirren nur sehr unvoll- 
kommen befriedigt werden konnten. Aus solclien Erwä- 
gungen erklärt sich Ferdinands Zustimmung zum Bundes- 
projekt und andererseits seine Abneigung gegen die 
Kevanchegedanken seines Bruders. Denn obgleich durch 
die geographische Begrenzung des Bundes Niederöster- 
reich und die Türkenabwehr auiserhalb seines Bereiches 
fiel, so umfalste die geplante Einigung doch Deutschlands 
reichste Städte und fruchtbarste Gefilde, welche bei der 
Türkenhilfe stark in Betracht kamen; wenn nun die 
Existenz des Bundes Angriifslustige von ihrem Vorhaben 
abschreckte oder nötigenfalls niederwarf, so wurde hier- 
durch die ungestörte Zahlung der Reichssteuern ermög- 
licht. Auch grenzten ja die gefährdeten Gebiete des 
schwäbischen und baierischen Kreises, die in den Bund 
aufgenommen werden sollten, unmittelbar an die könig- 
lichen Territorien und das Übergreifen eines eventuellen 
Kampfes auf letztere war keineswegs ausgeschlossen. 
So begrülste der König nicht nur freudig das kaiserliche 
Projekt, sondern suchte dasselbe, beraten von Georg 
Gienger und den Mitgliedern der Innsbrucker Regierung, 
mit einer gewissen Leidenschaft zu fördern'-"). Aber 



nur zum Teil und sehr um'ollkommen von Druffel und Kncholtz l)e- 
nutzt resp. abgedruckt sind. ^Vie ungenügend übrigens namentlicli 
die erstere Publikation ist, zeigt der Umstand, dafs Drufiel auch 
alle Berichte, die von Zasius und Mätspergcr gemeinsam stammen, 
als von Zasius allein herrülirend bezeicluiet, obgleicli in diesen Re- 
lationen foitwiihrend die erste Person Pluralis vorkommt Als be- 
sonders instruktiv hebe ich folgende Schreiben hervor: Zasius an 
die Räte der Hofkamraer lö52 September i;3 Augsburg (eigenhändiges 
Konzept). Zasius und seine Mitkommissare an Ferdinand lö52 Sep- 
tember 19 Aug.sburg (Konzept). Zasius und Mätsperger an Ferdi- 
nand 1552 September 28 Augsburg (Konzept von Zasius). Zasius 
und Mätsperger an Ferdinand 1552 Oktober 18 Augsburg (Konzept). 
Zasius und Mätsperger an Ferdinand 1552 Oktober 28. Zasius an 
Ferdimind 1552 November 10 Nürnberg und November 25 Ulm. 
8chad imd Mätsperger an Ferdinand 1553 Januar 8 Aug.sburg 
(Kopie). Zasius und Schad an Ferdinand 1553 Januar 26 Ulm 
(Zasius' Konzept). 

2') Ferdinand an Karl 1552 Dezember 15 Graz (Wien, Reichs- 
sachen in genere IB). — Ferdinand an seine Regierung und Kammer 
in Tirol 1552 Dezember 20 (iraz (ebenda). — Statthalter, Regenten 



Der Passauer Vertrag. 261 

gerade hierdurch erregte er Karls M iistrauen, besonders 
als letzterer von parallelen Verhandlungen zwischen Ferdi- 
nand und Moritz erfuhr. 

Damit kehren wir wieder zur kurfürstlichen Politik 
zurück, welche ebenso wie diejenige Karls, Ferdinands 
und der übrigen Passauer Stände vollständig dem Ver- 
halten entsprach, das der Kurfürst auf dem Kongreis 
beobachtet hatte. 

Damals hatte sich Moritz, wie wir sahen, bemüht, 
die alten Allianzen zu erhalten und neue Freunde zu 
gewinnen. Der erste Zweck war nur zum Teil erreicht 
worden ; als der Kurfürst nach dem Abschlüsse des Ver- 
trages mit seinem Kriegsvolk sich von Ottheinrich und 
Markgraf Albrecht trennte, war dies unter Umständen 
geschehen, welche ein ferneres Zusammenwirken der ehe- 
maligen Verbündeten unmöglich machten. Dagegen be- 
stand nach wie vor die engste Genossenschaft zwischen 
Moritz und seinem Schwager, dem Landgrafen Wilhelm 
von Hessen, und im Verein mit dem letzteren suchte sich der 
Wettiner die Sympathien des französischen Königs zu 
sichern, den beide eben durch den einseitigen kontrakt- 
widrigen Vertragsabschlufs beleidigt hatten. Obgleich 
Heinrich II. nicht umhin konnte, den deutschen Fürsten 
sein Mifsvergnügen über ihre Handlungsweise zu verstehen 
zu geben, so war ihm doch die dargebotene Stütze im 
Kampfe gegen Karl viel zu wichtig, als dafs er aus persön- 
licher Empfindlichkeit auf dieselbe dauernd verzichtet hätte. 
Es fand alsbald wieder ein freundlicher Meinungsaustausch 
statt und die Basis für ein neues Zusammengehen wurde 
bereits unmittelbar nach der Unterzeichnung des Vertrags 
geschaffen. 

Mit noch weit akuterem Interesse arbeitete Moritz 
an seinem Bündnisse mit Ferdinand und an einer Er- 
weiterung der Kluft zwischen den beiden habsburgischen 
Brüdern. Die Teilnahmslosigkeit Karls gegen die Türken- 
gefahr erleichterte Moritz seine Aufgabe. Der Kurfürst, 
seiner Haltung in Passau getreu, unterstützte Ferdinand 
bei der Eintreibung des gemeinen Pfennigs ; er liefs sein 
Kriegsvolk über Donauwörth stromabwärts nach Ungarn 
ziehen; ja, nach einem kurzen Aufenthalte in Sachsen 



und ßäte von Oberösterreich an Ferdinand 1553 Januar 31 Innsbruck 
(ebenda Bd. 17). — Georg Gienger an Ferdinand 1553 Februar 16 
Enns (ebenda). 



2Q2 Gustav Wolf: 

übernalim er selbst das Konimando gegen die Osmanen. 
Allerdings erntete er auf dem Kriegsschauplätze wenig 
Ruhm und die strategische Bedeutung des Herbstfeldzugs 
war eine geringe ; aber die Freundschaft zwischen Ferdi- 
nand und Moritz wurde durch ihn eine engere und der 
Kurfürst hatte überdies den Vorteil, dafe er, ohne Auf- 
sehen zu erregen, das Kriegsvolk, das sonst voraussichtlieh 
seinen Gegnern zugelaufen wäre, unter seinem Kommando 
beisammen erhielt. Und seine Lage war schwierig genug. 

Zwar augenbliclvlich bedrohte ihn Karl persönlich 
nicht. Er war von Uhn westwärts gegen die Franzosen 
gezogen und hatte seine Streitkräfte vor Metz vereinigt. 
Aber Johann Friedrich, der nach Hause zurückgekehrt 
und dort mit Jubel aufgenommen worden war, liels Gotha 
befestigen, nahm den Titel „geborener Kurfürst" an und 
Münzen mit dem Kurwappen und der Aufschrift veriis 
eledor zirkulierten'-^). In Niedersachsen kam es zur 
Fehde zwischen Heinrich von Braunschweig und seinem 
Adel, in welche auch Graf Volrad von Mansfeld herein- 
gezogen wurde. Endlich war es verdächtig, dals der 
alte Feind des sächsischen Kurfürsten, Markgraf Hans, 
im September Karls Lager aufsuchte, dort eine Bestallung 
als kaiserlicher Rat annahm, unmittelbar darauf mit Ott- 
heinrich und Christof zusammentraf und sich auch mit 
dem Ernestiner einliefs. 

Am meisten beunruhigte jedoch allgemein die Aus- 
söhnung des Kaisers mit dem Markgrafen Albrecht Alci- 
biades. Dieser hatte den Abschlufs des Passauer Ver- 
trags damit beantwortet, dafs er dem Herzog von Württem- 
berg seine Absicht, weitere Reiter zu werben, ankündigte, 
und als er von den hervorragendsten Ständen Süddeutsch- 
lands zum Frieden ermahnt worden, mit dem Hinweis 
auf das französische Bündnis und mit Drohungen er- 
widert-"). Darauf hatte der Kaiser nicht nur Albrechts 
Verträge mit den Bischöfen von AVüi-zburg und Bamberg 
und der Stadt Nürnberg kassiert, sondern auch die frän- 
kischen Kreisstände zu gemeinschaftlichen Verteidigungs- 
malsregeln aufgefordert. Als auf einem deshalb ausge- 
schriebenen Kreistage verschiedene Gesandte sich zur 
Vereinbarung derselben nicht ermächtigt glaubten, hatten 



28) Ranke, Sämtliche Werke V, 203 f. Ifsleib in dieser Zeit- 
schrift VIII, 48. 

2») Druffel II, No. 1708, 1745. 



Der Papsauer Vertrag. 263 

die Bischöfe von Bamberg, Würzburg und Eichstätt und 
die Stadt Nürnberg einen Sonderbund gegründet, mit 
der ausgesprochenen Absicht, hierdurch sowohl Karls 
Wünsche nach einem engeren Zusammenschlüsse aller frän- 
kischen Stände als auch dem umfassenden kaiserlichen 
Einigungsprojekt vorzuarbeiten*^'^). Ebenso hatte sich An- 
fang November ein kurrheinischer Kreistag auf ausdrück- 
liches Verlangen des anwesenden kaiserlichen Gesandten 
Heinrich Haase für den Schutz des Landfriedens erklärt 
und sogar trotz des anfänglichen Widerspruchs der Pfälzer 
eine genau spezialisierte Hilfe bewilligt; dabei hatten 
sowohl die Kurfürsten als auch Karls Vertreter ein ähn- 
liches Vorgehen anderer Kreise, insbesondere des schwä- 
bischen, in Aussicht genommen'^^). Der bestimmte Ent- 
schlufs des Kaisers zum energischen Auftreten gegen 
Albrecht schien um so selbstverständlicher, weil dieser 
sein Kriegsvolk den Franzosen zugeführt hatte und mit 
ihnen zusammen Metz verteidigte. 

Desto gröfser war die Überraschung, als Karl sich 
mit Albrecht einigte, die Aufhebung seiner fränkischen 
Verträge zurücknahm und der Kulmbacher von den Be- 
lagerten zum Belagerungsheer überging. Hierdurch 
desavouierte der Kaiser nicht nur in empfindlichster Weise 
die fränkischen und rheinischen Stände, welche nach 
seinen Direktiven gehandelt hatten, sondern beschwor 
auch einen Zustand allgemeiner Unsicherheit und Mifs- 
trauens herauf. Insbesondere erblickten Moritz und seine 
Räte in der Schwenkung des Kaisers eine gegen Kur- 
sachsen gerichtete Spitze. Wir bemerkten, dals sich im 
August der Wettiner und der Brandenburger unter wenig 
freundschaftlichen Gesinnungen von einander getrennt 
hatten. Jetzt war derjenige, welcher allen Friedensvor- 
schlägen sein Ohr verschlossen, vom Kaiser zu Gnaden 
aufgenommen, jener dagegen, der thatkräftig für den 
positiven Erfolg der Passauer Verhandlungen gearbeitet 
und ihn eigentlich allein herbeigeführt hatte, trotz mehr- 
facher Aussöhnungsversuche zurückgewiesen worden. Die 
Dresdner Politiker verstanden diese deutliche Sprache und 
fürchteten eine Koalition zwischen Karl, Albrecht, Hans 
und Johann Friedrich, die zwar in ihren positiven An- 

30) Bischöfe von Bamberg, Würzburg und Eichstätt, und die 
Stadt Nürnberg an Karl 1552 Oktober 13 (Wien, Reichssachen in 
genere 16). 

^') Druffel II, No. 1808, 1823. 



264 Gustav Wolf: 

schaumigen und Absichten weit auseinander gingen, aber 
in ihrem tiefen Hasse gegen Moritz vollkommen überein- 
stimmten. 

Die Aussöhnung zwischen Karl und xllbrccht wirkte 
belebend auf die A'erhaudlungen des sächsischen Kur- 
fürsten sowohl mit Frankreich als auch mit Ferdinand 
und den Reichsständen. Während der dipluniatische Ver- 
kehr, den Moritz und Wilhelm mit Heinrich II. gepflogen, 
seit dem Abschlüsse des Vertrags sich nur in allgemeinen 
Redewendungen bewegt hatte, sehen wir jetzt die Ab- 
sichten des Wettiners klarer hervortreten. Es ist ja 
nun nicht zu erweisen, ob derselbe seinen Plan erst im 
gegenwärtigen Momente entworfen oder durch die drohende 
Gefahr nur zur offeneren Aussprache längst gehegter 
Wünsche gedrängt worden ist. Jedenfalls begegnen wir 
jetzt auf kursächsischer Seite einem zielbewulsten Handeln 
und dem entschiedenen Bemühen, möglichst viele mili- 
tärische Streitkräfte gegen Karl zu vereinigen. 

In den ersten Tagen des Jahres 1553 enthüllte Mo- 
ritz dem bei ihm weilenden französischen Gesandten einen 
grofsartigen Offensivplan, welcher als Angriffsprojekt die 
Niederlande im Auge hatte, Der Gedanke, bei Wieder- 
aufnahme der Feindseligkeiten gerade dieses Gebiet als 
Kampfplatz zu wählen, lag ja überaus nahe und war 
bereits im vorigen Jahre gelegentlich berührt worden; 
bildeten doch die Niederlande recht eigentlich das finan- 
zielle Rückgrat der kaiserlichen Stellung und vermochte 
ein glücklicher Feldzug gegen Flandern ein für allemal 
den gemeinsamen Gegner unschädlich zu machen. Die 
strategische Idee des Kurfürsten war die, 4000 Reiter 
und 12000 Landsknechte aufzubringen und nach dem 
Rheine zu werfen, den Kaiser, der hierdurch im Rücken 
bedroht worden wäre, zur Aufgabe der Belagerung von 
Metz und zum Abmarsch in die Niederlande zu zwingen 
und dann den Franzosen zum Angriff auf dieses Gebiet 
die Hand zu reichen. 

Nicht minder interessant als dieses Anerbieten des 
Kurfürsten sind die Gegenleistungen, welche er von 
Frankreich dafür beanspruchte. Vor allem bedurfte er 
natürlich einer namhaften Geldunterstützung; da dieselbe 
zwar schon früher von Heinrich wiederholt zugesichert, 
jedoch nicht immer der Verabredung gemäls geleistet 
worden war, so bedang sich Moritz diesmal Pränumerando- 
zahlung aus; jedenfalls sollte Franki-eich 250000 Kronen 



Der Passauer Vertrag. 265 

in einem Vorräte zusammenscliielsen, so dafs die Truppen 
drei Monate lang sicher bezahlt werden konnten. Ur- 
sprünglich stellte der Kurfürst noch eine weitere Be- 
dingung: der König von Frankreich sollte alle von ihm 
unterhaltenen deutschen Pensionäre und' Kriegsleute an 
Moritz weisen und seinem Befehle in Bezug auf die An- 
werbung der Truppen unterstellen. Obgleich dieser Passus, 
welcher im Konzepte der kurfürstlichen Zuschrift an 
Heinrich enthalten war, bei der endgiltigen Redaktion 
des Schriftstücks ausgelassen worden ist, so beweist doch 
die ursprüngliche Fassung hinlänglich, dafs Moritz be- 
müht gewesen ist, mit französischer Hilfe die Zahl seiner 
Anhänger in Deutschland zu vermehren. Denn zu den 
Kostgängern der französischen Krone gehörten viele 
deutsche Fürsten und ein grofser Teil der berühmten oder 
berüchtigten Adligen und Reiterführer, deren Namen bei 
jedem Raubzug und allen Truppenwerbungen genannt 
wurden. Diese zweifelhaften Elemente, welche sich je 
nach den Chancen des gröliseren Verdienstes bald auf diese, 
bald auf jene Seite zu schlagen pflegten, sollten durch einen 
Machtspruch des französischen Königs dem Kurfürsten 
iNIoritz zur Verfügung gestellt werden^-). 

Diesen Verhandlungen zwischen Frankreich und 
Sachsen gingen andere parallel, welche zwar nicht den 
Angriffsplan gegen Karl zum offiziellen Zwecke hatten, 
jedoch ebenfalls auf eine Erweiterung der deutschen 
Machtsphäre des Kurfürsten abzielten. Um nämlich der 
drohenden Gefahr zu begegnen, wählte Moritz dasselbe 
Mittel, welches der Kaiser gegen ihn anwenden wollte. 
Bereits im Oktober war von einem Verteidigungsbunde 
zwischen Österreich, Sachsen und einigen gieichgesinnten 
Ständen die Rede gewesen. Doch erst als zu Ende des 
Jahres der König den Kurfürsten zu Vorschlägen über 
die Bedingungen und Teilnehmer des Bundes aufforderte, 
kamen die Verhandlungen wirklich in Fluls. 

Während Herzog Albrecht von Baiern in seiner Ant- 
wort an Georg Spet den Zusammenschlufs benachbarter 



32) Treff tz a. a. 0. S. 31 ff. Da die Verhandlungen durch den 
plötzlichen Tod des Kurfürsten jäh unterbrochen wurden und ein 
sicheres Urteil über die einzelnen Motive, welche Moritz in seinen 
Verhandlungen mit Frankreich leiteten, unmöglich ist, habe ich Be- 
denken getragen, in der Verwertung der einzelnen von Trefttz mit- 
geteilten Notizen weiter zu gehen, als ich dies oben im Text ge- 
than habe. 



266 Gustav Wolf: 

Stände und das Nebeneinanderwirken eines norddeutschen 
und eines süddeutschen Bundes befürwortet hatte, sah 
der Wettiner von geographischen Rücksichten ganz ab 
und wälilte seine Freunde aus allen Gegenden des Reichs, 
wie es ihm gerade palste : Ferdinand, die Kurfürsten von 
Pfalz und Brandenburg, Landgraf Philipp, die Herzöge 
von Baiern und Braunschweig, den Erzbischof von Magde- 
burg, die Bischöfe von Bamberg und Würzburg, die Stadt 
Nürnberg, den als Kanzler des Königreichs Böhmen fun- 
gierenden Fürsten Heinrich von Reuls-Plauen. So bunt 
zusammengewürfelt auf den ersten Blick eine solche Ver- 
einigung scheint, so sind doch bei näherer Betrachtung 
verschiedene Gesichtspunkte erkennbar, von welchen sich 
Moritz leiten liefs. Erstens sollte der Bund diejenigen 
umfassen, welche mit dem Kurfürsten gleiche Interessen 
hatten und von welchen daher dieser die thatkräftigste 
Abwehr der Friedensstörer und seiner persönlichen Wider- 
sacher erwarten durfte; das war namentlich bei den 
fränkischen Ständen und beim Herzog von Braunschweig 
der Fall. Zweitens wählte Moritz diejenigen Stände, 
welche mit seinen Gegnern befreundet oder verwandt 
w^aren und durch ihre Aufnahme in den Bund verhindert 
werden sollten, sich der feindlichen Sache anzuschlieisen ; 
in dieser Hinsicht kamen zunächst Ferdinand, Joachim 
und der Erzbischof von Magdeburg, weiter aber auch 
Albrecht von Baiern und Kurfürst Friedrich in Betracht, 
weil der Freund des ersteren, Herzog Christof von 
Württemberg, und der nächste Agnat des letzteren, 
Pfalzgraf Ottheinrich, sich mit dem Markgrafen Hans 
eingelassen hatten und deshalb in Dresden beargwöhnt 
wurden. Zu diesen beiden Gruppen traten Heinrich von 
Plauen, dessen Freundschaft wegen seiner Vertrauens- 
stellung bei Ferdinand für Moritz von Wichtigkeit war, 
und der Landgraf Philipp, weil durch hessische Ver- 
mittlung vor dem Aufstande das Zusammengehen zwischen 
Moritz und Heinrich II, hergestellt worden war und Aveil 
auch jetzt wieder die Verhandlungen mit Frankreich im 
Einvernehmen mit Hessen erfolgten-'-'). 

Der zugestandene offizielle Zweck des Planes war 
Schutz des Passauer Vertrags. Das sollte in der Eini- 
gungsurkunde ausdrücklich erklärt w^erden. Im übrigen 
waren die Vorschläge, die Moritz durch Plauen an Fer- 



*) Ifsleib a. a. 0. S. 55. 



Der Passauer Vertrag. 267 

dinand sandte , möglichst kurz gehalten und eigentlich 
nichts wie ein Auszug aus dem kurfürstlichen Bundes- 
entwurfe von 1547, nach Malsgabe der schwäbischen 
Einigung mehrfach erläutert. Das Zustandekommen der 
Allianz wurde ja auch wesentlich gefördert, wenn man 
sich jetzt noch nicht in Details festband, sondern auf 
die grofsen Gesichtspunkte beschränkte und die Einzel- 
erörterungen einem späteren Stadium vorbehielt, in welchem 
sich Zahl und Ansichten der Mitglieder besser übersehen 
Hessen. So enthielt der Vorschlag des Wettiners ver- 
hältnismäfsig wenig bemerkenswertes: dafs die im Ent- 
würfe von 1547 immer wiederkehrende Bezugnahme auf 
die Kreisordnung getilgt wurde, dafs die Kriegsräte und 
Hauptleute mindestens einmal im Jahre zusammentreten 
sollten, dafs zu rechtlichen Austrägen nicht das Reichs- 
kammergericht benutzt, sondern wie im schwäbischen 
Bunde ein eigenes Tribunal geschaffen werden sollte. 
Diese letztere Bestimmung wurde eingefügt, weil die 
österreichischen Erbstaaten vom Eeichskammergericht un- 
abhängig Avaren, richtete sich aber zugleich gegen den 
Kaiser, dem dasselbe durchaus ergeben war. 

Mitte Februar gelangte das sächsische Schriftstück 
in Ferdinands Hände. Dieser hatte bereits im Dezember 
den Kaiser von den Bündnisplänen des Wettiners unter- 
richtet und lebhaft zur Beteiligung an denselben auf- 
gefordert; Karl hatte höflich abgelehnt, die Zuverlässig- 
keit Johann Friedrichs im Gegensatze zum allgemein 
verbalsten Albertiner hervorgehoben und auf sein eigenes 
Projekt hingewiesen. Es konnte nun für Ferdinand nicht 
zweifelhaft sein, dals die zwei Einigungen einander nicht 
ergänzten, sondern widersprachen. Denn obgleich beide 
offiziell die Verteidigung gegen die Landfriedensbrüche 
bezweckten, so sollte doch in Wahrheit der kaiserliche 
Bund die Verhältnisse, wie sie vor dem Aufstand ge- 
wesen waren , wieder herstellen und Moritz niederwerfen, 
der sächsische dagegen dem Kurfürsten die Vorteile 
sichern, welche dem Kaiser durch die jüngsten Ereignisse 
abgerungen worden waren. Aber Ferdinand glaubte 
seinem Friedensbedürfnisse am besten zu entsprechen, 
wenn er mit beiden Teilen seine Verbindung aufrecht 
erhielt und bei beiden seine Stimme für die Beruhigung 
Deutschlands in die Wagschale legte. So entschlols er 
sich trotz der entgegengesetzten Tendenzen des kaiser- 
lichen und kursächsischen Bundes an beiden Koalitionen 



268 Gustav Wolf: 

teilzunehmen und mit Vorder- und Oberösterreicli der 
süddeutschen , mit Böhmen und Niederüsterreich der 
sächsischen Einigung- beizutreten; und. ungeachtet der 
ziemlich deutlichen iiblehnung seines Bruders meinte er, 
dafs dieser als Beichsoberhaupt an die Spitze beider 
Bündnisse treten müsse. Der König verlangte damit, dem 
Vorschlag des Baiernherzogs entsprechend, das ergänzende 
Nebeueinanderwirkcn eines norddeutschen und süddeutschen 
Bundes zum Schutze des Landfriedens unter kaiserlicher 
Oberhoheit. 

Moritz vermied einen offenen Widerspruch gegen 
Ferdinands Wünsche. Die Gefahr, dals durch den Ein- 
tritt des Kaisers die Ziele seiner Allianz vereitelt würden, 
beseitigte er vorläufig durch die Forderung, ohne liück- 
sicht auf Karl ungesäumt eine Zusammenkunft zu ver- 
anstalten. Ebensowenig focht er die Verteilung der 
österreichischen Erbstaaten auf die beiden Vereine an, 
da ja doch die wichtigeren Gebiete zum sächsischen 
Bunde geschlagen waren. So kam er nicht allein dem 
König aulserordentlich entgegen, sondern erschien zu- 
gleich gehorsam und rücksichtsvoll gegen den Kaiser, 
obwohl er doch wissen konnte, dals einem Bunde, dessen 
Seele der Albertiner und dessen Aufgabe die Verteidigung 
gegen die Feinde des Kurfürsten war , Karl niemals bei- 
treten werde. Nach Empfang dieser willfährigen kur- 
sächsischen Erklärung lud Ferdinand im Verein mit Moritz 
die Fürsten durch eine gemeinschaftliche Gesandtschaft 
ein, zu Eger über die Errichtung des Bundes zu be- 
raten ^^). 

Ehe sich die Zusammenkunft verwirklichte, hatte 
im neuen Schlosse bei Heidelberg die kaiserliche Sache 
einen schweren Stols erlitten. Unmittelbar nach dem 
Abschlüsse des Passauer Vertrags war die Stimmung am 
Mittelrhein und in Süddeutschland für Karl durchaus nicht 
ungünstig gewesen. Hatte die Besorgnis vor neuen 
Raubzügen des Kulmbachers die Herzöge von Baiern 
und Württemberg dem Bundesprojekte geneigter gemacht, 
so waren bereits vor der Ankunft der betreffenden kaiser- 
lichen Vorschläge ähnliche Ansichten auch im Kabinet des 
Kurfürsten von Mainz geäufsert worden, der 1547 zu den 
entschiedensten Gegnern des Planes gehört und auf den 



^*) Ferdinands mid ]\rnritz' Instruktion. In53 März 9 Graz 
(Dresdner Archiv; 111, 19 f. 13 n. 11 Bl. 5 ff. 



Der Passauer Vertrag. 269 

Landfrieden hingewiesen , seitdem aber am eigenen Leibe 
erfahren hatte, wie wenig alle Reichsgesetze bei so 
mangelhafter Dnrchführung nützten. Desgleichen lagen 
die Bemühungen verschiedener Fürsten um einen Frieden 
zwischen Karl und den Franzosen ganz in des ersteren 
Literesse, obgleich diese Fürsten natürlich nicht die 
Streitkräfte des Kaisers gegen Moritz und seine anderen 
deutschen Widersacher frei machen, sondern lediglich 
den Markgrafen seines französischen Rückhalts berauben 
wollten. Wenn sich Karl auf die Abwehr der Franzosen 
und des Kulrabachers und auf sein Bundesprojekt be- 
schränkt hätte, wäre er des Beifalls der Süddeutschen 
sicher gewesen. 

Ein völliger Umschlag trat ein, als Karl diese Grenze 
überschritt und die Wiederaufnahme des Projektes, dem 
spanischen Infanten Philipp die deutsche Kaiserwürde 
zuzuwenden, sowie die Aussöhnung mit dem Markgrafen 
von Brandenburg ruchbar wurde. Beides widersprach 
zwar nicht dem Wortlaute, aber doch dem Geiste des 
Passauer Vertrags. Denn die Wahl Philipps zum 
künftigen Reichsoberhaupt bedeutete die Rückkehr der- 
jenigen Fremdherrschaft, gegen welche man in Passau 
die Stimme erhoben hatte, und die Vereinigung Kai'ls 
mit dem Markgrafen erschwerte die Pazifikation des 
Reichs, welche das Ziel des Kongresses gewesen war. 
Dieser sachliche Unwille wurde durch persönliche Mo- 
mente wesentlich verschärft. Es wurde bekannt, dais 
der Vizekanzler Seid den Vergleich mit dem Kulmbacher 
widerraten, gegen Granvelle und Alba jedoch nichts aus- 
gerichtet hatte. Und auch im spanischen Successionsplan 
vermutete man allgemein den Einfluls Granvelles, zumal 
die Fortdauer seines Regiments mit der Nachfolge 
Philipps verbürgt schien. Nun war es soweit gekommen, 
dafs jeder, der seine Feindseligkeit gegen den Bischof 
bekundete, sich hierdurch allgemeine Achtung und Popu- 
larität erwarb; dahin hatte es Granvelles hochfahrendes 
und ehrgeiziges Wesen gebracht. Es liefs sich daher 
der änfserst ungünstige Eindruck der beiden neuesten 
Handlungen Karls begreifen, besonders nachdem dieser 
versprochen hatte, den Deutschen einen grölseren Einfluls 
auf seine Politik einzuräumen. 

Als der auf der Plassenburg zurückgebliebene Statt- 
halter des Markgrafen Albrecht Alcibiades, Wilhelm von 
Grumbach, die Bischöfe von Bamberg und Würzburg 



270 Gustav Wolf: 

vom Vertrage zwischen dem Kaiser und seinem Herrn 
verständigte und zur Beobachtung aufforderte, protestierten 
die beiden Geistlichen auf das energischste und erwirkten 
vom Kammergericht ein Mandat, durch welches den 
Brandenl)urgern Gewaltakte untersagt wurden. Auch 
beniühlen sie sich um ein Zusammengehen aller frän- 
kischen Kreisstände. Aber alles dies reizte den Mark- 
grafen nur noch mehr, und als derselbe dadurch, dals 
Karl die Belagerung von Metz aufhob und über Dieden- 
hofen in die Niederlande zog, freie Hand zur Verwirk- 
lichung seiner neu erworbenen Rechtsansprüche erhielt, 
begann man in Süddeutschland vor neuen Kaubziigen des 
Brandenburgers zu zittern. Da derselbe namentlich bei 
Trinkgelagen mit abenteuerlichen Projekten zu prahlen 
liebte, vermehrte er noch die allgemein herrschende 
Besorgnis. 

In solcher Lage tauchten Bestrebungen auf, das von 
Karl geplante Bündnis nunmehr ohne ßücksicht auf den 
Kaiser abzuschlielsen. AVir bemerkten bereits oben, dals, 
obgleich die Herzöge von Baiern und Württemberg Karls 
Vorschläge gebilligt hatten, sie doch ganz andere Ziele 
verfolgten, dals es ihnen nicht nur dem Namen nach, 
sondern wirklich um die Verteidigung gegen die Ruhe- 
störer zu thun war. Auch hatte Herzog Christof gegen 
die Zusammensetzung des Bundes, w'elche nach den 
früheren Erfahrungen vom Kaiser erwartet werden 
mulste, manche Bedenken. Er scheute die Vereinigung 
mit den Grafen und Prälaten, von denen er befürchtete, 
dafs sie sich selbst in geringfügigen Fällen nicht zu 
helfen wissen und den Apparat der Bundeshilfe in Be- 
wegung setzen , dagegen ihrerseits den gröiseren Ständen 
keine Dienste leisten würden. Desgleichen war ihm ein 
Zusammengehen mit den Städten unsympathisch, teils 
weil er überhaupt kein Freund der freien Kommunen 
war, teils weil infolge ihrer Verfassung und Ver- 
waltung diplomatische Geheimnisse ungenügend ge- 
wahrt werden konnten. So hätte er lieber gesehen , dafs 
w^enigstens für den Anfang nur die gröiseren Stände 
unter Beiseitelassen der kleineren sich geeinigt hätten, 
während 1547 Karl gerade auf letztere besonderes Ge- 
wicht gelegt und bisher keine Sinnesänderung bekundet 
hatte. Als nun Kurfürst Friedrich von der Pfalz, der 
im November diesen Vorschlag abgelehnt hatte, sich 
einem selbständigen Bunde der süddeutschen Fürsten 



Der Passauer Vertrag. 271 

geneigt erwies und demgemäfs im Januar den Herzögen 
von Baiern, Jülich und Württemberg eine Zusammenkunft 
zur Lösung der schwebenden Streitfragen proponierte, 
stimmte Christof eifrig zu und reiste mit Albrecht zu- 
sammen nach Wimpfen. Angeblich wollte man hier die 
Irrungen zwischen dem Markgrafen von Brandenburg 
und den fränkischen Bischöfen beilegen. Doch war schon 
vor der Zusammenkunft auch aufserhalb des Kreises der 
Teilnehmer bekannt, dafs man sich nicht auf die Er- 
örterung dieser Frage beschränken , sondern dem Antrage 
Friedrichs gemäls alle Übelstände erwägen und über die 
zur Erfüllung des Passauer Vertrags geeigneten Mals- 
regeln beraten wollte. Als darauf die Verhandlungen 
von Wimpfen nach Heidelberg verlegt wurden, fanden 
sich noch im Laufe der Diskussion die Kurfürsten von 
Mainz und Trier, der Bischof von Würzburg, Markgraf 
Albrecht und Gesandte von Bamberg und Hessen ein. 

Der Kaiser, dem das Heft aus den Händen ge- 
wunden zu werden drohte, machte gute Miene zum bösen 
Spiele: er begrülste die Heidelberger Fürsten in einem 
huldvollen Schreiben und lobte ihre Bemühungen um 
den Frieden"'). Aber obgleich die Adressaten in der 
allerunterthänigsten Form antworteten, so bewiesen die 
Verhandlungen, dals der Brief die Stimmung der An- 
wesenden keineswegs dem Kaiser geneigter gemacht 
hatte. 

Sehr heimlich wurden die Beratungen geführt. Damit 
die . Verschwiegenheit streng gewahrt blieb , fungierte 
Herzog Albrecht persönlich als Kanzler. Während in 
der markgräflich -fränkischen Sache keine Einigung er- 
zielt werden konnte, waren die Verhandlungen über die 
Errichtung eines Bundes desto erfolgreicher. Man be- 
schlols dieselbe zunächst auf drei Jahre und nahm für 
eine nahe Zukunft eine weitere Zusammenkunft in Aus- 
sicht, falls nicht inzwischen der durch den Passauer 
Vertrag vorgeschriebene Reichstag die schwebenden 
Streitfragen lösen würde. Bei dieser Gelegenheit wurden 
die bittersten Klagen über Karls Regiment laut, der 
seither den Passauer Vertrag geflissentlich ignoriert , der 
nichts gethan hatte, um das Zustandekommen des Reichs- 



35) Karl au Friedrich II., Albrecht, Wilhelm imd Christof. 
1553 März 10 Brüssel. Wien, Reichssachen in genere 22 (Konzept 
von Pfitzing). 



272 Gustav Wolf: 

tag's zu fördern, der durcli das spanische Successions- 
projekt die Gemüter beunruhigte, dessen aulserdeutsche 
liatgeber, und besonders Granvelle, den allgemeinen Un- 
willen herausfürdertcn. In allen Debatten wurde der 
Passauer Vertrag zum Malsstab genommen und darum 
die Aufhebung der fränkischen Kapitulationen für un- 
gerechtfertigt erklärt; man warf also dem Kaiser indirekt 
einen Treubruch vor'^**). 

Es w^ar eine Komödie, dals die Fürsten Karl den 
Abschluls des Bundes anzeigten. Denn der Geist, der 
in Heidelberg herrschte, war derselbe, von welchem 
sich die Stände auch in Passau hatten leiten lassen : der 
Entschlufs, unter allen Umständen den Frieden wieder- 
herzustellen und nötigenfalls eigenmächtig die deutschen 
Verhältnisse zu regeln, wenn der Kaiser seine AVege 
weiter gehen und sich über die Wünsche der an- 
gesehensten Reichsstände wie bisher hinwegsetzen würde. 
Der kaiserliche Bund war durch die Heidelberger Be- 
schlüsse beseitigt; denn diejenigen, welche seine eigent- 
lichen Träger hatten werden sollen, waren jetzt in 
einem anderen Bunde zusammengefalst, dessen Tendenz 
den Absichten Karls schnurstracks zuwiderlief und mit 
der vom Kurfürsten Moritz geplanten Allianz insofern 
übereinstimmte, als den offiziellen Zweck der neuenEinignng 
der Schutz des Passauer Vertrags gegen jedermann 
bildete. Karl hatte durch sein Bundesprojekt die süd- 
deutschen Führer zu Werkzeugen seiner Politik machen 
wollen ; jetzt bekundeten diese durch ihr selbständiges 
Vorgehen, dals sie von einer kaiserlichen Bevormundung 
nichts wissen und lediglich nach ihren Interessen handeln 
wollten. 

Um aber ihrer Opposition gegen Karl die Krone 
aufzusetzen , rief die Heidelberger Versammlung den Kur- 
fürsten Moritz herbei. Und der AVettiner, welcher in 
den zu Tage getietenen Bestrebungen eine Vorarbeit 
für die Verwirklichung seiner eigenen liündnisideen ent- 
deckte, kam mit geringem Gefolge in Eilritten herbei, 
noch rechtzeitig, um seinen Namen unter das erwähnte 
Gesamtschreiben an Karl zu setzen. So war dasselbe 
von vier Kurfürsten und drei der mächtigsten deutschen 



'"') Über den Heidelberger Tag vergl. aufser der mannigfachen ge- 
druckten LitteratUr Zasius' Hericlite an Ferdinand vom 6., 23. und 
27. März und 23. April (Wien, Berichte aus dem Reich 3a). 



Der Passauer Vertrag. 273 

Fürsten, unter welchen sich zwei Schwiegersöhne Fer- 
dinands befanden, unterzeichnet und die hauptsächlichsten 
Vermittler des Passauer Vertrags hatten sich mit dem 
verhafsten Albertiner solidarisch erklärt. 

Selbst wenn wir über die Anschauungen des 
Passauer Kongresses nicht unterrichtet sein würden, 
wären die Heidelberger Vorgänge ein völlig genügender 
Beweis dafür, dafs es nicht der Schrecken vor den 
sächsischen Truppen war, welcher die Passauer Stände, 
katholische wie protestantische, zur prinzipiellen Annahme 
der kurfürstlichen Vorschläge veranlalst hat. Nein, es 
war schon längst der freie Wille der dortigen Fürsten 
und Gesandten gewesen, mit dem herrschenden System 
Karls V. zu brechen , und der militärische Augenblicks- 
erfolg des Wettiners hatte genügt, um ihnen den bisher 
fehlenden Mut zur Opposition gegen den mächtigen Kaiser 
einzuflölsen. Und nachdem man die Neugestaltung 
Deutschlands zu Passau in Angriff genommen, fiel es 
den Fürsten nicht schwer, auf der einmal betretenen 
Bahn fortzuschreiten. 

Der Kaiser gab sein Spiel noch nicht verloren. 
Allerdings hatte er schon einige Tage vorher die Absicht 
ausgesprochen, den zugesagten Reichstag zu berufen. 
Indefs das Avar nur ein Scheinmanöver, weil unter den 
damaligen Verhältnissen keine genügend besuchte E,eichs- 
versammlung hätte zustande kommen können. Dagegen 
förderte Karl mit noch gröfserer Energie als früher den 
Abschlufs des von ihm geplanten Bundes und beauftragte 
die Grafen Haug von Montfort und Friedrich von Fürsten- 
berg, sowie Wilhelm Truchsefs. bei ihren Standesgenossen 
in Schwaben für sein Projekt zu agitieren. Das gleiche 
Ansinnen w^urde an den Erzbischof von Salzburg, die 
Herzöge von Baiern und Württemberg, den Abt von 
AVeingarten, die Städte Ulm und Augsburg, sowie einige 
Ritter gestellt. Als jedoch Mitte April die zur Teil- 
nahme aufgeforderten Stände in Memmingen zusammen- 
kamen, waren aufser den Bevollmächtigten Ferdinands 
nur die Gesandten von Ulm und Augsburg zum sofor- 
tigen definitiven Abschluls bereit; einige andere wollten 
die Ratifikation ihren Herren vorbehalten, die bairischen 
wollten nicht beraten, sondern nur anhören, Württem- 
berg lehnte unter Bezugnahme auf den Heidelberger 
Bund rundweg ab. 

Da jedoch aufser Ulm und Augsburg auch die 

Neues Archiv 1. S. G. u. A. XV. 3. 4. 18 



274 Gustav Wolf: 

kleineren Stände, die Grafen, Ritter nnd Prälaten per- 
sönlich Lust zeigten, so wurde die Hortnung auf ein 
positives Ergebnis noch nicht aufgegeben; man verein- 
barte deshalb, dafs die Anwesenden nochmals unter ihren 
Standesgenossen für die Sache Propaganda machen und 
am 28. Mai in Memmingen ein zweiter Bundestag statt- 
tinden sollte'^'). 

