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Full text of "Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems, insbesondere über Hysterie"

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ItÄMSi 




?ir 



from the library of: 
Elisabeth S. Edwards, Ph.D 



LANEMBKCAIUSÜAW 
ÏTAhFCRD UUVtRSIT» 
MEDICAt CENTER 
STANFORD, CAUF.Mä 




Neue Vorlesungen 



Aber die 



Krankheiten des NervensTsteis 



insbesondere über Hysterie. 



Von 



J. M. CHARCOT. 



Autorisirte deutsche Ausgabe 



von 



D«- SIGM. FREUD, 

Docent für Nervenkrankheiten an der k. k. Uniyersit&t in Wien. 



Mit 59 Abbildungen. 



LEIPZIG UND WIEN. 

TOEPLirZ & DEUTICKE. 

1886. 



Alle Rechte vorbehalten. 



Vorwort des üebersetzers. 



nac 

voll 



Kin Untei-nehmen wie das vorliegende, welches bezweckt, 
den Lehren eines klinischen Meisters Eingang in weitere ärzt- 
liche Kreise zu verschaffen, wird wohl keiner Rechtfertigung 
bedürfen. Ich gedenke daher nur wenige Worte über die Ent- 
stehung dieser Uebersetzung sowie über den Inhalt der darin 
wiedergegebenen Vorlesungen zu sagen. 

1 ich im Winter l8ëb zu fast halbjährigem Aufenthalte 
nach der Salpêtrière kam, fand ich, daas der — mit 60 Jahren in 
voller Jugendfriache arbeitende — Prof, C'harcot sich von dem 
5 Studium der in organisch en Veränderungen begründeten Nerven- 
Icrankheiten abgewendet habe, um sich ausschliesslich der Er- 
fbraehung Her Neurosen — und zwar besonders der Hysterie — 
'zu widmen. Diese Wandlung halte an die in der EröfFounga- 
vorleaung dieses Buches gesehitderten Veränderungen an- 
■ geknüpft, welche im Jahre 1882 in den Arbeits- und Lehr- 

^^^Kibedtngungen Cljarcot's eingetreten waren. 
^^^H Nachdem ich das anfängliche Befremden über die Er- 
^^^K^bniase der neueren Untersuchungen Charcot's überwunden 
^^^^und die hohe Bedeutung derselben würdigen gelernt hatte, bat 
^^^Bêh Herrn Prof. Charcot um die Erlaubniss, die Vorlesungen, 
l^^f^n welchen diese neuen Lehren enthalten sind, in's Deutsche 
r zu übertragen. Ich habe ihm an dieser Stelle nicht nur für die 

Bereitwilligkeit zu danken, mit welcher er mir diese Erlaubniss 

Ee, sondern auch für seine weitere Unterstützung, durch 
möglich wurde, die deutsche Ausgabe sogar mehrere 
vor der franz fiai sehen der Öffentlich ki^it zu Übergeben. 



— IV — 

Eine kleine Anzahl von Anmerkungen — zumeist Nackträge zu 
der Geschichte der im Texte behandelten Kranken — habe ich 
im Auftrage des Verfassers hinzugefügt. 

Den Kern des Buches bilden die meisterhaften und 
grundlegenden Vorlesungen über Hysterie, von denen man mit 
dem Verfasser die Herbeiführung einer neuen Epoche in der 
Würdigung der wenig gekannten und dafttr arg verleumdeten 
Neurose erwarten darf. Ich habe daher im Einverständnisse 
mit Prof. Charcot den Titel des im Französischen als ^Leçons 
sur les maladies du système nerveux. Tome troisième*' be- 
zeichneten Buches verändert, und die Hysterie unter den darin 
behandelten Gegenständen hervorgehoben. 

Wen diese Vorlesungen zu weiterem Eingehen auf die 
Forschungen der französischen Schule über Hysterie anregen, 
den darf ich auf das 1885 in zweiter Auflage erschienene, in 
mehr als einer Hinsicht bemerkenswerthe Buch von P. Richer, 
^Etudes cliniques sur la grande hystérie", verweisen. 

Wien, 18. Juli 1886. 



Inhaltsübersicht. 



^. 



Erste Torlesung. 

Zur ErSffhung. 

Die Errichlang dea kllnlsi'lien LEliratulils fCir KranklieiUn des Setvenajatema. 
— Hilfsmittel: das Si^Dlieiilians der SnlpStriäre, die AmbnUnz, die Labora- 
torien. — Bertcbtignng einer besonderen Uaterricbtsanstalt für Serven- 
pathologie. — Beoinfluagmig der Pnlbologie durcb die anatomiscbe und 
ph^diü logische WiBsentcbaft. — Unter wolclien Bedingnugen dieselbe r.alässig 
"' nosologische Methode. — Die auatomisch-kliniacbe Methode. — 
3n sind den allgemein giltigen physiologischen Oesetzen unter- 
^rhwierigkeilen des Stildinms derselben. — Simulation. Pag. 1. 



Zweite Yorlesung. 



U«bcr Muskelatrophie im Anschlust an gewiise Qelenkaerk rankungen. 

Geleukälraum!» mit nachfolgender Muske latrnpliie niid Ulliniiing. — Ver- 
änderungen der elektrischen Erregbarkeil. — Contraction bel Anwendung 
des elektriacljen Fonkens. — Steigernng der SehnenreSexe. — Nicht eolzUnil- 
licber Charakter d^r Atrophie. — Mangel einer ProporlionalitSt zwiachen der 
IntensItSt der Gelenkanffectionen und der Intensität der paralytischen nnd 

I^otropbiseben Symptome. — Die Affeclion befSIlt vorwaltend die Strecker 
t Oelflnks. — Die LKsionea der Mnskeln hängen von einer Hecnndïren 
spinalen Veränderung ab. Pag. 19. 
Ueb 



Dritte Torlasung. 



I. Der Einflass der Traumen auf die Localisalioii gewisser von einer Dispo- 
sition oder Diathese .ibbängiger Erkrankungen. — Die Cuntractur aus trauma- 
tischer Ursache bei Personen, welche einen latenten Zualand von spsstiachi 
Itigiilitat darhieten. ~ Die Steigerung der Sehnenrefleia bei Hysteri ' 

II. Das typische Bild des Qesichtahrampfea. — ContrBCtnr der 

mnskelD bei einer Hysterischen. — Simulation. Pag. SO. 




À 



Tierte Torlesung. 

Ueber Mutkelatrophien im Oefolgft von chroniichem Oelenkirhsumatlimi». J 

Uie Muskelatrophie hei acuttii, subaciiten niler cbranisi^hen Geleukal. 
BeziehiiDg zwischen di^r LocalisKtion dor Atrophie und dem Sitz der Oelenks- 
erkranknng. — Die Typen des primären ctironiscben Oeleukerhenmatiemna: 
J. Terhreitete oder prngreaBive Form, 2. localiairte oder partielle Form, 3. die 
Heberdea'achen Knoten. — Der ftllgemeine verbreitete chroDianhe Gelenka- 
rheumHliiiiiiua erzeugt Muskelatropiiie, welche vorzugsweise die Streckmiiskeln 
der erkrankten Gelenke befiillt. — Steigerung der Sebuenreflexe. — Neben 
der Atrophie besteht ein latenter Zustand von Conlractur. — Die reflcctarische 
spaalisehe Contractur aus articttlfirer Ursache. Piig. 41, 

Fünfte Torlesnng. 

1. Ueber reflecforische Muakelalrophio und reflectorische Conlractur In Folg« 

von Qeienkterkrankung. II. Ueber Migraine ophlhalmique in der Initial per iode 

der progreiiiven Paralyse. 

I. Der chronische Geleiikarbeumaliämu.s. — RËflectovische Contractur aus 
arltcalSrer Ursache. — Di fformi tüten beim chronischen Gclenkarheamatiarans; 
I. Exten Bionatypua, 2. Fleiionstypna. — Geatnltnng der Hund hei der Athetoae 
nnd bei der Paralysis agilana. — Die Qelenksveränderungen beim chrooiacben 
s hB-ngen von einer Spin ni affection ab, deren Entstehac 



dem Me char 



Uigrsii 



L9 der ßeflexacte vor sich gebt. — 11. Die progressive Paralyse 
: Ophthal rniqne im Beginne derselben. — Das Flimmer 
Skotom. — Die Hemianopsie, Png. 4it. 



Sechste Yorlesung. 



Hyaleriache Contrsctnr. — Ambljupie, — Hyaferogene Zonen. — Phasen 

den bysterO' epileptischen Anfalla. — Hysterie hei Knaben, Anfülle, permanente 

Symptome. — Die Wichtigkeit der i.iolirung als ther.ipeiitiacbes Moment. 

Pag. BS. 

Siebente Vorlesung. 

Lieber iwei Fälle von hysteriicher Coniracfur tra u m af liehen Urtprung«. 

Ueber larvirto Hysterie ohne Kram pfanf alle. — Permanente spastische Con- 
tractur ans traumstiecher Ursache. — Zwei Beobachtungen, davon eine beim 
Manne, die andere beim Weibe, — Erblichkeit. — Die Uliiarklauenhand, 
Studium derselben dorch elektrische Reizung nnd dnrch Vetwerthung der 
neiiro-miiscolären Erregbarkeilasteigerung. Pag. 79. 

Achte Vorlesung. 

Ueber zwei Fälle von hyiterischer Contractur traumatischen Ursprungi. 



I 



Prnfnng auf Simulation bei Katalepsie 



m.ttiscbeu Ursprungs. Pag. ) 



A 



Neunte Torlesung. 



Ein Beispiel v 



lud aaasetze 



; 



CuQtuaion in der liukeii Geeassgegeiid, — Fern 
Seh m er« eu. — FrUIi zeitiges Eintreten einer m< 
Muskel »trop hie. — StüruDgcn äea Harnlaaaena, der Defal^aEi')u u 
EOzaelleii Functianeu. — Bleibende Atropliie der vom S. isübiadii 
gtutaeus inferior Tfraurgten Mu»l(i;1ii linkerseits. — EleklriBche Unli 
lohnng. — Parese uud Atrophie der Gkitäfllniuskeln rechlerseib. Pag. 101 



ind 



Zehnte Torlesung. 



Ein Fall « 



Eilfte Vorlesung. 



n doppelisitiger Ischias bei Wirbelkrsbs. II. lieber Pachy- 
meningitis cervicaljt. 
Ë Doppelseitige Isubias, VerhUltiiiase, unter denen dieses Leiden auftreteu 
hann : Diabetes, gewisse Fuimeu von Mjelo-meniuglljs, Compression beider 
NervenitSnime in den 2 wischen wirbellücbern. — Die Pseudoneuralgien bei 
Krebs der Wirhelsuulï. — - II. Paehynoeningitis cervicalia bjperLrophica, 
pieudo-ueuralgische>, paralytisches und Bpastisches Stadium. — Ein bemer- 

IftWBwertber Fall, Aueheilung mit Verkürinng der Beugeninsheln der Unter- 
benkel, endgillige Wiederberstellnne durch chirurgische Eingriffe. Pag. lU. 
Karal 
KrQbt 
popsi 
fiescbi 
Mae 



Ueber e 



I Wortblindheit 



bgriffsbestimmaug der Ajibasie. — Wortblindheit (Cécité verbale). — 

|b>rabtaTe des beobacblelen Fnllca: PIHtzlichea Einsetzen der Krankheit, 

rflbergehende rechteseilige Hemiplegie und moturische Äpbasie, Herai- 

, uu voll ständige Alexie. — Bedeatung dei; Bewegungsvuratelluugun 

fttr das Verständuiss des Oeleseuen. Pag. 124. 



Zwölfte Toilesung. 



Ueber e 



^^escbicbte der Wurtbliudbe. 



1 Wortblindheit. 



Magna 

Seetionabefuud. ~ 

Bemerkungen üb ei 

welcher die Ue 



Ueber c 



Analyse von 16 hliniscJien Beobachtungen. — Fülle m 
Lucalisation. — Häufigkeit der Hemianopsie dabei. - 
die Natur und den vermuthliuhen SItx der Läaiou, vo 
niauupsie uud diu Wu rth lind hei t ubb&ngeu. Pag. 135. 



Dreizehnte Vorlesung. 



von plötzlichem Verlust der visuellen Erinnerungibitder 
für Sprachzeichen und Objecte (Qestalt und Farbe derselben). 

Die augebliclie Einheit dos GedächCnissirs. — UnabhÜngiekeit der eiuzeluen 
partiellen Erinueruugsvermegen van einander. — Eiu Fall von hoher Ent- 
wickelung dea visuellen Gedüchtnissea, — Fnmilienanlage. — Plätzliebei 
""" ' ' ' ' lucren Sehens". — Die dadurch hervorgerufene Verüuderung 
— Ersatz durch das auditive und musculäre Etinneruugs- 
Die vier BcBlandlbeilü der iiompltien Voralellung ,Worl". — 
Individuelle Verschied en heiten, Pag. 14fi. 




Vierzehnte Torlesung. 



Rechtfertig un g des UnlernebmenB. — Die frUhera EiotbeiluDg Charcot'a. — 
DieGnippe der prolopalliUcheD spinalen Amyotroijhien, aU Typus D uchenne- 
Arnn zuaamoieugefasst, enthielt eine Anzahl von Formen, welche nun aus- 
geBcbiedsD werde» milsBen. - Häufigkeit uod Mannigraltigkcit der primären 
Myopathien. — Die ParslyaÎB paeudo-hypertrophica. — Die juvenile Form der 
Muskelatropbie von Erb. — Die herediläre Form von Leyden. - Die 
infantile Form von Duuhenne. — UebergangsfoimiD, welohe gestatten, die 
einzelnen Unterarten der primären Myopatbie in enge Beziehung zu ein- 
ander zu bringen. — Neue Eintbeiturg der AmyoLruphien. 1. spinale: nj amyo- 
tropbiache Lateral^klerase, b) Typna Duchenne-Aran; 2. die primäre 
Myopathie mit ihren Unterarten. Pag. löl. 



FöDfzehnte Yorlesung. I 

Ueb«r Zittern, choreaartige Bewegungen und rhythmische Chorea. ' 

I. Das Zittern der multiplen Sklerose. — Cbaraktere des Tremors der 
Parki DBO n 'scheu Krankheit. — Die graphische Darstellung deaselben. — 
Tremor senilis; hyaleriscber Tremor. - U. Die Gruppe der rapiden Zitter- 
bensgungen, — lit. Die choreatJEchen Bewegungen. Ünregelmäsaigkeit der- 
selben, Slöruog der BewegungBrichtUag. — Chorea minor, postbemiplegisi^he 
Chorea und Albetoae. — IV. Die rhythmische Chorea, ihr Charakter, ihre 
Beziehung tut Hysterie. Pag. 170. 

Secbzelmte Vorlesung. H 

Spirltismut und Hysterie. 

EioSuas aller erregenden Momente auf die Eatwickelung der Hysterie. — 
BeBonders dea Spiritismos. — Eine kleine Hanaepidemie. — Lebensbedin- 
gungen und Wohnung. — Veranlagung. — Die AnF&lle brechen aus AolaK 
Bpiridstischer Sitzungen aus, — B «Schreibung der Anfälle bei den drei 
erkrankten Kindern. — leolirung. Pug. 182. 



Siebzehnte Vorlesung. 



FortBetzuug der Krankeugeachicbte der drei Kinder, welche iu Folge 
spiriliatiather äilKUugen erkrankt waren. — Trennung der Hysterischen 
von ihren Augthörigen. — . Die nervöse Anorfxie. — Qescbkhto eines 
Falles von Anorexie, in dem die Isolirung das Leben der Kranken rettete. 
— Anerkennung der Iherapeutischen Bedeutung d«r laoliiung in alten und 
iu maderoeu Zeiten. Pag. ISO. 



Achtzehnte Vorlesung, 

Ueber sechs Fälle von männlicher Hysterie. 



Die bj«leriache Nenrose kommt beim mäi 
lind zeigl die nümlichen Charaktera 'vrie 
sich hSuflg auch bei nicht verwrichliclite: 
Tranmn. — Kailway-spiue. — Bedeutung d 
urlheile, welche die richtige Auffassung de 



uticbeii Qeschlächte MoCg vor 
beim Weibe. — Sie entwickelt 
. Femonen im Ânschluaa an ein 
la payehischen ßhocks. — Vor- 
Hysterie behinderii. 



I 



Wechsel und die UnbestSndFgkeit der Symptome sind keine 
allgemein gütigen Charaktere der Hysterie. — Ebensowenig die Wandel- 
barkeit der Stimmung und des psjvhiflcbeu VerhaltoQB der Kranken. ~ FSHa 
TOD langjtibrigein, unverändertem Forlbeatebau der hyateriacheu Stigmata bei 
Frsnen. — Beobachtung I: Hereditäf, wiederholte Tranmeo. — Symptome: 
HemianSstheBie, bjalerogene Konen, Aura empfind an gen, psych i ach eDepreasion. 
— Charakter der Aofälle. — Beobachtung II: Ctimplicalion dea Bymptom- 
complezes mit einem eigenthämlichen, für die neurastlienische Nenroae 
charakteriatiaeheu Kopfschmerz. — Zungonbiaa und unwillkürlicher Harn- 
abgang. — Beobachtung III: Aeholichkeit der Vorgeschichte in allen drei 
'~"lleu. — Uyaterischer Tremor. — Beavbieibung der Atifülle, in deuou die 
Phase der „grands mouvumeuls" beaouders anagebildet ist. Pag. 202. 



Neunzehnte Vorlesung. 



Ueber lech« Fälle v 

(Fori 



nlicher Kyiterle. 



U 



leobachluuglV: Hcreiiitiit, SchnSchuugdiircheineaciite ErkiHukaog, Schreck. 
Anfiatfaesie in zerstreuten Herden, Anfülle. — Starre und Umwaiidelbarkeil 
r Symptome. — Beobachtung V: Hystene und Âlkoholiamua in der 
mllie. — Wiederholtea Erschrecken. — Anfälle unter dein Bilde der par- 
Uellen Epilepsie. — Beobachtung VI: Moralische Entartung des Kranken. 
— Sturs Yom Gerüst, — Monoplegie des linken Armes von Anäatheaie be- 
gleitet. — Schwierigkeiten der Diagnose bei Vorhandensein eines organiachan 
Herzfehlera. — Auascbliessnng einer materiellen Eikrankuug. — Hervor- 
rufung der Anfälle darch Reisung einer liysterogenan Zone. — Besserung 
der Mûnoplegie. — Wiedereintritt der Lähmung in Folge von Suggestion. 



;. 225, 



Zwanzigste Vorlesung. 



Vorgeschichte des Kranken. — Sturz vom Kutscbboche. — Keine Be- 
wasBllosighelC. — Plölslichea Auftreten der Monoplegie dea rechten 
Armes am aeobsleu Tage nach dem Trauma. — Charakter der Lfihmung: 
Absolute BchlaÖ'heit, Erhaltung der Reflexe, der Muakelmaasen und der 
elektriaohen Erregbarkeit, — Sensible Störungen in der Haut und in den 
tiefen Theilen. ^ Absolute Anäathesie und Fehlen des Muskelainnes. — 
Preibleiben der Finger von der motorischen und senaiblen Störung. — 
Eigenthämtiche Abgrenzung der Änästhaaia. — Diese Monoplegie kann nicht 
von einer Erkrankung dea Armgeflechtea herrühren. — Vergleich mit einem 
Falle dar letzteren Art. — Die Vertheilung der Anäatheaie in demselben, 
Pag. 24S. 



I taue aar letzter 



Einundzwanzigste Vorlesung. 



Âiiitsoliliesauag eiuer oigauiailien Spiralaffuelian als Urfaulie der Mouoplegie 
bai Toi ten . . — Aiiauhlicsfiing tiiifr nrganifclitn Erltvaiiknng im Oroashiro. — 
Die CbaraktciP, cluL'ch welclie Bivh eine auf d«ii Rindfuoit dea Armes be- 
BcbrSiikls urfHiiieihe Eikiaiiliuiig aui zeivlinen närde. — Hysterische Sligmata 
bei dem Kiankcn. — Die HcminnüftliEtic — AffectiDii der Sinnesorgane. 
— AiiStthesie des Scblundea. — Monociilfire Polyopie. — Spfitfs Aollrelen 
einer GeBichtsfeldf iDengiing. — Das Felilen der GeaichtsIShmiiug ist cbnrak- 
teristiech für nysteiie. — Bedeutung dfr eigfntliiimlitlieD Linien, mit donen 
sieh die nnäsIlieKarhen Besirbe begrenzen. — Vergleich der Monoplegie bai 
Forcen., mit jener bti dem Kranken Fin..., welcher sich durch Anffille, 
Anwesenheit ron hyalerogenen Punkten etc. als Hjbterikrr bekundete. 
Pag. 256. 

Zweiundzwanaigste Vorlesung. 



si Man 



rn. (Fol 



Studien (Iber den Meciianismus der Eutslehniig hysterisuhnr LHhmUTigen. — 
Die psychischeii LShniungen. — Experimentelle Untarsnchatig derselben mit 
IHira der Hypnose. — Die drei Phnsen dea groaaen Hypnotiamua. — Sng- 
geslion durch den Muskelainn in der kntsleptjsohen Fhaae. — Die Suggestion 
in der somnamblllon Phase. ^ Etïeugnng einer Monoplegie des Armes in 
der somnambulen Phase der Hypnose dnrch mündliche Suggestion. — Die 
klinischen Ch;irnktere dii'aer snggerirten Mnnoplegie stimmen mit jenen der 
MODoplegis bei den früher behandelten liyitteriachen Münnern vollkommen 
tiberein. — Segmetitweisa LBhmang der ExtremitSt i'nrch Suggestion. — 
Diu Abgreninng der dabei auftretenden AnHsthesie dnrch Kraialinisn, welche 
eenkrecht auf der Längaachae dea Gliedes atehen. -^ Trennung der LSh' 
mung und der SenaibilifStsalSrung durch Suggestion in der Hypnose. — 
Krucugntig einer Monoplegie, welche die EigenthÜmlichktiteii der byate- 

I riachen Monopleg'ie theilt, durch traumatiaehe Suggestion im vrachen 
Zuatande bei besonders dflEii vet-aulnglen Personen. ^ Damit tat die 
DehereiiKtimmnng zwischen den hyeterisehen und den ktltisllich eneugten 
Lähmungen vollkommen gewonnen. — Der eigen! hîlmliehe GeistesznsUnd 
bei einem sehwcrou Trauma crsetat wahraclieinüeh die Hypnoae. — Wunder- 
heiluiigen. — Di,.' eiiigeschl.igeno Behandlung. — Erfolge derselben. — 
Weiterer ICiaukh^itsverlauf bei Pin . . . und Forcen . . Pag ■•!% 



Breiund zwanzigste Vorlesung. 

I von hysterischer Coxalgie aus tnumatiicher Ursache bei 



der .liystiTiacJieii Gel. iikaaffeclicin''. - 
B'sihes Symptom. — BeatStignng der 
Ge1et)hea durch Autopsien. — Vontellung dea Kri 
deren Mechauismua. — Hysteriache Stigmata ai 
r Untersuchung in der Chi oro form narkose. 



I 

ten 
ind 

J 



I 



Tierundzwanzigste Torlesung. 

[_ Ueber einen Fall von hyateriichir Coxalgie iui ira u malischer Ursache bei 
einem Manne. 

■ £r|tebni88e der Uotprsitchmig in rter Chlororormniiikose bei i!em Kranken. 
" ' nation der organiarheii mit Her hyateriachen Coxalgie. — Schnierig- 
T DiagnoFa. ^ Feispiele. — Ecprpdiirtion <lBa SymptomcnmplexeH 
L OeT hyBlcrisiihen CoiHtgie iturrh die Hypnose. — Erklärungav ersuch auf Grund 
" ' e TOn d(n psycliischrn LSIininiigen. — Therapie. — Wiiknng dar 
l-'UiUBSEe bei dl m Krauken uud iindi^ren hysterischen Persooeu. Pag. 320. 

Fünfundzwanzigste Torlesung. 

Eine hysleriich« Hemiplegie. 

Voreeacbichte der Kranken. — NNchtüclies Tinnma ohne malerielle Läaiou. 

— Plotïliches AuflrBten einer Hemiplegie am nächalen Tnge ohne cerebrale 
Tnrboten. — Charatitere der Lühmuni;: Muskelechlaffheit, Anästheiie, Terlust 
cles Muskelsiiines. — Fehlen einer Milbetheiligung der Geeich tsmuaculalitr. 

— Augfcblieasun^ einer organischen Ursache für diese assocürle Monoplegie. 
— Heilung durch einmalige Faradiaalion. Pag, 331, 

Sectisundz wanzigste Torlesung. 

Ueber herediläre Ataxie. 
Die hlinisehen Charakfere der t'riedr.- i ch'itehen Krankheit halten die Mitte 
ïivîachen denen der Tabes und der mnltiplen Herdskleroae, die Krankheit 
sondert sieb aber dnrch mehrere Punkte scharf von den beiden anderen ab. 

— Alter der Erkrankten. — HfredilSt. — Verlauf. — Kefleianfhehnng, Zittern, 
Crangatönlni^, Âtniie, Nystagmus, SprHcliatSrung. — Keine nnderweitigcn 
Au gen Symptome, keit?o visceralen und traphiachen Störungen. ~ Erhaltung 
der Sensibilitfil. — Aualomischa Läaion dCr herertiliiren Ataiie. Pag. 336. 

Si ebemmd zwanzigste Vorlesung. 

Ueber alkoholische Lähmungen. 

<EieBchiehte der Alkohol lühmung. — Nachu eia der hrankhnl'ten Veränderungen 
"l den peripheren Kerven, — Schwierigkeiten bei der Erhebung der Aetio- 
logie. — Bevorzugung dea vreiblicLen Geechlechtea. — Periode der Schmi 
welche an die lancinirenden Schmerzen bei Tnbea erinnern. — LShmung, 
Toraugsweise der Eiteuaoren. — Vasomotorische Phänomene an den Fiis» 

— Analgesie nnd eigenlhilmlicher GeisIeaEuataud der Kranken. — Verlauf 
der Erkrankung. — Mögliche Verwechslung mit den nervOseu Erscheinungen 

bei DiabetCB, J'ag. 341. 



Ueber die Basedow'sche Krankheil. 



Erste Vorlesuiia:. 



Zup Eröffnung. 



I 

I ä, 



des klinisclien Lobrstnhis fiir Krankheiten des Ner7ensyatoiiii 
— Hilfamiltel : das Siechenliaas der SaliiEtrière, die Ânibalanz, die Laborn- 
torien. — BerBehügnng einer Uesonderen Untern chtsanstaJÉ fUrNervenpatliologiB. 
Beeinflnssiutg der Patbologio durcli die anatomisclie and pliysiologiscbe 
Wisaenschnft. — Unter welchen BedingnngRn diüsolbe Kuläasig ist. — 
noBoIogÎBcbo Metliode. — Die aiiatoiniacb-kliilischo Metbode. — Die 
neen sind den allgemeiti gilldgen physiologisch a ti Qssetzen unterworfen. — 
ficbwierigkeiCen des Stndiums derselben. — SimnlatiDn. 



I. 



eir 



Meine Herren! Es sind nun bald 12 Jahre, dass ich bei 
der Wiederauftiahino des damals seit 4 Jahren bestehenden 
klinischen Unterrichts iJ den Räumen dieses Siechenhausea 
<lie Hoffnung aussprach, dieses grossartige Asyl menschlichen 
Elends, in dem so viele Meister der französischen medici- 
niaohen Schale unsterblichen Ruhm erworben haben, würde 
eines Tages eine plaomäasig organisirte Hauptstätte der Lehre 
und der Forschung für die Krankheiten des NerTensystems 
rerden. 

Wo anders, sagte ich damals, will man ein so reiches, 

;r diese Art von Untersuchungen geeignetes Material finden? 

nd geringfügige Abänderungen in der inneren Einrichtung 
der Anstalt, fügte ich hinzu, würden hinreichen, diesem Material 
die volle Verwerthbarkeit zu geben. 

Seit jener Zeit habe ich nie aufgehört, diese meine Ansicht 
sozusagen Tag flir Tag laut zu verkünden, und habe mich 
mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln — bald durch 
mündliche Belehrung, bald durch die Veröffentlichung von 
Arbeiten, au denen oft meine SchUler theilgenommen haben — 
bemüht, deren praktische Tragweite selbst den Ungläubigsten 
klar zu machen. 




Sie wissen, meine Herren, dass unsere BestrebuDgen sich 
endlich in einem alle Erwartung libertreffenden Masse ver- 
wirklicht haben. Denn heute bin ich so glücklich, im Namen 
der mediciniachen Facultät von Paria den Unterricht anf- 
zunehmen, den ich vor nahezu 17 Jahren ohne Lehrauftrag, 
nur aua persönlicher Entachliessung begonnen hatte. 

Wenn ich heute — ich gestehe, nicht ohne tiefe Erregung 
— die klinische Lehrkanzel für Krankheiten des Nerven- 
systems inaugurire, sollen meine ersten Worte der Aasdruck 
meines Dankes gegen diejenigen sein, welche dieselbe ge- 
schaffen und mir anvertraut haben. Ich danke der Deputirten- 
kammer, welche dieses Project angeregt, dem Minister des 
öffentlichen Unterrichts, welcher es angenommen hat, und 
meinen Collegen an der medioinischen Facultät, welche, über 
die Zweckmässigkeit der Institution befragt, durch ihr wohl- 
wollendes Gutachten mir einen Beweis ihrer Anerkennung 
geliefert haben, von dem ich tief gerührt bin. Ich ergreife 
ferner bereitwillig die gebotene Gelegenheit, ein öffentliches 
Zeugniss von der Dankbarkeit zu geben, die ich einerseits 
gegen den Stadtrath von Paria, andererseits gegen die Leitung 
der Assistance publique empfinden muss. Die weise und gross- 
herzige Hilfe dieser beiden Körperschaften h.it zu Stande 
gebracht, was ohne sie auf -vielleicht unüberwindliche Hinder- 
nisse gestossen wäre. Dank dieser Unterstützung waren wir 
in der Tbat bereits vor der Aufnahme in den Schosa der 
Universität im Besitze von Hilfsmitteln, welche unsere Ab- 
theilung in diesem Kraukenhauae zu Sineui neuropathologisehen 
Institut im rechten Sinne des Wortea gemacht hatten. 

Endlich, meine Herren, obliegt mir, ehe ich diese Dank- 
sagung beschliessen kann, die Erfüllung einer Pflicht, der ich 
mit ganz besonderer Freude genüge. Indem ich alte Erinne- 
rungen iu mir wachrufe, wende ich mich an alle die, welche 
mir die Ehre erweisen, sich meine Schüler zu nennen — sie 
sind alle bereits Meister geworden oder auf dem Wege ea zu 
werden — und indem ich ihnen von neuem die Versicherung 
meiner innigen und aufrichtigen Zuneigung wiederhole, fordere 
ich aie auf, sich mit uns an dem glücklichen Gelingen des 
Werkes zu freuen, au dem sie selbst Mitarbeiter waren. 



I 
i 
i 



ÏI. 

Ich habe soeben, meine Herren, die wichtigen Veräudc- 
rungen erwähnt, welche mit Hilfe der Leitung der Assistance 
publique und des Stadtratites von Paris seit einigen Jahren 
in der Krankenabtheilung durchgefiilirt worden sind, die ich 



A 



^^^E^u leiten die Etire habe. Mit Ihrer Erlaubniss will ich diesen 
I Gegenstand etwas ausführlicher behandeln, um dabei die Vor- 

theile hervorzuheben, welche die Errichtung der neuen Lehr- 
kanzel in diesem Hospiz oder Versorgungahaus mit sieh 
bringen kann. 
) Dieses grosse Asyl sehliesst, wie Sie Alle wissen, eine 

I Bevölkerung von mehr als 50üO Personen ein, darunter eine 

grosse Anzahl unter der Bezeichnung „Unheilbar" und auf 
Lebenszeit aufgenommene Individuen jeden Alters, die von 
chronischen Krankheiten aller Art, besonders aber von Krank- 
heiten des Nervensystems befallen sind, Dieses beträchtliche, 
aber in seiner Eigenart nothwendig beschränkte Material, 
welches ich als den alten Fonds bezeichnen möchte, war durch 
lange Jahre das einzig'e, das uns für unsere pathologischen 
Untersuchungen und für unseren klinischen Unterricht zur 
Verfügung stand. 

Die Dienste, welche die Studien und der Unterricht anter 
diesen Bedingungen leisten können, sind gewiss nicht gering 
anzuschlagen. Die klinischen Typen bieten sich dem Beob- 
achter in zahlreichen Exemplaren, welche gestatten, das Krank- 
I lieitsbild mit einem Blick in verschiedenen, gleichsam fixirten 

I Stadien zu überschauen, denn die Lücken, welche die Zeit in 

diese oder jene Gruppe reisst, werden alsbald wieder ausgefüllt. 
Wir sind mit anderen Worten im Besitz eines reich aua- 
geBtatteten, lebenden pathologischen Museums. Zwar fehlen 
uns oft die ersten Anlange des Uebels, aber daflir ist ea uns 
gestattet, durch die Leicheneröffnung nach den Läsionen zu 
suchen, welche den lange Zeit und sorgfUltig während des 
Lebens beobachteten Symptomen entsprechen. Jedermann 
gesteht auch heute den entscheidenden Einâuss zu, welchen 
die von der .inatomisch -klinischen Methode geleiteten mikrOj:.^ 
skopisclien Untersuchungen auf den Fortschritt der Neuro- 
' pathologie ausgeübt haben. Aber andererseits sind die schwachen 

Seiten der Lage, die ich geschildert habe, zu sehr augen- 
ßlllig, um übergangen zu werden. 
\ In ein Siechenhans werden in der Regel nur die sehr 

' ausgesprochenen, für unheilbar gehaltenen Fälle aufgenommen; 

I die leichten, minder ausgeprägten fehlen. Man kann dort nicht 

' die Würdigung jener feinen symptomatologischen Nuancen 

I erlernen, durch die der Beginn gewisser chronischer Affection en 

sich oft allein verräth. Und welche Hoffnung, Heilung oder 

I Besserung herbeizuftihren, bleibt uns ferner, wenn das Uebel 
bereits durch lange Jahre im Organismus Wurzel gefasst 
Bid den entaprocheuden therapeutischen Methoden wider- 



Diese Mängel waren ganz offenkun<îig- Man konnte liofFei^ 
ihnen abznhelfen, wenn man vor den Thoren des Kranken- 
hauaes eine Ambnlanz noit un entgeltlich er Verabreichung der 
Medicamente einrichten wHrde, Dort, sollte man erwarten, 
würden sich in grosser Zahl jene chronisch Kranken vor* 
stellen, welche nicht immer eine leichte Aufnahme in die 
Spitäler der Stadt und jedenfalls nicht beständig die für ihren 
Zustand geeignete Behandlung finden. 

Diese Erwartungen haben sieh erfüllt. Die Ambulanz 
___^Con8uItation externe) funeti on irt bereits seit zwei Jahren und 
Fälle, welche uns wegen der speciellen Richtung unserer Studien 
interessiren, finden sich dort in grosser Menge ein. Ich werde 
oftmals Gelegenheit haben, Ihnen bei unseren Zusammen- 
kiinften Kranke vorzustellen, welche die Ambulanz des Hauses 
besuchen. Ea fallt diesen Kranken nicht ein, sich der klini- 
schen Demonstration zu entziehen. Sie verstehen, dass, mit 
je mehr Interesse und Sorgfalt sie untersucht werden, desto 
mehr ihre Chancen auf Heilung oder Besserung wachsen. 

Die Ambulanz forderte als eine sozusagen logische Er- 
gänzung die Einrichtung einer Abtheilung im Krankenhause, 
auf welcher die Kranken, die von auswärts kommen, um uns 
zu consultiren, zeitweilige Aufnahme finden können. Oft und 
oft hatten wir diese Neuerung verlangt, aber wir sind an 
principiellen Schwierigkeiten gescheitert. 

Zum Glück hat unsere Sache das Interesse des erleuch- 
teten Leiters der Assistance publique erweckt, und gegenwärtig 
sind alle Schwierigkeiten behoben, eine klinische Abtheilung 
von 6q^Betteii,..40 für Frauen und 20 für Männer, ist heute 
emgerichletV Ich weiss Herrn Quentin nicht genug für den 
Eifer zu danken, mit dem er in dieser Angelegenheit unsere 
Bemühungen unterstützt hat. 

Auf diese Weise ist zum Siechenhaus zuerst eine Am- 
bulanz und dann eine Klinik' hinzugekommen. Das alles bildet 
ein innig verknüpftes Ganzes, welches durch einige andere 
Zuthaten vervollständigt wird. Wir besitzen ein pathologisch- 
anatomisches Museum nebet Ateliers für Photographie und 
Gypsabgüsse, ein Laboratorium für Anatomie und patholo- 
gische Physiologie, welches in seiner Behaglichkeit einen eigen- 
thümlichen Contrast gegen die enge, schlecht beleuchtete 
Kammer bildet, die durch 15 Jahre unser einziger Zufluchts- 
ort — meiner und meiner Schüler — war, und diu wir mit 
dem stolzen Namen „LaboTatoriuin" zu bezeichnen pflegten; 
ein ophthalmologisches Cabinet als unentbehrliche Ergänzani 



' Dieselbe ist auf die Âufiiabm 



Is unentbehrliche Ei'gänzan^^l 

1 Norvaukiaukon bescbräutt. ^^H 



K 



l'opiitliologisiclien Inetituta, und den Hörsaal, in dem 
ire habe, Sie zu empfangen, und der, wie Sie selien, 
mit allen modernen Demonstrationsapparaten auegerUstet ist. 
Endlicli besitzen wir noch eine Abtheilung, welche reich mit 
ullen für die Pflege der Elektrothei'ajHe und EIektrodiagn*)atik 
Bfithwendigen Apparaten aiisgestattet ist, woselbst zahlreiche 
Kranke dreimal wöcLeutlich die ihrem Znstand entsprechende 
Behandlung finden. 

Die hingebende Unterstützung, die uns unser auagezeieli- 
neter Freund, der Director des Hauses, Herr Lebas, bei der 
Einrichtung dieser Institute angedeihen liess, ist wahrlich über 
alles Lob erhaben. 

Sie sehen, wie reiche Hilfsmittel uns anvertraut sind! Es 
ist nun unsere Sache, sie ausziiniitzen. Was mich betrifft, 
so hoffe ich, obwohl ich auf einer Stufe des Lebens angelangt 
bin, wo der Blick sich einziischräuken beginnt, doeh Kraft und 
Zuversieht genug in mir zu finden, um nicht hinter meiner 
Aufgabe zurückzubleiben. 



HI. 



Duas mich nun, meine Herren, mit eiuifjen Bemer- 
kungen gegen Einwände und Bedenken priocipieller Natur 
wentlen, welche sich aus Anlass der Errichtung der neuen 
Lehrkanzel sicherlieh Vielen iinter Ihnen aufgedrängt haben. 
Man hat sich z. B. gewiss die Frage gestellt, ob die 
officielle Anerkennung einer neuen Specialisirung in der Medicin 
wirklich etwas Zweckmässiges und Berechtigtes iat, und ob 
Juan nicht, auf dem einmal betretenen Wege weiter gehend, 
Gefahr läuft, die Einheit unserer Wissenschaft durch Zersplitte- 
rung aufzulösen? Darauf kann man die kurzgefaaste Antwort 
geben, dass heutzutage in der Medicin, seitdem die immer 
tiefer eindringende Forschung die Zahl der Thatsaehen ohne 
Unterlass vergrösaert, während unsere Arbeitskraft und Fähig- 
keit der Aneignung nicht in gleichem Masse wachsen, Niemand 
mehr ernsthafterweise den Anspruch erheben kann, Allea zu 
beherrschen und Alles zu ergründen. Die Specialisirung iat 
uothwendig und unvermeidlich geworden. Man muas sie wohl 
liinnehmenj_da^man sie nicht umgeben kann. Es wird nur darauf 
ankouiiiien, ihr eine geeignete Organisation zîi'g:ê1jen, um eine" 
Zersplitterung ohne Grenzen und eine uofi'uchtbare Ab- 
Bohliesaung der Special fach er zu vei'hüten. Bildete sich eine 
~llehe heraus, so hätten wir allerdings beklagenswert he Folgen 
jvon zu erwarten. Nun, ich muss sagen, in gewissem Sinne 
' iteht diese Organisation bereits in dem Lehrkörper unserer 




Facilitât, denn derselbe fordert von seinen Mitgliedern (Agrégea), 1 
aus denen die Professoren genommen werden, die KenntnisBl 
der gcBammten Medîçîn. 

Auf dem Gebiete der Nervenpathologie ist übingens die ^ 
Gefahr, welche aus einer allzu eng begrenzten SpeciaÜBiriiog ' 
erwachsen konnte, nicht zu befürchten, denn dieses Gebiet iat 
heute, wie Jedermann zugeben wird, eines der alleru m fassen d- 
sten geworden, die es gibt, eines von denen, die sich am 
raschesten ausdehnen, und deren Bearbeitung von Jedem, der 
sich demselben widmet, einen grossen Reiehthum von allgemeinen 
Kenntnissen erfordert. Es war also nur in der Ordnung, daas 
die Nerven pathologie, welche in der Zukunft alle Kräfte der- 

i'enigen absorbiren wird, die sie beherrschen wollen, einen 
lesonderen Platz für sich neben den anderen Specialfaehern 
beansprucht hat, welche der Zwang der Verhältnisse schon., 
früher aus dem Schosse der Medicin losriss und zur Selbst-J 
ständigkeit entwickelte. M 

Eine andere Bemerkung, die man geltend machen muas,^ 
ist, dasB in der wissenschaftlichen Entwickelung der letzten 
dreissig Jahre, durch welche die Grenzen der Neuro pathologie 
hinausgcrUckt und deren Specialisirung nothweudig gemacht 
wurde, Frankreich zu wiederholten Malen mit der Anregung 
vorangegangen ist. 

Diese Rolle muss behauptet werden; Frankreich darf sich 
auf seinem eigenen Gebiet nicht von anderen Ländern über- 
holen lassen. Um dieses Ziel zu erreichen und sich eine 
daue^pde Position zu sichern, war es nothwendig, einer ge- 
wissen Anzahl von Arbeitskräften alle Mittel in die Hand zu 
geben, um sich auf der Höhe der wissenschaftlichen Bewegung 
zu erhalten, und dies konnte nur geschehen, indem man einen 
Lehrstuhl für den Unterricht in den Krankheiten des Nerven- 
systems errichtete. Denn nur ein solcher, von einem ordent- 
lichen Professor eingenommener Lehrstuhl kann, in Folge der 
Vorrechte und Pflichten, welche sich au ihn knüpfen, die 
Bedürfnisse des Unterrichts und die Anforderunjj;en des wissen- 
schaftlichen Fortschritts in würdiger Weise erfüllen, ■ 



1 

Es scheint mir unnütz, diese Rechtfertigung der neuen 
Institution noch länger auszufiihren und weitere Argumente 
zu ihren Gunsten zu häuieo. Wir wollen vielmehr, in Befol- 
gung des hergebrachten Brauchs, diese ErölfnungsvorIeBung| 
dazu verwenden, um unseren neuen Gästen, denen, die i 
zum ersten Male die Ehre ihrer Anwesenheit schenken, auw 







es mit diesem Uüterriulit htiltc, der, 
mir heute in ofticieller Weiae über- 



m: 

K 

i fin 



einanderzusctzeo, vi 
acIioQ läB^e Zeit 
tragen worden ist. 

Wie in fi-üheren Jahren, wird es sich hier vor Allem um 
Klinik, mit anderen Worten um praktische Ausübung der 
Medicin handeln. Das heisst, wir werden diesen oder jenen 
besonderen Fall vornehmen, diesen oder jenen Kranken, den 
zu heilen oder wenigstens zu bessern unsere Aufgabe ist, 
Dieses Ziel, meine Herren, kann selbstverständlich nur en-eicht 
werden, indem wir von den Kenntnissen Gebrauch machen, 
die wir uns vorher in den verschiedenen Fächern der Medicin 
erworben haben; denn um zu können, rauas man erst wissen. 
Die medicinisehe Praxis hat in Wahrheit keinen ihr selbst 
eigenen Inhalt, sie lebt von Anleihen und von Anwendungen; 
ohne die wissenschaftliche Auffrischung würde sie zu einer 
eingerosteten und gleichsam stereotypirten Routine herabsinken, 
Auch kann man meiner Meinung nach behaupten, daas, ab- 
geselien vom ärztlichen Blick, vom Scharfsinn und anderen 
angeborenen Eigenschaften, die man zwar durch Uebung ver- 
vollkommnen, aber doch nicht g-anz und gar erlernen kann — 
man kann behaupten, sage ich, daas jeder als Kliniker so viel 
werth ist, als er als Pathologe taugt. Man kann also den 
Kliniker, wenigstens im Grossen und Ganzen, beurtheilen, ehe 
man ihn bei der Arbeit sieht, wenn man nur seine wissen- 
schaftlichen Gesichtspunkte und Bestrebungen prüft. 

Mit Bezug auf diesen Punkt brauche ich, meine Herren, 
:ein Glaubensbekenntniss mehr abzulegen, und ich kann mich, 
'ie ich meine, darauf beschränken, noch einmal zu erklären, 
.âass meiner Ansicht nach eine in grossem Auamasse statt- 
findende Einflussnahme der anatomischen und physiologischen 
Wiaaenschaft auf die Medicin eine wesentliche Bedingung des 
Fortschritts der letzteren bildet: eine Wahrheit, die übrigens 
im Laufe der Zeit zum Gemeinplatz geworden ist. 

Einen Punkt will ich aber mit Nachdruck hervorheben, 
nämlich, dass dieser Einfluss, um wirklich fruchtbringend und 
berechtigt zu sein, gewisse Bedingungen einhalten muss, an die 
man nie vergessen darf. Erlauben Sie mir, Ihnen die Ansicht 
ins Gedächtnias zu rufen, die ein hervorragender Physiologe, 
Claude Bernard, gerade mit Rücksicht auf diesen Gegenstand 
auBgesprochen hat. „Man darf nie," sagt er, „die Pathologie der 
Physiologie unterordnen. Das Umgekehrte musa geschehen. 
Man muss zuerst daa medicinisehe Problem so hinstellen, wie 
durch die Krankenbeobachtung gegeben wird, und dann 
hen, die physiologische Erklärung dafiir zu liefern. Verfilhrt 
lan anders, so setzt man sich der Gefahr aus, den Kranken 




aus den Augen zu verlieren und daa Kraiiklieitsbild zu ver-l 
zerren." Das sind wahrlich beherzigenawei'tlie Worte! Ich 
habe sie mit Absicht wortgetreu citirt, weil sie ein so treffender 
Ausdruck unseres Gedankens sind. Sie lassen klar erkennen, 
dass es in der Pathologie ein ganzes, grosses Gebiet giebt,,. 
welches dem Arzt ausschliesslich zu Eigen gehurt, welches ( 
allein bearbeiten und FrUchte tragen lassen kann, und dai 
nothwendig einem Physiologen verschlossen bleiben muss, der^ 
beharrlich in sein Laboratorium gebannt, die Lehren desil 
Krankensaals verachten wollte. 

Die zur Bearbeitung dieses weiten Feldes taugliche Methode ' 
kann man als die nosologische bezeichnen; es ist die von 
Alters überlieferte Methode, denn sie bemüht sich, so lange 
es eine Medicin giebt, die kra.nkhaften Zustände zu beschreiben, 
ihre Kennzeichen au bestimmen, ihre Aetiologic, ihre Ab- 
hängigkeit von anderen Umständen, die Veränderungen, die 
sie unter dem Einfluss der therapeutische a Agentien erfahren, 
festzustellen. Thataachen dieser Art bilden nothwendigerweise, 
beachten Sie das wohl, meine Herren, die ersten Grundsteine 
jedes wissenschaftlichen Gebäudes in der Pathologie, und ohne 
diese Grundlage wäre die Physiologie des kranken Menschen 
nichts als ein leeres Wort. 

Wenn man die ganze Leistungsfähigkeit dieser Methode 
auf dem Gebiet der Krankheiten des Nervensystems darthuu 
will, braucht man nur an einen Theil der untlbertreffUchen 
Arbeiten von Duchenne (de Boulogne), diesem grossen Ver- 
treter der Neuropathologie in Frankreich, zu erinnern. Seine 
bewunderungswürdigen Studien über die Muskelbewegungen 
mit Hilfo der localiairten Application der Elekhicität könnte 
allerdings, wenigstens bis zu. einem gewissen Punkt, die Phy- 
siologie für sich in Anspruch nehmen. Aber das gilt nicht flir 
■ seine Schöpfung der grossen Krankheitstypen, die wir unter 
dem Namen der progressiven Muskelatrophie, der Kinder- 
lähmung, der Pßeudohypertrophie der Muskeln, der Zungen- 
kehlkopf lähmung, endlich der Ataxie locomotrice kennen. Diese 
Schöpfung, unbestreitbar der Höhepunkt seiner Arbeiten, weil 
sie mit beseelten, lebenden, der Wirklichkeit entsprechenden, 
Jedermann kenntlichen Wesen Fächer geflUIt hat, die ft-üher 
leer oder von verworrenen Formen eingenommen waren, diese 
Schöpfung, sage ich, ist ganz auBschliesslich das Werk der 
noaographischen Methode. 

V. 
Diese Methode braucht sich aber durchaus nicht auf 
die Beobachtung der ä.uss erlichen Krankheitsanzeichen zu 



A 



Msuliränkei]; 



kann, 



ne ihren Cliariikter zu ' 



[Klei 



we 



patliologiBch-anatoni 
si eil daB selbe unterwerfen. 

Man hat oft gesagt, dasB der Fortschritt der Pathologie 
dein der pathologiachen Anatoniie ]^iarallel geht. Das erweist 
sich als besonders zutreffend für die Krankheiten des Nerven- 
systems. Ein Beispiel wird genügen, um Ihnen zu zeigen, von 
welch ausschlaggebender Bedeutung die Entdeckung einer 
instanten Läsion in den Krankheiten dieses Organs ist. 

Die Beschreibung, welche Duchenne de Boulogne von der 
itaxie locomotrice entworfen, gehört zu den packendsten und 
tebenawahrsten. Sie gilt mit Keclit für ein Meisterwerk. Und 
doch hat sie lange Zeit keine andere als eine skeptiaclie Auf- 
nahme gefunden, so lange, bis man die längst von Cruveilhier 
beschriebene Läsion des Rtickenmarks auf das Krankheitsbild 
beziehen lernte. 

Immer noch hielten einige Autoren an der Ansicht fest, 
(lasB die Krankheit bei ihrem Beginne nur eine Neurose sei. 
Aber alle Täuschung darüber musste schwinden, als man er- 
kannte, dasa die Läsion bereits in den ersten Stadien der 
Krankheit vollkommen entwickelt und ersichtlich ist, wenn 
sich dieselben klinisch nur durch flüchtige Synijitome ver- 
ratlien, und dass diese Läsion immer, bis zu einem gewissen 
Masse, auch in den abgeschwächten, nicht typischen Fällen 
vorhanden ist, welche man so mit Sicherheit dem in der 
classisehen Beschreibung von Duchenne allein berücksichtigtem 
Typus der Erkrankung anreihen konnte. 

Beachten Sie wohl, dass in diesem, wie in vielen anderen 
Fällen, die Zuziehung der pathologischen Anatomie uns einen 
gewiasermassen rein praktischen Anhaltspunktliefert. Es handelt 
sich hier vor Allem darum, der Nosographie bestimmtere, 
sozusagen greifbarere Kennzeichen in die Hand zu geben, als 
es die Symptome selbst sind. Man kümmert sich dabei nicht 
darum, die Natur der Beziehungen, weiche die Läsionen mit 
den Symptomen verknUjifen, zu ergründen. 

Ohne die Bedeutung der auf diesem Wege gewonnenen 
ßesultate verkennen zu wollen, muss man doch zugeben, dass 
das Studium der Läsion von einem anderen Gesichtspunkt 
aus betrieben werden und höhere, ich mttchte sagen, mehr 
wissenschaftliche Ziele anstreben kann. Unter günstigen Um- 
ständen kann man durch dieses Studium die Grundlagen fiir 
eine physiologische Erklärung der Krankheitserscheinungen 
finden und, im engsten Zusammenhange damit, gleichzeitig 
der Diagnuse zu einer grösseren Vertiefung und Schärfe 
verhelfen. 




Ich lege Iliaen liier ein Schema vur, welches gewisser- 
iiiassen ein Abrias, ein Auszug der neueren Pathologie des 
Rückenmarks ist. Sie sehen darauf das Kückeumark in eine 
weit grössere Anzahl von Regionen eingetheilt, als früher 
dui'eh die Anatomie und die experimentelle Physiologie bekannt 
geworden waren. Dieses Schema ist das AVerk der anatomisch- i 
klinischen Methode. | 

Jede dieser Regionen kann für sich allein, ohne Mit- 

betheiliguDg der benachbarten Partien, in, wie man es nennt, 

„systematischer" Weise der Sitz einer Läsion werden und uns 

so in die Verhältnisse einer wohl gelungenen Vivisection ver- 

Fig. 1. 




setzen; jeder dieser umschriebenen Läsionen entspricht ein 
besonderes Kranbheitsbild, das gewissermassen die jeder Region 
zukommende Function durch deren Störung enthüllt. Man 
erfährt so, dass die Pyr ami den stränge fast ausschliesslich aus 
Fasern bestehen, welche in dii-ceter Weise die Willens im pulse 
dem RUekenmarke und durch dessen Verraittelung den Extre- 
mitäten zufllhren, oder dass ilie motorischen Zellen der Vorder- 
hörner der Ernährung der mit ihnen verbundenen Miiskeln 
vorstehen, dass diese Region der Vorderhörner nichts mit der 
Leitung sensibler Eindrücke zu tliun bat u. A. m. Physiologie 
und Pathologie treffen sich und verschmelzen miteinander 
auf diesem Gebiet, 



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AeiinlicIiH Resultate liât man iim-c!i die Y\nwi;nHiing der 
oämticheo Methode auf das Studium der Loealiaatiouen im 
verlängerten Mark und in den Grosshirnhemisp hären erhalten. 
Ich will mich in Bezug; auf diesen letzten Punkt mit wenigen 
kurzen Bemerkungen begnügen. 

""lie wissen, daea in dem Lager der Experimentatoren mit 
lezug auf diese Frage der Loealisation im Groashirn gegen- 
wärtig ein grosser Wirrwarr herrscht. Die Einen bestreiten 
□achdrttcklich, was die Änderen ebenso entschieden behaupten. 
Diesen Kämpfen schauen wir Pathologen, wenn auch nicht 
mit Gleichgiltigkeit, so doch mit Ruhe zu; wir werden in 
Geduld warten, bis die Einigung erzielt ist. 

Wir können das, weil die Mittel der Forschung, welche 
uns zu Eigen gehören, uns eine gewisse Anzahl von funda- 
mentalen Thatsachen für den Menschen kennen gelehrt haben, 
gegen welche die von der Vivisection gemachten Angaben 
liemaU in Betracht kommen können. So wissen wir mit 
Sicherheit, dass eine destructive Läsion des Pyramidenblindels 
seinem Verlauf nach hinten vom Knie der inneren Kapsel 

gemeine bleibende Hemiplegie erzeugt; dass destructive 

onen des hinteren Endes der inneren Kapsel den Sym- 
«tomencomplex der cerebralen Heraianäsfhesie zur Folge 
haben; was die Rinde der Grosahirnhemisphären anbelangt, 
80 ist gegenwärtig die pathologische Bedeutung der Broca- 
schen Windung eine ganz unbestrittene. Man weiss, dasa die 
Zerstörung der Windungen der sogenannten motorischen Zone, 
wenn sie ausgebreitet ist, eine Hemiplegie verursacht, dagegen 
nur eine Monoplegie, wenn sie sich auf diese oder jene Unter- 
abtheiiung der Zone beschränkt. Auf die irritativen Läsionen 
derselben Gegend beziehen wir die Erscheinungen der partiellen 
Epilepsie. Allerdings bieten diese Thatsachen der Localisation 
uns noch nicht das Material für eine ausgebildete Lehre von 
der physiologischen Bedeutung der verschiedenen Rinden- 
gebiete. Aber so, wie sie sind, stellen sie ebensoviele An- 
haltspunkte dar, deren sich der Kliniker bei der schwierigen 
'irbeit der Feststellung der Diagnose bedient. 



VI. 



Aus dem Vorhergehenden erhellt die Bedeutung, welche 

ir in unseren Studien der patliologisch-anato mischen Unter- 

hung einräumen müssen. Es ist Ihnen aber wohl bekannt, 

meine Herren, dass es für unsere heutige Kenntniss eine gi'osse 

Anzahl von Krankheiten giebt, welche offenbar ihren Sitz im 

Nervensystem haben und dennoch keine wahrnehmbare mate- 




~ 12 — 

rielle Spur in der Löiclie zurücklassen. Die Epilepsio, t 
Hysterie, selbst bei noeb hu langem Bestände, die Chorea und 
viele aniiere krankhafte Zustände sind wie ebenaoviele Sphinxe, 
welche der gründlichsten aoatoiriiacben Forschung Trotz bieten. 
Diese aus Symptomen ohiie anatomisches Substrat bestehenden 
Gebilde drängen sich der Vorstellung der Aerzte nicht mit jener 
Realität und Bestimmtheit auf, wie sie den von nun ab an eine 
greifbare anatomische Veränderung geknüpften AfFectionen zu- 
kommt. 

Ja, es fehlt nicht an Metnungen, welche in mehreren 
dieser Affectionen nichts sehen wollen als einen wirren Haufen von 
sonderbaren, zusammenhanglosen, der Analyse unzugängliclien 
Erscheinungen, die ]i)an vielleicht am besten in die Kategorie 
des Unerforsehlichen bannt. Es ist besonders die Hysterie, 
welche von dieser Aeehtung betroffen wird. Aber kein Macht- 
wort, gleichgiltig von wo es ausgeht, wird je vermögen, sie 
von dem Register der Krankheiten zu streichen. Wir müssen 
vielmehr sie nehmen, wie sie ist, und dürfen uns nicht durch 
die Schwierigkeiten, die ilir Studium bietet, abschrecken lassen. 
Uebrigens, meine Herren, ki>nnte nur eine oberSäehUche Be- 
obachtung zu der Meinung führen, die ich eben gekennzeichnet 
habe; ein aufmerksameres Studium zeigt die Verhältnisse in 
ganz anderem Liclite, und es ist ein grosses Verdienst von 
Briquet, in seinem schönen Buch unwiderleglich dargetliaa zu 
haben, daas auch die Hysterie, gerade so wie die anderen 
krankhaften Zustände des Nervensystems, Regeln und Gesetzen 
gehorcht, welche eine aufmerksame und hinreichend verviel- 
fältigte Beobachtung immer wird aufdecken können. Gestatten 
Sie mir, um nur ein Beispiel vorzubringen, Sie au die Be- 
schreibung des grossen hysterischen Anfalles zu erinnern, die 
heute in eine so einfache Foniiel gefasst ist. Mit der Regel- 
mässigkeit eines Mechanismus folgen im ganz ausgebildeten 
Anfalle vier Perioden aufeinander: 1. die epileptische, 2. die I 
der grossen (widerspruchsvollen, sinnlosen) Bewegungen, 3. diej 
der leidonschaftlichen Stellungen und Geberden, 4. das termi- % 
nale Delirium. Aber der Anfall kann ein unvollständiger sein, 
jede der Perioden kann isolirt auftreten, oder es fallen nur 
eine oder zwei von ihnen aus. Man versteht, zu welcher 
Mannigfaltigkeit der Bilder diese Combinationen führen können; 
aber immer muss es dem, der im Besitz der Formel ist, leicht 
werden, alle Bilder auf den Grundtypus zurückzuführen. 

Das alles hat das grösste Interesse für den Kliniker, 
welcher lernen muss, sich in dem anscheinend "unentwirrbaren 
Labyrinth zurechtzufinden. Was ich aber besonders hervor- . 
heben will, ist, dass im hysterischen Anfall ^ ich könnte 



Hw Bes 



I 

I tus 



13 



das Gleiche von vielen anderen Aensaeningen der 
Hysterie sagen — nichts der WillTtür des Zufalls überlassen ist; 
im Gegentheil, alles geht nach Regeln vor sieh, die immer 
die nämlichen sind, ftir die Spital-, sowie fUr die Privatpraxis, 
alle Länder, für alle Zeiten, für alle Raeen, die also wirh- 

ich universelle Giltigkeit besitzen. 

Es giebt eine andere wichtige Thatsache in der Lehre 

'on den Neurosen im Allgemeinen und von der Hysterie im 
Besonderen, welche beweist, dass diese Affeetionen durchaus 
nicht etwa in der Pathologie eine besondere Classa bilden, 
welche von anderen als den gemeinen physiologischen Gesetzen 
beherrscht wird, nämlich die, dass ihre Symptomatologie sich 
immer — und häufig in innigster Weise — der Symptomatologie 
anschmiegt, welche an die Erkrankungen mit materiellen 
Läsionen geknüpft ist. Und diese Aehnliehkeit geht oft so weit, 
dass sie die Diagnose aufs äusserste erschwert. (Man hat 
mitunter diese Eigenthümlichkeit der Affeetionen sine materia, 
organische Erkrankungen nachzuahmen, als Neuromimesis 
bezeichnet.) So ist die Uebereinstimmung überraschend zwischen 
der gewöhnlichen Anästhesie der Hysterischen und der, welche 
von einer organischen Herderkrankung abhängt. Im Grunde 
genommen ist es in beiden derselbe Symptomencomplex. Die- 
selbe Aehnliehkeit besteht zwischen der spasmodischen Para- 
plégie der Hysterischen und der durch organische Läsion des 
Rückenmarks verarsaehten (Muskelachwäche und Steifigkeit, 
Steigerung der Sehnenreflexe, Erhaltung der Muskelmassen). 
Gerade diese Aehnliehkeit, welche den Kliniker mitunter in Ver- 
legenheit bringt, muss dem Pathologen zur Belehrung gereichen, 
um hinter dem gemeinsamen Krankbeitsbild die Identität der 
anatomischen Localität zu erkennen und mutatis mutandis die 
dynamische Läsion in jenen Ort zu verlegen, auf den die 
Untersuchung der entsprechenden organischen Lésion hinge- 
wiesen hat. Und damit hätten wir wieder erkannt, dass die 
Principien, welche in dem Reiche der Pathologie herrsehen, 
auch filr die Neurosen Geltung haben, und dasa man auch 
diesen trachten muss, die klinische Beobachtung durch 

latomische und physiologische Denkweisen zur Vollendung 
bringen. 



VII. 



Da ich dabei bin, Ihnen die Schwierigkeiten anseinander- 
lusetzen, welchen der Kliniker bei dem Studium der Neumscn 
begegnet, und die Mittel anzuftUiren, über die er verfügt, um 
diese Hindernisse zu Uiierwinden, muss ich noch, bevor ich 




— 14 — 

Bchliesse, Ihre Aufmerksamkeit auf einen Punkt besondera 
richten. Ich meine nämlich die Simulation, nicht etwa jene 
Nachahmung einer Krankheit durch eine andere, von der wir 
eben gesprochen haben, sondern die absichtliche, gewollte 
Simulation, bei welcher die Kranken entweder vorhandene 
Erscheinungen übertreiben, oder sogar eine vorgebliche Sym- 
[itoinatologie ans ihrer Phantasie neu schafTen. Jedermann 
weiss J!i,* dasa in der That das Bedürfniss zu lügen, bald 
ohne Zweck zu lügen, in einer Art von uneigennütziger Aub- 
Ubung der Kunst, bald mit Absicht, am Aufsehen zu erregen, 
Mitleid zu wecken n. s. w., ein sehr gewöhnliches VorkomranisB 
und das besonders in der Hysterie ist. Wir werden diesem 
Umstand auf Sehritt und Tritt in der Klinik dieser Neurose 
begegnen und dürfen uns nicht verhehlen, dasa er es ist, der 
ein ungünstiges Licht auf die hierher bezüglichen Studien wirft. 
Aber sollte es wirklich so achwierig sein, wie Einige zu 
glauben scheinen, heutzutagCj meine Herren, nachdem das Bild 
der Hysterie so viele Male untersucht und nach allen Rich- 
tungen durchforscht worden ist, die wirkliehe Symptomatologie 
von der geheuchelten zu unterscheiden? Das ist durchaus 
nicht der Fall, und um uns nicht länger in allgemeinen Ver- 
sicherungen zu bewegen, la,ssen Sie mich nun ein concrètes 
Beispiel vornehmen, eines von den vielen, die wir dazu wählen 
kannten, um, wenn ich nicht sehr irre gehe, den von mir auf- 
gestellten Satz zu vertheidigen. 

Es handelt sich um die Katalepsie, die man bei gewiaaen 
Hysterischen durch Hypnotisiren erzeugen kann. Die Frage 
ist die folgende; Kann diese Katalepsie so simulirt werden, 
daas sich der Arzt täuschen lassen muss? Man glaubt ge- 
wöhnlich, daas eine kataleptisclie Person, der man einen Arm 
in die horizontal ausgestreckte Stellung bringt, diese Stellung 
so lange Zeit beibehält, dass diese Ausdauer allein hinreicht, 
um den Verdacht auf Simulation abzuweisen. Dies ist nach 
unseren Beobachtungen nicht richtig: nach 10 nder 15 Minuten 
fangt der erhobene Ann vielmehr an herabzusinken und nach 
längstens 20 bis 25 Minuten hfingt er wieder vertical herab. 
Gerade so lange kann auch ein krätziger Mann mit Absicht 
diese Haltung des Arms durchfuhren. Das zwischen beiden 
unterscheidende Merkmal musa also wo anders gesucht werden- 
Bringen wir bei der Kataleptischen wie beim Simulanten eine 
Marey'sche Trommel am Ende der ausgestreckt gehaltenen 
Extremität an, welche uns gestattet, die geringsten Schwan- 
kungen des Gliedes graphisch aufzuzeichnen (Fig. 2 li), während 
gleichzeitig ein auf die Brust aufgesetzter Pneumograith die 
Curve der Respirationsbewegungen liefert (Fig. 2 P), und 



:lie ^M 
nd^H 



— 15 — 

1 letrachtea wir nun die erhaltenen Curven, von denen ich Ihnen 
ein Muster vorlege. 

Bei der KataïeptÎBchen zeichnet die dem au sge s treckt en Arm 

entsprechende Feder während der ganzen Dauer der Eeob- 

KBchtiiD^ eine vollkommen regelmässige gerade Linie (Fig. 3 //}, 

Die entsiirecliende Linie beim Simulanten gleicht in der 

graten Zeit der Geraden der Kataleptisclien, aber nach einigen 




khenui der Varauehasnordniing bei den Experimenten über die Itatal eptisob a 
Dnbe weglich k ei t. R MarejWliâ Trammel. F Piicumogrspb. Q RoCireiider 
Cjlinrior. TT Hebel-Tioratneln. 

pHanten beginnen auffilllige Unterschiede hervorzutreten. Die 
"lerade Linie wandelt sich in einen sehr unregel massigen, 
[ebroehenen Zug um, der von Zeit zu Zeit grosse, in Reihen 
[efaeste Oscillationen trägt (Fig. 4 //). 

Ebenso cliarakteristiacli sind die Aufzeichnungen des Pneu- 

"mographen. Bei der Kataleptisclien ruhige, seltene und ober- 

öilehliohe Respiration; das Etide der Curve gleicht vollkommen 

dum Allfange (Fig. 3 /). Beim Simulanten setzt sich die pncumo- 



r 


— 16 — 

aphîscheCurve aus zwei ganz verschiedenen Stücken zusamm 
a Anfang haben wir regelmässige normale Respiration, ai 
der zweiten Epoche, jener, die den Anzeichen der am a 
ati-eelîlen Ann hervortretenden Miiskelermlidnng eiitspric 
acht sich eine grosBe Unregelmässigkeit im Rhj-thmns u 
Fig. 3. 

iiemit der bei einer njäteroopileptifichi'u in der liypnotisclieii Katute) 

lalteiLon Curven. I Piicumograpliiatlio Ciirve. II Ciirve der Marey'ec 

Trommel. 

1 Umfange der Respirationsbewegungen bemerkbar; die Cur 
igt tiefe und rasche Senkungen als Anzeichen einer die Musk 
strengung begleitenden Störung der Athmung (Fig. 4 /). 
Kurz, Sie sehen, die Kataleptisehe zeigt nichts von ] 

iiduog; die Muskeln lassen nach, aber ohne Anstrengui 


sie 

1 



— 17 — 

I ohne Eimnischung des Willens. Der Simulant (fagegen verräth 
1 sieb, wenn man ihn diesem Doppelversuch unterwirft, gleich- 
zeitig auf beiden Wegen, 1. durch die Curve des Armes, welche 
I von der Muskelermüdung zeugt, 2. durch die Curve der 

Fig:. 4. 






lern Simalanten «rhalteneti Curveo, welclier die kata- 
tzuhnlten verapcUte. / Carve der Respiration. // Corvo 
der Marey'ächen Trommel. 

* Respiration, welche die Spuren der Anstrengungen trägt, die 
er macht, um die Ermüdung za verdecken. 

Es Ist wahrlich überflüssig, weiter auf dieses Thema ein- 
jelien, Icli könnte hundert andere Beispiele anführen, die 
I in gleicher Weise zeigen, dass die Simulation, von der soviel 



— 18 — 

<ïie Eede ist, wenn es sieh um Hysterie oder verwandte 
Affectionen handelt, bei dem gegenwärtigen Zustand unserer 
Kenntnisse weiter nicLts ist als ein Popanz, der nur Neulinge 
oder Zaghafte abtalten kann. Künftighin bleibt es die Aufgabe 
des auf diesem Gebiete wirklich unterrichteten Arztes den 
Betrug aufzuspüren, wo er sich findet, und die echten Krank- 
heitssymptome, die zum Grundbestand der Krankheit gehören, 
wo es nöthig ist, von den simulirten zu scheiden, welche die 
Unaufrichtigkeit der Kranken zu den ersteren hinzufügen 
möchte. Wir werden also — gewiss nicht ohne Vorsicht, aber 
doch mit Zuversieht — das Studium dieser gemiedenen krank- 
haften Zustände in Angriff nehmen, da wir durchdrungen sind 
von der Zuverlässigkeit der uns zu Gebote stehenden Unter- 
such ungsmethod en. 

Die Zeit drängt, ich komme zum Ende. Ich werde mich 
glücklich schätzen, wenn es mir gelungen ist, Ihnen in der 
vorangehenden Skizze einen Ausblick nach dem Ideal zu 
geben, zu dem alle unsere Bemühungen hinstreben. Zur Lösung 
der una vorgelegten Probleme müssen alle Zweige, alle Fächer 
der biologischen Wissenschaft beitragen und, indem sie sich 
gegenseitig unterstützen und gegenseitig zurechtweisen, mit 
gleichen Schritten auf dasselbe Ziel lossteuern, Aber was ich 
vertrete, ist, dass die Führerrolle, die oberste Entscheidung 
in diesem Zusammenwii-ken, immer der klinischen Beobachtung 
zugetheilt werden sollte. 

Mit dieser Erklärung habe ich mich unter den Schutz 
der Häupter der französiacben Schule gestellt, die unsere un- 
mittelbaren Lehrer sind, und deren Wirken einen so bellen 
(rlana auf diese grosse Faeultät der Medioin in Paris, der 
auch ich iingehöre, geworfen hat. 




an gewisse Gelenks- 



GelenkBtmmiia mit nachfolgender Muskelftlrophie und LShmnng. — Ver- 
änderungen der elektrisch en Erregbarkeit. — Contraction bei Anwendung 
des elektrisclien FuuIichh. — Steigerung cJer SehnenreBose. — Niclit enlifind- 
içher Cliarahter der Atrophie. — Mnngel eiuer Proportionalität xniachea der 
'llterisilüt der Gelenksnlfectioiien und der InlenaitSt der par»1_yldsclien nnd 
jBijotrophiachen Symptome. — Die Âffaction beiïllt vorwaltend die Btrecker 
s Gelenks. — Die LKsionea der Kuskeln tiSngan von einer KoeundSren 
spinalen Verminderung ab. 

Meine Herren! Das Leiden, mit welchem der Ihnen heute 
"Orgestellte Kranke behaftet ist, kann nach seiner Âetiologie 
Üb ein chirurgisches bezeichnet werden; es ist in der That 
Barch eine tranmatisehe Einwirkung entstanden. Aber in 
Weiterer Folge dieses Traumas Kat sich bei dem Kranken eine 
Upinale Affection besonderer Art entwickelt, welche noch heute 
fortbesteht, während die unmittelbare Wirkung des Traumas, 
das Gelenksleiden, seit Langem erloschen ist, und wegen dieses 
Zusammenhangs erhebt der Ki-anke Anspruch auf itnser 
Interesse und unsere Hilfeleistung. 

Der 23)ährige Telegraphenbeamte B . . . . hat sich stets 
der besten Gesundheit erfreut und bietet nichts Bemerkens- 
werthes 

I einer sei 

^ Störung 



n seiner Anamnese bis auf den einen Umstand, da: 
iner Oheime von mütterlicher Seite wegen Geistes- 
in einer Anstalt untergebracht werden musste. 
Ich zeige Ihnen den Ki-anfcen im Bütte liegend, obwohl 
er ganz gut im Stande ist, sich zu erheben und herumzugehen. 
Die Bettlage des Kranken gestattet mir aber, Ihre Aufmerksam- 
keit auf gewisse EigeuthUmlichkeiten des Kranken zu richten, 
welche wir sonst leicht übersehen wurden. 

Lassen Sie mich vor Allem hervorheben, dass der All- 
gemein zu stand des Kranken ein vortrefflicher ist. Aussehen, 



Ernährang, alle organischen Functionen sind vollkomr 
beeinträchtigt. Sein Leiden besteht einzig in einer Gangstörung, 
und zwar ist es, wie Sie aelien werden, das rechte Bein oder 
vielmehr nur gewisse Muskeln desselben, in deren Gebraufh 
er behindert ist. Diese Erschwerung des Ganges datirt seit 
ungei^br einem Jahre. 

Eine methodische Untersucliung enthüllt uns folgenden 
Status: Wenn der Kranke im Bette liegt, kann er mit dem 
rechten Bein alle Bewegungen in normaler Weise ausführen 
mit Ausnahme einer einzigen, der Streckung des Unter- 
schenkels gegen den Oberschenkel. Die Abduction und Adduc- 
tion des Oberschenkels, die Beugung desselben gegen das 
Becken und die Beugung des Unterschenkels gegen den Ober- 
schenkel, die isolirten Bewegungen des Fusses, die Beugung 
und Streckung desselben gegen das Bein, dies alles ist normal; 
aber der Unterschenkel kann nicht gestreckt werden. Wenn 
er das in halber Flexion befindliche Bein ausstrecken soll, 
zieht er die Strecker des Oberschenkels zusammen und lässt 
seine Ferse längs der Unterlage des Bettes hingleiten, oder er 
bedient sich seiner Hände oder des anderen Beines. Es fehlt 
also die Thätigkeit der Extensoren des Unterschenkels; die 
vom N. cntralis innervirten Muskeln, insbesondere der M. quadri- 
ceps cruris, müssen affieirt aein. 

Den Versuchen passiver Beugung und Streckung im Httft- 
oder in den Fnssgelenken widersteht der Kranke, wiewohl 
mit etwas geringerer Kraft als auf der gesunden Seite; er 
leistet auch guten Widerstand, wenn man den im Knie ge- 
beugten Unterschenkel wieder extendiren will; wenn man aber 
den extendirten Unterschenkel zu beugen versucht, ist sein 
Widerstand ein ausserordentlich geringer. Die Functions- 
schwächnng des Qnadriceps ist also die Uauptsache, wenn auch 
die Mehrzahl der Muskeln des Gliedes eine Herabsetzung 
ihrer Kraft zeigen. 

Diese auf die Extensoren des Knies beschränkte Lähmung 
wird sieh auch ausprägen, wenn der Kranke, von der linken 
Seite her, aus dem Bette steigt und zu gehen beginnt. Sie 
sehen, wie er dabei den rechten Unterschenkel mit Hilfe des 
linken Fusses aufhebt, um die ihm unmögliche Streckung im 
rechten Kniegeleak zu ersetzen. Er geht dann ohne Stock, 
aber die Art, wie er sich vorwärts bringt, hat etwas sehri 
Auffälliges. Bemerken Sie übrigens, dass sein Zustand sieb 
seit einigen Tagen sehr gebessert hat; als der Kranke eintrat, 
waren die Eigenthümlichfceiten seines noch immer behinderten 
Ganges viel mehr ausgesprochen. Sie können immer noch wahr- 
nehmen, dasa, während auf der linken Seite bei jedem Schritt 



i 
1 



A 



Dach vorwärts das Knie gebeugt und dann gestreckt wird, im 
reehten Bein keine derartige Bewegung vor sich geht. Beug^ung 
und Streckung gescliiebt dort im Hüftgelenk; das rechte Bein, 
gleicLaam zu lang geworden, fuhrt ala Ganzes eine Schwenkung 
aus, gerade ala ob das Kniegelenk nicht existirte. Früher 
bestand noch eine Neigung, die Fuaaspitze beim Gehen herab- 
sinken zu iaaseo, was den Gang noch mehr erschwerte; diese 
Schwäche der Muskeln, welche den Fuss gegen den Unter- 
sehenkel beugen, ist heute geschwunden. 

Es ist wichtig zu bemerken, dass die Bewegungen nicht 
im Mindesten schmerzhaft sind, so dass wir die Gangstörung 
nicht aus der Schmerzhaftigkeit bei Bewegung des Beines er- 
klären können, auch ist das Gelenk vollkommen frei; wir 
müBsen also die Ursache der Lähmung im Nervensystem oder 
in den Muskeln suchen. 

Eine eingehendere Untersuchung des aföcirten Gliedes 
macht uns nun mit einer gewissen Zahl von wichtigen Sym- 
ptomen bekannt. Vor Allem constatiren wir eine Volumabnahme 
der ganzen Extremität, welche ebenfalls früher aufWliger war. 

Messungen ergeben jetzt; 

um den Anfang des Oberachenkels 48 cm 52 c«i 

oberhalb des Knies 37 „ 38 „ 

um die Wade 33 „ 35 „ 

Auch ohne sich der Messung zu bedienen, erkennt man 
leicht, dass die Vorderfläche des rechten Oberschenkels be- 
deutend abgeflacht und wie ausgehöhlt ist, ausserdem sind die 
Muskeln dieser Gegend schlaff und springen selbst im Moment 
der Anstrengung nicht vor. 

Es besteht also nicht nur eine Schwäche, sondern auch 
eine Ernährungsstörung, eine Atrophie des M. quadricepa. Viel- 
leicht ist auch die Temperatur am Oberschenkel und Knie ein 
wenig herabgesetzt, eine merkliche Abschwächung der Haut- 
empfindlichkeit liegt nicht vor. 

Fügen wir, um die Beschreibung zu vervollständigen, die 
Ergebnisse der elektrischen Untersuchung an, welche uns 
über den Ernährungszustand der Muskeln Aufschluss giebt. 
Vor 8 Tagen, zur Zeit des Eintritts des Kranken, war 1. die 
galvanische und faradische Erregung des N. cruralis in der 
Leistenbeuge fast erfolglos, 2. brachte die Faradisation bei 
übereinand ergeschoben en Rollen (des Schlitten apparats von 
Dubois-Reymnnd} an den motorischen Punkten Kaum eine 
Reaction hervor; es war, als ob die betreffenden Muskeln ganz 
fehlen würden. Man hätte nun erwarten können, dass der 
galvanische Strom die Réaction hervorrufen würde, welche 



k 



muü bei tielgrüitendeu EriiabrEngsKtöruiigea der Muskeln, 1 
wie nach der experiiiienteU en Nerven diirchacbneidung, odei 
bei der Kinderlähmung, wenn die motorischen Zellen zerstört-] 
sind, oder bei den schweren Facialislähmungen, beobachtet. 
In diesen Fällen stellt sich ein Verhalten ein, welches in der 
Elektro diagno s tik als Entartungsreaction bezeichnet wird. Die 
galvanische Erregbarkeit ist erhöht, während die faradisohe 
herabgesetzt ist oder fehlt. Aber in unserem Falle fand dies 
nicht statt; der galvanische Strom ergab, seibat bei 50 Ele- 
menten und bei beliebiger Anordnnng der Pole, ebensowenig 
eine Reaction als der faradis«he. Es lag also eine quantitative 
und nicht eine qualitative Modification der elektrischen Erreg- 
barkeit vor, und man kann daraus sehliessen, dass es sich um 
eine einfache und nicht um eine degenerative Atrophie der 
Muskeln handelte. ' 

Es ist merkwürdig genug, dass dieser Muskel, welcher 
unter dem Einfiuss des Willens und elekb-ischer Reize (sowohl 
directer als indirecter durch Faradisation und Galvanisation 
des Nervens) fast ganz unthätig bleibt, dagegen in energische 
Contraction geräth, wenn man den Kranken auf den Isolir- 
Bchemel einer Elektrisirmascbine bringt und einen Funken auf 
die Gegend des M. reetus cruris oder des M. vastus internus 
überspringen lässt. (Der vastus externus macht insoferne eine 
Ausnahme, als er sich ein gewisses Mass von faradischer und 
galvanischer Erregbarkeit bewahrt hat.) Dazu kommt noch, 
dass auch die mechanische Erschütterung des M. reetus eine 
deutliche Contraction erzeug:!, und dass die Percussion der 
Strechsehne des Knies sehr lebhafte Zuckungen hervorruft, 
welche nicht nur in dem betreffenden Gliede, sondern auch in 
beiden oberen Extremitäten und besonders in der linken hervor- 
treten. Die Percussion der linken Patellarsehne erzeugt fast 
ebenso heftige und ausgebreitete Zuckungen. Die rasche und 
energiselie Dorsalflexion der Fusaspitae ruft auf keiner Seite 
eine Trépidation hervor. 

Alle anderen Muskeln der Extremität zeigen normale 
elektrische Erregbarkeit. Nach den Angaben des BJ-anken 
wäre dies früher anders gewesen, die Wadeniiuiskein und die 
Muskeln an der Vnrderüäche des Unterschenkels hätten sieh 



I 



' Die eiüktiische ßüactiuu der Muskeln bei OelaQlcaleidea (im Scliulter-, 
Kniegelsük etc.) ist vou Rumpf auf der Kliiiilt vuii Erb atudîrt wordan..1 
Eb bat sii;b ergebaii, und diese EesullHtu Bind zu wiederholten Malen von »1 
Erb selbst bestätigt worden, daas in solulieo Fällen nur einfaelie Uerat^<1 
Setzung der doli Irisch en Erregbflrkeit, olma i[naUtativa Aenderung vorkommt, j 
was einen scharfen Unteiscliied dieser Mitskelaffeetionon gegen die degena- , 
rative Atrophie abgiebt. 



_ 33 



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beiden Seiten nii-lit gleich gut cnnti-ahirt; darin 
bätten wir also eine Besserung zu verzeichnen. Beachten wir 
noch, dass nieniab Störungen der Blatjcn- und üarmfiinctionen 
aujgetreten sind. 

Es handelt eich jetzt darum, die Ursacbe und die Bedeu- 
tung dieser genau aufgenommenen Befunde zu suchen. Um es 
kurz zu wiederbolen: dieser Kranke leidet an einer Lähmung, 
die fast ausschliesslich auf die Streckmuskeln des Kniegelenks 
beschränkt ist, mit einfacher Atrophie derselben und mit tiefer, 
aber nur quantitativer, nicht qualitativer Veränderung ihrer 
elektrischen Erregbarkeit, 

Schon die Localisation der Störung reicht hin, unsere 
jnose auf das Richtige zu lenken. Mau weiss heutzutage 
nrch zahlreiche Forschungen,' dass eine atrophische Lähmung, 
reiche die Streckmuskeln allein (oder wenigstens hauptsächlich) 
befällt, häufig als CompUcation mannigfacher spontaner oder 
traumatischer Erkrankungen der entsprechenden Gelenke auf- 
tritt. So atrophirt der M. deltoideua häufig nach verschieden- 
;igen Affectionen des Schultergelenks ; nach Entzündungen und 
errenkungen im Hüftgelenk sieht man oft die M- glutaei leiden, 
id wenn das Kniegelenk betroffen ist, wird der Quadriceps 
'Cruris in seiner Ernährung und Beweglichkeit beeinträchtigt. 
Diese Thatsatheu waren schon Hunter und Paget 
bekannt und sind dann in den letzten Jahren eingehender 
von Ollivier, Le Fort und endlich von Valtat in einer 
werthvoUen Abhandlung gewürdigt worden. Letzterer hat 
experimentell dargethan, dass bei Thieren (Hunden und Meer- 
sehweineheo) in Folge von Entzündungen des Kniegelenks 
durch reizende Injectionen die Muskeln der ganzen Esti-emität, 
besonders aber die Strecker des Gelenks von Atrophie befallen 
werden. Diese Atrophie, welche sich als eine einfache, ohne 
iDtzündlicben Charakter darstellt, tritt sehr rasch ein; sie ist 
20"/i, der Fälle nach 8 Tagen, bei 44% nach Verlauf von 
\4 Tagen ausgebildet. 

Dürfen wir nun diesen Zusammenhang zwischen Gelenks- 
und Muskelerkranknng auch für unseren Fall anrufen? Ich 
meine, ganz unbedenklich. Sie werden dem beistimmen, wenn 

'J. Hiiiiler, Oeuvres complètes. Triid. Richelol, Piiris 1839. T. I, 
p. 681. — A. OUiviur, Dos atrophies muBiiulaires. Thèse agcég., 1869. — 
Le Fort, Société de chir., 1878. — Sabonrin, Do l'atrophie maseulaire 
rhomatismnle. Tli&ae de 18TS. — J. Pngel, Levons de clinique chirurgicale, 
Trad. Pelit, 1877. — E. Vallat, De VAtropliie musculaire conaeuulive aux. 
mitladies nrUculairna (6tuiIo clinique ut eitpéri mentale). Thèse de 1877. — 
Darde, Des atrophies consécntiTeB à quelques affections articulaires. Thèse 
Ab 1677. — Ouyou bC Fârâ, Nota sur l'atrophie muscnlsire consfcntiTO 
k quelques traumatiames do la hanciie. Progrès méâioal, 16S1 etc. 




— 24 — 

Sie die K ran kKt;it»ge^^l;lli übte iinaerew Falles würdigen, und J 
werden mir zugeben, dass iiüio nicht weiter zu gehen braucht,^ 
um die Ursachen der beobachteten krankhaften Symptome 
finden. Am Anfang dieser Krankengeschichte begegnen wirl 
einein Trauma, und dieses Trauma betraf das Knie, und zwar J 
das Knie ausschliesslich. 

Vor ungefähr einem Jalire, am 5. Mai 1881, atiess siel 

B das rechte Knie aa, als er über einen am Boder 

liegenden Baumstamm sprang. Er kam nicht zu Falle, der 
Sehmerz war nicht heftig, aber der Stoss doch stark geniig, 
um ihm die Hoae über dem Knie zu zerreiaaen. Er konnte 
weitergehen imd legte noch 3 Kilometer ohne Beschwerde 
zurück; aber als er einen Abhang herabsteigen musste, fiihlte 
er eine gewiase Steifheit im Knie und war genöthigt Halt zu 
machen. Damals bemerkte er auch einen Tropfen Blut an der 
vorderen Fläche des Knies, an dem keine Schwellung zu " 
sehen war. Als er sich erhob, konnte er nur mit Hilfe eines 
Stockes weiter gehen. 

Während der folgenden 8 Tage trat eine mäsaige An- 
scliwelluug des Gelenks auf, der Kranke hütete das Bett, . , 
fieberte nicht. Die Aerzte, die ihn sahen, zeigten aith erstaunt j 
über den Widerspruch, dass bei einer so leichten, wenig j 
schmerzhaften Gelenk s affection eine so bedeutende Bewegungs- 
atöriing bestand. Ein durch 21 Tage getragener Wasserglas- 
verband brachte keine Bessemng, Nachdem der Verband abgelegt 
wurde,bestand derselbe Widerßpruch, dieselbe Verwiinderung des 
Arztes über die Incongnienz der ao ausgeprägten motorischen 
Lähmung mit der schmerzlosen Gelenks affection. Erat 4 Monate 
nach dem Beginne des Leidens fing man an, das für den Zu- 
atand geeignete Heilmittel, die Paradisation, anzuwenden, und [ 
erst dann trat eine Beaserung ein, die dem Kranken das Gehen j 
weniger beschwerlich machte. 

Der Zusammenhang zwischen dieser Lähmung, welche! 
ein Jahr lang anhält und einem leichten Trauma, das nurl 
eine geringlugige Gelenkaaffeetion hervorruft, hat ftlr uns nichts \ 
Befremdendes, wenn wir die durch neuere Arbeiten ziemlich 
genau bekannt gewordene Lehre von den atrophischen Läh- 
mungen aus articulären Ursachen heranziehen. 

In einer grossen Anzahl von Füllen aind es allerdings die 
schmerzhaften, in gi-osser Intensität auftretenden Gelenksleiden 
spontaner oder traumatischer Natur, an welche sich die 
atrophischen Lähmungen knüpfen. Aber das gilt durchaus 
nicht für alle Fälle, Eine einfache, bald ausheilende Verrenkung, 
eine einfache, nicht entzündliche, nicht schmerzhafte Hydrar- 
throse, eine ganz leichte Entzündung wie in unserem Falle, 



^ 



Falle diese Zustände können dieselben Folgen nach sicli ziehei 



ebt ke 



iste B 



eziehuni 



'lachen der 



Inte: 



der Gelenksaffection und der Intensität der atropki- 
eclien und paralytisclien Symptome. 

Was die Fortdauer der secundären Affection (Lähiming 
und Atrophie) nach dem Erlöschen der primären (des Gelenks- 
leidens) anbelangt, so ist das gewissermasBcn die Regel und 
TÏelleicht der interessanteste Punkt des ganzen Gegenfitandes, 
10 wo hl in klinischer, als in pathologischer Hinsicht. 

Der Kliniker muss in der Thnt diesem merkwürdigen 
erhältniss Rechnung tragen. Er darf sich nicht, angesichts 
eines leichten Gelenksleid eng, wenn die Symptome der Läh- 
mung oder der Atrophie einmal ausgeprägt sind, zu einer 
günstigen Prognose hinreisaen lassen oder eine Heilucg binnen 
kurzer Zeit versprechen. Der Erfolg könnte ihn Lügen strafen. 
Wie Sie sehen, können Monate hingehen, ehe die Extremität 
wieder gebrauchsfähig wird, während vom Gelenkaleiden längst 
nur eine geringe Infiltration der periarticulären Gewebe zurück- 
geblieben, oder während dasselbe spurlos geschwunden ist. 

Diese Eigenthilmliehkeiten drängen uns die Frage auf, 
welches wohl die physiologische Ursache einer so merkwürdigen 
Complication der Gelenksaffectionen ist. Eine Kenntniss darüber 
würde uns vielleicht einen Fingerzeig für die Wahl der Be- 
handlung geben. 

Die Mehrzahl der zeitgenössischen Autoren scheint sich über 
liegen Punkt der Theorie eine feste Vorstellung gemacht zu 
rben: Die Gelenksaffection soll nämlich auf dem Wege der 
itirten Geienksnerven auf das spinale Centralorgan einwirken 
und daaelbat die Centren, von denen die motorischen und die 
der Muskel ernähr im g vorstehenden Nerven ausgehen, in ihrer 
Thätigkeit hemmen. 

Es müaste demnach im Rückenmark ein mehr oder weniger 
direeter Zusammenhang zwischen den Ursprungszellen der 
centripetaien Gelenksnerven und den Ursprungszellen der 
motorischen und trophischen Nürveu fUr die Strecker (in 
unserem Falle des N. cruralis) bestehen, da es sieh als ein 
constantes Ergebniss herausstellt, dass bei Irritation der Nerven 
des Kniegelenks die Atrophie, wenn sie auftritt, die Streck- 
muskeln (den M. quadrieeps) oder wenigstens diese Muskeln 
vorzv^sweise befilllt. Ich sage vorzugsweise, weil eine von den 
Gelenksnerven des Knies ausgehende Reizung das Verbreitungs- 
gebiet des Cruralis überschreiten und die Mu.skeln des Unter- 
schenkels und des Fusses mit in den Bereich ihrer Wirkung 
ziehen kann. Auch bei den Läsionen des Schulter-, Ellbogen- 
und Hüftgelenks sind es immer die Extensoren, in denen die 




Atrophie am stärksten eütwickelt ist, wenugleicli andere Muskel- 
gruppen ebenfiilla ergriffen sein können. 

Keine andere der aufgestellten Theorien aclieint zulässig 
Bu sein. So spricht man von der Fortpflanzung der Gelenks- 
entzünduDg durch directe Contiguität bia zu den nahe liegenden 
Muskeln. Aber man muas dagegen einwenden, daas die Atrophie 
längs der ganzen Länge des Muskels von derselben Intensität 
ist, und dasa überdies die Tbierversuche die einfache Atrophie 
oline entzündliche Symptome, ohne Myositis, dargethan haben. 
Auch die Hypothese, welche die Atrophie von der längeren 
Unthätigkeit der Muskeln ableiten will, ist zu verwerfen. Die 
Gelenksafi'ection ist oft so geringfiigig, dasa sie nur eine ganz 
kurz dauernde Muskelruhe herbeiznflihren braucht, und mau 
ist nicht im Stande, nach dieser Hypothèse die fast ausschliessliche 
Localisation der Atrophie auf die Strecker zu erklären. 

Es bleibt also nichts übrig;, als eine (ieuteropathisehe Spinal- 
affection anzunehmen, von welcher die Lähmung und die Atroplüe 
abhängen. Worin aoll aber die Veränderung des spinalen 
Centrums bestehen? Es kann keine tiefgehende Verändernng 
der Vorderhornzellen vorliegen, denn die Folgen einer solchen 
sind, wie uns durch die Kinderlähmung bekannt ist, ganz 
andere- Es kommt dann zur Entwickelung der Entartungs- 
reaetion, nämlich Erhöhung^ der galvanischen bei Herab- 
setzung der faradischen Erregbarkeit, wenigstens so lange die 
Affection nicht weit vorgeschritten und der Muskel nicht gänzlich 
zerstört ist. Im letzteren Falle sind beide Arten der elektrischen 
Erregbarkeit erloschen, eine Wiederherstellung derselben ist 
so gut wie unmöglich. Sie sehen, wie ijii Gegentheil in unserem 
Falle die elektrische Erregbarkeit sich bei geeigneter Behand- 
lung herzustellen beginnt. Es könnte sich hier also nur um 
eine Art vou Functionseinstellung, einen Stupor der zelli 
Elemente handeln. 

Darf man daraus achliessen, daas in einem Falle dii 
Art eine rasche Heilung zu erzielen wäre, wenn mau von 
Anfang an die geeignete Behandlung anwenden würde? Ich 
halte das für wahrscheinlich, imd das bringt mich darauf, Ihnen 
von der Behandlung zu sprechen. 

Ich will nur noch vorher auf die Erhöbung der Sehnen- 
reüexe an den unteren Extremitäten aufmerksam machen, Ist 
diese eine zufällige Eigenthümliehkeit unseres Kranken oder 
liegt ein krankhafter Zustand des Rückenmarks vor, demzu- 
folge in der ganzen Länge desselben eine gesteigerte Reflex- 
erregbarkeit herrscht, mit Ausnahme jener Gegend, in der, 
wie wir eben angenommen haben, die motorischen Zellen sich 
im Torpor befinden? Mir scheint das letztere wahrscheinlich 



É 

I 

I 



27 



Inacli eÎLÎgea weiteren Fällen, welche unserem gegenwärtigen 
{analog sind, und von denen ich bald zu sprechen Gelegenheit 
iahen werde. 

Ich kehre zm" Behandlung zuriiuk. Wir haben es mit 
er dynamischen (function eilen) spinalen Läsion ohne tief- 
genende Veränderung der Elemente — auviel wir wissen — 
zu thim, und dürfen ohne Bedenken bei der elektrischen 
Behandlung beharren; die bisher erreichten Resultate acheinen 
hoffnungsvoll flir die Zukunft. Der elektrische Fuuke scheint 
flieh bisher in beachtenswerther Weise bewährt zu haben, da 
er die Erregbarkeit wiederherstellte, wo Faradisation uud 
l'Öaivaniaation erfolglos waren. AVir haben von nun ab nur 
Verlegenheit der AVahl: Wir können abwechselnd den 
elektrischen Funken, den galvanischen und den faradischen 
ßtrom anwenden. Ich behalte es mir vor, Ihnen bei späterer 
Gelegenheit zu sagen, in welcher Weise die Behandlung 
gleitet werden wird. ' 



Wie oben geseigt wuidr, kann, es varkommeu, daas eiii für deo 
faradiachea und galvaoiachea Strom ganz unerregbaier Maaksl durch den 
elektrischen Funken in lebhafte ZiiBammeuzieliuu^ veraetzt wird. Diese von 
CharcoE bereits in eiuer VarleBim|r über die statische Elektricität (Revue 
de médcciue 1881, N° 2) mitgelheilte Tliatsauhe zeigt, wie wenig weittragend 
and wie eingeschränkt in ihrer Bedeutung die gegenwärtigen Angaben der 
Elektrotliagnastik sind. Es ist dach splir überraschend, dnss man auf die 
Anwendung der gewöhnlichen Methoden liin (Galvanisation utid Fatadisalion) 
einen Muskel als imerregbar durch ElektricitSt bezeichnen kann, der sich 
doch in normaler Weise znsammenïieht, wenn man xu einem anderen Ver- 
fahren elektrischer Erregung ^eift. 

Mau darf aber nicht glauben, dass diese grSäsere Wirksamkeit der 
■tatîachen Elaktricilät die Kegel ist. Oft ist der elektrische l'unke nicht besser 
geeignet, Mnskelzucknng hervorzurufen, als der galvanische und faradiache 
Stroni. Wir haben uns diivun erat vor einigen Tagen bei einer Fmu abetzeuft, 
welche un einer nicht hSchstgradigen Atrophie der Muskeln des Halses und 
dar oberen Estremitüten mit ÄbschwUchang (nicht Aufhebung) der galva- 
nischen und faradischen Erregbarkeit leidet. 

Anf alle FiLIle beweisoa Thatsachen, wie die oben von C ha reut gewfir- 
digten, die praktische Wichtigkeit der statischen ElektricLtat in der Elaktro- 
diag^noatik. Von nun an muss neben der galvanischen und faradischen Keaction 
die e Frau klinische" Beriiclisichügung finden. (Wie bekannt, bezeichnen viele 
englische und amerikanische Autoren die statische Elcktiicitüt als Frankli- 
nismus, daher der Name FranklJuisation. fliv die Anwendung der statischen 
EiektrioitHt. Es empüehll; sich der Kürze wegen diesen Terminus an- 
Konehmen.) 

Es erübrigt noch die klinische Bedeutung dieser Art von elektrischer 
iclion stu erläntern. 

Verfolgen wir die Behandlung dea oben vorgestellten Kranken, Seitdem 

Vorlesung gehalten wurde, ist er noch dreimal frankliuisirt worden, was 

Ganzen acht Sitzaugen ausmacht. Ea hat sich eine bedeutende Üesserung 

igeetellt, die mit seinem früheren Zustand recht auffällig oontrastirt, aber 

seither, trotz verachiedennrtiger Behandlungsmethoden, durch lauge Monate 

keine weiteren Fortschritte gemacht hat. Der Gang ist viel besser u. s. w.; 



Eiek 



I 



— 28 — ^ 

In unserem Fülle hut sicli das von der Gelenkserkraiikung 
abhängige Spinalleiden in einer gutartigen Form gezeigt. Es 
wird Heilung erfolgen, und dies ist auch der gewöhnliche 
Verlauf. Aber es können Fälle vorkonunen, in denen die Spinal- 
affection und die davon abhängige Affection der Muskeln von 
ernsterer Natur sind. 

Man darfauch nicht vergessen, dass Lähmung und Atrophie 
nicht die einzigen secundären Symptome sind, welche sich 
an eine Gelenkserkrankung knüpfen können. Diese Gruppe 
von Thntsuchen umfasst noch complicirtere Formen. Gewisse 
Gelenksentzündungen oder traumatische Geleuksaffeetionen 

bemerkenawertli ist aber, dnsH die (ar«digobe Und g-nWaniacho Erregbarkeit 
»ich immer luelir herstellt. Zu Anfang war sie gleich Null für deti faradiai ' 
Strom bei der wirkaamalen Stellung dea SfhliltanapparntoH, und hei t 
Stärlia von 20 MillianipèreB des galvamachen Stroms; jetzt erhält man 
den kranken Muskela lieaction bei 4~5cnt Kallenabstand und bei 9 oder 
lü MilliampèreB. 

Eb igt wiohlig EU bemerlson, dasa beide Arten der Knaction gleich- 
zeiLig wieder srauhienen alnd. Für beide wirkt derzeit nur die Kathoden- 
acbliessung. In anderen Worten: der faradîache Slroni erzielt nur dann eiue 
Zuckung, wenn der Muskel mit dem. negativen Pol erregt wird. (leb bin vor 
Kurzem in einem Artikel über Elektrodiagnoatik dafür eingetreten, dasB man ' 
die Stromrichtung für den faradiaelieu Strom ebenso bej'fluksichligeu muaa, 
wie man ea für den galranisuheu thut.] Auch durch deu galvaniechen Strom 
erhält mau nur dann Zuckung, wenn man mit dem negativen Pol reizt, und 
zwar nur im Moment der StromBchliexsung (KSK). Es handelt sich also nur 
um einfache Heiabaetzuug der elektrischen Erregbailieit ohne qualitative 
Äendernng, waa die von Charcotin obiger fori eann g ausgeap roch eue Ansicht, 
daas nur eiue einfache Atrophie vorliege, bekräftigt, 

Waa die Art und Weise der weiteren elektriscben Behandlung bolrilTt, 
60 haben wir nach Cbarcut'a Worten die Wahl zwischen der Faradisation, 
Galianisalion und Frank linisntion. Bei der gegenwärtigen Lage der Dinga 
würde es schwer halten, ein fUr di« eine oder andere Methode ausschlag- 
gebendes Moment anzugeben. Es wird daa Einfachsta sein, mit dar Frankli- 
uisatioQ fortzufahren. Dieselbe bat bis jetzt offenbar gute Dienste geleistet 
und lS«8t sich leicht ausfahren. Wir werden una aber nicht abhalten lassen, 
von Zeit zu Zeit die auderen üblichen Reavtioneu hervorzurufen. 

leb habe noch genauer anzugeben, in welcher Art diese Behandlung 
durchgeführt werden aoU. Wir wissen aus Erfahrung, dass der elektriacbe 
Funke den gilnatigaten Einflues aiif den Em üb rungs zustand der Muskeln 
übt; Bo haben wir mit seiner Uilfö erfolgreich eiue alle Facialislähroung 
aus peripherer Uraarhe behandelt, bei welcher die elektrische Erregbarkeit 
ganz erloachen war. 

Aber ich muas Gewicht darauf legen, dass für den therapeutischen 
Erfolg die Anwendung starker Funken, die mau aiia tiuer Metallstange 
oder Kugel zieht, nicht unumgänglich nothweudig ist. Wir haben sie bei 
onaorem Krauken zu Zwecken der Uutersuchung angewendet; für die Be- 
handlung wird ea von nun an genügen, mit Hilfe einer Holzstaoge bUsohel- 
fSrmige Entladungen zu erzeugen, die viel suhwäcber und nn^hig sind, 
eine Contraction faeryarzurufen. Dieaea Verfahren hat uns schon z. B, in 
einigen belrächtUcben Atrophien rheumatischen Ursprungs Dienste geleistet. 
Herr Professor Regimbean, Agr£gé in Monipellier, bat fnach mündlicher 
Mittheilaug) seineraeits, unabhängig von mir, ähnliche Erfolge erzielt. 



iolt. I 



29 






führen durch reflectorische Wirkung zu einer Coiitractur, die 
sich auf die Muskela des betreffenden Gelenlia besclirilnkt oder 
sich auf das ganze Glied ausbreitet. Solche Fälle kommen sogar 
sehr häufig vor, und man weisa, daas mitunter die Flexoren das 
TJebergewicht über die Extensoi-en erlangen, so daas das 
Gelenk in Beugestellung fixirt wird. In anderen Fällen eom- 
biniren sich Atrophie und Cnntractur. 

Diese Mannigfaltigkeit der spinalen Affectionen, Hie an- 
scheinend immer von der nämlichen Ursache abhängen, muss 
uns in hohem Grade interessiren, und wir wollen bei Gelegen- 
heit der Vorstellung mehrerer jetzt auf unserer Klinik befind- 
'Jichen Kranken auf sie zurückkommen. 



ist für ÜB praktisi 
'}|jit oft seine üabclatünde, r 
Conttnclion bringen nitl. 

Jia Theorie ist zu beachten, dass die unKWeifelbafleBte [ropbiaobe 
Einwirkung von einer elektrischen Entladung ansgeiibt wird, bei der die 
Quantität TOn Elektricität im Vergleich mit jener bei den (in der Elektro- 
therapie gebranchten) elcklriachen Strumen Terscliwlndend genannt nerden 
muai. Man mnss also mit grosser Zurückhnttiing dio Lehren jener Autoren 
beurlheilen, die von den p h yaiologi seilen Eigeosahaften des Stromes aus- 
gehen nnd die trophlechen ÊiaBilBse desaelben von der Eiektrieitatsmenge 
«bb&ngen Ineseu, ohne Zweifel dnrch die Analogie mit den chemischen 
Wirkungen geleitet. Die Frage ist wahrscheinlich nicht so einfach, wie dieae 
Anloren wollen. 

Im Ganzen hat der Kranke, mit dem aich die Vorleaang Charcot's 
beicbKfti|t, una reichlich Gelegenheit gegeben, die Anwendung der Elektriair- 
raaschine in der Salpßfriire von neuem sn rechtfertigen. 

Bei dem gegenwärtigen Zustand der Elektrotherapie besteht kein 
Qmnd, eine Methode a priori ftbuuweisen. Nur von der Eti'ahrung darf man 
Gründe fllf oder gegen den Gebrauch der statischen Elektrirität erwarten. 
Kon,,,ln Vigonrou, 



Dritte Voriesuiip:. 



I, Ueber Contracturen aus traumatischer Ursache. 

II. Ueber einen Fall von (schmerzlosem) Gesichtskrampf bei 

einer Hysterischen. 

I. Der EinfliiHR der Trniiüion auf diu Localisatitni gewiaser TOn einer Dinpo- 
silion oder Diütliese abhängiger Erdrankuugati. — Die Cuntrautur nne traunia- 
tisclier Uraaclio bei Personen, welche einen latenten Zualand ïon spaatisclier 
Rigiditüt darbieten. — Die Steigerung der SelinenreÜexe liei Hysterischen. — 

II. Das typisciie Bild des Gesichtakrmnpfea. — Cuntractar der OesicIitB- 

miiakeln bei einer Hysterischen. — Simulation. 

Meine Klinik beherbergt in diesem Augenblicke mehrer« 
sebr interessante Fälle, welclie, wie ich glaube, wohl vei'dieneHfl 
Ihnen vorgeführt zu werden. Einige davon können uns in 
wenigen Tagen verlassen, bei anderen sind die Symptome, auf 
welche icli Ihre Aiifmerkaanikeit lenken möchte, von der Art, 
daaa sie in pîfltzlicher itnd unerwarteter Weise verschwinden ] 
können. Ich halte es dalier für geboten, die jetzt noch günstige 1 
Gelegenheit zu benützen, um Sie heilte mit diesen Fällen zu I 
beacliäftigen. 



Der erste Fall, den ich Ihnen vorstelle, gestattet uns, den 
ËinfiusB zu Studiren, welchen die alltäglichaten traumatischen 
Einwirkungen oftmals auf die Entwiekelung von Syniptomen 
sogenannter „localer Hysterie", inabesondere iiuf das Entstehen 
von Contractnren üben. 

Man weiss seit langer Zeit, daas gewisse, von einer Dispo- 
sition abhängige A ffeetio ne n sich gelegentlich unter dem Einflusa 
einer traumatischen Einwirkung entwickeln. Es ist dann ganK 
gewöhnlich, dass die Affection zu Anfang gerade an jenen. 
Steilen ausbricht, welche von dem Stich, Sehlag oder der 



— 31 — 

îlning betroffen worden Bmd- Das gilt, wie ich seit langer 
II lehren pflege, fiir den acuten Gelenksrheumatismns und 
für die Gicht; ea ist nichts häufiger, als dass ein gichtiaches 
Individnum zu seinen regelmässigen Herbst- und Frühjahra- 
anßllleo sich einen neuen Anfall holt, wenn es etwa einen 
Sturz erlitten hat. Und während die spontanen Anfiille sich an 
ihren betreffenden Lieblingsst eilen localisiren, wird der aiusser 
der Ordnung kommende Anfall bemerkenswertherweise dieses 
oder jenes Gelenk zum Sitze wählen, welcltes eben den Stoss 
oder die Quetschung erlitten hatte. Dies ist heutzutage eine 
allgemein bekannte Ihatsache, uud in den letzten Jahren haben 
Vernenil und seine Schüler das Interesse, welches vom 
chinirgiaehen Standpunkt diesen Verhältnissen zukommt, ins 
volle Licht gesetzt. 

Ea iat aber vielleicht weniger bekannt, dass gewisse loeale 
Symptome der Hysterie, und besonders die Contraetur einer 
Extremität, manchmal in ähnlicher Weise und unter den gleichen 
Bedingungen auftreten. 

Ich beginne sogleich die Erörterung des uns beschäftigenden 
Falles und werde Ihnen im Verlauf derselben die Lehren vor- 
bringen, die man aus ihm ziehen kann. 

Dieses starke 34jäbrige Madchen ist eine der ältesten 
Pfleglinge unserer Abtheitung ftir Epileptische ohne Geistes- 
störung, sie befindet sich daseibat seit 12 Jahren. Sie gehört 
jener Kategorie von Kranken an, welche wir auf der Klinik 
als „Hystero-epileptische mit getrennten Anfällen" fuhren, 

leli muss Ihnen eine kurze Erklärung dieses Namens 
geben. Er besagt, dass die Kranke an zwei verschiedenen 
Krankheiten leidet, deren Anfälle gesondert von einander auf- 
treten, so daaa hyateriache Anfälle, die wir attaques heissen, 
mit epileptischen (bei una accès genannt) abwechseln. Man 
spricht dagegen von „Hyatero-epilepsie mit gemischten An- 
fallen", wenn nur Hysterie vorlieigt, aber die Krankheit in 
ihren voll ausgebildeten AniUllen vier Perioden erkennen läsat, 
von denen die eine, die erste, sich in die Erscheinung der 
Epilepsie kleidet (epileptoide Phrise, epileptiforme Hysterie). 
len habe den Vorschlag gemacht, diese 5'orni „grosse 
Hysterie" zu nennen, um die Missdeutungen ausgesetzte 
Bezeichnung „Hyatcro-epilepsie mit gemischten Anfällen" zu 
vermeiden. 

Unsere Kranke leidet also gleichzeitig an „grosser Hysterie" 
und eigentlicher Epilepsie mit nächtlichen Anfäliun, Zungenbisa, 
unwillkürlicher Harnentleerung u. s. w. In früherer Zeit, das 
heisst bis zu den letzten fiinf Jahren, machte sich die Hysleric 
mehr bemerkbar als die Epilepsie; so zählte man im Jahre 1874 




in einem Monat 244 hysterische und 62 epileptische Anfälle., 
aber seit 1876 zeigen die hysterischen Anfälle eine Neigung 
zur Aboahme, und jetzt stehen offenbar die epileptischen An- 
fälle, welche sich, oDwohl ebenfalls minder zahlreich, zur Zeit 
der Regeln einstellen, im Vordergrunde. 

Zur Zeit, als noch bei aoserer Kranken die hysterischen 
Anfälle neben den epileptiseheu auftraten, zeigte sich die Eigen- 
thUmlichkeit, daaa auf die hysterischen Anfälle häufig eine 
Contraetur der rechten unteren Extremität folgte, welche 
14 Tage, einen Monat u. dgl. anhielt. Die Kranke hatte rechts- 
seitige Heraianästheaie und Ovarie, auf derselben, der rechten 
Seite, traten auch die Prodromalsymptome des Anfalls (das 
Ohrensausen, Klopfen in der Schläfe u- s. w.) auf 

Im Laufe der letzten Jahre waren die hysterischen Er- 
scheinungen fast vollständig geschwunden und wir hatten uns 
seit 6 oder 6 Jahren gewöhnt, die Kranke nicht mehr als 
eine Hysterische, sondern als eine Epileptische zu betrachten, 
deren Anfälle übrigens, wenn nicht an Intensität, so doch an 
Zahl abzunehmen die Neigung zeigten, 

Nun, am 16. Mai, also vor 5 Tagen, hat sich etwas zu- 
getrageD, was uns bewies, dass die Hysterie bei dieser Frau 
keineswegs erloschen ist, sondera als latente Disposition fort- 
besteht. 

Die Kranke hatte an den Tagen vorher nichts AuEfäUiges 
gezeigt. Sie begab sich am erwähnten Tage wie gewöhnlich 
in die Werkstätte, in der sie beschäftigt ist, als sie durch 
Ungeschicklichkeit und ohne von einer Betäubung oder Ohn- 
macht ergriffen worden zu sein — ■ sie gibt ganz entschiedene 
Auskunft über diesen Punkt — .auf der Stiege einen Fehltritt 
machte, mit ihrem ganzen Gewicht auf die Hnke Seite fiel und 
wie ein todter Körper ein Dutzend Stufen herabrollte. Zwei 
ihrer Genossinnen hoben sie alsbald wieder auf, sie hatte sich 
kein Leid gethan, und die einzige Spur des Sturzes besteht 
heute in einer Ecchymose, welche den äusseren Knöchel des 
linken Fusses bedeckt. Aber der Gang war gleich nach dem 
Fall sehr erschwert, und als die Ursache dieser Störung stellte 
sieh eine Rigidität heraus, weiche alle Gelenke (Hüft-, Knie- 
und Sprunggelenk) der linken unteren Extremität, auf welche 
sie gefallen wai', ergriffen hatte. 

Ich habe die Kranke am nächsten Morgen gesehen und 
sie in dem Zustand gefunden, in dem sie noch gegenwärtig ist, 
und den wir nun untersuchen wollen. 

Sie sehen die Kranke im Bette auf der rechten Seite 
liegend. Die linke untere Extremität ist ateü" iin Knie- wie im 
Sprunggelenk, Streckung und Beugung sind in gleicher Weise., 



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— 33 — 

nnmuglîub, man begegnet (îûm gleiclien Widerstaud, in welchem 
Sinoe man Bich aueh bemUbt. Beuger und Strecker sind, wie 
Sie sehen, beide gleicbzeitig in Anspannung, nur diisa, wie bei 
dieser Art von Contraetuv gewöhnlich, an der unteren Extre- 
mität die Wirkung der Strecker vorherrscht. Oberschenkel 
und Unterschenkel sind in Extension, der Fuas befindet sich 
in Plantarflexion in Folge der kräftigeren Action der Waden- 
iiiuskeln. Mit anderen Worten: die drei Abschnitte des Beines 
bilden eine Gerade, der Fuss steht in Spitzfussatellung. Ich 
will hinzufügen, dass das Bein, welches man einem starren 
Stab vergleichen kann, gegen den Rumpf addueirt ist; wenn 
an es von der Mittellinie abzieht und dann sich selbst über- 
lat, geht es wie von einer elastischen Feder gezogen in 
iine frühere Stellung zm-ück. Ausserdem hat das Glied eine 
otation im Hüftgelenk erfahren, derzufolge Kniescheibe und 
Fusaspitze fast ganz nach einwärts gewendet sind. Sonst finden 
wir weder Schwellung noch Sehmerzhaftigkeit der Gelenke, 
kurz nichts, was an den Stiu-z erinnert, wenn wir von der 
bereits erwähnten Ecchymose neben dem äusseren Knöchel 
absehen. 

Ich mache Sie darauf aufmerksam, daas diese Zwangs- 
stellung des Beines gleichsam mit einem Schlage au%etreten 
ist. Wie ich schon oft betont habe, liegt in diesem Charakter 
der apasmodischen Contractur bei Hysterischen ein Unter- 
^heidungsmerkmal von den Contracturen aus organischer 
Ursache. Bei der spastischen Paraplégie der transversalen 
[yelitis, der dissemioirten Sclérose u. s. w. kommt es nie mit 
;m Male so weit. Da bereitet sich der Zustand allmählich 
; Sie haben in einer ersten Periode Paraplégie mit Mushel- 
schlaffheit, aber Steigerung der Sehnenreflexe, in einer zweiten 
sehen Sie die Rigidität anfallsweise auftreten, in einer dritten 
ist die Contractur in Extension oder halber Flexion ausgebildet, 
und endlich erst in einer vierten Periode, die man aber fast 
nie oder nur ausnahmsweise beobachtet, kommt es zu einer 
unüberwindlichen Steifheit, so dasa man die Glieder mit starren 
ben vergleichen kann. 
Sie sehen also, es gehört zn den interessantesten Eigen- 
iQmlichkeiten der hysterischen Contractur, dass sie mit einem 
Ichlage ihr Maximum eiTeichen kann. 

Das Auftreten einer Contraetnr unter den geschilderten 
Verhältnissen bei einer Person, die nach unserem Wissen an 
einer schweren Form von Hysterie und auch bereits an Con- 
■facturen gelitten hat, musste uns natürlich vermuthen lassen, 
lass bei ihr ein neuer Auabruch der Hysterie bevorstehe. Wir 
LBsten nachforschen, ob sieh bei ihr gleichzeitig mit der 




— 34 — 

Contractui' nicht andere Stigmata der Hysterie ia Folge des 
Traumas entwickelt hatten. Und das war wirklieh der Fall: 
Dia HemianäBtheBie, welche früher die rechte Seite einnahm, 
war seit einigen Jahren geBchwunden; sie ist jetzt wiedei 
schienen, aber aie besteht jetzt auf der linken Seite, dort wo . 
das Trauma eingewirkt un(ï wo sieh die Contractur aus- 
gebildet hat. 

Diese Anästhesie nimmt die ganze linke Seite ein, Extre- : 
mitäten, Rumpf und Geflieht, jedoch mit Ausnahme jener d 
Partien, welche an Sinnesorgane angrenzen, wie dies manchmal 1 
vorkommt. Ovarie besteht nicht. I 

Von diesen VerhRltnisaen abgesehen, bietet unsere Kranke 1 
nichts Benierkenswertlies; es wäre etwa noch die Schlaflosigkeit 1 
zu erwähnen, die seit fünf Tagen anhält und das Eintreten der l 
Regeln, welche vor zwei Tagen zur rechten Zeit gekommen 
sind. Gerade zur Zeit der Menstruation treten bei ihr die 
epileptischen Anfälle auf und sind früher die hysterischen 
Anfälle erschienen. Es ist daher mindestens sehr wahraehein- 
lich, dasB wir in einigen Ta^en einen hysterischen Ausbruch 
mitansehen werden, in Folge dessen die Contractur ver- 
sehwinden kann, wie sie gekommen ist, nämlich ganz oder 
nahezu mit einem Schlage. Dies ist der Grund, weshalb ich 
darauf bestanden habe, Ihnen die Kranke noch heute vor- 
zustellen. Die Gelegenheit, Ihnen eine hysterische Contractur 
aus traumatischer Ursache zu zeigen, könnte sich mir auf lange ■ 
Zeit hinaus nicht mehr bieten. i 

Aber, können Sie mir einwenden, sind Sie denn wirklicb j 
sicher tiberzeugt, dass das Trauma auf die Entwickelung der 
spastischen Contractur des Beines solchen Einfluss ausgeübt 
hat, wie Sie behaupten? Kann es sich nicht um ein blos zu- 
filUiges Zusammentreffen handeln? Nein, antworte ich, denn es 
fehlt mir nicht an Argumenten, um den Satz zu unterstützen, 
den ich aufgestellt habe. I 

Nehmen wir zuerst die Gründe vor, bei denen von derl 
Hysterie abgesehen wird: Ich hatte bereits Gelegenheit, die*! 
weitgehenden Analogien zu betonen, welche zwischen der spasti-^ 
sehen Extremitätenlähiining bei den Hysterischen, iider zwischen 1 
den nicht von materiellen Veränderungen des Rückenmarks ab-" 
hängigen Lähmungen und den spastischen, hemiplegischen oder 
parapTegischen Lähmungen bestellt, die sieh an eine spinale 
Läsinn knüpfen. So z. B. können bei einer Hemiplegie in Folge 
von Gehirnläsion, die den Verlauf des Pyramidenbündels in der 
inneren Kapsel trifft, die Glieder schlaff bleiben; aber die Con- 
traclur ist in solchen Fällen in gleichsam latentem Zustande*! 
vorhanden, wie die SteigMTing dar Sehnenreflexe (Fusspliänomen,« 



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'■ KniephäEomen) zeigt, und iiiitunter k.inn man durch beharrliches 
Wiederholen der Schläge auf die PateUnrsehne eine Contractur 
erzeugen, die einige Minuten lang anhält. In diesen Fällen aUo 
droht die Gefahr der Contracturj und diese selbst kann sich 
entwickeln, wenn eine traumatische Läsion hinzukommt, und 
lÄwar gerade an jenen Partien, welche von Her Quetschung 
oder Zerrung betrciffön worden sind. So erzählt Terrier die 
LCesehiehte einer hemiplegischen Frau, bei welcher eine Con- 
■ ractur von mehrmonatlicher Dauer durch traumatischen Ein- 
^ ,u8a zu Stande kam. Man könnte noch zahlreiche Beispiele 
der Art anführen, in denen nicht nur Hemiplegien, sondern 
auch Paraplegien in Folge von Trauma den spastischen 
Charakter angenommen haben- Es bedarf übrigens keines 
heftigen Traumas, um in einem Glied, das von schlaffer 
Lähmung befallen ist, Contractnr zu erzeugen; eine ungestüme 
Faradisation, die Anwendung eines Blnsenpflaaters, eines 
PflasterB mit Bre eh wein s te in reicht hin, um denselben Effect 
rzielen. 

Man kann sich folgende Theorie machen, um diese Ver- 
iSltniase im Gedächtnisse zu befestigen: Es besteht in diesen 
'allen von Lähmung in Folge materieller Läsion eine Erreg- 
bark eit sa teigerun g der grauen Substanz und hauptsächlich der 
motorischen Zellen der Vorderhömer, für welchen besonderen 
Zustand ich den Namen „Strychninismus" in Ermangelung eines 
besseren vorgeschlagen haoe. Hautreize, Erregungen centri- 
petaler Nerven überhaupt steigern noch die ohnedies erhöhte 
Erregung der motorischen Zelle, das Mass wird übervoll und 
der motorische Nerv überträgt die Erregung auf die Muskeln, 
làîe er beherrscht. 

Aber es ist Zeit, dass wir zur Hysterie zurückkehren, 
lei vielen Hysterischen besteht, besonders oft auf der anästhe- 
ischen Seite, häufig aber mehr allgemein, ein Zustand von 
gesteigerter Reflexerregbarkeit, wiewohl man dabei eine Parese, 
eine dynamometrisch nachweisbare Muskelschwäche linden 
kann. Es ist daher nicht mehr auffällig, wenn eine Erregung 
centripetaler Nerven, Sehnennerven oder anderer, dieselben 
■"Wirkungen hervorbringt wie in Fällen mit Läsioten der ner- 
iVösen Centren; unter denselben Bedingungen kann hier wie 
lort die Bpastiscbe Paralyse der Extremitäten ohne Muskel- 
itarre sich in eine Paralyse mit Contractm- und Oclenks- 
iteifigkeit umwandeln. 

Ich könnte Ihnen zahlreiclie Beispiele der Art anfuhren, 
inige davon finden sich in dem Anhang zum ersten Band 
einer in der Salpêtrière gehaltenen Vorlesungen. In dem 
inen Falle trat in Folge eines Sturzes auf den Handrücken 




eine Coutrflctur im H;inf!gelenk ein, welche mehrere Monate 
dauerte; dieselbe Erscheinung beobachtete ich ein andermal 
in Folge einer Quetschung der Hand durch das Triebwerk 
einer Maschine; eine andere Hysterische, die sich den Fuss- 
rücken stark gegen das Querholz eines Sessels gedrückt hatte, 
wurde von einer Contractur des Fusses befallen u. dgl. mehr. 
Brodie, welcher diese Thataachen sehr wohl gekannt und sie 
in seinem Buch „lieber gewisse locale nervöse Affeetionen" 
1837 zuerst veröffentlicht hat, erwähnt Contracturen der oberen 
Extremität nach Stich in den Finger. 

Diese Th.itsachen werden dadurch noch interessanter, 
dass die Contractur in Folge von Traunm häufig die erste 
Offenbarung der hysterischen Disposition ist. Nehmen Sie an, 
ein gewöhnliches leichtes Trauma habe bei einer jungen Person, 
die bisher keine nervösen Erscheinungen geboten, eiue Con- 
tractur hervorgerufen. Sehen Sie genauer zu, und Sie werden 
wahrscheinlich irgend welche Nebenumstände finden, die es 
ausser Zweifel setzen, dass Hysterie im Spiele ist. Es sollte 
mich sehr wundern, wenn Sie unter solchen Verhältnissen 
nicht ein Anzeichen von Hyperästhesie oder Anästhesie, Ovarial- 
scbraerz oder irgend ein Symptom der Art entdecken. 

Ich kann Ihnen übrigens diese Neigung zur Contratur, 
welche oft bei gewissen Hysterischen im höchsten Grade 
besteht, sofort vor Augen führen. Es handelt sich dabei 
nicht immer um die grosse Hysterie, die Hysterie mit 
voll entwickelten Anfällen, sondern um die gemeine, leichte 
Form. 

Ich stelle Ihnen hier zwei junge hysterische Mädchen vor, 
welche, beiläufig gesagt, mit ihren aufgeweckten Mienen und 
ihrer durch BUtnien- und Eänderschmuck bekundeten Putzsucht 
auffällig gegen unsere erste Kranke abstechen, deren Gesichts- 
züge verriethen, wie sehr ihr Geist unter den wiederholten 
epileptischen Anftlllen gelitten hat. Die eine dieser Kranken 
zeigt eine Anästhesie in zerstreuten Herden und linksseitige 
Ovarie, die andere ist links hemianästhetiseh, auf der rechten 
Seite aber analgisch und hat doppelseitigen Ovarial ach merz. 
Sie sehen, wie durch wiederholte Percussion der Patellar- 
und der Achilleasehne der Unterschenkel in Extension geräth, 
während der Fuss K Iura pfuss Stellung annimmt. Diese Stellung 
ist nun fixirt, die Extremität ist vollkommen starr, Sie können 
dieselbe weder beugen noch strecken. Es handelt sich mit 
einem Wort um eine vortrefflich ausgebildete Conti-actur, 
welche mehrere Stunden dauern würde, wenn wir sie ni 
durch Erregung der Antagonisten auf demselben Wegeschwim 
macheu, auf dem wir sie erzeugt haben. Was wir am 



I 
I 
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e nichi^^H 
winden^^^H 
n Beiu-j^^H 






- 37 — 

miacLt, könoeu wir für die obere Extremität wiederholen. 

enn wir mit einem Percussion sliam m er wiederholte kleine 
Schläge auf die Fingerbeuger im Niveau des Handgelenkes 
auBfiihren, sehen Sie die Hand und die Finger in extremste 
Flexion gerathen und in dieser Contractnr verhaiTen. 

Ich glaube genug vorgebraebt zn haben, um den Einfluss 

.umatischer Läsionen auf die Entwickelung von Conti-acturen 
hysterischen und anderen, dui-ch gewisse organische 
Lfisionen prädiaponirten Personen zu erweisen. Wir werden 
im Verlaute unserer Studien zu wiederholten Malen Gelegen- 
heit finden, diese interessante Anschauung fdr die Erklärung 
von sonst unverständlieben Phänomenen au verwerthen. 

Kehren wir zur Contractur unserer Kranken zurück. 

'as sollen wir mit Üir tbun? Zunächst die vorherzusehende, 

iwisserniassen unausbleibliche Umwälzung abwarten, die der 
lontractur wahrscheinlich ein Ende machen wird. Wenn sie 
aber fortbesteht? Dann sind wir, da es sich um eine einseitige 
Contractur handelt, nicht ohne Angrlftspiinkte für die Therapie; 
wir können etwa mit Hilfe des Magneten oder anderer Agentien 
der Art einen Transfert der Contractur auf die andere Seite 
hervorrufen, und es ist wohl möglich, dasa nach einer aehr 
häufigen Wiederholung dieser Transferts die Contractur über- 
wunden ist. 



n. 



Iwuni; 
I In unsere Consulation externe kommt gegenwärtig eine 
pleine Patientin, deren Zustand in die Hvsterie einschlägt, 
«renn er nicht ganz und gar dahin gehört. Es handelt sich um 
ein fünfzehnjähriges, noch nieht menstruirtea Judenmädi^hen 
aus Petersburg, die etwa seit seclis Wochen unsere Klinik 
besucht, um dort die Heilung zu finden, die sie anderswo nicht 
erlangen konnte. Ich weiss nicht, ob es uns möglich sein wird, 
ihr zu leisten, was sie verlangt, oder vielmehr was ihr Vater 
fijr sie verlangt. Sie werden sogleich verstehen, warum ich 
^^^iese Einschränkung mache. 

^^^L Es handelt sich, oder scheint sich bei ihr um einen nicht 

^^^Kh m erzhaften Gesichtskrajupf zu handeln, aber das Leiden 

^^^^etet bei der Kranken einige besondere Eigen thiimlichkeiten, 

(turch welche ea vom normalen, typischen Bilde erheblich 

abweicht. 

Betrachten Sie zunächst hier diese hysterische Frau, die 
ich Ihnen auch zu einer anderen Gelegenheit vorstellen werde, 
und die den (nicht schmerzhaften) Facialiskrampf in seiner 
gewöhnlichen Erscheinung zeigt. Es ist eine seit Langem 



L 



iM. uBtJKi.gmm^m^J 



liyateriache oder vielmehr noch immer, trotj ihrer 50 Jahre, 
hysterische Person, bei der die Anfälle seit geraumer Zeit 
verschwunden sind, aber ee bestellt noch eine linksseitige 
Hemianäathesie und auf derselben Seite bat sich seit vier oder 
fünf Jahren ein Gesicbtskrampf festgeaetzt. Dieser Krampf offen- 
bart sich in Anfällen, die mehr oder weniger zahlreich im 
Laufe eines Tages auftreten, und besteht in einem Zwinkern 
des Auges und in einem sehr raschen, etwa 200 mal in der 
Minute wiederholtem Erzittern der linken Lippencommisaur; 
das Platysma myoides nimmt in gewissem Masse an dem 
Krämpfe theil. Dies ist die typische Form- 

Betrachten Sie jetzt unsere junge Kranke. Bei ihr können 
wir den Krampf nacb unserem Belieben hervorrufen. Sie sehen 
aie jetzt ruhig, mit einem kleinen Kissen auf dem rechten 
Auge, es gebt in ihrem Gesichte nichts Besonderes vor. Aber 
wir wollen das Kissen wegnehmen; wenn wir es nur leicht 
aufheben, ohne das stets von den Jestgeschlossenen Lidern be- 
deckte Auge fi'eizulegen, tritt schon eine Zusamnienziehung 
der Gesichtamuskeln auf der rechten Seite ein. Wenn wir das 
Auge aufdecken, wird der Krampf noch heftiger und es kommt 
zu einer gräulichen starren Verziehung der Gesichtszuge. Das 
Ergebniss bleibt immer dasselbe: Kube, solange man das 
Kissen an seiner Stelle lässt, Contraetur, sobald man es 
wegzieht. 

Es besteht also eine so merkwürdige Verschiedenheit 
zwischen diesem Falle und dem vorigen, daas wir uns wohl 
fragen müssen, ob wir nicht einen Jener sonderbaren Fälle 
von Simulation vor uns haben, an denen die Casuiatik der 
Hysterie so reich ist. 

Ich will gleich sagen, daas dem gegenwärtigen Zustand 
ein Krampf im rechten Orbicularis vorausgegangen ist, der vor 
einem Jahr ohne bekannte Ursache und ohne Schmerzen 
auftrat. Kurze Zeit spfiter kamen nervöse Anfalle von Lach-, 
Wein- und Schrei krämpfen liinzu. Im letzten August bildete 
sich in Folge einer localen Anwendung der Elektricität der 
Geaichtskrampf aus, wie er heute besteht. 

Erwägen wir die Dinge etwas genauer. Das Vorkommen eines 
Lidkrampfes bei einer nervösen, hysterischen Person ist nichts 
Seltenes, nichts, was uns verwundern könnte. Auch daas sieh 
dieser Krampf auf die anderen Gesichtamuskeln ausdehnt, ist 
nichts Ausserordentliches; man sieht solche Fälle oft. Endlich 
ist nichts natürlicher, als dass dieser Krampf durch Druck auf 
gewisse Punkte hintangehalten werden kann. v. Graefe hat 
schon vor langer Zeit auf diese Druckpunkte aufmerksam 
macht, die der Arzt suchen muss, und die die Kranken 



I 










heit 



"1° 



rÏHch auffinden. Im vorliegenden Fall spielt das 
ider dei- untere Orbitalrand die Rolle eines solchen 
Druckpunktes. 

Nun aber begiuat das Sonderbare'. Der Druck, den dieses 
kleine Kissen ausübt, ist wahrlich recht gering, und wenn es sich 
nur um den Druck handeln würde, müaste ea gleichgiltig sein, 
ob wir ihn anbringen, indem wir das Kissen anlegen und ea mit 
Hilfe der Binde befestigen, oder ob die Kranke selbst diese 
Verrichtung vollzieht. Dna ist aber nicht der Fall, Es kommt 
also auch auf die Person an, die es thut, und das giebt zu 
denken. IüL will es gerade heraussagen; ea bandelt sich bei 
mir nicht um einen Verdacht, sondern um eine Ueberzeuguug. 
Dieses junge Mädchen simulirt oder wenigstens, sie übertreibt. 
Ich gestehe gerne zu, das» der Lidkrampf reell iat, aiser was 
eleu Krampf im Bereich des unteren Fascialisastes und des 
Platysmas betrifft, ao halte ich ihn für willkürliche Zathat, für 
mlation. 

Wahrscheinlich ist den Aerzten, welche dieses Mädchen 
Petersburg gesehen haben, derselbe Gedanke gekommen, 
denn man hatte zu einer Operation der Nervendurchschneidung 
■bereitet, die Kranke wurde chloroformirt, und die Operation 
i nicht ausgeführt worden. Der Krampf aber ist geblieben, 
Sie ihn heute sehen. 

Sie werden mir einwenden: Welches Interesse soll dieses 
.dchen haben, um zu simuliren? Ich habe schon Gelegen- 
leit gehabt Ihnen zu sagen, dasa die Hyateviachen oft ohne 
bestimmte Absicht simuliren, sie pflegen die Kunst um ihrer 
selbst willen. Aber steckt nicht etwa die Sucht, Aufsehen zu 
machen, dahinter? Die Aerzte von Petersburg zu täuschen 
oder zu glauben, dass man sie tauscht, dann die von Paris, 
dann an die Facultät von Wien zu gehen und ao ganz Europa 
durchlaufen, wäre das nicht Beweggrund genug? 
Ich füge hinzu, dass, wenn man die Kranke loit unver- 
ikten Lidern auf den laolirschemel der Elektrisirmaschine 
'îngt, sie sichtlich zn ermüden acheint; nach Verlauf einer 
■telstunde wird die Athmung keuchend, der Körper be- 
deckt sich mit kaltem Schweias und ein mehr oder minder 
echter nervöser Anfall droht auszubrechen. Wir haben diesen 
iuch nicht weiter treiben wollen. 

Was soll man unter solchen Verhältnissen thun? Zuwarten 
nichts sagen. Wir wollen vorläufig nichts von unserer 
Lsicht dem Vater und noch weniger dem Mädchen selbst 
■rathen, um nicht ihr Vertrauen einzubüssen, und wollen 
Scheinbehandlung einschlagen- Ich will hoffen, dass 
Î junge Patientin noch einige Zeit bei uns bleiben 




40 



und mir Gelegenheit geben wird, sie Ihnen neuerdings vor- 
zustellen. ^ 



^ Seit der Vorlesung ist Fräulein A. von ihrer Familie getrennt worden. 
Am 27. Mai in*s Spital aufgenommen, bat sie keine andere Behandlung als 
einige Sitzungen mit statischer Elektricität und die Application von Magneten 
auf Distanz gegen die Seite des Krampfes erfahren. Am 1. April nahm unter 
dem Einfluss der Elektrisirung der Krampf zeitweilig ab. Bis zum 18. Juni 
fiel nichts Besonderes vor, aber an diesem Tage hatte sie einen Anfall mit 
schrillen Schreien und einigen Verdrehungen des Körpers, die immer auf der 
rechten Seite, der Seite des Krampfes, heftiger waren. Einige Tage später 
haben sich solche Anfälle wiederholt. Während des Monats Juli wurde sie 
fast täglich der Fernwirkung des Magneten unterworfen, dabei schwand 
allmählich die Contractur in der unteren Gesichtshälfte, am 26. Juli war 
nur noch der Lidkrampf übrig. Tags darauf bekam sie in Folge einer Auf- 
regung einen heftigen Anfall, und seither blieb die Lidspalte in normaler 
Weise offenstehend, aber die Anfälle haben sich noch öfter wiederholt. 

Ch. Féré. 



Vierte Vorlesuna:. 



m 



Üeber Muskelatrophien im Gefolge von chronischem Gelenks- 
rheumati&mus. 

Die Mnakelatroiiliie bei aeuteu, subacuten oder clironiaflion Gulealtaloiden. — 
Beziehnng zwiaciteti dur Louaiieation der Âtropiiio uijd dem Situ der Gelenks- 
erltranlinngr. — Die Typen des primären chrontEulien ßeleiikarlieomatisoina: 
1. vcrbreilate oder progressive Form, 2. localislrte oder partielle Form, 3. die 
Heberdon'sclleu Knoten. — Der allgemeine verbreitete ehronisobo Gelenks- 
rheuQiatismuH erzeugt Muskel atrophie, welche vorzugsweise die Streckmuskeln 
der erkrankten Gelenke befällt. — Steigerung der Sebnenreflese. — Neben 
derÂtrapliIe besteht ein latenter Zustand von Coutractur. — Die refleotorisube 
spastische Contraetur aua nrticulärer Ursache. 



Meine Herren! Ich stelle Ihnen hier einen Kranken vor, 
1er uns von neuem auf das Studium jener amyotrophiHchen 
Lähmungen hinftlhrt, mit denen wir uns vor Kurzem be- 
schäftigt haben. • 

Ich darf annehmen, dass Sie sieb jenes jungen Telegraphen- 
beamten erinnern, der in Folge eines Stosses gegen das rechte 
Knie eine übrigens sehr leichte, Gelenksentzündnog davontrug 
und seither nun schon ein Jahr laug au einer atrophischen 
Parese leidet, die, vorzugsweise auf den M, estensor triceps 
der rechten Seite loealisirt, ihm das Gehen recht beschwer- 
lich macht. 

Die traumatischen Einwirkungen sind aber durch.ius nicht 
die einzigen, an die sich solche Folgezustände schliessen. Es 
ist vielmehr festgestellt, dass diese das Ergebniss der ver- 
schied en aiütcst en krankhaften Veränderungen sein können. 

Diese Beziehung gilt unter anderen für den acuten 

lelenksrheuinatismus, den acuten Gichtanfall (Bouchard, 

bove) und die gonorrhoische Gelen ksentzündung; und waa 

;h von den acuten und aubacuten Gelenksleiden sagen lässt, 

kann man ebenso auf den chronischen Gelenksrheumatismus 

übertragen. 




— 42 — 

la alltin dieseu acuten oder chronischen Grelenksaffectionea | 
befolgt die auftreteode AtropHe die früher augefiihrte Eegel, 
das heiast sie befällt in einer weitaus überwiegenden Weise j 
die Muskeln, welche das affieirte Gelenk strecken, also die I 
M. glutaei, wenn es sich um eine Arthritis der Hüfte handelt, 
den extenBOr tricepa, wenn das Knie ergriffen ist, den M. 
triceps des Armes, wenu die Erkrankung im Ellbügengelenk 
sitzt n. dgl- 

Diese Beziehung zwischen dem Sitz der Gele nka affection 
und der Localisation der Muskelatrophie ist so constant, 
dasa sie in schwierigen Fällen selbst für die Diagnose ver- 
werthet werden kann. So kann bei gewissen Leiden des Hüft- 
gelenka, z. B. in manchen wenig vorgeschrittenen Fällen von 
inalum seoile coxae, bei denen die physikalischen Symptome 
wegen der tiefen Lage des Gelenks noch kein sicheres Ur- 
theil erlauben, die sehr ausgesprochene Abflachung der Hinter- ■ 
backe der entsprechenden Seite tu Folge der Atrophie der 
inneren Bündel des M. glutaeus maximns ein sehr bedeutungs- 
voller Anhaltspunkt werden. Lange Zeit, ehe man etwas von 
den Muskelatrophien aus articulärer Ursache wusste, hat schon 
Adams die Aufmerksamkeit auf diese Abflachung der Hinter- 
backe bei manchen chronischen Hüftgelenksleiden gelenkt.' Der 
Fall, den ich Ihnen heute zeigen werde, gehört der Gruppe ■ 
des chronischen Gelenkarheumatismus an. 

Ich will Ihnen in'a Gedächtnise zurückrufen, dass ich vor- 
geschlagen habe, die aelir mannigfachen Formen, unter denen I 
diese Affection auftritt, auf drei fundamentale Typen zurück- 
zufuhren.^ Diese sind: 

1. Der (primäre) allgemeine oder progressive 
chronische GelenksrheumatismuB. Der sogenannte „kDo- I 
tige" Rheumatismus der Autoren; er zeigt von allem Anfang.J 
an einen chronischen Verlauf und eine fast unaufhaltsai 
Neigung zur allgemeinen Ausbreituog. Die kleinen Gelenke i 
der Extremitäten, besonders der Hände, am hänfigsten die 
Metaearpo-phalangealgeleoke werden zuerst ergriffen, und 
zwar in symmetrischer Weise. Im Verlaufe der Zeit kommt 
dann die Mehrzahl der anderen Gelenke faat unausbleiblich 
au die Reihe. Während der ganzen langen Dauer der Krank- 
heit hat der Kranke häufig lebhafte Schmerzen, ofl von Fiebei 
bewegungen begleitet, zu ertragen. 

2. Der (primäre) partielle oder localisirte chrO'| 
nisehe Gelenksrheumatismus. Das Leiden, welches den-f 

' Adams, Â Treatisu ou rhuuiatic; gont etc. Lüudoii IS&T. 
^ Cbaccof, Traité de la gootte de Garrod, Anmerkuiig, pag. 602. — I 
Krankheiten des Greiaeiiallera. 3. Auflage, 1874, pag, 197 u. ff. 



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— 43 — 

selben Charakter dus durcLgängig chronisyLen Verlaufs zeigt, 
■wie die vorstehende Form, bleibt gewöhnlich auf eine oder 
zwei grosse Gelenke beschränkt und richtet in diesen tief- 
gehende Verheerungen an. Es ist in der Chirurgie häufig als 
Ai-thritis sicca oder Morbus senilis coxae, wenn es das Hüft- 
gelenk betrifft, abgehandelt worden. Die Schmerzen, die es 
legleiten, sind geringfügig; Fieber fehlt zumeist. 

3. Die Heberden'schen Knoten. Die von Heberden 
als „Digitorum nodi" beschriebene Affection. Sehr allgemein, 
aber ganz mit Unrecht der Giclit zugezählt, befällt aie fast 
ausschliesslich die Gelenke zwischen den zweiten und dritten, 
manchmal ausserdem die zwischen den zweiten und ersten 
Phalangen der Finger. Sie verschont im Gegentheil dieMetacai-po- 
pbalangealgelenke, welche eine Lieblings statte des eigentlichen 
KDutigen Rheumatismus sind. 

Es versteht sich von selbst, dass das anatomische Sub- 
trat all dieser klinischen Formen das gleiche, nämlich eine 
rthritis sicca ist, aber jeder dieser klinischen Formen gehört 
ein besonderer pathologisch-anatomischer Typus an. Eigent- 
lich sind diese drei Formen nicht scharf voneinander geschieden, 
vielmehr durch allmähliche Uebergäuge verbunden. Es giebt 
sozusagen intermediäre Formen, und der Fall, den wir nun 
untersuchen wollen, gehört sowohl dem partiellen als dem 
allgemeinen chronischen Rheumatismus an; es ist ein partieller 
Rheumatismus, der sich auf eine grosse Anzahl von Gelenken 
erstreckt hat. 

Der öljährige S , Friseur, hat sich bis zu seinem 

44. Jahre einer guten Gesundheit erfreut. Während der 
letzten neun Jahre bewohnte er unglücklicherweise eine finstere 
und feuchte ParteiTcstube hinter seinem Laden, in der er 
Nachts häufig an Kälte litt- Dieser Einfluss einer feuchten 
Wohnung gehört zu den mit Recht am häufigsten betouten 
unter den Anlässen des cbrooiscben Rheumatismus, und es ist 
sehr bemerkenswerth, dass die Gelenks ach merz en gewöhnlich 
erst einige Jahre, nachdem die Schädlichkeit ihre Einwirkung 
begonnea hat, auftauchen. Es scheint da eine Ai't Incubation 
vorzuliegen. So zeigten sich bei unserem Kranken die ersten 
Zeichen der Gelenksaffectionen erst, nachdem er fUnf Jahre hin- 
durch in dieser Stube gelebt hatte. Die Gelenke wurden in nach- 
stehender Reihenfolge ergriffen: Zuerst die Handgelenke, dann die 
Schulter-, dann die Sprung-, Knie-, Hüft- und Ellbogengelenke, 
zuletzt erkrankten im geringen Grade die Finger und die 
Gelenke der Halswirbelsfiule. Diese allmähliche Ausbreitung 
les Leidens ging während eines Zeitraumes von vier Jahren vor 
Ich. Die Schmerzen waren nur wenig intensiv, Anschwellungen 




kaum ausgesprochen; niemals Eöthung oder Fieber, der Kranke 
war zu keiner Zeit bettlägerig, aber er fuhlte zuerst eine 
Betinderung; in gewissen Bewegungen seiner Handgelenke bei 
der Ausübung seines Gewerbes, dann kam eine rapide Ab- 
inageruug und grosse Muskel schwäche hinzu, die ihm den 
Gang îiusaerord entlich erschwerte, und endlich sah er sich 
genöthigt, seinen Beruf aufzugeben. 

Es ist gegeowärtig leicht, die kranken Gelenke zu er- 
kennen und die Veränderungen, von denen sie befallen sind, 
zu beui'theilen. Crepitiren bei Bewegungen ist in den meisten 
nachweisbar, am stärksten im linken Schultergelenk und in 
beiden Kniegelenken. In diesen letzteren ist eine gewisse 
Menge eines flüssigen Ergusses vorhanden, und die Weich- 
theile, die sie umgeben, sind augenscheinlich gesehwellt. Ebenso 
besteht Crepitiren in den Hand- und Ellbogeiigelenken und in 
einigen Fingergelenken an beiden Hilnden. Um es kurz zu 
fassen, wir finden in einer grossen Anzahl von Articulation en 
die classischen Zeichen der Arthritis sicca. 

Was unser Interesse aber zumeist in Anspruch nehmen 
muss, ist die Abnahme der Muskelmassen, Es handelt sich 
dabei nicht um eine allgemeine Abmagerung im strengen Sinne 
des Wortes, sondern vielmehr um eine localisirte Atrophie, 
die vor Allem gewisse Muskeln oder Muskelgruppen betrifl^t, 
und wir finden hier wieder die vorwiegende Betheiligung der 
Strecker vor, auf welche wir uns gefasst gemacht hatten. 
So eonstatiren wir an den Schultern eine Abflachung der 
Deltoidei, an den Armen sind es besonders die M. tricipites, 
welche geschwunden sind, während die Bicepamuskeln noch 
eine gewisse Maasenentwickelung bewahrt haben. Die M. glutaei 
siud in hohem Grade abgeflacht in Folge der Affection der 
Hüftgelenke. Am Oberschenkel ist der Triceps weit niehi 
atrophisch als die Beugergruppe, und dieselbe Regel bewährt 
sich ftlr alle erkrankten Gelenke. 

Die Veränderungen der «lektrischen Erregbarkeit, welche 
die Muskeln zeigen, sind auch in diesem Fall ausschliesslich 
quantitativer und nicht qualitativer Natur. Ein einziger Muskel 
macht eine Ausnahme, nämlich der Vastus externus der rechten 
Seite, welcher Ent ar t un gs reaction zeigt, also Abschwächung 
der faradischen bei Erhöhung der galvanischen Ei-regbarkeit. 
Diese Ausnahme ist aber ganz vereinzelt, überall sonst sprechen 
die elektrischen Eeactionen der Muskeln iüv eine einfache 
Atrophie derselben ohne tiefere Ernährungsstörung. Gewisse 
dieser atrophirten Muskeln sind der Sitz sehr merklicher 
fibrillärer Contraction en, z. B. der Deltoides, der Quadrieeps d 
Beines, die Glutaei; einige zeigen sich unzweifelhaft für die 






j 



rnechanisciie Evachüttermig erregbarer, 



iesondere ecbön atn linkeii DeltoLd< 



Sie es 



leus sehen. 



mngen der Muskeln entspricht eine 
Grad der Höhe der Atrophie 



An 

w 

I vor] 



tri 

m 



I woi 



Ernährangssti 
motorische Schwache, dere 

proportional ist. Der Gang ist sehr erschwert, weit mehr 
Folge der atrophischen Parese als in Folge von Schmerzen. 
An den Händen ist die dynamometriache Kraft sehr herab- 
isetzt; sie wird durch die Zahl 10 filr die rechte und 12 für 

linke Hand ausgedrückt, während das Mittel im Zustand 

Gesundheit ungefähr 80 beträgt. 

Eine eingehendere Untersuchung liisst erkennen, dass, wie 
'Orherzusehen, an den oberen Extremitäten besonders die 
Wirkung der Extensoren ausgefallen ist; so ist es z. B. sehr 
leicht, dieExtension im Ellbogengelenk zu überwinden, während 
dagegen das vom Kranken in Flexion gebrachte Glied den 
VeraacLen, es zu strecken, noch ziemlich guten Widerstand 
leistet. Dasselbe kann man ftir's Handgelenk erweisen. Auch 
fiir'a Knie gilt das Gleiche. 

Sie sehen also, dass bei unserem Kranken in allen wesent- 
hchen Punkten eine volle Uebereinatiramung mit dem Zustand 
jenes Telegraphenbeamten besteht, dessen atrophische Paralyse 
sieh in Folge eines Traumas entwickelt hatte. Wir dürfen also 
daraus achliessen, dass die OelenksafTectionen des verbreiteten 
chronischen Rheumatismus in gleicher Weise wie G e lenk s - 
träumen jene Rückwirkung auf das spinale Centralorgan aus- 
Tben, von der die an den Streckern vorwiegende atrophisclie 
'aralyse abhängt.* 

Ich muss aber noch einen Berühmngspunkt zwischen den 
beiden Fällen erwähnen. Bei dem Telegraphenbeamten habe 
ich als eine sehr interessante Thatsache die Steigerung der 
Sehnenreflexe hervorgehoben, welche nicht nur an dem er- 
krankten, sondern auch an dem anscheinend gesunden GHede 
hervortritt, und ich habe daraus geschlossen, dass die spinale 
Affection, die sich in Folge des Gelenksleidens entwickelt hat, 
worin immer sie bestehen mag, eine viel grössere Ausdehnung 
Centralorgan hat, als man zunächst vermuthen sollte. Nun 
iLl, dieses selbe Symptom, welches uns die Steigerung der 



nt (Progrèa médical, 1880, png. iöll) die Gelegenlieit 
gehabt, die Mimheln eiaea an chroniscliem Kheamatismns Li^idcnden, welt^her 
»on Mnskel atrophie befallen worden w»r, mikroBkupiscli zn nntersachen, 
nnd honote an ihnen Cliai'xkter« auffinden, welche gestatten, diese Âmy- 
otrophien an die Myopnthien aaa Bpinaler Ursache anzureihen, ntîmlich: <lie 
Ungieichmïaaîgkeit der Atrophie, welche nicht nnr die Bttndcl desselben 
Musketa, sondern selbst die Fasern clegi^eiben üilndela In nngleicb hohem 
Or^e bellUlt, und die Sclérose dea interstitiellen Biridegewebes. 




46 



reflectoriaclien Erregbarkeit bezeugt, findet sieb auch bei doni 
Kranken, den ich Ihnen heute vorstelle, und zwar in noch 
viel höhei-em Grade. So kann ich durch Doraalflexion der 
FiissHpitze beiderseits ein sehr lebhaftes Schütteln hervor- 
rufen, besonders dann, wenn der Kranke sieh anstrengt, dieser 
Bewegung zu widerstehen. Um jetzt die Erhöhung der Knie- 
reflexe schätzen zu können, lasse ich den Kranken sich auf den 
Bettrand niedersetzen und die Fussballen an dem Rande eines 
Sessels stützen. Sie sehen nun, wie auf beiden Seiten die 
Percussion der Patellarsehne bei jedem Schlage eine Bewegung 
der Schulter, besonders der linken, hervorruft. Ich wiederhole: 
so oft man, sei es rechts oder links, auf die Patellarsehne 
sehlägt, entsteht eine Contraction des Deltoïdes, Trapeziua und 
Pectoralis major, die Schulter wird gehoben und die ganze 
ohere Extremität von dieser Bewegung mitgerissen. 

Wir finden also an den unteren Extremitäten jene Sym- 
ptome, welche den Inhalt der spastischen Paraplégie ans- 
raaeben, zur Zeit, wo die permanente Contraetur zwar noch 
nicht ausgebildet, aber doch nahe bevorstehend ist. Und diese 
Erscheinungen sind in so iohem Grade entwickelt, dass ein 
unterrichteter Arzt dazu verleitet wurde, zu glauben, daas in 
diesem Falle das Spinalleiden das Primäre, die Gelenksafi^ec- 
tionen und Muskelatrophien das Abhängige wären. Aber gegen 
diese Anschauung erhebt die Art und Weise der Entwickelung 
der Krankheit Einspruch; in Wirklichkeit sind die Q-elenks- 
aflPectionen das Primäre und die spinale Affection, welche die 
Amyotropliie bedingt, ist nur secundär. 

Es ist nicht unwichtig hinzuzufügen, dass, abgesehen von 
dieser Erhöhung der Reflexerregbarkeit, welche sich sowohl 
an den oberen als an den anteren Extremitäten durch Reflex- 
steigemng kundgiebt, kein anderes Symptom zu finden ist, 
welches man auf ein Spinalleiden beziehen könnte. Also keine 
Störung der Hautempfindlichkeit, keine Gürtelschmerzen, keine 
Störung beim Harnlassen u. dgl. 

Wie Sie aus dem Vorhergehenden ersehen, besteht in 
dem Falle, dass die amyoti'ophiaohe Parese das Bild beherrscht, 
die Contraetur gleichsam potentia, im latenten Zustand. Dies 
flihi't mich zur Bemerkung, dasa, wenn bei gewissen Gelenka- 
leiden, wie im eben besprochenen Falle, die atrophische Para- 
lyse die Hauptsache ist, in anderen Fallen von Gelenks- 
erkrankung dagegen die Verhältnisse sich umkehren und die 
spastische Contraetur in den Vordergrund tritt.' 

Seit langer Zeit wird in der Chirui'gie gelehrt, dass bei 
gewissen Arthritiden, besonders bei den sehr schmerzhaften 
Formen, die erkrankten Gelenke steif werden. Sie sind alsdann 



— 47 — 

lieh in rlci- Flexion festgestellt; ao beugt sich bei der 
lJoxaJg;ie der Oberschenkel gegen das Beeben, bei der fungösen 
Kniegelenkaent Zündung der Unterschenkel gegen den Ober- 
Bchenkel n. s. f. 

üeber die Ursache dieser Gelenkssteifigkeit und der 
durch sie hervorgebrachten Difformität ist sehr lange Zeit 
gestritten worden. Wie Ihnen bekannt sein wird, hat man 
sieb in der Schule Honnefs in Lyon auf den Instinct des 
Kranken berufen, der ihn das Gelenk in eine unverrückbare 
Lage bringen heisat, uin so den Sehmerz bo viel als möglich 
zu vermeiden. Andere haben das Gewicht der betreffenden 
Theile, die in der Gelenkshöhle angesammelte Flüssigkeit 
u. a. d. beschuldigt, aber immer hat man die Thatsache der 
unwillkürlichen spastischen Contractur dabei in den Hinter- 
grand gedrängt. Heute ist es, wenn ich mich nicht täusche, 
im Gegentheil diese unwillkürliche spastische Zusammenziehung 
der Muskeln, an welche sich die Mehrzahl der Chirurgen hältr, 
und man ist so. zur Lehre von Hunter zurückgekehrt. 
Mr. Hilton, Chirurg im Guy's Hospital, hat in einem in 
Frankreich wenig bekannten Buche der heute herrschenden 
Ansicht bestimmten Ausdruck gegeben, ' „Wenn," sagt er, „die 
üelenkshöhle der Sitz irgend einer Reizung oder Entzündung 
ist, so wird der Einfluas dieses Zustandes auf das Rückenmark 
übertragen, und wirkt von dort aus vermittelst der betreffenden 
motorischen Nerven auf die Muskeln, welche das Gelenk be- 
wegen, zurück." Prof. Duplay hat sich in verschiedenen 
Stellen seines Buches, ebenso wie Pitha, als Anhänger dieser 
Lehre bekannt. 

Es handelt sich dabei also um eine spastische Zusammen- 
ziehung, welche sowohl Beuger als Strecker betrifft, aber immer 
so, dass die ersteren die Oberhand gewinnen und die Richtung 
der neuen Stellung bestimmen. Es scheint sich nicht um eine 
absichtliche oder instinctive Contraction zu handeln, die 
dazu bestimmt wäre, den Schmerz zu lindem, denn in vielen 
derartigen Füllen, besonders in der Coxalgie, soweit das Hüft- 
gelenk in Betracht kommt, ist es oft notbwendig, dieser Con- 
tractur entgegenzuarbeiten und zur Linderung -der Schmerzen 
die forcirte Extension einzuleiten. Masse- hat übrigens die 
interessante Beobachtung gemacht, dass solche Contracturen 
sich oft im Schlafe ausserordentlich verstärken, während sie im 
Gegentheil bei Tage, wenn der Kranke im Stande ist gegen 
ai e anzukämpfen, nachlassen- 

' On reat and pain etc., S"'' ed. London ISTT. 

* Influence dn l'Attitude des membres snr leurs .irliciilatinns. Munt- 
er, 1ST8, png. 104. 




— 48 — 

Ohne als.o den Eioflusa acceasorischer Ursachen zu be^^ 
streiten, gelangt man doch zur Annahme, dass die fehlerhafte 
Stellung der Gelenke in solchen Fällen liauptaflchlich durch 
die reflectorische spastische Contractur bedingt ist. Diese An- 
schauung findet, wie ich glaube, ihre volle Bekräftigung durch 
die Untersuchung der merkwürdigen Verkrümmungen, welche 
Bich so oft beim verbreiteten und progressiven ehroniachen 
Rheumatismus (knotigen Rheumatismus) ausbilden. Diesen 
Gegenstand habe ich bereits vor 30 Jahren, in meiner In- 
auguraldissertation, aufzuklären versucht und bitte Sie um die 
ErLiubnisa, jetzt darauf zurückzukommen. Aber die Erörterung 
der auf dieae Fragen bezüglichen Verhältniase würde una 
heute zu weit fllhren, und ich verschiebe aie daher auf die 
nächste Vorlesung. 

Es wird aber vielleicht nicht überflüssig sein, ausdrück- 
lich hervorzuheben, dass es neben den amyotrophischen 
Lähmungen aus articalärer Ursache spastische Contracturen 
giebt, die sich gleichfalls an Gelenksveränderungen knüpfen, 
dasa dieae Lähmungen wie die Contracturen von einer Spinal- 
affeetion abhängen, die auf reflectorisehem Wege bedingt ist, 
und auf solche Weise den Zusammenhang zu betonen, welcher 
zwischen diesen beiden, anscheinend einander ao fremdeoii 
RciJien von Thatsachen zu bestehen scheint. 




^^g'ta- 



I. lieber reflectorische Muskelatrophie und reflectorische Con- 
tractur in Folge von Gelenkserkrankung. II. Ueber Migraine 
ophthalmique in der Initialperiode der progressiven Paralyse. 

I. Der cbroniscbB GelenkBriieamatUmus. — Reflectorisclie Contractnr ana 
arlicnlSr^r Ursache. — DilTormitSlen beim obroniscben Oelenkarbeamatisinns: 
I. EiteusiomtjpDa, S. FkxioDstjpus. — Gestaltang der Hacd bei der Atbetose 
nnd bei der Paralyais agitane. — Die OelenksveränderimgeQ beim chroniachen 
Rhenrnntismas bangen von einer Spinalaffectiun ab, deren Entetebang nach 
dem Meehaniainua der Eeflexacle vor eich gebt. — II. Die progresaiva Paralyae. 
T-aine opbtbaimique im Beginne derselben. — Das Flimmer- 
ekoloin. — Die Hemianopsie. 



I. 



Meine Herren, die erste Kra-nke, auf welche ich Ihre Auf- 
''toerksamkeit lenken wilJ, zeigt una ein Beispiel von Arthritis 
sicca im Hüftgelenk, und Sie können an ihr jene von der 
Atrophie der Glutaei abhängige Abflachnng der Hinterbacke 
bemerken, welche, wie ich Ihnen schon erwähnt habe, in 
schwierigen Fällen zur Feststellung der Diagnose dienlich 
sein kann. 

Es handelt sich am eine Frau von 62 Jahren, bei welcher 
wir nicht die gewöhnliche Aetiologie des chronischen Gelenks- 
rhemnatismns erbeben können; sie hat niemals an einem feuchten 
Orte gewohnt; übrigens sind auch die anderen Gelenke bei ihr 
unversehrt- Sie selbst bezeichnet langjähriges Arbeiten an 
der Nähmaschine als Ursache des gegenwärtigen Leidens 
im rechten Hüftgelenk. Die Kraniheit begann vor einem Jahr 
mit einer gewissen Behinderung in diesem Gelenke; später 
kamen spontane Schmerzen hinzu, die besonders zur Nachtzeit 
auftraten, im unteren Theil der Hinterbacke sassen und längs 
des Oberschenkels nnd der Innenfläche des Knies ausstrahlten. 
Zu einer gewissen Zeit war aucli Crepitiren im Gelenke vor- 




^ 



handen, das heute nicht mehr besteht. Die spontaDen Schmerzen 
sind gegenwärtig versehwunden, auch Sehlag auf den 
grossen Trochanter ruft keine SchmerzenBäusserung hervor, eine 
ausgesprochene Verkürzung der Extremität ist nicht vorhanden; 
aber diese zeigt eine auffällig-e Neigung, sieh in die Rotation 
nach innen zu begeben, wie Sie schon von der Ferne aus der 
Stellang des Fusses ersehen können. Die Kranke geht ziemlich 
gut und hinkt nicht, wenn sie erst einige Schritte gemacht hat; 
wenn sie sich aber niedergesetzt hat, ist es ihr unmöglich, 
den rechten Oberschenke! über den linken zu legen, während 
sie dasselbe für den Hnken ganz gut ausführen kann. Die 
Anamnese, wie die noch jetzt vorhandene Functionsstörung 
stellen es ausser Zweifel, dsiss hier zu einer gewissen Zeit 
eine Gelenk »affection bestanden hat; aber selbst, wenn diese 
Anhaltspunkte weniger unzweideutig wären, müsste die sehr 
beträchtliche Abflaohung der rechten Hinterbacke unsere Auf- 
merksamkeit auf das Gelenk hinleiten. Die rechte Hinterbacke 
erscheint nicht nur auf den ersten Anblick sehr abgemagert, 
sie ftlhlt sich auch weicher und schlaffer an als die linke; 
man gelangt mit den Fingern leicht dazu, den Sitzhöcker zu 
betasten, was links nicht der Fall ist; endlich sehen Sie, dass 
auf der rechten Seite der grosse Trochanter viel mehr vor- 
springt, was von der Atrophie des M. glutaeus minor herrührt, 

Mir lag daran, Ihnen diese Kranke zu zeigen, weil ihr 
Zustand sich an Jene Muskelatrophien aus articnlBrer Ursache 
anschliesst, mit denen wir uns gegenwärtig beschäftigen. Ich 
will jetzt daran gehen, Ihnen einige weitere Einzelheiten über 
die spastischen Contracturen m ftzutheilen, welche sich so häuüg 
neben der Atrophie der Muskeln im Gefolge von Gelenks 
affectionen entwickeln. Ich habe versucht, Ihnen zu beweisen, 
dass diese Contracturen, wiaschon Hunter lehrte, durch einen 
reâectorischen EinÜuss zu Stande kommen, welcher von dent 
erkrankten Gelenk ausgeht. Die Reizung der Gelenksnerven 
überträgt sich auf die Centren im RUckenmarke, welche ihrer- 
seits wieder diese Erregung vermittelst der motorischen Nerven 
auf die Muskeln, sowohl auf die Benger als auf die Strecker 
des Gelenks reflectiren. 

Im Allgemeinen beschränkt sich die spastische Contractur 
auf die Strecker und Beuger des erkrankten Gelenkes. Aber 
es kommen Fälle vor, in denen zufolge von Ausbreitung der 
Läsion im RUckenmarke der Muskelkrampf die Neigung zur 
Verallgemeinerung zeigen und sich z, B. über eine ganze 
Extremität erstrecken kann. Wir haben Thatsachen dieser Art 
in der Klinik der Hysterie bereits kennen gelernt, aber soweit 
mau nach den bisher veroffeotlichten Beobachtungen urtheileo 



I 




w 



— 51 — 

kann, kommen diese auf eine ganze Extremität ausgedehnten 
Contracturen in Folge von Läsion eines einzigen Gelenkes auch 
aiisserhalb der Hysterie vor. Wir können uns hier auf die 
Fälle berufen, welche Duchenne (de Boulogne) zuerst bekannt 
gemacht und unter dem Namen „Reflectorische Contractur ans 
articulärer Ursache" beschrieben hat. Später hat Dubrueil 
in Montpellier über denselben Gegenstand gearbeitet.' In der 
Beobachtung Dubrueil's handelt es sich um einen jungen 
Menschen von 16 Jahren, der sich durch Fall von einer Leiter 
eine Verstauchung im linken Tibio-Tarsalgelenk zugezogen 
hatte. Drei Tage später kam es bei ihm zu einer Contractur, 
die nicht bloa die Muskeln des in Adduction dorsalflectirten 
Fusses, sondern auch die Beuger des Knie- und Hüftgelenkes 
betraf. Offenbar sind die Pereonen, bei denen eine solche 
Contractur ans articulärer Ursache sich auf andere Gelenke 
ausbreitet, als prädisponirte zu betrachten und in dieser Hin- 
sicht den Hysterischen an die Seite zu stellen. 

Um diesea Gegenstand abzuschliessen, erübrigt mir noch 
Ihnen, wie ich versprochen habe, zu zeigen, dass auch die 
Difformitäten der Glieder beim progressiven, knotigen, chro- 
nischen Gelenksrheumatismus durch eine spastische Contractur 
der Muskeln bedingt sind, welche gleichfalls von einer, mit 
den GelenksliUionen im Zusammenhange stehenden, Reäex- 
wiFkuDg abhängt. 

Ich habe schon früher einmal^ nachzuweisen versucht, 
dass die Miss staltungen, die man in solchen Fällen beobachtet, 
und die wir nun an den oberen Extremitäten studiren wollen, 
sich trotz all ihrer Mannigfaltigheit auf zwei Grundtypen 
znrllckRlhren lassen, an welche alle anderen, sonst noch vor- 
kummenden Formen anzureihen sind. 

Wir wollen ztierst die beiden Typen gemeinsamen Züge 
hervorheben: Die Hände sind gewöhnlich in Pronation und 
ein wenig gebengt, die krankhaften Veränderungen in der 
Regel symmetrisch, die Finger zumeist en masse dem ütnar- 
rande der Hand genähert (Fig. 5). 

Nun lassen wir die unterscheidenden Merkmale der beiden 
grossen, damals von mir beschriebenen Typen folgen: 

Erster oder Extensions-Typus: Wenn wir zunächst 
das freie, periphere Ende der Finger in Betracht ziehen, sehen 
wir a) eine Beugung der dritten Phalange, b) eine Ueber- 
Btreckung der zweiten und c) eine Beugung der ersten Phalange. 

' Unbraeil, Leqons de clinique chirurgicale. Montpellier, I8S0, pag. 6. 
> Cliarcot, Étndea ponr Horvir à l'hirtoire de l'affecuoii décrite aona 
s de gnntte Mlhênii|ne primitiTe, nodosités des joïntnres, rhumatianie 
■rtieolaire clirouiiiao (forme primitiTc). These de Paris, 185a. 



I 



A 



Die Kraoke D . . .^., die ich Ihnen vorstelle, zeigt diese Mis- 
Btaltungen in einer ganz charakteristisehen Ausbildung. Es 
ist eine Frau von 49 Jahren, bei welcher die Krankheit vor 




20 Jahren nach dreijährigem Aufenthalt in einer feuchten 
Wohnung auBgebioehen ist Bei ihr finden wir auch die Mehr- 
zahl der analogen anderen Gelenke erkrankt (Fig. 6). Die- 



Linke Hand dr 




selben Difformitäten sehen Sie an der Kranken M . . , . wieder, 
welche zur Zeit der Menopause von der Affection ergriffen 
würden ist (Fig. 7). 

Beim zweiten Typus, dem Typus der Flexion, finden i 
wir eine Streckung der dritten und Beugung der zweiten J 



— 53 — 

I Phalange, wie es Ihnen rlie uun vorgestellte Kranke vor Augen 
|;flihrt (Fig. 8). 

Das sind also die MisstaltuDgen, welclie nacli meiner An- 
■ iBchauung ebensowohl von einer spastischen Contraotur der 



Fig. 7. 




Linke Hand der Kraakr 



Typus. Zeiohnuiig 



welche man an den 
Ellbogen u. s. w.) 



Muskeln abzuleiten sind, wie jene, 
Ëancleren Gelenken der Kranken (Kni 

I beobachten kann. 

Wollen Sie aber wohl beachten, dass die spastiache Con- 
[tractur selbst bei diesen Kranken seit langer Zeit geschwunden 
Fig. 8. 




BechtB Hand dor Kranki 



'yjiiu. ZeichnuDg 



iPeugnit 

, Nur die Difformi täten , welche dieselbe hervorgerufen hat, 

^testehen in Folge der Verdickung der periarticulären Gewebe 

fort. In der langen Zeit der Unbeweglichkeit haben sieh, 

während die Gelenke durch die Wirkung der spastischen 

Muskel verkürz un g in fehlerhaften Stellungen fixirt waren, 



— 54 — 

Subluxationen und Schrmnpfiingen der Bänder vollzogen, welche 
nun den Händen die cliarakteriBtische Stellung ihrer einzelnen 
Abachnitte gegeneinander bewahren. Welches sind aber die 
Argumente, die man zu Gunsten dieses von mir aufgestellten 
Satzea anführen kann? 

1. Man bann unmöglich zugeben, dasa diese unnatürlichen, 
gezwungenen, sozusagen sinnlosen Stellungen von dem Kranken 
instinctiv angenommen worden seien, um durch eine bestimmte 
Fixation des Gelenkes den Sehmerz so viel als möglich zu 
vermeiden. Wenn man die Kranken während der Periode der 
heftigen Anfälle der Krankheit untersucht, findet man im 
Gegentheil, dasa sie, anstatt diese gezwungenen Stellungen 
zu suchen, vielmehr die spastischen Contractnren, welche zu 
ihnen fiibren, die „Krämpfe", wie sie sagen, mit allen Kräften 
zu unterdrücken streben. 

2. Die Fiüssigkeitsansammlung in den Synovialkapseln 
kann wohl die Beweglichkeit der Gelenke erhöhen und die 
Wirkung der contraeturirten Muskeln begünstigen, kann aber 
nieht als wirkende Ursache der Difformität angesehen werden. 
Dazu kommt, dasa nicht alle Gelenke der Hand, welche der 
Verkrümmung unterliegen, von Hydrarthrose oder nur von 
Entzündung befallen gewesen sind. Endlich kann man, ohne 
Furcht vor Widerlegung, behaupten, dass die Schwere der 
erkrankten Theile bei der Entstehung der DifformitSt nur 
eine äusserst untergeordnete KoUe spielt. 

Es bleibt also als einzige Ursache, an die man sich halten 
kann, die reflectoriache Muskelcontractur übrig, welcher als 
einer blindwirkenden Kraft nichts Zweckmässiges innewohnt. 

Ich will hinzufügen, dass man zu Gunsten dieser Theorie 
noch andere, zwar indirecte, aber wichtige Argumente herbei- 
ziehen kann. leh kann Ihnen zeigen, dass dieselben Diffor- 
mitäten der Hand, dieselben Verbildungen der Gelenke^ welche 
wir beim knotigen Rheumatismus finden, auch unter anderen 
Bedingungen auftreten; in Fällen, wo keine GelenkaafFection 
besteht und nur die Rigidität der Muskeln im Spiele ist, und 
zwar mit bis zur Verwechslung ähnlichen Charakteren. So 
z. B, in der spastischen Hemiplegie der Kindheit; die Kranke, 
die ich Ihnen jetzt vorstelle, zeigt eine spastische Contractur 
aller Muskeln der oberen wie der unteren Extremität der 
linken Seite; das Leiden datirt aus der Kindheit, die Ferson 
ist epileptisch, aber es handelt sich dabei um eine besondere 
Art von Epilepsie ; niemals ist irgendwo eine Spur von Gelenks- 
erkrankung, namenthch nicht an den Händen, bei ihr auf- 
getreten. In dieser Hand nun, welche die der Athetose eigen- 
thUmlicben unwillkürlichen Bewegungen und daher eine gewisse 



« 



I 




— 55 — 

Erweiterung des Spielraumes der Gelenke naeli mehreren Rich- 
tungen darbietet, sehen Sie, wenn die Kranke die Hand aus- 
strecken will, eine Difformität entstehen, welche lebhaft an 
unseren ersten Typus, den der Extension erinnert (Fig. 9). 
Dasselbe trifft flir die Parkinson'sche Krankheit zu. Ich 
pflege seit langer Zeit auf die dabei auftretenden Misstultungen 
aufmerksam zu machen, welche sich nur durch die anhaltende 
Rigidität von antagonistisch wirkenden Muskeln erklären lassen. 
Es ist übrigens bekannt, dass bei der Faralysis agitana auch die 
Muskeln der Extremitäten und des Stammes sich in einem 
Zustand permanenter Spannung befinden, in Folge dessen die 
einzelnen Theile wie zuaammengelöthet sind. An den Händen 
begegnet man am häufigsten einer Difformität, welche an 
die Sclireibfederstellung erinnert, und auf die Contractur der 




, interOEsei zu beziehen ist. Aber in niauelien Fällen findeu 
[wir doch eine Verbildung der Finger, welche ganz der beim 
■ knotigen Rheumatismus gleicht. In dem Falle, den ich Ihnen 
Pieizt vorstelle, haben Sie wieder den Typus der Extension 
vor sich (Fig. 10). Auch in dieser Reihe vou Fällen ist es 
einzig und allein der Muskelzag, welcher die Misstaltung er- 
zeugt; die Gelenke sind in keiner Weise afficii't. 

Das sind also die verschiedenen Argumente, meine Herren, 
Laus denen mir hervorzugehen scheint, dass die Gelenksver- 
Itildungen des chronischen Rheumatismus von einer Spinal- 
I affection herrühren, welche sieh auf dem Wege reflectoriseher 
lEinwirkung entwickelt hat. 

Wir dürfen nun von Neuem betonen, dass die Rückwirkung 
löer Gelenk s affection en auf das spinale Centralorgan bald eine 



— SS _ 

Thätigkeitssteigerung der Nervenzellen LervoiTut't — daher 
danu die Contractur — bald iiu Gegentheil eine Herabsetzung 
dieser Thätigkeit, welche zur atropliischen Lähmung führt. 

Man muBS hinzufügen, dass diese beiden Arten der spi- 
nalen Affection sich an demselben Individuum combinirt vor- 
finden können. So sieht mau z- B. beim knotigen Rheuma- 
tismus, dass noch zur Zeit, in der die Muskeln von Contractur be- 
fallen sind, in einer grossen Zah 1 derselben, besonders aber in den 
Streckern, bereits eine mehr oder weniger ausgeprägte Atrophie 
auftritt. In solchen Fällen stellen Steigerung und Hemmung 
der Thätigkeit der zelhgen Nervenelemente zwei auferaander- 
folgende Phiaeu in demselben kiankhaften Process dar Aber 





es scheint, dass es mitunter von vorneherein bloa zu einer 
functionellen Depression der N-ervenzellen kommen kann; dieser 
Vorgang mag bei der primären Amyotrophie stattfinden, die ich 
an erster Stelle in diesem Zusammenhange erwfihnt habe. Sie 
erinnern sich aber wohl, dass selbst in diesem Falle — soweit 
man wenigstens nach den Beobachtungen, die wir miteinander 
macht haben, schliessen darf — die Verhältnisse, welche zur 
Contractur prädisponiren unf3 sie vorbereiten, nämlich die 
Steigerung der Sehnenreflexe, neben der Atrophie, gewiaser- 
massen mit ihr combinirt, vorgefunden werden. 

Ea besteht also nicht, wie man auf den ersten Anschein 
hätte meinen sollen, ein Gegensatz oder gar ein Widerspruch. 







hen den beiden Reihen von Thatsaclien. Ob nun Con- 
tractur oder im Gegentheil Amyotrophie in Folge einer Gelenka- 
läsion vorliegt, die spinale Affeation ist daram doch stets die 
Dämliclie. Diese beiden Reihen, von Erscheinungen stellen 
gleichsam die beiden Extreme einea und desselben Krankheits- 
processea dar. 

Ich will zum Schlüsse bemerken, dass diese Combination, 
diese Aufeinanderfolge von Contractur und Muskelatrophie in 
der Klinik der spinalen Affectionen durchaus nicht vereinzelt 
dasteht, Sie begegnet uns in ganz unverkennbarer Weise auch 
bei der amyotrophischen Lateralaklerose, von der ich Ihnen 
kürzlich ein Beispiel vorgeführt habe. ' 



n. 

Nun aber genug von spastischen Contracturen und Ainyo- 
trophien aus articulärer Ursache, Ich will Ihnen jetzt einen 
Kranken zeigen, dessen Zustand in ein ganz anderes Register 
gehört. Der Kranke leidet an der progressiven Paralyse der 
Irren, und wenn wir nur seinen gegenwärtigen Zustand in 
Betracht ziehen, werden wir sehen, dass es sich um einen 
gewöhnlichen, claseisch ausgebildeten Fall handelt, in dem die 
Diagnose — leider — nur zu leicht zu stellen ist. 

Herr L . . . ., Professor der Geschichte, 35 Jahre alt, ist 
nach Frankreich gekommen, um hier Rechtswissenschaft zu 
studiren. Er bietet gegenwärtig folgende Erscheinungen: Eine 
eigenthümliche Sprachstörung, durch welche die Sprache fast 
unveratändlieh geworden ist, iibrilläres Zittern der Zunge, einen 
eigenthümlichen Tremor der Hände und jenes Symptombild 
intellectuellen und moralischen Verfalls, welches man als 
„paralytischen Schwachsinn" zusammenfassen kann. Der Fall 
ist, ich wiederhole es, als ein ganz clasaischer zu bezeichnen, 
(renn man nur unserer heutigen Kenntniss Rechnung trägt, 
dass es eine Form von progressiver Paralyse giebt, in der 
der Grössenwahn nicht zur Ausbildung "gelangt- Man nennt 
diese Form die „paralytische'', oder „progressive Paralyse ohne 
Geistesstörung". 

Das Hauptinteresse des Falles liegt aber in den Initial- 
|>liänomenen, über welche uns die junge Frau des Kranken 
mit ausgezeichnetem Verständniss unten-ichtet. 



' Seitdem diese Varlegang gehalten murde, hat Charcot vdi: 
Droschfeld, Profesior der patltülogischea Anatomie iu Maucheat 
Pbologtapliie der Haad einoa Stndeuton am Boyal Collega erhalten, welcher 



Ich will Ihnen zuvor ins Ctedächtnisg zurückrufen, dass 
die progressive "Paralyse, welche, einmal voll entwickelt, ein 
fast einförmiges Symptombild liefert, nach Jules Falret' 





Willkürlich erzeugte Mraiataltung dar Hand, welche an den ICitenslODa-TTpns 

beim chronischen Bheumatismus erinnert. Zeichnung von P. Richer. 

durch StrecknDK der zweiten und Beugung der ersten und dritten Phalange 
eine ganie Shnlich« Difformität wie beim chronischen Gelenkarbeumatismua 
willkariich hervorbringen konnte (Fig. 11). Dasaelbe iat ein klinischer 
Zoglinc der »alpêtrière im SUnde (Fig. 12). Solche Thatsachen aind wohl 
geeignet zu beweisen, dass die UifibrmilSt einzig und allein unter dem 
EinBuss der Huakelthätigkeit entsteht. Ch. Fâré. 

1 J. Falret, Eeoberebea sur la folie paralytique. Thèse de Paris, 186^. 



— 59 — 

Anfang in sehr reracliiedenen Eraclieinungsfovmen auftreten 
laun, die aber eine Zuräckführung auf vier Typen oder Unter- 
ai-ten gestatten. 

1. Die expansive (maniaTc»liBclie) Form. Die Kranken 
zeigen G rSssenwahn, sind von sich seibat und ihrer Umgebung 
im hohen Grade befriedigt, erwarten Millionen, spielen sieh 
auf Künstler und Dichter hinaus u. a. w. Dieser Grösaenwahn 
trägt von Anfang an den Stempel des Schwachainns (Falret). 
Die Ideen, in denen er sich äussert, sind widerspruchsvoll, 
flüchtig, absurd, ganz verschieden von dem logisch fest- 
gehaltenen GrÖBsenwahn des chroniachen Wahnsinns. Diese 
psvchisohen Störungen sind begleitet von einer gewissen Er- 
schwerung der Articulation, Ungleichheit der Pupillen, Tremor 
und Unsicherheit der Bewegungen. 

2. Die melancholische (depressive) Unterart, die 
einen auffälligen Gegensatz zur vorigen bildet. 

Die Kranken zeigen einen melancholischen Kleiuheita- 
wahn, glauben sich entehrt, ruinirt u. dgl. Manchmal gesellen 
sich hypochondrische Ideen dazu. Sie fürchten zu sterben, sie 
bilden sich Krankheiten ein, die in "Wirklichkeit nicht bestehen, 
behaupten, dass sie nicht schlingen, nicht Harn lassen können, 
daas ihre ersten Wege veratopft sind u. dgl. Diese Symptome 
bezeichnen den Beginn der Erkrankung, bald kommen aber 
die anderen, Sprachstörung, Pupillen Ungleichheit u. a. w. hinzu. 

3. Die paralytische (atouisehe) Unterart. Dieae ist 
durch das Fehlen einea Wahna eharakterisirt. Von paychischen 
Störungen liegen nur die tiefgehende Char akter Veränderung, 
der unmotivirte Wechsel von zärtlicher und zorniger Auf- 
regung, die Abnahme des Gedächtnissea vor. Bei dieser Form 
beherrschen die motorischen Störungen das Bild: Sprachstörung, 
Zittern der Hände und der Zunge, die von fibrillären Cou- 
tractionen bewegt ist, Unsicherheit des Ganges, Sehwanken. 
Bei dieser Paralyse ohne Geiateeatörung bewahren die Kranken 
das Bewusstaein ihrea Verfalls, und können trotz der Schwä- 
chung ihrer lotelligenz ihre socialen Pflichten bis zu einem 
gewissen Grade erfüllen. 

4. Die congestive Unterart. Bei dieser beobachtet 
man eine Reihe von auf Congestion bezogenen Anfällen, 
zwischen denen fast freie Intervalle bleiben. Solche Anfälle 
können sich eine unbestimmte Anzahl Male wiederholen, 
flieh die progreaaive Paralyse mit ihren permanenten Symptomen 
dauernd feataetzt. 

Die Erscheinungsform dieser aogenannten „congestiven" An- 
feile ist eine ziemlich wechselnde. Mitunter ist es ein apoplekti- 
fbrmer Anfall, dei' eine vorübergehende Hemiplegie zurUcklässt, 



L former Anf 



mitunter ein Aufall epilejititbrmer Krämpfe, endlich kommt 
häufig ohne eigentlichen Verlust desBewuastseina zurVertaubung 
einer Hand, der Lippen, einer zeitweiligen Störung der Sprache 
und Verworrenheit der Ideen, zu einer flüchtigen Apbasie u. dgl. 

Unter diesem congestiven Typus hat die Krankheit in 
unserem Falle begonnen, und die verschiedenen Formen der 
AuMle haben sieh bei ihm in einer gewissen Reihenfolge abgelöat. 

Ihre besondere Aufmerksamkeit möchte ich aber auf die 
Thatsache hinlenken, daas die paralytischen AnfUUe bei unserem 
Ki-anken zumeist durch jenen Symptomcomplex eingeleitet 
wurden, den man gewöhnlich als „Migraine ophthalmique" 
zusammenfasst. 

In den ersten AnMlen waren die Erscheinungen der Art, 
dass man sie, an und für sich betrachtet, auf eine zumeist gut- 
artige Affection hätte zurückführen können. Wie die Folge 
gezeigt hat, handelte es sich aber um den Beginn einer Ver- 
hängnis s vollen Erkrankung. 

Ich will mich heute nicht in die Symptomatologie der 
Migraine ophthalmique des Näheren einlassen; dieser Gegen- 
stand soll uns ein andermal für sich allein beschäftigen. Ick 
will Ihnen nur in's Gedächtniss zurückrufen, dass man bei 
einem gewöhnlichen, gut ausgebildeten Anfall von Migraine 
ophthalmique im Gesichtsfeld eine leuchtende Figur auftauchen 
sieht, die zuerst kreisrund ist, dann halbkreisförmig wird, Zick- 
zack- oder Festungslinien zeigt und in einer sehr lebhaften 
flimmernden Bewegung begriffen ist. Dieses Phänomen ist bald 
in einem leuchtenden Weiss, bald in mehr oder minder deut- 
lich gelben, rothen oder blauen Farbentönen ausgeführt. Man 
bezeichnet es als Flimmevskotom (scotome scintillant) (Fig. 13). 

Das Skotom macht häufig einem vorübergehenden hemi-- 
anopisehen Gesiehtsfelddefect Platz, in dessen Folge man von 
den fixirten Gegenständen nur die eine Hälfte sieht. 

Die in solchen Fällen sehr lehrreiche Untersuchung des 
Gesichtsfeldes lässt einen hemianopischen, gewöhnlich homo- 
nymen und lateralen Gesichtsfeld defeet erkennen, der in der 
Regel nicht bis zum Fixati onapunkt reicht (Fig. 14), 

Auf all das folgt ein Schmerz in der Schläfe jener Seite, 
auf welcher der Ausfall des Gesichtsfeldes oder die subjective 
Gesiehtaerscheinung aufgetreten ist, und das Auge derselben 
Seite wird der Sitz eines Gefühls von schmerzhafter Spannung, 
welches mitunter an den Schmerz beim acuten Glaukomanfall 
erinnert. ' Endlich tritt Erbrechen ein und alles ist wieder in 
Ordnung. 



I 



Tfaèae da Paris, 1676. 



partie] le tumporHire. ^^^| 



Dies ist die gewöhnliche Reihenfolge der Symptome bei 
der einfachen Migraine ophthalmi-que. In anderen, sogenannten 
complicirten Fällen von Migraine sieht man aber, wie Piorry' 




Terscbiedene Fhaaen des FlimmerakataniB nach Hubert Aiij (Phila- 

sophical tratisact[oiiB, 1870). Die grasaen Buciistabon sollen die einzelnen 

Farben (Blau, Rotb, Oeltt n. s. w.) andeuten. 

zuerst hervorgehoben hat, verschiedene andere Störuiigen 
wh hitkzugesellen. Dazu gehören z. B. ein Taubwerden der 



^^^^^$ih hiDztige 



ry. Traité de médicine pratiqne, pag. 76. 



62 — 



Hand oder einer Zungenbälfte, eine flüchtige Aphasie oderj 
SpraeherBchwerung, epileptîforme AnfAlle u. dgl. ' 

Die Migraine opthalmique kann, selbst in diesen schweif g 
Bten Formen, zu einer habituellen Krankheit oder besser Ind» 




position werden, und trotz hiiufigen Auitretens auch durch 10» 1 
12, 15 Jahre keine ernsten Folgen nach sich ziehen. Aber J 

k Tttiidc cIg In migritlue opfathRlmiqna. I 



H Sie Sich doch, aus Her Kenntnias dieser Verhältnisse, 
welche in der That dem gewöhnlichsten Sachverhalt ent- 
sprechen, eine günstige Prognose für alle Fälle zu schöpfen. 
Warten Sie zu, sehen Sie sich die Dinge genauer an, es ist oft 
Zurückhaltung geboten! 

Eb können verschiedene Zufälle eintreten. Ein jedes der 
gewöhnlich flüchtigen Symptome im Complex der Migraine 
Ophthal m i que kann zu einem bleibenden Zustand werden, wie 
ich dies nachgewiesen habe. So kann es geschehen, dass die 
Aphasie, die Heuiianopie, die Parese eines Gliedes, nachdem 
sie eine Anzahl von Malen in vorübergehender Weise auf- 
getreten sind, itn Anschiuss an einen neuen Anfall nun dauernd 
verharren. 

Als ein ungewöhnliches Zusammentreffen muss ich es 
endlich aufführen, wenn die der Migraine ophthalmique an- 
gehörigen Symptome unter den congestiven Initialerscheinungen 
der progressiven Paralyse auftreten. Dieses gewiss seltene 
Zusammentreffen ist, wie ich glaube, von den Autoren bisher 
nicht ei-wähnt worden. Ich habe es aber drei- oder viermal 
gesehen. 

Hier haben Sie tibrigens die Krankengeschichte des Herrn 
L . . - . im Auszüge. Seit zwei Jahren ist er reizbar und 
ängstlich verstimmt geworden, doch konnte er noch im letzten 
Juli ein juridisches Examen vor der Pariser Facultät mit Erfolg 
ablegen. Die ersten Krankheitserscheinungen, welche über- 
haupt Aufmerksamkeit erregt haben, gehen his in den Sep- 
tember 1881 zurück. Damals hatte er seinen ersten Anfall: 
eine Jligraiue ophthalmique mit Flimmerskotom und Seh- 
abschwächung auf der rechten Seite, begleitet von Sprach- 
hemmung, Parese und Taubsein der rechten oberen Extremität. 
Er blieb acht Tage leidend, dann war alles vorüber. Acht 
Tage später bekam er einen zweiten (paralytischen) Anfall 
ohne Bewuestseinsverlust mit Erschwerung der Sprache, Seine 
Intelligenz blieb durch 2'! Stunden beeinträchtigt. Er schien 
sich dann gänzlich erholt zu haben, war aber nervös, gereizt; er 
konnte jedoch seine Arbeit wieder aufnehmen. Im Monat Februar 
des Jalires 1882 bekam er einen dritten Anfall mit den gleichen 
Symptomen der Migraine, aber diesmal waren noch krampf- 
hafte Zuckungen von epileptiformem Charakter dabei und ausser- 
dem Bewusstseinsverlust. Dieser Zustand hielt zwei Stunden 
lang an, woraus hervorzugehen seheint, dass es sich um eine 
Reihe von Anfällen handelte, die mit der Ergenthümlichkeit 
behaftet waren, auf der rechten Seite stäi-kere Zuckungen 
hervorziibringen. Von diesem Anfalle blieb eine Sprach- 
hemmung zurück. Acht Tage spitter trat der vierte Anfall 



auf, mit denselben Charakteren, Verstärkung der Sprach- 
hemmnng und Schwäche des rechten Arms. Der fünfte Anfall 
endlich, am 5. Mai, brachte eine Parese des rechten Arma, 
zu der sich am nächsten Tage die Parese des rechten Beins 
gesellte. Während der unmittelbar folgenden 5 oder 6 T^e 
konnte er nichts sagen als „ii cause que". Der rechte Arm 
blieb einen Monat lang gelähmt. Von da ab kam es auch zum 
geistigen Verfall: Er ist nun ganz kindisch geworden, folgsam, 
aber sehr veränderlich, sehr leicht zum Lachen wie zum 
Weinen zu bringen. Er kann fast gar nichts selbstständig 
schreiben, aber wohl eine Seite mit zitternder Handschrift 
copiren. Sein Gedächtniss ist ebenso geschwächt wie sein 
Urtheil und seine Willenskraft. Von Zeit zu Zeit ist er dem 
Flimmerskotom unterworfen. Sie sehen, wie er schwankenden 
Schrittes einhergeht, seine Hände wie seine Zunge zittern, 
seine Rede ist fast unverständlich, sein Gesichts aus druck 
ganz charakteristisch, der Blick erloschen, die Lider herab- 
hängend u. s. w. Die rechte Pupille ist weiter als die linke, 
sie reagirt nur schwach auf Liehteinfall, besser bei Convergenz. 
Sie können aus diesem Fall die Lehre ziehen, meine 
Herren, dass man nicht kritiklos an der — filr die übergrosae 
Mehrheit der Fälle allerdings richtigen — Vorstellung fest- 
halten dai'f, die Migraine ophthalmique und die Symptome, 
die sie oft begleiten, seien nicht schwer zu nehmen. Unter dieaer 
gutartigen Aussenseite kann sich der Beginn einer verhängniss- 
vollen Erkrankung verbergen, seien Sie darauf gefasst! ' 

' Seitdem dîeee Vorlesung gehalten und im 
S<Tantlicbt narden ist, hat Parinand einen Fall 
gemacht. (Archives de Neurologie, T. V, pag. 57.) 



Sechste Vorlesung, 



Ueber Hysierie im Knabenalter. 

irnctar. — Ambljopia. — Hysterogene Znnftn. — Phsser 

hyslero-B|iilepli8eh*n Anfalla. — Hjsterr- ■"■= ir—i — 



Hyateriselii 



Die Wichtigkeit 



__^ e bei Knabau. AnRLlle^ per 

r JaaliniDg nls therapentiacties ! 



I ihi 

w 



Meine Herren! leb habe mir vorgesetzt, Sie in dieser 
Vorlesung mit einem Knaben z\i beschäftigen, der seit einigen 
Wochen auf unsere Klinik kommt und eine Reihe von hoch- 
interesaanten nervösen Symptomen darbietet. Alle, diese 
Symptome mtissen, wie Sie sehen sollen, auf Hysterie bezogen 
erden, und ich werde diese Veranlassung benutzen, um 
Ihnen in Kürze zu zeigen, wie sich die Hysterie gestaltet, 
■enn sie beim Manne, und hesondera im jugendlichen Alter, 
iftritt. 

Ehe ich aber darauf eingebe, Ihre Aufmerksamkeit auf 
'dteaen einzelnen Fall zu lenken, will ich Ihnen nochmals einige 
der grossen Erscheinungsformen der Hysterie bei Frauen in 
elaasischen Typen Torfiihren, damit Sie soden richtigen Standpunkt 
für die Beurtheilung des Neuen gewinnen. Ich habe dabei die 
Hystero-epilepsie îi crises mixtes oder grosse Hysterie, wie sie 
sich bei einer grossen Anzahl der in unserer Pflege befindlichen 
Kranken zeigt, im Auge, und stelle Ihnen darum neuerdings 
zwei weibliche Kranke vor, die Sie schon von verschiedenen 
Gelegenheiten her kennen. Die eiue davon, die 34jährige B . . , ., 
hat uns, wie Sie sich erinnern, ein schönes Beispiel von der 
Eotwickelung einer hysterischen Contractur unter dem Einfluss 
eines Traumas geboten.* Die Contractur hatte fUnf Tage lang 
alle Gelenke der linken unteren Extremität beherrscht; wir 
haben überdies erkannt, dass auf derselben Seite eine voll- 
ständige, wenigstens für die allgemeine Sensibilität höchst- 

ebe pag. 39. 




66 



HemianSstheBie besteht. Die HemianäatlißBie bestehtj 
noch heute io gewissem Masse, die Contractur aber ist i 
schwanden. Was ist nun mit der Kranken vorgegangen, seitdem 
wir sie zuletzt gemeinsam untersuchten? Die Regeln haben I 
sich zwar bei ihr eingestellt, aber jene hyateriBchen Anfälle, 
auf welche wir zählten, um die Contractur zu beheben, sind 
nicht aufgetreten. Die einzigen Anfälle, die wir beobachten 
konnten, drei an der Zahl, trugen alle den Charakter der 
Epilepsie; sie traten zur Nachtzeit auf, ohne Vorboten, mit 
vollkommener Bewusstaeinsatifhebung, Zungenbiss u. dgl.; 
auf die Starre der Extremität hatten sie keinen Einfluss, Wir 
entschlossen uns dann dazu, die Anwendung des Magneten in 
der Kähe des contractur irten Gliedes zu versuchen. Nach ver- 
schiedenen Zwischenfällen wich endlich die Contractur und 
jetzt ist, wie Sie sehen, die linke untere Extremität fast 
vollkommen frei, J 

Ich füge hinzu, dass die Neigung zur Contractur bei'fl 
unserer Kranken geschwunden zu sein scheint, denn die An- ^ 
bringung eines Magneten in der Nähe der Extremität bringt, 
wie wir uns überzeugt haben, keine Starre mehr hervor; das- 
selbe muBS ich von der Faradisation sagen, welche in dieser 
Hinsicht ebenfalls erfolglos geblieben ist. Auch ist noch Fol- 
gendes bemerkenswerth : Eine maximale Faradisation mit dem 
Diibois-Reymond'achen Apparat hat sonst keine Sehraerzens- 
änsserung hervorgerufen und thut dies auch heute nicht; aber 
gestern haben wir gesehen, dass, wenn man die Einwirkung 
durch etwas längere Zeit fortsetzte, schliesslieh die Empfind- 
lichkeit auf der ganzen linken Seite wieder auftauchte. Dieser 
Umstand lässt uns vermuthen, dass die hysteriaehe Tendenz, 
die sieh bei unserer Kranken io der letzten Zeit wieder kund- 
gegeben, nun erschöpft ist, und dass bald wieder alles zur 
Norm zurückkehren wird. Wahrscheinlich wird die Sensibilität 
auf der linken Seite wieder erscheinen, die hysterischen Kund- ^B 
gebungen werden sich eine Zeit lang nicht mehr erneuern; die^| 
Kranke wird aber den epileptischen Anfällen wie sonst unter- ^| 
worfen bleiben. * 

Soweit sind wir nun noch nicht bei der jungen Israelitin, _ 
die Sie schon seit beinahe drei Wochen kennen. Sie erinnern 
sich, dass bei ihr seit sechs Monaten Contractur aller vier 
Extremitäten bestanden hatte. Entweder unter dem Einfluss der 
statischen Elektricität oder spontan ist die Sachlage einfacher 
geworden. Die Contractur schwand zuerst an beiden oberen, 
dann an der linken unteren Extremität; an der rechten 
unteren blieb sie noch bestehen, und die Anästhesie, 1 
welche zur Zeit der Contractur alle vier Extremitäten er- 



I f 

tat 



— 67 — 

ttte, bescliränkte aicli bloa auf die rechte Seite. 
Nachdem durch die lange Zeit fortgesetzte Anwendung des 
Magneten eine gewisse Anzahl von Schwankungen erzielt 
worden war, ist endlich die Beweglichkeit des rechten Beines 
zur Norm zurückgekehrt. Au der HemianSsthesie hat sich 
nichts geändert; die Kranke hait, wie Sie sehen, nicht nur bei 
Stichen, sondern auch bei anhaltender und starker Faradi- 
;ation nihig. 

Ich niaehe Sie noch auf Folgendes aufmcrfcsain: Wenn 
lan bei der Kranken die Nervenstilranie und Muskeln faradisirt, 
Tzeugt man Muskelzusammenziehungen, die nicht mit dem 
Aufhören der Reizung schwinden, sondern als Contracturen 
bestehen bleiben. So erzeuge ich vor Ihnen die als „Griffe 
cubitale" bekannte Haltung der Hand durch Reizung des 
ülnamerven an der hinteren Seite des Ellbogens oder einen 
Spitzfuss durch Reizung der M. gastrocnemii. Es ist also ein 
latenter Zustand von Contractar hier immer vorhanden, und 
es bedarf nur einer leichten Erregung, «m dieselbe auf lange 
Zeit, vielleicht als bleibenden Zustand, in die Erscheinung zu 
rufen. Ich habe ferner bei beiden Kranken die Existenz einer 
Hemianästhesie hervorgehoben, und da dieses Symptom eine 
bedeutende Rolle im Krankheitshilde der Hysterie spielt und 
sich sehr allgemein auch bei der gewöhnlichen Hysterie, 
mindestens angedeutet vorfindet, will ich mir erlauben, bei 
dieser SensibilitätsstÖrung ein wenig zu verweilen. 

Dieees junge Mädchen, Bl . . , ., zeigt uns die hysterische 
Hemianästhesie in ihrer ciaasischen und ftir das Studium sehr 
geeigneten Form. Bei ihr besteht auf der linken Seite völlige 
Unerapfindlichkeit gegen Stich, Kulte und jede Art von Reiz, 
and zwar betrifft der Verlust der allgemeinen Sensibilität 
obere und untere Extremität, die Hälfte des Rnmpfes und des 
Kopfes in gleicher Weise. Wie Sie sehen, hält diese junge 
Kranke die stärkste Faradisation aus, ohne die leiseste 
SchmerzensäUBsemng von sich zu geben. Die Anästhesie hat 
aber nicht nur die Haut, sondern auch die tiefen Theile, 
Muskeln und Nervenstämme befallen, denn Sie können durch 
Reizung der Muskeln und Nerven ausgiebige und mehr oder 
minder dauerhafte Conti-actionen erzeugen, ohne dass die 
Kranke dabei leidet. Nur selten ist die allgemeine Sensibililät 
dabei allein beeinträchtigt, in der Regel sind vielmehr anch 
die Sinnesapparate auf der Seite der Anästhesie mitergriffen, 
and man beobachtet gewöhnhch eine Herabsetzung des 
Geschmacks, Geruchs und Gehörs. Ihre besondere Auf- 
merksamkeit will ich aber flir die Störungen des Sehvermögens 
in Ansprach nehmen, denen ein so grosses diagnostisches 




Interesse zukommt. In der Kegel erglebt sich, wenn i 
AnäatheBie einer Hälfte des Körpers und des Kopfes besteht, 
eine mehr oder weniger ausgesprochene Funetionsstörung am 
Auge der entsprechenden Seite, eine Art von Amblyopie, die 
in seltenen Fällen sich bis zur Amaurose steigert. Ein metbo- 
dieches Studium dieser SehsLörung Mhrt zu folgenden Keaul- 
taten. Man findet erstens: Eine oft sehr ausgesprochene Ein- 
schränkung des Gesichtsfeldes. Wenn die Anästhesie doppel- 
seitig ist oder auf der einen Seite blos Analgesie, auf der 
anderen völlige Anästhesie besteht, beobachtet man auch oft, 
dass die Gesichtsfeld ei nscbränkung doppelseitig ist, aber dann 
fallt sie auf der Seite belrächtlicher auf, welche dem höheren 
Grade von SenaibilitätsstOrung entspricht. Der Gesichtsfeld- 
einschränkung kommt ein hohes klinisches Interesse zu. Die 
Kranken wissen vor der Untersuchung nichts von ihr, können 
sie auch nicht übertreiben, und sie ist häufig sehr ausgesprochen, 
während die Störungen der aligenieinen Sensibilität nur gering- 
fügig sind. Zweitens: Ein anderes Symptom, welebes gewöhnlich 
die Geaichtsfeldeinachränkung begleitet, besteht in der Ab- 
nahme der Sehschärfe ; ausserdem kommen noch häufig Störungen 
in der Wahrnehmung von Gestalten vor, und ist eine Herab- 
setzung des Lichtsinnes zu bemerken. Was aber bei der 
Amblyopie der Hysterischen zumeist der Aufmerksamkeit würdig 
ist, das ist, drittens, die Dyschromatopsie, oder bei höheren 
Graden Achromatopaie, das heisst die Abnahme oder der 
völlige Verlust desFarbensinnes. Wie bekannt, sind imZustande 
der Norm nicht alle Partien der Netzhaut gleich gut zur Farben- 
wahrnehmung geeignet; das Gesichtsfeld für die Wahrnehmung 
von Blau ist grösser als das fUr Gelb, das für Gelb grösser 
als für die Farbenwahrnehmiing Roth; an das Roth schliessen 
sich Grün und zuletzt Violett, welche Farbe nur von den 
centralsten Tlieilen der Netzhaut erkannt wird. Diese Eigen- 
thUmlichkeiten des normalen Zustandes sind bei der hysterischen 
Amblyopie nur insofern verändert, als die Kreise, welche die 
Grenzen der einzelnen Farbengesichtsfelder darstellen, sich fUr 
alle Farben in cnncen tri scher Weise verengt zeigen. Der Kreis 
dea Violetten kann bis auf Null verengt sein, und dann ist die 
Kranke, wenn man ihr die Farbe vorlegt, nicht im Stande, 
sie zu bezeichnen; dasselbe kann sich auch für das Roth, 
Grün u. s. w. wiederholen. Die Empfindungen Gelb und Blau 
werden vielleicht als die einzigen übrig bleiben, aber auch sie 
können verschwinden. Dann spricht mau von totaler Aehro- 
matopsie, die Kranke erkennt zwar die Gestalt der Gegenstände, 
sieht dieselben aber grau, wie eine nicht colorirte Photographie 1 
im Stereoskop erscheint. 




- 69 — 

Bei vielen Hyateriscihen kommt 'aber eine hRufige Aus- 
nalime von der Regel vor, die ich eben aufgestellt habe, 
und derzufolge die Wahrnehmungen von Gelb und Blau bei 
der Âchrumatopsie am längsten erhalten bleiben. Ich muss 
diese Anomalie erwähnen — obwohlich nicht die Absieht habe, 
hier eine vollstäudjge Darstellung; der hysterischen Achroma- 
topsie zu geben — weil man dieselbe nicht nur bei der Mehrzahl 
von hysterischen Frauen, die wir zu beobachten Gelegenheit 
hatten, sondern auch bei den männlichen Individuen, von denen 
wir bald sprechen werden, vorfindet. Diese Anomalie besteht 
darin, dass die Ausdehnung des G-esichtsfeldes für Koth grösser 
ist als für Blau, so dass die Kranken die Wahrnehmung von 
Violett, Grün, Blau und Gelb verloren haben können, während aie 
flirRoth noch besteht. Ein von Dr. Parinaud genau untersuchter 
Fall wird uns die in Rede stehende Erscheinung klar zeigen. 

Bei der Kranken N . . . . ist das rechte Auge von einer 
gewissen Einengung der Gesichtsfelder für die Farben, deren 
normale Reihenfolge aber erhalten ist, befallen. Am linken 
Auge ist eine Einschränkung des Gesichtsfeldes für das weisse 
Licht sehr deutlich, die Felder der einzelnen Farben sind noch 
mehr und im höheren Grade als auf der anderen Seite ver- 
engt; überdies aber, und darin besteht eben die Anomalie, ist 
das Gesichtsfeld für Roth grösser geworden als fiir das Gelb 
und Blau. Das letztere hat sich dem Grün genähert und ist 
an die Stelle des Feldes für Roth getreten. Wenn diese Ein- 
engung noch fortschreitet, wird es dahin kommen können, 
dasa alle Farbenwahrnehmungen verloren gehen bis auf die 
für Roth. Ich habe bei diesen Anomalien verweilt, weil wir 
sie bis zu einem gewissen Grade bei unserem hysterischen 
Knaben wiederfinden werden. 

Auf die Erörterung der Natur dieser hysterischen Seh- 
störungen will ich hier nicht eingehen; ich will Ihnen nur 
beiläufig bemerken, dass diese Symptome mit keiner für den 
Augenspiegel wahrnehmbaren Veränderung der brechenden 
Medien oder des Augenhintergrundes einhergehen. Man findet 
nicht einmal Veränderungen an den Gefässen, es handelt sich 
um ausschliesslich dynamische Störungen, wie man sie nennt. 
Ich muBS Ihnen noch bemerken, dass diese Phänomene, etwa 
von dem Verhalten der Wahrnehmung für Roth abgesehen, 
nichts der Hysterie Eigen th um lieh es sind. Mit Ausnahme dieses 
letzten Details kann man sie ebenso bei Herdläsionen des 
Gehirns im Bereich der inneren Kapsel beobachten. 

Bei der Kranken, welche jetzt der Gegenstand unserer 
Untersuchung ist, müssen wir noch das Vorhandensein zweier 
Punkte oder vielmehr Stellen auf der anästhe tisch en Seite 




hervorheben, in deren Bereich die Empfiadlidikeit gesteigert 
eracheint. Der eine dieser Punkte entspricht der Ovarialgegend, 
derandereliegt in der Lendenregion, und breitet sich nach rechts 
und nach links von den Dornfortsfttzen aus. Solehe hyaterogene 
Punkte oder Zonen finden wir bei vielen Hyateriachen, und auch 
in anderen Gegenden als den jetzt erwähnten. So hat z. B. die 
KrankeH. . . ,, deren Anästhesie doppelseitig, aberlinksstärker 
auagebildet iat, drei hysterogene Zonen: denOvarialpunkt, einen 
Lendenpunkt links und einen Punkt am Vorderkopf. 

Was sind nun diese hysti^rcigenen Zonen? Es sind mehr 
oder minder gut begrenzte Körperslelieii, in deren Bereich ein 
Druck oder ein einfaches Reiben der Haut mehr oder minder 
rasch die Phänomene der hystenschep Aura hervorruft, auf 
welche mitunter, wenn man die Reizung lange genug fortsetzt, 
ein hysteriacher Anfall folgen kann. Diese Punkte oder besser 
Zonen zeigen noch die Eigenth^müchkeit, daas sie der Sitz 
einer beständigen Empfindlichkeit sind, welche aich vor dein 
Anfall Bpuntan zu einem Schuierzgefuhl steigert, das also bereits 
zu den Erscheinungen der Aura gehört. Diese schmerzhafte 
Empfindung besteht manchmal in einem Klopfen, auderemale 
in einem Gefühl von heftigem Brennen. Wenn der Anfall ein- 
mal ausgebrochen ist, geÜngt es noch oft, ihn durch einenj 
kräftigen, auf dieae Punkte ausgeübten Druck aufzuhalten. Es 
iat eine interessante und merkwürdige Thataache, dass man 
dieae Punkte nie an den Extremitäten fiudet. ' Man findet aie 
aber an der Vordei-fläche des Rumpfes, im Bereich der 
Medianlinie (am Manubrium des Brustbeines, am Schwertfort- 
aatz) unterhalb der Clavicula (Fig. 15), unterhalb der Brust 
und in der Ovarialgegend bei Frauen, und in der Inguinal- 
gegend bei Männern; an dai" Rückseite {Fig. 16), zwischen 
den Schulterblättern, manchmal über dem Schulterblattwinkel, 
in der Lendengegend rechts oder links von der Mittellinie 
und am Steisabeiu. Beim Manne sieht man nicht selten den 
Hoden, besonders wenn er der Sitz einer Lage- oder Ent- 
wiokelungsanomalie ist, in eine hysterogene Zone einbezogen, 
odei' die Vorhaut zeigt eine hochgradige Steigerung der 
Empfindlichkeit und spielt gleichfalls eine hysterogene Rolle. Am 
Kopfe finden wir solche Zonen aufder einen oder auf der anderen 



i 

4 



1 Seinem die. 
Untersuclmiigen G 
unter der LeitiiDg ï 
aach an den obere 

und dasH diese dieselben Eigenacbaften 
Kopf bekanutan. (~ " ~ ' 



mg geb alten wurde, bat Oaube sehr iuterassanta' 

hysterugenen Zonen Tcröffentlidit. Aus di 

a in B»rdeaux gi^machteu Arbeitgebt hecror, doia 

n Entra Ol il Steil hysterogene Zunou yorkommBl] 

. wie dis am Rumpf oder am 

Recbercliea sur lea zones hyaliregênes. Thàse de 

Ch. F. 



i 
i 




Seite ira Bereich des Yorderhauptes. Die ÂuBdehnung dieser 
hysterogeneo Zonen ist sehr verschieden, häufig sind sie nicht 
grösser als ein Fünffrankenstttck. 




Um diese Einleitung, die ich Ihnen zu geben hatte, zu 
vervollständigen, erübrigte mir DOch, Ihnen die allgemeine 
Charakteristik des grossen hysterischen Anfalls vorzutragen, aber 
fUr diesen G-egenstand darf ich, wie ich glaube, auf meine 
früheren Vorlesungen verweisen. 



— 72 — 

Damit habe ich also die Phänomene, die man ao allgemein 
bei der grossen Hysterie der Frauen beobachtet, als Einleitung 
zum Nachfolgenden aufgezählt. Die grosse Mehrzahl derselben, 
behaupte ich nun, findet man bei der Hysterie der Männer 
wieder. Gibt es aber eine Hysterie beim männlichen Geschlecht? 



H}>8terogene Zonen an der KUckenflSche des Körpers, (1. c, p 49,) 

Auf diese Frage, ob die Hysterie auch Personen des 
männlichen Geschlechts befällt, müssen wir eine bejahende 
Antwort geben, und wir können selbst hinzufügen, dass diese 
kein so seltenes Yorkommniss ist. 



— 73 — 

In einer kürzlich veröfFentlichteo Arbeit hat Klein, ' ein 
Schuler von Olivier, nicht weniger als 77 Fälle von männ- 
lieher Hysterie gesammelt. Nach Briquet wäre das VerhältnisB: 
ein Mann auf zwanzig Frauen. Diese Zahl ist gewiss über- 
trieben, aber welches immer das numerische Verhältniss sein 
mag, ich kann auf Grund meiner Erfahrung behaupten, dass 
die Hysterie oft genug beim männlichen Geschleebte auftritt, 
und daaa sie dann alle Charaktere zeigt, die man gewöhnlich 
bei Frauen beobachtet. 

Ich will, um ein Beispiel zu geben, nur einen einzigen 
Fall anfuhren: Vorip;es Jahr kam Herr S . . ., ein ITjähriger 
junger Mann, aus Moskau, um mich zu Käthe zu ziehen. Er 
ist gross und mager; aus seiner Anamnese ist die Thatsache 
hervorzuheben, daas einer seiner Oheime an „Melancholie" leidet. 
Was ihn selbst anbelangt, so ist er exaltirt, schreibt Verse, 
Bchwärmt für Musik, liest leidenschaftlich gerne Romane. Er 
aeigt keinerlei Miasbildung an den Genitalien. Seit einigen 
Monaten ist er Anfällen unterworfen, welche sich fast alle Tage 
um die fünfte Abendstimde einstellen. Ausserdem zeigt er als 
permanente Symptome eine linksseitige Hemianäathesie und 
einen sterno-coatalen hyaterogeuen Punkt; stärkeres Reiben 
der Haut an diesem Punkte ruft einen Anfall hervor- Die 
spontanen Anftllle werden durch einen Zustand von Traurig- 
keit, Klopfen in den Schläfen und die Empfindung einer Kugel, 
welche von der Präcord iaigegend bis zum Kehlkopf aufsteigt, ein- 
geleitet. Ob die Anfalle spontan oder künstlich hervorgerufen 
sind, immer zeigen sie zuerst eine epileptoide, in der einen Körper- 
hälfte stärker hervortretende, Periode. Der Kranke bekommt 
tonische und klonische Krämpfe, die auf der linken Seite vor- 
wiegen, verliert das Bewusataeio, beisst sich aber nicht in die 
Zunge. Darauf beschreibt er luit seinem Körper einen Kreis- 
bogen, dessen höchste Wölbung im Abdomen liegt. In einer 
dritten Phase geht er mit offenen Augen umher imd stösat 
einen Schrei des Entsetzens ans (er sieht nämlich seine Mutter 
todt vor sich liegen). Am Ende des Anfalls kommt es zum 
Lachen, Weinen, Gähnen, er verlangt zu trinken, zittert, 
beklagt sich über Frieren u. dgl. Kurz: die Hemianäathesie, 
das Vorhandensein eines hysterogenen Punktes, die eben ge- 
schilderten Eigenthümlichkeiten dea Anfalla sind mehr als 
ausreichend, um die Diagnose au gestatten, es handle sich 
nicht um Epilepsie, sondern um Hysterie, Eine tonisirende 
Behandlung, die methodische Anwendung der Hydrotherapie 
und einige Veränderungen in seiner Lebensweise und geistigen 




in. De rbyslirii 



3a. TLeüe de Psiia, 



Beschäftigung 
fuhren. 



aiüh geeignet, die Heilung herbei 



Die schwere Hysterie kommt aber nicht nur beim Manne 
und beim Jüngling vor; man trifft sie auch, wie sorgfältige 
Beobachtungen ei-weiaen, im Knabenalter, vor der Pubertät. 
Nach Klein fällt die gröaste Häufigkeit der Hysterie beim 
Maune auf das Alter um 24 Jahre. Dieser Angabe kann ich 
ungefähr beipäichteu; nach nieiuen eigenen Beobachtungen 
wäre die Krankheit auch bei Kuaben von 12 bis 13 Jahren 
faUutîger, als man glaubt. Wie Sie wissen, Endet mau sie beim 
anderen Geschlecht noch früher, z. B. im Alter von 10 bis 
12 Jahren. DieHysterie kann übrigens bei beiden Geschlechtem 
schonin der Kiudheitmit allen Charakteren der Hyateria major 
auftreten. Als Beispiel dieser Art könnte ich Ihnen den Fall 
eines ISJährigon Knaben anführen, den ich im Consilium mit 
einem hervorragenden Arzt gesehen habe, welcher aber gegen 
die Hysterie im Allgemeinen und gegen die Hysterie im 
Kindesalter im Besonderen einen grossen Skepticismus zur 
Schau trägt. Er hatte sich angesichts der vorhandenen epilepti- 
formen Anfälle gefragt, ob es sich nicht um echte Epilepsie 
oder um Epilepsie als Folgeerscheinung schwerer Gehirn- 
erkrankung, so z.B. einesHirntunaors, handle- Epilepllforme Anfalle 
waren allerdings da, aber sie bildeten nur eine The Her scheinung 
in einer Reihe von anderen Ftänomenen; auf sie folgten, was 
ich die „grossen Bewegungen" heiase, darauf warf sich das 
Kind in die Stellung des „Gewölbes" (arc de cercle) u. s. w. 
Ich war bei einem dieser Anfïllle zugegen, suchte einen 
hysterugenen Punkt und fand ihn auch in der linken Leiste; 
ah ich daselbst eomprimirte, hörten die Krumpfe auf, obwohl 
das Bewusstsein während des Anfalls nicht wiederkehrte. 

In der anfallsfreien Zeit bestand eine linksseitige Hyper- 
ästhesie. Der Knabe war übrigens von weibischer Erscheinung 
und von Mädchenspielzeug umgeben. Ich verordnete Tonica, 
Hydrotherapie und Trennung von seinen Eltern, die ihn allzu 
sehr verwöhnten. Die Heilung liess nicht länger als drei Monate 
auf sich warten. Dieses Kind erlag drei Jahre später unglück- 
liclierweise einer Feriearditis nach Scarlatina, die nervösen 
Zufälle waren aber ausgeblieben. 

Unter allen bekannt gewordenen Beobachtungen von 
Hysterie im Knabenalter ist vielleicht die von Bourneville 
und d'Olier zu Bicêtre gemachte' die bemerk enswertheste, 
sowohl wegen der Sorgfalt, mit der alle Einzelheiten des Falles 



I 



répilepsie, I' bester ii 



cliniques c< tlii^iapealiqDeS e 



75 



I Btudirt wurden, als auch wegen der ungewöhnlich scharfen 
Ausprägung der Symptome. Diese Beobachtung liefert ein 
Beispiel von HjBteroepilepsie grosaerllyaterie im streu gsten Sinne 
' deaWortes.Ea handelt sicL bei ihr um einen ISjfihrigen Knaben 
I aus einer Familie, in der sieh mehrere epileptische Idioten 
I und ein Kind mit entarteten Neigungeu finden. Der in Rede 
I stehende Kranke ist im Gegentheil von sanftem Charakter 
I und geistig geweckt; in der anfallsfreien Zeit kann man bei 
' ihm linksseitige Hemianästhe&ie mit Amblyopie, und drei 
hysterogene Zonen (am Vorderkopf, in der linken Leiatengriibe 
■ nnd in der Lendengegend) constatiren. Der Punkt am Vorder- 
kopf ist der empfindlichste; der leiseste Stoss, die schwächste 
Reibung ruft von dort aus einen Anfall hervor, und selbst die 
Schulkameraden des Kranken, die dieses Geheimniss heraus- 
gelîinden haben, machen sich oft das boshafte Vergnügen, 
. ihn durch dieses einfache Mittel in Krämpfe verfallen zu lassen; 
ein starker Druck auf diese Zone behebt den Anfall übrigens 
Biit gleicher Leichtigkeit. Die Anfalle sind ganz regelrechter 
Katur; zuerst kommt eine epileptoide Periode, darauf die 
grossen Bewegungen, darunter die Stellung des „Gewölbes", 
dann folgt die Phase der ausdruckvollen, leidenschaftlichen 
Stellungen und Geberden mit heftigem Schreien. Vom November 
, 1879 bis Deoember 1880 kamen nicht weniger als 582 Anfalle 
I vor, ohne dass Epilepsie hinzutrat, und ohne dass sich trotz 
I der hfiufigen Wiederholung der Anfiltle eine bleibende intellec- 
I tuelle Schwäche einstellte. 

Der Fall des Knaben, den ich Ihnen nun zeigen will, 
' ist weniger vollständig, weniger regelrecht, minder reich, wenn 
ich so sagen darf, an ausgeprägten Symptomen. Er gehört eher 
zur kleinen als zur grossen Hysterie, doch halte ich ihn darum 
fllr nicht minder interessant, zumal mit Rücksicht auf die Ver- 
hältnisse, unter denen sich die Krankheit entwickelt hat. 
, Es ist dies ein ISjähriger Judenknabe aus Sudrussland; 

I seine Eltern geniessen laeide einer guten Gesundheit, der Vater 
I ist zwar nervös und leicht erregbar, bietet aber uicbts recht 
Ausgesprochenes. Sie sehen das Kind in der Unifonn des 
Gymnasiums, welches er seit drei Jahren zu * * in Sudruss- 
land besucht. Er hat viel studirt, ist von intelligentem Aus- 
sehen, lebhaftem Blich, aber klein und sehr bleich. Seit einem 
Jahre klagt er bereits über Kopfschmerzen, aber erst vor fünf 
Monaten (im Januar) ist der KopfBctimerz sehr heftig geworden, 
kehrt alle Abende gegen 5 Uhr wieder und leitet einen Anfall 
1 Convulsionen ein. 
Die Diagnose wurde, wie es acheint, nicht mit Sicherheit 
gestellt. Man soll von einem ürganischen Leiden gesprochen 




— 76 — 1 

und eine sehr düstere Prognose gegeben haben. Der Vater, 
der sein Kind uninässig; liebt, hat mit ihm die Reise nach Paris 
untern OUI in en, und ihnvorll Tagen zu uns gebracht, bei uns die 
Heilung suchend, die er in seinem Vaterlande nicht finden 
konnte. Wir konnten ihn schon u&ch der ersten Untersuchung be- 
ruhigen. Das Leiden ist kein ernstes; nicht nur, dass das Kind am 
Leben bleiben wird, man kann, ohnezubefiirchten, von der Zukunft 
Lügen gestraft zu werden, seine völlige Genesung versprechen. 

Wenn wir, von den anderen Verhältnissen des Falles ab- ■ 
sehend, nur in Betracht ziehen, dass dieses jugendliche Individuum 1 
an hartnäckig wiederkehrendem Kopfschmerz mit einer Zone 
erhöhter Empfindlichkeit am Scheitel leidet, und dass der An- 
fall seit tüni Monaten sieh immer zur gleichen Stunde einstellt, 
so muBS sieb uns bereits die Vermuthung, dasa es sich um 
Hysterie handle, aufdrängen, und diese Vermuthung wird durch 
eine eingehendere Untersuchung zur Gewissheit erhoben. Man 
kann in der That în der anfallsfreien Zeit constatiren, dass auf 
der rechten Seite Analgesie gegen Stich, Kälte und Faradtaation 
besteht, und dass auch Geschmack, Geruch und Gehör auf diet 
Seite abgeschwächt sind. Der Knabe klagt, dass er mit dem rechten I 
Auge nicht deutlich sieht, und eine kunstgerechte Untersuchung ' 
des Gesichtsfeldes weist eine besonders rechts ausgesprochene 
Einengung nach (Fig. 17), auch erkennt er mit diesem Auge 
keine andere Farbe als Roth. Ueberdies hat er hyperästhetischQ 
Stellen am Schädel und am Scheitel (die hysterogene Zone). 
Gegen 4'/} oder 5 Uhr (gegen 6'/^ Uhr in Russland) steigert , 
sich der Kopfschmerz und macht ihm die Empfindung einer I 
offenen Wunde, dann folgt Klingen in den Ohren; die Empfin- 
dung des Globus hystericus hat er nicht, wohl aber ein Gefühl 
von Zusammenschnürung um die Brust. 

Wir unterbrechen seinen Anfall gewöhnlich durch Chloro- 
formirung. Wenn er sieh selbst überlassen ist, legt er sich auf 
die linke Seite, das Haupt auf ein kleines Kissen, das er 
■ bei sich trägt, schluchzt und krümmt sich zusammen. 
Die oberen und unteren Extremitäten sind in Beugung, er 
steckt den Kopf zwischen beide Hände und wirft sich in eine 
Art von Emprosthotonus; mau kann ihn dann, als ob er aus 
einem Stücke wäre, aufheben. Das dauert drei bis vier Minuten, 
dann erschlaffen die Glieder, die Augen fiillen sich mit Thränen 
und alles ist vorüber; kein Lachen oder Weinen, kein Delirium. 

Es ist von Interesse, das Benehmen des Vaters zu beob- 
achten, wenn die Zeit des Anfalles herannaht. Er sieht auf J 
seine Uhr, die nach der Zeit seines Vaterlandes gerichtet 
gegen 6 Uhr fragt er seinen Sohn, ob er leide, und wenn I 
dieser bejaht, ist er um ihn mit einer Sorgfalt beschäftigt, disj 



i 



Zweifel aclitcDswerth ietj aber ebenso sicher dazu 
beitrfigt, die Kranklieit zu Däliren und in ihrer Regel in äs si g- 
■eit zu unterhalten. 




Eb ist nach den vorhergehenden Erörterungen nicht noth- 
wendig, sich auf eine Differentialdiagnose einzulassen. Es wäi-e 
Uberâti88ig,diesGaFall noch mit den typisckereuFällen, von denen 



w 



ich friilier gesprochen habe, zu vergleichen und die Analogien 
hervorzuheben, aus denen sieh ergiebt, dass sie alle in dieselbe 
Reihe gehören. Es ist Hysterie und weiter nichts als Hysterie; 
der Gedanke irgend einer inti'acraniellen organischen Läsion 
muBS mit aller Entschiedenheit abgewiesen werden. Demzu- 
folge ist die Prognose v erhält oiss massig günstig im Allgemeinen, 
und durchaus günstig in diesem Falle zu stellen. Der Ausgang 
ist unzweifelhaft, weil, nach meinen Beobachtungen wenigstens, 
die Hysterie bei Knaben sich weit weniger hartnäckig zeigt 
als bei jungen Mädchen. 

Ich werde verordnen: 1. die Isolirung des Kindes, um es 
der zärtlichen Besorgnisa des Vaters zu entziehen, welche nur 
zur Steigerung des nervösen Zustandea Anlass giebt; oder 
wenigstens vom Vater mehr Ruhe und Selbstbeherrschung ver- 
langen; 2. kräftigende Medicamente; 3. die Anwendung der 
statischen Elektricität und der Hydrotherapie, welche nach 
meiner Ueberzeiigung Wunder wirken wird. Ich hoffe, dass der 
Vater sieb nicht weigern wird, diesen Vorschriften nachzu- 
kommen, und dass er dann in wenigen Monaten seinen Sohn 
als völlig genesen an das Gyninasiuni von * » * wird zurück- 
bringen können.' 



I Der Kranke wurde xnt 
und tiglich den EinwirkongEi 
nSbrend er gleicbzeitlg; eine i 
Vater »bsr wollte nichia ciavor 
gab BÏcIi jeden Tag zur beatio 
welcher auch niemsU zögerte, 
ISnglicben Bpbandlunp; einzusi 
folg ÏU bringen, abgelflofen w 
HeMaaatalt lu bringen. Aber 
Tagus um d&a Hnob 



rat jeden zweiten Tag der stnüsclien Elektricität 
L hjdrotherHpeulisi'her Procédure n nnterzogpo, 
illgemein stärkende Itehandlung genosa. Der 



r Erwartung äea ÂnfAlleB bin, 
Bic-b genau so wie vor Beginn diaaer unzu- 
llen. Naehdem so eiu Uonat, ohne einen Br- 
r, entscliloea er sich endliiih, rtaa Kind in eine 
r Bchlich während eines groasen Tbeilea dea 
1 befragte alle Leale, die von dort berana- 
a Solin befinde. Dieser wusate davon und fühlte aEch 
daher nicht wirklieli vnm Vater getrennt. Mehrere Wocben yerstrichen so, 
ohne daag sich etwas geHadert bitte. Der venweifelte Vater wollte auf die 
Sehandtung verziehten, and nar mit grosser Mühe brachte man ihn dahin, 
einzaseheu, dass er bis dahin nur eine scheinbare laolirnng zngelaaaen h&tte, 
daee die Gehandlnngdamm eine unvollkommene geblieben «ei, und daaa er aieb 
in allem Ernst entfernen müsse, damit der Sohn nicht mehr zweifeln kOnne, 
dass er wirklich allein gelassen sei nnd das Hans nur nach seiner Heilnn^ 
verlasBen werde. Es geschah endlich, nnd die weitere Folge zeigte klar den 
therapeutischen Werth der wirklichen Isolirung für solche Fälle. Nach vier 
oder fünf Tagen waren die AnfSUe bereits raodiiîcîrt, weniger regelmissig 
und weniger heftig; nach 14 Tagen war von Anfällen keine Rede mehr. 
Dann verschwand die hysterogene Zone am Vocderkopf, nnd als der kleine 
Kranke etwa einen Monat nach Beginn der eigentlichen Cur entlassen 
warde, war vom ganzen Zustand nichts mehr tlbrig als ein Rest der i 
blyople. Ch. I 



Siebente Vorlesung. 



I lieber zwei Fälle i 



hysterischer Coniractur Iraumatrschen 
Ursprungs. 

BUeber iHrviHe Hysteriu ohne KrampfanfSlIe. — Permanenta apAslisrhe Con- 
4raelar aas tmamitlischer Uraauha. — Zwei Brobnclitungen, davüii eiiia beirn 
" indere heim Weibe. — Eiblichkeit. — Dia Uliistklaneiiband, 

iStudinm derselben durch e1ehtria<;be Reizung nnrl darch Vernertlmn); der 
o-lDtlBcnlüreii Errtigbnrkeitssteigerung. 



in 

L " 

N 



Meine Hevren! In der heutigen VorlesuDg, welclie für 
nna ein neues Schuljahr eröffnet, will ich Ihre Aufmerksamkeit 
für zwei klioische Fälle in Anspruch nehmen, die sieb una 
vor Kurzem zur Beobachtung dargeboten haben und einigen 
unter Ihoeu bereits bekannt geworden sind. Diese beiden 
Fälle scheinen mir würdig, Sie fl'ir eine Weile zu beschäftigen; 
sie zeigen übrigens eine so merkwürdige Uebereinstiminnng 
in ihren Charakteren, als ob sie nach derselbeu Form gegossen 
wären. Auf jeden Fall muss es erlaubt sein, sie in Beziehung 
.inander zu bringen. 

In der That können uns beide als Beispiele fUr eine ah- 
ne Form der Hysterie dienen, welche durch den Mangel 
'On Ki-ampfantällen ausgezeichnet ist. Beiden ist ausserdem 
eine andere Eigenthiimlicbkeit gemeinsam, nämlich das Vor- 
handensein einer spastischen, auf eine Hand beaclirBnkten 
Contractur, die sich allem Anseheine nach unter dem Einflüsse 
Äusserer Reize entwickelt bat. 

Ich will hinzufügen, dasa mir der eine Fall, wie sonst die 
t, ein weibliches Intlividuum betrifft, der andere 
lagegen sich auf einen Mann bezieht, ein Verhältnias, welches 
inatreitig unser Interesse verdient. 

Um es kurz zu wiederholen, bei dam Studium dieser zwei 
Kranken verschiedenen Geachlechts, die ich in eine Art von 




— 80 — 

Parallele zu bringen beab sie li tige, sind es vor Allem zwei 
Punkte, die ich besonders hervorheben möchte: die Existenz 
einer larvirten, ihres sozusagen classischen Merkmals, nilmlich 
der Kramp fanfälle, ermangelnden Hysterie, und die permanente 
spastische Contraotur in Folge traumatischer Einwirkung. 

I. Nach dieser Einleitung will ich gleich mit der Unter- 
suchung des einen dieser Fälle beginnen. 

Es handelt sieh, wie Sie sehen, um ein 16jähnges Mäd- 
chen von zarter Erscheinung, Ihr Gesichts au s druck ist ein 
ziemlich ruhiger und bietet nichts Auffälliges dar. Wir finden 
sie nicht, wie die meisten anderen Kranken dieser Gruppe, 
mit grellen Farben geschmückt^ sie gehört auch wirklich nicht 
zu dem nach Aufsehen und Erregung bedürftigen Typus; aber 
beiläufig gesagt, sind solche stille Hysterische gerade nicht 
immer die gefügigsten. 

Einige Verhältnisse aus der Anamnese der Kranken ver- 
dienen Berücksichtigung. Sie ist jetzt Waise, im Alter von 
11 Jahren wurde sie nach dem Tode ihrer Mutter, der durch 
Lungenphthise herbeigef\lhrt worden war, in ein von geist- 
lichen Schwestern geleitetes Haus aufgenommen. Wichtiger 
für uns ist, dass ihr Vater im Irrenhaus zu Orléans nach 
dreijährigem Aufenthalte starb. Die Krankheit, wegen welcher 
er in das Asyl gebracht wurde, scheint die progressive Para- 
lyse gewesen sein, wie man aus der Angabe achliessen kann, 
dass er mehrere Anfälle von Krämpfen gehabt habe, in deren 
Folge er gelähmt und schwachsinnig wurde. Einer der Brüder 
der Kranken, der sich in einem Versorgungshaus befindet, ist 
nahezu idiotisch. 

Diese Thatsachen sind darum einer besonderen Erwähnung 
werth, weil die erbliehe neiiropathische Anlage, wie Ihnen 
bekannt ist, in der Aetiologie der Hysterie den ersten Rang 
einnimmt. 

Nach Briquet kann man sich in 30 Fällen unter 100 auf 
diese Ursache berufen, und zwar soll es sich dabei, nach der 
vonProsper Lucas vorgeschlagenenNomenclatur, bald um eine 
homonyme Heredität, Vererbung der gleichen Erkrankungs- 
form, handeln, so dass eine hysterische Mutter eine hysterische 
Tochter gebärt, bald um eine hérédité de transformation, 
Vererbung mit Umwandlung der Erkrankung, also z.B. wenn die 
Eltern einer Hysterischen an einer anderen nervösen Affection, 
an Wahnsinn, Epilepsie u. dgl. gelitten haben. 

Aus der eigenen Vorgeschichte des Kranken ist nichts 
Besonderes hervorzuheben, abgeseheu von einer schweren, drei 
Monate lang dauernden Bronchitis. Das Fehlen aller convulsiven 
AeuBserungen von Hysterie, sowohl gegenwärtig als in der 



I 




— 81 — 

Vergaugenheit, ist mit Öil^ln!rlleLt festgeatellt. Vom liysteri sehen 
Globus, von Krämpfen, Anfällen ii. dgl. Bcheint unsere Kranke 
^cht einmal etvras zu wissen. 

Was ihren moralisolien Zuatand betrifft, so sind die Aub- 
Küufte, welche die Oberin des Ordens, in dem sie gelebt hat, 
Plber sie giebt, sehr wenig aufklärend: „S^e liebt ihre Freiheit 
lusserordentlicbj ihre Reden und ihr Geinüth sind nicht gut," 
Bas ißt alles. Wir wissen noch nicht, was hinter dieser echt 
nösterliclien Geheimthuerei steckt, aber vielleicht werden wir 
i bald erfahren haben. 

Ich komme nun zur Hauptsache, zurDlfformität der Hand; 
Biese stellt nämlich eine wirkliche Klnmphand dar, die ich als 
bine hysterische bezeichnen möchte (Fig. 18). Ich will Ihnen 
teleich sagen, unter welchen Verhältnissen sich diese Difformität 



-XJ 



HjEteriache Cor 



linkon Hand. Zeiciinnng i 



fc 



entwickelt hat. Vorläufig mache ich Sie nur auf Eines auf- 
merksam: Der Zustand besieht seit einem Jahre; während dieser 
Zeit ist keine Unterbrechung, kein Naehlass gekommen, wenn 
Sie von einer Periode von zwei Monaten absehen wollen, in 
der sich die Difformifät unter dem Einflüsse einer ärztlichen 
Behandluug besserte. 

Das Handgelenk ist frei, ebenso die anderen Gelenke der 
'çberen Extremität, die Difformität ist also auf die Hand 
beschränkt. Die ersten Phalangen sind gegen die Mittelhand 
gebeugt, die anderen zeigen nur einen massigen Grad von 
■"lésion. Die so als Ganzes gebeugten Finger sind enge gegen- 
einander gepresat und bilden eine Art von Kegel, dessen Spitze 
den Enden der letzten Phalangen entspricht. Der Daumen ist 
stark adducirt und gegen den Zeigefinger gedrängt. 

Man kann sich leicht überzeugen, dasa die einzige Ursache 
dieser abnormen HandstelJung in der Muskelrigidität liegt und 




dass Gelenke und Bänder nicht afüüii't sind. Sie brauchei 
den Versuch zu machen, diese Stellung zu behüben, um sich 
davon zu überzeugen. Wir hätten uns durch Chloroformirung 
einen entscheidenden Beweis verschaffen können, abei- wii" 
haben besorgt, niBglicher weise eine Störung des Zustandea 
hei-beizuftlliren, die Sie verhindern könnte, die Difformität mit 
Ihren eigenen Augen zu studiren. 

Wir finden hier übrigens die Merkmale der spastischen 
Contractur wieder. Wenn in der That hauptaäcnlich die 
Beuger betheiligt sind und den Sinn der Stell ungs Veränderung 
bestimmen, so sind doch auch die Streckmuskeln ergriffen, 
denn es ist ebenso schwer, die Beugung weiter zu treiben, als 
sie in Streckung zu verwandeln. Auf diesen Charakter der spa- 
stischen Contractur, die gleichzeitige Thätigkeit der antagoni- 
stischen Muskeln, will ich später zurückkommen. 

Lassen sie mich nebenbei einige andere EigenthUmlichkeiten 
hervorheben. Die so miasstaltete Hand ist kälter als die andere 
uud zeigt eine ziemlich deutliche bläuliche Verfärbung, was 
offenbar eine Störung der vasomotorischen Innervation andeutet. 
Es besteht eine Atrophie oder vielmehr nur leichte Abmagerung, 
nicht nur an der Hand, sondern auch an den anderen Ab- 
schnitten der Extremität. Vorderarm und Oberarm haben etwa 
einen Centimeter weniger im Umfang ata die entsprechenden 
Theile der anderen Seite. Es handtll: sich aber nicht um echte 
Muskelatrophic, sondern blos um Muskelschwund in Folge 
langer Unthätigkeit. Wir finden Überdies eine Herabsetzung 
der allgemeinen und speciellen Sensibilität der ganzen Körper-i 
hälfte auf der Seite der Difformität. 1 

Beachten Sie wohl; dase wir eine permanente Contractur 
im strengsten Sinne des Wortes vor uns haben, die Tag uud 
Nacht besteht und selbst im Schlafe nicht nacblässt. Von letzterem 
Umstand kann man sich leicht überzeugen, da die Kranke, 
Dank ihrer Unempfindliclikeit auf dieser Seite, durch die Unter- 
suchung im Schlafe nicht aufgeweckt wird. Demnach darf 
man auch jeden Verdacht auf absichtliche Täuschung von di 
Hand weisen. 

Vielleicht wird es, ehe wir weiter gehen, nicht olmi 
Interesse sein, uns in einige Details über den anatomiscbi 
Mechanismus dieser Contractur einzulassen. 

Welches sind die Muskeln, die bei der Hervorbringungf 
dieser abnormen Stellung zunächst in Betracht kommen? 
erster Linie die M. interossei, denn diese Muskeln haben, wie 
Duchenne (de Boulogne) gezeigt hat, die Wirkung, die erste 
Phalange zu beugen, und die interossei palmares nähern über- 
dies die Finger einer imaginären Linie, welche in der Längs- 



ter 

rie ^^H 

ste 

ar- 

äs- 

J 



ibse des Mittelfingers liegt, und pressen sio gegeDeiuaD(I< 



Aber die Inti 



sind niclit allein im Spiel, dei 



Bind 



auch die beiden letzten Phalangen gebeugt, was auf Rechnung 
des tiefen und oberflächtielien Fingerbeugers kommt. 

Ausser dem N. ulnaris, der die Interossei innervirt, ist 
also noch der N- medianus betheiligt, unter dessen Einiluss 
die Flexoren stehen. Die Theilnahme des Medianus verräth 
sieh übrigens auch durch die Stellang des Daumens. Sie sehen, 
dass der Daumen nicht blos adducirt, sondern gleichzeitig 
opponirt ist; er ist nach innen gewendet, aber der Nagel sieht, 
nacli vorne, und nicht gerade nach aussen wie bei der einfachen 
Adduction. Die Adduction des Daumens wird vom M. adductor, 
einem echten Interosseus des ersten Spatiums, besorgt, welcher 
vom Ulnaris abhängt; die andere Bewegung wird vom M. oppo- 
nens besorgt, den der Medianus innervirt. 

Mit Bezug auf den Meebanismus der Diffonuität an dieser 
Hand, wollen wir uns aber nicht auf blosse Behauptungen 
beschränken. Wir sind mittelst der localisirten Anwendung 
der Elektricität, der Methode von Duchenne (de Boulogne), 
im Stande, die Verhältnisse, von denen wir eben gesprochen 
haben, experimentell hervorzubringen. Dieses Verfahren ma^ bei 
normalen Personen wegen der Schmerzen, welche die Faradi- 
satinn macht, seine Schwierigkeiten haben; solche Schwierig- 
keiten fallen aber bei den anästtietischen Hysterischen weg, 
welche sich für diese Art von Untersuchungen empfehlen, 
weil sie dabei keinen Schmerz empfinden. 

Ich stelle Ihnen hier die Kranke Bi vor, eine Hystero- 

epileptiache mit linksseitiger Hemianästhesie. Nach innen von 
der Sehne des M. ulnaris internus haben wir einen schwarzen 
Punkt angebracht, der uns die geeignetste Stelle für die elek- 
trische Erregung des Ulnarnerven ain Handgelenke angiebt. 
Wie Sie sehen, erzeugt die Fnradisation von dort aus eine 
partielle Ulnarklauenhand, welche an die bei unserer Kranken 
erinnert, und bei der nur die M. inierossei und der M. adductor 
des Daumens in Action kommen. Wenn wir dagegen den Nerven 
in seiner Rinne am Ellbogen reizen, erzeugen wir die totale 
Ulnarklaue mit Beugung der beiden letzten Finger, welche 
Bewegung von der Zusammenziehung der Ubarpartien des 
tiefen Fingerbeugers abhängt. 

Noch leichter kann man die gleichen Erscheinungen bei 
Individuen studiren, die man in den Zustand der hypnotischen 
Lethargie versetzen kann. Wir machen uns dabei die neuro- 
muBculäre Erregbarkeitssteigerung, die bei diesen Personen platz- 
gegriffen hat, zu Nutze, um dieselben Bewegunfjen hervorzu- 
rufen, indem wir, ohne die Elektricität anzuwenden, den Nerven 



I 



iSfJE LimW.SWW^«««^''^ 



durch irgend eiueii liarteo Körper, z. B, einen Sfab, err ^ 
Dieses Verfaliren hat den Vortheil, daas ea bleibende Stel- 
lungen liefert, wie Sie es an dieser Kranken sehen. Durch 
einen einfachen Druck auf den Uluarnerven im Bereich 
des Handgelenkes erzeugen wir bei ihr die Interoaseistellung, 
oder wenn wir die Höhe des Ellbogens wählen, die totale 
Ulnarklaiienhand. Wir stellen jetzt wieder die In te ross ei sie 11 un g 
her und können genau die DifFormität wie bei unserer ersten 
Kranken erzeugen, wenn wir noch den Opponens des Daumens 
in der Hohlhand en-egen. Ich mache Sie darauf aufmerksam, 
daas die in Beugung contracturirte Hand dieser übererregbaren 
Person alle Eigenschaften der spastischen Contractur zeigt; 
die Stellung ist eine starre, Beuger und Strecker sind beide 
daran betheiligt, es geht also offenbar im Rückenmark etwas 
vor sich; aber dies ist ein Punkt, den wir später wieder auf- 
nehmen werden. 

Lassen Sie uns nach dieser etwas laugen Abschweifung 
zu unserer Kranken zurllckkehren. 

Wh- haben festgestellt, daas es sich um eine spastische 
Contractur handelt; es fällt uns jetzt der Beweis zu, dass 
diese den Namen einer hyaterisclien verdient, also die ver- 
bal tniss massig günstige Prognose der Symptome dieser Reihe 
iheilt; mit anderen Worten, dass man erwarten darf, sie werd«: 
trotz ihrer Hartnäckigkeit und langen Dauer einer geeigneteo' 
Behandlung weichen. 

Diese Diagnose kann sich stützen: 1. auf die hochgradige 
Ausbildung der Contractur, welche nur selten erreicht wird, 
wenn ihr eine organische Läaion, eine sklerotische Veränderung 
in den Seit en sträng en des Rückenmarkes zu Grunde liegt; 
2. auf ihr Verharren bei Tag und Nacht in absolut gleichem 
Masse. Bei Hemiplegischen lässt die Contractur im Schlaf 
theilweise nach. Endlich 3. kommt den Verhältnissen, unter 
denen sich diese fehlerhafte Stellung entwickelt hat, eine grosse 
Bedeutung für die Beurtheilung zu. Vor mehr als einem Jahr, 
am 2, November 1881, zog sieh die Kranke, als sie eine 
Fensterscheibe zerschlug, am Handrücken im Bereich des zweiten 
Mittelhandknochen 8 eine geringfügige Verletzung zu, die im 
Verlaufe von 4 oder 5 Tagen überhäutet war. An dieses leichte 
Trauma scbloas sich die Contractur an, ein Verhältniss von 
grosser Bedeutung. Sie trat ferner mit einem Schilde und 
ohne Schmerz ein, uod besteht endlich fort, nachdem die 
Wunde längst geheilt ist. Allerdings kann man auch bei 
einem Individuum mit organischer Läsion (absteigende Skle- 
rose cerebralen oder spinalen Ursprunges) einen ähnlichen 
Unfall im Gefolge eines Traumas auftreten sehen, aber dann 



N 
4 




^8t der Eintritt der Contractur kein plötzlichei 



besteht 



dit 



nicht dasselbe MiBsverbältniss zwischen der Geringfügigkeit 
der Verletzung und der Stärke der Contraetur, und diese 
zeigt auch nicht eine solche Hartnäckigkeit, nachdem die 
periphere ßeizung einmal beseitigt ist. 

Diese Disposition zur Contractur bei den Hysterischen, diese 
Art von Contraeturdiathese, möchte ich sageo, welche auf einen 
minimalen traumatischen Einfluss hin zur Wirkung kommt, 
äussert sieh bei manchen Personen in sehr auâUUiger Weise. 
Ich habe seit Langem beobachtet, dass manche Hysterische 
nach einer heftigen Bewegung, z- B, wenn sie einen Stein 
geworfen haben, mit steifem Arme stehen bleiben. Wir können 
dieselbe Erscheinung an der Kranken M . . . ., die Sie hier 
sehen, hervorrufen. Ich drücke den Fusa mit einer raschen 
und kräftigen Bewegung herab und habe damit einen Klurap- 
fuas erzeugt, der nur einer lange Zeit angewandten Massage 
weichen wird. Beachten Sie wohl, dass diese Contractur, im 
wachen Zustande erzeugt, denselben Charakter von Intensität 
zeigt, wie die in Folge der neurö-musculären Erregbarkeits- 
steigerung im hypnotischen Schlafe hervorgerufenen. 

Um wieder auf unseren Fall zurückzukommen, so ersehen 
Sie schon aus dieser Reihe von Erwägungen, dass die uns vor- 
liegende Affection als eine hysterische aufzufassen ist. Diese 
bereits so gut gegründete Vermuthung wird sich aber in Ge- 
wissheit umwandeln, wenn wir durch eine aufmerksamere 
Untersuchung neue Charaktere erweisen, welche geeignet sind, 
die Natur des uns beschäftigenden Zustandes zur voUsteo 
Klarheit zu bringen. 

Wenn bei unserer Kranken auch die Anfälle fehlen, so 
ietet sie uns doch eine Anzahl von nervösen Symptomen, 
'eiche ebensoviel ftir die Hysterie charakteristische Stigmata 
lurstellen. In der That besteht bei ihr linksseitige Ovarie, 
und eine linksseitige Hemianalgesie, welche nicht nur die 
Hand, sondern auch die beiden Extremitäten, Rumpf und Kopf 
betrifft; die Kranke reagirt in keiner Weise auf Faradisation 
der Haut. Es besteht ausserdem eine sensorielle Hemianästheaie, 
und die Affection der Sinnesorgane wird von der Affection der 
Hautpartiea, welche sie bedecken, begleitet.' Dieses letztere 
Verhältniss hat auf unserer Klinik bereits eine eingehende 
Würdigung erfahren, und ist, was speciell den Gehörssinn bei 
unserer Kranken betrifft durch Mr. Walton, einen Arzt, der 



' eil. !''dré, Sur quelques pljenomänes observ 
le.B hystéro-épîlaptiqiieH, nuit en dehors de l'attaque 
(Soc. cie biologie, 1881, et Arch. de Neurologie, 18) 




In côté lie l'asU ahex 
it pondant l'attaque. 
;. III, pag. 281.) 



gegenwärtig unsere Visite iiiitmaclit, erwiesen worden.' In' 
gleicher Weise sind Geruch und Geschmack beeinträchtigt und 
auch der Gesichtssinn ist ergriffen; es besteht eine Einengung 





des GeaichtsfeldeH für die Licht- und Farben wahrnehmuns" S 
(Fig. 19) mit Verschiebung der Grenze fiir Roth nach aussen,! 
und überdies eine Herabsetzung der Sehachftrle auf ein Sechstet-] 
der Norm. 

' O. L. Walton, Deafness in b^etericil hemiRnsesthcBis. (Brain, XX, tSSS.)^ 



— 87 — 

Wir finden also bei dieser Kranken alle Symptome der 
hysterischen Hemianästhesie mit varie wieder. Diese sensiblen 
Störungen könnten nur von einer Herderkrankung im Bereich 
des Carrefour sensitif oder vom chronischen Alkoholismus oder 
Bleiintoxication abhängen. Da wir aber bei unserer Kranken 
kein anderes Anzeichen finden, was für diese AfFectionen spricht, 
so müssen wir folgern, dass alle krankhaften Erscheinungen, 
die sie zeigt, Hysterie sind und weiter nichts als Hysterie. 
Und nun sehen Sie, wie das auf den ersten Blick Unregelmässige 
und Seltsame des Bildes sich auf diesem Wege doch wieder 
dem classischen Typus unterordnet. 

Da die Zeit vorgerückt ist, wollen wir die Fortsetzung 
dieser Studie auf das nächste Mal verschieben. 