Inzwischen klärte sich die Situation zu Ungunsten 
der beabsichtigten Einigung. Herzog Albreclit von 
Baiern schickte seinen Kanzler Wigelius Hundt zu 
Ferdinand und liefs diesen zum Eintritt in den Heidel- 
berger Bund auffordern, indem er zugleich nicht nur 
seine Teilnahme am kaiserlichen ablehnte, sondern den- 
selben bereits als gescheitert annahm •^^). Damit waren 
die beiden mächtigsten Stände Süddeutschlands aus 
Karls Kombination ausgeschieden, wie dies einsichtige 
Beurteiler allerdings schon längst vor der Memminger 
Zusammenkunft vorausgesehen hatten. Aber auch die 
Städte, Grafen und Ritter, welche sich auf derselben 
dem Plane günstig geäulsert hatten, fanden geringen 
Beifall. Als Ulm und Augsburg die schwäbischen Städte 
zusammenberiefen, entschuldigten viele ihr Ausbleiben 
wegen Unvermögens; andere, w'ie Memmingen, Lindau, 
Bibrach, Kaufbeuren und Isny, schickten zwar Gesandte, 
ohne dieselben aber an den Beschlüssen des Städtetags 
teilnehmen zulassen. Nur vierzehn Kommunen , darunter 
einige der kleinsten, eigneten sich den prinzipiell zu- 
stimmenden Standpunkt der beiden ausschreibenden Orte 
an. Regensburg, welches nicht Mitglied des schwäbischen 
Kreises und darum nicht eingeladen, aber doch verständigt 
worden war, lehnte den Beitritt zum Bunde ganz ab'^*-*). Ein 



") Die Akten des Memminger Tags: Wien, Reichssachen in 
genere 17. Daraus seien besonders genannt: Das Protokoll der 
östcrreichichen Gesandten. — Statthalter Abt Wolfgang von Kempten 
und Matthias Alber an Ferdinand 1553 April Ki. und 20. Memmingen 
— Buiidesabschied vom 19. April. — Montfort und Spet an Karl 
1553 April l'.-i Memmingen. 

^^) Wien, lieichssachen in genere 19. Die Instruktion ist 
nicht datiert. 

^^) Augsburger Litteralien. Daraus sind besonders hervorzu- 
heben: Instruktion für Marx Pfister und den Stadtkanzler Dr. Sel)asfian 
Bender 1553 Mai 4 Augsburg. — Ulmisch Bedenken, was mit der 
Stet Gesandt(>n auf dem angesetzten Tag den 7. Mai alliier zu Ulm 
eines Bündnus halben zu handeln sein möchte s. d. — Städteabschied 
1553 Mai 10 Ulm. Vergl. Zasius an Ferdinand 1553 Mai 25 Frank- 
furt (Wien, Berichte aus dem Reich 2a). 



Der Passai;er Vertrag. 275 

ähnlich schlechtes Ergebnis wie der Städtetag in Ulm hatte 
ein Grafentag in Pfullendorf und ein Rittertag in Ehingen; 
auch hier lehnte man teils das kaiserliche Projekt ganz 
ab, teils behielt man sich die Entscheidung vor, bis 
man die Teilnahme am Bunde besser zu übersehen ver- 
mochte *"'). 

Unter solchen Verhältnissen konnte der zweite 
Memminger Tag nur die eine Bedeutung haben: das 
Schicksal des Bundesprojekts endgiltig zu iDesiegeln. Die 
baierischen Gesandten, welche sich das letzte Mal so 
zurückhaltend geäulsert, motivierten jetzt ihre Ablehnung 
mit ausführlichen Worten und die Württemberger wieder- 
holten gleichfalls ihr früheres negatives Votum. Die 
bischöflich Augsburgischen hatten Bedenken, sich ohne 
die reichsten einzulassen. Selbst die Ulmer, die bisher 
fest zum Kaiser und seinen Projekten gestanden, mochten 
angesichts der Haltung der Mehrheit eine bedingungslose 
Zusage nicht verantworten. Nur die Ratsgesandten 
Marx Pfister und Dr. Bemler aus Augsburg erklärten 
ausdrücklich, dafs sie auch ohne Baiern und Württemberg 
beitreten würden ^^). 

Damit war der kaiserliche Bund definitiv abgethan 
und zugleich klar, dals die Revanchepläne Karls in 
Deutschland auf keine breite Unterstützung rechnen 
konnten, dals vielmehr die Lösung der Schwierigkeiten 
nur durch den versprochenen Reichstag oder den Heidel- 
berger Bund, also nach Mafsgabe des Passauer Vertrags, 
erfolgen mulste. 

Der Kaiser hatte der Sachlage auch bereits Rech- 
nung getragen, als er endlich den Reichstag nach Ulm 
auf den 16. August ausgeschrieben und seine Schwester 
Maria zur Teilnahme aufgefordert hatte. Aber während 
noch im März der Heidelberger Konvent diesen Schritt 
kaum hatte erwarten können, zeigten sich die Fürsten 
jetzt ziemlich unzufrieden; sie erklärten den Zeitpunkt 



*") Donauritterschaft an Eberhard von Freiberg ln53 Mai 16 
Ehingen. — Grafen Eitelfriedrich nnd Joachim von Lupfen an die 
kaiserlichen Kommissare 1553 Mai 25 Engen (Wien, Reichssachen 
in genere 17). 

■") Proposition der kaiserlichen Kommissare 1553 Mai 31. — 
Antwort der Stände vom gleichen Tage. — Replik der kaiserlichen 
Kommissare 1553 Juni 2. — Graf Hang von Montfort und Spet an 
Karl 15ö3 Juni 4 Memmiugen. — Wolfgang von Kempten und 
Alber an Ferdinand 1553 Juni 4 Memmingen (Wien, Reichssachen 
in genere 17 j. 

18* 



276 Gustav Wolf; 

für schlecht gewählt und namentlich die Geistlichen 
äufserten sich scharf über Karls eigenmächtiges Vor- 
gehen. Der Grund war, dals niemand mehr dem Kaiser 
traute und in allen seinen unerwarteten Malsregeln 
Hintergedanken vermutete^-). Dagegen richteten sich 
die allgemeinen Hoffnungen immer mehr auf den König. 
Da war es denn von grolser Wichtigkeit , dafs nach 
dem Milserfolg der Memminger Zusammenkunft die Wege 
der beiden Brüder noch weiter auseinandergingen. Zwar 
war schon bisher Ferdinand erneuten kriegerischen Ver- 
wicklungen abhold gewesen und für die Berufung eines 
Reichstages eingetreten, in w^elchem er das sicherste 
Mittel zur Beruhigung Deutschlands sah. Aber indem 
er das kaiserliche Bundesprojekt sich zu eigen gemacht, 
indem die Schritte zu seiner Verwirklichung ihm nicht 
rasch genug hatten geschehen können , hatte er unbewulst 
den Interessen Karls gedient und ein teilweises politisches 
Zusammengehen mit dem Bruder ermöglicht. Von jetzt 
ab war das Gegenteil der Fall: denn Karl, welcher mit 
Hilfe seines Bundes die Demütigung des Kurfürsten er- 
reichen wollte, diesem Zwecke jedoch weder die Heidel- 
berger noch die geplante kursächsische Einigung nutzbar 
machen konnte, verzichtete ganz auf die Ausführung 
seiner Bündnisidee ^■^). Für Ferdinand indessen, dem es 
nicht um Nebenabsichten, sondern um den Schutz des 
Landfriedens zu thun war, handelte es sich nunmehr 
darum, ob er mit seinem ganzen Gebiete dem sächsischen 
Bunde beitreten oder, wie Albrecht ihm schon vor der 
Memminger Zusammenkunft vorgeschlagen hatte, sich mit 



^2) Zasius an Ferdinand 1553 Mai 31 Frankfurt (Wien, Be- 
richte aus dem Reich 2a). 

•'2) Gegen meine obigen Behauptungen beweist die Thatsache 
nichts, dafs Karl scheinbar jetzt gleichfalls den sächsischen Bund 
begünstigte und sogar den Zeitzer Tag beschickte. In Wahrheit 
suchte er die Einigung, welche im Mai zu Eger fast perfekt ge- 
worden war, nur derartig imizugestalten, dafs sie Moritz für seine 
Zwecke nicht brauchen konnte; dies sollte durch die Aufnahme des 
Kurfürsten von Köln, der Herzöge vtm Baiern, Württemberg, .lülich, 
des Erzbischofs von Salzburg, der Bischöfe von Münster, Augsburg 
und Eichstätt und der Städte Augsburg und Ulm geschehen. Als 
diese Absicht mifsglückte, haben zu Zeitz die kaiserliehen Kommis- 
sare viel zum Scheitern des ganzen Projektes beigctrngen. Die Er- 
örterung dieser Verhandlungen würde jedocli notwendig den Rahmen 
meiner Arbeit, die mit der Schlacht liei Sievershausen abschliefsen 
soll, überschreiten, und ich mufs daher die Darstellung einer anderen 
Gelegenheit vorbelialten. 



Der Passauer Vertrag. 277 

Vorder- und Oberösterreich der Heidelberger Einigung 
anschlielsen würde. Audi die Wahl der letzteren Alter- 
native hätte eine schärfere Dissonanz zwischen Karl und 
Ferdinand bewirkt, Denn auch der Heidelberger Bund 
fufste auf dem Passauer Vertrage und dals er neben dem 
sächsischen friedlich und ergänzend bestehen sollte, hatte 
vor kurzem Hundt im Auftrage des Baiernherzogs dem 
König auseinandergesetzt. Immerhin bedeutete es für 
Karl eine persönlich eklatantere Niederlage, dafs sich 
Ferdinand zur ersteren Eventualität entschlofs und sein 
Versprechen erfüllte, das er dem AVettiner für den Fall 
des Scheiterns der kaiserlichen Bestrebungen gegeben 
hatte. Zu dieser Entscheidung vermochten den König 
aufser der früheren Zusage besonders die günstigen 
Erfahrungen des inzwischen stattgefundenen Egerer 
Konvents. 

Allerdings war derselbe nicht den ursprünglichen 
Wünschen des Kurfüsten Moritz gemäfs zusammengesetzt 
gewesen. Friedrich von der Pfalz und Albrecht von 
Baiern hatten sich infolge ihrer Teilnahme am Heidel- 
berger Bunde entschuldigt, und auch Landgraf Philipp von 
Hessen, der früher mit besonderem Nachdrucke für die 
von Moritz geplante Allianz eingetreten war, seit der 
Gründung des Heidelberger Bundes jedoch aus geogra- 
phischen Rücksichten sich lieber diesem anschlieföen wollte, 
schickte seine Bevollmächtigten nur, um die Beratungen 
anzuhören, nicht aber um in dieselben aktiv einzugreifen. 
Doch wenn Moritz anfangs besonderes Gewicht auf den 
Beitritt von Albrecht und Philipp gelegt und namentlich 
die Beteiligung des ersteren im Gegensatze zu Ferdinand, 
der den Baiernherzog lieber im kaiserlichen Bunde ge- 
sehen, verlangt hatte, so war die Bedeutung des An- 
schlusses der beiden Fürsten inzwischen durch die Be- 
gründung der Heidelberger Allianz, derer freundschaft- 
liche Tendenzen der Kurfürst genügend kannte, wesent- 
lich verlängert worden. 

Wirkliche Schwierigkeiten wurden dem Wettiner nur 
von zwei Seiten bereitet. Kurfürst Joachim liefs in Eger 
seinen Beitritt zum Bunde von der gleichzeitigen Aufnahme 
aller Mitglieder der Häuser Sachsen, Brandenburg und 
Hessen abhängig machen. Er trat damit den sächsischen 
Absichten entgegen , da nach seiner Instruktion die haupt- 
sächlichsten Feinde des Wettiners, die Markgrafen 
Albrecht und Hans sowie der alte Johann Friedrich, 



278 Gustav Wolf: 

hätten teilnelimen müssen und dadurch der Zweck von 
Moritz' Plan vereitelt worden wäre. Es gelang jedoch 
der persönlichen Geschicklichkeit des Albertiners, die 
drohende Gefahr abzuwenden. Als Joachim bei ihm in 
Torgau zu Gaste war, setzte Moritz eine Vereinbarung 
durch, dals denjenigen regierenden Fürsten der drei 
Häuser, welche um die Aufnahme in den Bund nachsuchen 
würden, dieselbe gewährt werden müsse und dafs auch 
diejenigen, welche dies unterlielsen , zu schützen wären, 
falls sie sich dem Landfrieden und der Erbeinung ZAvischen 
Sachsen, Brandenburg und Hessen gemäls verhielten. 
Dafs Markgraf Albrecht streben Avürde, in einen Bund 
zu kommen, zu welchem auch die fränkischen Bischöfe 
gehörten, war ausgeschlossen; desgleichen waren Hans 
und der Ernestiner mit Moritz viel zu sehr verfeindet, 
um nach einer Allianz mit ihm Verlangen zu tragen. 
Im Falle der Nichtaufnahme war aber der zugesagte 
Schutz illusorisch, weil der Kulmbacher ja fortgesetzt 
den Landfrieden brach und der alte Kurfürst und der 
Küstriner durch ein thätliches Vorgehen gegen Moritz 
der Erbeinigung zuwidergehandelt hätten. 

Von einschneidender Bedeutung war die Opposition 
der braunschweigischen Gesandten gegen die Erwähnung 
des Passauer Vertrags in der Bundesurkunde. Derselbe 
hatte über den langjährigen Streit, in welchem Herzog 
Heinrich mit seinem Adel lag, einige dem Weifenfürsten 
nicht zusagende Bestimmungen getroffen, und dieser ver- 
weigerte daher die Anerkennung des Vertrags. Nun sollte 
die geplante Einigung gerade zu dessen Schutz gegründet 
werden und es hätte zu den bedenklichsten Konsequenzen 
geführt, wenn man dem Widerspruche des Herzogs gegen 
die ihm ungünstigen Satzungen stattgegeben und nach 
dessen Beispiel jeder das Recht erhalten hätte, nur die- 
jenigen Artikel des Friedens zu halten, welche ihm palsten. 
Doch fanden auch hierin die sächsischen Diplomaten einen 
Ausweg; sie veranlafsten die Braunschweiger zu einer 
speziellen Darstellung ihrer Beschwerden und damit in- 
direkt zu einer Anerkennung der Grundbestimmungen 
des Vertrags. 

In Eger hatten die sächsischen Gesandten vollständig 
das Heft in den Händen. Da Ferdinand und Moritz den 
Kongrefs geraeinsam berufen, wurde derselbe auch von 
ihren beiderseitigen Räten gemeinschaftlich geleitet; diese 
entwarfen zusammen die Proposition, sie nahmen zusammen 



Der Passauer Vertrag. 279 

die Bedenken der übrigen Stände entgegen, sie berieten 
sich zusammen, um den anderen gemeinsam gegenüber- 
zustehen. So forderte die Geschäftsordnung das Streben 
des sächsischen Kurfürsten nach einer engeren Verbindung 
mit Ferdinand. Aber bei dieser österreichisch- sächsischen 
Doppelleitung waren Moritz' Gesandte in entschiedenem 
Vorteil; denn die Nähe ihrei' Heimat gestattete ihnen, 
in allen auch nur halbwegs wichtigen Punkten rasch die 
Meinung des Kurfürsten einzuholen und bekleidet mit 
der Autorität ihres Herrn aufzutreten , während die könig- 
lichen Bevollmächtigten sich nur auf allgemeiner gehaltene 
Befehle stützen konnten. Das Ansehen der sächsischen 
Vertreter erhöhte sich noch dadurch, dals sie in den 
mannigfachen Differenzen, welche zwischen Ferdinand und 
den übrigen Ständen obwalteten, vielfach Gelegenheit zu 
vermitteln fanden, und es war sowohl für die Befestigung 
der österreichisch- kursächsischen Freundschaft, als auch 
für die Verwirklichung des Bundesprojekts nur vorteil- 
haft, dals die einzelnen Streitfragen den kurfürstlichen 
Räten ein grolses Entgegenkommen gegen die königlichen 
Wünsche und zwar namentlich auch auf dem Gebiete 
der Türkenhilfe ermöglichten. Da nämlich, wie wir sahen, 
die von den Osmanen so stark gefährdeten niederöster- 
reichischen Territorien in den Bund aufgenommen werden 
sollten, war zu befürchten, dafs in Zukunft der König, 
statt auf dem durch die ßeichsverfassung vorgeschriebenen 
komplizierten Wege zu den nötigen Geldmitteln zu ge- 
langen, lieber den weit einfacheren Apparat der Bundes- 
hilfe in Bewegung setzen und dals auf diese Weise die 
Mitglieder der Einigung einen erheblichen Teil dessen 
leisten mülsten , wozu nach der bisherigen Regel die Ge- 
samtheit des Reichs verpflichtet war. Um eine derartige 
Mehrbelastung zu verhüten, verlangten die anwesenden 
Stände einen Artikel, durch welchen ausdrücklich die 
Türkenhilfe als außerhalb der Aufgaben des neuen Bundes 
stehend bezeichnet wurde. Andererseits wurde Nieder- 
österreich nur durch die Osmanen ernstlich bedroht, und 
wenn die habsburgischen Erbstaaten gegen diese nicht 
geschützt, jedoch gleich zwei oder gar drei Kurfürsten- 
tümern zu den Bundesumlagen herangezogen werden 
sollten, so wurden Ferdinand Pflichten auferlegt, ohne 
dafs er Rechte erhielt. Als in diesem Punkte die öster- 
reichischen Bevollmächtigten mit den fürstlichen anein- 
andergerieten, beantragten die sächsischen Räte, bis zu 



280 Gustav Wolf: 

drei Monaten solle vorschulsweise die Türkenliilfe ge- 
leistet werden; allerdings stielsen sie mit diesem Vor- 
schlage zum Teil auf unüberwindlichen Widerstand. 

In wonigen Wochen wurde zu Eger eine vollständige 
Bundesurkunde festgestellt; zwar in einzelnen Punkten, 
aulser der Türkenhilfe namentlich auch in der Frage der 
Stimmen Verteilung war man noch nicht einig, aber im 
grolsen und ganzen hatte man doch eine Grundlage ge- 
funden, auf welcher ein zweiter Bundestag fulsen und 
die Einigung endgiltig abschließen konnte*^). 

Und Moritz arbeitete eifrig daran , alle Hindernisse, 
die derselben noch im Wege standen, zu beseitigen. 
Nach wie vor legte er dabei auf die völlige Überein- 
stinnnung mit Ferdinand das HauptgeAvicht. Mit Rück- 
sicht auf ihn hatte er bereits während des Konvents das 
ursprüngliche Verlangen nach einem besonderem Bundes- 
gericht zurückgezogen. Noch mehr verpflichtete er den 
König, als er auch auf die Stelle eines Bundeshaupt- 
manns verzichtete. Obgleich Ferdinand dieselbe nämlich 
gern sich oder falls der Kaiser doch noch beitreten 
wollte, diesem und sich gemeinschaftlich vorbehalten 
hätte, so hatten sich die anderen Stände einstimmig für 
Moritz entschieden. Als nun einige Wochen später 
Heinrich von Plauen zur Besprechung der noch ungelösten 
Fragen nach Radeberg kam und", um den Egerer Beschluls 
zu beseitigen, die Wahl einer nichtfürstlichen Person 
zum ßundeshauptmann vorschlug, erklärte sich der Kur- 
fürst rückhaltlos für Erzherzog Ferdinand. Bei dieser 
Gelegenheit wurden auch die anderen Vorfragen für den 
bevorstehenden neuen Konvent, welcher in sechs Wochen 
in Zeitz zusammentreten sollte, erörtert. 

So durfte der Kurfürst mit den besten Hoffnungen 
den kommenden Verhandlungen entgegensehen. Auch 
die anderen geplanten Allianzen waren gerade damals 
ihrem Abschlüsse nahe gekommen. Nachdem der König 
von Frankreich lange Zeit teils aus Milstrauen, teils 
aus augenblicklicher Unlust bindende Verabredungen mit 
Moritz vermieden, hatte er endlich seine Bedenken fallen 
lassen und eine Gesandtschaft nach Deutschland ab- 
gefertigt, um dem Kurfürsten bestimmte Vorschläge 
zu machen, welche wohl geeignet waren, die Grundlage 



•") Verg'l. aufsor den schon von Ifsleib benutzten Dresdner Akten 
"Wien, lieichssachen in geuere 18. 



Der Passauer Vertrag. 381 

eines französisch- sächsischen Einverständnisses zu bilden. 
Auch auf Dänemark richtete Moritz sein Augenmerk; 
zur Anknüpfung- eines engeren Bündnisses reiste sein 
Bruder August nach Kopenhagen. 

Man sieht, es mulsten damals umfassende Pläne 
Moritz beschäftigen. Was sein Endziel gewesen ist, 
wissen wir nicht. Denn gerade in dem Momente, als 
die längst erwartete Wiederaufnahme der Feindseligkeiten 
erfolgte, wurde die Ausführung aller Projekte durch den 
jähen Tod des Kurfürsten unterbrochen. 

Markgraf Albrecht, der sich in Franken nicht mehr 
sicher fühlte, war nach Norden gezogen und hatte sich 
dort mit Herzog Erich von Braunschweig vereinigt. Da- 
mit war für den Albertiner die Gefahr eine akute ge- 
worden. Denn wenn sich der Kulmbacher erst durch die 
zahlreichen niederdeutschen Gegner Kursachsens ver- 
stärkte, dann drohte ihm von Norden ein schwerer An- 
griff. Diesem beschlols Moritz zuvorzukommen; mochten 
auch seine Landstände genau wie 1546 und 1552 einen 
Kampf widerraten, so besafs er doch an Ferdinand, 
welcher bei einem siegreichen Vorgehen des Markgrafen 
für Böhmen fürchten mulste, einen sicheren Rückhalt; 
Heinrich von Plauen setzte mit dem Kurfürsten Ende Juni 
den Umfang der königlichen Hilfe fest. Darauf eilte 
Moritz Anfang Juli dem Feinde entgegen; er traf ihn am 
9. bei Sievershausen, schlug ihn und bezahlte den Sieg 
mit dem Leben. 

Am kaiserlichen Hofe zu Brüssel wurde die Todes- 
nachricht mit begeistertem Jubel aufgenommen. So grofses 
Gewicht der Kurfürst auf die völlige Geheimhaltung 
seiner neuen französischen Beziehungen gelegt hatte, so 
waren dieselben doch keineswegs unbekannt geblieben; 
mit ängstlicher Besorgnis blickten Karl und seine Um- 
gebung auf den verhalsten Mann. Als nunmehr jede Ge- 
fahr beseitigt schien, liels der Kaiser am Jakobustage 
das niederländische Volk durch die Prediger zu öffent- 
lichen Dankgebeten auffordern. 

In derThat, die entstandene Lücke konnte niemand 
ausfüllen. Moritz hinterliels seinen Staat in sehr schwie- 
rigen Verhältnissen. Die Schulden beliefen sich auf 
über anderthalb Millionen Gulden, und wenn auch ein 
grofser Teil der Gläubiger im Lande wohnte, so war die 
durch die hohe Summe verursachte Last doch schwer genug. 
Die Landstände j welche sich für die ihnen rätselhafte 



282 Gustav Wolf: Der Passauer Vertrag. 

auswärtige Politik des verstorbenen Kurfürsten niemals 
begeistert hatten, waren einer Fortsetzung der bisherigen 
Kriegspolitik entschieden abgeneigt. Und wie sich aucli 
der neue Landesherr entscheiden mochte, immer lief er 
Gefahr, einem Teil derjenigen Fürsten, welche seinem 
Bruder bisher zur Seite gestanden hatten, vor den Kopf 
zu stofsen. In Stettin und Wolgast, in Berlin und Küstrin, 
namentlich auch am ernestinisclien Hofe zu Weimar er- 
freute sich Albrecht Alcibiades warmer Sympathien. Die 
Gegnerschaft aller dieser Fürsten hätte August riskiert, 
wenn er in die Pfade seines Bruders trat und den Feld- 
zug gegen den Kulmbacher fortsetzte; im entgegen- 
gesetzten Falle flölste er Ferdhiand und den anderen 
Ständen, welche im Thun und Treiben des Markgrafen 
eine Ursache der steten Beunruhigung Deutschlands er- 
blickten, gerechtes Milstrauen ein. 

Aus dieser Sachlage hat August zwei Konsequenzen, 
die ganz seinen und der Landstände friedlichen Nei- 
gungen entsprachen, gezogen. Erstens stellte er den Krieg 
gegen den Kulmbacher ein und suchte gleiclizeitig mit 
den jenem befreundeten Fürsten, sogar mit dem Vetter 
in Weimar bessere Beziehungen anzuknüpfen. 

Zweitens sollten die Bestimmungen des Passauer 
Vertrags, welchen Moritz als Durchgangsstation hatte 
nehmen wollen, Grundlage der Neugestaltung Deutsch- 
lands werden. Damit eignete sich der Kurfürst diejenige 
Auffassung an , welche auch die Vermittler des Passauer 
Vertrags für die richtige erkannt und welcher Ferdinand 
ebenfalls bisher gedient hatte, und durch den sächsischen 
Anschluls wurde das Übergewicht dieser Ansicht in Deutsch- 
land entschieden. Der Kaiser, welcher sich einer ein- 
heitlichen der seinigen widersprechenden Anschauung 
gegenüberbefand, machte zwar noch einige schwache Ver- 
suche, welche dem Reiche seine Meinung ins Gedächtnis 
zurückrufen sollten, aber er liels immer mehr die deut- 
schen Dinge ihren Gang gehen. Aktiv griff er nicht 
mehr ein und überliels die Reichsgeschäfte fast völlig 
seinem Bruder. 

So ist die Schlacht bei Sievershausen zum Ausgangs- 
punkt einer neuen Aera der deutschen Geschichte ge- 
worden. 



IX. 

Die Vermählimg des Herzogs Johann von 
Sachsen 1. bis 5. März 1500. 

Von 

C. A. H. Burkhardt. 



Es dürfte quellenmälsig sehr schwer festzustellen sein, 
welche Beweggründe gegen Ende des Jahres 1499 den 
Kurfürsten Friedrich von Sachsen bestimmten, eine Ver- 
bindung seines Bruders Johann mit dem Hause Mecklen- 
burg durch eine Heirat anzustreben und diese Vermählung 
mit einer gewissen Hast in Szene zu setzen. Überall, wo 
es sich um einen solchen für das Wohl des eigenen Hauses 
und Landes hochwichtigen Schritt handelt, treten uns 
vorsorgliche Erwägungen nach der politischen wie nach 
der materiellen Seite entgegen, und häufig sind daher die 
Fälle in der Geschichte deutscher Fürstenhäuser, in 
denen politische Kombinationen eheliche Verbindungen 
fürstlicher Kinder schon in der zartesten Kindheit veran- 
lalsten. Oft mehr als ein Dezennium verging, bevor die 
Heiratspläne wirklich zur Ausführung gelangten. Anders 
bei der. Verbindung des Herzogs Johann. Im November 
finden wir die ersten Spuren der projektierten Heirat, 
und schon im Anfang März des nächsten Jahres wird 
die Vermählung perfekt, ohne dafs auch nur die Morgen- 
gabe und Widerlegung festgesetzt wurden, diese wurden 
vielmehr erst nach einem Jahre der Verheiratung be- 
raten und urkundlich festgestellt^). Aller Wahrschein- 



^) Die Verschreibuiig der Herzogin Sophie, welche dem Herzog 
die bedeutende Summe von 16000 Gulden als Heiratsgut brachte, 
wurde in Torgau erst 1501, am St. Margaretentag (13. Juli) und die 



284 C. A. H. Burkhardt: 

liclikeit nach waren zwischen Kurfürst Friedricli und dem 
Herzog Joliann Erwägungen emgetreten, die zu dem 
Resultate führten, dals der Fortbestand der ernestinischen 
Linie gefährdet erschiene. Friedrich war bereits 3G Jahre alt, 
sein Bruder Albrecht schon 1484 gestorben, der Bruder 
Ernst war in den geistlichen Stand eingetreten und so- 
mit ruhte, da Friedrich einer ehelichen Verbindung nicht 
zuneigte, der Stamm der Ernestiner nur auf zwei Augen, 
auf Johann. Wir wissen nicht, ob unter diesen Um- 
ständen die Verbindung mit der Herzogin Sophie von 
Mecklenburg auf herzlicher Zuneigung oder auf kon- 
ventionellen Rücksichten beruhte. Niemand vermag zu 
sagen, ob oder wo Johann die Erwählte gesehen, nirgends 
geben briefliche Herzensergielsungen über das bräutliche 
Verhältnis Auskunft, da auch nicht eine Zeile einer etwa 
gepflogenen Korrespondenz in den diesseitigen Archiven 
ruht. 

Braut und Bräutigam standen ihrem Alter nach im 
richtigen Verhältnis. Sophie war die zweite Tochter 
des Herzogs Magnus II. von Mecklenburg und wahr- 
scheinlich 1481 geboren, denn sonderbarer Weise ist ihr 
Geburtstag überhaupt nicht festzustellen-). Johann stand 
im 32. Jahre seines Lebens, hatte also als ein in die Ehe 
eintretender Fürst nach den Gepflogenheiten des 16. Jahr- 
hunderts lange genug auf seinen Entschluls warten lassen. 

Umsomehr wurden die Vorbereitungen zum Hoch- 
zeitsfest eifrig betrieben-^). Die verwandten Höfe wurden 
um Requisiten aller Art angegangen. Selbst von dem 
weit entlegenen Hofe Ludwigs des Reichen von Baiern- 
Landshut kamen Betten für fürstliche Gäste, von hier 
wie anderswoher Geräte aller Art, Gold- und Silber- 
zeug, Teppiche und Kostbarkeiten, die bei einem so aulser- 
ordentlicli splendiden Feste, wie es hier in Aussicht ge- 



TTi-kunde über die Versicherung dieses Heiratsgutes erst am Tage 
Jukobi 1501 (25. Juli) ausgefertigt. Es waren die Einkünfte vom 
Amt, Schlofs und Stadt Cohlitz verschrieben. 

-) Auch die ]\[ecklenburger Archive geben über diesen keine 
Nachricht. Vergl. meine Stammtafeln der Ernestin. Linien (Weimar 
1885). Anm. zu 9. 

") Unsere (Quelle ist ein Originalmanuski'ipt des Gemeinschaftl. 
Sachsen-Ernestinischen Archives in Weimar (ilvg. D. pag. 26 No. 4.5. 
4:i Bll.), dessen Verfasser bis jetzt nicht zu ermitteln Avar; wahr- 
scheinlich ist als solcher der spätere Hofmeister Christoph (Jrofs an- 
zusehen. Einen kurzen Bericlit über die Hochzeitsfeierlichkeiten geben 
J. S. Müller's Sächsische Annales S. 9. 



Die Vermählung- des Herzogs Joliann von Sachsen. 285 

Dommen war, reich vertreten sein mufsten. Von den Städten 
entlieh man zinnerne Gefäfse, da diese meist im Besitze 
solcher für ihre Festlichkeiten waren; auch stellten die 
Städte ihre Gewappneten , die zur Aufrechthaltung der 
Ordnung und bei Feuersgefahr kräftig eingreifen konnten. 
Allein 26 Boten besorgten die Einladungen, mit denen 
zugleich die festliche Winterkleidung an die Beteiligten 
abging, da diese in der neuen Hofkleidung dem Feste bei- 
wohnen mufsten. 

Alle die Erwägungen, wer einzuladen war, nahmen viel 
Zeit in Anspruch; man sieht es den Entwürfen der Listen 
an, dals da manches zu bedenken war. Schon die Wahl der 
Adeligen, die mit oder ohne Frauen sich am Feste zu 
beteiligen hatten, erforderte reichliche Überlegung, um 
wie viel mehr die Beschaffung der Lebensmittel, deren 
Quantum gar schwer zu bestimmen war, da es in dem 
Belieben der geladenen Fürsten lag, mit welchem Gefolge 
sie einzutreff'en beabsichtigten. Je bedeutender dieses 
war, desto gröfser war die Ehre, die man dem Braut- 
paare zu erweisen strebte. Vor allem fielen die kleinen 
städtischen Verhältnisse Torgaus ins Gewicht; im Schlosse, 
so geräumig es war, konnte doch nur ein kleiner Teil 
der Gäste Unterkunft finden , für die meisten mufste man 
auf Unterbringung in der Stadt rechnen. Trotzdem rühmte 
man dieser Stadt bei Beendigung der Festlichkeiten nach, 
dafs sie gegenüber der Masse von Gästen Grofsartiges 
geleistet habe. Immerhin erheischte das geplante Fest 
die Aufbringung bedeutender Geldmittel, deren Deckung 
durch besondere Anleihen erzielt wurde '^). Andererseits 
rechnete man auch auf Geschenke der geladenen Gäste, 
die in grolsen Geldsummen zu bestehen pfiegten'^) oder 
in Lieferungen von Viktualien, für die z.B. Herzog Georg 
in namhafter Weise eintrat"). So war denn alles in 
Fülle vorhanden, so dafs man ohne Besorgnis die Gäste 
einziehen lassen konnte, um eine Hochzeit zu feiern, deren 
Schilderung reich an interessanten Einzelheiten ist. 

Trotz der grolfeen Eile, mit der Kurfürst Friedrich 
und Herzog Johann die Vorbereitungen zur Vermählung 



^) Zwickau lieh 1000 Gulden, das St. Georgenstift in Altenburg 
300 Gulden. 

'') So schenkten Prälaten, Universität und Städte neben ansehn- 
lichen Geschenken an goldenen Gefäfsen die Summe von 1179 Gulden. 

*') Er schenkte sechs Kufen Weins, ISFafs Freiberger Biers, 
Hechte und Karpfen in grofser IMenge. 



286 C. A. H. Bnikhaidt: 

betrieben hatten, zeigte sich nach dem Urteile des Fest- 
beschreibers eine solche Pracht in den für die Gäste be- 
stimmten Gemächern, dals „solcher Köstlichkeit in War- 
heit ze reden fnrmals in h-er Gnaden Landen nymehir 
gesehen wnrden." Besonders eiregte die Ausstattung 
der für die fürstlichen IJanien bestimmten Räume im 
Schlosse volle Bewunderung-, da Teppiche, bisher für 
köstlich erachtet, selbst auf den Fulsböden ausgebreitet 
wurden, während die Wände ebenfalls mit kunstvollen 
Tapezereien ausgeschmückt und die Decken der Gemächer 
mit gefranzten „ samtenen Himmeln " überzogen waren. 
In diesen Gemächern wurde die Braut mit ihren nächsten 
Verwandten und zwar neben der Herzogin Amalie') von 
Baiern die Herzogin Margarete^) von Braunschweig', die 
Herzogin Anna'*) von Pommern, die Heizogin Sophie'") 
von Mecklenburg, Mutter der Braut, und die Schwester 
der Braut ^') untergebracht. 

In den Herbergen der Fürsten , geistlicher und welt- 
licher Herren waren Küchen und Keller mit Speisen und 
und köstlichem Getränke „ überflüfsig__" versorgt , zu ihrer 
Verwaltung vom Hofe und aus den Ämtern Dispensatores 
verordnet, so dafs auch diese Anordnungen den Fest- 
beschreiber zur ungeteilten Bewunderung hinrissen. Für 
die Eitterspiele wurde der Marktplatz besonders her- 
gerichtet, an der einen Seite ein dreistöckiges Haus aus 
Brettern für die geladenen Gäste erbaut, an das nach 
„nyderlendischer" Gewohnheit die Schilder und Wappen 
der Turnierenden mit ihren Spiefsen und Schwertern auf- 
gehängt und das Gebäude selbst mit Teppichen und 
Tüchern reich bekleidet wurde. 

Nach altem Herkommen war auch nahe beim Schlosse 
ein geräumiges, ebenfalls reich ausgestattetes Tanzhaus 
errichtet, in dem besonders der Fürstenstand „meisterlich 
verschränkt" durch seine xlusschmückung Bewunderung 
erregte. Vor dem Fürstenstande glänzte eine für da- 
malige Zeit reiche Beleuchtung, da 24 mächtige Wachs- 

') Gemahlin Ludwigs dos Reichen von Baiern-Landshnt, Tochter 
Kurfürst Friedrichs des Sanftmütigen von Sachsen. 

*) Jüngste Tochter Kurfürst Erusts von Sachsen, Gemahlin 
Heinrichs von Bi'aunschweig-Lüuehurg. 

") Tochter König Kasimirs von Polen, die zweite Gemahlin 
Bogislavs X. 

'<*) Gemahlin Magnus II., Tochter Erich JI. von Pommern- 
Stettin. 

") Anna, spätere Landgrätin von Hessen-Kassel. 



Die Vermählung des Herzogs Johann von Sachsen. 287 

keizen den weiten Eaum erhellten, an dessen Seiten rechts 
und links vom Fürstenstande zwei Musikkorps in abge- 
schlossenen Ständen aufgestellt waren. Auch sie waren 
durch Kerzenträger „so ordentlich beschickt," dals der 
Festbeschreiber sich alles Lobes enthalten zu können 
glaubte. 

Aus verschiedenen Städten des Kurfürstentums waren 
an 200 Bewaffnete herangezogen, die die Ordnung auf- 
recht erhalten, Freveln, Aufruhr oder Feuersgefahr be- 
gegnen sollten. 

Seitens des Kurfürsten und Herzogs Johann waren 
viele Einladungen an verwandte und fremde Fürsten er- 
gangen. Aus den Landesteilen Sachsen, Thüringen, 
Meilsen, Franken und aus dem Vogtlande strömten zahl- 
reiche Fürsten, Prälaten^-), Äbte, Pröbste^'') undKapiteP*), 
Grafen und Herren '^^), Edle und Ehrbare der festlich ge- 
schmückten Stadt Torgau zu. Aus der Eitterschaft und 
aus dem Adel hatten sich 28 nicht namentlich aufgeführte 
Eitter eingefunden. Neben den Schutzstädten Erfurt, 
Nordhausen und Mühlhausen waren 29 Städte Sachsens 
vertreten. Auf besonderen Wunsch der Braut erschien mit 
zahlreichem weiblichen Gefolge die Herzogin Amalie von 
Baiern. Sie zog allein mit 400 Pferden ein, da sie mit 
ihrem gesamten weiblichen Hofstaate erschienen war '*'). 

Eine annähernd richtige Vorstellung von dem Um- 
fange der Vorbereitungen zu diesem Feste kann man 
sich machen, wenn man die Angabe des Chronisten 



^-) Die Bischöfe von Meifsen, Merseburg und Naumburg. 

13) Die von Saalfeld, Erfurt, Reinhardsbrunn, Bürgel, Buch, 
Georgenthal, Veilsdorf, Rodach, Lichtenberg. 

1^) Naumburg, Meifsen, Würzen, Eisenach. 

1^) Wilhelm Qrat zu Henneberg, Günther der Jüngere zu 
Schwarzburg, Adam zu Beichlingen, Sigmund, Ernst, Wolfgang und 
Ludwig Grafen von Gleichen, Bodo Graf zu Stolberg, Georg Burggraf 
zu Kirchberg, der Graf zu Ortenburg, Graf Niclas von Sahn als könig- 
licher Botschafter, Heinrich der Ältere und Mittlere Reufs von 
Plauen, Heinrich Herr von Weida, Heinrich und Heinrich der Jüngere 
Herreu zu Gera und Schleiz, Anark und Heinrich Heri'en von Wilden- 
fels, Hans Schenk von Landsberg, Hans Burggraf von Donjn, Haus 
Schenk von Tautenburg. 

^ß) Ihr folgten ein Fräulein von Weida, ein Fräulein von Wilden- 
fels mit ihren Jungfrauen, die allein 50 Pferde mitbrachten, eine 
Gräfin von Schwarzburg, zwei Grälinnen von Mansfeld, die Witwe 
von Hohenstein, die Witwe von Schönburg, die Reufs von Plauen 
zu Greiz, die Frau Birke von der Dube zu Mühlberg, die allein 29 
adelige Frauen, Töchter und Jungfrauen mit sich führte. 



288 C. A. H. Buikhardt: 

wiirdigt, dafs der Kurfürst und Herzog Johauii auf ihren 
Teil 4283 Pferde zu verpflegen hatten. Die der anderen 
Gäste waren hierbei nicht in Rechnung gebracht, denn 
eine spätere Notiz giebt fast die dreifache Zahl an. „Was 
darzu Volks gehört", setzt der Chronist hinzu, „mag ein 
jeder Verständiger selbst abnehmen und ermessen". 

Schon am 28. Februar (Freitag vor Estomihi) langten 
die geladenen Gäste an. Zuerst zog Erzbischof Ernst 
von Magdeburg und Administrator des Stiftes von Halber- 
stadt ein. In seinem Gefolge, das allein 343 Pferde mit- 
brachte, befanden sich Fürst Adolf zu Anhalt, Domprobst 
zu Magdeburg, Fürst Philipp von Anhalt-Bernburg, Graf 
Günther von Mansfeld, Ernst der Jüngere Graf von 
Hohenstein, die Grafen von Wunsdorf und Heinrich Herr 
von Weida. Sie wurden aulserhalb Torgaus in gebühren- 
der Weise empfangen und in ihre Herberge nahe dem 
Schlosse geleitet. 

Am 29. Februar empfing man durch feierliches Ein- 
holen den Herzog Albrecht von Sachsen und seinen Sohn 
Herzog Georg, dessen Gemahlin Barbara am Erscheinen 
verhindert Avar^'j. Im Gefolge der Fürsten befanden sich 
der Bischof von Merseburg, Graf Heinrich von Schwarz- 
burg, Ernst Graf von Hohenstein, Heinrich der Jüngere 
Graf von Stolberg, Hugo Graf von Leisnig und Hans 
Schenk von Tautenburg. Der Zug, in dem sich aulser- 
dem 12 Ritter befanden, hatte 545 Pferde. Alle bisher 
genannte Fürsten mit ihrem Gefolge trugen die Hof- 
farbe des Bräutigams, nämlich rot. Auf dem rechten 
Ärmel waren die Worte gestickt: „Glück zu mit Freuden." 

An demselben Tage erschien auch Heinrich d. J. Herzog 
zu Braunscliweig mit seiner Gemahlin Margareta, geb. 
von Sachsen ; in ihrem Gefolge befanden sich Anton Graf 
zu Schönburg, Friedrich Graf zu Spiegelberg, Simon Graf 
zur Lippe und ein junger Graf von Wunsdorf. 