Achte Vorlesung. 



Ueber zwei Fälle von hysterischer Contractur traumatischen 
Ursprungs. 

(Furtselzung.) 

Prüfung »uf Simulation bai Katnlepsie nud Contraeturen. — Die Bfsterie 

beim Manne, Häufigkeit derseiben, EinSnsa der Herediläl, reifes Alter. — 

Abortive Formen, — ContrattBr trau m alt s eben Ursprunga. 

Meine Herren! Wie Sie sich erinnern, Iiatte ich mir in der 
vorigen Vorlesung zur Aufgabe gemacht, zwei Fälle in ver- 
gleicheade Betrachtung zu ziehen, die eich unserer Beobachtung 
gleichzeitig dargeboten haben, und in denen beiden Bs sich um 
eine Contractur bysterieehen Cliarakters handelte. Diese Con- 
tractur war in Folge einer traumatiacben Einwirkung aufgetreten, 
und zwar durch Verwundung mit einem Glassplitter in dem 
einen, durch oberflächliche Verbrennung in dem anderen Falle. 
Die beiden Fälle, sagte ich Ihnen, zeigen die merkwürdigste 
Uebereinstimmung, obwohl der erste ein junges Mädchen von 
16 Jahren, der zweite einen kräftigen Mann, einen 35)ährigen 
Schmied, der verheiratet und Familienvater ist, betrifft. 

Dem jungen Mädchen haben wir bereits eine eingehende 
Untersuchung gewidmet. Was den Mann beb'ifft, den Sie 
das vorige Mal nicht zu Gesichte bekommen haben, so muss 
ich erwähnen, dass er una von Herrn Debove, auf dessen 
Abtbeilung zuBicetre er sich befand, überlassen wurde. Ich 
habe die gebotene Gelegenheit, diesen Mann vor Ihnen einer 
gründlichen Untersuchung zu unterziehen, mit Eifer ergriffen 
imd fiihle mich umaomehr dazu veranlasst, da es sich unstreitig 
um einen seltenen, im höehaten Grade interessanten Kranken 
handelt, der also wohl werth ist, Ihre Aufmerksamkeit fiir 
eine Weile auf sieh zu ziehen. 

Bevor wir aber an diese neue Arbeit gehen, wird es, glaube 
ich, angezeigt sein, an den Fall des jungen Mädchens, welcher 



I 



das vorige Mal beschäftigt hat, noch einige AuefUhrungen 
izuknUpfen. 

Sie wissen, meine Herren, daas der Kliniker jedes Mal, 
'enn er vor einer Hysterisehen steht, sich die Möglichkeit 

Simulation vor AugeB halten »oll, sei es in dem Sinne, dass 
Kranken vorhandene krankhafte Erscheinungen übertreiben, 
oder dass sie aus ihrer eigenen Phantasie eine vorgebliche 
Symptomatologie erschaffen. £a ist ja allgemein bekannt, dass 
das BedUrfniss, zu belügen und zu täuschen, manchmal ohne 
bestimmten Zweck in einer Art von uneigennütziger Pflege 
dieser Kunst, andere Male in der Absicht, Aufsehen zu machen, 
Mitleid zu erregen u. s. w., bei den Hysterischen ein weit ver- 
breitetes ist. Auf jedem Sehritt begegnen wir in der Klinik 
der Neurose diesem Factor, und er ist es, der ein gewisses 
zweifelhaftes Licht auf die Arbeiten, welche die Hysterie 
behandeln, fallen lässt. 

Aber sollte es heutzutage, nachdem das Krankheitsbild 
der Hysterie so oft untersucht und nach allen Richtungen 
durchwühlt worden ist, wirklich so schwer sein, die reelle 
Symptomatologie von der erfundeuen, geheuchelten zu sondern, 
wie uns Manche glauben machen möchten? Nein, meine Herren, 
das ist nicht der Fall, und um mich f(ir diese Frage nicht 
auf unbestimmte allgemeine Behauptungen zu beschränken, 
will ich Ihnen ein concrètes Beiapiel vorbringen, eines unter 
den vielen, die ich wählen könnte, und eines, das uns schon 
im Vorjahre beschäftigt hat. 

Ich meine die Katalepsie, die man bei Hysterischen her- 
vorrufen kann. Die Frage stellt sich nun so: Kann dieser 
Zustand so weit siinulirt werden, dass ein in diesen Dingen 
erfahrener Kliniker sieb täuschea lassen muss? 

Man glaubt gewöhnlich, die Länge der Zeit, während 
welcher ein kataleptisclies Individuum in der ihm gegebenen 
Stellung, etwa mit horizontal ausgestrecktem Arm, verharrt, 
müsse allein hinreichen, jeden Verdacht auf Simulation auszu- 
«chliessen. Das ist aber nach unseren Erfahrungen nicht richtig. 
Nach 10 bis 15 Minuten fängt der Arm der Xataleptischen 
an herabzusinken, und nach 30 oder 2ä Minuten hat er, der 
Schwere folgend, die verticale Stellung eingenommen. Ein 
kräftiger Mann, der diese Stellung vorsätzlich einhält, könnte 
es ungefähr ebensolange durchführen. Wir müssen also das 
unterscheidende Merkmal andersworin suchen. 

Wirwollen BOwoht beim Simulanten als beiderKataleptischen 
folgende Anordnungen treffen; 1. eine Marey'sche Trommel 
am ausgestreckten Arm anbringen, welche uns die geringsten 
Schwankungen der Extremität verzeichnet; 3. einen Pneumo- 



I 



graplien an der Brust befestîgeiij um die Curve derResj^irations- 
beweguiigen zu erlialten. Dann ergiebt sich Folgendes: a) Bei 
der Kataleptischen zeichnet die mit der Marey'sehen Trommel 
am Arm verbundene Feder eine vollkommen gleichmässige 
gerade Linie auf den rotirenden Cylinder; beim Simulanten 
dagegen ist diese Linie zuerst gerade, knickt sich dann und 
zeigt am Ende des Versuchs in Reiben angeordnete Schwin- 
gungen, h) Noch charakteristischer sind die Curven, welche 
der Pneumograph liefert. Bei der Kataleptischen bleibt die 
Respiration bis zu Ende stets regeimässig, oberflächlich und 
langsam, während beim Simulanten die Curve eine Zusammen- 
setzung aus zwei gut gesonderten Stücken zeigt. Zu Anfang ist 
die Beapiration gleicht'atls gleichmässig und normal, dann tritt, 
entsprechend den Schwankungen der Extremität, welche von 
der Ermüdung herrühren, eine Unregelmässigkeit im Rhythmus 
und im Umfang lier Reapirationsbewegungen ein, und es kommt 
zu jenen tiefen und beschleunigten Alhemziigen, welche das 
Phänomen der körperlichen Anstrengung begleiten. ' 

Um es kurz zu wiederholen, die Kataleptisehe kennt 
keine Ermüdung, der Muskel lässt, ohne dasa eine Willens- 
anstrengung in's Spiel gekommen, nach. Der Simulant aber 
verräth sich bei der gleichen Versuchsanonlnung sowohl durch 
die Curve der Extremität, welche die Muskelermüdnng, als 
durch die Curve der Respiration, welche die Anstrengung 
anzeigt, die er macht, um die Zeichen der Ermüdung zu 
verdecken. 

Wir haben uns in den letzten Tagen einer ähnlichen An- 
ordnung bedient, um die Contvactur bei unserer jungen Kranken 
einer Prüfung zu unterziehen. Der Arm ruht auf einer Tisch- 
platte in der Weise, wie ea Fig. 20 zeigt. Die Hand ist durch 
eine Binde an den Tisch sicher fixirt. Eine kleine Binde, die 
um den Daumen geht, hängt von einem Faden herab, der um 
zwei Rollen geschlungen ist und eine Wagsehale trägt, in dei' 
sich ein Kilogewicht befindet (Fig. 20). Der Versuch dauerte 
etwa eine halbe Stunde; während dieser Zeit hob sich der 
Daumen allmühlich und löste sieh immer mehr vom Zeigefinger 
los. Nach dem Versuch ging er sofort in seine frühere Lage 
zurück und zeigte sich, ohne Spur von Ermüdung, ebenso fest 
an den Zeigefinger gepresst wie vorhin. 

Während der ganzen Zeit des Versuches verzeichnete der 
auf der Brust angebrachte Pneumograph jede respiratorische 
Bewegung, Die Curve wies nach, dasa die Respiration von 
Anfang bis zu Ende sich gleich geblieben war, immer 

' Vergl. Seite H o, ff. 



I 



— 91 — 

miisaig, wenig tief und normal. Es war aucli keine Andeutung 
von jener Äenderuug der Respiration da, welche die Muskel- 
anatrengimg begleitet (Fig. 21, A und B). 

Des Vergleichea wegen haben wir nun einen unserer 
' Externes, einen jungen kräftigen Mann, unter dieselben Ver- 
BUcliebediiigungen versetzt und tieaaen ilm seiner linken Hand 
vorsätzlich jene eigen thüin liehe Stellung geben, welche die in 
Contractur befindliche Hand unserer jungen Kranken einliäli. 
Der Daumen, welcher zu Anfang des Versuches gegen den Zeige- 
finger gepresst war, wurde während der gleichen Zeit, also 




j VerBUislisBaordoung zur Prüfung der Echtheit der hysterischiiii Contraciur. 

I eine halbe Stunde lang, demselben continuivlichen Zuge aus- 
Pjçesetzt; er gab allmählich nach und entfernte sich vom Zeige- 
1 finger trotz des Widerstandes, welchen die Versuchsperson 
dieser Bewegung entgegensetzte. Soweit fanden wir also nichts, 
i das Verhalten der Kranken von dem des Simulanten 
scharf unterscheiden würde; der Gegensatz trat erst in den 
Respiration scurven hervor. Die Âthmung war bei unserem 
Simulanten zu Anfang, das heiast in den ersten Minuten, gleich- 
massig und normal, aber bald trat die Störung auf, die Inspii 
tionen waren verlängert, durch tiefe Senkungen angezeigt 
zwischen laugen Plateaux der Curve eingeschlossen. D' 
Btrengung war eben unverkennbar (Fig. 21, C und H). 




eigt und . ^^| 
Die An- ^H 

J 



Ein Experiment dieser Art würde tidh aUo gestatten, den J 
Betrug zu erkennen, wenn wir es mit einem solchen zu thua \ 
hätten. In dem Studium der Reapirationsciirve besitzen wir J 
ein Mittel ihn zu entlarven. 




Man kann wirklieh bei klinischen Studien über Hysterie 
nicht leicht an Vorsichtsmassregeln zu vie! thun; aber der 
Versuch, dem wir unsere Kranke unterzogen haben, war 
doch gewisBcrmasaen von Ueberfluaa, denn wir hatten schon 
vorher zahlreiche und zur Ueberzeugung genügende Beweise 
ftir die Echtheit ihres Leiden» gesammelt. Ich glaube es nach- 
drücklich genug betont und Ihnen unzweifelhaft gemacht zu . 




^ 



^ 



— 9ï — 

liabea, dass die il^rscheinuD^eD, welche wir in der vorher- 
gelienden Vorleaung in gemeinsamer Untersuchung coastatiren 
konnten, den Wertli echter pathologischer Symptome hüben, 
bei denen von einer Absichtlichkeit der Kranken auch nicht 
die Rede sein kann. Ich will Sie auch gleich darauf gefasst 
machen, dass wir alle BemerkuDgen, die wir ans Aolass dieser 
Contractur bei unserer jungen Kranken gemacht haben, Punkt 
für Punkt auf das männliche Individuum zu übertragen gedenken, 
das wir jetzt besonders in's Auge fassen wollen.' 

Es wird nicht überflliasig sein, wenn ich Ihnen als Ein- 
leitung einige Worte über das Auftreten der hysterischen 
NeurOBc beim männlichen Geschlecht sage. Die Hysterie kommt 
also auch beim Manne vor? Ja, unstreitig und sie ist da sogar 
häufiger, als man zunächst zu glauben geneigt ist. Das Thema 
der männlichen Hysterie ist bei den Aerzten in diesen letzten 
Jahren zu einer gewissen Beliebtheit gelangt; so sind z. B. 
nicht weniger als fünf Inauguraldissertationen, die sich mit 
diesem Gegenstande speciell beschäftigen, der medicinischen 
Facultät von Paris in den Jahren 1875 — 1880 vorgelegt worden. 
Schon Briquet hatte in seinem schönen Buche die Behaup- 
tung aufgestellt, dass man auf 20 hysterische Frauen in Paris 
wenigstens einen Mann tindet, der von der nämlichen Affection 
befallen ist. Diese Zahl scheint mir, wie ich gestehe, ein 
wenig übertrieben. Doch ist zu erwähnen, dass Klein, der 
Verfasser einer der Thesen, von denen ich eben sprach, der 
auf Olier's Anregung gearbeitet hat, aus den verschiedenen 
Berichten 77 Fällen von männlicher Hysterie zusammenstellen 
konnte. Drei Fälle, die er seibat hinzufiigt, ergeben die statt- 
liche Zahl von 80 Fällen, woraus man zum mindesten schliessen 
darf, dass die Hysterie beim Manne eigentlich keine so seltene 
Affection ist. 

Eine andere Thatsache, welche aus der nämlichen Arbeit 
erhellt, ist, dasa die Hysterie sich heim Manne in der Regel 
auf Grund erblicher Belassung entwickelt. Dies Verhältniss 
fand sich unter 30 Fällen 23n-ial vor, und zwar handelt es 
sich dabei um Heredität von der Mutterseite und in der gleichen 
Krankheitsform, so dass die Hysterie der Mutter häufig die 
Hysterie beim Sohn zur Folge hat. 

Aus der Vergleichung dieser Beobachtungen ergiebt sich 
noch ein anderes Resultat, nämlich dass die hysterischen Zu- 

' Die Rrnnke wurde eu wiederholten Malen der Einnirknng des 
HagneCen unterwurfeu, wobei die Coulrnctiir endlich acbwaod. lu aeiner 
Tarlestuig toid 12. Januar 1893 konnle Charuet die Kranke als voa Ihrer 
Diffonnitit vollkommen geheilt verslellen. Sie zeigte aber noch die oben 
beachriebenan bleibcndeii Sligioala der Hjaterie. Cli. F. 




i'slle beiiri inilnnlicheii Geselileelit am häufigsten im reifeif 
Alter, nach 14 Jahren auftreten, zumeist im Alter von 20 bis 
30, gelegentlieli noch später. Dies stimmt ganz mit den Angaben 
Uberein, die Reynolds nach Beobachtungen in London ge- 
macht hat. Allerdings kann man die männliche Hysterie auch 
bei Kindern vor der Pubertät, im Alter von 5 — 14 Jahren, 
sehen, aber die Hysterie der Erwaoliaenen ist bei weitem die 
häufigere. Ganz besonders erwähnenswerth ist aber, dass die 
von der hysterischen Neurose befallenen erwachsenen Männer 
durühaus nichts Weibisches an sich haben; es sind im Gegen- 
theil, wenigstens in einer guten Zahl von Fällen, robuste 
Individuen mit allen Charakteren ihres Geschlechts, Militärs- 
Personen, Arbeiter, die verheiratet und Familienväter sind, 
kurz Männer, die man, wenn man nicht darauf vorbereitet ist, 
nur mit dem grossten Erstaunen von. einer Affection befallen 
findet, welche Viele als ausschliesslich dem weibliehen Ge-J 
schlechte zukommend betrachten. 

Ich will endlieb noch binznftlgen, dass die Neurose beim 
Manne wie beim Weibe in ihren abortiven Formen, gleichsam 
mit verwischten Zügen auftreten kann. Es steht aber andererseits 
vollkommen fest, dass sie auch beim Manne alle jene Charaktere 
zeigen kann, welche das Kranksheitsbild der Hysteroepilepsie, 
der grossen Hysterie, ausmachen. Ich habe Ihnen voriges Jahj 
einige Beobachtungen angeflllirt, welche vorzüglich geeign^ 
waren, die Tliatsächüchkeit dieser Behauptung zu 
Für jetzt will ich mich, von den bei beiden Geschlechtern 
analogen psychischen Veränderungen ganz absehend, auf di^ 
Hervorhebung folgender Punkte beschränken. 

1. Die sensorielle und sensitive Hemianästbesie, — diese» I 
Stigma, welches für den hjsterischen Htatua ein fast untrüg- 
liches Zeichen abgiebt, wenn man nur Sorge trägt, gewisse 
Affectionen (Kapselherde, chronischen Alkoholismus und Blet- 
intoxication), deren Folge sie mitunter ist, auszuschliesseu - 
die hysterische Hemianästbesie also kojnmt beim Manne in d^ 
gleichen Weise vor wie bei der Frau. Jedes einzelne Detaj' 
derselben, die Einschränkung des Gesichtsfeldes fUr die Lichte 
empfindung, und die relative Verschiebung der Gesichtsfeld- 
grenzen für die Färb en Wahrnehmungen nicht ausgeschlossen, 
können Sie in entsprechenden Fällen beim Manne wiederfinden. 
Ich habe Ihnen ein Beispiel dieser Art bereits vorgestellt. 

2. Die Ovarie, eines der häufigeren Symptome der weib- 
lichen Hysterie, fehlt beim Manne, doch kann, wenigstens in 
einigen Fällen, wenn der Hode im Leistencanal zurückgeblieben- 
ist, Reizung, Druck auf diesen Hoden den Anfall hervorrufen 
oder unterdrücken. 



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f — 95 — 

( 3. Abgesehen vou der Ovarie findeu wir beim Maane die 
■ysterogenen Punkte mit all ihren Eigentliüinlichkeiten wieder. 
Es sind aber bei ihm der Vorderkopf, eine der seitiichen Brust- 
Mer Bauehgegßnden und besonders die linke Weiche bevorzugt. 
t 4. Die Reihenfolge der Phasen des grossen Lystero-cpilep- 
KBclien Anfalles ist beim Manne die nämliche wie beim Weibe. 
■Vergleiche unter anderen die Fälle von Bourneville und 
y'Olier und von Fahre [in Marseillej^ von den vier oder 
ftinf Fällen, die ich selbst beobachtet habe, ganz abgesehen.) 
5. Die paraplegiache oder hcmiplegische Form der Läh- 
mung, mit Steigerung oder, im Gegentheil, mit Aufhebung 
der Sehnenreflexe, kommt gelegentlich beim Manne zur Beob- 
achtung. Man kann sagen, dass sie viel häufiger ist als die 
hysterische Contractur, von der man nur wenig Beispiele zu 
kennen s eh eint. 

Sie dürfen aber nicht erwarten, bei einem männlichen 
Individuum so leicht diesen ganzen grossen Complex hyste- 
rischer Symptome vereinigt zu finden. Die hysterische Neurose 
kann sich beim Manne — und dies ist ohne Zweifel ein 
häufiges Vorkommnisa — in ilirer Abortivform, ihrer bedeut- 
aamen classiscben Charaktere entkleidet einstellen. Der Kranke, 
mit dem wir uns nun beschäftigen wollen, ist gerade von 
dieser Art, und doch hofle ich Sie zu überzeugen, dass es sich 
trotz des Fehleus dieser grossen Kennzeichen um Hysterie, 
,nd um woiter nichts als Hysterie handelt. 

Unser Kranker ist ein 34jähriger Schmied, Vater von vier 
andern, ziemlich kräftig gebaut, ohne irgend einen weibischen 
lug in seinen] Wesen. Ich muss geradezu sagen, diias wir weder 
m seiner pei-sönlichen noch in seiner Familiengeschichte etwas 
gefunden haben, was auf neuropasthische Belastung deutet, 
auch keine Gemüthsbewegung, die man als die Veranlassung 
der gegenwärtigen Krankheit beschuldigen könnte, kurz nichts, 
wenn nicht einer ti-aumaiischen Einwirkung, einer Verbren- 
nung diese Rolle zukommt. Am 26. Juni des letzten Jahres 
hatte eine weissglühende Eisenstange seinen linken Vorder- 
arm und Hand gestreift. Die Verbrennung, obgleich nur eine 
oberflächliche, brauchte sechs Wochen zu ihrer Heilung; heute 
finden wir ihre Spur noch in einer rothviolett gefärbten, 3 bis 
breiten und 10 bis 12 cm langen Hautpartie am unteren 
leil des Vorderarmes und am Handrücken. Wie es scheint, 
■r die Aufregung des Kranken über diesen Unfall nicht sehr 
DBS. Andererseits folgte die Contractur nicht unmittelbar auf 
die Einwirkung des Traumas; diese entwickelte sich auch all- 
mählich, was sehr merkwürdig und ftir eine hysterische Con- 
tractur aus traumatischer Ursache ein geradezu ausnahmswcises 




96 



Verhalten ist, Uer Kranke erzählt uns, dass einige Tage nach 
dem ünlall ihm der Ann schwer und die Finger wie ein- 
geschlafen, nur mit Milhe zu bewegen, waren. Was aber die 
Contractur betrifft, so ist sie, ohne Daz wisch en kuni't einer 
neuen Veranlassung, erst sieben Wochen später aufgetreten. 

Am 25. August empfand er Sehmerz im Arm und konnte 
nicht schlafen. Tags darauf zeigte seine Hand die für die In- 
terussei kralle charakteristische Gestalt, der Daumen war noch 
frei. Am nächsten Tag kam die Beugung der Finger hinzu, 
endlich legte sich der Daumen an die anderen Finger an, 
und während dieser verschiedenen Fortsehritte der Contractur 
bildete steh allmählich eine Beugung im Handgelenk und einaj 
Pronation des Vorderarmes heraus, 




Wir wollen ein wenig tiefer in die Analyse dieser merk- 
würdigen Difformität der Hand eitf^ehen, Sie ist die Folge 
der permanenten Contractur gewisser Muskeln, einer Contractur, 
die so stark ist, dass sie jedem Versuche, sie zu lösen, trotzt, und 
die seit drei Monaten, nicht nur Tag für Tag, sondern auch, 
worauf ich besonders Gewicht lege, die Nächte hindiu"ch an- 
gehallen hat. Schulter und Oberarm sind uubetheiligt, der 
Vorderarm ist etwas pronirt. Die Hand ist palmarwärts gebeugt, 
die vier Finger sind derart flectirt, dass sich ihre Nägel in 
den Handteller eingraben. Die Finger sind gewaltsam anein- 
ander gepresst, und der Daumen selbst gegen die Ausaenfläche 
der zweiten Phalange vom Zeigefinger gedrängt (Fig. 22). 

Hier zeigt nun die einfachste physiologische Analyse, 
dass an der Herbei fährung dieser Stellung vor Allem der N. 
medianus beiheiligt sein niuss, weil er die Beuger des Hand- 
gelenkes und den tiefen wie den oberflächlichen Fingerbeuger 



97 — 



Aber auch der N. ulnaris kommt in Betracht, denn 
die Adduction der Finger beweist die Thätigkeit der M. 
interoBsei. Endlich sind noch, wie bei jeder spastischen Con- 
traetur, die Strecker in Anspruch genommen. 

Beachten Sie wohl, dass in dieser Haltung der Hand die 
Ballung der Faust, die, wie ich betonen will, eine sehr kraft- 
volle ist, sich mit einer ebenfalls sehr starken Flexion im 
Handgelenk vereinigt findet. Sie erkennen darin eine im 
höchsten Grad gezwungene Haltung, eine Haltung, die aucli 
fUr kurze Zeit nui- sehr acliwer durchzuführen ist. 

Ich will Sie hier an eine scharfsinnige Bemerkung von 
Duchenne erinnern. Sie wissen, dass in der Hand die Strecker 
der Finger und die des Handgelenks in einem gewissen An- 
ti^onismus zu einander stehen. Wenn man die Hand als Ganzes 
weit als möglich streckt und dann auch die Finger zu 
blecken sucht, geschieht es leicht, dass diese eich beugen. 
" ! Extension im Handgelenk hat nämlich die Nebenwirkung, 

Strecker der Finger zu verkurzen und sie daher in fdr 
fcre Thätigkeit ungünstige Verhältnisse zu bringen während 
. igegen die Wirkung der gespannten Fingerbeuger begünstigt 
_*ird. Wenn Sie andererseits im Handgelenk beugen, wird aus 
einem analogen Grunde die vollständige Extension der Finger 
erleichtert. 

Betrachten wir jetzt die gleichzeitige Thätigkeit der Beuger 
der Hand und der Fingerbeuger. Auch hier besteht eine Art 
von Antagonismus: Wenn man z. B., wie bei der Drohung, die 
Finger kraftvoll beugen und zur Faust ballen will, ist die Hand 
extendirt, weil die Thätigkeit der Extensoren der Hand die 
der Fingerbeuger begünstigt. Wenn man dagegen bei fast ge- 
schlossener Hand eine kräftige Beugung im Handgelenk aus- 
führt, bemerkt man, dass die Beugung der Finger nachlässt, 
nnd dass diese eine sehr deutliche Neigung, sich zu strecken, 
zeigen; nur mit grösster Anstrengung kann man die Finger 
bei dieser Stellung der Hand gebeugt erhalten. Nun, das ist 
eine Thatsache, wohl geeignet, meine Herren, den Verdacht 
einer Simulation in unserem Falle zu beseitigen. Ich bezweifle, 
dasa eine Willensstärke Person nur durch einige Stimden, ge- 
schweige denn durch Tage, die wahrhaft pathologische Hand- 
atellung unseres Kranken ohne Schwanken und ohne Unter- 
brechung nachahmen könnte, und gewiss kann man sich 
nicht vorstellen, dass es Jemand auch während des Schlafes 
thun kann. Bei unserem Kranken aber besteht diese Hand- 
stellung während des Schlafes, wie Debove constatirt hat, 
und wie auch wir uns zu verschiedenen Malen überzeugen 
konnten. Wir beabsichtigen übrigens, unseren Kranken der 



I 



Prüfung mittelst des Pneumograplien zu unterziehen und ei" 
warten, dasB wir bei ihm au demselben Resultat gelangen 
werden, wie bei dem jungen Mädchen, das Sie gesehen haben.' 

Ich bo£Fe, Sie gestehen mir bereits zu, dass es sich in 
unserem Falle um eine wirklich krankhafte und nicht um 
eine simulirte Stellung handelt, um ein echtes Symptom und 
nicht um ein vorgebliches, das der Kranke durch eine An- 
strengung seines Willens erheuchelt. Es liegt mir noch der 
Beweis ob, daas wir es hier, ebenso wie bei dem Mädchen, mit 
Hysterie zu thun haben. Ich habe schon erwähnt, dasa es sich 
um eine abortive Form der Neurose handelt. Der Kranke 
hat nie Anfälle gehabt, bietet keine hysterische Vorgeschichte 
und keine erwähnenawerthe psychische Veränderung. Wenn 
wir uns aber auf die Untersuchung beziehen, die Debove 
am 1- October angestellt bat, und auf unsere eigenen, eine 
Woche später gemachten Beobachtungen, so finden wir 
Folgendes; 1. Eine Abstumpfung des Schmerzgefühls auf der 
linken Seite; Stiche rufen dort keinen Schmerz, sondern blos 
BerUhrungsempfindung hervor; Kälte wird auf der ganzen Seite 
weniger intensiv empfunden ; 2. eine sehr deutliche Abschwächung 
des Geruchs, Geschmacks und Gehörs ebenfalls auf der buken 
Seite. Wir haben ferner eine kunstgerechte Prüfung des Ge- 
sichtsfeldes angestellt und gefunden, dass es auf beiden Seiten, 
besonders aber auf der linken, eingeengt ist; die Gesichtsfelder 
flir die einzelnen Farben sind in entsprechender Weise einge- 
schränkt, aber die concentriachen Kreise, welche das Gesichts- 
feld einer jeden Farbe darstellen, haben ihre relative Grösse 
und Lage bewahrt; also keine Verschiebung der Farbengrenzen, 
auch keine Achromatopsie oder Dyschromatopsie (Fig. 23); 
3. von hysterogenen Zonen fehlt jede Spur. 

Wir dürfen also, bei dem Mangel einer jeden Andeu- 
tung für das Bestehen einer Herderkraukung in der inneren 
Kapsel, oder des chrünischen Alkoholismus und der Blei- 
intoxication, ferner mit Rücksicht auf die Existenz einer Con- 
tractur, einer Difformität der Hand, welche an und fUr sich 
schon den Stempel des hysterischen Ursprungs trägt — wir 
dürfen den Schluss ziehen, sage ich, dasa alle Erscheinungen, 
die wir an unserem Kranken beobachten konnten, wie ieli's 
Ihnen vorhergesagt habe, cler Hysterie und nur der Hysterie 
angehören. Dieselben zeigen eine wirklich scljlagende Ueberein- 

' Der Versuch wnrde anter denselben VerhSItiiiBsen wiu bei dera 
Mfidchen Biigeatellt und ergab äna NSmlialie. Wir wolleu biDEofUgen, daas 
wir in der Cblorüformnarkose nur eina nuyollkomraene Lösung der Con- 
tractar erreicht haben, doth war die vollkummene Lösoiig Herro Debove 
in BicStre Bchon vorher gelungen. Ch. F. 



d 



— 99 — 

vtiminaDg mît deo Kranklieitssyiiiptonittn jenes jungen MädcLens, 
welches wir unmittelbav vorlier untersuelit Laben. 

Ick habe Ihnen den Zustand unseres Kranken vom 7. Oc- 
tober geechildert Seither ist unter dem Einfluss eines thera- 




ieutiachen Agens eine leiclite Veränderung eingetreten. In 
î'olge der Einwirkung eines Magneten auf die Seite der Con- 
tractur ist die Empfindlichkeit, ohne dass sieh ein Transfert 
auf die rechte Seite eingestellt hätte, am Rumpf, Kopf und 




— 100 — 

Oberarm wiedergekehrt, aber nicht am Handgelenk und an der 
Hand. Mittlerweile hatte der Kranke, der seine besonderen 
Gründe hatte, eine allzurasche Heilung nicht zu wünschen, seine 
Entlassimg genommen. Er ist nun vor einigen Tagen wieder- 
gekehrt; eine neue Application des Magneten hat zur Folge 
gehabt, daas die Unemplindlit^hkeit der linken Hand verschwand, 
und daas in der Hand der anderen Seite eine Vertaubung und 
die Andeutung einer Rigidität auftrat. Debove ist nicht weiter 
gegangen, um nicht deniîustand allzusehr zu veründern, von dem 
ich Sie, wie er wussle, durch den Augenschein überzeugen wollte. 
Heute besteht nur noch die Couti-actur bei unserem 
Kranken, die HemianSsthesie ist Tollkommen geschwunden; in 
dem in Contractar befindliehen Glied macht sieh eine peinliche 
Empfindung von Krampf geltend, die mitunter den Schlaf des 
Kranken stört. Wir haben also jetzt einen im hohen Grade rudi- 
mentären Fall vor uns; aber wenn ich mich in meiner Erwar- 
tung nicht sehr täusche, ist Ihnen über die hysterische Natur 
desselben auch nicht der Schatten eines Zweifcia geblieben. ' 



< Wiederbolte Anweadangen des Magneten babeu za keinem anderen 
Kesiiltat geführt, als die Empfindlichkeit in dem cootcaciuiirten Gllede ber- 
(snateilen. Der Kranke wurde aber darauf von üusseral heftigen Schmerïen 
befallen, welche den Vorderarm, und die Hand einnahmen und thsils von 
dem Eiubühren dar Nägel in die Haut, theila von der Coniraotnr Belbst lier- 
rSbrten, denn die Beiigemnekeln erwiesen sich als sebr achmarzempfindliub. 
(Diese epontaneii Schmerzen waren, obwohl in geringerer IntenaitSt, schon 
zur Zeit, als der Kranke noch anästhetisch war, bemerkt worden.) Da der 
Kranke mit Ungestlim nach cliimrgischer Hilfe verlangte and sich lieber 
einer Amputation untersiehen, als si^iue Schmerzen IKager ertragen wollte, 
entschloss sich Charcot, die Do bu un g des Nerven, welchem die Han]itral!e 
bei dieser DlfformitSt Eutallt, des N. medianas, vornehmen na lassen. Schon 
zur Zeit, als der Kranke auf der Abtheilang von Debove war, hatte Herr 
Gillette, der Chirnrg von HicêLre, diese Operation vorgeschlagen; sie Vfurde 
am '26. December 1882 von Herrn Terrillon, dem Chirnrgen der Salpâ- 
trlËre, ausgelflhrt. Der N. medianus wurde am oberen Theil des Oberarmes 
hloBsgelegt, auf eine Hohlsoode gehoben niid xa Ewei versubiDdencn Malen 
in einer Strecke von ungefähr 8 Centimeter seiner nallirlichen Lage gedehnt. 
Als der Kranke aus der Cldornformnarkose erwachte, empfand er im Vorder- 
arm und in der Haud Ameisenlaofeu von Schmerz begleitet, die Contractar 
schien fortzubestehen. Nach einem drei- oder yierslündigein Schlaf erwachte 
er dann schmerzfrei, die Contractur war fast vollkommen verschwunden, 
doch konnte er die Finger nicht gehörig strecken. Der Zustand bat sich 
seither ein wenig gebessert, doch ist die Streckung der ersten Phalangen 
noch immer nicht ganz gut mSglich, was von einer Schrumpfung fibrüser 
Gebilde berzurilhren scheint. UebrigenB ist an Stelle der Contractur eine 
Parese der zuerst befallenen Muskeltt getreten. Charcot hat den Kranken 
in der Vorlesung vom 13. Januar IBSä als gebeilt vorgestellt, und ausaer 
auf diese Scbrampfuag der fîbrSsen Gewebe, welche man mitunter nach 
tangdauorudeu hysterischen Contracturen beobachtet, auf eine eigenthümliche 
Glätte der Haut an den Fingerspitzen, besonders am Endglied des spindel- 
fijrmig verschmälerten Zeigefingers, aufmerksam gemacht. Cb. F. 



A 



Neunte Vorlesung. 



Ein Beispiel von Eniwickelung einer SpinalafTection nach 
Contusion des N. jschiadicus. 



Coatusion in der Imken GesKsagegend. — Peimanente und ausBetEecde 
Soll m erzen, — Früh zeit, ige« Eintreten «iner motiiriaohen Schwäehe. — 
Muskel Hl ropljie. — StCruiigr-n des HarnlaaBom, der Defüualion und der 
aeinellen Functionen. — Bleibenda Atrophie der vom N. ifluliiadicus Lind 
M. glutSüUB inferior Teraorgtisii Muskeln linkerseila. — Elektrisi^ho Unter- 
snclmiig. — Parese and Atrophia der Olutäalmankeln rechteraeits. 

Meine Herren! Der Kranke, den ich Ihnen jetzt vorstellen 
und zum Gegenstand der heutigen Vorlesung machen will, 
zeigt uns ein nach meioer Meimtng sehr benierkenswerthea 
Beispiel von Entwickelung einer organischen Spinaiaffection 
in Folge eines Traumas, welches nicht auf das Mark selbst, 
sondern auf einen peripheren NerTen eingewirkt hat. 

Ich weiss wohl, daas in der medicinischen Literatur eine 
gewisse Anzahl von Fällen aufgezeichnet ist, welche darthun 
sollen, dass gewisse Verletzungen der Extremitäten oder der 
Nervenatämme auf das spinale Centralorgan zurückwirken, 
und dort mehr oder weniger tief gehende Veränderungen 
hervori'ufen können. Aber unser Fall scheint mir in weit 
höherem Grade als alle anderen die Bedingungen der Einfach- 
heit und Un Zweideutigkeit zu erfüllen, von denen die Beweis- 
kraft solcher Fälle abhängt. Die Darstellung, welche ich nun 
gleich beginnen will, wird Sie davon, wie ich hoffe, vollkommen 
überzeugen. 

Es handelt sich um einen 40jährigen Mann, der, wie Sie 
len, ziemlich kräftig entwickelt und gut gebaut ist. Er ist 

r zweier Kinder. 

A. Ich muss vorausschicken, dass wir in der Vorgeschichte 
des Kranken keinen Umstand auffinden können, dem eine 
Betheiligung am Zustandekommen der Spinalaffection, an 



I 




d 



— 102 — 

welclier er jetzt leidet, oder der ischiadisclien Schmerzen, 
denen er frulier gelitten hat, zuzuschreiben wäre. Allerdings 
hat er von seinem 37. bis zu seinem 36. Jahr, während er als 
Bierfilhrer thätig war, häufige Excease in Baccho begangen; 
er war selbst vom Delirium tremens befallen und hat durch 
einige Zeit das charaltteri a tische Zittern der Hände dargeboten. 
Aber er bat sich seit vier Jahren in dieser Hinsicht sehr ge- 
bessert und führt, seitdem er das Gewerbe eines Tischlers 
ausübt, ein mäsaiges Leben. Er scheint niemals Syphilis gehabt 
zu haben; sicher ist, daas er niemals eine Gonorrhöe gehabt 
hat, niemals ein feuchtes Zimmer bewohnt, niemals einer 
besonders heftigen Kältewirkung auBgeselzt war und auch nie 
an Rheumatismus gelitten hat. 

B. Die uns interessirende Krankheit hat sich unter fol- 
genden Verhältnissen entwickelt. Am 28, December 1881 traf 
ihn in der Werkstätte, in der er arbeitet, ein heftiger Stoes 
von einem 3"3 m langen Balken mit quadratischer Endfläche 
von ungefähr 10 on Seite, mit dem ein anderer Arbeiter auf 
einer Hobelbank eine raaehe Verschiebung im Sinne seiner 
langen Achse vornahm, in die linke Hinterbacke. Er glaubt 
noch genau die Stelle angeben zu können, die vom Stoss 
betroffen wurde, und bezeicbnet als solche einen Punkt zwischen 
dem Sitzbein und grossen Trocbanter, einige Centimeter ober- 
halb des unteren Randes des Glutaeus raaximüs. Noch heute 
ruft der Druck auf diesen Punkt eine schmerzhafte Empfin- 
dung hervor. Ich will als einen ziemlich bemerkenswerthen 
Umstand hervorheben, dass weder am Tage dieses Unfalls 
noch an den nächsten Tagen sich eine Ecehyraosirung oder 
Schwellung in der Gegend der Hinterbacke zeigte. 

Werfen Sie einen Blick auf die anatomische Tafel, die 
ich Ihnen hier vorzeige; Sie werden sofort erkennen, dass die 
vom Stoss getroffene Stelle genau der Lage des N. iachia- 
dicus und glutaeus inferior (grand et petit sciatique) kurz 
nach deren Äuetritt aus der Incisura ischiadica entspricht. Die 
beiden Nervenstämme konnten und mussten also in Einem 
vom Stoss betroffen werden. 

Obwohl Traumen der Gesäasgegend gar nicht so selten 
sind,' ist es doch bemerkenswerth, dass Contusionen des 
N. ischiadicus nicht zu den häufigen Vorkommnissen ge- 
hören. Es bedarf eben besonderer Bedingungen für das Zu- 
standekommen dieser Contusion. Diese Bedingungen sind ver- 
wirkliebt, wenn der Stoss z. B. mit dem Ende eines Balkens, 



n, pHg. 666. 

d 



ZWIl 

pun 



— 103 — 

einer Deîcheel, eines FlintenkolbenB oder mit einer Möbelecke 
erfolgt; dann kann der Nerv zwischen dem harten Körper 
von aussen und der Knochenfläche, von der er nur durch die 
lA. gemein uod den M. quadratns t'emoris getrennt ist, gleiehsam 

eingeklemmt werden. Dagegen bleibt er bei Sturz auf das 
Gesäss zumeist verschont, wenn man auf eine durchwegs glalte 
Fläche Mh. 

Wie Sie sehen, waren in unserem Falle die Bedingungen 
fllr eine auf den Ischiadicus beschränkte Contusion gegeben 
und es liegt gtir kein Ânhaltspuûkt vor zu glauben, dass das 
Hüftgelenk in irgend einer Weise in Mitleidenschaft gezogen 
worden ist. 

Ea ist nun wichtig festzustellen, worin bei dieser aus- 
Bchliesslich auf den Ischiadicus beschränkten Affection die ersten 
krankhaften Symptome bestanden haben. Aus dem folgenden 
TheiJe der Darstellung werden Sie ersehen, daas diese Symptome, 
abgesehen vom plötzlichen und heftigen Einsetzen der Krank- 
heit, durchatiB mit denen der gemeinen Ischiaa nervosa, des 
Malum Cotugni, übereinstimmten. 

Der Sloss war heftig genug gewesen, um den Kranken 
KU Boden zu werfen; als er sich gleich darauf erhob, war der 
Schmerz ISngs des Verlaufs des N. ischiadicus und seiner 
Aeste bereits ausgebildet. Wir künnen in diesem Schmerz, der 
seither durch einen Zeitraum von drei Monaten unablässig ange- 
halten hat, zwei Elemente unterscheiden: a) einen permaaetiten 
Schmerz, der sich längs des Nervenverlaufs und besonders an 
einzelnen Punkten localisirt, und durch Druck auf diese Punkte 
gesteigert wird. Von diesen Punkten heben wir bei unserem 
Kranken folgende hervor: 1. einen in der oberen Hälfte des 
Oberschenkels, am unteren Rand des grossen Gesäsamuskels, 
zwischen Sitzbein und grossem Trochanter; 2. einen Peroneal- 
lunkt entsprechend der Stelle, wo der N. peroneus sich um 

Köpfchen der Fibula herumschlingt; 3. einen Punkt am 
iBseren Knöchel, und 4. einen anderen am Fussrllcken. Auf 
eien dieser Punkte sind Blasenpflaster angelegt worden, 
leren Spuren Sie noch erkennen. Diese permanenten Sehmerzen 
waren von einem ebenfalla continuirliehen, übrigens aehr pein- 
lichen Gefühl von Ameiaenlaufen im Fuas und Unterschenkel 
begleitet. 

b) Keben diesem eontinuirlichen Schmerz bestanden noch 
aussetzende Schmerzen in Form von plötzlich auftretenden, 
heftigen, blitzartig durchfahrenden Empnodungeo, welche eine 
Verbindung, sozusagen, zwischen den Exen .Schmerzpunk ten 
'lerstellten. Diese schmerzhaften Entladungen waren in sehr 
'(entlicher Weise von klonischen Stössen begleitet, durch welche 



I 




~ 104 — 



der Obersclieükel energisch gegen das Becken gebeugt wurde. 
Wenn wir noch hinzufügen, dass bei unserem Kranken die 
continuirhchen wie die auBgetzendeo Schmerzen, die Prickel- 
enipfindungen und Zuckungen besonders des Nachts heftig 
waren, und sich in der Bettwärme so sehr Bteigerten, dass der 
Kranke die Gewohnheit angenommen hatte, die Kächte auf 
einem Stuhl sitzend zuzubringen, so haben wir ein klinisches 
Gemälde entworfen, das vollkommen auf einen Fall von spon- 
taner Ischias, rheumatischer oder anderer Natur, passen könnte. 

Schon in den ersten Wochen nach dem Unfall äusserte 
eich ein gewisser Grad von motorischer Lähmung in der linken 
unteren Extremität durch eine beträchtliche Erschwerung des 
Gehens und Âufrechtstehens. Man konnte dieselbe nicht ganz 
auf die Furcht des Kranken vor einer Steigerung seiner 
Schmerzen zurückführen, denn diese Leistungsunfähigkeit 
bestand auch zu Zeiten, wenn die Schmerzen gelinder waren, 
Als endlieh ungefähr drei Monate nach dem Unfall die 
Schmerzen fast gänzlich aufgehört hatten, trat die Bewegungs- 
störung sehr auffällig hervor, denn während eines weiteren 
Monats war es dem Kranken unmöglich, sich stehend im 
Gleichgewicht zu erhalten, wenn er sich nicht an die um- 
gebenden Gegenstände stützen durfte. Kaum konnte er nach 
Verlauf eines neuen, des fünften Monats seit seinem Unfall, 
einige Schritte im Zimmer machen, indem er einen Stuhl vor 
sich herachob, und erat nach Ablauf von sechs Monaten konnte 
er es zuwege bringen, ohne sich anzuhalten oder mit Hilfe 
eines Stockes, eine Viertel- oder halbe Stunde lang herum- 
zugehen. Doch ermüdete er dabei sehr, und auch heute ist 
er nicht weiter gekommen. 

Eine solche motorische Schwäche einer Extremität imJ 
Gefolge einer Ischias ist, wie Sie wissen, besonders wenn AioM 
Neuralgie sehr heftig war, nichts Seltenes. Wie aber Bonnefin* 
und Landouzy betont haben, pflegt sie dann von einer 
mehr oder minder auffälligen Abnahme der Muskeimaasen des 
Gliedes begleitet zu sein, Nun sicherlich bestand auch bei 
unserem Kranken zu jener Zeit eine solche Atrophie, obwohl 
er selbst sie nicht bemerkt tat. Ich will Ihnen gleich sagen, 
worauf sich diese Behauptung stützt. 

Wie Ihnen bekannt ist, kann man diese functionelle 
Schwäche und Muskelatrophie bei der gewöhnlichen Ischias 
nicht auf Rechnung der längeren ünthätigkeit setzen. Denn 
nach Beobachtungen von Landouzy tritt dieselbe sehr früh- 
zeitig (in einem Falle nach J4 Tagen) nach dem Beginn der 
ersten Schmerzen und selbst in aolchen Fällen auf, in dei 
die Extremität überhaupt niemals zu agiren aufgehört hat. , 




— 105 — 

_Die Theorie, welche man gewöhnlieh lehrt, um diese Ernährungs- 
stOmng der Muskeln bei der gemeinen Ischias zu erklären, 
lautet, wie Sie wissen, folgenderma&sen: Die Reizung, die in den 
erkrankten centripetalen Nervenfasern ihren Sitz hat, soll auf dem 
Wege der hinteren Wurzeln gewissermaasenin's spinale Central- 
organ aufsteigen und dort die Nervenzellen der Vorderhörn er in 
den entsprechenden Höhen ergreifen, welche also secundär er- 
kranken. Die leichte oder schwere, organische oder blos func- 
tionelle Läsion, welcher die letzteren anheimfallen, soll nun zur 
Folge haben, ihren trophischen Einfluss — für immer oder nur 
zeitweilig — aufzuheben. Daher werden die Muskeln, zu denen 
sich die aus diesen zelligen Elementen entspringenden centri- 
fugalen Fasern begeben, ihrerseits von einer Ernährungsstörung 
ergriffen, die mehr oder weniger rasch vorübergehen, aber auch 
eine endgiltige sein kann. Einer der stärksten Beweise, die man 
zu Gunsten der Betheiligung des Centralorgans bei diesem Her- 
gang herbeiziehen kann, liegt darin, daas die Atrophie häufig Mus- 
keln befallt, welche nicht mehr in das Bereich des an Neuralgie 
erkrankten Nerven gehören, so z. B. tritt in Fällen, in denen 
sich der Schmerz ausschliesslich aiif den N. ischiadicus beschränkt 
hatte, die Atrophie nicht nur in den Muskeln auf, welche 
dieser Nerv versorgt, sondern auch im mittleren und kleinen 
Gesäsamuskel, die vom N. glutaeus auperior, welcher direct 
aus den ersten Sacralwurzeln stammt, innervirt werden. 

Wie immer dem sein mag, so lehrt doch die alltägliche Er- 
fahrung, dass bei der gewöhnlichen spontanen Ischias die func- 
tionelle Schwäche und Muskelatrophie, welche sieh neben den 
Schmerzen geltend machen, die letzteren nicht lange überdauern. 
Das scheint aber nicht für die traumatische Ischias zu gelten, 
wenigstens wenn man sich den von Seeligmüller publicirten 
Fall einer Ischias in Folge einer schweren Entbindung, nei der die 
Anwendung der Zange nothwendig; wurde, vor Augen hält. In 
diesem Falle folgte auf die Neuralgie eine atrophische Lähmung 
der Wadenmuakeln, welche allen Heilversuchen Trotz bot. Wir 
werden gleich sehen, dass ebenaosehwere und auf eine grosse 
Anzahl von Muskeln verbreitete Ernährungsstörungen unseren 
Fall auszeichnen. 

Jetzt müssen wir aber eine Reihe von Erscheinungen 
besprechen, die sich bei unserem Kranken drei Monate nach 
dem Trauma, welches den Ausgangspunkt des ganzen Leidens 
bildet, eingestellt haben, und welche die Betheiligung des 
spinalen Centralorgans in voller Klarheit hervortreten lassen. 

Am 15. März also, als die Schmerzen nachzulassen be- 
gannen, war die Lähmung im Gegentheil auf ihrer Höhe 
angelangt; eine schmerzhafte Empfindung von Einschnürung 




— 106 — 

war iu der Leuflengegend auf beiden Seiten aufgetreten und 
bielt durch einige Tage an. Zwei oder drei Tage später war 
das Vermftgen, willkürlitih Harn zu lassen, aufgehoben; am 
Tage darauf gin(f der Harn unwillkürlich tropfenweise ab, 
ohne dass der Kranke das Bedürfnisa zu uriniren empfand. 
Er liesa sich daher in das Hospital Necker auf die Abthei- 
lung von Prof. Guyon aufnelimen, wo man ihn sondirte und 
feststellte, dass keine Strictur und keine Prostata Schwellung 
vorlag, wie auch alle späteren Untersuchungen bestätigt haben. 
Seit dieser Zeit war der Kranke genöthigt, sich zwei oder 
drei Mal im Tag den Katheter einzuführen; so oft er dies 
unterliess, trat unwillkürliches Harnträufeln ein. Heute hat sich 
sein Zustand in dieser Hinsicht etwas gebessert. Er kann 
manchmal, obwohl nicht ohne Schwierigkeit, willkürlich Harn 
lassen; ist aber doch zumeist, wie in jener früheren Zeit, zur 
regelmässigen Anwendung des Katheters genöthigt. 

Sie werden nicht umhin können, für diese anhaltende 
Incontinentia urinae eine Erklärung im Centralorgan zu suchen. 
Die Läsion, die dort besteht, können wir selbst bis zu eineni 
gewissen Grade localisiren. Wir müssen an die Region denken, 
in welche die Experimentalforachung (Goltz, Budge) das 
Centrum ftir die Blasenreflexe verlegt, und diese befindet sich 
im unteren Ende der Lendenan seh wellung, entsprechend dem 
Abgang der vier letzten Sacral wurzeln. 

Sie wissen auch, dass die Versuche, welche ich eben er- 
wShnt habe, in dieselbe Region das Centrum für die Reflexe 
des Mastdarms und für die Reflexe, die der Erection und 
Ejaculation vorstehen, verlegen. Tn der That zeigt die Kranken- 
geschichte unseres Falles, (îass auch diese beiden Centren 
in Mitleidenschaft gezogen waren. Am nämlichen Tage, au 
dem die Harnin eontinenz auftrat, machte sich ein Unvermögen, 
den Stuhl zurückzuhalten, geltend, welches noch heute in einem 
gewissen Masse besteht. Endlich muss ich anführen, dass seit 
jener Zeit die Erectionen ausgeblieben sind und sich noch 
immer nicht hergestellt haben. 

Ich wiederhole, diese Reihe von Symptomen ist es, welche 
unzweideutig auf das Bestehen einer Läsion im RUckenmarke 
hinweist, und man kann behaupten, daes es sich um keine nur 
dynamische Läsion handelt, sondern um eine materielle, anato- 
mische Veränderung, wahrscheinlich entzündlicher Natur, mit 
einem Wort um eine Myelitis. 

Eine gründliche Untersuchung des Zustandes der unteres 
Extremitäten bei unserem Kranken wird uns übrigens neue 
und sehr gewichtige Argumente zur Stütze unserer Behauptunj* 
in die Hand geben, 



É 



107 



Der Kranke ist am 8. November in dem Zustand, in dem 
Sie itn gegenwärtig sehen, in die Salpêtrière eingetreten. Er 
bedient sich beim Gehen gewöhnlich eines Stockes, den er in 
der rechten Hand hält. Er kann zwar auch, wenn er auf diese 
Unterstützung verziehtet, ungefUhr eine halbe Stunde herum- 
gehen, aber dann wird die Ermüdung, besonders des linken 
Beins, so gross, dass er unwiderstehlich gezwungen ist, Halt 
zu machen. Es ist bemerkenswerth, dass der Kranke einzig 
und allein über sein linkes Bein klagt, während doch auch 
das rechte, wie wir gleich sehen werden, eine ziemlich be- 
deutende Beeinträchtigung erfahren hat. 

Die Untersuchung des linken Beines ergiebt Folgendes: 
Diese Extremität hat im Vergleich mit der rechten in allen 
ihren Theiten ein wenig an Umfang abgenommen. Der Unter- 
schied zu Gunsten der entsprechenden Partien der rechten- 
Seite beträgt, wie die Messung zeigt, einige Centiraeter. 

Der linke Unterschenkel und Fuss sind kalt anzufühlen, ihre 
Haut durch fleckige Röthung niarmorirt, der Fusa ist ausserdem 
leicht Ödematös. Dieser Zustand erinnert einigermassen an das, 
■was man in gewissen Fällen von Kinderlähmung alten Datums 
sieht. Die Sensibilität, besonders die Empfindlichkeit gegen 
elektrische Seize ist fast in der ganzen Ausdehnung des linken 
Beines abgestumpft. Die Hautreflexe sind beiderseits normal. 

Der Kniereflex ist rechts gesteigert, links normal. Wenn 
man bei sitzender Stellung des Kranken auf die linke Patellar- 
sehne klopft, tritt ein beachtenawerthes Phänomen ein, welches 
vielleicht auch auf das Ergiffensein des Rückenmarkes hin- 
deutet. Man sieht nämlich, wie bei jedem Schlage der rechte 
Oberachenkel durch eine sehr deutliche Adductionsbewegung 
der Mittelhnie genähert wird. 

Prüfen wir jetzt die Leistungsfähigkeit des linken Beines. 
Beginnen wir mit den Muskeln, welche vom Lumbalplexus ver- 
sorgt werden; diese Muskeln haben ihre normale Kraft be- 
wahrt. So ist 1. im Bereich des Cruralnerven die Beugung 
des Oberschenkels gegen das Becken, welche vom Iliopsoas 
ausgeführt wird, in ihrer normalen Stärke erhalten, auch die 
Streckung vermittelst des M. quadriceps ist unbeeinträchtigt; 
~. im Bereich des N. obturatorius, welcher die Adductoren ver- 
sorgt, ist die Kraft der Bewegung gleichfalls ungeschwächt. 

Es ist nun leicht zu zeigen, dass im Gegentheile die vom 
N. ischiadicus und glutaeua inferior versorgten Muskeln — 
diese beiden Nervenstämme wurden gleichzeitig von der Con- 
tusion betroffen — grösstentheÜs eine schwere Beeinträchtigung 
erfahren haben: 1. Der M. glutaeus maximus ist weich und 
schlaff. Wie Sie wissen, kommt dieser Muskel beim aufrechten 



ir«ciiit;ii I 



lOS 



I 



Stellen nacli Duehenoe nicht selir in Betracht; seine Wir 
äTisaert sich vielmehr, wenn es sieh um Beweg^ungen handelt, 
die eine enerfj;ische MuskelaBstrengung erfordern, z. B. wenn 
man auf einen Sessel steigt. Sie sehen auch, dass es unserem 
Kranken unmög;lich ist, diese Verrichtung ohne Stütze auszu- 
führen, besonders wenn er ee mit dem linken Bein thun soll. 
2. Die Muskeln an der Rückseite des Obersehenkele, die 
Beuger des Kniegelenks und 3. die Muskeln, welche die Plantar- 
und Dorsalflexion des Fusses ausführen, sind ebenfalls hoch- 
gradig geschwächt. Es ist dem Kranken z. B. unmöglich, sich 
auf der Fussapitze stehend zu erhalten. 

Alle oder fast alle Muskeln also, welche vom N. ischiadicus 
und vom N. glutaeus inferior versorgt werden, sind schwer ge- 
schädigt. Eine solche motorische Störung könnte man, streng 
genommen, durch die Annahme einer Verletzung in den moto- 
risehenNervenfasem unterhalb der Contuaionsstelle und in Folge 
der Contusion selbst erklären. Aber diese Erklärung wird un- 
zulässig, sobald man in Betracht zieht, dass auf derselben, der 
linken, Seite auch der mittlere und kleine Gesässmuskel in Mit- 
leidenschaft gezogen sind, denn diese Muskelo werden vom N. 
glutaeuB Buperior innervirt, welcher seinerseits direct aus den 
ersten Zweigen des Sacralgefleclites hervorgeht. 

Man weiss, hauptsächlich durch die Untersuchungen von 
Duchenne, dass die Wirkung dieser Muskeln darin besteht, 
beim Gehen und beim Stehen das Becken derart zu fixiren, 
dasB es sich nicht nach reclils oder nach links neigt, je nach- 
dem der Muskel der linken, oder im anderen Falle, der rechten 
Seite in Thäligkeit tritt. 

Wenn wir unseren Kranken im Stehen betrachten, Mit uns 
schon auf, dass der Darmbeinkamm auf der rechten Seite in 
einer tieferen Ebene liegt, als der Horizontal ebene durch den 
Damibeinkanim der linken Seite entspricht. Das Becken ist also 
nach rechts geneigt, und mit dieser Neigung des Beckens nach 
rechts hängt das Tieferstehen des grossen Trochanters und 
der Glutäalfalte rechterseits zusammen. Dazu kommt noch, 
dass die rechte Schulter tiefer steht als die linke, und dass 
die Wirbelsäule gleichfalls eine leichte Neigung nach rechts 
zeigt. Aus dieser Neigung des Beckens nach rechts können 
wir bereits die Insuffieienz des mittleren und kleinen G-esäss- 
muskels der linken Seite muthmassen, da die Function dieser 
Muskeln darin bestehen sollte, den linken Darmbeinkamm 
herabzuziehen, bis er in gleicher Höhe mit dem rechten steht. 
Aber diese fragliche InsufScienz verräth Bieh noch offen- 
kundiger, wenn der Kranke den rechten Fusa vom Boden 
abhebt, wie um das zweite Tempo des Ganges auszuführen. 



A 



die 

tai- 






— 109 — 

lann sehen .Sie, dass sich das Becken und der Trochaoter 
inf der rechten Seite noch mehr als vorhin senken. Unter 
iormalen Verhältnissen sollte sich das Becken im Moment, 
■o sich der rechte Fuaa vom Boden abhebt, um das zweite 
Teinpo des Ganges auszuführen, "vielmehr in Folge der Tbätig- 
keit des linken mittleren Gesässmuskels ein wenig nach rechts 
heben und nach links senken, wovon liier gerade das Gegen- 
theil geschieht. 

Wenn der Kranke geht, verräth sich diese Insufticienz 
des mittleren Gesüssmuskels bei jedem Schritt durch eine 
sehr deutliche Senkung des Dann betn dorn es und des grossen 
■ochantera der rechten Seite, und daraus ergiebt sich für 
Becken eine Reihe von sehr auffälligen und wahrhaft 
arakterieti sehen Schwankungen von grossem Umfange. 
Der mittlere und kleine Gesässmuskel der linken Seite 
sind also erkrankt und in hohem Grade geschwächt. Diese 
Muskeln werden vom N. glutaeiis superior versorgt, dessen 
Ursprung von dem des N. ischiadicus und glutaeua inferior 

fanz gesondert ist. Die Theilnahme des N. glutaeus superior 
ann man sich aber nur so erklären, dass man eine Erkrankung 
des Rückenmarkes zu Hilfe nimmt. 

Schon die Lähmung der Sphincteren der Blase und der 
Mastdarm, wie die Unterdrückung der Genitalreflexe hatte 
diese Lftsion des Rückenmarkes erwiesen. Dieselbe wird aber 
noch unzweifelhafterer Weise durch die Ergebnisse einer 
rgfUltigen Untersuchung des rechten Beins sichergestellt, 
wir an dem letzteren eine erhebliche Schwäche der 
■lutalrauskelu und der Mehrzahl der Muskeln des Unter- 
BcLenkels finden. 

Die Parese der Muskeln der rechten Seite ist wie die der 
linken von einer Atropiiie begleitet, welche sich in einer leicht 
merklichen, aber besonders linka auffälligen Volumaabnahme 
äussert. 

Wir wollen bei dieser, nuu schon seit sechs Monaten 
bestehenden, Atrophie ein wenig verweilen. Die Frage, die sich 
uns aufdrängt, und die, wie Sie sehen werden, nicht nur 
theoretisch, sondern auch praktisch vom höchsten Interesse 
ist, lautet wie folgt: Handelt es sich um eine einfache Atrophie, 
das heisst ohne tiefere Ernährungsstörung der Easern, oder 
Lndelt es sich im Gegentheil um eine degenerative Atrophie, 
e Atrophie, die mit einer tief gehenden Veränderung, 
einer Degeneration der musculären Elenaente zusammenhängt? 
Sie begreifen, dass an die Lösung dieser Frage auch in 
gewissem Masse die Prognose gebunden ist, denn die einfache 
Atrophie weicht gewöhnlich der Anwendung der geeigneten 




— 110 — 

therapeiitisclien Methoden, während gegen die degenerative 
Atrophie die Behandlnng nichts auszurichten vermag- Beaitzen 
wir also ein Mittel, welches uns gestattet, in der Klinik diese 
Unterscheidung zu treffen? Darauf rauss die Antwort lauten; 
Ja, dieses Mittel besteht in der kunstgerechten Ausfuhrung 
der elektrischen Untersuchung. Um eine vollständige zu sein, 
juusB diese Untersuchung für beide Stroniarten nacheinander, 
für den faradischeu wie den galvanischen, vorgenomuien 
werden. 

Was die galvanische Untersuchung (mit dem eonstanten 
Strom) anbelangt, will ich Ihnen in's Gedächtnis rufen, dass 
man dabei den einen der Pole, den man den indifferenten 
nennt, an der Brust anbringt, während der andere, différente 
Pol auf den zu prüfenden Nerven oder Muskel aufgesetzt wird. 
Zum differenten Pol kann mau nach Belieben den positiven 
(die Anode An) oder den negativen (die Kathode Ka) wählen. 
Wie Sie wissen, erhält man unter normalen Verhältnissen nur 
bei der Schliessung (S) oder bei der Oeffnung des Stromes (0) 
eine Muskelzuckung. Um nun im Zustande der Norm eine 
Zuckung (Z) mit einem möglichst schwachen Strom, nehmen 
wir an bei 20 Elementen, zu erzielen, muas man den negativen 
Pol Ka. zum differenten nehmen, und die Zuckung tritt dann 
im Moment der Stromschliessung ein, was man in der Zeichen- 
sprache der Elekti'o physiologie folgendermassen ausdrückt: 
Ka SZ. Um eine ContractioD mit dem anderen Pole, dem 
positiven An, zu erhalten, muss man die Anzahl der Elemente 
verraeliren, etwa von 10 auf 15, Diese Thatsache drückt man 
dann in unserer Schreibweise so aus: KaSZ>AnS2, und 
wir haben in ihr einen Theil dessen, was mau die normale 
Zuekungsformel heisst. Wenn man bei der Untersuchung eines 
Muskels findet, dass AnSZ bei einer Elementenzahl eintritt, 
die noch nicht hinreicht, um KaSZ hervorzurufen, so dass 
also AnSZ >■ KaSZ ist, so spricht man von Umkehrung der 
normalen Formel, und diese gehört bereits der Entartungs- 
reaction an, in anderen Worten, die Reaction, die man so er- 
hält, entspricht einer mebr oder weniger tiefen Veränderung 
des Muskelgewebes. 

Wir wollen gleich daran gehen, diese Kenntnisse für das 
Studium des Ernährungsaust.andeB der atrophirten Muskeln 
bei unserem Kranken zu verwerthen. Wir müssen nur noch an- 
geben, worin sieh für die Elektrodiagnostik die einfache und 
die degenerative Atrophie der Muskeln kundgiebt. 

1. Bei der einfachen Atrophie ist die faradiache und gal- 
vanische Erregbarkeit quantitativ herabgesetzt, das heisst, man 
braucht, um eine Zuckung zu erzielen, einen stärkeren Strom 



4 
4 





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I BOI 



— 11t — 

Zustande der Norm; aber die Reihenfolge der Reac- 
tionen ist die nämliche, es giebt keine Veränderung der 
Formel und KaSZ bleibt >■ An 8Z. Solche einlache Atrophien 
kommen z. B. nach langer Muskeluntlitttigkeît oder noch bei 
gewissen functionellen Spinal Erkrankungen iin Gefolge von 
Gelenfesleiden vor. 

2. Die degenerative Atrophie ist Gegenstand einer sorg- 
fältigen Experimentaluntersuchung beiThieren, denen man peri- 
phere Nerven durchschnitten hatte, gewesen. Aus den Versuchen 
von Erb und Ziemssen geht hervor, dass im Allgemeinen das 
Fehlen der faradischen Erregbarkeit, bei Fortbestehen der 
überdies moditicirten galvanischen Erregbarkeit, einen schweren 
Zustand anzeigt, bei dem jedocli Wiederherstellung nicht aus- 
geschlossen ist; dass aber Fehlen der faradischen wie der galva- 
nischen Erregbarkeit eine äusserst bedenkliche Veränderung, 
line degenerative Modification des Muskels oder Nerven ver- 
"".th, welche kaum mehr rückgängig gemacht werden kann. 

In der menschlichen Pathologie, meine Herren, findet man 
solche schwere Veränderungen der elektrischen Reactionen, 
die einer ernsten ErnShrungsatörung der Muskeln entsprechen, 
bei den Affectionen peripherer Nerven (Durehschneidungen, 
tranmatische Verletzungen u. s, w.), aber auch bei Krankheiten 
des Ktickenmarkes, wenn die Localisation der Erkrankung eine 
derartige ist, dass die zelligen Elemente, die sogenannten moto- 
rischen Nervenzellen, zerstört oder in ihrer Struetur tief ver- 
ändert sind, so z. B. bei der Kinderlähmung nach dem Sta- 
ilium reparationis und auch bei der diffusen centralen Myelitis. 

Wenden wir diese Ergebnisse jetzt auf den Fall unseres 
Kranken an. Die Untersuchung der verschiedenen, in ihrer 
Function und Ernährung beeinträchtigten Muskeln führt zu 
folgenden Resultaten : 

1. Der N. cruralis ist auf beiden Seiten filr den faradi- 
ichen und galvanischen Strom erregbar. Die Adducloren und 
1er Quadriceps femoris reagiren normal auf beide Stromarten. 

2. Im Gebiet des Plexus sacralis fiuden wir rechterseits 
normales elekh'isches Verhalten. Linkerseits ist der M. glutaeus 
médius faradisch und galvanisch unerregbar, was so viel sagen 
will, als dass die Functionsstörung dieses Muskels von einer 

irganischen Läsion abhängt, und dass daber die dadurch be- 
l^ingte Erschwerung des Aufrechtatehens, die Neigung des 
»eckens und des Rumpfes nach der rechten Seite, wenn der 
ichte FuBs sich vom Boden abhebt, wahrscheinlich als unheil- 
lare Gebrechen fortbestehen werden. 

3. Was wir vom M. glutaeus médius gesagt haben, können 
fUr den maximus wiederholen, aber diesmal fUr die Muskeln 



— 112 ^ 

beider Seiten. Diese vom N. glutaeus inferior veraorgten 
Muskeln zieheo sich weder a<if farad isclie noch auf galvanische 
Reizung zusammen. ^Ea liegt hier also eine, besondere links 
ausgesprochene En tartungsre action vor, und es bleibt keine 
Hoffnung, daas sich die Function dieser Muskeln wieder- 
herstellen werde. 

4, Was das Ausbreitungsgebiet des N. ischiadieus selbst 
anbelangt, ho will ich mich darauf beschränken, das auf die 
M. gastrocnemii und auf die Beuger des Unterschenkels gegen 
den Oberachenkel Eeziigiiche anzufllhren, Links ist die Wirkung 
dar Faradisation gleich Null, die Galvanisation erzeugt nur 
eine schwache und träge Zusammenziehung. Rechts besteht 
ebenfalls Entartungsreaetion, aber in geringerem Grade (An SZ 
= Ka SZ), es bleibt noch Hoffnung auf Wiederherstellung unter 
dem Einflüsse geeigneter elektrotherapeutischer Massaalimen. 
Das Gleiche gilt fUr die Gastrocnemii; die Beugung des Unter- 
schenkels wie die Plantarflexion des Fusses werden sich ohne 
Zweifel wieder herstellen. 

Die elektrische Unteraucimng der Muskeln liefert nni 
wie Sie sehen, Anhaltspunkte ftir die Prognose, und gestattet 
uns gleichzeitig, die Intenaität der spinalen Affection bis zu 
einem gewissen Grade zu schätzen. Diese nimmt nach allen 
Verhältnissen des Falles die untere Lendengegend ein und hat 
wahrscheinlich ihren hauptsächlichen Sit^ in der central 
granen Substanz. Es liegt kein Grund vor, anzunehmen, da 
die weissen Vorder- und Hinterslränge mit ergriffen seien. In 
der grauen Substanz können die Hinterhörner nicht erheblich 
geschädigt sein, denn es besteht keine Störung der Sensibilität. 
Sicherlich sind aber die Vocderhörner in der Gegend, welche 
dem Abgang der Wurzeln des Lumbargeflechtes entspricht, 
erkrankt. Ea handelt sich dort um eine wenig tief genende, 
vielleicht nur dynamische Läsion der Nervenzellen; dieselben 
mögen sich in dem Zustand von erhöhter Erregbarkeit befinden, 
fUr den ich den Namen Strychninismus vorgeschlagen habe, 
und der uns die Steigerung der Sehnenreflexe, besonders auf 
der rechten Seite, erklären würde. Aber in der Höhe des 
Abgangs der Wurzeln zum Sacralgetiecht ist die Veränderung 
der Nervenzellen eine ernstere; eine Anzahl derselben ist tief 
modificirt oder zerstört, und dadurch ist die so hochgradige 
Affection der Glutäalmuskeln bedingt. 

Die Spinalaffection, um die es sich hier handelt, welche, 
soweit man nach dem Gang der krankhaften Symptome 
Bchlieasen kann, in Folge des Traumas entstanden ist, hat 
keine Neigung zum Weitergreifen. Der Process der Zerstörung .] 
ist seit Langem abgeschlossen. Man könnte sagen, dass es sich 



I 

I 

4 



— 113 — 

um eine erloschene Krankheit handelt^ die vielleicht sogar an 
den Stellen, wo die nervösen Elemente nicht gänzlich unter- 
gegangen sind, eine gewisse Tendenz zum Rückgang zeigt. 

Die Behandlung muss hauptsächlich darin bestehen, diese 
Tendenz zur Wiederherstellung der erkrankten Elemente zu 
unterstützen. Man wird dem Kranken die anstrengende Bewe- 
gung der unteren Extremitäten, welche sein Beruf mit sich 
bringt, auf lange Zeit hinaus verbieten. Man weiss ja, dass 
alte und erloschene Spinalleiden sozusagen wieder angefacht 
werden, wenn das der erkrankten Partie des Centralorgans 
entsprechende Glied in ausgiebiger Weise gebraucht wird. 
Was die Therapie betrifft, so hat sie sich hauptsächlich mit 
dem Ernährungszustand der erkrankten Muskeln zu beschäftigen. 
Ich rathe zur Anwendung einer elektrischen, faradischen und 
galvanischen Cur, empfehle Abreibungen, Massage und endlich 
die Hydrotherapie, deren Einfluss nicht nur auf die allge- 
meine, sondern auch auf die locale Ernährung unstreitig ein 
höchst beachtenswerther ist. 



Char a Ol, Nana Vorlasnngen etc. 8 




I. Ein Fall von doppelseitiger Ischias bei Wirbelkrebs. 
IL Ueber Pachymeningitis cervicalis. 

I. Doppelaeitijre Inchins, TcrbSItniHBe, unter denen dieses Leiden nnftreten 
kntin: Diabetes, gewisse Formen von Myelo-meningitia, CompreHsion beider 
Nervenatüniine in den Znipchenwirbellücliern. — Die Psendoueuralgieii bei 
Krebs der WirbelsS-nle. — II. Pachymeningitis cervicftlis LypertropLica, 
pseudo-ncnrnlgischeg, p Ural y tisch es nnrl spastisches StndÎDm. — Ein bemer- 
kenBwerthpr Fail, Aunlieiliing mit Verkflrinng dor Beiigcmnnkeln der Uuter- 
sphenkel, ondgiltige Wiederherstelhing durch chirar^Bche Eingrifle. ^ 



Meine Herren! Die erste Kranke, welche ich Ihnen in 
der heutip;cn Vorlesung zeigen will, wird uns für eine Weile 
zum Thema der symptomatischen Ischias znrllehfdhren, 
welches uns in den beiden letzten Zusammenkünften beschäftigt 
hat. Die praktische Wichtigkeit des Gegenstandes, die Ihnen 
gewisB nicht entgangen sein wird, mag es rechtfertigen, dase wir 
uns in weitere Erörterungen über denselben einlassen wollen. 

Es handelt sich um die 61jährige Taglöhnerin D . . . ., 
ans deren Anamnese über ihre Familie and ihre eigene Person 
nichts Bemerkenswerthea hervorzuheben ist. Vor etwa fünf- 
zehn Jahren soll sie einen Schlag auf die rechte Brust erlitten 
haben, und 5 Jahre spitter begann sieh ein Tumor in dieser 
Gegend zu entwickeln, welcher exuleerirte, so dass sich die 
Kranke vor 18 Monaten zu einer Operation entschlieasen 
musste. Aber schon im folgenden Monate trat eine Récidive 
ein, so daas man im Verlauf von fünf bis sechs Monaten die 
Operation viermal wiederholte. Der Tumor kam aber immer 
wieder, endlich wurde auch die linke Brust ergriffen, und die 
Kranke fand in der Salpêtrière Aufnahme in der Abtheilnng 
für Unheilbare, und zwar in dem für Krebsleiden, ausschliess- 



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nocl 

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— 115 — 

lieh bestimmten Saale. Ueber die Thüre dieses Krankenzimmers 
kannte man die Inechrift setzen, welche man bei Dante an 
den Pforten der Hölle liest! Unsere Kunst ist, wie Sie wissen, 
leider maclitloa gegen diese sehr ecklieb en Erkrankungen. 

Ich will mich nicht dabei aufhalten, Ihnen die unförmliche 
und indurirte Narbe und die zerstreuten Krebsknoten in der 
Brust dieser Kranken zu beschreiben. Der Fall intereasirt uns 
nach einer anderen Richtung. 

Seit vier Monaten ist das Leiden der Kranken in ein neues 
Stadium geti-eten, der Allgemeinzustand bat sieh verschlechtert, 
der Appetit bat abgenommen, sie ist abgemagert. Was unsere 
Aufmerksamkeit aber hauptsächlich in Anspruch nimmt, ist 
Folgendes: Bald darauf, vor etwa drei Monaten, sind Schmerzen 
in der Lumbosacralgegend aufgetreten, welche sich nur äussern, 
wenn sich die Kranke in aufrechter Stellung befindet, herum- 
geht oder im Bette Bewegungen macht, dagegen in der Ruhe 
sietiren. Dieser Einfluss des Stehens und Gehens auf die 
Aeusaerung der Schmerzen ist sehr bemerken s wer th und kann 
mit zur Begründung der Diagnose dienen. 

Diese Schmerzen hiiben sict nicht auf einen Punkt be- 
achräukt, sondern bald die ganze linke untere Extremität ergriffen 
und sich längs des Verlaufs des N. ischiadicus erstreckt, wo sie 
jetzt ohne Ünterbrecbung anhalten, Sie werden aber immer 
noch bedeutend verstärkt, wenn die Kranke eine Bewegung 
inacht, oder aufrecht zu stehen und herumzugehen versucht. 

Es dauerte nicht lange, bis auch der rechte Ischiadicus 

;riffen wurde. Gegenwärtig liegt eine doppelseitige Ischias 

der Schmerz besteht auf beiden Seiten, in der Hinter- 

lacke, am Kopf der Fibula und auf dem Fussrüeken, er wird 

durch Druck auf diese Punkte gesteigert, und ist besonders 

auf der linken Seite von grosser Heftigkeit. 

Die Kranke klagt ferner über Sehmerzen in beiden Leisten- 
leugen; es besteht also gleichzeitig eine doppelseitige Neuralgie 
tes Crural nerv en. 

Obwohl sonst die Ischias keine sehr heftige ist, steigern 
sich die Schmerzen doch beim aufrechten Stehen zu solcher 
Intensität, dass das Gehen dadurch ganz unmöglich gemacht 
wird. Es ist dabei ein Missverhältniss zwischen der, in der 
Buhe fast aufgehobenen, spontanen Sehmerzhaftigkeit und den 
Schmerzen, welche durch Bewegungen hervorgerufen werden, 
KU verzeichnen, das man bei der gemeinen ischiadischen 
Neuralgie durchaus nicht beobachten kann. Doch können wir 
kein Symptom finden, welches für eine spinale Läsion sprechen 
wUrde. Im Bette werden alle Flexions- und Extensions- 
bewegungen kraftvoll ausgeführt, die Reflexe sind nicht ge- 



I u«weguugt:u 



— 116 — 

steigert, es besteLt keine Öti>i'ung der Blasen- und Mastdarm- 
fanctionen. 

Eine andere Thatsache endlioh, welche über das Kramk- 
heitsbild einer gewöhnliclien Ischias hinausgeht, liegt darin, 
dass man durch Druck oder Percussion des Kreuzbeines und 
der Lendenwirbelsänle einen heftigen Schmerz hervornifen 
kann, welcher ebenfalls stärker ausfällt, wenn die Kranke 
aufrecht steht, zu gehen versucht, oder in ihrem Bette Bewe- 
gungen macht. 

Was ist nun die Bedeutung dieser dem Verlaufe beider] 
Ischiadici folgenden Schmerzen? Handelt es sieh nur um eine 
zufällige Complication des Brustkrebses, um ein an sich unbedeu- 
tendes Leiden? Nein, die Bedeutung dieser Schmerzen ist eine 
ganz an der e- 

Beachten Sie zuerst, dai^s die Ischias doppelseitig ist, und 
erinnern Sie sich, dass alle Kliniker um die Wette die bilate- 
rale Ischias für verdächtig erklären, das heiset dieselbe als 
eine symptomatische Neuralgie auffassen, welche auf ein mehr 
oder minder ernstes Primärleiden hinweist. Damit soll aber 
nicht in Abrede gestellt werden, dass auch die einseitige 
Ischias gelegentlich eine symptomatische sein kann. 

Ftlr unseren Fall dürfen wir auf Grund der zahlreichen 
angef^thrten Abweichungen vom Krankheitsbilde der gemeinen 
Ischias annehmen, dass es sich vielmehrum eine symptomatische 
Isehias handelt. Worin hätten wir aber deren Ursache zu suchen? 

Mustern wir einmal die hauptsächlichsten Affectionen, 
welche zu einer doppelseitigen Ischias führen können: 

a) Beim Diabetes kann man nicht selten sehr verschieden- 
artige nervöse Störungen beobachten,' unter denen besonders 
hervorzuheben sind: partielle Hyperästhesien, blitzähnliche 
Schmerzen, auf die ich zuerst aufmerksam gemacht habe und 
die seither zu verschiedenen Malen wieder beschrieben worden 
sind,^ und symmetrische Neuralgien,* die mit Vorliebe den 
N- ischiadicus befallen. Aber der Diabetes kommt bei unserem 
Falle nicht in Betracht, denn die zu wiederholten Malen an- 
gestellte Untersuchung des Harnes hat keine Spur von Zuck^ 
ergeben. . i 

fcJBei inanchenspinalenAffeetionen kommt ebenfalls Schmer?« 
längs des Ischiadicus, und zwar auf beiden Seiten vor. Âber.1 
Hie Schmerzen bei der Tabes dorsualis zeigen gewisse Eigeit-J 

' Bernard et Firi, Lee troubles nerveni observés • 
litlueH. Arch. lie neurologie, Tom. IV, 1883, png. 336. 

' Raymond, Gn«. meä. de P«riH 18SI, pag, 627. 

3 Worraa, Bull, de l'Aead. de mérl., 2" «('•rie, Tom. IX 
DUbetisphe Neuralgiea. Wiener med. Woeh. 18S2. 



I 



— 117 — 

thümlichkeiten^ die in unserem Falle fehlen. Bei myelo- 
meningitischen AfFectionen würden wir Paralyse oder Parese 
der Extremitäten und der Sphincteren und andere spinale 
Symptome finden, die wir hier gleichfalls vermissen. 

c) Wenn also das Rückenmark und seine Hüllen aus- 
zuschliessen sind, so müssen wir die peripheren Nerven selbst 
in Betracht ziehen. Welche Processe können am ehesten durch 
Compression des Sacralgeflechtes eine doppelseitige Ischias 
hervorrufen? Zunächst müssen wir an einen Tumor in der 
Beckenhöhle denken, aber die Untersuchung des Abdomens, 
des Rectums, der Blase hat keinen Anhaltspunkt dafür 
ergeben. Wir müssen die Ursache des Leidens an anderer 
Stelle, in der Lendenwirbelsäule und im Kreuzbein suchen. 
Dort ist es zu einer krebsigen Infiltration gekommen, und 
in Folge dieser Knochenerkrankung zu einer Compression der 
Nerven in den Intervertebrallöchern, der die Schmerzen längs 
der N. crurales und ischiadici zuzuschreiben sind. Die physio- 
logische Seite des Gegenstandes bietet dem Verständniss weiter 
keine Schwierigkeiten; ich will nur noch einige pathologisch- 
anatomische Ausführungen anknüpfen. Mein Lehrer Cazalis 
hat vor langer Zeit darauf aufmerksam gemacht, dass nichts 
gewöhnlicher ist als die Entwickelung von secundärem Carcinom 
in den Wirbel kör pern, wenn es sich um den Scirrhus handelt, und 
wenn das Neugebilde primär in der Brustdrüse aufgetreten ist. 
Wenn diese Metastasen eine geringe Ausdehnung haben und 
sich auf die Wirbelkörper beschränken, machen sie keine 
Symptome, aber sie können auch den Wirbel in seiner ganzen 
Masse ergreifen und sich dann erweichen, mitunter auch die 
Gelenksfortsätze und die Seitentheile, welche die Interver- 
tebrallöcher bilden, mehr oder weniger vollständig zerstören, 
dann sinkt der ganze Wirbel ein, die Intervertebrallöcher werden 
verengt und die Nerven comprimirt, während das Rücken- 
mark und die Hüllen intact bleiben. Die Folgeerscheinungen 
dieses Einsinkens der Wirbel und Compression der Nerven 
können sich, je nach den besonderen Verhältnissen des Falles, 
an den Nerven des Armgeflechts, den Intercostalnerven, an 
den Lumbar- oder Sacralnerven bemerkbar machen, und zwar 
häufig nur auf einer, mitunter aber auf beiden Seiten. 

Die Annahme einer solcher Läsion in unserem Falle 
erklärt 1. die Doppelseitigkeit der Ischias, 2. die Theilnahme 
des N. cruralis, 3. die Steigerung der Schmerzen beim Stehen 
und Gehen des Kranken, sowie die Empfindlichkeit bei Druck 
und Erschütterung der Lumbar- und Sacralgegend der Wirbel- 
säule. Auf die düstere Prognose, die aus dieser Annahme folgt, 
brauche ich nicht besonders aufmerksam zu machen. 



^ 
^ 



— tl8 — 

Ehe wir diesen Fall verlassen, möchte ich mir erlauben, 
Ihnen einige klinische Bemerkungen über den Krebs der] 
Wirbelsäule vorzubringen. 

1. Derselbe ist selten primär, gewöhnlich eine secundärel 
Aeusserung der allgemeinen Erkrankung. Er schlieast sicbl 
häufig an den Krebs der Brustdrüse, besonders an den Scirrhus ] 
derselben an, welcher unter der Form einer einfachen, vom 
Kranken nicht beachteten Einziehung der Haut auftreten kaon; 
doch sind es nicht ausschliesslich die Tumoren der Brustdrüse, 
zu denen sich der Wirbelkrebs hinzngeaellt, man kann ihn 
ebenso bei Magencarcinom und noch unter anderen Verhält- 
nissen beobachten. J 

2. Wenn sich ein Carcinom entwickelt hat, das z. B. in der I 
Brust sitzt, so darf man bei Vorhandensein einer doppelseitigen ■ 
Ischias nicht operiren, denn es ist bereits zur Bildung von ' 
Metastasen gekommen. 

3. Wenn es sich um eine hartnäckige und heftige Neuralgie 
bei einem Individuum im Carcinomalter handelt, soll man sich 
immer durch diese beiden Charaktere der Hartnäckigkeit unö J 
der Heftigkeit bestimmen lassen, die Brustdrüse, den Magen, I 
den Uterus u. s. w. auf Carcinom zu untersuchen. ^ 

i. Die gewöhnlichste klinische Kundgebung des Wirbel- 
krebses sind die psendo- neuralgischen Schmerzen; man darf 
aber nicht vergessen, dass sich derselbe auch auf andere 
Weise verrathen kann. So kann es, wenn ein Wirbelkörper 
befallen ist, dazu kommen, dass eine Krebswucherung sich in J 
den Wirbeicanal vordrängt und das Rückenmark selbst com-J 
primirt, dann entwickelt sich eine spastische Paraplégie, welehéfl 
in keinem wesentlichen Punkte von der beim Pott'schen Uebel I 
oder bei Tiuuorenbildung im Wirbelcaaal abweicht. Wenn nicht 1 
die Nerven selbst ergriffen sind, bleiben dabei in der Regel die I 
pa eu do -neuralgisch en Schmerzen aus. 



II. 

Die zweite Kranke, die ich Ihnen heute vorstelle, zei^a 
uns ein Beispiel der als Pachymeningitis cervicalis hyi^ 
trophica beschriebenen Erkrankung. Das Interesse des Falles ' 
ist ein zweifaches, erstens weil die Ki'anke geheilt ist, und 
zweitens weil die Heilung durch chirurgiscbe Eingriffe zu einer 
vollständigen gemacht werden konnte. Gerade auf dies 
Punkt, das hilfreiche Eingreifen der Chirurgie in eine 
einer spontan entstandenen Spinal affection, möchte ich ] 
Aufmerksamkeit besonders lenken. 



— 119 — 

Gestatten Sie mir aber zunächst, Ihnen mit wenigen Worten 
die klinischen und anatomischen Charaktere der Krankheit in's 
Gedächtniss zu rufen, wie ich sie in einer Mittheilung an die 
Société de Biologie 1878 kurz geschildert, und Joffroy später 
(1873) in seiner These ausführlicher dargestellt hat. 

Die Veränderungen, welche die Nekroskopie aufdeckt, sind 
von verhältnissmässig grober Art. Sie wurden in früherer Zeit 
als Hypertrophie des Rückenmarks aufgefasst, und dieses zeigt, 
so lange es von den Membranen bedeckt ist, in der That bei 
der Autopsie eine 5 — 6 cm lange Anschwellung und füllt den 
Wirbelcanal fast vollständig aus. Es handelt sich aber durchaus 
nicht um Hypertrophie des Rückenmarkes, die krankhaften 
Veränderungen bestehen vielmehr: 1. in einer chronischen Ent- 
zündung der Dura mater, welche sich mitunter auch verdickt 
zeigt, 2. in einer Veränderung der durch die entzündete Dura 
ziehenden Nervenwurzeln, welche ihrerseits selbst in höherem 
oder geringerem Grade gereizt sind; 3. kann das Rückenmark 
selbst in einem gewissen Masse von chronischer Entzündung er- 
griffen sein; was aber fur gewöhnlich vorherrscht, ist die Compres- 
sion, und diese flihrt zu einer absteigenden Degeneration des 
Pyramidenbündels, welche man bis in die unterste Region des 
Lendenmarks verfolgen kann. 

Diese pathologisch-anatomische Skizze wird bei all ihrer 
Knappheit hinreichen, uns eine physiologische Erklärung für 
das Krankheitsbild zu geben, dessen Entwickelung ich Ihnen 
nun in ihren wichtigsten Stadien vorführen will. 

Stellen wir voran, dass es sich um eine sozusagen zu- 
fällige Erkrankung des Nervensystems handelt, die oft eine 
Zurückführung auf die Wirkung von Feuchtigkeit und Kälte 
zu gestatten scheint. Familie und Erblichkeit kommen dabei 
nicht, wie etwa bei der Tabes, in Betracht, und man darf sich 
nicht wundern, dass sich die Krankheit nicht durch eine syste- 
matische Läsion charakterisirt. 

Vom Standpunkt der Symptomatologie kann man drei 
Perioden unterscheiden : 

Die erste, neuralgische oder pseudoneuralgische Periode 
äussert sich durch unerträglich heftige Schmerzen, die conti- 
nuirlich anhalten, sich gelegentlich steigern und im Nacken 
und Hinterkopf localisirt sind; auch durch ein Gefühl von 
Zusammenschnürung um die obere Brustapertur. Diese Phäno- 
mene bleiben durch vier, fünf oder sechs Monate bestehen, 
dann massigen sich die Schmerzen. Die Ursache derselben ist 
die Affection der Hüllen, oder vielmehr der Nerven, welche 
diese Hüllen durchsetzen, das Rückenmark ist dabei nicht 
betheiligt. 



— 120 — 

Die aweite oder .paralytische Periode ist duvch die iiioto- 
riscte Lähmung der oberen Extremitäten gekennzeichnet. Diese 
Paraplegia cervicalis iat von Muskel atrophie begleitet, welche 
sieh bei einer methodischen elektrischen Untersnchung für 
einige Muskeln als einfache, für andere als degenerative Atro- 
phie herausstellt. Als eine interessante Eigen thümlichkeit dieser 
atrophischen Lähmung ist anzuHihren, dnss sie hauptsächlich 
die vom Medianus und Ulnaris innervirten Muskeln des Armes 
befällt, während die vom N. radialis versorgten Theile ver- 
hältnissmässig verschont bleiben. Aus dem Üeberwiegea der 
letzteren Muskeln ergiebt sieh dann eine eigenthümliche MisB- 
staltung der Hand, eine ßadialkralte, welche wir als „Prediger- 
hand" bezeichnen. Woran liegt dies? Entspringen die Nerven- 
fasern, welche sich zuiri Radialis begeben, vielleicht höher oder 
tiefer ^'^ ^^^) welche den Medianus und Ulnaris bilden, und werden 
sie darum von der Erkrankung in geringerem Masse ergriffen? 

Dritte Periode. Mitunter macht nun die Krankheit auf 
der eben beschriebenen Stufe Halt und geht dann entweder 
in völlige Genesung aus, oder es bleiben nicht mehr rück- 
gängig zu machende atrophische Veränderungen der Muskeln. 
Zumeist ist aber auch das HUekenmark durch die an den 
Meningen abgelagerten Entznndungsproducte in höherem oder 
geringerem Grade comprimirt worden, oder der entzündliche 
Proceas hat auf dasselbe übergegriffen, es kommt au einer 
transversalen Myelitis mit secundärer Degeneration, und dann 
haben wir das Bild einer spastischen Paraplégie mit Betheili- 
gung der Blase und des Mastdarms. 

Die Paralyse der unteren Extremitäten iat, wie gesagt, keine 
atrophische Lähmiing, wie sie an den oberen besteht; sie rührt ja 
nicht von einer Erkrankung der Wui-zeln oder Vorderhörner, 
sondern von der degenerativen Veränderung in den Pyra- 
midenaträngen her. Durch diese kommt nicht eine atrophische, 
sondern eine spastische Paraplégie zu Stande- Beachten Sie 
dabei, dass sieh eine sehr ausgeprägte Flexion in den unteren 
Extremitäten herausbildet, wie es bei den Co m pression a - 
läbmungen vorwiegend der Fall ist. 

Wir sind nun in den Stand gesetzt, den uns vorliegenden 
Fall zu beurtheilen, und finden, dass er, von einigen Punkten 
untergeordneter Bedeutung abgesehen, ein regelrechter, classi- 
scher ist. Ich will Ihnen in zwei Worten die Geschichte unserer 
Kranken geben. Sie ist itn Alter von 33 Jahren in Folge 
eines mehrjährigen Aufenthaltes in einer kalten und feuchten 
Wohnung erkrankt. Die Schmerzperiode dauerte sechs Monate; 
die Schmerzen aassen nicht nur iu den oberen Extremitäten, 
sondern auch im Thorax; es war also das Dorsalmark der 



i 



— 121 — 

Sîtz der Erkrankung. Die Lähmungssymptome der zweiten 
Periode traten zuerst an den oberen Extremitäten auf, bald 
darauf kam angeblich die Reihe an die unteren Extremitäten. 
Soviel ist aber sicher, dass durch länger als ein Jahr eine 
atrophische Paralyse der oberen Extremitäten mit Radial- 
krallénhand und eine spastische Paralyse der unteren Extre- 
mitäten bestand; letztere waren in so hochgradiger Flexion, 
dass die Sohlen die Hinterbacken berührten. Nach Verlauf 
eines Jahres trat, entweder unter dem Einfluss der Behandlung, 
die .hauptsächlich in der Anbringung von Points de feu über 
der Wirbelsäule bestand, oder spontan ein allmähliches Zurück- 
gehen der paralytischen und atrophischen Symptome an den 
oberen Extremitäten ein. Die Beweglichkeit dieser Glieder 
kehrte fiir die Schulter, den Ober- und Vorderai'm wieder, die 
Muskeln nahmen an Masse zu, die Krallenhand glich sich auf 
der i'echten Seite langsam aus. Damit hielt die Besserung an 
den unteren Extremitäten gleichen Schritt; die Steigerung der 
Sehnenreflexe verschwand, die Muskelrigidität oder besser Con- 
tractur Hess nach und die Beweglichkeit stellte sich fur die 
meisten Gelenke, jedoch mit Ausnahme der Kniegelenke, 
wieder her. 

Zu dieser Zeit war das Knie nicht mehr wie früher im 
spitzen, sondern im stumpfen Winkel gebeugt; diese Beugung 
hing auch nicht mehr von einer Contractur ab, denn man 
konnte im Gelenke ausgiebige Flexionsbewegungen und auch 
Extensionen von geringem Umfang ausführen. Wollte man eine 
gewisse Grenze von Extension überschreiten, so fühlte man 
ein gewissermassen mechanisches Hinderniss, das in der Fossa 
Poplitea zu sitzen schien. Wir vermutheten, dass dieses Hin- 
derniss in der Verkürzung der Beugesehnen und auch in der 
Verdickung, Verhärtung und Verschrumpfung der periarticu- 
lären Gewebe bestehe. 

Jedenfalls war eine vollständige Extension unmöglich, und 
damit war ein fast unüberwindliches Hinderniss für das Stehen 
und Gehen gegeben. 

Man durfte sich der Hoffnung hingeben, dass eine geeignete 
chirurgische Operation der unteren Extremität den normalen 
Umfang der Extensionsbewegung wiedergeben könnte; denn 
ich hatte schon in gewissen Fällen von Rigidität in Folge von 
fibröser Schrumpfung, die sich im Verlaufe einer Paraplégie 
beim Pottaschen Uebel herausgebildet hatte, gute Erfolge von 
einer Durchschneidung der fibrösen Stränge oder der ver- 
kürzten Sehnen gesehen. 

Ich zog also meinen CoUegen Prof. Terrillon zu Rathe, 
der meiner Meinung beistimmte und sich bereit erklärte, die 



— 132 — 

Operation zu uoteroelimen; die Kraulte wurde auf seiue Ab- 
theilung transferirt, und ist. von dort aus vor Kurzem entlassen 
worden. Ich lese Ihoen hier die Mittheilung von Prof. Ter rill on 
vor, in welcher enthalten ist, waa mit der Kranken auf seiner 
Abtheilung Bemerkenswerthes vorging. I 

Zustand bei dar Aufuähme. Die Uiiterachenkel siud iialb gsbeiigt, 1 
die Haut um das Knie und nocU am untemi Ende des OberacheiiheU 1 
gläuKetiil, glatt und mit (leu liefaii Tbeilen verwacbsen. Weuii man za ' 
eztendiran versacbt, bringt man mir tine sehe bosclirÜDkte Bewegung su 
Stande und fühlt deutli<:h in dar Kuiekehle die harten und voripringenden 
Sehnen der M. semimenibranagua, semitetidinosua und des M. biceps. Ea 
besteht in dieser Gegend eine beträuhlliche Verdichlang des fibrösen Ge- 
webes, welches eine harte, schlecht abgegrensta Masse bildet und da^i haapt- 
aächlichate Hindemigs für die Geraderichtung des Gliedes abzugeben selieint. 
Die Kniescheibe ist an die Condjlen angedrSckt und dureli die fibröse In- 
duration um sie herum fiiirt, 

Nach der Art, wie die beschrünkten, im Knie noch nifigliclien Bewe- 
gungen ausgeführt werden und nach der äaaaeren Untersuchung darf man 
es fast als gewiss annehmen, dass Iieine Vcrwai'hsung im Gelenk vorliegt, 
und dass die Unmöglichkeit der Streckung nur auf die VerSuderungen des 
peripberea fibrösen Gewebes EarUck-sufübren ist. 

j. Juti. In der Chlaroformnarkoae werden die oben bezeichneteu Sehnen 
in der Kniekejile durchschnitten. Oleichzeilig wird ein leiuhter Tersnoh, daa 
Bein gerade ku richten, unternommen, aber davon abgestanden, weil trots 
der Sebnendnrchschneidung sich uocb ein beträcbtl icher, von der fibrösen 
Masse in der Kniekehle herrührender Widerstand knndgiebt. Waltaverband. 

20. Jnli. Chtoroformnarkose. Kraftvolle Versuche, die forcirte Exten- 
sion EU erzielen, wobei unter Krach eu daa hinten befindliche fibröse Gewebe 
elnreisst. Man gebt nicht bis sur völligen Streckung, um die wahrscheinlich 
in fibröses Gewebe eingebettete Ârtei'ia poplitea nicht zu beschädigen. Das 
rechte Bein ist nun mehr gestreckt als das linke. Beide Beiite werden darauf 
in wattirten Binnen befestigt, welche bis zum oberen Ende der Oberschenkel 
hin aaf reich en. 

30. Juli. Neue Extensions versuche, darauf sofortige Anlegung des 
Apparates. Naclidem dieser am 15. August abgenommen worden, kann die 
Kranke sich aufrecht stehend erhalten und auch eiu wenig herumgeben, i 
Seither war der Furlscbrilt in ïbrem Zustand ein beständiger.' | 

Ich komme nun zur Schlussbetrachtung und will nur einige 
der neuen Erfahrungen hervorheben, welche sich aua dem 
eben behandelten Falle ergeben: 1. Die Pachymeningitis 
cervicaÜB hypertrophica ist keine unheilbare Krankheit; 
die Paraplégie, welche sie hervorruft, kann, selbst wenn 
sie sehr stark ausgebildet, von langer Dauer und von Beugung 
des Unterschenkels gegen den Obersehenkel begleitet ist, in 
Genesung übergehen. 2. Aber, ebenso wie beim Pott'sûhen 

' Durob mehrere Monate blieb der Gang ein sehr beschwerlicher vieeen , 
der Subwitcbe der so lange unthätig gewesenen Muskeln. Unter dem Eîn- 
lluase einer methodischen elektrischen Behandlung hat sich deren Leistangs- 
fahigkeit allmählich gehoben und heule (4. Mai 168:)) kann die Kranke in 
den Höfen der Salpêtdère herumgehen und ohne grosse Ermüdung fast 
einen Kilometer zurücklegen. Ch. F. . 




— 123 - 

Uebel und vielleicht noch in anderen Fällen von Compressions- 
lähmung, hat hier das lange Verharren der unteren Extremität 
in Flexionsstellung mitunter eine Verdichtung und Schrumpfung 
des periarticulären Gewebes um das Knie und in der Knie- 
kehle zur Folge, welche noch dann, wenn das spinale Leiden 
geschwunden ist, sich der Streckung des Gelenkes widersetzt. 
3. In diesem Falle ist chirurgische Hilfe erforderlich. Diese 
kann allein den Kranken von einer Complication befreien, 
welche noch das letzte Hinderniss für das Gehen und Stehen 
darstellt. 



Eilfte Vorlesung, 



Ueber einen Fall von Wortblindheit. ' 

Begriffabeat im mutig: <lai' Aphasie. — WortbliudLeit (Céuitâ verbnie). — 
CbHfaktere des bedbac^hleku Fallea; PlöUliches Eingetzeii der Krankbeit, 
TU r(l bergab ende retbtsseitige Hemjjilegle und motorische Aphasie, Hemi- 
aiiopaie, imvolIalSndige Aleiie. — Itedeiitung der BewögungSTorBlellungen 
für das Veraläiidmas des Qelsaeneu. 

Meine Herren! Icli beabßichtige ia dieser wie in mehreren 
folgenden Vorlesungen einige klinisclie Studien über Aphasie 
in Gemeinschaft mit Ihnen zu unternehmen, und glaube Sie 
durub diese Anktlndigung <iarauf vorbereitet zu haben, dass 
wir dabei auf Schwierigkeiten von mehr als einer Art stossen 
werden. 

Der Terminus „Aphasie", im weitesten Sinne verstanden, 
umfasst, wie Sie wissen, alle die versehie den artig en und oft 
80 feinen Veränderungen, welche die dem Menschen eigene 
Fähigkeit, seine Gedanken durch Zeichen auszudrücken (die 



* Die buidau Vorlesungen über Wortblindbeit, die hier folgen, sind 
die ersten einer im Progrès mâdïcal 1884 veröffentlicbCen Reihe, in welcher 
die verschiedenen Formen vdd Aphasie an typischen Beispielen erörtert 
werden. In die Tortiegunde Ssmmliing bat Cbarcot jedoch nur lïie Vor- 
lesungen über Wortblindbeit unverändert aufnehmen lassen, die übrigen fUr 
eine später vorzunehmende Umarbeitung zurückgelegt. Wer sich über den 
Inhalt der hier ausgelassenen Vorlesungen unterrichten will, der ist nuf eine 
Analyse von Dr. Marie in der Revue de Médecine 1884 und auF eine 
nuter Charcot's Leitung gearbeitete These von Bernard (De l'aphaaie et 
de aea diverses formes, Paria ISSä) zu verweisen. Eine italieuiacbe Ueber- 
BBtziing der im Proi^ès médical enthaltenen Vorlesungeu Über Aphasie 
hat O. Rummn (Differenti forme d' afasia, Milano 1884) gegeben. — Den 
wichtigsten Gesichtspunkt der CliarCQt'schen Aphaaietehre findet n 
Schlüsse der dreizehnten Vorleaaiig dieser dniitscben Ansgabe. 

Anmerkung des Uebersetian 



125 — 



nt)j unter pathologischen Ver- 



FacultaB eignatrix von K 
hältnissen erfahren kann. 

Es ist kaam nothwendig hervorzuheben, Hasa diese Fähig- 
keit oder diese Fähigkeiten, welche uns die Verständigung 
mit unser esgleichen ermöglichen, den höebsten Leistungen 
unseres centralen Nervensystems angereiht werden ratlsaen. 
Denn wenn sie auch, strenge genommen, nicht zu dem eigent- 
lichen Grundbestand unserer Jntelligenz gehören, so sind sie 
doch, wie aus den Fällen, in welchen diese Fähigkeiten zer- 
rlittet sind, hervorgeht, von entschiedenster Bedeutung filr die 
Bethätigung derselben. 

Sie entnehmen schon daraas, dass wir nur durch die 
umsichtigste Analyse, bei welcher wir sozusagen auf Sehritt 
und Tritt Begriffe, die der Psychophyaiologie angehören, zur 
Hife nehmen müssen, hoffen dürfen, uns auf diesem schwer 
zugänglichen Gebiete zurechtzufinden. 

Die Verhältnisse spheinen aber unser Unternehmen in der 
That zu begünstigen. Der Zufall hat gegenwartig auf unserer 
Klinik mehrere Fälle von wirklich erstaunlicher Reinheit und 
Einfachheit vereinigt, welche uns gestatten werden, die funda- 
mentalen Typen des Symptomcomplexes der Aphasie fast frei 
von aller Vermengung oder CompLication, also in Bedingungen, 
die der physiologischen Zergliederung ungewöhnlich günstig 
sind, zu studiren. 

Wir wollen uns heute mit der klinischen Darstellung des 
einen dieser Fälle beschäftigen, und die Erörterungen, für 
welche wir so das Material gewinnen, auf eine spätere Vor- 
lesung aufschieben. 

Wenn ich mich nicht sehr täiiacbe, bietet der uns vor- 
liegende Fall eines der schönsten Beispiele fiir jene Form der 
Aphasie, welche in letzterer Zeit von einigen Autoren als 
besondere Abart unter dem Namen Wortblindheit (Kussmaul) 
behandelt worden ist. 

Ich unterlasse es für den Augenblick, festzusetzen, was 
man unter diesem Namen zu veratehen hat; es wird übrigens 
zur Genüge aus der Beschreibung, die ich nun beginne, 
hervorgehen. 

Herr H. P . . . ., 35 Jahre alt, ist EigentKUmer einer 

Kram- und Wirkwaarenhandlung in T Er ist seit vier 

Jahren Leiter dieses Geschäftes, vorher war er erster Commis 
in einem Hause derselben Art. Seine Bildung ist eine gewöhn- 
liche, denn die Erziehung, die er empfangen, hat ihn frühzeitig 
auf sein Gewerbe hingewiesen. Sein Eintritt in's Spital geschah 
auf unsere Empfehlung, weil er dort eine eingehendere Unter- 
suchung und entsprechendere Behandlung erwartete. Er iat 




— 128 — 

mehrere Monate lang in unserer Beobachtung verblieben nw 
hat sich als ein intelligenter iinii thätiger Mann gezeigt, der 
ziemlich correct spricht und Bclireibt. Da er sein Geschäft 
selbst leitet, muss er viel reden und täglich eine grosse An- 
zahl von Briefen (12 — 15) schreiben. In seinen freien Stunden 
pflegte er häufig Romane und Zeitungsartikel au lesen. Er las 
sehr rasch, hatte aber die Gewohnheit, dabei die Lippen zu 
bewegen und die Worte, die er las, mit leiser Stimme nach- 
zusprechen. Die Ehe, die er vor 10 Jahren eingegangen, ist 
kinderlos geblieben. 

Was die Heredität betrifft, so finden wir in seiner Familie 
keine neuropathische Belastung; sein Vater ist noch am Leben 
und bei guter Gesundheit, seine Mutter an einer Herz- oder 
Lungenkranfeheit verstorben. 

Auch seine eigene Vorgeschichte bietet nichts Besonderes. 
Er hat den Feldzug von Jö70 in der Ostarmee mitgemacht, 
wobei er viel Strapazen überstanden, ohne krank zu werden. 
Er hat niemals an Gelenkarheumatismus gelitten, weder vor 
noch nacli seinem Krack hei tszufall Herzklopfen gehabt. 
Schlieasen wir gleich daran, dass sein Puls regelmSssig ist (f*'*), 
sein Herz von normaler Grösse, keine Geräusche wahrzu- 
nehmen. Das einzige Leiden, welches Erwähnung verdient, ist 
eine drei bis vier Mal im Monat wiederkehrende Migraine, 
welche bis in's 15. Lebensjahr zurückreicht. Dieselbe ist mit- 
unter stark genug, um ihn zu nötbigen, sich fUr eine oder zwei 
Stunden zu Bett zu legen. Die Anfälle, welche sich auch nach 
seiner Erkrankung eingestellt haben, zeigen folgende Eigen- 
thümlichkeiteni a) Ehe der Kopfschmerz allgemein wird, nimmt 
er gewöhnlich die Gegend der rechten Stirnhälfte etwas ober 
dem Augenbrauenbogen ein; b) Störungen des Sehens scheinen 
dabei zu fehlen, der Kranke weiss weder von vorübergehender 
Hemianopsie noch vom Flimmerskotom zu berichten; c) es be- 
steht auch kein Symptom der complicirten Migraine Ophthal- 
mique, kein Ameisenlaufen in den Armen oder Händen, keine 
zeitweilige Aphasie; d) endlich folgt auf die Migraine niemals 
Erbrechen. 

Darauf beschränkt sich also, was uns die Anamnese von 
vorausgegangenen Erkrankungen bietet. Wir finden nichts, was 
in Beziehung zum gegenwärtigen Leiden gebracht werden kann, 
wenn nicht etwa die Migraine. Diesen Punkt wollen wir später- 
hin besonders berück sichtigen. 

Uebergehen wir jetzt zur Geschichte der gegenwärtigen 
Krankheit. 

Am 9. October des letzten Jahres, als Patient an einer 
Fuchsjagd theilnahm, erblickt er plötzlich im Grase halb ver- 



A 



— 127 — 

ein Tliier, das er fiir den Fuchs hält, feuert und 
triÉFt es. Zum Unglück war es aber kein Fuchs, sondern der 
Hund eines Freundes, der diesem sehr lieb war. Der Eigen- 
thliraer beklagt und beweint sein Thier, und P. zeigt sich 
sowohl durch den Tod des Hundes als durch die Trauer seines 
Freundes sehr erschüttert. Er verbleibt zwar hei der Jagd, 
aber er hat seine Munterkeit oingebUsst, isst wenig nnd ungern. 
Nach dem Imbisa wird die Jagd wieder aufgenommenj ein 
Hase läuft vorbei nnd P. legt anf ihn an, aber in demselben 
Moment stUrzt er nieder und war, wie er versichert, anf 
der rechten Seite gelähmt. Einige Minuten später verlor er die 
Besinnung. 

Flir das, was nach dem Unfall geschah, hat er nur eine 
unklare Erinnerung bewahrt. Er weiss, dass man ihn auf den 
Bahnhof brachte, um ihn nach T. zurückzuführen, hat aber 
alles Gedäehtniss für die Reise verloren, die ungefähr eine 
Stunde dauerte. Auf dem Bahnhof von T., den er erkannte, 
kam er für einen Augenblick zu sich, um gleich wieder von 
neuem besinnungslos zu werden. Er weiss nur nach der 
späteren Mittheilung seiner Umgebung zu erzählen, dass er 
sofort zu Bette gebracht wurde und die ganze Nacht hin- 
durch schlief. 

Als er am Morgen des 10. Octobers erwachte, war er an 
der rechten oberen und unteren Estreinität vollkommen ge- 
lähmt, diese Glieder üelen ganz sehlaif herab. Er stammelte 
beim Sprechen nnd verwechselte die Worte. Wie seine Frau 
erzählt, habe er gesagt: „Ich habe eine Hand in der Sonne" 
(Paraphasie). Er erkannte zwar Personen und Gegenstände, 
wusate sie aber nicht mit Namen zu bezeichnen, und fand 
selbst den Namen seiner Frau nicht mehr. Ob er eine Ver- 
ziehung des Gesichts und Abweichung der Zunge, ob er Stö- 
rungen der Sensibilität gezeigt hat, ist jetzt nicht mehr mög- 
lich festzustellen. 

Nach Verlauf von vier Tagen (am 14. October) begann 
er die gelähmten Glieder soweit zu bewegen, dasa er vom 
Bette aufstehen konnte. Nach seiner Versicherung war 
ihm der Arm verhältni.ssmässig freier geworden als das 
Bein, das er etwa noch einen Monat lang beim Gehen nach- 
schleppte. 

Am 28. October trat eine wichtige Wendung ein. 
P. empfand zu der Zeit keine Schwierigkeit melir beim 
Sprechen, nur sagte er noch von Zeit zu Zeit ein Wort fUr 
ein Anderes- Die Hand war so gut geworden, dass er ganz 
leserlich schreiben konnte. Er wollte nun einen geschäftlichen 
Auftrag ertheilen, nahm eine Feder zur Hand und schrieb. 




— 128 — 

Dann glaubte er etwas vergessen zu haben, verlangt seinen! 
Brief zurlick, um ihn zu ver voll stand igen, will ihn wieder'« 
lesen — und nun trat der Zustand, auf den ich Ihre Au^M 
merksamkeit lenken will, in seiner ganzen Merkwürdigkeit zul 
Tage: Er hatte zwar schreiben können, aber 
ihm unmöglich, seine eigene Schrift zu lesen. 

Wir haben da also einen Kranken, der plötzlich aphasisch,;! 
oder vielmehr paraphasisch, und auf der rechten Seite hemi-r 
plegisch wird. Nach einigen Tagen schwinden Aphasie und"! 
Hemiplegie, der Kranke kann schreiben, leserlich genn^l 
achreiben, um einen Auftrag zu geben; wenn er aber ■ 
lesen will, was er selbst geschrieben hat, so ist er es nicht] 
im Stande. 

Seine Handschrift war zu jener Zeit ungefUhr die gleiche^ 
wie 14 Tage später, also drei Wochen nach der Erkrankung; 
ich zeige Ihnen hier ein Muster, das aus dieser Zeit stammt. 
Ea ist sehr interessant, diesen vom 1. November datirten, an 
die Mutter des Krauken gerichteten Brief mit einem anderen, 
am 22. November 1880, also drei Jahre früher, geschriebenen 
zu vergleichen. Der erstere unterscheidet sich von dem zweiten 
nur durch eine leichte Veränderung der Handschrift — die 
Schriftzüge stehen mehr senkrecht und haben mehr den 
Charakter einer Kinderachrift — und durch einige orthogra- 
phische Fehler, welche besonders in der Vernachlässigung der 
s und X am Ende der Worte und in der Auslassung eînei 
Wortes (chez) bestehen. In den 4, 5 und 6 Monate später J 
geschriebenen Briefen sind diese Fehler verschwunden, undl 
die Handschrift hat ihren normalen Charakter wieder an-] 
genommen. 

Zu derselben Zeit machte er die Wahrnehmung, dass 6tM 
Gedrucktes ebensowenig und sogar noch weniger lesen könnef 
als GTeschriebenes. 

Hier reiht sich ein in manchen Beziehungen interessanter! 
Zwischenfall ein, den ich aber nur im Vorbeigehen erwähnet 
will, weil er doch in keinem directen Zusammenhang mit deO^ 
Symptomen, die wir hauptsächlich würdigen wollen, zu stehen 
scheint. 14 Tage nach der Erkrankung (am 24. October) 
empfand er einen heftigen lancinirenden Schmerz im rechten 
Ohr, der ungefähr zwei Tage anhielt, darauf ein continuirlichea 
Pfeifen, das sich verstärkte, wenn man zu ihm sprach, oder 
wenn er unter dem Einfluss eiuer Gemüthsbewegung stand. 

Bedeutsamer ist vielleicht ein anderer Umstand, der 
eigentlich auch nicht in den Rahmen der Sprachstörungen 
gehört. Etwa am 9. November, ungeEUhr einen Monat nach 
dem Kran kh et ts Zufall, wollte er versuclien, Billard zu spielen. 



liU SpiCJI»!. 1 



— 129 — 

Er i»t rechts händig', seine rechte HnnH konnte die Queue ganz 
gut hatten, aber er bemerkte sofort, dass er nicht spielen könne, 
und dieses Unvernjogen rührte daher, dass sein Gesichtsfeld 
auf der rechten Seite so weit eingeengt war, dass er nur 
die Hälfte des grünen Tuches und die Hälfte der Kugel sah 
und die Kugeln ans den Augen verlor, sobald sie in die rechte 
Hälfte des Gesichtsfeldes eintraten. Hier finden wir in der 
Geschichte unseres Kranken zum ersten Male die rechtsseitige 
laterale Hemianopsie erwähnt, welche wir seither regelmässig 
vei-folgt haben, denn sie besteht noch heute, obwohl in ge- 
mindertem Grade. 

Um es kurz zusammenzufassen, als der Kranke am 3. Mitrz 
iS^'ä in unsere Consultation kam, bestand keine Lähmung 
und keine motorisclie Aphasie mehr, er konnte geläufig und 
ordentlich schreiben, aber es war ihm unmöglich, Druck oder 
Geschriebenes zu lesen, und er war mit einer rechtsseitigen 
Hemianopsie behaftet. 

Wir müssen nun den Zustand, in dem sich der Kranke 
befand, als er sich uns zum ersten JVIale vorstellte, eingehender 
würdigen. Wir sahen einen jungen Mann von lebhaftem, intelli- 
gentem Blick, sicherer Haltung unri freiem Geberdenspiel, der 
durchaus nicht den sonst den Aphasiachen eigenen, verlegenen 
und etwas stumpfsinnigen Eindruck machte. Aufgefordert uns 
seine Geschichte selbst zu erzählen, wobei seine damals mit- 
anwescnde Frau ihn bestätigte, erledigte er sich dieser Auf- 
gabe ohne alle Schwierigheit, ohne dass wir ein Zögern in 
seinem Vortrag, eine Vertauachiing der Worte — besonders kein 
'Stammeln — wahrnehmen konnten. Wir überzeugten uns dann, 
dass er in der That nicht lesen könne, obwohl er geläufig 
schrieb. 

Ehe wir uns in eine ausführliche Behandlung dieses letzten 
Punktes einlassen, wollen wir noch die folgenden zur Zeit des 
Kintrittes in's Spital constatirten Verhältnisse hervorheben: 
Es besteht keine Assymmelrie im Gesicht, keine Abweichung 
der Zunge, keine Spur von Lähmung der Extremitäten. Der 
Oang ist frei, er kann sich sowohl auf dem einen als auf i]em 
anderen Fusse stehend erhalten. Seine Kraft am Dynamo- 
meter beträgt 
^_ am .3. März: für die rechte Hand eO kg 

^L „ „ linke 50 „ 

^^B am 5, April: für die rechte Hand 75 „ 

^P „ „ linke 59 „ 

Ferner lässt sieh keine Störung der Tastempfindung, des 
Sehmerz- und MuskelgefUhls nachweisen, er achfitzt Gewichte 
Tind Temperaturen in normaler Weise. Geschmack, Geruch und 




— 130 — 

Gehör sind nicht beeintrÄt htigt, nur der Gesichtssinn ist, wie 
wir gleich hören werden, afficirt. Die Sehneoreflexe sind auf 
beiden Seiten normal. 

Das Bestehen einer rechtsseitigen lateralen Hemianopsie 
lässt sich durch die oberflächÜchate Prüfiing erkennen. Mit 
Hilfe einer kunstgerechten Untersuchung des Gesichtasinnes und 
durch den Augenspiegel erhalten wir folgende bestimmtere 
Aufschlüsse: 1. Das Bild des Augen hintergriin des ist nicht 
verändert; 2. die rechtsseitige laterale homonyme Hemianopsie 
zeigt eine scharfe Begrenznng durch eine vollkommen verticale 
Linie, welche durch den Fixationspuukt geht; es handelt aicb 
also um eine typiache Ausprägung des Bildes, wie man sie 
bei Erkrankungen des Tractus opticus anzutreffen pflegt; 
3. im freien Theil des Gesichtsfeldes ist die Sehschärfe nicht 
herabgesetzt, und 4. die Farben Wahrnehmung in keiner Weise 



Wir wollen nun unsere volle Aufmerksamkeit darauf lenken, 
wie sich unser Kranker bei den Verrichtungen dea Lesens 
und des Schreibens verhält. 

Ich will voranatellen, daas er keine Störung in den Bewe- 
gungen der Zunge und der Lippen, in der Articulation der 
Worte zeigt, ebensowenig eine merkliche Abnahme seiner 
Intelligenz. Nur die Fähigkeit, sich durch Zeichen auszudrücken, 
hat gelitten. Ausser der Unmöglichkeit oder grossen Schwierige 
keit zu lesen finden wir noch bei ihm, daas er eine gewisse Zahl 
von Hauptwörtern und Eigennamen vergessen hat. Die Namen 
der Peraonen, die ihn umgeben, hat er zwar wiedergefunden, 
aber die Namen der Straasen von Paris, durch welche er 
sonst zu gehen pflegte, fehlen ihm noch. Er hat zwar die 
Gesichtavorstellung, das visuelle Gedächtnias dieser Strassen, 
und wenn er sie passirt, erkennt er die Wege, die er ein- 
schlagen muaa, und die Häuser, bei denen er Halt zu machen 
beabsichtigt; aber da er dieae Straasennamen nicht lesen kann 
und sie übrigens zum gröasten Theil vergessen hat, getraut 
er sich nicht mehr allein auszugehen. Die Gegenstände dea 
gewöhnlichen Lebens, die man ihm zeigt, erkennt er sehr 
wohl und nennt sie auch mit Namen. 

Was nun das Lesen und Schreiben betrifft, so will ich 
Ihnen hier das Ergebniss der Untersuchungen mittheilen, die 
wir fast täglich mit ihm angestellt liaben. Sein Zustand ist 
heute wesentlich gebessert; wir müssen daher zwei Perioden 
unterscheiden, die eine vom 3. bis zum 30. März, die andere 
vom 1. bis 15. April. 

Er schreibt seinen Namen und Adresse, einen langen Satz 
und selbst einen langen Brief ohne Zaudern, ohne bemerkens- 



Ä 



H _ ISl — 

pferthe orthographisehe Fehler und ohne Worte auszulassen. 
„Ich schreibe," sagte er, „als ob ich die Augen geschlosaeu ^ 
hätte, ich lese nicht, was ich schreibe." In der That achreibt 
er, wenn man ihn die Augen schliessen lässt, ebensogut wie 
vorher. 

Er schreibt seinen Namen nieder, und man verlangt dann, 
daas er ihn lese. „Ich weiss wohl," sagte er, „dass es mein 
Name ist, den ich da geschrieben habe, aber ich kann ihn 
nicht lesen." Er schreibt den Namen unseres Spitales auf ein 
Blatt Papier, ich das Gleiche auf ein anderes, welches ich ihm 
dann zum Lesen reiche. Er kann's zuerst nicht, dann giebt 
er sich Mühe, und wir bemerken, wie er bei dieser schweren 
Arbeit jedem einzelnen Buchstaben des Wortes mit der Spitze 
seines Zeigefingers nachföhrt. Dann bringt er es endlich zu 
Stande und liest „Salpêtrière". Man schreibt ihm die Adresse 
eines seiner Freunde „rue d' Aboukir" auf, er zieht die Buch- 
staben, die das Wort zusammensetzen, mit dem Finger in der 
Luft nach, und sagt dann nach einigen Augenblicken: „das 
heisst rue d' Aboukir, die Adresse meines Freundes". 

Die Alexie ist also, wie Sie sehen, keine vollständige, 
wenn es sich um Handschrift handelt. Das Lesen fällt ihm 
nur ausserordentlich schwer nnd wird ihm nur ermöglicht, wenn 
er die Bewegungsvorst eilungen, welche man von der H.and 
bei der Seh reib tbätigkeit erhält, zur Hilfe nimmt. Offenbar 
tritt dabei der Muskelsinn in's Spiel; nur die von ihm ge- 
lieferten Vorstellungen gestatten es dem Kranken, die ganz 
unbestimmten Eindrücke, welche ihm das Gesicht liefert, richtig 
zu deuten. 

Nun gebe man ihm eine Seite Druck. Er sagt sofort: 
„Ich lese Gedrucktes schlechter als Geschriebenes, weil ich 
mir bei der Schrift leicht den Buchstaben mit der rechten 
Hand zum Verständniss bringen kann, während das fUr die ge- 
druckten Lettern viel schwieriger ist." In der That hatte er 
sich nie, wie etwa ein Buchstabenraaler es thun würde, geübt 
Drucklettern mit der Hand nachzuzeichnen. Wenn man ihm 
eine gedruckte Zeile vorlegt, braucht er acht Minuten, um sie 
zu entziffern, während ihn dieselbe Zeile in Cursivschrift nur 
drei Minuten in Anspruch nimmt. Dabei bemerkt man immer, 
dasa er beim Lesen die Zeichen in der Luft mit der rechten 
Hand nachmacht; wenn man iha die Hände auf den Rücken 
geben und dann lesen heisst, sieht man ihn die Buchstaben 
mit dem Zeigefinger auf dem Daumennagel nachziehen. Wenn er 
Gedrucktes lesen soll, nimmt er gerne die Feder zur Hand 
und macht mit derselben Schreibversuche, die ihm seine Auf- 
gabe erleichtem. 




miE umm. Vims^ '^ms^Hi. 



— 132 — 

Vom 5. März an haben wir ihm jeden Tag eine Leatt^ 
aufgäbe gegeben, <!ie er, ohne dabei zu sehreiben, aber 
Hilfe der Naclizeichnung in der Luft las. Unter dem Ëinâuaa^ 
unserer Behandlung machte er täglich Fortschritte, und Ai^ 
sehen aus der folgenden Zasanimenstellung, wie regelniaaBÎ||| 
die Fortschritte zunahmen: 
Am 21. März brauchte er I Minule 43 Secunden für eine Zeilël 



23. 
34. 



53 

14 



1. April 



7. 
8. 
10. 



Nach Elektriairung des Sympathieus am Halse: 
1 13. April branchte er 31 Secunden filr eine Zeile, 



15. 



39 



lit seiner Hand ohne Feder ' 



Um die Bedeutung der durch Bewegung gewonnenen Vor- 
atellnngen für das Erkennen der Schriftzeichen zu würdigen, 
lässt man den Kranken die Augen schliessen, giebt ihm eine 
Feder in die Hand, und indem man seiner Hand passive 
Bewegungen ertheilt, lässt man sie auf ein Papier die Worte 
„Tonrs, Paris" schreiben. Sofort spricht er die Worte aus. I 
Dasselbe ist der Fall, wenn man i 
in die Luft geschrieben hat. 

In Bezug auf das Lesen des 
folgende Beobachtungen machen. 

bewegt er die Lippen nicht, spricht auch nicht dabei mit 
leiser Stimme, wie es seine Gewohnheit in gesunden Zeiten war. 
Er begnügt sich damit, die Buchstaben, die er mit dem Auge 
schlecht erkennt, niederzuschreiben oder ihnen mit dem Finger 
nachzufahren. Er kennt alle Buchstaben des Alphabets mit Aus- 
nahme von q, r, s, t und besonders von x, y und z, und es ist.fl 
merkwürdig, dass er diese dr-ei letzten Buchstaben, die er nich^ j 



I Krankei 
Wenn 



kann man noch 
Gedrucktes liest, 




I 

ta'' 



— 133 — 

^erkennt und nicht errätli, wenn sie f'ür sich allein dastehen, 

tjoeh mit Leichtigkeit niederschreibt, wennn sie in einem 

*"' ivt enthalten sind. So z. B. schreibt er die Worte „Xavier, 

fvau, Zebra" rasch nieder. Das Lesen fällt ihm schwerer, 

wenn er ntichtern ist, als wenn er gegessen hat. Nach 15 bis 

20 Minuten fühlt er sich vom Lesen sehr ermtldet. Wenn 

man ihn um den Inhalt di'saeu befragt, was er soeben mit 

I grosser Anstrengung gelesen hat, so erinnert er sich nur an 

LeehrwenigEinzelheiteD, ausgeDommen, es seien Zahlen darunter 

l^eweaen. So besinnt er sich nur dunkel, dass in dem Zeitungs- 

[ artikel, den er gestern gelesen, die Rede von einer Statue der 

Republik gewesen sei, und dass diese kolossal werden solle, 

aber er erinoert sich sehr bestimmt an die Zahlen von 400.000 

Iund 200.000 Francs, die in dem Journal erwähnt sind. Doch 
hat er seither auch in dieser Hinsicht Fortachritte gemacht. 
Er kennt die Ziffern sehr gut, sieht sie gul, kann addiren 
bnct ziemlich gu niultipliciren, doch macht er Fehler, wenn 
ßia Multiplication etwas weitläufig ist. 
Wenn ihm die Bedeutung eines Wortes bekannt ist, liest 
ier 68 viel schneller, als wenn ihm dieses fremd ist. 
. So braucht er für das Wort: 
ftuci 
es 1 



Republik 4 — 5 Secundei 

Independence 1 Minute, 

Pterigoidiens 4 Minuten, 



Er pflegt oft zu 
Huch jetzt noch, wo i 



k 



: „Wenn ich zu lesen beginne, 
n Fortschritte gemacht habe, ist 

ur immer, als ob ich's zum ersten Male thun würde." 