Unter den von der Herzogin mitgebrachten Wagen 
prangten vorzüglich zwei goldene mit goldener Bedeckung, 
die mit acht grauen Pferden bespannt waren, denen sechs 
schöne Zelter in gleicher Farbe folgten. Im Zuge be- 
fanden sich sechs Jungfrauen, die auf Frauensätteln und 
schön behangenen Pferden, denen ein Vorreiter voraus- 
eilte, einherritten und besondere Bewunderung wach riefen. 
Im Gefolge befand sich eine Grätin von Schönburg und 



17 



) Wegen ihren Wochenbettes. 



Die Vermählung des Herzogs Johann von Sachsen. 289 

eine von der Hoya. Der Zug, den Reisige mit blanken 
Harnischen in gelber Hoffarbe schlössen, hatte 478 Pferde 
aufzuweisen. An demselben Tage zog auch die Herzogin 
von Baiern ein, die bereits oben erwähnt worden ist. 

Am Sonntag früh (1. März) traf in Torgau die Nach- 
richt ein, dals die fürstliche Braut im Anzüge sei. Herzog 
Johann zog ihr in wohlgeordnetem Zuge, der aus allen 
bereits anwesenden Gästen bestand, feierlich entgegen 
und nahm eine Viertelmeile von Torgau entfernt Auf- 
stellung. Auf der Strafse von Eilenburg her erschien der 
Vater der Braut, Herzog Magnus, und dessen Gemahlin, 
welche die Braut nebst ihrer jungen Schwester mit sich 
führten. In ihrem Gefolge befanden sich der Bruder der 
Braut, Herzog Heinrich, der Bischof von Ratzeburg ^^) 
(Ransburg). Die Herzogin mit der Braut führten ver- 
goldete Wagen, vor die acht mit Fürstenfarbe bedeckte 
Pferde gespannt waren, mit sich. Zu dem Brautzug stiefs 
von Dommitzsch her auch Bogislav von Pommern nebst 
seiner Gemahlin Anna , welche . mit sieben vergoldeten 
Wagen eintrafen, von denen jeder mit acht weifsen Rossen 
bespannt war. Zu Ehren der Braut waren rote Geschirre 
aufgelegt. Beide Fürsten hatten in ihrem Zuge 838 Pferde, 
das Gefolge war in schwarzer Hof färbe erschienen, während 
auf dem rechten Ärmel farbige Abzeichen sichtbar waren und 
der Zug selbst mit Harnischen, Fahnen und anderem Zeug 
ausgestattet war, das auf eine grolse Beteiligung an den 
festlichen Ritterspielen schlielsen liels. Nun kamen auch der 
Bischof Johann von Naumburg, Graf Günther der Jüngere 
zu Schwarzburg etc., Hans Schenk von Landsberg, Hans 
Hund, Landvogt zu Sachsen, Hans von Minckwitz, Hein- 
rich von Bünau und Christoph von Leipzig mit anderen Edlen, 
die den Befehl erhielten, die Braut auf der Grenze bei De- 
litzsch zu empfangen und an ihrer Seite weiter zu geleiten. 

Als beide Züge sich einander näherten, eröffnete 
Rudolf der Frank von Bünau mit 45 Pferden, die türkisch 
bekleidet und deren Reisige mit Bogen, Spiefsen, Fahnen, 
Tartzschen versehen waren, zum Kurzweil der Braut allerlei 
Ritterspiele, die zwei geborene Tartaren und Trompeter, 
Pfeifer und Paukenschläger kräftig unterstützten. Bis 
zur heiligen Kreuz -Kapelle dauerten diese ritterlichen 
Scherze fort, indem der Zug bald der Braut voranging, 
bald allerlei Evolutionen ausführte. 



^*) Johannes v. Parkeutin 1479—1511. 

Neues Archiv f. S. G. u. A. XV. 3. 4. 19 



290 C. A. H. Bmkhardt: 

Naclidem walirsclieinlicli bei Eilenbui-g- der harrende 
Bräutigam der Braut begegnet, eilte er, als auch die 
fürstlichen Persönlichkeiten abgesessen, ihr entgegen und 
empfing sie mit groisem Gepränge durch eine Ansprache, 
indem er ihr im Felde auf einem ausgebreiteten Teppich 
gegenüberstand. 

Nach dieser Begrülsung ordneten sich die Züge, in- 
dem man aufsals, und nun setzte sich der Hochzeitszug 
nach Torgau in Bewegung. Voran die Leute des Kur- 
fürsten und Herzogs Johann, diesen folgte der Erzbischof 
zu Magdeburg, der aber vorauseilte, um das fürstliche 
Brautpaar in Torgau bei seiner Ankunft zu empfangen 
und am Traualtar die Ehe einzusegnen. Dann folgten 
Herzog Albrecht und Herzog Georg, sämtlich mit den 
Ihrigen, wie sie aus Torgau ausgezogen waren. In allen 
diesen Zügen war die Hof färbe Rot; sie zeigten eine 
so wohlthuende Einheit, dafe man sie für einen einzigen 
hätte halten können. Nun schlols sich der Zug des 
Herzogs von Lüneburg in gelber Hoffarbe an; an seiner 
Stelle zog aber sein Vetter, Herzog Philipp, da jener 
im Gefolge der Braut sich befand. Nachdem Herzog 
Bogislav und Herzog Magnus mit den Ihrigen gefolgt 
waren, schlols sich der Zug der Braut mit ihrer Mutter 
und Schwester in sechs vergoldeten, herrlich geschmück- 
ten Wagen mit je acht Pferden an, die sechs Ritter 
unter Vortritt zweier Herolde zu Euls begleiteten. Die 
Trompeter, Pfeifer und Pauker dreier Fürsten hatten 
den Brautzug eröffnet. Nachdem Kurfürst Friedrich und 
Herzog Johann gefolgt und an der Rennbahn dem Ritter- 
spiele zugesehen, kamen eine unabsehbare Reihe der 
Frauenwagen mit ihren begleitenden Reitern. Der Zug 
hatte eine solche Ausdehnung, dafs, ehe die Hälfte des- 
selben am Markt ankam, die Spitze bereits durch das 
hintere Thor des Schlosses über die eigens dazu hergestellte 
Brücke gelangt war und durch das Fischerthor wieder 
am Markt erschien. 

Nach beendetem Rennen geleiteten die Fürsten den 
Bräutigam, die Fürstinnen die Braut vor die Kapelle 
des Scldosses, vor der der Erzbischof Ernst^'*) von Magde- 
burg mit der gesamten Priesterschaft in Pontificalibus 



*^) Nach den Akten wollte der Bischof von Meifsen nicht zu- 
geben, dafs der Erzbischof Ernst die Tranung vollzog. Es müssen 
längere Verhandlungen voi'ansgegangen sein, bevor er darauf einging, 
da Torgau in seiner iJiözese lag. 



Die Vermählung- des Herzogs Jobann von Sachsen. 291 

Aufstelliiiig genommen hatte. Nun trat der Zug in die 
köstlich geschmückte Kapelle ein, nachdem der Ritter 
Heinrich von Ende eine angemessene Ansprache an die 
Versammlung gehalten hatte. Als die Trauung vollendet, 
stimmten die schon damals berühmten fürstlichen „Singer" 
das Tedeum unter Orgelbegleitung an, die Trompeter, 
Posaunisten, Pfeifer und andere Instrumentisten, der der 
Kurfürst mehr als irgend ein anderer deutscher Fürst be- 
safs, lebhaft unterstützten. 

Nun begleiteten Fürsten und Fürstinnen die Ver- 
mählten zu ihrem Brautbette, das des Lobes wegen seiner 
herrlichen Ausstattung nicht bedarf, wie der Chronist 
sagt, sondern sich selbst lobt. Unter Trompetenschall 
und Pauken fand das Beilager statt, aber man hat beide, 
wie der Chronist hinzusetzt, „doch nicht lange liegen 
lassen." 

Eine kurze Pause, in der die Gäste sich in ihre 
Wohnungen begaben, trat ein; denn nun begannen die 
Tafelfreuden. Wer im Schlofs nicht seinen Platz hatte, 
fand ihn in den zahlreichen Küchen, deren es vier für 
die kurfürstlichen und herzoglichen Gäste gab, während 
von den geladenen Fürsten jeder eine wohl eingerichtete 
Küche und Kellerei in seiner Herberge fand. Es wäre 
kaum die Bemerkung des Chronisten nötig gewesen: 
„Fürwahr ist an jenem Tage bis über Mitternacht kein 
Aufhören mit öpeise und Trank ze holen und ze geben 
gewest." 

Nach beendetem Nachtmahl begaben sich die Ver- 
mählten unter Begleitung der Fürsten, Grafen, Herren 
und Freien in das Tanzhaus. Auch für den weiblichen 
Teil wurde diese engere Begrenzung der Teilnahme fest- 
gehalten. Den ersten Reihen tanzten Braut und Bräutigam, 
dann folgten nach der Rangordnung die übrigen, unter 
„grolser Frohlockung der zusehnden und zuhörenden, wan 
die Trometer vbir lange herkommende gewonheit und alten 
Gebrauch mit Concordanzien gesetzte tentze, pass und 
sprungmafse geblasen haben." 

Die Festlichkeit endete zwischen zwei und drei Uhr 
Morgens. Wie es sich geziemt, wurden zu gebührlicher 
Zeit Konfekt, süfser Wein und andere köstliche Getränke 
dargereicht. Das Tanzhaus war zur Abwehr eines „zu- 
fälligen Vbels" von Geharnischten der Städte streng 
bewacht. 

Am folgenden Morgen, den der Chronist als den 

19* 



292 C. A. H. Bnrkliardt: 

eig'entlichen Hoclizeitstag bezeiclniet, begaben sich die 
Geladenen mit Einscliluls der geistlichen und weltlichen, 
auch der Frauen und Jungfrauen, schon früh-") 8 Uhr 
an den Hof, um am Kirchgang der Vermählten teil zu 
nehmen. Die Beteiligung war eine aulserordentliche. 
Unter Vortritt der liitterschaft folgte der Bräutigam, 
neben ihm zur Rechten der Erzbischof von Magdeburg, 
zur Linken Herzog Georg, dann die Herzoge Bogislav 
Heinrich d. J. von Braunschweig -^) mit seinem Sohn 
Otto, Herzog Heinrich von Mecklenburg mit dem jungen 
Bruder der Braut, da der Herzog Magnus, der Braut- 
vater, infolge eines Schlages duich ein Pferd am Zuge 
nicht teilnehmen konnte; an des Markgrafen Friedrich 
von Brandenburg Statt der Ritter Veit von Lentersheim. 
Dann folgte Herzog Philipp von Braunschweig, Bischof 
Johann von Naumburg (geb. v. Schönberg), Tylo geb. v. 
Trott, Bischof von Merseburg und der Bischof von Ratze- 
burg, zuletzt Adolf Fürst von Aidialt, Dompropst zu 
Magdeburg. An diesen Zug schlössen sich Grafen, Herren 
und Freie an; namentlicJi sind aufgeführt Graf Wilhelm 
zu Henneberg, Graf Günther d. J. von Schwarzburg mit 
anderen 27 Grafen, Herren, Freien und Adeligen mit 
ihren Räten und Dienern. 

Alsdann folgte die Braut mit den fünf mehrfach 
erwähnten Fürstinnen. Die Braut wurde vom Kurfürst 
Friedrich zur Rechten und vom Herzog Albrecht zur 
Linken begleitet. ]hre Schle})pe trug Fürst Philipp von 
Anhalt. Wohl in die dritthalb hundert Frauen und Jung- 
frauen aller Stände folgten. Der Braut voraus gingen 
zwölf Kerzenträger, die die Aveilsen Wachskerzen in um- 
gehängten Binden oder „Fecheln"--) mit Ziiideln in der 
Bräutigamsfarbe trugen. Es waren dazu ausersehen: 
Adam Graf von Beichlingen, Ernst und VVolfgang Grafen 
von Gleichen, die drei Herren Heiniich von Gera, von 
Weida und von Plauen , die drei Ritter Ulrich von 
Ende, Georg von Hopfgarten und Wolf von Weilsenbach, 
die drei Ehrbare oder Edle Sebastian Marschall zu 



-") „Wer fertig wurde", setzt der Erzäliler treffend hinzu. 

2') (jelegentlicli einer Unterredung- Herzog Albreclits und Herzog- 
Georgs, die im Dezember ]4VtH in Torgau stattfand, suchten diese 
die Einhidung des Herzogs Heinrich von J5raunsch\veig abzuwenden, 
doch scheint dies nicht gegangen zu sein. 

22) Also gleichbedeutend mit einem Um.schlag,Enveloppe,s. Grimm, 
Deutsches Wörtcrlnich. 



Die Vermählung des Herzogs Johann von Sachsen. 293 

Pappenlieim, Ernfried von Ende und Cunz von Her- 
in an sgrün. 

Im prachtvoll ausgeschmückten Brautstuhl nahm die 
Braut mit den fünf Fürstinnen Platz, vor ihr standen 
die zwölf Kerzenträger, hinter der Braut die Frauen und 
Jungfrauen nach bestimmter Rangordnung. Im Chorstuhl 
stand der Bräutigam umgeben von seinem männlichen 
Gefolge nach dem Range. Zu beiden Seiten des Chors 
nahmen die Geistlichen in Pontificalibus Platz, hinter ihnen 
die weltlichen Teilnehmer. Das Amt wurde von dem 
Bischof von Meifsen gesungen, da Torgau zu seinem 
Sprengel gehörte, und von den „Singern" unter Orgel- 
begleitung unterstützt. Der Gesang handelte von der 
Empfängnis Mariae. Nunmehr schlofs sich der Opfergang 
der Braut zum Altare an, ihr folgten zu diesem Zwecke 
die sie begleitenden beiden Fürsten. Am Opfergang be- 
teiligten sich 263 Frauen und Jungfrauen der verschie- 
denen Stände. 

Unter Vortritt der Kerzenträger trug der Bischof 
von Merseburg das Evangelium den Vermählten vor, das 
Pacem der Bischof von Naumburg. Nach gesprochenem 
Segen hat ihnen nach christlicher Ordnung der Bischof 
„zu einem zeichen wahrer Lieb Sant Johans--') lieb 
zu trinken gegeben". Nun bewegte sich der Zug 
wieder nach dem Schlosse in der bisherigen Ordnung, 
wobei der Chronist die besondere Vorsicht des Hofes 
rühmt, dafs dieser wegen „der Tiefe des Kothes weit 
und breit vom Schlosse bis zum Kirchhof den Weg mit 
Brettern habe belegen lassen". 

Man wird nicht sagen können, dafs es dem Zeitalter 
an Leistungsfähigkeit gebrach, denn alsbald ertönten die 
Fanfaren zum Beginn der Tafel. Die Braut Avurde von 
ihrem speziellen Gefolge auf den köstlich geschmückten 
Saal geleitet, der mit Teppichen, Bildern und Wappen 
austapeziert war. Besonders erwähnt werden die bild- 
lichen Darstellungen geistlicher und weltlicher Vorgänge, 
die Historie Danielis, die Fabeln Erysichthonis. Beim 
Eintritt standen bereits zwei Tische fertig. Am ersten 
nahm die jung Vermählte mit ihrer Mutter Platz, zwischen 



-ä) Also ein geweihter Abschiedstrank, s. die Stelleu bei Grimm 
unter Johannes 4. 2. 2333: „Knecht, pring uns sand Johannes minnen, 
es ist zeit, das wir gangen von hinnen" u.s. w., oder: „ich hau gesegent 
sand Johannes minnen ! es ist zeit, das wir gangen von hinnen." 



094 C. A. H. Burkhaidf. 

ihnen sals die Herzogin von Pommern. Am zweiten 
Fürstentiseli nahmen teil die Herzogin von Baiern, die 
Herzogin von BraunschAveig, die Prinzen von Mecklen- 
burg und die mehrfach erwähnte jüngere Schwester. Nächst 
diesen Fürstentischen zur Rechten safs das weibliche Ge- 
folge der Fürstinnen, zur Linken die geladenen edlen und ehr- 
baren Frauen nach der Rangordnung. Der Bräutigam mit Ge- 
folge fand in der oberen Hofstube sein Unterkommen. Auch 
diese zeichneten herrlicher Teppichschmuck, „Bilder und Fi- 
guren geistlicher Historien , göttlicher Geburt, Moralia der 
Tugend und Lastei-, Imperalia und Regalia, die vor in 
diesen Landen ungesehen gewesen", vortrefflich aus. Der 
Fürstenstand war mit Teppichen und Tüchern bedeckt, 
mit köstlichen Kredenzen, goldenen Scheuern, Köpfen, 
Schalen, Flaschen, Schmuckkannen u. s. w^ bis an die 
Decke geziert. Li diesem Gemache standen vier Fürsten- 
tische. Am ersten sals der Bräutigam, Herzog Heinrich 
und Herzog Bogislav; am zweiten der Erzbischof von 
Magdeburg, Kurfürst Friedrich, zwischen beiden die 
Bischöfe von Meifsen und Ratzeburg; am dritten der Herzog 
von Sachsen, der Bischof von Merseburg, zwischen ihnen 
die Vertreter des Markgrafen Friedrich von Brandenburg, 
Veit von Lentersheim und der Dompropst von Magdeburg, 
am vierten Herzog Heinrich von Mecklenburg, der 
Bischof von Naumburg, zwischen beiden der junge Herzog 
von Mecklenburg und Philipp Fürst zu Anhalt. In der 
Hofstube safsen die Grafen Wilhelm von Henneberg und 
Günther von Schwarzburg; auf dem Saal die Grafen von 
Gleichen und Heinrich Reuls von Plauen d. Ä, 

Die Bedienung der Fürstentische lag den übrigen 
Grafen, Herren und Rittern ob, und des Essens war so viel, 
dals das Mahl bis abends 6 Uhr währte. Für dieses 
waren sechsundfünfzig Schauessen zugerichtet gewesen, 
doch wurden sie an diesem Tage nicht verw^endet; nur 
auf einzelnen Fürstentischen wurden sechs dieser Schau- 
gerichte aufgesetzt. Braut und Bräutigam erhielten deren 
sieben, das letzte Braut essen nicht gerechnet, Avelche 
mit „schonen beweglichen Bildern also meisterlich zuge- 
richtet waren, dals solches auch bey uns nicht viel ge- 
sehen wurde". 

Nach iVufhebung der Tafel fand auf dem Saal die 
Darreichung der Geschenke an die Braut statt, der der 
Bräutigam ein schönes Halsband mit köstlichen Heftlein 
widmete. An ihn reihten sich die Fürsten mit ihren Ge- 



Die Yerinälilinig- des Herzogs Joliami von Saclisen. 295 

sclieiiken an, die in Halsbändern, Kleinodien und Juwelen 
aller Art bestanden. Die Äbte, Prälaten nnd Städte 
schenkten dreiundfünfzig- schöne Scheuern mit zwei Bechern, 
Heftlein und einige hundert Gulden, die Städte meist 
Viktualien und anderes Notdürftige, welches viel der 
Zahl nach betrug. — Da der Tag fast ausgefüllt war, 
wurde in jedes Belieben gestellt, sich zum Nachtmalü 
wieder einzufinden oder in den Herbergen dieses einzu- 
nehmen. 

Inzwischen hatten auf dem Markte zwei Rennen 
stattgefunden, bei welchen Georg von Ebeleben einen 
starken Böhmen Bötzinger, ohne zu wanken, besiegte. 
Nach dem Nachtmahl folgte der Tanz, der an üblicher 
Stelle bis 1 Uhr nach Mitternacht unter zahlreicher Be- 
teiligung der Zugelassenen stattfand. 

Am nächsten Tage (3. März) nahmen Braut und 
Bräutigam samt den Fürsten in der Schlofskapelle an 
der Messe teil. Die kurfürstlichen Singer sangen zwei 
Messen unter Begleitung der Orgel, dreier Posaunen und 
eines Zinken, Avobei auch vier „Bromhörner zum Positif 
gar tüchtig zu hören waren". An die Messe schlols sich 
das Mahl an. Die ursprüngliche Tagesordnung konnte 
im AVeiteren nicht aufrecht erhalten werden, da Turniere 
nach wälscher Art angesetzt und viele Rennen und Stechen 
auszuführen beabsichtigt wurde. 

Nach dem Mahl begab sich die Braut mit ihrem 
weiblichen Gefolge auf vergoldetem Wagen vor das Rat- 
haus, um hier den Ritterspielen beizuwohnen. So weit 
man auf die Rennbahn einen Ausblick hatte, waren alle 
Häuser dicht von Zuschauern besetzt, fast alle Dächer 
w^aren abgedeckt, auf Rinnen, Mauern und Firsten safs 
man, um das Schauspiel zu geniefsen. Unzählig war des 
Volks, das die Rennbahn umgab. Ein reizendes Bild der 
Mannigfaltigkeit bot der Zuschauerraum für geladene 
Gäste, dessen oben bereits gedacht worden ist. 

Zuerst rannten drei Paare, von denen drei im Rennen 
und Stechen trafen, sämtliche aber fielen"^). 

Am grofsartigsten gestaltete sich das folgende Tur- 
nier, bei welchem neunundzwanzig ^•^) Gewappnete be- 



2^) Namentlich werden genannt als Teilnehmer: Herzog Hein- 
rich d. .!., Pliilipp Herzog von Brannschweig, Günther Graf von 
Schwarzburg und Hans Schenk von Tautenburg. 

^■^) Philipp zu Anhalt, Graf Adam von Beichlingen, Graf Hein- 
rich d. J. zu Stolberg, Graf Ludwig von Gleichen, Heinrich Herr 



296 C. A. H. mukhardt: 

teiligt waren, unter denen auch Kurfürst Friedrich und 
Herzog Johann sich befanden. Aus der Eitterschaft 
waren zwölf Grieswärter zu Rols bestellt, die den Kampf, 
wenn er zu lang wurde, beendeten, indem sie mit langen 
Stangen unter die Turnierenden fuhren. Nach dem Turniere 
wurde das Nachtessen eingenommen, an das sich der 
übliche Tanz im Tanzhause schlols, wobei vier Danke 
durch Geschenke an die Turnierenden ausgeteilt wurden. 
Diese bestanden in einem goldenen Spiefse, einem goldenen 
Schwert, einem goldenen Blechhandschuh und einer gol- 
denen Schweibscheibe , welche von der Prinzeis von 
Mecklenburg, der Gräfin von Schaumburg, der Gräfin 
Günther von Schwarzburg und von einer mecklen- 
burgischen Jungfrau der Reihe nach an Fürst Philipp 
von Anhalt, an Graf Heinrich von Schwarzburg, an Wolf 
von Schönburg und an Veit von Draxdorf ausgeteilt 
wurden. Die Tanzbelustigung dauerte bis nach Mitter- 
nacht. 

Am folgenden Tage (Aschermittwoch) nach dem kirch- 
lichen Amte und beendetem Mittagsmahl sah man 
wieder dem Rennen, Stechen und sonstiger Kurzweil zu. 
Rudolf von Bünau und Heinrich von Zaschwitz hatten 
sich der Art kostümiert , dals ein wilder Mann auf einem 
Löwen, und ein Bär auf einem Avilden Mann ritt. Ihnen 
voraus gingen zwei wilde Männer mit einem wilden 
Frauchen, die auf zwei Pfeifen und einer Posaune eine 
Motette bliesen. Nach ihnen jagte ein Jäger einen 
Hirsch und einen Fuchs auf der Bahn. Wilder Mann 
und Bär fielen, wie auch das andere Paar in ihrem 
Rennen. Alsdann begann das Gesellenstechen, an dem 
sich dreiundvierzig Personen beteiligten, das bis zum 
Nachtmahle getrieben wurde; dieses nahm man am Hofe 
ein, insoweit die an diesem Tage Fastenden nicht fern 
blieben. Auf dem Tanzhause wurden dann denen, welche 
sich im Gesellenstechen besonders ausgezeichnet hatten, 
acht Danke verteilt. Sie fielen an Philipp von Braun- 



zu Weida, Heinrich Herr zu Gera, Wolf Herr von Schöuburg, Anark 
Herr von Wildenfels, Eberhard von Bi-andenstein , Ritter Caspar 
Spet, Ritter Uz von Ende, Ritter Kmlolf von der Planitz , Ritter 
Otto Pflug, Ritter Wolf von Weifsenbacli, Caspar Metzsch, Heinrich 
von Geilsdorf, Wilhelm von der ürün, Rudolf von Bünau Frank ge- 
nannt, Fritz von Sternberg, Dietrich von Witzleben, Adolf Raw von 
Holzhausen , Rudolf von "der Planitz , Hugolt von Schleinitz, Veit 
von Draxdorf, Georg von Starschedel, Ernst von Leipzig und Hans 
Mergeuthal. 



Die Vermählung des Herzogs Johann von Sachsen. 297 

schweig, Georg von Ebeleben, Wilhelm von der Grün, 
Michel von Budenfels, Jost von Eschwege, Adolf Raw, 
Hugolt von Schleinitz und Balthasar von Atzendorf. Wieder 
endete der Tanz erst nach Mitternacht. 

Auch am folgenden Tage (5. März) füllten der Gottes- 
dienst, das Rennen, Nachtmahl und der Tanz die Zeit 
aus. Der Chronist schlielst die Namen derjenigen aus, 
welche beim Rennen sofort fielen; er nennt an dieser 
Stelle nur einige hervorragende Fürsten und Herren, welche 
sich beteiligt hatten-*^). Interessant war das Rennen im 
Stechzeug, welches Hugolt von Schleinitz und Sittich 
von Berlepsch ausführten, wobei beide fünf Mal zu- 
gleich fielen. 

Am nächsten Tage nach der Kirche und dem Mahle 
gings an ein Scheiden. Den Fürsten wurde das Geleit 
gegeben. Nur Herzog Magnus von Mecklenburg, seine 
Gemahlin und sein Sohn Heinrich verblieben in Torgau, 
des Fürsten Anwesenheit dehnte sich eines schon er- 
wähnten Unfalles wegen, der ihn während der ganzen 
Festlichkeit am Gehen hinderte, bis Gregorius (12. März) 
aus. Nach Abzug des Erzbischofes bezog er das Schlots, 
und zwar die Gemächer über der Kanzlei, wo ihn reicher 
Besuch seine Leiden veigessen liels. Etwas abweichend 
von den früheren Angaben meldet der Chronist, dafs der 
Hochzeit dreizehn Fürsten und eine Botschaft, ein Erz- 
bischof, zehn Äbte und ein Präzeptor, dreiundzwanzig 
Pröpste und Prälaten, zweiundzwanzig Grafen, zweiund- 
zwanzig Freiherren und siebenundvierzig Ritter unter dem 
ungezählten niederen Adel, sechs Fürstinnen, zehn Gräfin- 
nen, sechs Freiinnen und sonst über zweihundertundfünfzig 
Frauen und Jungfrauen beiwohnten. Die Zahl der von 
dem Kurfürsten verpflegten Pferde betrug 6500; die wirk- 
lich verzeichneten Personen, welche während der Fest- 
tage verpflegt wurden, betrug eilftehalbtausend. Sehr 
charakteristisch fügt der Chronist hinzu: „Da mag jeder 



-^) Heinrich von Braunschweig d. J., Eoglslav von Pommern, 
Heinrich von Mecklenburg, Wilhelm Graf zu Henneberg, Graf Adam 
von Beichlingen. Ein besonderes Register nennt aufserdera folgende 
Beteiligte: Herzog Otto und Graf iSiegmund von Gleichen, Wolf 
von Ende und Siegmund Preysinger, Graf Wolf von Anhalt und 
Albrecht Schlegel, Graf Wolf von Anhalt und Graf Siegmund von 
Gleichen, Siegmund Preysinger und Graf Siegmund, Herzog Otto, 
von Scharfeustein und Steiulein; Christoph von Brandenstein, _ Fritz 
von Reitzenstein und Spiegel, also Stechen, die von je zwei bis drei 
Personen ausgetührt wurden. 



298 C. A.H.Biirkliar(lt: Die VcMiiiähl. d. Herz. Job. v.Saclisen. 

Verständige merken, was des Zuschlags und Ungeladener 
gewest ist", die "wir unter dem Namen Sclimarntzer be- 
greifen -würden. Torgau hatte übrigens nach seiner 
Meinung durch Darbietung von Herbergen Unglaubliches 
geleistet, da einige der gröisten und besten noch un])e- 
nutzt geblieben Avaren. Auch rühmt er den Überfiuls 
der Lebensmittel nach erfolgtem Abzug der Gäste, da 
man von den Überbleibsehi noch eine solche Hochzeit habe 
ausrichten können, wie denn auch der friedliche Verlauf 
des Festes, der weder durch Aufläufe, Aufruhr und Zwie- 
tracht noch durch persiniliche Beschädigung mit Aus- 
nahme zweier Fälle, beeinträchtigt worden war, jenen 
Tagen ein schönes Andenken sicherte. 



X. 

Eine säehsisclic Phittiierwerkstatt zu 
Wittenberg. 

M. Ton Elirenthal. 



Das Plattnerliandwerk blühte im 16. Jahrhundert 
aulser in Innsbruck, Nürnberg, Augsburg und anderen 
süddeutschen Städten namentlich auch in den sächsischen 
Landen, deren Fürsten zu den eifrigsten Förderern von 
Kunst und Kunstgewerbe gehörten. 

Über sächsisclie Plattner (Harnischmacher) hat 
C. Gurlitt in seinem Werke: „Deutsche Turniere, Rüst- 
ungen und Plattner, Dresden 1889" eine Menge höchst 
interessanter Daten veröffentlicht, auf welche die folgende 
Darstellung vielfach Bezug nehmen wird. In genannter 
Schrift tritt uns auch zum ersten Male der Name ent- 
gegen , mit welchem der gegenwärtige Aufsatz in der 
Hauptsache sich beschäftigen soll: Sigmund Rocken- 
berger zu Wittenberg. 

Ein Plattner dieses Namens wird (Gurlitt S. 43—46) 
am 17. Februar 1554 für die kurfürstliche Harnischkammer 
bestallt, im Jahre 1556 wird derselbe bei dem Hofstaate 
des Kurfürsten August in Torgau aufgeführt, 1558 am 
23. Juli schreibt Herzog Heinrich d. j. von Braunschweig- 
Wolfenbüttel (geb. 1489, gest. 1568) wegen einiger 
Rennzeuge, die er bei einem Plattenschläger Sigismund 
Rogendorff zu Wittenberg bestellt habe, an den Haupt- 
mann daselbst, Adrian von Steinberg, und endlich werden 
1572 am 2. November dem Sigmund Rosenberger 25 fl., die 
er der kurfürstlichen Kammer schuldete, gestundet. 



300 ^f- ^''^" Elireuthal: 

Unter den drei abweichenden Namen, so nimmt auch 
Gurlitt an, sei jedenfalls ein und derselbe Mann gemeint; 
die richtige Schreibweise, wie wir sie in Urkunden ge- 
funden haben, war Rockenberger. 

Von seinen Arbeiten vei'mochte Gurlitt keine mit 
Sicherheit zu bestimmen. 

Mittlerweile haben sich nun teils in den Akten der 
Stadt Wittenberg teils in denen des königl. historischen 
Museums zu Dresden Aufzeichnungen über die Rocken- 
berger gefunden, durch welche das Dunkel fiber Meister 
Sigmund und seine Familie einigermalsen gelichtet wor- 
den ist. 

Die älteste dieser Urkunden^) stammt bereits aus 
dem Jahre 1501. Sie lautet wörtlich wie folgt: 

„Die T'lattner Mohlo. vormahls die Antonius Mohle gelieifsen. 
aus Ursachen, dals sie gen Lichtenberg gehört hat, mit den Zinsen 
an Wittenberg-, Erbbnch 1518 Fol. 464, ist am faulen Bach, der von 
Axdorf hera1)flenfst,, auch eines Zeils abwendig der ]\[iihlen entspringt, ' 
gelegen, hat ein Mahlrad und die Polier- und Plattner-Mohle, die 
daran gebauet ist. 

Die Ziuse und Pachte, so vormahls auf der Mohlen gelegen, hat 
mein gnädigster Herr dem Präceptorio zu Lichtenbergk mit an- 
deren Pachten genüglichen im Amte Schweinitz und Lochau ver- 
gnüget und die ]\li\hle Hansen und Andrcscn Plattnein auf ihr 
Leben verschrieben und übergeben, Inhalts seiner Fürstlichen Gnaden 
Verschreibung wie folgt : 

Wir Friedrich von Gottes Gnaden Hertzog zu Sachsen etc. bekennen 
öffentlich . . ., dals Wir Unserem lieben getreuen Hansen Eryngk und 
Andresen llockenbergei'n, Icyde ] 'lattner zu Wittenberg, aus sonder 
Gnaden und dafs sie" sich desto stattlicher ernähren und erhalten 
mögen, zu ihrer beyden und jedes besonderem Leib- und Lebens- 
tagen, die Antonius Mohle vor" der Specke gelegen, dieselbigen zu 
genüfseu und zu gebrauclien mit mahlen und Schleifen, wie ihnen 
das gefällig, gegeben haben, auch ihnen und ihren Erben das Haus 
zu Wittenberg an der Mohle gelegen vor Hundert und Zwanzig 
Rheinische Gülden vergnüget, und sollen Uns Unseren Erben und 
Nachkommen an der übrigen hinterstelligen Summe hinfür alle Jahr 
•lährlich 15 Gülden in Abschlag der Hauptsumma gäntzlich bezahlfu 
oder abarbeiten, so lange die gemelte Summa gänzlich entrichtet und 
vergnüget wird, und mögen darauf hin ihre Erben, oder wenn sie 
das verschaffen, solch Kaufs nur haben, besitzen, genüfsen und ge- 
brauchen in ihren Besten und Gefallen. Wir wollen auch den ge- 
nannten Hansen Eryngk und Andresen Rockenbergern zu ihrer beyder 
Lebelang .Jährlich Vier und Zwantzig Schfl. Korn aus Unserem 
Amt Wittenberg reichen und geben lassen, geben, verkaufen und ver- 
schreiben ihnen die obgemelten Stücke, wie jedes angezeiget ist, 
wissentlich mit Uns und in Kraff't dieses Briefes hinforder haben und 
gewärtig zu seyn, doch haben Wir Uns und Unseren Erben hierinnen 



1) Urbarium der Churstadt Wittenberg H. Teil, Bl. 79. 



Eine sächsische Plattnerwerkstatf zu Wittenberg. 301 

vorbehalten, ob bemelten Hans Eryngk und Andres Eockenbergern 
oder ihren Erben das obengedachte Haufs verkaufen wollen, dazu 
Wir den Vorkauf daran vor männiglich haben, der sie Uns unge- 
weigert gestatten sollen, alles ohne Gefährde, zu Uhrkund mit Un- 
seren anhangenden Insiegel wifsentlich versiegelt. Gegeben zu Torgau 
Dienstags nach Trinitatis Anno Domini Millesimo quingentesimo 
primo". 

Durch eine zweite Urkunde-), dt. vom St. Margarethen- 
tag (13. Juli) des Jahres 1514, wird die Antoniusmühle, 
nachdem sie durch Feuer zerstört worden war, den beiden 
Plattnern Hans Eryngk und Andreas Rockenberger, welche 
zum Wiederaufbau sich verpflichten, erblich verschrieben. 
Da ihnen überdies noch wesentliche Vergünstigungen 
seitens des Kurfürsten gewährt werden, so ist wohl an- 
zunehmen, dals sie die Gunst ihres fürstlichen Herrn un- 
geschmälert sich bewahrt hatten. 

Wir lernen aus beiden Dokumenten zwei in der 
Kunstgeschichte bisher noch unbekannte Namen kennen : 
Hans Eryngk und Andreas Rockenberger. Sie 
werden in der älteren Urkunde bereits „Plattner zu 
Wittenberg" benannt, woraus hervorgeht, dals sie schon 
vor der Überweisung der Antoniusraühle nebst Wohnhaus 
durch Kurfürst Friedrich den Weisen ihr Handwerk in 
der Stadt ausgeübt und wahrscheinlich auch in Bezieh- 
ungen zum kursächsischen Hofe gestanden haben. Aber 
auch die Antoniusmühle hatte der Plattnerei schon vordem 
gedient, denn es wird ausdrücklich gesagt, es sei eine 
Polier- und Plattnermühle daran gebaut gewesen. Weiter 
ergiebt sich aus den Urkunden, dals die Genannten die 
Plattnerei gemeinschaftlich betrieben haben, wie dies im 
Handwerk zu damaliger Zeit nichts Ungewöhnliches war. 
In der Regel waren es nahe Verwandte, die zu gemein- 
samem Schaffen sich verbanden. Über den Grad der 
Verwandtschaft der Meister Hans und Andreas zu ein- 
ander war nichts zu ermitteln; vielleicht waren es Stief- 
geschwister, vielleicht Schwäger. Sie blieben, wie aus 
der folgenden tabellarischen Zusammenstellung-') über die 
im Schlosse und Coswiger Viertel befindlichen Häuser 
mit Benennung der alten und neuen Wirte u. s. w. „de 
anno 1500 bis 1628" hervorgeht, bis um 1547 Besitzer 
der Antoniusmühle: 



2) TTrbarium der Churstadt Wittenberg Tl. Teil , Bl. 79 und 80. 
2) Ebenda». Bl. 175 und 170. 



302 ^'- ^'^'^ Ehrenthal: 

1500 — 1505 die Platnerey an der Amts- 

(Antonius-) inülile, 1501 vererbt. 

1506 — 1512 die Platner, 



1513 


-1518 die 


Rockenbergei 


1519- 


-1524 „ 




V V 


1525- 


-1530 „ 




51 » 


1531- 


-1536 „ 




)1 )1 


1537- 


-1540 „ 




» 1? 


J541- 


-1547 „ 




)? « 


1548- 


— 1553 Hans 


„Erich" PI 



Platners Erben. 

Anf fällig erscheint es, dals von 1513 bis 1547 nur 
„die Kockenberger" als Besitzer der Antoniusmühle ge- 
nannt werden, während diese doch nach den beiden an- 
geführten Urkunden den Meistern Eryngk und Rocken- 
berger gemeinschaftlich gehörte. Die Ungenauigkeit erklärt 
sich aus dem Umstände, dafs die Tabelle im städtischen 
Urbarium erst im 17. Jahrhundert angelegt und von dem 
Beamten irrtümlich der Familienname „Eryngk" für einen 
zweiten Vornamen „Erich" gehalten wurde, so dafs er 
dann kurzweg „die ßockenberger" schrieb. Dafs Hans 
Er3'ngk (Erich) ein Eockenberger gewesen sein könnte, 
ist schon darum ausgeschlossen, weil zu jener Zeit zwei 
Vornamen ganz ungebräuchlich waren. Er starb, nach- 
dem er bereits 1540 sein Testament gemacht hatte*), um 
1547. Als Eigentümer der Antoniusmühle erscheinen 
dann bis 1553 seine Erben, Valtin Försters und Thomas 
Feyerleins Ehefrauen, jedenfalls die Töchter des Meisters. 
Sie verkaufen 1556 das Grundstück an Urban Kochen, 
Kleinschmieden •'^). Damit schlielsen die Aufzeichnungen 
über die Eryngks, deren Name im 16. Jahrhundert in 
dem gen. Urbarium nicht mehr vorkommt. Wann Meister 
Andreas das Zeitliche segnete, war nicht zu ermitteln; 
vermutlich war er 1548 auch bereits gestorben, da die 
Nachkommen Hans Eryngks als alleinige Eigentümer der 
Plattnermühle genannt werden. 

Während der Wirren des schmalkaldischen Krieges, 
in dessen Gefolge Wittenberg bekanntlich der albertinisclien 
Linie zufiel, und während der bewegten Regierungszeit 
des Kurfürsten Moritz fehlen Nachrichten über die Witten- 
bero-er Plattner und deren etwaige Beziehungen zu ihrem 



') llrhariuin der Churstudt Wittenherg II. Teil, El. 78. 
'') Ebenda^. B!. 78, 



' Eine sächsische Plattnerwerkstatt zn Wittenberg. 303 

neuen Herrn. Erst nachdem Kurfürst August zur Re- 
gierung gelangt war, tritt uns, wie aus der eingangs er- 
wähnten Urkunde vom 17. Februar 1554 zu sehen ist, 
abermals ein Eockenberger mit Vornamen Sigmund 
entgegen. 

Noch in demselben Jahre, den 8. September*^), wird 
einem „Simon" Rockenberger ein Haus mit Werkstatt 
nahe der Schlofskirche , bezw. zwischen dieser und dem 
Coswiger Thor gelegen, zu mälsigem Preise käuflich über- 
lassen. Kurfürst August sicherte demnach in ähnlicher 
Weise die Existenz seines „lieben und getreuen Plattners", 
wie es ehedem Friedrich der Weise 1501 uud 1514 ge- 
than hatte. Es war dies in damaliger Zeit die übliche 
Form, unter welcher Fürsten und Herren Künstler und 
Handwerker an ihre Person zu fesseln pflegten. Aulser 
mancherlei Vergünstigungen wurden denselben oft noch 
Kleider, Wildpret, Getreide, Wein oder dergleichen 
gewährt; für die gelieferten Stücke erhielten sie baare 
Bezahlung; dafür hatten sie des Dienstes für ihren Herrn 
jederzeit gewärtig zu sein; die Übernahme anderer Ar- 
beiten oder gar die Ausführung von solchen an einem 
fremden Orte erheischte stets die vorherige Genehmigung 
ihres fürstlichen Herrn. 