Während er sich so durch täglich wiederholte Anstren- 
gung eine neue Erziehung zu schaffen versucht, geht gleich- 
zeitig und im gleichen Masse die Hemianopsie allmählich 
zurück. 

Um es kurz zusammenzufassen, wir sehen, dass bei diesem 
Kranken die vom Gesichtsainn beim Lesen gelieferten Vor- 
stellungen zu unbestimmt und daher unzureichend sind, 
um das Verständnisa des Textes zu gestatten. Darin besteht 
seine Wortblindheit. Wenn er lesen kann, so ist's mit Hilfe 
eines Kunstgriffes. Nur die Reihe von Bewegungen, welche 
man zur graphischen Reproduction eines Buchstabens oder 
eines Wortes verwendet, ist bei ihm im Stande, die klare 
^Erinnerung an diese Buchstaben, an dieses Wort zu wecken. 

Man kann den Zustand mit einem Schlagwort so be- 
zeichnen: Er liest nur, indem er schreibt. 

Als Gegenstück zeige ich Ihnen heute einen anderen 
Aphaeischen, der ganz und gar unfähig ist, auch nur ein 



— 134 — 

Wort hervorzubringen, und der alles hört, alles versteht, 
alles Gelesene mit Leichtigkeit erkennt, geläufig schreibt 
und vollkommen versteht, was er schreibt und was er liest. 
Aus der Zusammenstellung dieser beiden Kranken können 
Sie ersehen, wie grundverschieden von einander die einzelnen 
Formen der Aphasie sind, wenn sie sich, was allerdings nur 
ausnahmsweise vorkommt, ganz frei von allen Complicationen 
zeigen. 



Zwölfte Vorlesung. 



Ueber einen Fall von Wortblindheit. 

(Forlselzuug.) 

V'Oeacbiclite der Wortblindheit: Goudriu, Trousseau, K u a s m n u I, 

lït&giisii etc. ^ Analyse von 16 klinischen Beobachtangen. — Fälle mit 

P BGctïonsbefund. — Localisation, — Häufigkeit der Hemianopsia dabei. — 

Bemerkougen Über die Natur und den vcrmuthlicben Sitz der LSsion, von 

welcher die HemiaDopeie und die Wortblitidheit abiiüngen. 

Meine Herren! aie erinuern Sich, daea ich Ihnen in der 
letzten Vorlesung einen Fall von theilweiaer Aufhebung des 
SprachvermögeoB ini weitesten Sinne vorgestellt habe. Unser 
Kranker, dessen Sehschärfe in den linken Hälften der Gesichts- 
felder beider Äugen keine Verringerung erfahren hatte, hatte 
die grösBte Schwierigkeit, die Worte, die er deutlich sah, zu 
' erkennen, während er seinen Gedauken durch die Schrift 
L correct und geläufig Anadruck geben konnte. Ich sagte Ihnen, 
Ldass das Leiden, uni welehea es sich in diesem Falle handelt, 
|vor Kurzem als eine besondere Unterart der Aphasie auf- 
gestellt und unter dem Namen der Wortblind h eit fCécitë 
V'Verbale, Cécité dea mots) beschrieben worden sei. Der Name 
kuhrt von Kussmaul her, einem der Bahnbrecher in dem 
nierzulande noch wenig gepflegten Studium dieser Erkran- 
' kungsform. Ich fügte Ihnen hinzu, dass unser Fall vor der 
Mehrzahl ähnlicher, die zur Veröffentlichung gelangt sind, 
voraus zu haben acheint, daaa sieh das Phänomen der Wort- 
bliudheit in ihm in grösserer Reinheit und fast frei von allen 
Complicationen darstellt. 

Ich glaitbe, das Interesse, welches sich an unseren Fall 

knüpft, kann nur gesteigert werden, wenn ich einige andere 

Beobachtungen, die derselben Gruppe angehören, aus den ver- 

' Bchiedeoen Publieationen, in denen sie zerstreut sind, sammle, 

um aie ihm an die Seite zu stellen. 



^ 136 — 

Die Geschichte der Worttaubheit scheint nicht weit zurück- 
zureichen. Es ist, wie ich meine, Prof. Kussmaul,^ der sie 
im Jahre 1877 zuerst als besondere Krankheitsform beschrieben 
hat. Von Wernicke^ rührt dagegen die erste Beschreibung 
einer anderen Form von Aphasie her, über die ich Ihnen 
auch nächstens einige Bemerkungen zu machen gedenke, und 
die von Wernicke den Namen ,,sensorielie Aphasie" erhalten 
hat, während sie Kussmaul in seinem Lehrbuch als Wort- 
taubheit, surdité des mots, aufführt. 

Sie dürfen aber nicht glauben, dass die Wortblindheit erst 
zu dieser Zeit zur Beobachtung gekommen ist. Ich will Ihnen 
nur bemerken, dass Gendrin^ in seiner nun schon 40 Jahre 
alten Médecine pratique von Kranken spricht, „welche nicht 
im Stande sind zu lesen, welche aber in Folge einer Art von 
Erinnerung an die Fingerbewegungen, deren Ausführung für 
das Niederschreiben der Worte erforderlich ist, sehr wohl 
schreiben können. Steht der Buchstabe einmal auf dem Papier, 
so vermögen sie ihn nicht wieder zu erkennen". 

Auch eine Beobachtung, welche Trousseau^ in einem 
seiner klinischen Vorträge erwähnt, gehört hierher: „Sie sehen 
hier, sagt dieser grosse Beobachter, einen Kranken, der nicht 
mehr lesen kann, obwohl er ausgezeichnet spricht. Er kann 
den Titel einer Zeitung nicht enträthseln, er kann die Silben 
nicht mehr zu Worten zusammenstellen, und doch ist er 
nicht amblyopisch, er ist im Stande, eine Stecknadel von der 
Erde aufzuheben. Das Merkwürdigste ist aber, dass dieser 
Mensch nicht lesen kann, was er selbst ganz richtig ge- 
schrieben hat." 

Der betreffende Kranke war, wie unserer, einige Tage 
lang hemiplegisch und aphasisch gewesen. 

Ich muss aber wiederholen, dass Kussmaul das Verdienst 
gebührt, gezeigt zu haben, dass die Wortblindheit gewisser- 
massen in klinischer Selbstständigkeit auftreten kann, und dass 
sie dann als pathologische Störung einer besonderen Function 
aufzufassen ist, welche man, wie wir anderswo ausführen 
werden, das visuelle Gedächtniss der Sprachzeichen 
benennen kann. 



^ Kussmaul, Die Störungen der Sprache, Leipzig 1877. 

2 Wernicke, Der. aphasische Symptomencömplex, Breslau 1874. — 
lieber den wissenschaftlicheo Standpunkt in der Psychiatrie, Kassel 1880. — 
Lehrbuch der Gehirnkrankheiten, Kassel 1881, Bd. I, pag. 206. — Fort- 
schritte der Medicin, Bd. I, 1883. 

3 Gendrin, Traité philosophique de médecine pratique, pag. 432, 
Tom. I, 1838. 

* Peter, De Taphasie diaprés les leçons cliniques du prof. Trousseau. 
(In Arch. gén. de méd., 1865.) 



— 137 — 

. Kussmaiira aind in Frankreich uicht ohne 
Widerspruch aufgenommen worden, sie haben selbst eine sehr 
scharfe Kritik durch Mathieu' und Dreyfus-Brisac^ er- 
laliren. Dagegen hat sidi MagBan in seinen Vorträgen im 
Irrenhaus von St Anne zustimmend über sie geäussert, und 
eine seiner Schülerinnen, M"" Skwortzoff, ^ hat in ihrer These 
der Wortblindheit ein besonderes Capitel gewidmet, welches 
die klinische Darstellung von zwölf Beobachtungen enthält, 
darunter eine der Verfasserin seihet und zwei Prof. Magnan 
an gehörig. 

Seit der Veröffentlichung dieser Arbeit sind noch fünf 
neue Fälle hinzugekommen, drei mit Seetionabefund, von denen 
wir später handeln werden, und zwei sehr genau beobachtete, 
ÏI) denen nur die klinische Seite des Gegenstandes berück- 
sichtigt ist. Die eine derselben rührt von Armaignae,-" die 
andere von Bertholle ■'' her, der für diese Störung den Namen 
Asyllabie vorschlägt. 

Das vergleichende Studium dieser eben erwähnten 1 6 Beob- 
achtungen ergiebt einige nicht uninteressante Aufschlüsse über 
die klinischen "t'haraktere der Wortblindheit: 

1. Der Beginn der Affection ist in der Regel ein plötz- 
licher, und es pflegt zu Anfang ein gewisser Grad von rechts- 
seitiger Hemiplegie vorhanden zu sein, welche aber, wie bei 
imserem Kranken, bald verschwindet. Sehr hilutig ist zu Anfang 
auch ein gewisser Grad von motorischer Aphasie zu beob- 
achten, welche aber später allmählich zurückgeht und in 
einigen Fällen die Wortblindheit als einzige Störung Übrig 
lässt. Alle diese Verhältnisse treffen, wie Sie sehen, für unseren 
Kranken zu. Es ist aber wichtig zu bemerken, dass mitunter 
die Wortblindheit von Anfang an isolirt auftritt, ohne mit 
Hemiplegie complicirt zu sein. (Fälle von Armaignac und 
Guéneau de Muasy.'') 

2. Störungen des Gesichts werden in einer gewissen Zahl 
von Fällen flüchtig erwähnt; eine Hemianopsie, wie bei unserem 
Kranken, finden wir nur in einer einzigen Beobachtung, die 

rof. Westphal' angehört 

.bivea e&u. de mùd., 16T9, ISSI. 




, med. et de ehir., 


1881, p. 477.) 






;off, r>e 1 


la Cécile 


et de U BDrdilé 


de mois 


dans Till 


1881. 










»ac, EevL 


la cliniqi 


M de Siid-Ouesl, 


1882. 




[<5, Aiiyll;i 


bie ou amuésLe paitieila 


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chir., ISSl, png. SSU.) 






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leil d'üplitlialmol. 


ogie, 187t 


), pag. 11 


nl, Zaitad 


.rift fur 


Ethnoloeie, 1874 


, 4. Mkî, 


pae- 94. 



3. Dieselbe Beobäcbtiing Westphal's enthält nocb eine 
andere für uns ioteresBante Tliatsache. Sie erinnern sieli, dasa 
unser Kranker, wenn er sich anstrengte, Druck oder Schrift 
zu lesen, die Buchstaben und Worte in der That niederschrieb 
oder sieb begnügte, sie mit Hilfe des Zeigefingers seiner rechten 
Hand in der Luft nachzuziehen. Wir haben daraus ersehen, 
dasB die Voratellungen, welcte ihm aus diesen Fingerbewe- 
gungen erwachsen, unentbehrlich sind, um den undeutlichen 
Vorstellungen, welche ihm der Gesichtssinn liefert, die nöthige 
Bestimmtheit und Brauchbarkeit zu geben. Der Kranke kann, 
mit anderen Worten, nur daan lesen, wenn er dabei schreibt. 
Dieselbe Thatsache finden wir nun in der WestphaPsehen 
und auch in einer Beobachtung von M"'^ Skwortzoff hervor- 
gehoben. 

4. Wie Sie sich erinnern, haben wir jene inatinctiven 
Fingerbewegungen, die dem Verständniss des Gelesenen zu 
Hilfe kommen, fiir die Behandlung ausgenützt. Unser Kranker 
bekam täglich die Aufgabe, eine gewisse Anzahl von Zeiten 
zu lesen, wobei er sieb jeuer instinctiven Fingerbewegungen 
bediente, um die Erinnerungsbilder des Gesichtssinns gewisser- 
niassen neu zu beleben, und wir haben gesehen, dasa er in 
der letzten Zeit darin grosse Fortschritte gemacht hat. In der 
Beobachtung von M"" Skwortzoff konnte die auf der rechten 
Seite hemiplegiache Kranke gewiss nur sehr unvollkommene 
Bewegungsvorstellungen von den Fingern ihrer rechten Hand 
bekommen; M"* Skwortzoff nahm auf denRath von Magnan 
ihre Zuflucht zu einer anderen Methode. Der Kranken wurden 
grosse im Relief ausgeführte Buchstaben vorgelegt, welche sie 
durch das Getaste erkennen lernte, und nachdem sie darin 
weit genug gekommen war, wiea man sie an, gleichzeitig mit 
den Augen zu lesen, während sie die Tas t Wahrnehmungen an 
den Reliefbuchstaben zu Hilfe nahm. Doch auch mit Hilfe 
dieses Verfahrens brachte es die Kranke im Verlauf einiger 
Monate nur dahin, ganz kurze Worte zu lesen. 

5. Ich wende mich jetzt zu den Fällen mit Seetions- 
befiind, welche drei an der Zahl sind, einer von Di' 
einer von Chauffard- und der dritte von Heilly und Chante- 
messe.^ Die klinische Seite dieser Fälle lässt leider vii' 
zu wünschen übrig; die Wortblindheit ist in ihnen allen i 
hohem Grade mit Wortiaubheit complicirt. Aber doch stimmci 
diese drei Beobachtungen — sofern ich nicht irre, die einz^eoj 



I 

I 



I SkwurtBoft, I. c, pag. 62. 
' Chauffard, Revue de medac 
3 D'Beilly et ChantemesBe 



&nf welche mita einen Versuch der anatomischen Localisation 
stützen kann — in einem Punkte vollkommen liberein: in 
allen ist nämlich der hauptsächliche Sitz der Erkrankung im 
unteren Scheitelläppchen mit oder ohne Betheiligung des 
Gyrus angularis {lobule du pli courbe) und der ersten 
Seh läf en w i n d un g. 

Von einer solchen Läsion im unteren Scheitellappen mit 
oder ohne Betheiligung des Gyrus angularis müaaten wir also 
auch die Wortblindheit, die wir bei unserem Kranken ■beob- 
achten, ableiten. Ich bitte Sie aber wohl zu beachten, dass 
wir diese Localisation nur mit allem möglichen Rückhalt an- 
nehmen und uns damit begnügen, sie bei dem gegenwärtigen 
Zustand der Wissenschaft für wahrscheinlich zu erklären. 

Diese Localisation könnte uns übrigens bis zu einem ge- 
wissen Grade das Vorhandensein eines Symptoms verständlich 
machen, welches in der Krankengeschichte unseres Falles eine 
grosse Éolle spielt. Ich meine das Symptom der Hemianopsie, 
das wir mit grosser Sorgfalt festgestellt haben. Es handelt 
sich, wie Sie wissen, um eine homonyme laterale rechtsseitige 
Hemianopsie. Ohne mich nun gegenwärtig in eine fiSrmliche 
Erörterung über die Frage der cerebralen Hemianopsie ein- 
lassen ZK wollen, eine Frage, zu deren angemessenen Behand- 
lung es langer Ausfuhrungen bedürfte, will ich mich heute 
auf die Bemerkung beschränken, dass eine gewisse Anzahl 
von Beobachtungen, vielleicht sieben oder acht, vorliegt, welche 
unwiderlegUch darzuthun scheinen, dass Läsion gewisser Par- 
tien der Hirnrinde das Phänomen der lateralen Hemianopsie 
zur Folge haben kann. ' Aus denselben Beobachtungen scheint 
nun auch hervorzugehen, dass bei der cerebralen Hemianopsie 
corticalen Ursprungs fast constant die Läsion in ungefähr der- 
selben Gegend sitzt, welche wir eben als Sitz der krankhaften 
Veränderung, von der die Wortblindhait abhängt, bezeichnet 
haben. Es wird Hmen aufgefallen sein, dass wir in dieser Dar- 
stellung von den Angaben der Thierexperimente über die Seh- 
)häre absehen.^ Wir sind dazu genöthigt, weil im Augen- 
lieke alle Autoren, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben, 
Hader mit einander sind. Nehmen wir übrigens an, man 



^H^Uieke alle . 
^■é» Hader 

^^* i Ch. F 



Ch, F&té, Cüiitribotioa à l'étade dea troubles fonctionnels de la 
isIoD par lêaioDB cérébrales (amblyopie crolaée et hémianopaie) 1SB2. 

' Halten wir daran fest, daaa wenn zwei Arten von GebirnläBionen, 
die centralen oder BiDdenlSsioneD, nad die peripheran uder Lïsionen der 
TractDB optici, homonyme Eemianopaie hervorrufen kSnuen, doch eine 
LSsiOD dea Carrefour aenaitif, wie Charcot gezeigt hat, immer gekreuzte 
Amblyopie hervorruft. (Lei;onB aur la locatiaalion dans les maladies da 
et de la moeUe épiniere, ISTB, pag. 114.) Ch. F. 



k 



AHE UBHAW. SlAilFORÜ UNIVERSITE 



— 140 — 

wäre über den Ort der Sebephäre bei Thieren, selbst den 
Affen eingeschlossen, einig geworden, so stünde noch immer 
lier Beweis aus, dasa diese Ergebnisse wirklich auf den Menschen 
übertragen werden dürfen. Wie immer es sich damit verhalten 
mag, jedenfalls könnte das über die cerebrale Hemianopsie 
beim Menschen vorhandene Material von Thatsachen uns ver- 
ständlich machen, warum in iiüserem Falle die Wortblindhyit 
mit der lateralen Hemianopsie zusammentrifft. Die gleiohe Er- 
klärung würde auch für den Westphal'schen Fall Geltnnjr 
haben, aber Sie merken sofort, welcher Schwierigkeit wir dabei 
begegnen: Wenn die Worlblindheit und die cerebrale Hemi- 
anopsie an dieselbe Region im Gehirn, nämlich an das untere 
Scheitellüppchen geknüpft sind, so mtisste die eine eigentlich 
jedesmal die klinische Begleiterin der anderen sein Das findet 
nun nicht statt; man kann Fälle von cerebraler Hemianopsie 
ohne Wortblindheit und Fälle von Worlblindheit ohne Hemi- 
anopsie anführen. 

Wir wollen noch bemerken, dass das Symptom der Hemi- 
anopsie, wenn es nicht so ausgeprägt ist wie bei unserem 
Krauken, z. B. in Fällen, wo die Grenze des Gesichtsfeld- 
defectes mehr oder weniger abseits vom Fixationspunkt liegt, 
ganz unauffällig bleiben kann, so lange man nicht in regel- 
rechter Weise darnach sucht. Ob dieser Annahme ein Werth 
zukommt, müssen spätere Beobachtungen lehren. Der untere 
Öeheitellappen ist übrigens gross genug, um für beide Func- 
tionen Kaum zu bieten, ohne dass diese örtlich zusammen- 
zufallen brauchten. 

Ich kann Ihnen im Vorbeigehen berichten, dass — sei es 
nun spontan oder unter dem Einfiuss der Behandlung — die 
Hemianopsie unseres Kranken in demselben Masse, wie sich 
die Wortblindheit besserte, bemerk en swerthe Veränderungen 
erkennen liess. Zu Beginn stimmte sie ganz mit dem classi- 
schen Typus der Hemianopsie, wie sie durch Läsion eines 
TractuB opticus erzeugt wird, überein, denn der Defect schnitt 
scharf mit einer durch den Fixati onspuukt gehenden Verticalen 
ab (Fig. 24). Heute haben sich die Verhältnisse geändert. Die 
Trennungslinie des Defects acheint sich immer mehr vom 
Fixations punkt zu entfernen und die Ausdehnung des Gesichts- 
feldes nimmt dem entsprechend allmählich zu (Fig. 24, 25, 26). 
Eine Besserung dieser Art ist ein seltenes Ereigniss und kommt 
bei Hemianopsie in Folge Läsion des Tractus opticus nur aus- 
nahmsweise vor; vielleicht haben wir darin einen der klinischen 
Charaktere der cerebralen Hemianopsie zu suchen. 

Es erübrigt mir endlich noch, mit Ihnen zu untersuchen, 
worin die krankhafte Veränderung besteht, welche der Hemi- 



n 
4 

4 




anopaie und Wortblindheit bei unserem Kranken zu Grunde 
liegt wnA durch welchen Meclianisimis sie zu Stande gekojimien 
ist. Auch hierin werden wir Ihnen nichts als mehr oder weniger 





wahrscheinliche Hypothesen zu bieten haben; man inuas sich 
aber klnr machen, dass eben auf dem Gebiete der pathologi- 
schen Phyeiologie des Gehirns auch heutzutage noch Hypo- 
thesen oft (Ins Einzige sind, worüber wir veriugen. 



Ich brauche Ihnen nicht in's Gedächtnisa zurückzurufen, 
daBB die Arteria fosaae Sylvii, die ich ohne Bedenken zur Er- 
klärung herbeiziehe, ebensowohl die Aeste fllr die Broca'Bcha-l 




Windung, den Sitz der Läsion bei der Aphasie, als auch für 
die Gegenden abgiebt, auf deren Erkrankung wir, wie es scheint, 
die Wortblindheit und die Hemianopsie beziehen mUsHen. Eine 
Erkrankung dieser arteriellen Aeate haben wir als die Ursache 



i 



inzuBcheD, von welcher mehr oder minder tiefgehende Aite- 
lï&tionen des cerebralen Gewebes bedingt worden sind. Aber 
■-worin beeteht diese Gefâsserkrankung? Handelt ea sich um 





i einen Geftiaskrani[jf, um Thrombose oder Embolie? Beachten 
^Sie wohl, daas sich dies nicht bestimmt entscheiden lässt. Der 
Umstand, dass häutige und intensive Mi grain an fälle voraus- 
gegangen sind, würde vielleicht im Anschluss an die Theorie 



— 144 — 

von Latliain gestatten, ein prädisponirendes Moment ii 
holten Gefäaskrämpfen im Gebiete der eylvischen Arterie zu 
suchen! Es scheint in der That, dass wiederholte Gefilsa- 
krämpfe im Laufe der Zeit mitunter zur Folge haben, tief- 
greifende Veränderungen in den Gefässwünden herbeizuführen; 
wir sehen wenigstens, daas bei der Migraine ophthalmique die 
nuiUngltch vorübergehenden Phänomene der Hemianopsie oder 
der Aphasie sieh gelegentlieh in mehr oder minder bleibende 
Zustände umwandeln können. Wir haben aber nicht feststellen 
können, dass die Migraine, an welcher unser Kranker gelitten 
hat, wirklich eine Migraine ophthalmique war. Die Annahmen 
einer Thrombose in Folge von Arteritis oder einer Embolie 
können ihrerseits nur mit Vorbehalt zugelassen werden, die 
erste wegen des Alters des Kranken, die zweite, weil keine 
Spur einer organischen Herzaffeetion aufzufinden ist. 

Ich will mich daher mir auf folgende Bemerkungen be- 
schränken: Wahrscheinlich war zu Anfang der Stamm der 
Rylviseheu Arterie obliterirt, dies würde erklären, warum der 
Kranke in der ersten Zeit apliasisch, amnestisch und überdies 
an beiden Extremitäten der rechten Körperhülfte gelähmt war. 
Aber im Gebiete der drei ersten Aeate der Arterie hat sieh 
die Circulation wieder hergestellt, und darum sind die Hemi- 
plegie und die Aphasie selbst wieder geschwunden. Im Gebiete 
des Parietalastes blieb dagegen die Ischaemie bestehen, und 
daher hat das Nervengewebe in dieser Gegend mehr oder wenig 
tiefgreifende Veränderungen erlitten, von denen die nun seit 
fast sechs Monaten anhaltenden Fhünomene der Hemianopsie 
und Wortblindheit abhängen. Bei alledem scheint die Läsion, 
welches ihre Natur sonst sein mag, keine der Rückbildung 
ganz und gar unfähige au sein; wir haben ja gesehen, dass 
unter dem Einfluss eines »ehr einfachen Heilverfahrens die 
aufgehobene Function sich täglich mehr wiederherzustellen 
strebt. Wenn diese Besserung, wie wir zu hoffen allen Grund 
haben, weiterhin fortschreitet, dürfen wir unseren Kranken 
dazu beglückwünschen, denn aus den bisher veröfFentlichten 
Fällen konnte man schliessen, dasa die Wortblindheit, i 
sie einmal aufgetreten ist, nicht mehr zurückgeht, 
nnlieilbares Gebrechen bestehen bleibt. 



bhndbeit, wodi^^h 
sht, sondern sljj^^l 

i 



Dreizehnte Vorlesung. 



Ueber einen Fall von plötzlichem Verlust der visuellen 

Erinnerungsbilder für Sprachzeichen und Objecte (Gestalt und 

Farbe derselben). 

Die angeblichs EitibEÎt des Qed£clitmBses. — Uusbljängigkeit der eiuzelaen 
partiellpn ErinneruiigsvarmBgen von einander. — Ein Fall von hoher Ent- 
wicklung des visDellco Gedächtnissea. — FamiU an anläge. — Flmxliuher 
Verlost des „inneren Sehens". — Die dadurch hervor gern fene VerSndernng 
des Kranken. — Ersatz durch das anditive und mnscnlSre Erinerungs- 

^^^^mCgen. — ' Die vier Beetandtheile dor completeu Varatcllung „Wort". — 

^^^^L IndiTtduelle Verschiedenheiten. 

^H|r Meine Herren! In seinem beacttenswerthen Buche „Ueber 
^ttie ErkrantuQgen des GredächtnisseB" hat Herr Th. Ribot' mit 
aller Schärfe hervorgehoben, daas die zuerst von GalP auf- 
gestellte Unterscheidung partieller Erinnerungsvermögen lieiit- 
zutage eine allgemein anerkannte physiologische Lelire ge- 
vrorden ist, und er macht bei dieser Gelegenheit darauf 
aufmerksam, dasa schon Gratiolet" erkannt hatte, wie jedem 
Sinne ein ihm zugehöriges Qedttchtniss entspreehe, und dass 
man in der inteÜeetuellen Anlage, wie in der körperlichen, 
Temperamente unterscheiden könne, welche durch die über- 
wiegende Bedeutung dieser oder jener Art von Sinnenempfin- 
dungeu fur den gewohn heitsmässigeii Mechanismus des geistigen 
Geschehens bestimmt werden. 

„Die Schulraethode in der Psychologie," fllgt Ribot hinzu, 
„ist mit ihrer Darstellung des Gedächtnisses als einer Einheit 
so vollkommen durchgedrungen, dass die Existenz der par- 
tiellen Erinnerungsvermögen in völlige Vergessenheit gerietb 



' Analomie comparée, Tom. II, pa^. 4G0. 






I 



oder ata eine Anomalie autgefasst wurde." Aber in der FsychäS 
logie hat, wie in allen anderen ErfahrungswissenscLaften, die 
Erfahrung das letzte und entscheidende Wort zu reden. Dies iat 
nun geschehen und es hat sich gezeigt, „class in letzter Analyse 
thatsächlich nnr Bpecielle, oder wie einige Autoren sich aus- 
drücken, locale Erinnerungsvermögen bestehen bleiben". 

Wenn es nun richtig ist, daas im Zustande der Norm 
„die verschiedenen Arten des Gedächtnisses einigermassen 
unabhängig von einander sind, so begreift man leicht — wir 
lassen Ribot fortfahren — daes in krankhaften Zuständen 
die eine Art verloren gehen kann, während die anderen uu- 
gescharfigt bleiben. Für diese Tliatsache dürfen wir keine 
weitere Erklärung verlangen; sie muss uns jetzt selbstver- 
ständlich erscheinen, da sie sich aus der Natur des Gedäeht- 
ntsses selbst ableitet." 

Der Fall, den ich Ihnen, meine Herren, heute vorstellen 
will, scheint mir sehr merkwürdig und im hohen Grade geeignet 
zu sein, Ihnen die pathologische Thatsache, dass eine dieser 
Arten des Gedächtnisses für sich allein verloren gehen kann, 
neuerdings in hellem Lichte zu zeigen. 

Es handelt sieh in rliesem Falle um den Verlust der 
visuellen Erinnerungsbilder der Gegenstände {vision mentale 
des objets, Mental imagery nach Galton'), sowohl was deren 
Gestalt als deren Farbe betrifft, und dieses Ereignîss ist 
plötzlich bei einem Individuum eingetreten, welches, wie Sie 
sehen werden, selbst heute noch, nachdem es einer seiner 
glänzendsten Fähigkeiten beraubt ist, sich einer grossen intellec- 
tuellen Leistungsfähigkeit erfreut. Da seine Krankengeschichte 
nach mehr als einer Kiclitung Interesse bietet, will ich mir 
erlauben, Ihnen dieselbe ausfuhrlich mitzutheilen. 

Herr X . . ., Kaufmann in A . . ., in Wien geboren, ist ein 
sehr gebildeter Mann, der Deutsch, Französisch und Spanisch 
ebenso wie die alten classischen Sprachen vollkommen be- 
herrscht. Bis zum Beginne jenes Leidens, welches iim zu uns 
hierher geführt hat, pHegte er Homer vom Blatte weg zu lesen. 
Das erste Buch der Ilias kannte er so genau, dass er ohne 
Zögern jede Stelle hersagte, deren ersten Vera man vor ihm 
eitirt hatte. Er war mit Virgil und Horaa sehr vertraut, und 
verstand anch von der modernen griechischen Sprache genug, 
um in ihr eine kaufmännische Correspondenz zu führen, 

Sein Vater, Professor der orientalischen Sprachen in L . . . ., 
besitzt ebenfalls ein ausserordentliches Gedächtniss. Das Gleiche 

.0 human Facnity; meiital Imagory, 




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Sei 
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Bei 

ftlD{ 

l>e<] 

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Lie 



■ _ 147 — 

^t fiir seinen Bruder, der Proteaaor der Bechts Wissenschaft 
in W . , ist, und eine seinei- Schwestern, eine als Materin 
g;eaehätzte Dame, Sein eigener, erst sieben Jahre alter Sohn 
zeichnet sich bereits durch eine detaillirte ReoDtniss geschicht- 
îher Daten aus. 

Herr X. erfreute sich noch vor einem Jahre gleichfalls 
i hervorragenden Gedächtnisses, welches wie bei seinem 
'ater und bei seinem Sohn, hauptsächlich ein visuelles war. 
Sein „geistiges Gesicht" gab ilim, wie er versichert, die Vor- 
itellung von den Zügen der ihm bekannten PerRonen, von der 
Gestalt und Farbe der Gegenstände, so oft und so bald er sich 
dasselbe wandte, mit solcher Schärfe und Lebhaftigkeit, wie 
sonst nur den SinneseindrUeken selbst zukommen. 
Wenn er eine Zahl oder eine Thatsache aus seiner um- 
fangreichen und in mehreren Sprachen geführten Correspondenü 
bedurfte, so brauchte er sich nur au die Briefe selbst au er- 
innern, und diese tauchten sofort in seinem Gcdächtniss in 
.ihrem genauen Wortlaut, mit den kleinsten Details, Unregel- 
rässigkeiten und Streichungen in ihrer Abfassung auf. 

Er hatte es, als er noch die Schule besuchte, niemals nöthig, 
.e Aufgabe — oder in späterer Zeit eine Stelle aus einem seiner 
lieblings schriftsteiler — auswendig zu lernen. Zwei- oder drei- 
maliges Durchlesen reichte bin, um die betreffende Seite mit 
ihren Zeilen imd Buchstaben in sein Gedüchtnias einzuschreiben, 
und er sagte das Stück dann her, indem er im Geiste von 
der Seite ablas, welche sich ilim, so oft er wollte, in aller 
Deutlichkeit vorstellte. 

Wenn er eine Addition ausfuhren wollte, brauchte er nur 

äe vor ihm ausgebreiteten Reihen von Ziffern, auch wenn es 

des Hauptbuches waren, zu durchlaufen und zog dann die 

imme, ohne zu zögern, mit einem Schlage und ohne, wie man 

iwRhnlich pflegt, Stelle ftir Stelle einzeln zusammenznzälilen. 

ISO machte er es in den anderen Eechnungsarten. 

Er konnte sich nicht an eine Stelle aus einem Theatei-- 

Btück, dasE er auffiihren gesehen hatte, erinnera, ohne dass 

iRl gleichzeitig alle Einzelheiten der Ausstattung, das Spiel 

Schauspieler imd der ganze Theateraaal selbst vor Augen 

en. 

Herr X. hat viele Reisen gemacht. Er liebte es, die 

■«geoden und Aussichten, die ihm gefallen hatten, zu skizziren 

Pia zeichnete ziemlich gut. Seine Erinnerung bot ihm, so 

er es wollte, die getreue Wiedergabe der gesehenen 

tnd Schäften. 

Wenn er einer Unterhaltung, einer Aeuasening, eines ge- 
nbenen Versprechens gedachte, erschien ihm der Ort der 



10» ^^m 



- 148 - 

UDterredung, die Gesiehtazüge seines Gesellschafters, kura ^ 
die ganze Sceoe mit allen ihren Nebeniimständen, von denen 
er sich nur einen in die Erinnerung zurückrufen wollte. 

Das Gedäehtniss iUr Oehörseindrüeke war bei Herrn X. 
immer mangelhaft oder hat ■wenigstens immer eine untergeord- 
nete Rolle gespielt. Auch hat er, unter Anderem, niemals 
Geschmack an der Musik gefunden. 

Vor anderthalb Jahren erwuchsen ihm schwere Sorgen 
durch eine bedeutende Schuld, deren Bezahlung ihm zweifel- 
haft erschien. Er verlor Schlaf und Esslust. Die Ereignisse 
rechtfertigten zwar seine Beftirchtungen nicht, aber die Auf- 
regung war so heftig gewesen, dass sie sich nicht, wie er 
holTte, legen wwUte. Mit einem Male merkte Herr X. zu seiner 
grossen Ueberrjwchung, dass etwas Neues mit ihm vorgegangen 
sei, und der Gegensatz seines nunmehrigen Zustandea zu 
seinem früheren Wesen hatte zunächst die Folge, ihn tief zu 
veretören. Einen Augenblick glaubte er sich von einer Geistes- 
störung bedroht, so fremdartig und verwandelt erschien ihm 
Alles um ihn her. Er wurde nervös, aufgeregt und reizbar. 
Endlich wurde ihm klar, dass er blos das visuelle Gedächtnies 
für die Formen und Farben der Gegenstände gänzlich verloren 
habe, und diese Aufklflrung hatte zur Folge, ibn über seinen 
Geisteszustand zu beruhigen. Er überzeugte sich ausserdem 
allmählich, dass er durch andere Mittel und mit Hilfe anderer 
Arten des Gedächtnisses fortfahren könne, seine geschäftlichen 
Angelegenheiten in befriedigender -Weise fortzuführen. Heute 
hat er sich in diese neue Lage bereits gefunden. 

Es wird uns nicht schwer werden darzulegen, worin die 
Veränderung, welche Herrn X. betroffen hat, besteht. 

Jedesmal wenn Herr X. nach A . . . zurückkehrt, welchen 
Ort er Geschäfte wegen häufig zu verlassen pflegt, glaubt er in 
eine unbekannte Stadt zu kommen und besieht mit Erstaunen 
die Strassen, Häuser und Monumente, wie damals, als er zum 
ersten Male dort ankam. Paris, daa er ebenso oft zu besuchen 
pflegte, macht ihm nun den nämlichen Eindruck. Die Erinnerung 
kehrt iedoch aUmählieh wieder, und er bringt es endlich so weit, 
ohne Mühe seinen Weg durch das Gewirre von Strassen zu 
finden. Man verlange von ihm eine Beschreibung des Haupt- 
platzes von A . , ., seiner Arcaden, seines Denkmals: „loh 
weiss wohl, dass das alles existirt," sagt er, „aber ich kann 
mir nichts davon vorstellen und wösste Ihnen nichts darüber 
zu sagen." Er hat früher die Rhede von A . . . zu wieder- 
holten Malen gezeichnet; heute versucht er es erfolglos, deren 
hauptsächliche Umrisse wiederzugeben; sie sind ihm ganz und 
gar entfallen! 



A 



N 

ad 
I nai 

1 eel 



— 149 — 

Aufgefonlert ein Minaret zu zeîcbnen, bedenkt er sich zu- 
erst, und nachdem er versichert, er wiase, dass das ein hoher 
viereckiger Tlmrm sei, zieht er auf dem Papier vier Linien, 
zwei längere, gleich grosse, verticale und zwei horizontale. 
Die obere Horizontale verbindet die beiden oberen Enden der 
vertiealen Linien, und die untere ist nach beiden Seiten hin 
abfallend und verlängert, um den Boden darzustellen. Es ist 
eine sehr kümmerliche Zeichnung. „Wenn Sie verlangen, dass 
ich ein Gewölbe zeichne, so werde icli's fertig bringen," sagt 
denn ich erinnere mich sehr wobl, dass ein Rundbogen 
ein Halbkreis ist,- und dass ein Spitzbogen durch zwei Bogen- 
Btücke gebildet wird, die sieh im spitzen Winkel treffen. Aber 
wenn ich diese Dinge in Wirklichkeit sehe, weiss ich nicht, 
was sie sind." 

Das Profil eines menschlichen Kopfes, welches Herr X. 
auf unsere Aufforderung zeichnet, könnte die Arbeit eines 
kleinen Kindes sein. Dabei gesteht er, sieh bei der Zeichnung 
nach den Formen der ihn umgebenden Personen gerichtet zu 
liaben. Ein unförmliches Gekritzel soll den Baum vorstellen, 
[en zu zeichnen er gebeten wurde: „Ich habe wirklich gar 
:eine Ahnung, wie man das macht," betheuert er. 

Es ist ihm ganz unmöglich, sich die Züge seiner Frau 
id seiner Kinder in die Erinnerung zu rufen. Er erkennt sie 
rach zuerst ebensowenig wie die Rhede und die Strassen 
'on  . . ., und selbst, wenn ihm dies bei ihrer Gegenwart 
gelungen ist, glaubt er, neue Züge und Eigen thümlichkeiten 
in ihren Physiognomien zu finden. 

Für seine eigene Gestalt hat er nicht mehr Erinnerung 
bewahrt. Kürzlich merkte er in einer öffentlichen Gallerie, 
dase er einer Person den Weg versperre, beeilte sich seine 
Entschuldigung anzubringen, und fand, dass es nur sein eigenes, 
von einem Spiegel reflectirtes Bild war. 

Während unserer Unterhaltungen bat sich Herr X. zu 
wiederholten Malen lebhaft über den Verlust des Farben- 

fedäcbtnisses beklagt der ihn mehr ala alles Andere zu be- 
üramern scheint. „Ich bin vollkommen Überzeugt, dass meine 
Frau schwarze Haare hat. Aber es ist mir ebenso uomöglich, 
diese Farbe in meiner Erinnerung heraufzubeschwören, wie 
mir ihre Gestalt und Gesichtzüge vorzustellen." 

Diese visuelle Amnesie erstreckt sich übrigens ebenso- 
wohl auf die Dinge aus seiner Kindheit, wie auf die aller- 
jtlngsten Wahrnehmungen. Herr X. hat keine Geaichtsvor- 
gteUnng mehr von seinem väterlichen Hau.se. Diese Erinnerung 
war ihm früher recht vertraut, und er pflegte sie oft hei 
zurufen. 



1 



150 — 



Die Untersuchung dea Aiig;es ist ganz erg 
Herr X. besitzt eine ziemlicli hohe Myopie von — 7 D. Hier 
theile ich Urnen übrigens das Resultat der Uutersucliung des 
Gesichtssinnes mit, welche Herr Parinaud im ophthalmo- 
logischea Cabinet der Klinik mit ganz besonderer Sorgfalt 
angestellt hat: Weder eine Erki-ankung der Augen, noch eine 
übjectiv wahrnehmbare Functionsstörung derselben, wenn man 
von einer leichten Abstumpfung des Farbeusinnes, welche alle _ 
Farben in gleicher Weise betrifft, absiebt. 

Fügen wir hinzu, dasB kein leibliches Symptom die 
Untergang des visuellen Erinnerungsvermögens bei unaereiBt 
Kranken vorhergegangen ist oder denselben begleitet hat. 

Herr X. muss gegenwärtig, wie so ziemlieh alle WeltJ 
sein Copirbuch öfüien, um sich in den Briefen daselbst diej 
Aufklärungen zu holen, die er braucht, und er muas wie Jedei 
mann darin blättern, ehe er den gesuchten Ort findet. 

Er erinnert sich nur noch an einige der ersten Verse a 
der Ilias, und die Leetüre v-on Homer, Virgil und Horaz 
ihm nur gleichsam mit Tappen und Tasten möglich. 

Die Ziffern, die er addirt, spricht er mit halblauter Stimma 
aus und fUhrt seine Rechenoperationen durch, indem er 
in mehrere kleinere Partialreehnungen zerlegt. 

Wenn er einer Unterhaltung gedenkt, wenn er eich einj 
vor ihm gehaltene Rede in räie Erinnerung rufen will, hat t 
jetzt die deutliche Empfindung, daes er das auditive Erinn^ 
rungavermögen befragen muss, was ihm nicht leicht wirdj 
Wenn er sich der Worte wieder erinnert 
glaubt er sie in den Ohren klingen zu hören, und die« 
ist für ihn eine ganz neue Empfindung. Es kostet ihn eine* 
grosse Hör an strengung, wenn er durch die Schrift zwei Zeilen 
wiedergeben soll, die wir ihn in einer Zeitung lesen lassen. 
Beim Lesen ftlhrt er mit seinen Lippen Bewegungen aus, 
die ihm wohl bewusst siud. Seitdem er das GedtlchtniM 
für die Geaichtsvoratel hingen verloren hat, muas er eben dif 
innere Sprache und die Articulationebewegungen doB 
Zunge und der Lippen zu Hilfe nelunen, um zu verstehen, 
was er liest, 

Herr X. hat übrigens den ganzen, neuen, Mechanisrnua 
seines Gedächtnisses selbst in treffender Weise zergliedert, 
und die verschiedenen Bemerkungen, die wir über ihn macheü 
haben sich ihm zum grössten Theil selbst aufgedrängt. 

Seit der grossen Veränderung, die mit ihm vorgegs 
ist, mu88 Herr X., um etwas, z. B. eine Reihe von Sätzen, 
auswendig zu lernen, dieselben meljrmals mit lauter Stimme 
lesen, um so sein Gehör zu boeinflusaen, und wenn er später 



iO B, I' 

uua 

ider^^^ 

itzen^^ll 

iuune 

päter 

4 



— 151 _ 

A&s Erlernte hersagt, hat er sehr deutlich die Empfindung 
des inneren Hörens, die dem Aassprechen der Worte vorher- 
geht, welche Empfindung er früher nicht gekannt hat. 

Herr X. spricht das Französische sehr richtig und geläufig. 
Er erklärt uns jedoch, daaa er nicht mehr im Französischen 
denken kann, und dass er nur spricht, indem er seine Gedanken 
aus dera Spanischen oder Deutschen in's Französische über- 
setzt. Diese beiden Sprachen waren die ersten, die er in 
Heiner Kindheit erlernt hat. 

Ein ganz interessantes Detail ist, dass Herr X. auch in seinen 
Träumen nicht mehr wie früher Gesiehtsbilder von Gegen- 
ständen hat. Nur die Gesichtsvorstellungen von Worten sind 
ihöi geblieben, und zwar gehören diese fast ausschliesalich der 
spanischen Sprache an. 

Ausser dem Verlust der Gesichts Vorstellungen der Gegen- 
stände zeigt unser Kranker ein gewisses Mass von Wort- 
blindheit. So lÄsst er, aufgefordert das deutsche und das 
griechische Alphabet niederzuschreiben, in letzterem z. B, 
mehrere Buchstaben aus: &, a, s, £, f, ^, %■ Wenn man ihm 
diese Buchstaben geschrieben vorlegt, erkennt er sie nur, 
nachdem er sie selbst nachgezeichnet hat, und seibat dann 
erst nach langem Schwanken, wenn er sie miteinander ver- 
gleicht. Man dictirt ihm nun griediische Worte, in denen die 
betreffenden Buchstaben enthalten sind. Wenn er sie versteht, 
schreibt er sie richtig und unbedenklich nieder, während er doch 
genöthigt ist, dieselben Worte zuerst selbst nachzuschreiben, 
falls eine andere Person sie niederschreibt und ihm zum Lesen 
vorlegt. Man ersieht daraus, daas er einer Nachhilfe der Hand 
bedai-f, um das Fehlen der Gesichtsvorslellungen der Worte, 
das er flir gewisse Sprachen in einem mÄssigen Grade zeigt, 
auszugleichen. 

Jedoch sind die dem Muskelainnangehärigen Vorstellungen, 
die durch die Bewegungen der Hand beim Schreihgeschäfte 
geliefert werden, hei ihm von keiner besonderen Stärke. 

Wenn man ihn die Augen schliessen Iftsst und dann seiner 
Hand die Bewegungen mittheilt, die sie z. B, beim Schreiben 
des Wortes „Wien" auszufahren hat, ist er nicht im Stande, 
das Wort zu erkennen, das er so passiv geschrieben hat, und 
uiusa, um es zu erkennen, es erst sehen und lesen, 

Die folgende, vom Kranken selbst auf mein Ersuchen ver- 
fasste Schilderung wird die Beobachtung, die uns jetzt beschäftigt, 
in mehreren Punkten vervollständigen helfen und wird die 
zeitweilige Veiwirmng und die bleibende Schädigung, welche 
der Kranke in Folge des Verlustes der Erinnerungsbilder des 
G^esicht^siunea erfahren hat, Ihnen noch klarer vor Augen fuhren . 



152 — 



„Ich beeile inicli, Ihren Brief zu beantworten und bitte 
Sie, meine unvollkommene Kenntnias der französischen Sprache 
gütigst zu entschuldigen, die es mir einigermassen schwer 
macht, Ihnen die erlangte Auskunft mit der nöthigen Kiarlieit 
zu geben." 

„Wie ich Ihnen bereits erzählt habe, beaass ich in hohem 
Grade die Fähigkeit, mir die Personen, die mieli interessirten, 
die Farben und Gegenstände aller Art, kurz alles, was auf das 
Auge wirkt, im Geiste vorzustellen." 

„Gestatten Sie mir die Bemerkung, dass ich von dieser 
Fähigkeit bei meinen Studien Gebrauch zu machen pflegte. 
Wenn ich etwas auswendig lernen wollte, brauchte ich es 
nur zu lesen, und wenn ich dann die Augen schloss, sah ich 
die Buchstaben in'a einzelnste ausgeführt deutlieh vor Augen; 
dasselbe galt für die Gesichtszüge von Personen, für die Städte 
und Länder, die ich auf meinen langen Reisen beaucht hatte, 
und wie ich schon oben gesagt habe, für alles, was meine 
Augen wahrgenommen hatten." 

„Dieses innere Sehen ist mir mit einem Schlage ganz 
verloren gegangen. Noch heute kann ich mir mit dem besten 
Willen nicht die Züge meiner Frau, meiner Kinder oder das 
Bild irgend eines Gegenstandes, dessen ich mich täglich be- 
diene, im Gerate vorstellen. Sie werden nun leicht verstehen, 
wie dieser völlige Verlust des inneren Sehens alle meine Ein- 
drücke von Grund aus umgestalten musste." 

„Da ich mir gar nichts Sichtbares voretellen kann und 
das abstracte Gedächtniss vollkommen bewahrt habe, empfinde 
ich täglich neue Verwunderung, wenn ich Dinge erblicke, 
die mir seit langer Zeit vertraut sein sollten. Da meine Em- 
pfindungen oder vielmehr meine SinneaeindrUcke von einer 
unendlichen Fremdartigkeit sind, scheint es mir, als ob eine 
gänzliche Umwandlung mit meiner Person vorgegangen sei, 
und natürlich hat sich auch mein Charakter in merklicher 
Weise verändert. Ich war früher leicht beweglich, enthusia- 
stisch und besass eine üppige Phantasie, heute bin ich ruhig, 
kühl, und meine Phantasie kann mich nicht mehr irre leiten." 

„Da mir der Sinn der inneren Vorstellung abhanden ge- 
kommen ist, haben sich auch meine Träume entsprechend ver- 
ändert. Ich träume nur mehr von Reden, während ich früher 
in Bildern des Geaichtsainnea träumte." 

„Gestatten Sie mir, Ihnen eine noch schlagendere Erläute- 
rung meines Zustandes in einem Beispiel zu geben. Wenn Sie 
„^v. ™:_ „^_T«« ^ j^gg ;j,|, j„[,. ,]jg fliürme von Notre'^""" 



einen grasenden Hammel und 
ofi'ener See vorstellen soll. 



. Schiff in Bedrängniss auf 
ich Ihnen antworten, daas, 



A 



153 



däcl; 

in, 



diese drei verschiedeneE Dinge sehr gut zu uDter- 
ficheiden weiss und auch weiss, um was es sieh dabei handelt, 
dieselben doch für mich mit Bezug auf das innere Sehen gar 
keinen Sinn haben " 

Eine merkwürdige Folge des Verlustes dieser geistigen 
.higkeit ist, wie ich schon erwähnt habe, die Veränderung- 
lines Charakters und meiner G efUhle. Ich bin jetzt für einen 
[nmmer oder einen moralischen Sehmerz viel weniger em- 
ptänglicb. Ich will Ihnen als Beispiel anführen, dass ich unlängst 
über den Tod eines meiner Verwandten, mit dem mich eine 
aufrichtige Freundschaft verband, weit weniger betrübt war, 
als ich gewesen wäre, hätte ich mir noch im inneren Sehen 
die Züge dieses Verwandten und die Stadien der Krankheit, 
die er durchgemacht hat, vorstellen kOnnen, uud vor Allem, 
wenn iet noch im Geiste die Aeusserungen des Schmerzes 
sehen könnte, welche dieser vorzeitige Tod bei den Mitgliedern 
meiner Familie hervoiTufen rauss," 

„Ich weiss nicht, ob ich gut beschreibe, was ich empfinde; 
aber ich kann Ihnen versichern, dass das innere Sehen," was 
mir jetzt abgeht, bei mir in einer ungewöhnlichen Weise ent- 
wickelt war. Dieselbe Fähigkeit besitzen noch jetzt mein Bruder, 
der Professor an der juridischen Facultät in X., mein Vater, 
ein der wissenschaftlichen Welt wohlbekannter Orientalist, und 
eine meiner Schwestern, deren Talent als Malerin ziemlich 
geschätzt wird." 

„Zum Schlüsse bitte ich Sie, davon Kenntnias zu nehmen, 
ich jetzt genöthigt bin, mir die Dinge, die ich im Ge- 
dächtnisa behalten will, laut vorzusagen, während ich sie früher 
;r durch das Gesicht für die Erinnerung abzubilden brauchte." 
-Paris, am 11. Juli 1883" 

An den Fall des Hen-n X. könnte ich einen anderen an- 
. len, in dem es sich um einen 5Gjährigen Maler handelt, 
ir vor einigen Monaten zu seinem grossen Kummer bemerkte, 
Fähigkeit verloren habe, sich die Dinge im Geiste 
_ inlich vorzustellen. Auch hier war keine anderweitige 
krankhafte Erscheinung aufgetreten. Dieser Maler kann nur 
noch copiren, und auch bei dieser Arbeit ist er genöthigt, sich 
sein Modell beständig vor Augen zu halten und es auch nicht 
einen Augenblick aus dem Gesichte zu lassen. 

Die Beobachtung des Herrn X. bedarf keines weiteren 
Commeotars; ich will mich in Beaug auf diesen Fall mit einigej 
ganz kurzen Bemerkungen begnügen. 

Wie Sie gehört haben, beruhte das ausserordentliche Ge- 
dächtniss, dessen sich Herr X. noch vor 18 Monateu erfreute, 
hauptsächlich auf der bei ihm in hohem Grade entwickelten 





Fähigkeit, ilaa Gesehene im Geiste mit aller Treue zu i'epro- 
ductreD. Er gehörte also in dieser Hineicht zu jener Clasae 
vtm Individuen, die, wie Galton' ausführt, jedes der Worte, 
das sie aussprechen, gewisBermassen im Geiste ablesen, als ob 
sie es in Wirklichkeit gedruckt vor sich sehen würden, die 
daher, wenn es sich dämm handelt, einen Gedanken durcli 
Sjirachzeichen aiiBzudrUcken, das visuelle Wortbilii und nicht 
(las Klangbild in sich erwecken, und bei denen die Gesichts- 
vtirstellung der Objecte eine solche sinnliche Lebhaftigkeit 
erlangt, dass sie manchmal im Stande sind, das in ihrem Geist 
vorhandene Bild gewissermassen auf's Papier zu projiciren 
und es daselbst durch die Zeichnung zu fisiren. Eine solche! 
Hübe der Entwickelung dieser Fähigkeit scheint nach GaltonJ 
als Familien anläge vor/.ukommen, und in der That findet sie fl 
sieh auch beim Vater, Bruder und bei der Schwester unseres ' 
Kranken in hohem Grade. 

Es ist sehr merkwürdig, daas der so vollständige Verlust 
des inneren Sehens, der ea Herrn X. unmöglich macht, sich 
Gegenstände und Gesichter «innlieh vorzustellen — so daas 1 
ihm Dinge und Physiognomien, die er oft und oft gesehen hafM 
immer wie neu erscheinen, dass er nicht mehr aus der Erinne' 
rung zeichnen kann u. dgl. — das Vermögen, sich durch Aiét 
Sprache auszudrücken, bei ilim so wenig geschädigt hat. Di« 
optischen Erinnerungsbilder der Spraehzeiehen fehlen ihm jäl 
im Ganzen geoonimeu ebenso wie die der Gegenstände, Laaa4 
Schäften, menschlichen Geaiüliter u. a. w. Wir müssen abef^ 
dabei bedenken, daas Herr X. von dem Moment an, da i 
den Verlust des visuellen Erinnerungsvermögens erfcannts^ 
gleichsam instinctiv dazu getrieben wurde, sein bis dahin, wie 
es scheint, sehr vernachlässigtes auditives Gedächtniss au 

fiflegen. Wenn er früher eine Reihe von Sätzen auswendig 
ernen wollte, genügte es ihm, sie ein oder zwei Mal über-, 
schaut zu haben; gegenwärtig ist er, um dasselbe zu erreichei^ 
genötbigt, die Sätze mehrmals mit lauter Stimme 
und wenn er daran geht, das Erlernte herzusagen, hat e 
deutlich die ihm ganz neue Empfiaduug des inneren Hörens 
welches der Wortbildung vorausgeht Das will also beeageitj 
dass er seit dem Verinst der visuellen Erinnerungsbilder f" 
die Sprachzeichen gelernt hat, die Klangbilder in sich 
wecken, oder in anderen Worten, dasa das Klangbild 
Wortes ihm jetzt das GeBichtsbild desselben ersetzt. WiH 
haben darin ein neues Beispiel jener „Stellvertretung" vorf 
uns, die in der Lehre von der Aphasie, wie sie heute auf-4 

1 Loo. oit pag. B6, 2i>. 



— 155 — 

fii'ii, eine so grosse Rolle spielt, und die ich in meinen 
Vorlesungen über Aphasie so nachdrücklich betont habe.' 

Um Ihnen einen kurzen Auszug aus den damals vui'- 
gebraehten Erörterungen zu geben, will ich blus wiederholen, 
dass die klinische Zergliederung geeigneter Fälle zur Ansicht 
führt, dasajeDes als amoestiache Aphasie bezeichnete Sym- 
jjtombild, ganz im Gegensatz zur ziennlich allgemein herrschenden 
Anschauung, keine Einheit darstellt. Das Wort ist in Wirk- 
lichkeit ein complexes Gebilde, in dem man wenigstens bei 
gebildeten Individuen vier hauptsäehliche Elemente unter- 
scheiden kann, nämlich: das auditive Erinnerungsbild, das 
visuelle Erinnerungsbild, und zwei motorische Elemente, das 
heisBt solche, die vom Muskelsinne herstammen, nümlich: das 
Bewegungsbild der Articulation und das Bewegungsbild der 
Öchrift. Das erste ist durch die Einübung der zur Wort- 
bildung nöthigen Zungen- und Lippeobewegungen, das andere 
durch die Einübung der zum Schreiben erforderlichen Hand- 
imd Fingerbewegungen erworben worden. Es ist hier anderer- 
seits die Bemerkung am Platze, dass die amnestische Aphasie 
auditiver oder vism^Uer Natur gewisser massen die ersten 
Andeutungen jener Affectionen darstellt, welche, wenn sie 
aufs höchste ausgebildet sind, den Namen Worttaubheit und 
Wortblindheit tragen. So z. B. wird man, wenn die Vor- 
stelhmg des Wortes erhalten ist, aber dabei die Unfähigkeit 
besteht, das Klangbild oder Gesichtabild zu wecken, welches 
der Vorstellung entsprechen sollte, von auditiver amue- 
stiBcher Aphasie in dem einen, und von visueller amne- 
stischer Aphasie in dem anderen Falle sprechen. Wenn 
aber die Worte, die man geschrieben sieht, oder die an das 
Ohr sehlagen, nicht mehr verstanden werden, spricht man 
von Wortblindheit, respective Worttaubheit. Man könnte nach 
«lemselben Prineip von eiuer musculären amnestischen 
Aphasie reden, die übrigens je nach den Verhältnissen des 
Falles mehr oder weniger ausgeprägt sein kann, wenn die 
Bewegungsbilder, sei es der Articulation oder der Schrift, ent- 
fallen sind. Man darf endlich nicht darauf vergessen, dass in 
ßezug auf den Mechanismus der Worterinnerung ziemlich ein- 
greifende individuelle Verschiedenheiten zu bestehen scheinen. 
Die Einen, vielleicht die überwiegende Mehrzahl, nehmen, wenn 
es sich darum handelt, einen Gedanken durch das ent- 
isprechcnde Zeichen auszudrücken, ausschliesslich das Klang- 
bild in Anspruch, Andere das Gesichtsbîld, und AndiTe wieder 
bedienen sich dabei direct eines der beiden Bewegungsbihler. 



Elften Torlesuiig, 




^ 



— 156 — 

Diese drei grossen Typen BcKlieHsen natürlich das Vorkommen 
von Misch- und Uebergangsformen nicht aus. 

Wenn man der Bequemlichkeit halber aie Reprä s entante D 
dieser grossen Typen kurzweg als visuelle, auditive und 
motorische Sprecher bezeichnen wollte, wäre unser Kranker 
HerrX. ein Visueller in besterForm. Man aolite darnach vermathen, 
dasB die Unterdrückung; oder wenigstens Abschwächung des 
inneren Sehens der Sprachzeiehen bei ihm nothwendig zu 
schweren Störungen des sprachlichen ßedankenauadruckes hätte 
fuhren müssen. Aber hier kommt das Phänomen der Stell- 
vertretung in Betracht, von dem oben die Rede war. Dank 
dem Fortbestehen des auditiven und motorischen Elementes 
in der Wortvorstellung, ist es bei Herrn S, zu einer so voll- 
kommenen Ausgleichung gekommen, dass sich der Defect 
thatsächlich nur durch feine, kaum merkliehe Nuancen verräth, 
und dasa die Sprachfunction sich im Ganzen und Grossen 
fast wie unter normalen Verhältnissen vollzieht. Dagegen 
scheint das Fehlen des visuellen Elementes für das Gedanken- 
spiel eine schwere, kaum mehr auszugleichende Schädigung 
abzugeben. 

Auf jeden Fall darf man nicht mehr verkennen, dass die 
mögliehe, und in einer Anzahl von uns heute bekannten Fällen 
erfolgte, Aufhebung einer ganzen Gruppe von Erinnerungs- 
bildern, eines ganzen Erinnerungsvermögens, ohne dass die 
anderen Arten des Gedächtnisses dabei leiden, eine fundamen- 
tale Thatsache in der Pathologie und Physiologie des Gehirnes 
ist. Man muss mit Nothwendigkeit daraus folgern, dass diese 
verschiedenen Erinnerungsvermögen in ganz bestimmten Ge- 
genden des Gehirnes ihren Sitz haben, und in dieser That- 
sache einen neuen Beweis dafür erblicken, dass, wie aus 
anderen Erfahrungen hervorgeht, die Hemisphären des grossen 
Gehirns aus einer Anzahl von gesonderten Organen bestehen, 
deren jedes eine eigene Function besitzt, während es durch 
die innigsten Beziehungen mit den anderen verknüpft ist. Wir 
können sagen, dass dieser letzte Satz heute bereits allgemeine 
Anerkennung gefunden hat, und zwar nicht nur bei denen, 
welche die Verrichtungen des Gehirns im Laboratorium, au 
Thiereu untersuchen, sondern auch bei allen Forschern, welche 
mit Hilfe der anatomisch -klinisch en Methode diese Functionea. -j 
beim Menschen studiren. 




Yierzelinte Vorlesung. 



Versuch einer neuen Classification der Krankheitsbilder der 
progressiven M usitel atrophie. 

Recfatfertigang Aen Uiiternehmeua. — Uie frUliere Eintlieilung Cliarcot'«. — 
Sie Gnippe der protopntliischen spinalen Âmyotrophien, alsTjpna Diiclienoe- 
Aran EOBanimeDgefasst, enthielt eine Anxahl von Formen, welche nun auB- 
geachifden werden mügsen. — HHaGgkeit und Mannigfalligkeit der primären 
Myopathien. — Die Paialysia psendo-hypertrophicn. — Die juvenile Form der 
MöBkelatropIiie von Erb, — Die heredilUre Form von Loyden. — Die 
infantile Form vonDuohenoe. — Uebergangsformen, weluhe gestatten, die 
einzelnen Unterarten der primären Myopathie in enge BaEiehqng eh ein- 
ander KD bringen. — Neue Einihelliing der Amyotrophien. 1. npinale : a) amyo- 
trophUebe LsteraUklerose, i) Tjpoa Duchoniie-Ar an; 2. die primäre 
Myopathie mit ihren Unterarten. 

Meine Herren! Der Zufall, von dem ja die Znaammen- 
eetzung unseres klinisclieii Materials abhängt, hat gegenwärtig 
auf unserer Klinik eine Reihe von interessanten Fällen zu- 
sammen geführt, welche als Kc Präsentanten für die sehr ver- 
schiedenen Erscheinungsformen dienen können, unter denen 
die progresaive Muskelatrophie sich dem Beobachter zeigt. Ich 
habe die Absieht, diese günstige Gelegenheit zu benutzen, um 
diese Fälle zum AalasH einiger Bemerkungen über die Frage 
der Muskel atrophie, oder besser der Muskelatrophien, zu machen. 

Diese Frage ist seit einigeu Jahren unverkennbar in 
ein neues und bedeutungsvolles Stadium getreten. Die noao- 
graphiedie CiaBsification der progressiven Muskelatrophien 
bedarf heute einer kritisehen Ueberprüfung auf Grund neuer 
Beweismittel, und zum Theil sogar eines völlig neuen Auf- 
baues auf anderem Boden, Ich werde Ihnen heute wenig mehr 
als einen ersten Versuch, eine Skizze dieses beabsichtigten 
Neubaues geben können, iind behalte mir vor, Ihnen bei einer 
hoffentlich nahen Gelegenheit einen ausführlich er en und in 
seinen Einzelheiten besser voUendeiten Plan vorzulegen- 

Die VerhSltnisse sind auf dem Gebiete der progressiven 
Amyoti'ophie verwickelter, als wir uns anfangs vorgestellt 




— 15ft — 

hatten. Werfen wir einen kurzen Rückblick auf meine eigefit 
Lehren vor 10 Jabren. Di« durchaiia klinische Bezeiclinung: 
progreBsive Muakelatrophie, aagte ich damals, bezieht sich 
auf verschiedene, nur durch änsserliche, oberflächliche Merk- 
male vereinigte AfFectionen, denen allen Eines gemeinsam ist, 
nämlich die apinale Ursache, mit anderen Worten, die Ab- 
hängigkeit von einer Erkrankung des KUckenmarkes und iiii 
Besonderen der Vorderhörner der grauen Substanz. Doch sei 
guter Grund vorhanden, fiif^te ich hinzu, in dieser Gruppe 
wenigstens zwei Haiiptunterabtheüung'en anzunehmen, nämlich ; 

1. Die deuteropatliischen spinalen Amyotrophieo, bei denen 
die Erkrankung der grauen Substanz das Secundäre ist, und 

2. die protopathischen spinalen Amyotrophien, in denen 
die Erkrankung der granen Substanz das Einzige ist, oder 
wenigstens das primäre, fundamentale Verhältniss darstellt. 

In der ersten Grup|)e, der deuteropathischen Amyo- 
trophie, haben wir die tblgende Unterscheidung aufgestellt. 
Zunächst komnien die Fälle, in denen die Erkrankung der 
grauen Substanz eine sozusagen zuMlige, nebenher gehende 
ist. Dahin gehören die Atrophie bei diffusen Myelitiden, bei 
der Sklerose in zerstreuten Herden, bei Neubildungen deß 
Rückenmarks, bei der Tabes u. dgl. Für unsere Zwecke 
können wir diese Classe von spinalen Amyotrophien, die man 
im Allgemeinen mit Leichtigkeit auf die entsprechenden Krank- 
heiten zurückfuhren kann, bei Seite lassen. An zweiter Stelle 
stehen jene Fälle, in denen eine Erkrankung der weissen 
Stränge das Primäre ist, woran sich aber jedesmal mit Noth- 
wendigkeit die Erkrankung der grauen Substanz echliesst. Es 
sind hier die Pyraruidenstränge, die als die ersten erkranken, 
später kommt dann die Reihe an die Vorderhörner, deren 
Mitleidenschaft nothwendigerweise erfordert wird. Wenn die 
Krankheit zu ihrer vollen Entwickelung gelangt ist, haben wir 
die gewöhnliche Erscheinung der Muskelatrophie vor uns, zu 
der noch das spastische Element hiuzukomnit, was zu ihrer 
Charakteristik genügt. Diese Gruppe ist nosologisch abge- 
schlossen; es giebt nichts hinzuzuthun und nichts wegzu- 
nehmen. 

Was die andere grosse Gruppe der spinalen Amyotrophien 
betrifft, so habe ich für sie die klinische Bezeichnung „Pro- 
gressive Muskelatrophie vom Typus Duchenne-Aran" vor- 
gesehlagen. Die Erkrankung der grauen motorischen Kerne 
im Rückenmark oder in der Oblongata ist hier der einzige oder 
wenigstens der primäre Process. Wenn die weissen Rücken- 
markstränge mit leiden, so geschieht dies doch nur in neben- 
sächlicher und mehr zufälliger Weise. Vom anatomischen 



A 



■Standpunkt wUrde diese Gruppe den Namen „protopathische 
jpiQale Aniyotrophie" oder vielleicht noch besser „chronische 
Poliomyelitis anterior" verdienen. 

Man miiss nun zugeben, dass die Zusammensetzung dieser 
Gruppe eine weniger gleichartige ist als die der ersten. Sie 
ist es auch, welche heute in Frage steht, welche man von 
Grund aus zu erschüttern versucht, und gegen welche eigentlich 
die Angriffe der Kritik, die oft das Richtige treffen, abzielen. 
LjEs gilt in der That, in dieser Gruppe Umgestaltungen vor- 
I jninehmen und berechtigte Ausaeheidungen zu machen. 

Nicht etwa, dass die nach dieser Richtung unternommenen 
Versache die Existenz des nosngraphischen Typus von 
Duchenne-Aran selbat in Abrede stellen wollen. Es ist viel- 
mehr gewiss, dasa eine Art von progressiver Muskelatrophie, 
|ndie anatomisch durch die isolirte Erkrankung der Vorder- 
Lliürner der grauen Substanz im Rückenmark und klinisch 
Uurch die Amyoti-ophie charakterisirt ist, wirkhch vorkommt. 
^%a l&Bst sich nicht bezweifeln, dasa man Fälle finden kann, 
in denen die Erkrankung nach dem '20. Jahre beginnt, zuerst 
die oberen Extremitäten, dieHftude und specieller den IJaumen- 
nnd den Kleinfingerballen ergreift und von dort aus sich gegen 
i .den Eumpftheil der Extremität ausbreitet. Diese Fälle sind 
durch fibrillare Zuckungen ausgezeichnet, und einige 
1er atrophirten Muskeln zeigen Entartnagareaction. Von der 
myotrop h lachen Lateral sklerose unterscheiden sie sich klinisch 
K'durch den Umstand, dasa die Mitleidenschaft der Oblongata, 
lobwohl niöglicij, doch viel seltener ist als bei letzterer Er- 
-krankung, und hauptaächlicli durch das volhtändige Felden des 
Spastischen Elementes und späterhin der Contractur. Dieae 
Gruppe von Amyotrophien war früher eine sehr grosse; die 
Zahl der Fälle, die sie enthält, schrumpft aber immer mehr 
zusaaimen, seitdem man unti'r riem Einfiuas neuer und ein- 
gehenderer Untersuchungen eine gewisse Anzahl von gut 
cliarakteriairleu Formen, wie ich ea für die amyotrophische 
Lateralsklerose gethau habe, von ihr abtrennt. Ihr vor noch 
■ kurzer Zeit so ausgedehntes Gebiet verengt sich also immer 
■ in dem Masse, als man die i'remdartigen Bestandtheile, 
pie sie unrechtmässig in sich aufgenommen hatte, aus ihr 
tusacheidet. Es liandclt sich uns nun gerade darum, zu wissen, 
i mit jenen Fällen geschehen ist oder geschehen soll, 
Reiche durch die neueren Untersuchungen tagtäglich vom Typus 
Paclieiine-Aran losgelöst werden. Welche neue Art sollen 
i ima repräsentiren ; in welcher noaographischen Gruppirung 
Werden wir sie vorfinden, oder in welche Gruppen künnen 
wir sie bringen? 



^ 



— 160 — 

Meine Herren! Neben der Amyotrophie aus spinaler Ur- 
Bache bestellt eine grosse iind täglich anwachsende Classe, 
bei der die progressive, mehr oder minder allgemeine Muskel- 
erhranknng sieh als unabhängig von jeder Ertraokung der 
Nervencentren oder der peripheren Nerven erweist, bei denen 
es sich also um eine protopathische Erkrankung der Muskeln, 
eine primäre Myopathie handelt. Als Beispiel dieser Art von 
Erkrankung kann man diePai-alysia pseudo-hypertropbica.. 
oder paralysie myoselérique von Duchenne de Boalogncu 
anfuhren. Eulenburg und Cohnheim haben im Jahre lB66fl 
icb selbst 1871, flir diese Krankheit nachgewiesen, dass dia-' 
MuskelerkrankuDg ganz «nabhäng^ig von jeder Läsion des 
Rackenmarkes und der Nerven ist. Und ich darf bei dieser 
Gelegenheit daran erinnern, wie lebhaft ich zu jener Zeit 
gegen die damals herrschende Sucht aufgetreten bin, alle 
progressiven Muskelaffectionen an Erkrankungen des Nerven- 
systems zu knüpfen. Es giebt auch primäre Myopathien, sagte 
i(h damals, und alle späteren Beobachtungen haben mir Recht 
gegeben. Es scheint ausserdem aus den letzteren hervorza- 
grhen, dass die primären Myopathien weit zahlreicher und 
mannigfacher in ihrem klinischen Auftreten sind, als man zu 
Anfang gemuthmasst hatte. 

Die erwähnte Form der Myopathie aber, die Paralysis 
psetido-hj-^jertrophica, entfernt sich, so wie sie aus den Händen 
von Duchenne (de Boulugne), dieses grossen Künstlers 
der neui"o-patho logisch en Beschreibung, hervorgegangen i 
durch ihre klinischen Merkmale ia solchem Masse von di 
spinalen progressiven Myopathien, dass man t-ie selten 
der Klinik aneinander gereiht hat. So ist z. B, die Paralyaii 
pseudo-hypertrophica eine Krankheit des Kindesalters. Nftch 
■20 Jahren tritt sie nicht mehr auf. Man merkt hierbei zuerst, 
dasB das Kind beim Gehen ungeschickt wird, dass es leîchi 
als andere Kinder des gleichen Allerg ermüdet. Nach der Bi 
Schreibung von Duchenne sind es nur die unteren Eztrei 
täten, die zuerst ergriffen werden. Später können die ober 
Extremitäten an die Reihe kommen, aber die Hände bleiben 
gewöbnlich verschont, sei die Erkrankung noch so hochgradig. 
Endlich zeigen die erkrankten Muskeln, oder wenigstens ein 
guter Theil von ihnen, eine Volumszunahme, eine ungeheure 
Massenentwickelung, so dass eine Exti'emität oder ein Abschnitt 
derselben herculische Formen gewinnt. Anatomisch ist diese 
Hypertrophie durch Veränderungen des interstitiellen Gewebes 
ausgezeiclinet, welche man bei den spinalen Amyotrophit 
niemals in solchem Grade findet. Ferner ist als eine di 
Duchenne-Aran'schen Krankheit fremde EigenthtimÜohl 



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— 161 — 

fuhren, dass bei der Eolwickelung der Paeudoliypei'- 
tropliie der Muäkeln die Erblichkeit eine grosse Rolle spielt. 
Man findet oft io der nämliclien Familie mehrere Kinder 
gleichzeitig von ihr befallen, während auch die Eitern und 
Seitenverwandten an derselben Affection leiden können. 

leb zeige Ihnen hier den ISjiLhrigen Gai Die Krank- 
heit, an der er leidet, und die bei ihm die klinischen Zeichen 
der Paralysie myosclérosique von Duchenne bietet, hat 
\rähreod seiner Kindheit begonnen. Betrachten Sie die kolos- 
sale Stärke, die athletische Entwickelnng seiner Wadenmuskeln. 
Sie zeigen im Ruhestand eine beträchtliche Vermehrung ihrer 
Consiatenz, und wenn sie sich contrahirt haben, sind sie hart 
wie Stein anzuflihlen. Die Tricepsmuskeln der Oberschenkel 
sind dick, während ihrer Contraction knollig verapringend. 
Wenn Sie aber den Widerstand, den diese Organe leisten 
können, prüfen, finden Sie trotz deren hereuliaehen Formen 
keine entsprechende Kraft. Es besteht vielmehr eine wirkliche 
fanctionelle Schwäche, nicht eine paralytische Schwäche, das 
"leiflst nicht nervösen Ursprungs, sondern eine Kraftverminde- 
ing, welche wahrscheinlich dem Gr.ide von Veränderung des 
[uskelgewebes mehr oder weniger genau proportional ist. Neben 
'ieser Hypertrophie wird Ihnen bei unserem Kranken eine 
deutliehe Abnahme der Masse und besonders der Kraft an 
den oberen Extremitäten, specieller an den Muskeln der Ober- 
_arme auffallen. Dies ist auch der einzige Berührungspunkt, 
in die myosklerotiache Paralyse mit der progressiven Amyo- 
phie aus spinaler Ursache zeigt, und wegen dessen man, 
wohl sie deutlich von einander geschieden sind, in Gefahr 

men könnte, sie zu verwechseln. 

Es giebt noch eine andere Art von Muskelatrophie ohne 
nervöse Erkrankung, welche im Kindes- oder Jlinghngsalter 
auftritt. Sie ist kürzlich von Prof. Erb (in Heidelberg) unter 
dem Namen „juvenile Form der progressiven Muskel atrophie" 
beschrieben worden und wird von ihm mit Recht als etwas 
von den bisher beschriebenen spinalen Formen ganz Ver- 
schiedenes betrachtet.' Vielleicht, dass die in Rede stehende 
Form nicht ganz neu ist; aber die Beschreibung bringt jeden- 
falls neue Thatsachen oder wenigstens solche, die vorher nicht 
nach ihrem vollen Werth gewürdigt worden waren. Wie Erb 
übrigens selbst hervorhebt, zeigt diese Krankheit wichtige 
Uebereinstiramungen mit der Paralyais pseudo-hypertrophica. 
Sie tritt gewöhnlich um das 20. Lebensjahr, seltener in der 




— 162 — 

Kindheit auf. Sie kann mitunter, trotz ihree gewölmliel 
greasiven Verlaufs, zeitweilige Stillstände machen, die vielleicht 
auf Reehnuiig der Therapie zu setzen sind; kurz sie läest die 
Krauten am Leben und hindert sie nicht, Kinder zw zeugen, 
welche in der Regel wie sie an Amyotrophien leiden. Zuerst 
befallen werden bei ihr die oberen Extremitäten, besonders 
die Oberarme und die Muskeln des Schwltergürtela, niemals 
zuerst die Kleinânger- und Daumenballen. Später kann die 
Reihe zu erkranken an die unteren Extremitäten kommen, 
wobei die Waden,- wie bei Paralysia pseudo-hypertropliica, 
gewöhnlich von der Atrophie verschont bleiben. Dabei aclieint 
in der That die Atrophie das charakteristische Verhältnias zu 
sein; Hypertrophie ist selten, obwohl sie von Erb einige Male 
in den Deltamuskeln, dem M. triceps des Oberschenkels und in 
der Wade constatirt werden konnte. Diese Voliimsabnahme der 
Muskeln könnte dazu verleiten, die Erb'sche Form mît der 
Duchennc-Aran'schcn Krankheit zu verwechseln; und in 
der That, wenn man die Fälle durchsieht, die Duchenne in 
seinem „Traité de l'éleetrisation localisée" zusammengestellt hat, 
findet man eine gewisse Zahl darunter, welche nach Erb'a 
eigener Bemerkung ganz gut zur juvenilen Form gezählt werden 
können. Aber diese letztere unterscheidet sieb doch von der 
progressiven Muskel atrophie aus spinaler Ursache durch eine 
ganze Reihe von Charakteren. AU solche sind unter anderen 
anzuführen: die Art des ersten Auftretens, das bei der ju- 
venilen Form niemals die Hände (Kleinfinger- und Daumen- 
ballen) betrifft; das Fehlen der flbrillären Zuckungen in den 
atrophirten Muskeln, die Ergebnisse der elektrischen Unter- 
suchung, welche niemals flir En tartungs réaction sprechen; das 
Alter, das von der Krankheit befallen wird, immer unter 
20 Jahren; und endlich vom anatomischen Standpunkt aus 
die völlige Abwesenheit einer jeden Läsion des Rücken- 
markes. 

Die von Erb beschriebene juvenile Form sondert sich 
also scharf von den Amyotrophien aus spinaler Ursache. Aber 
läBst sie sich ebensogut von der Paralysia pseudo-hypertro- 
phica trennen? Ich glaube es nicht und trete hiermit der An- 
sicht bei, welche Erb, obwohl nicht ohne Rückhalt, in jenem 
Aufsatz ausgesprochen hat, der, wie ich glaube, überhaupt ein 
helles Lieht auf die uns vorliegende Frage wirft. Anscheinende 
Hypertrophie im einen, Atrophie im anderen Falle; das ist 
der ganze Unterschied zwischen beiden Formen. Und ich 
meine, man darf nicht verkennen, dass dieser Unterschied 
kein massgebender ist. Wenn wir genauer zusehen, entdecken 
wir, dass die Hypertrophie keinen wesentlichen Charakterzug 



A 



— 163 — 

der als Paralysis pseudo-hypertrophica bezeichneten Affection 
darstellt. Ich bin in der Lage, Ihnen einen Fall vorzufuhren, 
der gewissermassen eine Vermittlung zwischen der juvenilen 
Form mit Amyotrophie einerseits, und der Paralysis pseudo- 
hypertrophica andererseits bildet. 

Bei dem jugendlichen Kranken Lang . . . ., den ich 
Ihnen hier zeige, ist die Functionsherabsetzung das in die 
Augen fallende Verhältniss; was die Veränderung der Muskel- 
masse im höheren oder geringeren Grade betrifft, so fehlt 
sie hier gänzlich, wie mir mein Assistent Herr Marie, dem 
diese Eigenthümlichkeit aufgefallen war, gezeigt hat. Dieser 
Fall stellt also gleichsam, wenn wir von der Functions- 
störung der Muskeln ausgehen, die juvenile Form Erb 's 
weniger der Atrophie und die Paralysis pseudo-hypertrophica 
weniger der Hypertrophie dar. Es scheint mir nichts gegen 
die Annahme zu sprechen, dass die Veränderung des Muskel- 
gewebes, welche die nächste Ursache der Muskelschwäche ist, 
auftreten kann, ohne von einer Veränderung des Muskel- 
volumens begleitet zu sein. Bei Lang . . . ., der gegenwärtig 
11 Jahre alt ist, haben sich die ersten Zeichen der Krankheit 
in der Kindheit geäussert. Der kleine Patient zeigt heute die 
Lordose und den für Pseudohypertrophie charakteristischen 
Gang. Wenn man ihn sich in Rückenlage auf dem Boden aus- 
strecken heisst, kann er sich nicht anders erheben, als indem 
er seine Hände auf seine Knie auflegt und dann entlang seiner 
Oberschenkel emporklimmt, bis er in die aufrechte Stellung 
gekommen ist, ganz wie die Kranken dieser Art zu thun pflegen. 

Betrachten Sie nun seine Muskelmassen, Sie finden nirgends 
Atrophie oder Hypertrophie. Ich will nicht behaupten, dass 
dieses Kind sehr gut entwickelte Muskeln habe, aber es liegt 
doch keine augenfällige Veränderung der Massenentwickelung 
der Muskeln vor. Das einzige bei ihm ausgeprägte klinische 
Verhältniss ist also die Kraftverminderung der, was die Masse 
betrifft, anscheinend normalen Musculatur. 

Wo sollen wir diesen Fall unterbringen? In der juvenilen 
Form von Erb oder in der Paralysis pseudo-hypertrophica 
von Duchenne? Ich glaube, meine Herren, er passt weder 
recht in die eine noch in die andere Kategorie. Es scheint sich, 
kurz gesagt, hier nicht um verschiedene Krankheitsspecies, 
sondern blos um Varietäten zu handeln, welche verschiedene 
Arten der Ausbildung einer und derselben Affection, nämlich 
der progressiven, primären Myopathie, darstellen. 

Damit hätten wir schon eine gewisse Anzahl von Fällen, 
welche man, wie Sie sehen, aus dem Typus Duchenne- Aran 
ausscheiden kann. Aber wir sind nicht zu Ende; ich will Ihnen 

11* 



noch 1 



,ûdere Foi 



i von MuskelatropLie zeigen, welch« 



früher in den zu weiten Rahmen der Duchenne-Äran'schen 

Krankheit mit einbezogen waren, und welche wir jetzt von 
derselben sondern können, um aie dorthin zu stellen, wo 
eigentlich ihr Platz ist, nämlich unter die primären Myopathien. 

Betrachten Sie hier dieses 24jährige Mädchen, Dali . . . ., 
welches von Amyotrophie der unteren Extremitäten oder ge- 
nauer der UnterschenKel befallen ist. Dieae Atrophie ist sehr 
hochgradig; die Kranke kann kaum ohne Stütze einhergehen, 
und wenn man ihren Gang mit Aufmerksamkeit beobachtet, 
ündet man, dass er ganz eigenthümlieh ist. In Folge der 
Schwäche der Unterschenkelmuskeln fällt nämlich die Fuss- 
Hpitze herab, wenn die Kranke beim Gehen ihr Bein erhebt, 
um einen Schritt nach vorwärts zu thun. Wenn sie also nicht 
die Fussspitze am Boden schleifen lassen will, muss sie im 
Knie über das gewöhnliche Mass beugen und ahmt so den 
Gang der Pferde nach, wenn sie im Trab gehen. Ganz daa- 
selbe geschieht in allen Fällen, wenn die Muskeln, welche die 
Dorsalflexion des Fusses besorgen, gelähmt sind, z. B, bei der 
alkoholischen Paralyse, wie ich Ihnen jüngst zu zeigen Ge- 
legenheit hatte. Die Krankheit ist in unserem Falle im Alter 
von 14 Jahren, und zwar zuerst an den unteren Extremitäten 
aufgetreten, die oberen wurden später im Alter von 20 Jahren 
ergriffen. Heute kann man ausser einer leichten Kraftabnahme 
an den oberen Extremitäten noch einen massigen Grad von 
Atrophie an den Händen constatiren; dieselben erscheinen in 
Folge der Maseenabuahme der Kleinfinger- imd Daumenballen 
an den" Palraarflächen abgeflacht. 

Ich möchte diesen Fall, obwohl hier nichts von einem 
Einflüsse der Heredität zu erkennen ist, und die Kranke weder 
Brüder noch Schwestern hat, die an derselben Affection leiden, 
auf die von Prof. Leydeu als hereditäre Form der progres- 
siven Muskelatrophie beschriebene Krankheit beziehen, zu 
deren Charakteren der Beginn in den unteren Extremitäten 
gehören soll. Es scheint mir überdies, dass diese Form nicht 
wesentlich von der juvenilen Form Erb's abweicht, und dass 
sie wahrscheinlich wie letztere unter den primären progressiven 
Myopathien ohne Spiiial er krankung ihren Platz finden wird. 

Das wären nun schon drei klinische Formen, nämlich die 
Paralyais pseudo-hypertrophica, die juvenile Form von Erb 
und die hereditäre von Leyden, welche, obwohl in einigen 
Merkmalen von einander abweichend, doch im Grunde ge- 
nommen identisch sein könnten. 

Gehen wir nun zu einer anderen Form über, welche 
Duchenne {de Boulogne) als Repräsentantin einer Varietät 



J 



— Ifi5 ~ 

der progressiven Muskelatrophie beacli rieben, und der er den 
Namen „infantile Form der progressiven Muskelatrophie" ge- 
geben bat, Sie scheint selten zu aein, denn sie findet sich in 
den classischen Abhandlungen nicht erwähnt. Duchenne sagt 
in aeinem Traité de l'Electrisatiou localisée, dass er un^eföhr 
20 Fälle beobachtet hat, und man findet auch in der Revue 
photographique des hôpitaux mehrere von Duchenne selbst 
angefertigte Photographien, welche die Gesichtszüge von 
Kranken, die an dieser AfFection leiden, wiedergeben. Hier 
beginnt die Krankheit, nach der BeechreibuDg von Duchenne, 
zuerst im Gesichte, und zwar besonders am M. orbicularia 
des Mundea. Die Lippen sind nach aussen umgestülpt, was 
eine Mundbildiing ergiebt, welche lebhaft an Scrophulose 
erinnert. Die Glieder werden erst in der Folge ergriff'en, und 
zwar zuerst die Arme, dann folgt der Rumpf. Endlich ist es 
wichtig zu bemerken, dasa diese infantile Form hereditär ist, 
und dasa man in einer und derselben Familie Eltern trifft, 
die an dieser Atrophie leiden, und die Kinder erzeugen, 
welche, Brüder und Schwestern, von derselben Amyotrophie, 
mit Beginne im Gesicht, befallen werden. Man würde nun nach 
allem Vorgebenden natürlich meinen, dasa die Amyotropbie in 
ftieseo Fällen von einer spinalen Läsion abhängt, wie beim 
Typus Duehenne-Aran, von dem diese Fälle nach Duchenne 
selbst Hur eine Varietät darstellen. Aber diese Vermutbung 
erweist sich als schlecht begründet. Landouzy und D(ijerine 
haben im vorigen Jahr der Académie des Sciences eine Arbeit 
über typische Fälle der infantilen progressiven Muskelatrophie 
von Duchenne vorgelegt, und in einem dieser Fälle hat die 
Autopsie gezeigt, dasa weder im Rückenmark noch in den 
peripheren Nerven eine Erkrankung aufzufinden war. Also 
sind auch diese Fälle primäre Myopathien. 

Ich kann Ihnen eine Kranke zeigen, bei der Sie das 
fragliebe, von Duchenne entworfene Bild in der Mehrzahl 
seiner Züge getreulich wiederfinden können. Frl. Lar . . . ., 
gegenwärtig 16 Jahre alt, ist in der Consultation externe zur 
Untersuchung gekommen und wurde von Herrn Marie, dem 
die interessanten Symptome, welche sie bietet, auffielen, auf 
die Klinik aufgenommen. Die Krankheit ist bei ihr im zartesten 
Kindesalter aufgetreten und hat sich zuerst durch eine völlige, 
besonders beim Lachen und Weinen hervortretende Unbewag- 
lichkeit der Oberlippe kundgegeben. Sie hat niemals pfeifen 
können, und wenn man sie diese Action versuchen Usst, bemerkt 
man, dass die Oberlippe, die sieb nicht contrabivt, dabei wie 
ein schlaffes Segel schlottert. Ebenso zeigt sie eine gewisse 
Erschwerung der Wortbildung, einige Buchstaben werden 




besonders uudeutlich aitäg'espruuIieD, und sie Hpriulit 
als ob nie Brei im Mimde hätte. Diese Läliiuung i 
(jularis oris verleiht dem Gesicht einen ganz eigenthlimlicliQU 
Ausdruck ; die Lippen sind dick, nach auasen umg^estülpt und ein 
wenig riigselartig Torgestreckt, was an die Mundbildnng bei 
Scrophiilöaen erinnert. Aber ansserdem ist bei unserer Kranken, 
was Duchenne, wie ich glaube, übersehen hat, der obere 
Faciahs ergriffen. Die kleine Patientin kann die Stirne nicht 
runzeln, die Augenbrauen nicht hinaufziehen, sie schläft gewöhn- 
lich mit halbgeöffneten Lidapalteo, und im Wachen reicht die 
kräftigste Zusammenziehung der M. orbicularea der Lider nicht 
hin, um eine vollständige Bedeckung der Augen herbeizuführen; 
es bleibt immer noch zwischen den freien Lidränderu eine 
Spalte von mehreren Millimetern Breite, durch die mau den 
Augapfel sieht. Diese Eraeheinung ist an ihr schon im zartesten 
Kindesalter bemerkt worden. Im Alter von 14 Jahren kam 
die Reihe zu erkranken an die oberen Extremitäten, es bildete 
sich bald eine Ati'ophie derselben heraus, und was wir jetzt 
an ihnen sehen, stimmt vollkommen mit der Besehreibung 
Erb's von seiner juvenilen Form überein. Am Oberarm ist 
die Atrophie der Muskeln eine sehr beträchtliche, der Wider- 
stand sowohl gegen die Beugung als gegen die Streckung auf- 
gehoben. Da die Kranke ihren Arm nicht durcli eine normale 
Contraction der Heber des Gliedes erbeben kann, wie sie es 
z. B. braucht, wenn sie sich schneuzen will, so muss sie den- 
selben durch eine heftige Bewegung vom Rumpf abziehen und 
in die Höhe schleudern, und diese Bewegung ist so charak- 
teristisch, daas sie sofort in die Augen fällt. Beim Gange, 
welcher den typischen Charakter der Paralyais psendo-liyptr- 
trophica hat, die Lordose mit einbegriffen, hangen die Arme 
unthätig und schlenkernd zu den Seiten des Rumpfes herab. 
Ich will Ihnen sofort den Vater dieses jungen Mädchens 
vorstellen, der 41 Jahre all ist und an derselben Affection 
leidet. Sie sehen, wie überraschend die Uebereinstimmting bei 
Vater und Tochter ist. Auch bei ihm linden Sie die Atrophie 
des Gesichtes und der oberen Extremitäten, auch bei ihm hat 
eich, ebensowenig wie bei aeiner Tochter, niemals die geringste 
Andeutung von Hypertrophie der Muskeln gezeigt. Er kann 
die Stime nicht runzeln, der Lidschiusa ist immer ein mangel- 
hafter; er kann nicht pfeifen, und wenn er es versucht, zieht 
sich der M. orbicularis des Mundes ungleichmäsaig zusammen 
und ea bildet sich im Bereich der Oberlippe gleichsam ein 
Knoten an der rechten Lippenhälfl:e, an dem einzigen Punkte, 
wo die Contraction zu Stande kommt. Die Handmuskelu finden- 
wir bei ihm wie bei seiner Tochter vollkommen un geschädigt— 



A 



— 167 — 

Nebenbei wollen wir erwähnen, dass in diesen beiden Fällen 
die Muskeln der Zunge und die beim SeUingact in Betracht 
kommenden ganz verschont sind, kurz dass man hier keines 
jener bulbären Symptome vorfindet, welche bei der progres- 
siven Muskelatrophie aus spinaler Ursache gelegentlich zu 
beobachten sind. 

Das ist gewiss eine seltsame Form, meine Herren! Der 
Beginn im Gesichte ist eigenthtimlich genug. Aber sollen wir 
darin ein specifisches Merkmal sehen, welches uns bestimmen 
könnte, eine besondere Art aufzustellen? Ich glaube, nein. 
Sehen Sie einmal von der Betheiligung der Gesichtsmuskeln 
ab, und Sie haben bei diesen Kranken das Bild der juvenilen 
Form von Erb. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass zwischen 
beiden Formen sehr zahlreiche Berührungspunkte — um nicht 
mehr zu sagen — bestehen, und dass sie daher beide der 
Paralysis pseudo-hypertrophica anzunähern sind. Dieser Satz 
würde wenigstens theilweise bewiesen werden, wenn man 
einerseits Fälle finden würde, in denen die Erkrankung an 
den Extremitäten einsetzt (juvenile Form) und das Gesicht erst 
später in Mitleidenschaft gezogen wird, und andererseits Fälle, 
in denen mehrere Glieder derselben Familie die Charaktere der 
Varietäten, die wir eben beschrieben haben, entweder vereinigt, 
oder auf die einzelnen Personen vertheilt, darbieten. Nun, solche 
Fälle sind bekannt geworden. Es giebt in der Literatur einen 
Fall von Remak, ^ in dem der Beginn der Krankheit der ge- 
wöhnlichen juvenilen Form entsprach, das heisst, die oberen 
Extremitäten wurden zuerst ergriffen, während viel später, im 
Alter von 29 Jahren, die Betheiligung der Gesichtsmuskeln 
hinzukam. Andererseits hat F. Zimmerlin^ die Beobachtung 
einer Familie veröffentlicht, in der zwei Kinder die juvenile 
Form von Erb mit Beginn an den oberen Extremitäten zeigten, 
während das dritte von der im Gesicht beginnenden Form, 
begleitet von Pseudohypertrophie der unteren Extremitäten, 
befallen war. 

Demzufolge wäre der Beginn im Gesichte oder schlechtweg 
die Betheiligung der Gesichtsmuskeln nicht als charakteristisch 
flir eine besondere Art, sondern nur für eine Varietät auf- 
zufassen. Wenn wir also diesen vermittelnden Fällen Rechnung 
tragen, würden die verschiedenen und anscheinend so sehr 
von einander abweichenden Formen, die wir aufgezählt haben, 
doch zu einer einzigen Gruppe' zusammentreten, welche allein 
den Inhalt der Art bilden würde. Wenn sich das wirklich so 



1 Mendel'ä Centralblatt 1884, Nr. 15. 

2 MeudeTs Centralblatt 1886, Nr. 3. 



— 168 — 

verhält, so liegten diu Verbal tu iast; viel wenlgtjr vei'wiuktilt, -An 
ee auf den ereten Blick den Auschein hatte, und mau kaou 
jetzt die progresBiveii Aiiiyotrophien einfach in zwei grosse 
CtaBsen theilen, etwa in folgender Weise: 

Die erste Classe ist durch die spinalen Amyotrophien ge- 
bildet, welche als Gattungen enthalten: 1. die aiuyotrophische 
Lateralsklerose ; 2, die progressive Muskelatrophie vom Typus 
Duchenne-Aran; letztere aber wohlverstanden auf ihre 
reinste Erscheinung beschränkt und aller fremden Bestand- 
theile, welche niclit ihr, sondern der nächsten Gruppe . an- 
gehören, entledigt. 

Die zweite Classe besteht aus den primären progreasiven 
Amyotrophien und umfasst, aber nur mit dem Werth von 
Unterarten: 1. die Paralysis paeiido-hypertrophica; 2. die 
juvenile Form der progressiven Muskelatrophie von Erb ; 
3. die infantile Form der progressiven Muskelatrophie von 
Duchenne (de Boulogne); 4. jene Uebergangaformen, indeneu, 
wie ich Ihnen an einem solchen Falle zeigen konnte, die 
MuskelschwSche das Bild beherrscht und im Grossen und 
Ganzen weder Atrophie uocli Hypertrophie auftritt; und endlich 
5. die hereditäre Form dei- progressiven Muskelatrophie von 
Leyden mit Beginn an den unteren Extremitäten. Die ge- 
mischten oder vermittelnden Fälle, welche man beobachtet, 
gestatten diese verschiedenen Formen einander zu nähern, 
und selbst sie zu Einem zu vereinigen. Vielleicht wäre es 
selbst in den Fällen von Erb einer besonders auf die Muskeln 
der Augen und des Mundes gerichteten Untersuchung geglückt, 
einige der Merkmale der infantilen Form von Duchenne auf- 
zufinden. In der That bestehen bei allen unseren Kranken, 
selbst bei dem, der weder Hypertrophie noch Atrophie zeigt, 
Störungen in der Beweglichkeit der Gesichtsmuskeln; aber in 
den leichten Fällen sind diese Störungen nicht auffällig; man 
musa aie suchen, um sie zu entdecken. Wir haben in diesem 
Augenblicke zwei andere Kranke in Beobachtung, die wir 
Ihnen nicht zeigen können^ beide typische Vertreter der von 
Duchenne (de Boulogne) beschriebenen infantilen Form. 
Beide, Vater und Sohn, sind in der nämlichen Weise erkrankt, 
und bei beiden wäre die Betheiligung der Kreismuskeln der 
Lippen und der Lider wahrscheinlich unserer Aufmerksamkeit 
entgangen, wenn wir nicht mit Sorgfalt danach gesucht hätten. 
Der Sohn ist ein Beispiel jener oben erwähnten Ueberganga- 
formen. Es besteht bei ihm eine sehr deutliche Muskelschwäche 
an den oberen Extremitäten ohne Atrophie und Hypertrophie, 
während die Tricepsmuskeln des Oberschenkels beiderseits- 
massiger und härter sind als der Norm entspricht. 



J 



— 169 — 

Auf diese Weise, meine Herren, würden all diese, dem 
Anscheine nach so verschiedenen Varietäten miteinander ver- 
schmelzen zur Bildung einer einzigen und einheitlichen Krank- 
heitsform, der primären progressiven Myopathie. 

Dies, meine Herren, ist die Lehre, die ich mir heute vor 
Ihnen flüchtig zu entwerfen vorgesetzt hatte. Sie verdient es 
gewiss, in ausführlicher Entwickelung mit Bezugnahme auf die 
ganze Reihe von Beweisstücken, welche eine Frage von dieser 
Bedeutung fordert, erörtert zu werden, und dieser Aufgabe 
hoflFe ich später einmal genügen zu können. 



Füufzelinte Vorlesung. 



Ueber Zittern, choreaartige Bewegungen und rhythmische j 
Chorea. 

I. Daa Zittern der multiplen Sklerose, — Cliaraklare das Tremura der 
Parkiuaon 'sollen Kranhheit. — Die graphJHi'ha DaiBteltnng desselben. — 
Tremor aeniliB; iiyatiirisolier Tremor, — II. Die Gruppe der rapideu Zittor- 
bewegangen, — III. Die clioreHtisehcn Bewegungen, Unregelmäesi^keit der- 
selben, StGrurig der Bewegnng-Brîcbtung. — Chorea min ur, p o st lie mlp legis che 
Chorea und Âtbetose. — IV. Die rhythmische Chorea, ihr Charakter, ihre 
Beziebung nur Hysterie. 

Meine Herren! Im Anschluas an die Fälle von multipler 
Sklerose, die ich Ihnen in früheren Vorlesungen gezeigt habe, 
will ich heute die verschiedenen Formen des Zitlerna, jene 
unwillkürlichen Bewegungen, mit denen man das nahezu patbu- 
gnomische Zittern der miiltipleu Sklerose verwechaelu kann, be- 
sprechen. Ich babe bereits früher die besonderen Eigenthümlich- 
keiten des Zitterns bei dieser letzteren Erkrankung gewürdigt 
und nachgewieeen, dass es nur aus Ânlass intendirter Bewe- 
gungen von einer gewissen Amplitude aufliritt (Intention szittern, 
Tremblement intentionnel), und daas es aui'hOrt, wenn Hie 
Kranken sich in vollkommener Ruhe, z. B. in Bettlagc hefimlen. 
Wenn sie dagegen sitzen, sind die Muskeln des Halses und 
Rumpfes in Thätigkeit, uiu die aufrechte Haltung des Kopfes 
zu ermöglichen, und dann stellen sich Oscillationcn des Kopfes 
und Bumpfes ein, während die Glieder in Rübe bleiben. Wollen 
Sie das Phänomen nur an einer Extremität hervorrufen, so 
heisseu Sie den Kranken ein Glas oder einen Löffel zum Munde 
führen. Diese Verrichtuug erfordert eine willkürliche Bewegung 
von ziemlich grossem Umfa.ng und stellt somit die für das Auf- 
treten des Zitterphänomens erforderliche Bedingung her, denn 
letzteres kommt gewöhnlich bei Bewegungen von kleiner Am- 
plitude, z. B. beim Einfädeln, Nähen u. s. w. nicht zu Stande. 
Im Moment, da der Kranke das Glas ergreift, sind die Schwin- 



' gnugen der Hand wenig auffallig, sie steig;ern aicli aber all- 
mahlich und erreichen ihreu Höhepunkt im Auganblicke, wenn 
sich das Glas dem Munde uäliei't. Diese Ei^enthilmlichkeit 
des Zitterns bei der Sklerose in zerstreuten Herden laust sieb 
mit Hilfe registrirender Apparate sehr deutlich in einer Curve 
darstellen. 

Der mit 1 bezeichnete Tbeil der Figur zeigt Ihnen das 
Intentionazittern bei der multiplen Sklerose. Die horizontale 
Linie AB entspricht dem Zustand der Ruhe, der Punkt B 
bezeichnet den Moment, in dem die intendirte Bewegung 
beginnt; ßC giebt dann die Dauer dieser Bewegungen, während 
welcher die Zitterbewegung sieh als ein vielfach gebrochener 
Zug aufzeichnet, dessen einzelne Stücke um so länger werden, 
je mehr man sich vom Punkte £ entfernt. 

Dies ist das Zittern bei der Sklerose in zerstreuten Herden. 
Ich habe die Methode des Contrastes gewählt, um die ihm 
zukommenden, so eigenlhünilithen Charaktere auffälliger her- 
vortreten zu lassen, mit anderen Worten, ich habe diesem 
Zittern ahdere Arten von Zitterbewegungen gegenübergestellt, 
welche ganz anderen Krankheiten angehören, obwohl mehrere 
derselben bis auf die jüngste Zeit mit der multiplen Sklerose 
zusammengeworfen worden sind. 

Beginnen wir mit der Schltttellähmung. Wie bei der 
multiplen Sklerose besteht das Zittern der Parkinson'sehen 
Krankheit in rhythmischen Schwankuncjen, die aber von 
kleinem Umfang und kurzer Dauer sind. Sie können sich von 
diesen Eigenschaften an dem Kranken überzeugen, den ich 
Dineu hier vorstelle. Beachten Sie, dass die Hand und die 
Finger, jedes für sich, in Zittern begriffen sind, aber prägen 
Sie Ihrem Gedächtniss besonders die ganz eigenthümliehe 
Haltung der Hand ein. Die einzelnen Phalangen sind gegeu- 
eiDander gestreckt, aber die Finger sind als Ganzes gegen die 
Mittelhand gebeugt. Der Daumen steht in Adduction und 
stemmt sieh mit seiner Pulpa gegen den Zeigefinger, so dass 
die Gestalt einer Hand, welche eine Schreibfeder hält, nach- 
gealimt wird, und die Bewegungen, welche alle diese Theile 
erschüttern, erinnern manchmal an die Bewegungen, die man 
macht, wenn n)an ein Papierkügelehen zwischen den Fingern 
rollt oder Brot zerkrümelt. Dieses Zittern ist continuirlich und 
zeigt sicli, was ein wichtiges Merkmal ist, unabhängig von 
jeder intemlirten Bewegung, Wemi Sie den Kranken ein Glaa 
zum Munde fUhren heissen, werden Sie vielleicht sehen können, 
dass das Zittern an Ani)ilittidp Kimimmt, aber niemals finden 
Sie jene Schwankungen in grossen Bögen, welche ftti- die 
multiple Sklerose so cliarakterisiisch sind, AucU diese Eigen- 




suhaft tritt selir deutlich an den Curven Im 
Hilfe des Registrirapparates erhält. Der mit 2 bezeichnete Theil 
unserer Figur stellt das Zittern bei der Paralysis agitans dar. 
Man sieht sofort auf dea ersten Blick, wie sehr sich die beiden 
Curven in der Strecke B C von einander unterscheiden. A B sei 
wie oben die in der Ruhe gezeichnete Linie, welche mit kleinen, 
vom continuirlichen Zittern herrührenden Wellen besetzt ist. 
Beim Punkt B beginnt die gewollte Bewegung. Von diesem 
Punkt an sind die Stücke der gebrochenen Linie xyz ein 
wenig länger und unregelmässiger als in der Ruhe, aie bleiben 
aber weit hinter denen bei der multiplen Sklerose zurück. 

Fig. 27. 



H 


^^ 


^H 


— J 



I 



HalbgcbeiuH tische Wiedergabe der 



Wollen Sie sich auch in die Erinnerung zurückrufen, dass 
bei der Paralysis agitans das Zittern gewöhnlich nicht den 
Kopf ergreift, und wenn dieser an den unwillkürlichen Bewe- 
gungen theilzunehmen scheint, so ist es nur, weil ihm die 
Stösse mitgetheilt werden. 

Die Zitterbewegungen der multiplen Sklerose und der 
Parkinson'schen Krankheit sind Oscillationen von einer ge- 
ringen Frequenz, im Mittel vier bis fünf in der Secunde. Der- 
selbe Charakter der Langsamkeit in den Schwingungen findet 
sich bei einer anderen Art von Zittern, dem sogenannten 
senilen Tremor wieder. Ich zeige Ihnen hier zwei Frauen, die 
an diesem Zittern leiden. Bei der einen, der gegenwartig 
73jährigen La . . . ,, hat die Krankheit im Alter von 60 Jahren 
am Zeigefinger der linken Hand in Folge eines Traumas 
gönnen; bei der zweiten, der 80jährigen Les . . . ., ist sie 



ahren ^^^ 
B be-'^^^l 
e vor^^^H 



— 173 — 

14 Jahren während der Belagerung von Paris in Folge einer 
heftigen Gemüthsbewegung ausgebrochen, Bei diesen Frauen 
zittern Hand und Finger wie Bei der Parkinson'sclien Krank- 
heit jedes für sich. Der Kopf aber erhält Stösae auf eigene 
Rechnung, und diese ohne Regel mässigkeit einander folgenden 
Bewegungen in verticaler und horizontaler Richtung, während 
welcher die Kranke mit Geberden Ja oder Nein auszudrücken 
scheint, sind für das Verhalten dea Kopfes beim sogenannten 
senilen Tremor vollkommen charakteristisch. 

Bevor ich zur Classe der raschen Zitterbewegungen über- 
gehe, will ich Ihnen eine Art von Tremor erwähnen, welche 
die Mitte zwischen beiden hält, nämlich den hysterischen 
Tremor. Wir haben gegenwärtig auf unseren Krankenzimmern 
zwei Männer, welche denselben zeigen; bei dem einen ist die 
Anzahl der Wellen fünf, beim anderen sieben in der Seeunde. 
Ich führe diese Art von Zittern heute nur im Vorbeigehen an, 
weil ich vorhabe, sie ein anderes Mal in eingehenderer Weise 
zu behandeln. Vorläufig soll dieselbe eine in Bezug auf die 
Frequenz der Stösse intermediäre Stellung zwischen der ersten 
und zweiten Gruppe einnehmen. 

In dieser zweiten Gruppe wollen wir die Zitterbewegungen 
mit frequenten, raschen Stössen, die man auch als vibratorische 
bezeichnet, unterbringen. Die Anzahl der Stöase in der Seeunde 
beträgt hier acht bis neun, und darin ist auch anscheinend 
der einzige Unterschied gegen die erste Gruppe gelegen. Wir 
rechnen dazu: 1. den Alkoholtremor, 2, das mercurielle Zittern, 
3. das Zittern bei der progressiven Paralyse, und endlich i. das 
Zittern beim Morbus Basedowii. Eine Unterscheidung zwischen 
den drei ersten und der letzten Art des Zitterns kann man 
noch auf Grund der Thatsache machen, dass bei jenen dreien 
die Finger jeder für sich zittern, während dieses aelbstatändige 
Erzittern der Finger im letzten Falle nicht besteht. Man kann 
diese Eigenthümlichkeit leicht mit Hilfe der graphischen Methode 
feststellen, wie dies Herr Marie gethan hat. Wenn man in 
der Hand eines solchen Kranken eine Kautsc hu kbirne anbringt, 
die durch einen Schlauch mit der Marey'schen Trommel 
eines R egi st rirap parates verbunden ist, bekommt man im Falle, 
dasa die Finger einzeln zittern, eine sehr stark gewellte Curve, 
"Während im entgegengesetzten Falle, bei der Basedow'schen 
ÏCrankheit, sich eine gerade oder wenigstens nur durch sehr 
kleine Wellen unterbrochene Linie ergiebt. 

Neben diesen Zilterbewegung-en, das heisst diesen Er- 
schütterungen in rhythmischen Schwankungen, giebt es eine 
andere Classe von unwillkürlich en Bewegungen, welche mit 
der multiplen Skleroso verwechseil werden köijneu und auch 



I 



k 



174 



wirklich verwechselt worden Bind, Ich meine die Chorea odi 
besser die choreaartigen Bewegungen im Allgemeinen. ß( 
diesen handelt ea sich nicht Aiehr nni periodiBche Stösi 
sondern um Muskelactionen von grossem Urnfang und Hna^ 
loaer, widerspruchavoUer NaLar, Diese Muskelactionen zeigi 
keinerlei Rhythmus und entbehren jeder Bedeutung, das heîast 
aïe ahmen keine mimische Beweguug und keine Verrichtung 
nach. Wie die früher erwähnten bestehen sie zur Zeit der 
Ruhe und steigern sich während der intendirten Thäti^ 
aber dann stören diese widerBpruchsvollon Geberden die all 
gemeine Richtung der Bewegung und lenken aie von ilirei . 
Ziel ab, während diese allgemeine Richtung der Bewegung bei' 
der multiplen Sklerose und den anderen, eben erwähnten Arten 
dea Tremors zwar durch die Stösse, die das Glied erschüttern, 
unterbrochen wird, aber doch als Resultante erhalten bleibt. 
Und doch, meine Herren, bösteht trotz dieses fundamentalen 
Unlerschiedes eine gewisse äusserliche Aehnlichkeit zwischen 
den choreatischen Bewegungen und denen bei der moltiplea 
SkleroBCjwelcheea verschuldet hat, dass hervorragende Aerztedf " 
' multiple Sklerose lange Zeit ala eine Art von Chorea auffasat 
konnten. Duchenne (de Boulogne^ der das Symptonn 
bild der Herdsklerose sehr wohl erkannt hatte, dem aber der( 
pathologisch-anatomische Grundlage unbekannt war, nani 
sie „ohoreaartige Lühmung" (Paralysie cli or ei forme). Ich 
Ihnen darum einige Bemerkangen über diese Arten von Ch 
mittheilen. 

Da haben wir zunilchst <i\e gewcilinliche, sogenannte rhei 
matisehe, Chorea minoi", die man auch Rydenham'sche Ch 
nennen kfinnte, und die man nicht mit dem wirklichen Veil 
tanz, der grossen, epidemischen, Chorea major, zusammi 
werfen darf. Sie befsllt vorzugsweise, wie Sie wisBf 
Kinder von ftinf bis vierzehn Jahren, seltener Erwachsene 
Greise. Sie erinnera sich gewiss an die kleine Flon . . . ., dj 
ich Ihnen als ein Beispiel für die gewöhnliche Chorea v« 
gestellt habe. Bei diesem jungen Madchen ist die Krankhi . 
heute im Rückgang begriffen; die einzelnen nnwillkürliehBl 
Bewegungen sind durch ziemlich lange Ruhepausen von einander 
getrennt. Aber sei es unter dem Eitiflusa einer Aufregung, 
z. B. der ärztlichen Untersucliung, sei es spontan, treten immer 
noch in der linken oberen Extremität kleine, mehr oder minder 
deutliche Stösse auf. Die Kranke schleudert ihre Hand hefiig 
gegen ihren Kftrper oder reibt sie zu wiederholten Malen an 
ihrem Oberschenkel in abwechselnden Supinations- und Pn 
nationsbewegungen. Bei ihr wird ausnahmsweise der Kram] 
nicht durch den Willensact gesteigert, und wenn Sie 




175 



GltiB oder einen Löfifel zum Munde lüliren heisaen, wird die 

Richtung der Bewegung fast gar niclit gestört und das Ziel 
mit ziemlicher Sicherheit erreicht, was bei der Chorea durchaus 
nicht immer der Fall ist. Auch in der Unken Gesichte h Ulfte 
treten solche imwillkürliclie Bewegun gen a,uf, und das Mienenspiel 
zeigt darum ziemlich lebhafte, grimasaenartige Veränderungen. 

In die nämliche Gruppe der incoordinirten choreaartigen 
Bewegungen müssen wir auch die prä- oder posthemiplegisclie 
Chorea aufnehmen. Die Bewegungen sind hier in der That 
von ganz derselben Art, der einzige wesentliche Unterschied 
liegt in der Pathogenie, da diese Affection an cerebrale Er- 
krankungen von gewisser Localisation gebunden ist. 

Das Gleiche gilt für die Athetoae und Heniiathetoae, 
welche bei einer natüHichen Classification der postlienii- 
iilegiachen Chorea und Hemichorea angereiht werden müssen. 
Bei der Athetose giebt ea gar keine Pausen und die Bewe- 
gungen ermangeln jeder Coordination. Ich will mich nicht dabei 
aufhalten, Ihnen die Verkrümmungen der Finger, deren ab- 
wechselnde Beugung und Streckung zu beschreiben; ich habe 
Ihnen ja schon Fälle von Athetose gezeigt. Ich will Ihnen nur 
tien einen wichtigen Unterschied von der Chorea hervorheben, 
der darin besteht, dass die Bewegungen der Athetose viel 
weniger heftig, viel gemächlicher sind als bei letzterer Affec- 
tion — man wird eher an das Spiel der Fangarme bei einem 
Polypen erinnert — und dass sie sich auf die Finger und das 
Handgelenk, auf die grossen Zehen und die Füase besclirönken, 
obwohl man auch hier gelegentlich Bewegungen der Gesichts- 
muskeln und des Platysmas beobachten kann. Der Kranke 
kann nichts in der Hand halten, nichts zum Munde führen; 
geben Sie ihm irgend einen Gegenstand in die Hände, er läast 
ihn gleich fallen. In Fällen von doppelseitiger Athetose 
kommt manchmal eine grobe Aehnliehkeit mit dem Tremor 
der disseminiiten Sklerose zu Stande. 

Dies ist also der Inhalt unserer beiden ersten Gruppen 
der unwillkürlichen ZitterbeweguQgen. Ich will Ihnen jetzt 
von einer Affection sprechen, welche unsere dritte Gruppe 
einnimmt. Sie führt gleichfalls den Naman Chorea, obwohl 
aie, wie Sie sehen werden, sehr b etriichtlich von der Chorea 
Sydenham's und den verwandtea Affectionen abweicht. Wir 
kommen damit ein wenig weit von der Herdskterose ab, aber 
ich habe gefUrchtet, durch längeres Zögern die Gelegenheit zu 
Verlieren, Ihnen eine gewisse Anzahl von Füllen vorzustellen, 
die man nicht oft beisammen zu finden das Glück hat, 
denn es handelt sich hier um eine iin Ganzen ziemlich seltene 



^J^^klieit. 



— 176 — 

Bei der rhyth m lachen Chorea also (Chorée rhythmée) 
finden wh- weder wie bei den Zitterbeweg-ungen Stösse oder 
Schwingungen, noch wie bei der gewöhnliclien Cliorea sinn- 
und abaichtsloae Geberden. Die Krantheit ist zwar auch durch 
unwillkürliche, zwangsweise erfolgende Bewegungen charak- 
teriairt, aber diese sind sehr verwickelter* und coordinirter 
Natur, und was besonders beachtenswerth ist, sie halten einen 
bestimmten Rhythmus ein, sie sind tactmässig. Es fehlt also 
hier, wie Sie sehen, das eben betonte Merkmal der chorea- 
tischen Bewegungen, die Unregelmässigkeit, gänzlich. Man kann 
diese Bewegungen auch syatematiaehe heisaen, weil sie nach einem 
gewissen Plan geordnet zu sein scheinen. Sie ahmen z. B.: 
1. gewisse Ausdruekabewegungen nach, wie die des Tanzes, 
besonders -Charaktertänze (Chorea saltatoria); oder 2, gewiaae 
professionelle Verrichtungen, wie die Bewegungen beim Rudern 
oder Schmieden (Chorea malleatoria). Mit einem Wort, es 
handelt sich immer um eine mehr oder minder getreue Nach- 
bildung logischer, gewollter, beabsichtigter Handlungen. 

Die in Rede stehende Krankheit scheint zumeist an Hyaterie 
geknüpft oder hysterischen Ursprungs zu sein, obwohl sie in 
manchen Fällen selbstständig und unabhängig von allen ge- 
wöhnlich für Hysterie eharakteriatiachen Symptomen vorkommt. 
Sie werden übrigena gleich selbst entnehmen können, auf 
welche Weise ein Uebergang des einen Zuatandes in den 
anderen zu Stande kommt, denn ich will, ohne mich weiter 
auf allgemeine Darlegungen einzulassen, Ihnen jetzt der Reihe 
nach drei Kranke vorführen, welche die Symptome der rhyth- 
mischen Chorea in verschiedenen Abstufungen zeigen. 

Die eine derselben, Flor . . , ., kennen Sie bereite. Aber 
Sie haben sie nur flüchtig gesehen, und sie verdient wohl eine 
gründlichere Untersuchung. Sie ist seit sechs Monaten in 
unserer Behandlung, ujid ich habe sie schon im vorigen Jahre 
zum Gegenstand einer Vorlesung genommen. Wie Sie daraus 
entnehmen können, bandelt es sieh um ein hartnäckiges Leiden, 
von dem man die Kranken nur schwer befreien kann, Diese 
Frau ist 36 Jahre alt, war zweimal verheiratet, das erste Mal 
zu 18, daa zweite Mal zu 20 Jahren und hat drei Kinder gehabt. 
Sie ist etwas reizbar von Gemüth, ihr Mann ist ein Arbeiter, 
ein braver Mann im Ganzen, der aber häufig durch seine tollen 
Streiche zu lebhaften Zwiatigkeiten in der Ehe Anlasa giebt, 

Weder in ihrer eigenen Vorgeschichte noch in der ihrer 
Familie ist etwas Bemerkenswerthea aufzufinden. Vor drei 
Jahren, nach ihrem letzten Wochenbett, begann die Kranke an 
folgenden Symptomen zu leiden: Nach der Hauptmahlzeit ver- 
spürte sie häufig eine Art von Aufblähung und ein Pulsiren 



— 177 — 

in der Magengegend; dann hatte gie im Halse die Empfindung 
einer Kugel. Darauf verfiel sie in eine Art von Veraauungs- 
mattigkeit, der ganze Körper war ihr wie eingeschlafen, und 
ein krampfhaftes Weinen beschloss diese Anfalle. Auch Blut- 
spucken und Bluthusten (nervöse Hämorrhagien nach Parrot) 
soll sie zu jener Zeit gehabt haben. Endlich will ich hinzu- 
fügen, dass sie damals eine, übrigens sehr leichte, rechtsseitige 
Hemianästhesie darbot, die jetzt auf die linke Seite gewandert 
ist; Einengung des Gesichtsfeldes und Störungen der anderen 
Sinne fehlten. Ovarie war zu keiner Zeit bei ihr vorhanden. 
Sie erkennen, meine Herren, die Stigmata der grossen Neurose, 
die zwar heute fast völlig geschwunden sind, deren Bestehen in 
der Vergangenheit uns aber gestattet, die hysterische Natur 
oder wenigstens den hysterischen Ursprung des Leidens, von 
dem die Kranke gegenwärtig befallen ist, zu behaupten. 

Das Auftreten der Anfälle von rhythmischen Bewegungen 
reicht bis zum 15. Mai 1884, also in's letzte Jahr, zurück. 
Dieselbe brachen zum ersten Male in Folge einer häuslichen 
Scene aus, die während ihrer Menstruationszeit vorkam, und 
schlössen sich an einen jener Zustände an, in welche sie ge- 
wöhnlich nach der Mahlzeit zu verfallen pflegte. Später setzte 
sich die Chorea bei ihr fest, und die Anfälle traten zu jeder 
Stunde, die Zeit des Schlafes ausgenommen, auf. Sie dauerten 
eine bis anderthalb Stunden, waren zuerst nur durch kurze 
Pausen von einander getrennt, rückten später aber mehr aus- 
einander, und heute kommen sie nur mehr selten spontan. Wir 
haben die Bemerkung gemacht, dass man sie durch gewisse 
Eingriflfe jedesmal mit Sicherheit hervorrufen kann. Die 
Besserung, die sich in letzter Zeit bei der Kranken gezeigt 
hat, möchte ich auf Rechnung der statischen Elektricität 
schreiben; wenigstens ist die Hemianästhesie gewiss nur in 
Folge dieser Behandlung zuerst gewandert und dann ge- 
schwunden. Aber die Kranke ist ohne Zweifel von einer 
völligen Heilung noch weit entfernt. Ich erinnere mich an eine 
junge Polin, die an Anfällen von Hämmerbewegungen des 
Armes litt, welche mehrmals im Tage auftraten und ein bis 
zwei Stunden dauerten. Der Zustand bestand bei ihr schon 
seit sieben Jahren, und ich weiss nicht, ob sie gegenwärtig 
geheilt ist; übrigens will ich Ihnen sogleich eine Kranke vor- 
stellen, bei der die Anfälle seit 30 Jahren bestehen. 

Der gegenwärtige Zustand der Flor .... ist folgender: 
Ich sagte Ihnen schon, dass es bei ihr spontane und provocirte 
AnftlUe giebt. Die ersteren kommen in der Regel nach der 
Mahlzeit, gleichsam als ein Nachklang jener früheren, gewöhn- 
lichen Anfölle. Die Kranke verspürt dabei einei; Schmerz und 

Char cot, Neue Vorlemingen etc. 12 



1 Klopfen in der Magengrube s 



3 Art von Betäubung. 



Dann föügt dei- rechte Arm an sich au rühren, und bald folgt 
der linke Arm wie die unteren Extremitäten nach. Sie sehen 
dann eine Reihe von sehr mannigfaltigen und complieirten 
Bewegungen vor sich, in denen Sie den Charakter des Rliyth- 
miaehen, des Tactmässigen und die Nachahmung gewisser ab- 
sichtsvoller und zweckmässiger Handlungen, wie ich's in meiner 
allgemeinen Darstellung erwîLhnt habe, leicht erkennen. Wenn 
der Anfall spontan eintritt, scheint er nur durch ein Zittern 
des rechten Augenlides ebgeleitet zu werden, 

Künstlich erzeugen kann man die Anfalle, wenn man am 
rechten Arm zieht oder, wie ich'sjetzt vor Ihnen thue, auf eine 
der beiden Patellarsehnen mit dem Hammer achlägt. Im Falle, dass 
die Erregung den Arm betroffen bat, beginnt dieser Arm sich 
sofort in Bewegung zu setzen und wird von raschen, rhyth- 
mischen Bewegungen, die den Eindruck machen, als ob die 
Kranke Eier rühren wolle, ergriffen. Dann beugt sie die Finger, 
legt die Fingerbeeren gegen den Daumen zusammen und macht, 
indem aie den Arm erhebt, die Geberden eines Redners, der 
einen Beweis vorträgt. Von Zeit zu Zeit führt der Arm als 
Ganzes Kreisachwenkungen von grossem Umfang aus. Auch 
die Beine gerathen ihrerseits in Unruhe, und wenn die Kranke 
aufrecht steht und gehalten wird, tanzt aie, abwechselnd auf 
dem oder dem anderen Fuss stehend, und führt geradezu eine 
Nachahmung einer Bourrëe oder eines Zigeunertanzes auf. 
Während der ganzen Dauer des Anfalls bewahrt sie ein un- 
gestörtes Bewusstsein; ja, wenn man neben ihr steht und sie im 
Begriff ist, einejener weit ausgreifenden Bewegungen auszufUbren, 
bei welchen sie eine Person in der Nähe empfindlich treffen 
könnte, pflegt sie, was sehr merkwürdig ist, zur Vorsicht auf- 
zufordern, ehe sie noch die Geste begonnen hat. Diese That- 
saebe hat deshalb ein besonderes psycho -physiologisch es Inter- 
esse, weil sie zu beweisen scheint, dass jeder Bewegung ein 
Vorstellungsbild derselben vorhergeht, durch welches die Kranke 
erfährt, was nun geschehen wird, Sie können die Kranke 
während des Anfalls ausfragen; sie sagt Ihnen dann, dass sie 
nicht leidet, nur sehr ermüdet und von heftigem Herzklopfen 
belästigt ist. Von Zeit zu Zeit hält sie inne, ruht einen Augen 
blick aus, Sie halten den Anfäll für beendigt; aber siehe da, 
er fängt gleich wieder an und alle Phasen wiederholen sich. 
Die Gesamratdauer eines solchen Anfalls schwankt zwischen 
einer und zwei Stunden. Man bringt sie dann zu Bette und alles 
ist vorüber; wenn sie aufsteht, ist sie blos ein wenig ermüdet. 

Sie werden nun eine andere Kranke sehen, bei welcher 
wir diu-ch einen Eingriff derselben Art einen ganz ähnlichen 
Anfall erzeugen können. 



4 



r 



— 179 — 

Es ist die Frau Namens Deb . ., bei welcher die Chorea nun 
schon seit mehr als 30 Jahren besteht. Nur hat sich die Krank- 
heit in der letzten Zeit insofeme ein wenig gebessert, als die 
spontanen AniUUe ausserordentlich selten geworden sind; mau 
bekommt nur mehr mit Absicht hervorgerufene zu Gesichte. 
Die Kranke ist gegenwärtig 67 Jahre alt, die Menopause ist 
vor langer Zeit eingetreten, ohne, wie man hätte erwarten 
können, das Aufhören der Anfälle mit sich zu bringen, ein 
Verhalten, welches ich Ihnen durch zahlreiche Beispiele aus 
der Casuiatik der Hysterie belegen könnte. Bei unserer Kranken 
sind Hbrigena alle permanenten Symptome der Hysterie ge- 
schwunden, es sind nur noch eine gesteigerte Erregbarkeit des 
öemüthea und diese Anfälle von rhythmischer Chorea übrig. Die 
AniUlle ruft man wie bei unserer ersten Kranken mit Leichtig- 
keit hervor, wenn man am Arme zieht oder auf die Patellar- 
sehne schlägt. 

Ehe ich aber einen solchen Anfall hervorrufe, will ich 
Ihnen die Geschichte dieser Kranken im Auszuge erzählen. 
Der Beginn der Erkrankung reicht bis in ihr 3C. Lebensjahr 
zurück. Sie fuhr damals im Wagen mit ihrem Mann und 
stürzte niitsammt Pferd und Wagen in einen Abgrund, In 
Folge des heftigen Schreckens, den sie zu überstehen hatte, 
"verlor aie durch drei Stunden daa Bewusstaein, dann brachen 
Krämpfe, ein grosser hysterischer Anfall, aus, ea folgte eine 
Contractur der rechtsseitigen Extremitäten, und der Anfall 
schloss mit Bellen. Erst einige Wochen später traten die An- 
^lle rhythmischer Chorea auf, wie sie heute bestehen, nur 
riasa sie zu jener Zeit heftiger und von längerer Dauer waren. 
Betrachten Sie jetzt die Kranke! Es bedarf unseres Ein- 
griffes nicht; die Aufregung darüber, dass sie sich im Hörsaale 
"vor so viel Leuten befindet, erspart uns die Mühe, etwas zum Aus- 
bräche des Anfalls hinzuziithun. Sie sehen in einer ersten Phase 
<1en Armrhythmische Schläge ausführen, die sogenannten Hämmer- 
Vewegungen; dabei hält die Kranke die Augen geschlossen. 
Dann folgt eine Periode von tonischen Krämpfen und Ver- 
drehungen der Arme und des Kopfes, die an partielle Epilepsie 
erinnern. Es ist dies wahrscheinlich eine Andeutung des con- 
"vufsiven hysterischen Anfalls. Endlich erscheinen tactmäsaige 
Bewegungen des Kopfes nach rechts und links, rapide Bewe- 
f^iDgen, die sich jeder Deutung entziehen, denn ich frage mich 
"vergebens, welcher physiologischen Bewegung sie entyjrechen 
Isönnten. Gleichzeitig stösst die Kranke eine Art von Geschrei 
*jder vielmehr Gesang aus, etwas wie eine modulirte Klage 
"«nd immer das Nämliche. Hier finden wir den Charakter der 
Coordination, der scheinbaren Anlehnung an ein Vorbild wieder, 




— ISO — 

welclier der rhythmisch ob Chorea, eigen ist. Der Anfall 
kommt vor unseren Augen von selbst zu End«; die Kranke 
hat wahrend seiner ganzen Dauer nicht einen Augenblick das 
Bewusstsein verloren. 

Sie ersehen aus diesem Beispiel, dass die rhythmische Chorea 
in manchen Fällen die Bedeutung eines schweren Leidens hat; 
nicht etwa, weil aie das Leben bedrohen würde, sondern weil 
sie sehr lange Zeit dauern und ein ungemein störendes Ge- 
brechen werden kann. Die unglückliehen Kranken sind ge- 
hindert, sieh einer Beschäftigung hinzugeben, und wegen des 
Grauens, das diese Anfälle erregen, und des Abscheus, 
dessen Gegenstand sie sieh fühlen, gezwungen, sieh von der 
Welt abzusehliesaen. 

Glücklicherweise, meine Herren, liegen die Verbältnisse 
bei der Chorea rhythmica nicht immer so düster, und ich kann 
Ihnen als Gegenstück zu den beiden ersten Kranken eine 
dritte zeigen, bei welcher die tactmässigen choreatischen Be- 
wegungen nur im rudimentären Zustand, sozusagen im Keime, 
entwickelt sind. Sie treten auch in diesem Falle wie in beiden 
anderen sowohl spontan als in Folge eines absichtlichen Ein- 
griffs auf, sind hier aber immer mit Symptomen der gewöhn- 
lichen oonvulsiven Hysterie untermengt. Mit einem Wort, die 
Chorea rhythmica, welche -sich bei dieser dritten Kranken in 
Hämmerbewegungen äussert, ist eine Th eil ersehe! nun g des 
hysterischen Anfalls und löst sich nicht als selbstständiges 
Leiden von demselben ab. 

Die Kranke, Namens Bac . . . , 29 Jahre alt, Näherin, 
befindet sich seit 6. Januar 1885 auf der Klinik. In ihrer 
eigenen Vorgeschichte wie in der ihrer Familie findet sieh 
keine Andeutung einer neuropathischen Anlage. Im Alter von 
22 Jahren erfuhr sie eine heftige schmerzliche Erregung durch 
den Tod eines ihrer Eltern und bekam damals echte hyste- 
rische Anfrille, in denen schon die gegenwärtig beobachteten 
choreatischen Bewegungen auftraten. Von 1878 bis 1884 hatte 
sie nur vier oder fünf Anfalle, jedesmal in Folge einer Auf- 
regung. Ich erwähne nebenbei, dasa sie mehrmals an blenorrha- 
gischen Gelenksentzündnngen im rechten Handgelenk und 
linken Knie gelitten hat, da diese Affectioneu zur Wiederkehr 
des gegenwärtigen Leidens in einer näheren oder entfernteren 
Beziehung stehen können. Ee besteht bei ihr keine Störung 
der Sinnesthätigkeit oder àer Hautempândung bis auf eine 
leichte Abstumpfung der Temperaturempfindung auf der linken 
Seite; rechts findet man einen Ovarialpunkt, so daas Ovarie 
und Hemianästhesie, wie man dies gelegentlich sieht, gekreuzt 
zH einander sind. 




— 181 — 

Wenn die ÂnfUlle spontan kommen, werden sie durch ein 
Gefühl von Unbehaglichkeit im Epigastrium und durch Herz- 
klopfen eingeleitet; mitunter stellt sich eine ganz deutliche 
Empfindung von Globus hystericus ein. Eine Aura cephalica 
war nie vorhanden. Man kann die Anfalle übrigens auslösen, 
wenn man am linken Arm zieht und ihn gleichzeitig schüttelt, 
wie um die choreatischen Hämmerbewegungen nachzuahmen. 
Dann beginnt zuerst der linke Arm zu hämmern^ der rechte 
folgt ihm bald nach, aber gleichzeitig wird der ganze Körper 
steif; der Kopf und die unteren Extremitäten bleiben un- 
beweglich. Von Zeit zu Zeit gerathen die letzteren in's Zittern, 
die Augen bleiben geschlossen oder die Lider schlagen. 
Gelegentlich macht die Kranke eine Andeutung eines ^Ge- 
wölbes" (arc de cercle), das die Gleichförmigkeit des Anfalls 
unterbricht. Druck auf den Ovarialpunkt schneidet den Anfall 
ab, und dann bleibt die Kranke einen Augenblick ohne sprechen 
und die Zunge bewegen zu können. 

In diesem Falle ist der hysterische Ursprung des Leidens 
noch viel deutlicher ersichtlich als bei unseren zwei ersten 
Kranken. Die rhythmische Chorea hat sich sozusagen nicht 
selbstständig gemacht. Der Fall ist auch in Folge dessen, wie 
ich hoflfe, ein gelinderer. Sehen wir von den Hämmerbewe- 
gungen ab, so handelt es sich bei dieser Frau, alles zusammen 
genommen, um ziemlich gewöhnliche Anfälle, die eher der 
kleinen als der grossen Hysterie angehören, die nur selten 
und in Folge von Aufregungen auftreten. Man darf die HoflF- 
pung aussprechen, dass diese Anfälle dem Einflüsse einer ge- 
eigneten Therapie weichen werden, und mit ihnen die Symptome 
der rhythmischen Chorea, welche sie zu begleiten pflegen. 



Sechzelinto Vorlesung. 



Spiritismus und Hysterie. 




igen den Wo m 



auf die EnlwlckeliiDg der Myateriu. ~~ 

kltiutt Euusepidutoie. — LebuuiiliedUi- 

nil W.iliniing. — VerRulaguiig'. — Diu Anfülle breuliou bus ÄuUst 

inliatiauber Bitzungeii .tua. — Besr:]ireibu<ii; der Anfälle bei deu drei 

erki'ankteu Kindern. — laolirung. 

Meine Herren! Es ist unbestreitbar, dass alles, was das 
GumUth lebliaft ergreift und die Eiobildung^skraft mächtig an- 
regt, das Auftreten der Hysterie bei dazu beanlagten Individuen 
in ganz besonderer Weise fördert. Vielleicbt der wirksamste 
unter diesen Einflüssen, die man als Traumen fUr die nuruiulc 
Geistesthätigkeit bezeichnen kaan, ist aber der Glaube an das 
Ueb ernatürliche und Wunderbare, wie er durch Uberschwäng- 
I liehe religiüse Uebuagen, oder in einem damit verwandten 
\ Ideenkreis durch den Spiritisimia und dessen Hantirungen 
genährt und auf die Spitze getrieben wird. Um Sie daran zu 
erinnern, wie oft sich diese Wirkung des Wunderglaubens iu 
auffälligster Weise geltend gemacht hat, brauche ich vielleicht 
nur einige zu dauernder Berühmtheit gelangte Fälle zu er- 
wähnen: aus längst vergangener Zelt die „Besessene 
Louviers", ' deren Pliantasie vor ihrer Besessenheit dmxh 
das allnächtliche Erscheinen eines „bösen Goistes" in dem 
Hause, welches sie bewohnte, in beständiger Aufregung er- 
halten worden war, oder aus unseren Tagen jene Epidemie 
von Hysterie, von welcher sechs Kinder derselben Familie in 
der Bretagne befallen wurden, nachdem man ihren Geist 

1 Prucèd-vecbal fait pour délivrer uua lille poaaâd^e psr Iq maliu 
esprit i Lauviera (1691). Bureaux du Progrès Médical; Bibliothàque dia- 
bolique, 1883. 




— 183 — 

mit Schauergeschichten, in denen Zauberer und Gespenster die 
Hauptrollen spielten, übersättigt hatte. ^ 

Eine solche kleine Epidemie haben wir unlängst zu beob- 
achten Gelegenheit gehabt. Die Hauptpersonen des Ereignisses 
befinden sich gegenwärtig in unserer Behandlung in der Salpe- 
trière, und es scheint mir, dass dieser Fall sowohl wegen seines 
Anlasses als auch wegen der Beweisstücke, die er für die 
Kenntniss der Hysterie bei Kindern und besonders bei Knaben 
liefert, einer eingehenden Berichterstattung werth ist. 

Ein Militärgefängniss ist der Ort, an dem sich, was ich 
nun erzählen werde, abgespielt hat. Das Leben in einem 
solchen Gefängniss muss kein besonders angenehmes sein, und 
in Folge der in einer solchen Anstalt nöthigen Einschränkung 
müssen auch die Wohnungen der leitenden Officiere die Düster- 
heit und Traurigkeit des Ortes theilen. Die Wohnung, welche 
Herr X., Lieutenant-adjoint, einnimmt, liegt im dritten Stock- 
werk und ist durch eine finstere Stiege zugänglich; die Zimmer 
selbst sind dunkel, denn die Fenster, die auf einen allerdings 
geräumigen Hof gehen, sind alle sehr schmal, hoch über dem 
Fussboden angebracht und lassen nur wenig Licht einfallen. 
Herr X., der seit 372 Jahren in der Anstalt wohnt, ist gegen- 
wärtig 43 Jahre alt, er scheint mir ein ziemlich intelligenter 
Mann zu sein, obwohl er in der militärischen Carrière äusserst 
langsam vorgerückt ist; wir wollen übrigens bald näher auf 
seinen Geisteszustand eingehen. Er erfreut sich einer guten 
körperlichen Gesundheit und bietet wenig Pathologisches in 
seiner Vorgeschichte; doch wollen wir bemerken, dass er im 
Alter von 13 Jahren von einer Krankheit befallen wurde, 
welche mit Fieber einsetzte, und in deren Folge er durch 
sechs Monate an Delirien litt. 

Seine Frau, 36 Jahre alt und seit 1879 verheiratet, ist 
von entschieden nervöser Disposition, lebhaft, ungeduldig und 
sehr erregbar, doch hat sie niemals an Krampfanfällen gelitten. 
Anders ihre Mutter, die im März 1884, 72 Jahre alt, an einer 
cerebrospinalen Erkrankung verstorben ist. Diese war zwei 
bis drei Mal alljährlich Krampfanfallen unterworfen, welche man 
deutlich als hysterische bestimmen kann. Bemerken wir noch, 
dass der Vater von Frau X. ein ofi'enkundiger Rheumatiker 
war. Herr und Frau X. haben vier Kinder gehabt, von denen 
nur drei leben, das vierte ist, wahrscheinlich an Abzehrung, 
im Alter von 2^2 Jahren gestorben. Das älteste der über- 



1 Les possédés de Plèdran par le D' Baratoux, in Progrès Médical, 
N« 28, 1881, pagr. 660. 



— 184 — 

lebenden Kinder ist ein Mädchen, Julie, 13y2 Jahre alt; sie ist 
vor der Zeit mit l^/i Monaten geboren und hat sich, bei der 
Saugflasche aufgezogen, lange Zeit nur kümmerlich entwickelt. 
Seit drei Jahren befindet sie sich in einer Mädchenpension in 
der Nähe des Gefängnisses in ganzer Pflege. Sie hat sich von 
frühester Jugend an sehr nervös erwiesen, zu Hause wie in 
der Pension war sie unfolgsam, unverträglich und durch jede 
Kleinigkeit zum Lachen oder zum Weinen zu bringen. 1883 trat 
bei ihr die erste Menstruation ein, die von heftigen Unter- 
leibsschmerzen begleitet war; die weiteren Regeln sind aus- 
geblieben. Sie pflegt alle Jahre ihre Ferien bei den Eltern 
im Gefängniss zuzubringen; wir wollen aber hervorheben, dass 
sie niemals einen Krampfanfall mitangesehen hat. 

Der jüngere der beiden Knaben, Franz, 11 Jahre alt, ist 
bleich und anUmisch wie seine Schwester. Mit 14 Monaten litt 
er an Convulsionen und im Alter von zwei Jahren an rheuma- 
tischen Schmerzen in den Gelenken der unteren Extremitäten, 
Knie- und Fussgelenken. Diese Schmerzen sind seither zu 
verschiedenen Malen wieder aufgetreten und sind stark genug, 
um ihn bettlägerig zu machen. Er besucht tagsüber eine Pen- 
sion in der Nähe der Strafanstalt und kommt alle Abende zu 
seinen Eltern zurück, um zu Hause zu schlafen. 

Der ältere Bruder, der zwölCährige Jacques, ebenfalls 
anämisch, flihrt dieselbe Lebensweise. Er leidet seit mehreren 
Jahren an verschiedenartigen Zuckungen, besonders um den Mund. 

Im Monat August des letzten Jahres fand sich in Folge 
der Ferien die ganze Familie vereinigt; Vater und Mutter 
lagen ihren gewöhnlichen Beschäftigungen ob, die Kinder 
spielten miteinander in dem Hof des Hauses, fast immer allein, 
denn in den anderen Officiersfamilien giebt es nur ein erst 
vierjähriges Kind. Das Leben im Innern einer solchen Straf- 
anstalt muss recht eintrjnî;^ sein, wie ich schon gesagt habe ; 
nichts als die alltäglichen Geschäfte, Zerstreuungen giebt es 
nicht. Um in diese Eintönigkeit etwas Abwechslung zu bringen, 
hatten sich besonders die Frauen der Officiere schon seit 
mehr als einem Jahr mit grossem Interesse au spiritistischen 
Sitzungen betheiligt, welche eine ihrer Freundinnen jeden 
zweiten Tag veranstaltete. Sie fanden sogar viel Geschmack 
an dieser Unterhaltung, und der Spiritismus zählte begeisterte 
Anhänger unter ihnen. Herr und Frau X. waren ganz besonders 
eifrig; die letztere betrieb überdies auch ausserhalb der 
Sitzungen leidenschaftlich die Leetüre von Büchern, welche 
geheime Wissenschaften behandeln, und bedachte sich nicht^ 
dieselben auch der Tochter in die Hand zu geben. Was 
Herrn X. betrifft, so hatte ihn der Spiritismus zuerst sehr 



— 1.^5 — 

kalt gelassen; seit März 1883 unterliess er es aber keinen 
Freitag, den Tisch zu drehen, weil ihm dieser eines schönen 
Tages zugesagt hatte, ihm an einem Freitag ,,mediumistische" 
Kräfte zu schenken, mit Hilfe deren er den Geist seiner Mutter 
heraufbeschwören könnte. So kam es, dass das Mädchen Julie 
schon während der Pfingstferien einer spiritistischen Sitzung 
beiwohnen konnte, von der sie übrigens in keiner Weise be- 
einflusst wurde. Am 19. August auf Ferien zurückgekommen, 
hatte sie schon an mehreren Zusammenkünften th eilgenommen, 
bei denen ihre Rolle blos darin bestand^ die Hände auf den 
Tisch zu legen, als am 29. August, Freitag, ihr Vater einen 
neuen Versuch unternahm, um zu erfahren, ob seine Zeit als 
Medium noch nicht gekommen sei. Er befragte den Tisch und 
dieser antwortete, anstatt, wie er gehofft hatte, ihn zu nennen: 
Julie wird das Medium sein. Der ganze Freitag wurde nun 
einer fast ununterbrochenen Sitzung gewidmet. Am nächsten 
Tag trat die Gesellschaft um 9 Uhr Morgens wieder zusammen, 
man „citirte** verschiedene Personen, und gegen 3 Uhr Nach- 
mittags ertheilte der Tisch Julie den Befehl, zu schreiben. 
Diese ergriff einen Bleistift, aber im selben Augenblick wurden 
ihre Arme steif und ihr Blick starr. Der Vater schüttete ihr 
erschreckt ein Glas Wasser in's Gesicht, worauf sie zu sich 
kam, und die Mutter verbot ihr in Ahnung der Gefahr, wieder 
den Tisch zu drehen. Das passte der Nachbarin aber nicht, 
die mit ilirer Freundin, der Anstifterin dieser Sitzungen, zu- 
gegen war. Begierig, den Geist einer gewissen Person, der 
ihr, wie es scheint, ^verschwistert'* war, zu befragen, nahm 
sie Julie mit sich, als sie fortging, und die Sitzung fing in 
ihrer Wohnung von neuem an. Gegen 7 Uhr begann der 
Tisch zu klopfen, der Geist stellte sich ein, und Julie bat ihn, 
seinen Namen zu schreiben. In ihrer Eigenschaft als Medium 
und vom Geist inspirirt, ergriff sie sofort selbst unter Zittern 
den Stift und schrieb mit krampfhafter Hand „Paul Denis" und 
dazu einen Schnörkel. Die Handschrift war, wie es scheint, 
die eines Mannes, auch waren das P und das D so seltsam ge- 
formt, dass das Mädchen sie seither nie mehr nachahmen 
konnte. Kaum hatte sie die Schriftzüge fertig gebracht, als die 
Hand, mit der sie geschrieben hatte, in Krampf gerieth. Dann 
richtete sich das Mädchen gerade, stiess einen gellenden Schrei 
aus und lief im Delirium durch das ganze Haus, unarticulirte 
Schreie ausstossend; bald darauf wälzte sie sich auf dem Boden 
und vertiel in hysterische Zuckungen, unter denen besonders !die 
Phase des Clownismus ausgeprägt war. Am nächsten und an den 
folgenden Tagen kamen die Anfälle in grosser Zahl, 20 bis 30 
im Tag, wieder. So dauerte das bis zujn 15. November; Julie 



liatte immer Doch ibre Anfälle, uad die ÂQwenduDg verschiedeDei 
Mittel, besoDders der Hydrotherapie, besserte nichla darnD. 

Einige Tage vorher war Franz, der jüngere der beiden 
Knaben, der ebenso tvie sein Bruder an den spiritistischeii Be- 
mtihimgeii stets lebhaften Ântheil genommen hatte, von Gtelenks- 
sehmerzen befallen worden, mit denen er noch zu Bette lag. 
Am 15. October richtete er sich plötzlich im Bette auf, schrie, 
dasa er Löwen und Wölfe »ehe, dann stand er auf, schlug an 
die Thüren, sah seinen Vater todt vor sich, wollte Räuber, die 
er zu finden glaubte, mit einem Säbel todtschlagen, wälzte sich 
auf dem Boden, kroch auf dem Bauch, kurz, zeigte die Phase 
der leidenschaftlichen Stellungen und Geberden in schönster 
Ausbildung. Zwei Tage später zeigte Jacques eine Steigerung 
seiner gewöhnliehen Gesiehtszuckungen und rief, als er seine 
Mutter weinen sah, aus: „Wenn du weinst, werde ich mich 
tödten." Endlich traten bei ihm Anfälle von kurzem Delirium 
auf, in dem er Kaubewegungen machte, unzusammenhängende 
Worte ausstiess, Räuber und Mörder sah, die er angreifen wollte. 
Am 9. December brachten die verzweifelten Eltern, nachdem 
jede Behandlung erfolglos geblieben war, ihre Kinder ia die 
Salpêtrière. Die Notbwendigkeit, wenigstens die Kinder von 
einander zu trennen, hatte sich immer klarer herausgestellt, 
denn, wenn eines in einen. Anfall verfiel, beeilten sich die 
anderen sofort, es ihm uachzuthun. 

Das Mädchen, Julie, dessen Vorgeschichte wir bereits 
kennen, ist IS'/j Jahre alt, für dies Alter kräftig gebaut und 
sehr entwickelt, obwohl die Regeln sich nur einmal im 
Jahre 1883 gezeigt haben und seither nicht wieder erschienen 
sind; iui Widerspruch zur Auskunft, welche die Mutter über 
sie gegeben hat, scheint sie von ruhiger und sanfter Geraütbs- 
art zu sein. Sie hat in den ersten Tagen nach ihrem Eintritt 
wie in der nächstfolgenden Zeit mehrere Anfälle gehabt, die 
im Allgemeinen durch folgende Charaktere ausgezeichnet 
waren; Ganz plötzlich, nur manchmal nach einer sehr kurzen 
und wechselnden Aura wirft sie sich nach rückwärts, die 
Arme vom Rumpfe abgezogen, die Hände pronirt und die 
Finger stark gebeugt. Dann folgen häufig einmalige oder mehr- 
malige Andeutungen einer Bogenatellung (arc de cercle") 
besonders nach der einen Seite, und endlich zeigt sich die 
clonische Phase, ausgezeichnet durch Ueberscblagungen des 
Körpers nach vorne oder nach hinten; der Kopf nähert sich 
dabei dem Becken, oder es werden im Gegentheil die oberen 
Extremitäten in die Luft geworfen und zappeln hin und her, 
während der Kopf gegen die Kissen gestemmt bleibt. Während 
des Anfalls atöast Julie einige gröhlende Laute aus, lacht. 



d 



— 1»7 — 

_ rieht aber nie- Anfälle wie die eben bescbriebenen folgten 
mehrere raseb aufeinander, eo dass das Ganze ziemlicb l^n^e, 
dreiviertel Stunden, eine und selbst anderthalb Stunden dauert. 
Man kamt die Anteile nach Belieben abschneiden oder hervor- 
rufen, wenn man auf einen der hysterogenen Punkte drückt, 
welche die Kranke zeigt. Julie besitzt □»uilicb permanente 
Stigmata der Hysterie; obzwar sie weder HautanSsthesie noch 
Ovarie zeigt, Süden sich doch bei ihr zahlreiche hysterogene 
Zonen, und zwar, einauder auf beifien Seiten entsprechend, am 
Busen, an der äusseren Partie der Leiste, an der Wade und 
am äusseren Knöc-hel, und an der inneren Seite des Ellbogen- 
gelenka rechts. Die von Herrn Parinaud ausgefllhrte Unter- 
suchung der Augen ergiebt ganz charakteristische Verhältnisse; 
es besteht eine sehr deutliche Einengung des Oesicbtsfeldes 
fUr das rechte Auge; überdies ist der Kreis für die Roth- 
emp6ndung nicht nur ausserhalb dessen für die Blauempfindung 
gelegen, sondern geht auch beträchtlich über die Grenze der 
Wahrnehmung für weisses Licht hinaus. Dieselben Phänomene 
bestehen auch links, aber in abgeschwächtem Grade, Die 
anderen Sinne sind intact. 

Der einährige Franz, der jüngere der beiden Knaben, 
zeigt ausser den Anfällen, die wir gleich besehreiben werden, 
ebenfalls permanente Stigmata. Am Tage nach seinem Eintritt 
konnte man an ihm einen anästhetischen Bezirk auffinden, der 
das ganze Gesicht einachloas; dieser Bezirk ist übrigens wandel- 
bar, denn in den nächsten Tagen war die Unempfindlichkeit 
auf die mittlere Gegend der Nase und der Stirne beschränkt. 
Der übrige Theil der allgemeinen Decke ist sehr merklieh 
hyperästhetisch. Alle Specialsinne sind beeinträchtigt; der Ge- 
schmack ist ganz aufgehoben, die Zunge völlig unempfindlich, 
die Schlundreflexe sind unterdrückt, desgleichen der Geruch 
und die Reflexe von der Nasensehleimhaut; der äussere Gehör- 
gang ist uuempfindlich, das Gehör sehr abgestumpft. Auch die 
Untersuchung des Gesichtsfeldes ist sehr lehrreich; links besteht 
eine sehr deutliche Einengung und der Kreis der Rothempfia- 
düng geht nicht nur über den der Blau-, sondern auch über 
den der Weiasenipfindung hinaus. Rechts ist die Einengung 
minder deutlieh und es besteht keine relative Verschiebung 
der Grenzen für die Farben Wahrnehmung. Franz hat alle Tage 
ein bis fünf Anfälle, von denen einige bis zu zwei Stunden 
dauern. Er zeigt in sehr schöner Weise die Aeusserungeu der 
kleinen und der grossen Hysterie. Die ersteren bestehen in 
einer Contractur der Ringmuskeln der Augenlider, die lUnf bis 
sechs Minuten anhält, dabei ist das Bewusstsein nicht gestört; 
oder das Kind schlägt mit der Hand, mit dem Fusb, stösst 




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eiuige unzusaniriieuliÜDgends Worte hus, und danu ist altesil 
vorüber. ZunieÎBt aber sind die eben erwälinten Eraclieiaungea 
nur die Vorläufer einer Reih« von cbarakteristieclien, zu einem 
Ganzen zus an im en gesetzten Anfitllen. Das Kind wird dann an 
Armen und Beinen steif, scLlieaat die Augen, nimmt ungefähr 
die Stellung dea ,, Gewölbes" (are de eercle) an, wirft sich 
später auf den Boden, kriecht auf dem Bauche, schlägt auf 
den Boden, indem er Mörder! Hilfe! schreit, rauft und ver- 
tlieidigt sich gegen imaginäre Wesen, Dann beginnt die tonische 
Phase von neuem und der Anfall setzt sich so aus einer Keihe 
von kleinen Anfällen mit üeberspringen der einen und wechseln- 
dem Vorwiegen der anderen Phänomene zusammen. Wenn man 
ihm die Hand bei gespreizter Haltung der Finger zusammen- 
drückt, kann man merkwürdigerweise den Anfall augenblicklich 
unterbrechen; es gelingt übrigens nicht, ihn auf diese Weise 
hervorzurufen, und die Haut dieses Körpertheils zeigt keine 
Störung der Sensibilität. 

Der zwölfjährige, wie sein Bruder und seine Schwester 
bleiche und anämische Jacnues ist am wenigsten intensiv von 
den Dreien erkrankt, obwohl auch er ein oder zwei, mitunter 
drei bis vier AniUlle im Tag hat. Aber ausserdem, dass er 
keine permanenten Stigmata trägt, überwiegt die kleine Form 
der Hysterie bei ihm auch sehr merklich über die grosse. Wie 
wir wissen, hat er vor der Erkrankung an Gesichtskrampf ge- 
litten. Diese Zuckungen werden nun zu Beginn des Anfalls 
stärker; er achneidet Fratzen, die Lippencommisauren werden 
nach auaaen gezogen, er macht Kaubewegungen, schliesst die 
Augen, spricht einige un zusammenhängende Worte aus, und 
damit kann der Anfall zu Ende sein. Aber auch bei ihm kommt 
es vor, dass nach diesen Fhänomenen oder gleichzeitig mit 
ihnen die Augen sich schlieasen, der Körper ateif wird und er 
ein Gewölbe macht; darauf Leginnt er zu laufen, geht auf und 
ab, spricht laut mit sich selbst, schreit: Diebe! und wii'ft sich 
endlich auf's Bett, womit der Anfall endet oder eine neue 
Keihe von Anfällen beginnt, die selten länger als eine Viertel- 
stunde dauert. 

Dies ist der gegenwärtige Zustand der Kranken, dies sind 
die Thatsaclien, die wir beobachten konnten und die mir 
wichtig genug erschienen sind, um sie zum Gegenstand der 
heutigen Vorlesung zu machen. 

Ea handelt aich in der That nicht etwa um fluchtige 
Aeusserungen der Hysterie bei diesen Kindern. Bei Julie besteht 
die Krankheit nun schon seit vier Monaten, und wenn die 
Isolirnng ihre AnfUUe wie die ihrer Brüder auch ein wenig 
gemildert zu haben scheint, so bleibt es doch wahrscheinlich. 




— im — 

l'daäs dieselben aicli recht hartnäckig erweiaea werden, denn 
Hin kann die drei Kinder nicht zuBammenbriogen, ohne dass 

|ne nicht alle drei sofort in Krämpfe verfalleii. 

Die eingehende Scliilderiing dieser kleinen Hauaepidemie, 
die ich Ihnen gegeben habe, scheint mir in hohem Grade lehr- 
reich zu sein. Wir haben die Entstehung und Entwiekelung 
der Krankheit in einer Familie von Nevvil.si-Ti und Arthritikern 
kennen gelernt, deren Glieder iolglirli zwei Diatheaen ver- 
fallen sind, die, so häufig miteinander vereinigt, der Krankheit 
den günstigsten Boden bieten. Wir haben den EinÜnss schätzen 
gelernt, den Lebensweise und M'^ohnungabedingungen ausüben, 
wir haben endlich klar die Gefahr erkannt, welche abergläu- 
bische Handlungen und Gebräuclie besonders fur prädisponirte 
Personen, die leider am meisten zu ihnen hinneigen, mit sich 
bringen, die Gefahr der beständigen Üeberspannimg des Geistes, 
in welche alle die verfallen, welche sich dem Spiritismus, dem 
Beraühfen ergeben, das Wunderbare, dem der Sinn der Kinder 
olinehia weit oflfen steht, in's Leben zu ziehen. 



Siebzehnte Vorlesung. 



Ueber die Zweckmässigkeit der Isolirung bei der Behandluiii 
hysterischer Kranken. 

PortseUnng der Krtnlteiigesohiclita der flroi Kinilpr, welche ir 
apiritUli scher SitEnneen erkrankt waren. — Trennung der Hjateriachq 
TOn ihren Anj^ehBiiseM. — Dia iiorvöse Anorexie. — Oeacliichle eine* 
FnlJeq von Anorexie, in dem die kolirung das Leben der Ivmaken rettete. 
~ Anerlteiinniig der thcrspcutiachan Seäentiiiig der laolirniig in alten nnd 
in modernen Zeilen. 



Meine Herren! Itih halte es fUr gut, Ihnen ehe ich auf Ai 
eigentlichen Gegenstand unserer heutigen Studien eingehi_ 
einige* Nachrichten über die drei Geschwister zu geben, die 
ich Ihnen am 19. Decemher dea vorigen Jahres vorgestellt 
habe. Ich habe nicht die Absicht, die ganze Geschichte dieser 
kleinen hjateriachen Epidemie, welche sieh unter dem Einfluss 
spiritistischer Uebungen entwickelt hat, hier von neuem zu 
erzithlenj Sie finden dieselbe mit allen ihren Einzelheiten im 
Progrès médical vom 24, Januar, veröffentlicht von meinem 
letztjährigen Intenie Herrn Dr. Gilles de la Tourette. Nur 
einige Punkte will ich hervorheben, welche geeignet sind, 
Ihnen den Zustand der Kinder zur Zeit der Vorstellung ii 
die Erinnerung zu rufen, damit Sie besser im Staude sind, i" 
Veränderungen zu beurtheilen, die sich bei ihnen nnter d< 
EinfluBS der von ans getroifenen Massnahmen und der 
geschlagenen Behandlung eingestellt haben. 

Die Familie besteht, wie ich eben geeist habe-, aus drei 
Kindern, zwei Knaben und einem Mädchen, Sie erinnern sich, 
dass bei letzterer, gegenwärtig 13Yj Jahre alt, die Krankheit 
am 20. August 1884 ausgebrochen ia^ und zwar in Folge einer 
spiritistischen Sitzung, die von 9 ülir Morgens bis 7 Uhr Abends 
fortgeführt wurde, und bei der Julie die bedeutungsvolle Rolle 




J 



— 191 — 

i Mediums aplelte. Zu Ende dieser Sitzung bractieu bei 
ihr Krampfan ßllle aus, welche Bich 15- bis 20inal im Tag 
wiederholten, bis endlich, am 9. Deeember 1884, die ganze 
Familie in die Salpêtrière aufgenommen wurde. Die beiden 
Brüder hatten nämlich dem bösen Beispiel, das ihnen die ältere 
Schwester gab, gefolgt, und am 35, November 1884, ungefähr 
sechs Wochen nach jener verhängniBayollen spiritiatischen 
Sitzung, die übrigens keinen Eindruck auf ihn gemacht hatte, 
wurde der jüngere Knabe, der einährige Fraoa, von einem 
Anfall eines hyateriachen Deliriums ergriffen, während er noch 
durch eine rheumatische Erkrankung an's Bett gefesselt war. 
Zwei Tage später, am 17. Deeember, kam die Reihe an den 
älteren Knaben Jacques, der in Anftllle von Delirium mit 
Hallucination en verfiel. 

Von dieser Zeit ab konnten die Kinder sich nicht mehr 
im Hanse treffen, ohne von Anfällen ergriffen zu werden. Die 
Schwester machte immer den Anfang, die Brüder folgten ihrem 
Beispiel, und das wiederholte sieh mehrere Male im Tag. Die 
Lage war also unhaltbar geworden. Da geschah es denn auch, 
dasB die Eltern unsere Hilfe in Anspruch nahmen und wir 
ihnen den Vorschlag machten, die Kinder auf unsere Klinik 
zu bringen, den sie annahmen. 

I. Der Vorschlag, den ich den Eltern machte, ging aus 
einer Reihe therapeutischer Erwäigimgen hervor, die ich Ihnen 
jetzt auseinandersetzen will. Die Aufnahme der Kranken auf die 
Klinik ermöglichte uns, folgende di'ei Massregeln durchzuführen: 

1. Die Entfernung der Kranken von dem Orte, an dem 
ihre Krankheit ausgebrochen war; 

2. ihre Trenniing von Vater und Mutter, welche seibat sehr 
nervös geworden waren, und deren Gegenwart nach meinen 
früheren und in diesem Punkte schon sebr alten Erfahrungen 
jeder Behandlung im Wege stehen muaste; 

3. die Trennung der Kinder von einander. 

Das Mädchen wurde in der That in einem der Weiher- 
zimmer unserer Klinik untergebracht, die beiden Knaben ihrer- 
seits in dem einzigen Männerzimnier, das wir damals besassen. 
Die Trennung der drei Kranken von einander war also nicht 
vollständig durchgeführt, doch hatten wir wenigstens iiirem 
Zusammenleben in einem Räume ein Ende gemaclit. Dies musste 
nach meinem Dafürhalten zur Grundvoraussetzung einer jeden 
Behandlung genommen werden. Die Eltern erklärten sich 
damit einverstanden, ihre Kinder nur mit meiner Erlaubniss zu 
sehen, und ich glaubte, ihnen versprechen zu kOnnen, daas 
sie dieselben nach wenigen Monaten völlig geheilt zurück- 
bekommen werden. 




Wei 






)ra]i8elie odet 



iche Seite der Beîl 



handlung war, so hatten wir doch natüi-Ii eher weise auch eigent- 
lich ärztliche MaBsnahineii in'a Auge gefaset. Die Kinder, die 
man iina anvertraut batte, waren alle drei bleich und anämiech; 
man musste ihnen also jene kräftigenden Mittel verabreichen, 
unter denen Amara und Eisenpräparate den ersten Rang ein- 
nehmen. Mao konnte ferner anstreben, auf die rheumatisclie 
Dillthese, die wenigstens bei dem einen sehr ausgesprochen 
war, zu wirken. 

Was die Heilmittel betrifft, die sieb direct gegen den 
hysteriBchen Status richten, so beabsichtigten wir, eine Be- 
handlung mit Btatischer Elelctricitüt einzuleiten, die uns täglich 
bei solchen Fällen grosse Dienste leistet, zumal da wir bei 
der noch nicht vollendeten Einrichtung der hydrotherapeuti- 
schen Anstalt in der Salpêtrière auf eine methodische Anwen- 
dung der Hydrotherapie verzichten mussten. Wir setzten aber 
keine Hoffnung auf die Verabreichung der Bronipräparate, da 
uns die Erfahrung seit langer Zeit gelehrt hat, dass diese 
Classe von Medicamenten, welche sich in der Epilepsie fast 
immer, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, wirksam er- 
weist, in der Behandlung der Hysterie, auch in jenen Formen, 
welche eich der Epilepsie am meisten zu nähern scheinen, 
näntlich in der Hysteroepilepsie, völlig versagt. Ich spreche 
hier nicht vom Opium in hohen Dosen und den anderen 
krampfstillenden Mitteln; nicht dass ich ihre Anwendung ver- 
urtheile, aber es scheint mir ganz aussichtslos, sie in solchen 
Fällen zu geben, 

n. Ich muss Ihnen aber gestehen, meine Herren, daas ich, 
wenn ich auch entschlossen war, alle im eigentlichen Sinne 
des Wortes therapeutischen Methoden in Anwendung zu ziehen, 
doch hauptsächlich auf die Isolirung, also auf die mora- 
lische Behandlung redinet«, wenngleich diese nothwendiger- 
weise eine unvollkommene bleiben musste. Es war allerdings 
noch möglich, dass die Kinder einander in den HAumen des 
Spitals begegneten, und es ist auch häufig geschehen; die beiden 
Brüder wohnten überdies in demselben Krankensaal und 
konnten, ebenso wie die Schwester, in den gemeinschaftlichen 
Schlafräumen zn wiederholten Malen die convulgivischen hyste- 
rischen Anfälle zu Augen bekommen. Aber uns blieb eben 
keine Wahl, und es war doch nach meiner Ansicht besser ftir 
sie, unter diesen Verhältnissen zu leben als im väterlichen 
Hans zu bleiben, im beständigen Verkehr mît Vater und 
Mutter, und ihrer gegenseitigen Einwirkung aufeinander jeden 
Augenblick ausgesetzt. Ich kann nicht nitchilr tick lieh genug vor 
Ihnen betonen, welches Gewicht ich auf die Isolirung bei der 



J 



Behandlung der Hysterie lege, bei ■welcher Krankheit »las 
psychiaclie Element uuetreitig in den meisten Fällen eine sehr be- 
achten s werthe, wenn nicht die Hauptrolle spiolt. Seit 15 Jahren 
halte ich an diesem Satze fest, und alles, was ich seit 15 Jahren 
gesehen habe, und was ich täglich sehe, trägt dazu bei, mich in 
(lieser Ansicht zu bestärken. Ich sage Ihnen, es ist nothwendig, 
die Kinder und die Erwachsenen von ihrem Vater und zumal von 
ilirer Mutter zu trennen, deren Einfluss, wie die Erfahmng zeigt, 
ein ganz besonders schädlicher ist. Die Erfahrung beweist 
dies, wiederhole ich, obwohl die Gründe dafür nicht immer 
leicht anzugeben sind, und man besonders vor den Müttern in 
Verlegenheit kommt, die nichts daron wissen wollen und in der 
Regel erst der äussersten Nothwendigkeit nachgeben. 

In der Stadtpraxis wird eine Isolirung, wie ich sie hier 
im Auge habe, in solchen Fällen tagtäglich unter den günstig- 
sten Verhältnissen durchgeführt. Seit 15 Jahren sind in Paris 
aahlreicbe hydrotherapeutische Heilanstalten erstanden, welche 
solche Kranke mit vollem Erfolg in Behandlung nehmen, da 
sie zu diesem Zwecke eingerichtet sind. In der Provinz stehen 
einer IsoUrnng der Kranken grössere Schwierigkeiten entgegen, 
denn es fehlt zumeist an passend eingerichteten Heilanstalten. 
Man kann sich einen Ersatz, dafür verschaffen, aber Sie be- 
greifen leicht, dass dieser nothwendigerweiae häufig mangelhaft 
sein muss. 

Man vertraut die Kranken der Wartung fähiger und er- 
fahrener Personen an; gewöhnlich sind es geistliehe Schwestern, 
die durch lange Uebung für den Umgang mit solchen Krauken 
in der Regel sehr geschickt geworden sind. Eine wohlwollende 
aber feste Leitung, viel Ruhe und Geduld sind dabei die haupt- 
aächliehaten Erfordernisse. Die Eltern werden conséquent fern- 
gehalten bis zum Tage, an dem sich eine merkliehe Besserung 
zeigt. Man erlaubt dann den Kranken als Belohnung sie zu 
sehen, zuerst in laugen Zwischenräumen, dann, im Masse als 
die Heilung fortschreitet, in immer kürzeren. Zeit und Hydro- 
therapie, von der internen Médication abgesehen, thun dann 
das Uebrige. Ich für meinen Theil habe die innerste Ueber- 
zeugung, dass die beginnende Hysterie, besonders bei Kindern, 
und zumal bei Knaben, oft im Keime erstickt werden könnte, 
wenn sich die Eltern dazu bewegen Hessen, von Anfang au 
energische Massregelu zu trgreifeii und nicht zu warten, bis 
das Uebel Zeit hat, Wurzel zu fassen und zii erstarken, weil 
man es zu lange sich selbst überlassen hat. 

JH. Ich könnte Ihnen zahlreiche Beispiele anführen, in 
denen sich die Bedeutimg der laolirung für die Behandlung 
der Hysterie bei jugendliclien Personen — junge Mädchen 






— 194 — 

miteinbegrîfFen — in der unzweideutigsten Weise geaci^ 
Ihnen dieses so merkwürdige Verhältniss reclit eindrücklich 
vorzuführen. Da ich mich aber nicht auf lange Ausführungen 
einlaasen kann, will ich mich auf folgende, nach meiner Meinung 
sehr charakteristische Erzählung beschränken. 

Es handelte sich um ein junges, dreizehn- oder vierzehn- 
jähriges Mädchen aus Angoulême, das seit fünf oder sechs-, 
Monaten sehr stark gewachsen war und seither hartnJicki§^< 
verweigerte, Nahrung zu sieh zu nehmen, obwohl bei ihr weder 
eine Schlingstörung noch ein Magenleiden bestand. 
dies einer jener Fälle, die an die Hysterie angrenzen, aber 
nicht immer eigentlich zur Hysterie gehören, Laaègue in 
Frankreich und W. Gull in England haben unter dem Namen 
nervöse oder hysterische Anorexie eine ausgezeichnete Beschrei- 
bung von ihnen gegeben. Die Kranken essen nicht, sie wollen, 
sie können nicht essen, obwohl sich kein mechaniacheB Hinder- 
nJBS für die Beförderung der Speisen in den Magen und kein 
Hinderniss für ihren Verbleib daselbst, wenn sie einmal ein- 
geführt sind, findet. Mitunter, aber durchaus nicht immer, wie 
man geglaubt hat, ernähren sie sich heimlich, und obwohl 
die Eitern selbst diesem Betrug Vorschub zu leisten pflegen, 
indem sie die sonst von den Kranken bevorzugten Speisen so 
hiuBtellen, dasa sich die Kranken ihrer unbemerkt bemächtigen 
können, bleibt doch die Ernährung eine ungenügende. Man 
wartet Wochen und Monate ab in der Hoffnung, dass sich 
das Verlangen nach Speise wieder regen werde, aber flehent- 
liche Bitten wie Drohungen scheitern an ihrem Widerstande- 
Mit der Zeit bleibt die Abmagerung nicht aus und erreicht 
eine wii-klich ausserordentliche Höhe; die Kranken sind ohne 
Uebertreibung nichts als lebende Skelette. Und was für Leben! 
Eine tiefe Stumpfheit hat die anfangs vorhandene unnatürliche 
Aufregung abgelöst, Gehen und Stehen sind seit laBger Zeit 
unmöglich geworden, die Kranken sind an's Bett gebannt, 
in dem sie sich kaum zu bewegen vermögen, die Muskeln di 
Halses sind gelähmt, das Haupt rollt wie eine todte Masse 
auf den Kissen, die Glieder sind kalt und cyanotisch; man 
fragt sieh erstaunt, wie bei einem solchen Verfall nocli 'di 
Leben bestehen kann! 

Die Eltern sind schon längst besorgt geworden _ 
Besorgniss erreicht jetzt den höchsten Grad, wenn es so weit 
gekommen ist, und zwar ganz mit Recht, denn das letale Ende 
droht in der That- Ich für meinen Theil kenne wenigstens vier 
Fälle, in denen ea wirklich eingetreten ist. 

Ungefähr so stand es auch mit der kleinen Kranken 
Angoulême, als ich einen Brief vom Vater erhielt, der 



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— 195 — 

I kläglichen Zustand schilderte und mich beschwor hinzu- 
kommen um das Kind zu sehen. „Meine Reise ist tiherflUseig," 
antwortete ich, „ich kann Ihnen, ohne die Kranke gesehen zu 
haben, den entsprechenden liath geben. Bringen Sie das Kind 
nach Paris, lassen Sie es in diese oder jene unserer hydi-o- 
therapeiiti sehen Heilanstalten aufnehmen, verlassen Sie es dann 
oder tliun Sie doch ao, dass es glaubt, Sie hätten die Haupt- 
stadt wieder verlassen, benachrichtigen Sie mich dann davon 
und — ich stehe für das Uebrige ein." Mein Brief blieb unbe- 
antwortet. 

Sechs Wochen später trat eines Morgens bei mir ein 
College aus Angoulême ein, der mir ganz verstört die Nach- 
richt brachte, die kleine Kranke, deren Arzt er gewesen sei, 
befinde sich jetzt in Paris in einer dei' AnatalteD, die ich namhaft 
gemacht hatte, es gehe ihr übrigens immer schlechter und sie 
habe wahrscheinlich nur noch einige Tage zu leben. Ich fragte 
ihn, warum man mir nicht die Ankunft des Mädchens mitgetheilt 
habe, und erhielt die Antwort, dass die Eltern es unterlassen 
liiltten, weil sie entschlossen wären, sich nicht von ihrem Kinde 
zu trennen. Darauf bemerkte ich meinerseits, dass man die Haupt- 
sache, die conditio sine qua non meines ärztlichen Rathes .ausser 
Acht gelassen habe, und dass ich daher jede Verantwortung 
in dieser unglückseligen Angelegenheit ablehnen müsse. Doch 
lieBS ich mich durch seine Bitten bewegen, in die betreffende 
fiydrotherapeutische Heilanstalt zu gehen, und dort sah ich 
ein klägliches Schauspiel: Ein grosses Mädchen von 14 Jahren, 
im letzten Stadium der Abzehrung und des Marasmus, in 
Rückenlage, mit erloschener Stimme, kalten, lividen Extremi- 
täteo, lierabsinkendem Kopfe, kurz das Bild, das ich Hmen 
Vorhin entworfen hab.e, in grellster Ausführung, Es war wirklich 
Grund genug zur grösaten Beaorgniss. 

Ich nahm die Eltern auf die Seite, und nachdem ich eine 
«rnste Ermalinung an sie gerichtet hatte, erklärte ich, dass 
nach meiner Meinung nur in einem Falle Aussicht auf Heilung 
Sei, Dämlich wenn sie das Kind verlassen wollten oder sich 
ao stellten, als ob sie es verliesseu, was auf dasselbe hinaus- 
Icommen würde. Sie sollten ihm sagen, dass sie aus irgend 
esinem Grunde genötbigt wären sofort nach Angoulême ab- 
zureisen; sie könnten mir, dem Arzt, die Schuld an ihrer 
-A-breise geben, daran läge nichts, wenn ni\r die Kranke von 
ilirer Abreise überzeugt sei, und zwar müsse dies auf der 
^5 teile geschehen. 

Ihre Einwilligung war trotz aller meiner Vorstellungen 
xïtat schwer zu erhalten. Besonders der Vater konnte nicht 
bereifen, wie ein Arzt vom Vater verlangen künne, dass er 




— 196 — ' 

sicli im Momente der Gtefalir von seinem Kind trennen solle. 
Die Mütter sagte dasselbe. Aber die Ueberzeugung gab mir 
Kräfte; ich muss wobl sehr beredt geworden sein, denn zuerst 
gab die Mutter naeb und dann auch der Vater, letzterer aber 
mit grossem Aerger und wie ich glaube, nur mit geringem Ver- 
trauen auf meinen Erfolg. j 

Die Isolimng war also erreicht, ihre Resultate zeigten siclr 
raacb und in wunderbarer Weiee. Daa Kind war mit der wartenden 
Schwester und dem Arzt des Hauses allein geblieben, weinte 
ein wenig, eine Stunde oder darüber, und zeigte sich weit 
weniger verzweifelt, als man hätte erwarten sollen. Noch am 
selben Abend willigte es trotz seines Widerstrebens ein, die 
Hälfte eines kleinen Zwiebacks in Wein getränkt zu nehmeuii 
An den folgenden Tagen nahm es ein wenig Milch, Wein,' 
Suppe und etwas Fleisch zu sich: die Ernährung iriaolite 
Fortschritte, langsam aber beständig. 

Mach 14 Tagen war die Nahrungsauftiahme verhältniss- 
mäsaig befriedigend, mit der Körperzunahnie kamen die Kräfte 
wieder, so dass ich sie nach €inem Monat im Lehnstuhl sitzend 
und iUhig fand, das Haupt vom Kissen zu erheben. Sie konnti 
auch schon ein wenig gehen, man nahm jetzt die Hydrotherapie 
zu Hilfe und nach zwei Monaten, vom Beginn der Behandlung^' 
an gerechnet, durfte man aie fast als vollkommen geheilt bei^j 
trachten; Kräfte, Appetit, Körperfülle lieasen nicht mehr vif 
zu wünschen übrig. 

Als ich dann das Mädchen befragte, bekam ich folgendi 
G-estäudnias zu hören; „So lange Papa und Mama mich nicW 
verlassen haben, mit anderen Worten, so lange Sie nicht» 
durchgesetzt hatten — denn, ich merkte wohl, dass Sie mich 
oinschlieesen lassen wollten ^ glaubte ich, dass meine Krank- 
heit nicht gefährlich sei, und da ich einen Ekel vor dem Esaen 
hatte, ass ich nicht. Aber als ich sah, dass Sie der Herr 
geworden sind, bekam ich Furcht; ich habe trotz 
meiner Abneigung zu essen veraucht, und dann ist es allmählich 
gegangen." Ich habe dem Kind für sein Geatändnisa, welche» 
mir, wie Sie sehen, geradezu «ine Aufklärung brachte, gedankt. 

IV. Ich könnte leicht weitere Beispiele anfuhren, die ge- 
eignet wären, Ihnen den günstigen Einflusa einer gut geleiteten 
laolirung in der Behandlung gewisser, nicht ala GeiateaatörungH 
aufgefaaster nervöser Erkrankungen bei der Hysterie unä 
überdies noch ganz besonders bei der Neurasthenie in helleiil; 
Lichte zu zeigen. 

Was ich eben flir die nervöse Anorexie ausgesprochi 
habe, könnte ich nämlich in gleicher Weise für die meiatj 
Formen der hysterischen Neurose wiederholen. Es reicht 



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>ii^H 







^ 



— 197 — 

r aber tax den Augenblick bin, Ihrn Aufmerksamkeit auf 
tlîese Heilwirkung der Isülirung gelenkt zu haben; ich werde 
obne Zweifel noch oftmals Gelegenheit haben, auf diesen 
Gegeiisland im weitern Verlaufe dieser Vorlesungen zurück- 
zukommen; alliährHch seit bald 15 Jahren spreche ich darüber, 
und mehrere der Vorlesungen, die ich dem Gegenstande ge- 
widmet habe, sind zur Veröffentlichung gelangt. Die Methode 
hat llbrigens bereits ihren Weg gemacht, denn ich linde, dasa 
ihre Wirksamkeit besonders in England, übrigens nicht minder 
in Deutschland und Amerika, sehr gerühmt zu werden beginnt. 
Ich dai-f auch deren Priorität für uns in Anspruch nehmen, 
denn wir haben wenigstens, was die Behandlnng der Hysterie 
und verwandter Afifectiouen betrifft, wenn ich mich nicht 
sehr täusche, ein volles Anrecht darauf In der Methode zur 
Behandlung der Neurasthenie und gewisser Formen von 
Hysterie,' welche Weir Mitchell in Amerika, Playfair 
in England iind Burkart^ in Deutachland seit einigen Jahren 
rilhmend empfehlen, ist eigentlieh die Isolirung der Kern- 
punkt und die Hauptsache . 

V. Ich merke aber, daas es Zeit ist, aui unsere jugend- 
lichen Kranken zurückzukommen; ich wollte Ihnen ja zeigen, wie 
sich ihr Zuatand seit sechs Wochen verändert hat, seit der 
Zeit, da die Beliandlung eingeleitet wurde, bei welcher, nach 
meinem Dafürhalten, die Isolirung die Hauptrolle spielt Wie 
ich'a vorher gesagt hatte, ist bei allen Dreien Besserung 
eingetreten, und zwar zuerst bei den Knaben, 

Der Jüngste, Franz, kann als geheilt betrachtet werden ; 
er hat seit 14 Tagen keine Anfalle mehr gehabt, und ist gestern 
nach Hause gegangen, seinem Vater zum Namenstage 
zu gratuliren; er hat diese Probe glänzend bestanden. Nicht 
ganz das Gleiche kann man von seinem älteren Bruder Jacques 



1 Dia laolirun^ der Hysterischeii wird seit langer Zeit als das Wich- 
tigBle in ibrer BebAndlung betrachtet. Wir wdleu hIk Beweis nur das folgeiid» 
CiUl anfllbren, lUs wir Joan Wicr (I5«4) eotlehneu: „Au reste, s'il y a 
plilsieun enaorcellez ou dé me iliaque« eu Tn lieu, comme urdianirement ikhi» 
va;oi:ia cela a venir es monastères, principalement de Sllea (comme estaiis lue 
commodes organes des tromperies de Satan) il faut auant toute cIiohb, qu'elles 
notent séparées, et que chacane d'elle soit enuoyee vers ses parens ou alliez: 
afin que plus commodément elles puissent estre instruitei et guéries, ayaut 
tautefoia esgard au moyen salon la ndcesailé de cbacnne: k Ce qn'ou ne les 
chausse tontes ä une mesme forme, comme on dit communémenl." (Jean 
Wier, Histoiies, disputes et discours des illusions at impostures des diables eto-, 
. II, pag. 173 — 174 édition Bourneville, Paris ISSô.) 

*B. BurkarC, Zur Behandlung schwerer Formeu der Hysterie und 
^utbenis (Volhmntm's Sammlung, g. October tS84). 



sageDjder übrigens als der letzte erkrankt ist. Die grossen Anfalle 
liaben bei ilim völlig aufgehört, ai« sind aber durch kleine 
Schwind elanfalle ersetzt woriîen, die in ihrer Erscheinung 
AnMIen von epileptischem Schwindel ziemlich gleichen. Auch 
diese werden seit 14 Tagen immer seltener; ni eilte desto weniger 
hat er zu Hause, wohin er den jüngeren Brader begleitete, 
einen dieser kleinen Anfälle, die ich als petit mal hyatöriqua 
zu bezeichnen pöege, bekommen. 

Das Mädchen hat an dieser kleinen Expedition nicht Thöil 
genommen; wir haben sie in der Salpêtrière zurllckb ehalte i 
weil wir ihrer yiel weniger siiilier sind als ihrer Brllder, Sie 
ist übrigens nicht geheilt, wenn auch ihre AnfUile täglich an 
Zahl, Dauer und Heftigkeit abnehmen. Es wäre gewiss viel 
rascher mit ihr gegangen, wenn sie nicht in einem Kranken- 
saal unter allen Hysterischen wäre, deren grosse AntUlle sie 
täglich mit ansieht. Da wir kein Isolirzimmer zur Verfügung 
haben, konnten wir's nicht anders einrichten. Jedenfalls ist ihr 
Zustand sehr gebessert, denn, was von entscheidender Bedeutung 
ist, die Kinder sind zu wiederholten Malen alle drei im elekti 
therapeutischen Zimmer zusammengekommen, ohne dass ihnen 
diese Begegnung einen Anfall verursacht hat. 

Sie werden die Kinder gleich zu Gesichte bekommen, zuerst 
die Knaben und später das Mädchen, denn ich bin des letzteren, 
wie ich schon gesagt habe, nicht sicher und fürchte, dass der An- 
blick der Versammlung es aufregen und irgendwelche ZufUUe 
veranlassen könnte. Ich werde Ihnen dem entsprechend zuerst 
an den Knaben, und dann am Mädchen zeigen,- dass die hyste- 
rischen Stigmata, wie wir sie heiasen, in gleicher Weise wie diff' 
Anfälle von Krämpfen oder Delirien durch unsere Behandlung* 
beeinflusst worden sind. Ich lege Gewicht auf dieses Verhältnisa, 
denn ich glaube, dass man eine Hysterische nicht für geheilt 
erklären darf, so lange diese Stigmata noch bestehen. Hier 
ist also zuerst der kleine, lljährige Franz, bei dem die Heilung 
am weitesten vorgescliritten ist. Sie werden zuerst bemerken, 
dasa er weit besser aussieht. Die kräftigende Médication und die 
Spital s Verpflegung, die übrigens gerade keine ideale ist, haben 
ihm in dieser Hinsicht gut angeschlagen. Was die Stigmata 
betriS't, so will ich Sie erinnern, dass sie bei ihm in einer 
Anästhesie aller Emptindungsqualitäten bestanden, die wie 
eine Maske über sein Gesicht und besonders über die Stirni 
ausgebreitet war. Er hatte keine Geruchsempfindung, um 
seiner Nasen Schleimhaut machten Wohlgerüehe ebenso wenig 
Eindruck, wie Ammoniak oder Essigsäure; sein Gehör 
abgestumpft, man konnte ihm in den äusseren Gehörgang ein 
Papierdutfhen einfuhren, ohne dass sich eine Empfindlichkeit 



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regte. Die Tasteiiipfindlichkdit iWr Zunge war ebenso wie 
der Gescliiuack giinz verloren gegangen, m:in konnte scKwel'el- 
sauros Chinin oder Aluc auf seine Zunge bringen, ohne dass 
er das Mindeste davon verspurte. 

Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen erzählen, das«« ich 
vor ungefähr 14 Tagen diesen kleinen Ki'anken meinem hoch- 
geschätzten Collegen Dr. Ruasel Reynolds aus London, 
der sich vorübergehend in Paris aufhielt, vorstellte, in der 
Absicht, diese Störungen des Geschmacks von ihm constatiren 
zu lassen. Ich gestehe, dasa ich sehr angenehm überrascht 
war, als der Knabe seine Zunge mit einer schrecklichen 
Grimasse zurückzog; ich ersah darans, dass unsere Behandlung 
Erfolg gehabt habe und dass unser Patient auf dem Wege 
der Heilung sei. Diese ist auch, wenigstens was den Geschmaek- 
sinn betrifft, nicht ausgeblieben, wie Sie sich sofort selbst über- 



zeugen sollen. 

Auch der Gesichtssinn zeigte bei iinaerem Kranken, wie 
Sie sich erinnern, ganz eigenthümÜche Störungen, die — wenn 
es auch richtig ist, dass sie nicht ausschliesslich der Hysterie an- 
gehören — sich doch so häufig bei ihr vorfinden, dass sie auf 
eine grosse diagnostische Bedeutung Anspruch machen können. 
Es bestand beiderseits eine sehr deutliche Einengung des Ge- 
sichtsfeldes; während aber auf der rechten Seite keine 
relative Verschiebung der Grenzen fûv die Farbenempfindungen 
zu constîitiren war, lag auf der linken Seite (lie Küthgrenze 
■licht nur ausserhalb der Blaugrenise, Eondern ging auch über 
den Kreis iiir die Emjilinduug des weissen Lichtes hinaus. 
Eine neuerliche, von Herrn Parinaud vor zehn Tagen au 
gestellte Untersuchuag hat ergeben, dass alle diese Symptome 
nun gesohwimden und das Sehvermögen wieder normal ge- 
worden ist. 

Ich habe Ihnen schon erwähnt, dass die AiiTdlle ganz 
aufgehört haben, und will Sie nur daran _ennnern, dass die- 
selben sehr häufig waren, im Mittel drei im Tag, was im 
Ganzen 20 — 25 Anfälle für die "Woche ergiebt. 

Ich zeige Ihnen jetzt deu kleinen, 12jährigen Jacques, den 
älteren der beiden Knaben, der zuletzt von der Krankheit 
ergriffen worden ist, und zwar in gelinderer Weise und ohne 
dass sich an ihm permanente hysterische Stigmata vorfanden. 
Die kleine Form des hysterischen Uebels überwog hei ihm 
sehr merklieh die grosse; nichtsdestoweniger hat er in sieben 
Tagen 15 Anfälle gehabt. Seit den letzten 14 Tagen hat er 
aber nur zweimal an solchen Schwindelanfällen gelitten, und 
von diesen zweien ist der eine Anfall gestern unter den Ihnen 
bereits bekannten Verhältnissen aufgetreten. Ich will bei dieser 




Gelegenheit nochmals liervorliclien, d.isa es sich hier 
weiter nichts als um eine Nachahmung ilee petit mal ëp 
tique oder des epileptiac.hea Schwindels handelt. Nur 
Form, aber nicht das Wesen ist dabei epileptischer Natur, 
und eigentlich sind das hysterische und das epileptiscbe petit 
mal zwei grundverschiedene Dinge.' Sie werden überdies dis- 
Bemerkung machen künnen, dass der Âllgemeiazuatand dcf 
Kindes, obwohl gebessert, doeh nach verschiedenen Hinsiclitei 
noch viel zu wünschen übrig lässt. 

Und hier sehen Sie nun das Mädchen Julie, das älteste, 
der drei Kinder. Sie scheint mir seit einem Monat grösser ^ 
worden zu sein und sich entwickelt zii haben; ihr Allgemeinbe- 
finden ist jedenfalls sehr viel befriedigender als vorhin. Was 
ihre Hysterie anbelangt, so wollen Sic sich erinnern, dass sie 
alle Tage im Mittel vier bis fllnf Anfälle oder Reihen von Anfällen 
hatte, die von einer halben bis zu anderthalb Stunden dauerten, 
Seit 14 Tagen zeigen sich die Anfeile nur mehr zwei oder 
drei Mal in der Woche, sie sind weniger heftig und dauern 
nur kaum eine Viertelstunde- Sie erinnern sich ferner, dass wir 
bei ihr sehr gut eharakteriau'te hysterogene Punkte gefunden 
haben, die in symmetrischer Weise an der Brust, der äusseren 
Partie der Weichengegend, der Wade, dem äusseren Knöchel 
und überdies an der Innenseite des rechten Ellbogengelenkes 
gelegen waren. Die Zonen an Brust, Waden und am rechten 
Ellbogen sind heute geschwunden, es besteht wie vorhin keine 
Ovarie^ aber dafür kann man einige unregelmässig angeordnete 
anästhetiache Flecken auf der Unken Seite conatatiren. Die 
hysterische Amblyopie, die bei ihr so deutlich war, ist seit 
10 Tagen gewichen, endlich konnte sie, wie ich Ihnen schon 
erzählt hnbe, ungestraft mit ihren Brüdern zusammentreffen, 
ohne in einen Anfall zu verfallen. , 

So liegen die Verhältnisse jetzt, und wir haben allen i 
Grund zu hoffen, dass dieses kleine Familiendrama, oder 
besser diese kleine KomödiCj denn es war eigentlich nichts 
Tragisches an der ganzen Geschichte, bald ihr Ende ge- 
funden haben wird. In zehn Tagen wollen wir den älteren 
Knaben nach Hause schicken; der jüngere verlässt uns heutig 
und das Mädchen wollen wir noch eine Weile bei uns behalten.'; 

1 Vergleiche über aiesaa Punkt: Bourneville etResiiard, laoua^ 
photogT. de la Salpètrière, tom. 1, pag. 49, und tom. 11, piLg. SOS; i 
BüuniavilU, Râuliercbes clin, et tliér. sur l'épilepaie, l'Iifsterie etc. Compj 
riiiidu da service des enfants de Bicêlta pour 1881, pag. 100. 

^ Der jüngere Kiiaba ist heatu (am Tiige der Veröffentlichung ( 
VorlesLiQg) vullliunimea gelii^ilt; das Mädchen hat neit [ünger als 14 Tag« 
nur eineu, sehr leiohteu Aufnll getiabt, und xitar wühreo^ eines BMndttl 
ihrer Ellsni in der Salpêtrière. " 







Ich gebe lliuen die Lehre zu erwägeu, welche die Ge- 
schichte dieser Kioder mit sich briugt. Ich ginube, duss niän 
es mit Hilfe der aus ein :iitd ergesetzten Mittel mivncbmnl er- 
reichen kitnn, die beginnende Hysterie, besonders bei Knaben, 
die infantile Hysterie, im Keime zu ersticken. Ich spreche im 
Augenblick mir von letzterer; wenn die Neurose sich einmal 
bei Ei-wachsenen durch hinge Zeit festgesetzt bat, sind die 
Aussichten auf Heilung, so. erheblicli sie noch immer sind, doch 
viel ungewisser. Waa unsere kleinen Patienten anbetrifft, su 
will ioli hoffen, dass sie, trotz der bei ihnen so ausgesprochenen 
nervösen Prädisposition, jetzt doch auf lange Zeit hinaus, 
vielleicht auf immer, vor einem Ausbriicb der Hysterie geschützt 
sein werden. Die Eltern, durch die Erfahrung belehrt, dürften 
sieh von nun an gewiss von der Pflege des Spirifismiis ferne 
halten. Da sie jetzt die schwache Seite ihrer Kinder kennen, 
werden sie sich hoffentlich bemühen, durch eine ebensowohl 
physische, als moralische und intellectuelle Gesund) 
die Wiederkehr ähnlicher Zufälle zu verhüten. 



I 

I 




Achtzehnte Vorlesung. 

Ueber sechs Fälle von männlicher Hysterie. 

Di» bysterische Neiiroae kxmmt beim miitmliclien Geaclilechlu hJLiiSg vor 
uDi! Keigt die iiaoilicheii Charaktere wie beim Weibe. — Sie entwickelt 
siiili bäufig Hiiub bei uiulit verwtiuliliclKea Personen im Anacbluis ad uia 
Trauma, — Railwaj-Bpiiie. — Leiieutiing dea psycliincben Shoeks. — Vor- 
Qrtheila, ivulche die richtige AiiffasEung der luSunlichen Hysterie beliiudern, 

— Der mscbe Wechsel und die Unbeständigkeit der Symptume siad keine 
allfemein gütigen Charflklere der Hysterie. — Ehecaowpnig die Wandel- 
barkeitdar StimmouÄ und doB paychiEclien Verhaltens der Kranken-Fgllo toh 
langjnljrigem. anverSudertem Fortbestehen der hysterischen Stii;mata bei 
Frauen. - — L Beobachtung: Heredität, wiederholte Traumen. — Symptome; 
UemiaiiKstlieste, bysterogeiie Zunen, JLararmpfindnngen, psycbisobe Depression. 

— Charakter der Anßlle. — Beoljachtnng II: Complication des Symptom- 
compleieB mit einem eig-enthömliuhen, für die neoragtheniache Neurose 
charabtcristiecheo Kopfschmerz. — Zungecbiaa und unwillkürlicher Harn- 
abgang, ^ Beobachlung UI: Aehiilichkeit der Vorgeaoblchte in allen dl 
Fällen. — ITyateriEcher Tremor. — Beaebreibung der Anfälle, iu daueti die 

Phase der „grands mouvements" besondeca ausgebildet 
Meine Herren! Wir wollen uns heute mit der Hysterii 
beim Manne beschäftig en, oder, wie wir, um den Gegenatam' 
schärfer zu nmgrenzen, lieber sagen wollen, mit der männ- 
lichen Hysterie bei jugendlichen oder in der Blüte des Alters, 
iu voller Helfe stehenden Personen, also bei Männern von 
20 bis 4ü Jahren, und zwar werden wir jene schwere, sehr 
gut kenntliche Form besonders iu's Auge fassen, welche der 
„groasen" Hysterie oder Hysteroepilepsie mit vermengten 
Anfällen bei Frauen entspricht. Wenn ich diesen Gegenstand, 
den ich hier schon oftmals berührt habe, heute neuerdings 
iu Angriff nehme, so geschieht es, weil wir gegenwärtig auf 
unserer Klinik eine Reihe voa solchen, wirklich merkwürdigen 
Kranken beisammen haben, die ich Ihnen vorführen und mit 
Ihnen studiren kann. Auch Labe ich vor Allem die Absieht, 
Sie den identischen Cliarakter der Neurose bei beiden Ge- 
schleelite™ erkennen und sozusagen mit Händen greifen z« 
lassen. Sie werden sich überzeugen, da.ss wir bei einer 
ständigen Zusammenstellung der Symptome der grossen Hystei 
beim Manne und beim Weibe allenthalben die schlagendsl 
Uebei'e in Stimmung begegnen werden, und dasa nur hie und d| 
einige Abweichungen, welche, wie Sie sehen werden, g) 
untergeordneter Natur sind, vorkommen- 



1^ 




— 203 — 

Diese Frage der Hysterie beim Manne stellt übrigena 
ge^nwäi'tig, ieh möchte sagen, auf der Tagesordnung. In 
Frankreich bat sie die Aerzte in den letzten Jahren lebhaft 
beschäftigt, und von 1875 bis 1880 sind der Facultät von 
Paris nicht »weniger als fünf Inauguraldissertationen über diesen 
Gegenstand vorgelegt worden. Herr Klein, der Verfasser 
einer dieser Thesen, der unter der Leitung von Dr. Olivier 
gearbeitet hat, konnte 80 Fälle von männlicher Hysterie zu- 
sammenstellen. Seither sind wichtige Beiträge von Herrn 
Bourneville und seinen Schülern Debove, Raymond, 
Dreyfus und einigen Anderen geliefert worden. Aus allen 
diesen Arbeiten geht nebst anderen Dingen hervor, daas die 
Fälle von männlicher Hysterie ein häufiges Vorkomranisa in 
der gewöhnlichen Krankenpraxia darstellen. Ganz kürzlich 
laben in Amerika Putnam und Walton' der männlichen 
Hysterie, hauptsächlich im AnsohhLSs an Traumen und vor- 
zugsweise an EiaenbaliQunftille, ihre Aufmerksamkeit geschenkt. 
Diese Autoren haben, wie Page, ^ der sich mit derselben Frage 
in England beschäftigt hat, erkannt, dass eine grosse Anzahl 
jener nervösen Störungen, die man als Railway-Spine bezeich- 
net und die nach ihnen besser den Namen Eailway-Brain 
verdienen, weiter nichts sind als Aeusserungen von Hysterie, 
ob es sich mm um Männer oder um Frauen handelt. Sie ver- 
stehen die Bedeutung, welche eine solche Frage nun fiir den 
praktischen Sinn unserer apierikanischen CoUegen gewinnt. 
Die Opfer der Eisenbahnunfälle fordern natürlich Entschädigung 
von den Eiaenbahngeaellschaften. Man führt Proceas, Tauaende 
von Dollars atehen auf dem Spiele. Nun handelt es sich dabei, 
wiederhole ich, oftmals um Hysterie. Diese schweren und 
Irartnäckigen nervösen Zustände, welche sich nach solchen 
2ueammeQ3tössen einstellen und die Betroffenen während einer 
Iteihe von Monateu und selbst von Jahren hindern, ihrer 
Arbeit oder ihren Berufsgeschäften nachzugehen, sind häutig 
blos Hysterie, nichts Anderes als Hysterie. Die inännüche 
Hysterie verdient also vom Gerichtsarzt gekannt uud studirt 
zu werden; handelt es sich doch um grosse Interessen, welche 
vor einem Gerichtshöfe ziim Austrag kommen sollen, auf den 
vielleicht — und das macht die Aufgabe noch achwieriger — 
das Verächtliche, das sich in Folge lang eingewurzelter Vor- 
tirtheile an den Namen Hysterie noch heute knüpft, einen 
Eindruck machen kann. Eine gründliche Kenntniss nicht nur 

' I. Putnam, Am. J«uin.il of Nenrology 1884, pag. 567. — Waltmi, 
Atah. o! med. 1883, lom. X. 

' Page, Injuries of Iliu Bpiiiu and aplani corJ witliout appariant me- 
ubanic&l lestoD, aod nervons Hlluuk. Londan 13S5. 



k. 



der Krankheit Bell>»t, sondern aucli der Verhältnisse, unter 
denen sie eieli eutwickelt, wird ia solchen Fällen um so nütz- 
licher sein, al8 die uervüsen StöruDgen aticli ohne Zusainmen- 
liang; mit einer trauniatischen Verletzung:, nur in Folge der 
psychiauhen Erseliütteninf;, die der Unfall mit sich bringt, 
auftreten können. Ferner koiiiint in Betrnelit, dass diese ner- 
vösen Störungen sieh nieht unmittelbar an den Unfall zu 
sclilieasen brauchen. Das heisat also, während das eine Opfer 
des Zusamnienatossea, das, sagen wir, einen Beinbruch erlitten 
hat, uaoli drei- bis vierniooatÜeher Arbeitsunfähigkeit wieder 
hergestellt ist, kann ein anderes von einem Nervenleiden be- 
droht sein, das eine sechsmonatliche, einjährige oder noch 
längere ArbeitaunMiigkeit bedingt, das aber zu der betreffenden 
Zeit noch nicht seine volle Höbe erreicht bat. Man ersieht 
daraus, wie heiklicb die Stellung des Gerichtsarztes in die«eu 
F.illen ist; und in der That war es die g erichts ärztliche Seite 
der Frage, welche bei unseren amerikanischen Collegen das. 
bis dahin ziemlich vernachlässigte Stadium der hysterisch' 
Neurose in Aufschwung gebracht hat. 

In dem Masse, als man so die I^-ankheit aufinerksamer 
studirte und genauer kennen lernte, sind, wie dies in solchen 
Dingen immer zu gehen pflegt, die hierher gehörigen Fälle 
anseheinend häufiger und gleichzeitig dem Verständnlss zu- 
gänglicher geworden. Ich habe Ihnen eben gesagt, dass 
Herr Klein in seiner These ÖO Fälle von Hysterie beim 
Manne zusammengestellt hat; heutzutage hat Herr Batault, 
der auf unserer KHnik eine specielle Arbeit über diesen 
Gegenstand vorbereitet, bereits 218 Fälle der Art zusammen- 
bringen können, von denen 9 der Klinik selbst angehören. 

Die männliche Hysterie ist also keineswegs sehr selten; 
aber, wenn ich nach dem, was ich alle Tage in unseren Kreisen 
sehe, urtheilen darf, so inuss ich sagen, dass solche Fälle 
sehr häufig, selbst von'ganz ausgezeichneten Aerzten verkannt 
werden. Man gesteht zu, dass ein verweichlichter junger Mann 
nach Excessen, schweren Sorgen und Gemüthsbewegungen 
einige hysterieartige Symptome darbieten kann; aber dass 
ein kräftiger, gesunder, durch keine Ueberverfeinenmg ent- 
nervter Arbeiter, etwa ein Locomoiivenbeizer, der vorher, wenig- 
stens dem Anscheine nach, gar nicht nervös war, nach einem 
Eisenbahnunfall, Zusammenstoss oder Entgleisung hysterisch 
werden könne, und zwar ebenso hysterisch wie eine Frau,| 
das scheint Keinem in die Vorstellung eingehen zu wollen. 
Und doch ist nichts sicherer bewiesen als dies, und man wiri' 
gut thun, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Es wird dami 
im Laufe der Zeit gehen wie mit so vielen ftnderen Lehrei 



las. ^_ 



— 205 — 

die lieute als anerkannte Wahrheiten in alleo Küpt'en herrachön, 
nachdem sie lange Zeit nur Anzweiflungen und selbst Spott 
erfahren haben. 

Es giebt vor Allem ein Vorurtheil, welches unzweifeliiaft 
Hchr viel dazu beiträgt, die Verbreitung richtiger Vorstellungen 
über die Hysterie beim Manne aufzuhalten, und dieses besteht 
in der verhältnissmässig falschen Anschauung, die man sich im 
Allgemeinen über das Krankheitsbild dieser Neurose heim 
weiblichen Geschlecht gebildet hat. Beim Manne ist diese 
Krankheit in der That oftmals durch die Beständigkeit und 
Hartnäckigkeit der Symptome, die sie hervorruft, ausgezeichnet 
Beim Weibe dagegen ist es die Unbeständigkeit, der rasche 
Wechsel der Erscheinungen, der als charakteristische Eigen- 
thtlmlichkeit der Hysterie betrachtet wird, und Jeder, der die 
Affection beim weiblichen Geschlecbto nicht ganz gründlich 
kennt, wird sicherlich darin den wesentlichen Unterschied in 
dem Verhalten beider Geschlechter suchen. Indem man sich 
natürlicherweise auf die bei Weibern gemachten Beobachtungen 
stützt, lehrt man dann, daas bei der Hysterie die Symptome 
Üüehtig und wechselvoll sind, und dass der launenhafte Gang 
Her Krankheit häutig durch die überraschendsten Ver- 
wandlungen der Seenerie unterbrochen wird. Nun, meine Herren, 
diese Flüchtigkeit und Wandelbarkeit der Symptome ist 
durchaus kein allgemein giltiger Charakter der Hysterie, nicht 
einmal beim weiblichen Geschlecht, und ich habe Ilmen bereits 
zahlreiche Beispiele für das Gegeotheil zeigen können. 

Ja, selbst bei Frauen giebt es Fälle von Hysterie mit 
lang andauernden, unwandelbaren, sehr schwer zu beein- 
flussenden Symptomen, die mitunter jeder ärztlichen Ein- 
vifirkung Trotz bieten. Solche Fälle sind zahlreich, sehr zahl- 
reich, wenn ich auch zugeben will, dass sie nicht das Ge- 
Tvfthnliehe sind. Ich komme auf diesen Funkt noch zurück ; für 
den Augenblick begnüge ich mich damit, lliueu zu bemerken, dass 
die Hartnäckigkeit und Beständigkeit der hysterischen Symptome 
bei Männern hftufig der Erkentniss ihrer wahren Natur im Wege 
steht. Die Einen pflegen angesichts der allen ärztlichen Eingrifl'en 
trotzenden Erscheinungen eine organische Herdläsion, etwa ein 
intracranielles Neugebilde anzunehmen, wenn ea sich, ich will 
sagen, um sensorielle Stümngen mit Anfällen handelt, die den 
epileptischen Anfall mehr oder minder genau nachahmen; 
oder sie glauben an eine organische Etickenmarkserkrankung, 
wenn eine Paraplégie vorliegt. Andere wieder gestehen zwar 
gerne zu, oder behaupten selbst, dass es sieh in solchen Fällen 
nicht um organische, sondern nur um dynamische Veränderungen 
handeln kann; aber angesichts der Beständigkeit der Symptome, 




— 206 — 

welche sie nicht mit dem Schema der Hysterie in ihrer Vor- 
Stellung vereinbaren können^ kommen sie zur Annahme, dass 
es sich um einen besonderen, noch nicht beschriebenen Krank- 
beitszustand handelt, dem eine aparte Stellung anzuweisen ist 

In einen Irrthum dieser Art sind nach meiner Meinung 
die Herren Oppenheim und Thomson in Berlin verfallen, 
deren Arbeit übrigens eine grosse Zahl von interessanten und 
gilt beobachteten, wenn auch, wie ich glaube, nicht immer 
richtig gedeuteten Thatsachen enthält. ^ Diese Autoren haben 
eine Hemianästhesie der Haut- und der Sinnesapparate, welche 
völlig mit der hysterischen übereinstimmt, in sieoen Fällen, die 
denen von Put n am und Walton ganz analog sind, beobachtet. 
Es handelt sich in diesen Fällen um Heizer, ZugsftLhrer, 
Arbeiter, Leute, die einen Eisenbahn- oder andersartigen Unfall 
mitgemacht, und dabei entweder einen Schlag auf den Kopf 
oder eine Erschütterung und allgemeine Aufiregung davonge- 
tragen haben. Alkoholismus und chronische Bleivergiftung 
kommen in diesen Fällen nicht in Betracht, und man erkennt 
vielmehr, dass eine organische Läsion bei solchen Personen 
mit höchster Wahrscheinlichkeit auszuschliessen ist. 

Die Kranken sind also von derselben Art wie in den 
Beobachtungen von Putnam und Walton, aber im Gegen- 
satz zu diesen Letzteren wollen die deutschen Autoren nicht 
zugeben, dass sie es mit Hysterie zu thon haben. Für sie ist 
es ein besonderer Zustand, etwas noch nicht Beschriebenes, 
was seinen eigenen Platz im System beansprucht. Die haupt- 
sächlichsten Argumente, mit denen Oppenheim und Thomson 
ihre Behauptung stützen, sind die folgenden: 1. Die Anästhesie 
ist beständiger Natur, sie zeigt nicht jenen launenhaften Wechsel, 
der für die Hysterie charakteristisch (?) ist; sie hält ohne 
Veränderung durch Monate und Jahre an. 2. Ein anderer 
Grund liegt darin, dass der psychische Zustand der Kranken 
sich von dem der Hysterischen entfernt. Die Störungen in 
dieser Sphäre haben bei solchen Kranken nicht den wechsel- 
vollen, veränderlichen Charakter der Hysterie. Die Kranken 
sind vielmehr deprimirt, dauernd melancholisch verstimmt, und 
bleiben so ohne erhebliche Schwankungen in dem oder jenem 
Sinne. 

Es ist mir immöglich, meine Herren, den Schlüssen von 
Oppenheim und Thomsen beizutreten. Ich hoffe vielmehr 
Ihnen zu erweisen, 1. dass die hysterischen Sensibilitätsstörungen 
bei Frauen eine sehr bemerkenswerthe Hartnäckigkeit zeigen 
können, und dass dies bei Männern sehr häufig der Fall ist; 

^ WoHtpharH Archiv, Band XV, Heft 2 und .3. 



— 207 — 

2. dass man, vorzugsweise bei Männern, die Depression und 
melancbolisclie Verstimmung gerade in solchen Fällen beob- 
aclitet, die gewöhnlicL den ansgesprucbenaten und unzwei- 
deutigsten Stempel der Hysterie an sich tragen. Richtig ist, 
dass man beim hysterischen Manne in der Regel nicht jene 
Launenhaftigkeit, jenen raschen Umschlag der Stimmung und 
des Charakters beobachtet, welche gewöhnlich, durchaus nicht 
nnthwendig, der Hysterie beim Weibe zukommen. Das ist 
richtig; aber ich sehe nicht ein, warum man aus diesem Um- 
stand ein unterscheidendes Merkmal von Tun damen taler Be- 
deutung machen sollte- 

Aber es ist Zeit, meine Herreu, dass wir diese einleitenden 
Bemerkungen abbrechen, um zum Hauptgegenstand unserer 
heutigen Vorlesung zu gelangen. Wir wollen auf dem Wege 
^er klinischen Demonstration vorgehen, indem wir miteinander 
eine Reihe von gut charakterisirten Fällen von männlicher 
Hysterie in ihren Einzelheiten stiidircn. Dabei werden wir 
immer die Utjbereinstimmungen und Abweichungen im Auge 
beiiatten, welche die hysterischen Erscheinungen beim Manne 
mit jenen Phänomenen zeigen, die wir an der entsprechenden 
Krankheitsforra beim Weibe alle Tage zu beobachten Ge- 
leg^enbeit haben. Endlich habe ich vor, Ihnen als Schlnss- 
l>etrachtung einige allgemeine Benierfcnngen Ober die grosse 
Hysterie, wie sie sich beim Manne darstellt, zu geben. 

Bevor ich zu den Männern übergehe, will ich Ihnen aber 
noch in Küi'ze an zwei Beispielen vor Augen führen, bis zu 
Avelcliem Grade die permanenten Symptome der Hysterie beim 
Weibe, die hysterischen Stigmata, wie wir sie der Bequemlich- 
keit halber zu nennen gewohnt sind, sieh starr und hartnäckig 
aaigen, und sich so der sprichwörtlichen Wandelbarkeit, die 
man der Hysterie zasehreibt, und aus der man den Haupt- 
charakter der Krankheit machen will, entziehen können. Ich 
"will mich hier nicht auf die sechs oder acht Fälle von grosser 
Hysterie beziehen, die wir gegenwärtig auf der Klinik bei- 
enmnieu haben, von denen einige seit Monaten oder seit Jahren 
vine ein- oder doppelseitige Hemianästhesie zeigen, welche die 
"wirksamsten therapeutischen Eingriffe nur auf einige Stunden 
liinaus beeinflussen können. Ich begnüge mich damit, Ihnen 
stwei Frauen vorzustellen, zwei wirkliche Veteraninnen der 
Hysteroepilepsie, die, seit mehreren Jahren von ihren grossen 
Unfällen befreit, aus dem Krankenstande ausgetreten sind, um 
aU Dienerinnen im Spital zu leben. Die Erste, Namens L . . . ., 
in der Casuistik der Hysteroepilepsie wohl bekannt und durch 
«len „dämonischen" Charakter, den ihre Anflille hatten, 
lierUhmt, ist gegenwärtig G3 Jahre alt. Sie ist 1R46 in die 



k 



— 208 — 

Salpêtrière eingetreten unH seit 1S71 beständig i 
Beobachtung geatanden. Zu jener Zeit litt sie, wie aack' 
noch heute, an einer volUtändigen and absoluten rechte' 
Beitigen Heiiiianastheaie der Haut- und der Sinnesapparate mît' 
Ovarie auf derselben Seite, und dieser Syraptomeneomples 
hat sich während des langen Zeitramiiea von l-i Jahren nie- 
mals auch nur zeitweilig beeinflussen lassen, weder durch die 
oft genug versuchte Anwendung von Empfindung erweckenden 
Agentien noch durch das fortschreitende Alter oder die Meno- 
pause. Vor fünf oder sechs Jahren, zur Zeit, als sieh unsere 
Aufmerksamkeit specieller auf die Veränderungen des Gesichts- 
fehles bei den Hysterischen richtete, haben wir gefunden, daas 
auch bei ihr eine sehr deutliche Einengung beiderseits, die 
sehr viel ausgesprochener auf der rechten Seite ist, besteht, 
und die seither ein- oder zweimal im Jahre wiederholte Unter- 
suchung hat uns jedesmal das Fortbestehen dieser Gßsichl 
feld ein schränk un g erwiesen. 

Die andere Kranke, Namens Aurel . . ., gegcnwärtfj 
62 Jahre alt, bei der die jetzt durch Symptome von Angi 
pectoris ersetzten, grossen Anfälle erst vor zehn Jahren auf- 
gehört habeUj zeigte schon im Jahre 1851, wie durch eine 
sehr kostbare Aufzeichnung aus jener Zeit bezeugt ist, eine 
vollständige und absolute, sensorielle und sensitive Hemi- 
Anästhesie, und diese können wir, wie Sie seibat sehen aolieo, 
noch heute, also nach einem Zeiträume von 34 Jahren, an ihr 
constatiren! Diese Ki-anke steht seit Ib Jahren in unserer 
Beobachtung, und in der ganzen Zeit hat, wie unsere häufig 
wiederholten Untersuchungen beweisen, die Hemianästhesie 
niemals ausgesetzt. Eine doppelseitige Einengung des Gesichts- 
feldes, auf beiden Seiten sehr deutlich, aber auf der linken 
stärker ausgeprägt, welche wir vor einigen Tagen durch 
die Untersuchung mit dem Perimeter wiedergefunden haben, 
hatten wir schon vor fQuf Jahren- zuerst erkannt. 

Ich glaube, dies wird genügen, um Ihnen zu zeigen, wi 
dauerhaft und unwandelbar diese Stigmata, deren hysteriscl 
Natur wohl Niemand anzweifeln wird, sich bei diesen Frauen^ 
erwiesen haben, und wie wenig dies mit der falschen, weil 
zu sehr verallgemeinerten, Vorstellung stimmt, die man sich 
gewöhnlich von dem Verhalten der hysterischen Symptome 
macht. Ich wende mich jetzt zum Studium unserer hysteriachi " 
Männer. 

Beobachtung I. Rig . . . ., Ladendiener, 44 Jahre 
hat die Salpêtrière vor beinahe einem Jahr, am 12. Mai lS84j 
aufgesucht. Er ist ein grosser, starker Mann mit wohl ent-i 
wiekelter Musculatur, war friiher Böttcher und hat nhn« 






rch 

en, I 




— 203 — 

EnnüHiiQg auhweri; Arbeit geleistet. Diö Fiimiliengeschielite 
des Kranken ist ungemein bemerkenswei-tli. Sein Vater ist 
noeh am Leben, 76 Jahre alt. Im Alter von 38 bis zu 44 Jahren 
litt er im Gefolge von Kummei- und Geldverlusten an nervösen 
Anfälleu, über deren Natur der Sohn uns nur ungenügende 
Auskünfte geben kann. Die Mutter ist, 65 Jahre alt, an Asthma 
gestorben. Der Grosaonkel der Mutter war epileptisch und 
starb an den Folgen eines Sturzes in's Feuer, den er in einem 
seiner Anfälle that. Die zwei Töchter dieses Onkels waren 
beide gieichfalls epileptisch. Rig . . . hat sieben Geschwister 
gehabt, von denen keine nervösen Erkrankungen bekannt sind. 
Vier davon sind gestorben, von den drei überlebenden ist eine 
Schwester asthmatisch Er seibat hat neun Kinder gehabt, 
von denen vier in zartein Alter starben. Von den fünf, die 
noch leben, leidet eines, ein ISjähriges Mädchen, an nervösen 
Anfällen, ein anderes, ein zehnjähriges Mädchen, hat Anf^le 
von Hysteroepilepsie, die Dr. Marie hier bei iina constatiren 
konntej das dritte Mädchen ist geistesschwach; die beiden 
Knaben endlich bieten nichts Besonderes. 

Aus der eigenen Vorgeschichte des Kranken führen wir 
die folgenden Daten an: Im Alter von 19 und von 29 Jahren 
wurde der Kranke von acutem Gelenksrheumatismus befallen, 
HerzafTection trat nicht auf. Der letzte Anfall hielt sechs 
Monate an; vielleicht sind die Verbildiingen der Hände, die 
wir bei ihm finden, diesem Rheumntismus zuzuschreiben. Als 
Kind war er furchtsam, sein Schlaf war häufig durch schwere 
Träume und Alpdrücken gestört, überdies war er Nacht- 
wandler. Er pflegte oft in der Nacht aufzustehen und zu 
arbeiten, imd war dann am nächsten Morgen sehr erstaunt, 
die fertige Arbeit zu finden. Dieser Zustand hielt von seinem 
zwölften bis in sein fünfzehntes Jalu" an. Mit 28 Jahren ver- 
heiratete er sich. Man findet in seiner Vorgeschichte weder 
Syphilis, noch, obwohl derKrauke Fassbinder war, Alkoholismus. 
Er ist im Alter von 33 Jahren nacli Paris gekommen, arbeitete 
zuerst bei seinem Vater und war dann später als Hausknecht 
in einer Oelraffinerie beschäftigt. 

Im Jahre 1676, als er 32 Jahre alt war, traf ihn ein erster 
Unfall. Er prüfte sein Rasirmeaser, wie manche Leute zu 
thun pflegen, an der Vorderfläche des Unterarmes, und 
machte sich dabei einen tiefen Einschnitt. Eine Vene war 
eröffnet, das Blut quoll hervor, Blutverlust und Schreck 
machten, dass der Kranke eiiipfindunga- und bewegungslos 
zu Boden sank. Er brauchte lange, um sich zu erholen, und 
war durch etwa zwei Monate bleicli, anämisch und unfähig 
zur Arbeit. 



k 



— 210 — 

Im Jahre 1882, also vor ilrei Jahren, war er dauiit I 
Bchäftigt, eine Tonne Wein in den Keller zu befördern, als i 
Strick, der an dem Fass befestigt war, riss. Die Tonne rollte 
über die Treppe und hätte ihn unfehlbar erdrückt, wenn er 
nicht die Zeit gehabt hätte, auf die Seite zu springen; dabei 
konnte er aber eine leichte Verletzung an der linken Haud 
nicht vermeiden. Trotz des Schreckens, den er ausgestanden 
hatte, konnte er sich erheben und bei der Hinaufbefbrderung 
des Fasses Hilfe leisten; aber fünf Minuten später fiel er in 
eine Ohnmacht, die zwanzig Minuten lang anhielt. Als er wieder 
zu sich kam^ waren seine Beine so schwach, dass er nicht stehen 
konnte, und man musate ihn in einem Wagen nach Hause 
bringen. Durch zwei Tage war er ganz und gar arbeitsunfähig, 
in den Nächten war sein Schlaf durch schreckliche Erscheinungen 
gestört, bei denen er aufschrie: n^""" Hilfe! Ich bin verloren!" 
Er machte im Traume die Scene im Keller wieder durch. Er hatte 
trotzdem die Arbeit wieder aufgenommen, als er zehn Tage naeh 
jenem Unfall mitten in der Nacht den ersten liyatero epileptisch en 
Anfall bekam. Seit dieser Zeit kamen die AniUlle nahezu regel- 
mässig alle zwei Monate wieder, und iu der Zwischenzeit litt er 
häufig während der Nacht, im Moment des Einschlafens, oder 
beim Erwachen, an heftigem Schreck in Folge der Hallucination 
reissender Thiere. 

Er pflegte sich in früherer Zeit beim Erwachen von seinen 
Anfällen zu erinnern, was er während des Anfalles geträumt 
hatte, heute ist das nicht mehr der Fall. Er befand sich dann 
in einem finsteren Walde, verfolgt von Räubern oder von 
grässlichen Ungeheuern, oder aber die Scene im Keller spielte 
sich wieder ab, er sah die Fässer, die gegen ihn rollten und 
ihn zu erdrücken drohten. Hiemals hatte er, wie er behauptet, 
in den Anfällen oder in den Zwischenzeiten Träume und 
Hallueinationen von angenehmem oder heiterem Inhalt. 

Zu dieser Zeit begab er sich in die Consultation des 
Spitals St. Anne, wo mau ihm Bromkaliiim verschrieb. Diese 
Therapie hat aber, was ich Sie zu beachten bitte, niemals 
den leisesten Eiufiusa auf die Anfälle geäussert, obwohl er das 
Médicament durch lange Zeit bis zum Ueberdruss geuominen hat. 

Unter diesen Verhältnissen wurde Rig . . , auf die Klinik 
der Salpêti'îère aufgenommen, und wir konnten beim Eintritt 
folgenden Statue finden: 

Der Kranke ist bleich und anämisch, er hat wenig 
Appetit, besonders für Fleisch, dem er saure Speisen vorzieht. 
Der Allgemeinzustand im Ganzen wenig befriedigend. Die 
hysterischen Stigmata sind bei ihm sehr deutlich. Sie be- 
stehen in einer doppelseitigen Heiiiianästheaie in zerstreuten 



^ 



— an — 

Herden vou ziiiinlieh groaseiii Uiiit;iiig für lüe Schuiei-a- 
uui[iSudung (Kneipen und Stechen) und die Kälteempfindung. 
Die sensorielle Anästhesie ist im Allgemeineu nur scLwacL 
ausgebildet; Geruch und Geschmack sinti normal, das Gehör 
dagegen sehr deutlich, besonders linka, herabgesetzt; der 
Kranke hört auch nicht besser, wenn man den tönenden 
Gegenstand auf seinen Schädel aiifaetzt. Was den Gesichtssinn 
betrifft, so sind die Symptome sehr viel besser ausgesprochen 
und würden gewisaermassen für sich allein hinreichen, die 
hysterische Natur des Leidens zu beweisen. Der Kranke zeigt 
nilmlich eine beträchtliche Eioeng;ung des Gesichtsfeldes auf 
beiden Seiten, jedoch eine stärkere rechts- Er unterscheidet 
alle Farben, aber das Gesichtsfeld für Blau ist stärker ein- 
geengt als das für Roth und liegt g-anz innerhalb des letzteren, 
eine Erscheinung, die, so viel ich weiss, für das Gesichtsfeld 
der Hysterischen, so oft man sie findet, geradezu charakteristisch 
ist. Ich habe Ihnen Fälle der Art zu wiederholten Malen ge- 
zeigt. Endlieh sind, um die Reihe der Stigmata zu beschliessen, 
bei Eig - . . zwei hysterogene Punkte zu erwähnen, der eine 
in der Haut unterhalb der letzten falschen Rippen rechterseits, 
der andere tiefer gelegen in der rechten Kniekehle, wo der 
Kranke eine spontan sehr seh mer zliafte Cyste trägt. Ein Testi- 
cularpuukt besteht bei Rig . ■ . nicht. Ein auf diese 
hyaterogeneu Punkte zufUUig oder absichtlich ausgeübter Druck 
ruft bei unserem Kranken die ganze Reihe der Phänomene, 
welche die hysterische Aura ausmachen, hervor: Präcor- 
dialäi-hmerz, Zusairimenachnürung im Halse mit Gefühl einer 
Kugel, Pfeifen in, den Ohren und Klopfen in der Schläfe. Die 
beiden letzten Phänomene werden, wie Sie wissen, als Aura 
cepbaliea bezeichnet. Diese Punkte, deren Erregung den Anlall 
mit ausserordentlicher Leichtigkeit auslöst, sind dagegen uur 
in sehr geringem Grade krampfhemmend ( sp asm o- freu ateur im 
Gegensatz zu spasmogène, wenn wir uns der von Professor 
Pètres vorgeschlagenen Nomenclatur bedienen wollen), das 
heisst, eine selbst sehr intensive und lange fortgeaetzle Er- 
regung derselben uoterdrüekt den im Ausbruch begriffenen 
Aufall nur in sehr unvollkommener Weise. 

Im psychiachen Zustand Rig , . .'s herrschen heute noch 
wie früher die Affecte der Angst und der Furcht. Er kann 
nicht im Dunkeln schlafen, es ist ihm selbst am helllichten Tage 
peinlich, irgendwo allein zu sein, er ist von ein er ausserordentlichen 
Erregbarkeit und empfindet heftigen. Schreck bei dem Anblick 
oder bei der Erinnening an gewisse Thiere, wie Ratten, Mäuse 
und Kröten, die er übrigens häufig io seinen grauenvollen 
Träumen oder bei seJuRn Hallucinationen vor dem Einschlafen 




— 212 — 

zu sehen pflegt. Er ist immer in trauriger Stimmung. „Ich 
bin mir selbst zuwider," pflegt er zu sagen. Eine gewisse 
geistige Unbeständigkeit zeigt sich bei ihm darin, dass er sich 
mit nichts lange Zeit beschäftigen kann, und dass er fünf 
oder sechs Arbeiten gleichzeitig unternimmt, die er ebenso 
leicht entschlossen wieder fahren lässt. Er ist übrigens in- 
telligent und ziemlich gebildet, sein Charakter ist sanft und 
ermangelt gänzlich aller perversen Neigungen. 

Er leidet an spontanen Anfallen; man kann aber auch 
absichtlich bei ihm Anfalle auslösen. In beiden Fällen werden 
sie von einer lebhaft brennenden Empfindung in den hysterogenen 
Punkten eingeleitet, woran sich zunächst der Schmerz im 
Epigastrium, dann die Zusammenschnürung im Halse und der 
Globus hystericus und zuletzt die Aura cephalica, die in 
Pfeifen in den Ohren und Klopfen in den Schläfen besteht, 
anschliessen. In diesem Moment verliert der Kranke das Be- 
wusstsein, und der eigentliche Anfall beginnt. Derselbe lässt 
eine Scheidung in vier scharf gesonderte Perioden erkennen. 
In der ersten Periode führt der Kranke einige, epileptiformen 
Zuckungen ähnliche Bewegungen aus. Dann kommt die 
Periode der „grands mouvements", Grussbewegimgen (mouve- 
ments de salutation), von einer ausserordentlichen Heftig- 
keit, von Zeit zu Zeit von einem absolut charakteristischen 
„Gewölbe" (arc de cercle) unterbrochen, dessen Concavität 
bald nach oben (Emprosthotonus), bald nach unten (Opisthotonus) 
sieht. Kopf und Fusse berühren dann allein das Bett, der 
Körper bildet den Bogen. Während dieser Zeit stösst der 
Kranke furchtbare Schreie aus. Darauf folgt die dritte Periode^ 
die der leidenschaftlichen Stellungen und Geberden, während 
welcher er Worte spricht und Schreie ausstösst, die in Be- 
ziehung zu seinen düsteren Vorstellungen und den schrecklichen 
Visionen, die ihn verfolgen, stehen. Es ist bald der Wald mit 
Wölfen und grässlichen Ungeheuern, dann wieder der Keller, 
die Stiege und das Fass, das sich gegen ihn wälzt. Er kommt 
endlich wieder zum Bewusstsein, erkennt die Personen, die 
ihn umgeben und ruft sie mit Namen, aber Delirium und 
Hallucinationen halten auch jetzt noch eine Weile an. Er sieht 
um sich und unter seinem Bette die abscheulichen Bestien, die 
ihn bedrohen, er untersacht seine Arme, um an ihnen die Spuren 
der Bisse zu finden, die er gefühlt zu haben glaubt. Dann kommt 
er zu sich, der Anfall ist vorüber, häufig aber nur, um gleich 
wieder zu beginnen, bis endlichnach drei- od er viermaliger Wieder- 
holung des ganzen Schauspieles der Zustand des Kranken wieder 
völlig zur Norm zurückkehrt. Niemals hat er sich in seinen 
Anfällen in die Zunge gebissen oder den Harn in's Bett gelassen. 



213 



Seit einem Jahi'e ungefkhi" wird Rig . . . der Einwirkiiug 
der statischen Elektricität unterzogen, welche, wie Sie wissen, 
in Füllen dieser Art Iiäufig gute Dienste leistet; gleichzeitig haben 
wir ihm alle möglichen stärkenden und wiederherstellenden 
Mittel verschrieben. Trotzdem sind die eben beschriebenen 
Phänomene, Anfälle und permanente Stigmata so geblieben, wie 
sie wai-en, ohne einen merklichen Wechsel zu zeigen ; sie scheinen 
überhaupt, obwohl sie nun schon drei Jahre lang bestehen, 
sich nicht so bald ändern zn wollen. Sie werden mir aber 
Alle zugeben, dass es sich hier uni einen so scharf als nur 
möglich gekennzeichneten Fall von Hysteroepilepsie mit 
vernnengten Anfällen (epileptifoi-mer Hysterie) handelt. Die 
Unwandelbarkeit der Stigmata, auf die wir nachdrücklich genug 
aufmerksam gemacht haben, kann, wie Sie sehen, uns doch 
keinen Augenblick an der Diagnose schwankend machen. 

Um diesen so vollkommen typischen Fall zu beendigen, 
will ich noch einige EigenthUmliehkeiten hervorheben, die 
Sie durch die khniaciie Analyse bereits kennen gelernt haben. 

Zunächst lenke ich Ihre Aufmerksamkeit auf die here- 
ditäre Anlage zu Nervenkrankheiten, die in der Familie des 
Kranken so deutlich hervortritt: Hysterie 'beim Vater, wie 
wir wenigstens mit grosser Wahrscheinlichkeit annehmen 
dürfen, Grossonkel und Cousinen rier Mutter epileptisch, zwei 
Töchter, von denen die eine an Hysterie, die andere an Hystero- 
epilepsie leidet. Sie werden, meine Herren, solche hereditäre 
Verhältnisse häufig bei hysterischen Männern finden, uod zwar 
vielleicht noch besser ausgeprägt als bei hysterischen Frauen. 

Ich will Ihnen ausserdem in's Gedächtnisa zurückrufen, 
daas die Zeichen der Hysterie sich bei unserem Kranken aus 
Anlass und im Anschlüsse an einen Unfall, der Lebensgefahr 
mit sieh brachte, entwickelt haben. Hätte das Trauma, das 
sich dabei ergab — die übrigens recht geringfügige Ver- 
letzung der Hand — allein hingereicht, um die Reihe der 
nervösen Phänomene auszulösen? Das ist möglich, aber ich 
will es nicht behaupten. Ich glaube, dass man neben dem 
Trauma einen anderen Factor in Betracht ziehen muss, der 
bei der Entwiekelung des Zustand es sehr wahrscheinlich eine 
viel bedeutsamere Rolle gespielt hat, als die Verletzung selbst. 
Ich meine damit den Schreck, den der Kranke im Momente des 
Unfalles Ubersland, und der sieh ein wenig später durch eine 
Ohnmacht zur Geltung brachte, auf welche eine Art von vor- 
übergehender Parese der unteren Extremitäten folgte. Dieses 
aelbe psychische Element finden Sie neben dem Trauma in 
inehreren der von Putnam, Walton, Page, Oppenheim 
«md Thumaen beschriebenen Fälle wieder, und es ist un- 




— 214 — 

verkennbar, dass der Eiufluss desselben häufig der mass- 
gebende war. 

Sie werden ferner das nämliche Verhältniss, die Ent- 
wickelung der Hysterie aus Anlass und im Anschlüsse an 
einen „Shock'' mit oder ohne Trauma, wobei aber die Auf- 
regung eine grosse Rolle spielt, bei der Mehrzahl der anderen 
Kranken, die ich nun vorstellen werde, wiederfinden können. 

Meine Herren! Die Fälle, von denen nun die Rede sein 
soll, sind gewissermassen nach dem Muster des vorigen zuge- 
schnitten; wir können uns also bei ihnen einer allzu aus- 
führlichen Darstellung entschlagen. 

Beobachtung II. Der 32jährige Gil..., Metall vergold er, 
ist im Januar 1885 in die Salpetriere eingetreten. Seine 
Familiengeschichte bietet nichts Besonderes. Sein Vater, der 
von sehr heftiger Gemüthsart war, ist im Alter von GO Jahren 
an einer Lähmung, welche ohne Insult auftrat, gestorben. 
Seine Mutter, die der Tuberculose erlegen ist, war nervös, 
hatte aber nie an Anfällen gelitten. 

Sehr viel interessanter ist die eigene Vorgeschichte des 
Kranken. Im Alter von zehn Jahren hat er Erscheinungen 
von Somnambulismus gezeigt; er wird seit seiner Kindheit im 
Dunkeln ängstlich, und Nachts leidet er an Hallucinationen 
vor dem Einschlafen und an Alpdrücken. Er hat sehr früh- 
zeitig begonnen, sich geschlechtlichen Ausschweifungen hin- 
zugeben, und fühlt sich von Zeit zu Zeit durch einen unwider- 
stehlichen Drang zu den Frauen getrieben. Es ist ihm oft 
geschehen, dass er plötzlich von der Arbeit weglaufen musste, 
um ein Mädchen zu besuchen; wenn er dann zurückkam^ 
setzte er die Arbeit wieder fort. Er ist überdies leidenschaft- 
licher Masturbant. Sonst ist er intelligent, ein geschickter 
Arbeiter und lernt leicht, in seinen freien Stunden treibt er 
Musik, spielt auf der Violine und auf der Ziehharmonika. Er liebt 
den Theaterbesuch, doch sucht er sonst gewöhnlich bei seiner 
düsteren und verschlossenen Gemüthsart die Einsamkeit auf. 

Sein Gewerbe, bei dem die Anwendung des Quecksilbers 
eine Rolle spielt, hat bei ihm niemals krankhafte Erscheinungen 
hervorgerufen, die man auf eine Quecksilbervergiftung deuten 
könnte. Keine Zeichen von Alkoholismus und. von Syphilis. 

Der erste Anfall traf ihn ohne bekannte Veranlassung im 
Alter von 20 Jahren. Er befand sich auf der Plattform eines 
Omnibus, als er die Vorboten verspürte, hatte noch die Zeit, 
herunterzusteigen, und die Krämpfe brachen dann auf der 
Strasse aus. Die Anfälle waren in dieser ersten Zeit ziemlich 
häufig, etwa vier bis fünf im Monate. Es scheint, dass er 
dabei mitunter Harn unter sich gelassen hat. 1880 waren die 



— 215 — 

schon durcli metrere Jahre ziemlich auseinandergerückt 
und traten nur in langen Zwiachenräunien auf, als der Kranke 
das Opfer eines nachtlichen Ueberfalles wurde. Er erhielt 
diibei einen Messerstich auf den Kopf in die rechte Schläfen- 
gegend, fiel bewusstlos zu Boden, wurde ausgeplündert und 
für todt liegen gelassen. Man hob ihn später auf und brachte 
ihn auf die Abtheilung von Dr. Gosselin in der Charité, wo 
er drei oder vier Tage im bewnastlosen Zustande verblieb. 
Einige Tage später entwickelte sieh ein Erysipel um die durch 
den Messerstich erzeugte Kopfwunde, und unmittelbar an die 
Heilung desselben schloss sich der Ausbruch eines sehr heftigen 
Kopfschmerzes von eigen thümUch er Natur an, der heute noch 
fortbestelit. 

Jener Unglücksfall hatte auch zur Folge, dass er für 
lange Zeit in eine Art von Stumpfheit verfiel, von der er sich 
"übrigens im Ganzen nur sehr unvollkommen erholt hat, denn 
seit dieser Zeit ist es ihm selbst in seinen besten Tagen nicht 
möglich, zu arbeiten, sich zu bescIiäftigeD oder auch nur mit 
einiger Ausdauer zu lesen. Natürlich gerieth er bald in grosses 
Elend. Die Anfalle, die eine Zeit lang ausgesetzt hatten, 
stellten sich auch wieder mit grösserer Heftigkeit und 
Häufigkeit ein, und der Kranke begab sich daher im Februar 
1883 in's Hôtel Dieu, wo er auch Aufnahme fand und bis 
März 1884 verblieb. 

Dort wurde die vollständige und absolute linksseitige 
Hemiaoästheaie, die wir heute an ihm constatiren, zum ersten 
Male aufgefunden. Die damals sehi" häufigen Anfälle scheinen 
im Spital für epileptische gehalten worden zu seinj der 
Kranke wurde durch 13 Monate niit hohen Dosen von Brom- 
kalium behandelt, ohne dass sich die geringste Besserung 
zeigen wollte. 

Bei dem Eintrilte des Kranken in die Salpêtrière im 
.Januar 1885 haben wir den folgenden Status aufnehmen 
können: 

Der A 11 gemein zustand ist, was die nutritiven Functionen 
betrifft, ziemlich befriedigend. Der Kranke ist bei gutem 
Appelit, nicht anämisch. Dagegen ist eine sehr bedeutende 
psychische Depression bei ihm unverkennbar. Er ist düster, 
schweigsam, misstrauisch, scheint iedem Blicke auszuweichen 
und geht nicht mit den anderen Kranken der Klinik um. Er 
sucht tagsüber weder eine Beschäftigung noch eine Zerstreuung. 
Die schon im Hôtel Dieu aufgefundene linksseitige Heini- 
anästhesie ist, was die allgemeine Sensibilität betrifft, total und 
absolut. Auch die Störungen der Sinnesorgane auf der näm- 
Jiohen (linken) Seite sind sehr deutlich aus gesprochen. Linke 




- 216 — 

ist das Geliür ziemlich ab ^escli wacht, Geruch und Geschuiitck 
gänzlich aufgehoben; das linke Auge zeigt eine totale Farben^ 
blindheit, die von Herrn Parinaud in kunstgerechter Weise 
constatirt wurde, und eine ausserordentlich bedeutende Elu- 
schränkung des Gesichtsfeldes für die Wahrnehmung 
weissem Lichte. Im Gegensatze zu dem in anderen F&llear 
dieser Art gewöhnlichen Verhalten ist das Gesichtsfeld und^^ 
die Färb en empfind un g des rechten Auges iu keiner Weiae; 
beeinträchtigt. Der Augenhintergrund zeigt weder am rechten 
noch am Unken Auge Spuren einer materiellen Läsioo. 

Der Kranke beklagt sich beständig über einen sehr 
heftigen, druckenden oder vielmehr zusammenschnürenden 
Kopfschmerz, der Hinterhaupt, Scheilel, Stirn und besonders 
die beiden Schläfen einnimmt und links stärker ist als 
rechts. Es ist ihm, als ob er auf dem Kopfe einen schweren 
und cDgen Helm tragen würde, der ihn drückt und einschnürt. 
Dieser, wie erwähnt, eoutinuirliche Kopfschmerz verstärkt sich 
noch erheblich kurz vor und nach den Anftlllen. Er steigert 
sich sonst vorzugsweise, wenn der Kranke die geringfti_ '__ 
Arbeit unternimmt, wenn er z. B. lesen oder einen Brii 
schreiben will. 

Die AntUUe, die wir auf der Klinik oftmals als Augeu' 
zeugen kennen lernen konnten, zeichnen sich durch die fol- 
genden Charaktere aus: Sie können spontane oder kUnstli 
hervorgerufene sein. Zwischen den beiden Fällen ist kein 
wesentlicher Unterschied zu entdecken. Wir haben drei 
hysterogene Punkte auffinden können, zwei davon rechts und 
links unterhalb der Brustwarze, den dritten in der rechten 
Weichengegend; der Druck auf den Hoden und Samenstrang 
dieser Seite ruft übrigens keinerlei abnorme Empfindung her- 
vor. Wenn man auf die hysterogenen Punkte, deren Lage 
ich eben angegeben habe, ganz leicht drückt, verspürt der 
Kranke sofort alle Symptome der Aura cephalica, namlii"" 
das Klopfen in den Schläfen, Pfeifen in den Ohren, d 
Schwindel u. h. w. Wenn man den Druck nur ganz kurze 
Zeit fortsetzt, kann man mit Sicherheit darauf rechnen, 
gleich einen Anfall auszulösen. Einige epÜeptoide Zuckungen, 
übrigens von kurzer Dauer, leiten dann das Schauspiel ein. 
Darauf folgen bald verschiedene Verdrehungen des Körpers 
und grosse Begrüssungsbewegungen, die von Zeit zu Zeit 
durch eine Gewölbestellung unterbrochen werden. Unterdessen 
stOsst der Kranke ohne Uaterlass ein wildes Geschrei aus. 
Ein krankhaftes Lachen, Wemen und Schluchzen schlieest den 
Anfall ab. Beim Erwachen hat G . . . keinerlei Erinnerung au 
das, was mit ihm vorgegangen ist. Die hysterogenen Punkte 



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— 217 — 

wirken bei ihm nur sehr schlecht kraiiipfstiüend; wenn iiüin 
auf sie während des Anfalles drückt, tritt eine momentane 
Pause ein, aber der Anfall nimmt bfild wieder seinen uu- 
g:estörteu Fortgang, Die spontanen, wie die provocirten An- 
iklle wiederholen sieh in der Regel eine gewisse Anzahl von 
Malen hinter einander, so dass sie Reihen bilden; die Rectal- 
teraperatur erhebt sich dabei niemals über 37'ö Centi- 
grad. 

Sie ersehen aus der voranstellenden kurzen Sehildernng, 
dass der Fall des Ö . . . sich ziemlieh dem von Rig . . . 
(L Beobachtung) näliert und nur in wenigen Einzelheiten von 
ihm abweicht. In beiden Fällen dieselben hysterischen Stig- 
mata, dieselbe Neigung zur Melancholie, dieselben charakte- 
ristischen Anfülle, die nur bei G . . . die besondere Eigen- 
thümlichkeit zeigen, dass sieh die Aura mit grosser Raschheit 
entwickelt und dass im Anfall die leidenschaftlichen Stellungen 
uod Geberden ausbleiben. Im Weiteren will ich nun die 
wenigen Abweichungen behandeln, die aus Anlass dieses 
zweiten Falles zu erwähnen sind. 

Wir haben schon angeführt, dass G . . . sieh in einigen 
seiner Anftille in die Zunge beisst und den Harn unter sich 
lägst, wie wir es mit voller Sicherheit constatiren konnten. 
Das hat una zunächst verleitet zu glauben, dass es sich bei 
diesem Kranken um Hysteroepilepsie mit getrennten An- 
fallen handle, also einerseits um echte Epilepsie, andererseits 
um grosse Hysterie, beide in den Anfällen, die sie hervor- 
rufen, von einander gesondert. Aber eine aufmerksamere 
Beobachtung hat uns belehrt, dass dem nicht so ist. Alle 
Anfalle tragen bei G . . . den Charakter der grossen Hysterie, 
Und es kommt nur bei diesen Anfällen gelegentlich vor, dass 
er sieh in die Zunge beisat und den Harn unter sieb ISsst. 
Der Zungenbiss und der unwillkürliche Harnabgang sind 
durchaus keine allein und ausschliesslich der Epilepsie zu- 
Ifommenden Phänomene; sie können ebensogut bei der 
Hysteroepilepsie ohne alle Complication mit Epilepsie auf- 
treten. Diese Tbatsacbe ist allerdings uugewölmlich, aber ich 
Labe doch eine gewisse Zahl von ganz überzeugenden Fällen 
lieohachten uml veröffentlichen können. 

Um die Besprechung dieses Falles abzuschliessen, will 
ich noch Ihre Aufmerksamkeit auf den Kopfschmerz lenken, 
an dem G . . . continuirlicK leidet, der sich aber, sobald er 
die geringfügigste Arbeit unternimmt, unfehlbar verstärkt. Dieüer 
Kopfschmerz mit all seinen oben gesehildeten Eigentbüm- 
lichkeiten gehört nun nicht zum Bilde der Hysterie; mau 
findet ihn vielmehr, ich möchte sagen unvermeidlich, bei der 



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uNEUBPJKv ^^mm mmm 



— 218 — 

neurasthenischen Neurose (Neurasthenia nach Beard^), in 
welcher er eines der augenfälligsten Symptome darstellt. Ebendort 
beobachtet ndan auch jene physische und geistige Depression^ die 
bei unserem Kranken ausgeprägt ist und die, wie ich sorg- 
ftlltig erhoben habe, erst seitdem er die Kopfverletzung 
erlitten hat, besteht. Der ncurasthenische Zustand, meine 
Herren, mit all den Phänomenen, die Board in seiner sehr 
bemerkenswerthen Monographie ihm zurechnet, ist nun eine 
nervöse Erkrankung, die sich am häufigsten im Gefolge des 
Shocks, besonders nach Eisenbahnunfällen, entwickelt. Das 
bezeugen mehrere der von Page^ veröflFentlichten Beob- 
achtungen, und ich habe für meine Person ebenfalls zwei 
Fälle beobachtet, welche vollkommen mit denen dieses Autors 
übereinstimmen; einer dieser Fälle betraf einen unserer 
CoUegen in Paris. Demnach darf man, wie ich glaube, bei 
unserem Kranken G . . . die gleichzeitige Existenz von zwei 
scharf gesonderten Zuständen annehmen, nämlich erstens die 
Neurasthenie, als unmittelbare und directe Folge des Shocks, 
den er vor drei Jahren erlitten hat, und zweitens die Hystero- 
epilepsie mit dem ganzen Complex von Erscheinungen, welche 
sie auszeichnen. Letztere war bereits vor dem Unfall vor- 
handen, hat sich aber seither immerhin erheblich gesteigert, 
wie Sie aus den Einzelheiten der Krankengeschichte ent- 
nehmen können. 

Ich gehe nun zur Untersuchung eines dritten Kranken 
über, der übrigens, wie ich Ihnen schon vorher gesagt habe, 
in ganz dieselbe Reihe wie die beiden vorigen Fälle gehört. 

Beobachtung IIL Der Kranke, der jetzt vor Ihnen 
steht, ist der 27jährige Gui . . ., seines Zeichens Schlosser. 
Er ist am 20. Februar 1884 auf die Klinik meines CoUegen 
Dr. Luys aufgenommen worden. Von seinen Verwandten 
kennt er nur den Vater, der ein offenkimdiger Trinker war 
und im Alter von 48 Jahren gestorben ist, und seine heute 
noch lebende Mutter, die niemals an einer nervösen Erkrankung 
gelitten zu haben scheint. Der Kranke hat sieben Geschwister 
gehabt, von denen jetzt nur noch ein Bruder am Leben ist; 
dieser ist niemals krank gewesen und scheint nicht nervös zu sein. 

Im Alter von 12 oder 13 Jahren ist Gui . . . sehr furcht- 
sam geworden; er konnte nicht in einem Zimmer allein bleiben, 

^ G. M. Reard, Die Nervenschwäche (Nenrasthenia), zweite Aaflage, 
Leipzig 1883. 

* H. Pape, Injuries of the spinal conl and nervons shock etc., pag. 170 
und 172, London 1886. Vergl. auch L. Dana, Concussion of the Spine 
and its relation to neurasthenia and hysteria. New-York médical Record, 
6. December 1884. 



— 219 — 

oliue von Angstgefühlen befallen zu werden. Er war übrigens 
weder reizbar noch eigensinnig von Cliarakter. In der Schule 
lernte er leicht, und später im Alter von 17 oder 18 Jahren 
hat er sich in seinem Berufe geschickt und tüchtig gezeigt, 
ja sogar mehrmals bei Ausstellungen von Schlosserarbeiten 
Preise davongetragen. Unglücklicherweise machte sich au 
dieser Zeit eine masslose Neigung zu den Frauen und zum 
Trünke bei ihm geltend. Tagsüber arbeitete er wie seine 
Kameraden, sobald aber das Tagewerk beendet war, pflegte 
IT oft in die Tanzstuben zu gehen und die Nacht in der 
Scbanke oder bei Mädchen zuzubringen. Diese Ausschweifungen 
wiederholten sieh bei ihm vonZeit zu Zeit mehrmals in der Woche, 
und brachten ihn natürlich um <ieu nöthigen Schlaf. Doch 
scheint er dieselben ohne Erschöpfung ertragen zu haben, 
denn am nächsteu Morgen ging er wie sonst an seine Arbeit 
und erledigte sieh seiner Ptlichten in entsprechender Weise. 
im Jahre 1Ö79, 21 Jahre alt, erhielt er auf einem seiner 
näclitlichen Streilzüge einen Messerstich, der ihm in's- linke 
Auge drang, Er wurde sofort in's Hôtel Dieu auf die Klinik 
von Panas gebracht, der bald darauf die Enueleation dieses 
Auges vornahm. Nichtsdestoweniger setzte (î . , , nach seiner 
Entlassung aus dem Spital seine liederliche Lebensweise fort. 
Von lätiä an geschah es ihm häuäg, dass er im Moment, 
da er die Augen sehloss, um einzuschlafen, ein Ungeheuer 
iü menschlicher Gestalt vor sich zu sehen glaubte, das auf 
ihn losging. Erschrocken sliess er dann einen Schrei aus, 
öffnete die Augen, und die Vision verschwand, aber nur tim 
wiederzukehren, sobald er von Neuem die Lider sehloss. 
Er verüel so in einen Zustand von äusserst peinlicher Angst, 
und verbrachte oft einen grossen Theil der Nacht, ohne den 
Schlaf zu finden. 

Diese Hallucination en vor dem Einschlafen hatten schon 
durch ungefähr sechs Monate angehalten, als er im Juli 1882 
das Opfer eines neuen und noch viel schrecklicheren Unglücks- 
falles wurde. Damit bescIiUfiigt, im dritten Stockwerk eines 
-Hauses ein Fenstergelünder anzubringen, wobei er sich vielleicht 
im Zustande der Trunkenheit befand, fiel er auf das Strassen- 
pflaster herab, und zwar, wie er behauptet, auf die Fusse. 
tSicher ist so viel, dass er durch liinger als eine Stunde 
bewusstlos war. Bei seinem Erwachen Hess er sich von Neuem 
in'a Hôtel Dieu auf die Klinik von Panas bringen. Es scheint, 
«lass man damals die Existenz einer Sehadelfractur bei ihm 
ïjefUrchtete. Aber die Heilung liesa nichtjange auf sich warten, 
vind nach zwei Monaten konnte der Kranke seine Entlassung 
xiutimen. Bald nachher stellten sich die nachtlichen Sehreck- 




220 



bildcr in bester Form wieder ein, und nicht lange darairfl 
brach auch der erste spontane Kranipfanfall aus. Diese Anfälle 
waren anfangs keineswegs so gut cliavakteriairt, als sie ea ia 
der Folge wurden; sie bestanden hauptsächlich in eineW 
plötzlich auftretenden Schwind elgefilbl mit nachfolgende 
Gliederstarre und später allgeuieinem Zittern. Sie 
übrigens nicht sehr häufig, und nicht von Bewm 
begleitet. 

So blieben die Dinge durch ungefähr achtzehn Monate. 
Nach Ablauf dieser Zeit entsehloBS sich G . . ., da die Heilver- 
sqche inelirerer zu Rathe gezogener Aersite erfolglos geblieben 
waren, in die Salpêtrière (auf die Abtheilung von Prof. Luya) 
einzutreten, I 

Bald nach seiner Aufnahme begann G . . . an häutigeB.j 
Anfallen von Leib- und Magenschmerzen zu leiden, an die 
sich ein Gefühl von Zusammensclmürung im Halse und gleich 
darauf mübeloses Erbrechen aiiachloss. Nach ungeßlbr seclis 
Wochen hörten diese Anfälle, gegen die keinerlei Therapie 
etwas ausgerichtet hatte, wie mit Einem Schlage von selbst 
auf. Um die gleiche Zeit bemerkte man auch das Vorhanden- 
sein einer rechtaseitigen Hemianästhesie und jenes eigen- 
thttmlielie Zittern der Hand, von dem gleich die Bede sein soll. 