Es fragt sich nun, ob unter den beiden Namen „Sig- 
mund" und „Simon" zwei verschiedene Leute oder ob 
ein und dieselbe Person gemeint sind, bezw. in welchem 
verwandtschaftlichen Verhältnisse Sigmund oder Simon 
Rockenberger zu dem Meister Andreas standen? Ein 
Auszug aus dem Schockkataster '^) und die Tabellen über 
die Besitzer der Grundstücke im Coswiger Viertel zwischen 
1554 — 1607*^) geben darüber Aufschluls. Während näm- 
lich an der einen Stelle „Sigmund" geschrieben ist, wird 
an der anderen der Eigentümer desselben Grundstückes 
„Simon" genannt, und weiter, nach dem Tode des Meisters, 
ist wiederum von Sigmund Rockenbergers Erben die Rede. 
Berücksichtigt man ferner, dals die beiden von Kurfürst 
August vollzogenen Dokumente, die Bestallung des „Sig- 
mund" als Hofplattner und die käufliche Überlassung 
von Haus und Werkstatt an „Simon", doch höchstwahr- 
scheinlich in ursächlichem Zusammenhange gestanden 



«) Urbarinm der Churstadt Wittenberg II. Teil, Bl. 83. 
') Ebendas. Bl. 84. 
«) Ebendas. Bl. 184. 



304 ^I- von Ehrentbai: 

haben, so ergiebt sich, dals nur eine Verwechshing infolge 
ähnlich klingender Laute, ein Schreibfehler vorliegt, und 
dals der Vorname des Meisters jedenfalls Sigmund ge- 
wesen ist. 

Bei der zweiten Frage läfst sich mangels jeder Unter- 
lage nur die Vermutung aussprechen, dals Signmnd wohl 
der Wittenberger Plattnerfarailie entstammte, dals er 
wahrscheinlich der Sühn des Andreas Rockenberger 
war. Der Name kommt in den städtischen Akten sonst 
nicht vor. 

Erwähnt sei an dieser Stelle, dals in den Akten des 
königl. Hauptstaatsarchives zwischen 1558 und 15G8 als 
Plattner des Kurfürsten August einigemal ein Hans Rosen- 
berger zu Dresden genannt wird. Ob bei ihm sich etwa 
eine Namensänderung vollzogen hat, wie sie zu jener Zeit 
nicht selten vorkommt, ob aus einem Rockenberger ein 
Rosenberger geworden ist, vermögen wir nicht zu sagen. 
Bei Besprechung seiner Werke werden wir darauf zurück- 
kommen. 

Die letzten Lebensjahre des Meisters Sigmund scheinen 
materiell keine sorgenlosen gewesen zu sein ; denn er war 
nicht im Stande einen der kurfürstlicheu Kammer schul- 
digen Betrag von 25 fl. zurückzuerstatten und mufste um 
Gestundung bitten, die ihm auch gewährt wurde. Es 
mag dies mit dem Umstände in Zusammenhang gestanden 
haben, dals mittlerweile die Speyer, Plattner zu Annaberg, 
die Gunst des Kurfürsten mehr und mehr erlangt hatten 
und die „vornehmsten" Arbeiten für die Harnischkammer 
verrichteten. 

Die Erben Sigmund Rockenbergers waren seine 
Witwe und seine Kinder Anna, Sigmund, Margareta, 
Hans und Andreas^). Wir stofsen hier abermals auf die 
beiden Namen Sigmund und Andreas, die in der Rocken- 
bergerschen Familie wohl gebiäuchlich waren. Sigmund 
als der älteste Sohn übernahm dem Herkommen gemäls 
die Werkstatt, die übrigen verkauften laut Vertrag vom 
10. Februar 1584 das „Haus nach der Schlolskirche ge- 
legen" an einen gewissen Daniel Weichmann'-'). Nach- 
dem 1607 auch Sigmund d. J., über dessen Thätigkeit 
als Plattner wir keinerlei Nachweis fanden, verstorben 
\var, geht die Plattnerei an den Küster der Schlolskirche, 



0) TTi'liiuinin dei- Cliurstadt Wittenberg II. Teil, Bl. 85. 
1") Ebeiulas. Bl. 85. 



Eine sächsisclie Plattnerwerkstatt zu Wittenberg. 305 

Georg Lelius, durch Kaufvertrag- über^^). Die betreffende 
Aufzeichnung weist nochmals eine Verwechslung der 
Namen Sigmund und Simon auf; während nämlich die 
Überschrift lautet: „1607, Platnerey -Werkstädte Simon 
Rockenbergers an Georg Lelium, Schlofsküster", lesen 
wir im Texte: „. . . . erschien Anna Maria, Sigmund 
Rockenbergers nachgelassene Tochter, itzo Herten Fasy's 
Eheweib u. s. w." 

Eine wertvolle Ergänzung erfahren die Nachrichten 
über die Rockenberger durch eine Aufzeichnung im In- 
ventar der kurfürstlichen Harnischkammer von 1606, 
Seite 298, die folgendermaliäen lautet: 

C'ammer gegen dem Judenhoffe. 
Dieses ist in des Plattneis Peter von Spej^ers Inventario zti 
befinden. 

In dieser Cammer seind etzliclie Stück zu befindenn, welche 
dem Rüstmeister anzuzeigen bedenklichen, die er auch ann diesem 
orth, vermöge seiner Eydespflicht, Meinem gnädigsten Churfürsten 
und Herrn zum besten verwahrlichen behalten will, 

ünaufsgemachte (unvollständige) Rennzeuge. 
Fünft Rennzeuge seind von Sigmundt Rockenbergeru, Plattners 
zu Wittenberg hiiiterlassenen Witwen, überantwortet wordenn, An 
welchen Zeugen aber Nachverzeichnete stück, ohne das schraub: und 
Riemenwerk unterschiedlich gemangelt. 
Am ersten Zeugk: 
Ein Rennhuet, ein Schofs, ein Kerbeisen, ein baar Streiftartzschen. 

Am anderen Zeugk: 
Ein Rennhuet, ein Barth, zween Lätze an die Schosse, zween 
Schiifung ufs Kerbeisen, ein Gerüste, ein Handhabe, ein wolst uf 
die Streiftartzschen. 

Am dritten Zeugk: 
Ein Rennhuet, ein Schofs, ein Kerbeisen, ein paar Streiftartzschen, 
ein gerüste, ein baar Stege. 
Am vierten Zeugk: 
Ein Schiffung ufs Kerbeisen, zween Lätze an die Schös und 
das gerüst aufzurichten. 

Am fünften Zeugk: 
Ein Rennhuet, ein Handhabe an das Kerbeisen und das gerüste 
und Stege aufzurichten, ein wolst auf die Streiftartzschen. 

Ueber diese vorerzählte fünff Rennzeuge ist von der Wittwen 
geantwortet worden: Ein Stechhelm, ein ausgeschnittener Rennhuet, 
zAveen alte Stechhelm , Ist nichts guts dran, zwei baar Streiftartzschen, 
gehören nicht zusammen, eine halbe Tatze, acht Folgen, gehören 
nicht zusammen, ein Leibbandt, diese Stücke seindt unpollirt. 

Die Aufzeichnung ist deshalb von grolser Wichtigkeit, 
weil sie Aufschluls giebt über einen derjenigen Plattner, 
welche um die Mitte des 16. Jahrhunderts die Rennzeuge 



'1) Urbarium der Churstadt Wittenberg Tl. Theil, BI. 87. 

Neue.s Archiv f. S. G. u. A. XV. 3. 4. ~0 



306 ^I- ^on Elironthal: 

für den sächsischen Hof schhig-en. Denn abgesehen von 
emigen alten Stechhelmen und .Stücken, die vielleicht noch 
von den Meistern Hans Eryngk und Andreas ßockenberger 
herrüliren, werden nur unvollständige Rennzeuge, kein Stück 
für das damals übliche welsche oder Realgestech von der 
Witwe an die kurfürstliche Harnischkammer abgegeben. 
Vielleicht wurde damit die Schuld beglichen, die JNleister 
Sigmund wohl noch nicht hatte tilgen können. Viel Gutes 
war nach Ansicht des Rüstmeisters an den Stücken nicht, 
denn er trägt Bedenken, sie — als brauchbar — anzu- 
zeigen, will sie aber trotzdem vermöge seiner Eidespflicht 
für seinen kurfürstlichen Hei-rn bewahren, 

Rennzeugplattner gab es im zweiten , namentlich aber 
im dritten Viertel des 16. Jahrhunderts nur noch einzelne 
im deutschen Reiche ; in Süddeutschland waren die Rennen 
schon um 1540 von den italienischen Stechen über die 
pallia (Planke) verdrängt worden und in der zweiten 
Hälfte des Jahrhunderts beinahe in Vergessenheit ge- 
raten. So schieibt Erzherzog Ferdinand am 30. Oktober 
1565 an Kurfürst August, er möge ihm den Plattner, 
„so die deutschen Rüstungen schlecht", auf drei Wochen 
zusenden, um seinen Gast, den jungen Herzog von Florenz, 
in dieser Turnierart zu unterrichten^'^). 

Aus den berühmten Nürnberger und Aue:sburger 
Plattner Werkstätten dieser Zeit sind Rennzeuge nicht mehr 
hervorgegangen, nur Franz Grolsschedl in Landshut ver- 
stand sich noch auf die Anfertigung solcher Turnier- 
liarnische. Dals sich die Rennen in Norddeutschland 
länger hielten als in Süddeutschland, mag einerseits daran 
gelegen haben, dals Geschmack und Gebräuche nur in 
langsamem Tempo von dem Süden nach dem Norden ihren 
Weg zu machen pflegten, andererseits daran, dais Kur- 
fürst August von Sachsen besondere Vorliebe für diese 
Art von Ritterspielen hegte. 

Vorgenannter Vermerk im Inventar von 1606 gab Ver- 
anlassung zur eingehenden Untersuchung der beiden im histo- 
rischen Museum zu Pferde aufgestellten Scliarfrennzeuge. 

Es fand sich auf der Brust des einen (2. Pferd) das 
Monogramm \^^mm^g~'^^v^ jS ^ eingeätzt. Es ist das- 
selbe wohl ^^SJj^J^^^^ nicht anders zu lesen, 
als Sigmund ^^'* * ' . ^^ Rockenberger Witten- 

bergensis. Für die Annahme, dafs die Zeuge im königl. 



'-) H. St. A. hoc. 850a, Bl. 48. 



Eine sächsische Plattnerwerkstatt zn Wittenberg. 307 

historischen Museum oder zuweiiigst eines derselben aus 
einer sächsischen Plattnerwerkstatt hervorgegangen seien, 
wurde damit der Beweis erbracht. 

Beide Harnische sind äufserst solid gearbeitet, die 
einzelnen Stücke tadellos ineinandergefügt, von der Kraft 
und Sicherheit der Hand des Plattners geben die auf den 
inneren Flächen sichtbaren Hammerschläge Zeugnis. Im 
Detail weisen die Zeuge einige Verschiedenheiten auf: 
so ist das Bruststück bei demjenigen auf dem ersten 
Pferde an der Stelle, wo der ßüsthaken aufsitzt, mehr 
herausgetrieben als auf demjenigen auf dem zweiten 
Pferde ; während hier an das Magenblech nur ein Bauch- 
reifen und an diesen die vierfach geschobenen Rennschöfse 
sich anschliefsen, besteht der Schutz des Unterleibes bei 
Rennzeug 1 aus vier übereinandergeschobenen Bauch- 
reifen und derjenige der Oberschenkel aus siebenfach 
geschobenen Schölsen. Rtist- und ßasthaken, der Brech- 
scliild, sowie das Kleinzeug weisen ebenfalls Unter- 
schiede auf. 

Meisterhaft ausgeführt ist die Ätzung bei Eennzeug 2; 
in breiten Streifen erblickt man zwischen Blattwerk Fi- 
guren und Tiere in der Art des Lucas Cranach ge- 
zeichnet, am unteren Rande des Rennbartes das sächsische 
Kurwappen'-'). Das Rückenstück und der Brechschild 
sind aufserdem durch fein ausgearbeitete Kannelierungen 
geschmückt. 

In ähnlicher Manier, jedoch nicht ganz so frei, ist 
die Ätzmalerei auf dem ersten Zeuge ausgeführt, doch 
finden sich gewisse Ornamente, z. B. die geflügelten Eiigels- 
köpfe, das Ausgehen der Stiele des Blattwerkes in mensch- 
liche Halbfiguren u. a. hier genau so vor, wie bei Renn- 
zeug 2. Die Kannelierungen auf dem Rückenstück und 
Brechschild gleichen sich bei beiden Zeugen vollständig. 
Auf Rennbart und Bruststück am Zeug 1 ist das herzoglich 
sächsische Wappen eingeätzt, woraus erhellt, dals es das 
ältere ist, und zwar entweder für Herzog August, oder 
vielleicht gar schon für Herzog Moritz von Sachsen, also 
vor 1547, angefertigt wurde. 

Nach diesen Ermittelungen lenkte sich naturgemäfs 



^^) Ob Rockenberger die Ätzkunst verstand, oder ob ihm, wie dies 
zumeist der Fall war. ein Ätzer zur Seite gestanden, darüber ver- 
mügeu wir vorläufig keine Auskunft zu geben. 

20* 



308 M- ^'on Ehrenthal: 

die Aufmerksamkeit auf das llennzeug in der kaiser- 
lichen Waffensammlung in Wien, Kat.-No. 996, welches 
Kurfiirst August von Sachsen für seinen Freund, den 
Erzherzog Ferdinand von Tirol, 1558 anfertigen liels. 
Zwei hierauf bezügliche Briefe befinden sich im königl. 
sächsischen Hauptstaatsarchive. Der eine (Kopie) vom 

25. Juni 1558 enthält die Mitteilung des Kurfürsten an 
den Herzog, dafs er seinen Plattner mit dem Schlagen 
der Ilüstung beauftragt habe; in dem anderen, vom 

26. April 1559, spricht letzterer seinen Dank aus und 
führt dabei an, das Eennzeug sei rein, sauber, fleilsig 
und wohlgemacht. 

Die Ähnlichkeit mit den Dresdner Zeugen im Auf- 
bau, insbesondere mit 1 ist unverkennbar, in den Details 
ergeben sich indeis auch hier einige Verschiedenheiten. 
Es gleichen die Schallern und der Brechschild, das Brust- 
und Bückenstück des Wiener Scharfrennharnisches dem 
älteren Bennzeuge (1), die Bauchreifen sind wie bei diesen 
viermal, die Schölse achtmal (bei 1 siebenmal) geschoben. 
Auch die Anordnung der Ätz streifen entspricht ziemlich 
derjenigen auf Eennzeug 1, auf dem Bruststück befindet 
sich das Wappen des habsburgischen Hauses eingeätzt 
— dagegen gleicht das Blumenornament, welches von dem 
mittleren Ätzstreifen ausgehend sich über die untere 
Fläche der Brust verbreitet, demjenigen auf dem Magen- 
blech, den Bauchreifen und den Beintaschen des Renn- 
zeuges 2 in der Dresdner Sammlung. In ähnlicher Weise 
sind auch die Streiftartschen des Wiener Harnisches mit 
Ätz werk geschmückt, während deren Form mehr dem zu 
Rennzeug 2 gehörigen entspricht. 

Wir neigten ursprünglich der Annahme zu, dafs alle 
drei Zeuge, welche eine auffällige typische Übereinstim- 
mung aufweisen, von einem Meister gefertigt worden, 
dass sie aus der Wittenberger Werkstatt hervorgegangen 
seien. Die Untersuchung zweier zusammengehöriger Renn- 
zeuge im Musee d' Artillerie zu Paris, Catalogue par 
L. Robert, tome 2 G. 166 und Gr. 167, hat indes unsere 
Meinung geändert. Es worden die beiden Zeuge irr- 
tümlich in die Zeit um 1500 versetzt, das eine (G. 166) 
dem Kaiser Maximilian I. (gest. 1519) zugeschrieben, 
während sie augenscheinlich aus der Mitte des 16. Jahr- 
hunderts stammen (s. auch C. Gurlitt S. 49). Die zwei 
verschlungenen M und die Embleme von Habsburg und 



Eine säclisische Plattnerwerkstatt zu Wittenberg. 309 

Burgund auf dem Rückenstück von G. 166 haben näm- 
lich nicht Beziio- auf Maximilian I. und Maria von Bur- 
gund, sondern auf Kaiser Maximilian II. und seine Ge- 
mahlin Maria von Spanien, Tochter Kaiser Karls V. 
Die Rennzeuge gelangten 1805 oder 1809 unter Napo- 
leon I. von Wien nach Paris; sie waren nicht unter 
den Kunstgegenständen, welche nach den Bestimmungen 
des Wiener Kongresses 1815 an das österreichische 
Kaiserhaus zurückgegeben werden sollten. Im Aufbau 
sowohl, als auch in ihrer Ausschmückung und in vielen 
Details gleichen sie dem Rennzeuge No. 996 in der 
kaiserlichen Waffensammlung zu Wien fast vollständig, 
so dafs bei allen dreien auf einen und denselben Ver- 
fertiger mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit 
geschlossen werden darf. Nun schlug erwiesenermaßen 
der kurfürstliche Plattner Hans Rosenberger zu Dresden 
1564 „Zeug (d. i. Rennzeug) und Rüstung für die Römische 
Königliche Majestät" ^^). Diese Arbeiten haben wir in 
den beiden Rennzeugen des Musee d' Artillerie unzweifel- 
haft vor uns fs. auch Gurlitt SS. 47 — 49). Somit wäre 
auch für das Wiener Zeug No. 996 der Meister gefunden. 
Zwischen den genannten drei Rennzeugen und demjenigen 
mit dem Monogramm Sigmund Rockenbergers steht ge- 
wissermafsen als Bindeglied das Zeug No. 1 im königl. 
historischen Museum. Es gleicht, wie schon erwähnt, in 
manchen Formen und Details dem Rennzeug No. 2 eben- 
dort, ist jedoch in seiner Gesamtheit den Hans Rosen- 
bergerschen Rennharnischen so nahe verwandt, dafs wir 
nicht anstehen, es gleichfalls als eine Arbeit dieses 
Plattners zu bezeichnen. Eine Meistermarke oder ein 
Monogramm trägt übrigens keines der angeführten Zeuge. 
Die auffällige typische Übereinstimmung aller 5 Renn- 
zeuge, die sicherlich nicht allein dem Umstände zuzu- 
schreiben ist, dals wir „sächsische" Arbeiten vor uns 
haben, sondern noch in anderen Verhältnissen begründet 
sein dürfte, leitet uns auf die Vermutung hin, dals 
Rockenberger und Rosenberger wohl in persönlichen 
Beziehungen zu einander gestanden haben, dals sie viel- 
leicht ein und derselben Plattnerfamilie bez. der Witten- 
berger Werkstatt entsprossen sind. Nach dieser Ab- 
schweifung kehren wir Avieder zu Meister Sigmund 
zurück. Es befindet sich nämlich im Musee d' Artillerie 



1*) H.-St.-A. Cop. 326, Bl. 59. 



310 ^I« von Ehreiithal: 

das mit Atzst reifen in einem Blattornament gezierte 
steife linke Aimzeug von einem Fieitiuiiiei-Hainisclie 
mit den eingeätzten Buchstaben S. R., ohne Zweifel eine 
deutsche Arbeit um 1570. Obgleich aus einem einzelnen 
Stück auf die Technik des Meisters ein Schluls kaum 
gezogen werden kann, so liegt es doch nahe, das Mono- 
gramm Sigmund Bockenberger zu lesen, dessen Benn- 
zeug im historischen Museum ja gleichfalls das geätzte 
Monogramm des Meisters trägt. Vielleicht finden sich 
zugeliörige Harnischteile in anderen Museen, die ein 
abschlieisendes Urteil für später ermöglichen. 

Als sicher kann wohl angenommen werden , dais aulser 
dem genannten Benn zeuge noch mancher Harnisch, ins- 
besondere auch für den Feldgebrauch , aus der Witten- 
berger Werkstatt hervorgegangen ist. Der Plattner, der 
ein solch ausgezeichnetes Werk schuf, erfreute sich gewils 
eines guten Bufes und einer ausgedehnten Kundschaft. Dals 
Herzog Heinrich der Jüngere von Braunscliweig- Wolfen- 
büttel (geb. 1489, f 1568) etliche Bennzeuge bei Sig- 
mund Bockenberger bestellte, ist bereits oben erwähnt 
worden. Einige im königl. sächsischen Hauptstaats- 
archive bewahrte Schreiben, die ,C. Grurlitt mit den 
Plattnern Peter von Speyer dem Älteren in Verbindung 
bringt, dürften da, wo es sich um Bestellungen von 
Bennzeugen handelt, die Wittenberger Werkstatt be- 
treffen. So beauftragte der Markgraf, später Kurfürst 
Johann Georg von Brandenburg durch ein Schreiben, 
datiert 29. Januar 1557, den Büstmeister Hans Leuthner, 
ihm ein Bemizeug schlagen zu lassen, zu dem er das 
Mais mitgegeben hatte. Hieran knüpft sich bis zur Ab- 
lieferung des Zeuges, die einige Verzögerung erfahren 
hatte, eine weitere Korrespondenz zwischen dem Mark- 
grafen und dem Kurfürsten August. Das fragliche Bemi- 
zeug ist wohl nicht mehr vorhanden. 

Bei weiteren Forschungen nach Werken der Witten- 
berger Meister wird unter Berücksichtigung der geo- 
graphischen Lage der Stadt die Aufmerksamkeit auf 
solche Harnische zu lenken sein, deren einstige Träger 
sächsische oder norddeutsche Fürsten benachbarter Besi- 
denzen waren. 

Es giebt eine Gruppe von vortrefflich gearbeiteten 
und geschmackvoll geätzten Harnischen aus der Mitte des 
16. Jahrhunderts, die in ihrem Aufbau und manchen 
Details Abweichungen von den Formen zeigen, die wir 



Eine sächsische Plattiierwerkstatt zu Wittenberg. 311 

an den Nürnberger und Angsburger Harnischen aus dem- 
selben Zeitabschnitten kennen. Die Verwandtschaft dieser 
Rüstungen unter einander ist in die Augen springend. 
Sie gehören ausnahmslos mittel-, bez. norddeutschen Fürsten 
und Herren an, so dals schon darum die Vermutung nahe 
liegt, dafs sie einer norddeutschen Plattnerwerkstatt ent- 
stammen. Um die Aufmerksamkeit der Forscher auf sie 
zu lenken, mögen hier einige der Harnische angeführt 
sein: 1. Der ganze Feldharnisch des Kurfürsten Johann 
Friedrich des Grrofsmütigen mit einem eingeschlagenen 
W auf dem rechten Handschuh, um 1540, in der Armeria 
Eeal zu Madrid. 2. Ein ganzer Feldharnisch des Mark- 
grafen (späteren Kurfürsten) Johann Georg von Branden- 
l)urg, gefertigt um 1545, im königl. historischen Museum 
zu Dresden. 3, Der halbe Feldharnisch des Herzogs 
Heinrich des Jüngeren von Braunschweig, um 1540, in 
der kaiserlichen Waffensammlung zu Wien. 4. Der halbe 
Feldharnisch Heinrichs von Rantzau, welcher in Witten- 
berg studierte, um 1550, ebendaselbst. 5. Ein ganzer 
Feldharnisch des Herzogs Julius von Braunschweig, um 
1550, im Musee d'Artillerie zu Paris, G. 53. 6. und 7. Zwei 
halbe Fulsturnierharnische desselben Fürsten, um 1560, im 
"Schlosse Wörlitz bei Dessau. 8. Ein ganzer Feldharnisch, 
um 1570, wahrscheinlich gleichfalls aus dem Besitze des 
Herzogs, in der Eremitage zu St. Petersburg; und schliels- 
lich 9. ein halber Feldharnisch mit der Jahreszahl 1558 

und einem ^^TA (Wittenberg !) markiert, im Musee Royal 

d'Antiquites et d'Armures in Brüssel, Kat.-No. 18. 

Die Archive von Weimar, Gotha, Coburg, Dessau, 
Wolfenbüttel und andere dürften mancherlei enthalten, 
was mehr Licht in die Sache zu verbreiten geeignet 
wäre. Ebenso dürfte in den Watfensammlungen auf der 
Wartburg und der Coburg nach Werken der Rocken- 
berger vielleicht mit Erfolg zu suchen sein, denn höchst- 
wahrscheinlich haben gerade die ernestinischen Fürsten 
in der ersten Hälfte des 16, Jahrhunderts manchen 
Harnisch aus der Wittenberger Werkstatt bezogen. Bei 
der grofsen Vorliebe der Herzöge Hans (später Kurfürst 
Johann der Beständige) und Hans Friedrich (später Kur- 
fürst Johann Friedrich der Grolsmütige) für das Turnier- 
wesen, von welcher uns zwei in der königlichen Bibliothek 
zu Dresden bewahrte Turnierbücher Zeugnis ablegen, ist 
wohl anzunehmen, dafs sie mit ihren Plattnern, das waren 



312 M. V. Ehrenthal : Eine sächs. Plattnerwerkstatt zu Wittcnhcrg-. 

verniullicli Hans Eryiigk und Andreas Rockenberger, in 
regen Beziehungen standen. Denn niclit allein die An- 
fertigung neuer Zeuge zu Rennen und Stechen, sondern 
auch mancherlei Reparaturen, die häufig nach den Tur- 
nieren an den Zeugen erforderlich waren , machten dem 
Fürsten den Plattner unentbehrlich, der denn auch viel- 
fach auf Reisen, insbesondere zu Turnieren, im Gefolge 
seines Herrn zu finden war. 

Es sei hier erwähnt, dafs nach gedachtem Turnier- 
buche Herzog Hans zwischen 1487 und 15:^7, das letzte 
Mal als Kurfürst, 135 Mal im Sattel salis, dals Herzog 
Hans Friedrich zwischen 1521 und 1534 sogar 14G Mal 
furnierte. 

Von den Stech- und Rennzeugen dieser Fürsten 
scheint indes keines unserer Zeit erhalten geblieben 
zu sein. 

Hiermit beschlielsen wir die Besprechung der Witten- 
berger Plattnerwerkstatt. Ist auch das zu Tage ge- 
förderte Material nach mancher Richtung hin noch lücken- 
haft, so wird damit docli immerhin ein Schritt vorwärts 
gethan und vielleicht Anregung gegeben zu weiteren 
Forschungen nach Werken dieser sächsischen Meister. 



XL 

Kleinere Mitteilimgeu. 

1. Eine Schuld der Stadt Bautzen. 

Von Fr. H. Baumgärt el. 



Im V. Bande dieser Zeitschrift (S. 309 ff.) findet sich 
ein Aufsatz von H. Knothe über „die Stadt Bautzen im 
Banne des Bischofs von Meifsen 1431". Der Bischof 
hatte den Bann üfeer die Stadt verhängt wegen der Zinsen, 
die sie ihm „jährlich zu geben pflichtig" war und nicht 
bezahlt hatte. Die Stadt suchte Hilfe beim Kaiser Sigis- 
mund, dem das Vorgehen des Bischofs so milsfiel, dals er 
unter dem Hinweise auf die bedrängte Lage der Stadt 
vom Bischof die Lösung des Bannes begehrte. Knothe 
weist nach, dass Bautzen dem Bischof von Meilsen und 
dem Domkapitel wirklich zinspflichtig war und zwar seit 
1371. Damals kaufte Karl IV. von Heinrich von Kittlitz 
auf Baruth und Muskau die Herrschaft Lieberose für 
1300 Schock Groschen Prager Münze und überwies dem 
Verkäufer anstatt der Baarzahlung 130 Schock Groschen 
jährlicher „Guide" von seinen „Zinsen, Zöllen und Ge- 
fällen zu Budissin beide in der Stadt und auf dem Lande", 
bis er oder seine Nachkommen die Schuld getilgt hätten. 

Da eine Tilgung der Schuld nicht erfolgte, ging die 
Rente nach dem Tode Heinrichs von Kittlitz an dessen 
Söhne Johann und Otto über. Der letztere überwies sie 
mit Genehmigung des Königs Wenzel pfandweise dem 
Meilsner Bischof Thimo von Kolditz, einem Neffen des 
Herrn von Kittlitz, und seinen Nachfolgern, sowie dem 
Kapitel der Kirche zu Meilsen. Am 4. Oktober 1402 trat 
der Bischof zu Meilsen die Zinsen seinem Vorgänger 
Bischof Johann 111. (v. Kittlitz) ab, der nach seiner Ver- 



314 Kliiiierc Mitteilungen. 

ziclitleistiiii"' (1H98) in Bciutzen lebte. Die AbtieUiiigs- 

urk linde M lautet: 

"Wir Thiino von gotes gnadin bisclioif czii i\[eirsin enpiten den 
erlieni und Aveyscn Iturgermcistcr und ratmaniion. bürgern und ge- 
nicyne czu Budissin die iczczuut sein adir czu czeiten weiden unsern 
fiuntliclicn grus. Erbarn und wysen üben frund. Mit den drifsig 
und hundert schogken ierlichir gulde. der ir und ouwer stat euch 
vorschrebin habt uns und imsern nachkoiueii bisclioffen czu Meifsiu 
icrliclicn czu reicliin und czu bcczalen und of eynen -widirkouff. alze 
daz unsers herreu des kouinges und euwer stat brive dy dorobir ge- 
geben sin behalden, wysen wir euch an den erwirdien in got vater 
an unsern herren und frunt bischofe .Tolianse von Kitlicz unsern vor- 
farn, alze wir euch vormols mit wifsentschaft unser thumbherrin, ern 
Heinrichs Meckaw und ern Niclas Czigelers muntlichen an cn gcwiset 
haben, und begern, daz ir dy czinse em reichet syne lebetage, wj'le 
em kein andir bischstum wirt, abir noch syme tode do got lange vor 
sye und ouch zo im erst ein andir bischstum wurde, zo suUit ir euch 
mit den czinsen noch ouwer brive lut an uns und an unsere nach- 
komelinge bischofe czu Meifsin halden und euch der czinse dciuie dem 
egenanten unserm herrin bischofe Johanse nymnie reichin. . . (iegebin 
zum Stolpen . . . vierczen hundirt iar darnoch in dem andern iare 
an der metewoche an sente Francisci tage. 

Da Bischof Johannes von Kittlitz kein Bistum wieder 
erhielt, war er ohne Zweifel bis zu seinem Tode (1408) 
im Genüsse der 130 Schock. 

Vom Jahre 1412 an sind fast sämtliche bischöfliche 
Quittungen im Ratsarchiv zu Bautzen vorhanden. ISic 
beweisen, dals Bautzen die Zinsen nur selten an dem fest- 
gesetzten Zahlungstermin abführte und öfters Verhand- 
lungen mit den Bischöfen stattfanden. 

1412 quittierte Bischof Rudolf, der auch 1418 be- 
kannte, dals 80 Schock der Rente dem „Leute[)farrer zu 
Göda" übergeben worden waren. 1429 und 1480 konnte 
Bautzen seiner Verptlichtung nicht nachkommen, da die 
Einfälle der Hussiten in die Lausitz und deren Angriffe 
auf i^>autzen die städtischen Kassen erschöpft hatten. Der 
Bann sollte die Stadt für ihre Saumseligkeit strafen. 
Wann infolge des von Knothe a. a. 0. angeführten kaiser- 
lichen Schreibens Bautzen vom Banne befreit wurde, ist 
nicht festzustellen; wahrscheiidich geschah es noch 1431, 
denn am 15. November dieses Jahres zahlte die Stadt 
von rückständigen Zinsen „von drei Jahren" 130 Schock. 
Der Bischof sprach die Stadt „der 130 Schock ([uitt, los 
und ledig" und erklärte eüie vorher gegebene „Qwytacio" 
über 50 Schock für macht- und kraftlos. 



'■) Die ()rit>inivle dieser sowie säuitlicher im Folgenden erwähnten 
Urkunden betindeu sich im Ratsarchiv zu Uautzen. 



Kleinere Mitteilungen. 315 

Die l'olgeiuleii Zahlen sollen beweisen, Avie hart die 
Zinszahlung- der Stadt ankam. — Nur zweimal in einem 
Zeitraum von fünfzig Jahren, 1446 und 1450, erfolgte die 
pünktliche Abführung der vollständigen Jahresrente; sonst 
ist immer von „versessenen, vertagten, verfallenen" Zinsen 
die Rede. Am 5. Juli 1436 z. B. quittierte Bischof Jo- 
hannes über 48 Schock 12 Groschen für Michaelis 1434, 
über 18 Schock 24 Groschen für Walpurgis 1435, über 
90 Schock Groschen für Michaelis 1435, über 26 Schock 
Groschen für Walpurgis 1436. Am 2. November 1448 be- 
willigte der Bischof der Stadt die vertagten Zinsen in 
verschiedenen Terminen und Teilen zu zahlen, nämlich 
40 Schock auf Epiphanias, 40 Schock auf AValpurgis oder 
14 Tage oder 3 Wochen darnach, 25 Schock am St. 
Peterstage ad vincula (1. August) und 10 Schock am 
konmienden Palmtage. Gleichzeitig (3. November) wünschte 
er auch, dem Christoph von Haugwitz zu Nedaschitz 
20 Schock seiner Rente zu überantworten. Nicht selten 
erinnerte der Bischof die Stadt durch einen seiner Be- 
amten an ihre Pflicht. So sandte er 1454 einen Kaplan 
Andreas, 1466 seinen Küchenmeister Matthis, 1474 den 
Üfficial Erasmus, 1488 einen Diener und den „Official 
seines Hofes" Johann Tessen zur Entgegennahme des 
Geldes nach Bautzen; auch durch den Pfarrer Matthis 
Stegemann in Bischofswerda (1461, 1466), durch den 
Dekan Johannes Pfeil zu Bautzen (1482) sowie durch 
seinen Hauptmann Friedrich von Bolbritz nahm er es 
in Empfang. 1463 konnte Bautzen trotz der „dringlichen 
Bitte" des Bischofs Caspar von Schönberg, ihm die ver- 
sessenen Renten pünktlich zu entrichten, da er ihrer zu 
dem Bau, den er zu Stolpen vorgenommen hatte, bedürfte, 
nur 36 Schock abliefern. 1472 war die Stadt mit 302 
Schock und 1477 nach einer Berechnung, die der bischöf- 
liche Kammermeister mit den Bautzener Bürgern Georg 
Reinhard und Georg Strelan anstellte, mit 324 Schock 
im Rückstande. Von 1473 an wurde die Rente teils in 
Schwertgroschen, teils in rheinischen Gulden gezahlt. 
1479 lautet die Quittung auf 190 rheinische und 28 un- 
garische Gulden, 1483 (12. September) auf „326 rheinische 
Gulden für dreilsig Malter Korn und für 324 Schwert- 
groschen, die sie (die Stadt) auch schuldig gewest". Am 
Anfang des Jahres 1491 war der Rat seinem Versprechen, 
am Walpurgistage 1490 oder 14 Tage darnach 130 Schock, 
„wie man übereingekommen" war, zu bezahlen, noch nicht 



316 Kleinere Mitteilungen. 

iiacligekommen und wurde gemahnt, die Summe „ohne 
allen Aufzug'' zu erlegen. Im November kam ein bischöf- 
licher Abgesandter, Christoph von Haugwitz, nach Bautzen 
und überbrachte ein Schreiben, in dem der Bischof sich 
bereit erklärte, für die 130 Schock böhmischer Groschen 
Prager Münze „aus besonderm geneigtem Willen" 195 
rheinische Gulden anzunehmen und das fehlende der Stadt 
„zu gute zu lassen". Die Stadt bot ihm dafür 130 un- 
garische Gulden an (8. November), bat am 19. November 
um Hinausschiebung des auf den Tag Katharine (25. No- 
vember) festgesetzten Zahlungstermins, sowie um eine 
Abschrift der Verschreibung, welche die Stadt den Vor- 
fahren des Bischofs der Schuld halber gegeben hatte. 
Der Bischof wollte sich bis zum Tage Lucie (13. Dezember) 
gedulden, und konnte wirklich am 15. Dezember den 
Empfang der um Galli fällig gewesenen Zinsen bestätigen. 
Die auf einem besondern Zettel stehenden Worte: „Wenn 
euch die von Budissin die 195 fl. rhein geben, so nehmt 
sie und sunst nicht" lassen vermuten, dals er mit 130 fl. 
Ungar, nicht einverstanden war. 

. Die Stadt Bautzen sah diesen Bischofszins seit langer 
Zeit schon als drückend an; sie war „so hoch beschwert 
worden, dals es gemeiner Stadt, arm und reich unträglich" 
war und beschlois deshalb, die Schuld abzulösen. Am 
Dienstag vor Kathedra Petri (19. Februar) 1493 gestattete 
König Wlasdislaus der Stadt Budissin, „die jährlichen 
Zinsen, die sie einem Bischöfe und Kapitel zu Meilsen jähr- 
lich zu reichen schuldig sei, nämlich 130 Schock, für 1300 
böhmische Schoclv abzulösen und Geld auf sich zu gemelter 
Ablösung auf Zinsen, wo ihr das allerbequemste sei, doch zu 
rechtem Wiederkauf zu nehmen". Zwei Jahre später, im 
Januar ]495, sandte die Stadt den alten Bürgermeister 
Niclas (Gerhold) und den Stadtschreiber Georg ... als Be- 
vollmächtigte nach Stolpen zum Bischof, um über die Ab- 
lösung verhandeln zu lassen, und im Juni 1495 erfolgte 
die Ablösung. Bischof Johannes, Ulrich von Wolfersdorf, 
Dekan, Johannes Königsbrück, Senior, Marcus Scultetus, 
Doktor, Otto von Weyssenbach, Tliamo Loser, Doktor und 
Archidiakonus zu Lausitz, Domherren und das ganze Ka- 
pitel des Domstifts zu Meilsen bekannten, dals Bautzen 
die 130 Schock jährlich bezahlt, dann mit königlichem 
Konsens vom Bischof und der Kirche zu Meilsen diese 
jährlichen Zinsen wiedergekauft und ihnen dafür „in einer 
Summe fünfthalb Tausend rheinische Gulden an gutem 



Kleinere Mitteilungen. 317 

rheinischem Gelde" an Stelle der zu Zeiten Karls IV. 
gangbar gewesenen Hauptsumme von 1300 Schock böh- 
mischer Groschen Prager Münze gegeben hat. Der Bischof 
hatte seiner Überzeugung nach „ein merkliches nachge- 
lassen, sich allenthalben ganz und gar volkomlich begnüget" 
und sagte den Bürgermeister, die Ratmamien, Arme und 
Reiche der Stadt Budissin und alle ihre Nachkommen von 
jeder Verpflichtung „ganz (luitt, ledig und los". Alle auf 
Stolpen oder im Kapitel zu Meifsen gelegenen, die Summe 
betreffenden Haupt- und Kaufbriefe erhielt Bautzen zurück. 
— Die Stadt war nun vom Bischofszins befreit. Sie hatte 
jedoch die Schuld nur mit fremdem Gelde tilgen können; 
von 1495 an war sie Schuldnerin des Klosterg zuFreiberg-). 



2. Zur Genealogie der Wettiner im 15. Jahrhundert, 

Von Wohle mar Lippert. 



Dals die Genealogie der meisten fürstlichen Ge- 
schlechter im Mittelalter noch ziemlich im Argen liegt, 
ist eine nur zu bekannte Thatsache, da die Herausgeber 
genealogischer Tafeln sich häufig begnügen, die her- 
kömmlichen Daten von ihren Vorgängern zu übernehmen, 
ohne Kritik zu üben, bez. wie zugestanden werden mag, 
oft auch ohne Kritik üben zu können. Wir haben ja 
für mittelalterliche Zeiten nicht zusammenhängende Korre- 
spondenzen der fürstlichen Familien unter einander, in 
denen wir aus den Notifikationsschreiben und den ent- 
sprechenden Gratulations- oder Kondolenzschreiben die 
Daten meist bis auf die Stunde genau feststellen können, 
sondern sind mehr auf gelegentliche Angaben angewiesen, 
die gutenteils chronistisch überliefert sind und denen 
gegenüber wir oft keine urkundlichen Belege zur Kon- 
trolle haben. Daher bieten auch die bekanntesten genea- 
logischen Werke, wie Voigtel- Colin, K. von Behr und 
speziell für die Wettiner Hofmeister, noch manche Daten, 
die der Berichtigung oder wenigstens der zuverlässigen 
und sie sicher stellenden Bestätigung harren. 

Als des Kurfürsten Friedrichs II., des Sanftmütigen, 
von Sachsen erstes Kind ist bei Voigtel -Cohn und Hof- 



2) Vergl. Cod. dipl. Sax. rg. II. 12, 512. 