Im Januar 1885 gingen die Kran kçn von Luys in Folge 
eines Personenwechsels in unsere Abtheilung über, und damals 
bekam ich G . . . zum ersten Mala zu Gesiebte. Wie Sie eeUeU] 
ist der Kranke muskelstark und kräftig gebaut, sein Allgemcin- 
zustand ist ganz befriedigend. Psychisch bietet er gegenwärtig!- 
nichts besonders Auffälliges; die HallucinatiDnea vor den» 
Einschlafen haben seit ineKr als einem Jahre fast gäi 
aufgehört. Er ist nicht deprimirt, verkehrt gern mit de] 
anderen Kranken und macht sieh auf dem Krankenziinm 
nützlich. 

Die rechtsseitige Hemianästhesie ist eine vollständige 
und höchstgradige, weder Stich noch Berllhrung werden auf 
dieser Seite verspürt. Die Sinnesorgane sind auf der rechten 
Seite gleichfalls in hohem Grade afticirt, besonders Geruch, 
Geschmack und Gehör. Was den Gesichtssinn betrifft, so 
lässt eine methodische Untersuchung desselben sehr aus- 
gesprochene Störungen erkennen. Das Gesichtsfeld des rechten 
Auges ist Äusserst eingeengt — Sie haben nicht vergessen, d: 
das linke Auge fehlt — von Farben kann nur das Roth er 
werden, und selbst der Kreis dieser Farbe ist beinahe 
einen Punkt zusammengeschrumpft. 

Das Zittern, das, wie schon oben orwfthnt, an der rech 
Hand besteht, ist durch seinen vollkommen regelmässi) 



MB 

in, 

i 




221 



Rhytlimua, den iiiuii mit Hiife voq regiatrirendtiii Appiiraten 
feBCBtellea kann, bemerkenawerlh. Es besteht in Schwingungen, 
von denen im Mittel fünf auf die Secuude kommen, und halt 
in dieser Hinsicht die Mitte zwischen den Zitterbewegungen 
mit niedriger Schwingungazahl, wie z. B. bei der Paralysis 
agitans, und denen mit hoher Schwingungszabl, oder den 
vibratoriachen Zitterbewegungen, bei der progressiven Paralyse 
und der Basedow'schen Krankheit, Es verstärkt sich nicht bei 
intendirten Bewegungen. ' Der Kranke kann sieh seiner rechten 
Hand beim Essen und Trinken bedienen und kann selbst 
ganz ordenllich sehreiben, wenn er nur seine linke Hand 
kräftig auf das rechte Handgelenk auflegt, durch welches 
Verfahren das Zittern für den Augenblick unterdrückt wird. 
Der Muskelainn ist für die ganze Ausdehnung der rechten 
oberen Extremität vollkommen erhalten. 

Die einzige hysterogene Zone, die wir bei Cr . . . auf- 
gefunden haben, nimmt den rechten Hoden und den Verlauf 
des Samenstrangs fast bis zur Leiste ein. Die Haut des 
Scrotums ist auf derselben Seite sehr empfindlich, uud ein etwas 
stärkeres Kneipen derselben ruft die gleiche Wirkung hervor, 
wie Druck auf den Hoden selbst, nämlich je nach den 
Umständen den Ausbruch oder die Aufhebung eines Anfalles. 
Die Anfälle, seien sie spontan oder durch die absicbtlicbe 
Heizung dieser hysterogenen Zone hervorgerufen, werden 
jedesmal von einer sehr deutlichen, schmerzhaften Aura- 
empfindung eingeleitet, welche vom rechten Hoden ausgeht, 
gegen das Epigastrium und die Herzgrube und dann zum 
Halse aufsteigt, wo sie eine heftige Zusanimenachnürnng 
bedingt, und endlich den Kopf erreicht, wo ein Pfeifen in 
den Ohren, besonders im rechten, und Klopfen in den Schläfen, 
vorwiegend auf der rechten Seite, zu Stande kommt. Darauf 
verliert der Kranke gänzlich das Bewusstsein und die epileptoide 
Periode beginnt. Zuerst wird der Tremor der rechten Hand 
heftiger und beschleunigt, dann stellen sich die Augen nach 
oben, die Extremitäten werden ausgestreckt, die Hände zur 
Faust geballt und dann in äusserster Pronation verdreht. Durch 
eine krampfhafte Zusammenziehung beider M. pectorales werden 
»lun die Armo vor dem Abdomen aneinandergepresst. 
Darauf folgt die Peiiode der grossen Verdreliungen, welche 
besonders durch Grussbewegungen von ausserordentlicher 
Heftigkeit, zwischen denen allerlei regellose Gesten spielen, 
ausgezeichnet ist. Der Kranke zet-hrieht und zerreisat alles, 
"was er mit seinen Händen erreichen kann er nimmt die 



> Tgl. dia filafdsliiiCa VurUd 



k. 



— 222 — 

iibao 11 durli:: listen Lagen und Stellungen eJu, wuloLe die von I 
mir für dieseu Tlieil der zweiten Periode v orge schlage ne 
Bezeichnung „Clowniamus" vollauf rechtfertigen. Von Zeit zu 
üöit halten die oben besehriebeDen Contorsionen einen Moment 
ein, um der so charakteriatiachen Bogen- oder Gewölbeatellung 
Platz zu machen. Bald ist es ein wirklicher OpistbotonuB, bei 
dem die Lenden um ungefähr 50 Centimeter über das Bett 
erhoben sind und der Körpei" nur einerseits aitf dem Scheitel, 
andererseits auf den Fersen ruht; andere Maie ist es ein Bogen 
mit der Concavität nach oben: die Arme über der Brust 
gekreuzt, die Beine in der Luft, Haupt und Rumpf erhoben, 
während nur Lenden und Steiss dem Bette anliegen. Endlich 
noch andere Male ruht der Kranke, wenn er ein „Gewölbe" 
macht, dabei auf der rechten oder linken Seite. Dieser ganze 




Theil des Anfalles ist bei G . , ., wenn ich mich ho aus drück en'] 

darf, wunderschön, und jede einzelne Stellung wttrdc verdienoa^ï 
diu'ch das Vecfahien der Iiistanfauphotographio festg ehalt ea-f 
zu werden. Ich gebe Ihnen nun die Photographien herum^.f 
welche Herr Londe auf diese "Weise erhalten hat'.* 
Wie Sie sehen, lassen dieselben vom kttustleriseheu Stand- 
punkte nichts zu wünschen übrig, sie sind aber überdies in 
hobein Grade lehrreich für uns. Sie zeigen uns, dass die An- 
iSUe bei G . , ., was die Regelinässigkeit der einzelnen Perioden 
und den typischen Charakter der versebiedenen Stellungen 
.inbelangt, nicht im Geringsten hinter jenen zurückstehen, die 
wir täglich an unseren clasaischesten Hyateroepileptischcn 
weiblichen Geschlechtes zu beobachten Gelegenheit haben, ^ 
uud diese Aehnlichkcit verdient umsomohr hervorgehobej 
werden, als G . . . niemals in den Krankensaal, wo uosen 




LferauieH en iitlaquca" unlerjjebraLilit siiiti, gedrungen ist 
ytiah also bei ihm tiiehc auf deu Einüusä <lcr Niicbali 
;r Art von psycliisuheia Cuntagium, berufen kann. 




Nur die Periode der Hallueinationeti und leidensoliaft- 
Lliühea StelluDgen fällt bei G , . . in der Kegel weg. Wir baben 
hloa einige Male beobachten können, dass gegen das Ende 






^' ^Ét. 



des AufalleB bin seine Ziiye abwechselnd Entsetzen und Freude 
ausdrucken, während seine Hand«, wie um nach einem Wesen 
seiner Einbildung zu greifen, in die Luft gestreckt sind. 



224 



Das Ende Aea Anfalles wii-d bei unserem Kranken baung 
durch eine Art von motorischer Aphasie bezeichnet, die 
gewölirlieh mir acht bis zehn Minuten dauert, aber einmal 
durch fast sechs Tage in}!;elialten hat Wem der Kranke 
sprechen will, entringen sich dann nur einige lauhe, inarticulirte 

F>s 91 




Laute seiner Brust, er wnd darauf aufgeregt und uuruhig, 
bringt es aber dahin, sich duich sehr ausdruiktsvolle Geberden 
Yerstäudlich zu machen. Es lat m solchen Fällen auch einige 
Male vorgekommen, dass er eine Feder nahm und ganz leser- 
lich einige richtige Sätze niederschrieb. 



Fig. 32. 




Damit genug über diesen in jeder Hinsicht clasaiselien mzwi 

Fall. Wir sind aber mit der Hysterie beim Manne noch nicht ^«ai 

fertig. 'Wii' werden sie, ebensogut kenntlich wie in den vorher- — -:■■ 

gehenden B'ällen, bei drei anderen Kranken der Klinik .^ttA 
wiederfinden. 



Neunzeliute Vorlesuug. 



lieber sechs Fälle von männlicher Hysterie. 

(Füitsetnung.) 

BeoblictitnnelV: nereditäC, Schwäcbnng durch sine acn te Erkraukong, Schret^k. 

Ânilithesia in üeratretiteii llerdon, Annille, — Starre nud Uinnandelbarkeit 

der S;niptomt!. >- Ben h acht du g T: Hj^lerie und Alkohol tamiia jn der 
Tamilie. — Wiederholtes Ersuh recken. — Anfalle unter dem Bilde dar par- 
tiellen Epilepsie. — Beobaehtnng VI: Moralische Knlartnng des Kranken, 
— Slnrn vom Gerllat. — Monoplegie des linken Armes von ÂnSethesie be- 
^laitet. — Schwierigkaiteu der Diagnose bei Vorhand en Bein eines organischtin 
HecîfehlerB. — AuBschlieBaung einer materiellen Erkraukong'. — Harvor- 
nifuD^ der Anfälle durch Eeizang einer hjsterogenen Zone. — Besserung 
der Monoplegie. — 'Wiedereintritt der Lfihmung in Folge von Snggeation. 

Meine Herren! Ich will Leute die in der letzten Vor- 
leaung begonnene Studie zu Ende führen und gedenke mich 
dahei vorzugsweiae der klinischen Demonstration zu be- 
dienen, wie iüh ea bisher geihnn habe. Unser Material an 
hysterischen Männern ist nocli lange nicht erschöpft; drei 
neue Kranke sollen Ihnen vorgeführt, und die wichtigsten 
Einzelheiten in deren KrankengeBehichten Ihnen an der be- 
treffenden Stelle niitgetheilt werden. Ich werde die That- 
sachen ftlr sich selbst sprechen lassen und nur durch kurze 
Itandbemei-kungen die wichtigsten Lebren hervorheben, welche 
sich aus diesen Beobachtungen ergeben. 

Beobachtung IV. Der Fall, mit dem ich Sie jetzt be- 
kannt machen werde, tritt einigermassen aus der Reihe der 
bisher behandelten heraus, indem es sieh hier nicht um einen 
erwacbeenen Mann, sondern um einen Jüngling handelt. Aber 
dafür zeigt die Krankheit, wie Sie gleich selbst sehen werden, 
bei ihm jenen hartnäckigen und starren Charakter, auf den 
wir bereits Gewicht gelegt haben. 

Der Kranke, Namens Mar . . -, Hî Jahre alt, wurde am 
29. April 1884, also vor fast einem Jahre, auf unsere 



Klinik aufgenommen. Ev ist .luf dem Laude geboren und hat 
dtiselbst bis zu seinem 14, Jabre gelebt. Seine Mutter soll im 
Jahre 1872 einige hysterische Anfälle gehabt haben, sein 
GrosBvater von väterlicher Seite war ein Trinker und von 
sehr heftiger Gemüthaart. Dies ist alles, was in der Familien- 
geschichte bemerken s wcrth erscbeiat. Was den Kranken selbst 
betrifft, so wäre zu sagen, dass er jetzt stark und wohl ent- 
wickelt ist, obwohl er in der Kindheit einige Zeichen von 
Skrophulose, nämlich Ohrenfluss und Drüsenscliwellung in der 
üegend des Warzenfortsatzes dargeboten bat. Er ist von guter 
Intelligenz, eher heiterer Gemiithsart und war niemals furchtsam, 
abermitunter heftigen Zorneaausbriichen unterworfen, in denen er 
80 weit ging, Alles zu zerbrechen, was ihm unter die Hände 
kam. Vor zwei Jahren wurde er in Paris als Lehrling bei 
einem Bäcker untergebracht. Kurze Zeit darauf erkrankte er 
an einer entzündlichen B rustkrankbcit, und die Schwä- 
chung, welche durch dieses Leiden liewirkt wurde, blieb 
gewiss nicht ohne Einfluss auf die Entwicklung der bald 
hernach auftretenden Zufälle. Einige Zeit später, als er noch 
in der Reconvalescenz war, erlitt er einen heftigen Schreck, 
Wie er erzählt, wurde er eines Abends auf der Strasse von 
zwei jungen Leuten übeifalJen ; er fiel fast augenblicklich be- 
wuBstlos zu Boden und wurde in diesem Zustande in das 
Haus seines Meisters gebracht. Er zeigte keine Spuren einer 
Verletzung, blieb aber einige Tage von diesem Zeilpunkte nh 
in einem Zustande völliger Erschlaffung. Dann begann er 
sehr peinlichen, schreckhaften Träumen zu leiden, die 
hente noch quälen; er träumte, d.iss er sich mit seinen Al 
greifern herumschlage und erwachte häufig, indem e: 
wildes Geschrei ausstiess. Endlich zeigten sich nach Vi 
von 14 Tagen die ersten hysterischen Anfälle. Diese traten 
zuerst täglich und in Reihen von acht oder zehn auf, manci 
mal zählte man zwei solche Reihen an demselben Ti 
später nahmen sie allmählich an Zahl und Heftigkeit ab. 

Beim Eintritte des Kranken in die Salpêtrière konn' 
wir folgenden Status erheben: Die hysterischen Stigmata sin« 
sehr deutlich ausgebildet; sie bestehen in einer Auästbesie in 
zerstreuten Herden, die unregelmässig über den ganzen Kürper 
angeordnet sind, und in deren Bereich die Unempfindlichkeit 
für Berührung, Kälte und Schmerz den höchsten Grad er- 
reicht. Gehör, Geruch und Geschmack sind auf der linken 
Seite abgestumpft; f^lr das Gesicht constatirt man ferner eine 
doppelseitige Einengung des Gesichtsfeldes, die auf der rechten 
Seite stärker ausgebildet ist. Der Kranke erkennt rechts das 
Violett nicht, während er mit dem linken Auge alle Farben 



t^l 



A 



— 237 — 

mterscheidet; auf beiden Seiten aber ist das Gesichtsfeld für 
Roth grüsser als das für BUu, im Gegensatze zu dem 
Ihnen bekannten Verhalten in der Norm, Dieses so 
merkwürdige Symptom, auf welches ich Sie schon zu wieder- 
holten Malen aufmerksam gemacht habe, ist nna übrigens auch 
bei dem ersten unserer Fälle begegnet. Von hyaterogenen 
Punkten ist nur ein einziger in der linken Weichengegend 
aufzufinden. Die Anfälle treten auch heute noch, obwohl die 
Krankheit schon vor zwei Jahren begonnen hat, spontan in . 
ziemlich kurzen Zwischenzeiten, ungeftlhr alle zehn oder zwftlf 
Tage, auf. Sie können auch sehr leicht absichtlieh hervor- 
gerufen werden, wenn man einen nur ganz massigen Druck 
auf den hysterogenen Punkt ausübt. Ein stärkerer Druck auf 
denselben Punkt vermag den Anfall zu uoterbrechen. 

Dem Anfalle, sei er nun spontan oder provocirt, geht 
immer eine Aura vorher: Schmerz in der Weiche im Bereiche 
des hysterogenen Punktes, Gefühl einer Kugel, die von der 
Magengrube zum Halse aufsteigt, Ohrensausen und Klopfen 
in den Schläfen. Darauf beginnt der eigentliche Anfall. Die 
J\ugeu kehren sich in ihren Höhlen nach oben, die Arme 
■werden in Streckung steif, und der Kranke fällt, wenn er 
aufrecht stand, bewusstlos nieder. Die epüeptoide Phase ist 
gewöhnlich sehr undeutlich und abgekürzt, aber die folgende 
Periode der grossen Bewegungen und Verdrehungen ausser- 
ordentlich heftig und hält ziemlich lange an. Der Kranke 
schreit, beïsst in alles, was er ci-reicben kann, zerreisst seine 
Kleider, führt die classischen Grussbewegungen aus und iinter- 
bricht dieselben von Zeit zu Zeit, um sich in die charakte- 
i-istische Stellung dea „Gewölbes" zu werfen. Das Schauspiel 
schliesst ab mit der Phase der ».fTectvollen Stellungen und 
Geberden, welche sich bei ihm sehr deutlich ausprägen und 
ie nach den Umständen etwas variiren. So kann es, wenn 
der Anfall ein spontaner war, geschehen, dflss die ihn be- 
wegenden Hallucinationcn zeitweilig einen heiteren Charakter 
verrathen; wenn aber der Anfall durch Reizung der hystero- 
genen Zone ausgelöst war, ist das Delirium immer düsterer, 
wftthender Natur und von Schimpfworten, wie: Canaillen u. s.w., 
"begleitet. 

In der Regel folgen mehrere Anfälle unmittelbar auf 
«inander und bilden so eine aus einer grösseren oder ge- 
ringeren Anzahl bestehende Reihe. 

Ich will mich bei diesem Krnnken darauf beschränken, 
die Dauerhaftigkeit und, wie ich sagen mochte, die Starre 
Jer einzelnen Elemente hervorzuheben, die das Symptomen- 
lild der Hysterie zusammensetzeii. Der Fall schliesst sich 



k 



— 228 — 

(ladureli an die Verliilltnisse au, die ma» so oft bei Männern 
beobachtet. So haben Sie die Bemerkung machen kiinnen, 
dass bei unserem jugendlichen Kranken die Krampfanfälla 
noch immer, trotz alier unserer Bemühungen, sebr häufig auf- 
treten, obwohl seit deren Beginn schon zwei Jahre verflossen 
sind; und auch die hysterischen Stigmata, die sensorielle und 
sensitive Anästbesie, habep seit dem Tnge, da wir sie zum 
ersten Male untersuchten, keine merkliche Veränderung er- 
kennen lassen. Wir haben auch keinen Grund aazunehmen, . 
dasa (lies so bald geschehen wird. 

Es ist dies, meine Herren, aber durchaus nicht die Rege! 
hei jugendliehen Personen inännlicben Gescbl echtes, zumal 
dann nicht, wenn sich die Krankheit bei ihnen vor dem Eintritte 
der Pubertät entwickelt hat- Wie wenigstens aus den zahl- 
reichen Beobachtungen, die ich selbst zu machen Gelegenheit 
hatte, hervorgeht, sind die hysterischen Symptome in diesem 
Alter gewöhnlich viel flüchtiger und beweglicher, so aus- 
gesprochen sie auch sein mögen, nnd sie weichen zumeist 
vollkommen der Anwendung einer zweckmässigen Therapie,' 

Der Fall, den ich jetzt vor Ihnen besprechen will, bei 
dem es sich um einen jungen Mann von 32 Jahren handelt, 
muas auch noch wie die früheren unter den Typus der 
Hyateroepilepsia gebracht werden. Auf eine Abweichung in 
der Form der Anfälle, die wir bei ihm finden, werde ich sofort 
wieder zurückkommen, 

Beobachtung V. Der 32jährige Maurer Lp ... ist auf 
die klinischen Zimmer der Salpêtrière am 24. März 1886 aut 
genommen worden. Er ist auf dem Laude, iu der Umgegend 



I 



' Zwei TagB, imclidem 
Cliarcot auf aeine KUmk. i 
nnf, der, 21 Jahre alt, gro!,8 m 
gErJJthetes Geaiclit hatte lind, \ 
mattilogie der Hj'steroepilepBie 
Ans der Faniiliengesclilchte d 
uiBcbe Alkobolisi 




ieae Vorleaang geLflUaii worden war, nabm ^r~. 
neu Jungen Manu Namens Fat aus UelgEen .^c ■ 
1 mager war, hellblonde Haare und ein seb[-=i^ i 

ie nll-e vorstehenden Fälle, die ganze Bymplo • 

1 ihrer claasîscheaten ËrBclieiiiungsform darboI_ ~::M 
i Krnnken ist nur hervorinheben der cliro — -^ 
Vater, und in der Vorgescfaichte des Kranken, .^c: ■ 



selbst hüutiges näoIitlicheH Âufsebreuken während seiner Kindheit, 
Träume und Erscheinungen von Thieren und gräulichen Oestalten, ilie e 
mitnnter selbst am hellen Tage siebt. 

Im November 1SS4 hatte F. einen schweren Choleraanfall. Er kam zwa 
davon, hatte aber eine lange Rac-onvalescen« durchanmachen «nil hliel 
davon aehr geschwächt, litt aacb vreiterhin an Krämpfen in den tiulerei 
Extremitäten und an Schmerzen Im Unterleib. Drei Monate nach seine 
(ienesung-, als er sich noch als Beeonva les cent in Spital befand, gerieth e 
nber den Anblick eines Leiclmama, den man fortschaffte, in hel'ligeii SchrBC 

r darauf brach der erste hysterische Anfall ans. Eili andere 

. ihn bald darauf ein üb clan gebrachter Spaaa eines Krankea 

Ibon Kranken lim m et' In^, versetzte, scheint das Mass vn 

gemai^ht kh haben, denn von dieser Zeit an litt F. beständig aa achrec* 



schred^^"- i 



— 2i9 — 

i Paris, gebortu, von inittlei'öm Wuchs, schlecht eutwickult, 
von 'eher sehwächliüher Erscheinung. Sein Vater, der daa 
Gewerbe eines Fuhrmannes ausgeübt bat, ist ein Trinker, 
seine an Tubereulose verstorbene Mutter bat an hysterischen 
An^^Hen gelitten. Ferner findet man in seiner Familie eine 
Grosamutter von luiitterl icher Seite, die noch immer bysteriacL 
iat, obwohl sie das Alter von öd Jahren erreicht hat, und 
zwei Tanten, Schwestern der Mutter, die gleichfalls nn 
Hysterie leiden. Das sind hereditäre Verhältnisse von wirk- 
lich massgebender Bedeutung: vier Hysterisehe und ein Alko- 
holiker in der nämlichen Familie! Die eigene Vorgeschichte 
des Krauken ist kaum minder beraerkenswerth. Unser Patient 
war immer von schwacher Intelligenz und hat in der Schule 
niemals etwas erlernen können, aber von dieser geistigen 
Schwäche abgesehen zeigt er son&t keine auffälligen psychi- 
schen Störungen. Wie er selbst zugesteht, pflegte er durch 
ziemlich lange Zeit täglich fünf oder sechs Gläschen Brannt- 
■wein und reichliche Mengen von Wein zu trinken; seitdem 
er aber krank geworden ist, hat er, nach seiner Versicherung, 
dieser üblen Gewohnheit entsagt. Vor drei Jahren wurde er 
-von einem Gesichtserysipel befallen, an das sich bald ein, 
übrigens leichter acuter Gelenksrbeumatismus schloss, der ihn 
nur durch 14 Tilge an's Bett fesselte. In demselben Jahre 
unterzog er sich einer Bandwurracur und nahm Granalen- 
"wurzeli'inde, um sich von seinem Parasiten zu befreien. Die 
Cur erzielte den gewünschten Erfolg; es giengen zuerst Stücke, 
dann die Hauptmasse des Wurmes ab; aber der Anblick des 
Bandwurmes, den er in seinen Entleerungen fand, übte eine 



I 
I 



lidfteii OcstchtserBCheiiiDUgeD, während glaiubneitig ilie Kiampfantälle fuit 
reitelinäaaig Jede NsL-bt auftralsu. Bei der Aufuabme dea lirniilteii in die 
Salpetrüre wiirdsu folgeude Syinpiome uouslatirt: Haulauästlieaio in zer- 
atreuten Herden, Abatumpfuui; des Geschmacks und Oerimbs Hokerseils, Ein- 
engung des Oeaiclitsfaldea nur am rechten Auge, endlich sehr ausgedehnte 
liysterugane Zonen, welche grosse liyjieräatli ei iäi^ lie Fkcke hildpti und vorn e 
fast die ganxe Fläche des Unterleib», hinten die Suhultei'blatt- und Ilinter- 
backeugegend, Enieliehlen und Fusssohlen einnehmen. Dia AiifjÜla werden 
]iilt Leii^htigkËÏt HusgulUat, viea\i man diese byperSsthe tischen Stellen einer 
{relindeii Beibiing nnloiwirft, und zeigan zunScbst eine classisehe Aura, 
ijarauf eine »ehr deutlich ausgeprägte epüeptoide Phase. Elicusa schöa ial 
die Periode der grossen Buwagungan .lUBgebüdet, in der nuc)i die Gewülbe- 
Stellung: vorkommt. Den Bchluss macht die Fiiasa der afFectvollea Stellungen 
lind Geberiien, während welcher der Kranke von einem dflstereu und wuth- 
«rtSlIteu Delirium eigriffen scheint. Bei diaaem Manne ist also gnuK wie in 
dem oben besprochenen Fnlle die grosse Hyslei'ie im Oerolge der allgemeinen 
SohwBchnug dnroh eine suhwere Erkiaukmi^g, und aus Atilasa eines heftigen 
Schreckens aufgetreten, und bei ihm nie bei den anderen Füllen zeigt am 
»ich mit all ihren ciiaraktemtiachen Merkmalen, mit einem Worte ao, wie 
MIM Ria oft bei Wunen b^obaehten kann. 



I 



ganz eigeDlbtlmlicLe Wirkung auf ilm, und die Aut'rei^jtn 
die ilin dabei ergriff, war «u heftig, dasa er für mehrereT"age 
unter leichten nervösen Beacliwerdeo, wie Koliken, Schmerzen 
und Zuckungen in den Gliedern u. b. w., erkrankte. 

Vor ungefähr einem Jahre war L , . ., als er iu Sceaux 
in seiner Eigenachiift als Maurer arbeitete, Zeuge, wie einer 
seiner Kameraden seinen Sohn miashandelte. Er wollte sieh 
einmengen, 6S bekam ihm aber übel, denn der Kameriad 
richtete nun wüthend seine Schläge gegen ihn und schleuderte 
ihm, als er entfloh, einen grossen Stein nach, der ihn zum 
Glücke nicht traf. Der Schreck, deu L . . . bei dieser Ge- 
legenheit durchmachte, waj- so heftig, daas er sofort an allen 
Gliedern zu zittern begann und in der darauffolgenden Nacht 
den Schlaf nicht finden konnte. Die Schlaflosigkeit hielt nun 
an den folgenden Tagen an, überdies war er Tag und Nacht 
von traurigen Vorstellungen verfolgl, glaubte jeden Augen- 
* blick seinen Bandwurm wieder vor sich zu sehen oder noch 
in dem Raufbandel zu sein, dem er bald zum Opfer gefallen 
wäre, litt auch an Prickeln in der Zunge, ass nichts, fühlte 
sich schwach und arbeitete nicht. Dieser Zustand hatte 
durch 14 Tage angehalten, als eines Abends gegen 6 Uhr der 
erste Krampfanfall ausbrach. Er hatte au diesem Tage schon 
seit dem frühen Morgen einen Schmerz in der Magengrube 
mit dem Gefühle einer Kugel, Beklemmung und Ohrensausen 
verspürt. Im AugenbÜeke, da der Anfall ausbrach, fühlte er, 
wie er mir erzählt hat, dass ihm die Zunge wie durch eine 
unwiderstehliche, seiner Willkür entzogene Kraft in den Mund 
und gegen die linke Seite hingezogen wurde; darauf verlor 
er das Bewusstsein, uud als er wieder zu sich kam, erzählte 
man ihm, dass sein Gesicht nach links verzogen, seine 
Glieder von heftigem Zittern erschüttert gewesen seien, und 
dass er, nachdem diese krampfhaften Bewegungen aufgehört 
hatten, mit lauter Stimme geredet habe, ohne dabei zu er- 
wachen. Während der nun folgenden Monate wiederholten 
sieh Anfalle ganz ähnlicher Art ungefähr alle 8 oder 14 Tage, 
und die grosse Schwäche, die ihn befiel, uöthigte ihn, während 
dieser ganzen laugen Zeit jede Arbeit aufzugeben. Diese An- 
tälle wurden als epileptitorme in Folge von Alkoholismus 
autgefasst, und der Kranke einer Behandlung mit hohen Doseu 
von Brumkalium durch länger als ein Jahr unterzogen, 
ohne dass sich sein Zustand im Geringsten änderte. Am 
Tage nach seiner Aufnahme in die Salpêtrière trat bei ihm 
eine Reihe von fünf Anfällen, die sieh einer an den anderen 
schlössen, auf, doch war es uns nicht vergönnt, dieselben mit- 
anzusehen. 



A 



— 231 — 

Am uächsteu Tag-i muülitu una eiue surgCäitigt; Lluter- 
§ucliuD^ mit fulgeodon Verhältnisseu bekaunt; Ea boatalit bei 
dum Kranken eine sehr verbreitete Anästliesie in neratreuteu 
Herden, eine sehr erheblicbe Einschränkung des Gesiulita- 
feldes beiderseitB, monoculäre Diplopie, und das Gesichtsfeld 
t'ilr Roth reicht über das ftlr Blau hinaus. Ferner änden eich 
zwei hysterogene Punkte, der eine an dem rechten Schlüasel- 
bein, der andere unterhalb der letzten falschen Rippen der- 
selben Seite, Ein etwus stärkerer Druck, den wir bei der 
traten Untersuchung auf diesen letzteren Punkt auaubten, 
löste sofort einen Anfall aus, den wir nun in all seinen 
Einzelheiten etudiren konnten. Zua&chst kam eine classische 
Aura, Beengung in der Herzgrube, Gefühl einer Kugel im 
Halse u. a, w. Schun in diesem Augenblicke, und ehe der 
Kranke noch das Bewuastsein verloren hatte, wurde die 
Zunge hart und zog sieh in die Tiefe der Mundhöhle gegen 
die linke Seite zurUck; der eingeführte Finger konnte tilhlen^ 
daas ihre Spitze gegen die hinteren Backenzähne dieser Seite 
gerichtet war. Dann begann der offenstehende Mund am 
Krämpfe tb eilzunehmen, die linke Lippenconimissur werde 
erhoben und nach links gezogen und die ganze linke Ge- 
sichtshälfte unterlag einer ähnlichen Verzerrung, endlich 
wurde der Kopf selbst energisch nach links gedreht. Schon 
bevor der Anfall in dieaea Stadium kam, hatte der Kranke 
das Bewusstsein verloren. Nun wurden die Arme in Streckung 
steif, zuerst der rechte, dai'auf der linke; die unteren Ex- 
tremitäten blieben aber noch schlaff oder wurden nur sehr 
wenig ateif. Die Drehung nach üoke, welche sich zuerst im 
Gesichte auageaprochen hatte, griff bald auf die anderen 
Körpertheile über, der Kranke wälzte sieh um seine Längs- 
achae and gerieth so in die linke Seitenlage. Jetzt werden 
die tonischen Krämpfe von kloniaclien abgelöst. Die Extremi- 
täten werden von raschen und wenig ausgiebigen Vibrationen 
erschüttert, im Gesichte machen sich ruckartige Zuckungen 
geltend. Darauf folgt eine vollständige Erschlaffung ohne ster- 
toröses Atbmen, aber gleichzeitig scheint der Kranke durch 
peinliche Traumgebilde gequält zu sein; ohne Zweifel macht 
er nun das Erlebniss mit seinem Kameraden wieder durch, 
denn Worte, wie: Canaille — Pruasien — ein Stein — er 
will mich umbringen — lassen aich ganz deutlich vernehmen. 
Nun verändert er plötzlich seine Stellung, er setzt sich im 
Bette auf und fährt zu wiederholten Malen über sein Bein, als 
ob er sich eines kriechenden Tbiärea entledigen wollte, das 
sich um seinen Unterschenkel gtschlungen hat und Anstren- 
gungen macht, um sich längs des Oberschenkels emporzii- 



I 




■winden, und während dieser Zeit spricht er vod 
„Bandwurm", Nun kommt die Scene in Sceaux wieder: „lob 
bring' dich um, scliiesa' dicli nieder — wart' nur — ." Nach 
dieser Periode des Deliriuma und der en tap rechenden affect- 
vollen Stellungen und Geberden tritt die epiieptoide Pertode 
spontan von Neuem ein und bezeichnet den Beginn eines 
neuen Anfalles, der mit dein vorigen durchaus übereinstimmt, 
und an den sich mehrere neue Anfalle der gleichen Art 
aehliessen können. Durch Druck auf die hysterogenen Punkte 
kann man übrigens den Aafall in jeder seiner verschiedenen 
Perioden unterbreuben. Beim Erwachen scheint L . . . er- 
staunt und wie betäubt zu sein und versichert, sich an nichts, 
was mit ihm vorgegangen ist, erinnern zu können. 

Alle Anfälle, seien sie spontane oder provocirte, die wir, 
und zwar in grosser Zahl, mitangesehen haben, haben uns 
genau die nämlichen Eigen thUmlichkeiten gezeigt. Wir sahen 
jedesmal die verschiedenen Acte der epileptoiden Phase mit 
Beginn an der Zunge und im Gesicht sich in derselben 
lieihenfolge und mit einer bis in's Einzelnste gehenden Treue 
abspielen und darauf die verschiedenen Scenon des Deliriums 
folgen; alles, um es kurz zu sagen, so, wie wir es oben 
beschi-ieben haben. 

Wir stehen da, meine Herren, vor einem Anfall vonHystero- 
epilepsie, der in einer Beziehung nicht unerheblich vom 
typischen Bilde abweicht. Die Krämpfe der ersten Periode 
geben nämlich in einer vollendeten Nachahmung die Er- 
scheinungsform der partiellen Epilepsie wieder, während die 
Contorsionen, die grossen Bewegungen und die Gewölbe- 
stellungen ganz ausgeblieben sind. Wir kennen aber diese 
Varietät des hysteroepiteptischen Anfalles bereits von den 
Frauen her; so selten sie ist, so hatte ich doch in letzter Zeit 
Gelegenheit, Ihnen einige ganz unzweideutige Beispiele davon 
zu zeigen. Herr Dr. Ballet, mein früherei' Assistent, gegen- 
wärtig Primararzt, hat diesen Gegenstand übrigens im vorigen 
Jahre zum Inhalt einer sorgfältigen klinischen Studie gemacht '. 
Wenn Sie den Fall, der uns eben beschäftigt, mit den Beob- 
achtungen vergleichen, welche in dieser Arbeit augeführt sind, 
so werden Sie von Neuem Gelegenheit haben, sich von der 
wirklich schlagenden Uebereinstimmung zu überzeugen, die 
zwischen der Hyateroepilepsie bei Männern und der bei Frauen 
besteht, und die auch dann sich geltend macht, wenn mau 
von der ausschliesslichen Berücksichtigung des Haupttypus 
abgeht und sich auf das Gebiet der Anomalien begiebt. 




— 233 — 

Eine anderej ahae weaiger seltene und weniger iiber- 
rasuhende Anomalie im Krankheitabilde der Hysterie bei der 
Frau ist das Fehlen der Anfälle. Es wird Ihnen ja bekannt 
sein, dass nach der Lehre von Briquet ungefähr ein Viertel 
der hysteriaehen Frauen niemals Anfalle hat. Die Krankheit 
findet in eolchem Falle, aber ohne etwas von ihrer Selbstständig- 
keit einzubUsBen, ihren symptomatiachen Ausdruck nur in den 
permanenten Stigmata, zu denen sich gelegentlich manche 
krampfhafte oder andersartige Zustände gesellen können, wie: 
nsrvüaer Husten, permanente Contracturen, gewisse Gelenks- 
leiden und Lähmungen, Hämorrhagien durch verschiedene 
KCirperwege u. dgl. Nun auch bei der männlichen Hysterie 
können die Anfälle fehlen. Der Fall, den ich Ihnen jetzt 
zeigen werde, bot ein gutes Beispiel dafür, zur Zeit, als wir 
ihn zu Gesiebte bekamen. Seither hat sieh die Krankheit gewisser- 
massen vervollständigt. Die Anfälle sind nämlich jetzt ein- 
getreten, aber während des langen Zeitraumes von 11 Monaten 
hatten wir es mit einem rudimentären Fall zu thun, der 
übrigens, wie Sie sich gleich überzeugen sollen, der Diagnose 
auch nach anderen Richtungen Schwierigkeiten bieten konnte. 

Am 10, März dieses Jahres stellte sich uns der junge 
Mensch, den Sie hier sehen, vor, mit einer Monoplegie des 
linken Armes behaftet, die keine Spur von Rigidität, vielmehr 
hochgradigste Muskelscblaffbeit zeigte und nach seiner Angabe 
vor 10 Monaten entstanden war, wenige Tage, nachdem ein 
Trauma auf die vordere Partie der linken Schulter eingewirkt 
hatte. Es bestand keine Spur von Lähmung oder auch nur 
Pai'ese im Gesicht oder an der unteren Extremität, ebenso- 
wenig eine Andeutung von Atrophie der gelähmten Muskeln, 
trotzdem sich die Lähmung bereits vor so langer Zeit eingesetzt 
hatte; und dieser letztere Umstand niusste im Verein mit 
dem Fehlen jeder Veränderung iu der elektrischen Erregbar- 
keit der betreffenden Muskeln uns sofort dahin fuhren, den 
Einfluss des Traumas, wenigstens -einen direeten und localt'n 
Einduss, abzuwiiiaen, Es fiel uns ferner auf, dass die Haut 
über den Oarotideu durch heftige Pulsationen der Arterien 
hervorgewölbt wurde, auch war .das Korrigau'scbe Pula- 
pbänomen sehr deutlich ausgesprochen, und die Auscultation 
des Herzens ergab ein diastolisches Geräusch au der Herz- 
basis. Andererseits erfuhren wir 'aus einer kurzen Anamnese 
des Kranken, dass er durch fünf oder sechs Wochen 
mit einem acuten Gelenksrheuniatismus bettlägerig gewesen 
sei. Wir gelangten also sehr natürlich zu der Ansicht, dass 
diese Monoplegie von einer Herdläsion diir Hirnrinde bedingt 
werde, welche sich streng auf die motorische Zone, und zwar 



k 



— 234 — I 

auf das Anncentrum besüLräuke, uud ihrerseits selbst wieder 
durt-'li den Klappenfehler des Herzens hervorgefufen worden sei. 
Aber eine aufmerksamere Untersucbung des Kranken sullte 
uns bald eines Besseren belehren. Die in Rede stehende 
Monoplegie ist allerdings auf eine Läsion der Hii-nrinde zurttck- 
uufuiiren, die hauptsächlich den Kindenort des Armes betrifft; 
aber es handelt sich um keine grobe, materielle Läsiun, sondern 
nur um eine „dynamische", einer Läsion „sine materia", kurz 
uiu eine solche, wie wir sie anzunehmen pflegen, um die Ent- 
wickölung und den Fortbestand der verschiedenen permanenten 
Symptome der Hysterie zu erklären. Dies wird wenigstens, 
wie ich hoffe, mit alter Schärfe aus der sorgfältigen Unter-, 
suchung, der wir jetzt unseren Kranken unterziehen woll 
hervorgehen. 

Beobachtung VL Der ISjährige Pin , . ., der gegen- 
wärtig das Gewerbe eines Maurers ausübt, ist am 11. März 1S85 
ia die Salpêtrière eingetreten. Seine Mutter ist im Alter von 
■16 Jahren an „Rheumatismus" {?) gestorben, sein Vater ist ein 
Trinker, eine seiner Schwestern, jetzt 16 Jahre alt, leidet aSo 
liüufigen „Nervenanfällen"- Er ist ein junger Mensch 
krftitiger Erscheinung und gut entwickelter Museulatur, bei 
dem aber die Thfitigkeit des Nervensystems von jeher fehler- 
haft war. Kr litt im Alter ron fünf bis zu gleben Jahren an 
ITarnineuntinenz, war immer wenig intelligent, sein Gedächtniss 
war schlecht, und er hat es in der Schule nicht weit gebracht. 
Ausserdem igt er sehr furchtsam und leidet an nächtlichem 
Aulschrecken. Vom moralischen Standpunkt ist er ein abnormer^, 
schlecht angelegter Mensch. Im Alter vcu neun Jahren pflegte 
er hAutig das Elternhaus zu verlassen, um unter den Brücken 
oder in den Wartesäleu der Bahnhöfe zu schlafen. Diese 
uücbtlicheu Ausflüge wiederholte er auch später, nachdem 
ihn sein Vater bei einem Obsthändler und später bei einem 
ZuckerbSeker, und noch anderswo, als Lehrling untergebracht 
hatte. So geschah es ihm denn auch, dass er einmal in der 
Nacht in Gesellschaft mehrerer jungen Strolche arretirt uod 
iu lue Roquette gesteckt wurde, wo ihn sein Vater 
ein Jahr beliess. 

Vor awci Jahren, also als er 16 Jahre alt war, wurde 
wou uiueiu Anfall eines acuten, sehr verbreiteten Geleul 
rbeumatiämns ersriffen. dem ein Gesichtserysipel roraus^i 
Dio urgauische Veränderung des Uerzeus, die wir hente 
ihm citustalireii keimen, riihrt -«.ihrsckeiulich aus dieser Zeit ' 

Vor etwa lt> Mouateu, am H. Mai liS^, tid P , 

damals aU Maurerig«hilte arbeitete, von einer Hslie 
Ul^^»ähr e Aleler berab und blieb in Pol-*> d«s Slai 



u- ^^ 

15 

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— 235 — 

■■*ur durch eiaigt: Minuten bewusatlus an dem Orte liegen, wo 
er liingefalleti war. Ei' wurde in seine Wohnung gebracht und 
dort erkaunte man, dasa er sich Cootusionen an der vorderen 
Fläche der linken Schulter, am Knie und Sprunggelenk der- 
selben Seite zugezogen hatte, die übrigens sehr leicht waren 
und den Gebrauch der betreffenden Theiie nicht eroatlich 
behinderten. 

Während einiger Tage konnte man annehnaen, daee es 
dabei sein Bewenden haben würde; am 27. Mai aber, also 
drei Tage nach dem Unfall, bemerkte P ■ . -, daas sein linker 
Arm schwach geworden sei. Er zog darum einen Arzt zu Rathe, 
der, wie es seheint, eine Parese aller Bewegungen des Hoken 
Armes nebst Anästhesie desselben erkannte. Am 8. Juui, also 
14 Tage nach seinem Sturz und 11 Tage nach dem Eintritt 
der Parese, Hess er sich in's Hôtel-Dieu aufnehmen. Dort 
wurde bei einer sorgfältigen Untersuchung Folgendefi gefunden: 
Deutliche Anzeichen einer Aorteninaufficienz; die von der 
Contusion betroffenen Theiie sind weder apontan schmerzhaft, 
noch werden sie es bei aetiven oder passiven Bewegungen; 
ea besteht eine unvollkommene Lähmung der linken oberen 
Extremität. Der Kranke konnte noch, obwohl sehr unvoll- 
kommen, die Hand gegen den Vorderarm, und diesen gegen 
den Oberarm beugen, aber alle Bewegungen im Schultergelenk 
waren aufgehoben. Daa gelähmte Glied war in allen seinen 
Gelenken ohne Widerstand zu bewegen, ea bestand keine 
•Spur von Rigidität. Das Gesicht und die linke untere Extremität 
waren absolut normal, ea handelte »ich also, in Hinsicht der 
Motilität, um eine Monoplegie im strengen Sinne dea Wortes. 
Die Prüfung der Sensibilität lilhrte zu nachstehendem Ergebnisa : 
Ea bestand schon zu dieser Zeit eine allgemein ausgebreitete 
Analgesie der linken Seite, und überdies eine ausschliesslich auf 
den linken Arm beschränkte, vollkommene Anaestbesie. Man fand 
auch damals die doppelseitige, links viel stärker ausgesprochene 
Einengung des Gesichtsfeldes auf, die wir sogleich hier bestätigen 
werden. Endlich wurde am 35. Juli, also 22 Tage nach dem 
Beginn der Lähmung, dieselbe vollkommen und höchstgradig. ' 
Die Diagnose war schwankend, die Behandlung erfolglos. Eine 
mehrmalige Anwendung des faradischen Stromes hatte nur die 
Wirkung, die Empfindlichkeit .im Rumpf, Gesicht und Bein 
der linken Seite um ein Geringes zu heben. Am Arm blieben 
die Anästheaie und Lähmung int Gleichen. Auch die Ein- 



' Alle auf a«u Aufeiitbalt des Kraiikau Im Hütal-Diuu buEUglidieii 
MitthoiliLugeii niiid nus tuu Frl. Kluiii[]ke, Aspirantin au der butreffËudeu 
AbtheihiDg, îq verbiadtichstsr Weinä snr Vurflt^nag trestellt wordeu. 



b. 



— 236 — 

scIii'änkuDg dtiB Gesiciitüt'iildtia lialte sieb, uts Her Kranke dag 
Hôtel-Dieu verliess, in keiner Weise verändert. 

Am 11. März dieses Jahres, zehn Monate nach dem Sturze 
und neun seit dem Eintritt d«r vollkommenen Lähmung, lieaa 
sich P . . - auf die klinische Ahtheitung der Balpêtrière auf- 
nehmen. Wir erhoben nuu die anamnestischen Daten, die 
ich Ihnen ehen niitgetheilt liabe, und constatirten nusgerdein 
durch eine eingehende klinistiLe Untersuchung den folgenden 
Befund : 

Es besteht eine sehr deutliche Aorteninsuf&cienz, 
diastolisches Geräusch an der Herzbasis, sichtbare Pulsation 
der Arterien am Halse, Kon-igan'scheB Phänomen, fühl- 
barer Capillarpuls an der Stirne, Die niotoriache Lähmung 
dea linken Armes, welcher schlaff au der Seite herabhängt 
und wie ein schwerer Körper niederfällt, wenn man ihn 
erhebt und dann sich selbst überläset, ist vollkommen 
und höchstgradig. Es besteht keine Spur von willkürlicher 
Beweglichkeit, ebensowenig von Contractur. Die Muskelinassen 
haben üir Volumen bewahrt und springen in normaler 
Weise vor, ihre elektrische Erregbarkeit für den galvanischen 
wie für den faradiachon Strom ist durchaus unverändert 
Leichte Steigerung der Sehnenreflexe am Ellbogen und Vorder- 
arme im Vergleich mit der gesunden Seite. Absolute Anästhesie 
gegen Berührung, Kälte, Stich und die stärksten faradischen 
Ströme über die ganze Ausdehnung des Gliedes, Hand, Vordar- 
und Oberarm und Schulter. Gegen den Rumpf begrenzt sieb 
diese Anästhesie mit einer kreisförmigen Linie, welche 
einer fast verticalen Ebene durch die Achselgrube geht und" 
vorn ein wenig gegen die UnterschlUsselbeingrube, hinten 
gegen das äussere Drittel der Sehulterblattregion übergreiA, 
Die Unemptîndlichkeit erstreckt sich in gleicher Intensität 
auf die tief gelegenen Theile; man kann in der That die 
Muskeln wie die Nervenatämme selbst mit den stärksten 
Strömen faradisiren, die Gelenksbänder kräftig zerren, die 
verschiedenen Gelenke den ausgiebigsten Verdrehungen unter- 
werfen, ohne daas der Kranke das Allerniindeste davon ver- 
spürt. Ebenso vollständig ist der Verlust der verschiedenen 
an den Muakclsinn geknüpften Vorstellungen; es ist dem 
Kranken ganz unmöglich, die Stellung, die man den ver- 
schiedenen Abschnitten seines Armes gegeben hat, auch nur 
annäherungsweise zu bestimmen, ihren Ort im Räume auf- 
zufinden, die Richtung und Art der Bewegungen, die nmn 
mit ihnen vorgenomm'en hat, anzugeben u. dgl. mehr, 

Von der linken oberen Extremität abgesehen, besteht aixtt 
dieser Seite weder im Gesichte noch an der unteren Exlremilät- 



I 

i 




— 237 — 

eioe Motu itiltsst<>rii 11g, wohl aber bindet man an diesen Tlieilen 
ebenso wie an der entsprechenden Kumpfhälfte die Analgesie, 
die schon im Hutel-Dieu beobachtet worden war. Die Unter- 
suchung des Gesichtssfeldes ergiebt uns für die rechte Seite 
normale Verhültnisse, dagegen linkerseits eine ausserordentlich 
grosse Einschränkung; überdies ist die Grenze der Roth- 
empündutig nach aussen von der für die HlauempfinduDg verlagert. 
Die Veränderung des Gesichtsleides, die sich also seit dem 
Aufenthalte des Kranken im Hfitei-Dieu vollzogen hat, ist in 
hohem Grade bemerkenswerth. Wir constatirten ausserdem, 
d&sB Geruch, Gesclmiack und Gehör, nach den gewölinlichen 
Methodeu geprüft, eine sehr erhebüche Herabsetzung ihrer 
LuistuDgsftlhigkeit auf der linken Seite zeigen. 

Wir hatten nun die Aufgabe, die Natur dieser eigen- 
thllmlichen Monoplegie, die sich im Gefolge einer traumatischen 
Einwirkung entwickelt hatte, so weit es eben möglich, auf- 
zuklären. Das Fehlen jeder Atrophie und jeder Veränderung der 
vlektrischen Erregbarkeit der Muskeln, während doch die 
Lähmung schon seit zehn Monaten bestand, niusste die An- 
nahme einer Läsion des Plexus brachialis auf den ersten Blick 
ziirllckweisen, während die Abwesenheit der Amjotrophie 
allein und die Intensität der Sensibilitätssturungen uns 
gesittete, die Ansicht auszuschücssen, dass es sich hier um 
eine jener Lähmungen handle, wie sie im Anschluss an 

É räumen, die ein Gelenk treffen, auftreten: Zustände, welche 
in Herrn Professor Lefort und Herrn Valtat in sorg- 
jtiger Weise studirt worden sind. 
Eine Monoplegie des Armes kann allerdings aut'h in se!u- 
seltenen Fällen durch gewisse Läsionen der inneren Kapsel 
erzeugt werden, wie unter anderen eine kürzlich von Bennet 
und Campbelli im „Brain" veröffentlichte Beobachtung darthut, 
aber in diesem Falle wird man gewiss die sensorielle und 
sensitive Ileniianästhesie vermissen, welche sich mitunter zu 
der gemeinen totalen Hemiplegie in Folge von Kapselläsion 
hinziigesellt. 

Die Bildung eines kleinen Herdes in der rechten Hemi- 
sphäre, sei es durch Blutung oder durch Erweichung in 
Folge von Embolie, die diiruli die organische Veränderung 
des Herzens bedingt ist, eines Herdes, den man als streng auf 
das motorische Rindenfeld des Armes beschränkt annehmen 
könnte — eine solche Läsion sage ich, könnte fUr das Bestehen 
einer Monoplegie des linken Armes allerdings eine Erklärung 
^ ' aber dieser Annahme zufolge halte die Lähmung 

,Bram" April 1881, pBp. 78. 




plötzlich nach dem Trauma, so leicht dieses auch gewesen seini 
mag, und nicht allmäblich auftreten müssen; sie mflsste fast! 
nüthwendigerweise einige Monate nach ihrem Eintritte min<a 
destens ein ;[;cwÎEseB Mass von ContrSctur und eine deutliche! 
Steigerung der Sehnenreflexe zeigen; sie hätte endlich nicht! 
von 60 schweren Sensibilitätsstörungen der Haut und der | 
tiefen Theile begleitet sein dürfen, wie die sind, welche unser | 
Kranker bietet. 

Wir sahen uns also genöthigt, auch diese Annahme von| 
der Diagnose auszuachliosaen, und ebensowenig war die Hypo- 
these einer spinalen Läsion zulässig, die wir, wie ich glaube, 
überhaupt nicht in Betracht zu ziehen brauchen. Andererseits 
fesselten unsere Aufmerksamkeit von Anfang an in lebhaftester 
Weise die bedeutsamen hereditären Verhältnisse des Kranken, 
sein psychischer und moralischer Zustand, die Sensibilitäts- 
störung, die, obwohl ungleich massig, über eine ganze Hälfte 
des Körpers verbreitet war, die Einengung des Gesichtsfeldes, 
die am linken Auge so deutlich und dazu von einer Verlagerung 
der Rothempfindungagrenze begleitet war, endlieb die Beein- 
trächtigung in der Leistungsfähigkeit der anderen Sinnes- 
apparate derselben Seite; und dies alles übte einen gewisser- 
raassen unwiderstehlichen Zwang auf uns, den Fall als Hysterie 
aufzufassen, zumal da eine andere irgendwie annehmbare 
Erklärung nicht vorlag. Die klinischen Eigenthümliebheiten 
dieser Monoplegie, selbst ihr traumatischer Ursprung — ich 
verweise Sie, was diesen Punkt betrifft, auf meine an anderer J 
Stelle gegebenen Erörterungen' — standen mit dieser Auf-l 
fasBung durchaus nicht im Widerspruche. In der That, die« 
Beschränkung einer Lähmung auf eine Extremität, ohne dass ' 
sich zu irgend einer Zeit eine Betbeiligung der entsprechenden 
Gesichtshälfte zeigt, das Fehlen einer deutlichen Steigerung 
der Sehn enrefl exe, der Mnskelatrophio und jeder Veränderung 
der elektrischen Erregbarkeit, die vollkommene Schlaffheit 
des gelähmten Gliedes, die sich noch Monate lang nach dem 
Beginne der Erkrankung erhält, die Anästhesie der Haut und 
der tiefen Theile, welche an diesem Gliede ihren höchsten 
Grad erreicht, und der vollkommene Verlust aller auf den 
Muskelsinn bezüglichen Vorstellungen: das sind ja alles 
Phänomene, die, wenn sie sich vereint und so deutlich aus- _ 
geprägt finden wie hei unserem Kranken, vollauf hinreichen,j 
wie Sie wissen, um die hysterische Natur einer Lähmung zu ver-J 
rathen. Dem gemäss bekannten wir uns entschlossen und unum-.l 
wunden zur Diagnose „Hysterie". Der hysterische Anfall fehlte.! 

' Vergl. die ilritte aafl achte PorlcBniig. 




— 259 — 

uns freilich, aber dieser Umatand durfte una nicht beirren; 
Sie wissen ja, dasa der Anfall kein «nentbehrlleher Charakter 
der Krankheit iat. Damit war auch unsere Prognose eine 
ganz andere geworden. Wir hatten es nicht mehr mit einem 
vielleicht unheilbaren Leiden aus organischer Ursache zu 
thun; wir durften uns jetzt darauf gefasst machen, dass trotz 
des langen Bestandes der Krankheit, sei es spontan, sei es 
unter dem Einflüsse gewisser Eingriffe, eine jener plötzlichen 
Wandlungen kommen werde, die in der Geschichte der hyste- 
rischen Lühmungen, besonders der schlaffen Lähmungen, 
durchaus nicht selten sind. Man konnte für alle Fälle voraus- 
sehen, dasa der Zustand über kurz oder lang in Heilung aus- 
gehen wird. Ein Ereigoias, das später eintrat, sollte bald 
uuaere Vorhersage rechtfertigen und gleichzeitig unsere 
Diagnose vollinhaltlich bestätigen. 

Am 15. März, vier Tage nach dem Eintritte des Kranken, 
stellten wir, was bisher nicht geschehen war, eine sorgfältige 
Untersuchung an, ob sich bei ihm hysterogenc l'unkte auf- 
finden Hessen. Man fand in der That einen solchen unter der 
linken Brust, einen anderen beiderseits in der Weichengegend 
und endlich einen am rechten Hoden. Wir bemerkten dabei, 
dass eine ganz geringfügige Reizung der Zone unter der 
Brust sehr leicht die verschiedeDen Phänomene der Aura 
auslöste: Gefühl von Einschnürung am Thorax, dann im 
Halse, Klopfen in den Schliifeu und Pfeifen in den Ohren, 
besonders heftig links. Als wir nun die Keiznng ein wenig 
verstärkten, sahen wir P . . . plötzlich das Bewusstsein verlieren, 
mit steifen Extremitäten umsinken, und wir wohnten nun dem 
ersten hystero epileptischen Anfalle bei, aen der Kranke jemals 
gehabt iiat. Dieser Anfall war übrigens ein durchaus typischer. 
Zuerst eine epileptoide Phase, auf die alsbald die grossen 
Bewegungen folgten, welche von einer ausserordentlichen Heftig- 
keit sind; der Kranke schlägt bei seinen ürussbewegungeu 
mit dem Gesichte auf seine Kniee auf. Darauf zerreiast er 
seine Kleider und die Vorhänge seines Bettes und beiast sich, 
indem er seine Wuth gegen seine eigene' Person wendet, in 
den linken Arm. 

Nun entwickelt sieh die Periode der affectvoUen Ge- 
berdung, P . . . scheint iu einem wutherflUlten Delirium be- 
fangen, er schimpft und reizt imaginäre Personen zum Morde 
auf. „Da — nimm dein Messer — los — stich zu." Endlich 
kommt er zu sich, und wieder zum klaren Bewusstsein ge- 
langt, behauptet er, sich an nichts, was mit ihm vorgegangen 
ist, zu erinnern. Ich muss bemerken, dass während der ganzen 
Dauer dieses Anfalles der linke Arm an den Krämpfen keinen 



I 



k 



À 



— 240 — 

Antheil genommen Latte, sondern schlaff uud unthätig geh 
war. Von da an erneuerten sich die Anfälle mehrmals spontan 
an den folgenden Tagen, boten übrigens immer die nämlichen 
Eigenthümlichkeiten, wie der künstlich hervorgerufene. In 
einem dieser AnfTille, der in der Nacht des 17. März auftrat, 
Hess der Kranke den Harn in's Bett. Am 19. März kamen 
Kwei Anfälle, am 21. brach ein neuer Anfall aus, während 
dessen sich der linke Arm rllhrte. Beim Erwachen konnte 
der Kranke zu acinera grossten Erstaunen die verschiedenen 
Abschnitte des Gliedes willkürlich bewegen, welches doch 
während der langen Zeit von fast zehn Monaten 
seinem Willen auch nicht einen Augenblick gehorcht 
hatte. Die Lähmung war allerdings nicht vollständig geheilt, 
es blieb ein gewisser Grad von Parese zurück, aber sie hatte 
sich doch erhehlicli gebsEsert. Die Sensibilitätsstörungen 
blieben aber in der gleichen Weise wie vorhin bestehen. 

Diese Heilung, meine Herren, oder besser diese Andeutung 
von Heilung, konnte uns bei der Diagnose, zu welcher wir 
gelangt waren, nicht überraschen. Sie war uns aber zu früh, 
zur Unzeit gekommen, denn es war nun nicht mehr möglich, 
Ihnen, wie icb's gehofft hatte, die Charaktere dieser zum 
Studium so geeigneten Monoplegie in ihrer ganzen Schönheit 
vor Augen zu führen. Da kam ich nun auf den Einfall, zu 
versuchen, ob man nicht den früheren Zustand wenigstens 
für kurze Zeit wieder herstellen könne, wenn man durch 
eine Suggestion im wachen Zustande — denn wir hatten uns 
vorher vergewissert, dass der Kranke nicht hypnotisirbar ist 
— auf die Einbildungskraft des Kranken wirke. Als ich 
daher am nächsten Tage P . . . beim Erwachen aus einem Anfall 
traf, der an seinem Zustande nichts verändert hatte, versuchte 
ich ihm einzureden, dass er neuerdings gelähmt sei. „Sie 
glauben geheilt zu sein," sagte ich ihm im Tone der aufrichtig- 
slen Ueberzeugung, „das ist ein Irrthum. Sie können den Arm 
nicht mehr aufheben und nicht beugen, auch die Finger nicht 
bewegen. Sehen Sie, Sie sind nicht im Stande, mir die Hand 
zu drücken" u. dgl. Der Versuch gelang vortrefflich; nach 
einigen Minuten Hin- und Herreden war die Monoplegie 
wieder ganz so, wie sie Tags zuvor gewesen war. Ich will 
im Vorbeigehen sagen, dass ich mir über den Ausgang dieser 
absichtlich reproducirten Lähmung keine Sorge machte; ich 
weiss seit Langem aus meiner Erfahrung, daes man in 
Sachen der „Suggestion" alles wieder aufheben kann, 
was man selbst erzeugt hat. Leider hielt die künstliche 
Lähmung nur 24 Stunden an; am Tag darauf kam ein neuer 
Anfall, nach denn sich die willkürliche Beweglichkeit des 




i'efldgiltig 



herstellte. Alle Verauclie, duruh Sui 



eine neue Lähmuug lierbeizufllbren, die wir seitliei 
unternommen haben, sind erfolglos geblieben. Es bleibt mir 
îilso nichts Übrig, als Ihnen die Veränderungen der willkürliulien 
Beweglichkeit zu zeigen, welche sich in dieaera, frlther vollkommen 
gelähmten Gliede in Folge eines Anfalles eingestellt haben. 

Der Kranke kann, wie Sie aehen, alle Theile der Ex- 
tremität willkflrlich bewegen. Aber diese Bewegungen sind 
wenig kräftig, sie vermögen nicht den geringsten Widerstand, 
den man ihnen entgegensetzt, zu Überwinden, und während 
die Kraft der rechten Hand am Dynamometer die Ziffer 7D 
erreicht, bringt es die linke nur bis 10, Wie ich'a Ihnen also 
angekündigt habe, besteht hier noch ein hoher Grad von moto- 
rischer Schwäche, wenngleich diese nicht so absolut ist, wie 
vorhin. Auch die Störungen der Sensibilität sind nicht nur 
am paretiachen Gliede, sundern a.uf der ganzen linken Seite 
des Körpers, mit Einschluss der Sinnesapparate, die nämlichen 
geblieben; die Anfälle kommen immer noch sehr häutig. Sie 
sehen nun, dass es sich also mir um eine einfache Besserung 
handelt, und dass noch viel zu thun bleibt, um eine voll- 
ständige Heilung herbeizuführen. 

Ich behalte mir vor, auf einige der Thatsachen, welche 
diese interessante Beobachtung enthält, bei Gelegenheit einer 
Studie über hysterische Lähmungen in Folge von Trauma, die 
ich Ihnen hoffentlich bald vorbringen kann, zurückzukommen 
und dieselben dort eingehend zu würdigen. Für jetzt will ich 
von der Monoplegie, die ja nur eine Episode im Ki-ankheits- 
bilde darstellt, absehen und mieli zum Schlussa auf die Be- 
merkung beschränken, dass auch bei diesem Kranken, wie 
bei den fi-Uher besprochenen, die grosse Hysterie mit allen 
ihr ankommenden Merkmalen besteht. 

Meine Herren! Indem ich in dieseu drei Vorlesungen die 
sehr merkwürdigen Fälle, welche mir der Zufall zur Ver- 
fügung gestellt hat,, mit Ihnen behandelt habe, wollte ich 
Ihnen vor Allem die Ueberzeugung beibringen, dass die 
Hysterie, und selbst die schwere Hysterie, beim Manne durch- 
aus keine seltene Erkrankung ist — wenigstens bei uns in 
Frankreich — und dass dieselbe also auch hie irad da in der 
»llt&glichen Krankenpraxis vorkommen mag, wo sie nur von 
dem Vorurtheil eines überwundenen Zeitalters verkannt wer- 
den könnte. Ich gehe mich der Hoffnung hin, dass diese Vor- 
stellung von nun an, nach ail den Bekräftigungen, welche die 
letzten Jahre gebracht haben, deii ihr gebührenden Platz iti 
Ihren Gedanken einnehmen wird. 




Zwanzigste Vorlesung. 



Ueber zwei Fälle von hysterischer Monoplegie des Armes aufl 
traumatischer Ursache bei Männern. 

Vorgeadiicble des Kiankoii. — Slui'z vom Kuluchbouke. — Kei _ 

wusstlosigkeit. — Plotslicliea Auftretou der Monoplagie des lecLte&l 
Armes Am secbateo Tage nach dem Tranmii. — Charakter der Lätimnng: 
Absolute SchUfTbeit, Erbllltung der Keflexe, der MuBkelmasBeu und der 
elektriaclieu Erregbarkeit. — Sensible Störungen in der Haut und lu deii 
tiefen Tbeilen. — Absolute Anaesthesie uad Fehlen des Muskelsinnos. — 
Freibleibeu der Finger von der matorisehen uod nenaibleu Störung. — 
Eigen tliflmlicbe Abgrenzung der Anaesthesie. — Diese Monoplegie kann nioht 
von einer Erkrankung des Armgeflecbtes herrühren. — Vergleicb mit einem 
Falle der letzteren Art. — Die Tertheilang der Anaesthesie in demaelben. 

Die heutige Vorlesung, meine Herren, boII der kliniBchesJ 
Unteraueliung eines Falles von rech tag eiliger brachialer Mono-' 
plegie gewidmet sein, die bei einem 25jährigen Manne vor 
einigen Monaten in Folge eines Sturzes zu Stande gekommen 
ist, eine Monoplegie, welche der Diagnose eine sehr schwierige 
Aufgabe stellt. Diese Schwierigkeit übertreibe ich durchaus 
nicht, meine Herren, zu meinem Ergötzen; um Ihnen zu zeigen, 
dass dieselbe wirklich besteht, brauche. ich Sie nur auf die 
Discussion in der Société médicale des Hôpitaux (Sitzung 
vom 27. März d. J.} zu verweisen, zu welcher die Vorstellung 
dieses Kranken durch meinen CoUegen Troisier Anlaas 
gegeben hat; Sie können aus dieser ersehen, wie sehr die 
Ansichten unserer Collegen Féréol, Déjerine, Rendu und 
Joft'roy, die alle den Kranken sorgtUltig uutergucht haben, 
über die Natur dieser Monoplegie in mehreren Hinsichten 
auseinandergehen. 

Herr Troisier hatte die Güle mii' diesen Kranken bu 
ilberlaBsen, wofUr ich ihm hier meinen herzlichen Dank sage. 
Ich darf annehnieu, dasa die Geschichte desselben nach alieni, 




[ 



— 243 — 

waa icli bisher Ubur iLn gesagt liabe, ILi- reges Interesse 
erwöekeu wird. 

LasBen Sie sieh, meine Herren, nicht durch die Aus- 
führlichkeit, mit der wir alle Einzelheiten des Falles iu der 
Analyse desselben behandeln werden, abâchreeken; unter 
diesen Einzelheiten ist vielleicht nicht eine, die niuht zur 
gegebenen Zeit ihre praktische Verwendung linden dürfte. 

Es handelt sich also um einen Mann von 25 Jahren, 
Namens Porcen . ., von Profession Fiakerkutscher, der am 
15. April dieses Jithres in die Klinik eingetreten iat.' Öein Leiden 
reicht nun Über vier Monate zurück und hat sich seit aeinem 
Beginne in keiner Weise verändert; wie ich Ihnen schon mit- 
getheiit habe, ist es im Gefolge eines traumatischen Unfalles 
aufgetreten. Ehe ich aber hierauf weiter eingehe, wird es 
angezeigt sein, Ihnen einige Worte über die Vorgeschichte 
des Kranken zu sagen. 

Seine Mutter iat im Alter von 59 Jahren an einer Leber- 
krankheit gestorben; sie war sehr nervös, und Forcen . . erinnert 
sich oft gesehen zu haben, dass sie in Folge von Aufregungen 
von Anfälleü ergriffen wurde, bei denen sie sich in Krämpfen 
wand und das Bewusstsein verlor. Sein Vater, ein leiden- 
schaftlicher Absinthtrinker, hat nie an nervösen Zuständen 
gelitten. Seine Schwester ist häufig nervösen Anfallen, wahr- 
scheinlich hysterischer Natur, unterworfen. Geistesstörungen 
sind, wie es scheint, in der Familie nicht vorgekommen. 

Aus der eigenen Vorgesehichte des Kranken wollen wir 
Folgendes hervorheben: In seiner Kindheit zeigte er sieb zwar 
nicht besonders nervös, bekam aber, wie er sagt, immer Äugst 
vor Käubern, wenn er allein war. Im Alter von 7 Jahren fiel 
er von der Höbe eines fünften Stockwerkes auf ein Eisengitter, 
von dem er abprallte, um auf da,s Pfiastcr des Hofes zu fallen. 
Seine Gesundheit hat sich von diesem Ereigniss ab sehr 
geschwächt, und bald nachher stellte sich auch die beträcht- 
liche Verkrümmung der Wirbelsäule ein, die wir heute an 
ihm sehen. 

Im Alter von 16 Jahren ti'at Forcen . . als „Wasserer" in 

Fjden Dienst der Compagnie des petites voitures und zog sich 

"^liald darauf einen acuten Gelenksrhenmatismus zu, der ihn 

durch sechs Wochen an's Bett fusselte. Das rechte Kniegelenk 

' Diese VurluHuug wurde um 1. Mai 1SS& gahalten. In der SiUiiug der 
Société médicale des hSpiUux vom 24. Juli desselbeu Jalima hat Troisiur 
deu Kranken Forcen . ., mit dem sich obige V>irlQiiiiDg beacliAfligt. von Neaetn 
vorgestellt (vorgl. Gaxette heb du m ad dire N" 31, 1885]. In derselbeu Sitsnng 
zeigte Jgffru^ eiuen anderen Krankeu der Kliaili, Naniens Fin.., von 
dem in der nSchsten Vorlesnrp die Rede sein wird (Qai. med. N" 32), 

18* 



wird seither von Zeit zu Zeit achmerzliaft und schwillt 
man kann heute noch darin Crepitiren nachweisen, und die 
Folge dieser chronischen rheumatischen Arthritis war ein 
gewisser Grad von Atrophie im M. quadriceps des Beines (Ainyo- 
trophie aus articulärer UrBacLe). Das rechte Bein Ist Übrigens 
als Ganzes merklich schwächer als das linke, der Kranke hinkt 
auch ein wenig auf dieser Seite; aber diese relative Schwäche 
des rechten Beines bestellt, wie ich nochmals bemerke, nun 
schon seit zehn Jahren und hat mit seinem gegenwärtigen 
Leiden gar nichts zu schaffen. 

Dieses leichte Gebrechen hinderte Forcen . . übrigens 
ebensowenig wie seine schwächliche Erscheinung, seit seinsm. 
18. Jahre das schwere Gewerbe eines Fiakerkutschers, odw^ 
zu anderen Zeiten eines Omnibuskuts chers, auszuüben. 

Wenden wir uns nun zur Monoplegie und deren nächsten 
Anlässen. Am 24. December 1884 wurde das Pferd, welches 
Forcen . . lenkte, scheu, unser Fatient wurde von seinem Sitz 
herab aufa Strassenpflaster geschlendert, er fiel auf die rechte 
Seite, und zwar soll, wie er angiebt, die rechte Schulter mit 
ihrer hinteren Fläche den Stoas ausgelialten haben. Er verlor 
die Besinnung nicht, war auch nicht sehr erschrocken, konnte 
aich vielmehr gleich erheben, sieh zu einem Apotheker begeben 
und darauf wieder auf den Bock steigen. Die rechte Schulter 
und der rechte Arm waren ein wenig schmerzhaft, zeigten aber 
keine Ecchymosen; es gab höchstens ein bischen Schwellung. 
Die Beweglichkeit des Armes war ein weng behindert, aber 
durchaus nicht aufgehoben, und Forcen . . konnte noch durch 
fünf Stunden seinen Wagen führen, indem er die Zügel in der 
linken Hand hielt. 

Während der folgenden fünf Tage gönnte sich der Kranke 
Ruhe; der Schmerz und die Unbehaglichkeit bei Bewegungen 
schienen immer mehr abzunehmen und er hoffte, seine Arbeit 
bald wieder aufnehmen zu können. Aber sechs Tage nach 
dem Unfall, am 30. DeceuLber, merkte er heim Erwachen 
nach einer im ruhigen Schlaf verbrachten Nacht, dass sein 
rechter Arm ganz schlaff und gelähmt, jeder Beweglichkeit 
beraubt herabhieng, bis iuif die Finger jedoch, die er noch 
ein wenig rühren konnte. Er rieh sich den Arm und dabei 
gewahrte er, dass Schulter, Ober- und Vorderarm völlig 
unempfindlich waren, wie wir es noch heute sehen. Ea ist 
vollkommen sichergestellt, dass bei ihm weder im Augenblick 
des Sturzes, noch später eine Spur von Bewusstlosigkeit, keine 
psychische Störung anderer Art, keine Art von Aphasie oder 
Spracherschwerung, keine Abweichung des Mundes oder der 
Zunge, keine Andeutung von Lähmung im rechten Bein vor- 



w 



banden war; es handelte sich hier aiso um eine Monoplegie des 
Armes im strengsten Sinne des Wortes, von Anästhesie begleitet. 

Am S, Januar begab sich unser Kranker in'a Spital Tenon 
auf die Abtheilung von Troiaier, der nun seinerseits am 
neunten Tage seit dem Eintritt der Lähmung alle die Ver- 
h&ltuisse conatatirte, welche wir eben nach dem Bericht des 
Kranken angeführt haben. 

Heute am 1. Mai, vier Monate seit dem Eintritt der 
Lähmung, ist alles noch ganz im Gleichen; wir finden den 
Kranken genau so, wie er vor vier Monaten war, als ihn 
Troisier untersuchte, und vor einem Monat, als er der Société 
jnédicale des hôpitaux vorgestellt wurde. 

Wir wollen nun diese sonderbare Monoplegie, an der 
'-eich seit vier Monaten trotz der verschiedensten Behandlungs- 
methoden nichts geändert hat, einer sorgfältigen Untersuchung 
unterziehen. 

^. Motorische Lähmung. Forcen . . ist ganz unfUhig, 
mit den Muskeln, welche die Schulter hoben oder mit der 
herabhängenden Schulter selbst, mit den Muskeln dos Ober- 
und Vorderarmes die geringfügigste willkürliche Bewegung 
auszufuhren. Nur die Finger können willkürlich in Bewegung 
versetzt werden, und auch diese Bewegungen sind kraftlos, so 
sehr kraftlos, dasa sie keine Wirkung auf daa Dynamometer 
zu flben vermögen. 

Achten Sie wohl auf die Schlaffheit, die absolute Ent- 
spannung des Gliedes. Es hängt wie eine todte Masse an der 
Seite des Rumpfes herab und fällt schwer nieder, wenn man 
es erhebt und dann sich selbst überläss't. Der Kranke ist 
genöthigt, es in einer Binde zu tragen, um es vor den An- 
stüssen und Erschütterungen zu bewahren, denen es sonst 
jeden Augenblick ausgesetzt wäre. Es besteht, wie Sie sehen, 
nicht die leiseste Spur von Muskelstarre oder Contractur. Der 
Zustand erinnert vielmehr an die schlaffen Monoplegien bei 
der spinalen Kinderlähmung; aber die Sehnenrefiexe am Ell- 
bogen- und Handgelenk sind hier erhalten, vielleicht selbst ein 
wenig gesteigert, während sich diese Reflexe bei der i rwfthnten 
Form der spinalen Lähmung, wie Ihnen bekannt ist, ganz anders 
verhalten. Ausserdem -- und darin liegt ein differential- 
diagnoatisehes Merkmal von unbeschränkter Bedeutung — 
finden wir hier, trotzdem die Lähmung schon seit vier Monaten 
besteht, doch nicht die geringste Spur von Atrophie oder von 
Veränderung der Cousistenz in den gelähmten Muskeln. • Die 



' Chnrcot ist seither dsTon Miriick gekomm en, dm Fehlen der Atrophia 
einen nothwendigen nnit allgemein giltigen Chitrakter der hyatoriachen 




Meaaung ergiebt um den rechten Oberarm 23*5 cm, iin 
linken 24 cm, um den rechten Vorderarm 22'5cm, um den 
liaken 29 cm. 

B. An derselben Extremität beateben neben der motorischen 
Lähmung hochgradige Störungen der Sensibilität. Die Empfind- 
lichkeit flir Berührung, Schmerz und Kälte ist vollkommen und 
spurlos aufgehoben, und diese Hautauäatbesie, die sich übrigens 
auBBchliesslich auf die von der motoriaeben Lähmung befallenen 
Theile beschränkt, grenzt eich gegen das benachbarte, mit 
Empfindlichkeit versehene Hautgebiet durch Linien ab, die 
einen ganz eigenartigen Verlauf nehmen und zumal an der 
Hand zur anatomischen Vertkeilung der Hantnerven des Gliedes 
keinerlei Beziehung bieten. Ein Blick auf die beistehenden 
Figuren (33 und 34) macht Ihnen dieses Verhältniss klar. 

Sie sehen nämlich, daes die Grenze der Anästhesie am 
Handrücken gegen die Finger durch eine Linie gegeben ist, 
welche senkrecht auf die LäagaaebBe der Extremität und einige 
Centimeter oberhalb der Keihe der Metacarpo-phalangeaU 
elenke verläuft, während in der Hohlband diese Grenze 
von einer Linie gebildet wird, die der Furche des Hand- 
gelenkes parallel, ungefähr 1 cm unterhalb derselben liegt. 

Die Ünempfindlichkeit ist übrigens nicht auf die Haut 
beschränkt, sie erstreckt sich auch auf die tiefen Theüe, und 
daher wird eine heftige Faradisation der Muskeln oder aelbat 
der Nerven nicht verspürt, obwohl sie die stärksten Muskel- 
contraction en auslöst. 

Ebensowenig sind Zerrungen oder Verdrehungen, denen 
man die Schulter, den Ellbogen, das Handgelenk unterwirft, 
BD heftig sie auch sein mögen, im Stande, eine Empfindung 
zu erzeugen. Dagegen sind in der Hohlhand, an einem Theile 



Lfihmnngeu anaiiseheii. Im Februar 1886 kamen innerhalb weniger Tsge 
drei MUnner zur AafnRlinie in. ilie Klinik, bei dauea eine hysterigclie ilemi- 
plegie mit erhebliuber, ohne Meaaung auftHlliger AtrOjiliie de» gelähniteii 
Armes und Beinea beatAnd. Die hjBlsriacbe Natur der Iiillimung «cbien diircb 
die Anamnese, den Chnraltter der Anfalle, die SeniiibilttätHatllningBii und dio 
eigenthümliuhen Affecliopen der Sinnesorgane, sowie durch das Freibleiben 
der Oenithtsrnnsketn in allen drei Fällen «ichergestellt. Die, Atrophie war, «o- 
weit iich dies erheben liess, eine rapide, in den eraten Wachen nach Eintritt 
der LShmung entstanden, nnd hatte seither in vielen Monaten keine Fort- 
schritte gemacht. Die elektrische Erregbarkeit dar atrophirten Maskeln 
Eeigte keine qualitative Aend^rung. Bei der Vuist^llnng dieser Kranken mit 
„hysterischer Atrophie" am 82. Febrnar 188G dentete Charcot Knr Erklä- 
rung dieses Hberraachenden Befundes an, daas von dar hjateriachen IiSsion 
der Hirnrinde aus eine fnuctionello VerBndorung sieh anf die Pyramiden bahn 
nnd die Vorderhnrnzellen in ähnlicher Weise erstrecken mSge, wie eine 
organische LRsion daselbttt zur abstei);rendan Degi^neration mit Muskel atrophie 
führen kanci. Anmerkung des Ueberaetxen, 




— 247 — 

des Handrückens und in der ganzen Linge der Finger 
die Tenchiedenen Arten der Sensibilität in der Haut und 
in den tiefen Tfaeilen wenigstens in ziemlichem A usinasse 
erhalten. 



Fig. 33. 



Rg. 34. 





(Fi^. 33 nnd 34. Anfatlieiia beim K»nk«n Forcen . . .) 



Es besteht ferner für die ganze Extremität, immer mit 
Ausnahme der Finger, ein vollkommener Verlust all der Vor- 
stellungen, die man als vom sogenannten „Muskelsinn" ab- 
hängig «ufznfasBeD pflegt. Um sich davon zu Überzeugen, 
braucht man Forcen . . nur die Augen schlie'ssen zu lassen und 



ibn dann aufzufordern, seinen Vorderai-m, den man vom Kiimpf 
abgezogen bslt, zu suchen und mit setnei- linken Hand zu 
ergreifen. Er tastet dann, melir oder weniger fern vom Ziel, 
im Leeren herum, erreicht dann gleiclisam zufällig irgend 
(linen Tlieil der Extreinitfit, gewöhnlich den dem Rumpf 
nächsten, und fährt dann mit seiner Hand über den ganzen 
Arm, bis er den Punkt erreicht but, auf den er hätte zielen 
sollen. Er ist auch bei geachlosaenen Äugen nicht im Stande 
anzugeben, ob man ihm die Schulter, den Ellbogen oder das 
Handgelenk bewegt hat; dagegen erkennt er unter den näm- 
lichen Verhältnissen sehr wohl, was man mit seinen Fingern 
vorgenommen hat, und vermag anzngeben, welchem Finger 
eine passive Bewegung mitgetheilt worden ist- Der Kranke 
bat ferner die Fähigkeit, Gtewichte in seiner Handfläche ab- 
zuschätzen, verloren; er kann, wenn er nicht binseheu darf, 
ein 5 -Franken stück von einem 10-Centimesstfick nicht unter- 
scheiden, ohne das Qetast zur Hilfe zu nehmen; beide Mfinz- 
stücke kommen ihm sonst gleich leicht vor. 

Also, um unseren Befund ausammenzufassen: voll- 
kommene motorische Lähmnng der Muskeln an Schulter, Ober- 
und Vorderarm mit gänzlichem Verlust der Empfindlichkeit 
in Haut, Muskeln, Nerven, Bändern und Gelenkskapseln, 
völliger Verlust aller mit dem Muskelsinn zusammen- 
hängenden Vorstellungen fltr alle von der Lahmung betroffenen 
Partien; Fehlen jeder Spur von Rigidität in den bewegungs- 
losen Theilen mit Erhaltung der Muskelmassen und ganz 
leichter Steigerung der Sehnen réflexe; dies sind die wichtigsten 
Ergebnisse, die wir bisher durch unsere Untersuchung ge- 
wonnen haben. 

Wir müssen noch eine sehr merkwürdige und bedeutsame 
Thntsache aus der ganzen Gruppe hervorheben, dass nämlich 
weder die Haut noch die Muskeln die leiseste Spur von 
trophischer Störung zeigen, obwohl die Monoplegie, wie schon 
erwähnt, seit länger als vier Monaten besteht. Sie konnten 
sich bereits überzeugen, dass keine Abmagerung des gelähmten 
Gliedes vorliegt; ich will jetzt noch hinzufügen, dass die 
Muskeln bei sorgfältigster Untersuchung keinerlei 
Veränderung ihrer faradisehen oder galvanischen 
Erregbarkeit erkennen lassen. Von Eiitartungsreaclion 
auch nicht die entfernteste Andeutung. 

Andererseits sehen Sie aucli keine livide Färbung der 
Haut und kein Oedem; nur dasa vielleicht eine leichte Ab- 
nahme der Temperatur nm erkrankten Gliede zu constatiren 
ist. Die Achselhölilentemperatur ist beiderseits 36-9*'; die Tem- 
peratur des gesunden Armes orgtebt sich, wenn man ein 



A 



Oberflachantliermometer auf die Vorderfläclie des Unter- 
armes aufsetzt, zu 33-8", während da» Thermometer auf der 
gelähmten Seite imr bis SS'â" steigt, also ura ungefähr vier 
Zehntelgrade zurllcltbleibt. 

Dies sind also die Symptome, welche die liliniache ünter- 
. Buchung des gelähmten Gliedes erkennen lässt. leh muss Sie 
gleich darauf gefasst machen, meine Herren, daes sich hei 
diesem Kranben noch andere sehr bemerkenswcvthc klinisebß 
Phänomene vorfinden, auch dbgesehen von allem, was die 
Monoplegie betrifft; diese letzteren springen aber nicht sofort 
in die Augen; wir haben sie erst entdeckt, als wir nach 
einer ganz bestimmten Richtung hin untersuchten. Ich 
behalte mir vor, Ihnen von diesen Verhältnissen später 
Mittheilung zu machen, wenn es sieh nach beendeter Er- 
örterung darum handeln wird, zu einer enilgiltigen Diagnose 
zu gelangen. 

Welches ist nun die Natur dieser Monoplegie, deren 
klinische EigentiiUmlichkeiten wir soeben durch eine eingehende 
Untersuchung klargestellt haben ? Hängt sie von einor mehr oder 
minder ernsten Läsion der periphtiren Nerven ab, etwa in 
Folge einer Quetschung oder Erschütterung des Plexus 
brachialis durch den Sturz auf die Schulter? Handelt es sich 
um eine spinale Läsion'? Oder um einen Herd im Groashirn? 
"Wir wollen diese Möglichkeiten jetzt der Reihe nach in 
Betracht ziehen. 

Zunächst wUrde sich uns die erste Hypothese aufdrängen. 
Es sind zahlreiche Beispiele bekannt, dass eine Monoplegie 
des Armes nach einem Sturz auf die Schulter entstanden ist, 
und ein guter Theil der an unserem Kranken ersichtlichen 
Symptome seheint sich auf den ersten Blick aus der Annahme 
einer Quetschung oder Erschütterung des Brachialgeflechtes 
ganz zwanglos zu erklären. 

Ich hin in der günstigen Lage, Ihnen als Gegenstück zu 
Poroen.. einen Kranken zu zeigen, bei dem gleichfalls eine 
Monoplegie des Armes besteht, die sicherlich von einer Ver- 
IctsEUDg des Armgeflechtes he rrührt, und die selbst unter 
ähnlichen Verhältnissen entstanden ist, wie die Monoplegie 
bei dem Kranken Porcen . . Es handelt sich hier zwar nicht um 
einen Sturz aufdie hintere Schultergegeud, wie bei Letzterem, 
wohl aber um einen heftigen Stoss, der dieselbe Gegend ge- 
troffen hat, durch das Auffallen eines grossen und schworen 
Balkens. Im Grossen und Ganzen sind also die Bedingungen, 
unter denen das Trauma zu Stande gekommen ist, l)lr beide 
Fälle die gleichen. Sehen wir nun zu, zu welchen Folgen 
dasselbe bei unserem zweiten Kranken gefuhrt hat. Ich 



— 250 — 

will Ihnen bier tiiiien Auszug seiner KrankengeBcbiehiS 
geben. 1 

Der Kranke, ein sehr kräftiger Mann, Namens Deb . . , 
31 Jahre alt, Erdarbeiter, iatte sich immer einer vortrefflichen 
Gesundheit erfreut, bis ihm am 3. April 18B4,also vor 13 Monaten, 
das Ende eines schweren Balkens auf die hintere Fläche der 
linken Schulter fiel. Der Stoss war ein so heftiger, dasa er 
mit dem Gesicht zu Boden sank; ein eiserner Haken, 
der in dem Balkenende steckte und eine Rolle trug, traf ihn 
dabei auf den oberen und hinteren Theil des Schädels und 
schlug ihm dort eine übrigens geringfügige Wunde. Trotzdem 
kam er nicht zur Bewusstlosigkeit, der Kranke blieb während 
der fünf oder sechs nächsten Minuten nach dem Unfälle 
bei Besinnung und erinnert sich unter Anderem aelir wohl 
daran, wenigstens behauptet er es, dass er im betreffenden 
Augenblick eine Empfindung gehabt habe, als ob sein Arm 
verloren, ganz vom Körper abgetrennt sei- Erst jetzt verfiel 
er in eine, wie es scheint, dreistündige Bewusstlosigkeit, und 
als er wieder zu sich kam, war die motorische Lähmung der 
verschiedenen Abschnitte des Gliedes eine so vollkommene, 
wie wir sie heute noch sehen; nur die Hebung der Schulter 
war ihm noch möglich geblieben. Auch die Störungen der 
Sensibilität scheinen sich sofort in ihrer noch gegenwärtig 
bestehenden Form eingestellt zu haben- 

Seither hat sich der Kranke in mehrere Spitäler nach 
einander aufnehmen lassen, woselbst er verschiedenen Be- 
handlungsnietlioden und besonders einer elektrischen Behand- 
lung unterzogen wurde. Leider ohne jeden Erfolg. Die Elek- 
tricität konnte übrigens bei ihm niemals in consequenter 
Weise angewendet werden ; man sah sich häufig genöthigt, 
von dieser Therapie abzustehen, weil sich nach einer kleinen 
Zahl von Sitzungen unvermeidlich heftige Schmerzen ein- 
stellten. 

Ich will nun Ihre Aufmerksamkeit zuerst auf die Störungen 
der Sensibilität lenken. Dieselbe ist in allen ihren Arten 
gänzlich aufgehoben an der Hand mit Einachlnss der Finger, 
am Vorderarme und an einem Theile des Oberarmes; in den- 
selben Partien ist auch die Empfindlichkeit der tiefen Theile, 
ebenso wie die Vorstellungen des Muskelainnes, verloren ge- 
gangen. Wenn wir fUr jetzt nur die HautanästbeBie in's Auge 
fassen, müssen wir sagen, dass dieselbe überall, wo sie be- 

' Diese Krankengpscliicble ist kürzlich van KH. Klnmpke in ihrer 
iiitere9a«nten Arbeit .Les psmlysiefi radienlaires iliv jilexiis brsi-hlnl" (Revue 
de mfidecine, It" nnuép, N" 7, 10. Jnli 1886, ps^. 604) aiiBflllirlich verHffent- 




— 251 — 

steht, eine ebenso unbedingte ist, wie bei unserem Kranken 
Forcen . . Nur in der Art und Weise der Ausbreitung der- 
selben weichen die beiden Fälle von einander ab. Während 
nSmItcb das anSsthetische Gebiet bei Forcen . .die ganze Schulter 



Fig.; 



Fig. 38. 





(Fig. ä5 nnd 36, a Analgesie, b abanlnte Ai 



umschliesst und sich selbst über diese hinaus erstreckt, ist die 
Ausdehnung desselben bei Deb . . . eine viel geringere; die 
Schulter und ein Theil des Oberarmes sind frei. An der 
vorderen und inneren Fläche des letzteren begrenzt sich die 
Anästhesie durch eine Linie, welche kaum dessen Mitte er- 



— 252 — 

reicht, nach aussen bleibt sie noch weiter zurUck, und nach 
liinten geht sie kaum über die Eltbogengegend hinaus, so 
daas die hintere Fläche des Oberarmes faat dm-ch&UB frei- 
geblieben ist. (Fig. 35 und 36.) 

Ich mache Sie darauf aufmerksam, meine Herren, dass 
ciue solche Ausbreitung des an ästhetischen Gebietes durchaus 
mit den VerhältnisseQ übereinstimmt, welche man beobachten 
kann, wenn das Armgeflecht eine schwere Schädigung oder 
selbst eine vollständige quere Unterbrechung aller seiner 
Aeate, z. B. bei einer Durchreisaung erfahren hat, endlich 
auch in Fällen von chirurgischer Durohsehneidung. Dies geht 
aus den Beobachtungen hervor, die Sie in einer wichtigen im 
„Brain" veröffentlichen Arbeitvon J. Rosa' in Manchester 
gesammelt finden. Ich lege Ihnen hier eine Ross entlehnte 
Tafel vor (Fig. 37 und 38), die sieh auf einen Fall von Ab- 
reissung des flexus hrachialis bezieht, in welchem die moto- 
rische Lähmung und die tropbischen Störungen in der Haut 
und in den Muskeln sich derart verhielten, dasa man die 
Durchtrennung aller Aeste des Geflechtes erachliessen durfte.^ 
Sie sehen nun, wenn Sie einen Btiuk auf diese Tafel werfen, 
daaa die Ausbreitung der Anästhesie iu der Haut genau die 
nämliche ist, wie bei unserem Krauken Deb . . . Wir dürfen 
also, wenn wir die gleich zu erwähnenden motorischen und 
trophischen Störungen in Betracht ziehen, auch bei diesem 
Letzteren annehmen, dass liier eine schwere, den ganzen Um- 
fang dea Geflechtes betrelTende Läsion vorliegt. Es scheint 
demnach, dass die Art der Ausbreitung der Hautanästiiesic, 
welche ich im Auge habe, blos der typische Ausdruck aller 
jener schweren, destructiven, organischen Läsioneu iat, welche 
sich auf alle, sowohl sensitive als auch motorische Aeste des 
Plexus brachialis erstrecken. 

Wenn wir uns jetzt wieder zu unserem Falle Forcen . . 
wenden, erkennen wir, dass die Ausbreitung der anästhetischen 
Zone bei ihm eine ganz andere iat. Eincrseita reicht sie gegen 
den Rumpf bin hüber hinauf, als bei Deb, da sie ja die 
Schultermiteinbeziehtund wenn wir auf dem Boden der Hypo- 
these bleiben, dass es sich um eine directe Verletzung der 
Nervenstämme handle, so hätte diese Verletzimg nicht nur 
das Armgeflecht, sondern auch die oberen Halanerven mit- 
betreffen mCisaen. Andererseils ündet die Anästhesie bei Porcen . ', 

' James Robs, Distribaticn tif »nsestliRsia in cases of diBexae of llie 
brancheii and i.f t.Le roota of the brachial pleiiia. Hrain, April ^SSt, 
pag. 70 et £i9. 

^ Jedodi mit ATiiiintimi' lies aimfltoniîsîrenden Anten vom viTten 
CerrioaltierveD. 



A 



wie Sie wissen, nach unten hin an der Hand eine Grenze. 
(Fig. 33 und 34.) Der Verlauf der Linie, mit welcher sieh 
die Anästhesie nach dieser Richtung abgrenzt, steht nun in 
hellem Widerspruch mit der Annahme einer Läsion, voo der 

Fig. S8. 





(Kg. 37 nnd 38, aiu der Arbeit t 

eine schwere Scbädigang aller Beni»ibl«a Fasern d«s Arm- 
geflechtes eh erwarten wire. Ich habe diese Linie bereits 
besehriebai; es ist in der Hohlhand eine Gerade, die senk- 
redit auf düe Längsachse des Gliedes und parallel mit der Fait« 
llnfl^ welebe bei der Beugung im Handgeleoke entstefat, an 



254 



HîindrliekeD eine luidit ^ekriiinmtti Lîiiit;, mit der Conve: 
gegaii die Finger, eiii wenig über die Mitte der Metaearpal- 
gegtsnd hinauBi'eicheud. Diese Anordnung »telit docli gewiss 
ia keinem Zusammeahunge mit der Vertheiluug der Haut- 
uerven in den betreffenden Theilen der Hand (Ulnai'is und 
ßadialis am HandrUcken, Medianus und Ulnaris an der Hobl- 
liand), und Sie haben aucli wuLl begriffen, dass man sich das 
Verse h outbleib en dieser Hautnerven der Hand auf dem Boden 
der Annalime einer ernsten und alle Aeste betreffenden Ver- 
letzung des Armgeflecbtes nicht erklären könnte. Die Vor- 
liältnisse, die wir hervorgehoben haben, wlirden sieh aber 
ebensowenig durch die Annahme einer leiehten Contusion 
oder einer blossen „ErBcbtltterung" dea Geflechtes erklären, 
denn man weiss aus zahlreichen Beobachtiingeu, dass die 
Störungen der Sensibilität in solchen Fällen wenig aus- 
gesprochen und unverkennbar flüchtiger Natur sind, ja manch- 
mal überhaupt fehlen; alles ganz im Gegensätze zum Ver- 
halten unseres Falles. 

Bei Deb. . ., der uns ein typisches Beispiel einer schweren, 
alten und unheilbaren .Läeion des Armgefleebtes darbietet, 
erheben wir Überdies trophiscbe Störungen in Haut und 
Muskeln und noch einige andere Symptome, welche nicht 
minder als die Sensibilitätsslörungen im auftUlIigen Gegen- 
satze zu dem Zustande bei Forcen . . stehen. Allerdings hängt 
in beiden Fällen das gelähmte Glied scblaS', ohne Andeutung 
von Gelenksstarre oder Muskelateitigkeit herab, aber damit 
ist auch die Aehnlichkeit zu Ende. Bei D . . . sind die ge- 
lähmten Muskeln im höchsten Grade atrophisch, bei elektri- 
scher Untersuchung zeigen sie die Entartungsreaction in bester 
Form, die Sehnenreäeice sind aufgehoben, die Haut ist kalt, 
bläulich marmorirt, besonders gegen das Endglied der Ex- 
tremität hin, und das Unterbautzellgewebe ist leicht ödematös. 
Nichts dem Aehnliches finden wir bei Forcen . . Die Muskeln 
haben bei ihm, wie Sie scLon wissen, trotz des langen Be- 
standes der Lähmung ihren Umfang und ihre Massenentwioke- 
lung in normaler Weise bewahrt, sie zeigen keine Spur von 
Entartungareaction in ihrem elektrischen Verhalten, die SeLnen- 
reflexe sind erhalten, die Hautdecken bieten weder eine Ver- 
änderung in ihrer Färbung noch in ihrer Conaistenz. Ich 
hübe es zum Schlüsse nochmals hervor: Dies sind That- 
aachen, die sicli mit der Annahme einer schweren Erkrankung 
des Plexus brachialis, die, wohlgemerkt, seit länger als 
vier Monaton bestehen mUsste, in keiner Weise vereinbaren 
lassen, und dasselbe muss man in Betreff der höchst merk- 
würdigen Thatsache sagen, dnss Finger und Hand von der 



A 



— 255 — 

motorischen Lähmung und Anästhesie verschont geblieben 
sind, welche doch die anderen Abschnitte der Extremität in 
so hohem Grade befallen haben. 

Wir müssen also folgern, meine Herren, dass die bra- 
chiale Monoplegie, welche uns hier hauptsächlich beschäftigt, 
in Wirklichkeit nicht von einer leichten oder schweren Er- 
krankung des Plexus brachialis abhängt, wiewohl sie unter 
Verhältnissen entstanden ist, die durch Contusion oder Er- 
schütterung zu einem Leiden dieser Art führen können. Wir 
müssen den Sitz des Uebels an anderer Stelle, in den nervösen 
Centralorganen suchen. Handelt es sich demnach um eine 
organische Herderkrankung im Gehirn oder Rückenmark? 
Ich hoffe, es wird mir nicht schwer werden, Ihnen zu be- 
weisen, dass auch dies unmöglich der Fall sein kann. 



Einundzwanzigste Vorlesung. 



Ueber zwei Fälle vor hysterischer {Monoplegie des Armes sifl 
traumatischer Ursache bei Männern. 

(Kortaelzuiig.) 
AusscLIicBsiing einer organiauhen SpinslaffocUoii als Ursaulie der Monoplegiu 
bei PorceD. . — AnaHcLlicaauug eiiier organischen Erkrniihiingiin Groaubira. — 
Die Charaktere, durch welche sieh eine auf den Kindeiiort de« Arms be- 
schrankte organische Erkrauknng anszeichneu wflrde. — Hysterische Stigmata 
bei dem Kiauken. — Die Hemiauaesthegio. — Âffektiun der Sinaesurgane, 
— Anästhesie des Schluniej. — MoiiuknlÜre Pulyupie. -^ Spätes Auftreten 
einer GeoicbCsfel deinen gung. — Das Keblen der Gesichts] älimnug ist charak- 
teristisch für Hysterie. — Bedeutnng der eigenthflialicbeu Linien, mit denen 
sich die auaeslhetiscfaen Bexirke begrenzen. — Vergleich der Menuplegie 
bei Porten ... mit jener bei äem Kranken Pin . ., welcher sich durch AnfiHte, 
Anwesenheit von hjuterogeneii Punkten ele. als Hyüleriker bekundete. 

Meine Herren! Sie werden eich erinneni, dass wir io der 
letzten VorleBung einen merkwürdigen Fall von brachialer 
Monoplegie, die sich bei einem îôj&hrigen Manne nach einem 
Sturz auf die Schulter entwickelt hat, mitsammen untersucht 
haben, und dass wir xur Einsicht gelangt sind, die bei unserem 
Kranken beobachteten Symptome könnten nicht von einer 
Erkrankung der Nerven des ArmgeflecLtea herrühren. Wir 
haben uns in unserem Beweisgang unter anderen Dingen auf 
die Art und Weise der Ausbreitung und Anordnung der 
Anästhesie in der Haut und in den tiefen Theileu berufen, 
ferner auf das Fehlen trophisuher Erscheinungen und den 
Niehtbestand von Eutartungsreactiou in den Muskeln des 
gelähmten Gliedes. Dieselben Erwägungen gestatten uns, 
unbedenklich, und ohne da.s3 wir auf diesen Punkt näher ein- 
zugehen brauchen, zu entscheiden, dass unser Fall auch nicht 
zu jenen atrophischen Lähmungen gerechnet werden darf, 
die sich gelegentlich nacL Gelenkstraumen ausbilden, Kr- 
krankungen, welche von Prof, Lefort und von Herru Valta 



1 eingehender Weise studiit worden sind.' 



1er Muskel a trupM^^H 

J 



— 257 — 

Nacliilem wir in der AuaachliesBung so weit gekommen 
sind, erübrigt uns noch, die beiden folgenden Möglichkeiten 
einer Prüfung zu unterziehen. Hängt unsere Monoplegie von 
einer Läalon ab, die im RUckenmiii'k localisirt istj oder viel- 
mehr von einer Herderkrankung, die ihren Sitz in den öohirn- 
hemisp hären hat? 

Wir wollen ung nicht lauge bei der Erörterung der ersten 
Hypothese aufhalten, die wir ja schon in der vorigen Vor- 
lesung mehrmals im Vorbeigehen berührt haben. Eine destruc- 
tive Läsion, welche streng auf eine gewisse Strecke in der 
HöLenausdehnung des Vorderhorues der grauen Substanz, näm- 
lich auf die Halsanschwellung der rechten Seite, beschränkt 
ist, könnte allerdings eine schlaffe Lähmung des Armes, ohne 
jede Tbeilnahme des Gesichtes und der unteren Extremität 
verursachen, wie man dies bei der spinalen Kinderlähmung 
sieht, und dieser Zustand würde so weit ganz dem entsprechen, 
was wir an unserem Kranken beobachten. Wäre aber der 
Hergang ein derartiger, so würden wir gewiss, abgesehen von 
dem acuten, zumeist durch mehrtägiges Fieber eingeleiteten 
Beginn der Erkrankung beobachten können, dass schon nach 
wenigen Tagen in allen schwer betroffenen Muskeln eine sehr 
deutliche Entartungsreaction entwickelt ist, und nach vier 
Monaten müssten wir eine auffällige Atrophie dieser Muskeln 
finden. Ueberdies wären die Sehnenreflese von Anfang an 
aufgehoben, und endlich dürfte auch keine Spur von Anästhesie 
der Haut oder von Verlust des Muskelsinnes vorhanden sein. 
Es ist zwar richtig, dass sich mehr oder weniger schwere 
Sensibilitätsstörungen in dem gelähmten Glied einstellen können, 
wenn eine Läsion in den Hiuterbürnern der grauen Substanz 
in den entsprechenden Höhen des Rückenmarkes noch dazu 
kommt. Aber eine derartige Läsiou, welche ansschliesBliuh 
das eine Voi'derhorn und ein sehr eng begränztes Gebiet im 
hintersten Theil des Hinterhonies derselben Seite betrifift, ist 
meines Wissens noch niemals beobachtet worden, und wenn 
die Läsion, anstatt sich in der von uns angenommenen Weise 
zu beschränken, noch die mittleren Partien der grauen Substanz 
einbeziehen würde, müsste die Anästhesie sich nicht nur auf 
der entsprechenden, sondern auch auf der entgegengesetzten 
Seite kundgeben. 

Ich werde mich also mit dieser Möglichkeit, meine Herren, 
nicht weiter beschäftigen, will aber die Hypothese einer Herd- 
erkrankung im GroBshirn in nähere Erwügung ziehen. In 
welcher Gegend der Grosshirnhemisphären müsste eine derartige 
Läsion ihren Sitz haben, um Symptome wie bei unserem 
Kranken hervorzurufen? Kann es sicli um einen Herd in der 



— 958 — 

inneren Kapsel handeln? Da ist nun za sagen, dass eine 
solche Läsion, die, wie wir annehmeu miissten, in Folge des 
Staraea entstanden ist und etwa in einem hämorrhagischen 
Herd odev in capillären Apoplexien bestehen würde, zu 
welchen die Erschütterung beim Sturze geführt hat — wir 
mUasten erwarten, sage ich, dass eine solche Läsion wenigstens 
von einigen Symptomen, die auf eine plötzliche Hämovrhagie 
deuten, begleitet gewesen sei. Das war aber bei unserem 
Kranken nicht der Fall. Ich will noch hinzufügen, dass eim 
solche rein brachiale Monoplegie, wie sie unser Fall zeigt, idli 
der Casuistik der Läsioneo der inneren Kapsel ein ù 
unerhörtes Vorkommniss ist;' überdies würde sie eine Läsi 
Toranssetzen, die sich streng auf die vorderen Abschnitte de»j 
hinteren Schenkels der inneren Kapsci beschränkt, und dicfj 
Sensibilitätaatörungen würden daher in solchem Falle aus*! 
geblieben sein. 

Wir müssen demnach den Sitz der vermutheten organiachei 
Lälaion noch anderawo suchen, höher oben in der Hemisphareri 
also in der grauen Rinde und den unmittelbar darunter liegen*; 
den Theilen der weissen Substanz, 

Eine hinreichend ausgedehnte und schwere Läsion, die im 
mittleren Drittel der beiden, der vorderen wie der hinteren, 
Gentralwindungen sitzt, verursacht mit Nothwendigkeit eine 
Monoplegie des Arniea; dies ist heute bereits ao vollkommen 
sichergestellt, dass wir keine weiteren Belege dafür anzuführen 
brauchen. Es muss aber betont werden, dass das Vorkommen 
einer wirklich reinen Monoplegie, ohne irgend einen Grad 
von Mitbetheiligung der Muakeln, die vom unteren Facialis 
derselben Seite innervirt werden, oder der Zunge oder des 
Beinea, in Folge einer ßindenläaion in der That eine Selten' 
heit ist. Kaum dasa wir, Herr Pitres und ich, in der Sammlung 
von mehr als 250 Beobachtungen, die wir in unseren Arbeiten 
über die Localisation in der Hirnrinde zusammengestellt haben) 
zehn Fälle dieser Art auftreiben konnten.^ In der Kranken' 
geschichte unseres Falles wird aber ausdrücklich hervor- 
gehoben, daas zu keiner Zeit der Erkrankung, auch nicht 
beim Eintritte derselben, der geringste Grad von Lähmung, 
oder auch nur von Parese im Gesicht, an der Zunge oder an 
der unteren Extremität zu beobachten war. Von Anfang war, 
wie ich nochmals betonen musa, ausschliesalich der Arm er- 

' Vsrgl, einen Fall von Monoplegie Üarch Erkrankung lier 
Kapael von Beonett und Campbell Im „Brain", April 1886, pag. 78. 

' Charcol et Pilres, Etude critiqua et clinique de la dnctrine da> 
localitatioTia motricea dnns l'éoorcc des hémiaphèrea oér^braiix de l'homin^S 
(Berne de mâdedne 1B33, S" 5, 6, S und 10). 



4 

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griflfen, und dies ist eine Thatsaclie, deren Bedeutung uns 
bald in ihrer vollen Grösae eraiclitlicli werden wird. 

Dazu kommt noch, dasa eine Rindenläaion, welche er- 
heblich genug; ist, um eine so vollständige und dauerhafte 
motorische Lähmung zu erzeugen, wie sie unser Fall Forcen . . 
darbietet, nothwendiger Weise auch eine absteigende, secundäre 
cerebro-spinale Degeneration hätte herbeiführen müssen, welche 
sieh klinisch durch ein gewisses Mass von Contractur an dem 
gelähmten Gliede kundgiebt, während es sicher featateht, dass 
sich ia unserem Falle keine Spur vou Steifigkeit an den ver- 
schiedenen Gelenken finden lässt. Wir haben im Qegentheile 
ausdrücklich darauf aufmerksam machen können, dass sich 
hier die gelähmten Theile durch ihre Schlaffheit und Ent- 
spannung auszeichnen; die verechiedeuen Abachnitte des 
Gliedes setzen den Bewegungen, die man mit ihnen vornimmt, 
nicht den geringsten Widerstand entgegen. Ferner, wenn die 
Sehnenreflexe bei UQserem Kranken erhalten sind, so zeigen 
sie sich doch keineswegs erheblich gesteigert, was bei einer 
Uindenläsion mit absteigender Degeneration vier Monate nach 
dem Beginn der Erkrankung der Fall sein müsste. 

Endlich, meine Herren, kommen die Störungen der Sensi- 
bilität in Betracht, die bei Forcen . . so schwere und durchaus 
anderer Art sind, als man bei einer Rindenläsion, die sich 
streng auf das mittlere Drittel der Central Windungen beschränkt, 
finden würde. In einer grossen Anzahl von Kiodenläsionen, 
welche ihren Sitz in einem der motorischen Centren haben, 
können die Hautempfindlichkeit und das Muskelgefühl, wie 
Ihnen bekannt, vollkommen unversehrt sein. Dies wird, auaser 
durch all dieThatsachen, die mein früherer Assistent Dr. Ballet' 
in seiner Dissertationsachrift angeführt hat, durch eine kürzlich 
im „Brain" von Prof. Ferrier^ veröffentlichte Beobachtung er- 
wiesen. Allerdinga haben Exner, Fetfina, Tripier und 
zuletzt Starr' eine gewisse Anzahl von Fällen gesammelt, 
in denen es bei Läsionen, die aich auf die Centralwindungen 
beschränkten, ausdrücklich bemerkt ist, dass neben der 
motorischen Lähmung eine Beeinträchtigung der Senaibilität 

■ G. Hallet, Le fnisi^eaa senaitif et le» traublea de U sensibililô rUns 
lea cm de léaiona cérébrales (Arch. do Neurologie, tom. IV, 1882, and Tlièsa 
de Paris, 1881, png. 61). 

= „Braia", April 1883. Ich meine die Mittheilnng von Feirior über 
einen Fall von Monoplegia crurnlia. 

' Ällon Starr, Cortical leaiona o( the Brain, a colleclion and analygU 
of the american caaes of localJBt^d cerebral diaoaao. (Tlie american Journal 
of the médical sciences, 1884, Seite 18 nnd 4i) den Soparatabdrnckos). — 
The sensory tract in Ihe central nervoua ayatem, pag. 78 (Abdruck aus 
Journal of nervon» and mental diseases. Vol. VI, M" îi, Jnly 1884). 



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^^^L sansibilit 

^^H OberflScl! 

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— 260 — 

in allen ihren Arten {Taat- und Sohmerzempfindliehkoit, Muskel- 
ainn u. dgl.) vorhanden war. Es acheint aber aus denselben 
Beobachtungen hervorzugehen, daaa diese verschiedenartigen 
SenBibilitäts Störungen sich sehr wenig ausgeprägt oder in 
hohem Grade flüchtig erwiesen, sobald sich die krankhafte 
Veränderung genau auf die Centralwindungeu beschränkte, and 
nicht auf die anstosaenden Gebiete des Parie tat läppe na übergriff. 
Dlea steht, wie Sie sehen, in auffälligem Widerspruch mit 
den VerhältniBsen unseres Faites, in welchem die verschiedenen 
Arten der Sensibilität in der Haut und in den tiefen Theilen 
im höchsten Grade und in dauernder Weise schon seit mehr 
als vier Monaten geschädigt sind, 

Aus diesen Erörterungen ergeben sich eben so viel Gründe, 
die uns bestimmen mttsaen, die Existenz eines Rindenherdes 
bei unserem Kranken gerade ao zu verwerfen, wie wir bereits 
vorhin die Annahme einer spinalen und einer Erkrankang 
der peripheren Nerven zurückgewiesen haben. 

Um was kann es sich also hier handeln? Um eine Er- 
krankung der nervösen Centralorgane ohne Zweifel; aber wo 
sitzt dieselbe; welches ist ihre Natur? Nun, ihr Sitz ist, wie 
ich glaube, in der grauen Rinde der Hemisphäre, auf der der 
Lähmung entgegengesetzten Seite, und zwar, genauer bestimmt, 
im motorischen Rindenfeld des Armes. Ferner muBs man, um 
die Ausbreitung und Intensität der Sensibilitätsstürungen zu er- 
klären, auf Grund einiger neueren Arbeiten annehmen, daas die 
Läaion sich nicht strenge auf die motorische Zone beschränkt, 
sondern über die Central Windungen nach hinten auf die an- 
atossenden Gebiete des Parietal läpp ens übergreift.' Aber das 
Eine steht fest: Es handelt sich liier nicht um eine Destruc- 
tion, um eine organische Herdläsion, wie in den verschiedenen 
Flypothesen, die wir eben der Reihe nach geprüft haben, 
vorausgesetzt wurde. Es kann nur eine jener Läaionen in Be- 
tracht kommen, welche sieb unseren gegenwärtigen anatomischen 
Untersuchungsmethoden entaiehen, und für die man überein- 
gekommen ist, den Namen „dynamiache" oder functionelle 
Läsionen in Ermangelung eines besseren zu gebrauchen. Es 
wird nun meine Aufgabe sein, Ihnen diese Behauptung zu 
erweisen. 

Meine Herren! Schon bei der Auseinandersetzung der 
Kr an kheits Symptome, welche sich bei unserem Krankon vor- 
finden, habe ich Sie darauf vorbereitet, dass ich einige davon» 

:., und Beclitsrew, Ueber die LncaliaHtion der Hiiat« ] 
litSt (Toit- und Schmerzümpfindungen) und des Muakelsinne. 
OberflSchc der OruB8hiiiiheini8[>liürRn (Meitder« Neiirnlog. CentrAlblAU- 1 
" ■" 16. Saptember 1883). 



4 




— 261 — 

uicbt dit! unwesentliclieteii, absichtlich mit Still- 
schweigen übergehen werde, um sie später, wenn der geeiguete 
Moment gekommen ist, hervorzuholen und nach ihrem vollen 
Werthe zu würdigen. Dieser Moment ist endlich gekommen. 
L Die fraglichen Symptome springen, wie ich Ihnen echon ge- 
I sagt habe, nicht in die Augen; um sie zu tioden, muss man 
Beine NachforschuQgen gemätsa den Anforderungen einer be- 
stimmten Hypothese einrichten, welche ihrerseits durch die 
Existenz dieser Zeichen, falls sie wirklich bestehen, gerechtfertigt 
und bestätigt wird. Sie vermutiien gewiss, welche Hypothese ich 
hier meine. Ist unser Kranker ein Hysterischer? Trägt er 
die hysterischen Stigmata in hinreichender Zahl und Deutlieh- 
keit an sich, um uns die Behauptung za gestatten, dass wir 
es thatsächlich mit dem Status hystericus zu thun haben? 
Sie werden zur Oeberzeugung gelangen, dass die Beweise 
au Gunsten dieser Entscheidung in Hülle und FüUe vorhanden 
Bind. Die motorische Lähmung, die Anästhesie und die 
übrigen Erscheinungen sind in diesem Falle allerdings auf 
Hysterie zu beziehen; dies wird die Schluasfolgeruug sein, 
zu der wir gelangen, und bei der wir uns übrigens im vollsten 
Einklang mit der Ansicht befinden, welcher mein College 
. Joffroy in der Sitzung der Société médicale des hôpitaux 
«o entschiedenen Ausdruck gegeben hat.' 

Ich will nun zunächst die eine Thatsache hervorheben, 
3 die Störungen der Hautempfindlichkeit sich bei Forcen , . 
keineswegs nur auf die obere Extremität beschrKnken. Man 
findet sie vielmehr in abgeschwächter Form als Analgesie 
über die ganze rechte Seite, Gesicht, Rumpf und untere Ex- 
tremität verbreitet. Es handelt sich also in Betreff der all- 
gemeinen Sensibilität um eine echte, vollständige, rechtsseitige 
Hemianästhesie, die nur am Arme stärker ausgebildet ist als 
an allen übrigen Thcilen. 

Wenn wir uns nun zur Untersuchung der Sinnesorgane 
wenden, werden wir auch von dieser Seite werthvolle Auf- 
Bchlüsae bekommen. Das Gehör ist am rechten Ohre ab- 
gestumpft, daa Ticken einer Uhr, welches links in einer 
Entfernung von 50cm und darüber wahrgenommen wird, wird 
rechts nur bis zu 20cm, gehört. Der Geschmack ist auf der 
rechten Seite ganz verloren gegangen. Ehe ich weiter gehe, 
will ich Ihnen die eigenthümliche Unempfindlich keit, die sieh 
am Rachen zeigt, demonstriren; ich gehe mit meinem Finger 
rücksichtslos ein, bis ich die Epiglottis berühre, und löse 
dadurch doch keinen Reflexact bei dem Kranken aus. Dieses 



' SitiuDg V 



n ST. März 1885. 



262 



Symptom kommt, 



, bei Hysterischen sehr h 



_ stenschf 
Beobachter, darunter besonders Chairon, haben 
in den letzten Jahren mit Reeht darauf aufmerksam gemacht. 
Nachdem wir zu diesen ersten Ergebnissen gelangt waren, 
mussten wir uns natürlicb darauf gefasst machen, hier bei 
einer perimetrischen Untersuchung jene eigen th lim liehe Ge- 
BÎehtsfeldeinengung aufzufinden, von der bereits so oft die 
Rede war. Aber unsere Erwartungen wurden bei der ersten 
Untersuchung getäuscht, wir hatten ein normales Gesichtsfeld 
vor uns. Ich werde Ihnen gleich mittheilen, inwiefern sich 
dieser Zustand später verändert hat- Die Untersuchung des 
Sehvermögens war aber doch nicht ergeh nisslos geblieben, 
denn sie enthüllte uns ein Phänomen, welches meiner Meinung 
nach zu einer hervorragenden Bedeutung gelangen kann, wenn 
andere Symptome fehlen, und wohl geeignet ist, in scliwer 
zu beurtheilenden Fällen ein kräftiges Wort zu Gunsten der 
Diagnose „Hysterie" zu reden. Ich meine die Polyopia mon- 
ocularis der Hysterischen, ein Symptom, das Herr Dr. Pari- 
naud seit langer Zeit an den Kranken meiner Klinik ver- 
folgt, und auf das er auch, wie ich glaube, zuerst aufmerksam 
gemacht hat. ^ 

Die monoculäre Polyopie (Diplopie oder Tnplopie) gehört, 
wohlgemerkt, nicht ausschliesslich der Hysterie zu, sie tritt 
aber bei dieser Erkrankung mit ganz besonderen Eigenthüm- 
lichkeiten auf, welche nach Parinaud gestatten sollen, sie 
von ähnlichen Zuständen unter anderen Verhältnissen zu unter- 
scheiden. 

Die KrystalUinse des Auges hat, wie Sie wissen, eine 
schalige Structur, so dass man sie zur Koth als aus drei 
Linsen bestehend auffassen könnte. Man versteht daraus, dass 
unter gewissen Bedingungen mehrere, zwei oder drei, Bilder 
auf der Netzhaut zu Stande kommen können. Es ist das 
gewissermassen ein natürlicher, bei den einzelnen Individuen 
stärker oder geringer ausgebildeter Fehler des Auges, der für 
gewöhnlich durch das normale Spiel der Accomodation ver- 
bessert wird. Es ist nun leicht einzusehen, dass die monoculäre 
Polyopie sich einstellen kann, wenn die Accommodation in 
ihrer normalen Function gestört ist. Man beobachtet dieselbe 
daher bei der Accommodationslähmung durch Einträufelung 
von Atropin und bei dem Aceommodationskrampf in Folge 
von Eserinwirkung, in letzterem Falle ist sie, wanrscheinlich 
wegen der begleitenden Myosis, in der Regel sehr weniz 



] dans rbyatéi 




W _ 263 — 

tdeutlit'h. Die iiionoculftre Polyopie der Hysterischen ist nacb 
Fitrinaud übrigens auf eine Contractur des Briiciie'achen 
Muskels ohne Myosia zu bezïeheu. ' Ferner findet Hich die 
monoculSi-e Polyopie, ohne functionelle Störung des Accom- 
raodationsapparatea, noch bei Greisen, in Fällen von be- 
ginnender Cataracta, und bei gewissen Fällen von Astigma- 
tismua, sowohl angeborenem als in Folge von Keratitis. Es 
wird nun keine Schwierigkeiten haben, die eben angeführten 
Ursachen der Polyopia monoeularia, nämlich: Greisenalter, 
Cataract, Aatigmatismus durch Erkrankung der Cornea, Ein- 
träufelung von Eserin oder Atropin in's Auge u. a., in einem 
gegebenem Falle auszuschliessen. Die hysterische Polyopie 
scheint sieh aber auch, abgesehen von dem Fehlen der er- 
wähnten Momente, durch besondere EigenthUmlichkeiten aus- 
zuzeichnen. Ich meine die Makropsie und Mikropsie, die nach 
Parinaud's Bemerkung sie stets begleiten, während dieselben 
bei anderen Fällen nicht vorkommen sollen. Bringen Sie vor 
das eine Auge des Kranken Porcen , . einen vertical gehaltenen 
Stift in einer Entfernnng von einigen Centimetern, während 
das andere Auge geschlossen ist, so wird er ihn einfach 
sehen. Entfernen Sie aber nun den Stift ein wenig, so be- 
kommt er alsbald Doppelbilder, die in einer Entfernung von 
8 bis 10cm vom Auge scharf gesondert und sehr deutlich 
werden. Ueberdies erscheint ihm der Stift, wenn er sich dem 
Auge sehr nahe befindet, ungebührlich gross, während er ihn 
aus einer Entfernung von 15 his 20 cm drei- oder viermal 
kleiner sieht, ala es normaler Weise der Fall sein sollte. Dies 
ist also die eigenthümliche monoculäre Polyopie, welche nebst 
den vorhin beschriebenen Störungen der Hautempfindlichkeit 
und der Sinnesorgane bereits eine sehr bedeutsame Summe 
von Belegen, zumal für einen Fall ergiebt, in dem man sich 
weder auf cbronischen Alkoholismus oder Saturnismus, noch 
auf eine Verletzung der inneren Kapsel beziehen kann. Eine 
neuerdings vor drei Tagen angestellte Untersuchung des Ge- 
sichtsfeldes hat das Gemälde tibrigens durch einen neuen Zug 
vervollständigt. Der Kranke hatte vor fünf Tagen Urlaub 
genommen und war von seinem Ausfluge sehr erschöpft 
Burückgekehrt. Zwei Tage später erwiea uns die perimetriache 
ünterauchung eine coneentrische Einengung des Gesichts- 
feldee, die auf beiden Augen gleich gut ausgebildet war, 
allerdings ohne Verlagerung der Grenze für die Roth- 
empfindung. 




bat ^H 



Ich halte es jetzt t'ttr iinniithig, mich in weitlautig« Et<«9 
örteruDgen einzuUsBen, um ILoen darzuthun, dass das Zu- 
Bamni entre ffen all dieser Verhältnisse, welche wir der Reihe 
nach festgestellt haben, ein leichtes Verständnias durch die 
Annahme einer dynamischen, hysterischen Läsion zulässt, 
während es für die Hypothese einer organischen Erkrankung 
im Gehirn, Rückenmark oder in den spinalen Nerven that- 
sächlich unerklärlich bleibt. Ich lege aber Gewicht auf die 
Bemerkung, dass die klinisclien Kigenthüraliehkeiten der Mono- 
plegie, welche wir bei Poraen . . finden, sich in keiner Weise 
von jenen Merkmalen unterscheiden, durch die gewisse un- 
zweifelhaft als hysterisch ei-k.innte Lähmungsformen ana- 
gezeichnet sind. Man kann sich davon übrigens auch im 
Nothfalle überzeugen, wenn man in den Autoren nachschlägt, 
welche auf diesem Gebiete am maasgebendsten sind. So will 
ich zunächst hervorheben, dass das Gesicht nicht den 
geringsten Antheil an der Lähmung nimmt, eine That- 
sache, die von Todd,' Althans, Hasse, ^ von mir selbst,^ 
und endlich von Weir Mitchell in seinem ausgezeichneten 
Buche über die nervösen Krankheiten der Frauen* betont 
worden ist. Was mich selbst betrifft, so habe ich bis jetzt 
auch nicht eine einzige unzweideutige Ausnabme von dieser 
Regel angetroffen. Ich bebe ferner hervor: dos Fehlen einer 
jeden Verändemng der elektrischen Erregbarkeit und einer 
jeden Atrophie der Muskeln selbst nach mehrmonatlicbem 
Bestände der Lähmung, das Anhalten der vollkommenen Ent 
Spannung des Gliedes ohne erhebliehe Veränderung seitens 
der öehnenreflexe unter der gleichen Bedingung der langen 

' K. B. Todd, Cliiiicat lectures ou paralysis, coititiii diseases of the 
Iji'niu etc., Loudou 1B5S: ,Die Intensität der L&hmang un den Extrem ittiteu 
und deren gänzliches Fehlen in den Gesichtsmuskeln und an der Zunge siud 
unxweifelhaft Charaktere, die zu Gunsten der liysterischen Natur des Leidens 
spiL'clien; denn obgleich die hyaterische Lähmung alla Theila i^es Rumpfes 
und der Extremitäten betreffen kann, befallt sie doch nur fiussei'at seilen, 
wenn überhaupt jemaU, das Gesicht" — pag-. 20. 

^ Hasse, Handbuch dar Pathologie etc., S. Auflage, Erlauben ]S69. 

ä Charcot, Leçons sur les maladies du syatÊrne nerveliji, tom. I, 
l. Auflage, und 4. Auflage, pag. S51. ZwQlfEe Vorlesung: „Beaubten Sie 
suuächst das Fehlen einer FaciaUalShmuDg und einer Abneicbung der Zunge 
beim Vers treck on deraelbeu. Sia wissen, dass diese Phänamane dagegen 
immer in einem gewissen Grade" (es aull hier heissen; fast immer) „bei der 
Hemiplegie in Folge von Herdeikranhnng des Gebirus vorhanden sind." 

* Weir Mitchell, Lectnres on diseases or the nervous system ea- 
pecially in womsii, 2" édition, Pbiladelpliia 1885, pag. 35: ,1m Gegensate zn 
der Halbseiteulähmung aus orgauiacher und cerebraler Uraacbe befällt die 
hysterische Halbseitcnlfihmung eine Körperaeile mehr oder minder Toll- 
Btâudig, aber mit Ausnahme des Gesichts^ in einigen seltenen Fällen cei gen 
sich die Halamnakeln deutlich ergriEfeu." 



— 265 — 

Dauer der Lähmung, die unbedingte, auf's höchste getriebene 
Aufhebung des Muskelsinnes, die man in dieser Weise niemals 
bei cerebralen Lähmungen aus anderen Ursachen beobachten 
kann. Ich mache Sie ferner aufmerksam auf die hochgradige 
Anästhesie der Haut und der tiefen Theile und die so eigen- 
thüniliehe Art und Weise der Ausbreitung und Abgrenzung 
der letzteren, die auf den ersten BHek gewiss sonderbar er- 
scheinen muss, aber nur darum, weil sie bisher keine eingehende 
Würdigung gefunden hat. Jedenfalls lässt sie sich mit der 
Vertheilungaweiso der Hnutnerven, welche aus dem Arm- 
geflechte hervorgehen, in keinerlei Zusammenbang bringen.' 
Ich will durchaus nicht behaupten, dass alle hysterischen 
Lähmungen nothwendig die Summe der hier aufgezählten 
Eigenthüralictkeiten zeigen müssen; aber man darf, wie ich 
glaube, vertreten, daas, iro diese Merkmale in einem Falle von 
Lähmung zusammen voi'koramea, die Natur desselben nicht 
mehr zweifelhaft bleibt. 

Auf diese Argumente, meine Herren, die wir für zwingend 
halten, stützen wir uns also, wenn wir nicht nur behaupten, 
dass unser Kranker wegen seiner hereditären Belastung und 
wegen des Bestehens der hysterischen Stigmata für einen 
Hysterischen gehalten werden muss, sondern auch dass seine 
Monoplegie alle Zeichen an sich trägt, welche klinisch ge- 
wisse Formen der hysterischeu Lähmung cbarak te ri streu. Um 
es kurz zu fassen: alle Symptome, die wir bei Forcen . . 
beobachten, beziehen sich, wie Sie sehen, auf Hysterie, und 
wir finden endgiltig keines bei ihm, das sich nicht auf 
Hysterie bezöge. 

Damit haben wir unsere Diagnose festgestellt. Ich will 
zwar zugeben, und es ist dies das einzige Zugeständniss, das 
ich machen kann, dass es sich hier nicht um einen ganz voll- 
ständigen, regelrechten, kurz typischen Fall von Hysterie 
handelt. Aber gerade das wird den Fall in den Augen des 
Klinikers interessant erscheinen lasseu; denn wenn die hyste- 
rische Natur seines Leidens nun durch die obenatehenden 

I Vergl. die Figuren 33, 34, 35, 36 und 37, 33 in voriger Vorlesung, Dinsa 
Zfrlegurig der Peripherie in Segmoiite, welche diirnh kreiafärmige, in Ebenen 
Henlireclit auf lüe Lüngsichee dea Gliedes liegende Linien von einander gescliie- 
deu werden, entspricbt wahräubeintich, weuigsteus fQr die Estremilitten, dem 
Typus der corlieaTen Anastheaien, der bei Läaionen jeder Art eingehalten 
trird, welches aucli immer deren Ursache sein m^g. Dieser Charakter wSre 
nur bei der Hysterie um ao viel schärfer ansgeprägC und deutlicher zu er- 
kennen als in Füllen van organischen HerdlH^ionen, weil die dynamiscbe 
LSaion der Hysterie gewiss eine gräasere Ausbreitung auf der Gehimobar- 
flUcbe bat und x. B, alles, was zu diesem oder jenem senaibeln Centrnm 
gehört, in syatematischar Weise liefatlen kann. J, M, Cbarcot. 



II gehOrt, IQ syaten 



Erörterungen geeichevt ist, so musB man sich doch erinnam, . 
dass diese Entsclieidiiug nicht auf den ei'Btea Btiek zu treffen 
war, und daas man zu ihrem Erweise eine ganze Reihe von 
Argumenten und Belegen zur Hilfe nehmen musste, die nur 
durch die aorgfältigate und eingehendste klinische Unter- 
suchung zu erhalten waren. Dies kam daher, weil das Bild 
einige Lücken bot, und diese Lücken bestehen, wie Sie Alle 
erralhen haben, in dem Fehlen der Anfälle und der hyate- 
rogenen Punkte, Dieser Umstand darf uns keineswegs irre 
machen; die Krampfanfälle gehören, wie Sie wissen, nicht 
nothwendig zum Bilde der Hysterie, sie fehlen nach Briquet 
bei mehr als einem Dritttheile der weiblichen Kranken; aus 
unseren Beobachtungen geht hervor, daas sie auch beim Manne 
fehlen können, und zwar wäre dies, wenn ich nach dem, was 
ich Beihat gesehen habe, urtheilen soll, bei Mfinnern minde- 
stens ebenso häufig der Fall, aie beim anderen Geschlechte. 

Um die Folgerungen, zu denen wir gelangt sind, noch 
besser gerechtfertigt erscheinen zu lassen und ihnen mehr 
Gewicht zu verleihen, wird ea gut sein, wenn ich dem Falle, 
der uns eben beschäftigt, einen anderen an die Seite stelle, 
jenen männlicher Hysteriker, den ich Ihnen in einer früheren 
Vorlesung vorgeatellt und damals eingehend vor Ihnen be- 
handelt habe. ' Ich stelle Ihnen den jungen Mann, Namens 
Pin . ,, neuerdings vor, und aus den wenigen Punkten, die 
ich Ihnen in'a Gedächtnias zurückrufen will, werden Sie 
aicherlich entnehmen, dass seine Geschichte, von einigen 
untergeordneten Verhältnissen abgesehen, gewisaermasaen nach 
derselben Form, wie die vod Porcen , ,, geprägt ist. J 

Gerade wie bei diesem Letzteren, rührt bei Pin . . die 
Monoplegie des Armes von einem Sturze her, nur dasa bei 
ihm die linke obere Extremität von der Lähmung befallen ist, 
und dasa der Sturz die Vorderfläche der Schultergegend be- 
traf. Bei unserer ersten Untersuchung am II. März war die 
Lähmung eine vollkommene und höchstgradige, wie sie es 
jetzt noch bei Porcen . , ist; das Gesicht war niemals auch 
nur spurweise daran mitbetheiligt gewesen. Das gelähmt« 
Glied hing schlaff, ohne die geringsten Anzeichen von Starre 
in den Gelenken herab, es bestand keine Atrophie der Mus- 
keln und keine Veränderung; in deren elektrischem Verhalten, 
obzwar die Lähmung damals schon zehn Monate alt war. Die 
Anästhesie der Haut und tiefen Theile war und ist ebenso 
hochgradig wie bei Porcen . ., sie ist zwar ausgebreiteter als 



' Vei'gl. äie aaefSlirliche KronkengeBchicbta dasBelben in der ewaongatM 
TorlesDng „Ueber Bscbs FSlIa von männlicher Hyatarie", Beobacbtong V 




— 267 — 

"■bei dem Letzteren, da sie sich auf die Finger erstreckt, aber 
eie grenzt sich genau in der nämlichen Weis« gegen den 
Runipftheil des Gliedes ab. (Vergl. die Figuren 39, 40 und 
41, 42). Der Verlust des Muekelainnes ist gleichfalls an allen un- 
Fif. 3Ü. Fig. 40. 





empândlichen Theilen auf's äusserste getrieben. Diese mannig- 
fachen Sensibilitätsstörungen haben sich übrigens seit der 
ersten Untersuchung in Keiner Weise verändert, und wir 
können sie gegenwärtig bei beiden Kranken in aller Schärfe 
nachweisen. 




— 268 



Sie sehen, wie weit die UebereinaliiomuDç der beiden'^ 
Fälle gebt; bis jetzt ist der eine Inst der Abklatscb des 
anderen, und die Einzeibeiten, die ieb nun folgen lasse» will, 
werden die Beziehungen zwischen ihnen noch enger knüpfen. 

In unseren diagnostischen Bemerkungen über Piu . . , ge- 
langten wir, Schritt fllr Schritt vorgehend, wie wir es soeben 
bei Forcen . . gethan haben, dahin, zunächst die Annahme 
einer Läsion der Aesfe des Armgeflechtes abzuweisen, daon 
die einer Spinalerkrankung, und endlich auch^die einer orga- 
nischen Herderkrankung in den Gebirnbemiaphären, welche 
durch die am Kranken vorgefundene Herzaffection ziemlich 
nahegelegt wird, und wir musaten endlich zu Ende unserer 
Untersuchung den Suhluss ziehen, dass die Lähmung von 
einer dynamischen Läsion in der grauen Kinde des brachialen 
Rindenfeldes, auf der der Lähmung entgegen gese taten Seite, 
abhängt. Der Status hystericus verrieth sieh bei unserem 
Kranken tlherdies noch durch eine Reihe von bedeutsamen 
Symptomen: eine über die linke Hälfte des Kopfes, Halses, 
Rumpfes und über die ganze linke untere Extremität ver- 
breitete Analgesie, und eine sehr erhebliche Abachwächung der 
Leistungsfähigkeit von Geruch, Gehör und Geschmack auf der 
linken Seite, die mit den gewöhnlichen Unterauchungamethoden 
zu constatiren war. Die Untersuchung des Gesichtsfeldes er- 
wies normale Verbältniaae ' am rechten Auge, während links 
eine erhebliche Einengung Isestand; zudem war an diesem 
Auge der Kreis der Rothempfindung nach aussen von dem der 
Blauempfindung verlagert (Fig. 43 und 44). Heute kßnnen wir 
an demselben Auge das Vorhandensein der Polyopia monocu- 
laris constatiren, das uns bisher entgangen war. Ich fUge noch 
hinzu, dass keine Redexe ausgelöst werden, wenn ich mit 
meinem Finger in den Schlund des Kranken bis zur Epiglottis 
eingehe, und endlich als die einzige bemerken s werthe Be- 
ziehung, in der der Fall Pin . . von dem Falle Forcen . . ab- 
weicht, dass bei dem Erateren mehrere hyperäathetische 
Krampfzonen aufzufinden sind, eine unter der linken Brust, 



' Dieser Fall bevreiat 
kjlniite, äa»a dia couceiitr 
keiiie.swegs in nllaii Italien 



inso wie viele andere, die ich dafür anRIbroit 
I Oesichtsfaldoiuachräukuug der Hyaterischeo 
s doppelsoitige zu sein brauubt, wiewohl die«) 
aar noicius nann^ere raii ist; sie hanii sich vielmebr eCretige auf ein Ange 
beicbränken. Der in einer frübnrcn Vorleanng („Ueber aecha F&!le von 
müunlicher Hysterie") erw&bnte Kranke Gil . . . war ein ansgeneichnetas 
Beispiel dafür. In Betreff dieses Kranken liStte iub bier nucb mitsutheilen, 
dass derselbe vor einigen Tngen nnvermuliiet gestorben ist; wie es scheint, 
liat er eine enorme Dohis von Chloral, die er sich heimlich EuaammengBapart 
hatte, dann auf ein Mal genommen. Der durchaus negative Befund am Nei-ven- 
sjatem hat die während des Lebens gestellte Diagnose vollauf bestätig. 

J. M. Ch, 




— 299 — 

eine andere jederseite in der Weichengegend, und endlich eine 
am rechten Hoden. 

Sie erinnern sich noch, meine Herren, dass am 15. MUr« 
io Folge einea länger fortgesetzten Druckes auf die hydtero- 



Pig. 41. Fig. 42. 





Ani«theaie bei Pin . . 



geoe Zone am Hoden bei Pin . . ein vollkommen clasëîscher 
bysteroepileptischer Anfall ausbrach. Es war der entte, den 
der Eraake je gehabt batte, und späterhin trateo weitere, in 
allen Stacken dem ersten äholiche Anfälle auf, die auch gegen- 
wärtig ziemlich häufig, zumeist spontan, zur Beobachtang 



— 270 — 

kommen- In Fol^e- eines aolchen Anfalles kam es gm 21. Mär»B 
zu der plötzlichen Besserung der motürisehen Läbmiing, die 
.Sie heute constatiren können. Pin . , kann, wie Sie sehen, 
den linken Arm in allen seinen Abschnitten willkürlieh be- 




wegen, aber diese Bewegungen sind ziemlich kräftlos, ver- 
mögen nicht den geringsten Widerstand, den man ihnen ent- 
gegensetzt, zu überwinden, und während die dynamometrisclie 
Kraft der rechten Hand durch die Ziffer 70 dargestellt wird, 
bringt es die linke nur bis 10. Die motorische Lithraung be- 
steht also noch in sehr hohem Grade, sie ist bloa nicht mehr 



— 271 — 

unbedingte, wie sie es vorhin war. - Die Sensibüitäta- 
störungen sind übrigens, wie ich noclimala sagen will, die 
gleichen geblieben, und zwar nicht nur am paretischen Glied, 
sondern auch auf der ganzen linken Seite des Körpers mit 
EinscbluBS der Sinnesorgane- Es ist also durchaus keine voll- 
ständige Heilung eingetreten; aber wir baben Grund zu hoffen, 
dass diese nicht ausbleiben wird. Es ist ja ganz klar^ dass 
die Prognose sich jetzt ganz anders stellt, als wenn sich di'e 
L&limnng in Folge einer deatructiven Läsion in der grauen 
Rinde einer der Grosshirnliemisphären entwickelt hätte. 

Ich glaube, Niemand wird bestreiten, dass alleEioÄelheiten 
der hier vorgebrachten Krank engeschieb te auf Hysterie zu deuten 
sind. Dieser Fall unterscheidet sich aber von dem anderen 
des Kranken Forcen . . nur durch zwei Momente: durch die 
Anwesenheit der Anfälie und der hysterogenen Pnnkte. In 
allen anderen Stücken sind die beiden Beobachtungen ein- 
ander durchaus gleiciizuatellen, und man kann sagen, dass die 
vollständigere und wenigstens in manchen Beziehungen durch- 
Biohtigere Beobachtung von Pin . . gewisserniassen die Kluft 
überbrückt, die zwischen dem Falle Forcen . . und den ge- 
wühnticheren Fällen von Hysterie zu bestehen scheint. Sie 
Htellt, wenn man es so nennen darf, eine Uebergangsform dar, 
und die Reihe ist demnach an keiner Stelle mehr unterbrochen. 

Wir haben es also mit zwei Fällen von hysterischer 
Monoplegie des Armes bei Männern, in Folge von Trauma 
entstanden, zu tbun; dies ist der Schluss, der sich aus all 
dem Vorstehenden ergiebt. 



Zweiuiidzwanzigste Vorlesung. 



Lieber zwei Fälle von hysterischer Monoplegie des Armes auil 

Iraumatischer Ursache bei Männern. (F.irtacizung nnd Schliias,ifl 

Ueber psychische Lähmungen. 



Studien über den Mechaniamits der EntstehuDg Iijsterischer Lähmangen.. 
Die pgfcbischeii IjaiimDiiger. — Experiment eile Unteraiichung derselben r 
Hilfe der Hypnose, — Ute drei PhjiBen des groBsen UypuotismuB. — Sug- 
gestion durcb den MnakeUinn in der katalcptischen Fbase. ~~' Die Suggestion 
in der aomnambiüen Phase. — Erzeugung einer Monoplegie des Armei in 
der aomnainbulen Phase der Hypnose durch mflndliche Suggestion. — Die 
kliniacheu Charaktere dieser auggerirten Monoplegie stimmen mit jenen der 
Monoplegie bei den früher behandelten hysterischen MSnnern vollkommen 
liberein. — ScgmentTveise Lähmung der Extremität durch Suggestion. — 
Die Abgrenzung der dabei auftretenden Anästhesie durch Kreislinien, welcLe 
senkrecht aaf der Läiigeachae des Gliedes stehen. — Trennung der Läh- 
mung und der SeusibilitatastOning durch Suggestion in der Uypnoae, — 
EriieuguDg einer Monoplegie, welcbe die Eigen thümliclikeiten der hyste- 
rischen Monoplegie theilt, durch trau m »lisch a Suggestion im wat'hen 
Zastaode bei beaonders dasn T&raolagten Personen, — Damit ist die 
Ueber einstimmun g zwischen den hyaterischen and den künsllicb eraeugten 
L.lhmungen ToIIkommen geworden. — Der eigetithilmliche Geiatesznitand 
bei einem schweren Trauma eraalit wahrscheinlich die Hypnose. — Wunder- 
heil nagen. — Die eingeschlagene Behandlung. — Erfolge derselben, 
Weiterer Kraukheitaverlauf bei Pin . . . und Forcen . . 



Ich glaube Ihnen den Beweis erbracht zu haben, meii 
Herren, dass bei den beiden Männern mit brachialer Mooi^- 

Elegie, welche uns in den letzten Vorlesungen beschäftigt 
aben, die in Folge von Trauma entstandene Lähmung auf 
Hysterie zurück zufuhren ist. Die Diagnose bedingt hier natttt- 
licherweiae auch die Frogaose, und Sie sehen ein, dass 
letztere unendlich weniger bedenklich au stellen ist, wenn ea 
sich um ein Leiden dieser Art, als wenn es eich um eine 
destructive urganische Läaion handeln würde. Die bereits alte 
Lähmung kann alierdinga bei unseren Kranken noch durch 
Monate und vielleicht durch Jahre fortbestehen — daran ändert 



M 



Dia 



auf Hystei 



liclits, bea 



nicht mit einem geeigneten therapeutischen Eingriff zu Hilfe 
kommen; aber man darf doch behaupten, dasa die Oenesung 
früher oder später eintreten wird, und unsere Bemühungen 
müsHen darauf gerichtet aeir, dieses Ereignias zu beaehleunigen. 

Aber wie und nach welchen Prineipien soll man hier 
eingreifen? So lautet die Frage, die sich uns jetzt aufwirft. 
Wir könnten zu den empirisch bewährten Mitteln greifen, die 
uns für die Behandlung der Hysterie zu Gebote stehen; Maas- 
regeln, um den in solchen Fällen fast jedesmal beeinträchtigten 
Kräftezustand zu heben, wiederholte Anwendung von Em- 
ptindungsreizen (äatheaiogenen Mitteln), darunter in erster 
Linie die statische EJektricität, conséquent fortgesetzte hydro- 
Iberapeutiache Behandlung u. dgl. Aber diese Masanabmen, 
deren Anwendung auf keinen Fait zu vernachlässigen ist, 
richten sieb hauptsächlich gegen den Allgemeinzuataad, und 
die Wirkung ihrer Zuhilfenahme gegen die Lähmung dürfte, 
soweit ich nach meinen eigenen Erfahrungen urtheilen darf, 
recht lange auf sich warten lassen. Unser therapeutisches 
Handeln würde sicherlich auf mehr Erfolg rechnen können, 
wenn es sieb, anstatt bloa auf em[)iriscbe Kenntnisse, auf phy- 
siologisebe Grundlagen stützen könnte, wenn es uns z. B. 
vergönnt wäre, in den Mechanismus, der bei der Erzeugung 
dieser hysterischen Lähmungen durch ein Trauma spielt, 
wenigstens theilweiee Einbück zu gewinnen. 

Diese von Schwierigkeiten aller Art starrende Aufgabe 
wollen wir dennoch jetzt in Angriff nehmen. Ich bitte Sie, 
mich nicht miaazuversteben; ich verspreche Ihnen nicht, die- 
selbe in allen Stücken zu lösen, aber es ist wohl möglich, 
daaa wir auf dem Wege, den wir dabei betreten, wenn wir uns 
bemüben, dem Ziele so nabe als möglich zu kommen, einige 
Aufklärungen finden, deren praktische Folgerungen nicht zu 
verachten wären. 

Ich werde einen scheinbaren Umweg einschlngen, um Sie 
dorthin zu führen, wohin ich gelangen möchte, und will zu 
diesem Zwecke einen Gegenstand neuerdings aufnehmen, der 
uns schon einmal beschäftigt bat. ' Ich meine jene seltsamen 
T -i'mHingen, die man mit dem Namen psycbiacbe oder 
Lähmungen in Folge von Vorstellung (dépendent im idea), 
pamlysica pai ijuagiiiation (Lähmungen durch Einbildung) 
bezeichnet. Beachten Sie wohl, djvss ich nicht die Bezeichnung 
„eingebildete Lähmungen" gebrauche, denn im Grunde sind 

< J. M. Chiircot, Lezioni cliniche <tell nana acaIaatii;o 1B84 RQlle 
maEattie dpi siatemii nervono, redatte dal D"' 1). Miliotti. SuUe pftmlUi 
psicbiche, pig. 103, 110. Milan» 1SB5. 






— 274 — 

rlieee Lähmungen, die von einer psychischen Störung ausgehen, 
ebenso echter und objectiver Natur wie jene, welche von einer 
organischen Erkrankung abhängen, ja sie nähern sich den 
letzteren, wie Sie gleich selbst sehen sollen, durch eine grosse 
Reibe von geraeinsameQ klinischen Eigeüthümlichkeiteu so 
sehr, daes die Difierentialdiagnose oft die gröasten Schwierig' 
keiten bietet. 

Seit sehr langer Zeit bekannt, sind diese Lähmungen zu- 
erst im Jahre 1669 von Prof. Kussel Reynolds in einer 
gründlichen und planmäasigen Weise studirt worden. Sie Enden 
in der ausgezeichneten Arbeit dieses Autors ihre Aetiologie, 
ihre klinischen Merkmale, sowie die Art der Behandlung, die 
sie erfordern, auseinandergesetzt. ' Doch giebt es noch viele 
dunkle Funkte auf diesem Gebiet- Man weiss freilich, das s unter 
gewissen Verhältnissen eine Lähmung durch eine gewisse Vor- 
stellung erzeugt und durch eine entgegengesetzte zum Ver- 
schwinden gebracht werden kann, aber wie viel Mittelglieder 
fehlen nicht zwischen diesen beiden Endgliedern der Kette! 
Es ist dies unzweifelhaft ein Gegenstand, der viel an Klarheit 
und Schärfe der Umrisse gewinnen würde, wenn es gelänge, 
ihn e iner experimentellen Untersuchung zu unterwerfen. 
*^ /^._,.— Nun, meine Herren, es ist allerdings möglich geworden, 
// bei dem Studium solcher Fälle das Experiment herbeizu- 
/ / ziehen, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, und zwar 
verdanken wir dies den neuerdings ftir die Wissenschaft er- 
rungenen Kenntnissen über die hypnotische Neurose, Wir 
wissen — es sind das heute bereits allgemein bekannte Dinge — , 
dass es möglich ist, bei einer in den hypnotischen Zustand 
versetzten Person durch „Suggestion", durch Einredung oder 
Eingebung, eine Vorstellung oder eine zusammenhängende 
V o rste 1 hl ngs reihe in's Leben zu rufen, die sich dann wie ein 
Parasit im Geiste der betreffenden Person festsetzt, der 
Beeinflussung durch alle anderen Vorstellungen unzugänglich 
bleibt, und sich auch durch entsprechende motorische Acte 
nach aussen kundgeben kann. Man begreift nun, was geschehen 
wird, wenn die bei einem derartigen Versuch eingegebene 
Vorstellung die einer Lühmnng ist; es wird eine wirkliche^ 
Lähmung zu Stande kommen und wir werden sehen, dassi 
dieselbe oftmals ebenso scharf ausgeprägte klinische Charakterfti 
zeigt, als wenn sie von einer destructiven Läsion der Gebira< 
Substanz herrUhren würde, leb will sofort daran gehen. 

' R. Reytloldfl, ReinarkB on psralyaia and other disorders of motio: 
snd »enHaliim dépendant un Idca, read ta tho inprlicut section at the innnl 
meeting o( the british medieal »sKuclation. Lccila, JqI; 1869. In Britiik'fl 
ffiedicBl Juurnal, Nor. 1869. 



n 



». > ( 

— 375 — 

Behauptungen zu reclitfertigen, indem ich vor Ihren Augen 
solche „Buggerirtö" Lähmungen erzeuge, die wir mit Fug 
und Recht als Typen filr die psychischen Lähmungen an- 
nehmen dürfen. 

Vorher will ich Ihnen nur noch eine gewisse Anzahl von 
Thatsachen in's Gedächtniss zurückrufen, die Sie sicherlich 
bereits aus unseren früheren Untersuchungen kennen.' Sie 
müssen dieselben gegenwärtig haben, um das Folgende zu 
verstehen. Ich will also zunächst daran erinnern, dass in der 
„lethargischen" Phase des sogenannten „grossen Hypnotismus" 
die geistige Stumpfheit der Verauclisperson in der Regel eine 
so vollkommene ist, daas es unmöglich wird, sich mit ihr in 
Verkehr zu setzen und ihr durch irgend ein Vorfahren eine 
Vorstellung beizubringen. Das gilt nicht mehr für die beiden 
anderen Stadien des Hypnotismus. So kann man während der 
> Katalepsie — ich spreche hier nur von der echten Katalepsie 
in dem von mir beschriebenen Sinne — mit Leichtigkeit 
gewisse Suggestionen hervorrufen, und diese sind wegen ihrer 
Einfachheit und ihrer geringen Neigung, sich zu verallgemeinern, 
der Erklärung verhäitnissmässig leicht zugäuglich. Es ist offen- 
bar die richtige Methode, im Studium der hypnotischen 
Suggestionen von dieser Periode auszugehen. Der geistige 
Schlaf besteht hier noch wie in der vorigen Phase, aber er 
ist weniger tief und weniger allgemein geworden; es ist in 
der That möglich, in dem Organe ein gleichsam theilweiaes 
Erwachen der psychischen Thätigkeit zu 'bewerkstelligen. Man 
kann hier nun eine Vorstellung oder eine durch frühere 
Association verbundene Vorstellungsreihe wecken, aber die in 
Thätigkeit versetzte Reihe von Vorstellungen bleibt strenge 
isolirt, es knüpft sich nichts weiter an sie, der von aussen 
erfolgende Anstoss setzt keine anderen Elemente mehr in 
Bewegung; alles Uebrige verbleibt vielmehr in seinem Schlafe. 
Die suggerirte Vorstellung oder Vorstellungsreihe ist so in 
ihrer Vereinzelung von jeder Beeinflussung geschützt, welche 
die zahlreichen, seit langer Zeit angehäuften und verarbeiteten, 
der Person eigenthümlichen Vorstellungsraassen, die das eigent- 
liche Bcwusstsein, das „Ich" darstellen, auf sie äussern 
könnten. Und dies ist der Grund, weshalb die Bewegungen, 
welche diese unbewuasten psychischen Vorgänge nach aussen 
projiciren, durch einen automatischen, sozusagen rein mechani- 
schen Charakter ausgezeichnet sind. Wir haben es wirklich 

■ J. M. Charaot, Es^ai rViine diatincljon nososrftpbiqne des divers 
ititn nerveux compris aoas le nom d'hyptiQtiiiniP. Note com. k l'Ac^aiIént ie 
des sciences, 1883. — Id. LeiLoni dioiclie redalte dal D"* D. M i I i o U i. Siille 
parAlisi psiahiche, pag. 1U3, 110. Uilano 183G. 



k 



— 276 — 

mit dem l'homme machine in ail seiner Einfachheit, wi 
De la Meth-Ie ersonnen hat, zu thiin.' 

-lu diesem kataleptiachen Zust.ind giebt es bei der Mehr- 
zahl der hypnotisirten Individuen nur einen einzigen Weg, 
auf dem man sich mit ihnen in Verkehr setzen kann, nämlich 
die Anregung des Mnskeîsiiinea. Nur durch die Geberde 
und die Stellung, die wir der Hypnotisirten geben, können 
wir eine Vorstellung in ihr wachrufen. Schliesst man ihr 
z, B. die Fäuste zur Drohung, so sieht man, wie sie das 
Haupt nach rückwärts wirft, und wie Stirne, Augenbrauen 
und Nasenwurzel von Fulten, die ihr einen drohenden Aus- 
druck geben, besetzt werden. Nähert man im G-egentheile 
ihre ausgestreckten Finger ihrem Munde, so öffnen sich die 
Lippen, ein Lächeln tritt auf, und das Gesieht nimmt einen 
freundlichen Ausdruck an, der im entschiedensten Gegensatz 
za der eben vorhin getragenen Miene steht. Nachdem man so 
den Eiufluss der Geberde auf den Gesichts au s druck erkaunt 
hat, kann man, wie ich's in Gemeinschaft mit Herrn Richer 
gethan habe, auch die Wirkung der Physiognomie auf die 
Geberde studiren. * Die Erscheinungen, die dabei auftreten, 
wenn man nach den wertbvollen Angaben von Duchenne (de 
Boulogne) die verschiedenen, dem Gesichtsausdruck dienenden 
Muskeln elektrisch erregt, miiss man ebenfalls auf den Muskel- 
sinn zurückfuhren. Bringen wir bei unserer Versuchsperson 
z. B, den oberen Kreismuskel der Lider (den Muskel des 
Zornes nach D. de B.) 7,nr Zusammenziehung, so sehen Sie, 
■wie sich in der Miene die zornige Erregung ausprägt, und 
gleichzeitig nimmt der rechte Arm eine Angriffs-, der linke 
eine Abwehrstellung an. Wenn wir im Gegentheil den 
M- zygomaticus major (Lachmuakel nach D. de B.) erregen, 
80 ändert sich der Gesichtsausdruck, wie die allgemeine 
Körperhaltung in der Weise, wie es dem Lachen entapricht. 
Ich darf diese Erscheinungen jetzt nur flüchtig behandein, da 
ich Sie, wie schon gesagt, bereits vor langer Zeit mit den- 
selben bekannt gemacht ha.be. ^ Worauf ich beute ganz be- 
sonders Ihre Aufmerksamkeit lenken will, ist der Umataai' 



< De la Mcttrie, L'hoinniB mnchi 
Amnterdfim 17Ë(i. Vergl. nucli tom. II, I. 

'' J. M, Cliarcot and P. Richer, Note on oertnio facta of cerebral 
atitornntlsm e\e. Sa)rgcation b/ tlie muscalnr ni<nac. — .lournsl of NerToai 
nnd montnl lÜsesse«. Vol. X, ïl' 1, Jannary 1883. — Vergl. auch Bert» 
pBjcho-pliysiologiqnea. In Roi/ue ])lii]oBopliiqne, pag. !44, 



N" , 



März 

= J. M. Ch; 






Clin 



che I. 



liflg. 1 




daas jeder in solchem Falle veriiiittelst clea Muskelaiüuee 
erweckte Eindruck auf sich aelbst beschränkt bleibt, ohne in 
weitere psychische VerknüpfuEgen einzugehen, sozusagen starr 
während eines Zeitraumes verharrt, der nur durch die Dauer 
der MuekeUction bestimmt ist, welche die Extremitäten in der 
künstlich erzeugten ausdrucksvolle-Q Stellung erhält. 

Wir kommen jetzt zur dritten, sogenannten „soinuaiuhulen" 
Periode, die uns bei unseren heutigen Studien allein be- 
schäftigen wird. Hier handelt es eich nur um einen Zustand 
von psychischer Trübung, von mehr oder minder ausge- 
sprochener Betäubung. Das durch die Suggestion hei'vorgerufene 
Krwaehen bleibt allerdings auch hier ein partielles, aber die 
Anzahl der zur Thätigkeit kommenden Elemente ist minder be- 
achränktals im vorigen falle, und es kommt häuEg zu einer Aus- 
breitung der geweckten psychischen Thätigkeit, die bedeutend 
genug sein kann, um eine gewisse Neigung zur Wiederher- 
stellung des Ich'a gewähren zu lassen. Auch kann mau hier 
häufig sehen, dasa sich ein gewisser Widuratiind von Seiten 
der bypnotisirten Person gegen die SuggeaHun, die „Einredung", 
geltend macht. Sie giebt zwai' in »lien Fällen nach und fugt 
sich, wenn man nur einigermaasen auf der Suggestion besteht, 
aber es geht doch nicht immer ohne vorherigen Kampf ab. 
Dazu kommt folgerichtig, dass die aus den auggerirten Vor- 
stellungen entspringenden Bewegungen häutig sehr coraplicirter 
Natur sind; sie zeigen nicht mehr den Charakter jener 
mechanischen Bestimmtheit wie in der vorigen Periode, sondern 
gestalten sich vielmehr willkürlichen, mehr oder minder vor- 
bedachten Handlungen bis zur Verwechslung ähnlich. 

-' In dieser somnambulen Periode stehen übrigens alle Sinne 
offen, und man darf behaupten, dass, wenn das Bewiisstsein 
auch getrübt ist, die Empfänglichkeit für mitgetheilte sinnliche 
Eindrücke sich eher gesteigert zeigt. Es wird demnach sehr 
leicht, sich durch mannigfache Verfahren in Verkehr mit der 
hypnotiairten Peueon zu setzen. Reicht man ihr einen Gegen- 
stand mit der gehörigen Nachdrücklich keit, ao wird der ein- 
fache Anblick desselben genügen, in ihr eine gewisse Jlcnge 
von Vorstellungen, die auf den Gegenstand Bezug haben, zu 
wecken, und diese Vorstellungen werden sieh gewissermaaseu 
mit zwingender Gewalt durch entsprechende Handlungen ver- 
wirklichen; oder spiegelt man ihr durch passende Geberden 
die Existenz eines Gegenstandes, etwa eines Thieres, im 
Räume vor, so erhält dieses Thier, diese vorgespiegelten Gegen- 
stände, für die Hypnotische eine wirkliche Realität, welche 
die entsprechenden Vorstellungen und Bewegungen auslöst; 
endlich — und dies ist die vollkommenste Methode — kann 




i die. Suggestion mit Bilfe dei- Rude erzeugen, 



Rede allein oder, noeli ln-t 



Die 



a Andt:iuiiiii;i;u 



. Geberden begleitet. 



1 genügen, meine 



Hei 



3 Erinnerung daran aufzufriacbeaj 
welches die wiühtigsten Charaitere der hypnotiscben Suggestion 
in der somnambulen Periode sind, und Sie verstehen zu lassen, 
dass unsere Macht auf diesem Gebiete keine Schranken ândet, 
denn wir können ju unsere Beeinflussung last in's Unendliche 
variiren lassen. Sie werden auch nicht mehr überraaoht sein, 
zu sehen, dasa, wenn ich einer somnambulen Person die Vor- 
stellung einer Erkrankung, etwa einer motorischen Lähmung 
in einer Extremität eingebe, diese Luhriiung sieb tbatsächliuh 
greifbar ausbildet, und sich uns so ftir unsere klinischen 
Untersuchungen zur Verfügung stellt. 

Ich will noch hinzufügen, was mir eine im büchaten Gr. 
intéressante Tbatsacbe scheint, dass wir an dieser von ui 
durch Suggestion erzeugten Lähmung nach Belieben die Intenaiti 
und selbst bis zu einem gewissen Grad deren klinische Eigen- 
thümlicbkeiten abändern können, encilich dass wir vermögen, 
sie gleichfalls durch Suggestion zum Verschwinden zu bringen. 
Man sieht nun leicht ein, dass das Studium dieser künstlich 
erzeugten Lähmungen dazu berufen sein mag, ein neues Licht 
aiif die ganze Gruppe der paychischen Lähmungen zu werfeni 

Nach dieser Einleitung wollen wir zur Demonstration ilbei^j 
gehen. Dieses junge hysterische Mädchen, Namens Greutz 
das ich Ihnen hier vorstelle, ist mit einer vollkommenen, ganz 
typischen Hemianästbesie der linken Seite behaftet. Dagegen 
besteht rechts bei ihr keine merkliche Sensibilitätastörung, 
und wir werden auf dieser Seite leicht beobachten kOnnen, 
welche Störungen die Sensibilität in ihren verschiedenen Arten 
erleidet, wenn wir daselbst Störungen der Beweglichkeit hervor- 
rufen, leb will nebenbei bemerken, dass diese junge Kranke 
erst vier oder fünf Mal hypnotisirt worden ist, dass bei ih» 
also nicht jene Art von Schulung in Betracht kommt, die sich 
in der Kegel bei häufig hypnotiairten Personen ausbildet. Ich 
kann Ihnen übrigens die Versicherung geben, dasa die Er^ 
scheinungen, welche Sie beute mit ansehen werden, h 
Versuch in genau derselben Weise aufgetreten sind. 

Wir machen Greutz . . . somnambul durch einen leichti 
während einiger Seciinden fortgesetzten Druck auf die beiden 
Augen. Die eigenthümlicbe Starre der Glieder, welche, wie Sie 
sehen, nach leichten Berührungen von deren Oberfläche eintritt, 
oder selbst durch ein Wehen mit der Hand aus der Entfernung 
erzeiigt wird (die somnambulische Contractur), ist, wie Sie 
wissen, ein somalisches Kennzeichen, welches uns verbürgt, 



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V _ 279 — 

Rflaes der Schlafzualand wirklicli lieryeslellt iüt. Um oun die 
ErscIieiiiungüD, welcliü wir stmiireu wollen, lier vorzurufen, 
stelle ieh mtuii eo an: Ich verkünde ihr mit lauter Stimme, 
im Tone der vollsten Ueberzeugung: „Deiu rechter Arm, ist 
gelähmt, du kiiimat ihu ;iu kiiiner Stelle mehr bewegen, er hängt 
BiihlalT herunter u. s. w." Wir sehen nun, dass sie eich dagegen 
auflehnt. ' „Nein," sagt sie, „Sie irren sich; mein Arm ißt nicht 
gelähmt, keine Spur davon; sehen Sie, wie ich ihn bewegen 
kann" ^ und in der That bewegt sie ihn, aber sehr schwach. 
Nun beharre ich darauf und wiederhole eine gewiöac Zahl 
von Malen meine erste Behauptung, immer im Tone einer 
gebietenden Versicherung. Nach einigen Minuten des Hin- 
und Herredens ist, wie Sie sehen, die Lîihmung in der That 
eingetreten. Wir haben wirklieh eine brachiale Monoplegie vor 
uns, deren klinische Charaktere wir nun sorgialtig feststellen 
wollen. Vielleicht dass dieselbe Berührungspunkte mit den 
Monoplegien bietet, die wir in den beiden letzten Vorlesungen 
an unseren hysterischen Männern Forcen . . und Pin . . . beob- 
achtet haben. In diese Untersuchung wollen wir nun eingehen. 

Die motorische Lähmung, die wir bei Greutz . . durch 
Eingebung erzielt haben, ist, wie Sie selbst featatellen können, 
eine vollkommene, absolute. Der rechte Arm hängt als Ganzes 
an der Seite dea Rumpfes herab, ohne Spur von Starre in 
den Gelenken. Er fällt wie ein schwerer Körper nieder, 
wenn man ihn für einen Augenblick aufhebt und dann sich 
selbst überlässt. Die Kranke kann den Arm in keiner Weise 
bewegen, auch den Vorderarm weder beugen noch strecken, 
und das Gleiche gilt für Handgelenk und Finger; jede will- 
kürliche Bewegung ist also an diesem Gliede aufgehoben, 
ebenso wie jeder Wiederstand gegen passive Bewegungen. 
Kein Muskel, wiederhole ich, zeigt den mindesten Grad von 
Zusammen Ziehung, ti'otz aller Anstrengungen, welche die Person 
auf unsere Aufforderung macht. 

Andererseits ist die eben noch normale Empfindlichkeit im 
ganzen Gliede vollkommen geschwunden; Sie köuuen selbst 
feststellen, dass die Anästhesie die Schulterwölbung und einen 
Theil der Brust der rechten Seite miteinbezogen hat. Dieselbe 
betrifft ausserdem nicht allein die Haut, sondern auch die tiefen 
Theile, nämlich Muskeln, Nervenstämme, Bänder u. dgl. Man 
kann, wie Sie sehen, die verschiedenen Gelenke in der rück- 
sieb ts losesten Weise zerren oder verdrehen, die Nervenaläm 
und Muskeln faradisiren, bis man die kräftigsten Contractionen 




^ 



In den letatcren aiiagelüst hat, und das alloa, uhnc die j-tM-mgale 
äpur einer scluaerzbaften Empfindung oder einer Empfindung 
überhaupt zu erzielen. Ausserdem sind die Sehnenreâexe 
am Handgelenk und am Ellenbogen seht' erheblich heralj- 
gßsetzt. 

Was nun den MnakeFsinn betrifft, von desaen ün-- 
veraebrtheit ich Sie vor unserem Verauehe zu überzeugen 
Sorge trug, so sehen Sie, dasa er jetzt gänzlich aufgehoben 
iat- Wenn wir einen Sehirm vor die Augen der Kranken 
bringen, iat sie ganz und gar unfHhig, mit ihrer linken Hand 
. irgend eine angegebene Stelle des rechten Armea zu treffen, 
und sie hat keine Ahnung von den Bewegungen, die wir in 
den verachiedenen Gelenken dieses Gliedes vornehmen. 

Kurz, wir haben eine vollkommene monoplegiacho Lähmung 
vor uns, auagezeicbnet durch die unbedingte Erschlaffung der 
gelähmten Theile, eine Anäatbesio der Haut und tiefen Theile 
in der ganzen Ausdehnung des Gliedes und selbst über dieaes 
hinaus, eiue Abschwächung der Sehuem-eflexe, und endlich 
durch den gänzlichen Verlust des Muakelsinnes, Diese klinischen 
Merkmale, meine Herren, sind, wie Ihnen gleich einfalli 
musB, genau die nämlichen, welche wir bei unserem Kranki 
Pin . . ., zur Zeit seiner Aufnahme auf unsere Klinik, beobachten 
konnten, und welche wir noch heute bei Forcen . . beob- 
achten können, nur mit dem einen offenbar untergeordnetem^ 
Unterschiede, daas bei dem Letzteren die Beweglichkeit wie dis'i 
Empfindung in den Fingern erhalten ist. 

Meine Herren, das sind ja unstreitig bereits werthvoll© 
Aufschlüsae. Aber es ist uns ermäglicht, die Analyse noob' 
weiter zu treiben. Anstatt das Glied als Ganzes mit einem 
SiilJage au lähmen, wollen wir es theilweise, Abschnitt für 
Abschnitt, paralyaiiun, und dieaes schrittweise Vorgehen wird 
uns, wie Sie sehen werden, eine noch tiefere Einsicht in die 
Natur dieser Phänomene verschaffen. 

Um daa zu thuu, müsaen wir zuerst unsere Kranke — gei 
stalten Sie mir di-n Ausdruck ^ „deparalysireu". Wir er? 
reichen dies, wenn wir die Wirkung der ersten Eingebung, 
durch eine neue, im entgegengesetzten Sinne gehaltene auf- 
heben. Ich versichere also Greutz . ., daas ihr Arm nicht mehr. 
gelähnii ist, dass sie ihn neuerdings so bewegen kann, wii 
es vorliiu konnte. Sie sehen, nach einigen Minuten Hin- und 
Widerrede ist der Arm wirklich zum Zustande der Norm 
zurückgekehrt, sowohl was seine Beweglichkeit, als auch was 
seine Empfindlichkeit in allen ihren Arten betrifft. 

Nun können wir erst daran gehen, wie wir 
genommen haben, sohnttwciae jeden einzelnen Abi 



I 

uns vor-^^^H 
bschnitt det^^^l 



— 281 ~ 

GliedeB in Lälimuiig zu vereetseii Zuiiä(;hat gebe ich der 
Kranken die Vorstellung ein, dasB sie ihr Sclmltergelenk nicht 
mehr bewegen kann, und in der That, sie kann es in keinem 
Sinne mehr bewegen, während sie die anderen Gelenke, näm- 
lich EUhügeu-, Hand- und Fingf^rgelenke frei bewegt. Ausser- 
dem ist an der ganzen Partie, wo die Bewegung aufgehoben 
ist, und zwar nur an dieser — beachten Sie wohl — die 
oberääcbliche und tiefe Empfindlichkeit erloschen. Stiebe, 
faradiscbe Reizungen u. dgl. werden an der ScbulterwÖlbung 
nicht mehr wahrgenommen, Verdrehungen und Zerrungen selbst 
gewaltsamer Natur, denen ich das Gelenk zwischen Schulter- 
blatt und Oberarm unterwerfe, rufen keinen Schmerz, keine 
Empündung hervor, und endlich musB ich noch sagen, dass 
jille Vorstellungen, welche der Muakelainn von passiven, mit 
diesem Gelenk vorgenommenen Bewegungen liefert, gänzlich 
verloren gegangen sind, 

Ea wird, wie Sie gleich sehen werden, nicht ohne Interesse 
sein, Ausdehnung und Begrenzung der Anästhesie, die wir 
eben erkannt haben, au bestimmen (Fig. 15, 16 A). Die un- 
empfindliche Zone hat gewisaeruiasaen die Form eines Ab- 
guesea der Schulter und erinnert an die Sehulterstiieke der 
Rüstungen aus dem XVI. Jahrhundert, die zum Schutz dieser 
Gegend bestimmt waren. Die Linie, welche die Anästhesie 
begrenzt, beginnt oben an der Basis der Halsgegend, reicht 
nach vorne bis nahe an den rechten Sternalrand, siihliesst das 
obere Dritttbeil der Brust ein und richtet sich dann schräg 
nach aussen gegen die Achselhöhle, die sie ganz einbezieht, 
wobei sie sich noch vier oder fünf Querfinger weit in die 
seitliche Tboraxgegend, die der Achselhöhle zugewendet ist, 
fortsetzt. Hinten (Â) nimmt sie einen fast verticalen Ver- 
lauf und erstreckt sich von der Basis des Halses bis drei 
oder vier Querfinger oberhalb des Schulterblatt wink eis; in 
qnerer Richtung steht sie etwa fUnf Querfinger von den Dorn- 
fortsätzen ab. Der Oberarm ist fast ganz in die anäathetiacbe 
Zone einbezogen, die, um den eben gebrauchten Vergleich 
festzuhalten, ihn mit einem vollständigen „Armatück" zu um- 
geben scheint. Ich mache Sie besonders auf die eigenthUmliche 
Art und Weise aufmerksam, wie sich der anästhetische Bezirk 
nach unten hin abgrenzt. Sie seiien, dass die Linie, welche 
wir durch zahlreiche und nahe aneinander angebrachte Stiche 
mit der Nadel abstecken, einen sehr achönen Kreis ergiebt, 
der eine gedachte, auf die Längsachse des Gliedes senkrecht 
stehende, horizontale Ebene bestimmt, welche vorne ungefähr 
zwei Querfinger oberhalb des Ellbngenbugs und hinten ober- 
halb des oberen Endes vom Olekranon gelegen ist. 




— 282 — 

Dieser anasthetiscbe Bezirk entspricht also einer isolirteD' 
Lähmung der Schulter. Wir wollen nua sehen, wie sich die 
Verhältnisse ändern, wenn wir auf demselben Wege der 
Suggestion, tten wir vorbin eingeschlagen haben, nun eine 

Fig. 45. Fig. 16. 






AnästliBBls bei aegmentireisa soggerirtor Lälimuiig des Ai 



Lahmung der Bewegungen im Ellbogengelenk herbeiführen. 
Sogleich, nachdem die Lähmung für dieses Grelenk vollständig 
hergestellt ist, sehen Sie den an ästhetischen Bezirk nach unten 
hin sich ausdehnen; er schtiesst jetzt nicht nur Schulter und 
Oberarm, sondern auch Ellbogen und Vorderarm eio, und 



^ 



9eine untere Grenze wird wieder von einer horizontalen Kreis- 
linie gebildet, die ungefÄlir zwei Querfinger über dem Hand- 
gelenk liegt, und autih dicemal, worauf Sie besonders achten 
mögen, eine zur LUng^s.achse dea Gliedes senkrechte Ebene 
heHtimmt (Fig. 45 und 16 S, B). 

Gehen wir zum nächsten Segment, zum Handgelenk, über. 
Auch hier bedarf es nur einer neuen Suggestion, die der 
früher gebrauchten gleiuhlautet, um die Lähmung zu erzielen, 
und jetzt kann die Person weder im Schulter-, noch im Ell- 
bogen-, noch im Handgelenk sieh bewegen, nur die Finger sind 
noch frei beweglich. Die untere Grenze der Anästhesie ist 
dem entsprechend um ein Stück weiter hinaus gerückt. 
(Fig. 45 und 46 C, C)- Wir kilnneo nun feststellen, dass diese 
Grenze jetzt durch eine Linie gebildet wird, welche vorne die 
Hand etwa im Bereich des Metakarpophalangeal-Gelenkes vom 
Daumen fast quer durchsehneidet; am Handrücken reicht die 
Grenze aber ein gutes Stück weiter herab, sie bleibt nur um 
einige Millimeter von der Linie, welche die Köpfchen der 
Mittelhandknochen vereinigt, entfernt, und trifft am KUcken 
des Daumens in das Gelenk zwischen den beiden Phalangen 
desselben (Fig. 45, 46 D, D). 

Sie sehen, meine Herren, auf was ich hinauskommen 
wollte. Es ist Ihnen ohne Zweifel schon aufgefallen, dass die 
Lähmung, welche wir, bei Greutz . . durch aufeinanderfolgende 
Suggestionen erzielt haben, bis in die kleinsten Einzelheiten 
die klinischen Eigenthüralichkeiten der bei unserem Kranken 
Forcen . . beobachteten Monoplegie wiederholt. In beiden 
Fällen betrifft die motorische Lähmung dieselben Abschnitte 
dea Armes, Schulter, Ellbogen und Handgelenk, während die 
Fingerbewegungeu ganz frei geblieben sind; und in beiden 
Fallen besteht in ganz gleicher Weise, im ganzen Gebiet der 
Lähmung, Anästhesie der Haut und der tiefen Theile und 
Verlust der Vorstellungen des Mnskelsinnes, während die 
Finger, welche ihre Beweglichkeit erhalten haben, auch von 
Sensibilitätsstörungen frei sind. Die Nachahmung, die wir 
erzielt haben, ist in der That eine vortreffliche, sie erstreckt 
sich, sage ich nochmals, bis auf die kleinsten Einzelheiten. 

Sie werden sich davon überzeugen, wenn Sie einen Blick 
auf die beiden Schemata, die ich Ihnen vorlege, werfen, 
um die Abgrenzung des an ästhetisch en Gebietes bei unserer 
Hypnotisirten mit der bei unserem Kranken Porcen . . zu ver- 
gleichen. Sie sehen, diese Bezirke haben genau die gleiche 
Ausdehnung, die gleiche Gestalt; ich möchte fast behaupten, 
dass man sie zur Deckung bringen kann (Fig. .47 und 48, im 
Vergleich mit Fig. 49 und 50). 



k 



— 284 — 

Das ist nun gewiss höchst bemerkenswerth ! Wir wollen aber 

weiter gehen und die Monoplegie bei Greutz . - vervollständigen, 

indem wir eine Lähmung der Finger suggerircu. Auf diese 

erfolgt, wie Sie sehen, sofort ein Verschwinden der Sensibilität 

Fig. 47, Fig. 48. 





Anäatbesie bei PoruüU . , 

der Finger in allen ihren Arten, so dass die künstlich erzeugte 
Lähmung jetzt in allen Stücken, sowohl was die Bewegungs- 
störungen als auch was die Anästhesie anbelangt, wieder die 
Form angenommen hat, die sie bei unserem ersten Versuch 
hatte, das heisst, aie deckt sich jetzt ganz mit der Monoplegie, 




Kranken Pin . . . beobachten konnteu 

(Flg. 51, 52). 

Wir haben also bei unserer Hypnotisirten mit 
Hilfe der Suggestion künstlich eine täuschend ähn- 
liche Nachahmung der Monoplegie erzeugen können, 



Fig. 40. 



Fig. 60. 





iggeBtio 



sugte Anüstbe! 







welche bei uneeren beiden Männern durch einen an- 
scheinend ganz verschiedenen Mechanismus, durch 
eine traumatische Einwirkung zu Stande gekommen ist. 
Ich will das eigentliche Ziel, <las wir in dieser Reihe von 
Yorlesungen zu erreichen streben, nicht uus den Äugen lassen 



k. 



— 286 — 

und werde deshalb sogleich wieder auf die wichtigen Resultata 
aurilckkommen, in deren Besitz wir eben gelangt sind. Ich 
will Sie jetzt nur zu Augenzeugen einer gewiaaen Anzahl von 
Thatsachen, die sich auf die hypnotische Suggestion beziehen, 
machen, um die, welche wir bereits gesammelt haben, besser 
in Ibrer Vorstellung zu befestigen, und um Sie zu überzeugen, 
dasa diese Verhältnisse nicht etwa zufällige, in den apeciellen 
Eigenheiten eines in seiner Art einzigen Individuums begrün- 
dete sind, sondern daas wir vielmehr die Macht haben, die- 
selben Erscheinungen bei einer Reihe von Personen in genau 
der nämlichen Form hervorzurufen. Zunächst will ich mich 
bemühen, die künstlich erzeugte Lähmung bei Greutz . . zu beben, 
und zwar Segment für Segment in Angriff nehmen, wie icb's 
eben that, als es sich darum handelte, die Lähmung zu er- 
zeugen. Nur dase ich diesmal in entgegengesetzter Richtung 
vorgehe, d, h. ich beginne mit der Hand, dann kommt die 
Reihe an's Handgelenk, dann an den Ellbogen und zuletzt 
an die Schulter, Bei jedem Tempo dieses Herganges werden 
Sie von neuem die Ausbreitung der Anästhesie feststellen 
können, welche der motorischen Lähmung der einzelnen 
Segmente entspricht. Nun will ich die ganze Reihe von Er- 
scheinungen, welche wir an der Greutz . . erzeugt haben, bei 
einer anderen Hysterischen, Namens Mesl , . , wiederholen. 
Mesl . . ist rechts anästhetisch, wir müssen also am linken 
Arm arbeiten. Die Erfolge, die wir erzielen, sind, wie Sie sehen, 
ganz mit den bei Greutz . . beschriebenen übereinstimmend, ich 
will mich darum nicht länger dabei aufhalten, ich will nur 
noch anfahren, dasa wir ganz das Nämliche bei mehreren 
anderen mit einer Hemianästbesie behafteten Hysterischen der 
Klinik erreichen könnten, die wir in den letzten Tagen darauf- 
hin untersucht haben, und die ich Ihnen vorstellen könnte, 
I die Zeit es mir gestatten würde. Wenn wir bei solchen 
Personen die nicht anästhetische Extremität auf dem Wege 
der Suggestion lähmen, stellt sich neben der Lähmung jedes- 
mal Verlust der Empfindlichkeit in der Haut und in den tiefen 
Theilen, sowie Verlust des Mußkelsinnes und eine Herabsetzung 
oder Aufhebung der Sehneni-eflexe ein, und zwar in allen von 
der Lähmung betroffenen Abschnitten des Gliedes. ' Man kann 
jedoch — ich lege Gewicht auf diesen Punkt selbst bei 
den Hysterischen mit Heinianfistheeie die Lähmung allein ohne, 
Begleiterscheinungen von Seiten der Sensibilität erhalten. Es.l 
genügt zu dem Zwecke, der Versuchsperson, während man diel 



4 
n 





— 287 — 

gestion vornimmt, gleichzeitig einzureden, dass nur die Be- ' 
;ung leiden, nnd dass die Emptindlicfakeit unversehrt bleiben 
], wie wir dies mehrmals gethnn haben. Ich möchte mich 
it einer voreiligen Verallgemeinerung auf Grund von noch 



Fig. 51. 




Fig. 63. 



Anäatliesie bei Pin. .. 

ffenig zahlreichen Versuchen schuldig machen, aber ieh glaube 
doch hervorheben zu sollen, daas ich diese Moditîcation noch 
niemals bei Hysterischen mit einer Hemianästbesie angetroffen 
habe, denen ich schlechtweg eine motorische Lähmung sugge- 
rirte, ohne der Empfindlichkeit Erwähnung zu tbun. Ich v 




— 288 — 

bis jetzt auch nicht, was in ähnlichem Falle bei Hysterischen, 
die keine Hemianästhesie haben, geschehen würde. 

Nun genug über diesen Punkt; ich kehre zum Haupt- 
gegenstand unserer heutigen Studien zurück. Sie haben wohl 
die Ueberzeugung gewonnen, dass die Monoplegie bei unseren 
beiden Männern Pin . . . und Porcen . . nicht blos Berührungs- 
punkte mit jenen Monoplegien hat, welche wir bei unseren 
Hysterischen absichtlich erzeugen konnten, sondern dass sie 
sich, was ihre klinischen Merkmale anbelangt, ganz und gar 
mit denselben deckt. Motorische Lähmung mit Entspannung 
der gelähmten Partien, Unempfindlichkeit der Haut und der 
tiefen Theile, Abgrenzung der Anästhesie durch Kreisebenen, 
welche senkrecht auf der Hauptachse des Gliedes stehen, * 
Verlust oder Herabsetzung der Sehnenreflexe, Aufhebung des 
Muskelsinnes: dieser ganze Symptomcomplex ist in beiden 
Fällen in genau derselben Weise vorhanden. 

In einer Hinsicht ist jedoch auf einen Unterschied auf- 
merksam zu machen, der auf den ersten Blick ein tiefgehender 
zu sein scheint. Er bezieht sich, wie Sie errathen haben wer- 
den, auf die Entstehungsweise der Lähmung. Bei unseren 
beiden Männern ist die Lähmung, wie Sie sich erinnern, durch 
eine Gelegenheitsursache, wenn auch nicht durch ein Trauma 
im strengen Sinne des Wortes, so doch in Folge einer mate- 
riellen, mehr oder minder heftigen Erschütterung, welche die 
Schulter traf, entstanden, während bei unseren hypnotisirten 
Frauen die Lähmung auf eine Suggestion durch die Rede zu- 
rückgeht. Der Unterschied scheint wohl ein fundamentaler zu sein, 
meine Heri n, wir sind aber im Stande, ihn zum Verschwinden 
zu bringen Wir werden jetzt unsere Hysterischen von neuem 
in die Hypnose versetzen, um alle die Lähmungserscheinungen, 
die wir eben erzeugt hatten, nochmals hervorzurufen, aber 
diesmal nicht mit Hilfe einer Einredung, sondern 
indem wir ein Agens von derselben Art wirken 
lassen, wie es die Entstehung der Lähmung bei 
Pin . . . und Porcen . . verschuldet hat. Es handelt sich 
diesmal um eine Erschütterung der hinteren Schultergegend, 
die wir ganz einfach zu Stande bringen, indem wir mit der 
flachen Hand einen raschen, natürlich nur massig starken, 
Schlag gegen diese Partie führen. Der Erfolg dieses Eingriffes 
lässt, wie Sie sehen, nicht lange auf sich warten. Die Kranke 
fährt zusammen, stösst einen Schrei aus, und befragt, was sie 
verspüre, beklagt sie sich über ein Gefühl von Eingeschlafen- 
sein, von Schwere und Schwäche in der ganzen Ausdehnung 



^ Vergl. die Anmerkung zur einundzwanzigsten Vorlesung auf Seite 265. 



târ beti-effenden Extremität; es kommt ihr vor, als ob das 
vom Schlag betroffene Glied ihr nicht mehr angehöre, ihr 
fremd geworden sei. Fast unmittelbar darauf stellt sich auch 
die Lähmung her, erreicht sehr rasch ihre volle Höhe und 
stellt sich nun mit all den klinischen Merkmalen dar, die Sie - 
bereits kennen. 

So ist die Uehereinstimmung zwischen den beiden Reihen 
von Thatsachen, die wir hier einander gegenüberstellen, in der 
augenfälligsten Weise :mch noch in Betreff der Pathogenese 
vervollständigt worden. Allerdings war die Heftigkeit der Er- 
schütterung bei unseren beiden Männern — beim Kutscher, 
als er vom Bock herunterfiel, und beim Maurer, als er vom 
Gerüste stürzte, eine weit bedeutendere, aber dabei handelt 
es sich doch nur um eine quantitative Abstufung, nicht mehr 
um eine prineipieUe Verschiedenheit, und man darf sieb 
jetzt auf eine verschieden hohe Empi^nglichkeit der ein- 
zelnen Individuen berufen. Ich muss zwar hinzufügen, dass 
sich die beiden Männer weder im Augenblicke des Sturzes, 
noch auch später, zur Zeit, als die Lähmung eintrat, in dem 
Zustand des hypnotischen Schlafes befanden. Man darf sich 
aber bei diesem Anlasse die Frage stellen, ob der psychische 
Zustand, der sich in Folge der Aufregung, des nervösen 
Shouks, während des Unfalles entwickelt und denselben auch 
eine Zeit lang überdauert — ob dieser eigenthUmliebe Zu- 
stand bei veranlagten Personen, wie Pin . . . und Forcen . . 
unzweifelhaft sind, nicht gewissermassen die Hypnose, in welche 
wir unsere Hysterischen versetzen, aufwiegt?' Wenn wir uns 
auf den Boden dieser Hypothese stellen, dürfen wir annehmen, 
dass jene etgenthiimliche Empänclung in dem vom Schlage 
betroffenen Gliede, über die sich unsere Hysterischen beklagen, 
zur Vorstellung von einer Lähmung des Gliedes Anlasa giebt, 
und können ferner verrauthen, dass eine Empfindung der 
gleichen Art und Intensität bei den zwei hysterischen Männern 
in Folge des Sturzes auf die Schulter zu Stande gekommen 
ist, und bei ihnen dieselbe Wirkung wie bei den hysterischen 
Frauen gethan hat. In Folge der Trübung des Ichs, die in 
dem einen Fallo die Hypnose, in dem anderen, wie wir vor- 

' Wahrgcheialich liegt eilt ganz äbnliuhor MechaniamuB der Entstehung 
jener so iDaaDigfachen und oft so ha rtn h chicen aad dftuarhaften, aber doch 
niuht von organiachen Erkrankunifen ableitbaren, nervSsen Störungen mi 
Grunde, welche besonders von nuseren Collegen in England und Amerika 
unter dem Namen „Rnilna; Spino" und „BailwHij Biain" atudirt worden 
lind, leb habe derselbeu in einer früheren Vorlesung (der ichtEehnten dieser 
Sammlnng) Erwähnung getban, als ich die Bedeutoug materieller E räch Qtte- 
rungen für die Entwickelung hysterischer Eracheiniingen bei dazu veranlagten 
Personen, setbat MSnnern, betonte. 






19 



— '290 — 

ausBt^zen, der nervöse Shock mit eich bringt, wlirde mm diesï 
einmal aufgetauchte Vorstellung sich im Geiste der Kranken 
festsetzen, daselbst, jeder BeeinflusauDg enteogeu, erstarken und 
endlich mächtig genug werd.'n, um sich objectiv durch eine 
Lähmung zu verwirkliehen. Die fragliche Empfindung häl 
BO in beiden Fällen geradezu die Rolle einer Suggeati 
gespielt. 1 

Ich gebe Ihnen diese Deutung, meine Herren, für so 
als sie werth ist, ohne ihr eine iibergrosae Wichtigkeit beizu- 
legen. Ich halte sie aber in allem Ernst für würdig, einer 
genaueren Prüfung an zaTilreiclieren Beobachtungen unterzogen 
zu werden, üeberdies möchte ich Sie mit einer neuen That- 
sache bekannt machen, die mir gleichfalls zu ihren Gunsten 
zu sprechen scheint. 

Ea giebt Personen, und sie sind vielleicht zahlreicher als 
man glaubt, bei denen man die Mehrzahl sowohl der psychischen, 
als auch der somatischen Erscheinungen des Hypnotiamus 
im wachen Zustande beobachten kann, ohne dasa man nöthig 
hat, sie erst in die Hypnoae zu versetzen. Es scheint, dass 
die Hypnose, welche flir andere Menschen ein ausaergewöhn- 
licher Zustand ist, fUr diese merkwürdigen Geschöpfe den 
natürlichen, normalen Zustand darstellt, wenn man unter 
solchen Verhältnissen überhaupt noch von einem normalen 
Zustand sprechen darf. Diese Leute schlafen, gestatten Sie 
mir den Ausdruck, selbst wean sie ganz wach zu sein scheinen, 
sie gehen im alltäglichen Leben einher wie in einem Traui 
stellen die objective Aussenwelt und die Hirngespinnste, di 
man ihnen aufdrängt, in die gleiche Linie und unterscheid) 
nicht zwischen den beiden. Ich habe Ihnen eine Person 
dieser Art als Beispiel kommen lassen^ es ist die Urnen aus 
früheren Studien wohlbekannte Hysteroepileptische, Namens 
Hab . .^ Sie ist seit einer Reihe von Jahren mit .illgemciuer, 
vollkommener und unwandelbarer Anästhesie behaftet und 
ihre Anfälle entsprechen durchaus dem typischen Bilde. Sie 
sehen, bei dieser Kranken, die keiner hypnotisircndeu Procedur 



< Woa die Emiifiadimgea betrifft, d 

Der eine, Fin . . ., hat be[m Falle ftlr eii 
loreu, der andere, PorC-, veiBichert, bei 
keiner vau beiden kann uns gstiaiier i 
Unfalls und an den nai-Imtfüigieudi^ii Ta^> 
bat. Mao weisa aucli, dasa die llrpuotie 
nicbC die geriiiggte Keuntnisä von ileia h 
Schlafes vorgegangen ist, und ei 

matu il 



siub au das Ti-auma knöpfteii 
ünnern keine Auskunft bekomi 
n Âugenbliulf dus Bewiisatisin 
îea in nun g geblieben zu sein; aber 
geben, was er im Augenblick des 
: in dem betroffenen Glied verspUrt 
tau beim Erwaciion in der Regel 
ben, was mit ihnen während det 
wenn die Hypnoae koiue tiefe war. 
. [ti, Lez.XX, 




m 



unterworfen wurde, sich also im waclien Zustand befindet, 
könnenwir gleichzeitig die Contractur durch Druck auf diâMuskel- 
maasen, Sehnen oder Nerven stä m nie erzengen (Contraetur der 
Lethargie) sowie auch die katalep tische Gliederstarre in den 
mannigfachsten Stellungen, und endlich die eoninambuliache 
Contraetur durch leichtes Streichen der Haut oder durch 
Handbeweguagen auf Distanz. Â.lle diese somatischen Eigen- 
thtimlichkeiten finden sich bei dieser Person gewissermaasen 
vermengt, bestehen nebeneinander, ohne sich an gewisse 
Perioden zu halten, wie es für den grossen Hypnotismus 
Gesetz ist. Was iiber ihren psychischen Zustand betrifi^t, so 
wird er ufFenbar durch den Charakter der somnambulen 
Phase bestimmt. Wenn ich mich der Suggestion durch die 
Rede bediene liiid dieser, wie ich nochmals betone, nicht 
eingeschläferten Krauken versichere, dass ihr rechter Arm 
gelähmt ist, dass sie ihn nicht mehr willkürlich bewegen kann, 
80 sehen Sie sofort eine schlaffe Monoplegie eintreten, mit all 
den Eigenthünilichkeiten ausgestattet, die wir nun kennen ge- 
lernt haben; und ebenso reicht später die einfache Versicherung, 
dass sie den eben noch gelähmten Arm wieder bewegen kann, 
hin, um die Lähmung aufzuheben. Wenn ich endlich, und 
das ist der Umstand, der uns für jetzt hauptsächlich interesairt, 
jene Art von traumatischer Suggestion, die ich Ihnen vor 
einem Augenblick gezeigt habe, die in einem raschen Schlag 
,iif die Schulter besteht, zur Wirkung bringe, so sehen Sie, 
ie der Arm sofort von neuem der Lähmung verteilt. Dies- 
lal ist die Identität zwischen der absichtlich erzeugten und 
:er bei Pin . . . und Porcen . . durch ein Trauma hervor- 
gerufenen Monoplegie unanfechtbar, möchte ich glauben- Denn 
sowohl was die Symptomatologie, als auch was die Pathogenese 
betrifft, herrscht völlige oder fast völlige Uehereinstimmung; 
die Hypnose ist weder in dem einen noch in dem anderen 
Falte in Betracht gekommen; es ist alles im wachen Zustand 
geschehen. Ich glaube, das Beweisverfahren ist überzeugend 
genug, und es dürfte nicht häufig bei einer experimentellen 
Untersuchung in der pathologischen Physiologie gelingen, den 
krankhaften Zustand, dessen Studium mau sich zur Aufgabe 
gemacht hat, in getreuerer Nachbildung hervorzurufen. 

Die vorstehenden Betrachtungen, meine Herren, haben 
nicht nur einen rein speculativen Werth, wir haben vielmehr 
aus ihnen bereits gewisse praktische Folgerungen ziehen können, 
die sich uns besonders für die Therapie von einem gewissen 
Nutzen gezeigt haben. 

Unsere beiden Kranken Porcen . . und Pin . . . werden seit 
einigen Tagen einer planmässigen Behandlung unterzogen, über 



k 



— 292 — 

die ich einige Worte zu sagen habe. Diese Behandlung besteht 
in zweierlei Massnahmen. Wie iat zunächst eine gewisserinasBen 
indivectG, sowohl auf das Allgemeinbefinden als gegen die 
hjateriBche Diathese gerichtete. Pin . . . bekommt zweimal 
täglich eine allgemeine kalte Douche; Forcen . ., der die 
Douchen nicht vertragen konnte, nimmt dreimal wöchentlich 
ein Schwefelbad. Atisserdem werden Beide jeden anderen Tag 
mit statischer Elektricität behandelt. Diese letztere Einwirkung 
ist, wie Sie wissen, vorzugsweise dazu bestimmt, die Störungen 
der Sensibilität zu beeinaussen. Die Erfahrung hat uns seit 
langer Zeit gelehrt, dass in Folge der Anwendung der statischen 
Elektricität die Sensibilität bei den meisten Hysterischen mit 
Anästhesie wiederkehrt, und zwar zunächst nur zeitweilig, für 
einige Stunden etwa, dann im Masse, als die Zahl der Sitzungen 
steigt, ilir längere Zeit, z. B. für mehrere Tage, bis sie sich end- 
lich bei consequenter Fortsetzung dieser Behandlung bleibend 
wiederherstellt. Während dieser mehr oder minder beständigen 
Wiederkehr der Sensihilitä,t werden in der Regel auch die 
übrigen hysterischen Symptome, z. ß. die AnfUUe, in günstiger 
Weise beeinäusst oder selbst zum Verschwinden gebracht. ' 

Ich lenke aber Ihre Aufmerksamkeit vor Allem auf die 
andere Seite der von uns eingeschlogenen Behandlung. Die- 
selbe geht von der vorhin erörterten Annahme aus, dasa die 
Lähmung bei unseren beiden Kranken durch einen Mechanis- 
mus ähnlicher Art entstanden ist, wie er bei der Erzeugung 
der Lähmungen durch Eingebung in der Hypnose in Betracht 
kommt. ïMannigfache Versuche, bei diesen beiden Männern die 
Hypnose herbeizuführen, die im Falle des Gelingens unsere 
Aufgabe gewiss wesentlich erleichtert hätten, sind uns misa- 
glückt. Wir mussten uns also auf folgendes Verfahren be- 
schränken: Zunächst haben wir versucht und versuchen fort- 
während, auf ihre Vorstellung einzuwirken, indem wir ihnen 
aufs nachdrücklichste versichern, wovon wir übrigens selbst 
fest überzeugt sind, dass ihre Lähmung trotz ihres langen 
Bestandes keineswegs unheilbar ist, und dass sie Im Gegcntheil 
mit Hilfe einer geeigneten Behandlung sicherlich, vielleicht sogar 
in wenigen Wochen, heilen wird, wenn sie uns dabei be- 
hilflich sein wollen.^ Sodann werden die gelähmten Extremitäten 



1 J. M. Charcot, De l'emploi de l'électricité stntiqne en médecine. 
Conférence faite à l'hogpice de la SalpStriAre, le S6' Décembre 1680. !□ 
Revue de médecine 1881, tom. I, png. 147. 

3 Der EitiSusa der VoratelluQg auf die Bewegung, «agt Maudsle? 
(.Body and raind"), zeigt sieb in der pIStzlinben Heilung eiagebildeter 
(?) L^famungen, die in Felge einer energischen Aufforderung vor sieb 
gebt. Die Vorsteltang der Bewegung, iler Glaube daran, dasa sie er- 




^ 



— 293 — 

einer eigenthümlicKeD Gymnastik unterzogen, bei der man sich 
(1er noeli vorhandenen, allerdings sehr krai^losen Bewegungen 
bedient, und deren Kraft durch ein sehr einfaches Verfahren 
EU erhöhen sucht. Wir geben den beiden Kranken ein Dynamo- 
meter in die Haad und lassen sie dasselbe mit aller ihrer 
Kraft zusammendrücken, wobei wir sie aufmuntern, die Zahl, 
welche der Zeiger des Instrumentes an der Theilung angiebt, 
bei Jedem neuen Versuch zu steigern. Diese Uebung wird 
regelmässig drei- oder viermal zu jeder Stunde des Tages 
wiederholt. Doch rauss ich Ihnen dabei bemerken, meine 
Herren, dass man diese Uebungen weder zu lange nach ein. 
ander fortsetzen, noch allzu häuag vornehmen lassen darf- 
Wir haben in der That die Erfahrung gemacht, daas das 
Maximum, welches vom Zeiger erreicht wurde, wieder zurück- 
zugehen beginnt, sobald man die Uebungen zu weit treibt 
oder zu häufig wiederholt. Man muss also verstehen zu warten"; 
übergroases Drängen würde in. solchen Fällen nach meiner 
Ueberzeugung zur Ermüdung führen und den erwarteten Erfolg 
verzögern. 



folgen wird, vertritt in diesen FSUeii die Bawagnng seibat im p»ychi«chen 
Hechanismaa. B[a atellt den wirkiiamen NerTCngtroin dar, der, auf die be- 
Ireffenden Nerven gerichtet, in der Tiiat eine materielle Bewegung aualQst. — 
J. UDlIer hstte es Hiisges pro eben, äusa die Voratellung einer eeniaaeii Be- 
'en ÎD Betracht kommenden Muskeln ver- 
:ielii]ng veraetit. Ea ist bekannt, daas eine 
ir Folge haben kann, die angenb liebliche 
]g li erbe iiuf Uhren, die vielleicht bis dahin 
verechiedenartigeten therapentlacben Ein- 



I 



I 

L 



1 „Narvenatrom 
anlaast und dieselben in Znsammei 
piQtiliuhe Auffardernn°^ mitunter 
Heilnng einer pajohiachen Lähm 
aebr lange Zeit beatanden und d( 

griffen getrotzt hatte. Z. B., mitn l&âst eine Kranke, die mit einer Para- 
plégie dieser Art behaftet iai, gewaltanm ana dem Bette heben, in dem nie 
lange Zeit unbeweglich gelegen hat, läaat sie auf die Beine stellen, sagt ihr 
.Geh", nnd siehe da, sie beginnt za gehen. Dies ist ein Eeiapiel von 
Wun d erbe i hing, welcbea viele ähnliche erklärt, und nichts kann bpsser sicher- 
gestellt sein, als daa Vorkommen aolcher Dinge, die ïeh meinestheils mehr 
als einmal als Augenzeuge miterlebt Labe. (Vorlesungen über die Krank- 
heiten dea NerveusysCeni", Band I, S. Anflage [fran>:Gaiach], pag. 3ÖG n. ff. ~ 
P.Jan et, Revue politique et littüraire, Kummer vom 2. August 1384, pag. 131.) 
Oouh gtaabe ich, man kann den Arzt nicht genug davor warnen, sich von 
dar KeuntnidB dieaer VerhSItnisae verleiten eu lassen, um — ilbngena in der 
besten Abiicht von der Welt — den WunderthSler zu spielen. Die gebiete- 
rische Aufforderung iat seibat bei unzweideutigen FHlIen von psychischer 
LShranng ein Instrument, dessen Handbabung uns noch nicht vertraut iat, 
und dessen Leistungsfähigkeit man, abgesehen von dem Gebiet der Hypnose, 
nicht beurtheilen kann. Daa Miasglücken einer Heilung unter aolchen Var- 
h&ltniuen wfire offenhnr geeignet, die Autorität dea Arztes, der sie an- 
gekflndigt hat, sebwer eu beschädigen und ihn vielleicht zum Gespbtte zu 
machen. „Nevor prophesy unless you be sure" aaift ein engliacbe» Sprichwort, 
Mit Hilfe langsamer und atetiger paychiacber Beeinflussung voriugehan, wird 
in allen FSIIeii voraichfiger nnd oft wirksam-r «ein. J. M. Charcat 



« 



— 294 — 

Wenn ich mich nicht täusche, so ist die Wirkung, 
wir dabei erzielen, bau pt sächlich eine psychische. Man weias, 
dasa die Entstehung einer Eewegungevorstellang,' ao flüchtig 
angedeutet und undeutlich dieselbe auch sein mag, eine unent- 
behrliche Vorbedingung ist, damit die betreffende willkttriiche 
Bewegung zu Stande komnne. Es ist nun sehr wahrscheinlich, 
dass bei unseren beiden Männern die organischen Bedingungen, 
welche für das Zustandekommen einer solchen Bewegungs- 
vorsteUung normalerweise erfordert werden, so tief gestört 
sind, dass dadurch die Bewegung selbst gehemmt oder wenigstens 
sehr erschwert wird; es läge hier eine Hemmungswirkung auf 
die motorischen Rindencentra vor, die von der fixen Idee 
einer motorischen Leistungsunfähigkeit ausgeht, und diesem Ver- 
hättniss wäre es wenigstens zum grossen Theile zuzusch reiben, 
dass sich die Lähmung in greifbarer Wirklichkeit ausbildet.'' 
Wenn sich dies thatsächlich so verhält, so sieht man leicht 
ein, wie durch die dynamo metrischen Uebungen die Bewegungs- 
vorstellung, die der Ausführung einer jeden willkürlichen 
Bewegung vorhergehen muas, in den Kindencentren neu be- 
lebt wird, und es zeigt sich in der That, dass die anfangs 
kraftlosen Bewegungen indem Masse, als die Anzahl der vor- 
genommenen tfebungen steigt, immer kraftvoller werden. In 
demselben Sinne würden Frietionen, Massage und passive, 
mit dem gelähmten Glied vorgenommene Bewegungen, auch 
die durch Faradisation der Muskeln erzeugten, wirken, und 
man hätte sich dieser Mittel zu bedienen, wenn die Lähmung 
zu Beginn der Behandlung eine vollkommene wäre. 

Wie immer es hier mit der Theorie bestellt sein mag, 
das Eine steht fest, dass die eingeschlagene Behandlung, 
obwohl erst seit wenigen (kaum drei oder vier) Tagen ausgeübt, 
uns bereits einige ermuthigende Krfolge gebracht hat. So 
hat bei Pin . . die dynanaometrisehe Ziffer in dieser kur zen 
Zeit schon um ein beträchtliches Stück zugenommen. ^H 



1 Vergl. dber aieeea GegensUnd; James Mill, B>ii 
Seiiaes and Ihe Intellect; Spencer, Psycholog^, tom. I nnd Fii 
ciplHs; H. Jftckaon, Cliniual and phyaiologicftl researohe» on the 
System. Reprints (from the Lancet tS7S), pAg. SI6. — Ribot, Phl 
anglaise, pag. 280. — Maudsley, Phjaiologj of tlie Mind. — 
Pliyaiologie, pag. 447. — Ferrier, FanctiooB of the Brain, cnp. 
C. Bastian, Uaa Oehiro ala Organ des Geistea, Band 11 und 
pag. 278. — Stricker, Studien Aber die SprselivorBtellnngon, Wii 
und Bibot, Rev. philoa., N" 8, August 1S83, pag. 18H. — Hera 
Junrnnl oF mental Bi^icnce, April 1SS4, pag. 14. 

' Tergl. den ZusntK am Ende dieser Vorlesnng. 




— 296 — 

brachte es nur bis 15 kg, als er die UebuDgen begann, und 
heute erreicht er, wie Sie sehen, 46 kg» Bei dieser Gelegenheit 
will ich Sie auf den sehr deutlich hemmenden Einfluss auf- 
merksam machen, den bei Pin . . . das Schliessen der Augen auf 
die Entfaltung der motorischen Kraft äussert. Die Ziflfer, die 
er mit geschlossenen Augen erreicht, ist jedesmal um 8 bis 
10 kg niedriger, als wenn er bei geöffneten Augen einen 
Gesichtseindruck von der ausgeführten Bewegung erhalten 
kann. In der Absicht, diesen dynamogenen Einfluss des Seh- 
centrums auf das motorische Centrum auszunützen, rathen wir 
unseren Kranken auch, immer aufmerksam hinzuschauen, während 
sie das Dynamometer mit der Hand zusammendrücken.^ 

Aehnliche Erfolge haben wir bei Forcen . . erzielt, obwohl 
die Herabsetzung der Motilität bei ihm eine weit stärkere ist, 
da die willkürlichen Bewegungen im Schulter-, Ellbogen- und 
Handgelenk völlig aufgehoben, und die der Finger nur sehr 
schwach sind. Was die grossen Gelenke betrifft, so ändert 
sich nichts an der motorischen Lähmung, wenn die sie 
bewegenden Muskelgruppen isolirt in Thätigkeit treten sollen; 
es ist uns aber aufgefallen, dass diese Muskeln eine Neigung 
zeigten, sich durch Mitbewegung zusammenzuziehen, wenn 
der Koanke die dynamometrischen Uebungen mehrmals wieder- 
holt hatte. Man sieht in der That, wie dabei die Muskeln, 
welche die grossen Gelenke bewegen, unter der Haut in un- 
verkennbarer Weise vorspringen, und Sie können auch in 
diesem Augenblick constatiren, dass das in Beugestellung be- 
findliche Handgelenk einen erheblichen Widerstand gegen 
Streckung oder Beugung, die man an ihm zu erzeugen 
sucht, bietet, während die Finger des Kranken auf das In- 
strument drücken. 

So unvollkommen diese Erfolge auch für den Augenblick 
sein mögen, so sind sie doch geeignet, uns zum Ausharren 
auf dem Wege, den wir uns vorgezeichnet haben, zu ver- 
anlassen. Ich gebe mich selbst der Hoffnung hin, dass es 
rasch vorwärts gehen wird. Ich weiss nicht, ob ich mich 
nicht täusche, aber ich meine, in vierzehn Tagen, vielleicht in 
einem Monat werden wir ein gutes Stück weiter gekommen sein. 



Die hier abgedruckte Vorlesung wurde am 29. März 1885 
gehalten. Acht Tage später erwähnte Char cot gelegentlich 

^ In Betreff dieses „bahnenden" Einflusses sensorieller und sensitiver 
Erregungen siehe die Untersuchungen von Ch. Féré (Bulletin de la Société 
de biologie, April bis Juli 1885) und „Brain", Juli 1885, sowie die Revue 
philosophique, October 1885. 



die beiden ia Behandlung stetieodeo Kranken mit folg 
Worten: 

„Ich freue mich, Ihnen von den Fortschritten, Mittheiinng 
machen zu können, welche die von uns gewählte Behandlung 
bei unseren beiden hysterischen Männern in den letzten iicht 
T&gen herbeigeführt hat. Bei Pin ... ist die Besserung trotz 
ihres langsamen Schrittes ganz unverkennbar. So z. B. war vor 
acht Tagen das Maximum, das er am Dynamometer leisten 
konnte, 40 kg, heute beträgt es .IS Jcg. Es handelt sieh hier 
um das Maximum bei allen verschiedenen Versuchen, das Mittel 
würde ein wenig niedriger ausfallen. Zur gleichen Zeit, während 
seine dynamo metrische Xraft zunahm, ist auch seine Haut- 
sensibilität zurückgekehrt, allerdings nur fUr'a erste in einem 
beschränkten Gebiete an der Schulter. 

Bei Forcen . . ging der Zeiger des Dynamometers in 
voriger Woche nicht über 5 kg hinaus. Diese Woche haben 
wir etwas gewonnen, denn er brachte es einmal auf 15 kg. 

Ausserdem zeigt die Sensibilität eine Tendenz zur Wieder- 
kehr in der Achselgrube und im Elihogenbug, und gleichzeitig 
scheint der Kranke wieder in den Besitz der Lagevorstellungen 
fUr die neuerdings sensibel gewordenen Theile des Gliedes zu 
kommen. Sie ersehen daraus, dass unsere Voraussetzungen 
auf dem Wege sind, einzutreffen. Es wird nicht ohne Interesse 
Bein, die mannigfachen Zustandaveränderungen, die sich bei 
unseren Kranken unter dem Eiufluss einer fortgesetzten Be- 
handlung in der Folge gewiss einstellen werden, sehr genau 
zu verfolgen." 

Diese Veränderungen wurden in der That Schritt für 
Schritt verfolgt- Alle Tage wurden Stunde für Stunde die 
Ergebnisse der Uebungen am Dynamometer aufgezeichnet, und 
in gleicher Weise wurde täglich die ersichtliche Besserung 
von Seiten der Sensibilität notirt. Der Zustand des Kranken 
Pin... ist mit Bezug auf letztere fast nicht von der Stelle 
gerUckt, und auch heute, am 16. Juli, sind bei ihm Mos zwei 
kleine empfîndiiche Stellen an der Kückseite des Oberarmes 
aufzufinden. Dagegen hat sieb bei ihm die Beweglichkeit 
des Armes zum Besseren verändert. Um die erzielten Fort- 
schritte besser zu überblicken, haben wir täglich zweimal, am 
Morgen und am Abend, das Mittel der am Dynamometer er- 
reichten Zahlen genommen und mit Hilfe dieser Angaben die 
heistehende Curve construirt (Fig. 53). 

Man ersiebt aus derselben, dass der Kraftzuwachs während 
der ersten Woche der (am 5. Juni beginnenden) Behandlung 
ein rasch ansteigender und beträchtlicher war, da sich die 
Ziffer von 25% auf 49% hob. Im Laufe der nächsten vier- 



-B -a» I s B[l 




wischcD 00 und 52 1</. Acht Tage später erreîclite es Ù3 kg 



— 298 



17. Juli zwiscUra 



und wechselte endlich vom 3. bis z 
&4 und 55 hg. 

Wie erwähnt, war bei Porcen . . die Aaäalheaie der Ha«! 
zu ßeginn der Behandlung (5. Juni) eine absolute vind über di 
ganze Glied mit Ausnahme der Hand verbreitet (siehe Fig. 47 
und 48, pag. 284). Aeht oder y.shn Tage später begann die Em- 
pfindlichkeit sich in der Ellbogenbeuge und in der Achselhöhle 
wieder zu zeigen. Am 7. Juli war der Zustand des Kranken so, 
wie er in Fig. 54 und 55 dargestellt ist. Die Sensibilität ist 
an einem grossen Theil der Sehulterwölbuog vorne und hinten 
wiedergekelirt, deagletehen an der inneren Hälfte der Vorder- 
fläche des Oberarmes; auch in den DOch an ästhetisch en Bezirken 
der Schulter und des Oberarmes finden eich bie und da sensible 
Stellen eingestreut. Ferner ist die Empfindlichkeit wieder- 
hergestellt yorne und hintea am Ellbogen in einer Höhen- 
ausdehnung von etwa lOcm. Dagegen ist hervorzuheben, daas 
die Orenze der Anästhesie an der Hand sich auch nicht um 
eine Linie verrückt hat. Am Oberarm, besonders an dessen 
Streckseite, und am Vorderarm, zeigen die anästhetischen 
Bezirke wieder die ihnen bei solchen Personen eigenthümliche 
Keigung, sich durch Kreislinien abzugreiizen, die eine gedachte, 
auf der Hauptachse des Gliedes senkrecht stehende Ebene 
bestimmen. 1 An der Schulter und an der Beugeaeite dea Ober- 
armes sind die Grenzen dea anästhetischen Bezirkes dagegen 
unregelmässig, wie auage zackt. 

Was die Besserung in der Beweglichkeit des Armes be- 
trifft, so sind die bei diesem Kranken erzielten Erfolge kaum 
weniger bemerkenswerth. Am 5. Juni ergab der dynamo- 
metriache Versuch nur ^kg, nach Verlauf einer Woche be- 
trug die Ziffer 11, nach Ablauf von zwei Wochen 17, und 
hatte vierzehn Tage später 21 ä:^ erreicht. Am ll. Juli entzog 
sich der Kranke plötzlich der weiteren Behandlung; während 
der Woche vor seinem Austritt war seine mittlere Kraft am, 
Dynamometer 27 kg gewesen. 

Es wird durch das oben Angeführte zum mindesten sehr' 
wahrscheinlich gemacht, dass eine vollkommene Wiederher- 
stellung der Empfindung wie der Beweglichkeit bald erreicht 
worden wäre, wenn man die Behandlung hätte fortsetzen 
können. Aber es muss trotzdem bemerkt werden, dass die 
Heilung des Kranken auch dann keine völlige gewesen wäre, 
denn die permanenten hysterischen Stigmata — die monoculäre 
Polyopie, die Gesichtsfeldeinschränkung, rechtsseitige Hemi- 
analgesie u. s. w. — waren zur Zeit, als wir den Kranken 



indzwanziggten Vorlesang anf Seite S4Si 



4 



' Yergl. die Anmerkung z 



4 



aus den Augen verloren (II. Juli 1885), noch unverändert 
geblieben. Dasselbe gilt für Pin . . .; trotz der sehr bedeutenden 
Besserung, die sich in der Beweglichkeit der rechten oberen 
Extremität eingestellt hatte, bestanden bei ihm die verachie- 
Fig. 64. 






Wieaerherslellui 



r Sensibilität bei Porcen . . 



denen Sensibilitätsstörungen und die hystero epileptisch en An- 
fälle in fast der nämlichen Intensität weiter, wie zur Zeit, da 
er zuerst zur Untersuchung kam.* 



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llemiauuâtheHie, aowie die Kramp f anfalle erwieBen sich .ib er jeder Bobanj 
luug unr.ugätiglicli. Er neigte bîa zu seiner im Januar 1886 wp^en Uiibot- 
mfisBÎgkeit ei'fnigten Ënliiaaang das von Cliarcut erwäliiile PLänomeu, 
daas die rnotoriaebe Leistungafähtgkeit des früher geläbmten Armes aehT 



d 



301 



Zusatz. ^ 

Ich habe mich tlaflii' entsehieden, mit zahlreichen anderen 
[ Autoren anzunehmen, daas die Bewegungavoratelliingen, welche 
der Ausführung einer willkürlichen Bewegung vorangehen, in 
den motorischen Rindencentren, genauer bestimmt, in den moto- 
rischen Nervenzellen dieser Centren, zu Stande kommen und 

erheblicb Rank, weuii der Kranke dauselbeD bei gesclilossenen Augen in- 
nenrirea musate, wäbrend der hemmetide Ejnflnss des Angenschlgssea Niif 
die Kraft des geaunden Armas sich nur ala garingtiigig erwiea. — Der 
andere Kranke Pore.. slelKe sich Ende lSä5 wieder aaf der Klinik vor. 
Er batte allen Oewinii an Sensibilität, den ihm dis Behandlung in der Sal- 
pêtrière gebrauht batte, wieder eingebilagt und aucli die Viugerbevregnnfrrn 
waren schwUch«r geworden. Von Neuem aufgenommen, wurde er der Salpètiière 
bereits nach wenigen Tagen iiherdrüasig, kam aber am Ende Jaonar 1886 
wieder, und zwar in sü verSndertem Zaxtande, da»s Charcot VeranlasBung 
nahm, ibn in der Vorleanng vom 22. Februar desselben Jahres vorsuatelleo. 
Der Kranke hatte aiuh nämlich in der Zwischenzeit in einem anderen Spit.ila 
aiiüiebmen lassen und war daselbst am 19. Januar 1886 in einen heftigcfli 
Wortwechsel mit einem Zimmergenasunn geratbeu. Dieser reiste ihn durch 
die Drohung einer Ohrfeige, der Kranke regte sich auf, und die Folge dieses 
ZwischeDfalles war, daaa er den aeit dem SO. Deeember 1834 bis auf die 
Finger gelähmten rechten Arm bewegen konnte! Doob war die LHhmuug 
nicht mit einem Schlage TQtlig beseitigt, erst ala der Kranke am nächsten 
Morgen aufwachte, war er des so lange nnbranehbaren Gliedes wieder voll- 
kommen Herr geworden. Diese zeitlicben VerfaältnJaae im Auftreten bjste- 
risuher Lähmnng:en — das Einsetzen derselben erst einige Tage nach dem 
veranlassenden Trauma „gleichasin mit einer Art von Incubatiou", und 
deren nnvollstfindjgas Schwinden im Momente der plStziichen oder Wunder- 
heilung — habe ich Charcot oftmals als beacbtenawerth hervorheben hSren. 
Dia motorische Kraft der genesenen ExtremitSt war, als der Kranke, wie 
erwïbnt, einige Tage später auf dis Klinik kam, eine ausserortl entlich gnte, 
der hemmende Eiofluss des Augen seh lusse s ancb hier sehr dentlich aiis- 
gesprochen, Die SenaibilitfiC der Hant war an einigen Stellen, ao in einer 
bandförmigen Zone der EUbogenbenge, wiedergekehrt; die totale Aufhebung 
des Sfuskelsinos. sowie die Qbirgen hysterischen Stigmata zeigten sich un- 
verändert. Charcot liesa non den Kranken durch Herrn Gauti 
eigeDth^mlichen Maasagebehandlung unterziehen, von der aus Anlasa eines 
anderen Kranken in der vierundzwaniigsten Votleaung die Rede aein wird. 
Nach fünf his zehn Alinutan lang geübter Massage des gesunden (liuken) 
Armes wurde ein Transfert hergestellt, der znerst nnr wenige Minuten, nach 
einigen Sitiungen aber bereits fünf Stunden lani; anhielt. Es wurde bei 
dieser Qelegen he it bemerkt, daas der Transfert alle Einzelheiten im Zustand 
des rechten Armes anf den linken (gesunden) übertrug, so dass nun links 
vflilige Anästhesie bis auf die bandfarmige Zone in der Ellbogenbenge nnd 
Hemmung der motorischen Kraft durch Augenschlnss bestand, während der 
(frUher gelähmte) rechte Arm jetzt ein negatives Abbild des friiheren Zn- 
■tandea der Sensibilität bot, also Empflndlichheit der Haut überall mit Aus- 
nahme der erwähnten Zone, die nun anKsthetisch war. Der Transfert schien 
1 raaeher einzutreten, wenn man anstatt der Massage des linken Armes 
die Percussion der linken Scheitelgegend vornahm. Als ich Ende Febrnar 18S6 
[ die SalpetriÄre verliess, war Charcot geneigt, von der Massagebehandlnng 
die vMlige Heilung des Kranken zu erwarten. 

Anmerkung des Ueberietcera. 



I 




— 302 — 

daselbst ihr organisches Subetr&t finden; sie hätten demnach.! 
einen centralen Ursprung und w^Urden eiuh hauptBächlicli mit 
dem „Innervationsgefülil", der „Empfindung der nervüaen Ent- 
ladung", wie man es gleichfalls nennt, decken. Die Vorstellungen, 
die von dem eigentlich sogenannten „Muskelsinn" (Sens kin- 
estht^tique nach Bastian) herrühren, würden dagegen in ccntri- 
petalen Eindrücken bestehen, die von der Peripherie, nämlich 
von Haut, Muskeln, Aponeurosen, Sehnen und Gelenkekapseln 
ausgehen; diese Eindrucke würden in den sensitiven Rinden- 
eenlren aufgespeichert sein, und daselbst könnte auch die 
Erinnerung an sie zu Stande kommen. Nur die ersteren Vor- 
stellungen wären zur Ausfuhrung einer gewollten Bewegung 
wirklich unentbehrlich, die letzteren würden im Allgemeinen 
erst in zweiter Linie mitwirken, aber doch in sehr eingreifen- 
der Weise, indem sie die bereits in Ausführnng begrifi^ene Be- 
wegung vervollständigen und lenken, sie sozusagen verfeinern. — 
Man weiss ferner aus zahlreiclien Beobachtungen, dass auch die 
Gesichtswahrnehmung, die man von einer in Ausführung begrif- 
fenen Bewegung empfängt, sehr mächtig zum Zustandekommen 
derselben beiträgt Aus dieeer Auffassung geht also hervor, 
dass selbst bei Fortbestand der kinästhetischen und visuellen 
Vorstellungen nothwendig eine vollkommene Aufhebung der 
willkürlichen Bewegungen eines Gliedes erfolgen muss, wenn 
die eigentlich motorischen Vorstellungen — die Innervations- 
gefUhle — ausgefallen sind, sei es in Folge einer Läsion in 
den Nervenzellen der motorischen Rindcncentren eines Gliedes 
oder in deren Fortsätzen, durch die sie in Verbindung mit 
den psychischen Centren stehen. Mein ausgezeichneter College, 
Professor Janet, Jiat die Güte gehabt, mich auf ein ver- 
schollenes Buch von Rey Regis, Doctor der medicinischen 
Facultätvon Montpellier, aufmerksam zu machen, in welchem 
bereits (1783) das Vorkommen von motorischen Lähmungen 
behauptet wird, die von dem Verlust des Erinnerungs- 
vermögens der motorischen Kraft in Folge von Er- 
krankung gewisser Hirnpartien abhängen (Histoire naturelle de 
l'äme, London 178!), pag. 36 bis 28). Man versteht aus den 
vorstehenden Erörterungen, wie die Suggestion der motorischen 
Lähmung bei gewissen Personen eine vollkommene Paralyse 
der Beweglichkeit erzeugen kann, zu der keinerlei Störungen 
in der Sensibilität der Haut und der tiefen Theile, ins- 
besondere kein Verlust des Muskelsinnes, gesellt sind. Wir 
haben aber auch bereits hervorgehoben, dass eine solche 
Suggestion, wenigstens wenn man sie an vorhin hemian- 
ästhetische hysterische Personen ergehen lässt und keinerlei 
Bemerkung ttber die Sensibilität daran knüpft, dass eine 



^IL, UaDb CAUC ■Lll| 



fôlche Suggestion, sage icb, uach unseren Beobachtungen 
bäufip nicht nur motorische Lähmung, sondern auch den Ver- 
lust der Sensibilität in all ihren Arten mit Einschluss der vom 
Muskeleinn gelieferten Vorstellungen bedingt. Man könote 
tUr solche Fälle die Deutung aufstellen, dass die Lähmung 
des primären, treibenden Apparates für die willkürliche Be- 
wegung gewissermasaen auch die LähmiiDg des regulirendcn 
Apparates mit sich zieht. Es ist ferner wahrscheinlich, dass 
bei solchen Lähmungen durch hypnotische Eingebung, sowie 
bei einem guten Theil anderer hysterischer Lähmungen mit 
Muskels eil laff hei t — die übrigens vielleicht gleichfalls einen psy- 
chischen Ausgangspunkt haben — , dass bei all diesen Lähmungen, 
sage ich, auch die subcorticalen grauen Massen, wie die in 
der Oblongata und die Nervenzellen des Rückenmarks, welche 
im Zustand der Norm im directen oder indirecten Zusammen- 
hange mit den motorischen Rindeacentren stehen, durch eine 
Ausbreitung der bestehenden Läsion in diesen Centren mehr 
oder minder tief ergriffen werden können. Dafür spricht 
wenigstens einerseits die Aufhebung der automatischen Be- 
wegungen, von wo immer dieselben abhängen mitgen, andererseits 
die Unterdrückung oder Abschwäehung der rein reflectorischen 
Bewegungen, welche Phänomene in solchen Fällen zur Läh- 
mung der willkürlichen Bewegungen hinzukommen. 

Ich lasse hier einige Citate folgen, welche mir sehr 
geeignet zu sein scheinen, um die Ansi(;hten der Autoren, 
denen sie entlehnt sind, über die Natur und den Sitz des 
psyoho-physiologischen Processes, in dem die Willkttrbewe- 
gungen entspringen, darzustellen. „Dass die Vorstellung dabin 
strebt, die That hervorzurufen," sagt Bain (The Sensés and the 
Intellect 1868, 3^ édition, pag. 340), „beweist, dass die Vor- 
stellung bereits eine abgeschwächte Form der That ist. Etwas 
vorstellen besagt so viel als sich zurückhalten, es auszusprechen 
oder auszuführen". — „Die geistigen Vorgänge geschehen in 
denselben Kreisen (Centren?) wie die physischen; ... es 
bedarf filr gewöhnlich nur eines Willensactes, um sie so 
weit zu steigern, dass sie die Muskeln in Bewegung ver- 
setzen." — „Da die in die Muekeln eintretenden Nerven 
hauptsächlich motorische sind, welche die vom Gehirn aus- 
gehende Erregung auf sie libertragen, . . . ao thun wir am 
besten, anzunehmen, dass das nebenhergehende Bewusatsein 
von der Muskelbewegung mit der centrifugalen Strömung der 
Nervenkraft zusammenfällt, und nicht, wie bei der eigentlichen 
Empfindung, ein durch centripetaleNerven gel ei teter Vor gang ist." 

Spencer (Prineiples of Psyebology. Uebersetzung von 
B. Vetter 1882, Bd. I, pag. 518): „An einem Willensact der 



^ 



304 



^^^^B einfachsten Art können wir noch nichts weiter entdecken 
^^^H &\s eine geistige RepräsentatioQ des Actes, worauf die tbat- 
^^^H sächliche AuBO-ihrLing desselben folgt — einen (Jcbergang 
^^^H jener beginnenden psychischen Veränderung, welche zu 
^^B gleicher Zeit die Tendenz zu bandeln und die Idee der Hand- 
^^^B hing darstellt, in die voltkomniene psychische Veränderung, 
^^H welche die eigentliche Ausführung des Actes, soweit dieselbe 
^^H Ruf geistigem Gebiet sich abspielt, ausmacht. Zwischen einer 
^^V unwillkllrlichen und einer willkürlichen Bewegung des Beines 
^^Ê besteht eben der Unterschied, dass die unwillkürliche ohne 
^H vorhergehendes Bewusstsein der auszuführenden Bewegung 
^H stattfindet, während die wilikttrliche erst eintritt, nachdem sie 

^m im Bewusstsein vorgestellt worden war. Da nun abei" diese 

^Ê Vorslelhing von derselben nichts Anderes ist als eine schwache 

H Form des die thatsäcbliche Bewegung begleitenden psychischen 

■ Zustandes, so ist sie auch nichts weiter als eine auftauchende 

■ Erregung der hier in Frage kommenden Nerven, welche ihrer 

■ thatsächlichen Erregung vorausgeht." Und an anderer Stelle 
I (First principles): „Der Willensact ist der Beginn einer ner- 
I vösen Entladung längs einer Linie, welche in Folge früherer 

Versuche eine Linie schwäclisten Widerstandes geworden ist. 
Der Uebergang vom Wollen zum Hnndeln ist blos die Voll- 
ziehung dieser Entladung." 

Bei Wund t (Physiologie, pag. 561) heisst es: «Der Sitz der 
Bewegungsempfîndungen sind höchst wahrscheinlich nicht die 
Muskeln selbst, sondern die motorischen Nervenzellen, da wir 
nicht nur von einer wirklieh stattfindenden, sondern auch von 
einer blos intendirten Bewegung eine Empfindung haben; es 
scheint hiernach, dass unmittelbar mit der motorischen Inner- 
vation die Bewegungaempfindung verknüpft ist, daher wir 
dieselbe als Innervationsempfindung bezeichnen." 

Meynert äussert sich (Psychiatrie, pag, 312) folgender- 
maasen: „Ich glaube der Erste gewesen zu sein, welcher sich dahin 
äusserte, dass die Innervât ionsvorgänge von den Hemisphären 
ans, welche man Willensacto nennt, nichts weiter seien, als 
die Wahrnehmungs- und Erinnerungsbilder der Innervations- 
gefühle, indem solche, jede Form der Reflexbewegungen be- 
' gleitend, in die Hirnrinde übertragen werden, als die primäre 

I Grundlage secundär von dem Vorderhirn ausgelöster, ähnlicher 

Bewegungen. Diese Erinnerungsbilder bekommen dann durch 
AssociationsvorgÄnge die Intensität der Kraft zugeführt, durch 
welche sie für die vom Vorderhirn auRgehenden secundären Be- 
wegungen als Arbeitsanstoss längs centrifugaler Bahnen wirken." 
M. H. Jackson schliesst sich in seinen Clinical and 
^^^ physiologicnl researches on the Nervous System 1876, pag. XX bis 
^^^ XXXVII, der Ansicht von Bain, Wundt und Anderen an, 



— 305 — 

"'dass unser Bewusatsein von dei" Mnakelthätigkeit zum grossen 
Theil ein initialer und centraler Vorgang und auf die motorischen 
Centren zu beziehen sei. 

Naeli Maudsley (Physiolojy of Mind) „scheint es, daas in 
den Stimtheilen der Hirnwindungen (in den motorischen Rinden- 
centren) die Erinnerungsbilder unserer Empfindungen von den 
Muskeln niedergelegt sind, aus denen wir unsere motorischen 
Anregungen schöpfen". — n^^'^ Theile der Gehirn Oberfläche, 
welche als motorische Centren wirken, sind der Sitz .... von 
der Vorstellung der Intensität und Art der Muskeünnervation, 
also von dem, was man „muacular inductions" genannt hat." 

Endlich will ich noch anführen, wie sieh Ferrier (die 
Functionen des Gehirns, Ueberselzung von H. Obersteiner, 
pag. 298) zu der uns beschäftigenden Frage stellt: „Gleichwie 
die WabroehmungHcentren die organische Basis der Erinnerung 
an Sinneseindrücke bilden, und den Sitz ihrer Wiederbelebung 
oder Reproduction (in der Vorstellung) abgeben, ebenso sind 
die motorischen Centren der Hemisphäre nicht nur die Centren 
der differenzirteu Bewegungen, sondern auch die organische 
Grundlage der Erinnerung an die betreffenden Bewegungen, 
sowie die Auagangsstelle ihrer Reproduction und wiederholten 
Ausführung. Wir haben also ein Wahrnebmungs- und ein Ee- 
wegungsgedächtniss, Wahrnebmungs- und Bewegungs vor Stel- 
lungen; die Wahrnebmungsvorstelhmgen sind reproducirtc 
Wahrnehmungen, die Bewegungsvorstellungen sind wieder- 
belebte oder reproducirte Bewegungen. Bewegungsvorstellungen 
bilden ein ebenso wichtiges Element unserer geistigen Vor- 
gänge, als reproducirte Sinn es wahr nehmungen." 

Zur Unterstützung der oben auseinandergesetzten Lehre 
kann man sieb noch auf Beobachtungen berufen, die man an 
gewissen Personen, zumeist Hysterischen, machen kann. Wenn 
dieselben nämlich aller Arten der Sensibilität an einer Extremität 
beraubt sind, so behalten sie doeh die Fähigkeit, dieses Glied 
frei zu bewegen zum allergrÖBsten Theile, und dies selbst dann, 
wenn sie bei geschlossenen Augen den gleichzeitig regulirenden 
und bahnenden Einfluss, der von der Gesichtswahrnehmung 
der Bewegung ausgeht, nicht zur Hilfe nehmen können. Unser 
Kranker Pin . . ist gegenwärtig ein schönes Beispiel dieser 
Art. Die Sensibilität der Haut und der tiefen Theile ist bei 
ihm, wie schon erwähnt, in der ganzen Ausdehnung der linken 
oberen Extremität erloschen, und wenn er die Augen schliesst, - 
hat er keine Ahnung von den passiven Bewegungen, die man 
mit den verschiedenen Abschnitten des Gliedes vornimmt, und 
ebensowenig von der Lage derselben im Räume. Wenn er die 
Augen offen bat, zeigen die willkürlichen Bewegungen der Ex- 




-^ SOG 

tremitUt, aowolil die groben, aU aiicli die feiner gegliederten, alle 
Chamktere des normalen Zustandee in Betreff ihrer Mannig- 
faltiglceit wie ihrer Sicherheit. Diese Bewegungen bleiben 
auch bei geBchloBsenen Äugen 'grässtentbeils erhalten, nur sind 
sie minder sicher, wie zögernd, aber keineswegs ataktisch; 
sie werden mit einem Wort gleichsam tappend ausgeführt. 
Pin... kann bei geechloBsenen Augen noch mit einer gewissen 
- Sicherheit seine Finger gegen seine Nase, Obren und Lippen 
oder auch gegen einen entfernt von ihm befindlichen Gegen- 
stand richten, und es gelingt ihm mitunter, das Ziel zu erreichen, 
aber er verfehlt es doch am öftesten. Er kann such in der 
" liegel nicht einen seiner Finger allein beugen, wenn er dazu 
aufgefordert wird, gewöhnlich beugen sich dabei aile Finger 
gleichzeitig. Mitunter .weiss er nicht anzugeben, ob er die 
Bewegung im Handgelenk wirklich ausgeführt hat oder nicht 
u. s. w. Ich will hier gar nicht die dynaraometrische Leistung 
in Betracht ziehen, welche für die Hand 30 Kg. beträgt, wenn 
die Augen offen, dagegen nur 15, wenn sie geschlossen sind. Die 
Veränderungen in der Ausführung ihrer Bewegungen, welche 
solche Kranke darbieten, wenn die Mithilfe der kinästhetischen 
und visuellen Vorstellungen ausgeschlossen ist, gewähren uns bis 
an einem gewissen Punkte einen Aufschluas, worin die Leistung 
des primären Apparates Dir die willktlrlicbe Bewegung normaler 
Weise besteht. Andererseits enthüllt das Studium jener Falle von 
psychischer Lähmung, bei denen blos die Motilität betroffen 
ist, die thatsäclilich trot^ aller Bedeutsamkeit nur socundHre 
Rolle, welche bei der normalen Ausfuhrung willkürlicher Be- 
wegungen den visuellen und kinästhetischen Vorstellungen 
»utällt. Es ist übrigens leicht möglich, dass sich hierin auch 
normaler Weise individuelle Verschiedenheiten geltend machen. 

Es kann sehr wohl sein, dass die eine Reihe von Personen, 
wenn es sich darum handelt, eine beabsichtigte Bewegung 
anszuf^lhren, ausschliesslich die eigentlichen motorischen Vor- 
Rtellnngen, die andere die kinästhetischen oder visuellen in 
Anspruch nimmt, während endlich in dieser Hinsicht günstiger 
angelegte Individuen sich bald der einen, bald der anderen 
Art, oder beiderlei Vorstellungen gleichzeitig bedienen. 

Verschiedenheiten in der Erziehung, Gewohnheit oder 
hereditäre Anlage kJinnen" zur Erklärung dieser individuellen 
Abweichungen herbeigezogen werden. Es wird daraus ver- 
ständlich, dass Läsionen von derselben Natur, derselben Aus- 
dehnung und derselben Localisation bei verschiedenen Personen 
ftbweicbfhde klinische Bilder erzeugen können, je nachdem 
das betreffende Individuum in die eine oder in die andere 
dieser Kategorien gehört. 



J. M. Oharcot. 



Dreiundzwanzigste Vorlesung. 



[ Ueber einen Fall von hysterischer Coxalgie aus traumatische) 
Ursache bei einem Manne. 



lOeacbichte der „hysteriachan Gelenksaffactioii". — BeBchreibuiig von Brodie. 
BA- Brodi e'flches Symptom. — Beatätig-Dng der Intactheit des erkrankten 
^'Oelenkea dnrcll Autopsien. — Voistelking des Krauken. — Seilte HHltiug 

\ und deren MechaniamuB. — Hysteriaclie Stigmata an deniF^elben. — Er- 
gebnisse der UntcrHueliung in der Cliloroformnarkow. — Progiioae. 



Meine Herren! Die heutige Vorlesung ist dazu bestimmt, 
Ihnen zu zeigen, dasa der kräftige Mann, den Sie hier vor 
sich sehen, ein Hysterischer ist, dass das schmerzhafte Hüft- 
leiden, welches sich in Folge eines Traumas bei ihm entwickelt 
hat, und welches ihn nun seit nahezu drei Jahren quält und 
ihm die Ausübung seines Berufes unmöglich m.ac]it, mit seiner 
Hysterie zusammenhängt, und dass es sich folglich bei ilim | 
nur um eine der Heilung zugängliche Erkrankung sine materia 
bandelt und nicht etwa um ein schweres, organisches Gelenks- 
leiden, welches fast unausbleiblich ein dauerndes Siechthum 
herbeiführen wllrde. 

Ich weiss sehr wohl, dass die Behauptung, die ich hier 
zu vertreten gedenke, durch die Erscheinung des Kranken, 
welche so wesentlich von dem noch heute als clasaisch gelten- 
den Typus eines Hysterischen abweicht, in keiner Weise wahr- 
scheinlich gemacht wird. Ich bin auch darauf gefasst, dass ein 
Theil meiner Zuhörerschaft, etwa diejenigen, welche unsere 
Klinik heute zum ersten Male besuchen, den Eindruck 
empfangen werden, ich gedenke ein verblüffendes Kunatstilck 
aufzuführen oder eine paradoxe Ansicht aufzustellen, um dabei 
in eitler Selbstgcfälligk«it die Hilfemittel meiner Dialektik 
spielen zu lassen. Ich hin aber auch überzeugt, dass diejenigen 
meiner Hörer, welche mir bereits im vorigen Semester die 
Ehre erwiesen haben, meinen Vorlesungen zu folgen, minder 



308 — 



rasch in ihrem Urtheile sein werden. Diese werden, wie ich 
hoffe, vertrauensvoll das Ende der Beweisführung abwarten, 
ehe sie sich entscheiden; deun ihnen ist bereits bekannt, dass 
die H^-ateriö beim erwachsenen Äfanne, selbst beim kräftigen, 
nicht durch einseitig geistige Ausbildung entnervten Arbeiter 
vorkommen kann, und dass die ei-ste Kundgebung der Krank- 
heit eich häufig unter dem Bilde einer anscheinend rein 
localen Affection, wie z. B. Lähmung oder Contractur einer 
Extremität, verbirgt. 

Bei dem Kranken, den ich Ihnen heute vorstelle, handelt 
es sich nun zwar weder um Lilhmung, noch um Contractur, 
sondern vielmebr — wenigstens ist dies die Ansicht, die ich 
vertreten werde — um jene Affection, die zuerst von Brodie 
im Jahre 1837 unter dem Namen „hysterisches Gelenksleiden" 
beschrieben worden ist. ' 

Diese Affection ist, wie icli glaube, noch sehr wenig bekannt 
geworden, obwohl seit Brodie mehrere wichtige Arbeiten, 
zuerst in England,^ dann in Frankreich' und zuletzt in 
Deutsehland'' und Italien^ erschienen sind, die sich mit ihr 
beschäftigen. 

Ich glaube, es wird eine nützliche Einleitung sein und 
unsere eigene klinische Untersuchung sehr erleichtern, wenn 
ich Ihnen zunächst die grundlegende Beschreibung von Brodie, 
dem Bahnbrecher auf diesem Gebiete, in ihren grossen Zügen 
vorführe. Die späteren Autoren haben dieselben um einige 



> Sir B. C. Brodie, Lectares illastratÏTe of certain local nem 
affectiona. London 1837. Lect. II. TnriooB forms of local hygterient afiFsctioi 
pag. 86 et seq. (Fianiüsiache Uebcrsetzunf; von Aigre 1880, Verlag 
Progrès médical.) 

^ W. Coalson, Hjstcrical afTectioiiB of the liip joint. Lundon Jonri 
□f medicine, tom. III, 18S1, pag. 631. — Barnrcll, A Treatise 
of tha joints, I" édition 1861, 2^ ed icion 1881. — Oa byaterie pgeudo-diieaae 
or mook disease of tbe jointa. — F. C. Skey, Hyeteria, Local or anr^eal 
forma of Hyateria; Hyateric affecÜonB of jointa, 3* lectara, London 1867. — 
Sir Paget, Leçona de clinique chirurgicale, Trad. du D' L. H. Peti^ 
3' leçon, affections neuromimétiiiuea dea articulation a, pag. 374, Paria 1877. 
Yergl. ancb von amerikauiaeliCD Auloren. Weir Mitchùll, Lectni 
diseases of tlia nervons ayatem, Pliiladelphia 1886, i' édition, pa| 
Hysterical jointa, 

> H. A. C. Robert, Conférences de clinique cbirurgicale, recDcillïi 
par leD'Doumic, Cliap. XVI, CoKalgie liyatérigoe, pag. 460. — Vernei " 
Bull, de la Société de chirurgie de Paria 1866/6. ~ Oiraldèa, Leçons 
les mal. cliir. dea enfanta, pag. 610, 

' E. Esniarch, Ueber GelsnltaDcuraBen. Kiel nnd Hadersteben 18^ 
— O. Derger, Zur Lehre von den Gelenkaneuralgtou, Bsrl. kliu. Wochai 
achrift 1873, pag. 266. — M. Meyer, Ueber Getenksnenroaen, Berl. 
Wochenschrift 1874, pag. 310. 

° Angelo Minicb, Della coacialgia nervosa, Veneaia 1873. 



1 




■ — 309 — 

"râteressante Einzelheifeu bereichert, aber, wio mir seheint, 
nichts WesentlicheB an ihr verändern können. 

Eh handelt sich also dabei nach Brodie um ein Bcbmerz- 
haftes Leiden, eine Neuralgie oder Hyperästhesie, wenn Sie 
wollen, der Gelenksnervenendea, welche in verschiedenen 
Gelenken auftreten und eine schwere organische Gelenks- 
erkrankung 80 täuschend nachahmen kann, dass die Differential- 
diagnoae aufs äusserste erschwert wird. Besonders schwierig 
wird die Diagnose, wenn das Leiden im Hüftgelenke sitzt; 
eine nicht materielle Coxalgie kann dann für ein schweres 
organisches Hüftleiden scrophulöser oder anderer Natur ge- 
halten werden und umgekehrt. Doch ist die Abwesenheit 
materieller Veränderungen bei der von Brodie beschriebenen 
Gelenksaffection hinreichend erwiesen: erstens durch den Ver- 
lauf der Krankheit, die in völlige und mitunter selbst sehr 
schnelle Heilung ausgebt, und zweitens durch eine gewisse 
Zahl von Autopsien. Es mag Sie überraschen, dass ich von 
Autopsien bei einer Krankheit rede, der ich selbst einen so 
gutartigen Charakter zugeschrieben habe; aber es giebt deren 
in der That eine gewisse Anzahl, nur sind es Autopsien am 
Lebenden, wahrhafte „Biopsien". Die Kranken nämlich, welche 
von diesem Leiden befallen sind, zeigen den eigenthümlichen 
Hang, oft in dar ungestümsten Weise nach chirurgischen Ein- 
grifFen zu verlangen, und Sie sehen nun leicht ein, dass, wenn 
solche an Mania operaliva passiva leidende Kranke, wie Textor 
es genannt hat, zu ihrem Unglücke an Chirurgen gerathen, 
die von der Hania operativa, aber diesmal activa (nach 
Stromeyer), befallen sind, die seltsamsten Operationen aus 
diesem unheilvollen Zusammentreffen entstehen. Selbst Ampu- 
tationen wurden mehrmals ausgeführt, wovon Brodie und 
CouIhou mehrere Beispiele berichten. Die Beobachtung, welche 
der letztgenannte Autor erwähnt, ist ganz besonders interessant. 
-Es handelte sich um ein junges, seit drei Jahren im Knie- 
gelenke leidendes Mädchen ; der Unterschenkel war gegen 
den Oberschenkel gebeugt, die Schmerzen unerträglich, einige 
Chirurgen hatten jeden Eingriff abgelehnt, endlich aber fand 
sich einer, der dazu bereit war; die Amputation wurde aus- 
geführt und siehe da, die Untersuchung des Knies ergab ein 
normales Gelenk mit vollkommen gesunder Kapsel, die in 
der Zartheit und Transparenz des physiologischen Zustande» 
prangle, nur die Knochen waren etwas leicht, boten der Süge 
wenig Widerstand und die Knorpel etwas verdünnt, wie man's 
gewöhnlich an Extremitäten findet, welche durch längere " 
zur Unbeweglichkeit genöthigt waren.' 




:. pa^. 631. 



e Zeit ' ^M 



310 



Ich köunte Iliiiuii noch mehrt 



Ihiiuii noch mebrur« Beispiele dieser Art i 
führen, aber ieli glaube, was ich gesagt habe, genügt bereits, 
um Ihnen zu zeigen, dasa ea Bclimerzhafte Affectionen 
der Gelenke ohne materi eile Veränderung giebt, welche 
sehwere Gelenkaerkrankungen vortäuschen und durch Irre- 
führung der Diagnose die schwersten Folgen heraufbeschwören 
können. 

An welchen Merkmalen soll man aber diese Qelenksleiden 
sine materia erkennen, um sie von organischen Erkrankungen 
der Gelenke zu unterBcheidcn? Die Diagnose bietet hier 
Schwierigkeiten ganz besonderer Art, zumal wenn es aich, wie 
bei unserem Kranken, um die Hüfte handelt. Ich fUhre Ihnen 
hier die hauplsächlichsten klinischen Eigenthilmlichkeiten 
dieser Arthrnlgien auf, welche die Autoren angeben, die hierin, 
wie ich schon gesagt habe, blos die Beschreibung von Brodi' 
wiederholen : 

1. Das Bein der leidenden Seite erscheint verkürzt 
b'iilge der Musknlcontractur, welche das Becken auf der i 
aprecbenden Seile höher stellt. 

2. Der Oberschenkel ist gegen das Becken vollkommei 
unbeweglich festgestellt, so dass jede Bewegung, die man ibi 
ertheilt, sich sofort auf das Becken überträgt ; auch dies koi 
auf Rechnung der Muskelcootractur. 

Diese beiden Charaktere sind, wie Sie wissen, keine ,_ 
sondere Eigenthümlichkeit der hysterischen Arthralgie, deatt- 
sie tinden sich, der eine wie der andere, in der Regel bei 
der organischen Coxalgie, wenn dieselbe in das sogenannte 
dritte Stadium getreten ist.' Wir dürfen aber von den nächsten 
Punkten mehr für die Unterscheidung der beiden Affectionen 
erwarten. 

H. Der Schmerz zeichnet sich durch einige besondere 
Eigenthümlichkciten aus. Zwar wird er wie bei der echtei 
Coxalgie gleichzeitig in die Hüfte und in's Knie verlegt 
durch Schlag auf die Hüfte, das Knie oder die Ferse 
steigert, aber Brodie hat bereits darauf aufmerksam gemacl 
dass er sich nicht streng auf das Gelenk selbst beschränkt, 
sondern sich auch auf die dem Gelenke cutsprechende Haut- 
partie erstreckt, selbst über das Pouparfsche Ligament hinaus- 
greift, den unteren Tbeil dea Abdomens und sogar das Gesi 
einnimmt. Es ist also auch eine oberHäcbliche Schmerzhaft 
keit vorbanden, die sozusagen in der Haut sitzt und oft 
sehr hervortreten kann, dasa das Kneipen der Hautdecke U 
dem Gelenke schmerzhafter empfunden wird, als selbst 






eil 1. 




311 



m 



tiefer Druck, den man auf diese Oegejid uuailbt. — Peraonea, 
die an orgaiiiacher Coxalgie leiden, werden ferner häufig genug 
durcii zuckende Schmerzen (starting pains) in der Hüfte aus 
dem Schlafe geweckt; die an hysterischer Coxalgie Erkrankten 
können dagegen zwar durch ihre Schmerzen wach erhallen 
werden ; sind sie aber einmal eingeschlafen, so werden sie 
durch dieselben nicht weiter gestört. 

•i. Auch die Art und Weise der Entwiekelung und des 
[Verlaufes können wichtige Anhaitapunkte für die Unterschei- 
lung ergeben. Bei den Hysterischen kann das Leiden plötzlich 
:auftreten und dann mit einem Schlage, zumeist in Folge einer 

fiaychischen Erregung, wieder verschwinden, oder die Person 
eidet etwa an Krampfanfällen, und im Gefolge eines aolchen 
Anfalles stellt sich die Coxalgie ein u. dgl. 

Brodie giebt ferner an, daes die Temperatur der leiden- 
den Theile niemals erhöht gefunden wird, und daas dieselben 
keinerlei Atrophie erfahren, wie lange auch immer das Leiden 
anhalten mag. Wir werden sogleich sehen, dasa die erstere Be- 
hauptung richtig ist, die zweite aber nicht in allen Fällen zutrifft. 

Wir dürfen uns nicht verhelilen, meine Herren, dasa dies 
alles nur feine Unterschiede sind, und es wird in schwierigen 
Fällen immer erforderlich sein, zur Chlore formirung zu greifen, 
wie schon seit beinahe dreissig Jahren empfohlen wird, um 
festzustellen, ob das Gelenk der Sitz materieller Veränderungen 
ist oder nicht. Dabei ist aber die von Prof. Verneuil ge- 
machte Bemerkung zu hertlcksichtigen, dass bei eben beginnen- 
den organischen Gelenksleiden selbst die Untersuchung in der 
Narkose mitunter keine Anhaltspunkte für die Annahme einer 
Läsion liefern kann, uud dass daher auch diesem Verfahren 
keine entscheidende diagnostische Bedeutung zukommt, wenig- 
stens nicht, wenn es sich um frühe Stadien der Erkrankung 
handelt. 

Sie sehen also, meine Herren, dass die Différent' aldiagnuse 
zwischen der hysterischen und der organischen Coxalgie die 
ernstesten Schwierigkeiten bietet, und ich muas sagen, fast in 
allen Fällen dieser Art, in denen ich zur Begutachtung bei- 
gezogen wurde, habe ich die Aerzte wie die Chirurgen in 
grosser Verlegenheit gefunden. 

Ich komme nach dieser Einleitung zu unserem Kranken 
zurück, bei dem ich mich zur Behauptung berechtigt glaube, 
dass seine seit bald drei Jahren bestehende Coxalgie rein 
hysterischer Natur ist. 

Es ist ein 45jähriger Mann, Namens Ch., Vater von sieben 

lern, aus dessen Vorgeschichte nichts Bemerkenswcrthes 
.u erwähnen ist, weder hereditäre Veranlagung, noch eigene 




— 312 — 

Erkraukiingen. Er liât sieben Jahre lang iils Zuave gediend 
und ist während dieser Zeit niemals krank gewesen; ich beben 
besonders hervor, dass er zu keiner Zeit seines Lebens 
nervösen Anfällen oder an Zeichen von Rheumatismus ge-J 
litten hat. 