318 Kleinere Mitteilnngon. 

meistei'O ein Sohn Heinrich, geboren 1433, g-estoiben 
22. Juli 1435 aufgeführt, als zweites Amalie, geboren 
13. April 1435, als drittes Anna, geboren 7. März 143G; 
bei Hehr fehlt Heinrich, für Amalie stimmt er mit Voigteis 
und Hofmeisters Ansetzung überein, bei Anna giebt er 
7. März 1437. Da belehrt uns nun ein Originalschreiben 
der Mutter selbst, dals 1. in der That das angebliche 
erste Kind Heinrich nicht existiert hat (der 1435 früh- 
verstorbene Heinrich ist vielmehr der Sohn Friedrichs 
des Streitbaren), und dals 2. das älteste Kind, die Tochter 
Amalie, am 4. April 1436 geboren wurde. Die Herzogin 
Margareta, die Tochter des Erzherzogs Ernst von Öster- 
reich, liels nämlich am Tage der Geburt selbst das freudige 
Familienereignis in ihre Heimat an den Rat von Wiener 
Neustadt berichten, da sie dort vielleicht in ihrer Jugend 
geweilt haben mag, obwohl Niederösterreich nicht zum 
Gebietsteil ihres Vaters, des Besitzers von Steiermark, 
gehörte. Die Erklärung, dalis die neugeborene Tochter 
ihre „erste Frucht" sei, ist so bestimmt und dabei von 
so kompetenter Seite abgegeben, dals damit der Pseudo- 
primogenitus Heinrich endgiltig beseitigt ist-). 

II. 

Auf den Innenseiten des Pergamentdeckels eines 
sächsischen Archivinventariums aus der ersten Hälfte 
und Mitte des 15. Jahrhunderts, der ältesten wettinischen. 
Arcliivregistrande, die uns über die Bestände des alten 
kursächsischen Archives Nachricht giebt, sind von zwei 



') Voigtel, Stammtafeln zur Gescliiclite der europäischen Staaten, 
neu herausg'egeben von L. A. Colin (Braunschweig 1871)1 Taf. (JIP); 
K. vonBehr. Genealogie der in Europa regierenden Fürstenhäuser 
(2. Aufl.. Leipzig 1870) S. 141 ; Hofmeister, Das Haus AVettin von 
seinem Ursprung bis zur neuesten Zeit {:i. Aufl., Leipzig 1889) Taf. (i. 
Voigtel und Hofmeister führen aber neben dem angeblichen Sohne 
Frie^lrichs des Sanftmütigen auch noch den echten Heinrich als Sohn 
b'riedrichs des Streitbaren an, und zwar beide - ohne dureli die 
Auffälligkeit vorsichtig gemacht zu werden — mit dem 24..lulil435 
als Todestag! K. Hopf, Historisch-genealogischer Atlas] (Gotha 1858), 
1.51 Taf. 203 d hat auch beide Heinrich, den zweiten sogar als zweiten 
Solin Friedrichs des Sanftmütigen. Von Spezialarbeiten über Margareta 
äufsert schon .loh. Aug. S chn ei der, Biograpliische Fragmente von der 
Churfürstin Margaretha, der Stammnuittei- des gesamten durcli- 
lauehtiiisten Hauses Sachsen (Altenburg 1800) S. 5f. seinen Zweilei 
an der Existenz dieses Heinrich, während F. (). Stich art, Galerie der 
Sächsischen Fürstinnen (Leipzig 1857) S. i:>() ihn wieder mit aufführt. 

-) Vergl. unten Aidage L 



Kleinere Mitteilungen. 319 

zeitgenössischen Händen fünf Einträge gemacht, von 
denen zwei genealogische Angaben enthalten"). 

Die eine bezieht sich auf des Knrfürsten Ernst von 
Sachsen älteste Tochter Christina, die spätere Gemahlin 
König Johanns von Dänemark, welche nach Voigtel am 
25. Dezember 1462, nach Behr und Hofmeister am 25. De- 
zember 14G1 geboren wurde ^). Ersteres Jahr ist schon 
deswegen unmöglich, weil das nächste Kind, Friedrich 
der Weise, dann schon im folgenden Monate geboren 
sein müiste. Unsere Notiz bestätigt nun das Jahr 1461, 
indem sie angiebt, dals Christine zu Torgau als erstes 
Kind 1462 in der Christnacht an einem Freitag geboren 
wurde, denn 1462 bedeutet 1461, da mit Weihnachten 
das neue Jahr begann; 1461 war die Christnacht, 25. De- 
zember, in der That ein Freitag. 

Die zweite Notiz betrifft den Geburtstag Friedrichs 
des Weisen, den Hofmeister auf den 17. Januar 1463 an- 
setzt, während Voigtel und Behr den 18. angeben. Das 
Datum des 17. wird gesichert durch das eigene Schreiben 
der Mutter, Kurfürstin Elisabeth, welche am 17. Januar 
dem Herzog Wilhelm, dem Oheim ihres Gemahls, die am 
selben Tage erfolgte Geburt des Prinzen mitteilte''). 
Auch in diesem Falle bietet unser gleichzeitiger Eintrag 
die erwünschte Bestätigung, wonach Friedrich als erster 
Sohn 1463 am S. Antoniustage, einem Montage, geboren 
wurde, und zwar gleichfalls, wäe seine Schwester Christine, 
unter einer sehr guten Konstellation. 

Dals diese beiden Notizen völlig gleichzeitig sind, 
lälst sich mit Sicherheit erweisen aus der fünften Notiz 
auf der Innenseite der hinteren Deckelschale, wo der 
Schreiber erklärt, dals 1458 am Donnerstag nach Jakobi 
Georg Be3'er auf Befehl des Kanzlers Georg von Haugwitz 
ihm, dem Friedrich ß., die Register und Schlüssel der 
Kanzlei übergeben habe®). Er war also ein in des Kur- 



^) Vergl. unten Anlage II. 

•*) Yoigtel-Cohn Taf. 62; Behr S. 141; Hofmeister 
Taf. 6. 

^) Vergl. a. a. 0.; Behr hat im Supplement (Leipzig 1890) 
S. 33 den 18. Januar berichtigt zum 17.; Böttiger - Flathe, 
Geschichte des Kurstaates und Königreichs Sachsen (Grotha 1867) 
I, 429. 

^) Georg von Haugwitz ist als Kanzler aufgeführt in Bosses 
Liste über das Kanzleipersoual der Wettiner in seiner Lehre von 
den Brivaturkunden (1887) S. 181. Die andern Bersonen, unter 
denen wir uns wohl Kauzleischreiber zu denken haben, fehlen dort, 



.-520 Kleinere Mitteilungen. 

fürsten unmittelbarer Umgebung weilender Kanzleibeamter, 
und er ist nun derselbe, der 1461 und 1463 die Geburts- 
tage der beiden ersten Kinder Ernsts in seinem Arcliiv- 
verzeichnis sich notierte. 

Die beiden anderen Einträge auf der Innenseite des 
Vorderdeckels betreffen zwar nichts Genealogisches, mögen 
aber ihres zeitgeschichtlichen Interesses wegen hier mit 
beigegeben werden; beide sind von anderer Hand als 
derjenigen der bisher besprochenen Einträge geschrieben. 
Der erste betrifft den auf Anstiften der Vitzthume 1450 
abermals ausgebrochenen Bruderkrieg Kurfürst Friedrichs 
des Sanftmütigen und Herzog Wilhelms, der zweite die 
Schlacht von Konitz in Westpreulsen. König Kasimir 
von Polen war mit einem starken Heere am 17. September 
1454 vor die Stadt gerückt und geriet am 18. September, 
am Mittwoch nach S. Lambertstag, in Kampf mit dem 
zum Entsatz herannahenden Söldnerheere des deutschen 
Ordens unter dem Befehl des Herzogs Rudolf von Sagan, 
der selbst üel, und Bernhards von Zinnenberg. Nach 
erbittertem Ringen wurden die Polen unter grolsen Ver- 
lusten zersprengt und der tapfere König selbst in die 
wilde Flucht hineingerissen. Über sein Schicksal war man 
mehrere Tage in Unkenntnis, bis er in Thorn eintraf; 
die Angaben der polnischen Verluste schwanken zwischen 
3000 bis 6000 Mann. Konitz und Marienburg wurden 
dadurch von der Belagerung befreit und auch aus einem 
Teile des übrigen Landes die Polen verdrängt. Unsere 
Notiz entspricht völlig diesen anderweit bekannten That- 
sachen. Für ihre Gleichzeitigkeit ist besonders charakte- 
ristisch die Ungewiisheit über das Schicksal des Polen- 
königs, der nach einigen zu Pferde entkommen, nach 
anderen getödtet sei; der Schreiber hat also die Kunde 
frisch aufgezeichnet, wie er sie vom ersten aus Norden 
eintreffenden Boten oder Reisenden vernommen hatte, der 
von dort abgereist war, ehe man vom König etwas Zu- 
verlässiges in Erfahrung bringen konnte"). 



da gerade für die fünfziger Jahre die Schreiberliste sehr lüc^kenhaft 
ist. Ein Beyer, aber mit Vornamen Hieronymus, war 1470 Kanzlei- 
schreibcr, und von Personen namens E. finden wir einen Maitin 
Rotlebe und Kunz Rumpf (Posse S. 182); Georg Peyer und 
Friedrich R. sind vielleicht Verwandte der Uenannten, welch letztere 
dadurch auch in den Kanzleidienst kamen. 

■') Vergl. über die Schlacht von Konitz .Tob. Voigt, Geschichte 
Preufsens (Königsberg 1838) \'III, 4uof., besonders 404 -40(). 



Kleinere Mitteihingeit. 321 

Anlage I. 

^ Meisseu 4. April 1436. 

Kiirfürstin Margarete von Sachsen 'zeigt dem Rat von Wiener 
Neustadt die Gehurt ihrer Tochter (Amalie) an. 

Margaretha von gots gnaden herczogynne zcu Sachsen lantgravynne 
in Doringen und marcgravynne zu Missin. 

Unsern bisundern grus zcuvor, ersamen, liebin, bisundern ! Wann 
uns der almechtige got in ordenunge der heiligen ee von sinen sunder- 
lichen gnaden mit einer frucht und junge furstyn in person und an 
gledemasseu gaucz wol geschickt und formiret, derselbin unser erstin 
frucht wir erst als hüte uff gifft dissis brivis zcuvoran mit gotis des 
hern hulffe im zcu ewigem lobe, czu raerunge der cristenheit und 
zcu tröste der landen und luten zcu Sachsen, Doringen und Missin 
sint entladen, seleclichen genesin und der mit frolichem anblicke er- 
frawet wurden, sulche unsere begnadunge uns von gote gesehen wir 
uch in guter zcuvorsicht zcu sunderlichen frawdea vorkundigen 
bege[re]nde von uch mit vlyssz, gote unserem hern sampt mit uns 
zcu loben, dangk sagen, zcu frauwen und sine gnade demuteclichen 
zcu bitten, das er uns und unsere erstgeborene junge furstyn an 
wolfart und gesuntheid ym zcu ewigem lobe und dinste iu lengere 
cziite gnedeclichen geruche zcu fristen, nach dem und wir des einen 
sunderlichen getruwen zcu ueh haben : daran erczeiget ir uns ganczen 
willen und wolgefallen. Gegebin zcu Missin an der mittewoche nach 
Palman anno domini CCCC"XXXVP. 

Adresse (auf der Rückseite) : Den ersamen rate und gesworu 
zcur Nuwenstad in Osterrych unsern liebin bisundern dd. 

Orig. Papier im HaiiptstcKitsarchiv Dresden ürk. Xr. 0S9ß b. Verschlossen durch das 
auf der Rückseite aufgedrückte, runde, roihe Waclissiegel, Jetzt durchrissen und 
abgesprungen, s. Posse, Die Siegel der ^YcUiner Taf. XXIII Fig. 3. 

Anlage II. 

Anno domini MOCCCC^ quinquagesimo illustres principes Fridericus 
et Wilhelmus germani duces Saxonie etc. gravissima bella in- 
testina in suis priücipatibus instigantibus die Viczthum susci- 
tarunt, dominia eorum hinc inde per ignis voraginem ac alias 
anichiiando etc. 

Anno domini MOCCCCLIIIP feria quarta post Lamperti commissum 
est ingens bellum ante opidum Cunicz inter dorainos Cruciferos 
et regem Polonie, qui prostratus est et de suis pene V^ inter- 
fecti gladio. Nonnulli asserunt regem Polonie vi calcarum 
evasisse, alii e contrario dicentes ipsura fore occisum, veritas 
declarabit in proximo etc. 

Anno domini etc. L octavo feria quinta post Jacobi in Rochlicz ex 
iussu domini Georgii de Hugewicz cancellarii dominus Georgius 
Beyer mihi Fridrico R. presentavit registra et claves cancellarie. 

1462 nata est domina Cristina dueissa Saxonie etc. primogenita in 
nocte Cristi in Castro Turgow cum felici augmento et erat dies 
Veneris in optimo signo etc. 

1468 natus est dominus Fridericus dux Saxonie etc. filius primo- 
genitus feria secunda in die Anthonii egregii confessoris in bo- 
nissimo signo cum prosperitate uon modica etc. 

Hauptstaatsarchiv Dresden, XVI. Abteil, , Kr, 13'?, Locat 23: Ordo litterarum, 
Registratura etlirher l)rive, so ctwan zu Meyssen im gewelbe gelegen und dar- 
nach gein Leipczk gefurt. 

Neues Archiv f. S. G. u. A. XV. 3. 4. 21 



322 Kleinere Mitteilungen. 

3. Noch einige Berichtii::uiigen zum Stammbaum des 

Hauses Wettin. 

Von H. Ermisch. 

Im Anschlüsse an die vorstehenden Mitteilinigen 
mögen einige genealogische Notizen hier ihre Stelle finden, 
die ich gelegentlich der Arbeiten für den Codex diplo- 
maticus Öaxoniae regiae gesammelt habe und die bei 
einer kritischen Neubearbeitung des wettinischen Stamm- 
baumes von Nutzen sein werden. 

1 . Als Todesdatum der M a r g a r e t h e , d e r G e m a h 1 i n 
des Landgrafen Balthasar, der Tochter Burggraf 
Albrechts von Nürnberg, gilt allgemein der 7. Oktober 
1402^). Allein diese Angabe ist ebenso wenig richtig 
als die des sonst gut unterrichteten zeitgenössischen 
Chronisten Joh. Tylich, der den Tod der Margaretha 
(er nennt sie irrtümlich Elisabeth) his Jahr 1400 setzt'-); 
vielmehr ist Margaretha bereits etwa ein Jahrzehnt früher 
gestorben. Das beweist eine Urkunde des Landgrafen 
Balthasar aus dem August 1391, in welcher dieser eine 
Stiftung der „hochgebornen Fürstin Margaretha seiner 
lieben ehelichen Gemahlin der got gnedig sie'' für das 
Kloster Reinhardsbrunn bestätigt; dem in dem genannten 
Kloster belegenen Altar der h. Elisabeth, „davore dieselbe 
unser gemoliel selige begrab in ist" , werden durch diese 
Stiftung 100 Schock Groschen Freiberger Münze zu ewigen 
Seelmessen überwiesen. Die Urkunde findet sich im 
amtlichen Registerbuche des Landgrafen Balthasar (Haupt- 
staatsarchiv Dresden Copial 2 fol. 145b), ist also völlig 
zuverlässig; leider ist das Datum nicht ganz vollständig, 
sondern zeigt an Stelle der Wochentagsbezeichnung eine 
Lücke, die nachträglich nicht ausgefüllt worden ist (datum 

Gotha feria post assumptionis Marie anno LXXXX 

primo); die Urkunde nmls danach zwischen dem 16. und 
21. August 1391 ausgestellt, die Landgräün Margarethe 
also vor dieser Zeit gestorben sein. Die letzte mir be- 
kannte Erwähnung der Landgräfin als einer Lebenden, 
die als untere Zeitgrenze anzusehen wäre, findet sich in 



') Vergl. Voigtel-Cohn Taf. 61; v. Behr S. 140; Hofmeister 
Taf. ö. Auch J. Gr. Hörn, Lebens- nnd Heldengeschichte Friedrichs 
des Streitbaren 8. 48. 

2) Schannat, Vindeni. litt. II, 87. Mencke, SS. rer. rierm. 
II, 2181. 



Kleinere Mitteilung'en. 323 

einer Urkunde d. d. Eger 1389 Mai 1, in welcher König- 
Wenzel seine Gunst dazu giebt, dafs Balthasar seiner 
Gemahlin Haus und Stadt Weimar und andere Reichs- 
lehen als Leibgedinge verschreibt (Orig. Perg. Gemeinsch. 
Ernest. Archiv zu Weimar Reg. D pag. 10 No. 13). — Als 
verstorben erwähnen die Margaretha noch Urkunden 
Balthasars für das Augustinerkloster zu Gotha von 1392 
Sept. 28 (Cop. 2 fol. 96b), für das Kloster Veilsdorf von 
1394 Nov. 26 (ebenda fol. 158, gedruckt Schöttgen und 
Kreysig Diplom. II, 636), für seinen Kaplan, den Pfarrer 
zu Hildburghausen Johann Marschalk, von 1397 Okt. 8 
oder 9 (Cop. 2 fol. 206b). In der Urkunde für Veilsdorf 
ist als Tag des Jahrgedächtnisses der Elisabethtag 
(Nov. 19) angegeben; ob wir ihn als den Todestag der 
Landgräfin anzusehen haben, mufs jedoch dahingestellt 
bleiben. 

2. Landgraf Friedrich der Friedfertige, der 
Sohn Balthasars, soll nach den bisherigen Angaben im 
Jahre 1385 geboren sein. Dagegen enthält der Entwurf 
eines Vertrages zwischen Balthasar und seinem Bruder 
Markgraf Wilhelm I, über Zusammenlegung ihrer Lande, 
gegenseitige Beerbung u. s. w. mit dem Datum Weimar 
1384 Nov. 30"^), in dem auch die Überweisung einer jähr- 
lichen Rente von 200 Schock Groschen aus den Freiberger 
Bergwerken an Wilhelm erwähnt wird, folgenden Satz: 
„Ginge ouch unser sbn Friderich, den wir iczcunt lian, 
ab mit dem tode, daz god nicht wolle, alle die wile wir denne 
nicht rechte lehenslibeserben gewynnen nach enhaben, die 
cziet sullen wir abir von unserm lieben brudir der czwei- 
hundert schocke ierlicher gulde ledig und loz sin". Hier- 
nach fällt die Geburt Friedrichs vor 1384 Nov. 30. In 
einer andern ohne Datum überlieferten Notel desselben 
Vertrages, die mehrfache Abweichungen zeigt, geschieht 
des Landgrafen Friedrich keine Erwähnung*). 

3. Von der Vermählung Landgraf Friedrichs des 
Friedfertigen mit Lucia der Tochter des Bernabo 
Visconti Herzogs von Mailand, die am 28. Juni 1399 
durch Prokuration zu Pavia erfolgte (vergl. den Ehevertrag 
bei Giulini, Storia di Milano VII, 267) und von der Auf- 
lösung dieser Ehe, die nie zum Vollzuge gelangt ist, im 

^) Hauptstaatsarchiv Dresden, Orig. No. 4470; Lichtdruck bei 
Posse, Die Hausgesetze der Wettiner, Taf. 47, 48. 

*) Hauptstaatsarchiv Dresden, Orig. No. 4477; Lichtdruck a. a. 0. 
Tafel 49, 50. 

21* 



324 Kleinere Mitteihmgeii. 

Jahre 1403 nimmt keine der bisherigen Stammtafeln Notiz; 
wir gehen darauf niclit näher ein, da wir hoffen dürfen, 
über diese interessante Vermählungsgeschichte von be- 
rufener Seite demnächst einen Aufsatz bringen zu können. 
4. Friedrich der Friedfertige starb weder am 

4. Mai 1440, wie Voigtel-Cohn, Behr und Hofmeister, 
noch zu Weilsenfels, wie der letztere angiebt, sondern 
am 7. Mai (Sonnabend in der Kreuz woche) 1440 zu Weilsen- 
see. Diese Angabe, die sich auch in des Johann Rothe 
Düringischer Chronik (herausgegeben von Liliencron S. 686) 
findet, wird bestätigt durch folgenden Vermerk am Schlüsse 
einer Rechnung über das Bergwerk zum Trachen vom 
Jahre 1440*^): „Nota von der rechenunge gesehen zu Stal- 
berg am donrstage vor phingisten geborten mym hern von 
Doringen seligen, ah der am nehsten sunahende sequenti 
2)ost Joliannis ante portam Latinam (= Mai 7) zcu 

Wissinse vorscheiden was, vor den VIII— XXXII 
sexag." u. s. w. 

ö.DenGeburtstag Friedrichs des Streitbaren, den 
Behr, Voigtel-Cohn und Hofmeister auf den 29. März 1369 
ansetzen , hat Wenck (Die Wettiner im 14. Jahrhundert 

5. 101) bereits richtig auf den 11. April 1370 bestimmt. 
Natürlich kann Friedrichs jüngerer Bruder Wilhelm dann 
niclit am 23. April 1370 geboren sein"). In der That 
beruht die Angabe von Hörn (Friedrich der Streitbare 
S. 31), welche die späteren Genealogen übernommen haben, 
auf einem Lesefehler; die neue Ausgabe der Annales 
Veterocellenses (Mon. Germ. hist. SS. XVI, 45) hat ganz 
richtig: MCLXXI in die Georf/ii nascitur Wilhchmis 
jilius predidi marcliionis Misnensis. Der Geburtstag 
Wilhelms II. ist also der 23. April 1371. 

6. Georg, der jüngste Bruder Friedrichs des Streit- 
baren, soll nach Behr, Voigtel-Cohn und Hofmeister am 
9. Dezember 1402 gestorben sein; die Angabe geht wohl 
auf die Grabschrift Georgs im Kloster Pforta zurück, 
die lautet: „Anno domini millesimo CCCCII, V ydus 
decembris obiit magnificus princeps Georgius marchio 
Mysnensis et comes Doringie"'). Im Widerspruch damit 



^) Hiini)tstaatsarcliiv Dresden. Wittenberger Arcliiv Bergwerks- 
sacheu. Kaps. IV, Bl. IGlib. 

ß) So V. Behr. Hofmeister: 17. oder 23. April 1370. Voigtel- 
Cohn: 1370 ohne Tagesangabe. 

'j Wolff, Chronik von Pforta TI, 528. Corssen, Altertümer nnd 
Kunstdenkmale von Pforta (Halle 1868) S 329. 



Kleinere Mitteilungen. 325 

stellt aber die Angabe von Joli. Tylicli: „Hie quidem 
Fridericus — post mortem fratris sui Georgii, ({ui in 
iuventute absque uxore et liberis mortuus fuit anno 
MCCCCI et in monasterio Portensi sepnltus feria quarta 
■post Lüde, uhi tunc preseyis in exequiis fiii, ubi et 
interfuit Balthasar et Wilhelmus patrui et domini Fri- 
dericus et Wilhelmus marchiones fratres ipsius cum multis 
comitibus et baronibns" ^). Dals in dieser Angabe eines 
Augenzeugen nicht etwa eine Verderbnis der Jahrzahl 
anzunehmen ist, dafür spricht neben dem Umstand, dals 
im Jahre 1402 der Mittwoch (feria quarta) auf Lucia 
fiel, also das Datum weit besser zu 1401 palst, haupt- 
sächlich eine Nachricht der Naumburger Stadtrechnungen, 
nach welcher nach Antonii (17, Januar) 1402 zu Naum- 
burg „des Jüngern Herrn Markgrafen Begräbnis" in 
Gegenwart der Bischöfe von Naumburg und Meiisen u. a. 
gehalten wurde'*). Entscheidend aber ist, dals die letzte 
der zahlreichen Urkunden, in welchen die drei Brüder 
Friedrich der Streitbare, Wilhelm H. und Georg gemeinsam 
als Aussteller erscheinen, von 1401 November 22 ist'"), 
seitdem aber nur Friedrich und Wilhelm Urkunden, während 
Georg fehlt; so meines Wissens zuerst 1402 Februar 23 ' '), 
ferner 1402 März SO^^)^ ^402 April 12'=^), 1402 April 18 '^) 
u. s. w. Somit bleibt uns nur übrig anzunehmen, dals bei 
Wiederherstellung des 1641 zerstörten Grabmals in die 
Inschrift sich ein Fehler eingeschlichen habe^'^). 

7. Sigismund, der Bruder Kurfürst Friedrichs II., 
der bekanntlich 1440—1443 Bischof von Würzburg war, 
dann wegen seines unwürdigen Lebens abgesetzt und 
lange Jahre hindurch in Haft gehalten wurde, starb nicht, 
wie sämtliche Stammtafeln (wohl nach der Angabe Reyhers 
bei Mencke SS. II, 852) melden , am 24. Dezember 1463, 
sondern nach der Inschrift auf seinem Grabsteine im 
Meißner Dome anno domini MCCCCLXXII an den 



8) Mencke, SS. II, 2183. Auch die Histor. de landgrav. Thur. 
bei Pistor.-Struve SS. I, 1360 überliefert das Jalir 1401. 

") M. Sixtus Braun, Naumburger Annalen, lierausgegeben von 
Köster (Naumburg 1892) S. 40. 

i*') Monumenta Zollerana VI, 124. 

") Cod. dipl. Sax. reg. II, 13, 62. 

'2) Hauptstaatsarchiv Dresden, Copial 31 fol. 108 b. 

1^) Süden dorf, Urkundenbuch der Herzöge von Braunschweig 
und Lüneburg IX, 238. 

'*) Hauptstaatsarchiv Dresden, Cop. 28 fol. 96 b. 

'•') Schon Hörn, Friedrich der Streitbare S. 36, vermutet dies. 



3^(» Kleinere Mitteihingen. 

heiligen CJiristtage zur nacht\^) d. li. am 24. Dezember 
1471. Diese Angabe wird bestätigt durch das Konzept 
eines Schreibens d. d. Leuchtenburg 1472 Januar 2 , in 
welchem Herzog Wilhelm III. seine Amtleute und Städte 
zur Veranstaltung von Seelenmessen und andern Trauer- 
feierlichkeiten für den Verstorbenen anweist ^^). 

4. Neues über die Herzogin Katharina zu Sachsen 

und die Ihrigen. 

Aus dem Grofsherzoglichen Geheimen und Hauptarchive zu Schwerin. 
Mitgeteilt von Theodor Distel. 

Als Geburtsjahr der Herzogin Katharina, geb. 
Herzogin zu Mecklenburg, Gemahlin Herzogs Heinrich 
zu Sachsen, Mutter eines Moritz und August, ist 
bisher 1477 ^) bezw. 1490-) angenommen worden. Neuer- 
dings habe ich bei Veröifentlichung ihres Bildnisses-') auf 
Grund der Forschungen Wiggers die erste Hälfte von 
1487 bekannt gegeben. 

Im Grolsherzoglichen Geheimen und Hauptarchive zu 
Schwerin kam ich nun auf ein Schreiben Katharinas an ihren 
Bruder, Herzog Heinrich III., d. d. Freiberg, 18. Januar 
1536, welches uns lehrt, dals sie damals selbst nicht wulste, 
wie alt und an welchem Tage sie geboren sei. 

Nach der Antwort (Original und Konzept) wurde 
vergeblich geforscht; wahrscheinlich wulste auch der 
Bruder die Frage nicht zu beantworten. Auffällig ist 
es gewils, dals eine Fürstin der Reformationszeit fast 
fünfzig Jahre geworden wai", ehe sie sich um die Daten 
ihres Anfanges kümmerte. Aus besonderer Begierde, so 
schreibt sie, möchte sie dieselben gern wissen. 



Einem ihrer, an dieselbe Adresse gerichteten Schreiben 
(ohne Jahresangabe [1512 ?]), d. d. Wolkenstein, 1. Septem- 

16) vergl. Ebert, Der Dom zu Meifsen (Meifsen 1835) S. 90. 
Ursinus, Geschichte der Domkirche zu Meifsen aus ihren Gral)- 
mälern (Dresden 1782) S. 29 Üg. giebt irrtümlich die Jahreszahl mit 
MCCCCLXII wieder. 

") Hauptstaatsarchiv Dresden. Wittenberger Archiv, Absterben 
Bl. 2. 

') V. Weher, Archiv f. d. sächs. Gesch. YI, 2, wohl nach 
Voigtel, Genealogische Tabellen (1811) Tab. 190. 

-) Vo i g t e 1 - C h n , Stammtafeln Taf. 141 . 

■') Mitteilungen des Freil)crger Altertumsvercins XXV, 1 flg. 



Kleinere Mitteilungen. 327 

bei-, entnehme ich, dafs die seit dem 6. Juli 1512 Ver- 
heiratete in Sachsen noch nicht einen Tag gesund gewesen 
war. Daneben beschwert sie sich darüber, wie man mit 
ihrem Gemahle umgehe. 

An ihren anderen Bruder, Albert VI., meldet sie 
(Freiberg, 22. September 1537), dafs ihr Gemahl (geboren 

17. März 1473) ein schwacher, alter Mann sei. Er starb, 
wie bekannt ist, am 18. August 1541 ^). 

1538 (Freiberg, 9. Juni) äufsert sie sich ihren er- 
wähnten Brüdern gegenüber über das grolse Sterben, 
welches erfahrungsgemäfs im August noch zunehmen 
werde. Wenn sie noch vorher nach Mecklenburg kommen 
werde, bittet sie um Wohnung an einem gesunden 
Orte. Als ihr Gatte gestorben war, zeigt sie (Freiberg, 

18. September 1541) ihrem erstgenannten Bruder an, dafs 
sich ihr Sohn, Moritz, nicht kindlich treu und gehorsam 
erweise, vielmehr ihr das noch zu nehmen versuche, was 
sein Vater ihr vermacht habe'^). An den anderen, hier 
schon erwähnten Bruder richtet sie (Freiberg, 8. Oktober 
1542) das Ersuchen um Einreichung eines Verwendungs- 
schreibens an den Kaiser als obersten Vormund, des 
Inhalts, dafs letzterer Moritz anweise, ihr von ihrem 
Wittume und dessen Jahres-Einkommen und -Nutzungen 
nichts abzukürzen. 

In einem Schreiben d. d. Lüneburg, 28. März 1543, 
meldet die Schwester demselben Bruder, indem sie um 
Angabe des nächsten Weges von Schwerin aus über Strelitz 
zum Lande ihrer Söhne bittet, dals sie im Lande des Kur- 
fürsten von Sachsen ein Nachtlager nicht halten wolle. 

Da in den Stammtafeln die älteren Kinder der 
Herzogin Sibilla zu Sachsen -Lauenburg, Katharinas 
Tochter, nicht mit ihren Geburtsjahren angegeben sind, 
so erwähne ich noch, dafs aus der mir vorgelegenen 
Korrespondenz sich eine Schwangerschaft der Gemahlin 
Franz I. im Januar 1546 ergiebt (Schreiben, d. d. Salza, 
15. Januar genannten Jahres). In demselben Jahre 
(d. d, Eger, 30. Juni) ermahnt sie auch ihren Bruder, 
dafs er gegen ihre Söhne nichts vornehmen möge. 



*) Man vergl. aucli den von mir über sein Ende (in dieser 
Zeitschrift IX, 139 if.) mitgeteilten Bericht. 

^) DasTestamentHeinrichs, datiertvom5.Mail541; dasselbe be- 
findet sich originaliter im K. S. Hauptstaatsarchive: O.-Urk. No. 11987. 



Litteratur. 



Die Goschlchtsquollen der Trovin/ SacLson im Mittelalter niul 
in der Reformationszoit. Im Auttiagc der historischen Kommission 
der Provinz Sachsen verzeichnet von Walther Schulze. Halle, 
Otto Hendel. 1893. VI, 202 SS. 8«. 

• Der Forscher auf dem Gehiete der sächsischen und thürinerischen 
Geschichte sieht sich noch immer, wenn er bibliographische Belehrung- 
braucht, auf des alten B. G. Weinart „Versuch einer Litteratur der 
sächsischen Geschichte und Staatskunde" (2 Teile. Neue Auflage. 
Leipzig, 1805) angewiesen, und oft schon ist der AVun.sch einer Neu- 
bearlieitung dieser wackern Arbeit laut gewoiden. Die von den 
Vereinen l'iir Erdkunde zu Halle und Dresden neuerdings heraus- 
gegebenen, trotz mancher Mängel sehr dankenswerten Litteratur- 
übersichten (Die landeskundliche Litteratur für Nordthüringen, den 
Harz und den provinzialsächsischen wie anhaltischen Teil der nord- 
deut.schen Tiefebene. Halle a. d. S. 1884. — Litteratur der Landes- 
und Volkskunde des Königreichs Sachsen, bearbeitet von Paul P^mil 
Richter. Dresden 1889. Nachtrag I. Dresden 1892) sind zwar auch 
dem Historiker von Nutzen, aber sie bieten ihm einerseits zu viel 
und andrerseits viel zu wenig. 

Unter diesen Umständen konnte das uns vorliegende Werk wohl 
auf dankbare Aufnahme von vornherein rechnen. Es war keine 
leichte Aufgabe, die von der historischen Kommission der Provinz 
Sachsen dem Bearbeiter gestellt war. Die Provinz Sachsen ist ein 
bunt zusammengesetztes Gebilde und ihre Geschichte schlägt in so 
viele verschiedene Gebiete ein, dafs eine strenge Begrenzung des 
Stoffes unerläfslich war. So wurde zunächst die allgemeine Geschichte 
des Herzogtums und Kurfürstentums Sachsen, sowie des Landgrafen- 
tums Thüringen und ihrer Herrscher, ferner die allgemeine Befor- 
mationsgescliichte, sowie die Geschichte Luthers und Melanththons 
ausgeschlossen; damit ist der Schwerpunkt völlig in die Territorial- 
und Lokalgeschichte gelegt. Als zeitliche Grenze wurde durchaus 
sachgemäfs das Jahr 1555 gewählt. Innerlialb dieses Eahmens nun 
giebt der Verfasser nicht eine Bibliographie der gesamtgeschichtliclieu 
Litteratur, sondern nur eine Übersicht über die eigentlichen Geschichts- 
quellen, wobei dieser Begriff allerdings mit vollem Recht in ziemlich 
weitem Sinne gefafst wird: nicht blofs Chroniken und Urkunden, 
sondern auch Rechtsquellen, finanzpolitische Dokumente, Werke 
liturgischen Charakters, reformationsgeschichtliche Flugschriften, In- 
schriften haben Aufnahme gefunden (während die Münzen aus 
Gründen, über die man streiten könnte, ausgeschlossen wurden). 
Darstellende Arbeiten wurden nur dann berücksichtigt, wenn sie zu- 



Litterahir. 329 

gleich irgeiKlwelolieQuellenpiiblikationeii enthalten. Es ist demHerans- 
geber selbst im Laufe der Arbeit klar geworden, eine wie nnbestimnite 
Grenze das ist (namentlich da auch „Auszüge" aus Quellen als Publi- 
kationen gelten) und dafs sein Werk einen freilich gröfseren Umfang, 
aber auch erheblich höheren praktischen Wert erhalten würde, wenn 
er sich zu einer ausgedehnteren Aufnahme der Beaibeitungen ent- 
schlösse und seine Quellenkunde mithin zu einer Bibliographie der 
historischen Litteratur der Provinz Sachsen erweiterte. Möchte eine 
zweite Auflage, die hoffentlich bald nötig werden wird, diese Er- 
weiterung bringen. 

Für die Anordnung war in der Hauptsache das lokale Prinzip 
mafsgebend. Ein erster Hauptabschnitt betrifft „die Provinz hn all- 
gemeinen und gröfseren Teile tiorselben". Von den dreiUnterabteilungen 
stellt die 1. (Publikationen, die sich a\if die genannte Provinz oder 
auf mehrere der im folgenden unterschiedenen Gebiete erstrecken) 
eine Anzahl oft anzuführender Werke nebst den Abkürzungen, unter 
denen sie citiert werden, zusammen; dann folgen 2. Arbeiten über 
Territorien der Provinz Sachsen von selbständiger historischer Ver- 
gangenheit und 3. solche üler einzelne Kreise. Hier sowie im 
II. Hauptabschnitt: „Einzehie Städte und Orte" ist im Grofsen 
und Ganzen die alphabetische Ordnung angewandt", die Quellen der 
einzelnen Territorien bez. Ortschaften sind nach sachlichen Gesichts- 
punkten in 9 Grupjien unterschieden (1. Chronikalisches, 2. Kechts- 
aufzeichnungen, 3. Finanz- und AVirtschaftsgeschichtliches, 4. Kirch- 
liches, 5. Urkunden, 6. Auszüge, 7. Regesten, 8. Inschriften, 9 Biblio- 
graphie). Schwierigkeiten machte dabei die 5. Gruppe, insofern un- 
möglich bei den einzelnen Ortschaften alle in allgemeinen Urkunden- 
sammluugen vorkommenden Urkunden, die sich auf diese Orte be- 
ziehen, notiert werden konnten; deshalb schliefst die Gruppe jedes 
Mal ein Abschnitt „Mehrere zerstreute Urkunden", in dem summarisch 
auf die betreffenden Werke hingewiesen wird, was allerdings aufser- 
ordentlich viel lästige Wiederholungen zur Folge hat. Hier könnte 
der Herausgeber, wie ich glaube, der Findigkeit des Benutzers etwas 
mehr Zutrauen schenken ; jedenfalls aber würde hier eine Anführung 
der Werke in Sigleform, die ich im Allgemeinen auch nicht liebe, 
ohne Schaden anwendbar sein ujii viel Raum ersparen. — Ein III. 
kürzerer Abschnitt betrifft die Geschichte einzelner Familien. 

Im Grofsen und Ganzen empfiehlt sich das gewählte und mit 
grofser Konsequenz durchgeführte System durch Einfachheit und 
Übersichtlichkeit. 

Die gedruckte Litterahir wollte der Vei fasser erschöpfend an- 
geben, und das ist ihm in der That in staunenswerter Weise ge- 
lungen, wenngleich sich einzelne Nachträge wohl noch finden werden; 
haben sich deren doch noch während des Druckes eine erhebliche 
Anzahl gefunden. Ref., der allerdings in der betreffenden lokal- 
geschichtlichen Litteratur nur oberflächlich bcAvandert ist, hat den 
Pirnaer Mönch Job. Lindner bei Mencke (nicht Menckenü) Bd. II 
vermifst, der mancherlei Notizen über einzelne Ortschaften _ der 
Provinz Sachsen enthält. — Handschriftliche Quellen sind nur inso- 
weit verzeichnet, als von ihrer Existenz bereits durch den Druck 
Kunde gegeben ist — eine Beschränkung, die man nur billigen kann, 
weil ohne sie die Arbeit kaum je zu einem befriedigenden Abschlüsse 
hätte gelangen können. — Ein sorgfältiges Register bildet den 
Beschlufs. 

Dresden. Er misch. 



330 Litteratur. 

ri-liiiii(l<>nliiM'li der Vöjft«' \oii Wcida, («crü iiiid l'huion, son'u^ 
ihrer llaiisklöstiM' MildcMiliirtli, Croiiscluvitz, Weida und zum 
Iieili^oii Kreuz bei Saalburji-. 11. \U\. l.'JöT— M27. Namens des 
Vereins für thüringische (iesehiclite und Altertumskunde heraus- 
gegeben von Dr. IJerthold Sclnnidt, fürstlich lleufs. j. L. 
Archivar und Bibliothekar. (Audi unter dem Titel: Tliiirinjfische 
(«eschiehtsquellen. Neue Folge II. Bd. Der ifanzen Folge V. Bd. 
II. Teil.) Jena, Gustav Fischer. 189;i. IX, 736 SS. 8». 

Nach sieben Jahren ist dem ersten Bande des ÜB. der Vögte 
der zweite gefolgt, der wegen der räumlichen Ausdehnung des Quellen- 
materials umfassender Vorarbeiten bedurfte. Wie bekannt, liat der 
erste Band zahlreiche Ausstelhingen sich gefallen lassen müssen. 
Schmidt spricht deshalb die Hoffnung aus, dafs der zweite Band trotz 
der zu erwartenden Berichtigungen besser sei. Diese Anerkennung 
soll ihm nicht versagt werden. Eine stattliche Reihe von Archiven 
hat den Stoff geliefert, manche nur einzelne Nummern, andere, wie 
die reufsischen Archive (besonders Schleiz), Weimar, Dresden, Wien, 
München, Bamberg, Königsberg zahlreiche Stücke. Die Urkunden 
beginnen mit dem Jahre 1357, mitten im sogenannten vogtländischen 
Krieg der Wettiner gegen die Vögte, und führen bis zum Jahre 1427, 
der Belehnung der Vögte von l'laueu mit dem Burggraftum Meifsen 
und der Erwerbung von Weida durch Kurfürst Friedlich den Streit- 
baren von Sachsen. Eine detaillierte Würdigung des sachlichen Gehalts 
kann bei einer so umfassenden Publikation von 738 + 92 Nummern 
im Kahmen dieser Besprechung nicht gegeben werden; es mufs ge- 
nügen, einige Gesichtspunkte beziehentlich interessante Einzelheiten 
hervorzuheben. Von den Urkunden ist allerdings ein grofser Teil 
schon gedruckt, Schmidt selbst giebt an, dafs von 792 Nummern 34H 
ungedruckt oder nur in Regesten bekannt sind. Aufser den heute 
reufsischen Landen und den jetzt sächsischen und bairisclien Teilen 
des Vogtlandes sind vorwiegend Böhmen (besonders für die Zeit der 
Hussitenkriege), Sachsen und Thüringen mit Urkunden bedacht, ferner 
ilas deutsche Ordensland Preufsen infolge der Zugehörigkeit mehrerer 
^Mitglieder der vögtischen Häuser zum (Jrdeu, dessen berühmter 
Hochmeister Heinrich Reufs von Plauen, der Retter des Ordens 
nach der Unglücksschlacht von Tannenberg, in diese Periode gehört. 
Dafs dieses provinzialpreufsische Material grofsen Teils in einigen 
zusammenfassenden Nummern (515, 516, 521, 525, 576) kurz behandelt 
ist, ist eine Sell)stbeschräiikuiig, die um so mehr anerkennende Her- 
vorliebung verdient, da gerade in diesen Niimmern (vergl. 521) eine 
aufserordentliche StoftfüUe zusammengepackt ist. Dasselbe gilt tiir 
einzelne Nummern mit Bohemicis ((U4, ..()82); den tschechischen 
Stellen sind dankenswerterweise deutsche Übersetzungen beigegeben. 
Auch andere Gebiete sind durch gelegentliche Stücke bedacht, so 
betreffen mehrere Nummern den Verkauf der Herrschaft Dahme an 
das. Erzstift Magdeburg (470, 490, 491, 512 aus den Jahren 1406, 
1408, 1410). Auf eine Gesandtschaft nach Frankreich 1384 bezieht 
sich 292. Für die Geschichte der Steuerverhältnisse sind verschiedene 
Urkunden über Bedeerhebung (z. B. 506, 513, 517 zu 1409, 1410) 
zu nennen. 

Mancherlei interessantes Material wird die deutsche Spracli- 
wissenschaft dem Bande entnehmen können; ich greife nur aufs 
Geratewohl ein paar Wortfoniien heraus: 545 in einer Seelgerät- 
stiftung „10 vnniiltir küwe". fioniia tüchtig, tauglieh; 581 „be- 



Litteratnr. 331 

(lassen", 593 „bedassiuig" (bei (iiiiinu und' Lexer vergeblich gesucht, 
wohl „verleumden, Verleumdung, Lüge" bedeutend); siehe ferner 
aucli die Nummern 340, 433 und andere. Reichhaltig ist die Liste 
sonderbarer Personennamen: Merrettich, Hanfmus, Bauholz, Silber- 
sack, Knochenhauer, Schneidengrat. Krigspitzer, Hirnlose, Augen- 
letsch, Fudirnas, Zwenumbein, Stilleskind, Mausewinkel, Trampel- 
henze; von Vornamen sei nur ein Wigiles (3.52) genannt, eine 
Keminiscenz an Namen des Eitterepos (Wigalols), wie sie in jener 
Zeit auch sonst begegnen (inir sind z. B. im 14. Jahrhundert ge- 
legentlich Gamuret, Parzifal, Isolde und andere aufgestofsen). Auch 
das Kapitel der Schimpfwörtei- erfährt einige Bereicherung (verheyter, 
geheyendiger koczzenson, seil wachsen kotzen und andere), vergl. 577, 
599 •, letztere Urkunden sind als Kulturspiegel ihrer Zeit auch lie- 
achtenswert für eine Geschichte des deutschen Briefstils, desgleichen 
645, ein Schmähbrief der Stadt Kaaden gegen den Deutschordens- 
bruder Heinrich von Plauen, in dem unter anderm die Erwähnung 
eines ritterlichen Gesellschaftsspieles, des Werfens mit Kugeln durch 
Einge, sieh findet. Zahlreiche Urkunden behandeln die politischen 
Beziehungen der Vögte zu den Wettinern, welche letzteren auf die 
verschiedenste Weise ein Stück des vögtischen Gebietes nach dem 
andern an sich zu bringen suchten, bald durch Kauf (1394 halb 
Wiesenburg, 1397 Oberlebnsherrlichkeit über Schmölln). als Pfand 
(1393 Pausa, 1395 Gefeil, 140:<> Auerbach, Pausa, Gefell, Röthen- 
bach), durch Anfall (1398 Wei'dau), Anwartschaft (1393 böhmische 
Lehen der Vögte, 1397 Loben^tein); über die allmähliche Erwerbung 
einzelner Anteile von Weida unterrichten zahlreiche Dokumente der 
Jahre 1406, 1409f, 1427 (468 f., 504f., 517, 519f., .522 f., 546 f., 7.37f.). 
Besonders ist es Markgraf Wilhelm L, der auch in dieser Eichtung 
grofse Verdienste als Festiger und Erhalter bez. Wiedererwerber 
des wettinischen Ländergebietes hat. Vorstehende Bemerkungen 
zeigen, in wie vielfacher Weise der zweite Band die Beachtung 
nicht blofs der nächsten Interessentenkreise verdient, wenn auch die 
Hauptmasse des Gebotenen in erster Linie von Wichtigkeit für die 
Landes-, Orts-, Kirchen- und Familiengeschichte der vögtischen 
Gebiete ist. 

Es mögen nun einige Ergänzungen und Berichtigungen sich 
anschliefsen; eine beträchtliche Anzahl von Einzelheiten behalte ich 
mir vor in der Zeitschrift für thüringische Geschichte, nach Art der 
Dobeneckerschen Ergänzungen zum ersten Bande, zu liefern, um 
den Umfang der Besprechung nicht zu sehr anschwellen zu lassen. 
Als Quellen citiert Schmidt mehrfach die Dresdner Copiale 25 \md 27; 
Wert hat nur 25 als Originalregister der markgräflichen Kanzlei, 
27 ist lediglich Abschrift davon mit vielfach unzuverlässigen Lesungen 
der Eigennamen, ist in diesen Abschnitten also völlig Avertlos; falls 
aber Vollständigkeit der Überlieferung erstrebt Avurde, war auch 
Copial 29, dessen zweite Hälfte gleichfalls eine aus dem Anfang 
des 15. Jahrhunderts stammende Abschrift von 25 ist, zu erwähnen, 
z. B. Nummer 33 (nicht 32, wo Schmidt fälschlich die Citate von 
Cop. 25 und 27 bringt, die zur Gegenurkunde Nummer 33 gehören) 
= Cop. 29 fol. 142 b, No. 68 = Cop. 29 fol. 150. 

Das Aktenstück „Unterschiedliche Kopien die Stifter Egeln, 
Gernrode . . ., Loc. 8931" stammt nicht aus dem 14. Jahrhundert, sondern 
erst aus dem Ende des 15. (vergl. Forschungen zur Brandenburgischen 
luid Preufsischen Geschichte V, 2, 218). Nicht benutzt ist Cop. 5, 
das mehlfache Notizen, so über den Kriegszug gegen Weida 1366 



33^ Litteratur. 

und über Ilcinricli den lidng'eu von Plauen als Besitzer der nieder- 
lausitzisclien Herrschaft (lolfsen geliefert hätte; auch in Cop. 2r) 
und 2H ist gerade hierüber mancherlei Material zu linden , das in 
meinem Buche „Wettiner und Witteisbacher und die Niederlausitz 
im 14. Jahrhundert" mit abgedruckt ist ; ebendaselbst siehe Seite 14;i 
auch über die bestimmte Datierung von Nummer 120 nebst der mark- 
gräflichen (iegenurkunde hierzu, beide vom (i. September (nicht 29., 
oder wie es wenigstens heifsen müfste HO. August) l;3H3. Schmidt 
giebt stets an , welche Aufschriften die Stücke auf der Kilckseite 
tragen; doch die unterschiedslose Aufnahme der Dorsalnotizen ist 
als völlig zwecklos zu verwerfen. Mit Recht sind sachliche Notizen 
mit gegeben , wie über den Eintrag in die böhmische Landtafel bei 
Nummer 730, und ebenso dürfen die Registraturvermerke der kaiser- 
lichen Kanzlei nicht fehlen, wie 83, lo2 („Triboniensis" zu lesen), 
128, 154, 318f. etc.; welchen Wert dagegen blofse Rege.sten oder 
einzelne Namen haben, wie 1H(5— 1H8, 212, 217, 220, 224'f., 232 etc., 
ist völlig unerfindlich. Wenn bei Copialbüchern die — sachlich zwar 
meist auch wertlosen — Überschriften beigegeben werden, ist das 
etwas anderes, denn dadurch wird bei zahlreichen, oft dichtgedrängten 
Einträgen auf einem Bhitte das Aufsuchen erleichtert. Bei den 
Siegeln wäre, wo Abbildungen vorliegen, ein Hinweis auf das be- 
treffende Stück zu wünschen gewesen, z. B. bei deutschen Kaisci- 
und Königsurkunden auf Heft'ner. — Dem Hauptteil des Werkes 
ist eine lange Reihe von Nachträgen zum ersten Bande zugefügt. 
Als Ergänzung hierzu dürfte dem Herausgeber der Nachweis einer 
Anzahl von Cronschwitzer Originalurkunden nicht unwillkommen 
sein, die Schmidt im ersten Bande nur nach Drucken und Abschritten 
geben konnte (Nummer 182, 183, 325, 327, ?49, 656, 718). Aus dem 
Besitz des von Schmidt erwähnten Architekten G. von Dorst sind 
dieselben nämlich nach Görlitz in das Archiv der Überlausitzer 
Gesellschaft der Wissenschaften gelangt; Struve hat sie nebst Be- 
merkungen über ihre Herkunft im Neuen Lausitzischeu Magazin L 
(1873), 147 — 154 al)gedruckt und 153 auch das Vorhandensein einer 
weiteren, Nummer .327 ähnlichen Urkunde erwähnt. 

Den letzten Teil des Bandes nimmt ein umfängliches Register 
ein, bei dem Orts- und Personennamen verbunden und auch das Sach- 
register alphabetisch mit hineingearbeitet ist. Es ist im wesentliclien 
zuverlässig, auf kleinere Versehen und Mängel soll nicht näher ein- 
gegangen werden; nur ein sonderbares Mifsverständnis sei erwähnt. 
Nummer 498 heifst es: „Ich Nickloss von Czedwicz der jung Hainrich 
von Czedwiczs selligcn sun genannt der leichtt weken allermenlich . . . ." 
Schmidt macht Seite 732 aus der Stelle , genannt der Leicht, be- 
kenne aller männiglich" einen Beinamen „der leichtt weken", ob- 
wohl ihm Formen wie wriff, wolgevvoren in derselben Urkunde das 
Verständnis an die Hand gaben. Worte wie alben (657), caseln (370, 
657) mufsten, wenn sie, wie billig, Aufnahme fanden, auch kurz 
erklärt werden, ebenso wie corjjoral, gradual oder gar permint (das 
übrigens 370, nicht 369 steht), und neben silber, siunelos, sipmagen 
und anderen waren auch Begriffe wie „daz czinere stenderlen" im 
Sachregister zu berücksichtigen. 

Alles in allem ist der voiliegende Band eine sehr schätzbare 
Bereicherung der historisclien Litteratur Sachsen -Thüringens, und 
man kann das Bedauern nicht unterdrücken, dafs Schmidt es als 
unsicher hinstellt, ob ein dritter Band das Werk fortsetzen Avird. 
Hoffentlich entschliefst sich der thüringische Geschichtsverein doch 



Litteratur. S33 

zu diesem notwendigen Unternehmen; um das immer weitschichtiger 
werdende Material zu bewältigen, könnte ja die Mitteilung in Regesten- 
form, mit Ausnahme hesonders wichtiger Stücke, die Regel bilden. 
Dresden. W. Lippert. 

Die märkischen Engelgroschen. Von Emil Balirfeldt. Sonder- 
abdruck aus: Festschrift zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens 
der Numismatischen Gesellschaft zu Berlin. Mit zwei Tafeln Ab- 
bildungen. Berlin, Adolph Weyl. 1894. 12 SS. 8". 

Der Titel dieser kleineu aber wertvollen Arbeit läfst nicht 
vermuten, dafs sie sich mit sächsischer Münzgeschichte befafst, 
deshalb mag über ihren Inhalt kurz berichtet werden. Im 15. Jahr- 
hundert prägte man zuerst in Sachsen Engelgroschen, auch Schrecken- 
berger genannt, weil sie aus dem Silber des Schreckenberges ge- 
münzt wurden. Unter Benutzi;ng sächsischer Archivalien schildert 
nun der Verfasser, wie sich diese Engelgroschen allgemeiner Beliebt- 
heit erfreuten und auch aufserhalb Sachsens gerne angenommen 
wurden. In Brandenburg ahmte man die sächsische Münze nach, 
prägte sie jedoch unterwertig aus. die feine Mark Silber wurde zu 
10 Gulden 7 Groschen statt zu 8 Gulden 14 Groschen ausgebracht. 
Da die mangelhafte sächsische Müuzordnung von 1500 das massen- 
hafte Eindringen imtüchtiger Scheidemünzen begünstigte, so sah 
man sich bald in Sachsen veranlafst, den Umlauf der märkischen 
Engelgroschen (1518, 1531) zu verbieten. In Brandenburg wurde 
dies Verbot als sehr lästig empfunden und man suchte 1519 mit 
Sachsen in Unterhandlungen zu treten. Man versprach die branden- 
burgische Münze der sächsischen an Schrot und Korn gleich zu 
halten, wenn Sachsen das nötige Silber liefern wolle. An dieser 
letzten Bedingung scheiterten die Verhandlungen-, das Verbot blieb 
aufrecht erhalten. 

Dresden. Wuttke. 

Die Verhandlungen zu Linz und Passau und der Vertrag von 
Passau im Jahre 1552. A on Hermann Bärge. Stralsund, Karl 
Meincke (E. Warnke). 1893. 161 SS. 8'>. 

Der Passauer Vertrag als solcher ist bisher noch nicht zum 
Gegenstande einer besonderen Monographie gemacht worden. Um so 
dankbarer ist der Versuch Barges, nicht allein das seit Jahren ver- 
öffentlichte und bisher brach liegende Material der Druffelschen 
Edition zu verwerten, sondern auch ungedruckte Akten, insbesondere 
das von Druif'el unbegreiflicherweise übeisehene kursächsische_ Proto- 
koll der Passauer Verhandlungen, heranzuziehen. Da s-icli mein oben 
S. 237 if. abgedruckter Aufsatz vielfach mit Barges Ausführungen 
berührt, so begnüge ich mich einige Punkte hervorzuheben, in welchen 
Bärge von mir abweicht oder zu abweichenden Schlüssen verleitet. 

Bärge l)emerkt, dafs eine genaue Kenntnis der Passauer Vor- 
gänge zum Verständnis des Augsburger Religionsfriedens erforderlich 
sei. Dies ist insofern unbestreitbar, als jedes politische Ereignis aus 
den vorhergehenden folgt uud insbesondere der Augsburger Reichs- 
tag auf dem Passauer Kongresse fufste. Nur mufs man nicht etwa 
glauben, dafs der Passauer Vertrag die bewnfste Einleitung zum 
Augsburger Religionsfrieden gebildet habe. Die Bedeutung, welche 
der Passauer Vertrag in der Folgezeit erlangt hat, ist das Produkt 



334 Xiitteratur. 

unerwarteter, erst nach dessen Abschlüsse oingetreteiier Ereignisse 
Die Intentionen der niafsgebenden Politiker von löö'^ und 1555 waren 
wesentlich verschiedene. 

Bezüglich Karls V. besteht zwischen Bärge und mir abgesehen 
von den Villacher Konferenzen, betreffs deren ich auf meinen Auf- 
satz verweise, keine wesentliche Differenz. Auch die Stellung der 
neutralen, den Frieden vermittelnden Fürsten ist so klar, dals darüber 
kein Zweifel möglich ist : es gab zwar unter ihnen manche Meinungs- 
verschiedenheiten, doch waren <liese nicht grofs genug, um eine Ver- 
ständigung über die künftige Gestaltung der deutschen Verhältnisse 
zu hindern. Al)er die wichtigste Frage, nämlich welche Ziele Kur- 
fürst Moritz verfolgt hat, beantworten ßai'ge und ich entgegengesetzt. 
Barges Ansicht ist kurz die: Moritz ist nacli Linz mit dem Vor- 
satz gegangen, dort sich auf den Abschlufs eines detinitiven Friedens 
nicht einzulassen , die Verhandlungen möglichst rasch wieder abzu- 
brechen und darauf eiligst in das Kriegslager zurückzukehren, um 
den Kampf gegen den Kaiser fortzusetzen. Sein Ziel war: Friede 
erst nach einem ostentativen Erfolge. Als dieser durch die Einnahme 
der Ehrenberger Klause und der Stadt Innsbruck erzielt war, zeigte 
sich Moritz in Passau geneigter zur Verständigung und setzte bei 
den Kongrefsständen und zwei seiner bisherigen Bundesgenossen die 
Annahme des Passauer Vertrags durch. Dagegen habe ich folgende 
Thesen aufgestellt: Da die Expedition nach Tirol ihr Ziel, die Ge- 
fangennahme Karls V., verfehlte, Ulms Belagerung aufgegeben werden 
mufste und Moritz' Allianzen zu unverlässig waren, nuifste der Kur- 
fürst sein Unternehmen gegen Karl auf breitere Basis stellen, ging 
nach Passau und formulierte seine und der Kougrefsstände gemein- 
schaftlichen Interessen in zwei Denkschriften, welche die prinzipielle 
Zustimmung des Konvents fanden. Dabei kam es dem Wettiuer 
weniger auf eine bündige Sicherstellung seiner geltend gemachten 
Ansprüche, als auf möglichst gutes Einvernehmen mit Ferdinand und 
den vermittelnden Reichsfürsten an, und so acceptierte er wider Er- 
warten Karls Verlangen nach einer nur provisorischen Giltigkeit des 
Vertrags und nach einer definitiven Regelung der deutschen Ver- 
hältnisse durch einen Reichstag, dessen Zustandekommen zur Zeit 
unmöglich war und dessen Zusammensetzung für Karl jedenfalls 
günstiger gewesen wäre. Nach meiner Auffassung hätte also Moritz 
den Passauer Vertrag nicht als Ziel, sondern als Durchgangstadium 
angesehen, bestimmt, ihm im erneuten Ringen mit Karl bessere 
Bundesgenossen und eine vorteilhaftere politische Situation zu sichern. 
Der springende Punkt in der Kontroverse zwischen Bärge und 
mir ist nun die Frage, ob zwischen dem Linzer und Passauer Tage 
die militärische und politische Lage des Kurfürsten sich verbessert 
oder verschlechtert hat. Bärge entscheidet sich mehr für die erste, 
ich bejahe entschieden die letztere Alternative. Es ist zunächst zu 
bemerken, dafs die Erfolge der Verbündeten in Oberdeutschland, 
namentlich die Einnahme Augsburgs , den Linzer Verhandlungen 
vorausgegangen sind. Nach diesen fallen die vei'gebliche Jielagerung 
Ulms und der Vorstofs nach Tirol. Jenes Ereignis nuifs bei der 
grolien Bedeutung der Stadt unzweifelhaft als eine erhebliche Nieder- 
lage angesehen werden. Der Zweck der zweiten Operation kann 
kein anderer gew'esen sein als die Überrumiielung und Gefangennahme 
des Kaisers; denn Tirol war im Verhältnis zu Oberdeutschland viel 
zu arm, um als begehrenswerter Kriegsschauplatz für die Verbündeten 
zu gelten, und andererseits war deren Position in Oberdeutschland 



Litteratur. 335 

lauge nicht sicher genug, um vor einem Rückenangritt' gedeckt zu sein. 
Die Alliierten haben denn auch alsbald Tirol wieder geräumt. Nun 
hatte der Kurfürst sein Ziel sich der Person Karls zu bemächtigen 
nicht erreicht; also hatte auch das zweite Unternehmen ein negatives 
Ergebnis. Daneben aber kamen noch in Betracht die krampfhaften 
Rüstungen des Kaisers und die unaufhörliche Zerlnöckelung des 
Fürstenbundes , welche sich im Rückzug der Franzosen und in der 
eigenmächtigen Kriegführung des Markgrafen Albrecht Alcibiades 
kundgab. So bemerken wir überall Niederlagen und Symptome, 
welche eine weitere Verschlechterung der Situation des Albertiners 
erwarten liefsen. 

Wenn man aber dies berücksichtigt, dann fallen auch Barges 
Behauptungen von der „grofsartigen Mäfsigimg" des Wettiners, von 
dem „bewundernswerten Entschlufs, unmittelbar nach dem schönsten 
Sieg den Kampf gegen den Kaiser abzubrechen". "Was den Kur- 
fürsten zum Verlassen des Lagers und zur Reise nach Passau ver- 
anlafste, war nichts als die Erkenntnis der Unhaltbarkeit seiner. 
Lage und das Bedürfnis die vermittelnden Reichsstäude für seine 
Verteidigung zu engagieren. 

Wie sehr dieser taktische Zweck für Moritz die Hauptsache 
gewesen ist, erkennt man aus dem Umstände, dafs der Kurfürst für 
den Passauer Kongrefs ein festes positives Programm nicht gehabt 
hat. Soweit reichsrechtliche und religiöse Fragen in Betracht koninien, 
begnügt er sich mit der Kritik einiger seit 1546 eingerissener Übel- 
stände, welche von fast allen Deutschen damals getadelt wurden. 
Bärge meint zwar von den Linzer Verhandlungen: „trotz lebhafter 
Beteuerungen seiner Friedensliebe vermeidet Moritz es, konkrete 
Vorschläge zu bringen; indem er seine eigensten Gedanken in All- 
gemeinheiten einhüllt, wird eine klare Erkenntnis dessen, was er 
will .... unmöglich". Erst zu Passau habe ihm der gröfsere 
militärische Nimbus eine deutlichere Aussprache gestattet. Aber 
ich linde gar keinen so grofsen Unterschied zwischen den Forderungen, 
die Moritz in Linz, und denjenigen, die er in Pas.sau gestellt hat. 
Über die kirchliche Frage hat er sich schon in Linz deutlich ge- 
äufsert: Rückkehr zum Reichsabschied von lri44, Verzicht auf das 
Interim, nationale Ausgleichsversuche ; das einzige, was der Kurfürst 
einer weiteren Erörterung vorbehielt, waren Sicherheitsmafsregehi 
für die strenge Beobachtung des Speierer Abschieds, und diesen 
Mangel kann man doch nicht als „Vermeidung konkreter Vorschläge" 
und „Einhüllung in Allgemeinheiten" bezeichnen. Doch das ent- 
scheidende war gar nicht dieser religiöse Artikel, sondern das künftige 
Verhältnis zwischen Reichsoberhaupt und Einzelstaaten. Wenn die 
Zentralgewalt geschwächt und die Territorialfürsten gestärkt wurden, 
so war das ein viel wirksamerer Schutz für die Protestanten als alle 
papierneu Bestimmungen über Religions- und Grewissensfreiheit. In 
dieser Beziehung hat nun Moritz weder in Linz noch in Passau 
konkrete Vorschläge gemacht. In Linz hat er nicht einmal seine 
Beschwerden spezifiziert; doch war dies keine „Einhüllung in All- 
gemeinheiten", vielmehr war aus seinen beiden Denkschriften genau 
ersichtlich, in welcher Richtung sich seine Wünsche bewegten. In 
Passau hat er dann allerdings sich ausführlicher geäufsert, aber 
auch nur in negativer Weise und nicht, um den Ständen bestimmte 
Forderungen kundzugeben, sondern „um weiteres Nachdenken anzu- 
regen". Als dann die kaiserlichen Gesandten die Diskussion des 
Gegenstandes verweigern und die Vertagung bis zu einer allgemeinen 



336 Litteratwr. 

Ktüclisveisainnilung fordern , füfft sich der Kurfürst ohne weiteres. 
Ein glorreicher Sieger, dem der Passauer X'ertraij;- 8ell).stz\veck ge- 
wesen Aväre, würde seine AVünsche bestimmter geltend gemacht haben 
und zumal beim Charakter Karls V. nicht mit so nichtssagenden 
Vertröstungen sich haben ablinden lassen. Dagegen ist uns das 
Verhalten des Kurfürsten völlig begreiflich, wenn er den Passauer 
Konvent als eine Pasis für den weiteren Kampf mit dem Kaiser 
ansah und vor allem die Synipathieen der Keichsstände sich erwerben 
wollte; dann genügte es ihm, seine und des Konvents Wünsche in 
thatsächlicher Übereinstimmung zu sehen, auch wenn dieselben im 
Vertrag keine so unzweideutige Befriedigung fanden. 

Zum Schlüsse möchte ich noch eine Bemerkung über die Politik 
Ferdinands machen. Die Widersprüche in derselben erklären sich 
sehr leicht; prinzipiell war er für A\'iederherstellung des Friedens, 
um eine möglichst kräftige Türkenhilfe zu erhalten, aber so oft die 
Aussicht auf eine gütliche Beilegung schwand, nahm er eine ent- 
schiedene Haltung gegen Moritz an, um seinen Zweck durch ein 
rasches Niederwerfen des Aufstandes zu erreichen. Aus diesem 
Grunde, nicht weil er über den Einmarsch des Kurfürsten nach Tirol 
beleidigt war — wie Bärge meint — , hat er zwischen dem Linzer 
und Passauer Konvent eine kampflustigere Haltung eingenommen. 

Wenn ich also vielfach mit Barges Ergebnissen nicht einver- 
standen bin, so thut dies meiner allgemeinen Anerkennung des Werkes 
keinen Abbruch. Dasselbe ist klar und gut geschrieben und enthält 
mannigfache Details, die für die Präzisierung unseres Urteils wert- 
voll sind. 

Freiburg i. B. Gustav Wolf. 



('olecci«Mi de docunientos ineditos parji la liistoria de Espafia 
publ. p. el niarques de la Fiiensanta del Valle. Tom. CVIII. CIX. 
Madrid, Jose Perales y Martiuez. 1893-94. 509. 497 SS. S». 

Die vorliegenden Bände des grofsen spanischen Sammelwerks 
sind deshalb für die Geschichte Sachsens von Wichtigkeit, weil 
sie die diplomatische Korrespondenz des Grafen von Aranda, spani- 
schen Gesandten am sächsisch-polnischen Hofe, aus der Zeit vom 
28. .Tuli 1760 bis 11. .luni 1762 und damit einen nicht unwichtigen 
Beitrag zur diplomatischen Geschichte des 7jährigen Krieges enthalten. 
AVenn eine beträchtliche Anzahl der mitgeteilten I^riefe recht nichts- 
sagend lautet, so findet dies seine Erklärung darin, dafs alle mit 
den ordentlichen Posten über Leipzig und Frankfurt befördeiten 
Schreiben in dem ersteren Orte von den Preulsen geöffnet wurden; 
Aranda konnte also nur in den mit sicheren Boten beförderten 
Briefen von politischen Dingen handeln, aber was diese meist um- 
fänglichen Schriftstücke enthalten, ist für die Geschichte der sächsi- 
schen Politik gewifs nicht ohne Wert. Nach der Okkupation der 
Kurstaaten durch die Preufsen wandte sich August 111. nach den 
verschiedensten Seiten hin um Hilfe, nicht zuletzt auch an Karl 111. 
von Spanien , von dem , als seinem Schwager und einem Mitgliede 
dei' bdurbonischen Familie, er vielleicht am meisten erhoffte. Schäfer 
berichtet eingehend darüber, wie Karl 111. wegen aktiver Beteiligung 
am Kriege längere Zeit geschwankt hat, allein die Phitsendung 
Arandas, der selbst zur Friedenspartei gehörte, fällt erst in die Zeit, 
wo Karl sich zu vorläufiger Neutralität entschlossen hatte. Karl 111. 



Litteratuv. 337 

hoffte, und damit sollte Aranda die sächsische Eegieruiig- trösten, 
sich als Vermittler des künftigen Friedens eine entscheidende Stellung 
zu schaffen, und diese wollte er dann zu Guusten Sachsens zur 
Geltung bringen. Unterdes sollte die Entsendung eines aufser- 
ordentlichen Gesandten an den sächsisch -polnischen Hof den Feinden 
Augusts III. zu erkennen geben, dafs Karl III. entschlossen sei, ihm 
zu Hilfe zu kommen; gleichzeitig sollte dadurch die Fühlung her- 
gestellt werden, deren Karl bedurfte, um die sächsischen Interessen 
mit Erfolg wahrnehmen zu können. Der Plan Karls III., sich zum 
Schiedsrichter zii machen, wurde aber gerade von dem ihm scheinbar 
so eng befreundeten Frankreich aus unverkennbarer Rivalität ver- 
eitelt, welches für den in Aussicht genommenen Friedenskongrefs 
selbst den Ausschlufs der am Kriege nicht beteiligten Mächte bean- 
tragte oder doch mindestens von vornherein zugestand, so dafs die 
spanische Unterstützung für Sachsen gänzlich auf die Bedeutung 
eines moralischen Druckes reduziert wurde. Daran änderte sich auch 
dann nichts, als Spanien au England den Krieg erklärte, obwohl 
August III. sich liemülite, bei dieser Gelegenheit für Sachsen wenigstens 
eine Stimme bei künftigen Verhandlungen zu erlangen. Karl III. 
scheint darauf nie näher eingegangen zu sein, und als dann der Tod 
der Kaiserin Elisabeth die politische Lage im Osten völlig veränderte, 
wui'de Aranda abberufen. Er hatte gerade noch Gelegenheit zu 
beobachten, wie sehr dieser Umschwung auch den sächsischen Hof 
in Mitleidenschaft zog infolge der unfreundlichen Gesinnungen, 
welche der neue Czar dem Herzog von Kurland entgegenbrachte. 
Recht anschaulich schildern die Briefe das gesellige Leben am pol- 
nischen Hofe; die Fragen der Etikette und die Rivalität zwischen 
Frankreich und Spanien spielen dabei eine grofse Rolle, bis den 
letzteren der Abschlufs des bourbonischen Familienvertrages ein Ende 
machte. Sehr hart urteilt Aranda über Polen, sowohl über die Re- 
gierung als über die Regierten; der ersteren macht er den Vorwurf, 
dass sie wesentlich dazu helfe, den Staat zu Grunde zu richten, 
und spricht der säclisischen Dj^nastie alle Aussichten für einen neuen 
Wahlkampf ab ; aber er erklärt auch die Nation für absolut unfähig, 
eine Besserung der Verhältnisse herbeizuführen, und meint, was 
immer dem Lande zustofsen möge , es sei durch eigene Schuld wohl 
verdient. Interessant ist, wie er die Möglichkeiten und Aussichten 
abwägt, in Polen und den Nachbarländern ein neues Absatzgebiet 
für die Produkte seines Vaterlandes zu erschliefsen. Zu diesem 
Zwecke unternahm er selbst eine Reise nach Danzig, und die Berichte 
darüber sind für die Handelsgeschichte ,der Stadt überaus wertvoll. 
Neu ist wohl auch die Notiz darüber, dafs August III. den Prinzen 
Clemens im spanischen Dienste unterzubringen beabsichtigte, wie 
Xaver in französische , Albert in österreichische Dienste getreten 
war. Aranda erörtert und befürwortet eingehend diesen Plan, allein 
ehe man in Spanien zu einem Entschlüsse kam, fand Prinz Clemens 
als Bischof von Trier eine Stellung, welche die Aveitere Verfolgung 
des Planes überflüssig machte. 

Dresden. K. Haebler. 

Die Ltitticher Affaire. Von J. Rössler. Leipzig, Gustav Fock. 

1894. 30 SS. 8 '5. 

Die kleine Schrift giebt eine Darstellung der Begebenheiten, 
welche sich, mit dem Namen „Lütticher Aifaire" bezeichnet, im Mai 

Neues Archiv f. S. U. u. A. XV. 3. 4. 22 



338 Litteratnr. 

181;") lu'i (k'ii säclisisclien in FhuKU'iii stehenden Trnpi)en zugetragen 
Laben. Benutzt wurden zu dieser Arbeit das in der Königiielieu 
Bibliothek zu Dresden vorliandene (|uellenmaterial und die vom üoneral 
von Zezschwitz bearbeitete „Aktenmäisige Darstellung der königlich 
preufsischen Dezimation des seinem Eide treu gebliebenen sächsischen 
Heeres im Jahre 1815". Tjctztere Publikation, deren Überschrift auch 
nicht zutreffend gewählt ist, denn das sächsische Heer wurde nicht 
dezimiert, sondern auf Tiefehl des Feldmarscballs von Blücher die 
Strafe des Erschiefsens nur an 7 Mann vollzogen, bezeichnet der 
Verfasser als von einseitigen Gesichtspunkten ausgehend, deren Be- 
richtigung auf Grund des vorhezeichneten Materials geboten erschien. 
Mit Recht wird hervorgehoben, dafs die Schuld an den bedauerlichen 
Vorgängen mehr den eigenartigen Verhältnissen als den einzelnen 
Personen beizumessen ist. 

Dresden. M. Exner. 



J)ie Frauenkirche zu Dresden. Geschichte ihrer Entstehung von 
Georg Bährs fiühesten Entwürfen an bis zur Vollendung nach dem 
Tode des Erbauers. Mit 40 Abbildungen auf 25 Lichtdrucktafeln. 
A'on Jeim Louis Spoiisel. Dresden, Wilhelm Baensch. 1893. 
3 Bll. \:i2 SS. 40. 

Die alte Frage nach dem Ideale des protestantischen Kirchen- 
baues steht neuerdings bei den beteiligten Kreisen mehr denn je im 
Vordergrunde des Interesses und des Streites. Der diesjährige 
Berliner Kongrefs hat, gestützt auf das umfangreiche in dem Werke 
über den Kirchenbau des Protestantismus niedergelegte Material, 
nach vielen Richtungen hin aufklärend gewirkt, eine bestinnnte 
Lösung dieser Frage wird aber doch nur die aufklärende That eines 
genialen Architekten bringen. Gegenül)er dem durch das Eisenacher 
Regulativ vom Jahre 18öl protegierten basilikalen Prinzipe di'ingt ei- 
freulicherweise immer mehr, besonders bei grösseren Anlagen, die 
Vorliebe für zentrale Gruppierung durch. Man mag nicht stehen 
bleiben bei dem l)ereits von den Predigermönchen zu Ausgang des 
Mittelalters bei den städtischen Pfarrkirchen getlianen Schritte, 
durch Kassierung des Qaerschiffs und Höherführung der Abseiten 
aus der Basilika einen dem Zwecke der Predigt besser entsprechenden 
Hallenbau zu schaffen, sondern strebt nach einer stärkeren, den An- 
forderungen des evangelischen Kultus angemessenen räumlichen Kon- 
zentrierung, wofür nicht nur in einer Anzahl alter Zentralanlagen, 
sondern auch in einigen neuern Kirchenbauten \'orbilder bester Art 
gegeben sind. Unter letzteren steht die Dresdner Frauenkirche 
obenan. Lange in ihrer Bedeutung verkannt, gilt sie jetzt mit 
Recht als ein klassisches Beispiel evangelischen Kircheubaues und 
als Hauptstütze der Anhänger des Zentralsystems für das prote- 
stantische Gotteshaus. 

Freudig ist es daher zu begrüfsen , dafs dem Meisterwerke 
Georg Bälirs durch den Direktorial- Assistenten am königlichen 
Kupferstichkubinet in Dresden Dr. J. L. Sponsel nunmehr auch eine 
wissenschaftliche Behandlung zu Teil geworden ist, wie wir sie 
gründlicher und umfassender kaum von einem zweiten Werke der 
Zeit besitzen. Die äufsere Veranlassung zum Entstehen dieser 
Arbeit bot ein glücklicher Fund in der Kupferstichsammlung weiland 
König Friedrich jAugiists 11. In einer Mappe kam eine Anzahl 



Litteratur. 339 

Baupläne znm Vorschein, die vom Verfasser sofort als die frühesten 
Entwürfe Bährs zur Frauenkirche erkannt wurden und bei weiterem 
Suchen in den Zeichnungen und Akten des sächsischen Staats- 
archivs ihre Ergänzung fanden. Dies Material ist fleifsig durchge- 
arbeitet, daneben aber auch noch manche andere Quelle für die 
Forschung neu erschlossen worden. Auf den reichen Inhalt der 
Sponselschen Arbeit näher einzugehen, verbietet sich an dieser Stelle 
von selbst. Ein kurzer Auszug möge die Hauptresultate wiedergeben. 
Der Plan zum Neubau ist auf die mit Beginn des XVII. Jahr- 
hunderts immer stärker hervortretende Baufälligkeit der alten Frauen- 
kirche zurückzuführen. Der erste Schritt zur Verwirklichung dieses 
Planes erfolgte jedoch erst im Jahre 1722, indem der Rat der 
Stadt den Stadtzimmermeister Georg Bahr mit der Aufstellung eines 
Projektes und Kostenanschlages betraute, die trotz mannigfacher 
Einmischungen und Intriguen von Seiten des Gouverneurs Grafen 
von Wackerbarth und seines Schützlings, des Landbaumeisters 
Knöffel, noch vor Ablauf des folgenden Jahres zur Ablieferung und 
Beratung gelangten. Dieser erste Entwurf Bährs, der auf den nach den 
erwähnten Griginalzeichnungen hergestellten Tafeln I bis IX unseres 
Werkes zur Anschauung gebrachtist, hat zurGrundform das griechische 
Kreuz mit einem dem östlichen Arme im Halbkreise vorgelagerten 
Altarhanse. Den übrigen drei kurzen Kreuzarmen sind Treppen- 
häuser mit doppelten Aufgängen vorgelagert, die zu den drei Mal 
übereinander geplanten Emporen führen. Die Bedeckung des grofs- 
artigen Raumes bildet ein regelmäfsiges achtteiliges Klostergewölbe 
von Stein mit einem geschweiften hölzernen Aufsendache. Hierüber 
erhebt sich die hoch ansteigende hölzerne Schutzkuppel mit einer 
Laterne und einem das Ganze bekrönenden Obelisken. In treffender 
Weise hat der Verfasser bei Besprechung dieses ersten Projektes 
auf den Einflufs hingewiesen, welchen hierbei die kurz vorher von 
dem Bautheoretiker Leonhard Christoph Sturm veröffentlichten 
Schriften über die dem evangelischen Kirchenbau zu stellenden Auf- 
gaben ausgeübt, und wie die hier zum ersten Male klar auftretenden 
Forderungen einer zentralisierenden Anlage hundert Jahre später in 
den Ausführungen Gottfried Sempers gelegentlich seines Projektes 
zur Nikolaikirche in Hamburg ihr Echo gefunden haben. Daneben 
behandelt Sponsel das Vorleben des Baukünstlers und plädiert mit 
Geschick für einen italienischen Aufenthalt des Meisters, der ihm 
erst die wahre Kenntnis von der Wirkung und den Erfordernissen 
eines Kuppelbaues verschafft haben soll. Die Ausführung dieses 
ersten Entwurfes scheiterte von vornherein an der Höhe der Kosten. 
Daneben rührten sich die Gegner mittelst scharfer Kritik an dem 
Projekte; die Beihilfe der königlichen Kasse versagte, und so kam 
es im Frühjahr 1725 zur Aufstellung eines neuen einfacheren Planes. 
Das eingereichte Modell zeigte nicht mehr das griechische Kreuz, 
sondern eine quadratische Grundform mit östlichem Halbkreis-Chor und 
zwei grofsen Treppentürmen an den Ecken der Westseite (Taf. X, XI). 
Nach mancher Richtung hin ist es als ein Glück zu bezeichnen, dafs 
auch dieser Entwurf nicht den Beifall des Gouverneurs und des 
Oberlandbauamts gefunden hat, so klar und übersichtlich auch die 
Disposition, so wirkungsvoll die Ausgestaltung des Innern geplant 
war. Bahr scheint die geäufserten, vorAviegend praktischen Bedenken 
selbst bald eingesehen zu haben, denn bereits am 13. Mai 1726 liegt 
ein drittes Projekt vor, welches nun endlich, und zwar am 26. Juni 
die Bestätigung der Banbehörden erhält. Am folgenden Tage bereits 

22* 



340 Litteratur. 

wirrt Bälir „rtie Aufsicht und rtas Dirckturiuiii rtes Baues ülx'rtrageu; 
am 26. August desselben Jahres erfulgt die (.irundsteiulegung und 
unmittelbar darauf der Beginn des Baues. Das zur Ausführung ge- 
nehmigte dritte Projekt, welches die quadratische Grundform, aber 
mit vier übereck gestellten Treppenhäusern, beibehalten hat (Taf. XIII), 
zeigt eine von acht. radial gestellten Pfeilern getragene innere Holz- 
kuppel mit grofser Öft'nuiig, welche wie bei den früheren Entwürfen 
einen wirkungsvollen Einblick in den von der hölzernen Aufsenkuppel 
umschlossenen Dachraum gewährt. Wie Sponsel glaubhaft macht, hat 
Bahr hierbei nur scheinbar auf seine von vornherein gehegte Lieblings - 
idee einer Steinkuppel Verzicht geleistet. Im (reheimen l)ereitete er 
mittelst Verstärkung der Pfeiler und Widerleger die Möglichkeit 
einer späteren Ausfulirung der AVölbungen in der von ihm für richtig 
eikannten Weise vor und wagte es sogar bereits im dritten Baujahre 
inmitten aller Schwierigkeiten, die sich dem Fortgange des Baues 
boten, mit diesem seinen Abänderungsvorschlag hervorzutreten. Nach 
langen Verhandlungen dringt Bahr siegreich damit durch, und es 
entsteht das vierte Projekt (Taf. XVI bis XXV) mit der doppelten 
Steinkuppel, nach welchem dann schliefslich der Bau glücklich zur 
Ausführung gelangt ist. Inzwischen Avaren auch mit dem Kegierungs- 
antritt August III. die finanziellen Schwierigkeiten beseitigt, so dafs 
am 28. Februar 17.-54 die feierliche Einweihung des im Innern fertig 
gestellten Gotteshauses vorgenommen werden konnte. Den Abschlufs 
des Werkes sollte sein genialer Schöpfer aber nicht mehr erleben. 
Zu Ende des Jahres 1736 war zwar die Kuppel bereits vollendet, 
noch fehlte aber der viel umstrittene, krönende Aufbau, und ehe 
eine Einigung darüber erzielt wurde, endete ein Sturz vom Gerüst 
am 16. März 1738 das an Arbeit und Erfolgen, wie an Prüfungen 
und Enttäuschungen gleich reiche Leben des 72jährigen Baumeisters. 
Nach langwierigen Streitigkeiten erfolgte schliefslich am 27. Mai 1743 
die Errichtung der Laterne in der heutigen Form und zwar nach 
dem Plane desselben Knöffel, der von vornherein als Bivale Bährs 
aufgetreten war und nun doch noch den Triumph erlebte, das Werk 
seines Gegners zum Abschlufs zu bringen. Noch ein Mal drohte der 
vielumstrittenen Kuppel Gefahr, als nach der Beschiefsung Dresdens 
im Jahre 1760 die schon während des Baues aufgetretenen Bisse 
sich stärker wieder bemerkbar machten; dem energischen Auftreten 
des Hofbaumeisters Krubsacius gelang es aber, die drohende Ent- 
stellung des P>auwerkes durch eine j.galante' neue Kuiipel Chiaveris 
glücklich zu verhindern. „Und so ragt di'nn die Frauenkirche mit 
ihrer steinernen Kuppel empor als ein Zeugnis der Opferfreudigkeit 
und Thatkraft des deutschen Bürgertums, als ein Denkmal dei- 
Tüchtigkeit und Geisteskraft des alten Handwerks und als ein un- 
übertroffenes X'orbild für den evangelischen Kirchenbau. Der Name 
des genialen Baumeisters aber und die Erinnerung an sein Schicksal 
leben fort in seinem Werke". 