Seinem Handwerke nach ist er Brettsehneider und arbeitefefl 
an der „gerade Säge" genannten Maschine im Dienste einer! 
unserer grossen EisenbahngeseÜsch.iften. Am 13. Mai 1883 J 
betraf ihn bei der Arbeit ein Unfall. Die Treibstange einer 1 
Dampfmaschine, die sieb unter dem Ort befindet, w 
arbeitet, stiess heftig- gegen den Boden, auf dem er stand, so 4 
dasB er in die Luft geschleudert wurde, angeblich bis zu einei 
Höbe von 2 oder 3 Meter. Er verlor das Bewusstsein nicbt, 
verspürte aber sofort einen heftigen Schmerz, begleitet von 
Taubheit dos einen Beines; es kam ihm, wie er sagt, vor, als 
ob dieses gleichzeitig schmerzhaft sei und fehlen würde. Er 
konnte nachher doch noch einige Schritte machen, wurde 
nach Hause gebracht und blieb zunächst durch zwei Monate 
bettlägerig. Wie er behauptet, war die Extremität in den 
ersten Tagen angeschwollen. Nach Ablauf der genannten Zeit 
begann er mit Krücken umherzugehen, später bediente er 
sich nur eines Stockes und seit länger als einem Jahre ist 
sein Zustand im Gleichen geblieben, so wie Sie ihn heute J 
sehen werden. I 

Wenn wir den Kranken zunächst in horizontaler Bettlage n 
untersuchen, können wir Folgendes constatiren: 

Es besteht, wie Sie bemerken, eine erhebliche Verkürzung 
der linken unteren Extremität, ganz wie man sie in der dritten 
Periode der organischen Coxalgie beobachtet. Das Gelenk ist 
unbeweglich, der Oberschenkel ist in fast unveränderlicher 
Stellung mit dem Becken gleichsam verlötbet. Der Kranke 
klagt über spontane Schmerzen in der Leistengegend, in der 
Hüfte und im Knie; diese Schmerzen steigern sich, wenn man 
einen Druck auf diese Gegenden ausübt, wenn mau das Glied 
irgendwie bewegt und wenn man auf den grossen Trochantep 
oder auf die Ferse schlägt. Wollen Sie ferner beachten, dass g 
das linke Bein im Ganzen, Ober- wie Unterschenkel, ein weni^J 
schmäler ist als das rechte. Der Unterschied im Umfangerl 
beträgt etwa einen Centimeter. § 

' ' nun den Kranken aufstehen und betrachten 

ihn von vorne (Fig. 57 AJ. Sie sehen, er neigt sich auf 
die gesunde Seite hinüber, den Stock hält er in der rechten 
Hand, der linke Fuss berührt den Boden nicbt, oder nur ganz 
leicht mit der Fussspitze, der linke Unteracbenkel ist gestreckt 
und steht etwas vor dem rechten. Wie mir mein Freund und 





' College Professor Lannelongue unlängst sagte, als ich ihm 
eine gute Photographie des Kranken in aufrechter Stellung 
vorlegte, ist dies ganz die Stellung- und Haltung der Coxalgi- 
schen, welche noch zu stehen vermögen- 

Wenn wir jetzt den Kranken von rückwärts betrachten 
?4g. 67 B), 80 ftlllt uns aunächst ein Unterschied im Ver- 




hallen der beiden Hinterbacken auf; die rechte ist gerundet 
und zeigt jenes Grübchen hinter dem Trochanter, welches 
von der. Contraction des M. glutaeua maximua herrührt, die 
linke dagegen erscheint breiter, abgeflacht und schlaff hängend. 
Auch diese Eigenthümlichkeiten finden sich bei der organi- 
schen Coxalgie wieder, und mehrere Autoren, ' die ihnen eine 

1 B. Barwell 1. c. 



k 



— 314 — 

gewisse klinUche Bedeutung beilegen, haben dieselbe \ 
gewürdigt. 

Der Unterschied iu der Eracbeinung der beiden Hioter- 
backeo hängt nämlich einzig und allein von der Stellung der 
Person ab. Wir liiiben uns davon versichert, indem wir neben 
unaeren Kranken einen gesunden Mann hinstellten, der ge- 
wöhnt ist, Malern Modell zu stehen, und ihm auftrugen, die 
Haltung des Kranken, nachdem er sie sorgfältig studirt hätte, 
so genau als möglich nachzuahmen. Was sich bei dieser Zu- 
sammenstellung ergeben bat, sehen Sie mit grosser Deutlichkeit 
an der nach einer Photographie angefertigten Zeichnung, die 
ich Ihnen hier vorlege (Fi^. 58). 

Beachten Sie, dasa die Glutäalfalto links höher steht 
und breiter ist als rechts, sowie daas die rechte aus zwei 
Falten besteht, während die linke einfach ist, DieLängsfurcho 
zwischen den Hinterbacken verläuft schräge von links naeh 
rechts, also von der kranken zur gesunden Seite aufsteigend; 
ferner besteht eine sehr deutliche Krümmung der Wirbelsäule, 
deren Concavität nach links gewendet ist. Auch diese Ver- 
krümmung hängt ganz unzweifelhaft ausschliBaslich von der 
abnormen Haltung des Beckens und hauptsächlich von dessen 
Hebung auf der kranken Seite ab. Ich habe endlich noch zu 
bemerken, dass die Ungleichheit der beiden Ober- und Unter- 
schenkel weit deutlicher hervortritt, wenn der Kranke »uf- 
lecht steht. 

Was den hinkenden Gang unseres Kranken betrifft, so 
brauche ich wohl nichts weiter über denselben zu sagen, Sie 
bemerken, daas er von dem Gange bei organischer Coxalgie 
älteren Bestandes nicht wesentlich abweicht. 

Kurz, bei dieser ersten Untersuchung, meine Herren, haben 
wir nichts gefunden, was der Annahme einer Gclenkserkrankung 
mit mehr oder weniger tieff^reifenden und ausgebreiteten Zer- 
störungen, welche ohne Aliacessbildung in Gelenksankylose 
ausgegangen ist, widersprecien würde. 

Besteht hier aber wirklieh eine Ankylose? Die Unter- 
suchung in der Narkose müciate in dem Stadium der Krankheit, 
das uns vorliegt — drei Jahre nach dem Beginne derselben — 
eine unzweideutige Antwort auf diese Frage geben. Aber ich 
will auf diesen Punkt jetzt nicht eingehen und behalte mir 
vor, später darauf zurückzukommen. 

Vorher möchte ich noch den Kranken von einem anderen 
Gesichtspunkte aus untersuchen. Ich will mich auf den Boden 
der Annahme begeben, dass er an einer Coxalgie aine materia 
leidet, und nachforschen, ob er die Symptome zeigt, welche 
der Beschreibung von Brodie entsprechen. 




— 315 — 

Wenn wir also zuerst den Allgemciüzualand uuseres 
Kranken in Betracht zieht;D, so tindeo wir, d»ss derselbe 
während der 3'/î Jabre der Krankheit keine Schädigung er- 
litten bat; ea besteht keine Abiuagcrung, ketnc Anämie, er 
hat niemals gefiebert, sein vorlreffiicher Appetit war auch 
keinen Augenblick gestört. 




Sie werden mir zugeben, dass diese, man möchte »agen, 
vollkommene Erhaltung der Oeauudheit nicht mit der Annahme 
eines schweren, aeit einer langen Reihe von Monaten bestehen- 
den Gelenkleidena in Einklang zu bringen ist, selbst wenn 
letzteres den günstigsten Verlauf genommen haben sollte. 

Beachten Sie nun, dnss sieh die Rigidität der Muskeln 
nicht nur auf das Hüftgelenk beschi-änkt, sondern auch am 
Knie-, und selbüt am Sprunggelenke zu conatatiren ist- Diese 




— 316 — 

Symptome gehören nielit mebr der gemeinen organischei 
Coxalgie an, ebenBOwenig wie die Temperaturberabeetzung 
im Vergleiche mit der gesunden Seite und die blauviolette 
Verfärbung der Haut, die Sie bei unserem Kranken haupt- 
sächlich am Knie und Unterschenkel beobachten können. 

Wir wollen nun von Neuem auf die Untersuchung der 
Schmerzhaftigkeit zurückkommen und uns die Dinge ein wenig 
genauer besehen, als wir bisher gethan haben. Der Schmerz, 
welcher bereits spontan, wenigstens zeitweilig, von grosser 
Heftigkeit ist, wird noch verstärkt, wie ich bereits erwähnt, 
wenn man auf den Trochanter oder auf die Ferse schlägt und 
wenn man einen Versuch macht, das Gelenk zu bewegen. 
Er zeigt aber die EigenthUmlichkeit, dass er diffus ist, er 
strahlt nämlich über das Poupart'sche Band aus, gebt am 
Unterleib hinauf, fast bis ia die Nähe der linken Brust und 
erstreckt sich auch auf das Geaäss. Ferner, wenn man eine 
Hautfalte, sei es in der Leistengegend, sei es vorne über dem 
Knie aufhebt und ein wenig zwischen den Fingern drückt, entsteht 
ein intensiver Schmerz, der ganz ausser Verhältniss zur Hef- 
tigkeit ist, mit der man die Haut gekneipt hat. Ich rauss auf 
diese Hyperästhesie der Haut in der Nähe des Haftgelenkes 
Werth legen, weil sie von den meisten Autoren, welche über 
die hysterische Coxalgie geschrieben haben, hervorgehoben 
worden ist. Sie verdient In d«rThat den Namen „Brodie'sches 
Symptom", denn dem berühmten englischen Chirurgen ist es 
zu danken, dass die Bedeuturg, welche derselben in diagnosti- 
scher Hinsicht zukommt, erkannt wurde- 

Ich muss noch hinzufügen, dass der Kranke Ch. bei solohen 
Reizungen der Haut in der Leistengegend und am Knie in 
einen Zustand von äusserster Angst geräth, sein Gesicht röthet 
sich, die Venen am Halse und an den Schläfen schwellen 
an u. dgl. Als wir dies bemerkten, befragten wir ihn, was er 
in diesem Augenblicke verspüre, und siehe da, die Angaben, 
die er uns machte, entsprachen genau der Beschreibung einer 
regelrechten hysterischen Aura, nämlich: Beengung in der 
Magengrube, dann Herzklopfen, Zusammenschnürung im Halse 
und zuletzt Sausen im linken Ohre und Klopfen in der Schläfe 
derselben Seite. Dieselben Zustände stellten sich auch ein, 
wenn man auf den grossen Trochanter und auf die Ferse 
klopfte, oder überhaupt dem Hüftgelenke irgend eine Er- 
schütterung zuführte. Sie entnehmen daraus, meine Herren, 
dass, wenn bei unserem Kranken auch keine hysterischen 
AntUlle vorkommen, man doch bei ihm die Phänomene der 
hysterischen Aura hervorrufen kann, welche in der Kegel 
den Anfall einleiten, und zwar durch Erregung echter bystero- 




— 317 — 

jener Zonen, von denen die einen in der Haut über dem 
Hüft- und Kniegelenke gelegen sind, während die anderen, 
tiefer gelegenen, theils die Synovialhaut, theih die Gelenks- 
kapael einzunehmen Bcheiuen. 

Die Entdeckung, von der ich ehen berichtet habe, muaate 
uns natürlich auf die Vermutliung bringen, dasB eine ein- 
gehendere und auf ein bestimmtes Ziel gerichtete Untersuchung 
Jjei unserem Kranken vielleicht Doch andere Symptome ent- 




hüllen würde, welche das Bestehen der hysterischen Diatheee 
noch unzweideutiger und eozusagon greifbarer bezeugen 
könnten. Unsere Erwartung wurde darin nicht getäuscht: Eine 
planmässige Prüfung der Sensibilität des Kranken in ihren 
verschiedenen Arten hat uns in der That pelehrt, dass er eine 
vollkommen^ Anästhesie flir Stiebe und Temperaturreize fast 
auf der ganzen linken Körperhälfte darbietet; nur wenige 
Bezirke sind verschont geblieben. Der Muskelsinn ist für die 
Bewegungen in gewissen Gelenken (Fuss-, Hand-, Finger- und 



^ 



— 31R — 

Schtiltergelenk) aufgehoben, für andere, z. B. ffiv daa EHbogeill 
gelenkj nocii Rrhalten. Uie Sinnesorgane Germih, Gesclimack 
und Gehör sind auf der lioken Seite in ihrer LeiBtungsfähig- 
keit erheblich beeinträchtigt, das Gesichtsfeld auf deraelben 
Seite sehr deutlich eingeengt, während sich daa rechte Auge 
ganz normal verhält. Endlich will ich noch anf\lbren, dass 
man den Pharynx des Kranken kitzeln, auf jade Weise und 
mit allen Mitteln reizen kann, ohne die mindeste Spur einer. 
Reflexbewegung auszulösen ^ wie Sie wissen, ein im hobt 
Grade charakteristisches Phänomen. 

Aus all dem Vorhergehenden müssen wir folgern; 1. di 
unser Kranker ein Hysterischer ist; 3, dass die Gelenks- 
affection, an der er leidet, eine gute Anzahl der Symptome 
zeigt, welche der hysterischen Coxalgie ids eigenthümlich zu- 
kommen, und keines von denen, weiche für die Annahme 
einer schworen Gelenkserkrankung ausschlaggebend sind. Seihat 
die Abmagerung des leidenden Gliedes entspricht nicht der 
Muskelatrophie mit völliger Muskelachlîiffheit, die sich beider 
organischen Coxalgie findet, und kunn vielleicht ungezwungen 
auf die verhältnissmäasige functionelle Unthätigkett, die schon 
seit '2'/j Jahren besteht, zurückgeführt werden. Alles, sowohl 
die allgemeine, als auch die locale Affection bei unserem 
Kranken wäre demnach auf Hysterie zu beziehen. Die An- 
knüpfung des ganzen Ziistandes an ein Trauma würde keines- 
wegs gegen diese Deutung sprechen; wir wissen ja aus unseren 
früheren Studien, dass eine traumatische EraehlJtterung beim 
Manne vielleicht noch eher als beim Weibe den Erfolg haben 
kann, die bis dahin latent gebliebene hysterische Disposition 
zum Ausbruche zu bringen. 

Trotzdem, «nd selbst angesichts all der Argumente, di 
wir hier zusammengestellt baben, knnn die Diagnose 
zweifelhaft erscheinen, und ich bin der Erste, dies zuzugei 
Es ist in der That nicht leicht, bei einer so hochgradigen 
und schon seit mehreren Jahren bestehenden functionellen 
Untüchtigkeit die Idee eines organischen Leidens von der Hand 
zu weisen. Man kann sich ja unter Anderem die Frage vor- 
legen, ob die hysterischen Symptome, die sonst nicht zweifel- 
haft sind, sich nicht in einem bestimmten Zeitpunkte zu einer 
organiflchen Coxalgie hinzugestellt haben, welche so gewisser- 
masaen das Stichwort für das Auftreten der Neurose und ihrer 
ingen gegeben hätte. Sie sehen ein. nur die Unter- 
suchung in der Chloroformnarkose könnte alle diese Zweifel 
beheben. Wir wollten uns natürlicherweise dieses Mittels zur 
Aufklärung bedienen, aber der Kranke hat uns bisher den 
hartnäckigsten Widerstand entgegengesetzt. Ich verzweifle 



ner^^^ 
heu^l 




J 



'Bbrigens nicht daran, ihn zur Einsicht zu bringen, so dasa er 
sich jetzt oder später eine Untersuchung gefallen läast, die 
ihm im Grunde doch nur von Nutzen sein kann. 

In Ermanglung einer eigenen Erfahrung dürfen wir uns 
aber, meine Herren, auf das Ergebniss einer Untersuchung 
berufen, welche ein ausgezeicbneter Chirurg vor kaum 4 oder 
5 Monaten an dem Kranken angestellt hat. Ein College, welcher 
damals zugegen war, hat uns von diesem Ergehnisse unter- 
richtet und versichert, daas das Gelenk in der Narkose sich 
vollkommen frei, vollkommen beweglich, ohne Anzeichen von 
Contractur oder Verwachsung erwiesen hat. 

Die Schlüsse, welche man damals aus der erwähnten 
Untersuchung zog, waren die folgenden, meine Herren: 1. Bei 
dem Individuum besteht keine Spur eines ocganiachen Gelenka- 
leidens; 2, er ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein Simulant. 

Sie begreifen, meine Herren, dass wir nach den vorstehen- 
den Erörterungen uns dieser letzteren Folgerung nicht anzii- 
Bchliessen im Stande sind. 

Gewiss besteht keine organische Coxalgie bei unserem 
Kranken, das ist hinreichend sicbergeatellt; aber es besteht 
bei ihm eine hysterische Coxalgie, eine Coxalgie sine materia, 
wenn Sie es so nennen wollen. Und diese Erkrankung ist, ob- 
wohl nur eine dynamische, vollkommen echt, ganz und gar 
nicht geheuchelt, und wir haben nicht die leiseste Berechtigung, 
unseren Mann i]er Simulation zu bezichtigen. 

Das Eine ist aber, wie Sie, meine Herren, begreifen, aus- 
gemacht; von dem Augenblicke an, da wir erkannt haben, es 
handle sieh nur um eine hysterische Coxalgie, ist die Prognose 
im Grossen und Ganzen weit weniger bedenklich, als wir sie 
hätten stellen milssen, wenn wir bei der Annahme eines 
organischen Gelenksleidens verblieben wären. Eine hysterische 
Coxalgie mag sich immerhin in die LUnge ziehen, Monate und 
selbst Jalire währen — - unser Fall bietet ja leider ein Beispiel 
dafür — aber endlich muss es, früher oder spiiter, zu der Zeit 
oder zu einer anderen zur Heilung kommen. 

Wie soll man es nun anstellen, um diesen günstigen Aus- 
gang, den wir erwarten und vorhersagen, zu beschleunigen? 
Dies ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann, ohne 
mich in längere Erörterungen einzulassen, und daher mIScbte 
ich mir diese Aufgabe für die nächste Vorlesung aufsparen. 




Vierundzwanzigste Vorlesung. 



Ueber einen Fall von hysterischer Coxalgie aus traumatischer 
Ursache bei einem Manne. 

(l'urtselziing und Schiusa.) J 

ErgebnisHe äer Untersuchung iu der CliloroformnArlioae bni dem KrankaflSf 
— CombinalioQ der organischen mit der Iiysteriaehen Coxalgie. — Sohwierif''J 
keiten der Diagnose. — Beispiele. — Reproduction des Symptom complexes 
der hysterischen Coxalgie durch die Hypnose. — Erklärungsversuch auf 
Grund der Lehre von den psychischen Lihmungen. — Therapie. — Wirkung 
der Msasage bei dem Kranken und anderen hyatecÎBchen Personen. 



Meine Herren! Sie sehen hier von neuem den Kranken, 
den ich Ihnen in der letzten Vorlesung als ein bemerkens- 
werthes Beispiel der Erkrankung, welche man als hyatenache 
Coxalgie zu bezeichnen pflegt, vorgestellt habe. 

Sie erinnern sich der zahlreichen und unstreitig höehst 
gewichtigen Argumente, welche uns diese Diagnose aufnäthigten. 
Doch dürften sich noch einige Zweifel und Bedenken bei 
Ihnen behauptet haben; wir konnten ja die Chloroformnarkose 
bei dem Kranken nicht selbst eiuleiten, und waren daher 
nicht im Stande, nns eine eigene Ueberzeugung von der Dl 
versehrtbeit des leidenden Qetenkes zu bilden. 

Nun, diese Zweifel, meine Herren, sind jetzt behobi 
Kranke, welcher sich bisher der Chloroformnarknae, von einer' 
Befürchtung, deren Grund mir unerfindlich ist, getrieben, wider- 
setzt hatte, hat eich nun in besserem Verständniss seines eigenen 
Vortheils gefügt. Er wurde am letzten Freitag narkoüsirt 
und ich will Ihnen im Folgenden die Ergebnisse unsei 
Untersuchung mittheilen. 

Der Kranke war innerhalb sechs bis sieben Minuten, nai 
einer sehr kurz dauernden Erregungeperiode, tief eingeschläfert. 
Unsere Erfahrungen über die Wirkung des Chinrnforms bei 
Hysterischen hatten uns ein ganz entgegengesetztes Verhalten 




— 321 — 

■befürchten laaaen. Die Muskelu des Kranken waren in völliger 
Erschlafiung, an den Muskeln des kranken Beinea trat diese 
Erechlaffnog am spätesten ein; die Haut wurde durchaus un- 
emptiodlich, selbst an den Steilen, welche vorher der Sitz 
der stärksten HyperÄsthesie gewesen waren; man konnte mit 
Ober- und Unterschenkel die ausgiebigsten Bewegungen vor- 
nehmen, ohne auf den mindesten Widerstand zu stossen; 
Klopfen auf den grossen Trochanter oder auf die Ferse rief 
keinerlei Réaction hervor. Während wir diese Bewegungen 
ausführten, konnten wir weder mit der aufgelegten Hand, noch 
mit Hilfe des Stethoskops eine Spur von Crepitiren wahr- 
nehmen. Es drängt sieh uns also die Folgerung auf, dass 
das Gelenk frei von Verwachsungen ist, dass die Knochen- 
iind Gelenksfläehen keine jener G estalt Veränderungen und Er- 
krankiiogen verrathen, welche bei einer Coxalgie von so langer 
Dauer nicht fehlen dürften, vorausgesetzt nämlich, dass es 
sich um ein organisches Leiden handelt. 

Erlauben Sie mir noch, meine Herren, dass ich Ihnen 
jittheiie, was an dem Kranken während der Periode des Er- 
zu beobachten war. 

Zunächst, und ehe noch eins Schmerzhaftigkeit von Seiten 
des Gelenkes vorhanden war, stellte sich ein gewisser Grad 
von Rigidität in den Muskeln des erkrankten-Gliedes wieder her. 
Als die Sensibilität der Haut bereits theilweise wieder- 
gekehrt war, und der Kranke auf Fragen zu antworten 
begann, zeigte sich die Empfindlichkeit der tiefen Theile (ge- 
prüft durch Schlagen auf den grossen Troclianter und auf die 
Ferse) noch keineswegs erhöht; die Hyperästhesie in der 
Tiefe war es also, die am längsten ausblieb. Als aber der 
Kranke vollkommen erwacht war, nach zwanzig bis fünfund- 
zwanzig Minuten also, kehrte Alles: Verkürzung, Schmerz und 
Hinken in genau den nämlichen Zustand zurück, der vor der 
""[arkose bestanden hatte. 

Auf jeden Fall ist die Diagnose von nun an über jeden 
weifel sichergestellt. Sie wissen wobi, mit der Behandlung 
|eht es anders; hier ist noch alles zu thun, und diese niuss 
(eh von jetzt an das Ziel unserer Bemühungen werden. 

Ich sehe mich aber, ehe ich zur Frage der Therapie 
ttbergehen kann, genöthjgt, Ihre Aufmerksamkeit anf einen 
änderen Punkt zu lenken, der bei der Diagnose der hyste- 
rischen Coxalgie noch in Betracht kommt. 

Wenn ich so viel Werth darauf gelegt habe, die Unter- 
suchung unseres Kranken in der Narkose vorzunehmen, so 
leitete mich dabei die Erwägung, dass wir es mUglicher Weise 
mit einer Combination zu thun haben könnten, wie die 




folgende: Einerseits die organische Erkrankung der scropbu- 
lösen Coxalgie, andererseits, mit ilir vereint, die dynamische 
Läsion der hysterischen Coxalgie. Unser Kranker iet aller- 
dings ein unzweifelhafter Hysteriker, und die Symptome der 
hysterischen Coxalgie sind bei ihm sehr deutlich ausgesprochen, 
aber es künnte sein, dass sich hinter diesen Symptomen über- 
dies eine echte Coxalgie verbirgt; — das wäre dann eine ge- 
mischte hystero-organische oder organisch- hysterische Form, 
wie Sie es nun nennen wollen. 

Aber kommt denn eine solche gemischte Form in Wirk- 
lichkeit klinisch vor? Ja gewiss, und sie ist vielleicht sogar' 
häufiger als man glaubt, wenn auch die Autoren sie, soweit 
ich es bßurtheiien kann, mit Stillschweigen übergehen. Die 
Wichtigkeit dieser Thatsache veranlasst mich, Ihnen einige 
Worte darüber zu sagen. Dank der freundlichen Unterstützung 
meiner Collegen Lannelongue und Joffroy bin ich in der, 
Lage, Ihnen von drei Fällen ' zu berichten, in denen diese] 
Combination unter solchen Verhältnissen aufgetreten ist, dai 
es schwer wurde, den Irrthum zu vermeiden. 

In allen drei Fällen gieng der erste Eindruck dahin, dass] 
es sich um ein hysterisches Leiden handle; erat eine genauen 
Untersuchung hat gezeigt, dass hinter den hysterischen 
Symptomen ein unerkannt gehliebenes organisches Hllftgelenks- 
leiden versteckt war. Ich will diese Combination von organischer 
Erkrankung mit hysterischen Symptomen zum Anlass nehmen, 
um Ihnen im Vorbeigehen zu bemerken, dass man nicht 



I Ich Hphalto hier eins gedrängte D.arHtellnng der drei Fülle ci 
Erster Fall (mitgalbeiit von Prnf. Lanrelonf ne): Knabe v 
Jahren, die Muttci leidet bäuGg au liysteriachen Anfällen. Dna erkrankte 
Glied xeigt eine Contractnr nicht aar im Hüft-, Bondern auc 
Sprunggelenk. Mnn kann daa Qlied nicht berühren, ohne dasa der Knabe 
in wirklifihe Krämpfe verffiHt. In der ChloroformnarkoBe ergiebt sich dann 
SusaerBt alarkea Crepitireo. Es beateht eine Verkürzung von 2 rnt, die daroB^ 
berrührt, dass der Kopf des Obernchenhels auf der Gelcukspfanne r 
SpHIer kommt es znr Abaceeablldimg. 

Zweiter Fall {miteelheilt ïon Prof. Lannelongnc): Mfidchen 
dreiKehu Jabien, der Vater tr^t -die Zeieben einer Kinderlähmung, die 
Mutler hat hia in ihr 30. Lebensjabr hysterische AnfiUe |;ehal>t. Sobraerï- 
hafte Contractar dea rechten Fuaaea im Alter von aiebea Jahren. Nervöse 
Krfimpfe im nennten Jahre. Dieselben treten im Eelmton I.ebanijabre von 
Nenem anf. Mit eilf Jahren Schmerz in der linken Hafte und Hinken. 
Darauf folgt ein so erheb lieber Nacblass der Eracheinaneea. 

man ein rein nervJIaea Ijeiilen annimm 
herumgehen lässt. Endlich wird, als die Schmerzen sich wieder e 
atelleo, in der Narkose untersucht. Man findet nun Crepitiren und sehr ^ 
bedeutende Schwierigkeiten bei der Verbeasemug der falschen Stellung, dt^ 
von VerBndeningen der Knoclien herrfibren. F.ine tiefe Scbwellnng lia 
Absceasbildung befilrchlen. 



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— 32:^ — 

glauben darf, materielle Erkrankungen des Organisimia bilden, 
wenn sie einigermassen stärker entwickelt sind, ein Hemmnis 
für die Existenz hyateriscber Erscheinungen. Dies gilt allerdings 
für manche Fälle, in anderen aber, und vielleicht weit häufiger, 
kann man sehen, dass die hysterischen Stigmata während 
der Entwickelung mehr oder minder schwerer organischer 
AfFeetionen unbeeinflusst bleiben. Ich wil! hier nur zum Beispiel 
auf einen Fall verweisen, den wir kürzlich auf der Klinik beob- 
achtet haben, einen überaus schweren Fall von acutem Ge- 
lenkarheumatismus, zu dem sich eine, später zum Tode führende, 
Perikarditis hin zugesellte. 

Ich will mich bei diesem Punkte nicht länger aufhalten; 
das Gesagte wird, glaube ich, genügen, um Ihnen zu zeigen, 
dass, wenn sich eine organische Erkrankung bei einem 
hysterischen Individuum entwickelt, die Symptome der beiden 
Erkrankungen sich derart combiniren kUnnen, dass eine patho- 
logische Zwitterbildung zu Stande kommt, die den Arzt nicht 
überraschen darf. 

Kehren wir nun zu unserem Kranken zurück. Wir haben den 
Beweis erbracht, dass er an einer echten und rechten hysteri- 
schen Coxalgie leidet, der keine organische Läsion beigesellt 
ist. "Wir dürfen also behaupten, da.ss er einmal, jetzt oder 
ipäler, genesen wird; aber wann wird er genesen, unfl welche 
Mittel sollen wir anwenden, um diesen Ausgang zu beschleu- 
nigen ? 

' ' ' ' e vor, mit Ihnen zunächst die Theorie, die patho- 
logische Physiologie der Fälle, die uns in Anspruch nehmen, 
Studiren, weil ich bei dieser Arbeit Anhaltspunkte auf- 
Dritter Pnl! (milgetlieltt von Dr. Joffroy): FtSuIein X. nna Petera- 
.borg, 18 Jnhre «It. Keime hereditUrer ßela.itiing. Mit iieclia nnd mit 14 Jahren 
blfnSgB Krampfaiiffllto, welcbe li^steriNclis Krumpfe in der Gestalt [inrtieller 
Epilepaie gewaaen sein raiigen. Vorübergelieiiiie Symptoma von Coxalffie im 
Alter von sechs Jahren, mehrmaligeB Wieder« nftreten derselben mit eilf 
Jahren. Nenerdings Coxalgie im Alter von 18 Jahren, die Eur Zeit, da die 
Kranke zur Unferauufanog kommt, bereita aeit fltiif MoiiRten bpgteht. Heftiger 
Bchmere in der Hüfte und am Knie, ai^heinb&re TerkflrüDng, die Kranke 
geht mit Hilffl von Krlltken, berührt kanm den Boiien mit der Spitze des 
kranken Fnaaea ; keine hysteriicben Stigmata. Mit Klicksicht anf die Ansieht 
der früher beigexogencn Acrzte, anf den eigenlhfimliohen Gang der Kranken 
and besonders anf die seit zehn Jabren unablüssig einander folgenden Hach- 
ISsse und Rllehfnlle wird eine hysterigcbe Coxalgie — obwohl mit Vor- 
behalt — angenommen. Die Anwendung allgemeiner lauer BSiler führt 
KQnächst eine sehr crhehliehe Boasening herbei, ein neuer Naohlasa tritt ein, 
oöd die Kranke kann wieder ohne bedontende Sohmerzon gehen. Alu man 
sich jednrh mittlertvcilp r,ur Harhose cntschliesat, ßndet man, „dnau im HCIft- 
gelenk keine völlige Eraclilall'an g möglieh iat und dass die Bewegungen, die 
man im Gelenke ansfOhrt, ein Crepitiren erzengen, welclies über da« Bestehen 
bocbgradiger Knochen erb rankuti gen kainen Zweifel anfkommeu IKaat." 



ai» 



— 324 — 

zufinden hoffe, die une gestatten könnten, unsere Behandlungs- 
methoden auf rationelle Grundlagen zu heben. Es bietet sich 
UUH bei diesem Studium ein Mittel dar, von dem wir bereite 
in ähnlichen Fällen Gebrauch gemacht haben. Ich meine 
nämlich ait kiinstlichf ErKUiij^niiu; der Symptome der hysteri- 
Biihrn ('(ixalsie, um dadurch eine bessere Kinsicht in die 
Bediagungea und in den Hergang ihrer Entwickelung zu 
gewinnen. 

Sie begreifen wohl, daas kein Thier, so hoch es auch in 
der Rangordüung der Thiere stehen mag, uns bei diesen Ver- 
suchen dienen kann, sondern einzig und allein der Mensch 
selbst, wenn er unter den eigenthümlichen psychischen Be- 
dingungen des hy)in"t!sii!ipn Zustandes steht. 

Ich stelle llinrn hier zwei Frauen vor, die Beide offen- 
kundig hysterisch sind und Beide die deutlichsten Zeichen deaj 
„grossen Hypnotisinus" erkennen lassen. Sie sehen sie Beide 
im wachen Zustande und bemerken, dass alle wesentlicnen 
Charaktere der hysterischen Coxalgie^ Schmerz, Hinken und 
alle anderen, auf die ich hier nicht wieder eingehen will, an 
ihnen zu beobachten sind. Aber die Bedeutung dieser Üemon- 
stration liegt darin, das es sich hier um Zustände handelt, 
welche wir selbst, vorsätzlich, künstlich in der Hypnose erzeugt 
haben. Wir haben es bei diesen Kranken natürlich nicht zn 
weit treiben wollen, wir sind innerhalb der durch die Vorsicht 
gebotenen Schranken geblieben, aber trotzdem ist es uns ge- 
lungen, einen Zustand zu erzeugen, in dem Sie deutlich das 
von Brodie beschriebene Leiden in ftiner milden Form er- 
kennen werden. 

Bei der einen dieser Frauen sind wir in der Weise vor- 
gegangen, dass wir während der Hypnose eine leichte Torsion 
des Oberschenkels im Hüftgelenke vornahmen; sie beklsgte 
sich sofort über heftigen Schmerz in der Hüfte, und — worauf 
ich Sie ausdrücklich aufmerksam mache — auch im Knie, obwohl 
dem Kniegelenk nicht das mindeste widerfahren war. 

Bei der anderen Kranken begnügten wir uns damit, ihr 
in der Hypnose zu versichern, dass sie einen Anfall gehabt 
habe, und während desselben auf die Hüfte gefallen sei. Die 
lebhafte Schilderung, die wir von diesem angebliclien Ereigniss 
machten, und der Nachdruck, mit dem wir auf den heftigen 
Schmerzen verweilten, welche sich daraus ergeben sollten, 
haben die gewünschte Wirkung gethan, und auch hier trat 
das merkwürdige Symptom auf, dass sich die Kranke gleich- 
zeitig über Schmerz in der Hüfte und im Knie beklagte, 
obwohl wir nur von einer Contusion der Hüfte gesprochen 
hatten. Es ergab sich ferner, dass die Haut über dem Httft 



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— 325 — 

und Knitigelenk athr empfind liuh gewordeE war, trotzdem 
früher auf der ganzeu Seite Anästhesie bestanden hatte. Ich 
habe Ihnen ferner mitzutbeilen, dasa unsere Kranken nacli dem 
Erwachen aus der Hypnose" nicht daa mindeste von unseren 
Eingriffen wussten, und Beide fest daran glaubten, sich die 
ilUfte während eines Anfalles verletzt zu haben. 

Meine Herren! Sie erinnern aicb gewiss jener beiden 
Männer Forcen, .und Pin . . ., die ich noch kürzlich neuerdings 
vorgestellt habe. Bei diesen hatte sich in Folge eines Sehlages 
auf die Schuller eine hysterische Lähmung des entsprechenden 
Armes entwickelt, und ich zeigte Ihnen, dass man bei Hyste- 
rischen, die in den hypnotischen Schlaf versenkt sind, das 
vollkommene Ebenbild dieser Lähmung hei'vorrufen könne, und 
zwar sowohl durch eine mündliche Suggestion, als auch durch 
eine leichte traumatische Einwirkung, die man auf die Schulter 
ausübt, was man geradezu als „traumatische Suggestion" be- 
zeichnen darf. 

Ich bin der Ansiebt; dasa der bypnotisebe Zustand, in 
welchem die Suggestion solche Erfolge erzielt, in mehr als 
einer Hinsicht dem gleichzustellen iät, was man in England 
„nervüus shock" zu nennen jjflßgt, im Gegensatz zum trauma- 
tischen Shock, mit dem er sich häufig genug vereint, ohne 
jedoch darum mit ihm zusammenzufallen. Dieser nervöse Shock 
kommt zu Stande, wenn eine heftige Erregung, ein Schreck, 
das Individuum befallt, und als Beispiel dafür kann uns der 
Schreck bei einem Unglücksfalle dienen, besonders, wenn dieser, 
wie es bei Eiaenbahnun fällen vorkommt, Lebensgefahr mit sich 
bringt. Bei solchen Anlässen bildet sich häufig ein ganz eigen- 
thrtmlicher psychischer Zustand heraus, deu Page, welcher 
demselben eine eingehende Würdigung geschenkt hat, der 
Hypnose an die Seite stellt, und zwar nicht mit Unrecht, wie 
ich glaube. ' 

In dem einen wie in dem anderen Falle würden nämlich 
die psychische Selbstständigkeit, der Wille und das Urtheils- 
vermügen, mehr oder minder unterdrückt oder verdunkelt, 
und daher den Suggestionen das Thor geöffnet werden. Die 
leichteste traumatische Einwirkung, die ein Glied betrifft, 



„Wir » 



Theiles deaSeDBariui 

tdie sich auf die KOr| 
IpJQi'iea of thä apine 
Vergl. aacii Wilka 
H. 
: 



eil^t . , . . zu glauben, dass der priiuüra Sitz der func- 
OeLicoe selbst ÜPgt, und daas es dabei wie bei dar 
insr tcitweiligen HeiuniaDg in der ThStigki^it jenes 
HS koiDDit, welches die EmpQndangeii nnd Beweg ungen, 
lerpL'ripbarie beziebeu, belierrsclit und regelt." (Page, 
aud nervou» abock, pag. 307, 2' édition, Loodon 1886. 
„On bystaria and arrest oC cerebral attion" (Guy's 



nag. 36) und Tuke 



„IdSug 



. uf tbo 1 



upui 



^jgglpMM. ^W'i<üW!> vmM^^-^ J 



kann dauii zu einer Lälmiung, Contiactur oder Arthralgie ' 
desselben Vuranlasaung geben. So sieht man häutig nach Eisen- 
bahnzusammeDstöasen je nach den Umständen Monoplegien, 
Hemiplegien und Paraplegien auftreten, welche organische 
Leiden vortftustihen, obwohl sie nichts Anderes sind als func- 
tionelle, psychische Lftbmungenj welche mit den hysteriacben 
Lähmungen zum mindesten grosse Uebereinstimmung zeigen. 

Ich bedauere es lebhaft, dass ich bei dieser angedeuteten 
Zusammenstellung des nervösen Shoeks mit derà psychischen 
ZuBtande, welcher die somnambule Periode des Hypnotismus 
kennzeichnet, nicht länger verweilen kann. Ich hoffe aber,-. 
das Wenige, was ich gesagt habe, wird hioreieben, um Ibr» 
Aufmerksamkeit auf diesen Giegenstand zu richten, und um, 
denselben Ihrem Nachdenken zu empfehlen. 

Um nun auf unseren an hysterischer Coxalgie leidenden 
Kranken zurückzukommen, so werden Sie wohl verstanden 
haben, meine Herren, dass die Coxalgie dieses Kranken auf 
Grund jener Theorie gedeutet werden muss, welche ich 
vorigen Semester auf die Fälle von hysterischer Monoplegie; 
aus traumatischer Ursache angewendet habe. * 

Sie haben Sich davon überzeugt, dass man in der Hyp- 
nose eben so gut einen Schmerz wie eine Lähmung durch 
mündliche Eingebung oder mit Hilfe eines leichten Traumas 
suggerireu kann, uud es steht ganz in der Macht des Be- 
obachters, diesen suggerirteu Schmerz in irgend einen Theil 
eines Gliedes zu verlegen. 

Wie es also psychische Lähmungen gieht, bervorgerufe 
durch den Mechanismus, den wir in einer der früheren Vor; 
lesungen als ., traumatische Suggestion" bezeichnet haben, 
siebt es auch spastische Coxalgien, die sich auf denaelb* 
Vorgang zurückführen lassen- Unser Brettschneider ist 
Beispiel dieser Art; das Trauma, das ihn traf, erzeugte bef 
ihm einen nervösen Sbock iind die dazu gehörige psychische 
Verfassung. Allerdings hat das Hüftgelenk selbst eine Er- 
schütterung, vielleicht selbst eine mehr oder minder heftige 
Contusion erfahren, aber diese locale Einwirkung hatte kein<^ 
schweren organischen Veränderungen zur Foige, und dei" 
Schmerz, den sie verursachte, konnte sich nur auf Gtrund di 
psychischen Zustaudes, den der nervöse Shock verachuWeti 
ausbilden, steigern und endlicli in der Eracheinungsft 
hartnäckigeu Arthralgie endgiltig festsetzen. 

Dies ist, meine Herren, der Erklärungsversuch, den ick^ 
Ihnen vorlege; wenn ich auf denselben einigermassen Nacî 



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— 327 — 

druck gelegt habe, so geschah dies, weil sieh unsere Behand- 
lungsmethode gewissermassen selbstverständlich aus demselben 
ableitet. Wenn es sich um eine vorzugsweise paychisehe AÖ'ee- 
tion handelt, so werden wir also eine vorzugsweise psychische 
Behandlung eiozuachlagen habeD. — Aber wie sollen wir diese 
in's Werk setzen? Wir wissen aua den Beobachtungen mehrerer 
Autoren, dass solche payehisch« Arthralgien, seien sie von 
einem Trauma oder von einer anderen Veranlassung abhängig, 
mitunter bei Gelegenheit einer heftigen Erregung oder einer 
religiösen Cérémonie, die das Gemüth lebhaft ergreift, mit 
einem Schlage in Heilung tibergehen. Aber von diesen Mitteln 
steht uns leider keines zu Gebote; wir haben zwar versucht, 
durch unsere Autorität zu wirken, haben dem Kranken, als 
er aus der Chloroformnarkose erwachte, und als der Schmerz 
wie das Hinken nachgelassen hatten, nachdrücklich einge- 
redet, dass er geheilt sei, aber ich muss Ihnen gestehen, ohne 
Erfolg. Hätten wir von der Wirkung einer Scheinoperation, wie 
Bie Hancock und Barwell vorgeschlagen haben, mehr zu er- 
warten? Ich bin davon nicht überzeugt, Sie wissen ja auch, 
wenn man Mittel dieser Art anwendet, muss man des Er- 
folges ganz sicher sein; ein Fehlschlagen unter solchen Ver- 
hältnissen wUrde uns nur in den Augen des Kranken ganz 
umsonst blosstellen. Was die Hypnose betrifft, mit welcher 
hier vielleicht viel auszurichten wäre, so steht ihr der Um- 
stand ira Wege, dass sich der Kranke entschieden gegen sie 
sträubt. 

Seit etwa zehn Tagen unterziehen wir unseren Kranken 
einer sehr einfachen Behandlung, die in der Anwendung der 
Massage besteht. Diese Behandlung hat uns bis jetzt keine 
bleibenden Erfolge ergehen; doch will ich die einfache Opera- 
tion vor Ihnen ausfuhren lassen und Ihnen zeigen, welches 
die augonblicklicheu Wirkungen der mit dem Kranken täglich 
wiederholten Procedur sind. 

Sie erinnern Sich, meine Herren, dass Ch . . . eine links- 
seitige Hemianästhesie im strengen Sinne des Wortes dar- 
I bietet, von der nur gewisse, nicht blos empfindliehe, sondern 
} selbst hyperästhetische Hautpartien freigehlieben sind. Diese 
'- hyperästhetischen Bezirke nehmen am Arm insbesondere den 
Ellbogen, und am Bein Hufte und Knie ein; Kneipen der 
Haut an diesen verschiedenen Stellen löst heftige Schmerzen 
und die Phänomene der Aura aus. Die Hyperästhesie ist 
übrigens nicht auf die Haut beschränkt, sondern betrifft in 
gleicher Weise die tiefen Theile (Synovial- und Gelenkskapsel); 
auch Klopfen auf den grossen Trochanter, auf die Ferse, wie 
überhaupt alle Bewegungen, die man mit der unteren Extre- 




— 328 — 

inität vornimmt, erzeugen cleuselben Sehinera. Ich erinnere 
Sie ferner daran, dass diese Gelenkaempfindlicbkeit vun einer 
Contractur der Muskeln, welche das Hüft- und Kniegelenk, 
und selbst derer, die das Becken bewegen, begleitet ist, und 
dass die so vei'ursaclite Hebung des Beckens die anscbeinende' 
Verkürzung des linken Beines verschuldet. 

Nachdem ich mich also entschlossen hatte, bei unäerem 
Kranken die Wirkung der Massage zu versuchen, bat ich 
Herrn Gautier, der sich seit einer Reihe von Jahren wissen- 
Ëchaftlich mit dieser Methode beschäftigt, uns hierbei seinen 
Beistand zu leihen, und ich danke ihm, dass er meiner Auf- 
forderung nachgekommen ist. 

Wir haben ihm dabei unbedingte Freiheit gelassen, und er 
wird nun vor Ihnen das Verfahren in Anwendung bringen, 
zu dem er sich enlsehlosaen liat. Sie sehen, er geht in der 
Weise vor. dass er zuerst mit seiner Hand eine einfache 
Effleurage an der linken Hinterbacke des Kranken ausführt, er 
steigt dann allmählich mit dem Druck, und nun macht er eine 
echte, tiefe Massage. Vor acht Tagen war diese Behandlung 
dem Kranken noch sehr unangenehm, heute erträgt er sie 
bereits sehr viel besser. Nach vier bis fitnf Minuten beginnt, 
er, wie er sagt, nicht mehr zu verspüren, dasa er frottirt wird, 
dann giebt er eine Empfindung vun Eingeschlafensein im ganzen 
Boiu an, und bald darauf fjhat er kein Bein mehr", wie 
er sich ausdrückt. In der That ist die linke untere Extremität 
in ihrem ganzen Umfange unempfindlich geworden, die liyper- 
äslhetiacheu Stellen über dem Hüft- und Kniegelenk sind vei^ 
schwunden; man kann die Haut jetzt ungestraft kneipen. Abar' 
noch mehr; die Anästhesie ist auch iu die Tiefe gegangen^ 
denn man kann jetzt auf deu Trochanter wie auf die Parse 
schlagen, ohne den leisesten Schmerz auszulöxeu. Endlich will 
ich Ihnen noch Eines zeigen, was uns in noch höherem Grad» 
interessiren muss: Auch die Contraetur ist geschwunden, i 
Sie können jetzt alle Gelenk« des linken Beines selbst gi 
rücksichtslos nach allen Kichtungen bewegen, ohne den min 
deaten Widerstand zu finden, und ohne dass der Kranke den 
leisesten Schmerz äussert. Sie sehen, wir können jetzt wieder, 
wie wir es bereits in der Chloroformnarkose gethan haben, 
coustatiren, dass die Gelenke vollkommen frei und beweglich 
siud, dass kein Crepitiren in ihnen entsteht, mit einem Wort, 
dass Kapseln und Gelenksflächen absolut intact sind- Ausser- 
dem sind alle Vorstellungen des Muskelsinnee für das Glied 
aufgehoben. Wir haben also, streng genommen, die Coxalgis'i 
mit Contractur in eine schlaffe hysterische Lähmung von beatei 
typischer Form verwandelt. 







^ 






— 3-2& — 

Wie lange hält nun dieser Lillimiujgs zu Planet an? Etwa 
eine bis anderthalb Stunden. Und was geachiebt dann? Dann 
erscheint der Schmerz von Neuem, steigt laach bis zu der 
früheren Intenaität an, und die Contraetur, aowio die gcbein- 
bare Verkürzung des Beines stellen sich wieder her. Ich rauae 
also zugeben, dass unsere Massage dem Kranken bisher nur 
eine sehr flüchtige Erleichterung gewährt hat, aber ich kanu 
Ihnen doch auch mittheilen, dass seit zwei oder drei Tagen 
Sehmerzen und Contraetur niebt mehr in ihrer vollen Höhe 
wiederkehren. Der Kranke gesteht selbst bereitwillig zu, dass 
die Symptome der Coxalgie eine Neigung zur Abnahme zeigen, 
die sich nach jeder neuen Sitzung verstärkt, und wir bauen 
auf diesen Umstand die HufTaung, im Laufe der Zeit zu dem 
ersehnten Ziele zu gelangen. 

Wir rechnen allerdings noch auf etwas Anderes, wovon 
ich aber erat sprechen kann, nachdem der Kranke ab- 
getreten ist. 

Es handelt sich nämlich um Folgendes: Wie Sie wissen, 
hat sich der Kranke die Affection, an welcher er leidet, im 
Dienste einer Eisenbahngesellscljaft zugezogen. Diese zahlt ihm 
gegenwärtig Tag für Tag eine Summe aus, die ungefähr so 
viel beträgt als der Lohn, den er sich durch seine Arbeit ver- 
diente. Wenn diese UnterstUtzung ihm entzogen wUrde, wäre 
er, arbeitsunfähig, wie er gegenwärtig ist, mit seinen sieben 
Kindern dem grSssten Elend verfallen. Mit Rücksicht darauf 
lebt er nun in einer beständigen Sorge vor der Zukunft, in 
einer gemUthlichen Depression, die wohl geeignet ist seinen 
Zustand, der ja, wie wir annehmen, hauptsächlich psychisch 
bedingt ist, zu unterhalten. Ich. glaube nun zu wissen, dass 
die Verwaltung der Eisenbahn geaellschaft bereit ist, dem Ch . . 
eine Pension anzuweisen, auf die er für die Zukunft rechnen 
kann. Man darf erwarten, dass das psychische Befinden unseres 
Kranken eine wesentliche Veränderung erfahren wird, sobald 
er nicht mehr beständig das Gespenst des Elends vor seinen 
Augen siebt; seine gemUthliche Depression wird ohne Zweifel 
weichen, und es wird uns nicht mehr so schwer fallen, ihn zu 
überreden, dass seine Krankheit keine unheilbare ist, dass sie 
in Genesung ausgehen kann und muss, und dass er selbst zu 
seiner . Heilang beitragen kann, wenn er es nur mit festem 
Entschlüsse will. — Dazu noch die Hilfe der Massage, und 
alles wird, wie ieh hoffe, gut enden. 

Ehe ich schliease, möchte ich noch Ihre Aufmerksamkeit, 
meine Herren, auf die Erfolge lenken, welche die Massage 
bei diesem Kranken erzielt, Sie glauben gewiss nicht daran, 
dasB eine einfache Massage bei jeder beliebigen Person so 



— 330 — 

auffällige Wirkungen hervorbringen könnte; wir wissen aller- 
dings^ dass sie im Stande ist, im Laufe der Zeit Neuralgien, 
Schmerzhaftigkeit der Gelenke u. A. m. zu bessern und zu 
heilen; aber, auch nur vorübergehend, eine wahrhafte moto- 
rische und sensible Lähmung einer Extremität zu machen, das 
geht weit über ihre gewöhnliche Leistungsfähigkeit hinaus. 
^Wodurch ist also der wirklich merkwürdige Effect der 
Massage bei unserem Kranken bedingt? Ich glaube, durch 
die Beschaffenheit der Person, durch das Terrain, auf dem 
sie zur Wirkung gelangt. Nur weil die Person, an der wir 
die Massage angewendet haben, ein Hysterischer ist, konnten 
wir durch dieselbe so auffallige Erfolge erzielen. Man könnte 
vielleicht sagen, dass die Massage hier eine Art von localer 
Hypnose dargestellt hat. Ich will zur Unterstützung dieser 
Ansicht anführen, dass ein ähnliches Verfahren bei zwei hy- 
sterischen Frauen meiner Klinik mit Hemianästhesie ganz 
übereinstimmende Ergebnisse geliefert hat. In weniger als fünf 
Minuten erzeugten wir bei ihnen eine Anästhesie der Haut 
auf der empfindenden Seite, dann eine Anästhesie der tiefen 
Theile und zuletzt eine vollkommene, aber vorübergehende 
motorische Lähmung der Extremität, begleitet von Aufhebung 
des Muskelsinnes. Wir haben also in diesem Umstände eine 
neue Bekräftigung für die Annahme der Hysterie bei unserem 
Kranken gefunden; aber das ist ein Punkt, auf den ich hier 
nicht weiter eingehen will. Ich glaube Ihnen eine genügende 
Anzahl von Beweisen für diese Annahme bereits vorgelegt 
zu haben. 

Ich habe Ihnen auseinandergesetzt, welche Mittel wir 
auch weiterhin in Anwendung zu bringen gedenken, um das 
Ziel, das wir uns gesteckt haben, zu erreichen. Wird es uns 
gelingen? Ich hoffe es, ohne es aber zuversichtlich behaupten 
zu wollen, und ich werde mich freuen, wenn ich Ihnen den 
Kranken, den wir hier sorgfältig studirt haben, vielleicht in 
einigen Wochen oder Monaten, geheilt von dem Leiden, das 
ihn seit drei Jahren quält, vorstellen kann. ^ 

^ Der Kranke, eiu ziemlich beschränkter und eigensinniger Mensch, 
entzog sich bald darauf der weiteren ßehandlung, und war bis zum Tage, 
an welchem der Druck dieses Buches abgeschlossen wurde, nicht wieder- 
gekehrt. Anmerkung des Uebersetzers. 




oïgeacliiuhte dar Kraiikou. — NSchtlitlias Trauma ohne matérielle Läaiou 

— Pletzliubes Ânflreten eiaar Hemiplegie um iiacbstea Tage uhiie carelirale 
Vorboten. — Charaktere der LSIimuDg: lUuitkelschlalfheit, ÂnSstbesie, Verlast 
äea MuskelamneB. — Feblen einer Mitbethetligun^ der Geeichtamuskulalnr. 

— Ausschliessung einer orgauisehen Ursaclii! fUr diese assodirte Monopleg-ie. 

— Heilung durch eiumalige Faradlaation. 

Meine Herren! Vor vier Tagen stellte sieh in unserer 
Dien s tagsam bulanz ein Fall von plötzlich entatandeoer moto- 
liatsher Lälinmnf^ vor, welcben ich Ihrer Aufmerkaamteit 
würdig glaube. Da die Erscheiriuagen, welche die Kranke 
bietet, von eiaem Augenblick zum anderen schwinden können, 
habe ich es für gerathcn gehalten, Ihnen die Kranke gleich 
heute vorzuführen. 

Die 19jähnge Henriette A . . ,, Wäscherin auf einem der 
Boote auf der Seine, erfreut sich für gewöhnlich einer guten 
Gesundheit. Ihr Vater, ein Brillenglasscbleifer, gegenwärtig 
âO Jahre alt, hat vor einiger Zeit einen apoplektiachen Anfall 
erlitten, von dem ihm eine linksseitige Hemiplegie zurUck- 
blieb; er wird auch häufig von Ohnmächten befallen. Ihre 
Mutter und Schwester zeigen keinu nervösen Erscheinungen. 

Was unsere Kranke selbst betrifft, so ist zu bemerken, 
dass sie im Alter von 1<3 Jahreu Scharlach überstand und dann 
in der Recouvalescenz von nervösen Anfällen befallen wurde, 
die nach ihrer Mittheilung die folgenden Eigenthüinlichkeiten 
hatten: Keine Aura, Bewusstloaigkeït, keine Zuckungen der 
Extremitäten, beim Erwachen Gcflihl einer Kugel in der 
Magengrube und Weinkrampf. Zungenhiss und unwillkürlicher 
Harnabgang kamen während dieser Anfälle niemals vor. Diese 
nervösen Zustände hielten etwa ein Jahr lang, von ihrem 
16. bis zu ihrem 17. Jahre an; die Menstruation war während 
dieser Zeit sehr nur egel massig, ist aber, seitdem die Kranke 



~ 332 — 

17 Jahre alt wurde, in jeder Hinsicht normal geworden. 
Kranke bat ferner nie an Rbeumatismus gelitten uud zeigt 
keine Symptome eines Heraleidene. 

Nachdem Sie nun, meine Herren, die Vorgeschichte dieser 
Kranken kennen, will ich Ihuen mittfaeilen, unter welchen 
Verhältniesen das gegenwärtige Leiden bei ihr auftrat, In der 
Nacht dea 29. Novembers brach, während sie schlief, ein über 
ihrem Bette beändliches Brett ab und tiel mitEammt den 
Gegenständen, die darauf etanden, auf ihren Kopf. Sie schreckte 
aus dem Schlafe auf, entsetzt über das Geräusch und den 
unerwarteten Schlag, war den Reat der Nacht hindurch sehr 
aufgeregt und konnte nicht wieder einschlafen. Wir müssen 
aber bemerken, dass das herabfallende Brett der Henriette A. 
auch nicht den geringsten Schaden zugefügt hatte, und dass 
sie nach ihrer eigenen Versicherung auch nicht die Spur einer 
Contusion zeigte. Nur die Kegeln, welche sie erat einige 
Tage später erwartet hatte, traten noch im Laufe derselben 
Nacht ein. 

Am nächsten Tag, dem 30. November, erhob sie sich 
wie gewöhnlich, ging auf das Boot und arbeitete wie alltäg- 
lich, ohne etwas besonderes zu verspüren. Gegen T'/j Uhr 
Abends aber, als sie mit ihrem Eimer in der Hand Wasser 
schöpfen gieng, knickte sie auf der rechten Seite plötzlich zu- 
sammen, konnte sich nicht mehr erheben, ihr rechtes Bein 
war zu schwach geworden, um sie zu tragen, und der Eimer 
war der rechten Hand, die ihn nicht mehr zu halten ver- 
mochte, entfallen und weit weggerolit. Dabei war das Bewusst- 
sein ungestört, sie rief Leute herbei, um sie aufzuheben, sobald 
sie ihre Schwäche merkte, hatte kein SehwindelgeftihI, keine 
Betäubung, keine Spur von Krämpfen, kurz keinerlei cerebrale 
Phänomene. Die Lähmung betraf das rechte Bein und den 
rechten Arm, aber nicht dia Gesichtsmuskelii dieser Seite, und 
ich hebe diesen Punkt hervor, um ihn Ihrer besonderen Auf- 
merksamkeit zu empfehlen. Ihre Schwäche war damals so arg, 
dass man sie im Wagen in's Haus ihrer Ellern befördern muaste. 

An den folgenden Tagen, am 1., 2. und 3. Decembßr, 
besserte sich die Lähmung des rechten Beines allmählich um 
ein Geringes, doch musste die Kranke noch am letzten 
Dienstag, als sie unsere Consultation externe aufsuchte, einen 
Wagen gebrauchen und bedurfte einer kräftigen Unterstützung, 
um bis in den Saal zu gelangen- 

Während der vier Tage, welche seither verflossen sind, 
hat die Besserung noch weitere Forlscbritte gemacht. Sie 
werden sich überzeugen können, daaa die Beweglichkeit des 
rechten Beines in erbeblicbäiu Grade wiederhergestellt ist. 



J 



— 333 — 

Sie kennen nun, meine Hei-ren, die Verhältniaae, unter 
denen die Hemiplegie bei unserer Kranken auftrat, und es 
ist Zeit, das Studium der Charaktere, durch welche jene sich 
auHzeichnet, in ÂngriËT zu nehmen. 

Untersuchen wir zunächst, wie sich gegenwärtig die Moti- 
lität verhält: Die obere Extremität hängt vollkommen schlaff 
und entspannt herab und fällt als Ganzes nieder, wenn man 
Bie aufhebt. Dies ist der Eindruck, den die Extremität im 
Allgemeinen macht; geht man aber näher ein, so findet man, 
daas die Beweglichkeit doch in einzelnen Muskeln erhalten ist, 
während allerdings die Mehrzahl der Muskeln am Ober- und 
Vorderarm dieselbe eingebiiast haben. So kann der Vorderarm 
noch gestreckt werden (durch die Thätigkeit des M. triceps), 
aber nicht mehr gebeugt (Biceps uad Brachialis internus). Die 
Beugung der Finger ist, obwohl mit sehr geringer Kraft, noch 
möglich; Pronation, Supination und Beugung des Vorderarmes 
sind wie die Ab- und Adduction dea Handgelenkes aufgehoben, 
aber im Handgelenk besteht noch leichte Palmar- und Dorsal- 
öexion, nnd die Finger können einander angenähert und 
in die durch Interossei Wirkung erzeugte Stellung gebracht 
werden. 

Untersuchen wir die Muskeln der Schulter. Wir finden, 
dass der Deltoïdes ganz und gar nicht functionirt, der Pec- 
turalis major noch tbeilweise, und dass der Trapezius und die 
anderen Rumpfannmuskeln vollkommen ungescbSdigt sind. 

Wa'4 das Buin betrifft, so haben wir eben erwähnt, dass 
dasselbe sich zum Thetle erholt hat. Es zeigt jetzt auch nicht 
die Symptome einer wirklichen totalen Lähmung, sondern viel- 
mehr die einer Parese, welche an einigen Muskeln deutlicher 
ist als an anderen. Die Kranke kann auch mit leichtem Hinken 
gehen. Ferner dürfen wir den Umstand nicht übersehen, dass 
eich keine Assymmetrie im Gesichte, und keine Lähmung im 
Kreismuskel des Mundes zeigt; ebensowenig ist eine Lähmung 
am Rumpfe nachweisbar. Die Lähmung, welche uns diese 
Kranke darbietet, ist also nicht eigentlich eine Hemiplegie, 
sondern vielmehr eine brachio-crurale Monoplegie. 

Sie sehen auch, dass die Seimenreflexe nicht gesteigert 
sind wie bei einer gewöhnliehen Hemiplegie, sie sind im 
Gegentheile im Vergleich zur gesunden Seite herabgesetzt. 
Wir haben es nicht mit einer spastischen, sondern mit einer 
^ wenn auch nicht absolut — schlaffen Lähmung zu thun. 

Wenn wir uns jetzt zur Untersuchung der Sensibilität 
wenden, so conslatiren wir am rechten Bein eine ziemlich er- 
hebliche Abstumpfung der Empfindlichkeit filr Schmerz- und 
Teno peraturein drücke; am rechten Arm ist die Empfindlichkeit 




— 334 — 

vollkomraen aufgehoben, und diese Aufhebung betrifft di 
den Vorderarm und den Oberarm bis zur Sehulterhöhe. Die 
Haut der Brust ist empfindlich geblieben, die Trenuungalinie 
zwischen dem aDäBthetischen und dem empfindlichen Gebiet 
geht etwa durch die Mitte der Wand der Achselhöhle. Was 
die Sinnesverrichtungen, Gesicht, Geruch, Geschtnack und Gehör 
betrifft, so ist hierin keine VeräDderung zu finden. Es besteht 
auch kein deutlicher Ovarialschmerz, keine Hyperästhesie an 
einer anderen Körperatelle. 

Es erlibrigt uns noch die Prüfung des Muskelsinnea. Wir 
verbinden der Kranken die Augen und heissen sie mit ihrer 
linken Hand nach ihrer gelähmten rechten greifen- Sie sehen, 
meine Herren, dass sie dies nicht trifft, sie sucht ihre rechte 
Hand oben, unten, überall und weiss sie nicht zu finden. 
Nichts Aehnliches ist fUr das rechte Bein zu conatatiren; 
es macht ihr keine Schwierigkeifen, bei geschlossenen Augen 
mit der linken Hand noch ihrem rechten Fusb zu greifen. 

Eine andere Erscheinung, die ein gewisses Interesse bietet, 
ist das Verhalten der localen Temperatur. Wie man sich 
durch wiederholte vergleichende Messungen an der Oberfläche 
beider Kürperseiten überzeugen kann, ist die Temperatur an 
der gelshmten Seite um mehrere Zehntel eines Grades herab- 
gesetzt. Im Uehrigen ist über die centrale Temperatur 
nichts zu bemerken; kein Fieber, vortrefflicher Allgeraein- 
zustand. 

Lassen Sie uns nun versuchen, meine Herren, die ver- 
Bchiedenen Symptome, welche diese Kranke zeigt, zusammen- 
zufassen und in einer Weise anzuordnen, die uns zu einer 
rationellen Diagnose führen kann. Was finden wir vor? 

Eine assocürte Monoplegie mit Herabsetzung der Sahnen- 
reflexe, die plötzlich aufgetreten ist, ohne von epileptiformen 
oder apoplektiformen Geliirnsyniptomen begleitet zu sein; zn 
dieser Monoplegie kommt hinzu eine vollkoramenn Anästhesie 
mit Aufhebung des Muskelsinnes, auf den von der Lähmung 
befallenen Arm beschränkt; endlich sind alle diese Erschei- 
nungen bei einem jungen Jlädchen von 19 Jahren aufgetreten, 
welches vorher Zeichen von Hysterie geboten hat. 

Aus diesem Material dürfen wir, meine Herren, den Scbluss 
ziehen, dass die Hemiplegie eine hysterische ist. Denn wenn wir 
zunächst in Erwägung ziehen, ob dieselbe von einer cere- 
bralen H erderk rankung — Blutung oder Erweichung — her- 
rühren kann, so dürfen wir diese Möglichkeit getrost zurück- 
weisen. So sieht eine cerebrale Blutung oder Erweichung nicbt 
aus; es besteht ja, wie wir gesehen haben, keine wirkliche 
Hemiplegie in unserem Fälle, sondern eine asaociirte Modo- 



J 



— 335 — 

plegie ohoe jede Bethejligung des Gesichtee, und ausserdem 
ünden wir eine Anäatheaie. die sowohl an Intensität wie an 
Sitz genau mit der Extremitätenlähmung zusaminenfällt. Eben- 
Bowenig kann es sich um eine Hemiplegie spinaler Natur 
handeln, denn dann miissten, wie Ihnen bekannt ist, Lähmung 
und Anästhesie auf entgegengesetzten Seiten sein, anstatt wie 
hier, nicht nur auf derselben Seite, sondern sozusagen voll- 
kommen einander deckend. 

Kurz, meine Herren, ich glaube, es ist nicht nötbig, uns 
länger hierbei aufzuhalten und unserer Diagnose künstlicbe 
Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Die rein hysterische 
Natur dieser Lähmung ergiebt sich mit der grössten Sicher- 
heit aus der eiugehenden Untersuchung, die wir an unserer 
Kranken augestellt haben, und wir haben nichts zu thun, als 
diese Diagnose anzunehmen, um jene Coneequenzen für die 
Prognose und Therapie aus ihr zu ziehen, die sich ungezwungen 
daraus ableiten lassen. 

(Charcot fUgte noch die Bemerkung hinzu, dass man die 
elektrische Untersuchung der Muskeln bis dahin aul'geschohen 
habe, weil jeder Versuch der Art wahrsebeinlich die Wieder- 
kehr der Motilität, also Heilung, heibeifUhren würde, und 
dass es ihm daran gelegen sei, seine Hörer zu Augenzeugen 
dieses möglichen Erfolges zu machen. Hierauf liess der Pro- 
fessor die Muskeln an der rechten Schulter und am Oberarm 
der Kranken faradisiren. Nach Verlauf einer Minute war die 
Sensibilität dieser Theile [ohne Transfert] zurückgekehrt; eine 
Minute später war der ganze rechte Arm wieder empfindlich, 
und die Motilität verschwunden. Die Kranke bediente sich 
ihres Armes ebenRo ausgiebig wie vor der Erkrankung und 
drückte den Zuhfirern, welche sich eifrig herandrängten, um 
sich von der Wirklichkeit des Vorganges zu überzeugen, der 
I unter ihren Augen abgespielt hatte, kraftvoll die Hand.') 

■ In äieatiB Angenblicke bestand noch äie Si;lmticlie den Btines 
relcheB keinerlei elektrische BehsndUing erraUren halte. Uie selbe hielt 
Powell swei Tage an, schwand darauf von selbst, nnd ICmpfindaiig wie Be- 
raglichkeit verhielten sich von da an in jeder Uinsicht normal. 



Seclisimdzwanzigste Vorlesung. 



Ueber hereditäre Ataxie. 

Die bliiiUclien Charaktere der Kr ied i'i-lch'»ch<jn Kmuhbeit liikiten die Uitß 
Kwiachen deoen der Tabea und der multiplen Hardaklerose, die Kraiikheil 
sondert aicb aber dnrcb mebrere Punkte 9<'barf von den beiden Bndereo ab. 
— Aller der Erkrankten, ~ Heredität. — Verlauf- — fiefleianfhebnnB, Zittern, 
OaagBtOrnag, Ataxie, N^BtagmoSr SpracbalSriing. — Keine onderweitigeu 
AagenafDiptODie, keine viaceralen und trophiscben Störungen. — Erballong 
der SensibilitSt. — Anatomiaebe Läsion der heredilfiren Ataxie, 

Meine Herren! Der ziemlich merkwiirdicçe und neuartige 
Fall, den ich Ihnen heute vorstellen will, geliört in eine Ömppe 
von Erkrankungen, welche den Namen dea vor einigen J&hren 
verstorbenen Heidelberger Arztes Friedreich tragen, weil 
dieser die erste Beschreibung von ihnen gegeben hat. 

Sie werden fragen, was dies für eine Erkrankung ist. Man 
kann darauf itntworten: Diese Erkrankung halte klinisch die 
Mitte zwischen der eigentlichen, progressiven, Ataxie locomo- 
trice und der Herdsklerose, während sie histologisch' weder 
die Läsion der gemeinen Tabes noch die der disaeminirteD 
Sklerose atifweist, sondern sich vielmehr durch eine eigenartige 
spinale Läsion ausKeichnet. 

Wir wollen uns die klinischen Cliaraktere dieser drei 
Krankheiten, der Ataxie, der Herdsklerose und dieser neuen 
Friedreich'achen Krankheit in einer vergleichenden Zu- 
sammenstellung vorfuhren. 

Vom Standpunkt der Aetiologie ist die Herdsklerose ijniner 
als eine Krankheit der Erwachsenen (zwanzig, fünfundzwanzig, 
dreisaig Jahre) aufgefasst worden. Man weiss aber heute, dass 
sie auch Kinder befallen kann, und ich habe aus fremden 
Autoren 20 Fälle gesammelc, die sich auf Individuen im Alter 
von drei, vier, fUnf und vierzehn Jahren beziehen. Die eigent- 
liche Ataxie locomotrice tritt kaum vor fünfundzwanzig oder 
dreissig Jahren auf, im AUer von zwanzig Jahren nur iu 




— 337 — 

selteneD Fällen. Die Kranken, um die es sich bei der Fried- 
reich'Bchen oder hereditären Ataxie handelt, sind dagegen 
Kinder oder stehen im frühen JUnglinga alter. 

Was die Heredität anbelangt, so besitzen wir über das 
Verhalten der dieBeminirten Skleroee nur wenif^ Kenntnisse. 
Wir wissen blos, dass dieselbe zur groasen Gruppe der erblich 
verknüpften Nervenkrankheiten gebort, daa heisst, sie entwickelt 
sieb bei nervös beanlagten Personen, und man kann sie nicht 
selten bei mehreren Kindern eines und desselben Elternpaarea 
antreffen. Sie ist, kurz gesagt, der mittelbaren Vererbung 
unterworfen. Denselben Chavaktei- der mittelbaren Vererbung 
mit Umwandlung der Erkrankungsform begegen wir auch bei 
der progressiven Atasie locomotrice, und auch hier kommt es 
nicht selten voi-, dass mehrere Kinder derselben Ehe von der 
Erkrankung ergriffen werden. Von der Friedreieh'achen 
Krankheit endlich haben wir eben erwähnt, dass sie aucb als 
hereditäre Ataxie bezeichnet wird. Kigenttich ist sie nicbtanders 
hereditär als die beiden anderen Erkrankungen. Die Personen, 
welche sie- befällt, stammen von Ascendenten ab, die an ver- 
schiedenartigen Nervenkrankheiten leiden. Es kommt aber ein 
sehr merkwürdiger Umstand in Betracht: Die 20 Beobachtungen 
von hereditärer Ataxie, welche der Autor, nach dem die Krankheit 
benannt ist, veröffentlicht hat, vertheilen sich auf nur vier oder 
fiinf Familien. Das heisst also, in einer Familie wird eine 
grosse Zahl von Kindern 'von dieser Krankheit befallen. So 
finden wir in den Mitlheilungen der klinischen Gesellschaft 
in London für das 1881 folgende sehr lehrreiche Familien- 
geschichte: Die Mutter leidet an Chorea, der Vater an Albumin- 
urie, ein Bruder des Vaters gleichfalls, ein anderer Bruder 
ist irsinnig. Dieses Elternpaar hat neun Kinder: das erste, 
jetm ein Mann von 39 Jahren, leidet an hereditärer Ataxie; 
daa zweite, ein Mädchen, ist im Alter von zehn Jahren, 
unbekannt woran-, gestorben; das dritte, ein Mann von fiinf- 
unddreissig. ist gesund; das vierte, ein Mann von dreiund- 
drcissig Jaiiren, gleiclifalls gcsuad; das fünfte, Mädchen von 
neunundzwanzig Jahren, hereditäre Ataxie; das sechste. Mann 
von sechsundzwanzig Jahren, gesund; das siebente, Mann von 
dveiundzwanzig Jahren, hereditäre Ataxie; das achte, ein 
Jüngling von neunzehn Jahren, hereditäre Ataxie; das neunte, 
Jüngling von achtzehn Jahren, hereditäre Ataxie. Also fünf 
Kinder unter neun, die an hereditärer Ataxie leiden. Tritt in 
diesem eigenthümlichen Verhalten der Erkrankung nicht deren 
Beziehung zur ueuromusculären Veranlagung deutlich hervor? 

Uebergehen wir jetzt zur Ëntwickeiung und zur Prognose 
der Krankheit. 



L 



ichläBse, 



— 338 — 

Die diaaeminirte Sklerose ist in ihrem Verlauf ni 
wendbav progressiv, sondern zeigt Stillstände und 1 
welche mitunter eine wirkliche Heilung vortäiiachen kö: 
Heilung, die aber in der Hegel nicht anhaltend ist, Doch 
kann sich die Krankheit auch bessern und rückbildeo. — Die 
eigentliche locomotorische Ataxie dagegen nimmt einen unauf- 
haltsam progressiven Verlauf und strebt einem ebenso unab- 
wendbar verderblichen Ausgange zu; Stillstände sind, wenn 
sie vorkommen, selten, Heilungen habe ich nie beobachtet. 
Die hereditfire Ataxie nähert sich hierin mehr der Ataxie^ 
locomotrice; sie bildet sich nämlich niemals zurück und nimmi 
einen progressiven Verlauf, ihre Entwickeliing ist gleich unauf-< 
haltsam wie ihr Ausgang. 

Wenn wir nun diese drei Krankheiten mit Bezug auf daa' 
Symptomenbild, das sie klinisch ergeben, zus am mena teilen, so 
können wir für die Ataxie locomotrice auf den bekannten Com- 
plex spinaler, cephaliacher oder bulbärer Erscheinungen, 
visceraler und tropbischer Störungen als cbarakteristiscb hin- 
weisen. Wir dürfen auch auf die absolut pathngnomonischea, 
blitzähnlichen Sehmerzen nicht vergessen. 

Bei der Herdsklerose beobachtet man an den oberea. 
Extremitäten Bewegungsstörungen, welche durch rhythmische 
Schwankungen ausgezeichnet sind, während die Störungen der 
Coordination bei der Ataxie nichts Rhythmisches an sich haben. 
Das letztere gilt auch t'lii- die hereditäre Ataxie. Von 
der unteren Extremitäten zeigt sich bei der multiplen SklerosQ^ 
Steigerung der Sehnenreflexe, spastische Paraplégie, Gliedei 
starre; bei der Ataxie locomotrice wie bei der hereditäre] 
Ataxie findet man dagegen Aufhebung der Reflexe, Erechwerungr 
des Aufrechtstehens und des Ganges. So viel über die spinalen 
Symptome, Was die bulbären oder cephalischen anbelangt, 
so beobachtet man bei der Sklerose, wie bei der hereditären 
Ataxie fast constant Nystagmus der Augen, der bei der Tabes 
nicht vorkommt. Bei der Sklerose, wie bei der hereditären 
Ataxie ist Sprachstörung vorhanden, Scandiren, die Sprache 
wird mitunter unverständlich. Dies gehört nicht in den Rahmen 
der Tabea, insoferne sie sich nicht etwa mit progressiver' 
Paralyse complicirt. DafUr treten die Symptome am Auge, 
welche in der Tabes eine so grosse Rolle spielen, weder bei 
der Sklerose noch bei der Friedreich'achen Krankheit auf. 
Die visceralen Symptome, welche man bei der Ataxie locomo- 
trice Bo häufig beobachtet, mit denen die Krankheit oft sozu- 
sagen auf die Bühne tritt, fallen bei der Sklerose, wie bei der 
hereditären At.nxie weg, und wenn bei der multiplen Sklerose 
die Blase afficirt sein kann, so geschieht dies doch nur zufällig. 



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— 339 — 

Die tropluscten Stiirung;en, welche, wie die Musltelatrophien, 
Gelenks- und KnochenerkrankuDgen für die Tabes cnarak- 
temtiäch Bind, kommen bei der hereditären Ataxie, wie bei der 
.._ iltiplen Sklerose niemals zu Stande; es sei denn, dass sich 

%ei letzterer ErkrankuDg gelegentlich ein wenig Muskelatropliie 

'einstellt. 

Um es nun zusammenzufassen: die hereditäre Ataxie ist 
eine Erkrankung, welche ihrem klinischen Bilde nach in der 
Mitte zwischen der eigentliehen Ataxie locomotrice nnd der 
ultiplen Sklerose steht, von beiden Krankheiten einige 
Symptome entlehnt und sich andererseits durch deu Ausfall 
erner gewissen Reihe von Merkmalen, die der einen oder der 

;anderen Erkrankung zukommen, scharf von ihnen scheidet. 
"Was die pathologische Anatomie der hereditären Ataxie be- 
BO geht aus den sieben oder acht Autopsien, die unter 
den erwähnten zwanzig Fällen gemacht werden konnten, hervor, 
dasa sie von der bei multipler Sklerose, wie von der bei Tabes 
durchaus verschieden ist. Ra handelt sich hier nicht um eine 
Erkrankung in zerstreuten Herden, sondern um eine diffuse 
Läsion der Hinter- und der Sei tenst ränge, zu der sich jedesmal 
ein gewisser Grad von chronisclier Entzündung der Meningen 
hinzugesellt- lieber die Veränderungen im verlängerten Marke 
kann man wegen LJnzulJtuglichkeit der Untersuchungen noch 
nichts aussagen. 

Es exiatirt also im noaographiachem System eine eigene, 
bisher nur durch zwanzig — oder wenn wir unsere Beob- 
achtung hinzurechnen, tiber die wir sofort einige Worte sagen 
werden — durch einundzwanzig Fälle repräaentirte Krankheits- 
form, welche den Namen hereditäre Ataxie oder Frîed- 
reich'sche Krankheit führt. Dieselbe nähert sich in ihren 
Symptomen sowohl der multiplen Sklerose, als auch der 
eigentlichen Tabes, ist aber in gewissen Funkten von Beiden 
scharf gesondert. 

Unser Kranker ist ein achtzehnjähriger Jüngling, der, wenn 
man darin seinen Angehörigen Glauben, schenken darf, erst seit 
einem Jahr krank sein würde. Das Leiden — die Coordinations- 
stfirung — ist also erst seit dieser Zeit aufgefallen. (Erarbeitet 
bei seinem Vater, der Goldschmied ist.) Wenn wir uns aber in 
ein längeres Verhör einlassen, erfahren wir, dass dieser Junge 
sehr spät gehen gelernt hat, dass er immer mit seinen Händen 
ungeschickt war, dasa er immer' Sprachstörung und auch In- 
coordination der Bewegungen gezeigt hat. Die Kraukheit 
besteht also schon seit sehr langer Zeit, und wird nur 
einem Jahr durch eine rasche Verschlimmerung auffällig 
worden sein. In Betreff der Heredität liegen hier Ausnah: 



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— 340 — 

verbältnisse vor, denn die Eltern sollen keine nervösen 
Erkrankungen gezeigt haben; von den neun Rindern, Knaben 
und Mädchen, die sie hatten, seien zwei gestorben, der eine 
an Gehirnentzündung, der andere an Krämpfen, sechs von 
den sieben übrigen sollen vollständig gesund sein; nur unser 
Kranker, der zweitgeborene von den neun Geschwistern, wäre von 
der Erkrankung befallen. Er hat nie blitzähnliche Schmerzen 
gehabt, sein Gang ist der typisch ataktische, seine Beine werden 
von unaufhörlichen, nicht rhythmischen Schwankungen bewegt, 
seine oberen Extremitäten zeigen gleichfalls Coordinations- 
störung, die Sprache ist erschwert, Nystagmus besteht, aber 
ohne jedes andere Symptom von Seiten der Augen, endlich 
zeigt sich die Kenntniss der Lagevorstellungen im Grossen 
und Ganzen erhalten. 

Dies ist der sehr merkwürdige Fall, den ich Ihrer Auf- 
merksamkeit empfehlen wollte. 




Siebenundzwanzigste Vorlesung. 



Ueber alkoholische Lähmungen. 

Geschichte der Alkuhullälimuiig. — Nachweis der krankbafteü Veräuderungau 
in dsD peripheren Nerven. — iricb wierigkeilon bei der Erhebung der Âetiu- 
logie. — Bevorzugung den wiiblidien GeschlucbteB. — Periode der Schmerlen, 
welche an dia laticÎDircnilLU Stluin-Tzea bei Tabes erinnern. — Lïhmuug, 
Tünugsweise der Exteusorcu. ~ Vasomotorische Phäiioinene aa den FUbbbd. 
— Analgésie und eigen thümlkher Gsisteaiust&nd der Kranlien. — Verlauf 
der Erkraukung. — Mäglichs Vt'Twechalung mit deu nervösen Bracbeinnngen 
bei Diabetes. 

Meiuö Herren! Die beidüu Kranken, welche wir heute 

untersucheu wollen, leiden au einer LähmuDgeform, welche 
auf Hie Einwirkung einer chrunixchen Âlkoholiatoxication 
zurückzuführen ist. Da die Functionsstörungeo, weluhe sie 
zeigen, uagewöhnlicber Natur sind, und deren BeHchroibung 
eret in jüngster Zeit orfulgt ist, wollen wir sie niuht uube- 
Bchtet an uns vorbeigehen laaseD. 

Daa VerdienBt.ala der Erste Lähmungen beim cbronlachen 
Alkoholiamua erkannt zu haben, gebührt Magnus Huas.' Aber 
die Kenntnias der nervöaen Krackheitsbilder war zur Zeit, da 
der aebwedische Autor schrieb, noeb zu ungenügend, als dass 
ea möglich gewesen wäre, diese Gruppe von Erscheinungen 
in wiflsenschaftlich befriedigender Weise einzureihen. Huas 
bat auch in seinem Buche kaum mehr als eine Süchtige Skizze 
des Symptomcomplexes gegeben. 

Erst in dem Artikel „Âlkoholismus", den Lancereaux 
in dem Dictionnaire encyclopédique des sciences médicales, 
1804 veröffentlicht hat, Hnden wir den ersten Versuch einer 
getreuen Beschreibung dieser Lähmungen; daaelhat wird auch 
der Umstand hervorgehoben, daas die Lttbmung wie bei der 
Bleiintoxation mit Vorliebe die Streckmuskeln beftillt. Diesem 



Chro 



sehe ÂIkoholakranhbeil. Stockholm 



Artikel ist eine AunierkuDg vod Leiidet, Professor der i 
mediciaisclien Elinik zu Euuen, beig<3gebeu, in der ein neues 
Merkmal, das Vorkommen der schmerzhaften Läliraungen, an- 
geführt wird. Der gelehrte Professor vod Rouen kam dann 
im Jahre 1867 ' von Neuem auf die Sebmerzen von neu- 
ralgischem Charakter zurück, die sich besonders bei Nacht in 
den unteren Extremitäten einstellen, und brachte einen guten 
Theil dessen, was Valleix a!a N(!uralgie générale bezeichnet 
hatte, unter den Gesichtspunkt des AlkohoTismus. 

Auch der anatomischen Eenntniss dieser Erkrankung hatta 
Leudet eine wichtige ThatsacLe zu danken. Er war der 
Erste, der die Gelegenheit hatte, in solchen Fällen Autopsien 
vorzunehmen, und konnte dabei die Unversehrtheit desEUcken- 
markes, sowie Läsionen der peripheren Nerven und der 
Muskeln, zu welchen sich die erkrankten Nervenatämme be- 
geben, feststellen. Lancereaux hat später diese Ver- 
änderungen, welche denen nach Nervendurchschneidung analoge 
sind, bestätigen können. 

Man sollte erwarten, dass die englischen Autoren, in 
deren Vaterlnnde der Alkoholismua eine so bedeutende Rolle 
spielt, schon sehr frühzeitig mit ihren wissenschaftlichen Beiträgen 
auf diesem Gebiete hervorgetreten seien. Doch geschah es 
erst im Jahre 1872, dass Wilks und Lockhart Clarkc-die 
Aufmerksamkeit auf eine Form von Paraplégie lenktcu, die 
man in London, wie es scheint, sehr häufig bei Frauen und 
selbst bei Ladies beobachten kann, und die von ihnen ilber- 
einstimmend als „alkoholische Paraplégie" bezeichnet wurde. 
Sie sollte dadurch ausgezeichnet sein, dass lange Zeit vor 
dem Eintreten der motorischen Störungen anfallaweiae wieder- 
kehrende Schmerzen bestünden, welche die Kranken mit 
elektrischen Schlägen vergleichen. Endlich gab dann im Jahre 
1881 Lancereaux^ eine Darstellung der Krankheit, welche 
im Clroasen und Ganzen noch heute zutreffend ist, und die 
man nur in Einzelheiten vervollständigen konnte. 

Die Aetiologie der alkohulischen Lähmungen braucht uub 
nicht lange aufzuhalten. Doch will ich betonen, dass man Dach 
den Anamnese sorgfältig suchen muss, denn iu der ersten. 



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— 343 — 

I Periodü dur Erkrankung liait ea eulir acliwer, ein Eingeetändnias 
BU erlaDgen, und wänn die Krkrankuiig voll entwickelt ist, 
kommt ein eigenthUmliclier tieisteszuetand hinzu, den ich mir 
später zu behandeln vorbehalte. Darf man vielleicht die eine 
oder die andere Art von Alkohol besonders beschuldigen? Es 
ist nicht wahrscheinlich j eicher ist nur so viel, dass in der 
Mehrheit der Fälle die Trinker! im -mi und nicht die Trinker 
erkranken (nach Lancereaux zwijll' Fälle unter fünfzehn), und 
zwar die Trinkerinnen der feinen Welt, die Ladies nach 
Wilka, welche superfeinen Cognac, Douceurs, feine Liqueure 
genieasen, ebenso wie die Frauen aus dem Volke, welche 

r Wein, JohanniBbeerenliqueur, eau de mélisse und a. dgl. zu 

■ sich nehmen.' 

I Woher rührt diese Bevorzugung der Frauen, die mir 

' schon seit langer Zeit bei dieser Erkrankung aufgefallen ist? 
Eine unserer Kranken zeigt deutliche neuropathisehe Veran- 
lagung; das kommt nun im Allgemeinen sehr in Betracht, 
leicht aber nicht aus, um den Einduss des Geschlechts auf 
die Häufigkeit der Erkrankung aufzuklären. Es giebt hier ein 
Rathael zu lösen. Was das Aller betrifft, so zeigt uns die 
Aetiologie bereits an, daaa es sieb um Kranke im n'il'"ri 
Alter handelt. 

Die Entwickelungsweise der Krankheit ist fast immi'r die 
nämliche. Abgesehen von den anderen Symptomen, welche 
uns die Alkobolintttxieation bekunden, unter denen ich be- 
öonders die schreckliaftLn Träume, nftchtliclies Alpdrücken, 
grauenhafte Viaionen hervorbeben will, scheint einer der ersten 
Vorboten dieser Lähmungaformen in dem Auftreten von heftigen 
LSc.bmerzen zu bestehen, welche vorzugsweiae in den unteren 
Extremitäten wüthen. Diese Schmerzen haben viel Aehnlitih- 
keit mit jenen, welche sich in der Initialperiode der Ataxie loco- 
motrice zeigen; es sind prickelnde Empfindungen, Ameisen- 
laufen, Stiche und wirkliche blitzähnliche Schmerzen, welche 
die Extremitäten durchfahren. Sie treten ganz besonders in 
der Nacht auf, und die Kranken sehen auch immer mit Ent- 
setzen der nächtlichen Ruhe entgegen, welche während des 
Schlafes durch schreckliche Hallucinationen, während der schlaf- 
losen Stunden durch grausame Sehmerzen unterbrochen ist. 
Diese Schmerzen breiten sich alsbald aus; nachdem 
sie vorzugsweise an beiden unteren Extremitäten symme- 
trisch aufgetreten, und von Hyperästhesie der Haut be- 
gleitet waren, ergreifen sie dann beide oberen Extremitäten, 
und nach Verlauf einer gewissen, bei den verschiedenen Indi- 

1 Id, Uoiou médicale. S' 116, 1892 et aeq. 



{ 



344 



viduen wecliBtlndtii Zeit niacbt die HyperäBthesie eiuer neuen "^ 
Erscheinung, der Analgesie, Platz. Jetzt werden Kälte, Wärme 
und Slichc an deu befallenenGliedmassen nicht mehr ein p tun den, 
die Berührung des Bodeus nicht mehr verspürt; dies ist auch der 
Moment, in dem sich die Lähmungen geltend machen. Auch 
diese sind aymmetrisch, befallen die oberen wie die unteren 
Extremitäten, und zwar hauptEäcblich die letzteren, aber es 
gieht gewisse Muskelgruppen, die ihnen vorzugsweise verfallen, 
nämlicii, wie ich schon aagte^ die Strecker. Betrachten Sie 
diese beiden Frauen, welche ich auf hohen Stuhlen habe 
niedersetzen lassen; Sie sehen, ihre Fiisse hängen schlaff in 
Spitzfussstellung herab, sie sind nicht im Stande, die Fubs- 
spitzen zu erbeben; die Sehnenreflexe sind, wie Glynn' ge- 
zeigt hat, aufgehoben. Bei einer dieser Kranken können Sie 
auch die Strecker der Vorderarme in massigerem Grade ' 
der Lähmung ergriffen finden. Die Muskeln des Rumpfes sind 
in beiden Fällen frei, doch kann man andere Male eine Affeo-' 
lion derselben sehen; was die Gesicbtsmuskeln anbelangt, 
tächeineu sie vom Alkohol immer verschont zu wei 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihre Aufmerksamkeit 
auf eine Eigenthümlichkeit lenken, die bei diesen beiden 
Frauen in aufftllligster Weise hervortritt. Betrachten Sie 'bre 
Füsae uud Unterachenkel; sehen Sie nicht die vasomotoriacbeih 
Erscheinungen, die daselbst bestehen, diese diffuse, an manche^ 
Stellen in's Violette spielende Röthung der Haut, dieses Oedem 
um die Knöchel, daa sich fast constant vorändet, ohne dass" 
uoH die Untersuchung des Harns eine ausreichende Erklärung 
dafür geben könnte, denn unsere Kranken sind weder dia- 
betisch, noch bähen sie Eiweisa im Harn. Andere Male sind 
es Scbweisse, die sich auf ditî FUase oder Hände beschränken, 
plötzlich ausbrechen und wieder aufhören, ein rascher Wechsel 
von Röthung und Blässe, oodlich kommt es nach Ablauf einer 
gewissen Zeit an diesen gelähmten Füssen zu fibrösen Ver- 
wachsungen der Sehnen und zu Verdickungen des Binde- 
gewebes, welches dasTibio-tarsalgelenk u m giebt. Ver wachsungen, 
welche sich eiuer Wiederherstellung der Beweglichkeit als 
Hinderniss entgegensetzen. Wenn unsere Kranken genesen 
sind, werden sie wahrscheinlich die Hilfe einer chirurgischen 
Operation in Anspruch nehmen müssen. Sie bemerken fei"ner,_ 
dass die gelähmten Muskeln sich weich anfühlen, und ich kam 
Ihnen sagen, dass deren elektrische Erregbarkeit erhebli^ 
vermindert ist. 



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— 345 — 

Ich gelange nun zur Scliilderuti}; des Geistcszuatandea bei 
diesen beiden Frauen, die ans Lierbei als Typen dienen 
können Es ist bei den Störungen, die sich an den Âlkoboliamus 
• knüpfen, wie bei denen des Morphinismus; ich möchte sagen, 
die Diagnose muss Sie bereits auf das ätiolugiscbe Moment 
hinfuhren. Es wird Ihnen sclion in den ersten Stadien der 
Kranklieit, wenn die Personen noch die volle Klarheit ihres 
Geistes besitzen, schwer werden, ein Gestäudnisa von ihnen 
zu erhalten, und Sie werden sich an die Umgebunp; wenden 
raiisaen; ist es einmal zur Lähmung gekommen, so dürfen Sie 
nie auf eine ätiologische Aufklärung von Seiten der Kranken 
rechnen. Wir wissen zuverlässlich, dass diese beiden Frauen, die 
eine Cognae, die andere Johanniabeersehnapa getrunken haben; 
Mann und Tochter haben es uns mitgetheilt. Aber fragen Sie 
einmal die Kranken nach ihren Lebensgewobnheiten, aie werden 
Ihnen Beide versichern, dass sie der unbedingtesten Niiehternheit 
ergeben waren, und darin geraten sie nicht in Widerspruch 
mit sich selbst; sie erinnern -sich eben an nichts mehr, aie 
haben Beide das Gedächtnis» verloren. Sie sind im Stande 
Ihnen heute anzugeben, dasa sie bHtzähnliohe Schmerzen in 
den BetQcn empHnden, die Eine wird Ihnen sogar sagen, 
dass sie unruhiges Wasser uod Schlangen in ihren Träumen 
gesehen hat, aber morgen lauten ihre Mittheilungen ganz ab- 
weichend, nur das« sie Ihren Nachfragen in Betreff des Trinkens 
in jedem Falle und alle Male ein entKlstetes Leugnen ent- 
gegeiiaetzeu werden. 

Ich hatte in meiner Praxis eine Dame, die sich in Gemein- 
schaft mit ihrem Manne dem Trünke ergeben hatte; ihre Beine 
wurden gelähmt, das Ehepaar stellte natürlich den Alkoholia- 
mUB in Abrede; Kinder, Freunde, waren nicht vorhanden; 
die Bedienten getrauten sich Dicht etwas zu sagen; es wurde 
mir sehr schwer, die Gewissheit itber die Aetiulogio zu be- 
kommen, auf welche die physischen Symptome für sich allein 
hindeuteten. Endhch gelang es mir doch, und zwar im vollsten 
Masse, in Folge der Mittheilungen, welche mir die Mutter der 
Kranken machte. Diese Mittheilungen behoben jeden Zweifel. 

Der Verlauf dieser Lshraungen ist ein wesentlich chroni- 
scher, uur selten nehmen sie den acuten Verlauf an, wie 
Broadbent' ein solches Beispiel beobachten konnte. Dieser 
Verlauf geht unaufhaltsam bis zum Ende weiter, wenn die 
Kranken dem Alkobolgenusse nicht entsagen, oder wenn die 
Vergiftung von zu altem Bestand ist. Bei einem jungen Manne 
konnte ich eine derartige Lähmung durch Isolirung, 



É 




&ojeX médical auciet;. Loudou, 13. Februar 



m Manne 1 

Alkohol- ^m 



entaiehuüg und Hydrutlierapîe in drei Monaten z 
bringen, aber der Kranke verfiel später 



1 Schw 
1 Neuem dem 



beilvollen Hange, von dem sich die Trunkenbolde, vrie Sie 
wissen, SD schwer loamaciben können, und die Lähmung kebrte 
wieder, Auch bei einer Dame heilte die Läbmung unter der- 
selben Behandlung, aber der vom Alkohol gescbwäcbte Organis- 
mus erlag bald darauf der Phthise. 

Die Diagnose dieser Lähmungen ist besonders in der 
ersten Periode nicht immer leicht, die Schmerzen, die man 
dann beobachtet, könnten an beginnende Tabes denken lassen. 
Hier werden Ihnen die anamnesfischen Erhebungen von grossem 
Werthe sein. .Es giebt, wie ich schon erwähnt habe, eine All- 
gemeinerkrankung, welche ähnliche Schmerzen hervorruft, 
den Diabetes; ' aber Sie werden sicherlich nicht unterlassen, den 
Harn Ihrer Kranken zu untersuchen. 

Was die Bleivergiftung betrifft, bei welcher ebenfalls 
Extensorenlähmung vorkommt, so werden Sie ja über das 
Anrecht derselben auf die Erzeugung solcher Zustände bald 
in's Klare kommen; Sie dürfen aber auch nicht vergessen, dasa 
Diabetiker und Saturnine häufig genug auch gleichzeitig Alko- 
holiker sind. 

Die Behandlung habe ich bereits angedeutet: Isolireu Sie 
die Kranken sobald als möglich, übergeben Sie dieselben ver- 
lässltcben Personen, die sich nicht bestechen lassen, den 
Kranken den Alkohol, den Sie entzogen haben, heimlich wieder 
zu geben, wenden Sie die Hydrotherapbie und Tonica an, und, 
Sie werden vortreffliche Erfolge erzielen, die nur leider allzu. 
oft durch die unausrottbaren Gewohnheiten der Kranken > 
nicbtet werden, sobald dieselben ihrem gewöhnlichen Leb« 
und ihren Leidenschaften wiedergegeben sind. 



' l!e: 



iiid eil. Fé 



dinbéliiiiies (ArüL. de Nuuiülugi 



Des 



Achtundzwauzigste Vorlesung. 

Ueber die Basedow'sche Krankheit. 

ilKJ'G Fuimeii. ~ Ein tieues Symptuin. — Die elektiieclie BäiiauiUmig. 



n. 

Meine Herren, ich beubBiuhtige lieuLe die Basedow'sclie 
Krankheit, auch Parry'uehe, Graves'sebe Krankheit, Goitre 
cxuphtIiJijnii(juc genannt, zu besprechen. Die Ehre, dieser Krank- 
bcil stinun Namen zu verleihen, inuas dem deutschen Autor 
Basedow, der 1Ö44 die erste BesL-hreibung von ihr gab, zu- 
erkannt werden. 

Die erste Beobachtung dieser merkwürdigen ErkraakuQ|^ 
in Frankreich ist, wenn ich nicht irre, von mir selbst im 
Jahre 1856 veröffentlicht worden. 

Meiner Gewohnheit getreu werde ich zuerst die typische 
Form der Erkrankung beschreiben. Sie wissen, dass dieselbe 
durch eine Dreizahl von sehr auffälligen Symptomen gekenn- 
zeichnet ist, deren gleichzeitiges Bestehen die Diagnose der 
Krankheit sichert: niimlich Vortreten der Augäpfel, Vergrösse- 
rung der SohilddrlUe und Pulsbeschleuniguug. Zu diesen drei 
Hauptsyinptonien muss aber als vierles das Zittern, eine 
Erscheinung von hoher klinischer Bedeutung, hinzugefügt 
werden. 

Ausserdem kommen noch eine Keihe von anderen mehr 
nebensächlichen Symptomen zur Beobachtung, welche fast alle 
Apparate des Körpers betreffen können. Ich stelle Ihnen alle 
diese Symptome hier in einer Uebereicht zusammen, welche, 
wie ich wohl nicht zu sagen brauche, eine durchaus willkür- 
liche Anordnung giebt und nur dazu bestimmt ist, dem Oedficht- 
nisae zu Hilfe zu kommen: 



9 der Sasedow'schen Krankheit. 





Pntiilesvl.lL-uLii<;ui.e, 


Âejslulie. 


1. HHUptaymplome 


Krujif, 

K^ophLhaliiiuB. 

Ziltcru, 






.!,■« Veriaumiga- 


Erbrcclieu, eigeuthllml. Diarrb« 
Ikterus. 


m 


der Allimuiie 


Baacldeuuigte Atl.mung. 
iJusteM. 


w 

a. Nebensjmplome 
von Huileii 


des Nerven syetem a 


Angina FecturiH. 

Neuralgie.,. 

LShmaDgen.Graefo'fluhsaSymi 

Krämpfe, epilepti forme Anffill 

PsychiHchß Vorfiüdoruug. 

Erregbarkeit. 

Vilillgo, Urticaria. 




der Haut 


HitzegefflhI, Schweiaae. 
Abnahme deselekt.Widerstaud« 




der HarnBBMelio.1 
der GeDitalxpbÜru 


Püljurie, ÄlbDiuiDUric. 
Qlykosurie. 
Amenorrhüa. 
Impoteuz. 



Gehen wir zunäclist mit einigen Worten auf die Eigen-' 
thUnilichkeiten ein, welche die Cardinalsyraptome zeigen können. 
Der Exoplithitlmus kann eehr hohe Grade erreiehen, Func- 
tlotiKStöruDgen des Auges bleiben dabei gewöhnlich aus, die 
Cornea zeigt einen eigenthUinlichen feuchten Glanz. Im Zu- 
^mmenhange mit dem Exoplithalmuä steht das Graefe'sche 
Symptom, dasa das obere Augenlid die Bewegung dea Aug- 
apfels nicht ausreichend mitmacht, wenn die Blickrichtung 
gesenkt wird. Dieses Symptom findet sieh durchaus nicht con- 
stant vor. 

Der Tumor der Schilddrüse ist mehr oder weniger um- 
fangreich und immer pulsirend. Wenn man die Gegend der * 
Schilddrüse alpirt, fühlt man das heftige Pulsiren der Caro-l 
tiden und SchilddrUsenarterien. ^ 

Die PulsbeschleuniguDg muas, wie wir sehen werden, als 
das Wesentlichste unter den Symptomen aufgefaast werden. 
Die Frequenz des Pulses geht gewöhnlich bis auf 130 Schläge 
in der Minute, seHtst noch darüber hinaus. Dabei ist Übrigens 
in der Regel kein Zeichen einer organischen Erkrankung am 
Herzen aufzufinden. Die Haut ist geröthet, die Kranken 
schwitzen leicht und reichlich; es ist aber wichtig zu bemerken, 
dass sich zu all diesen Zeichen eines lieberhaften ZustandeB) . 
wenigstens in der Regel, auch nicht die geringste Tei 
erhchuug hinzugestellt. 



;n ZustandeB) ^^M 
Temperatur- ^^1 



Das vierte Hauptsyraptom, der Tremor, batte bis auf die 
jüngste Zeit keine entsprechende Würdigung gefunden. Doch 
pflegte ich in den letzten drei Jahren meine Hörer häufig 
auf dasselbe aufmerksam zu machen. Herr Doctor P. Marie, 
mein gegenwärtiger Assistent, hat nun gezeigt, dass der Tremor 
eine nahezu constante Theilerseheinung der Basedow'Bchen 
Krankheit' ist. Erbat denselben auch mit Hilfe der graphiaclien 
Methode einer griindlicben Untersuchung unterzogen, aus 
welcher hervorgeht, dass dieses Zittern von allen anderen in 
der Neuropathologie bekannten verschieden ist. So z. B. ist ■. 
es fréquenter als das senile Zittern und das bei der SehUttel- 
lähraung facht bis neun Schwankungen in der Secunde), und 
die Finger zittern dabei nicht einzeln. Andererseits ist es sehr 
verbreitet und ergreift alle grossen Muskeln des Rumpfes und 
der Extremitäten; die Muskeln des Kopfes und der Endglieder 
der Extremitäten bel^llt es fast niemals, und man beobachtet 
an dieaen Körpertheilen blos Gesammtbewegungen, welche 
ihnen vom übrigen Körper mitgetheilt werden. 

Uebergehen wir nun zu den Symptomen zweiter Ord- 
nung, von denen einige gleichfalls durch besondere Eigenthüm- 
lichkeiten ausgezeichnet sind. So z. B. die Diarrhöe, welche 
niemals oder fast niemals von kolikartigen Schmerzen begleitet 
ist. Sie tritt anfallsweise auf als eine seröse Entleerung, die 
zwei oder drei Tage lang anhält und dann von selbst ver- 
schwindet, um nach mehr oder weniger gleichmäasigen Pauflen 
wiederzukehren. 

Ich nenne Ihnen ferner noch die falsche Angina pectoris 
und den Husten ohne Auswurf, welche beide Erscheinungen 
von Marie mit besonderer Sorgfalt studirt worden sind. 

Das Symptom, welches ich selbst in Betracht ziehen will, 
verdient wahrscheinlich unter die Cardinalsymptome auf- 
genommen zu werden und hat darum ein besonderes Interesse, 
weil es objectiver Natur und der exacten Messung zugänglich 
ist. Ich meine die Verringerung des elektrischen Widerstandes, 
die Herr Dr. Romain Vigouroux vor einigen Jahren 
entdeckt, und ich seither in einer Vorlesung des Jahres 1882 
behandelt habe. Wenn Sie bei einem gesunden Individuum 
die Elektroden einer Kette von, sagen wir, zehn Elementen, die 
. eine am Brustbein, die andere am HUeken anlegen, so er- 
I halten Sie einen gewissen Ausschlag am Galvanometer, an- 
1 genommen von zehn Theilatrichen. Wiederholen Sie'aber den- 
selben Versuch bei derselben Anzahl von Elementen an einer 



maladie de Baeedo 



^ 



eine grosse 



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— 350 — 

Peraon, die an Basedow'scher Krankheit 
Sie einen weit gi-öaaeren Ausschlag, i^twa 90 bis 100 Theil 
striche. Die Strom inten eität ist also im zweiten Falle viel 
grösser, und daraus folgern wir, dass der Widerstand dei 
Körpers sehr viel geringer ist. Dieses Verhältniss hat bei 
keinem der von Vigoureux untersuchlen Kranken gefehlt. 
Ausser bei der Baeedow'suheo Krankheit hat Vigouroux 
diese Verringerung des elektrischen Widerstandes bei ver- 
schiedenen Herzleiden, insbesondere bei der Asjetolie nnf- 
gefunden. Ich beschrKnke mich darauf, Ihnen hier doa 
Wesentliche an der In Wirklichkeit ziemlich complicir 
Thatsache mitzutheilen, und niuss ea Herrn Vigoureux Über- 
lassen, Ihnen in seinen Vorlesungen über Elektrotherapie allm 
technischen Einzelheiten zu entwickeln. Ich will nur hinzU; 
fügen, dass es mit den gegenwärtigen elektrischen ApparateA 
möglich ist, den genauen Betrag der so gefundenen Wider- 
standsherabsetzung zu bestimmen und den Wideretaud in den 
von den Elektrikern gewählten Einlieiten auszudrucken. Es 
steht uns so ein neues Symptom von grosser Empfindlichkeit 
zu Gebote, und wir werden sehen, dass dasselbe bei gewissen 
zweifelhaften Fällen, bei den rudimentären Formen, 
diagnostische Bedeutung erlangen kann. 

Ehe i^h nun weiter gehe, will ich Ihnen zwei Kranke 
vorstellen, die das vollständige Bild der Krankheit zeigen. 

Die erste ist ein Mädchen rnn 27 Jahren, das in einem 
Geschäfte angestellt ist. Sie ist ziemlich schwächlicli gebaut, 
von hereditärer Belastung ist nichts zu berichten. In ihrer 
Kindheit hat sie weder Krämpfe noch fieberhafte Exantheme 
durchgemacht; die Menstruation trat im Alter von 17 Jahren 
ein; vorausgieng während dreier Jahre Nasenbluten, das beinahe 
regelmässig ein- oder zweimal im Monat auftrat. Gegen das 
Ende des Jahres 1879 begann die Periode nnregelmässig zu 
werden und erschienen neuralgische Schmerzen im Kopfe^ 
einige Zeit später auch in der Magengrube. Im Novembi 
Herzklopfen, welches sich altinähHeh so sehr steigerte, dasa dîé^ 
Athmung erschwert wurde. Zur selben Zeit soll sich der Tremor 
an den oberen Extremitäten eingestellt haben, so dass die 
Kranke gewisse feinere Arbeiten nicht mehr ausführen konnte, 

Im Juli musste sie wegen einer durch Fieber und Schwere 
der Glieder ausgezeichneten Erkrankung durch etwa zwölf 
Tage das Bett hüten. Während der Reconvalescenz wurden 
die Kranke und ihre Angehörigen auf den Exophthalmus und 
das Wachsthum des Kropfes aufmerksam. 

In den ersten Tagen des Monats October 1882 bildel 
sich Abmagerung aus, bald darauf wurde der Kranken di 



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P Gehet 



M') ich, 



1 Jahr spätei 



Il Januai- 1884, 



■oltentwickel 

Diese Paraplégie bestatid noch, als die Kranke (am 
24. Juli 188i) sich auf unsere Kltaik aufnehmen liesa. Die 
unteren Extremitäten zeigten sich erheblich abgemagert, je- 
Ldocb fehlte eine Veränderung der eleklriachen Erregbarkeit, 
Rjowte Slöningon der Sensibilität und der Blaseufuoctiou. 
r Gegenwärtig kann die Kranke, wie Sie sehen, mit Leichtig- 
keit umhergehen, der sehr bedeutende Esophtbalmus hat sich 
ein wenig aurückgehildet, die Schilddrüsenscbwellung ist im 
Gleichen. Der Tremor ist noch sehr deutlich, die Pulsfrequenz 
beträgt 130, der elektrische Widerstand, zu Anfang der Be- 
handlung 1080 Einheiten (Ohms), ist noch jetzt sehr gering- 
Wir schreiben die Veränderung im Zustande der Krauken der 
Behandlung zu, von der später die Rede sein soll. 

Wir haben es hier also mit einem typischen Fall zu thun. 
Ausser den angeführten CardinalBjmptomen hat unsere Kranke 
über auch einige der Kebenerscheinungen der Krankheit 
j-ezeigt. So ersehen wir aus ilii-er Geschichte, dass sie im 
März 1883 von Hustenanfällen heimgCHUcht wurde^ seitdem 
sie sich hier befindet, hat sie Anfälle von Diarrhöe gehabt; 
endlich ist die Periode, nachdem sie lange Zeit schmerzhaft 
und spärlich gewesen war, seit den letzten vierzehn Monaten 
gänzlich ausgeblieben. 

Als ätiologische Momente kommen gewiss die über- 
m&asige Anstrengung, sowie Kummer in der Familie in Be- 
tracht, die kurz vor dem Ausbruch der Erkrankung anf die 
Kranke gewirkt haben. 

Unsere zweite Kranke ist eine Frau von 43 .Tahren, ver- 
heiratet und Familienmutter, llir Vati-r isl i-iueiu Btaaeoleiden 
erlegen, ihre Mutter wurde wegen doppelseiligen Glaukoms 
operirf, eine ihrer Töchter ist an Krämpfen gestorben, eine 
andere (sie hat fünf Kinder gehabt) im Alter von 6 Jahren 
an Meningitis. 

liire gegenwärtige Krankheit ist vor 18 Monaten, und zwar 

elötzlich aufgetreten. Nachdem sie sich beim Reiben des 
odens in ihrer Wohnung sehr angestrengt hatte, wurde sie 
von Herzklopfen, Schmerzen in den Beinen und Diarrhöen 
befallen, und musete besonders wegen des letzteren Leidens 
zwei Monate bettlägerig bleiben. Nach Ablauf dieser Zeit 
zeigten sich fast gleichzeitig das Hervortreten der Augäpfel 
(zuerst des rechten), die Anschwellung der Schilddrtlse und 
der Tremor. Später litt sie an Erbrechen, profusen Schweissen 
and an einem beständigen, peinlichen Wärmegefllhl. Sie schläft 
■renig und träumt dabei sehr lebhaft, gesteht selbst zu, dass 



lANE LIBRARY. STANfORQ Vim-S^V^ 




— 352 — 

sich ihr Charakter verändert hat. Ihre Pulsfrequenz teträgl 
140, die Athmungsfrequenz 24. Die Herztöne sind rein. Da 
elektriaelie Widerstand ist 900 Einheiten. 

Ich mache Sie darauf aufraeikaam, daas der Kropf unter 
dem Einfiusae der Behandlung' fast vollkommen zurückgegangen 
ist. Auch die anderen Symptome haben sich wie bei unserer 
ersten Kranfeen gebesaert. In der ïhat ist die Prognose bei 
derBasedow'schen Krankheit trotz der anscheinenden Schwere 
der ErBcheinungen günstiger zu stellen, als man früher gemeint 
hat. Es ist eine der Krankheiten, die uns nicht ungeriletet 
finden; von der Behandlung, die wir bei uneeren Kranken 
einschlagen, will ich am Ende sprechen. Die gänzliche Genesung 
ist im Allgemeinen nur eine Sache der Zeit, hüchstena dass, 
wenn der Kropf sehr lange bestanden hat, ein gewisses Mass 
von Vergrösserung der Schilddrüse in Folge von Bindegeweba- 
neubildung zurHckbleibt. 



IL 



Ic.li muas aber jetzt, nachdem sich die Krauken zurück-] 
gezogen haben, hinzufügen, dass die Unbedenklichkeit dei 
Diagnose einigen Einschränkungen unterliegt. Es giebt nämlich ' 
Fälle, deren Anstieg ein so rapider, und deren Natur von An- 
fang an so ungünstig ist, daas die Therapie nicht die Zeit hat, 
sich zur Geltung zu bringen. Doch musR ich wiederholen, dasa 
solche Fälle nur seltene Ausnahmen sind. 

Das wäre also die typische Form. Ich habe mich 
dabei aufgehalten, Ihnen die'Diagnose derselben zu entwickeli^ 
weil sie, besonders, seitdem die Krankheit besser gekannt ia^ 
in aolchen Fällen nicht die mindeste Schwierigkeit bietet. 
Ganz anders nun, wenn wir an die rudimentären Forraen 
herangehen. Diese sind in erst jüngster Zeit guhörig beachtet 
worden; ich habe Sie zu wiederholten Malen, besonders swi" 
drei Jahren, auf dieselben aufmerksam gemacht. Eine voij 
treffliche Darstellung finden Sie in der erwähnten Arbeit ' 
P. Marie, von der man sagen darf, dass sie eine neue" 
Epoche in der Kenntniss der in Rede stehenden Erkrankung 
eriitfoet hat. 

Nehmen Sie an, dass ein Kranker anstatt der vier Cardinal- 
syraptome nur eines derselben nebst mehreren Symptomen 
zweiter Ordnung zeigt. Sie begreifen sofort, dass dann der 
Zustand ein ganz verändertes Bild giebt, und dnss die Diagnose 



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Schwierigkeiten bereiten kann, die 
wenn die nebensächlichen Symptoi 
Man kanu es so z. B. mit psychis 



ich erheblicher werden, 

das Bild beherrschen. 

en Veränderungen oder 






mit epilcptiformen Kriimpfen zu thun haben, und läuft Gefalir, 
(lei'eü Abliängigkeit von der eigentliclieo Erkrankung zunäcbat 
zu übersehen. 

Ich stelle Ihnen hier zwei Kranke vor, die mit dieser nidi- 
menlären Form behaftet sind. Dei- erste Kranke ist ein Mann, 
und ich will Ihnen im Vorbeigehen bemerken, dasa die 
Baacdow'sehe Krankheit bei beiden Geschlechtern in gleicher 
Weise voikommt. Vielleicht, dass sie bei Frauen ein wenig 
häufiger iet; was die rudimentären Formen betrifft, so glaube 
ich nicht, dass darüber statistisches Material vorliegt. Dieser 
Mann ist fünfzig Jahre alt, Kutscher im Dienste eines Privaten. 
Sein Vater ist an Asthma, seine Mutter an einer blitzithnlicb 
tödtenden Apoplexie gestorben. Die Letztere war nervüa und 
bekam Zittern, wenn sie in Erregung gerieth. Eine ander- 
weitige hereditäre Belastung liegt nicht vor. Der Patient hat 
von Erkrankungen nur die Blattern im Alter von dreiund- 
zwanzig Jahren, als er bei Militär diente, durchgemacht. Er 
"weiss weder von Kummer, noch von heftigen Aufregungen 
oder Ausschweifungen irgend welcher Art zu berichten. 

Im Juli 1884 erkrankte er an Abgeschlagenheit mit Fieber. 
Er kdnnte acbt Tage später seineu Dienst wieder aufnehmen, 
brachte einen vollen Tag unter freiem Hiiumel zu und trank 
.dann gegen Abends einige Mundvoll kalten Wassers an einem 
Brunnen. Eine Viertelstunde später versuUrte er Hitzegefühl 
UQd eine Beengung in der Gegend des Brustbeines, welche 
eich gegen beide Schultern hin ausbreitete. Diese Empändung 
hörte bald auf, kehrte aber wieder, und es kam zu so einer 
Reihe von Anfallen, die eine Minute lang dauerten und durch 
Zwischenzeiten von zwei bis drei Minuten von einander getrennt 
waren. Der Kranke inussto sich nun zu Bette legen und ver- 
blieb durch zwei Monate dariu. Die beschriebenen Anfalle 
hielten in den ersten drei Wochen ohne Veränderung an, dann 
kam eine achttägige Pause, während welcher er sich nur über 
I grosse Schwäche beklagte, und zuletzt trat ein heftiger Sehmerz 
auf, der tagsüber das Auge uad während dreier Tage auch 
das Ohr der rechten Seite zum Sitze hatte; dabei delirirte er 
ein wenig. Als er das Bett verlassen konnte, war er ausser- 
ordentlich hinfilllig und bemerkte, dass er ein wenig zitterte. Er 
brachte nun drei Wochen in seiner Heimat {Haute-Garonnel 
zu, wo er sich sehr wohl befand ; als er aber (am I. November) 
nach Paris zurückkehrte, traten die Anfälle und das Zittern 
wieder auf und verstärkten sich immer mehr. Arn 12. November 
liesH er sich in's Spital aufnehmen, wo wir ihn untersuchten 
und das Folgende conatatiren konnten: Der Kranke klagt 
tagsilber nur über eine leicliti' Zusammcnschnürung iin Halae 




354 



Ohre 



und SchwScbe dei 



. Die Anfälle treten' 
nur bei Naebtzeit auf, etwa zehn in einer Nacht, jeder von 
drei oder vier Minuten Dauer- Sie beatehen in einem aehr 
heftigen und sehmerzhaften Gefühl von Zusammenziehung, 
welches seinen Sitz im RUckgrat zwischen den Schultern bat, 
und sich auf dieselben und auf die Arme bis zu den Hand- 
gelenken ausbreitet. Der Kranke ist dann genöthigt aufzu- 
Bteheo und sich der Kälte auszusetzen, wodurch der Anfall 
abgeschnitten wird. Es fehlt übrigens die Präcor dialangst, die 
der echten Angina pectoris zukommt, obwohl die Schmerzen 
unverkennbar derselben Natur wie bei Angina pectoris sind. 

Alle Muskeln des Rumpfes und der Glieder zeigen sehr 
deutlichen Tremor, Die Muskeln des Kopfes sind davon frei, 
wiewohl der Kopf durch die von den anderen Körpertheilen 
mitgetheilten Bewegungen erschüttert wird. 

Die Pulsfrequenz betrilgt 122, der Puls ist schwach, regel- 
mitssig, seine Spannung herabgesetzt, die Respirationszahl ist 22. 

Wenn aioh der Kranke niederlegt, wird er von Husten- 
anfällen heimgesucht, dreisaig bis vierzig auf einander folgenden 
Stöasen ohne bemerkenswertben Auswurf. Dies geschieht be- 
sonders häutig nach den Schmerzanfällen. Auch leidet er mit- 
unter an massigen dyapeptiachen Beschwerden. 

Fünf oder sechs Mal iii der Woche tritt Diarrhöe ein, 
wobei er drei bis vier seröse Entleerungen innerhalb zweier 
Stunden hat. Gelegentlich Erbi-echen nach der Mahlzeit und 
nicht selten Heissbunger. 

Kropf, Exophthalmus, sowie Steigerung der Seh' 
sécrétion fehlen. 

Die Sensibilität, sowohl die allgemeine, wie die LeistungB- 
fähigkeit der Sinnesorgane ist erhalten. Die Haut zeigt keine 
Flecken, keine Veränderung ihrer Färbung. Die Kraft der 
Hände beträgt am Dynamometer Z^kg für die rechte und 
.'lOftj für die linke Hand. Die Sehnenrefiexe an den oberen 
Extremitäten fehlen. 

Die Untersuchung des Harnes (dessen Menge zweieinhalb 
Liter in vierundzwanzig Stunden erreicht) ergiebt weder Ki- 
weiss noch Zucker, 

Der elektrische Widerstand, vom Nacken zum Brustbei 
gemessen, ist bei 1170 Einheiten. 

Der vierte unserer Fälle, den ich minder ausfllhrlich 
handeln darf, betrifft eine Frau von fünfundvierzig Jahren. Aui 
diese ist wieder eine rudimentäre Form, aber ich möchte sie al 
secundär oder nachträglich rudimentär bezeichnen. Die Kranke' 
bot nämlich im Anfange das vollständige Krankheitsbild, und 
erst unsere Behnndlung hat die Schilddrüsen Schwellung und 



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— 365 — 

don Exoplitbalmiis zum Sehwiiiden gebracht; auch der anfilng- 
lieh sehr herabgesetzte elekiriache Widerstand (900 Einheiten) 
hat sich bedeutend gehoben. Gegenwärtig sind zwar nur noch 
die Pulsbeschleunigung und das Zittern übrig gehlieben, doch 
ist die Diagnose der Erkrankung leicht zu machen, besonders 
wenn man die Krankengeschichte zu Hilfe nimmt. 

Dagegen haben Sie an unserem vorigen Kranken entnehmen 
können, wie sehr die vorgefundenen Symptome vom classi- 
schen Krankheitsbilde abweichen kCnnen. Esophthalmus und 
Struma fehlten; an deren Stelle fanden wir fieberhaften Beginn 
und ungewöhnliche nervöse Störungen der Respiration und 
der Verdauung, welche Sie Mühe liaben würden, bei irgend 
einer Erkrankung unterzubringen, läge Ihnen nicht die Zu- 
sammenstellung, die ich gegeben habe, vor. Aber die Puls- 
beschleunigung, das Zittern nnd die Verringerung des elek- 
trischen Widerstandes geben uns deu Schlüssel für das Ver- 
ständnias des eigenthUmtïchen Symptom complexes in die Hand 
und lassen uns keinen Zweifel über die Diagnose. Wollen Sie 
sich gefälligst merken, dass Fälle dieser Art keineswegs zu 
den klinischen Seltenheiten gehören. Die rudimentären Formen 
der Basedow'schen Krankheit sind eher verhältnisamässig 
häufig, und unter den Kranken, welche unsere elektrische 
Abtheilung besuchen, finden sieb in der Regel vier oder fünf 
golcher Fälle. 

Ich habe Ihnen gesagt, dass wir gegen die uns hier be- 
schäftigende Krankheit eine wirklich mächtige Behandlungs- 
methode besitzen. Die Hydrolherapie, der Aran'scbe Eis- 
beutel u. dgl. sind gewiss auch im Stande, die Krankheit im 
günstigen Sinne zu beeinflussen, aber ich habe hier ganz be- 
sonders die ifK-ktriscIio Belinndlung im Auge- Man hat bereits 
früher, zumal in Deutschland, durch die Galvanisation am 
Halse oder, wie man auch sagt, Galvanisation des Sympathicus, 
guteErfolge erzielt. DieseMethode ist nun von R. Vigouroux 
ausgearbeitet nnd vervollkommnet worden und liefert in seiner 
Hand seit fünf oder sechs Jjihren constant die günstigsten 
Ergebnisse. Ich werde Ihnen die einzelneu Acte des Verfahrens 
nun auseinandersetzen. 

Man beginnt die Sitzung mit der Faradiaation des Halses. 
Dazu wird 1. die positive Elektrode, als welche man eine breite 
Platte wählt, auf die untere und hintere Halsgegend aufgesetzt; 
die negative, olivenförmige, oder kleine Knopfelektrode setzt 
man unter starkem Druck auf die Carotis unterhalb des 
Kiefer winkeis. 

Vigouroux redet der Faradlsation sehr das Wort, er 
behauptet, dass diese weit auffälligere Wirkungen ergiebt, als 



1 



1 



356 

die OalvanÎBatiou. Unmittelbar nach der Faradisation kam 
man bei manchen Kranken eine Veränderung in der Färbung 
der Wange auf der bebandelten Seite bemerken; gleichzeitig 
sinkt die Temperatur an der entsprechenden Hälfte des Kopfes 
um ein bis zwei Grade, und die Empfindung von Spannung 
in der Augenhöhle lägst nach oder verächwindet. Wenn man 
den constanten Strom anwendet, sind alle diese Veränderungen 
zum mindesten zweifelhaft. Auf diese Weise beljandelt man 
nun die Region der Carotiden auf beiden Seiten. 

2. Sodann wird die negative Elektrode leicht über di( 
Lider gefuhrt, um den M. orbicularis zur Contraction 
bringen. 

3. Darauf faradisirt man die Struma und den M. sterno- 
hyoïdeus und thyroideus, deren Zuaammenziehung zu erhaltet 
wdnsehenswerth ist. 

4. Endlich übergebt man zurGalvaniaation in der Präcordial- 
id. Die grosse Elektrode bleibt an ihrer Stelle hinten, 

den Knopf der anderen Elektrode ersetzt man durch eine lange 
und schmale Platte, die man an die innere Partie des dritten 
Intercostal räum es anlegl. Wenn dies geschehen ist, ersetst 
man mittelst eines einfachen Griffes am Schlüssel den faradi- 
schen Struu] durch den galvanischen und kehrt dabei gleich- 
zeitig dessen Richtung um. Die Anode oder der positive Pol 
wird jetzt durch die vorne angebrachte Elektrode dargestellt. 
Die Stromintensität wechselt dabei zwischen 50 und 70 Zehntel 
Milliamperes. Dieser letzte Tbeil des Verfahrens hat die Be- 
ruhigung der Berzlhätigkeit zum Zwecke. Das Herzklopfen 
nimmt sofort an Heftigkeit, wenn auch nicht an Frequenz ab. 
Dies letztere Symptom bietet der Behandlung immer die grössteo 
Schwierigkeiten und widersetzt sich am längsten einer dauern'' 
den Beeinflussung. I 

Die Sitzung, welche diese verschiedenen Acte umfass^ 
dauert 10 bis là Minuten, welche Zeit sich auf die drei Haupt-- 
punkte der Behandlung (Faradisation der Carotiden und der 
Schilddrüsengegend und Galvanisation der Herzgegend) gleich 
oder annähernd gleich vortheilen, und soll jeden zweiten Tag 
wiederholt werden. 

Ich werde es nicht versuchen, Ihnen eine physiologisd 
Erklärung fur die so erzielten Erfolge zu geben. Fest stehl 
nur die Tbatsache, dass die letzteren sehr auffällig sind. Zu- 
nächst nur vorübergehend und bald nach der elektrischen 
Sitzung wieder verschwunden, halten sie dann nach jedem 
Male länger an und man k.inn sich leicht vorstellen, wie sie 
sich bei häufiger Anwendung des Verfahrens dauernd be- 
festigen können. Dies ist aucli der Fall. Die Symptome, welch«: 



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- 357 — 

am ehesten^ mitunter schon in den ersten Tacken der Behand- 
lung weichen^ sind der Exophthalmus und die Struma. Wie 
ich Ihnen schon erwähnt habe, kann in veralteten Fällen ein 
Rest von der letzteren zurückbleiben 

Zur völligen Wiederherstellung bedarf es eines langen 
Zeitraumes, sechs Monate oder mehr. Die elektrische Behand- 
lung bedarf übrigens nicht der Unterstützung durch eine ander- 
weitige Therapie: ich führe dies an. weil es ein Punkt ist, 
auf den Herr Vigouroux grosses Gewicht legt. 






LANE MEDICAL LIBRARY 

300 Pasteur Drive 
Palo Alto, California 94304 



LANE MEDICAL LI3R/.f!Y 
STAKFORD UNIVERSITE 
MEDICAL CENTER 
-T NFCRD, CALlF. 94305 



L358 Charcot, Jean Martin 
C46nGf Neue Vorlesungen Itber 
1886 - --—- ---4i^ £i?A3^dieiten.=^ôs. 



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