Mit diesen Worten schliefst Sponsel die Bangeschichte der Frauen- 
kirche. Es folgen : Abdruck der benutzten Urkunden, beschreibendes 
Vei'zeichnis der Pläne, sowie Belege und Aiimeikungen, in denen noch 
manche wertvolle Ergänzungen und Nachweise enthalten sind. 

Wollen wir an der sorgfältigen, mit Liebe und Sachkenntnis 
ausgefühlten Arbeit etwas aussetzen, so ist es die Gruppierung des 
Stoffes. Mochte auch wegen der Eigenartigkeit des Gegenstandes 
die sonst übliche, bewährte Trennung von Baugeschichte und Bau- 
beschreibung dies Mal nicht gut <lurchführbai' erscheinen, so hätte 



Litter atnr. 341 

sich (luch durch Einteilung in Kapitel, durch Hervorlieben der Haupt- 
momente, sei es auch nur durch den Druck, durch stärkere Sonderung- 
des Wesentlichen vom Nebensächlichen unschwer eine gTöfsere Über- 
sichtlichkeit erzielen lassen. So w^enig Avir die Ausführung bean- 
standen möchten, mit der die endlosen, aber ein interessantes .Stück 
Zeitgeschichte bietenden Verhandlungen über den Beginn und Fort- 
gang des Baues 'aus den Akten wiedergegeben sind, um so not- 
wendiger war es anderseits, das Gerippe des Ganzen, die eigentliche 
Baugeschichte für den Leser klar und deutlich herauszuschälen. 
Der Faden reifst nie ab, geht aber manchmal in den Massen der 
Protokolle und Gutachten fast verloren. Ein übersichtliches Zu- 
sammenfassen <ler Resultate am Schlüsse der Arbeit würde vielleicht 
schon genügt haben. Auch hätte den technischen und ästhetischen 
Fragen, sowie der vergleichenden Forschung im allgemeinen wohl 
ein etwas breiterer Raum eingeräumt werden können. Immerhin 
vermögen diese Ausstellungen die Freude über die treffliche Arbeit 
und den Dank nicht zu schmälern, den die Kunstwissenschaft dem 
Verfasser schuldet. Sponsels auf dem sicheren Fundament archi- 
valischer Forschung beruhende Baugeschichte der Frauenkirche be- 
zeichnet den glücklichen Abschlufs der Arbeit, die mit einer anonymen 
Schrift vom Jahre 1834 ihren Anfang nahm und in Justis, Steches 
und Gurlitts Untersuchungen bedeutsame Fortsetzung gefunden 
hatte. Möchte der Verfasser in gleicher "Weise seine Forschungen 
auf die übrigen Bauwerke Dresdens ausdehnen und uns vor allem 
recht bald eine Baugeschichte des herrlichen Zwingers liefern. Es 
erübrigt noch, der vornelimeu Ausstattung des Werkes durch die 
sächsische Hofverlagsbuchhandlung mit Anerkennung zu gedenken. 
Karlsruhe. v. Oechelhäuser. 

Brockhaus' Konversations- Lexikon. Vierzehnte vollständig neu 
bearbeitete Auflage. In 16 Bänden. Sechster bis zehnter Band 
(Elektrodynamik — Lebensversicherung). Leipzig, Berlin und Wien, 
F. A. Bröckhaus. 1893. 1894. 1018, 1026, 1018, 1022 und 1040 

SS. 8». 

Auch die neuerdings erschienenen Bände des Brockhausschen 
Konversations-Lexikons, dessen 14. Auflage uns nunmehr schon zur 
gröfseren Hälfte vollendet vorliegt, enthalten ein tüchtiges Stück 
sächsischer Geschichte in knappen klaren Artikeln, denen man durch- 
weg ansieht, dafs sie von sachkundigen Verfassern herrühren. Von 
Mitgliedern des älteren Thüringer Landgrafenhauses sind Hermann I., 
der Sohn Ludwigs des Eisernen, die heilige Elisabeth und Heinrich 
Raspe behandelt worden; die beiden Winzenburger Hermann werden 
wohl unter Winzenburg erwähnt werden; ein Hinweis darauf wäre 
erwünscht gewesen. Die Wettiner des späteren Mittelalters ziehen 
fast sämtlich an unseren Augen vorüber: Heinrich der Erlauchte, 
Friedrich der Kleine, Friedrich Tutta, Friedrich der Freidige, Fried- 
rich der Ernsthafte, Friedrich der Strenge und Balthasars Sohn Fried- 
rich der Friedfertige, dann die drei ersten Kurfürsten aus dem Hause 
Wettin, Friedrich der Streitbare, Friedrich der Sanftmütige und Ernst; 
freilich lagen, abgesehen von Tittmanns Heinrich der Erlauchte 
und Wegeies Friedrich der Freidige, fast gar keine neueren For- 
schungen über diese Fürsten vor, und man darf wohl erwarten, dafs 
viele Angaben sich ändern werden, wenn der Codex diplomaticus 
Saxoniae das reiche Material zu ihrer Geschichte zugänglich 



342 Litteratur. 

geinacht lialicn wird. Über die verwickelten Schicksale, die nach 
der Landesteiluiig von 1485 der älteren Linie des Ilanses beschieden 
waren, s'iebt eine treffliche Übersicht unter „Ernestinische Linie" 
klare Auskunft. Sie wird ergänzt durch die Artikel über die Kur- 
fürsten Friedrich den Weisen, Johann den Beständigen und Johann 
Friedrich den Grofsmütigen, über die Herzöge Johann Friedrich den 
Mittleren, Johann Wilhelm, Johann Kasimir von Sachsen-Coburg, 
Ernst I. den Frommen und Ernst II. von Sachsen-Gotha und Alten- 
burg, Ernst von Sachsen -Hildburghausen, Ernst Ludwin I. von 
Sachsen -Meiningen, Johann, Johann Ernst und Ernst August von 
S-.ichseu -Weimar , Karl August und Karl Friedrich von Sachsen- 
Weimar-Eisenach, Ernst I. und (besonders ausführlich) Ernst IL von 
Sachsen-Coburg und Gotha, sowie die gegenwärtigen Regenten 
Grofsherzog Karl Alexander von Sachsen-Weiraar-Eisenach, Herzog 
Ernst von Sachsen- Altenburg und Herzog Georg IL von Sachsen- 
Meiningen. \^on Mitgliedern der albertinischen Linie nennen wir Georg 
den Bärtigen und Heinrich den Frommen, die vier Johann George, 
Johann Adolf IL von Sachsen -Weifsenfeis -Querfurt, endlich die 
Könige Friedrich August I. und IL und Johann. Alle diese Artikel 
geben, soweit wir sie nachgeprüft haben, zuverlässige Nachrichten 
auf Grund der besten neueren Arbeiten; dafs man hie und da eine 
Angabe vermifst, die man für wesentlich halten möchte, und dafür 
lieber eine andere entbehren würde, darf bei der durch den Zweck 
des Werkes gehotenen Kürze kaum Gegenstand der Kritik sein. 
Von sächsischen Staatsmännern haben u. a. die Minister Joh. Paul 
von Falkeustein, Rieh. Freiherr von Friesen, G. Fr. A. Graf von Fabrice, 
von sächsischen Gelehrten Georg Fabricius, Joh. Falke, der Mineralog 
Johann Karl Freieslebeu, der Litterarhistoriker Joh. Georg Theodor 
Graesse Aufnalime gefunden. Unter den mehr ins geographische 
Gebiet einschlagenden Artikeln heben wir neben dem über das Erz- 
gebirge hauptsächlich den durch sorgfältige geschichtliche Angaben 
ausgezeichneten Abschnitt über die Lausitz hervor, ferner unter den 
Städtebeschreibungen die Artikel Frauenstein, Glauchau, Künigstein, 
namentlich aber Freiberg; zu letzterem bemerken wir, dafs neben 
der ausgiebig berücksichtigten neueren Litteratur doch auch des 
wackern Andr. Möller noch immer unentbehrliche ('hronik Erwähnung 
verdient hätte, dafs die Redaktion des Bergrechts nicht ins 15., sondern 
ins 14. Jahrhundert gehört, (uidlich dafs der Ausdruck, der Dom sei 
bis auf Johann Georg IV. die Grabstätte des „Jüngern Zweigs der 
Albertiner" gewesen, irreführt. 



Übersicht 

über Hcuerdings erschienene Schriften und Autsätze zur 

sächsischen Geschichte und Altertumskunde. 



Abraham Jacobsens Bericht über die Slavenlande vojn Jahre 973: 

Geschichtschi'eiber der deutschen Vorzeit. 2. Gesamtausgabe. 

Bd. XXXIII. S. 138-147. 
Bahrfeldt, Emil. Die märkischen Engelgroschen: Festschrift zur 

Feier des fünfzigjährigen Bestehens der Numismat. Gesellschaft 

zu Berlin (Berlin 1893). S. 101-112. 



Litteratur. 343 

Beck, Eich. M. Christian Daum.s Beziehniigeii zur Leipziger ge- 
lelirten Welt Avährend der sechziger Jahre des XVII. Jahrhunderts. 
II. Teil: Progr. d Uyranas. zu Zwickau. 1894. S. 1—39. 4". 

Bernhardt, Paul. Die Lästererinnung zu Dohna: Wissenschaftl. 
Beilage der Leipz. Zeitung. 1894. "No. 77. S. 305— .307. 

Blanckmeister, Fr. Die theologische Fakultät der Universität Leipzig. 
Geschichte einer altberühmten theologischen Bildungsstätte. Leip- 
zig, F. Richter. 1894. 53 SS. 80. 

— Der Dresdner Hauptverein der Gustav- Adolf- Stiftung in den 
.50 .Jahren seines Bestehens 1844—1894. Jubiläums - Festschrift. 
Im Auftrage des Hauptvereins verfafst. Dresden, Franz Sturm & Co. 
1894. 64 SS. 8°. 

V. Boetticher, W. Die Schlofskapelle zu Bautzen: Neues Lausitz. 

Magazin. Bd. LXX. S. 25^47. 
Bnrkkardt. Die ältesten Kirchen- und Schulvisitationen im östlichen 

Thüringen: Theolog. Studien und Kritiken (1894). S. 773-782. 
Cohn, Herrn. Georg Bartisch, ein Starstecher des Mittelalters: 

Deutsche Revue. Jahrg. XVIII. Bd. III (1893). S. 214 

bis 227. 
Distel, Theodor. Eine Radierung des Prinzen, jetzigen Königs 

Albert von Sachsen 1841 : Zeitschr. f. bild. Kunst. Neue Folge V 

(189.3/94). S. 176. 

— Leipziger Schöppenspruch gegen einen bi'andenburgischen Geist- 
lichen 1615: Deutsche Zeitschr. f. Kirchenrecht IV (1894). 
SS. 71—73. 

— Zu den Standbildern im königlichen grofsen (harten: Dresdner 
Anzeiger. 1894. No. 66. S. 31. 

— Zum k. s. Privilege für Schillers Werke: ebenda No. 117. S. 22. 

— Hymnus mit Ode an den Kurfürsten Friedrich August III. zu 
Sachsen, gedichtet und componiert von Christian Gotthelf Lom- 
matsch: ebenda No. 141. S 3 (vergl. No. 142 S. 4) und Monats- 
hefte für Musikgeschichte. Jahrg. XXVI (1894). No. 8. S. 103 f. 

— Zu Schillers Aufenthalte in Loschwitz u. s. w. 1785 : Dresdner 
Anzeiger. 1894. No. 202. S. 20 (No. 205. S. 17). 

— Über den Verbleib der Mattielli-Statuen vor dem früheren Max- 
palais in Dresden: ebenda No. 219. S. 18. 

— Der Eründer des Kriegsspieles ein Sachse: ebenda. 

Dittrich, Max. Prinz Friedrich August Herzug zu Sachsen. Ein 
Lebensbild. Rathenow, Babenzien. 1894. 54 SS. 8". 

D[ost], Gotthnrä. Wüste Marken in den Schönburgischen Herr- 
schaften: Schönburger Tageblatt. 1894. No. 108 (Beilage). 113 
(Beilage). 

Ellis, William Ashton. 1849. Der Aufstand in Dresden. Ein 
geschichtlicher Rückblick.. zur Rechtfertigung Richard Wagners. 
Deutsche Ausgabe in Übereinstimmung mit dem Verfasser 
redigirt von Hans von Wolzogen. Leipzig, F. Reinboth. (1894.) 
64 SS. 8«. 

Erbstein, J., Des Kurfürsten Johann Georg IL von Sachsen Ober- 
lausitzer Sechskreuzer mit der AVerthangabe im Thalerbruch: 
Blätter für Münzfreunde. 1894. No. 195. Sp. 1880f (mit Abbild. 
auf Taf 117, 1). 

— Die thalerförmige Denkmünze auf die Vermählung S. K. Hoheit 
des Prinzen Johann Georg, Herzogs zu Sachsen, mit I. K. Hoheit 
der Prinzessin Isabella von Württemberg: ebenda No. 198. Sp. 1906 
(mit Abb. Taf US, 1). 



344 Litte ratur. 

E.rncr, Moritz. Die Autlieilnalime der Küniglicli Sächsischen Armee 

am Feldzuge gegen Oesterreich und die kriegerischen Ereignisse 

in Sachsen im Jahre 1809. Nach amtlichen Unterlagen bearbeitet. 

Dresden, AV. Baensdi. 1894. 3 Bl. 135 SS. 8». (i Pläne. 
Fischer, Heinrich Gott/ob. Geschichte von Klotzsche. Vortrag gehalten 

im Konservativen Verein zu Klotzsche. Klotzsche 1893. 64 SS. 8^ 
Fleischer, Ernst. Constantin Jäpsius. Rede bei der Gedächtniss- 

ffier im Dresdner Architekten-Verein am 10. Mai 1894. Dresden, 

Gilbers. (189.4.) 15 SS. 8". 
Franke, Karl Über die Volksdichtung im Meifsnischen : Zeitschrift 

für den deutschen Unterricht. Eraäuzungsheft III (Festschrift 

znm 70. Geburtstage R. Hildebrands). 8.27—35. 
FriedensJmrg, F. Die Mittelaltermünzen der Lausitz: Festschrift 

zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens der Numismat. Gesell- 
schaft zu Berlin (Berlin 1893). S. 69—90. 
de la Ftiesantd de! ValJe, Marqn. Gollecciön de docunientos ineditos 

para la historia de Espana. Tomo CIX. Madrid, Jose Perales 

.V Martinez. 1894. 497 SS. 8'^ [vergl. oben S. 336 1.' 
Gehmlich, F. Zwei Stundenpläne der Lateinschule in Wolkenstein 

im Erzgebirge aus den Jahren 1598 und 1706: Mitteilungen der 

Gesellschaft für deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte 

Jahrg. IV (1894). Heft 2. S. 133-i36. 
Geß, Felician. Die Leipziger Universität im Jahre 1502: Kleinere 

Beiträge zur Geschichte von Dozenten der Leipziger Hochschule 

(Festschi ift zum deutschen Historikertage in Leipzig 1894). 

S. 177-190. 
Giesing. Geschichte der Stadtbibliothek in Löbau: Jahresbericht 

über die Realschule zu Löbau i. S. 1894. S. 3—19. 
Giirlitt, ^CorneVms. Beschreibende Darstellung der älteren Bau- 

und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. Auf Kosten der 

Königl. Staatsregierung herausgegeben vom K. S. Altertumsverein. 

Sechzehntes Heft: Amtshauptmannschaft Leipzig (Leipzig Land). 

Dresden, C. C. Meinhold & Söhne (Komm.). 1894. 156 SS. 8». 
R., P. Die sächsisch -friesische Fehde vom Jahre 1494—1515 (nach 

zeitgenössischen Berichten): Wissenschaftl. Beilage der Leipz. 

Zeitung. 1894. No. 99. S. 393 f. 
Helm, Reinhold. Das Schul- und Erziehungswesen in Leipzig. 

Im Auftrage des Ortsausschusses verfasst: Festschrift zur 3(». 

allgemeinen deutschen Lehrerversammlung in Leipzig. 1893. 

S. 1—112. 
Herfurth, R. Aus Zschopaus Vergangenheit. Cornelius von Rüx- 

leben: "Wochenblatt für Zschopau und Umgegend. 1893. No. 141. 

148. S. 944 f. 1009. 1894. No. 1. 4. 14. 24. 41. S. 3 f. 23. 84f. 

151 f. 265 f. 
1/ff', L. Eine Dichterin im sächsischen Königshause []*rinzessiu 

Amalie]. Zum 10. August 1894: Wissenschaftl. Beilage der Leipz. 

Zeitung. 1894. No. 95. S. 377-379. 
Irmer, Georg. Hans Georg von Arnim. Lebensbild eines protestan- 
tischen Feldherrn und Staatsmannes aus der Zeit des dreifsig- 

jährigen Krieges. Leipzig, S. Hirzel. 1894. XII, 397 SS. 8". 
Israel, August. Mitteilungen über die Lehrer und Schüler des 

Königl. Seminars zu Z.schopau von Ostern 1869—1894. Zschopau. 

1894. 43 SS. 80. 
(Jentsch,A.) Der Flufs Caminici: Über Berg und Thal, .fahrg, XVII 

(1894). S. 67 f. 



Litteratur. 345 

Kade, Beinhard. Wolfgang Meyerpeck, der vierte Zwickauer Buch- 
drucker 1532-1550: Zwickauer Wochenblatt. 1894. No. 200. 
Beihige. 

Klinkhardt, Friedr. Der sächsisclie Mineralog Georg Agricola: 
Wissenschaftl. Beilage der Leipz. Zeitung. 1894. No. .35. S. 137 
bis 139. 

Knothe, Herrn. Die Hausmarken in der Oberlausitz: Neues Lausitz. 
Magazin. Bd. LXX. Heft 1. S. 1—12. 

Kreyssrg, P. H. I. Nachtrag zu Dr. A. H. Kreyssigs Afraner- 
Album, herausgegeben vum Verein ehemaliger Fürstenschüler 
zum 3öOjährigen Stiftungsfest der Königl. Landes- und Fürsten- 
schule St. Afra zu Meifseii. (Dresden 1893.) 251 SS. 8o. 

V. Krosigk, Konr. Urkundenbuch der Familie von Krosigk. Eine 
Sammlung von Regesten, Urkunden und sonstigen Nachrichten 
zur Geschichte der Herren von Krosigk und ihrer Besitzungen. 
Im Auftrage der Familie von Krosigk gesammelt und heraus- 
gegeben. Heft 3. Abth. 3. Halle, H. W. Schmidt. 1894. S. 249 
bis 474. 8«. 

Kühne!, P. Die slavischen Orts- und Flurnamen der Obe.rlausitz: 
Neues Lausitz. Magazin. Bd. LXX S. 57—99. 

Landsberg, Ernst. Zur Biographie von Christian Thomasius. Bonn, 
Cohen. 1894. 36 SS. 40. 

Limbach, H. Zur P'ntstebung des Namens , sächsische Schweiz": 
Über Berg und Thal... Jahrg. XVII (1894). No. 8. S. 65. 

Lippert, Woldemar. Über das Geschützwesen der Wettiner im 
14. Jahrliundert: Historische Untersuchungen. Ernst Försteraann 
zum fünfzigjährigen Doctorjubiläum gewidmet von der Histo- 
rischen Geseilschalt zu Dresden (1894). S. 80—93. 

— Erich V. Haselbach, Unterlandvogt der Niederlausitz. ^ Nebst 
einigen Bemerkungen zur Geschichte von Senftenberg im 15. Jahr- 
hundert: Neues Lausitz. Magazin. Bd. LXX. S. 144—149. 

Lippold, Ad. Erinnerungen eines alten Leipzigers. Humoristische 
Chronika aus Leipzigs jüngerer A^ergangenheit. Mit Zeichnungen 
von Rieh. Wolff. Leipzig, Lenz. 1893. 1894. 263 SS. 8«. 

Lobe. Ein Nachtrag zur Geschichte Friedrichs Herrn des Pleifsner- 
landes : Mittheilungen der Geschichts- und Alterthumsforschenden 
Gesellschaft des Osterlandes. Bd. X. Heft 3 (1893). S. 352 
bis 355. 

Lohn-Siegel, Anna. Aus meinem Tagebuch vom Dresdner Hof- 
theater (Anfang der 50er Jahre): Wissenschaftl. Beilage der 
Leipz. Zeitung. 1894. No. 92. S. 365-368. 

Manz, G. Leipziger Reiseeindrücke anno 1789: Wissenschaftl. 
Beilage der Leipz. Zeitung. 1894. No. 82. S. 326—328. 

Märkel, Gustav. Döbeln und Umgebung. Natnr- und Kulturbild 
einer sächsischen Mittelstadt. Döbeln, Schmidt. 1893. 2 Bll. 
94 SS. 80. 

May, Emil. Aus der Sächsischen Wendei [GödaJ : Leipziger Zeitung. 
1894. No. 119. S. 1772. 

Meiche, Alfr. Sagenbuch der sächsischen Schweiz. Leipzig, Bernh. 
Franke. 1894. VIII, 140 SS. 8°. 

V. Mmckwitz, A. Schweizer und französische Soldtruppen in säch- 
sischen Diensten: Wissenschaftl. Beilage der Leipz. Zeitung. 
1894. No. 59. S. 233—235. 

Moschkau, Alfr. König Alberrs erste Auerhahnbalz im Revier Ovbin: 
Der Weidmann. Bd. XXV (1894). S. 241-243. 



346 Litteratnr. 

Moscn , licinlKird. .Iiilius Moseu. Eine bisher uiiyedruckte Selhst- 
biograpliie : Unser Vogtland. Monatsschrift f. Landsleute in der 
Heimat u. Fremde herausgegeben von Gottfr. Doehler. Bd. I. 
S. 5-7. 

Müller, Georg. Johann Erhard Knapp als Professor an der Uni- 
versität Leipzig: Historische Untersuchungen. Ernst Förstemann 
zum fünfzigjährigen Doctorjubiläum gewidmet von der Histo- 
risclien Gesellschaft zu Dresden (1894). S. 10.5-117. 

X/(((jclJ. Sclilotheimer Brakteateu: Blätter für Münzfreunde. 1894. 
Xr. 197. Sp. 1894— 189H. (Mit 4 Abbild.). 

— Ein überprägter Brakteat (des Markgrafen Konrad des Grossen 
von Meissen): ebenda No. 198. Sp. 19()i— 1904. 

V. Ndtznier, Gneomar Ernst. Die Jugend Zinzendorfs im Lichte 
ganz neuer Quellen. Eisenach, M. Wilckeus. 1894. XII, 264 SS. 8». 

Oertel, G. Bilder aus Sachsens Geschichte. Leipzig, Sachs. Volks- 
schriftenverlag. 1894. 108 SS. 8». 

— König Friedrich Augnist von Sachsen im Jahre 1813 : Pr 
d. städt. Realgymnas. in Leipzig. 1894. S. 3—21. 4''. 

— König Friedrich Augusts Heimkehr: Wissenschaftl. Beilage der 
Leipz. Zeitung. 1894. No. 48. S. 189-191. 

V[etzHc}i] , G. Zwei dörfliche Gerichtsbücher [von Dölzschen bei 
Dresden] : Glückauf. Anzeiger für den Plauenschen Grund usw. 
1894. No. 74. 75. Beilage. 

l?ilk, Georg. Daten zur Chronik der Dresdner Heide: Über Berg 
und Thal. Jahrg. XVII (1894). S. 25—27. 

— Über drei prähistorische Ringwälle unsers Vereinsgebiets: ebenda 
S. 40 f. 

Kachel, Fmtl. Zur Belagerung von Danzig 1807. (Nach Aufzeich- 
nungen eines sächsischen Reiters): Historische Untersuchungen. 
Ernst Förstemann zum fünfzigjährigen Doctorjubiläum gewidmet 
von der Historischen Gesellschaft zu Dresden (1894). S. 118—127. 

Beh-os, O. Sagenklänge aus dem Sachsenlande in Prosa und Poesie 
gesammelt und herausgegeben. I. Abth.: Die sächsische Ober- 
lausitz. 1. Band: Zittau und Umgegend. Löbau i. S., Hohlfeld & 
Witte. (1894.) 4 Bll. 146 SS. '8". 

Michter, Otto. Canaletto-Mappe. 24 Ansichten von Dresden, Pirna 
u. Königstein. Nach Canalettos Radierungen in Lichtdruck mit 
Erläuterungen herausgegeben. Festgabe des Vereins für Geschichte 
Dresdens zur Feier seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens 
am 10. Juni 1894. Dresden, Wilhelm Baensch. 1894. 1 Bll. 
7 SS. 24 Bll. qu. fol. 

Rössler, J. Die Lütticher Affaire. Leipzig, Gustav Fock. 1894. 
;50 SS. 8". 

Sachse, Eich. Jakob Thomasius, Rektor der Thomasschule: Jahres- 
bericht des Thomasgymnasiums in Leipzig über das Schuljahr 
1893/94. S. 1—34. 

Scheiiff'ler. Bautzen und seine Kirchen : Kleine Chronik der evang.- 
luther. Diakonissenanstalt zu Dresden. 189.H. I. Viertelj. S. 5f. 
4. Viertelj. S. 4 f. 

V. S., H. Ein Duell vor anderthalbhundert Jahren: Wissenschaftl. 
Beilage der Leipz. Zeitung. 1894. No. 33. S. 129—131. 

Schmnrson, August. Meifsener Bildwerke vom Ende des dreizehnten 
Jahrhunderts: Kleinere Beiträge zur Geschichte von Dozenten 
der Leipziger Hochschule (Festschrift zum deutschen Historiker- 
tage in Leipzig 1894). S. 115—122. 



Litteratur. 347 

Schmertosch, E. Ein böhmischer Exulant in Leipzig zur Zeit des 
dreifsigjährigen Krieges: Wissenschaftl. Beilage der Leipz. 
Zeitung. 1894 .No. 102. S. 406 f, 

Schmidt, Bruno. Über einige Ansprüche auswärtiger Staaten auf 
gegenwärtiges deutsches Reichsgebiet. Leipzig, Veit & Comp. 
1894 86 SS. 8^ 

Schulze. Entwickelnngsgang des Königlichen Realgymnasiums und 
der Landwirtschaftsschule zu Döbeln in den ersten fünfund- 
zwanzig Jahren ihres Bestehens : 25. Jahresbericht des Königl. 
Realgymnasiums und der Landwirtschaftsschule zu Döbeln. 1894. 
S. I— XXIV. 40. 

Seidel, Martin. Zur Erinnerung an die 350jährige Gedächtnisfeier 
der Grofsen Glocke der Kirche zu Ehrenfriedersdorf am Kirch- 
weihfest — 11. September — 1893. Ehrenfriedersdorf, Löseke. 
1893. 11 SS. 8«. 

V. Seidlitz, W. Meifsen und die sächsische Spätgothik. Zum Aus- 
flug der Historiker nach Meifsen: Wissenschaftl. Beilage der 
Leipz. Zeitung. 1894. No. 39. S. 153—156. 

Stier, G. Denkwürdigkeiten Wittenbergs in geschichtlicher^ An- 
ordnung. Dessau und Leipzig, Rieh. Kahle. (1894.) 32 SS. 8". 

Tlieile, F. Aus alter und neuer Zeit. Lokalgeschichtliche Monats- 
beilage zum Local-Anzeiger für das untere Lockwitz- und Müglitz- 
thal und die südlichen Vororte Dresdens. No. 1—28. 1892-1894. 
[Enthält u. a. Lebenserinnerungen des Verfassers, so No. 22 ff. 
über den Dresdener Maianfstand.] 

Ulbricht. Die Geschichte der Entstehung und Entwickelung des 
sächsischen Eisenbahnnetzes. Vortrag im Verein der Beamten 
der Königl. Sachs. Staatseisenbahnen, Bezirk Dresden. Heraus- 
gegeben vom Bezirks -Vorstand Dresden des Vereins der Beamten 
der Königl. Sachs. Staatseisenbahnen im Mai 1894. Dresden, 
Heinrich. 45 SS. 8«. 

Wagner, R. Aus dem Leben und aus den Schriften eines Pfarrers 
von Lockwitz: Kleine Chronik der evang.-luth. Diakonissen- 
Anstalt zu Dresden. 1892. 3. Viertel). S. 3-5. 1893. 1. Viertelj. 
S. 2f. 2. Viertelj. S. 2f. 4 Viertelj. S. 2-4 

Weinhold, E. Flurnamen aus dem Erzgebirge: Das Erzgebirge. 
Gemeinverständliche wissenschaftliche Aufsätze herausgegeben 
vom Erzgebirgsverein Chemnitz. Bd. IL Heft 2 (1894). S. 29 
bis 49. 

WJiistling, Karl W. Dr. Rudolf Wachsmuth. Ein Erinnerungsblatt. 
Leipzig, Giesecke & Devrient. 1890. 31 SS. 4». 

Woermann, Karl. Ismael und Anton Raphael Mengs: Zeitschrift 
für bildende Kunst. Neue Folge. Jahrg. V (1893/94). S. 7—14. 
82-91. 168-176. 208—215. 

Wuttke, Rob. Kippermünzstätten im Mansfeldischen : Blätter für 
Münzfreunde. 1894. No. 196. 197. Sp. 1886-1890. 1897f. 

— Ein Gutachten Adam Rieses über die wirthschaftlichen Folgen 
einer Erhöhung des Silberpreises in Sachsen: ebenda No. 199. 
Sp. 1912—1917. 

Das Königliche Conservatorium der Musik zu Leipzig 1843—1893. 
VII, 114 SS. 8». 

Die Protestantirung des Herzogthums Sachsen . St. Benno-Kalender. 
Jahrg. 44 1894. S. 47-59. 

Ein Stammbuch [des kurf.sächs. Artilleriehauptmanns Tielke] : Wissen- 
schaftl. Beilage der Leipz. Zeitung. 1894. No. 38. S. 149-152. 



348 Litteratur. 

FostsL'luit't /um fünfV.iujährig-cn Militärdienst - .liibiliium Sr. ]\l;ij. 
Königs AUtert von Sachsen 22. /^-i. Oktober 189;{, Herausgegeben 
von der Redaktion des „Kamerad" (F. L. Staub). Dresden (1893). 
2 Bll. 128 SS. S'\ 

Kreditive des Kurfürsten Johann zu Sachsen für seinen Sohn JohanTi 
Friedrich zur Verhandlung mit Herzog Johann III. von Cleve- 
Jülich-Herg (1530): Zeitschrift des liorgischen Geschichtsvcroins. 
.lahrg. 1893. S. 214. 

Rückblick auf die fünfundzwanzigjährige Thätigkeit der Handels- 
kammer zu Leipzig von 18()H— 1893. Leipzig, .). C. Hinrichs 
(Komm.). 1893. 92 SS. 8". 

Wettiner im Dienste der Kirche: St. Benno - Kalender. Jahrg. 44. 
1894. S. 66-70. 



Dresfhier Geschichtsblätter herausgegeben vom Verein für Geschichte 

Dresdens. Jahrg. III (1894). No. 2. 
Inhalt: 0. Richter, Ein Vierteljahrliundert unsers \ ercins- 

lebens. 0. Richter, Der Frauenkirdihof. Dresdens älteste 

Regräbnissstätte. E. G. M. Freiherr von Friesen, Die Friesen 

als Hausbesitzer in Dresden. G. 3Iüller, Andreas Morgenroth, 

knrfürstl. Buchdrucker 1578—1580. 
Mitteilungen des Vereins für Geschichte von Annaberg und Um- 

qeqend. IV. Jahrbuch für 1893—1894. Annaberg, Herrn. Graser. 

1894. 50 SS. 8'^ 
Inhalt: J. Wildenhahn, Das Testament der Marcus Röling 

in Annaberg vom 21. April 1581 nach der im Besitze der Königl. 

Realgymnasialbibliothek betindlichen Urschrift. Franz Blanck- 

meister, Aus dem Briefwechsel Gottfried Arnolds. 



Eesister. 



Adolf, König 32. 

— (S. des Kurf. Anglist) Hz. v. 
Sachsen 160. 

— Fürst zu Anhalt, Dompropst 
zu Magdeburg 288. 292. 294. 

Agricola, Joh. 219. 

V. Alba, Herzog 269. 

Albert, Burggraf v. Meifsen 33. 

— Abt V. Pegau 39. 
Albrecht, König 32 f. 37 f. 

— (der Beherzte), Hz. v. 
Sachsen 288. 290. 

— (S. der Kurf. Ernst) Herzog 
V. Sachsen 284. 

— Hz. V. Baiern 70. 243. 257 f. 
265 if. 

— (Alcibiades) Markgraf von 
Brandenburg - Kulmbach 242. 
249f. 252 if. 257. 261 ff. 268ff. 

— VI., Hz. y. Mecklenburg 327. 

— Hz. V. Preufsen 240. 
Alliverti, Castreno Pollini, v. 

Mailand 97. 111. 

Altenberg 105. • 

Altenburg, Georgenstift 285. 

Altzelle 29. 216 if. 

Amalie (T. Friedr. II. v. Sachsen), 
Herzogin V. ßaiern 286 f. 289. 
294. 318. 

am Ende, Ernst 15. 

Andrea, Jakob, Kanzler zu Tü- 
bingen 82 f. 

Anhalt 138 s. Adolf, Georg, 
Joachim Ernst, Philipp, Wolf. 

Anna, Gem. des Kurf. August 
71 ff. 159 ff. 212. 

— Prinzessin v. Mecklenburg 286. 
289. 294. 

— Herzogin v. Pommern 286. 289. 
294. 



Annaberg 108. 142. 147. 211. 224. 
Annaburg 70. 78f. 82. 161. 
Antwerpen 85. 96. 109. 114. 
V. Atzendorf, Balth. 297. 
Auerbach, Bertr. 13. 
Augsburg 90. 96. 120 ff. 193. 231. 

243. 247. 253 ff. 273 ff. 
August, Kurf. V. Sachsen 12. 62 ff. 

122f. 144. 157ff. 194. 199. 201. 

207 ff. 240. 281 f. 299. 303 ff. 
Augustusburg 77. 81. 160. 

Bachmann, Ad. 11. 

Badhorn, Bat 235 

Baiern 42. 51. s. a. Albrecht. 

Amalie. 
Balduin, Erzbisch, v. Trier 47. 
Balthasar, Lgf. v. Thüringen 32. 

39. 
Bamberg, Bischof v. 249 262 f, 

266. 271. 
Barbara, Gem. d. Hz. Georg v. 

Sachsen 288. 
V. Barbj', Grafen 135. 
Bärge, Herrn. 12. 
Bartsch, L. 17. 
Baudach bei Sommerfeld 53. 
Baumgärtner, kaiserl. Kommissar 

259. 
Bautzen 42 44 ff. 313 ff. 
V. Beaulieu-Marconnay, KarlFrhr. 

15. 
Beeskow 60. 
V. Behr, K. 9. 
V. Beichlingen, Adam, Graf 287. 

292. 295. 297. 
Bein, L. 19. 

Bemler, Augsburg. Gesandter 275. 
Benesch v.Weitniühl, Chronik 46, 

50 f. 



850 



Register. 



V. JJeii)is(lürf, Geo., Hofrichter in 

Baixtzeu 1()5. 
Bergen, Gimel 8]. 
V. Berlei)Sfli, Sittich 297. 
Berling, K. 22. 
Berlit, (I. 19. 

]Jernhard, Al)t zu Buch 29. 
V. Bernstein, Hans, Kamniorrat 

71. 85. lJ7f. 

— Rayniund 97. 

V. Beust, Frdr. Ferd., (haf 15. 

Beyer, V. 10. 

BeyerfeM bei Grünhaiu 28 If. 

V. Biberstein, Hans 53. 

Biedermann, K. 19. 

Biener, Generalwardein 129 ff. 

— Hans, Münzmstr. 105. 
Birke v. d. Dube zu Mühlberg 287. 
Bischofswerda 1581". s. Stegeniann. 
Bitterfeld, Münze 142. 
Blanckmeister, Franz 14, 
Biesern 78. 

Bochna, Salzbergwerk 95. 

Böcklin V. Bücklinsau, Hofmar- 
schall Karls V. 239. 251. 

Bockwa bei Zwickau 37 ft". 

V. Bockwen, Herrn. 33 ff. 38. 

BogislawX., Hz. V. Pommern 289f. 
292. 294. 297. 

Böhme, Otto 20. 

Böhmen 97. ]()(>. s. a. Johann. 

Böhmert, Victor 19. 

Bolbritz, Friedr., biscliöf 1. Haupt- 
mann 315. 

Bologna 102. 

Borna 33. 

Börner, E. R. 21. 

Böse, Vorwerk 99. 

Böttiger, 0. W. 9. 

Bötzinger 295. 

Brandenburg 76. 100. 135. 137. 
s. Albrecht, Friedrich, Georg- 
Friedrich, Hans, Joachim, 
Johann Georg, Ludwig. 

V. Brandenstein, Christof 297. 

— Christof Karl,Kammerrat 139 f. 
142. 151. 

— Eberhard 296. 

— Esaias 139. 

Jkandis, Friedr. 13. 

Braunschweig, s. Erich, Hein- 
rich, Margarete, Otto, Philipp, 
Sidonie, Wilhelm. 

Bräutigam, Dr. 117. 
Brecher, A. 8. 



Breckendörfer , Bürgermstr. in 
Regensburg 97. 

Brehni, Hicron., in Leipzig 92. 

Breslau 86. 89 f. 97 ff 106 ff'. 114. 

Breslauer, Job., Prof. in Leipzig 
27. 36 f 

Bretschneider, Andr. , Maler 81. 

Brieg 89. 

Brieger, Tb. 5. 22. 

de 15roglie, Hz. 14. 

van Brück, Job., in Antwerpen 96. 

Brüning, Abt zu Buch u. Grün- 
hain 28 ff: 

Buch 287. s. Bernhard, Brüning, 
Dietrich. 

Buchner, Paul 161. 

Buchwald, Georg 12. 

V. Buckansdorf 57. 

V. Budenfels, Michel 297. 

Bufler 235. 

Bugenhagen 193. 216, 218. 

V. Bünau, Heinr. 289. 

— Heinr. 201. 

— Rudolf der Frank 289. 296. 

— Rudolf 87 f. 

Buonhomia, Joh. Bai)t. , Bau- 
meister 77. 
Bürgel 287. 
Burk, Alaunwerk 108. 
Burkhardt, C. A. H. 9. 12. 21. 
de Busto, Antonio, v. Mailand 97. 
Büttner, Christof, Schösser 86. 
6 Byrn, F. A., Frhr. 14 f. 22. 

Calenberg, Paul, Dr. 134. 
Calinich, Roh. 12 f. 
Camerarius 216. 
V. Carlo witz 24. 101. 

— Christof 86 f. 101. 108. 199. 
201. 203. 209f. 212. 218. 226. 
228 f. 

— Georg 198. 201. 

— s. Nicolaus. 
Card, Pfalzgraf 100. 
Chemnitz, Münze 140. 
Christian L, Kurf. v. Sachsen 79. 

116. 162. 167. 

— IL, Kurf. von Sachsen 127 ff. 

— III., Kg. V. Dänemark 199. 
208 f. 230. 235. 281. 

Christina (T. des Kurf. Ernst), 
Königin v. Dänemark 319. 321. 
Christof, Pfalzgraf 75. 

— Hz. V. Württemberg 247. 256 ff'. 
262. 266. 268. 270 ff. 



Register. 



351 



Clemens VI., Papst 42. 

Clement, Veit, Zeiigschreiber 78, 

Cohn, L. A. 9. 

Colditz 284. 

V. Colditz s. Thimo. 

Crossen bei Grünliain 37. 39. 

Cuvelier, Christian 139. 144f. 

Däbritz, H. 21. 

Damula, Kardinal 237. 241. 

Dänemark s. Christian, Christina, 

Friedrich. 
Danielson, Joh. Rieh. 14. 
Danzig 95. 

Deichmüller, Joh. V. 10. 
Delitzsch 142. 148 f. 
Deumer, H. 17. 
Dibelius, F. 5. 
V. d. Diera, Günther 33 f. 
Dietrich, Abt v. Buch 29. 
Dietzel 20. 

Dippoldiswalde 78. 161. 
Distel, Th. 12 f. 17. 22. 
V. Dohna, Burggrafen 24. 

— Caspar, Burggraf 104. 

— Hans, Burggraf 287. 

— Otto, Burggraf, Domherr zu 
Meifsen 33 f. 

Donis, Jac, Sammtniacher Ulf. 

V. Draxdorf, Veit 296. 

Dresden 77. 141. 144f. 148f. 152. 

154. 
Droysen, G. 12 f. 
V. Druftel, A. 12. 
V. d. Duba, Ginderzich 44. 

— Heinrich 44. 

— s. a. Birke. 
Düben, Münze 142. 
Dürr, Alphons 23. 

V, Ebeleben, Georg 295. 297. 

— Nicol., Hptni. zu Sanger- 
hausen 70. 

Ebeling, Fr. 15. 

Eber, Paul 201. 

V. Eberstein, L. F. Frhr. 24. 

Eckart, Geo., in Lübeck 95. 

Eckernförde 72. 

Eger 278 ff. 

Egerer von Stein, Heinr. u. Herm. 

30. 38. 
Ehrenberger Klause 239 ff. 
Eichstätt, Bisch. 263. 
Eilenburg, Münze 143. 290. 
Eisenach 287. 



Elisabeth, Gem. d. Kurf. Ernst v. 
Sachsen 319. 

— Herzogin von Mecklenburg 
116. 

Elling, Thomas, Schlosser in 

Dresden 79. 
Emden 113. 
V. Ende, Ernfrid 292. 

— Heinrich 291. 

— Ulrich 292. 296. 

— Wolf 297. 
England 94. 113. 
Erbstein, Alb. u. Jul. 17. 23. 
Erfurt 287. 

Erich, Hz. v. Braunschweig 281. 
Ennisch, H. 4. 6. 12. 17 f. 21. 24. 
Ernst, Hz. z. Sachsen, Erzbisch, v. 
Mgdbg. 284. 288. 290 ft'. 

— Erzherzog 76 

Eryngk, Hans, Plattner zu Witten- 
berg 300 ff. 
v. Eschwege, Jost 297. 
Evers, C. 21. 
V. Eye, A. 23. 

Facbs, Dr., Rat 194. 198. 201. 

203. 222 f. 227. 
Falke, Joh. 12 16 f. 19. 23. 
V. Falkenstein, P., Frhr. 3. 15. 
Faust, Hans, in Meifsen 83. 
Ferdinand 1., König 205 ff. 215. 

228 ff. 240. 243 ff. 

— Erzherzog v. Österreich 212. 
306. 308. 

Fiedler, H. 23. 

Fietz, Chr. 22. 

Flacius 227. 

Flathe, Th. 9. 15. 21 f. 

Flemming, M. 19. 

Florenz, Herz, von 306. 

Förstemann, Jos. 6. 

Förster, Dr., Domprediger in 

Merseburg 195. 216. 
Francke, F. A. 20. 
Frankfurt a. M. 106. 108. 115. 253. 
Frankreich 76. s. a. Heinrich. 
Frantz, A. 14. 

Franz, Hz. v. Lüneburg 194. 199. 
Frasy, Hieron , in Augsburg 96. 
Frauenlob, Kammermeister 140 f. 

147. 
Fraustadt, Alb. 10. 24. 
Freiberg 78. 91. 104 f. 106. 108 ff. 

150. 161 ff. 317. 
Freiburg 142. 



352 



Register. 



Fresse, Bisch, v. Bayonne244. 249f. 
Fricker, K. V. 16. 
Friedberg, E. 22. 
Friedrich d. Freidige, Mkgf. v. 
Meifsen 39. 

— d. Strenge, Mkgf. v. Meifsen 
39. Ö3. 

— d. Streitbare, Ivf. v. Sachsen 
57. 324. 

— II., Kurf. V. Sachsen 317. 320f. 

— d. Weise, Kurf. v. Sachsen 283. 
300 f. 319. 321. 

— d. Friedf., Ldgf. v. Thüringen 
323 f. 

— Mkgf.v. Brandenburg 292. 294. 

— IL, Kc V Dänemark 94 f. 

— Xuif.v. d. Pfalz 2.->8. 266. 270 f. 
277. 

Friedrich August I., König v. 

Sachsen 158. 
V. Friesen, H., Frhr. 22. 

— L., Frhr. 20. 

— R., Frhr. 15. 

Fuchs, Anton, in Lübeck 95. 

— Hans, in Leipzig 87. 92 ff. 
110. 112. 117. 

— Michael, in Torgau 92. 
Fugger 256. 

Funke, Bastian 65. 

— Haus 65. 

— Michael, Dr , Anwalt am 
Reichsgericht in Speier 65. 
88. 116. 

Für.stenau, M. 22. 

V. Fürstenberg, Friedr., Graf 273. 

Gablenz bei Sommerfeld 53. 

Gaedeke, Arnold 13. 

Gadt, Ludw., in Leipzig 92. 

Ganger, Hans, in Augsburg 96. 

Gaufried, Bisch, v. Carpentras, 
päpstl. Legat 42. 

Gautsch, K. 10. 24. 

Gebauer, H. 20. 

V. Geilenkirchen, Konr., iu Ant- 
werpen 96. 

V. Geilsdorf, Heinr. 296. 

Geinitz, B. 9 18. 

Geithain 33. 

Georg, Markgr. v. Meifsen 324 f. 

— Hz. V. Sachsen 12. 61. 285. 
288. 290. 292. 

— Fürst V. Anhalt, Koadjutor v. 
Merseburg 195. 199. 201 f. 213. 
216. 218f. 222. 224f. 233f. 



Georg, Hz. v. Liegnitz u. Brieg 98. 
G eorg Friedrich, Mkgf v. Branden- 
burg -Ansbach 235. 
Georgonthal 287. 
V. Gera, Herren 38. 

— Heinr. (d. Ä.), Vogt 39 f. 

— Heinr. (d. Ä. u. d. J.) Herren 
von G. u. Schleiz 282. 292. 296. 

Gerber, ]\Ior. 19. 

Gerlach, H. 5. 

Gersdorf, E. G. 6. 

Gersdorf bei Ernstthal 37. 39. 

Gefs, Felician 12. 

Geyer 93. 

(iienger, Georg 246 f. 260. 

Glafey, Woldemar 12. 

Gledenstede, llelniuld, Mag. 57. 

V. Gleichen, Ernst, Ludw., Sigrad., 

Wolfg., Grafen 287. 292. 294 f. 

297. 
Göding, Heinr., Maler 81. 158. 
Gommcrn 140 ff. 
Görlitz 42. 46 ff". 
Goslar 135. 
Gössel, Chrf. 106. 
Goetz, Walther 13. 
Granvella 225. 240. 269. 272. 
Greser, Superint. in Dresden 195. 

216. 
Griebe, Jacob, Goldschmied in 

Leipzig 79. 92 f. 
Grimma 229. 

Grofs, Chrf., Hofmstr. 284. 
Grofsenhain, Münze 140 f. 
Grofsschedl, Franz, Plattnor in 

Landshut 306. 
V. Grumbach, Wilh. 269. 
V. d. Grün, Wilh. 296 f. 
Grünhagen, C. 15. 
Grünhain, Kloster 27 ff. s. Brüuing, 

Konrad, Luppold. 
— Münze 140. 
Gruning, Joh., Notar 52. 
Grünthal 107. 143. 
Gurlitt, Cornel. 9. 22. 

Haan, W. 21. 

Haase, Heinr. 258. 263. 

Hain, Nicol., Schösser in Meifsen 

112. 
Haintzel, Job., Bapt., Augsburg. 

Gesandter 247. 250. 
Hall)er.stadt s. Henckel. 
1 lallwich, IL 13. 
Hambiiri-- 92 ff lOüf. 113. 135, 



Register. 



358 



Hampel, Aiidr , Kammernistr. 66. 
Hans, Markgf. v. Braudeuburg- 

Küstiiu 199 if. 205 ff 212 f. 216. 

224. 233 ff. 239 f. 242. 251. 253. 

262 f. 266. 277f. 

— d. J., Hz. V. Holstein 100. 
Hantzsch, Ad. 23. 

Hark, F. S. 14. 
Harrer, Aug. 65, 116. 

— Ernst 65. 

— Hans, Kamraermeister 63 ff. 

— Hans, Lautenist 65. 

— Melchior 65. 
Hartenstein, Grafschaft 38. 

— s. Nicolaus. 

Hartmannsdorf b. Kircliberg37. 39. 
Hasse, E. 19. 

— H. G. 21. 
Hassel, P. 13. 15. 

V. Haiigwitz, Christof 315 f. 

— Georg, Kanzler 319. 321. 
Hauu, J. P. 20. 

V. Hausen, Clemens, Frhr. 24. 
Heidelberg 268 ff. 
Heidenreich, Michel 85. 
Heinitz, Albr. 116f 
Heinrich, Hz. v. Sachsen 12. 122. 

— angebl. Sohn Kf. Friedr. II. 318. 

— IV., Burggraf V. Meifsen, Herr 
V. Plauen, Kanzler 240. 260. 
280. 

— (d. Mittl.), Hz. V. Braunschweig 
288. 292. 294 f. 297. 

— (J. J.), Hz. V. Braunschweig 
206. 262. 266. 278. 299. 310 f. 

— II. , Kg. V. Frankreich 244. 
247. 249 f 256. 261 ff 280. 

— Hz. V. Jauer 46. 48. 

— Hz. V. Mecklenburg 289. 292. 
294. 297. 

— Graf V. Nassau 75. 

— Pfarrer in Löfsnitz 33 ff. 

— Pfarrer in Schönau 35. 
Heibig, G. 13. 

Heiding, Mich., Bisch, v. Merse- 
burg 225. 233. 235. 
Helfrich, Chrf , in Wien 97. 
Heller, H. 19. 

— Joachim, Matheni.u.Musiker83. 
Henckel, T., Pfarrer in Halber- 
stadt 150. 

V. Henneberg, Wilhelm Graf 287. 

292. 294. 297. 
Herbrot, Jacob, in Augsburg 243. 

256. 259. 

Neues Arcliiv 1'. S (i. ii. .\. XV. 3. 4. 



Hermann(II.), Burggraf v. Meifsen 
28. 

— (III.), Burggraf V. Meifsen 33 f. 

— David, Kreissekretär 133. 138, 

— Georg, Karamermstr. 66 f. 69. 
V. Herraansgrün, Cunz 292^ 
Hermsdorf a. d. Röder 86 f. 89. 

101. 

— Papierfabrik 109 f. 
Herrmann, E. 14. 

— W. 18. 
Herzog, E. 8. 21. 
Hesse, Zeugwart 161. 

Hessen 100. s. a Philipp, Wilhelm. 
Hey, Gustav 10. 
Heyden, Heinr. 21. 
Heydenreich, E. 18. 23 f. 
Heyne, Job. 20. 

— Marx in Lübeck 95. 
V. Hilst, Adrian 105. 
Hingst, C. W. 21. 23. 
Hoftner, Matthes 108. 
Hofmann , Hans , österr. Staats- 
mann 240. 

— R. 24. 
Hofmeister, G. Eb. 9. 

V. Hollenstein, Ernst, Graf 288. 

— Witwe 287. 
Hohnstein, Amt 157. 
Holstein s. Hans. 
Holzenhain, Wüstung 28. 30. 
V. Hopfgarten, Georg 292. 

V. d. Hoya 289. 
Hoyers werde 43 f 
Hübner, Jul. 22. 

— Karl 14. 

— Leonh. in Nürnberg 96. 111. 
Hund, Hans, Landvogt zu Sach- 
sen 289. 

Hundt, Wigelius, bair. Kanzler 

274. 277. 
Hussiten 314. 

Jahn, J. G. 23. 

Jauer s. Heinrich. 

V. Jarochowski, Kasimir 14. 

Jeuitz , Hans , Kammersekretär 
70. 75. 85. 92. 105. 108 ff'. 118. 

Jhan, Bartel, Tischler 79. 

Interim 193 ff. 

Joachim IL, Kurf. v. Branden- 
burg 194. 205 ff. 212f. 216. 218. 
223. 231. 2.35. 266. 277 f. 

Joachim Ernst, Fürst v. Anhalt 
88. 100. 

23 



354 



Register. 



Johann (d. Best.), Kurf. v. Sachsen 
283 ft'. 311 f. 

— König V. Böhmen 46f. 50 f. 

— V. Luxemburg- 45 ff. 

— Grf: V. Nassau 75. 

— d. Ä., Herzog v. Schleswig 96. 

— III. (v. Kittlitz), Bisch, v. 
Meifsen 313 f. 

— IV., Bisch. V. Meifsen 315. 

— VI., Bisch. V. Meifsen 316. 

— VIII., Bisch. V. Meifsen 195. 
199. 201 ff. 

— (v. Schönberg), Bisch. V.Naum- 
burg 287. 292 ff. 

Johann Albi-echt, Hz. v. Mecklen- 
burg 240. 242 f. 250. 252 ff. 

Johann Friedrich, Kurfürst v. 
Sachsen 240. 243. 253. 255. 
262 f. 267. 277 f. 282. 311 f. 

Johann Georg I., Kurf.v. Sachsen 
133 ff. 

Johann Georg, Kurf. v. Branden- 
burg 76. 310 f. 

Johann Kasimir, Pfalzgraf 76. 
78. 160. 

Johne, Alb. 20. 

Irmisch, Hans, Baumeister 78. 161. 

Ifslcib, Simon 12. 

Julius III., Papst 231. 

Jung, Nathanaei 96. 

.lung, Timotheus, kurbrdbg. Bat 
209. 232. 

Jüterbogk 209. 219. 

Kaaden 27. 

Kalinsdoi-f bei Luckau 57. 
Kamenz 48. 57. 
Kämmel, 0. 8f. 13. 
Karl IV., Kaiser 35. 39. 42 ff. 
16 f. 49ff. 313. 

— V., Kaiser 120. 193ff. 237ff. 
Karras, Kasp., zu Godersdorf 101. 
Kasimir, König von Polen 320. 
Kaspar (v. Schönberg), Bisch, v. 

Meifsen 315. 
Katharina, Gem. Hz. Hciiirichs 

V. Sachsen 326 f. 
Keltzsch, Balth.,Kammcrmstr. 66. 
Kiesewetter, Hieron., Kanzler 1 Ol . 
Kipper- u. Wipperzeit 1 19if. 
V. Kirchberg, Geoi'g, Burggraf 287. 
Kirchhoff, Albr. 19. 
V. Kittlitz, Heinr., auf Baruth u. 

Muskau 313. 

— Job. 57. 313. s. a. Johann. 



V. Kittlitz, Otto 313. 

Kluckholm, A. 13. 

Kuothe, Ilerm. 6. 11. 13. 17. 19. 

21. 23 ff. 
Koch, Ernst 11. 

— Urban, in Wittenberg 302. 
V. Köckritz 24. 

Kohl, Dietr. 13. 

Koller, Sachs. Rat 235. 

Köln s. Wied. 

König, Kasp., in Leipzig 92. 

Köuigsbrück 44. 

Königswalde liei Werdau 37. 39. 

Konitz, Schlacht 320. 

Konrad, Abt von Grünhain 34. 

Körner, Ferd. 14. 

Kraft, Paul, Schichtmeister 105. 

Krakau, Georg, Dr. 102. 118. 

— Paul 102. 
Kram, Franz 225. 
Kramer, Georg, in Prag 97. 

— Heinr., v. Claufsbach 92. 95. 

— Hieron., Arzt 94. 
Kranach, Lukas, d. J. 81 f. 85. 307. 
Krell, Kanzler 171. 

v. Kretschmar, A. 20. 

Kreuziger 193 ff 201. 213. 

Krewl, Valten, Kammermstr. 6(). 

Krey, Paul 17. 

Kreyssig, A. H 21. 

Kriehel, Friedr.. in Lübeck 95. 

v. Krosigk, K. 24. 

Kurze, Friedr. 8. 

V. Kyaw, H. R. 24. 

Lanipius, A., Pfarrer 150. 
Langensalza 140. 
Langer, R. O. 10. 
Larrafs, J. A. 20. 
Laueiihain b. Crimmitschau 37. 39. 
Lausitz 41ft'. 
Lauterbach, Partei 118. 
Lcchler, Gotth. 5. 
Leipoldt, G. 8. 

Leipzig 92. 106. 115. i33ff. 144. 
146. 150. 152. Univ. 54 ff. 

— Landtag (1548) 219ff. 
V. Leipzig, Christof 289. 

— Ernst 296. 
Leisering, A. G. T. 22. 

V. Leisnig, Hugo, Graf 288. 

Lelius, Georg, Küster zu Witten- 
berg 305. 

Lemcker, Hans. Goldschmied in 
Nürnberg 80. 84. 



Register 



355 



V. Lenterslieim, Veit 292. 
Lerfsener, Heinr., liess. Gesandter 

249. 
Leukersdorf b. Löfsnitz 33 f. 38. 
V. Leuthen, Sighaid 53. 
Leuthner, Hans, Rüstmeister 310. 
Leuthold, C. E. 16. 18. 24. 
Leytz, Hans, in Danzig 95. 
Lichtenberg 143. 287. 300. 
Liebenwerda 143. 
Lieberose, Herrschaft 313. 
Liegnitz s Georg. 
V. Linar, Rochus, Graf 97. 161. 
Lindau 253. 

— M. B. 23. 
Lippe s. Simon. 
Lippert, W. 10. 22. 
Lissabon 94. 96. 109. 115. 
List, Sifrid 53. 

Löbau 51 f. 

Lobe, E. 17. 

Lobeck, J. L. 0. 10. 

Lohmen, Papierfabrik 109. 

Loening, Edgar 16. 

Loose, W. 24. 

Lorck, Carl B. 19. 

Lorenz, G. 23. 

Löfsnitz s. Heinrich. 

Lotter, Albr., in Prag 78. 97. 

— Hieron. 77. 105. 

d. J. 78. 

Lübeck 72 76 95. 106. 

— Nico!., Protonotar 58. 
Lucia (Visconti), Gem. Friedr. d. 

Friedf. 323 f. 
Ludwig IV., Kg. 46 ff. 50. 

— (I.), Mkgf. V. Brandenburg 42. 
45 ff. 

-' — (IT. d. Römer), Mkgf V.Branden- 
burg 53. 

— (d. Reiche), Hz. v. Baiern 284. 

— Graf V. Nassau 75. 
Lüneburg s. Franz. 
Luxemburg s. Johann, Wenzel. 

Machatschek, Ed. 21. 
Magdeburg 204 ff. 

— Erzbisch. 266. s. a. Ernst. 
Magnus IL, Hz. v. Mecklenburg 

289 f. 292. 297. 
Mähren 97. 
Mailand 89. 97. 
Mainz 96. s. a. Sebastian. 
Major, Joh., Mag.inWittenberg 83. 
Manlicher, Melchior 85. 



V. Mansberg, Richard, Frhr. 23. 
Mansfeld, Kupferbergwerk 106 f. 
V. Mansfeld, Grafen 107. 137. 287. 

— Günther, Graf 288 

— Volrad, Graf 257. 262. 
Margarete, Gem. des Lgf Bal- 
thasar 322 f 

— Gem. Kurf. Friedr. II. 318. 321. 

— Herzogin v.Brauuschweig 286. 
288. 294. 

Maria, Gem.K. Maximilian IL 309. 
Markersl)ach bei Pirna 65. 86. 
Marschall zu Pappenheim, Ssbast. 

292. 
Martin, Jakob, Goldschmied 80. 
Mating-Sammler, A. 19. 21. 
Mätsperger. kaiserl Kommissar 

259 f. 
Matzdorf bei Sommerfeld 53. 
Max, Herzog zu Sachsen 17. 
Maximilian IL, Kaiser 70. 98. 309. 
Mayer, Job., Kammermeister 66. 
V. Meckau, Heinr. 314. 
Mecklenburg s. Albrecht, Anna, 

Elisabet, Heinricü, Joh. Al- 

brecbt, Magnus, Sophie, Ulrich. 
Meier, Theologe, in Wittenberg 

193 195. 216. 
Meiuher (11.', lll'. IV.), Burggraf 

V. Meifsen 28 ff. 
Meifsen 110. 194 ff. Markgrafen s. 

Friedrich, Georg, Wilhelm. 

— Bistum 56 f. 287. 290. 293 f 
313 ff. s. .Johann, Kaspar, 
Rudolf, Thimo. 

— Burggrafen 38. s Albert, Hein- 
rich. Hermann,Meiuher,Sophie. 

Melanciithon 193ff. 197. 200f. 
204 f 207 f 211 ff. 234 f. 

Meltzer, Otto 21. 

Memmingen 273 ff'. 

Mergenthai, Hans 296. 

Merkel, Aemil 16. 

Merseburg 90. s. Heiding, Tylo. 

Metz 90. 262 ff: 270. 

Metzsch, Kasp. 296. 

Meurer, Jörg, augsburg. Ge- 
sandter 247. 

Meuser, Casp., Buchbinder 81. 

Meyer, F. Herm. 19. 

Michaletz v. Michalowitz, Joh. 45. 

Micbel, Thoraas, Gärtner 160. 

Milberg 22. 

Milchliug T. Schonstadt, hess. Ge- 
sandter 249. 

23* 



356 



Register. 



V. Minckwitz. A. 20. 24. 

— Hans 289. 

Mirus, Mart. , Hofprediger 163. 

16.5. 168. 
]i[ittweida 152. 
]\[olir, X. A. F. 9. 
V. Mouttbrt. Graf 84. 

— Hang, Graf 273. 
IMordeisen, Dr., Kammerrat 71. 
Moritz, Kurf. v. Sachsen 12. 63. 

122. 162 f. 193 ff. 237 ff'. 307 327. 
Moritzburg- 167. 
Moschkau, A. 4. 
Müstel, Theod.. Dr. 134. 
Müller, Georg 12. 21. 

— Joh. 7. 21. 

— Lanx, Kupferschmied 79. 
Mülstetter, Chrf. . Apotheker in 

Mainz 80. 96. 
V. Mülverstedt, A. 24. 
My, Nicol , in Strafsburg 96. 

Nassau s. Heinnch, Johann, 

Ludwig. 
Naumburg 134. 150. s. Johann, 

Pflug. 
Nefe, Dr., kurf. Leibarzt 77. 
V. Neuraark, Hans u. Melch., 

Hauptleute zu Zwickau 39. 
Neustadt a. 0. 140. 
Niederlande 76. 
Niederlausitz 41 ff. 
Nicolaus (v. Carlowitz), Bisch, v. 

Meifseu 233 

— Pfarrer in Hartenstein 35. 
Nosseni, Giov. Maria 82. 

V. Nostitz 24. 

Nürnberg 90. 9(>. 108. 114 f. 1.34 
249. 259. 262 f. 266. 269. 

Oberhohndorf bei Zwickau 31. 
.34. .37 ff. 

Oberlausitz 41 ff. 

Obernburger, österr. Staatsmann 
240. 

Obersächs. Kreis 123 ff. 

Oberwesel 24.3. 

Öder, Matthias 8. 

V. Ölsnitz, Herrn., Konr. u. Reim- 
bert .35. 

Opel, J. 0. 8. 13 22. 

Opitz, H. G. 16. 

Oppeln bei Löbau 51. 

V. Oppersdorf, Hans, kgl. Ge- 
sandter 205 f. 210. 



(Jrtenborg, Graf zu 287. 

V. Ortmanusdorf, Günther 33f. 

Oschatz 152. 

V. Osse, Melchior 201. 2lOf. 21.5. 

218. 
Ossegg, Kloster 28. 
y. Osterhausen 140. 151. 
Österreich s. Ferdinand. 
Ostra bei Dresden 160. 
Ottheinrich, Pfalzgraf 242 f. 249 f. 

252 ff. 161 f. 266. 
Otto, Hz.v. Braunschweig 292. 297. 

— V. K). 

Padua 102. 

Y.Parkentin, Joh.. Bisch, v. Ratze- 
burg 289. 292. 294. 

Passauer Vertrag 237 ff". 

Paul 111., Paiist 228. 

Pegau 2n;iff. 219. s. Albert. 

Petermann, K. 9. 

Petzholdt, Jul. 16. 

Pfalz s. Carol, Christof, Friedlich, 
Joh Kasimir, Ottheiniieh. 

Pfeflinger, Superintendent in 
Leipzig 193. 195. 216. 

Pfeil, Joh , Dekan in Bautzen 315. 

Pfister, Marx, augsburg. Ge- 
sandter 275. 

Pflug, Jul., Bisch. V. Naumlnirg 
199 ff 227 ft-. 

— Otto 296. 

Philipp, Fürst V. Anhalt 288. 
294. 296. 

— Herzog v. Biaunschw. -Lüne- 
burg 290. 292. 295 f. 

— Landii-raf v. Hessen 209. -^^4. 
231. 241. 244. 252. 255. 266.277. 

— Infant v. Spanien 224. 269. 
Piehon, Jerume 14. 

Pirna 91. 140. 1.57 ff". 

Planer, Martin, Bei'gwerksver- 

walter in Freiberg 108. 
V. d. Planitz, Rudolf 2f»6. 
V.Plauen, Heim. .37. s. a. Heinrich. 
Plenz, Hans, in Pirna 88f. 92. 95. 
Polen 76. 89. 95. 97. 100. 113. 1.3.3. 

s. a. Kasimir, Sigisni. August, 

Wladislaus. 
Pols (Polz), Chrf., Scharfrichter 

169 ff 

— Konrad, Scharfrichter 172 ff. 

— Konrad, Sclnverdfeger 17(>ff'. 
Pommern 1.35 ff s. a. Anna, Bogis- 

law. 



Register. 



357 



V. Ponickau, Kaiuinerrat 71. 

— David 87. 

Poppel, böhm. Marschall 212. 

Portugal 70. 116. 

V. Poscliinger, H. 19. 

Posen 97. 

V. Poseni-Klett, Karl (i. lu. 

Posse, O. 6ff. 10. 

Prag 97. 

Prager, Christof, in Freiberg 91. 

Prettin 78. 

Preufsen s. Albrecht. 

Priebus 56. 

Prölfs, Eobert 22. 

V. Promnitz 97. 

Puckert, W. 17. 

V. Raab, C. 7. 
V. Rantzau, Heinr. oll. 
Ratzebiirg s. Parkentiu. 
Ravensburg 253. 

Raw V. Holzhausen, Adolf 29(5 f. 
V. Redern, Martin öS. 
Regensburg 70 ff. 89. 97. 125. 274. 
Regis 38. 
Reimann, E 15. 
Reinbardsbrunn 287. 322 
V. Reitzensteiu, Fritz 297. 
V. Remsa, Peregrin 39. 
Rentzsch, Generalwardein 1.3H.. 
Reufs V. Plauen, Heinrich d. Ä. 
u. d. M. 287. 292. 294:. 

— s. a. Heinrich. 

V, Rhenen , Heinr. , Münzmeister 

126. 143. 145. 
Richter, Fritz 11. 

— Ludwig 23. 

— Matthes, Amtsschösser zu 
Stolpen 160. 

— Michel,pfalzgrfl.Prtäzeptor 100. 

— Otto 22 ff. 

— P. E. 2. 

— Simon, in Freiberg 91. 105. 
Riese, Abr., MatheniatikeT- 83. 
Ritter, Moritz 13. 22. 
Rockrohr, Paul 10. 
Rockenberger, Andr. , Plattner 

300 ft. 

— Sigmund, Plattner 299 ff. 
Rodach 287. 

Röscher, W. 20. 
V. Roitzsch, Berthold 33 f. 
Röfsler, K. J. 22. 
Rosenberger, Hans, Plattner 304. 
309. 



Rofsraark , Heinr. , Bürger zu 

Zwickau 31. 37. 
Roth, Konr., in Augsburg 65. 96. 

109. 114 ff. 
Rottaler, Kammermeister 66. 
Rudolf II., Kaiser 124. 126. 

— Bisch. V. Meifsen 314. 
Rüge, Sophus 8. 

Rühl , Conr. , Buchdrucker in 

Wittenberg 81. 
Rye, kaiserl. Rat 244. 253. 

Saalfeld 287. 

Sachsen s. Adolf, Albrecht, Araalie, 
Anna, August, Barbara, Chri- 
stian, Elisabeth, Friedrich, 
Friedr. August, Friedr. Wil- 
helm, Georg, Heinrich, Johann, 
Joh. Friedrich, Joh. Georg, 
Katharina, Margarete, Max, 
Moritz , Sigismund , Sophie, 
Wilhelm. 

Sachsen-Lauenburg s. Sibilla. 

Sachsen-Koburg 137. 

Sachsen-Weimar 135. 137. 

Sachsenfeld bei Grünhain 28 ff. 

V. Sal, Kamraermeister 66. 

Salier, Alex., Kupferschmied 79. 

V. Salm, Graf Niclas 237. 

Salzburg, Erzbisch. 273. 

Sammler s. j\Iating-Sanimler. 

Sangerhausen 142. 

Safs, E. 24. 

Schade. Martin, Schichtmstr. 105. 

Schäfer, G. 19. 

Schaffgotsch, Ohrf. 106. 

— Hans 106. 
Schafhirtsche Papierfabrik in 

Freiberg 109. 
Schaller, Chrf 87. 
Schamberger, Erhard 85. 
Schanz, Peter, Tischler 79. 
V. Scharfenstein 297. 
Schelhammer, Kasp. 92. 
Schenk v. Landsberg, Hans 287. 

289. 

— V. Tautenburg, Hans 287 f 295. 
Schetwitz bei Zwickau 37. 39. 
SchiIling,Gregor,Kammermstr. 66. 
V. Schimpff, G. 16. 20. 

— H. 20. 

— 0. 14. 20. 
Schlegel, Albr. 297. 
V. Schleinitz 103 f. 

— Chrf. 104. 



358 



Register. 



V. Schleinitz, Hn-old 'mf. 
Schlciz 28. 
Schlesien 97. 
Schleswig' s. Johann. 
Schiettau 35. 
Schlonika, E. V>. 
Schmidt. Berth. 7. 10. 

— Fvicdr. , Ratsherr in Breslau 
7;j. 77. 89. 97 ff. 107. 

— .Tul. 19. -.IZ. 

— Ludw. 6. 
Schmollcr, (J. 18. 
SchncL'lierg 108. 
Schnet'W('i(s,Hans,in Dresden 14'). 

— Urban, (J oldschnüed in Dresden 
80. 99. 103. 

Schnorr V. Carolsfeld, Franz 2.3. 2(i. 

— Jul. 23. 
Scholz, Oskar 13. 
Schomburiik, W. 12. 

V. Schönaich, Eupheniia (ueh. v. 
Seidlitz) 103. 

— Fabian 102 f. 

— Hans Genr^^ 103. 108. 
Sehönan s. Heinrich. 

V. Schonberg, Beruh. 24. 

— (i. 20. 

— Hans, kurf. Rat 2 10 f. 215. 

— Heiniich 157. 

— Johann. Bisch, v. Naumliurg 
287. 292 ff. 

— Kaspar, Bisch, v. Meifsen 315. 

— Kasp., zu Teplitz 104. 113. 

— Kasp., auf Purschenstein 160. 

— Kasp., ßerghanptin. 139. 142. 
V. Schönbui-g, die 38. 

— Anton, (Iraf 288. 

— Wolf, Herr 29(1 

— Witwe 287. 

Schönleben, ^lich. , Hüttenver- 
walter 97. 99. 107. 110. 
Schönwälder 19. 
Schnberth. (i. W. 24. 
Schnitze, Walther 2. 
Schulze, Ed. O. 10. 

— Herrn. IH. 
Schurtz, Heinr. 18 f. 
Schu.-^ter, O. 20. 
Schwal)e, Ludwig 12 f. 
Schwarz, Georg, Papierfabrikant 

109. 
Schwarzburg 137. 
V. Schwarzburg. Grafen 100. 

Günthei' 287. 289. 292 294f. 

Heinrich 288. 29(i. 



V. Sclnvarzliurg, Wilhelm 97. 
Schweden 7(1. 
Schweicker, Chrf. 85. 95. 
Schwendi, Lazarus 251. 
Sebastian, Erzbisch v. Mainz 243. 

248. 258. 2H8. 271. 
Seelfisch, Sam , Buchdrucker in 

Wittenberg 81. 
Seeliger, K. 21. 
Seidemann, Job. Karl 11. 
V. Seidlitz, W. 19. 
Seid. kais. Vizekanzler 240. 244. 

253. 2(i9. 
Seinecker, Nikol. 83. 
Senftenberg 44. 
Sibilla, Gem. d. Hz. Franz v. 

Sachsen- Lauenburg 327. 
Sidonie, Gem. d. Hz. Erich v. 

Braunschweig 74. 
Siegel, Edwin 19. 
Siegismund, 0. 10. 
Sie vershausen 281. 
8igismund, Kaiser .35 ff. 44 313. 
Sigismund, Hz. v. Sachsen, Bisch. 

V. Wiirzburg 325 f. 
Sigismnnd, Augu.st, König v. 

Polen 201. 213. 
Simon, Graf zur Lippe 288. 
Simon, A. 19. 
Sittichenbach 30f. 
Sitzerode 70. 78. 
Solingen ]()9. 
Sophie, Gem. des Hz. Johann v. 

Sachsen 283 ff. 

— Buiggräfin v. Moifscn 33 f. 

— Herzogin v. Mecklenburg 28(). 
289. 294. 

Spanien 76 s. a. Philiiip. 
Speck, 0. 24. 
Sperling, Oskar 11. 
Spet, Georg 257 f. 265. 

— Kasp. 29(). 

V. Speyer, Plattnerfamilie 304. 

— Peter, Plattner .305. 309. 
Spiegel 297. 

Spiegelberg, Frdr., Graf zu 288. 
Spiritello, Ambrosio, zu Prag 97. 

111. 
Sponsel, J. L. 22. 
Spremherg 44. 
V. Sprinzensteiu, Frhr. 82. 
Stade 113. 

Stamler, Phil., in Augsburg 84.96. 
V. Starschedel, Georg 296. 
Starzeddel bei Guben 53. 



Kegister, 



359 



Stecke, Rieh. 9. >■>. 

Stegemami, Martin, Pfarrer zu 

Bischofswerda 315. 
V. Stein, Familie 38 s. a. Egerer. 

— Heidenreieli 28. 30. 

V. Steinberg, Adrian, Hauptmann 

zu Wittenberg 299. 
Steinlein 297. 
V. Steniberg, Fritz 29(i. 
Stettin m. 

Steytau, Barthol. .Kamniermstr.66. 
Stolberg, Graf Bodo 287. 

— Graf Heinrich d. J. 288. 295. 
Stolberg -Wernigerode 135. 137. 
Stolpen 157 ff. 315. 

Storkow 60. 

Stoewer, R. 11. 

Strafsburg 96. 

Straufs, Heinr., Baumgärtner 160. 

Strogotitz, Adam 101. 

Stübel, Bruno (i. 8. 22. 

Süfs, P. 21. 

Süfsefleisch, Hans 157. 

V. Süfsmilch gen. Hörnig, Mor. 20. 

Taillandier, St. -Rene 14. 

Taucha 142. 

Teuchern 87. 

Thümer, K. A. 21. 

Tliüringen s. Albreclit, Balthasar, 
Friedrich, Lucia. 

Thyle, Joachim, Kammennstr. 66. 

Tirol 45f. 50f. 

Tobias, A. 24. 

Torgau 70, 82. 92. 112 ff. 2 12 f. 
285 ff. 

Torisan, Laux, in Florenz 111. 

V. Trautson, Brigitta, Freifrau 73. 

Trefftz, Job. 13. 

Trendler, Chrf. , Baumeister 161. 

Trient, Konzil 231 f. 238. 248. 

Trier, Kurfürst 271 s. a. Balduin. 

Triller, Joh , Hofprediger 81. 

Truchsefs, Wilh. 273. 

V. Tümpliug, W. 24. 

Türken 246. 251. 260 ff. 279. 

Tylo (v. Trott), Bisch, v. Merse- 
burg 287 f. 293 f 

Tymmermann, Färber, in Nürn- 
berg 114. 



Überlingen 253. 
Uhlirz, K. 10. 
Ulbiicht, J. Fr. F. 
Ulm 243. 273 ff". 



19. 



Ulrich, Hz. v. Mecklenburg 100. 

— P. W. 22. 

Unwirth, Gregor, Kammermeister 

66 f. 
V. Uttenhofen 30 f. 

V. Yalois, Heinr. 76. 

Veilsdorf 287. 

Vetschau i d. Niederlausitz 53. 

V. Vielau, Konr. u. Reinbot 33 f. 

Villach 251 ff. 

Visconti s. Lucia 

de Viitallibus (Vitallius), Ludov. 

Ulf. 
Vitzthum V. Eckstädt, A. C, Graf 

13. 

— C. F., Graf 14f. 
Voigt, F. 10. 

— Georg 12. 

Wachsmuth, W. 2 f. 

Wagner, E. G. Th. 20. 

Wähle, G. 18. 

Wall Witz, Sebast. 102. 

Walter, Brosius, Tischler in 

Dresden 78. 
V. Weber, Karl 3. 13 ff. 
Wegele, F. X. 10. 
Weichmann, Dan. 304. 
Weida 140. 

— Heinrich, Herr von 287 f. 292. 
296. 

Weigand, Arnold, Schreiner in 

Augsburg 79. 
Weingarten, Abt von 273. 
Weinolt, Georg, Goldschmied iu 

Dresden 80 
V. Weifseubach, Wolf 292. 296. 
V. Weifsensee, Dietr. 53. 
V. Welck, A 20. 
Weite, Moritz 8. 
Wenck, C. 8. 11. 

— Wold. 12. 

Wenzel, König 45. 51 ff. 313. 

— Hrz. V. Luxemburg 46. 
Wernicke, E. 23. 
Wernigerode, Hütte 107. 
V. Werther 140. 
Westerfeld, Wüstung 29 f. 
Wetzer, Mathes, in Nürnberg 96. 
Wichmann, Jochem. in Hamburg 

94 f 100. 
V. Wied, Herm., Erzbisch, v. Köln 

240. 
Wielicka, Salzbergwerk 95. 



360 



Register. 



Wien 07. lOti. 

V. Wietersheim, Eduard 10. 15. 

V. \\'ildenfels. Auark 34 287. mx 

— Heinricli U. 287. 

— Johann ;54. 

Wilhelm I., Markgraf v. Meifseu 
323. 

— II., Markgraf V. Meifsen 57. ,324. 

— III , Hrz. V. Sachsen SliJff. 32(>. 

— Herz. V. Braunschweig-Liine- 
bnrg 100. 

— Landgraf V. Hessen 242. 249 f. 
252 ff. 261. 264. 271. 

Winkler 14. 20. 

Winter, Franz 10. 

W intzenberger, Dan ,Po.st mstr.75. 

Wittenberg 81. 99. 143. 150. 299ff. 

Witter, Jul. 12. 

V. Witzleben, C. D. 15 f. 

— Dietr. 296. 

Wladislans, Kg. v. Polen 316. 
Wolf, Graf v. Anhalt 297. 

- Tobias, Medaillenr l(i6. 
Wulff', Adam, ans Nürnberg, 
Panmgärlner 160. 



Wolkenstein 108. 

Woermann, K. 23. 

V. Wunsdorf, Graf 288. 

AVürttemberg 243 s. Christof. 

Würzburg 249. 262 f 26(i. 269. 

271 s. a. Sigismuud. 
Würzen 152. 287. 
Wustmann, G. 22 ff'. 
Wuttke, Heinr. 23. 
— R. 17. 20. 



Zahnraacher, Christof, Hauptm. 

der Guardy 116. 
V. Zaschwitz, Heinr. 296. 
Zasius, kais. Kommissar 259 f. 
V. Zedtvvitz, Arthur, Frhr. 25 
V. Zeutzsch, Chrf. 66. 
Ziegeler, Niclas 314. 
Zittau 53. 61. 
V. Zobel 99. 
Zöllner, C. VV. 24. 
— R 18. 
Zwickau 32 f. 37 ff". 140. 148 f. 224. 

285. 



Nachtrjtg zu S. UV.). 

Zu meiner Angabe (XIIT, 338), die Kurfürstin Anna sei am 
1. November 1585 in Freiberg beigesetzt worden, ist oben S. 163 uach 
Möllers Freiberger Chronik beliauptet worden, es sei dies am nächsten 
Tage geschehen. Meine C^uelle ist der üriginalbericht Fuchners un(l 
Nossenis an den Kurfürsten August, d. d. Dresden, 5. November 
genannten Jahres, im K. S. Hauptstiatsarchive (III, 1 fol. 8 No. 2 
Rl. 91 flg.), in welchem es also heilst: 

„So seindt mir auch gott lob aliiie allen schaden den 1. tagk Nov. 
mit der hocbfurstlichen leiche weylandt euer churf gn. geliebten 
gemhall zu Freybergk ankommen und, nach aii<;eor|d]neten procefs 
und gehaltener predig, in nahmen der heyligen Dreyfaltigkeitt, nach 
euer churf. gn. anordenung in die vorwarunge geleget". 

Distel. 



llui'lidiiii'ki'ii'i ilor Virlugsimntlliing. 



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